eihbiblivthe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6 4 Eduard Oltmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1 Oflensein der Bibliotbek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „„„ 3„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſe auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ deutſ cher, eng. Eduard ₰ 1 oflensein de Friedrich Spie lhagens pfangnahme und geſammelte Wer Leepreis. jedem Tag 5 Pf. 8 en angenommen. 3. Caution. l1 eines Buches ein hinterlegen, welc 6 i Abonnemen beträgt; Neue, für wöchentlich Wi vom Verfuſſer veranſtaltete, revidirte Ausgub 5. Auswärtige der Bücher auf il 6. Schadeners: defecte Bücher(n Ladenpreis erſetzt orene oder vefect g der Leſer zum E 7. Ausleihezei beſonders darauf der Bücher nicht ſelben von mir g (Mit dem Portraſt des Perfaſſers.) Erſter Band —— Problematiſche Natu I. Berlin, 1966. Druck und Verlag von Otto Jt ——— Problenutiſche Nutmen. Roman von Fr. Spielhagen. „Es giebt problematiſche Naturen, die keiner Lage gewachſen ſind, in der ſie ſich befinden, und denen keine genug thut. Daraus entſteht der un⸗ geheure Widerſtreit, der das Leben ohne Genuß verzehrt.“ Goethe. Dritte Auflage. Erſter Band. — ,. Das Recht der Ueberſetzung in fremde Sprachen iſt vorbehalten.* Verlin, 1866. Druck und Verlag von Otto Janke. Erſtes Capitel. Es war an einem warmen Juniabend des Jahres 184., als ein mit zwei ſchwerfälligen Braunen beſpannter Stuhlwagen mühſam in dem tiefen Sandwege eines Tannenforſtes dahinfuhr. „Wird dieſer Wald denn nie ein Ende nehmen!“ rief der junge Mann, der allein in dem Hinterſitze des Fuhrwerks ſaß, und richtete ſich ungeduldig in die Höhe. Der ſchweigſame Kutſcher vor ihm klatf mit der Peitſche. Die ſchwerfälligen Braunen felten Verſuch, in Trah zu fallen, ſtanden a Vorſatze ab, den ihr Temperament und der ti günſtigten. Der junge Mann lehnte ſich mi in ſeine Ecke zurück und fing wieder an, auf die einförmige Muſik des mühſam gleiſenden Fuhrwerks zu horchen, und ließ wieder die dunklen Stämme der Tannen an ſich vorüberglei chte ſtatt aller Antwort machten einen verzwei⸗ ber alsbald von einem efe Sand ſo wenig be⸗ t einem Seufzer wieder nd dunkler; die ſchlum⸗ mermüden Augen ſchloſſen ſich, und der erſte Ton, den ſein Ohr wieder vernahm, war der dumpfe Hufſchlag der Pferde auf einer Fr. Spielhagen's Werke. P 1 swald ch ge⸗ inerne tvon in, die deckten au⸗ 2 Problematiſche Naturen. hölzernen Brücke, die zu einem mächtigen ſteinernen Thorweg führte. „Endlich,“ rief der junge Mann, ſich emporrichtend und neugierig um ſich ſchauend, als der Wagen raſcher durch eine dunkle Allee rieſiger Bäume fuhr, auf einem mit Kies beſtreuten offenen Platze einen hal⸗ ben Bogen machte und jetzt vor dem Portale des Schloſſes hielt, auf deſſen dunklen Fenſtern die Mondſtrahlen glitzerten. Der ſchweigſame Kutſcher klatſchte zum Zeichen der Ankunft mit der Peitſche. Die einzige Antwort war der helle Ton einer Glocke in der Nähe, die langſam elf Uhr ſchlug. Als der letzte Ton verklungen war, that ſich die Hausthür auf, ein Diener trat heraus an den Wagen und hinter ihm wurde die Geſtalt eines alten Herrn ſichtbar, deſſen runzliges Geſicht von dem Schein der Kerze, die er mit der einen Hand gegen den Luftzug zu ſchützen ſuchte, hell beleuchtet wurde. Der junge Mann ſprang raſch aus dem Wagen auf den alten Herrn zu, der ihm die Rechte entgegenſtreckte und mit einer Stimme, deren Freundlichkeit das Zittern des Alters und ein etwas ausländi⸗ ſcher Accent nicht verhüllten, ſagte: „Seien der Herr Doctor beſtens willkommen!“ Der junge Mann erwiderte herzlich den Druck der dargebotenen welken Hand:„Ich komme zwar etwas ſpät, Herr Baron,“ ſagte er,„aber—“ „Das thut nichts, das thut nichts,“ unterbrach ihn der alte Herr. „Frau von Grenwitz iſt noch auf. Johann, tragen Sie die Sachen auf das Zimmer des Herrn Doctor! Wollen Sie hier eintreten!“ Oswald hatte auf dem mit Steinflieſen ausgelegten Vorſaal ſeinen Anzug flüchtig geordnet und folgte jetzt dem Baron in ein hohes, ſchönes Zimmer. Als er eintrat, erhoben ſich zwei Damen, die an dem Tiſch vor dem Sopha, wie es ſchien, mit Leſen beſchäftigt geweſen waren. „Meine Frau,“ ſagte der Baron, Oswald der älteren von den beiden Damen vorſtellend, einer hohen, ſchlanken Frau von etwa vierzig Jahren, die dem Ankömmling ein paar Schritte entgegen⸗ gegangen war und jetzt mit einiger Förmlichkeit ſeine Begrüßung er⸗ widerte, und dann verbeugte er ſich auch vor der jüngeren, einer zierlichen kleinen Geſtalt mit einem etwas ſcharfen, echt franzöſiſchen, von langen Locken eingerahmten Geſicht, da er in dem Umſtande, daß Erſter Band. 3 ſie ihm nicht beſonders vorgeſtellt wurde, keinen zwingenden Grund ſah, dieſe Höflichkeit zu unterlaſſen. „Sie kommen ſpät, Herr Doctor Stein,“ ſagte die Baronin mit einer tiefen, wohllautenden Stimme, die mit dem kalten Licht ihrer großen grauen Augen nicht ganz harmonirte. „So früh, gnädige Frau,“ antwortete der junge Mann heiter, „als es der widrige Wind, der heute Morgen das Fährboot um mehrere Stunden aufhielt, und der Kutſcher des Herrn Baro Geduld zu bewundern ich unterwegs reichlich Gelegenheit hatt laubten.“ „Geduld iſt eine ſchöne Tugend,“ ſagte die Baronin, nachdem ſie ihren Platz auf dem Sopha wieder eingenommen und die Uebrigen ſich auf Stühlen um den Tiſch gereiht hatten;„eine Tugend, die Sie vor Allen ſchätzen müſſen, da Sie dieſelbe in Ihrem Berufe ſo nöthig haben. Ich fürchte, die beiden Knaben werden Ihnen nur zu oft Veranlaſſung geben, dieſe Tugend im vollſten Umfange zu üben.“ „Ich verſpreche mir alles Gute von meinen zukünftigen Zög⸗ ingen und bin zum voraus überzeugt, daß die Probe, auf die ſie meine Gedudaftellen werden, keine Feuerprobe ſein wird.“ Ichemnt es wünſchen,“ ſagte die Baronin, eine Arbeit, die ſie beim Eintrikt des jungen Mannes aus der Hand gelegt hatte, wieder ergreifend;„indeſſen werden Sie die Knaben gerade jetzt etwas ver⸗ wildert finden, da ſich Ihre Ankunft leider um hat, und Ihr Vorgänger uns nicht den Gefallen wollte, ſeine Abreiſe ſo lange aufzuſchieben.“ „Es hieße gering von der guten Natur der Knaben denken,“ erwiderte Oswald,„und nicht beſonders groß von dem Erziehertalente des Herrn Bauer, das mir jehr gerühmt wurde, wenn ich wirklich fürchtete, ſein Einfluß auf dieſelben ſollte ihn nicht einmal eine Woche überlebt haben.“ „Nun, Herr Bauer hatte ſeine Tugenden und auch ſeine Schwächen,“ ſagte die Baronin, die Stiche auf ihrer Arbeit zählend. „Das iſt ſo Menſchenloos, gnädige Frau;“ erwiderte Oswald. i der Herr Doctor nicht eine Erfriſchung zu ſich nehmen, ſaria?“ ſagte hier der alte Herr; Oswald konnte nicht 4 Problematiſche Naturen. unterſcheiden, ob aus gaſtfreundlicher Fürſorge, oder um dem Ge⸗ ſpräch, das, er wußte ſelbſt nicht wie, einen etwas lebhaften Charakter angenommen hatte, eine andere Wendung zu geben. „Ich danke,“ ſagte Oswald trocken. „Sie haben,“ fuhr die Baronin, ohne dieſe Unterbrechung zu beachten, fort,„wenn ich den Profeſſor Berger, der uns an Sie wies, recht verſtanden habe, ſich bis jetzt noch nicht mit Unterrichten und Erziehen beſchäftigt, Herr Doctor?“ „Nein.“ „Sie werden mich außerordentlich verbinden, wenn Sie mir ge⸗ legentlich Ihre Grundſätze in dieſer Beziehung ausführlicher darlegen wollten. Ich bin zum voraus überzeugt, daß wir in den Haupt⸗ punkten einerlei Meinung ſein werden. Auf einige Differenzen in den Nebenſachen müſſen wir uns wohl Beide gefaßt machen. Ich werde Ihnen meine etwaigen Wünſche und Anſichten ſtets unverhohlen äußern und bitte Sie, gegen mich dieſelbe Rückſichtsloſigkeit zu beobachten. Was den Umfang der Kenntniſſe der Knaben anbelangt, ſo werden Sie ſich darüber bald ſelbſt ein Urtheil bilden. Auch Ihrem Urtheil über den Charakter der Kinder wünſche ich nicht porzugreifen; nur das glaube ich Ihnen ſagen zu müſſen, daß Sie in Mälte, unſerm Sohn, einen etwas verzogenen Knaben, und in Bruno— Sie wiſſen, daß Bruno von Löwen ein entfernter Verwandter meines Mannes iſt, den wir nach dem Tode ſeiner Eltern zu uns genommen haben— einen Knaben finden werden, der eben gar nicht erzogen und in Folge deſſen auch zum Theil ſehr ungezogen iſt.“ „Liebe Anna⸗Maria,“ ſaßte der alte Herr. „Ich weiß, was Du ſagen willſt, lieber Grenwitz,“ unterbrach ihn die Baronin,„Bruno iſt nun einmal Dein erklärter Liebling, und unſere Anſicht über ihn wird wohl noch lange verſchieden blei⸗ ben. Uebrigens magſt Du auch wohl Recht haben, wenn Du be⸗ haupteſt, daß ich ihn nicht zu beurtheilen vermag, was übrigens we⸗ niger meine, als des Knaben Schuld iſt, deſſen düſteres verſchloſſenes Weſen alle Annäherung von unſerer, wollte ſagen, von meiner Seite beharrlich zurückweiſt.“ „Aber, liebe Anna⸗Maria,—“ ——— Erſter Band. „Nun, laß es gut ſein, lieber Grenwitz, wir wollen Herrn Doctor Stein nicht gleich an dem erſten Abend, den er unter unſerm Dache iſt, das Schauſpiel der Uneinigkeit zweier Ehegatten geben. Uueberdies wird Herr Doctor Stein der Ruhe bedürfen. Mademoiſelle, wollen Sie die Güte haben, zu klingeln.“ Dieſe letzten Worte wurden in franzöſiſcher Sprache an die junge Dame gerichtet, welche während dieſer ganzen Unterredung unbeweg⸗ lich, ohne auch nur die Augen nach dem Ankömmling aufzuſchlagen, das Buch, aus dem ſie vorgeleſen haben mochte, noch immer in der Hand haltend, an dem Tiſche geſeſſen hatte. Jetzt erhob ſie ſich und ſchritt nach der Thür, neben der ſich der Klingelzug befand. Oswald kam ihr mit einem:„Erlauben Sie, mein Fräulein,“ zuvor. Das Mädchen ſah ihn aus großen braunen Augen mit einem halb ver⸗ wunderten und halb erſchrockenen Blick an, der deutlich genug ver⸗ rieth, wie wenig ſie an dergleichen Aufmerkſamkeiten gewöhnt war, und ging dann, die langen Wimpern ſchnell wieder ſenkend, zu ihrem Platz am Tiſche zurück. Ein Diener trat ein und erhielt den Auftrag, Oswald nach dem für ihn beſtimmten Zimmer zu bringen. „Ich hoffe, daß Sie vorläufig Alles nach Wunſch finden werden,“ ſagte die Baronin, als Oswald ſich mit einer ſtummen Verbeugung verabſchiedete;„wenn Eines oder das Andere vergeſſen, oder weniger nach Ihrem Geſchmacke ſein ſollte, ſo haben Sie ja die Güte, dies auszuſprechen; ich wünſche dringend in unſerm eigenen Intereſſe, daß Sie ſich in unſerm Hauſe behaglich fühlen.“ Oswald verbeugte ſich noch einmal und folgte dem Diener aus dem Gemache. Dieſer führte ihn über den Hausflur, an deſſen Wänden Oswald flüchtig im Schein der Kerze dunkle Portraits von alterthümlich ge⸗ kleideten Herren und Damen in Lebensgröße bemerkte, eine ſteinerne Wendeltreppe hinauf, durch lange Corridore in eine Flucht von kleinen Zimmern in ein größeres Gemach. „Dies iſt das Zimmer des Herrn Doctor,“ ſagte der Mann, die beiden Kerzen, die auf dem mit einem grünen Teppich bedeckten großen runden Tiſch in der Mitte des Gemaches ſtanden, an⸗ 6 Problematiſche Naturen. zündend.„Die Thür S führt in das Schlafgemach des Herrn Doctor.“ „Und wo ſchlafen die Knaben?“ fragte Oswald. „Der Herr Doctor gelangen aus Ihrem Schlafgemach in das der Herren Junker. Haben der Herr Doctor ſonſt noch etwas zu befehlen?“ „Nein, ich danke.“ „Ich wünſche dem Herrn Doctor eine wohlſchlafende Nacht.“ „Gute Nacht.“ Oswald war allein. Er war, eine Hand auf den Tiſch geſtützt, nachdenklich ſtehen geblieben und hörte mechaniſch zu, wie die Schritte des Dieners allmälig auf dem Corridor verhallten. Jetzt ergriff er eine der beiden Kerzen, ging durch ſein Schlafgemach nach der Thür, von der ihm der Diener geſagt, daß ſie in das Gemach der Knaben führe, öffnete ſie behutſam und trat, das Licht mit der Hand ſchir⸗ mend, leiſe ein. Die Betten der Knaben ſtanden dicht neben einander. Vor dem einen Bette lag ein Teppich, vor dem andern nicht. Ueber dem Bette ohne Teppich hing an der Wand eine kleine ſilberne, über dem mit dem Teppich eine noch kleinere goldene Uhr. In dem Bette unter der goldenen Uhr lag ein Knabe von vielleicht vierzehn Jahren, mit blondem, ſchlichtem Haar und einem ſchmalen, feinen Geſicht, das in dieſem Augenblicke durch den halb geöffneten Mund etwas Albernes hatte; in dem Bette unter der ſilbernen Uhr ein Knabe, der wohl nur ein Jahr älter ſein mochte, als der erſte, aber mindeſtens um drei Jahre älter ausſah und überhaupt mit jenem den ſonderbarſten Con⸗ traſt bildete. Während die Arme Jenes ſchlaff auf der Decke lagen, hatte Dieſer die ſeinen über der Bruſt verſchränkt. Der feſt ge⸗ ſchloſſene Mund, und die in dieſem Augenblick, wo ihn ein Traumbild herausfordern mochte, leiſe zuſammengezogenen dunklen Brauen, gaben dem blaſſen Geſicht mit den unregelmäßigen, aber nicht unſchönen Zügen einen Ausdruck von finſterem Troſt und Stolz, der einem ge⸗ fangenen Königsſohn wohl angeſtanden haben würde. „Armer Knabe,“ ſagte Oswald bei ſich, als er mit unendlichem Intereſſe in das räthſelhafte junge Antlitz ſah,„Dir hat der Lenz des Erſter Band. Lebens auch ſchon Thränen gebracht, wenn Du überhaupt von einem Lenze ſprechen kannſt.“ Er fühlte ſich ſeltſam ergriffen, er wußte ſelbſt kaum weßhalb; aber er beugte ſich über den Schlummernden und küßte ihn auf die Stirn. Da regte ſich der Knabe im Schlaf, die Arme löſten ſich, er ſchlug die großen, tiefblauen Angen auf und ſah durch die Nehel des Traumes zu Oswald empor. Und da zuckte es wie ein ſ tiger Strahl über ſein Geſicht; alles Düſtre war verſchwunden und ein warmes, hinreißend freundliches Lächeln ſpielte in den lebensvollen Zügen. „Ich habe Dich lieb,“ ſagte der Knabe. „Und ich Dich,“ antwortete Oswald. Da wandte ſich Bruno auf die Seite und Oswald hörte an den tiefen, regelmäßigen Athemzügen, daß er wieder feſt entſchlafen ſei. „Hat er Dich wirklich geſehen, oder biſt Du ihm nur als Traumbild erſchienen?“ fragte ſich der junge Mann, als er, voll von dem Ein⸗ druck dieſer kleinen Scene, in ſein Zimmer zurückſchritt. Er ſtellte das Licht wieder auf den Tiſch, trat an's Fenſter, öffnete es und lehnte ſich hinaus. Der Himmel hatte ſich mit Wolkendunſt bedeckt, durch den der volle Mond, der ſchon tief am Himmel ſtand, nur als dunkelrothe Feuerkugel ſchien. Im Oſten wetterleuchtete es. Die Luft war ſchwül und drückend. In dem Schloßgarten tief unter dem Fenſter ſchim⸗ merten die weißen Blüthenbäume. Tiefer finſterer Schatten lag auf den Buchen und Eichen, die von dem hohen Wall, der den Garten umgab, rieſig in den Himmel wuchſen. Nachtigallen ſchlugen in vollen langgezogenen Tönen; ein Brunnen plätſcherte leiſe, wie im Schlaf. Oswald fühlte ſich ſeltſam bewegt. Seine Vergangenheit ging in dämmernden Bildern an ſeinem Geiſte vorüber, wie die Wolkenſchleier an dem Monde vorüber wallten; Ahnungen der Zukunft zuckten da⸗ zwiſchen, wie das Wetterleuchten gegen Aufgang. Da rauſchte es lauter in den Bäumen, die helle Glocke, die ihn bei ſeiner Ankunft begrüßt hatte, ſchlug langſam zwölf. Er fuhr empor.„Du wollteſt dir ja das Träumen abgewöhnen,“ 2 Problematiſche Naturen. prach er lächelnd zu ſich ſelbſt.„So ſchlafe denn, da du, ohne zu träumen, nicht mehr wachen kannſt.“ Zweites Capitel. Oswald war jetzt eine Woche auf Schloß Grenwitz, und die Woche war ihm vergangen wie ein Tag. Es lag in ſeiner Natur, alles Neue mit Leidenſchaft zu ergreifen, ſelbſt das Alltägliche, ſo lange es neu war, und hier hatte er Neues vollauf: eine neue Situation, neue Umgebung, neue Menſchen. Das Alles verſetzte ihn, wie es bei ſanguiniſchen Temperamenten zu geſchehen pflegt, auf eine Zeit lang in die heiterſte Stimmung, in welcher es ihm ein Leichtes , Dinge und Menſchen, und Alles und Jedes, womit er in Be⸗ rührung kam, ſelbſt die Baronin mit ihren ſtrengen, kalten Zügen, ſelbſt den ſchweigſamen Kutſcher, gegen den er gleich am erſten Abend einen Haß gefaßt hatte, ſelbſt den kriechenden, zuthulichen Bedienten mit ſeinem ewigen: Befehlen der Herr Doctor— ganz liebenswürdig, zum mindeſten intereſſant zu finden. Von dieſer heiteren, verſöhnlichen Stimmung gaben auch die Briefe Zeugniß, die er um dieſe Zeit an ſeine Freunde ſchrieb:„Da wäre ich denn nun,“ heißt es in dem einen,„auf dieſer neuen Station meines wunderlichen Lebens ange⸗ langt, und wahrlich, wich glaube es hier, bis Schwager Kronos die Pferde gewechſelt hat und wieder in ſein ewiges Horn ſtößt, trotz meiner ſo oft von Ihnen geſcholtenen Ungeduld, wohl aushalten zu können. Ja, wenn ich nicht fürchten müßte, durch voreiligen Enthuſias⸗ mus Ihren Spott herauszufordern, ſo hätte ich nicht übel Luſt, dem guten Stern, der mich hierher geführt, ein Danklied zu ſingen. Ich bin durchaus in der dazu nöthigen Stimmung. Ich habe in dieſen Tagen ſchon ſo viel Wald⸗ und Seeluft geathmet, daß mein armes, vom Staube nichtsnutziger Folianten betäubtes Gehirn ſchier trunken iſt. Wahrlich, wenn die Menſchen dieſes paradieſiſchen Aufenthaltes Erſter Band. nicht ganz unwürdig ſind, ſo öffnet ſich mir für die nächſten Jahre eine ſchöne Zukunft. Verzeihen Sie mir, mein Freund, daß ich zu dem großen Schritte, der mich hierher geführt, nicht Ihre ſpecielle Erlaubniß eingeholt habe, wie Sie nach dem blinden Gehorſam, mit dem ich Ihrer höheren Einſicht bis jetzt immer gefolgt bin, wohl erwarten konnten. Ich war einmal entſchloſſen, ihn zu thun. Sie, das wußte ich, würden mir Ihre Einwilligung verſagen; ſo wollte ich denn Ihren geharniſchten Gründen ein eben ſo geharniſchtes fait accompli entgegenſtellen, und Ihrem guten Rath das uralte Vorrecht, zu ſpät zu kommen, nicht rauben. Ueberdies kam mir die Sache ſo plötzlich, und ich mußte meinen Entſchluß ſo ſchnell faſſen, daß ich eben nur Zeit hatte, Ihnen denſelben mit wenigen Worten anzukündigen; und endlich iſt es auch der Profeſſor Berger, der die ganze Schuld trägt, wenn überhaupt von Schuld die Rede ſein kann, und auf deſſen Schultern ich hiermit feierlich alle Verantwortung wälze. Wir haben uns, ſeitdem wir uns vor nun faſt einem Jahre in der Reſidenz trennten, ſehr ſelten und immer nur ſehr flüchtig ge⸗ ſchrieben. So werde ich auch wohl des Profeſſors Berger kaum ein paar Mal Erwähnung gethan haben, und es iſt daher die höchſte Zeit, daß ich Sie mit dieſem vriginellen Manne endlich bekannt mache, der in meiner jüngſten Vergangenheit eine ſo große Rolle ge⸗ ſpielt hat, und dem ich es einzig und allein zu verdanken habe, daß ich in der Haupt⸗ und Staatsaction der Tragi⸗Komödie— S genannt— keine kläglichere Rolle ſpielte. Als ich damals von B. nach Grünwald zog, in der vagen Hoff⸗ nung, ich werde in dieſer ſtillen Muſenſtadt, in der, wie ich mir hatte ſagen laſſen, das Gras in idylliſcher Ruhe auf den Straßen wachſe, die nöthige Sammlung finden, an der es mir in den literariſchen Cirkeln, äſthetiſchen Thees und ſingenden Butterbroden der Reſidenz ſo gänzlich gebrach, erſchien mir unter den fürchterlichen Männern, die mich ſelig machen oder verdammen konnten, der Profeſſor Berger bald als der fürchterlichſte. Ich hörte von den paar Commilitonen, deren dreimal bedenkliche Bekanntſchaft zu machen ich nicht umhin⸗ konnte, wahrhaft unhejmliche Dinge von ſeiner erſtaunlichen Gelehr⸗ 10 Problematiſche Naturen. ſamkeit und allerlei Beunruhigendes über ſein ercentriſches Weſen, ſeine tolle Launenhaftigkeit und ſeinen großen Einfluß auf die übrigen Mitglieder der Prüfungscommiſſion, denen er durch ſein Wiſſen, mehr aber noch durch ſeinen Witz, mit deſſen beißender Lauge er Jeden ohne Anſehen der Perſon überſchüttete, gründlich imponirte. Leibhaftig hatte ich den Entſetzlichen noch nicht geſehen. Er hatte einen ſeiner hypochondriſchen Anfälle, in welchen er ſich, wie man mir ſagte, bei Tage in ſeine Stube einſchlöſſe und des Nachts in den Wäldern der Nachbarſchaft umherſchweife. Da werde ich eines Tage von einer reichen Familie, an die ich empfohlen war, zu Mittag geladen. Die Geſellſchaft war ſehr zahl⸗ reich, ich führte eine der jungen Damen vom Hauſe zu Tiſch, ein hübſches blondes Mädchen, deſſen Munterkeit mich während des Anfangs der Mahlzeit hinreichend feſſelte. Als aber die gewöhnlichen Themata, die man mit jungen Damen, die ſeit einem Jahre aus der Schule ſind, abzuhandeln pflegt, durchgeſprochen waren, wurde ich auf einen Herrn aufmerkſam, der mir gegenüber ſaß. Es war ein unter⸗ ſetzter, ſchon ältlicher Mann, mit einer maſſiven, wie aus Granit ge⸗ hauenen Stirn, unter der ein Paar kluge Augen hervorblitzten. Die etwas vollen Wangen verkündeten eine Neigung zum Wohlleben, die ſich denn auch in dem Eifer, mit welchem der Mann den guten Gaben der Ceres und des Bacchus zuſprach, deutlich genug zu erkennen gab. Die Züge um den feſten, ſchönen Mund waren geradezu räthſelhaft: Sinnlichkeit, Witz, Schalkheit und Melancholie— Dämonen und Genien— ſchienen dort zu ſpielen. Das Geſpräch wurde an dieſem Theile der Tafel bald ein allge⸗ meines, und ich konnte mich, ohne aufdringlich zu erſcheinen, hinein⸗ miſchen. Man ſprach über Kunſt, Literatur, Politik. Ueberall ſchien der merkwürdige Mann zu Hauſe, überall überraſchte er uns durch die geiſtvollen Apereus, durch blendende Antitheſen und wunderliche Paradoxen. Ja, er ſchien ſeine Freude daram zu haben, wenn er ſo ein Tröpfchen Fegefeuer hineingeſprengt hatte und die hölliſchen Flämmchen den guten Leuten auf der Naſe kitzelten. So ſtellte er denn auch gelegentlich die Behauptung auf, daß Revolutionen der Menſchheit nie etwas genützt hätten, nie und“ nimmer etwas nützen Erſter Band. würden. Sie kennen meine Anſicht über dieſen Punkt, der oft der Gegenſtand unſerer Geſpräche war. Ich nahm den Fehdehandſchuh auf; ich wurde warm bei meinem Lieblingsthema, um ſo wärmer, als der Mann mir gegenüber mich durch Kreuz⸗ und Querſprünge irrlichter⸗ gleich zu verwirren ſuchte. Ich vergaß Alles um mich her, ich wurde pathetiſch, ſatyriſch— ich fühlte, daß ich gut ſprach, wenigſtens in meinem Leben nicht beſſer geſprochen hatte. Der Mann hatte zuletzt das Gefecht, das, wie ich ſpäter zu meiner Beſchämung erfuhr, das luſtigſte Scheingefecht von der Welt für ihn war, aufgegeben und hörte mir, den großen Kopf ein wenig auf die rechte Schulter geneigt und mich unter den buſchigen Brauen mit ſeinen großen klugen Augen anlächelnd und dabei ein Glas Hochheimer nach dem andern ſchlür⸗ fend, behaglich zu. Bald darauf wurde die Tafel aufgehoben. Als ich meine Dame in das Theezimmer führe, frage ich ſie:„Und wer war denn der Herr, mit dem ich mich in ein, für Sie ohne Zweifel ſehr langweiliges Geſpräch verwickeln ließ?“ „Wie, Sie kennen Profeſſor Berger nicht?“ antwortete mir die Kleine verwundert. „Das war Profeſſor Berger?“ „Nun freilich, ſoll ich Sie ihm vorſtellen?“ „Um Himmelswillen nicht,“ rief ich mit wahrhaftem Entſetzen; „o ich Kind des Unglücks!“ „Was iſt Ihnen?“ fragte die hübſche Blondine,„was haben Sie?“ Ich aber hatte ſchon ihren Arm aus dem meinen gleiten laſſen und ſuchte das entfernteſte Zimmer. Dort warf ich mich in einer einſamen Ecke auf einen niedrigen Divan, um über das Unglück, das ich angerichtet hatte, melancholiſche Betrachtungen anzuſtellen. Ich hatte mich alſo, während ich mit einem gutmüthigen Pudel zu ſpielen glaubte, mit einem grimmigen Bären gebalgt! Dieſer Mann war mir als eben ſo tückiſch geſchildert, wie er gelehrt und witzig war. Würde er ſich meiner Sarkasmen und Ausfälle nicht in jener ſchlimmen Stunde erinnern, wo ich hülflos auf dem Secirtiſch des Examinations⸗ ſaales vor ihm lag? Es war ein verzweifelter Fall. Da hebe ich vor einem Geräuſch neben mir den Kopf, den ich 12 Problematiſche Naturen. nachdenklich in die Hand geſtützt hatte, in die Höhe— vor mir ſteht der Profeſſor Berger. Ich fahre von meinem Sitze auf. „Erlauben Sie, daß ich mich zu Ihnen ſetze,“ ſagt der ſeltſame Mann, indem er auf dem Divan Platz nimmt und mich an ſeine Seite winkt.„Sie gefallen mir und ich wünſche Ihre nähere Be⸗ kanntſchaft zu machen. Ich bin der Profeſſor Berger; mit wem habe ich die Ehre?“ „Mein Name iſt Stein.“ „Sie ſtudiren, oder vielmehr, was haben Sie ſtudirt?“ „Ich wollte, Herr Profeſſor, ich könnte auf dieſe Frage einfach „Philologie“ antworten, da dies aber eine grobe Unwahrheit wäre, ſo kann ich nur ſagen: ich wünſche, ich hätte Philologie ſtudirt.“ „Wie ſo?“. „Weil mir alsdann die Ehre Ihrer näheren Bekanntſchaft weniger bedenklich erſcheinen möchte.“ Ein Lächeln ſpielte um den Mund des Profeſſors die Wange hinauf und verlor ſich in dem Winkel des rechten Auges. „Sie ſtehen vor dem Examen?“ wie Sie kennen ja das Sprichwort, Herr Profeſſor.“ Das Lächeln zuckte vom Ange wieder herunter zum Munde. „Und da erſchrecken Sie vor mir wie Hamlet vor ſeines Vaters Geiſt?“ „Wenigſtens erſcheinen Sie mir in ſehr fragwürdiger Geſtalt.“ „Nun wohl, da ſehen Sie ſelbſt, daß wir eben deßhalb näher mit ⸗einander bekannt werden müſſen. Wollen Sie morgen Abend, oder wenn Sie ſonſt Zeit und Luſt haben, ein Glas Theepunſch mit mir trinken?“ Ich ſagte natürlich nicht nein. Und dies war der Anfang meiner Bekanntſchaft, ja, ich darf wohl ſagen Freundſchaft mit dieſem außerordentlichen Manne. Wir ſind von dieſer Zeit an, ſo lange ich in Grünwald war, täglich zu⸗ ſammen gekommen, und ich ſchlage die praktiſchen Vortheile, die für mich aus dem Verkehr mit dem Gelehrten ſich ergaben, lange nicht ſo hoch an, als die tiefen Blicke, die ich in dem vertraulichen Um⸗ gange mit dem Menſchen in einen der räthſelhaft eſten Charaktere thun —— Erfr Band. i ſi. Es muß, fürchte ich, eine Wahl⸗ pätten g 3 3 und meinem Weſen eriſtiren, oder wir ſen auf 6 finden ſo rückhaltslos gegen einander aus⸗ ZB und Wit»ſtehen können. Ich fürchte, ſage * enn Berger iſt ein ſehr eliher Mann. Die Lichter ſeines glänzenden Humors ſpielen m gewitterſchweren Hintergrunde. Er ſteht allein in der Wel„hunnt von Allen, gefürchtet von den Meiſten, geliebt von%. Warum dem ſo iſt, darüber könnte ich 5 ſelbſt Ihn— ehuüber nicht auslaſſen, denn jede Freund⸗ ſchaſt iſt ein Tene z dem einem Dritten der Zutritt verſagt blei⸗ ben muß. haupere, ſo oft ich das Dunkel heraufbeſchwöre, das ihwſ erechen muß, wenn einſt das Alter die ſtrahlende Fackel ſein⸗“ ius, der jetzt einzig und allein die ſchauerliche Oede ſeiner Sl. hellt, düſtrer und düſtrer brennen macht. Vielleicht— u ſl6— mag das auch ein Glück für ihn ſein. Vielleicht das Wort, das er jetzt oft halb im grimmen Spotte und woll wehmüthigen Glaubens im Munde führt, das alte Wort: Helig ſind die Einfältigen,“ an ihm zur Wahrheit werden. Der vertraute Umgang mit dem gelehrten Manne hatte mich in den Augen aller Andern in einen Nimbus gehüllt, in welchem ich, wie die homeriſchen Helden die Gefahren der Schlacht, die Schreck⸗ niſſe des Examens ungefährdet durchwandeln konnte. Am Morgen des entſcheidenden Tages ſagte Berger zu mir:„Wiſſen Sie, lieber Oswald, daß ich große Luſt habe, Sie durchfallen zu laſſen!“ „Warum?“ „Weil ich Sie zu verlieren fürchte: doppelt zu verlieren. Du lieber Himmel, welche Wandlungen können nicht mit einem Menſchen vorgehen, dem man den Großvoterſtuhl eines Amtes giebt, und die Schlafmütze einer Würde aufſetzt! Vielleicht kommen auch Sie noch dahin, den Horaz für einen großen Dichter zu halten, und den Cicero für einen eminenten Philoſophen; vielleicht werden Sie gar in dieſer engbrüſtigen Zeit aus lieber langer Weile ein gelehrter Profeſſor, wie ich.“ Das Examen war vorüber; ich hatte, wie Berger ſagte, die Erlaubniß erhalten, das Stroh dreſchen zu dürfen. Da — —— 3* —— — 14 Problematiſch Naturen. kommt er eines Tages mit einem Jriefe in der Hand zu mir und fragt: „Haben Sie Luſt, in einer adelgen Familie Erzieher zu werden?“ „Das könnte ich eben nicht befaupten.“ „Glaub's wohl; aber die Bedngungen find ſo vortheilhaft, daß es ſich mindeſtens der Mühe Lrlohnt, die Sache in Ueber⸗ legung zu ziehen. Sie müſſen ſich auf vier Jahre verbindlich machen. „Und das nennen Sie vortheilhafte Bedinzungen? Vier Jahre! nicht vier Wochen!“ „Hören Sie nur! Von den vier Jahren haben Sie nur zwei in dem Hauſe zuzubringen, die übrige Zeit reiſen Sie mit Ihrem Zögling. Sie wollen die Welt ſehen und Sie müſſen die Welt ſehen, und wäre es auch nur, um ſich zu überzeugen, daß die Menſchen überall mit Recht die Hunde ſo lieben. Sie haben kein Ver ögen⸗ zum Vagabunden ſind Sie zu civiliſirt. Ph bien! hier haben Sle die ſchönſte Gelegenheit, die Ihnen ſo vielleicht nicht zum zweiten Wale im Leben geboten wird.“ „Und wer iſt der Alexander, deſſen Ariſtoteles ich werden ſol?* „Ein junger Majoratsherr, wie der macedoniſche Pferdebändiger. Ich habe die noble Sippſchaft im vorigen Jahre in Oſtende kennen gelernt. Der Mann, ein Baron Grenwitz, iſt eine Null, die Frau Baronin ein X., das ich noch nicht habe herausrechnen können. Jeden⸗ falls iſt ſie eine geſcheite Frau. Ich weiß, daß dies für Sie keine geringe Empfehlung iſt. Sie ſpricht drei oder vier lebende Sprachen gut, ihre Mutterſprache nicht mit gerechnet. Ich habe ſie ſogar in Verdacht, daß ſie mit ihrem jetzigen Hauslehrer, einem gewiſſen Bauer, der hier ſtudirt hat und ein grundgelehrter— Jüngling war, in aller Stille Latein und Griechiſch treibt.“ „Und Sie, der Sie mir ſelber fagten, daß Sie ein Buch über den Adel und gegen den Adel geſchrieben haben, das leider in Deutſchland, für das es berechnet iſt, nirgends gedruckt werden kann, *. — Sie rathen mir, der ich über die Braminenkaſte dieſelben Parias⸗ ideen habe, mich in das Lager unſerer Erbfeinde zu begeben?“ „Das iſt ja eben der Humor davon,“ lachte Berger; Sie ſollen Erſter Band. kam es denn, daß, als er ſich jetzt plötzlich wie mit einem Zauber⸗ ſchlage auf das Land verſetzt ſah, der unſägliche Reiz der erſten leuch⸗ tenden Sommertage in einem ſchönen ländlichen Aufenthalte für ihn mehr als für die meiſten Menſchen etwas unſäglich Anziehendes, ja Hinreißendes und Berauſchendes hatte. Es war ihm Alles ſo neu und doch wieder ſo ſeltſam bekannt, wie wenn Jemand in eine Gegend kommt, die er ſchon lange vorher in ſeinen Träumen geſehen. War dieſer blaue Dom, der ſich immer tiefer und tiefer wölbte, derſelbe Himmel, der ſich ſo troſtlos bleiern über dem Häuſermeer der Re⸗ ſidenzſtadt ſpannte? waren dieſe funkelnden Lichter dieſelben öden Sterne, zu denen er, aus dem Theater oder einer Geſellſchaft kom⸗ mend, kaum einmal flüchtig emporgeblickt hatte? Konnte ein Sommer⸗ morgen ſo reich an Glanz und Pracht, ein Sommerabend ſo weich und wollüſtig ſein? Hatte er denn den Geſang der Vögel nie ver⸗ nommen, daß er ſich jetzt an ihren einfachen Liedern nicht ſatt hören konnte? Hatte er denn nie Blumen geſehen, daß er jetzt nicht müde wurde, ihre ſchönen Farben und wunderſamen Geſtalten zu betrachten? Es war ihm zu Muthe, wie Einem, der aus ſchwerer Krankheit wieder zum Leben ewacht. Die jüngſte Vergangenheit lag wie hinter einem dichten Schleier, aber weit Entferntes, im Meer der Vergeſſenheit ſeit langen Jahren Verſunkenes tauchte wie eine glänzende, zauberiſche Spiegelung wieder über den Horizont der Erinnerung empor.„Ei, da iſt ja auch Ritterſporn,“ rief er einſt in dieſen erſten Tagen freudig überraſcht, als er, träumend im Garten auf und ab wandelnd, dieſe Blume häufig auf den Beeten blühen ſah. „Nun freilich,“ ſagte Bruno, der bei ihm war,„haben Sie denn noch nie welchen geſehen?“ „Es iſt lange her,“ murmelte der junge Mann, ſich niederbeugend und die phantaſtiſche Blume mit Rührung betrachtend. In ſeines Geiſtes Aug' ſah er ſich wieder in einem kleinen lauſchigen Garten an der Stadtmauer herumſpielen und Steinchen, Blumen und andere Seltenheiten, die er auf ſeinen Entdeckungsreiſen fand, auf den Schooß einer ſchönen, jungen, blaſſen Frau ſammeln, die ihm jedes Mal, wenn zu ihr kam, das lockige Haupt ſtreichelte und mit jener Geduld, die c eine Mutter hat, nicht müde wurde, ſeine Fragen zu Spielhagen's Werke. I. 2 18 Problematiſche Naturen. beantworten. Und da hatte er ihr auch dieſe Blume gebracht und die ſchöne Frau hatte geſagt: das iſt Ritterſporn. Und dann hatte ſie die Blume lange ſinnend angeſehen, bis ihr von dem langen Hin⸗ ſtarren die Thränen in die Augen kamen und hatte ihn auf ihren Schooß genommen und ſein Haupt ſtürmiſch an ihre Bruſt gedrückt, und da mochte er denn wohl, von dem vielen Spielen müde, einge⸗ ſchlafen ſein, denn in dieſem Augenblicke zerflatterte das Bild.— Die junge, ſchöne Frau, das wußte er, war ſeine Mutter; ſie war geſtorben, als er noch nicht fünf Jahre alt war.— Wer hat nicht an ſich ſelbſt ſchon die traurige Erfahrung gemacht, daß wir in dem Gewirre des Lebens, wo eine Erſcheinung die andere verdrängt, und wir ſtets unter der thranniſ chen Gewalt des Augenblickes ſtehen, Alles, ſelbſt das Theuerſte, ſelbſt die Eltern, die uns das Leben gaben, ver⸗ geſſen lernen. So hatte auch Oswald faſt ſchon vergeſſen, daß er je eine liebe Mutter gehabt; jetzt rief eine einfache Blume die Erinne⸗ rung an die früh Verſtorbene mächtig in ihm wach. Die erſte Zeit, die er in der Einſamkeit des Landlebens verbrachte, verknüpfte ſich eng mit der erſten Zeit ſeines Lebens, denn er hatte ſeitdem nicht wieder der Natur ſo unbefangen und ſo tief in das holde, bezau⸗ bernde Antlitz geſchaut. Auch ſeines Vaters, der nun gerade vor zwei Jahren, einſam, wie er gelebt hatte, geſtorben war, gedachte er jetzt mit jener dankbaren Liebe, die leider immer erſt dann in voller Blüthe ſteht, wenn diejenigen, denen ſie gebührt, ſich nicht mehr an ihrem Dufte laben können; ſeines Vaters, der wunderlichen Pygmäengeſtalt, die der Sohn ſchon als achtzehnjähriger Jüngling um zwei Köpfe überragte; des menſchenſcheuen Sonderlings, der in der ganzen Stadt der„alte Candidat“ genannt wurde, und deſſen ſchwarzen abgeſchab⸗ ten Frack, in dem er Sommer und Winter einherging, jedes Kind auf der Straße kannte; des räthſelhaften Mannes, der den reichen Schatz ſeines Wiſſens und ſeiner Güte gegen alle Welt verſchloß, nur nicht gegen den Sohn, an dem er mit unſäglicher Liebe hin⸗ den er mit der rührenden Zärtlichkeit einer Mutter hegte und pflegte, und für den ihm, dem als Geizhals Verſchrieenen, nichts zu koſtbar geweſen war. F Dieſe lieben und doch auch wieder ſo ſchmerzlichen Erinnerung. Erſter Band. zogen durch Oswald's Seele, während er in ſeinen Freiſtunden allein, oder mit ſeinen Zöglingen in Garten, Feld und Wald umherſtreifte, ſich von Tage zu Tage mehr für das Landleben begeiſterte, und wenn er des Morgens, ehe die Unterrichtsſtunden begannen, noch ſchnell einmal in den Schloßgarten geeilt, in die thaufriſchen Kelche der Blumen geſchaut und ſich am Geſang der Vögel entzückt hatte, ſchlechterdings nicht mehr begreifen konnte, wie es die Menſchen in den Städten, wie er ſelbſt es nur jemals in der Stadt habe aus⸗ halten können. Und in der That hätte Schloß Grenwitz und ſeine Umgebung auch wohl einem durch landſchaftliche Schönheiten verwöhnteren Auge das lebhafteſte Intereſſe abgewinnen müſſen, obgleich es von den Touriſten, die alljährlich die Inſel durchſchwärmten, niemals aufge⸗ ſucht, höchſtens von Einem oder dem Andern zufällig aufgefunden wurde, der ſich dann nicht genug wundern konnte, wie ein ſo lieblicher und in vieler Hinſicht ſo merkwürdiger Punkt in ſeinem Reiſehand⸗ buche, in welchem doch ſonſt jeder nichtsnutzige Gaſthof verzeichnet ſtand, übergangen ſein konnte, blos weil er eine Meile von der großen Landſtraße entfernt lag. Das Schloß trägt noch bis auf den heitigen Tag die Spuren von dem Reichthum und der Macht des alten ritterlichen Geſchlechts derer von Grenwitz, das ſeit undenklichen Zeiten hier begütert geweſen iſt, und die Burg zu ſeinem Schutz und den benachbarten Baronen zum Trutz in der Mitte des vierzehnten Jahrhunders erbaute. Das nntere Stockwerk des einen Flügels mit ſeinen rieſigen Quaderſteinen ſtammt noch aus dieſer Zeit, ebenſo wie der gewaltige runde Thurm, in welchem jetzt das alte und das neue Schloß zuſammenſtoßen. Das neue Schloß wurde gegen das Ende des ſiebzehnten Jahrhunderts in dem zopfigen Styl jener Zeit gebaut und nimmt ſich mit ſeinen ver⸗ ſchnörkelten Säulen und wunderlichen Ornamenten neben dem alten ſchmuckloſen Thurm, mit welchem es jetzt in einer Front lieg⸗, aus, wie ein zierlicher Herr aus Louis XIV. Zeit neben einem eiſengehar⸗ niſchten Kämpen aus den Tagen von Crech und Poikiers. Ein zwanzig Fuß und darüber hoher Wall, der in ein noch weit ehrwürdigeres Alter hinaufragt, als ſelbſt der alte Thurm, umgiebt 2* 20 Problematiſche Naturen. das Schloß in einem ſo weiten Kreiſe, daß es ſammt den Neben⸗ gebäuden von dem eingeſchloſſenen Raume nur den kleinſten Theil einnimmt. Der Wall iſt jetzt längſt ſchon in eine friedliche Prome⸗ nade umgewandelt, über der hohe Buchen, Nußbäume und Linden ein dichtes Laubdach bilden. Der breite Graben, der ihn in ſeiner gan⸗ zen Ausdehnung umzieht, iſt jetzt zum Theil verſumpft, mit dichtem Röhricht angefüllt, und, wo das Waſſer ſich noch einen Raum offen gehalten, mit einem grünen Teppich von Waſſerpflanzen bedeckt, in welchem halbwilde Enten luſtig ſchnattern. Offenbar hatte dieſer Wall den Zweck gehabt, im Fall einer Fehde nicht nur die Hörigen der fehdeluſtigen Barone mit ihren Weibern und Kindern, ſondern auch die Heerden und die Vorräthe zu ſchirmen; auch hatten bis zur Zeit des Neubaues die Wirthſchaftsgebäude, die jetzt ziemlich entfernt vom Schloſſe außerhalb des Walles lagen, innerhalb deſſelben ge⸗ legen. Damals hatte der Wall nur einen Durchgang gehabt, ein feſtes, mit einem Thurm verſehenes Thor, aus dem eine Zugbrücke über den Graben nach einem Brückenkopfe führte. Jetzt war der Thurm abgetragen, die Brücke konnte nicht mehr aufgezogen werden und aus dem Brückenkopfe hatte man längſt Backöfen und andere nütz⸗ liche Dinge gebaut. Von dieſem Hauptthor führte eine Allee viel⸗ hundertjähriger prachtvoller Linden auf das Portal des Schloſſes zu. Rechts von der Allee und vor der Front des Schloſſes war ein großer Raſenplatz, in deſſen Mitte ein ſteinernes Becken mit einer Najade als Schutzpatronin ſtand, die, wahrſcheinlich aus Schmerz, daß ihrem Brunnen ſchon ſeit einem halben Jahrhundert das Waſſer fehlte, den Kopf verloren hatte. Der ganze übrige Raum innerhalb des Walles war mit Garten⸗ anlagen ausgefüllt, die aus der Zeit des Neubaues herrührten und mit ihren graden Gängen, kunſtvoll verſchnittenen Taxushecken, Buchsbaumpyramiden und ihren Sandſteingöttern, die allen Regeln der Aeſthetik und allen Geſetzen der Anatomie ſo naiv Hohn ſprach den Charakter dieſer Zeit deutlich genug documentirten. Hier und freilich war ein Geiſt der Neuerung in die Anlagen gefahren. 2 Buchs hatte ſeine verkrüppelten Glieder, ſo gut es gehen wollte, eine naturgemäße Baumgeſtalt auszurecken verſucht; die beiden Seit „ 5 ——————,— —————— Erſter Band. 21 eines Heckenganges hatten gemeinſchaftliche Sache gemacht und ſich zu einem undurchdringlichen Geſtrüpp vereinigt; ein Gärtner, der für die ſtumme Sprache von Taruspyramiden kein Verſtändniß mehr beſaß, und eine praktiſchere Richtung verfolgte, hatte, unbekümmert um den äſthetiſchen Eindruck, Aepfel⸗ Birnen⸗, Kirſchen⸗ und Pflaumenbäume gepflanzt, wo er gerade Platz fand, und hier und da ſeinen Gemüſe⸗ beeten den Lurus der Blumenrabatten geopfert. Eine Schweſter der Najade im Hof war von Himbeer⸗ und Stachelbeerſträuchern faſt überwuchert, aber ſie hatte ſich in ihr Schickſal zu finden gewußt, ihren Kopf behalten, und plauderte in ſtiller Nacht geſchwätzig von der guten alten Zeit. So hatte von dem Rieſenwalle, der aus der grauen Heidenzeit ſtammte, bis zu den Spargelbeeten, die geſtern angelegt waren, ſeit einem Jahrtauſend jede Generation etwas zur Befeſtigung, Verſchö⸗ nerung oder Verbeſſerung dieſes Wohnſitzes beigetragen. Vieles war ſpurlos verſchwunden, Vieles hatte ſich erhalten; Altes hatte der Zeit geſpottet, Neues war mit der Zeit alt geworden; aber da ſelbſt das Aelteſte die Spuren des Lebens, der fortdauernden Nutzbarkeit trug, ſo war nirgends ein Sprung, ein Riß pemerkbar, und das Ganze machte den wohlthuenden Eindtuck, als ob es eben nicht anders ſein könnte. Zwar ſeinen primitiven Charakter hatte Schloß Grenwitz gänzlich eingebüßt, und wenn Oswald des Abends, von einem Spa⸗ ziergang mit ſeinen Zöglingen zurückkommend, auf einer Stelle des Wolles ſtehen blieb, von der er den ſchattigen, grasbewachſenen Hof, den blumenreichen Garten und das Schloß überblicken konnte, um deſſen graue Mauern das Zwielicht wogte und die ſchnellen Schwal⸗ ben zwitſchernd kreiſten, da glaubte er nicht die alte Stammburg fehdeluſtiger Barone, ſondern das ſtille Kloſteraſyl beſchaulicher Mönche vor ſich zu ſehen. piertes Capitel. Und ein ſtilles, klöſterlich ſtilles Leben war es denn auch— das Leben auf dem Schloſſe Grenwitz. Alle Unruhe, aller Lärm waren 22 Problematiſche Naturen. aus dem Bereich verbannt, den der alte Wall wie eine epheuberankte Kirchhofsmauer umgab. Hier ertönte kein Hundegebell, kein Pferde⸗ wiehern; ſtill glitten die Stunden dahin, wie die Schatten des Zei⸗ gers der Sonnenuhr über dem Portale; ſtill, wie die Blumen im Garten dufteten und blühten. Hier ſchien ſelbſt der Wind leiſer in den Wipfeln zu rauſchen, die Vögel leiſer in den Zweigen zu ſingen; und was die Bewohner ſelbſt betraf, ſo konnte die Wanduhr auf dem Vorſaal in ihrem Eichenſchrank nicht freier von aller Neuerungsſucht ſein und ihr Tagewerk pünktlicher und ſyſtematiſcher vollbringen. Die Dienſtboten thaten ihre Obliegenheiten mit der Regelmäßigkeit von Automaten. Ja in die Möbel ſelbſt ſchien dieſer ſtrenge Geiſt der Ordnung gefahren, ſo daß Oswald ſich des Gedankens nicht erwehren konnte, ſie rückten ſich in aller Stille von ſelber zurecht, falls einmal eines von ſeiner ihm angewieſenen Stelle abgekommen ſein ſollte. So wenig nun Oswald in ſeinem bisherigen Leben an eine ſo peinliche Ordnung gewöhnt war, und ſo ſehr ſich auch im Grunde ſeine Natur dagegen ſträubte, ſo leicht wurde es ihm doch bei der Geſchmeidigkeit ſeines Weſens und bei der verſöbnlichen, milden Stimmung, in die ihn der tiefe Frieden rings umher verſetzte, ſich in dieſelbe zu finden. Er that, was er die Leute um ſich her thun ſah, und erwiederte die förmlichen Verbeugungen, mit denen man ſich hier begegnete, mit demſelben Grad von Ernſthaftigkeit, den er auf einer Maskerade in einer Menuet zur Schau getragen haben würde. Er hatte es in den erſten Tagen mit den Lehrſtunden nicht allzu genau genommen, und ſich deſto eifriger mit ſeinen beiden Zöglingen draußen umher getummelt. Sie hatten den Buchwald, der ſich von Schloß Grenwitz eine halbe Stunde bis hart an das Meer erſtreckte, nach allen Richtungen durchſtreift, hatten ein Hünengrab und eine Höhle entdeckt, und waren oft ſchon von den hohen Kreideufern zum Strand hinabgeklettert, hatten dort, auf einem der mächtigen Roll⸗ ſteine ſtehend, die Fluth heranbrauſen ſehen und gejubelt, wenn der Donner der Brandung ihre Stimmen übertönte. Auf dieſen Streifzügen, die Oswald ſcherzend Vorſtudien zum Homer nannte, hatte er vielfach Gelegenheit, die Naturen ſeine beiden Zöglinge zu beobachten. Ein größerer Gegenſatz war kaur 24 Problematiſche Naturen. ob das unverhoffte Glück, einen Menſchen zu finden, der ihn liebte und den er wieder lieben dürfe, ihn blende und verwirre; und dann war all die ſtürmiſche Zärtlichkeit ſeiner Seele, die er ſo lange und ſo ſorgſam hatte verſchließen müſſen, hervorgebrochen, mächtig— un⸗ widerſtehlich, wie ein Bergſtrom, der die Felſenſchranken geſprengt hat und jauchzend in das Thal hinunterſtürmt. „Wiſſen Sie,“ ſagte der Knabe da zu Oswald,„daß ich ſchon im voraus entſchloſſen war, Sie zu haſſen?“ „Warum? Bruno, iſt der Haß für Dich ſo ſüß?“ „Ach nein! aber ich glaubte, es ſeien alle Erzieher wie unſer erſter, und da dachte ich, was dem Einen recht iſt, iſt dem Andern billig.“ „Und wie war denn Herr Bauer?“ 8 „Nun, er machte ſeinem Namen Ehré,“ ſagte der Knabe ſpöttiſch. „Ei, ei, mein ſtolzer Junker, willſt Du mir den Bauer ver⸗ achten?“ „Gewiß nicht!“ rief der Knabe eifrig,„mein Vater war ſelbſt ein Bauer, trotzdem daß er ein Edelmann wot⸗ ich habe ihn oft genug hinter dem Pfluge hergehen ſehen— aber dieſer Mann war roh und plump wie ein Bauer und feig dazu. Einmal, nach Tiſche— ich weiß nicht, was ich wieder verbrochen hatte— ſchlug er mich in's Geſicht, weil Tante zugegen war und er glaubte, er thue ihr einen Gefallen. Ja, er ſchlug mich“— und das Auge des Knaben blitzte auf bei der Erinnerung an dieſe Schmach und die Zornesader auf ſeiner bleichen Stirn ſchwoll. „Und da, Bruno?“ „Da nahm ich das Meſſer, das vor mir auf dem Tiſche lag und ſprang auf ihn ein, und der Elende lief vor mir, um Hülfe ſchreiend, zur Thür hinaus. Und als ich das ſah und die e. Geſichter um mich her, mußte ich lachen und ging unbeläſtigt ag dem Saale. Und ich wäre am liebſten gleich in die weite Welt rannt, aber Onkel kam hinter mir her und verſprach mir, der Merſch ſolle nun und nimmer wieder Hand an mich legen dürfen. Onkel 4 gut; Sie glauben nicht, wie gut er iſt; aber er fürchtet ſich vor det Erſter Band. 25 Tante; Alle fürchten ſich vor ihr; aber ich habe ſie doch lieb, denn ſie hat Muth wie ein Mann und ich haſſe nur die Feigen. Malte iſt ein Feigling.“ „Malte iſt ſchwach und kränklich, und Du mußt Nachſicht mit ihm haben; aber, wenn Du die Tante wirklich lieb haſt, warum biſt Du ſo unfreundlich gegen ſie?“ „Bin ich unfreundlich?“ Der Knabe ſchwieg. Eine Wolke zog über ſeine Stirn, ſeine Naſenflügel zuckten und ſein dunkelblaues Auge war wie eine Gewitterwolke, als er jetzt, haſtig aufblickend, ſagte: „Ich bin unfreundlich, ich weiß es. Aber wie ſoll ich anders ſein? Ich eſſe hier im Hauſe Gnadenbrod, ſoll ich noch dafür dan⸗ ken? Ich kann es nicht, ich will es nicht, und wenn ſie mich aus dem Hauſe jagten. Sehen Sie, Oswald, ich habe oft gewünſcht, man jagte mich fort, ja, ich habe es darauf angelegt, daß ſie es doch ja thäten; dann ginge ich in die weite Welt und verdiente mir mein tägliches Brod, wie tauſend und tauſend andere Knaben, die nicht ſo ſtark und ſo muthig ſind, wie ich. Heute noch, als wir am Strande gingen und der Dreimaſter am Horizonte auftauchte und wieder ver⸗ ſchwand, da wünſchte ich ſo heiß, ſo heiß, ich hätte mitſegeln können, als Schiffsjunge, als Matroſe— nur fort, fort von hier, gleichviel wohin.“ ⸗ Wenn ſo der Knabe die geheimſten Wünſche ſeines Herzens rückhaltslos ſeinem Freunde und Lehrer offenbarte, da geſchah es denn wohl, daß dieſen ein Zweifel beſchlich, ob er, der ſelbſt den Weg, den er zu gehen hatte, ſo wenig deutlich ſah, der rechte Mann ſei, den wilden, leidenſchaftlichen Knaben zu leiten. Aber je weniger er ſich im Stande fühlte, ausſchweifende Wünſche, chimäriſche Hoffnun⸗ gen zu bekämpfen, die er ſelbſt im Stillen theilte, deſto mehr ver⸗ chwand die Kluft zwiſchen Lehrer und Schüler— deſto brüderlicher wurde nur ihr Verhältniß. Noch hatte kein menſchliches Weſen einen „ ſo tiefen Eindruck auf Oswald gemacht, als dieſer wunderſame Knabe. Er liebte ihn, wie ein Künſtler das Werk, an dem er ſchafft, wie ein gater den Sohn, in welchem er zu verwirklichen hofft, was ihm ſelbſt zu erreichen verſagt war, wie eine Mutter das Kind, für das ſie — 26 Problematiſche Naturen. wachen, ſorgen und ſchaffen muß. Allnächtlich, wenn er ſich müde geleſen und gearbeitet, ging er, ehe er ſelbſt ſein Lager ſuchte, in das Gemach des Knaben— er hätte nicht ſchlafen können, ohne ſeinen Liebling noch einmal geſchen zu haben. Jenes Schamgefühl, das edleren Naturen verbietet, die ganze Fülle ihrer Zärtlichkeit zu zeigen, machte ihn den Tag über karg mit Liebkoſungen; aber jetzt nahm er des Schlafenden Hände und ſtreichelte ſie und küßte den Knaben zärtlich auf die Stirn. „Dich nennen ſie lieblos, Dich, meinen Liebling, deſſen Herz nur nach Liebe und abermals nach Liebe hungert. Und wenn ſie alle Dich verkennen und haſſen, ich verſtehe Dich und will Dich lieben.“ Fünſtes Capitel. Die Wirthſchaftsgebäude und Häuslerwohnungen, die zu dem Gute Grenwitz gehörten, lagen außerhalb des Walles, den man, um die Verbindung zwiſchen dem Schloſſe und dem Hofe zu erleichtern, nach dieſer Seite durchbrochen hatte. Ein hölzernes Gitterthor, das nicht einmal verſchloſſen, und eine Brücke, die nicht aufgezogen werden konnte, ſprachen für den friedlichen Sinn der Nachkommen jener kriegeriſchen Barone, welche das maſſive Thor auf der andern Seite mit ſeiner in ſchweren Eiſenketten hängenden Zugbrücke erbaut hatten. Der Verkehr zwiſchen dem Schloſſe und dem Hofe beſchränkte ſich ſo ziemlich auf den Austauſch oft höchſt energiſcher diplomatiſcher Noten zwiſchen der Wirtbſchafterin und dem Verwalter, die über das Quan⸗ tum und die Qualität der Naturalien, welche dieſer jener zu liefern hatte, ſtets weſentlich verſchiedener Meinung waren. Das Gut war, wie die übrigen Beſitzungen der Familie, verpachtet; der Pächter, ein Herr Bader, wohnte auf einem der Nebengüter, das er ebenfalls in Pacht hatte, und kam ſelten nach Grenwitz, deſſen Se er ſeinem Inſpector überließ.. Erſter Band. Oswald, für den die Landwirthſchaft eben ſo neu war, wie das Leben auf dem Lande, lenkte ſeine Schritte pald häufig nach dem Hofe, um ſich von dem Inſpector durch die Ställe und Scheunen führen und ſich von demſelben etwas in die Myſterien des Acker⸗ baues und der Viehzucht einweihen zu laſſen. Der Inſpector, Namens Wrampe, war ein rieſiger Mann, der ſtets in gewaltigen Stulpen⸗ ſtiefeln einherging und dem Aberglauben zu huldigen ſchien, er werde ſeine ungeheure Körperkraft verlieren, wenn er ſeinen ſtruppigen ſchwarzen Bart ſchöre, oder dem Regenwaſſer das ausſchließliche Privilegium, ſein ſonnverbranntes Geſicht zu waſchen, entzöge. Das breite Platt jener Gegend war ſeine Mutter⸗ und Vaterſprache, das Hochdeutſche haßte er und hielt Alle, die es ſprachen, in ſeinem Herzen für Schelme; ſeine Stimme glich, aus der Ferne gehört, weſentlich dem Gebrüll eines etwas heiſeren Löwen. Seine Feinde ſagten ihm nach, daß er eine üble Gewohnheit habe, ſich von Zeit zu Zeit zu betrinken; da er dies aber jeden Monat höchſtens einmal und dann immer gleich auf mehrere Tage that, um die übrige Zeit deſto energiſcher zu ſein, ſo vrückten ſeine Freunde und zumal ſein Brodherr über dieſe kleine Schwäche freundlich die Augen zu. Oswald unterhielt ſich gern mit dem Manne, der in ſeiner täppiſchen Gut⸗ müthigkeit, ſeinem derben, oftmals freilich auch rohen Weſen, ſeiner mit Sprichwörtern reich untermiſchten Rede ein nicht ſchlechter Re⸗ präſentant der Landleute jener Gegend war. So hatte er denn auch eines Nachmittags mit den Knaben einen Spaziergang nach dem Hofe gemacht. Sie fanden ihn faſt ausge⸗ ſtorben. Die Leute und die Thiere waren auf dem Felde. In dem Pferdeſtall ſtanden nur die vier ſchwerfälligen Braunen des Barons, vie vor lieber langer Weile mit den eiſernen Ketten ihrer Halfter ein melanchvliſches Quartett ausführten. Vor der Thür des Stalles ſaß ſchweigſame Kutſcher und ſtarrte in den blauen Himmel, da er, nn er ſeine Pferde gefüttert, auf Erden weiter nichts zu thun hatte. nſeine Füße ſtrich ſpinnend ein großer ſchwarzer Kater, der ihn, ſein spiritus familiaris, überall hin begleitete und ſelbſt auf dem ſcke zwiſchen ſeinen Füßen unter dem Schurzfell ſaß. In dem hſtall fanden ſie nur eine Kuh, die ihr heute geborenes Kälbchen 28 Problematiſche Naturen. durch fleißiges Lecken in eine Verfaſſung zu bringen ſuchte, wie ſie dem Ehrgeize einer reſpectablen Kuhmutter, die etwas auf ſich und die Ihrigen hält, wünſchenswerth ſcheinen mag. Auf dem Dünger vor dem Stalle ſcharrten die Hühner, unbekümmert um den Streit zweier junger Hähne, die über einen unglücklichen kleinen Käfer, der auf dem Rücken liegend in ruhiger Ergebung ſein Schickſal erwartete, in Unfrieden gerathen waren. Ein alter Hahn, welcher der Vater der beiden feindlichen Brüder ſein mochte, war auf eine Wagendeichſel geflogen und krähte einmal über das andere, entweder aus Freude über den ritterlichen Sinn ſeiner Sproſſen, oder um eine Wolke zu ſignaliſiren, die eben über das Scheunendach heraufkam. Auf dem einen Ende des Daches ſaß eine Störchin auf ihrem Neſt. Der Storch kam eben herbeigeflogen und brachte die Beute ſeiner Jagd, eine kleine Schlange, mit nach Hauſe. Die Störchin klapperte bei dieſem Anblick vor Vergnügen; der Storch, im Bewußtſein erfüllter Pflicht, blieb ihr die Antwort nicht ſchuldig. Von dem kleinen Teiche lichen Hofes an einem warmen Sommernachmittag betrachtet; Bruno den ſchweigſamen Kutſcher über die beiden einzigen Themata, bei 6 denen man es mit einiger Ausſicht auf Erfolg konnte, über ſeine Pferde und ſeinen Kater, in eine Unterhaltung zu verwickeln geſucht; Malte ſich unterdeſſen gelangweilt, da er überhaupt nur ſehr wenigen Dingen Geſchmack abgewinnen konnte, und zu dieſen Dingen Enten und Hühner, wenigſtens ſo lange ſie im Licht der Sonne wandelten, ſicherlich nicht gehörten. Er drang deshalb darauf, den Spaziergang fortzuſetzen, und ſo gingen ſie denn von dem Hofe durch das Dörf⸗ ſchien ein Knecht ſeinen Wagen im Graben umgeworfen oder feſt⸗ gefahren zu haben. Die Pferde ſtanden quer über den Weg u er zerrte an ihnen herum und fluchte und ſchimpfte, wie das„ cheñ jämmerlicher kleiner Kathen, um auf das Feld zu gelangen. In . Erſter Band. flegen. Zuletzt ge Geduld, die ihm die Natur verliehen und der wahrſcheinlich reichlich genoſſene Schnaps noch übrig gelaſſen ſeines Schlages bei ſolchen Gelegenheiten zu thun p ſchien dem Manne die gerin hatte, vollends auszugehen. Er faßte das eine der Vorderpferde in den Zügel und trat und ſtieß es unbarmherzig mit ſeinen plumpen⸗ in plumpen Stiefeln ſteckenden Füßen. Oswal' wurde auf das Alles eigentlich erſt aufmerkſam, als Bruno mit dem Ausrufe: der Bar⸗ par, der Unmenſch! wie ein Pfeil vrn hm fort auf den Wagen zueilte. Im Nu hatte ad befahl dem Knecht mit einer mehr von Z⸗ er Anſtrengung des eiligen Laufes bebenden Stimme, ue Mißhandlungen einzuſtellen. s ich zu thun habe!“ rief der Kerl, und trat das „Ich weiß, wa 3 das ſich vor Angſt immer mehr in den Strängen verwickelte, euem. Im elugenblick läßt Du das Thier, oder— Sho!“ rief der Knecht,„oder was—“ Oder ich ſtoße Dir mein Meſſer in den Leib—“ Der Mann taumelte ein paar Schritte zurück und ſtarrte Bruno Entſetzen an. Es war nicht Furcht vor dem Meſſer, das der in ſeiner erhobenen Rechte hielt— denn der Knecht war ein r ſtarker Mann, der ſeinen Gegner mit einem Schlage ſeiner ren Fauſt hätte zu Boden ſchmettern können und er war über⸗ betrunken— es war Furcht vor dem Dämon, der aus Bruno's en Augen blitzte, Furcht vor der gewaltigen Leidenſchaft, die Knaben das Blut aus den Wangen zum Herzen trieb und ſeine uflügel und die feinen Lippen zucken machte. „Das Thier iſt immer ſo tückiſch“— ſtammelte der Mann, wie Entſchuldigung. Aber Bruno würdigte ihn keiner Antwort. Mit haſtigen Händen eſchickt, als ob er im Leben nur mit Pferden umgegangen wäre, er die Stränge, in denen ſich das Thier verwickelt hatte, wobei Döwald, der jetzt herbeigekommen war, eine mehr wegen ihrer tbliche, als durch praktiſchen Erfolg ausgezeichnete u keiſtete. Dann ſprang der Knabe nach dem Graben, ſchöpfte Problematiſche Naturen. ſeinen mit Wachsleinen überzogenen Strohhut voll Waſſer und wuſch dem Pferde die Wunden an den mißhandelten Beinen. In dieſem Augenblicke ſetzte ein Reiter aus den Weiden an der Seite über den Graben auf den Weg. Es war der Inſpector Wrampe, der die Scene von fern geſehen hatte und im Galopp über die Felder herbeigeritten war. „Nun komm' ich, ſante der Dachdecker und fiel vom Dach! Was iſt denn das für'ne Wirihſchaft! Warum fährſt Du durch den Graben, wenn Du zehn Schrirte davon über die Brücke fahren kannſt. Und die braune Liſe maltraitirr«— er ſagte aber: maltraiſirt— „ich will Dir Deine Faulheit eintränten, Du Himmeltauſendſapper⸗ menter!“ Dieſe energiſche Rede halten, vom Pferde ſpringen, in die Hand ſpeien, um den Griff ſeiner ſchweren Reitpeitſche ſeſter faſſen zu können, und anfangen, mit derſelben den breiten Rücken des Knechts nach allen Regeln zu bearbeiten, war für den dienſteifrigen Inſpector das Werk eines Augenblicks. „Ich laſſe mich nicht ſchlagen, Herr Inſpector,“ remonſtrirt 6 Menſch. „Du läßt Dich nicht ſchlagen, Du Lümmel,“ antwortete per unverdroſſen weiter arbeitend,„glaub's wohl, aber Deine Sch⸗ kriegſt Du doch.“ 3 Oswald, dem dieſe Scene peinlich wurde, ſo reichlich den Menſch ſeine Züchtigung verdient hatte, bat Hertn Wrampe, es nun gut ſein zu laſſen. Der verſtattete ſeinem Zorn noch einen letzten kräftigen Hieb und ſagte dann, wie zum Schluß einer vernünftget 1 Auseinanderſetzung: 8 „Na, nu komm, Jochen! wir wollen den Wagen wieder in Schick bringen!“ 3 Dann ſtämmte er ſeine mächtigen Schultern gegen das Fuhrwer hob und ſchob es zurecht, als ob es ein Kinderwägelchen geweſen wäre, die Pferde, die wieder ruhig geworden waren, zogen an, und der Knecht konnte jetzt ſeinen Weg fortſetzen. „Fahr' langſam und vergiß nicht, was ich Dir ge⸗ ſagt habe!“ rief ihm der Inſpector nach. ———˖— Erſter Band. 31 „Aber Sie haben ja nur durch Schläge zu ihm geſprochen!“ ſagte Oswald lächelnd. „Ja, verſtehen es die Kerle denn, wenn man vernünftig mit ihnen ſpricht!“ „Haben Sie denn je den Verſuch gemacht?“ Herr Wrampe ſchien durch dieſe Frage einigermaßen in Ver⸗ legenheit geſetzt. Er ſagte zur Antwort:„Das hat mich warm gemacht!“ Dann zog er eine Branntweinflaſche, die mindeſtens ein halbes Quart hielt, aus der Taſche, ſetzte den Daumen an die Stelle, bis zu welcher er den Inhalt zu leeren gedachte, trank, hielt die Flaſche abermals gegen das Licht und that, da er zu finden ſchien, daß er ſeine Aufgabe nicht vo tändig gelöſt hatte, noch einen herzhaften Schluck. Dann beſtieg er ſein Pferd, das, an dergleichen Scenen gewöhnt, ruhig dageſtanden hatte, wünſchte freundlich guten Abend, fetzte wieder über den Graben und ritt im Galopp davon. „ Bei Bruno wurde Alles zur Leidenſchaft. Die Gluth ſeiner Einbildungskraft verdichtete die Schemen der Poeſie zu Menſchen von Fleiſch und Blut. Der Tod Hektor's entlockte ihm Thränen des WMitleids und des Zornes, und der moraliſche Unwille, der ihn er⸗ faßte, wenn er vor ſeinen Augen eine Ungerechtigkeit, eine Granſam⸗ keit verüben ſah, war ſo groß, daß er in ihm ein phyſiſches Unwohl⸗ ſein zu Wege brachte. 3 So fand Oswald, als er in der Nacht nach dieſem Vorfall an Bruno's Bett trat, daß ſein Liebling gegen ſeine Gewohnheit noch wach war. Das mehr als ſonſt blaſſe Geſicht des Knaben und der ete Schweiß auf ſeiner Stirn machten ihn beſorgt, und der Knabe ſtand denn auch nach einigem Zögern, daß er, nur um ſeinen eund nicht zu ängſtigen, ſein Unwahlſein verheimlicht habe, und große Schmerzen leide. Oswald wollte ſogleich die Leute im e m⸗n und nach dem Doctor ſchicken, aber Bruno bat ihn, Khen, da dergleichen im Schloſſe immer ſogleich zu einer Staatsation gemacht weide, und ihn die Umſtändlichkeit, ſolchen Gelegenheiten beweiſe, nur beängſtige und noch k⸗ 32 Problematiſche Naturen. „ 5 „Uebrigens,“ ſagte er,„bin ich an dieſe Anfälle ſchon gewöhnt und wenn Sie die Güte haben wollen, mir etwas Thee zu bereiten und mir ein paar Tropfen von der Eſſenz zu geben, die der Doctor neulich für mich verſchrieben hat— das Fläſchchen ſteht auf meinem Pult— ſo ſollen Sie ſehen, geht es bald vorüber.“ Oöswald beeilte ſich, das Gewünſchte herbeizuſchaffen. Er gab dem Knaben von der Mediein, er ließ ihn den Thee trinken, er rückte ihm das Kopfkiſſen zurecht, er holte noch eine Decke herbei, er that Alles mit jener Umſicht und Gewandtheit, mit der feinfühlende Men⸗ ſchen, auch wenn ſie nicht daran gewöhnt ſind, mit Kranken umzu⸗ gehen, die profeſſionirten Krankenwärter beſchämen. i Ihnen als Pfleger iſt es beinahe ein Vergnügen, krank zu ſein,“ ſagte Bruno, dankbar die Hand ſeines Freundes drückend. „Still, ſtill!“ ſagte der,„thue mir nur den Gefallen und habe keine Schmerzen mehr.“ „Ich will mein Möglichſtes thun,“ ſagte der Knabe lächelnd. Wirklich ging Oswald's Wunſch bald in Erfüllung. Die kalten Tropfen auf der Stirn des Kranken wurden zu warmen, und alsbald umhüllte ihn die gütige Natur mit tiefem Schlaf, um ſtill und heim⸗ lich das geſtörte Gleichgewicht des Organismus wieder herzuſtellen. Manchmal noch zuckte die feine, ſchmale Hand, die Oswald in der ſeinen hielt; dann ließ auch das nach, und der Arzt aus dem Steg⸗ reife gratulirte ſich im Stillen zu dem guten Erfolge ſeiner Kur. Aber er mußte doch wohl noch einige Beſorgniß vor einem Rückfalle haben, denn er entzog leiſe ſeine Hand der des Knaben, holte aus ſeinem Zimmer einen Lehnſtuhl und ſetzte ſich zu Häupten des Bettes. Die Lampe hatte er ausgelöſcht, damit die ungewohnte Helle den Schläfer nicht beläſtige, und ſo ſaß er denn im Dunkeln und ſah das Mondlicht, das durch eine Spalte des Vorhanges fiel, langfam an der Wand hingleiten und horchte auf die regelmäßigen Athemzüge des Knaben, bis ihn ſelbſt die Müdigkeit überwältigte. —— — . Erſter Band. Sechstes Capitel. s war in den Abendſtunden eines der nächſten Tage, daß in dem Gartenſaale des Schloſſes zwei Damen ſaßen, von denen die eine die Baronin Grenwitz, die andere eine junge Frau, die vor ein paar Stunden zu Pferde von einem benachbarten Gute auf Beſuch gekommen war. Die Fenſterthür, die aus dem Gemache in den Gar⸗ ten und zunächſt auf einen großen, von hohen Bäumen umgebenen Raſenplatz führte, in deſſen Mitte eine Flora aus Sandſtein ſchon ſeit anderthalb Jahrhunderten ſteinerne Blumen aus ihrem Horne ſchüttete, war weit geöffnet. In dem Zimmer, welches nach Norden lag, war es ſchon dämmerig; draußen aber lag noch der Abendſchein warm auf dem Raſen und den prächtigen Buchen und Eichen, und die Geſtalten der beiden Damen, die an einem Tiſche ſaßen, den man in die Thür geſchoben hatte, zeichneten ſich ſcharf auf dem hellen Hintergrunde ab. Ein größerer Gegenſatz war nicht leicht denkbar. Die Baronin von Grenwitz war kaum vierzig Jahre alt, aber die Strenge ihrer männlich feſten Züge, die großen, kalten grauen Augen, die ſie ſo forſchend und ſo lange auf den Sprecher richtete, die Gemeſſenheit ihrer Bewegungen, ihre hohe, weit über das gewöhnliche Frauenmaaß hinausreichende Geſtalt, vorzüglich aber ihre eigenthümliche Art ſich zu kleiden, ließen ſie manchmal faſt um zehn Jahre älter erſcheinen. Sei es übergroße Einfachheit, ſei es, wie Andere wollten, eine an Geiz grenzende Sparſamkeit, ſie bevorzugte Stoffe, die ſich, wie das Hochzeitskleid der würdigen Pfarrerin von Wakefield, mehr durch Dauerbarkeit, als durch irgend glänzende Eigenſchaften empfahlen, und ſie liebte einen Schnitt der Kleidung, von dem man deshalb nicht behaupten konnte, er ſei nicht mehr modiſch, weil er es eigent⸗ niemals geweſen war. Wie die Erſcheinung für den erſten Augenblick auf Jeden den Eindruck der Würde machte, ſo bemerkte auch der aufmerkſame Beobachter an ihrer in jedem Momente muſter⸗ haften Haltung, und vor allem an dem ſtets ruhigen, gleichmäßigen g Spielhagen's Werke. J. 3 34 Problematiſche Naturen. Ton ihrer etwas tiefen, wohllautenden Stimme und ihrer immer ge⸗ wählten Sprache, die jeden vulgären Ausdruck ſorgfältig vermied, daß ſie ſich dieſes Eindrucks wohl bewußt war und ihn auf jede Weiſe zu erhalten ſuchte. Ob die Dame, welche ſich bei der Baronin befand, ſich durch die ſtattliche Erſcheinung derſelben imponiren ließ, oder es für paſſend hielt, wenigſtens den Anſchein davon anzunehmen, laſſen wir dahin⸗ geſtellt; ſo viel iſt ſicher, daß ſie ſich in dieſem Moment einer Hal⸗ tung befleißigte, die mit dem Ausdruck ihres Geſichts, ja nicht einmal mit ihrem Anzuge übereinzuſtimmen ſchien. Sie trägt ein Reit⸗ gewand von dunkelgrünem Sammet, das hinreichend in die Höhe geſteckt iſt, um ſie nicht beim Gehen zu hindern und ihre ſchmalen Füße, die in eleganten Stiefelchen ſtecken, zu verhüllen. Das eng⸗ anſchließende Gewand hebt die ſchönen Formen des jugendlich⸗vollen Körpers vortheilhaft hervor, und der kleine runde Hut, der nebſt Handſchuhen und Reitpeitſche auf einem kleinen Tiſche in ihrer Nähe liegt, muß dieſem wohlgebildeten Kopfe mit den üppigen, braunen Haaren, die, einfach in der Mitte geſcheitelt, in reichen Wellen über Stirn und Ohren fallen und hinten zu einem Kranze aufgebunden ſind, vortrefflich ſtehen. Sie ſitzt der ſtreng wirthſchaftlichen und muſterhaft fleißigen Baronin, die an einem Stück Leinwand, das möglicherweiſe eine Serviette iſt, eifrig näht, gegenüber und ſcheint mit dem Sticken eines Namenszuges in einer ſchon geſäumten Ser⸗ viette beſchäftigt. Dies nimmt ſich nun freilich bei ihrem Anzuge wunderlich genug aus, auch ſcheint dieſe Arbeit der Dame nicht eben zuzuſagen, wenigſtens hebt ſie, als jetzt die Baronin aufſteht, um im Hintergrunde des Zimmers etwas zu ſuchen, ſchnell den Kopf in die Höhe und zeigt ein hübſches Geſicht mit kindlich⸗ weichen Zügen und großen braunen, in feuchtem Schimmer glänzenden Augen, und dies Geſicht hat jetzt genau den Ausdruck eines über⸗ müthigen Schulmädchens, deſſen ſtrenge Lehrerin auf einen Augenblick den Rücken wendet. „Was ſagten Sir, liebe Anna⸗Maria?“ fragte die Dame, indem ſie ſich, als die Baronin ſich umwandte, wieder über ihre Arbeit beugte. Er Erſter Band. „Ich fragte Sie, liebe Melitta, hätten?“ Melitta als zu viel; reichen.“ Die Baronin hatte ſich auf für einen Augenblick abgebrochene „So ſcheint doch wenig Hoffnung auf ſung?“ ſagte ſie. „Wenig oder keine, jüngſten Zeit, wo die Anfälle von Doctor Birkenhain ſchreibt mir, Blödſinn retten könnte; das heißt verloren.“ „Es iſt ein hartes hat, meine arme Melitta,“ Melitta zuckte die Achſeln, „Es war in dieſen ſelben anzunehmen ſchien, daß das angeſchlagene peinlich ſein könne, ruhig fort,„daß ich geſchen habe. Ich geſtehe, daß ich ſchon den ſo ärgerlichen Streit mit ihrem Vetter Oldenburg ſuchte vergeblich, die wirklich mich eines leiſen Verdachte Melitta von Berkow ſchienen dieſe lichen Gedächtniß der Baronin nicht eb unruhig und warf, augenſcheinlich ohne re die Frage hin: „Haben Sie nichts „Der Baron iſt ſeit ach rief Melitta mit einem von ihrer Arbeit aufſehen machte. „Was haben Sie, Melitta?“ „Ich bin ſo ungeſchickt,“ ſagte dieſ ob Sie noch genug rothes Garn machte eine Miene, als ob ſie ſie begnügte ſich indeß zu ſagen: „antwortete Melitta; Tobſucht gänzlich aufgehört haben. daß nur ein Wunde wohl ſo viel, als: Lvos, das der Allmächtige über Sie v ſagte die Barvnin. antwortete aber nicht. Räumen,“ fuhr die Baronin, Barnewitz anfing— B fatale Scene abzukürzen— s nicht erwehren konnte.“ Proben von dem vortreff⸗ en zu entzücken; B aus dem Daumen der linken Hand; ſagen wollte, mehr „ich denke, es wird ihren Platz geſetzt und nahm die Converſation wieder auf. eine vollkommene Gene⸗ „beſonders in der r Carlo'n vom er iſt unrettbar erhängt die nicht Thema Melitta irgendwie Berkow zum letzten Mal an jenem Abend, als er aron ſie wurde cht zu wiſſen, was ſie ſagte, von Oldenburg gehört?“ t Tagen zurück.“ Ausdruck, der Frau v on Grenwitz e und preßte ein Tröpfchen „alſo Oldenburg iſt zurück; 3* 2 36 Problematiſche Naturen. was bringt ihn denn auf einmal wieder her? Hat er ſich in Egypten eben ſo gelangweilt, wie hier?“ „Die Contracte mit ſeinen Pächtern laufen nächſten Martini ab, eben ſo wie auf einigen unſerer Güter. Ich vermuthe, daß ihn dies zur Rückkehr bewogen hat. Er ſcheint noch menſchenſcheuer geworden zu ſein, als er es ſchon damals war. Griebenow, unſer Fötſter, iſt ihm im Walde begegnet; bei uns hat er ſich noch nicht ſehen laſſen.“ „Nun, dieſe Unaufmerkſamkeit des Barons werden Sie ja leicht verſchmerzen, liebe Anna⸗Maria; Sie waren ja nie beſonders gut auf ihn zu ſprechen.“ „Ich wüßte auch nicht, daß Oldenburg mir je Veranlaſſung ge⸗ geben hätte, das zu thun; mir ſo wenig wie irgend Einem von uns. Ein Mann, welcher der Religion— ich möchte beinahe ſagen, offen Hohn ſpricht, der die Würde ſeines Standes, die Intereſſen ſeiner Standesgenoſſen ſo weit vergißt, auf den Kreistagen, auf den Land⸗ tagen, bei jeder Gelegenheit die Partei der Neuerer zu ergreifen; der unſere Societät nur aufzuſuchen ſcheint, um ſich über uns luſtig zu machen— ein ſolcher Mann hat es ſich ſelbſt zuzuſchreiben, wenn wir unſer Intereſſe und unſere Theilnahme Anderen zuwenden, die es beſſer verdienen.“ „Ei, an Intereſſe von Seiten der Anderen hat es, däucht mir, Oldenburg ſchon vamals nicht gefehlt, und wird es, glaube ich, ihMm auch jetzt wieder nicht fehlen. Ich weiß eigentlich nicht, weshalb ſich alle Welt ſo viel um einen Mann bekümmert, der ſich an die Welt im Großen und Kleinen ſo wenig kehrt.“ „Das iſt wohl ſehr erklärlich, liebe Melitta. Die Oldenburg's. gehören zu unſeren älteſten Familien; es kann uns nicht gleichgültig ſein, ob der letzte Sproſſe einer ſolchen Familie ein Plebejer wird, oder nicht.“ 2 „Oldenburg wird nie ein Plebejer werden,“ ſagte die jüngere Dame mit einiger Wärme.. „Ei, ei, liebe Melitta! Sie nehmen ſich ja des Barons vecht, lebhaft an. Wollen Sie auch etwa ſeinen unmoraliſchen Lebenswandel vertheidigen, ſeine Liebesaffairen, mit denen er die chroniaue sen daleuse nicht nur unſerer Gegend bereichert hat?“ Erſter Band. „Ich habe nie, ſo viel ich weiß, etwas Unmoraliſches gethan oder gut geheißen,“ ſagte Frau von Berkow noch lebhafter wie zuvor. „Und was Herrn von Oldenburg's Privatleben betrifft, ſo erlaube ich mir darüber gar kein Urtheil, da es mir vollkommen fremd iſt.— Uebrigens,“ fuhr ſie nach einer Pauſe und mit wieder ruhiger Stimme fort,„ſollte es mich doch wirklich wundern, wenn Oldenburg in der That der Dyn Juan wäre, zu dem man ihn durchaus machen will. Sie werdeh mir zugeben, liebe Anna⸗Maria, daß er weder die Schönheit noch die Gewandtheit beſitzt, welche die nothwendigen Eigenſchaften der Repräſentanten dieſer Rolle ſind.“ „Darüber erlaube nun ich mir wieder kein Urtheil,“ ſagte die Baronin, nicht ohne merkliche Jronie,„das müßt Ihr jungen Frauen unter Euch abmachen.“ „Junge Frauen,“ rief Melitta lachend. Sie ließ die Arbeit in den Schvoß ſinken und lehnte ſich bequem in den Stuhl zurück, die Baronin, die unverdroſſen weiter nähte, mit einem Blick betrachtend, in welchem ſich ein güt Theil Schalkheit mit einem ganz kleinen Theil Böswilligkeit miſchte,„junge Frauen! Wiſſen Sie, liebe Anna⸗Maria, daß ich noch in dieſem Jahre dreißig werde? Mein Julius wird im nächſten Monat zwölf— nur vier Jahre jünger wie Ihre Helene. Apropps, wie geht es denn dem lieben Kinde? Soll ſie denn ewig in dem Hamburger Penſionat bleiben? Wie lange iſt ſie denn nun ſchon da? zwei, nein, es ſind ja ſchon drei Jahre! Und nicht ein einziges Mal hier geweſen in der ganzen Zeit! Sie werden Ihr eigenes Kind nicht wieder erkennen, liebe Grenwitz!“ „Das Hamburger Penſionat iſt ſo ausgezeichnet, wird von Allen ſo gerühmt, daß ich mir ein Gewiſſen daraus machen würde, das Mädchen nicht ſo lange wie möglich dort zu laſſen. Uebrigens haben Sie wohl vergeſſen, liebe Berkow, daß wir mit Helenen im vorigen Sgmer in Oſtende waren, und da Sie ſo große Sehnſucht nach der jungen Dame zu empfinden ſcheinen, will ich Ihnen auch in allem Vertrauen mittheilen, daß Sie dieſelbe noch in Beli Sommer auf Grenwitz werden begrüßen können.“ in dieſem Sommer! ei, ſieh! das hängt doch wohl nicht amit Olbenburg's Rückkehr zuſammen? Verzeihen Sie meine 38 Problematiſche Naturen. Indiscretion! aber ich erinnere mich, daß Sie vor einigen Jahren, als der Baron von ſeiner erſten großen Reiſe zurückkehrte, einmal äußerten, wie Ihnen eine Verbindung mit Oldenburg wohl conveniren würde.“ „Damals kannte ich den Baron nicht, wie ich ihn leider ſeitdem kennen gelernt habe. Auch würde das Grenwitz' Wünſchen nicht ent⸗ ſprechen, der Helenen, glaube ich, nach einer andern Seite halb und halb verſprochen hat.“ „Nach einer andern Seite? doch nicht etwa an Ihren vortreff⸗ lichen Couſin Felir?“ „Wie geſagt, ich weiß nichts Beſtimmtes darüber; Grenwitz iſt ſo verſchloſſen; aber ich vermuthe es faſt daraus, daß er Felix be⸗ ſtimmt hat, auf ein Jahr Urlaub zu nehmen und dieſes Jahr bei uns zuzubringen. Seine Geſundheit ſoll ſehr angegriffen ſein.“ „Hoffentlich nicht ſo angegriffen wie ſein Vermögen,“ ſagte Melitta trocken. „Sein Vermögen? Was wiſſen Sie denn von Felix Privat⸗ verhältniſſen?“ „Ich ſage nur, was alle Welt ſagt. Sie werden mir zugeben, Liebe, daß, wenn ſchon über Oldenburg die chronique scandalense nicht ſtumm iſt, ſie über Felir ſehr viel zu ſagen weiß, und an Stoff hat es ihr der Herr Lieutenant doch wahrlich nicht fehlen laſſen.“ „Felix iſt noch jung.“ „Nicht jünger als Oldenburg.“ „Fünf Jahre.“ S „Das ſieht man ihm wahrlich nicht an; freilich, er hat etwas ſchnell gelebt, der gute Felix.“ „Man ſollte wahrlich glauben, liebe Melitta, daß Felix Ihnen näher ſtände, als es der Fall iſt. Aufrichtig, ich möchte gern wiſſen, was Sie von dieſer Heirath denken, im Folle Grenwitz vas Project nicht aufgeben ſollte.“ „Nun denn, aufrichtig: ich würde ſie für ein Unglück, für ein um ſo größeres Unglück halten, je ſchöner und unſchuldiger Helene iſt. Was, um Alles in der Welt, kann den Baron zu dieſer Heirath — Erſter Bang beſtimmen? Denn daß eine Mutter zu ſolch einer Verbindung, die ihre Tochter namenlos unglücklich machen müßte, Ja ſagen ſollte, kann ich mir nimmermehr denken.“ Melitta war aufgeſprungen, hatte ihre Reitpeitſche ergriffen und hieb damit ſauſend durch die Luft, als wollte ſie ſagen: das verdient der, welcher zu dieſem Bubenſtück die Hand bietet. In der ſchlanken, hoch aufgerichteten Frauengeſtalt hätte man kaum dieſelbe wieder er⸗ kannt, die ſich vorhin ſchüchtern über ihre Arbeit beugte, oder ſich läſſig in die Kiſſen des Stuhles ſchmiegte. Selbſt die Züge des Geſichtes ſchienen anders zu werden, ſchärfer, älter; das Feuer in den großen Augen loderte düſter auf. Offenbar hatte die Er⸗ wähnung dieſer Heirath eine Saite in ihr angeſchlagen, die häßlich durch ihre Seele ſchrillte. Sie fuhr in demſelben aufgeregten Tone fort: „Felix iſt ein notoriſcher Wüſtling. Wie kann ein Wüſtling Liebe fühlen? Und geſetzt, Helenens Schönheit, Unſchuld und Jugend trügen für eine Zeit über ſeine Blaſirtheit den Sieg davon, ſo kann dies nicht von Dauer ſein. Ein gründlich Blaſirter wird niemals wieder ein ganzer Mann; und kann Helene einen ſolchen halben Mann lieben? und iſt das Leben ohne Liebe werth, daß man es lebt? und können Sie das Unheil verantworten, das aus ſo einer liebloſen Ehe wie Unkraut aufſchießt? Ich weiß—“ Die junge Frau ſchwieg plötzlich und ging mit ſchnellen Schrit⸗ ten in dem Gemache auf und ab. Dann nach einer kleinen Pauſe: „Und welch' äußere' Vortheile könnte dieſe Ehe gewähren? Felir hat ſeiner ungemeſſenen Eitelkeit ſein Vermögen, wie ſeine Geſundheit zum Opfer gebracht. Seine Gäter ſind verſchuldet, über und über; und Ausſichten hat er, ſehviel ich weiß, auch nicht—“ „Nur daß er, wenn mein Malte ſtirbt, was Gott verhüten wolle, das Grenwitz'ſche Majbrat erbt,“ ſagte die Baronin. „Ja ſo!“ ſagte Melitta gedehnt. Die letzte Beierkung der Baronin hatte der edelmüthigen jungen Frau die Angelegenheit in einem ganz neuen Lichte gezeigt; dem unheimlichen Lichte vergleichbar, das aus der Blendlaterne eines Diebes auf das Schatzkäſtlein fällt, das er ſtehlen will. Sie hütete ſich indeſſen wohl, die Baronin, was 40 Problematiſche Naturen. in ihr vorging, merken zu laſſen, ſondern fuhr, ſich wieder in ihren Schaukelſtuhl werfend, in unbefangenem Tone fort: „Ich hoffe, Malte wird Felir' Gläubigern nicht den Gefallen thun, vor der Zeit zu ſterben, er wird ja zuſehends kräftiger, und wenn Sie dem Jungen nur mehr Freiheit laſſen wollten—“ „Freiheit!“ ſagte die Baronin;„muß ich das Wort ſchon wieder hören! Ich laſſe ihm ſo viel Freiheit, als ich mit einer vernünftigen Erziehung für verträglich halte. Ich meine, daß, wer wie Malte einſt über ein bedeutendes Vermögen gebieten wird, nicht zeitig genug gehorchen, ſich einſchränken, ſich Unnöthiges, Ueberflüſſiges verſagen lernen kann. Wir haben ja an unſerm Neffen Felir das lebendigſte Beiſpiel, wohin die allzugroße Nachſicht führt.“ „Das iſt Alles wahr,“ ſagte Melitta,„aber—“ „Wir haben uns ja wohl über das Thema der Erziehung unſerer Kinder ein für alle Mal des Streites begeben,“ ſagte die Baronin mit dem Lächeln der Ueberlegenheit.„Ich weiß, was ich will, und das werde ich mit Gottes Hülfe durchführen.“ „Apropos, habe ich Ihnen ſchon geſagt, daß ich meinen Julius ein dieſen Tagen nach Grünwald auf's Gymnaſium ſchicken will?“ warf Melitta hinein. „Wieder ſo ein Wageſtück!“ antwortete die Baronin.„Baron Oldenburg hat auch ſo eine öffentliche Erziehung, wie ſie es nennen, genoſſen, und ich denke, die Reſultate ſind danach. Freilich hat man mit den Hauslehrern auch ſeine liebe Noth⸗“. „Sie haben ja jetzt einen neuen, nicht wahr?“ ſagte Melitta, die aufgeſtanden war und ſich in die Thür lehnte;„wie iſt er denn?“ 3 Die Baronin zuckte die Achſeln. 3, „Aber wie kann man das auch fragen,“ ſagte Melitta lachend. „Er wird ſein wie alle Andern: entſetzlich gelehrt, eckig, pedantiſch, langweilig. WBemperlein, Bauer— das iſt Alles ein Genre. Ich will einen Hauslehrer auf hundert Schritt erkennen. Ah! wer iſt der junge Mann, der da mit Bruno über die Wieſe kommt?“ Die Frage blieb unbeantwortet, da in dieſem Augenblick Made⸗ moiſelle Marguerite in das Zimmer getreten und die Baronin auf⸗ ——— Erſter Band. geſtanden war, ihr einige Aufträge wegen der Abendmahlzeit zu geben. Melitta wandte ſich um, aber die Baronin hatte mit einem: „Entſchuldigen Sie mich!“ das Zimmer verlaſſen. Melitta blieb allein und mußte ſelbſt die Antwort auf ihre Frage zu finden ſuchen. Sie zog ſich ein wenig aus der Thür zurück und muſterte mit ihren ſchar⸗ fen Augen die Erſcheinung des unbekannten jungen Mannes. Siebentes Capitel. Oöswald war mit Bruno aus den Bäumen, die den Raſenplatz umſäumten, dem Schloſſe gegenüber herausgetreten. Sein rechter Arm ruhte auf des Knaben Schulter, der wiederum ſeinen Arm um Oswald's Hüften geſchlungen hatte und lächelnd in das Geſicht des jungen Mannes aufſchaute, während dieſer angelegentlich zu ihm ſprach. Als ſie ein paar Schritte auf die Wieſe gemacht hatten, blieben ſie ſtehen. Oswald deutete mit der Hand nach der Richtung, aus der ſie gekommen waren und Bruno ſprang in das Gehölz zu⸗ rück. Der junge Mann ſtand, die Rückkehr ſeines Freundes erwartend und köpfte mit dem Stäbchen, das er in der Hand trug, zum Zeit⸗ vertreib einige Gräſer, die allzulang emporgeſchoſſen waren. Er hatte keine Ahnung davon, daß fünfzig Schritte von ihm ein Paar eben ſo ſchöner, wie ſcharfer Augen jeden ſeiner Züge muſterte, jede ſeiner Bewegungen ſorgfältig beobachtete. „Wenn das der neue Hauslehrer iſt, ſo iſt er ein Beweis mehr für den alten Satz, daß es zu jeder Regel Ausnahmen giebt. Der ſieht wahrlich nicht aus, als ob er zu der Familie der Bemperlein's gehörte. Dieſen eleganten Sommeranzug haben Sie wohl mit aus der Reſidenz gebracht. Sehr nett, in der That, für einen Hauslehrer faſt zu nett. Sie ſcheinen etwas eitel zu ſein, mein Herr, und lange Conferenzen mit ihrem Schneider zu halten. Aber Sie ſind hübſch gewachſen, das muß man Ihnen laſſen, und der kleine Schnurrbart 42 Problematiſche Naturen. ſteht Ihnen ausnehmend gut. Wollen Sie nicht gefälligſt einmal den Kopf in die Höhe heben; ich wünſchte, Ihre Augen zu ſehen. So— sauve qui peut!“ Melitta trat, als Oswald jetzt zufällig die Augen aufſchlug, ſchnell zurück, ſo daß ſie hinter der Thür verborgen war. Sie warf einen flüchtigen Blick in einen Spiegel, der ſich in der Nähe befand, und glättete raſch ihr üppiges Haar. Dann näherte ſie ſich ver⸗ ſtohlen wieder der Thür. Bruno kam aus den Bäumen herbeigeſprungen und zeigte Oswald ein Büchelchen:„Hier iſt es,“ rief er,„aber Sie bekommen es nicht.“ Oswald wollte den muthwilligen Knaben haſchen, der ihn immer herankommen ließ, um ihm dann jedesmal durch eine blitz⸗ ſchnelle Wendung, oder einen Satz, deſſen ſich ein Uncas nicht hãtte zu ſchämen brauchen, zu entgehen. Melitta war, durch das hübſche Schauſpiel angelockt, aus ihrem Verſteck getreten. Sobald Bruno ihrer anſichtig wurde, rannte er auf ſie zu, und Oswald, der, über die unerwartete Erſcheinung der Dame verwundert, ſtehen geblieben war, ſah, wie der Knabe ihre Hände ergriff und mit ſtürmiſcher Zärtlichkeit an ſeine Lippen drückte. „Da biſt Du ja, mein Wilder!“ ſagte die Dame und ſtreichelte die dunklen Locken des Knaben,„wo haſt Du denn den gup Nach⸗ mittag geſteckt?“ „Ich bin ſpazieren geweſen— mit Oswald, wollte ſagen, mit Herrn Doctor Stein;“ rief Bruno, und dann zu Oswald ſich wen⸗ dend, der grüßend näher getreten war,„dies iſt Frau von Berkow, Oswald, von der ich Ihnen nur noch heute Morgen erzählte; dies iſt Herr Stein, Tante Berkow, den ich ſehr, ſehr lieb und den Sie auch ein wenig lieb haben ſollen.“ „Man darf ſeine Waare nicht zu ſehr anpreiſen, Bruno,“ ſagte Oswald, ſich lächelnd vor der jungen Frau verbeugend,„oder der Käufer wird ſtutzig.“ „Nicht, wenn der Verkäufer ſo gut accreditirt iſt, wie dieſer Wildfang bei mir,“ ſagte Melitta, leicht errthend.„Wie lange ſind Sie ſchon auf Grenwitz, Herr Doctor?“ Erſter Band. 43 „Seit vierzehn Tagen etwa, gnädige Frau.“ „Sagte mir die Baronin nicht, daß Sie aus der Reſidenz kämen?“ fragte Melitta, die neugierig war, zu erfahren, ob ſich ihre Vermuthung wegen Oswald's Anzug beſtätigte. „Nicht direct, gnädige Frau; ich lebte zuletzt in Grünwald.“ „In Grünwald? das intereſſirt mich. Da könnten Sie mir ja gleich die beſte Auskunft geben. Die Sache iſt nämlich die— aber ich langweile Sie gewiß mit meinen indiscreten Fragen!“ „Bitte, gnädige Frau; ich würde mich glücklich ſchätzen, Ihnen irgendwie dienen zu können.“ „Sehr gütig. Die Sache iſt die. Ich will meinen Sohn— er iſt ungefähr in Bruno's Alter—“ „Oho, Tante, drei Jahre jünger!“ rief Bruno, der ſich jetzt in einiger Entfernung auf einer Schaukelbank wiegte. „Welch' ſcharfes Ohr der Junge hat,“ ſagte Melitta, ihre Stimme ſenkend.„Alſo, ich will meinen Julius nach Grünwald auf's Symnaſium ſchicken. Oder vielmehr, ich muß, denn ſein Lehrer, ein Herr Bemperlein, der ſchon ſechs Jahre bei ihm iſt, hat eine Pre⸗ digerſtelle bekommen und wird uns in dieſen Tagen verlaſſen. Nun weiß ich nicht— aber da kommt die Baronin— ich muß meine tauſend und eine Frage über tauſend und ein verſchiedene Dinge, die mir ſo vollkommen fremd ſind wie meinem guten Bemperlein, der längſt verlernt hat, wie es in der Stadt ausſieht, wenn er es überhaupt jemals wußte, auf eine gelegenere Zeit verſparen. Hier kommt man ja doch nicht dazu. Wie wär's, Herr Doctor, wenn Sie mich in dieſen Tagen mit Ihrem Beſuche beehrten; morgen Nach⸗ mittag etwa?“ Oswald verbengte ſich. „Ich habe den Herrn Doctor gebeten, mir morgen ſeinen Beſuch zu ſchenken,“ ſagte Melitta, zur Baronin gewandt, die in dieſem Augenblick mit Mademoiſelle Marguerite wieder in's Zimmer trat. „Es iſt wegen der Grünwalder Angeledenheit. Ihr habt doch nicht worgen Namittag etwas Beſonderes vor, denn ich möchte nicht, däß der Herr Doctor Stein wir ein allzugroßes Opfer bringt.“ mi- etwas ſagte die Baronin;„Sie kennen ja 44 Problematiſche Naturen. unſer ſtilles Leben, liebe Melitta; im Gegentheil, ich denke, eine kleine Zerſtreuung der Art wird Herrn Doctor Stein, der die Einförmig⸗ keit eines ländlichen Aufenthalts ſicher ſchon empfunden hat, recht willkommen ſein. Ich ſelbſt wollte Sie für morgen ſchon zu einem Beſuche zu beſtimmen ſuchen, Herr Stein; bei unſerm Paſtor, der ſchon empfindlich ſein wird, daß Sie ſich ihm noch nicht vorgeſtellt haben.“ „Nun, das läßt ſich ja ganz gut vereinigen,“ ſagte Melitta; „morgen iſt Sonntag, der Paſtor Jäger wird entzückt ſein, wenn Sie die nicht allzu große Schaar ſeiner Zuhörer durch Ihre Perſon ver⸗ mehren. Berkow iſt von Faſchwitz durch den Wald nur ein halbes Stündchen entfernt. Ich würde Sie gleich zu Mittag einladen, aber ich weiß, daß die Frau Paſtorin Sie nicht ſobald wieder fortlaſſen wird. Nun, was ſagen Sie, Herr Doctor?“ „Ich kann den Damen nur meinen tiefgefühlten Dank aus⸗ ſprechen, daß Sie die Güte haben wollen, über meine Zeit beſſer zu disponiren, als ich es auf jeden Fall im Stande wäre,“ antwortete Oswald mit einer höflichen Verbeugung. „Das heißt: der Weiſe ſchickt ſich in das Unvermeidliche,“ ſagte Melitta lachend.„Und hier kommt der Baron mit Malte, und wir können zu Tiſche gehen, wonach ich, offen geſtanden, großes Ver⸗ langen trage.“ Die Tafel war auf dem niedrigen Perron, der nach dem Garten zu dem Schloſſe in ſeiner ganzen Länge angebaut war, unter einem Zeltdache gedeckt. Der Abend war herrkich. Die Sonne war im Untergehen. Roſige Lichter ſpielten in den Wipfeln der hohen Buchen, die den ſchattigen Raſenplatz umgaben. Schwalben ſchoſſen zwitſchernd und zirpend durch die klare Luft. Ein Pfau kam, durch das wohl⸗ bekannte Klappern der Teller herbeigelockt aus dem Gebüſch eilig über die Wieſe geſchritten, und ſammelte die Brocken auf, die der alte Baron ihm über das Steingeländer des Perrons zuwarf. Die Unterhaltung war heute um Vieles lebhafter, als es wohl ſonſt der Fall war. Die Baronin konnte, wenn ſie wollte, eine ſebr angenehme Wirthin machen, und ſie war rer zur Schau Ze⸗ nicht ſo frei von Erſter Band. Eitelkeit, daß es ihr gleichgültig geweſen wäre, neben Melitta über⸗ ſehen zu werden. Melitta aber war in der liebenswürdigſten Laune; ſie ſcherzte und lachte, neckte und ließ ſich necken, unbefangen, harm⸗ los, wie ein Kind. Es fiel Oswald, während er ſich dem Zauber von Melitta's reizender Erſcheinung willig überließ, nicht ein, zu glauben, ſeine Gegenwart könne etwas zur Erhöhung ihrer Stimmung beitragen, und doch war dies in einem hohen Grade der Fall. Es giebt wenige Frauen, die vollkommen indifferent dagegen ſind, welchen Eindruck ſie auf ihre Umgebung hervorbringen, und Melitta gehörte durchaus nicht zu dieſen wenigen Frauen, wohl aber zu jenen Naturen von leicht erreglicher Sinnlichkeit, die ſich durch gefällige und ſchöne Formen in einer Weiſe beſtechen laſſen, die kälteren Temperamenten unbegreiflich iſt. Nun war Oswald, ohne das zu ſein, was man einen ſchönen Mann nennt, von der Mutter Natur nichts weniger als ſtiefmütterlich ausgeſtattet, und die gute Geſellſchaft, in der er ſich ſtets bewegt, hatte die natürliche Grazie ſeiner Manieren noch erhöht. Das Alles überraſchte Melitta um ſo angenehmer, als ſie es bei einem Manne von einer nach ihren Begriffen ſo untergeord⸗ neten Stellung am wenigſten erwartet hatte. Oswald ſchien ihr mit jedem Augenblick bedeutender; ſie fing an, ihre brüske Einladung von vorhin doch recht unpaſſend zu finden, und zugleich entzückte ſie der Gedanke, den liebenswürdigen jungen Mann ſo bald bei ſich zu ſehen. Es ſchmeichelte ihr, wenn, was über Tiſche mehr als einmal geſchah, Oswald's Blicke den ihren begegneten, und doch ſenkte ſie iedesmal die Wimpern vor einem Augenpaar, das bei aller Unbe⸗ fangenheit ſo beredt und forſchend blicken konnte. Nach Beendigung der Mahlzeit brachte die Baronin, da Melitta erklärte, noch ein Stündchen bleiben zu können, ein Reifſpiel in Vor⸗ ſchlag, Bruno ſprang fort, die Reifen zu holen, die weder verlegt, noch außer Stande waren, ein Umſtand, der gewiß für die muſter⸗ hafte Ordnung, die in dem Schloſſe Grenwitz herrſchte, beredt genug ſpricht; und bald hatte ſich die Geſellſchaft auf dem Raſen in einem weiten Kreiſe aufgeſtellt und die bunten Reifen flogen luſtig durch die warme Abenvluft von Einem zum Anderen. Alle, ſelbſt der zaron, legten eine größere oder geringere Geſchicklichkeit an den Tag, mit Ausnahme von Malte, der ſeinen Reif in den meiſten 46 Problematiſche Naturen. Fällen, wo er ihm nicht unmittelbar auf den Stock geflogen kam, fallen ließ, eine Gelegenheit, die Melitta, ſeine Nachbarin, zum großen Aerger Bruno's, der die Spielregeln eingehalten wiſſen wollte, jedes⸗ mal benutzte, ihren Reif aus der Reihe einem der Mitſpieler blitz⸗ ſchnell über den Kopf zu ſchleudern, wobei Oswald nicht umhin konnte, zu bemerken, daß Melitta ihn häufiger wie die Uebrigen auf dieſe Weiſe auszeichnete. Unterdeſſen war der Abend tiefer herabgeſunken; der alte Baron hatte eine ſchwache Spur von Thau auf dem Raſen bemerkt; Abend⸗ thau aber war nach ſeiner Meinung reines Gift für Malte, der als kleines Kind eine Zeit lang viel an der Bräune gelitten hatte, und er mahnte deshalb dringend, das Spiel rinzuſtellen. Melitta fand, daß es hohe Zeit für ſie ſei, aufzubrechen, und bat, ihrem Reitknecht Befehl zu geben, die Pferde zu ſatteln. Bruno war fortgeſprungen, den Auftrag auszurichten; die Baronin mit Mademviſelle in das Zimmer getreten; der Baron beſchäftigt, Malte, der ſich durchaus 3 erkältet haben ſollte, ein dickes Shawltuch um den Hals zu wickeln; Oswald und Melitta waren zum erſten Male ſeit ihrer unterbroche⸗ nen Converſation von vorhin allein geblieben. Melitta hatte von einem Roſenſtrauch, der zu den Füßen der Flora wuchs, eine Roſe gepflückt und betrachtete ſinnend die köſtliche Blume. „Verzeihen Sie, mein Herr,“ ſagte ſie plötzlich, leiſe und raſch, aber ohne die Augen aufzuſchlagen,„daß ich vorhin die Unſchicklich⸗ keit beging, Sie ohne weiteres um einen Beſuch zu bitien, der Ihnen am Ende beſchwerlich fällt, aber—“ „Kein Aber, gnädige Frau; ich wiederhole im Ernſt, was ich vorhin aus bloßer Höflichkeit jagte, daß ich mich glücklich ſchätzen würde, Ihnen irgendwie dienen zu können.“ — ů „Sie kommen alſo morgen?“ „Wie Sie befehlen.“ „Nein: wie ich wünſche.— Sehen Sie nur, wie wundervoll dieſe Roſe iſt! Lieben Sie auch die Roſen ſo?“ „Ich liebe Alles, was ſchön iſt,“ ſagte Oswald, nicht au 3 Roſe, ſondern auf Melitta blickend. * Sie hob die langen Wimpern und ſchaute dem jungen Mann tief und voll in die leuchtenden Augen. „Da!“ ſagte ſie plötzlich und hielt ihm die Roſe entgegen, als ob er ihren Duft einathmen ſollte; er aber fühlte nur, wie ſich die ſchlanken Finger der Dame leicht wie ein Hauch auf ſeine Lippen eegten. 6„Die Pferde ſind da, Tante!“ rief Brunv. „Ich komme!“ antwortete Melitta und eilte von Oswald fort. Die Roſe lag zu ſeinen Füßen; er bückte ſich ſchnell, hob ſie auf und verbarg ſie an ſeiner Bruſt. Mademoiſelle Marguerite brachte Melitta Federhut, Reitpeitſche und Handſchuh. 1 „Iſt die Baronin im Zimmer?“ „Ja. „So will ich gehen, ihr Adieu zu ſagen.“ Der alte Baron, Oswald und die Knaben gingen durch die titterthür des Parks nach dem Schloßhofe, wo ein Reitknecht zwei Pferde am Zügel führte. Oswald bewunderte die Schönheit der ⸗ Thiere, beſonders das mit dem Damenſattel, ein herrliches Vollblut, Melitta's Lieblingspferd: Bella. e Melitta trat, von der Baronin und Mademviſelle gefolgt, aus dem Portale raſch auf ihr Pferd zu. Der alte Baron hob ſie in den Sattel. Erſter Band. 47 6. .„Adien, adieu!“ rief ſie herunter.„Allez! Bella!“ und ſo n ſprengte ſie aus dem Schloßhof hinein in den dämmerigen Abend. Die Anderen waren wieder in's Haus getreten. Oswald ſtand die Augen nach dem Thor gerichtet, durch das Melitta verſchwunden n war, in ſich verſunken da. „Wollen wir nicht hineingehen, Oswald?“ ſagte Bruno, ſeine Hand ergreifend;„es iſt dunkel geworden.“ „Es iſt dunkel geworden,“ wiederholte der junge Mann und U folgte träumend dem Knaben. 3 48 Problematiſche Naturen. Achtes Capitel. Der Baron hatte Oswald angeboten, ihn nach der Kirche fahren zu laſſen; der junge Mann aber, der die ſchwerfälligen Braunen noch von dem Abend ſeiner Ankunft her in böſem Angedenken hielt, es abgelehnt. Bruno und Malte erwarteten heute die Knaben eines benachbarten Edelmanns zum Beſuch. Bruno wäre am liebſten mit Oswald gegangen, da dieſer aber ſelbſt ihn zu bleiben bat, ſagte er: „Sie ſind recht froh, daß Sie mich auf ein paar Stunden los ſind, aber ich weiß, was ich thue. Ich gehe in den Wald und komme d 1 1 vor Abend nicht wieder nach Hauſe.“ „Das wirſt Du nicht thun, Bruno!“ „Und weßhalb nicht?“ fragte der Knabe trotzig.. „Weil Du mich lieb haſt.“ „Nun denn, ſo will ich Ihnen zu Liebe hier bleiben, den alber⸗ nen Bans von Plüggen nicht prügeln und mich überhaupt ſo muſter⸗ haft benehmen, daß ſelbſt Tante zufrieden ſein ſoll.“ „Thue das, lieber Junge. Leb' wohl!“ „Leh' wohl, Lieber, Beſter!“ rief der Knabe und warf ſich ſtür⸗ miſch an die Bruſt ſeines einzigen Freundes, und eilte von ihm fort, in den Garten, dort mit ſeinem wilden Herzen allein zu ſein. 5 Oswald ging aus dem Schloßhofe den Weß, von dem er wußte, daß er nach dem Pfarrdorfe führte. Die Sonne ſchien hell aus dem blauen Himmel, an welchem weiße Wolkenballen unbeweglich ſtanden. Es war nicht heiß, denn der Athem des nahen Meeres hauchte Küh⸗ lung durch die Sommerluft. Lerchen jubelten hoch droben„im blauen Raum verloren.“ An dem Rande des nahen Waldes, von dem eine Ecke, Oswald zur Rechten, weit in das bebaute Land hineinſchöß, zog ein Gabelweih ſeine Kreiſe. Auf den Feldern ſah man keine Arbeiter; die Ackergeräthe lagen müßig. In einer Koppel, an welcher der Weg vorüberführte, lagen in ſatter Ruhe Kühe und Kälber; ein paar muntere Füllen kamen an den Zaun, und ſahen neugieria nach dem Wanderer. 3 ren voch es nes mit er: los nme ber⸗ ſter⸗ ſtür⸗ ort, ßte, dem den. küh⸗ men eine hoß, keine lcher ein na Erſter Band. ⸗ Oswald hatte ſchon den Hof des Gutes hinter ſich. Er kam auf dem mit Weiden an beiden Seiten beſetzten Wege an der Stelle vorüber, wo der Streit zwiſchen Bruno und dem Knecht ſtattgefunden hatte. Unwillkürlich blieb er ſtehen; die ganze Scene wurde wieder lebendig vor ſeinem Auge; er ſah den ſchönen Knaben, zürnend und drohend, wie ein jugendlicher Gott; und den feigen zurücktaumelnden Knecht. Faſt that es ihm leid, daß er ſeinen Liebling zum Zurück⸗ bleiben vermocht hatte. Er fühlte ſich ſo leicht, ſo froh an dieſem ſchönen Morgen, und es war ihm ſchon zur lieben Gewohnheit ge⸗ worden, wenn ſeine Seele ein Feſt feierte, den Knaben zu Gaſt zu haben.„Du, wie Al Hafi, Wilder, Guter, Edler!“ ſprach er bei ſich,„was willſt Du in dieſer Welt von weibiſchen Männern! Fürch⸗ ten ſie ſich doch jetzt ſchon vor Dir, da Du ein Knabe biſt, was werden ſie thun, wenn Du ein Mann geworden! Ein Mann thut uns noth, ſchreien die Gelehrten aller Arten. Wie wollt ihr Männer haben, wenn Haus und Schule und Leben ſich gegenſeitig unterſtützen, die ſtolze Kraft im Keim zu brechen! Da ſchnitzeln ſie an dem Bogen“ und ſchnitzeln immerfort, und wundern ſich, wenn das feine Ding hernach zerbricht. Pygmäengeſchlecht, das den Rieſen, den ein glück⸗ licher Zufall an ihren zden Strand geworfen, mit tauſend und aber tauſend Fäden regungslos an vie platte Erde feſſelt!“ Oswald war in dem beſten Zuge, ſich in eine miſanthropiſche Stimmung hineinzureden, aber der helle, leuchtende Morgen duldete die Nachtgedanken nicht. Ein Bild, das Bild einer ſchönen Frau, das geſtern Abend, bevor der Schlummer ſeine Augen ſchloß, noch zuletzt vor ſeiner Seele geſtanden hatte, das als ein lieber Schatten durch ſeine Träume geglitten war, und, wie der Nachklang einer köſt⸗ lichen Muſik, ihn ſchon den ganzen Morgen umſchwebt hatte, trat wieder vor ſeine Seele. Aber vergebens ſuchte er es zu bannen. Wer hätte nicht ſchon die Bemerkung gemacht, daß unſere Erinnerung die Geſtalten ganz unbedeutender, uns vollkommen gleichgültiger Men⸗ ſchen oft mit der kleinlichſten Genauigkeit, ohne daß wir es wollen oder wünſchen, uns vorführt, und ſich weigert, uns denſelben Dienſt, der jetzt wirklich ein Liebesdienſt wäre, bei den bedeutendſten und von uns am meiſten aeliebten Menſchen zu leiſten? Iſt es, daß wir ſo S5 4 50 Problematiſche Naturen. ſelten vermögen, dieſe mit unbefangenem Auge zu betrachten? iſt es, daß, wo das Herz zum Herzen ſpricht und die Seelen in einander fließen, die Geſtalt, wie ein Kleid von dem Blitz verzehrt wird? daß es des Gleichniſſes, welches alles Vergängliche iſt, nicht bedarf für den Geiſt, der das Unvergängliche, die Idec, zu erfaſſen verſteht?— Während Oswald nur an Melitta dachte, nur an ſie denken wollte, ſah er die Baronin, Mademviſelle Marguerite, dieſe oder jene Dame ſeiner Bekanntſchaft, aber die Amazone im grünen Reitkleide zerflat⸗ terte ihm immer wie neckiſcher Nebel.„So flattre fort, Du ſchöner Spuk!“ rief der junge Mann, und ſuchte ſeinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. Das Terrain war bis dahin wellenförmig geweſen, jetzt wurde es eben, wie die Fläche des Meeres in der Windſtille. Eine weite Haide lag vor ihm, jenſeits derſelben das Kirchdorf, welches das Ziel ſeiner Wanderung war. Andere Gehöfte bekränzten in weiter Ferne die Fläche. Die Weiden, die bis dahin den Weg bekleidet hatten, wurden ſpärlicher und verſchwanden zuletzt ganz. Hier und da hatte man auf der Haide die Raſendecke entfernt, um den Torf zu gewinnen, der nun in langen ſchwarzen Reihen zum Trocknen auf⸗ geſchichtet da lag. In den ſo entſtandenen tiefen Gräben blinkte das Waſſer. Kibitze und anderes Sumpfgevögel flatterte hin und wider. In der weiten, öden Runde ſah Oswald keinen Menſchen, außer einer Frau, die ein paar hundert Schritte vor ihm auf einem Grenz⸗ ſteine ſaß. Als er näher kam, fand er, daß es eine alte, ſehr alte Frau, in einem armſeligen, aber äußerſt reinlichen Anzuge war. Sie mußte wohl, von dem Wege ermüdet, auf dem Steine eingenickt ſein; denn ſie richtete den tief geſenkten Kopf ſchnell in die Höhe, als Oswald in ihre Nähe kam und betrachtete verwundert den jungen Mann. „Guten Morgen, Mütterchen!“ ſagte dieſer ſtehen bleibend; Fiſt das Dorf dort gerade vor uns Faſchwitz?“ „Ja!“ ſagte die Frau mit für ihr Alter auffallender Lebhaftig⸗ keit,„der junge Herr will wohl auch in die Kirche?“ „Ja, Mütterchen! wann füngt die Predigt an?“ Die Alte warf einen Blick nach der Sonne und ſagte: ei c) —— c e 1— . Erſter Band. 5¹ es,„Ich hab' zu lang geſchlafen; für mich iſt es nun ſchon zu ſpät; e eine alten Beine tragen mich nicht mehr ſo ſchnell; aber Sie ſind aß ein junger Menſch, Sie kommen ſchon noch zur rechten Zeit. Nichts für ungut, wie iſt Ihr Name, junger Herr?“ —„Stein— Oswald Stein.“ te,„Stein? den Namen muß ich ſchon gehört haben.“ ne„Wohl möglich, er iſt nicht eben ſehr ſelten.“ it⸗„Stein— hm, hm; nichts für ungut, wo ſind Sie her, Herr er Stein re Oswald, dem es Vergnügen machte, ſich ſo harmlos ausgefragt zu ſehen, und dem die Art der alten Frau wohl gefiel, ſetzte ſich, da de es ihn eben nicht drängte, in die Kirche zu kommen, der Matrone te gegenüber, die ihn, die runzlichen Hände auf die Knie geſtemmt, aus 6 ihren tief geſunkenen, immer aber noch ausdrucksvollen Augen for⸗ er ſchend anſah, auf den Stamm einer umgefallenen Weide und ſagte: et„Aus Grenwitz, Mütterchen.“ „Aus Grenwitz? Sieh einmal! Da bin ich auch her. Mit d rf Verlaub, Sie ſind wohl zum Beſuch auf dem Schloſſe?“ f⸗„Nicht ſo eigentlich; ich bin der Hauslehrer der Knaben.“ 8„Das iſt wohl nicht möglich?“ r.„Warum?“ r„Nu, die Herren Candidaten ſehen ſonſt ganz anders aus.“ ⸗ Oswald lachte. „Und Sie kommen den weiten Weg ganz allein Mütterchen?“ 8 ganz„ ie„Ich hab' keinen Menſchen, der mit mir gehen könnte. Mein Mann iſt längſt todt, und meine Jungens ſind todt und meine Dir⸗ 5 8 nens ſind todt— Alles todt.“ n Die alte Frau ſtrich ſich die Falten ihres Rockes über den Knieen als wollte ſie ſagen: Alle eingeſcharrt, und die Erde glatt — teine Spur wehr von ihnen. das einſame, hülfloſe Alter der Frau. Er öte, um doch etwas zu ſagen, wovon er glaubte, daß es der ein⸗ iltigen Seele tröſtlich ſein könnte: — Mun, in jenem Leben werden Sie ja alle Ihre Lieben wieder⸗ —— 7 4* 52 Problematiſche Naturen. „In jenem Leben?“ ſagte die Alte und blickte zum blauen Him⸗ mel hinauf,„daran glaube ich nicht.“ „Wie? daran glauben Sie nicht?“ fragte Oswald verwundert. Die Alte ſchüttelte den Kopf. „Sie ſind noch jung, Herr— wie war Ihr Name? Stein— ja— Sie ſind noch jung, Herr Stein; wenn Sie erſt ſo viele Men⸗ ſchen haben ſterben ſehen, wie ich, glauben Sie auch nicht mehr daran. Wenn ein Menſch geſtorben iſt, dann iſt er richtig todt— richtig todt. Und dann, wo ſollten wohl all' die Menſchen hin bei der Auferſtehung, wie ſie es nennen? In unſerm Dorfe lebt kein Einziger mehr von Allen, mit denen ich jung geweſen bin. Und die Anderen, die nach mir geboren ſind, ſind alt geworden und auch geſtorben. Und ſo kommen immer Neue und immer Neue. Nein, auf der ganzen weiten Erde wäre kein Platz für all die Menſchen!“ „Aber vielleicht auf anderen Sternen?“ warf Oswald ein. „Wie ſollen ſie dort hinkommen? Nein, von der Erde kommt Keiner, aber unter die Erde kommen ſie Alle— Alle“ und die alte Frau ſtrich die Falten ihres Rockes wieder über den Knieen glatt. „Die Körper wohl, aber die Seelen—“ „Na, ich weiß nicht,“ ſagte die Matrone den Kopf ſchüttelnd, „aber das weiß ich, daß wenn einer geſtorben iſt, er richtig todt iſt, und wir ſagen: nun hat die liebe Seele Ruhe Und etwas Beſſeres als Ruhe kann ſich auch Keiner nicht wünſchen, er mag ein Edelmann oder ein Bauersmann ſein, jung oder alt.“ „Weshalb aber gehen Sie denn noch den weiten Weg in die Kirche, wenn Sie an nichts mehr glauben?“ fragte Oswald. „Wer ſagt das?“ ſagte die Matrone faſt entrüſtet;„ich glauß an Gott, wie jeder Chriſtenmenſch; und rechtſchaffen und fromm. man ſein, das hat mit der Auferſtehung jichts zu ſe, ſi iſt Pflicht muß man thun, das verſteht ſich von ſelbſt. uhW nun, jun. Herr, machen Sie, daß Sie fortkommen, es wird ſonſt gar zu ſpö Ich will nur wieder umkehren. Adjes!“ Damit ſtand ſie auf ergril einen Eichenſtock, der neben ihr an dem Stein gelehnt hatte, ſtre Oswald die welke, zitternde Hand hin, die dieſer nichtt otne ein Ge⸗ en⸗ an. tig der ein nd nd ue. die mt lte nd, iſt, res mnn die 4h it N 6 Erſter Band. 53 fühl der Ehrfurcht drückte, und begann den Weg, den ſie gekommen war, langſam zurückzuwandern. „Das iſt eine merkwürdige Frau,“ ſprach der junge Mann bei ſich, während er raſcher weiter ſchritt;„ich muß mich näher nach ihr erkundigen. Wer hätte geglaubt, daß die Sätze der Philoſophen vom neueſten Schlage, Sätze, die freilich nur uralte Münzen mit etwas anderem Gepräge ſind, ſelbſt in dieſen Schichten des Volkes curſiren. Nun, nun, wenn ſelbſt die, Einfältigen und Friedfertigen anfangen, ſich darauf zu beſinnen, daß ſie Augen zum Sehen und Ohren zum Hören haben, ſo iſt ja wohl der letzte Tag der Dunkelmänner ge⸗ kommen.“ Neuntes Capitel. Das Dorf Faſchwitz iſt ein Experiment der Regierung. Das Gut, eins der größten der Gegend, war wie faſt alle in dieſem Theil des Landes urſprünglich im Beſitz einer adligen Familie geweſen, und beim Ausſterben derſelben als erledigtes Lehen an die Krone zurück⸗ gefallen. Dieſe hatte, um ſich einen Stamm kleinerer Grundbeſitzer oder freier Bauern zu ſchaffen, an denen es hier faſt ganz gebricht, hier und an anderen Orten förmliche Bauerncolonien gegründet, indem ſie große Lehngüter parcellirte und die einzelnen Parcellen zu Spottpreiſen an Liebhaber verkaufte. T E Faſchwitzer Gemeinde hatte ſie eine Kirche gebaut, einen Prediger in den Ort geſchickt; es war nicht die Schuld der Regierung, wenn die Faſchwitzer nicht gediehen. Indeſſen ſtand zu wünſchen, daß ſie von den übrigen ihnen ge⸗ währten Vortheilen und Vorzügen einen beſſeren Gebrauch machten, als von der Gelegenheit, ſich allſonntäglich geiſtige Nahrung zu ver⸗ ſchaffen, denn Oswald fand, als er ſich durch eine Seitenthür— die Hauptthür war verſchloſſen— Eingang verſchafft hatte, daß die „anvächtigen Zuhörer“ aus einigen Kindern, die wohl zum Confir⸗ 54 oblematiſche Naturen. mandenunterricht gingen und alſo ex oftcio da waren, einigen alten Frauen, die der langen Gewohnheit bis an's Ende treu bleiben, und aus einigen Gutsbeſitzerfamilien der Nachbarſchaft, die ihren Hörigen ein gutes Beiſpiel geben wollten, beſtand. Das Innere der Kirche bildete einen mäßig großen, wohl erhellten, nicht gewölbten Saal, in welchem Kanzel, Altar und Bänke ſchicklich vertheilt waren— Alles ſehr neu, ſehr zweckmäßig— und ſehr nüchtern. Da gab es keine kleinen buntbemalten Fenſterſcheiben, kein Altarbild, keine pausbäckigen Engel in Bronce oder Holz, keine Votivtafeln, keine halbverwelkten Kränze, und wodurch noch ſonſt der Katholik ſeinen gemüthlichen Be⸗ ziehungen zu der überirdiſchen Welt, zu welcher ihm die Kirche eine Vorhalle iſt, einen Ausdruck zu verſchaffen ſucht. Das einzig Poetiſche in der Kirche waren die Schatten der Linden vor den Fenſtern, die auf der hellen gegenüberſtehenden Wand hin und her wogten, und die breiten Lichtſtreifen, die ſchräg durch den Raum fielen und der Phan⸗ taſie eine goldene Brücke bauten, aus dieſer nüchternen Atmoſphäre zu entrinnen in den Sommermorgen, der draußen warm und duftig auf Wieſen, Feldern und Wäldern lag. Von der Zuhörerſchaft ſchien indeſſen Niemand dieſes Weges zu bedürfen, oder ihn praktikabel zu finden, mit Ausnahme etwa eines hübſchen zehnjährigen Mädchens mit langen blonden Locken, die wohl ein lebhaftes Verlangen nach den bunten Blumen und weißen Schmetterlingen im Garten ihres Vaters, eines dicken Gutsbeſitzers, der neben ihr andächtig nickte, empfinden mochte, und deswegen von der hageren Gouvernante oft zur Ruhe ermahnt werden mußte. Im Uebrigen trugen die Geſichter aller Anweſenden entſchieden das Gepräge von Leuten, die ihre Ge⸗ danken zu Hauſe gelaſſen h men, und im beſten Falle von Menſchen, die ſich mit Anſtand langweilen. Und in der That, es wäre ein Wunder geweſen, wenn dieſe Gemeinde ſich von dieſer Predigt hätte erbauen laſſen und von dieſem Prediger. Oswald, der der Kanzel gegenüber hinter der Gutsbeſitzer⸗ familie zu ſitzen gekommen war, erkannte auf den erſten Blick, den er auf den Prediger richtete, und nach den erſten Worten, die er aus des Mannes Munde vernahm, daß hier zwiſchen Geiſtlichem und Gemeinde ungefähr ſo viel Sympathie beſtehe, wie zW —„ — —* b N Erſter Band. 55 ſchriftgelehrten Miſſionär und einem Stamme gutmüthiger wilder Menſchen. Auch ſchien der Prediger ſelbſt, ein kleiner, ſchmächtiger Mann von etwa vierzig Jahren mit einem durch woteite Studien ausgetrockneten Geſicht, dies recht wohl zu empfinden; denn er war Oswalds, in welchem er natürlich ſofort den vielbeſprochenen neuen Hauslehrer von Grenwitz erkannte, kaum anſichtig geworden, als er ſeinen Vortrag hauptſächlich an ihn zu richten begann, als an den Einzigen, der im Stande ſei, den Werth der gelehrten Perlen zu würdigen, die ihn hier, vor ungebildetes Rüſſelvieh zu werfen, ein unverſtändiges Conſiſtorium nöthigte. „O, meine andächtigen Zuhörer,“ rief er, die bebrillten Augen auf Oswald gerichtet, der ſich, ſo gut es gehen wollte, hinter den blonden Lockenkopf verſteckte,„o, meine andächtigen Zuhörer, ihr ſehet, ein wie ſchwaches Ding dieſen ungeheuren Fragen gegenüber die menſchliche Vernunft iſt. Und dennoch, dennoch, Vielgeliebte, giebt es irrende Brüder und Schweſtern, die noch immer dem Nachtlicht ihrer eitlen Vernunft vertrauen, nachdem ſchon längſt auch für ſie die Sonne aufgegangen iſt. O ja! dieſes Stümipfchen ihrer Unſchlitt⸗ kerze mag ihnen hell genug erſcheinen in den Tagen der gedankenloſen Jugend, den Tagen des Feſtes, der Herrlichkeit und der Freude; aber nicht alſo in den Tagen des kummervollen und gedankenſchweren Alters. Darum gebet auf das ſtolze Vertrauen auf die Vernunft, und haltet feſt an dem Glauben! Gebet auf die thörichte Zuverſicht auf euren geſunden Menſchenverſtand, wie ihr ihn nennt! O, meine an⸗ dächtigen Zuhörer, dieſer geſunde Menſchenverſtand iſt ein kranker, ein ſehr kranker Menſchenverſtand, iſt ein Teufelsſpuk und ein Irr⸗ licht, daß Euch unaufhaltſam in den Sündenpfuhl der Verderbniß lockt!“ Oswald wurde durch dieſe Rede, die ſich, mit Citaten aus der heiligen Schrift reichlich untermiſcht, noch eine halbe Stunde fort⸗ ſpann, auf eine eigenthümliche, aber keineswegs angenehme Weiſe be⸗ rührt. Der Gegenſatz zwiſchen der ſtillen, demüthigenden Unterwer⸗ fung unter die großen, ewigen Geſetze der Natur, die aus den Wor⸗ ten der alten Frau und noch mehr aus ihrem ernſten, beſcheidenen Weſen geſprochen hatte, und der anmaßlichen Zuverſicht, mit welcher 1 56 Problematiſche Naturen. der Mann auf der Kanzel über ſo tief verborgene Dinge ſprach, und jedes geſunde Gefühl und jede natürliche Regung der Menſchenbruſt als eitel Lug und Trug und Sünde verdammte, war doch gar zu groß. Die ſchmuckloſe Weisheit der Matrone war friſch und duftig, wie ein Blümchen auf der Haide, die prunkende Klugheit des Pre⸗ digers wie eine Pflanze, in der dumpfigen, ſchwülen Luft eines Zim⸗ mers üppig emporgeſchoſſen in Stiel und Blätter, aber ohne Saft und Kraft und Blüthen. Oswald war froh, als endlich der gelehrte Herr, nachdem er noch ein letztes kräftiges Anathema gegen alle Andersdenkende geſchleudert und ihre Moralität gehörig verdächtigt hatte, bis zu dem Amen kam. „Es iſt gewißlich nicht wahr!“ ſagte der junge Monn bei ſich, als er auf den Fußſpitzen nach der kleinen Seitenthür ſchlich, durch die er eingetreten war. Und als da draußen der blaue Himmel ſich wieder über ihm wölbte, und der Duft der Linden ihn umwehte, da athmete er tief auf, wie Jemand, der aus der heißen, erſtickenden Atmoſphäre eines Krankenzimmers in die balſamiſche Luft eines Gar⸗ tens kommt. „Ich werde die Bekanntſchaft dieſes Mannes nicht machen, wenn ich es vermeiden kann,“ monologifirte er weiter, während er den klei⸗ nen Hügel, auf dem die Kirche lag, hinunter, an mehren herrſchaft⸗ lichen Wagen, die unterdeſſen vorgefahren waren, vorüber, in's Dorf hineinging;„was habe ich mit ihm zu ſchaffen! Seine Gedanken ſind nicht meine Gedanken und ſeine Sprache iſt nicht meine Sprache! wir würden uns in Ewigkeit nicht verſtehen. Ich halte nichts von jener verwaſchenen Humanität, die mit Jedermann gut Freund iſt, und Niemanden zurückweiſt, weil es doch vielleicht ein feſter Punkt iſt, um den ſich möglicherweiſe etwas kryſtalliſiren könnte; nichts von jener Käferphiloſophie, die jeden Fremden höflich umſummt, in der Hoff⸗ nung, die verborgene Blüthe zu finden, aus der ſich eine Nahrung ſaugen ließe. Der kluge Kaufmann ſchifft der Küſte vorüber, die zu arm zum Tauſchhandel iſt; und kommen doch die Worte: wer nicht für mich iſt, der iſt wider mich— aus dem erhabenen Munde, der die Liebe gepredigt hat.“ Oöwald war, Dies und Aehnliches bei ſich überdenkend, auf's 0 Erſter Band. 57 Gerathewohl, wie es ſeine Gewohnheit war, wenn ihn etwas lebhaft beſchäftigte, in dem ihm unbekannten Dorfe, wo Häuſer und Scheunen und Ställe, Mauern und Gärten, dem Fremden unentwirrbar, durch⸗ einander lagen, umhergewandert, und wollte eben aus einem ſchmalen Gange an der Seite eines ſtattlichen Hauſes auf eine breitere Straße einbiegen, als ihm der Pfarrer, der aus der Kirche kam, gegenüber⸗ ſtand. An ein Ausweichen war nicht zu denken, und Oswalds Ver⸗ ſuch, höflich grüßend vorbeizukommen, mißlang gänzlich, denn der Pfarrer hatte ihn kaum erblickt, als er ihm im eigentlichſten Sinne den Weg vertrat, und ihn, als ein geſchworner Anhänger der Käfer⸗ philoſophie, ſofort alſo anredete: „Ach! ich habe gewiß die Ehre und das Vergnügen, Herrn Doctor Stein vor mir zu ſehen! Wie freundlich von Ihnen, daß Sie mich zu beſuchen kommen. Aufrichtig, ich habe Sie ſchon ſeit einigen Tagen bei mir erwartet. Als ich neulich in Grenwitz war, der gnädigen Baronin meine Aufwartung zu machen, erfuhr ich leider, daß Sie mit Ihren Zöglingen einen längeren Spaziergang unternommen hätten, ſonſt würde ich mir die Freude nicht verſagt haben, Sie auf Ihrem Zimmer aufzuſuchen. Meine Frau wird ſich glücklich ſchätzen, Sie unter unſerem beſcheidenen Dache zu begrüßen. Wollen Sie gefälligſt näher treten? Bitte, bitte, keine Umſtände!“ „Hier iſt kein Entrinnen möglich,“ dachte Oswald, und der Höf⸗ lichkeit, dieſem Affen der Humanität, zu Liebe, ließ er ſich unter dem beſcheidenen Dache, das nebenbei ein ganz ſtattliches Haus bedeckte, eine Gaſtfreundſchaft aufnöthigen, der auszuweichen er noch eine Mi⸗ nute vorher entſchloſſen geweſen war. „Guſtava! Guſtave! Guſtchen!“ rief der Pfarrer auf der Haus⸗ flur; öffnete aber, da die Gerufene die ſichere Poſition hinter dem mit einem Vorhang verſehenen Guckfenſterchen der Küchenthür nicht aufgeben mochte, bevor ſie über den Charakter des Fremden und den Zweck ſeines Beſuches genauer unterrichtet ſein würde, ſein Studir⸗ zimmer, und bat Oswald einzutreten, bis er ſich ſeiner Amtstracht entledigt und ſeine„Guſtava“ von dem werthen Beſuch benachrich⸗ tigt hätte. Das Studirzimmer des geiſtlichen Herrn war ein großes, zwei⸗ — 58 Problematiſche Naturen. fenſtriges Gemach, in welchem einige Bücherſchränke, einige Heiligen⸗ vilder an der Wand, ein hartes, mit ſchwarzem, glänzendem Zeuge überzogenes Sopha, ein runder, mit Büchern bedeckter Tiſch in der Mitte, ein Stehpult mit einem Drehſeſſel davor in einem der Fen⸗ ſter, und eine mit Tabacksduft reichlich geſchwängerte Atmoſphäre, das dem Eintretenden zuerſt in die Sinne Fallende war. Die letzt⸗ genannte Eigenthümlichkeit war ſo ausgeſprochen, daß Oswald einen Fenſterflügel öffnen mußte, wobei er eine ſtarke Anwandlung ver⸗ ſpürte, über die niedrige Brüſtung auf die ſonnenbeſchienene Dorfgaſſe zu ſpringen und das Weite zu ſuchen. Dieſer Fluchtverſuch wurde indeſſen durch die Zürückkunft des Pfarrers vereitelt. Der geiſtliche Herr präſentirte ſich jetzt in einem Anzuge aus ſchwarzem, wie Fett glänzenden Sommerzeuge. Er bat Oswold, einige Augenblicke in ſeiner„Klauſe“ verziehen zu wollen, da„Guſtava“ noch„in den Küchenräumen ſchalte.“ Oswald, der alle Hoffnung zu entrinnen aufgegeben hatte, machte jetzt nicht einmal den Verſuch, die Einladung des Pfarrers, zum Mittageſſen dazubleiben, auszuſchlagen. „Sie werden freilich nur paternum menss tenui salinum finden, Urväter Hausrath auf dürftigem Tiſche,“ ſagte der Paſtor, der ſeinem Gaſte zeigen wollte, daß er ſein Latein noch nicht vergeſſen habe;„aber ſie wiſſen: vivitur parvo bene; auch mit Wenigem lebt ſich's gut. Darf ich Ihnen, bis die Mahlzeit angerichtet iſt, eine Cigarre offeriren?“ Oswald dankte, da er kein Raucher ſei. „O, eine vortreffliche Eigenſchaft das! eine klaſſiſche Eigenſchaft,“ ſagte der Paſtor, ſeinen eigenen Witz belächelnd;„die Alten rauchten nicht, und Gvethe, den ein frivoler, aber witziger Schriftſteller„den großen Heiden“ nennt, war ein abgeſagter Feind der Pfeife und Cigarre. Sie erlauben, daß ich meiner Gewohnheit, nach der Predigt ein leichtes Cigarrchen zu rauchen, getreu bleibe?“ „Bitte dringend, Herr Paſtor!“ „Finden Sie nicht— paff, paff!— daß das Rauchen— paff paff!— ſo recht eigentlich ein germaniſches, ja, um mich ſo auszu, en bt ne 9 Erſter Band. drücken, ein chriſtlich⸗germanuiſches Element iſt?“ ſagte der Pfarrer, dver henute auf alle Fälle geiſtreich ſein wollte. „Sie würden durch dieſe Bemerkung den Spöttern der Religion eine Waffe in die Hände geben,“ antwortete Oswald trocken. „Wie das, Werthgeſchätzteſter?“ „Beſagte Spötter könnten behaupten, daß, ſich ſelbſt und Anderen einen romantiſchen blauen Dunſt vorzumachen, allerdings ein weſent⸗ licher Zng germaniſcher, beſonders chriſtlich⸗germaniſcher Natur ſei.“ Der Pfarrer ſah Oswald mit einem ſchnellen, lauernden Blick halb über die Brillengläſer hinweg an, als hätte er gern auf einmal heraus gebracht, wie weit er ſeinem Gaſte trauen dürfe. Da er es aber für einen Mann von klaſſiſcher Bildung unſchicklich fand, auf einen Scherz, auch wenn derſelbe an's Frivole ſtreifte, nicht einzu⸗ gehen, ſo antwortete er mit ſauerſüßem Lächeln:„Nicht übel, nicht übel! Aber was wäre vor den Spöttern ſicher? Freilich, wir könn⸗ ten antworten! ex fumo lucem! ex fumo lucem! Licht aus dem Rauche!— Aber ſetzen wir uns, lieber Freund, ſetzen wir uns! Wie befindet ſich denn der gute, liebe Baron und die gnädige Baronin? Ach! Sie können ſich glücklich ſchätzen, lieber Freund, in ſolchem Hauſe leben zu dürfen unter ſo vortrefflichen Menſchen, die mit dem Geburtsadel den wahren Adel der Seele verbinden— vor Allem die Baroneß, eine fromme und ſehr gebildete Dame, die Alles ex fun- damento kennen lernen will. Sie lieſt jetzt Schleiermachers Reden über die Religion—“ „Sollte ſie wohl im Stande ſein, die zu verſtehen?“ bemerkte Oswald. Der Pfarrer ſah Oswald wieder mit jenem eigenthümlichen Blick über die Brillengläſer an, als müſſe er ſich den Mann genauer betrachten, der den Muth hatte, eine Anſicht, welcher er im Stillen vollkommen beipflichtete, ſo ungenirt laut werden zu laſſen. Er be⸗ gnügte fich indeſſen damit, die Mundwinkel herunter und Schultern und Augenbrauen in die Höhe zu ziehen, eine Gebehrdenſprache, die ſich ſein Beſuch nach Belieben in:„Alles Schwindel, lieber Freund!“ oder:„die Fähigkeiten dieſer Frau ſind incommenſurabel“ überſetzen konnte. Problematiſche Naturen. 6 4½„Freilich,“ fuhr er fort,„Grünwald werden Sie vermiſſen; zu⸗ es 14 mal den Umgang eines Mannes von einer ſo umfaſſenden Gelehr⸗ S ſamkeit, wie der Profeſſor Berger. Aber geht es mir denn anders? Ke Auch ich kann ſagen: Barbarus hic ego sum, quia non intelligor Ew 31 ulli. Ich gelte hier für einen Sonderling, weil Niemand mich ver⸗ ſte ſteht. Unſre Gutsbeſitzer ſind ohne Zweifel treffliche, würdige, gottes⸗ fürchtige und treu⸗königlich geſinnte Männer; aber, im Vertrauen, die Bildung, ich meine natürlich nur die gelehrte, iſt arg vernachläſſigt. G 16 1 Ja, wenn die Herren ſich in ihrer Ingend des unſchätzbaren Glückes di einer wahrhaft rationellen Erziehung zu erfreuen gehabt hätten, wie 6 Junker Malte—“ 8 „Sehr gütig, Herr Paſtor, obgleich von dieſem Compliment nur g ein verzweifelt kleiner Theil auf meine Rechnung kommen dürfte. Ich E 3 wünſche nur, bei Malte käme die ratio nächſtens mehr zum Durch⸗ bruch, denn bis jetzt iſt er wahrlich eine höchſt irrationelle kleine Größe.“ „Sie ſollten Urſache haben, mit dem jungen Baron unzufrieden L zu ſein?“ ſagte der Paſtor im Tone Jemandes, der etwas ganz Un⸗ erhörtes, Unglaubliches vernommen hat.„Ach, verſtehe, verſtehe! e Freilich, der junge Bruno iſt vielleicht in mancher Hinſicht die begab⸗ tere Natur, obgleich er, wie ich in dem Confirmandenunterricht, wel⸗ chen ich den Junkern zu ertheilen die Ehre hatte, wohl bemerkte, für die Wahrheiten der chriſtlichen Religion nicht eben ſehr zugänglich iſt; indeſſen non omnes possunt omnis— omnie, wiederholte der Pfarrer, der nicht wußte, wie er fortfahren ſollte.„Ja, was ich ſagen wollte, vafür iſt aber auch Malte wieder der Erbe eines ſo großen Vermögens!“ „Um ſo mehr ſcheint es mir wünſchenswerth⸗ daß er dereinſt ein ganzer Mann wird. Iſt denn übrigens das Grerwitzſche Vermögen wirklich ſo bedeutend?“ „Ei, mein lieber Freund,“ rief der Paſtor im Tone ſanften Vor⸗ wurfs, daß Oswald eine ſo beklagenswerthe Unwiſſenheit in Betreff ſo hochwichtiger Dinge an den Tag legen konnte;„ob es bedeutend iſt! Da ſind in dieſer Nachbarſchaft allein fünf, nein— mit Stan⸗) tow und Bärwalde, die allerdings nicht zum Majorat gehören, ſind Erſter Band. 61 es gben ſieben Güter. Und in den andern Theilen der Inſel— laſſen Sie mich ſehen— liegen noch ein, zwei, drei Güter. Das iſt ein Kapital von mindeſtens anderthalb Millionen. ALerthalb Millionen!“ wiederholte er, als könne ſich ſein Geiſt von einer ſo erhabenen Vor⸗ ſtellung nicht gleich wieder losmachen. „Und das Vermögen iſt ein Majorat?“ „Ei gewiß! Mit Ausnahme, wie geſagt, von zwei der ſchönſten Güter, welche dem verſtorbenen Baron, dem Vetter des jetzigen, durch Erbſchaft von der Mutter Seite zufielen und in dem Teſtamente auf eine gar beſondere Weiſe verclauſulirt ſind. Denken Sie ſich nur, lieber Freund, daß der verſtorbene Baron, der, ganz unter uns geſagt, eine überaus wüſte, unbändige Natur war, dieſe Güter dem Sohne einer ſeiner Maitreſſen vermacht hat.“ „Aber Sie rechneten doch vorhin die beiden Güter mit zu dem Vermögen der Familie,“ ſagte Oswald. „Nun, unter uns kann man es immerhin,“ ſagte der Pfarrer, Oswald näher rückend, in leiſerem Ton.„Denn kein Menſch weiß, wo dieſer Knabe lebt, ja, ob er überhaupt lebt, ja nicht einmal, ob es wirklich ein Knabe oder ein Mädchen iſt.“ „Das iſt ja eine curioſe Geſchichte,“ ſagte Oswald lachend. „Eine äußerſt curioſe Geſchichte,“ ſagte der geiſtliche Herr;„eine lächerliche Geſchichte, wenn Sie wollen. Denken Sie nur: der Baron Harald— ſie haben alle ſonderbare Namen in der Familie— jener unbändige Mann, der zur Zeit der heiligen Vehme hätte leben müſſen, entbrennt in heißer Liebe zu einem armen Bürgermädchen— ein Fall, der in ſeinem Leben freilich oft vorgekommen ſein mag, aber niemals ſolche üblen Folgen hatte. Er entführt ſie, halb mit Gewalt, hierher auf ſein Schloß. Nach einem halben Jahre entflieht ſie bei Nacht und Nebel. Ob ſie ihre Schande auf dem Grunde eines unſerer tiefen Moore verborgen hat, ob ſie wirklich nur entflohen iſt, diemand weiß es. Der Baron iſt außer ſich, raſend. Er durchſucht ergebens die ganze Inſel. Um ſeinen Gram und ſeine Gewiſſensbiſſe betäuben, trinkt und ſpielt und lebt er noch wilder wie gewöhnlich, daß er denn ein paar Wochen ſpäter im Dilirium ſtirbt. Als in das Teſtament eröffnet, findet man nun, daß er in einer An⸗ 62 Problematiſche Naturen. wandlung von Reue, oder aus Caprice, wie Sie wollen, dem Kinde„Ab jener ſeiner Geliebten, gleichviel ob Knabe oder Mädchen, falls es geho nur bis zu dem und dem beſtimmten Datum geboren iſt, die beiden adlis herrlichen Güter, der Dirne ſelbſt aber den Nießbrauch des Vermö⸗ Anh gens auf Lebenszeit vermacht hatte. Wie finden Sie das?“ ding „Jedenfalls eignet ſich die Geſchichte mehr zu einer Tragödie, in d als zu einer Komödie,“ ſagte Oswald.„Und hat man nie eine Spur zu! von Mutter und Kind entdeckt?“ beg „Nie! obgleich teſtamentariſch— es iſt wahrhaftig ein wahrer Skandal, und ich bedaure die gnädige Baronin von ganzem Herzen— mü alljährlich die Verſchollene in ſämmtlichen Blättern der Provinz auf⸗ gefordert wird, ihre Anſprüche geltend zu machen.“ „Wie lange ſpielt dieſe Geſchichte nun?“ ohn „So ein zwanzig Jahre und darüber.“ der „Da iſt doch wohl kaum denkbar, daß die Arme 3% am her Leben iſt.“ ger „Es denkt auch Niemand mehr daran,“ lachte der Paſter, mit „Grenwitzen's würden auch nicht wenig verwundert ſein, wenn plötz⸗ ſel lich ſo ein junger Landſtreicher ſich als ergebenſter Neffe vorſtellte und ar die beiden Güter und die Zinſen ſeit zwanzig Jahren für ſich be⸗ br anſpruchte, um ſo mehr, als die gnädige Baronin, die von Hauſe bo aus— ganz unter uns geſagt— keinen rothen Pfennig Vermögen de hat, nach dem Tode des Barons, da die Grenwitz ſchen Beſitzungen, B Gott ſei Dank, Majorat ſind, ſammt ihrer Tochter ſo arm ſein würde, als ſie vor ihrer Vermählung war.“ 4 4 „Sie ſind ein großer Freund der Majorate?“ 6 „Ei gewiß! Ich halte es für ein Glück, daß ſo bedeutende Ver⸗ mögen nicht durch Erbtheilung zerſplittert werden können, und ſo eine Ariſtokratie reicher Grundbeſitzer möglich wird, die gleichſam ein Ballaſt ſein kann für das Staatsſchiff in Zeiten der Gefahr, die Gott noch lange abwenden möge von unſerm theuern Vater lande.“ „Nun,“ ſagte Oswald,„das Ding hat, wie alle andern, ſeir zwei Seiten.“ 6 wollte ſich das verhehlen,“ ſagte der geſchmeidige Paſto Erſter Band. 63 nde„Aber ich für mein Theil habe zu lange die Ehre und das Glück es gehabt, mit reichen, und in der ſchönſten Bedeutung des Wortes den adligen Familien zu verkehren, als daß ich nicht gewiſſermaßen ein nö⸗ Anhänger der Ariſtokratie ſein ſollte; und überdies habe ich neuer⸗ dings nur zu trübe Erfahrungen darüber gemacht, wie ſehr der Beſitz ie, in den Händen des Plebejers, um mich dieſes hiſtoriſchen Ausdruckes zu bedienen, Eitelkeit, Hoffarth und weltlichen Sinn hervorruft oder begünſtigt.“ „Es thut mir leid, von meinen Freunden ſo etwas hören zu — müſſen,“ ſagte Oswald. uf⸗„Von Ihren Freunden?“ ſagte der Paſtor verwundert. „Von meinen Freunden, allerdings. Denn ich fand mich ſtets, ohne es zu wollen und manchmal ohne es zu wiſſen, wo immer in der Geſchichte der große Gegenſatz zwiſchen Ariſtokraten und Plebejern hervortrat, auf Seite der letzteren. Ich war ein geſchworner Anhän⸗ ger der Gracchen und anderer römiſcher Demagogen; ich ſchlug mich mit den Independenten gegen die Cavaliere, und ich geſtehe, daß ich ötz⸗ ſelbſt in den Bauernkriegen viel mehr Sympathie gehabt habe für die nd armen, unterdrückten, gehudelten, geknechteten und in Folge dieſer be⸗ brutalen Behandlung meinetwegen auch brutalen Bauern, als für die uſe hochmögenden, reichsfreiherrlichen und trotz und vielmehr wegen all' en e Freiheit und Herrlichkeit nicht minder brutalen Grafen und en, Barvne.“ ein Der Pfarrer hörte dieſe Rede mit jenem ungläubigen Lächeln an, mit dem man dem Bramarbaſiren junger Gelbſchnäbel zu⸗ hört, die ſich gern den Anſtrich von vollendeten Wüſtlingen geben er⸗ möchten. ⁰„Sehr gut, ſehr gut!“ ſagte er.„Ja, ja, wir geiſtreichen Leute gefallen uns in Paradoxen. Das klebt uns noch von den äſthe⸗ hr, tiſchen Thee's der Reſidenz an und da wollen wir hübſch in der vebung bleiben, wenn uns zur Zeit auch nur ein armer Land⸗ farrer hört.“ Ich verſichere Sie, Herr Paſtor— SWeiß ſchon, weiß ſchon! Aber leben Sie erſt einmal, wie ich, ahre lang unter Bauern! Glauben Sie, daß ich in der ganzen our 0 Problematiſche Naturen. Zeit die Leute habe bewegen können, eine Glocke für unſer Gotteshaus zu kaufen, die anzuſchaffen ſie noch dazu verpflichtet ſind? Aber, wenn es darauf ankommt, einen Schmaus herzurichten und andere weltliche Zwecke in's Werk zu ſetzen, fehlt es nie an Geld.“ „Nun,“ ſagte Oswald,„der Adel hieſiger Gegend iſt auch nicht eben wegen ſeiner Nüchternheit berühmt.“ „Der Adel, lieber Freund! das iſt etwas ganz Anderes. Seine Deviſe iſt und muß ſein: leben und leben laſſen. Aber, Sie wiſſen, Eines ſchickt ſich nicht für Alle.“ „Und Manches ſchickt ſich für Keinen,“ fügte Oswald hinzu. „Ach, hier kommt meine Guſtava,“ rief der Pfarrer, froh, ein Geſpräch abbrechen zu können, das ihm von Augenblick zu Augenblick weniger gefiel. Die Frau Paſtorin, welche ſveben in das Zimmer trat, war eine Dame in dem Anfang der vierziger Jahre, mit ſemmelblonden Haaren, ſehr hellblauen Augen und einem Geſicht, das in dieſen Augenblick von dem Küchenfeuer und der Eile, mit welcher ſie ihre Toilette gemacht hatte, noch von etwas lebhafter Farbe war, ſonſt aber kränklich, bleich, verwelkt und altjüngferlich ausſah. Sie truß ein Kleid von gelber ungefärbter Seide, an deſſen Gürtel eine goldene Uhr hing, und eine Haube mit gelben Bändern, ſo daß ſie Alles in Allem auf Oswald den Eindruck eines etwas verblichenen und nicht mehr ganz geſunden Kanarienvogels, deſſen Beſitzer nach Norden wohnt, machte. Auch ſie konnte kaum Worte(an denen es ihr übrigens nicht gebrach) finden, welche ihre Freude ausdrückten, den Freund eines ſo hochmögenden Hauſes unter ihrem niedrigen Dache(ieſe Phraſt ſchien bei beiden Gatten ſtereotyp) zu erblicken, um ſo mehr, als es ihrem armen Jäger(das war der Name des Paſtors) ganz und gal an einem wiſſenſchaftlichen und gebildeten Umgange gebrach, ein Mangel, dem durch Oswalds Ankunft in hieſiger Gegend auf dir erfreulichſte Weiſe(davon ſei ſie überzeugt) abgeholfen wäre. „Mein armer Jäger wird mir hier noch zum Hypochonder wer den,“ rief ſie, ihre waſſerblauen Augen zärtlich auf den Gegenſ ihrer Beſorgniß richtend;„ich thue, was in meinen ſchwachen Ki⸗ ſteht, daß er die Geſellſchaft geiſtreicher und gelehrter Männt in ick ne m e nſt ug ene icht den ens raſe 6 di wet Oswald, bei welchem der Erſter Band. wenig wie möglich vermißt, aber was kann eine arme, unwiſſende Frau denn in dieſer Hinſicht Großes thun!“ „Sie werden mich zwingen, Ihnen zu widerſprechen,“ ſagte Humor über den Unmuth, mit dem ihn bisher die Heuchelei und Gleißnerei der würdigen Gatten erfüllt hatte, endlich den Sieg davon trug.„Ich möchte behaupten, daß Unwiſſen⸗ heit und Frau Paſtor Jäger niemals Freundinnen geweſen ſind, und jetzt ſchon ſeit Jahren auch nicht einmal die entfernteſte Bekanntſchaft zwiſchen ihnen exiſtirt.“ „Sie ſind zu gütig, wahrlich zu Paſtorin.„Ich will nicht leugnen, daß den Vorwurf der Unfähigkeit für die welchen man uns armen Frauen—“ „Es iſt angerichtet!“ rief das Dienſtmädchen zur Thür herein. „Sehen Sie, ſo macht das irdiſche Leben immer ſeine Rechte geltend, ſo oft wir verſuchen, einen kühneren Flug zu nehmen,“ rief die Bewohnerin der Sphären höherer Bildung, während ihr Oswald galant den Arm bot und der Paſtor das Ende ſeiner Cigarre ſo legte, daß er es nach Tiſche wiederfinden konnte. gütig,“ ſagte die hocherfreute ich mich von jeher bemühte, Sphären höherer Bildung, 6 Zehntes Capitel. Die Unterhaltung an der Mittagstafel, die in einem kühlen, ſchattigen Zimmer, das auf einen etwas kahlen und ſehr ſonnigen Garten ſah, angerichtet war, wurde bald ſehr lephaft. Oswald's längerer Aufenthalt in Grünwald erwies ſich als vnerſchöpfliches Thema. Die Paſtorin war ſelbſt eine Grünwalderin, eine der vielen Töchter des dort vor einigen Jahren verſtorbenen Superintendenten Gabriel Dunkelmann, der gerade noch lange genug lebte, ſeinem Schwiegerſohn die einträgliche Pfarre von Faſchwitz zu verſchaffen und dann das Zeitliche ſegnete. Oswald machte im Stillen die Be⸗ 5 Fr. Spielhagen's Werke. I. 66 Problematiſche Naturen. merkung, daß die Frau Doctor— denn der Paſtor hatte ſich die academiſche Würde durch eine grundgelehrte Diſſertation über die möglicherweiſe vorhanden geweſenen Schriften eines bis auf den Namen verſchollenen Kirchenvaters erworben— ſchon damals durch Jugend⸗ reiz ſich nicht eben ausgezeichnet haben könne und wunderte ſich auch nun nicht länger darüber, daß der Tiſch ſo klein und das Haus ſo ſtill war. Die Frau Doctor kannte den Profeſſor Berger, ſie kannte mehrere Familien, in denen Oswald eingeführt war. Das gab denn überreichen Stoff zu dem landesüblichen Familienklatſch, bei welchem einige Damen, die ihrer Zeit der verblühten Superintendententochter zu nahe getreten ſein mochten, erfahren konnten, welche zweiſchneidige Waffe die Zunge einer Landpaſtorin unter Umſtänden iſt. Unterdeſſen war der Nachtiſch aufgetragen, und der Paſtor hatte, nicht ohne eine gewiſſe Feierlichkeit eine zweite Flaſche entkorkt, die Paſtorin aber den Tiſch verlaſſen, um anzuordnen, daß der Kaffee heute in der Gartenlaube ſervirt werde. Der Paſtor hatte ſich eine Cigarre angezündet, einen Knopf an ſeiner ſchwarzen Weſte aufgemacht, augenſcheinlich nur in der Abſicht, ſich in der Illuſion, ein ſybaritiſches Mahl eingenommen zu haben, zu beſtärken— denn die Weſte ſaß ſchon ſchlotterig genug auf ſeinem hagern Leibe. Er forderte Oswald auf, mit ihm„auf das Wohl der hochmögenden Familie, in welcher er ſich zu befinden das Glück habe,“ anzuſtoßen, eine Höflichkeit, die Oswald mit einem Toaſt auf die„liebenswürdige, ebenſo gelehrte wie beſcheidene Wirthin“ erwiederte. „Danke, danke, lieber junger Freund,“ ſagte der geſchmeichelte Paſtor, Oswald's Hand zu wiederholten Malen drückend.„Ja, Sie haben Recht, eine gelehrte, beſcheidene Frau! Haben Sie ihr ange⸗ merkt, daß ſie mit mehr als einer literariſchen Größe im lebhafteſten Briefwechſel ſteht, ja unter dem Pſeudonym„Primula“ eine der eifrigſten Mitarbeiterinnen der Roman⸗Zeitung iſt?“ „Unmöglich!“ rief Oswald. „Ich verſichere Sie, lieber Freund; und Sie können nicht glau⸗ ben, welche Freude es mir gewährt, wenn ich wieder und immer wieder im Briefkaſten leſe: Faſchwitz und P. V., Primula Veris, Guſtava's Chiffre: Tauſend Dank für Ihre liebenswürdige Sendung, ——————— 67 Erſter Band. oder: Sie haben uns durch Ihr reizendes Gedicht hoch erfreut, es wird ſchon in der nächſten Nummer zum Abdruck kommen ꝛc.“ „Ich kann es mir denken,“ ſagte Oswald zerſtreut.„Aber wollen wir nicht der liebenswürdigen Dichterin in den Garten folgen?“ Festina lente!“ rief der Pfarrer, dem der Wein ſchon zu Kopfe ſtieg.„Wir kommen ſo jung nicht wieder zuſammen. Ein gutes Glas Wein iſt ein gutes geſelliges Ding, und Guſtava iſt zu liberal geſinnt, uns die Freuden ves Mahles zu verkürzen. Aller guten Dinge ſind drei, laſſen Sie uns noch eine Flaſche— 4 „Aber Jäger, der Kaffee wird ja kalt!“ tönte die ſcharfe Stimme der Primula Veris aus dem Garten durch das offene Fenſter. „Wir kommen, wir kommen, Guſtchen!“ rief der gehorſame Gatte.„Geſegnete Mahlzeit, mein lieber junger Freund!(bei dieſen Worten umarmte er Oswald); mein theurer Freund!(abermalige Umarmung)—“ „Aber wir vergeſſen, daß der Kaffee auf uns wartet, rief Oswald, mit Mühe einer dritten Umarmung entgehend, und den Weg nach dem Garten einſchlagend, während der Paſtor, ehe er ſeinem Gaſte folgte, noch ſchnell den letzten Reſt aus der Flaſche in ſein Glas ſchenkte und daſſelbe eiligſt(diesmal wahrſcheinlich auf ſein eigenes Wohl) austrank. Der Garten gewährte um dieſe Tageszeit gerade nicht den an⸗ genehmſten Aufenthalt, denn die Anlagen waren noch ſehr jung; die Bäumchen meiſt erſt in Manneshöhe, und in Folge deſſen das Ganze eine ſchattenloſe, proſaiſche, nüchterne Stätte, die auffallend an die Theologie des gelehrten Herrn erinnerte, auch inſofern, als hier wie dort das Nützlichkeitsprinzip das oberſte zu ſein ſchien. Die Gemüſe⸗ peete waren ſorgſam gepflegt, Blumen aber ſah man wenig, nur einige Sonnenblumen mahnten durch ihre Farbe flüchtig an die Er⸗ ſcheinung der Primula Veris und durch ihre Eigenſchaft, ſich der Sonne zuzuwenden, aus welchem Theile des Himmels ſie auch ſtrahlen mochte, an die Lebensphiloſophie ihres ausgezeichneten Gatten. In der Laube, die glücklicherweiſe, von Jasmin dicht bedeckt, gegen die Sonne, welche jetzt heiß genug brannte, einen erträglichen 5* — —— — 68 Problematiſche Naturen. Schutz gewährte, fanden ſie die Frau Paſtorin. Sie hatte neben ſich auf der Baonk ein Arheitskörbchen ſtehen, in welchem zwiſchen bunten Läppchen, Seide u. ſ. w. ein zierliches Büchelchen lag, deſſen Vor⸗ handenſein Oswald einigermaßen beunruhigte. „Weh' dir, dachte er, wenn dieſes Buch eine Sammlung von Primula's in der Roman⸗Zeitung und ſonſt erſchienenen Gedichten iſt!“ Er ſuchte den Paſtor bei den Gemüſebeeten feſtzuhalten; er mußte ſich mit eigenen Augen überzeugen, wie die vom Paſtor ſelbſt erfundene Verbeſſerung an den Bienenkörben denn eigentlich beſchaffen ſei; er ſprach endlich von der Nothwendigkeit, ſich baldigſt verabſchie⸗ den zu müſſen— kurz, er that, was ein Mann in ſeiner kritiſchen Lage thun kann— vergebens! „Wir ſollen Sie verabſchieden, bei der Hitze!“ rief Primula und ließ ihre Hand(von Oswald nicht unbemerkt) auf das Arbeitskörb⸗ chen gleiten.„Wir ſitzen hier zwar nicht im Schatten der gewaltigen Fichte und der weißen Pappel, aber doch im Schatten; und den wollten Sie vertauſchen mit der Gluth und dem Staub der Land⸗ ſtraße? Unmöglich! noch eine Taſſe, werther Gaſt! Es iſt kein Falerner, wie ihn der glückliche Römer in der eben citirten Ode. trinkt, aber doch ein Getränk, das einigen Anſpruch auf Claſſicität machen darf, ſeitdem unſer lieber Voß in ſeiner„Louiſe“ es ſo ver⸗ herrlicht hat. Sagen Sie, lieber Gaſtfreund, hat Ihnen nicht der Aufenthalt unter unſerm niedrigen Dache manche Reminiscenzen an die liebliche Idylle erweckt? Haben Sie nicht empfunden, daß in dieſen, von dem Treiben der Menſchen weit entfernten Stätten die ſanfte Stimme der Ppeſie, die auf dem lauten Markte des Lebens ungehört verhallt, deutlich zu uns ſpricht?“ „Jetzt geſchieht das Entſetzliche!“ dachte Oswald. „Ich bewundere,“ ſagte er,„wie Sie ſo ſinnig Altes und Neues, Wirklichkeit und Poeſie zu einem duftigen Kranze zu flechten verſtehen. Mir ſelbſt iſt leider in jüngſter Zeit die Proſa des Alltagslebens ich früher für unmöglich hielt, mehr und mehr mit ihr ausgeſöhnt, obgleich ich ſehr wohl weiß, daß ich dabei die Empfänglichkeit für die Reize der nſt vollſtändig eingebüßt habe.“ nah und näher getreten; ja, aufrichtig geſtanden, ich habe mich, was ————— 69 Erſter Band. „O, glauben Sie doch das nicht!“ rief Primula.„Der Quell ver Poeſie in uns kann wohl zu Zeiten weniger voll ſtrömen, aber gänzlich verſiegt er nie. Sie klagen ſich der Unempfänglichkeit für die Reize der Dichtkunſt an. Das ſollte mich eigentlich von meinem Vorhaben(hier legte ſie die Hand offen an das Büchelchen in ſchwar⸗ zem Einband mit Goldſchnitt) abbringen, Ihnen eine kleine Probe der Gedichte mitzutheilen, die ich, wie Ihnen wohl nicht bekannt ſein wird, unter dem Pſeudonym„Primula“ in der Roman⸗Zeitung veröffentlicht habe. Aber mein Glaube an die Macht der Poeſie, vor Allem der latenten Poeſie in Ihrem Herzen, iſt zu groß, als daß mich Ihre Selbſtverleumdung vom Gegentheil überzeugen könnte. Darf ich einen Verſuch wagen, die Richtigkeit meiner Anſicht auf die Probe zu ſtellen?“ „Wodurch habe ich ſo viel Güte verdient?“ murmelte Oswald, ſich voll Reſignation in die Ecke ſeiner Bank zurücklehnend und die Augen bis zu dem Winkel ſchließend, der glücklicherweiſe den Augen halb ſchlummernder und verzückter Zuhörer gemeinſam iſt. „Ich habe mein Büchelchen„Kornblumen“ betitelt,“ ſagte Primula, hold verſchämt in dem Buche blätternd, weil die meiſten dieſer Poeſien auf den Spaziergängen durch die Kornfelder, auf alle Fälle in einer ländlichen Umgebung erblüht ſind.“ „Wie ſinnig,“ hauchte Oswald. „Nach den Regeln der beſten Aeſthetiker und nach dem Beiſpiele der Griechen, welche die Tragödie der Komödie voranſchickten, oder richtiger die Komödie auf die Tragödie folgen ließen, werde ich mir ann wieder—“ erlauben, Ihnen erſt ein ernſtes, dann ein launiges, d Reiz der einzelnen Gevichte er⸗ pective ſchauderte. „Gewiß, gewiß, das wird den höhen,“ ſaate Oswald, dem vor dieſer endloſen Perſ „Wil Du nicht, liebe Guſtava—“ ſagte der Paſtor. „Laß mich meine eigene Wahl treffen, Jäger,“ ſagte die Dich⸗ terin in einem ſanften, aber entſchiedenen Tone, und dann ſich räuspernd: „Auf einen todten Maulwurf—“ „Auf was?“ rief Oswald, erſchrocken in die Höhe fahrend. „Nun, ſehen Sie, werther Freund,“ ſagte Primula,„wie ſchon die Ueberſchrift allein Sie elektriſirt!“ — 70 Problematiſche Naturen. „Freilich, freilich!“ murmelte Oswald, in ſeine Ecke zurückſinkend. „Auf einen todten Maulwurf,“ wiederholte die Dichterin, „den ich am Wege fand:“ Wie liegſt Du jetzt ſo ruhig da Mit Deinem glatten Fell! Dein Schickſal, ach, es geht mir nah, Du ſchwärzlicher Geſell! Sie ſchmähten Dich, ſie höhnten Dich, Sie ſagten: Du biſt blind! Das waren ſolche ſicherlich, Die ſelber Blinde ſind. Am Tage zeigteſt Du Dich nicht, Gleich eitler Thoren Schaar, Doch war's in Deiner Zelle licht, In Deinem Buſen klar. Und zu der Sterne hohem Lauf Am mächt'gen Himmelsdom, Sahſt Du von Deinem Hügel auf, Du kleiner Aſtronom! Wie lebteſt ſtill und harmlos Du, Ein dunkler Ehrenmann! Bei Tag nicht Raſt, bei Nacht nicht Ruh, Wer ſieht Dir das nun an?„ Nun liegſt Du, ach, ſo ruhig da Mit Deinem glatter Fell. Dein Schickſal, o! es geht mir nah, Du ſchwärzlicher Geſell! „Das iſt ſchön,“ ſagte Oswald.„Das iſt die echte Lyrik, wie wir ſie heute leider nur zu ſelten finden. Nicht die Treibhauslyrik jener Dichter, die mit Anklängen an Heine beginnen, in der Mitte einige Lenau'ſche Accorde anſchlagen und mit einer Freiligrath'ſchen Fanfare ſchließen. Welch' ein wahres, inniges Gefühl erwärmt dieſe Verſe! und dabei dieſe kernige Kraft Ehrenmann! das iſt einfach, aber ſchön; das haben Sie Ihrem Gvoethe „Sie ſind wahrlich zu gütig, lieber Gaſtfreund!“ ſagte Primula hocherfreut.„In der That, Sie beſchämen mich durch Ihr freige⸗ biges Lob. Aber, ſeien Sie ehrlich, finden Sie nicht, daß, wenigſtens für den modernen Geſchmack, das Ganze doch ein wenig zu ideal gehalten iſt?“ „Vielleicht für unſere Realiſten, die allerdings in ihren Anfor⸗ derungen etwas weit gehen, natürlich zu machen, im Fauſt nächſtens den Pu bringen und durch veranlaſſen werden. Aber ich bin überzeugt, wollen, Sie auch dieſen Herren gerecht werden können.“ „Was halten Sie von dieſem Gedichte?“ „An meinen Haushahn.“ Oswald lehnte ſich wieder in ſeine Ecke. „Das iſt naiv!“ ſagte Oswald. „Nicht wahr?“ ſagte Primula. Erſter Band. der Sprache: Ein dunkler und in ihrem Beſtreben, Alles recht del auf die Bühne Kneifen in den Schwanz zum Bellen und Heulen daß, wenn Sie nur fragte die Dichterin: Gleich Richard von der Normandie, Fürcht' ſich mein Held im Leben nie, Wem bangte nicht, ſobald er ſchrie: Kikriki! 3 1 Am ſpäten Abend ſchwärmt er nie, Doch munter iſt er Morgens früh, Drum haßt ihn auch das faule Vieh. Kikrikit Fürs Liebchen ſcheut er keine Müh', Bald kratzt er dort, bald kratzt er hie, Und fand er was, ſo ruft er ſie: Kikriki! Und iſt mein Held auch kein Genie, Und ſein Geſang nicht Poeſie, So ſtimmt mich doch, ich weiß nicht wie, Sein Kikriki! ———— ————— Problematiſche Naturen. „Nun, was ſagen Sie, lieber Freund?“ „Was ſoll ich ſagen,“ erwiderte Oswald,„als daß Sie Ihre Abſicht vollkommen erreicht haben. Der Hörer glaubt ſich auf den Hühnerhof verſetzt. Die Töne, die Sie hier anſchlagen, ſind wahre Naturtöne, aus dem Herzen der Dinge heraus. Das Gedicht iſt ein kleines Meiſterſtück im modern realiſtiſchen Geſchmack. Aber jetzt, verehrte Frau, eine Bitte: Wie ſehr es den Werth der Gedichte auch erhöht, ſie aus dem wohllautenden Munde der Dichterin zu hören— ich möchte mir den Eindruck dieſes letzten Gedichtes nicht gern ver⸗ wiſchen laſſen. Was auch noch kommen mag, dies war die Grenze des Erreichbaren.“ „Nur dieſes Eine müſſen Sie mir noch erlauben. Es bildet mit den beiden andern gleichſam eine Trilogie, ein Summarium deſſen, was ich den Thieren abgelauſcht. Darf ich beginnen?“ „Bitte!“ „An einen Maikäfer, der auf dem Rücken lag.“ O Du Bacchant der luſt'gen Maiennacht! Haſt Du geſchwelget in den Blüthendüften, Haſt Du gebadet in den weichen Lüften, Vom Abend bis der neue Tag erwacht? Und haſt des Lebens Kürze nicht bedacht? Nicht: wie ſo bald in dunklen Grabesgrüften Ruhn zarte Knöchel, ach! und üpp'ge Hüften, Und Lippen, die nur eben keck gelacht? Jetzt liegſt Du matt auf Deinem Flügelſchild. Ich leſe ſtumm in Deinen ernſten Zügen, Und dunkle Runen ſeh' ich dort geſchrieben. Ach! nur ein Taumel war Dein beſtes Lieben! Drum, die Du liebteſt, mußten Dich betrügen, Des Maies Käfer, falſcher Liebe Bild.. Die ſchöne Vorleſerin war zu Ende. Da tönte in das entzückte Schweigen, in welches Oswald verſunken ſchien, und Primula jeden⸗ dem Hauſe ſtill hielt. „Frau Paſtorin, Frau Paſtorin!“ ſchrie das Dienmädchen mit ängſtlichen Tönen in den Garten hinein. falls war, das Rollen eines Wagens, der denn auch alsbald vor te Erſter Band. Oswald athmete auf. war es auf alle Fälle vorbei. Vielleicht bei dieſer Gelegenheit ein Ende machen. „Es ſind Plüggens, liebe Guſtava, die Gartenhecke den Wagen recognoscir und zwei Fräulein Töchter. „Entſchuldigen Sie mich, werther terin, eiligſt das Buch ſchließend;„abe ſuchen, einen kühneren Flug zu nehmen „Frau Paſtorin, Frau Paſtorin!“ ſ der Gartenthür her. „Ich komme!“ rief die verſtörte Hier kam Beſuch Willſt Du nicht eilen—“ und mit dem Vorleſen konnte er auch ſeinem Beſuch ſagte der Paſtor, der durch t hatte.„Die gnädige Frau ſagte die Dich⸗ Gaſtfreund,“ ſo oft wir ver⸗ r Sie wiſſen: . chrie es immer ängſtlicher von Primula und eilte den ſonne⸗ beſchienen Gartenweg entlang dem Hauſe zu⸗ „Wollen wir nicht ebenfalls—“ „Entſchuldigen Sie mich, wenn ich dürfen,“ unterbrach ihn Oswald. „Aber weßhalb, lieber Freund? höchſt vortreffliche Dame und „Und wären ſie ſchön wie die Vergnügen verzichten, ſie jetzt zu ſehen. Sie mich bei Ihrer Frau Gemahlin! iſt nicht verſchloſſen? Au revoir!“ Und damit eilte Oswald von dem achte, als daß er nicht einzig aus deſſen Scheu, mit de reffen, hätte erklären die Pforte auf die Dorfſtraße, zunte ſich nicht eher Raſt, als lchem, wie er wußte, das Gut ſich und ſeiner Primula d „Gaſtfreundes“ hochadligen Familie zuſammenzut dem Garten durch ſtraße hinaus auf die Felder; und g bis die Bäume des Waldes, hinter we em Haupte ſich wölbten. Melitta's lag, über ſein ſagte der Paſtor. bitte, mich jetzt entfernen zu Frau von Plüggen iſt eine die Töchter, wenn auch nicht ſchön—“ Engelein, ich müßte auf das Adieu, adien! Entſchuldigen Nicht wahr, die Pforte dort Pfarrer, der viel zu gut von den eiligen Rückzug des r unbekannten ſollen, fort ans von der Dorf⸗ nicht ſchlafen läßt, und deßhalb klingt auch 74 Problematiſche Naturen. Elftes Capitel. Der Waldweg, auf dem jetzt Oswald leicht und fröhlich dahin⸗ ſchritt, ſchien wenig betreten und noch weniger befahren. Im Winter mochte es ein verzweifelter Weg ſein, deſto ſchöner und poetiſcher war er nun im Sommer. Hier und da wucherten Gras und Lattig von einem der ſchlecht gehaltenen Gräben bis zum andern quer drüber hin; an manchen Stellen überwölbten ihn die hohen Buchen und Eichen mit ihren breiten Kronen. Je tiefer Oswald in die grüne Wildniß drang, deſto heimlicher und ſtiller wurde es um ihn her— ſo heimlich und ſtill, daß er in dem Liede, welches er vorhin luſtig angeſtimmt hatte, plötzlich abbrach, als fürchtete er, den Wald im Schlaf zu ſtören. Denn in dieſer heißen Nachmittagsſtunde ſchläft der Wald. Das grüne Blättermeer rauſcht nicht in ſchwellenden Wogen; ſtill und un⸗ beweglich trinkt es die Gluth der Sonne. Kaum, daß es hier oder dort leiſe in einem der Bäume raſchelt. Das erweckt dann wohl einen oder den andern der ſchlafenden Nachbarn, aber ſie raunen nur dem Störenfried zu, daß jetzt keine Zeit zum plaudern ſei, und träumen weiter. Die Vögel harren, im dichteſten Laube verſteckt, der Abend⸗ kühle. Das Weibchen ſchlummert auf dem Neſt über den halbflüggen Jungen; das Männchen ſitzt auf dem Zweige daneben, hat das Köpf⸗ chen unter den Flügel geſteckt und ſchlummert, müde von dem frühen Aufſtehen, dem jubelnden Geſang den lieben langen Morgen hindurch und der eifrigen Jagd auf Mücken und Würmchen. Die wiſſen, daß es jetzt gute Zeit für ſie iſt, und tanzen luſtig in den rothen Sonnen⸗ ſtrahlen, die heimlich durch die Zweige ſchlüpfen, und kriechen und krabbeln und haſten ſich durch das warme, weiche Moos. Tiefe Ruhe! da tönt ein ſonderbarer heiſerer Schrei in kurzen, wie in Aerger ſchnell hintereinander ausgeſtoßenen Tönen. Das iſt der Falk, des Waldes Förſter. Er iſt ein ſchlimmer Geſell, den ſein böſes Gewiſſen ſein Ruf ſo grell und ſchrill, wie er jetzt ſtolz und einſam hoch droben in der blauen Luft —-— c— „ F Erſter Band. über dem ſtillen Blättermeer, ſeinem Revier, die wunderlichen, myſti⸗ ſchen Kreiſe zieht. Ein blondköpfiger Junge, der am Rande des Waldes ein paar Gänſe hütete, hatte Oswald geſagt, daß der Weg nach Berkow durch das Holz kaum eine halbe Stunde und nicht zu verfehlen ſei. Daß er dabei die ſchweigende Vorausſetzung gemacht hatte, der Wanderer werde auf dem Wege bleiben und des Weges achten, war natürlich. Da Oswald aber, wie es ſeine Gewohnheit war, weder das Eine noch das Andere gethan hatte, alle Augenblicke über den Graben ge⸗ ſprungen und in den Wald hineingelaufen war, wo das Unterholz weniger dicht wucherte, und die hohen Hallen zwiſchen den mächtigen Stämmen gar zu verführeriſch lockten, und auf Alles geachtet hatte, nur nicht auf den Weg— ſo mochte er es ſich denn auch nun ſelbſt zuſchreiben, als er aus dem Dickicht heraus, ſtatt auf den Weg, den er bisher gegangen war, zu gelangen, auf einen ſchmalen Waldpfad kam, und, denſelben in falſcher Richtung weiter gehend, immer tiefer in den Forſt gerieth. Oswald ſtand ſtill und lauſchte, ob er nicht die Stimme eines Menſchen, das Pochen einer Art vernehmen werde, aber er hörte nichts als den Schrei des Falken und das Klopfen ſeines eigenen Herzens. Luſtig rief er in den Wald hinein:„Wo geht der Weg nach Berkow, Falk?“ Falk— hallte das Echo zurück. Endlich wurde es lichter zwiſchen den Bäumen. Schon glaubte er, den Saum des Holzes erreicht zu haben. Statt deſſen trat er auf eine Lichtung heraus, die faſt ganz von einem kleinen, zum Theil mit hohen Binſen bedeckten See eingenommen wurde. An dem Rande entlang ſchreitend, ſcheuchte er ein Sommer⸗Entenpaar auf, das aus dem Röhricht hervorbrach und mit wunderbarer Haſt über den Sumpf fort in den Wald flog. Dann wieder lautloſe Stille. „Kommt Zeit kommt Rath,“ ſagte Oswald bei ſich.„Vorläufig will ich mich aber ein wenig ausruhen, denn ich finde, daß ich nach⸗ gerade müde werde.“ Er hing ſeinen Strohhnt an einen Zweig, breitete ſein Taſchen⸗ tuch über eine der mit dichtem Moos bewachſenen Wurzeln einer 76 Problematiſche Naturen. vielhundertjährigem Buche und ſtreckte ſich behaglich in das Haide⸗ kraut. „Der Platz iſt wie zum Schlafen gemacht,“ ſprach er bei ſich, träumeriſch den Libellen zuſchauend, die über dem dunklen Waſſer des Sumpfes, bald ſtillſtehend, bald pfeilſchnell fortſchießend, ihr wunderliches Weſen trieben.„Wer weiß? Vielleicht iſt dies ein Zauberwald, ſo ein von der Cultur überſehenes Stück Romantik, ein kleiner ſtehen gebliebener Reſt von den großen, großen Wäldern, die in Muſäus' Märchen rauſchen; von dem Walde etwa, drin der Graf wohnte, der ſeine Töchter verkaufte, wenn er die Wechſel am Verfall⸗ tage nicht einlöſen konnte,— eine Manier, ſeine Schulden zu be⸗ zahlen, die ſelbſt noch heutzutage im Schwang ſein ſoll. Und wer nun in dieſem Walde einſchläft, wozu ich große Luſt verſpüre, ſchläft ſo ein paar hundert Jährchen, ehe er's ſich verſieht, und wenn er aufwacht, wallt ihm ein ſchneeweißer Bart bis zum Gürtel. Darob geräth er denn in gerechtes Erſtaunen, und er fragt den erſten Bauer der ihm begegnet, ob er ihm nicht den Weg nach Berkow zeigen könne?„Berkow?“ antwortet der Angeredete höflich.„Habe nie von einem ſolchen Ort gehört.“ Ich meine das Schloß im Walde wo Melitta wohnt?„Melitta? aber, guter Herr, das iſt ja nur einältes Märchen.“ Ein Märchen?„Nun gewiß! meine alte Großmutter hat es mir, wer weiß wie oft, erzählt.— Vor vielen, vielen hundert Jahren ſtand in dieſer Gegend ein großer Wald; und in dem Walde hauſte eine Fee, die hieß Melitta. Sie hatte ſo wunderſchöne, licht⸗ braune Augen, wie ein Menſchenkind gar nicht haben kann, und eine honigſüße Stimme, und deswegen nannten die Leute ſie Melitta. Sie war die beſte und ſchönſte Fee von der Welt und hatte nur die eine kleine Schwäche, von Zeit zu Zeit Jemand in ihren Wald zu locken, damit er ſich unter den hohen Buchen und Eichen, von denen die eine immer ausſah wie die andere, verirrte. Darüber hatte ſie dann ihre Freude. Wenn ſie aber ſo einen armen Schelm verlocken wollte, ſetzte ſie ſich auf ihr Pferd Bella(denn an dieſer Fee war Alles ſchön, ſelbſt ihr Pferd), ritt in's Land hinein und ſuchte unter Männern, bis ſie den dümmſten fand. Die hatte ſie am liebſten., Den bezeuberte ſie dann mit ihrer Schönheit, ihrem lieben, holden, neck feſt die We bal end nur S 6 2 S S S Erſter Band. 77 neckiſchen Weſen und ihrer honigſüßen Stimme; und um den Zauber feſt zu machen, ſchenkte ſie ihm etwas— eine Roſe etwa. Nahm er die nun in ſeiner Dummheit, ſo mußte er am nächſten Tage in den Wald, er mochte wollen oder nicht. Da kommt er denn natürlich bald vom Wege ab und läuft die Kreuz und Quer herum, bis er ſich endlich am Fuße einer uralten Buche ſchlafen legt. Und wenn er nun ſo daliegt und ſieht, wie die rothen Sonnenſtrahlen in den grünen Zweigen Verſtecken ſpielen und die blauen Libellen Haſchens auf dem ſchwarzen Waſſer, und hört, wie es in dem Röhricht flüſtert und droben in den Wipfeln der Bäume rauſcht, und weht und rauſcht ———„Melitta, kommſt Du endlich. Steige herab von Deiner Bella! Du ſiehſt ja, daß ich hier feſtgewachſen bin. O, Du Liebe, Holde, Angebetete! Melitta, Süße! einen Kuß, einen einzigen Kuß! Und Du willſt fort, jetzt fort— aber was iſt das? was will die braune Hexe? Nein, nein— Du biſt nicht Melitta!“ Oswald ſtützte ſich auf den Ellbogen und ſtarrte ſchlaftrunken in das braune Geſicht, das ſich über ihn beugte:„Was willſt Du von mir?“ „Nichts Schlimmes, ſchmucker, junger Herr! Sah den jungen Herrn liegen, wußte nicht, ob ſchlafend oder todt; iſt gefährlich, zu ſchlafen in dem Wald am Sumpfesrand, wenn man's nicht gewohnt iſt von Kindesbeinen.“ Oswald, der ſich wieder vollkommen zurechtgefunden hatte, be⸗ trachtete jetzt das Weib, das vor ihm ſtand, genauer und erkannte denn alsbald in ihr eine jener Zigeunerinnen, wie ſie hier zu Lande nicht ſelten, wahrſagend, hauſirend, muſicirend, bettelnd, gelegentlich auch ſtehlend, von Dorf zu Dorf und von Jahrmarkt zu Jahrmarkt ziehen. Dieſe hier mochte nach dem Feuer ihrer dunklen Augen, den runden halbnackten Armen und der ſtraffen Haltung des ſchlanken hohen Leibes zu ſchließen, zwiſchen fünfundzwanzig und dreißig Jahre zählen; aber Wind und Wetter, Hunger und Kummer, vielleicht auch ſchlimme Leidenſchaften, hatten arge Verwüſtungen in dem einſtmals ſchönen Geſichte angerichtet, den Zügen eine unangenehme Schärfe gegeben, die Augenhöhlen übermäßig vertieft, ja ſchon hier und da einzelne graue Streifchen in das üppige, blauſchwarze Haar geſtreut, das mit ſeinen dicken Flechten ein beſſerer Schutz für den edelgeformten — 78 Problematiſche Naturen. Kopf war, als der Lappen rothen Zeuges, den ſie turbanartig herum⸗ gewunden hatte. Ihre Kleidung war ſehr ärmlich und vielfach ge⸗ flickt, ihre Füße nackt. Oswald ſah jetzt auch, daß an einem der nächſten Bäume ein wunderlich geformtes Inſtrument hing und allerlei Geräth umherlag. Ein mit einem rothen Federbuſch und einer bunten Decke geſchmückter Eſel ſtrich ſangſam durch die Stämme und ließ ſich das harte Waldgras vortrefflich ſchmecken. „Sind Sie ganz allein, gute Frau?“ fragte Oswald. „Nein, mein Bub' iſt bei mir, der Cziko; er iſt in den Wald gangen, Waſſer zu holen; dies tangt nur für Fröſch' und Kröten.“ „Und wie kommen Sie hierher an dieſen abgelegenen Ort?“ „Kenne den Platz ſchon ſeit vielen Jahren. Mache ſtets hier Raſt, wenn ich in dieſe Gegend komme. Schläft ſich billiger im Walde, als in der Dorfſchenke, guter Herr.“ „Da können Sie mir gewiß auch den Weg nach Berkow zeigen. Iſt es noch weit von hier?“ „Gar nit weit, der Bub', der Cziko, ſoll Sie führen.“ Das Weib legte die Hände an den Mund und ahmte den Ruf der Holztaube auf das tänſchendſte nach. Alsbalp antwortete aus dem Walde ein heller Falkenſchrei, und nicht lange darauf kam ein Knabe herbeigeſprungen, der, wie er den Fremden erblickte, ſcheu und mißtrauiſch unter den Bäumen ſtehen blieb. Einige Worte indeſſen, ihm von ſeiner Mutter in einer Oswald unbekannten Sprache zuge⸗ rufen, machten ihm Muth. Er trat, Oswald das Blechgefäß mit Waſſer, das er in der Hand trug, hinhaltend, furchtlos heran und fagte:„Willſt Du trinken, Herr?“ Das Gefüß war nicht beſonders reinlich, aber der es anbot, viel zu ſchön, als daß Oswald es hätte zurückweiſen können, ſelbſt wenn er weniger durſtig geweſen wäre, wie er es war. Cziko war vielleicht zehn Jahre alt, aber auch er ſah älter aus. Der feuchte Nebelwind, der über die herbſtlichen Felder fegt, und der Schneeſturm, der durch den Hagedorn ſauſt, hatten alle Jugendfriſche von des Knaben wun⸗ derbar ſchönem Geſicht gewiſcht und den tiefdunklen Gazellenaugen einen Ausdruck halb des Kummers und halb des Trotzes gegeben, daß man nicht ohne Wehmuth hineinſchauen konnte. ſah den ein er als im⸗ ge⸗ der lei ten ieß ald ier im uf us ein nd n, e⸗ nit nd un Erſter Band. 79 Mit dem doppelt ſcharfen Blick der Bettlerin und der Mutter ſah das Weib wohl, welch tiefen Eindruck ihr Kind auf den Frem⸗ den machte. „Ja, er iſt ein braver Bub', der Cziko,“ ſagte ſie,„flink wie ein Eichhorn und tapfer wie eine wilde Katz“ und das Cymbal ſchlägt er wie Keiner.“ „Iſt das ein Cymbal, was dort am Baume hängt?“ fragte Oswald, einigermaßen erſtaunt, daß dies Inſtrument noch anderswo, als in Lenau'ſchen Gedichten exiſtire. „Geh, Cziko, zeig' dem Herrn, was Du kannſt,“ ſagte die Frau. Der Knabe nahm das Inſtrument herab, legte es auf einen Baumſtumpf zurecht und die Klöpfel ergreifend, begann er, erſt lang⸗ ſam, dann ſchneller und immer ſchneller hämmernd, eine wunderliche Muſik. Sein Herz ſchien voll von Muſik; ſeine magern braunen Wangen rötheten ſich, die dunklen Augen, die er manchmal träumend zu den Wipfeln erhob, leuchteten. Dann fiel er in ein anderes Tempo und eine andere Melodie, und nach den erſten Tacten begann die Frau, die während deſſen unter einem Keſſel ein Reiſigfeuer entfacht hatte, in tiefer, wohllautender Stimme, an dem Keſſel ſchaffend und ab⸗ und zugehend, eines jener ſlaviſchen Volkslieder, deren ſüß⸗melo⸗ diſche Klage uns Wehmuth in's Herz und Thränen in die Augen lockt. Oswald ſaß da, den Kopf in die Hand. geſtützt und hörte und ſchaute zu, wie im Traum. Es war, als ob die nie zuvor gehörten melancholiſchen Töne ganz neue Gefühle in ihm wach riefen, ein tiefes Mitleid mit ſeiner, mit aller Weſen Exiſtenz und doch auch ein Seh⸗ nen und Schmachten nach einem unendlichen, namenloſen Glück. Das Lied war zu Ende. Oswald fuhr empor. Er ſah auf ſeine Uhr. Schon drei Stunden waren vergangen, ſeitdem er den Wald betreten; er durfte, wollte er noch heute Melitta ſehen, keinen Augenblick zögern. „Kann mich der Cziko den Weg nach Berkow führen?“ ſagte er, uf die Frau zutretend und ihr ein paar Geldſtücke bietend. Die Zigennerin ſtrich das Geld aus der flachen Hand, als ob es ihr nur aronf ankomme, die Linien derſelben genauer zu ſehen, und ſie an den Fingerſpitzen feſthaltend, ſchien ſie eifrig darin zu leſen. 3 80 Problematiſche Natnren. „Nun,“ ſagte Oswald jeni„da ſteht wohl nicht viel Gutes?“ „Viel Gutes, viel Schlimmes,“ ſagte die Zigeunerin, den Kopſ' ſchüttelnd. Fra „Das iſt meiſtens ſo im Leben,“ ſagte Oswald;„und worin be ſtände denn das Gute?“ ſt „Viel Gutes, viel Schlimmes,“ wiederholte die Zigeunerin i „Jede gute Linie von einer ſchlimmen durchkreuzt; kann das Sn tt nennen, ohne das Schlimme.“ „Nun, ſo nenne es, wie es kommt,“ ſagte Oswald, der anſing ungebuldig zu werden. Sn „Viel zum Glück, und doch nicht glücklich,“ murmelte die Zigen⸗ nerin.„Männern Feind und Frauen Freund; raſch im Haſſen, raſch im Seren; buntes Leben, früher Tod.“ 5 „Nun,“ ſagte Oswald,„das läßt ſich ja noch hören. Aber wie ſich war das mit den Frauen? das intereſſirt mich.“ hin „Viel Gutes, viel Schlimmes,“ wiederholte das Weib, den Kop noch tefer bengend, als ſollte ihr auch die feinſte Linie nicht entgehen viel, ſehr viel Liebe und doch wenig, ach! ſo wenig Glück!“ „Liebe ich jetzt?“ „Ja.“ „Und wen?“ „Eine ſehr vornehme, ſehr ſchöne und ſehr reiche Dame.“ „Hm! und liebt ſie mich auch?“ „Mehr, viel mehr, als Du ſie!“. „Und wo ſteckt denn das Schlimme?“ o „Viel, viel Schlimmes; denn Du kannſt nicht treu ſein.“ m „Woher weißt Du das? Die Wahrſagerin zuckte mit den Achſeln.„Hier ſteht noch ein fe Dame und hier noch eine— Du liebſt ſie alle; das ſollte nicht ſein ſpr bringt Dir kein Glück.“ B „Aber mit de bunten Leben und dem frühen Tode hat es doch ſeine Fichtigkeit? Nun denn, kann ja auch das Unglück ſo groh nicht ſein. Und hier haſt Du noch e was zum Lohn für die zu 2 Kunde.“ Erſter Band. 81 „Danke, nehme nur für das Glück, das ich verkünde, nichts für dopſes Unglück.“ „Da wundert es mich freilich nicht, daß Sie ſo arm ſind, gute be Frau So nehmen Sie's als Botenlohn für den Czikv.“ Die Zigeunerin nahm mit wirklichem oder nur geheucheltem Wider⸗ ſtreben das Geld und rief dem Knaben, der während dieſer Zeit fort⸗ 4 während, in ſich verſunken, auf ſeinem Inſtrument leiſe phantaſirt hatte, in ihrer Sprache ein paar Worte zu. Das Kind ſprang auf, trat vor Oswald und ſagte:„Willſt Du kommen, Herr?“ fing„Adieu, liebe Frau!“ ſagte Oswald, nicht ohne Theilnahme dem en Zigeunerweib in die dunklen, glänzenden Augen ſchauend;„wenn Sie 3 nach Grenwitz kommen, vergeſſen Sie nicht, nach dem Doctor Stein zu fragen.“ wi Die Frau kreuzte die Arme über dem vollen Buſen und neigte ſich tief. Oswald ergriff ſeinen Hut und folgte dem Cziko, der ſchon Kop hinter den Bäumen faſt verſchwunden war. hen Zwölftes Capitel. Nicht ſo ſchnell, Cziko!“ rief Oewald, den Schooß ſeines Rockes vor den Dornen eines Buſches los machend; nimm Rückſicht auf meiten civiliſirten Zuſtand.“ ei Der Knabe ging langſamer, hielt ſich aber immer in ſcheuer Ent⸗ fernung von dem Fremden. Vergebens ſuchte ihn Oswald in ein Ge⸗ ſein ſpräch zu verwickeln, während er mühſam die Büſche auseinander ücte durch die der Knabe wie eine wilde Katze ſchlüpfte. So waren greß ſie vielleicht eine Viertelſtunde gegangen, als ſie plötzlich aus dem dichten Wold in ein Gehölz gelangten, das ſchon zu dem Parke von 3* Berkow gehören mußte. Reinlich gehaltene Wege, hier und da eine grüne Bank oder eine verwitterte Hermenſäule; überall die Spuren Fr. Spiellagen's Werke. I. 6 do 82 Problematiſche Naturen. ordnender Menſchenhand. Dann traten ſie auf einen breiteren Fahr O— weg, der wohl die Fortſetzung deſſelben Weges ſein mochte, vo Fe welchem Oswald abgekommen war, und der mit einem eiſernen Git dit terthor endigte, das unmittelbar auf den Hof des Gutes führte ge Cziko blieb ſtehen, deutete ſtumm auf das Thor; dann, nachdem er ſic Ar vor Oswald mit verſchränkten Armen verneigt hatte, ſprang er in die ge Büſche zurück und war im nächſten Augenblicke verſchwunden. ur „Ein geheimnißvoller Anfang,“ ſprach der junge Mann bei ſich ur während er langſam, faſt zögernd auf das Thor zuſchritt.„Iſt e w die Nachwirkung der ſeltſamen Zigeunerwirthſchaft, oder die Vorah⸗ nung deſſen, was mir hier in dieſem Schloß der Zauberin begegnen de ſoll— aber mir iſt wunderlich zu Muthe. Ich hätte am Ende doch T beſſer gethan, den Wagen, welchen mir geſtern der alte Baron anbot, n nicht auszuſchlagen. Ich wäre daun vielleicht dem Paſtor und ſeiner Primula entgangen, und auf jeden Fall käme ich jetzt, in ſtattlicher tr Würde, von den ſchwerfälligen Braunen gezogen, angefahren, und in nicht zu Fuß in bedeutend derangirter Toilette wie ein reiſender d Handwerksburſch. Ei nun! Kleider machen wohl Leute, aber kein Männer, und Melitta, wenn mich nicht Alles trügt, verkehrt mit Männern lieber, als mit— Leuten.“ Er klinkte das unverſchloſſene Gitterthor auf, und trat in 3 Hof. Ein mächtiger Neufundländer Hund, der im Graſe gelegn hatte, richtete ſich langſam empor, als er die Thür in den A iſt kreiſchen hörte und kam Oswald wedelnd entgegen.„Nun, das, wenigſtens ein freundlicher Willkomm!“ ſprach der junge Mann„ 1 ſich, während er, das prachtvolle Thier ſtreichelnd, weiter ſckitt. Rechts blickte er über ein niedriges Stacket in einen blühenden Gitten⸗( Mit dem Stacket in einer Linie war die Front des Herrenhauſes, eines zweiſtöckigen, ſchmuckloſen Gebäudes, das ſich indeſſen mit ſeiner alters⸗ grauen Farbe, dem großen ſteinernen Balcon über der Thür und ven zwei gewaltigen Linden davor, recht ſtattlich ausnahm. Die Prei a deren Seiten des geräumigen Platzes waren von den Wi hſchafts⸗ gebäuden eingenommen. Ein Stacket und eine Reihe ju ger Obſt⸗ bäume war parallel mit dem Wohnhauſe quer über den Pl tz gezogen, als Schranke zwiſchen dem Hofe und dem Raſenplatz vor pem Hauſe. ahr vor Hit rte ſich dit ſich e nen och bot, ner her und der ine mit en An iſt 6* tt. n. es rs⸗ den au⸗. fts⸗ bſt⸗ en, uſe. Erſter Band. 83 Oswald blickte, an der Front des letzteren hinſ chreitend, durch die offenen Fenſter in ſchöne Zimmer. Es war Niemand darin. Er blickte durch die ebenfalls offenſtehende Hausthür auf den mit Steinflieſen aus⸗ gelegten Flur. Eine große Wanduhr ſchwatzte in der lautloſen Stille. Auch auf dem Hofe regte ſich nichts. Der ganze Platz war wie aus⸗ geſtorben, nur die Spatzen zwitſcherten und lärmten in den Linden, und die Schwalben ſchoſſen an den Mauern hin zu ihren Neſtern unter dem Dache, die Jungen zu füttern, und ſchoſſen ebenſo eilig wieder davon. „Es wird Niemand zu Hauſe ſein,“ dachte Oswald.„Du haſt den langen Weg vergebens gemacht. Oder kannſt Du mir ſagen, wo Deine Herrin iſt, Neufundländer? Sollen wir einmal im Garten nachſehen?“ Der Hund, als ob er verſtanden, was man von ihm wolle, trabte von Oswald fort nach einer Thür, die rechts neben dem Hauſe in den Garten führte; und blickte, dort ſtehend, ſich nach dem Frem⸗ den um. „Alſo wirklich im Garten?“ Oswald drückte die Thür auf. Der Hund lief vor ihm her an Blumenbeeten vorüber in einen ſchmalen Heckengang bis zu ein paar Stufen, die rechts durch die Hecke auf eine Art Terraſſe führten. Dort ſah er ſich noch einmal nach Oswald um. Dann ſprang er die Stufen hinauf. Oswald folgte. Zwiſchen hohen blühenden Sträuchen war das Thier verſchwun⸗ den. Indeſſen hatte der junge Mann kaum einige Schritte gethan, als ſich ſeinen Blicken ein Bild zeigte, das ihn regungslos an ſeine Stelle bannte. Er ſah auf einen kleinen offenen Platz, der auf zwei Seiten von den hohen Hecken, welche die ganze Terraſſe umſchloſſen, eingerahmt war. In der Mitte ſchoß ein hochſtämmiger, breitäſtiger Tannenbaum wie eine Lanze machtvoll in die Höhe. An dem Fuße des Baumes auf dem Teppich brauner Nadeln ſtand ein runder Gar⸗ tentiſch und ein paar Stühle. In einem der Stühle, umfloſſen von dem weichen, träumeriſchen Licht des Sommernachmittags, ſaß Melitta, den Kopf in die eine Hand geſtützt, während die andere mechaniſch vie treue Dogge ſtreichelte, die fich dicht an die Herrin drängte. Sie 6* — Problematiſche Naturen. trug ein weißes Kleid, das in anmuthigen Linien den ſchlanken Leib umfloß und Buſen und Schultern nur zu verhüllen ſchien, um die ſchönen Formen deſto reizender zu umſchreiben. Auf dem Tiſch lagen Handſchuh, ein breiträndriger Strohhut und ein aufgeſchlagenes Buch. Sie ſaß ſo in ſich verſunken da, daß ſie den leichten Schritt Oswalds nicht vernahm, bis er vor ihr ſtand. Da hob ſie ſchnell den Kopf empor und unterdrückte nur mit Mühe einen Ruf freudigſter Ueberraſchung, den Mann leibhaftig vor ſich zu ſehen, mit dem ihre Gedanken ſo eben beſchäftigt geweſen waren. Für einen Augenblick ſtockte ihr das Blut im Herzen, und dann mit Macht hervorbrechend, übergoß es die bleichen Wangen mit hoher Purpurgluth. „Sieh' da!“ ſagte ſie, ſich raſch erhebend, und Dswald die Hand entgegenſtreckend. „Verzeihen Sie, gnädige Frau,“ ſagte der junge Mann, die ſchöne zitternde Hand, die jetzt in der ſeinen ruhte, ehrfurchtsvoll an die Lippen führend,„wenn ich unangemeldet— „Aber nicht unerwartet Ihr dolce far niente ſtöre— und ſo weiter, und ſo weiter—“ unterbrach ihn Melitta.„Kommen Sie, von Ihnen will ich keine Redensarten hören. Ueberlaſſen Sie das unſern hohlköpfigen Junkern. Setzen Sie ſich und bedanken Sie ſich zuvörderſt, daß Sie mich überhaupt noch finden. Bemperlein und Julius ſind, an Ihrem Kommen verzweifelnd, vor einer halben Stunde auf Beſuch in die Nachbarſchaft gefahren. So müſſen Sie denn mit mir allein vorlieb nehmen. Das iſt Ihre gerechte Strafe.“ „Wenn die Strafe gerecht iſt, ſo iſt ſie auch auf alle Fälle ſehr mild,“ antwortete Oswald heiter,„und ich unterwerfe mich ihr mit der Demuth, die dem reuigen Sünder ziemt.“ „Sie ſehen auch wahrhaftig wie ein reuiger Sünder aus! Aber im Ernſt, warum kommen Sie ſo ſpät, und— Und in ſo derangirter Toilette? Im Ernſt, gnädige Frau, ich konnte nicht früher und nicht anders erſcheinen. Wenn man, wie ich, den weiten, unbekannten Weg zu Fuß zurücklegt.“ „Wie kommen Sie aber auch auf den närriſchen Einfall?“ „Ich leide ſehr an närriſchen Einfällen, gnädige Frau.“ — — 7 Erſter Band. „Da theilen Sie mit mir daſſelbe Schickſal. Weiter!“ „Und wenn man ſich unterwegs von einer alten Frau eine Vor⸗ leſung über Unſterblichkeit, von einem Landpaſtor eine Predigt über daſſelbe Thema und von deſſen geiſtreicher Gemahlin erzählen laſſen ſoll: was ſie den Thieren abgelauſcht—“ „Ach, ſie Unglücklicher!“ rief Melitta, die Hände zuſ ammenſchlagend. „Wenn man ſich darauf im Walde verirren, am Rand eines Sumpfes einſchlafen, bei der Gelegenheit allerlei ſüßes, närriſches Zeug träumen, beim Erwachen ſich von einer Zigeunerin wahrſagen, ſich von deren Buben auf den rechten Weg bringen, und bei der An⸗ kunft in dieſem verzauberten Schloß Niemanden finden ſoll, der den Fremden zur Chatelaine führt, als dieſen liebenswürdigen Hund, der ſo aufmerkſam zuhört, daß man glauben ſollte, er verſtände unſere Unterhaltung, ſo werden Sie mir zugeben müſſen, daß man mindeſtens eben ſo viel Zeit braucht, dies Alles zu thun, als zu erzählen.“ Der Hund legte vertraulich den ungeheuren Kopf auf der Herrin Schooß und blinzelte zu ihr empor.„Biſt mein braver Boncveur,“ ſagte ſie, den Liebling tätſchelnd,„machſt Deinem Namen Ehre. Siehſt in Haus und Hof hübſch nach dem Rechten; weißt wohl, daß es außer Dir und dem Baumann voch Niemand thut.— Wiſſen Sie, daß mich Ihr Zuſammentreffen mit der braunen Gräfin, ich meine der Zigeunerin, und der Czika, denn es iſt ein Mädchen, wie ich Ihnen zum Ruhme ihres Scharfſinnes nur ſagen muß, ſehr intereſſirt.“ „Ein Mädchen, der Cziko?“ „Die Czika, ein Mädchen— v trafen Sie die Beiden?“ „Eine Viertelſtunde von hier im Walde, bei demſelben Zauber⸗ ſee, an deſſen Rande ich eingeſchlafen war.“ „Alſo doch auf dem Berkower Gebiet— das freut mich.“ „Sie ſcheinen ſich in der That für die ſchöne Mutter und die ſchönere Tochter— ich finde jetzt allerdings, daß das Kind für einen Knaben viel zu ſchön war— ſehr zu intereſſiren, gnädige Frau. Wie kommt die Zigeunerin zu dem Namen:„die braune Gräfin?“ „Ach!“ lachte Melitta,„das iſt eine lange Geſchichte und ein Beiſpiel jener närriſchen Einfälle, erlaſſen Sie ſich darauf; aber wo von denen ich, wie Sie, heim⸗ ——— Problematiſche Naturen. geſucht werde, und die freilich bei mir meiſtens an das Gebiet der dummen Einfälle ſtreifen. Vor ſechs Jahren kam die Iſabel zum erſten Male in unſere Gegend. Sie war damals vielleicht zwanzig Jahre— vielleicht, denn genau weiß Sie es ſelbſt nicht. Ihr Kind, die Czika, war vier Jahre alt; das wußte ſie, denn es war wirklich ihr eigenes Kind und keine geſtohlene Prinzeſſin oder dergleichen.“ „Woher wiſſen Sie das?“ „Aus der frappanten Aehnlichkeit zwiſchen Mutter und Kind, die Ihnen doch auch aufgefallen ſein muß. Beide waren damals bildſchön, ſo ſchön, wie ich nie wieder etwas geſehen habe. Ich glaube, kein Menſch hätte ungerührt bleiben können bei dem Anblick dieſer ſo jugendlichen Mutter mit ihrem ſo prächtigen Kinde, das in ſeiner ſo wunderlichen Tracht und ſeinen üppigen dunklen Locken ſo gut für einen Knaben wie für ein Mädchen gelten konnte. Ich habe nur auf Murillo's Sonne⸗getränkten, Leidenſchaft⸗durchglühten Bildern ſpäter etwas Aehnliches geſehen. Ich, die ich die Schwäche habe, mich auf maleriſche Schönheit verſtehen zu wollen, und ſelbſt ein wenig in dieſer herrlichen Kunſt pfuſche, zeichnete und malte damals vom Morgen bis in den Abend Zigeunerköpfe. Ich vergaß nämlich, zu ſagen, daß ich die Beiden ein paar Tage lang hier in Berkow feſthielt. Zufällig mußte ich damals eine große Geſellſchaft geben. Und— jetzt kommt der dumme Einfall— um unſerer albernen Sippe einen Poſſen zu ſpielen, denn das war doch der eigentliche Grund, kleide ich die Iſabel in das prächtigſte Kleid, das ich in meiner Garderobe auffinden kann, laſſe die Czika von meiner Kammerfrau herausputzen, und präſentire ſie der Geſellſchaft als Gräfin von Kry⸗ van mit ihrem Töchterchen Czika, die ich im vorigen Jahre in Ma⸗ rienbad kennen gelernt habe und die ſo eben aus dem fernen Ungar⸗ land mich zu beſuchen gekommen ſei.“ „Und was ſagte die Geſellſchaft?“ „Sie war entzückt. Ich hatte ihr vorher angekündigt, daß Iſa⸗ bella von dem ſtreng nationalen ungariſchen Adel ſei, der ſich das Wort gegeben habe, nie etwas Anderes, wie die Rationalſtreih und außerdem nur noch Lateiniſch zu ſprechen.“ 4 Erſter Band. 87 „Glaubte die Geſellſchaft denn das? und verſuchten die Herren nicht, eine lateiniſche Converſation zu beginnen?“ „Unſerer Geſellſchaft kann man Alles aufbinden, und was unſere Herren betrifft, ſo iſt lateiniſch ihnen ſpaniſch. Iſabella, das muß man ihr laſſen, füllte ihren Platz auf dem Sopha mit wahrhaft könig⸗ lichem Anſtande aus, und die Griebens, die Trantows, die Cülows überſchütteten die Standesgenoſſin mit Aufmerkſamkeiten und bedauer⸗ ten einmal über das andere ihre Unkenntniß der lateiniſchen Sprache, die es ihnen unmöglich mache, ſich mit der fremden Dame in eine, jedenfalls höchſt geiſtreiche und intereſſante Converſation einzulaſſen. Die kleine Czika wanderte von einem Schooß auf den andern, und wurde mit Leckerbiſſen und Küſſen bald erſtickt.— Kurz, die Komödie ſpielte zu meiner größten Zufriedenheit bis zu Ende, und in den nächſten Tagen war die ganze Nachbarſchaft voll von„der braunen Gräfin“, wie man die Freundin Melitta's von Berkow kurzweg zu nennen beliebte. Nun, wie gefällt Ihnen die Geſchichte?“ „Offen geſtanden, nur halb, gnädige Frau. Ihrer vornehmen Geſellſchaft gönne ich die Myſtification von ganzem Herzen, aber es thut mir weh, wenn ich ſehe, wie der Arme und Hülflole, eben weil er arm und hülflos iſt, ſich zum Spielding der Reichen und Mäch⸗ tigen hergeben muß.“ Melitta ſah Oswald voll in die Augen und antwortete, ohne die mindeſte Spur von Empfindlichkeitt: „Sehen Sie, das iſt hübſch, daß Sie ſo denken; und noch hüb⸗ ſcher finde ich es, daß Sie js mir ſo geradezu ſagen. Aber ich habe Ihnen ja von vornherein zugeſtanden: es war ein dummer Streich, den ich nachher aufrichti bereute und deſſen böſe Folgen ich, ſoweit ich vermochte, wieder„gut zu machen mich bemühte. Denn, hören Sie nur, wie die Sache weiter verlief. Der braunen Gräfin hatte ich natürlich die Sachen geſchenkt, die ſie und die Czika bei der Komödie getragen. Das gume Weib, das mit dem Plunder nichts anfangen konnte, wollte jihn in der nächſten Stadt verkaufen. Man glaubte, ſie habe die Sachen geſtohlen, und verlangte, ſie ſolle ſich über den en. Sie vermochte es nicht, denn ehrlichen Ernperb derſelben ausweiſ ſie hatte meinen Namen und den Namen meines Gutes vergeſſen, und „ Problematiſche Naturen. überdies konnte kein Menſch aus ihrem Kauderwelſch klug werden. Die Herren vom Gericht beſchloſſen deshalb in ihrer Weisheit, die braune Gräfin als Landſtreicherin und Diebin einzuſperren, bis ſich die Sache auf eine oder die andere Weiſe aufklären würde. Unglück⸗ licherweiſe war ich ein paar Tage zuvor in ein benachbartes Bad ge⸗ reiſt, und während ich dort die friſche Seeluft in vollen Zügen ein⸗ ſog, mußte die Aermſte wochenlang in dem dumpfen Gefängniſſe ſchmachten. Ach! und dieſen Leuten iſt die Freiheit Alles! Sehen Sie, das werde ich mir nie vergeben!— Erſt nach meiner Rückkehr erfuhr ich durch einen Zufall das Unglück, welches ich angerichtet hatte. Natürlich that ich ſofort die nöthigen Schritte. Ich fuhr ſelbſt nach B. und öffnete den Kerker meiner armen braunen Gräfin. Aber, wie fand ich ſie wieder! Bleich, abgemagert, verhärmt, um ſo viele Jahre gealtert, als ſie Wochen gefangen geſeſſen hatte. Die kleine Czika ſah wo möglich noch ſchlimmer aus. Ich nahm ſie mit hierher nach Berkow; ich pflegte ſie, ich tröſtete ſie, ich beſchenkte ſie, ich that, was ich konnte. Aber die Reue kam hier, wie überall, zu ſpät. Der kleinen Czika war die Kerkerluft bis in's Herz gedrungen. Sie verfiel, kaum hier angekommen, in ein hitziges Fieber, und ich danke Gott noch heute, daß ſie mit dem Leben davon kam. Was hätte ich anfangen ſollen, wenn ſie geſtorben wäre!“ Melitta ſchwieg und in ihrem Auge glänzte etwas, wie eine Thräne. Aber im nächſten Momente lachte ſie ſchon wieder und ſagte: 3 „Nur, ſie ſtarb ja nicht, ſondern wurde wieder munter und friſch wie vorher, und ſpielte ſich mit meinem Julius hier wieder helle Augen und rothe Backen. Die Kinder hatten ſich ſehr lieb gewonnen, und ich hätte die Kleine gar zu gern hier behalten, ſie mit Julins zuſammen erziehen zu laſſen. Das Kind zeigte die köſtlichſten Anla⸗ gen, beſonders ein überraſchendes Talent für Muſik. Die braune Gräfin wollte ich zu meiner Kammerfrau machen, oder wozu ſie wollte. Ich ſtellte ihr frei, ihr Leben nach Belieben einzurichten, und bat ſie nur, zu bleiben. Aber es war die alte Geſchichte vön dem Froſch und dem goldenen Stuhl. Ein paar Wochen hielt ſie das zahme Leben aus; und eines ſchönen Morgens war ſie verſchwunden— ſie und — Erſter Band. 89 die Czika. Später ſind ſie wiederholt in dieſe Gegend gekommen, ber hierher zu mir kommen ſie nicht mehr. Die Iſabell grollt mir eiferſüchtig auf mich und fürchtet, ich werde ihr die Czika ſtehlen. Und doch muß ſie einſehen, daß ich es gut mit ihr meine. Die Leute im Dorf haben Befehl, ihr, wenn ſie vorſpricht, jede Gefälligkeit zu erweiſen; der Förſter hat den Auftrag, ſie unbe⸗ läſtigt im Walde zu laſſen, entweder noch, oder ſie iſt M und ich verſage mir das Vergnügen, ſie efzuſuchen, weil ich fürchte, ſie gans zu verſcheuchen. Das iſt meine Geſchichte von der braunen Gräfin. Sind ſie mir noch bös?“ t„Welches Recht hätte ich dazu?“ „Nun, ſie machten vorher ein ſo finſteres Geſicht, daß ich mich ginz als arme Sünderin fühlte.“ „Sie belieben zu ſcherzen. Was kann Ihnen an meinem Urtheil e gelegen ſein?“ „Mehr, als Ihre jedenfalls halb erkünſtelte Beſcheidenheit zu „glauben vorgiebt. Eine Frau hält ſtets große Stücke auf eines 1 Mannes Urtheil, weil ſie inſtinctiv fühlt, daß des Mannes Kopf .beſſer, das heißt nicht ſchneller, aber gründlicher, ſicherer denkt, als ihr leichtſinniges Frauengehirn. Und vor euch gelehrten Herren haben wir noch einen ganz beſonderen Reſpect. Ihr habt Alle um die Augen und um die Mundwinkel herum ſo etwas Myhſtiſches, Uner⸗ 13 gründliches, ſo etwas— 1 Oswald mußte laut auflachen. 11 „Ja, lachen Sie nur. Ihnen mag das nicht ſo erſcheinen; aber 6 wir fürchten uns vor eurem Wiſſen, auch wenn wir Einen oder den 1 e Andern unter euch, der gutmüthig genug iſt, ſich dazu herzugeben, ſ zur Zielſcheibe unſeres Spottes machen. Da iſt mein Bemperlein, mein guter, treuer Bemperlein. Nun, er iſt wahrhaftig kein Genie, und kennt die Welt gerade ſo gut, wie ich das Griechiſche; und den⸗ noch ziehe ich, wenn wir uns ſtreiten, jedesmal den Kürzeren. Das ſere Landjunker. Es ſind iſt doch ärgerlich. Nehme ich dagegen un hübſche, ſehr hübſche Männer darunter, die uniform ſich mit ihren blonden Schnurrbärten, ſichtern und hellen blauen Augen prächtig ausnehmen; ſehen ſie dumm aus. Sie haben das Stupide, Leblo 1 in Landwehrlieutenants⸗ ſonnengebräunten Ge⸗ ſ aber in Civil ſe von ſchönen Problematiſche Naturen. Pferde⸗ und Hundegeſichtern. Der einzige von ihnen, der ſtudirt hat, ſieht aus, als wäre er aus einer andern Welt.“ „Wer iſt dieſer Phönix?“ „Baron von Oldenburg.“ Ein Schatten fuhr über Melitta's lebensvolles Antlitz, wie wenn eine Wolke über eine ſonnenhelle Landſchaft jagt. Sie ſtarrte auf ein paar Augenblicke vor ſich hin, wie wenn ſie den Faden des Geſprächs verloren hätte. Dann, wie aus einem Traum erwachend: „Ja, was ich ſagen wollte— und darum will ich, daß mein Julius ſtudirt. Aber ich ſchwatze und ſchwatze und frage nicht ein⸗ mal, ob Sie nicht hungrig und durſtig und müde ſind, wozu Sie doch nach Ihren Kreuz⸗ und Querfahrten das vollkommenſte Recht haben. Kommen Sie, wir wollen hineingehen und ſehen, ob wir nicht Jemand auftreiben können, der uns einige Erfriſchungen beſorgt. Mich verlangt ebenfalls darnach, denn es fällt mir ein, daß ich eigentlich nichts zu Mittag gegeſſen habe. Sind Sie noch gar nicht in dem Hauſe geweſen?“ „Doch, wenigſtens auf dem Hausflur. Ich fragte eine große Wanduhr, ob ich Frau von Berkow meine Aufwartung machen könne, aber ſie antwortete: Schnick⸗Schnack, Schnick⸗Schnack! Da ging ich wieder fort!“ Melitta hatte ſich erhoben und ihren Strohhut aufgeſetzt, ohne ſich weiter um die Bänder zu kümmern, von denen das eine über den Buſen, das andere über den Rücken lief, und ſagte lächelnd, während Oswald im Aufſtehen das Buch ergriffen und nach dem Titel geſehen hatte: „Für Sie ſpricht auch wohl jedes ⸗Ding ſeine Sprache?“ „So ziemlich. Dies Buch zum Beiſpiel ſagt mir: Frau von Berkow könnte mich auch ungeleſen laſſen, da es ſo viel beſſere Bücher zu leſen giebt.“ „Ja, du lieber Himmel, wir auf dem Lande leſen, was uns die Leihbibliothekare und die Buchhändler zu ſchicken belieben. Aber, was haben Sie gegen dieſe Mystéères?“ „Erſtens ärgere ich mich, daß ich auf das Buch ſtoße, wo ich gehe und ſtehe. In Grünwald lag es auf jedem Tiſch; kaum war heit und Reichthem ohne Liebe! und wird ſie wo Erſter Band. 91 ich zwei Tage in Grenwitz, verfolgte es mich auch dahin, und nun muß ich es auch gar bei Ihnen finden. Ich habe es nicht bis über den zweiten Band hinaus bringen können, und Sie ſind zu meinem Erſtaunen ſchon im vierten. Wie können Sie ſich für dieſen Chou⸗ rineur, dieſen Maftre d'école, dieſe Chouette, und wie das Geſinvel ſonſt noch heißt, intereſſiren? Wahrlich, doch kaum ſo viel, wie für Beſtien in der Menagerie. Denn dieſe ſind doch wenigſtens Gottes Geſchöpfe, während jene nur die Ausgeburten der wüſten Phantaſie eines verbrannten Dichtergehirns ſind.“ „Sie mögen Recht haben,“ ſagte Melitta, während ſie jetzt von der Teraſſe in den Garten hinabſtiegen.„Es iſt vielleicht ein Un⸗ glück, das ſolche Bücher geſchrieben werden, und ein noch größeres Unglück, daß wir, und beſonders wir Frauen, in unſerer Erziehung und Bildung ſo verwahrloſt ſind, um an dieſen Büchern doch eine Art von Geſchmack zu finden. Uebrigens nehme ich Alles, was Sue von jenem Geſindel erzählt, auf Treu und Glauben hin, wie die Be⸗ richte eines überſeeiſchen Reiſenden von den Wundern, die er zu Waſſer und zu Lande erlebte, um ſo mehr, als er die Sphären der Geſellſchaft, die ich kenne, zum Theil ſehr wahr, ſehr treu ſchildert.“ „Iſt etwa Rudolphe, Grand Duc régnant nach dem Leben?“ „Das weiß ich nicht, aber ſo viel weiß ich, daß Geſchichten, wie die des Marquis d'Harville und ſeiner Frau ſo oder ähnlich alle Tage im Leben vorkommen.“ Oswald antwortete nicht; es fiel ihm ein, was er über das Ver⸗ hältniß Melitta's zu ihrem Gemahl gehört hatte, wie Herr von Berkow nun ſchon ſeit ſieben Jahren in unheilbarem Wahnſinn lag. Eine Ahnung der trauervollen Scenen bis zum Hereinbrechen der furchtbaren Kataſtrophe überkam ihn; es that ihm weh, daß er unver⸗ ſehens an den Vorhang eines ſo dunkeln Familiendrama's gerührt hatte. Aber zugleich erfaßte ihn eine unendliche Theilnahme für die reizende Frau, die hier in dieſer grünen Wildniß die ſchönſten Jahre ihres Lebens einſam vertrauern ſollte. Was hilft ihr Jugend, Schön⸗ hl ſo geliebt, wie ſie de Gerolstein auch Problematiſche Naturen. geliebt zu werden verdient, und ſie geliebt zu werden wünſcht, ſie, durch deren ſanfte, ſchmachtende Augen man in unergründliche Tiefen von Zärtlichkeit und Leivenſchaft blickt? Mitleid iſt der erſtgeborene Bruder der holden Schweſter Liebe. — Während Oswald das Schickſal der ſchönen Frau beklagte, fühlte er, wie ein Quell ſchmerzlich ſüßer Gefühle warm aus ſeinem Herzen hervorbrach, und es bald bis zum Zerſpringen füllte. Und wenn die kalte klaſſiſche Liebe im Wellenſchaum geboren wird— für die rvman⸗ tiſche moderne Liebe iſt die weiche, blumenduftgetränkte, warme Luft eines üppig blühenden Gartens eine günſtigere Atmoſphäre.— Wol⸗ lüſtige Schatten erfüllten die lauſchigen Boskets; träumeriſch lag der Nachmittagsſonnenſchein auf den grünen Raſenplätzen; in den dichten Kronen der Bäume jubelten die Vögel, Schmetterlinge wiegten ſich 3 über den ſonnetrunkenen Blumenwäldern der Beete... Langſam wandelten die ſchlanken Geſtalten durch das grüne Revier, oft ſtill ſtehend, hier einen Roſenbuſch zu bewundern, der in noch üppigerem Schmucke prangte als ſeine Nachbarn, dort einem Eichhörnchen zuzuſchauen, das ſich luſtig von Aſt zu Aſt und von Zweig zu Zweig ſchwang. Immer mehr überkam Oswald das Gefühl, als wandle er in einem herrlichen Traum; als träume er nur dieſen Sonnenſchein, dieſen Blumenduft, dieſen Vogelgeſang; als träume er nur Melitta's füße Stimme, Melitta's liebestiefe Augen— und auch Melitta war es, als ob ſie heute mit ganz anderen Augen ſehe, mit ganz anderen Ohren höre. Der fremde Mann, den ſie durch ihre Beſitzung führte, war ihr ſo vertraut, als kenne ſie ihn ſchon ſeit vielen, vielen Jahren, als habe ſie ihn immer gekannt; und was ſie ſeit Jahren tagtäglich geſehen, erſchien ihr jetzt beinahe fremd. So wahr iſt es, daß der Menſch dem Menſchen ewig nicht nur das Intereſſanteſte, ſondern auch das einzig Verſtändliche im ganzen Um⸗ fang des Daſeins iſt. Für eine Menſchenſeele, die mit unſerer Seele harmoniſch zuſammenklingt, werfen wir freudig all' den Plunder fort, mit dem wir, in Ermangelung dieſes höchſten Glücks, das Einerlei der Stunden auszufüllen ſuchen. Und wenn dies ſchon für den Mann gilt, ſo gilt es doppelt und dreifach für die Frau. Für ſie giebt es nur eine Seligkeit auf Erden: zu liehen, und nur ein Glück: geliebt e 0 6 e „ — der Bewegung und Anmuth der Rede. Erſter Band. zu ſein. Und Melitta's ſeit Jahren nur mit oberflächlichen Neigungen, mit leeren Coquetterien hingehaltenes Herz ſchmachtete nach einer wahren tiefen Leidenſchaft; und Melitta fand die halb ehrfurchtsvollen, halb kühnen, aber immer aufrichtig bewundernden, zärtlich liebkoſenden Blicke, mit denen der junge Mann an ihr hing und ſie wie mit einem unſichtbaren Zaubernetz, deſſen Maſchen ſich dichter und immer dichter woben, umſpann, viel zu ſüß, als daß ſie dem, der ihr dies ſüße Gläck gewährte, nicht von Herzen hätte dankbar ſein ſollen. Sie fühlte ſich unſäglich glücklich, und dennoch ernſter geſtimmt, als es wohl ſonſt ihre Gewohnheit war. Der Sturm der Leiden⸗ ſchaft, der in ihrer Seele langſam heraufzog, warf ſchon ſeine dun⸗ 3 keln Schatten über ihr ſonnenhelles Gemüth, und ſein erſter Anhauch zerriß den leichten Schleier, den die Zeit mühſam über ſo manches heitere Bild vergangener Tage gewebt hatte. Während Oswald den Bildungsgang, den er für Julius am geeignetſten hielt, entwarf, da⸗ bei auf ſein eigenes Leben zu ſprechen kam, und die ſchöne Frau, gleichſam als ein Zeichen ſeiner Liebe und Verehrung, ſo manchen Blick in das tiefgeheimſte Leben ſeiner Seele thun ließ, fühlte ſie ſich mehr wie einmal auf das ſonderbarſte ergriffen. Manche Gedanken, die der junge Mann in ſeiner lebhaften Weiſe mit gefälliger Bered⸗ ſamkeit vortrug, hatte ſie, oft faſt in denſelben Worten, ſchon früher einmal gehört von einem Manne, der ihr ſehr theuer geweſen war, deſſen dämoniſche Natur ihren regen Geiſt angelockt und gefeſſelt, und deſſen rauhe Schroffheit ihren weichen Sinn abgeſtoßen und be⸗ leidigt hatte. Hier fand ſie die Roſen wieder, an deren üppigem Duft ſie ſich damals berauſcht, aber ohne die Dornen; hier fand ſie, was ſie dort ſo ſchmerzlich vermißt hatte: Schönheit der Formen, Grazie Problematiſche Naturen. Dreizehntes Capitel. Im eifrigen Geſpräch in den Gängen zwiſchen den Beeten auf⸗ und abwandelnd, wurden ſie an ihre Abſicht, in das Haus zu gehen, erſt erinnert, als ſie ſich demſelben zum zweiten Male näherten. Sie traten durch die offene Thür in einen Saal, deſſen harmoniſche Ver⸗ hältniſſe und einfache, geſchmackvolle Decoration auf Oswald ſofort den angenehmſten Eindruck machten. Die hohen Kaſtanienbäume, un⸗ mittelbar vor den Fenſtern, hielten den Raum kühl und ſchattig. Das gedämpfte Licht that dem Ange wohl nach dem verſchwenderiſchen Sonnenſchein draußen im Garten. Bequeme Seſſel in mancherlei Formen und Größen, amerikaniſche Rocking⸗chairs, franzöſiſche Cau⸗ ſeuſen, ein großer Flügel, Tiſche mit Büchern und Bilderwerken bedeckt, hier und da in dem weiten Gemache ſchicklich vertheilt, gaben dem⸗ ſelben bei allem Reichthum etwas ungemein Wohnliches, das auf das mit der ſteifſtelligen Ordnung, die in dem Innern des chloſſes Grenwitz herrſchte, contraſtirte. „Ich bin doch neugierig, ob Jemand auf mein Klingeln utne wird,“ ſagte Melitta, ihren Hut auf den Tiſch werfend und nach der Klingelſchnur gehend.„Unmöglich iſt es gar nicht, daß wir uns höchſtſelbſt in die Speiſekammer werden verfügen müſſen, notabene, wenn wir den Schlüſſel auftreiben können.“ Sie klingelte und wandte ſich wieder zu Oswald, der eine der Marmorbüſten, welche die Wände des Saales ſchmückten, be⸗ trachtete. „Wie finden Sie dieſe Maske?“ „Sehr ſchön; es iſt die Rondanini'ſche Meduſe.“ „Ah! ich ſehe, Sie ſind ein Kenner.“ „Höchſtens ein Liebhaber. Ich habe in der Reſivenz oder ſonſt manches geſehen; meiſtens freilich nur Gypſe. Seit meinen Knaben⸗ jahren war es mein ſehnlichſter Wunſch, einmal in das gelobte Lan Ita per den iſt n Erſter Band. 95 Italien zu wallfahren, um dem hohen Gott Apollo von Belvedere perſönlich meine Huldigung darbringen zu können.“ „Nun, das iſt doch kein ſo unbeſcheidener Wunſch.“ „Wenn es unbeſcheiden iſt, zu wünſchen, was uns nicht beſchie⸗ den— doch.“ „So wäre es unbeſcheiden, daß wir etwas zu vespern wünſchen, denn das ſcheint uns auch nicht beſchieden;“ ſagte Melitta mit komiſch⸗ klagendem Ton.„Aber wird uns nicht oft gerade etwas beſchieden, weil wir es lebhaft, heiß, unbeſcheiden wünſchen? Das Schickſal gewährt uns unſern Wunſch, wie eine Mutter dem bettelnden Kinde das Stückchen Kuchen, nur, um uns los zu werden.“ .„Das Schickſal iſt kein launiſches Weib, ſondern ein harter fel⸗ ſenherziger Gott, und wenn wir etwas von ihm haben wollen, müſſen wir es ihm abtrotzen.“ „Das iſt er für euch Männer, und vielleicht iſt es gut, daß dem ſo iſt— ihr würdet ſonſt zu übermüthig. Wir Frauen aber— du lieber Himmel, was ſollte aus uns werden, wenn wir uns das bis⸗ chen Glück ertrotzen ſollten. Wir legen uns lieber auf's Bitten und Betteln, und wenn wir eben alle Hoffnung aufgeben wollen und ganz am Glück verzweifeln— dann, gerade dann— ſehen Sie, da kommt der Baumann und mit ihm die Ausſicht auf unſer Vesper⸗ brot.“ Die Thür öffnete ſich und die Geſtalt eines langen, hagern Mannes, deſſen altes, runzliges Geſicht mit den buſchigen Augen⸗ brauen eine tiefe Narbe, die über die kahle Stirn am Auge vorbei bis tief in die Wange lief, und ein langer eisgrauer Schnurrbart etwas ungemein Martialiſches gaben, erſchien auf der Schwelle. „Gnädige Frau?“ ſagte er mit einer Stimme, die aus einer tie⸗ fen Höhle zu kommen ſchien. „Ach, Baumann, es ſind wohl außer Ihm Alle ausgegangen?“ „Zu Befehl.“ „Das habe ich aber gar nicht befohlen. Wo iſt Mamſell?“ „Drüben in Faſchwitz.“. „Und der Johann?“ „Bei Förſters.“ ⸗ geſehen?“ Problematiſche Naturen. „Und die Mädchen?“ „Im Dorf.“. „Beſter Baumann, wir möchten gern etwas Abendbrot haben.“ „Zu Befehl.“ „Kann Er uns denn etwas verſchaffen?“ „Schwerlich.“ „Oder wenigſtens den Speiſekammerſchlüſſel auftreiben?“ „Wird ſich kaum bewerkſtelligen laſſen.“ „Lieber guter Baumann, ſeh' Er doch einmal zu, was ſich thun läßt.“ „Zu Befehl.“ Damit machte die ſeltſame Geſtalt Kehrt und marſchirte wieder zur Thür hinaus.. „Nun, was ſagen Sie zu meinem mattre d'hötel?“ „Daß der Mann auf jeden Fall ein Original iſt; aber wes⸗ halb hat er mich ſo unverwandt mit ſeinen alten klugen Augen an⸗ Melitta lachte. „Sie müſſen wiſſen, daß der alte Baumann ſchon Diener bei meinem Vater war, in deſſen Regiment er die Feldzüge gegen Napoleon mitmachte. Er hat mich, als ich ein Kind war, auf ſeinen Knieen geſchaukelt, mich nimmer ſeitdem verlaſſen und wird mich nicht verlaſſen, bis ich ſterbe oder er ſtirbt. Zweimal hat er mir das Leben gerettet, und, ohne daß ich es wollte oder wußte, im Stillen jeden Schmerz mit mir getheilt, ich möchte ſagen, auch jede Freude. Wenn ich zu ihm ſpräche: Baumann, Er muß morgen für mich nach Auſtralien reiſen, ſo würde er ſagen: zu Befehl! würde über Nacht ſeine Sachen packen und vor Sonnenaufgang ſchon unterwegs ſein; und wenn ich ſagte: es iſt nicht anders, Baumann, Er muß für mich ſterben, ſo und ſo— er würde ſagen: zu Befehl! und nicht mit den grauen Wimpern zucken; aber wenn ich zu ihm ſagte: hören Sie, Baumann, ſtatt: höre Er, Baumann— ſo würde er das für eine Aufkündigung unſerer Freundſchaft halten. Jetzt iſt er böſe, daß ich ihm nicht geſagt habe, wer Sie ſind. Weiß er das, und weiß er daß ich Sie gern bei mir ſehe, dann iſt er zufrieden. Nun paſſe ur Erſter Band. 97 Sie auf, was geſchieht. Er kommt zurück und⸗ ſagt uns, daß er ſchlechterdings nichts für uns thun könne. Darauf gebe ich ihm die gewünſchte Auskunft, und mache Miene, ſelber zu gehen. Dann wird 3 Frieden geſchloſſen. Sie müſſen ihn aber gütig anſehen, wenn ich* von Ihnen zu ihm ſpreche.“ „Keine Sorge, gnädige Frau: ich will ſo freundlich und mild lächeln, wie ein Engel von Guido Reni.“ Ab rmals öffnete ſich die Thür. Der alte Diener erſchien, mar⸗ ſich ſchirte in das Gemach, blieb genau auf demſelben Platze wie das 8 erſte Mal ſtehen und ſagte, wiederum Oswald fixirend: „Keine Menſchenmöglichkeit nicht, gnädige Frau.“ eden„Aber Baumann, das iſt ja jammerſchade. Der Herr Doctor Her iſt eigens aus Grenwitz, und noch dazu zu Fuß herübergekom⸗ men, um mit Herrn Bemperlein über Julius zu ſprechen. Und nun. ves⸗ ſind die Beiden fortgefahren, und wir können ihm nicht einen Biſſen, 1 6. am nicht ein Glas Wein vorſetzen; und ich ſelbſt habe heute Mittag, wie ſ 6 Er ſelbſt geſehen hat, gar nichts gegeſſen und komme nun bald um vor Hunger.“ 6 bi Oswald mußte ſich ſehr zuſammennehmen, daß ſich das ihm an⸗ egen befohlene Lächeln nicht in ein ſchallendes Gelächter verwandelte, als inen er ſah, wie die Miene des alten Monnes bei jedem Worte, das nicht Melitta ſprach, heller und heller wurde, wie er den vorher auf den eben Gaſt fixirten Blick von dieſem zu jener, von jener zu dieſem wandte, als wollte er ſagen: Na, ſeht ihr, junges Volk, daß ihr ohne den enn alten Baumann nicht fertig werden könnt! und zuletzt ſagte: nc„Nun, was den Kellerſchlüſſel anbetrifft, ſo habe ich ſelbigen wie acht immer in meiner Taſche, gnädige Frau.“ ein;„Ja, das iſt ja auch wahr, und wie iſt es mit dem Speiſe⸗ nich kmmerſchlüſſel?“ den„Eine Menſchenmöglichkeit iſt es noch, daß Manſell ihn wieder ie, nnter den Abſtreicher gelegt hat, trotzdem ich ſie ſchon oft dieſerhalb eine verwarnet habe.“ ich Will Er denn einmal nachſehen, Baumann?“. e Zu Befehl.“ iſſe Fr. Spielhagen's Werke. T. Problematiſche Natnren. Sobald ſich die Thür hinter dem alten Manne geſchloſſen hatte, warf ſich Melitta lachend in einen Schaukelſtuhl. „Habe ich es nicht geſagt?“ rief ſie, ſich hin⸗ und herwiegend, luſtig wie ein Kind, das ſeinen Willen durchgeſetzt hat;„habe ich es nicht geſagt?“ Oswald hatte ſich ihr gegenüber an den großen runden Tiſch geſetzt, auf dem ein aufgeſchlagenes Album und allerlei Zeichen⸗ materialien lagen. Seine Hand ſpielte mit einer Bleifeder, während er Melitta, in Gedanken verloren, anſchaute. „Wollen Sie mich zeichnen?“ rief Melitta. „Ich wollte, ich könnte.“ „Warum nicht, da liegt mein Album.“ „Das hilft mir nichts. Lehren Sie mich erſt die Kunſt, um bar mit den Augen malen zu können.“ „Sehen Sie, das iſt es gerade, was ich immer wünſche. Wie oft, wenn mich eine Landſchaft, eine Geſtalt, ein Geſicht intereſſiren, denke ich: jetzt mußt du's treffen; und will ich nun auf das Papier bannen, was mir ſo klar vor den Augen ſteht, wird's eine Stümperei.“ „Ich bin überzeugt, Ihr Album wird das Gegentheil beweiſen; darf man es beſehen?“ „Nein, man darf es nicht; aber Sie dürfen es. Im Grunde hat es nur Werth für mich; denn für mich ſteht nicht nur das darin, was ich gezeichnet habe, ſondern auch, was ich habe zeichnen wollen. Ueberdies iſt mir mein Album eine Dieſes hier werde ich kurz vor meiner italieniſchen Reiſe angefangen haben.“ „So waren Sie in Italien?“ „Vor zwei Jahren mit meinem Vetter Barnewitz und ſeiner Frau. Ich wollte, Sie wären auch von der Partie geweſen; einmal Ihrethalben, denn Sie find es werth, Italien zu ſehen, und ſodann; n, oder in Begleitung; meinethalben, die ich dann hoffentlich nicht allei Art von Tagebuch. von Wachspuppen durch die herrlichſten Gegenden und die reichſten ſtets, war es das Album Gallerien hätte wandern müſſen. Damals, wie deſſen geduldigem Papier ich Alles ſagte, was ſ onſt Niemand hören wollte“ e i, n er al un n9 en m e. Erſter Band. 99 Melitta hatte ſich erhoben und ſich neben Oswald geſtellt, der aufſtehen wollte, ihr einen Stuhl heranzurücken. Sie aber, ihn daran zu verhindern, legte die Hand leicht auf ſeinen Arm und ließ ſie dort ein paar Augenblicke ruhen,— ein paar Augenblicke, und doch lange genug, daß Oswald's Hand zitterte und ſeine Stimme bebte, als er jetzt, die erſten Blätter umwendend, ſagte: „Dieſe Skizzen ſind noch vor der italieniſchen Reiſe gezeichnet. Hier iſt der geheimnißvolle Teich, an deſſen Rand ich heute Nach⸗ mittag geſchlafen und geträumt habe.“ „Sie haben mir noch nicht erzählt, was Sie geträumt haben.“ „Doch, ich ſagte Ihnen ja: ſüßes, närriſches Zeug.“ „Von einer Dame natürlich?“ „Ja.“ „So wäre es indiscret, mehr zu wollen.“ „Ach, wie reizend!“ rief Oswald, als er das nächſte Blatt um⸗ ſchlug.„Wie heimlich verſteckt liegt dieſes Häuschen im Walde! Gleich treuen Rieſenwächtern umſtehen es die alten Fichten. Wie eine ſchützende Gottheit breitet die Buche ihre mächtigen Aeſte darüber hin. Als wollten ſie ſagen: Du biſt unſer! klettern die Schlingpflan⸗ zen daran hinauf und ſchaukeln ſich vor den niedrigen Fenſtern. Und wie träumeriſch ſchleicht der Bach zwiſchen hohen Binſen und Farren⸗ kräutern hier durch die ſaftige Wieſe im Vordergrund!— das iſt wunderhübſch gedacht,“ ſagte Oswald, von dem Blatt zu Melitta emporblickend. „Und weil Sie Alles ſo hübſch nachempfunden haben, ſo will ich Sie noch heute an Ort und Stelle führen.“ „Wie? ſo iſt dies keine Phantaſie?“ „Bewahre! höchſtens die Enten hier, die ſich vor dem Habicht in die Binſen ducken. Das Bächlein iſt der Abfluß Ihres geheimnißvollen Sees im Walde.“ „Alſo nur eine Fortſetzung meines Traumes,“ ſagte Oswald wei⸗ ter blätternd. Ein loſes Blatt kam ihm zunächſt in die Hände. Der Kopf eines Mannes im Profil war in ſchönen, kühnen Linien darauf gezeichnet. Sn einer Ecke ſtanden die Buchſtaben A. v. H. und ein Datum. 7* rung tödten könnte, wie man ein Blatt vernichten kann, ſo läge es 100 Problematiſche Naturen. „Das Blatt wird verloren gehen,“ ſagte Oswald. „Mag es!“ antwortete Melitta. Der Ton, in welchem ſie dieſe beiden Worte ſprach, war ſo eigenthümlich, ſo ganz ohne die gewöhnliche Süßigkeit ihrer Stimme, daß Oswald unwillkürlich zu ihr aufſchaute. Er ſah, daß ihre ſchönen Brauen wie im Schmerz zuſammengezogen waren und ihre Lippen zuckten. Er ſenkte ſogleich ſeinen Blick und wollte das Blatt umſchla⸗ gen. Melitta legte ihre Hand auf ſeinen Arm und ſagte leiſe: „Wie finden Sie den Kopf?“ Ein Sturm brauſte durch Oswald's Seele. Er hätte ſich von dem Seſſel zu Melitta's Füßen werfen und ausrufen mögen: ich liebe Dich ja, Melitta! Wie kannſt Du mein Urtheil hören wollen über den Mann, den Du geliebt haſt, vielleicht noch liebſt... Aber er 4 vezwang ſich und ſagte mit ſcheinbarer Ruhe: „Es iſt der Kopf eines Mannes, auf den mir Taſſo's Worte zu paſſen ſcheinen: Und haben alle Götter ſich vereinigt, An ſeiner Wiege Gaben darzubringen, Die Grazien ſind leider ausgeblieben— Dieſer Mann wird niemals glücklich ſein, weil er niemals wird glück⸗ lich ſein wollen.“ „Und darum,“ ſagte Melitta,„iſt dieſer Mann aus meinem Leben losgelöſt, wie dies Blatt aus dem Album. Wenn man die Erinne⸗ nicht mehr hier. Da das aber nicht geht, ſo mag es bleiben, wo es iſt. Weiter!“ Der Sturm in Oswald's Seele war vorübergebrauſt. Wie lin⸗ des Wehen des Frühlings überkam ihn der Gedanke: Sie könnte und würde dir das nicht ſagen, wenn ſie dich nicht ihres Vertrauens und ihrer Freundſchaft für würdig erachtete. Und ein Gefühl unſäglichen Glücks durchbebte ihn bei dieſem Gedanken. Es war für ihn jener hochherrliche, feierliche Augenblick, der einmal oder das anderemal jedem Menſchen in der Nacht ſeines Lebens ſtrahlt— jener Augen⸗ blick, wo die Himmel ſich uns aufthun, und die Engelſchaaren her⸗ ni Erſter Band. 101 niederſteigen, und Friede, Friede, Friede! in unſer gläubiges Herz ſ In dieſer ſeligen Stimmung durchmuſterte er die folgenden Blätter, die Melitta auf ihrer italieniſchen Reiſe gezeichnet hatte: Landſchaften mit heitern, klaren Linien, Skizzen aus Städten: Paläſte, Straßen, Ruinen, zwiſchendurch ein keckes Lazzaronigeſicht oder ein träumeriſches Mädchenantlitz. Dann folgten Studien nach der Antike, zum Theil ſehr fleißige Studien, denn Manches war wieder und wieder gezeichnet, bevor es dem regen Schönheitsſinn Melitta's ge⸗ nügt hatte. Beſonders ſchön war der Kopf der Venus von Milo. Auf einem der nächſten Blätter war die ganze Geſtalt. „Wo haben Sie das gezeichnet?“ fragte Oswald;„doch unmög⸗ lich nach einer Copie?“ „Nein, nach dem Original ſelbſt. Ich war damals in Italien eine halbe Katholikin geworden, und als ich in Paris im Louvre die hohe Geſtalt ſah, da ſagte ich zu mir: dieſe oder keine iſt deine Hei⸗ lige. O, Sie glauben nicht, wie ſchön ſie iſt! wie ſchön und wie gut! und dieſer Ausdruck himmliſcher Güteſden die Miloniſche Venus nicht nur vor allen andern Venusbildern, ſondern auch vor ſämmt⸗ lichen antiken Köpfen voraus hat, rührte mich faſt noch mehr als ihre göttliche Schönheit. Vor der Miloniſchen Venus habe ich es zum erſten Male begriffen, wie es möglich ſei, vor einem Bilde, das Menſchenhand geſchaffen, zu beten, aufrichtig, inbrünſtig zu beten. Warum ſtützen Sie den Kopf ſo nachdenklich in die Hand? Hier, nehmen Sie dieſen Bleiſtift und ſchreiben Sie mir unter das Bild, was Sie eben gedichtet haben; denn ich habe es Ihnen angeſehen, daß Sie Verſe machten.“ Oswald nahm den Griffel, den ihm Melitta halb im Scherz und halb im Ernſt bot, und ſchrieb, während die ſchöne Frau ihm über die Schulter blickte, mit zitternder Hand: Fern zu Paris, im hohen Louvreſaale, Inmitten all' der göttlichen Geſtalten, Der marmorſchönen, ach! und marmorkalten, Da thront ſie hoch auf dem Piedeſtale; 102 Problematiſche Naturen. Sie, die im ſtillverſchwieg'nen Bergesthale, Als träumeriſch die duft'gen Nebel wallten, Anchiſes einſt in ſeinem Arm gehalten, Bis ſie entſchwand im erſten Morgenſtrahle. Die Göttin ſtarb. Man fand die ſchöne Leiche, Und trug ſie ſtill in heil'ge Tempelhallen. So herrſcht die Todte noch in ihrem Reiche. Ach, aber Keinem von den Gläub'gen allen Neigt gütig ſie das Angeſicht, das bleiche; Taub bleibt ihr Ohr für frommer Beter lallen. Oswald legte den Griffel aus der Hand und ſchaute zu Melitta empor. Sein Blick begegnete dem ihrigen. Für ein paar Momente ruhten ihre Augen ineinander, als ob ſie Eines in des Andern Seele leſen wollten. Da erſchien in der Thür zum Nebenzimmer, aus dem man ſchon ſeit einiger Zeit das Kläppern von Tellern gehört hatte, der alte Baumann mit einer Serviette unter dem Arm und ſagte feierlich, wie der Comthur im Don Juan: „Gnädige Frau, es iſt angerichtet.“ „Schnell, kommen Sie, ehe unſer Habermus kalt wird,“ rief Melitta. „Nur noch die paar Blätter erlauben Sie,“ ſagte Oswald;„ich ſehe, es iſt gleich zu Ende.“ „Es iſt nichts von Bedeutung mehr darin,“ ſagte Melitta faſt ungeduldig. „Ei, da iſt ja der Park von Grenwitz,“ rief Oswald, indem er, vom Seſſel ſich erhebend, das letzte Blatt aufſchlug.„Der Raſenplatz hinter dem Schloſſe. Hier die Flora, dort Bruno im vollen Lauf—“ „Und hier ſind Sie!“ „Wo?“ „Dort.“ „Dieſer Nebelſtreif?“ ſagte Oswald, auf eine Stelle rechts neben „ e— cS Erſter Band. der Flora deutend, wo man von einer Figur, die mit Gummi wieder weggewiſcht war, noch eben die Umriſſe erkennen konnte. „Dieſer Nebelſtreif!“ antwortete Melitta lachend.„Ich wollte Sie erſt in Ihrer wirklichen Geſtalt zeichnen, konnte aber nicht damit zu Stande kommen. Jetzt ſollen Sie als Erlkönig figuriren, der den Knaben Bruno haſcht; das heißt Bruno's Leib, denn ſeine Seele gehört Ihnen ſchon. Wie haben Sie es nur angefangen, den jungen Leoparden in den paar Tagen vollſtändig zu zähmen?“ „Durch ein Bischen aufrichtige Liebe. Shakeſpeare nennt als untrügliches Mittel, die Menſchen zu fangen, die Schmeichelei; ich finde, daß die Liebe ein noch viel ſicheres und dabei viel edleres iſt.“ „Und iſt nicht die Liebe die größte Schmeichelei?“ So ſprachen Oswald und Melitta, während ſie in das Neben⸗ zimmer gingen, ein hohes, ſchönes, mit alterthümlichen Möbeln aus⸗ geſtattetes Gemach, in deſſen Mitte auf einem runden Tiſchchen aller⸗ lei Erfriſchungen gar einladend ſervirt waren. Hinter dem einen der peiden reichgeſchnitzten, hochlehnigen Stühle ſtand kerzengerade, die Serviette unter dem Arm, der alte Baumann, einer Anerkennung ſeiner ausgezeichneten Verdienſte und fernerer Befehle gewärtig. „Nun, was bietet uns denn unſer Tiſchlein⸗decke⸗dich?“ ſagte Melitta, ſich ſetzend und Oswald mit einer Handbewegung einladend, ihrem Beiſpiele zu folgen. „Kalten Braten— Eingemachtes— ganz charmant, Baumann! Mamſell wird ſich ärgern, daß wir ohne ſie fertig geworden ſind.“ „Mamſell iſt vor einigen Minuten von Faſchwitz retvurnirt,“ ſagte Baumann, der an einem Nebentiſch eine Flaſche entkorkte. „Ich wette, ſie iſt gar nicht fortgeweſen,“ flüſterte Melitta lächelnd Oswald zu.„Was haben wir denn für unſern Gaſt zum Trinken, Baumann?“ Steinberger Cabinet, zweiundvierziger“ ſagte Baumann, Os⸗ walds Glas mit dem goldigen Weine füllend. „Und für mich?“ Friſches Brunnenwaſſer, Baumann kaltblütig, die Flaſche mit dem hi Kellend. etwa mit Himbeerſaft,“ antwortete Stöpſel darauf vor Oswald — 104 Problematiſche Naturen. „Damit bin ich heute ſchlechterdings nicht zufrieden, Baumann! Wie ſteht es denn mit unſerm Champagner?“ „Reine alle, gnädige Frau.“ „Aber wir haben ja doch neulich erſt eine Kiſte bekommen?“ „Steht noch nietennagelfeſt im Keller.“ „Ach, das iſt ja jammerſchade,“ klagte Melitta.„Und ich komme faſt um vor Durſt, und muß nun gerade heute ein ſolches Verlangen nach Champagner haben.“ „Nu, nu,“ tröſtete Baumann,„wird ſich ja noch verwerkſtelligen laſſen.“ Damit ſchritt er zur Thür hinaus. „Sehen Sie, ſo muß ich mir in meinem eigenen Hauſe Alles zuſammenbetteln,“ ſagte Melitta,„aber Sie eſſen ja nicht! Und was für ein Stück Sie ſich da genommen haben! Das ſchlechteſte auf dem ganzen Teller. Gott, was ſeid ihr Männer doch für hülfloſe un⸗ praktiſche Geſchöpfe! Ich merke ſchon, daß ich für Sie ſorgen muß.“ Und Sie begann trotz Oswald's Verſicherung, daß er gar keinen Hunger habe, ſeinen Teller mit dem Beſten, was ſie auf dem Tiſch entdecken konnte, zu füllen.. „Es ſchmeckt Ihnen nicht,“ ſagte ſie endlich faſt traurig, als ſie ſah, daß der junge Mann ſelbſt jetzt die Speiſen kaum berührte. „Sind Sie krank?⸗ „Ich befand mich im Leben nicht wohler. Aber ſind Sie nie in der Stimmung geweſen, wo man Eſſen und Trinken für das Ueber⸗ flüſſigſte von der Welt, und die himmliſchen Götter ſelbſt, die doch. noch des Nektars und der Ambroſia bedurften, für ſehr armſelige Götter hält?“ „O gewiß kenne ich ſolche Stimmungen,“ antwortete Melitta; „genau ſo war mir zu Muthe, als ich von meiner Tante zum erſten Mal auf den Ball geführt wurde. Aber das iſt lange, undenkbar lange her; ſeitdem hat meine Stimmung, ſo viel ich weiß, mit meinem Appetit nie wieder etwas zu thun gehabt.“ Trotz dieſer Prahlerei indeſſen blieb auch für Melitta außer ein paar eingemachten Früchten alles auf der Tafel Schaugericht. Das ſüße Feuer, das ihren Buſen höher wallen und ihre ſchönen Augen ———— Erſter Band. 105 in noch zärtlicherem Lichte ſtrahlen machte, bedurfte zu ſeiner Nahrung nicht der Gaben der Ceres. Zum erſten Male an dieſem Nachmit⸗ tage gerieth das Geſpräch in's Stocken. Von dem, was ihre Herzen bis zum Zerſpringen füllte, wagte Keiner zu ſprechen; und Alles ſonſt erſchien ſo gleichgültig, ſo nüchtern! Eine Verlegenheit, die ſie verge⸗ bens hinter dem Anſchein der Unbefangenheit zu verbergen ſich be⸗ mühten, überkam ſie. Beide fühlten, wie eine ſtarke, unſichtbare Hand ihnen die Masken, mit denen wir auf dem Carneval des Lebens un⸗ ſere wahren Geſichter vor einander verhüllen, langſam abſtreifte. Wenn wir die Stimme des Gottes der Liebe hören in dem Garten des Paradieſes, ſo verſtecken wir uns vor ihm, und wenn er ſpricht: wo biſt Du? wagen wir nicht, zu antworten.. Aus dieſer wunderlichen Lage erlöſte ſie der alte Baumann, der jetzt das närriſche Kind der Champagne in ſeiner ſilbernen, mit Eis gefüllten Wiege herbeibrachte, und vor Oswald auf den Tiſch ſtellte. Wie er es in den wenigen Minuten bewerkſtelligen konnte, aus dem tiefen Keller und der„nietennagelfeſten“ Kiſte das Gewünſchte herbei⸗ zuſchaffen, war eines der Räthſel, in die ſich der gute alte Mann zu hüllen liebte, und die er für jedes ſterbliche Auge undurchdringlich hielt. Mit kunſtgerechter Hand die Flaſchen entkorkend, füllte er den perlenden Wein in die langen zierlichen Kelche, die er vom Büffet genommen, und ſchaute, wohlgefällig lächelnd, zu, wie ſeine Herrin faſt gierig den ſüßen Trank ſchlürfte und ihm das geleerte Glas hinhaltend rief:„Encore, Baumann! und ſchenke Er ſich auch ein Glas ein und trinke Er es auf das Wohl unſeres Gaſtes!“ Der alte Diener that, wie ihm geheißen; füllte ſich am Büffet ein Glas, und dann, auf zwei Schritt an den Tiſch herantretend, rief er: „Zuerſt auf Ihr Wohl, gnädige Frau! denn das geht mir doch über Alles. Und möge der liebe Gott Ihre Augen allzeit ſo fröhlich blicken laſſen, wie zu dieſer Stunde! Und ſodann auf Ihr Wohl, junger Herr! und möge der Himmel Ihren Eingang in dieſes Haus geſegnen, daß nichts als Frieden und Freude daraus komme. Und das wünſcht Ihnen der alte Baumann!“ So ſprach er und leerte langſam das Glas, den Kopf zurück⸗ ——— 106 Problematiſche Naturen. biegend, bis ſein Auge auf den bausbackigen Engelskopf in der Stucka⸗ tur der Decke gerade über ſeinem Scheitel traf; und das geleerte Glas dann wieder auf das Büffet ſetzend, trat er an's Fenſter, dem Paar am Tiſch den Rücken zukehrend, wie um ihre Unterhaltung nicht weiter zu ſtören. Die Gegenwart des alten Dieners und der belebende Wein hatten ihre Zungen wieder gelöſt und ihre Blicke kühner gemacht. Sie ſchwatzten, ſcheinbar unbefangen, über allerlei gleichgültige Dinge, bis Oswald Melitta an ihr Verſprechen, ihn noch heute nach dem Häuschen im Walde zu führen, erinnerte. „Habe ich Ihnen das verſprochen?“ ſagte Melitta.„Nun ſo muß ich es auch wohl thun, obgleich es mir beinahe jetzt leid iſt, denn Sie glauben nicht an meine Heilige, und ſind deshalb nicht würdig, ihre Kapelle zu betreten.“ „Ihre Heilige?“ „Die hohe Frau von Milo. Ich muß Ihnen jetzt auch nur er⸗ zählen, wie weit meine Schwärmerei für die Göttliche ging. Nach meiner Rückkehr verfolgte mich die Erinnerung an das ſchöne Bild im Louvre ſo, daß ich nicht ruhte, bis ich mir von Paris mit nicht geringen Koſten eine ausgezeichnete Copie verſchafft hatte. Weil ich aber nicht wagte, meine Heilige hier im Hauſe aufzuſtellen, brachte ich ſie nach dem Häuschen im Walde, das ſo meine Waldkapelle wurde, zu der ich jedes Mal, wenn Beſuch in Berkow iſt, den Schlüſſel ver⸗ loren habe; und wo ich oft ganze Tage und Nächte zubringe, wenn die dummen Menſchen mich einmal mehr als gewöhnlich geärgert haben, und ich, da ich keine Geſellſchaft haben kann, wie ich ſie wünſche, wenigſtens ganz einfam ſein will.“ „Und da machen Sie dann mit dem Harfner im Wilhelm Mei⸗ ſter die traurige Erfahrung, daß„wer ſich der Einſamkeit ergiebt, bald allein iſt;“ aber Ihnen hätte ich ſolche hypochondriſche Grillen am wenigſten zugetraut.“ „Warum nicht mir?“ „Weil ſie ſo gut und ſo heiter blicken— blicken können.“ „Und wiſſen Sie nicht, daß gerade die heitern Augen am leich⸗ teſten weinen?“ 4 Erſter Band. 107 „Ich möchte Sie um Alles in der Welt nicht weinen ſehen; ich glaube, das könnte mir das Lachen auf immerdar verleiden.“ Und wieder ruhten ihre Blicke ineinander, und ihre Seelen küß⸗ ten ſich. a“ „Nun denn, ſo kommen Sie!“ ſagte Melitta. 4„Es zieht ein Gewitter herauf,“ bemerkte der alte Baumann vom Fenſter her, ohne ſich umzuwenden. „Bis es herauf iſt, ſind wir längſt drüben,“ ſagte Melitta, die ſich ſchon erhoben hatte.„Und wenn Sie ſich vor einem Gewitter nicht mehr fürchten, als ich— oder fürchten Sie ſich vor einem Ge⸗ witter?“— 3 Oswald lächelte. „So ſoll uns das wahrlich nicht abhalten. Uebrigens ſehe ich vom Gewitter keine Spur;“ ſagte ſie ſchon in der Thür des Garten⸗ ſaales. In dieſem Augenblick zog ein blauer Schatten über den Garten, und eine Schaar Schwalben ſchoß zirpend und ſchreiend, dicht über die Erde ſtreifend, an der Thür vorbei. Wollen wir doch lieber bleiben?“ ſagte Melitta, die ſchon den Fuß über die Schwelle geſetzt hatte, zu Oswald zurückgewandt. „Ich fürchte mich nicht vor dem Gewitter,“ antwortete Oswald, nicht nach dem Himmel, ſondern in ihre Augen blickend. „Und im Walde iſt es gerade am ſchönſten im Sturm und Ge⸗ witter!“ rief Melitta.„Adieu Baumann! Wenn der Wagen von Grenwitz kommt, ſchicke Er ihn nach der Förſterei. Der Kutſcher ſoll ſich im Waldhäuschen melden.“ Baumann ſchaute den Enteilenden nach, bis Melitta's weißes Kleid zwiſchen den Büſchen verſchwunden war⸗ Wer ihn ſo auf der Schwelle des Hauſes ſtehen ſah, den alten, hohen Mann mit dem weißen Bart und dem narbenvollen Geſicht, die noch immer ſtarken Arme über der treuen Bruſt verſchränkt und die klugen, treuen Augen nachdenklich in die Ferne gerichtet— der mochte wohl denken, daß ein beſſerer Wächter nicht könnte gefunden werden. Aber ach! das Haus war leer; die geliebte Herrin war da⸗ von geeilt, hinein in den gewitterſchwülen Abend mit dem Fremden⸗ — 08 Problematiſche Naturen. dem Manne, den ſie ſeit geſtern kannte. Und er, der treue Diener, ſeufzte tief, während er mit geſenktem Haupte durch den Saal in das Eßzimmer zurückſchritt und langſam den Tiſch aufzuräumen begann. „Die guten Gottesgaben kaum berührt,“ murmelte er,„das gefällt mir nicht. Wenn junges Volk keinen Hunger im Magen hat, hat es Narrenspoſſen im Kopf. Und an dem Wein haben ſie auch nur ge⸗ nippt. Da ſteht die Flaſche noch halb voll— und morgen iſt er nicht mehr zu trinken... morgen...“ Der alte Mann ſetzte ſich an den Tiſch und ſtützte ſein ſorgenvolles, graues Haupt auf die runzlige Hand.„Aber an Morgen denkt das junge Volk nicht. Morgen iſt der junge Herr mit ſeiner weichen Stimme und ſeinen großen blauen Augen wieder in Grenwitz, und wer weiß, wo er übermorgen iſt. Aber der alte Baumann iſt hier— morgen und übermorgen; und wenn die Gäſte fort ſind, ſieht das Haus ganz an⸗ ders aus, und beim Auskehren, da findet es ſich... Ja, ja, der alte Baumann ſieht, was die Andern nicht ſehen, und hört, was die An⸗ dern nicht hören.— Ach, Baumann, ich wollte, ich wäre todt! ach, Baumann, warum hat Er mich damals aus dem Feuer getragen— Jetzt ſagt ſie: ich fürchte mich nicht vor dem Gewitter und: ſchicke Er uns nur den Wagen nach, Baumann! Hm, hil ich hätte es eigent⸗ lich nicht zugeben ſollen; ich hätte ſie bei Seite nehmen ſollen Und zu ihr ſagen: Höre Kind, ſo und ſo! denke an das und das!... Aber wenn ich die Kleine ſo glücklich ſehe, ſo fröhlich, wie damals, als ich ſie zuerſt auf dem Pony reiten ſah, ein zwölfjähriges Ding, und ſie fagte: bitte, bitte, lieber Baumann, ndn laß Er uns einmal ordent⸗ lich jagen, da konnte ich auch nicht nein ſagen, und fort ging es, was die Thiere laufen wollten. Gerade ſo große, ſtrahlende Augen hatte ſie heute Abend wieder, und gerade ſo voſig und friſch ſah ſie wieder aus. Das arme, arme Kind!... Ja ſo, du wollteſt ja nachſehen, ob oben die Fenſter alle ordentlich ſchließen, es iſt von wegen des Gewitters.“ d Erſter Band. pierzehntes Capitel. Fröhlich wie Kinder aus der Schule eilten Oswald und Melitta aus dem Hauſe durch die grünen Laubgänge des Gartens nach der Pforte, die aus dieſem heraus auf die Wieſe führte. Hinter der allmälig aufſteigenden Wieſe ragte der Wald. Gleich neben der Pforte und ein Stück am Garten hin lag ein halb verſumpfter, hie und da am Rande mit Weiden beſetzter Teich, da ſich das Waſſer ves Waldbaches an dieſer tiefer gelegenen Stelle abermals ſtaute, um dann an dem Gutshof vorüber und hernach durch das Dorf luſtig hinabzuplätſchern. Auch die Wieſe war ſchon zum Theil verſumpft, mochte auch wohl im Frühjahr ganz unter Waſſer ſtehen; jetzt dienten große Steine als rohe Brücken über gar zu naſſe Stellen. „Der Weg iſt für Stadtherren ein wenig ſehr ländlich, nicht wahr, Herr Doctor?“ ſagte Melitta, leicht wie eine Gazelle von Stein zu Stein hüpfend:„wir Naturkinder freilich ſind an dergleichen gewöhnt. Ich hätte ſie auch den längern Weg durch den Park und den Wald führen können; aber ſie müſſen Berkow auch von ſeiner Schattenſeite kennen lernen.“ „Nun wahrlich, gnädige Frau, wenn dies eine Schattenſeite von Berkow iſt, ſo verlangt mich nicht nach den Sonnenſeiten,“ ſagte Os⸗ wald lächelnd, indem er auf einem der Blöcke ſtehen blieb und ſeinen Hut abnahm, um ſich den Schweiß von der Stirn zu wiſchen. Denn die Luft war ſchwül, der blaue Schatten war vorüber gezogen, die am Rande des Holzes ſtehende Sonne ſchoß glühende Strahlen, und ſie waren ſchnell gegangen. „Schon müde?“ ſagte Melitta, ebenfalls ſtehen bleibend und ſich den Hut abnehmend, um ihr reiches, braunes Haar nach hinten zu ſchütteln; kommen Sie, je ſchneller wir laufen, deſto früher kommen wir in den ſchattigen Wald. Ich zähle eins, zwei, drei— und wer zuerſt ankommt—“ 110 Problematiſche Naturen. „Nun?“ „Das wird ſich finden. Eins, zwei, drei— o!“ Melitta war von dem Stein, auf welchem ſie ſtand, auf einen andern, niedrigeren geſprungen, und ſank mit einem Ausruf des Schmerzes in die Knie. Im Nu war Oswald an ihrer Seite. „Mein Gott, was iſt Ihnen, gnädige Frau?“ „O, nichts, nichts! Ich habe mir im Springen den Fuß etwas vertreten, es wird gleich wieder beſſer ſein.“ Sie ſtützte ſich auf Oswalds Arm; blaß und vor Schmerz die Unterlippe zwiſchen den Zähnen preſſend. Aber die Farbe kam ihr wieder, als ſie zu Oswald aufſchaute. „Seien Sie unbeſorgt,“ ſagte ſie— und ihre Stimme klang ſüßer als je—„Ihre Wette haben Sie doch gewonnen. So! jetzt wird es ſchon wieder gehen!“ Sie wollte ihren Arm aus Oswalds Arme ziehen; aber er mochte die ſchöne Beute nicht ſo bald wieder fahren laſſen. „Sie können, ohne ſich zu ſtützen, noch nicht gehen, und mißgönnen Sie mir die Freude, Ihnen dieſen geringen Dienſt leiſten zu dürfen?“ „Ich fürchte nur, der Weg iſt bei der Sonnengluth für Sie ſelbſt beſchwerlich genug. O!“ Ein falſcher Tritt ließ Melitta abermals zuſammenſinken. „Wir werden ſtehen bleiben müſſen,“ ſagte ſie. „Ich will Sie die paar Schritte bis an den Wald hinauftragen; Sie können ſich da wenigſtens im Schatten ausruhen.“ Melitta lächelte.„Ich bin nicht ſo leicht wie eine Puppe.“ „Und ich nicht ſo ſchwach wie ein zehnjähriges Mädchen,“ rief Os⸗ wald, umfaßte Melitta's ſchlanken Leib und ſie emporhebend, trug er ſie ſicher, wie die Mutter ihr Kind, über die letzten Steine hinauf bis an den Waldrand, wo die breiten Kronen der Buchen Schatten und Kühlung ſpendeten. Dort ließ er ſie ſanft aus ſeinen Armen auf das dichte Moos gleiten, indem er ſelbſt vor ihr ſtehen blieb. Melitta hatte ſich von dem Augenblicke an, wo der kühne junge Mann ſie emporhob, nicht weiter geſträubt; ſie fühlte alsbald, daß er ſtark genug ſei, ſie zu tragen; aber ſie hielt es für thöricht, ihm die Laſt ſcha rer imn Hae umt ant Erſter Band. 111 nicht ſo viel wie möglich zu erleichtern, und hatte ſich dicht in ſeine Arme geſchmiegt. „Wie ſtark Sie ſind!“ ſagte ſie jetzt, bewundernd zu ihm auf⸗ ſchauend. Oswalds Herz hämmerte und ſeine Bruſt wogte, mehr vor inne⸗ rer Erregung, als in der Folge der Anſtrengung. Er fühlte noch mmer die elaſtiſchen Glieder, die er in ſeine Arme gepreßt, das weiche Haar, das ſein Geſicht umſpielt, den ſüßen Athem, der ſeine Stirn umweht hatte. „Unter ſolchen Umſtänden wäre es eine Kunſt, nicht ſtark zu ſein,“ antwortete er. „Aber angegriffen hat es Sie doch, geſtehen Sie es nur. Kom⸗ men Sie und ſetzen Sie ſich zu mir; auf dieſem Moosſopha iſt Platz für mehr als zwei.“ Oswald ließ ſich neben Melitta, die ſich an den Stamm der Buche lehnte, in das weiche Moos ſinken, ſtützte den Kopf auf den Arm und ſchaute ſinnend empor in ihr heiteres Antlitz.— Nahte ſich der Traum am Sumpfesrand der Erfüllung? wird ſich das liebe, hoblde Geſicht zu ihm niederbeugen und ihn küſſen, wie die Traumge⸗ alt? Oder iſt dies wieder ein Traum?... Es überkam Oswald ſhs wunderliche Gefühl, als habe er dies Alles ſchon einmal erlebt; s kennte er dieſen Platz: hier den dunkeln Hochwald, aus dem das ſo eines Spechtes ertönte,— vor ihm die Wieſe, über deren nges Gras rothe Abendlichter wogten,— drüben den ſtillen Garten, is deſſen grünem Revier Melitta's graues Schloß hervorragte— it vielen, vielen Jahren;— als habe er Melitta ſelbſt in ſeinem üüheren Leben oft geſehen, als Knabe ſchon, wenn er ſich recht tief ein ſchönes, lauſchiges Märchen hineingeleſen hatte, ſo daß zuletzt e holde Prinzeſſin ordentlich leibhaftig vor ihm ſtand... und auch elitta mußte Aehnliches empfinden, denn vollkommen unbefangen, s wäre er ihr Bruder oder Gatte, nahm ſie ihm den Hut vom aupt und drückte ihm ihr feines, duftendes Taſchentuch wiederholt uf die perlende Stirn und die blauen, träumeriſchen Augen. Oswald ergriff die liebe Hand und preßte ſie an ſeine ippen. —— ——— Z 112 Problematiſche Naturen. „Die Hand muß ich Ihnen freilich laſſen,“ ſagte er;„aber dainer Tuch kann ich Ihnen wahrlich nicht wiedergeben.“ lik „So behalten Sie es als Andenken an dieſe Stunde. Aber je wollen wir weiter. Wir haben bis zur Waldkapelle doch noch ei ziemliche Strecke und der Himmel ſieht in der That drohend aus.“ Melitta lehnte ſich auf Oswalds Arm, als ſie jetzt den ſchmale Pfad einſchlugen, der erſt durch Buchen, dann zwiſchen einer Sch nung jungen Laubholzes auf der einen und hochſtämmigem Nadelholzß auf der andern Seite tiefer in den Wald führte. Die Sonne go ihre über die niedrigen Büſche fort ihre letzten Strahlen purpurn über diberz Wipfel der Tannen; ein Vöglein ſtrömte in weichen, klagenden Töneram als wenn es Abſchied nähme von der Sonne und vom Leben, ſein liche ſüßen Abendlieder aus.— Dann erloſch die Purpurgluth droben, da Vöglein verſtummte und Schatten und Stille umfing die Liebenden Aber der Schatten wurde düſterer und drohender, und die Still ſich wurde ſeltſam unterbrochen von dem Knarren und Stöhnen der Tan beſſe nenrieſen, die ihre ſtarken Glieder reckten und dehnten, als wollte ſie prüfen, ob ihre Kraft noch ausreiche, dem Gewitterſturm, der übe den Wald heraufzog, zu trotzen. Und jetzt begann es in den Büſch unheimlich zu ziſcheln und zu flüſtern, dürres Laub flog, wie in tolle Angſt, her vor der Windesbraut, die ſauſend in das Blätterme ſchlug, die Kronen der Buchen wie wahnſinnig durcheinander peitſchteh die hohen Wipfel der Tannen mächtig bog und den Wald bis in diel tiefſten Gründe aus ſeiner Ruhe ſchreckte. Das fahle Licht eines Blitzes zuckte auf; ſchon fielen große warme Tropfen durch die Blätter. 3 Melitta hatte ſich dicht an Oswald geſchmiegt, deſſen Herz mit 6 dem Sturm aufjauchzte. Die Geliebte mit dem einen Arm an ſich vrückend, ſtreckte er wie zum Kampf den andern zum gewitterſchwarzen ſun Himmel auf.„Nur zu, nur zu!“ murmelte er durch die zuſammen⸗ ſp gepreßten Zähne;„ich fürchte Dich nicht!... Wie, gnädige Frau, ſ. iſt Ihr Muth ſchon zu Ende? O, es iſt ſchön im ſtürmenden, don⸗ nernden Walde!“ fa Melitta ſprach kein Wort; die Augen nicht vom Boden erhebend, un eilte ſie weiter, ſchneller und immer ſchneller, bis der Wald ſich zu Erſter Band. 113 iner weiten Lichtung öffnete; und da lag vor ihnen, in dieſem Augen⸗ lick von dem röthlichen Lichte eines Blitzes hell erleuchtet, die Wald⸗ apelle. Nur ein paar Schritte noch und ſie langten unter dem weit 6 orſpringenden Dache des im Schweizerſtyl allerliebſt ausgeführten . Häuschens an. Raſch erſtieg Melitta die Stufen, die zu der niedri⸗ leßen Veranda hinaufführten; ſie nahm einen kleinen Schlüſſel aus der ch Taſche ihres Kleides, drehte das Schloß auf, aber, anſtatt die Thür olzßn öffnen, lehnte ſie ſich zitternd gegen die Pfoſten. Sie war bleich; ihre Kraft ſchien gänzlich erſchöpft; ſie drückte die Hand auf das diherz. So ſah ſie Oswald, als er den Blick von der im Regen i dampfenden Wieſe— ein Anblick, der ihn ſtets mit einer eigenthüm⸗ ein lichen Luſt erfüllte— zu ihr wendete. dat„Mein Gott, gnädige Frau, was iſt Ihnen? was haben Sie?“ en„O, nichts, nichts!“ ſagte ſie, beim erſten Ton ſeiner Stimme ill ſich aufraffend;„es iſt der ſchnelle Lauf; jetzt iſt es ſchon wieder beſſer; kommen Sie!“ Sie öffnete die Thür und trat ein; Oswald folgte. Aber er. fuhr entſetzt zurück, als er in dem myſtiſchen Halbdunkel, das in dem oemache herrſchte, eine hohe weiße Geſtalt erblickte, die aus der Wand hervorzuſchweben ſchien. „Was iſt das!“ rief er im erſten Schrecken. e t„Was?“ ſagte Melitta, welche die Fenſter öffnete, um die friſche diel Luft in das heiße, blumendufterfüllte Gemach ſtrömen zu laſſen. es„Die Venus von Milo!“ rief Oswald, und ein wollüſtiger Schauder durchrieſelte ihn. „Meine Heilige! ich ſagte es Ihnen ja. nit die Kapelle?“ in nicht ſehr großes, aber verhältnißmäßig hohes Ge⸗ ich Es war ei mach; rechts und links je ein Fenſter, das auf die Veranda führte, die Nun, wie finden Sie der Thür gegenüber ſtand in einer Niſche auf einem niedrigen Piede n, ſtale das Bild der Göttin. Bequeme Gartenſtühle, eine Chaiſe long n⸗ ein Tiſch, auf dem Bücher, Papiere, Zeichenmaterialien, eine ar fangene Stickerei, Reitpeitſche und Handſchuhe in maleriſcher Un d nng durcheinander lagen— waren die einfache, ſchickliche; ſtattung. Fr. Spielhagen's Werke. 1. 8 114 Problematiſche Naturen. „Sind Sie ſehr naß geworden?“ fragte Melitta, ihren Hut au den Tiſch werfend, ohne die Antwort auf ihre vorige Frage atz ſe warten. Und dann: „Gehen Sie da vom Fenſter fort, Sie werden ſich erkälten S Kommen Sie hierher, oder nein! ſetzen Sie ſich auf die Chaiſe ſt longne und erholen Sie ſich!“ Und wieder: „Wenn ich nur etwas für Sie herbeiſchaffen könnte!— Aber, es iſt wahr, ich kann ja Thee bereiten. Wo ſind nur gleich die Sachen? Hier— nein, dort in dem Schrank.“ Das Alles ſagte ſie haſtig, wie gedrängt von einer in ihr wüh⸗ lenden Unruhe, mit raſchen, ungleichen Schritten im Gemache hin — c) 1 und her ſchteitend. Oswald ergriff ihre Hand. „Sorgen Sie nur erſt für ſich ſelbſt, liebe, gnädige Frau; mir ſchadet ih das bischen Regen wahrlich nichts. Ihr Kleid iſt feucht und Ihre dünnen un Stiefel ſind auch keine Fußbekleidung für das naſſe Gras der Wieſe.“ „O für mich iſt leicht Rath geſchafft. Ich habe nebenan Alles, fo was ich brauche.“ ri „Nebenan?“ fie „Sagte ich Ihnen nicht, daß ich hier oft ſelbſt die Nächte zu⸗ O bringe? Die Thür dort führt in meine Garderobe.“ „So gehen Sie ſogleich hinein und kleiden Sie ſich um!“ Ki Melitta zog ihre Hand aus der des jungen Mannes, und ging, ſte ohne ein Wort zu erwidern, von ihm fort und verſchwand durch eine Thür, die ſich neben der Statue befand, und die Oswald jetzt S ur erſten Male bemerkte. — er wi Er warf ſich in einen der Lehnſtühle und ſtützte den Kopf in die ſei and; dann ſprang er wieder auf, lehnte ſich in's Fenſter und ſtarrte it düſtern Augen hinein in den Sturm und Regen; dann ging er bli haſtigen Schritten in dem Gemache auf und ab; endlich warf er vor dem Piedeſtale der Göttin nieder und legte ſeine heiße Stirn hre Marmorfüße. as Rauſchen eines Gewandes dicht neben ihm ſchreckte ihn aus erc Fiebertraum. pu Erſter Band. 115 t au„Melitta,“ rief er mit Thränen der Wonne im Auge zu ihr auf⸗ n ſchauend,„Melitta!“ Sie beugte ſich zu ihm nieder und küßte ihn zärtlich auf die älten Stirn; dann aber eilte ſie von ihm fort, warf ſich in einen der Lehn⸗ haiſe ſtühle und ſchluchzte, als ob ihr das Herz brechen wollte. Oswald ſiel vor ihr nieder; er umfaßte ihre Knie; er drückte ſein glühendes Geſicht in ihren Schvoß; er küßte ihr Gewand, ihre Aber, Hände.„Melitta! ſüße, holde, weine nicht! Wie kannſt Du weinen, die Du mich ſo namenlos glücklich machſt! Melitta, liebe, liebe Melitta! Deine Thränen tödten mich. Nimm lieber mein Herzblut, vüh⸗ Tropfen für Tropfen. Mein Blut, mein Leben, meine Seele ſind ja hin Dein! Melitta, für dieſen Augenblick will ich Dir ewig danken, hörſt Du, Melitta, ewig—“ „Um Gotteswillen, ſchwöre nicht!“ rief Melitta, auffahrend und adet, ihm die Hand auf den Mund legend. Dann ergriff ſie ſeinen Kopf ienf und küßte ihn leidenſchaftlich auf Stirn und Augen und Mund. ſe Und wieder ſprang ſie empor und eilte, wie von Dämonen ver⸗ les, folgt, in dem Gemache auf und ab.„O, mein Gott, mein Gott!“ rief ſie, die Hände ringend. Sie eilte auf die Thür zu, als wollte ſie entfliehen, aber, ehe ſie dieſelbe erreichte, brach ſie zuſammen. Oswald fing ſie in ſeinen Armen auf; er trug ſie nach dem Sopha; er bedeckte ihre kalten Hände, ihre bebenden Lippen mit glühenden Küſſen; ein Freudenſchrei entrang ſich ſeiner gepreßten Bruſt, als die ng,ſ ſtarre Geſtalt ſich endlich wieder zu regen begann. ine Sie richtete ſich halb empor und ihre Augen mit dem Ausdruck um unendlicher Liebe auf ihn heftend, ſagte ſie leiſe— leiſe und feſt, bie ein Kranker, der ſeinen Arzt fragt, ob Leben oder Tod das Ende 5 ſſein wird— rte„Oswald, höre mich an! liebſt Du mich jetzt, in dieſem Augen⸗ er blicke, ſo, wie Du glaubſt, daß Du ein Weib auf Erden lieben kannſt?“ er„Ja, Melitta!“ n„Nun denn, Oswald, ſo liebe ich Dich— jetzt und immerdar!“ Das Gewitter war vorübergebrauſt; ſchweigend ruhte der regen⸗ erquickte, duftende Wald; und über dem Wald erglänzte aus dem purpurnen Abendhimmel der Venus leuchtender Stern. — * V 8* — 116 Problematiſche Naturen. Fünßehntes Capitel. Wem iſt es nicht ſchon auf der Reiſe begegnet, daß er in der erſten Morgenfrühe durch die Straßen einer Stadt fuhr.— Die Sonne vergoldet ſchon die Kirchthurmſpitze, die Luft iſt kühl und er⸗ quickend, die Vögel ſingen in den alten Linden vor den Giebelhäuſern des Marktes— die Natur wacht und prangt in Morgenſchöne— und die Menſchen liegen noch alle in den Banden des Schlafes, drinnen in den ſchwülen, dumpfigen Kammern. Der Reiſende kann es kaum begreifen, daß ſich kein Fenſterladen öffnet, kein lächelndes Geſicht herausſchaut, ſich mit ihm des wonnigen Morgens zu freuen. .. So fühlt der Liebende, der ſich eben der Gegenliebe verſichert, mit lenchtenden Augen um ſich ſchaut und Blumen und Menſchen an ſein überſtrömendes Herz drücken möchte. Aber die Blumen kümmern ſich nicht um ihn, und die Menſchen haben dieſelben verſchlafenen oder von Sorgen— den böſen Träumen— verdüſterten Alltags⸗ geſichter. Die Sonne ſeiner Liebe, die ihn zu neuem Leben erweckte, für die Andern in der ſchwülen, dumpfigen Kammer ihres liebe⸗ und freudeloſen Daſeins hat ſie kein Licht und keine Wärme. Das fühlte Oswald, als er am nächſten Morgen nach einem kurzen, unruhigen Schlaf, der ſich wie ein trüber Letheſtrom über die Erinnerungen des vergangenen Tages gewälzt hatte, erwachte. Aber die Seele empfängt Eindrücke, die fürder kein Schlaf— es wäre denn der letzte, ewige— wieder verwiſchen kann; und ſo hatte auch er kaum die Augen aufgeſchlagen, als das Bild jener herrlichen Frau mit leuchtender Klarheit vor ſeiner Seele ſtand. Was ſich er⸗ eignet hatte bis zu dem Augenblicke, wo ihm das Venusbild in der dämmrigen Waldkapelle entgegenſchwebte— er hatte es vergeſſen; was nachher geſchehen war, als er Melitta, die ihm bis in die Nähe des Wagens durch den Wald das Geleit gegeben, zum letzten Male in ſeine Arme gepreßt hatte,— er wußte es nicht mehr. Aber die Erſter Band. 447 Küſſe, die er gegeben und empfangen, brannten noch auf ſeinen Lip⸗ pen; aber der ſüße Athem, der ſich mit dem ſeinen vermiſcht, umkoſte ihn noch; aber die liebetiefen Augen, die in den ſeinigen geruht, ſie ſtrahlten ihm noch immer. O, dieſe Augen, dieſe zärtlichkoſenden, leidenſchaftblitzenden Augen! wie zwei helle Sterne, die ſelbſt das Frühroth nicht verlöſchen kann, ſchimmerten ſie und leuchteten ſie, und verfolgten ihn allüberall. Er ſah ſie, wenn er die eigenen Augen ſchloß: er ſah ſie, wenn er aus dem Fenſter, in dem er lehnte, in den hellen Morgenhimmel ſchaute; er ſah ſie, wenn er den Blick in die blauen Schatten ſenkte, die zwiſchen den hohen Bäumen lagen, unten in dem ſtillen, thaufriſchen Garten. Es war ihm, als ob er ſich todt weinen könnte, als ob er laut aufjauchzen müßte vor ſeligem Schmerz und ſchmerzlicher Seligkeit, als ob ſein ganzes Weſen ſich auflöſen, wie ein Ton in der Harmonie des Alls verklingen müßte... Es giebt Momente, wo uns der Körper wie ein Hohn erſcheint. Wir möchten fliegen und kleben an dem Boden; wir möchten das Meer von Empfindungen, das in unſerer Bruſt wogt, in Worten ausſtrömen, und unſere Zunge ſtammelt; wir möchten ganz der Andere ſein, und ſind doch immer nur wir ſelbſt. O, dies iſt eine Qual, der zu ver⸗ gleichen, welche der Scheintodte empfinden mag, wenn ſie ihm den Sarg ſchmücken, und er nicht einen Finger regen, nicht die Lippen be⸗ wegen kann, um ihnen zu ſagen: ich lebe ja!. Oswald ſchlich ſich auf den Fußſpitzen in die Kammer der Knaben: er wollte wenigſtens ein liebes Antlitz, Bruno's Antlitz ſehen. Das erſte Frühroth drang durch die geſchloſſenen Gardinen: im Zimmer war es auffallend kühl. Bruno hatte wieder einmal nach ſeiner Gewohnheit das Fenſter die ganze Nacht hindurch offen gelaſſen. Oswald ſchloß es, denn die Morgenluft wehte herein und Bruno's Geſicht war von einem un⸗ ruhigen Traum erhitzt.— Wieder lag er da, wie in jener Nacht, als Oswald ihn zum erſten Mal erblickte— mit über der Bruſt ver⸗ ſchränkten Armen, düſtern Trotz auf dem dämoniſch⸗ſchönen Angeſicht. Aber als Oswald ihn heute auf die Stirn küßte, öffnete er nicht, wie damals die Augen, ihn voll Traumſeligkeit anzulächeln; öffnete er nicht, wie damals, die Lippen, ihm das rührende Wort zuzuflüſtern: ich habe Dich lieb! die dunklen Brauen zogen ſich nur noch finſterer — ——— erhält, die, wenn ſie auch nicht dem Garten über 118 Problematiſche Naturen. zuſammen, und ſchmerzlich zuckte es um den ſtolzen Mund.— Zu jeder andern Zeit würde Oswald dies für einen Zufall angeſehen haben; aber jetzt in ſeiner augenblicklichen weichen Stimmung ſchmerzte 5 es ihn innig.—„Zürnt er dir noch,“ dachte er,„daß du ihn geſtern zu Hauſe ließeſt? Ahnt er, daß ſeit geſtern ihm nicht mehr all deine 8 iebe gehört? Und doch! liebe ich ihn jetzt nicht nur noch mehr?“ Er ſtreichelte dem Knaben ſanft das dunkle Haar aus der finſtern Stirn; er hüllte die leichte Decke feſter um den ſchlanken Leib und ſchlich wie⸗ der aus dem Gemach mit viel weniger leichtem Herzen, als er es be⸗ treten hatte. Eine bange Ahnung von ſchwerem Leid, das ihm ſelbſt und Bruno und auch ihr! aus all' der Himmelsluſt erwachſen werde, durchbebte ihn. Er eilte in den Garten hinab, um im Freien freier athmen zu können, und ſchweifte umher in den dunklen Laubengängen und zwiſchen den Beeten, und ſchüttelte den Thau von den Zweigen in ſein heißes Geſicht und ſchaute mit den düſtern verwachten Augen in die frommen Kinderaugen der Blumen.— An den Gemüſebeeten fand er den Gärtner beſchäftigt. Es war doch wenigſtens ein Menſch. Oswald ſehnte ſich darnach, die Stimme eines Menſchen zu hören. Er redete den Mann an; r erkundigte ſich, was er, nie zuvor ge⸗ than, nach ſeinen Verhältniſfen: ob er berheirathet ſei? ob er Kinder habe? ob er die Kinder liebe M Der Mann gab ihm die ſchiefen, hal⸗ ben Antworten, die man gewöhnlich auf derartige Fragen von Leuten eniger bief empfinden, wie der Ge⸗ bildete, doch bei ihrer Ungewohntheih ſich ihre Gefühle klar zu machen und in Worte zu bringen, oft den Anſchein ſtumpfer Gefühlloſigkeit haben. Redſeliger wurde er, als er auf ſeing Pflanzungen zu ſprechen kam, die bei dem köſtlichen Wetter, wo hertlichſter Sonnenſchein mit warmen Gewitterregen abwechſelte, gar üppig gediehen. Aber Oswald flüchtigen Gruße den Alten, der ſich die·Mütze aus der Stir ückend, ihm verwundert nachſchaute, mit den Kopfe ſchüttelte, und wieder zum Spaten griff.— Oswald ſetzte ſeine raſtloſe Wanderung durch den Garten fort, dann aber wurde es ihm auch hier zu eng in dem 6 von dem hohen Walle rings eingeſchloſſenen Raum. Er eilte aus ae den Hof in das Feld, aus dem Felde in den Wald, die Erſter Band. witer und weiter, dem Brauſen entgegen, das zuerſt dumpf, dann latter und lauter an ſein Ohr drang. Da trat er heraus aus den Buchen, deren breite Kronen ſich üer ſeinem Haupte wölbten, auf das hohe Kreideufer, und weit, un⸗ emeßlich lag es vor ihm da das heilige, ewige Meer. Dort in der Ferne blitzten die weißen Kämme der Wogen auf, die, ſich unaufhalt⸗ ſam heranwälzend, tief unter ſeinen Füßen zwiſchen den gewaltigen Steinen des ſchmalen Strandes mit unaufhörlichem Donner bran⸗ deten— Woge auf Woge, immer neue und immer neue, unzählig, ſinnverwirrend, wunderbar. Kein Segel war zu ſehen in der unge⸗ heuren Runde; nur ganz am Horizont zog eine Rauchſäule von Oſten nach Weſten. Sie kam aus dem Schlot eines Dampfers, der ſeine einſame Bahn, wer weiß woher? und wohin? raſtlos verfolgte.— Ueber der ſchäumenden Brandung unter ihm flatterten weiße Möwen und ſtürzten ſich kreiſchend in die Salzfluth und ſchwangen ſich wieder auf und flatterten wieder hierhin und dorthin. Hoch oben in der blauen Luft zog ein Seeadler ſeine majeſtätiſchen Kreiſe, höher und immer höher, bis er Oswald's Blicken nur noch als ein ſchwarzer beweglicher Punkt erſchien.— Aber ſelbſt das erhabene Schauſpiel des WMeeres vermochte heute nicht ſeine Seele auszufüllen. Der Ocean iſt nicht ſo groß und nicht ſo tief wie das menſchliche Herz, und wie köſtlich ſie auch Oswald ſonſt dünkte, die Muſik der Wogen, er hatte vor wenigen Stunden eine köſtlichere Muſik gehört. Nur den Adler droben beneidete er.„Ein Schlag deiner mächtigen Schwingen, und du ſchwebſt über Wälder und Felder fort bis zu Melitta's Haus!“ Er ſprang empor, er eilte zurück in's Schloß, hinauf auf die Zinne des Thurmes; vielleicht konnte er von dort Melitta's Woh⸗ nung ſehen; und er jauchzte laut auf vor freudiger Ueberraſchung, als er wirklich, den ſpähenden Blick nach jener Seite richtend, den oberſten Giebel ibres Hauſes eben noch über den Rand des Waldes empor⸗ ragen ſ.. Ein wonnevoller Schauer durchrieſelte ihn; es war ihm, als hätte er den Saum ihres Gewandes berührt.— In der Liebe, wie in der Religion, iſt Alles myſtiſch. Warum erquickt es den Hläubigen, wenn er beim Gebet das Antlitz nach Oſten wendet? ——— W S X 5 6S 1 — — uß „kann! ha bet erl bilo un hal kan wa hör flüc ihm zun den von dem G. 2 Problematiſche Naturen. warum iſt es ein Troſt für den Liebenden, nur mit der Hand nich der Gegend zu deuten, wo die Geliebte wohnt? Die Zeit, in der Oswald ſeine ii zu beginun pflegte, war herbeigekommen; er ging in ſein Zimmer; er fand te Knaben nicht, die gegen die Gewohnheit noch unten beim Frühſtüt waren. Sein eigenes Frühſtück ſtand auf dem Tiſche. Da klopfte es leiſe an die Thür und herein trat der alte Baron mit einem Bündel Papiere in der Hand. Nach den erſten Be⸗ grüßungen und nachdem er ſich wegen ſeines ungewöhlichen Beſuch (es war in der That das erſte Mal) entſchuldigt hatte, ſprach er: „Sie könnten uns(er ſagte niemals: ich, da er ſich ohne ſeine Gemahlin nicht denken konnte) einen rechten Gefallen erweiſen, Su Doctor.“ „Ich vermuthe, Herr Baron, daß es ſich um die Papiere delt, die Sie dort in der Hand haben.“ „Ja, ja. Sie wiſſen, daß Grenwitz und Stantow zu Nn aus der Pacht kommen. Nun möchten wir gern, daß die Güter neu permeſſen würden, da die Flurkarten, die vor fünfundzwanzig Jahren angefertigt wurden, ſehr ſchlecht ſind. Der erſte Brief alſo, den w Sie zü ſchreiben bitten würden, wäre an unſeren Feldmeſſer. heißt Albert T Timm und wohnt in Grünwald. Sie würden ihn bitten, zu einer vorläufigen Beſprechung ſofort herüber zu kommen. Der zweite Brief iſt an unſern Advocaten, ebenfalls in Grünwald. Ann⸗ Maria wünſcht eine Reviſion der Pachtcontracte. Hier iſt eine A ſchrift der jetzigen. Anna⸗Maria hat am Rande verzeichnet, was wirſ in dem neuen Entwurf aufgenommen wünſchen. Wenn Sie dieſes Schriftſtück mundiren wollten— es iſt freilich etwas viel—“ „Geben Sie nur, Herr Baron. Zu wann wünſchen Sie die Sachen geſchrieben?“ 4 „Wenn es Ihnen bis Mittag möglich wäre? Wir haben del Knaben ſchon vorläufig angekündigt, daß ſie mich auf einer Fah nach Stantow begleiten ſollen. Sie haben doch nichts dagegen?“ „Ich denke, es wird wohl ſo das Beſte ſein.“ „Nun, dann leben Sie wohl, lieber Herr Doctor, und entſcht — ir un die on, e⸗ hes ine err n ini vir ſch Bruno ſterben, zuvor mir ſ damit ich Melitta lieben kann! Erſter Band. digen Sie, daß wir Sie mit dieſen Sachen beläſtigen. Aber Sie wiſſen, Anna⸗Maria—“ Keine Entſchuldigung, Herr Baron—“ Wer je in einer ähnlichen Stimmung war, wie die, in welcher ſich Oswald an dieſem Morgen befand, und wem dann eine mög⸗ lichſt ie Arbeit zugemuthet wurde, wird begreifen, daß der junge Mann, ſobald der Baron das Zimmer verlaſſen hatte, das ganze Packet verächtlich in eine Ecke ſchleuderte. Er warf ſich auf das Sopha und ſchloß die Augen, um von Melitta zu träumen. Aber je eifriger er ſich ihr geliebtes Bild vor⸗ zuſtellen ſuchte, deſto eigenſinniger ſteckte ſich das runzlige Geſicht des alten Barons dazwiſchen. Das verwandelte ſich dann wieder in das Antlitz der braunen Gräfin, dann zog ihm der Paſtor Jäger eine Fratze, und plötzlich ſtand Bruno im Zimmer, gehüllt in lange, wal⸗ lende weiße Gewänder. Oswald wollte lachen über die tolle Mas⸗ kerade, aber als er einen Blick in das Geſicht des Knaben warf, erſtarb das Lachen auf ſeinen Lippen. Ein Schauer durchrieſelte ihn, ſeine Haare bäumten ſich— die wachsbleiche Farbe, die ſo ſeltſam von den blausſchwarzen Haaren abſtach, die weiten ſtarren Augen, ein namen⸗ loſes Etwas in dem Ausdruck dieſer glanzloſen, gebrochenen und doch ſo wunderbar beredten Augen— das war nicht Bruno, das war der Tod, der leibhaftige Tod in Bruno's vielgeliebter Geſtalt... Mit einem wilden Schrei fuhr Oswald in die Höhe. Das ſchreckliche Bild war verſchwunden, aber es bedurfte mehrerer Minuten, be. der junge Mann ſich überzeugen konnte, daß es wirklich nur ein Bild geweſen. So deutlich hatte er mit geſchloſſenen Augen jedes Möbel im Zimmer, den Sonnenſtrahl, der durch das Fenſter fiel, die Staubatome, die in dem Strahle tanzten— Alles, Alles geſehen. Da hörte er das Knallen einer Peitſche und das Knirſchen von Rädern in dem Sande vor dem Portal des Schloſſes. Der Baron fuhr eben mit den Knaben fort. Oswald ging mit haſtigen Schritten in ſeinem Gemache auf „Warum heute, gerqde heute das fürchterliche Bild! Muß —— „——— . den langen Fingern unſerer Leute noch mehr zuſammenſchrumpft, ſteht 122 Problematiſche Naturen. Iſt es nicht möglich, einen Bruder und eine Geliebte zu lieben zu gleicher Zeit mit gleicher Gluth der Seele? Iſt das Menſchenherz ſo klein, daß eine Empfindung, um darin wohnen zu können, die andere verdrängen muß? und iſt die Treuloſigkeit Naturgeſetz?“ Der junge Mann war wieder ruhiger geworden, aber die am⸗ broſiſche Schönheit des Sommermorgens war verſchwunden. Die Sonne hatte keinen Glanz mehr für ihn, der Geſang der Vögel keine Süßigkeit, der übermüthig ſprudelnde Quell der Luſt in ſeinem Buſen war verſiegt. 3 S S 8 2 S 53 O Du biſt jetzt in der rechten Stimmung für die trockene Arbeit, 1 ſagte e bitter und holte das Packet wieder aus der Ecke hervor, in 3 die er es vorhin geſchleudert hatte. Er ſetzte ſich an den Tiſch und begann eiben. Zuerſt den Brief an den Geometer— das ging N och; der Brief an den Advocaten kam, obgleich nicht ohne liche Verwünſchungen, glücklich zu Ende; aber die Abſchrift di Contracte zu fertigen, mußte er ſeine ganze Geduld zu⸗ ſe Schloſſe von dem Gute Grenwitz zu leiſtenden Naturallieferungen müſſen auf jeden Fall doublirt werden, denn daß wir doch nur die Hälfte von dem bekommen, was uns zuſteht, und dieſe Hälfte unter „ehmen. Mehr noch als die Langweiligkeit der Arbeit ſelbſt,„ en ihn die von der Hand der Baronin eingeſtreuten Bemer⸗ 5 kungen, in welchen ſie die in den Contracten von ihr beliebten Ver⸗ änderungen in den Augen des Advocaten, vielleicht auch in ihren eigenen, zu motiviren ſuchte. Die Höhe der Pacht war in beiden t Fällen faſt um das Doppelte geſteigert, was Oswald um ſo mehr Wunder nahm, als er den Inſpector Wrampe wiederholt hatte ſagen ½ hören: Herr Pathe, der Pächter der beiden Güter, ein außerordentlich fleißiger, ſtrebſamer und ökonomiſcher Mann, ſei ſo geſtellt, daß ihn n eine einzige Mißernte ruiniren müßte. In einer Notiz det Baronin 2 hieß es:„Herr P. iſt ein nachläſſiger Monſieur und ſein ſauberer 8 Inſpector W. iſt nicht beſſer. Je humaner man gegen dergleichen ſi Menſchen iſt, deſto fauler werden ſie.“ In einer andern:„die dem von vorn herein anzunehmen.“ Durchſtrichen, aber nicht ſo, daß man ſie nicht noch hätte leſen können, waren die folgenden Worte: Sollte 1 Erſter Band. 123 ja etwas übrig bleiben, ſo können wir ja den Reſt alle Sonnabende in B.(dem nächſten Landſtädtchen) auf dem Wochenmarkte verkaufen.“ An einer andern Stelle:„Kann nicht contractlich ausgemacht werden, daß die Verwalter, Statthalter(Großknechte), Ausgeberinnen u. ſ. w. er Pächter jedesmal von dem Baron beſtätigt werden müſſen? Man wüßte dann doch, mit was für Subjecten man es zu thun hat, und behielte den Griff feſter in der Hand.“ „Und das Vermögen dieſer Menſchen beträgt Milkionen!“ rief Oswald und warf die Feder zornig auf den Tiſch.„Schreibe ein Anderer das Gewäſch! Soll ich mich zum ergebenſten Werkzeug dieſer egoiſtiſchen, hochmüthigen, herzloſen Ariſtokratenbrut hergeben?“ Und trüber und trüber wurde es in des jungen Mannes Seele. FRicht zum erſten Male wurde er heute daran gemahnt, wie ſchief, wie unhaltbar doch ſeine ganze Stellung ſei. Und was hatte ihn in dieſe Stellung getrieben, wenn nicht ſeine Freundſchaft zu dem Pro⸗ feſſor Berger, deſſen Rath er gegen ſeine beſſere Ueberzeugung gefolgt war? Es fiel ihm ein, daß er den letzten Brief ſeines wunde ichen Freundes noch nicht beantwortet hatte. So ſetzte er ſich denn wieder hin und ſchrieb: „Es giebt kein Unrecht als den Widerſpruch“— das iſt, wenn ich mich recht erinnere, eine Ihrer Lieblingsmaximen, und die Car⸗ dinglregel, nach der Sie das Thun und Laſſen der Menſchen beur⸗ cheilen., Nun denn! So hatten Sie doppelt und dreifach Unrecht, mich in dieſe Situation hineinzureden und hineinzulachen, denn ſie iſt, wie ich ſie auch betrachten mag, aus Widerſprüchen zuſammengeſetzt. Ich ein Erzieher Anderer, der ich mich felbſt noch zu erziehen habe! Ich, der Ariſtokratenfeind, der Adelshaſſer in dem Schvoße einer ariſtokratiſchen Familie— halb der Freund und halb der Diener der hochadeligen Sippe! Und was mich noch abſcheulicher dünkt, iſt, daß ich an den Genüſſen dieſes ariſtokratiſchen Lebens ſo harmlos Antheil nehmen kann, als hätte mich nie ein Schauer der Ehrfurcht erfaßt, wenn ich in der Schrift an die Stelle kam:„Des Menſchen Sohn vat nicht, da er ſein Haupt hinlege!“ Sind dieſe Worte denn nicht auch fler mich geſchrieben, für mich, dem kein Kiſſen zu wollüſtig, kein Teppich zu weich, keine Speiſe zu lecker, kein Wein zu koſtbar dünkt? . ————— —— 124 Problematiſche Naturen. für mich, der ich, weit entfernt, mich von dieſem Luxus angeekelt zuß finden, ihn nicht gierig verſchwelge, wie der Sklave ſeine kurzen Augenblicke der Freiheit, ſondern ruhig und bedächtig durchkoſte und genieße, ihn hinnehme, wie etwas, das ſich eben von ſelbſt verſteht, wie etwas, zu dem man geboren und erzogen iſt. Soll die gnädigeß F Frau Baronin Recht haben, die neulich hochmüthig behauptete, vonß de allen ſogenannten Volksfreunden früher und jetzt habe nur noch jedern ſeinen perſönlichen Vortheil im Auge gehabt. Der Eine verkaufe ſeine] Grundſätze ein wenig theurer als der Andere— der Eine laſſe ſicht tr ſeine Apoſtaſie mit Geld, ein Zweiter mit Ehrenſtellen, ein Anderer 5 wieder anders bezahlen— das ſei aber auch der ganze Unterſchied ei Damals widerſprach ich natürlich lebhaft— es war gleich zu Anfangf meines hieſigen Aufenthalts— ich weiß nicht, ob ich heute noch dazuſ de den Muth hätte. Denn, mein Freund, ich denke an Marie Antoinette, † ſu und denke, wenn eine andere Frau, ſo ſchön und ſo geiſtreich, wie die V unglückliche Königin, eine Frau mit den Augen und dem Schmelz der de Stimme und dem Liebreiz, wie— nun wie mein Ideal, die Frau, B die ich lieben könnte, lieben müßte— zu mir ſpräche: Die Abſchw⸗ gr rung Deiner Grundſätze iſt der Preis meiner Gunſt!— Gott, ſeee wird es nicht ſagen, ſie kann es nicht ſagen, denn ich will glaubeh P daß in dem ſchönſten Körper die ſchönſte Seele wohne; aber, wenn ge ſie dennoch in den Vorurtheilen ihres Standes ſo befangen wäre wie dann? O, ich fühle, nein, ich weiß, daß ich ihren Worten, ihren fü Thränen nicht widerſtehen könnte; daß vor der Gluth ihrer Küſſe ſne dem Feuer ihrer Blicke die ſtolze Kraft hinſchmelzen würde wie Wachs ſ hit daß, wenn ſie ihre weichen Arme um mich ſchlänge, ich nicht im Stande wäre, mich loszureißen; daß aus der gepreßren Bruſt kein Wort des an Zornes, kein Wort des Hohnes ſich losringen würde, nein! nur das de eine Wort: ich liebe Dich! ſtr Sie lächeln, o mein Freund, daß mich eine bloße Hypotheſe, ein dat bloßes Problema ſo in Aufregung verſetzen kann. Sie denken, in den d ſi kühlen Luft der Wirklichkeit gedeihen dergleichen phantaſtiſche Trei hauspflanzen nicht. Nun wohl, das Ganze iſt nur ein Problema, wollte Gott, es bliebe problematiſch!“. Erſter Band. Sechzehntes Capitel. „Gott zum Gruß, lieber Herr Collega! Viele Empfehlungen von Frau von Berkow, und hier ſchickt ſie Ihnen den Bemperlein und den Julius zur gefülligen Anſicht, aufgeſchnittene Exemplare werden nicht zurückgenommen.“ So ſprach lächelnd ein kleiner, blaſſer, ſchwarzhaariger, Brille tragender, etwas unmodiſch, aber ſehr ſauber und nett gekleideter Herr von etwa dreißig Jahren, der am Nachmittag deſſelben Tages, einen Knaben an der Hand führend, in Oswalds Zimmer trat. „Seien Sie beſtens willkommen!“ ſprach dieſer, ſich haſtig aus der Sophaecke erhebend, in welcher er, in Sinnen und Brüten ver⸗ ſunken, geſeſſen hatte, und reichte dem Eintretenden nicht ohne einige Verwirrung die Hand. Mit unendlichem Intereſſe blieb ſein Blick auf dem Knaben haften, dem Sohn der Frau, die er liebte. Julius von Berkow war eine reizende Erſcheinung. Die Blouſe von dunkel⸗ Leib gegürtet trug, gab ihm das Anſehen eines allerliebſten kleinen Pagen. Dunkle Locken wallten in weichen Ringeln von dem edel⸗ Oswald zuckte zuſammen, als er die warme, weiche Hand des Knaben für einen Augenblick in der ſeinen hielt, und in die großen lichtbrau⸗ nen, träumeriſchen Augen ſchaute. Es war ihm, als hätte er Me⸗ litts Hand berührt, als hätte er in Melitta's Augen geſchaut. „Es iſt ſehr liebenswürdig von Ihnen, Herr Bemperlein,“ ſagte anß ſeine Verwirrung bemeiſternd,„daß Sie noch die Zeit gefunden veſben, herüber zu kommen. Aufrichtig, ich habe Sie heut halb und ſrip erwartet, um ſo mehr, als Bruno es für eine Unmöglichkeit in dalt, Julius könne abreiſen, ohne vorher von ihm förmlichen Abſchied ſicunnen zu haben.“ ſprang die Thür auf und herein ſtürzte Bruno, ein mäch⸗ es utterbrot in der Hand.„Hurrah, Julius, Zuckerpuppe!“ ſchrie ünwald nachgelaufen, Dich auf offener Straße durchzuprügeln. ein Glück, daß Du gekommen biſt! Ich wäre Dir ſonſt nach grünem Sammet, die er mit einem breiten Riemen um den ſchlanken geformten Kopf; ſein Geſicht war mädchenhaft ſchön und zart, und* 126 Problematiſche Naturen. Hier, beiß ab! Das letzte Butterbrot, daß wir für lange Zeit mit einander theilen! Und nun komm! wir wollen noch einmal durch den„ob Garten und den Wald laufen. Sie bleiben doch zu Abend hier, Herr ſes Bemperlein?“ nich „Non, Monseigneur!“ erwiderte dieſer, der ſich auf einen Stuhl geſetzt hatte und ſich den Schweiß von der Stirn trocknete;„unſere vie Augenblicke ſind gezählt. Sie würden mich daher verbinden, wenn ber Sie Ihre Excurſionen nicht über den Garten ausdehnten und vor ſieb allem, wenn Sie Julius nicht wieder in den Graben würfen, wie das Be — — 6b letzte Mal.“ 1 ſihr „Julius, habe ich Dich in den Graben geworfen?“ per „Nein, aber herausgezogen, nachdem ich hineingefallen war.“ Du „Nun, ſo komm mein Zuckerpüppchen!“ rief Bruno, hob den den ſchmächtigen Knaben in ſeinen Armen empor und trug ihn zur Stube hinaus. „Iſt das ein Junge!“ ſagte Herr Bemperlein;„Herr meines wo Lebens, iſt das ein Junge! Wahrlich, Herr College, ich bewun⸗ dere Sie?“ „Weshalb?“ „Weil ich Sie in einen leichten Sommerrock gekleidet ſehe, und hab nicht umhüllt mit dreifachem Erz, wie der erſte Schiffer des Horaz, mei und wie, meiner Meinung nach, der Mann gepanzert ſein muß, der ſier es mit ſolch' einem Seeungeheuer, ſo einem Hayfiſch, ſo einem ſtach⸗ wü ligen Rochen— ich meine Bruno— zu thun hat.“ dat „Um Himmelswillen, Herr Bemperlein, ſagen Sie mir nicht, den wenn wir Freunde werden wollen, daß Sie Bruno nicht leiden können“ wie „Ich ihn nicht leiden können! Ich liebe ihn wie einen Sturnnd auf der See, den ich vom Ufer aus beobachten kann, wie ein wildes ſer Pferd, das mit einem Andern durchgeht, wie ein Gewitter, das ein tra Meile vor mir einſchlägt.— Apropos! das war geſtern ein entſet Par hiches Gewitter. Wir ſind erſt um elf Uhr nach Hauſe gekommen⸗ Frau von Berkow ſagte mir, Sie ſeien vollſtändig eingeregnet ge⸗ weſen in dem Waldhäuschen.“ „Wollen Sie in der That ſchon morgen abreiſen?“ ſagte Oswald, dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben. — Erſter Band. nit„Ob ich will?“ ſagte Herr Bemperlein in weinerlichem Tone; den eich will; durchaus nicht, Werthgeſchätzter; aber muß: Das iſt err ſes ja eben. Ach, wenn ich könnte, wie ich wollte, ich ginge im Leben nicht weg von Berkow; und auch im Tode nicht, denn ich würde mir uhl als letzte Gunſt erbitten, dort begraben werden zu dürfen.— Und ere wie es mit mir werden ſoll, wenn ich nun doch weggehe, daran, lie⸗ enn ſber College, mag ich gar nicht denken. Leben Sie einmal, wie ich, vor ſſieben Jahre an ein und demſelben Ort, und laſſen Sie dieſen Ort das Berkow ſein, und wachſen Sie feſt an dieſem Ort mit allen Wurzeln ihres Weſens, daß Sie jeden Spatz, der über Ihrem Fenſter niſtet, perſönlich kennen, und mit jedem Pferde in dem Stalle auf Du und Du ſtehen; und dann verſuchen Sie ſich loszureißen— und Sie wer⸗ den den empfinden, wie weh das thut.“ ube Der gute Mann griff wieder nach ſeinem Taſchentuch und fuhr ſich unter dem Vorwande, den Schweiß von der Stirn abtrocknen zu nes wollen, ein paar Mal über die naſſen Augen. un⸗„Ich begreife das vollkommen,“ ſagte Oswald mit ungeheuchelter Theilnahme. „Sie können das nicht begreifen, lieber Collega! Sehen Sie, da und habe ich im vorigen Frühjahr angefangen, mir einen Epheu in raz meinem Fenſter zu ziehen, und mich den ganzen Sommer und Win⸗ der ſter darauf gefreut, wie hübſch es in dieſem Herbſt ſich ausnehmen ach⸗ würde, wenn das Fenſter von unten bis oben berankt wäre, und wir, das heißt ich, mein Kanarienvogel und mein Laubfroſch, uns hinter icht, den breiten Blättern verſtecken könnten— denn Sie glauben nicht, en“ ſwie breite Blätter ich gezogen habe— ſo groß, wie Weinblätter— urnund in dieſem Herbſt wird mein Fenſter mit grünen Ranken ganz des vergittert ſein; aber meine Stube wird leer ſtehen, und die Sonnen⸗ ein, trahlen werden durch die Blätter ſchimmern und die Regentropfen ſetaran herunterrinnen, und keine Menſchen⸗ und keine Thierſeele wird nen ſich darüber freuen.“ ge⸗„Ich glaube, ich kann Ihnen das nachfühlen,“ ſagte Oswald. 1„Unmöglich, lieber Collega, unmöglich!“ ſeufzte der Andere. Ich ald Le Ihnen, ſo ein Fenſter giebt es auf der weiten Welt nicht mehr. der tiefen Viche ſteht ein Lehnſtuhl, mit ſchwarzem Leder ——— 128 Problematiſche Naturen. überzogen, den mir Frau von Berkow vor zwei Jahren zu meinen B Geburtstage geſchenkt hat;— eine Schlummerwalze, die Sie mir zu„ meinem letzten Geburtstage ſelbſt gehäkelt hat, hängt an der Lehne— gl na, das läßt ſich eben nicht beſchreiben. Aber da ſo zu ſitzen an einem S Sommerabend, wenn die Stimmen von Frau von Berkow und Julius be aus dem Garten zu mir herauf tönen und der Rauch meiner Cigarref F in blauen Streifen durch die Blätter herauszieht—“ T Bei dieſen Worten blies Herr Bemperlein zwei mächtige Rauch⸗ſ we wolken aus ſeiner Cigarre durch das geöffnete Fenſter, an dem erſ S ſaß, und ſchüttelte wehmüthig den Kopf, als wollte er ſagen: dasſ unr bringt hier nicht die mindeſte Wirkung hervor; das ſollten Sie ein⸗ſ eit mal von meinem Lehnſtuhl aus ſehen. ſie „Ja, ja,“— ſchaltete Oswald ein. die „Nein, lieber Collega, Sie können ſich unmöglich in meine Stim⸗ h mung verſetzen. Sie wiſſen nicht, welch ein liebenswürdiger Knabeſ al— Julius iſt. Sieben Jahre bin ich nun bei ihm, aber wenn er mir inf 3h allen dieſen Jahren auch nur eine böſe Stunde, ja nur Minute ge⸗ ha macht hat, ſo will ich nicht Anaſtaſius Bemperlein heißen. Und nun die Frau von Berkow— Sie kennen Sie nicht, lieber Collega—“ † Un Oswald wandte ſich ab, denn er fühlte, wie ihm das Blut inf lm die Wangen ſchoß— „Sie haben keine Ahnung, welch ein Engel von Güte dieſe Frau da iſt. Was verdanke ich ihr nicht! Bevor ich nach Berkow kam, wußte ha ich von Luft und Sonnenſchein, und allem Schönen auf der Weltf Si gerade ſo viel, wie ein Maulwurf— ich war ein richtiger Bär, einß fra vollſtändiges Rilpferd, und daß ich jetzt einigermaßen einem Menſchen ähnlich ſehe, verdanke ich nur ihr. Und wie hat ſie ſich meiner in jeder andern Beziehung angenommen! Einmal, erinnere ich mich, lag ich viele Wochen lang am Typhus darnieder. Die erſten Weſen, dief ich deutlich erkannte, als ich aus meinem Torpor erwachte, waren die gnädige Frau und der alte Baumann. Es war ein Sommernachmib tag wie heute. Meine Bettvorhänge waren halb zugezogen, Baumam und die gnädige Frau ſtanden ein paar Schritte entfernt am Tiſc. Wenn ich nicht ſelbſt krank werden will, ſo muß ich herie Nachmittag eine halbe Stunde ſpazieren reiten, Baumann,“ ſagte Frau F nem — — nem ius rre er das ein⸗ te belt ein chen in lag die die mit⸗ am iſch. ttag vn Berkow,„daß er mir den Bemperlein unterdeſſen nicht ſterben läßt.“ „Zu Befehl,“ ſagte der alte Baumann.„Aber damit Sie nicht etwa glauben, lieber Herr Collega, daß ich in dieſer Behandlung von Seiten der gnädigen Frau eine Bevorzugung erblicke, die meinen ganz beſonderen Verdienſten zu Theil würde, ſo ſetze ich hinzu, daß ich Frau von Berkow dieſelbe Huld und Gnade an viele Andere, zum Theil ganz gleichgültige Perſonen habe verſchwenden ſehen, ſo daß ich wahrlich glaube, das Herz dieſer Frau iſt aus durchaus edlerem Stoffe, als ſonſt die Menſchenherzen ſind, und daß ſie Gutes thun und Andere beglücken muß, gerade wie ein Kanarienvogel ſingt und ein Eich hörnchen ſpringt, weil's eben ſo ihre ſchöne Natur iſt, und ſie nicht anders kann. Verzeihen Sie, lieber Collega, daß ich mit dieſen Dingen, die Sie nicht intereſſiren und nicht intereſſiren können, Ihre Zeit in Anſpruch nehme, aber mein Herz iſt wirklich zu voll, als daß es nicht überfließen ſollte, und ich habe das Vertrauen zu Ihnen, daß Sie mich deshalb nicht für einen ſentimentalen Geſellen halten werden.“ „Ich kann Sie nur verſichern, daß Sie Ihr Vertrauen keinem Unwürdigen ſchenken, Herr Bemperlein, auch wenn Sie mir nicht er⸗ lauben wollen, mit Ihnen ganz zu ſympathiſiren.“ „Ich Ihnen das nicht erlauben? Es iſt mein innigſter Wunſch, daß Sie das vermöchten, um ſo mehr, als ich, offen geſtanden, hauptſächlich in der ganz egviſtiſchen Abſicht herübergekommen bin, Sie in einer für mich hochwichtigen Angelegenheit um Rath zu fragen.“ „Mich?“ „Ja, Sie! Ich will Ihnen auch ganz offen ſagen, wie Sie dazu kommen, bei mir die Stelle des weiſen Einſiedlers im Walde, zu dem ſich die vom Zweifel geplagte Creatur flüchtet, einzunehmen. Sie ſind zu dieſem verantwortlichen Amte durch eine Stimme er⸗ hoben, gegen die für mich kein Appell exiſtirt; ich meine durch die Stimme der Frau von Berkow. Ich verſuchte ihr heute Morgen aus⸗ einanderzuſetzen, was ich Ihnen alsbald mit Ihrer gütigen Erlaubniß mittheilen will; ſie hörte mich mit himmliſcher Geduld von Anfang bis zu Ende an und ſagte dann, ihre Hand für einen Augenblick auf Fr. Spielhagen's 6. 9 Erſter Band. 129 3 65 kommen, die eine ſolche Revolution in meinem Innern hervorbrachten⸗ uns machen, daß wir wegkommen, Herr Collega. Wo iſt mein) 130 Problematiſche Naturen. die meinige legend:„Lieber Bemperlein, ſagte ſie, wollen Sie meinen Rath hören.“„Natürlich, gnädige Frau!“ ſagte ich.„Nun denn,“ ſagte ſie,„lieber Bemperlein, gehen Sie hinüber nach Grenwitz, brin⸗ gen Sie Herrn Doctor Stein eine Empfehlung von mir, und erzäh⸗ len Sie ihm ganz ausführlich, was Sie mir eben geſagt haben; und was er Ihnen dann antwortet, das nehmen Sie für meine Antwort.“ Auf Oswalds Lippen ſchwebte ein ſtolzes Lächeln. Er ſah in dieſer Demuth Melitta's eine ihm dargebrachte Huldigung; er fühlte, daß ſie ihrer Liebe keinen reineren Ausdruck geben konnte, als durch dieſes Geſtändniß, wie fortan ihre Exiſtenz in der ihres Geliebten aufgehe. fe „Wie Sie ſich aus dieſer Verlegenheit ziehen werden,“ fuhr Hert 6 Bemperlein fort,„iſt Ihre Sache; die Rolle des Vertrauten iſt Ihnen 0 einmal zugetheilt, und Sie müſſen dieſelbe herunterſpielen, ſo gut Sie 9 2 f können. Die Sache iſt nämlich einfach die, oder vielmehr gar nicht einfach, ſondern ſehr complicirter Weiſe, auf alle Fälle indeſſen iſt die Sache die: Ich bin nämlich— ich habe nämlich— aber hier kann ich Ihnen das nicht erzählen, ich muß dazu den Himmel über mir haben, denn unter dem blauen Himmel ſind mir die Gedanken ge⸗ Sie thäten mir alſo einen Gefallen, Herr Collega, wenn Sie mir nach Berkow das Geleit geben wollten. Unterwegs lege ich Ihnen meine Beichte ab. Jetzt will ich gehen, Julius zu rufen, und mich bei den Herrſchaften zu empfehlen. Machen Sie ſich unterdeſſen zurecht; aber laſſen Sie mich um Himmelswillen nicht lange warten. Zehn Minu⸗ ten reichen vollkommen zu, und länger halte ich auch ein téte-atéte mit Ihrer Baronin nicht aus. Alſo à revoir in zehn Minuten, es ſchadet nichts, wenn es auch nur neun ſind.“ Als Oswald nach unten kam, complimentirte ſich gerade Herr Bemperlein vor dem alten Baron zur Thür der Wohnſtube hinaus. 1 „Keinen Schritt weiter, Herr Baron! Uff!— Nun laſſen Sie † 8——— 2.— 8 Julius?“ Auf dem Hofe fanden ſie die Knaben. Bruno ſaß auf dem Rand ſc „ te, en rr ie ht iſt ier ine Erſter Band. 131 des Brunnens der kopfloſen Najade, und ſchlichtete Julius, der zwi⸗ ſchen ſeinen Knien ſtand, das lange lockige Haar. „Wie willſt Du denn ohne den Pony fertig werden, Julius?“ „Ja, ich will ſehen; vielleicht laſſe ich mir ihn nachſchicken.“ „Du Glücklicher, ich glaube, Du läßt Dir auch Deine Mama und Herrn Bemperlein nachſchicken, wenn's ohne ſie nicht geht.— Ich wollte, ich könnte mit Dir nach Grünwald, und ſähe dies ver⸗ dammte Neſt im Leben nicht wieder.“ „Mama ſagte mir, Du hätteſt Herrn Stein ſo lieb, iſt das wahr?“ „Ich ihn lieb!“ ſagte Brugo, den Kopf trotzig in die Höhe wer⸗ fend; weshalb ſollte ich ihn lieb haben? i mir ganz gleichgültig. Er bekümmert ſich viel um mich! Er! Geſtern iſt er den ganzen Tag ohne mich umhergelaufen, und heute halle er mich noch keines Blickes gewürdigt— er iſt mir ganz gleichgültig; hörſt Du? ſag' das nur Deiner Mama, ganz gleichgültig!“— Und damit verbarg er ſein Ge⸗ ſicht in Julius Locken und ſchluchzte. „Was iſt Dir, Bruno?“„ „Mir? nichts! was ſollte mir ſein!“ „Bruno, ich begleite Herrn Bemperlein!“ rief Oswald her⸗ über. „Herr Doctor, ich begleite Julius!“ rief Bruno zurück. „Wo iſt Malte?“ „Soll ich Maltes Hüter ſein?“ „Malte iſt auf dem Zimmer des Barons,“ ſagte Herr Bemper⸗ lein;„er iſt von der Fahrt ſehr angegriffen; die Baronin meint, er ſiebere etwas, und der Baron hat ihm auf dem Sopha ein Lager zurecht gemacht, wie einer jungen Katze. Welchen Weg nehmen wir?“ „Ich denke, wir gehen durch den Wald,“ ſagte Osw ald. Sie gingen über die Zugbrücke, die ſeit zwei Jahrhunderten nicht mehr aufgezogen werden konnte, durch die Lindenallee in den Wald, Herr Bemperlein und Oswald voran, Bruno und Julius folgten in einiger Entfernung. Bruno hatte den Arm um Julius' Nacken ge⸗ ſch lungen, er hatte heute, oder wollte heute für nichts Intereſſe haben, . 132 mir ſieht er ſich nicht einmal um. O, ich haſſe ihn, ich haſſe Alle, fahren, das Weiden von Heerden,— Menſchen⸗ oder Schaafheerden Problematiſche Naturen. als für ſeinen Freund, den er immer ſehr geliebt und auf deſſen braune Augen er mehr als ein Gedicht gemacht hatte, und den er jetzt in der Trennungsſtunde mit ſtürmiſchen Zärtlichkeiten überhäufte. „Du wirſt fortreiſen, Julius,“ klagte er,„und wenn Du drei Tage fort biſt, wirſt Du mich vergeſſen haben.“ 1 „Ich werde Dich nie vergeſſen, Bruno.“ „So? weißt Du das gewiß? Da haſt Du ein beſſeres Gedächt⸗ niß, wie Oswald,— ich meine Herrn Doctor Stein. Der hat mir ½ auch geſagt, daß er mich lieb hätte wie einen Bruder, und ſeit vor⸗ geſtern Abend weiß er nicht mehr, daß ich auf der Weit bin. Jetzt erzählt er wahrſcheinlich Herrn Bemperlein, daß er ihn wie ſeinen Bruder liebt; ſieh nur, wie er ihm vertraulich den Arm giebt! Nach — Alle— nur Dich nicht, Julius!“ Während ſo der unglückliche Knabe ſeine Liebe und ſeinen Kum mer in den Buſen ſeines Freundes ſchüttete und wohl fühlte, daß auch der ihn nicht verſtände, und daß er allein, ganz allein ſei auf vieſer für ihn ſo freudeloſen Erde, ſprach Herr Bemperlein alſo zu Oswald: 1 8 Siebenzehntes Capitel. „Wie geſagt, lieber Collega, mein Vater war ein Paſtor, mein Großvater, ja was ſage ich: meine beiden Großväter waren Paſtoren, denn meine Mutter war eine Pfarrerstochter; mein Urgroßvater vä⸗ terlicher Seits war wenigſtens ein Küſter, der die Tochter eines Schä⸗ fers, alſo auch eines Paſtors, heirathete. Weiter habe ich meinen Stammbaum nicht verfolgen können— aber es ungue leouem! Sie h ſehen, daß bis auf mich herab das eigentliche Geſchäft meiner Vor⸗ — geweſen iſt. Auch auf mir ſcheint der Geiſt meiner Ahnen zu en t ge t⸗ tzt en ch le, m⸗ aß uf Erſter Band. ruhen. Thiere auf die Weide bringen war von jeher meine Leidenſchaft, und noch jetzt kann ich noch Stunden lang an das Gatter einer Kop⸗ pel gelehnt ſtehen und den Kälbern und Füllen zuſehen,— es iſt ohne Zweifel etwas Paradieſiſches in dieſem Zuſtand behaglichen Genuſſes, der uns an die Urzeit der Menſchen, mich zum wenigſten ſehr lebhaft an meine Jugendzeit erinnert. Denn mein erſter Freund war ein Gänſejunge, ſpäter war ein kleiner Schweinehirt mein Pylades, und der vertraute Umgang mit dieſem Eumaens posthumus hat mich aus der Lectüre gewiſſer Geſänge der Odyſſee einen Genuß ſchöpfen laſ⸗ ſen, der Anderen, welche ohne meine gründliche Vorbildung daran gehen, ganz unerklärlich ſein muß. Als mein Pylades zum Rinderhir⸗ ten avancirte, verließ ich weinend mein Heimathsdorf, um nach Grün⸗ wald auf's Gymnaſium zu gehen, wo ich ſogleich in die Tertia ein⸗ trat und von Lehrern und Schülern als ein kleines Ungeheuer ange⸗ ſtaunt wurde, von Letzteren in Anbetracht meiner fabelhaften Toilette, in welcher ein Paar Hoſen, die bis zum Knie hinauf aus gutem Rinds⸗ leder beſtanden, noch nicht das merkwürdigſte Stück war,— von Er⸗ ſteren wegen meiner nicht weniger fabelhaften Gelehrſamkeit. Ich wußte den halben Virgil auswendig, las das neue Teſtament in der Urſprache ſo fließend, wie meine Mitſchüler Luthers Ueberſetzung— und das Alles mit dreizehn Jahren! Mir graut jetzt ſelbſt, wenn ich daran denke. Damals indeſſen kam mir das Alles ſehr zu ſtatten; denn mein Vater, der eine zahlreiche Familie zu ernähren hatte, und ſo arm war, wie die Mäuſe in ſeiner Kirche, konnte mir außer ſeinem Segen und ſechs Empfehlungsbriefen an eben ſo viel mitleidige Fa⸗ milien, die ſich jede zu einem Freitiſch wöchentlich verſtanden,— den ſiebenten Tag, an welchem ich keinen Freitiſch hatte, ſetzte ich nothge⸗ drungen zum Faſttage ein für alle Mal ein— ſo gut, wie nichts mit in die Stadt geben. Ich war alſo gänzlich auf mich angewieſen; aber ich hatte durchaus keine koſtbaren Gewohnheiten, ſtatt deſſen aber das Talent, von einem Butterbrode ſatt zu werden, bei einem Thran⸗ lämpchen leſen und mit zugeſpitzten Schwefelhölzern ſchreiben, meine ſechs Schulſtunden abſitzen und noch eben ſo viele Privatſtunden geben ſzu können, ſo daß ich nicht nur die Miethe für mein Dachſtübchen hind Alles unumgänglich Nothwendige pünktlich bezahlte, ſondern auch Dir Deine Arbeiten und dafür prügelſt Du mich weder ſelbſt, noch netürlich für mich ſo feſt, als daß ich einmal ſterben müßte. Söhne Erwerbsquell nach wie vor, um ſo mehr, als jetzt einer meiner jün⸗ 134 Problematiſche Naturen. ſchon nach zwei Monaten meine ledernen Hoſen mit einem Paar von ſtädtiſcherem Stoff und Schnitt vertauſchen durfte. Den Spitznamen „Lederſtrumpf“ indeſſen, den meine Mitſchüler mir gegeben hatten, und den bei dieſer Gelegenheit los zu werden meine ſtille Hoffnung und die eigentliche Veranlaſſung meines Luxus geweſen war, behielt ich nach wie vor; und das war meine gerechte Strafe. Daß mir es im Uebrigen in der Schule gut ging, verdankte ich beſonders einer nicht ungeſchickten Politik, die ich unausgeſetzt verfolgte. Ich hatte nämlich bald herausgefunden, daß die Stärkſten und Größten in der Klaſſe auch zugleich immer die Dümmſten und Faulſten waren. Ich verfehlte alſo niemals, mit ihnen ein Schutz⸗ und Trutzbündniß abzuſchließen, das hauptſächlich auf folgende zwei Bedingungen baſirt war: ich mache giebſt Du zu, daß mich ein Anderer prügelt; und ich muß geſtehen, daß dieſer Vertrag ſtets unverbrüchlich gehalten wurde. Als ich ſie⸗ benzehn Jahre alt war, fand mein Lehrer, daß ich ſchon ſeit einem Jahre zur Univerſität reif ſei, wenn darunter nämlich verſtanden wird, daß man mit Schulkenntniſſen allerdings angefüllt iſt, wie ein Ei voll Dotter, im Uebrigen aber ſo unwiſſend und hülflos, wie ein Küchlein, das eben aus der Schale kroch. Daß ich Theologie ſtudirte, ſtand von penſionirten Hauptleuten werden in's Cadettencorps geſteckt, und Söhne von armen Landpaſtoren in's theologiſche Seminar geſchickt: 3 ſo ſelbſtredend, wie irgend ein anderes Stück der Naturge⸗ — Wohl; ich ſtudirte alſo Theolozie, das heißt, ich ging fleißig ims Colleg, und ſchrieb ganze Wagenladungen voll der ab⸗ ſtruſeſten Gelehrſamkeit. Im Uebrigen ſetzte ich ſo ziemlich mein Leben ſo fort, wie ich es von der Schule gewohnt war, ſelbſt mein Dachſtübchen hatte ich behalten, und Privatſtundengeben war mein, „— geren Brüder bei mir lebte, dem ich das kleine Stipendium, das ich von der Univerſität erhielt— Sie wiſſen, daß in Grünwald ein Student ohne Stipendium eine rara avis iſt— überließ; ſo. wie die Freitiſche, die ich jetzt entbehren konnte, da die Caravanſerei des Convicts mir ihre gaſtlichen Thore geöffnet hatte. So verging das — von nen und und ich im icht lich ſſe oll in, nd nd kt: e⸗ ng in in n⸗ Seſundheit, viel verderblicher aber noch für die Moral, denn er zwingt Erſter Band. Triennium in etwas monotoner, aber nicht unbehaglicher Weiſe. Ein Tag ſah ſo ziemlich aus wie der andere; nur der Mittwoch hatte für mich eine etwas düſtere Phyſiognomie, weil es an demſelben Erbſen mit Schweinefleiſch im Convict gab, ein Gericht, an das ich mich, trotz meiner liberalen Grundſätze in dieſer Beziehung, niemals habe gewöhnen können. Ich mußte jedesmal, wenn die Schüſſel zu mir kam, an die ſchönen Sommermorgen denken, die ich im Eichwalde zu⸗ gebracht hatte, wenn mein Pumaeus posthumus ſeine Heerde weidete, und ich die Eclogen des Virgil dazu las; und dann blieb mir der Biſſen im Munde ſtecken. Sie werden das wahrſcheinlich ſehr ſentimental finden, aber es hat ja Jeder ſeine Schwächen.— Vom Leben ſah ich während dieſer Zeit ungefähr ſo viel, wie ein Kameel in der Menagerie von der Wüſte. Mein Umgang war äußerſt beſchränkt, er richtete ſich weſentlich nach meinen Mitteln; wie ich denn überhaupt glaube, daß zwiſchen dieſen Beiden eine Art Wechſelverhältniß ſtattfindet; wenigſtens bemerkte ich, daß die wohlhabenderen Studenten immer heerdenweiſe ange⸗ troffen wurden, während die ärmeren einzeln durch die Gaſſen ſchlichen! Ich weiß nicht, ob das im Leben auch ſo iſt. Vor dieſen wohlhabenderen Studenten— denn es giebt deren ſelbſt in Grünwald, und in meinen Augen war jeder, der einen ſicheren Wechſel von funfzig Thalern jährlich hatte, ein Kröſus— empfand. ich übrigens allen möglichen Reſpect. Dieſe ſchnurrbärtigen, ge⸗ ſtiefelten Kater erſchienen mir als ſehr abſonderliche Geſchöpfe Gottes, und ich konnte nie recht begreifen, wie eine, doch ſonſt auf die Ruhe ihrer Unterthanen ſo eiferſüchtige Regierung, ſie in ihrer ganz uncivili⸗ ſirten Freiheit umher laufen laſſen könne. Ich muß geſtehen, daß ich die drei Jahre hindurch in einer beſtändigen Furcht vor einer Heraus⸗ forderung lebte. Nicht, als ob es mir an perſönlichem Muth gebräche! Ich habe glücklicherweiſe hernach ein paar Mal im Leben Gelegenheit gehabt, mich vom Gegentheil zu überzeugen; ich fürchtete nur die Schiefheit der Lage, in die ich mich bei einer ſolchen Eventualität verſetzt ſehen würde. Den ganzen ſogenannten Comment hielt ich nämlich von jeher für den abominabelſten Unſinn, verderblich für die — 136 Problematiſche Naturen. die jungen Gemüther ihr eigenes Denken und Fühlen herviſch dem Moloch eines barbariſchen Ehrbegriffs, der lächerlichſten Carricatur eines Coder der Moral, der je erfunden iſt, zu opfern, und gewöhnt ſie auf dieſe Weiſe ſyſtematiſch an jenes blinde, katholiſche Gehörchen, welches mir die eigentliche Sünde gegen den heiligen Geiſt zu ſein ſcheint. Ich weiß nicht, ob wir hierin einer Anſicht ſind, Herr Collega.“ „Vollkommen,“ antwortete Oswald.„Und nun rechnen Sie zu den Uebelſtänden dieſes modern⸗ mittelalterlichen Studenten⸗ lebens, daß die Jünglinge gerade in einer Zeit, wo der Menſch am empfünglichſten iſt für die Eindrücke der Außenwelt, ſich hermetiſch in ihrer leidigen Kneipe abſchließen, anſtatt die gute Geſellſchaft aufzuſuchen, die ihnen den Schliff geben könnte, der ihnen wahrhaftig ſo ſehr fehlt, daß ſie in den Jahren, wo ſelbſt ſpäter ſehr bornirte Ariſtokraten für reihet ſchwärmen, ſich der ex⸗ eluſiveſten Excluſivität befleißigen, und in dem Glanz ihrer bunten Kappen und kindiſchen Troddeln noch verächtlicher auf den Philiſter herabſehen, als der Gardelieutenant auf den Civiliſten; daß ſie in der Periode, wo ſie anfangen ſollten, ſich als Mitglieder eines großen Garzen, als angehende Bürger zu fühlen, anfangel, einen Staat im Staate zu errichten: ſo haben Sie wahrlich beiſammen, was einem nur halbwegs verſtändigen Jüngling den Geſchmack an ſolchem alber⸗ nen etentreſen gründlich verleiden könnte.“ a,“ſagte Bemperlein,„und es iſt ganz auffallend, wie lange 3 auſch, den ſich die jungen Leute während ihrer glorreichen Stu⸗ dentenzeit trinken, anhält. Da iſt hier in der Nähe unſer Landrath — ein Herr von Sylow, ein Mann von vierzig Jahren— der ſeit mindeſtens zehn Jahren verheirathet iſt. Geſtern nun, als ich mit Julius dort meinen Abſchiedsbeſuch machte— die Kinder ſind von jeher ſehr viel zuſammen geweſen— kam der Landrath nach dem Abendeſſen auf ſeine Univerſitätszeit zu ſprechen, und gab uns, das heißt ſeinem Hauslehrer und mir, einen Abriß ſeiner ſtudentiſchen Heldenthaten. Glücklicherweiſe war mein College ſeiner Zeit ein flot⸗ ter Burſch in Halle geweſen, und konnte dem Landrath auf ſeine Fragen über den heutigen Stand des Comments die nöthige W —— — — — r— —— — —„ — eit 1 kunft geben. Und nun hätten Sie den edlen Herrn ſich ſollen ereifern hören über die Verſunkenheit des heutigen Studentenlebens, über die geringe Zahl der Paukereien, die unwürdig kleine Quantität Biers, ſo während eines Abends vertilgt würde, und ſo weiter und ſo weiter. Dabei glänzten ſeine Augen bei der bloßen Erinnerung an die ver⸗ ſunkene Herrlichkeit, und er ſprach ſich in ſolche Rührung hinein, daß er ſchließlich den ſentimentalen Wunſch äußerte, alle die rheiniſchen Demokraten, wie er ſie nennt, die auf dem letzten Provinzial⸗Landtage wiederum die alten gottesläſterlichen Petitionen um Preßfreiheit, Freizügigkeit u. ſ. w. eingebracht hätten, möchten nur einen Hals haben, damit— er machte eine bezeichnende Handbewegung— des Geſchreies endlich einmal ein Ende würde.“ „Natürlich,“ ſagte Oswald,„wenn die Herren jung ſind, ſingen ſie:„Freiheit die ich meine,“ das klingt ſehr poetiſch, wenn man es von fern hört, und ſie ſelbſt ſingen ſich dabei in eine gelinde Rührung hinein, in welcher ſie halb und halb glauben, ſie hätten in der That eine Meinung. Das iſt aber eine veine Hallucination, oder im Falle ja einmal einer wirklich etwas meint, ſo iſt es die Freiheit, den Philiſter verhöhnen, Fenſter einwerfen, die öffentlichen Locale unſicher machen, und andeke Heldenthaten ungeſtraft verrichten zu können, und dann die ſpätere Freiheit, als ganz gehorſamſter Endesunterzeichneter in tiefunterthänigſter Demuth zu erſterben, wenn man es nur bis zum Subalternbeamten, und die Subalternbeamten und die ganze übrige Menſchheit en canaille. behaudeln zu können, wenn man es bis zum Verwaltungschef gebracht hat. Aber wir ſind von unſerem Thema abgekommen. Die böſe t entweder gegen ihre perſönliche Ehre, oder gegen die Standesehre verſtoßen zu müſſen, wurde Ihnen hoffentlich erſpart?“ „Ja, Dank der Vorſicht, die ich anwandte, vor den geſtiefelten Katern meine Mauſeexiſtenz möglichſt geheim zu“ halten. Als das Triennium vorbei war, und ich mein erſtes theologiſches Examen heſtanden hatte, war es mit meiner Beſorgniß ohnedies vorbei, denn einem ehrſamen Candidaten dẽs Predi geramts verdenkt es ſchon Nie⸗ mand, wenn er nichts von Terzen und Quarten Piſſen will. Ich hätte jetzt am liebſten ſogleich auf dem Lande eine Stelle als Haus⸗ Kenntniß gelangt ſein ſollte, der Herr müßte ſie mir denn, von wegen ſ0 138 Problematiſche Naturen. lehrer angenommen, aber mein Bruder war eben erſt nach Prima gekommen, und ich wollte ihn die zwei Jahre, die er noch auf dem Gymnaſium bleiben mußte, nicht allein laſſen, da ich ihn in der R Kunſt, mit Schwefelhölzern zu ſchreiben und in den übrigen Geheim⸗ niſſen des Lebens eines Dorfpfarrerſohnes in der Stadt nicht ſo u perfect ſah, wie es im Intereſſe der Familie wünſchenswerth ſchien. Denn dieſer zweite Bruder ſollte an ſeinem jüngeren Bruder die 5 Stelle vertreten, die ich an ihm vertreten hatte, und dieſer jüngere Bruder mußte um dieſelbe Zeit auf die Tertia des Gymnaſiums kommen, wenn jener die Univerſität bezog; ebenſo wie ich anfing zu ſtudiren, als er nach Tertia kam.“ „Aber wie iſt denn das möglich,“ ſagte Oswald erſtaunt. „Ja, ſehen Sie, Werthge ſchätzter,“ antwortete Herr Bemperlein, „wie es möglich iſt, kann ich Ihnen nicht ſagen, daß es aber der Fall iſt, kann ich beſchwören. Ich bin der Aelteſte meiner Geſchwiſter, und am zweiundzwanzigſten März geboren; dann kommt eine Schwe⸗ ſter, genau zwei Jahre jünger, denn ſie iſt am einundzwanzigſten März geboren, darauf ein Bruder, darauf wieder eine Schweſter, darauf wieder ein Bruder, und wieder eine Schweſter. Wie viel ſind das?“ „Ein halbes Dutzend, ſollte ich meinen,“ ſagte Oswald lächelnd. „Ganz richtig, ein halbes Dutzend, alle zwei Jahre auseinander und alle im März geboren, mit Ausnahme meiner jüngſten Schſve⸗ ſter, die am erſten April zur Welt kam. Sie iſt aber auch ete kometenhafte Erſcheinung in unſerem Planetenſyſtem und ſo zu ſagen; das Wunderkind der Familie. Denken Sie ſich, ſie iſt erſt achtzehn Jahre und ſchon verlobt.“ „Ich ſehe bei der ohne Zweifel großen Liebenswürdigkeit Ihrer t Fräulein Schweſter nichts Außerordentliches darin,“ bemerkte Oswald. à) „Nichts Außerordentliches?“ rief Herr Bemperlein;„nichts Außer⸗ ordentliches? Ein ſolches Kind? Heirathen! mit achtzehn Jahren! Ich weiß wirklich nicht einmal, ob das überhaupt pfychologiſch unt phyſiologiſch zuläſſig iſt;— Sie lachen? Mag ſein: ich habe mich auf die Weiber nie verſtanden, und wüßte auch nicht, wie ich zu dieſer 4e — 9—— S— eo 8 8 —— e— — —— — v8 8 8 * 8 ——— — Erſter Band. 139 meiner abſonderlichen Einfalt, im Traum geſchenkt haben. Alſo ich blieb noch faſt zwei Jahre in Grünwald, gab Privatſtunden, hielt Repetitorien mit jungen Studenten, die vor dem Examen ſtanden, und im Commersbuche beſſer Beſcheid wußten, als in den Kirchenvätern, und verdiente ſo viel, daß ich nicht nur ſelbſt ſehr gut leben konnte — den Faſttag hatte ich aus reiner Gewohnheit beibehalten— ſon⸗ dern auch meinen Bruder pflichtſchuldig unterſtützte. Dieſer Bruder machte mir damals einigermaßen Sorge— die ſich hernach als un⸗ nöthig erwieſen hat, denn er iſt jetzt in ſeinem vierundzwanzigſten Jahre ſchon wohlbeſtallter Hülfsprediger, aber er lernte etwas ſchwer, hatte ſchwache Augen und war gegen Hunger und Kälte auf eine mir unbegreifliche Weiſe empfindlich. Ich ſah deshalb ein, daß es eine Barbarei ſein würde, ihm die Sorge für meinen jüngſten Bruder, der jetzt auf die Schule kam, zuzumuthen, zumal dieſer ein ſehr ſchwäch⸗ licher Knabe war— er iſt jetzt ein kräftiger Burſche von zwanzig Jahren, ein braver, fleißiger Junge, der nächſtens ſein erſtes theologi⸗ ſches Examen machen wird— ja, was wollte ich ſagen? richtig: er war damals ein ſchwächlicher, kränklicher Knabe und bedurfte größerer Pflege. Für Beide aber das Nöthige herbeizuſchaffen—“ „Und für Sie ſelber,“ ſchaltete Oswald ein. „Nun, das war das wenigſte; aber ich ſah ein, daß es ſo nicht länger ging, und da kam mir denn die Hauslehrerſtelle in Berkow, die mir zu der Zeit angeboten wurde, gerade recht. Vollkommen freie Station, ein fabelhaftes Gehalt— ich war überglücklich. Jetzt hatte ich beide Arme frei und kennte endlich einmal etwas für die Familie thun.“ „Ich dächte, Sie hätten das ſtets nach Kräften, oder über Ihre Kräften gethan,“ ſagte Oswald. „Ach, Spaß,“ ſagte der Andere;„die Luſt war groß, aber die Kraft gering, und jetzt war die Unterſtützung nöthiger, als je. Meine gute Mutter hatte ſchon lange gekränkelt, jetzt verfiel auch mein Vater in eine ſchwere Krankheit, die ſeine eiſerne Natur ſo untergrub, daß er ſich nie wieder ganz vollſtändig erholte, ſo daß das Schlimmſte zu befürchten ſtand. Dabei waren meine drei Schweſtern noch unver⸗ ſorgt. Welches Glück alſo, daß ich das prinzliche Einkommen von ——— Problematiſche Naturen. Zweihundert Thalern Gold hatte! Ich gab die eine Hälfte meinen Brüdern— „Und die andere Hälfte meinen Schweſtern,“ ſchaltete Os⸗ wald ein. „Und die andere Hälfte meinen Schweſtern—“ fuhr Bemper⸗ lein fort und rieb ſich vergnügt die Hände. „Aber was behielten Sie denn für ſich?“ „Für mich?“ erwiederte Bemperlein erſtaunt.„Sagte ich Ihnen nicht, daß ich vollkommen freie Station hatte? Und nun hören Sie nur! Ich war ein Jahr auf Berkow geweſen, da läßt mich eines Tages die gnädige Frau zu ſich rufen, und nachdem wir über Dies und Jenes geſprochen, ſagte ſie:“ „Sie ſind nun ein Jahr bei uns, lieber Bemperlein, nün ſagen Sie mir einmal aufrichtig, ob es Ihnen bei uns gefällt.— Das be⸗ darf wohl keiner Frage, gnädige Frau, antwortete ich.— Nun, das freut mich, ſagte ſie, aber haben Sie nicht noch irgend einen ſpeciellen Wunſch?— Daß ich nicht wüßte, ſagte ich.— Aber ihr Gehalt iſt doch offenbar zu gering, ſagte ſie mit dem freundlichſten Lächeln. Ich war ſo erſtaunt über dieſe Worte, daß ich keine Antwort zu finden wußte.“ „Ich will Ihnen nur geſtehen,“ fuhr ſie mit himmliſcher Güte fort,„daß ich die Zeit, die Sie jetzt hier ſind, nur als Probezeit an⸗ geſehen und ihren Gehalt darnach berechnet habe. Es iſt mir niemals eingefallen, zu glauben, daß ein Mann, dein ich die Erziehung meines Kindes mit vollkommener Sicherheit anvertrauen kann, überhaupt mit Geld zu bezahlen ſei; und wenn ich Sie jetzt bitte, mir zu erlauben, das geringe Gehalt, das Sie bis jetzt bezogen haben, zu verdoppeln, ſo bemerke ich dabei ausdrücklich, daß ich mich nach wie vor als ihre Schuldnerin fühle.“ „War ich vorher noch nicht erſtaunt geweſen, ſo war ich es jetzt; oder vielmehr, ich war ſo gerührt— weniger durch das großmüthige Geſchenk ſelbſt,— als über die unbeſchreibliche Liebenswürdigkeit, mit dem es mir von der edlen. Frau geboten wurde, daß mir die Thränen über die Backen liefen. Ich ſtammelte etwas von unmöglich annehmen können und dergleichen, da aber wurde ſie ordentlich zornig, daß ich nu mi ſo be A de Erſter Band. nur ſchnell einlenkte und ſagte: ich nähme das Geſchenk nicht für mich, was unverantwortlich wäre, ſondern nur, weil ich für Andere ſorgen müßte, die für ſich ſelber noch nicht ſorgen könnten.“—„Machen Sie damit, was Sie wollen,“ ſagte ſie ſchon in der Thür,„aber bedenken Sie auch, daß Sie gegen ſich ſelbſt Verpflichtungen haben“ Damit war die Sache zu Ende, aber noch nicht Frau von Berkow's Güte, die grenzenlos iſt. Doch ich wollte Ihnen eigentlich ganz etwas Anderes erzählen; nämlich, wie ich dazu kam, den Fehler zu ent⸗ 6 decken, der ſich in die Rechnung meines Lebens eingeſchlichen hat, und 3 welches dieſer Fehler iſt.“ ⸗ Achtzehntes Capitel. In dieſem Augenblicke kam ein Reiter, der vor einigen Minuten aus einem Seitenwege auf den Hauptweg gebogen war, im Galopp an ihnen vorüber. Ein großer Neufoundländer, den Oswald zuerſt für Melitta's Dogge hielt, galoppirte in langen Sprüngen neben dem Pferde her, einem herrlichen rabenſchwarzen Vollblut, deſſen Bruſt mit weißen Schaumflocken benetzt war. Der Reiter, ſo weit man es in der Eile bemerken konnte, war ein Mann von vielleicht dreißig —— Jahren, lang und dürr, gegen die Gewohnheit der Gutsbeſitzer hier zu Lande in langen Beinkleidern ſtatt der Stulpenſtiefel; ſeine Hal⸗ tung zu Pferde durchaus die Haltung der Herren, welche man late⸗ niſche Reiter zu nennen pflegt. Aber es war das wohl mehr Nach⸗ ½ äſſigkeit und die Gewohnheit, ſich gehen zu laſſen, als wirkliche Un⸗ geſchicklichkeit, denn, als er faſt unmittelbar vor den ihm Entgegen⸗ komtnenden war, die er, in Nachdenken oder Träumereien verloren, jetzt erſt bemerkte, warf er ſeinen Renner mit einer Kraft und Gewandt⸗ heit azuf die Seite, die den tüchtigen Reiter bekundeten.„Excusen messichurs!“ rief er, flüchtig an den Hut greifend und weiter galoppirend. „pKeunen Sie den Herrn?“ ſagte Oswald ſtehen bleibend und dem[Ranne nachſchauend, deſſen Züge ihm fremd und bekannt zu Eicigtr Zeit erſchienen waſen. — 6 ſchlimme Gedanken in's Ohr, die ſein Blit ſieden machten u 96 n 142 Problematiſche Natnren. „iens!“ ſagte Herr Bemperlein, ebenfalls ſtehen bleibend,„das muß der Baron Oldenburg geweſen ſein. Ja, gewiß iſt's der Baron!“ rief er, als der Reiter jetzt bei den Knaben, die in der Entfernung vi von ein paar hundert Schritten folgten, angekommen, ſtill hielt, und vi ihnen vom Pferde herab die Hand reichte. Ich hätte ihn kaum wie⸗ ſat der erkannt mit ſeinem ſchwarzen Bart und ſeinem gelben Geſicht. er Er ſieht ja aus, wie ein wahrer Kabyle. Seit wann mag er denn da wieder im Lande ſein?“ er „Iſt er auf Reiſen geweſen?“ fragte Oswald mit angenommener S Gleichgültigkeit. „Er iſt ſeit zehn Jahren eigentlich fortwährend auf Reiſen,“ erwiderte Herr Bemperlein; vor drei Jahren trafen ihn Frau von ha Berkow und Herr von Barnewitz und deſſen Gemahlin in Rom, und ſie ſind dann mit ihm durch Süd⸗Italien gereiſt. In Sicilien haben ſ wr ſie ſich getrennt. Die Herrſchaften traten die Rückkehr an, und der Baron ging weiter nach Egypten, Nubien, und Gott weiß wohin ihn ſein unruhiger Geiſt noch ſonſt getrieben haben mag. Aber wir ſind feſ ſchon wieder von unſerm Thema abgekommen.“ gel Herr Bemperlein fing mit der ihm eigenthümlichen Redſeligkeit † abermals zu erzählen an, aber wenn Oswald ſchon vorher nur mit„a halbem Ohr zugehört hatte, ſo ſchweiften ſeine Gedanken jetzt noch ich viel weiter ab. Das war alſo der Mann, der einſt in Melitta's G Leben eine ſo große Rolle geſpielt hatte! Eine ſo große Rolle! Eine ſ ein wie große Rolle? Sie hatte ihn nie wahrhaft geliebt— vielleicht,— Fr gewiß nie wahrhaft geliebt— aber iſt denn wahre Liebe immer der † du letzte Preis der höchſten Gunſt einer Frau? Giebt es nicht ſo der⸗ ſei gleichen, wie Begierde ohne Liebe? oder auch Liebe ohne Begierde, an aber der Wunſch, den Geliebten auf jede Weiſe an ſich zu feſſeln, Pr auch durch die Luſt und die Erinnerung der Luſt—— Und ſo hätte ſie doch an der Seite des Mannes, an deſſen Wiege die Grazien ausgeblieben waren, geruht; wohl, ohne Ruhe, ohne die tiefe GBelig⸗ keit zu finden, die ſie hoffte,— aber doch geruht? O, in den Ge⸗ danken war Höllenqual... So raunte und flüſterte ihm der Dimon der Eiferſucht hnilde, v * Erſter Band. 143 kalte Tropfen auf die Stirn trieben— was Wunder, wenn er ſo Herrn Bemperlein's Erzählung nur wie im Traume hörte. Nur ſo viel begriff er, daß der wunderliche, brave Mann erſt jetzt, nachdem die Noth des Lebens für ihn vorbei war und er in der grünen Ein⸗ ſamkeit von Berkow frei von aller Sorge aufathmen durfte, zum ſerſten Mal über ſeine ſogenannte Wiſſenſchaft, die zu prüfen, ihm bis dahin die Zeit gefehlt hatte, nachzudenken begann; daß er jetzt zum erſten Male mit den Heroen der neueren Literatur, vor allem mit Shakeſpeare Bekanntſchaft machte, daß er von den Dichtern auf die Philoſophen kam, und wie ihm vor allem in Spinoza eine Welt auf⸗ ging, von der er, der Zögling theologiſcher Scholaſtik, keine Ahnung hatte; daß er von Spinoza, ſpäter von Schopenhauer angeregt, ſich auf das Studium der Natur, auf Botanik, Mineralogie, Phyſik ge⸗ worfen, ſich mit Hülfe des alten Baumann ein kleines Laboratorium eingerichtet und fleißig experimentirt habe, und daß auf ſeinen Retorten und Tiegeln der Glaube an die alleinſeligmachende Kraft der Pro⸗ feſſoren⸗Religion, den ihm die Lectüre der Philoſophen noch etwa gelaſſen hatte, vollkommen verdampft ſei. „Das ging nun ſo, ſo lange es ging,“ ſagte Herr Bemperlein, „allein es kam nicht zum Sterben, aber doch zu dem Augenblick, wo ich mich entſchließen mußte, ob ich meinen heimlichen Abfall von dem Glauben meiner Väter offen erklären wollte, oder nicht. Eine ſehr einträgliche Pfarrſtelle in hieſiger Gegend, von der ein Onkel der Frau n Berkow, der ältere Herr von Barnewitz Patron iſt, wurde durch den Tod des Inhabers erledigt. Herr von Barnewitz glaubte ſeiner Nichte einen Gefallen zu erweiſen, wenn er mir dieſe Stelle anbot, ich hatte weiter nichts zu thun, als am nächſten Sonntag eine Predigt in dem Pfarrdorfe zu halten, und die Sache war abgemacht. Nun müſſen Sie wiſſen, daß ich, als mir Herr von Barnewitz die Sache vorſtellte, im erſten Schrecken, halb aus Ueberraſchung, halb, um den guten Mann nicht zu kränken, und dann auch, weil wir(das heißt Frau von Berkow und ich) Julius' Ueberſiedlung nach Grün⸗ wald beſchloſſen hatten, und ſo meines Bleibens in Berkow doch nicht länger ſein konnte:„Ja“ geſagt und mich wirklich hingeſetzt habe, eine Predigt auszuarbeiten. Ich hatte mich ſeit ein paar Jahren glück⸗ h um jede Gelegenheit, wo mein theologiſch⸗declamatoriſches Talent; Problematiſche Naturen. ſich hätte zeigen können, herumzudrücken gewußt, und jetzt fühlte ich zu meinem Schrecken, daß ich die Kanzelſprache, und mehr noch, alsſ ho die Sprache, die Kanzellogik vollſtändig verlernt hatte. Drei Abende ſ tir hinter einander ſetzte ich mich zu der Siſyphusarbeit hin; aber nieſ mi kam ich auch nur über:„meine andächtigen Zuhörer“ hinaus. Die— contradictio in adjecto peinigte mich, ich wußte aus eigener Erfah⸗ſ in rung, wie es mit der Andacht der Zuhörer beſtellt iſt. Andächtigſ ein kommt von Denken! Da, in der dritten Nacht, als ich mich vollerſ ten Verzweiflung zu Bette gelegt hatte und voller Kummer eingeſchlafen ſ da war, erwägend, was wohl mein guter Vater und mein würdiger Groß⸗ſ fol vater, den ich auch noch gekannt hatte, ſagen würden, wenn ſie denf bä ten Unglauben ihres in ſo trefflichen Grundſätzen erzogenen Sohnes und ſode Enkels ſähen, hatte ich folgenden curioſen Traum, zu deſſen Erklärungſ mi ich vorher bemerken muß, daß Frau von Berkow mir an jenem Tage ſ der viel von den Muſeen des Louvre erzählt hatte. „Mir träumte alſo, ich trat in einen gewaltigen hohen und wei⸗ ten Saal, an deſſen Wänden Sculpturen und Gemälde ſtanden undf hingen. Da ſaß Gott Vater ſelbſt, ein ſchöner bärtiger alter Mann, und reckte die Hand aus und ſchuf Himmel und Erde, dann kamen Adam und Eva, in weißem Marmor: Eva, ziemlich wohl erhalten— † mi Adam aber hatte den Kopf verloren; daräuf„Kain's Brudermord,“ ſ au ein großes Oelgemälde, ebenſo wie ein darauf folgendes:„Adam und„E Eva finden die Leiche des ermordeten Abel;“ auf welchem die Geſtalt des todesblaſſen Jünglings, der wie eine gebrochene Lilie anzuſchauen war, mich faſt zu Thränen rührte. So ging es weiter und weiter: Statue an Statue, Gemälde an Gemälde. Ich war nicht allein im Saale, im Gegentheil, viele Menſchen bewegten ſich an den Wänden und durch den Wald von Statuen hin. Vor einzelnen beſonders her⸗ vorragenden Werken, zum Beiſpiel dem Durchzug der Kinder Iſrael † durch das rothe Meer— einer rieſengroßen Freske— ſtanden ganze Gruppen— auch vor andern, die ſich weniger durch hiſtoriſche Be⸗ deutung, als durch das Pikante der dargeſtellten Situation auszeich⸗ neten. So mufßte ich mich über das Betragen einer Schaar junger Mädchen ärgern, die vor einem Gemälde, darſtellend:„Lot, von ſei⸗ Erſter Band. 145 ntenen Töchtern trunken gemacht,“ die Köpfe zuſammenſteckten und kicher⸗. ichſ ten. Ueberhaupt erſchien mir das Benehmen der Geſellſchaft im ls hohen Grade anſtößig. Die Frauen lachten und ſchwatzten und koket⸗ deſ tirten, die Herren ſchwatzten, plauderten und lorgnettirten, und einige ieſ mit langen Beinen und langen Zähnen— wahrſcheinlich Engländer ₰ ie hatte a en Hut aouf dem Kopf. Faſt Alle hielten ein Buch h⸗ſin der Hand, in welches die Gewiſſenhafteren von Zeit zu Zeit hin⸗ tig ſeinſahen, wenn ſie ſich über eins der Kunſtwerke Auskunft holen woll⸗ 8 erten Dies Buch ſchien mir der Katalog des Muſeums zu ſein, und enſ da ich einen ſolchen ebenfalls zu haben wünſchte, weil ich die Reihen⸗ ß⸗ folge der Propheten vergeſſen hatte, und nun nicht wußte, ob der alte enſ bärtige Mann, No. 8, Habakuk, und der Jüngling, No. 9, Zephanga, 3 ndoder umgekehrt ſei, ſo wandte ich mich an einen alten Herrn, den ich ng mit einem Fliegenwedel an den Statuen beſchäftigt geſehen hatte, und geſ den ich in Folge deſſen für einen der Cuſtoden hielt. Als ich näher trat, wandte ſich der Mann um, und ich erſchrak nicht wenig, als ich ei⸗ meinen eignen Großvater erkannte.„Was wünſchen Sie, junger nd Mann?“ fagte er in ſtrengem Ton. Ich wiederholte ſchüchtern meine m, Frage.„Hier haben Sie einen Katalog,“ ſagte er, von einem Tiſche, enſ auf welchem eine große Menge jener Bücher lag, eins nehmend und — ſ mir reichend, koſtet funfzehn Silbergroſchen.“— Ich ſchlug das Buch 3 „auf;„ich wünſchte einen Katalog,“ ſagte ich,„Sie haben mir—“ 1 d„Ganz richtig,“ ſagte der alte Mann mit melancholiſcher Stimme 11 lt dies iſt der Katalog für das alte Muſeum; der Eingang in das neue enſ Muſeum, in welchem die Kunſtwerke von dem Jahre Eins chriſtlicher riſ Zeitrechnung bis zum Jahre 1793, wo die chriſtliche Religion abge⸗ m ſchafft, und die Göttin Vernunft auf den Thron geſetzt wurde, auf⸗ 1 en geſtellt ſind— iſt dort!“ Er wies auf eine ſchöne breite Treppe, die 3 r⸗ aus dem Saale hinaufführte in andere Räume.„Sie werden gut el ſ chun, ſich dort ebenfalls einen Katalog zu kaufen. Er koſtet zehn zeſ Silbergroſchen und Sie haben ſich deshalb an Ihren Vater zu wenden, e welcher in jenem Theile des Gebäudes daſſelbe Amt verſieht, welches ich hier verſehe.“ Und damit wandte mir der alte Mann den Rücken, und fing wieder an, mit ſeinem langen Wedel die Statuen und Bil⸗ der abzuſtauben.„Entſchuldigen Sie, lieber Großvater,“ ſagte ich⸗ 7 Fr. Spielhagen's Werke. I.. 10 . — * 2 b ——— Saales, öffnete mir die Thür und lud mich mit einer ſteifen Verbeu⸗ Manne, der, wie Du, ein Stück Gewiſſen und weder Kind noch Kegel hätte, Julius nach Grünwald zu begleiten. Der Einfall kam mir 446 Problematiſche Naturen. —„Ich bin Ihr Großvater nicht,“ antwortete der alte Mann, ruhig in ſeiner Beſchäftigung fortfahrend.„Nun, Herr Cuſtos?“ fragte ich. „Ja wohl, Cuſtos, nichts weiter, nichts weiter;“ murmelte der Greis. „Wo haben denn, Herr Cuſtos,“ fuhr ich fort,„die Kunſtwerke, die ſeit jener Zeit entſtanden ſind, ihre Stelle gefunden? Seit jenem denkwürdigen Jahre,“ ſagte der Alte;„hat nichts Geſcheidtes mehr zu Stande kommen wollen. Zwar haben ſich noch einige Künſtlerſchulen gebildet, aber es hat Alles kein rechtes Leben, und ihre Productionen können auf eigentlichen Kunſtwerth keinen Anſpruch machen. Den Künſtlern ſelbſt fehlte der rechte Glaube, und ohne den läßt ſich nun einmal nichts Ordentliches malen oder meißeln, oder ſchreiben“— bei dieſem letzten Worte maß er mich mit einem ſtrengen Blicke,—„Oder ſchreiben;“ wiederholte ich kleinlaut, an meine ungeſchriebene Probe⸗ predigt denkend—„Oder ſchreiben,“ fuhr er fort—„und dann iſt das Publikum ſelbſt in neueſter Zeit ſehr gleichgültig geworden, und die Kritik ſitzt den Künſtlern zu unbarmherzig auf dem Nacken, und das verdirbt ihnen die naive Unbefangenheit und nachtwandleriſche Sicherheit, ohne welche nun ein für alle Mal,— aber jetzt muß ich† Sie erſuchen, ſich zu entfernen, die Glocke hat ſchon lange geläutet, Sie ſind der Allerletzte.“ Er begleitete mich bis zum Ausgange des gung ein, hinauszuſpazieren. Ich that es— die Thür fiel donnernd hinter mir zu, und— ich erwachte.“ „Seit jenem Traum,“ fuhr Bemperlein fort;„machte ich keinen neuen Verſuch mehr. Ohne Glauben läßt ſich keine Predigt ſchreiben, ſagte ich zu mir, und wenn ſich auch noch zur Noth eine ſchreiben läßt, ſo läßt ſie ſich doch nicht halten, wenigſtens nicht von einem hat, die manchen ehrlichen Kerl ſchon Dinge haben ſchreiben und ſagen machen, die er nur ſo und auch kaum ſo vor Gott und der Welt verantworten kann. Daß ich nicht mehr Paſtor werdenf könnte, ſtand bei mir feſt, und ich ſchrieb alſo heute Morgen an Herrn von Barnewitz, mich für die mir zugedachte Ehre zu bedanken, von; der ich keinen Gebrauch machen könne, da— ich mich entſchloſſen Erſter Band. 147 nämlich, wie ich die Phraſe ſchrieb, und ich lief ſogleich zur Frau von Berkow, und theilte ihr meinen Entſchluß mit, worüber ſie eine lebhafte Freude zu erkennen gab.— Nun ſagen Sie mir, mein vortrefflicher Freund, der Sie die Güte gehabt haben, dieſe lange Geſchichte anzuhören, was würden Sie thun, wenn Sie in meiner Lage wären? Bedenken Sie dabei, daß ich bereits achtundzwanzig Jahre alt bin, aber noch meine ſämmtlichen achtundzwanzig Zähne habe.— Die Weisheitszähne ſind ausgeblieben, fei es aus einer Ver⸗ geßlichkeit der Natur, ſei es aus einer weiſen Vorſicht des Schickſals, das daran dachte, wie ich ſo manchmal im Löben wenig genug zu beißen haben würde.“ „Was ich thun würde, wenn ich an Ihrer Stelle wäre?“ ſagte Oswald;„wenn ich, wie Sie, ein wackrer, gewiſſenhafter, fleißiger—“ „Bitte, bitte, Herr Collega;“ ſagte Bemperlein über und über roth werdend. „Ich ſage, gewiſſenhafter, fleißiger Mann wäre? Nun, die Frage iſt ſehr leicht zu beantworten. Ich würde thun, was Sie bereits ge⸗ than haben; ich würde dem Paradies naiver Gedankenloſigkeit und harmloſen Glaubens wohlgemuth den Rücken kehren, nachdem ich ein⸗ mal vom Baum der Erkenntniß gekoſtet, und mich, enig wie Sie, in den Stall ſperren laſſen, in welchem die Heuchler, die ſchnöden Hunde im Schafspelze der Demuth, ſo ohrenzetiße und mark⸗ erſchütternd winſeln und heulen.“ „Ganz wohl, ganz wohl!“ ſagte Herr Ben ſich vergnügt die Hände reibend,„und was würden Sie S chun, Werth⸗ geſchätzteſter?“ „Dann,“ ſagte Oswald,„wenn ich Sie wäre, würde ich mich erinnern, welche Mühſal ich ſchon als ſchwacher Knabe erduldet, und welchen Fleiß und welche Ausdauer ich bewieſen habe, blos um mir einen Wuſt von Kenntniſſen anzueignen, den ich jetzt froh bin, wieder vergeſſen zu können— deſſen, ſage ich, würde ich mich erinnern, und mir eine Wiſſenſchuft zu eigen machen, die ich nicht wieder ver⸗ geſſen/ möchte, weil ich ihr Jünger ſein darf, ohne vorher die freie Verzſunft zu knebeln, und weil dieſe Wiſſenſchaft fruchtbar für mich ufruchtbar für meine Mitbrüder iſt.“ 10* 148 Problematiſche Naturen. „Vortrefflich, vortrefflich,“ ſagte Herr Bemperlein,„weiter, weiter!“ „Ich würde alſo mit einem Wort,“ fuhr Oswald fort,„mich mit aller Macht auf die Wiſſenſchaften werfen, in denen Sie ſich ja ſchon verſucht haben, und würde mich, ſobald als möglich, nochmals in Grünwald inſcribiren laſſen, diesmal aber nicht, um Theologie, ſon⸗ dern etwa um Medicin zu ſtudiren.“ „Die mediciniſche Facultät in Grünwald iſt ausgezeichnet,“ ſagte Herr Bemperlein. „Sie iſt anerkanntermaßen eine der beſten in Deutſchland,“ fuhr Oswald fort.„Dann würde ich noch ein paar andere Univerſitäten beſuchen, wenn das Geld reicht—“ „Geld wie Heu, Geld wie Heu,“ rief Herr Bemperlein, „ſechs Jahre lang ein prinzliches Einkommen und freie Station, ich bitte Sie, Theuerſter, ich habe für ein halbes Jahrhundert zu leben.“ „Dann würde ich ein berühmter Arzt—“ „Wiſſen Sie,“ ſagte Bemperlein, ſtehen bleibend und ſich nach den Knaben umſehend, im Flüſterton:„Ich habe ſchon ein Paar von Julius Kaninhen heimlich mit Blauſäure vergiftet und hernach ſecirt, und die Fröſche in dem Sumpfe hinter unſerm Park haben keine Ur⸗ ſache, meine Frehnde zu ſein.“ „Bravo!%lachte Oswald,„und dann heirathete ich.“ „Wirklich, ſragte Bemperlein. „Nun nälitich und— erzeugte ein halbes Dutzend kleiner Bemperleins, die in der Folge alle große Bemperleins und Alles Leuchten und Fackeln der modernen Wiſſenſchaft würden.“ „Auch die Mädchen?“ ſagte Bemperlein lachend. „Die Mädchen hetratheten wieder tüchtige wahrheitsliebende Män⸗ ner, und ſo hülfe ich thevretiſch und praktiſch die Zeit herbeiführen, wo die Freiheit erſcheinen wird,„die wir meinen.“ „Ja, ja,“ rief Herr Bemperlein,„ſo gehts, ſo gehts. Dank, tauſend Dank, mein trefflicher Freund, daß Sie die letzten Wolken des Zweifels durch Ihre muthigen Worte zerſtreut haben. keiſe ich mit Julius nach Grünwald.⸗ ſter Band. Erſter Band. 149 iter,„Ich will Ihnen einen Empfehlungsbrief an Profeſſor Berger mitgeben,“ ſagte Oswald;„er ſteht mit allen naturwiſſenſchaftlichen 3 mit Größen in Verbindung. hon Er riß ein Blatt aus ſeiner Brieftaſche, ſchrieb ein paar Worte. in an Berger darauf und übergab es Bemperlein. 1 on⸗„Dank, beſten Dank!“ ſagte dieſer, das Blatt einſteckend.„Die 3 Bekanntſchaft dieſes Mannes kann mir ſehr nützlich werden.“ 6 gte„Auf jeden Fall. Sprechen Sie durchaus offen gegen ihn, ohne allen und jeden Rückhalt, dann dürfen Sie aber auch verſichert ſein, ihr daß er mit ſeiner Herzensmeinung nicht hinter dem Berge halten ten wird. Vielleicht empfiehlt er Ihnen, ſogleich auf eine größere Uni⸗ verſität, etwa nach der Reſidenz zu gehen. Folgen Sie dann ſeinem in, Rath.“ on,„Nous verrons, Nous verrons!“ rief Herr Bemperlein.„Aber zu da ſind wir bei unſerm Parkthor angekommen. Sie treten doch näher!“ „Nein, nein!“ ſagte Oswald haſtig,„ich möchte nicht gern ſo ſpät chnch Grenwitz zurückkommen.“ on„Nun, dann leben Sie wohl! In ein p rt. Bulius in Grünwald inſtallirt, und mich über mich oedentlich iformirt habe, bin ich wieder hier, um i zu nehmen. Leben Sie wohl ſo lange, mein werth ter Freund!“ „Adien, Adien!“ ſagte Oswald, haſtig d die Hand drückend, und Bruno mit ſich zurück er als hielte ein Engel mit dem flammenden Schw es Parkthore von Berkow. en, wenn ich ſt bei Berger ba be über dem Neunzehntes Capitel. k, Der Knabe und er gingen eine Zeit lang ſchweigend nebenein⸗ n ander durch den Wald. Bruno war zu ſtolz, als daß er eine Unter⸗ haltung mit dem hätte beginnen ſollen, der ihn ganz vergeſſen zu haben ſchien, und Oswald war mit ſeinen eignen Gedanken vo — e W Problematiſche Naturen. auf beſchäftigt Jeder Menſch, mit dem wir in nähere Beziehung treten, iſt ein Glas, das unſer eigen Bild ſo oder ſo zurückwirft, und in dem krhſtallhellen Spiegel von jenes Mannes kindlich reiner Seele, hatte Oswald ſein eignes Geſicht erblickt,— aber wie erblickt? von Leidenſchaft zerriſſen, von Zweifel verdüſtert, ſo daß er vor ſich ſelbſt erſchrak.„Und dieſer Mann,“ ſprach er bei ſich,„kommt zu Dir, ſich von Dir Rath zu holen; der Sehende zu dem Blinden, der Geſunde zu dem Kranken! Er entdeckt einen Fehler in der Rechnung ſeines Lebens, und er ſetzt ſich hin und rechnet und rechnet und ruht nicht, bis das Facit ſtimmt, und Alles wieder ſchier und glatt iſt, und Du taumelſt durch's Leben, wie ein leichtſinniger Kaufmann, Schuld auf Schuld häufend, von einer tollen Speculation in die andere rennend, unbekümmert darum, wie es am Zahlungstage werden ſoll. Jener Mann würde ſich eher die Hand abhauen, als ſie nach etwas aus⸗ ſtrecken, das er nicht verdient hätte im Schweiße ſeines Angeſichts— Du nimmſt die Gaben der goldigen Aphrodite und was Dir ſonſt ein günſtiges Geſchick gewährt, hin, wie Dein gutes Recht und murreſt nur, daß es nicht mehr iſt. Jetzt biſt Du ſchon nicht mehr zufrieden mit Melitta's Liehe für die Du ihr auf den Knien danken müßteſt; vrlars ſie ſollte Dich geliebt haben, ehe ſie Dich kannte, ſie ſollte wetigſtens mit ihrer Liebe auch die Erinnerung an dieſen Man n verloren haben.„Wenn ich die Erinnerung tödten könnte,“ ſagte ſie. Nun, uns gleichgültig iſt, vergißt man gar leicht, und 6 man nit und nicht vergeſſen kann— das iſt uns nicht gleichgültig. Bruder der holden Schweſter Liebe! Vielleicht liebt ſie ihn noch!— Und woher kam er eben? Von ihr! ohne Zweifel.— Bruno, führt dieſer Seitenweg noch ſonſt wohin, außer nach Berkow?“ „Nein, und ich finde den Weg wirklich nicht intereſſant genug, um ihn zweimal an einem Tage zu gehen. Hier iſt ein anderer, der uns aus dem Walde herausführt und dann immer am Rande hin bis einahe nach Hauſe; wollen wir den nicht einſchlagen?“ „Meinethalben,“ ſagte Oswald, ſogleich wieder in ſeinen böſen Traum zurückfallend.„Alſo wirklich von ihr! Doch das iſt ja nicht möglich?„„Ein rollend Rad des Wefbes Bruſt hat gedrechſelt; die aßt ſie dieſen Mann? Aber der Haß iſt der wilde 3— ſer Band. Erſter Band. Lilienhöhen decken, was wankt und wechſelt““— das kann der Baron ſo gut wie Du in der Fritjofsſage geleſen haben. Er iſt ja auch ein Schriftgelehrter und dabei Baron und reich.— Dem Manne kann es gar nicht fehlen; aber Melitta ſoll mir Rede ſtehen; ſie ſoll mir ſagen, daß ich Urſache habe, den Mann zu haſſen, wie ich ihn haſſe.“ Bruno war, durch die Breite des Weges von ihm getrennt, ſchweigend neben Oswald hergegangen. Er bemerkte wohl deſſen Auf⸗ regung; er ſah, wie ſein Geſicht ſich immer mehr verdüſterte, wie ſchmerzlich ſeine Lippen zuckten, wie ſeine Hand ſich krampfig ballte; er ſah, daß ſein Freund nicht glücklich war. Mehr bedurfte es bei dem großmüthigen Knaben nicht, um alle ſeine perſönliche Empfind⸗ lichkeit, ſeine eignen Klagen zu vergeſſen; er kam leiſe an Oswald heran und ſeine Hand ergreifend, ſagte er: „Was fehlt Dir, Oswald? Warum ſprichſt Du nicht? Zürnſt Du mir?“ „Ich Dir!“ mehr antwortete der junge Mann nicht; aber der Ton, mit dem er dieſe Worte ſprach, und der Blick, mit dem er ſie be⸗ gleitete, waren genug, um Bruno von der Grundloſigkeit ſeines Ver⸗ dachtes zu überzeugen, und die ſo lange zurückgeſtaute Fluth ſeiner Liebe in wildem Ungeſtüm hervorbrechen zu machen. Er umſchlang Oswald und drückte und herzte ihn unter Thränen und Schluchzen. „Bruno, Bruno, was iſt Dir?“ rief Dowa ch die ſtürmiſche Zärtlichkeit des Knaben erſchreckt. 5 „Ich glaubte, Du liebteſt mich nicht mehr,“ re zte Bruno, „und ſieh, Oswald, wenn auch Du mich nicht mehr lieben willſt, dann muß ich ſterben.“ Das bleiche Todtenbild, das Oswald heute Morgen in ſeinem fieberhaft erregten Zuſtande ſo entſetzlich deutlich geträumt hatte, trat wieder vor ſeine Seele und gab dem leidenſchaftlichen Worte des Knaben eine fürchterliche Bedeutung. Sprachlos vor Rührung zog er den Weinenden an ſein Herz, und wiederholte ſich im Stillen das Ge⸗ löbniß, dieſem armen, verlaſſenen Knaben ein Bruder zu ſein.—— So ſtanden ſie, ſich eng umſchlungen haltend.. Rothe Abend⸗ glichter ſpielten in den Winfeln der Tannen,— aus dem Walde tönte Problematiſche Naturen. der fanfte klagende Geſang eines Vögeleins,— ein ſüßer, feierlicher Augenblick... Da ſchlugen aus geringer Entfernung wüſte, häßliche Töne an ihr Ohr, laute drohende Stimmen von Männern, die in einem hef⸗ tigen Wortwechſel begriffen ſchienen— Schelten, Fluchen— dann auf einen Augenblick tiefe Stille und plötzlich der laute Ruf: Herr Gott! Hülfe! iſt denn Niemand da! Hierher! Oswald und Bruno, die einen Augenblick athemlos gelauſcht hatten, eilten jetzt im vollen Lauf der Stelle zu, von wo der Hülfe⸗ ruf ertönte. Sie kamen auf einen Platz, hart am Rande des Waldes, wo Holz gefällt wurde, und zwiſchen den einzelnen noch ſtehenden Bäumen hier und da Klafter aufgeſchichtet waren. Neben einem halb beladenen, mit vier Pferden beſpannten Wagen lag ein Mann auf der Erde, mit Händen und Füßen um ſich ſchlagend, ein anderer hatte ſich über ihn gebeugt, ihn mißhandelnd oder beſchwichtigend— man konnte es nicht unterſcheiden. Als die Beiden herankamen, erhob ſich dieſer Letztere— es war der Inſpector Wrampe— und ſchrie ihnen entgegen:„Schnell, Herr Doctor, um Gotteswillen! Der Kerl ſtirbt mir unter den Händen.“ In der That, das Ausſehen des Mannes auf der Erde war ent⸗ ſetzlich genug. Das Geſicht verzerrt, die Augen verdreht, daß man nur das Weiße ſah, Schaum vor dem Munde, die Fäuſte geballt, der Körper in Krämpfen zuckend— kaum, daß Oswald den rieſigen Knecht wieder der damals durch ſeine Grauſamkeit gegen ſeine Pferde den Zorn Bruno's herausgefordert hatte. Oswald war an der Seite des Menſchen niedergekniet, er wiſchte ihm den Schaum vom Munde, er band ihm die ſteife Binde ab, er ſuchte ihm eine beſſere Lage zu verſchaffen. „Haben Sie nichts, ihm unter den Kopf zu legen?“ rief er dem Inſpector zu, deſſen rohes, bärtiges Geſicht die hülfloſe Angſt unaus⸗ ſprechlich albern machte. „Unter den Kopf? unter den Kopf? hier!“ und dabei zog er ſeinen Rock aus und ſtopfte ihn als Kiſſen unter den Kopf des Mannes.“ „Iſt kein Waſſer in der Nähe?“ rief Hswald weiter. — — ſter Band. Erſter Band. 153 „Waſſer in der Nähe? Nein— aber in dem Rock ſteckt eine Flaſche— da— das mag auch wohl helfen— Herr Jeſus.“—— Oswald wuſch mit dem Branntwein die Stirn des Kranken, der allmälig etwas ruhiger wurde. „Wie iſt denn dies gekommen?“ fragte er. „J, ich weiß es nicht,“ rief der Inſpector mit kläglicher Stimme. „Ich komme hierher geritten, weil der Kerl mir zu lange im Holz trödelt, um ihm ein bischen den Marſch zu machen. Da ſitzt er bei ſeinem Wagen hier auf dem Baumſtamm und regt ſich nicht. Was haſt Du hier zu ſitzen? ſagte ich. Warum ſoll ich hier nicht ſitzen? ſagte er. Biſt Du wieder beſoffen, Jochen? ſagte ich, denn ich ſah, daß er ganz wäſſ'rige Augen hatte, und ſeine Schnapsflaſche leer neben ihm lag. Selber beſoffen, ſagte er. Du biſt ein ganz infamer Schlingel, ſagte ich. Selber Schlingel, ſagte er. Na, Herr Doctor, ſo was kann man ſich doch nicht gefallen laſſen. So ich runter vom Pferde und meinem Kerl ein paar aufgezählt. Er in der größten Wuth auf mich los— mit einem Mal füällt er, wie ein Ochs, auf die Erde— und fängt an— ach, Herr Jeſus, da geht es wieder los. So was hab' ich mein Lebtag nicht geſehen⸗ Der Knecht bekam wieder einen Krampfanfall; Oswald ſelbſt be⸗ fürchtete das Schlimmſte.„Schnell, ſchnell,“ rief er,„das Holz vom Wagen herunter, wir müſſen ihn langſam nach Hauſe fahren. Unter⸗ deſſen reitet einer nach dem Arzt.“ „Ja, ja, ich will nach dem Doctor reiten,“ rief der Inſpector, froh, fortzukommen, und ſchon mit einem Fuß im Bügel. „Hier geblieben,“ herrſchte ihn Oswald an;„wie kann ich ohne Sie den Mann fortſchaffen? Schämen Sie ſich nicht, Herr Wrampe, daß Sie ein ſolcher Haſenfuß ſind? Nehmen Sie ſich ein Beiſpiel an Bruno.“ Bruno hatte Oswald nach Kräften unterſtützt, jetzt ſtand er auf dem Wagen und warf mit vollen Armen das ſchon aufgeladene Holz herab.„Ich will zu dem Doctor reiten, Oswald!“ rief er herabſpringend. „Es wird wohl das Beſte ſein, Bruno,“ ſagte dieſer.„Du kennſt den Weg und ich kann hier nicht fort. Schnallen Sie ihm die Bügel ürzer, Herr Inſpector.“ 3 154 Prolematiſche Naturen. „Gleich, gleich,“ ſagte dieſer, aber ſchon hatte Bruno es ſelbſt gethan; mit einem Satze, ohne den Bügel zu berühren, ſaß er im Sattel und hatte die Zügel ergriffen. Das feurige Thier, die unge⸗ wohnte leichte Laſt fühlend, bäumte ſich. „Es wird Sie abwerfen, Junker!“ ſagte der Inſpector. „Keine Furcht,“ rief der Knabe.„Ihre Peitſche her! Hopp, allez!“ und damit hieb er das Pferd über den Hals und ſprengte im Galopp davon. Oswald ſah nur noch, wie er, an dem Rande des Waldes geornen, über den breiten Graben ſetzte auf den Weg, von dem Weg über den andern Graben auf eine, Wiefe, um, über dieſe weg⸗ end, ſchneller die Landſtraße zu gewinnen, die nach Faſchwitz und von weiter nach dem Städtchen führte, in we lchem der Doe⸗ tor wohnte. Jwatzigſtes Capitel. Unterdeſſen hatte der Inſpector und Oswald, nicht ohne einige Schwierigkeit— denn Herrn Wrampe's Rieſenkraft ſchien durch den Schreck vollkommen paralyſirt zu ſein— den Kranken auf den Wagen geladen, nachdem ſie zuvor von dem Heu der nahen Wieſe und eini⸗ gen Kleidungsſtücken eine Art von Lager darauf bereitet hatten. Os⸗ wald ſtieg mit hinauf, um den Kranken, der ſich jetzt in einem ganz ietharßiſchen Zuſtande befand, nöthigenfalls zu ſtützen, und der In⸗ ſpector lenkte die Pferde. Glücklicherweiſe dauerte die Fahrt nicht lange, da die Häuslerwohnungen auf der ihnen zugekehrten Seite der Landſtraße von Grenwitz nach Faſchwitz, den Wirthſchaftsgebäu⸗ den gegenüber, alſo bedeutend näher als das Schloß ſelbſt lagen. „Sie wiſſen doch, wo der Mann wohnt?“ fragte Oswald, als ſie ſich dem Dorfe näherten. „Gleich in dem erſten Hauſe,“ antwortete Herr Wrampe, ſich in dem Sattel umdrehend und mit dem Peitſchenſtiel auf ein Häuschen zeigend, das eher einem großen Hundeſ ſtall als einer kleinen Men⸗ ſchenwohnung glich. 4 5 — 8 ſer Band. 2 Erſter Band. 155 „Iſt er verheirathet?“ „Geweſen,“ antwortete Herr Wrampe;„er hat das arme Weib“ — hier unterbrach er ſich, einen ſcheuen Blick auf das blaſſe Geſicht des Mannes werfend, als wollte er ſagen, von Todten und Todt⸗ kranken darf man nur das Beſte ſprechen. „Hat er Kinder?“ „Zwei, da ſind ſie vor der Thür mit Mutter Clauſen. Mutter Clauſen, he! der Jochen hat das böſe Weſen gehabt, bringen Sie doch die Kinder in's Haus, daß ſie ſich nicht erſchrecken.“ So rief der Inſpector, den das Gefühl ſeines Unrechts außerordentlich zart⸗ fühlend gemacht hatte, einer alten Frau zu, die im letzten Abend⸗ ſonnenſchein vor der Thür der Hütte ſaß, während zwei kleine Kinder zu ihren Füßen im Sande ſpielten. Als die alte Frau aufblickte, erkannte Oswald dieſelbe Alte, mit welcher er auf dem Wege zur Kirche geſtern Morgen auf dem Moor die ſonderbare Unterredung über Unſterblichkeit gehabt hatte. Die Alte warf einen Blick nach dem herankommenden Fuhrwerk, ergriff die Kinder, führte ſie in's Haus, und kam wieder heraus, als der Wagen eben vor der Thür ſtill hielt. „Iſt er todt?“ fragte ſie, an den Wagen tretend. „Nein, Mütterchen!“ ſagte Oswald. „Ah, ſieh, der junge Herr von geſtern! Na, das gefällt mir von Ihnen, daß Sie Mitleid haben mit dem armen Menſchen.— Tragt ihn nur hier herein, ich habe die Kinder in meine Kammer gebracht.“ Der Inſpector und Oswald hoben den Mann, der vollkommen regungslos war, vom Wagen, trugen ihn, nicht ohne ſich zu bücken, durch die Hausthür über den kleinen Flur in die niedrige Stube, und legten ihn dort auf ein breites, mit blauem Kattun überzogenes Bett. Die Alkè folgte, hieß den Inſpector, ihr den Mann entkleiden helfen und ſagte ihm dann: „So, Sie können nun gehen; der Herr Stein und ich wollen ſchon mit dem Jochen fertig werden.“ Der Inſpector ließ ſich dieſe Erlaubniß nicht zweimal ſagen; mit einigen unverſtändlichen Worten drückte er ſich aus der Stube, und Oswald ſah nur durch das Fenſter, wie er draußen, ehe er das Sat⸗ ————— —— Problematiſche Naturen. telpferd beſtieg, einen langen, langen Schluck aus ſeiner Flaſche that, als ob er nach ſolcher geiſtigen und körperlichen Anſtrengung einer Erquickung ganz beſonders bedurfte. Oswald hatte ſich am niedrigen, offenen Fenſter auf einen Schemel geſetzt, und ſchaute ſich in dem Zimmerchen um. Man er⸗ kannte auf den erſten Blick, daß hier in dieſem Häuschen ein guter Geiſt waltete, der aber ſicherlich nicht in dem rohen Trunkenbolde dort auf dem Bett ſeine Wohnung aufgeſchlagen hatte. Das Bett war friſch überzogen, vie Zimmerdecke, die Wände waren ſorgfältig gereinigt, der Fußboden mit Sand beſtreut. Die Luft im Zimmer war friſch, die kleinen Fenſterſcheiben ſo klar, wie es ihre grünliche Farbe und das Alter eben zuließen. Mutter Clauſen hatte am Bett geſeſſen, und wie Oswald aus einigen wunderlichen Manipulationen ſchloß, irgend eine magnetiſche Kur mit dem Kranken vorgenommen, der jetzt in einen erquickenderen Schlaf zu fallen ſchien. Sie ſtand auf und ſagte:„Ich will die Kinder zu Bett bringen, Sie bleiben doch ſo lange hier?“ Auf Oswalds bejahende Antwort trippelte ſie davon, kam nach einer Viertelſtunde wieder und ſetzte ſich zu dem jungen Mann an das Fenſter. Sie hatte ein Strickzeug in der Hand und ſtrickte mit einer für ihr Alter unbegreiflichen Schnelligkeit an einem Kinderſtrümpfchen. So ſaß ſie da, bald nach dem Kranken hor⸗ chend, bald die Maſchen an ihrem Strumpfe zählend, bald Os⸗ wald aus ihren grauen, tiefliegenden Augen forſchend und freundlich anſehend. „Ich weiß nicht, was das iſt,“ ſagte ſie plötzlich, als ein rother Streifen der untergehenden Sonne durch das Fenſter auf Oswald's Geſicht fiel,„ich muß Sie ſchon mal geſehen haben.“ „Nun ja,“ ſagte Oswald,„geſtern Morgen auf der Haide.“ „Nein, nein— nicht geſtern, vor einigen Jahren, ſo vor vierzig — fünfzig etwa und darüber.“ „Wie alt ſind Sie denn, Mütterchen?“ fragte Oswald ver⸗ wundert, fünfzig Jahre und darüber als einige Jahre bezeichnen zu hören. „Nächſtes Chriſtfeſt werde ich zwei und gchtzig Jahr,“ antwortete Erſter Band. ℳ Triliri geſungen und der Mondſchein war auf ſo leiſen Füßen im WPart herumgeſchlichen, daß er nicht einmal die Nachtigall ſtörte, die Erſter Band. 157 die Alte, wieder emſig ſtrickend, als erinnere ſie dieſe Frage, daß ſie keine Zeit mehr zu verlieren habe.*. „Zwei und achtzig Jahre!“ rief Oswald erſtaunt;„und haben Sie während der Zeit hier ſtets im Dorfe gelebt?“ „Ja, immer hier; hier und auf dem Schloſſe. Dort bin ich ge⸗ boren, am heiligen Chriſtabend im Jahre Eintauſend Siebenhundert Vierundſechzig, an demſelben Tage und zur ſelbigen Stunde, wie der Vater von dem verſtorbenen Baron—“ „Wie lange iſt der nun todt?“ „Nun, es iſt jetzt ſo ein vierzig Jahre her, er wäre jetzt ebenſo alt wie ich, zwei und achtzig Jahr, hm, hm, zwei und achtzig Jahr — wie der wohl ausſähe,— auch ſo verſchrumpft? und war ein ſchmucker Burſch— ei, das war ein ſchmucker Burſch!“ Die Erinnerung an den drittletzten, längſt verſtorbenen Baron von Grenwitz ſchien der Alten eine beſonders merkwürdige zu ſein; ſie ließ die magern, braunen Hände mit dem Strickzeug in den Schooß⸗ ſinken, und ſtarrte gedankenvoll vor ſich hin.„Ein ſchmucker Burſch,“ murmelte ſie noch einmal, und die verſchrumpften Züge erhellte ein freundliches Lächeln; dann traten zwei große Thränen aus den ge⸗ ſenkten Wimpern und rollten langſam über die runzligen braunen Wangen auf die runzligen braunen Hände... Was mochte ſie in dieſem Augenblicke erſchauen, die alte Frau? Sah ſie ſich wieder, wie ſie vor fünfundſechzig Jahren war, ein ſchlankes, bildhübſches Ding mit großen grauen, blitzenden Augen und prächtigem reichen, dunkelblondem Haar, ſo wie ſie damals war, als ſie ſich des Nachts heruntergeſtohlen hatte in den Schloßgarten, um dem Junker ein Stelldichein zu geben, dem wilden Junker, mit dem ſie zuſammen auf⸗ gewachſen war, wie eine Schweſter, und den ſie wie einen Bruder liebte und wie ihren Herzallerliebſten, der ihr ſchwur, er wolle ſie zur gnädigen Frau machen, ſo bald er einmal der Herr ſei in Gren⸗ witz. Damals war ſie jung geweſen und er war jung geweſen; und die Sonne hatte in jener alten Zeit ſo warm und mild geſchienen in ihr junges, morgenfriſches Herz, und die Lerchen hatten ſo lieblich ihr * 1 — Problematiſche Naturen. in dem Gebüſche ſo klagte und ſchluchzte, als ob ihr das kleine volle Herz brechen wolle vor Liebesſehnſucht und Liebespein— denn ach! der Junker war dann fortgereiſt, weit, weit fort— übers Meer, von ſeinen Eltern nach Schweden geſchickt zu ſeinen Verwandten, damit die dumme Geſchichte mit der Lieſe ein Ende nehme; und er fandte ihr kein Wort, keinen Gruß ein, zwei, drei Jahre lang, und als er wieder kam von Schweden— da, heiliger Gott! war er nicht allein — eine ſchöne, junge Frau ſaß bei ihm im Wagen, und die alten Herrſchaften waren glücklich, und die Dienerſchaft ſchrie Hurrah— und ſie tanzten und jubelten.— Aber in dem dichteſten Gebüſch des Schloßgartens hatte ſich ein Mädchen verſteckt, die hübſcheſte von allen Dirnen weit und breit, und die ſchluchzte leiſe, leiſe vor ſich hin, wie Thräne auf Thräne über ihre Wangen rollte, und von den vielen Thränen waren ihr die ſchönen Augen tief in den Kopf geſunken, und die blonden Haare waren grau geworden, und— da ſaß ſie nun eine alte, ſteinalte Frau— und noch immer floſſen ihr die Thränen über die runzligen braunen Wangen auf die runzligen braunen Hände. „Ein ſchmucker Burſch,“ ſagte ſie,„wie ich mein Lebtage keinen wieder ſo ſchmuck geſehen habe, bis geſtern Morgen, als Sie plötzlich auf der Haide vor mir ſtanden. Da kamen ſie mir gleich ſo bekannt vor, und nun weiß ich auch, warum. Mit Verlaub, Junker, wie alt ſind Sie jetzt?“ „Drei und zwanzig Jahr.“ „Drei und zwanzig Jahre, ja, ja, ich wußte es wohl, drei und zwanzig Jahre— Du biſt jung geblieben und biſt noch immer ſo gut und ſchön.“ Wieder ſah ſie Oswald an, aber nicht mit dem ſpürenden, ſu⸗ chenden Blick, wie vorher, ſondern klar und freudig, wie eine Ahne blickt, die einen Enkel an ihrem Lehnſtuhl ſpielen ſieht. Auf einmal ſtand ſie auf, trat an Oswald heran, und ihm die welken, zitternden Hände auf's Haupt legend, ſagte ſie langſam und feierlich mit einer Stimme, die nicht ihr zu gehören, die aus einer andern Welt her⸗ überzuſchallen ſchien:„Der Herr ſegne und behüte Dich, Oskar!“ Dann ſetzte ſie ſich wieder auf ihren niedrigen Schemel und ſtrickte wieder emſig, emſig, daß die Nadeln klapperten und dazu nickte ſie „ ihr ſch N der Ec no kan Han run ter, Bett Erſter Band. — Erſter Band. 159 mit dem grauen Haupte, und lächelte ſelig vor ſich hin, als erzählte ihr eine Stimme, die nur ſie allein hörte, ein altes, längſt ver⸗ ſchollenes, wunt erherrliches Märchen von Jugend und Liebe und Nachtigallengeſang. 5 Einundzwanzigſtes Capitel. In dem niedrigen Zimmer begann es zu dunkeln; die Nadeln der Alten klapperten immer haſtiger, die Schwarzwälder Uhr in der Ecke pickte lauter und lauter in der tiefen Stille, und Oswald ſaß noch immer am offenen Fenſter, den Kopf in die Hand geſtützt, wie im Traum. Das Geräuſch eines Wagens, der die Dorfſtraße hergefahren ſkam, erweckte ihn. Ein mit zwei Pferden beſpannter leichter Holſteiner⸗ wagen hielt vor der Hütte ſtill, ein Mann ſtieg raſch hinab und trat ſalsbald in die Stube. „Guten Abend,“ ſagte eine klare, etwas ſcharfe Stimme.„Herr Doetor Stein?— freue mich, Ihre Bekanntſchaft zu machen.— Mein Name iſt Braun. Bruno hat mir ſchon erzählt, daß ich hier ſeinen barmherzigen Samariter finden würde— wo iſt denn unſer Patient— ach! dort im Bett— wie wär's, liebe Alte, wenn Sie uns etwas Licht verſchaffen, unterdeſſen iſt Herr Doctor Stein ſo gut, und erzählt mir, was er von dem Falle weiß, nicht wahr?“ Oswald gab, ſo gut er es vermochte, eine Schilderung deſſen, was er geſehen hatte. „Ich dachte es mir ſchon,“ ſagte Doctor Braun;„es iſt ein An⸗ full von Epilepſie. Hat Ihr Sohn ſonſt ſchon an dieſen Zufällen gelitten,“ fragte er die Alte, die jetzt, ein dünnes Talglicht mit der Hand ſchützend, ſo daß nur ein ſchwacher Schimmer deſſelben auf ihr runzliges Geſicht fiel, wieder in das Stübchen trat. „Es iſt nicht mein Sohn, auch war ſeine Frau nicht meine Toch⸗ ter, ſagte Mutter Clauſen, das Licht auf einen Schemel vor das Bett etzend;„aber ſeine Kinder ſind meine lieben Enkelchen.“ ———— .———— Problematiſche Naturen. Der Doctor warf einen forſchenden Blick in das Antlitz der alten Fräu— und dann ſchweifte ſein Auge fragend zu Oswald hinüber— aber er hielt die Bemerkung, die den Lippen hatte, zurück, nahm das Licht und leuchtete in Geſicht des; Kranken. Oswald nahm es ihm aus der Hand;„erlauben Sie, daß ich Ihnen leuchte.“ „Danke,“ ſagte der Doctor, den Kranken unterſuchend. Während deſſen betrachtete Oswald ſich den Ankömmling genauer. Es war ein Mann zwiſchen fünfundzwatzig und dreißig Jahren, ſchlank und etwas dürr, in einen einfachen, bequemen, aber eleganten Sommeranzug gekleidet. Der Kopf war außerordentlich wohlgeformt, und mit ſehr dunklem Haar bedeckt, das zu dicht zu ſein ſchien, um ſich locken zu können und jetzt in einer eigenthümlichen, nicht unſchönen Weiſe wie ein niedriges Barret um die feſte, über die Augen etwas vorſpringende Stirn ſtand. Die Naſe war in keine beſtimmte Kategorie zu bringen, aber fein und ausdrucksvoll, ebenſo wie der Mund, deſſen Lippen, wie man es bei antiken Köpfen, beſonders Hermesköpfen findet, ſcharf und zart zugleich geformt waren, als ob ſie ſich zu einem hübſchen, geiſtreichen Wort vollends öffnen würden. Kinn und Wangen umzog ein dichter, glänzender Bart, der mit dem Haupthaar harmonirte, und den männlich⸗ſchönen Ausdruck des Geſichts vollendete. Auch bemerkte Oswald, während der Doctor die Augenlider des Kranken hob, daß ſeine Hände von einer faſt frauenhaften Zartheit und Schön⸗ heit waren. „Es iſt, wie ich dachte,“ ſagte Doctor Braun, ſich emporrichtend, „ein epileptiſcher Anfall. Ich kann nichts verſchreiben, da die Natur ſich hier ſelber hilft. Für den Augenblick iſt nur Ruhe nöthig. Morgen wird der Mann noch etwas ſchwach, ſonſt aber wieder gan; geſund ſein.“ „So ſind dergleichen Zufälle nicht gefährlich?“ fragte Oswald. „Sie können letal werden,“ antwortete der Doctor,„zumal wenn, wie ich ſtark vermuthe, der Kranke ein Potator iſt. An eine radicale Heilung iſt nicht zu denken, wenigſtens nicht unter dieſen Verhältwiſſen 3 da die Kur eine ſehr langwierige iſt.“ 6 ſer Bant. Erſter Band. 161 „Ich hatte nich ſchon darauf gefaßt gemacht, einen Theil der Nacht hier bleiben zu müſſen,“ ſagte Oswald,„das iſt denn alſo wohl nicht nöthig?“ „Gott bewahre! Ruhe, wie geſagt, iſt das einzige Er⸗ forderniß. Der Mann iſt Wittwer?“ fagte er, ſich in der Stube umſehend. „Die Anne iſt todt“ ſagte Mutter Clauſen.„Aber ich will ſchon wachen über den Jochen. Alte Leute, wie ich, brauchen nicht viel Schlaf; wir werden bald Zeit vollauf dazu haben. Gehen Sie nur ruhig nach Hauſe, Junker. Du biſt brav, das hab' ich ja immer geſagt. Adjies, Herr Doctor, ſchönen Dank für den Jochen, da er ſich ſelbſt nicht einmal bedanken kann, und ſich vielleicht auch nicht einmal bedankte, ſelbſt wenn er könnte. Adjies Junker.“ Damit leuchtete ſie den Beiden zur Thür und zum Hauſe hinaus. „Wollen Sie mich nicht noch eine Strecke begleiten?“ ſagte der Doctor, als ſie vor der Thüre ſtanden.„Ich fahre von hier über Berkow, wo ich noch im Dorfe einen Beſuch machen muß, nach Hauſe, und Sie können ja abſteigen, wo ſie wollen. Der Abend iſt wahr⸗ haft ambroſiſch, und in Grenwitz kommen Sie zum Abendbrod doch ſchon zu ſpät, wie ich Ihnen aus beſter Quelle berichten kann, da ich ſelber dort zu Abend gegeſſen habe.“ „Sie dort zu Abend gegeſſen?“ ſagte Oswald, ſich zu dem Doctor in den Wagen ſetzend;„hat Sie denn Bruno nicht von B. geholt?“ „Der arme Junge hat den Weg vergeblich gemacht: denn wäh⸗ rend er ventre à terre dorthin jagte, ſaß ich ſchon ruhig in Grenwitz.“ „Und was führte Sie denn nach Grenwitz? wenn man fragen darf.“ Der Doctor lachte.„O tempora, o mores— da ſieht man es! Der Mentor beſchützt unv hütet anderer Leute Kinder, und weiß nicht, daß ſein kieber Telemach todtkrank zu Hauſe liegt.“ „Sie belieben zu ſcherzen.“ 7„Allerdings ſcherze ich; Malte iſt ſo geſund, wie ein Junge, der oigen die Schule ſchwänzen will, nur ſein kann. Aber da der Spielhagems Werke. I. Problematiſche Naturen. Baron und die Baronin in der Erſchöpfung, welche bei einem ſolchen Zuckerpüppchen nach einer längeren Promenade ſehr natürlich iſt, die Anzeichen eines heraufziehenden Typhus zu erkennen glaubten, und keine Stimme im hohen Rathe ſich dagegen erhob, ſo mußte denn natürlich ſchleunigſt zu dem Unglücklichen geſchickt werden, der das wenig beneidenswerthe Vorrecht hat, allen Unſinn, der den Leuten durch den Kopf geht, ausbaden zu müſſen— ich meine, zum Arzt. Und während ich nach dem Abendbrod— welches, wie Sie wiſſen, oder wie die Baronin ſagt, wenigſtens wiſſen müßten— in Grenwitz ſtets pünktlich um acht Uhr ſervirt wird, eben in den Wagen ſteigen wollte, kommt der Prachtjunge, der Bruno, wie der Georg in Götz von Berlichingen in voller Carrière auf den Schloßhof geſprengt.— Sie hätten das Entſetzen des Barons und der Baronin ſehen ſollen! — Die guten Leute hätten nicht mehr erſchrecken können, wenn der Raugraf aus der Bürgerſſchen Ballade mit Holla und Huſſaſa über den Hof geritten wäre— und verkündete in athemloſer Haſt, der Jochen läge auf den Tod und Doctor Stein wäre bei ihm, und er bäte mich, doch ſo ſchnell wie möglich zu kommen.— Aber Apropos, wie iſt das? Die Alte nannte Sie„Junker“, ich vermuthe daraus, daß ich in Zukunft Herr von Stein werde ſagen müſſen.“ „Weshalb nicht gar Freiherr!“ lachte Oswald, dem die Weiſe ſeines neuen Bekannten ſehr gefiel.„Nein, ich bin eben ſo wenig adelig, als Mutter Clauſen, die, ich weiß nicht weshalb? möglicher⸗ weiſe durch Reminiscenzen ihrer Jugend verleitet, mich durchaus zu ihrem Junker haben will, eine Königin iſt.“ 1„Das iſt eine ſonderbare alte Frau,“ ſagte der Doctor.„Sehen Sie, wie ſchön der Mond ſich dort über den Waldrand erhebt, und ſ wie duftig der Nebel über den Wieſen liegt!— eine ſonderbare Frau. Ich erinnere mich jetzt, daß ſie mir auch ſonſt ſchon aufgefallen iſt, ſie ſieht aus wie— uun, wie nur gleich?“ „Wie eine alte, alte Frau aus irgend einem Grimm'ſchen Mär⸗ chen, die ſich gelegentlich in die allerſchönſte Prinzeß von der Welt verwandelt.“ „Ja, ganz recht— ſie hat ein wunderbares Feuer in ihren ei ſi — en ie r⸗ 4 4 Wören und Sehen vergeht.“ Erſter Band. Erſter Band. 163 geſunkenen Augen. Es iſt einem, als ob das alte Geſicht nur eine Maske für eine noch immer jugendliche Pſyche ſei.“ „So iſt es auch,“ ſagte Oswald, und er erzählte dem Doctor die ſonderbare Unterhaltung, die er mit Mutter Clauſen geſtern Morgen auf der Haide gehabt, und wie ihm die Rede der alten Frau ſo natürlich und wahr erſchienen ſei, wie der Geſang der Haivelerche, und welchen widerwärtigen Eindruck hernach die Predigt des eitlen Paſtors auf ihn gemacht habe. „Ja, ja,“ ſagte der Doctor,„Gvethe's Wort bleibt ewig wahr: Es ärgert die Menſchen, daß die Wahrheit ſo einfach iſt. Um den Leuten weiß zu machen, ſie ſei ein, Wunder wie, großes Wunder, be⸗ hängen ſie dieſelbe mit allerlei bunten Fetzen und Lappen, und führen ſie dann in Prozeſſion umher. Solche Menſchen aber, wie unſere Alte da, leſen nur ein Capitel in dem großen Buche des Alls, aber ſie leſen es wieder und immer wieder, ſechzig, ſiebzig Jahre lang, bis ſie es auswendig wiſſen. Und da das Ganze ja doch aus einem Geiſte geſchrieben iſt, ſo kommen ſie ſchließlich weiter, wie die große Heerde der Halb⸗, Viertel⸗ und Achtel⸗Gebildeten, die in unruhiger Haſt das Buch von vorn bis hinten und wieder zurück durchblättern, überall etwas heraus ſchnüffeln und am Ende denn doch ſo klug oder ſo dumm bleiben, wie ſie im Anfang waren.“ „Ja wohl,“ ſagte Oswald,„ein lebendiger Beweis für die Rich⸗ tigkeit Ihrer Bemerkung iſt zum Beiſpiel die Baronin von Grenwitz. Was hat dieſe Frau nicht alles geleſen: deutſch, franzöſiſch, engliſch, ſchwediſch; Heiliges und Profanes, die beſten und die dümmſten Bücher. Einmal treffe ich ſie über Rouſſeau's Confeſſions, das andere Mal über einem Romane von Van der Velde; heute lieſt ſie Schleier⸗ macher's Reden über Religion und morgen die letzte Schauergeſchichte von Dumas oder Eugen Sue— ſie urtheilt in einzelnen Dingen vollkommen richtig; aber ſo wie die Rede auf die summa arcana, die höchſten Geheimniſſe des menſchlichen Denkens kommt, oder ſo wie ſie auch nur die Menge einzelner richtiger Beobachtungen in einem allge⸗ meinen Satze formuliren ſoll, beginnt ſie zu faſeln und bringt ſo alberne, abgevroſchene, ariſtokratiſche Gemeinplätze zu Tage, daß einem 11* 164 Problematiſche Naturen. „Dieſe Dispoſition der gnädigen Frau kann, deucht mir, gerade nicht zur Erhöhung der Annehmlichkeit Ihrer Stellung in Grenwitz beitragen,“ bemerkte der Doctor. „Allerdings,“ ſagte Oswald leichthin;„ich ſuche indeſſen dieſen Zuſatz von Wermuth dadurch abzuſchwächen, daß ich den philofophi⸗ ſchen Expectorationen der Dame ſo viel wie möglich ausweiche, und mich überhaupt in meinem Verhältniſſe zu der übrigen Familie auf das Nothwendige beſchränke.“ „Sollten Sie die Grenzen, die Sie ſich dabei im Intereſſe Ihrer Zeit und Ihrer guten Laune ziehen zu müſſen glaubten, nicht etwas zu eng geſteckt haben?“ ſagte der Doctor, die Aſche feiner Cigarre an der Lehne des Wagens abklopfend. „Wie das?“ fragte Oswald nicht ohne einige Verwunderung. „Sie verzeihen meine Indiscretion,“ ſagte der Andere, ſich noch etwas mehr zu Oswald herüber wendend, und ihn mit ſeinen hellen, klugen Augen voll anſehend.„Sie wiſſen, daß wir Aerzte, wir mögen wollen oder nicht, zu der leidigen Rolle des Vertrauten in allen Fa⸗ milien, wo wir ein⸗ und ausgehen, verdammt werden. Auf einem oder dem andern Punkte hängt ſchließlich alles mit der phyſiſchen Natur, die wir zu controliren haben, zuſammen, und ſo kommt denn nach und nach auch alles vor unſer Forum, ſelbſt ſolche Dinge, die vor jedes andere eher zu gehören ſcheinen, als vor das ärztliche. Und wenn die Sache ſchließlich in gar keinem Zuſammenhange mit der Diätetik des Leibes und der Seele ſteht, ſo denken die Leute: haſt du ihm ſo viel geſagt, kannſt du ihm das auch noch ſagen. So konnte denn auch heute die Baronin die Bemerkung nicht unterdrücken, daß Sie(ich bin hier weder darauf aus, Ihnen Schmeichelhaftes noch Unangenehmes zu ſagen, ſondern einen Wink zu geben, den Sie beachten oder unbe⸗ achtet laſſen mögen, wie es Ihnen gut erſcheint), daß alſo Sie, der Sie die Gabe angenehmer Unterhaltung(ich brauche hier die Worte der Baronin) in einem ſo hohen Grade beſäßen, und ſich in den For⸗ men des Umganges mit ſolcher Leichtigkeit bewegten, es verſchmähten, von dieſen Gaben den rechten Gebrauch zu machen, was um ſo mehr zu bedauern wäre, als durch dieſe Zurückhaltung(ich ſpreche immer noch in den Worten der Baronin) Malte der nun einmal ein häus⸗ „ „ — — — S X S— er Band. Erſter Band. 165 licher Knabe ſei und ſich im Schvoße der Familie am wohlſten fühle, um einen Theil der Vortheile käme, die er aus Ihrer Geſellſchaft, und aus dem intimen Verhältniſſe mit Ihnen ziehen könnte und ziehen würde.“ „Es iſt doch ſonderbar,“ ſagte Oswald nach einer kleinen Pauſe, „welch' Noli-metangere-Naturen wir Adamskinder ſind. Das, was Sie mir da ſagen, hab' ich mir ſchon mehr als einmal geſagt; habe mir geſagt, daß, nachdem ich mich einmal dazu verſtanden habe, dem Wohle einer Familie meine Zeit und meine Kraft zu verkaufen, ich mich auch wohl zu andern Conceſſionen würde verſtehen müſſen— und jetzt, da ich daſſelbe von Ihnen höre, berührt es mich doch un⸗ angenehm.. Aber ſein Sie verſichert, daß ich wahrlich nicht Ihnen, daß ich einzig und allein mir zürne, und zwar deshalb zürne, weil mich ein in ſo freundlicher Abſicht ertheilter Wink auch nur einen Augenblick ſtutzig machen konnte.“ „Ich war gewiß,“ ſagte der Doctor,„daß ich es mit einem Manne zu thun hatte, der die Spreu vom Weizen zu ſondern weiß; wäre ich das nicht geweſen, ſeien Sie überzeugt, ich hätte geſchwiegen.“ Wiederum trat eine Pauſe in dem Geſpräch der jungen Männer ein; der Doctor bereute vielleicht im Stillen, daß ihm ſeine Gut⸗ müthigkeit, wie ſchon ſo oft, das undankbare Geſchäft des ungebetenen Rathgebers aufgenöthigt hatte; Oswald verfolgte den in ihm ange⸗ regten Gedanken und ſchien ganz vergeſſen zu haben, daß die hohen Stämme der Tannen ſehr ſchnell an ihm vorüberglitten und die raſchen Pferde des Doctors den Weg zwiſchen Grenwitz und Berkow faſt ſchon zurück gelegt hatten. Er fuhr erſchrocken in die Höhe, als er rechts vom Wege durch die Zweige ein Licht ſchimmern ſah. Er wußte, es kam aus dem Fenſter der Förſterwohnung von Berkow. Auf der entgegengeſetzten Seite führte ein ſchmaler Pfad zu der Lich⸗ tung im Walde, auf der Melitta's Eremitage ſtand. An derſelben Stelle des Weges, an der ſie eben jetzt anlangten, hatte ihn geſtern der Wagen des Barons erwartet. „Bitte, laſſen Sie hier halten,“ ſagte er haſtig zum Doctor⸗ . 3 Problematiſche Naturen. „Ich ſehe zu meinem Schrecken, daß wir beinahe bis Berkow gekom⸗ men ſind. Es iſt die höchſte Zeit, daß ich zurückkehre.“ Der Wagen hielt; Oswald ſtieg herab. „Ich hoffe, ſagte er, dem Doctor die Hand reichend,„daß dies nicht die einzige und nicht die längſte Strecke geweſen iſt, die wir auf unſerm Lebenswege zuſammen fahren oder gehen werden.“ „Ich hoffe und wünſche daſſelbe,“ antwortete der Andere,„es ſcheint mir, als ob wir in unſerm Denken und Fühlen manches Ge⸗ meinſame haben, und einer wahlverwandten Natur zu begegnen, iſt ein viel zu koſtbares Glück, als daß man es leicht verſcherzen dürfte. Jedenfalls komme ich bald wieder in dieſe Gegend. Leben Sie wohl indeſſen.“ Der Wagen rollte davon, bald verhallte der Hufſchlag in der Ferne; das Licht in der Förſterwohnung erloſch— Oswald war allein mit der Nacht und dem Schweigen. Und alsbald trat das Bild Melitta's vor ſeine Seele und glitt vor ihm her den ſchmalen Waldpfad entlang, auf dem er jetzt heim⸗ lich und leiſe, wie ein Wilddieb, hinſchritt. Da trat er hinaus auf die Lichtung, und blieb erſchrocken, wie wenn ein Blitz an ſeiner Seite eingeſchlagen hätte, ſtehen— aus dem Fenſter der Eremitage ſchimmerte Licht! Melitta, die er auf dem Schloſſe glaubte, war hier, hier— funfzig Schritte von ihm entfernt— er brauchte nur über den Wieſenteppich zu gehen und die paar Stufen der Treppe zu er⸗ ſteigen— die Thür zu öffnen— Oswald lehnte an den Stamm der Buche, ſein wild ſchlagendes Herz ein wenig zu beruhigen. Und wenn ihn hier Jemand ſähe, wenn er Melitta's Ruf leichtſinnig auf's Spiel ſetzte!... Athemlos horchte er in die Nacht hinein.. Nichts ver⸗ nahm 6 als die wunderlichen, geheimnißvollen Sunt die man am Tage niemals hört, und die mit der Nacht geboren werden: ein Raunen und Flüſtern oben in den Zweigen, ein Raſcheln und Kniſtern in dem trockenen Laub am Boden— das dumpfe Gebell eines Hundes drüben aus dem Dorfe... Ein Nachtaar kam auf ſeinem wirren Fluge bis dicht an ſein Geſicht geflattert und ſchoß dann wieder da⸗ von. Sonſt rings umher tiefe Stille... Da ſchlug ein dumpfer d — ——„— S 1„„——. cS— f Erſter Banb. Erſter Band. drohender Laut an ſein Ohr. Er kam aus der breiten Bruſt von Melitta's Dogge, die vor dem Eingange der Eremitage Wache hielt. Der treue Wächter mußte die Nähe eines Fremden geſpürt haben, denn er erhob ſich, ſprang die Treppe hinab und unkreiſte das Haus, wie ein Schäferhund ſeine Hürde. „Boncoeur,“ rief Oswald leiſe, als das Thier in ſeine Nähe kam,„ici!“ Das kluge Thier ſtutzte bei dem wohlbekannten Ruf, den es ſo oft aus ſeiner Herrin Munde vernommen, und kam, Oswald erken⸗ nend, in raſchen Sprüngen auf ihn zu, und legte als Willkomm die mächtigen Tatzen auf Bruſt und Schulter. „So,“ ſagte Oswald, das ſchöne Thier ſtreichelnd;„ſo, Bon⸗ coeur, Du erlaubſt alſo, daß ich zu Deiner Herrin gehe? Komm!“ Den Hund an den zottigen, langen Haaren feſthaltend, ſchritt Oswald über die Wieſe. Auf der Treppe übertönten die Tatzen Boncoeurs den leichten Schritt Oswald's; ſo ſchlich er ſich auf der Galerie, die ſich um das Häuschen zog, hin, bis er an das Fenſter kam. Das Fenſter ſtand auf, durch den venetianiſchen Epheu hin⸗ durch, mit dem es dicht berankt war, ſah Oswald hinein in das Zimmer. Auf dem Tiſch brannte eine Lampe, deren Glocke mit einem rothen Schleier bedeckt war, ſo daß der Venus heiliges Bild in dem warmen Licht wie lebend erſchien. Zu den Füßen des Bildes ſaß Melitta, Oswald halb das Geſicht zukehrend, an dem Tiſche. Sie hatte ein Buch vor ſich aufgeſchlagen, aber offenbar las ſie nicht; die feine Hand, auf die ſie den Kopf ſtützte, in dem dunklen, reichen Haar begraben, ſchien ſie in tiefe Träumereien verſunken. Ein unaus⸗ ſprechlich rührender Ausdruck, halb von thränenreicher Schwermuth, und halb von unausſprechlicher Seligkeit lag auf ihren reinen, kind⸗ lich weichen Zügen. Oswald vermochte es kaum über ſich, das einzig ſchöne Bild, daß ſich ihm in dem Rahmen des kleinen Fenſ geigie⸗ zu zerſtören. Endlich nannte er leiſe ihren Namen. Melitta hob den Kopf in die Höhe und die großen auf das Fenſter heftend, lauſchte ſie einen Moment. Aber dann lächelte ſie wehmüthig, als wollte ſie ſagen: es war nur ein Traum, und ſtützte das Haupt wieder in die Hand. 1 Problematiſche Naturen. „Melitta, ich bin's.“— Diesmal hatte ſie es nicht geträumt. Mit einem Frendenſchrei fuhr ſie empor, nach der Thür, Oswald entgegen— ſie ſchlang ihren Arm um ſeinen Hals, preßte ihre glühenden Lippen wieder und wie⸗ der auf ſeinen Mund, ſie legte ihren Kopf an ſeine Bruſt— ſie ſchaute durch Thränen lächelnd zu ihm auf:„Sieh, Oswald, ich dachte nur eben an Dich! ich dachte: wenn er Dich liebt, ſo wird, ſo muß er heute kommen, und kommt er nicht, liebt er Dich nicht. Oswald, nicht wahr, Du liebſt mich? nicht, wie ich Dich liebe, aber doch ein wenig, nicht wahr, mein Oswald?“ Sprachlos vor Rührung und Seligkeit umſchlang Oswald das geliebte Weib. „Melitta, Du biſt ſo grenzenlos gut und ſchön, daß wer Dich liebt, Dich grenzenlos lieben muß!“ Vor der Thür der Eremitage, auf einer Strohdecke, den rieſigen Kopf zwiſchen den Vordertatzen, liegt Boncveur. Die ſchnelle Be⸗ wegung ſeiner Ohren, ſobald ein Geräuſch aus dem Walde herüber⸗ tönt, zeigt, daß er gute Wache hält. Er würve den Erſten, der es wagte, in dies Heiligthum der Liebe zu dringen, zerreißen. Jweiundzwanzigſtes Capitel. Es waren ſeit dieſem Abend einige Tage verfloſſen. Bemperlein war mit Julius nach Grünwald abgereiſt und hatte von dort aus ſchon an Melitta und an Oswald geſchrieben, der Erſteren, um zu melden, daß ſein Zögling in der ſehr liebenswür⸗ digen Familie eines Beamten, der zwei Söhne faſt in demſelben Alter, wie Julius, habe, glücklich untergebracht ſei; an Oswald, daß er eine höchſt intereſſante Unterredung mit dem Profeſſor Berger gehabt habe, deren Inhalt er ſeinem neuen Freunde mittheilen wolle, wenn er in nächſter Woche nach Berkow zurückkäme, um definitiv Abſchied zu nehmen. Nur ſo viel wolle er ſagen, daß er in ſeinem Entſchluſſe Erſter Banb. Erſter Band. feſter als je ſei und kaum die Zeit erwarten könne, ſich Hals über Kopf in ſeine neuen Studien zu ſtürzen. Den Tag nach Herrn Bemperlein's Abreiſe war der Geometer von Grünwald in Grenwitz angekommen, aber nur ein paar Stunden geblieben, um mit dem Baron und der Baronin zu conferiren, und dann nach dem zweiten Gute, das vermeſſen werden ſollte, gefahren, wo er für's erſte„ſein Wigwam aufſchlagen müßte,“ wie er zu Oswald ſagte. Oswald hatte in dem Geometer einen ſehr lebhaften, witzigen und wie es ſchien, ſehr beleſenen und vielfach gebildeten, noch jungen Mann kennen gelernt, und er freute ſich, dieſe Bekanntſchaft fortſetzen zu können, da Herr Timm in kurzer Zeit nach Grenwitz kommen mußte, um die Karten und Pläne zu zeichnen. Schon waren von der ſtets weit vorausſchauenden Baronin zwei Zimmer in dem⸗ ſelben Flügel des Schloſſes, in welchem Oswald wohnte, für ihn bes ſtimmt und mit großen Tiſchen u. ſ. w. ſchicklich eingerichtet. Auf den Sonntag waren die Herrſchaften von Grenwitz nebſt Herrn Doctor Stein zu Herrn von Barnewitz, dem Vetter Melitta's, ängeladen. Oswald hatte große Luſt gehabt, dieſe Einladung rund⸗ weg auszuſchlagen, und hatte ſich nur auf Melitta's Zureden bewegen kſſen, von der Partie zu ſein. „Was ſoll ich dort?“ hatte er zu Melitta geſagt,„man ladet mich aur ein, entweder weil es an Tänzern fehlt, oder um dem alten Baron eine Höflichkeit zu erweiſen, in keinem Fall um meiner ſelbſt willen. Ich werde in der Geſellſchaft wie ein Mohikaner unter den rokeſen, wie ein Spion im Lager angeſehen werden. Ich kenne den Adel. Der Adlige iſt nur höflich und liebenswürdig gegen den Bür⸗ gerlichen, ſo lange er mit ihm allein iſt; ſind mehre Adlige bei ein⸗ ander, ſo fließen ſie zuſammen wie Queckſilber und kehren gegen den Bürgerlichen den esprit de corps heraus. Ich ſage Dir, Melitta, ich kenne die Adligen und haſſe die Adligen.“ „Aber Du liebſt doch mich, Oswald, und ich gehöre doch auch zu der verfehmten Klaſſe.“ „Leider,“ ſagte Oswald,„und es iſt das der einzige Fehler, Du Holde, den ich an Dir habe entdecken können. Aber dann biſt Du ſo engelgut und lieb, d da gehſt Du durch dieſen Schwefelpfuhl, ohne 170 Problematiſche Naturen. auch nur den Saum Deines Gewandes zu beflecken. Und ſo ſehr Du auch im Vergleich mit dieſen eitlen, dummen Pfauen gewinnen mußt, ſo fürchte ich doch, daß von dem feurigen Haß, den ich gegen die ganze Sippſchaft habe, unverſehens auch ein Funken auf Dich ſpritzen könnte. Jetzt biſt Du mir eine Königin, eine Chatelaine, die aus ihrem Schloß ſich weggeſtohlen hat, den Herzallerliebſten flüchtig zu um⸗ armen, und ich vergeſſe Deinen Rang, Deine Hoheit hier in dieſer traulichen Waldeinſamkeit. Du biſt mir nur das geliebte angebetete Weiv, die Krone der Schöpfung, biſt, was Du mir auch im Gewande der Bettlerin ſein würdeſt— dort aber im kerzenhellen Saale, um⸗ geben von Deinen Granden, von Allen gehuldigt und gefeiert, kann ich meine Augen vor dem Glanze nicht verſchließen, und werde ſchmerz⸗ lich daran erinnert werden, daß ich aus meiner Niedrigkeit nicht hätte wagen ſollen, ſie zu ſolcher Höhe zu erheben.“ „Sieh, Oswald,“ ſagte Melitta, und ihre Augen ruhten feſt in den ſeinen;„iſt das nun gut von Dir? Spotteſt Du nicht meiner, indem Du ſo ſprichſt? Höre ich es nicht in dem herben Ton Deiner Stimme, ſehe ich. es nicht an dem unruhigen Blitzen Deiner Augen, das ſo ſeltſam mit ihrem ſonſtigen tiefen, klaren Licht contraſtirt, daß Du recht wohl fühlſt, wie Du kraft Deines Geiſtes, kraft Deiner ſtol⸗ zen männlichen Schönheit und Stärke unter uns Andern einherſchreiteſt, wie der geborene Herrſcher?— Ich habe mich Dir ergeben mit Leib und Seele, Du biſt mein Herr und Gebieter, ich würde mich ſelbſt Deiner tollſten Laune willig fügen, ich würde von Dir das Bitierſte ertragen, ven Deiner Hand würde mir der Tod nicht grauſig ſein— aber weshalb auch nur einen Tropfen Wermuth in den Kelch der Liebe miſchen, aus dem ich mit ſo vollen, durſtigen Zügen ſchlürfe. Oswald ſpotte meiner nicht!“ „Ich ſpotte Deiner nicht, Melitta; ich bin von Deiner Liebe überzeugt, trotz dem, daß ich ſie wenig genug verdiene; ich weiß, daß Deine Liebe demüthig iſt, wie es die Liebe iſt, die Alles duldet und Alles glaubt, und nimmer aufhören wird— aber ſieh, Du Theure, das iſt ja eben der Fluch dieſer verruchten Inſtitutivnen, daß ſie Haß und Zwietracht und Mißtrauen ſäen in die Herzen der Men⸗ ſchen, ſelbſt in ſolche Herzen, die von Gott für einander geſchaffen ——„ ——„— —— — vollen Gelegenheit von irgend einem der deutſchen Duodezfürſten Erſter Vand. Erſter Band. ſcheinen. Und dieſer giftige Samen wuchert auf und überwuchert der Liebe rothe Roſen. Ich ſchelte Dich nicht, daß dem ſo iſt, ich ſchelte überhaupt keinen Einzelnen, der ja, ohne es vielleicht zu wiſſen, unter dieſer naturwidrigen Trennung ebenſo leidet wie ich. Aber daß dem ſo iſt, davon ſei überzeugt. Nie wird der Katholik in dem Proteſtan⸗ ten, nie der Adlige in dem Bürgerlichen, nie der Chriſt in dem Juden und umgekehrt wahrhaft ſeines Gleichen ſehen— ſeinen Bruder! Nathan's frommer Wunſch, daß es dem Menſchen doch endlich genügen möchte, ein Menſch zu ſein, iſt noch lange nicht erfüllt. Wer weiß, ob er in Jahrhunderten erfüllt ſein, ob er ſich auch nur jemals er⸗ füllen wird.“ „Und bis dahin,“ ſagte Melitta in ihrem gewöhnlichen ſchalkiſchen Ton, Oswald das Haar aus der Stirn ſtreichend,„bis dahin, Du träumeriſcher Träumer und unverbeſſerlicher Weltverbeſſerer, wollen wir die kurzen Augenblicke genießen, und deshalb mußt Du morgen nach Barnewitz kommen. Bitte, bitte, lieber Oswald, ich will auch nur mit Dir ſprechen, nur mit Dir tanzen— ich muß in dieſe eine Geſellſchaft gehen, um das Recht zu gewinnen, zehn andere aus⸗ zuſchlagen, in denen ich— in denen ich— mich weniger frei fühlen würde, wie gerade in dieſer. Und ohne Dich habe ich nicht den min⸗ deſten Genuß davon, im Gegentheil, ich werde traurig ſein, wie ein Vögelchen, das man der Freiheit beraubt und in ein enges Bauer geſteckt hat. Wenn Du aber da biſt, liebes Herz, ſo will ich fröhlich ſein, und tanzen und— ſingen— nein, ſingen nicht, aber hübſch will ich ſein— ſehr hübſch, und Alles Dir zu Ehren; ſoll ich weiß gehen? mit einer Camelie im Haar, oder einer Roſe? Du haſt mir noch gar nicht geſagt, wie Du mich am liebſten ſiehſt? Gott, welch' hölzerner Ritter Du biſt.“ 3 Am nächſten Tage, es war ein Sonntag, Nachmittags um 5 Uhr, hielt der Staatswagen vor dem Portale des Schloſſes in Grenwitz. Die ſchwerfälligen Braunen hatten das beſte Geſchirr mit den neu⸗ ſilbernen Beſchlägen aufgelegt bekommen; der ſchweigſame Kutſcher hatte ſeine Galalivrée angezogen; der Baron den ſchwarzen Frack, in deſſen Knopfloch das Band des Ordens, den er bei irgend einer geheimniß⸗ —— 172 Naturen. zroblematiſche bekommen hatte, und die Baronin ſelbſt ausnahmsweiſe eine Toilette gemacht, die ſie denn doch nur fünf Jahre älter erſcheinen ließ, als ſie wirklich war. Nachdem der nöthige Ballaſt von Mänteln und Shawls für die Rückfahrt eingenommen war, und die Baronin noch einmal vom Wagen aus Mademviſelle Marguerite, die, wie es Oswald ſchien, viel lieber mitgefahren wäre, feierlich mit der Würde einer Caſtellanin belehnt und ein kurzes Examen von zehn Minuten ange⸗ ſtellt hatte, um zu prüfen, ob die hübſche kleine Franzöſin auch noch alle die Verhaltungsmaßregeln für gewiſſe, genau ſtipulirte Fälle ordentlich im Kopfe habe— ſetzte ſich das Fuhrwerk mit demjenigen Tempo in Bewegung, welches dieſer feierlichen Gelegenheit, dem Temperament der Braunen und den Grundſätzen des ſchweigſamen Kutſchers entſprach. Als ſie unter der Brücke wegfuhren, brachte Bruno, der Malten und ein paar Bauernknaben, die im Garten Un⸗ kraut gäteten, hier poſtirt hatte, den Davonziehenden ein ſolennes dreimaliges Hurrah, ein Einfall, der ſelbſt die Lippen der Baronin zu einem Lächeln zu bewegen vermochte. Ueberhaupt war dieſe Dame, wahrſcheinlich, um ſich auf die Geſellſchaft vorzubereiten, heute in der beſten und mittheilſamſten Stimmung. Sie fand das Wetter herrlich, nur ein wenig zu warm, den Weg vortrefflich, nur ein wenig zu ſtaubig; ſie freute ſich ſchon auf die Abendkühle beim Heimwege, nur fürchtete ſie, daß ſich bis zu der Zeit ein Gewitter zuſammengezogen haben würde, da ihr eine Wolke am weſtlichen Horizont ein ſehr ver⸗ dächtiges Ausſehen zu haben ſchien. Darauf wurde die Frage erörtert, ob Fräulein Marguerite, wenn wirklich ein Gewitter ausbrechen ſollte — ein Fall, für den ſie keine Inſtructionen hatte— wohl die Fenſter in den Geſellſchaftsräumen im obern Stock ſchließen laſſen und über⸗ haupt ihre Schuldigkeit thun würde. Da es nicht möglich war, eine Stimmenmehrheit zu erzielen, indem die Baronin die aufgeworfene Frage entſchieden verneinte, Oswald ſie eben ſo entſchieden bejahte, und der alte Baron ſich keine beſtimmte Anſicht zu bilden vermochte, ſo gab man die Debatte über dieſen Punkt auf und ging zur Erörte⸗ des nicht weniger wichtigen Punktes über, ob ſich der Graf Grieben von ſeinem akuten Rheumatismus wohl ſo weit erholt haben würde, um an dem heutigen Zauberfeſt in Barnewitz Theil zu nehmen, 8 8 8 le nd bedauerte ſchon heimlich, nicht den Orden ſelbſt und blos Erſter Banb. Erſter Band. 173 oder nicht. Von dem Rheumatismus des Grafen Grieben kam man dann auf die Gicht des Barons von Trantow und von dieſer ganz allmälig in den allbekannten Familienklatſch, der unter dem hohen und höchſten Adel eben ſo im Schwange iſt, wie bei Gevatter Schneider und Handſchuhmacher, nur daß man dort über von Hinz und von Kunz und hier ſchlechtweg über Hinz und Kunz ſpricht. Oswald hatte ſonſt die Gewohnheit, ſobald das Geſpräch auf das be⸗ liebte Thema kam, nicht länger aufzumerken, und er hatte es in dieſer wichtigen Kunſt, zu hören und doch nicht zu hören, während der kur⸗ zen Zeit ſeines Aufenthaltes in Grenwitz ſchon zu einer bedeutenden Fertigkeit gebracht; heute aber, da er die Perſönlichkeiten, von denen er ſchon ſo oft vernommen hatte, ſelber ſehen ſollte, war dies Thema nicht mehr ganz ſo unintereſſant für ihn, wie ſonſt, um ſo weniger, als Melitta's Namen zu wiederholten Malen genannt wurde. Er erfuhr bei dieſer Gelegenheit, daß Herr von Barnewitz und Melitta Geſchwiſterkinder wären, Melitta's Vater, der Bruder des alten Herrn von Barnewitz, welcher Herrn Bemperlein die Pfarre zugedacht hatte, Offizier in ſchwediſchen Dienſten geweſen, als ſolcher die Feldzüge gegen Napoleon mitgemacht und bald nach der Vermählung Melitta's mit Herrn von Berkow geſtorben ſei. „Uebrigens weißt Du, Grenwitz,“ ſagte die Baronin,„Melitta wird heute nicht da ſein.“ Oswald horchte hoch auf. „Woher weißt Du das, liebe Anna⸗Maria?“ entgegnete der Baron. „Ich habe mir von dem Bedienten die Einladungsliſte geben laſſen, wie ich das immer thue, um zu wiſſen, wen man denn finden wird, und ſie ſorgfältig durchgeleſen. Frau von Berkow war nicht darauf verzeichnet.“ „Das wird ein Verſehen geweſen ſein.“ „Ich glaube nicht; Du weißt, Melitta und ihre Couſine ſind ge⸗ rade nicht die größten Freundinnen; es wäre nicht das erſte Mal, daß man Melitta übergangen hätte; aber dafür wird eine andere merk⸗ würdige Perſönlichkeit zu finden ſein; rathe einmal, Grenwitz.“ „Der Fürſt von P.,“ ſagte der alte Baron halb erſchrocken, Problematiſche Naturen. das Ordensband angelegt zu haben,„doch nicht der Fürſt von P75 „Nein! Rathen Sie einmal, Herr Doctor.“ V „Der Mann aus dem Monde?“ de „Eine beinahe nicht weniger merkwürdige Perſon: der Baron Oldenburg; ſein Name ſtand, wie es ſich gehört, auf der Liſte gleich er nach unſerem Namen.“ in „Die Oldenburgs ſind ein alter Adel?“ fragte Oswald, der den Sinn jener Reihenfolge ſchon vermuthete. L „Die Oldenburg's ſind nach den Grenwitzen's der älteſte Adel ſe hier im Lande,“ ſagte die Baronin mit einem unenvlichen Selbſt⸗ gefühl.„Die Grenwitzen's können ihren Stammbaum bis in den no Anfang des zwölften Jahrhunderts verfolgen, die Oldenburg's ſind Fe erſt aus dem Ende des dreizehnten Jahrhunderts, wo Adalbert, der lü Stammvater des Geſchlechts, von dem Kaiſer zum Reichsbaron er⸗ hoben wurde.“*. „Woher der Name Oldenburg?“ fragte Oswald. „Den Oldenburgs fehlt blos die Legitimität, um heut zu Tage au ſo gut ſouverän zu ſein, wie viele Andere, die urſprünglich auch nur ge reichsfrei waren, wie wir.“ „Und was macht den Baron, abgeſehen von ſeiner erlauch⸗ ten Abſtammung, zu einer ſo merkwürdigen Perſönlichkeit?“ fragte Oswald. G die Die Baronin kam durch dieſe Frage einigermaßen in Verlegen⸗ ſp heit. Das, was in ihren Augen vor allem merkwürdig am Baron erſchien, nämlich ſeine ſouveräne Verachtung gegen Rang und Stand, ſ ihr ſein ſarkaſtiſches, höhniſches Weſen ſeinen Standesgenoſſen gegenüber, ab deren Verehrung vor ſeinem altehrwürdigen Adel dadurch manchmal auf eine harte Probe geſtellt wurde— dieſer merkwürdige, ja in ihren Augen geradezu unnatürliche Zug eignete ſich nicht zum Gegenſtand fäl der Unterhaltung mit einem Bürgerlichen. Sie begnügte ſich alſo mit ſ fre der vieldeutigen Antwort: er „Der Baron hat über die meiſten Dinge die ſonderbarſten An⸗ ſ 5i ſichten von der Welt, ſo daß man manchmal wirklich für ſeinen Vet⸗ ſtand bange wird.“ Erſter Band. Erſter Band. In dieſem Augenblick kam ein Reiter im Galopp aus einem Seitenwege heraus und parirte ſein Pferd vor dem vorbeifahrenden Wagen. Es war ein junger Mann mit hübſchem, braunem Geſicht, dem ein blonder Schnurrbart ſehr gut ſtand. Ah, gnädige Frau, Herr Baron— freue mich unendlich,“ rief er, den Hut ziehend und an den Wagenſchlag—„habe in einer Ewigkeit nicht das Vergnügen gehabt— ½„Das kommt daher, mon cher,“ ſagte die Baronin mit holdeſtem Lächeln,„weil Sie ſich ſeit einer Ewigkeit nicht bei uns auf Grenwitz ſehen ließen.“ „Ah, ſehr gütig, gnä— ge Fra', ſehr gütig; gnä— ge Fra' hatten noch nicht die Gnade, mich mit dem Herrn bekannt zu machen— Baron d Felir? nicht wahr?“ fuhr der Dandy fort, den Hut gegen Oswald r lüftend. „Herr Doctor Stein,“ ſagte die Baronin,„der Erzieher meines Sohnes— Herr von Clöten—“ „Ah, ah, in der That,“ ſagte Herr von Clöten,„freue mich eaußerordentlich— ja, ja, was ich ſagen wollte, gnä— ge Fra', wohin r geht es? wenn man fragen darf.“ „Nach Barnewitz—“ „Ah, wollte ebenfalls dorthin— ruhig, Robin, ruhig!“ e„Aber Herr von Cloten, es iſt große Geſellſchaft,“ ſagte die Baronin, auf des Junkers Stulpenſtiefel und Jagdrock an⸗ ⸗ ſpielend. n„Unmöglich, gnä— ge Fra'; Barnewitz ſagte mir geſtern, als ich „ihn zufällig traf, ich möchte zu einer Partie Boſton hinüberkommen, aer von einer Geſellſchaft hat er mir kein Wort geſagt.“ „Es iſt ein Scherz von Barnewitz; verlaſſen Sie ſich darauf.“ n„Ah, ja, ſehr wahrſcheinlich; Barnewitz hat immer ſo tolle Ein⸗ fälle; ruhig, Robin!— Teufelskerl, der Barnewitz— ſich ſchon ge⸗ freut, mich in Stulpenſtiefeln in Salon treten zu ſehen— Freude erderben— Beſchwöre Sie, gnä— ge Fro', meine Herren, erzählen jie Niemand, daß Sie mich geſehen haben. In einer Viertelſtunde Barnewitz. Au revoir!“ Damit warf der junge Mann ſein Pferd herum und ſprengte Problematiſche Naturen. in voller Carriere in der Richtung fort, aus der er gekom⸗ men war. Bald darauf fuhr der Wagen über einen etwas holperigen Stein⸗ damm, der quer über den Gutshof von Barnewitz bis zu dem kies⸗ beſtreuten Platze vor dem Herrenhauſe führte. Ein Diener trat an den Wagen, den Schlag herunterzulaſſen; in der Thür erſchien die Geſtalt eines breitſchultrigen, bärtigen Mannes, der ſchön zu nennen geweſen wäre, wenn nicht Wohlleben und In⸗ dolenz die Harmonie der regelmäßigen Züge weſentlich beeinträchtigt hätte. Es war Melitta's Vetter, Herr von Barnewitz. „Sie ſind die Allererſten, wie Sie ſehen,“ ſagte er, die Gäſte in einen dreifenſtrigen Saal rechts vom Flur führend, wo ſie von Frau von Barnewitz, einer hübſchen Blondine, begrüßt wurden. 4 „Sie wiſſen, daß ich die Pünktlichkeit über Alles liebe, er⸗ widerte die Baronin, den ihr angebotenen Platz auf dem Sopha ein⸗ nehmend. „Vortreffliche Eigenſchaft das,“ antwortete Herr von Barnewitz, ganz mein Grundſatz— ſtets geweſen— im Leben und auf der Jagd die Hauptſache— Schnepfe aufgeſtoßen— Baff— liegt— pünktlich— Ha— ha— ha.“ „Wie iſt es?“ ſagte die Baronin, zur Frau von Barnewitz ge⸗ wendet,„werden wir heute eine zahlreiche Geſellſchaft haben?“ „Nun vierzig bis fünfzig höchſtens.“ „Das heißt, ſo ziemlich unſer ganzer Cirkel.“ „So ziemlich, ja.“ „Und— wir ſprachen ſchon unterwegs darüber— wird Ihre liebe Couſine erſcheinen?“ „Da müſſen Sie meinen Mann fragen, der die Einladungen be⸗ ſorgt hat.“ „Ha, ha, ha,“ lachte Herr von Barnewitz.„Köſtlicher Spaß, meine Herrſchaften, muß Ihnen erzählen, bevor die Andern kommen⸗ Sie wiſſen, daß wir mit Melitta durch Italien reiſten, und daß ſich uns dort der Baron Oldenburg anſchloß. Wir lebten ſehr vergnü will. Auf einmal war das gute Einvernehmen zum Teufel!— entſchul dig ſch gel ma wie me ſei ner kon an lich der no ſta ſpa ein hol ein hin gef wie in ein ſtel dri den zuſammen— denn Oldenburg kann ſehr liebenswürdig ſein, wenn e zu in 8 gt in u ß, den hübſchen Zügen und e öu ihm. Erſter Band. Erſter Band. 17 digen, gnädige Frau— der Eine ging hier hin, der Andere dort hin. Melitta und Oldenburg ſagten ſich nur noch Malicen, und eines ſchönen Morgens war Oldenburg fort— verſchwunden— Billet zurück⸗ gelaſſen: er fände die Luft in Sicilien zu vrückend als angehender Schwindfüchtiger, und wollte einen kleinen Abſtecher nach Aegypten machen. Seit der Zeit ſind drei Jahre verfloſſen; jetzt iſt Oldenburg wieder hier; iſt aber nur bei mir geweſen, um mir, wie er ſagte, oder meiner Frau, wie ich ſage—“ „Aber Karl—“ „Nun, liebe Hortenſe, unter Freunden muß ein Scherz erlaubt ſein; alſo um uns Beiden ſeine Aufwartung zu machen. Als ich ihn neulich vorläufig einlade, ſagt er: ja, wenn Deine Couſine nicht kommt; als ich vor ein paar Tagen Melitta begegne und ſie frage, antwortete ſie: ja, wenn Dein Freund Oldenburg nicht kommt. Natür⸗ lich verſicherte ich Beiden, daß ſie ganz ruhig ſein könnten, ſie würden dem Gegenſtande ihrer Abneigung nicht begegnen. Um die Sache noch glaublicher zu machen, ſchicke ich zwei Kerls aus mit zwei ver⸗ ſchiedenen Liſten, auf deren einer Melitta und der andern Oldenburg ſtand. Und nun kommen ſie alle Beide,— iſt das nicht ein Haupt⸗ ſpaß?— Entſchuldigen Sie, meine Herrſchaften, ich höre ſo eben einen Wagen vorfahren.“ Allmälig füllte ſich der Saal und die daran ſtoßende Flucht hoher, ſchöner Zimmer, die auf der Hinterſeite des Hauſes wieder in einem Saal endigte, aus dem zwei Flügelthüren ein paar Stufen hinab in den Garten führten, mit Gäſten. Oswald hatte ſich, nachdem er einigen Herren und Damen vor⸗ geſtellt war, die ſeine Verbeugung mit jener kühlen Höflichkeit er⸗ wiederten, deren ſich der Adlige gegen einen Bürgerlichen, noch dazu in der untergeordneten Stellung, die er in den Augen dieſer Leute einnahm, ſtets befleißigt, in eine der Fenſterniſchen des Saales ge⸗ ſtellt, von wo aus er die Ankommenden draußen und die Geſellſchaft drinnen zugleich beobachten konnte. Ein junger Mann mit einnehmen⸗ Fr. Spielhagen“s Werke. I. blauen, freundlichen Augen geſellte ſich— 178 3 Problematiſche Naturen. „Ich habe das Vergnügen, mit Herrn Doctor Stein zu ſprechen?“ Oswald verbeugte ſich. „Mein Name iſt von Langen. Ich höre, daß Sie während der letzten Jahre in Berlin ſtudirten. Haben Sie dort vielleicht die Be⸗ kanntſchaft eines Herrn P. gemacht? Er war Philolog und von der Schule her mein ſehr intimer Freund; es intereſſirt mich ſehr, zu er⸗ fahren, was aus ihm geworden iſt.“ Zufällig kannte Oswald den Betreffenden, und konnte ſo Herrn von Langen die gewünſchte Auskunft geben. Die aufrichtige Theil⸗ nahme, die dieſer junge Mann für einen Menſchen an den Tag legte, der, wie Oswald wußte, außer vortrefflichen Anlagen und einem raſt⸗ loſen Fleiß keine anderen Empfehlungen auf Erden hatte, machte auf Oswald einen ſehr angenehmen Eindruck. Er ſah es daher, trotz ſeiner inneren Unruhe, nicht ungern, daß Herr von Langen große Luſt zu haben ſchien, das angefangene Geſpräch fortzuſetzen; auch that es ihm wohl, in dieſer Menge unbekannter Menſchen Einen zu haben, der ſeine Bekanntſchaft geſucht hatte. „Wie wär's, Herr von Langen,“ ſagte er nach einigem Hin⸗ und Herreden,„wenn Sie mir fuͤr die Auskunft, die ich Ihnen über einen Abweſenden geben konnte, Auskunft über einige Anweſende gäben. Wer iſt zum Beiſpiel der alte Herr dort im blauen Frack mit den weißen Haaren und dem rothen Geſicht, der ſo emtſetzlich ſchreit, als ob er ſich Jemand, der auf der andern Seite eines toſenden Wild⸗ baches ſteht, verſtändlich machen wollte?“ „Das iſt Graf Grieben, einer unſerer reichſten Edelleute. Sie kennen doch die hübſche Anecdote, die ihm vor einigen Jahren mit; dem Landesherrn paſſirt iſt?“„ „Nein, wollen Sie ſie mir erzählen?“ „Der Landesherr beſucht auf einer Reiſe die nahe Hafekſſtadt. An der Landungsbrücke, wo ſich die Spitzen der Behörden, der Adel und ſo weiter zu ſeinem Empfange eingefunden haben, hält des Grafen mit ſechs herrlichen Braunen beſpannte Equipage, auf jedem der Sattel⸗ pferde ein Jockey in der gräflichen Livrée. Der König Pewundert die ſchönen Thiere.„Alles eigene Zucht, Majeſtät,“ ſchreit der Gra, mit einer kühnen Handbewegung.„Die Jockeys auch?“ antwortet der witzige Monarch.“ zot ſel ſp. bie du d n n. en [8 d⸗ ie it dt. el en el⸗ Erſter Band. Erſter Band. „Nicht übel,“ ſagte Oswald,„und wer iſt die große ſtarke Dame mit den männlich⸗kühnen Zügen, die eben mit den drei Mäd⸗ chen in den Saal tritt?“ „Eine Baronin von Nadelitz mit ſ Töchtern. Sie iſt eine Katharina von Rußland im Kleinen. Urſprünglich hütete ſie die Gänſe des Barons, ihres nachherigen Gemahls. Sie ſoll ſo wunderbar ſchön geweſen ſein, daß ſich jeder Mann in ſie verlieben mußte, und dabei ſo guten Herzens, daß nicht leicht Jemand, ohne gehört zu werden, von ihr ging. Es ſoll die Ehe nicht die glücklichſte geweſen ſein.“ „Die Töchter ſind auf alle Fälle ſehr hübſch,“ ſagte Oswald. „Der Baron iſt alſo todt?“ „Ja; ſeitdem hat ſie, wie man zu ſagen pflegt, die Hoſen ange⸗ zogen, das heißt diesmal in des Wortes ernſteſter Bedeutung. Ich ſelbſt habe ſie in Stulpenſtiefeln und Inexpreſſibeln mit ihrem In⸗ ſpector auf einem Felde gehen ſehen, auf dem man bei jedem Schritt bis über die Knöchel einſank.“ „Wer ſind die beiden hübſchen Mädchen, die eben Arm in Arm ſdurch den Saal kommen?“ Emilie von Breeſen und Lisbeth von Meyen; ſie ſind erſt letzt Oſterh eingeſegnet, und tragen, ſo viel ich weiß, heute zum erſten Mal lange Kleider. Soll ich Sie vorſtellen?“ Oswald antwortete nicht; denn in dieſem Augenblick ging die Thür auf und von Herrn von Barnewitz begleitet, deſſen Geſicht in der Er⸗ wartung der von ihm ſo fein eingefädelten Ueberraſchung vor Freude glänzte, trat ein Mann in den Saal, deſſen Erſcheinung offenbar einige Senſation erregte. Die laute Stimme des Grafen Grieben ver⸗ ſtummte, einzelne Herren ſteckten die Köpfe zuſammen, und in dem Kreiſe der Damen um Frau von Barnewitz auf dem Sopha wurde es verhältnißmäßig ſtill. Der Ankömmling war ein Mann von hohem, aber allzu ſchlanken Wuchs, deſſen äußerſt nachläſſige Haltung das Mißverhältniß zwiſchen Höhe und Breite nur noch mehr hervortreten ließ. Auf dem langen Leibe ſaß ein kleiner Kopf, deſſen wohlgerun⸗ ten ſdeter Schädel mit einem kurzen, ſtarken, ſchwarzen Haar bedeckt war. en Ein Bart von derſelben Beſchaffenheit zog ſich um Kinn und Wangen h.“ und Mund, ſo daß nur die obere Hälfte ſeines Geſichts dem Phyſiognomen 1 12* —— — 180 Problematiſche Naturen. zur ungehinderten Beobachtung blieb. Aber auf dieſer Hälfte ſtand ſchon des Räthſelhaften genug. Die Stirn war eher hoch als breit, aber von außerordentlich zarten und zugleich kühnen Linien umſchrie⸗ ben. Ein Paar wie mit dem Pinſel gezeichnete Brauen zogen ſich in einer leichten Krümmung über einem Paar grauer Augen hin, deren Ausdruck in dieſem Momente wenigſtens, wo ſie raſch über die Ver⸗ ſammlung flogen, mindeſtens nicht angenehm war, eben ſo wenig wie das Lächeln, das wie Wetterleuchten an der feinen, geraden Naſe mit den beweglichen Flügeln hinzuckte, und des Mannes ganze Antwort auf das luſtige Geſchwätz zu ſein ſchien, mit dem Herr von Barnewitz ihn überſchüttete, während er ihn von der Thür bis zu dem Platze der Dame vom Hauſe auf dem Sopha begleitete. Frau von Barnewitz erhob ſich, den Ankömmling zu begrüßen, der ihr die Hand küßte und nach einer leichten Verbeugung gegen die anderen Damen ſich auf einen leeren Stuhl neben ihr ſinken ließ und alsbald, ohne die Uebrigen weiter zu beachten, eine lebhafte Uuterhaltung mit ihr begann. Oswald hatte den Ankömmling mit dem Auge des Indianers, der den Spuren ſeines Todfeindes nachſpürt, beobachtet, denn er hatte auf den erſten Blick jenen Reiter wieder erkannt, der ihm und Bemperlein im Walde begegnete. Es war der Baron Olden⸗ burg. „Nun geben Sie Acht,“ ſagte Herr von Barnewitz, auf Oswald zutretend und ſich vergnügt die Hände reibend. „Ich bin ganz Auge,“ ſagte Oswald mit einem nicht eben ſehr natürlichen Lächeln. „Worauf ſollen Sie Acht geben?“ fragte Herr von Langen, wäh⸗ rend Barnewitz ſich zu einer andern Gruppe wandte. „Herr von Barnewitz hatte die Güte gehabt, mich auf Baron Oldenburg, der eben eintrat, als auf einen höchſt intereſſanten Mann aufmerkſam zu machen.“ „Ah, iſt das Oldenburg?“ ſagte Herr von Langen,„ich kannte ihn noch nicht.“ Da fuhr ein Wagen vor und Oswald erkannte in der Dame, die ausſtieg, Melitta. Es wär ein Glück für ihn, daß Herr von Langfn uf Erſter Band. Erſter Band. in dieſem Augenblicke die Sopharegion lorgnettirte, denn er hätte un⸗ möglich ſeine Aufregung verbergen können. Die paar Minuten, die Melitta in dem Toilettenzimmer zubrachte, erſchienen ihm wie eine Ewigkeit. Endlich trat ſie durch die offene Thür herein, und Oswald ſchien plötzlich der ganze Saal mit Licht und Roſen angefüllt. Melitta trug ein weißes Kleid, das Buſen und Schultern zugleich verhüllte, und den ſchlanken, ſchönen Hals in einer feinen Krauſe umſchloß. Ein Shawl lag leicht auf den runden Schultern. Eine dunkelrothe Camelie im Haar, das war ihr ganzer Schmuck. Aber welches Schmuckes bedarf Schönheit und Anmuth— und Melitta's Erſcheinung war ſo ſchön und anmuthig, daß ihr Eintreten eine noch größere Senſation erregte, als Oldenburgs. Die älteren Herren unterbrachen ihr Ge⸗ ſpräch, ſie mit Herzlichkeit zu begrüßen; einige jüngere Herren eilten ihr entgegen, um wo möglich den zweiten Walzer, die erſte Polka— nur einen Tanz, gleichviel welchen, zu erbetteln, und ſie lächelte Alt und Jung freundlich zu, beantwe tete hier eine Frage, verwies dort einen Stürmiſchen zur Geduld— während ſie quer durch den Saal nach dem Sopha ging, ſich den andern Damen anzuſchließen. Baron denburg war, als Frau von Barnewitz aufſtand, ihrer Couſine ent⸗ gegenzugehen, ruhig, und ohne ſich nach dem Gegenſtand der allge⸗ meinen Senſation umzuſehen, den einen Arm über die Stuhllehne ge⸗ legt, ſitzen geblieben. Da mußte Melitta's Name, von einer der Damen am Sopha ausgeſprochen, ſein Ohr getroffen haben; denn er ſprang in die Höhe, wandte ſich um— und ſtand Melitta, die von ihrer Couſine an der Hand geführt wurde, Angeſicht gegen Angeſicht gegenüber. Oswald war wie von einer magnetiſchen Kraft aus der Fenſterniſche bis nahe an die Stelle gezogen worden, ſo daß ihm kein Wort, kein Blick entging. Er ſah, daß Melitta erblaßte und ihre dunkeln Augen wie im Zorn aufflammten, als Oldenburg i6 tief vor ihr verbeugte. „Ah, gnädige Frau,“ ſagte er mit einem eigenthümlichen Lächeln, „als wir uns zuletzt ſahen, ſchien uns die Sonne Siciliens, und „Scheint der Mond— wollen Sie ſagen,“ entgegnete Melitta, und um ihre Lippen ſpielte ein höhniſch⸗bitterer Zug, den Oswald — Problematiſche Naturen. noch nicht an ihr geſehen hatte,—„umgekehrt, lieber Baron, als wir uns zuletzt ſahen, ſchien der Mond; wiſſen Sie wohl noch in dem Garten der Villa Serra di Falco bei Palermo?— und da wir uns wiederſehen, ſcheint die Sonne— mir wenigſtens.“ Der Sinn dieſer letzten Worte mußte wohl Jedem verborgen bleiben, nur nicht dem, für welchen ſie geſprochen waren. Melitta hatte, indem ſie ſich halb umwandte, Oswald bemerkt, und ihm ſo freundlich zugelächelt, daß Herr von Barnewitz, der neben ihm ſtand, ſich an der Ueberraſchungsſcene, die er ſo mühſam arrangirt hatte, zu weiden, ihn fragte:„Kennen Sie meine Couſine ſchon?“ „Ja,“ ſagte Oswald, von ihm weg auf Melitta zutretend, und ſie ehrfurchtsvoll begrüßend. „Ah! Herr Doctor,“ rief Melitta mit vortrefflich geſpielter Ueber⸗ raſchung,„daß iſt ja köſtlich, daß ich Sie hier finde. Denken Sie, Bemperlein hat ſchon geſchrieben, Julius befindet ſich ſehr wohl— aber ſetzen Sie ſich doch zu mir, daß ich Ihnen in aller Muße erzählen kann— Julius befindet ſich vortrefflich— und iſt in den fünf Tagen, wie Bemperlein ſchreibt, ein vollkommener Dandy geworden. Er ſchon einen großen Kinderball mitgemacht und mit der ſchönſten Daie, das heißt derjenigen, die ihm am beſten gefiel, den Cotillon getanzt, den Cotillon— merken Sie wohl! trotz des heftigen Widerſpruchs von einem halben Dutzend junger Herren.“ „Der Unglückliche,“ lachte Oswald;„er wird ſich dadurch eben ſo viele Duelle zugezogen haben.“ „Möglich, aber Sie wiſſen, Julius iſt tapfer wie ein Löwe, und wird für die Dame ſeines Herzens Alles wagen.— Ah, Herr von Cloten! Sind Sie es wirklich? Ich hörte ja, Sie und Robin i ſich auf der letzten iosn die Hälſe gebrochen!“ „Quelle idée, gnä'ge Fra'! Jedenfalls wieder Erfindung von Barnewitz. Teufelskerl, der Barnewitz! Befinde mich vortrefflich Ah! ja— wollte gnä'ge Fra um einen Tanz bitten, wo möglich Cotillon. Muß noch einen Verſuch machen, ob gnä'ge Fra nicht be⸗ wegen kann, mir den Brownlock zu verkaufen.“ „Non, mon cher, zu dieſem liebenswürdigen Zweck bekommen Sie keinen Tanz, am wenigſten den Cotiſlon. Wenn Sie mir aber — (2 Erſter Band. — Erſter Band. den Brownlock in Frieden laſſen wollen, ſo ſollen Sie den erſten Contretanz haben. Zum Cotillon bleibe ich ſo wahrſcheinlich nicht hier. Sind Sie zufrieden?“ 8„Ah! gnä'ge Fra— zufrieden! quelle idée! glücklich— ſelig.“ „Mein Gott, Herr von Clöten, beruhigen Sie ſich nur. Haben Sie ſchon ein vis-àvis?“ „Nein! gnä'ge Fra— gleich ſuchen!“ o„Hier, ize Sie den Doctor Stein— erlauben die Herren, deß ich Sie— „Ah, hatte ſchon das Vergnügen,“ ſagte der Dandy, Oswald, der einen Schritt von ihm entfernt geſtanden hatte, ſcheinbar zum deerſten Male bemerkend. „Deſto beſſer,“ ſagte Melitta— die Herren ſind alſo einig?“ 5 Von Cloten und Oswald verbeugten ſich gegen einander, und dann „ vor Melitta, die ſie mit einer graziöſen Handbewegung verabſchiedete, r um ſich mit den zunächſt ſitzenden Damen in ein tieſſinniges Geſpräch n über die neueſten Moden einzulaſſen. Oswald war wieder zu Herrn von Langen getreten, der ihm zu t dit Bekanniſ ſchaft mit Melitta gratulirte:„Ich bewundre Sie,“ ſagte „der junge Mann,„daß Sie ſo ungenirt mit ihr ſprechen können; ich hätte nicht den Muth dazu.“ „Sie ſcherzen.“ „Auf Ehre, nein. Die Frau hat etwas in ihrem Blick und in ihrer Stimme, was einem um das Heil ſeiner Seele bange machen möchte. Ich weiß, es geht mir nicht allein ſo.“ „Vielleicht bin ich um das Heil meiner Seele weniger beküm⸗ mert,“ ſagte Oswald. Unterdeſſen hatte Oldenburg, während er ſich unbefangen mit einigen Herren zu unterhalten ſchien, in einem hohen Spiegel die Gruppe um Melitta genau beobachtet. „Sieh da, Cloten! wie geht's, mon brave!“ ſagte er, ſich ſchnell . dem Angerufenen umwendend, als dieſer in ſeine Nähe kam. „Baron Oldenburg! Auf Ehre, hätte Sie kaum erkannt mit dem horribeln Bart.“ —Horribel, mon cher! Machen Sie mich nicht unglücklich; ich 3 Problematiſche Naturen. pflege ihn nun ſchon drei Jahre und habe ihn mich wenigſtens eine Million koſten laſſen.“ „Ah, Spaß,“ ſagte der Dandy, ſeinen blonden Schnurrbart ſtreichend. „Upon my word and honour,“ ſagte Oldenburg;„die Sache iſt einfach die:„Ich lernte in Kairo eine engliſche Familie kennen, mit der ich noch mehrmals auf dem Nil zuſammentraf; ich war ſo glücklich, ihr einige nicht unweſentliche Dienſte leiſten zu können. Die Familie beſtand aus Vater, Mutter und einer einzigen Tochter— aber welcher Tochter! mon cher, ich ſage Ihnen—“ „Ah, ja, verſtehe!“ ſagte Herr von Clöten;„reines Vollblut. Dieſe engliſchen Miſſes jottvoll— ſchön— ſah mal eine in Baden⸗ Baden, werde mein Lebtag nicht vergeſſen.“ „Gerade ſo ſah meine Mary auch aus,“ ſagte Oldenburg. „Nicht möglich!“ „Verlaſſen Sie ſich darauf. Alle engliſchen Miſſes gleichen ſich wie eine Lilie der andern. Bh bien! Das Mädchen verliebt ſich in den Retter ihres Lebens. Der Vater iſt mir geneigt, die Mutter gün⸗ ſtig. Ich war zwar kein Millionär, wie Mr. Brown, dafür nl aber auch nur ein in Ruheſtand getretener Eiſenhändler; und ich ein alter deutſcher, weiland reichsfreier Baron. Genug, wir werden Han⸗ dels einig. Da ſagt Mary eines Abends— es iſt mir, als wäre es heute— wir ſaßen im Mondenſchein auf der Terraſſe des Tempels von Philä und blickten träumend über den ſtillen Fluß und leerten Tropfen um Tropfen den diamantengeränderten Becher der Liebe. Da ſagte ſie, ihre weichen Arme um mich ſchlingend,— o Gott, wie deutlich ich noch immer dieſe Stimme höre!— Adalbert, ſagte ſie.— Was, Holde, ſagte ich.— Adalbert, pray, dearest love, eut off your horrible beard— it's so vulgar.“ „Ah, ja, jottvoll, jottvoll— dieſe engliſchen Miſſes; aber was heißt's denn eigentlich?“ „Es heißt: Adalbert, mein Junge, laß Dir den Bart ſcheren; Du ſiehſt ſchauderhaft gemein darin aus.“ „Verdammt.“ „Das ſagte auch ich. Sie bat, ſie tſcpr mich; endlich lag ſe Erſter Band. Erſter Band. ſogar vor mir auf den Knien. Ich blieb feſt, wie der Koloß Mem⸗ nons. Da ſprang ſie empor, und ſich bewaffnend mit dem ganzen Stolze Englands, die Hand zum ſternengeſchmückten Himmel erhebend, rief ſie:„Sir, either Von eut off your beard, or I must cut Jour acquaintance.“ „Then, cut my acquaintancel“ ſagte ich. „Famos,“ ſagte von Cloten;„was ſagte ſie?“ „Mein lieber Herr,“ ſagte ſie,„Sie ſcheren ſich entweder den Bart, oder Sie ſchereu ſich zum Teufel.“ 5 „Verdammt; und Sie?“ „Ich ſagte: Fräulein, ich habe geſchworen, daß ich das Weib verachten und mit dem Mann auf Leben und Tod kämpfen will, der mir mit Worten oder in Wirklichkeit an meinem Bart zupft.“ „Merkwürdig; das Alles ſagten Sie in den drei Worten?“ „Ja, die engliſche Sprache, wiſſen Sie, iſt wunderbar kurz. Apropos, wer iſt denn der junge Mann, mit dem Sie vorhin ſprachen, er ſteht jetzt dort an der Thür zum andern Zimmer mit dem alten Grenwitz.“ „Ja, rathen Sie einmal!“ „Wie kann ich das rathen? Ich vermuthe, daß es Felix von Grenwitz, ſein Neffe, iſt.“ „So dachte auch ich. Und nun denken Sie, cher Baron, der Menſch iſt ein Bürgerlicher, heißt Stein, Doctor Stein, glaube ich, und iſt, nun rathen Sie einmal!“ „Nach dem Entſetzen, das ſich in Ihren Zügen malt, zu ſchließen, vermuthe ich, daß der junge Mann der Scharfrichter von Ber⸗ gen iſt.“ „Scharfrichter! Quelle idée! Welch' ſonderbare Einfälle Frau von Berkow und Sie immer haben. Nein— Hauslehrer bei Gren⸗ witz— iſt das nicht wunderbar?“ „Ich kann nicht beſonders Wunderbares in der Sache finden. Es muß auch Hauslehrer geben, wie es Arbeiter in den Arſenik⸗ gruben geben muß, obgleich ich für mein Theil weder das Eine noch das Andere ſein möchte.“ „Aber der Menſch ſieht beinahe genteel aus?“ * Problematiſche Naturen. „Beinahe genteel? Lieber Freund, er ſieht nicht nur beinahe genteel aus, ſondern ausnehmend genteel, genteeler als irgend einer der Herren hier im Saale, Sie ſelbſt und mich nicht ausgeſchloſſen.“ „Ah, Baron, Sie ſind heute wieder einmal in einer jottvollen Laune.“ „Meinen Sie? freut mich. Das verhindert mich indeſſen nicht, den Mann ausnehmend genteel ausſehend zu finden. Ja, was in Ihren Augen wohl noch mehr iſt, er hat nicht nur das Charakteriſtiſche, welches die geborenen Vornehmen auf der ganzen Erde auszeichnet, ſondern den ſpeciellen Typus des Adels dieſer Gegend.“ „O, in der That, ich denke Typus iſt eine Krankheit.“ Typus, mon cher! Typus iſt, wenn mehrere Leute dieſelben Naſen, Stiefel, Augen und Handſchuhe haben. Nun ſehen Sie ſelbſt, ob nicht Alles und noch mehr bei dieſem Doctor Stein ſtimmt; zum Beiſpiel im Vergleich mit Ihnen, der Sie doch gewiß alles Specifiſche des Adels in der höchſten Potenz in und an ſich entwickeln. Er iſt ſchlank und gut gewachſen, wie Sie, nur einen halben Kopf höher und ein paar Zoll breiter in den Schultern, er hat daſſelbe hellbraune gelockte Haar, nur daß Sie ſich Ihre Haare entſchieden brennen laſſen und die ſeinen, wie mir ſcheint, natürlich gelockt ſind; er hat blaue Augen, wie Sie, und Sie werden ſelbſt zugeben, daß dieſe Augen groß und ausdrucksvoll ſind.“ „Ah, ja— ich gebe zu, daß er ein verdammt hübſcher Kerl iſt,“ ſagte der ärgerliche Dandy, einen ſcheelen Blick auf den Gegenſtand ſeiner unfreiwilligen Bewunderung werfend. „Nun, und was ſein Auftreten anbelangt,“ fuhr Oldenburg fort, „ſo gäbe ich meinestheils eins meiner Güter darum, wenn ich mich mit dieſem Anſtande, dieſer Grazie bewegen könnte.“ „Das iſt ſtark, weshalb?“ „Weil die Weibſen in einen ſchmalen Fuß, ein wohlgeformtes Bein und ſo weiter vernarrt ſind. Solche hübſche Puppen, wie der Doctor, ſind geborene Alexander; ſie fliegen vor einer Eroberung zur andern und ſterben auch meiſtens jung zu Babylon.“ „Gott, Baron, welch' liebenswürdiger Menſch Sie ſein würden wenn Sie nur nicht ſo ſchauderhaft gelehrt wären!“ angenommen und mit ſichtlicher Zufriedenheit der Theilnehmer aus⸗ Erſter Band. „Meinen Sie? Möglich! Es iſt ein Erbfehler; meine ſelige Mutter hat während ihrer Schwangerſchaft außer dem Rennkalender des betreffenden Jahres auch noch einen oder den andern Roman ge⸗ leſen. So erklären ſich die paar menſchlichen Züge in meiner Natur.“ „Wollt Ihr Herren meine neue Piſtolen mit einſchießen helfen?“ fragte Herr von Barnewitz, der eben herantrat. „Ich denke, es ſoll getanzt werden,“ antwortete Clöten. „Später. Du kommſt doch mit, Oldenburg?“ „Verſteht ſich! Du kennſt ja meinen Wahlſpruch: aux armes, citoyens!“ Dreinndzwanzigſtes Capitel. Die jetzt vollſtändig verſammelte Geſellſchaft hatte ſich allmälig aus den Zimmern in den Garten begeben, da der herrliche Sommer⸗ nachmittag unwiderſtehlich in's Freie lockte. Die älteren Herren und Damen promenirten in den ſchattigen Gängen, oder beſichtigten die prächtigen Gewächshäuſer; die jungen Leute ſuchten auf einem ſchönen runden Raſenplatze, der zum Theil von hohen breitkronigen Bäumen überſchattet war, geſellſchaftliche Spiele zu arrangiren; aus einer Ecke des Parkes, wo ein Schießſtand eingerichtet war, ertönte von Zeit zu Zeit der ſcharfe Knall der neuen Piſtolen. Melitta hielt ſich, eingedenk per bewährten Regel, daß der Ruf junger Frauen in der Geſellſchaft von den alten Damen gemacht wird, und wohl wiſſend, daß ſie die Freiheiten, die ſie ſich während des Balls zu nehmen gedachte, durch einige vorhergehende Opfer erkaufen müſſe, in der Geſellſchaft der Gräfin Grieben, der Baronin Trantow, der Frau von Nadelitz, der Baronin Grenwitz und der andern ältern Damen. Oswald hatte ſich zuerſt der Jugend angeſchloſſen, bei der ihn Herr von Langen einführte, und hatte mit einigen Reminiscenzen aus den Geſellſchaften in der Reſidenz und einigen geſchickten Combinationen verſchiedene geſellſchaft⸗ liche Spiele befürwortet und arrangirt, die mit allgemeinem Beifall —— — —— Problematiſche Naturen. geführt wurden. Als er aber ſah, daß Melitta, gegen ſeine Hoffnun⸗ gen, ſich durchaus nicht in den Kreis der Spielenden miſchen wollte, benutzte er eine ſchickliche Gelegenheit, ſich ſelbſt aus demſelben zurück⸗ zuziehen. Herr von Langen war ihm gefolgt und holte ihn in einem Heckengange ein, wo Oswald ſich der harmloſen Beſchäftigung des Stachelbeerpflückens hinab. „Gott ſei Dank,“ ſagte Herr von Langen, Oswald's Beiſpiele. folgend und einen Johannisbeerbuſch, der voll dunkelrother Früchte hing, plündernd.„Dieſem Unheil wären wir glücklich entronnen. Fluch dem Erſten, der geſellſchaftliche Spiele erfand. Sind die Stachelbeeren reif?“. „Köſtlich.“ „Sie müſſen mich auf jeden Fall in nächſter Zeit beſuchen. Mein Gut liegt nur ein Stündchen von Grenwitz. Meine Frau, die mich erſt vor ein paar Wochen mit einem allerliebſten kleinen Mädchen beſchenkt hat, und ſich noch nicht kräftig genng fühlt, ſo große Ge⸗ ſellſchaften mitzumachen, wird ſich freuen, Sie kennen zu lernen. Wenn Sie mir einen Tag beſtimmen wollen, ſchicke ich Ihnen meinen Wagen.“ 3„Ich nehme Ihre Einladung mit Dank an,“ ſagte Oswald, der ſich einigermaßen durch die liebenswürdige Freundlichkeit eines Mannes aus dem von ihm ſo ſehr gehaßten Stande beſchämt fühlte.„Sollen wir ſagen, nächſten Sonntag?“ „Sie ſind jeder Zeit willkommen; wenn Sie die Knaben mit⸗ bringen wollen, thun Sie es ja; ich habe ein Paar Ponys, die den Jungen beſſer gefallen werden, als Cornel und Ovid zuſammen.— Ach, Herr des Himmel! Incidit in Seyllam, qui vult vitare Cha- rybdim! Dort biegt die Gräfin Grieben an der Spitze ihrer Suite um die Ecke. Sauve qui peut!“ Die jungen Männer ſchlugen einen andern Gang ein, der den erſten rechtwinklig durchſchnitt, und waren bald den herankommenden Damen aus den Augen. Oswald ſeinerſeits wäre eben ſo gern ge⸗ blieben, denn er hatte in der„Suite“ auch Melitta bemerkt und gehofft, wenigſtens im Vorübergehen einen Blick von ihr zu erhaſchen; aber er hielt es für ſeine Pflicht, gute Kameradſchaft mit ſeinem 1 Erſter Band. Erſter Band. 189 neuen Freunde zu halten, der ihm im Laufe des Nachmittags ſchon mehr als eine Gefälligkeit erwieſen hatte. „Sie ſcheinen die Geſellſchaft nicht beſonders zu lieben, Herr von Langen,“ ſagte er lächelnd über die Eilfertigkeit des jungen Mannes. „Die große Geſellſchaft— nein! Ich bin in faſt abſoluter Einſamkeit aufgewachſen. Mein Vater, der nicht eben reich iſt, ſchloß ſich in dem Intereſſe ſeiner Kinder von dem geſelligen Leben des hie⸗ ſigen Adels faſt gänzlich ab. Hernach kam ich auf die Schule. Ich hätte gern ſtudirt; aber der Vater bedurfte meiner für die Wirthſchaft, welche er bei zunehmendem Alter nicht mit derſelben Rüſtigkeit leiten konnte; ſo mußte ich denn von der Schule abgehen, als ich ein Jahr in Prima geſeſſen hatte. Seitdem iſt der gute Vater geſtorben und ich habe die paterna rura kaum verlaſſen. Sind Sie Jäger?“ „Nein, ich habe bis jetzt nicht die mindeſte Gelegenheit gehabt, die Nimrodnatur, die möglicherweiſe in mir ſchlummert, zu cultiviren.“ „Ah, das iſt ſchade; aber das findet ſich— wir haben eine recht hübſche Hühner- und Haſenjagd. Sie ſollten vorläufig etwas mit der Piſtole ſchießen. Man lernt dabei viſiren und bekommt eine ſichere Hand.“ „Nun mit Piſtolenſchießen habe ich im Leben leider beinahe zu viel Zeit verbracht,“ antwortete Oswald.„Mein Vater, ein Sprach⸗ lehrer und im Uebrigen ſehr friedfertiger Mann, hatte eine wahre Leidenſchaft für das Piſtolenſchießen; es war ſeine einzige Erholung. Er ſchoß, wie ich nie im Leben wieder Jemand habe ſchießen ſehen, mit einer faſt wunderbaren Geſchicklichkeit. Ich habe nie den Grund dieſer ſeltſamen Leidenſchaft erfahren können. Einmal fiel es mir ein, ihn zu fragen, wie er dazu gekommen ſei? Ich werde den Ton nie vergeſſen, in welchem er mir antwortete: Es gab eine Zeit, wo ich hoffte, mich durch eine Kugel an einem Manne rächen zu können, der mich tödtlich beleidigt hatte. Als ich meines Zieles vollkommen ſicher war— ſtarb der Mann. Seitdem ſchieße ich in Gedanken auf ihn; jedes Aß, das meine Kugel trifft, iſt ſein falſches, grauſames Herz. Ich drang in ihn, mir den Mann zu nennen.“„Das kann ich nicht,“ antwortete er;„aber wenn Du Dir auch etwas bei der Sache denken 190 Problematiſche Naturen. willſt, nimm an, jedes Aß ſei das Herz irgend eines beliebigen Avligen.“ „Mon Dieu!“ ſagte Herr von Langen;„und haben Sie dieſen fanatiſchen Haß Ihres Vaters gegen meinen Stand geerbt?“ „Nur zum Theil,“ fagte Oswald, ebenſo wie ich auch nur einen Theil ſeiner Fertigkeit mit der Piſtole geerbt habe.— Wollen wir einen Augenblick nach dem Schießſtande gehen? ich höre an dem Knall, daß wir ganz in der Nähe ſein müſſen.“ „Bravo, bravo!“ erſchallte es von dem Schießſtunde herüber. „Cloten, ich parire auf Sie.“ „Ich parire auf Breeſen,“ rief eine andere Stimme. Sie fanden auf dem Schießſtande ein halbes Dutzend Herren etwa, alle in größtem Eifer, mit Ausnahme des Baron Oldenburg, der, die Hände in den Taſchen ſeiner Beinkleider, an einen Baum gelehnt, die Schützen betrachtete, und Strophen aus der Marſeillaiſe dazu zwiſchen den Zähnen ſummte. „Bravo, Cloten, wieder Centrum— der Kerl ſchießt verteufelt, ſchallten die Stimmen durcheinander. „Hat ſonſt Jemand von den Herren Luſt zu pariren?“ ſagte Herr von Cloten, mit einem wunderbar ſelbſtgefälligen Lächeln ſich umſehend. „Ich, wenn Sie erlauben,“ ſagte Oswald. „Sie?“ erwiderte der Dandy mit einem Blick ſprachloſen Er⸗ ſine „Ich parire einen Louis auf den Herrn,“ ſagte Baron Olden⸗ burg grinſend.„Wer hält?“ „Ich, ich!“ riefen mehrere Stimmen. „Ich halte Alles,“ ſagte Oldenburg, dem die Sache einen köſt⸗ lichen Spaß zu machen ſchien. „Unſer Einſatz iſt bisher ein Thaler geweſen; es iſt Ihnen doch recht?“ fagte Herr von Cloten zu Oswald. „Natürlich.“ „Aber Doctor Stein kennt die Piſtolen nicht,“ ſagte von Langen, „und Cloten muß ſich bereits vollſtändig eingeſchoſſen haben. Die Partie iſt ungleich.“ 8 H fre bu de Ta ner Erſter Band. habeM zu Tiſch —— Erſter Band. 191 „Wenn nur mein Geld auf dem Spiele ſtände,“ ſagte Oswald, „ſo würde ich den Verſuch wagen. Da aber auf mich gewettet iſt, ſo möchte ich bitten, mir vorher einen Schuß zu erlauben.“ „Natürlich,“ rief Herr von Breeſen;„das verſteht ſich von ſelbſt,“ Herr von Barnewitz. „Wird nicht viel helfen,“ ſagte von Cloten leiſe zu einem Andern. „Sehen Sie den Tannenzapfen dort, Herr von Langen?“ ſagte Oswald, nachdem ihm eine geladene Piſtole gereicht war,„den an dem äußerſten Ende des Zweiges.“ „Ja, aber das ſind mindeſtens funfzig Fuß.“ „Thut nichts. Dieſe Piſtolen ſcheinen mir noch auf weitere Diſtancen einen ſichern Schuß zu erlauben.“ Oswald hob die Piſtole. Aller Augen waren geſpannt auf den e Tannenzapfen gerichtet. 6 „Ja ſo,“ ſagte Oswald, die erhobene Piſtole ſinken laſſend. 4 „Wollen Sie nicht die Güte haben, Herr von Barnewitz, mich dem 4 Herrn vorzuſtellen, der ein ſo günſtiges Vorurtheil für meine. ſehr jer fragliche Fertigkeit im Schießen an den Tag gelegt hat.“ „Hatte ganz vergeſſen; bitte um Entſchuldigung. Baron Olden⸗ 5 burg— Doeter Stein.“ ei „Ah, Baron Oldenburg!“ ſagte Oswald, mit der linken Hand den Hut abnehmend.„Sie ſehen doch den Tannenzapfen, Herr e Baron.“ „Vollkommen deutlich,“ ſagte Oldenburg, ſich höflich verbeugend. 62 Oswald hob die Piſtole wieder, zielte eine Secunde— der 4 Tannenzapfen kam in Stücken zur Erde. 1 „Famos!“ ſchrie Herr von Barnewitz;„Cloten, Du findeſt Dei⸗ rg nen Meiſter.“ den „Nous verrons,“ ſagte Herr von Cloten.„Sie haben den erſten ſi Schuß, Herr Doctor.“ Oswald nahm die andere Piſtole, und ſchoß, ohne ſcheinbar auch 3 nur zu zielen. „Centrum!“ ſchrie der Bediente an der Scheibe, eine Reverenz ch dem Schützen machend, bevor er das Loch mit einem Pflaſter vlebte. Problematiſche Naturen. „Cloten, zahlen Sie Reugeld!“ rief Oldenburg, mit dem Gelde in ſeiner Taſche klappernd. „Centrum!“ ertönte es von der Scheibe. „Sehen Sie?“ ſagte von Cloten, Herrn von Barnewitzens Jäger die Piſtole zum Laden gebend. „Ich denke, wir nehmen eine größere Diſtance, oder ein anderes Ziel,“ ſagte Oswald,„bei dieſem thalergroßen Centrum auf vierzig Schritt werden Herr von Cloten und ich wohl noch lange ohne Ent⸗ ſcheidung fortſchießen können. Sind keine Karten zur Hand?“ „Ich bin's zufrieden,“ ſagte von Cloten. „Haſt Du Karten mitgebracht, Friedrich?“ rief Herr von Barnewitz. Ja Heryl⸗ „Nimm die Scheibe ab und nagle ein Aß an den Baum!“ „Natürlich gilt nur die Kugel, die durch das Aß ſchlägt oder es 7 wenigſtens berührt hat,“ ſagte Oswald. „Natürlich,“ ſagte von Cloten. „Jetzt kommt die Sache in Gang,“ rief der junge Breeſen und rieb ſich vor Vergnügen die Hände. „Cloten zahlen Sie Reugeld,“ ſagte Oldenburg wieder und durch die Zähne murmelte er: Tannenzapfen— Herzenaß— Ei, mein Schätzchen, merkſt Du was? Iſt es Liebe? iſt es Haß? Von Cloten zielte lange, aber ſei es, daß das neue Ziel ihn verwirrte, ſei es, daß ſeine Hand ſchon unruhig geworden war— ſeine Kugel traf nur den oberen Rand der Karte. Oswald trat vor; ſein Auge ſchweifte über die Schaar der Edelleute, die um ihn herum ſtand.„Denke Dir, das Aß ſei das Herz irgend eines beliebigen Adligen,“ hörte er eine wohlbekannte Stimme flüſtern... Sein * ver unk hül für abg Schuß krachte. An der Stelle des Aſſes war das Loch der Kugel in der Karte. „Tröſten Sie ſich, Cloten,“ ſagte Oldenburg.„Non sem arcum tendit Apollo— zu deutſch: Vorbeiſchießen muß auch ſein falſ e nd ch falſchen Tönen mit einer Stimme, die weſentlich hrſter Band. —.—0 niaen Erſter Band. 193 „Wirklich meiſterhaft,“ ſagte von Barnewitz, die Karte herum zeigend;„das Aß rein herausgeſchoſſen.“ „Wollen Sie Revanche haben, Herr von Cloten?“ „Nein, danke, ein andermal. Fühle, daß meine Hand nicht mehr ſicher—“ „Warum haben Sie nicht Rengeld gezahlt, ECloten?“ lachte Ol⸗ denburg, das gewonnene Geld in die Taſche ſteckend.— „Hier ſind ſie! hier ſind ſie!“ riefen da auf einmal helle Mädchen⸗ ſtimmen, und um das Gebüſch herum, das den Schießſtand vom Wege trennte, kamen Emilie von Breeſen, ihre Couſine Lisbeth von Meyen und eine von den jungen Fräulein von Nadelitz, wie eben ſoviel weiße Schmetterlinge. ind allerliebſte Herren— Spielverderber— im Augen⸗ wieder zurück“— ſo ſchallten die Stimmchen durch⸗ einander. „Du könnteſt auch etwas Beſſeres thun, Adolph, als hier den ganzen Nachmittag bei dem alten dummen Schießen zubringen,“ ſagte Emilie von Breeſen zu ihrem Bruder. „Er muß auch mit,“ rief Lisbeth,„wir nehmen ſie gefangen. Du Emilie, nimm den Doctor, Du biſt die Stärkſte und er iſt der Rädelsführer— Natalie, Natalie, halt Herrn von Langen feſt! er will davon laufen.“ „Meine Herren,“ rief Oswald,„jeder Widerſtand wäre Hoch⸗ verrath!— Meine Damen! wir ergeben uns auf Gnade und Ungnade,“ und er bot Fräulein von Breeſen den Arm. Die beiden andern Herren folgten ſeinem Beiſpiele; die drei hübſchen Pärchen eilten lachend und ſcherzend davon. „Eine Entführung in optima forma,“ grinſte Oldenburg. „Wir gehen auch wohl, Ihr Herren,“ rief Barnewitz;„denn ich fürchte, wenn wir warten wollen, bis wir von den jungen Damen abgeholt werden, ſo können wir lange warten.“ „Allons enfants de la patrie!“ ſang Oldenhurg in möglichſt dem Krähen eines (Rern Hahrs an einem regneriſchen Tage glich, und faßte von Cloten ier den Arm. fr. S. iWagen's Werke. I. 13 , —————— 194 Problematiſche Naturen. „Cloten, mon brave, wir werden alt,“ ſagte er, während ſie in einiger Entfernung hinter den Andern dem Hauſe zuſchritten.„Wenn wir nicht bald machen, daß wir unter die Haube kommen, ſo iſt uns jede Hoffnung auf eheliches Glück, legitime Vaterfreuden und ein ſeliges Ende, Amen, abgeſchnitten.“ „Ah, Spaß! Baron, Sie ſind mindeſtens fünf Jahre älter wie ich.“ „Das hindert nicht, daß die jungen Damen einen wie den andern en canaille behandelt haben.“ „Die kleine Emilie iſt ein verdammt hübſcher Backſiſch.“ „Si Signore, und was für ein Paar große, graue, verliebte Augen ſie dem Doctor machte! Mit ſechszehn Jahren! wahrhaftig alles Mögliche!“ „Verdammte Puppe!“ „Wer? Fräulein Emilie?“ „Ah,— der Menſch, der Doctor!“ „Ja, ſo! Ich hab's Ihnen ja gleich geſagt? Die Mägdelein reißen ſich um ihn! Und wie der Kerl ſchießt, Cloten! Möchte ihm nicht auf fünf Schritte Barridre, und zehn Diſtance gegenüber⸗ ſtehen?“ „Ah! danke für ein Duell mit ſo einem Bürgerlichen⸗ Partie iſt zu ungleich. Meinen Sie nicht auch, Baron?“ „Vielleicht iſt der Mann die Frucht einer Liaiſon zwiſchen einem Sohn des Himmels und einer Tochter der Erde.“ „Was heißt das?“ „Wiſſen Sie nicht, daß vor Abraham die Kinder von Adligen mit Bürgermädchen ſo bezeichnet wurden?“ „Nein, habe nie gehört! Sohn des Himmels— famos! Uebrigens traue Schrift nicht. Müſſen doch ſelbſt zugeben, Baron, dieſe Idee, alle Menſchen von einem Paare abſtammen zu laſſen— Adlige und Bürgerliche— geradezu abgeſchmackt, horribel— lächerlich! Habe mir immer gedacht: daß Schrift von dieſen Bürgerlichen in ihrem Intereſſe zurecht gemacht iſt. Hat mich ſtets geärgert, wenn Hauslehrer mir die alte Geſchichte erklären wollte.“ „Cloten,“ ſagte Oldenburg ſtehen bleibend und ſeinem Beglei — 1—— —— — rn te tig in hte er⸗ rſter Banb. Meranügen haben Sie 3 Erſter Band. 195 die Hand auf die Schulter legend!„Cloten, Sie ſind ein großer Mann. Dieſer Gedanke bringt Sie in eine Reihe mit den tiefſinnigſten Denkern aller Jahrhunderte.“ „Ah, wah— reden Sie nun im Ernſt, Baron, oder ſcherzen Sie, wie gewöhnlich?“ „Lieber Cloten,“ ſagte Oldenburg, ſeinen Arm wieder unter de ſeines Begleiters ſteckend und weiter gehend;„laſſen Sie ſich ein für alle Mal geſagt ſein, daß es mir immer um das, was ich ſage, fürchterlicher Ernſt iſt, und der Gegenſtand, von dem wir ſprechen, iſt wahrlich von zu ungeheurer Bedeutung, als daß er eine ſcherzhafte Behandlung vertrüge. So hören Sie denn— aber machen Sie keinen ungeeigneten Gebrauch von der Sache, Cloten—“ „Gott bewahre— parole d'honneur!“ „So hören Sie denn, daß dieſelbe Frage, deren richtige Beant⸗ wortung Sie mit dem ſichern Tacte des Genies ſofort fanden, mich jahrelang beſchäftigt hat. Auch ich ſagte mir: der Unterſchied zwiſchen Adligen und Bürgerlichen iſt kein bloßer Unterſchied des Namens, des Standes— er iſt ein Unterſchied des Blutes, des Gemüthes, der Seele— enfin: der ganzen Natur. Wie können nun zwei ſo ver⸗ ſchiedene Weſen von demſelben Menſchenpaare abſtammen? Wo bleibt der Unterſchied, wenn ſie von einem Menſchenpaare abſtammen? Der Geiſt verwirrt ſich in dieſem ſchauderhaften Widerſpruch.“ „Gott, Baron, endlich ſprechen Sie doch einmal wie—“ „Wie ein Baron. Hören Sie weiter. Dieſe Frage beſchäftigte mich ſo unausgeſetzt, daß ich endlich beſchloß, ſie zu löſen, es koſte, was es wolle. Ihr habt Alle über mein einſames Leben, über mein Studiren und ſo weiter geſpottet. Wiſſen Sie, Cloten, was ich ſtudirte, während Ihr Euch auf der Jagd, oder beim Pharao amüſirtet?“ „Nein— auf Ehre—“ „Aramäiſch, chaldäiſch, ſyriſch, meſopotamiſch, hindoſtaniſch, gango⸗ bramaputraiſch— ſanscrit—“ „Herr Gott des Himmels! Das iſt ja ſchauderhaft! Wozu?“ „Weil ich die feſte Ueberzengung hatte, daß ſich in den Klöſtern 13* ——— Problematiſche Naturen. Armeniens, in den Katakomben Aeghptens, oder ſonſt irgendwo im Orient eine alte Handſchrift, welche die Sache aufklärte, entdecken laſſen müſſe. Als ich alle jene Sprachen und Dialecte ſo fertig wie deutſch und franzöſiſch ſprach, trat ich vor drei Jahren meine letzte große Reiſe nach dem Orient an. Im Vorübergehen durchſtöberte ich die Bibliotheken Italiens. In Rom traf ich Barnewitzens. Dies Zuſammentreffen war mir im Grunde ſehr unangenehm.„Aus Höflich⸗ keit mußte ich ſie bis Sicilien begleiten. In Palermo aber machte ich, daß ich davon kam.“ „Ah, das erklärt Ihr plötzliches Verſchwinden— das unterbrochene Opferfeſt, ha ha, ha!“ „Unterbrochenes Opferfeſt— der Ausdruck ſtammt nicht von Ihnen, Cloten.“ „Nein, auf Ehre— iſt'ne Erfindung von Hortenſe, wollte ſagen von der Barnewitz,“ verbeſſerte ſich der junge Edelmann.„Sie be⸗ hauptet— entre nous, Baron, daß Ihr Zuſammentreffen in Rom gar nicht ſo abſichtslos von Ihrer Seite und die ganze Reiſe von Rom nach Palermo— heißt ja wohl, Palermo?— ein reiner Triumph⸗ zug für die Berkow geweſen ſei; Opferfeſt— unterbrochenes Opfer⸗ feſt! Ha! ha!“ „Aber ich verſtehe Sie gar nicht, Cloten.“ „Na, entre nous, Hortenſe weiß von der Reiſe allerlei Ge⸗ ſchichten zu erzählen. So eine Scene auf der Ueberfahrt von Ci⸗ proda.“— 36 „Procida,“ verbeſſerte Oldenburg.— „Procida, meinetwegen, der Teufel mag all die verrückten Namen behalten, von Procida alſo nach Neapel.“ „Nun?“ „Aber zum Teufel, Baron, Sie fragen Einem auch die Seele aus dem Leibe.— Sie hatten einen kleinen Fiſcherkahn, und es kam ein richtiger Sturm auf— die Wellen gingen haushoch, und Sie mußten jeden Augenblick erwarten, daß das Boot kenterte. Da ſollen Sie auf italieniſch—“ „Die Barnewitz verſteht kein Wort italieniſch, ſo viel ich weiß,“— 1 ſagte Oldenburg. te rſter Banb. Erſter Band. 197 „Hortenſe nicht, aber die Söiffer⸗ die ſie hernach ausgefragt hat—“ „Hm,“ murmelte Oldenburg.„Nun?“ „Da ſollen Sie zu der Berkow geſagt haben: Liebe Seele, mit Dir zuſammen zu ertrinken, iſt mehr werth, als mit Deiner Coufine, oder irgend einer andern Frau hundert Jahr zuſammen zu leben.“ „In der Thats Erzählt Hortenſe ihren guten Freunden ſo hübſche Geſchichten? Nun, Cloten, ich will Ihnen einen guten Rath geben: Glauben Sie jedem Kuß, den Sie von Hortenſe's Mund ſchon geküßt haben, oder noch küſſen werden—“ „Ah, dummes Zeug, Baron,“ ſagte der Dandy mit jenem Lächeln, das beſcheiden ſein ſoll und doch ſo entſetzlich unverſchämt iſt. „Aber glauben Sie keinem Wort, das aus ihrem Munde geht. Können Sie wirklich denken, daß ich nichts Beſſeres zu thun hatte, als Melitta von Berkow den Hof zu machen, während ſo ernſte, ja ſo zu ſagen heilige Dinge meine Seele beſchäftigten? Laſſen Sie ſich erzählen: Ich reiſte alſo von Sicilien nach Aegypten hinauf bis Abu Simbul, zurück nach Kairo, von da nach Päläſtina, Perſien, Indien; — durchſuchte jeden Tempel, jede Ruine, jede Felſenſpalte— ich fand nicht, was ich ſuchte. Endlich— als ich ſchon an dem Erfolge ver⸗ zweifelt, als ich ſchon auf der Rückreiſe war, da— in der Bibliothek des Kloſters auf dem Vorgebirge Athos—“ „Wo iſt das, Baron?“ „Zwiſchen dem Indus und dem Oregon— dort in der Kloſter⸗ Bibliothek entdeckte ich endlich das lang geſuchte Manuſcript. Da ſtand denn die ganze Geſchichte.“ „Was ſtand da?“ „Da ſtand im reinſten Hoch⸗bram daß— ich iberſee das nun Alles in unſere modernen Begriffe und Ausdrücke— „Ja, machen Sie's um's Himmelswillen ſo, daß ich es verſtehe.“ „Daß gleich von vornherein zwei Menſchenpaare geſchaffen wur⸗ den, wie es ja auch gar nicht anders ſein kann: ein adliges und ein bürgerliches Der Name dieſes erſten adligen Geſchlechts iſt aus dem Manuſcript nicht erſichtlich. Gerade an der einen Stelle, wo er aus⸗ — ben, Sie zu Tiſch 198 Problematiſche Naturen. geſchrieben geſtanden hat, iſt ein großer Klex. So viel iſt ſicher, Oldenburg hat es nicht geheißen; es war noch ganz deutlich ein C zu erkennen, und in der Mitte ein t.“ „Vielleicht Cloten,“ ſagte der Andere. „Es iſt möglich, aber beſchwören kann ich es nicht. Auch was für eine Geborne ſeine Gemahlin geweſen iſt, die ſchlechtweg Fräulein genannt wird, iſt nicht erſichtlich.“ „Aber ich denke, ſie iſt aus der Rippe des Mannes gemacht und gar nicht geboren.“ „Ah, laſſen Sie ſich doch kein dummes Zeug einreden, Cloten. Sie wird ausdrücklich Fräulein genannt, dann muß ſie doch auch ein Fräulein von ſo und ſo geweſen ſein.“ „Das iſt ja aber eine verflucht verwickelte Geſchichte.“ „Gar nicht ſo ſehr, wie Sie glauben. Genug, der Herr und das Fräulein, das bald genug zur gnädigen Frau wurde, hatten ein Land⸗ gut, welches Paradies hieß;— warum ſoll ein Landgut nicht Paradies heißen, Cloten?“ „Verdammt ſchnurriger Name, indeſſen!“ „Warum? Nennt doch einer ſein Gut Solitude, der An⸗ dere Sansſouci, der Dritte Bellevue, warum ſoll nicht einmal Einer das ſeine Paradies genannt haben? Fh bien! Der Bediente des Herrn hieß Adam. Vortrefflicher Name für einen Bedienten. Als er ſteif und lahm wurde, ſchimpften ſie ihn den alten Adam— haben Sie je von einem Adligen gehört, der Adam geheißen hätte, Cloten?“ „Im Leben nicht.“ „Sehen Sie, da haben Sie wieder den ſchönſten Beweis. Er rief alſo ſeinen Kerl Adam, und die Zofe ſeiner Gemahlin Eva, Evchen— allerliebſter Kammerzofenname das. Meine Mutter hatte ein Kammermädchen„Eychen“, ein bildhübſches Ding. Der Adam war aber ein großer Schlingel, wie die Bedienten das bekanntlich bis auf den heutigen Tag ſind. Das Ding, die Eva, war äuch nicht viel beſſer. Zuletzt trieben es die Beiden zu arg. Schließlich ergriff der Herr denn einmal die Hetzpeitſche und jagte die B⸗iden vom Hofe. rſter Band. —— eraniaen haben, Sie zu Tiſch Erſter Band. 199 In das Geſindebuch ſchrieb er: Entlaſſen wegen Unehrlichkeit, Putz⸗ ſucht und Arbeitsſcheu. Das iſt ſo in großen Umriſſen der eigentliche Verlauf der Geſchichte.“ „Wirklich merkwürdig— ganz famos, auf Ehre! Haben Sie das Buch mitgebracht, Baron?“ „Nein; aber eine von dem dortigen Landrath beglaubigte Ab⸗ ſchrift.“ d„Giebt's denn dort auch Landräthe?“ „Aber, lieber Freund, wie kann denn ein Land ohne Landräthe. beſtehen?“ 5 „Natürlich; aber es wäre doch beſſer, wenn wir das Buch ſelbſt hätten.“ „Vielleicht macht es ſich. Die Mönche ſind entſetzlich obſtinat; ich hatte ſchon vor, ſie alle mit Blauſäure zu vergiften. Wahrſchein⸗ ie lich thue ich das auch noch, wenn ich wieder in die Gegend komme. Bis dahin müſſen wir uns mit der Copie begnügen.“ „Hören Sie, Baron, können Sie mir nicht auch ſo eine Copie 6 geben? ich meine natürlich in deutſcher Ueberſetzung, nicht in brama⸗ ner putraiſch, oder wie der verdammte Jargon heißt.“ „Hm; aber verſprechen Sie mir, es Niemand zu zeigen.“ och „Verlaſſen Sie ſich d'raufl“ bei „Höchſtens Einem oder dem Andern aus unſerem Cirkel.“ „Das alſo darf ich?“ ter „Meinetwegen; aber nennen Sie meinen Namen nicht. Sagen ho Sie, es wäre eine bloße Hypotheſe von Ihnen—“ fe „Eine was?“ Dr⸗ „Eine bloße Vermuthung, die noch der Beſtätigung bedürfe; ptis wenn wir dann hernach das Original in die Hände bekommen, ſo rg iſt das Ihr Triumph und der Triumph der guten Sache zu gleicher den Zeit.“ G—* r u — 2 Problematiſche Naturen. vierundzwanzigſtes Capitel. Die Sommerſonne war bereits ſeit einer Stunde hinter den Bäumen des Parks untergegangen; dunkle Schatten lagerten ſich in den dichteren Boskets, hie und da zirpte noch ein Vogel, ehe er zur Ruhe das Köpfchen unter den Flügel ſteckte; ſonſt war es ſtill ge⸗ worden in dem vor kurzer Zeit noch ſo belebten Garten. Aber deſto lauter war es jetzt in dem Schloſſe. Das blendende Licht von hundert Wachskerzen auf Kronleuchtern und Girandolen ſtrahlte aus den Fenſtern auf den weiten Raſenplatz vor dem Gartenſaale. Muſik erſchallte aus den geöffneten Flügelthüren, und an Thüren und Fen⸗ ſtern vorüber ſahen die Dorfleute, die ſich in ehrfurchtsvoller Ferne im Park hielten, die Paare der Tanzenden ſchweben. In den Zim⸗ mern, die an den Tanzſaal ſtießen, waren für die älteren Herrſchaften Spieltiſche arrangirt, und des Grafen von Grieben kreiſchende Stimme wurde mehr als einmal vernommen, wenn der alte Baron Grenwitz, der nur ein ſehr mittelmäßiger Boſtonſpieler war, auf drei Aſſe zum Mitgang gepaßt, oder ſonſt durch ſeine Zaghaftigkeit verleitet, einen jener horribeln Fehler begangen hatte, die das Gemüth eines metho⸗ diſchen Spielers ſo ſchmerzlich berühren. Herr von Barnewitz und ſeine Gemahlin wechſelten im Spiele ab, damit ſtets eines von ihnen entweder bei den Tanzenden oder Spielenden war und ſich ſo jede Partei gleicher Gunſt erfreute. Hortenſe hatte urſprünglich den gan⸗ zen Ball mitmachen wollen; aber ſchon nach den beiden erſten Tän⸗ zen ärgerte ſie ſich ſo über die Huldigungen, die ihrer ſchönen Couſine von allen Seiten gezollt wurden, daß ſie ihrem Gemahl jenes Ar⸗ rangement vorſchlug, in welches er ſich um ſo williger ſchickte, als er trotz ſeiner Corpulenz gern und gut tanzte, und auf alle Fälle ein ſehr eifriger Bewunderer hübſcher Mädchen und Frauen in Balltoi⸗ lette war. Und an ſolchen fehlte es in dem Saale wahrlich nicht. Es war ein Kranz von lieblichen und ſchönen Geſtalten, der auch * — iſer vend. —„Sie zu Tiſch —— Heranügen haben, Erſter Band. 201 wohl ein ſinnigeres Auge, als das des wüſten Edelmannes entzückt haben würde. Die lieblichſte und ſchönſte aber war nach dem ausge⸗ ſprochenen oder ſchweigenden Urtheil aller Herren wenigſtens— die Anſicht der Damen über dieſen Punkt war allerdings ſehr getheilt— Melitta. Die ſonſt etwas bleichen Wangen vom lebhaften Tanz ge⸗ röthet, die großen Augen ſtrahlend von Licht und Leben, die ſchlanken elaſtiſchen Glieder der herrlichen Geſtalt mit wunderbarer Anmuth in rhythmiſchem Schwunge bewegend— ſo ſchwebte ſie über den glatten Boden des Saals wie die Muſe des Tanzes ſelbſt. Neben dieſer blendenden Erſcheinung wurden die hübſchen Frauen ihres Alters zu 1t Wachsfiguren und die jüngeren Mädchen zu allerliebſten Marionetten. So dachte wenigſtens Oswald, wenn er ſie im Walzer an ſich vor⸗ beifliegen ſah oder ſie ihm im Contretanze entgegen ſchwebte. Ein wunderbares Gemiſch widerſprechender Empfindungen erfüllte ſeine ie Seele. Seit jenem Augenblick, wo er in Melitta's Album das Bild des Baron Oldenburg zum erſten Mal geſehen hatte, war er unab⸗ läſſig von dem Gedanken verfolgt worden: in welchem Verhältniß ſtand ſie zu dieſem Mann? Aber ſo oft auch ſchon die Frage auf jer ſeinen Lippen geſchwebt hatte, nie hatte er ſie auszuſprechen gewagt, und je höher die Sonne ſeiner Liebe ſtieg, deſto blaſſer war der drv⸗ pch hende Schatten geworden. Heute aber hatte Barnewitzens Erzählung, bei das Erſcheinen des Mannes ſelbſt, Melitta's Benehmen in der erſten Begegnung— die halb entſchlafenen Zweifel furchtbar geweckt. Wie⸗ ter der drängte ſich das Wort auf ſeine Lippen, und immer wieder kroch ha es ſcheu zum Herzen zurück. Er zürnte Melitta, daß ſie ihm dieſe ft. Qualen dulden ließ; er zürnte ſich ſelbſt, daß er ſich von der Geliebk⸗ d' ten hatte beſtimmen laſſen, ihr in dieſe Geſellſchaft zu folgen, dieſe ſtis Junkerwelt, in die er nicht gehörte, in welcher er ſich nur geduldet hirg wußte, in dieſe Welt frivolen Genuſſes und hochmüthigen Dünkels, den dieſe lärmende, blendende Welt, die ſo grauſam mit der Romantik 4 ſeiner Liebe contraſtirte, und der wonnigen, liebeverklärten Waldein⸗ ſamkeit von Melitta's Kapelle Hohn zu ſprechen ſchien. Es kam ihm wie ein halb verklungenes Märchen vor, daß dies wunderbare Weib in ſeinen Armen geruht, daß er— wie oft ſchon! ſeinen Mund auf dieſ⸗ voſigen Lippen gedrückt hatte. Sie erſchien ihm ſo fremd, ſo 202 Prohlematiſche Naturen. ganz verwandelt; er konnte ſich nicht üherreden, daß dies Melitta ſei, ſeine Melitta, ſie, die hier mit dem jungen Breeſen lachte und ſchwatzte, die dort die faden Complimente von Clotens mit ſo huldvoller Miene beantwortete— und dann wieder, wenn ihr leuchtendes Auge das ſeine traf, wenn ihre Hand bei den Touren des Contretanzes ſeine Hand ſo traulich drückte, wenn bei dieſer Gelegenheit ein: ſüßes Herz! Du Lieber!— ihm nur vernehmbar geflüſtert, ſein Ohr traf— ja, dann war es doch wieder Melitta, ſeine Melitta... Und immer wieder jagten ſich Zweifel, die ſich zu wahnſinniger Angſt ſteigerten, und Gewißheit, die ihn mit unſäglichem Entzücken erfüllte, durch ſeine Seele, wie tiefdunkle Schatten und heller Sonnenſchein über eine Sommerlandſchaft jagen, und um dieſer ſüßen Qual, dieſer bittern Wonne zu entgehen, ſchlürfte er mit haſtigen, gierigen Zügen den berauſchenden Trank, der, aus blendenden Lichtern, jubelnden Tönen und wollüſtigen Düften ſo ſeltſam gemiſcht, in einem Ballſaal die Sinne der Tanzenden bis zum bacchantiſchen Taumel aufregt und das Gehirn umnebelt. Oswald lachte und ſcherzte wie von der tollſten Laune ergriffen: hier ein übermüthiges, keckes Wort, dort eine feine Schmeichelei; hier eine ſathriſche Bemerkung, dort eine Sentimentalität... Die Damen ſchienen vollkommen vergeſſen zu haben, daß ein ſo unermüdlicher und gewandter Tänzer, ein ſo hübſcher Mann, der ihnen ſo viele hübſche Sachen zu ſagen wußte, doch nur ein Bürgerlicher ſei, der auf alle dieſe Vorzüge eigentlich gar keinen Anſpruch machen durfte, und wenn ja eine der hochadligen Mütter dem Töchterchen ihr un⸗ paſſendes Benehmen mit dem jungen Menſchen, dem Doctor Stein, verwies, ſo fiel das goldene Wort diesmal auf ganz unfruchtbaren Boden und die hübſche Kleine beruhigte ihr aufgeſchrecktes adliges Gewiſſen mit dem tröſtlichen Gedanken: es iſt ja nur für heute Abend... Es ſteht ſehr zu vermuthen, daß das Glück, welches Oswald an dieſem Abend bei den Damen machte, mehr als ein junkerliches Gemüth auf das Tiefſte indign e; aber der Ausdruck dieſer feindſeligen Stimmung beſchränkte ſich auf einige höhniſche Worte, von denen aber keins bis zu Oswalde Dhr drang, und auf einige ärgerliche Blicke, die, wenn er ſie bem e, nur zur Erhöhung 207 rſter Band. Meranüaen haben, Sie zu Tiſch Erſter Band. 203 ſeiner tollen Laune beitrugen. Daß er ſich auf einem ſehr glatten Boden bewegte, wußte er ſehr gut; aber die Nähe der Gefahr, welche die ſchwachen Geiſter lähmt, läßt ſtarke Herzen nur deſto muthiger pochen: und das Bewußtſein, wie er ſich jeden Augenblick einer im⸗ pertinenten Beleidigung verſehen könne, gab ſeinem Benehmen den Junkern gegenüber eine Kühnheit, ſeinem Auftreten eine Sicherheit, die, wenn ſie einerſeits den Unwillen dieſer Herren herausforderte, andererſeits für ſie die Kluft zwiſchen Wollen und Vollbringen geradezu unüberſteiglich machte. Und übrigens muß zur Ehre dieſer jungen Adligen bemerkt werden, daß ſich in einer Schaar von zwölf oder vierzehn denn doch zwei oder drei fanden, welche von Vorurtheilen nicht ſo ſehr befangen waren, daß ſie Oswalds ritterliches Weſen nicht gern hätten gelten laſſen. So Herr von Langen, welcher ſeinen Arm vertraulich unter den Oswalds ſchob, und in der Pauſe mit ihm im Saale freundlich plaudernd auf⸗ und abſchritt; ſo der junge von Breeſen, der hübſcheſte und gewandteſte von der Schaar, welcher Oswald bat, ihm ein paar Lectionen im Piſtolenſchießen zu geben, und als ſeine Schweſter durch Unachtſamkeit eine Verwirrung im Tanz angerichtet hatte, zu ihm kam, ihn im Namen der jungen Dame um Entſchuldigung bat und ihn zu ihr führte, damit ſie ſich ſelbſt ent⸗ ſchuldigen könne; ſo endlich ſelbſtredend Baron Oldenburg, der die Tugenden Oswalds als Tänzer und Schütze gegen mehr als Einen bis in den Himmel erhob, wobei es nur nicht ganz erſichtlich war, ob er dies aus aufrichtiger Ueberzeugung oder mehr in der Abſicht that, ſeine jungen Standesgenoſſen gründlich zu ärgern. Dieſer dankbaren Aufgabe konnte er ſich mit um ſo größerem Behagen unterziehen, als er auf Herrn von Barnewitzens Frage, ob er ſpielen wolle, geantwortet hatte: ja, wenn Pharo geſpielt wird; und auf Lisbeths von Meyen Bemerkung, ob er denn nicht zu tanzen gedenke, geäußert hatte:„Meine Gnädige, in dieſem Augenblick be⸗ daure ich es zum erſten Male in meinem Leben, daß mich mein Tanz⸗ lehrer nie dahin bringen konnte, die erſte Poſition von der zweiten, und mein Muſiklehrer ebenſo wenig, einen Walzer von einem Choral zu unterſcheiden.“ So trieb er ſich denn bald zwiſchen den Spieltiſchen um⸗ her, und weckte den leicht erreglichen Zorn des Grafen von Grieben 204 Problematiſche Naturen. dadurch, daß er in alle Karten der Reihe nach ſe und Jedem guten oder vielmehr möglichſt ſchlechten Raih ertheilte; bald war er im Tanzſaal und ſchaute mit den Augen eines gutgelaunten Katers, der weiße und ſchwarze Mäuschen auf der Scheundiele munter ſpielen ſieht, auf die tanzenden Paare. In dieſer angenehmen Beſchäftigung ſtörte ihn Herr von Barnewitz, der eilfertig zur Thür des Tanzſaales hereinkam. „Oldenburg, da Du ja doch hier nichts zu thun haſt—“ „Nein, guter Freund, ich habe in der That hier nichts zu thun.“ „So komm mit hinauf in den Speiſeſaal und hilf mir beim Arrangiren der Plätze. Willſt Du?“ „Das Vertrauen, welches Du zu meinem organiſatoriſchen Talent haſt, ehrt mich hoch, mon ami,“ ſagte Oldenburg und folgte dem Voraneilenden über den Flur, die breite mit Teppichen belegte Treppe hinauf in den glänzend erleuchteten Speiſeſaal, wo die Bedienten eben mit der Herrichtung der Tafel fertig geworden waren. „Hier, Oldenburg, ſind die Zettel, alle ſchon ausgeſchrieben; nun ſage mir, ſollen wir—“ „Werthgeſchätzter,“ ſagte der Baron zu einem Bedienten,„könn⸗ ten Sie mir wohl, behufs der Entkorkung dieſer Flaſche, das paſſende Inſtrument beſorgen?— So, danke!— Festina lente, Barnewitz, auf deutſch: Du ſollſt dem Ochſen, der da driſcht, das Maul nicht verbinden. Auf Dein Wohl, mein Junge! dieſer Knabe Cliquot ge⸗ hört zu den tugendhafteren ſeines weit verbreiteten Geſchlechts. Wirklich genießbar,“ und dabei ſchlürfte er ein Glas nach dem andern. „So, jetzt ſtehe ich vorläufig zu Deinen Dienſten.— Stellen Sie die Flaſche dort auf den kleinen Tiſch, lieber Treſſenrock! es ſind noch ein paar Gläſer drin.— Gräfin von Grieben— Baron Oldenburg, Baronin von Nadelitz,— Biſt Du des Teufels, Barnewitz? ich ſoll zwiſchen den alten Schachteln zwei Stunden lang eingeklemmt ſitzen? lieber will ich mit aufwarten helfen! Nein! wir wollen die Sache ſo machen. Die ganze alte Litanei ſetzen wir an das eine Ende des Tiſches und das junge Deutſchland an das andere. Geh' Du mit Deiner Heerde von Widdern und Mutterſchafen nach Oſten, und ich will mit den Böcklein und Zicklein nach Weſten gehen.“ rſter Band. Erſter Band. 205 „Das wird wr ſind Deine Zettel.“ Die Bedienten hatten den Saal verlaſſen; fingen, jeder auf ſeinem Ende, an, die Zettel zu vertheilen. „Fräulein Klauß,“ ſagte Oldenburg, einen Zettel in die Höhe haltend;„wer, bei allen Olympiern, iſt Fräulein Klauß?“ auch das Beſte ſein,“ ſagte Barnewitz;„hier die beiden Herren „Unſere Erzieherin. Haſt Du ſie nicht bemerkt, Ding mit den hochverrätheriſchen Augen?“ ſagte Barnewitz, eifrig ſortirend.„Wir konnten ſie nicht in ihrer Kinderſtube laſſen— Herr des Himmels, da ſitzen ja ſchon wieder Mann und Frau zuſammen! — weil ſonſt eine Tänzerin zu wenig geweſen wäre. Du kannſt ſie mit dem Doctor Stein zuſammen ſetzen. Gleich und gleich geſellt ſich gern.“ „Schön,“ ſagte Oldenburg und grinſte. „Wer ſoll denn die Berkow führen?“ 6 „Zum Kuckuk, laß mich in Ruhe! Du meinetwegen!“ „Bon,“ ſagte Oldenburg und trank ein Glas Champagner. Nach einer kurzen Pauſe eifrigen Arrangirens: „Wer ſoll die Ehre haben, bei Deiner Frau zu ſitzen?“ „Heilige Kreuz— ja freilich, das iſt wichtig. Weißt Du was, Oldenburg, nimm den Unbedeutendſten; dagegen kann Niemand etwas einwenden.“ „Willß ſchon machen,“ ſagte Oldenburg und ſuchte unter den Zetteln, bis er den rechten gefunden hatte.„Dir will ich Deine un⸗ verbürgten e eintränken,“ murmelte er zwiſchen die Zähne. „Biſt Du fertig, Oldenburg?“ „Gleich— So!“ „Nun, weißt Du was, Baron, geh' Du in den Tanzſaal und ſage jedem Herrn, welche Dame er führen ſoll; ich will daſſ elbe bei den Spielern thun.“ „Ainsi soitil,“ lachte Oldenburg, dem Davoneilenden folgend. Als er in den Ballſaal trat, fing man ſo eben einen Contretanz zu arrangir an. Unmittelbar nach dieſem Tanze ſollte geſpeiſt werden. 2 das hübſche kleine Leraniaen hab en, Sie 3n Tiſch L ie Rer — 206 Problematiſche Naturen. „Die Gelegenheit iſt günſtig,“ murmelte er und ging, einem ſchwarzgefiederten langbeinigen Vogel zu vergleichen, der ſich auf der Wieſe Fröſche ſucht, mit wunderbarer Gravität hinter der Linie der Tanzenden hin, den ſchicklichen Moment benutzend, jedem der Herren den Namen der Dame, die er ihm zugetheilt hatte, in's Ohr zu flüſtern. Oswald tanzte mit Frau von Barnewitz, die in aller Eile für Fräulein Klauß eingetreten war, welche noch ſchnell eine Commiſ⸗ ſion in die Küchenregion auszurichten hatte, vis-vis Melitta und Herrn von Cloten. Oldenburg hatte ſchon ſämmtlichen Herren ihr Schickſal verkündet, das Allen mehr oder weniger günſtig zu ſein ſchien, denn Jeder nickte mit zufriedener Miene. Ganz zu allerletzt trat er zu Cloten und raunte ihm zu: „Cloten, ich habe Ihnen die Barnewitz gegeben.“ Dann zu Oswald:„Herr Doctor, Sie werden Frau von Ber⸗ kow führen.“ Darauf entfernte er ſich eiligſt. „Hortenſe,“ flüſterte der überglückliche Cloten dieſer Dame zu: „Weißt Du, wer Dich führen wird?“ „Doch nicht Du, Arthur?“ rief dieſe erſchreckend. „Ja, mein Engel.“ „Unmöglich, Arthur. Du gehſt gleich nachher zu Oldenburg und ſagſt, daß Du mich nicht haben willſt.“ „Aber—“ „St! nicht ſo laut— Du biſt ein Narr, ich ſage Dir, daß Bar⸗ newitz unſer Verhältniß mehr als ahnt, dies fehlte noch gerade.“ „Changez les dames!“ „Melitta, ich werde Dich zu Tiſch führen.“ „Unmöglich, Oswald. Du mußt das zu redreſſiren ſuchen.“ „Weshalb?“ flüſterte Oswald, und ſeine Augenbrauen zogen ſich zuſammen. „Sieh nicht ſo finſter aus, liebes Herz! Ich will Dir Alles erklären.“ Fräulein Klauß erſchien in dem Nebenzimmer. Sobald Olden⸗ burg ſie bemerkte, trat er auf ſie zu und ſeine hohe Geſtalt ehrfurchts⸗ voll neigend, ſagte er in einem Ton, deſſen Milde ſondurbar mit der ſonſtigen Herbheit ſeiner Rede contraſtirte: zu bur eine aus 207 „Mein Fräulein, ich werde das Vergnügen haben, Sie zu Tiſch zu führen.“ Die arme Kleine ſta nd wie vom Blitz getroffen. Baron Olden⸗ burg, der ſtolze, unheimgliche Baron, ſe zu Tiſche führen! Sbar fragenden Geſicht blickte ſie zu ihm auf. e Plätze ſelbſt arrangirt, mein Fräulein; wenn Sie Men Wunſch haben, ſprechen Sie ihn frank und frei de mich glücklich ſchätzen, Ihnen gefällig ſein zu können.“ „SMtt bewahre, Herr Baron—“ ch bien, nous voilä d'accord. Wollen Sie mir Ihren Arm ich ſehe, die Paare arrangiren ſich.“ n dieſem Augenblick kam Eloten athemlos herbei. luf ein Wort, Oldenburg.— Sie verzeihen, Fräulein.— Ol⸗ Sie müſſen mir eine andere Dame verſchaffen; ich kann Hortenſe führen.“ urquoi pas, mon cher?“ „Weil— zum Henker, weil—“ „Je suis au désespoire, mon brave, aber Barnewitz hat Sie lt vorgeſchlagen.“ „Iſt das gewiß? „Verlaſſen Sie ſich darauf.“ Mit vor Freude ſtrahlendem Geſicht eilte der Andere zu ſeiner e zurück. „Oswald,“ ſagte Melitta,„ich hab' mir's überlegt. Es iſt doch ſſer ſo— aber mit der Ausſicht auf den Cotillon iſt es vorbei en komm, gieb mir Deinen Arm und ſei wieder gut.“ Die älteren Herrſchaften waren zuerſt in den Speiſeſaal getreter d hatten ſich bereits hinter ihren Stüh len gereiht; die Geſellſcha s dem Tanzſaal kam hinterdrein. Herr von Barnewitz kam ft ſinen Augenblick von jener Seite herüber, zu ſehen, ob Alles in O'⸗ ung ſei. Seine Stirn verfinſterte ſich, als er ſeine Frau an Clotis . em, Melitta neben Oswald ſtehend bemerkte, und endlich Oldenhrg * Flbſt ſeine kleine Dame wie eine Prinzeß von Geblüt führend, üden aal trat. 208 Problematiſche Raturen. „Oldenburg, zum Teufel, was haſt Du denn da angerichtet, flüſterte Barnewitz heftig.„Ich will nicht, daß Cloten meine Frat führt, Sie reden ſchon genug über die Beiden.“ „Ja, lieber Freund, Du ſagteſt, ich ſollte den Unbedeutendſtet wählen; da war ja gar kein Zweifel möglich.“ „Und Melitta mit dem Doctor, Du mit der ja geradezu lächerlich.“ „Ja, Barnewitz, das iſt nun einmal geſchehen; und wun würdf Du mir einen ausnehmenden Gefallen erweiſen, wenn Du nicht de avouirteſt, was ich in Deinem Auftrage gethan habe, und Dichk an Deinen Platz verfügteſt; die Gräfin Grieben ſucht Dich mit ihren großen Eulenaugen.“ „Ich waſche meine Hände in Unſchuld,“ grollte Barnewitz, eilend. „Und ich will eine Flaſche Champagner auf meinen g Staatsſtreich trinken,“ grinſte Oldenburg, an der Seite da „ Erzieherin, gegenüber Oswald und Melitta, in unmittelbarer von Cloten und Hortenſe, Platz nehmend. 3 „Meine Damen und Herren,“ ſagte er;„ich hoffe, daß elhf mir in ein ſtilles begeiſtertes Hoch auf das Wohl des Mam ſtimmen werden, der Jedem von uns ſeinen Platz anwies, u während er nur das Gemeinwohl vor Augen zu haben ſchien die geheimen Wünſche jedes Einzelnen zu erfüllen wußte. JDa Ihnen zu bedenken, meine Damen und Herren, daß ein Mang Enthuſiasmus in dieſem feierlichen Augenblick nicht nur die Gbeſ jenes Mannes ſchmerzlich berühren, ſondern auch die Empfinduſti eines Ihrer Nächſten auf's Tiefſte verletzen würde, Ihres Näch en mindeſtens wie ſich ſelbſt zu lieben, Sie ſchon die Religion wh iebe verpflichtet, zu der wir uns ja Alle ohne Ausnahme bekenn oh deine Damen und Herren, trinken Sie mit mir auf das Wore Sres und meines beſten Freundes, auf das Wohl Adalberts vo⸗ Henburg.“ Man kann ſich denken, daß, ſo weit als des Barons mäßig ſ holne Stimme ſchallte, Wenige Luſt hatten und Niemand es wo erichtet, ne Frau tendſten Erſter Band. 209 ſich von dieſem ironiſchen Toaſt auszuſchließen.. Die kryſtallenen Gläſer klangen aneinander, und bald flackerte eine lebhafte Unter⸗ haltung um den ganzen Tiſch herum auf, wie das Feuer in einem Haufen Stroh, der an allen Ecken und Enden zugleich angezündet iſt; jene ſchwirrende, ſummende, kichernde, lachende, lärmende, flüſternde Unterhaltung, wo der geiſtreichſte Einfall und die albernſte Bemerkung zuletzt als gleich werthvolle oder werthloſe Münze courſiren. „Achte auf Deine Augen, Oswald,“ ſagte Melitta, in jener ra⸗ piden Weiſe, wo die Rede ſich kaum vom Hanch unterſcheidet und doch jede Sylbe deutlich gehört wird.—„Deine holden Liebesbriefe werden von profanen Augen unterwegs aufgefangen, erbrochen und geleſen.“ Von Cloten hatte Hortenſe vergeblich zu überreden geſucht, es ſei ihres Gemahles eigener Wunſch geweſen, daß er ſie zu Tiſche führe. „Sei doch nicht ſo einfältig, Arthur,“ ſagte die junge Frau. „Es iſt eine Intrigue von Oldenburg, verlaß Dich darauf. Haſt Du je mit Oldenburg über mich geſprochen?“ „Nein, Hortenſe— parole d'honneur.“ „Ich bin überzeugt, Du haſt es gethan; Du wirſt mich noch unglücklich machen mit Deiner alberen Schwatzhaftigkeit.“ „Aber, Hortenſe—“ „Still, Oldenburg beobachtet uns fortwährend.“ „Cloten!“ rief der Baron. „Was? Baron!“ „Wollen Sie in dieſem Herbſt mit mir nach Italien reiſen? Sie wiſſen, in der bewußten Angelegenheit.“ „Ginge raſend gerne mit, Baron; aber Sie wiſſen, tauſend Gründe dagegen; erſtens Jagd, zweitens Pferderennen, drittens haſſe Reiſen, viertens verſtehe kein Wort italieniſch.“ Rln, das iſt das Wenigſte. Was man nothwendig wiſſen muß, beſchränkt ſich auf Si Signore, Anima mia dolce, das Andere läßt man ſich von den Fiſchern ſagen.“ Von Cloten errithete bis in die Stirn hinauf, denn, wie Olden⸗ burg dieſe Worte lahend ſprach, fühlte er Hortenſens Fuß auf dem Fr. Spielhagen's Werke 1. 14 Problematiſche Naturen. ſeinen und hörte ihre von inneren Thränen faſt erſtickte Stimme: „Siehſt Du, Arthur; habe ich es nicht geſagt?“ Auch Melitta, die, ſeitdem ſie den Baron ſich gerade gegenüber ſah, ſehr ſtill geworden war, ſchien über dieſe Bemerkung ſichtlich be⸗ troffen. Sie ſenkte plötzlich die langen Wimpern, wie wenn ſie ver⸗ bergen wollte, was jetzt in ihrer Seele vorging. „Ich rufe Sie zum Zeugen auf, gnädige Frau,“ rief Oldenburg. „Hat Ihnen Ihr Italieniſch viel genützt?“ „Im Gegentheil,“ ſagte Melitta, und ihre dunklen Augen flamm⸗ ten auf;„ich habe ſo nur manches falſche, lügneriſche Wort mit an⸗ hören müſſen, das mir ſonſt unverſtändlich geblieben wäre.“ „Ja, ja, die Italiener lügen viel,“ lachte der Baron. „Sagen wir lieber, es wird in Italien viel gelogen,“ replicirte Melitta. „Zum zweiten Mal abgefallen,“ murmelte der Baron.„Das Weib iſt noch immer ſchön wie ein Engel und klug wie die Schlange. Ja, ſie iſt ſchöner, als früher. Ihre Augen ſind noch größer und leuchtender, ihre Schultern noch runder; ihre Stimme iſt noch weicher und wohllautender— und das Alles in majorem Pei Gloriam, das heißt, dem hübſchen Fant an ihrer Seite zu Liebe! Hm!— Herr, Doctor, wollen Sie mir die Ehre erweiſen, ein Glas Champagner mit mir zu trinken? Ich dächte, es läge eine Wolke auf Ihrer Stirn. Verſcheuchen Sie dieſelbe. Sie wiſſen: dulce est decipere in loco.“ „Was für eine verzweifelte Sprache iſt denn das nun wieder, Baron?“ rief von Cloten. „Platt⸗bramaputraiſch, mon cher. Auf Ihr Wohl, Cloten!“ Je mehr ſich die Mahlzeit ihrem Ende nahte, und je ſchneller ſich die von den Bedienten ſtets wieder gefüllten Champagnergläſer leerten, deſto lärmender und wüſter wurde die Unterhaltung, ſo daß ſelbſt die Stimme des Grafen Grieben, die man bisher wie das Kreiſchen eines großen Papagei's in einer Menagerie immer durch⸗ gehört hatte, übertönt wurde. Der dünne Firniß äußerlicher Cultur, aus welchem die ganze ſogenannte Bildung dieſer bevorrechtigten Klaſſe beſtand, begann von den Strömen Weires, die unaufhörlich Erſter Band. floſſen, in einer erſchreckenden Weiſe heruntergeſpült zu werden, und die nackte, troſtlos dürftige Natur kam überall zum Vorſchein. Die jungen Herren erzählten den jungen Damen ihre Abenteuer auf der Jagd, bei den Pferderennen, ihre Heldenthaten während ihrer militä⸗ riſchen Dienſtzeit, oder gefielen ſich in Unterhaltungen, die ſcherzhaft und galant ſein ſollten, und die für jedes feinere weibliche Gemüth einfach plump und zweideutig waren. Indeſſen ſchienen die jungen Damen leider an dieſe Sorte Unterhaltung viel zu ſehr gewohnt zu ſein, als daß dieſelbe irgend einen unangenehmen Eindruck auf ſie hätte hervorbringen können. Im Gegentheil, ſie ließen ſich ein Glas Champagner nach dem andern aufnöthigen, ſie wollten ſich todtlachen über die reizenden Einfälle der jungen Herren, beſonders des jungen Grafen Grieben, eines ſehr langen, ſehr dünnen und ſehr blonden Jünglings, deſſen Erſcheinung flüchtig an eine Giraffe erinnerte, und der, wenn er, wie diesmal, nicht in unmittelbarer Nähe Oldenburg's ſich befand, gern den ſtarken Geiſt ſpielte und eine gewiſſe Autorität über ſeine Kameraden ausübte. Oldenburg ſelbſt ſchien entweder ein feuriger Verehrer des Gottes Bacchus zu ſein, oder ein ganz be⸗ ſonderes Vergnügen darin zu finden, den bacchantiſchen Taumel um ſich her gefliſſentlich zu vermehren; denn er trank und ſprach un⸗ aufhörlich und forderte die Andern unausgeſetzt zum Trinken auf. Beſonders hatte er dabei von Cloten im Auge, der im Anfang der Mahlzeit, durch Hortenſe's Vorwürfe aufgeſchreckt, ſehr ſtill und verlegen geweſen war, kaum aber eine Flaſche getrunken hatte, als er die ſchönen Vorſichtsmaßregeln, die ihm ſeine Geliebte in aller Eile für dieſen kritiſchen Fall gegeben, vergaß, und ihre abwehren⸗ den Blicke mit deſto feurigeren, und ihr geflüſtertes:„Aber Arthur, nimm Dich doch zuſammen;“ mit einem faſt hörbaren:„Aber, Kind, was willſt Du nur? es achtet kein Menſch auf uns,“ beant⸗ wortete. Ja, der junge Edelmann trieb die Unvorſichtigkeit ſo weit, bei einer Gelegenheit, unter dem Vorwande ein Tuch aufzuheben, Hortenſe's herabhängende Hand zu küſſen, ein andermal ihr Glas ulit dem ſeinen zu vertauſchen; mit einem Worte, er benahm ſich ſo, daß, wer das Verhältniß der Beiden noch nicht kannte, es heute 14* 212 das iſt ja ſonnenklar.“ Problematiſche Naturen. Abend kennen lernen, und wer es ahnte, in ſeinem Verdacht beſtätigt werden mußte. „Ich werde ſogleich nach Tiſche fahren, Oswald,“ ſagte Melitta zu dieſem, der in der letzten Viertelſtunde ſich faſt nur mit Emilie von Breeſen, ſeiner Nachbarin auf der andern Seite, unterhalten hatte. „Ich wollte, Du wärſt gar nicht gekommen, oder hätteſt mich zu Hauſe gelaſſen,“ ſagte der junge Mann bitter. „Schilt mich nur noch,“ ſagte Melitta und ſchmerzlich zuckte es um den reizenden Mund.„Ach, ich wollte, ich könnte Dich mitnehmen— für jetzt und für immer.“ „Hoffentlich erlaubt es Baron Oldenburg,“ antwortete Oswald, der bemerkte, wie die grauen Augen des Barons, während er ſich lebhaft mit dem kleinen Fräulein Klauß unterhielt, unausgeſetzt Me⸗ litta und ihn ſelbſt beobachteten. Melitta antwortete nicht, aber die Thräne, die plötzlich an ihren dunklen Wimpern erglänzte und die ſie mit einer ſchnellen Bewegung ihres feinen Taſchentuchs ſogleich trocknete, war Antwort genug. „Verzeih' mir, Melitta,“ murmelte Oswald,„aber ich bin ſehr unglücklich.“ „Ich bin es nicht minder, vielleicht noch mehr— und darum gerade möchte ich, daß Du ganz glücklich wäreſt, wünſchte ich, könnte Dich ganz glücklich machen.“ „Du kannſt es durch ein Wort!“ Was iſt es, Oswald?“ „Sage, daß Du mich liebſt.“ „Oswald; ſo fragt die Liebe nicht, ſo fragt die Eiferſucht.“ 4 „Giebt es eine Liebe ohne Eiferſucht?“ „Ja, die echte Liebe, die nichts fürchtet, und Alles glaubt.“ „So wäre meine Liebe nicht die echte? Freilich, wie können wir, die wir nicht von Adel ſind, auch Anſpruch auf irgend etwas Echtes machen! Unſere Mütter und Schweſtern tragen böhmiſches Glas ſtatt Diamanten, wir ſelbſt haben keine echte Ehre, keine echte Liebe— 1 Erſter Band. . Wenn Oswald, indem er dieſe wahnſinnigen Worte ſprach, in Melitta's Herz hätte ſehen können, ja, wenn er nur einen Blick in ihr Geſicht geworfen hätte, er würde vor Scham haben vergehen müſſen. Melitta antwortete nicht; ſie weinte auch nicht, ſie blickte nur ſtarr vor ſich hin, als könne ſie das Ungeheure nicht begreifen, daß die Hand, die zu küſſen ſie ſich niederbeugte, ſie in's Antlitz geſchlagen, . daß der Fuß, den mit Narden zu ſalben, ſie niedergekniet war, ſie grauſam zurückgeſtoßen habe... Wie hatte ſie ſich gefreut auf dieſen Abend, wie ſchön hatte ſie es ſich gedacht, mitten im Lärm der Ge⸗ ſellſchaft allein zu ſein mit dem Geliebten, ſeinen Worten zu lauſchen, ſeine Hand verſtohlen zu drücken, und während hübſche Frauen und reizende Mädchen mit ihm coquettirten, in ſeinen Angen zu leſen: Ich liebe doch nur Dich, Melitta! Und über dieſen Abend hinaus hatte eine roſige Zukunft ſich vor ihren Blicken aufgethan— ein Land der Hoffnung— nicht in deutlichen Umriſſen, aber voll Ruhe und Liebe und Sonnenſchein... Aber da hatte ſich ihre Vergangenheit herangewälzt, wie ein grauer giftiger Nebel, und hatte das ſonnige Land der Zukunft immer dichter und dichter verſchleiert... Und jetzt „ erſchien ihr durch den giftigen Nebel das Antlitz des Geliebten wie von Haß verzerrt, und ſeine Stimme drang ſeltſam fremd zu ihrem Ohr. War das ſein Antlitz? war das ſeine Stimme, die jetzt die Worte ſprach:„Gnädige Frau, man hebt die Tafel auf, darf ich um Ihren Arm bitten?“ Während ſie in den Reihen der Uebrigen die Treppe hinunter⸗ ſchritten, ſprach Melitta kein Wort; auch Oswald nicht. Als ſie unten im Saale angekommen waren, verbeugte er ſich tief vor ihr, und als er den Kopf hob, ſchaute er auf einen Augenblick in ihr Antlitz. Er ſah, wie ſchmerzlich es um ihre Lippen zuckte; er ſah, welch' rührende Klage aus ihren großen dunklen Augen ſprach— aber ſein Herz war verſchloſſen, und er wandte ſich zu einer Gruppe Mädchen und Herren, die das abgebrochene übermüthige Tiſchgeſtach noch eine Weile fortſetzen zu wollen ſchien. Melitta ſah ihm noch für einen Moment nach, ſah, wie die hübſche Emilie von Breeſen ſich lebhaft zu ihm wandte, wie er ihr mit einem Scherze entgegen⸗ Problematiſche Naturen. * trat, ſie lachend etwas erwiederte und ihn mit ihrem Fächer auf den Arm ſchlug. Weiter ſah ſie nichts mehr; als ſie ſich wiederfand, ſaß ſie in der Ecke ihres Wagens. Auf die Bäume und Hecken an der Wegſeite, die an dem Fenſter vorübertanzten, fiel das helle Licht aus den Laternen, aber Melitta ſah Alles nur wie durch einen Nebelflor, denn ihr Herz und ihre Augen waren voll Thränen. Farbkarte 613 B. /. G.