livthekł᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8 8 2 von S Cduard Oftmann in Gießen, 46 Seih- und geſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 8 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. . Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine vem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Wt f. 1 Pf. 3 2 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendun, der Bücher e eigenen Koſten und Geſahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die Verblichene, welche von dieſen klagen⸗ den Tönen zur ewigen Ruhe geleitet werden ſoll⸗ te, war ja weit umher der Troſt der Bedraͤng⸗ ten, zahlloſen Verlaſſenen eine liebende Mutter geweſen. Wie eine Gottheit, unſichtbar den Flehenden, hatte ſie die erbarmenden Haͤnde ſeg⸗ nend ausgeſtreckt, und die heißen Thraͤnen, wel⸗ che ihr nachgeweint wurden, waren das ſchönſte Todtenopfer an ihrem Sarge. Aufgebahrt ſtand der Sarg der alten Graͤ⸗ finn Caboga im Ahnenſaale, eine reiche Decke von violetenem Sammet hing an beiden Seiten daruͤber hin, auf ſilbernen Gueridons brannten geweihte Kerzen und im hellen Glanze ſchim⸗ A 2 4 merten die goldgeſtickten Wappenſchilde der Sarg⸗ decke. Oben am Haupte der Todten knieeten from⸗ me Monche, Seelenmeſſen fuͤr die Verſtorbene zu leſen, zu den Fuͤßen des Sarges aber ſaß der treue Sarackſor, ſeiner Gebieterinn die letzte traurige Ehrenwache zu halten. Es war nahe an Mitternacht; draußen tobte der Sturmwind und trieb ſchwarze Wetterwol⸗ ken gegen die Karpathengebirge; in Stroͤmen ſchoß der Regen herab und bläuliche Blitze leuch⸗ teten durch die ſchwarz behängten Fenſter des Trauerſaales. Der Graf Eaver hatte befohlen, die Be⸗ ſtattung der Huͤlle der geliebten Mutter, welche nach einem alten Familiengebrauche um Mitter⸗ nacht bei Fackelſchein Statt haben ſollte, aufzu⸗ ſchieben; nicht unter dieſen tobenden Unwettern durfte ſie ihre letzte Ruheſtatt finden, erſt mit der Morgenfruͤhe, wenn das Wetter verzogen waͤre, ſollte ſie in der Familiengruft unter der Schloßkapalle beigeſetzt werden. Die ſchon verſammelte Dienerſchaft zog ſich bis auf Wenige aus dem Saale zurück. Die Mitternachtsſtunde hatte geſchlagen, Alles blieb im Schloſſe ruhig wie zuvor. Draußen aber tobte der Sturm noch wilder und ſchien ſeine ganze Wuth gegen das Schloß gerichtet zu ha⸗ 5 ben, huͤpfende Blitzffunken fuhren ziſchend uͤber den Boden des Saales hin und ein furchtbarer Donnerſchlag, ein Krachen, als ob das alte Schloß aus ſeinen Grundpfeilern geriſſen werden ſollte, machte deſſen Bewohner erzittern. Die beten⸗ den Pater fuhren entſetzt in die Höhe, die Die⸗ ner liefen der Eingangsthuͤre zu, nur Sarack⸗ ſor verließ ſeinen eingenommenen Platz nicht. Doch nur ein kalter Wetterſchlag hatte das Dach des Schloſſes auf einer Seite getroſſen, die Ge⸗ fahr war gluͤcklich voruͤber gegangen. Aus den Zimmern der Gräfinn Eugenie verbreitete ſich gleich darauf eine frohe Bewe⸗ gung und belebte alle Bewohner des Schloſſes. Die Gräſinn Eugenie Caboga, ſchon ſeit zwei Tagen in Kindesnoͤthen liegend, hatte ſo eben eine Tochter geboren. Caͤcilie, von doppeltem Kummer belaſtet, ſaß kurz zuvor verzagend im Nebenzimmer, Ea⸗ ver ging, von Angſt umhergetrieben, mit gro⸗ ßen leiſen Schritten auf und ab. Der furcht⸗ bare Wetterſchlag trieb auch ihn hinaus, die hoͤchſte Gefahr fuͤr das Schloß fuͤrchtend. Als er zuruͤckkehrte, legte die Wehmutter ein Kind, ſchoͤn wie ein Wachspuͤppchen, zierlich in blen⸗ dend weiße Schleier gewickelt, in Cäciliens Schooß. Dieſe hob das Kind mit entzuͤckten 6 Blicken zu ihm auf, und der frohe Vater knieete berauſcht von dem ſchnellen Wechſel ſeiner Ge⸗ fuͤhle, neben der Schweſter hin, einen Kuß auf die Stirn der Neugebornen zu hauchen. Dann trat er leiſe an das Bett der Schmerzensmut⸗ ter, die ihm matt entgegen lächelte. Mit faſt angſtlicher Scheu ſprach Eugenie:„Zuͤrnſt Du nicht, Taver, daß ich Dir keinen Sohn geboren?“ Eugenie, erwiederte der Graf, ge⸗ liebtes Weib, es iſt Dein Leben, es iſt unſer Blut; welch ein heiliger Beruf fuͤr mich, die Tochter wie den Sohn zu lieben!— Eugenie zuckte bei dieſen Worten ſchmerz⸗ lich zuſammen, der Arzt, welcher gegenwaͤrtig war und welcher die Schwäche der Gräfinn kannte, erſuchte den Grafen, ſeine Gemahlinn jetzt der Ruhe zu uͤberlaſſen; ſo zog ſich Alles aus Eu⸗ geniens Zimmer zuruͤck, um den Schlaf nach dieſen ängſtlich durchwachten Stunden zu ſuchen. Das Wetter war voruͤber gezogen, nur aus der Ferne murmelte der Donner, einzelne Sterne glaͤnzten ſchon durch die zerriſſenen Regenwolken am Himmel. Faver konnte die bewegte Bruſt nicht dem Schlafe hingeben, es trieb ihn noch einmal zum Sarge ſeiner Mutter, als muͤſſe er ſein Gluͤck dorthin tragen. Sie war ihm im⸗ mer eine ſo liebende Mutter geweſen, wie gern —,— 7 hatte er alle ſeine Freuden, ſeine Sorgen an ihr Herz gelegt. Die Moͤnche hatten ihre Gebete beendet und ſchlummerten erſchoͤpft auf den Fenſterſitzen. Nur Sarackſor ſaß wie vorhin an dem Sarge⸗ „Alter Freund, ſprach der Graf, hat Dich die frohe Freude ſelbſt nicht von Deinem Trauer⸗ poſten getrieben, oder ſollteſt Du es noch nicht wiſſen, daß Graͤſinn Eugenie Mutter iſt? Dieſe Krone unſeres Hauſes, fuhr er fort, auf den Sarg deutend, iſt uns geraubt, aber eine neue Zierde iſt uns geſchenkt. Sarackſor, mir iſt eine Tochter, es iſt eine Graͤfinn Caboga geboren.“ Sarackſor ſah ihn mit ſeltſamen Blicken anz der durch die Zugluft im großen Saale flak⸗ ernde Kerzenglanz beleuchtete das Geſicht des alten Mannes mit unſicherem Lichte; ſeltſam verzerrt ſchienen die Zuͤge desſelben zu ſeyn, und da der Alte noch immer ſprachlos ſaß: ſo trat der Graf endlich dicht zu ihm hin. Ein ſeltſa⸗ mes Zucken ſchien um den Mund des Greiſes zu ſchweben, ſeine Arme hingen wie gelaͤhmt herab, auf alle Fragen gab er keine Antwort. Der Graf rief Hilfe herbei, der Arzt erſchien; man trug den alten Sarackſor auf ſein Zim⸗ mer und ſeine ganz erſtarrten Glieder wurden 8 durch angewandte Mittel wieder beweglich, doch blieb er ſprachlos und an beiden Armen gelaͤhmt, ein Schlagfluß oder der Wetterſtrahl hatte den Alten am Sarge ſeiner Gebieterinn getroſſen.— Als der Tag herauf zog, ſenkte man die Huͤlle der alten Magnatinn in die Fämiliengruft; wei⸗ nend ſtanden die Geſchwiſter an den Särgen ih⸗ rer Altern und kehrten dann zu Eugenien zu⸗ ruͤck, der das Geſchick vergönnt hatte, durch ein neues junges Leben, den Gatten, wie die Schwe⸗ ſter, mit dem Tode zu verſohnen. So ward der Schmerz durch die Freude gemildert. Gräſinn Eugenie, zwar ſehr ermattet, ließ ihre Lieben doch nichts fuͤr ihre Geſundheit fuͤrchten, ein zarter Roſenſchimmer ſchien ſchon wieder auf ih⸗ ren erblichenen Wangen aufzubluͤhen. Schon waren mehrere Tage ſeit ihrer Niederkunft ver⸗ gangen; Cäcilie ſchied eines Abends wie im⸗ mer mit einem Schweſterkuſſe von Eugenien, ſie der Sorge wohl erfahrner Frauen uͤberlaſſend, von denen eine mit der anderen wechſelnd bei der Kranken blieb, ſie ſelbſt legte ſich im Neben⸗ zimmer zum Schlafen nieder. Wenige Stun⸗ den erſt war ſie entſchlafen, da drang ein herz⸗ zerreißendes Geſchrei zu ihr her, ein Ruf um Hilfe klang in ihren Ohren. Noch halb ſchlaf⸗ trunken glaubte ſie Eugeniens Stimme zu — 9 horen; faſt bewußtlos ſprang ſie von ihrem La⸗ ger auf, fortſtuͤrzend in das Zimmer der Schwe⸗ ſter, und erwachte dort erſt ganz bei dem furcht⸗ baren Anblicke, der ſich ihr darbot. Eugenie zwiſchen ihren Waͤrterinnen, wel⸗ che ſie mit drohender Geberde, mit abwehrenden Händen von ſich zuruͤckhielt, wand ſich knieend auf dem Boden, dicht neben ihres Kindes Wiege, dieſelbe, beide Arme wie ſchuͤtzend uͤber ſie hin ſtreckend, gewaltſam naͤher zu ſich heran ziehend. „Hilfe, o Hilfe fuͤr mein Kind!“ ſchrie ſie laut. „O gebt es nicht zu, daß der bleiche Mann es mir fortträͤgt! O ewige Barmherzigkeit, er bie⸗ tet mir ſein blutiges Haupt fuͤr das Kind, er will es ſtatt deſſen in die Wiege werfen!—— O ſeht die Blutstropfen, die von ſeinen greiſen Locken auf mein Kind und auf mich niedertropfen!“— Sie blickte ſchaudernd auf ſich herab und wiſchte mit der Hand ängſtlich an ihrem Nachtkleide; wild rollten ihre Augen, unordentlich hingen die ſchonen Locken um ſie her, immer grauſer ſchie⸗ nen ihre Phantaſieen zu werden, ihrer Bruſt fehlte faſt der Athem; der Angſtruf erſtarb auf ihren Lippen. Schaudernd ſtand Caͤcilie, er— ſtarrt im Entſetzen uͤber dieſes neue Bedraͤngniß. Da ſchienen ſich die Zuͤge der Leidenden ſanft zu verklärenz wie zum Gebete hob ſie die Haͤnde 10 empor, immer lächelnder wurden ihre Lippen und fluͤſterten leiſe Worte; eine unbeſchreibliche Hei⸗ terkeit ſtrahlte aus allen ihren Zuͤgen, wie in Traum ſank ſie erſchöpft, ermattet nieder; bald darauf ſchloſſen ſich ihre ſchonen Augen und ſie ſank in einen tiefen Schlaf. Der Graf, welchem Cäcilie das nächtliche Schreckniß erzaͤhlte, ſtand ſchon an Eugeniens Bette, als dieſe erſt am hellen Morgen erwachte. Ihr Schlaf war ſanft geweſen und der Arzt hatte ſie bereits fuͤr ſieberfrei erklärt. Um ſo ſo auffallender waren ihre naͤchtlichen Phantaſie⸗ en fuͤr Alle. Sie verlangte nach ihrem Kinde; zaͤrtlicher wie je druckte ſie es an die Bruſt, Jeder vermied mit ihr uͤber den Vorfall zu reden; doch ſie ſelbſt erwähnte dieſen zuerſt, indem ſie mit innerem Schauder von der Erſcheinung ſprach, welche ſie dieſe Nacht gehabt haͤtte.„Ja, meine Liebe, Du traͤumteſt ſchwer, ſprach Cäcilie, doch ver⸗ giß die Angſt, die Dir der boſe Traum gemacht, um Deiner ſelbſt willen verdraͤnge dieſe aͤngſtli⸗ chen Erinnerungen, welche Deiner Geſundheit nur Nachtheil bringen können.“ „Ich traͤumte? Es waͤre ein Traum gewe⸗ ſen?— antwortete Eugenie; meine gute Schweſter, Du irrſt. Aus dem ſußeſten Schlafe 11 weckten mich die feſten Schritte der entſetzlichen Geſtalt, ich wachte hell und klar, als ich ſie von der Wiege meines Kindes zuruͤckdraͤngte. Nein, nein, das war kein Traum; ich beruͤhrte das kalte Haupt, von welchem die Blutstropfen auf mich niederfielen; der alte Mann, ja gewiß, ob ſeine Locken auch ſeltſam ergraut ſchienen, es war mein Vater; mit den eigenen Haͤnden hielt er mir ſein Haupt dar. Wie habe ich's uͤbekleben kon⸗ nen?—— Doch Eure fromme Mutter ſah ich dann mit einem Male ſtill und freundlich neben der Wiege ſtehenz mit einem langen wei⸗ ßen Schleier, es war wohl ihr Leichentuch, be⸗ deckte ſie ſchuͤtzend mich und mein Kind. Fort war das ſchreckliche Bild, und recht muͤde von der ausgeſtandenen Angſt ſank ich nieder.“— Der Graf rang ſtill die Hände; er fuͤrch⸗ tete, daß Eugeniens Verſtand gelitten habe, doch der Arzt beruhigte ihn.„In dem reizba⸗ ren Zuſtande, worin ſich die Frau Graͤfinn jetzt befindet, ſprach er, ſind ſo lebhafte Traͤume nichts Außerordentliches; widerſprechen Sie ihr nicht, die aufgeregte Phantaſie beruhigt ſich ſo am leichteſten.“ Caͤcilie verließ die Schweſter den ganzen Tag uͤber nicht, und war bemuͤht, durch Ge⸗ ſpraͤche, welche den beängſtigenden Traͤumen ganz 12 fern lagen, dieſe zu zerſtreuen; Eugenie ſchien auch wirklich nicht mehr davon ergriſſen. Doch als es Abend geworden war, und Cäcilie ſich anſchickte, ſie zu verlaſſen, und ſcheinbar jede Erinnerung an die vorige Nacht vergeſſen ſchien, ergriff die Gräfinn ihre Hand:„Cäcilie, ſprach ſie ängſtlich, es koͤnnte mir doch Etwas begegnen, laß noch einige Lichter hier im Zim⸗ mer anzunden. H ſchilt mich nicht, lächle nicht ſo unglaͤubig; aber die Wiege mit meinem Kinde muß dicht vor mein Lager getragen werden.“ „Gern, antwortete Cäcilie, ſoll Alles geſche⸗ hen, was Dich beruhigen kann; aber ich be⸗ ſchwoͤre Dich, quale Dich nicht ſelbſt unnöthi⸗ ger Weiſe um eines Phantoms willen. Schließe Deine Augen unter einem frommen Gebete, und Maria, die Mutter der Gnade, wird Dich be⸗ ſchirmen.“ Mit dieſen Worten ging Cäcilie hinaus, aber ſie blieb wach in ihrem Zimmer, und ihre Vorſicht war nicht vergebens. Die Scene der vorigen Nacht erneuerte ſich wiederz auch Eaver war Zeuge von der Seelenqual ſei⸗ ner Eugenie. Dieſe litt ſichtbar mehr noch wie geſtern, denn der kurze Schlaf, den ſie nach⸗ her genoß, war unruhig, und ermattet lag ſie am andern Tage, ohne ein Wort uͤber ihr Traum⸗ geſicht zu reden. Ihrem Beiſpiele folgten die * 13 Andern und ſo blieb es viele ſchreckliche Naͤchte hindurch. Das Leben der Mutter wie des Kin⸗ des gerieth in Gefahr, es war unmöglich, das zarte Kind ſolchen Schrecken, ſolcher Unruhe aus⸗ zuſetzen. Auf des Arztes Rath wurde dasſelbe ſpaͤt Abends von den Waͤrterinnen mit einer ihm nachgebildeten Puppe vertauſcht, und von der Mutter, ohne daß dieſe den Betrug ahnete, mit derſelben Angſt beſchuͤtzt. Fuͤr das Kind war dieſer nothwendige Be⸗ trug ſehr heilſam; aber er uͤberzeugte die Um⸗ ſtehenden zugleich, daß Eugenie in den Stun⸗ den, wo dieſe quälenden Phantaſieen ſich ein— ſtellten, einer gaͤnzlichen Geiſtesabweſenheit un⸗ terlag. Was ärztliche Hilfe in dieſer traurigen Lage nur vermochte, wurde bei der geiſteskranken Eu⸗ genie angewandt, und nach und nach ſchienen ſich ihre wilden Raſereien in dieſen nächtlichen Schauerſtunden zu legen; doch ſtellte ſich der Eindruck dieſer quälenden Phantaſieen am Tage immer feſter vor die Seele der Kranken, um ſich ſo jede Nacht ihren Traumbildern einzuverleiben. Endlich aber erlag die ermattete Seele die⸗ ſen Peinigungen, die Geiſteskraͤfte der Armen wurden immer ſchwaͤcher; ſie genas zwar kör⸗ perlich, aber die Eindruͤcke der Außenwelt gingen 14 gleichgiltig an ihr voruͤber, ſie beſchaͤftigte ſich faſt gar nicht mit der Gegenwart, nur von der Vergangenheit ſprach ſie mit dem Gatten und der Schweſter. Ihr Kind, welches in der Taufe den Namen Joſephe bekam, welches ſie ſonſt am Tage nicht aus den Augen ließ, erregte ihre Aufmerkſamkeit nicht mehr ſo ſehr, nur Nachts mußte ſeine Wiege an ihrem Lager ſtehen; denn der Gedanke, daß ihrer Tochter nur in dieſen Stunden Gefahr drohe, hatte ſich in ihrer Seele feſtgeſetzt. Aufrecht ſaß ſie, bis mehrere Stun⸗ den nach Mitternacht verfloſſen waren, ſich des Schlafes gewaltſam erwehrend und ängſtlich bei dem kleinſten Geräuſche in ihrer Nähe aufhor⸗ chend; doch ſchienen die fuͤrchterlichen Bilder felbn von ihr gewichen. Wenn ich nur wach bleibe, bis die Stunde voruͤber iſt, in welcher der Fluch uͤber mein Kind Gewalt hat, dann wird Alles gut gehen,“ hatte ſie einſt geheimnißvoll zu Cäcilien ge⸗ ſagt,„denn das ſind die furchtbaren Stunden, wo ich meinen Vater ohne Lebewohl verließ.“ Graf Paver verging faſt in Schmerz uͤber ſein dunkles Geſchick, welches ihm das hoͤchſte Gluͤck, deſſen er voll Leidenſchaft, im lbermuthe der Jugend, noch nicht froh geworden war, ent⸗ 15 zog, eben da er mit kälterem Blute, aber mit tieferen, geläuterten Empfindungen, ſich dem Ge⸗ nuſſe desſelben hingeben wollte. Es ſchien ihm verloren fuͤr immer. I. Doch wir muͤſſen in der Erzaͤhlung um ei⸗ nige Zeit zuruͤckgehen, jene Tage vor dem Tode der alten Graͤfinn Caboga zu beleuchten, in denen Eugeniens Eiferſucht im Ubermaß des Schmerzens den Gatten von ſich ſtieß. Unter peinigenden Selbſtvorwuͤrfen legte Ca⸗ boga die ohnmaͤchtige Gattinn auf ihr Ruhebett, dann ließ er Caͤcilien zu ſich rufen. „Gott, meine Schweſter, welch ein Augen⸗ blick iſt uͤber mich gekommen!“ rief Laver, „meine angebete Eugenie, ſie ſtirbt um meinet⸗ willen!— O hilf, rathe mir in dieſer Angſt!“ „Was iſt geſchehen?““ rief Caͤcilie er⸗ bebend. „Sie ſtößt mich von ſich, ſie verwirft mich,“ antwortete der Graf,„ſie haͤlt mich fuͤr untreu, fuͤr einen Verraͤther an ihrer Liebe!“ 3 Cäcilie ſah ihn ernſt und durchdringend an.— 16 „Dein Blick iſt ſtrafend, Schweſter,“ ſprach der Graf erſchuͤttert,„aber dennoch wagt mein Auge dem Deinen zu begegnen. Du biſt der Schutzengel meines Kindes, o ſei auch der mei⸗ nige!— Verſöhne jene Leidende, gib mir ihr Herz zuruͤck. Ich bin kein Suͤnder. Lodois— kens Verfuͤhrer kannſt Du mich nennen, aber nicht ihr Verderber wollte ich ſeyn. Schwer buͤße ich, was mein heißes Blut verbrach, aber die Seele iſt rein von dieſer Schuld; und bei der Aſche unſerer Altern ſchwore ich laut: ſeit Eugenie mein Herz gewann, regten ſich nur Empſfindungen des Mitleids fuͤr das Mädchen in meiner Bruſt. Ein anderer toͤdtlicher Ver⸗ dacht fuͤllt noch meiner Gattinn Seele, die Ba⸗ roninn Jablonka, Clotilde, iſt der Gegen⸗ ſtand ihrer Eiferſucht; ſie, die treue Pflegerinn meines Kindes, zu welcher mich Dankbarkeit und Vaterliebe ziehen.— Scham uͤber mein Vergehen ließ mich bis jetzt gegen Dich ſchwei⸗ gen; Furcht, durch meine öftern Beſuche bei meinem Adolar Eugeniens Verdacht zu er⸗ regen, ach, was fuͤrchtet ein boſes Bewußtſeyn nicht! hieß mich uͤber meine ofteren Reiſen zu Jablonka ſchweigen. Doch Alles ſcheint mei⸗ ner Gattinn verrathen und iſt ihr gewiß in einem falſchen Lichte dargeſtellt. Du, Cacilie, ſollſt 17 durch ein offenes Geſtändniß mir Eugenie verſohnen; was Dein frommer Mund ſpricht, war ſtets eine Beglaubigung fuͤr ſie.“—— Caͤcilie ſtand ohne Worte, ganz erſtaunt vor dem Bruder. „Faſſung, Eaver,“ ſprach ſie endlich, „ich bin uͤberraſcht, erſchrocken, wie Du, gonne mir einige Minuten, mich zu ſammeln; erzaͤhle mir im Zuſammenhange, wie Du uͤberall erfuhrſt, daß Dir Lodoiska einen Knaben geboren, wer Dir ihren Aufenthalt verrathen?“ Der Graf erzaͤhlte jetzt der Wahrheit getreu jene Zuſammenkunft mit Lodoisken, entſchul⸗ digte den Ruf der Baroninn, an Lodoiskens Sterbebett zu kommen, mit deren Mitleiden und aberglaͤubigem Sinne. Caͤcilie horte ihn mit Verwunderung an.„Ja, ich ſehe es ein,“ ſprach ſie, als der Bruder geendet hatte,„es iſt vergebens, gegen die Leidenſchaften der Menſchen anzukaͤmpfen; was die Vernunft noch ſo kluͤglich waͤhlt und leitet, es dient oft nur dazu, ihnen einen groͤßeren Spielraum einzuraͤumen. Nur der Glaube an eine liebende Vorſehung, die im Dunkeln dennoch weiſe waltet, muß unſer Ver⸗ trauen ſtaͤrken, wenn wir die edelſte Willens⸗ kraft gelähmt ſehen. Gehe, mein Bruder, ich will nicht Zeuge des Unwillens ſeyn, den Eu⸗ Zweiter Band. B 18 genie jetzt gegen Dich hegt. Gehe, es wird mir gelingen, dieſe ſanfte Seele zu verſoͤhnen, ſelbſt wenn Du noch ſchuldiger waͤrſt.“ Und es gelang Cäcilien, Eugeniens Herz, das unter ſeinem Bluten den Geliebten am hei⸗ ßeſten liebte, von der Treue desſelben zu uͤber⸗ zeugen. Zwar mußte ſie, gleich einem heilbrin⸗ genden Arzte, durch bittere Arzenei es heilen, denn die Geſtändniſſe, welche ſie in des Bruders Namen der Gattinn zu machen hatte, mußten dieſe ſehr erſchuͤtternz wie viele Pfeile trafen zugleich ihre Bruſt! Heiße Thränen erleichter⸗ ten ihre belaſtete Seele, Cäcilie wehrte ihnen nicht. Doch nach einigen Stunden fuͤhrte ſie Navern in Eugeniens Arme. Nie war eine ſchönere Verſohnung geſchloſſen; Paver athmete ſeit langer Zeit wieder leicht und ganz gluͤcklich an dem Herzen der Geliebten. „Du biſt Vater,“ ſprach Eugenie, hoch errothend, nach einigen Minuten;„auch ich werde Dich bald zum Vater machen.“ „„Eugeniens Sohn wird mir der Theu⸗ erſte ſeyn,““ erwiederte ihr der Graf mit einem innigen Kuſſe. „Nicht doch,“ antwortete ihm Eugenie, liebe Deine Kinder mit gleicher Liebe, auch ich liebe Deinen Sohn; aber noch will ich ihn nicht 19 umarmen, jetzt noch nicht Zeuge Deiner Zärt⸗ lichkeit gegen ihn ſeyn. Erſt muß ich das eige⸗ ne Kind an mein Herz druͤcken; auch ſollſt Du mir nicht von ihm erzaͤhlen, mir ſein Bild nicht beſchreiben, erſt ſollen meine Augen das eigene Kind erblickt haben.“ Laver laͤchelte uͤber die zarte Schwaͤrmerei ſeiner Gattinn und warf ſo feurig dankende Blicke auf Caͤcilien, daß ihre reine Seele im from⸗ men Drange die Einſamkeit ſuchte, um im Ge⸗ bete ſich vor dem Herrn der Welt zu demuͤthigen. So flogen die Tage den Gluͤcklichen ſchnell dahin; die Krankheit der Graͤfinn Mutter ſchien faſt gehoben; doch es war nur das letzte Auf⸗ flammen eines verglimmenden Lichtes, ſie ſtarb in den Armen ihrer Kinder, und die Trauer, der Kummer uͤber dieſen Verluſt, beſchleunigten die Niederkunft Eugeniens; die Geburt des Kindes, ſein Anblick riefen Befuͤrchtungen zuruͤck, welche ein grauſames Vaterherz in ihre Seele geworfen hatte, weckten jenen ſchrecklichen Traum, deſſen Nachklang die ſonſt ſo geſunden Sinne der jungen Mutter zerruͤttete. Immer mehr entſchwand die Hoffnung fuͤr den Grafen, die ſo innig geliebte Gattinn ge⸗ neſen zu ſehn, die Abſpannung ihrer Seele nahm mehr zu, als ab. Erfahrene Urzte riethen eine B 2 20 Veränderung des Wohnorts, fortwaͤhrende Zer⸗ ſtreuungen und viele Bewegung fuͤr die Kranke anz wo konnte man dieſes beſſer vereinigt ſin⸗ den, als auf Reiſen? Froh, eine Ausſicht, eine Hoffnung zu haben, Eugenie ihrer Lethargie entriſſen zu ſehen, betrieb der Graf die Reiſe; der Hausarzt entſchloß ſich gern, die kranke Graͤ⸗ ſinn zu begleiten, nur ein ſehr beſchraͤnktes Ge⸗ folge auserleſener Diener wurde dafuͤr auserſehen. Gern haͤtte ſich Eaver jenen ſchonen, von der Natur ſo reich begabten Laͤndern zugewandt, Frankreich und Italien gewählt, ihn mit der Kranken aufzunehmen; doch wie konnte er ſich Frankreich, einem Lande zuwenden, wo Alles dazu dienen mußte, ſie mit neuem Grame zu belaſten, wo die Stuͤrme der Revolution Alles fur die perſoͤnliche Sicherheit des Reiſenden fuͤrch⸗ ten ließen, wo Eugeniens Gemuͤth unter ſchmerzlichen Erinnerungen erlieden mußte. Eben ſo war Italien nicht dazu geeignet. So wollte er ſich denn mit der Leidenden nach Deutſchland wenden, dort die vorzuglich⸗ ſten Städte, die ſchönſten Gegenden bereiſen; ſeine Plane waren gemacht; aber Eugenien ſelbſt hatte man dasjenige, was uͤber ſie beſchloſ— ſen war, noch nicht mitgetheilt. Cäcilie uͤber⸗ nahm es auch jetzt, ſie darauf vorzubereiten. 2¹ Eugenie ließ ſie ausreden, da nn ſchien ſie muͤhſam uͤber etwas nachzuſinnen. „Wird Joſephe die lange Reiſe ertragen köͤnnen?“ fragte ſie,„werde ich das Kind kei⸗ ner Gefahr ausſetzen?“ „„Joſephe bleibt in meinem Schutze,““ antwortete ihr Cäcilie,„„mir uͤberlaͤßt Du die Sorge fuͤr Dein Kind.““ Doch mit Heftigkeit widerſetzte ſich Euge⸗ nie dieſem Vorſchlage.„Nein, darein darf ich nicht willigen, nur meine Mutterangſt kann es vor drohenden Gefahren bewahren,“ ſprach ſie. „„Doch auch wohl der Schutz der heiligen Jungfrau,““ rief begeiſtert Caͤcilie.„„Mit in mein Kloſter will ich Joſephen nehmen, dort waltet nur des Himmels Segen; ehe nahe mir ein Leid, denn dem Kinde, nur was die Hei⸗ ligen daruͤber verhäͤngt haben, kann ihm dort nahen.““ Dieſe Worte ſchienen Eindruck auf Eugenien zu machen.„Ich werde viel leiden, indem ich mich von meinem Kinde entferne, doch es ſoll ſo ſeyn,“ ſagte ſie leiſe.„Ach, Cä⸗ cilie, wie viel habe ich Dir zu danken!“ „Ich wollte,“ ſprach der Graf zu der Schwe⸗ ſter, als ihm dieſe mit froher Miene ſeiner Gat⸗ tinn Einwilligung, Joſephen unter ihrem Schutze zu laſſen,„ſie wäre weniger nachgiebig in dieſer, ihrem Herzen ſo nahe liegenden Sache geweſen; ach dieſe ſchnelle Einwilligung iſt ein neuer trauriger Beleg fuͤr mich, wie ihre Seele fich von allen irdiſchen Banden immer mehr entfeſſelt.“ Cäcilie, zwar ſeine Bemerkung ſchmerzlich beachtend, tröſtete ihn dennoch mit der Hoffnung, welche ihnen aus dieſer augenblicklichen Willen⸗ loſigkeit erbluͤhen konnte. Eine recht bittere Trennung war es fuͤr Alle, da der Reiſewagen das leidende Ehepaar auf⸗ nahm. Caͤcilie ſah ihnen mit beklommenem Herzen nach und ſchickte ſich an, mit der klei⸗ nen Joſephe und deren Waͤrterinn in ihr Klo⸗ ſter zuruͤck zu kehren. Den alten Sarackſor hatte der Graf der treuen Sorge ſeiner Diener uͤbergeben; ſtumm und unbeweglich, ſaß er faſt immer an einem Fenſter, von welchem er den Eingang des Schloſſes uͤberſchauen konnte. Un⸗ tauglich zu jedem Geſchäfte, hatte der Graf vor ſeiner Abreiſe einen anderen Mann an deſſen Stelle geſetzt; ohne dazu etwas beitragen zu kön⸗ nen, ſaß der Alte gern in deſſen Geſchaͤftszim⸗ mer und hoͤrte muͤndliche Verhandlungen, oder ſchriftliche Verträge an, gab auch oft durch ei⸗ nige Kopfbewegungen ſeinen Beifall oder ſeinen Tadel zu erkennen, doch war es unmöglich, da⸗ 23 rauf Ruͤckſicht zu nehmen. So fuͤhrte der be⸗ tagte Greis ein trauriges, einſames Leben, das mit der Abreiſe der gräflichen Familie noch mehr verarmte. Clotilde lieferte nach wie vor tre richte uͤber den nun ſchon im vierten ahr henden, kleinen Adolarz zart und old bluͤhte er unter ihrer Pflege auf. Ohne ſie je geſehen zu haben, ſtammelte er ſchon Caͤciliens Na⸗ men, von welcher ihm Clotilde mit Zaͤrtlich⸗ keit vorſprach, ja ihm ſogar jedes kleine Geſchenk und Alles, was ſein Herz erfreuen konnte, als von Cäcilien kommend, uͤbergab. Auf dieſe Weiſe lehrte ſie ihn ſchon im Voraus diejenige lieben, der er Alles zu danken haben ſollte. Auf Caͤciliens Wunſch ward der Kleine nun oft nach Kloſter Marianky hinuͤber geſandt, ja auch Clotilde beſuchte ſie dort, und dieſe Beſuche verſchonten das Daſeyn einer edeln Seele. Länger als ein Jahr hatten des Grafen Rei⸗ ſen ſchon in Deutſchland gewährt, die vorzug⸗ lichſten Orte hatten ſie geſehen, ſich abwechſelnd in großen und kleineren Staͤdten nach Luſt und Laune aufgehalten. Eugenie blieb ſich gleich, ſie nahm jede Sorge, jede Bemuͤhung fuͤr ſie freundlich auf, widerſprach keiner Anordnung ih⸗ res Gemahls, doch blieb ſie ohne Sinn fuͤr Alles, 24 was ſie ſonſt ſo lebendig angeſprochen; ach, ſie war nur ein todtes Bild der ſonſt ſo blendenden bezaubernden Eugenie! Auch der Graf ver⸗ ſank an ihrer Seite in eine ſinſtere Laune, und die S n, welche er verſchwenderiſch hingab, G eines Lebens wieder zu erkaufen, wa⸗ nſt dahin geworfen. Dit Gräſinn litt ſeit einiger Zeit auch wie⸗ der körperlich; ſo troſtlos nach Caboga mit ihr zuruͤck zu kehren, ſchien Eaver fuͤrchterlich, was ſollte dort aus ihr werden?— Er wollte noch von keiner Heimreiſe hören, und der Arzt ſchlug jetzt eine kleine Seefahrt nach England vor. Sein Vorſchlag wurde angenommen. Schott⸗ lands Hochgebirge ſollten das Ziel der Reiſe ſeyn, nur im Fluge wollte man ſich in London um⸗ ſehen. Doch ſchon zu Schiſſe erkrankte Eu⸗ genie ſehr, und in der Hauptſtadt angekommen, mußte der Graf Caboga ſich in einem der an⸗ geſehenſten Gaſthofe haͤuslich niederlaſſen, um die Krankheit ſeiner Gemahlinn abzuwarten. Gefahr drohte Eugenien wohl nicht, aber ihre Schwaͤ⸗ che war ſo groß, daß ſie ſtets das Bett huͤten mußte. Der Gram trieb den ungluͤcklichen Mann oft aus dem Hauſe, er miſchte ſich dann unter die laute Menge der Spaziergaͤnger, welche in St. 25 James Park auf und nieder wogte, und der bunte Wechſel der Gegenſtaͤnde um ihn zerſtreute auf fluͤchtige Minuten ſeine truͤben Gedanken. Der Graf ſuchte nicht darnach ſchaften zu machen; hätte der un nat hier ſeinen Rang geltend mache wäre ihm ein Leichtes geweſen, wie einſt i ris, in den glaͤnzenden Geſellſchaften ſo wie am Hofe Aufnahme zu ſinden. So blieb es bei ſei⸗ nen einfachen Spaziergängen. Doch wie der Hang zur Geſelligkeit ſich ſo leicht an dem Intereſſe verräth, welches wir fuͤr ofter geſehene Menſchen empfinden: ſo verrieth ſich dieſer fruͤher ſo ſehr von Caboga geſchmeichelte Hang auch jetzt dem⸗ ſelben durch das Wohlgefallen an einigen ihm ſtets wieder begegnenden Spaziergängern, deren Perſonlichkeit immer mehr ſeine Aufmerkſamkeit erregte. Der eine von ihnen war ein ſchon be⸗ jahrter hagerer Mann, welcher aber ſeinen Jah⸗ ren zum Trotze noch mit der Zierlichkeit eines Modeherrn einher ſchritt. Obgleich der Schnitt ſeines Kleides um einige Jahre zuruͤck ging, ob⸗ gleich das ziemlich geſchonte Sammetkleid ſeinen erſten Glanz verloren hatte, ſo herrſchte doch in dem ganzen Anzuge des alten Herrn eine ſo ſel⸗ tene Accurateſſe, daß es Vergnuͤgen gewäͤhrte, ihn 26 mit gnädig lächelnder Miene im Park auf und ab wandeln zu ſehen. Je öfter dieſer Herr, welcher dem Anſcheine nach ein Franzoſe, einer jener zahlloſen Fluͤcht⸗ linge„welche vor allen Ländern England ſue dem Grafen begegnete, deſto be⸗ kann urden ihm deſſen Geſichtszuge und bald ſtand das Bild des Marquis de Villangois deutlich vor ihm. Zwar hatten wenige Jahre dieſes ſonſt ſo glatte Geſicht mit tiefen Furchen durchzogen, die ſonſt ſo ſtattliche Figur war abgemagert, aber doch ſchien es, habe der Marquis ein gluͤckliches Loos vor vielen ſeiner ungluͤcklichen Landsleute gezogen, denn jetzt, wie fruͤher, ſchienen Bequem⸗ lichkeit und Glanz ſeine Elemente zu ſeyn. Graf Caboga folgte dem alten Herrn von weitem, es konnte ihm nicht gleichgiltig ſeyn, die jetzige Lage eines Mannes kennen zu lernen, deſſen Verhaͤltniſſe er einſt ſo unangenehm, ſo ſchonungslos verruͤckt hatte. Mit Verwunderung ſah er den Marquis in dasſelbe Hötel eintreten, in welchem er ſelbſt logirte; und als er einige Minuten ſpäter nach ihm eintrat, ſah er den Alten ſchon einen der beſten Plätze an der ſo eben ſervirten Gaſttafel einnehmen; die oſſenen Thuͤren des Speiſezimmers ließen ihn Alles uͤberſehen. 27 Er ging zu Eugenien, wie er gewohnt, mit dieſer zu ſpeiſen, doch verrieth er ihr ſeine gemachten Entdeckungen nicht, ſie achtete es nicht, wie ihr Gemahl noch ſtiller und nachdenkender als gewoͤhnlich war. So ward es Abend, Eugenie war ent⸗ ſchlummert, Laver hatte bis dahin, neben ihr ſitzend, in einem Romane geleſen, er legte das Buch bei der uͤberhand nehmenden Dämmerung zuruck, und lehnte ſich traͤumend an ein Fenſter, das in einen kleinen Seitenhof fuͤhrte, den ein halb verfallener Fluͤgel des Gaſthofes bildete. Der Graf hatte dieſe ruhig gelegenen Zimmer fuͤr ſeine liebe Kranke gewählt. Als er ſo da⸗ ſtand, wurde ihm gegenuͤber, hinter einem nie⸗ deren Fenſter mit kleinen Glasſcheiben, ein Licht angezuͤndet; eine männliche Figur entkleidete ſich dort; taͤuſchten den Grafen ſeine Augen? er glaubte hier wieder den Marquis zu ſehen. Bald erſchien dieſer in einem zerriſſenen Schlafrocke, einer dunkeln Schlafmuͤtze, und ließ ſich auf ei⸗ nem Rohrſtuhle hinter dem kleinen Lichte nieder, emſig ſchienen ſeine Haͤnde eine kuͤnſtliche Arbeit zu verfertigen, doch ſchien es dem alten Manne ſchwer zu fallen, bei dem karg brennenden Lichte deutlich zu ſehen; ſehr bemerklich war die An⸗ ſtrengung, welche es ihm verurſachte, oft mußte 28 er einhalten und bedeckte dann ſeine Augen mit der Hand, ihnen eine kurze Erholung zu gönnen. So beobachtete der Graf ſeinen Nachbar mehrere Tage; immer dasſelbe Bild. Seine Neugierde war aufs Höchſte geſtiegen und er rief eines Morgens einen der Aufwäͤrter, um genaue Aus⸗ kunft uͤber den Marquis zu empfangen. Erſt wollte der Burſche nicht mit der Sprache her⸗ aus, doch ein Geldgeſchenk des Grafen machte ihn geſchwaͤtzig, und er erzaͤhlte jetzt, wie der zierliche Herr ſchon ſeit einem Jahre hier bei ih⸗ nen im Hauſe lebe, wie er anfangs eine reiche Börſe, Juwelen und vieles Silbergeſchirr beſeſ— ſen, auch mehrere franzoöſiſche Diener gehalten habe. Er erhielt damals Zutritt in den erſten Häuſern Londons, und der Aufwand, welchen er machte, koſtete viel; der brave Mann hatte ſich indeß verrechnet, hatte die Flucht aus ſei⸗ nem Vaterlande nur als eine Spazierfahrt be⸗ trachtet und ſah mit einem Male die Ruͤckkehr dahin verſchloſſen. Eine Einſchräͤnkung folgte der andern. Der hübſche Gallarock, in wel⸗ chem der Herr Marquis einhergeht, iſt Alles, was ihm von der alten Herrlichkeit geblieben, ſprach der Erzähler. Mein Herr, der Beſitzer dieſes Hauſes, hatte den Marquis indeß lieb ge⸗ wonnen, fuhr der Aufwarter fort, er hatte viel 29 an ihm verdient, ihm wurde die wirkliche Noth desſelben am eheſten bekannt, und nach ſchwe⸗ rem Kampfe mußte ſich der ſonſt ſo ſtolze Herr ihm entdecken. Man verſtaͤndigte ſich, der Mar⸗ quis bezog ein Hinterſtuͤbchen, da Ihnen gegen⸗ uͤber,— ißt aber nach wie vor an des Herrn Tiſche, als wäre er der gewuͤnſchteſte der Gäſte, dafuͤr unterrichtet er die beiden Knaben des Hau⸗ ſes, in den erſten Morgenſtunden, im Franzöſi⸗ ſchen, und die Kinder ſprechen ſo huͤbſch, wie man's nur in Paris, wo ich auch einmal mit einem Herrn, in deſſen Dienſten ich vor vier Jahren ſtand, war, hoͤren kann. Auch ver⸗ ſteht ſich der Marquis vortrefflich darauf, eine Tafel auf das Schoͤnſte und Koͤſtlichſte ſerviren zu laſſen; dann iſt der Alte in ſeinem Elemente, Sie ſollten ſeine Geſchäftigkeit dabei ſehen, an Alles legt er ſelbſt Hand, und ſitzt er dann mit zur Tafel an ſeinem Ehrenplatze, den ihm der Herr ein fuͤr alle Mal eingeräumt hat: ſo herrſcht er daran mit einem Anſtande, als ob nur er wiſſe, wie Alles mit der hoͤchſten Eleganz ge⸗ noſſen werden kann. In der That, der gnädige Graf koͤnnen meinen Worten trauen, ich ſage nicht zu viel, aber, ſeit der Herr Marquis in unſer Hötel eingezogen iſt, uͤbertriſſt es an Glanz alle anderen. 30 So lebt er nun von einem Tage zum an⸗ dern hin, ſelbſt ſeine Bekannten ahnen nicht, wie arm er eigentlich iſt, fortwährend hat er in guten Häuſern Zutritt, und um die dazu nöthi⸗ gen kleinen Ausgaben an Spiel- und Trinkgeldern beſtreiten zu können, ſitzt er an den Tagen, wo er nirgends eingeladen iſt, oft bis tief in die Nacht, und verfertigt kuͤnſtliche Sachen aus Pferdehaar und feinen Perlen; ein kleiner Knabe läuft Tags damit umher, und ſcheinbar kauft er dieſem an beſuchten Orten oft ſeine eigene Ar⸗ beit ab, ſie ihm mit einigem Aufſehn ſehr groß⸗ muͤthig bezahlend; ich ſelbſt, ſprach der Auf⸗ wärter, war einmal Zeuge davon. Der Graſ dankte fur ſeine Erzaͤhlung und hieß ihn gehen. „O ſeltene Charakterftrke,“ rief gaver tief erſchuttert und wandte ſeine Blicke dem matt erleuchteten Fenſter zu;„armer alter Mann, ich beneidete dich einſt um ein reiches Gut; danke dem Himmel, daß ich es dir entriſſen. Mein iſt es jetzt; du biſt ein Bettler und doch viel⸗ leicht gluͤcklicher, als ich!“—— Eugenien verſchwieg der Graf indeß ſeine Entdeckungen, die ſo wenig fuͤr ihr krankes Ge⸗ muͤth taugten, doch in der Stille beſchaͤftigte er ſich damit, dem verarmten, einſt ſo reichen Mar⸗ quis eine kleine Entſchädigung fur die erlittenen 3¹ Schickſalsſchläge zu bereiten. Lange konnte er mit ſich nicht einig werden, auf welche Weiſe er ihm eine kleine Hilfe geben könne. Um Alles wollte er vermeiden, von ihm erkannt zu werden, ihm die Demuͤthigung erſparen, von demjenigen eine Wohlthat anzunehmen, der ihn einſt ſo bit⸗ ter gekraͤnkt hatte. Bald hatte aver auch den einfachen Plan geordnet; ohne irgend eine Mittelsperſon zu gebrauchen, hofſte er ſo am Beſten ſeinen Wunſch zu erreichen. Eugeniens zunehmende Schwaͤche verſenkte ihn indeß in noch tiefere Betruͤbniß, jeder An⸗ ſchein, daß eine Fortdauer des Reiſens zu ihrer Beſſerung beitragen wuͤrde, verſchwand, und der Arzt ſelbſt, der bis dahin immer noch hoffte, dukch eine Veraͤnderung der Luft und der Ge⸗ genſtände auf die Graͤfinn zu wirken, rieth nun auch zur Ruͤckreiſe ins Vaterland, wo eine ſtets ſich gleich bleibende Pflege der Kranken wenig⸗ ſtens die möglichſte Linderung verſchafſen wurde. Auf ihren Geiſt konnte ſo durch die Veraͤnde⸗ rung des Orts und der Gegenſtaͤnde gar nicht weiter gewirkt werden, denn beſchraͤnkt auf die Krankenſtube, war Eugenie bereits ſo reizbar geworden, daß ſich Alle nur bemuͤhten, jedes Fremde, Ungewöhnliche von ihr entfernt zu halten. 32 Der Graf machte ſeiner Gemahlinn ſeine Ab⸗ ſicht bekannt, ſie nach Schloß Caboga zuruͤck zu fuͤhren. Anfangs ſchien Eugenie die Un⸗ bequemlichkeit der Reiſe zu ſcheuen.„Warum ſchon reiſen?“ ſprach ſie leiſe;—„laß mich doch erſt geneſen;“ dann richtete ſie das ſonſt ſo ſtrahlende Auge, welches nur noch wie eine ſanfte Flamme leuchtete, auf den Gemahl, ſie ſchien ſich muͤhſam mit einem Eindruck zu be⸗ ſchaͤftigen undd nach einer langen Pauſe ſprach ſie:„Ja, Taver, laß uns zuruͤckreiſen, ich muß mein Kind, meine Joſephe wiederſehen, ja gewiß, es wird beſſer fuͤr mich ſeyn.“ Ca⸗ boga vernahm mit Entzuͤcken nach ſo langer Zeit einmal wieder einen leiſen Wunſch von Euge⸗ niens Lippen; ach! die Mutterliebe warf ei— nen thauenden Sonnenblick auf das Eis, was ihre Gefuͤhle umzog. Indeß willenlos, wie ſeit ſo langer Zeit, ließ die Gräſinn dann die An⸗ ſtalten zur Ruͤckkehr treffen. Am Morgen der Abreiſe ſtand der Graf Ca⸗ boga ſehr fruͤh auf, und beobachtete aus ſeinem Fenſter ſorgfäͤltig das Zimmerchen des armen Marquis, den er auch ſchon bei ſeiner Toilette voll Eifer beſchaͤftigt ſah; er wartete geduldig, bis dieſe beendigt war, ſah den wohlgeputzten Alten dann zum Zimmer heraus gehen, ſah 33 ferner durch das dicht neben ſeinem Stuben⸗ fenſter liegende Fenſter des Vorſaals, wie dieſer den Schluͤſſel zu ſeinem Zimmerchen, wie ge⸗ woͤhnlich, hinter eine alte Leiſte verſteckte, welche dort zwiſchen mehrerem Hausgeraͤthe ſtand, dann ſich aber eilig entfernte. Dieſen Augenblick hatte der Graf abgewartet, denn vorſichtig bemuͤht, von Niemand bemerkt zu werden, ſchlich er jetzt dem Seitenflugel des weitlaͤufigen Gebandes zu und ſtand bald darauf vor dem Zimmer des Mar⸗ quis, und der Schluͤſſel, den er ſchnell hervor— zog, verſchaſſte ihm den Eingang in dasſelbe. Gott, wie armſelig ſah es darin aus! Den Zweck ſeines Hierſeyns allein bedenkend, warf der Graf nur einige fluͤchtige Blicke umher und legte dann in das ſchon von dem Bewohner ſelbſt zubereitete Bett ein kleines Päckchen mit einer Banknote von zweitauſend Pfund; ein beſchrie⸗ benes Blatt lag daneben, welches folgende Wor⸗ te enthielt: Mein Herr Marquis! „Einliegend empfangen Sie einen kleinen Abtrag auf eine große Schuld, die ich gegen Sie habe. Das Ungluͤck, welches Sie aus dem Vaterlande trieb, hat Ihnen dort eine Menge Schuldner hinterlaſſen. Meine Schuld iſt wohl von allen die älteſte und großte, um Zweiter Band. C 34 ſo freudiger ergreife ich die mir ſich darbie⸗ tende Gelegenheit, einen Theil derſelben ab⸗ zutragen, ganz ſie zu tilgen, vermag ich nicht. Ich hoffe, die beiliegende Banknote wird hin— reichen, Ihnen einige ſorgenfreie Jahre in Ih⸗ ren jetzigen einfachen Verhaͤltniſſen zu ver⸗ ſchaffen, ſpaͤter wird das verblendete Vater⸗ terland ſeine umherirrenden Kinder ja wohl wieder aufnehmen. Gott ſchenke Ihnen bis zu jenem Zeitpunkte Muth und Geſundheit und erhalte Ihren Frohſinn. Der Ihrige„ Schnell wie er gekommen, eilte der Graf Caboga in ſeine Zimmer zuruͤck. Alles war zur Reiſe bereit; Eugenie wurde mit der höchſten Sorgfalt an das Ufer der Themſe gefahren, an der das Schiff zur Abfahrt harrte; ſchnell und glucklich erreichten ſie das Feſtland, wo die Wei⸗ terreiſe ſchon mit größerer Unbequemlichkeit fort⸗ geſetzt werden mußte, da der Graͤfinn Nerven⸗ ſyſtem mit jedem Tage reizbarer wurde und die Erſchuͤtterung des Fahrens immer nachtheiliger auf ſie wirkte; ein Tag der Reiſe erforderte meh⸗ rere Ruhetage, in denen die Kranke neue Kraͤfte fuͤr das weitere Fortkommen ſammeln mußte, dazu kam ein laͤngerer Aufenthalt in den gro⸗ 35 ßeren Staͤdten, durch welche die Reiſenden ihr Weg fuͤhrte. Hier nahm der zaͤrtlich ſorgende Gatte ſtets die Hilfe der beruͤhmteſten Arzte in Anſpruch, doch alle vermochten nur Eugeniens Krankheit zu mildern, nicht ſie zu heben, denn der augenblicklichen Beſſerung folgten oft deſto ſchlimmere Ruͤckfälle⸗ So waren denn ſchon wieder ſechs Monden verfloſſen, als man endlich das Vaterland wie⸗ derſah, und mit ganz verſchiedenen Hoffnungen, in finſterem Tiefſinn verſunken, den nur die zaͤrt⸗ lichſte Sorge fuͤr Eugenie unterbrach, begruͤßte Graf Caboßa die Mauern ſeines Schloſſes; ach, er ſollte ſie nur wiederſehen, um darin ei⸗ nem unheilbaren Grame zu unterliegen! Es ſchien, als habe der Tod nur gezögert, um ſein Opfer in dieſen ehrwuͤrdigen Mauern zu empfangen, denn nur wenige Tage hatte das Schloß ſeine Gebie. erinn aufgenomment ſo brach eine Nervenkrankheit, welcher der nagende Gram ſchon ſo lange vorgearbeitet hatte, bei Euge⸗ nien aus, welcher der zarte Koͤrper bald erlag; wilde Fieberphantaſieen erweckten die ſo lange ſchlafenden Lebensgeiſter noch einmal zum hoͤch⸗ ſten Leben; dann trugen ſanfte Schlummerengel das von Vaterfluch und Liebe laͤngſt gebrochene Herz auf reinen Fluͤgeln zu dem ſilberhellen C 2 36 Sterne, unter welchem die hölde Eugenie ge⸗ boren, der ihrem Leben gelaͤchelt und der jetzt in der ſtillen Mitternacht ſeinen matten Schein auf ihr Sterbelager warf. In wilder Verzweiflung lag Graf Eaver auf dem Boden des Nebenzimmers, jeden Troſt verwuͤnſchend, den die treuen Diener, ſelbſt vom Leid ergrifſen, dem Gebieter darbrachten. Sich gegen das unerbittliche Schickſal auf⸗ lehnend, den Tod auch fuͤr ſich herbeirufend, wagte endlich Niemand mehr, ihm zu nahen. Mit Ungeſtuͤm wies er Eugeniens Frauen zuruͤck, welche ſich anſchickten, den Leichnam der Herrinn fuͤr die ſtille Todtenkammer zu ſchmuͤk⸗ ken.„Nein, ſie ſoll dem Tode nicht verfallen, wagt es nicht ſie zu beruͤhren, ehe ich ſie ſei⸗ ner Gewalt entriſſen habe!“ rief er. Auf ſei⸗ nen Befehl mußte der Arzt in hoͤchſter Eile einige geſchickte Gehilfen aus der fernen Stadt herbei ſchaſſen, um durch köſtliche Spezereien, die ſchonen Zuͤge und Formen der erblichenen Geliebten, der Verweſung zu entreißen; ein Sarg, deſſen Deckel vom reinſten Kryſtallglaſe zuſammen gefuͤgt war, woͤlbte ſich uͤber dem ſchonen Todtenbilde. Man hatte indeſſen Sorge getragen, den Tod der Gräfinn Caboga, den Freunden des ———————— 37 Grafen anzuzeigen und der Baron Jablonka, verfehlte nicht, mit ſeiner Gemahlinn ſich ſofort auf dem Schloſſe einzufinden, um dem Freunde troſtend zur Seite zu ſtehen. Clotilde ſtand wortlos aber tief ergriſſen neben der Todten. Auch nach Kloſter Marianky, zu Cäcilien hatte man die Trauerbotſchaft geſandt, und die öͤber⸗ raſchende Nachricht warf dieſe nieder; erſt nach mehreren Tagen hatte ſie ſo viel Kraͤfte wieder geſammelt, um die Reiſe nach Caboga anzu⸗ treten, den Bruder in dieſen ſchweren Stun⸗ den zu unterſtuͤtzen. Cäciliens kloͤſterliche Verhältniſſe hatten ſich in der beinahe zweijährigen Abweſenheit des Bruders verändert; ſie war nach dem in dieſer Zeit eingetretenen Ableben der Rbtiſſinn des Kloſters Marianky, zu deren Nachfolgerinn er⸗ nannt. Caciliens fruh gereifter Verſtand, ihre ſel⸗ tene wiſſenſchaftliche Bildung, die Milde ihres Charakters, ihr hoher Rang, Alles dieſes hatte dazu beigetragen, die Wahl auf ſie zu lenken und nicht ohne eine ſtolze Freude hatte ſie die ſo ehrenvolle Wahl angenommen, die ihr einen ſchonen einfachen Wirkungskreis verlieh⸗ So kam die edle Kloſterfrau dann erſt auf dem heimathlichen Wohnſitze an, als der Be⸗ 38 gräbnißabend der theuern, erblaßten Schweſter erſchienen war. Die kleine, faſt dreijaͤhrige Jo⸗ ſephe auf ihren Armen tragend, trat ſie in den ſchwarz verhängten Ahnenſaal; Taver ſtuͤrzte ihr in wildem Schmerze in die Arme und Caͤcilie mußte mehrere Minuten nach Faſſung ringen, dem heftigen Eindrucke eines doppelten Schmerzes zu wehren, der ſo tief in ihre Seele eindrang. Sie trat dem Sarge naͤ⸗ her und warf ihre milden, ſeelenvollen Blicke darauf hin, dann reichte ſie dem Baron Theo⸗ dor, welcher an der andern Seite deöſelben ſtand und die leiſe weinende Clotilde mit einem Arm umſchlang, die Hand,„die Liebe reicht uͤber den Tod, ſie reicht uͤber das Leben hin⸗ aus,“ ſprach ſie ſanft, und die ſchönen Haͤnde, wie auf einem Altare, uͤber dem Sarge faltend, fuhr ſie fort:„Uns Allen iſt dieſe prangende Blume vom Herzen geriſſen, die zarte Bluͤhten⸗ krone war den rauhen Stuͤrmen des Lebens nicht gewachſen! Aber die unvergaͤngliche Seele iſt uns geblieben und es kommt ein anderer ſchoner Fruhling, wo ſie in ſtrahlender Farben⸗ pracht neu erbluͤhen wird!“— Dann kniete. die ernſte Jungfrau lange betend am Sarge nieder. Alle ehrten ihr ſtummes Gebet, ſelbſt Graf 39 Kaver ſchien von ihrer frommen Naͤhe, wie von einem milden Hauche beruͤhrt, der die bren⸗ nende Wunde ſeiner Bruſt kuͤhlte; er hatte mit einer zärtlichen Neugier ſeine Blicke auf die klei⸗ ne Joſephe gewandt, welche die großen ſtrah⸗ lenden Augen der Mutter geerbt hatte und ihre lebendigen Blicke wie fragend, von Einem auf den Andern warf. Er nahm die Tochter jetzt an ſein Herz, er warf die Decke zuruͤck von dem Sarge, und uͤbermannt vom neuen heißen Schmerze, rief er heftig:„Joſephe, o ar⸗ mes verlaſſenes Kind, ſteh Deine Mutter, wel⸗ che Dein Leben mit ihrem Tode erkaufen mußte! wirſt Du Deinem Vater dieſen Verluſt einſt loh⸗ nen?—— 2 „Schone Puppe, o ſchöne Puppe!“ ſtam⸗ melte das Kind und ſchlug die zarten Haͤndchen freudig zuſammen, denn die hohen Kerzen be⸗ leuchteten die reich geſchmuͤckte Todte, und der blitzende Schmuck ihrer Stirne ſchoß glaͤnzende, farbige Strahlen umher.— Schaudernd ſetzte der Graf die Lochter, mit einiger Heftigkeit nieder, ihr froher Ausruf, ihr kindiſches Lä⸗ cheln, war ihm fuͤrchterlich und indem er am Sarge nieder ſah, begegneten ſeine Blicke den frommen blauen Augen Adolars, welche voll Thränen hingen, denn das weiche Gemuͤth des 40 Knaben war immer nur zu bereit, jeden Aus⸗ druck von Außen in ſich aufzunehmen.—— Das bleiche Kind ſtand auf den Stufen des Trauergeruͤſtes, auf welche es ſich hinauf gedraͤngt, um die bis dahin verhuͤllte Todte zu erblicken; ein Engel der Ruhe und des Schmerzes ſtand er da!— Die Beſtattung der Leiche war geendet. Alle verloren ſich nach der feierlichen Caͤrimonie aus dem Todtengewolbe, bis auf den Grafen Ca⸗ boga, und von ihm unbeachtet, lehnte an ei⸗ nem der Saͤrge der alte Sarackſor, die ſin⸗ ſtern Augen ſtarr auf den neuen Sarg richtend; uͤber dieſem hatte man an der Decke des Ge⸗ woͤlbes eine ſilberne Ampel befeſtigt, welche mit mattem Schein das theure Kleinod beleuchtete, welches dieſe Beiden aus heiteren, glanzerfüllten Hoͤhen geraubt hatten, um es fruͤh in eine grauſe Tiefe zu verſenken⸗ IHI. Caͤcilie blieb ſo lange auf dem Schloſſe Caboga, als es ihr Amt und ihre Verhaͤltniſſe nur geſtatten wollten; doch uͤberzeugte ſie ſich immer mehr, daß nicht ein heftiger voruͤbergehen⸗ . 41 der Schmerz des Bruders Herz bewege, ſondern daß ein nagender Gram ihn verzehre; nur von der Laͤnge der Zeit war Heilung fuͤr dieſen zu hoſſen, indem er eigenſinnig noch immer jede Troͤſtung, ſelbſt von den Lippen der Schweſter verſchmaͤhte. Cäciliens Gemuͤth bewegten indeß noch andre bange Zweifel, in Hinſicht der beiden Kinder ihres Bruders. Clotilde hatte im Laufe des letzten Jahres, ſelbſt ein Knaͤbchen geboren und groß war die Freude der noch im⸗ mer zaͤrtlichen Ehegatten daruͤber. Cacilie hatte unter dieſen Umſtaͤnden den Entſchluß gefaßt, den kleinen Adolar unter ihren Augen erziehen zu laſſen; die Richtung ihres eigenen Geiſtes mußte es wuͤnſchenswerth finden, den Knaben, der ihre Erwartung in Anſehung ſeines natuͤrlichen Verſtandes weit uͤbertraf, recht hoch zu bilden, ihn den Flecken ſeiner Geburt, durch Talent und Seelenadel be⸗ decken zu laſſen. Ihre Verhaͤltniſſe im Kloſter gaben ihr jetzt die Macht einen unmittelbareren Einfluß auf Adolars Erziehung anzuwenden und ihr Plan war fuͤr dieſe ſchon entworfen. Ein braver gebildeter Mann, der die ökono⸗ miſchen und weltlichen Angelegenheiten des Klo⸗ ſters Marianky, leitete, welcher nur eine Vier⸗ 5 42 telſtunde vom Kloſter entfernt, mit ſeiner Gat⸗ tinn in dem ſchoͤnen großen Bkonomiegebäude desſelben wohnte, ſollte den Knaben bei ſich aufnehmen, ein geſchickter Lehrer dieſen unter ihrer eigenen Aufſicht bilden; ſie ſelbſt hatte auf dieſe Weiſe Zeit und Gelegenheit den klei⸗ nen lieblichen Adolar täglich zu ſehen und auf ſeinen moraliſchen Charakter zu wirken. Daß ſie ſich jetzt von der kleinen Joſephe trennen muͤſſe, dieſe, nach dem ſchmerzlichen Verluſte, als Erſatz bei dem Vater bleiben wuͤrde, darauf war ſie bereits gefaßt; ſo groß der Platz auch war, den das kleine holde Geſchopf in ihrem Herzen eingenommen hatte, war ſie doch immer darauf vorbereitet, ſich dieſen kleinen Lieb⸗ ling entriſſen zu ſehen, ſie hatte das Kind immer nur als ein augenblickliches ſchoöͤnes Darlehn be⸗ trachtet, welches ſie einſt einer andern Liebe opfern muͤſſe. Cäcilie ſcheute ſich indeß immer noch, das Wort daruͤber gegen den Bruder auszuſprechen, der auch nur in ſehr ſeltenen Augenblicken ei⸗ nem Geſpraͤche zugaͤnglich war. Doch die Zeit draͤngte, Jablonka's waren bereits abgereiſt und ſo ſaßen die beiden Geſchwiſter eines Tages bei der herannahenden Abenddämmerung, ein⸗ 43 ſam, wortarm einander gegenuͤber; die beiden Kinder ſpielten am anderen Ende des geraͤumi⸗ gen Zimmers und trieben dort, ohne daß es den Vater ſtorte, ziemlich geräuſchvoll ihr unſchul⸗ diges Weſen; in truͤbe Gedanken verloren, ſtarrte er vor ſich hin. Die ſanfte Cäcilie aber ſchaute mit reinem Vergnuͤgen dem Treiben der kleinen harmloſen Weſen zu; Adolar hatte ein ſchd⸗ nes Kegelſpiel aufgeſtellt und war eifrig bemuͤht, mit ſeiner Kugel ſtets den Konig aus der Mitte umzuwerfen, welches ihm indeß faſt nie gelang, doch ußerte ſich ſein kleiner innerer Verdruß nicht durch Worte, aber man ſah es ſeinen ſelte⸗ nen gerotheten Wangen, ſeinen blitzenden, ſonſt faſt maͤdchenhaft milden Blicken, ſeiner Aus⸗ dauer an, das ſo oft Mißlungene, dennoch nicht aufzugeben, ſondern es mit Gewalt und koſte es ihm den Anfwand aller ſeiner Kräfte, durch⸗ zuſetzen, indeß die kleine lebhafte Joſephe, laut jubelnd und ſchreiend uͤber jeden Wurf, ihre Kugel oft muthwillig zwiſchen die erſt halb aufgeſtellten Kegel warf und ſo des Bruders Geduld ſtets auf eine noch haͤrtere Probe ſetzte. Das Spiel ſchien auch ſie zu erfreuen, aber nur leicht ſchien der Eindruck des dabei empfun⸗ denen Vergnuͤgens bei ihr zu ſeyn, denn freund⸗ lich lächelte und nickte ſie oft vom Spiel weg, 44 zu Caͤcilien hin, indeß Adolar allen Sinn fuͤr ſeine Umgebung verloren zu haben ſchien. Cäcilie machte den Bruder auf das Trei⸗ ben der Kinder aufmerkſam, ihn ſeinem tiefen Sinnen zu entreißen; er ſah ſie anfangs zer⸗ ſtreut und laͤchelnd anz doch allmaͤlig gelang es ihr, durch ihre feinen und gemuͤthlichen An⸗ uͤber die leiſe erwachende Gemuͤthsart der Kinder, des Vaters Intereſſe fuͤr dieſe mehr wie je, zu erwecken; beide Geſchwiſter tauſchten ihre Anſichten uͤber Erziehung gegen einander aus und verwickelten ſich in Folge dieſes Ge⸗ ſpraͤchs in einen kleinen Streit.— Taver wollte naͤmlich Cäcil liens Meinung nicht gelten laſ⸗ ſen, daß Altern fruhzeitig auf die vorherrſchenden kleinen Charakterzuge ihrer Kinder wirken muͤßten, indem ſie den beſſeren Nahrung, den nachthei⸗ ligern aber eine feſte Gegenwehr geben muͤßten. „Ich glaube nicht, Caͤcilie,“ ſprach der Graf endlich,„daß es Dir gelingen wuͤrde, die Grund⸗ zuͤge des einmal angeborenen Charakters eines Kindes vollig zu verwiſchen, ſelbſt wenn Du es abgeſchieden von allem weltlichen Verkehr erzie⸗ hen wollteſt; Du wuͤrdeſt nie dahin gelangen, das Charakterbild, das Du Deinem Zoͤglinge anzupaſſen noch ſo ſehr Dich muͤhteſt, einſt bei der völligen Entwickelung ſeinerGeiſteskräfte in ihm zu ſinden.“ 4⁵ „Dr dehnſt meine Behauptung ſehr weit aus,“ erwiederte Cäcilie dem Bruder,„um⸗ formen, ganz umformen läßt ſich das Geiſtige im Menſchen wohl nie; denn bannen auch au— genblickliche Verhältniſſe den Geiſt in ein Joch, welches ihn zwingt, gegen die angeborenen Nei⸗ gungen zu handeln, gib ihm die Willensfreiheit zuruͤck und Du wirſt ihn nur zu oft ganz im Gegenſatz handeln ſehen; aber daß es uns nicht gelingen konne, ohne Zwang, durch bedaͤchtige Leitung, durch Beiſpiel, ja ſelbſt durch Gewoͤh⸗ nung das Strenge zu beugen, das Weiche zu verhaͤrten, dieſen Glauben gebe ich nicht auf. Da wir nun einmal von den Kindern reden,“ fuhr Caͤcilie fort,„ſo vergönnſt Du mir jetzt auch wohl, mit Dir etwas ernſter uͤber ſie zu ſprechen. Du kennſt meine fruͤheren Wuͤnſche, dem kleinen Adolar ganz Mutter zu ſeyn, Du muͤßteſt denn Deine Anſichten geändert ha⸗ ben, indem Du vor der Welt Dich zu ſeinem Vater bekennen wollteſt.“ Paver fuhr bei dieſen Worten heftig empor. „Wie kommſt Du zu dieſer Vermuthung?“ rief er unwillig,„glaubſt Du, ich werde meine hingeopferte Eugenie noch im Tode beleidigen, indem ich meinen Sohn uͤber unſere Tochter er⸗ heben wuͤrde? Der Name Caboga darf nur 46 von edlem Blute vererbt werden; hat mir das Geſchick den Sohn verſagt, der ihn einſt gel⸗ tend machen kann: ſo will ich darauf verzichten, ihn zu vererben, ich bin ja nicht der Letzte mei⸗ nes Namens, Hoffnung fuͤr die Fortdauer un⸗ ſeres alten Hauſes gibt es ja noch!“—— „Deine Geſinnungen ſtimmen mit den mei⸗ nigen uͤberein,“ ſprach Caͤcilie beruhigt,„es ziemt einem alten edlen Geſchlechte, treu nach der Sitte der Vorfähren zu handeln. Adolars Gluͤck wird ſicherer auf einem einfachen Wege“ zu finden ſeyn, worauf ſeine dunkle Geburt ihn hinwies. Und ſo darf ich ja wohl die Erfül⸗ lung meiner Wuͤnſche von Dir hoffen.“ „Bedraͤnge mein Herz, gute Schweſter,“ erwiederte der Graf,„in dieſen bangen Stun⸗ den nicht mit neuen Sorgen, laß mich erſt eine andere Anſicht des Lebens faſſen; ob mir mein Kummer je erlauben wird, den armen Geſchoͤpfen ein ſorgender Vater zu ſeyn, weiß ich nicht; jetzt fehlt mir die Kraft, uͤber ſie zu wachen. Nimm die Kleinen mit Dir, erſetze ihnen die ver⸗ lorne Mutter, dulde mich in meinem Schmerz.“ „Wie, auch Joſephen darf ich mit zuruͤck nehmen?“ rief Caͤcilie froh uͤberraſcht.— „Ja, mein Bruder, lege die kleinen Herzen ge⸗ 47 troſt an meine Bruſt; wie das eigene Herz will ich ſie bewachen, mit meiner Liebe ſie naͤhren.“ Faver zog Caͤciliens Hand an ſein Herz⸗ —„Gute, gute Cäcilie,“ ſprach er bewegt, ſie gab ſie ja auch getroſt in Deinen Schutz; war es nicht vielleicht eine prophetiſche Ahnung Eugeniens, welche hier in dieſem Schloſſe ihr Kind von Gefahren umdroht ſah? Sie fuͤhlte ſich beruhigt, als ſie es davon entfernt wußte; laß uns im Geiſte der Mutter handeln und lͤchle nicht uͤber meine Schwaͤche; ach, mich verwun⸗ det der lebensfrohe Strahl aus Foſephens Augen, denn ſie gleichen allzu ſehr den unver⸗ geßlichen Augen, die ſich fuͤr mich auf ewig ge⸗ ſchloſſen!“—— Caͤcilie druͤckte geruͤhrt des Bruders Hand und rief die Kinder zu ſich her, ſie jetzt mit doppelter Freude an ſich druͤckend, rief ſie faſt begeiſtert:„So moͤge mir denn Gott und die Mutter der Gnade beiſtehen, Euch zum Guten zu fuͤhren; eine ſchwere Verantwortung hat mir dieſe Stunde auferlegt, doch meine Seele iſt voll Muth!“—— Der Graf liebkoſete die Kinder, und Cäci⸗ lien entging es nicht, wie des Vaters Auge mit groͤßerem Wohlgefallen den kleinen Adolar an⸗ laͤchelte, der mit hochgerotheten Wangen, in der 48 Glorie lichtblonder Locken einem Cherub gleich, ſich ſchmeichelnd an den Vater draͤngte, indeß Joſephe kaum die Zaͤrtlichkeit desſelben zu be⸗ achten ſchien. „Adolar,“ ſprach Cacilie bei dieſer Be⸗ merkung,„ſcheint Deinem Herzen ſehr lieb zu ſeyn; Foſephe wird es nicht minder verdienen, denn nicht ſo leicht, wie der Knabe, nimmt ſie den aͤußeren Eindruck im Herzen auf, aber was ſie einmal lieb und werth haͤlt, glaube ich, dem wird ſie treu und feſt anhangen. Wir ſind nun ſchon viele Wochen von meinem Kloſter entfernt, doch jeden Tag, oft mehrere Male verlangt Jo⸗ ſephe nach ihrer Waͤrterinn, die ich krank zu⸗ ruͤck laſſen mußte, ich kann ſie nicht mehr er⸗ freuen, als wenn ich von dieſer mit ihr rede. Clotilde verließ uns erſt vor wenigen Tagen und Adolar erwähnt ihrer kaum, ob er ſich gleich ſchreiend an die Räder des Wagens hing, in welchem die Mutter davon fuhr.“ „„Die Zeit, liebe Caͤcilie, wird es uns lehren, welches Kind unſerer Liebe am wuͤrdig⸗ ſten wird,““ erwiederte Eaver,„„Joſephe iſt Eugeniens Tochter; braucht es mehr, ſie mir theuer zu machen?““—— 49 V. Reich wie eine Koniginn, kam Cäcilie mit den Kindern, den theuern Kleinoden, nach Klo⸗ ſter Marianky zuruͤck. Ihre Einrichtung fuͤr dieſe war bald getroſſen, Adolar erhielt einen ſehr geſchickten Hofmeiſter, indem ſeine Jahre ihn ſchon fuͤr die Ausbildung des Verſtandes reif machten, und dieſer bemuͤhte ſich, vereint mit der edeln Kloſterfrau, vielfach um ihn. Die holde Joſephe aber taͤndelte noch immer froͤh⸗ lich unter den ſtillen Nonnen in Marianky um⸗ her, von allen geliebt und gehegt, ein fröhliches Bild der Hoffnung unter den bleichen Bildern der Entſagung, welche dieſe dunkeln Mauern verbargen. Das Kloſter Marianky lag in einem weit⸗ laufigen Thale, welches von zwei Seiten an⸗ muthige, ſich ſanft empor hebende Huͤgel bilde⸗ ten; ein beſonderer Segen ſchien auf den wohl beſtellten Feldern dieſer Gegend zu ruhen. Aus einem dunkeln Kranze hoher Kaſtanienbäume leuchteten die weißgrauen Mauern des Kloſters friedlich hervor. Eine Fuͤlle bluͤhender Gebuͤſche erfuͤllte den einſamen Kloſtergarten mit ſuͤßen Duͤften, der, geſchuͤtzt von unuͤberſteigbaren Mau⸗ ern, das freundliche Aſyl bildete, in welchem die Zweiter Vand⸗ D * 50 hold empor bluͤhende Joſephe den Maientraum ihrer Kindheit träͤumte. Das ſuͤße Kind gedieh und wuchs empor, wie eine Blume auf einſa⸗ mer, unerſteiglicher Alpe, vom reinſten Thau des Himmels getraͤnkt, vom erſten Strahle des Ta⸗ ges, vom letzten Nachglanze des Abendroths wun⸗ derſam beleuchtet; ſo ſchwoll die Knospenbluͤhte der Jungfrau, ſchon im Voraus die herrliche Pracht⸗ blume verkuͤndend, die ſich einſt daraus entfal⸗ ten wuͤrde. Die beiden ſo nahe verwandten Kin⸗ der ſahen ſich ſelten, nicht ahnend, daß verwand⸗ tes Blut die jungen Herzen gleich feurig durch⸗ ſtroͤmte; die Sitte des Kloſters ſchied den ſchlan⸗ ken, ſich fruͤh entwickelnden Knaben, bald von den taͤglichen Beſuchen in dieſem, aus; nur an beſtimmten Tagen erſchien er im Kloſter in der Begleitung ſeines Mentors, und dieſe Beſuche bekamen nach und nach etwas Foͤrmliches, ja faſt Gezwungenes fuͤr den jungen Adolar, daß er ſich dabei immer befangen fuͤhlte. Der Knabe ſtand auf der Gränzlinie, welche ihn noch vom werdenden Juͤnglinge trennte, das jugendliche Herz ſchon von Ahnungen kuͤnftiger Männer⸗ kraft erfullt, fuͤhlte ſich beklommen unter dem Drucke, welcher noch alle Kraͤfte ſeines Geiſtes gefangen hielt; noch war der Muth nicht ge⸗ faßt, nein nur leiſe empfunden, daß eine Zeit 51 kommen wuͤrde, wo dieſe Feſſeln von ihm ab⸗ geſtreift, ſich Alles, was von Hoffnungen und dunkeln Wuͤnſchen in ihm lag, wie durch Zauber⸗ ſchlag und Wort lebendig geſtalten wuͤrde, und von einer von ihm ſelbſt unverſtandenen Schuͤch⸗ ternheit geleitet, nahm ſein ſonſt ſo freundliches Gemuͤth einen kleinen Trotz an, der ihn indeß ſo lieblich und ſchoͤn kleidete, daß Caͤcilie, wel⸗ che dem reinen unverdorbenen Knaben in die un⸗ verhuͤllte Seele ſchaute, ihn faſt noch mehr wie ſonſt liebte. Es war noch immer unentſchieden, welchem Stande ſich ihr Liebling einſt widmen wuͤrde, ſie uberließ dieſe Entſcheidung allein ſei⸗ nen Anlagen und auch der vorherrſchenden Nei⸗ gung ſeines Gemuͤths. Nicht ſo ſehr, wie die klöſterliche Pflegemutter es ſonſt wohl geglaubt hatte, zogen Adolar die tieferen Wiſſenſchaften an, vielmehr wurde ſein jugendlicher Geiſt von den ſchoͤnen ſchmuͤckenden Kuͤnſten aufgeregt und ergriſſen; ja ſie war einſt Zeuge, wie der zwölf⸗ jährige Knabe mit wahrer Begeiſterung von ei⸗ nem Gemaͤlde ſprach, welches vor mehreren Jahs ren dem Kloſter zum Kaufe angeboten und in Cäciliens Zelle in des Knaben Gegenwart vorgezeigt wurde; noch unverwiſcht wat der Ein⸗ druck, welchen das herrliche Bild auf ihn ge⸗ macht hatte; lebendig ſtand és in ſeiner Phan⸗ D 2 52 taſie ſelbſt bis zu den kleinſten Nuͤancen da. Welche gluͤhende Schilderung der auf jenem dargeſtellten Gegenſtaͤnde floß von den jungen Lippen, wie tief war er, fuͤr ſein Alter faſt un⸗ erklärbar, in den Geiſt des Malers eingedrun⸗ gen!—— Dieſe Stunde erleuchtete Caci⸗ lien, klar ſtand es vor ihr, Adolar mußte ein Maler werden, ſie ſaͤumte auch nicht, die⸗ ſen unverzuͤglich mit ihrer Anſicht bekannt zu machen, und als hätte ſie nur die ſchlummernde Stimme daruͤber in ſeiner Seele wach gerufen, ſo freudig, ſo lebendig wurde der Kunſtberuf in dem Knaben.— Da es jetzt nothwendig war, daß Adolar eine Bildung empſfing, welche bloß auf ſeinen einſtigen Beruf hinzweckte: ſo ſorgte Cäcilie, daß er in ein großes Erziehungsin⸗ ſtitut in Peſth aufgenommen wurde, wo vor⸗ zuglich darauf geſehen werden mußte, ihn fuͤr ſein erwaͤhltes Studium zu bilden. Bald dar⸗ auf ſchied Adolar denn aus dem Kreiſe, dem er ſchon etwas entfremdet war; Joſephe wein— te dem lieben Geſpielen ein paar recht herzliche Thranen nach; aber in der Vorausſetzung, ihn nicht fuͤr immer zu verlieren, ſondern einſt in. ſchoͤneren Verhältniſſen wieder zu ſehen, war ihr Leid bald geſtillt, und ſie vermißte ſeine Abwe— ſenheit zu wenig, um den Eindruck des Abſchie⸗ 53 des lange in ihrem Gemuͤthe zu bewahren; uͤber⸗ haupt ſchied die Gemuthsart, wie Cäcilie fruͤ⸗ her ſchon geahnet, die Kinder bei weitem mehr, als dieſe Trennung von einander; denn nie konnte ſich Joſephe mit der raſchen lebendigen Phan⸗ taſie des Knaben befreunden, der Eins fuͤr das Andere opfernd, ſich willenlos von jedem neuen Eindrucke feſſeln und hinreißen ließ; indeß Jo⸗ ſephe, viel tiefer wie er, aber nicht ſo leicht empfindend, den einmal empfangenen Eindruck dauernd im Herzen trug. 6cilie, welche Joſephen ohne jede frem⸗ de Einmiſchung erzog und unterrichtete, hatte dieſe vor Allem gewöhnt, ihre Wuͤnſche und Handlungen in die ſchoͤnſte libereinſtimmung mit ihren Pflichten zu bringen; und es war ihr in der klöſterlichen Abgeſchiedenheit ein Leichtes, den ſtillen, aber feſten Sinn des Kindes zu leiten. Als einſtige Erbinn eines edlen Namens, als un⸗ umſchrankte Beſitzerinn eines unermeßlichen Ver⸗ mogens, duͤnkte es Caͤcilien ein ſchoͤner Be⸗ ruf, ihr holdes Kind durch eigene feſte Willens⸗ kraft, durch ein ſtrenges Pflichtgefuͤhl, ſo viel wie möglich, gegen die Klippen und Gefahren zu ſichern, welche ihr auch einſtens auf dem Lebensmeere drohen wuͤrden.—— Graf Caboga wurde in dieſen Jahren, wel⸗ che leicht wie Fruͤhlingsſchwalben uͤber die Ju⸗ gendtage ſeiner Kinder hin flogen, ihnen den fruͤhen gluͤhenden Sommer des Lebens verkuͤn⸗ dend, von dem Fluge der Zeit weniger leicht be⸗ ruͤhrt; ihm ſchien es vielmehr, als rauſche ſie langſam mit ſchwerem Fluͤgelſchlage, die Luft um ihn, uͤber ihn, gualvoll beengend, dahin. So ſehr er ſich in der erſten Zeit der Einſamkeit und dem Grame um ſeine geſtorbene Gattinn hingab;, ſo bald wurde ihm dieſer Gram, dieſe ſelbſt gewaͤhlte Abgeſchiedenheit ein Zwang, ge⸗ gen den ſich die noch jugendlich friſchen An⸗ ſpruͤche ſeines Körpers, wie ſeiner Seele auf⸗ lehnten; aber noch zu viek Macht hatte der Kum⸗ mer über dieſe kräftigen Anmahnungen, ſeine Seele gerieth in Zwieſpalt mit ſich ſelbſt und dieſes waren die ſchwaͤrzeſten Tage, welche Ca⸗ boga's ſo oft umdunkeltes Leben durchzogen. Die ehemalige Gute ſeines Charakters verlor ſich nach und nachz Stolz, Herrſchſucht, böſe Laune uͤber Alles, waß ihn beruͤhrte, traten an die Stelle derſelben, nür wenn er, treu noch immer dem Zuge ſeines Herzens folgend, von dem al⸗ ten ſtummen Sgrackſor hegleitet, der wie ſein —— 55 Schatten ihm dann zur Seite war, in nächtli⸗ cher Stunde an Eugeniens Sarge ſtand, ſchmelzten die noch immer unverwelkten Zuge der geliebten Todten das Eis ſeiner Bruſt; dann ſprach aus ſeinen Blicken die Empſindung ſcho⸗ nerer Zeiten, dann druckte er, erweicht von der alten Liebe, von Erinnerungen, des Greiſes leb⸗ loſe Haͤnde und leitete ihn, wie ein Sohn den Vater, die hohe Stiege, welche zum Gruftge⸗ wolbe fuͤhrte, wieder hinauf.— Doch nach Verlauf einiger Jahre wuchs der neue Lebenömuth wie ein unbaͤndiger Rieſe in Caboga's Bruſt empor, und warf Alles, was ſich ihm widerſetzte, zu Boden. Aber nicht auf ſchoͤn geebneten Pfaden ſuchte er die neuen Le⸗ bensbluͤhten auf; nein, zuͤgellos, hingeriſſen von der neu erlangten Freiheit, ging ſein ſtuͤrmiſcher Weg uͤber Abgruͤnde und Felſen, ohne Raſt, ohne Aufhalt, dem ſicheren Verderben entge⸗ gen; denn es konnte nicht fehlen, daß Graf aver, indem er ſich der Welt in dem wuͤſte⸗ ſten Treiben wieder gab, Zerſtreuung in Genuͤſſen ſuchte, von denen er ſich ſonſt verächtlich abge⸗ wandt, immer mehr und mehr den ſittlichen Adel, ſo wie ſeine Geſundheit einbuͤßte; wenige Jahre reichten hin, den herrlich bluͤhenden Mann zu einem hageren Schattenbilde umzuwandeln; die 56 äußere Anmuth ſeines Benehmens verlor ſich nach und nach in dem ſteten Zuſammenleben mit Men⸗ ſchen, die ein gleich unwuͤrdiger Hang zu wil⸗ dem Spiel und Trinkgelage, zu tagelangem, ruhe⸗ loſem Umherſchweifen in den Waldungen voll blutiger Jagdluſt, trieb. Cäcilie ſchauderte zuruck, als ſie den ge⸗ liebten Bruder nach einer langen Zeit, in wel⸗ cher er ſie und ihre Lieblinge ganz vergeſſen zu haben ſchien, wieder erblickte. Der Laut ſeiner Rede duͤnkte ihr fremd, ein Anderer ſchien er ihr geworden. Sie konnte auch die Emporung ihres Innern ſo wenig beherrſchen, daß ſie kuͤhn ihm den Spiegel ſeiner Seele vorhielt. Eaver ſchien auch wirklich ergriffen von dem warnen⸗ den Schweſterworte; aber nur augenblicklich war dieſer Eindruck, eine dunkle Gluth verbreitete ſich dann uͤber ſeine bleichen Zuge, er warf ſo ſcharfe, faſt drohende Blicke umher, daß die fromme Klo⸗ ſterſchweſter, zum erſten Male den Bruder fuͤrch⸗ tend, ſchwieg. So ſaß ſie ihm eine lange Pauſe ſtumm gegenuͤber, dann ſprach ſie ſehr bewegt: „Zum erſten Male, mein Bruder, ſeit mich dieſe klöͤſterlichen Mauern aufgenommen, fuͤhle ich Reue uͤber den Schritt, den ich ſelbſtſuͤchtig that, waͤhnend, mein Hoffen und mein Lieben hier in tiefer Einſamkeit zu begraben; es lebt 57 hier in meinem Herzen, wie es in dem Geraͤu⸗ ſche der Welt fort gelebt haben wuͤrde. That ich alſo nicht Unrecht, daß ich mir dieſe from⸗ men Bande anlegte, welche mich denen zu früh entfremdeten, an die mich mein Schickſal ver⸗ wies? O, ich wuͤnſchte, Taver, ich wäre Dir zur Seite geblieben; aber konnte ich ahnen, daß Dein freundlicher Lebensengel Dich ſo bald ver⸗ laſſen wuͤrde, konnte ich ahnen, daß der Mann, den ich mit Stolz Bruder nannte, meiner weib⸗ lichen ſanften Anmahnungen einſt beduͤrfen wuͤr⸗ de! An Deine ſtarke Bruſt dachte ich einſt das lebensmuͤde Haupt zu lehnen; ach, und es wird nun viel anders kommen! Ich werde Dich ſtuͤt⸗ zen muͤſſen, und mein zu fruͤh gealtertes Herz wird morſch zuſammen brechen unter ſeiner letz⸗ ten ſchrecklichen Buͤrde!“— Caboga fuhr wild lachend auf:„Lebens⸗ engel! mein Lebensengel! O daran mahne mich nur! uUm aller Heiligen willen, Schweſter; das Bild taugt nicht fuͤr dieſes ausgebrannte Herz!“ rief er heftig.„Eugenie, o Eugenie!“ ſtohnte er dann vor ſich hin,„Deiner heißen unuͤberſchwenglichen Liebe bedurfte ich fuͤr die⸗ ſes Leben!“ Er druͤckte dann ſtuͤrmiſch Cä⸗ ciliens Hand, und ritt ohne weiteren Abſchied aus dem Kloſter fort. 58 Cäcilie konnte das ſchreckliche Bild des Bruders nicht aus ihrer Phantaſie verdraͤngen, ihr Kummer uͤber den moraliſchen Unwerth ei⸗ nes Menſchen, der ihr ſo nahe ſtand, war tief und ſchwer, die muthige Seele der Jungfrau verzagte, und dieſe Zeit grub tiefe Zuͤge des Grams in ihr ernſtes Geſicht, ſie ſchien ihrer Umgebung ihrem Alter um vieles vorgeruͤckt. Nur in Joſephen konnte ihr eine vergangene hoffnungsvolle Zeit wieder erbluͤhen; auf dieſes holde Kind richtete ſie in allen ihren bangen Stunden die truͤben Blicke. Der Graf Caboga trieb ſein wuͤſtes Leben fort, doch ſchien er ſich der Schweſter und der Tochter mehr als fruͤher zu erinnern; denm ofte⸗ rer erſchien er im Laufe jeden Jahres zum Be⸗ ſuche in Kloſter Marianky. Seine Geſundheit ſchien jetzt ſehr zu leiden und er es ſelbſt zu empfinden, davon uͤberzeugte Caͤcilien eine ſchriftliche Anordnung ſeines letz⸗ ten Willens, die er gemacht und jetzt in ihre Haͤnde niederlegte. Joſephe war zu Folge eines Familienvertrags, nach ihres Vaters Tode ſo lange unumſchränkte Erbinn aller Familienguͤter, als ſie den Namen einer Graͤfinn Caboga trug, doch im Fall ihrer Vermaͤhlung mit einem frem⸗ den Hauſe mußte ſie die Guͤter der Familie an * 59 eine Seitenlinie des gräflich Caboga'ſchen Hau⸗ ſes abtreten; ihr blieb indeß das ganze baare Vermögen ihrer verſtorbenen Altern.— Der Trennung des Vermogens von den Guͤtern vor⸗ zubeugen, hatte der Graf nun fuͤr die Zukunft folgenden Plan entworfen. Er hatte Joſephen jenem Seitenverwand⸗ ten, dem einzigen Grafen Caboga, welcher außer ihm noch lebte, zur Gemahlinn beſtimmt, er konnte, duͤnkte ihn, fuͤr die Tochter nicht gluͤcklicher wählen, denn Graf Conſtantin Ca⸗ boga war ein Ehrenmann im ſtrengſten Sinne des Worts. Noch vor wenigen Jahren war der Graf auf einer Reiſe nach Wien mit ihm zus ſammen geweſen, wo er gls Major eines öſt⸗ reichſchen Huſarenregiments damals ſeinen blei⸗ benden Aufenthalt hatte. Faſt in gleichem Al⸗ ter mit dem Grafen Taver, ſchien er dem ab⸗ gelebten Manne gegenuͤber wenigſtens funfzehn Jahre juͤnger zu ſeyn. In der hochſten Bluͤhte maͤnnlicher Kraft, von herkuliſchem Körperbau, war ſein Rußeres wahrhaft impoſant; ſeine Ge⸗ ſichtszuͤge waren nicht ſchoͤn, aber ſie trugen das Gepräge eines feſten Charakters und moraliſcher Wuͤrde. Schon bei ſeinem fruͤheren Aufenthalte in Wien, in den Juͤnglingsjahren des Grafen Zaver, hatte dieſer mit ſeinem PVetter viel 60 Umgang gepflogen, und obgleich nie eine beſon⸗ dere Freundſchaft die Juͤnglinge vereinigt hatte: ſo war doch eine gegenſeitige Familienanhaͤng⸗ lichkeit, ſo wie eine gefällige Achtung fuͤr ein⸗ ander, unter ihnen entſtanden. Dieſen Conſtantin Caboga beſtimmte der Graf Laver nun Joſephen. In einer ſehr einſamen und ruhigen Stunde hatte er die⸗ ſen Entwurf fuͤr die Zukunft der Tochter ge⸗ macht. Selbſt an den Wunden der Erfahrung verblutend, wie eine leidenſchaftliche Liebe der Feuerbrand ſei, der das Gebäude irdiſcher Gluck⸗ ſeligkeit verheert, glaubte er ſo die Tochter ge⸗ gen die Gefahren derſelben zu ſichern; er be⸗ ſtimmte zu dem Ende die Vermaͤhlung der Toch⸗ ter fuͤr ihr funfzehntes Jahr, dann ſollte ſie das Kloſter verlaſſen, im Schloſſe Caboga vermaͤhlt werden, und ſpaͤter uͤber ihren kuͤnftigen Auf⸗ enthalt nach dem Willen ihres Gemahls ver⸗ fugt werden; denn der Graf aver ſah voraus, daß Conſtantin, ein Held im wahren Sinne, in dieſen unruhigen Zeiten ſeinen militaͤriſchen Stand nicht aufgeben wuͤrde. Er focht in die⸗ ſem Augenblicke unter dem Erzherzog Karl, und theilte deſſen Ruhm in der tapfern Gegenwehr ge⸗ gen die Tyrannei des franzöſiſchen Despoten, wel⸗ cher immer drohender Bſtreichs Staaten bedrängte. 8 Cacilie konnte dieſem wahrlich wohl ge⸗ ordneten Plane Nichts entgegen ſetzen. Selbſt nicht ganz von den Vorurtheilen frei, die den Gliedern einer alten reichen Familie ankleben, mußte es ihr wuͤnſchenswerth ſeyn, den Namen, ſo wie den Glanz ihres Hauſes in ihrem Lieb⸗ linge, ihrer Joſephe, fortbluͤhen zu ſehen, und in ihr gleichſam die Ahnfrau eines neuen, herr⸗ lichen Geſchlechts zu erblicken. Indeſſen wurde dieſer von der Beſtimmung ihrer Zukunft noch nichts entdeckt; ihre einfachen Wuͤnſche und Hoſſ⸗ nungen reichten noch nicht uͤber die Gränze der Kloſtermauern hinaus, wo ſie, obgleich ſie da⸗ ſelbſt ein ſehr einförmiges Leben fuͤhrte, doch Alles vereinigt fand, was ihre junge Seele be⸗ gehrte, und nur die Beſuche ihres Vaters un⸗ terbrachen zuweilen das ruhige Einerlei ihrer Tage.— * Cäcilie hatte fruͤh in dem Herzen des Kin⸗ des eine innige Anhaͤnglichkeit gegen ihren Va⸗ ter zu erwecken geſucht, die man indeſſen nicht Liebe nennen konnte; denn wie waͤre es moglich geweſen, der reinen Kindesſeele Joſephens dieſe gegen einen Mann einzuflößen, deſſen au⸗ ßere Erſcheinung nicht zur Liebe aufforderte, der ſtets veraͤnderlich in ſeinem Betragen, bald ſtuͤr⸗ miſch bewegt, bald wieder gleichgiltig und kalt, 62 ihr in ſo mannichfaltigen Geſtalten erſchien. Es war vielmehr ein Gefuͤhl der Abhaͤngigkeit, wel⸗ ches Joſephe gegen ihren Vater empfand, und nur durch Caͤciliens Erzaͤhlungen aus der Ver⸗ gangenheit, welche ſo hell als möglich von dem Glanze ihrer Liebe fuͤr den einſt ſo liebenswuͤr⸗ digen Bruder beleuchtet wurde, floß der Strahl einer waͤrmeren Empſindung gegen ihren Erzeu⸗ ger in Joſephens Gemuͤth. Die verklaͤrte Eugenie, dieſe Engelsſeele, die ſie Mutter nennen durfte, zog das Herz der fruͤh verwais⸗ ten Tochter zu ſich auf; wie zu einer Heiligen, trug ſie zu dem nie geſehenen Mutterbilde die zarteſten und innigſten Wuͤnſche ihrer jungen Bruſt hin. VI. Schon ſeit dem Sinken des Tages ſtrahlten die hohen Fenſter des Schloſſes Caboga im Ker⸗ zenglanze. Weit hin auf die Schneedecke der Felder warfen ſie ihren Silberſchein. Schon ſeit einer Stunde lebten darin laute, wilde Luſt und frohlicher Becherklang. Die fruͤhe Nacht hatte die lockeren Gäſte des Grafen, welche dort ſchon 63 viele Tage die Jagdluſt verſammelt hatte, aus dem Hochwalde getrieben, wo Felſenwaͤnde und Bergſchluͤnde bei einbrechender Dunkelheit Ge⸗ fahr drohend lauerten. Stunde an Stunde zog voruͤber, doch die meiſten Gäſte achteten es nicht, daß Mitternacht ſchon voruͤber war, und dachten noch immer an keinen Aufbruch; und waren auch wohl Einige darunter, die des langen To⸗ bens muͤde wurden: ſo verbargen ſie doch ſchein⸗ bar den inneren Unmuth, um das fröhliche Jagd⸗ feſt nicht zu ſtören. Doch der Graf Eaver war mitten in der lauten Freude unbemerkt davon geſchlichen; es mahnte ihn jetzt vor Allem an der Gattinn Sarg zu gehen; ſo Manches hatte gerade heute die Erinnerung an ſie lebhaft aufgeweckt, der reich⸗ lich genoſſene Wein, indem er des Grafen Phan⸗ taſie gewaltig aufgeregt, ihn zugleich korperlich erhitzt; die lange Bewegung in der freien Win⸗ terluft machte ihm die Luft in dem wohl geheiz⸗ ten Jagdſaale druͤckend; er ſehnte ſich hinweg aus dem lauten Laͤrm; die kuͤhle Luft im Grab⸗ gewolbe zog ihn faſt magnetiſch an. Als er an den Eingang des Gewoͤlbes kam, ſaß Sarackſor auf der oberſten Stufe der Treppe, welche hinab fuͤhrte; langſam ſchlich er ſeinem Herrn, wie ein treuer Hund, nach ge⸗ 64 wohnter Weiſe nach; doch ein heftiges Klirren, ein ſchwerer Fall hielt die unſichern Schritte des alten Mannes auf der Haͤlfte der Treppe auf; aber nach einigen Augenblicken ſchritt er muthig wie fruͤher die Stiege vollends hinab. Seinen alten noch ungetruͤbten war ein entſetzlicher Anblick aufbewahrt. entſtellt lag ſein Gebieter, Graf Caboga, uͤber den Sarg der Gattinn ausgeſtreckt, zerſprungen war die Hälfte der köſtlichen Glasdecke, welche ſich uͤber dem Leichnam wölbte; als haͤtte die Todte ihn gewaltſam, trotz der feſten lichten Scheidewand, an ihr Herz geriſſen, ſo lag er mit der Stirn an Eugeniens Bruſt. Dem Greiſe fuhr es gluͤhend durch die er⸗ kalteten Glieder, war es der heiße Schmerz oder der heftige Schlag ſeines alten Herzens, was ſein Blut ſo ſchnell durch die faſt ausgetrockne⸗ ten Adern trieb. Starren Blicks ſtand er lange neben dem Todten. Gepeinigt von dem Gedan⸗ ken, die helfenden Arme nicht ſelbſt nach ihm ausſtrecken zu koͤnnen, entfernte er ſich endlich langſam und zögernd, fremde Hilfe fuͤr den Ge⸗ bieter zu ſuchen. Eben reichte Theodor Jablonka, welcher ſich auch unter den Gäſten im Schloſſe befand, einem Diener einige leere Flaſchen, ſie fuͤr ſeinen Bleich und 65⁵ trinkluſtigen Nachbar aufs neue zu fuͤllen, da mußte er mit Erſchrecken den alten Sarack⸗ ſor, einem Geſpenſte gleich, dicht hinter ſich an ſeinen Stuhl gedrängt, erblicken. Der greiſe Mann heftete einen ſo ſeltſam flehenden Blick auf ihn, daß der Baron ſchnell und verwundert fragte:„Begehrt Ihr etwas von mir, Alter?“ Sarackſor nickte ſtark mit dem Haupte und machte eine winkende Bewegung damit, dann ging er nach der Eingangsthuͤre des Saales und blieb dort wartend ſtehen. Baron Jablonka, welcher bei ſeinen öftern Anweſenheiten im Schloſ⸗ ſe, die Art und Weiſe des alten treuen Dieners kannte, verſtand ſeine Pantomime leicht; er ſtand auf, ihm zu folgen, und ſo, von Sarackſor gefuͤhrt, der bei des Barons Annaherung ſeine Schritte ſogleich wieder fortſetzte, ging er mit dieſem, ſich uͤber den ſeltſamen Gang wundernd, durch die Schloßkapelle zum Todtengewölbe hin⸗ ab, wo ſich der erſchuͤtternde Anblick auch ihm darbot, und ihn faſſungslos machte. Erſchrocken eilte er zuruͤck; auf ſeinen Ruf eilten Diener und Freunde herbei, das Ungluͤck des Grafen vernehmend. Man verſuchte umſonſt, den Kör⸗ per Caboga's zu beleben, ein Schlagfluß hatte ſein Daſeyn geendet; durch den ſchnellen Wech⸗ ſel der Luft war er gleich bei dem Eintritte in Zweiter Band. E 66 —— das Gruftgewölbe ſchwindelnd auf Eu geniens Sarg hingeſtuͤrzt, wo er nach wenigen Zuckun⸗ gen verſchied. Das frohliche Leben, welches noch vor we⸗ nigen Stunden im Schloſſe herrſchte, hatte dem Schrecken und der dumpfen Stille Platz ge⸗ macht; mit bleichen ernſten Geſichtern ritten und fuhren die plötzlich nuͤchtern gewordenen Gaͤſte bei anbrechendem Morgen uͤber die matt beleuch⸗ teten Schneefluren hin; der Tod hatte erſchuͤt⸗ ternd ſo recht in die lebendige Luſt hinein gegrif⸗ fen, und in manchem Herzen, wie eine ernſte Mahnung, Buße gepredigt.— Baron Ja⸗ blonka blieb auf Caboga zuruͤck, die Anſtal⸗ ten zur Beerdigung des Verſtorbenen beſorgend; dann fuhr er ſelbſt nach Kloſter Marianky, Cä⸗ cilien den ſchmerzlichen Verluſt, ſo ſchonend wie möglich, anzukuͤndigen. Doch ſchon ſein Erſcheinen hier in dieſem abgeſchiedenen Orte er⸗ ſchreckte ſiez nur ein wichtiges Ereigniß konnte ihn herfuͤhren. Die Nachricht, welche der Ba⸗ ron ihr brachte, kam Cacilien indeß nicht ganz unerwartet; lange ſchon hatte ſie den baldigen Tod des ſo ſchnell hingewelkten Bruders befuͤrch⸗ tet, doch fuͤhlte ſie ſich nicht ſtark genug, nach dem Sitze ihrer Ahnen zu reiſen, um bei ſei⸗ nem Begräbniſſe gegenwaͤrtig zu ſeyn, ſo ſehr —.— 67 ſie es auch um Joſephens willen, die den Tod ihres Vaters tief und ſchmerzlich fuͤhlte, gewuͤnſcht hätte. Cäcilie hatte die zwölfjährige Joſephe in ſo weit mit ihrer Zukunft bekannt gemacht, indem ſie ihr in einigen Jahren den Eintritt in die Welt verheißen, der damit beginnen wuͤrde, auf Schloß Caboga, welches ſie noch nie, ſeit ihren erſten Lebensjahren, wieder beſucht hatte, in der Nähe ihres Vaters zu leben. Zwar warf der Gedanke, ihre theure Pflegerinn dann ver⸗ laſſen zu muͤſſen, einen dunkeln Schatten auf ihre Zukunft, aber doch beſchaͤftigte ſich ihr im⸗ mer mehr erwachendes Gefuͤhl mit jener Zeit, wo es Pflicht fuͤr ſie ſeyn wuͤrde, den bleichen Vater zu pflegen, ihm durch ihren friedlich hei⸗ tern Sinn die tiefen Kummerfalten von der Stirn zu wiſchen. Ein recht bitteres Gefuͤhl war es nun fuͤr das zaͤrtliche Kind, ſo gar keine Pflicht gegen den Vater erfuͤllt zu haben; eine wehmuͤthige Liebe fuͤr den Todten, welche ſie fruͤher nicht gegen den Lebenden empfunden, zog in ihr Herz ein, und dauernd war der Nach⸗ klang des erſten Lebensſchmerzes, den Joſephe empfand. Der Baron Jablonka ordnete in Voll⸗ macht Caͤciliens die Angelegenheiten des Ca⸗ boga'ſchen Hauſes; die Zahl der Dienerſchaft E 2 68 wurde um die Haͤlfte vermindert, nur die noth⸗ wendigſten blieben im Schloſſe, an deren Spitze ein umſichtiger Caſtellan geſetzt wurde, welchem Cäcilie es zur beſondern Pflicht machte, den bejahrten Diener, Sarackſor, auf's Anſtaͤn⸗ digſte zu verpflegen. So ruhte denn Eaver Caboga, den die Stuͤrme der eigenen Leidenſchaft ruhelos bis in den Tod trieben, in der ſtillen Erbgruft an Eu⸗ geniens Seite, deren halb zerſplitterten Sarg⸗ deckel man mit einer hölzernen, von Sammet uͤberzogenen Kapſel bedeckt hatte, und die kleine ſilberne Ampel uͤber ihrer Ruheſtatte verloſch mit der Flamme des Herzens, welches die Erblichene noch nach ihrem Tode gebrochen hatte. VII. Waͤhrend dieſer Begebenheiten in der Hei⸗ math zog der junge lebenöfrohe Adolar leich⸗ ten Herzens in die Welt hinaus. Fruͤh ſchon aus einem Verhältniſſe des Lebens in das andere getreten, fuhlte er ſich unabhaͤngiger wie man⸗ cher andere Juͤngling; er hatte ſo viele Menſchen mit ſeinem weichen, empfänglichen Gemuͤthe zu umfaſſen, zu lieben; es hatte ſo viele Herzen 5 69 gegeben, die theilnehmend und ſorgend auf ihn hin geblickt hatten, daß ſeine Scele zwar an vie⸗ len, aber ſehr zarten Fäden ſich gebunden fuͤhlte, als ſein Beruf ihn weiter ins Leben hinaus rief. In den letzten zwei Jahren ſeiner Ausbildung war er in Muͤnchen und Dreöden geweſen, hatte dort, die herrlichen Kunſtgallerien benutzend, große Fortſchritte gemacht, und das Zeugniß dort le⸗ vender Kunſtler fuͤr des Juͤnglings Talent be⸗ ſtimmte Cäcilien, ihm eine bedeutende Summe auszuſetzen, um in der Geſellſchaft und Obhut eines aͤlteren Malers die Wiege der Kunſt, das Land der ſchmuͤckenden Kuͤnſte, Italien zu be⸗ reiſen. Graf Eaver Caboga hatte dem Sohn, welchen er nicht anerkennen durfte und welcher den Namen ſeiner Mutter fuͤhrte, ein anſehn⸗ liches Capital ausgeſetzt, doch verſchwieg Cäcilie ihm dieſes, um ſeinen Flug nicht zu hemmen und ihn noch abhaͤngig von Fleiß und Menſchen zu machen, bis ein gereifterer Verſtand ihn die Zugabe des Gluͤcks aus einem richtigen Geſichts⸗ punkte betrachten ließe, welches im jugendlichen libermuthe meiſtens verſaͤumt wird⸗ Mit den Begebenheiten der Welt vorttaut, — denn auch in die ſtillen Kloſtermauern dran⸗ gen die Berichte der blutigen Kampfe, welche halb Europa erbeben machten, indem ſie die 70 immer mehr und mehr ſich ausbreitende despo⸗ tiſche Herrſchaft eines gekronten Eroberers ver⸗ kuͤndeten,— zitterte Caͤcilie freilich wegen der Gefahren, die den jungen Adolar in der ſo wild bewegten Welt trefſen konnten; allein die Zeit war da, wo er mit friſchem, ungetruͤbtem Blicke die Eindruͤcke ſammeln mußte, welche ſei⸗ ner Zukunft Nutzen bringen konnten. Die Reiſe ſelbſt war nicht angenehm, denn allenthalben ſtanden gewafſnete Truppen, die Landſtraßen in langen Zuͤgen beunruhigend. Nur dem Kuͤnſtler allein war es erlaubt, unberuͤhrt vom Verdachte, ungeneckt vom lbermuthe, durch dieſes aufge⸗ regte Leben hin zu wandern; ihm diente dieſe Zeit voll Qual und Angſt, voll Grauel und Heldenſinn, voll Verbrechen und voll edler Ju⸗ gendopfer nur dazu, ſeine Phantaſie zu freieren, kuͤhneren Bildern zu entflammen. Die ſchoͤnſten Schäͤtze der Kunſt hatte Napoleon dem herr⸗ lichen Italien entfuͤhrt; in der Hauptſtadt ſei⸗ nes Landes aufgehaͤuft, waren ſie momentan der allgemeinen Betrachtung entzogen, denn bei der ungeheuern Maſſe von Kunſtwerken, welche ſeine Eroberungen nach Paris ſchleppten, war es un⸗ möglich, ſie wohl geordnet den Blicken der Kuͤnſt⸗ ler zu entſchleiern; verpackt, uͤber einander ge⸗ ſchichtet, war nur erſt Weniges davon ſichtbar; — 71 Jahre erforderten die ſpäteren wohl getroffenen Einrichtungen, welche Paris zu einem neuen Athen bildeten. Doch Alles vermochte die bewaffnete Hand des Kriegers nicht ſeiner Heimath zu entreißen; jene halb eingeſtuͤrzten Tempel, jene faſt ver⸗ ſunkenen Saͤulen, welche als Grabſteine einer längſt vergangenen Zeit, mit unberwuͤſtlicher Schrift zu uns reden, ſie ſtanden und werden ſtehen, wenn auch noch ahnliche Jahrhunderte mit ſchwarzen Fluͤgeln uber ſie weg rauſchen!— O, wie Vieles hatte das reiche Italien noch aufzuweiſen! wie prangten noch Kirchen und Kloͤſter von den Werken beruͤhmter Meiſter! wie manche herrliche Sammlung die Marmorpaläſte ſeiner Edeln! Adolar jauchzte dem tiefblauen pimnt entgegen; ſeine Bruſt hob ſich hoher, feuriger, von dem Dufte dieſer Fluren, dieſer Myrten⸗ und Hrangegärten erfullt. All der Glanz und Schimmer wogte und ſchwamm um ihn her, ihn verwirrend„ihn fortziehend in eine neue, herrlich vor ihm aufgehende Welt. Es dauerte lange, ehe der trunkene Juͤngling ſich ſelbſt wie⸗ derfand, ehe er die Blicke mit Ruhe auf die ihn umgebenden Gegenſtände zu richten vermochte. Florenz wahlte endlich der Maler, welcher 72 dem jungen Adolar zur Seite ſtand, nachdem ſie manche Stadt Italiens bereiſt hatten, zu ei⸗ nem laͤngeren Aufenthalte. Nach Art und Weiſe der Kuͤnſtler, fuͤhrten ſie hier ein freies, herr⸗ liches Leben; der Tag war der Kunſt gewidmet und die Abende gehoͤrten dem Vergnuͤgenz jeder Tag brachte neue Bekanntſchaften, und das Le⸗ ben entfaltete ſo, wie eine aufbluͤhende Roſe, ein duftendes Blatt nach dem andern und ver⸗ ſchloß dennoch ſeinen ſuͤßeſten Hauch geheimniß⸗ voll in dem noch ſanft geſchloſſenen Kelche.— Der liebliche, fuſt maͤdchenhaft ſchone Fuͤng⸗ ling, mit den ſpiegelhellen Vergißmeinnicht-Au⸗ gen, mit dem warmen emfpfaͤnglichen Herzen, mit der freundlichen Rede auf den lächelnden Lippen, ſprach Alle anz ſich leicht dem fremden Sinne anſchmiegend, fand er allenthalben Freun⸗ de, und war vorzuͤglich wohl gelitten in dem Hauſe der franzoſiſchen Generalinn Marmont, welche mit ihren Söhnen ſich ſchon eine gerau⸗ me Zeit hier aufhielt, waͤhrend ihr Gatte, der General, in Tyrol den Truppen des Erzherzogs Karl gegenuͤber ſtand. Beide Soͤhne hatten ihre Jugend in Italien verlebt, unter den wech⸗ ſelnden Unruhen des Krieges aufgewachſenz denn die Generalinn, eine ſehr zaͤrtliche Gattinn, hatte ihren Gemahl auf allen ſeinen Feldzugen beglei⸗ 73 tet, er war ein Liebling des Kaiſers, ſein Ju⸗ gendfreund, und hatte fruͤher als Fluͤgeladjutant an der Seite des Generals Buonaparte in Agypten gefochten. Die Frucht ſeiner Siege war die Gnade des jetzigen Kaiſers, welche ihn und ſeine Familie mit Anſehn und Reichthum uͤber⸗ haͤuft hatte. Der alteſte ſeiner Söhne, Namens Maxime, war im zwanzigſten Jahre und be⸗ reits im Buͤreau der auswaͤrtigen Angelegenhei⸗ ten angeſtellt. Obgleich noch jung an Jahren, trug ſein Außeres, wie ſein Benehmen, den An⸗ ſtrich fruͤher Reife; ſeine angenehmen Geſichts⸗ zuͤge wurden durch ein kluges feuriges Augen⸗ paar belebt, es war faſt unerklaͤrbar, wie ſich dieſer Charakter im Laufe der ſtets wechſelnden Verhaͤltniſſe und Lebensweiſe, wie ſie ein ſo dau⸗ ernder Feldzug mit ſich bringt, und in welcher der junge Marmont ſeine Kindheit verlebt hatte, auf ſolche Weiſe bilden konnte. Nicht ſehr geſprächig, aber das, was er ſagen wollte, durch wenige treffende Worte ausdruͤckend, ſchien der junge Maxime das einmal genommene Ziel ſeiner Handlungsweiſe feſt im Auge zu hal⸗ ten; mit angeborner Sicherheit, und ohne daß Andere ſeine Bemuͤhungen merkten, ſchob er, was ſich ihm entgegen ſtellte, ſcheinbar leicht aus dem Wege; nie ſchien er irgend wo anzu⸗ 74 ſtoßen oder den eigenen geraden Weg zu ver⸗ ruͤcken; immer in ſeinem Gleiſe bleibend, hatte er auf dieſe Weiſe ſchon manches ſchwierige Ges ſchäft uͤber die Erwartung ſeiner Vorgeſetzten be⸗ endetz er ſchien ein geborner Diplomatiker. Doch nahmen ſolche ernſte Beſchaͤftigungen den ver⸗ ſtäͤndigen Juͤngling nicht ganz in Anſpruch; ſeine Mußeſtunden fuͤllten Muſik und Malerei aus und fuͤr die letztere hatte er ein ſeltenes Talent, welches er ſeit ſeinen Jugendjahren hier in Ita⸗ lien auszubilden ſo viele Gelegenheit gehabt hatte. Das gegenſeitige Intereſſe fuͤr einen und den⸗ ſelben Gegenſtand verband ihn freundſchaftlich mit Adolar, ſie waren ſehr viel zuſammen, tauſchten ihre Anſichten gegen einander aus, ent⸗ warfen Plane, wetteiferten in ihren Kunſtge⸗ bilden mit einander, und ſchloſſen ſo immer e⸗ die friſchen Herzen zuſammen. Doch war auch der nur zwei Jahre junzera Bruder Maxime's, Namens Leontin, nicht von dieſem freundſchaftlichen Bunde ausgeſchloſ⸗ ſen; alle drei waren meiſtens zuſammen, und bildeten, die ſanfte, freundliche Mutter in ihrer Mitte, einen frohen Kreis. Leontin war zwar auch, ſo wie Adolar, als ein Fremdling darin zu betrachten; denn ſein Beruf hatte ihn dem Familienleben ſchon ſeit Jahren, da er bereits 75 als ofier bei dem Chaſſeurregimente ſeines Vaters ſtand, entfremdet, und nur eine ſchwere Verwundung des rechten Oberarms, welche ihn fur einige Zeit zum Dienſt untauglich machte, hatte ihn zu der Mutter gefuͤhrt, die unter ſorg⸗ ſamer Pflege den Sohn ſchneller geheilt ſah. Er war der Mutter Liebling, und rechtfertigte die Liebe auch vollkommen; denn, als hätte die Na⸗ tur ein Meiſterſtuͤck, das Ideal von Männer⸗ ſchönheit ſchaſſen wollen, ſo vollendet ſtand er da. Von hohem, kraͤftig ſchlankem Wuchſe, die ſtolze Stirn von glaͤnzend braunen Locken umwallt, Augen, deren dunkele Feuerſtrahlen hinriſſen, die, noch gehoben von dem trotzigen Muthe, wel⸗ cher zwiſchen den ſcharf gewoͤlbten Augenbraunen wohnte, ſtets ſiegreich ihre Blitze zu verſenden ſchienen, die ſanft gebogene Naſe, der Mund, um welchen Anmuth ſpielte, Alles dieſes voll⸗ endete den Antinous, und die Schönheit ſeiner regelmäßigen Zuͤge erhielt einen beſondern Reiz durch die Marmorbläſſe, welche daruͤber ausge⸗ goſſen ſchien, eine Folge mehrerer Verwun⸗ dungen, die er ſchon in fruͤhen Jahren erhalten hatte, und machte ihn ſo der Antike noch ahn⸗ licher.— Sich des Eindrucks ſeiner Schönheit bewußt, trat Leontin mit Stolz und ber⸗ legenheit auf, doch verſchwand Beides ſchnell, 76 ſobald er ſich der Unterhaltung hingab; denn feurig, beredſam, ſchnell und tief empfindend, verfehlten alle dieſe Eigenſchaften ihre Wirkung auf andere Menſchen nicht, er war geſchaͤtzt und geliebt, wo er auftrat, und benutzte den Zau⸗ ber, welchen er verbreitete, ſich des Lebens ſchoͤn⸗ ſte Zeit, die Jugend, reich und ginen auð⸗ zuſchmuͤcken. Wie ſehr gewann Adalar in dieſem um⸗ gange an Geiſt und aͤußerem Benehmen, ſein Geſchick haͤtte ihn nicht ſchoner fuͤhren konnenz denn Tage, wie ſie dieſe Juͤnglinge mit einan⸗ der verlebten, konnte das Leben nur in— heiterſten Laune verſchenken.— Es konnte nicht fehlen, daß die Fanglinge in ihrem friſchen Lebensmuthe auch wohl in dem uͤppig bluͤhenden Garten italiſcher Frauenſchoͤne umher ſchauten, und oft ſich geblendet, betaͤubt fuͤhlten von dem Glanze und Dufte desſelben; doch Maxime's Blick und Sinn wurde im⸗ mer bald wieder frei; zu tief war der Eindruck Raphaelſcher Madonnen und Engelsköpfchen Cor⸗ reggio's in ſeiner Seele, und nur die Zuͤge ſcho⸗ ner Frauen, woran er dieſen Maßſtab legen konnte, machten Eindruck auf ſein Herzz bald genug aber durch das irdiſche Thun und Trei⸗ ben ſeiner himmliſchen Geſtalten, ſanken dieſe * + 77 aus der hoheren Sphäre, worein er ſie verſetzt, auf die Erde herab, und er wandte ſich kalt von ihnen weg. Adolar dagegen ſtand geblendet von jeder neuen Frauenſchoͤnheit, die ihm ent⸗ gegen trat; dieſe Bluͤhte, dieſer Schimmer, die⸗ ſes Liebe athmende Leben riß ihn hin; Alle haͤtte er an ſein Herz ziehen mogen; heute bekraͤnzte er eine ſeiner Göttinnen im Gemaͤlde als ſchlanke Nymphe mit bluͤhenden Roſen, morgen dichtete er ein Sonet auf die ſtolze Juno, welche ihm vom Balkon ihres Palaſtes herab mit den Feu⸗ eraugen gleichſam das Herz durchbohrt hatte, und am dritten Tage ſang er das naͤmliche So⸗ net, für die Laute componirt, unter dem Fen⸗ ſter eines lieblichen Kindes, welches ihm am Tage als Fruchtmädchen hinter duftenden Melonen⸗ und Orangekörben erſchienen war. Sein Herz konnte gar nicht zu ſich ſelbſt kommen, um einer Liebe willen kam er uͤber die andere weg, und es war ihm in der That ſeit ſeiner Anweſenheit in Italien noch nicht gelungen, mit einer einzigen Schönen bis zu einer Liebeserklärung zu kommen. Leon⸗ tin aber bekraͤnzte ſich ſelbſt die ſchoͤne Stirn mit den Blüͤhten, die ſo hell in ſein Leben hinein hingen, er ruhte an des Lebens waͤrmſter Bruſt, und trank in vollen Zuͤgen, was es im uͤberſchaͤumenden Be⸗ cher ihm darbot. 78 VII. Im Laufe der zwei Jahre, die Adolar in Italien verlebte, unternahm er indeſſen mit ſei⸗ nem erfahrenen Freunde, welcher ſich mit ihm aus Deutſchland hierher begeben, mehrere Rei⸗ ſenz er war einige Zeit in Rom und in Ne⸗ apel, doch kehrten Beide zuletzt wieder nach Flo⸗ renz zuruͤck, und das geſellige Leben im Hauſe der Generglinn Marmont hatte jetzt wie fruͤ⸗ her Beſtand. Hier fand ſich eines Tages ein franzöſiſcher Infanterieofſizier ein, welcher ſchon lange ein Freund des Marmontſchen Hauſes war; das Kriegsſchickſal hatte ihn nach jahre⸗ langer Abweſenheit wieder in die Naͤhe ſeiner Freunde gefuͤhrt; er lag mit ſeiner Compagnie als Garniſon in der Stadt. Der Hauptmann war ſehr unzufrieden mit dem Quartier, welches ihm angewieſen war, indem er darin uͤber Man⸗ gel an Bequemlichkeit, uͤber einen geizigen Haus⸗ wirth und uͤber tauſend andere Dinge zu klagen hatte; der launige Mann geſiel ſich darin, ſeine ungeſchmeichelte Situation ſo recht anſchaulich darzuſtellen, und Alle liehen dem angenehmen Erzähler auch recht gern ihr Ohr.„Was das Urgſte an der ganzen Sache iſt,“ ſprach der Hauptmann weiter,„ſo muͤßt Ihr wiſſen, daß mein alter Doktor ein Goldmacher, oder viel⸗ leicht noch etwas Schlimmeres, ein Schwarz⸗ kuͤnſtler iſt;— die ganze Einrichtung des Hau⸗ ſes ſpricht dieſes ſchon aus; die ſonderbarſten Bilder, worauf mitunter Zauberbeſchwörungen dargeſtellt ſind, ſchmuͤcken die Waͤnde der Vor⸗ ſale, die Winkel des Hauſes ſind mit den ſelt⸗ ſamſten Geraͤthſchaften und Inſtrumenten ange⸗ fullt, kein Zimmer, außer dem meinigen, iſt un⸗ verſchloſſen, und betäubende Dämpfe erfullen oft das ganze Haus, in dem oft weder Hund noch Katze, geſchweige denn ein Menſch zu ſehen iſt. — Vor einigen Tagen gluͤckte es mir indeſſen doch, einen Blick in einen großen gewolbten Saal zu werfen, aus dem die Wirthſchafterinn des Doktors mit Reinigungsgerath heraus trat. Mit Erſtaunen bemerkte ich, wie die Waͤnde von oben bis unten mit einer dem Anſcheine nach koͤſtli⸗ chen Gemaͤldeſammlung bedeckt waren; etwas dreiſt draͤngte ich mich gegen die Thuͤr, mit ei⸗ nigen entſchuldigenden Worten die alte Sibylle um Eintritt zu den Bildern erſuchendz doch dieſe ſtieß mich unſanft zuruͤck, raſch die Thuͤr in's Schloß werfend, zog ſie den Schluͤſſel ab.„Um Gott, Signor, wenn Euch Geſundheit und Leben lieb iſt, tretet nicht in den Saal!“ rief ſie, als ich mich, aufgebracht uͤber ihr herriſches Betra⸗ N. 80 gen, anſchickte, den Schlußer ihrer Hand zu ent⸗ winden.„O, geht nicht hinein, es haͤngt ein Bild im Saale, welches Jeden, der es in's Auge faßt, durch ſeine Gräßlichkeit zu Tode erſchreckt, die Zuͤge des Beſchauers verzerren ſich unter dem Hinſehen auf das Fuͤrchterlichſte, ſeit ich hier im Hauſe walte, habe ich mehrmals dieſe trau⸗ rige Erfahrung gemacht.“ Ich lachte laut auf, aber die Alte ſchien wirklich in eine Art von Angſt uͤber meine Zudringlichkeit zu gerathen; mehr um ihrer Furcht ein Ende zu machen, als aus Furcht vor ihrer lächerlichen Drohung, ſtand ich am Ende von meinem wirklich unhoͤflichen Begehren ab.—„Was ſagt Ihr zu dem Spaͤs⸗ chen?“ ſchloß der Hauptmann ſeine Rede,„ſoll einem nicht unheimlich zu Muthe werden, wenn man gezwungen iſt, mit ſolchen Höllenkuͤnſten unter Einem Dache zu ſchlafen?“ Die Anweſenden lachten herzlich äber den Schwank, und Leontin vor Allen konnte nicht aufhören, den baͤrtigen Hauptmann mit dem Ammenmaͤhrchen aufzuziehen, mit welchem ihn die alte Sibylle eingeſchuͤchtert hatte; denn daß der Hauptmann wirklich einen kleinen Glauben an des Doktor Sponini's Schwarzkuͤnſtelei hatte, bewies der Eifer, mit welchem er ſich um ein anderes Stis bemuͤhte, S er auch 8¹ vald erhielt, wodurch nun auch der viel beſpro⸗ chene Herr Doktor in dem kleinen Zirkel ver⸗ geſſen ſchien. Doch in Adolars Seele war der Funken einer heftigen Neugierde geworfen. Das geheim⸗ nißvolle Haus des Doktors ſtand ihm immer⸗ fort vor Augen; ſeine Einbildungskraft beſchaͤf⸗ tigte ſich mit den Wundern einer unſichtbaren Welt, er ſehnte ſich, einen Mann kennen zu lernen, der ihn vielleicht mit den verborgenen Kraͤften der Natur bekannt machen koͤnne, denn von Jugend auf erfullte ſeine Seele ein Hang zu allem Myſtiſchen, woran vielleicht die erſten Eindruͤcke ſeiner Kindheit Schuld hattenz denn Clotilde, ſeine erſte liebliche Pflegemutter, ein⸗ fach und von beſchränktem Verſtande, war in manchem Aberglauben begriſſen, der damals auf die junge Seele Adolars, ohne daß ſie es ahnete, dennoch zuruck wirkte. Ohne ſeinen jun⸗ gen Freunden indeſſen von ſeinem Verlangen Etwas merken zu laſſen, denn er fuͤrchtete ih⸗ ren Spott, ſann er auf einen Plan, in des Doktor Sponini's Haus zu dringen; zwar wußte er von dem Hauptmann, daß dieſer ab⸗ geſondert, ohne allen Umgang lebte, und ſelbſt nur ſolchen Kranken aͤrztliche Hilfe verlieh, wel⸗ che mit auffallenden Krankheiten behaftet waren, Zweiter Vand. F 82 2 ſonſt aber Jedem, der an gewöhnlichen Ubeln litt, den Zutritt in ſeinem Hauſe verſagte. Es war Adolar jetzt nur darum zu thun, dem Doktor erſt gegenuͤber zu ſtehen, das Wei⸗ tere, meinte er, wuͤrde ſich alsdann wohl finden. Er ſetzte zu dieſem Zwecke einen weitlaͤuſigen ſchriftlichen Bericht einer ſeltſamen, nie erhoͤrten Magenkrankheit auf, welche von den wunderbar⸗ ſten Symptomen begleitet war, und nicht ver⸗ fehlen konüte, des Doktors Aufmerkſamkeit zu erregen, ging mit dem Schreiben in der Taſche nach Sponini's Hauſe, und zwar in einer Stunde, wo er im nahe gelegenen Kaffeehauſe des Doktors Zuruͤckkunft erlauſcht, uͤbergab der alten Wirthſchafterinn den Brief, auf den er Ant⸗ wort zu haben wuͤnſchte, und hatte wirklich den Triumph, dem Doktor nach wenigen Minuten gegenͤber zu ſtehen. Ein kleiner, ſchmaͤchtiger Mann mit einem wachsgelben Geſichte, das faſt kahle Haupt nur noch mit einem Kranze duͤn⸗ ner ſchwarzer Haare umgeben, ſah mit glanzlo⸗ ſen, gleichſam verglasten Augen von ſeinem Schreibtiſche zu ihm auf; ein ziemlich ſtarkes Heft halb verbrannter Papiere zuſammen legend, ſchickte er ſich eben an, den vorgeblich Kranken auf ärztliche Weiſe zu examiniren, als ihm Ado⸗ lar raſch naͤher trat.„Bemuͤhen Sie ſich nicht, 83 ehrenwerther Herr Doktor,“ ſprach er,„ehe wir ein Wort weiter zuſammen reden, will ich die Täuſchung enden, die mir gedient hat, Ihnen bekannt zu werden. Mich treibt nicht Krank⸗ heit zu Ihnen; nicht fuͤr den Koͤrper ſuche ich Hilfe, nein, mein Geiſt duͤrſtet nach dem Quell hoheren Wiſſens, den Sie mir aufſchließen muͤſ⸗ ſen, wenn Sie den lange verhaltenen Drang, der Alles ruckſichtslos, was mich davon trennt, wie Sie ſehen, uͤber den Haufen wirft, der nicht bloße Neugier, ſondern ein Durſt iſt, welcher, ſo lange ich denken kann, mich quaͤlt, nicht un⸗ befriedigt laſſen wollen!“ Der Doktor Sponini war bei Adolar's Rede aufgeſtanden und faßte ihn ſcharf in's Auge, doch war in ſeinem Rußeren weder eine Spur von Verdruß noch von Erſtaunen zu leſen.„Man hat Sie getaͤuſcht, junger Mann,“ ſprach er dann ſanft,„wer ſind Sie?“ Adolar machte den Doktor in wenigen Worten mit ſeinem Namen und Stande bekannt. „Es freut mich,“ ſprach der Doktor,„daß mich die Gelegenheit mit einem ſo angenehmen Juͤnglinge bekannt macht.“ Sein Auge ruhte bei dieſen Worten recht wohlgefaͤllig auf Ado⸗ lar's Zuͤgen.„Es iſt wahr,“ fuhr er fort, ich bin nicht umgaͤnglich, doch auch kein Men⸗ 5 2 84 ſchenfeind; wenn ich zudringlichen uͤbermuͤthigen Menſchen, Feinden, die in frechem Stolze un⸗ ſer Vaterland unterjocht haben, der herrlichen Italia das Beſte und Schönſte rauben und ihr auf dieſe Weiſe gleichſam das Herz aus der Bruſt reißen, meine Thuͤr verſchließe, mich von ihnen abwende: ſo iſt mir doch nie ein Fremdling un⸗ willkommen, dem ich dienen kann. Sie hätten, junger Mann, immer die kleine Schelmerei ſpa⸗ ren koͤnnen, die ich Ihnen indeſſen recht herzlich verzeihe; ich bin auch einmal jung geweſen, ich weiß, was man ſich dann erlaubt. Was Sie hier ſuchen, werden Sie nicht ſinden, indeſſen Sie ſind Maler, und da werde ich denn doch wohl, damit Sie nicht ganz getaͤuſcht von dan⸗ nen gehn, Ihren Wiſſensdrang in Etwas befrie⸗ digen konnen. Ich beſitze ein kleines Gemaͤlden⸗ kabinet, das ich freilich gern in dieſen unruhi⸗ gen Zeiten der Beſchauung entziehe, doch Sie haben mich heute guter Laune gemacht, und ich will mit Ihnen eine Ausnahme machen. Adolar ſtand dem gefaͤlligen Doktor faſt vernichtet gegenuͤber. Da war er ſchon ange⸗ kommen; er verwuͤnſchte im Herzen den Haupt⸗ mann und den Doktor mit allen ſeinen herrlichen Gemaͤlden; hinaus auf die Straße haͤtte er fliehen ———————— 85 mogen, und ſtotternd warf er einige nichts ſa⸗ gende Entſchuldigungen hin. „Laß es gut ſeyn, mein Sohn,“ ſprach der alte Mann;„wir wollen nicht weiter von dem Scherze reden; folge mir lieber.“ Doch Ado⸗ lar faßte, geruͤhrt von ſo viel Herzensguͤte, die Hand des Doktors, und ehe dieſer es wehren konnte, druckte er ſie recht kindlich an ſeine Lippen. Alles dieſes ſchien wenig Eindruck auf die⸗ ſen zu machen; er nahm einige Schluͤſſel von der Wand des Zimmers und fuͤhrte den Juͤng⸗ ling in den Saal, der dieſem aus des Haupt⸗ manns Berichte ſchon bekannt war.„Ich laſſe Sie jetzt ein halbes Stuͤndchen hier,“ ſprach Sponini,„beſehen Sie Sich Alles nach Her⸗ zensluſt; meine Zeit iſt ſehr ſtreng eingetheilt und zwingt mich, Sie jetzt hier allein zu laſſen, doch werde ich ſelbſt Sie zuruͤck holen.“* Adolar ſah ſich wenige Augenblicke ſpäter allein und verwuͤnſchte aus Arger und im Zorn gegen ſich ſelbſt, ſeine tolle Handlungweiſe, die, leichtgläubig genug, auf die Erzaͤhlung eines ge⸗ ſchwaͤtzigen Menſchen, ihn ſolchen Mißgriff habe thun laſſen. Er warf ſich in einen Seſſel und hatte ſehr wenig Luſt, die Gemaͤlde um ſich her zu betrachten. Er verlor ſich vielmehr in Be⸗ trachtungen uͤber ſeinen neuen Bekannten und 86 deſſen Umgebung. Das Uußere des Doktors war, ſo duͤnkte es ihn, ſehr geeignet, ihn fuͤr einen Schwarzkuͤnſtler zu halten; denn die gaͤnz⸗ lich ausgetrocknete Geſtalt ſchien nur die Mumie des darin wohnenden Geiſtes zu ſeyn, und was ſeine Umgebung betraf, die deutete genugſam auf geheimes Thun und Walten; denn die Waͤnde des Zimmers rings umher mit Glasſchraͤnken beſetzt, ſtanden voll ſeltſamer laͤnglicher Phiolen von Glas, in denen in geiſtiger Fluͤſſigkeit wun⸗ derbar geformte Schlangen und anderes gräßli⸗ ches Gewuͤrm ſchwammen. Alte vergelbte, halb verbrannte Manuſeripte bedeckten die Tiſche, in den Ecken waren eben ſolche wunderliche Gerath⸗ ſchaften ſorgfaͤltig auf einander gepackt, von wel⸗ chen der franzoſiſche Hauptmann in ſeiner Er⸗ zaͤhlung ſprach; daß indeſſen mit dieſem unl äͤug⸗ bar ſehr klugen Manne, deſſen Gleichmuth ſo unerſchuͤtterlich blieb, nichts auszurichten war, das ſah Adolar wohl ein, und nachdem er die erſte Beſchamung glucklich uͤberwunden, ſeinem Ver⸗ druſſe in einigen Verwuͤnſchungen ſeiner Thorheit Luft gemacht hatte, freiere Blicke um ſich warf, ward er unwiderſtehlich angezogen von der Hetr⸗ lichkeit, die ſeine Augen erſchauten. Da ſtrahlte Raphaels Kronung der heiligen Jungfrau ihm entgegen, dort eine heilige Familie von Perug ino, — Sachie . — dort eine Fortuna von Guido Reni⸗ und hier Corregio's heilige Jungfrau della scodellaz o! und wie viel Schoͤnes lachte noch uͤberall zwi⸗ ſchen ſo vielen anmuthigen Bildern hervor, was des längeren Beſchauens werth war! Adolar verlor ſich ganz in dem Schatze, den er ſo un⸗ verhoſſt, ſo unverdient aufgefunden. Als der Doktor Sponini nach einem kleinen Stuͤnd⸗ chen wieder kam, nach ſeinem Gaſte zu ſehen, hatte Adolar in frohem Enthuſiabmus ganz vergeſſen, was ihn hierher gefuͤhrt. Das reine blaue Auge von ſchonem Entzucken ſtrahlend, die Wange hoch gerothet von ſchwaͤrmeriſcher Be⸗ geiſterung fuͤr die eben erſchauten Kunſtgebilde, trat er Sponini entgegen, ihn mit kuͤhner Beredtſamkeit auf die einzelnen und vorzuͤglich⸗ ſten Schonheiten der beſten Stuͤcke dieſer Kunſt⸗ ſammlung aufmerkſam machend. Der Doktor hoͤrte ihn wieder mit Ruhe an, nickte ſeinen An⸗ ſichten und Urtheilen Beifall zu, und machte ſo den Juͤngling immer unbefangener. Dieſer er⸗ zählte jetzt voll Eifer, Alles hervorſuchend, was zur Entſchuldigung ſeines unberufenen Hierſeyns dienen konnte, wodurch er verleitet worden ſei, die Bekanntſchaft des Signor Sponini zu machen, und welches Maͤhrchen der Hauptmann ihm erzählt habe. Ein unmerkliches Lächeln zog 88 bei dieſer Erzählung uͤber des Doktors gleichgil⸗ tiges Geſicht; er fuͤhrte Adolarn zu einem ziemlich hoch hangenden Gemaͤlde, welches einen ſterbenden Laokoon vorſtellte, und ſagte:„Da ſehen Sie das Bild, von dem meine Wirth⸗ ſchafterinn ſprach; ich ſelbſt habe ihr das Maͤhr⸗ chen aufgebunden, um ſie gleichſam durch ein Pflichtgebot zu vermoͤgen, in meiner Abweſen⸗ heit Jeden, wer er auch ſei, von dem Beſuche des Saales zuruͤck zu halten.„Ich weiß es,“ fuhr er fort,„man haͤlt mich fuͤr einen Gold⸗ macher oder dergleichen, und da hat das Maͤhr⸗ chen Glauben gefunden. Die Erfahrung hat mich gelehrt, daß am meiſten bei denen, deren perſonliche Tapferkeit unbezweifelt iſt, der Hang, das Wunderbare zu glauben und es zu ſcheuen, ſtark iſt; gewohnt, das aus dem Wege zu räu⸗ men, was ſich ihnen ſichtbar feindlich gegenuͤber ſtellt, haben ſie oft eine unuͤberwindliche Scheu vor unſichtbaren und verborgenen Gefahren. Adolar fand es unſchicklich, den aufge⸗ drungenen Beſuch noch zu verlaͤngern, er ſchickte ſich daher an, ſeinem Wirthe Lebewohl zu ſagen, und nochmals Verzeihung fuͤr ſeine Unſchicklich⸗ keit zu erbitten; er warf dabei ſchmerzlich ſehn⸗ ſuͤchtige Blicke auf die herrlichen Bilder, an de⸗ nen er eine reine, aber ſehr kurze Freude gehabt 89 hatte; denn es war ihm, als ob er ſich von recht lieben Freunden trennen muͤſſe; doch wagte er nicht die Bitte wiederkommen zu duͤrfen aus⸗ zuſprechen. Der Doktor brachte ihn bis zur Treppe, druckte ſeine Hand und ſprach kurz und kalt: Kommen Sie bald einmal wieder, aber kommen Sie allein.—— Angenehm erklangen dieſe Worte in Ado⸗ lars Ohr; froh, den geheimen Wunſch ſeiner Seele erfuͤllt zu ſehen, eilte er nach Hauſe. Seltſam zerſtreut hatte ihn indeſſen das kleine „Abenteuer gemacht; noch immer in Gedanken mit dem Doktor beſchaͤftigt, war er mehrmals abweſend, als ihn der Abend in die Geſellſchaft ſeiner Freunde fuͤhrte; gern haͤtte er ſeinem Freunde Maxime die neue Bekanntſchaft der vielen herrlichen Bilder erzaͤhlt; allein eine in⸗ nere Stimme hielt ihn zuruͤck, davon zu reden. Sponini hatte beim Abſchiede geſagt:„kom⸗ men Sie allein;“ war das nicht vielleicht ein zarter Wink, von der Bekanntſchaft mit ihm nicht zu reden?— Er nahm ſich deßhalb vor, zu ſchweigen, indem er ohnedieß vorherſah, daß Alle ihn auslachen wuͤrden, wenn er ſein Aben⸗ teuer mittheilte. Adolar ließ eine Woche verſtreichen, ehe er einen zweiten Beſuch bei dem Doktor machte; 90 dann ging er zu ihm. Die Wirthſchafterinn hieß ihn in des Doktors Zimmer gehen. Er klopfte an, ehe er es wagte einzutreten, und ſtatt der Thuͤr, offnete ſich ein holzerner Schieber in der⸗ ſelben, und durch die Bſſnung ſchaute geſpenſtiſch des Doktors Geſicht; als er ſeinen jungen Be⸗ kannten bemerkte, bat er ihn, einen Augenblick zu verziehen, reichte dann den Schluͤſſel zum Saale heraus, mit der Andeutung, nur voran zu gehen und ihn dort zu erwarten. Adolar nahm den Schluͤſſel mit Vergnuͤ⸗ gen und ſchloß das heitere Zimmer auf, ſich auf's Neue recht innig und lebhaft an den Ge⸗ malden ergötzend. Der Doktor kam ſpäter nach, und ihm folgte die alte Pankratia, deſſen Wirthſchafterinn, und beſetzte einen kleinen Tiſch mit einer Kryſtallflaſche golofarbenen Weines, ein Paar Glaͤſern und einem Teller eingemach⸗ ter Fruͤchte.— Sponini ſetzte ſich jetzt mit dem Juͤnglinge nieder, ſchenkte die Glaͤſer voll, und geſprächig wie fruher, kam die Unterhaltung bald in Gangz Adolar wurde immer mehr davon angezogen, und uͤberließ ſich dem Ver⸗ gnuͤgen daran mit immer großerer Freiheit, da er durch die freundliche, freiwillige Bewirthung uͤberzeugt war, nicht läſtig zu fallen. Das Ge⸗ ſpräch drehte ſich meiſtens um gewoͤhnliche Dinge, 9¹ doch die Art und Weiſe des Doktors verlieh ihm immer etwas Ungewöhnliches, etwas be⸗ ſonders Anziehendes. Adolar erbat ſich von ſeinem neuen Freunde die Erlaubniß, den Kopf des Laokoon zu copiren, worauf dieſer, nach ei⸗ nigem Beſinnen, erwiederte:„Da Sie es von mir fordern, kann ich es Ihnen nicht wehren, aber Sie muͤſſen ſchnell arbeiten, mein junger Freund, ſo koͤnnen Sie vielleicht noch mehrere von den Gemälden benutzen.“„„Dieſen Lao⸗ koon möoͤchte ich gern als eine Erinnerung mit mir nehmen,““ entgegnete Adolar,„ℳer ſoll mich in die Heimath begleiten; iſt es Ihnen recht, ſo fange ich morgen ſchon damit an.““ „Mir ſoll es recht ſeyn,„erwiederte Sponini, „doch fuͤrchten Sie ſich nicht bei der Arbeit. Obgleich das Bild wohl nicht die unmittelbare Kraft hat, das Gemuͤth zu verwirren? ſo konnte doch durch die Wirkung der Wahrheit des Aus⸗ drucks, ſich die Phantaſie bei laͤngerem Beſchauen entflammen; mir iſt es einmal ſelbſt dabei ſo ergangen.“— Der Alte warf dieſe Worte, wie gewohnlich, gleichgiltig hin, es entging Ado⸗ lar aber nicht, wie deſſen glanzloſe Augen mit einem ungewoͤhnlich ſcharfen Blick uͤber ſeine Zuͤge hinweg flogen, als wuͤnſchten ſie den Ein⸗ druck zu erforſchen, welchen dieſe Worte gemacht. 92 . Auf's Neue regte ſich die Vermuthung bei ihm, daß der Doktor doch wohl im Beſitz von Zau⸗ berkuͤnſten ſei, und die Hoffnung, dennoch den Durſt nach geheimem Wiſſen geſtillt zu ſehen, flammte uͤber des Juͤnglings Geficht, ſprach deut⸗ lich, verlangend aus ſeinen Blicken.„Ich will es auf die Gefahr hin wagen,“ erwiederte er dem Doktor;„ſo ſehr ich darnach ſuchte, iſt mir bis jetzt nichts übernatuͤrliches begegnet. Mir waͤre es ſchon recht, einen Blick in die geiſtige Welt zu thun.“ Es war unter dieſen Geſprä⸗ chen Abend geworden; Adolar beurlaubte ſich von ſeinem Wirthe, nachdem er noch einmal die Erlaubniß zum Copiren des Bildes erhalten hatte.— Er fing auch ſchon am andern Tage damit an. Bei ſeiner Ankunft fand er das ſchonſte Malergeräth fuͤr ſich zurecht geſtellt, und begann mit Luſt die Zeichnung zu entwerfen. Anfangs gelang ihm die Arbeit uͤber Erwarten, dann aber ſchien es ihm, als wuͤrde ſeine Hand ſchwer, ſein Auge truͤbe, ſein Blick zu unſicher, um Al⸗ les in der Zeichnung nach Wunſch auszufuͤhren. Er veraͤnderte ſeine Stellung, waͤhnend, der brei⸗ te, hell polirte Metallrahmen des Bildes irre ihn; doch das verſchlimmerte die Arbeit nur. Auch geiſtig fuͤhlte er ſich befangen, und ſtand „ 93 zrgerhich e von ſeinem Sitze auf, fuͤr heute zu endigen. Sich ſeiner Schwäche ſchaͤmend, moch⸗ te er noch nicht zum Doktor gehen, der ihn durch Pankratia auf ſein Studirzimmer be⸗ ſchieden hatte. Doch nach und nach fuͤhlte er ſich wieder ruhig, trat vor das Bild, und Alles lag wieder klar und deutlich darauf vor ſeinem Blicke; dennoch empfand er kein Verlangen, die einmal fuͤr heute beſchloſſene Arbeit fortzuſetzen. Er ging zu Sponini, wurde von ihm, wie fruͤher, mit Wein und Fruͤchten bewirthet, be⸗ lehrend und dabei angenehm unterhalten. Ado⸗ lar wagte indeſſen nicht, dem Doktor von der ſeltſamen Befangenheit ſeines Geiſtes und ſei⸗ ner Sinne zu ſagen, die ihn jedes Mal ergriff, ſo oft er eine Zeit lang vor dem Bilde gearbei⸗ tet hatte; er uͤberwand ſtandhaft die dabei ihn oft ganz uͤberwaͤltigende Angſt, floh ſeine Arbeit und ſtaͤrkte ſich durch den Anblick lieblicher Ma⸗ donnen, äiner heiligen Familie, St. Peters Maͤr⸗ thrertod und anderer heiligen Gegenſtaͤnde, die das Gemuͤth immer ſchnell und wunderbar be⸗ ruhigten. Einsmals trat er nach beendigtem Malen et⸗ was fruͤher, wie ſonſt, bei dem Doktor ein; er fand ihn nicht im Studirzimmer, doch trat die⸗ ſer gleich darauf, in einem ſeltſamen, grau lei⸗ 94 nenen liberwurfe, einer ſpitzen dunkeln Mutze, welche halb uͤber die Augen gezogen war, aus einer niedrigen, bis dahin von Adolar unbe⸗ merkten Tapetenthuͤre, redete nur einige kurze Worte zu dieſem, zog das Schubfach eines al⸗ ten Schrankes auf, holte dort einige Schaͤchtel⸗ chen hervor, und ging eilig wieder in das kleine Nebengemach zuruͤck, welches Adolar bei dem fluͤchtig darauf hin geworfenen Blick fuͤr eine Kuͤche erkannte. Er wartete noch ein Weilchen auf Sponini's Zurückkunft, doch der rief ihm durch die verſchloſſene Thuͤr zu, fuͤr heute auf ſeine Geſellſchaft verzichten zu muͤſſen, da ein Geſchaft, welches er vorhabe, nur langſam von Statten gehe, er ſich indeſſen der einmal ange⸗ fangenen Arbeit nicht entziehen könne. Beim naͤchſten Wiederſehen entſchuldigte ſich Doktor Sponini bei ſeinem jungen Freunde, ſeine Geſellſchaft vor einigen Tagen nicht benutzt zu haben; er ſchien ſehr heiter und geſtand die⸗ ſem endlich, wie es ihm nach einem mehrjähri⸗ gen Forſchen und nach vielen Verſuchen gelun⸗ gen ſei, ein ſehr kuͤnſtliches Gift zu bereiten, das Demjenigen, der es gebrauche, einen unbeſchreib⸗ lich ſanften Tod bereite, indem ſeine Haupt⸗ wirkung erſt mehrere Tage nach dem Genuſſe erfolge, die Seele wie den Körper nach und nach 95 in eine immer zunehmende Lethargie verſenke, bis ein plotzlicher Tod erfolge.— Adolar wagte, dem Doktor einige Fragen uͤber dergleichen che⸗ miſche Verſuche vorzulegen, doch dieſer wich ihm aus, meinte, daß alle ſolche Bemuͤhungen, das edelſte Metall nach Belieben hervor zu bringen, vergeblich wären, geſtand indeſſen auch, daß ſolche Verſuche immer dazu dienen wuͤrden und gedient hätten, um wichtige Entdeckungen fuͤr die Arznei⸗ kunde und andere Wiſſenſchaften hervor zu brin⸗ gen, und wie er auch hoſſe, durch das entdeckte Gift ein Wohlthaͤter der Leidenden zu werden; „denn erfulle ich nicht gerade, indem ich unheil⸗ barelibel durch einen ſanften, ſchmerzloſen Tod ende, meinen Beruf als Helfer, als Arzt, am beſten? wozu durch ungewiſſe Verſ ſuche ein Leben ſchmerz⸗ lich friſten, das doch bereits dem Tode verfallen iſt?„Nein,“ fuhr der bleiche Alte mit un⸗ gewoͤhnlicher Lebendigkeit fort,„ich bin tiefer in meine Wiſſenſchaft eingedrungen; denn glau⸗ ben Sie mir, junger Mann, nichts iſt quälen⸗ der, als den gewiſſen Tod eines Leidenden vor⸗ aus ſehen und noch ſcheinbar Hilfe fuͤr ihn be⸗ reiten zu muͤſſen.“ Adolar uͤberlief bei dieſen Worten ein Schauder; Giftmiſcher! rief es dumpf in ſeiner Seelez aber der Alte ſtand ſo leidenſchaftslos 96 ihm gegenuͤber; was er da eben vortrug, ver⸗ rieth freilich ſehr den Freigeiſt; aber es wurde ihm zugleich auch ein Beleg, daß bei dem uͤbri⸗ gens ſehr klugen, ſehr unterrichteten Manne dennoch einige ſeltſame Anſichten und Ideen ſich feſigeſetzt hatten, welche deſſen Verſtande eine falſche Richtung gaben, er fuͤhlte in dieſem Au⸗ genblicke deutlich, wie das öftere Zuſammenleben mit dieſem ſeltſamen Manne nach und nach eine nachtheilige Wirkung auf ſeinen klaren Sinn haben wuͤrde, denn war es ihm mit dem Bilde des Laokoon nicht ſo ergangen? konnte er wohl mit dem beſten Willen damit zu Ende kommen, verwirrten ſich nicht täglich ſeine Augen, ſeine Häͤnde dabei?— Wie, flog der Gedanke jetzt plotzich durch ſeine Seele, wie, wenn Spo⸗ nini dennoch ein Schwarzkunſtler waͤre, wenn er geheime Kraͤfte beherrſchen konnte? und raſch, beinahe ſelbſt uͤber ſeine Frage erſchreckend, ſprach er:„Sie wiſſen alſo den Tod Ihrer Kranken immer voraus?“—— „„Freilich, mein Sohn,““ erwiederte der Alte mit vertraulichem Tone,„ wie duͤrfte ich ſonſt ſo vermeſſen ſeyn?“ 4. Adolar ſah ihn verwundert an; doch Spo⸗ nini holte ſtatt aller Antwort ein ſchwarzes Käſichen von Ebenholz herbei, nahm aus ſolchem 97 eine ſchoͤn gearbeitete Himmelskugel, auf welcher der Thierkreis von feinem Golde, mit einzelnen bunten Edelſteinen verziert, eingelegt warz das Ganze war von einer fremden, wie es ſchien, ſehr alten Arbeit. Den kleinen Globus vor ſich hin ſtellend, einige ſilberne Zirkel und Meßlinien dabei legend, ſprach er dann, auf Alles dieſes hin zeigend:„Sieh', mein Sohn, mit dieſen Werkzeugen bin ich im Stande, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eines jeden Menſchen wie in einem Buche zu leſen; wuͤrde ich Dir, Adolar, ſonſt wohl ſo unbedingt getraut ha⸗ ben?— darum mußte ich Dich bei unſerer er⸗ ſten Zuſammenkunft nach Jahr und Tag Dei⸗ ner Geburt fragen; meine Frage war indeſſen ſo gleichgiltig hingeworfen, ſie ſchien gleichſam aus unſeren Geſprächen zu folgen, daß Du kein Arg daraus hatteſt. Lange ſchon ſuchte ich nach einem ſo reinen unverdorbenen Juͤnglinge; daß er mir einſt erſcheinen wuͤrde, wußte ich voraus. Siehe, ich habe mein ganzes Leben damit zu⸗ gebracht, die geheimſten Kraͤfte der Natur zu belauſchen, ſie mir unterthan zu machen; ich habe manche herrliche Entdeckung gemacht, aber wie unendlich viel iſt noch zuruͤck! Jugend, Gluͤck und Leben, denn meine Kraͤfte haben un⸗ ter meinen Anſtrengungen unendlich gelitten, ich Zweiter Band. G , 98 bin fruͤh alt geworden, habe ich der Wiſſenſchaft geopfert. Soll Alles nun mit mir begraben werden, ſoll ein Anderer damit wieder anfangen, womit ich anfing, ſoll ich nicht wuͤnſchen, nicht hoſſen duͤrfen, daß meine einmal gemachten Ent⸗ deckungen einen Anderen nach mir weiter, viel— leicht zum Ziele alles Forſchens fuͤhren?“ Er hielt inne und ſah den ſtaunenden Juͤngling be⸗ deutend an.—„Dich, mein Sohn,“ fuhr er dann leiſe, in geheimnißvollem Tone fort,„Dich habe ich auserſehen, das Gebaͤude weiter aufzu⸗ fuͤhren, welches ich begonnen; wirſt Du ein⸗ willigen, haſt Du Muth?“—— Adolar ſchwindelte der Kopf; was er ge⸗ ahnet, gewuͤnſcht, es ſollte erfuͤllt werden, es gab wirklich eine Welt voll Geheimniſſe, die ſich ſe en ſuchenden ſehnſuͤchtigen Blicken erſchließen ſollte.„Ich willige ein, ſeid mein Lehrer, ehr⸗ wuͤrdiger Signor,“ rief er wie trunken, 3 ich bin mit Leib und Leben Euer!“ „Gemach, mein Sohn,“ erwiederte der Dok⸗ tor,„Alles mit Geduld und Ruhe. Ich for⸗ dere keinen andern Schwur von Dir, als, gegen Jeden uͤber unſere geheime Verbindung zu ſchwei⸗ gen; die Geheimniſſe, welche Du ſpäterhin er⸗ fahren wirſt, werden Dir von ſelbſt die Zunge binden; ehe Dein Loben nicht den vierten Theil 99 eines Jahrhunderts durchlaufen hat, bleibſt Du noch davon ausgeſchloſſen; iſt aber der Verſtand gereift, das Herz bis dahin geſund geblieben, daß es nur das Rechte und Wahre wuͤnſcht, dann komme wieder zu mir, bis dahin hoffe ich mein mattes Lebenslämpchen zu friſten, zunde daran eine neue Fackel an.“— „So lange,“ rief Adolar ſchmerzlich, „ſoll mir noch Alles verborgen bleiben! o laßt mich bis dahin doch nicht ganz unbelehrt, gebt mir wenigſtens einen Beweis, daß ich Euern geheimnißvollen Worten trauen darf; ſtellt mir wenigſtens das Horoſtop, ich weiß ſo wenig von mir ſelbſt; eine Waiſe nennt man mich, aber nie habe ich die zaͤrtlichen Namen Derjenigen nennen horen, welche mir das Leben gaben. Die hohe Frau, die mein Schickſal lenkt, ſonſt der Inbegriff aller Milde, ſenkte ſtets voll Ernſt die Blicke, wenn meine jugendliche Ungeduld nach Vater und Mutter forſchte.“— „Heute nicht, mein Sohn, erſt wenn der Stern, der Deiner Geburtsſtunde leuchtete, in das Zeichen des Thierkreiſes tritt, worin er da⸗ mals ſtand, iſt mir vergoͤnnt, in's Dunkel der Vergangenheit, ſo wie der Zukunft, zu ſchauen, bis dahin Geduld.—„Vollende morgen Dein Bild, Du haſt ſehr lange daran gearbeitet,“ ſagte G 2 100 Sponini dann,„ich werde Vorkehrungen treſſen, daß Deine Arbeit beſſer von Statten gehe.“ 0 4 Und wirklich hatte der Doktor Wort gehal⸗ ten; denn da Adolar am andern Tage den Saal beträt, den ihm Pankratia offnete, ſah er mit Erſtaunen das Bild, welches er co⸗ pirte, aus ſeinem Rahmen gelöſt, von der Wand herab genommen und auf eine Stafſelei geſetzt, wo es im ſchoͤnſten Lichte ſtand; es wurde dem Juͤnglinge nun leicht, die Malerei ſchnell und gluͤcklich zu beenden, und als Sponini heute zum erſten Male waͤhrend Adolar's Malerei den Saal betrat, war er des groͤßten Lobes uͤber die wohl gelungene Arbeit voll. Adolar wurde durch ein traͤumeriſches We⸗ ſen, welches ſo ganz im Gegenſatz zu ſeiner fruͤ⸗ heren Lebendigkeit ſtand, dem geſelligen Kreiſe, der ihn fruher ſo anzog, ſehr entfremdet; die Generalinn Marmont, welche dem ſchoͤnen Juͤnglinge muͤtterlich gewogen war, bemerkte eben ſo, wie ihre Soͤhne, die gaͤnzliche Umwan⸗ delung ſeines Gemuͤths; Maxime vor Allen betruͤbte ſich uͤber die ſichtbare Verſtimmung ſei⸗ nes Freundes, und wie ſehr er auch in dieſen drang, die Urſache davon zu erfahren; ſo waren doch ſeine Bemuͤhungen in dieſer Hinſicht ohne 101 Erfolg; Adolar verſicherte mit gezwungen hei⸗ terer Miene, daß er wohl und munter ſei, daß ihm gar nichts fehle, und ſo beruhigte ſich Ma⸗ xime, waͤhnend, Adolar ſei von irgend einer Liebſchaft befangen, die vielleicht ernſtlicher wie fruͤher, ſein Herz bewege; es ſchien ihm indis⸗ cret, weiter in ihn zu dringen, hoſſend, er werde ſchon von ſelbſt ſein Herz gegen ihn offnen; doch hielt er ſich als Freund fuͤr verpflichtet, ein wachſameres Auge auf Adolarn zu haben. HX. Tag an Tag lief ſo voruͤber; Adolar ging ab und zu bei dem Doktor Sponini. End⸗ lich war der Tag erſchienen, an welchem ihn dieſer zu ſich beſchied, um den laͤngſt gewuͤnſch⸗ ten Blick in die Vergangenheit und Zukunft zu thun. Es war eine fruͤhe Stunde, eben als die Morgenroͤthe ſchon, glanzvoll, aber blutig roth und fluͤchtig die erwachende Erde kuͤßte, um dem helleren Lichte des Tages, der ſtrahlenden Sonne die Bahn zu ebnen. Die Fenſter in des Doktors Studirzimmer waren halb verhangen, nur eine ſanfte Daͤmme⸗ 102 rung durchleuchtete das Gemach. Als Adolar eintrat, war der Doktor beſchaͤftigt, eine Menge feiner Platten weißen Goldes mit einem großen Magnet zu beſtreichen; kleine kuͤnſtlich geſchlif⸗ fene Kryſtallglaͤſer, wie man ſie wohl auf fei⸗ nen Miniaturgemaͤlden ſieht, lagen daneben. Dieſer ließ ſich anfangs bei des Juͤnglings Ein⸗ tritt in ſeiner ſtillen Beſchaͤftigung nicht ſtören, winkte dieſem Schweigen zu, und ſchob dann nach einem Weilchen Alles ſorgfältig in ein Fach ſeines Schreibtiſches. „Jetzt,“ ſprach Sponini dann,„jetzt, mein Sohn, wollen wir die Sterne fragen; ſieh', Dein Stern, der Hesperus, tritt in's Zei⸗ chen der Sonne;“ er ſchob bei dieſen Worten die fruͤher erwaͤhnte kleine Himmelskugel, wel⸗ che ſchon auf dem Tiſche ſtand, dicht vor ſich hin, warf lange, fragende Blicke auf den Juͤng⸗ ling, der neben ihm ſaß, betrachtete dann ſehr ernſt die Kugel, maß und maß, zog Zirkel und Linien, Punkte und Chifſern auf ein weißes Blatt Papier, beſchrieb dann einen kleinen Zettel und reichte dieſen ſeinem ſtummen, ihm verwun⸗ dernd zuſchauenden Nachbar hin. Begierig er⸗ griff dieſer das ihm Dargereichte und las: „Von Deinem Vater ſchon vor Deiner Ge⸗ burt verſtoßen, wardſt Du geboren, Deine 103 * Mutter zu toͤdten. Einem hohen Hauſe an⸗ gehörend, mußt Du dennoch einſam durch's Leben wandeln. Durch Deine Kunſt wirſt Du das, was Du am heißeſten liebſt, ver⸗ folgen. Nur wenn Du die Geliebte im Tode an Dich ketteſt, wird ſie der Verfolgung feind⸗ licher Mächte entgehen!“—— „Welche Räthſel,“ rief Adolar entruͤſtet, „ſie verwirren meinen Verſtand! Wahrheit will ich hören, reine klare Wahrheit, nicht ſolches ſinnverwirrende Dunkel ſuchen meine Blicke!“— „Wahrheit, reine Wahrheit ſagt Dir dieſe Schrift,“ ſprach der Alte dumpf. „O uͤber die dunkele, verſteckte Wahrheit, die das Gemuͤth feſter als die falſcheſte Luͤge verſtrickt! O uͤber den armſeligen Trug, den Euere geprieſene Wiſſenſchaft mir bietet,“ rief Adolar ſchmerzlich, faſt bis zu Thranen ge⸗ ruͤhrt.„Weiß ich jetzt mehr, als ich wußte? O laßt mich nicht ſo troſtlos vor Euch ſtehn, nennt mir, ich beſchwöre Euch auf meinen Knieen, nennt mir die Namen meiner Altern, nennt mir Diejenige, welche mein Herz am heißeſten lie⸗ ben wird!“ Der leidenſchaftliche Juͤngling war bei dieſen Worten vor dem Alten hin geſunken, und hob mit uͤberfließenden Blicken die Haͤnde zu ihm auf.— „Die unſichtbare Welt befaßt ſich nicht mit irdiſchen Namen,“ erwiederte Sponini leiſe und kalt,„meine Macht iſt am Ende, Dein Wille iſt geſchehen.„Laß mich fuͤr heute allein, mein Sohn,“ fuhr er weiter fort,„ich habe die ganze Nacht fuͤr Dich gewacht, ich ſehe weit und moͤchte Dein Blut beſchuͤtzen; der muͤde Leib ſehnt ſich nach Ruhe.“ Adolar taumelte durch den Morgennebel ſeiner weit entlegenen Wohnung zu. Aus dem Seitenpförtchen eines ſtattlichen Palaſtes ſchlich eine hohe, tief in einen weiten Mantel verhuͤllte Geſtalt hervor, auf welche der Erſtere, mit ſei⸗ nen dunkeln Traͤumen beſchäftigt, gerade zu los ging, ſo daß der Verhuͤllte, der ſich deſſen nicht verſah, betroffen zuruͤck prallte, den weiten Man⸗ tel aus einander ſchlug, um den Unvorſichtigen zur Rede zu ſtellen; Beide wandten ſich jetzt gegen einander, und Adolar erkannte den jun⸗ gen Leontin Marmont, welcher ſehr ver⸗ wundert war, hier mit ihm zuſammen zu treſſen. „Sieh' da, mein Freund Adolar,“ rief dieſer laut lachendz„wir gehen wohl Beide auf gleich vernuͤnftigen Wegen; nun, ſtell' Dich nur nicht ſo blöde, was man der Nacht vertraut, darf der Morgen nicht ausplaudern; gehab Dich wohl, die Morgennebel ſind kalt und ſchaͤdlich, ſo lange 105 mir noch die Winterquartiere laͤcheln, will ich ihnen aus dem Wege gehen, im Bivouac wer⸗ den ſie die alte Bekanntſchaft wohl wieder mit mir erneuern.“ Mit dieſen Worten eilte er an Adolar voruͤber, welcher, unſanft erweckt aus ſeinen unheimlichen Traͤumen, langſam nach ſei⸗ ner Wohnung ging. Wenige Tage nach dieſem Morgen theilte Adolar's Reiſebegleiter, welcher mit ihm das⸗ ſelbe Haus bewohnte, dieſem ſeinen gefaßten Plan, nach Paris zu reiſen, mit. Noch immer hatte er unter deſſen verſtaͤndiger Leitung ſeine Kunſt⸗ uͤbungen gehalten. Er wuͤnſchte nichts mehr, als noch laͤngere Zeit in ſeiner Geſellſchaft zu bleiben, indeſſen kam ihm der Vorſchlag zur Reiſe, dieſe mit ihm gemeinſchaftlich zu machen, eben ſo unangenehm als unerwartet. Doch er gab den liberredungen des Malers Gehör; um aber doch noch einen kleinen Aufſchub der Reiſe zu erhalten, antwortete er dieſem, daß er ſeiner Pflegerinn, der ehrwuͤrdigen Frau Ibtiſſinn zu Kloſter Marianky, eine vorherige Anzeige von ſeinem Wunſche zu machen gedenke, um gleich⸗ ſam ihre Einwilligung dazu einzuholen. Damit war der Maler denn auch zufrieden, der eben ſo gern in des talentvollen und ſich in ſeiner Kunſt herrlich ausbildenden Juͤnglings Geſellſchaft 106 zu verbleiben wuͤnſchte. Aber die Antwort Cä⸗ ciliens, die bald auf die ihr von ihrem Pflege⸗ ſohne deßhalb geſchehene Anfrage erfolgte, fiel ganz anders aus, als dieſer erwartet hatte; denn ſtatt ihn nach Frankreich reiſen zu laſſen, beſchied ſie ihn vielmehr zu ſich nach Ungarn zuruͤck. „Die beiden Jahre, mein geliebter Sohn,“ lautete ihr Brief,„die Dich von uns entfernt haben, ſind mir langſam dahin geſchlichen, und ehe Du Dich nach einem andern frem⸗ den Lande wendeſt, moͤchte ich Dich zuvor in der Heimath ſehen. Laß die Welt denn ein Weilchen fahren, und theile die Einſamkeit einer alternden Frau, waͤre es auch nur auf wenige Wochen; goͤnne mir die Freude an Dir ſelbſt und an Deinen Werken. Die trau⸗ rige Umwaͤlzung ſo mancher alten, verjährten und heiligen Sitte, die durch die ſchrecklichen und blutigen Erfahrungen der letzten, fuͤr das Kaiſerthum ſo unheilſchwangeren Kriegsjahre, hat die Strenge unſerer Kloſterzucht gemildert, es wird mir vergonnt ſeyn, Dich ofterer, wie fruͤher, um mich zu haben, Deines Umgangs zu genießen. Gern magſt Du dann nach ei⸗ nem kurzen Aufenthalte, in welchem ich meines Kindes recht froh werden moͤchte, Deinem Freunde nach Frankreich folgen; doch ſäume 107 nicht zu lange, meinen Wunſch zu erfullen, ich werde bis dahin freundlich die Tage zählen.“ Cäcilie. Adolarn kam der Ruf ſehr unerwartet, doch erklangen mit ihm zugleich tauſend, ſo lange ſchlummernde Stimmen in ſeiner Bruſt. Caͤ⸗ ciliens mildes, frommes Bild, der holden Jo⸗ ſephe liebliche Geſtalt, das ſtille Kloſter mit der hohen ſtets verſchloſſenen Pforte, uͤber der die Himmelskoͤniginn, im goldenen Strahlenkranze, auf den Eintretenden nieder ſchaute, das kleine Ruhebaͤnkchen daneben, auf welchem er ſo oft, der Schweſter Pfoͤrtnerinn harrend, wenn er das Glockchen gezogen, geſeſſen, waͤhrend der Mor⸗ genwind, gleich Tonen ſanft ſäuſelnder Sols⸗ harfen, uͤber ihm durch die Zweige der alten Ka⸗ ſtanienbaͤume rauſchte; alle dieſe Bilder erfullten ſeinen Sinn mit ſuͤßem Schauer; es war ihm faſt unbegreiflich, wie er die Sehnſucht darnach ſo lange im Herzen verborgen getragen, ja wie es in der bunten Welt wohl uͤberall etwas Schoͤ⸗ neres geben koͤnne, als dieſe hellen Bilder ſei⸗ ner Jugend.. Voll von dem Wunſche, bald ſeine Sehn⸗ ſucht zu ſtillen, erfuhren denn alle Freunde Ado⸗ lar's, daß er geſonnen ſei, in die Heimath zu reiſen, und Alle, bis auf den Doktor Sponini, —03 beklagten ſeinen ſchnellen Vorſatz. Dieſer allein bezeigte ihm Beifall.„Reiſe nur immer ge⸗ troſt, mein Sohn,“ ſprach er,„wenn man nach langer Abweſenheit die Heimath begrußt, ſcheint uns darin, nach langerem Verweilen, die Fremde eine neue Heimath zu ſeyn, und das iſt mit⸗ unter gut. Was gilts, Du kehrſt bald zu mir zuruͤck; die Jahre fliegen, und der Tag wird kom⸗ men, wo ich kein Geheimniß vor Dir verbergen werde. Laß aber immer ein Paar Jahre ver— gehen, ehe Du zu mir zuruͤck kehrſt, genußrei⸗ cher wird alsdann unſer Zuſammenleben ſeyn, und ſei uͤberzeugt, Niemand ſoll Dein Anden⸗ ken bei mir verlöſchen.“ Doktor Sponini ſagte Alles dieſes mit einer ungewöhnlich leb⸗ haften Bewegung; er ruͤckte das Tiſchchen, wel⸗ ches, wie gewöhnlich, ſchon mit Wein beſetzt war, weiter von der Wand vor, zwiſchen ſich und ſeinen jungen Freund, war aber dabei ſo ungeſchickt, ein ſchoͤnes Kelchglas vom Tiſche herab zu werfen; Adolar, welcher bis dahin ziemlich ohne Theilnahme dem Doktor gegenuͤber geſeſſen, buckte ſich ſchnell, dem Falle des Glaſes zuvor zu kommen, doch vergebens, klirrend zerſprang es auf dem Fußboden, als er eben darnach grei⸗ fen wollte, und eine breite Glasſcherbe durch⸗ ſchnitt ihm eine Pulsader der linken Hand; ein 109 wenig erſchrocken hob er die blutende Hand raſch in die Hohe. Schnell war Sponini bei die⸗ ſem Anblicke aufgeſprungen, bedauerte, die Ver⸗ anlaſſung des kleinen Unfalls zu ſeyn, holte Lei⸗ nen zum Verband herbei, und ſchickte ſich an, die Wunde zu verbinden.„Ei,“ fuhr er dann uͤberraſcht zuruͤck,„eine Pulsader iſt verletzt! Wahrhaftig, mein Sohn, Du haſt eine wun— derbare Verletzung empfangen! das iſt ja Blut, wie es rein und warm aus dem Herzen ſtroͤmt! den Zufall wollen wir benutzen; nichts kann er⸗ wuͤnſchter kommen!“ Mit dieſen Worten riß der Alte mit ſonderbarer Haſt mehrere Schub⸗ fächer ſeines Schreibtiſches auf, kramte, ſuchte und ſprach beguͤtigend gegen Adolar hin: „Laß nur bluten, laß nur blutenz das wärmſte Blut kommt noch nach!“ und zog endlich eine der weißen Goldplatten hervor, mit welchen ihn dieſer juͤngſt beſchaͤftigt geſehen hatte; auf dieſe Platte ließ er nun das Blut aus Adolar's Wunde hin fließen, legte ſie dann vorſichtig ne⸗ ben ſich, verband den Juͤngling fluͤchtig und eilte, ohne dem verwunderten, erſtaunten Adolar Rede zu ſtehen, durch die Tapetenthuͤre in das kleine Laboratorium. Hier winkte er ſeinen jun— gen Freund zu ſich, ſchuͤrrte ſchnell ein Kohlen⸗ feuer an, warf die bluttriefende Goldplatte in 6 einen erzenen Tiegel, und blies nun eifrig in die Gluth. Noch zeigte ſich keine Spur von Schmel⸗ zen des Metalls; da holte der Alte von einem ſchwarz geraͤucherten Geſimſe eine kleine Phiole herab, goß einige Tropfen in den Tiegel, und hell, wie blaͤuliche Silberflammen, blitzte es darin auf. Das ſonſt ſo ſchwer zu ſchmelzende Me⸗ tall. wurde jetzt fluͤſſig. Von Zeit zu Zeit wie⸗ derholte der Doktor die Tropfen zuzugießen, und jedes Mal flammte es wie ein Silberblick empor, doch endlich ſtiegen kleine roͤthliche Flam⸗ men daraus in die Höhe.„Fertig! gelungen!“ murmelte Sponini, wie zu ſich ſelbſt redend, hob den Tiegel von den Kohlen und goß die ge⸗ ſchmolzene Maſſe in ein Gefaͤß mit Waſſer, dann haſtig den Verband von Adolar's Wunde rei⸗ ßend, bedeutete er dieſen, die verwundete Hand in das von der geſchmolzenen Metallmaſſe dam⸗ pfende Waſſer zu tauchen, und in einer aͤngſt⸗ lichen Willenloſigkeit, aufgeregt und doch ge⸗ quaͤlt von des Doktors faſt naͤrriſchem Thun und Treiben, that dieſer, was ihm geheißen. Ein ſtechender Schmerz fuhr aus der Wunde nach ſeinem Herzen, aber ſo augenblicklich, daß ihm die gleich darauf durch alle ſeine Adern ſtrömen⸗ de wonnige Waͤrme, dieſen ſchnell vergeſſen machte. Die Ader blutete Anfangs noch, dann aber ſtillte 1¹1 ſich das Blut ploͤtzlich. Sponini zog Ado⸗ lar's Hand aus dem Gefaͤße, legte ein leichtes Heftpflaſter auf die kaum mehr ſichtbare Ver⸗ letzung, und zog ihn jetzt mit ſich in's Zimmer zuruͤck. Vergebens war indeſſen ſein Bemuͤhen, Adolarn aufzuheitern, der in einer gaͤnzlichen Geiſtesabſpannung neben ihm ſtand; kaum konnte Letzterer ſeine Gedanken ſo viel ordnen, um den Doktor um Aufklaͤrung des Geſchehenen zu bitten⸗ Wie immer vertroͤſtete ihn dieſer auf die Zu⸗ kunft, und ſo ſchied Adolar, wie mehrmals in der letzten Zeit, verſtimmt und finſter von ihm⸗ Wenige Tage lagen nur noch vor der Tren⸗ nungsſtunde, welche Adolarn aus einem Kreiſe hinweg rief, den er aller Wahrſcheinlichkeit nach bei einem ſpaͤteren Zuruͤckkehren nicht mehr ſo freundlich zuſammen trafz denn alle dieſe Men⸗ ſchen, die Schickſal und Zufall hier ſo liebend zu einander fuͤhrte, waren durch ihre verſchiede⸗ nen Verhaͤltniſſe vielleicht nach kurzer Zeit ſchon wieder und fuͤr immer von einander getrennt⸗ Das fuͤhlte die ſanfte Madame Marmont vor Allen; ſie hatte es ja leider faſt ein halbes Le⸗ ben durch empfunden, wie die wechſelnden Ver⸗ haͤltniſſe desſelben, wie Zeit und Ort uͤber Freund⸗ ſchaft, Bekanntſchaft und Liebe entſcheiden. Ach, ihr war auch wohl manchmal die bittere Erfah⸗ S rung geworden, daß noch viel weniger, als die⸗ ſes Alles, nicht einmal Mißverſtaͤndniſſe allein, ſondern ein plotzliches ſich nicht mehr Verſtehen, nach einer kurzen Abweſenheit, ſich zwiſchen Her⸗ zen legt, die fuͤr die Cwigkeit an einander ge⸗ bunden ſchienen. Mapime vor Allen, der ein ſo inniges Wohlgefallen an dem jungen Adolar gefunden hatte, ging eines Morgens, tief von dem Schmerze des Abſchiedes ergriffen, an deſſen Seite in dem lieblichen Garten auf und nieder, welcher neben dem Hauſe ſeiner Mutter lagz ſo recht aus tie⸗ fer Seele ſprachen die beiden Juͤnglinge ihre Ge⸗ fuͤhle gegen einander aus, die Abſchiedsſtunde öffnete die Herzen in ſchonem Vertrauen gegen einander.„O mein Adolar,“ ſprach Mapi⸗ me bewegt,„wie froh bin ich Deiner Liebe auf's Neue geworden, ſchon glaubte ich, die Geliebte, die in Dein Herz gezogen, habe mich ganz daraus verdraͤngt; ſage mir jetzt, daß es nicht ſo ſei. Du liebſt und, wie ich furchte, nicht glücklich; Du entfernſt Dich; und obgleich Du mir bis jetzt Dein Vertrauen entzogeſt: ſo moͤchte ich dennoch Hand und Herz fuͤr Dein Gluͤck Dir darbieten. Haſt Du mir gar nichts zu vertrau⸗, en?“— Adolar ſah ſeinen Freund befremdend an. 113 „Was redeſt Du von Liebe, von Ungluͤck?“ ſprach er dann.„So ernſtlich, wie Du denkſ hat es mein Herz noch nie gemeint, haſt Du meine Zerſtreuung, meine heimlichen Gänge ſo gedeutet: ſo irrſt Du ſehr, mein Freund. Nein, ungebundenen Herzens kehre ich in die Heimath zuruͤckz frage jetzt nicht, was ich zu verſchweigen habe, erfahre nur, daß mein Gefuͤhl im Zwie⸗ ſpalt iſt; daher iſt es wohl gut, daß meine fromme Pflegemutter mich zu ſich rief, und bald, hoſſe ich, wird Vieles in mir wieder klar und geordnet werdenz wohlthaͤtig wird das ſtille, an⸗ ſchauliche Leben in Kloſter Marianky auf mich wirken, ich werde dann mir wieder ſelbſt ange⸗ hoͤren und meine Briefe werden Dir Freude bringen.“ Maxime wayf einen ſchmerzlichen Blick auf den Juͤngling, der mit verlegener, ängſtli⸗ cher Miene neben ihm ſtand; denn lebhafter wie je, trat in dieſem Augenblicke des alten häßli⸗ chen Doktors Bild vor ſeine Seele, der, wenn nichts Schlimmeres, doch wenigſtens auf dem halben Wege zum Wahnſinne war, und deſſen Gemeinſchaft ſchon ſo nachtheilig auf Adolar's ſonſt ſo heiteren oſſenen Sinn gewirkt hatte. Es draͤngte ihn faſt, dem Freunde ſeine Bekannt⸗ ſchaft mit Sponini zu entdecken, und ihm Zweiter Vand⸗ H 114 deſſen unheimliches Thun und Walten zu enthuͤl⸗ len.— Doch, als ob zwei einander entgegen wirkende Maͤchte Beſitz von ſeiner Willensfreiheit genommen, ſo ſchnell war ſein Vorſatz wieder umgeſtoßen;„was habe ich von Sponini denn ſchon Boͤſes erfahren?“ mußte er ſich un⸗ willkurlich ſelbſt fragen.„Leuchtet nicht eine unverkennbare Liebe zu mir aus ſeinem Betra⸗ gen hervor? An wem will ich zum Verräther werden, an einem Freunde, an einem alten Manne, dem das Studium tiefer Wiſſenſchaften vielleicht den ſonſt ſo reichen Geiſt verwirrte?—„Nein, da ſei Gott vor, daß ich entdecke, was mich quaͤlt,“ ſprach er zu ſich ſelbſt, und dem edlen, ruhigen Maxime voll Dank fuͤr ſeine freundliche Sorge die Hand druckend, ſagte er: Uberlaß mich noch ein Weilchen mir ſelbſt; meine Sorgen ſind nichts als Traͤume; wenn ſie in die Wahrheit treten, ſollſt Du ſie wiſſen.“ Schmerzlich verletzt, wandte ſich Maxime von ihm ab, drückte dann raſch und lebhaft Adolar's Hand, und rief leiſe, aber mit ei⸗ nem vorwurfsvollen, warnenden Ausdrucke: Meide den alten Sponini, wenn Dir die Ruhe Deiner Seele lieb iſt! dann ging er fe⸗ ſten Trittes dem Hauſe zu; Adolar blieb er⸗ bleichend allein. Unentſchloſſen ſtand er einige 115 Minuten, uͤber Maxime's Worte nachſinnend; ſie hatten einen neuen Funken in ſeine Seele geworfen; haͤtte er jetzt Gemuͤthsruhe genug ge⸗ habt, uͤber ſich nachzudenken, wuͤrde er deutlich erkannt haben, wie ſehr ihn der Drang, ſich dem geheimniß ollen, dunkeln Walten Sponini's anzuſchließen, erfulle, und bereits der Sinn fur alles Beſſere, fuͤr Dinge, die ihn ſonſt intereſ⸗ ſirt, daruͤber in ihm untergegangen war. Nicht des Freundes Unmuth ſchmerzte ihn in dieſem Augenblicke, nein, er quaͤlte ſich vielmehr, wie es Maxime gelungen ſeyn mochte, uͤber den Doktor ſo ſchnell, ſo unbedingt den Stab zu brechen; er mußte von deſſen Geheimniſſen wiſ⸗ ſen, er mußte den Doktor kennen. Ein kleines Mißtrauen gegen den Freund durchſchlich ſeine Seele, und mit großen, heftigen Schritten wan⸗ delte er die Hrangenallee auf und nieder; ſtrei⸗ tende Empſfindungen kaͤmpften in ihm. Leon⸗ tin traf ihn ſo, wandte ſich ebenfalls, tief er⸗ griffen, zu dem Juͤnglinge und druͤckte ihn feſt an ſeine Bruſt.„libermorgen ſchon willſt Du reiſen, dieſes heitere, ſchone Land ſo bald ver⸗ laſſen?— Wann, wo werden wir uns wie⸗ derſehen, Adolar?“ rief er, gewaltſam ſeine Wehmuth nieder kämpfend.—„Es iſt tho⸗ richt, faſt laͤcherlich,“ ſprach er dann, ſich ſelbſt 2 —.———— 116 beſpottelnd,„daß mir, dem Kriegsmanne, das Scheiden noch ſtets ſo weh thut; doch erwehre ſich einer, wenn er kann, des warmen Herzens: oft denke ich, der Vater habe mir den Degen wohl mit Unrecht in die Hand gegeben, denn qualvoll iſt des Herzens uͤberſtroͤmendes Gefuͤhl mir in meinem Stande oft geweſen; kalt, ei⸗ ſern, ſchroff, ſoll der wahre Held durch's Leben gehen, und doch iſt's am Ende wohl ſo recht geweſen! das heiß klopfende Herz wird ſich ab— kuͤhlen in dem ewigen Blutvergießen, dem wir ſo raſtlos entgegen gehen; wohin wollte es ſonſt wohl mit ſeiner Gluth!“„„In die Arme der ſchonen Laura Cambello, aus deren Palaſte Dich noch vor Kurzem die Morgennebel trie⸗ ben,““ erwiederte laͤchelnd Adolar. „O ſchweig',“ fiel ihm Leontin in die Rede,„was ſind die Fruͤhlingsſpiele, dieſe Taͤn⸗ deleien, gegen das Ideal von Liebeswonne, das ich mir oft in ſtillen Stunden male! In Nichts zerfallen ſie dagegen! Schon weit umher fuͤhr⸗ ten mich die wilden Kriegeszuͤge, viel holde Frauen ſind mir ſchon erſchienen, doch nie wird mir die Eine, die Uberirdiſche erſcheinen, die die⸗ ſem unbaͤndigen Herzen Feſſeln anlegt; nicht den holden Leib allein, die ſchönere Seele will ich lieben; nur der will ich angehoͤren, die ich 117 achten, unbedingt achten kann. Kann ich ſie nicht vom Himmel herab ziehen, mir das irdi⸗ ſche Daſeyn zu beſeligen: ſo will ich verſchmer⸗ zen, was mir unerreichbar ſcheint!“— Der herrliche Juͤngling ſtand verklaͤrt, empor geho⸗ ben von dem Aufſchwunge ſeines Gefuͤhls, da, und die Strahlen ſeiner Augen, die ganze voll⸗ endete Schonheit ſeiner Geſtalt, grub ſich fuͤr immer tief in Adolar's Sinne, das ſchoͤne Bild ſchwebte fortan lebendig vor ſeiner Phantaſie. Adolar fand in ſeiner Behauſung, die ihm, ſeit der Abreiſe ſeines vaͤterlichen Freundes, des Malers, welcher ſchon nach Frankreich abgegan⸗ gen, ganz verleidet war, ein Briefchen von Spo⸗ nini vor; es enthielt die wenigen Worte: „Komm am morgenden Abend, wenn Du bereits von allen Deinen Freunden Abſchied genommen haſt, mir Dein Lebewohl zu ſa⸗ gen; ſei es auch noch ſo ſpat, ich werde fuͤr Dich wach bleiben. Liberatus Sponini.“ Es wurde allerdings ſehr ſpaͤt, als Adolar am andern Tage die Geſellſchaft ſeiner Freunde verließ. Die Generalinn hatte es ſich nicht neh⸗ men laſſen, dem Freunde ihrer Soͤhne ein klei⸗ nes, aber freundliches Abſchiedöfeſt zu bereiten; ————— — ——— * 118 ſo kam man leicht uͤber die quaͤlenden Stunden des letzten Zuſammenſeyns hin; doch der Au⸗ genblick der Trennung erſchien, und mit ihm fielen Luſt und Freude, wie welke Bl uͤhten, von der lebenswarmen Bruſt. Aufgeloͤſt in Schmerz riß ſich der Juͤngling aus den Armen der ihm ſo theuern Familie, und wankte, Sponini's Aufforderung zu Folge, deſſen Wohnung zu. Er zog den Pfortenring des ſtets verſchloſſenen Hauſes, doch waͤhrte es eine geraume Zeit, ehe die alte Pankratia kam, um aufzuſchließen. Schlaftrunken offnete ſie endlich die Thuͤr; auf ſeine Frage nach dem Doktor, zeigte ſie gaͤhnend die Treppe hinauf, hob das Licht gegen dieſelbe in die Höhe, und Adolar ſtieg die halb er⸗ leuchteten Stiegen hinauf. Noch nie war er am ſpaͤten Abend bei Spo⸗ nini geweſen, entſetzt fuhr er faſt zuruͤck, als ihm dieſer, durch ſeinen Schritt aufmerkſam ge⸗ macht, ſelbſt die Thuͤre ſeines Zimmers öffnete. Die einzige matt brennende Lampe warf einen ſo geiſterhaften Schein auf deſſen Geſicht, er⸗ höhte die Leichenfarbe, welche des Doktors Zuͤge bedeckte, ſo ſehr, daß Adolar einem Todten gegenuͤber zu ſtehen glaubte; dazu wurde die Täuſchung noch durch die ſonderbare Gewohn⸗ heit, welche der Alte hatte, ſeine Augen faſt ganz 149 dem Lichte zu verſchließen, das ihm unbequem ſchien, faſt bis zur Wahrheit geſteigert; auch hatte er heute wieder das kalte, leiſe Weſen, welches er im Anfange der Bekanntſchaft mit Adolar gegen dieſen beobachtet hatte. Es war ſchon eine halbe Stunde nach Mit⸗ ternacht, und Adolar entſchuldigte ſich bei ſei⸗ nem Freunde uͤber ſein langes Ausbleiben.„Ich werde Ihnen nun wohl laͤſtig ſeyn, werther Sig⸗ nor,“ ſprach er, ſich entſchuldigend;„indeſſen Sie wuͤnſchten mich ſo ſpät zu ſehen; ich kom⸗ me, Ihnen ein herzliches, vielleicht ein langes Lebewohl zu ſagen.“— „Das jetzt noch nicht,“ fiel ihm der Dok⸗ tor ein;„nein, noch ein Stuͤndchen wollen wir Einer des Andern froh ſeyn, noch darfſt Du nicht gehen. Sieh' dieſe Flaſche edlen Tokai⸗ ers; Dir zu Ehren verließ ſie heute das dunkle Winkelchen im Keller, wirſt Du den Landsmann nicht gern begruͤßen?“— 5 Ado lar war nicht mehr aufgelegt zum Trinken, da er bereits bei der Abendtafel der Generalinn mehr wie ſonſt genoſſen; doch fuͤrch⸗ tete er, ſeinen freundlichen Wirth durch eine ab⸗ ſchlagige Antwort zu kraͤnken, es galt den Ab⸗ ſchiedstrunk und der feurige Ungarwein perlte ſo dunkel gluhend in dem Glaſe, das ihm Spo⸗ 120 nini darreichte, daß Adolar, auf deſſen herz⸗ lichen Wunſch einer gluͤcklichen Reiſe, das Glas in Einem Zuge leerte, und ſich dann noch ein Weilchen mit dem Alten, den der feurige Wein etwas mehr zu beleben ſchien, recht gemuͤthlich unterhielt. Doch äußerte ſich dieſes mehr in einer gewiſſen, eher wehmuͤthigen als heitern Laune. Adolar, ſchon bis zum Sterben be⸗ truͤbt, wurde dadurch noch mehr der Trauer hin gegeben; dazu uͤberwaͤltigte ihn eine ſonderbare korperliche Ermattung. Er war den ganzen Tag wegen mancher Beſorgung fuͤr die Reiſe, faſt raſtlos umher gelaufen, ermuͤdet ſaß er dem Dok⸗ tor gegenuͤber, der indeſſen ſeine Abſpannung gar nicht zu beachten ſchien, vielmehr immer leben— diger, mit lebhaften Geberden, ganz gegen ſeine fruͤhere Weiſe, die Haͤnde heftig gegen ihn be— wegend, fort ſprach. Er erzaͤhlte von ſeinen man— nichfachen Reiſen, erwaͤhnte manchen traurigen, manchen fröhlichen Abſchied, den er erlebt, wurde unter den vielen Reden immer weicher geſtimmt, und ſeine wirklich innige Liebe gegen den, ihm im halben Schlummer gegenuͤber ſitzenden Ado⸗ lar, aͤußerte ſich recht zaͤrtlich gegen dieſen. Sanft ſtrich er ihm das goldlockige Haar von den Schläfen, beruhrte ſchmeichelnd mit der Hand ſeine Wange, und beugte ſich oftmals zärtlich ——— 12¹ dicht uͤber ihn hin, als wollten die alten ſchwa⸗ chen Augen des lieben Bildes noch einmal recht froh werden.— Adolar's Seele wurde recht weich und milde gegen ſeinen väterlichen Freund geſtimmt, doch immer matter und muͤder, bemuͤhte er ſich in einer ſonderbaren Anſtrengung, ihm ein freund⸗ liches Herz zu zeigen, aber es gelang ihm nicht. An allen Gliedern wie gelähmt, ſchien ſeine Seele in vergeblichem NRingen gegen die Schwäche des Korpers anzukaͤmpfen, ein beängſtigendes Ge⸗ fuͤhl, als wolle der Geiſt die irdiſchen Bande zerſprengen, lag qualvoll auf ihm; da endlich loſte ſich die Angſt ſeiner Bruſt, eine ſuͤße Ruhe feſſelte die Seele wie den Koͤrper; war es Schlaf, Wachen oder Traum? er wußte es ſelbſt nicht; aber von Allem hatte der Zuſtand, in welchem er ſich befand, wenigſtens etwas.— Er war ſich deutlich bewußt, noch in des Doktors Zimmer zu ſitzen, doch dieſer ſelbſt ſchien ſehr weit von ihm entfernt in einem dunkeln Raume umher zu gehen; gleich darauf beſann er ſich, daß es ja das Laboratorium des Doktors ſei, in wel⸗ chem derſelbe arbeitete, er hatte nur die Thuͤre oſſen gelaſſen und kein Licht mit ſich genommen. Dann ſah Adolar, wie der Alte etwas ſehr Gluͤnzendes gegen das Licht im Zimmer aus der 122 Dunkelheit hin hielt; es blinkte wie rothes Gold und die ſonſt ſo matten Augen Sponini's leuchteten daruͤber funkelnd, wie Augen einer Katze, zu ihm her.— Er ſchrack deßhalb ſo heftig zuſammen, daß er das Bewußtſeyn ver⸗ lor: gleich darauf aber ward er unſanft durch eine Beruͤhrung am Halſe und an der Bruſt er⸗ weckt; er bemuͤhte ſich auf's Neue, den ſchwe⸗ ren Schlaf von ſich abzuwerfen; aber es gelang ihm nur auf kurze, fluͤchtige Minuten, in denen er jedoch gewahr wurde, wie ihm der Alte eine goldne Kapſel, an feinen Ketten haͤngend, um den Hals und die Bruſt ſchlang; das Gold aber, als ſei es eben aus dem Schmelzofen gekommen, brannte heiß auf ſeinem Herzen, brannte ſo lange, bis der ſuͤßeſte Schlaf ſich wieder uͤber ihn aus⸗ goß, und ein lebhafter Traum vor ſeine Seele trat, in welchem Sponini wieder die Haupt⸗ rolle ſpielte: denn mit dem duͤrren Finger jetzt auf Adolar's Bruſt deutend, auf welcher die goldene Kapſel hing, ſprach er, doch ohne dabei die Lippen zu bewegen: Bewahre es nur treu, mein Sohn, mein Adolarz laß es Dir nicht rauben, und ſie bleibt Dir ſicher treu!— Sieh', das iſt ſie, die Du am heißeſten liebſt! Ja gewiß, mein Sohn, ſo lange ihr Bild in der Kapſel glaͤnzt, muß ſie demjenigen in Achtung, 123 Freundſchaft oder Liebe unterthan bleiben, der das Bild auf ſeinem gegen ſie in heißer Liebe entbrannten Herzen tragt; doch muß es zuvor ihre Bruſt beruͤhrt, das Gold muß brennend ſein Siegel ihrer Lilienhaut eingedruͤckt haben.— Nimm nun auch das noch, ſprach er dann wei⸗ ter; ich habe es ja fuͤr Dich mit bereitet; denn wie iſt dem armen, unheilbaren Kranken wohl anders zu helfen! Nimm, nimm geſchwind! und dabei ließ Sponini etwas hell Glaͤnzen⸗ des in des Juͤnglings Bruſttaſche gleiten.— Aus ſolchen Träumen erwachte Adolar, als ihn die Tageshelle im Studirzimmer des Dok⸗ tors uͤberraſchte, welcher emſig ſchreibend an ſei⸗ nem Tiſche ſaß. Ganz verwundert blickte er um ſich; es ſiel ihm ſchwer, ſich zu beſinnen, wie er hieher gekommen, doch Sponini half dem noch halb Schlaftrunkenen zurecht.„Das heiß' ich einen geſunden Schlaf!“ ſſprach er ganz trocken;„ordentlich unter dem Abſchiednehmen biſt Du mir eingeſchlafen, recht unbequem mußt Du in dem Seſſel geruht haben, vergebens war mein Bemuͤhen, Dich zu ermuntern; betaͤubt vom Weine, den Du beim Feſte der Genera⸗ linn vielleicht zu viel genoſſen, mußte Dich mein alter Tokaier vollends in den Schlaf wiegen⸗ Adolar erröthete, beſchämt uͤber den kleinen 124 Vorwurf; er konnte es nicht ablaͤugnen, wohl ein Bißchen berauſcht geweſen zu ſeyn, und bat den Doktor recht freundlich, dem ſchläfrigen Gaſt die Unart zu verzeihen, und hoͤrte dann zu ſei⸗ nem Erſtaunen ſchon die fuͤnfte Morgenſtunde ſchlagen, die zu ſeiner Abreiſe beſtimmt war. Herzlich umarmte er den Doktor, dem das Schei⸗ den ſehr weh zu thun ſchien; doch ſich ſelbſt und den Juͤngling ermuthigend, trieb er dieſen fort, rief ihn aber auf der halben Treppe zuruck, und indem er ihm feſt die Hand druckte, ſprach er mit ſeiner gewöhnlichen Eiskaͤlte im Ton und Blick:„Ich habe Dir ein Andenken mit ge⸗ geben; ein Medaillon von rothem Golde hing ich Dir, als Du ſchon ſchlaftrunken vor mir ſaßeſt, auf die Bruſt; bewahre es mir zur Er⸗ innerung ſorgſam auf. Du magſt das Bild Dei⸗ ner Braut einſt hinein malen, es wird dann einen doppelten Werth für Dich haben.“ Dieſe Worte ſielen wie ein Zentnergewicht auf Ado⸗ lar's Bruſt; denn mit einem Male ſtand der Traum dieſer Nacht, den das Erwachen an ei⸗ nem fremden Orte in ſeiner Seele zuruͤck ge⸗ worfen hatte, wieder vor ihm; ein Schauder durchdrang ihn; doch undeutlich und verworren, wie die plotzlich hervor gerufenen Bilder ſeines Schlafs jetzt vor ihn hin traten, fuͤhlte er nur 125 den unheimlichen Eindruck davon; der Augen⸗ blick war nicht geeignet, weiteren Betrachtungen daruͤber nachzuhaͤngen, und es trieb ihn ein un— erklärbarer Drang, den Doktor und deſſen Haus zu verlaſſen. Ohne ſich umzuſehen, kam er ſo mit erleichtertem Herzen auf die Straße, ge⸗ langte zu ſeiner Wohnung, woſelbſt er mit Un⸗ geduld von dem bereits harrenden Vetturino er⸗ wartet wurde, und bald lagen Florenz und die goldenen Tage froher Jugendluſt, die er darin verlebt, hinter ihm.— Die auf ſo ſeltſame Weiſe halb durchwachte, halb durchſchlafene Nacht lag noch beaͤngſtigend auf dem jungen Reiſen⸗ den, und die munteren Thiere ſeines Vetturino hatten ihn ſchon mehrere Meilen durch die im Morgennebel ſchwimmenden Fluren gefuͤhrt, als es wieder hell und ruhig in ſeiner Seele wurde. Das helle friedliche Gelaͤut ſeines Fuhrwerks, die ſanfte friſche Luft, die ſeine Stirn umzog, das reine Ztherblau des Himmels uͤber ihm, die prangende ſuͤdliche Natur, die rings ſich ſeinen Blicken darbot, Alles das ſtillte den Aufruhr ſeiner Gefuͤhle, erhob den Juͤngling leicht und ſchoͤn uͤber Alles, was noch vor wenigen Stun⸗ den ſo druͤckend auf ihm lag; durch die ſanften Eindruͤcke halb verwiſcht, ließ er den Traum jetzt noch einmal vor ſich hin treten, und viel ſchwe⸗ 126 rer wurde es ihm jetzt, die Bilder, welche er wachend in der vom Weine erhitzten Phantaſie geſehen, von denen ſeines Traumes zu unter⸗ ſcheiden, alle verſchwammen in Eins; nur das Medaillon, welches er jetzt hervor zog, das zwar von einfacher ovaler Form, aber ſehr ſau⸗ ber aus dunkelm Golde gearbeitet war, und auf der einen Seite einen leicht zu öſſnenden Glas⸗ deckel hatte, uͤberzeugte ihn, daß doch Manches, was ſich ſeine Seele zuruͤck rief, kein Traum ge⸗ weſen war. Das Medaillon war uͤbrigens leer, und es war ihm doch, als haͤtte der Alte von einem Bilde geſprochen, welches darin enthalten ſei. Er unterſuchte das Kleinod genau, ob viel⸗ leicht ein doppelter Deckel dasſelbe verberge; aber es war ihm nicht moͤglich, das Mindeſte davon zu entdecken, eben ſo wenig konnte er ſich auf die Worte beſinnen, welche Sponini zu ihm geredet, als er ihm das Medaillon im Schlafe an der Bruſt befeſtigt; und doch war ihm ein Eindruck geblieben, daß dieſe Worte Bezug auf dasſelbe haben muͤßten und daß ſie bedeutend geweſen waͤren. Die Kapſel hing uͤbrigens an einer zwiefachen venetianiſchen Kette, welche halb von Gold und halb von Eiſendraht geflochten⸗ war. Adolar ſchob ſie mit einigem Unmuthe unter die Weſte zurück, feſt entſchloſſen, das ſo 127 räthſelhafte Geſchenk ſeines alten geheimnißvollen Freundes einſt nach ſeinem Wunſche zu benutzen⸗ Tag an Tag flog dem Reiſenden ſchnell da⸗ hin, und ohne irgend einen Unfall oder ein be⸗ deutendes Reiſeabenteuer erreichte er die Graͤnze Italiens; die vorzuglichen Päſſe, welche er durch Maxime's Freundſchaft erhalten hatte, halfen ihm gluͤcklich durch das feindliche Armeekorps, welches nahe an der Graͤnze ſeines Vaterlandes ſtand; und je naͤher er dem Ziele ſeiner Reiſe kam, deſto groͤßer wurde ſeine Ungeduld, es zu erreichen. X. Dunkel glühend ſchien die Abendſonne durch die bunt bemalten Fenſterſcheiben des Kloſters Marianky, und in dem hellen, heitern Sprech⸗ ſaale tanzten die bunten Lichter mit den Schat⸗ ten der vom Abendwinde ſanft bewegten, dicht belaubten Baumzweige verſchlungen, an den ho⸗ hen Waͤnden hin. Drinnen regte ſich eine ſtille, aber emſige Geſchaͤftigkeit; mehrere bejahrte Non⸗ nen ſaßen ernſt neben großen Korben voll fri⸗ ſchen Gruͤns und wuͤrzig duftender Fruͤhlings⸗ 6 128 Bluͤhten, und wanden mit kunſterfahrenen Haͤn— den Kraͤnze und Guirlanden zum morgenden Oſterfeſte, die Kirche und ihre Heiligenbilder zu ſchmuͤcken. Schon war die Arbeit ihrem Ende nahe, und die wohl gelungenen Feſtons waren bis zum nahen Gebrauch zwiſchen den Saͤulen, welche die Decke des Saales trugen, aufgehangen. Caͤcilie, die Abtiſſinn des Klo⸗ ſters, ſaß am oberen Ende der Fenſterreihe, wie es ſchien, in das Leſen eines Buches vertieft, doch ſchweifte ihr Auge oftmals uͤber die Blaͤt⸗ ter desſelben hin und den Feldweg entlang, wel⸗ cher vom fernen Huͤgel in's Thal hernieder fuͤhrte, oder ſie wandte die milden Blicke ſeitwäͤrts, ih⸗ rem lieben Pflegekinde, Joſephe, mit einem freundlichen Laͤcheln zuzunicken, die halb verſteckt hinter einer breiten Saͤule und der Blumenfuͤlle um ſie her, aus kuͤnſtlichen weißen Roſen die Feſteskrone fuͤr die gebenedeiete Mutter des Hei⸗ landes wand. Da offnete ſich raſch die Eingangsthuͤr; mit der Pfoͤrtnerinn zugleich trat ein ſchlanker Juͤng⸗ ling ein, und von Caͤciliens Lippen tonte es im ſanften Schreck: Adolar! Adolar! mein theures Kind! Die hohe Frau erhob ſich in demſelben Augenblicke, dem ſo lange Vermißten entgegen zu eilen; doch Schreck und Freude 129 hielten ſie gefeſſelt; noch bleicher wie gewöhnlich lehnte ſie ſich, angegriſſen von der überraſchung, an die Fenſterwand, und der zaͤrtliche Juͤngling ſank in holder Demuth vor der geliebten Pflege⸗ mutter nieder. Geruͤhrt, begluͤckt im innerſten Herzen, legte ſie ſegnend die Haͤnde auf das goldene Locken⸗ haupt des Juͤnglings, und wendete ihn den Säu⸗ len zu, zwiſchen welchen Joſephe, einer Licht⸗ erſcheinung gleich, verklaͤrt vom letzten Abend⸗ glanze, unter den friſchen Fruͤhlingsbluͤhten ſtand. Wer hielt Adolar's Herz empor uͤber dem Wonnemeere, in deſſen Wellen es zu verſinken ſchien! Gefeſſelt, geblendet von der Erſcheinung, die ihm entgegen trat, ſchien ſich ſeine Seele dem Koͤrper entſchwingen zu wollen; es trieb ihn, vor die hohe Jungfrau, vor das Ideal der Schönheit anbetend hin zu ſinken, ihr des Her⸗ zens kuͤhnſte geheimſte Sehnſucht zu bekennenz doch gefeſſelt von der ſuͤßen Qual, die all ſein Blut in heißen Stroͤmen zum Herzen trieb, ſag⸗ te Joſephen nur ein tiefer, ſeelenvoller Blick, daß ſein Herz ihr jetzt und ewig unterthan ſei! ——„Iſt das die Eine, die überirdiſche, die Leontin in ſeinen Göttertraͤumen meint?— Bin ich der Auserwaͤhlte, der Begluͤckte, dem ſie erſchienen, der ſie anbeten darf?“— So fragte Zweiter Band. J 130 ſich Adolar und konnte die Blicke nicht von Joſephen abwenden, die ihm jetzt in jung⸗ fraͤulich milder Hoheit entgegen trat. In froher Uiberraſchung hielt ihm die Jung⸗ frau mit der einen Hand die Roſenkrone ent⸗ gegen, waͤhrend die andere ſich zum innigen Gruße ihm darbot; entzuͤckt, beſeligt, kuͤßte Adolar die bluͤhtenweißen Finger, die, wie die Erſtlings⸗ knospen des Fruͤhlings, ſich der Schneehuͤlle des faltigen Gewandes entwanden. Als ſänke die Sonne ſelbſt mit all ihren Strahlen in ſein Herz, ſo zuͤndeten die Flammen ihrer dunkeln Augen in ſeiner Bruſt. Umſchattet von der Nacht rabenſchwarzer Locken, glaͤnzte ihre weiße Stirn, ihre Wangen gluͤhten vom ſanfteſten Anhauch einer eben aufgebluͤheten Roſe, waͤhrend die ſuͤßen Lip⸗ pen in dunkler Korallengluth brannten.— Wie in feſt verſchloſſener Meeresmuſchel die ſchimmernde Perle reift, ſtill und tief verborgen, bis ſie der kuͤhne Taucher aus der dunkeln Tiefe an den ſonnenhellen Tag empor zieht: ſo war Joſephe zwiſchen den einſamen Kloſtermauern, eine ſtrahlende Perle, empor gereift. übergoſſen von dem milden Reize, den die Mutter auf ſie vererbt, hatte Caͤciliens ernſte Wuͤrde, ihre reine ſchoͤne Seele, der Jungfrau Herz und Sinn mit einem noch ſchoͤneren geiſtigen Zauber ge⸗ — 131 ſchmuͤckt.— Berauſcht von der Gluth ſeiner Gefuͤhle, flogen an Adolar die Stunden und Tage hin, die er in der Naͤhe, an der Seite die⸗ ſer Huldgoͤttinn zubringen durfte, und Joſe⸗ phe, angezogen von des Jugendfreundes liebli⸗ cher Erſcheinung, ſeiner holden freundlichen Sitte, ſeiner anbetenden Huldigung, zeigte ihm das ſchö⸗ ne Vertrauen eines reinen, von inniger Freund⸗ ſchaft ſanft bewegten Herzens. Bis dahin nur auf die Geſellſchaft ihrer aͤltern Freundinnen an— gewieſen, oͤffnete ſie ihre unſchuldige Seele gern den Regungen eines jugendlichen Gemuͤths, doch blieb ihr Sinn, dem gluͤhenden Adolar gegen⸗ uͤber, frei und ungetruͤbt. Mit Entzuͤcken breitete Adolar die Schätze ſeiner Kunſt vor den theilnehmenden, lobpreiſen⸗ den Frauen aus; Joſephe ſchwelgte in den herrlichen Nachbildungen beruͤhmter Meiſterwer⸗ ke, die er in Italien gemalt, waͤhrend Cäcilie mit frohem Erſtaunen das kühne Talent ihres Pflegekindes bewunderte. Aber was Joſephen noch mehr entzuͤckte, war das ſuͤße Spiel ſeiner Mandoline, das er aus Italien mit heruͤber gebracht; ſie horchte ſelig bewegt auf die rauſchenden Accorde, und wuͤnſchte nichts mehr, als ſelbſt die goldenen Saiten beherrſchen zu koͤnnen.— Mit welcher 3 2 132 Luſt, mit welchem Eifer wurde Adolar ihr Lehrer darin! Joſephe hatte eine ſuͤße Stim⸗ me, und er erbat ſich, ihr einige der ſanften Can⸗ zonette, welche in der weichen italiſchen Mund⸗ art ſo hinreißend ertonen, lehren zu duͤrfen, und Cäcilie, deren reines Herz mit himmliſcher Freude die innige Seelenliebe der beiden, ſo enge verwandten Herzen ſah, gönnte ihnen gern das fluͤchtige Zuſammenleben dieſer heitern Zeit und gab willig ihre Zuſtimmung; doch verwies ſie Lehrer und Schuͤlerinn mit ihren Liebesklagen, denn ſolchen Inhalts mochten die geprieſenen Canzonette wohl ſeyn, aus den ernſten ſtrengen Mauern des Kloſters. In die freundlichen Bluͤh⸗ tengebuͤſche des Gartens wurden ſie verbannt, um den Heiligen des Kloſters kein Argerniß an der irdiſchen Liebesgluth zu geben. Ach, dieſe geheimen Schatten, wo der Juͤng⸗ ling dem Lieblinge ſeines Herzens Luſt und Qual in einer demſelben unverſtaͤndlichen Sprache ſin⸗ gen durfte, wo ſeine Blicke ſagen konnten, was die Lippe furchtſam verſchwieg, wo die ſanften Lautenklänge wie unſichtbare Boten in ihre See⸗ len drangen, vollendeten den Zauber der Liebe, dem er unterlag. Nur Sie war am Tage ſein Gedanke, war der Traum ſeiner Nächte; aber wie eine Gottheit, herrlich und unerreichbar, ſchien 133 Joſephe mit himmliſcher Milde auf ihn nieder zu blicken, doch nimmer ſeinen uͤberkuͤhnen Wuͤn⸗ ſchen zu laͤcheln. Doch es galt ja das Ringen um das Hoͤchſte, was die Erde zu verſchenken hatte! War ſie gleich die hochadelige Graͤfinn Caboga, er nur der heimathloſe, in der Dun⸗ kelheit geborne Fremdling, trug er nicht auch den Adelsbrief der Kunſt in ſeinen Haͤnden, das Siegel des Muths und der Schoͤnheit auf ſei⸗ ner Stirn? War ſein Herz es je gewohnt ge⸗ weſen, an irgend einem Wunſche zu verzagen? hatte er nicht immer am liebſten an das Un⸗ erreichbare die ganze Kraft ſeines Willens ge⸗ ſetzt?—— Waͤhrend Liebe, Hoffnung und Vertrauen auf dieſe Weiſe ſeine jugendlichen Sinne beweg⸗ ten, legte Cacilie, ohne zu ahnen, wie kuͤhn ſeine Wuͤnſche umher ſchweiften, denſelben Zuͤgel an. Sie war es, welche den jungen Kuͤnſtlrr beſtimmte, ein werthvolles Altarblatt fuͤr den Hochaltar der Kirche zu malen, um der uͤber⸗ ſchwenglichen Fuͤlle ſehnſuͤchtiger Gefuͤhle in Ado⸗ lar's Herz und Phantaſie einen ſchönen Spiel⸗ raum zu geben.„Nicht um Lohn ſollſt Du das Bild mir malen,“ ſprach Caͤcilie,„ich will es als ein Geſchenk Deiner Liebe empfangen, und dieſes Bild, welches Dir, Adolar, gleich⸗ 134 ſam die Meiſterſchaft Deiner Kunſt aufpraͤgen ſoll, wird Dir einen Lohn bringen, den Dir theure Haͤnde noch aus dem Grabe herauf reichen. Adolar ſah ſie geſpannt, erwartend an; doch Cäcilie ſchwieg; den Finger auf die Lippe legend, ſprach ſie dann:„Geduld, mein Sohn; das Bild und dann der Lohn.“ Caͤciliens geheimnißvolle Worte waren nicht geeignet, Adolar's hoch fliegende Plane herab zu ziehen, ſie trugen ihn vielmehr noch höher und erinnerten ihn an das Horoſkop, wel⸗ ches ihm der alte Sponini einſt geſtellt,„Ei⸗ nem hohen Hauſe angehorend,“ hatte es geſpro⸗ chen. Wie viel goldene Hoffnungsträume ließen ſich nicht aus dieſen dunkeln Worten ſpin⸗ nen! So ging Adolar denn mit kuͤhnem Ver⸗ trauen, mit uͤberſtolzem Muthe an die Arbeit. In dem Hauſe des Kloſterverwalters, wo er ſein voriges Zimmer bezogen hatte, wollte er vor jedem fremden Blicke das Gemaͤlde ſo lange ver⸗ bergen, bis er es vollendet habe. Hier begann er die Arbeit, und der Entwurf des Bildes be⸗ ſchaͤftigte ihn ſo ſehr und riß ihn ſo unaufhalt⸗ ſam hin, daß er ſchwelgend in dem Phantaſie⸗ gebilde, das ſchon vollendet in ſeiner Seele lag, die Außenwelt vergaß und drei Tage faſt Allem entfremdet war.— Der Entwurf war uͤber 135 ſein Erwarten gelungen; mit ſich ſelbſt zufrieden ſchob er am dritten Abende, als die Sonne ſank, die Staſſelei bei Seite, und wanderte im ſtol⸗ zen Muthe, mit klopfendem Herzen der Kloſter⸗ pforte zu.— Cäcilie begruͤßte ihn freundlich, und ſandte ihn hin, Joſephen aus dem Kloſtergarten zu rufen; in vertraulichen Geſprächen wollte die fromme Jungfrau mit ihren Kindern weilen. Adolar ging den Garten entlangz in einer ho⸗ hen Buchenallee ſah er den Liebling ſinnend auf und ab wandeln; goldene Abendlichter blitzten dann und wann durch die lichten Wipfel der Baͤume hin auf ihr fliegendes Gewand; himm⸗ liſch verkläͤrt, wie immer, erſchien ſie dem liebe⸗ trunkenen Juͤngling.— Sie hoͤrte ſeinen na⸗ henden Schritt, ſie wandte ſich, und ihn er⸗ blickend, lenkte ſie ihre Schritte ihm entgegen. Adolar ſah ſie nahen, erwartend ſtand er ſtill und das toͤnende Lautenſpiel in den Armen wie⸗ gend, die Flammenaugen, begeiſtert von den ſuͤßen Toͤnen, zum Himmel gewendet, ſchwebte die Jungfrau immer naͤher auf ihn zu. Adolar verging in der Wonne dieſes Au⸗ genblicks, er ſtuͤrzte zu ihren Fuͤßen nieder; ſtur⸗ miſch die ihm dargebotene Hand an Herz und Lippen druͤckend, fand er keine Worte, das Ge⸗ 136 fuͤhl, welches ſein Herz bewegte, auszuſprechen. Erſchreckt von ſeiner Heftigkeit, ſeinen feurigen Blicken, entzog ihm Joſephe mit ſanfter Ge⸗ walt ihre Hand.„Was iſt Ihnen, mein Freund?“ ſprach ſie ernſt und leiſe;„Sie ſcheinen ſo un⸗ ruhig, ſo aufgeregt, Sie ſind doch wohl?“— Als wuͤrde ein Eisſtrom kältend durch ſeine Adern gegoſſen, ſo lähmte Joſephens ruhige Beſon— nenheit den Aufſchwung ſeines Herzens. Em⸗ pfand ſie denn keine Sehnſucht in der ſtolzen Bruſt, theilte ſie denn ſeine Flammen nun und nimmer?— Wie konnte ſie bewahrt bleiben vor der Liebesgluth, die maͤchtig, wie der kuhne Juͤngling wähnte, aus ſeiner Bruſt, aus ſeinen Augen, auf ſie eindringen mußte? Doch ruhig und kalt hob ſich Joſephens Buſen, und ge⸗ feſſelt war ſein Mund, wie immer, von ihrer Zaubermacht. Joſephe ließ ſich auf einen nahen Garten⸗ ſitz nieder und winkte Adolar an ihre Seite. „Ich dachte Sie recht freundlich,“ ſprach ſie. nun faſt ſcheu,„mit meinen Fortſchritten zu uͤberraſchen, ich ſinge und ſpiele das liebliche O cara memoria! jetzt gewiß recht fertig, darf ich es Ihnen vorſingen?“—„ D ſingen Sie, Joſephe, ſingen Sie; beſchwichtigen Sie mit Ihren Engelslauten dieſes verlangende Herz —.— rief Adolar bewegt.— Foſephe ließ das Saitenſpiel in ihren Schooß ſinken, ein ahnen— des Gefuͤhl, was der liebetrunkene Juͤngling eine, verletzte ihr Gemuͤth; doch vom ſchoͤn⸗ ſten ſichern Takt geleitet, verrieth ſie ihm ſelbſt dieſe leiſe Ahnung nicht; mit unbefangenem Lächeln ſchlug ſie die vollen Accorde an und ihrer Stimme Silberklang ſchwang ſich ohne Beben zu den hohen Laubkronen auf.— Adolar hoͤrte ihr träumend zu, und wirklich wurde es ſtill und leicht in ſeiner Bruſt; er ſagte ihr bewegt, wie ſeelenvoll ſie geſungen, er nahm ihr die Laute aus den Armen, er bat ſie, zu Caͤ⸗ cilien zu gehen, welche ſie erwarte, und ihm noch einige einſame Augenblicke hier zu vergoön- nen. Joſephe ſchwebte davon, er aber wan⸗ delte noch lange unter den daͤmmernden Schat⸗ ten, und ſein leiſes Selbſtgeſpräch begleiteten ein⸗ zelne ſcharfe Accorde, die er bewußtlos den von der Abendkuͤhle verſtimmten Saiten entriß.— „Schwebe nur hin, du Stolze, und gehe acht⸗ los an meiner Qual voruͤber,“ rief er Joſe⸗ phen nach;„auch in Dein unſchuldiges Herz will ich die Flamme ſenken, die mich verzehrt, aus ſeinem ruhigen Schlummer will ich es mit meinen Schmerzen aufſchreien, bis es ſehnſuͤchtig mir entgegen ſchlaͤgt, und der ſuͤße Kuß Deines 1³⁸ Mundes den Liebesdurſt kuͤhlt, den Deine Glut⸗ augen entzuͤndet.“ Als Joſephe am Abend dieſes Tages in ihrer ſtillen Zelle ſaß, fuͤhlte ſie ihr bis dahin ſo unbefangenes Herz beklommen; es war ihr, als ob mit Einem Male eine recht große Freude aus ihrem Leben genommen ſei, und als ſie fern⸗ hin, jenſeits der Kloſtermauer leiſe, ſehnſuͤchtige Toͤne vernahm, ſiel es recht ſchwer auf ihre Seele, daß es wohl Adolar ſei, der dort mit ſeiner Laute wandele. Mit unbeſchreiblicher Angſt loͤſchte ſie ihr Abendlaͤmpchen aus, deſſen Schein ihr Zellenfenſter erleuchtete; im Dunkeln ſuchte ſie ihr Lager, und beugte das ſchwermuͤthige Haupt recht tief in den weichen Flaum, den ſußen, Alles vergeſſen machenden Schlummer her⸗ bei zu rufen; doch noch lange ſchwirrten drau⸗ ßen die Töne, rauſchten ſelbſt in ihrem friedli⸗ chen Traume; Adolar's Bild verſchwand, aber die ſanften Toͤne erklangen fort durch ihren Schlummer. Als die Morgenröthe laͤngſt vor⸗ uͤber geflogen war, erwachte das Mädchen, und der erſte namenloſe Sehnſuchtsſchmerz der Jugend brannte ihr im Herzen.— Adolar fand ſie ſeit dieſem Tage nicht mehr allein; in den weni⸗ gen Stunden, wo er jetzt und noch dazu ſelten im Kloſter erſchien, blieb Joſephe immer an ———.———— 1³9 Cäciliens Seite; ſie ſchien ihr liebes Lauten⸗ ſpiel vergeſſen zu haben, und ſtets war ihr Ge⸗ muͤth von einer wehmuͤthigen Angſt ergriffen, wenn Adolar in ihrer Naͤhe erſchien⸗ Mit einer ſchmerzlichen Wuth mußte der Juͤngling wahrnehmen, wie er Joſephens un⸗ ſchuldiges Vertrauen verſcherzt, wie er ſelbſt das, was er beſeſſen, ihre Huld und Freundſchaft, durch ſein gluͤhendes Lieben, womit er ihre ſanfte Seele eingeſchuchtert, wieder verloren habez doch von ſeinen Hoffnungstraͤumen auf unerreichbare Sterne gefuͤhrt, uͤberſah er die breite Kluft, welche zwiſchen ihm und der Graͤfinn Caboga lag. Ach, die Geliebte, die Goͤttinn ſeines Her⸗ zens, gehorte keinem irdiſchen Stande an!— Er warf ſich an ſeine Staſſelei, und in ſol⸗ chen Stunden, wo unter zagenden Hoffnungen dennoch das gluͤhende, verlangende Herz ſeinen Liebesſchmerz uͤberfluͤgelte, forderte ſich ſeine Ar⸗ beit wunderbar. Seine eigenen ſichern Erwar⸗ tungen uͤbertreſfend, ſprach aus dem Gemaͤlde ein gluͤhendes Leben. Von der Begeiſterung durch⸗ haucht, welche die Liebe dem Juͤngling verlieh, ſchien es dieſe Begeiſterung ſpäterhin auch auf die zuruck zu werfen, weiche es erblickten. Der kuͤhne Genius, welcher dem Juͤnglinge die Hand fuͤhrte, war ſeines Sieges ſich im Voraus bewußt. —— XI. Im ſtolzen Selbſtgefuͤhle wanderte Adolar in's Kloſter, den Frauen die Vollendung des Gemaldes anzukuͤndigen; Beide waren daruber ſehr erfreut und Cacilie beſtimmte deſſen Auf⸗ haͤngung uͤber dem Hauptaltar der Kirche am Vorabende eines nahen Kirchenfeſtes; bis dahin wollte ſie ſich den Anblick des Gemäldes noch verſagen, erſt an der geheiligten Stelle wollte ihr frommer Sinn ſich daran erfreuen und erheben. Adolar war dieſe Verzögerung peinlich, doch er fuͤgte ſich gehorſam dem Wunſche der Pflegemutter. Er war nun wieder taglich um die Geliebte, und trank in vollen Zuͤgen das ſuͤße, aber verderbliche Gift ihrer Schönheit und ihres Seelenzaubers; doch wie kaͤltende Waſſertropfen fiel ihr unbezwinglicher Kaltſinn, ihr ewig gleich ſtilles ernſtes Benehmen, in die Liebesglut ſei⸗ ner Bruſt, und höher ziſchte und flammte ſie davon auf. Einer peinigenden Unruhe hin gege⸗ ben, beſchaͤftigte er ſich auf's Neue, Joſephens Bild, das ſo lebendig in ſeiner Phantaſie lebte, auf eine zarte Elfenbeinplatte zu malen; ſpre⸗ chend ähnlich lächelte ſie ihn, mit dem Fruͤh⸗ lingsſchimmer auf den Wangen, wie ſie ihm zuerſt erſchienen war, an.„Ja, Du biſt es, 141 heiß Geliebte, die meine Seele gefangen nahm, und auf dem Altare meines Herzens will ich dich tragen!“ rief der junge Kuͤnſtler entzuͤckt, in⸗ dem er mit Haſt die Ketten von ſeiner Bruſt nahm, an welchen Sponini's Andenken, das goldene Medaillon befeſtigt war. Doch vergeb⸗ lich war ſein Bemuͤhen, die Elfenbeinplatte in die Kapſel einzuzwaͤngen; in ſeinem Eifer nur allein mit den holden Engelszuͤgen der Jungfrau beſchaͤftigt, hatte er die Platte viel zu groß ge⸗ waͤhlt, und konnte, ohne das Bild zu beſchaͤdi⸗ gen, ſie nicht verkleinern; ſeine Blicke betruͤbt auf das leere Medaillon ſenkend, deſſen innere Ruͤckwand von mattem Golde der geſchliſſene Kryſtall bedeckte, kam ihm plotzlich der Gedanke, die Geliebte noch lieblicher, noch herrlicher auf den Goldgrund ſelbſt zu malen, und ſie ſo dem Medaillon ganz einzuverleiben, das Bild ſo vor jeder Beſchaͤdigung zu ſichern. So ſchuf ſich Adolar ſelbſt ein Paradies in ſeiner Ein⸗ ſamkeit, denn rings um ihn lachte die Erſehnte, zu immer hoherer Liebe den Juͤngling entflam⸗ mend. Er mochte faſt ſein Zimmer, das Alles umſchloß, was er bis jetzt von der Jungfrau ſein nennen durfte, nicht mehr verlaſſen; Jo ſe⸗ phens ſtrengen Blicken gegenuͤber war ihm nicht ſo wohl, wie hier. So Schmerz und Liebe zugleich 142 naͤhrend, erwartete er mit Ungeduld den Tag, wo ſein Bild fremden Blicken enthuͤllt werden ſollte. Einſam, nur ſeinen Befuͤrchtungen und Hoffnungen hin gegeben, trat die Erinnerung der Vergangenheit tröſtend an ſeine Seite; er mußte ſeines Freundes Maxime gedenken, noch hatte er ihm keine Nachricht von ſich gegeben. Ach! mit ſeiner Ankunft im Kloſter Marianky war fuͤr Adolar ein neues Seyn, eine neue Welt aufgegangen. Bilder und Eindruͤcke, die ihm ſonſt ſo theuer, ſo wichtig waren, hatte er ver⸗ geſſen, zuruͤck geworfen; denn was galt ihm im Vollgenuſſe ſeiner Liebeswuͤnſche noch außer Jo⸗ ſephen? Doch jetzt, wo ſo manche Stunde ihn den troſtloſen Befuͤrchtungen uͤbergab, wo ſeine verzehrende Sehnſucht nirgend einen Ruhepunkt fand, floh er an des Freundes Bruſt. Maxime erfuhr ſein Gluͤck und ſeine Qual. Er breitete vor ſeinem beſonnenen Freunde ſein uͤberſchwenglich reiches und doch wieder ſo armes Leben aus. Im Zauberglanze ſeiner Liebe zeigte er ihm die Geliebte, doch nannte er ihren Na⸗ men nicht; aber das Bild, auf Elfenbein gemalt, beſtimmte er Maxime'n und ſandte es ihm als ein Pfand ſeines Vertrauens, nicht ahnend, daß die himmliſche Schoͤnheit, welche es darſtellte, drei Herzen zugleich mit dem Pfeil der Liebe 143 treſſen wurde, welche die innigſte Seelenharmonie ſchon fruͤher ſo feſt verbunden. Maxime empfing das Bild und ſeine Au⸗ gen weilten mit uͤberirdiſchem Entzuͤcken auf dem⸗ ſelben; tief in ſeine Seele zog die Seele der Jungfrau, die aus den ſiegreichen Augen auf dem Bilde ihm entgegen leuchtete.„Himmliſche Jungfrau,“ ſprach er mit namenloſer Wehmuth vor ſich hin,„waͤrſt Du nicht meines Ado⸗ lar's Geliebte, wie der Pilgrim wuͤrde ich die Welt durchziehen, das Gnadenbild aufzuſuchen, was den aufgeregten Sturm meiner Gefuͤhle be⸗ ſchworen wuͤrde, doch der Freund ſandte dich nur, mich als ein dauernder Schmerz durch's Leben zu begleiten!“—— Leontin blieb das Bild eine lange Zeit verborgen, denn Maxime, eiferſuͤchtig, dieſe hinreißenden Zuͤge von einem andern Auge er⸗ blicken zu laſſen, hielt es ſtets in einem verſteck⸗ ten Fache ſeines Schreibtiſches verwahrt; doch oft, voll Sehnſucht die Blicke daran labend, legte er es in muͤßigen Stunden neben ſich hin und ſog immer innigere Liebe daraus. Ein ſehr wichtiges Dienſtgeſchaͤft rief ihn einſt plotzlich von ſeinem ſüßen Spiele hinweg, er verſaͤumte das Bild zu verſchließen, da er gleich zuruͤck zu 144 heen dachte. Indeſſen verzoͤgerte ſich dieſe Ruͤck⸗ kehr. Leontin kam in der Abweſenheit ſeines Bruders in deſſen Zimmer; das Bild Joſe⸗ phens erblicken und es inbruͤnſtig an ſeine Lip— pen druͤcken war Eins. Wer iſt dieß Zauber⸗ weſen, o mein Gott, wo weilt die Göttliche! rief er, Alles um ſich vergeſſend, aus.— Ver⸗ loren im Anſchauen, ſtarrte er dann wie ein Marmorbild auf das Gemaͤlde hin, ſeinen Lip⸗ pen aber entrangen ſich die zaͤrtlichſten Namen gegen dasſelbe.— So fand ihn Maxime, welcher dieſes Mal mit einigem Ungeſtuͤm ſeine Rechte auf das theure Bild behauptete; doch Leontin, Alles uͤberhoͤrend, ſank ihm zu Fuͤßen, und beſchwor den Bruder, bei Allem, was ihm theuer und heilig, bei dem Höoͤchſten, was das Leben beut, bei dem göttlichen Bilde ſelbſt, ihm zu ſagen, wer die Huldinn ſei, wo ſie weile, wo er ſie finden koͤnne;— ſeine Augen flamm⸗ ten, ſeine Wangen glühten, und die ſchoͤne Stirn zog ſich drohend zuſammen, als Maxime ſprach⸗ los, vernichtet uͤber ſein ihm gegen⸗ uͤber ſtand. „Mir das Bild, es iſt mein Eigenthum,“ rief er dann ſehr ernſt,„was muͤhſt Du Dich, thorichter Juͤngling, um ein Ideal, das eine 145 Meiſterhand einſt in einer gluͤcklichen Stunde ſchuf!“— „Ein Ideal!“ ſchrie Leontin ſchmerzlich auf und ließ das Bild in des Bruders verlan⸗ gende Hand fallen.„Ein Bild der Phantaſie iſt dieſe Gottliche! Ach nur zu wahr, denn wo gaͤbe es wohl ein irdiſches Weib mit ſolchem Reize begabt! lebte die Herrliche, ſie muͤßte mein ſeyn, und ſollte ich ſie Dir, o Bruder, ſelbſt aus den Armen reißen!— O hinweg mit dem Bilde, verbirg dieſe Blicke ewig meinen Augen, ſie verſengen, obſchon ſelbſt todt, doch mein Herz; lachten ſie mir in lebendiger Liebesgluth: das Leben ſelbſt muͤßte ich an ihren Beſitz ſetzen!“ So wild bewegt ſtuͤrmte er fort, und ſeit dieſer Stunde ſchien ſein Herz fuͤr Frauenſchoͤnheit er⸗ ſtarrt. Neue Feldzuͤge riefen den jungen Krie⸗ ger bald darauf in das Gewuͤhl der Schlachten, brachten ihm Ruhm und Gluͤck, und wenn der gluͤhende Sinn ſich auch oftmals auf die holden Erſcheinungen der Frauenwelt richtete, die ihm im Laufe ſeines reich und wild bewegten Lebens entgegen traten: ſo wandte ſich ſein Herz um ſo verlangender der unerreichbaren Schoͤnheit zu, die ihm im Bilde erſchienen war. Ohne es ſich ſelbſt in den leiſeſten Gedanken gelobt zu haben, hielt er dem Ideale ſeiner Seele eine ſtille ge⸗ Zweiter Banb. K 146 heime Treue; durch Blut und Gefahr war die Einzige das Panier ſeines Muths und ſeiner Siege, und in ruhigen Stunden der Keut ſeiner Traͤume. —————— XII. Die Tage bis zur Aufſtellung des Bildes in der Kloſterkirche waren verronnen; Caͤcilie ſandte am Vorabende des Feſtes zu Adolar, das Bild in's Kloſter bringen zu laſſen. Ado⸗ lar folgte mit klopfendem Herzen ihrem Befehle und langte mit ſeinem Bilde, als die Dämme⸗ rung eingetreten war, daſelbſt an. Der Hoch⸗ altar glaͤnzte im Kerzenglanze. Adolar fand Alles vorbereitet und gebot den Laienbruͤdern, welche das Gemaͤlde getragen, jetzt ihre Geruͤſte aufzuſtellen, um es zu befeſtigen; er aber trat in den unerleuchteten Vordergrund der Kirche zuruͤck, wo eben Cäcilie und Joſephe, welche ihn hier ſchon erwartet hatten, aus einem Bet⸗ ſtuhle hervor traten. Allen ſchlug das Herz in froher Erwartung, und beſonders war es Jo⸗ ſephe, welche den Augenblick kaum erwarten konnte, wo die ſo lange erſehnte Freude, das 147 Bild zu ſchauen, ihr zu Theil werden ſollte; voll Ahnung, daß Adolar ihr in wenigen Mi⸗ nuten einen hohen Genuß bereiten werde, trat ſie ihm mit ſanfter Milde entgegen, und bot ihm, wie fruͤher, liebevoll die Hand. Adolar, entzuͤckt und geruͤhrt, ergriff die ſchone Hand, aber voll Scheu vor der Jungfrau, die in dem ſchwa⸗ chen Daͤmmerlichte wie eine Heilige vor ihm ſtand, wagte er nicht, die ſuͤße geliebte Hand an ſein Herz oder an ſeine Lippen zu druͤcken; ſanft umſchloß er die zarten Bluͤhtenfinger und hielt ſie mit Entzuͤcken lange gefaßt, indeſſen die öbtiſſinn mit ihm uͤber das Altarblatt redete.— Lange war Adolar nicht ſo ſanft, ſo ruhig, wie hier in der feierlichen Stille des hohen ge⸗ woͤlbten Raumes geweſen; es drang wie ſonſt fuͤr den geliebten Freund ein inniges Gefuͤhl in Joſephens Seele; ſie entzog ihm ihre Hand nicht, und wie ein Paar recht liebe verträgliche Geſchwiſter ſtanden die ſchonen Kinder ihrer jung⸗ fräulichen ernſten Pflegemutter gegenuͤber; eine ſanfte Wärme drang aus Adolar's gluͤhenden Pulſen in Joſephens Herz, es waren ſelige Minuten fuͤr die lieben glucklichen Menſchen. Die lauten Hammerſchlaͤge, welche das Ge⸗ woͤlbe durchdroͤhnt hatten, verſtummten jetzt, das Gemaͤlde war befeſtigt und Adolar erſuchte die K2 148 Frauen, noch weiter dem Eingange nahe zuruͤck zu treten, um den ſchoͤnſten Totaleindruck des Ganzen im rechten Lichte zu empfangen. Jo⸗ ſephe fuͤgte ſich ſchnell ſeinem Verlangen, doch Caͤcilie bat ihn, ihr zu vergoͤnnen, dem Altare vielmehr näher treten zu duͤrfen, da ihr kurzes Geſicht ihr ſonſt den Genuß verkuͤmmern werde, und Adolar zeigte ihr deßhalb einen Stand⸗ punkt, den ſie alſobald, weit von den Andern entfernt, einnahm. Jetzt gebot Adollar, den Vorhang des Ge⸗ maͤldes weg zu ziehen; es geſchah und mit einem lauten Ach! ſank die fromme Caͤcilie betend, das Geſicht gegen das Gemaͤlde gewandt, nieder. Adolar ſtand neben Joſephen, den Eindruck zu belauſchen, den der Anblick des Bildes auf ſie haben wuͤrde. Ein uͤberirdiſches Entzuͤcken ſchwamm in ihren Blicken, ihre matt beleuch⸗ teten Zuͤge ſchienen ſich, wie vor einer himmli⸗ ſchen Erſcheinung, leuchtend zu verklaͤren, weit breitete ſie die Arme dem Hochaltare zu und ſank dann mit einem ſchweren Seufzer auf das Betpult vor ſich hin. Kein Laut drang aus ihrer Bruſt, Adolar ſtand eben ſo ſchweigend neben der Jungfrau, ihr inbruͤnſtiges Gebet nicht zu ſtören; da rief Caͤcilie, die ſich von ihren Knieen wieder erhoben hatte, ſeinen Ramen und 149 winkte ihn zu ſich her. Leiſe ſchlich er ſich von Joſephen weg, hin zu Cäcilien, die ihn mit dankbaren, in Thraͤnen ſchwimmenden Augen betrachte.„Mein Adolar,“ ſprach ſie inniger wie je,„Du haſt meine hoͤchſten Erwartungen uͤbertroſſen; welch ein herrliches Geſchenk hat mir Deine Liebe, Deine Kunſt gemacht!— Wie unverkennbar traͤgt die gebenedeiete Jung⸗ frau die Zuͤge Joſephens, nie konnteſt Du ſchoͤner waͤhlen, wuͤrdig iſt die reine, keuſche Seele des hohen Vorzugs, den Du ihr gege⸗ ben.“— Sanft druͤckte ſie Adolar's Hand an ihr Herz, und muͤhſam eine tiefe Bewegung unterdruͤckend, ſprach ſie weiter:„Wenn Euch, Ihr Lieben, nun bald das Leben von meiner Seite ruft, ach ſo habe ich Euch doch nicht ganz verloren, mir bleibt Joſephens Bild und Dein Geiſt, o Adolar, der aus Deinem Kunſtgebilde ſpricht!“— Die ſanfte Caͤcilie ſtellte ſich nun auf's Neue, im Anſchauen verloren, dem Bilde gegenuͤber, das eine Kroͤnung der heiligen Jungfrau darſtellte, die eben ſo herrlich erfunden als ausgefuͤhrt war. Im Vordergrunde des Bil⸗ des ſchwebte die Himmelskoniginn Maria auf einem vom Morgenroth umſaͤumten Wolken⸗ throne, von dem ihr weißes fliegendes Gewand herab leuchtete, von Engelöſittigen ſanft empor 5 150 getragen, auf, waͤhrend im Hintergrunde aus dunkelm Gewolke das Strahlenthor des Himmels ſich geoffnet hatte, aus dem der Fuͤhrer der himm⸗ liſchen Heerſchaaren, St. Michael, mit ſeinen Engeln auszog, die erhabene Mutter des Hei⸗ landes zu kroͤnen. Leicht geruͤſtet ſchwebte der herrliche Engel, das Fluͤgelpaar ſchuͤtzend uͤber die Jungfrau ausgebreitet, in ſeiner Rechten das breite leuchtende Schwert vor ihr ſenkend, mit ſeiner Linken die zarte Strahlenkrone ſanft auf ihr heiliges Haupt legend, das ſie in milder Demuth beugte, indem ihre Strahlenaugen an⸗ betend zu dem göttlichen Boten empor blickten, und die ſelig laͤchelnden Mienen dem engliſchen Gruße horchten.—— „Ich werde Schweſter Angelika herbei rufen,“ hob jetzt Caͤcilie an, nachdem ſie das Bild lange mit unverwandtem Auge betrachtet, „meine alte Vertraute, die italieniſche Nonne, die immer ſo gern von den herrlichen Altarge⸗ maͤlden ihres Vaterlandes ſpricht; ich muß den Eindruck noch heute ſehen, den unſer Bild auf ſie haben wird; verweile Du indeſſen bei Jo⸗ ſephen, ich kehre gleich zuruͤck.“ Sie ging uͤber das Chor in's Kloſter hinab. Adolar ging zu Foſephen zuruͤck. Er fand ſie, nie er ſie verlaſſen, noch vor dem Bet— 15¹ pulte knieend, mit der ſchoͤnen Stirn darauf hin gebeugt. Die ganze Stellung der Beterinn war zuſammen geſunken, ſie ſchien ſeine Annaͤherung nicht zu bemerken, ihre Arme hingen ſchlaff herab. Adolar fuͤhlte ſich aͤngſtlich beklommen, er beugte ſich zu ihr nieder, auf ihren Athemzug zu horchen, mit Entſetzen bemerkte er, daß ſie ohnmaͤchtig war; ſanft hob er die ſchone lebloſe Geſtalt empor, und trug ſie bebend und zugleich von ſuͤßen Entzuͤckungen erſchuͤttert, auf den nahen Polſterſitz eines Betſtuhls, er lehnte ihr Engels⸗ haupt ſorgſam an ſeine Bruſt, und verloren in Seligkeit, vergaß er der Leidenden hilfebeduͤrf⸗ tigen Zuſtand. Endlich ſchwand ſeine Geiſtes⸗ abweſenheit; mit Todesangſt blickte er auf das kalte Bild nieder, troſtlos in dem großen doden Raume nach Hilfe umher blickend.— Er war allein, die Arbeiter hatten laͤngſt die Kirche ver⸗ laſſen, da fiel ſein Blick auf ein Marmorbecken, das in ſeiner Naͤhe an der Mauer befeſtigt war und welches das Weihewaſſer fuͤr die frommen Beter, welche die Kirche beſuchten, enthielt; mit dem geweihten Inhalte beſprengte er Joſephen Stirn und Lippe, und die kaͤltenden Waſſer⸗ tropfen floſſen auf das Gewand ihres Buſens hinab. Ihre Lebensgeiſter kehrten zuruͤck, in ſchweren Athemzuͤgen hob ſich ihre Bruſt, leiſe 152 Schauer zuckten durch die ſchoͤnen Glieder, ſie oöffnete die Augen und ſah erſt mit ſtarren, dann ſtrahlenden Blicken auf Adolar hin. Ein ſchwe⸗ rer Traum ſchien ihre Seele befangen zu haben, ſchien ſie noch todt fuͤr die aͤußern Eindrucke zu laſſen, denn willenlos uͤberließ ſie ſich noch im⸗ mer der zaͤrtlichen Sorge des Juͤnglings, welcher ſie in dem ſchuͤtzenden Arme hielt, ja ſie lehnte noch uͤberwaͤltigt von Schwäche auf's Neue ihr Haupt an ſeine Bruſt zuruͤck, die traͤumenden Lebensgeiſter ganz zu ſammeln. Da fuͤhlte ſich Adolar von der Wonne dieſes Augenblicks uͤberwältigt, er ſah die ſuͤßeſte, zärtlichſte Hin⸗ gebung in Joſephens Ermatten, und hinge⸗ riſſen von ſeinem ungeſtuͤm ſchlagenden Herzen, umſchlang er den bluͤhenden Leib der Jungfrau und druͤckte ſie liebegluhend an ſein Herz. Jo— ſephe, rief er, o Du heiß und ewig Geliebte! erhörſt Du endlich das Flehen meiner Bruſt! darf ich Dich lieben, darf ich Dein ſeyn! blickſt Du erhorend auf den Anbetenden nieder! O ſo nimm den Schwur meiner Treue, laß mich an Deinen Lippen den Wonnekelch Deiner Liebe trinken! O Joſephe! Dieſe Ausrufungen unterbrach ein Schrei Joſephens, die ſich ge⸗ waltſam ſeinen umſtrickenden Armen entriß. „Hinweg, Verwegener! hinweg, du Frevler! ——— ——— „ 158 Du Suͤnder!“ rief ſie zuͤrnend,„Du ſollſt kei⸗ nen Theil an mir haben! O mein Gott, was berechtigt Dich zu der Sprache, die Du fuͤhrſt? was willſt Du mit meinem Herzen, das nie in Liebe fuͤr Dich ſchlagen wird? Deine frevelnde Hand hat meine irdiſchen Zuͤge der heiligen Mut⸗ ter Gottes verliehen!o ſind ſie denn werth, daß der gottliche Engel meinem Bilde die himmliſche Strahlenkrone reicht? Schmach und Suͤnde wirſt Du auf mein unſchuldiges Haupt hernieder zie⸗ hen, buͤßen muß ich fuͤr Deine Schuld!“ und mit ihn abwehrenden Haͤnden wollte die Zit⸗ ternde entfliehen. Doch Adolar war knieend vor ihr hin ge⸗ ſunken, er ergriff ihr Gewand und faßte ihre widerſtrebenden Haͤnde.„Joſephe!“ rief er verzweifelnd,„bei dem Heil Ihres Lebens, Sie duͤrfen mich jetzt nicht verlaſſen!“ und als ſie erſchuͤttert, voll Mitleid ihre Augen einen Augen⸗ blick auf den bleichen Juͤngling fallen ließ, fuhr er ermuthigt fort:„O warum zuͤrnſt Du denn ſo ſehr, daß meine Liebe, meine Anbetung Dich zur Himmelskoͤniginn erhob? biſt Du denn we⸗ niger arm an irdiſchen und himmliſchen Reizen, als die gottliche Jungfrau es war?— O nenne nicht Frevel, was der hoͤchſte Triumph meines Strebens iſt! Nicht irdiſche Schätze und Kro⸗ 154 nen habe ich Dir zu bieten; aber mit der un⸗ ſterblichen Krone der Kunſt, mit den unvergaͤng⸗ lichen Bluhten, die mir der Genius reicht, will ich Deine ſchoͤne Stirn ſchmuͤcken, daß ſtaunend noch die Nachwelt die Krone aller Jungfrauen anbeten ſoll!“— Ein tiefer Schmerz um den bleichen, verzwei⸗ felnden Juͤngling ergriff Joſephen, ſie beugte ſich theilnehmend uͤber den Knieenden hin;z ihr Herz wie ihre Augen weinten um ihn, und ihre Thraͤnen fielen, eine Taufe des Schmerzes, in ſeine blonden Locken.„Adolar,“ ſprach die Jungfrau leiſe,„mein Freund, mein theurer Freund! vergib mir die ſtrafenden Worte, die mein aufgeſchrecktes Herz Dir zurief, ich will Dir verzeihen, aber ſei auch ruhig und fromm, o fordere nichts, was ich Dir nicht geben kann; denke zuruͤck an die erſten Tage Deiner Ankunft, wo wir in freundlichem Vertrauen ſo glucklich waren; laß ſie zuruͤck kehren, Dir und mir zum Heil! Dein Ungeſtuͤm, Deine verzehrenden Blicke, ſie aͤngſtigen mich, ſie ſcheuchen mich von Dir zuruͤck. Kann es denn etwas Schoneres geben, als ein ungetruͤbtes, harmoniſches Seelenleben, wie es damals unter uns waltete? Caͤcilie hat mich gelehrt, die Leidenſchaft zu fliehen, 3 ſchwer ſoll ſie zu beſiegen ſeyn, wenn ſie da S— ———— — 165 Herz einmal ergriffen hat.“ Sie ſchwieg und blickte beſorgt auf Adolar hin, deſſen entflamm⸗ tes Herz von dem Zorne der Geliebten nicht ſo erſchuͤttert war, als von der klaren ruhigen Rede, die ſeine Lebenshoſſnungen ſo ſchonungslos durch⸗ ſchnitt. Er richtete ſich empor, er hatte Nichts auf Joſephens Rede zu erwiedern, abgebluͤht, ausgeſtorben war die Bluͤhtenflur ſeines Glucks. „Fuͤhren Sie mich in's Kloſter,“ fluͤſterte Jo⸗ ſephe matt;„ich bedarf wie Sie der Ruhe!“ und auf des liebekranken Juͤnglings Arm gelehnt, wankte die bleiche Joſephe durch das dunkle Gotteshaus, das Chor hinauf, um in's Kloſter hinab zu gehen. Vor dem hell erleuchteten Hoch⸗ altare hielt ſie die wankenden Schritte an; der verklaͤrende Schein uͤberflog ihre Zuͤge von Neuem, wie beim erſten Erblicken des Bildes, das ſie jetzt anfangs mit Entzuͤcken, doch bald darauf mit immer wehmuͤthigeren Blicken anſah.— „Adolar,“ fluſterte ſie dann ſchuͤchtern,„er⸗ ſchien Ihnen der herrliche Engel wohl ſo hold in einem Morgentraume? O Sie glucklicher Menſch, dem ſolche Bilder, ſolche Traͤume die Seele er⸗ fuͤllen! Es iſt St. Michael, der Held, der Sieger, der Lowe der himmliſchen Heerſchaaren! O warum muß er die Koniginn des Himmels kroͤnen? Mich erſchreckt das blutig flammende ² 156 Schwert in ſeiner Hand!“— Dann wankte ſie die Stiege zum Kloſter hinab, wo ihnen gerade Caͤcilie mit der Nonne Angelika ent⸗ gegen trat. Cäciliens ſcharfer Blick bemerkte ſchnell die Zerſtoͤrung in den Zuͤgen ihrer Lieb⸗ linge; ihre ſorgende Frage wurde indeſſen vn Joſephen nur ungenuͤgend beantwortet.„Mir iſt nicht wohl, meine Mutter, ich will die Ruhe ſuchen!“ Mit dieſen Worten ließ ſie Ado⸗ lar's Arm fahren und bat ihn, die ehrwuͤrdigen Frauen in die Kirche zu geleiten. Gemartert von dem ſtrengen Worte der Geliebten, folgte er den Frauen. Peinlich waren ihm die Lob— preiſungen ſeiner Kunſt; ſein Meiſterwerk hatte ſeinen Werth fuͤr ihn verloren, denn der Preis, den es ihm erringen ſollte, war ihm entruͤckt. „Gluͤcklicher Leontin,“ ſprach er zu ſich ſelbſt, den Engel Michael auf dem Gemaͤlde mit truͤ⸗ ben Blicken anſchauend,„mußte ich Dein gotter⸗ gleiches Bild darum in der entflammten Phan⸗ taſie tragen, um es hier mit bewunderungswuͤr⸗ diger Treue auf die todte Leinwand hin zu zau⸗ bern, damit in dem Herzen Joſephens der erſte Strahl der Leidenſchaft aufblitze! Dir galt der verklaͤrende Glanz, der ihre Zuͤge uͤberflog, meine thraͤnentruͤben Augen haben mich nicht getäuſcht! doch noch lebt die Geliebte in meiner ———— ——— — 157 Bruſt, verborgen iſt Dir die Perle, deren Glanz mich blendet, noch ringe ich nach ihrem Beſitze, noch kenne ich den Lohn nicht, den mir Caͤci⸗ lie verheißen! Ach, wenn meine Hoffnungen in's Leben traͤten;— wenn ich ſie dennoch mein nennen duͤrfte!— Treue und Liebe haben ſchon oft das ſtolzeſte Herz geruͤhrt, meine Liebe iſt mit meinem Leben verwachſen, nur mit dieſem wird ſie vergehen!“— Er verließ jetzt die Klo⸗ ſterfrauen, und ging traͤumend ſeiner Wohnung zu. Es war ſchon ſpaͤt, dennoch trieb ihn das Verlangen, Joſephens Bild in dem Medaillon, welches noch nicht ganz vollendet war, zu been⸗ den, und ſo ſaß er bis nach Mitternacht und malte beim Kerzenglanze an den lieben Zuͤgen⸗ Er hatte ſeinen Vorſatz ausgeführt; das Bild war fertig, und laͤchelte unter dem Kryſtallglaſe wie lebend zu ihm her. Er zog die Ketten her⸗ vor, befeſtigte das Gemälde daran, und ſchob es auf ſeine Bruſt; dann ſank er ſchmerzlich laͤchelnd auf ſein Lager hin.„Auf meinem Herzen, in meinem Herzen, Joſephe, trage ich Dich,“ ſprach er vor ſich hin,„und doch darf ich Dich nicht mein nennen! Du weiſeſt mich von Dir! kalte Freundſchaft bieteſt Du mir fur gluͤhende Liebe! Nein, ſo iſt es nicht gemeint; ſo lange mein Herz ſchlaͤgt, binde ich mich mit Liebesgluth 158 an Dich!“ Adolar druͤckte bei dieſen Worten Joſephens Bild feſt auf ſein Herz.— Im⸗ mer mehr verlor er ſich auf dieſe Weiſe in wache Traͤume, die ihm alle nur die Geliebte vor Au⸗ gen fuͤhrten. In ſeltſamen Empfindungen ver⸗ ſunken, faſt denen jener letzten Nacht in Spo⸗ nini's Zimmer gleich, ſchwebte ſein Geiſt zwi⸗ ſchen Wachen und Schlafz er fuͤhlte den Druck der goldnen Kapſel wie damals auf ſeiner Bruſt, und die Worte, welche der alte Doktor in jener Nacht zu ihm geſagt, und auf die er ſich ſo oft vergebens beſonnen hatte, klangen jetzt, als wuͤr⸗ den ſie erinnernd laut vor ſeinen Ohren ausge⸗ ſprochen.„Bewahre es treu, mein Sohn, mein Adolar) laß es Dir nicht rauben, und ſie bleibt Dir ſicher treu! ſieh', das iſt ſie, die Du am heißeſten liebſt! Ja gewiß, mein Sohn, ſo lange ihr Bild in der Kapſel glaͤnzt, muß ſie Demje⸗ nigen in Achtung, Freundſchaft oder Liebe un⸗ terthan bleiben, der das Bild auf ſeinem fuͤr ſie in heißer Liebe entbrannten Herzen traͤgt! Doch muß es zuvor ihre Bruſt beruͤhrt, das Gold muß brennend ſein Siegel ihrer Lilienhaut eingebrannt haben!“— So hatte Sponini zu ihm, auf das Bild deutend, geſprochen. Dieſe Erinnerung wirkte ſo lebendig auf ſeinen Geiſt, daß er plotz⸗ lich wach und munter wurde. Er ſprang vom 159 Lager auf, riß das Bild hervor, und neue Hoff⸗ nungen, neue Entzuͤckungen entflammten ihn. Ja es war ihm klar, er beſaß einen Talismann, Joſephen ſich unterthan zu machen; er wollte ſeine Kraft erproben, ihr Beſitz duͤnkte ihm gewiß. Mit einem ſchoͤnen Vertrauen ſtand er am naͤchſten Morgen in Caͤciliens Zelle, die ihn zu ſich beſchieden, ihm den Lohn ſeiner herrlichen Arbeit zu reichen. Sie wollte ihn heute muͤn⸗ dig erklaͤren, und ihm die Papiere uͤber ſein Ver⸗ moͤgen einhaͤndigen. Unabhaͤngig konnte er dann ſeiner Kunſt nach Luſt und Willen leben. In einer Chatulle, die Caͤcilie jetzt aufſchloß, ſah er viele Papiere, Briefe und Dokumente liegen, von welchen ſie eins ergriff, und es ihm mit gluͤckwuͤnſchenden Worten uͤberreichte:„ es iſt Dein Erbtheil, mein Sohn,“ ſprach ſie zuletzt, „moͤge es Dein Gluͤck begruͤnden, moͤge Segen auf der Gabe ruhen!“ Adolar entfaltete das Papier. Iſt das Alles, guͤtige Frau, ſprach er ſich faſſend, erſchrocken, nichts als todte Zahlen zu erblicken, was mir meine iltern hinterlaſſen haben? Iſt das Alles, was ich von ihnen er⸗ fahren ſoll?—„Sie ſorgten fuͤr Dein Gluck, Adolar,“ antwortete Caͤcilie,„koͤnnen ſie mehr fuͤr Dich thun? Ein dunkles Geſchick riß ſie in ein fruͤhes Grab; laß ſie ruhen und forſche 160 nicht weiter.“— Da uͤbermannte den Juͤng⸗ ling das bitterſte Gefuͤhl ſeines Lebens. Fuͤr muͤndig war er erklaͤrt, und dennoch ſuchte man ihn wie ein vorwitziges Kind mit ſanften aus⸗ weichenden Worten zu beſchwichtigen.—„Mut⸗ ter, ja ſo darf ich Sie in dieſer Stunde nen⸗ nen,“ ſprach er,„„denn Sie waren mir ſtets ſo muͤtterlich zugethan; iſt es beſtimmt, unwi⸗ derruflich beſtimmt, darf ich nie das Schickſal Derjenigen kennen lernen, welchen ich das Leben verdanke? duͤrfen Sie mir nie ſagen, ob ich Joſephen gleich an Stande, wenn auch nicht an Gluͤcksguͤtern bin?“— Caͤcilien durchfuhr eine furchtbare Ahnung, doch ihren Schmerz unterdruͤckend, erwiederte ſie: „Meine Zunge iſt gebunden; frage nicht wei⸗ ter, genieße die Gluͤcksguͤter, welche ich Dir uͤberreichen durfte.“„„ Es iſt gut,““ erwie⸗ derte Adolar,„„Sie duͤrfen mir alſo nicht ſagen, daß ich von meinem Vater ſchon vor mei⸗ ner Geburt verſtoßen, meiner Mutter durch meine Geburt das Leben raubte, daß ich, einem hohen Hauſe angehorend, dennoch einſam durch's Leben gehen muß?„. So will ich denn gehen, einſam und heimathlos, bis ich ein Ziel gefun⸗ den habe; behalten Sie meine Schatze bis da⸗ hin, noch verlange ich nicht nach ihnen.““ 161 „Adolar, mein frommer Adolar!“ rief Caͤcilie mit ſtrafendem Tone,„wohin fuͤhrt Dich der libermuth der Jugend! Beſinne Dich, wer warf die Worte, welche Du vorhin geſpro⸗ chen, in Deine Seele? laß Deine Altern doch in Frieden ruhen; ich darf Dir Nichts weiter ſagen, Nichts weiter von Dir bitten.“ „„Ich bin ja fromm, meine Mutter,““ erwiederte Adolar,„„ich will ja ſtill und einſam, wie mir beſchieden, durch's Leben gehenz aber ich darf Ihnen doch wohl ſagen, daß dieſe Stunde mich um meine ſchonſte Hoſſnung be⸗ trogen hat.““ „Ich will Dich nicht verſtehen, Adolar,“ antwortete Cäcilie,„der Jugend hoch fliegende Plane und Wuͤnſche taugen nicht mehr fuͤr mein alterndes Herz. Ich war auch einmal jung und wagte das Hoͤchſte an meine Hoffnungen zu ſet⸗ zen; doch ſtrengen Pflichten folgend, entſagte ich den Anſpruͤchen, welche mein Herz machte, Adolar, ich weiß, was ein ernſter und feſter Wille vermag; das halbe Kloſterleben taugtenicht laͤnger fuͤr Dich; kehre in das Treiben der Welt zuruͤck, und Dein Sinn wird geſunden.“ Adolar druͤckte Caͤciliens Hand an ſeine Lippen:„„ Sie wollen es ſo, Sie weiſen mich fort,““ ſprach er;„„gut, ich gehorche.““ Zweiter Vand. L 162 Caͤcilie ſah ihn unwillig an:„Ich weiſe Dich ja nicht von mir, ich ſehe nur Dein Be⸗ ſtes vor Augen, folge nur dieſes Mal Deiner muͤtterlichen Freundinn, und vertraue ihr unbe— dingt. Du darfſt bald, ſo oft Du willſt, zuruͤck kehren; hier bei mir ſindeſt Du immer, im Gluͤck wie im Ungluͤck, einen Hafen des Frie⸗ dens. Joſephens nahe Vermaͤhlung ruft Dich vielleicht bald zuruͤck; der Freund ihrer Jugend ſoll an dieſem Feſte nicht fehlen; darf ich Dich dazu erwarten?“—— „„Joſephens Vermaͤhlung,““ fuhr der Juͤngling erſchrocken auf,„„Joſephens Ver⸗ maͤhlung! ſie iſt verlobt?““—— „Verlobt ſeit ihrer fruͤhen Jugend nach dem Teſtamente ihres Vaters mit dem Grafen Con⸗ ſtantin Caboga; nur eine entſchiedene Ab⸗ neigung von beiden Seiten könnte dieſe Ver⸗ bindung hindern,“ ſagte Caͤcilie mit entſchei— dendem Tone.„Der Graf erwartet nur einen ruhigeren Zeitpunkt, wo ihm ſeine militaͤriſchen Verhaͤltniſſe erlauben, dieſe ihm ſo angenehme Verbindung zu ſchließen. Er bat mich bereits, ihm zu erlauben, Joſephen ſchriftlich den foͤrm⸗ lichen Antrag machen zu duͤrfen; doch wuͤnſchte ich dieſe noch einige Zeit in ihrer holden Unbe⸗ fangenheit zu ſehen. Doch glaube ich im Voraus ——————— 163 ihrer Einwilligung gewiß zu ſeyn. Die reine Jungfrau wird ihr Gluͤck nur in der Erfuͤllung ihrer Pflichten ſuchen und ſinden, und Pflicht iſt es, heilige Pflicht fuͤr die Gräfinn Caboga, dem neuen Geſchlechte Glanz und Gluͤck zu ver⸗ leihen. Sieh' hier, mein Sohn, das Teſta⸗ ment,“ mit dieſen Worten nahm ſie das Per⸗ gament aus der Chatulle, entfaltete es vor Ado⸗ lar's Blicken, und las ihm die Beſtimmung des verſtorbenen Grafen Faver uͤber ſeine Tochter vor. Die Buchſtaben der verhaͤngnißvollen Urkunde tanzten vor ſeinen Augen, die Worte Cäci⸗ liens ſchwirrten verworren vor ſeinen Ohren. „Sie haben Recht, ehrwuͤrdige Frau,“ ſprach Adolar bleich und bebend,„ich muß fort und das recht bald; Nichts hält mich mehr hier zuruͤck, ach nicht einmal Ihre Liebe darf mich halten!“ Er wollte ſich entfernen, doch wenige Schritte von der Thuͤr entfernt, ergriff ihn ein Schwindel; bewußtlos taumelte er zuruͤck, und mit der hoͤchſten Anſtrengung gelang es der her⸗ bei eilenden Cacilie, ihn zu einem Seſſel zu leiten, wo ſeine Beſinnung voͤllig ſchwand. Er— ſchoͤpft beugte ſie ſich zu ihm nieder, ſeine Schläfe mit ſtärkenden Eſſenzen reibend, ein heftiger An⸗ drang des Blutes nach dem Kopfe, eine Folge 164 der unterdruckten leidenſchaftlichen Bewegung des Juͤnglings, hatte wahrſcheinlich den Zufall herbei gefuͤhrt; ſtark angeſchwollen waren ſeine Stirn⸗ adern, und die dunkle Gluth ſeines ſonſt faſt bleichen Geſichts ließen Caͤcilien einen Schlag⸗ fluß fuͤrchten. Sie wagte nicht, ihn zu ver⸗ laſſen; jeder Augenblick konnte entſcheidend ſeyn⸗ Mit bebenden Händen loͤſte ſie ihm die feſt ge⸗ ſchlungene Halsbinde, und in der ängſtlichen Eile, mit der es geſchah, riß ſie die Kette, an welcher Joſephens Bild befeſtigt war, hervor. So hatten ihre Ahnungen ſie nicht betrogen; was ſie ſeit wenigen Tagen gefuͤrchtet, war wirk⸗ lich ſo: Adolar liebte ſeine Schweſter.— Sie wollte nicht Theilnehmerinn dieſes Geheim⸗ niſſes werden, ein dichter Schleier ſollte es be⸗ decken. Adolar durfte nicht erfahren, wie nahe er Joſephen ſtand, doch dieſer wollte ſie das Geheimniß nach deſſen Abreiſe entdecken.. Noch mit dieſen Gedanken beſchaͤftigt, holte der Juͤngling wieder einige tiefe Athemzuͤge, und nach einigen geiſtigen Tropfen, welche ihm Ca⸗ cilie eingefloͤßt, erholte er ſich bald ſo weit, daß ihre Beſorgniſſe fuͤr ihn gänzlich verſchwanden. Er fuͤhlte ſich geſtaͤrkt genug, nach ſeiner nahe gelegenen Wohnung zuruͤck zu kehren, und Cä⸗ cilie ſah ihn wehmuͤthig ſcheiden.„Fliche X 165 nur,“ rief ſie ihm nach,„fliehe nur, armer Juͤngling; Entfernung iſt der beſte Heiltrank fuͤr ſolches Weh! In Deiner Kunſt wirſt Du Zerſtreuung und Beruhigung finden; die Welt breitet Dir freundlich die oſſenen Arme entge⸗ gen, und Deinem ſo leicht aufgeregten Herzen wird bald ein neues, glaͤnzendes Bild laͤcheln!“ XIII. Adolar floh in wilder Bewegung aus dem Kloſter; die Furien ſeines Lebens ſchwangen ihm ihre Geißeln nach, und trieben ihn ruhelos um⸗ her, bis der Abend ſeinen tiefen Schatten auf die friedliche Gegend legte; ermattet an Korper und Seele ſuchte er erſt nach Mitternacht ſein einſames Lager auf. Feſt war ſein Entſchluß gefaßt; mit der Morgenroͤthe wollte er das Thal verlaſſen, nur ein ſchriftlicher Abſchied ſollte die Frauen von ſeiner Abreiſe unterrichten. Er ſuchte jetzt ſeine Reiſekleider hervor, und warf die Klei⸗ dungsſtuͤcke ungeſtuͤm in den herbei geholten Kof⸗ ferz da ſiel mit einem Male aus der Bruſt⸗ taſche eines Fracks, den er am Tage vor ſeiner Abreiſe von Florenz getragen, etwas klingend 166 auf die Erde. Er buͤckte ſich, es aufzuheben, und fand ein kleines Flacon von ſchwarz ge⸗ ſchliſſener Lawa, das am oberen Ende feſt ver⸗ ſiegelt war. Als er es aufmerkſam betrachtend dem Lichte naͤher hielt, ſah er einige Worte auf demſelben eingeſchliffen. Muͤhſam entzifferte er die feine Schrift, ſie lautete: Schlaftrunk fuͤr den unheilbar Kranken.— Das iſt Sponini's grauſame Wohlthat! ſchrie Adolar entſetzt; ha, du ſinſterer Geiſt meines Lebens, du reichſt mir Deine Geſchenke in einer verhaͤngnißvollen Stunde! Ja, mir Armem, un⸗ heilbar Krankem, mir iſt nicht anders zu helfen als durch den ewigen Schlummer!— Stille, mein Herz, ruhig, ihr brauſenden Sinne! ich will euch einwiegen, damit euer wildes Geſchrei mich nicht länger verfolge! Dir, Joſephe, trinke ich ein ewiges Liebesgluͤck zu!.. Mit verzweifelnder Luſt riß er jetzt das Siegel von der Giftphiole, ergriff den Weinbecher, welcher zum Nachttrunk gefuͤllt auf dem Tiſche ſtand, und ſchickte ſich an, die furchtbare That zu voll⸗ bringen.— Ein einziger dunkler Tropfen, ei⸗ nem ſchwarzen Todesloſe gleich, perlte in den Wein, miſchte ſich brauſend, aufgährend mit demſelben, und Adollar goß den truͤben Trank hinunter. Eine furchtbare Kaͤlte floß auf einige 167 Minuten durch ihn hin; dann fuͤhlte er ſich leicht und ruhig. So habe ich nun auf Erden alle meine Geſchaͤfte beendet, nichts bleibt mir jetzt weiter zu thun uͤbrig, als zu lieben und zu ſter⸗ ben; ſo dachte der verirrte Jungling. Ich brauche Dich nicht mehr zu fliehen, Dich, engelholdes Bild der Geliebten; dex Tod ſoll mich zu Dei⸗ nen Fuͤßen ereilen, und Deine Thränen ſollen mein Grab bethauen. Er ſtreckte ſehnend die Arme gegen das vom Monde beleuchtete Kloſter aus, und harrte am Fenſter, bis der Schlaf nach den mannichfachen Muͤhſeligkeiten dieſes Tages ſeine Rechte an dem erſchoͤpften Körper geltend machte.—— Am andern Tage ging er um die gewohnte Stunde gegen Abend in's Kloſter, wo er Cä⸗ cilien und Joſephen, wie meiſtens immer um dieſe Zeit, im Sprechſaale fand. Ruhig redete er mit den Frauen von ſeiner nahen, ſchon beſtimmten Abreiſe, und ſeine muͤtterliche Freun⸗ dinn freute ſich uͤber die Entſchloſſenheit des lie⸗ benden Juͤnglings. Er ſetzte ſich an Joſephens Seite nieder, und uͤberließ ſich mit ſchmerzlicher Wonne den letzten gluͤcklichen Minuten ſeines Lebens; ſeine Zärtlichkeit verhehlte er nicht mehr gegen die ſtille Jungfrau, und ſeine Blicke, ja jedes Wort verriethen ihr die Empſindungen ſei⸗ 168 nes Herzens; er ſonnte ſich ſelig in den Strah⸗ len ihrer Augen. Doch Joſephe ſchien heute weniger wie je fuͤr ſeine Huldigungen Augen zu haben; eine ſeltſame Zerſtreuung hielt ſie gefangen. Sie ſenkte meiſtens, wie in innere Anſchauung be⸗ griſſen, die langen Wimpern herab, und um ihre Lippe ſchwebte dann ein ſuͤßes Lächeln. Der Abend ſchwand und Adolar ſchied beklommen; wußte er, ob es nicht ein ewiger Abſchied war, den er jetzt nahm?— Doch noch fuͤhlte er ſich leicht und wohl, keine Spur ver⸗ rieth das todtliche Gift, das er in ſeinen Adern verborgen waͤhnte. Sollte Sponini ſich einen Scherz erlaubt haben, dachte er auf dem Heim⸗ wege, meinen Muth zu erproben? ich weiß ja uͤberall kaum, ob der Tropfen, den ich getrun⸗ ken, dabſelbe Gift iſt, von dem Sponini einſt redete? Recht peinigend war ihm dieſer Zwei⸗ fel, und mit ſich ſelbſt im Streite ſchlummerte er ein. Schwer warf er am andern Morgen den Schlaf von ſich, und der erſte Schritt von ſeinem Lager uͤberzeugte ihn, daß eine auffallende Veraͤnderung mit ihm vorgegangen ſei: Eine ſeltſame Mattigkeit hatte ſeinen Koͤrper ergrif⸗ fen, wie in einem ſanften Nebel erſchienen ihm alle Gegenſtände; doch ſeine Gedanken waren 169 noch klar und geordnet. Eine ſanfte Ungeduld zog ihn in's Kloſter, und doch hielt ihn die Scheu, dort ſo fruͤh, ungelegen zu kommen, da⸗ von zuruͤck. Der Nachmittag erſchien, es ließ ihm nicht langer Ruhe; in Joſephens Nähe trieb ihn das kranke Herz. Die Sonne brannte gluhend. Als er ſich dem Kloſter näherte, ſah er die meiſten Zellenfenſter dicht verhangenz es war die Stunde, wo die Kloſterfrauen Sieſta zu halten pflegten, alſo noch viel zu fruͤh, bei ihnen zu erſcheinen. Adolar ging daher durch eine Seitenpforte des Kloſterhofes in den Gar⸗ ten, um daſelbſt die Stunde zu erwarten, wo er Joſephen ſehen wuͤrde. Langſamen Schrit⸗ tes ſchlich er durch die Blumengänge, an den gruͤnen Hecken hin; das Sonnenlicht ſpielte ſo lieblich mit dem lichten Farbenſchmelz um ihn her, und weckte in ſeiner Phantaſie viel ſchone Bilder, von denen er einſt geträumt, die Sehn⸗ ſucht nach Kunſt und Schaſſen durchflammte ihn hellz es reute ihn faſt, daß er ſein junges bluͤhendes Leben im wilden Liebesrauſche ſo ſcho⸗ nungslos dahin geben wollte; doch da riß die Erinnerung an Joſephen wieder ſchmerzlich an ſeinem Herzen, und er jauchzte heimlich dem nahen Tode entgegen, der ſchon in ſei⸗ nen Adern wuͤhlte. 170 Er fuͤhlte ſich jetzt ſo ermattet, daß er einem nahen Raſenſitze zu wankte, den ein Kranz von jungen Pappeln verbarg. Welch' Entzuͤcken durchſtrömte ſein Herz, als er hier eintrat: Joſephe lag in ſuͤßem Schlummer hin gegoſ⸗ ſen auf dem Ruheſitze, ſanft von einem wilden Roſenbaume beſchattet.— Wie ein ſuͤß ent⸗ ſchlummertes Kind lag ſie da, ihre hoch gerothete Wange auf die kleine ſchneeweiße Hand geſtuͤtzt, leicht beſchattete der dunkle Lockenglanz ihren blendenden Nacken, gleich dem Silberſchaum der ſanft bewegten Wogenfluth hob ſich die kaum verſchleierte Wunderbruſt, und von der Feſſel eines ſchimmernden Goldguͤrtels gehalten, floß das weite faltige Veſtalenkleid um die ſchonen Glieder her. O mein Gott! lallte Adolar im Uber⸗ maße des Entzuͤckens; ſoll ich denn des Him⸗ mels Seligkeit in meinem kurzen fluͤchtigen Er⸗ denſeyn ſchon empfinden! Hier ſinde mich der Tod, hier wage er mich fort zu reißen, von dieſem Hochaltare meines Gluͤcks! Nein, er hat ſeine Macht an mir verloren, dem Leben will ich angehoren, das hier der ſuͤße Schlaf gefan⸗ gen hält. Was ſoll mich zuruͤck halten, den Lieb⸗ ling mir unterthan zu machen, jetzt, da er in meine Gewalt gegeben iſt? Wohlan denn, Spo⸗ ———————— ———————— 17¹ nini, verleihe Deiner Gabe die Kraft des Him⸗ mels oder der Hölle, nur laß ſie nicht trieglich ſeyn! Mit dieſen Worten riß Adolar die goldne Kapſel, welche Joſephens Bild ent⸗ hielt, hervor, ſich hinter die Schlaͤferinn unter den Roſenbaum zuruͤck ziehend.— Vorſichtig legte er das Kleinod auf die leicht verſchleierte Bruſt der Jungfrau, und ſank dann, geaͤngſtigt von dem Ausgange ſeines Unternehmens, ermat⸗ tet in die Kniee. Joſephe ſchlummerte eine Zeit lang ruhig fort. Immer tiefer und tiefer ſank die Sonne herab und uͤberglanzte, unter dem Schatten der Bäume hin leuchtend, die liebliche Schlaͤferinn mit ihren brennenden Strah⸗ len, welche ſich zu gleicher Zeit auf der kuͤnſt⸗ lich geſchliffenen, erhabenen Oberflaͤche des Me⸗ daillonglaſes, das einen blitzenden Schein von ſich warf, ſammelten, und dadurch einem Brenn⸗ ſpiegel gleich wirkend, ihre Gluth dem Golde mittheilten, welches, nur durch das leichte Ge⸗ wand getrennt, auf Joſephens Buſen lag, es ſo ſehr erhitzten, daß ſie von dem brennenden Schmerz erwachte, und mit einem Angſtſchrei in die Höhe fuhr. Erſchrocken ſchlug ſie mit den Haͤnden gegen ihre Bruſt, ſprang auf, und durch die raſche Bewegung flog das glänzende Kleinod weit hin in das hohe uͤppige Gras, welches den 172 Boden bedeckte. Die erbebende Jungfrau ſchien den ſchimmernden Flug desſelben mit ihren Blik⸗ ken zu begleiten, welche indeſſen, noch umflort von dem plotzlichen Wechſel des Erwachens aus tiefem ſuͤßen Schlummer zur blendenden Tages⸗ helle, unſicher umher irrten, als fuͤrchte ſie neue Verfolgung. Adolar beugte ſich zitternd unter die tief herab haͤngenden Zweige des Roſenbaumes; kein Athemzug verrieth ſeine Nähe; Joſephe aber blickte beſorgt auf ihren Buſen nieder, und ging dann, noch immer feſt die Hand, wie einem heftigen Schmerze wehrend, dagegen druckend, eilenden Schrittes aus dem Garten und dem Kloſter zu.— Ado lar ſprang empor, ſeine verlangenden Blicke ſuchten und fanden Joſe⸗ phens Bild bald zwiſchen den es verbergenden Grashalmen. Er riß es empor, es mit heißen Kuͤſſen zu bedecken und auf ſeinem Herzen zu verbergen. Auf demſelben Wege, den er ge⸗ kommen, ſchlich er zum Garten hinaus, und ging bald darauf wie gewoͤhnlich durch das Klo⸗ ſterthor, um ſeinen letzten Beſuch, wie er ahnen mußte, dort zu machen. Wunderbar war Spo⸗ nini's Wort in Erfuͤllung gegangen: das Gold des Bildes hatte brennend ſein Siegel der Lilien⸗ haut Joſephens eingebrannt, denn er fand —— 173 dieſe neben Cäcilien ſitzend, welche eben be⸗ muͤht war, ihrem lieben, leidenden Kinde einen kuͤhlenden Balſam auf die ſchmerzende Bruſt zu legen. JFoſephe wandte heftig bewegt dem ein⸗ tretenden Adolar das Haupt entgegen.„O mein theurer Freund,“ ſprach ſie,„welcher Gefahr bin ich entgangen! Schlummernd lag ich im Klo ſtergarten, eine glaͤnzende Schlange, ſo ſah ich deutlich, war mir genaht, ſchon hat mich ihr Gift auf der Bruſt verletzt; von ihrem Stiche erwachte ich, und wie im Fluge ſprang ſie von meiner Bruſt hinweg und floh in das hohe Gras, welches den Boden bedeckte.“ Adolar begeg⸗ nete ihren leuchtenden, faſt zärtlich auf ihn ge⸗ richteten Augen, wunderbar wirkte der Ton der lebendigen Rede der ſonſt ſo wortkargen Jung⸗ frau auf ihn. Entzuͤckende Schauer ob ſeinem ſuͤßen ſchrecklichen Geheimniſſe fuhren durch ſei⸗ nen ermatteten Körper. Unverkennbar blitzte ein inniges Gefuͤhl fuͤr ihn aus der Geliebten Blik⸗ ken. Des Lebens Hoſſnungsthor offnete ſich ihm weit und brechenden Herzens drang ſeine Sehn⸗ ſucht aus dem ſchaurigen Grabe, das er ſich ſelbſt geoffnet, hervor.——„Eine Schlange! ja eine giftige Schlange,“ rief er erbleichend aus, „der nach Herzblut geluͤſtete, war es, welche Sie 174 verletzte, Joſephe! doch fuͤrchten Sie nichts mehr, ſie iſt bereits ein Opfer ihres Geluͤſtes geworden, dem Tode iſt ſie ſchon verfallen.“— Caͤcilie ſah geängſtigt auf ihre Kinder, was ſollte ſie von dem auffallenden Benehmen der⸗ ſelben denken?„Du biſt krank, Adolar,“ ſprach ſie,„recht krank; Dein Ausſehen erſchreckt mich, Du mußt Dich zur Ruhe legen, ich ſelbſt werde fuͤr Deine Pflege ſorgen. Was beſtaͤrkſt Du Foſephen in ihrem kindiſchen Wahne, daß. eine Schlange ſie verletzt habe? Ein giftiges Inſekt wird ſie erſchreckt haben, denn nie horte oder ſah man Schlangen in dieſer Gegend!“ Ado lar ſah ſie wehmuͤthig an.„Ich bin wohl krank, liebe Mutter,“ ſprach er,„aber vergonnen Sie mir immer, hier zu bleiben; mir iſt hier wwohler als in meinem einſamen Zimmer, es wird ſo der letzte Abend ſeyn, den ich an Ihrer Seite weile, morgen, recht fruͤh, reiſe ich fort.“ „„Sie wollen fort, Adolar,““ fragte Jo⸗ ſephe,„„und ſchon morgen? Rein, liebe Mutter, Harein duͤrfen Sie nicht willigen. Krank ſollten wir Adolar reiſen laſſen? tauſend Be⸗ fuͤrchtungen ſeinetwegen erleiden? Ach, die Sorge un unſern Fiet wuͤrde mich verzeh⸗ ren! ₰ 175 „Wie ſehr Du Dich ereiferſt,“ erwiederte Cacilie,„als kennteſt Du meine zärtliche Sorge fuͤr meine Kinder ſo wenig! Adolar wird ſeine Freundinnen nicht ſo ſehr betruͤben, ſie nicht ſo quälenden Sorgen um ihn hin ge⸗ ben, und ſie verlaſſen, wenn ſie fur ihn fuͤrch⸗ ten muͤſſen. Nicht wahr, Du bleibſt in un⸗ ſerer Nähe, bis Deine Geſundheit wieder befeſtigt iſt?“— Adolar beugte ſich ſchweigend auf ihre Hand. Caͤcilie nahm dieſes als Bejahung auf ihre Frage, und obgleich ſie wichtige Gruͤnde hatte, Adolar's Entfernung fuͤr jetzt zu wuͤn⸗ ſchen: ſo ſah ſie doch die Nothwendigkeit vor Augen, den geiſtig und korperlich Kranken noch in ihrer Naͤhe zu behalten. Sie fuͤhrte das Ge⸗ ſpräch auf andere Gegenſtaͤnde und ſah mit Ver⸗ gnuͤgen, wie Adolar's truͤbe Stimmung ſich verlor, wie er lebhaft und gern, wie ſonſt, von der Vergangenheit, und vorzugsweiſe von den heitern Tagen ſprach, die er in Italien verlebt hatte. Joſephe höͤrte ihm freundlich und liebe⸗ voll zu, und bereitete bei'm Nachtmahle ſelbſt die Erfriſchungen fuͤr ihn.— Es war, als konne Adolar heute gar nicht ſcheiden, und wie es doch endlich geſchehen mußte, ſah ſie, wie der ſanfte Frohſinn plötzlich von ihm wich, und daß er bleich und mit Thränen in den großen blauen 176 Augen, knieend vor Cäcilien hin ſank, und ſich ihren Segen erbat. „Adolar, mein Segen begleitet Dich im⸗ mer, es bedarf nicht, daß meine Lippe ihn aus⸗ ſpricht; aber Deine kranken Schwärmereien äng⸗ ſtigen mich,“ ſprach Cäcilie etwas vorwurfs⸗ voll;„noch einmal bitte ich Dich, meinen Wuͤnſchen zu folgen.“ Sie kuͤßte ihn ſanft auf die Stirn, und er wandte ſich zu Joſephen, ihr die Hand zum Abſchiede reichend. Foſephens Herz wollte zerſpringen. Ohne daß ſie es ſich bewußt war, rollten große Thrä⸗ nentropfen ihr uͤber die Wangen. Betruͤbe uns nicht, mein Freund! ſprach ſie wehmuͤthig.— Du weinſt, Joſephe, ſprach Adolar ſanft, Du weinſt um mich?— o weine nicht allzu ſehr; aber wenn ich fern bin, denke meiner, ge⸗ lobe mir das, vielleicht kehre ich nicht wieder; o goͤnne mir den Abſchiedsgruß in dieſer Stunde, ſie leuchtet mir doch ſo freundlich nicht wieder!— Joſephe ſchaute mit milder Liebe auf ihn nieder, ach ſie wußte es, Adolar war morgen fern, ſie fuhlte es lebendig, dieſes ſei ſein Lebe⸗ wohl, und die frommen ſchweſterlichen Regun⸗ gen gegen den lieblichen Juͤngling, den ſie Freund nennen durfte, ſteigerten ſich durch das zaͤrtliche Mitleid, welches ſie uͤber ſeine hoffnungsloſe v 177 Liebe fuͤr ſie empfand, faſt zur Leidenſchaftz die Stimme des Blutes riß ſie an ſein Herz, und der reinſte Kuß, den eine jungfräuliche Lippe je gegeben, brannte auf Adolar's liebeduͤrſten⸗ dem Munde.—— Caͤcilie war während dieſer fluchtigen ſeligen Minute an das entferntere Ende des Zimmers getreten, aus ihrem Schreibtiſche einige ſchrift⸗ liche Aufträge an den Kloſterverwalter hervor nehmend, welche ſie Adolarn fuͤr dieſen mit geben wollte, daher hatte ſie den innigen Ab⸗ ſchied der beiden Kinder nicht bemerkt; gedan⸗ kenvoll empſing Asolar, wie im Traume auf ihre Worte lauſchend, was ſie ihm darreichte, und ging, die Seele voll Qual und Luſt, nicht nach ſeiner Wohnung, ſondern in den dunkeln Kloſtergarten zuruͤck.— Als am andern Morgen der Gaͤrtner ein⸗ trat, die Sandwege nahe dem Kloſter, wegen der gluͤhenden Sonnenhitze mit der Gießkanne zu beſprengen, lag Adolar bleich und kalt zwi⸗ ſchen den bunten Sommerblumen, welche unter Joſephens Fenſter dufteten. Der Morgenthau, aus ihren Kelchen gefallen, glänzte gleich Freu⸗ denthränen, in den goldenen Locken des Todten; mit zerſprungenen Saiten lag die Laute auf ſei⸗ ner Bruſt.——— Zweiter Band⸗ M 178 Mit aufgelöſtem Haar, das weiße Morgen⸗ kleid nachlaͤſſig uͤbergeworfen, lag JFoſephe einige Stunden ſpäter knieend in der halbdun⸗ keln Zelle an Caͤciliens Lager; nur angſtvolle Seufzer verriethen noch den Schlag des ſo hart gedruͤckten Herzens. Zum erſten Male ſank die ſeelenſtarke Cäcilie unter irdiſchem Schmerze zuſammen.— Ihr alterndes Herz, in einer langen Reihe von Jahren nie ausruhend von den Stuͤrmen fruͤher Tage, war dem plötzlichen uͤber ſie herein gebrochenen Jammer nicht ge⸗ wachſen. Krampfanfalle, denen ſie fruͤher nie unterlegen, ließen fuͤr ihr Leben bangen, und da ſie ſchon ſeit einiger Zeit oft kränkelte, furchtete man däs Kußerſte fuͤr ſie. Joſephe ſchwamm in Thranen, ein doppeltes Leid warf ſeine ſchar⸗ fen Stacheln zu tief in ihr von jedem Kummer noch unberuͤhrtes Herz; nur die milden Tro⸗ ſtungen der frommen Kloſterſchweſtern wieſen ihren thräͤnendunkeln Blick nach oben; die Kraft des Glaubens ließ ſie den verlornen Freund auf einer lichteren Höhe erblicken, wo ſein heiß be⸗ wegtes Herz die hienieden vermißte Ruhe ſin⸗ den ſollte. Caͤcilie wurde gegen Abend beſſer; der Schlaf entfuͤhrte ſie auf mehrere Stunden ihren Leiden, und Joſephe ſaß mit einigen Non⸗ 179 nen, den Schlummer der Verehrten zu bewa⸗ chen; vergebens riethen ihr dieſe, den verwein⸗ ten Augen Ruhe zu gonnen; ſie dachte an kei⸗ nen Schlaf; alle ihre Sinne wachten, trotz der durchſeufzten und durchweinten Tage, lebendiger wie jes eine heftige Sehnſucht, den todten Ado⸗ lar zu ſehen, ihm nahe zu ſeyn, erfullte ihre Bruſt. Sie huͤtete ſich indeſſen, ihren heißen Wunſch gegen irgend Jemand zu verrathen, und doch beſchäftigte ſie ſich insgeheim mit dem Ge⸗ danken, wie er zu erfuͤllen ſei.— Als der Schlaf Caͤciliens immer feſter und ruhiger wurde, ſchien ſie endlich den freundlichen über⸗ redungen der Nonne Angelika Gehoͤr zu ge⸗ benz ſie entfernte ſich leiſe aus der Zelle; aber nicht um ſich nach der ihrigen zu begeben, nein, ſie wandelte vielmehr geraͤuſchlos durch die brei⸗ ten Kreuzgaͤnge, die, wie ausgeſtorben, nur der leiſe Schall ihrer Tritke belebte, hinab in den unteren Raum des Kloſters. Dort, wußte ſie, lag unfern dem Eingange zur Kirche die Tod⸗ tenkammer, in welcher, wie ſie vermuthete, der Leichnam ihres Freundes lag. Obgleich nichts daruͤber in Cäciliens Zelle geſprochen war, ſo war es Joſephen doch, als haͤtte man es ihr geſagt; ein mächtiger geheimer Zug rieß ſie un⸗ widerſtehlich dahin.— Vorſichtig druͤckte ſie an M2 180 das Schloß; es war nicht zu oͤſſnen, und im heißen Schmerze uͤber den verſagten Wunſch knieete die ſtille Jungfrau weinend auf den kal⸗ ten Steinboden hin. Da weckte ein leiſes Ge⸗ raͤuſch hinter ihr ſie aus ihrem Kummer; ſie ſah ſich um, und eine Geſtalt bewegte ſich aus dem dunkeln Raume langſam gegen ſie her; ver⸗ zagend hob ſie die Arme wie Hilfe ſuchend em⸗ por, doch wenige Augenblicke ſpaͤter war ihre Furcht zerſtreut; es war die Pförtnerinn, welche ihr näher trat. Sie hatte naͤmlich in ihrer Zelle Geräuſch vernommen, und neugierig, den Grund ſo ſeltener Stoͤrung zu erfahren, war ſie in die WVorhalle getreten. Verwundert, Joſephen hier in ſö ſpäter Stunde zu finden, richtete ſie ihre Fragen an dieſelbe, doch Joſephe ſank ſtatt aller Antwort bebend in ihre Arme, und erſt nach einigen Minuten war ſie im Stande zu reden.„Gute Brigitte,“ ſprach ſie leiſe, „entſchuldige die Störung, den Schreck, den ich Dir gewiß verurſacht habe; aber mich treibt ein unbezwingliches Verlangen zu dem todten Ado⸗ lar. Du weißt es ja, wie lieb, wie theuer er Caͤcilien und mir, ach allen Menſchen war, die mit ihm gelebt. Er war mein Jugendge⸗ ſpiele, mein Freund, mein Lehrer, ach wie oft habe ich ihn betruͤbt, wie manche kleine Schuld 181 gegen ihn liegt noch auf meinem Herzen! ver⸗ goͤnne mir daher, an ſeinem Leichname zu beten! glaube mir, mein Herz bedarf dieſes Troſtes, wenn es ſich beruhigen ſoll!“ ſetzte ſie ſchmei⸗ chelnd hinzu.—— Brigitte erfullte ihr Begehr; ſie hielt es ſtraͤflich, der reuigen Jung⸗ frau Bitte zu verweigern, und erfreute ſich viel⸗ mehr an dem frommen Sinne derſelben. Joſephe ſtand jetzt neben dem Todten; mit einer ſchöͤnen Beruhigung blickte ſie auf ſeine ſanften, friedlichen Zuͤge nieder; ſie fuͤhlte ihr Herz wie von einer ſchweren Laſt befreit, beruhigt ſchlug es in des todten Freundes Naͤhe, der, wie in einen ſuͤßen Schlummer hin gegoſ« ſen, da lag. Sie knieete hin und betete recht inbruͤnſtig fuͤr die Ruhe ſeiner Seele; ſie bat ihm jede Haͤrte, jedes Unrecht ab, feſt gelobte ſie ihm, ſein Andenken zu ehren.— Erſt als ſie beim Abſchiede, auf der Pfortnerinn Erin⸗ nern, denn es war Joſephen, als koͤnne ſie von dem Todten nicht ſcheiden, ſeine Hand er⸗ griff, als ſie die Todtenkaͤlte derſelben fuͤhlte, warf ſich der Schmerz um ihn wieder ſchwer auf ihre Bruſt; tief betruͤbt wankte ſie in ihre Zelle. Cacilie hatte ſich nach einigen Tagen aus ihrem Kummer aufgerichtet; mochten ſeine Kral⸗ 482 len auch noch ſchmerzlich in ihr Herz ſchlagen, ſie bedeckte die blutenden Wunden mit eigener Kraft; ſie trat aus ihrer Zelle mit gewohntem edeln Anſtande; nur ſchien es, als richteten ſich die milden Blicke noch verklaͤrter wie ſonſt nach oben; immer mehr hatten ſie dort zu hofſen, wieder zu ſinden; faſt alle ihre Erdenfreude war dort hinauf gezogen. Joſephens Zukunft war die letzte, reiche Hoffnung ihres Daſeyns. Wie der Landmann neben der vom Wetter verheer⸗ ten Saat, nahe der goldenen Erntezeit, ſteht, die Frucht ſo mancher ſchweren Stunde, man⸗ ches heißen Tages, durch die Gewalt des Au⸗ genblicks vernichtet ſieht, und doch, zwar ſchwe⸗ ren Herzens, aber mit ungebeugtem Muthe, die zerriſſenen Felder umpfluͤgt, einer neuen Hoff⸗ nungsſaat entgegen ſehend; ſo ordnete Caͤcilie mit aͤußerlicher Geiſtesruhe das Begraͤbniß Ado⸗ lar's an. Durch die Gunſt des Biſchofs wurde es ihr vergoͤnnt, den jungen Kuͤnſtler, der ſich durch ſein Gemaͤlde dem Kloſter fuͤr immer ver— ewigt hatte, in deſſen geweihtem Begräbniſſe ein⸗ ſenken zu laſſen, die geliebte Huͤlle durfte in ihrer Nähe bleiben.—— Sie redete nicht viel von dem Todten, das Wort daruͤber mied ſie, wo und wie ſie konnte, und Joſephe, die im Gegentheil eine ſuͤße Schwaͤrmerei mit ———— —— 183 dem⸗ Andenken Adolar's zu treiben ſchien, fuͤhlte ſich durch Cäciliens äußere Ruhe tief verletzt. An jedem Abende, ſo lange Adolar in der Todtenkammer lag, wallfahrtete ſie dort hin, und die Pfortnerinn ſchloß ihr willig die Thuͤr auf, doch zufaͤllig erzählte die geſchwätzige Alte dieſe ſonderbaren Beſuche Joſephens bei dem Todten einer andern Nonne, und Caͤcilie erfuhr dieſe Schwaͤrmerei ſogleich, und ob gleich ſie im Stillen den zarten Sinn, die Stimme des Blutes in dem Schweſterherzen anerkannte und ehrte: ſo wuͤnſchte ſie doch keine falſchen Ausdeutungen daruͤber von Andern zu verneh⸗ men;z und da der Sarg Adolar's an dieſem Tage in der Kirche vor dem Hochaltare aufge⸗ bahrt wurde, um am nächſten Morgen, nach⸗ dem die Seelenmeſſen fuͤr ihn gehalten worden, beigeſetzt zu werden: ſo gebot ſie, die Kirch⸗ thuͤre verſchloſſen zu halten. Joſephe kam demnach ſpaͤt am Abend an die verſchloſſene Thuͤr und erfuhr von der Pfoͤrt⸗ nerinn, wie Cäcilie ihr geboten, die Kirche Niemandem zu eroͤffnen. Das hielt Joſephen indeſſen nicht ab, nahe der Kirche ihr nachtli⸗ ches Todtenopfer von Gebeten und Thranen zu halten, und hier fand ſie Cäcilie, welche jetzt begleitet von dem alten Kloſterverwalter, zur 184 Kirche wollte, um, ehe man den Sarg verſchloß, ihren Liebling noch einmal zu ſehen; ſie verwies Joſephen die allzu lebhaften Außerungen ih⸗ res Kummers.„Ehre ſein Andenken im Stil⸗ len,“ ſprach ſie ermahnend,„wozu die auf⸗ fallenden Beweiſe desſelben? Deiner Jugend, dem erſten Schmerze verzeihe ich ſie. Komm jetzt mit mir, unſerm Freunde den letzten Gruß zu bringen!“ Foſephe folgte ihr ſchweigend, doch kaum am Sarge angelangt, ſchien die Fluth ihrer Thränen ſie erſticken zu wollen und erweckte Caciliens Befremden.„Laß mich, mein lie⸗ bes Kind,“ ſprach ſie, ſelbſt ergriſſen,„einige Augenblicke ungeſtört hier zubringen; gehe auf meine Zelle, Joſephe, und erwarte mich dort und meinen Troſt.“ Joſephe entfernte ſich, gehorſam dem muͤtterlichen Willen; doch wandte ſie zogernd im Fortgehen noch einmal das ſchone Haupt, den letzten Blick auf ihren Freund zu werfen. Cäcilie ſegnete den Todten ein, ſie labte ſich noch einmal an ſeinen freundlichen Zügen, und der alte Verſorger ſeiner Jugendtage ſtand mit gefaltenen Haͤnden geruͤhrt neben ihr. Da gedachte ſie plotzlich an Joſephens Bild, welches ſie einſt auf Adolar's Bruſt er⸗ plickt hatte; ſollte es vielleicht noch auf der⸗ 185 ſelben ruhen? Sie äußerte ihre Beſorgniß ge⸗ gen den Kloſterverwalter, ohne ihm zu ſagen, daß es Joſephens Porträt ſei, welches er getragen.„Ich gebe nichts auf abergläubige Sagen, Ruͤckwirkungen der Todten auf die Le⸗ bendigen,“ ſprach Cäcilie,„ich bin in dieſer Hinſicht frei von jedem Wahne; doch iſt mir der Gedanke furchterlich, daß das Bild eines Lebenden mit dem Todten zugleich verweſen ſoll; ich beklage ſelbſt die friſche Bluͤhte, welche man dem Sarge in die dunkle Gruft nach wirft; warum zum Symbole des Schmerzes machen, was dem friſchen Leben angehort? Was ſoll dem Todten der Flitter, die Bluͤhte des Irdi⸗ ſchen? um ſeine kalte Stirn bluhen ſchon gei⸗ ſtige Blumen, ſeine Sinne ſind dem Vergaͤng⸗ lichen fuͤr immer geſchloſſen!“ „Bunte Todtenkränze und der Schmuck des Sarges,“ erwiederte der verſtaͤndige Mann, „werden meines Bedünkens wohl mehr fuͤr die trauernden Nachgebliebenen als fuͤr den Todten ſelbſt gewunden; ich halte ſie fuͤr ein frommes Spielwerk, das den verſunkenen Sinn wieder empor richtet, und manches Herz bedarf ſolcher kleinlicher Anregungen, ſich zu ſammeln; nicht Alle, hochehrwuͤrdige Frau, tragen das Leid wie eine Fuͤrſtenkrone, die helle Strahlen um dad ge⸗ 186 weihte Haupt wirft;“ er beugte ſich bei dieſen Worten tief vor der Abtiſſinn, deren bleiche Wangen ſich ſanft roͤtheten.—„Wollen Sie mir erlauben, das Bild von der Bruſt der Leiche zu nehmen? Ich ſtimme ſehr dafuͤr, es ihm nicht mit in die Gruft zu geben.“ Cäcilie nickte bejahend; der Alte faltete das Todten⸗ kleid von einander, und die Kette nebſt dem Medaillon ruhte wenige Augenblicke darauf in Cäciliens Hand.——— Joſephe ſaß in der Zelle, als vie Abtiſ⸗ ſinn eintrat; ein tiefer Seufzer entrang ſich ihrer Bruſt, als ſie die Thure hinter ſich zu zog; ſie kuͤßte die ihr dargereichte mutterliche Hand.„Verzeihe mir, Mutter,“ ſprach ſie kindlich bittend,„verzeihe mir den ungemeſſe⸗ nen Schmerz; ich konnte ihm nicht wehrenz aber Deine erinnernden Worte haben mich mir ſelbſt zuruͤck gegeben; ich athme wieder leicht und frei. Sieh', es war, als wollte es mich dem Todten nachziehen, ich hatte nirgend Ruhe als in ſeiner Nähe. Doch der heftige Schmerz findet ja am erſten ſein Ziel, ſagteſt Du nicht ſo, meine Mutter?“— So, glaube ich, wird es mit mir auch werden, mit einer ſanften Wehmuth denke ich an unſern Adolar, er wird nun ſtill und kuͤhl in unſerer Naͤhe ruhen, — ————— 187 wir haben nichts mehr fuͤr ſein heißes Herz zu fuͤrchten!“„„Aber auch nichts mehr fuͤr ſein ſchones Herz zu hoffen!““ wiederholte Cäci⸗ lie mit bebender Stimme. Ende des zweiten Bandes. Von derſelben Verfaſſerinn ſind in unſerm Verlage erſchienen: Monats⸗Roſen von Wilhelmine Soſtmann geb. Blumenhagen⸗ Preis 1 Thlr. 6 Gr.) Zwei Erzählungen: Die ſpaniſche Jungfrau und Ro ſalinde, das Opfer der Liebe, durch welche eine neue Schriftſtellerinn auf die Bahn getreten iſt, deren Erſcheinung gewiß erfreuen wird. Nach dem Zeugniß kompetenter Kunſtrichter ſind die Produkte ihrer Feder aus einer reichen und lichtvollen Phantaſie hervor gegangen und von dem zarteſten Ge⸗ fuͤhl durchhaucht, das jeden Leſer mit Zauber feſſelt. Ihr Styl iſt correct, rein und bluͤhend, und ihr Buͤch⸗ lein daher in jeder Ruͤckſicht werth, allen Leſern und Leſerinnen von Geſchmack beſonders empfohlen zu werden. ——— —— Farbkarte 113 3 6 ₰ S W 8 S W*——