Leihbiblivthek er, e gliſche zöſiſch Literatur Cduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. „ eih und eſebedingungen. 1 offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von iedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 unnn Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus vezahlt werden und beträgt: für whentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „ 3„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer tit Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden varf indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 3 3 3 ————,——— ve— — — Die Eroberung von Coulouſe. Eine hiſtoriſche Novelle von Aus dem Franzoͤſiſchen übertragen. —— Leipzig. Robert Binder. 1842. I. Emng hundert Schritte vom Flecken Mirepoix erhebt ſich am jenſeitigen Ufer des Llers, der das ſchöne reiche Thal von Mi⸗ repoix bis Pamiers faſt in ſeiner ganzen Laͤnge durchſtroͤmt, ein Hügel, der nicht nur den kleinen Fluß, ſondern auch die dem⸗ ſelben parallellaufende Straße nach Caſtelnaudary beherrſcht. Auf dem zweiten Drittheile der Hoͤhe dieſes Huͤgels erhob ſich ein Schloß, deſſen Ruinen noch jetzt ſichtbar ſind. An die Bergwand gelehnt zog es ſich bis zum Gipfel hinauf und kroͤnte dieſen mit vier weit⸗ hin ſichtbaren Thuͤrmen. Die Bauart dieſer achtunggebietenden Veſten, wo ſich die Vaſallen der damaligen Zeit einſchloſſen, bot mit ihren weiten Raͤumen des Bizarren zu viel, als daß wir nicht unſeren Leſern ein Bild davon entwerfen müßten. Die aͤußerſten Mauern gingen anfangs parallel mit dem Huͤ⸗ gel auf einer dreihundert Fuß hohen Fagade und ſtiegen bis zu einer ungeheueren Höhe, zogen ſich dann mittelſt Seitenmauern wieder nach dem Huͤgel zuruͤck und behielten zwar immer ein glei⸗ ches Niveau der einzelnen Theile, aber nicht uͤberall gleiche Hoͤhe, je nachdem der Boden, auf dem ſie errichtet waren, anſtieg oder abfiel, ſo daß ſie unmittelbar vor der kleinen Plateforme, auf wel⸗ cher die vorgedachten vier Thuͤrme ſtanden, nicht höher als unge⸗ faͤhr zwanzig Fuß waren. Auf dieſe Art mußte natuͤrlich ein großes Stück abgedachter Ebene mit in dem Bereiche der Mauern liegen. Trat man zur Seite der Fagade in das Burgbereich, alſo da, wo der Hügel ſich am meiſten ſenkte, und die Mauer demnach am höchſten 1*. ——— ScE ee e 4 ſein mußte, ſo kam man durch die mit einem doppelten Fallgatter geſchuͤtzte Ausfallthuͤre auf einen weiten Raum, durch den ſich zwiſchen alten Eichen und ungeheuren Eſchen ein Pfad ſchlaͤngelte. Zu beiden Seiten dieſes Weges zogen ſich ungefaͤhr ein halbes Dutzend kleiner Haͤuschen, Scheuern und Ställe hin, wo die Dienerſchaft des großen Vaſallen untergebracht war, denen die Sorge fuͤr das Zuchtvieh oblag; das Uebrige blieb wuͤſt liegen, bis auf einen geeb⸗ neten und feſtgetretenen Raum, der zum Spiel- und Uebungsplatze für die Schloßbewohner diente. Der unterſte Theil der Ringmauer diente zum Marſtall fuͤr die zahlloſen Roſſe des Burgherrn, ſeiner Reiſigen und der Gäſte, wie zahlreich dieſe auch in die Burg ein⸗ ziehen mochten. Nach einer Wendung führte die Allee zu einer zweiten Mauer, welche den ungeheuren Raum in ſeiner ganzen Breite durchſchnitt und ſich mit ihren Endpuncten an die beiden Seiten⸗ mauern anſchloß. Da jedoch dieſe zweite Mauer weit hoͤher lag als die erſte, ſo war ihr Erdgeſchoß in gleichem Niveau mit dem zwei⸗ ten Stockwerke der letzteren. Dieſer unermeßliche Raum war im Mittelpuncte zu einem rieſigen viereckigen Thurme benutzt, an deſſen rechte Seite ſich ein ungeheurer Waffenſaal, an deſſen linke eine Capelle lehnte, die in unſeren Tagen eine ſchon anſehnliche Dorfkirche ſein wuͤrde. Die Treppe, welche einen Theil des Thur⸗ mes einnahm, führte in die oberen Stockwerke, wo die dem Schloß⸗ herrn ſchon naͤherſtehenden Hausbeamten, wie der Zahlmeiſter, der Waffenſchmied, der Kellermeiſter, der Falkenirer und alle die Söldner wohnten, welche ſich um das Banner eines Burgherrn damals ſchaarten, ihren regelmäßigen Sold von dieſem bezogen, aber ihre eignen Pferde und Waffen und außerdem wohl noch zwei oder drei Knappen zu ihrem eignen Dienſte hatten. Hinter dieſem Ge⸗ bäude fand man wieder einen freien, aber ſorglicher gepflegten, mit Blumen und Fruchtbäumen bepflanzten Raum, an deſſen Ende wieder andere Bauwerke den nackten Felſen hinankletterten, welche das eigentliche Schloß bildeten. Hier waren die Hallen an einigen Stellen in den Felſen hineingehauen, ein Labyrinth von Gaͤngen und Treppen führte in die Hoͤhe und mündete ſich auf einmal auf einen weiten mit einer üppigen Vegetation bedeckten und von 3 5 anderen Gebäuden eingeſchloſſenen Platz aus. Immer noch fuͤhrte der Weg bergan und erreichte endlich die von der Natur geſchaffenen Terraſſen, welche den hoͤchſten Punct der äußeren Befeſtigungen und zugleich den Grund des letzten Bauwerkes dieſer auf einander ſtu⸗ fenweiſe gethuͤrmten Steinmaſſen bildeten; aber das war noch nicht Alles, denn hinter dieſen Bollwerken gelangte man auf die Plate⸗ forme, wo die vier Thuͤrme gaͤnzlich iſolirt ſtanden und die Citadelle des ganzen Schloſſes bildeten. Hier war rings um den Felſen ein Graben eingehauen, der, obgleich ohne Waſſer, dem Eindringlinge immer noch bedeutende Schwierigkeiten in den Weg legte; denn eine einzige Zugbruͤcke mit einem ſchmalen und niedrigen Pfoͤrtchen ge⸗ ſtattete den Eintritt in die Citadelle. Hier waren in ungeheueren Räumen und Hallen, welche die einzelnen Thuͤrme mit einander in Verbindung ſetzten, alle Mittel eines verzweifelten Vertheidigungs⸗ kampfes aufgeſtapelt, Wurfgeſchoſſe aller Art, Oelſchlaͤuche, Maſſen von Pech, um die Angreifenden mit ſiedender Gluth zu uͤberſtroͤmen, ein ungeheurer Vorrath an Getreide, Futter, geſalzenem Fleiſche, Wein, Holz in großen Bloͤcken, und endlich an der geheimſten ver⸗ borgenſten Stelle das Geld, Geſchmeide und der Waffenſchmuck. So eine Veſte, welche von keiner anderen beherrſcht wurde, wuͤrde noch in unſeren Tagen für ſchwer einnehmbar gelten, wie viel größer mußte ihre Wichtigkeit in Zeiten ſein, wo die Eroberung eines Platzes dadurch nur moͤglich wurde, daß die Mauerbrecher mit den Mauern Stirn gegen Stirn kaͤmpften. Außer ſeiner künſtlichen Stärke zog das Schloß noch durch ſeine Lage außerordentlichen Vortheil, denn es beherrſchte, wie wir geſehen haben, die Straße von Caſtelnaudary nach Mirepoix und von da nach Foix. Das ganze reiche Thal, das ſich zu ſeinen Fuͤßen hinzog, war in ſeiner Gewalt, und auf ein Wort des Burgherrn brachen zwanzig Reiſige hervor und raubten in einer oder zwei Stunden die Heerden der Ebene. Binnen gleicher Zeit mähten die Maͤher von den reichſten Wieſen das Futter fuͤr die Roſſe ihres Herrn, und verſprach der Reiſende durch ſein Aeußeres auch nur die geringſte Beute, ſo konnte er ſchwerlich der Raubſucht der Schloß⸗ mannſchaft entgehen. Der Ringmauer gegenuber befand ſich eine Fähre, „ 6 und waͤhrend des Winters und Fruͤhjahrs war dieſe das einzige Communicationsmittel zwiſchen Schloß und Dorfz oft ſchon hatten die Mönche von St. Maurice dieſe durch eine Bruͤcke erſetzen wol⸗ len, da ſie aber zugleich den Brückenzoll fuͤr ſich in Anſpruch nah⸗ men, und das Faͤhrgeld eine der eintraͤglichſten Revenüen der Burg⸗ herren bildete, hatten dieſe niemals darein gewilligt. Im Sommer lag der Fluß faſt immer trocken, und die Fahre kam nicht in Ge⸗ brauch; deſſenungeachtet aber wurde von allen Reiſenden, Kaufleuten das Faͤhrgeld erhoben, wenn auch die Fähre auf dem trocknen Sande lag. Dies machte wieder eine unausgeſetzte Wachſamkeit von Seiten der Burgherren nothwendig, und zu dieſem Behufe erbauten ſie am ufer einen kleinen Thurm, wo der Faͤhrmann mit den Seinigen wohnte, einer ſechzehnjaͤhrigen Tochter und zwei Soͤhnen, ein Paar kraͤftigen, gewandten Burſchen von zwanzig bis zwei und zwanzig Jahren, die Tag und Nacht denen, welche das Faͤhrgeld erſparen wollten, auf den Ferſen waren. Das Schloß ſelbſt gehörte einem Herrn von Terride, dem gefürchteteſten Vaſallen in Languedoc. An einem Maiabend des Jahres 1217, wo der Llers von dem im Gebirge geſchmolzenen Schnee ziemlich angeſchwollen war, hatten die Bruͤder Robin und Gauthier die Faͤhre am Fuße des Thurmes feſtgemacht und gingen mit ihrem Vater zu einem ſchon des Morgens verabredeten Stelldichein, denn zu ſo ſpäter Stunde konnte Niemand mehr uͤber den Fluß wollen, und Guilellmeta ſollte den Thurm bewachen. Da tönt vom jenſeitigen Ufer ein Horn, das nach der Faͤhre ruft. Das Mädchen hoͤrt es, geht an eins der hoͤchſten Fenſter des Thurmes, erkannte den Mann, von dem das Zeichen kam, und rief:„Es iſt zu ſpaͤt, Herr Guy von Levis, Ihr koͤnnt heut Abend nicht über den Fluß, denn ich bin allein hier.“ „Ei, mein Schaͤtzſchen,“ erwiederte der in der Daͤmmerung noch erkennbare Mann am anderen Ufer,„ ich habe Dich die Faͤhre ſchon bei höherem Waſſerſtande heruͤberbringen ſehen, und willſt Du mich nicht hinuͤberbringen, ſo thuſt Du mir es nur zum Poſſen.“ 7 „Nicht zum Poſſen, aber Vater und Bruͤder haben mir es verboten.“ „Du biſt ja heute ein recht folgſames Kind, Guilellmeta; ſag' einmal, gehſt Du denn auch nur aus Gehorſam gegen Deinen Vater und Deine Bruͤder unter den Weiden mit dem Mohren Ben Uled ſpazieren?“ „Das lügt Ihr,“ entgegnete Guilellmeta,„ich bin eine gute Chriſtin und nicht die Geliebte eines Mannes von des Satans Farbe, der wohl auch mit zu ſeinen Spießgeſellen gehoͤrt.“ „Nu, nu,“ rief Guy von Levis,„vielleicht iſt er mehr Teufel noch als ſchwarz; denn mir iſt es, als wenn ihm einſt nach einem Kampfe mit einem meiner guten Bourguignons der Schweiß, der von ſeiner Stirn troff, auch etwas Schwaͤrze mit weggenommen haͤtte, und ich auch ein Bischen von ſeinem Roggenbrodteint an Deinen roſi⸗ gen Lippen bemerkt haͤtte.“ „Ihr ſeid doch immer derſelbe, Herr Guy, Eure Liebe für unſer gnädiges Fraͤulein hat Euch ſo verblendet, daß Ihr alle Welt für eben ſo verliebt haltet.“ „Und das,“ entgegnete Guy,„ungeachtet der Farbe, unter welcher ſich der verbirgt, deſſen wahren Namen ich Dir ſchon ſagen will, ſelbſt auf die Gefahr hin, daß ihn der Wind bis auf das Schloß fuhre, wenn Du nicht gleich mich und mein Gefolge uberfaͤhrſt.“ „Euch allein,“ erwiederte Guilelmeta,„und höchſtens noch einen Pagen und Stallmeiſter.“ „Mach' nur, mein Gefolge macht kein junges Maͤdchen zu furch⸗ ten, und vielleicht findeſt Du etwas unter meinen Sachen, das Dich freundlicher ſtimmt.“ Guy von Levis, bekannt unter dem Namen des Marſchalls de la Foix, war eben ſo ſehr wegen ſeiner Freigebigkeit, als wegen ſeiner Tapferkeit beruͤhmt, und moͤge nun die erſtere, oder die Furcht vor dem Verrath ihres Geheimniſſes, von dem der tapfere Kreuzbruder Simons von Montfort geſprochen hatte, der Beweg⸗ grund geweſen ſein, kurz, Guilellmeta kam aus dem Thurme heraus, machte die Faͤhre los und war bald an dem jenſeitigen Uferz SaEn Seüce6eS ——————— ———— 8 kaum hatte die Barke dieſes erreicht, ſo ſprang der Herr von Levis hinein und befahl einem Stallmeiſter, die Maulthiere und Kauf⸗ leute mit hereinzuſchaffen. Ein kraͤftiger Stoß Guilellmeta's entfernte jedoch die Faͤhre ſchnell vom Ufer, und„mein gnaͤdiger Herr,“ verſetzte ſie,„alle die Leute nehme ich nicht mit; Ihr ſeid noch nie mit ſo zahlreichem Gefolge gekommen, und wir armen Provengalen kennen die Ver⸗ räthereien der Franzoſen zu gut, als daß ich den ganzen Troß von Leuten und Pferden mit auf die Faͤhre nehme.“ „He, Roland!“ rief der Marſchall einem Stallmeiſter zu,„nimm einmal einen Pack von unſeren Kleppern und wirf ihn in die Faͤhre, damit das Mädchen ſieht, was fur gefaͤhrliche Waffen drinnen ſind.“ Schnell war der Befehl vollzogen, und Guy ſelbſt ſchnitt mit ſeinem Dolche den Ballen auf, der nichts als goldgeſtickte Hand⸗ ſchuhe, ſeidene Schaͤrpen, Purpur- und Seidenſtoffe enthielt. Waͤh⸗ rend das Maͤdchen ſich noch uͤber den Ballen bog und im Anſchauen der herrlichen Dinge verloren war, zückte Guy den Dolch auf ſie, als wollte er ſie ermorden, ſetzte aber ab, als ſie ſich umdrehte, und hielt ihr eine Purpurſchärpe entgegen, indem er mit einem gegen des Maͤdchens Freude uͤber alle die Koſtbarkeiten ſeltſam abſtechenden, traurigen Tone hinzufuͤgte:„Ja, ja, gefaͤhrliche Waffen ſeid ihr, denn ohne euch wuͤrde mich mit meinem Troß und Kriegsgeſchoſſen die Burg nimmermehr aufnehmen; ihr ſollt für die Graͤfin Signis und Fräulein Ermeſſinde gefaͤhrlichere Waffen ſein, als alle Helme von Pavia und Waffenroͤcke von Utrecht für den alten Herrn von Terride.“ Guy heftete einen Blick auf das Maͤdchen, nahm die Schaͤrpe und ſagte mit ſchmeichelndem Laͤcheln:„Nicht, wenn wir ſie tragen, iſt ſie gefaͤhrlich, nein, nur wenn ſie ſich um den Hals eines Maͤd⸗ chens mit ſchwarzen Feueraugen, wie du biſt, ſchlingt,“ und dabei band er ſie ihr um den ſchönen Hals, während das Maͤdchen ver⸗ legen, aber entzuͤckt erwiederte:„Solcher Schmuck paßt nicht fuͤr unſereins.“ „Behalte ſie,“ verſetzte Guy von Levis, und hielt ihr die Hände, als ſie die Schaͤrpe wieder losbinden wollte, ergriff darauf ſchnell * * 9 ihre beiden Enden, zog ſie feſt zuſammen und ſchnürte dem Maͤd⸗ chen den Hals mit ſolcher Gewalt zu, daß ſie nur noch einen er⸗ ſtickten Wehlaut hervorbringen konnte, und in demſelben Augen⸗ blick, wo ſie mit der Hand nach dem Halſe fuhr, um ſich von der fürchterlichen Feſſel zu befreien, ſtürzte er ſie in den Strom. „Macht ſchnell,“ rief jetzt der Ritter ſeinen Leuten am Ufer zu, „die Fähre iſt frei.“ Menſchen und Maulthiere wurden nun ſchnell in die Faͤhre geſchafft, und der Knappe, den wir vorhin hatten Roland nennen hoͤren, ſagte zu dem Herrn von Levis: „Ich fürchtete ſchon, Ihr wuͤrdet gegen Eueren Schwur, den Ihr dem Abte von St. Maurice geleiſtet habt, Menſchenblut ver⸗ gießen, ehe Ihr in das Schloß kommt.“ „Dann würde mir der heilige Legat Peter von Benevent auch Abſolution ertheilt haben,“ entgegnete der Ritter;„mein Bedenken war, das Maͤdchen möchte einen Schrei im Todeskampfe ausſtoßen und dadurch die Wache am Ausfallpfoͤrtchen aufmerkſam machen; ſo aber habe ich den Erfolg meines Unternehmens geſichert und dabei doch mein Wort gehalten.“ „Gelobt ſei Gott, gelobt ſei Gott,“ erwiederte Roland,„daß er uns dieſe herrliche Liſt eingegeben; es bewies wieder, daß er alle Unternehmungen der ihm geweihten Streiter beguͤnſtigt.“ Bei dieſen Worten verduͤſterte ſich die Stirne des Ritters, der wohl nicht ſo ſicher in ſeiner Ueberzeugung ſein mochte. Eine Minute darauf waren ſie am jenſeitigen Ufer angelangt, und nach zwei ſchnellen Ueberfahrten zogen bald nachher ungefähr zwanzig Roſſe und Reiſige am Fuße des Schloſſes hin und bogen ſachte von der Landſtraße in den nach der Ausfallpforte fuͤhrenden Weg ein. Hier zeigte ſich Guy nicht etwa allein, wie bei der Fähre, verlangte auch keinen Einlaß, ſondern ſagte nur zu der Wache: „Credo, ich bringe hier eine gute Beute auf das Schloß Terride's; koſtbare Waaren, welche aragoniſche Kaufleute bis nach Toulouſe brachten, und wenn die Edeldamen der Burg das Reichſte und Beſte ſich werden ausgeſucht haben, ſoll das Uebrige unter die Mannſchaft der Burg vertheilt werden.“ 10 „Habt Ihr gute Buͤffelkoller? denn unſere ſind ſo l daß der Harniſch uns guf dem bloſen Leibe ſitzt.“ „Alles, was Maͤnner und Weiber brauchen koͤnnen, haben wir, ich habe ſchon die huͤbſche Guilellmeta mit meiner ſchönſten Schaͤrpe geſchmuͤckt, als ſie uns heruͤberfuhr.“ „Daran thatet Ihr unrecht, Herr Ritter,“ antwortete Credo,„das Mädchen iſt ſo ſchon eitel genug auf ihre natürliche Schoͤnheit, daß Ihr ſie nicht noch mehr durch Putz darin zu beſtaͤrken braucht. Nu meinetwegen mag ſie machen, was ſie will, ſeitdem ſie ſich in den Sarazenen, der ſich hier niedergelaſſen, verliebt hat.“ „Ich gehe aufs Schloß,“ ſagte der Ritter,„und werde Dir den Befehl Deines Herrn ſchicken, meine Leute und Thiere einzulaſſen.“ „Ich weiß ſchon, Ihr geht zur Gräfin Signis, denn der alte Herr giebt ſchon lange keinen Befehl mehr, und wenn die Graͤfin von Putz hoͤrt, habt Ihr auch ſchon den Befehl, darum kommt nur gleich herein, und da Ihr doch einmal die Nacht hier bleiben werdet, will ich nur immer das Fallgatter herunter⸗ laſſen und das Pfoͤrtchen ſchließen.“ Guy von Levis wartete, bis alle ſeine Leute und Thiere herein waren, und wies ihnen einen iſolirt liegenden Schuppen auf dem freien Platze zum Ausruhen und Abladen an. Eben wollte ſich das Fallgatter wieder ſchließen, als hinter dem letzten Maulthiere Credo einen Mann hereinſchluͤpfen ſah, und erſt als er drinnen war, ihn als einen Kreuzfahrer er⸗ kannte. „Was will denn der Kerl?“ ſchrie Credo.„Iſt das einer von Sn Leuten, Herr Guy, der ſich mit dem Kreuze auf dem Wamms hier blicken laͤßt? Wenn er zu Euch gehoͤrt, ſo iſt dies gegen Euren Vertrag mit unſerem Herrn, denn nach dem darf kein Franzoſe mit Kreuz oder Pilgerſtab, oder einem anderen Zeichen der Kreuz⸗ fahrer ins Schloß; wenn er nicht zu Euch gehört, und das ſcheint mir ganz ſo, denn er muß heruͤbergeſchwommen ſein, ſo naß iſt er, und Ihr ſeid heruͤbergefahren, ſo will ich ihm ſchon zeigen, wie man hier mit Kreuzfahrern umgeht, die nicht durch den Vertrag ihres Herrn geſchützt ſind.“ — 3 — — 11 „Ich bin weder Franzos, noch Kreuzfahrer, ich bin ein ganz gewöhnlicher Romieu“(ſo hießen die Pilger⸗ welche eine Wallfahrt nach Rom unternahmen). „Kommſt Du aus der heiligen Stadt, oder gehſt Du erſt hin?“ fragte Guy mit einer Lebhaftigkeit, aus der hervorging, wie viel ihm an der Beantwortung dieſer Frage lag. „Ich gehe erſt hin, gnädiger Herr.“ „Dann laß ihn herein,“ verſetzte der Ritter und nahm ſei⸗ nen Weg nach dem von dem Burgherrn bewohnten Theile des Schloſſes. Credo ſchloß das Pfoͤrtchen, und die Wache umringte nun den Pilger und beſturmte ihn mit Fragen uͤber die Laͤnder, die er durchwandert. Es war aber, als wenn der Pilger nur auf die Entfernung der fremden Leute gewartet haͤtte, als er dem eben herein⸗ tretenden Credo entgegnete:„Es iſt recht hübſch von Euch, daß Ihr Euch ſo um fremde Länder kuͤmmert und nicht wißt, was hier in Euern Mauern vorgeht.“ „Wir wiſſen es gar zu gut, wir wiſſen's recht wohl, daß dieſe unbezwingbare Burg, vielleicht die einzige in ganz Languedoc, die von den Kreuzfahrern nicht durch Waffengewalt erſtuͤrmt worden, ihnen jetzt durch die Bande des Bluts anheimfallen wird. Verdammt ſei der Tag, wo der Herr die Grafin Signis und ihre Tochter an den Liebeshof von Saverdun gehen ließ, dort haben ſie den Herrn von Levis geſehen, und nun ſind ſie ganz des Teufels auf Waffen⸗ thaten, Tourniere, Putz und Schmuck. Wenn Du uns ſagen willſt, daß die Hochzeit bevorſteht, und das die Brautgeſchenke ſind, ſo kommſt Du zu ſpät.“ „Wahrhaftig ſchöne Hochzeitsgeſchenke,“ erwiederte der Pilger. „Solche muß auch der Verraͤther dem Feigen bringen. Helme und Panzer kramen die angeblichen Kaufleute aus, die Du hereingelaſſen haſt, Credo.“ „Iſt das wahr?“ ſchrie der Andere. „Horche einmal an dem Schuppen, ob Du nicht Eiſengeklirre wahrnehmen wirſt.“ „Verrath! wir ſind verloren!“ rief Credo. 12 „Seit wann geben ſich denn die Provengalen verloren, wenn ſie den bewaffneten Feind in ihren Mauern haben?“ „Wenn ſie ihrer ſechs gegen zwanzig ſind, ihrer ſechs in Harni⸗ ſchen, die keinem Schwertſtreich widerſtehen koͤnnen.“ „Wohlan, ſo rammelt Thoͤren und Steine zwiſchen Euch, die konnen die Hiebe nicht ſo leicht zerhauen, als Eure Panzer, und wenn die Woͤlfe die Hunde gefangen halten, muͤſſen die Hunde den alten Fuchs in einem anderen Käfige faſſen; wir wollen doch ſehen, wer Herr bleiben wird. Und nun kommt, wenn Ihr was erfahren wollt.“ Mit dieſen Worten ſtieg der Pilgrim die Allee hinan, die an die zweite Mauer fuͤhrte, und blieb vor der Capelle ſtehen, ſie war leer, der Waffenſaal ebenfalls, keinen Schritt hörte man von den obern Stockwerken. „Sind Alle da?“ frug der Pilger. „Hier ſind wir;“ antwortete Credo mit dem Tone der Ver⸗ nichtung. „Wo ſind denn die von oben?“ frug der Fremde duͤſter, und das höhniſche Lächeln einer ſchlimmen Ahnung war Credo's einzige Antwort. Der Pilgrim ſchloß hierauf die Thüren und ſchob die eiſernen Riegel vor. Die Bogenſchützen wollten dies zwar nicht dulden, aber Credo beſchwichtigte ſie mit den Worten:„Laßt ihn nur, ich muͤßte mich ſehr irren, wenn er nicht das Recht hat, hier zu handeln.“— Waͤhrend der Fremdling dieſe Vorkehrung traf, ſah Credo unter ſeinem langen Gewande die Spitze eines langen Schwertes und die Schuppen eines Panzers blitzen; er naͤherte ſich ihm, um ſeine Vermuthung beſtätigt zu ſehen, aber der Fremdling glaubte, er wolle ſich ihm widerſetzen, und begegnete ihm mit den Worten: „Sei ohne Furcht, wir haben nichts mit den Moͤnchen zu thun.“ Bei den letzten Worten fuhr Credo zuſammen; damit wir aber die Anſpielung, die ſie enthielten, verſtehen, müſſen wir auf ein früheres Ereigniß in dem Leben des Mannes zuruckgehen, dem dieſer ſeinen Beinamen verdankte. — — 13 Laͤnger als zwanzig Jahre vor dem Tage, wo dieſe Geſchichte beginnt, war Credo noch ein Höriger der Abtei St. Maurice, wo er den Dienſt eines Jaͤgers bekleidete und ſich den Namen Wolf⸗ toͤdter erworben hatte. Dies war gerade die Zeit, wo die Ketzer⸗ lehren ſich uͤber das Land verbreiteten. Auch ſtand Macrou(dies war Credo's eigentlicher Name) im Verdachte, in den Waͤldern die Predigten der Waldenſer zu beſuchen. Aber in jenen Zeiten ver⸗ tilgte man die Ketzer noch nicht mit Feuer und Schwert, und der Abt von St. Maurice ließ Macrou vor ſich laden. Dies erfüllte den Geladenen mit fuͤrchterlicher Angſt, denn jeder Ketzer wurde, ſo hieß es, in eine mit ſcharfen Meſſern geſpickte Grube geworfen. Auf den Rath eines fahrenden Sängers beſchraͤnkte der arme Macrou, der ſich ſchon in den unterſten Kerkern des Kloſters ſah, ſeine ganze Vertheidigung auf das einzige Wort„Credo.“ Sobald ihn daher der Prior frug:„Glaubſt Du an die Lehren der parfaits?“ war ſeine Antwort: „Credo.“ „Du glaubſt alſo nicht an die heilige Dreieinigkeit?“ „Credo.“ Und nichts Anderes war aus ihm herauszubringen, die Frage mochte nun in dieſem oder in jenem Sinne geſtellt ſein. Darüber verlor der Prior endlich die Geduld und herrſchte ihm zu:„Glaubſt Du, daß Du einen Dummkopf vor Dir haſt?“ „Credo,“ war Macrou's Antwort. Der Abt war nach den Chroniken weit mehr ein jovialer Lebemann, als Ascet, er verabſcheute noch dazu den Prior, den nach ſeiner Stelle geluͤſtete, und brach bei dieſer Antwort in lau⸗ tes Lachen aus, die andern Moͤnche folgten ſeinem Beiſpiele, und der Abt erklaͤrte: Der Mann glaubt an die heiligen Wahrheiten er ſei frei. Seitdem hieß Macrou nur noch Credo; aber da er wohl wußte, daß der Prior ihm niemals das Gelaͤchter verzeihen wuͤrde, das er auf ſeine Unkoſten erregt hatte, verließ er heimlich das Ge⸗ biet der Moͤnche und trat in des Herrn von Terride Dienſte. Dies 14 gab zu einem beruͤhmten Proceſſe Veranlaſſung, den die Mönche durch das Urtheil des Erzbiſchofs von Narbonne gewannen, und vermöge deſſen ſie den weißen Wein in den Bergen an der Seite von Terride, der beruͤhmteſten Pflege des Landes, fuͤr ſich nehmen durften. Alles ſtaunte, daß ſich der Herr von Terride bei einem Urthel beruhigte, das ihm einen bedeutenden Theil ſeiner Einkünfte nahm, aber ſein Gehorſam wurde im naͤchſten Jahre erklaͤrbar, als er alle weißen Reben ausrotten und rothe dafur pflanzen ließ. Dies konnten die Mönche ihm nicht verwehren, denn der Fall war nicht vorgeſehen. Alle dieſe Umſtaͤnde hatten Credo, auch abgeſehen von ſeiner Staͤrke und ſeinem Muthe, eine Art Beruͤhmtheit im Lande ver⸗ ſchafft, und wenn er bei der Anſpielung des Fremden erſchrak, ſo war dies deswegen geſchehen, weil er dieſelben Worte haͤufig von einem längſt verſchollenen Freunde gehoͤrt hatte, wenn dieſer ihn zu irgend einen luſtigen Streich bereden wollte, Unterdeſſen waren Alle dem Fremden gefolgt und ſo bis an den Eingang des Hauſes gelangt; um aber dem Leſer die nun folgende Scene verſtändlich zu machen, muͤſſen wir uns erſt den Saal, in den der Fremdling trat, veranſchaulichen. ——— IH. E⸗ bildete ihn eine lange durch eine ungefähr zwei Ellen hohe Baluſtrade in zwei Theile geſchiedene Galerie. Der eine Theil, da wo man herein kam, hatte einen mit Steinplatten gepflaſterten Fuß⸗ boden, an den Waͤnden zogen ſich hölzerne Bänke hin, in einem gewaltigen Kamine brannte der Jahreszeit ungeachtet ein Feuer, das ein Mann von beinahe afrikaniſcher Farbe durch friſche Holz⸗ bündel immer von Neuem anfachte, eine dreiarmige Lampe ver⸗ breitete über den Hintergrund ein ſchwaches zitterndes Licht, und hier fuͤhrte die Thuͤre unmittelbar ins Freie. In dem anderen Theile der Galerie ſah es ganz anders aus. Fußboden und Wände waren mit Teppichen bedeckt, ungeheuere Kerzen ſtrahlten von den Wandleuchtern herab, Ruhekiſſen waren hier und dort aufgethuͤrmt, und die Mitte nahm ein Marmortiſch auf ehernen Fuͤßen ein. Zwei Frauen ſaßen daran, die eine unge⸗ faͤhr ſechs und dreißig, die andere ſechzehn oder ſiebenzehn Jahre alt. Sie waren einander ſprechend aͤhnlich, beide klein, ſchlank, brünett, von großem ſchwarzen Auge, einem Haar wie Ebenholz und in ihren geringſten Bewegungen raſch und frei. In einiger Ent⸗ fernung von ihnen arbeitete eine Gruppe von 5 oder 6 Frauen unter leiſem Geſpräch, von denen die eine ein ſchlafendes blondge⸗ locktes Kind von ungefaͤhr ſechs oder ſieben Jahren wiegte, das in tiefem Schlafe lag. Nicht weit von einer der vielen Thuͤren, die in das Innere des Hauſes fuͤhrten, ſtand ein junger Mann vor einer Art Pult und ſchien ganz in die Lecture eines Manuſcriptes 16 verſunken zu ſein. An der anderen Seite des Tiſches ſaß ein hin⸗ fälliger Greis mit weißem Barte, gefurchten Zugen und abgeſpann⸗ tem Blick in einem hoͤlzernen, reich mit Schnitzwerk verzierten Lehn⸗ ſtuhl und hörte dem Herrn von Levis zu, der vor ihm ſtand und in folgenden Worten zu ihm ſprach, ohne daß die Ankunft des Pilgrims und der Thorwache, die ſich um das Kamin gruppirten, ihn im Geringſten zu ſtoͤren ſchien. „Auf mein Ehrenwort, es iſt wahr, der Papſt hat ihn in die Acht erklaͤrt, und ganz Languedoc, Querſy, Comminges und Conſerans an meinen, nun auch Eueren Herrn, den Grafen Simon von Montfort auf immer verliehen; erlaubt, daß meine Liebe ſich dieſes Ereigniſſes freuen darf, und gebt mir, wie Ihr verſprochen, nun die Hand Eurer Tochter Ermeſſinde.“ „Es iſt wahr,“ entgegnete der Herr von Terride,„daß ich Dir unter dieſer Bedingung das Wort gegeben habe; aber wenn jemals dieſes Schloß dem Normannen⸗, Britten- oder Franken⸗Barbaren gehorchen ſoll, denn dieſer Montfort gehoͤrt eigentlich gar keinem Volke an, ſo ſoll es doch nicht auf meinen Befehl geſchehen. Wenn Deine Worte wahr ſind, wenn Recht, Adel und Ritterlich⸗ keit von der roͤmiſchen Curie verdammt worden ſind, ſo iſt es ge⸗ ſchehen, weil es keine Gerechtigkeit mehr auf Erden giebt; und dann will ich ſchwacher Greis, der weder Kraft noch Macht hat, ſie zu vertheidigen, ſie verlaſſen, denn ich will nicht Zeuge ſein von dem Triumphe. der Schlechten. Guy, warte noch einige Tage, Du haſt mich mit Deiner Nachricht ſchwerer verwundet, als Du es mit Deinem franzoͤſiſchen Meſſer gekonnt hätteſt. Morgen, uͤbermorgen wird dieſes Schloß durch meinen Tod ſeines Herrn ledig ſein, und dann kannſt Du Alles auf einmal nehmen, mein Schloß, meine Lande und meine Tochter, deren Liebe Du ſchon jetzt haſt.“ „Entſchuldige mich, gnaͤdiger Herr, bevor vier und zwanzig Stunden abgelaufen ſind, muß ich wieder in Toulouſe ſein, und ſo viel Zeit bedarf Euer Capellan nicht, um meine Hand mit der Euerer Tochter zu verbinden.“ „Ihr habt Euer Wort gegeben,“ unterbrach die Grafin Signis mit ſchlecht verhehlter Ungeduld. „Ihr habt große Eile mit deſſen pflichtmäßiger Erfüllung.“ „Ich muß wohl eilen, gnädiger Herr,“ entgegnete trocken die Gräfin,„wenn ich meine Tochter vor Tod oder Schande bewahren will. Und weil die glorreichen Herren von Languedoc weder ihre Schlöſſer, noch die Ehre ihrer Frauen und Toͤchter mehr vertheidi⸗ gen koͤnnen, ſo muͤſſen dieſe einen kraͤftigeren und juͤngeren Be⸗ ſchützer ſuchen.“ Bei dieſen letzten Worten erhob ſich der alte Graf von Terride, aber der Zorn, der ihn erhoben, konnte ihn nicht aufrecht erhalten, und zuruckſinkend ſagte er mit einem Tone, der ſeine ganze Wuth ausſprach.„Jünger, nicht wahr Signis? Fällt Dir Dein Joch ſchon zu ſchwer, daß Du Dich deſſen durch die Verbindung Deiner Tochter mit einem Franzoſen entledigen willſt? Und doch, Weib, habe ich Dir einen der edelſten Namen des Landes gegeben, Du biſt Herrin uͤber mein ganzes Haus und herrſcheſt wie eine Koͤnigin“ „Eine Königin ohne Hof, eine Herrin ohne Diener und mor⸗ gen vielleicht eine Beute für den erſten Abentheurer, der es angreifen will. Nein, mein gnaͤdiger Herr, das kann ſo nicht fortgehen.“ „Ermeſſinde,“ wendete ſich der Greis zu feiner Tochter,„und willſt auch Du wie Deine Mutter, daß zur Stuh dieſer Mann Dein Gemahl werde?“ „Ihr habt Euer Wort gegeben,“ entgegnete die Tochter und ſchlug die Augen nieder. „O,“ rief der Greis,„das mußte ſein, als eine thörichte Leiden⸗ ſchaft mich fuͤr die Tochter eines Aragoniers, der ſeine Mohren⸗ ſklavin geehlicht hatte, verblendete. Deine Mutter Signis war eine Magd und niedrigen Standes, und wenn ſie that, als nehme ſie ihrer Vermaͤhlung mit dem Grafen von Tudele wegen den wahren Glauben an, hat ſie doch im Herzen alle die Schlechtigkeit und niedrige Geſinnung ihres Stammes bewahrt. Dieſe hat ſie uuf Dich, Signis, vererbt, und Du haſt ſie auf Deine Tochter ver⸗ 2 18 pflanzt. Denk' an mich, Levis, denk' an mich, ſei niemals ſchwach oder mitleidig gegen die Frauen Deines Hauſes, ſie werden Dich um eine Schaͤrpe verkaufen, wie ſie mich verkauft haben. Kein ritterliches Blut fließt in ihren Adern, ſondern das afrikaniſche Blut, das Blut mauriſcher Diebe und feiler Dirnen, die in Spanien mit ihren Reizen Handel treiben.“ „Herr von Terride,“ unterbrach ihn, ſich erhebend, Signis mit flammendem Auge, von nervoͤſer Aufregung durchzuckt,„die Frauen meines Bluts ſind reiner, als die Edeldamen Eures Landes; keine wird wie die Koͤnigin von Aragonien, oder die Gräfin von Com⸗ minges an den fuͤnften Mann verheirathet ſein. Die Frauen meines Blutes, Herr von Tertide, leben und ſterben fuͤr ihre Männer, wenn ſie Maͤnner ſind, und nicht ich war es, die ſich Euch vor achtzehn Jahren zum Gatten waͤhlte. Erinnert Euch Otho's von Terride, er war meine Liebe und ich die ſeine; es gefiel Euch, mich ſchön zu finden, mein Vater wollte fuͤr mich nicht einen Gatten meiner Wahl, ſondern einen Bundesgenoſſen fuͤr ſein In⸗ tereſſe; er glaubte, dies könne der Vater, der Herr dieſer Burg beſſer ſein, als der Sohn, ihr kuͤnftiger Erbe, und gab mich Euch. Da⸗ mals habe ich Euch geſagt, daß ich Otho liebte, Ihr habt aber nicht darauf geachtet. War ich treulos, oder waret Ihr ein Narr? Euren Sohn habt Ihr vertrieben, weil Ihr Ihn furchtetet, mich habt Ihr achtzehn Jahre lang hier eingeſchloſſen, durch Eure Ge⸗ walt war ich eine Gefangene, darum entziehe ich mich ihr, ſobald ich kann. Herr Guittard von Terride, Ihr habt Euer Wort gegeben, Schloß und Tochter dem Herrn Guy von Levis zu geben, wenn der Herr von Montfort als Herr von Languedoc wuͤrde an⸗ erkannt ſein. Der Papſt hat fuͤr ihn entſchieden, haltet Euer Wort freiwillig, oder bei Gott, man wird Euch dazu zwingen.“ Bei dieſen Worten erhob auch der Graf ſich und ſchwang ein langes Schwert mit einer Wuth, die ihm ein gewiſſes Anſehen von Kraft gab. „Sind denn die Franzoſen ſchon in der Höhle des Loͤwe rief er,„daß ein Weib ſolche Unverſchaͤmtheit zur Schau tral darf?“ 19 „Sie ſind es, Herr von Terride,“ erwiederte Guy feſt und ruhig, „das Schloß iſt in meiner Gewalt.“ 1½ „In Deiner Gewalt,“ rief der Greis,„ſeine Mauern haben ſich alſo vor Dir geöffnet?“ „Was Gewalt nicht vermochte, iſt der Liſt gelungen.“ „Liſt? Liſt? Nicht wahr? die Waffen der Weiber und der Feigen,“ verſetzte der Greis und ſchritt auf Guy zu,„aber mich haſt Du doch vergeſſen, mich!“ und zuckte bei dieſen Worten das Schwert auf Guy; aber dieſer ergriff, ohne das ſeinige zu ziehen, den Greis beim Arm, ſchleuderte ihn in den Lehnſtuhl zuruͤck und rief mit Donnerſtimme:„Genug, genug; was Guͤte nicht erlangt, ſoll Gewalt erzwingen. Oeffnet die Capelle.“ Bei dieſen Worten fiel der Greis auf die Kniee und betete mit flehender Stimme:„Herr Gott, iſt denn nicht ein Mann da?“ „Es iſt einer da,“ rief eine tönende Stimme,„mehr als einer, und waͤr' ich auch allein, ich würde den Verraͤther zuͤchtigen, der es wagte, Hand an Euch zu legen.“ Und im Augenblicke warf der Pilger ſein Gewand ab und ſchwang ſich, das Schwert in der Hand, uͤber die Baluſtrade; ohne die geringſte Bewegung in ſeinen Zügen zu verrathen, drehte ſich der Herr von Levis um und maß mit veraͤchtlichem Blicke ſeinen Feind:„Narr, ſagte er, wie viel ſeid Ihr gegen mich?“ „Herr Guy, es ſind ſechs in dieſem Thurme, die Zeugen ſein ſollen, wie ich Eure Unverſchämtheit und Verraͤtherei züchtigen werde. Laß Dein Horn in Ruhe, die Deinigen ſind von Dir abge⸗ ſchnitten, die Thüren der zweiten Maver ſind verriegelt, und wenn wir draußen in Deiner Gewalt ſind, ſo biſt Du hier in unſerer. Das iſt keine Feue Kriegsliſt, Du erinnerſt Dich doch noch an Beaucaire?“ „Das Schwert heraus für den Wallfahrer,“ rief Credo und ſchwang ſich mit den uͤbrigen Reiſigen uͤber die Baluſtrade, wäh⸗ rend der Maure ſich vor das Kind ſtellte, als wollte er es mit ſeinem Leibe decken. „Und wer biſt Du Elender, daß Du es wagſt, Dich dem Voll⸗ zug des Wortes dieſes Greiſes zu widerſetzen?“ * 20 „Hat er Dir ſein Wort unter keiner anderen Bedingung weiter gegeben?“ fuhr der Pilger fort. „Unter keiner anderen weiter,“ antwortete Signis. „Keine Rechte irgend einem Weſen vorbehalten?“ „Keinem,“ ſagte die Graͤfin. „Iſt das wahr, gnädiger Herr?“ frug der Unbekannte. „Es iſt wahr, denn als ich das Verſprechen gab, glaubte ich die Unmoͤglichkeit ſelbſt zu verſprechen. So viel Ungerechtigkeit konnte meiner Ueberzeugung nach nicht auf dem Stuhle des Statt⸗ halters Gottes thronen.“ „Nun aber ſag' mir Du ſelber, iſt es wahr, daß unſer heiliger Petrus den Barbaren mit unſerem ſchoͤnen Languedoc belehnen konnte?“ „Es iſt wahr; aber ſelbſt unter dieſer Bedingung, durftet Ihr frei und ungehindert Euer Wort verpfänden?“ „Wer ſeid Ihr denn, daß Ihr ſo fragen duͤrft?“ unterbrach die Graͤfin mit Hoheit. „So giebt es denn kein Herz hier, das ein Andenken bewahrte, keinen Sn der ein Echo meines Namens toͤnt? Wohl, ſo wißt denn— irreſt Otho von Terride,“ ſagte der Maure und trat vorz ſo wie Du eintrateſt, habe ich Dich erkannt, denn ich hatte nicht ſo lange die Unverſchaͤmtheit dieſes Mannes ertragen, wenn ich nicht wußte, daß Niemand hier im Schloſſe in Gegenwart ſeines rechtmäßigen Herrn ſprechen duͤrfe.“ „Auch ich,“ rief Credo,„habe in Euch meinen Herrn erkannt, und deshalb habe ich Euch die Thuͤren an der zweiten Mauer ver⸗ riegeln laſſen, und bin Euch bis hierher gefolgt.“ Bei dem Namen Otho hatte ſich der alte Herr von Lerride erhoben, ſein Schwert wieder ergriffen und ſich an die Seite ſeines Sohnes geſtellt, es war, als wenn ſeine Gegenwart ihm neue Kraft und Hoffnung gaͤbe. Aber zu gleicher Zeit ſtellte ſich auch der ſchöne junge Mann, den bis jetzt nichts außer Otho's Auftreten in ſeiner Aufmerkſamkeit bei dem Manuſcripte ſtören konnte, raſch an die Seite Guy's von Levis und zog, ohne ein Wort zu ſagen, 21 das Schwert. Die Graͤfin Signis erblaßte und ſank in ihren Stuhl zuruͤck, waͤhrend Ermeſſinde vor ihr auf die Kniee fiel, ihr Geſicht in ihren Schoos barg und ſtöhnte:„Mutter, Mutter, wir ſind verloren!“ Schon wollte der junge Mann an Guy's Seite den Kampf beginnen, als dieſer mit ruhiger Stimme ihm zurief:„Halt ein, Kind, nicht durch edle Ritterſchwerter darf Bauern⸗ und Betrüger⸗ blut fließen; ich habe Dich in Rom geſehen, aber da trugſt Du weder Schwert noch Panzer, nicht einmal das Pilgerkreuz, ſondern das Kleid des Kaufmanns und auf dem Rücken den Ranzen; die Feder auf meinem Helme habe ich dort von Dir gekauft, und noch an Ermeſſindens Kleide kannſt Du Deine Stickereien wie⸗ derfinden.“ „Ganz wohl,“ erwiederte der Pilger,„und Du wirſt Dich noch entſinnen, daß ein Knabe Dir die Stickereien auf einem dreikan⸗ tigen Stabe zumaß;z jetzt hat der junge Mann ſeinen Stab mit dem Schwerte vertauſcht, und mit dieſem Schwerte hat er in Beaucaire Lambert von Limou mit ſechzig der beſten franzöſiſchen Lanzen eingeſchloſſen. Der huͤbſche Handlungsburſche war der junge Graf von Toulouſe, und ich ſchäme mich nicht, ein Ge⸗ werbe getrieben zu haben, das mein Lehnsherr durch ſeine Theil⸗ nahme daran geehrt hat.“ „Wohlan denn, Kauf- und Lehnsherr, und Kaufherr und Vaſalle, vom Lateran zu Boden geſchmettert, was wollt Ihr hier?“ „Von dem Prieſterurtheil an das Gottesurtheil appelliren und dem ganzen Lande die letzten Abſchiedsworte des jungen Grafen von Toulouſe zurufen: Am Römiſchen Hofe giebt es weder einen Gott, noch Glauben, noch Redlichkeit, noch Geſetz!““ „Wahnſinniges Geſchwaͤtz“ verſetzte Guy,„ſeid Ihr fuͤr Eure Widerſpenſtigkeit nicht ſchon genug gezuchtigt? Wollt Ihr noch ein⸗ mal den Zorn Montfort's und ſeiner Ritter verſuchen? Soll er Euch bis auf den letzten Mann vertilgen? Soll das Schloß Deines Vaters wie die andern dem Boden gleich gemacht werden?“ „Lieber ſo, Herr Guy, als in Deinen Haͤnden.“ 22 „Und laͤngſt ſchon waͤre es ſo weit, wenn ich Deinen alten Vater nicht aus Mitleid und aus Liebe zu ſeiner edeln Tochter geſchont haͤtte.“ „Du luͤgſt, edler Herr, denn Du biſt noch beſſerer Politiker, als Todtſchlaͤger. Sagteſt Du nicht noch heute Abend zum Abte von St. Maurice, der Stern Montfort's ſei im Verbleichen, und wer nur das Recht der Eroberung fuͤr ſein Beſitzthum in Languedoc habe, wuͤrde uͤber kurz ſeine Burg, wie Montfort ſeine Lehns⸗ herrlichkeit verlieren, trotz aller Bullen der Päpſte und Concilien. Darum wolleſt Du auch Deine Rechte auf das Schloß Terride und das Marquiſat Mirepoir beſſer, als durch das bloſe Schwert, durch Heirath und Erbfolge, ſichern. Aber die Heirath wird nicht vor ſich gehen, und das Erbrecht gehört mir, und Du, der ſo eilig mit ſeiner Vermählung war, Du wirſt nicht zu Montfort, der, weil er von den Provengalen auf allen Seiten gedraͤngt iſt, alle ſeine Ritter um ſich verſammelt, Du wirſt nicht zu ihm zuruck⸗ kehren und ihm keine Botſchaft von dem unwiederbringlichen Ver⸗ luſte Beaucaires, keine Botſchaft von dem Verluſte Toulouſes bringen, das in dieſer Stunde ſeinem alten Grafen zuruͤckge⸗ geben iſt.“ „Du biſt der Luͤgner!“ rief Guy, auf den dieſe Nachricht den heftigſten Eindruck machte; Toulouſe iſt ſeiner Bollwerke beraubt, hat weder Mauern noch Waͤlle, weder Schanzen noch Thuͤrme, weder Waffen noch Rüſtungen, weder Soldaten noch Barone, ein Leichnam iſt es, den wir mit Fuͤßen getreten, mit Hunde⸗ peitſchen zerfleiſcht haben, und der nicht gemuckſt hat.“ „Aber der Tode iſt wieder auferſtanden,“ entgegnete Otho,„mit dem Grafen Raimund von Toulouſe iſt wieder Leben in ihn ge⸗ kommen und Stärke mit dem Grafen Bernhard Roger von Foix.“ „Mein Sohn, mein Sohn!“ rief der Vater,„etzaͤhle mir alle die Wunderthaten, daß ich nicht mit Verzweiflung im Herzen uͤber die Eroberung unſeres Landes durch Barbarenhorden ſterben muß, daß ich denen, die mir vorangegangen ſind, verkuͤnden kann: Languedoc hat ſein Banner und ſein doppeltes Kreuz wie⸗ der erhoben.“ 23 „In wenig Stunden ſollt Ihr es mit noch Anderen hoͤren, und Herr Guy von Levis wird ſeinen Leuten ſofort den Befehl geben, jenen die Thore zu öffnen.“ „Thut es,“ ſagte Signis ganz leiſe zu Levisz ein Blick Ermeſ⸗ ſinde's ſprach dieſelbe Bitte aus, und ruhig, aber ſchnell ſagte Levis zu ſeinem jungen Gefährten: Geh', Michael, beſiehl meinen Leuten, daß ſie die Ausfallpforte öffnen, und ich verlange weiter nichts, als freien Abzug fuͤr die, welche meine Unvorſichtigkeit in dieſe Falle gefuͤhrt hat.“ „Weder Dir, noch ihnen wird freier Abzug geſtattet, aber das Leben geſchenkt. Credo, nimm dem Ritter ſein Schwert ab und führe ihn mit noch zwei Mann von Deinen Leuten in den Pfauen⸗ ſaal, er iſt, wenn ich mich recht erinnere, zum Feſthalten ganz geeignet; und Ihr, junger Mann, werdet unter meiner Leitung die Befehle geben, welche ich Euch ertheile.“ Bei dieſen Worten wendete ſich Michael zu Levis, dieſer wechſelte ein paar Blicke mit den beiden Graͤfinnen und befahl, ihm Gehorſam zu leiſten. „Dich, der zuerſt meinen Namen nannte, Chriſt oder Heide, Dich laſſe ich mit zwei Bogenſchuͤtzen als Wache für die Damen, damit kein Verrath in meiner Abweſenheit angeſponnen werde. Denn leider,„fuͤgte er mit einem Blick auf ſeinen in den Seſſel zurückgeſunkenen Vater hinzu,„leider ſeh' ich, daß der, der hier zu befehlen hat, es nicht mehr im Stande iſt.“ „Ich werde meine Schuldigkeit thun,“ war die Antwort. „Sag' mir doch, wer Du biſt, damit ich zu gelegener Zeit dem Grafen von Toulouſe mittheilen kann, was für einen treuen Diener oder Bundesgenoſſen er gehabt hat.“ „unter den Menſchen habe ich keinen Namen mehr, wenn ich auch einen gehabt hätte. Man hat mich Buat genannt, man hat mich Blutauge genannt, hier nennt man mich Ben⸗Ouled, aber die, welche wiſſen, warum ich noch lebe, nennen mich das Gna⸗ denmeſſer.“ Bei dieſem Namen drehte ſich Guy von Levis um und be⸗ trachtete den Mauren mit dem Ausdruck des Abſcheues; ein bitteres ü —————— 24 Lächeln umſpielte ſeine Lippen; dann ſah' er auf das Kind, das erwacht war und von einer Frau auf den Knieen gehalten wurde, und ging ruhig fort. Kaum war die kleine Pforte eine Stunde offen, als mehr denn zehn Ritter, ein jeder von einer Anzahl Leuten zu Fuß ge⸗ folgt, in das Schloß einzogen. Guy's Reiſige waren in eine Halle der zweiten Ringmauer geſperrt, überall Wachen gegen einen möglichen Ueberfall aufgeſtellt worden, und die Ritter begaben ſich in den Saal, wo ſich eben die vorbeſchriebene Scene ereignet hatte. Sie hatten den dem Burgherrn gebührenden Platz, die Grafinnen, die Dienerſchaft, Knappen, Stallmeiſter und Uebrigen den Platz hinter der Scheidewand. Das Feuer loderte wieder, die Kerzen und Leuchter waren wieder angezündet, Jeder hatte ſeinen Platz, da erhob ſich ein Ritter und ſprach:„Jedem von uns haſt Du ein mit dem Wappen des Grafen von Toulouſe beſiegeltes Pergament gezeigt und uns gebeten, Deinen Worten Glauben zu ſchenken. Du haſt uns entboten, heute Nacht hier zu erſcheinen, und wir ſind gekommen; denn wenn wir auch dem Gebote eines Lehnsherrn, der unſer Languedoc den Barbaren uberliefert hat, den Gehorſam verſagen wollten, ſo wollten wir doch nicht den Bitten, die ein Vater im Namen ſeines Sohnes an uns richtet, entgegenſtehen. Ihr ſollt erfahren, Barone, wer der Sohn und was aus dem Vater geworden iſt, und dann ſollt Ihr Euch entſcheiden, was Ihr thun wollt. Hört alſo auf den Bericht eines Mannes, der aus ſeinem Vaterlande verbannt, nur auf die Kunde von deſſen Ungluͤck von dem Wunſche fuͤr deſſen Rettung beſeelt wurde, wenn auch das Land minder gaſtfreundlich fuͤr ihn, als fuͤr Euch war, wenn auch der Lehnsherr ſein Recht aufgegeben und in ſei⸗ ne Enterbung gewilligt hatte.“ Liefes Stilſſchweigen herrſchte, und Otho von Terride hob fol⸗ gendermaßen an. III. Whend meines Aufenthaltes am engliſchen Hofe trat bei einer vom König Johann veranſtalteten Jagd ein junger Menſch mit der dem wahren Muthe eignen Beſcheidenheit Sr. Majeſtät ent⸗ gegen und uͤberreichte ihm mit den Worten:„Leſet, Sire, und ſa⸗ get mir dann, ob ich meinen Weg weiter fortſetzen ſoll,“ ein Schreiben.„ 2 „Was iſt das?“ rief der Koͤnig in ſeinem ängſtlichen Mißtrauen. „Das Schreiben birgt doch kein Verbrechen?“ „Lies es,“ ſagte er dann zu mir gewendet,„und wir werden ſo⸗ gleich den Beſcheid ertheilen.“ Ich nahm es und kann nicht beſchreiben, mit welchem Schauder das an dem Pergamente herabhaͤngende Siegel mit dem doppelten Kreuze von Toulouſe erfüllte Es war das Siegel des Lehnsherrn, der zwanzig Jahre vorher, als mein Vater, von einer unſeligen Leidenſchaft enthrannt, mich des Verraths und der Felonie ſchuldig erklaͤren ließ, um ſeine Burg den Kindern ſeiner zweiten Gattin zu erhalten, mein Flehen zuruͤckſtieß. Die furchter⸗ lichſte Wuth bemächtigte ſich meiner, und haͤtte ich nicht die Ju⸗ gend des Boten geſchont, ich wuͤrde an ihm die Ungerechtigkeit ſeines Herrn geraͤcht haben. Ich las gedoch das Schreiben, und je weiter ich las, je weiter ich alle die Einzelheiten des Ungluͤcks meines Vaterlandes kennen lernte, verſchwand mein Zorn immer mehr; als ich endlich ſah, daß der edle Jüngling Aquitanien, die Bretagne und die Normandie zu Fuß allein durchwandert 26 und ſich hatte durchbetteln muͤſſen, daß dieſer edle Juͤngling der Sohn des maͤchtigen Grafen Raimund, Herzogs von Narbonne und Grafen von Provence war, loͤſte ſich der Haß in Thränen auf, und als mich der erſtaunte Koͤnig fragte, erwiederte ich ihm: „Der Knabe hier, bedeckt mit Schweiß und Staub, der Knabe in dieſen Lumpen, iſt der Sohn Eurer Schweſter Johanna, der junge Graf Raimund von Toulouſe.“ Alle umſtehenden Barone waren gerührt von ſolchem Elende mit einem ſolchen Namen, von ſolchem Muthe bei ſolchem Ungluͤck. Jeder wollte mit dem edeln Knaben ziehen, aber der erſten Aufregung des Mitleides— folgte die Stunde der Berathung, die keine andere Huͤlfe brachte, als ein Schreiben des Königs an Se. Heiligkeit Innocens IM. und einige Pfund Sterling, damit er in beſſerem Anzug vor dem Concile, das uͤber ſeine Rechte entſcheiden ſollte, erſcheinen könne. Auch nicht ein einziger Ritter oder Baron bot ihm ſeinen Beiſtand oder ſeine Lanze anz denn Niemand war dazu gezwungen, und zur Hochherzigkeit kann Niemand gezwungen werden; ich aber haͤtte verdient, daß meine Sporen von Henkershand zerbrochen wurden, ich haͤtte das Urtheil verdient, das der von Leidenſchaft verblendete Vater ſeinem indolenten Lehnsherrn ablockte, wenn ich beim Anblick ſolchen Ungluͤcks, bei ſolcher Ergebung und Ausdauer mich nicht der Pflichten erinnert hätte, deren ich entbun⸗ den war. Edle Barone, ich beſitze in England drei Baronieen, von denen jede dreimal ſo viel werth iſt, als dieſe hier, aber ich habe ſie alle dem Koͤnige zuruͤckgegeben, damit er mich meines Lehns⸗ eides entbinde, und bin mit dem jungen Mann als deſſen Knecht und Diener gezogen, obgleich ich dem Scheine nach ſein Herr war. Denn, meine edeln Herren, das feindlich geſinnte Frankreich und Bourgogne, die Provence, ſein ehemaliges Reich, durfte er nicht wie ein Herr ſo vieler Grafſchaften durchziehen, da Loyalitaͤt und Ge⸗ rechtigkeit von der Erde verſchwunden war. Nein, unter der ber⸗ genden Verkleidung eines Kaufmanns und ſeines Lehrlings ſind wir bis nach Rom zu Fuß gewandert. Kaum dort angelangt, trafen wir auch ſchon Franzoſen, und von dieſen kaufte Herr 1 27 Guy von Lepis die goldne Stickerei für die Dame, die meine Schweſter heißt. Nur mit Mühe ließ ſich damals der junge Mann davon abhalten, ſeinen Stab zu zerbrechen, und ſagte mir:„Dem Herrn dieſes Menſchen will ich noch weniger Land, als ihm ſelbſt Stickerei zumeſſen; nur ſechs Fuß ſoll ihm werden⸗ gerade ſo viel, als ein Grab bedarf; oder ehe noch ein Jahr ver⸗ geht, bin ich eine Leiche.“ Das Blut der Provence ſprach aus ihm, und ſeine Thaten haben es gezeigt, daß die Worte keine eitle Prahlerei waren. Wir zogen dann in Rom ein, wo die Grafen von Toulouſe, von Foir und Comminges unſerer ſchon warteten. Aber in dieſem Aufzuge hatten ſie uns nicht erwartet, denn ein König und Oheim mußte doch den zu ihm geflüchteten Sohn ſeiner Schweſter beſſer beſchü⸗ tzen; aber wir erſchienen ſo, und wenn unſer dortiger Aufenthalt nicht ſo elend wie unſere Reiſe war, ſo hat das ſeine urſachen, die weder dem heiligen Vater noch den roͤmiſchen Baronen zur Ehre gereichen. „Dieſe icn wollen wir eben wiſſen,“ ſprach eine ernſte maͤnnliche Stimme,„denn von franzöſiſchen Rittern habe ich ſon⸗ derbare Dinge gehoͤrt.“ „Herr Wilhelm von Minerve, hältſt Du die franzoͤſiſche Zunge für loyaler, als den franzöſiſchen Degen? Weißt Du nicht, daß ſie eben ſo gern durch Verleumdung wie durch das Schwert das Glück eines Feindes zerſtören?“ „Beſſer, als Du, kenne ich die Franzoſen, denn ſeit zehn Jah⸗ ren fechte ich gegen ſie, Mann gegen Mann; aber noch beſſer kenne ich das Blut Raimund's, unſeres verrätheriſchen Grafen, der uns bei dem erſten Einfalle der Barbaren im Stiche gelaſſen, der ſich immer dem Erſten Beſten verkauft hat, der erſt Philipp von Frank⸗ reich, dann Richard von England Treue geſchworen, und ſpaniſchen Mohrenfürſten Treue ſchwören würde, wenn er deſſen zu einem neuen Verrathe bedürfte.“ „Ich ſpreche nur von dem jungen Grafen, ſeinem Sohne,“ ent⸗ gegnete Otho,„den habe ich geſehen, von dem Anderen habe ich nur gehört!“ 28 „Wohlan, Herr Baron von Terride, Ihr ſeid mehr Engländer, als Franzoſe oder Provengale, und wenn Ihr Euch auch laut uber die Feigheit und den Geiz des Königs Johann beklagt, ſo thut Ihr es doch im Innern vielleicht viel weniger. Die Reiſe war muͤhevoll, aber durch die Laͤnder, die ſie durchſchnitt, konnte ſie nicht anders ſein. Euer Aufenthalt in Rom dagegen war glanzvoll, wem habt Ihr das zu danken, Herr von Terride? Der Graͤfin von Norwich, deren Tochter Regina dem König Johann ſo nahe ſteht, daß Graf Norwich ſeine Gemahlin verſtoßen und nach Rom zurück⸗ geſchickt hat, wo er ſie kennen lernte, als er wegen eines am hei⸗ ligen Freitag gelieferten Zweikampfes Buße that. Oder, Herr von Terride, wünſcht vielleicht der König fuͤr das Madchen einen Mann, wie der junge Graf von Toulouſe iſt, und will er ihren Gemahl reich und maͤchtig haben? Der König von England ſchätzt die Dinge dieſer Welt zu richtig, als daß er etwas aus reiner Groß⸗ herzigkeit oder Vaterliebe thut; und wenn er ſeinen Schwiegerſohn Grafſchaften erobern hilft, ſo hat der Schwiegerſohn vielleicht ſchon im Voraus den Lehnseid geleiſtet und wird die Lehnsherrlichkeit des Königs von Frankreich gegen die ſeinige vertauſchen. Und darin finden wir die Urſachen, aus denen Euer Aufenthalt in Rom ſo glanzvoll ſein konnte.“ Anfangs hoͤrte Otho mit ſorgenvoller und mißtrauiſcher Miene, aber ſchweigend zu, dann trat ein leichtes Laͤcheln auf ſeine Lippen, und ſeine Zuge gewannen den Ausdruck harmloſer Heiterkeit. „Meine Herren Barone,“ hub er an,„als ich aus der Provence vertrieben, von Stadt zu Stadt irrte und endlich nach Bordeaur kam, wo gerade die Bluͤthe aus der Ritterſchaft der Welt, der König Richard war, hatte ich weder Namen, noch Waffenthaten, die mich bei ihm einführen konnten. Aber mir war die vaterlaͤn⸗ diſche heitere Kunſt der Spielleute geblieben, und ich ſchwöre Euch, ich hätte damals viel Geld darum gegeben, wenn ich ein Abentheuer ſo wahrer anmuthvoller Liebe haͤtte erzahlen können, als das des jungen Grafen mit der ſchoͤnen Regina war, denn ich ſchwoͤre es bei meiner Seele, nur ein Abentheuer war es.“ „Erzählt es uns, Herr von Terride,“ riefen mehrere Stimmen. 29 „Erklaͤrt es uns als ein verſtändiger wahrhaftiger Mann, damit wir ſicher daruͤber urtheilen koͤnnen,“ entgegnete Herr von Minerve. „Nein,“ toͤnte es von allen Seiten,„erzaͤhlt es als einen Roman, tragt es uns als eine Romanze vor, dann koͤnnen wir noch beſſer urtheilen.“ Zu dieſem von allen Seiten unter den Rittern ausbrechenden Tumulte geſellten ſich noch die Bitten der Reiſigen und Knechte hinter der Baluſtrade hervor, und da Otho glaubte, durch Geſang mehr ausrichten zu koͤnnen, als durch eine ruhige Sachdarſtellung, gab er ſeine Einwilligung zu erkennen. „Daran erkenne ich Euch, Ihr Ritter aus der Provence,“ rief Wilhelm von Minerve,„Ihr bleibt doch immer dieſelben. Das Leben Eurer Kinder, die Ehre Eurer Frauen gebt Ihr fuͤr ein Lied, den Kampf vergeßt Ihr über der Erzaͤhlung eines fahrenden Saͤngers.“ „Alles zu ſeiner Zeit,“ entgegnete Terride,„und meine Erzählung wird ihre guten Fruͤchte tragen, ſie wird Euch zeigen, daß, wenn mit dem jungen Raimund Gerechtigkeit und Billigkeit in die Pro⸗ vence zuruͤckkehren, auch die Ritterlichkeit und Galanterie, welche die franzoſiſchen Barbaren verjagt haben, wieder bei uns einziehen werden.“ Ein Beifallmurmeln folgte dieſen Worten; Jeder neigte Otho viel aufmerkſamer ſein Ohr, als da er von dem Geſchick der Pro⸗ vence redete, und der Herr von Terride ſprach die folgenden Worte in zierlichen Reimen: Ein Tag war dem jungen Grafen in Rom verfloſſen, als ſein Vater zu ihm ſagte:„Geh' und gieb dem Biſchofe von Osma das Antwortſchreiben Königs Johann; uberreiche es in Demuth und Ehrfurcht, denn er iſt ein Mann, der gebeten ſein will, je demuͤ⸗ thiger und ärmer Du ihm erſcheinſt, deſto mehr wird er eine Ehre darin ſuchen, Dich zu beſchutzen. Er gehört zu denen, die Ge⸗ rechtigkeit Jedem verweigern, der ſie mit lauter Stimme fordert, aber dem verzeiht, der fußfaͤllig fleht.“ Der junge Mann ging in den Palaſt des Kardinal⸗Biſchofs, obwohl mit Widerſtreben, denn er beugte ſeinen Sinn nicht gern unter ſein ungluͤck; aber der Rath 30 ſeines Vaters und der anderen Grafen ließen ihn ſeinen Weg an⸗ treten. Weiter als zwei Meilen lag der Palaſt des Kardinals von der Stadt entfernt; der junge Graf legte den Weg zu Fuß zuruͤck und war ſo erſchöpft von dem heißen Sonnenbrande, daß er kaum die Kraft hatte, einem Kleriker ſein Geſuch an den Biſchof aufzu⸗ tragen, und, waͤhrend er unter der von Blumenduft durchwehten offenen Gallerie den Augenblick, wo er eingefuͤhrt werden ſollte, erwartete, einſchlief. Der Biſchof, ein ſtolzer eitler Mann, trat eben an der Hand ſeiner Schweſter, der Graͤfin von Norwich und deren Tochter Regina, heraus, um ſich in das Concil zu begeben, und wollte den jungen Grafen wie einen gemeinen Bittſteller im Vorbeigehen abfertigen. Als der Biſchof mit ſeinem Gefolge in die Galerie trat, ſuchte der Kleriker vergebens den jungen Grafen, bis er ihn endlich ſchlafen ſah. Er wollte ihn ſchnell aufwecken, aber die Gräfin hemmte mit den Worten:„Der arme ſchoͤne Knabe!“ ſeine Schritte. Sie hatte recht, denn noch nie hatte eine edlere Schoͤnheit aus einfacherer, man koͤnnte ſagen elenderer Tracht hervorgeleuchtet. Sogar der Biſchof, ſo herzlos er auch war, konnte ſich einige Au⸗ genblicke des Mitleids nicht erwehren, denn die lebhafte, durch ſeinen weiten Weg hervorgerufene Roͤthe war einer traurigen Bläſſe und einem empfindlichen Froſteln gewichen. Der Biſchof ging daher an ihm voruͤber, ohne daß er geweckt wurde, und hinterließ den Befehl, ihn bis zu ſeiner Rückkehr warten zu laſſen. Die Graͤfin war eine durch Herzensguͤte ausgezeichnete Dame, gefiel ſich aber zuweilen in ſonderbaren Einfällen und ließ den ſchoͤnen Schlaͤfer durch ihre Kammerfrauen wegtragen. Dieſe fanden die Laſt eines ſo ſchönen jungen Ritters nicht zu ſchwer und legten ihn auf ein ſeidnes mit Flaumenfedern gefuͤlltes Ruhebett in einem mit den herrlichſten Gemaͤlden und koſtbaren Tapeten geſchmückten Cabinet, deſſen Fußboden die ſchönſte Moſaik bildete, ſanft nieder. Darauf kleidete ſich die Graͤfin und ihre Tochter, die ſie mit mehr Zärtlichkeit als Vorſicht erzog, in lange weiße Gewänder, huͤllten ſich in langherabwallende Schleier und erwarteten ſo den Au⸗ genblick ſeines Erwachens, um ſich an der Ueberraſchung des jungen 31 —————————— Schläfers zu weiden, wenn er ſich an einem ihm unbekannten Orte wiederfinden würde. Bald auch erwachte der Graf aus ſeinem ſchweren Schlummer, wurde ſich des Zweckes ſeines Ganges dunkel bewußt, ſprang mit einem Satze auf und blieb beſtuͤrzt ſtehen, als er ſich in einem fremden, kleinen Zimmer, ſtatt in der weiten Galerie, wo er ein⸗ geſchlafen war, wiederfand. Wenn dem jungen Herzen einen Au⸗ genblick lang bange war, denn Niemand kann ſagen, es habe ihm niemals einige Furcht angewandelt, ſo verſchwand dieſe Bangigkeit doch bald bei dem Anblicke des ſchoͤnen Gefaͤngniſſes und ſeiner liebenswürdigen Hüter. Einen Augenblick betrachtete ſie der junge Graf mit achtungsvoller Aufmerkſamkeit, die bald in ehrfurchtsvolle Liebe uͤberging, und auf das Knie ſich beugend, ſagte er: „Heilige Bewohner des Himmels, ſeid ihr auf Erden erſchie⸗ nen, um einen Unglucklichen zu beſchuͤtzen?“ „Wofuͤr haͤltſt Du uns denn,“ fragte Regina mit ſanfter Stimme und einem kaum unterdrückten Lächeln. „Seid Ihr denn nicht,“ rief der Graf, noch auf das Knie ge⸗ beugt, und Thränen im Auge,„ſeid Ihr denn nicht die heilige Jung⸗ frau? die Mutter unſeres Herrn Jeſu Chriſti, und Deine Begleite⸗ rin Marie Magdalena, die Suͤnderin?“ 8 Die Grafin Livia Norwich biß ſich zwar etwas verletzt in die Lippen, ſie war aber keine Frau, die uͤber ein Mißverſtändniß, das zwar ſo viel peinlich Wahres enthielt, lange zurnen konnte, denn ſie verhehlte ſich das Treffende des Vergleiches nicht, und ihre Liebe mit dem Könige Johann war nicht die einzige, die von ihr erzählt wurde. „Du haſt recht, junger Mann,“ erwiederte ſie,„und unſer Schutz ſoll Dir nicht fehlen, wenn Dich Dein Muth deſſen ſo würdig wie Dein Stamm, Deine Ritterlichkeit gegen die Damen ſo wuͤrdig wie Deine Schönheit macht.“ Leider haben mich nur Elend und Verbannung einige Pflich⸗ ten gegen die Damen kennen gelehrt, den Muth und die Aus⸗ dauer im Leiden; aber kommt der Tag, wo ich wieder in mein 32 Erbe einziehe, dann ſoll ſich eine Kirche fur Unſere liebe Frau und die reuige Magdalena erheben.“ „Das iſt noch nicht genug, ſchöner Ritter,“ fuhr die Graͤfin fort, „Du mußt auch gegen jeden Ritter den Satz vertheidigen, daß keine lebende Dame ſchöner ſei, als die heilige Jungfrau, die Mutter unſeres Herrn,„und ihre Begleiterin Marie Magdalena,“ fiel Regina, 3 der Eitelkeit ihrer Mutter ſchmeichelnd, ein. „Das will ich,“ erwiederte der Ritter demuͤthig. „Du wirſt von nun an den Namen eines Ritters der Damen des Himmels fuͤhren und nur fuͤr ſie Liebe fühlen.“ Raimund leiſtete mit aufrichtiger Ueberzeugung den Eid und hatte noch keine Ahnung von ſeinen Folgen. Als ſie ihn darauf uͤber ſeine Reiſe und Hoffnungen befragt hatten, und dieſer auf alle Fragen mit gebogenem Knie und geſenktem Haupte geantwortet, verſchwanden ſie und ließen den Grafen im Dunkeln, denn unter⸗ deſſen war der Abend hereingebrochen. Da fuͤhlte ſich auf einmal der junge Graf von zwei nerwvichten Faͤuſten gepackt und in die Höhe geriſſen, und als er die Freiheit wieder gewonnen hatte, fand er ſich auf dem Wege nach Rom. Waäͤhrend er noch Alles Mogliche that, um ſich zurecht zu finden, flüſterte ihm eine Stimme ins Ohr:„Willſt Du die Hochheilige Magdalena wiederſehen, ſo bete in der Kirche des heiligen Petrus zu ihr,“ und eine andere wei⸗ chere:„Willſt Du die Hochheilige Jungfrau wiederſehen, bete zu ihr in der Capelle der Heimſuchung;“ und ehe er noch antworten konnte, befahl ihm eine dritte Stimme, aber laut und herriſch: „Nimm das Roß mit Allem, was es traͤgt, aber bei Deinem Leben, kehre nie in dieſen Palaſt zuruͤck.“ In demſelben Augen⸗ blicke hatte ſich auch Alles entfernt, und Raimund fuͤhlte ſich allein. Auf dem Wege ſtand ein wohlgezäumtes Pferd, an deſſen Sattel ein ſeidner mit Goldſtücken gefullter Beutel hing. Nach ſeiner Ruͤckkehr nach Rom erzaͤhlte der junge Graf ſeinen Gefaͤhrten, was er erlebt hatte. Der Graf Comminges wollte daruͤber lachen, aber der erfahrnere alte Graf von Toulouſe wollte darin ein untrügliches Zeichen ſehn, daß, wenn der Schutz der Biſchöfe der Sache des 33 jungen Grafen fehle, der des Himmels ihr nicht mangeln würde, und das waͤre ein ganz anderer. Das ſtaͤrkte ihn, als er am anderen Tage im Lateran vor dem Concilium der Biſchöfe erſchien. So wie der junge Graf... „Herr von Terride, unterbrach ihn Wilhelm von Minerve, indem er ſich erhob,„die Ritter wollen eine Romanze und keinen ernſten Bericht, verſchiebe daher dieſe nicht ſo lange, bis wir keine Zeit mehr dafür haben; erzähle die Sachen, wie ſie folgen. Was geſchah denn in dieſer Sitzung?“ Es ſei, ich will Euch das Allbekannte erzählen und dann das Geheimniß erklaͤren, das, wie ich ſehe, der Verleumdung Preis ge⸗ geben worden iſt. Er hielt einen Augenblick inne und fuhr dann fort: Als die Grafen von Toulouſe, von Foir und Comminges vor dem Concile erſchienen, waren achthundert Biſchöfe und Prä⸗ laten verſammelt; Alle mit ihrer Mitra, ihrem Hermelin und Krummſtabe, ſaßen ſie in der konſtantiniſchen Baſilika unter pupurnen Baldachinen die Reihen entlang, während der heilige Petrus in der Mitte des Chores auf einem Stuhle von Ebenholz unter einem Thronhimmel von Goldbrocat thronte. Der alte Graf von Toulouſe wußte, daß die Mehrzahl der verſammelten Kirchenfurſten im Concilium zu St. Gilles über ihn und die Sei⸗ nigen das Verdammungsurtheil ausgeſprochen hatten. Er erſchien demuͤthig und gebeugt, ſeinen Sohn an der Hand, und warf ſich Sr. Heiligkeit, unſerem Herrn, zu Fuͤßen. Dieſer hob ſie gnädig auf und umarmte den jungen Grafen. Aber der tapfere Bernhard Roger von Foix trat mit erhobenem Haupte, ſtolzem Blicke, die Hand auf ſeinem Degengefäß, in die Verſammlung und blieb in der Mitte darin ſtehen. Darauf ertheilte der Papſt dem Grafen von Toulouſe die Erlaubniß, ſeine Beſchwerden vorzubringen, und dieſer antwortete mit beſcheidenem Tone, daß ſein Herz zu ſehr verwundet ſei, um nicht vielleicht zuweilen aus den Schranken der Mäßigkeit zu treten, und er den Grafen Roger von Foir mit der Geltendmachung ſeiner Rechte beauftragt habe. 34 „Ohne Zweifel,“ unterbrach Minerve mit rauher Stimme,„um bei erſter beſter Gelegenheit dieſe Worte abzuläugnen und dem loya⸗ len Foix mit Verrath zu vergelten, ſobald es ſich der Muͤhe lohnt.“ „Wilhelm,“ verſetzte darauf der Maure Ben⸗Ouled,„Du haſt kein größeres Ungluͤck erduldet, als wir Alle, warum biſt Du denn aufgebrachter als wir; ſo hoͤre doch ruhig zu.“ „Wer biſt Du denn, Sarazene, daß Du Dich rühmſt mit uns gelitten zu haben? Wie kommt denn ein Menſch Deines Schlages unter uns? Wer hat Dich hierher gebracht? Biſt Du in Dienſten des Herrn von Terride?“ „Der Mann war ſchon im Schloſſe, als ich ankam,“ erwiederte Otho,„und hat eine hülfreiche Hand bei der Gefangennehmung Guy's von Lovis geleiſtet; ſein Name iſt...“ „Behalte meinen Namen fuͤr Dich, Herr von Terride,“ ent⸗ gegnete Ben⸗Ouled;„wenn es Zeit iſt, ſollen Alle meinen Namen erfahren.“ „Weiter, weiter,“ riefen die anderen Ritter ungeduldig, und Otho hub wieder an: Der Graf von Foix ſprach mit ſtarker maͤnnlicher Stimme: „Gnädigſter Herr, wahrhaftiger Papſt, von dem die ganze Welt abhaͤngt; wir ſind gekommen, ich, der maͤchtige Graf, mein Herr und ſein Sohn, um unſer Recht zu verlangen. Der mächtige Graf, mein Herr, hat ſich und ſeine Lande Deiner Gnade anheim gegeben; er hat Dir die Provence, Toulouſe und Montauban uͤber⸗ antwortet; und ich ſelbſt habe auf Deinen Befehl mein Schloß Foir mit ſeiner feſten Burg, die ſich von ſelbſt vertheidigt haben wuͤrde, wo Vorräthe im Ueberfluß vorhanden waren, Brod und Wein, Fleiſch und Getreide, Waſſer und Feuer, wo tapfere Kampf⸗ genoſſen und Waffen in Menge bereit ſtanden, ſo daß ich keine Gewalt zu furchten brauchte; ich habe Dir mein Schloß mit Allem, was drinnen war, uͤbergeben. Wir haben uns unter Deinen Schutz begeben, aber immer noch iſt unſer Land wie vorher den Plackereien und Mordthaten des ſchlechteſten der Menſchen, Simon's von Montfort, Preis gegeben; die Barone werden aus ihren Schloͤſ⸗ ſern vertrieben, die Bürger ihrer Rechte beraubt, und über Alle 35 ſchwebt das Henkerbeil unter dem Vorwande eines Ketzerthums, das ich für mich, für den Grafen, meinen Herrn, laugne, und was ich nicht erſt fuͤr deſſen Sohn zu läugnen brauche, weil dieſer zur Zeit, wo die Kriege und Verfolgungen begannen, noch ſo zarten Alters war, daß er weder gegen die Kirche noch gegen den Staat fehlen konnte. Was ich geſagt habe, iſt wahr, und ich frage Dich, welchem Heiligen zu Ehren, welches lehnsherrlichen Rechtes wegen haſt Du geſtattet, daß Raimund, um nur von ihm jetzt zu ſpre⸗ chen, ſeiner Städte und Länder beraubt wurde, und zwar zu Gun⸗ ſten eines engliſchen Bettlers, der die Ehre des franzöſiſchen Adels uberliſtet und die Stimmen Deiner Biſchoͤfe erkauft hat?“ Bei dieſen Worten erhob ſich ein allgemeines Murren, und Foulques, der verſchmitzte Biſchof von Toulouſe, der unverſoͤhnlichſte Feind Roger's, der thätigſte Emiſſär Simon's von Montfort, erhob ſich kühn und ſchnitt dem Grafen Bernhard Roger die Rede mit den Worten ab: „Du hörſt es, Herr und Papſt! Selbſt das Gebet wird in ſeinem Munde zur Gottesläſterung. Er ſagt, er habe keinen Theil an dem Ketzerthume, und ich ſage Euch, in ſeinem Gebiete haben die Ketzerlehren am Tiefſten Wurzel geſchlagen; es war voll von Waldenſern, und um dieſen eine Zufluchtsſtätte zu ſchaffen, baute er das Schloß Mont⸗Segur. Seine Schweſter war die Seele der Ketzerverſammlungen, und er(der Graf von Foix) hat ſie, ſtatt ſie zu verbannen, in ſeinem Schloſſe Saverdun aufgenommen; wenn aber die Wallfahrer und Kreuzbrüder kamen und die Ketzer zuͤchtigen wollten, da zog er gegen ſie zu Felde und ſchlug ſo viele todt, hieb ſo viele in Stücken, metzelte ſo viele nieder, daß ihre Gebeine ein weites weißes Knochenfeld in den Ebenen von Mont⸗ joie bilden, und da rechne ich die Verſtuͤmmelten, die Geblendeten, die Einhaͤndigen, Alle, die er auf die Folter ſpannte, noch gar nicht. Darum muß meiner Meinung nach dieſer Mann auf dieſer Welt ſeines Beſitzthumes entſetzt, und in jener Welt der ewigen Verdamm⸗ niß Preis gegeben werden.“ Beifallgemurmel begleitete dieſe Worte, aber bei dieſem Mur⸗ meln röthet ſich die Stirne des Papſtes, er befiehlt Ruhe in Ge⸗ — 3* 36 berden und Worten und dem Grafen Antwort, und dieſer er⸗ wiedert ſtolzer und ruhiger noch als vorher: „Nein, ich habe die Ketzer niemals beguͤnſtigt, weder die Novizen noch die Eingeweihten; nicht fuͤr ſie habe ich Mont⸗ Segur aufgebaut, denn es liegt weder auf meinem Gebiet noch unter meiner Gewalt. Wenn meine Schweſter gefehlt hat, ſo iſt das nicht meine Schuld, und wenn ſie auf einem meiner Schlöſſer wohnte, ſo hatte ſie das Recht dazu, denn mein Vater wollte, daß ſeine Kinder, wenn ſie in dem Schloſſe, wo ſie geboren wor⸗ den, bleiben wollten, von deſſen Herrn daſelbſt geſchuͤtzt und ge⸗ pflegt werden ſollten; und ich bin nicht gewohnt, die Rechte Ande⸗ rer deswegen mit Füßen zu treten, weil ſie mir unbequem ſind. Bei dem gekreuzigten Herrn ſchwoͤre ich es, niemals iſt ein from⸗ mer Wallfahrer oder Romieu, wenn er ruhig ſeines Wegs durch mein Gebiet zog, von mir oder meinen Leuten beläſtigt oder auf⸗ gehalten worden. Aber Raͤuber, Verraͤther ohne Ehr' und Glau⸗ ben, die ſich mit dem Kreuze ſchmuͤcken, das uns verdirbt, von denen iſt nie einer von meinen Leuten aufgefangen worden, ohne daß er ein Auge, eine Hand, oder einen Fuß eingebüßt haͤtte, und wo ich ſo einen Haufen aufgetrieben, habe ich, ſo lange meine Klinge hielt, oder mein Arm ſich noch regen konnte, drein geſchla⸗ gen. Und wenn mir noch einige Freude bei dem Anblick von dem Ungluͤck und Elende meines Herrn wird, ſo iſt es die, ſo viel dergleichen Geſindel vertilgt zu haben, und wenn ich noch einen Wunſch haͤtte, ſo waͤre es die Vernichtung aller derer, die mei⸗ ner Hand entwiſcht ſind.“ Foulques wollte wieder das Wort ergreifen, aber der Graf fuhr mit ſtolzer Verachtung fort: „Was dieſen Biſchof betrifft, der ſo laut ſpricht, ſo ſage ich Euch, er hat uns Alle verrathen; er hat mit ſeinen Alle verber⸗ benden Minneliedern uns ſo viel Geld und Geſchmeide abgelockt, daß er aus einem Gaukler ein Mönch, aus einem Moͤnche ein Abt, aus einem Abte ein Biſchof, und nachdem er die Livree meiner Hundejungen getragen, ein ſo gewaltiger Mann geworden iſt, daß Niemand es wagt, Ihm hier zu widerſprechen. Und doch ——— —.— 37 hat er in unſerem Tovlouſe ein Feuer angezündet, das all Dein Taufwaſſer nicht löſchen kann, und dieſes Ungeheuer nennt ſich ei⸗ nen Legaten Roms. Was mich betrifft, ſo habe ich mich aller⸗ dings geweigert, mein Schloß dem Papſte in ſeine Hände zu uber⸗ geben, denn er iſt ein Ungläubiger, der ſelbſt den Herrn Jeſus Chriſt beſtiehlt. Aus freiem Antriebe habe ich es dem Abte von St. Tibdre uͤbergeben, und von Dir, gnaͤdigſter Herr und Papſt, fordere ich es zuruͤck; denn wer ohne Grund das zuruͤckhält was ihm freiwillig ſberantwortet iſt, wird ſeinem Worte untreu und entbindet Jeden ſeines Schwures.“ Noch einmal antworteten die Biſchoͤfe dem Grafen durch tau⸗ ſend halblaute Drohungen, aber noch einmal daͤmpfte Innocens den Ausbruch ihres Zornes und ſagte zu dem Grafen: „Fuͤr Dein Recht haſt Du recht geſprochen, das unſere haſt Du aber nicht gehörig erkannt. Denn Ihr Alle ſeid hierher be⸗ rufen worden, um Euch wegen des Verbrechens der Ketzerei zu verantworten, deren halber Ihr ſchon verurtheilt ſeid; bevor Du alſo Dein Beſitzthum zuruͤckfordern kannſt, mußt Du erſt freige⸗ ſprochen werden.“ „und das darf er nicht werden,“ fiel Foulques mit zornblei⸗ chem Geſicht ein.„Er iſt ein Ketzer im Geiſt und in der That; er erkennt nicht die Macht der Biſchofe an und gewährt verur⸗ theilten Banditen und deren Kindern eine Zufluchtſtaͤtte.“ „Du erinnerſt mich zur rechten Zeit daran,“ rief der Graf,„ja, ich gewährte den Söhnen derer eine Zufluchtsſtätte, die Ihr und das verdammte Geſchlecht der Franzoſen hingeopfert habt; ja, gnädiger Herr und Papſt, ich habe in meinem Schloſſe den Sohn des edeln Roger aufgenommen, des tapfern Vicomte von Bezieres, den Mont⸗ fort vergiften ließ, weil er ihn nicht uͤberwinden konnte, und von hier erblicke ich den tollen Narren, der, weil er wußte, die Graͤfin trage für die Grafſchaften ihres gemordeten Gemahls einen Erben unterm Herzen, ſie der Ketzerei anklagte, verurtheilte und ſchon das noch nicht geborene Kind fuͤr unfähig erklärte, ein Erbe zu ſein. Ich meine Dich, Bruder Dominicus! Seitdem die Blume des Muthes und der Courtoiſie, der Vicomte Roger, im Angeſicht der ganzen Chriſtenheit hingeopfert worden, iſt aller Glanz edler Tugend verblichen, hat jede Krone ihren ſchönſten Diamant verloren. Und wirſt Du, nun er todt iſt, ſein Erbe ſeinem Erben nicht wiedergeben? Es gilt Deine Ehre hier, denn auf Dein Gewiſſen waͤlze ich alle Verbrechen, die das Oypfer, das nirgends Gerechtigkeit und Billigkeit fand, begehen kann. Gieb ihm auf der Stelle Land und Leute wieder, oder ich verlange ſie am Tage des Gerichtes von Dir, am Tage, wo auch Du gerichtet werden wirſt.“ Kaum hatte Terride mit ſtolzem, wildem Tone dieſe Worte des Grafen wiederholt, als eine bewegte thränenreiche Stimme rief: „Edler Graf von Foir, edler Graf, Du haſt mir Wort ge⸗ halten,“ und alle Ritter fielen mit Begeiſtrung ein: „Ehre dem Grafen Foip, dem Tapfern und Stolzen, dem Unbeſiegbaren und Gerechten!“ „Weiter,“ rief Wilhelm von Minerve lebhaft,„was ſagte denn der Papſt dazu?“ „Ein einziges, trauriges, truͤgeriſches Wort: Gerechtigkeit ſoll ihm werden. Dann zog er ſich in ſeine Gärten zuruͤck, wo ihn dreihundert Aebte und Biſchöfe von ſeinen guten Entſchluͤſſen ab⸗ brachten, indem ſie ihm die Dienſte Montfort's hervorhoben, mit Bitten, Thraͤnen, Drohungen beſtuͤrmten, bis daß er Montfort im Beſitz von Languedoc beſtatigte und nur die Provence, die wie alles Uebrige auch in ſeinem Beſitze iſt, vorbehielt. Darauf abſol⸗ virte er die vier Grafen und erklärte ſie für gute Katholiken.“ „Unwürdige und trugvolle Gerechtigkeit!“ tönte es von allen Seiten. „Armſelige Wohlthat,“ ſagte Wilhelm. „Alles iſt verloren,“ ſagten die anderen Ritter. „Nein,“ erhob ſich Otho kraftvoll,„Alles iſt gewonnen. Es giebt kein Verbrechen der Ketzerei mehr, es giebt keine Prädicanten, keine Kreuzfahrer mehr, denn noch hoͤre ich die letzten Worte des Papſtes bei der letzten Audienz:„Es iſt Zeit, daß die troſtloſen Ereigniſſe aufhören, die uns Alle ſchon zu lange entehrt haben, und mich mehr als Euch, Ihr Herren Biſchöfe; es iſt Zeit, die 39 Wunden der Volker zu ſchließen, deren Seele weint, deren Herz blutet. Geht und gebt dem unglucklichen Lande Ruhe und Frieden wieder. Befehlt den Glauben in die Haͤnde des Herrn und begeht nicht in ſeinem Namen Verbrechen. Wer noch ferner den Kreuz⸗ zug predigt, thut es wider meinen Willen.“ „Ich war aber auch dabei, als der Graf von Toulouſe zu ihm ſagte: Gnadiger Herr und Papſt, Du biſt Schuld, daß ich nicht mehr ſo viel Land habe, als ich zu den Spielen meiner Kindheit bedurfte; Du biſt Schuld, daß ich nicht mehr weiß, wo ich meinen Fuß hinſetzen ſoll; deswegen, weil ich Dir meine Staͤdte uͤbergeben habe, bin ich in ſolches Elend gerathen, daß ich weder Haus no Brod habe; aber unſere Suͤnden fallen auf Dich!““* „Alter Mann,“ entgegnete ihm Innocens, nicht erzuͤrnt, aber niedergeſchlagen,„die Schufte von Biſchoͤfen haben mich zur Unge⸗ rechtigkeit gezwungen; nur Geduld, Du und ich wir werden bald gerächt ſein. Laß mir Deinen Sohn. Ich habe ein Erbe für ihn. Venaiſſin, Beaucaire und Avignon hebe ich für ihn auf, bis ich ihm wo moglich Alles wiedergeben kann. Unterdeſſen behält Si⸗ mon Languedoc.“ „Gnaͤdiger Herr,“ erwiederte der Knabe,„zwiſchen mir und einem Manne von Wenceſter iſt keine Theilung möglich; und weil Alles zum Kriege ruͤſtet, will ich von Dir blos die Erlaubniß, die Ent⸗ ſcheidung auf die Spitze meines Schwertes zu ſtellen; denn hätte es nicht die Kirche gethan, Menſchen haͤtten Toulouſe nicht geſturzt. Meine Sache iſt gerecht, gegen den ſtolzeſten Feind will ich ſie vertheidigen, und wir werden unſer ſchoͤnes Toulouſe wieder erobern. Du haſt genug fuͤr uns gethan; Du haſt uns von den Ketten be⸗ freit, mit denen die Beſchuldigung der Ketzerei uns bedrohte, und nun habt Acht, ihr Tieger, die meine Laͤnder verſchlingen, die Loͤwen ſind los!“ Da brach von Neuem der Beifall der Ritter los; doch uͤber⸗ tonte dieſen ein fuͤrchterlicher Laͤrm von draußen. IV. Dr Maͤnner wollten naͤmlich den Zutritt in den Saal er⸗ zwingen, und da der aͤußere Theil der Galerie von den Dienern der Ritter beſetzt war, und dieſe jene Drei nicht kannten, ſie ſie mit Gewalt zuruͤck, wodurch der Lärm verurſacht daß eine furchterliche Stimme Alles überſchrie: „Graf Terride, Herr Graf, hat Dich denn der Fluch des Himmels taub gemacht, oder kennſt Du nicht mehr die Stimme Deiner alten Diener?“ Bei dieſen Worten fuhr der alte Graf, und abgeſpannt, in ſich verſunken dageſeſſen ſich von ſeinem Sibe und frug mit der ſtörtem Blicke und am ganzen Leibe zitt „Was willſt Du, Manuel? ger Ritter, die von Roms Gere Burg Befehle ertheilen. Ich vermag nichts mehr; ſuche lieber bei den Mauren Spaniens, als bei den Rittern von Languedoc Schutz.“ „Laßt den Diener meines Vaters herein,“ rief Otho, wahrend Ben⸗Ouled ſich dem Greiſe näherte und ihn wieder zu ſeinem Sitze fuhrte. ſo drängten wurde, bis der bisher theilnahmlos hatte, zuſammen, erhob Stimme des Grabes, ver⸗ ernd: Ich bin in der Gewalt eidbruͤchi⸗ chtigkeit ſprechen und in meiner Auf den Befehl Otho's öffneten ſich die Reihen, und Manuel, ein ſilberhaariger Greis von ſechzig Jahren, aber noch aufrecht und in voller Kraft, ſchritt herein. Ihm folgten ſeine beiden Söhne, Robin und Gauthier mit der Leiche Guilellmeta's. 41 „Was willſt Du und was verlangſt Du?“ frug ihn Otho,„war⸗ um draͤngſt Du Dich in den Kreis dieſer edeln Ritter, und wer iſt die Leiche, die Du mitbringſt.“ „Dieſe Leiche,“ entgegnete Manuel,„iſt meine Tochter, und von Dir, der Du Dich den Sohn meines Herrn nennſt, und von Euch, Ihr Ritter, fordere ich das Leben deſſen, der meine Tochter meuchlings gemordet hat.“ Ben⸗Ouled ſtieß bei dem Anblick der Leiche einen Schrei des Entſetzens aus, ſchwang ſich über die Baluſtrade und rief:„Wenn Du keine Gerechtigkeit findeſt, Manuel, ſo verſpreche ich Dir wenigſtens Rache.“ „Wer ſpricht von Rache, wenn ich es bin, von dem man Gerechtigkeit fordert?“ entgegnete Otho mit ſtrengem Tone.„Wer es auch ſei, Niemand hat hier das Recht zu antworten, wenn der Herr des Schloſſes antworten kann.“ Unter den Reiſigen und Dienern wurde ein Murmeln der unzufriedenheit vernehmbar, während die Ritter im tiefſten Schwei⸗ gen Blicke des Staunens wechſelten. „Wen beſchuldigſt Du des Mordes?“ nahm Otho wieder das Wort. „Nenne mir alle Ritter, die heut Abend in dieſes Schloß ein⸗ gezogen ſind, und wie es ihr guter oder ſchlechter Ruf mich ahnen läßt, will ich Dir ſagen, wen ich fuͤr den Schuldigen halte.“ „Keiner von ihnen hat den Fluß überſchritten, denn alle ſind auf dem Wege von Caſtelnaudary hierher gekommen.“ „und doch iſt die Fähre losgemacht geweſen; ich fand einen anderen Knoten, als wie ich ihn mache, und weil die Faͤhre auf dieſem Ufer iſt, muß ſie Leute vom anderen herübergeholt haben.“ „Wenn dem ſo iſt,“ ſagte Otho,„ſo hat Deine Tochter wider den Befehl Leute von druͤben heruͤber geholt, und dann deſto ſchlim⸗ mer fur ſie, daß ſie in der Gefahr umgekommen, in die ſie ſich begeben hat.“ „Es kann aber auch,“ verſetzte Manuel,„einer herüber ge⸗ ſchwommen ſein und ſich der Fäͤhre bemächtigt haben, die meine Tochter hat vertheidigen wollen.“ 42 „Und den Beweis dafuͤr,“ fügte ein Bogenſchütze hinzu,„liefert ein Stuͤck Pilgergewand, das noch ganz naß iſt. Wem von Euch, gnädige Herren, gehört es?“ „Mir,“ verſetzte Otho,„aber ich bin allein gekommen, und fuͤr mich iſt die Fähre nicht losgebunden worden.“ „Fuͤr wen alſo?“ riefen die Waffenleute im Aufruhr. „Darnach habt Ihr nicht mich zu fragen,“ verſetzte Otho. Tauſend Drohungen erſchollen von dem aͤußerſten Ende der Galerie, Otho ſuchte vergebens ſie zu beſchwichtigen, bis endlich Wilhelm von Minerve an Otho herantrat und ihm zufluͤſterte: „Gebt ihnen den Moͤrder, Herr von Terride, wer es auch ſei.“ „Ich kenne ihn,“ ſagte dieſer,„aber ich will ihn als lebende Geißel behalten, er iſt mehr werth fuͤr uns, als ein Sieg uͤber die Franzoſen.“ „Nehmt Euch in Acht,“ verſetzte Wilhelm leiſe. Unterdeſſen hatten die Waffenleute ſich unter einander beſpro⸗ chen, und Credo rief mit lauter Stimme: „Wir brauchen nicht lange nach dem Thäter zu ſuchen, und der wird Gott ſei Dank keinen Vertheidiger finden. Herr Guy von Levis kam heut Abend vom Kloſter St. Maurice, und als er durch Verrath und Luge in das Schloß drang, ſagte er mir, er hätte Guilellmeta eine Schärpe geſchenkt; und hier iſt Robin, der das arme Kind im Weidengeſtruͤpp gefunden hat; ſie trug noch die Schärpe des Herrn von Levis um den Hals. Aber der Mörder iſt hier im Schloſſe, er iſt in der Gewalt des Herrn von Terride, er gebe ihn heraus, wir wollen ihn am Wege aufknuͤpfen, wie es einem feigen Mädchenmörder ziemt.“ „Holla, meine Herren, ſeit wann iſt der Mord einer Vaſal⸗ lentochter an einem edlen Ritter, Freund oder Feind, mit dem Tode heſtraft worden?“ Nun brachen die Reiſigen und Knechte in laute Drohungen aus: „Auf den Verrather, auf den Meineidigen, auf den Englaͤnder!“ tönte es von allen Seiten, und ſchon wollten einige uͤber die Balu⸗ ſtrade ſetzen; aber Otho trat ihnen mit bloßem Schwerte entgegen, „„— 43 „Wer will über dieſe Schranke, wenn es der Schloßherr ihm verbietet?“ „Wer?“ entgegnete Manuel und zog einem Reiſigen ſein langes Schwert aus der Scheide,„ich zuerſt und alle Anderen nach mir.“ „Dann ſollſt auch Du zuerſt fallen,“ antwortete Otho und zuckte ſein Schwert auf ihn. Da wollte der ganze Trupp auf Otho losbrechen und drängte Manuel's beide Söhne ſo gewaltſam wider die Baluſtrade, daß Guilellmeta's Leichnam, den ſie in den Haͤnden hielten, uͤber die Barriere flog und zu Otho's Füßen niederfiel; dieſer hatte nur die Bewegungen ſeiner Gegner im Auge, ſah nichts als einen Koͤrper, der die entſcheidende Schranke überſchritt, hob ſein Schwert und ließ es auf die Leiche niederfallen, brachte dieſer aber nur eine leichte Wunde bei. Dies verdoppelte das Geſchrei, und ſchon waren zehn Schwer⸗ ter gezückt und wollten alle auf Otho einhauen; da trat Wilhelm von Minerve vor und deckte ihn. „Halt, Kinder,“ rief er,„Gerechtigkeit ſoll Euch werden. Das ſchwoͤre ich Euch auf mein Ritterwort. Aber der Schuldige ſteht ſo hoch und maͤchtig da, daß wir ihn noch für Languedoc's Sache brauchen koͤnnen, darum laßt uns erſt berathen, was zu thun iſt.“ „Ich nehme Dein Wort an, Herr von Minerve, denn Du haſt es noch nie gebrochen. Wir ziehen uns zuruͤck, aber keiner von uns verläßt die Thuͤren dieſes Saales oder die Mauern des Schloſſes, wir wollen unſer Recht, wie Dein Wort gegen den Lei⸗ chentödter verfechten, dem es vielleicht auf einen Verrath nicht an⸗ kommt, wenn es die Rettung eines Franzoſen gilt.“ „Geht, Kinder,“ war Wilhelm's Antwort,„Ihr habt mein Wort, und keine Macht in der Welt wird mich zwingen, es zu brechen.“ Die Reiſigen und Knechte zogen ſich zuruͤck, und Manuel ſagte noch:„Ich laſſe Euch den Leichnam hier, um Euch an Eure Pflicht und Euer Wort zu mahnen.“ 44 Während ſich die Menge verlief, hörte man noch manche dumpfe Drohung gegen Otho ausſtoßen, denen ſich der Name eines Lei⸗ chentödters beimiſchte, und der dem Herrn von Terride von nun an fuͤr immer blieb. „Wahrhaftig, meine Herren,“ ſagte hierauf Otho zu ſeiner Um⸗ gebung, mit einem Blicke des Zorns und dem Tone bitteren Vor⸗ wurfs,„großen und aufrichtigen Dank bin ich Euch ſchuldig für den Schutz, den Ihr mir gegen die rebelliſchen Knechte und Va⸗ ſallen geleiſtet habt.“ „Nicht ſo laut, junger Mann,“ verſetzte Wilhelm, der in ſeinem ſiebenzigſten Jahre zu dem Vierziger Otho ſich immer dieſes Aus⸗ drucks bedienen durfte,„nicht ſo laut, denn vielleicht ſind dieſe Leute nahe genug, um Euch zu hoͤren.“ „Und ſeit wann darf der Ritter von dieſem Pöbel nicht mehr ſprechen, wie er es verdient?“ „Seitdem Unglück, Brand, Verwuͤſtung und Mord alle Häup⸗ ter unter ein gleiches ſchreckliches Schickſal gebeugt haben. Seitdem zehn Jahre lang dieſes Land dem vernichtenden Schwerte der Kreuz⸗ fahrer Preis gegeben iſt, haben dieſe Leute zu viel Barone an den Zinnen ihrer Burgen, wie Raͤuber und Abentheurer, hängen ſehen; zu viel Lehnsherren verbannt und vertrieben von Thür zu Thür bis in die Huͤtte des Letzten von ihnen bettelnd umherirren ſehen, als daß ſie nicht wüßten, daß kein Stand vor Ungluͤck, kein Recht vor Gewalt ſchuͤtzt; und ſeitdem ein Ritter nach dem anderen fuͤr das Vaterland gefallen iſt, ſeitdem die edeln Geſchlechter durch die un⸗ aufhörlichen Kaͤmpfe hinweggemaͤht ſind, haben auch wir ihren Beiſtand zu oft in Anſpruch nehmen muͤſſen, als daß ſie nicht wuͤßten, daß Muth und Tugend an keinen Stand gebunden iſt, und Muth und Tugend Anſpruch auf Dank hat.“ „Armes Land,“ wiederholte Otho mit verächtlichem Lichen, „wenn es von den Hoͤrigen und nicht von den Herren Huͤlfe er⸗ wartet.“ „Herr von Terride, ſpare Deinen mitleidigen Rath, bis Du das Land beſſer kennen gelernt, oder einem jener Kaͤmpfe beige⸗ wohnt haſt, wo kein Pardon genommen und gegeben wird, wo der * 45 Gefangene dem Tode verfallen iſt, und der Verwundete nichts als den letzten Gnadenſtoß zu erwarten hat. Wenn Du ſechzig Tage lang Hunger und Durſt gelitten haſt, wie ich mit meinen Leuten, und Du ihre Ausdauer der Deinigen gleichen ſiehſt, dann, Herr pon Terride, wirſt Du auch nicht gleich mit Erniedrigung und Pö⸗ bel um Dich werfen. Wenn ſie Dir gefolgt und vorangegangen ſind in den Kampf, wenn ſie Dich mit ihren Leibern gedeckt haben vor den franzöſiſchen Speeren⸗ wie es Vielen von uns widerfahren iſt, dann wirſt auch Du keine umerſchämtheit in dem entbloͤßten Schwerte finden, was ſo oft für Dich gezogen worden.“ „Sag' uns, was Du willſt, ſchnell, denn die Nacht ſchreitet vor, und unſte Leute wollen eben ſo gut wiſſen, was aus Languedoc werden ſoll, wie wir ſelbſt.“ Otho hatte mit düſterem Blicke und geſenktem Haupte zuge⸗ hört, es ſchien ihm Anſtrengung zu koſten, als er ſich aufraffte, und ſprach:„Meine Herren, ich will nicht weiter von dem Un⸗ glücke ſprechen, das den Adel der Provence ſo tief erniedrigen konnte. Zehn Jahre bedurfte es, um Euch nach und nach dahin zu bringen, ohne daß vielleicht Einer von Euch ſich des Weges bewußt war, den er ging. Aber es wird Euch nicht überraſchen, wenn ich, der plotzlich unter dieſe Zuchtloſigkeit geworfen worden, über den Man⸗ gel von Wuͤrde und Recht empoͤrt bin, und es mir ſchwer fällt, dieſen Zuſtand anzuerkennen. Ich will mich jedoch der allgemeinen Noth fügen; aber es iſt unmöglich, daß Ihr jetzt das Leben Guy's von Levis eines ſolchen Maͤdchens wegen Preis gebt.“ „Ich habe mein Wort gegeben,“ verſetzte Wilhelm,„und glaube mir, haͤtte Dich dieſes Wort nicht beſſer als jede Ruͤſtung geſchützt, Du ſtändeſt jetzt nicht hier und hielteſt uns unſere Erniedrigung nicht mehr vor, ſondern lägſt an der Seite dieſer Leiche, eben ſo kalt und nutzlos fuͤr die Vertheidigung des Landes, als ſie; nutzloſer noch, als der ſchlechteſte Troßbube.“ „Aber ich habe dem Herrn von Levis auch mein Wort ver⸗ pfaͤndet, daß ihm und den Seinigen das Leben geſchenkt werde.“ „Haſt Du ihm Dein Wort gegeben, noch ehe Du das Ver⸗ brechen kannteſt, ſo biſt Du dafuͤr quitt.“ 46 Otho uͤberlegte einen Augenblick und ſagte dann:„Der Einwand paßt für einen peinlichen Richter dem Verbrecher gegenüber. Ich habe es dem Herrn von Levis verſprochen, daß ich ſein Leben ſchutzen will, und ich werde mein Wort halten, das ſag' ich Euch; freilich, koͤnnt Ihr, meine Herren Barone, mich uͤberwältigen, denn Ihr ſeid die Mehrzahl, und ich bin allein in dieſem Schloſſe.“ „Aber noch nicht, Herr, darin,“ verſetzte der alte Herr von Terride, deſſen Geiſt bald einmal wach, bald wieder einmal in gänzliche Apathie verſunken, wie eine dem Verlöſchen nahe Lampe, noch dann und wann einmal aufflackerte.„Herr Guy von Lovis iſt als eidbruͤchiger Verbrecher in das Schloß gekommen, denn un⸗ ſerm Vertrage nach durfte er nur allein oder mit einem einzigen Stallmeiſter hier erſcheinen. Er hat ſein Wort gebrochen und ſoll als Verräther und Mörder beſtraft werden.“ ſ Otho bemerkte die unheildrohende Stimmung der Ritter und war froh, der allgemeinen Stimme nachgeben zu können, ohne daß es ſchien, als furchte er die Drohungen Einzelner. „Das hab' ich nicht gewußt,“ ſagte er,„ſo ſterbe er denn deswegen; das iſt Gerechtigkeit, denn hier ſteht Edelmann gegen Edelmann. Meinem Herrn uberlaſſe ich es, wie er ſeine That rechtfertigen will; aber Euch muß ich jetzt ſagen, daß Ihr einen Theil Eurer Mauern abgetragen habt, um die Breſchen darin damit auszufuͤllen. Vielleicht gelingt Euch die Vertreibung der Franzoſen, Barone, aber dann werden Eure Burgen von anderen Feinden umgeben ſein, die Euch vielleicht noch ſchwerer drücken.“ „Jeder Tag hat ſeine Arbeit,“ verſetzte Minerve,„und erſt muß man mit Huͤlfe ſeines Geſindes und ſeiner Miethlinge das Feuer böſchen, ſo lange es Noth thut, und erſt, wenn die Gefahr vor⸗ über, läßt ſich die Ordnung wiederherſtellen.“ „Ich wünſche Euch die Kraft dazu,“ antwortete Otho mit einem bittern Lächeln,„ich komme aber aus einem Lande, wo der Konig bei den Städten Schutz gegen ſeine großen Barone ſuchte, und nachdem er dieſe gluͤcklich bewältigt, von der Buͤrgerſchaft und eini⸗ gen entarteten Prieſtern und Edelleuten auf eine Wieſe drei Mei⸗ ——— ——— 47 len von London geſchleppt wurde und hier im Angeſichte eines meuteriſchen bewaffneten Volkes die Charte des Reichs unterzeichnen mußte, die den Gemeinden faſt gleiche Rechte mit dem Adel giebt.“ „Vielleicht,“ entgegnete der beſonnenere Wilhelm,„wollte Gott die Schwachen aus ihrer Gedruͤcktheit erheben; aber fuͤr die Entſchei⸗ dung dieſer Frage iſt hier weder Ort noch Zeit. Vollende Deine Botſchaft, und wir werden Dir dann unſere Antwort an den Gra⸗ fen von Toulouſe mitgeben.“ Otho nahm darauf zwar wieder das Wort, aber es dauerte eine lange Weile, ehe ſein Bericht den erhabenen Schwung wieder nahm, der einen ſo lebhaften Eindruck auf die Ritter geuͤbt hatte. Otho von Terride hatte in hohem Grade die Tugenden und Fehler der damaligen Zeit. Obgleich in einem Lande geboren, wo die Rechte der unteren Volksclaſſen immer mehr oder minder durch geſchriebenes Recht geſchützt und geachtet wurden, wo der Buͤrger leicht und ſogar auf dem Wege der Wahl den Adel erwarb, wo den Hoͤrigen ſelbſt das Recht der Steuerbewilligung zugeſtanden worden, war er doch zu zeitig ausgewandert, um ſich mit dieſen Sitten zu identificiren. Das ganze Lebensalter, das den Mann zum Manne gemacht, war ihm in einem Lande verfloſſen, wo der normänniſche Uebermuth nicht nur Alles, was nicht adlich war, ſondern auch Alles, was nicht zu ſeinem Geſchlechte gehoͤrte, wie wilde Thiere behandelte; mit Verachtung hatte er Johann's Feigheit, wie er es nannte, mit angeſehen und brachte ſeine ab⸗ ſoluten Ideen und ein Gefühl der Bitterkeit, das ihm Erſatz fur die ſeiner Meinung nach dem engliſchen Adel von der Londoner Buͤr⸗ gerſchaft zugefugten Unbilden ſuchen ließ, mit nach der Provence. Im Auszuge wollen wir nun mittheilen, was er weiter erzählte. V. Mo einen Monat nach ſeines Vaters Abreiſe war der junge Graf von Toulouſe in Rom geblieben und endlich, als er ſah, daß Innocens mit ſeinem guten Willen gegen die Intriguen der Bi⸗ ſchöfe nichts ausrichten konnte, nach Genua abgereiſt, wo ihn ſein Vater und der Graf von Foir erwarteten; von hier ging er zu Schiff nach Marſeille, wo er mit lautem Jubel aufgenommen wurde, und von hieraus bemachtigte er ſich endlich durch einen kühnen Handſtreich der Stadt Beaucaire, wo er in der Citadelle Lambert von Limon eingeſchloſſen hielt, waͤhrend er ſelbſt durch Montfort's Armeen von Außen belagert wurde. Dieſe Stellung der Belagerten und Belagerer gab zu täglichen Kämpfen und Ausfällen Veran⸗ laſſung, welche die glaͤnzendſten Waffenthaten entwickelten, den Muth, die Entſchloſſenheit, ja das Genie des jungen Grafen im ſchönſten Lichte zeigten und uͤberhaupt wieder den Satz bewaͤhrten, daß die Kriegfuͤhrung mehr eine Sache des Inſtinctes, als der Kunſt ſei. Waͤhrend er die Citadelle mit allen damals bekannten Mitteln der Belagerungskunſt beſtürmte, vernachlaͤſſigte er doch nichts, wodurch er ſich gegen den Grafen Montfort decken konnte, ſchlug ihn zurück, oder kam ihm zuvor, war meiſt der angreifende Theil, ſchnitt ihm durch gluͤckliche Ausfälle die Zufuhr ab, konnte ſo, obgleich ſelbſt belagert, in aller Fuͤlle leben, waͤhrend die Franzoſen draußen an den unentbehrlichſten Beduͤrfniſſen Mangel litten, und bekam durch die Eroberung mehrerer Schloͤſſer, welche die Rhone beherrſchten, die Schifffahrt auf dieſem Fluſſe in ſeine Gewalt. 49 Montfort verſuchte Alles, um die Stadt in ſeine Gewalt zu bekommen; erſt nach monatelangem vergeblichen Streben ver⸗ zweifelte er, mit dem kleinen Buben, wie er ſich im normãänni⸗ ſchen Style ausdruͤckte, fertig zu werden, und hob die Belagerung auf und ſuchte nur noch den Schein eines vertragsmaͤßigen Abzuges für ſeinen Rückzug zu retten. Guy de Levis und Dragonet, der Lehrer des jungen Grafen, vermittelten einen Vertrag, vermöge deſſen Beaucaire in Raimund's Gewalt bleiben, Montfort die Belagerung aufheben, und Lambert mit ſeinen Rittern freien Abzug aus der Citadelle erhalten ſollte. Auch bei dieſer Gelegenheit zeigte Raimund ſeine geiſtige Ueber⸗ legenheit, denn als ihm Alles rieth, die Eitadelle mit Gewalt zu nehmen, entgegnete er weiſe:„Meine Herren, es iſt mir lieber, ich erhalte die Citadelle in gutem Zuſtande, als halb zerſtört, denn eher würden die Franzoſen doch nicht daraus weichen; wir werden noch manche Gelegenheit haben, unſere Kunſt im Mauerbrechen und Sturmlaufen unter Hagelwettern von Eiſen und Feuer zu zeigen; denn dieſer Kampf iſt nur der Anfang eines Vertilgungs⸗ krieges, in welchem entweder Montfort oder ich fallen muß. Sichern wir uns alſo lieber durch einen Rückzug, als daß wir das, was noch von edelm Blute in der Provence uͤbrig iſt, dunch eitle Stürme vergeuden; das iſt mein Rath, und im Nothfall mein Wille.“ Alle Barone gehorchten; denn wunderbar faſt war es, wie alle die Krieger ſich dem Willen dieſes Juͤnglings unterwar⸗ fen, während ſie ſich gewiß gegen noch weiſere Vorſchläge ſeines Vaters aufgelehnt hätten. Aber ſeine Entſchloſſenheit und Ge⸗ ſchicklichkeit war ſo entſchieden dargethan, daß Jeder ihn fuͤr einen vom Himmel beſonders Beſchützten hielt, indem ſie in ihrer natür⸗ lichen Leichtgläͤubigkeit die wahre Quelle des Genies durch die un⸗ mittelbare Ableitung von Gott am beſten bezeichneten. Ueberall drang der junge Graf mit ſeiner Anſicht durch, und kaum war Dragonet in das franzöſiſche Lager abgegangen, um den Vertrag zu unterzeichnen, als der alte Graf von Toulouſe mit Otho von Ter⸗ ride und mehrern anderen Rittern in aller Eile Beaucaire verließ, —— und auf der Straße uͤber Montpellier, Bezieres und Carcaſſonne bis nach Toulouſe kam, waͤhrend der Herr von Terride mit den von dem Grafen ſelbſt beſiegelten Pergamenten die Schlöſſer des Grafen von Foir durcheilte, die durch ihre Lage in den Bergen bis jetzt vor den Franzoſen geſchuͤtzt geblieben waren. Die heutige Zuſammenkunft der Ritter war Otho's Werk; auf ſeine Veranlaſſung waren noch andere an anderen Orten ver⸗ anſtaltet, und den nachſten Tag ſollten alle Emiſſaͤre des Grafen dieſem in Toulouſe ſelbſt die Entſchließungen der Barone hinter⸗ bringen. Man wird ſich vielleicht wundern, daß Guy von Levis eher in die Grafſchaft Foir kommen konnte, als der Graf von Toulouſe und ſeine Begleiter, denn er ſelbſt hatte ja die Unterhandlungen zwiſchen Montfort und dem jungen Grafen geleitet; es wird aber erklaͤrlich, wenn wir bedenken, daß, während Dragonet mit Guy von Levis auf neutralem Gebiete Unterhandlungen pflog, Montfort mit ſeiner ganzen Armee die Straße nach Toulouſe in aller Eile verfolgte, indem er uͤber das ſchwarze Gebirge ging und durch das Oberland zuruͤckkehrte. Dadurch konnte Levis mit aller Sicherheit und Schnelligkeit die offene Straße verfolgen, waͤhrend der Graf von Toulouſe mit ſeinen Begleitern nur bei Nacht auf abgelegenen Pfaden weiter gehen konnte. So konnte er noch in Zeiten ſeinen Herrn, der ſchon bei Toulouſe ſtand, von dem Erfolge ſeiner Un⸗ ternehmungen benachrichtigen und nach Mirepoix zuruͤckkehren, um ſeine Vermaͤhlung, die ihm der alte Herr von Terride ſechs Mo⸗ nate vorher mit ſeinem Worte verſprochen hatte, freilich unter einer Bedingung, deren Erfuͤllung ſeiner Ueberzeugung nach geradezu un⸗ moͤglich war, zu feiern. Während Otho von Terride, der Montfort's ſchnellen Marſch noch nicht kannte, den Rittern ſeinen Abzug von Beaucaire, ſeinen Weg, ſeine Beſuche auf den verſchiedenen Schlöſſern beſchrieb und ihnen ſagte, ſein Herr habe ohne Zweifel ſchon jetzt die paͤpſtliche Beſatzung aus Toulouſe vertrieben und erwarte dort ihren Beiſtand, waͤhrend deſſen Montfort wahrſcheinlich noch vor Beaucaire ſtaͤnde, und die Ritter noch berathſchlagten, was zu thun ſei, trat Ben⸗Ouled in die Galerie und frug mit drohendem Tone:„Ihr Herren Ritter, 51 wir erwarten vor der Thüre, was Ihr uber Languedoe beſchließt, und wollen ſo lange warten, als es Euch gefaͤllig iſt, aber was Guy von Levis betrifft, da haben wir nicht dieſelbe Geduld. Dazu, daß ein Mann der ſtrafenden Hand uberliefert wird, braucht's nicht ſo viel Ueberlegung. Es iſt Zeit, daß Ihr Euch erklärt. Wollt Ihr oder wollt Ihr nicht? Dieſe Arroganz war doch dem Herrn von Minerve zu arg: „Bei allen Heiligen des Paradieſes,“ rief er,„das iſt zu viel. Wir pflegen Recht und Gerechtigkeit und werden das allen unſeren Leuten, Freien oder Hörigen, beweiſen; aber wir werden niemals dulden, daß ſie durch ſolche Mittelsperſonen ihre Klagen vorbringen. Geh' alſo und ſag' ihnen, ſie ſollten wenigſtens Chriſten an Chriſten ſchicken, und wenn Du nicht gehſt, ſollſt Du bald neben dieſem Maͤdchen hingeſtreckt ſein, das Ihr raͤchen wollt.“ „Herr Wilhelm von Minerve,“ ſagte der Maure,„ich weiß, Dein Schwert fällt Deiner Hand leicht und auf Deine Feinde ſchwer, auch Dich, Lerida, habe ich zuhauen ſehen, und Euch, Arnaud de Rabastens, Peter von Cabaret, den Tapferſten aller Heerfuhrer die⸗ ſes Landes, aber keiner von Euch, noch Ihr Alle zuſammen koͤnnt mich lebendig von dieſer Stelle bringen, und auch nicht todt ſollt Ihr mich behalten; ich habe einen Schutz gegen Eure Schwerter, ſiche⸗ rer als Harniſch und Bruſtſtuͤck; ſeht hier, das iſt mein Schutz!“ und dabei zog er ein langes Fleiſchermeſſer unter ſeinem Gewande hervor.„Könnt Ihr die Scharten an dieſer Klinge zählen? Auf jede kommt ein Franzoſe, den ſie in der Stille abgeſchlachtet hat. Hier habt Ihr mein Schwert,“ und dabei warf er es auf den Tiſch;„Zählt alle Scharten⸗ die ſeine Klinge zur Saͤge gemacht ha⸗ ben, auf jede kommt ein Franzoſe, den ich in offner Schlacht niedergehauen habe; und doch gehörte es vor mir einem Manne, der es bis an das Stichblatt haͤtte verderben müſſen, wenn er, ſo wie ich, alle damit Erſchlagene haͤtte einzeichnen wollen. Kennt es keiner von Euch? „Bei meiner Seele,“ rief Wilhelm mit zitternder Stimme, „das iſt das Schwert meines verſtorbenen Herrn, das iſt das Schwert des Vicomte von Bezieres.“ 4* 52 „Du kennſt das Schwert ſo gut, kennſt Du nicht auch den Arm, der es führt?“ fuhr der Maure fort.„Biſt Du es, Buat, Blutauge, Du das Gnadenmeſſer? Biſt Du hier unter dieſer Ver⸗ kleidung verborgen? Seit den acht Monaten, wo wir nichts von franzöſiſchen Rittern hören, die von unſichtbarer Hand in ihren Zelten uberfallen, auf ihren Schlöſſern in ihrem Bett hingewuͤrgt worden, ſeitdem an den Straßen von keinem Baume mehr nor— maͤnniſche Ritter mit blutiger Kreuzwunde auf der Bruſt herabhaͤn⸗ gen, haben wir Dich ſchon als todt beweint.“ „Schönen Dank, Wilhelm,“ erwiederte Buat.„Nein, an dem Tage, wo der Graf von Foir ſein Schloß dem Abte von Tibery übergab, hatte ich eine heiligere Pflicht zu erfuͤllen, als Franzoſen zu morden; ich mußte über die Hoffnung unſerer Grafſchaft wachen, uber den Sohn des edeln Vicomte, und fuͤr deren Erhaltung habe ich eine Verkleidung zweckmäßiger erachtet, als das feſteſte Schloß, ſeitdem der Unbeſiegbare ſelbſt in ſeinem Foir nicht mehr ſicher war.“ „Wo iſt denn der edle Sproͤßling“, rief Wilhelm;„weil wir einmal keine Männer mehr haben, ſind die Kinder unſere theuerſte Hoffnung.“ „Er iſt hier im Schloſſe und gilt fuͤr das Kind eines Spielmannes, den ich auf der Straße erſchlagen. Noch vor einer Stunde ſchlief es hier auf den Knieen einer Kammerfrau der Gräfin Signis, und jetzt iſt es gewiß in ſeinem Bette.“ „Wohlan,“ rief Wilhelm von Minerve, der dem Grafen von Toulouſe ſein früheres Bündniß mit den Kreuzfahrern und ſeinen Feldzug gegen Roger nicht verzeihen konnte;„da der Graf von Foir uns fehlt, da er uns verlaſſen hat, um ſein Recht gegen Prieſter zu verfechten, und wir von Deinen Grafen von Toulouſe, einem trugvollen und meineidigen Geſchlechte, nichts wiſſen wollen, ſoll dieſes Kind unſer Haupt ſein, und ich bin bereit ihm zu folgen, be⸗ reit ihm zu gehorchen, wie Andere dem jungen Grafen von Toulouſe gehorchen.“ „Einem Kinde von ſechs Jahren gehorchen zu wollen, iſt Unſinn, denn es iſt doch das, was ich eben erſt im Saale ge⸗ ſehen habe.“ 53 „Ich fuͤr meinen Theil,“ ſagte Lerida,„bin's zuftieden und unterwerfe mich ihm.“ Otho ſah ſich in der Verſammlung mit einem Blicke um, der zu fragen ſchien, ob er unter Tollhäusler gerathen waͤre, und blieb bei Ben⸗Ouled oder Buat ſtehen, in deſſen Zuͤgen Genug⸗ thuung und Zufriedenheit ſtrahlten. Mit gebeugtem Haupte und geringſchaͤtzendem Achſelzucken fragte der Ritter höhniſch:„Iſt das die Antwort, die ich dem Grafen von Toulouſe bringen ſoll?“ „Sage ihm, wir waffneten uns fuͤr ihn unter der Bedingung, daß er ſeiner Vormundſchaft uͤber den jungen Vicomte von Foir entſage und die Verwaltung von deſſen Grafſchaft einem ſeiner edeln Vaſallen uͤbertragen werde.“ „Wie z. B. Wilhelm von Minerve,“ verſetzte Otho mit höh⸗ niſchem Lächeln;„jetzt verſteh' ich, ein Kind von ſechs Jahren iſt ein bequemer Fuͤhrer fur einen ehrgeizigen Ritter.“ „Du haſt das Rechte nicht getroffen,“ verſetzte Wilhelm;„nicht ich will das Haupt unſeres Bundes im Namen des Kindes ſein; aber ich will auch nicht, daß der Graf von Toulouſe uns in ſeinem Namen Befehle ertheile. Die Ritter moͤgen ſich daher einen Führer waͤhlen, den loyalſten, damit er die Rechte des Waiſen vertheidige und verhüte, daß ſie nicht den Feinden der Provence geopfert werden. Sag' das dem alten Raimund.“ Es war, als wenn dieſe Worte den Grafen Terride ſelbſt getroffen hätten, denn er biß ſich in die Lippen und antwortete ſtolz: „Die Antwort brauche ich dem Grafen nicht erſt zu bringen; denn ſchon in dieſem Augenblicke kann ich Euch ſagen, daß er unter dieſer Bedingung Euren Beiſtand nicht annimmt. Ich ſehe, daß die Zuchtloſigkeit nicht unter den niedrigſten Claſſen geblieben iſt; daß die Knechte ſich dem Burgherren gleichſtellen, und die Burgherren ihren Lehnsherrn meiſtern wollen; ſei es daher, als wenn ich Euch nichts geſagt haͤtte. Bis morgen wird Euch dieſes Schloß eine gaſtfreie Stätte ſein.“ „So lange es Euch beliebt,“ erwiederte der alte Terride mit der Wuͤrde und Anmuth eines gaſtlichen Wirthes. — — 54 „Mur bis zu Tagesanbruch,“ verſetzte Minerve,„und da es ſich nicht mehr fuͤr den jungen Vicomte eignet, ſo biete ich ihm mein Schloß als Zuflucht, und bis er dort in Sicherheit iſt, weihen wir Alle ihm unſere Schwerter und unſern Beiſtand.“ „Das nehme ich fur ihn an,“ antwortete Buat,„und jetzt frage ich Euch, was ſoll mit Guy von Levis werden?“ „Du kannſt Dir ihn holen,“ erwiederte Wilhelm. „Vater, geſtattet Ihr den Mord in Euerem Schloſſe?“ „Gerechtigkeit werde geübt,“ ſagte der Greis,„und Niemand widerſetze ſich. An Deiner Stimme und Deinen Zügen haͤtte ich Dich nicht wieder erkannt, Otho, vielleicht an Deinem unbaͤn⸗ digen Stolze und Deinem klugen Verfahren gegen Deine Feinde, von denen Du entweder etwas zu hoffen oder zu fuͤrchten haſt; aber gewiß an der Kunſt, mit der Du den jungen Raimund in das guͤnſtigſte Licht zu ſtellen wußteſt und Alles verſchwiegſt, was Deinem Plane entgegen wirken koͤnnte. Du haſt die feile Kunſt der fah⸗ renden Säanger noch nicht verlernt, ihre Sprache fuͤgt ſich in alle Falten und bezaubert jedes Ohr, aber ſie ſoll nichts fuͤr den ver⸗ mögen, der als Verraͤther in mein Schloß drang, und der Herr Guy von Levis ſoll ſterben, das ſchwoͤr' ich Dir, Gott ſelber müßte ihn denn retten.“ „Euer Wille geſchehe,“ entgegnete Otho.„Mir wird ein ſelt⸗ ſamer Lohn dafuͤr zu Theil, daß ich all mein Beſitzthum in der Fremde verließ, um in meine Heimath zurückkehren zu können, und nicht einmal das Leben eines Feindes, für das ich mein Wort verpfaͤndet habe, kann ich ſchuͤtzen. Wird mir vielleicht die arm⸗ ſelige Gunſt eines Aufſchubs der Strafe bis zu Sonnenaufgang gewaͤhrt? Dann will ich dieſes Schloß verlaſſen, wo ich ſo nichts als die Vergangenheit habe, und wenigſtens nicht durch meine Gegenwart Billigung oder Zeugniß dieſes Mordes an den Tag legen.“ Die Ritter beriethen ſich darüber, keiner wagte einen Ein⸗ wand gegen dieſe einfache Bitte, und Buat wurde beauftragt, den Waffenleuten den Entſchluß der Ritter zu verkuͤnden. Unterdeſſen war der alte Hefr von Terride an ſeinen Sohn 55 herangeſchlichen und frug ihn:„Noch vor Tagesanbruch gehſt Du, Otho?“ „Ja, mein Vater,“ erwiederte dieſer und ſah ihn dabei auf⸗ merkſam anz„ich gehe, und Ihr werdet allein in dem Schloſſe bleiben, das ich eben den Franzoſen aus den Händen geriſſen habe.“ „Ich danke Dir, wenn ein Ritter der Provence für ſeine Schuldigkeit, ein Sohn für die Rettung ſeines Vaters Dank ver⸗ dient, aber Du wirſt doch noch vor Tagesanbruch abreiſen?“ Bei dieſen Worten ſtarrte ihn das gläſerne Auge ſeines Va⸗ ters an, als wenn er ganz und gar mit einer Idee beſchäftigt waͤre. „Ja,“ erwiederte er,„und Ihr werdet allein mit der Graͤfin Signis bleiben, die Euch ſo ſchnell wie moͤglich ins Grab befoͤrdert wuͤnſcht.“ Da leuchtete die Raſerei aus den Zügen des Alten, und mit ſtierem Auge entgegnete er:„Es iſt auch fuͤr die Jugend, wie fürs Alter Platz darinnen, bekuͤmmere Dich nicht weiter um die Graͤfin Signis und geh' vor Tagesanbruch.“ „Ich werde gehen, Vater,“ ſagte Otho, wo moͤglich mit dem Ausdrucke noch grauſamerer Bosheit als ſein Vater. Der Greis entfernte ſich darauf, auf Credo geſtützt, wiederholte ſich aber immer die Worte:„Er geht noch vor Tagesanbruch, das iſt gut das iſt gut.“ Jeder Ritter zog ſich darauf in das ihm angewieſene Zimmer zuruͤck, nur Otho war allein im weiten Saale; unſchluͤſſig, was er thun ſollte, blieb er hier eine ziemliche Weile in tiefes Nachdenken verſunken; bald ging er nach der äußeren Thuͤre, als wenn er Jemanden rufen wollte, bald nach der, durch welche Guy von Levis abgeführt worden war, bald nach dem Zimmer ſeines Vaters; es war aber, als trafe er auf jeder Seite ein unuberſteigliches Hinder⸗ niß, bis er endlich verzweifelnd rief:„Und Niemand, der mir hilft, Niemand, dem ich mich vertrauen darf?“ „Ihr irrt, Otho,“ entgegnete ihm eine Frauenſtimme,„Ihr habt noch Freunde hier;“ und mit dieſen Worten trat die Graͤfin Signis vor ihn hin; bevor wir aber hier weiter fortfahren, müſſen wir ſehen, was zwiſchen Credo und Guittard von Terride vorging⸗ — — ——— 56 Der alte Herr hatte ſich in ein rings mit Taͤfelwerk ausge⸗ legtes Zimmer begeben, das nur ein einziges ſchmales Fenſter hatte und weiter keine Thüre ſichtbar werden ließ, als die, durch welche Guittard und Credo eingetreten warenz im Hintergrunde ſtand ein ungeheures Bett von Eichenholz. Kaum waren ſie eingetreten, ſo ließ ſich Guittard auf einen hoͤlzernen weiten Lehnſtuhl nieder, denn ſeines Alters ungeachtet, waren ihm die Kiſſen und Divans, welche die Mauren mit nach Spanien und Signis mit in das Schloß gebracht, fremd geblieben. „Wollt Ihr Euch nicht niederlegen, es war ein harter Tag,“ frug Credor „Nein,“ antwortete der Alte,„die Ruhe, die mich erwartet, wird lange genug dauern, daß ich nicht erſt noch meine wenigen Stunden im Schlafe verlieren will.“ Credo wollte ſich darauf zuruͤckziehen, wurde aber durch des Alten Worte:„Bleib', ich habe Dir was zu ſagen,“ zurückgehalten. „Sprecht, gnaͤdiger Herr,“ entgegnete Credo. „Warte einmal,“ verſetzte der Graf, indem er den Kopf hin⸗ und herdrehte, als wollte er etwas ſuchen.„Es iſt lang und ſchreck⸗ lich, und mein Gedaͤchtniß wird ſchwachz aber waͤhrend er ſprach, habe ich's beſchloſſen, und es ſoll geſchehen.“ „Ich warte,“ verſetzte der an die momentanen Geiſtesabweſen⸗ heiten ſeines Herrn gewoͤhnte Credo. „Richtig, ſo iſt es, ſie und nicht er, ſo iſt's gerechter, ſo iſt's beſſer.“ Noch einmal hielt er inne, ordnete noch einmal ſeine wirren Gedanken, rief ſie noch einmal zuruͤck, denn ſie vergingen ihm aller Augenblicke, und ſchrie endlich: „Weißt Du, warum er zurückgekehrt iſt?“ „Das Ungluͤck der Provence hat ihn gerührt, und das An⸗ denken an ſein Vaterland das Gefühl ſeiner gerechten Rache zum Schweigen gebracht.“ „Sein gerechtes Rachegefuhl, ſein gerechtes Rachegefuͤhl, ſagſt Du? Ich that ihm alſo Unrecht, als ich ihn fuͤr einen Verräther und Meineidigen erklären ließ! Aber Du haſt vergeſſen, daß er 57 die Gräfin Signis liebte. Der Sohn in die Frau ſeines Vaters verliebt! iſt das nicht furchterlich, iſt das nicht infam? Giebt es eine Strafe, die ſchrecklich genug iſt für dieſes ſchreckliche Ver⸗ brechen?“ „Ich beurtheile nichts, was Ihr ſchon verdammt habt, gnä⸗ diger Herr, aber nach zwanzigjähriger Trennung müßt Ihr das end⸗ lich einmal vergeſſen.“ „Verblendeter Thor, ſiehſt Du denn gar nichts? Er liebt Signis immer noch, er liebt ſie immer noch, um ihretwegen iſt er gekommen; und Signis hätte mir nicht mit ſolcher Uny rſchämtheit ihre Liebe zu ihm zum Vorwurf gemacht, wenn ſie nicht von ſeiner Anweſenheit gewußt und auf ſeinen Schutz gegen meinen gerechten Zorn gebaut hätte.“ Signis hatte dies aber nicht zum erſten Male gethan, und Credo wußte dies beſſer als jeder Andere, doch wollte er ſeinem Herrn diesmal nicht geradezu widerſprechen und erwiederte blos: „Das glaube ich nicht, gnädiger Herr, denn ſein Erſtes, was er that, war, daß er Euch gegen den Herrn von Levis, den Guͤnſt⸗ ling der Frau Gräfin, in Schutz nahm.“ „Und den er jetzt retten will. Das war Alles vorher verab⸗ redet, ich weiß es gewiß. Was kümmert ihn dieſer Guy von Levis, und wenn er ihn jetzt retten will, ſo geſchieht es der Graͤfin zu Gefallen. Er liebt ſie, ſag ich, er liebt ſie, und ihretwegen iſt er hergekommen.“ „Nein, deswegen nicht, gnädiger Herr, und wenn es auch wäre, ſo nuͤtzte es ihm doch nichts.“ „Leben wir denn jetzt noch in Zeiten des Rechtes und Glau⸗ bens?“ erwiederte der Greis mit finſterem Lächeln.„Haben die Prie⸗ ſter nicht Gruͤnde genug erfunden, um dem Einen Alles zu ge⸗ ſtatten, und dem Anderen Alles zu verbieten? Hat Guy von Montfort nicht die Gräfin Comminges entfuͤhrt und ſie noch bei Lebzeiten des Grafen geheirathet? Haben die Biſchöfe dieſe Ehe nicht eingeſegnet? Hat Lara von Narbonne nicht die Mutter verſtoßen, um die Tochter zu heirathen? Und zweifelſt Du, daß Signis den Sohn heirathet, wenn der Vater todt iſt?“ — 58 „Ich glaube es nicht,“ entgegnete Credo bitter. „Du glaubſt es nicht?“ frug der Greis mitzſtierem Auge. „Nein, gnaͤdiger Herr,“ verſetzte Credo mit dem Tone auf⸗ fallender Sicherheit.„Nein, die Graͤfin Signis wuͤrde es nicht thun; und hätte auch Euer Sohn ſeine Liebe bewahrt, die Grafin hat es nicht gethan.“ „Armer Ungläubiger,“ ſagte der Graf,„armer Unglaͤubiger! Betrachte dieſes Zimmer, nie iſt die Graͤfin uͤber ſeine Schwelle getreten, ohne bleich vor Ekel und Gram zu ſein. Hundert Male habe ich in den langen Naͤchten, wo Ihr wenigſtens ausruhen dürft, die ſchrecklichſten Kaͤmpfe gehabt, und wenn ich drohte, wenn ich bat, antwortete ſie mit verächtlichem Laͤcheln:„Armer Greis, warum nahmſt Du mir Deinen Sohn, den ich liebte?“ Da ſprang der Greis wuͤthend auf und rief:„Zwanzig lange Jahre, zwanzig Jahre, keine Minute Vergeſſenheit, keine Minute Mitleid mit dem Greiſe. Er, und immer nur er, und jetzt finden ſie ſich wieder, nein, das darf nicht ſein, eher ſoll er ſterben.“ „Herr und Meiſter,“ rief Credo,„Ihr wollt Eueren Sohn, der Euch rettete, tödten, nachdem Ihr ihn von Haus und Hof ver⸗ trieben habt? Das iſt nicht recht.“ Der Herr von Terride ging in dem Zimmer herum, von einer Wand zur anderen, als wenn er etwas ſuchte, und murmelte dabei vor ſich hin: „Er, hab' ich geſagt, wohlan, er oder ſie! vielleicht er.. nein, ſie.“ Bei dieſen Worten wurde ſeine Stimme immer ſchwächer und ſchwächer, bis ſie ſich endlich in ein bloſes Summen verlor, wo Credo nur zuweilen die Worte: ſie er. unterſcheiden konnte. Endlich fiel der Alte auf ſeinen Lehnſtuhl zurück und ſagte:„Ich hatte mich doch für Eins von Beiden entſchieden!“ Nun trat wieder die gänzliche dumpfe Abgeſpanntheit ein, die ſich ſeiner nach jeder heftigen Anſtrengung bemaͤchtigte, und Credo wollte dieſen Augenblick benutzen, um ſich zurückzuziehen; da fing der alte Terride wie ein Kind zu weinen an und ſagte: 59 „Du gehſt auch, Credo, und morgen geht er auch, und ich werde ganz allein ſein, allein in den Haͤnden eines Weibes, das meinen Geiſt durch Verzweiflung und meinen Leib durch den Raub meines Schlummers aufgerieben hat. Wer ſoll mich noch raͤchen?“ „Aber an wen denn?“ frug Credo unwillig. Da leuchtete von Neuem das Licht des Bewußtſeins uͤber des Alten Zuͤge, und wie ein Mann, der eben die Loͤſung eines Raͤthſels oder die Spur dazu gefunden hat, antwortete ert „An ihr.. ja an ihr ſollſt Du mich raͤchen. Hore, Credo, ſeit langer Zeit ſchon iſt Alles vorbereitet. Oeffne dieſen Schrank.“ Credo gehorchte. „Was liegt im erſten Fache?“ „Ein Dolch und eine goldgefullte Boͤrſe.“ „Ja, ja, ich wußte wohl, daß Alles ſchon lange vorbereitet war.“ „Aber was denn?“ frug Credo, in dem jetzt ein furchtbarer Argwohn aufſtieg. „Ihr Tod. verſtehſt Du mich? morgen, dieſe Nacht noch kann ich ſterben; ich weiß es, da nimm Dolch und Börſe und tödte.“ Hier hielt er noch einmal inne und ſtarrte ſtieren Auges un⸗ beweglich vor ſich hin, als wenn ihm die Gedanken vergingen. „Wen denn?“ Der Greis blieb einige Minuten ſtill. „Haſt Du mir nicht geſagt, ſie liebte ihn nicht mehr?“ „Ja, ich bin gut dafuͤr,“ entgegnete Credo. „Nun dann ihn.“ „Aber er geht ja gleich wieder fort.“ „Nun dann wen Du willſt. Aber ſie ſollen nicht alle Beide nach meinem Tode leben bleiben; daß ſie ſich dann liebten. Ich will's nicht, Signis! Sie hat mich nicht lieben, nicht einmal eine Stunde bedauern wollen; ſie ſoll auf dieſer Welt nicht lieben ſie ſoll nicht. Credo, Du gehörſt mir... Du haſt mir zugeſchworen, mir meine lette Bitte zu erfüllen Du haſt es — 60 auf das Evangelium in der Stola geſchworen... Du wirſt Dei⸗ nen Eid halten.“ „So mag denn die Grafin ſterben,“ rief Eredo,„das iſt viel⸗ leicht Gerechtigkeit.“— „Sie liebt alſo?“ ſchrie der Greis auf. Credo gab keine Antwort. „Sie liebt alſo?“ wiederholte der Greis und ſtand auf. Credo wandte das Geſicht weg. „Sie liebt alſo?“ ſchrie der Greis noch einmal. Credo wollte ſich wieder wegwenden, aber der alte Graf wie⸗ derholte noch einmal ſeine Frage, und diesmal mit einer ſo ſchreck— lichen, niederſchmetternden Miene, daß Credo im dumpfen Tone ſagte:„Nein, ihn liebt ſie nicht, weil ſie einen Anderen liebt.“ Da ſtieß der Greis einen Schrei des Entſetzens aus und wie⸗ derholte:„Einen Andern;“ riß mit einer Kraft, die nur die Wuth auf einige Augenblicke verleihen kann, den Dolch aus Credo's Hand, ſetzte ihn ihm auf die Bruſt und ſ⸗„Dann mußt Du mir ihn nennen!“ „Michael nennt er ſich, gnädiger Herr!“ Wie ein Donnerſchlag traf dieſer Name den Alten; der Dolch entfiel ſeiner Hand, und mit der Stimme der Gräber ſagte er: „Der Fluch des Herrn hat mein Geſchlecht heimgeſucht! Laß mich, Credo.“ Der Diener wäre gern geblieben, aber der alte Graf herrſchte ihm zu:„Geh, wenn Du nicht ſterben willſt, wenn es nicht wahr iſt, oder wenn es wahr, daß Du mir es nicht ſchon längſt geſagt haſt.“ Credo ging, und der Greis blieb allein. VI. Whren dieſe Scene zwiſchen Credo und ſeinem Herrn Statt fand, ging etwas ganz Anderes in der unteren Galerie vor. Wir erinnern uns noch des Momentes, wo Signis den ſehnlich erwar⸗ teten Augenblick benutzte, wo ſie allein mit Otho war, vor ihn trat und auf ſeinen ſchmerzlichen Ausruf antwortete. Otho hatte es vernommen, wie die Graͤfin das Andenken ihrer Liebe in ſein Herz zuruͤckrief; er konnte noch an die Dauer dieſer Liebe glauben, aber er hatte auch Gruͤnde dagegen⸗ Als ſie aber mit ſolchem Feuer ihm entgegentrat, durchzuckte der Gedanke daran ſeine Seele, und er betrachtete Signis mit durchbohrendem Blicke, als wollte er die Geheimniſſe ihres Hetzens leſen. Die Graͤfin war immer noch wunderſchon; noch umwallten ihre glänzend ſchwarzen Locken in reicher Fuͤlle ihr blaſſes Geſicht; ihr Auge hatte das ver⸗ führeriſche Feuer bewahrt, das ſie mit ſolcher Anmuth hinter den langen ſeidenen Wimpern zu verbergen wußtez ihre Brauen woͤlbten ſich wie früher auf der reinen weißen Stirn, noch war ihr Wuchs keck und ſchmaͤchtig wie früher; ihre Zahne glanzten weiß und makellos wie fruͤher; ſie war im ſechsunddreißigſten Jahre noch ſo ſchön wie im ſechszehnten, und doch war ihr Alter in Ge⸗ ſicht und Haltung zu leſen; die Zeit hatte ihr das unerklaͤrliche Siegel aufgedruͤckt, das aus Allem ſpricht und doch nirgends beſtimmt gefaßt werden kann. Die bezaubernde Anmuth der Jugend, die alle Züge einer zarten Blume in ſich vereint, mit dem Schleier der Beſcheidenheit ihren Ausdruck mildert, aus Gang und Beneh⸗ men die jungfräuliche Schuͤchternheit erkennen läßt; Alles das war 62 verſchwunden. Vor ihm ſtand ein ſtolzes, raſches, kuͤhnes Weib; in die⸗ ſem Herzen mußten die Leidenſchaften getobt, in dieſen Augen die Liebe geglüht, um dieſe Lippen der Zorn gezuckt haben. Otho trat zuruͤck und betrachtete ſie ſchweigend. Signis that desgleichen; aber Otho war nicht mehr der ſchoͤne, kecke und ſtuͤrmiſche junge Mann, der er geweſen, aus deſſen Blick Kühnheit und Unbedachtſamkeit ſprach, raſch und geſchmeidig genug, um uͤber eine Mauer zu klettern, uͤber einen Graben zu ſpringen oder im Schatten einen dunkeln Corridor entlang zu ſchleichen. Er war ſchon mehr als der voll⸗ endete Mann. Sein Haar wurde ſchon duͤnner um die von Nach⸗ denken oder Sorge gefurchte Stirn; und wenn er noch ein Krieger in ſeiner vollen Kraft daſtand, ſo hatte ihn doch ſeine Eleganz verlaſſen; das eiſerne Kleid, das ihn immer bedeckt, hatte auch ſeinen Zuͤgen den Ausdruck rauher Kalte aufgedrückt. Signis ertrug den Blick des Mannes, ohne das Auge niederzuſchlagen, ſie wußte wohl, welche Frage dieſer Blick an ſie richtete, und ſagte, den Kopf ein Wenig ſenkend: „Mein Herr, furchten Sie nichts, die Liebe iſt in meinem Her⸗ zen erſtorben. Ich will keine Rechenſchaft über Ihre Eide von Ihnen, fragen auch Sie nicht, was ich mit meinen gemacht habe.“ „Wer hat es Ihnen geſagt, Signis?“ entgegnete Otho. „Ihre Thaten, wie Ihre Worte; was Sie erzählt, was Sie verſchwiegen haben. Ihr Hetz fuͤhlt keine Liebe mehr, Otho, we⸗ der fuͤr mich noch für Andere; für Nichts in der Welt mehr, Sie ſind ehrgeizig.“ Otho antwortete mit einem bittern Lächeln:„Das Kind iſt her⸗ angewachſen, die Gazelle iſt zur Löwin geworden. Woher ver⸗ muthet Ihr, daß ich ehrgeizig bin?“ „Ich weiß, wie Ihr in dieſes Schloß gekommen ſeid, ich habe Euch in die Galerie treten, ich habe geſehen, wie Ihr Guy von Levis zuhörtet, dieſe Baluſtrade uͤberſprangt, dem entgegen tratet, der Euch Eure Erb⸗ ſchaft nehmen wollte, wie Ihr Euch aller Gefahr bewußt wart, ohne daß bei Eurem Eintritt in dieſes Schloß irgend ein Gefuhl in Euch rege geworden wäre, ohne daß eine Thraͤne Euer Auge netzte, ohne daß irgend ein Ereigniß während der ganzen Dauer der Verſammlung ————— 63 Euch in der Verfolgung Eures Zweckes geſtört haͤtte, und als Ihr endlich allein waret und das edle Haus, das wieder das Eure ge⸗ worden war, von Herzen grußen konntet, hat Euch nichts beſchaͤf⸗ tigt, als der Gedanke, wie Ihr Euren Plan am beſten ausfuͤhren koͤnntet.“ „und was habt Ihr fuͤr einen, Signis? fragte Otho mit der Freundlichkeit eines Mannes, der gar nicht boͤſe iſt, daß er durch⸗ ſchaut werde. Worin kann ich Euch beiſtehen?“ „Guy von Levis retten, und ich glaube nicht, daß Ihr mir es abſchlagen werdet.“ „Ihn retten, das iſt keine leichte Sache.“ „Der Beiſtand eines einzelnen Mannes reicht hin; ich ſuchte ihn hier in der Naͤhe der Galerie, da hoͤrte ich, wie Ihr bei Eurem Vater fuͤr ihn batet. Von dieſem Augenblicke an habe ich nicht weiter nach Huͤlfe geſucht und nur auf Euch gewartet. Helft mir, ſeine Rettung iſt nicht ſchwer.“ „Ich weiß es,“ antwortete Otho,„auch iſt es nicht ſeine Ret⸗ tung, die mich beunruhigt, ſondern ob er ſie unter den Bedingun⸗ gen annehmen wird, die ich ihm vorſchlagen will.“ „Ihr werdet wohl einig werden,“ entgegnete Signis mit nie⸗ dergeſchlagenen Augen und ſanftem Lächeln,„oder ich habe Euch falſch verſtanden und kenne Herrn Guy nicht.“ Es lag ein Spott in den Worten der Graͤfin, der beſſer als jede Anklage ausſprach, was ſie von der Loyalität der beiden Ritter hielt. Otho erwiederte jedoch:„Es iſt kein Verrath, was ich Herrn Guy zumuthe, denn ich verlange von Niemandem etwas, das ich ſelbſt unter keiner Bedingung, und wenn ich mich von den grauſamſten Martern dadurch loskaufen könnte, thun würde.“ „Auch habe ich noch gar nicht ſagen wollen, daß Ihr ihm Verrath zumuthen würdet, denn deſſen iſt Gun nicht faͤhig, aber er ſieht wie Andere in die Zukunft, und weiß wie Andere ſeine Maßregeln darnach zu treffen.“ Otho ſah Signis mit einem kalten boshaften Blicke an, und ohne Anſtalt zu treffen, ſeine Worte durch die That zu beſtätigen, entgegnete er:„So gehe ich zu ihm; nimmt er meine Bedin⸗ ——— 64 gungen an, ſo iſt ſein Leben gerettet mit den Uebrigen mögen ſie machen, was ſie wollen.“ Jetzt heftete Signis ihren Blick auf Otho und ſagte mit ſtolzer Sicherheit:„Er und die Uebrigen ſind gerettet;“ worauf Otho mit einem Laͤcheln antwortete: „Mein Wort?“ ſagte er,„wer will noch, daß ich es einloͤſe? Was kuͤmmert mich das? Hat mich nicht der Beſchluß der pro⸗ vengaliſchen Ritter, gegen den ich proteſtirt habe, in Aller Augen davon entbunden? Nicht mehr mein Wort iſt es, an das man ſich wenden muß, ſondern mein Wille.“ „Und Dein Vortheil, nicht wahr, Otho?“ „Meiner und dann auch Deiner. Hoͤre, Signis, ich kann noch Einen retten, wen willſt Du gerettet ſehen?“ Signis war heftig erſchüttert und konnte keine Antwort her⸗ vorbringen. Otho ließ ſie einige Augenblicke in dieſer ſchrecklichen Verlegenheit und fuhr dann laͤchelnd fort: „O über die Frauen, ſelbſt wenn ihre Gefühle wohlbekannt ſind, muß man ihnen doch das Geſtändniß noch aus dem Herzen herausbohren. Du ſiehſt, Signis, ich bin gutmuͤthiger, als Du es verdienſt, ich rette Guy und Michael.“ „Du retteſt alſo Michael?“ „Und was thuſt Du dafür?“ „Alles, was Du willſt, Otho.“ Dieſer lächelte uber den lebhaften Eifer, mit dem die Gräfin dieſe Worte ſprach, ihn bei der Hand ergriff und ſich ihm faſt in die Arme warf; einen Augenblick betrachtete er ſie, waͤhrend ſie ihr feuriges Auge auf ihn heftete. Er zog ſie an ſein Herz und ſagte: „Ich habe Dich geliebt, Signis, da Du nicht ſchöner als jetzt wareſt, was glaubſt Du, daß ich fuͤr Michael's Rettung verlange?“ „Nichts was ich zu fürchten brauchte, denn wenn Du mich noch liebteſt, wuͤrdeſt Du Michael um keinen Preis retten;“ ent⸗ gegnete Signis mit feinem ſpöttiſchen Lächeln. „Wer weiß,“ entgegnete Otho mit demſelben Spotte;„Du biſt ſchoͤn, und wenn mich auch andere Entwuͤrfe beſchaͤftigen, ſo kann doch auch der ernſteſte Mann einmal auf einen Einfall kommen.“ * 65 „und wenn es auch ſo waͤre, wenn Du auch auf einen Einfall ge⸗ kommen waͤreſt, Signis wuͤrde doch nicht nachgeben, das ſchwore ich Dir.“ „Ich bin Dir alſo wohl recht verhaßt,“ entgegnete Otho. „Nein,“ antwortete Signis und zeigte Otho ihr bezaubern⸗ deſtes Laͤcheln;„nein, aber wenn ich Dir gewährte, was Du ver⸗ langteſt, wurdeſt Du Michael nicht mehr retten wollen. Geh' und ſuch' Guy von Levis auf.“ „Thorin, Thoͤrin,“ entgegnete Otho lächelnd,„ich liebe Dich, weil Du ein echtes Weib biſt, Du liebſt und biſt offen. Du biſt nicht wie die kalten traurigen Engländerinnen, die in der Liebe nur dumme Statuen, oder kluge Coquetten ſind und Plaͤne wie Maͤnner ſchmieden. Ich rette Deinen Michael und will Dir ſagen, um welchen Preis. Komm.“ Eben wollten ſie gehen, als Signis entſett aufſchrie. „Was iſt denn?“ frug Otho. „ungluck über uns,“ rief Signis und zeigte auf Guilellmeta's Leichnam,„mir iſt es, als bewege ſie ſich.“ „Es war nichts als das zitternde Licht der verlöſchenden Fackeln, und verflucht ſei das Weib, das uns den ganzen Spuk über den Hals gebracht hat.“ „Wie dem auch ſei,“ ſagte Signis,„ich habe ſie die Augen aufſchlagen und den Mund bewegen ſehen. Bedecke den Leichnam, denn ich will ihn nicht wieder ſehen, wenn wir zuruͤckkommen.“ Als Otho ſich nach etwas umſah, das er uͤber den Leichnam werfen konnte, fiel ihm ſein Pilgermantel, der noch auf der Balu⸗ ſtrade hing, in die Augen, er warf ihn uͤber Guilellmeta und ver⸗ ſchwand bald darauf mit Signis in das Innere des Schloſſes. Wenig Augenblicke darauf ſtanden ſie vor dem Pfauenzimmer, wo Herr von Levis eingeſchloſſen war. Niemand wachte an der Thüre, denn ſie war von einer ſol⸗ chen Staͤrke, daß keine menſchliche Gewalt ſie ſprengen konnte. Bevor ſie eintraten, ſagte Otho zu Signis:„Hole nun Deine Tochter und das Kind, was Ben⸗-Ouled in das Schloß gebracht hat.“ „Das Kind, was wollt Ihr mit dem Kinde?“ „Es iſt meine erſte Bedingung“ entgegnete Otho,„und nicht 5 ————————— 66 ſo ſchwer zu erfüllen. Bring mir das Kind, Deine Tochter, und Schreibezeug.“ Signis entfernte ſich, und die beiden Ritter waren miteinan⸗ der allein.. „Herr Guy,“ hub Otho an,„Du weißt, daß Dein Tod be⸗ ſchloſſen iſt, weil Du die Tochter eines Hoͤrigen meuchlings ermor⸗ det haſt.“ „Aus welchen Gruͤnden man auch mein Leben fordern mag, Du kannſt es nehmen, denn es iſt in Deiner Gewalt.“ „Das iſt eine ziemlich hochtoͤnende Sprache,“ entgegnete Otho, „die Sprache eines Mannes, der Furcht im Herzen hat und Le⸗ bensuͤberdruß in dem Augenblicke heuchelt, wo ich ins Gefaͤngniß trete, denn Du weißt recht gut, Herr von Levis, daß, wenn ich hierher komme, um Dich zu retten, mir an Deiner Rettung gelegen ſein muß.“ „Dir daran gelegen?“ antwortete Levis. „Ja, es iſt mir daran gelegen,“ entgegnete Otho ungeduldig, „ich ſage es, damit ich Dir eine Menge verfaͤnglicher Fragen und Antworten erſpare, und weil wir hier nicht Zeit haben zu einem Spiele, wo Jeder ſehen will, wer der Feinſte iſt. Höre mir zu, denn ich kenne Deine Plaͤne und habe ſie im Kloſter St. Mau⸗ rice auskundſchaftet; die meinigen enthalten die beiden Pergamente, die wir jetzt austauſchen wollen.“ Der Herr Guy von Levis nahm eins davon und las: „Bei meiner Ehre und meinem Gotte verpflichte ich, Guy von Levis, mich, in Jahresfriſt, von heute an gerechnet, die Lehns⸗ herrlichkeit des Grafen von Toulouſe über das Schloß Lagarde anzuerkennen, welches Schloß ich beſitze kraft meiner Vermaͤhlung mit der Graͤfin Ermeſſinde, Tochter des Grafen von Terride, der dieſes Schloß muͤtterlicherſeits und durch Entſagung ihres Bruders Otho auf ſeine Rechte darauf, anheimgefallen iſt, eine Entſagung, welche er durch Gegenwaͤrtiges vollzieht.“ Guy von Levis heftete einen Blick des Staunens auf Otho, aber dieſer reichte ihm ohne Zaudern und Verlegenheit das andere Pergament, das ſeine Erklärung enthielt. 67 „Bei meiner Ehre und meinem Gotte verſpreche ich, Otho von Terride, in einem Jahre, von heute an gerechnet, die Lehns⸗ herrlichkeit des Grafen von Montfort uͤber mein Schloß Terride anzuerkennen, und uͤberlaſſe dem Herrn von Levis meine Rechte auf das Schloß Lagarde, das ihm durch die Vermählung mit mei⸗ ner Schweſter, einer Tochter der Graͤfin Signis, zugefallen iſt.“ Guy uͤberlegte einen Augenblick, und Otho fuhr fort: „Binnen hier und Jahresfriſt iſt der Kampf zwiſchen unſeren beiden Herren entſchieden. Triumphirt der Graf von Toulouſe, dann iſt es an mir, Dir Deine Burg Lagarde zu ſichern, und zum Pfande meines Wortes haſt Du das Pergament, mit dem Du mich verderben kannſt. Hat Gott Montfort zum Herrn dieſes Landes auserſehen, dann ſollſt Du mich in meinem Beſitzthume erhalten, oder ich ubergebe Deine Erklaͤrung Simon von Montfort und er⸗ klaͤre Dich als Verräther.“ Nach einem augenblicklichen Schweigen verſetzte Guy:„Ich kann nicht ſchreiben, aber mein Wappen iſt in den Knopf meines Schwertes geſchnitten, gieb es mir und ich unterzeichne.“ „Es ſei,“ antwortete Otho, indem er die beiden Pergamente wie⸗ der an ſich nahm,„ich werde es Dir durch Ben⸗Ouled einhändigen laſſen; nur will ich Dir noch geſagt haben, daß der geheime Gang, der von hier aus durch die Burg ins Freie fuͤhrt und an ſeinem Ende von Dornen und Diſteln verborgen iſt, verſchloſſen bleibt.“ Guy ſchwieg, wie Einer, der in die Falle gerathen iſt, die er einem Andern legen wollte. „Ich weiß,“ fuhr Terride fort,„daß die Gräfin Signis üͤberall nach einem Mann ſucht, der den ſchweren Stein von dem Fall⸗ gatter heben ſoll, ſie wird aber keinen finden, und in dem Augen⸗ blicke, wo ich ohne das Pergament aus dieſem Zimmer trete, kom⸗ men vier Mann Wache her.“ „Ich unterzeichne,“ ſagte Levis. „Die Gräfin wird das Nöthige hierher bringen.“ Guy ſchwieg, man ſah ihm aber den Widerwillen an, mit dem er auf den Vor⸗ ſchlag einging. War es die Illoyalität des Verfahrens, oder die daraus zu beſorgende Gefahr, was ihm den Vertrag widerlich machte? 5* 68 Herr von Terride konnte darüber nicht ins Klare kommen. Endlich frug Levis:„Beſchraͤnkt ſich Dein ganzer Ehrgeiz dar⸗ auf, biſt Du blos deswegen nach der Provence gekommen, um Deine Schlöſſer und Laͤndereien in Beſitz zu nehmen?“ worauf Otho lächelnd erwiederte:„Beſchränkſt denn Du, wenn Mont⸗ fort ſiegt, Deine Wünſche hier auf das Schloß Terride, oder denkſt Du nicht auch, daß der Graf von Foix wegen ſeines verzwei⸗ felten Widerſtandes wider die Kreuzfahrer von Neuem den Grafen von Toulouſe ſeines Beſitzthums entſetzt, und irgend ein tapferer Ritter ſeines Heeres, der noch keinen Fehler auf dem Schlachtfelde beging, damit belehnt werden muͤſſe? Was auf Jeden von uns nach dem Siege ſeiner Partei kommt, wird gewiß nach eines Jeden Ver⸗ dienſte zugemeſſen, und wir alle Beide werden es nach Kraͤften geltend machen; an dem Beſiegten iſt es, auf ſeine Sicherung bedacht zu ſein, ich habe Beides gethan, und mehr kann ich Dir nicht bieten.“ Noch zauderte Guy, als die Gräfin mit Ermeſſinde und dem Kinde eintrat. „Warum die Graͤfin hier und das Kind?“ frug Levis. „Unterzeichnen wir, und dann ſollſt Du es erfahren.“ „Das iſt eine Liſt, die uns Alle verderben ſoll,“ ſagte Guy, „ich unterzeichne nicht.“ „Wie Du willſt,“ entgegnete Otho und ſtellte ſich mit ſeinem Schwerte an die Thuͤre,„aber ich ſage Dir es noch ein Mal, Du und Niemand kommt aus dieſem Zimmer, bevor er nicht meine Bedingungen angenommen hat.“ „Was ſoll das heißen?“ rief die Gräfin,„iſt hier Verrath im Spiele?“. „Vor Furcht verliert Ihr Alle den Verſtand,“ verſetzte Otho verächtlich;„bedenkt, daß wir hier keine Zeit mit Verhandlun⸗ gen zu verſchwenden haben. Wenn ich Dein Leben wollte, Herr von Levis, ſo uͤberließ ich Dich Deinen Feinden. Wenn es mich nach Deinem geluͤſtete, Signis, ich raunte meinem Vater etwas ins Ohr, und Du wärſt verloren. Wos ich thue, nuͤtzt mir mehr 69 als Euch, wie Ihr ſeht, und damit Ihr keinen Zweifel mehr habt, will ich Euch Alles ſagen.“ „Du gehſt nicht allein, Levis, Du nimmſt dieſe beiden Frauen und das Kind mit, in einer Stunde habt Ihr das Ende des Gan⸗ ges erreicht, und in einer Stunde offne ich Euch den Ausgang. Buͤrgſchaft für mein Wort leiſtet das Pergament, das Du jeden Augenblick den verſammelten Rittern zeigen kannſt, ſo wie das Kind, das Ihr mir draußen wiedergebt, und für deſſen Entfuhrer Ihr gelten muͤßt. So werde ich das Schloß allein verlaſſen, und Niemand wird auf den Verdacht kommen, ich waͤre Euch zu Euret Flucht behuͤlflich geweſen.“ „und was wollt Ihr mit dem Kinde machen?“ frug Guy von Levis. „Es ſoll mich ſichern gegen Ben⸗Ouled's Rache; uͤbrigens iſt dies mein Wille, und bedenkt, daß mir nur noch eine Stunde fuͤr Michael's Rettung übrig bleibt.“ „Unterſchreibt,“ rief Signis,„unterſchreibt, Herr Guy, ich kenne Otho, eine neue Weigerung, und Michael iſt in den Haͤnden der wuͤthenden Provengalen.“ Ermeſſinde ſchwieg, aber man ſah ihr an, daß ihr die Flucht eben ſo lieb wie ihrer Mutter war, und Levis unterzeichnete endlich⸗ „Nun iſt noch zu bedenken,“ ſagte Terride,„daß nur bei dem punctlichſten Zuſammentreffen am Ausgange unſer Plan gelingen kann, und Euch muß am meiſten daran liegen, denn ehe Eure Feinde Eure Flucht merken, muͤßt Ihr wenigſtens eine Stunde Vorſprung haben; am Ausgange werde ich Euch ſagen, wo Ihr Michael trefft.“ Bei dieſen Worten verließ Otho ſogleich das Zimmer, von dem er die äußeren Riegel wegzog. Dann blieb er einen Augenblick ſtehen und lächelte über den großen Sieg, den er wahrſcheinlich eben davon getragen hatte. Nun blieb ihm noch Michael's Rettung übrig; und da es in ſeinem Intereſſe lag, nicht vor den provengaliſchen Rittern com⸗ promittirt zu erſcheinen, wählte er das einfachſte Mittel zu ſeinem — — —— 70 Zwecke. Gewiß lag Otho nichts daran, ob Michael lebe oder nicht, und ſeines Verſprechens ungeachtet wuͤrde er ihn gleich geopfert haben; aber er wußte wohl, daß nur um dieſen Preis das Kind in ſeine Hände kaͤme, und nun mußte ihm augenſcheinlich ſehr viel daran liegen, daß der Erbe des Vicomte von Beziers weder den Franzoſen noch den Provengalen in die Hände falle. Wir bemerkten vorhin, daß Otho, noch ehe er mit der Grä⸗ fin geſprochen, unſchlüſſig geweſen, ob er ſich nach dem Zimmer ſeines Vaters, in das Innere des Schloſſes, oder nach dem Pfauen⸗ ſaal wenden ſolle. Dieſe Unentſchloſſenheit hatte aber nur darin ſeinen Grund, daß er nicht wußte, bei wem er anfangen ſollte, bis ihn die Worte der Graͤfin beſtimmten, mit Guy von Levis den Anfang zu machen. Wie er ſich dieſem Franzoſen gegenüber beneh⸗ men wollte, hatte er ſchon im Voraus überlegt, und ohne Guilell⸗ meta's Ermordung waͤre Otho bald damit zu Stande gekommen; aber gerade dieſen Mord benutzte Otho zur Entführung des jungen Adhemar von Beziers, ohne daß man irgend einen Verdacht ſeiner Theilnahme daran ſchoͤpfte. Um den Erfolg ſeines Vorhabens ſich aber vollends zu ſichern, ging er nach dem Zimmer ſeines Vaters, wo er gerade ankam, als Credo es eben verließ. VI. Oih fand bei ſeinem Eintritt den Greis, wie er auf ſeinem Lehnſtuhle ſaß und das ſtiere Auge auf den Dolch, den er bei Michael's Namen hatte fallen laſſen, geheftet hielt. Es war, als bemerkte er den Eintritt ſeines Sohnes gar nicht, denn auch nicht die kleinſte Bewegung ließ er bei dem Geräuſche ſeiner Schritte wahrnehmen. Aber Otho hatte zu wenig Zeit, als daß er hätte warten koͤnnen, bis der Greis ſich aus dieſem Verſunkenſein her⸗ ausriß; er ging alſo auf ihn zu und ſprach mit lauter Stimme: „Vater, ich komme, um Euch das letzte Lebewohl des Sohnes zu bringen.“ „Nenne ihn nicht ſo,“ entgegnete ihm der Greis mit dem Blicke des Wahnſinnes,„nicht dieſen Namen gieb ihm, und weil er ſterben muß, ſoll er unerkannt ſterben.“ Bei dieſen Worten trat Otho einen Schritt zuruͤck und legte mechaniſch die Hand ans Schwert. Da erhob ſich der alte Herr von Terride und fuhr, indem er ſich Otho naͤherte, fort:„Du ſollſt ihn toͤdten, Du ſollſt mich rächen. Schone ihn nicht. denk an mich.. zerdrucke die Schlange, oder ſie zermalmt Dich⸗ wie ſie mich zermalmt hat.“ Otho dachte, ſein Vater verwechſele in ſeinem Wahnſinne die Perſonen, erkenne ihn nicht und meine ſeinen, Otho's, Tod. Es hatte zwar niemals große Anhaͤnglichkeit zwiſchen Beiden geherrſcht, ſelbſt noch ehe ſie die Leidenſchaft entzweite; aber er hatte doch bei ſeiner Ruͤckkehr ſeinem alten Grolle wider ſeinen Vater aufrichtig —— 72 entſagen wollen; er wollte des Empfanges, der ihm wurde, unge⸗ achtet, nie das Schwert gegen ſeinen Vater ziehen und ſchrieb die Haſt, womit dieſer auf ſeine Abreiſe beſtund, dem Wahnſinne zu. In dem Augenblicke aber, wo er ſich einem alle uͤbrigen Lei⸗ denſchaften uͤberlebenden Haſſe aufgeopfert ſah, zuckte der unſelige Gedanke ihm durch den Kopf, das Ende eines ſich und Anderen zur Laſt lebenden Greiſes ſei weiter kein bedauerliches Ereigniß. Aber ſchnell wie der Blitz verſchwand die Idee wieder, und er frug mit herriſchem Tone:„Kennt Ihr mich, Vater, und wißt Ihr, daß es Euer Sohn iſt, mit dem Ihr ſprecht?“ „Ich weiß es, Otho,“ erwiederte der Greis mit hohler Stimme und boshaftem Laͤcheln,„und weil ich Dich kenne, ſage ich Dir, daß er ſterben muß. Du biſt tapfer und ſtolz, Otho, oder Du hätteſt den Hoffnungen Deiner Jugend ſchlecht entſprochen; aber nie kannſt Du tapfer und entſchloſſen ſein, wie er, und ſo lange er lebt, darfſt Du hier in dieſem Schloſſe Dein Haupt nie ruhig niederlegen, oder an die Sicherheit Deiner Rechte glauben.“ Mit ſtummen Staunen hoͤrte Otho dieſe Worte, denn der Wahnſinn, dem er ſeinen Vater verfallen glaubte, war nicht vor⸗ handen, und der Greis hatte nur von Dingen geſprochen, die ihm unbekannt waren. Dieſer bemerkte ohne Zweifel das Staunen ſei⸗ nes Sohnes und frug:„Waos ſiehſt Du mich denn ſo an, Otho? Verſtehſt Du mich denn nicht? Aber Du ſollſt Alles wiſſen, Du ſagteſt ja, Du waͤreſt mein Sohn.“ Da leuchtete es wie ein Blitz durch des jüngern Terride Seele, und„Michael, nicht wahr,“ fragte er leiſe. „Das wußteſt Du nicht?“ entgegnete ihm der Graf, ſich ſam⸗ melnd. Aber Otho antwortete nicht, denn ſchon beſchaͤftigten andere Plaͤne ſeinen Geiſt, ſchon beſchaͤftigte ihn die Idee, wie er Michael verderben und der Rache ſeines Vaters in die Haͤnde liefern könne, und doch hatte er ihn der Gräfin Signis verſprochen, und nur gegen ihn konnte er den jungen Grafen Beziers in ſeine Gewalt bekommen. Noch während Otho mit dieſen Gedanken beſchaͤftigt war, fiel ihm die Warnung ſeines Vaters auf, Michael werde 73 ihm ſein Erbe ſtreitig machen, und wie er fur ſeine Tochter und Levis Alles aufgeſpart habe, ohne den verlornen Sohn auch nur einigermaßen bedacht zu haben. Und wer war denn eigentlich dieſer Michael, der ihm erſt nach zwanzig Jahren entgegentrat und doch ſchon vor ſeinem Weggange aus dem väterlichen Schloſſe dageweſen ſein mußte? So fuhren Zweifel uͤber Zweifel durch Otho's leben⸗ digen Geiſt, während ſein alter Vater wieder ganz in ſeine Apathie verſunken war und alles erſt im Augenblicke Vorgefallene auch ſchon wieder vergeſſen zu haben ſchien. Otho jedoch mußte Aufklärung haben und rief daher ſeinem Vater mit lauter Stimme zu:„Den Tod Eures Sohnes wollt Ihr alſo, Vater?“ Aber ſchon ſchweifte dieſer wieder mit anderen Ideen umher, mit duſterem ſtieren Blicke ſtarrte er ſeinen Sohn an und mur⸗ melte:„Alle Beide, alle Beide haben geliebt; alle Beide ſollen ſterben. Komm, Credo, hier nimm Dolch und Börſe und uͤbe Gerechtigkeit; alle Beide ſollen ſchlafen, denn nur die gekränkten und verhoͤhnten Greiſe können nicht ſchlafen; geh' und nimm den Dolch.“ Otho glaubte, wenn er auf die Worte ſeines Vaters eingehe, dieſen zum Weiterſprechen zu veranlaſſen, nahm daher die tödtliche Waffe und ſprach:„Und dann, gnaͤdiger Herr?“ „Credo,“ nahm wieder der Alte das Wort,„Du weißt jetzt ein Geheimniß, das Niemand auf der Welt weiter kennt, ſelbſt der nicht, der es erſt aus meinem Teſtamente, das neben der Börſe und dem Dolche lag, erfahren ſollte, das auch Otho nicht erfahren darf, weil dieſer leben bleiben ſoll, denn er liebt die Graͤfin, und ſie liebt ihn nicht mehr.“ NMit ängſtlicher Spannung hörte Otho auf dieſe Worte, die ſo unbeſtimmt die noch viel unſteteren Gedanken des Greiſes aus⸗ drückten. Immer ernſter und wehmuͤthiger wurden des Letzteren Züge, bis er endlich den Kopf in ſeine Hände barg und mit weinerlicher Stimme fortfuhr: „Ich war ein ungluͤcklicher Vater, Credo, mein Sohn, der legitime Erbe meines Namens, wollte mir das Weib, das ich liebte, 74 rauben, und der, den ich an ſeine Stelle treten laſſen wollte, hat ſie mir geraubt!“ Eredo hatte, wie wir vorher geſehen, dem Greis bei den wider ſeinen Sohn erhobenen Beſchuldigungen nicht widerſprechen wollen, um ſeinen Zorn nicht ohne Noth zu reizen, aber Otho nahm die Beſchuldigungen nicht ſo leicht hin und antwortete mit ſtrengem Tone: „Ihr waret ein ungerechter Vater, gnädiger Herr, Ihr habt Euerem Sohne die Braut geraubt, Ihr habt ihn faͤlſchlich der Felonie be⸗ züchtigt, um ihm ſein Erbe zu nehmen, und als Ihr Euer Schloß dem Kinde Euerer Suͤnde geben wolltet, ſtrafte Euch Gott damit, daß er den vorgezogenen Baſtard das Verbrechen veruͤben ließ, das Ihr durch Euere Rache an dem Unſchuldigen verhindern wolltet.“ Hier vergingen dem Greiſe wieder die Gedanken, und Otho konnte auch durch Gewalt nicht das Wort erzwingen, das er ver⸗ geblich durch ſeinen Gehorſam vorher hatte herauslocken wollen. Der alte Guittard ſah ruhig ſeinen Sohn an und ſprach:„Iſt es denn wahr, Otho, hat mich Credo nicht hintergangen; die Beiden lieben ſich, ſie überhaͤufen mich mit Schmach, Du biſt hier, und ſie leben noch?“ Ein zufriedenes Lächeln und ein Blick der Freude ſtrahlten jetzt uͤber des alten Terride Geſicht, und als haͤtte er einen Grund, der Alles aufhellt, gefunden, rief er:„Aber Dich beſchimpfen ſie auch, denn Du liebſt ſie, ſie hat Dir Treue geſchworen und Dich vergeſſen, und wenn nicht meinetwegen, ſo mußt Du ſie Beide Deinetwegen tödten; alle Beide müſſen ſterben, und ſie vor Allen!“ Noch einmal bemachtigte ſich die wilde aufreibende Eiferſucht des alten Guittard, und er fuhr fort:„Ja, ſie und er, denn bleibt ſie leben, Credo, ſo heirathet ſie Otho, er liebt das Weib immer noch, und wer ſollte ſie nicht lieben? Sie iſt ja ſo ſchön, ich habe ſie ja auch geliebt!“ Dann ſtand er raſch auf und ſchrie mit unausſprechlicher Wuth:„Alle muͤſſen ſterben, Alle, Otho wie die Andern!“ „Nun wohl,“ entgegnete dieſer, indem er den Ausbruch des Wahnſinnes benutzen wollte,„wenn Ihr mir Eueren Befehl ſchrift⸗ 75 ———————— lich und eigenhandig gebt, ſoll Keiner von ihnen eine Stunde mehr leben, darauf verlaßt Euch!“ „Nein, nein,“ entgegnete dumpf der Greis mit grauſigem Lachen;„nein, nein, mein Gott, es giebt Stunden, wo ich ein Narr bin und nicht weiß, was ich will; nein, hole mir Michael, ſag' ihm, er ſoll hierher kommen, ich will ihm mein Teſtament dort einhaͤndigen, das macht ihn zu meinem Erben;— Du ver⸗ ſtehſt mich, Eredo,“ fuhr der Greis vor Wuth zitternd fort;„der Eine ſoll ſich mit den Waffen ſeines Rechtes, der Andere mit den Waffen meines Willens gürten; Du verſtehſt mich, alle Beide lieben Signis, alle Beide begehren ſie, alle Beide ſind eiferſuͤchtig, Einer wird den Anderen zerfleiſchen; ſie müſſen ſich morden, denn wenn Bruͤder ſich ſchlagen, wollen ſie ſich auch todtſchlagen; ſchaff' mir Michael!“ Bei dieſen Worten hatte ſich der Greis dem Schranke genaͤhert, wo ohne Zweifel das Teſtament lag. Otho folgte jeder Bewegung ſeines Vaters, denn, wenn in jenen Zeiten das beſte Recht in der Gewalt einen Schutz fand, ſo diente dieſe doch auch dem Unrecht als Stuͤtze, und ſo ſehr auch Otho fuͤr ſeine Zukunft bedacht ge⸗ weſen war, wollte er doch nicht noch einen neuen Gegner wider ſeine Anſpruche auftreten laſſen. Aber der Greis verſchloß ſchnell den Schrank, als Otho den Augenblick abwartete, wo er ſich des Teſtamentes bemaͤchtigen konnte, und ungeduldig ſich zu ihm wen⸗ dend, rief er:„Hole mir Michael, und Gerechtigkeit ſoll werden.“ Otho beſann ſich einen Augenblick, ging aber, als wenn er ſich die That, die ihm in den Sinn kam, nicht getraute, fort.— Er mußte wieder durch die Galerie, welche der Schauplatz der erſten Ereigniſſe dieſer Erzählung warz die Fackeln waren ſo weit herab⸗ gebrannt, daß faſt gänzliche Dunkelheit herrſchte. Vermoͤge ſeiner genauen Ortskenntniß konnte er ſich jedoch leicht zurecht finden, und eben ſchritt er durch die Baluſtrade, als er einen tiefen Seufzer und ein leiſes Stöhnen neben ſich bemerkte. Otho erſchrak, und der Schreck bei einem Manne, wie Otho, war ein Beweis, was fuͤr ein fürchterlicher Gedanke ihm durch die Seele fuhr; denn wenn der Menſch⸗ in Nacht und Schweigen — gehuͤllt, uͤber unheilvolle Plaͤne bruͤtet, ſo furchtet er, der ſchwächſte Schein, das geringſte Geraͤuſch könnte einen Strahl auf das finſtere Werk werfen und das Schweigen ſtören. Otho ſtand wie feſtgebannt und horchte, ob er nichts weiter hoͤre. Es blieb Alles ruhig, und ſchon wollte er die Galerie verlaſſen, als ein wiederholter Seufzer, ein noch deutlicheres Stöhnen ſich ver⸗ nehmen ließ. Dies Mal erſchrak aber Terride weniger, denn er erinnerte ſich des ſchon von Signis an Guilellmeta wahrgenom⸗ menen Lebenszeichens. Dieſe war nicht todt. Otho tappte in der Finſterniß nach ihr umher, fand ſie endlich und nahm deutliche Lebenszeichen an ihr wahr. Die leichte, von Otho empfangene Wunde hatte naͤmlich einen Blutverluſt zur Folge gehabt, welcher dem durch die Strangulation hervorgebrachten Scheintode ein Ende machte. Einen Augenblick gab Otho den Regungen der Menſchlichkeit nach, hob Guilellmeta auf, legte ſie auf eins von den Ruhebetten, und ſchon wollte er nach Hülfe rufen, da fiel ihm der Gedanke ein, ſein Plan koͤnne hierin ein neues Hinderniß fin⸗ den. Das Wiedererwachen Guilellmeta's könne die Waffenleute umſtimmen, ſie wuͤrden vielleicht nicht mehr auf Levis' Leben beſtehen und ihm das Gefaͤngniß öffnen; dann ſicherte ihn zwar immer noch ihr Pact, aber den jungen Adhemar von Beziers verlor er dann, und konnte nicht vielleicht Signis den ganzen Verdacht der beabſichtigten Entführung von ſich ab und auf ihn waͤlzen? Alles dies war im Nu überlegt, das ganze Ereigniß mußte verſchwiegen und ſein Plan verfolgt werden. Aber kaum war er daruͤber mit ſich einig, ſo tauchten neue Bedenken in ihm auf. „Konnte nicht auch Michael, wenn er auf dem Wege zu ſeines Vaters Zimmer durch die Galerie ging, einen ſolchen Seufzer hören, Manuel, ſeine Soͤhne und Freunde herbeirufen und die Freigebung Guy's verlangen und dieſe auch durchſetzen? Denn oft wird ja nur die Folge und nicht der Zweck der That gewuͤrdigt!“ Was für einen Werth Otho auf das Leben der Tochter eines Horigen legte, haben wir ſchon geſehen; ſie war ſchon ein Hinder⸗ niß für die Ausführung ſeines erſten Planes geweſen, und als er nun neue Auskunftsmittel gefunden, war ſie auch dieſen im Wege. 77 Otho hatte noch den Dolch ſeines Vaters in der Hand; was war's denn weiter, wenn er dem todten Mädchen die Moͤglichkeit des Wiedererwachens benahm? Schon war der Dolch gezuckt. Horch. da hort er ſchwere dumpfe Schritte ſchlürfen und leiſes Gemurmel... daran erkannte er ſeinen Vater. „Sie ſchlaͤft,“ murmelte dieſer vor ſich hin,„ſie ſchläft, das iſt gut, ſehr gut.“ Es war, als wenn die Hölle zur rechten Zeit Othon immer neue Werkzeuge in die Hände gab, wenn ihm immer neue Schwie⸗ rigkeiten in den Weg traten. Wie eine Eingebung des Himmels oder der Hoͤlle faßte er die Worte ſeines Vaters auf und ſagte: „Ja, gnädiger Herr, ſie ſchlaͤft, hier iſt ſie. „Wo denn?“ fragte der Greis. Da faßte ihn Otho bei der Hand, fuͤhrte ihn an das Ruhebett, wo Guilellmeta lag, und legte ſeine Hand auf den Buſen des Maͤdchens. „Das iſt ſie,“ verſetzte der Greis. „Das iſt Signis,“ antwortete Otho,„und Michael wird gleich da ſein, Michael, den Ihr auch verurtheilt habt.“ Der Greis zitterte, aber Otho druͤckte ihm den Dolch in die Hand und verließ, ohne ſich weiter zu kuͤmmern, was aus dieſem furchterlichen Gegenüber entſtehen könne, ſchnell die Galerie. Die Plaͤne ſeines Vaters mußten ihm nun klar ſein, er wollte die Beſtrafung der Schuldigen; dieſe fire Idee unterbrach zwar jeder fremdartige Gegenſtand, aber wenn er allein war, faßte er ſie ſogleich wieder auf und verfolgte ſie weiter. Furchtbare Ereigniſſe, ſchreckliche Verbrechen konnten aus den von Terride vorbereiteten Handlungen entſtehen; aber er konnte die daraus entſtehende Ver⸗ wirrung benutzen, den Schein einer Theilnahme daran von ſich abwenden, und das Uebrige konnte den kalten und grauſamen Ehr⸗ geiz, der ſein Glück auf das unglück eines Kindes gruͤnden wollte, nicht kummern. Denn aus keinem anderen Grunde beabſichtigte er die Entfuhrung des jungen Beziers, während der Verdacht davon auf Levis und Signis fallen mußte.— Ungefahr zwanzig Schritte von der Galerie bemerkte Otho bei dem erſten Anbruch der Mor⸗ 78 genrothe einen Trupp Leute, unter denen Credo, Manuel mit ſeinen Söhnen und Ben⸗Ouled ſtanden. Otho trat auf ſie zu und ſagte zu Credo: „Credo, geh' und hole den jungen Mann, der ſich Michael nennt, er iſt mit Levis' Leuten in einem und demſelben Saale ein⸗ geſchloſſen.“ „Was wollt Ihr mit dem?“ frug Ben⸗Ouled. „Hole ihn, Credo,“ fuhr Otho mit ſpöttiſcher Demuth fort, „ich bitte Dich darum; was ich mit ihm will, werde ich laut und öffentlich vor Euch, meinen Meiſtern, erklaͤren. Mach ſchnell, denn ſchon bricht der Tag an, und ich ſagte Euch, ich wollte nicht dabei ſein, wenn Ihr das übt, was Ihr Gerechtigkeit nennt.“ Credo ging, und Manuel entgegnete:„Nach dem, was uns Credo geſagt hat, iſt Euer Vater ſeinem Ende nahe, warum willſt Du alſo das Schloß verlaſſen, das heute oder morgen Dein ſein wird?“ „Als ich dies Land verließ, warſt Du noch nicht in meines Vaters Dienſt, Manuel, denn ſonſt wüßteſt Du auch, daß von dem einmal gefaßten Entſchluſſe mich nichts mehr abbringen kann.“ „Thorheit,“ verſetzte Ben⸗Ouled,„ich habe einen Mann ge⸗ kannt, der tapfer war, wie es nur Einer unterm Himmel ſein kann, ſtark an Leib und Seele; auch er hatte einen eiſernen Willen, aber dieſer blinde unverſoͤhnliche Wille hat ihn und das Land, das er vertheidigen wollte, in's Verderben gefuͤhrt.“ „Du meinſt den Herrn Saiſſac,“ entgegnete Otho,„der Graf von Foir hat mir oft von ihm erzaͤhlt, aber ſorge Dich nicht um mich, Buat, nie wirſt Du mich unter unſeren Feinden ſehen, um ſie zu verrathen, wie er es gethan hat.“ „Kein Wort gegen ihn, Herr von Terride, er war Held und Maͤrtyrer zugleich.“ „Gott behuͤte das Land vor ſolchen Vertheidigern,“ antwortete Otho.„Aber hier iſt Michael; hoͤrt wohl auf das, was ich ſage, da Ihr einmal die Meiſter Eurer Herren geworden ſeid.“ Otho betrachtete den heranſchreitenden Michael mit geſpannter Aufmerkſamkeit. Es war ein blaſſer, ſchoner junger Mann, ſein 79 großes blaues Auge gluhte mit einer vezaubernden Milde, ſein blondes Haar umfloß weiche, ſanfte Zuͤge, ein ruhiger erhabener Geiſt leuchtete von der Stirn herab, und obgleich ſeine ganze Haltung keine Schwaͤche verrieth, ſo konnte man ihm doch in Zeiten, wo maͤnnliche Kraft fur die hoͤchſte Schönheit und größte Zierde des Mannes galt, etwas Weichliches in ſeinem Aeußeren vorwerfen. „Das iſt alſo mein Bruder,“ ſagte ſich Otho,„ihm alſo hat mein Vater das furchtbare Erbtheil zugedacht, das er nicht verthei⸗ digen konnte. Es verlohnt ſich wahrhaftig nicht der Mühe, ihn der drohenden Gefahr entgegenzuſchicken.“ Dieſe Gedanken ver⸗ ſchwanden aber bei dem kalten veraͤchtlichen Blicke, den der junge Mann ihm zuwarf, als er fragte: „Warum haſt Du mich holen laſſen, Herr von Terride, und wie lautet der Befehl des kuͤnftigen Herrn dieſes Schloſſes?“ „Ich habe keine Befehle Dir zu geben,“ entgegnete Otho kalt,„ſondern Dir nur die meines Vaters zu uͤberbringen.“ Credo war aufmerkſam geworden, und Michael wiederholte mit verächtlichem Laͤcheln:„Die Befehle Deines Vaters, Herr von Terride, und was verpflichtet mich ihnen?“ „Ich weiß es nicht,“ ſagte Otho,„für mich aber iſt Gehor⸗ ſam Pflicht, und ich habe es Dir geſagt⸗ mein Vater will, daß Du augenblicklich zu ihm kommſt.“ „Weshalb?“ „Ich habe ihn nicht darnach gefragt, mein Herr! ich für meine Perſon gehorche meinem Vater; das iſt, ich begreife es wohl, freilich Dir fremd.“ Nichael wurde noch bläſſer und warf Otho einen furchtbaren Blick zu. „Auf Wiederſehen, Herr Otho von Terride!“ „Wo Sie wollen, Meiſter Michael ohne Namen!“ „Wohlan, auf der Straße nach Caſtelnaudary, ich werde Euch bald einholen.“ „Ihr ſeid noch nicht frei, Meiſter, es muͤßten denn dieſe Tapferen Euch frei laſſen, denn ſie ſind ja einmal hier die Herrenz 80⁰ oder mein Vater müßte Euch die Pforten dieſes Schloſſes öffnen, aber lange kann ich nicht auf Euch warten. Ein ander Mal alſo.“ „Eher als Ihr denkt, denn auf der Stelle verlange ich freien Abzug vom Grafen, und der iſt jetzt noch Herr.“ Kaum hatte er aber ſeinen Fuß weiter geſetzt, als Credo un⸗ willkürlich ihm zurief:„Halt, gnädiger Herr! geht nicht!“ „Warum nicht?“ entgegnete Michael kalt. Credo ſenkte hier den Kopf und murmelte dumpf:„So geht denn, wenn's Gott ſo will.“— Einen Augenblick darauf ſchritt Otho durch die äußerſte Aus⸗ fallspforte, und Michael trat in die dunkle Galerie, welche die einzel⸗ nen hineinfallenden Strahlen der Morgenroͤthe nicht erhellen konnten. . 3 WII. D⸗ Sonne war ſeit Otho's Weggange aus dem Schloſſe ſchon heraufgekommen, und beinahe eine halbe Stunde verfloſſen, als er die Pforte erreichte, die er dem Herrn von Levis zu öffnen ver⸗ ſprochen. Als dieſe ſich endlich aufthat, trat Levis Otho mit den Worten:„Ich fuͤrchtete ſchon ein neues Hinderniß,“ entgegen. „Euch iſt die Zeit gewiß nicht länger geworden, als mir,“ antwortete Terride,„aber jetzt gebt mir das Kind, und nun be⸗ ſchuͤtze Gott einen Jeden auf ſeinen Wegen.“ Waͤhrend die beiden Ritter dieſe Worte wechſelten, hatte Signis ſich durch Dorn und Geſtrüpp Bahn gebrochen und ängſt⸗ liche Blicke umhergeſendet. „Michael,“ rief ſie,„wo iſt Michael?“ „Michael bedarf keines Schutzes,“ entgegnete Otho,„iſt er nicht der vielgeliebte vorgezogene Sohn meines Vaters? Und viel⸗ leicht nimmt er jetzt ſchon aus den Haͤnden des ſterbenden Greiſes ſein Erbtheil.“ „Der Lieblingsſohn ſeines Vaters! Du biſt wahnſinnig, Otho, oder Du willſt Deinen Verrath unter dieſer ſchmachvollen Un⸗ wahrheit verbergen.“ „Zweifelſt Du an der Wahrheit, ſo brauchſt Du nur in das Schloß zuruͤckzukehren, das in dieſem Augenblick im Beſitze Deines Gatten oder Deines Geliebten ſein muß. Ich hatte Dir Michael's Leben verſprochen, aber es wußte der enterbte Sohn damals noch 6 82 nicht, daß er einen Bruder retten ſollte, der die Liebe des Vaters und der Stiefmutter zu gleicher Zeit beſaß.“ „Was Du hier ſagſt, iſt unmöglich,“ entgegnete Signis,„Du haſt mich verrathen, wie Du Languedoc durch die Rettung des Herrn von Levis verrathen haſt; das iſt das Ganze. Nur Dein Ehrgeiz iſt Dein Geſetz.“ „Wie Deine ſtrafbare Liebe Dein einziger Gedanke iſt,“ ver⸗ ſetzte Otho mit Haͤrte.„Entſcheidet, Herr von Levis, habe ich mein Wort gehalten? Wollt Ihr Eueres halten? Ich drohe Niemandem gern, deſſen Tapferkeit ich kenne, aber vergeßt nicht, daß das Ge⸗ heimniß von Euerer Flucht mir eben ſo am Herzen liegt, als Euch, und wenn nicht Euere ſchnelle Flucht, nur Euer ſchneller Tod mich ſichern kann.“ „Ihr habt Recht, Herr von Terride,“ antwortete Guy,„hier habt Ihr das Kind, und wir wollen eilen, daß wir fortkommen.“ Darauf fragte Guy, ohne Signis weiter eines Blickes zu wurdigen:„Ermeſſinde, ſeid Ihr bereit mir zu folgen?“ Dieſe antwortete nur mit einem Fingerzeig auf ihre Mutter, die immer noch, den Kopf nach der inneren Hoͤhle vorgebeugt, an der Thüre ſtand und horchte, ob nicht etwa ein Geraͤuſch von drinnen heraus ſich vernehmen ließ. „Ruft meine Mutter, Herr Guy von Levis, ruft meine Mut⸗ ter,“ verſetzte Ermeſſinde. „Graͤfin Signis,“ rief der franzöſiſche Ritter,„wir müſſen fort, es iſt Zeit.“ „Keinen Schritt ohne Michael. Wartet, dieſer Mann ver⸗ raͤth Euch.“ Hier wechſelten die beiden Ritter einen Blick des Verſtaͤndniſſes und Otho ſagte:„Geht, Herr Guy von Levis, ich will die Gräfin ſchon beſtimmen.“ Dann fügte er leiſer hinzu:„Ihre Tochter hat ſchon zu viel gehört, und ein Wort, das ſie nie zu erfahren braucht, wird die Graͤfin ſchon beſtimmen mir zu folgen. Geht, meine Schweſter,“ fuhr er mit lauter Stimme fort,„Ihr ſeid bei Euerem Gemahl, und wenn ich auch nicht auf ſein Wort baute, ſo wür⸗ — —— ——— — —— 83 den doch meine Vorkehrungen Euch ſichern, daß er Euch binnen heute und acht Tagen ſeinen Namen giebt.“ Ermeſſinde ließ ſich von Guy langſam wegführen, verlor aber ihre Mutter nicht aus dem Auge. Dieſe horchte noch aufmerkſam, ob ſie nicht ein Geräuſch von dem unterirdiſchen Gange her wahr⸗ nehmen könne. Da ſtrahlte auf einmal ein Blitz der Freude uͤber ihr Geſicht, und mit dem Tone beftiedigter Wuth rief ſie:„Ha, ihr Verraͤther und Feigen, unſere Flucht iſt entdeckt. Sie ſetzen uns nach, ſie kommen, hörſt Du ſie?“ „Flieht,“ rief Otho dem Herrn von Levis zu, der ſchnell mit Ermeſſinden den Fußpfad hinabeilte. „Hier ſind ſie, hier ſind ſie,“ ſchrie Signis in den Gang hin⸗ ein,„Huͤlfe hierher, Hülfe!“. Aber Guy konnte dieſen Huͤlferuf, der ihn allerdings beun⸗ ruhigt haͤtte, nicht mehr hören, denn ſchon hatte Otho den unge⸗ heueren Stein wieder vor die Mündung des Ganges gewaͤlzt und Signis mit hinein und mit denen zuſammengeſperrt, die wohl eher Rache an ihr ausüben, als ſie beſchuͤtzen wollten. Kaum hatte Otho den Gang mit dem Steine wieder ver⸗ ſchloſſen, als er ſich, den kleinen ſchreienden Adhemar in ſeinen Armen, entfernte. Bald lag das Schloß weit hinter ihm, er er⸗ reichte die Fanjaux, verſchaffte ſich hier ein Pferd und richtete ſich mit ſeiner Tour ſo ein, daß er um Mitternacht in Toulouſe ein⸗ treffen konnte. Wie wir bereits erwähnt haben, hielt ſich Otho ſeit ſeinem Weggange aus Beaucaire laͤngs der Küſte des Mittelmeeres; er war einige Tage lang in den Pyrenaͤen von Schloß zu Schloß geeilt, und hier bei dem geringen Verkehr der einzelnen Buͤrger unter einander und mit der Hauptſtadt war ihm Montfort's Marſch gaͤnzlich unbekannt geblieben, er ahnete nicht, daß dieſer ſchon vor Toulouſe ſtand, und obgleich er recht wohl wußte, daß das ganze Land mit Montfort's Kreuzfahrerbanden überſchwemmt war, ſo be⸗ fremdete es ihn doch, daß er nirgends auf ſeinem Wege etwas von der Aufregung wahrnahm, welche der Einzug ſeines legitimen Herrn in Toulouſe hätte hervorbringen muͤſſen. 6* 84 * Der mit Guy von Levis getroffenen Vorſichtsmaßregeln un⸗ geachtet, beunruhigte ihn doch der Gedanke, ſich einer ganz und gar verlorenen Sache gewidmet zu haben, lebhaft, und er beſann ſich noch, ob er wirklich nach Toulouſe gehen ſollte, als er in Caraman hörte, daß Montfort mit ſeinem ganzen Heere vor deſſen Thoren ſtehe. Aber Otho war trotz ſeines Ehrgeizes nicht der Mann, den eine drohende Gefahr zu einer Handlung der Feigheit haͤtte verleiten können; ſtets fragte er nur, wo iſt der Vortheil, und nicht, wo iſt die Gefahr. So ſah er auch nach einem Augen⸗ blick Ueberlegung, daß der größte Vortheil ihm nur von Raimund's Seite herlaͤcheln könne, und ohne einen Augenblick an die bevor⸗ ſtehenden Gefahren zu denken, drang er in die Stadt und begab ſich zu dem Buͤrger David Roaix, einem als die Seele aller wider die Franzoſen geſchmiedeten Complotte bekannten Manne, der allein den Drohungen des Biſchhofs widerſtanden hatte, der noch jetzt den Grafen von Toulouſe heimlich bei ſich beherbergte und als Capitul das ſtädtiſche Gemeindeweſen leitete. Otho erfuhr hier, was während ſeiner Abweſenheit vorgegangen war, Ereigniſſe, die Languedoc fuͤr immer zu Grunde zu richten ſchienen, aber gerade ſpaͤter ſeine Rettung herbeiführten. Montfort hatte ſeinen Marſch naͤmlich ſo beſchleunigt, daß er ſchon nach drei Tagen Montguiscard, wohin er durch Eilboten alle ſeine im Toulouneſiſchen zerſtreuten Truppen, Ritter und Reiſigen beordert hatte, erreichte. Nachdem er ſich mit allen dieſen vereinigt, brach er um Mitternacht wieder auf, und mit Tagesan⸗ bruch ſahen die Toulouſer eine tuchtige Armee, vornweg den Mont⸗ fort'ſchen rothen Loͤwen, anruͤcken. In derſelben Nacht war Rai⸗ mund von Toulouſe heimlich in die Stadt gekommen, und eben wollte ſich Roair auf das Capitol begeben, um ſeinen Collegen das glückliche Ereigniß mitzutheilen, als er auf den Straßen ein auf⸗ fallendes Leben wahrnimmt. Von allen Seiten Zeichen des Stau⸗ nens, meiſt mit denen des Schreckens, ſelten mit Freudebezeigungen vermiſcht; denn wie uͤberall ſo hatten ſich auch hier waͤhrend des langen und ſchrecklichen Buͤrgerkriegs verſchiedene Parteien ge⸗ bildet. 85 Alle, die vorher fuͤr den Biſchof Foulques und ſomit auch fuͤr Simon von Montfort aus Furcht, ſie moͤchten ſonſt der Ketzerei beſchuldigt werden, Partei ergriffen hatten, ſich aber dadurch auch nicht vor den Plackereien der Franzoſen geſchuͤtzt ſahen, wollten, obgleich Raimund von dem Verbrechen der Ketzerei freigeſprochen war, von der einmal ergriffenen Partei doch nicht gleich zuruck⸗ treten. Andere, deren Ruf oder Vermoͤgen bei dem erſten Er⸗ ſcheinen der Franzoſen gefährdet war, waren die eifrigſten Ver⸗ fechter der Kreuzzuge geworden, und nicht nur durch ihre Anerken⸗ nung Montfort's, ſondern auch durch den Mißbrauch der ihnen von dem Sieger übertragenen Gewalt compromittirt; denn mittelſt dieſer hatten ſie mit Anklagen und Bedruͤckungen Jeden verfolgt, der ſich fruͤher vielleicht einmal als ſtrenger Glaͤubiger gezeigt oder ihnen eine noch nicht vergebene Beleidigung zugefuͤgt hatte. Da⸗ her kam es, daß Einige Montfort mit lautem Jubel begruͤßten, während Andere nichts als unglück ahnten. David wußte von dem Grafen von Toulouſe, dieſer habe Montfort und ſeine Armee vor Beaucaire gelaſſen, hielt die Truppen fur diejenigen Heeresabthei⸗ lungen, die unter den Befehlen ſeines Sohnes Amaury oder ſeines Bruders Guy ſtanden, und ging ſofort auf den Wall, um ſich mit eignen Augen davon zu uͤberzeugen. Aber zu ſeinem Schrecken ſah er von hier aus, daß die Truppenmaſſen, die ſich in der Ebene verbreiteten, zahlreicher waren, als alle Banden der Generale Mont⸗ fort's zuſammengenommen, und als unmittelbar vor dem Thore Sabra ein Knappe das Banner mit dem rothen Loͤwen aufpflanzte, kam ihm die Ueberzeugung, daß Montfort ſelbſt an der Spitze ſeiner ganzen Heeresmacht da ſei. Dieſes Zuſammentreffen mit Raimund's Ankunft ließ An⸗ fangs die Vermuthung in ihm entſtehen, Montfort ſei von letzterer unterrichtet, und ſtatt nun in der Rathsverſammlung dieſelbe anzu⸗ zeigen, eilte er nach Hauſe, um vor allen Dingen den alten Grafen in Sicherheit zu bringen. Schon vor Roair hatten ſich eine Menge Toulouſer, und un⸗ ter dieſen die Edelſten und Reichſten auf den Wall begeben, um ſich von den Abſichten der heranziehenden Armee zu vergewiſſern. ſ 86 Dieſe ſchaarte ſich um die Stadt und ſtellte ſich in Schlachtordnung auf. Nicht weit von den Mauern und den aͤußerſten Linien zwi⸗ ſchen Armee und Stadt gewahrten ſie ihren Biſchof Foulques, denſelben, den der Graf von Foir ſo hart mitgenommen hatte, wie er, gleich einem Ritter, ſein Roß ſpornte, überall, wohin er kam, ſeinen Segen austheilte und die Worte ſprach: „Vorwaͤrts, Kinder, vorwärts! Dieſer Tag wird ein großer, ein glücklicher ſein in der Geſchichte von Toulouſe. Das iſt der wahre Herr, den Gott, Kirche und ich Euch gegeben haben; er kommt— das Herz voll Guͤte, die Haͤnde voll Reichthum, und will ſein ſchönes und reiches Toulouſe begluͤcken; kommt und bringt ihm ſeine Huldigungen, und der Erſten, die da kommen, wird er ſich in der Stunde erinnern, wo er die Habe derer, die ſeinen Zorn verſchuldet, vertheilen wird.“ Mit dieſen Worten treibt der verſchmitzte Prälat Alle, die ſich ihm ſchuͤchtern genaht, zu Montfort, und dann entfernt er ſich, reitet auf die Stadt zu und haͤlt mit ſeinem zahlreichen Gefolge ſeinen Einzug, hier wiederholt er dieſelbe Farce unter der Beglei⸗ tung des ehrwuͤrdigen Abtes von Sernin, auf den das Volk baut und vergißt, daß die kindliche Einfalt des ehrwuͤrdigen Greiſes ſchon mehr als einmal der Verſchlagenheit des biſchoflichen Gauklers hatte zum Werkzeug dienen müſſen. So kam es, daß in kurzer Zeit eine Menge Buͤrger, Barone und Ritter ſich nahe an Montfort's Streitmacht heranwagten, und hier plötzlich von Montfort's Schaaren umzingelt und vor den Feld⸗ herrn gefuͤhrt werden konnten. Unterdeſſen begiebt ſich Roair, der von alle dem nichts wußte, auf das Capitol, wo er ſeine Col⸗ legen, die er, behufs einer ganz anderen Mittheilung, während der Nacht hatte zuſammenrufen laſſen, verſammelt findet. Alle arg⸗ wohnten, aber keiner wußte, was vor den Mauern vorging, da tritt auf einmal der Aragonier Don Peron Domingo ein und ruft: „Verrath! mehr als tauſend Buͤrger der Stadt und eine Menge Maͤdchen und Frauen mit ihren Bruͤdern und Gatten ſind in Montfort's Gewalt.“ 87 Da brauſt die Verſammlung in Zorn und Wuth auf, alle Capituln ſtuͤrzen auf die Straßen und:„Verrath! zu den Waffen, zu den Waffen!“ toͤnt es von allen Seiten. Mit Blitzesſchnelle eilt dieſer Ruf von Gaſſe zu Gaſſe, und ein Haufen Leute, Roair an der Spitze, ſtürzt nach dem Thore Sabra. Aber die von dem Gefolge des Biſchofs überrumpelte Thorwacht hatte ſchon mehrere Escadrons Franzoſen und Bourguignons hereingelaſſen, und dieſe hatten ſich in der Stadt vertheilt. Bei dem allgemeinen Tumulte waren ſie theils in den Palaſt des Grafen Comminges, theils in die Kirche St. Sernin geflüchtet. Der vnerſchrockene David Roair haͤlt einen Augenblick die neu ankommenden Zuͤge auf und ſchickt Domingo auf den Wall, um dort zu verkünden, daß der Feind nicht mehr außerhalb, ſondern innerhalb der Mauern zu bekaͤm⸗ pfen ſei.. Da eilen von allen Seiten zu Fuß und zu Roß Bürger und Ritter, Diener und Knappen herbei, Jeder mit der erſten beſten Ruͤſtung oder Waffe, die er findet, verſehen; Pickelhauben, Schup⸗ penpanzer, Helme, Streitaͤrte, Degen, Wurfſpieße, Schwerter, Stöcke und Lanzen, Alles bunt durcheinander; und ſo wie ſie beiſammen ſind, werfen Vater und Sohn, Mutter und Tochter, Edle und Arme, Jedes vor ſeinem Hauſe Barricaden auf. Bänke, Kaſten, Tonnen, Kufen, Pfähle, Balken und Sparren werden auf Tiſchen bis an die Balkone gethuͤrmt. Jedes Haus baut ſich ſeine Schutz⸗ wehr, dazu ſchmettern die Trompeten, Männer und Kinder ſchreien, und die Balken krachen von allen Seiten, die ganze Stadt zittert, will berſten und zuſammenſturzen. Endlich hat der Feind den tapfern Roair zurückgeworfen, und in der Stadt ertönt der Ruf: „Montfort!“ „Toulouſe und Beaucaire!“ antworten die Bürger, und der Kampf beginnt. Lanzen und Schwerter begegnen ſich⸗ und Pfähle⸗ Pfoſten, Steine und Feuerbraͤnde regnet es auf den Feind, der rechts und links, von vorn und hinten heworbricht, ſich Pickelhaube und Helm, Schild und Sattelbogen einrennt, und dreimal wird Guy von Montfort mit dem Vortrabe zuruckgeworfen. Da wird ſein Bruder Simon raſend, und in ohnmaͤchtiger Wuth commandirt er:„Feuer in alle Ecken!“ Nun lodern die Fackeln und Pechkraͤnze, ſie werden gegen die Barricaden geſchleudert, dieſe entzuͤnden ſich, und in demſelben Au⸗ genblicke brechen die Flanmen aus St. Remigy, aus Jouxaigues und dem Palaſt Eſteve hervor; aber auch dieſem neuen Feinde bieten die Toulouſer die Stirn. Die Maͤnner ſchlagen mit dem Schwerte drein, die Frauen ſchleppen Waſſer herbei und löſchen; die Buͤrger ſind uͤberall, die Einen ſchlagen Montfort zuruͤck, die Anderen be⸗ lagern den Thurm Mascaron und den biſchoͤflichen Palaſt, wo Mont⸗ fort's Freunde ſich geborgen haben. Dreimal noch erſcheint Simon Montfort in der Straße, die nach dem Sabrathore fuͤhrt, und dreimal wirft ihn David Roair und der ſchreckliche Domingo zuruͤck. Die Barricaden brennen, aber die Buͤrger ſtehen im Feuer, und die Franzoſen koͤnnen nicht weiter vor. Von Minute zu Minute wächſt Montfort's Wuth, und da er die tapfere Gegenwehr nicht werfen kann, eilt er nach dem von allen Seiten brennenden St. Eſteve, wo die Unordnung am groß⸗ ten ſein muß. Dort brennen alle Barricaden laͤngs der ganzen Straße Baragnon; kein Bürger hat dort aushalten können, alle haben ſich zuruckziehen muͤſſen, aber der Brand iſt auch ihr Schutz, denn Niemand kann durch die Flammen, die von unten herauf, von rechts und links herablodern. Kein Menſch haͤtte es gewagt, Montfort that es. Er ſpornt ſeinen eiſenbedeckten Araber, daß er hochaufbäumt, und wirft ihn in die Gluth; der Loͤwe, ſo hieß ſein Roß, durchbricht mit ſeinem Bruſtharniſch die verkohlten Balken, Montfort jagt ihn immer tiefer in Flammen, die Seinigen folgen ihm auf dem Fuße— denn wer waͤre hinter dem ritterlichen Fuͤhrer zurückgeblieben,— und auf einmal bricht er vor den Toulou⸗ ſern aus den Flammen hervor, ſtürzt mit ſeinem fuͤrchterlichen Schwerte auf ſie ein, haut mit jedem Hiebe Einen nieder und erfuͤllt die Luft mit ſeinem Kriegsgeſchrei:„Montfort für Gott!“ In dieſem Augenblicke waͤre es um Toulouſe geſchehen ge⸗ weſen, hätte Montfort nicht die tapferen Bateliers der Stadt, die Unerſchrockenſten aus der ganzen Kaufmannsgilde, vor ſich gehabt. 4 ———— —— 89 Sie treten mit ihren Eiſenpanzern den Speeren der Ritter ent⸗ gegen, packen ſie am Helm, Viſir und Bruſtharniſch, reißen ſie vom Pferde, werfen ſie zur Erde und laſſen ſie durch ihre eignen Roſſe zertreten. Die von den Rittern zurückgedraͤngte Menge wog⸗ wie das fluthende Meer nach einem von der Feuersbrunſt einget ſchloſſenen Winkel des Platzes, doch bald brauſt ſie wieder gegen Montfort an und treibt ihn zuruͤck. Endlich erſcheint auch David Roair wieder und mit ihm die Wuth ſeines Muthes; er erſcheint⸗ und wenige Minuten darauf muß Montfort ſein Pferd herum⸗ werfen und die Flucht ergreifen. Wuͤthend uͤber ſeine Niederlage, jagt er dem Thore Sardane zu, aber auch hier können die Maͤn⸗ ner auf ihren eiſernen Roſſen nicht die erreichen, die ſie erwarten und von den Haͤuſern herab mit Dachziegeln, Balken, Mauerſteinen und ausgebrochenen Thuͤren empfangen. Endlich bricht die Nacht herein, Montfort verzweifelt und 1 kehrt langſam nach ſeiner Veſte zurück. Er reitet in das ſchon lange von dem Biſchof beſetzt gehaltene Narbonner Schloß ein, er reitet mit einem Herzen voll Wuth, Blaͤſſe auf ſeinen Zügen und Drohungen auf den Lippen, und laͤßt die Buͤrger und Barone vor ſich kommen, deren er ſich am Morgen verraͤtheriſcher Weiſe be⸗ mächtigt hat. Aber die Buͤrger ſind Meiſter der Stadt, ſie löſchen das Feuer, ſtellen die Barricaden wieder her und erwarten den Tag mit ſeinen neuen Kämpfen ſtehenden Fußes. Doch ſollte dieſer Tag nur neuen Verrath bringen. ——— ——— IX. Rum glaublich wird es erſcheinen, aber es ſteht hiſtoriſch feſt, daß Foulques, nachdem er ſchon ſo oft die Toulouſer getäuſcht, ſie auch jetzt noch verrathen konnte; und ſo geſchah es. Denn kaum war der Kampf beendet, ſo kamen Boten uͤber Boten vom Biſchof in die Stadt; aber nicht Unterwerfung forderte er, ſondern ließ ihnen nur anzeigen, ſie konnten getroſt mit Montfort unterhandeln; nicht als Vermittler tritt er auf, ſondern will ſie nur zu einer allge⸗ meinen Berathung im Stadthauſe veranlaſſen, wo auch der immer noch bei der Bürgerſchaft beliebte Abt von St. Sernin erſcheinen ſoll. Mehr noch die drängende Nothwendigkeit, als die Worte des Biſchofs mögen David Roaix zu einer Einberufung der Edeln, Barone und Bürger beſtimmt haben. Dieſe waren in ihren Quar⸗ tieren geblieben, und Jeder hielt vollkommen geruͤſtet vor ſeinem Hauſe Wache, denn Jeder hatte wahrend der Nacht, obgleich die Franzoſen uͤberall zur Stadt hinausgedrängt wurden, fuͤr ſeinen eignen Heerd und Hof kaͤmpfen muͤſſen, und an eine Verbindung der Kämpfenden unter ſich war nicht zu denken geweſen. Der Erfolg war nur den einzelnen Kaͤmpfen der Einzelnen zuzuſchreiben, aber jetzt mußte ein allgemeines, beſſer combinirtes Vertheidigungs⸗ ſyſtem organiſirt werden. Mit Tagesanbruch verfugten ſich daher Alle, die den Bürgerverſammlungen beiwohnen durften, auf das Rathhaus; hier erwartete ſie ſchon der Abt von St. Sernin mit dem Prior ſeines Ordens und dem Meiſter Robert, einem vom Biſchofe erkauften Rechtsgelehrten, der zu weiter nichts da war, 91 als daß er dem leichtglaͤubigen Abte die Worte und Eide zuflüſtern ſollte, mit denen er das Volk zu täuſchen hatte. Und kaum hatte David Roair eine Darſtellung von der Lage der Stadt und deren Hülfsmitteln gegeben, als der Abt mit den Worten auftrat: „Wozu eine Stadt vertheidigen, die Niemand angreifen will?“ „Wozu?“ rief David Roair, der die Worte des Abtes fuͤrch⸗ tete,„wozu iſt denn Montfort mit einem Heere angezogen gekom⸗ men und hat ſich der Stadt gegenüber aufgeſtellt? Wozu haben denn er und ſeine Leute ſich mit Gewalt in die Stadt eindrängen wollen?“ „Was Du da ſagſt, Roair,“ erwiederte der Abt,„iſt ent⸗ weder eine infame Lüge, oder eine ungluckſelige Thorheit! Wenn der Graf Simon von Montfort nach der Gascogne und dort den vom Grafen von Foir allenthalben angezettelten Aufſtand unter⸗ druͤcken will, muß er vor Toulouſe vorbei, weil es ihm am Wege liegt; wenn eine Anzahl Leute von ihm in die Stadt gewollt haben, ſo waren ſie hierzu berechtigt, denn der von der Kirche fuͤr Euch ein⸗ geſetzte Lehnsherr iſt, vermoͤge eines mit Euch ſelbſt abgeſchloſſenen Pactes, befugt, Herberge fuͤr ſich und tauſend Pferde zu fordern; wenn alſo Blut gefloſſen iſt, wenn ein furchtbares Gemetzel Statt gefunden hat, ſo ſind die Schuld daran, die beim Anblick ſeiner Truppen Verrath! und: zu den Waffen! geſchrieen haben; hier haben die Franzoſen nicht angegriffen, ſondern nur ſich vertheidigt. Soll dieſes ungluckſelige Mißverſtaͤndniß neuen Vorwand zu einem unverſohnlichen Kampfe gewaͤhren? Beide Parteien haben das Schwert gezogen, die Stadt wird der Verwuͤſtung Preis gegeben werden; glücklicherweiſe hat unſer verehrungswürdiger Biſchof dem Grafen die Sache erklaͤrt, er hat ihn überzeugt, daß auf beiden Seiten ein Mißverſtaͤndniß obgewaltet habe, er ſieht ein, daß, wenn Ihr in Euerem Mißtrauen zu weit gingt, er ſich von ſeinem Zorne zu weit fortreißen ließ. Doch lagen gegen Euch Verdachtsgrunde vor, wie gegen ihn keine vorlagen. Er weiß, daß Euerer Eide ungeachtet Viele von Euch, die weder Gnade, noch Strenge zur Unterwerfung bringt, mit dem alten Grafen von Toulouſe geheime Einverſtändniſſe unterhalten, er weiß, daß Ihr, von dem verzweifelten 92 Unternehmen des jungen Grafen ermuthigt, einen Aufſtand gegen den von der Kirche uͤber Euch geſetzten Herrn vorbereitet, und als Beleg für meine Worte fuͤhre ich das Schlachtgeſchrei der letzten Nacht an, es hieß: Beaucaire und Toulouſe! Aber Alles ſoll ver⸗ geben und vergeſſen ſein, und wenn Ihr wollt, ſo koͤnnt Ihr mit Montfort Frieden ſchließen! Er iſt außer ſich uͤber das Ungluͤck, das die letzte Nacht ſeinem Toulouſe, der ſchoͤnſten Blume in ſeiner Krone, zugefuͤgt hat. Er müßte raſend ſein, wenn er die edelſte und reichſte Stadt nach Rom, die Mutter der Staͤdte, zerſtoren oder vernichten wollte.“ „Verzeiht, gnaͤdiger Herr,“ entgegnete Roair,„wenn wir dem Worte unſeres Biſchofs keinen Glauben ſchenken, denn er iſt fur uns immer eine Quelle des Ungluͤcks geweſen. Dann aber hat auch nicht ein Mißverſtändniß, ſondern der Verrath Simon's von Montfort den geſtrigen Kampf herbeigeführt, denn Simon hat ſich verrätheriſcher Weiſe einer Menge friedlicher Bürger bemaͤchtigt, die weiter nichts wollten, als ſeine Armee beſehen. Was mich be⸗ trifft, ſo halte ich jede uebereinkunft, ja fogar jede Unterhandlung ſo lange für unmoͤglich, bis uns Montfort Alle die wieder heraus giebt, welche er heute hinterliſtigerweiſe in ſein Narbonner Schloß eingekerkert hat.“ „Wenn Ihr ſie haben wollt, ſo geht nach dem Thurme Vil⸗ leneuve, er gehoͤrt dem Biſchof und iſt neutrales Gebiet, dort ſollt Ihr ſie in Empfang nehmen.“ „Es ſei,“ ſagte der edle Almerich von Narbonne,„ich will mit meiner Familie hingehen, denn ſie haben mir meine Tochter und ihren Gemahl Don Lara genommen, ſie haben mir meinen Sohn Philipp genommen, und ich glaube nicht, daß ein edler Ritter die gefangen halten kann, die er weder bekaͤmpft, noch beſiegt hät. Wer aus der Ritter- oder Buͤrgerſchaft will mich begleiten?“ Almerich von Narbonne genoß eines bedeutenden Anſehns und verdankte es ſeiner Tapferkeit eben ſo ſehr, wie ſeiner Red⸗ lichkeit. Niemandem kam der Gedanke ein, daß ihnen an ſeiner Seite die geringſte Gefahr drohen koͤnnte, und mehrere der edelſten Ritter, wie der reichſten Bürger erboten ſich zu ſeiner Begleitung. 93 „Kommſt Du nicht mit, David Roaix,“ fragte Almerich, „Du der Erſte in der Stadt?“ „Ich komme dem Foulques und Montfort nicht zu nahe, und wenn unſer Herr Jeſus Chriſtus mit mir ginge. Zwiſchen Toulouſe und Montfort iſt kein Frieden, kein Vergleich mehr moͤglich. Alle, die er gefangen genommen, kommen mir wie die in einem Schlacht⸗ hofe zuſammen geſperrten Schafe vor, und Ihr koͤnnt ihnen Lebe⸗ wohl ſagen; aber zu dumm iſt es, ihre Zahl noch vermehren zu wollen.“ „Dich hat Gott mit ſeinem Fluche getroffen, David Roair, denn nichts als Verrath und Verbrechen ſiehſt Du uͤberall.“ „Sagt vielmehr, daß Gott Euch mit Blindheit geſchlagen hat, weil Ihr denn nicht ſehen wollt, daß Ihr von dem nichts als Vernichtung zu erwarten habt. Darf Jemand von uns, duͤrft ſelbſt Ihr, edler Almerich von Narbonne, auf Achtung vor Eurer Perſon rechnen, wenn ſogar der tapfere Vicomte von Beziers in einer aͤhnlichen Falle umkam?“ „Mein Wort und meine Buͤrgſchaft,“ verſetzte der Abt. „Auch Roger hatte Nevers' Wort, das galt ſo viel als das Wort aller Prieſter der Welt, und doch hat es ihm nichts geholfen.“ „Da ſieht man,“ fiel der Juriſt Robert ein, da ſieht man, wie der Untergang einer ganzen Stadt durch die Blasphemieen und den unſinnigen Widerſtand Einzelner ordentlich heraufbeſchworen wird. Kommt nach Villeneuve, Buͤrger und Barone, dort ſollt Ihr den Biſchof ſehen, und wenn ſein Wort Euch nicht rührt, wenn ſeine Vorſchlaͤge Euch verdächtig erſcheinen, dann kehrt wieder in die Stadt zurück, dann koͤnnt Ihr in wenigen Stunden immer noch ausfuͤhren, was Ihr jetzt thun wellt.“ „Auf Euer Wort, Herr Abt, gehen wir hin,“ antwortete Almerich von Narbonne, und hoffen, Montfort werde die Bürg⸗ ſchaft derer achten, die immer ſeine treuen Stuͤtzen geweſen ſind. „Glaubt mir,“ entgegnete der Abt von St. Sernin,„er wagt es nicht, unſerem Willen entgegen zu handeln, und wenn er es thaͤte, wurde die Kirche ein Wort gegen ihn ertonen laſſen, dem er bald unterliegen müßte.“ —— 94 Bei dieſen Worten brach Almerich mit Allen, die ſich ihm, zum Theil aus Mißgunſt gegen David Roair's Anſehen, angeſchloſſen hatten, auf und ging nach Villeneuve. Nach den geſtrigen Borgaͤngen iſt es kaum zu glauben, daß die provengaliſchen Ritter nicht noch vor den Thoren umkehrten, daß ſie die neue Falle nicht merkten und ſich nicht eiligſt wieder in die Stadt flüchteten, aber der Biſchof uͤberraſchte ſie mit einem neuen Gaukelſpiele. So wie er den Zug der Ritter unter dem Vor⸗ tritte des Abtes St. Sernin und des Juriſten Robert herankommen ſah, eilte er ihnen weinend und jammernd entgegen. Ein Geiſt⸗ licher mit einem Sack voll Aſche folgte ihm, aus dieſem nahm er ganze Hände voll und beſtreute ſich damit, fiel auf die Kniee, hob die Hände gen Himmel und betete unter lautem Geſchrei:„Mein Herz iſt betrubt, mein Innerſtes zerriſſen. Wir ſind gekommen gen Toulouſe, der Bluͤthe der Städte, um ihr Frieden und Reich⸗ thum zu bringen; da hat der Teufel den Krieg zwiſchen Bruͤdern und Bundesgenoſſen entzundet, der Graf zurnt, und Ihr erſcheint Alle in Waffen, als wie zum Kampfe geruͤſtet. Wollt Ihr, daß ich vor Verzweiflung ſterbe? Und gewiß ſterbe ich, wenn Ihr nicht die Waffen ſtreckt, wie ſich Simon's Zorn gelegt hat. Das habe ich gelobt, und Ihr ſollt ſehen, daß ich meine Geluͤbde halte. Kommt und ſehth wohin Ihr den gebracht habt, der Euch wie ſeine Kinder im Herzen trägt.“ Während er noch ſo ſprach und den wahnſinnigſten Schmerz ußerte, lockte er den Zug uͤber die Grenzen des neutralen Gebietes, zeigte auf einen Graben und ſchrie:„Dort, dort iſt es, wo ich mich in die Ewigkeit ſtürzen will, wenn Ihr unerbittlich gegen meine Thränen und mein Flehen ſeid.“ Dabei rennt er fort und ſturzt ſich in den Graben; unwillkürlich eilen ihm die Ritter nach, der Biſchof erneuert ſeine Beſchwörungen und haͤlt ſie am Rande des Grabens mit den Worten auf:„Bedeckt mich mit Erde, zer⸗ brecht mir die Gebeine, erſtickt mir die Stimme, weil Ihr meinen Worten nicht mehr glaubt, wenn ich Euch ſage, daß der Biſchof zu Euerem Heile und Wohle nach Toulouſe gekommen iſt.“ Gewiß muß eine ſolche Handlungsweiſe bei einem Biſchofe uns befremden, aber was noch viel unbegreiflicher, iſt, daß ſogar in dem Augenblicke, wo er mit ſeinem Tode drohte, weil man ihm nicht mehr glaube Simon's Waffenleute ſich hinter den Zug ge⸗ ſchlichen hatten und mit kurzen Knuͤtteln auf die Ritter loshieben; dabei ſchrieen ſie:„Ihr habt die Grenze des neutralen Gebietes überſchritten, Ihr ſeid Montfort's Gefangene.“ Einige wollten das Schwert ziehen, aber ſchon war es zu ſpät. Da ſprang Foulques aus dem Graben und ſchrie mit wüthen⸗ der Stimme:„Hab' ich Euch, Ihr Verraͤther und Hunde, haltet Ihr immer noch zu den Grafen von Toulouſe und Foir, die mich ſo unverſchämt im Lateranenſiſchen Concile beleidigt haben; hab' ich Euch jetzt? Wenn Graf Simon mir folgt, ſoll Keiner von Euch Allen wieder mit dem Schwerte gegen ihn, noch mit der Zunge gegen mich losziehen.“— Auch dieſe neuen Gefangenen wurden hierauf in das Nar⸗ bonner Schloß gebracht und mit denen des geſtrigen Tages in einen Hof zuſammengeſpertt. Wir wollen hier nicht die ergreifende Schilderung der Chroniken von dem Elende wiederholen, das dieſe zwei lange Tage ohne Obdach und Nahrung zuſammengeſperrten Weiber, Kinder und Greiſe erdulden mußten; nicht die harten Worte Montfort's, der jeden Augenblick aus einem Fenſter herab mit dem Tode drohte, wenn ſich die Stadt nicht ſogleich ergebe; wir wollen blos bemerken, daß es von dieſem Augenblicke an um Toulouſe geſchehen war; der groͤßte Theil ſeiner Einwohner hatte einen Angehorigen unter den Gefangenen, die ein laͤngerer Wider⸗ ſtand der Stadt dem Tode Preis gegeben hätte. Die Thore oͤffne⸗ ten ſich, die Boten kamen, ſie hatten vom Biſchofe ſelbſtgefertigte Liſten und gingen von Haus zu Haus und entboten die angeſehen⸗ ſten Einwohner, Weiber und Maͤnner, nach dem Schloß, wo ſie, wenn ſie kamen, auch wie die Uebrigen eingeſperrt wurden. So wurde die Stadt aller ihrer Edeln, die noch den Vertheidigungs⸗ kampf haͤtten organiſiren koͤnnen, beraubt, und der Buͤrger David Roair, der eben ſo viel als alle die Mächtigſten galt, war un⸗ mittelbar, nachdem die Verſammlung auseinander gegangen und 96 Almerich ſich zu dem Zuge zum entſchloſſen hatte, ver⸗ ſchwunden. Schon am Abende dieſes Tages war die Stadt dem Willen Montfort's Preis gegeben, ohne daß dieſer ſie auch nur beſetzte, und an dieſem Abende langte Otho von Terride mit dem jungen Beziers ebenfalls an. Er konnte um ſo leichter hinein, da Simon nicht einmal Wachen an die Thore geſtellt hatte;„denn,“ pflegte er mit einem Blicke auf ſeine Gefangenen und Meiſter Allard, einen beruͤhmten Wall⸗ und Wurfgeſchoß⸗Bauer, zu ſagen,„ich bin geſchickter als Ihr, mein Herr, denn ich habe Toulouſe in den Hof meines Schloſſes geſperrt.“— Otho war genau genug inſtruirt, um David Roair's Haus bald zu finden; ohne daß er daher Jemanden angeſprochen, fand er es, aber all' ſein Klopfen war vergebens, Niemand offnete ihm, und ſchon wollte er ſich nach mehreren vergeblichen Verſuchen an das Nachbarhaus wenden, als ein Vorübergehender ihn fragte:„Siehſt Du hell in der Nacht?“ „Ich ſehe hell,“ erwiederte Otho,„weil ich den Weg des Herrn wandle.“ „Folge mir, denn ich bin ſeine Leuchte,“ entgegnete der Fremde. Otho folgte ihm und ging ungefaͤhr eine Stunde hinter ihm her, bis ſie am Ende der Stadt an ein kleines, anſcheinend gänz⸗ lich verlaſſenes Haͤuschen gelangten. Hier fand Otho David, den Grafen von Toulouſe und mehrere andere Ritter, die von aͤhnlichen Sendungen zurückgekommen waren. Als man dieſem den helden⸗ müthigen Widerſtand der Buͤrger ſchilderte, als Einer nach dem Andern immer neue Heldenthaten vorbrachte, aber Niemand bei dieſem Allen des alten Grafen von Toulouſe erwaͤhnte, als er hoͤrte, daß der Graf, für den ſich die Stadt ſo tapfer geſchlagen, ſich nirgends gezeigt habe, da brach er los. „Herr Graf,“ ſagte er,„ich wollte als Anklaͤger auftreten, aber ich ſehe, daß Allen, die ich wie eidbrüchige Vaſallen und Ver⸗ raͤther in Euerem Namen behandelt habe, Unrecht that. Es iſt wahr, keiner von alle den Burgherren, zu denen Ihr mich geſendet, 97 wollte fuͤr Eure Sache die Waffen ergreifen, und jetzt ſehe ich, daß ſie Recht haben, ich ſehe, wie Ihr die unterſtützt, die fuͤr Euch in den Tod gehen.“ Der alte Graf antwortete nur mit einem truͤben Lächeln, aber David Roaix brach zorngluͤhend aus:„Halt's Maul, verfluchter Ritter, wir kennen Dich recht wohl, Du wurdeſt ſchon vor zwanzig Jahren als eidbruͤchiger Vaſall verurtheilt; halt's Maul und ſchmaͤhe nicht Deinen Herrn, wenn das Ungluͤck ihn niederbeugt. Wenn der Graf von Toulouſe keinen Theil an dem Kampfe nahm, ſo geſchah es, weil ich ihm zu der Stunde, wo er, meiner Be⸗ rechnung nach, beginnen mußte, die Moͤglichkeit dazu ſchon benom⸗ men hatte. Ein Mann mehr oder weniger macht in der Schlacht nicht viel aus, aber von hoher Wichtigkeit iſt es, daß unſer Recht in der Perſon des Grafen fortlebe, und ſo niedergedruͤckt und ge⸗ ſchlagen wir auch ſind, macht uns doch der einzige Umſtand, daß der legitime Herr dieſer Stadt noch lebt, dem Grafen Montfort gegenuͤber viel ſtaͤrker, als wenn wir ohne ihn Herren der Stadt und der Waͤlle geblieben wären.“ „Da Ihr es recht und gut findet, Meiſter David, kann ich auch nichts dawider haben, ich wundere mich aber nicht mehr, daß man ſo wenig von den Rittern verlangt, wenn die Buͤrger es ſind. denen ein Urtheil uͤber ihre Ehre zuſteht.“ „Du wirſt ſchon beſſer lernen, was ſie fordern, wenn Du erſt ſiehſt, was ſie thun, Herr von Terride,“ antwortete David; „denn der geſtrige Kampf iſt nicht der letzte in dieſem Kriege ge⸗ weſen, und Du kannſt es ſo oft ſehen, als Du willſt. Deine Sen⸗ dung hatte aber noch einen anderen Zweck, als den Aufruf der Ritter zu den Waffen. Haſt Du den Erben des edeln Vicomte von Beziers gefunden, und das Kim „Das Kind,“ erwiederte Otho,„iſt eine Waiſe, die mir mein Vater anvertraut hat. Das Kind iſt in der Gewalt der Franzoſen, denn Guy von Levis hat es vergangene Nacht mit Hülfe der Graͤfin Signis, der Gemahlin meines Vaters, entführt.“ Ein ſtrenger Blick des Grafen von Toulouſe fiel hier auf Otho:„Herr von Terride,“ verſetzte dieſer, wenn mir nicht mein 7 1 — 98 Sohn hundertmal erzaͤhlt haͤtte, mit was fuͤr Ausdauer und Hel⸗ denmuthe Du ihm auf der ſchwierigen Reiſe durch Frankreich bei⸗ geſtanden haſt, wenn ich Dich nicht ſelbſt bei Beaucaire hätte fechten ſehen, wo Du unter den Tapferen der Tapferſten einer warſt, ich würde ſtaunen über die Luͤge, die Du hier mit ſolcher Kuͤhnheit und Unverſchaͤmtheit ausſprichſt. Der Name des Vicomte iſt in die Zuͤge dieſes Kindes unverkennbar für Alle, die den Vater gekannt haben, eingeſchrieben; er iſt der wahre Erbe des edeln Roger, und noch hat das Unglück uns nicht ſo zerſpalten, daß keiner mehr das Kind wieder erkennen ſollte, das noch vor wenigen Monaten im Schloſſe des Grafen von Foix war. Aus welchem Grunde willſt Du uns alſo die ſchutzloſe Waiſe entziehen?“ Otho ſchwieg eine Weile, verſetzte aber dann mit dem Aus⸗ drucke der Geringſchätzung:„Du ſelbſt haſt das Wort genannt, entziehen will ich ſie den Rittern, denn die Einen wuͤrden doch nur ihren Empoͤrungsgeiſt, die Anderen ihre Feigheit dem Kinde ein⸗ impfen wollen. Entziehen wollte ich es Euch, damit ich es in die Haͤnde Eures Sohnes als Pfand der Treue ſeiner Vaſallen nieder⸗ legen koͤnnte.“ „Aus dieſem Grunde will ich es haben,“ verſetzte der Graf, „denn noch bin ich Herr und Meiſter von Languedoc, wenn auch Du und mehre Andere Deines Gelichters gethan haben, als waͤre ich nicht mehr da, mich meines Sohnes halber entfernen und ihn an meine Stelle ſetzen wollen; aber keinem von Euch ſoll es gelingen. Feinde von Außen her, Feinde im Innern meiner Lande, Feinde im Innerſten meiner Familie, ich uͤberwaͤltige ſie Alle.“ Der Ton, in welchem der alte Graf dieſe Worte ſprach, hatte ebas ſo entſchieden Befehlendes, etwas ſo Erhabenes, daß nichts darauf erwiederte. Der Graf fuhr fort: „Geh' zu meinem Sohne, und dieſen Auftrag wirſt Du ganz ſo ausrichten, wie ich ihn Dir gebe; geh' und ſage ihm, er ſoll nicht aus Beaucaire herausgehen, ſoll keinen Schritt weiter gehen, bevor es ihm nicht mein ausdrücklicher Befehl gebietet.“ „Ich will ihm den Befehl überbringen, aber ich zweifle, daß der junge Löwe entgegnete Otho. 99 „Er wird gehorchen, oder ich will ihm ſelbſt den Maulkorb anlegen. Die Stunde iſt noch nicht gekommen, wo Kinder Grau⸗ baͤrten befehlen dürfen.“ „Aber die Stunde iſt gekommen, wo tapfere Maͤnner ihren feigen und verräͤtheriſchen Lehnsherren nicht mehr dienen mögen,“ antwortete Otho,„und das Kind gebe ich nicht wieder heraus.“ Auf ein Zeichen des Grafen wurde Otho bei dieſen Worten gepackt und entwaffnet. „Hier, wie im Narbonner Schloſſe bin ich noch Herr,“ ſagte der alte Graf,„hier wie dort habe ich noch Gruben und Kerker, um die zum Schweigen zu bringen, die eine zu unverſchaͤmte Sprache führen. Höre und Du ſollſt ſelbſt uͤber Dein Schickſal entſcheiden, denn ich habe noch einen anderen Auftrag für Dich.“ Dann ertheilte er mit einer Würde, als ſäße er noch mit ſeiner vollen Gewalt auf dem Thron, einem Jeden ſeine Befehle und gebot die vollkommenſte ſcheinbare Unterwerfung während ſeiner Abweſenheit. „Man iſt uns zuvorgekommen,“ ſagte er,„und Wahnſinn waͤre es, noch einen Aufſtand anregen zu wollen“ So wie er Einem den Ort bezeichnet hatte, wohin er gehen ſollte, entfernte ſich dieſer, ſo daß bald nur noch Raimund, David Roaix, Otho und das Kind übrig waren. „Zu uns jetzt,“ ſagte Raimund,„folgt uns, Herr Otho, denn ich habe Dir noch einige Worte zu ſagen.“ Stho glaubte wirklich, als er ſich den beiden Maͤnnern allein gegenuͤber ſah, ſein Schickſal ſei in ihrer Gewalt, aber ſo hatte es Raimund nicht gemeint. „Folge mir auf dem Fuße,“ ſagte ihm dieſer,„ dün 64 vor der Stadt muͤſſen wir uns trennen, und ſchweige. Ich hatte Dir mehr Verſtand zugetraut, als daß Du eine ſolche Sprache fuhrteſt. Nicht was mich betrifft, denn ich habe Gott ſei Dank genug Wunden, mit denen ich den Vorwurf der Feigheit zuruͤck⸗ weiſen kann; aber muͤſſen die Widerſpenſtigkeit und Uneinigkeit der Edlen dem Ehrgeiz und der Eitelkeit der Burger nicht noch neue Nahrung geben? Es iſt wahr, ich habe keinen Theil an dem 100 Kampfe genommen, ich haͤtte es aber auch nicht gethan, und wenn ich dadurch die vollkommenſte Niederlage Montfort's haͤtte herbei⸗ fuͤhren können; denn ſie waͤre doch nur ein Werk der Capituln und des hochmuͤthigen Buͤrgers, der hinter uns geht, geweſen, und ich haͤtte von Toulouſe nur wieder Beſitz genommen, um dem Parla⸗ mente der Gemeinde gehorchen zu muͤſſen. Aber um dieſen Preis mag ich meine Grafſchaften nicht. Zeigte ich alſo Strenge gegen Dich, ſo geſchah es, um von ihnen Gehorſam zu erlangen, und wenn jetzt beim Abſchiede mein Wort rauh klingt, und mein Aeuße⸗ res nur den Herrn zeigt, ſo darf das Dich nicht beleidigen, denn es ſoll nur den David täuſchen, den ich haſſe, aber brauche.“ „Aber das Kind?“ fragte Otho. „Ich gehe nach Spanien, ich bin ein ſchwacher Greis, der Uebergang über die Pyrenaͤen iſt an manchen Stellen ſchwierig.... „Es ſei, gnädigſter Herr Graf,“ antwortete Otho⸗„lieber Ihr als ich.“ Unter dieſem Geſpraͤch waren ſich ans Thor gekommen, David Roaix trat heran und fragte, nach welcher Gegend ſie ſich wenden wollten, da nahm ihn der Graf bei Seite, und wie vorhin Otho's Ehrgeize, ſchmeichelte er dieſem mit den Worten: „Wenn ich ihn nicht brauchte, hätte ich ihn laͤngſt Deinem Schwerte uͤberlaſſen; aber Geduld, David, an uns nagt ein und derſelbe Kummer, und der Tag, wo ich meinen treuen Diener belohnen kann, ſoll mehr als eine Burg aus den Haͤnden der Edeln in die der Buͤrger bringen.“ Waͤhrend ſich der Graf mit dergleichen Worten von Einem zum Andern wendete, kamen ſie auf eine Anhoͤhe, von wo ſie bei den erſten Strahlen der aufgehenden Sonne Montfort's ganzes Heer überſehen konnten. „Hier iſt es,“ ſprach der Graf laut zu Otho,„wo ich Dir meine letzten Befehle ertheilen will, erinnere Dich meiner Worte genau, wenn Du noch Beaucaire zu meinem Sohne kommſt. Ich befehle Raimund, daß er den Tag nach Deiner Ankunft diejenige, welche ihm von Rom aus gefolgt iſt, dorthin zuruckſchickt. Sage ihm, daß wenn die Gräfin Regina von Norwich einen Tag laͤnger innerhalb Beaucaires Mauern bleibt, mein Fluch ihn treffen und er nie, weder von mir, noch ven meinem Adel, noch von meinen Buͤrgern als Herr von Languedoc anerkannt werden ſoll.“ „Ich werde gehorchen,“ war Otho's Antwort. Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als es in Montfort's Lager lebendig wurde. Stroͤme von Menſchen bewegten ſich auf die Stadt zu; zum größten Theile waren es aber keine Soldaten, und was ihr eigentlicher Zweck war, ließ ſich nicht gleich mit Be⸗ ſtimmtheit angeben. Der Graf wollte eben fortgehen, da wendete er ſich noch einmal an Darid Roair und ſagte:„Du haſt juͤngere Augen, als ich, ſieh einmal, was das fuͤr Truppen ſind, die nach unſerer Stadt ziehen.“ „Bleibt, gnädiger Herr,“ verſetzte Otho, deſſen ſchärfer Blick ſchon Alles errathen hatte,„wollte Gott, daß Euer gutes Recht einen Schutz findet, der den erſetzt, den Ihr verlieren ſollt.“ David Roair ſchien dieſe Worte nicht zu verſtehen, aber noch war keine halbe Stunde vergangen, als die immer friſch anwach⸗ ſenden Züge von Menſchen auf den Waͤllen erſchienen, und ſo wie ſie ſichtbar wurden, auch ſchon Steine von den Mauern ſich ablöſten und in die Graben ſturzten; Andere waren auf die Daͤcher der reichſten Haͤuſer geſtiegen und begannen hier ihr Werk der Zerſtorung. Dieſes ſchritt Anfangs nur langſam vor und begann an verſchiedenen Orten zugleich, aber bald verbreitete es ſich mit reißender Schnelligkeit, und als die Sonne ganz uͤberm Horizonte herauf war, war das Getöſe ſo arg und der Staub ſo dick, daß die ganze Stadt in einen undurchdringlichen Qualm gehüllt war. Nur das Gepolter des Einſturzes ließ ſich von Zeit zu Zeit hören, und eine friſche Staubſaͤule wirbelte dann, wie der Rauch aus dem Schornſteine, durch den Qualm empor. „Jetzt fallt St. Eſteve,“ ſagte David;„das iſt der Palaſt Comminges', was ſo poltert.“ Der Graf ſah ſchweigend drein, und Leichenbläſſe bedeckte ſeine eiſernen Züge. Da uͤberdroͤhnte ein neues Gepolter alles uebrige, und eine neue Staubſäule wirbelte gen Himmel. David 102 ſchrie laut auf vor Wuth, und der Graf murmelte mit ſtillem Lächeln:„Das war das Capitol.“ Das Capitol war der Ort, wo ſich die Parlamente der Bür⸗ gerſchaft verſammelten. Da nahm der Graf das Kind, das David Roaix bis jetzt auf ſeinen Armen getragen hatte, bei der Hand und entfernte ſich mit den Worten:„Vergeßt weder das Eine, noch das Andere.“ Otho wandte ſich nach Beaucaire, David blieb allein auf dem Berge zuruͤck; bis zum Abend verweilte er hier, und bevor zwei Tage verfloſſen, hatte Toulouſe keine Waͤlle nach Außen, keine Veſten im Innern mehr. Nur das Narbonner Schloß war geblieben, aber das hielten Montfort's Truppen beſetzt, und Toulouſe war zu einem unbedeutenden Platze herabgeſunken. Guß und Druck von Friedrich Nies in Leipzig. ℳ 3 —,— — „ . 6 6 — *————— ———— Farbkarte 613 B. /. G. £