deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur auf 1 Monat; 1 W— T f. der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt 6duard Ollmänn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Seih- und Zeſebedingungen. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. * jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Puches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3 4 5. Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuxäckſendun 6. Scladenersatz. 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Di Zeit ſchwang ihre Fluͤgel; Leid und Freude verlebter Tage nahm ſie im Fluge mit; aber wenn ſie auch dem Auge die Thräne entnahm, vermochte ſie doch den Blicken die ſanfte Weh⸗ muth nicht wieder zu rauben, mit denen ſie verzagend einſt nach oben ſich gerichtet; wenn ſie auch des Schmerzens Wunde verband und heilte, die tiefe Narbe blieb doch ſichtbar, und ſchmerzte oftmals nach.—— So war es mit Joſephen; das fruh erlebte tiefe Herzeleid hatte ihrer, mit jedem Tage ſich herrlicher entfalten⸗ den Schone, ſeinen Staͤmpel aufgedruͤckt, hatte die ſtille Jungfrau noch ernſter gemacht, und die einfachen Beſchaͤftigungen des Kloſterlebens dienten nicht dazu, ihren Sinn nach Außen zu lenken. Schon hatte ein neuer Lenz das Immergruͤn, A 2 4 welches Adolars Grabmal umzog, mit fri⸗ ſchem Schimmer uͤberdeckt, und noch blieb er, als waͤre er geſtern erſt geſchieden, den Herzen der Freundinnen werth. Caͤcilie hatte Jo⸗ ſephen noch nicht entdeckt, daß Adolar ihr Bruder ſei; was konnte es jetzt frommen, die Vergangenheit zu enthullen? Vön Adolars Lei⸗ denſchaft hatte ſie Nichts mehr zu fuͤrchten. Jo⸗ ſephe ehrte ſein Andenken vor allen, indem ſie jede Andacht, wozu ihre Froͤmmigkeit ſie an⸗ trieb, vor dem herrlichen Bilde verrichtete, das er ihnen hinterlaſſen. Ihr demuͤthiger Sinn vermied es dabei, ihr Auge zu der göttlichen Mutter zu erheben) denn ſie konnte es nie uͤber ſich gewinnen, dem eigenen Bilde ihre Andacht zu weihenz aber den engliſchen Boten, der den Abglanz himmliſcher Anmuth trug, erwaͤhlte ſie zum Mittler zwiſchen ſich und der heiligen Jung⸗ frau; ihm trug ſie die frommen Wuͤnſche ihrer Bruſt vor, er empſing den Dank ihrer kindlich reinen Seele und unter ſeinem Bilde dachte, fuͤhlte ſie den Inbegriff alles Erhabenen und Schonen. Eine kurze, triegeriſche Ruhe war in dieſen Jahren uͤber die öſtreichſchen Staaten verbreitet. Durch die Großmuth oder durch die Politik ſei⸗ nes Feindes, waren die eroberten Provinzen ſei⸗ — . — 5 nem rechtmaͤßigen Herrſcher zum Theil wieder abgetreten, und nur Wenige ſeiner Unterthanen ahneten, daß der Wiener Hof durch militäriſche Coterien getheilt, wie bereits Rußland, Preußen und ein Theil von Deutſchland, zu neuem Kriege entſchloſſen ſei. Geheime Bewaſſnungen, Ein⸗ fuͤhrung der Conſcription und Errichtung einer Nationalgarde in ſeinen Staaten, unter dem Vorwande einer Verbeſſerung der inneren Ver⸗ waltung, ließen indeß den Unterrichteten den Anfang zu neuen Kaͤmpfen wahrnehmen, deren Ende oder Ausgang nicht abzuſehen war.— Graf Conſtantin Caboga, welchen die been⸗ deten Feldzuͤge zum General ſeines Regiments erhoben hatten, dachte in dieſem Zeitpunkte ernſt⸗ lich daran, ſich mit Joſephen zu vermaͤh⸗ len. Dieſe ſtand bereits im ſechszehnten Jahre, er in den Vierzigen; ein Alter, wo man gend⸗ thigt iſt, einen weiſen Gebrauch von ſeinem Le⸗ ben zu machen, haushaͤlteriſch damit umzugehen⸗ Die militäriſche Laufbahn des Grafen Con⸗ ſtantin, ſeine fruͤheren, vom Gluͤcke wenig be⸗ guͤnſtigten Lebensverhaͤltniſſe, hatten ihn in ſei⸗ ner Jugend uͤber ernſtliche Liebe und Eheſtand hinweg geführt; die ſpaͤtere guͤnſtigere Wendung ſeines Schickſals, Ruhm und Lohn ſeiner Hel— denthaten, weckten ſeine Anſpruͤche an Lebens⸗ 6 gluͤck und Frauenliebe; und er glaubte ſich aus⸗ erſehen, dem Hauſe Caboga ein neuer Stamm⸗ varer zu werden, und den Glanz dieſes alten Hauſes auf die Nachwelt zu vererben. Mit Stolz ſah er ſich als Beſchuͤtzer, als Gatte eines zarten, verwaiſten Kindes, wie er Joſephen ſich dachte, welches Vaterliebe und Geſchick an ſeine Heldenbruſt verwieſen hatten. Er gelobte der ihm unbekannten Braut ſeine Zaͤrtlichkeit und Treue, ehe er ſie geſehen, und die Briefe, welche er bald darauf nach Kloſter Marianky ſandte, ließen Cacilien Alles fuͤr das Gluͤck des geliebten Pflegekindes hoffen. Er beſtimmte eine Zeit, wo er auf Schloß Caboga eintreffen wollte, das Jawort der Braut zu ho⸗ len, in ſo fern ſie ſeine Bewerbung geſtattete, und den Umſtaͤnden nach alsdann auch dort ſeine Vermaͤhlung zu feiern. Joſephe empfing, von Cäcilien vorbe⸗ reitet, ebenfalls ein Briefchen, worin er gleiche Geſinnungen aͤußerte. Schmucklos, ohne Wort⸗ prunk, aber voll Waͤrme und Geiſt war ſein Antrag, und er verfehlte ſeine Wirkung auf ihr Herz nicht. Zwar ſchrack ſie recht maͤdchenhaft zuſammen vor dem ſo nahen Frauenſtande, doch zog auch Vieles ſie in die neuen, fuͤr ihr Leben ſo wichtigen Verhaͤltniſſe. Caͤcilie verſtand — — 7 es, das heitere, genußreiche Weltleben recht glän⸗ zend vor ihr auszumalen, was ſie bis dahin immer vermieden, mit zu lebhaften Farben zu thun, um den einfachen Sinn Joſephens nicht zu fruͤh auf die Zukunft zu lenken, und ihre Gegenwart dadurch arm zu machen. Um ſo ſtaͤrker mußte daher jetzt der Eindruck davon auf ſie ſeyn. In Joſephens Herzen waren in den letzten Jahren Gefuͤhle und Anforderun⸗ gen erwacht, welche ſie ein weiter umfaſſendes Daſeyn, als es innerhalb den Kloſtermauern Raum hatte, ahnen ließen, und die Ereigniſſe der Zeit, Krieg und Heldenruhm drangen ja auch in jedes, noch ſo einſame Leben; ſelbſt das weichſte Herz ſehnte ſich damals, ſei es auch noch ſo gering, fuͤr das Heil der unter⸗ drückten Volker mitzuwirken; wie ſollte nicht die tief fuhlende Bruſt Joſephens ſich ſtolzer bei dem Gedanken heben, einem Helden, einem Beſchuͤtzer des Vaterlandes, durch ihre Hand, gleichſam den Lohn der Tapferkeit zu reichen? Sie gab Cäcilien ihre Geſinnungen zu erken⸗ nen, bat ſie, dem Grafen Caboga dieſe zu melden, da ſie ſelbſt noch zu ſchuͤchtern war, einem unbekannten Manne ihre Empfindungen mitzutheilen.— Die Zeit zur Abreiſe Joſephens wurde 8 auf einige Wochen ſpaͤter feſtgeſetzt, und die ge⸗ faͤllige umſichtige Baroninn Jablonka, von Cäcilien auserſehen, auf dem verwaiſten Schloſſe Caboga die nöthigen Vorkehrungen zum Empfange des Brautpaares zu treſſen, und der in jeder weltlichen Beziehung unerfahrnen Jo⸗ ſephe, belehrend und ſtuͤtzend zur Seite zu ſte⸗ hen. Caͤcilie ſchloß ſeit dem Ableben der Ih⸗ rigen ſich von jeder weltlichen Angelegenheit aus; wozu ſollte ſie ihr Kloſter auch verlaſſen? Ihre Anweſenheit in Caboga hätte nur Zwang fuͤr die hochzeitlichen Feſte herbei gefuͤhrt und wäre fuͤr Jo ſephen ohne irgend einen Nutzen gewe⸗ ſen.— Voll Ergebung, aber nicht ohne Ban⸗ gen, ließ ſie das Kind aus ihren Armen; ſie hatte immer gehoſſt, Graf Conſtantin werde ſeine Kriegsdienſte mit ſeiner Vermaͤhlung auf⸗ geben, in angenehmer Zuruͤckgezogenheit auf ſei⸗ nen Guͤtern leben; doch davon redeten ſeine Briefe nicht, ſie ſah vielmehr deutlich daraus, wie er vorzuͤglich ſeine Vermählung zu beeilen wuͤnſche, ehe ihn ſein furchtbarer Beruf aufs Neue ins Feld fordere. Weinend riß ſich Joſephe aus ihren Ar⸗ men, mit Ruͤhrung hatte ſie von dem Schau⸗ platze ihrer Kindheit Abſchied genommen, um Adolar's Urne den Abſchiedskranz gewunden, 9 und am Hochaltare hatte ſie Caͤcilien und ihrem heiligen Engel St. Michael den Eid der Tugend geſchworen.„Bleibe in jedem Ver⸗ haͤltniſſe rein vor Gott und vor Dir ſelber,“ waren Caͤciliens letzte Worte an ſie.— So ſtieg ſie nebſt ihrer Kammerfrau, der Waͤrterinn ihrer Kindheit, in den von Clo⸗ tilden geſandten Reiſewagen. Unter ihrem Gepaͤcke befand ſich ein Käſtchen, welches ihr Bild in dem Medaillon, das Adollar auf ſei⸗ ner Bruſt getragen, nebſt einem Schreiben Caͤ⸗ eiliens an den Grafen enthielt. Erſt vor einiger Zeit hatte ſie es Foſe⸗ phen als einen Nachlaß Adolar's gezeigt, und ihr die Anwendung, welche ſie davon ma⸗ chen ſolle, mitgetheilt.„Wir könnten, ſprach ſie,„wie unter Standesperſonen oft Gebrauch iſt, dieſes Bild dem Grafen zuſenden, es wuͤrde ihm angenehm und ſchmeichelhaft ſeyn; doch meinſt Du nicht gleich mir, es ſei beſſer, er ſaͤhe Dich ſelbſt fruͤher als das Bild? Trotz der vollkommenen Ahnlichkeit mit Deinen Zuͤgen, konnte irgend ein von uns nicht bemerkter Zug an dem Bilde, dem wahren Ausdrucke Deines Geſichts entgegen ſeyn, alſo iſt es beſſer, er ſieht Dich wie Du biſt. Doch wird, wie ich hoſſe, das Bild ein ſehr werthes Geſchenk fuͤr 10 ihn ſeyn; denn wie bald ruft ihn ſeine Beſtim⸗ mung nicht vielleicht von Deiner Seite? das Bild ſeiner Gattinn iſt dann eine angenehme Beglei⸗ tung fuͤr ihn.“ Gluͤcklich langte Joſephe im Schloſſe Ca⸗ boga an, und die zarte Herrinn wurde, wie fruͤher ihre Mutter, von der Dienerſchaft ehr— furchtsvoll empfangen, auch der hochbejahrte Sarackſor hatte ſich dicht dem Eingange zu gedraͤngt, die neue Gebieterinn ſchweigend zu begruͤßen. Unzählige Gefuͤhle drangen auf Joſephen ein; zum erſten Male ſah ſie den Ort, mo ſie geboren, und begruͤßte ihre Wiege. Einſam, verwaiſt trat ſie in ein Haus, wo ſo viele Her⸗ zen einſt in Liebe fuͤr ſie geſchlagen; von Cä⸗ ciliens Bruſt geriſſen, empfand ſie zum erſten Male, daß ſie vater- und mutterlos ſei; ihre Augen fuͤllten ſich mit Thränen, ihre truͤben Blicke ſuchten Clotilden; in ſich verloren, uͤberſah ſie die Huldigungen der Getreuen im Schloſſe, welche das fuͤr Stolz nahmen, was ein Beleg ihrer Unſchuld und ihres tiefen Ge⸗ fuͤhls war. Clotilde eijte ihr jetzt entgegen; ſie wa⸗ ren einander nicht fremd, denn mehrmahls war die dankbare Frau im Kloſter Marianky zum 4 Beſuche geweſen; ſie wußte, wie belohnend der Anblick der gluͤcklichen Gattinn und Mutter fur die edle Cäcilie war, und ſie bereitete ſich, ſo oft es ihre häuslichen Verhaltniſſe geſtatteten, gern ſolche Feſttage. Ihre ſanften, freundlichen Worte erheiterten Joſephen bald; noch immer war der jungen Matrone jener Liebreiz eigen, der ihr zu Gebote ſtand. Man fuͤhrte die junge Graͤfinn in die Zim⸗ mer ihrer Mutter, welche, wie Graf Kaver noch bei ſeinen Lebzeiten angeordnet, mit Sorg⸗ falt in demſelben Zuſtande, wie ſie Eugenie verlaſſen hatte, geblieben waren. Joſephe ſchaute verwundert um ſich. An ihre unge⸗ ſchmuͤckte Zelle gewohnt, zog die reiche Pracht ihre Blicke auf ſich, denn manches Geraͤth war ihr, ſelbſt dem Namen nach, unbekannt und vor Allem feſſelten ſie die großen Spiegelwaͤnde. Zum erſten Male erſchaute ſich die Jungfrau in ihrer ganzen vollendeten Schönheit; ergluͤhend weilten ihre Augen auf dem eigenen Spiegel⸗ bilde, als ſchaͤmte ſie ſich der ſeltenen Reize, die ihr verliehen. Das niedere Spiegelchen, vor welchem ſie im Kloſter ihren Anzug geord⸗ net, hatte kaum ihr Bruſtbild zuruͤck geworfen. Die Eindruͤcke um Joſephen haͤuften ſich 12 immer mehr, ſie regten den ruhigen Sinn der⸗ ſelben auf; Clotilde hatte ſo Vieles mit ihr abzureden, zu beſchließen und recht vertieft in wichtige Geſpräche, ſaßen die Frauen eines Mor⸗ gens am Fenſter, als Clotilde, welche ihre Blicke zufällig uͤber die Gegend ſtreifen ließ, plotzlich ausrief:„Da kommt der General, Graf Conſtantin!“ Joſephe fuhr vom Sitz em⸗ por:„O heilige Mutter Marie!“ rief ſie recht kloͤſterlich aus;„der General, ſo fruͤh, ſchon jetzt! Ach, Clotilde, rathen Sie mir!“ und, die ſchoͤnen Haͤnde ringend, fragte ſie:„ was ſoll ich ihm ſagen, wie meine Scheu bezwingen?“— „Faſſen Sie Sich, theure Joſephe,“ ant⸗ wortete Clotildez;„der Graf wird das Wort wohl ſinden, ſehen Sie, wie herrlich er heran reitet, er kommt, er ſieht, er ſiegt oder wird beſiegt,“ ſetzte ſie ſcherzend hinzu, dem be⸗ draͤngten Maͤdchen Muth zu machen.—— Graf Conſtantin hatte mit ſcharfem Feld— herrnblicke ſchon von weitem die Damen an den hellen Spiegelfenſtern erblickt, naͤher kommend, die Hand militäriſch zur Stirn gehoben, gruͤ⸗ ßend, ſchaute er empor, gab dann ſeinem ſtolzen Pferde die Sporen und ſprengte im raſchen Ga⸗ lopp in den Schloßhof hinein; ſeine kleine Es⸗ corte Huſaren ihm nach. 13 Jo eph e war in den Hintergrund des Zim⸗ rs zuruͤck getreten; voll Angſt hoͤrte ſie vor dem Schloſſe das Klirren der Waſſen der ab⸗ ſitzenden Krieger, jetzt wurden ſtarke Tritte im Vorzimmer hoͤrbar, die Thuͤr wurde geöfſnet, ein Huſar des Generals trat ins Zimmer.„Se. Excellenz General Caboga ſich die Gunſt, die Damen zu begruͤßen,“ ſprach er kurz, und blieb der Antwort harrend in mili⸗ taͤriſcher Haltung ſtehen. Joſephe blickte auf Clotilden:„Se. Excellenz wird uns ſehr willkemmen ſeyn,“ erwiederte dieſe, und der Huſar trat ab.„Wir durften ihn nicht ab⸗ weiſen,“ wandte ſie ſich entſchuldigend gegen Joſephen,„Helden, wie er, erobern am lieb⸗ ſten im Sturmſchritt; er hat uns uͤberraſcht, doch, er ſoll uns gewaffnet ſinden; geſchwind, Joſephe, ruͤſten Sie Sich, dem Feinde zu begegnen; ein Blick in jenen Spiegel wird Ih⸗ nen Schild und Schwert verleihen, der Krieger ſoll ſo leichten Sieg nicht finden.“ Doch nur in den Purpurſchleier der Scham huͤllte die Jungſrau den ſchoͤnen Korper, wie die ſanfte Seele; ſie fand keine andern Waſſen in der bangen Minute, wo ſie ſich dem frem⸗ den Manne uͤbergeben ſollte, in der ſie uͤber— 14 raſcht, unvorbereitet, den Zwang lebhaft fuͤhlte, den man ihrer Jugend anlegte. Der Graf haͤtte keine gluͤcklichere Minute waͤhlen koͤnnen, um einen klaren Blick in der Verlobten Gemuͤth zu thun; Joſephe ſtand vor ihm im ſtolzen Gefuͤhle ihres Werthes hin⸗ gebend, demuͤthig, kindlich, verſchämt; entzuͤckt ſah er, welch ein koͤnigliches Geſchenk er in ih— rer Perſon empfangen wuͤrde.— Raſch war er — eingetreten, doch in der Mitte des Zimmers hielt er ſeine Schritte an, verwundert traf ſein heller Blick Joſephen, dann wandte ſich ſein Auge fragend zu Clotilden, als der ältern Frau; ſie errieth des Grafen Gedanken; Jo⸗ ſephen bei der Hand nehmend und ſie ſanft entgegen fuͤhrend, ſprach ſie ſich leicht vernei⸗ gend:„Joſephe, Graͤſinn Caboga.“— „In der That, wahrhaftig, entſchuldigen Sie, meine Damen,“— ſtammelte der Gene⸗ ral, ſich tief verneigend;„ich bin uͤberraſcht, ich taͤuſchte mich, indem ich ſo ungeſtuͤm eilte, einem theuern verwaiſten Kinde, deſſen Schick⸗ ſal mir von einem geliebten Verwandten ans Herz gelegt wurde, meine freundlichen Geſin⸗ nungen darzulegen; ich finde mich uͤberraſcht, ich erkenne meinen Fehltritt. Noch einmal, Com⸗ teſſe,“ wandte er ſich zu Joſephen,„ent⸗ ſchuldigen Sie mein ſo raſches, fruͤhes Ein⸗ dringen; unglaublich ſcheint es mir faſt, in Ihnen diejenige zu ſehen, welche hier aufzuſu— chen mir gewiſſe Anſpruͤche erlaubten, die ich jedoch zu Ihren Fuͤßen nieder lege und Ihrer Entſcheidung uͤberlaſſe, ob ich ſolche ferner gel— tend machen darf; ein unberathenes, maͤdchen⸗ haftes Kind hofſte ich zu finden, einer vollen⸗ deten Jungfrau ſtehe ich gegenuͤber; meinen Schutz, einen vaͤterlichen Freund wollte ich je⸗ ner darbringen; der Herrinn weihe ich mein ganzes Selbſt; wird ſie mir vergoͤnnen, ihr meine Huldigung anzubieten!“ Des Generals Verwirrung, die in ſo ſelt⸗ ſamem Contraſte zu ſeinem ſtattlichen, helden⸗ kuͤhnen Kußeren ſtand, gab Joſephen Zeit, ſich zu ſammeln. Achtung und Vertrauen er⸗ weckten ſeine Zuͤge, wie ſeine kräftigen, doch herzlichen Worte in ihrer Seeie.„Sie ſind mir ſehr willkommen, Herr General,“ antwor⸗ tete ſie ſanft;„zwar iſt meine Ausbildung mei⸗ nen Jahren voraus geeilt, ich ſcheine älter als ich bin, doch bitte ich Sie ſehr, Sich nicht vom Scheine taͤuſchen zu laſſen; vertrauen Sie meinem kindlichen Gemuͤthe, das ſich gern und frei dem Willen eines verewigten Vaters un⸗ terwirft.“ Sie ſuchte nach dieſen Worten Clo⸗ 16 tildens Blicken zu begegnen, welche ihr bei⸗ faͤllig zulaͤchelte. „Wahrhaftig, Comteſſe,“ fuhr der General fort;„nur dem ſuͤdlichen Blute der Mutter haben Sie dieſe fruͤhe Entwickelung zu dankenz hier bei uns iſt ſie auffallend. Die Natur gab Ihnen dieſe ſchnelle Reife, um ſie zur unbe⸗ dingten Herrinn uͤber Ihr Schickſal zu machen, das ſonſt Gefahr erlitten haͤtte, von fremden Haͤnden gelenkt zu werden. Ich wiederhole es,“ ſetzte er hinzu;„ich gebe meine Anſpruͤche zu⸗ ruͤck, wenn ich irgend ein Gefuhl verletzen ſoll⸗ te, was in Ihrem Herzen vielleicht Raum ge⸗ faßt hätte, wenn ich ein Bild verdraͤngen muͤß— te, das darin wohnte; der unbefangenen, kaum erwachſenen Joſephe Gemuͤth hofſte ich durch ſchuͤtzende Zuneigung an mich zu feſſeln, ſie ſollte mich, ſo wähnte ich, achten und lieben gelernt haben, ehe ihr Herz erwachte; Pflicht und Zaͤrtlichkeit, dachte ich mir, wuͤrden ſie dann gegen andere Eindruͤcke ſichern. Was ich nun hoſſen darf, daruͤber haben Sie, Comteſſe, zu entſcheiden.“ „Ich verſtehe Sie nicht ganz, Herr Graf,“ ſprach Joſephe unſchuldig zu ihm aufblickend; „geht denn mit der Reife des Korpers die Un⸗ befangenheit des frommen Kindesſinnes verlo⸗ 17 ren? das lehrte mich Caͤcilie nicht; ſie zeigte mir den Weg, ein reines, pflichtentreues Herz bis ins ſpaͤteſte Alter zu bewahren; mein Vorſatz iſt, dieſen Weg zu wandeln, wagen Sie, mein Fuͤhrer zu ſeyn? Die Welt iſt mir fremd, ich komme aus dem Kloſter; mein Herz wird die Eindruͤcke und Bilder, die es dort in ſich auf⸗ nahm, treu durchs ganze Leben bewahren. Nichts, theurer Graf, kann Sie berechtigen, dieſe daraus zu verdraͤngen; ſie werden vielmehr dazu dienen, mir fuͤr die Zukunft erheiternde, troͤſtende Erinnerungen zu werden, wenn mich die Welt nicht ſo freundlich anlaͤchelt, wie das einſame Leben meiner Jugendtage. Sie ſinden Joſephen, wie Sie ſie ſich gedacht haben, fromm, unbefangen, bereit, ſich mit Stolz un⸗ ter dem Schutz eines ſo edlen Mannes zu be⸗ geben, als Sie.“ „Sie ſind ein holder, guͤtiger Engel!“ rief der Graf, hingeriſſen von Joſephens ver⸗ trauenden Worten;„Alles, was ein Maͤnner⸗ herz fuͤr das Höchſte einſetzen kann, ſetze ich, Joſephe, fuͤr Ihr Lebensgluͤck ein! Nein, ich waͤre grauſam gegen mich ſelbſt, wollte ich, ob⸗ gleich unwerth meines Glucks, es länger von mir weiſen; Niemand hat naͤhere Rechte an Sie, als derjenige, welcher nichts hoͤher achtet, als Dritter Band. B 18 Ihr Gluͤck, und ein Caboga iſt es, dem Ihr Heil am Herzen liegt. Joſephe, ich frage Sie ſo recht aus dem Herzen, wollen Sie mir angehdren, mir Treue geloben?“ „Empfangen Sie mein Jawort,“ fluͤſterte errdthend Joſephe;„Graf Conſtantin, ich werde Ihre treue Gattinn ſeyn.“— „Joſephe, ich nehme Ihr Wort; geden⸗ ken Sie dieſer Stunde,“ ſprach Graf Con⸗ ſtantin ſehr ernſt;„nicht Ihres Vaters Wort, nicht mein Wunſch, nur Ihre freie Wahl gibt mir Rechte auf Ihre Treue, vergeſſen Sie das nie; ehren Sie Ihren Gatten, indem Sie ihm ein Gluͤck bewahren, welches Sie ihm großmuͤ⸗ thig darreichen!“ Er beugte ſich lange und ge⸗ ruͤhrt auf ihre Hand, und zog ſich dann, die Schuͤchternheit der Braut ehrend, zuruͤck. Jo⸗ ſephe uͤbergab ihm das Käſtchen nebſt dem Schreiben von Caͤcilien, und begierig den Inhalt von beiden zu erfahren, loͤſte er, kaum auf ſeinem Zimmer angekommen, d die Siegel. Cäͤcilie ſchrieb: ſer Nariank Gelibter Vetter! „Mit dieſen Zeilen empfangen Sie das Beſte und Theuerſte, was ich Ihnen zu ge⸗ ben habe; meinen Segen und mein geliebtes * 19 Kind, Joſephe. Genießen Sie an ihrer Seite den Lohn eines ruhmvollen und tugend⸗ haften Lebens; der Friede lächle Sie in den Armen Ihrer Gattinn an; Gott ſchenke ihn auch bald der Welt. Gern waͤre ich Zeuge Ihrer Vermaͤhlung geweſen; doch mein ſchwa⸗ cher Körper verſagt mir dieſe Freude: und warum ſoll ich es verhehlen, die ernſte Klo⸗ ſterfrau ſchaut ſtorend in die Luſt eines Tages, der das alte edle Haus Caboga neu ver⸗ herrlichen ſoll; doch, mein Segen wird Euch an dieſem Tage nahe, meine Gedanken wer⸗ den bei Euch in Caboga ſeyn.“—— „Alle Wuͤnſche, die mein Herz bis jetzt fuͤr meine theure Joſephe hegte, lege ich nun an das Ihrige; Sie werden alle erfuͤllt werden, wenn Sie das holde Kind ſo recht vom Herzen ehren und lieben, das brige ſtel⸗ len wir dem Himmel anheim, dem wir ver⸗ trauend uns unterwerfen muͤſſen, wenn er das Leben anders lenkt, als wir hoſſten und er⸗ warteten mir ergangen, ſo wird es y er ewige Rathſchluß macht den irdiſchen zu eitetem Spiel.“—— „Sie werden Joſephen in die Welt fuͤhren; der einſam Auferzogenen wird ein neues Leben aufgehen. Doch bange ich nicht B 2 20 vor dem lieben, unerfahrenen Kinde; machen Sie Joſephen nur nicht durch Beſorgniſſe und unzeitige Belehrungen aͤngſtlich; ſeien Sie uͤberzeugt, ſie wird ſich ſchnell zurecht ſinden. Joſephe iſt einer echten Perle zu vergleichen, ſie bedarf des Abſchleifens nicht. Von der Natur vollendet, gerundet ohne ſcharfe Ecken, wird ſie nirgend anſtoßen, in eigenem ſanften Schimmer, zierte ſie eben ſo ſchon den heiligen Raum einer Kloſterzelle, als ſie bald den ſtrahlenden Saal des Kaiſerſchloſſes ſchmuͤcken wird.“ „Ein freundliches Geſchenk begleitet dieſe Zeilen, Joſephens Bild, das Sie zu mei⸗ nem Andenken tragen moͤgen; es ſei Ihnen ein Talisman in Gefahr und Schlacht, ein liebender Begleiter in gluͤcklichen Tagen.“ „Ehe Sie mir das theure Kind ganz ent⸗ fuͤhren, darf ich ja wohl hoſſen⸗ Euch noch einmal zu umarmen. Tief ergriffen, faltete den Brief zuſammen; es duͤnkte ihn faſt ein Traum, am ſpäten Mittag ſeines Lebens ſeine Bruſt noch von einem Gefuͤhle erfullt zu ſehen, das mit ſolcher Wärme, ſolchem Glanze, den - 21 Tagen ſeiner Jugend nie gelaͤchelt hatte. Er gelobte ſich und Caͤcilien, die ihm ſo unlaͤug⸗ bar vom Geſchick entgegen gefuͤhrte Geliebte, zu begluͤcken, und erſchien bald darauf wieder bei der Braut, welche ihn mit ſichtlicher Freude empfing. Trotz der innigen Empfindung, die Con⸗ ſtantin fuͤr die ſchoͤne, ihm verlobte Jungfrau hegte, maͤßigte er dennoch, ſich wie immer maͤnn⸗ lich beherrſchend, das Feuer ſeiner Zaͤrtlichkeit. Eine ruhige, ehrende Huldigung, der durchdrin⸗ gende, ſeelenvolle Blick ſeiner großen lichtblauen Augen verriethen derſelben indeß, daß ſie ihm theuer ſei. Als ob ſie an der Seite eines aͤl⸗ tern, innigen Freundes weile, ſo unbefangen, ſo herzlich war ihr Benehmen nach Verlauf von einigen Tagen gegen den Verlobten. Sanft beugte ſich ihre Seele vor ſeinem maͤnnlich ern⸗ ſten Weſen, durch welches aber eine ſo unver⸗ kennbare Herzensgüte leuchtete, die ihm das Ge⸗ muͤth der Brg in Achtung und Liebe unter⸗ ntin die gewiſſe liber⸗ zeugung gewonnen hatte, daß ſich Joſephe aus eigener, freier Wahl ihm anſchlöſſe, ſaͤumte ek nicht laͤnger, die Baroninn Jablonka um die Beſchleunigung der Zuruͤſtungen zur Feier 22 ſeiner Vermaͤhlung zu bitten. Er erſuchte Jo⸗ ſephen, den Tag zu beſtimmen, an welchem er ihr fuͤr immer angehoͤren duͤrfe, und mit ſanftem Erroͤthen fuͤgte ſie ſich ſeinen Wuͤnſchen. Des Generals Abweſenheit konnte, wegen wich⸗ tiger militäriſcher Anordnungen, nicht von lan⸗ ger Dauer ſeyn, ſo ſehr er auch jetzt wuͤnſchen mochte, des neuen zu erwartenden Ehegluͤcks hier in der Einſamkeit des alten Stammſchloſ⸗ ſes froh zu werden. IH. So kehrte dann ſeit einer kangen Reihe von Jahren neue Feſtluſt auf Schloß Caboga ein. Alles hatte Clotilde aufgeboten, um die Pracht der Vermaͤhlungsfeier zu erhöhen. Der alte, ausgeſuchteſte Adel weit umher war eine Woche lang im Schloſſe verſamm eſt reihte ſich an Feſt, und immer hold jeden die Koͤniginn desſelben, die Gräfinn Joſephe Caboga. Doch auch dieſe Tage verrannen; die bunte Luſt, der laute Jubel löſete ſich auf in eine friedliche, gluͤckliche Ruhe, und die junge Gat⸗ 23 tinn athmete wieder freier; denn recht bange und ſehnſuͤchtig hatte ſie oft, umgeben von der lauten Freude, nach Marianky, nach Caͤci⸗ lien hin gedacht, das ganze Feſt haͤtte ſie in ſolchen Minuten hingegeben, um nur einmal an Adolar's Urne recht einſam das Heimweh ihrer Seele auszuweinen, und dann dankend hin zu knieen an dem Hochaltare, um fuͤr die gluckliche Fuͤgung ihres Schickſals die Heiligen anzurufen. Was Joſephen am meiſten beengte, war die allgemeine Beachtung ihrer Perſon; ſie war daran ſo wenig gewöhnt, daß ſie ſich beaͤngſtigt fuͤhlte, ſobald man ihr irgend eine außerordent⸗ liche Aufmerkſamkeit bezeigte; es fehlten es ihr dann wohl die Worte, ſolche Huldigungen ge⸗ buͤhrend zu wuͤrdigen, noch weniger ſie zu er⸗ wiedern. Der Zwang, den ſie ſich dann an⸗ that, gab ihrem Rußeren etwas Kaltes, Zu⸗ ruͤckhaltendes. An eine einfache ſchone Natuͤr⸗ lichkeit grwöhnt, haßte ſie jede Ubertreibung, und ihres Gemahls feſtes, immer Achtung er⸗ regendes Betragen, war deßhalb ſo ganz geeig⸗ net, ihre Seele fuͤr ihn einzunehmen. Er allein empfing die Beweiſe eines warmen Vertrauens von ihr, ihm öfſnete ſie die Tiefe ihrer Em⸗ pfindungen; fuͤr Andere erſchien ſie dagegen kalt und ſtolz, und die Mehrzahl der hochzeitlichen Gäſte kehrte zwar voll Lobpreiſungen uͤber die ſchoͤne Graͤfinn Caboga auf ihre Guͤter zuruͤckz aber ſie erinnerten ſich zugleich an das ſtolze, abſtoßende Weſen derſelben. Joſephe ahnte in ihrem beſcheidenen Sinne nicht, wie ſehr man ſie verkannte, und ihrem Gemahl lag eben nichts daran, ſie fuͤr die Ge— ſellſchaft anmuthiger zu machen; ihm genuͤgte, die Schoͤnſte, Herrlichſte in jedem Kreiſe, wo⸗ rin er mit ihr erſchien, voll Stolz zin zu nen⸗ nen.— Clotilde hatte dem jungen S ſchon Lebewohl geſagt; ſie war mit ihrem Gemahle, welcher der Hochzeitfeier mit beigewohnt hatte, auf ihr Gut zuruͤck gekehrt. Einige Tage muß⸗ ten noch zu den ſchuldigen Beſuchen auf be⸗ nachbarten Guͤtern verwandt werden, dann kuͤn⸗ digte der General ſeiner Gemahlinn die Abreiſe nach Wien an. Joſephe erwaͤhnte Caͤci⸗ liens Wunſch, ſie vor der langen Trennung an der Seite des Gemahls i Marianky bei ſich zu ſehen, doch Conſtantin uͤberzeugte die Flehende, wie es in dieſem Augenblicke fuͤr ihn unmoglich ſei, laͤnger von Wien zuruͤck zu blei⸗ ben, weit uͤber ſeinen Vorſatz war ſein Aufent⸗ halt in Caboga geweſen:„Dringen Sie nicht 25 länger in mich, liebe Joſephe,“ erwiederte er;„Ihre erneuerten Bitten, Ihre ſuͤß ver⸗ weinten Augen koͤnnten mich wankend machen, und das darf der Soldat nie ſeyn. Es waͤre das erſte Mal, daß ich meine Pflicht aus den Augen ſetzte, und in dieſem Punkte werden Sie mich nie ſchwach ſehen.“ „Fürchten Sie nichts, mein Gemahl, auch ich verſtehe meine Pflichten im Auge zu behal⸗ ten, und indem ich Ihnen freudig einen heißen Wunſch zum Opfer bringe, weiß ich, wie meine theure Caͤcilie darin eine genuͤgende Entſchul⸗ digung fuͤr mich ſinden wird.“ „Nun, ſo verſchmerzen Sie denn fuͤr dieſes Mal, was nicht in meiner Macht ſteht zu aͤn⸗ dern; das naͤchſte Jahr, Joſephe, hoffe ich Sie beſtimmt nach Kloſter Marianky zu fuͤh— ren,“ ſprach der Graf, ſeine fuͤgſame Gattinn zu tröſten. Sie blickte ihn mit dankendem Lächeln an. „Einen Tag, mein Freund,“ ſprach ſie dann, „wird Ihnen die gute Caͤcilie indeß doch rau⸗ ben, noch empſfing ſie keine Nachricht von mir, muͤndlich wollte ich ihr Alles das erzaͤhlen, was ich nun einem Briefe anvertrauen werde, erlau⸗ ben Sie mir, morgen ungeſtoͤrt in meinem Zimmer zu Pleiben.“ 26 Der naͤchſte Morgen fand die junge Gräfinn am Schreibtiſche, den erſten Brief, den ſie je geſchrieben, an die muͤtterliche Freundinn auf⸗ zuſetzen. Schloß Caboga im Mai 1808. Meine guͤtige Mutter! „Ich ſehe, wie Du truͤbe die Blicke ſen⸗ keſt, wenn dieſer Brief ſtatt Deiner Joſe⸗ phe zu Dir gelangt, und ich weiß wahrlich nicht, wie ich Alles, was ich ſo lebendig fuͤhle und denke, mit todten Zeichen Dir aus⸗ druͤcken ſoll; ich weiß gewiß, Du wirſt einen großen Troſt in dieſen Zeilen finden, Du liebſt es ſehr, einander die Gedanken ſchrift⸗ lich mitzutheilen, ja, Du äußerteſt einmal, die Seele nahe ſich der geliebten Scele aus weiter Ferne oft inniger und unverhuͤllter durch die geiſtreiche Sprache der Schrift; indem die korperliche Nähe zwei einander theurer Men⸗ ſchen den Geiſt zerſtreue, den Gedanken und Gefuͤhlen Feſſeln anlege, und ſeinem freien Aufflug wehre.— Ich theile Deine Meinung nicht; ach, mir wäre ſo wohl, könnte ich Auge im Auge Dir des neuen Lebens Luſt und Wch erzaͤhlen, koͤnnte ich heute, wie in goldenen Kindeszeiten, mein Haupt dabei an Deine friedliche Bruſt lehnen, Alles, was ich fuͤhle, ſo recht vertrauend in Dein Herz fluͤſtern!—— Doch Graf Conſtantin ſoll, darf es nicht wiſſen, wie weh mir das Herz ſchlaͤgt, daß ich ohne Deinen troſtenden Nachruf ſo weit hinweg, in die ungekannte Ferne ziehen ſoll; ich habe mich einſam in mein Zimmer eingeſchloſſen, und er laͤchelt vielleicht uͤber das unerfahrne Kloſterkind, dem ein Briefchen zu ſchreiben ſo ſchwer wird, wie ihm eine Schlacht zu gewinnen. Nun mag er immerhin laͤcheln, ich weine indeß ſuͤße, heiße Thränen der Sehnſucht nach Dir, und ſie erleichtern mir das Herz. Sähe er indeß die großen Tropfen, die mir da faſt die Worte verwiſchen: ſo weiß ich eben ſo wohl, daß er ſchnell aufhoren wuͤrde zu lä⸗ cheln, als auch, daß mein Schmerz ihn W betruͤben wuͤrde.“— „Doch ich will Dir, gute Mutter, ja erzaͤhlen, wie mein äußeres und inneres Le⸗ ben ſich geſtaltet hat, und wie ein thoricht verzogenes Kind gerathe ich dabei ins Wei⸗ nen.—— Ich bin gluͤcklich, das kann ich mit vollem Herzen ausrufen, recht gluͤcklich an der Seite eines edelen Gemahls! Ein warmer, mitfuͤhlender Freund wird er mir werden. Was Du mir fruͤher warſt, ein Len⸗ 28 ker durch des Lebens vielfach verſchlungene Irrwege.— Du fuͤhrteſt mich mit Sanft⸗ muth und Liebe durch das heitere Jugendle— ben, er leitet mich mit Liebe und mit Kraft durch die ernſtere Lebenszeit; ſo bin ich aus einer freundlichen Umarmung in die andere gegangen, und ich traͤume oft von einem himmliſchen Engel, der mich begleitend um— ſchwebt, meine Lebenstage ſchuͤtzend zu fuhren.“ „Von den vielen Feſten, den neuen Be⸗ kanntſchaften, Allem, was ſich in dieſer Zeit hier zugetragen, davon hat Dir die freundliche Clotilde ein kleines Tagebuch geſchrieben, und mich ſo der Muͤhe uͤberhoben, von Din⸗ gen zu reden, die mir noch zu fremd, zu neu ſind, um Intereſſe daran zu nehmen; Alles, was ich erlebt, verſchwimmt zu einem Bilde; nur Weniges hebt meine Erinnerung daraus empor.— Eins aber wird mir unvergeßlich ſeyn, es iſt die Minute, wo mein Gemahl mir entgegen trat.— Mutter, hätteſt Du meine Angſt empfunden, Du wuͤrdeſt daruͤber urtheilen konnen, uͤberraſcht, unvorbereitet horte ich ihn nahen, fuͤhlte mich ohne Kraft, ihm wuͤrdig gegenuͤber zu ſtehen und nur die Gegenwart der Baroninn Jablonka, rich⸗ tete meinen geſunkenen Muth empor.— Der 29 Augenblick war auch wohl ſehr entſcheidend, denn, wenn der Graf nun nicht, ſo wie er mir erſchien, vor mir ſtand, wenn ſein Liu⸗ ßeres abſchreckend, ſein Weſen rauh oder ge⸗ haltlos geweſen waͤrez wenn ich ihm dennoch, denn ich war ja durch heilige Kindespflicht dazu aufgefordert, meine Hand hätte reichen muͤſſen, wie wuͤrde es denn jetzt wohl um den Frieden meiner Bruſt ſtehen?— Doch, Graf Conſtantin trat in ſchoner Helden⸗ kraft vor mich hin, und ich wurde ihm bald unterthan in Achtung und inniger Freund⸗ ſchaft.— HO, moͤchteſt Du ihn ſehen, wie ſeine ſtolze Stirn mit der breiten dunkeln Narbe, die ihm einſt ein verwegener Feind, kaum ſchon Juͤngling, wie er mir ſagte, ſo recht kuͤhn, Auge im Auge darauf gezeichnet hat, ſich draͤuend mit den breiten, dunkeln Augenbrauen zuſammen zieht und dann ſein lichtes Auge leuchtet, wenn er davon erzaͤhlt, daß ſein gewagtes Vordringen dennoch dem Feinde eine ganze Batterie koſtete, die jener muthige Juͤngling hatte decken ſollen. Zwar iſt des Grafen Antlitz recht von der Sonne verbrannt; doch ſchimmert die Farbe der Ge⸗ ſundheit auf ſeinen Wangen, Wohlredenheit und Herzlichkeit wohnen auf ſeinen Lippen, 30 und wenn er lächelt, dieſes geſchieht faſt nur, wenn er zu mir redet, enthuͤllen ſie die rein⸗ ſten Perlenzähne und mildern den Schatten des dunkeln Huſarenbartes, der ſein Geſicht recht kriegeriſch ſchmuͤckt.“—— „Du laͤchelſt, meine Mutter; faſt male ich lebendig und gluͤhend wie Adolar, wirſt Du ausrufen; doch ach, wie fluͤchtig iſt das ausgeſprochene Wort! Wie dauernd dagegen die ſchoͤne Schoͤpfung ſeiner Kuͤnſtlerhand!“— „Marianky laͤchelt noch immer in mei⸗ nen Traumen und das Heimweh danach, wird meine Seele fortwaͤhrend erfuͤllen.“ „Doch auch hier in Caboga legen ſich feſſelnde Bande um mein Herz, dieſe Mauern, die meine lebensfrohe Mutter in den Fruͤh⸗ lingsjahren ihres Gluͤcks ſo duͤſter und been⸗ gend erſchienen, ſie laͤcheln mir Frieden zu; der ernſte Bau des Schloſſes, die gothiſch verzierten hohen Vorhallen, ſie ziehen mich an und ich denke, der laͤngſt entſchlafene Ahn⸗ herr, der ſie erbauete, er haͤtte empfunden und gedacht wie ich, die ſpaͤt nach ihm geborne Enkelinn. Was mir das Schloß vor Allem ſo theuer macht, das ahnſt Du wohl nicht, meine Mutter; Du erraͤthſt wohl nicht, daß ſein dunkles, ſchauriges Todtengewoͤlbe mich 31 ſo ſehr daran feſſelt.—— Doch ich will Dir erzaͤhlen, wie mir in dem Aufenthalt des Todes eine große Freude ward.“— „Schon ſeit ich auf meinem Ahnenſitze angekommen war, ſuchte und forſchte ich ver⸗ gebens nach einem Bilde meiner Mutter“ Niemand wußte mir davon zu ſagen; Clo⸗ tilde erinnerte ſich indeß, in fruͤhern Zeiten gehort zu haben, daß ein ſehr ſchoͤnes Por⸗ traͤt Eugeniens aus dem Ahnenſaale auf eine unerklaͤrbare Art verſchwunden ſei, und zeigte mir auch den praͤchtigen aber leeren Rahmen, in welchem aller Wahrſcheinlichkeit nach, dasſelbe ſich befunden hatte, welcher neben dem Bilde meines Vaters hing. Als ich eines Morgens, es war ſchon nach Clo⸗ tildens Abreiſe, mit meinem Gemahle mich im Ahnenſaale befand, und wir uns mit den alten, edlen Vorfahren unſeres Hauſes be⸗ kannt machten, draͤngte ſich in mir ein ſo inniges Verlangen nach dem Bilde meiner Mutter auf, daß ich vor dem leeren Rah⸗ men, in welchem die Verlorne einſt gefaßt war, in laute Klagen ausbrach, welche jedoch durch das heftige Herantreten eines alten, ſtummen, halb gelaͤhmten Mannes, welcher ſeinen greiſen Kopf wie verzweifelnd gegen 32 den Rahmen ſchlug, unterbrochen wurde. Dieſer Alte, welchen man nach meines Va⸗ ters nachgelaſſenem Willen, im Schloſſe mit beſonderer Sorge pflegt, flöͤßte mir ſtets Grauen ein; wie ein verſteinertes Bild ſchlich er ſeit meiner Ankunft im Schloſſe, ſo oft ich meine Zimmer verließ, hinter mir her. Deutlich ſah ich, wie der Alte mir Etwas mittheilen wollte; doch konnte ich mich nicht uͤberwinden ihn anzureden, ſo ſehr ich dieſes auch wuͤnſchte. Der Graf errieth meinen Wunſch.„„Wollt Ihr uns Etwas entdek⸗ ken, Alter?““ fragte er den Stummen; dieſer nickte mehrere Male mit dem Kopfe, winkte damit gegen die Thuͤr hin und ſchritt voran, wir folgten ihm uͤber den Corridor, welcher zur Kapelle fuͤhrt, traten in dieſe nach ihm ein und ſahen ihn jetzt den Eingang zum Grabgewolbe hinab ſteigen. Der Graf winkte ihm zuruͤck, rief nach Fackeln und erſt als dieſe herbei geſchaſſt waren, ſtiegen wir Alle in den ſchaurigen Raum; hier lehnte der Greis ſein Haupt an einen der vorderen Saͤrge und ſah uns dabei mit recht flehenden Bitten an; wir glaubten ihn jetzt wieder zu verſte⸗ hen, ich bat meinen Gemahl, den Sarg off⸗ nen zu laſſen, es geſchah ohne Muͤhe; denn 33 ſein leichter, mit Sammet uͤberzogener Deckel war bald zuruͤck geworfen, unter ihm aber ſchimmerte unter hellem, halb zerborſtenem Kryſtallglaſe, ein herrlich aufgeputztes Wachs⸗ bild, ſo ſchien es, hervor, ich trat näher, ich uͤberzeugte mich, daß es die ſchoͤn erhaltene Leiche ſei. Sichtlich ſchrak ich zuſammen, doch nicht aus Furcht, nein, aus Freude. „„Iſt das meine Mutter, Eugenie?““ wandte ich mich zu dem Alten und er nickte verſichernd mit den Augen.“ „Ach, ich wußte, daß es meine Mutter war, noch ehe ich die Beglaubigung daruͤber hatte!— Dieſes Bild war mir nicht fremd, es hatte verborgen in meiner Seele geruht; mir war die Geſtorbene ſo im Sarge vielleicht einmal im Traume erſchienen. Ich kniete am Sarge nieder, ich betrachtete dieſe ſanf⸗ ten Engelszuͤge, die an meiner Wiege gelaͤ⸗ chelt hatten und erſt, als mein Gemahl mich liebreich dazu aufforderte, verließ ich das Ge⸗ wolbe.“ „Ich bat, den Sarg noch nicht wieder zu bedecken, Graf Conſtantin ehrte mei⸗ nen innigen Wunſch, er befahl noch am ſel⸗ bigen Tage die Beſorgung zu einer gleich köſt⸗ lichen Glaskuppel uͤber dem Sarge, wodurch Dritter Band. C 34 die zerſprungene erſetzt werden ſolle und ſo werde ich, ſo oft ich in Caboga weilen darf, derjenigen im Tode nahe ſeyn können, die mir lebend ſo fruͤh entriſſen wurde.“—— „Wie lang, liebe Mutter, iſt dieſer Brief ſchon geworden, und doch ſcheint es mir, ich hätte Dir immer noch nicht Alles geſchrieben, was mein Herz mich draͤngt, Dir zu ſagen und was ich dennoch nicht ſo, wie ich wuͤn⸗ ſche und will, in Worte kleiden kann. Ich fihle uͤberhaupt, meine Seele iſt zu ſehr von alten und neuen Eindruͤcken bewegt, um ſo ganz klar ſich Dir zu enthuͤllen; das wird ſich aber ändern; gewiß dieſe innere Unruhe, die mir ſo fremd iſt, wird ſich legen, fried⸗ lich, gluͤcklich, nur nach Dir ſehnend, wird ſich mein Leben bald geſtalten und ich werde Dir dann ganz ſagen koͤnnen, wie ich empfinde.“ „Schon iſt die Dämmerung eingetreten, mein Gemahl, der ausgeritten war, kehrt ſo eben ins Schloß zuruͤck; Du zuͤrnſt wohl nicht, wenn ich ihm entgegen eile und Dich jetzt verlaſſe? Unter tauſend zärtlichen Gruͤßen, unter der Hofſnung des Wiederſehens, ſchei⸗ det von Dir Deine Joſephe Caboga.“ — 35 Wenige Tage nach der Abſendung dieſes Briefes an die Abtiſſinn des Kloſters Marianky, folgte die junge Graͤfinn Joſephe Caboga ihrem Gemahle nach Wien, wo er ſie in den, von ihm ſchon fruͤher in der Brigittenaue be⸗ wohnten, geſchmackvoll erbaueten Palaſt ein⸗ fuͤhrte, den ſie, wie er wuͤnſchte, ſo lange ihm die kriegeriſchen Bewegungen der Welt, ſeinen militäriſchen Wirkungskreis zu verlaſſen, nicht erlaubten, fortdauernd bewohnen ſollte. Gene⸗ ral Caboga dachte uͤberhaupt in den vollen Jahren ſeiner Mannskraft noch nicht daran, den Militärſtand aufzugeben; eben ſo heiß, wie die Liebe für ſeine ſchone Gattinn, gluͤhte in ſeiner Bruſt der Ehrgeiz fuͤr ein thatenreiches, glanz⸗ erfuͤlltes Heldenleben, und anſtatt durch das ihm jetzt zu Theil gewordene haͤusliche Ehegluͤck, weichlich die Gefahren zu ſcheuen, welche ihn vielleicht beim neuen Ausbruche des Krieges da⸗ von trennen wuͤrden, dachte er vielmehr mit ſtolzem Entzuͤcken daran, die neu zu erringen⸗ den Siegeskränze mit um ein geliebtes Haupt zu flechten. Joſephe erſchien, wie es des Grafen Rang und Verhaͤltniſſe forderten, bei Hofe und in den erſten Geſellſchaften der Hauptſtadt. Man erinnerte ſich bei ihrem erſten Erſchei⸗ C 2 nen lebhaft und mit Entzuͤcken an ihre ſchone Mutter, die einſt mit unnachahmlicher Grazie die vornehmeren Kreiſe belebt hatte, doch ſchnell, wie ein glänzendes Meteor ihren Bewunderern entſchwunden war. Allgemein mußte man ein⸗ geſtehen, daß Joſephe ihre Mutter an vollen⸗ deter Schoͤnheit uͤbertreffe, daß ſie die ſtolzeſte, blendendſte Erſcheinung, an den hohen Feſten des Hofes im Kaiſerſchloſſe und in großen Ge⸗ ſellſchaften der hohern Staͤnde warz doch in der bunten, glaͤnzenden Welt eines Ballſaales, in dem beweglichen Leben, der von der feineren Welt ſo ſehr beliebten Ahendzirkel, war der Eindruck bei weitem nicht derſelbe, den Euge⸗ nie fruͤher darin Allen eingepragt hatte. Foſephe tanzte gar nicht, ſie ſah ſich in⸗ deß gezwungen, in dieſer Kunſt Unterricht zu nehmen, weil es die Sitte des Tages erforder⸗ te, als eine der juͤngſten Frauen der Haupt⸗ ſtadt an den großen Bällen derſelben Theil zu nehmen; da ſie indeß bald darauf ihrem Gemahle die Hoffnung auf einen Erben gab: ſo mußte ſie ſich auch eben ſo ſchnell von dieſem Vergnuͤ⸗ gen wieder zuruͤck ziehen, deſſen Reiz ſie noch wenig kennen gelernt hatte. Ungern gab ſich die junge Frau der lauten, geſelligen Unterhal⸗ tung hin, ſie fuͤhlte ſelbſt, wie ihre einfachen, 37 innigen Gefuͤhle, die ſie nur gezwungen in leichte und Nichts ſagende Konverſationen verhuͤllen konnte, recht unbeholfen und ſchwerfaͤllig in die lebendige Unterhaltung um ſie her, einſielen, wie es ihr vollends ganz unmöglich war, uͤber ganz gewoͤhnliche, unbedeutende Dinge einen Schwall von glaͤnzenden Worten zu ergießen; doch war Joſephe wohl in allen dieſen Mei⸗ nungen uͤber ſich ſelbſt, zu ſtreng: denn wem es gelang, laͤnger und öfter in ihrer Naͤhe zu weilen, ihre erſte Scheu vor dem Geſpraͤche mit einem Unbekannten zu uͤberwinden, der fand auch alſobald, wie geiſtreich, trefſſend und klar ihre Anſichten uͤber Alles waren, und ließ es ſich angelegen ſeyn, ihr öfter zu nahen. So war denn die Generalinn Caboga bald als die Sonne eines Kreiſes von dusgezeichnet geiſtrei⸗ chen und geachteten Menſchen, die ſich in den gemiſchten, ſich bunt um einander drehenden Ge⸗ ſellſchaften der großen Welt, doch darin leicht erkennen und zuſammen ſinden, anzuſehen, und ſtand dadurch dem juͤngern, glaͤnzenden Zirkel im⸗ mer entfernt. Da es in dieſem lebendigen Kreife nicht ſo ſehr darauf ankam, einen bedeutenden Rang in der Geſellſchaft einzunehmen, indem man nur Witz, Anmuth, Talente oder Schon⸗ heit bedurfte, um darin zu glaͤnzen: ſo hielt die 88 Mehrzahl dieſes Kreiſes der Gräfinn Caboga Entfremden daraus, fuͤr einen uͤbermäßigen Stolz, der ſie zu dieſer kalten Zuruͤckhaltung zwang. Vor Allem hatte ſie viele Widerſacher unter der jungen Männerwelt, welche ſich be⸗ rechtigt hielten, der jungen, ſo uͤberraſchend er⸗ ſchienenen Schoͤnheit, theils verſtohlen, theils auf die auffallendſte Weiſe ihre Huldigungen darzubringen, indem ſich Mancher unter ihnen mit der Hoſſnung ſchmeichelte, das Herz der⸗ ſelben zu ruͤhren, durch Jugend und Anmuth den aͤltlichen Gemahl in ihren Augen zu uͤber⸗ bieten. Joſephe hatte nur ruhige, ungeblen⸗ dete, mitunter verächtliche Blicke fuͤr dieſe Schaar, und ſo wie von jeher jeder Eindruck mehr geiſtig, als bloß durch die Sinne auf ſie eindrang: ſo blieb ſie ſelbſt von der Jugend⸗ ſchöne Einzelner ungeruhrt; ohne es ſich ſelbſt bewußt zu ſeyn, trug ſie in ihrer Seele ein Ideal von vollendeter Schoͤnheit, das indeß fuͤr ſie ganz geſchlechtlos war, da ſie es gleichſam wie eine himmliſche, hohere, nie in die Wirk⸗ lichkeit tretende Erſcheinung anſah; es bewegte auch keine ungeduldige Sehnſucht danach ihr Gemuͤth, nur ein ſanfter Schmerz um ſeinen verlornen Anblick durchzitterte ſie oft, wenn ſie an Marianky, an Cäcilien und an das herr⸗ 39 liche Engelbild des Hochaltares in ſtillen Erin⸗ nerungsträumen dachte.—— Joſephe war ſehr glucklich an der Seite ihres Gemahls, wo ſie noch immer ihre ſchon⸗ ſten Stunden fand. Trotz ſeiner uͤberhaͤuften Geſchäfte, konnte ſich die junge Frau auch nicht uͤber die kleinſte Vernachlaͤſſigung von ſeiner Seite beklagen, ſowehl im haͤuslichen, als im dſſentlichen Leben erſchien er faſt immer an ihrer Seite, und widmete mit Anſtrengung die erſten Stunden des Tages den nothwendigen Anord⸗ nungen und Geſchäften ſeines Standes, um alsdann ſo viel wie moͤglich Herr ſeiner Zeit zu ſeyn. Das Theater und Concerte gewährten Jo⸗ ſephen ebenfalls einen neuen und hohen Ge⸗ nuß, ſie tauſchte gegen den verſtaͤndigen Gatten ihre Anſichten und Uurtheile daruͤber aus, und fand immer einen Anklang der eigenen Empſfin⸗ dungen bei ihm; denn ſo ſehr hatte die tugend⸗ hafte, holde Gattinn ſeine Seele gefangen ge⸗ nommen, daß er ſich, ſonſt nur ſolchen Ideen zugänglich, die auf ſeinen Wirkungskreis, auf die politiſche Lage der Welt, Beziehung hatten, gern den heiteren, gemuͤthlichen Eindruͤcken hin⸗ gab, die Joſephe vom Leben empfing, und ſtill und anmuthig vor ihm ausbreitete. — Immer hoͤher war ſeine Achtung vor dem Charakter der jungen, gefuͤhlvollen Gattinn ge⸗ ſtiegen. Mit einer quälenden Angſt hatte er die ſchone Frau auf das Glatteis des Weltlebens ge⸗ fuͤhrt, Caͤciliens Wunſch und Rathe folgend, ſie allein die unſicheren, ſchwankenden Tritte darauf verſuchen laſſen. Mit Erſtaunen hatte er bemerkt, wie ſchnell ſie ſich hier zurecht fand, und in eigener, ſicherer Haltung einen feſten Platz darin einnahm; hatte geſehen, wie ſie, nur von ſchoͤnem Takte weiblicher Wuͤrde geleitet, jede freche Huldigung mit Ernſt und Nachdruck von ſich zuruͤck wies und ihm ſo die Ehre ſeines Hauſes, wie das Gluͤck ſeines Herzens ſicherte, das ſonſt leicht an der Klippe mannlicher Eifer⸗ ſuchtg geſcheitert wäre: denn das war die einzige, verwundbare Stelle in ſeinem Gemuͤthe, und hätte er der Treue ſeiner Gemahlinn nicht unbedingt vertrauen duͤrfen, Ehrgeiz und Liebe hätten gleich grauſam ſein Herz zerriſſen.— So aber ſchwand die Zeit ungemein ſchnell und froh dahin, bis Joſephe ihm zu Afähg des neuen Jahres eine Tochter gebar.—— Mit muͤtterlicher Freude glaubte Joſephe in ihrem Kinde die Zuge ſeiner Großmutter, Eu⸗ genie, wieder zu finden, und ſo gab ſie ihm, 41 nach dem Wunſche ihres Gemahls, auch deren Namen. Graf Conſtantin hatte nur die Geneſung Joſephens erwartet, um ſie mit der nahen, unabaͤnderlichen Trennung bekannt zu machen, da der bevorſtehende Wiederausbruch des Krieges ihn zu ſeinen Truppen ins Feld rief. Schoͤner, vollendeter aufgebluͤht, ſtand die ſanfte Gattinn vor ihm und er fuͤhlte in dieſem Augenblicke, wie ſchwer es ihm werden wuͤrde, ſich aus ihrer Naͤhe zu entfernen; doch, die Pflicht gebot, er legte ſein lächelndes Kind an ihre Bruſt, preßte die Mutter mit dem Kinde gluͤhend in ſeine Arme und eilte, zwei leuchtende Tropfen auf der kriegeriſchen Wange, zu ſeinem ſtampfenden Schlachtroſſe.—— Joſephe verſtand ſeinen ſtummen Troſt, und eine ihr Herz erleichternde Thraͤnenfluth uͤberſtromte die weiche Wange der kleinen Eugen ie; wild ſchmetterten draußen die Trompeten, das Kom⸗ mandowort des Generals ertonte; ſie riß ſich em⸗ por, ſie eilte zum Fenſter, dahin ſprengte der lange Zugz— eine ſtolze, troͤſtende Wallung hob ihre Bruſt empor, ihre Seele ſchwang ſich uͤber den Schmerz des Abſchieds;— es war General Caboga, ihr Gemahl, ihr Freund, eine feſte Schutzwehr des Vaterlandes, der mit 42 ſeiner treuen, erleſenen Schaar ſich dem Feinde entgegen ſtellen wollte; ſie ſah ihn beſchuͤtzt, geehrt von Allen, die mit ihm zogen, der Heili⸗ gen Schutz und ihre Gebete zogen mit ihm dahin. Es war eine bange, erwartungsvolle Zeit, ehe die Feindſeligkeiten der ſeit dem Jahre 1806 in freundſchaftlichen Verhältniſſen lebenden Maͤch⸗ te, Frankreich und Hſtreich, durch den lange vorbereiteten Angriff der Letzteren, ihren Anfang nahmen; Hſtreich glaubte alle Maßregeln ge— nommen zu haben, um die Wachſamkeit des Feindes einzuſchläfern, ihm um ſo gewiſſere Schläͤge zu verſetzen, da es ſich bis zum letzten Augenblicke vom Schlachtfelde entfernt gehalten hatte. Doch Napoleon wachte auf allen Seis ten, und durch die am ſiebzehnten Marz erfolgte Aufhebung eines franzoſiſchen Ofſiziers, der die Depeſchen der Geſandtſchaft nach Paris bringen ſollte, in ſeinem Mißtrauen gegen das Wiener Kabinet aufs Hochſte gebracht, ließ er mehrere dſtreichſche Kouriere verhaften, um ſich von den wahren Geſinnungen dieſes Hofes zu uͤberzeugen⸗ — Der Krieg brach aus, und wandte ſich lei⸗ der nur allzu ſchnell zu Gunſten des franzöſi⸗ ſchen Kaiſers; furchtbare Schlachten wurden geſchlagen und erfullten das Land, wie die Haupt⸗ ſtadt, mit Furcht und Verzweiflung. Die Erz⸗ 43 herzoge des Keiſethauſes waren zum Theil mit ihren verſchiedenen Armeecorps hart bedrängt. In dieſem Zeitpunkte des Krieges von 1809 war die Hauptſtadt der dſtreichſchen Monarchie das Ziel, nach welchem beide Feldherren, Na⸗ poleon ſowohl, als der Erzherzog Karl ſtreb⸗ ten; von der ſchnellen Ankunft des Einen oder des Andern, hing das Schickſal des Feldzuges ab; Napoleon ſah darin, wie er wuͤnſchen mußte, die ſchnelle Beendigung eines Krieges, den er im gegenwaͤrtigen Augenblicke nicht wuͤnſchte, und er ruͤckte, nachdem er Alles vor⸗ bereitet hatte, mit Blitzesſchnelle auf Wien, wo er den Kampf vollends auszufechten hoſſte. IMI. Joſephe, die noch vor wenigen Tagen Briefe ihres Gemahls empfangen hatte, indem er mit dem Erherzog Karl, unter welchem er focht, Wien noch zeitig genug zu erreichen hofſ⸗ te, um die Stadt gegen den herannahenden Feind zu ſchutzen, ſchwebte zwiſchen Furcht und Hofſ⸗ nung.— Obgleich es der Stadt nicht an Mit⸗ teln fehlte, ſich gegen den Feind mit Hartnäk⸗ 44 kigkeit zu vertheidigen, ſo waren doch bei der Befeſtigung ihrer Werke unbegreifliche Fehler gemacht; man hatte den erſten und groͤßeſten Vortheil außer Acht gelaſſen, den die Verthei⸗ digung gewähren ſollte, man hatte naͤmlich ver⸗ geſſen, die Feſtungswerke der Stadt mit den Hauptarmen der Donau und ihren Bruͤcken in Verbindung zu bringen, wodurch es dem Feinde moöglich wurde, ihr die Gemeinſchaft mit dem linken Donauufer abzuſchneiden; denn haͤtte ſich der Erzherzoag Maximilian einige Stunden länger halten können, ſo kam der Erzherzog Karl und Wien war gerettet.— Waͤhrend der drei Tage, wo Napoleon vor den Waͤllen Wiens ſtand, war die Beſat⸗ zung desſelben, ſo wie ſeine Einwohner auf das Lebhafteſte gegen den Feind aufgeregt worden, Alle bewieſen Hingebung und viel Begeiſterung; ſelbſt, als die Franzoſen ſchon die Vorſtaͤdte eingenommen hatten, ſetzten die Waͤlle der Stadt ihr Feuer gegen den Feind nicht aus und der Kaiſer befahl erbittert, eine Haubitzbatterie ge— gen die Stadt zu richten, um das Feuer ge⸗ horig zu erwiedern. Die Gräfinn Caboga, von der Belage⸗ rung, dem Aufruhr, dem Feuerlaͤrm und von ihrer Sorge um den Gatten, halbtodt geäng⸗ 45 ſtigt, uͤbergab die Aufſicht uͤber ihr Palais dem treuen Hausmeiſter, warf ſich mit dem Kinde und ihrer alten Kammerfrau in den Wagen⸗ und fuhr nach dem kaiſerlichen Palaſte, wo die junge Erzherzoginn, Marie Louiſe, krank zuruck geblieben war, wäͤhrend die kaiſerliche Fa⸗ milie ſich bei der drohenden Gefahr entfernt hatte. Die Oberhofmeiſterinn derſelben, eine, in hohem Anſehen ſtehende Frau, war eine ent⸗ fernte Verwandte des Generals Caboga, an dieſe war Joſephe von ihrem Gemahle gewie⸗ ſen worden, wenn ihr in ſeiner Abweſenheit ir⸗ gend eine Bedrängniß nahe.— Sie fand dort mehrere Damen der Hauptſtadt verſammelt und alle bemuͤhten ſich, die Angſt und das Entſetzen der leidenden Prinzeſſinn zu lindern. Gerade dem Palaſte gegenuͤber ſtand die feindliche Batterie und das Feuer derſelben ſchien deſſen Grundpfeiler zu erſchuͤttern; Alle fuͤrchte⸗ ten das Außerſte. Schon hatte man die Gar⸗ niſon beordert, dem Kaiſer von der Angſt und den Leiden der jungen Fuͤrſtinn Nachricht zu ge⸗ ben, auf die bloße Kunde davon, ließ er der Batterie eine veraͤnderte Richtung geben und der Palaſt blieb verſchont.— Niemand ahnete in jenen Stunden der ungemeſſenſten Furcht, daß Marie Louiſe, wenige Monden ſpaͤter in den 46 — Armen jenes furchtbaren Belagerers ruhen, uͤber die Armee, welche jetzt drohende Feuerſchluͤnde auf ſie richtete, als Mutter herrſchen wuͤrde und durch fuͤrchterliche Vorbedeutungen kuͤndig⸗ ten ſich die eben ſo glänzenden, als ſpäterhin von ſo bitteren Erfahrungen begleiteten Verhaͤlt⸗ niſſe an.—— Als der Erzherzog Maximilian wahrnahm, daß der Feind im Begriff ſtehe, die Vorſtadt Leopoldſtadt anzugreifen, dachte er daran, die Hauptſtadt zu raͤumen, er verließ ſie mit den Truppen, und nur ein General blieb mit einer ſchwachen Beſatzung zuruͤck. Die Stadt kapi⸗ tulirte, und bald darauf wehte die weiße Fahne vom rothen Thurmthore, gegen welches General Maſſena vier Kanonenſchuͤſſe abfeuern ließ, zum Zeichen ſeiner Ankunft.— Das Beneh⸗ men des Feindes war indeſſen ſehr gehalten, Alles, was bei der Kapitulation zu Gunſten der Einwohner feſigeſetzt worden war, wurde aufs Puͤnktlichſte erfuͤllt. Die franzoſiſchen Trup⸗ pen beſetzten demnach zum zweiten Male die Kaiſerſtadt, wiederum mehr als Beſchuͤtzer denn als Sieger; um den Unordnungen des Pobels Einhalt zu thun, wurden Pikets in der Mitte der Stadt aufgeſtellt.— 47 VI. Es war am ſechszehnten Mai in der Mor⸗ genfruͤhe, als die dicht verhangene Kutſche der Generalinn Caboga in dem Vorhofe ihres Pa⸗ lais hielt, ein dichter Schleier verhuͤllte ihre verweinten Augen, ſchweigend, mit geſenktem Haupte ging ſie in ihre Zimmer zuruͤck. Sie war bis zu dieſem Augenblicke in der Naͤhe der Erzherzoginn geblieben, hatte dort bei dem ängſtlich erwarteten Einzuge der Feinde Schutz und Troſt geſucht. Indem ſich fuͤr die meiſten Einwohner Wiens, Alles beſſer geſtal⸗ tet hatte) als man befuͤrchten mußte, war Jo⸗ ſephens Muth dagegen ganz geſunken; abge⸗ ſchnitten von ihrem Gemahle, ja ſelbſt von je⸗ der Nachricht von ihm, ihn den blutigen Ge⸗ fahren Preis gegeben zu wiſſen, die ſo eben unter ihren Augen ſich dargeſtellt, bebte das Herz der treuen, zärtlichen Gattinn ſchmerzlich zuſammen. Jedes noch ſo ferne Geraͤuſch einer Waſſe machte ſie erſchrecken, unruhig wogte ihre Bruſt, ſie verſuchte zu beten, aber ſie konnte ihre Gedanken nicht ſammeln, ihr kleines En⸗ gelbild im Arme wiegend, lehnte ſie am Fenſter und faltete fromm ſchwaͤrmend die zarten Haͤnde 48 der Unſchuld zum reinen ſtummen Gebete zu⸗ ſammen, die liebliche Eugenie ſchlug die gro⸗ ßen Augen, als wuͤßte ſie, was der Mutter Herz bedränge, recht hell zum Himmel auf und Joſephe laͤchelte ſanft durch ihre Thränen.— Lauter Waffenlaͤrm erfuͤllte in dieſem Augen⸗ blicke den Vorhof unter ihrem Fenſter, ſie wen⸗ dete die Blicke hinab, ein Detaſchement und mehrere Ofſiziere franzöſiſcher Chaſſeurs ritten ein, um bei der ſtarken Beſatzung der Stadt in ihrem Palais Aufenthalt zu nehmen. Nur einen fluͤchtigen Blick warf die Gräfinn auf die Verhaßten und zog ſich ſchnell vom Fenſter zuruͤck. Sie ließ den Hausmeiſter rufen, erklaͤrte dieſem, wie er den unerwuͤnſchten Gaͤſten vollige Genuͤge leiſten ſolle; doch gebot ſie ihm zugleich, ihre Anweſenheit im Hauſe zu verheimlichen; denn ſie furchtete Nichts mehr, als ein perſoͤn⸗ liches Zuſammentreſſen mit den Gegnern ihres Gemahls, welches ſie nicht vermeiden konnte, da ſie als die Gattinn eines Rangoffiziers ge⸗ zwungen war, einen, ihm an Anſehen gleichen Krieger, bei der Mäßigung, womit dieſe ſich betrugen, artig aufzunehmen. Der Hausmeiſter verfehlte demnach nicht, auf die ſehr voreilige Frage eines Colonels nach 49 der Gebieterinn des Hauſes, ihm den kurzen Beſcheid zu ertheilen, daß dieſe verreiſt und er in jeder Hinſicht von der Graͤfinn beauftragt ſei, jede gebuͤhrende Forderung der Herren zu erfuͤllen.— Der Colonel ſchien das Letztere zu uͤberhdren, denn mit erhoͤhtem Eifer erneuerte er die Frage:„wer denn die Dame ſei, die er ſo eben bei ſeiner Ankunft am Fenſter erblickt?“ —„Eine Verwandte der graͤflichen Familie,“ antwortete der ſchlaue Diener,„die indeß, der Sitte zu Folge, entſchuldigt ſeyn wird, den Herrn Oberſt nicht bei ſich zu empfangen.“— Der Colonel ließ bei dieſen Worten den Hausmeiſter ſtehen und ging raſch und ſchwei⸗ gend in ſein Zimmer zuruͤck. Joſephe fuͤhlte ſich recht unheimlich, mit Menſchen unter einem Dache zu leben, welche vielleicht in wenig Tagen ihrem Gemahl feind⸗ lich gegenuͤber ſtanden; ſie wußte indeß keinen Ausweg, ihr Haus mit Anſtand zu verlaſſen, in der kurzen Zeit ihres Aufenthalts in Wien hatte ſie zwar große, aber um ſo weniger in⸗ nige, freundſchaftliche Bekanntſchaften gemacht. Sie wußte darunter keine zu nennen, wo ſie es haͤtte wagen moͤgen, eine haͤusliche Aufnahme bei dieſer unruhigen Zeit fuͤr ſich zu erbitten; auch wußte ſie eben ſo wenig, ob es ihrem Gen Dritter Band⸗ 50 mahle recht und anſtaͤndig ſeyn wuͤrde, wenn ſie das eigene Haus uͤberall verließe. Bei der Oberhofmeiſterinn im Schloſſe, das hatte ſie in den wenigen Tagen, die ſie dort zugebracht, erfahren, war ihr Aufenthalt mit großem Zwange fuͤr ſie verknuͤpft und hauptſaͤch⸗ lich fur die Pflege der kleinen Eugenie ſehr unpaſſend geweſen.— Feſt entſchloſſen, ſich ſo iſolirt wie möglich von den unerwuͤnſchten Haus⸗ genoſſen zu halten, zog ſie ſich daher ganz in ihre Zimmer zuruͤck, und uͤberließ ihnen gern den andern ſchoͤnern Flugel des Palais. Sie beſchwichtigte demnach ihre Unruhe, ſich mit Muth und Kraft in das Unvermeidliche fuͤ⸗ gend.— Verſchleiert fuhr ſie am Abende, wie ſie es ſtets gewohnt war, wenn nicht Krank⸗ heit ſie zuruͤck hielt, nach der St. Stephans⸗ kirche zur Vesper, zwar beklommenen Herzens, doch glaͤubig hoffend trat ſie mit ihrer alten Kammerfrau in das dunkle, lange Gebäude ein, der Hochaltar ſchimmerte, wie immer, in dem Strahlenſcheine unzaͤhliger Kerzen, deren Licht ſich matt in dem hohen Gebaͤude verlor.— Der Prieſter las die Meſſe, kniete nieder und betete ſtill mit der gläubigen Schaar, welche ſich hier zum Abendgebete verſammelt hatte, vor ſich hin. — Doch, wie Sphaͤrenklang aus der Hoͤhe, er⸗ 51 tönte in die ſchweigende Andacht die Orgel in erhabenen Harmonien;„Regina angelorum“ ſangen liebliche Stimmen von hohem Chor herab und Friede, Glaube und Hofſnung zogen in die Herzen der Betenden ein.„Marie, Koͤniginn der Engel, verleihe mir Deine Gnade,“ ſchloß Foſephe leiſe fluͤſternd ihr Gebet, und be⸗ kreuzte ſich die fromme Bruſtz ſtill und ſchwei⸗ gend fuhr ſie dann zuruͤck. Die junge Gräfinn empfing am andern Mor⸗ gen die Beſuche einiger Herren, Freunde des Generals Caboga, welche ihr ſo ſchonend wie moglich die neueſten, aber geheimen Nachrich⸗ ten uͤber die Stellung und das Schickſal der dſtreichſchen Armee, ſo weit man davon unter⸗ richtet war, mittheilten. Joſephens Beſorg⸗ niſſe wurden dadurch eher erhoͤht als gemildert, denn immer finſterer geſtalteten ſich die Aus⸗ ſichten fuͤr den gluͤcklichen Ausgang des Feld⸗ zuges. Doch die Zeit enteilte auch dieſem dun⸗ keln Tag, Joſephe freuete ſich, als es Abend ward, denn vom Weinen muͤde, ſehnte ſie ſich nach Einſamkeit und Ruhe; ſie entließ ihre Kammerfrau um die gewohnliche Zeit aus ihrem Zimmer, ſetzte ſich dann noch ein Stuͤndchen an ihren Schreibtiſch, da ſie das Beduͤrfniß fuͤhlte, ſich einer fremden Seele mitzutheilen, D 2 52 und Cäcilie empfing von ihr einen kurzen, aber lebendigen Abriß der erlebten Schreckens⸗ und Schmerzenstage. 12 Es war ein ſchwuler Fruͤhlingstag geweſen, warm und duftend ſank die Nacht auf den Gar⸗ ten, welcher neben dem Hauſe lag; die Graͤ⸗ ſinn, vom Schreiben noch mehr ermuͤdet, loſchte die Lichter des Armleuchters aus und warf ſich in die Ottomane ihres Kabinets, das nur von einer ſanft leuchtenden Aſtrallampe erhellt wur⸗ de; eine halb geofſnete Glasthuͤr fuͤhrte aus dieſem auf einen leichten Balkon, welcher ſich uͤber das Blumenparterre erhob, von welchem auf beiden Seiten Treppen herab in den Gar⸗ ten fuͤhrten. Joſephens Stimmung war unter dem Schreiben recht ſanft geworden, wie ein milder Traum laͤchelte ihre friedliche Jugend, Marianky mit ſeinen Sehnſuchtsbildern in das wild umſtuͤrmte Leben der Gegenwart hinein, und ſo ſchien der Schlummer der holden Frau zu nahen; als ſie auf einmal die ſchlummermuͤ⸗ den Augen geſchloſſen, ein leiſes Tonen laͤngſt verklungener Accorde vernahm, die ſuͤße, doch zugleich wehmuͤthige Erinnerungen in ihr zuruͤck riefen.— Von dem Zauber dieſer Erinnerun⸗ gen uͤberwaͤltigt, hob ſie ſich aus den ſchwellen⸗ den Kiſſen empor und blickte um ſich— Alles 53 war ſtill— doch, da klang es wieder, lauter, voller, hoben ſich die Accorde ſanft bewegter Sai⸗ ten ihrer Naͤhe, und wie Schauer einer finſtern Ahnung rieſelte es durch ihre Glieder; bange hob ſie die geaͤngſtigten Blicke ſeitwaͤrts, wo uͤber einem zierlichen Poſtamente, auf dem eine ſtets mit friſchen Blumen gefüllte Vaſe ſtand, Adolar's Laute mit ſchwarzem Flor umhuͤllt, aufgehaͤngt war.—— „O, um aller Heiligen willen!“ rief ſie aus, „woher kommt mir dieſer Nachklang einer leid⸗ erfuͤllten Zeit?— Was wollen mir die zerriſ⸗ ſenen Saiten mit den Tonen, die ihnen einſt eine theure Hand entlockte, zurufen?— Schon Einmal begleiteten ſie den Sterbeſeufzer einer Bruſt, ſie zerriſſen auf einem Herzen, das un⸗ ter ihren Klaͤngen brach.— Deuten ſie mir nun wieder Tod und Thraͤnen?—— H, ſollte Conſtantin!“—— Aufgeregt riß ſie die Laute von der Wand, druckte ſie an ihre hochwogende Bruſt; ſtumm, klanglos war die liebe Vertraute, wie das Grab, das ihren ein⸗ ſtigen Beſitzer umſchtoß.—— Erſchuͤttert ſaß die ſchone Frau, zuruck ge⸗ ſunken in die Kiſſen ſenkte ſie das Haupt auf den bebenden Arm, um gleich darauf aufs Neue empor zu ſchrecken; denn nach einem raſchen 5⁴ Vorſpiele auf einem Saiteninſtrumente ſang es mit ſchöner, männlicher Stimme und ſchmelzend: „O cara memoria!“— Das liebliche Lied, das ihr Adolar einſt gelehrt,— ja, er war ihr geiſtig nahe, der geſtorbene Freund, ſein Geiſt umſchwebte ſie ſchutzend oder warnend: ſo waͤhnte ſie.— Aus dem Garten herauf drang der Geſang, dorther rauſchten die Tone, es zog, es draͤngte ſie den geiſtigen Klängen zu. Joſephe trat auf den Balkon, mit verhaltenem Athem, mit entzuckten Blicken horchte ſie in die linde Ster⸗ nennacht hinaus. Wie die Königinn der Engel ſchien ſie im weißen wehenden Gewande, das vom Lichtglanze ihres Zimmers hell verklaͤrt ſchim⸗ merte, auf den Thauwolken, die aus Blumen⸗ beeten und Roſengruͤn empor ſtiegen, zu ſchweben. Dunkle Wetterwolken ſtanden in Weſten, aus denen leuchtende Blitze, als wolle ſich das Glanz⸗ thor des Himmels öffnen, zuckend⸗ blendend, nieder fuhren. Wie ein Zauber drang Alles auf Joſe⸗ phen ein, als ſtände ſie vor dem Hochaltare in Marianky, ſo tief ergriffen, ſank ſie an dem Altare der Natur hin, wie aus einer dämmern⸗ den Ferne zog das Bild der Kroͤnung der hei⸗ ligen Jungfrau, wie es dort im Kloſter von —,———— 55 Adolar's Hand gemalt war, immer naͤher vor ihre trunkene, ſehnſuͤchtige Phantaſie, ſie ſah den Engel, ſie glaubte den Klang der himm⸗ liſchen Worte zu horen, und in heißer Andacht ſchwang ſich ihre Seele uͤber die Sterne em⸗ por.— Ein leiſes Rauſchen unten im Garten fuͤhrte ſie in die Gegenwart zuruͤck, unter einer Thraͤ⸗ nenweide, die ihre Zweige tief zur Erde nieder⸗ ſenkte, trat eine hohe maͤnnliche Geſtalt hervorz mit feſten, raſchen Schritten nahte ſie dem Bal⸗ kon, auf dem Joſephe ſtand.„Sie ſehen, Sie lieben,“ fluͤſterte es in franzoſiſcher Sprache verſtaͤndlich zu ihr auf,„iſt und war die Be⸗ ſtimmung meines Lebens!— Darf ich hof⸗ fen?“—— Foſephe ſtand einen Augenblick ſtarr, un⸗ beweglich; aber vom edlen Stolze ergriffen, trat ſie dann raſch in ihr Zimmer zuruͤck, klirrend ſiel die hohe Glasthuͤr ins Schloß und mit Un⸗ geſtuͤm zog ſie den Seidenvorhang vor dieſelbe⸗ —„Ja, meine Ahnung hat mich nicht betro⸗ gen!“ rief ſie empoͤrt,„frecher libermuth naht der Unbeſchutzten, der ſtolze Sieger glaubt ver⸗ wegen nach Allem die mit Blut befleckte Hand ausſtrecken zu duͤrfen, doch Verachtung ſei ſein 56 „Wer war der unbekannte,⸗ dachte ſie fer⸗ ner, gewiß Einer der in meinem Palais woh⸗ nenden Ofſiziere; wer konnte ſonſt wagen, die Mauer des Gartens zu uͤberſteigen?“ Sie be⸗ reuete ihre Unvorſichtigkeit, ſo ſpät am Abende im Nachtkleide auf den Balkon heraus getreten zu ſeyn.„Der Lichtglanz aus meinem Zim⸗ mer wird ihn hergelockt haben;— welche Mei⸗ nung muß der Fremde von mir haben,“ ſprach ſie leiſe tief beſchämt zu ſich ſelbſt,„daß er wagte, mir die Serenade zu bringen, er wird denken, die Toͤne haben mich angezogen.— Ach, und es war ſo, dieſe Tone riſſen mich hin, Adolar's Geiſterruf waͤhnte ich Schwaͤr⸗ merinn zu horen, und horchte der Stimme ei⸗ nes verächtlichen, leichtſinnigen Feindes.“ Doch, die Stimme, das Saitenſpiel, die Worte des Unbekannten erklangen noch immer in ihrer Er⸗ innerung und in ſeltſame Gedanken uͤber den Geſang und das ſie aͤngſtigende Abenteuer ver⸗ loren, fand ſie endlich der Schlaf. So verfloſſen mehrere Tage, Vorwuͤrfe und Beſorgniſſe hielten die Graͤfinn in ihrem Zim⸗ mer zuruͤck, doch war ſie gezwungen, da die junge Erzherzoginn, Marie Louiſe, faſt von ihrer Krankheit geneſen war, im Schloſſe zu erſcheinen und ſo fuhr ſie wieder am Abende —.——————— —.——————— 57 zur St. Stephanskirche, um zuvor, ehe ſie den Beſuch bei der Prinzeſſinn machte, die Meſſe zu horen. Nahe dem Eingange warf ſie ſich vor einem Seitenaltar nieder, wie immer mit Andacht ſich Gott und den Heiligen zu nahen; doch kaum hatte ſie ihr inbruͤnſtiges Gebet begonnen, als klirrende Sporentritte dicht hinter ihr erklangen, und ziemlich nahe neben ihr, wie ſie faſt wider Willen, trotz des geſenkten Blicks und des dich⸗ ten Schleiers, erblicken mußte, warf ſich ein Mann in reicher Uniform geräuſchvoll auf die Knie, er ſchien zu beten und Joſephe, un⸗ willig uͤber dieſe dreiſte Störung, ſammelte die gewaltſam zerſtreueten Gedanken, endete ihr Ge⸗ bet mit Anſtrengung, denn es war ihr immer, als fluſtere der Betende neben ihr auf ſie einz die tiefe Stille in dem hohen Gotteshauſe hin⸗ derte ihn indeſſen wohl die Stimme lauter zu erheben; verſtaͤndlich wurde ihr das Fluͤſtern nicht. Gleich nach dem Gebete ſtand die Graͤ⸗ finn auf und eilte bedraͤngt ihrem Wagen zu, der vor der Kirchthuͤr ſie erwartete; doch mußte ſie mit Erſchrecken bemerken, daß der Betende ſich eben ſo raſch erhoben hatte und ihr nacheile. Bemuͤht ihm zu entgehen, verdoppelte ſie ihre Schritte; doch an der Eiſenverzierung des Ein⸗ — 58 ganges blieb die lange Sammetſchleppe der Grä⸗ finn haͤngen und feſſelte ſie auf Augenblicke an die Stelle feſt. Im Begriff, dieſen unange⸗ nehmen Aufhalt zu beſeitigen, war ihr ihr Verfolger zuvor gekommen, und befreiete die Zagende ſchnell und gewandt aus der laſtigen Feſſel.„O Madonna, fliehen Sie mich nicht,“ fluſterte er jetzt ihr verſtandlich zu;„Sie ſe⸗ hen, die Heiligen ſelbſt hemmen Ihre Flucht!“ ein tiefer Seufzer begleitete dieſe Worte. Joſephe ergluͤhte unter ihrem Schleier, mit Erſtaunen erkannte ſie die Stimme, es war die Stimme des Unbekannten, welcher es gewagt hatte, unter ihrem Balkon zu erſcheinen, doch wagte ſie nicht ihn anzublicken; aufs Neue em⸗ port, doch zugleich wunderbar bewegt, durch die mit unverkennbar flehendem Schmerze aus⸗ geſprochenen Worte desſelben, ſtieg ſie in ihren Wagen, eine dankende, ſtumme, doch zugleich abwehrende Bewegung ihrer Hand, war die ein⸗ zige Aufmerkſamkeit, die ſie fuͤr ihn hatte; die tiefe Daͤmmerung am Eingange der Kirche hat⸗ te, da ſie ſich beaͤngſtigt von ihm abwandte, ihr ſeine Geſichtszuͤge verborgen, doch der Ein⸗ druck einer hohen, herrlichen Geſtalt war ihr geworden. Die Gemuͤthsbewegung Joſephens war 59 war ſo heftig, daß ſie nur mit dem großten Zwange ſich der Unterhaltung im Schloſſe hin⸗ gab. Ihr Anſehen, bleich und verſtört, fiel der Oberhofmeiſterinn auf, und die Graͤfinn ergriff mit Eifer dieſen Beweis ihres wirklich leidenden Zuſtandes, daß ſie ihren Beſuch ſehr verkuͤrzte und fruͤh nach Hauſe eilte.— Die Graͤfinn ſah beim Auskleiden, daß Kammerfrau ſehr ſorgſam das Kleid betrachtete, welches ſie am heutigen Tage getragen hatte und mit einigem Bedauern der Grafinn be⸗ merklich machte, wie die Schleppe desſelben ſehr beſchädigt ſei.„Es iſt mir leid um den herrlichen Sammet, der Eurer Excellenz ſo ſchon ſteht,“ ſprach die Bedaͤchtige,„Sie haben das Kleid an der Gitterthuͤr der Kirche zerriſſen, wie mir der Diener, welcher Sie begleitete, ſag⸗ te, Sie haͤtten einen ſchlimmen Fall thun koͤn⸗ nen, indem Euer Gnaden im raſchen Gange dadurch plotzlich aufgehalten wurden; doch der franzöſiſche Oberſte, den wir hier im Hauſe ha⸗ ben und der mit der Frau Gräfinn zugleich die St. Stephanskirche verlaſſen, iſt Ihnen ſchnell zu Hilfe geeilt, hat Sie wahrſcheinlich vor dem Falle bewahrt.“—„War das der Oberſte?“ ſprach Joſephe nachdenkend.—„Ja wohl, er iſt es geweſen, ein ſchoner, freundlicher Herr; 60 Extellenz ſind ſehr gluͤcklich, eine ſo artige, be⸗ ſcheidene Einquartierung zu haben,“ antwortete die Kammerfrau.„Niemand kann ſich uͤber ihn beklagen und auch ſelbſt ſeine Diener, ob⸗ gleich alle ſehr jung, wie er ſelbſt, betragen ſich ſämmtlich anſtändig und freundlich.— Als ich heute die kleine Comteſſe Eugenie in der Mittagsſonne im Garten umher trug, kam er mir zufällig entgegen, mit welcher Luſt und Liebe hat er das engelſchone Puͤppchen geherzt, ich betrachtete nebenbei mit Vergnuͤgen ſein ſcho⸗ nes Geſicht; es ſcheint mir faſt nicht denkbar, daß ein ſo junges, herrliches Bild Luſt an Krieg und Mord haben koͤnne, ſeine freundliche Sitte ſcheint dem ganz zuwider. 4. „So,“ ſprach Joſephe, wie traͤumend, der langen Rede der Geſchwaͤtzigen horchend und entließ ſie dann. „Alſo der war es, der iſt mein Verfol⸗ ger,“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt,„ſein auffallend dreiſtes, unſchickliches Benehmen iſt ein ſchlech⸗ ter Belegkzu der Lobrede, welche ihm die Alte ſo eben ertheilt, ſicher iſt dem lebensluſtigen Herrn,“ dachte ſie weiter,„meine Zuruͤckge⸗ zogenheit aufgefallen, die Unſichtbare iſt ihm intereſſant geworden, er ſetzt einen kleinen Ruhm darin, durch verliebte Neckereien, durch ſehr un⸗ 61 zeitig angebrachte Schmeicheleien meine Auf⸗ merkſamkeit zu erregen; doch ich verachte den Leichtſinnigen, weit entfernt ſeine Beleidigungen zu ruͤgen, ſoll meine gaͤnzliche Zuruͤckgezogenheit ihm beweiſen, wie weit ich davon entfernt bin, ſeinen Annaͤherungen nur einen Blick zu ſchen— ken.“ Joſephe war unter dieſen Gedanken in eine kleine unwillige Wallung gerathen, ohne es ſich geſtehen zu wollen, fuhlte ſie ſich von dem Fremden verletzt, und zugleich zog ein tie⸗ fes Mitleid gegen einen Mann in ihre Seele, der ſo gehaltlos war, die Sprache der innigſten Empfindung an eine Frau zu verſchwenden, die er, wie ſie feſt uͤberzeugt war, nicht einmal kannte, deren Geſichtszuͤge er kaum erblickt hatte. Streng das im Auge haltend, was ſie als Pflicht erkannte, verließ die Gräfinn Caboga ihr Haus nicht anders, als wenn ſie gezwun⸗ gen war, aus nothwendiger Ruckſicht gegen ihre Bekannten, in ſteifen Geſellſchaften zu erſchei⸗ nen, ſelbſt die Meſſe beſuchte ſie jetzt nicht, ſich allein auf ihre hausliche Andacht beſchraͤnkend⸗ In der engen Welt ihrer Zimmer flutheten indeß, wie außerhalb im wild bewegten Leben, Luſt und Schmerz, Thraͤnen, Sehnſucht und Hoſſ⸗ nung in ſtetem Wechſel um ſie. Eugenie, 62 die ſuͤßen Taͤndeleien mit dieſem Kinde, deſſen Seele ſich zuerſt den äußeren Eindruͤcken oͤffne⸗ te, lehrten ſie den ganzen Umfang reinen Mut⸗ tergluͤcks kennen; ſie bejammerte die Abweſen⸗ heit ſeines Vaters, ſie weinte Thraͤnen in ihrer Einſamkeit, die ihr Hoffnung und Sehnſucht, in Freude und Schmerz entlockten. Sie ſchrieb ihrem Gemahl in dieſer Zeit, und indem ſie ihm ein allgemeines Bild der Bedrängniß der Hauptſtadt ſchilderte, wagte ſie nicht ihm die eigene häusliche Bedraͤngung vor⸗ zulegen; den ernſten, jetzt ſo viel ins Auge faſ⸗ ſenden Helden, mit ihrer kleinen Sorge zu be⸗ helligen, ſchien ihr thoricht; ſpotten oder ſich daruͤber emporen, Eins oder das Andere wuͤrde Conſtantin, das wußte ſie, uͤber den un⸗ beſcheidenen Feind, und eine von beiden Em⸗ pfindungen bei ihrem Freunde zu erregen, war ihr gleich unangenehm; was hatte ſie denn uͤberall von einem libermuͤthigen zu fuͤrchten, deſſen eitle Plane vor ihrer Frauenwuͤrde in ſich ſelbſt zer⸗ fallen mußten!— JFoſephens Brief trug uͤbri⸗ gens das Gepraͤge eines ſehr bewegten, eines ſich ſelbſt unverſtändlichen Gemuͤths und Gene⸗ ral Caboga, dem ein guͤnſtiges Geſchick dieſen Brief durch die Bemuͤhung eines maͤch⸗ tigen Freundes in die Häͤnde fuͤhrte, las zwar 63 mit hoher Freude, was Joſephe fuͤr ihn aufgezeichnet hatte, doch fiel ſeinem klaren Sinne ſogleich die ſeltſame Verſtimmung ſeiner Gattinn auf, nicht ruhig geordnet, wie er ſonſt an ihr gewohnt war, entfaltete ſie ihre Gedan⸗ ken vor ihm; durch einander geworfen, wider⸗ ſprechend, ſchien eine Fluth von Ideen ſich ihr aufzudrängen, ſie zu beaͤngſtigen. Sehr beunruhigte ſich der zaͤrtliche Gatte um die ferne Getreue, es ſtand nicht in ſeiner Macht, ihr die mindeſte Nachricht von ſich zu geben, er konnte nicht hofſen, daß ein Brief von ihm in ihre Hände kam, denn mehr wie je ſchnitt die Verfolgung des Feindes der Armee jede Ver⸗ bindung mit der Hauptſtadt ab. Der Fruͤhling zog indeſſen immer milder auf die Erde, ſchon dunkelte ſich das neue Gruͤn der Baͤume, und alle Straͤuche trugen der Sonne ihre ſilberhellen Bluͤhtenkronen entgegen; ſehn⸗ ſuͤchtiger ſchlugen im ſanften Mondenlichte die Nachtigallen in feierlichen Naͤchten, und Jo⸗ ſephe ſaß einſam hinter den feſt verſchloſſenen Vorhaͤngen und wagte nicht, wie ſie ſonſt ge⸗ wohnt, die ſtille Pracht im Tempel der Natur zu begruͤßen; denn ſo wie der Abend ſeinen dunkeln Schatten auf den Garten legte, wan⸗ delte es draußen unter dem Altane ihres Zim⸗ 64 mers mit lauten, hoͤrbaren Schritten. Die Lau⸗ tenklänge ertönten eines Abends wieder und reg⸗ ten, wie ſchon einmal, ihre Seele gewaltſam auf: „Deh tu mi rendi Contenta l'alma, Far ni la calma Cess' il penar“ ſang es unten im ſeelenvollen Ausdruck.— Joſephe lauſchte den Tönen, denen ſie nicht feind ſeyn konnte, die ihr Herz faſt zu derſelben Sehnſucht bewegten, die aus ihnen ſprach; dieſe ſanften, ſeelenvollen Worte hatte ſie einſt an Adolar's Seite geſungen und erſt jetzt glaubte ſie die Seele dieſes Liedes zu verſtehen, damals glich ihr Herz einer ſtillen verſchloſſenen Bluͤh⸗ tenknospe, in der zwar ein farbiges verborgenes Leben waltet, die aber noch manches gluͤhenden Sonnenblicks, mancher thauigen Sternennacht be⸗ durfte, um den duftenden Kelch allen Strahlen des Tages zu erſchließen; viele Tage waren in⸗ deß voruͤber gezogen, leiſe entfaltete ſich die uͤber⸗ volle Knospe unter dem ſchwuͤlen Drucke eines tief auf ſie nieder haͤngenden Gewitters, jetzt die reine Purpurkrone, um vielleicht unter ſei⸗ nen, auf ſie nieder zuckenden Blitzen auf ewig zu erbleichen. 65 Ein zart zuſammen gefaltetes Briefchen, ſorg⸗ ſam verſiegelt, fand die junge Graͤfinn am Mor⸗ gen des andern Tages auf ihrem Putztiſche, Niemänd wußte auf ihr Befragen, wie es dort⸗ hin gekommen ſeiz voll Ahnung eine Botſchaft von dem Gemahl darin zu empfangen, erbrach ſie es ſchnell, obgleich es ohne irgend eine Auf⸗ ſchrift war; doch wie verſchieden war der Inhalt von dem, den ſie zu finden hoſſte!—— „Was ſoll ich länger zoͤgern, o, Angebe⸗ tete, was ſoll mich länger zuruͤck halten, Ih⸗ nen die Empſindungen meines Herzens ganz zu enthuͤllen!—— Sie wiſſen darum, Sie kennen die Sehnſucht, die mich in Ihre Naͤ⸗ he, an Ihre Schritte band. Jahre lang trug ich Ihr Bild durch mein Leben, es zog mit mir uͤber bluͤhende Fluren, durch blutige Ge⸗ ſilde; ein Ideal, ſo waͤhnte ich, deſſen Herr⸗ lichkeit nie in die Wirklichkeit treten konne. — Doch dieſes Ideal, es wurde der Schutz meiner Tugend, es erhob und rettete die Seele des Juͤnglings, die im kreiſenden Wechſel ei⸗ nes reichen, ausgeſchmuͤckten Lebens, das den Sinnen die verfuͤhreriſchen Thore offnete, ihren Untergang gefunden haͤtte.— Ich licbte ein uͤberirdiſches Weſen ohne Hoffnung, aber mit Dritter Band. E 66 gluhender Sehnſucht. Ohne Schwur und Ge⸗ luͤbde bewahrte ich ihm meine Treue.“— „Mein Stern fuͤhrte mich in Ihre Naͤ⸗ he, an der Seite meines Kaiſers zog ich, un⸗ bewußt was mir die nächſte Stunde bringen wuͤrde, in Wiens Thore, im Begriff in Ihr Palais einzuziehen, ging die Sonne meines Lebens auf;— ich ſah Sie am Fenſter— ach, nur einen fluchtigen Moment, aber nicht fluͤchtig genug, um auf ewig uͤber mich zu entſcheiden!—— Ich kenne Ihren Namen nicht, Niemand ſteht meiner ungeduldigen Frage uͤber Sie Rede und was ich auch er⸗ ſinne, mir den Weg zu Ihnen zu bahnen, es bleibt Alles erfolglos.—— Denke ich jener Nacht, wo mir der volle Anblick Ihrer Schoͤnheit ward!— Mein ſanftes Lauten⸗ ſpiel zog Sie heraus auf den Altan Ihres Zimmers; unter Sternenlicht, im Lichtſchim⸗ mer, der aus den Fenſtern drang, verklärt von den wetterleuchtenden Wolken, deren Glanz wie Nordlichtſchein anhaltend am Himmel ſtrahlete, ſtanden Sie empor gehoben, mit Entzuͤcken um ſich ſchauend. Ich ſchwelgte wonnetrunken ſo nahe, wie ich waͤhnte, dem hochſten Erdenglücke; Sie hoben die Arme wie flehend zum Himmel empor,— Ihre ——— — 67 Geſtalt, ach, ſo aͤtheriſch ſchon, ſchien der glanzerfuͤllten Heimath zuzuſchweben und voll Angſt, Sie wuͤrden der Erde entruͤckt und mir entriſſen, trat ich aus dem zarten Baum⸗ ſchatten, der mich verhuͤllte, zu Ihren Fuͤßen meine Liebe zu bekennen;— vernichtet war der Traum— Sie waren verſchwunden.“ „Doch die Hoffnung waͤchſt init der Lie⸗ be, an heiliger Stätte fand ich Sie wieder, ich ſah Sie beten, trotz dem dichten Schleier ihre Wangen ergluͤhen; Sie zitterten an mei⸗ ſier Seite;— ja, ſchoͤnes Bild, ich ſah Dich zittern und bange hob ſich Dein Buſen in meiner Naͤhe.— Ich traue nun Deinem kalten Stolze nicht, mit dem Du Dich ver⸗ birgſt und meiner Sehnſucht zu ſpotten ſcheinſt. — Du fuͤhlſt, Du empfindeſt, Du biſt ein irdiſches Weib und meine Hoſſnung lebt!— Ja, es iſt gewiß! Gewalt und Zwang hat Dich umſtellt, Du darfſt mich nicht erhoͤren, Du fuͤrchteſt den Feind zu lieben, Du kaͤmpfſt, wie ich, mit Sehnſuchtſchmerz!“— „Verzeihen Sie, Holde, oder wehren Sie den Flammen meiner Bruſt, erhoͤren Sie mein Herz, oder wehren Sie ihm fuͤr Sie zu ſchla⸗ gen.— Zerreißen Sie den Zwang, mit dem man Sie umkreiſt, die Bruſt des Kriegers, E 2 68 mein gewaffneter Arm wird Sie zu verthei⸗ digen wiſſen. Die Gnade meines Kaiſers hat mich hoch geſtellt, ſeinen Schutz darf ich Ihnen zuſagen.— Ich kann nicht laͤnger ohne Hoſfſ— nung lieben, entſcheiden Sie uͤber mich, oder ich durchbreche alle Schranken, welche Sie umziehen. Vielleicht ruft mich der naͤchſte Morgen zu neuen Kämpfen, nur der Augen⸗ blick, der unerſetzliche, iſt mein. Der Abend ſindet mich unten im Garten, ein Wink und uͤberſelig eile ich zu Ihren Fuͤßen, meinen Namen, meine Liebe vor der Huldinn aus⸗ zuſprechen.“ Dahin muß es kommen! rief JFoſephe, das wagt man mir zu ſagen! O, ungluͤckſeliger Irrthum, der den verblendeten Juͤngſing zu der Gattinn des Feindes zieht! Ja, ſein Herz gluͤht fuͤr mich, unverkennbar ſpricht Empfindung aus dieſen Worten. Ach, ich darf nicht laͤnger ſchweigen, Preis gegeben ſeiner ſchonungloſen Leidenſchaft, wird er der Sitte Hohn ſprechen, Verwirrung uͤber mich bringen, ſprach ſie ſeuf⸗ zend und antwortete Folgendes: „Die freie Sprache ziemt den Sieger wohl, doch darf er nie vergeſſen, wie weit das Bereich ſeiner Siege geht.— Die Sitte 69 zieht in Deutſchland ſtrenge Schranken um die Ehre der Frauen, die auch der Verwor⸗ fenſte ehrt. Unter ihrem Schutze wage ich Ih⸗ nen zu ſagen, daß nicht allein heilige Pflich⸗ ten, ſondern auch der eigene freie Wille eine Scheidewand zwiſchen mir und Ihren Wuͤn⸗ ſchen erbaut haben, die zu durchbrechen Sie nicht wagen werden. Joſephe.“ Dieſes Billet befahl ſie einem Diener dem Oberſten in ſein Zimmer zu bringen, ihn durch dieſe Hffentlichkeit zu uͤberzeugen, wie wenig ſie ihn fuͤrchte.— Freier fuhlte ſie ihr Herz ſchla⸗ gen, als ſie ihre Antwort in ſeinen Händen wußte.— Der Beſuch des geheimen Raths Lb zerſtreute fuͤr den Tag das Gemuͤth der Graͤ⸗ finn, ſie hatte vor mehreren Tagen eine Einla⸗ dungskarte von ihm zu einem glaͤnzenden Balle empfangen, den ſie aber abgelehnt hatte, indem ſie entſchloſſen war, ſo lange ihr Gemahl ab⸗ weſend blieb, jedes fröhliche Feſt zu meiden. Nun kam er ſelbſt, um die Gräſinn zu bewegen an dem Feſte Theil zu nehmen. Die Maͤßi⸗ gung, mit welcher der Kaiſer die eingenommene Hauptſtadt behandelte, machte es fuͤr die Erſten 70 des Adels zur Bedingung, die Feinde aufmerk⸗ ſam und mit Achtung bei ſich zu empfangen; aus Politik mußte man leider diejenigen mit Ar⸗ tigkeiten uͤberhaͤufen, denen man im Herzen Un⸗ heil wuͤnſchte. Der geheime Rath wußte vor⸗ her, daß durch die Zuſage der Graͤſinn Cabo⸗ ga, deren Betragen das Muſter guter Sitte war, die meiſten Damen des Adels jede Bedenk⸗ lichkeit, mit den Feinden des Landes ein Feſt zu theilen, beſeitigen wuͤrden. Joſephe mußte ſeinen liberredungen Gehor geben; den Vorwand einer Unpäßlichkeit hatte ſie nicht, der geheime Rath hatte ſie vollig wohl gefunden, ſchon am morgenden Abend wax der Ball, ſie hatte keine giltige Einrede. Sie ſagte zu und der geheime Rath kuͤßte ihr, froh, die reizende Caboga, wie er ſagte⸗ an ſeinem Feſte nicht fehlen zu ſehen, die ſchone Hand; indem dieſe ſchon voll Reue uͤber das gegebene Wort von ihm Abſchied nahm.— Sie erwartete den Abend mit Zittern, den Ein⸗ druck fuͤrchtend, welchen ihre Antwort auf den Oberſten gemacht hatte, doch zu ihrem Erſtau⸗ nen horte ſie ihn weder im Garten, noch ge⸗ ſchah von ſeiner Seite irgend ein Schritt. Jo⸗ ſephe wußte ihm fuͤr dieſe Achtung Dank und war ſehr froh, ein Abenteuer beendet zu ſehen, 7¹ das ihr Gemuͤth in dieſer Zeit unerklaͤrlich be⸗ fangen hatte. Sie fuͤhlte ſich jetzt beruhigt ge⸗ nug, Cäcilien Alles, was ſie in dieſer Zeit empfunden, gedacht und erlebt, mitzutheilen, es ihrem Urtheile zu unterwerfen, ob ſie recht gehandelt habe. Sie ſchrieb bis tief in die Nacht, und ſchied dann aus ihrem Zimmer mit dem Gefuͤhle einer traurigen Verlaſſenheit und Leere, wie man ſie wohl empfindet, wenn Ver⸗ hältniſſe uns von angenehmen Gewohnheiten trennen.— V. Schon eine halbe Stunde hielt die Staats⸗ kutſche der Gräfinn Caboga vor dem Eingangs⸗ thore des Palais, die Heiducken ſtanden am geoſſneten Schlage, ungeduldig der Gebieterinn harrend. Die Graͤfinn war indeß noch am Putz⸗ tiſche beſchaͤftigt;. denn viel ſpäter als die dazu angeſetzte Stunde, hatte ſie ihren Anzug begon⸗ nen. Voll Unruhe, unzufrieden mit ſich ſelbſi, in einer ſehr wehmuͤthigen Stimmung, hatte ſie immer noch mit ihrer Toilette gezögert, doch endlich dem Draͤngen der Kammerfrau nachge⸗ 72 geben, die, wie ſie ſonſt in ihrer Kindheit mit Luſt das Fluͤgelkleid Joſephens aufgeputzt hatte, ihr nun den Gallaanzug voll Eifer be⸗ ſorgte. Trotz den Einwendungen der eitelen Al⸗ ten, hatte Joſephe ſich den einfachſten Anzug fuͤr den heutigen Ball erwählt.„Weißer Atlas, weiße, matt glaͤnzende Perlen ſollen mich ſchmuͤk⸗ ken, nichts Farbiges mein bedraͤngtes Herz ver⸗ huͤllen, ſagte ſie entſchieden. Weiß ich denn, ob nicht der naͤchſte Tag mir den Witwenſchleier bringt, laß mir meinen Willen, gute Anna!“ — So wurde denn der Anzug nach ihrem Wunſche beendet, und Anna mußte eingeſte⸗ hen, die Graͤſinn nie ſchoͤner geſchmuͤckt zu haben.— Der Eindruck, den Joſephens Reize in der Geſellſchaft machten, war allgemein; von einer dichten Reihe von Bewunderern umgeben, waren es vor Allem die Fremdlinge, welche ihr die ausſchweifendſten Huldigungen darbrachten. Doch auf einmal trennte ſich der bunte Kreis, eine plotzliche Ordnung kam in das bewegte Ge⸗ draͤnge, die Herren zogen ſich am Ende des Soalons hinter die Damen zuruͤck, der Kaiſer Napoleon trat, von Generalen, Adjutanten und ſeinen Lieblingen begleitet, in die Geſell⸗ ſchaft. 73 Den Helden ganz verlaͤugnend, bloß Welt⸗ mann in dieſem Kreiſe, ging er, von dem Herrn des Hauſes begleitet, ſich die Damen vorſtellen zu laſſen; auch ſein Auge blieb mit lberra⸗ ſchung an der vollendeten Schonheit der Graͤfinn Caboga haften, die, wie eine reine Lilienglok⸗ ke, in Thauperlen glaͤnzend, hoch und mild un⸗ ter der bunten Blumenflur ſchimmernd aufge⸗ putzter Frauen ſtand; ſie war ihm doppelt in⸗ tereſſant als die Gattinn eines Helden, deſſen Name mit Ruhm bedeckt, ſchon oft vor ihm genannt wurde. Länger weilte er im Geſpraͤche mit ihr, ehe er zu den andern Damen weiter ging, und Joſephe ſah ihm ſeufzend nach. O, über die wunderlichen Verhältniſſe des Le⸗ bens, dachte ſie, ein Lächeln muß ich fuͤr den Mann haben, der in dieſem Augenblicke ſchon unzählige Arme bewaffnet, die alle auf ein theu⸗ res Leben zielen, das mir angehoͤrt, wovor ich zittern muß.— Aus dieſem Verſinken in ſich weckte ſie eine wohlbekannte Stimme, die aͤng⸗ ſtigend an ihr Ohr ſchlug.„Gräſinn Cabo⸗ ga, die Gräſinn Caboga iſt es, der ich hier meine Huldigung darbringen darf,“ ſprach die Stimme, wie es ſchien, heftig bewegt; Joſe⸗ phe blickte auf, ein ſuͤßer Schmerz durchzuckte ſie,— des Hochaltars Bild in Marianky, der „ 74 heilige Engel Michael ſchwebte vor ihren umflor⸗ ten Blicken; mit einem leiſen Ach! fuhr ſie mit der Hand nach dem Herzen, ſie erblich, ſie ſchwankte und der Oberſte Leontin Mar⸗ mont fing die Sinkende in ſeinen Armen auf.— Ja, er war es, der Joſephen ſchon lange liebte, der ſie endlich fand, aber vermaͤhlt, an den Feind gekettet, deſſen naͤchſte Beſtimmung war, den Gatten der Geliebten zu verfolgen.— Doch die entzuͤckende Minute, wo er ſie an ſeinem Herzen hielt, ihrer Schonheit ſo nahe, ſich darin berauſchte, ließ ihn ſeine ſchreckliche Tauſchung vergeſſen; als waͤre ſie ſein, ewig feſt an ihn gekettet, ſo innig druͤckte er ſie an ſich; aber wie ſchnell wurde der ſelige Wahn zerriſſen! Man kam der Ohnmaͤchtigen zu Hilfe, er ſah ſie ſeinen Armen entriſſen, ſah ſie ver⸗ ſchwinden.—— Doch nicht muthlos, nein, voll Hofſnung, voll Gluck war ſeine Seele, denn die Erſchuͤtterung Joſephens hatte ihn uͤber⸗ zeugt, daß ſein Anblick einen tiefen Eindruck auf ſie gemacht. Voll ſeliger Traͤume zog er ſich in eine Fen⸗ ſtervertiefung zuruͤck, der Glanz des Feſtes war ihm erblindet, in ſeiner Bruſt trug er eine ſon⸗ nenhelle Welt. Nur Liebe, nichts als Liebe ver⸗ langte ſein Herz, was kuͤmmerten ihn die welt⸗ 75 lichen Verhaltniſſe der Geliebten?— Oftmals uͤberflog ſein ſpähender Blick die Verſammlung⸗ die Graͤfinn war noch immer nicht zuruͤck ge⸗ kehrt, auf ſeine Frage, ob ſie ſich nach Hauſe begeben, wurde ihm eine ungenuͤgende Antwort und mit in Erwartung klopfendem Herzen durch⸗ bohrte ſein Auge faſt die Thuͤr, durch welche ſie verſchwunden war. Da ſiel Etwas mit lei⸗ ſem Klange neben ihm auf die Erde, es war ein Armband von dunklem Haar geflochten mit einem Perlenſchloß, auf welchem die Namen C. C. verſchlungen waren. Mit Haſt hob er es vom Boden auf; es mußte der Graͤfinn gehoͤren, hatte ſich wahr⸗ ſcheinlich waͤhrend ihrer Ohnmacht vom Arme geldſt und war an den Zierathen ſeiner Uni⸗ form haͤngen geblieben; dieſer Anblick erweckte finſtere Betrachtungen in ihm,„verhaßtes Haar, verhaßter Name,“ ſprach er dumpfz„o, Jo⸗ ſephine, moͤchten ſich alle Bande, womit Dich Dein Gemahl umſchlungen haͤlt, wie die⸗ ſes Armband löſen! Es ſei mir eine gluͤckliche Vorbedeutung, es ſei mir Buͤrge fuͤr mein Gluͤck,“ mit dieſen Worten barg er den zufälligen Raub auf ſeiner Bruſt und in demſelben Augenblicke trat die Graͤfinn, von einer Dame gefuͤhrt, gluͤ⸗ hend wie die Morgenröthe, in den Saal zuruͤck. 76 Ihr Auge glich den Strahlen, welche den Ro⸗ ſenſchimmer des Morgens uͤberblitzten.—— Leontin flog in ihre Nähe und ſie em⸗ pfing ihn mit ruhiger Haltung, ſie ließ das ſchone Auge lange auf ſeinen Zuͤgen ruhen, und ein Abglanz ſeliger Empfindung ſpiegelte ſich in ihrem Geſichte. Die Roſe ihres Herzens war aufgebluͤht, ſie liebte, ohne es zu wiſſen, ohne es zu wollen, das lebende Bild, deſſen Abdruck ſie ſchon in Marianky ſchwaͤrmeriſch vergöttert hatte.—— Die Hoheit, in der Joſephe vor dem Lieben⸗ den ſtand, denn geſchuͤtzt von holder Sittſam⸗ keit, blieb ihr Gefuͤhl dem fremden Auge ver⸗ ſchleiert, zwang den gluͤhenden Leontin zu der ehrfurchtvollſten Huldigung, er wagte nicht den Zauberkreis zu durchbrechen, in welchem ſie ſtand. — Der geheime Rath, der ihr Wohlſeyn vernom⸗ men, beeilte ſich daruͤber ſeine Freude zu bezeu⸗ gen und erſuchte ſie dringend, ſich dem Tanze anzuſchließen, ſie lehnte es ab; doch Leontin, der wie nie, ſelig befangen, nicht gewagt hatte ſie darum anzuflehen, drang, ermuthigt durch des Rathes Aufforderung, in die Graͤfinn und gezwungen, ohne Kraft, ohne Faſſung von ihm und Allen bedraͤngt, reichte ſie ihm die Hand zum Tanzez ſie ſchwebte an ſeinen Armen durch 77 die Reihen, uͤberwallend im Entzuͤcken ſchlug ihr Herz, von ſeinem Augenſtrahl immer tiefer ver⸗ wundet, vom zaͤrtlichen Drucke ſeiner Hand er⸗ gluͤhend durchzittert.— Leontin fuͤhrte ſie nach beendetem Tanze zu einem Ruheſeſſel, neben ihr, zu ihr hin ge⸗ beugt, trank er die hoͤchſte Liebesglut aus ihren Augen, aus ihrem Laͤcheln.— Dieſes neue Empfinden, das wie der Lebensathem in Jo⸗ ſephens Bruſt unwillkuͤrlich einzog, uͤbte uͤber das ſonſt ſo beſonnene Gemuͤth ſeinen maͤchtigen Zauber aus; ſie kannte die Gefahr der Flamme nicht, der ſie ſo nahe ſtand; ſollte ſie ſich nicht an den Zuͤgen erfreuen, die ihr ſo lange vertraut waren, ſcheu zuruͤck beben vor einem Bilde, dem ſie im Gebete die geheimſten Gedanken gebeich⸗ tet, denjenigen fliehn, der ſie ſchon ſo lange geiſtig umſchwebt hatte?— Die Miniſterinn von Roſenberg ſah von weitem, wie ſie waͤhnte, die Generalinn Ca⸗ boga von der dauernden dreiſten Annaͤherung des franzoͤſiſchen Oberſten ſehr bedraͤngt, ſie kannte der jungen Grafinn ſtrenge Grundſaͤtze, achtete und liebte ſie und hatte nichts Eiligeres zu thun, als eine Spielpartie zu arrangiren, wozu ſie Joſephen die Karte bot, die ſolche auch voll Zerſtreuung annahm. Leontin ſah 78 ſich ſo mit einem Male aus ihrer Naͤhe ent⸗ fernt, doch nahm er ſeine Stellung einer Spie⸗ gelwand gegenuͤber, wo er ſcheinbar dem Tanze zuſchauete, aber die Geliebte nicht aus den Au⸗ gen verlor und ungeduldig auf das Ende des Spieles harrte. Als dieſes ſpaͤt aufgehoben wur⸗ de, hoͤrte er die Gräſinn nach ihrem Wagen fragen, und eilte ſchnell herbei, ſie dahin zu fuͤhren, ſich mit einigem Ungeſtuͤm allen Herren, die nach dieſer Ehre geizten, vordraͤngend. Er⸗ rothend gab ihm die Graͤfinn den Arm, ſtumm fuͤhrte er ſie hinab, dicht am Wagen druͤckte er heftig ihre Hand an ſein Herz.„Morgen,“ fluͤſterte er innig,„morgen darf ich Sie wie⸗ derſehn;“ der Heiduck trat in dieſem Augen⸗ blick näher, den Wagen zu ſchließen, Leontin ſchwieg und ſah die Geliebte ſeinen Blicken ent⸗ eilen.— 8 „Morgen,“ ſprach Foſephe zu ſich ſelbſt und dieſes Morgen fiel wie eine Bergeslaſt auf ihre Seele.„Morgen, was ſoll denn Mor⸗ gen?“— In den dunklen Raum der Kutſche zuruͤck gelehnt, ließ ſie jetzt den vergangenen Abend in ihrer Phantaſie voruͤber gleiten; welch eine Zauberwelt war ihr aufgegangen, wie ganz anders ſchien ihr das Leben! Ja, ſie fuͤhlte ihr Herz verwandelt, ſie ward es ſich mit einem . Male bewußt, daß eine Empſfindung darin herr⸗ ſche, die ihr bis dahin fremd geweſen warz ſie erkannte mit Schrecken, daß ein anderer Mann der Gegenſtand der Gefuͤhle war, die ihrem Gat⸗ ten gebuͤhrten, die ſie auch bis zu dieſem Au⸗ genblicke fuͤr ihn zu empſinden glaubte und von denen nur ein ſchwacher Anklang, achtende Freundſchaft, ihr Herz erfuͤllt hatte. Sie wen⸗ dete ihren Sinn von ihrem eigenen Herzen ab, bemuͤht, ſich ſelbſt uͤber den Abgrund zu taͤu⸗ ſchen, der ſie anſtarrte, ach, noch mit trunke⸗ nein Blicke an ſeinem von Bluͤhten umkraͤnzten Rande haͤngend. Doch nur wenige Augenblicke dauerte dieſer Kampf, dann hatte ihn Joſe⸗ phens reiner Sinn uͤberwunden; wahr, wie ſonſt immer, verſchloß ſie ihre Augen der Gefahr nicht laͤnger; entſchloſſen und bereit glaubte ſie ſich ſtark genug, ihr zu entgehen. An Caͤci⸗ liens Bruſt flog ſie in dieſen bangen Stun⸗ den, dem Mutterherzen vertraute ſie ihr Gluͤck und ihre Qual. „Sagteſt Du nicht, meine Mutter, ſchrieb ſie, die unverſuchte Tugend gelte wenig fuͤr den Himmel; was galt denn meine Froͤm— migkeit, mein reiner Sinn vor Gott? Auf ebner Bahn wandelt es ſich ſicher und ſchoͤn; 30 doch wo Felſenklippen dem Wanderer entge⸗ gen drohen, erprobt er erſt die muthige Seele, darum zage nicht um mich, Du Liebe, hilf mir beten und uͤberwinden! Denn verfuͤhrend, warum ſollte ich es Dir verhehlen? lacht mich die Liebe aus meines Engels Blicken an, ſo will ich ihn nennen, bei keinem irdiſchen Na⸗ men will ich ihn rufen, er bleibe, was er mir immer geweſen, das Bild meiner Traͤu⸗ me, meiner ſtillen Anbetung.— Ich fuͤhle wohl, es hätte ſich mein Leben anders und ſchoͤner geſtalten konnen, wie es ſich nun wohl geſtalten wird; warum war das Schickſal ſo grauſam, mir ein Gluͤck entgegen zu fuͤhren, deſſen Beſitz ſchon fuͤr mich verloren war, und das doch, ich kann den Gedanken nicht von mir werfen, der Himmel fuͤr mich be⸗ ſtimmt hatte? Dieſe Betrachtungen allein, guͤ⸗ tige Mutter, fuhle ich, ſind ſtrafbarz aber ich kann mich noch nicht davon los machenz daß ich liebe, daß der Engel meines Gluͤcks mir, erſchien, das macht mich nicht ſchuldig; an Conſtantins Herzen will ich beichten, wie die ſchwankende Blume will ich meine Bruſt an den kraͤftigen Stamm lehnen, er wird mir Schutz geben!“— 8¹ In ſich ſelbſt getroſtet, legte ſich Joſephe auf ihr Lager; zwar umwand der Schlaf die Ermattete mit ſeinem betaͤubenden Mohnkran⸗ ze, aber er fuͤhrte ſie zugleich in die Paradieſe und in die Hoͤllen der Leidenſchaft. Bald fuͤhrte ſie ein Traum in Leontins, ihres Engels, Arme, es war in Marianky, Alles bluͤhte und duftete in dem einſamen Kloſtergarten, Ado⸗ lar ſang ſtill und ſelig in ihr Liebesgluͤck, rings lächelten Ruhe und Frieden; dann glaubte ſie lauten Waſſenlaͤrm zu vernehmen, wildes Ge⸗ ſchrei; der Donner des Geſchutzes uͤbertonte Adolar's Lautenklaͤnge, Leontins Liebes⸗ fluͤſtern. Ein rauhes Wehen beugte die Blu⸗ menkelche, rauſchend ſchlugen die Baumzweige an einander, ſchwarze Wolken zogen uͤber den Garten her und eine ſchaurige Daͤmmerung um⸗ ſchattete alle Gegenſtaͤnde, nur aus grauer Ferne kam eine dunkle Geſtalt immer naͤher ihr ent⸗ gegen, es war ihr Gemahl, ſo wähnte ſie, doch er ging bleich und blutig an ihr hin, ſie hob die Arme zu ihm auf, ſie rief erbebend ſeinen Namen; doch drohend wandte er ſeine Blicke von ihr ab.— Waͤhrend Joſephe ſchon alle Bluͤhten ih⸗ rer Liebe ſchonungslos zerknickt, geopfert hatte, ſchwaͤrmte Leontin uͤberſelig in Hoffnungs⸗ Dritter Band. F 82 traumen, in ihrer Naͤhe, gleich nach ihr hatte er das Feſt verlaſſen, aber es duldete ihn nicht in ſeinem fernen Zimmer; trotz der heftigen Regenguͤſſe des Abends, verbrachte er die Nacht im Garten, er kniete auf den Stufen des Bal⸗ kons nieder, er beugte die gluͤhende Stirn auf die Steine hin, er kuͤßte die Schwelle, welche ihr Fuß geheiligt hatte.— Da oben glanzte ſeines Paradieſes Pforte, doch ſie war ihm nicht geoffnet; ſollte er es wagen, des Herzens verwegene Wuͤnſche in die Wirklichkeit treten zu laſſen? wuͤrde ſie verzeihen, oder zuͤrnen? — So rief es in ihm, den dreiſten Sinn zoö⸗ gernd und aufhaltend; doch aus Furcht, was er heute errungen, wieder zu verſcherzen, ent⸗ ſagte er der Seligkeit des Augenblicks.— Grau und truͤbe zog der Morgen herauf, Joſephe erwachte aus ſchweren Traͤumen, Trommeln wirbelten draußen, Waſſenlaͤrm, der in ihrem Traum ihr erklungen, zog unter dem Fenſter hin, das dumpfe Rollen ſchweren Geſchutzes klang unheimlich herauf. Sie ſchellte ihrer Kammerfrau und befragte ſie, was die Unruhe in der Vorſtadt bedeute?„Die Regimenter ruͤcken aus, unvermuthet haben ſie Marſchordre empfangen, ach, ſicher verfolgen ſie unſere Armee,“ antwortete Anna tief be⸗ 83 truͤbt. Joſephe erblich; ſehr beaͤngſtigt ſchaute ſie in die Gegenwart, ſie war aus ihrer fried— lichen Klarheit aufgeſchreckt; ein ruͤhrendes Bild des innern Kampfes, hatte jene ſtille Hoheit aus ihren Zuͤgen ſich verwiſcht, ſchmachtend, ſuchend, blickte ihr Auge um ſich, voll Erwar⸗ tung, doch voll Angſt ſchlug ihr das Herz. Der Oberſte Marmont ließ ſich in dieſem Augenblicke bei ihr anmelden, und indem die Gräſfinn dem Diener eine ablehnende Antwort gab, erſchien der Oberſte ſelbſt in der Thuͤr; befurchtend ſo fruͤh nicht aufgenommen zu wer⸗ den, war er demſelben auf dem Fuße gefolgt, um Foſephen zur Annahme ſeiner Aufwar⸗ tung zu zwingen. Unentſchloſſen, verlegen uͤber ſein unberufenes Eindringen, gewann ſie es indeß uͤber ſich, ihn mit angenommener Faſ⸗ ſung zu begruͤßen.„Sie waren geſtern un⸗ wohl, Frau Generalinn,“ ſprach er,„Beſorg⸗ niß treibt mich her, nach Ihrem Wohlſeyn zu fragen.“ Der Diener hatte unter dieſen Wor⸗ ten das Zimmer verlaſſen, und ſogleich anderte Leontin den Ton ſeiner Rede;—„Jo⸗ ſephe,“ ſprach er,„ach, vor Ihnen brauche ich des nichtigen Vorwandes nicht, Sie wiſſen was mich her treibt, Sie entſchuldigen dieſes fruͤhe Eindringen, denn nur noch eine Stunde F 2 84 athme ich in Ihrer Naͤhe; Kriegspflicht ruft mich fort und zum erſten Male verwuͤnſche ich mein Geſchick; doch ſelbſt das Kommandowort des Kaiſers treibt mich nicht weg, bis ich, Himmliſche, von Deinen Lippen erfahre, daß Du mich liebſt, bis Du beſtätigſt, was mir vor ſeligen Stunden Dein Blick ver⸗ rieth.“„Unbeſonnener,“ ſiel ihm die Graͤfinn in die ede,„Ihre Verwegenheit geht zu weit, wenn ich Sie guͤtig, freundlich beachtet, weil Ihre Zuͤge mir theure Erinnerungen hervor rie⸗ fen; ſo erfahren Sie jetzt, daß Sie ſelbſt nicht der Gegenſtand meiner Beachtung waren, es niemals ſeyn werden, daß ich den Feind mei⸗ nes Vaterlandes, den Gegner meines Gatten ewig fliehen werde und daß ich ihn verachten muß, wenn er die Achtung vergißt, die er mir ſchuldig iſt.“ 3 „Joſephe,“ erwiederte Leontin, „o, Sie ſind grauſam gegen mich, gegen Sich ſelbſt! Schon einmal verdammten Sie mich, Ihnen zu entſagen, ſtießen mich in einen Ab⸗ grund von Hoffnungsloſigkeit; am geſtrigen Mor⸗ gen warf ich mein Lebensgluck zuruͤck, ich ſehnte mich nach Gefahr und Tod, die Glut meiner Bruſt auf dem Schlachtfelde zu verhauchen. Der geſtrige Abend trug mich in alle Himmel * 85 der Liebe zuruͤck! Waͤhnſt Du, Holde,“ fuhr er fort,„ich kenne die Leidenſchaft, die Liebe in eines Weibes Bruſt ſo wenig, um ſie in Deinem reinen, unentweihten Buſen zu ver⸗ kennen? Dieſes Auge ſtrahlt zum erſten Male in Liebesglanz, mir gilt die erſte heiße Wal⸗ lung dieſer Bruſt; vergebens willſt Du Dein Gefuͤhl in ſtrenge Zucht verhuͤllen; wirf die ſtrahlende Krone von Dir, pfluͤcke die Bluͤhten der Liebe an Deines Leontins Herzen; eine ſelige Minute iſt noch unſer, ſoll ſie voruͤber fliegen, unwiederbringlich verloren ſeyn?— Fordere von mir das Höchſte; fordere mein Le⸗ ben, mein irdiſches Gluͤck, nur das Einzige, Ewige— Deine Liebe— laß mich mit hin⸗ weg nehmen in das leere, arme Leben meiner Zukunft!— Joſephe, ſage mir, daß Du mich liebſt.“— Leontin war vor der zit⸗ ternden Joſephe nieder geſunken, die mit den Schauern der Ohnmacht rang, er umſchlang ihre Knie, er kuͤßte ihr Gewand, ihre erkalteten Haͤnde. „O, mein Gemahl, rette Deine Gattinn, Caͤcilie, wache uͤber Dein Kind!“ ſchluchzte Joſephe, und die theuren Namen riefen ihre geſunkenen Lebensgeiſter wach; ſie ſtieß den Fle⸗ henden von ſich.— 86 „O, nicht dieſen Namen!“ rief Leontin ſchmerzlich zuſammen zuckend,„Du biſt ja ſein eigen, er hat Deine Pflicht, Deine Treue; aber Deine Liebe beſitzt er nicht; zu ihm, dem Dir an Jahren weit liberlegenen, kann Liebe Dich nicht gefuͤhrt haben; er ſtelle ſich nicht zwiſchen unſere Herzen; ſieh', ich verwuͤnſche ihn nicht, ich rufe die Gefahr nicht auf ſein Haupt herab, um nach Deiner Hand zu ringen. Buͤrgt Dir dieſes Geſtaͤndniß nicht fuͤr die Reinheit meiner Gefuͤhle?“ Joſephe ſah wie träumend auf ihn nieder, denn vor ihrer Seele ſtand das ernſte Bild ihres Gatten, es gab ihr Waſſen gegen ihr bewegtes Herz, gegen den zaͤrtlichen Verfuͤhrer, ſie ver⸗ ſchloß die Blicke dem verlockenden Bilde, ſie be— deckte ihre Augen mit der ſchneeigen Hand, ihre Thraͤnen tropften durch die zarten Finger. „Was Sie auch erſinnen moͤgen, was Ihr Wahnſinn auch von mir begehrt,“ ſprach ſie dann, ſich hoch und ſtolz erhebend,„es zerſchellt an dieſem von Pflicht erfullten Herzen. Ich bin die Gattinn des Grafen Caboga, ich habe keine andere Antwort auf Ihre Liebe.“ Sie ging dem Nebenzimmer zu.— Leontin ſah ihr mit ſtarren Blicken nach;„kein Lebewohl in dieſer furchterlichen Scheideſtunde!“ ſtohnte er dumpf. 87 „O, ſo fahre denn hin, Tugend und Ehre, Le⸗ ben und Himmel! Ich ringe nach Nichts mehr; ich gehöre jetzt nur der Hölle an, in die Du Ge⸗ fuͤhlloſe mich wirfſt!“— ſchrie er dann gellend auf.—— Foſephe hielt ihre Schritte ein. Ihre Bruſt, zerriſſen unter ſtets ſich erneuerndem Kampfe, trug die ſchwere Laſt nicht laͤnger, ſie wandte das Haupt, ſie ſtreckte die Arme gegen den Verzweifelnden aus.„Leontin!“ rief ſie weich,„mein Lebewohl, mein Segen!“— dann entfernte ſie ſich ſchnell. Bleich erhob ſich der Juͤngling und eilte, Verzweiflung im Herzen, zu ſeinem Regimente, das ſchon bereit zum Ausmarſch, des Fuͤhrers harrte. VI. Die Schlacht bei Aspern war geſchlagen, Erzherzog Karl hatte den Sieg behauptet und war Meiſter des mit Leichen bedeckten Schlacht⸗ feldes, der Verluſt von Todten und Verwun⸗ deten war auf beiden Seiten groß, doch ſtaͤrker auf der Seite der Franzoſen, welche ſich indeß in feſter Ordnung an die Lobau zuruͤck zogen⸗ „ 88 Der Oberſte Leontin Marmont ſaß am Abende des Ruͤckzuges verſtort in ſeinem Quartier, zwar unverwundet aber zum Ster⸗ ben ermattet; auf der ganzen Fronte waren in dieſem Gefechte alle Waſſen im lebhafteſten Kampfe, uͤberall war Handgemenge, was in den neuern Kriegen ſo ſelten iſt, geweſen.—— Wohlthaͤtig wirkte die Ermattung ſeines Koͤr⸗ pers, die Abſpannung ſeines Geiſtes, auf den Kummer ſeiner Seele; denn erſchoͤpft, war er im Begriff ſich ſchlafen zu legen, als der Ad⸗ jutant ſeines Vaters, des Generals Mar⸗ mont, zu ihm eintrat, und eine fuͤr den Sohn hochſt unangenehme Botſchaft uͤberbrachte. Der General nämlich, ſehr ſchwer verwundet, mit zerſchmetterter Knieſcheibe, war in eins der ſchnell errichteten Hospitaͤler auf die Inſel Lo⸗ bau gebracht worden. Schon war der erſte Verband angelegt worden, und der Vater hatte nach uͤberſtandenen Schmerzen den troͤſtenden Anblick ſeines Sohnes gewuͤnſcht, von deſſen Schickſal in der Schlacht. er noch nichts erfah⸗ ren. Leontin vergaß uͤber dieſe Nachricht Ermattung und Schlummer; er eilte mit dem Adjutanten an das Lager des leidenden Vaters, der, froh den Sohn geſund erhalten zu ſehen, ſeine Schmerzen weniger zu empſinden ſchien. — 860 Voll Trauer ſtand dieſer neben dem Leiden⸗ den, welcher nun zu ſchlummern wuͤnſchte, wenn ſeine Wunden ihm Ruhe goͤnnen wuͤrden. Es lagen noch drei ſchwer Verwundete in dem Zimmer, von denen Einer ein öſtreichſcher Ge⸗ fangener, ein Ofſizier, wie man ſagte, von hohem Range, eine gefaͤhrliche Wunde ſeitwaͤrts am Kopfe empfangen hatte, die ihn beſin⸗ nungölos gemacht; der franzoöſiſche Arzt fuͤrch⸗ tete bei ihm den Ausbruch eines heftigen Wund⸗ ſiebers, wo alsdann die bei aͤhnlichen Verwun⸗ dungen fuͤrchterlichen Phantaſien, den Schlum⸗ mer des Generals ſehr unangenehm ſtören wuͤr⸗ den, er beorderte daher, daß dieſer Verwundete in ein entfernteres Zimmer getragen wuͤrde. Waͤhrend der Zuruͤſtungen zu deſſen vorſichti⸗ gem Fortſchaffen trat Leontin zu einem Ti⸗ ſche, der bedeckt mit Meſſern und blutigen Ver⸗ baͤnden, auch eine Menge zuſammen geworfe⸗ ner Kleidungsſtuͤcke und anderer Effekten, welche die Urzte bei der Entkleidung der Verwundeten dort durch einander aufgehaͤuft hatten, enthielt. Gedankenlos ſtarrte Leontin auf dieſe ihm ſo gleichgiltigen Gegenſtaͤnde, als endlich etwas hell Glaͤnzendes, zum Theil nur Verborgenes ſeine Blicke anzog. Er zog es hervor, es war ein Medaillon mit dem Bruſtbilde einer Dame; 90 er hielt es dem Lichte näher.— Wer beſchreibt ſein Erſtaunen, es war Joſephens Bild. „Nein! Ich ſoll Dich nicht vergeſſen!“ rief er aus;„wunderbare Fuͤgung des Himmels, die Dich ſtets in meinen Weg fuͤhrt! Dieſe Kriegesbeute ſei mein Eigenthum!“ Er kuͤßte das holde Bild, er verbarg es auf ſeinem, in hei⸗ ßer Liebe ſchlagenden Herzen, ein triumphiren⸗ des Gefuͤhl erhob ſeine Seele; mit ſeinem ſo leicht eroberten Schatze ſetzte er ſich an des Vaters Bett, welcher zu ſchlummern ſchien, wo auch ihn, den Ermuͤdeten, bald ein tiefer Schlaf beſchlich. Der naͤchſte Morgen fand den alten Mar⸗ mont den Umſtaͤnden nach leidlich; zwar wa⸗ ren ſeine Schmerzen groß: doch ließ die Bleſ⸗ ſur keine gefaͤhrlichen Zufaͤlle fuͤrchten. Leon⸗ tin, in Etwas uͤber den Zuſtand des Vaters beruhigt, erinnerte ſich jetzt des verwundeten Rangofſiziers, welcher am geſtrigen Abend aus dem Zimmer gebettet wurde; er fragte nach deſſen Namen; er hielt ihn fuͤr den Eigenthuͤ⸗ mer des Bildes; er hofſte und fuͤrchtete zugleich Joſephens Gemahl in ihm zu finden; eine ängſtliche Ahnung durchzuckte ſeine Seele. Sie hatte wahr geſprochen, es war der General Caboga geweſen; auf ſeine naͤhern Erkundi⸗ — E —————————— 91 gungen erfuhr auch Leontin, daß dieſer, ſo⸗ vald ſeine Beſinnung zuruck gekehrt ſei, nach Wien verlangt habe, welches ihm auch gegen ſein Ehrenwort, und wie es ſeine Verwundung auch wohl mit ſich bringen werde, in dieſem Feldzuge nicht wieder zu fechten, zugeſtanden ſei. Erſchuttert hörte Leontin dieſen Bericht. In ihre Arme eilte er alſo, von ihr beweint und gepflegt; wie beneidenswerth nannte er den Feind; deſſen Eigenthum war das Bild gewe⸗ ſen, welches er jetzt ſein nennen durfte; dieß nun, als den einzigen hoͤchſten Schatz ſeines Lebens nicht von ſich zu laſſen, war er feſt entſchloſſen. Sehr ſchwach erreichte der General Ca⸗ boga ſeine Wohnung, beſtuͤrzt eilte Joſe⸗ phe an ſein Lager, heftig war der Ausbruch ihres Schmerzes, nur die bedaͤchtigen Vorſtel⸗ lungen des Arztes wieſen ſie in die Schranken der Geduld zuruͤck. Mit aufopfernder Zaͤrtlich⸗ keit pflegte ſie den verwundeten Gatten, weder am Tage noch bei Nacht wich ſie von ſeiner Seite. Sie dankte dem Himmel, welcher ihr vergönnte ſeine Leiden zu theilen und zu lin⸗ dern, während ſo viele Gattinnen und Muͤt⸗ ter die lieben Ihrigen von ſich getrennt, in der Ferne leiden ſehen mußten, ohne ihnen Troſt 92 1 und Pflege gewähren zu koͤnnen.— In ſolchen einſamen Stunden, in langen trauervollen Naͤch⸗ ten, ſich und ihrem Schmerz allein uͤberlaſſen, konnte Joſephe den Traͤumen ihrer Phantaſie nicht immer wehren; Bilder und Eindrucke, die ſie am Tage von ſich wies, beſchlichen ſie oft in dem leichten kurzen Schlummer, dem ſie ſich, in einem Ruheſeſſel hingelehnt, am Bette des Kranken uͤberließ. So geſchah es einſt, daß der Traum, Wirklichkeit und Phantaſie ſo dicht in einander verwebte, daß Joſephe träumend, ſie ſitze am Lager Leontins, der mit Blut bedeckt und ſtark verwundet, ſeine ſterbenden Blicke auf ſie richtete, durch die Le⸗ vendigkeit des Traumbildes aufgeſchréckt, em⸗ por fuhr und mit dem lauten Ausrufe:„Leon⸗ tin!“— zu ihrem ſchlummernden Gatten ſich nieder beugte, wodurch dieſer erweckt wurde und verwundernd:„Leontin, Leontin?“ frag⸗ te.— Joſephe erwachte durch ſeine laute Frage, mit Schmerz ſah ſie das ſchoͤne Bild, von dem ernſten Bilde des kranken Grafen verdrängt, ſie brauchte einige Minuten um ſich zu faſſen.„Conſtantin,“ antwortete ſie dann ergluͤhend,„ich träumte ſchwer.“— „Du traͤumteſt,“ ſprach der Graf und wandte ſich ſchlaftrunken, durch Joſephens Antwort 93 beruhigt, zur Seite, indem dieſe, geaͤngſtigt von der willenloſen Leidenſchaft fuͤr einen fremden Mann, die Nacht unter Thraͤnen und Selbſt⸗ vorwuͤrfen durchwachte. Die junge Gräfinn hatte nach mehrern Mon⸗ den die Freude, ihren Gemahl vom Kranken⸗ bette erſtehen zu ſehen, zwar geheilt, aber noch ſehr entkraͤftet und in einer gaͤnzlichen Verſtim⸗ mung ſeines Gemuͤths. Die Erſchuͤtterung des Gehirns durch die Kopfwunde, welche er bei Aspern empfangen, ließ eine große Schwaͤche ſeiner Kopfnerven zuruͤck, ſeine Gedankenfolge war ſchwerfaͤllig und machte ſeine Unterhaltung ſehr einfach; der Antheil, den er jetzt wieder an den ſeit ſeiner Verwundung erfolgten wei⸗ tern Kriegsbegebenheiten nahm, diente dazu, die ſinſtere Laune des Helden zu vermehren; die Schlacht bei Wagram, wiederum ein Be⸗ leg fuͤr die Tapferkeit der Hſtreicher, war mehr blutig als entſcheidend geweſen, ſie trennte die Streitkraͤfte der oſtreichſchen Armee gaͤnzlich, indem Napoleon ſich mit vereinter Heeres⸗ macht in der vortheilhafteſten Lage zwiſchen ihr befand, und zog aufs Neue einen bedeutenden Laͤnderverluſt fuͤr Bſtreich nach ſichz erbittert ſchlug das Heldenherz in Caboga's Bruſt, daß er daheim, gezwungen, die Ruͤckkehr ſeiner 94 * Kräfte abwarten muͤſſe, indeß Sinn und Geiſt ihn auf das Schlachtfeld riefen. Der Kreis von Bekannten und Freunden, welcher ſich nach des Generals Geneſung um ihn verſammelte, beſtand faſt allein aus Män⸗ nern, welche ſich, wie er ſelbſt, nur mit po— litiſchen Ereigniſſen, Vermuthungen und Planen fuͤr die Gegenwart und Zukunft beſchäftigten. Joſephe fand ſich ſehr verlaſſen und unbe⸗ ſchaͤftigt in dieſen Tagen, ſie ſah ſich nur auf ſich ſelbſt zuruͤck gewieſen und hatte viele Muße uͤber ſich nachzudenken.— Immer mehr ent— deckte ſie ſo die bleibende Tiefe einer Leiden⸗ ſchaft in ihrem Herzen, welche Pflichtgefuͤhl und Vernunft verdammten und verwarfen; wie ſehr ſie ſich auch muͤhte, ſich von ihrem Innern abzuwenden, ſtets wurde ſie darauf zuruͤck ge⸗ fuͤhrt; eine Reizbarkeit, wie ſie ſolche in den erſten Wochen nach ihres Gemahls Abmarſche zum Kriege empfunden hatte, ergriff ſie aufs Neue, ſo oft in ihrer Gegenwart der blu⸗ tigen Ereigniſſe der Zeit erwähnt wurden. Sie zitterte, ſie fuͤrchtete, fuͤr wen, geſtand ſie ſich nicht.—— Mehr wie je laſtete das Bewußtſeyn, eine unerlaubte Empſindung in ihrer Bruſt zu naͤh⸗ ren, auf ihrer ſchuldloſen Serle, ſie beſchäftigte 95 ſich mit dem Vorſatze: ſich ihrem Gemahle ver⸗ trauend an die Bruſt zu werfen, ihm zu ent⸗ decken was ſie quäle, ihm Alles, was ſie in ſeiner Abweſenheit erlebte, mitzutheilen. Sie äußerte in einem Briefe ihrer muͤtterlichen Freundinn dieſen Vorſatz und erbat ſich ihre weiſere Berathung.— Doch Cäcilie ver⸗ warf ihr Vorhaben gaͤnzlich, indem ſie zuruͤck ſchrieb: „Obgleich, mein geliebtes Kind, Dein blinder Eifer, der Dich hinreißt, das Be⸗ kenntniß Deiner willenloſen Gefuͤhle fuͤr ei⸗ nen fremden Mann, Deinem Gatten zu ent⸗ huͤllen, dieſen, wie Du ſonſt gewohnt warſt, klar in Dein Herz ſchauen zu laſſen, ein Beleg fuͤr die Reinheit Deiner Empfindun⸗ gen, ein Beleg, daß Du Nichts zu verber⸗ gen haſt, was ihn eigentlich kränken könn⸗ te, iſt: ſo halte ich Dich dennoch, zaͤrtlich um Euer eheliches Gluͤck beſorgt, davon zu⸗ ruͤck. Thorichtes, allzu weiches Kind, kannſt Du die einzige Buͤrde, welche das Schickſal Dir auferlegte, nicht allein, nicht ſtandhaft tragen? in welches Labyrinth zieht Dich Deine Schwaͤche!“— „Schon die Entdeckung, daß die Gat⸗ tinn der Gegenſtand fremder Zaͤrtlichkeit iſt, 96 taugt nicht fuͤr einen liebenden Ehemann, und das iſt der Graf, trotz des Unterſchieds der Jahre unter Euch, fuͤr Dich, wie viel we⸗ niger wuͤrden Deine Geſtaͤndniſſe fuͤr ihn tau⸗ gen. Indem der Graf Conſtantin die lberzeugung empfinge, daß er Dein erſter unbedingter Freund ſei, wuͤrde er zugleich verſichert, daß er Deine Liebe nicht beſitze, woruͤber er ſich vielleicht bis jetzt getaͤuſcht; oder ſich mit der Hofſnung ſchmeichelt, ſie einſt zu beſitzen.— Die erſte, eben erwachte Wärme Deines Gefuͤhls, verleitet Dich zu ſehr einſeitigen Anſichten, uͤber Dich und die Leidenſchaft, die ich mit Betruͤbniß in Dei⸗ ner Bruſt Wurzel faſſen ſehe.“ „Dem ſei nicht ſo, Joſephe, wache mit Angſtlichkeit uͤber Deine Empfindun⸗ gen. Sieh', Alles, was ſich ſo fluͤchtig, ſo ſtorend in Dein Leben warf, als beendigt an; der Himmel verleiht Dir ſichtbar ſeinen Bei⸗ ſtand, er vereinigte Dich ſchnell wieder mit Deinem Gatten, um das Band, das jugend⸗ liche Wallungen zu loͤſen ſchienen, aufs Neue feſt und unauflöslich zu knuͤpfen.“ „Nach Jahren erfahre er einmal, wie Du verſucht, doch die Verſuchung beſiegend, das Gluͤck ſeines Lebens durch edle Pflicht⸗ 97 —— uͤbung begruͤndet haſt, dann vielleicht taugt ein ſolches Geſtandniß fuͤr ihn, es verleiht der verbluͤhenden Gattinn, deren Beſitz ihm dann geſichert iſt, neue Reize in ſeinen Au⸗ gen; was ihn jetzt emporen wuͤrde, ſchmei⸗ chelt dann ſeiner Eitelkeit. Cäcilie.“ Foſephe erſah aus dieſen liebevollen Warnungen, wie die Schwaͤche ihres Gefuͤhls ſie verleitet hatte, eine fuͤr ihre Lebensverhält⸗ niſſe ſo gefährliche Entdeckung zu wagen, ſie empfand zugleich, daß etwas feſt Beſtehendes ſich feindlich zwiſchen ſie und ihren Gatten leg⸗ te, das ſie nicht ſo leicht aus dem Wege zu raumen glaubte, als Caͤcilie zu hoffen ſchien. Des Generals Caboga Geſundheit ſtaͤrkte ſich indeſſen ſehr, immer mehr und mehr er— ſchienen lichtere Augenblicke in ſeinem Gemuͤthe, wo er ſich freundlich und liebend ſeinen häus⸗ lichen Verhaͤltniſſen zuwandte, der liebevollen, herrlichen Gattinn durch Zaͤrtlichkeit und Ver⸗ trauen die truͤben Stunden dankte, die ſie an ſeinem Schmerzenslager mit ihm durchlitten. Er erinnerte ſich ſo eines Tages der blutigen Schlacht bei Aspern, wo er, indem er vorſich⸗ tig und beſonnen, dem allzu kuͤhnen Vordrin⸗ gen einer Kolonne durch ſein perſoͤnliches Er⸗ Dritter Band. 6 98 ſcheinen Einhalt thun wollte, einem feindlichen Detaſchement in die Haͤnde gerieth, und trotz ſeines heftigen Widerſtandes ſich gefangen zu geben, unter ihren Saͤbelhieben verwundet nie⸗ der Dunkel ſchweben die erſten S noch vor meiner Erinnerung, erzaͤhlte Conſtantin, von ſtarkem ungeſtill⸗ ten Blutverluſt erſchoͤpft, erſt ſpaͤt am Abend verbunden, lag ich mit dem Gefuͤhle eines lei⸗ ſen Wohlbehagens, doch unfaͤhig zu reden, mich zu bewegen, dem Sußern nach beſinnungslos auf einem Lager; ein Licht, welches auf einem Tiſche neben einem Bette brannte, waff ſeinen Schein verletzend in meine ſtarr geoͤffneten Au⸗ gen, doch konnte ich dieſe nicht ſchließen; ſchon fing das Wundfieber in meinen Pulſen an zu gluͤhen und recht wohlthaͤtig wirkte es auf mich, daß ein Mann, welcher zum Tiſche trat, ſich vor den Lichtſchein ſtellte und meinen brennen— den Augen dadurch eine kurze wohlthätige Er⸗ holung goͤnnte. Dieſer Mann war nun der Gegenſtand meiner Betrachtungen, es war ein Offizier, es war derſelbe, welcher mir vor ei⸗ nigen Jahren die breite Stirnwunde verſetzte, ich erinnerte mich ſeiner zu genau, um ihn nicht wieder zu erkennen. Recht grauſam qud⸗ lend mahnte mich ſein Anblick an jene, wie 99 mir duͤnkte, ſo ſchmaͤhliche Verwundung, aufs Neue fuͤhlte ich mich in dieſem Augenblicke in die Gewalt eines perſoͤnlichen Feindes gegeben, deſſen Geſicht, obgleich ſchon zu nennen, mir bis in den Tod verhaßt war; begreife daher meine Wuth, Joſephe, als ich jetzt Dein Bild in dem Medaillon, welches ich ſtets auf meiner Bruſt zu tragen pflegte, in ſeinen Hän⸗ den erblickte und ſehen mußte, wie er mit Luſt Deine theuren Zuͤge betrachtete und ſich damit entfernte.— Die unbaͤndige Wuth meines Herzens beſchleunigte wahrſcheinlich den Aus⸗ bruch des Wundſiebers, was mich die Nacht hindurch bewußtlos machte, am naͤchſten Mor⸗ gen war man großmuͤthig genug, meine Wuͤn⸗ ſche, unter Deiner Pflege zu geneſen, zu er⸗ fuͤllen. Ich wurde nach Wien transportirt; ſchwach, krank, voll Schmerzen war Alles, was ich Dir ſo eben rzaͤhlt, meinem Gedaͤcht⸗ niſſe entfallen, erſt jeht kam mir dieſe Erinne⸗ rung wieder, ich forſchte nach dem Bilde, es war von meiner Bruſt verſchwunden, haſt Du es vielleicht waͤhrend meiner Krankheit beſei⸗ tigt, oder war es kein Fieberbild, was ſich mir an jenem Abende darſtellte? So fragte der Graf Joſephen. Dieſe ſaß mit geſenkten Augen, ergluͤhend, an ſeiner Seite und horchte 6 2 100 geſpannt ſeiner Erzaͤhlung, die ſo wunderlich, ſo bedeutend in ihrem Herzen wiedertönte, daß ſie nur muͤhſam, mit bebendem Klang der Stimme, dem Gemahl ſeine Frage verneinen konnte. VI. Der vierzehnte Oktober 4809 gab den bei⸗ den ſtreitenden Voͤlkern den Frieden, und ſchlang bald darauf enge Familienbande um ihre Herr⸗ ſcher, ſo die Hoffnung rechtfertigend, daß aus den blutigen Feldzuͤgen der Zeit, das Wohl der Menſchheit erwachſen werde. General Caboga ſah ſich bald darauf von Ktiegskameraden umgeben, die zuruͤck gekehrt aus dem Kampfe, ſich mit ihm uͤber die wich⸗ tigen und traurigen Erfahrungen desſelben un⸗ terhielten; Freunde und Feinde trafen in der Hauptſtadt zuſammen und die Hospitaͤler wa⸗ ren vor allen noch mit verwundeten Franzoſen beſetzt; auch der Marſchall der franzöſiſchen Di⸗ viſion, welche den General Caboga bei As⸗ pern gefangen genommen hatte, lag noch ſchwer bleſſirt in einer Privatwohnung in Wien. Der General Caboga hatte auf die Kunde davon 101 ſich ſchon lange vorgenommen, ihm ſeinen Be⸗ ſuch abzuſtatten, ihm ſeinen Dank fuͤr die ſorg⸗ fältige erſte Verbindung ſeiner Kopfwunde durch die Feldaͤrzte der Diviſion, worauf bei ſeiner Geneſung ſo Vieles ankam, wie fuͤr die ge— faͤllige, eben ſo ſchonende Transportirung nach Wien, zu danken und machte dieſes Vorhaben eines Morgens zur That.— Er trat bei dem Marſchall ein, er wurde ehrend empfangenz das Zimmer war mit Offizieren angefuͤllt, zwi⸗ ſchen denen der Marſchall ſchon halb geneſen, auf einem Feldbette ruhend, aufrecht ſaß. Ge⸗ neral Caboga ſandte die Blicke umher und erblickte zu den Haͤupten des Bettes mit Un⸗ muth und Erſtaunen, den ſchoͤnen feindlichen Juͤngling wieder, den er jetzt als den muth⸗ maßlichen Raͤuber von Joſephens Bilde, fin⸗ ſterer wie jemals betrachtete. Der Marſchall ſtellte dem Grafen die Herren, welche zunaͤchſt ſeinem Bette ſtanden, namentlich vor, Con⸗ ſtantin erfuhr jetzt den Namen ſeines unbe⸗ kannten Feindes, es war der Colonel Mar⸗ mont.—„Ihr Name,“ ſprach der Gene⸗ ral gezwungen verbindlich, Herr Oberſt,„ſohnt mich mit Ihnen aus, ſo war es doch zum mindeſten Heldenblut, ein Heldenſohn, der mich auf der Graͤnze Italiens damals ſo verwegen 102 und ſchwer traf,“ er legte bei dieſen Worten die Hand auf die breite Stirnnarbe, ſie den Anweſenden bemerklich machendz„ein tollkuͤh⸗ ner Knabenmuth,“ ſo waͤhnte ich,„denn Sie waren damals kaum zum Juͤnglinge heran ge⸗ reift, dringe verwegen gegen mich an;— doch war dieſe That der Beleg zum kuͤnftigen Hel⸗ den,“ er verneigte ſich gegen Leontin.— Leontin ſchaute ſehr ernſt auf ihn hin:„Ver⸗ achten Sie den Knabenmuth nicht ſo unbedingt, Herr General,“ erwiederte er dann;„einem Helden gegenuͤber empſfinde ich, daß nichts als dieſer Muth mich hinriß, mein Schwert gegen ein ſieggekrontes Haupt zu ziehen; ſtaͤnde ich Ihnen jetzt zum zweiten Male feindlich gegen⸗ uͤber, mein gereifter Arm wuͤrde zoͤgern, dieſe Stirn zu verletzen.— Doch,“ fuhr der gewandte Juͤngling nach dieſen, faſt in Ekſtaſe geſprochenen Worten, leicht in einen ſcherzen⸗ den Ton uͤbergehend, fort:„Herr General, kann ich dreiſt an jenem Tage mit Ihnen ab— rechnen, nicht der Verluſt der Batterie, welche ich decken ſollte, allein, ſchwere Bleſſuren wa⸗ ren der Lohn meines Muthes, Ihre Huſaren raͤchten ihren Major; ich war nach jener Ver⸗ wundung ſehr entkraͤftet. Lange zum Dienſte untauglich, ſandte mich mein Vater, unter deſ⸗ ſen Regimente ich damals ſtand, nach Florenz, wo ich unter der Pflege einer zäͤrtlichen Mut⸗ ter erſt ganz genas.“ Der General reichte bei dieſer Erzaͤhlung dem jungen Oberſten halb ver⸗ ſohnt die Hand, welche Leontin indeß mit einigem Schauder beruͤhrte. Dieſe Hand war es ja eben, welche ihn von aller Erdenſeligkeit zuruͤck wies.— General Caboga bei dem Marſchall anmelden horen, welcher ſein Diviſionsgeneral war, wo ſelbſt er eben kurz vorher eingetreten, um die⸗ ſem wichtige Regimentspapiere zu uͤberbringen und deſſen Gegenbefehle zu vernehmen, da die Diviſion bereits zum Abmarſche nach Spanien Leontin war erſt vor einigen Stunden in Wien eingetroſſen, er hatte ſich zu dieſer Sendung, welche ſonſt ein Offizier von nie⸗ derm Range haͤtte ausrichten konnen, gedraͤngt, hoſſend, Joſephen wieder zu erblicken. Das Geſpraͤch war allgemein geworden, Leontin hatte Muße ſeinen Nebenbuhler zu betrachten, voll Schmerz dachte er ſich die bluͤ⸗ hende Joſephe, in ſeinen Augen der Inbe⸗ griff aller weiblichen Schoͤne, neben dieſer al— ternden Mannsgeſtalt; Conſtantin ſtand eben auf der letzten Stufe maͤnnlicher Kraft, 103 Voll Schrecken hatte er den 104 als er ſich mit Joſephen vermaͤhlte, jeder Schritt fuͤhrte ihn abwaͤrts dem Alter zu. Seine neue Verwundung, Leid und Unmuth der letzten Zeit, hatten ihn um mehrere Jahre aͤlter und vorzuͤglich finſterer gemacht, doppelt mußte Leontin daher ſein Rußeres auffallen. Joſephens weiche lächelnde Wange, und dieſe narbenvollen, von der Sonne verbrannten ſtarken Zuͤge; er ſeufzte ſchwer. Leontins Unmuth ward ſo groß, daß er aufbrach, um das Zimmer zu verlaſſen, er dachte einige Stun⸗ den ſpäter die Briefe zu uͤbergeben; doch der Marſchall, dem er ſich bis dahin empfahl, er⸗ ſuchte ihn, ehe er hinweg gehe, um die Aus⸗ lieferung der Briefe. Leontin, verdrießlich ſich aufgehalten zu ſehen, zog ſeine Brieftaſche hervor, druͤckte etwas ungeſtuͤm an die Feder des Schloſſes, ſie ſprang ploͤtzlich auf und der groößte Theil ihres Inhalts fiel zerſtreut, theils auf das Bett des Marſchalls, theils neben das⸗ ſelbe nieder; geſchaͤftig ſuchten die nahe Sitzen⸗ den die Briefe und Papiere vom Boden auf, und ſo kam ein zuſammen gefaltetes Blatt, mit einem weiblichen Armſchmucke von Haaren umſchlungen, in die Hand Caboga's; das zaͤrtliche„Souvenir,“ waͤhrend Leontin ver⸗ wirrt uͤber ſeine Ungeſchicktheit, die bereits auf⸗ 105 geleſenen Papiere wieder ordnete, neugierig be⸗ trachtend, erkannte der Graf alſobald an dem daran befindlichen Schloſſe, auf welchem ſein Namenszug von Perlen eingelegt war, das Armband, welches Joſephe einſt getragen und ein ſeltener Argwohn, wie es in des Ober⸗ ſten Brieftaſche gekommen, beſchlich ſeine See— le; dem Anſcheine nach gab er das Armband ruhig zuruͤck, kein Wort hier am unrechten Orte daruͤber verlierend und Leontin ahnete nicht, daß man dieſes Andenken bemerkt habe. Alles war nun wieder in Ordnung, der Mar⸗ ſchall hielt ſeine Briefe in den Haͤnden, be⸗ ſchied Leontin in einigen Stunden wieder zu ſich, welcher ſich den Anweſenden zerſtreut em⸗ pfahl.— Nach dem Weggange des Oberſten redeten die Zuruͤckbleibenden, wie es von beach⸗ teten Perſonen wohl geſchieht, von demſelben, Alle waren ſeines Lobes voll, mehr noch als Menſch, denn als tapferer Krieger galt er bei ſeinen Freunden, der zaͤrtlichſte Sohn, voll äußerer Anmuth, voll Talente, muͤhten Alle ſich, zur Qual des Grafen, einen Mann im ſchonſten Lichte vor ihm hin zu ſtellen, gegen den ein arger, finſterer Verdacht in ſeiner Seele empor wuchs.„Bejammernswerth,“ ſprach ein Offizier von Leontins Regimente,„iſt An 3 106 es, daß der herrliche Mann einen geheimen, tiefen Kummer naͤhrt, der ſeit Kurzem ihn zu uͤbermannen ſcheint, ſeit unſerm Auszuge aus Wien uͤberlaͤßt er ſich oft der tiefſten Schwer⸗ muth, ohne ſich dem geſelligen Umgange ſeiner Freunde ganz zu entziehen, weilt er doch nur abweſend, zerſtreuten Geiſtes in unſerer Mitte, Niemanden macht er zum Vertrauten ſeines Grams; doch triegt mich meine Vermuthung nicht: ſo iſt ſeine Zuruͤckkunft wohl weniger ſeinem Dienſteifer, als einer zaͤrtlichen Empfin⸗ dung zuzuſchreiben, welche ihn nach Wien zu⸗ ruͤck zieht. Eine hofſnungsloſe Liebe, deren Ge— genſtand hier in der Hauptſtadt lebt, iſt ſicher der Magnet, der ihn anzieht.“ Caboga's Empfindungen wurden waͤhrend dieſer Unterhaltung immer bitterer, er empfahl ſich jetzt dem Marſchall und den Anweſenden, um nach ſeinem Palais zuruͤck zu kehren.— Er eilte unverzuͤglich zu Joſephen, die ihm in dem ganzen Zauber weiblicher Huld entgegen kam, beſorgt wie immer ſeit ſeiner Krankheit, ſelbſt nach der kuͤrzeſten Abweſenheit um ihn bekuͤmmert. Sein Unmuth, ſein Argwohn, zerſtob vor der reinen Frauenwuͤrde, die ihm aus Joſephens Haltung entgegen ſtrahlte. Die kleine Eugenie, die ſich immer lieblicher 107 entwickelte, war im Zimmer der Mutter, ſo im Beſitz ehelichen Gluͤcks, wie konnte ſein Argwohn hervortreten? Und doch mahnte ihn gerade der Gattinn Schonheit an ſeinen Ver⸗ dacht! Joſephe war heute vorzuͤglich ſchoͤn ge⸗ putzt, der Graf hatte mit ihr ſchon am Mor⸗ gen verabredet, in die Oper zu fahren; und da es kurz vor Tiſche war: ſo hatte ſie ihre Toilette ſchon beendet. Ihr Anzug ganz in griechiſchem Koſtuͤm, wie es die damalige Mode forderte, war ſehr nach Conſtantins Ge⸗ ſchmack, ſelten erſchien Joſephe uͤberall mit Putz uͤberladen, an die einfache ſittſame Klo⸗ ſterkleidung von Jugend auf gewoͤhnt, trug ſie ſelten, obgleich ihre Arme von vorzuͤglicher Schoͤnheit waren, dieſe entbloßt; der Graf war entzuͤckt von der Weiße und Zartheit ihrer Haut, ihren Arm liebkoſend an ſeine Lippen druͤckend, bewunderte er die reichen Armbaͤnder, welche ihn umſchloſſen.„Ihr Arm und dieſer Schmuck, Joſephe,“ ſprach er,„uͤberbieten einander an Reiz, es wuͤrde ſchwer ſeyn zu entſcheiden, welcher von dem andern ſeinen Schimmer er— haͤlt; doch ſah ich einſt einen aͤhnlichen Schmuck an Ihren Armen, welcher, wenn gleich viel weniger koſtbar, Sie dennoch noch ſchoͤner 108 kleidete, wenigſtens kam es meiner Eigenliebe ſo vor; ich meine jene Armbaͤnder von meinem Haar, die Sie einſt ſo freundlich waren, gern zu tragen.“—„Und die ich auch noch gern, viel lieber tragen wuͤrde, als dieſe kalten Stei⸗ ne,“ antwortete Joſephe betruͤbt,„wenn nicht ein ungluͤcklicher Zufall,“— „Was fuͤr ein Zufall?“ fragte Conſtan⸗ tin geſpannt— „Wenn nicht ein ungluͤcklicher Zufall,“ wiederholte Joſephe,„ich weiß es wahrlich nicht anders zu nennen, mich eins derſelben bei einem Feſte in des geheimen Raths LX* Hauſe verlieren ließ; meine Kammerfrau ent⸗ deckte den Verluſt erſt nach einigen Tagen, ich ließ nachfragen, doch das Armband blieb ver⸗ loren, war Niemanden zu Geſicht gekommen. An Ihnen, lieber Conſtantin,“ ſchloß ſie zartlich bittend,„wird es jetzt nur liegen, wenn ich dieſen Schmuck, den Sie ſo ſehr lie— ben, recht oft wieder tragen ſollz“ ſie begegnete dabei ſo unbefangen ſeinen durchdringenden Blik⸗ ken, ihr Auge ſtrahlte ihn ſo unſchuldig an, daß der Graf ſich ſeines Verdachtes gegen die reine Frau ſchaͤmte, und indem er zwar uͤber⸗ zeugt wurde, daß das am heutigen Morgen aus Marmonts Brieftaſche entfallene Armband 109 Joſephens verlornes Eigenthum ſei, uͤber⸗ zeugte ihn die Wahrheit in der Gattinn Wor⸗ ten, von ihrer gaͤnzlichen Unwiſſenheit davon. Indem er noch daruͤber nachſann, auf welche Weiſe er Joſephen die zufaͤllige Entdeckung ihres vermißten Kleinodes mittheilen wollte, zeigte der Diener an, daß die Tafel bereit ſeiz Conſtantin behielt alſo ſeine Mittheilung daruͤber noch zuruͤck, nahm der Graͤfinn Arm und fuͤhrte ſie in den Speiſeſaal. Die taͤgliche Mittagsgeſellſchaft des Generals war nur klein, ſeine beiden Adjutanten und der Hausſekretaͤr waren die einzigen Tiſchgenoſſen; doch war der Graf in heiterſter Laune und belebte die Tafel mit ſinnigen Geſpräͤchen. Er kam auf ſeinen heutigen Morgenbeſuch beim Marſchall zu reden und erwaͤhnte, wie er dort einen Ofſizier er⸗ blickt, der ihn einſt bald dem Tode zugefuͤhrt habe.„Seltſam, liebe Graͤfinn, wahrlich ſelt⸗ ſam iſt die Erſcheinung dieſes Mannes fuͤr mich,“ fuhr er fort, ſich zu Joſephen wendend, „denn was ich Ihnen vor wenig Tagen von dem Raube eines Bildes erzaͤhlte, beſtatigte ſich mir bei ſeinem Anblick, ſogar das bewußte Armband iſt in ſeinen Haͤnden,“ fluͤſterte er jetzt leiſe zu ihr hin.— Joſephe ſah ver⸗ wirrt zu ihm auf.—„Aus dem damals un⸗ 110 baͤrtigen Knaben iſt ein mannhafter Held ge⸗ worden, es iſt der Oberſt Marmont, einer der geachtetſten Ofſiziere der franzoͤſiſchen Ar⸗ mee,“ ſchloß er jetzt. „Marmont,“ ſchrie Joſephe entſetzt auf, erblich und ſchwankte auf ihren Seſſel. „Marmont, nun ja, warum erſchreckt Sie dieſer Name?“— doch Foſephe ver⸗ nahm ſeine Frage nicht mehr, ohnmaͤchtig war ſie zuruͤck geſunken. „Erlauben Eure Excellenz mir zu berich⸗ ten,“ antwortete ſtatt der Graͤfinn ſehr vorei⸗ lig der Hausſekretär,„der Oberſt Mar⸗ mont hatte Quartier hier in unſerm gräfli— chen Palais, gleich nach der Einnahme von Wien.“ „Der Oberſt Marmont hier in meinem Hauſe!“ fuhr der Graf gluͤhend in Zorn vom Sitze auf; und die rothe Narbe brannte wie ein Feuerzeichen, wie eine Racheflamme auf ſeiner Stirn. Zaͤhnknirſchend warf er ſeinen drohenden Blick auf ſeine Umgebung, und ver⸗ ließ heftig, aber wortlos den Saal. Er ſandte ſelbſt Joſephens Kammerfrau zu ihrer kranken Gebieterinn und zog ſich dann auf ſein Zimmer zuruͤck. Die Parkets des Fuß⸗ bodens erzitterten unter ſeinen Schritten, ſtumm, 4 aber die Bruſt voll Wuth, ging er auf und ab, das Gemalde, der Schande, der Enteh— rung ſeines Namens ſtand wie ein unbezwing⸗ licher Rieſe vor dem kraͤftigen Helden, den er nicht zu bekaͤmpfen wagte und doch keinen Aus⸗ weg rings um ſich ſah, dieſem ewig drohenden Geſpenſte ſeiner Ruhe zu entgehen.„Ja, ſie iſt ſchuldig, die weiße Taube, die unter dem glaͤnzenden Geſieder die ſchwarze Seele ver⸗ birgt!“ ſtohnte er endlich langſam, ſelbſt bei dem hohlen Klange ſeiner Stimme aufſchreckend hervor. Es war ihm, als haͤtte eine richtende Stimme das„Schuldig“ uͤber die Gattinn ausgeſprochen. Man meldete ihm jetzt, daß die Gräͤſinn ſich von ihrer Ohnmacht erholt, nach ihm gefragt habe;„es iſt gut,“ war ſeine einzige Antwort.— Sinnend ſaß er noch lange Zeit, allmalig kählte ſich ſein Blut; der feſte Mann gab der überlegung Raum.„ Nein, noch will ich nicht verdammen, was ſo lange ein Gegenſtand meiner Anbetung war,“ ſprach er zu ſich ſelbſt, „nicht blind, im Zorn will ich uͤber Dich rich⸗ ten; taͤuſcht Dein himmliſcher Blick nicht ganz, Joſephe: ſo wirſt Du reuig, buͤßend mir die Schuld bekennen, oder Deine Unſchuld zu vertheidigen wiſſen. Schweigſt Du aber, waͤhnſt 2 Du mich gar mit eiteler Ausrede zu umgar⸗ nen: ſo trifft Dich meine Rache gerecht und ſchwer, leicht wird es mir nach dieſen Belegen werden, die Wahrheit zu entdecken, Dein Ver⸗ fuͤhrer iſt in der Nähe; leicht kann mein Arm ihn treſſen.“ Nachdem ſich der Graf geſammelt hatte, ging er zu ſeiner Gemahlinn, ſich angelegent⸗ lich, aber kalt nach ihrem Befinden erkundigendz Joſephe verſicherte ihn, daß ſie ſich vollig wohl befinde. Fragend heftete ſie die matten Blicke auf ſein Geſicht, doch auf demſelben verrieth nicht eine Falte, was in ſeinem Her⸗ zen vorging und rathlos, unentſchloſſen ſah ſie in eine Tiefe voll Schrecken und Verwirrung hinab. Der Graf rief jetzt nach dem Wagen;„wir fahren doch in die Oper?“ ſprach er beſtimmt; und Joſephe wagte, ſeinem feſten Tone keinen Widerſpruch zu thun, ſie folgte ſchweigend. Caboga ſchaute ſuchend im Theater um⸗ her, er wuͤnſchte die Gegenwart des Oberſten Marmont, um ihn in Joſephens Nähe zu führen, den Eindruck zu belauſchen, wel⸗ chen ſeine Gegenwart auf ſie haben wuͤrde, und ſo der grauſamen Qual ſeiner Ungewißheit ein Ende zu machen. Er fand ihn nicht; doch 113 was dem Auge der Eiferſucht entging, das fand der Blick der Liebe; in dem Hintergrunde ei⸗ ner unerleuchteten Loge ſtand der bleiche, ſcho⸗ ne, ach ſo gefährliche Freund ihrer Seele; als Joſephe, nach langem, truͤbem Sinnen end⸗ lich einmal um ſich blickte, ſich von ihren fin— ſtern Betrachtungen abzulenken, zog er magne⸗ tiſch ihre Augen zu ſich, nach deren Anblicke er ſo lange geſeufzt, und der einzige Blick fuhr wie ein Pfeil zu ihm heruͤber, verrieth ihm den Schmerz eines gedruͤckten Herzens. Leontin hatte auf Foſephens Anwe⸗ ſenheit im Theater gerechnet, die Seligkeit ihres Anblicks wurde ihm jetzt zu Theil, fachte im Augenblicke, da er ſich ſo weit von ihr trennen ſollte, ſeine Sehnſucht, ſeine Liebe hoher an. Joſephe blickte nicht wieder zu ihm hin, ſie wandte ihr Geſicht dem Spiele zu, ohne indeß etwas Anderes, als ein ihre Sinne verwirren⸗ des Geraͤuſch in den kunſtvollen, hinreißenden Geſaͤngen zu vernehmen; ihre Wangen brann⸗ ten, ſie fuͤhlte ſie, ohne es zu ſehen, von Leon— tins gluͤhenden Blicken entzundet, die Leiden⸗ ſchaft zog ihre Wogen uͤber ſie hin; ſo ſchwankte ſie faſt bewußtlos an des Grafen Arme ihrem Wagen zu, als die Oper geendet war, mit tief geſenktem furchtſamen Blicke. Dritter Banb. H 114 Der Graf war am andern Morgen unver— aͤndert gegen ſie, ſchweigſam wie geſtern, doch voll ehrender Aufmerkſamkeit. Er verließ ſie fruͤh, um an der Mittagstafel eines Freundes Theil zu nehmen, und mit Beruhigung ſah ſie den einſamen Stunden entgegen. Sie ſann uͤber ihr ſchreckliches Verhaͤltniß nach; ihr blieb kein Zweifel, der Graf ahnete ihre Gefuͤhle, er kannte aller Wahrſcheinlichkeit nach Leontins Leidenſchaft fuͤr ſie. Sie hatte gehoſſt, hoſſte es noch, er werde eine Erklaͤrung jenes unvor⸗ ſichtigen Ausrufs, wegen jener Ohnmacht, bei Nennung von Marmonts Namen von ihr fordern; doch er blieb ſtumm, er befragte ſie um Nichts; wie unter dem Druck eines ſchwe⸗ ren Gewitters fuͤhlte ſie ſich in ſeiner Gegen⸗ wart geaͤngſtigt; vom Herzen mußte ſie dieſe Laſt werfen, ihm unbedingt Alles zu geſtehen, war ihr feſter Entſchluß.„Verzeihe mir, Caͤ⸗ cilie!“ rief ſie aus,„wenn ich Deinem Ra⸗ the nicht folge, Du ahnſt in Deinem Kloſter nicht, wie die Welt ein armes leidendes Herz bedraͤngt, wie ſich Verwirrung und Gefahr um Dein Kind häufen. Du durfteſt Dir ein Aſyl in heiligen Mauern erwaͤhlen, wohin Du mit einer beſiegten Leidenſchaft flohſt; ich ſtehe, wil⸗ den Leidenſchaften Preis gegeben, ohne Schild 115 fuͤr mein irdiſches Heil, an das mich theure Pflichten binden!“ Foſephe hielt ſich nach dieſen Entſchluͤſſen fuͤr beruhigter, als ſie wohl eigentlich war; und ſo ſcheinbar gefaßt, fand ſie ihr Gemahl, welcher von dem Gaſtmahle heimkehrte, um ſie wie am vorigen Abende ins Theater zu fuͤhren. Der Graf war ſeltſam aufgeregt, der feurige Wein des Nachtiſches hatte ſein Gemuͤth erhitzt, das bemerkte Jo⸗ ſephe deutlich, ſie bat den Grafen, ſie fuͤr heute zu entſchuldigen, indem ſie ſich in keiner heitern Laune beſinde, bat ihn aber, ſich nicht abhalten zu laſſen, das Vergnuͤgen allein zu genießen. Conſtantin, welcher fuͤhlte, daß Zerſtreuung ſeinem kranken Korper wohlthue; entruͤſtet durch der Gattinn Schweigen, durch das gefliſſentliche Entziehen aus ſeiner Nähe, ging er finſter von ihr ins Theater. Leontin hatte ſeinen Platz in ſeinem hal⸗ ben Verſteck bereits eingenommen, auf Joſe⸗ phens Gegenwart wie geſtern hoſſend; den General ſah er nur allein erſcheinen, das Schauſpiel begann, die Erſehnte kam nicht. Da durchfuhr ihn ein verwegener Gedanke; morgen mußte er fort, weit, ach, ſo weit hin⸗ weg ohne Hoffnung des Wiederſehens. Sollte er an das Gluͤck dieſer letzten Stunden nicht 116 Alles ſetzen?— Ohne ſich Rechenſchaft uͤber ſein Vorhaben abzulegen, verließ er das Schau⸗ ſpielhaus, wie von boͤſen, gewaltigen Mächten fortgezogen, trieb es ihn in die Brigittenaue. Ruhig brannten die großen Leuchter an dem Portale des Caboga'ſchen Palais, der Thuͤrſteher ſaß mit geſenktem Haupte am Ein⸗ gange, ſchien den Eintretenden nicht zu bemer⸗ ken; Leontin ging unangefragt bei ihm vor⸗ bei; die Treppen waren eben ſo einſam um dieſe Stunde, um die Theaterzeit, wenn nicht eingeladener Beſuch erſchien, erwartete die Die⸗ nerſchaft keinen Fremden, nachlaͤſſig im Dienſte ließ ſich Niemand ſehen. Leontin fand ſich in den bekannten Vorſaͤlen leicht zurecht, er trat in das unverſchloſſene Gemach der Grä⸗ finn, es war erleuchtet aber einſam, ein klei⸗ nes Zimmer ſchloß ſich an dieſes, deſſen Thuͤr ganz geoffnet war, auch hier fand er ſie nicht, leiſe ſchlich ſein Fuß uͤber die weichen Teppiche hin, dem Kabinette zu, wo er ſeine Göttinn zu belauſchen, zu finden hoffte. Dieſer Ein⸗ gang, nur durch einen Vorhang halb verhuͤllt, ließ ihn den Himmel ſeiner Wuͤnſche erſchauen, ließ ihn Joſephen in Trauer und Wehmuth hingeriſſen erblicken. Leontin ſtuͤrzte zu ihren Fuͤßen, nichts zle 117 weiter als das Wort:„Verzeihung,“ in der Fuͤlle ſeines Gluͤcks fluͤſternd. Joſephe, aus ihrem finſtern Sinnen auf⸗ geſchreckt, ſah ſich plotzlich ihrem ſchoͤnen, ge⸗ liebten Traumbilde ſo nahe, uͤbermannt von Entzuͤcken, vergaß ſie zu zuͤrnen, in ſeinen An⸗ blick verloren, ſah ſie ſuͤß laͤchelnd auf ihn hin. Der Geliebte verging faſt vor ihrer Milde und ihre Haͤnde mit gluͤhenden Kuͤſſen bedek⸗ kend, kniete er ſtumm, verklaͤrt, ihrem Blicke begegnend, noch immer zu ihren Fuͤßen. Doch, indem aus den Zuͤgen der Graͤfinn, welche allmaͤlig von ihrem Selbſtvergeſſen er⸗ wachte, ſich das ſanfte Lächeln verlor, Angſt und Schrecken darin mit Liebe kaͤmpften, blickte Leontin ſorgend zu ihr auf.„Joſephe,“ flehte er zaͤrtlich,„nur fuͤr dieſe letzten, mir vom Gluͤcke zugeſtandenen Minuten, bewaͤhren Sie die Hoffnung, welche meine Seele erhebt! Morgen fuͤhrt mich meine Beſtimmnng nach Hispaniens Boden, ſoll die gluͤhende Sonne dieſes Landes mein Herz verzehren, ſoll es ver⸗ ſchmachten ohne einen labenden Tropfen Ihrer Huld?“— Joſephe ſchwieg.—„Wollen Sie,“ fuhr er lebhafter fort,„mir denn ewig Ihr Herz verhuͤllen? Soll ich denn nie erfah— ren, wie ſehr es mich liebt?— Verſtoße, ver⸗ 118 achte, verfluche den Wahnſinnigen, der nach Deiner Liebe ringt!— Ende ſeine Hoffnungen in einem Augenblicke, aber verlocke ihn nicht noch tiefer mit dieſen erloͤſchenden Strahlen Deiner Augen!— Foſephe, bei den Qualen unſerer Bruſt, bei der Hofſnung unſerer ewi⸗ gen Seligkeit, beſchwore ich Dich mir zu geſte⸗ hen, daß Du mich liebſt; dieſe Eine entzuͤk⸗ kende Minute laß mich leben, Nacht und Schmerz bedecke dann mein ganzes Daſeyn!“ — Herrlich, uͤberirdiſch ſchon ſtand Leontin vor der Graͤfinn, wie er einſt vor Adolar ſtand, ihr die Arme verlangend entgegen brei⸗ tend. Sie erlag unter Angſt und Liebe, ſie ſank an ſein Herz und ſeufzte leiſe:„Ich liebe Dich, Leontin!“— Leichenblaͤſſe bedeckte nach dieſem Geſtändniſſe ihre Zuge, doch blie⸗ ben ihre Lebensgeiſter in Schmerz und Ent⸗ zuͤcken wach. Sie fuͤhlte den Kuß des Gelieb⸗ ten auf ihrem Auge, ſeine heißen Thraͤnen ſie⸗ len auf ihre kalte Wange. Ein heftiger Fall im Nebenzimmer rief ſie ins irdiſche Leben zuruͤck, verzagend blickte Fo⸗ ſephe um ſich, Leontin luͤftete den Seiden⸗ vorhang des Kabinets, das Vorzimmer war leer. Ermuthigt nahte er ſich Joſephen aufs Neue, doch ihre Angſt uberſtieg alle Graͤnzen. —,—— 119 „Fliehen Sie, Leontin, o fliehen Sie!“ rief ſie flehend,„eine Ahnung ſchrecklicher Ge⸗ fahr erfuͤllt mich! Jeder Augenblick kann mei⸗ nen Gemahl zuruͤck fuͤhren, wenn er Sie jetzt hier traͤfe, ehe ich mich ihm entdeckt;“ ſie ſank erſchuͤttert auf die Knie und rief die Mutter Gottes um Schutz und Hilfe an;— Leon⸗ tin ſah mit ſchmerzlicher Wolluſt die Geliebte in Angſt und Liebe um ihn vergehen. Thraͤ⸗ nen ſtroͤmten aus ihren Augen, und erweichten ſeinen verwegenen Sinn.„Ich gehorche Ih⸗ nen, Joſephe!l“ rief er zaͤrtlich,„ich fliehe Sie und mein Gluͤck, leben Sie ewig wohl!“„O, nicht allzu raſch,“ erwiederte Joſephe,„ein Opfer fordere ich noch von Ihnen, ehe Sie von hier eilen; Sie tragen mein Bild auf Ihrer Bruſt, ich muß es zu⸗ ruͤck erhalten, wenn Ihnen meine Ruhe werth iſt!“ Leontin blickte ſie verwundert an, „Ihr Bild auf meinem Herzen, wer verrieth Ihnen dieſes?“ fragte er ſie— „O, fragen Sie jetzt nicht, eilen Sie, meine Bitte zu erfuͤllen, ſoll ich nicht an der Erinnerung dieſer Stunde verzagen! Keine ir⸗ diſche Verbindung kann weiter zwiſchen uns beſtehen,“ redete Jo ſephe flehend auf ihn ein,„dieſes Bild gehört meinem Gatten, ſein 120 Beſitz iſt fuͤr Sie eine Pflichtverletzung; wird mich Leontin zwingen, ihn weniger zu ach⸗ ten?“— „Leontin wird Sie zwingen ihn ewig zu lieben!“ Mit dieſen Worten riß Marmont das Medaillon von ſeiner Bruſt, und legte es mit ſtrahlenden Blicken in der Geliebten Hand. „Nimm, nimm das Opfer,“ ſprach er weiter, „jede Deiner Bitten iſt mir Geſetz, wenn ſie mich nicht zwingt, Dir zu entſagen. Ich be⸗ darf des Liebespfandes nicht, trug ich Dein Bild, ehe ich Dich erblickte, treu und liebend im Herzen: was könnte mich jetzt, da Du mir den Himmel Deiner Liebe erſchloſſen, wankend machen! Ich ſcheide, ich fliehe Dich, Joſe⸗ phe, aber Liebe und Hoſſnung trage ich mit mir fort!“— „Hoffen Sie Nichts,“ antwortete Joſe⸗ phe,„wenn Sie dieſe Stunde nicht als eine Scheideſtunde fuͤr uns anſehen: ſo muß ich an dem Heile meiner Seele verzweifeln, ſo muß ich bereuen, verdammen.“ „Halt ein, Joſephe,“ ſfiel Leontin erſchrocken ein,„bereue, verdamme nicht!—— Sei es dann die Scheideſtunde; ich hoſſe, waͤre es auch erſt fuͤr ein anderes Leben!“—— Schon nahte Leontin dem Vorhang der 121 Thuͤr, voll Angſt winkte ihm die Grafinn zu⸗ ruͤck,„nicht dort hin!“ rief ſie aͤngſtlich,„ei⸗ len Sie die Balkontreppe hinab durch den Gar⸗ ten, der Graf muß in dieſer Stunde zuruͤck kehren, die bängſte Ahnung erfullt mein Herz;“ ſie ſchob den Riegel der Glasthuͤr zuruͤck, Leon⸗ tin trat, ihren Wuͤnſchen folgend, auf den Balkon, ein ſcharfer Luftſtrom drang ins Zim— mer und warf die Thuͤr ſo heftig ins Schloß, daß die Waͤnde erbebten und ein wehmuͤthiger Klang den Reſonanzboden der Laute durchzit⸗ terte, die unter ihren Trauerfloren, wie immer, uͤber der Blumenurne hing. Joſephe ſank verzagend auf ihre Knie. Der Oberſt Marmont eilte die Stufen hinab an der Mauer des Gartens hin, das Gitterthor desſelben zu erreichen, welches, wie er ſich erinnerte, erſt um Mitternacht geſchloſ⸗ ſen wurde und ſeitwärts vom Palais in die Vorſtadt fuͤhrte. Kaum unter den halb ent⸗ laubten Lindenbaͤumen, welche dieſes uͤberwolb⸗ ten, angekommen, trat ihm eine rieſige Manns⸗ geſtalt entgegen;„zuruͤck, Verwegener!“ don— nerte ihn eine Stimme an,„nicht eher ver— läßt Du dieſes Gebiet, bis ich die Schande meines Namens in Deinem Blute abgewaſchen.“ — Eine blanke Klinge blitzte in dieſem Augen⸗ 122 blicke dicht vor Leontins Augen und mecha⸗ niſch riß dieſer ſeinen Saͤbel aus der Scheide, um, ſo viel es ihm die Dunkelheit erlaubte, ſein bedrohtes Leben zu ſchuͤtzen. Mit ſchim⸗ pfenden Worten drang der Unbekannte auf ihn ein,„Bube, niedertraͤchtiger Verfuͤhrer!“ ſchrie dieſer fort und fort,„vertheidige Dich; mein Blut, meine Ehre, meine theuerſten Kleinode, die Du mir geraubt, fordern Rache, blutige Rache an Dir!“— Der Oberſte Marmont erkannte jetzt, vom erſten Schreck zuruͤck gekommen, mit Ent⸗ ſetzen des General Caboga's Stimmez er ließ den Saͤbel ſinken, er fuhr zuruͤck.„Halten Sie ein, General, hoͤren Sie meine Verthei⸗ digung, ehe Sie mich zwingen, durch Gegen⸗ wehr Sie vor einem Meuchelmord zu bewah⸗ ren. Kein Verbrecher, ein Liebekranker ſteht vor Ihnen, was Sie auch entdeckt, wie ſehr der Anſchein gegen mich zeugt, ich beeinträch⸗ tige Ihre Rechte nicht, laſſen Sie mich in Frieden ziehen.““ „Elender, feiger Luͤſtling,“ entgegnete ihm Caboga,„ſpotteſt Du meiner noch, wagſt Du es, meiner Schande Hohn entgegen zu ſet⸗ zen, willſt Du meine Augen zu Luͤgnern ma⸗ chen!— Erblickte ich nicht Joſephen?“— „ 123 Wuth erſtickte ſeine Stimme und heftiger denn zuvor drang er auf den Oberſten ein, dieſer konnte ſich kaum gegen ſeine wuͤthenden Hiebe verwahren.„Joſephe iſt ein heiliger En⸗ gel!“ rief Leontin;„jeder Tropfen Blut fuͤr ihre Suͤnde vergoſſen, ſchreit zum Himmel,“ indem er aus mehrern kleinen Wunden im Ge⸗ ſicht und Arme blutend, den blindlings fallen⸗ den Säͤbelſtreichen des Generals, bis dahin ohne Gegenwehr, nur mit vorgehaltener Waſſe ſich Preis gegeben hatte.— Joſephens Bild, wie ſie von der ſchrecklichen Ahnung die⸗ ſes Kampfes vor wenigen Minuten bebend vor ihm ſtand, erfuͤllte ſeine Seele; er hatte dieſe Schmach uͤber ſie und ſich gebracht, dieſer Vor— wurf gab ihm Kraft, die Schmaͤhungen des Grafen zu dulden, nicht, wie ſonſt mit ge⸗ wohntem Heldenmuth, den feindlichen Angriff zu erwiedern. Sollte er noch groͤßeres Leid auf ihr weiches Herz werfen?— Dieſer Ge⸗ danke bewog ihn, ſich durch ein raſches Zu⸗ ruͤckziehen ſeinem Feinde zu entreißen. Schon faßte er mit der linken Hand die Gitterpforte, ſie war unverſchloſſen, mit Kraft riß er ſie auf, indem ſeine Rechte bei dieſer raſchen⸗Be⸗ wegung dem Verfolger die Spitze ſeines Si⸗ bels entgegen hielt; der Graf, der in der Dun⸗ — 124 . kelheit erſt durch das Raſſeln der Pforte des Oberſten Plan errieth, ſtuͤrzte gegen dieſe, und rannte ſich ſo ſelbſt den Säbel Leontins in die rechte Seite.— Der heftige Schmerz warf ihn nieder, machte ihn faſt beſinnungs⸗ los.— Leontin warf ſeine blutende Waffe, bei dem Falle des Grafen, ſchaudernd von ſich, ſich uͤber den Verwundeten hinbeugend, deſſen leiſes — ichien graͤßlich in ſein Ohr klang. Er vergaß „nur an Jenen denkend, durchdrang ſein Hilferuf den Garten; ſeine Haͤnde ergrif⸗ fen die Haͤnde Caboga's, noch war Lebens⸗ waͤrme in ihnen; hofſend blickte Leontin zum Himmel auf, kein Stern erglaͤnzte ihm dort zum Strahl des Troſtes, doch Fackeln⸗ glanz nahte jetzt vom Hauſe, der Klang geoff⸗ neter Fenſter, zugeworfener Thuͤren drang zu ihm her, und deutlich ſah er Diener des Hau⸗ ſes nahen. Da durchzuckte ihn ein gräßlicher Schmerz, ſein Stolz, ſein Bewußtſeyn er⸗ wachte, ſollte er ſich der ſchimpflichen Willkur der Geſetze uͤberlaſſen, ſollte er die Ehre der Geliebten Preis geben?— Dieſe Gedanken flo⸗ gen wild aber mahnend durch ihn hin; er rafſte ſich empor, floh durch das Thor raſtlos fort, 125 und noch aus der Ferne drang Geſchrei und Wehklage ihm nach.— Ohne Sinn und Gfuͤhl fuͤr aͤußere Ge⸗ genſtände irrte er, in die Stadt zuruͤck gekom⸗ men, die weitlaͤufigen Straßen auf und ab; die Verwirrung ſeines Geiſtes war ſo groß, daß er mehrmals den Gaſthof voruͤber lief, in welchem er Quartier genommen. Ermattet ſank er endlich auf den Steinſitz eines Hauſes, ſein Herz ſchlug hoch, der Athem fehlte ihm faſt; wer hätte in dieſer zuſammen geſunkenen Geſtalt, an dieſen matten, irren Blicken, den verwegenen, ſtolzen Oberſten Marmont er⸗ kannt? Die kurze Erholung gab ihm einige Kraft zuruͤck, der wilde Umlauf ſeines Blutes ward gemaͤßigter, er beſann ſich wo er war, und was er wolle. Er rief einen voruͤber fah⸗ renden Fiaker, bezeichnete ihm Straße und Gaſthof, und ließ ſich von dieſem hin fahren. — Es war nach Mitternacht, als er ſein Quar⸗ tier erreichte, in dem erhellten Zimmer ward ſeine Bruſt leichter; ſein Gefüͤhl ſanfter. Weh⸗ muͤthig blickte er auf ſeine Blut befleckten Haͤnde. „Blut fuͤr Liebe, reicht mir das Geſchick,“ ſprach er dumpf vor ſich hin.—„Grauſa⸗ mes Gaukelſpiel des Lebens, das mir in der⸗ ſelben Stunde die hoͤchſte Luſt, den tiefſten 126 Jammer, in Einem Becher miſcht!— Jo⸗ ſephe,“ ſprach er weiter,„Du nannteſt ſie unſere Scheideſtunde, o, ſie iſt es geworden; ewig wirſt Du den Mann fliehen, der das Blut Deines Gatten vergoß!“— Er wuſch die blutigen Haͤnde rein, hob ſie dann gen Himmel auf, als ſollten ſie ſeine Unſchuld be⸗ zeugen;„aber einſt,“ fuhr er ſehr erweicht fort,„waͤre es auch erſt dort oben, wirſt Du, ſuͤße Geliebte, dieſe Hand ſo rein wie jetzt er⸗ blicken!“ Er ſchickte ſeinen Diener nach Poſtpferden und ehe noch die erſten Tagesſtrahlen die Thuͤrme Wiens erhellten, war er ſchon weit davon entfernt, mit Ungeduld dem Schauplatze eines grauſamen, blutigen Kampfes entgegen eilend, der Sehnſucht und Reue in ſeiner Bruſt be⸗ ſchwichtigen ſollte. VI. Haͤnderingend empfing Anna, der Graͤfinn Kammerfrau, den klagenden Zug der Diener, welche den bewußtloſen Gebieter in den Palais trugen. Beſonnen beſchwichtigte ſie die Erzaͤh⸗ 127 lenden, bat und flehte, jedes Geraͤuſch zu ver⸗ meiden, damit ihre arme Graͤfinn nicht unvor⸗ bereitet von dem Anblicke zu Tode erſchreckt wuͤrde; ſie kam ſo eben von dieſer, welche ſie entkleidet. Joſephe hatte ſich nach Leontins Ent⸗ fernung in die andern Zimmer begeben, hier aͤngſtlich den Gemahl erwartet. Die Fenſter dieſer Zimmer fuͤhrten nicht in den Garten; ganz in ſich ſelbſt verſunken, hatte ſie das hier⸗ her nur ſchwach eindringende Hilfsgeſchrei nicht vernommen, ſie ahnete nicht, daß ihr Gemahl blutend, toͤdtlich verwundet in ihrer Naͤhe lag. Nachdem Anna vorſichtig den Grafen in den andern Fluͤgel des Palais gebettet hatte, die Arzte ihn verbunden, Alles fuͤr die zweck⸗ maͤßige Behandlung der Wunde angeordnet hat⸗ ten, kehrte dieſe zu ihrer Gebieterinn zuruͤck, dieſe mit einer Nothluͤge füͤr dieſe Nacht von dem Kranken entfernt zu halten. Sie berich— tete der Grafinn, daß der Graf ſie erſuchen laſſe, ſich zur Ruhe zu begeben, indem er ſelbſt erſt gegen Morgen aus einer Geſellſchaft von Freunden zuruͤck kehren werde, die ſich nach dem Theater zuſammen gefunden. Es war ſeit dem Frieden Joſephen nicht ganz ungewoͤhnlich, daß der General, mehr wie 108 fruͤher, die Geſellſchaften ſeiner Freunde theilte, oft dauerten dieſe bis ſpaͤt in die Nacht.— So blieb ſie denn allein, allein mit ihrem Schmerz und ihrer Reue.— Sie ſchickte Anna zu Ruhe, doch ſie ſelbſt fand keine. Schamroͤthe auf den Wangen, mit Schuld be— laſtet, ſaß ſie wie ein Marmorbild an dem Grabmahle ihres Gluͤcks, ihrer Ruhe. Doch es gab ein Herz auf der Erde, an das ſie fliehen durfte, war gleich ihr Schmerz ſo heiß, daß er den Troſt verwarf; bekennen, buͤßen konnte ſie doch die Schuld, ſich mit dem Leben zu verſohnen, hoſſte ſie nicht. Sie legte ſich nicht zum Schlafen nieder, ſie ſcheuete die Bilder, welche ihr der Traum zufuͤhren wuͤrde; ſie ſchrieb die lange Nacht hindurch. ephe an Caͤcilien. „Wende Dich ab von der Unwuͤrdigen, meine Mutter, ſchlage Deine liebenden Arme nicht mehr um die Bruſt des pflichtvergeſſe⸗ nen Weibes, ſchaue mich nicht an mit dem Blicke voll ſtrafender Hoheit!— Ach, ich darf ja mein Auge nicht zu Dir erheben, die Schuld ſpricht in bangen, ſchweren Seuf⸗ zern aus meiner Bruſt; ich habe keine Ent⸗ ſchuldigung fuͤr mein Vergehen, ich rufe die 120 Strafe des Himmels auf mein ſuͤndiges Haupt.— Deine Foſephe, die Du an Deinem heiligen Herzen erzogſt, die Du mit den Fruͤchten tugendhafter Entſagung nähr⸗ teſt, deren Wiegenlieder die frommen Geſaͤnge Deiner Nonnen waren, die mit den Engel⸗ bildern Deiner Kirche in frommer Unſchuld ſpielte; ſie wurde ihren Pflichten untreu, verletzte die heiligen Schwuͤre, welche ſie Dir und den Heiligen gelobt hatte. Furchtbare Tage habe ich durchlebt, ich habe gerungen und gekaͤmpft; doch die Liebe nahm, mein beſſeres Gefuͤhl ertoͤdtend, immer großern Beſitz von meinem Herzen. Der Gegenſtand meiner Leidenſchaft erſchien aufs Neue in meiner Nähe, mein Gemahl machte mich ſelbſt damit bekannt, mein Herz ward zum Verraͤther an mir!— Ein furchtbares Miß⸗ trauen zog in des Grafen Seele; wie die Unheil verkuͤndende Stille uͤber der Meeres⸗ flaͤche ruht, ehe die Stuͤrme ſeine Wogen er⸗ heben; wie der rathloſe Schiſſer ſchon Tod und Verderben aus ihnen aufſteigen ſieht, noch ehe ſich ihre Schluͤnde offnen:— ſo las ich in meines Gemahls ruhigen, aber verduͤſterten Augen, in der furchtbaren Kaͤlte, dem ſchein⸗ baren Gleichmuth ſeines Benehmens, den na⸗ Dritte Vand. J 130 hen drohenden Sturm. Wollte ich ſeine Ach⸗ tung nicht auf ewig verlieren: ſo mußte ihm der Zuſtand meines Herzens enthuͤllt werden. O, warum zogerte ich einen Augenblick, mich zu ſeinen Fuͤßen zu werfen? warum ſchob ich meine Bekenntniſſe um eine Stunde auf? Conſtantin haͤtte mich dann in der dunkeln Stunde nicht verlaſſen, die Liebe haͤtte mich nicht unbeſchuͤtzt gefunden!“ „Der Augenblick der Verſuchung erſchien; Leontin ſtand uͤberraſchend der Einſamen gegenuber, ſchoͤner, zaͤrtlicher, flehender wie je.— Da raumte mein verrätheriſches Herz dem Abgott ſeiner Gefuͤhle ſein furchtbares gewaltiges Recht uͤber ſich ein, meine Lippe geſtand ihm, wie heiß ich ihn liebte, eine Mi⸗ nute ſchlug mein Herz an ſeiner Bruſt.“—— „Mein Geſtaͤndniß ſchien ihn beſeligt, ge⸗ heiligt zu haben; denn unterthaͤnig allen mei⸗ nen Wuͤnſchen, ſchied er ruhig, o, ſtrafbares Wort! voll Hoffnung von mir.“ „Eine furchtbare Angſt, o, ich mochte ſie Ahnung eines Ungluͤcks nennen, beklemmte nach dieſem Pflicht verletzenden Geſtändniſſe meine Seele; ich floh den Ort, wo ich mich in ſeinen Armen erblickt, ich möchte Verwuͤn⸗ ſchungen gegen den Verwegenen ausſprechen ———— und vermag es doch nicht, ich muͤßte ja die himmliſchen Zuͤge des Engels verwuͤnſchen, vor welchem ich ſonſt vertrauend beten durfte!“ „Wird der Graf mir jetzt verzeihen?— ſo frage ich mich beklommen; wiſſen muß er, was ich verbrochen; fuͤr ein willenloſes Ge⸗ fuͤhl, meine Mutter, meinteſt Du, ſei ich nicht verantwortlich, fuͤr die pflichtvergeſſene Handlung bin ich es und der Himmel be⸗ wahre mich, eine Heuchlerinn zu werden.“ „Da zieht das Morgenroth uͤber die Thuͤrme der Stadt, mir wird kein Morgen aufgehen, einer dunkeln Nacht ſchleiche ich entgegen!— Deine Joſephe.“ Der Hainne Arzt der Graͤfinn ſtand am andern Morgen vor dieſer, und bleich, mit verſtorten Sinnen hoͤrte ſie aus ſeinem Munde die ſchrecklichen Begegniſſe des geſtrigen Abends, die er zwar ſchonend, aber ſie vorbereitend auf das zirgſte, denn des Grafen Beſinden ließ Alles füͤrchten, mittheilte.— Er ſah ſich ge⸗ zwungen, der Gattinn die Wahrheit nicht län⸗ ger zu verſchweigen.„Ein Zweikampf,“ ſo erzäͤhlte er,„dicht an der Gitterpforte, hat Se. Excellenz in dieſe Gefahr gebracht, ein fremder Saͤbel, dem Anſcheine nach einem S—„ — 132 franzöſiſchen Offizier zugehorig, fand ſich in den entblaͤtterten Gebuͤſchen, der Gegner war ent⸗ flohen, doch muß auch er verwundet ſeyn, denn weit hinaus auf die Straße geht eine Blut⸗ ſpur.“ Joſephe ward unter dieſer Erzählung im⸗ mer bleicher, doch das Entſetzen erhielt ſie be⸗ wußtvoll; ihre Phantaſie malte ſich die fuͤrch⸗ terliche Scene aus, vergehend blieb ſie, ſtumm, unter dem Zorngericht des Himmels, welches ſie ſo ſchnell ereilt. So ſaß ſie faſt zwei Tage, von theilnehmenden Bekannten und ihren Frauen umringt; kein troͤſtendes Wort, keine liebende Pflege konnte ihr eine Sylbe entlocken, ſie fragte weder, noch verlangte ſie zu ihrem Ge⸗ mahl. Doch endlich gab der Schmerz dem bre⸗ chenden Herzen Thranen, ſanftere Empſindun⸗ gen erhielten Raum in ihrer Seele. Sie erſchrak, als man ihr ſagte, wie lange ſie vom Schmer⸗ zenslager ihres Gatten zuruͤck geblieben war, noch zur ſelben Stunde ließ ſie ſich zu ihm fuͤhren und wich, wie in ſeiner fihhern Krank⸗ heit, nicht von ſeinem Bette. Der General, im fortwährenden Fieber liegend, erkannte Nie⸗ mand um ſich; wie oft ſank die bei ſeinem Anblicke ſchrecklich buͤßende Gattinn an ſeinem Bette hin, ſeine brennenden Haͤnde mit ihren 133 Thraͤnen netzend. Sie hatte das Bild, wel⸗ ches ſie von Leontin zuruͤck empfangen, wie⸗ der auf ſeine Bruſt gehangen;„nimm mich zuruͤck,“ ſprach ſie bewegt,„Dir will und muß ich angehoren, hier iſt der Platz, auf den mich mein Schickſal gewieſen! Ewige Barmher⸗ zigkeit!“ rief ſie die Hände gen Himmel er⸗ hebend,„ſtehe mir bei, das Trugbild aus mei⸗ ner Seele zu bannen!“ Der General uͤberſtand indeß die Gefahr, in welche ihn eine gefaͤhrliche Wunde verſetzt hatte; der Augenblick erſchien, den Joſephe mit Thraͤnen und Gebeten vom Himmel er⸗ fleht, ihre ſtrafbare Leidenſchaft war nicht zur Moͤrderinn des Gatten geworden. Conſtan⸗ tin erhielt mit neu belebten Kraͤften Beſin⸗ nung und Empſinden zuruͤck.— Fuͤrchterlich drohend zog er die Brauen zuſammen, Glut uͤberzog ſein bleiches Geſicht, als er Foſe⸗ phen an ſeinem Lager erblickte.„Wagſt Du es, ehrreeen⸗ Buhlerinn, Schande Deines Geſchlechts!“ ſchrie er auf,„wagſt Du Deine verfluchte Hand an mich zu legen; fort, hin⸗ weg aus meinen Augen, Dein Anblick tödtet mich aufs Neue!!“ Mit dem Ausdruck der Verzweiflung in dem brennenden Auge, ſank Joſephe bei dieſen 134 Worten in ihrer treuen Anna Arme, welche, zu Tode erſchrocken, einen Ausbruch des Wahn⸗ ſinns bei ihrem Gebieter fuͤrchtete, indem er die zaͤrtliche, geliebte Gattinn ſo von ſich ſtieß. Joſephe erwachte, mit Todesſchauer um⸗ geben, aus ihrer Ohnmacht; ſo ſchrecklich hatte ſie ſich ihr Geſchick nicht gedachtz ſie wagte nicht, zu dem Grafen zuruͤck zu kehren; ſie zitterte, wenn ſie der Verwuͤnſchungen gedach⸗ te, die er gegen ſie ausgeſprochen hattez ſie ſah ſich im Elende verſunken, ſie beugte das ſchone Haupt unter dem Richtſchwert nieder, ohne Kraft, ohne Willen ſich zu wehren.— Endlich gedachte ſie ihres Kindes, das war ein Band zwiſchen ihnen, das der Grauſame nicht zerreißen konnte, es ſollte der verſohnende En⸗ gel werden. Sie ſetzte ſich nieder und ſchrieb Alles, was ſie dem Gemahl hatte fruͤher ent⸗ decken wollen, ſandte Anna mit dem Kinde, das in ſeinen zarten Haͤnden der Mutter Selbſt⸗ anklage trug, zu dem Vater.— Caboga riß die ſuͤße Eugenie an ſein Herz, doch den Brief, auf welchem er der Gattinn Hand er⸗ kannte, ſchleuderte er aufgebracht zuruͤck und beſchied Anna nach einigen Stunden wieder in ſein Zimmer; dieſe nahm ſeufzend den Brief, den ihre verehrte Gebieterinn unter zahlloſen Thraͤnen geſchrieben hatte, vom Boden auf und ging verzagend zu dieſer zuruͤck. Am Abend dieſes Tages hielt Joſephe ei⸗ nen Brief ihres Gemahls in den Haͤnden; lange zoͤgerte ſie ſein Siegel zu brechen, erſt nach Kraft ringend, das Schwerſte zu uͤberwinden. Der Graf ſchrieb: „Sie beſchleunigen durch ihr“ ſchamoſes Zudraͤngen die Schritte, welche ich, meiner Ehre wegen, wie Sie ſehen, ohne Zorn, mit kaltbluͤtiger Ruhe zu thun beſchloſſen hattez es kann von keiner Gemeinſchaft zwiſchen uns mehr die Rede ſeyn und daher ſehe ich mich gezwungen, ſelbſt meine Tochter, auf welche Sie Ihre Rechte durch Ihre Verge⸗. hungen aufgegeben haben, fuͤr mein alleini⸗ ges Eigenthum zu etklaͤren. Sie ſelbſt rei⸗ ſen ſofort nach Ihrem Schloſſe Caboga ab, ich gonne Ihnen Zeit, dort Ihre Verirrun⸗ gen zu beweinen.“— „Werden Sie dieſe meine Befehle nicht ungeſaͤumt vollziehen, und wollen Sie ſich ſolchen widerſetzen: ſo ſehe ich dieſen Unge⸗ horſam als einen Beweis Ihres Wunſches an, ſich oͤſſentlich und geſetzlich von mir zu trennen. Ein Vertheidiger der Ehre meines Vaterlandes, muͤßte ich den Kommandoſtab — 136 in die Hände meines Kaiſers zuruͤck geben, wollte ich die eigene Ehre hintanſetzen. Das Vaterland bedarf meines Arms, Sie beduͤr⸗ fen deſſen nicht, fuͤr Sie ſicht frecher Uber⸗ muth. 1 Conſtantin Caboga.“ Joſephe hatte geleſen, ſie warf ſich in die Arme ihrer Anna, ſie war in dieſem Au⸗ genblicke ja nur ein Troſt beduͤrftiges, hilfloſes Kind, das im Arm der treuen Waͤrterinn Schutz und Zuflucht ſuchte. Einzelne große Thraͤnen rollten uͤber ihre entfaͤrbten Wangen. „Geſchwind, Anna!“ rief ſie dringend,„eile, daß wir von hier fort kommen, ich muß nach Marianky, nach Caͤcilien, ſoll ich nicht die Hoſſnung auf meine ewige Seligkeit verlieren.“ Emport war Joſephe von der grauſa⸗ men Tyrannei ihres Gemahls, der ſie ungehört verdammte, ſie der Verworfenſten ihres Ge⸗ ſchlechts gleich achtete. Sie hatte gefehlt, war der Sirenenſtimme einer Leidenſchaft gefolgt, welche ſich mit heili— ger Glorie umgeben, ſchon fruͤh in ihr unbe⸗ wachtes Herz geſchlichen. Sie hatte gefehlt, aber der Himmel war Zeuge ihrer zahlloſen Kämpfe, er hatte den ernſtlichen Willen er⸗ kannt, mit welchem ſie ſich aufſtrebend nach *. 137 der einzigen ſchwachen Minute ihres Lebens wieder erhoben. Mit ſchmerzlicher Wolluſt, einer heiligen Maͤrtrerinn gleich, deren Auge unter Qualen ſich aufwaͤrts richtet; wandte Joſephe die Blicke zum Himmel; ſo ſchwere Buße mußte den Heiland verſöhnen!— Sie ließ dem Grafen ihr Lebewohl ſagen, uͤber⸗ ſchwemmte die kleine Eugenie mit heißen Thraͤnen und ſtieg, nur von Anna begleitet, in den Wagen, der ſie zuerſt zu Caͤcilien fuhren ſollte.— Lange hatten Cäciliens Augen keine Thra⸗ nen vergoſſen, ſchluchzend hing ſie bei dieſem troſtloſen Wiederſehn uͤber der, zu ihren Fuͤßen knieenden Joſephe;— auch dieſes edle Herz hatten Leidenſchaft und Schmerz gebrochen. Sie, die Vertraute von Joſephens leiſeſten Gefuͤhlen, hatte viel fuͤr das Lebensgluͤck ihres Kindes gefuͤrchtet, ſie kannte die Tiefe ihres Gemuͤths, wußte wie bleibend der Eindruck auf dieſes war und konnte nicht hoffen, ſie je wie⸗ der ganz von der Leidenſchaft, von welcher ſie ergrifſſen war, geheilt zu ſehen. Sie ſah nur Errettung fuͤr Joſephens Seelenfrieden in der ſtrengen Hinweiſung auf theure Pflichten; ſie war Gattinn und Mutter, der Graf war ein Mann, der die Achtung ſeiner Gemahlinn 138 beſaß, von Allem dieſem hofſte ſie Vieles, und doch war ihre Hoſſnung vereitelt worden!— „Du reiſeſt nicht nach Caboga, Du bleibſt hier in Marianky, in meinen Armen, wenn mein Wunſch anders dem Deinigen be— gegnet,“ ſprach ſie zu Foſephen. „O, wie gern, theure Mutter,“ erwie⸗ derte dieſe,„doch der Befehl des Grafen“— „Das ſei meine Sorge,“ antwortete Caͤ⸗ cilie und nach einiger Uberlegung ſchrieb ſie dieſem, daß Joſephe ſich, ehe ſie ſeinem grau⸗ ſamen Befehle nachgekommen, an ihre Bruſt geworfen habe.„Ich nahm das verirrte Kind freundlich in meine Arme,“ ſchrieb ſie,„denn nur verirrt, nicht gefallen iſt Joſephe, und ſie bedarf wohl eher der Stimme des Troſtes, als der Zornworte, welche Sie ſo ſchonungslos uͤber ſie ausſchuͤtten. Ich halte daher Ihre ſtrafende Hand auf, Sie werden kaͤlter, be⸗ ſonnener werden und Beweiſe, die Joſephen in Ihren, wie in meinen Augen entſchuldigen, in meinen Haͤnden finden, welche Ihnen das Herz Ihrer Gattinn ganz enthuͤllen werden. Dann ernſt moͤgen Sie richten, dann verdam⸗ men oder verzeihen.“— „Sie vergoͤnnen der armen Dulderinn nun wohl ſo lange den Aufenthalt in meinem Klo⸗ 139 ſter, bis ich ſie gefaßt, ergeben, in ihr trau⸗ riges Geſchick erblicke.— Schreiben Sie mir bald Ihre Einwilligung in meine Wuͤnſche. Caͤcilie.“ Dieſer Brief traf den Grafen Caboga in der finſterſten Laune; ſeit einigen Tagen hatte er zwar das Bett verlaſſen, doch ſeine Schwaͤche war noch immer ſehr groß; reizbgrer wie in geſunden Tagen, wallte ſein Zorn aufs Neue auf, jede Schonung gegen die Untreue Jo⸗ ſephens ſchien ihm ſtrafbar. Doch der ru⸗ hige, gehaltene Ton in Caͤciliens Briefe entwafſnete ihn wieder, und ruͤckſichtsvoll gegen die achtungswerthe Verwandte, beantwortete er ihren Brief gemäßigter, als er Anfangs gewollt. 6 2 „Ich fuge mich Ihren Wuͤnſchen, Hoch⸗ wuͤrdige Frau, aber ſehen Sie darin nur ei⸗ nen Beweis meiner Achtung fuͤr Sie ſelbſt, ſehen Sie darin keine Schonung gegen eine Unwuͤrdige, deren Namen meine Lippe ohne Zorn nicht ausſprechen kann. Ich bin be⸗ trogen, wie nie ein Mann betrogen wurde, 140 die Kloſterheilige prunkte mit dem Schein erhabener Tugenden, ſie verſchmaͤhte die Flit⸗ tern der Welt und ihr ganzer heiliger Schein war nur die armſelige Flitter verachtlicher Heuchelei.— Sie hat den Gatten, wie den Krieger gleich tief in mir beſchimpft, es kann von keiner Schonung, keiner Verſöh⸗ nung unter uns die Rede ſeyn, ich ſtrafe nicht, aber ich verachte! Beweiſe bedarf ich nicht. Entſchuldigungen will ich nicht hören, und das mich einſt ehrende und begluckende Zeichen ihrer Huld, das Bild der Unwuͤrdi⸗ gen lege ich in Ihre Haͤnde zuruͤck. Es iſt ein ſprechender Zeuge ihrer Vergehungen, doch es vertragt ſich nicht mit den Ehrenzeichen, welche als Lohn eines unbefleckten Lebens auf meiner⸗Bruſt glaͤnzen; Ehre und Liebe, ſo wähnte ich, trug ich in ſchoner Vereini⸗ gung auf meinem Herzen.— Die Liebe wat Gaukelei, die Ehre will ich retten!— Conſtantin, Graf Caboga.“ Der Graf hielt ſich von Foſephens Untreue uͤberzeugt, er glaubte ſie tauſendmal ſtrafbarer als ſie war; Alles hatte ſich verei⸗ nigt, dieſen Wahn in ihm zu beſtärken. Das Armband, der Raub des Bildes, ſeiner Gat— tinn Erſchrecken bei der Nennung von Mar⸗ 141 monts Namen, ihr Schweigen nach jener Scene und jener Abend, an welchem Leon⸗ tin, hingeriſſen von der Leidenſchaft in Jo⸗ ſephens Zimmer drang, wo Conſtantin aus dem Schauſpiele zuruͤck kehrte, uͤberzeugt, ſie allein zu finden, zu ihr ging und indem er der Graäſinn Vorzimmer betrat, durch lautes, leidenſchaftliches Reden in ihrem Kabinette auf⸗ merkſam gemacht, den Vorhang desſelben un⸗ bemerkt zuruͤck zog, und, als haͤtte ihn ein dunkles Verhaͤngniß gefuͤhrt, Zeuge von Jo⸗ ſephens Geſtaͤndniß, von der Umarmung der unglucklich Liebenden wurde.—— Sein Zorn war fuͤrchterlich, in blinder Wuth rannte er in ſein Zimmer, riß ſeinen Säbel von der Wand und wollte ſo bewaffnet den Verführer ſeiner Gattinn vor ihren Augen verderben. Doch ſchon auf dem Wege aͤnderte er ſeinen Ent⸗ ſchluß, ſein Ehrgeiz erwachte; ſollte er ſeine Schande den Augen ſeiner Dienerſchaft Preis geben?— Er ſann nach; ſicher war der Oberſte Marmont auf geheimen Wegen zu Joſe⸗ phen gegangen, hatte, als ihr ehemaliger Hausgenoſſe, gewiß den Eingang vom Garten zum Balkon gekannt und gewaͤhlt; denn ein Diener, dem Caboga auf der Hausflur be⸗ gegnet, hatte auf ſeine Frage von keinem Be⸗ 142 ſuche bei der Gräfinn gewußt. Da fuhr der unſelige Gedanke durch ihn hin, an der Git⸗ terpforte des Gartens ſeinem Feind uͤberraſchend entgegen zu treten: er fuͤhrte ſeinen Vorſatz aus und wurde das Opfer ſeines Zorns.—— Conſtantin uͤberwand den Schmerz, den ihn Joſephens Verirrung gekoſtet, es gelang ſeinem ernſtlichen Streben, ihr Andenken in Schatten zu werfen, ſeine ganze Liebe der zar⸗ ten Eugenie zu ſchenken, mehrere Stunden des Tages mußte die Kleine in ſeinem Zim⸗ mer ſpielen, und er beklagte nichts mehr, als daß ihm ſtatt der Tochter kein Sohn geboren. — Ich muß darauf verzichten, dachte er dann, einen Namen fortzupflanzen, der nicht rein von Flecken iſt, wollte ich die Meineidige, welche ihn verdunkelte, auch ganz verſtoßen, um fuͤr eine zu hoffende Nachkommenſchaft eine andere Mutter zu erwaͤhlen; wer wuͤrde meine Wahl leiten, ſcheu und aͤngſtlich wuͤrde ich aufs Neue einen Mißgriff thun; Joſephens Bild, wie ſie einſt war, wuͤrde mich zu Anſpruͤchen ver⸗ leiten, die meine Jahre nicht mehr machen duͤrfen, ich tauſchte vielleicht nur Ungluͤck um ungluͤck ein, beſſer, mein Name erſtirbt mit mir.— Bis zu dem Jahre 1815 lebte General 143 Caboga ein abwechſelnd thätiges, aber freu⸗ denloſes Leben, wichtige Kriegsbegebenheiten hatten zum zweiten Male einen Thron geſtuͤrzt, auf dem Bſtreichs holde Kaiſertochter herrſchte, den ſie der Gewalt weichend, unglucklich zwar, doch nicht ſo blutig verfolgt, wie ihre erhabene Verwandte, Marie Antoinette, verlaſſe'n mußte. Im Norden hatte ein maͤchtiges Flana⸗ menzeichen dem unterdruͤckten Deutſchland den Aufruf zu Sieg oder Tod gegeben. In Suͤlden tobte der Kampf heiß und blutig; und Frank⸗ reichs rechtmaͤßiger Thronerbe herrſch'te bald darauf mit weiſer Mäßigung uͤber eirte große, ihm faſt entfremdete Natien. Doch zu milde faßte ſeine fromme Hand die Zuͤgel, der kraͤf⸗ tige Tyrann entwand ſie ihm aufs Meue, zwar verbannt, doch voll Einfluß auf ſeine einſtigen Guͤnſtlinge, gelang ihm das verwe gene Wag⸗ ſtuͤck, und aufs Neue entglomm die Flamme des Krieges. Voll duͤſterer Ahnungen ruͤſtete ſich Con⸗ ſtantin zu dem bevorſtehenden Feldzuge, es mahnte ihn, als kehre er nicht daraus zuruck. — Sein Auge hing wehmüͤthig, auf ſeinem holden Kinde, von dem er ſich vielleicht auf immer trennen mußte und in dieſer weichen Stunde gedachte er Joſephenfs, gedachte der 144 Mutter ſeines Kindes; verſohnend zog ihn ſein Herz zu ihr hin.— „Ich will vergeben und zu vergeſſen ſu⸗ chen,“ ſprach er dann,„Eugenie bedarf ei⸗ nes liebenden Schutzes, ich gebe der Mutter das Kind zuruͤck.“— Selbſt fuͤrchtend in ſei⸗ wem Vorſatze wankend zu werden, ſchickte er eilig nach Poſtpferden, noch war er Herr uͤber ſo viel Zeit, als die Reiſe nach Mapianky er⸗ forderte und ununterbrochen ſetzte er dieſe fort, und erreichte ſo ſchnell wie moͤglich mit ſeiner Tochter das Ziel derſelben. Er ließ ſich bei der Abtiſſinn des Kloſters melden, fremd trat ihm dieſe entgegen und er— ſchrak faſt, als ſie in dem alternden Mann den Gemahl Joſephens erkennen mußte; ſein Anblick paßte nicht zu dem Bilde, welches ihr jene von ihm entworfen hatte, denn gebeugt, mit erloſchenem Auge, tief gefurchten Wangen, glaubte ſie ihren Augen nicht trauen zu duͤrfen. Der General fuͤhrte ihr die kleine Euge⸗ nie entgegen, und Caͤcilie glaubte das Mi⸗ niaturbild von Joſephens Mutter zu erblik⸗ ken, Zug fuͤr Zug glich die Enkelinn dieſer. Conſtantin verſtaͤndigte ſich mit Caͤcilienz ohne Uberraſchung horte ſie ſein Vorhaben an. „Sie kommen mir nicht unerwartet,“ ſprach L 145⁵ ſprach ſie ſanft,„ich habe ſchon lange auf dieſe Stunde gehoſſt!“ Der General ſah ſie verwundert bei dieſer Rede an. „Erſtaunen Sie uͤber meine Worte nicht,“ fuhr Caͤcilie weiter fort,„ſo ganz täuſcht der Himmel ein glaͤubiges Vertrauen nicht. Ja, ich wußte, daß meiner frommen, buͤßen⸗ den Joſephe einſt dieſe Stunde laͤcheln wuͤrde, doch unvorbereitet darf ſie der ſchwachen Lei⸗ denden nicht erſcheinen. Auch moͤchte ich, theu⸗ rer Vetter, daß Sie ſich Ihrer Gattinn mit ganz verſohntem Herzen nahten, daß Sie we⸗ niger zu vergeben haͤtten, als Sie meinen. Koͤnnen Sie ſich jetzt entſchließen, Joſephens vertraute Bekenntniſſe, die ſie mir ſeit dem Beginnen ihrer Ehe ſchrieb, zu leſen? Warum wollten Sie nicht wuͤnſchen, die Gattinn min⸗ der ſchuldig zu' finden?“ Sie ging an ihren Schreibetiſch und nahm aus dieſem ein Päck⸗ chen Briefe, welche ſie vor dem Grafen nieder legte.„Ich gehe indeß,“ ſprach ſie weiter und faßte das Haͤndchen Eugeniens,„um Joſephen durch Mutterfreude fuͤr die nahe Erſchuͤtterung zu ſtärken, die Ihr Erſcheinen unfehlbar bei ihr verurſachen wird.“ Der General druͤckte Cäciliens Hand wortlos an ſeine Bruſt und ſie hatte die Freu⸗ Dritter Vand. K 146 de, noch che ſie die Zelle verließ, ihn ſchon zu den Briefen greifen zu ſehen. Nach einer kleinen Stunde kehrte die Ab⸗ tiſſinn zu dem Grafen zuruͤck, um ihn zu der Gattinn zu fuͤhren, welche ſeiner im Kloſter⸗ garten harrte; bewegt folgte er ihrem. Rufe.— Mit ſanftem Laͤcheln auf das ihr wieder ge⸗ ſchenkte Kind nieder blickend, erwartete ſie den Gemahl, noch tiefer ſenkte ſie die Blicke, als er nun vor ihr ſtand;— mit dem Kinde in ihren Armen ſank ſie zu ſeinen Fuͤßen; doch er hob ſie raſch empor.„An mein Herz, Jo⸗ ſephe,“ ſprach er weich,„an das Herz Ih⸗ res Freundes kehren Sie zuruͤck, reichen Sie mir die Hand vertrauend Kbieder, die ich im Zorne von mir ſtieß; wer erforſcht des Herzen Tiefen, wer darf richten und verdammen?“— „Gott und die Stimme des Gewiſſens,“ ant⸗ wortete Joſephe ſanft,„ſie ſtrafen ſchnell und ſicher; oft ehe uns die Strafe der Welt ereilt, ſeufzen wir ſchon unter einem ſchweren Gerichte.“— Durch ſeine ſchonenden Worte ermuthigt, ſchlug ſie die Augen zu ihm auf und der reine Strahl derſelben, beglaubigte die Reinheit ihres Gemuͤths. Caͤcilie ging mit der kleinen Eugenie dem Kloſter zu und ließ die verſohnten Ehegatten allein. Dieſe verſtän⸗ 1 digten ſich ganz gegen einander, und nun erſt erfuhr Joſephe, daß der Graf ſie im Einver⸗ ſtändniſſe mit Marmont geglaubt, daß er Zeuge jener Zuſammenkunft geweſen, daß er ſelbſt und nicht Leontin die Veranlaſſung zum Zweikampfe geweſen ſeiz ja Conſtantin war ſogar edel und zartſinnig genug, Joſe⸗ phen zu geſtehen, daß er, indem ſich Marmont ſeiner Verfolgung hätte entziehen wollen, ſich wuͤ⸗ thend in die Spitze ſeines Saͤbels geſturzt habe, welchen dieſer als Nothwehr gegen den blinden Zorn ſeines Gegners ihm entgegen gehalten habe. Eine himmliſche Beruhigung brachte die Verſoͤhnungsſtunde der gebeugten Dulderinn, in Caͤciliens Armen, an ihrer frommen Bruſt jauchzte ſie laut dem Wechſel ihres Geſchicks entgegen. Mit welchen Liebkoſungen uͤberhäufte ſie ihr ſuͤßes Kind, als ſollte ihre Zaͤrtlichkeit ihm die verlornen Jahre erſetzen, die es, frem⸗ den Haͤnden uͤbergeben, entfernt vom Mutter⸗ herzen gelebt hatte. Joſephe bat den Gemahl, ſie noch nicht gleich nach Wien zuruͤck zu fuͤhren, ſſie fuͤrch⸗ tete die Erinnerungen, welche ſie dort erwar⸗ teten.„Laß uns einige Zeit nach Schloß Caboga reiſen, die Ruhe und Stille des lie⸗ ben Aufenthalts, deſſen ich erſt ſo wenig froh d K 2 148 wurde, wird uns Beiden nach dieſen ſtuͤrmi⸗ ſchen Jahren zuſagen,“ ſprach ſie zu ihm.— Doch der General machte ſie mit dem Feldzuge bekannt, der ihn erwartete, gab indeß ihren Bitten in ſo weit Gehoͤr, daß er in ihren Auf⸗ enthalt daſelbſt, waͤhrend der Dauer ſeiner Ab⸗ weſenheit willigte, ſie ſelbſt mit Eugenien dahin brachte, und dann erſt nach einigen Ta⸗ gen nach Wien allein zuruͤck kehren wollte. Die Abſchiedsſtunde war ſchwerer wie einſt fuͤr die neu verſohnten Ehegatten; ſie hatten Beide erfahren, daß feſte, geheiligte Seelen⸗ bande nur mit Schmerz zu loſen, aber nie ganz zu zerreißen ſind.„Wenn ich aus dem heißen Kampfe nicht wiederkehre,“ ſprach der General zu Joſephen:„ſo bewahre mein Andenken, vergiß mich nicht ganz; doch verlange ich, kein Opfer, kein Geluͤbde dauernder Treue. Jugend und Schoͤnheit, Dein Reichthum berechtigen Dich zu Anſpruͤchen an das Leben, mache ſie nach meinem Tode geltend, folge nur der Stimme Deines Herzens bei der Wahl Deines Gluͤcks; beruͤckſichtige nichts weiter als dieſes.“— In einer innigen Umarmung verbarg er ſeine Ruͤhrung, Joſephe verſtand und ehrte, dieſe unverdiente Wuͤrdigung ihrer Gefuͤhle, er⸗ rothend ſchluchzte ſie an ſeiner Bruſt. Er ſchied, 149 und ihre Segenswuͤnſche begleiteten ihn wie fruͤher, in den heiligen entſcheidenden Kampf fuͤr die Errettung der deutſchen Freiheit. Die Schlacht bei Belle-Alliance brachte der Welt einen dauerhaften Frieden, aus blutigen Wellen tauchte er mit dem Palmzweige auf, mit unvergänglichem Lorber die Schlaͤfe ſiegreich gefallener Helden, die Stirnen tapfrer Krieger ſchmuͤckend.— Auch General Caboga war gefallen; ſeine Ahnung hatte wahr geſprochen. Erſt mehrere Monden ſpaͤter als der Herbſt bereits ſeine Trauerſchleier um die Gipfel der Karpathen zog, fuͤhrten die trauernden Kame⸗ raden den Sarg des gefallenen Fuͤhrers auf das Stammſchloß Caboga, er war ſo lange in dem Gewolbe einer Dorfkirche beigeſetzt worden, bis Zeit und Umſtande ſeinen Freunden vergoͤnn⸗ ten, ihn zu ſeiner letzten Ruheſtaͤtte zu beglei⸗ ten. Sein Sarg mit den Inſignien ſeines Standes geziert, ſchloß die lange Reihe wuͤr⸗ diger Ahnenſaͤrge; erloſchen war der Stamm, der Jahrhunderte hindurch gegruͤnt! Joſephe weinte dem Gatten heiße Thraͤ⸗ nen nach, doch war ſie weit davon entfernt, einen leidenſchaftlichen Schmerz zu heucheln, den ſie nicht empfand; denn trotz des innern Seelenfriedens, den ſie uͤber ihre Wiederverei⸗ 150 nigung mit ihrem Gemahle empfunden hatte, fuͤhlte ſie zugleich, daß ſie, unwerth ſeiner in⸗ nigen Anhaͤnglichkeit, ſeiner Liebe fuͤr ſie, nur ein getheiltes Herz fuͤr ihn im Buſen trug. Doch ſelbſt nach ſeinem Tode frei geworden, hegte ſie keine Wuͤnſche und Hofſnungen fuͤr ein Gluͤck, das ſich ihr einſt in einer unſeligen Stunde genaht und ſich darauf in eine unab⸗ ſehbare Ferne fuͤr ſie verloren hatte. Doch ih⸗ res Gemahls Abſchiedöworte erklangen oft tri⸗ ſtend in ihrer Seele, ſie hatte der geheimen Neigung zu einem herrlichen Bilde eine Heili⸗ gung gegeben, welche ihr erlaubte, ſich den Eindruͤcken ſchmerzlich ſuͤßer Erinnerungen ohne Vorwuͤrfe zu uͤberlaſſen. Sie blieb auf Schloß Caboga, erzog Eu⸗ genien in edler Sitte auf, war ihren Un⸗ terthanen eine umſichtige guͤtige Beſchuͤtzerinn, und galt weit umher als das Muſter holder Weiblichkeit.— Sarackſor, der hechbe⸗ tagte Diener der Familie, wandelte noch im⸗ mer ein Bild des ſtummen Schmerzes im Schloſſe umher, mit naſſen Augen hatte er den Sarg des letzten Grafen Caboga zur Gruft geleitet. Joſephe hielt ihn hoch und werth, ſie ehrte das Vermaͤchtniß ihrer Ahnen in ihm, denn Cäcilie, welche ſie oft im Klo⸗ 151 ſter Marianky beſuchte, hatte ihr den Alten, als den vertrauten Freund ihres Vaters kennen gelehrt, ſie erfuhr, daß er dieſen auf ſeinen Reiſen begleitet, da er Eugenien als ſeine Gemahlinn aus Frankreich gefuͤhrt. Joſe⸗ phe wußte uͤbrigens nicht, daß ihre Mutter heimlich das Vaterhaus verlaſſen hatte, voll Liebe einem Manne gefolgt ſei, an deſſen Seite ſie viele Leiden und Thraͤnen fand; die fromme Kloſterjungfrau hielt ſich nicht fuͤr berechtigt, der Tochter die leidenſchaftlichen Vergehungen der Mutter bekannt zu machen. Die Graͤfinn Caboga hatte die Verlaſſen⸗ ſchaft des Generals einem verſtändigen Sach⸗ walter in Wien uͤbertragen, ſie ſelbſt fuͤhlte keine Neigung, dorthin zuruͤck zu kehren. Nach dem Wunſche ihres verſtorbenen Gemahls, den er noch bei ſeinem Leben gegen ſie geaͤußert, ſollte Eugenie in ihrem vierzehnten Jahre eine weltliche Bildung in dem Hauſe ihres Vormunds, eines Grafen Roſenberg, em⸗ pfangen, im Fall Joſephe ſelbſt nicht in Wien wohnen wuͤrde; wollte er vielleicht ſeine Jochter durch den fruͤhen Eintritt in weltliche Verhaͤltniſſe vor einem zu reizbaren Herzen bewahren, glaubte er vielleicht, ſie dadurch ge⸗ gen eine Leidenſchaft zu ſichern, die, indem ſie 152 Joſephen zur Schwärmerinn machte, das Gluͤck ſeines Lebens untergrub?— Sieben Jahre nach des Generals Tode wa⸗ ren verfloſſen, als Joſephe den Wuͤnſchen des Gemahls folgte, ſie brachte Eugenien nach Wien und empfahl ſie fur die beiden Jah⸗ re, die ſie dort zubringen ſollte, der achtungs⸗ werthen Gräſinn, an deren ſchon erwachſener Tochter ſie ein freundliches Vorbild, eine lie⸗ benswuͤrdige Fuͤhrerinn hatte, und die Gräfinn Roſenberg ſah mit Stolz eine zart aufbluͤ⸗ hende Schonheit in ihren Schutz gegeben, ge⸗ lobte der zärtlichen Mutter liebend fuͤr das Kind zu ſorgen. Joſephe weilte nur mit Betruͤbniß an dem Orte, wo ſie die Ruhe ih⸗ res Herzens verloren hatte; erſchuͤttert, in Trauer verſunken, eilte ſie nach Caboga zuruͤck, dort in ſchoner Thätigkeit den neu erweckten Schmerz zu bekaͤmpfen. Die ganze unbefrie⸗ digte Sehnſucht ihrer Liebe war an dem Orte, wo dieſe zuerſt erwacht, in ihre Bruſt zuruͤck gekehrt, doch die Welt war fuͤr ſie ein ſtum⸗ mes Grab, das ſchon ſo viele, ihr theure Men⸗ ſchen aufgenommen hatte, denn auch Leon⸗ tin, glaubte ſie, ſei ein Opfer der blutigen Ereigniſſe geworden, denen die franzöſiſche Ar⸗ mee in dieſen Ungluͤcksjahren unterlegen. Sie nannte ſeinen Namen nur im einſamen Gebete, nie redete ſie ſelbſt gegen Caͤcilien von ihm, von ihrer ewigen Liebe fuͤr ihn. Doch Caͤci⸗ lie durchſchauete ihren ſtummen Gram, ſie litt mit ihr, ſie ſah, wie geheime unerfuͤllte Sehnſucht ihre Blicke ſanft verklärte, wie Joſephens Schönheit weniger blendend, aber ruͤhrender noch wie einſt ſich in den dunkeln Witwenſchleier huͤllte, den ſie, die ſo viel zu betrauern, zu beweinen hatte, dauernd trug. Wer konnte das verborgene Leid in Jo⸗ ſephens Seele beſſer verſtehen und wuͤrdigen, als ſie? hatte ſie nicht unter gleichen Schmer— zen gelitten und gerungen, nicht gleich ihr, alle Hofſnungskraͤnze mit dem farbloſen Schleier der Entſagung bedeckt?—— Immer näher brach⸗ ten Leid und Schmerz die verwandten Seelen, die ihr Geſchick zwang, die tiefſten, waͤrmſten Gefuͤhle ihrer Herzen, gleich heiligen Opfer⸗ flammen, mit dem Koſtbarſten, was ſie beſa⸗ ßen, mit einem theuern ewigen Schmerz zu naͤhren; und Joſephen erging es, wie fruͤ⸗ her Caͤcilien, mochten Stunden, Tage und Jahre uͤber ſie dahin rauſchen, mochte der erſte holde Jugendglanz von ihrer Geſtalt verwiſcht werden, ihr Herz, ihr Geiſt blieb jung und ſtark. 154 Cäcilie hatte in dieſer Zeit einen uͤber⸗ raſchenden Zuſpruch in ihrem Kloſter, der das Andenken und die Trauer um Adolar ſtaͤrker in ihrer Seele anregte. Es erſchien eines Ta⸗ ges ein Fremder im Kloſter, der ſich von der Ibtiſſinn desſelben die Erlaubniß erbat, das Altarblatt der Kloſterkirche zu beſehen. Cä⸗ cilie gab ſeiner Bitte gern Gehoͤr und ver⸗ fuͤgte ſich freundlich, wie ſie ſtets ſich zeigte, ſelbſt in die Kirche, um den Fremdling, der ſich fuͤr die Arbeit ihres einſtigen Lieblings in⸗ tereſſirte, zu begruͤßen. Sie blieb von fern ſtehen, als ſie dieſen ganz in die Betrachtung des Gemaͤldes verloren, auf den Stufen des Altars erblickte, ſie wartete ſo lange, bis er zuruͤck trat, dann ging ſie ihm entgegen; ein Mann mit einem ſehr angenehmen Geſichte kam mit dem anmuthigſten Benehmen auf ſie zu, ein Ordenskreuz auf ſeinem gewählten An⸗ zuge, ſein Anſtand, verriethen den vornehmen Mann.„Sie werden mich, Hochwuͤrdige Frau,“ ſprach er, wie es ſchien, tief bewegt,„ſehr verpflichten, wenn Sie mich von dem Schick⸗ ſale des jungen Malers, der, wie ich weiß, vor ungefaͤhr funfzehn Jahren dieſes Altarge⸗ maͤlde hier in Marianky malte, unterrichten. Er war Ihnen befreundet, denn ich erkenne in 155 Ihnen das Bild zu deutlich, welches er mir von ſeiner frommen und milden Beſchuͤtzerinn entwarf.“„ „Was iſt aus ihm geworden?— Seine letzten Briefe trafen mich in Florenz, wo wir uns kennen lernten. Ein vielfach bewegtes, tha⸗ tiges Leben raubte mir Zeit und Ruhe zu freund⸗ ſchaftlichen Korreſpondenzen, ich wähnte meinen jungen Freund auf Kunſtreiſen, kannte ſeinen wechſelnden, ſchnell entflammten Sinn, wußte ihn ſo mit einer Herzensangelegenheit ſehr leb⸗ haft beſchaͤftigt, hoſſte auf ſeine verſprochene Ruͤckkehr nach Italien, hielt mich dann lange in Paris auf. Jahr an Jahr verfloß und ich verlor, wie das im Laufe des Lebens ſo oft geſchieht, meinen Freund ganz aus den Augen. Jetzt, da mich meine Verhältniſſe in die öſt⸗ reichſchen Staaten fuͤhren, erwachte die Erin— nerung an ihn lebhafter wie je, ich ſuchte nach ſeinen Briefen, die ich treu bewahrt hatte, un⸗ ter meinen Papieren, fand ſie von Marianky datirt und mich verlangte wenigſtens die ge⸗ lungene Arbeit zu ſehen, die er, wie mir ſein Brief ſagte, fuͤr das Kloſter damals gemacht; mehrere Andeutungen in ſeinem Schreiben lie⸗ ßen mich ein ſehr intereſſantes Gemaͤlde zu ſin⸗ den hoſſen, meine Erwartung iſt uͤbertroffen, 156 denn jenes herrliche Bild fuͤhrt mir Geſtalten vor die Seele zuruͤck, welche mir ſehr theuer ſind; jener, Engel traͤgt die Zuͤge meines theu⸗ ren Bruders, dieſe Madonna iſt das Portraͤt der Geliebten Adolar's. Iſt's nicht ſo, Hochwuͤrdige Frau?“— Caͤcilie hatte dem Frimden mit Span⸗ nung zugehort, als er geendet, erwiederte ſie ſanft:„Sie ſtehen nahe an dem Grabe Ih⸗ res Freundes.— Wenige Tage nach Beendi⸗ gung dieſes Gemaͤldes ſtarb er.“„Unmog⸗ lich!“ rief der Fremde,„ſchon ſo lange wäre er todt, waͤhrend mein Hetz ſich ſo lange nach dem Lebenden ſehnte, deckte ihn ſchon die ſin⸗ ſtere, mir ihn auf ewig verhuͤllende Gruft!— Woran ſtarb er, nennen Sie mir die Urſache ſeines Todes?“— lie;„eine heftige Leidenſchaft fuͤr ein holdes Maͤdchen, welches hier im Kloſter erzogen wur⸗ de, welches indeß keine Gegenliebe fuͤr ihn em⸗ pfand, und dazu durch Stand und Verhält⸗ niſſe weit von ihm getrennt war, entflammte ſein Gemuͤth, die Hofſnungsloſigkeit derſelben warf ihn dann ganz zu Boden, er verſank in Gram, die letzten Tage ſogar in eine völlige „Ungluͤckliche Liebe brach ſein Herz, 6 glauben wir wenigſtens;“ antwortete Cäei⸗ ——— 157 * Geiſtesſchwäche. Sein Vorſatz war nach Ita⸗ lien zuruͤck zu kehren, dort Heilung für ſein wundes Herz zu ſachen, meine zärtlichen Bit⸗ ten konnten ihn kaum zuruͤck halten; der Tod zerriß ſein Vorhaben, unter dem Fenſter ſeiner Geliebten wir ihn erblichen im Kloſter⸗ garten.— Man begrub mit ihm meine ſchoͤn⸗ ſten ſeufzte Caͤcilie und trock⸗ nete ihre naſſen Augen. Der Fremde war ſehr bleich unter dieſer Erzählung geworden.„Liebe hätte alſo ſein Herz gebrochen, dieſes Herz, das ſo reiche Schätze von Lebensfrohſinn in ſich trug!“ ſprach er dann vor ſich hin.„Kaum häaͤtte ich geglaubt, daß dieſes Herz ſo tiefen Schmerzes fähig geweſen wäre? Seine Phantaſie war ſtets entflammter als ſein Gemuth, ſollten neue Ein— drucke ſein Leid nicht geheilt haben?“— Er ſann einen Augenblick nach;„wiſſen Sie ge⸗ wiß, fragte er dann Caͤcilien,„daß ſonſt keine Urſache ſeinen Tod veranlaßt habe, ich ahne vielleicht“— „Neden Sie,“ ſprach die Abtiſſinn e⸗ ſchrocken,„was ahnen Sie?“— Der Fremde ſchwieg betroſſen—„Entſchuldigen Sie,“ ſprach er dann, ſich wieder faſſend,„mein be⸗ wegtes Herz fuͤhrte mich zu weit.“— 158 „O reden Sie,“ ſiel ihm Cäcilie ein, „verſchweigen Sie mir nichts, was Sie von dem verlornen Liebling wiſſen.“—— „Was ich Ihnen, Hochwuͤrdige Frau, mit⸗ theilen wuͤrde,“ ſprach der Fremde,„dient ſicher nur dazu, Ihren Schmerz um den Ge⸗ ſtorbenen wieder aufzuregen; erlaſſen Sie mir deßhalb meine Erzaͤhlung!“ „Meine Trauer um den verlornen Ado⸗ lar hat ſich laͤngſt in eine ſanfte Wehmuth verwandelt; Alles, was Sie mir uͤber ihn zu berichten haben, kann mich nur auf ihn zuruͤck füͤhren, wird mir vielleicht Troſt bringen, uber die Ungewißheit der Urſache ſeines Todes; warum ſoll ich gegen ſeinen einſtigen Freund, denn dafuͤr ſehe ich Sie, nach dem Intereſſe ur⸗ theilend, welches Sie an ihm nehmen, an, warum ſoll ich dieſem verhehlen, daß die Ver⸗ muthung, Adolar habe ſeinem Leben durch Gift ſelbſt ein Ende gemacht, ſich mir bei ſei— nem Tode aufdraͤngte? Indeß verrieth keine Spur an ſeinem Körper meine ent⸗ gegnete Cäcilie. „Und doch iſt Ihre Venihr wohl Ge⸗ wißheit,“ ſagte Leontin,„der ungluͤckliche Juͤngling wurde das Opfer eines gefährlichen Schwärmers, der ſeinen fruher klaren und hei⸗ 159 tern Sinn verwandelte, ihm vielleicht durch ſinſtere oder uͤberſpannte Anſichten des Lebens, den Geiſt verwirrte, vielleicht gar eine unheim⸗ liche Macht uͤber ihn ausuͤbte, die unſern Freund, wie ich glauben muß, zum willenloſen Werk⸗ zeuge ſeiner Plane machte. Unmöglich konnte ſich ſonſt mein Freund in ſo kurzer Zeit, ja unter meinen Augen, ſo ganz in ſeinem Betra⸗ gen, in ſeiner Laune aͤndern.“ „Adolar,“ fuhr der Fremde fort,„machte in Florenz die Bekanntſchaft eines alten Dok⸗ tors, Sponini, eines zwar ſehr gelehrten, wie man ſagte, aber ſehr gefaͤhrlichen Mannes, welcher im Beſitz tiefer Wiſſenſchaften, die ver⸗ borgenen Kraͤfte der Natur zu beherrſchen ver⸗ ſtand. Was der Alte mit Adolar'n im Sinne hatte, weiß ich nicht, ich beſaß meines Freundes Vertrauen, aber uͤber ſeinen Umgang mit Sponini verſchloß er mir ſein Herz. Adolar's Ruͤckreiſe nach Deutſchland beru⸗ higte mich indeß, ich freuete mich, trotz mei⸗ ner Betruͤbniß uber ſeine Entfernung aus einem ſehr gefährlichen Verhältniſſe, denn der Doktor ſtand in einem ſehr zweideutigen Rufe, der, wie ich ſpaͤter erfuhr, nur zu gegründet war. Denn bald nach Adolar?s Abreiſe klagte man Jenen der Giftmiſcherei an. 160 Der Doktor Sponini verrichtete Wun⸗ derkuren, in ſehr ſchweren Krankheiten rief man ihn oft zu Hilfe und meiſtens genaſen ſeine Kranken ſchnell, oder der Tod machte ihren oft ſchrecklichen Leiden ein Ende. Ein ſehr erfah⸗ rener Arzt in Florenz, der eiferſuͤchtig auf Sponini's Geſchicklichkeit, oft von ihm ver⸗ dunkelt worden war, beobachtete ſein Benehmen bei Kranken genauer und wurde aufmerkſam auf die ſtets ſich gleiche Todesart, welche ſchwere Kranke, die doch an ganz verſchiedenen libeln litten, unter ſeiner Behandlung nahmen; ja oft ſolche Kranke, die nach Erfahrung aller Irzte, wenn gleich unheilbar, doch dem Tode noch nicht ſo nahe waren. So ſtarb auch ein Biſchof in der Naͤhe von Florenz, der von Sponini behandelt wurde und zwar an demſelben Tage, da man ihn zum Kardinal erwählte. Die Familie desſelben war in Verzweiflung uͤber dieſen ſchnellen, ſo unge⸗ Eben die nahe Ausſicht zu der hatte ſie bewogen, Hilfe bei Sponini gegen ein gefährliches Bruſtuͤbel, dem er zu unterlie⸗ gen drohte, zu ſuchen; waͤre ſein Tod nur um ei⸗ nige Monden ſpäter gekommen: ſo haͤtte der neue Kardinal Zeit genug gewonnen, einer Menge 161 unbemittelter Verwandten zu Anſehen und Neich⸗ thum zu verhelfen; als daher der Tod den Kran⸗ ken ſchon ſichtbar erfaßte, wenig Stunden vor ſeinem Ende, da er mit verdunkelten Sinnen von Minute zu Minute ſchwaͤcher wurde, rief man ſeinen erſten fruͤheren Arzt herbei, welcher ſogleich einen Aderlaß verordnete und mit Er⸗ ſchrecken das wenige Blut, welches der Kranke verlor, auf eine auffallende Weiſe verdickt und von ganz veraͤnderter Farbe fand. Der Verdacht des Arztes wurde Gewißheit, als er das Blut unterſuchte und Gifttheile darin entdeckte, wel⸗ che, indem ſie den Körper weiter gar nicht an⸗ griffen, ſich ſogleich dem Blute mittheilten, dieſes allmaͤlig zum Stocken brachten, ſeinen umlauf hemmten und ſo einen langſamen aber ſichern Tod herbei fuͤhrten. Der Arzt theilte der Familie des Kardinals ſeinen Verdacht mitz dieſe aufgebracht, voll Rachbegierde, machte die Sache beim Gerichte anhaͤngig und der alte Sponini ſollte gefaͤnglich eingezogen werden. Allein ſo geheim man die Sache auch ge derſelbe mußte davon erfahren 5 benz al e Gerichtsperſonen in ſeiner Wohnung erſchienen, war er mit allen ſeinen Koſtbarkeiten und ſei⸗ ner alten Hausgenoſſinn verſchwunden, eine Sammlung von ſonderbaren Geraͤthſchaften und Dritter Band. L 162 Inſtrumenten war das einzige, was man in dem verlaſſenen Hauſe fand. Adolar's Tod, ſo plötzlich, ohne vorher gegangene Krankheit, war ſicher auch Sponini's Werk, er hatte den ungluͤcklichen ͤberſpannten Juͤngling wahr⸗ ſcheinlich in den Beſitz jenes Giftes geſetzt, er iſt die Urſache ſeiner Verirrungen, ſeines Todes.“ Caͤcilie weinte ſanft bei dieſem Berichte. „Wir und die Kunſt,“ ſprach ſie dann,„ha⸗ ben viel an ihm verloren, laſſen Sie uns hof⸗ fen, daß ſeine Seele Frieden, ſeine Verirrun⸗ gen die Gnade des Erloͤſers gefunden haben. Ich danke Ihnen fuͤr Alles, was Sie mir uͤber Adolar mitgetheilt haben, wahre Liebe und Zuneigung intereſſirt ſich an Allem, was den Freund betriſſt, ſelbſt wenn es uns auch Leid und Kummer bringt. Doch, ſoll ich den Na⸗ men des Unbekannten nicht erfahren, der ſich mir als den theilnehmenden Freund meines er⸗ blichenen Pflegeſohnes zeigt?“ „Entſchuldigen Sie,“ antwortete der Frem⸗ de,„vergaß ich wirklich in Erinnerungen ver⸗ loren, nur mit meinem Freunde beſchaͤftigt, mich Ihnen zu nennen? Ich bin der Graf Marmont, bin als franzoſiſcher Geſandter am dſtreichſchen Hofe ernannt und bin eben X 163 auf dem Wege, meinen neuen Poſten in Wien anzutreten.“ „Marmont,“ wiederholte Cäcilie nach⸗ denkend,„ Sagten Sie nicht vorhin, der En⸗ gel auf jenem Bilde gleiche Ihrem Bruder, iſt dieſer Bruder mit Ihnen, war er auch ein Freund Adolar's“ „Er war, wie ich, ihm ſehr befreundet, er iſt Militär, doch lebt er jetzt auf meines Vaters Guͤtern in der Provence,“ ſprach der Geſandte.„Doch noch Eine Frage erlauben Sie mir, ehe ich ſcheide, was iſt aus dem holden Mädchen geworden, welches Adolar's Herz, wie ſeine Kunſt vergotterte?“ „Sie war verlobt, ehe Adokar aus Ita⸗ ſlien zuruͤck kehrte, ein Jahr nach ſeinem Tode wurde ſie vermaͤhlt.“ Cacilie ſchwieg bei dieſen Worten und Maximilian Mar⸗ mont ſah dieſes Schweigen als einen Wink an, das Geſpraͤch nicht länger fortzuſetzen. Er dankte, empfahl ſich der Abtiffinn und ſchied mit der Verſicherung, daß ihm dieſe wehmuͤ⸗ thige Erinnerungsſtunde unvergeßlich ſeyn wuͤrde. Caͤcitie war der Erholung nach dieſem Beſuche beduͤrftig. Wie ſonderbar verſchlang das Schickſal das Leben, die ſo ganz getrenn⸗ ten Verhaͤltniſſe der Menſchen!— Der Bruder L 2 — des Mannes, den Jo ſephe liebte, hatte ihr ſo unverhofft gegenuͤber geſtanden; ſie hatte er⸗ fahren, daß Leontin lebte, aber wahrſchein⸗ lich das Opfer ſeiner Liebe, nach leichtſinniger Männer Weiſe vergeſſen hatte. Jede nähere Nachforſchung von ihrer Seite wuͤrde unzart geweſen ſeyn. Joſephe hatte ihre Jugend durchſeufzt; ſie ſtand den reiferen Jahren nahe, hatte ihre Hofſnungen aufgegeben; ſollte ſie jetzt, fragte ſich Cäcilie, ihr die ſeltſame Bekanntſchaft mittheilen, oder daruͤber ſchwei⸗ gen?— Sie beſtimmte ſich fuͤr das Letztere; wozu Schmerzen in dem Herzen ihres Kindes aufregen, beſſer ſie waͤhnte den Geliebten ihrer Seele todt, als daß ſie ſich von ihm vergeſſen ſah und ſo benutzte ſie den ſcheinbaren Wink des Schickſals nicht, zwei ſich liebende, doch getrennte Herzen, einander vielleicht zu verei⸗ nen. Der fromme Eifer, mit dem Cäcilie fruͤher ſo thaͤtig⸗ fur fremdes Gluͤck hatte wir⸗ ken wollen, war ein glaäubiges Vertrauen zu der ewigen Vorſehung geworden, ſie hatte es ſo vielfach erfahren, wie ihr ernſter Wille, ihre aufopfernde Sorge gerade Verderben, ſtatt Gluͤck auf ihre Schuͤtzlinge herab gefuͤhrt hatten; ſie zitterte, dir Schickſale des Lebens zu lenken, die ſo ſichtbar in einer maͤchtigeren Hand la⸗ 165 gen; vertrauend ſtellte ſie denn auch in dieſer Stunde dem ewigen Rathſchluſſe Joſephens Gluͤck und Zukunft anheim und dieſe erfuhr nichts von dem, was Cäcilie ihr zu verber— gen fuͤr Pflicht hielt. X. Maxime Marmont war ſchon mehrere Monden in Wien anweſend, er geſiel ſich an dieſem Orte und nicht ohne Grund, denn al— lenthalben empfing man den aͤußerſt angeneh⸗ men, ſehr klugen Mann mit Aufmerkſamkeit und Wohlwollen; die erſten Häuſer der Haupt⸗ ſtadt waren ihm ſchon durch ſeinen Rang geoff⸗ net, um ſo mehr ließ man ſich nach ſeinem perſonlichen Erſcheinen es angelegen ſeyn, ihn unter die Zahl der geſuchteſten Gäſte zu zählen. Er war noch unverheirathet, immer, wie ſchon fruher, ſehr aͤngſtlich ja aumaßend in der Wahl einer Lebensgefährtinn geweſen; Ftalien und Frankreich hatten, trotz ihres Reichthums an Weiberſchoͤnheit und Anmuth, ſein Herz nicht gefeſſelt; der lieblichen, eben erſt zart aufblü⸗ henden Eugenie Caboga war es aufbehalten, in ſeinem Herzen Gefuͤhle zu erwecken, die einſt 166 der Anblick des Bildes, welches ihm ſein Freund Adolar geſandt, ihn hatte kennen lernen. Er ſah die holde Schonheit im Hauſe des Herrn von Roſenberg, ſein Blick weilte auf dem lieblichen Kinde, er mußte ſich zwar geſtehen, daß ſic dem einſt ſo ſehr vergotterten Bilde nur wenig gleiche; doch waren ihre Augen un⸗ verkennbar dieſelben Augen, welche er darauf erblickte. Er hatte das Bild leider in Rom bei einem Brande des Geſandtſchaftshotels ver⸗ loren, er wuͤnſchte nichts mehr, als es jetzt wieder zu beſitzen, um Eugenien mit dem Gemälde zu vergleichen; denn je laͤnger er ſie anblickte, deſto mehr geſtand er ſich, daß ihr Anblick denſelben Eindruck auf ihn mache. Eu⸗ genie war noch zu unbefangen, um die ſicht⸗ lichen Bemuͤhungen des Grafen um ſie fuͤr et⸗ was Anderes als gewöhnliches Wohlgefallen zu nehmen, klug, oſſen, ſehr natuͤrlich in ihrem Benehmen, geſiel ſie ſich in ſeiner Geſellſchaft, und ihr unbefangenes Gemuͤth lag klar, wie die ruhige Spiegelflaͤche eines leicht unter Blu⸗ men hinfließenden Baches vor ihm. Er ſtörte dieſe gluckliche Unbefangenheit nicht, nur leiſe, aber mit immer waͤrmerer Innigkeit naͤherte er ſich ihrem Herzen; und ſo wie jede Sonne die liebliche Knoöpe mit höherer Farbe malte, er⸗ 167 wachte mit jedem Tage, den ſie in Maxi⸗ me's Nähe zubrachte, ein immer lebhafteres, innigeres Empſfinden fuͤr ihn in ihrem Herzen, ſie liebte ſo recht in aller Unſchuld ihren Freund, wie die Blume den Strahl der Sonne, den friſchen Quell als Bedingniß ih⸗ res Lebens liebt, ſich nach ihm wendet, nach ihm ſchmachtet, wenn er fehlt, aber frohlich fort⸗ bluͤht, wenn ſie ſeiner froh wird.—— So waren faſt die beiden Jahre verronnen, die Eugenie in Wien hatte zubringen ſollen, die Briefe ihrer Mutter ſprachen ſchon von na⸗ hem Wiederſehen und bald wurde die Zeit, ja der Tag beſtimmt, wo ſie zuruͤck nach Ungarn reiſen ſollte. Die Graͤfinn Roſenberg und ihre Tochter wollten auf Joſephens Einla⸗ dung ſie zuruͤck und die Sommermonden im Schloß Caboga bei ihr zubringen.— Graf Marmont hörte von der nahen Abreiſe und ſein Entſchluß war gefaßt. Nichts fuͤrchtete er, ſtand ſeinem Wunſche, die jetzt faſt ſechszehn⸗ jaͤhrige Eugenie zur Gattinn zu erhalten, im Wege, als der, wie er ſich ſchmeichelte, zwar bedeutende, aber doch nicht allzu große Abſtand der Jahre. Er war acht und dreißig alt, in⸗ deß noch immer ein ſchoͤner Mann, auf dem die Blicke der Frauen noch mit Vergnuͤgen * 168 weilten, ein ſehr geordnetes Leben, tugendhafte Grundſaͤtze hatten ſeinen Geiſt ſehr jung und heiter erhalten, man nahm ihn ſtets noch fuͤr einen Mann von dreißig Jahren. Maxime konnte der Gräfinn Caboga mit ſeiner Hand ein glaͤnzendes Leben bieten, zwar war er noch nicht in dem Beſitze ſeines väterlichen Vermo⸗ gens, ſeine beiden ältern lebten noch, doch war der Poſten, den er bekleidete, mit einer ſehr großen Einnahme verbunden. Graf Mar⸗ mont war eben ſo ſehr von dem vorherigen Beherrſcher ſeines Vaterlandes, Napoleon, als von dem nunmehrigen Koͤnige von Frank⸗ reich geſchaͤtzt worden, er hatte immer nur, unabgeſehen von der Perſon des Herrſchers, das Wohl des Vaterlandes bei allen den kritiſchen Geſchaͤften, die ſein Stand ihm auferlegte, im Auge behalten, und ſo war er, trotz aller Um⸗ wälzungen, die Staat und Regierung erlitten, in der einmal begonnenen Laufbahn geblieben und ſo von Stufe zu Stufe geſtiegen. Er vertraute deßhalb der Graͤſinn Roſenberg ſeine Plane auf Eugeniens Herz und Hand⸗ Sie war nicht davon uͤberraſcht, denn ſie hatte Marmonts Intereſſe fuͤr die Comteſſe ſchon lange bemerkt, ſie machte ihm die beſten Hoſſ⸗ nungen, ſtimmte ſeinem Wunſche, Euge⸗ 169 niens Herz zu erforſchen, bei, und verſchaffte ihm ſelbſt bei einer Spazierfahrt die Gelegen⸗ heit dazu. Wohlgefällig, aber hoch errothend nahm die liebliche Eugenie ſeine innige, warme Erklä⸗ rung auf, ſchaͤmig erwiederte ſie den Druck ſei⸗ ner Hand.„Ich geſtatte Ihnen gern, theurer Graf,“ erwiederte ſie,„meine Mutter um meine Hand zu bitten, ſie iſt ſanft und gut, gern wird ſie in das Gluͤck ihres Kindes willi⸗ gen; doch darf ich Nichts entſcheiden ohne ſie, ich bin ihre einzige Freude, ihr groͤßtes Gluͤck, nur aus ihren Haͤnden will ich Gluͤck und Liebe empfangen.“ Maxime war entzuckt uͤber den kindlichen Sinn ſeiner Geliebten, er durfte hof⸗ fen, gluͤcklich zu werden. Die Graſinn Roſenberg nahm ſeine Briefe an Eugeniens Mutter mit nach Caboga und Joſephe empſing ihr Kind nach langer Tren⸗ nung nur wieder zuruͤck, um eine dauernde Ent— fernung ihres Lieblings voraus zu ſehen. Der Eindruck, den der Brief uͤberall auf ſie machte, war groß, der Name Marmont ſchreckte ſie faſt zu Tode, ſie zitterte, ihr Herz ſchlug hef⸗ tig, indem ſie ſich des Grafen Perſoͤnlichkeit be⸗ ſchreiben ließ; ſie fuͤrchtete, in dem Freier ihrer Loch⸗ ter ihren einſtigen Geliebten zu ſinden. Die Be⸗ 170 richte Eugeniens und der Graͤfinn beruhigten ſie zwar hieruͤber; doch ſträubte ſich ihr Gefuͤhl uͤberall dagegen, die Tochter ſo fruͤh zu vermaͤh⸗ len; der Unterſchied der Jahre zwiſchen dem Grafen und ihrer Eugenie war ihr aͤngſtlich, ſie dachte an ihre eigene fruͤhe Vermählung, glaubte, daß dieſe eben ſo wie ſie ſich einſt, uͤber ihre Gefuͤhle täuſche, Freundſchaft und Achtung fuͤr Liebe nehme, und wagte nicht, ſo ſchnell ihre Einwilligung zu dieſer Verbindung zu ge⸗ ben. Es blieb ihr faſt kein Zweifel, daß der Graf Marmont zu der Familie Leontins gehörte, ſie fuͤrchtete von ihm zu horen, ihre Seele aufs Neue von einem Gegenſtand beun⸗ ruhigt zu ſehen, der zwar einen fluͤchtigen Schimmer von Gluͤck in ihr Leben geworfen, aber ihren inneren Frieden fuͤr die Dauer ihrer Tage zerſtort hatte. Sie beobachtete ihr Kind genauer, leicht durchſchaute ſie Eugeniens oſſene Seele, mit Entzuͤcken las ſie darin eine wahrhafte Liebe fuͤr ihren Bewerber, ach, ſie kannte die verrätheriſchen Zeichen derſelben zu gut, um daruͤber in Zweifel zu bleiben, hatte ſie ſelbſt einſt das uͤberwallende Gefuͤhl, deſſen Verrath ihr ſo verderblich wurde, nicht dem Verdacht entziehen konnen, wie viel weniger verbarg es ſich bei Eugenien, die mit jung⸗ . N4 fraͤulicher Reinheit ihre Empfindungen fuͤr einen theuern Gegenſtand fuͤr erlaubt, ja fuͤr gehei⸗ ligt hielt. Joſephe theilte des Grafen Marmonts Bewerbung um ihre Tochter, ſo wie ihre An⸗ ſichten daruͤber, Cäcilien in einem Briefe mit, welcher dieſe froh uͤberraſchte. Die Erin⸗ nerung an den angenehmen, ſehr gebildeten Mann, welcher vor Jahr und Tag ihr Kloſter beſuchte, war ihr werth, ſie nahm viel Inter⸗ eſſe an dem Freunde Adolar's, jetzt um ſo mehr, da er ein Mitglied ihrer Familie wurde. „Folge dem Winke des Schickſals, meine gute Joſephe,“ ſchrieb ſie zuruͤck,„es ſcheint, das Schickſal wolle die Familien Ca⸗ boga und Marmont zuſammen fuͤgen. Ich kenne den Bewerber Eugeniens per⸗ ſoͤnlich, er war unſers Adolar's Freund in Italien, er beſuchte mich unlaͤngſt hier im Kloſter, um nach dem Schickſale ſeines Freundes zu forſchen. Sein äußeres, ſeine Sitten werden Dich, wie mich fuͤr ihn ein⸗ nehmen; täuſcht mich die frohe Ahnung nicht, mit der ich dieſer Verbindung meinen Segen gebe: ſo wird uns Heil daraus erbluͤhen.“ Joſephe ſah keinen Grund, ihre Ein⸗ willigung länger zuruͤck zu halten, nur ein in⸗ 172 neres Zagen beklemmte ihre Bruſt. Sie ant⸗ wortete dem Grafen ſelbſt, ſie brachte das Opfer, indem ſie ihm das Liebſte, was ſie be⸗ ſaß, das einzige Kind uͤbergab, zwar nicht leich⸗ ten, aber doch freudigen Herzens. Sie lud den Grafen zu ſich ein, und betrieb dann mit fro⸗ hem Eifer die Anſtalten zu ſeinem Empfange. — Schon hatte dieſer zurück geſchrieben, man konnte den Tag ſeiner Ankunft beſtimmen, und die froͤhliche, unſchuldige Eugenie jauchzte dem Bräutigam entgegen, ihre lachenden Blicke flogen ſehnſuͤchtig uͤber die im Frühlingsglanz ſchimmernden Fluren, die ſie von dem hohen Schloſſe aus uͤberblicken konnte, dorther mußte er kommen, wenige Tage nur und ſie lag in“ ſeinen Armen.—— Auch Joſephe ſah dem werthen Beſuche mit Ungeduld entgegen, ſchmerzliche und ange— nehme Empfindungen kämpften in ihrer Seele, griffen ihre ohnehin ſchon ſchwachen Nerven an; ſchon ſeit mehrern Tagen fuͤhlte ſie ſich unwohl, war dann genothigt das Bett zu huͤten, und verſiel in ein hitziges Fieber, welches mit ſol⸗ cher Heftigkeit zunahm, daß Alle fuͤr das Leben der Gräſinn fuͤrchteten. Die Gräſinn Ro⸗ fenberg pflegte vereint mit Eugenien und der alten treuen Anna die Kranke, welche in⸗ 173 deß noch immer in Fiebergluten lag, als der Graf Marmont auf dem Schloſſe Caboga anlangte; die Braut ſank ſchluchzend in ſeine Arme, er fuhr uͤberraſcht auf.„Mit Thraͤnen, lieber Graf, muß ich Sie empfangen,“ ſprach Eugenie,—„ach wie ſehr freuete ich mich auf dieſe Stunde, doch ſie iſt mir ſehr getruͤbt; — meine Mutter iſt ſchwer erkrankt!“ Mit inniger Liebe kuͤßte Maxime die Thraͤnen von Eugeniens ſchoͤnen Augen;„troͤſten Sie Sich, meine Holde,“ ſprach er,„Ihre Be⸗ ſorgniß iſt vielleicht zu groß;“ es war ihm nicht vergonnt, an das Krankenbett Foſephens zu eilen, nur aͤngſtliche Nachrichten kamen noch immer daher, er zagte noch immer mit der Ge⸗ liebten um die Mutter.— Doch endlich war Hoſſnung da, die Krank⸗ heit ließ nach, beſſerte ſich von Tage zu Tage; doch war Joſephe noch ſehr ſchwach und lei⸗ dend. Die Graͤfinn Roſenberg machte ſie nun mit der Anweſenheit des Grafen Mar⸗ mont im Schloſſe bekannt, theilte ihr ſeinen Wunſch, ſich ihr nahen zu duͤrfen, mit, und ſie geſtattete es gern. Mapime trat an Eugeniens Hand in das noch immer ganz verdunkelte Krankenzim⸗ mer der Gräſinn Caboga, nur wenig waren 17 die dichten Vorhänge des Bettes, in welchem ſie ruhete, zuruͤck gezogen. Sie reichte ihm matt die Hand entgegen, und er druͤckte dieſe Hand, welche ſeine Wuͤnſche ſegnen wollte, tief bewegt an ſeine Lippen.„Wie unbeſchreib⸗ lich,“ ſprach er,„ſchmerzt es mich, Sie, edle Gräfinn, ſo leidend zu finden, Ihre Guͤte hat mir das Recht gegeben, hier zu erſcheinen, ich darf Sie Mutter nennen und mit der Theil⸗ nahme eines zärtlichen Sohnes habe ich nach dem Augenblicke, wo ich Ihnen nahen durfte, geſchmachtet; Sie vertrauen mir das Gluͤck Ih⸗ res Kindes an, Sie koͤnnen es an kein waͤr⸗ meres Herz legen, als an das meine, ich liebe Eugenien wahr und innig, werde ſie ewig lieben!“ Wunderbar wirkte der Klang ſeiner Stimme auf die Kranke, ſie glaubte Leontins Stimme zu horen; noch befangen von der Schwaͤche der Krankheit, ſtieg die Vermuthung, Leontin ſei der Geliebte ihrer Tochter, wieder in ihrer Seele auf, aͤngſtlich ſchlug ihr Herz, nur we⸗ nige begruͤßende Worte vermochte ſie zu dem Grafen zu ſprechen, erſchoͤpft lag ſie dann meh⸗ rere Minuten ſchweigend. Sie warf ſcheue Blicke auf Maxime, es ſchien, als bemuͤhe ſie ſich, ſeine Geſichtszuͤge zu erkennen, welches 175 aber bei der Dunkelheit im Zimmer unmoͤglich war. Sie winkte Eugenien nahe zu ſich hin. „Gern,“ fluͤſterte ſie leiſe zu dieſer,„, mochte ich die Geſichtszuͤge Deines Verlobten ſehen, tritt mit dem Grafen dort an das ferne Fen⸗ ſter und luͤfte den Vorhang desſelben ſo weit, um ihn zu beleuchten, ich kenne ja den noch nicht, dem ich mein Kind bereits geſchenkt ha⸗ be, er mag der Mutter dieſe Neugierde verge⸗ ben.“ Eugenie machte Maxime mit dem muͤtterlichen Wunſche bekannt, er erfuͤllte gern denſelben, trat neben dem geoffneten Vorhange und Joſephe erkannte jetzt einen fremden, noch nie geſehenen Mann in dem Grafen, be⸗ ruhigt ſank ſie zuruͤck und uͤberließ ſich nachher lange dem angenehmen Eindrucke, welchen Marmont auch auf ſie gemacht. Dem Grafen war es jetzt oͤfter vergönnt, im Krankenzimmer zu erſcheinen, er unterhielt ſich gern und viel mit der Graͤfinn Caboga, die ihn herzlich lieb gewann, von der er ſich indeß noch kein Bild machen konnte, da ſie ſtets noch im Bette verbleiben und das Zimmer nach wie vor verdunkelt war. Der Arzt erklaͤrte die Gräfinn außer aller Gefahr, doch empfahl er die hochſte Schonung fuͤr ſie, wenn man nicht eine bleibende Schwaͤche ihrer Nerven fuͤrch⸗ 176 ten wolle, das Ende ihrer gaͤnzlichen Wieder⸗ herſtellung ließ ſich nicht abſehen. Maxime wagte daher eines Tages, Joſephen um die Beſtimmung des Tages ſeiner Vermaͤhlung zu bitten, er hatte ſchon fruͤher geaußert, daß ſein Aufenthalt in Caboga nicht von langer Dauer ſeyn konne, indem eine Sendung nach Paris ihm in wenigen Wochen bevorſtaͤnde.„Sie wuͤrden mich ſehr begluͤcken, theure Mutter, wenn Sie meine Vermaählung ſo anſetzen wuͤr⸗ den, daß ich Eugenien als meine Gattinn mit nach Frankreich fuͤhten konnte, ich werde ſo viel Zeit gewinnen, meine Altern zu beſu⸗ chen, o, wie freudig wuͤrde ich ſie mit meiner Verheirathung, mit Eugenien uͤberraſchen!“ Eugenie widerſetzte ſich zwar ſeinen Planen, ſie wollte die noch ſchwache Mutter nicht ver⸗ laſſen. Joſfephe mochte Nichts entſcheiden, doch die Graͤfinn Noſenberg trat auf Mar⸗ monts Seite, ſie hatte ſich nun einmal fuͤr ſeine Beſchuͤtzerinn erklart, bat, ſeinen Bitten Gehoͤr zu ſchenken, wollte gern Zeuge der Ver⸗ mählung ſeyn und erbot ſich, noch einige Wo⸗ chen nach Eugeniens Abreiſe mit dem Gra⸗ fen, bei der kranken Joſephe zu bleiben, bis dieſe dann wohl vollig geneſen ſeyn wuͤrde. So wurde der Vermaͤhlungstag beſtimmt. In 177 einem Nebenzimmer, deſſen Thuͤren gebffnet waten, wurde die Trauung ſtill vollzogen, Jo⸗ ſephe war in ihrem Bett ein unſichtbarer Zeuge davon; und ſo ſah ſie ihr ſuͤßes Kind aus ihren Armen geriſſen, ehe ſie ſeiner recht von Herzen froh geworden war; nur auf kurze Zeit reiſte Graf Marmont mit ſeiner jungen Gattinn nach Wien, dann begab er ſich nach Frankreich. Der Vater Maxime's, General Mar⸗ mont, lebte auf ſeinen Guͤtern in der Pro— vence, er war ſeit der ſchweren Bleſſur, welche er in der Schlacht von Aspern empfangen hat⸗ te, zum Kriegsdienſte untauglich geworden, und ſeine Gattinn, die ſonſt fruͤher ſeine treue Begleiterinn auf allen Feldzuͤgen geweſen war, hatte es ſchon laͤnger bei vorruͤckenden Jahren unbequem gefunden, ſiets ihren Aufenthalt zu verändern. Das traurige Ereigniß hatte folg⸗ lich fur ſie eine angenehme Folge, denn es ge⸗ waͤhrte ihr das Gluͤck der Haͤuslichkeit, wofür ſie ſo vielen Sinn hatte. Ihr Lieblingsſohn, Leontin, theilte ihr hausliches Gluͤck, in ſo⸗ weit er uͤberall gluͤcklich genannt werden konnte, Noch immer herrſchte das Bild der ſchönen Graͤfinn Caboga in ſeinem Herzen, auf dem langen ermuͤdenden Kampfe in Spanien hatté Dritter Band. M 178 er vergebens den Schmerz hoffnungsloſer Liebe zu bekämpfen geſucht. Er ftuͤrzte ſich tollkuͤhn in die Gefahr des Kampfes, aber der Tod ſuchte die Bruſt des Ungluͤcklichen nicht; ſo erſtieg der junge Krieger Stufe auf Stufe des Ruhms, er avancirte zum General, eben da die Herrſchaft ſeines Kaiſers ein Ende nahm und Frankreich Frieden mit Europa machte. Von Jugend auf Soldat, im ſteten Kriege lebend, ſchien ihm der Stand eines Soldaten in Friedenszeiten langweilig und unbedeutend; er zog es vor, auf den Guͤtern ſeines Vaters, dieſem in der Ver⸗ waltung derſelben zur Seite zu ſtehen und ne⸗ benbei erheiternden Wiſſenſchaften zu leben. In dieſer Zeit war es, wo Maxime's Briefe mit der Anzeige ſeiner Vermaͤhlung und ſeiner nahen Ankunft im Vaterhauſe, alle Bewohner desſelben in eine frohe Bewegung ſetzten. Ob⸗ gleich Maxime's Gegenwart in Paris nicht laͤnger aufgeſchoben werden konnte, ſo ſuchte er doch ſeine Reiſe ſo einzurichten, wenigſtens nur Einen Tag zu gewinnen, um ſeine Gattinn in die Arme ſeiner Altern zu fuͤhren, dann ſchnell nach Paris zu eilen, ſeine Geſchaͤfte dort abzu⸗ machen und zuruͤck auf das Schloß ſeines Va⸗ ters zu kehren, um einige Zeit in dem Schoße ſeiner Familie zu bleiben. 179 Noch früher, als man ſie erwartet hatte, erſchien der Reiſewagen des jungen Ehepaares vor dem Schloſſe, die Generalinn Marmont eilte die Treppe hinab, ihre neue Tochter, den theuern Sohn zu begruͤßen; lange, zärtlich weil⸗ ten ihre Blicke auf Eugenien, dann faßte ſie die Haͤnde ihrer Kinder, ſie zu dem PVater zu fuͤhren, den ſeine Schwäche im Gehen verhin⸗ derte, ſeiner Gattinn zu folgen. So wie Eu⸗ genie ins Zimmer trat, breitete der Vater ihr die Arme, mit dem Ausdrucke eines lebhaften Erſtaunens entgegen.„Eugenie, meine theure, ungluͤckliche Schweſter, kehrſt Du zu⸗ ruͤck!“ rief er ihr entgegen— dann plotzlich ſich befinnend, legte er die Hand an die Stirn⸗ „Traͤume ich,“ ſprach er lebhaft:„wie iſt mir denn?— Ich ſehe Eugenien, die arme ver— ſtoßene Schweſter, vor mir und doch ihre Ju⸗ gend, es iſt unmoglich!“— Alle ſahen be— ſtuͤrzt, befremdend auf den General, die zarte Eugenie lehnte ſich erbleichend bei dieſem ſon⸗ derbaren Empfange an Maxime's Bruſt. „Um Gottes willen, mein Väter,“ ſprach die⸗ ſer,„was iſt Ihnen? Ja, es iſt Eugenie, meine Gattinn; woher wiſſen Sie ihren Na⸗ men?— Was reden Sie von einer Schweſter?“ — Doch der General hörte kaum auf das, was 180 der Sohn zu ihm ſagte,„Melanie,“ ſprach er weiter, die Hand ſeiner Gattinn ergreifend, „erkennſt denn Du Eugenien nicht auch? Sie iſt es wahrlich ſelbſt, Zug fuͤr Zug. Wer hilft mir aus dem Traume?“—„Euge⸗ nie, Deine Schweſter,“ erwiederte die Gene⸗ ralinn,„ja, wahrlich Lieber, es ſind ihre Zuͤ⸗ ge, taͤuſchend gleicht ſie dieſerz doch beſinne Dich, ſie kann es nicht ſelbſt ſeyn, Eugenie, Deine Schweſter, war wenige Jahre juͤnger als ich, Maxime's Gattinn ſteht in ſo zarter Jugend vor uns.“ „Ich bin ein Thor, die lberraſchung S kindiſch,“ ſprach der Generaljetzt.„Vetzeihen Sie, mein liebes Kind,“ fuhr er weiter fort, indem er liebkoſend Eugeniens Hand ergriſſ,„ein ſelt⸗ ſames Spiel der Natur machte Sie einer gelieb⸗ ten, ach, von mir verfolgten Schweſter Eu⸗ genie ſo taͤuſchend aͤhnlich und Ihr Anblick ruft Vorwuͤrfe in meiner Seele auf; Sie muͤſſen dieſen befremdenden Empfang entſchuldigen und, um Ihnen zu beweiſen, daß ich nicht ganz ſo thoͤricht bin, wie Sie mich vielleicht halten, will ich meine Entſchuldigung herbei holen.“ Mit dieſen Worten ging er in ein Kabinet neben dem Zimmer und kam gleich darauf, ein ziem⸗ lich großes Bild tragend, daraus zuruͤck. Das — 181 Bild war verhuͤllt, er riß die Bedeckung davon ab und Alle ſahen mit Erſtaunen das Gemaͤlde eines ſehr jungen Frauenzimmers, welches wirk⸗ lich Eugenien, bis auf die veraltete Tracht, auf ein Haar glich. „Ihr ſeht hier das Pild meiner Schweſter, ſie hieß Eugenie, wie Deine Gattinn, Ma⸗ xime,“ ſprach er zu dieſem,„ſie vermaͤhlte ſich, gegen den Willen meines Vaters, dem ungarnſchen Grafen Caboga.“—„Cabo⸗ ga!“ rief Maxime,„ſo heißt Euge⸗ niens Mutter, ſie lebt in Ungarn auf ihrem Schloſſe, wie feierten dort unſere Vermaͤhlung.“ „ Es leidet keinen Zweifel,“ verſetzte der General,„Eugeniens Mutter iſt meine Schweſterz ich werde ſie wiederſehen, ich werde mich mit ihr verſohnen; o, ſei mir doppelt willkommen, geliebte Tochter, Du biſt mir um ſo theurer, Du biſt mir ein Buͤrge ihrer Ver— zeihung.“ Er umarmte Eugenien, welche noch immer vergebens rang, ſich von ihrem“ Schrecken beim Empfange zu erholen.„Meine Mutter, theurer Vater,“ ſprach ſie ſcheu und verlegen,„heißt Joſephe, nicht Eugenie; doch glaube ich, ſie iſt in Ungarn geboren, ach, ich weiß leider noch ſo wenig von meiner Fa⸗ milie, denn, obgleich meine Mutter die Guͤte 182 und Liebe ſelbſt iſt: ſo ſah ich ſie doch ſelten recht froh; ein geheimer Gram ſcheint in ihrer Seele zu wohnen, ſie redet jalhn nie von der Vergangenheit.“— 1 „Es leidet keinen Zweifel, ſie iſt's, den Namen hat ſie vielleicht vekändert, doch zu un⸗ verkennbar gleichſt Du ihr, mein Kind,“ ſiel ihr der General in die Rede.— „Laßt uns nun der nuen 4 hl froh werden,“ ſprach jetzt Melanie,„das liebe Kind iſt ermuͤdet, ſcheint angegriſſen, die⸗ ſe, wenn auch freudigen Entdeckungen, dienen nur dazu, ihr Gemuͤth aufzuregen, ſie bedarf Erquickung und Ruhe.“ Eugenie warf dankende Blicke auf die lie⸗ bevolle Frau; ſie war wirklich von der Reiſe, von den neuen Eindruͤcken, von dem lebhaften Betragen ihres Schwiegervaters, ſo außer Faſ⸗ ſung geſetzt, daß ſie nicht daran dachte, daß das Alter ihrer Mutter jede Muthmaßung des⸗ ſelben außer Zweifel ſetzen wuͤrde. Maxime, ihr Gemahl, dachte um ſo weniger daran, da⸗ durch Aufklaͤrung zu geben, indem er uͤber das Alter ſeiner Schwiegermutter voͤllig in Unge⸗ wißheit war, er hatte ſie nur im Däͤmmer⸗ lichte ihres Krankenzimmers, verhuͤllt in Tuͤcher 183 und Kiſſen erblickt, er hielt ſie viel älter als ſie war. Leontin, der Bruder Maxime's, war an dieſem Tage leider nicht anweſend im vaͤ⸗ terlichen Schloſſe, er hatte, wie Alle, das junge Ehepaar noch nicht erwartet, und eine Jagd⸗ partie bei einem benachbarten Gutsbeſitzer an⸗ genommen; man konnte nicht darauf rechnen, ihn unter drei Tagen wieder kehren zu ſehen. Die jungen Eheleute mußten alſo darauf verzichten, Leontin vor ihrer Ruͤckreiſe von Paris zu ſehen; denn leider konnte Maxime den Bitten ſeiner iltern, nur noch einige Tage zu verwei⸗ len, nicht nachgeben, die Zeit draͤngte, ſeine Geſchaͤfte in der Hauptſtadt waren unaufſchieb⸗ bar. Der kurze Tag ſchwand ſchnell unter froͤh⸗ lichen Geſprächen. Der General ließ die lieb⸗ liche Schwiegertochter faſt nicht von ſeiner Sei⸗ te, mit immer groͤßerem Vergnuͤgen ihre ſcho⸗ nen Geſichtszuͤge betrachtend und am andern Morgen, ſchon ſehr fruͤh ſchieden die geliebten Kinder mit der nahen Hoffnung des Wieder⸗ ſehens, auf kurze Zeit von den ältern. Als Leontin daher nach einigen Tagen in das vaͤterliche Schloß zuruͤck kehrte, empfingen ihn die Liltern mit der f-eudigen Botſchaft; Melanie vor Allem war uͤber des Sohnes 184 Gluͤck in muͤtterliches Entzuͤcken verloren.„Er nennt das ſchönſte, liebenswuͤrdigſte Weſen ſeine Gattinn,“ ſprach ſie zu Leontin,„ach, man braucht Eugenie nur zu ſehen, um ſie zu lieben!— Folge ſeinem Beiſpiele,“ fuͤgte ſie hinzu;„fuͤhre auch Du mir bald eine holde Tochter entgegen, der es gelingen wird, die duͤſtern Kummerfalten von Deiner Stirn zu verwiſchen, die mir das Gluͤck bereitet, meinen geliebteſten Sohn ſtrahlend, wie einſt im fro⸗ hen Jugendmuthe, wieder zu erblicken.“ Leon⸗ tin beugte ſich wehmuͤthig auf die muͤtterliche Hand.„Maxime's Gluͤck freuet mich hoch,“ ſagte er innig,„doch laſſen Sie, guͤ⸗ tige Mutter, mein eigenſinniges Herz in Ru⸗ he, es will ſich nun einmal nicht Ihren lie⸗ benden Wuͤnſchen fuͤgen.“ Er legte bei dieſen Worten die Hand auf die Stelle des Herzens, als muͤſſe er dem Schmerze ſeines Innern weh⸗ ren.„Meine Leidenſchaft iſt ein Wahnſinn,“ ſprach er eine Stunde ſpaͤter zu ſich ſelbſt, nach⸗ dem er lange vor ſich hin traͤumend am Fen⸗ ſter geſeſſen hatte;„weit, wie durch Tod und Grab, bin ich von dem Gegenſtande meiner Treue getrennt, nicht einmal den ſchwaͤrmeri⸗ ſchen Traͤumen der Liebe darf ich mich uͤberlaſ⸗ ſen; weiß ich denn, ob der Weſthauch, der aus 185 der Himmelsgegend, wo ſie lebte, zu mir her weht, noch ihre Wange gekuͤhlt hat, weiß ich, wenn in dunkler Nacht die Sterne mild und ſtill auf mich nieder ſchauen, ob es nicht viel⸗ leicht ihre milden Sternenaugen ſind, die, meine Blicke ſuchen.— O, niewals iſt eine Liebe ſo arm geweſen wie die meine; nichts habe ich je von ihr beſeſſen, nichts iſt mir geblieben, als ihre ſchoͤne Traumgeſtalt und ſie ſelbſt liegt wohl ſchon laͤngſt bleich und ruhig unter der Erde, iſt verblutet unter den Schmerzen, welche ich auf ihr ſchoͤnes Herz warf.“— In dieſen traurigen ecn Leontin durch ſeinen Vater geſtort, welche⸗ ſeit der Abreiſe Maxime's und Eugeniens ruhelos, lebhaft bewegt, dann wieder nachden⸗ kend umher ging.„Leontin,“ ſprach er zu dieſem,„meiner Schwiegertochter Anblick hat meine Seele in Aufruhr gebracht, ich ſinde nicht eher Ruhe, bis ich eine Laſt abgewaͤlzt habe, welche mich ſchon Jahre lang gedruckt hat, Es gibt fuͤr mich kein wichtigeres, kein eiligeres Geſchaͤft, als mich mit meiner Schwe⸗ ſter, von der ſich mein heftiges Gemuͤth einſt abwandte, wieder zu verſoͤhnen. Du ſtaunſt, Du ſiehſt mich fragend an? Ja, mein Sohn, ich beſitze noch eine Schweſter, welche vor der 186 Revolution, gerade in dem Augenblicke, da ſie dem Marquis Villangois in Paris vermaͤhlt werden ſollte, von dem Su6e Grafen Caboga entfuͤhrt wurde.“ „Caboga!“ rief Leontin beſtrzt,„ich kannte einen General dieſes Namens; doch da⸗ von hernach, erzahlen Sie weiter, mein Vater.“ „Meines Vaters Zorn,“ fuhr der General fort,„uͤber ſeiner Tochter Vergehen, war un⸗ begranzt, ſie war ſein Stolz, wie ſie zu glei⸗ cher Zeit die ſchoͤnſte Zierde des Hofes war, durch ihre keichtſinnige Flucht, durch den un⸗ erhörten Schritt, zu welchem ſie wahrſcheinlich eine heftige Leidenſchaft fuͤr den Fremdling ver⸗ leitet hatte, war meines Vaters Stolz gedemuͤ⸗ thigt und was ihn aufs Kußerſte brachte, war, daß die Kbniginn ihn ſelbſt an der Verfolgung des Entfuͤhrers hinderte, dieſe hatte fruͤher die Ver⸗ bindung des Marquis mit ſeiner Tochter einge⸗ leitet, jetzt nahm ſie die Entflohenen in Schutz, machte ſo nach ſeiner Meinung ihn, den ſonſt ſo gewaltigen Miniſter, zum Spielwerke ihrer Laune, und ſo äußerlich ruhig ſcheinend, flammte ſeine Wuth im Innern um ſo heftiger. Der Marquis von Villangois, welcher ſich als ein zuruͤck geſetzter, verſpotteter Bräu⸗ tigam ſehr beleidigt fand, brach mit meinem 4 Vater und dieſer, welcher durch die nahe Ver⸗ bindung mit ihm, ſich bei den zu befuͤrchtenden Volksunruhen, welche er bereits voraus ſah, da er ſo ganz der königlichen Familie ergeben und dem Volke verhaßt war, eine Stuͤtze an ſeinem Schwiegerſohn bereiten wollte, weil die⸗ ſer in mannichfachen Verbindungen mit dem Buͤrgerſtande warz ſah ſich nun auf Einmal allein ſtehen, ſah ſpäter denjenigen, welcher ihn beſchuͤtzen ſollte, als ſeinen aͤrgſten Widerſacher an der Spitze ſeiner Feinde ihm gegenuͤber. Der Thron ſank und mit ihm das Anſehen meines Vaters, des Miniſters Bourdonnaye. Ich, damals in der Kraft meiner Jugend, voll Muth, voll Vaterlandsliebe, ſchon längſt ein Feind al⸗ ler hoͤſiſchen Kriecherei, ein Feind jenes uͤber⸗ muͤthigen Adels, zu dem ich zwar ſelbſt gehörte, aber nicht ſeine Farbe trug, ein Freund des unterdruͤckten, ungluͤcklichen Volkes, begab mich bei dem Ausbruche der Volksunruhen unter die Fahnen ſeiner Vertheidiger. Ich eilte nach Pa⸗ ris, fand, wie ich bereits gefuͤrchtet, meinen Vater im Gefängniß, nur wenige Worte konnte ich mit ihm reden, ich verließ ihn, um keinen Augenblick zu ſeiner Rettung zu verſaͤumenz es gelang mir, den Befehl zu ſeiner Fiiheit zu erlangen, doch ich kam zu ſpaͤt, er hatte 188 bereits unter dem Beile der Guillotine geblutet. — Im Glefaͤngniß hatte er mir einen Brief an ſeine Tochter, der er bis dahin nicht geſchrie⸗ ben, uͤbergeben; er ſprach darin uͤber diejenige, welche er als ſchuldig an ſeinem Tode erkannte, einen furchtbaren Fluch aus;— ich war grau⸗ ſam genug, den Dolch, den die Vaterhand fuͤr das Herz der Tochter geſchliſſen, in die Bruſt der Schweſter zu ſtoßen, ich ſandte den Brief nach Ungarn an die Graͤfinn Caboga.—— Die wilden Begebenheiten der Zeit, dauernde Feldzuͤge, fuͤhrten mich eine Reihe von Jahren hindurch uͤber die Vorwuͤrfe weg, welche ich mir indeß ſpaͤter uͤber meinen allzu raſchen Schritt gegen die Schweſter machte. Zwar war ich noch immer ſehr aufgebracht uͤber den Schimpf, welchen ſie unſerm Hauſe angethan, doch dachte ich oft an ſie und ihr Schickſal. Ich hatte den Namen meines Vaters, Bour⸗ donnaye, welcher dem Volke in jener Zeit verhaßt war, abgelegt, nannte mich nach dem Beſitzthume Eurer Mutter, Buͤrger Mar⸗ mont, als indeſſen fpaͤterhin aus der blutigen Umwaͤlzung ſich ein neues, dem Anſcheine nach maͤchtiges und beſtehendes Reich bildete, em⸗ pfing ich aus der Hand ſeines Beherrſchers, der mein Jugendfreund geweſen war, meinen 139 Grafentitel zuruͤck; Jahre und Erfahrungen hat⸗ ten mich gelehrt, daß die ſchwaͤrmeriſchen Ideen von Freiheit und Gleichheit, Irrlichtern zu ver⸗ gleichen waren, welche denjenigen, welcher ih⸗ nen folgte, nur dem Verderben oder dem Un⸗ tergange zufuͤhrten; die Vernuͤnftigen fuͤgten ſich gern einer neuen und ich mit die oſtreichſchen Staaten im Beſitz nahm, wa⸗ ren wir ja Beide, Du Leontin, und ich, bei der Armee, die dort kaͤmpfte. Damals war mein Vorſatz, meine Schweſter aufzuſuchen und mich mit ihr zu verſoöhnen. Doch ſchon in der Schlacht von Aspern empfing ich, wie Du weißt, die ſchwere Bleſſur, ich kehrte halb ge⸗ neſen nach Frankreich zuruͤck, wo Melanie, die mir ſchon voraus gegangen war, mich mit Ungeduld erwartete; die lange Kraͤnklichkeit, die neue Verwaltung meiner weitlaͤufigen Guͤ⸗ ter, und, warum ſoll ich die Sache nicht mit dem rechten Namen nennen? ein ſtrafbares Phlegma ließ mich ein Jahr nach dem andern voruͤber eilen ſehn, ohne meinen Vorſatz aus⸗ zufuͤhren. Jetzt fuͤhrt der Himmel mir das Kind meiner Schweſter entgegen, ihr Ebenbild darf ich Tochter nennen, und Gott ſchenkt mir Als der franzöſiſche Kaiſer zum zt Male — 190 altem Suͤnder ſo große Gnade. Soll ich nun noch zögern, die lang Vermißte an mein Herz zu ziehen? Sieh' hier das Bild,“ ſprach der General, und ließ Leontin das Gemälde ſei⸗ ner Schweſter ſehn, welches es bis jetzt ſeinen Sohnen verheimlicht hatte. Leontin betrachtete das Bild mit Ent⸗ zuͤcken, ſeiner geliebten Joſephe Augen ſtrahl⸗ ten ihm entgegen, doch ſie war es nicht ſelbſt, ſeufzend gab er es zuruͤck.„Was ſoll denn jetzt geſchehen, mein Vater?“ fragte er dieſen, „wollen wir Ihre Schweſter aufſuchen?“ „Du allein, mein Sohn, ſollſt die Reiſe nach Ungarn antreten, Eugenie iſt Witwe, ihr Gemahl iſt todt, Du ſollſt ihr meine Briefe bringen, Du ſollſt unerkannt unter einem frem⸗ den Namen ihre Geſinnungen gegen mich er⸗ forſchen und wenn ſie zögert, mir zu verzeihen, Dich als meinen Sohn nennen, ſie verſöhnen, ſie hierher auf einige Zeit in meine Arme fuͤh⸗ ren, vielleicht iſt es moglich, daß Du bis zu Mapxime's Zuruͤckkunft mit Deiner Tante hier eintriſſſt, welche liberraſchung wuͤrde das fir uns Alle ſeyn, welche gluͤckliche Stunden wuͤr⸗ den uns die Tage bringen!“ Gern gehorchte Leontin dem citeilichen Befehle, von hoͤchſtem Intereſſe war ihm die 191¹ ungluͤckliche Schweſter ſeines Vaters, welche einen Namen fuͤhrte, der ihm ſehr theuer warz zwar mit Schmerz, aber immer noch voll Sehn⸗ ſucht zog ſein Sinn dem Lande zu, welches ihm das Theuerſte verbarg. Hofſen konnte er von Joſephens Schickſal zu erfahren, ſie wie⸗ der zu ſehenz ach, dieſes Gluͤck mußte er ſich verſagen! XI. Der leichte Reiſewagen des Grafen Leon⸗ tin Marmont fuhr auf das Schloß Caboga zu, fröhlich blieſen die Poſtillone dem Ziele ent⸗ gegen, erfreut, den verheißenen doppelten Lohn, welchen der ungeduldige Reiſende ihnen gelobt, ehrlich verdient zu haben, denn noch vor dem letzten Sinken des Tages hielt der Wagen an der Schloßpforte, aus welchem Leontin, wie ein Bote des Gluͤcks, umringt von der herbei eilenden Dienerſchar, hervor ſprang. Alle hat⸗ ten die Ruͤckkehr des jungen gräflichen Ehepaa⸗ res erwartet, erſtaunt blickten ſie auf einen Fremden, der ſich ſogleich den Zutritt zur Graͤ⸗ ſinn Caboga erbat. Man fuͤhrte ihn indeß in ein nahe gelegenes Zimmer, ihn vorher bei der Graͤſinn anzumelden, welcher Meldung er 192 die Bitte hinzu fuͤgte, derſelben noch an die⸗ ſem Abend ſehr wichtige und erfreuliche Briefe aus Frankreich uͤberreichen zu duͤrfen. Joſephe ſaß einſam, wie gewoͤhnlich, in ihrem Zimmer, ſie ſchien von ihrer Krankheit geneſen, ſeit wenigen Tagen war die Graͤfinn Roſenberg mit ihrer Tochter nach Wien zu⸗ ruck gereiſt. Ihre Seele war weicher, milder, ja gluͤcklicher wie je geſtimmt. Wie es bei Menſchen nach einer uͤberſtandenen Krankheit oftmals der Fall iſt, daß mit dem Aufhoren korperlicher Schmerzen, indem alle Glieder ei⸗ ner ſanften Ermattung hingegeben find, auch die Schmerzen der Seele, ja jede Empfindung ſanf⸗ ter und milder wird: ſo war es auch bei ihr, der ſchwere Traum ihrer Jugend lag hinter ihr, ſie hatte mit dem Gluͤcke derſelben abgerechnet, fuͤr ſich Nichts mehr zu hoffen; ihre Tochter war gluͤcklich und ſo blickte ſie, wie ein abge⸗ ſchiedenes Weſen, gleichſam wie von einem an⸗ deren Sterne, auf die Leiden und Freuden der Erde hin, nur noch ruͤckwirkend auf dieſelbe, in der Theilnahme und Sorge fuͤr Andere⸗ Foſephe hatte den Schall der Poſthoͤrner vernommen, der Diener, welcher jetzt zu ihr ins Zimmer trat, die fuͤr ſie von dem Frem⸗ den empfangenen Briefe zu uͤbergeben, wurde . 193 von ihr uͤber den Angekommenen befragt, er uͤberbrachte deſſen Begehr. „Entſchuldige mich,“ gab ſie dem Diener zur Antwort,„daß ich fur heute ſeinen Beſuch nicht annehmen könne, ich bin ſehr ermattet, und wuͤnſche mich zur Ruhe zu begeben, ich werde indeß dieſe Briefe nachleſen; Morgen fruͤh hoſſe ich ihn zu ſehen.“ Die Gräſinn, ohne Ahnung, aus welcher Hand ihr dieſe Briefe kamen, erwartete Nachricht von ihrer Jochter zu empfangen, doch war ihr die Hand der Aufſchrift fremd. Gluͤckliche Nachrichten, hatte ihr der Diener geſagt, enthielten die Briefe und ſo zogerte ſie nicht laͤnger, dieſe zu erbre⸗ chen. Der Inhalt derſelben ſetzte ſie indeſſen in Erſtaunen und Verwirrung, er lautete: Theure, geliebte Schweſter! „Schwer habe ich an Dir gefrevelt, ich habe Dein ſanftes Herz unheilbar verwundet, meine Bruderhand gab ihm vielleicht den indem ſie Dir den Dii nes Vaters ſandte““— „Verzweiflung, ihn unter en Pintir⸗ beile verbluten zu ſehen, Schmerz um Dich, die Du ſchonungölos Deine Angehoͤrigen ver⸗ laſſen, ſie der Sorge um Dein Schickſal Preis gegeben hatteſt, aufgeregt durch die Dritter Band. N 194 furchtbaren Ereigniſſe des Tages, und doch den Gefuͤhlen Hohn ſprechend, mit welchem die blutigen Auftritte, wo die Unſchuld mit dem Verbrechen buͤßen mußte, die Seele erfuͤllten, war meinem Gemuͤthe jede ſanfte Empfindung fremd. Kuͤhn Alles aus dem Wege raͤumend, was der erträumten goldnen Freiheit im Wege ſtand, verdammte ich die Stimme des Mit⸗ leids in meiner Bruſt und meine zaͤrtliche Schweſter mit ihr.— FJetzt blicke ich auf jene Stunden zuruͤck— o, wie mancher Tag der Reue iſt dieſer Unheil bringenden Stunde gefolgt, die Wafſe, welche ich gegen Dich gezuͤckt, kehrte ihre Spitze gegen mein eigenes Herz! Ja gewiß, geliebte Eugenie, die Bande des Blutes ſind unzerreißbarer als wir waͤhnen, an tauſend Faͤden haͤngen ſie noch, wenn wir ſie laͤngſt zerriſſen glauben; darum verſohne Dich mit mir, vergib Deinem reui⸗ gen Bruder, eile in meine Arme, denn den alten Krieger feſſeln die Nachwehen ſeiner Bleſ⸗ ſuren an den heimathlichen Boden; wie mir ſonſt die Welt zu klein ſchien fuͤr meine Siege: ſo ſcheint mir jetzt die kleine Erdſcholle, die ich mein nenne, groß genug, um darauf des Gluͤckes, welches ich beſitzen kann, froh zu werden; wie leicht verliert ſich der Menſch im 195 Weltgewuͤhle, erſt in dem engen Kreiſe genuß⸗ reicher Haͤuslichkeit findet er ſich wieder.— Laß mich denn Alles wieder finden, was ich verlor, Dein Schweſterherz, Deine Liebez Gott hat unſere Wiedervereinigung beſchloſ⸗ ſen, denn ſollen wir zögern unſere Hände in einander zu legen, da die Herzen unſerer Kinder in Liebe fuͤr einander ſchlagen?“— „Ja, meine Schweſter, erfahre denn, Eugenie, Dein Kind, Dein Ebenbild, iſt die Gattinn meines Sohnes Maxime. — Wie ein Traum liegen jene Jahre hinter mir, wo blutige Kriege, eine wild bewegte Zeit, Leidenſchaft und ein zerſtreuter Sinn, mich ſchuldig machten; ach, wie oft uͤber⸗ horte ich meiner ſanften Melanie mahnende Stimme? Doch ſie hatte immer Geduld mit mir; Du wirſt der Gattinn nicht an verſoh⸗ nender Milde nachſtehen wollen? Richt wahr, meine Schweſter, Du laͤſſeſt mich nicht ver⸗ gebens hoffen, denn ich ſende einen Fuͤrſpre⸗ cher, deſſen Flehen Du nicht widerſtehen wirſt. Dein reuiger Bruder, Alexander Marmont, Bourdonnaye.“ Was ſollte Joſephe von dieſer Zuſchrift N2 196 denken, ſie war an ſie gerichtet und doch auch wieder nicht. Sie ſann hin und her, es blieb ihr laͤnger kein Zweifel, ſie wurde mit einer andern Perſon verwechſelt, und doch wieder die Verheirathung ihrer ECugenie, der Vorname ihres Gemahls; der Brief blieb ihr unerklaͤrlich. — Gern haͤtte ſie jetzt den Fremden noch heute Abend geſprochen, nindeß es war nuͤber ihrem Sinnen und Betrachtungen ſpät geworden, ſie fand es nun unſchicklich, ihn, ihrem erſten Ent⸗ ſchluß zuwider, jetzt noch zu ſich rufen zu laſ⸗ ſen. Da erleuchtete auf einmal ein Strahl ihre Seele, ſie dachte ihrer Mutter, dirſe war ja aus Frankreich, hieß Eugenie, wie ihre Toch⸗ ter, ſollte der Brief vielleicht an dieſe gerichtet ſeyn?— Zwar wußte ſie nichts von dinem Va⸗ terfluche, nichts von einem unverſöhnlichen Bru⸗ der derſelben, doch, daß ihre Mutter an einem heimlichen Kummer gelitten, der ihr Leben ſo früͤh geendet, das hatte ſie von Cäcilien er⸗ fahren. Sie dachte an Sarackſor, dieſer al⸗ te, treue Diener kannte ja, wie er pftazu ver⸗ ſtehen gegeben, alle Verhältniſſe ihres Hauſes, er war mit ihrem Vater, dem Grafen Faver Caboga in Frankreich geweſen, als er ſich daſelbſt mit ſeiner Gattinn Eugenie vermaͤhl⸗ te, er wußte wahrſcheinlich Licht in dieſer Sache 197 zu geben, zwar wußte er ſich nur durch Zeichen zu verſtändigen, ſeine Berichte mußten ſehr unvoll⸗ ſiundig ſeyn, indeß er konnte ihr doch die Haupt⸗ fragen, welche ſie ihm vorlegte, beantworten. Ohne ſich einen laͤngern Aufſchub zu geſtatten, eilte ſie jetzt ſelbſt, ſo ſpaͤt es auch war, zu Sarackſor in deſſen Stuͤbchen, ſie wußte den Alten noch wach, nie legte er ſich vor Mitter⸗ nacht zur Ruhe, nur wenige Stunden ſchlief er des Nachts, dieſe Gewöhnheit hatte er ſelbſt in ſeinem hohen Alter noch beibehalten. Der Greis war erſtaunt, ſeine Graͤſinn in ſeinem Stuͤbchen zu erblicken, obgleich ſtets von ihr mit Sorge und Aufmerkſamkeit behandelt, wußte er ſich die Herablaſſung nicht zu erklaͤ⸗ ren; verlegen ſtand er von ſeinem Sitze auf, doch Joſephe winkte ihm, ſich wieder zu ſet⸗ zen und ließ ſich ſelbſt ganz erſchoͤpft in einen Seſſel nieder.„ Sarackſor,“ ſprach ſie jetzt, „Ihr wart mit meinem Vater in Frankreich, Ihr wart bei ſeiner Vermählungz vermählte ſich mein Vater wider den Willen des Vaters mei⸗ ner Mutter mit dieſer?“— Sarackſor ſah bei dieſen Fragen die Graͤſinn erſchrocken an, dann nickte er heftig mit dem Haupte.„Weißt Du nicht, Alter,“ fragte Joſephe weiter,„ob meines Großvaters Zorn ſo groß war, daß ein 198 Fluch ſein Kind verfolgte, iſt ſie heimlich aus dem Hauſe ihrer Altern entflohen?“— Sa⸗ rackſor zuckte die Achſeln und hob die Au⸗ gen mit einem ſchmerzlichen Ausdruck zum Himmel.—„Geſteh', Alter,“ ſprach Jo⸗ ſephe dringend,„um meiner Ruhe willen, ich muß Alles wiſſen; ruhte ein Fluch auf dem Haupte meiner theuern ungluͤcklichen Mutter?“ — Noch immer ſchwieg der Greis, doch, Jo⸗ ſephe heftete die Augen ſo innig flehend auf ihn, er ſah, wie ſie heftig bewegt, mit klo⸗ pfendem Herzen vor ihm ſtand, äͤngſtlich ſeiner Antwort entgegen ſehend; es war ihm unmög⸗ lich, gegen ſeine huldvolle Gebieterinn unwahr zu ſeyn. Noch nie hatte ſie ſeiner bedurft, es war ihre erſte, einzige Forderung an ihn.— Langſam ſenkte er das greiſe Haupt bejahend auf die Bruſt, mit tief geſenkten Blicken blieb er der Graͤfinn gegenuͤber. Dieſe faltete ſeuf⸗ zend die zarten Haͤnde;„arme, ungluckliche Mut— ter, ein Vaterfluch brach Dein Herz? Ach, Du trugſt noch ſchwerer wie Dein Kind,“ ſprach ſie leiſe vor ſich hin weinend.— Nach einer kleinen Weile legte ſie Sarackſor die em⸗ pfangenen Briefe vor, bat ihn ſolche zu leſen. Er vertiefte ſich eine geraume Zeit in dieſem Geſchaͤfte; als er geendet, ſprach Joſephe: 199 „o, warum kann ich nicht Alles, was auf dieſe traurige Begebenheit Bezug hat, von Dir erfahren, warum ſind Deine Lippen auf ewig verſiegelt; derjenige, welcher dieſen Brief ge⸗ ſchrieben hat, er muß der Bruder meiner Mut⸗ ter ſeyn, er verwechſelt mich mit ihr!“ Alles dieſes rief die Graͤfinn mit ſo wehmuͤthiger Em⸗ pſfindung, daß Sarackſor, davon ſeltſam er⸗ griffen, entſchloſſen aufſprang, auf eine Ecke des Zimmers zuging und indem er heftig mit dem Fuße auf eine beſtimmte Stelle ſtampfte, durch Zeichen zu verſtehen gab, daß unter dem Fußboden Etwas verborgen ſei. Joſephe er⸗ griff das Licht, denſelben zu beleuchten, ein eingefugtes Brett war daſelbſt bemerklich.„Du willſt mir Etwas entdecken, hier iſt Etwas ver⸗ borgen?“ fragte ſie den Alten,„ſoll ich Leute herbei rufen, welche den Fußboden offnen?“— Sarackſor bejahte wieder und die Gräfinn rief einigen Dienern, welche nicht ohne Muͤhe das bezeichnete Brett des Bodens aufriſſen, es befand ſich eine kleine Hoͤhlung darunter, in welcher ein ſchmaler laͤnglicher Kaſten ſtand. Dieſer wurde der Graͤfinn uͤbergeben, Sarack⸗ ſor begleitete dieſe Handlung mit aͤngſtlichen Blicken, der Gegenſtand, welchen er in Jo⸗ ſephens Haͤnden erblickte, ſchien ihn zu beun⸗ — 200 ruhigen, er trieb durch Winke und Zeichen die Diener zum Zimmer hinaus und als dieſe ſich entfernt hatten, oſſnete Joſephe das Käſt⸗ chen, welches nur verſiegelt, nicht verſchloſſen war, ein 3 ſammen gerolltes, auf Leinwand gemaltes Bi in einem Umſchlage, waren ſein ganzer Inhalt. Joſephe rollte die Leinwand aus einander, bluͤ⸗ hend, lieblich, im vollen Glanze jugendlicher Schoͤnheit ſtrahlend, lachte ihrer Mutter Bild ihr entgegen, tauſchend ähnlich ihrer Tochter Eugenie, aber weit bezaubernder im Aus⸗ druck. Der ſanften unſchuldigen Enkelinn fehlte dieſes hinreißende Laͤcheln, dieſer ſiegreiche Au⸗ genſtrahl, welcher aus den Zuͤgen der blendend ſchoͤneren Ahufrau ſprach, indem die jungere Eugenie, unbewußt, wie ſchoͤn ſie war, von holdem Reize umfloſſen, nicht nach Bewunde⸗ rung ihrer Schonheit rang, athmete Alles an „der älteren Eugenie, ſo wie ſie das Bild dar⸗ ſtellte, daß ſie ſiegreich ſich des Triumphes be⸗ wußt war, den ihre blendenden Reize feierten. —— Tief bewegt legte die Graͤfinn das Bild jetzt wieder zuruͤck, um die Briefe zu entfalten, ſie las— es waren die unſeligen Briefe, welche ihrer Mutter den Seelenfrieden geraubt, ihr ein fruͤhes Grab gegraben hatten; Alles wurde U ild, wie es ſchien und zwei Briefe 4 20¹ ihr nun klar und ſie könnte ſich eines tiefen Unwillens gegan ihren Oheim nicht enthalten, ſie bebte faſt, ſich ſtatt ihrer Mutter mit dem einſt ſo gngt Manne zu ver rſöhnen. Doch das Mutterbild laͤchelte ſo ſelig, ſo gluͤcklich zu ihr her, ſie empfand in tiefſter Seele den himmliſchen Frieden, deſſen die Verklärte jetzt genoß, ihr Herz ſchlug verſöhnt. In dem Um⸗ ſchlage der beiden Briefe hete S 3 ge⸗ ſchrieben: „Ich dieſe traurigen Gegenſtaͤnde menſchlichen Auge, ja ich will ſie vor mir ſelbſt verbergen, damit ſie mich nicht je⸗ den Tag aufs Neue qualen. Meine huld⸗ volle Gebieterinn, deren Bild ich hier verſen⸗ ke, iſt der Inbegriff aller Guͤte und Milde, mit welcher Freude fuͤhrte ich ſie meinem Grafen zu, wie leichten, frohen Sinnes vollbrachte ich das Bubenſtuͤck, ſie aus ihrem Vaterhauſe zu entfuͤhren;— ach, dieſe ent⸗ ehrende Handlung trug bittere Fruͤchte, Fluch iſt dem herrlichen Stamme Caboga ge⸗ worden, er wird verwelken, erſterben, und ich, der ich mein Blut, mein Leben fuͤr ſein Gedeihen hingeben mochte, ich habe ſolch Unheil uͤber ihn gebracht.“ „Nein, die Perfiuchte, ob ſie mich auch 202 gleich ſo freundlich anlaͤchelt, ſie kann nicht in der Reihe glorreicher Ahnen geduldet wer⸗ den; iſt ſie fort, verſchont der Himmel viel⸗ leicht dieſes edle Haus und Alles will ich an deſſen Erhaltung ſetzen, ſei es auch die Ruhe meiner Seele. Mit dem Fluche ſelbſt begrabe ich ihr Bild; nimm ſie hin, alter, zorniger Vater, aber raͤche nicht weiter, fluche dieſem Hauſe nicht, in welchem Deine Toch⸗ ter, ohne Dein grauſames Herz gluͤcklich ge⸗ worden waͤre.— Niemand ſoll erfahren, daß der Fluch uns belaſtet, nur meine ſchoͤne gequalte Graͤfinn und ich wollen an dem furchtbaren Geheimniſſe tragen. Sarackſor.“ Joſephe faltete Alles wieder zuſammen und wandte jetzt ihre Augen auf Sarackſor, den ungluͤcklichen Greis, deſſen lautes, faſt kindiſches Schluchzen ihr das Herz durchſchnitt, ſie errieth die Qualen ſeiner alten Bruſt, er glaubte ſeine Gebieterinn, die er faſt abgoͤttiſch liebte, dieſen letzten Zweig des Namens Ca⸗ boga, erzuͤrnt zu haben, und doch fuͤhlte ſich ſeine Bruſt von dem ſo lange getragenen Ge⸗ heimniſſe befreit, durch Thränen fuͤhlte er ſein Herz erleichtert. Joſephe ſah ihn guͤtig an; wer konnte dem Unglucklichen zuͤrnen, deſſen 203 Anblick ſchon ſo oft ihr tiefſtes Mitleiden er⸗ regt, ja, ihr oft zur Qual geworden war? Er ſchleppte ſein trauriges Daſeyn hin, weder Krankheit noch Tod, ſchien es, konnten den al⸗ ten gelaͤhmten Eiſengliedern nahen, ſein Geiſt war trotz des hohen Alters hell geblieben. Mit weicher, wehmuͤthiger Stimme fluͤſterte ſeine liebreiche Graͤſinn auf ihn ein:„Es wird nun Alles gut werden, mein alter Freund,“ ſchloß ſie ihre Rede,„Dir habe ich ja mein und meines Kindes Daſeyn zu danken, Eugenie iſt gluͤcklich, ich bin zufrieden. Siehe, das Leid iſt voruͤber gegangen, ſtill und freudig wol⸗ len wir nun in Caboga leben.“ Ihre weißen Haͤnde beruͤhrten ſchmeichelnd die gefurchte Stirn des Greiſes, als wollten ſie ihm die ttiefen Gramfalten derſelben glaͤtten und ſeine Thraͤnen trockneten ſanft. In ihre Zimmer zuruͤck gekommen, fuͤhlte ſie ſich ſehr erſchoͤpft, ihre Kammerfrau brachte ſie zur Ruhe, doch nur kurz war der Schlaf, deſſen ſie genoß, fruͤh weckten ſie lebhafte Ge⸗ danken. Wunderbar hatte der Himinel zwei Geſchlechter, welche Liebe, Haß und wieder Liebe zuſammen fuͤhrte, ſchied und wieder ver⸗ einigte, durch die Zeit gefuͤhrt. Sie zweifelte keinen Augenblick mehr, daß der Fremde ihr 204 Oheim ſelbſt ſei, ſie bereuete es nun nicht, ihn am geſtrigen Abend nicht vorgelaſſen zu haben; denn wie viel ſchoͤner war jetzt der Empfang, vorbereitet auf ſeinen Anblick, von der trauri⸗ gen Vergangenheit ganz in Kenntniß geſetzt, konnte ſie ihm mit Wuͤrde, mit verſoͤhntem Gemuͤthe entgegen treten, die Uberraſchung hätte Alles verwirrt. Der morgende Tag war ein Feſttag für ſie, ſie, vom Schickſal auserſehen, die Schuld der Altern zu buͤßen, wie ſie wähnte, ſitand jetzt ein Engel der Verſoͤhnung, die Stell⸗ vertreterinn einer verklärten Mutter vor dem reuigen Bruder, geläutert durch Leiden, durch Entſagung, des ſchoͤnen Amtes wuͤrdig. Sie ſtand fruͤher wie gewöhnlich auf, ſie befahl ih⸗ rer Kammerfrau ein weißes Atlaskleid herbei zu holen, welches fuͤr den Hochzeitstag ihrer Toch⸗ ter beſtimmt geweſen war. Heute wollte ſie zum erſten Male die Witwentrauer ablegen. Bald ſtand ſie einfach aber hold geſchmuͤckt, zwar war ihre Wange bleich geworden, aber die herrlichen Augenſterne ſtrahlten noch in un⸗ vergaͤnglichem Glanze, reich und uͤppig legten ſich die dunkeln Seidenlocken um die hohe Stirn, ein Pfeil von blitzenden Diamanten feſſelte die reichen glänzenden Flechten uͤber derſelben. So trat ſie Leontin entgegen, deſſen Ein⸗ 205 tritt im Nebenzimmer ſie vernommen und,als wären die Seelen in ſeligem Fluge den ſchönen Geſtalten entruͤckt, ſo ſtanden die lange Ge⸗ trennten ſprachlos, gefeſſelt, die Sinne von dem nie getraͤumten Gluͤcke, einander gegen⸗ Leontin rief das Gluͤck ins Leben zuruͤck, um die ſchöne, hinſinkende Geliebte in ſeinen Armen aufzufangen, ſie mit liebendem Rämenn mit ſanften Kuͤſſen ins Leben zuruͤcktzu rufen. Joſephe ſah ihn an⸗ctraumend, zweifelnd, dann pon der⸗ Gewißheit, ihrer Seligkeit uͤberzn zeugt, hingeriſſen, ſchlangnſiendie ſchönen Arme um den wieder gefundenen Freund, ewiederte gluͤhend ſeine Kuͤſſe, empfand zum erſten⸗ Ma⸗ le, ach, nach ſo vielen verlornen Jugendjahren, den ganzen Umfang der Wonne vines liebenden Herzens. Es dauerte Stunden, ehe die Gluͤck⸗ lichen aus dem Rauſche erwachten, in welchem das unverhofſte Gluͤck ſie verſenkt; was hatten⸗ ſie nun einander zu geſtehen, zu vertrauen, zu erzuͤhlen? Sie erfuhren, wie nahe ſie einander⸗ verwandt, ſie ſchworen ſich ewige Liebe—— Jo ſephe willigte ein, mit Leontin zu ſeinem Vater nach Frankreich zu reiſen, dort einige Zeit zu verweilen, ſich der neuen dreifa⸗ chen Familienbande zu freuen, dann mit ihren 206 Kindern zuruͤck zu kehren, doch vorher gab ſie ihres Verlobten zärtlichen Bitten nach, ſich vor dieſer Reiſe mit ihm zu vermaͤhlen, ſein Gluͤck zu ſichern, die Seinigen um ſo groͤßer zu uͤberraſchen. Sie fuhr mit ihrem Freunde nach Marian⸗ ky, Cäcilie wußte ſchon um ihr Gluͤck, der Biſchof empfing ſie in der Kloſterkirche, ſegnete in Caͤciliens Gegenwart den treuen Bund ihrer zaͤrtlichen Herzen, welchen die fromme Kloſterfrau mit Freudenthraͤnen weihte. Wie auf Adolar's Altargemälde der Engel, die himmliſche Jungfrau mit ewigen Strahlen kroͤn⸗ te: ſo kroͤnte Leontin, die herrliche Braut, mit den Bluͤthen ſeiner unvergaͤnglichen Treue. Bald darauf ſtanden ſie an Adolar's einſa⸗ mer Trauerurne, eine truͤbe Erinnerung, die wehmuͤthig in das ſchimmernde Gluͤck dieſes Brauttages ſchauete; Caͤcilie erzählte Vieles von der Vergangenheit;„ja, meine theure Jo⸗ ſephe,“ ſprach ſie,„meine troſtenden Worte, die ich Deiner ungluͤcklichen Mutter einſt in einer bangen Stunde zurief: ſie ſind erfuͤllt! Gebet und einer frommer Wandel verſoͤhnen Fluch und Schickſal, mag es nun das Eine oder das Andere ſeyn, welches Dein Leben bedroht. Zwar biſt Du von Deinem eigenen 207 Blute verfolgt, denn der geſtorbene Freund, welchen dieſe Urne deckt, Adolar, er war Dein Bruder, der natuͤrliche Sohn Deines Vaters; der Name Caboga wurde beſchimpft, dem ſchmaͤhlichſten Verdachte bloß geſtellt, durch die unerlaubte Leidenſchaft Eurer Herzen;— Die Hand eines Bourdonnaye vergoß das Blut des Grafen Caboga und doch hat Liebe, innige und treue Liebe, dieſe beiden einander ſo feindlichen Geſchlechter vereinigt. Sie ma⸗ chen fortan nur einen Stamm aus.“—— Gluͤhend ſchien die Abendſonne durch die bunt bemalten Fenſter des Sprachſaales im Klo⸗ ſter Marianky, goldene Lichter ſpielten um die Blumengewinde, welche fromme Nonnenhaͤnde zum Feſte ihres einſtigen Lieblings, der holden Joſephe, zwiſchen ſeinen Saͤulenreihen auf⸗ gehangen hatten; die gluͤckliche Braut ſchauete bewegt um ſich, ſie mußte jenes Tages geden⸗ ken, wo Adolar hier aus Italien heimkehrend, einzog, an jenem Tage war ihr Herz aus den Traͤumen der Kindheit erwacht, ſie empfand es lebhaft, durch ihn, durch ſein Bild, durch ſeine Liebe, ſeine Lieder, war ihr Herz gleichſam in eine fremde Gewalt gegeben worden und, als wolle ſie ſich an der Bruſt ihres Gatten gegen 208 jeden fremden Eindruck ſichern, i ſie be⸗ wegt in ſeine Arme. on bio'tt Der Wagen, welcher ſie S Cabog anzu⸗ ruͤck füͤhren ſollte, harrte ſchonan der Kloſter⸗ pforte, mitnfreudigen Gefuͤhlen ſah Caͤtitie die Gluͤcklichen ſcheiden“ Ein Sitz des Gluͤcks ſchien den Neuvermählten das alte, ehrwuͤrdige Schloß, deſſen Mauern ſie Freudig begrüßten, feſtmentſchloſſen, es nach der Ruͤckkehr aus Frankreich zum dauernden Wohnſitze zu erwäͤhlen⸗ Als die Graſinn Mia nin omt Bourdons naye an der Hand ihres Gemahls in die Vor⸗ halle des Schloſſes eintrat ward ihr die Kun⸗ de, daß Gott den leidenden Greis Sarackſor durch den Tod erlöſt habe.— Er war zu ders ſelben Stunde geſtorben, in welcher die letzte Graͤſinn Caboga ſich dem Grafen Mars mont Bourdonnaye hl t hatte. Ende des dritten und letzten Bandes. Farbkarte 613 B./. G.