Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Gaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe 7 ſteten⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. eträgt: für nchenttich 2 Bücher: 4 Büchern: 6 Bücher: 3 6—————————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 MWk.— Pf. „3„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. 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In Jahr 1788 ſtand im Schloſſe zu Verſailles der junge ungarnſche Magnat, Kaver Cabo⸗ ga, vor der ſchoͤnen Koͤniginn Marie Antoi⸗ nette und uͤberreichte ihr in einer Privat⸗Au⸗ dienz die Briefe ihres erlauchten Bruders, Jo⸗ ſeph des Zweiten, welche dieſer dem Mag⸗ naten auf ſeiner Reiſe nach Frankreich, eine eh⸗ renvolle Auszeichnung, anvertraut hatte. Die Koͤniginn betrachtete den edlen anmuthi⸗ gen Mann mit huldvollen Blicken, indem ihre zarten, in Demantſchimmer blitzenden Haͤnde, das Siege des Briefes zerbrachen, mit dem geöffneten Briefe in der Hand; lebhaft, wie im⸗ mer, nur zu gern dem Augenblicke hingegeben, warf ſie ſich in einen Armſeſſel, und vertiefte ſich ſo ſehr in den Inhalt des Schreibens, daß ſie den liberbringer faſt vergeſſen zu haben ſchien. A 2 4 Dieſer ſtand ihr ehrfurchtsvoll gegenuͤber, die reizende Monarchinn, welche in dieſem Augenblik⸗ ke, im geſchmackvollen Morgenanzuge, nur eine ſchone intereſſante Frau erſchien, mit glaͤnzen⸗ den Augen betrachtend.— Noch immer unbeach⸗ tet von der Koͤniginn, deren Zuͤge wahrſcheinlich durch den Inhalt des Briefes einen Ausdruck von Schwermuth bekamen, wurde dem Magna⸗ ten ſeine Lage auf die Laͤnge pein lich, und er wagte die forſchenden Augen weiter umher zu ſenden, indem ſeine Neugier durch ein leiſes Fluͤ⸗ ſtern in ſeiner Nähe rege gemacht wurde. Marie Antoinette, ſich gern und leicht äber die ſteife Etikette des Hofes von Verſailles wegſetzend, hatte den Magnaten in ihrem Bou⸗ doir empfangen; Alles athmete darin die ausge⸗ ſuchteſte Pracht, die uͤppigſte Bequemlichkeit. Doch uͤberraſcht blieb ſein Blick auf einer Fenſtervertiefung gefeſſelt, in welcher, von pur⸗ purſeidenen Vorhängen halb verſteckt, auf einem niederen Taburet, das reizendſte, weibliche We⸗ ſen halb vorgebeugt, ruhte; vor ihr kniete auf dem bunten Teppich ein lieblicher Knabe; der Liebesgott ſelbſt, ſchien der juͤngſten Grazie zu huldigen, indem er ſich mit ſchelmiſcher Luſt dem freundlichen Spiele der Huldinn hingab, welche mit unnachahmlichem Reize die langen glaͤnzen⸗ „ — —,—— . — 5 den Locken des Knaben um ihre weißen Finger rollte. aver Caboga verſchlang das liebliche Bild mit ſeinen Augen; nie war ihm ein ſo zar⸗ ter, mit der lieblichſten Fuͤlle zugleich gepaarter Wuchs erſchienen; dieſe hohe, glaͤnzend weiße Stirn, auf welcher Solz und Anmuth im trau⸗ lichſten Vereine thronten; dieſer ſanfte, faſt ſchel⸗ miſche Trotz, welcher zwiſchen den feinen, ſcharf gezogenen Braunen blitzte; dieſe feurigen ſchwar⸗ zen Augen, deren Glut von den langen ſeidenen Wimpern halb bedeckt, dennoch verwundend den jungen Unger trafen, der Liebreiz des ſanft lä⸗ chelnden Mundes und dieſes Alles, von weichen lichtbraunen Locken umwallt, welche, weit von der Stirn zuruck geſcheitelt, nur bis zum ſchlan⸗ ken Halſe niederhingen, als wagten ſie nicht den Alabaſterglanz des blendenden Nackens des jung⸗ fraͤulichen Buſens zu kuͤſſen. Einige Male begegnete ihr Auge, von ihrem tändelnden Spiele ſich leicht abwendend, des Magnaten Blicken, welche feſt auf ſie gebannt waren; ein Schimmer, zart wie Aurorens erſter— Strahl, uͤberglänzte ihre Wangen.— Eine nie empfundene Unruhe erfullte Eaver's Seele.— Doch plotzlich weckte die Stimme der Koniginn ihn aus ſeinem glucklichen Vergeſſen; uͤberraſcht, 6 ſuchte er ſich zu faſſen, und es gelang dem fei⸗ nen Weltmanne, der Monarchinn gegenuͤber, bald die rechte Haltung zu gewinnen. Marie Antoinette ihrerſeits war eben ſo ſehr bemuͤht, die unruhige, faſt traurige Stim⸗ mung, in welche die Briefe aus Bſtreich ſie verſetzt hatten, niederzukämpfen, wenigſtens zu verbergen; denn es war kurz vor jenen ſtuͤrmi⸗ ſchen Tagen, welche Frankreich als dunkele Vor⸗ boten einer Reihe von blutigen Schreckensjah⸗ ren anzuſehen hatte. Schon wurden die Herzen der koniglichen Familie und ihrer Anhaͤnger von bangen Ahnungen gefoltert und vergebens war man bemuͤht, durch glänzende Feſte und Zer⸗ ſtreuungen aller Art, wobei ſich Vergnuͤgen und Pracht uͤberboten, die innere Angſt zu betauben. Alles dieſes diente indeß nur vielleicht dazu, die traurige Kataſtrophe, welche Niemand in ihrer ganzen Schrecklichkeit traͤumte, ſchneller, doch unabwendbarer, herbei zu fuͤhren. Die reizende Koͤniginn wußte auch eben ſo bald ihre truͤben Empfindungen zu beherrſchen; und es gelang ihr bald, durch jenes bezaubernde Lä⸗ cheln, welches ſie ſo ſehr verſchoͤnte, alle Schwer⸗ muth aus ihren Zuͤgen zu verbannen; doch fuͤhlte ſie ſich in demſelben Augenblicke noch nicht frei genug, eine dem Grafen ſchmeichelnde, anſpre⸗ chende Unterhaltung zu fuͤhren: aber, wie im⸗ mer, einen paſſenden Ausweg, in kleinen, wie in den wichtigſten Angelegenheiten ihres Lebens, auffindend, rief ſie mit zärtlicher Stimme den kleinen Ludwig, ihren Sohn, zu ſich her;— das Kind zoͤgerte einige Augenblicke dem Rufe zu folgen. „Graͤſinn Bourdonnaye,“ fuhr die Kö⸗ niginn weiter fort,„fuͤhren Sie doch den Dau⸗ phin naͤher, damit er dieſen edlen Herrn, aus dem Vaterlande ſeiner Mutter, begruͤße.“ Das reizende Weſen fuͤhrte den ſchoͤnen Kna⸗ ben herbei, und die Koͤniginn ſtellte dem Mag⸗ naten den Dauphin vorz ſie legte demſelben an⸗ fangs einige Fragen in den Mund, doch bald plauderte das liebenswuͤrdigſte Kind, welches der Magnat je erblickt, in holder Unbefangenheit mit ihm. Die freundliche Koniginn zog jetzt die himmliſch ſchone kleine Gräſinn Bourdonnaye mit in das Geſpraͤch und das halbe Stuͤndchen, welches Taver Caboga noch in dem Zimmer der Koniginn verweilte, flog allzu ſchnell vor ihm voruͤber. Er mußte ſich entfernen und fuͤhlte den ſchmerzlichen Zwang, beim Abſchiede ſeine ganze Aufmerkſamkeit der Königinn ſchenken zu muͤſſen, indem er gern nur Augen fuͤr das h 8 Fraͤulein derſelben gehabt haͤtte; nur Einen Blick konnte er dieſer im Voruͤbergehen ſchenken, den die Lieblinginn, ſo duͤnkte es ihn, ſanft erwiederte. Dieſer eine, letzte Blick hob ihn, den feurigen, nur immer zu leidenſchaftlichen Mann, hoch em⸗ por, er flog entzuͤckt, ſtolzen Blicks uͤber die Par⸗ kets, durch die lange Reihe der Prachtzimmer, ohne irgend Etwas um ſich zu beachten; die dienſtthuenden Kammerherren, die aufwartenden Pagen, Alle ſahen ihm verwundernd nach. Eine Menge von Beſuchen, weil der Magnat die wichtigſten und glaͤnzendſten Empfehlungen an die angeſehenſten Häͤuſer in der Hauptſtadt der gebildeten Welt, mit aus Wien gebracht hatte, nahm mehrere Tage in Anſpruch; aber ſo wenig Caboga auch Zeit hatte, uͤber ſich und ſeine Gefuͤhle nachzudenken: ſo mußte er doch wahr⸗ nehmen, daß nur ein einziger Gegenſtand ſeine Seele beſchaͤftige, welcher trotz den mannichfal⸗ tigen, faſt jede Stunde wechſelnden Zerſtreuun⸗ gen und Eindruͤcken, darin bleibend war. Es war das Bild der holden Gräfinn Eugenie Bourdonnaye.— Fuͤnf Tage ſpaͤter fuhr der Magnat in die Oper und nahm, wie er ſchon mehrere Abende zu thun gewohnt war, ſeinen Platz der königli⸗ chen Loge gegenüͤber, immer voll Hofſnung, das ———— 9 Bild ſeiner Traͤume daſelbſt zu finden. Schon war der zweite Akt faſt zu Ende, als die Ko⸗ niginn, begleitet von Mademoiſelle Eliſabeth und der Prinzeſſinn von Lamballe dort er⸗ ſchien; mehrere' Hofdamen folgten und unter die⸗ ſen auch die ſchoͤne Eugenie Bourdonnaye. Wer beſchreibt Lavers Entzuͤcken! Bemuͤht, die Erſehnte im Auge zu behalten, mußte er mit Betruͤbniß gewahren, wie dieſe ihren Platz hinter der Koͤniginn nahm und die wallenden Federn, von der reichen Coiffure der⸗ ſelben, das liebliche Geſicht Eugeniens ganz in Schatten ſetzten; nur wenn ſich die Koͤniginn im Geſpraͤche zu ihren Begleiterinnen vorbeugte, wurde ihm, auf Augenblicke, dieſer Genuß. Der Akt war zu Ende: unmuthig uͤber ſein Mißgeſchick zog ſich der Graf in ſeine Loge zu⸗ ruͤck; eben darauf ſinnend, wie er auf irgend eine Weiſe in die Naͤhe der Graͤfinn dringen koͤnne, denn bis heute hatte er ſie noch nirgend wieder getroſſen, weil ſie als Hoffräulein, faſt nur um die Perſon der Koͤniginn erſchien; da klopfte ihm ein Kammerherr der Koͤniginn ſanft auf die Ach⸗ ſel und uͤberbrachte ihm von derſelben eine Ein⸗ ladung, ſich in der koͤniglichen Loge einzufindeu, indem die Monarchinn ein paar Worte mit ihrem Landsmanne zu wechſeln wuͤnſche. 10 *— Wie beeilte ſich aver dem gnaͤdigen Rufe zu folgen, nicht um die ſeltene Auszeichnung zu genießen, welche ſie eben ſo zart als freundlich fuͤr ihn erſonnen, und welche ſonſt wohl ſeinem Stolze hoch geſchmeichelt haͤtte, nein, nur ſein Herz allein, zog ihn ſo gewaltſam; Eugenie war der maͤchtige Magnet. Nachdem die Koͤniginn bis zum Anfange des dritten Aktes ſich auf die huldvollſte Weiſe mit ihm unterhalten hatte, wendete ſie ſich beim Be⸗ ginnen des Spiels der Buͤhne zu und der Mag⸗ nat, welcher ſich noch nicht entlaſſen ſah, be⸗ nutzte dieſen Umſtand, ſich hinter den Seſſel ſei⸗ ner Angebeteten zuruͤck zu ziehen. Welch ein ſeli⸗ ges Gefuͤhl wogte in ſeinem Herzen empor, ſo nahe der reizenden Schönheit! Er lauſchte jedem Pulsſchlage ihrer Bruſt, er hoͤrte ihren ſanften Athemzug. Eine ſeltſame Beklommenheit be⸗ mächtigte ſich ſeiner; lange ſann er vergebens auf Worte, und doch ſehnte er ſich, den ſuͤßen Ton ihrer Stimme zu hoͤren; er hatte ja ſchon ein Mal mit ihr geredet, was konnte ihn hindern ſie anzureden? Und ſo ermuthigte er ſich ſelbſt und bog ſich leiſe, die Frage nach ihrem Wohlſein flͤſternd, zu ihr nieder. Eugenie erröthete ſanft, doch mit einiger Zuruͤckhaltung ſchien ſie ihm zu antworten; fie wendete im Sprechen das 11 lockige Köpfchen zu ihm, und die Seide ihres Haars ſtreifte leicht des Ungers Hand; hinge⸗ riſſen, geblendet auf's Neue, bezaubert von der Jungfrau himmliſcher Schonheit, floß ſein Mund, voll zarter Schmeichelei gegen ſie uͤber; ſie blickte ihm mit bezauberndem Ausdrucke insAuge; dann aber nahmen Ernſt und Stolz Beſitz von ihren Zuͤgen, ſie erwiederte nichts, worauf er das Ge⸗ ſpraͤch fortſetzen konnte; er mußte ſich begnuͤgen in ihrer Naͤhe zu weilen. Zu ſchnell flog die gluck⸗ liche Stunde voruͤber, wie ein Feenbild ent⸗ ſchwand ihm die Erſehnte; er war auf's Neue den Qualen hofſnungsloſer Sehnſucht Preis ge⸗ geben, denn er hatte ſeit dem Morgen, wo er die Gräfinn zuerſt erblickte, ſein Herz fuͤr immer an ſie verloren. Mit Entzuͤcken dachte aver Caboga des folgenden Tages, wo er zu einem glaͤnzenden Hof⸗ feſte nach Verſailles eingeladen war; er hatte Al⸗ les aufgeboten, ſeine koͤrperliche Schoͤnheit zu er⸗ hoͤhen, um den guͤnſtigſten Eindruck auf die An⸗ gebetete zu machen; gluͤhend von Liebe und Freude warf er ſich in ſeinen Wagen und fuhr, ſo fruͤh es der Anſtand erlaubte, fort. Vor An⸗ fang des Feſtes war große Cour bei den Maje⸗ ſtäten und die ehrenvolle Aufnahme, welche der Magnat auch heute wieder empfing, ſicherte ihm —————— 1 die hochſte Aufmerkſamkeit und Auszeichnung bei den Erſten des Hofes; er wurde an dieſem Abend auch Herrn von Bourdonnaye vorgeſtellt, einem der maͤchtigſten Miniſter am Hofe Lud⸗ wigsdes Sechszehnten und Eugeniens Vater. Zwei Gruͤnde ſich ihm zu nähern; doch der ſtolze, der Huldigung gewohnte Mann, ſchien ihn wenig zu beachten und nahm ſein ſichtliches Bemuͤhen, ihm zu gefallen, ſehr gleichgiltig auf. Eugenie dagegen ließ den Schimmer ihrer Schoͤnheit gegen ihn glaͤnzen, unzaͤhlige, ſuͤße, ſchmachtende Blicke erwiederte ſie ihm verſtohlen; nie war ſie verfuͤhreriſcher geweſen als heute; ein lichtblaues Atlaskleid floß um ſie her, ein⸗ zelne Brillantblumen blitzten in ihren Locken. Ein Kreis von Verehrern umgab die Gefeierte, es wurde dem Magnaten faſt ſchwer in ihre Naͤhe zu kommen, und ein leiſes unheimliches Gefuͤhl regte ſich in ſeiner Bruſt, wenn die kleine Graͤ⸗ ſinn fuͤr Alle ein freundliches Laͤcheln hatte, und dieſe Huldigung gleichſam als einen Tribut ihrer Reize zu fordern ſchien. Der Graf von Bour⸗ donnaye fuͤhrte jetzt einen aͤltlichen beſternten Herrn auf Eugenien zu, den ſie mit vieler Caͤrimonie, doch mit einiger Verlegenheit auf⸗ nahm, und welche dieſer mit einer faſt zutrau⸗ lichen Artigkeit erwiederte; ſo lange der alte Herr 13 an Eugeniens Seite war, ſchien es, als ob der bunte Kreis, welcher ſie bis dahin umflat⸗ terte, allmaͤlig lichter werde, ſich etwas verliere. Kaver blieb indeß an ihrer Seite; aber ſie ſchien ausſchließlich mit ihrem Vater und ihrem auf⸗ merkſamen Geſellſchafter beſchaͤftigt, und hatte jetzt keinen Blick fuͤr ihn. Immer tiefer verwundet wurde aver, ſo oft ihn ſein Stern in die Naͤhe Eugeniens fuͤhrte; voll Hoffnung ihre Liebe zu erringen, deren Strahlen unverkennbar aus ihren ſuͤßen Augen zu ihm ſprachen, lebte er jetzt nur in den Gedanken an ſie, und war feſt entſchloſſen, auch ihren Beſitz zu erſtreben. Die Zerſtreuungen von Paris hatten keinen Reiz fuͤr ihn, er war faſt nur in Verſailles; einſam ſchlich er hier hinter den Taxushecken umher und verbarg ſich hinter den Marmorſtatuen des weitlaͤuftigen Gartens, um die Geliebte nur von fern, im Gefolge der Königinn, auf ihren Morgenſpaziergaͤngen zu ſehen. Dem forſchenden Auge der Liebe entging ſeine gluͤhende Huldigung nicht, Eugenie be⸗ merkte ihn, und durch unzählige kleine Zeichen gab ſie zu erkennen, daß ſie ihn bemerke; bald ließ ſie ihr Schnupftuch fallen und blieb gefliſ⸗ ſentlich einige Schritte zuruͤck, um es aufzuhe⸗ 14 ben und ſich ſanft gegen ihn zu verneigen; bald wendete ſie, um einen Bluͤhtenſtrauch, wie es ſchien, mit Entzuͤcken zu betrachten, das lieb⸗ liche Geſicht zu ihm hin; und welche Wonne, als die Koniginn einſt lange am Rande eines Springbrunnens verweilt hatte, auf deſſen Mar⸗ morbaſſin ſich ein Paar ſilberweiße Schwaͤne ſchau⸗ kelten, fand er auf dem Rande des Beckens, nach ihrer Entfernung, auf eben der Stelle, wo Fraͤu⸗ lein Bourdonnaye geſtanden, einen duften⸗ den Veilchenſtrauß mit einer blaßgruͤnen Schleife umwunden, welche fruͤher den Florärmel des ſchoͤnſten Arms geſchmuͤckt hatte. Welch ein theures Liebespfand fuͤr den be⸗ rauſchten Mann! Ja, er wurde geliebt, er durfte es wagen, der Holden ein Geſtaͤndniß zu machen, welches ſein Herz ſchwer belaſtete; er vermochte es nicht laͤnger in ſuͤßer Qual zu verſchmachten, ſein Gluͤck mußte geſichert werden. Der ungarnſche Graf und Magnat, der Mo⸗ narchinn ſelbſt von ihrem kaiſerlichen Bruder em⸗ pfohlen, ward fuͤr immer zu den kleinen inter⸗ eſſanten Abendzirkeln eingeladen, welche Marie Antvinette jede Woche in ihren Appartements gab. Es herrſchte darin ein ungezwungener, oft ans Leichtfertige ſtreifender Ton; Jedermann hatte dort Gelegenheit, ſeinen Witz, ſeine Ein⸗ 15 fälle, ſeine Talente glaͤnzen zu laſſen, aber nur ſo weit es der leichte, feinſte, pariſer Weltton geſtattete; die Prinzen des koͤniglichen Hauſes, ausgezeichnete Kuͤnſtler, angeſehene Fremde und der hoͤchſte Adel hatten dort Zutritt. Hier lebte Caboga ſeine gluͤcklichſten Stunden;z hier war es ihm vergoͤnnt, zu Eugenien, wenn auch nicht ohne Zeugen, doch oft im Einzelgeſpraͤch zu reden, und alle die kleinen Andeutungen, un⸗ zäͤhligen Beziehungen, wodurch ſich zwei fuͤr ein⸗ ander geſtimmte Herzen verſtehen, verriethen den Liebenden die Gefuͤhle, welche ſie fuͤr einander hegten; nur wenn Herr von Bourdonnaye und gewohnlich mit ihm der alte Herr, es war der Marquis von Villangois, ein unermeß⸗ lich reicher Mann, erſchienen, that Eugenie ernſt und ſtolz gegen ihn; wie fruͤher, hatte ſie alsdann keinen Blick fuͤr den Freund. Ein boͤſer Argwohn ſtieg in ſeiner Seele em⸗ por, und Verzweiflung erfullte ſein Herz, als er im Geſpraͤche mit einem Hofherrn einige ſcherz⸗ hafte Außerungen uͤber die ausgezeichneten Auf⸗ merkſamkeiten des Marquis von Villa ngois, gegen die kleine Graͤſinn Bourdonnaye hoͤrte. Caboga ſpann das Geſpräch weiter aus, und erfuhr mit Erſchrecken, daß man bei Hofe be⸗ reits fuͤr ganz beſtimmt annaͤhme, daß zwiſchen 16 Beiden bald ein ſehr inniges Verhaͤltniß walten wuͤrde, indem man jeden Tag der Ankuͤndigung von der Verlobung des Marquis mit Euge⸗ nien entgegen ſähe. Gleich einem Donnerſchlage betäubten den Grafen dieſe Worte, raſtlos eilte er aus einem Salon in den andern, um ſeiner innern Unruhe zu entgehen; es war ihm peinlich, die Geliebte an der Seite ſeines Nebenbuhlers zu ſehen, ja ſie nur an derſelben ſich zu denkenz endlich kehrte er zuruck in ihre Naͤhe; ſtumm, bleich, ermattet von dem Kampfe ſeiner Gefuͤhle, lehnte er an der goldnen Flugelthuͤr des Zimmers, in welchem Eu⸗ genie ſaß. Unwiderſtehlich wurden ſeine Blicke zu ihr hingezogen; er bemerkte eine ſchmerzliche Unruhe in ihren Zuͤgen; ſie ſchien zerſtreut, un⸗ muthig, einſylbig. Schon hatte ſich die Geſell⸗ ſchaft faſt verloren, Herr von Bourdonnaye und der Marquis entfernten ſich jetzt auch,£ a⸗ ver aber konnte ſich noch nicht losreißen, er nahte ſich Eugenien, welche ihm mit unver⸗ holenem Entzuͤcken entgegen laͤchelte. Jeder Zwei⸗ fel, jeder Schmerz in ihm war beſaͤnftigt, nein, es war unmoͤglich, dieſes reizende, bluͤhende Le⸗ ben konnte ſich nicht in die Arme eines, dem Greiſenalter nahenden Mannes werfen, deſſen lä⸗ cherliche Galanterie ihn ſtets den Pfeilen des — 17 Witzes bloß ſtellte, und welcher, ſtolz auf ſeinen Reichthum, aufgeblaſen Alle, die ihm nicht gleich an Gluͤcksguͤtern waren, uͤberſah, und ſich eben dadurch veraͤchtlich machte. Einzelne Gruppen ſaßen um den Magnuten und Eugenien her; die allgemeine Unterhal⸗ tung war in Stocken gerathen, nur um die Ko⸗ niginn war noch ein kleiner Kreis verſammelt, in welchem der Herzog von Orleans einen lebhaften, launigen Streit uͤber ein beruͤhmtes Kunſtwerk mit einem anweſenden Maler fuͤhrte. Noch nie war Faver, Eugenien gegen⸗ uͤber, ſo wenig beachtet geweſen, wie in dieſer Minute; ſie ſchien ihm geeignet, der Dame ſei⸗ nes Herzens, die Gefuͤhle desſelben deutlicher zu erklären, obgleich er den Ort und einen zufäl⸗ ligen Lauſcher beruckſichtigen mußte. „Sie ſind eine arge Zaubrerinn, ſchoͤne Graͤ⸗ finn,“ fuhr er in ſcherzendem Geſpräche fort, „Sie haben den muthigſten, kuͤhnſten Mann in einen Schwaͤchling, einen Feigen verwandelt; o, wenden Sie jetzt Ihren Zauber an, ihm wieder Muth zu einem ungeheuern Wagniß zu verlei⸗ hen, das er vollbringen muß, ſoll anders ſeine Ruhe, ſein Lebensgluͤck nicht fuͤr immer verlo⸗ ren gehen.“ „Sie ſcherzen, Herr Graf,“ erwiederte Eu⸗ Erſter Vand. B 18 genie,„glauben Sie wirklich, daß, wenn mir Feenkraft verliehen waͤre, ich ſo thoͤricht ſeyn wuͤrde, Ihnen Muth zu einem ungeheuern Wag⸗ niß zu verleihen? Wir Frauen ſind ſo abgeſagte Feindinnen von allen ſchrecklichen Kaͤmpfen und Wagniſſen, ſo friedliebende Weſen, daß ich von Herzen gern Sie in Ihrer Bezauberung laſſen werde; ja, wenn ich wuͤßte, wenn ich ahnen konnte, was fuͤr ein Wagſtuͤck Ihren ganzen Muth erfordere?“— „Reizende Eugenie,“ fiel ihr Eaver in die Rede,„ahnen Sie wirklich nicht, iſt Ihr Zauber nicht ſtark genug, die Gedanken desjeni⸗ gen zu errathen, welcher in Ihren un⸗ aufloͤslich ſchmachtet?“—— Eugenie erroͤthete, und mit geſenkten Au⸗ gen ſprach ſie, wie leiſe vor ſich:„Wenn Eu⸗ genie nun auch bezaubert waͤre, wenn ſie ſich ebenfalls einer dunklen Macht hingegeben fuͤhlte, wenn ſie erriethe, was ſie nie errathen duͤrf— te?“—— „Eugenie, darf ich reden?“ ſprach der uͤberſelige Mann.—— „Nicht jetzt, nicht hier!“ rief die Jungfrau erbleichend und lächelte ſchmerzlich zu ihm hin, „niemals,“ ſprach ſie weiter und eine Thräne fuͤllte ihr dunkles Auge. 19 „O, jetzt um jeden Preis, koſte es meine Ruhe, mein Leben, will, muß ich reden, ich muß Sie einſam ſprechen, Gräfinn, Sie ſollen entſcheiden!“ Da trat eine aͤltliche Hofdame auf die Spre⸗ chenden zu; Eugenie legte den blitzenden Faͤ⸗ cher feſt auf ihre Roſenlippen:„Klein-Tria⸗ non,“ lispelte ſie leiſe und horchte der Frage, welche die Hofdame an ſie that. Dem Grafen Caboga konnte nach dieſer entzuͤckenden Stunde der Abend nichts ſo Schd⸗ nes mehr bieten, er zog ſich zuruͤck, Euge⸗ niens Blicke folgten ihm ſehnſuͤchtig nach.—— Klein ⸗Trianon war der einzige Gedanke des Grafen; dort wollte Eugenie ihn einſam ſpre⸗ chen. Wie war das moglich? Dieſe reizende Villa im Park von Verſailles, nur durch einen ſchoͤnen Spaziergang von dem großen Schloß⸗ garten getrennt, war fortwaͤhrend von Spazier⸗ gangern umgeben, von Hofleuten belebt. Ea⸗ ver verſaͤumte indeſſen nicht, ſich in den einſam⸗ ſten Stunden des Tages dort einzufinden; aber der Stern, dem er entgegen ſah, ging ihm nim⸗ mer auf. Eine leichte Unpäßlichkeit der Koͤniginn ver⸗ bannte ihn Wochen lang aus Eugeniens Naͤhe; der Liebende verging faſt unter den Qua⸗ B2 20 len ſeiner Sehnſucht. Wohin er kam, redete man von der nahen Verlobung des Marquis mit der Gruͤſinn Eugenie Bourdonnaye, ſprach ſchon von den Feſtlichkeiten, welche zur Feier derſelben Statt ſinden wuͤrden; auch hatte Herr von Bourdonnaye bereits Einladungen zu ei⸗ nem Bal paré umher geſandt, und auch der Graf hatte eine ſolche bekommen.—— Marie Antoinette war von ihrer klei— nen Unpaͤßlichkeit hergeſtellt und bezog, wie ge⸗ woͤhnlich, in den waͤrmern Sommertagen ihren Lieblingsaufenthalt, die Villa Klein-Trianon; eine Reihe laͤndlicher Feſte verſchonte die erſten Tage ihres Aufenthalts daſelbſt, die lauen mond— hellen Sommerabende verſammelten den Hof auf der oberen Terraſſe, wo die herrlichſte Muſik weit hin die ſchattigen Gaͤnge, die halb erleuch⸗ teten Alleen durchtoͤnte. Die Einwohner von Paris und Verſailles, denen der Eingang in den untern Partien des Gartens geſtattet war, wog⸗ ten darin auf und ab; Alles athmete Luſt und Freude. Die Koͤniginn liebte es, ſich hier von allem Zwange der Etikette zu befreien, ſogar in der Kleidung durfte ſich an dieſen wahrhaft idylli⸗ ſchen Abenden Niemand auszeichnen. Marie Antoinette trug, wie alle ihre Damen, ein einfaches weißes Linonkleid, einen breiten Schä⸗ ferhut von Stroh mit einer geſchmackvollen Band⸗ ſchleife; der breite Rand des Hutes beſchattete oder verdeckte faſt das Geſicht der Damen; an Wuchs und Taille waren Viele einander gleich⸗ und dieſes gab oft zu drolligen Verwechſelungen Veranlaſſung, welche die Königinn uͤber Alles beluſtigten, wenn auch die Wuͤrde der Monarchinn mehr oder minder dabei litt. Marie Antoi⸗ nette zog es vor, die liebenswuͤrdigſte Frau zu ſeyn, obgleich ſie die liebenswuͤrdigſte Koͤniginn zu ſehn, vom Schickſal berufen ſchien.—— Jetzt hatte der Graf Caboga keine Ruhe mehrz jeden Morgen erwartete er, werde der Tag erſcheinen, der uͤber ſein Schickſal entſcheiden, welcher ihm Eugenien in die Arme fuͤhren werde und zwei Abende ſchon hatte er vergeblich ſeinem Gluͤcke entgegen geſehen. Herr von Vil⸗ langois hatte beide Male ſich ſo ausſchließlich mit der Graͤſinn beſchaͤftigt, ſie faſt nie von ſei⸗ nem Arme gelaſſen, daß der Magnat auch nicht einen günſtigen Augenblick ſinden konnte, ſich der Angebeteten unbemerkt zu nahen; irgend ein Zeichen ihrer Huld, außer einen verſtohlenen Blick zu empfangen; Eugenie in ſo vertraulicher Nähe mit dem verhaßten Nebenbuhler zu ſehen, war ihm qualvoll, er floh den glaͤnzenden Zirkel, kennen zu lernen. 22 eilte hinab in den einſamen Garten, und den— noch zog es ihn bald wieder in die Raͤhe der Geliebten. Er uͤberwand ſeine eiferſuͤchtige Bewegung, er ging an Eugeniens Seite, aber nur die dunkle Glut ſeiner Augen verrieth der Geliebten die Gefehle ſeiner Bruſt, er ſchwieg, er wagte es nicht mit ihr zu reden, fuͤrchtend, daß ſein Mund wider ſeinen Willen den Unmuth und die Leidenſchaft ſeiner Seele verrathen möchte. Eu⸗ genie errieth den Kampf ſeiner Bruſt; beguͤtigend wendete ſie die Blicke zu ihm hin, halb nur dem Geſpeaͤche des Marquis lauſchend. Dieſer ſchien indeß in wohlgefälliger Geſchwätzigkeit, die Ver⸗ nachlaſſigung ſeiner Begleiterinn nicht zu bemer— ken;z er redete eben von einem ſeiner auswaͤrts ge⸗ legenen Guͤter und machte Eugenien auf die bedeutenden Einkuͤnſte desſelben aufmerkſam. Ich werde, ſchone Graͤfinn, morgen dahin abreiſen, fuhr er fort, nothwendige neue Einrichtungen, er laͤchelte dabei bedeutend, erfordern meine An⸗ weſenheit daſelbſt, ich werde nur einige Tage dort verweilen; es konnte aber ſeyn, daß mein Beſuch auf dieſem, ſo herrlich liegenden Gute noch am Ende dieſes Sommers wiederholt wurde, denn es lohnt ſich der Muͤhe, dieſe Beſitzung 23 „Morgen ſchon wollen Sie uns verlaſſen, Herr Marquis!“ rief Eugenie lebhaft. „Ja, meine niedliche Graͤfinn, morgen ſchon, um deſto fruͤher wieder nach Paris zuruͤck zu kehren.— Eugenie blickte den Magnaten bedeutend an, Entzuͤcken durchſtroͤmte dieſen, und als die Stunde der Trennung erſchien, als er die nied⸗ liche Hand der kleinen Gräſinn Bourdonnaye zum Abſchiede kuͤßte, fluͤſterte er leiſe:„Mor⸗ gen!“—— So ſehr Eaver Caboga auch am folgen⸗ den Abende eilte, nach Klein-Trianon zu kom⸗ men, ſo war es doch, als ob ein verwuͤnſchtes Geſchick ſich ſeinen Wuͤnſchen entgegen lehnte; unzählige kleine Zufaͤlligkeiten traten ihm in den Weg, er mußte den Hofzirkel längſt verſammelt wiſſen, ſeine Ungeduld hatte den hoͤchſten Gipfel erreicht, als er ſich endlich in ſeinen Wagen warf, und die ſechs feurigen Mohrenkopfe ſeines Poſtzuges eilten ſeiner Sehnſucht viel zu lang⸗ ſam. Endlich war er da, und ſogleich die Per⸗ ſon der Koͤniginn aufſuchend, in deren Naͤhe Eugenie faſt immer zu finden war, trat er auf die Terraſſe. Fräulein Bourdonnaye war nicht anweſend und Marie Antoinette zog den Grafen, den ſie als Unterthan ihres kai⸗ 24 ſerlichen Bruders gern bei jeder Gelegenheit aus⸗ zeichnete, und deſſen perſoͤnliche Liebenswuͤrdig⸗ keit und Verſtand ihn zum angenehmſten Ge⸗ ſellſchafter machte, ſogleich in ein Geſpräch⸗ „Helfen Sie mir, Herr Graf, einen kleinen Betrug ſpielen,“ ſprach ſie,„es gilt den Mar⸗ quis Chapelet eiferſuͤchtig zu machen, welcher, obgleich mißtrauiſch bis zum libermaß gegen ſeine liebenswuͤrdige Gemahlinn, ſich dennoch die Freiheit nimmt, mit den artigen Buͤrgertochtern von Paris unten im Park zu ſcherzen; kommen Sie, Graf Caboga, ſeien Sie auf ein halbes Stuͤndchen der Anbeter der ſchonen Marquiſe Chapelet, welche ich vorſtellen will; ich und die Marquiſe haben eine auffallende Ahnlichkeit im Wuchs und Anſtand, in der Haltung des Kopfs, ſogar im Tone der Stimme; ſchon lange wartete ich auf den Duc de Montmorenci, er iſt ebenfalls mit einigen Damen unten im Park, und ein eifriger Anbeter der Marquiſe; gern haͤtte ich mit ihm die kleine Intrige aus⸗ gefuͤhrt: doch er bleibt mir zu lange, die Zeit vergeht daruͤber. Die Koͤniginn gab dem Gra⸗ fen, indem ſie, ohne ſeine Antwort abzuwar⸗ ten, ihren Arm in den ſeinigen legte, noch eine Menge kleiner Verhaltungsbefehle, legte ihm Fragen und Antworten gegen die Marquiſe in 25 Mund, zog ihren Schleier an einer Seite es Hutes tief nieder, und wendete ſich mit dem Unger der Treppe, S6 die Terraſſe hinab fuͤhrte, zu. Faver ging, beneidet von manchem Hof⸗ herrn, die Koniginn fuͤr ſeine Rolle viel zu ehr⸗ furchtsvoll fuͤhrend, die Treppe hinab; ſeine ſu⸗ chenden Blicke flogen umher; nirgends war die Geliebte zu ſehen. Doch noch waren ſie die Terraſſe nicht ganz hinab geſtiegen, als der Duc de Montmorenci, zwei Damen am Arm, auf die Koniginn zutrat; ihn ſogleich erkennend, redete ſie ihn an: und welche überraſchung! Eugenie war die eine von den beiden Damen, welche er fuͤhrte.— Die Koͤniginn theilte ihnen ihr kleines Vor⸗ haben mit, und bat den Grafen, dem Duc de Montmorencijetzt ſeinen Platz einzuraͤumen. „Fuͤhren Sie die Graͤfinn von Bourdonnaye zuruͤck,“ ſprach ſie laͤchelnd;„mir will es faſt ſcheinen, als wäre dem ernſten, feurigen, un⸗ garnſchen Grafen das Spaͤßchen zu trocken und kindiſch; Sie haͤtten es mir mit Ihrer ernſten Miene vielleicht wohl gar verdorben; Frau von Martingy indeſſen ſoll uns begleiten, ſoll von fern Zuſchauerinn des Scherzes ſeyn. Adieu, 26 Eugenie! Adieu, Herr Graf, bald bin ich wieder oben.“ Hingeriſſen von der lebhaften Muntetkeit ih⸗ res ewig nur nach Zerſtreuung duͤrſtenden Sin⸗ nes, ſchwebte die Koͤniginn die Terraſſe hinab und verlor ſich ſchon. unten im Park, noch ehe Laver und Eugenie, vom Zufall ihren ſehn⸗ ſuͤchtigen Wuͤnſchen zugefuͤhrt, das volle Bewußt⸗ ſeyn ihres Gluͤckes genoſſen. Taver legte den ſchoͤnen Arm des Fraͤuleins in den ſeinigen und anſtatt ſie zuruͤck auf die Terraſſe zu fuͤhren, fuͤhrte er ſie dem unteren Theile des Parks zu. Lange, ſchmale, wenig erleuchtete Gaͤnge leite⸗ ten hier nach dem Schloßgarten von Verſailles; dort war es einſam, dort hoſſte der Gluckliche ungeſtort die Bekenntniſſe ſeines Herzens vor Eugenien ausſprechen zu duͤrfen. Eugenie aber bebte am Arme des Gra⸗ fen, wie ein vom Nachthauche bewegtes Blatt der Espe. War das die ſtolze Graͤfinn Bour⸗ donnaye, die keck und gebietend in der Mitte ihrer Anbeter ſtand, die gefeierte Lieblinginn der Koͤniginn, welche in den Saͤlen von Saint Ger⸗ main Bewunderung und Triumph in ſo reichem Maße empſing? Eugenie war jetzt nur die liebende Jungfrau; entkleidet von dem ſchimmern⸗ den Glanze ihres Ranges, fuͤhlte ſie nur, wie 27 ———— ihr Herz bang und liebend, ſo einſam, ſo nahe dem Geliebten ſchlug. Schweigend, wie das Gluͤck, ging der Graf an ihrer Seite, bis eine einſam gelegene Grotte, von Muſcheln und blinkendem Erz zierlich zu⸗ ſammen gefuͤgt, die Liebenden aufnahm; zwei Amphitriten goſſen am Eingange aus dunklen Marmorurnen ſilberhelle Waſſerperlen in ein klei⸗ nes Marmorbaſſin, und das ſanfte Gemurmel der ewig perlenden Waſſerſtrahlen verbarg dem Lauſcher das ſtille Gefluͤſter der Liebe, welche ſie beſchutzten. „Eugenie,“ ſprach der Graf ſchmeichelnd, die Hand der Geliebten ſanft an ſein Herz zie⸗ hend,„Eu genie, dieſe Stunde ſgibt mir Muth; darf ich Ihnen bekennen, daß ich Sie liebe— darf ich Ihnen die Schmerzen nennen, welche bis dahin mein Herz zerriſſen haben? Enden Sie dieſe Qual, ſagen Sie mir, was ich hoſſen darf!“. „Herr Graf,“ erwiederte Eugenie,„wie hat mich der Augenblick uͤberraſcht! O ſchonen Sie mich, ich habe dieſe Zuſammenkunft ge⸗ wuͤnſcht, und jetzt, woher ſoll ich den Muth nehmen, Ihnen zu bekennen“— „Muth!“ rief der Graf.„O beduͤrfen Sie, ſchone Graͤfinn, des Muthes, Ihren Freund zum 28 ſeligſten Menſchen zu machen! O wollen Sie mir rauben, was Sie mir ſchon laͤngſt geſchenkt! — Hat mich der Strahl dieſer Augen betrogen? waren es Irrlichter, die mich blendend einem Abgrunde zufuͤhrten, den ich mit Paradieſes⸗ bluͤten beſtreut ſah? täuſchte mich das Laͤcheln dieſer Purpurbluͤhte Deines Mundes, log es mir den Seelenfrieden aus der Bruſt?“ Eugenie ſchwankte, von dem Grafen ſanft umfaßt, tief aufſeufzend, in ſeine Arme; ſie wollte reden, aber zu beengt war ihre Bruſt; von zaͤrtlichem Mitleiden eben ſo ſehr, wie von der liebenden Sehnſucht ſeines Herzens hinge⸗ riſſen, lehnte Taver Eugeniens Haupt an ſeine Bruſt; ſie ſah ihn mit in Thränen ſchwim⸗ menden Augen an; aber als riefe die Seligkeit dieſes Augenblicks ihre Lebensgeiſter wach, fuhr ſie raſch empor und riß ſich faſt heftig von dem Grafen los. „Laſſen Sie mich, Taverz o fuͤhren Sie mich zuruͤck! Vergebens kaͤmpfe ich, Ihnen zu entdecken, was uns Beide gleich elend machen wird! Hoſſen Sie nichts; fordern Sie nichts von Eugenien, die leichtſinnig, unbedachtſam ſich einer allzu ſuͤßen Regung hingab, che ſie erkannte, wie mächtig deren Herrſchaft uͤber ihr Gemuͤth war.“ 29 „Eugenie,“ rief der Graf,„welche Räth⸗ ſel haben Sie fuͤr denjenigen, welcher ſich mit ſo unbedingtem Vertrauen Ihnen hingibt? HO, noch einmal, theuerſte Eugenie, enden Sie meine Qual! Darf ich Gegenliebe hoffen, wol⸗ len Sie die Meine ſeyn?“— Eugenie verhuͤllte ihr Geſicht, ſie weinte. „Taver,“ ſprach ſie leiſe,„ich habe Richts mehr zu verſchenken, ich bin verlobt; ehren Sie in mir die Braut des Marquis de Villan⸗ gois Mit einem Angſtrufe ſtuͤrzte der Magnat zu ihren Fuͤßen nieder; er verbarg ſein Haupt in die Falten ihres Kleides, ein nie empfundener Schmerz ſchnitt durch ſein Herz.„Schon ver⸗ lobt, ſchon ſeine Braut?“ ſprach er dann, ohne hen. „Verlobt, ſeine Braut, getrennt von allem Gluͤcke des Lebens fuͤr immer!“ ſchluchzte Eu⸗ genie uͤber ihn. Eine lange, ſchweigende Pauſe zog voruͤberz Keins wagte, das Andere in ſeinem Schmerze zu ſtdren. Endlich brach der Graf das Schweigen. „Liebſt Du mich, Eugenie?“ fragte er innig und wagte ihren auf ihn gerichteten S ken zu begegnen. „Ewig, ewig werde ich D Dich lieben, mein 30 Freund! O warum fuͤhrte Dich das Schickſal nicht fruͤher mir entgegen, ehe ich mich der Ge⸗ walt uͤber mich opferte!“ „Du liebſt mich, meine Freundinn?“ rief der Graf zaͤrtlich und bedeckte Eugeniens Häͤnde mit gluͤhenden Kuͤſſen.„Du liebſt mich und denkſt daran, einem Andern anzugehoͤren? Jetzt, da Dein Mund das erſehnte Wort aus⸗ geſprochen, haſt Du Dich mir uͤbergeben. Glaubſt Du, ich liebte Dich ſo wenig, daß ich Dich nicht einer hoͤhern Macht, als der menſchlichen, abkaͤmpfen wuͤrde? Glaubſt Du, ich wuͤrde willenlos Dich in die Arme eines Mannes wer⸗ fen ſehen, indeß Dein Herz mich erwaͤhlt? Du liebſt mich, mein iſt Deine Seele; und ich ſollte dieſes himmliſche Geſchenk nicht mit meiner Se⸗ ligkeit vertheidigen? Mir liegt nach dieſer ent⸗ zuͤckenden Stunde die Pflicht ob, die Geliebte zu ſchutzen, ſie mir zu erkaͤmpfen durch Tod und Leben!“ Eugenie, durch die immer heftiger aus⸗ brechende Leidenſchaft des Grafen zu Tode ge⸗ aͤngſtigt, denn ſeine Stimme ſchallte weit durch den, zum Gluͤck jetzt einſamen Theil des Gar⸗ tens hin, verſuchte umſonſt, ihn zu beruhigen. „Es iſt umſonſt, es iſt vergeblich! Alles, was Du, mein Freund, erſinnen wirſt, mich 31 von dieſer verhaßten Heirath zu befreien, wird vergebens ſeyn;z zu feſt iſt der Knoten geſchuͤrzt, Niemand kann ihn zerreißen; Du kennſt die tauſendfachen, unzerreißbaren Faͤden nicht, aus denen dieſes Band gewebt iſt. Von meinem Vater hoſſe Nichts, von dem Marquis noch we⸗ niger; die Koͤniginn ſelbſt hat, wie ich fuͤrchte, Alles eingeleitet, ſie wird, ſie darf Nichts fuͤr mich thunz ich bin rettungslos verloren! O, fliehen Sie fort, Herr Graf, fliehen Sie ſchnell, uͤberlaſſen Sie Eugenien ihrem Grame und ihren Thraͤnen!“— „Gewalt zerreißt jedes Band,“ ſprach der Graf ernſt,„Gewalt kann Dich mir erkämpfen! Eugenie, willſt Du mein ſeyn?“—— Die Graͤfinn ſah ihn ſtaunend fragend an.— „Eugenie, willſt Du mein ſeyn?“ wie⸗ derholte Eaver noch ein Mal, und breitete der Jungfrau ſeine Arme entgegen; ſie neigte das ſchone lockige Haupt gegen ihn, ſank an ſein Herz und unter ſeinem gluͤhenden Kuſſe lispelte ſie errdthend:„ewig Dein!“—— Ein ſanftes Saͤuſeln durchfluͤſterte den gruͤ⸗ nenden Garten, als ob die Schwingen zarter Liebesgotter uͤber Blumen rauſchten, ihnen das ſtille, unendliche Gluͤck zu vertrauen, welches die kleine blinkende Grotte verbarg; ein Perlen⸗ 32 tropfen nach dem andern ſiel aus den dunkeln Urnen der Flußgoͤtter, wie die ſeligen Augen⸗ blicke verrannen ſie ſpurlos hin. Eugenie mahnte den Grafen an die Ruͤck⸗ kehr; Alles war unter ihnen verabredet; Ea⸗ ver wollte ſie retten; ſie ſich ihm unbedingt ver⸗ trauen, ihm in ſein fernes Vaterland folgenz das nie Getraͤumte ſchien ihr von des Geliebten feurigem Muthe gehoben, leicht und ausfuͤhrbar. Mit innerem Schauer dachte ſie jetzt daran, des Marquis Gemahlinn zu werden; berauſcht von den heiligen Gefuͤhlen der Liebe, hatte ſie keine Wahl; ſein wollte ſie werden um jeden Preis; ihm konnte ſie nicht entſagen; hingeriſſen von ſeiner unendlichen Liebe, beſchwor ſie den Bund der Treue, beſiegelte ihn mit ihren Thraͤnen. M. Herr von Bourdonnaye, der maͤchtigſie Miniſter am Hofe Ludwigs des Sechszehn⸗ ten, war dem koͤniglichen Hauſe treu ergeben. Einzig darauf bedacht, den hohen Rang, den er einnahm, mit allem nur moͤglichen Glanze zu 33 umgeben, brachte er jedes Opfer, welches dazu noͤthig war, ihm ſeine Macht, ſein Anſehen zu ſichern. Sein ausgezeichneter Verſtand, verbun⸗ den mit den ſeltenſten Geiſtesgaben, beſeitigten unzaͤhlige Schwierigkeiten, ehe es ihm gelang, ſich ſo feſt zu ſtellen, wie er ſtand. Das Ver⸗ trauen des Monarchen genoß er im hohen Gra⸗ de, noch mehr das der Koniginn; aber gerade deßhalb hatte er ſich eine große Partei der Pariſer zu ſeinen Feinden gemacht und die verhaͤngniß⸗ volle Zeit, in welcher er lebte, erforderte die hoͤchſte Vorſicht, die ſorgfaͤltigſte Beruͤckſichti⸗ gung in vielen Dingen.— Sein ehemaliger Reichthum war unter dem Aufwande des glaͤnzenden Hauſes, welches er machte, faſt zuſammen geſchmolzen; Jedermann hielt ihn noch fuͤr reich, als er bereits nur durch ein ſehr kuͤnßliches Finanzſyſtem den gewohnten Aufwand fortſetzte. Seine Gemahlinn war fruͤh geſtorben, zwei Kinder hatte ſie ihm hinterlaſſen, der Sohn, Alexander, ein hoſſnungsvoller Knabe, wurde ſchon in ſeinem eilften Jahre in die Militaͤr⸗ ſchule nach Brienne gegeben; dort bildete ſich dieſer zum Soldaten und ſtand ſchon, als er eben ſechszehn Jahre alt geworden, als Offizier in einem Dragonerregimente. Sein Avancement Erſter Vand. C 34 ging ſchnell; im zwanzigſten Jahre war er Ka— pitaͤn und verheirathete ſich, freilich nicht mit des Miniſters voͤlliger Zufriedenheit, mit einem eben ſo liebenswuͤrdigen, als reichen Fraͤulein aus der Provinz. Der alte Graf Bourdon⸗ naye haͤtte ihn lieber mit der Tochter eines alten Hauſes vermahlt; es kraͤnkte ſeinen Stolz, daß ſeine Schwiegertochter, als Alexander ihm dieſe in Paris vorſtellte, nicht einen der erſten Plaͤtze in der Geſellſchaft einnahm; nur ihr Reichthum verſoͤhnte ihn mit dieſer Heirath. Eugenie, Alexanders Schweſter, ward indeß von der liebenswuͤrdigen, anſpruchsloſen Melanie mit inniger Liebe umfangen; denn dieſe uͤbertrug die zaͤrtlichen Gefuͤhle, welche ſie fuͤr den einzigen Bruder hegte, von welchem ſie leider das Schickſal ſo fruͤh getrennt hatte, mit auf dieſe. Alexander Bourdonnaye ſtand ſtau⸗ nend, nach einer vierjaͤhrigen Abweſenheit, vor der herrlich aufgebluͤhten Schweſter; Eugenie hatte eben ihr funfzehntes Jahr zuruͤck gelegt und entfaltete ſchon jetzt alle die ſeltenen Reize, welche ſich nach wenigen Jahren noch blendender ent— wickelten. Um eben dieſe Zeit war es auch, daß die Koͤniginn dem Miniſter den ehrenvollen Antrag machte, die kleine Gräſinn Eugenie in die Zahl ihrer Hofdamen aufzunehmen; und Herr von Bourdonnaye, entzuͤckt, ſeine Tochter ſchon ſo fruͤh einen glaͤnzenden Rang einnehmen zu ſehen, ſann ſeit dieſem Tage nur darauf, durch eine eben ſo ausgezeichnete Heirath dieſen fuͤr immer zu begruͤnden. Unter dem Schwarme von Anbetern, welche Eugenie umgaukelten, fanden ſich bald genug Bewerber um ſie; doch fuͤr des Miniſters Plane waren ſie zu unbedeutend und mußten ſich ent⸗ ſchließen, ihre Hoffnungen aufzugeben. Eugenie, in ſo zartem Alter, auf einen Platz geſtellt, wo ſie den Augen der Welt bloß gegeben, faſt auf ſich allein angewieſen war; wo Niemand, als die Geſetze der Etikette, ihr den Weg vorzeichneten, den ſie zu nehmen hatte, fand dennoch bald in ihrem Innern einen ſcho⸗ nen Takt fuͤr ihr Benehmen auf dem ſchim— mernden Glatteiſe, welches ſie anfangs mit ſchuͤchternem, unſicherem Fuße betreten hatte; und eben dadurch zeichnete ſie ſich vor vielen ſchoͤnen Frauen am Hofe Marie Antoinet⸗ tens ſo bedeutend aus. Zwar betaͤubte der Weihrauch, der ihrer Schoͤnheit in ſo reichem Maße gezollt wurde; zwar umwirrten die un— zaͤhligen, ihr taͤglich dargebrachten Huldigungen 36 den freien Sinn der jungen Schoͤnheit; ſie fand Gefallen daran, ſie gehoͤrten bald zu den Be— dingungen ihres Vergnuͤgens: indeß beruͤhrten alle dieſe, oft aus dem tiefſten, innigſten Em⸗ pfinden ausgeſprochenen Huldigungen, welche ſich, der Sitte jener Zeit anſchmiegend, immer nur unter leichten Taͤndeleien, bedeutungsvollen Ga⸗ lanterien verhuͤllen mußten, ihr Herz niemals; ein buntes, bluͤhendes Tulpenbeet ſchien ihr dieſe gaukelnde Maͤnnerſchaar; und unentweiht ſchlum— merten die heiligen Gefuͤhle unerwachter Leiden⸗ ſchaft unter der ſchimmernden Huͤlle, welche das zärtlichſte, wärmſte Herz bedeckte. Indeß die keizende Eugenie ihr fröhliches Bluͤhtenleben hingaukelte, war Graf Bour⸗ donnaye ernſtlich darauf bedacht, die jetzt achtzehnjaͤhrige Tochter zu vermaͤhlen. Ein be⸗ deutender Werber hatte ſich fuͤr dieſe eingefun⸗ den, welcher alle Bedingungen erfuͤllte, die er von dem zukuͤnftigen Gemahle ſeiner Eugenie, nach ſeinen Anſichten, forderte. Einige bedeu⸗ tende Winke der Koniginn, gerade in der Zeit, als der Marquis Villangois dem Miniſter den Antrag gemacht hatte, ſtimmten ihn ſchon im Voraus guͤnſtig fur dieſen; und ſeine Freude uͤber den Werber wurde noch erhoht, als er ſich berzeugte, daß der Reichthum des Marquis 37 ſeine Muthmaßungen darüͤber noch weit uͤber⸗ ſtieg, als ihm die ſichere Ausſicht wurde, die Tochter an Glanz mit den Furſtinnen des Ho⸗ fes von Saint Germain wetteifern zu ſehen. Ein bedeutender Umſtand zu Gunſten des Mar⸗ quis Villangois war noch fuͤr ihn, daß der Marquis ſich einer Partei des Volkes zuneigte, welche dem Miniſter faſt feindlich entgegen ſtand; durch die Verbindung mit dieſem hoffte er Vie⸗ les fuͤr ſeine Plane zu gewinnen; hoffte Anna⸗ herungen an bedeutende Maͤnner zu ſinden, welche er allein, ohne ſeinem Anſehen Vieles zu ver⸗ geben, nicht wuͤrde haben erreichen konnen. So war denn ſchon von Eugeniens Va⸗ ter uͤber das Gluͤck ihres Lebens entſchieden, ehe ſie eine Ahnung davon hatte. Arglos fuhr ſie eines Tages zur Mittagstafel nach Paris in das Hotel des Herrn von Bourdonnaye, welcher ihr eine Einladung dazu geſandt hatte. Der Miniſter empſfing ſie in ſeinem Kabinete und lud ſie mit einer ſeltenen Vertraulichkeit an ſeine Seite; doch konnte die ungewohnlich freundliche Miene des Vaters die einmal ge⸗ wohnte, an Ehrfurcht graͤnzende Scheu, welche Eugenie von Jugend auf fuͤr ihren Vater em⸗ pfunden hatte, nicht beſeitigen; nie war ein wahrhaft trauliches Wort zwiſchen zwei ſich ſo 38 nahe angehorenden Weſen geſprochen. Fremd und cärimonids waren die Beweiſe ſeiner väter— lichen Zuneigung, wie die ihrer kindlichen Ach⸗ tung immer geweſen; ſtets waren ſeine unbe⸗ dingten Befehle und Anordnungen im ſchoͤnen Vereine mit ihren Wuͤnſchen geblieben, nie war etwas Streitendes zwiſchen ihr und dem Vater getreten. Der jetzige Augenblick ſollte der erſte ſeyn, wo es Eugenie empfand, daß des Vaters Herrſchaft uͤber ſie, ihrem Gluͤcke Gefahr drohe; denn, nachdem Herr von Bourdon naye mit ſehr ſanften Worten ihr die Ausſichten ihrer Zukunft, den Antrag des Marquis Villan— gois, mitgetheilt hatte, ſchwieg er mit bedeu— tender Miene und war verwundert, als Euge⸗ nie uͤberraſcht, nicht ſogleich Worte finden konn— te, ihre Anſichten uͤber dieſe Heirath auszuſpre⸗ chen. Seine Zuͤge verfinſterten ſich; gewohnt, mit der ihm zu Gebote ſtehenden Gewalt weit ſchwierigere Dinge auszufuͤhren, als den vorha⸗ benden Vermaͤhlungsplan, welcher, wie ihn duͤnkte, ſo ganz zu Eugeniens Anſichten von Lebensgluck paßte, war er ungeduldig, eine Sa⸗ che, die ſo gut, wie abgemacht bei ihm war, ſelbſt nur einige Minuten aufgehalten zu ſehen, und das, durch die ihm ſo ganz unnuͤtz ſchei⸗ . 39 —— nende Ziererei eines bis dahin willenloſen Kin⸗ des; er wendete alſo bald auch wieder ſeine Rede an Eugenie:„Zoͤgere nicht, Eugenie, mit dem Marquis gleich nach der Mittagstafel, an welcher Du ihn naͤher kennen lernen wirſt, den Verlobungöring auszutauſchenz Maͤnner in ſei⸗ nen Jahren, ſetzen ſelbſt bei ſo ausgezeichneten Vorzuͤgen, welche er in die Wagſchale gegen Deine Jugend und Schdonheit zu legen hat, dennoch oft einen großen Werth in ihre Per⸗ ſonlichkeit, und warum wollteſt Du Deinen kuͤnf⸗ tigen Gemahl empfinden laſſen, daß Du ihn vielleicht erſt nach einigen Bedenklichkeiten ge⸗ waͤhlt? Viel beſſer wird das fuͤr die Stellung, die Du ihm gegenuͤber einnehmen wirſt, ſeyn, wenn er ſelbſt das kleine Opfer ahnt, welches Du ihm gebracht, indem Du Deine bluͤhende Jugend ſeinen ſinkenden Jahren zugeſelleſt.“ Mit Erſchrecken horte Eugenie ihren Va⸗ ter uͤber eine Sache abſprechen, gegen welche ſie noch tauſend Bedenklichkeiten in ihrem Her⸗ zen trug und welche ſich dennoch nicht uber ihre Lippen wagen wollten. „O mein Vater!“ ſprach ſie endlich, ſich muͤhſam zuſammen nehmend und in edlem Zorne daruͤber ergluͤhend, daß man ſo unbedingt uͤber Etwas entſcheiden wolle, was doch, rein menſch⸗ 40 lichen Gefuͤhlen zu Folge, nur ihre eigenſte An⸗ gelegenheit war; ja, es duͤnkte ihr, ſie ſtäͤnde nicht mehr ihrem Vater gegenuͤber— er aber durchſchnitt ihr jetzt aufs Neue die eben ange⸗ fangene Rede, indem er ſprach:„Erſpare Dir und mir, mein Kind, alles unnothige Her- und Hinreden; ich wiederhole es Dir, der Marquis hat mein Wort und ich ließ Dich nur deßhalb zu mir entbieten, um die Förmlichkeiten, welche beobachtet werden müſſen, und bei denen Du nothwendig ſeyn mußteſt, zu beſeitigen.“ Der Graf hatte ſeine Rede kaum geendet und Eugenie, uͤberwältigt von ihren Gefuͤh⸗ len, wollte zu ſeinen Fuͤßen hinſinken, um we⸗ nigſtens einigen Aufſchub in einer, fuͤr ſie ſo wichtigen Angelegenheit zu erflehen, als ein Die⸗ ner meldete, daß der Marquis Villangois ſo eben vorgefahren ſei. Der Miniſter bot der bebenden Tochter den Arm und fuͤhrte ſie in den Speiſeſaal, wo der Marquis eben eintrat und mit der ausgezeich⸗ netſten Artigkeit Eugenien nahte, welche ih⸗ rerſeits zu tief in die Geheimniſſe des guten Tons eingeweiht war, um nicht den Kampf der Empfindungen zu verbergen. Sie ſah ſich von einer dunkeln Macht umſponnen, ſie ſah keinen Ausweg, zu entfliehen; und obgleich ſie ſchein⸗ 41 bar in das uͤber ſie verhaͤngte Loos einzuwilli⸗ gen ſchien: ſo ſprach doch Etwas laut in ihrer Seele dagegen und vermochte ſie, ſich nicht un⸗ bedingt demſelben zu uͤberliefern; denn als der Marquis am Ende der Tafel in aller Form ſelbſt um die Hand Eugeniens bat und dieſe ſchon die Lippen offnete, ihm zu antworten, nahm der Miniſter ſchnell das Wort.. „Die Grafinn Eugenie Bourdonnaye iſt die Ihrige,“ ſprach er verbindlich;„ſie fuͤhlt ſich eben ſo ſehr, wie ich, durch dieſe Verbin⸗ dung geehrt.“ Eugenie erblich; doch wie durfte ſie, nach dieſen Worten, gewohnt, den Anſtand in kei⸗ nem Augenblicke ihres Lebens aus den Augen zu ſetzen, es wagen, ihrem Vater zu widerſpre⸗ chen; welche Unſchicklichkeit, welche Thorheit waͤre das geweſen? So eingeengt hatten die ſtrengen Formen eines mehrjährigen Hoflebens die Armſte, daß, obgleich tauſend Stimmen in ihrer Seele ſchmerzlich aufſchrieen, ſie dennoch nicht die Kraft hatte, aus ſich heraus zu tre⸗ ten und ſie faſt nur inſtinktmaͤßig den Ring, welchen ihr Herr von Bourdonnaye uͤbergab, um ihn gegen den prachtigen Solitaͤr, wel⸗ chen ihr der Marquis uͤberreichte, auszutauſchen, neben ſich auf den Tiſch leate. Der Graf, um die kleine Caͤrimonie nicht aufzuhalten, uͤbergab den Ring, in Eugeniens Namen, dem Mar⸗ quis. Mit einer verſtohlenen Thraͤne im Auge, die Freiheit ihres Lebens ſo leichten Kaufes hinge⸗ geben zu ſehen, legte Eugenie den blitzenden Ring neben ſich hin, ohne ihn anzuſtecken. Der Graf that, als beachte er dieſen argen Verſtoß gegen den Braͤutigam nicht, und ſchien ſich viel— mehr zu bemuͤhen, ſeine Aufmerkſamkeit uͤber dieſe Vernachlaͤſſigung der Braut, unter einem artigen Scherz zu verbergen; Herr von Vil⸗ langois huͤtete ſich eben ſo ſehr, der reizen— den Braut eine unangenehme Miene zu zeigen; er war zu gluͤcklich, ſeine Gluͤcksguͤter durch ei— nen ſo blendenden Edelſtein, wie er in Eugenien erblickte, noch vermehrt zu ſehen, und wirklich ſuchte er und es gelang ihm einiger Maßen, ſeiner ſchoͤnen Braut das Loos, welches ihr zu⸗ gefallen, ſo wuͤnſchenswerth wie möglich zu ma⸗ chen. In die glänzendſte Verbindung wußte er ſie, ſchon jetzt, mit ſeinen reichen Beſitzungen zu bringen; Alles, was er von ſeinem Reich⸗ thume geltend machte, mußte nur dazu dienen, ihre Schoͤnheit, ihre Perſon in ein helles Licht zu ſetzen. Eugenie fand den Marquis nicht unange⸗ 43 nehm; ſeine Perſonlichkeit hatte eher etwas Em⸗ pfehlendes als Zuruͤckſtoßendes; ſeine lächerliche Eitelkeit war in jenen Zeiten, beſonders am Ho⸗ fe, nicht auffallend, wo ſelbſt Maͤnner von ent⸗ ſchiedenem Geiſte und Genie, unter einer tän⸗ delnden und galanten Außenſeite, unter frivolen nd faden Witzeleien, die Schaͤtze ihres Verſtan⸗ des verſteckten; man nahm das Leben ſo leicht, wie es ſich zu geben ſchien, um bald darauf die ſchreckliche Erfahrung zu machen, daß der Ernſt ded Lebens früh oder ſpaͤt, ſich ſchwer auf jedes Menſchenherz legt.—— Die Mittagstafel, ſo ſehr, wie moͤglich in die Laͤnge geſchoben, ward endlich aufgeho⸗ ben, der Marquis empfahl ſich ſeiner reizenden Braut und Eugenie befand ſich allein mit ihrem Vater in einer peinlichen Lage; dieſer er⸗ klärte, wie er geſonnen ſei, ſie in ſeinem Wa⸗ gen nach Verſailles zuruͤck zu begleiten. Wie gern wäre Eugenie dieſer Begleitung uͤberho⸗ ben geweſen! Sie ſehnte ſich nach Einſamkeit; ihr Kopf war ſchwer von der Menge ſich ihr aufdraͤngender Gedanken, und mit einem unmu⸗ thigen Ausdruck in dem lieblichen Geſichte, ſaß ſie ſchweigend an der Seite ihres Vaters. Dieſer unterbrach bald genug das Schweigen: 44 „Eugenie,“ ſprach er, ſchmeichelnd ihre Hand ergreifend,„Dein Geſicht paßt nicht zu den be⸗ neidenswerthen Verhaͤltniſſen, in die Du ſo eben eingetreten biſt, welche ich mit Sorgfalt fuͤr Dich geordnet habe. Warum ſehe ich Dich in Trau⸗ mereien verſunken? Male Dir das lachende Bild aus, wie Du in wenigen Monden hier auf die⸗ ſem Wege, in der glaͤnzendſten Ekipage, von Paris in den Schloßhof von Verſailles mit Dei⸗ nem ſchoͤnen Poſtzug einfaͤhrſt; wie Alles ſich draͤngt, die ſchone, reiche Marquiſe Villan⸗ gois zu erblicken; den reichen Brillantſchmuck der Neuvermaͤhlten zu ſehen! Ich gebe zu, daß der Gedanke, ſeine Freiheit einem Manne zu opfern, immer einige Bedenklichkeiten bei einem Maͤdchen erregen muß, aber Du wirſt wenig von Deiner Freiheit einbuͤßen; der Marquis iſt ein Mann, welcher den eleganten Ton uͤber Alles ſchätzt, Du wirſt an ſeiner Seite— „Theurer Vater,“ unterbrach ihn Euge⸗ nie,„o, ſprechen Sie nicht ſo unbedingt von dem Gluͤcke meiner Zukunft; wie kurzſichtig ſind oft unſere Anſichten daruͤber! Ja, ich will hof⸗ fen, daß mir an des Marquis Seite das Leben glucklich dahin fließt, wenn er mein Gemahl wird; doch wie ich das, was ich ein vollkom— menes Gluͤck nenne, in ſeinen Armen finden 1 45 werde, weiß ich, nach meinen Anſichten von Le⸗ bensgluͤck, jetzt noch nicht; reden Sie aufrichtig mit mir, machten Sie in Ihrem achtzehnten Jahre keine andern Anſpruͤche an das Leben, als Rang und Reichthum?“— Herrn von Bourdonnaye ſetzte dieſe Frage in einige Verlegenheit, doch, ſich ſchnell faſſend, antwortete er ihr:„Ich hatte immer nur im Auge, einen glanzenden Platz in der Welt ein⸗ zunehmen; ich verſtehe Dich ſehr gut, Euge⸗ niez Du deuteſt darauf hin, daß Du es vor⸗ gezogen, einen juͤngern, von Dir ſelbſt erwaͤhl⸗ ten, Gemahl zu chelichen; ob aber dabei Dein Lebensgluͤck geſicherter ſeyn wurde, iſt eine große Frage; Eiferſucht, andere Leidenſchaften, konn⸗ ten dem Frieden Deiner Ehe ſtoͤrend entgegen treten. Solche Anſichten, Gefuͤhle und An⸗ ſpruͤche an Ehe und Zukunft, gehören fuͤr ein Fraͤulein aus der Provinz, fuͤr den Buͤrgerſtand, welches das Schickſal auf einen engen, einfachen Wirkungökreis beſchränkte; und dieſe muͤſſen ihre Anſpruͤche in den Graͤnzen der Häuslichkeit ſu⸗ chen; auf dem glänzenden Standpunkte aber, wohin Geburt und Beſtimmung die Graͤfinn Bourdonnaye gewieſen haben, ſind ſolche Anſichten, Gefuͤhle und Anſpruͤche am unrechten Orte, ja, ſie ſind thoͤricht zu nennenz darum 46 unterdruͤcke ſie und ich gebe Dir mein Wort, in einigen Jahren wirſt Du ſelbſt uͤber dieſe kleinen romantiſchen Anſichten laͤcheln. Eugenie ſeufzte leiſe und ſanft mit dem Kopfe ſchuͤttelnd, ſchien ſie unglaͤubig gegen des Vaters Behauptung, indeß zu gut einſehend, wie fern und fremd ihrem Vater die Empſin⸗ dungen waren, welche ihre Seele bewegten, gab ſie ſich keine Muͤhe weiter, ihn zu uͤberzeugen, daß wenigſtens, indem ſie dem Marquis ihre Hand reiche, trotz ſeines Ranges und Reichthu⸗ mes, ein großes Opfer von ihrer Seite gebracht werde. Sie erwiederte daher nur auf des Va⸗ ters Rede:„Wenigſtens muͤſſen Sie eingeſte⸗ hen, daß ich uͤberraſcht worden bin; man haͤtte mich vorbereiten ſollen, mich mit dem Gedanken vertraut machen muͤſſen, Sie haͤtten dann viel— leicht, mein Vater, keine Urſache gehabt, ſich uͤber meine Unentſchloſſenheit, uͤber den Mangel an ſchicklicher Faſſung zu beklagen; ich kenne den Marquis ja noch kaum.“ „Du kennſt den Marquis noch kaum!“ rief der Graf, ein wenig aufgebracht,„Du kennſt ihn nicht?— Mehrere Jahre lebte er in Dei⸗ ner Naͤhe, Du hatteſt heute, ſo zu ſagen, ein formliches téte à téte mit ihm; wo wirſt Du Gelegenheit ſinden, naͤher, und ohne weniger 47 Zwang die Bekanntſchaft mit einem Manne zu machen, als bei unſrer heutigen Familientafel? Ich glaube ſchwerlich, daß ſich der Marquis je zutraulicher gegen Dich in Euren haͤuslichen Ver⸗ haͤltniſſen benehmen kann, als wie er ſich heute gezeigt; wäs bedarf es einer naͤhern Bekannt⸗ ſchaft? In ſo großartigen Verhaͤltniſſen, wie Du mit Deinem Gemahle leben wirſt, habt Ihr we⸗ nige Beruͤhrungspunkte; gewiß, Eugenie, Du wirſt glucklich werden. Laß nun Alles auf ſich beruhen. Du biſt des Marquis Verlobte, ich kann und werde um einer Mädchenlaune willen, Nichts in dieſer Sache aufhalten; es könnte morgen ein Prinz um Dich werben: ſo muͤßte ich dennoch meinem einmal gegebenen Worte nachkommen. Eugenie, fuhr er dann fort, dieſe Heirath, glaube es mir, iſt auch zu dem Gluͤcke Deines Vaters nothwendig; leider hat Dein Bruder, gegen meine Plane, ihn mit ei⸗ nem Fraulein aus einem alten Hauſe zu verbin— den, ſich zu voreilig vermaͤhlt; er iſt zu fruͤh durch den Stand, den er erwaͤhlte, meiner Lei⸗ tung entruͤckt worden; von Dir, Eugenie, hofſe ich indeß, Du wirſt die Grundſaͤtze, in denen ich Dich erzog, auf Dein Leben anwen⸗ denz die ſchwindelnde Hoͤhe, auf der ich ſtehe, bedarf unſichtbarer Stuͤtzen; ich muß ſie mir, 45 den Augen der Menge unbemerkt, herbei ziehen; frei und kuͤhn kann ich nur oben um mich ſchauen, wenn ich gewiß bin, daß treue und ſi⸗ chere Haͤnde mich halten. Eugenie, Dir kann es in den Zimmern der Koniginn nicht verbor⸗ gen geblieben ſeyn, wie ſchwankend der Thron ſteht, den der edelſte, aber ſchwaͤchſte Monarch beſitzt, wie ungleich das Betragen unſerer edlen Koͤniginn, trotz der Liebe, die ſie gegen das franzoſiſche Volk aͤußert, dennoch iſt; wir haben viel zu fuͤrchten, und es iſt nothwendig, bei Zeiten daran zu denken, uns ſicher zu ſtel⸗ len; eben weil ich dem koͤniglichen Hauſe mit Gut und Blut dienen will, muß ich mein An⸗ ſehen auf jede Art feſt begruͤnden. Der Mar⸗ quis Villangois ſteht durch ſeinen Reichthum mit den Angeſehenſten des Buͤrgerſtandes in mannichfachen Beziehungen; durch ihn kann ich, ohne auffallende Schritte zu wagen, mich einer Partei nähern, deren ich vielleicht fuͤr die näch⸗ ſten Augenblicke nur zu ſehr bedarf. Die Ko⸗ niginn ſelbſt hat gegen den Marquis Verbind⸗ lichkeiten; ſie ſelbſt wuͤnſcht Deine Vermählung, uͤbrigens bleibt Deine Verlobung bis zu einem Feſte, welches ich deßhalb geben werde, noch geheim, und Du bis dahin, nach wie vor, am Hofe.“ 49 Eugenie kuͤßte ſchweigend die väterliche Hand, es jetzt beſtimmt einſehend, daß ſie, zu einem Opfer der Politik auserſehen, vergebens ſich muͤhen wuͤrde, die Bande zu zerreißen, die man bereits um ſie geſchlungen, und die ein freundliches Geſchick mit glaͤnzenden Blumenket⸗ ten fuͤr ſie umwunden hatte. Sie waren unter dieſen Geſpraͤchen nach Verſailles gekommen, der Miniſter nahm Ab⸗ ſchied von ſeiner Tochter, und Eugenie ſuchte die Einſamkeit. Zum erſten Male warf ſich Eugenie an dieſem Abend auf ihr Lager, um ernſthafte Be⸗ trachtungen uͤber ſich anzuſtellen. Sonſt nur von den bunten Bildern erlebter Feſte und Freu⸗ den umgaukelt, erwachten jetzt in ihrer jung⸗ fraͤulichen Bruſt Sorgen und ſehnſuͤchtige Wuͤn⸗ ſche nach einem ungekannten Gluͤcke, wozu die Kraft, das fuͤhlte ſie lebhaft, tief aber mächtig in ihrem Herzen lag. Abgeſchnitten war ſie von nun an, das empfand ſie, wie in einem dun⸗ keln Traume, von den ſeligſten Hofſnungen ihrer Seele; ſie entſchlummerte endlich und ihre Phan⸗ taſie fuͤhrte ſie, zu Gunſten des Marquis, un⸗ ter läͤchelnde Traumbilder kuͤnftiger Große, kuͤnf⸗ tigen Glanzes. Sie erwachte heiter und Vieles Erſter Vand. D 50 verlor ſich von den dunkeln Anſichten, welche ſie am geſtrigen Abend von ihrer Lahe gefaßt hatte. Alles blieb noch um ſie in dem gewohnten Gleiſe, nur einige feine Anſpielungen der Ko⸗ niginn verriethen der Geſellſchaft ihre kuͤnftige Beſtimmung, aber nur eben ſo viel, um ihren Platz darin ſchon jetzt etwas bedeutender zu machen.——— Da trät Eaver Caboga, der ſchoͤne ſtolze Unger in die Zimmer der Koͤniginn, ſein Auge begegnete den Blicken Eugeniens, und ihr Herz erbebte unter dem erſten Schauer der Liebe. Unerklaͤrbar war der Jungfrau die ſuͤße Un⸗ ruhe, von welcher ſie ſich ſeit ſeinem Anblick ergriſſen fuͤhlte; fade, gehaltlos waren ihr die Ereigniſſe des Tages; Dinge, welche ſie fruͤher auf's hoͤchſte intereſſirt, waren ohne Bedeutung fuͤr ſie. Da erblickte ſie den Magnaten zuerſt wieder nach jenem Abende in der Oper, wo ihn die Koͤniginn in ihre Loge rufen ließ; bebend empfand ſie ſeine Nähe, der Ton ſeiner Stimme drang verwundend in ihr Herz; wie ſo ganz an⸗ ders war der Ausdruck ſeiner Rede! Gefuͤhl und Wahrheit, das empfand ſie mit ſuͤßen Schrek⸗ ken, lag darin; ihr Auge war der Ausdruck ihrer Empfindung, indem ſie ihm antwortete; aber die Gluth ſeines Blickes verrieth ihr mehr, als ſie 51 wiſſen durfte und davon aufgeſchreckt, aus dem ſuͤßen Vergeſſen ihrer ſelbſt, zog ſie ſich verletzt und ſtolz zuruͤck, an das Verhältniß denkend, welches ihr jede Annaͤherung an einen andern Mann verbot. Als Laver Caboga bald darauf bei den Feſten am Hofe erſchien, erfuͤllte ſein Anblick ihr Herz mit Entzuͤcken, ſie fuͤhlte ihre Augen unwiderſtehlich auf ihn hingezogen. Wie uͤber⸗ ſtrahlte er alle jungen Maͤnner durch ſeine Schön⸗ heit! Wie bezaubernd war ſein Anſtand! In ſeiner ſchonen, reichen Landestracht, die ſeinen hohen Wuchs noch mehr erhob, ſchienen die Hof⸗ herren mit ihrem ſuͤßlichen Weſen, tändelnde Puppen neben ihm. Nie war Eugenie gluͤcklicher geweſen; be⸗ rauſcht von der Macht der Liebe, uͤberließ ſie ſich dem Wohlgefallen an der herrlichen Erſchei⸗ nung mit Luſt und uͤberbot ſich, ihre natuͤrli— chen Reize durch den Zauber der in ſo reichem Maße zu Gebote ſtehenden Grazie, zu heben. Wie tief der Eindruck ihrer Schoͤnheit auf Laver war, wiſſen wir bereits, und wie er fortan nur fuͤr ſie, in ihr lebte. Eugenie wurde an jedem Tage feſter von dem Zauber der Liebe umgarnt; wenn ihr Gewiſſen ſie auch oft⸗ mals mahnte, zuruͤck zu treten, das gefährliche D2 52 Spiel zu enden, dem ſie ſich ſo willenlos, ſo unbedachtſam hingegeben: ſo empfand ſie' mit Schrecken, daß ſie bereits die Herrſchaft uͤber ſich verloren und wie Laver, wuͤnſchte ſie jetzt eine Erklärung, um durch einen Gewaltſchritt die ſuͤße Qual zu enden, welche ihre Ruhe un⸗ tergraben hatte.. Wie ganz anders ſiel dieſe Erklaͤrung aus; loöreißen wollte ſie ſich von dem Geliebten, und wurde nun ſein eigen, ſchwor ſich ihm zu in heißer Liebe. III. Eugenie wurde nach jener, uͤber ihre Zu⸗ kunft entſcheidenden Zuſammenkunft, von dem Grafen Caboga, ohne daß man in der allge⸗ meinen Freude und Beweglichkeit ihre lange Ab⸗ weſenheit bemerkte, auf die Terraſſe zuruͤck ge⸗ fuͤhrt. Paver wich an dieſem Abend nicht von ihrer Seite; hoch ſchlug ſein Herz in der ſeligen Gewißheit ſeines Gluͤcks; die eben verlebte Stunde durchzitterte noch mit ihrem berauſchen⸗ den Nachklang ſeine Seele; dieſe Purpurbluͤh— . 53 ten, die ihm noch jetzt verſtohlen laͤchelten,— er hatte ihren Zauberduft geathmet, dieſe wei⸗ chen Schwanenarme hatten ihn umſchlungen; er hatte den ſanften Herzſchlag dieſer hoch wo⸗ genden Bruſt belauſcht. Eugenie laͤchelte ſe⸗ lig dem neugewonnenen Gluͤcke entgegen; Ea⸗ vers kuͤhner Liebesmuth hatte ihre bangen Ge⸗ fühle bekämpft, ſie mit ſich empor getragen in den Himmel ſeiner Hofſnungen. Die Nacht trennte die glucklichen Menſchen und verhuͤllte mit ihrem dunkeln Schleier das blendende Gluck dieſes Tages. Eugenie warf ſich umſonſt auf das ſeidene Lager, um in lieb⸗ lichen Träumen die ſelige Vergangenheit noch einmal zu umfaſſen; ihr ſtuͤrmiſch bewegtes Maͤdchenherz konnte den ſtillen Frieden des Schla⸗ fes nicht ſinden. Tavers Bild, das Feuer ſeiner Kuͤſſe, ſeine Liebesſchwüͤre, Alles leuch⸗ tete, ſchwaͤrmte und toͤnte um ſie her; doch durch das ihre Sinne betäubende Gedraͤnge ſchlich die bleiche Sorge, und um das, was ſie ge⸗ wagt, beſchworen, drängte ſich das quälende Bewußtſeyn des verletzten Pflichtgefuͤhls.— Nicht einer von den raſtlos durch ihr Kopfchen fliegenden Gedanken trat hell hervor, hielt ihr Stand, um ihn feſt zu faſſen; erſt als Mor⸗ genroth ſchon am Himmel glaͤnzte, wurde der 54 Jungfrau Gemuͤth unter korperlichem Ermatten der zarten Glieder ruhiger und ihrer abgeſpann⸗ ten Phantaſie erſchien Alles mit bleichen, erlo⸗ ſchenen Farben. Muthlos lag ſie, die ſchoͤnen, halbgeſchloſſenen Augen auf die dem Lichte des Tages wehrenden Seidenvorhaͤnge gewandt und uͤberblickte den jaͤhen Abgrund, an welchem ſie ſtand. Hatte ſie wirklich erlebt, was ihr ſo bangend jetzt die Seele erfuͤllte? Sich einem fremden, ungekannten Manne zu eigen gegeben, was wußte ſie von ihm?— Welche Buͤrgſchaft hatte ſie fuͤr ſeinen Edelmuth, fuͤr ſeine Treue? — Sein gluͤhendes Herz, die Schwuͤre ſeiner Leidenſchaft. Ach und dieſe unſichern Buͤr⸗ gen bekaͤmpften dennoch Sorge und Angſt, Pflicht und Ehre, jeden Zweifel in Eugeniens Bruſt, ermuthigten die Zagende zu dem Schritte, wel— cher uͤber ihres Lebens Gluͤck entſchied. Sie riß ſich los von Vaterland und Vaterbruſt: ſie warf die Verhaͤltniſſe, in denen ſie bisher ſo glänzend geſtanden, Alles, was ſonſt zu der Freude ihres Lebens gehorte, achtlos zur Seite; fortgezogen von den maͤchtigen Gefuͤhlen ihrer Bruſt ging in der Liebe zu dem erwählten Manne Alles um ſie her unter.— So gewaffnet gegen das, was vaͤterliche Gewalt uͤber ſie verhaͤngen wuͤrde, ſah ſie ſich 55⁵ ſchon jetzt als ihres Freundes Eigenthum an. Wie konnte des Vaters kalte, foͤrmliche Zunei⸗ gung ſie ruͤhren? Nie hatte ſie die ſuͤßen Re⸗ gungen der Liebe kennen lernen, kein Mutter⸗ herz an dem ihrigen geſchlagen; das einzige, ſuͤße Band, welches Geſchwiſterliebe um ſie ge— ſchlungen, zerriß eine fruͤhe Trennung, und das Geſchick ſchien ſie nur darum zur Tochter eines ehrgeizigen Mannes beſtimmt zu haben, damit er ſie ſeinen egoiſtiſchen, vielleicht gar politiſchen Planen opfern konne. „Sollen denn meine Anſpruͤche an Liebe und Gluͤck auf ewig untergraben werden?“ ſo fragte ſich Eugenie leiſe;„darf ich nicht lie⸗ ben, nicht ſelig werden mit dieſem allzu heißen Herzen, deſſen tief verborgene Flammen, trotz dem kalten Eiſe der Convenienz, mit dem man es ſo fruͤh, ſo feſt bedeckte, jetzt lodernd hervor brechen? O ſie wuͤrden mich verzehren, wenn ich ſie zuruͤck draͤngte!—— Verzeihe mir, Gott! O verzeihe mir, mein Vater, daß ich mir ſelbſt den Eingang in den Erdenhimmel waͤhle, den du mir allzu grauſam verwehrſt!“ Die heftigen Gemuͤthsbewegungen Euge⸗ niens, vielleicht auch der lange Aufenthalt in der kuͤhlen, feuchten Naͤhe der Fontaͤnen, hat⸗ ten ſie krank gemacht; umſonſt verſuchte ſie ſich 56 anzukleiden, um, ihrem Dienſte zu Folge, in den Zimmern der Koͤniginn zu erſcheinen, ſie ſank ſchwach und entkraͤftet auf ihr Lager zu⸗ ruͤck. Die Koniginn, beſorgt um ihren Lieb⸗ ling, ſandte ihr den Leibarzt, welcher ein leich⸗ tes Fieber im Anzuge fand, und deſſen Befeh⸗ len, mehrere Tage das Bett zu huͤten, ſich das Fraͤulein unterwerfen mußte. Caboga eilte am fruͤhen Morgen wieder von Paris nach Verſailles zuruͤck und umſchlich Klein-Trianon, hoſſend, die Geliebte an den Fenſtern zu erblicken; doch vergebens war ſein Spaͤhen; mit Erſchrecken ſah er ſpaͤter die Ko⸗ niginn ihre gewöhnliche Morgenpromenade durch die Gaͤrten machen, aber die Graͤfinn Bour⸗ don naye fehlte in ihrem Gefolge. Seine Un— ruhe trieb ihn auf Nebenwegen der Königinn entgegen; er begruͤßte die Monarchinn, welche nicht in der heiterſten Stimmung war, und ſchloß ſich dann dem bunten Schwarme an, wel⸗ cher ſie umkreiſte; ſeine Ungeduld hatte bald das Geſpraͤch auf Graͤfinn Bourdonnaye ge⸗ fuͤhrt; wie erbebte er bei der Nachricht, daß ſie krank ſei! ſie, die am geſtrigen Abende ſo blͤhend, in allem Glanze der Schoͤnheit pran⸗ gend, vor ihm ſtand, ſie war krank; ein boſer Argwohn ſtieg in ihm auf. Sollte ſeiner Liebe — Verrath drohen, ſollte Eugenie ihren Sinn geändert, vielleicht zuruͤck beben vor dem Schrit⸗ te, den ſie wagen mußte, um die Seinige zu werden? dieſe Krankheit ein Vorwand ſeyn, ſich ihm zu entziehen? Es duldete ihn nicht in der Geſellſchaft; er floh in die dunkelſten Gaͤnge des Parks und erſann tauſend chimaͤriſche Plane, um mehr von Eugenien zu erfahren; doch bei kaͤlterem Blute mußte er ſie alle aufgeben. Nichts glich der Qual, die ihn ſo raſtlos bis in die ſpaͤte Nacht umher trieb. Es waren nur noch fuͤnf Tage bis zu dem großen Feſte, welches im Hauſe des Grafen Bourdonnaye Statt finden ſollte und, wie man ſich jetzt laut erzaͤhlte, um die Verlobung der jungen Graͤſinn Bourdonnaye mit dem Marquis Villangois zu feiern. So nahe war der Tag, der uͤber das Gluͤck der Liebenden entſcheiden ſollte, und ihr Unſtern hielt ſie von einander getrennt. Herr von Villangois war auch bereits zuruͤck gekehrt. Alles verei⸗ nigte ſich, den Zuſtand, in welchem der lie⸗ bende Graf ſich befand, noch quaͤlender zu machen. Da, o welche Wonne fuͤr ſein ſehnſuͤchtiges Herz! erblickte er eines Morgens, es war noch ſehr fruͤh, Eugenie an dem Fenſter eines Sei⸗ 58 tenfluͤgels der Villa Klein-Trianon; ſie be⸗ merkte ihn nicht gleich, indem er zwiſchen die dicht zuſammen geſtellten Orangerien der Ter— raſſe ſich zuruͤck gezogen hatte; als er eben vor⸗ trat, uͤberflog ein himmliſches Laͤcheln die feinen Zuͤge Eugeniens, ſie war etwas bleich ge⸗ worden, aber um ſo ruͤhrender war ihre Schoͤn⸗ heit. Mit trunkenen Blicken ſchaute Laver zu ihr hinauf, bemuͤht, ſeinen Wunſch, einen Brief in ihre Haͤnde zu geben, der Geliebten verſtoh⸗ len anzudeuten; ſie ſchien ihn zu verſtehen; trauernd ſchaute ſie nieder und legte die weiße Hand ſinnend an die ſtolze Stirn; einſam war die Terraſſe, nur einige kleine pariſer Blumen⸗ maͤdchen liefen mit ihren noch gefuͤllten Koͤrben daruͤber hin; einige, um die bereits beſtellten Blumen den Kammerfrauen fuͤr die Zimmer ih⸗ rer Gebieterinnen zu uͤbergeben, mehrere, um noch auf den Verkauf ihrer Blumen zu warten. Nahe dem Fenſter, an welchem Eugenie ſtand, weilte eins derſelben, und des Fräuleins Blicke ſielen jetzt auf dieſes; ein ſanftes Errothen uͤber⸗ flog plotzlich ihre Wangen, alle ihre Zuͤge wur⸗ den beſeelt, ſie ſchob das Spiegelfenſter auf und rief mit ſuͤßer Stimme:„Margot, Mar⸗ got, willſt Du mir Deine Blumen herauf brin⸗ 59 gen?“ Die Kleine horchte freudig auf und wollte ſich anſchicken, dem willkommenen Rufe zu folgen; die Geliebte verſtehend, trat Paver jetzt raſch hervor und indem er Margot zu⸗ ruͤck zog, fluͤſterte er leiſe:„O erlaube mir, mein niedliches Kind, vorher Deine Blumen zu befehen.“ Und indem er das leichte Koͤrbchen ihrer Hand entriß, ſchob er unvermerkt einen Brief tief unter die Blumen; dann ein Gold⸗ ſtuͤck hervorziehend und es der kleinen Margot zeigend, ſprach er weiter:„Gern haͤtte ich auch einen Strauß von dieſen Blumen, erſuche das Fraͤulein, Dir ſo viel, wie zu einem huͤbſchen Bouket hinreicht, zuruͤck zu laſſen, bitte ſie in meinem Namen darum; ich werde Dich hier erwarten. Bringſt Du mir einen Strauß zu⸗ ruͤck: ſo iſt dieſes Goldſtuͤck Dein.“ Das Maͤd⸗ chen blickte, ſeltſam uͤberraſcht, zu ihm auf, nickte dann mit der Freimuͤthigkeit einer kecken Franzoͤſinn zu ihm hin und eilte ins Schloß. Eugenie, Zeuge von dem, was unter ih⸗ rem Fenſter geſchehen war, empfing mit klop⸗ fendem Herzen die kleine Flora und beeilte ſich, den theuern Schatz aus ſeiner duftenden Huͤlle zu ziehen; ſie hielt den Brief ſchon in ihren Haͤnden, belohnte Margot reichlich und wollte ſich, um den Brief zu leſen, in ihr Kabinet zuruͤckziehen, als die Kleine mit ſchuͤchterner Stimme um die Zuruͤckgabe einiger Blumen bat, welche ein Cavalier unten im Garten von ihr verlangt.„Er hat mir eine große Beloh⸗ nung verſprochen, wenn ich ihm ein Bouket zuruͤckbringe,“ ſprach ſie flehend. Eugenie errieth des Geliebten Wunſch. „Verweile,“ ſprach ſie zu Margot,„bis ich zuruͤck komme,“ nahm Brief und Blumen, eilte ins Kabinet und entfaltete, gluͤhend voll Er⸗ wartung, das Papier.— Faver ſchrieb: „Eugenie, ich athme, ich lebe nur in Deiner Naͤhe; aber kann ich dieſe bangen, beklommenen Athemzuͤge Leben nennen? Ein ſieberhaftes Zittern iſt es vielmehr, was mein Leben von einer Stunde zur anderen traͤgt, und was fuͤr ein Leben lebe ich denn, ge⸗ trennt, verbannt von meinem Lichte, meiner Wonne?— Geliebte, erbarme Dich meiner Qual, ver⸗ giß Alles außer mir und Deiner Liebe, wirf Dich in meine Arme und vertraue mir!— Kette Deine Seele feſt an mich, glaube, daßich Dich ſicher fuͤhren werde. Verlaß Dein ſtol— zes Schloß, fliehe ohne Reue den ſchimmern⸗ den Kreis, um am treuen Herzen Deines Freundes zu lächeln; was Du verläſſeſt an 61 Pracht und Reichthum, wirſt Du wiederſin⸗ den; aver Caboga beſitzt Alles, die Ge⸗ liebte ſeiner Wahl zu begluͤcken. Ungarns Schloͤſſer werden ihre Gebieterinn vor jeder Verfolgung ſchuͤtzen.— Bange, zage nicht, wenn ich Dich an dem Feſte Deiner Verlo⸗ bung aus der lauten Luſt entfuͤhre; alle Vor— kehrungen ſind getroſſen, jede Entdeckung zu verhuͤten; ich uͤbergebe Dich alsdann treuen Haͤnden und kehre ſelbſt augenblicklich zum Feſte zuruͤck, um jeden Verdacht, daß Du in meinen Haͤnden biſt, von mir abzulehnen. Eugenie, ſende mir Botſchaft, ob ich auf Deine Zuſtimmung rechnen darf; ich beſchwore Dich, lege mir keinen Zweifel, keine Ein⸗ wendungen entgegen; denn wenn Du jetzt zoͤgerſt, wenn Du nicht ſtandhaft in Deinen Schwuͤren beharrſt: ſo wirſt Du geopfert und Dein Freund iſt verloren; ſein Blut wird Dein Brautkleid beſpruͤtzenß ſeine Verwuͤn⸗ ſchungen werden, graͤßliche Mißklaͤnge, Dei⸗ nen Hochzeitsreigen uͤberſchreien. Mit Angſt und Furcht erwarte ich die Entſcheidung mei⸗ nes Lebens. aver Caboga.“ Eugenie las den Brief und ein bitteres, unheimliches Gefuͤhl durchbebte ſie; mit Zittern 62 mußte ſie den Freund lieben, det, vom Wahn⸗ ſinne der Liebe hingeriſſen, Alles an die Errei⸗ chung ſeiner Wuͤnſche ſetzte; zwar ſchmeichelte das unbedingte Hingeben ſeiner Seele an ſie dem ſchwachen Maͤdchenherzen; aber ſie empfand zu gleicher Zeit, wie ſie eben ſo willenlos ſeiner Leidenſchaft uͤberlaſſen war. Zu aufgeregt, um in dieſen entſcheidenden Minuten die ſo noͤthigen überlegungen anzuſtellen, zu nachſichtig gegen des Geliebten fordernde Liebe, ſetzte ſie ſich nie⸗ der und beantwortete den verhaͤngnißvollen Brief. „O, warum, mein Freund, ſchrieb Euge⸗ nie, o, warum muͤſſen Sie in den Augen⸗ blick des Wiederſehens eben ſo viel Qual als Luſt fuͤr mich miſchen, warum wird mein Ent⸗ zuͤcken von der Furcht, welche mir die leiden⸗ ſchaftlichen Ausbruͤche Ihrer Liebe machen, begraͤnzt?— Iſt das mein aver, der Ge⸗ liebte meiner Seele, der mir vor wenig Ta⸗ gen ſeine unbedingte Hingebung geſchworen, von dem ich nichts, als die Wonne der Liebe zu empfangen hoſſte?—— Grauſame Taͤu⸗ ſchung meines allzu zärtlichen Herzens, wie ſoll ich mich ſichern gegen dieſe ſuͤße, und mich zugleich ſchreckende Tyrannei des Gelieb⸗ ten?—— Lieben und fuͤrchten muß ich mei— nen Freund!— Lieben, unbegraͤnzt lieben, 63 weil er Alles außer mich vergißt, verwirft; weil er nur in dem Gedanken an mich lebt, nur von meinen Blicken, von meinem Laͤcheln das Licht, den Glanz ſeines Lebens erfleht! —— Fuͤrchten, weil er mich gewaltig in die Zauberkreiſe ſeiner Liebesgluth hinab zieht, weil er mich mit wildem Ruf verlockt, meine klaren Sinne blendet, daß ich Liebesfluͤſtern zu vernehmen glaube, wo der Gewaltſpruch des ſtrengen Gebieters ertoͤnt!“ „Weißt Du es denn ſo gewiß, daß ich nur fuͤr Dich lebe? Hat Dir mein Auge, mein Herz, haben meine Lippen denn ſo unbe⸗ dingt Alles verrathen?— Hat Eugenie denn alle Macht uͤber ſich verloren? Iſt mir denn Nichts geblieben von dem feſten Willen, von der ſtolzen Herrſchaft, welche ich ſonſt uͤbte?—— Taͤuſchen moͤchte ich Dich, mein Freund, taͤuſchen möchte ich mich ſelbſt uͤber das, was ſo allmächtig meine Bruſt bewegt, was mit unendlicher Sehnſucht mich zu Dir zieht! Aber vermag ich dieß?— Iſt es nicht ausgeſprochen das Wort, das mich Dir un⸗ terthan machte, darf ich zuruͤck nehmen, was ich beſchworen, kann ich zuruͤck treten aus dem Himmel, den Du mir eröſſnet?“—— 64 „Wozu noch Zweifel, wozu noch Kampf? Ja, ich bin Dein!— Dein auf Ewig! — Fuͤhre mich ſanft, mein Freund, mein Beſchuͤtzer, die ſtolze Eugenie iſt fortan nur Dein Geſchoͤpf, empfaͤngt des Lebens Luſt und Qual nur aus Deinen Haͤnden! Eugenie.“ Aus ihrem Kabinet kehrte Eugenie mit dem zuſammen gefalteten Briefe zuruͤck, welchen ſie verſteckt in ein ſchoͤn gewaͤhltes Bouket jetzt der kleinen Margot uͤbergab, es dem Cavalier zu bringen, und dieſe ſprang froͤhlich damit zur Villa hinaus. Kaver wartete ungeduldig, be⸗ deckt von einem maͤchtigen Lorberbaume, auf Eu⸗ geniens Antwort; eben wollte er hervor tre⸗ ten, als der Marquis Villangois, begleitet von einem Diener, in der lebhafteſten Laune die Terraſſe herauf kam, und die frohliche Mar⸗ got, welche ihren Strauß, wie im Triumphe, daher trug, ſcherzend auffing.„Du kemmſt mir wie gerufen, mein niedliches Kind, ſprach der Gluͤckliche, niemand kann den ſchoͤnen Strauß, welchen Du träͤgſt, beſſer gebrauchen, als ich, laß Dir von meinem Diener ſeinen doppelten Werth bezahlen, ich habe keinen Augenblick zu verlieren.“ Er griff bei dieſen Worten nach Margots Blumen, und wollte ſie dem Kinde 65 mit ſanfter Gewalt entziehen, dieſe wendete aͤngſt⸗ lich den Blick nach den Orangenbäumen, wo ſie des Magnaten vor Zorn gluͤhendes Geſicht, mit dem Ausdrucke des heftigſten Unwillens auf ſich geheftet, erblickte. Sie entriß dem Marquis ängſtlich den Raub.„Die Blumen ſind nicht mein,“ ſtammelte ſie erſchreckend, und ſprang wie ein ſcheues Reh die Stufen der Terraſſe hinab. Der Marquis ſah ihr laut lachend nach.„Iſt die Kleine toll!“ rief er, und ſandte ſeinen Diener zu den etwas weiter ent⸗ fernt ſtehenden Gaͤrtnerinnen, dort andere Blu⸗ men fuͤr ihn zu holen. Caboga aber hatte nichts Eiligeres zu thun, ſobald der betrogene Braͤutigam den Ruͤcken ge⸗ wendet hatte, als der kleinen Margot zu fol⸗ gen, und ihr die ſuͤße Liebesgabe abzunehmen, welche er mit Zittern ſchon in den Haͤnden ſei⸗ nes Nebenbuhlers geſehen hatte. Margot em⸗ pfing das Doppelte der verheißenen Belohnung und die Weiſung, ſich am andern Morgen wie⸗ derum mit ihren Blumen einzuſinden, hier un⸗ ten ſeine Ankunft zu erwarten, indem er fuͤr die Gefälligkeit des Fraͤuleins, wie er ſagte, demſelben Morgen ein Bouket als Gegengabe ſenden wolle.—— Während Caboga gluͤcklich durch Euge⸗ Erſter Band. E 66 niens ſchwaͤrmeriſche Liebe, mit ihrem Briefe ſich in die dunkelſten Schatten des Parks zu⸗ ruͤck gezogen hatte, empfing dieſe bebend, denn ſie war an ihrem Fenſter Zeuginn von der Ge⸗ fahr geweſen, in welcher ihr Briefchen geſchwebt hatte, den unwillkommenen Braͤutigam. Seit dem Abende, an welchem ſie dem Geliebten ihre Liebe geſtanden, war ihr der Marquis verhaßt geworden, ſeine vertraulichen Artigkeiten waren ihr peinlich und es gehörte die ganze Gewalt, die ganze Wachſamkeit uͤber ſich und ihre Au⸗ ßerungen, welche Eugenie in den Feſſeln der Konvenienz eingeuͤbt hatte, dazu, um dem Mar⸗ quis und ihrem Vater, welcher jenem nachfolg⸗ te, ihre Empſindungen zu verbergen. Herr von Villangois bot Alles auf, um — die ſichtlich verſtimmte Braut zu erheitern, denn er war zu ſehr von dem Gluͤcke befangen, mit welchem der Gedanke ihn erfuͤllte, die kleine, uͤberall bewunderte Graͤfinn als ſeine Gemahlinn an ſeiner Seite zu ſehen und die allgemeinen Schmeicheleien, welche man ihm uͤber ſeine be⸗ neidenswerthe Wahl machte, regten die Eitelkeit des alten Verliebten noch mehr an. Herr von Bourdonnaye hatte den Ver⸗ lobten zu ſeiner Tochter begleitet, um zugleich mit dieſem uͤber das in zwei Tagen bevorſte⸗ 67 hende Feſt zu reden; denn es mußten in jenen Zeiten der Caͤrimonie, tauſend Ruͤckſichten ge⸗ nommen, unzaͤhlige Kleinigkeiten beachtet wer⸗ den, um nicht gegen die Etikette anzuſtoßen. Die koͤnigliche Familie wollte an dieſem Tage, auch auf einige Stunden bei dem Feſte erſchei⸗ nen; Marie Antoinette hatte dieſe Zuſage dem begüͤnſtigten Miniſter vor wenigen Minuten gegeben, und berauſcht von der Erfuͤllung ſeiner ſtolzen und ehrgeizigen Wuͤnſche, war er in der angenehmſten Laune. Er gefiel ſich darin, Eu⸗ genien, der kuͤnftigen Marquiſe, ſchon jetzt mit einer gewiſſen fremden Achtung zu begegnen, und es miſchte ſich in dieſes Betragen eine zaͤrt⸗ liche Beruckſichtigung, welche Eugenie ſonſt nicht an dem Vater gewohnt war. Ihr Zuſtand wurde immer peinlicher, ihr Herz ſchwamm in Thraͤnen, eine wehmuͤthige Verzweiflung ergriff ihre Seele, ſie empfand es bebend, ſie war ein willenloſes Opfer ihrer Liebe; es draͤngte ſie, ihrem Vater zu Fuͤßen zu ſinken, ihm den ſchrecklichen Betrug zu entdecken, von ihm und nicht vom Zufall, die Entſcheidung ih⸗ res Geſchicks zu erflehen; denn mißgluͤckte ihre Entfuͤhrung, welchem Spotte war ſie bloß ge⸗ ſtellt? wie wollte ſie den Zorn ihres Vaters ent⸗ E2 68 waffnen, als durch unbedingte Hingebung in ſeinen Willen? Aber der Gedanke an ſeinen Zorn, den ſie kannte, an die Eiskälte ſeines Gemuͤths, wies die Tochter von dem Herzen ihres Vaters zuruͤck, band ihre Zunge.—— Ein Jäger des Marquis brachte dieſem jetzt ein Kaͤſtchen, welches er ſogleich dſſnete und mit der angenehmſten Geſchaͤftigkeit einen reichen Brillantſchmuck vor Eugenien auskramte, welche ſich muͤhſam zwang, einige Blicke darauf zu werfen. Sie lehnte es mit einiger Heftigkeit ab, dieſen Schmuck an dem Feſte ihrer Verlo— bung zu tragen.„Noch, Herr von Villan— gois,“ ſprach ſie, mit faſt ſchmerzlichem Spott um den ſchoͤnen Mund,„bin ich Herrinn mei⸗ nes Willens, goͤnnen Sie mir immerhin die kurze Freude weniger Tage; ſo reich geſchmuͤckt moͤchte ich erſt als Ihre Gemahlinn erſcheinen.“ Der Marquis biß ſich in die Lippen, er hatte eine andere Aufnahme ſeines koſtbaren Geſchenks erwartet, doch die Schmeichelei, welche das Fraͤulein ihrer Weigerung beigab, verſöhnte ihn wieder, er kuͤßte zärtlich Eugeniens Hand und empfahl ſich fuͤr heute. Eugenie fuͤhlte Bergeslaſten von ihrer Bruſt gewälzt, als ſich Beide entfernten, ſie ſehnte 60— ſich, einſam die ſchreckliche Lage zu uͤberdenken, in der ſie ſich befand, einen Ausweg zu erſin⸗ nen. Doch ſo wohl ſollte es ihr nicht werden, ſie war gezwungen, bei Tafel, und ſpaͤter in den Zimmern der Koͤniginn zu erſcheinen; ſie trug ihr ſchweres Herz in dieſe glänzenden Kreiſe, wo alle Herzen ſo leicht in Frohlichkeit ſchlugen; Niemand verſtand ihren Schmerz, Niemand beach⸗ tete ihn, ſie war ein Gegenſtand des Neides, indem ſie ihren Platz gern mit der aͤrmſten Bett⸗ lerinn vertauſcht haͤtte. Der naͤchſte Tag goͤnnte ihr noch weniger Ruhe, ihre Kammerfrau, der ſie, wider ihre fruͤhere Gewohnheit, die alleinige Sorge fuͤr den Putz zum Feſte uͤberlaſſen hatte, quaͤlte ſie mit der Anordnung und unzaͤhligen Fragen deßhalb ſtuͤndlich. Eine Menge Beſuche aͤngſtigte ſie, und das Quaͤlendeſte von allen, waren des Marquis Artigkeiten; denn ihr Vorzimmer war mit einer Unzahl von Modehändlern, Kunſtar⸗ beitern und Dienern angefuͤllt, welche alle, vom Herrn Villangois beauftragt, mit Geſchen⸗ ken, mit Aufträgen und Anfragen, fuͤr ihre kuͤnftige glänzende Einrichtung ſie in Anſpruch nahmen. Mitten zwiſchen dieſem bunten Ge⸗ wuͤhle, ſtand an einem Spiegelpfeiler lehnend die kleine Margot mit ihrem Blumenkorbchen. Eugenie erblickte ſie und ſchrack ſichtlich zu⸗ ſammen; die Kleine wagte ſonſt nicht ungerufen zu erſcheinen, ſicher brachte ſie Botſchaft; wie gefahrvoll war dieſe, wie leicht konnte ein Frem⸗ der ſich das, fuͤr ſie Beſtimmte aneignen!— Sie vergaß alles Andere uͤber dieſen Gedanken; mit Margots Blumenkoͤrbchen eilte ſie in ihr Zimmer und indem ſie, wie ſcherzend in den Blumen umher ſuchte, jedem der Anweſenden einen kleinen Strauß zu wählen, trafen ihre Blicke bald das zierliche Briefchen, nach dem ſie eigentlich ſuchte, ſie beſeitigte es heimlich, und erſt in nächtlicher Stunde fand ſie die ru⸗ hige Minute, um es zu oͤſſnen.—— Caboga ſchrieb: „Du willigſt ein, Geliebte, unbedingt willſt Du mein ſeyn! O, ich Gluͤcklicher! Ich er⸗ neuere meine Schwuͤre, Nichts darf und ſoll uns jetzt mehr trennen.“ „Dem Gluͤcklichen iſt der hoͤchſte Muth gegeben, ich trotze allen Hinderniſſen, ich be⸗ ſiege ſie alle; denn mir winkt ein hoher Preis, der Himmel ſelbſt, mit allen ſeinen Seligkei— ten in Eugeniens Armen. Zage nicht laͤn⸗ ger, ſchilt mich nicht wegen meiner Heftig⸗ keit; wo es um ſolchen Preis gilt, verliert der Kuaͤmpfer die Ruhe des Gemuͤths, entfeſ⸗ 71 ſelt, Preis gegeben ſind Geiſt und Sinn; verloren im Anſchauen des zu erringenden Ziels, moͤchte das Herz in trunkenem Wahnſinn die irdiſchen Bande zerſprengen, welche ſeine Will⸗ kuͤr noch hemmen. Doch iſt der Preis errun⸗ gen, leuchtet mir die Stunde, wo Euge⸗ nie als Gräfinn Caboga in meinen Ar⸗ men laͤchelt, dann will ich, taubenfromm zu Deinen Fuͤßen ruhen, ein Blick, ein Wink Deiner Augen ſoll mich lenken; Nichts will, Nichts fordere ich von dem Leben mehr, als was ich dann beſitze, abgeſchloſſen, abgerech⸗ net habe ich mit Allem, was es mir bieten kann!“— „Doch, wie reißt mich die Leidenſchaft ſchon wieder aus dem Kreiſe thätigen Wir⸗ kens, welches uns jetzt ſo Noth thut! Zuruͤck denn, ihr laͤchelnden Bilder der Zukunft, ſeid unterthan der quaͤlenden Gegenwart, die uns Beide jetzt ganz in Anſpruch nimmt.“—— „Ich habe in dieſen Tagen ohne Raſt fuͤr unſer Gluͤck gehandelt, alle Hinderniſſe gluͤck⸗ lich uͤberwunden. Hoͤre meinen Plan, deſſen Ausfuͤhrung jetzt nur allein von Dir abhaͤngt und welcher gelingen muß, da bereits Alles beſeitigt iſt, was uns ſtorend entgegen treten konnte, es muͤßte denn eine finſtere Macht 72 unſer Schickſal verwirren wollen; doch, mit jedem Athemzuge rufe ich den Himmel um Segen fuͤr unſere Liebe an, und mich durch— flammt der gluͤcklichſte Muth.“ „Die Vorbereitungen zu Deinem morgen⸗ den Verlobungsfeſte, das Aus- und Einge⸗ hen vieler fremden Perſonen im Hötel Dei— nes Vaters, gaben mir Gelegenheit die ſicher⸗ ſten Vorkehrungen zu Deiner Flucht aus dem⸗ ſelben, ohne alles Aufſehen einzuleiten. Ich habe in Erfahrung gebracht, daß der große Salon, in welchem ſich die Geſellſchaft ver⸗ ſammeln wird, mit mehrern Nebenzimmern verſehen iſt; eins derſelben ſtoͤßt unmittelbar an eine Reihe von Zimmern, welche ſonſt die Graſinn Bourdonnaye, Deine verſtor⸗ bene Mutter bewohnte, und dieſe Zimmer lie⸗ gen im Seitenflugel des Hauſes, eine Thuͤr fuͤhrt aus dieſem auf die Straße, zu der ſonſt ſtets verſchloſſenen Thuͤr habe ich bereits die Schluͤſſel in den Händen, eben ſo die Schluͤf— ſel zu den Zimmern Deiner verſtorbenen Mut⸗ ter, Du, meine Eugenie, haſt nun da⸗ fuͤr zu ſorgen, unbemerkt in das bewußte Ne⸗ benzimmer zu treten, durch die ſchon geoffnete Reihe von Zimmern zu gehen, wo ein Freund, ein Vertrauter Deines Geliebten, Dich erwar⸗ 73 tet; uͤbergib Dich unbedingt ſeinem Schutze; ſeine Jahre, ſein edler Charakter, moͤgen Dir Buͤrgen ſeyn. Seit dreißig Jahren dient er un⸗ ſerm Hauſe in den wichtigſten Geſchaͤften, als Sekretär trat er ſehr jung in die Dienſte meines Vaters, dieſer ſicherte ihm bei ſeinem Tode ein unabhaͤngiges Leben; doch, er zieht es vor, in meiner und meiner Mutter Naͤhe zu blei⸗ ben, unſere Anhaͤnglichkeit an ihn iſt ſein hoͤchſter Ruhm. Folge getroſt ſeiner Führung; Alles kommt därauf an, daß Deine Flucht nicht allzu ſchnell entdeckt wird, damit Deines Vaters Gewalt Dich nicht zuruͤck fuͤhrt; aus dieſem Grunde bleibe ich nach Deiner Entfer⸗ nung in der Verſammlung anweſend, um je⸗ dem Verdachte zu entgehen. In der nämli⸗ chen Stunde, wo wir uns wiederſehen, hoſſe ich Dich als meine Gemahlinn zu umarmen. Sind die Ketten der Konvenienz, die Dich jetzt feſſeln, einmal zerriſſen, wird der ſtolze Miniſter ja nicht unverſohnlich ſeyn, wenn der ungarnſche Magnat ihn um den Vater⸗ namen bittet.“ „Die Zeit draängt mich, dieſen Brief zu enden, wenn ich hoſſen will, ihn noch heute in Deinen Haͤnden zu wiſſen. Muth, Liebe 74 und Vertrauen ſei der Wahlſpruch unſers Lebens. Dein Xaver.“ Eugenie fuͤhlte ſich, nach Leſung dieſes Briefes, um Vieles beruhigt, ſie ſah ihr Schick⸗ ſal für entſchieden an, und war jetzt feſt ent⸗ ſchloſſen, die unvermeidlichen Ruͤckſichten, die ſcheinbare Einwilligung in Alles, was ihre ſelt⸗ ſame Lage forderte, durchzufuͤhren.— Am andern Morgen fuhr auf der Straße von Verſailles nach Paris eine glaͤnzende Kar⸗ roſſe, von vier lichtbraunen engliſchen Pferden gezogen; der vordere Theil des Kutſchkaſtens be⸗ ſtand aus blinkenden Spiegelfenſtern, nur durch goldenes Laubwerk getheilt; die Sonne ſtrahlte blendend hindurch und beleuchtete die zarte Schön⸗ heit, welche im Innern auf roſenfarbnen Atlas⸗ polſtern ruhte. Eugenie Bourdonnaye fuhr in der ihr vom Marquis Villangois geſandten Ekipage zum Verlobungsfeſte nach dem Hauſe ihres Vaters. Alles ſtaunte, oder ſah, auf dem belebten Wege der glaͤnzenden Erſcheinung nach; wie bleich die ſchone Braut war, bemerkte Niemand, und ungeſehen ſank eine Thraͤne nach der an⸗ dern von den Seidenwimpern ihrer Augen. Da ſprengte auf einem wilden Araberroſſe ein hoher, ſchlanker Reiter von Paris her dem Zuge entgegen; wenige Schritte davon entfernt, uͤberflog ſein Geſicht beim Anblicke desſelben eine dunkele Glut, krampfhaft riß ſeine Hand am Zuͤgel und das edle Roß im raſchen Laufe plötz⸗ lich aufgehalten, baͤumte ſich hoch empor und draͤngte ſich, indem ſein Reiter, der Graf Ca⸗ boga es mit Gewalt zu zuͤgeln verſuchte, ge⸗ gen den Wagen, ſchlug mit dem Kopfe gegen die Spiegelſcheiben desſelben und klirrend flogen die zerſplitterten Glaͤſer auf das ſeidene Gewand der Gräfinn; mit einem Schrei des Schmerzes zog ſie die kleine Hand von Blut uͤberſtroͤmt, welche eben nach der Schnur des Wagenfenſters greifen wollte, dieſes herab zu laſſen, zuruͤck, durch den feinen Handſchuh war einer der Split⸗ ter gedrungen, und hatte ſie ſchmerzlich, wenn auch nicht bedeutend verletzt, faſt ohnmaͤchtig von überraſchung und Schrock ſank ſie zuruͤck; wild riß der Graf ſein Noß herum und ſprengte mit verhaͤngten Zuͤgeln nach der Hauptſtadt zuruͤck. Der Kutſcher hielt die Pferde an, die Be⸗ dienten ſprangen vom Wagen herab und waren bemuͤht den Schlag zu öfſnen. Eugeniens Beſinnung kehrte zuruͤck, ſchnell wand ſie ihr 76 Tuch um die blutende Hand; es mußte ihr Al⸗ les daran liegen, kein Aufſehen von dem klei— nen Abenteuer gemacht zu ſehen, ſie zwang ſich zu laͤcheln, und befahl dem Diener die Glas⸗ ſplitter aus dem Wagen zu werfen; dann gab ſie ſtrengen Befehl, Niemand ſolle von der Ge— fahr, in der ſie geſchwebt, reden, um ihren Va⸗ ter oder den Marquis nicht unnothiger Weiſe zu erſchrecken; Alles war uͤberdieß das Werk einiger Minuten geweſen und hatte das Anſehen, als ob das Pferd, vor der im Sonnenlicht glaͤn— zenden Karoſſe, ſcheu geworden waͤre. Euge⸗ nie aber ahnte den Grund; Caboga's heftiges Gemuͤth, hatte ruckſichtslos das edle Thier ſei⸗ nen Zorn entgelten laſſen; ſie hatte es errathen, denn noch unbeſänftigt brauſte ſein Gemuͤth, als er in ſeiner Wohnung angelangt war, wild empor. Welch ein verhaßter Anblick, die Ge— liebte, die er ſchon ſein nannte, den Blicken der Welt, als die Verlobte eines Andern Preis ge⸗ geben! Eine wuͤthende Eiferſucht ergriff das Herz des jungen feurig liebenden Ungers, trieb ihn ruhelos bis zu der Stunde, wo er im Hötel des Miniſters erſcheinen konnte, umher. Er hatte keine Antwort auf ſeinen Brief von Eugenien empfangen, ſollte ſie ihre Entſchloſſenheit geaͤn— dert haben?— Schreckliche Zweifel flogen durch ſein Herz. Im Begriff eine ſtrafbare Hand⸗ lung zu begehen, fehlte ihm das Vertrauen zu ſeinem Gluͤcke, und er bemuͤhte ſich vergebens die Qual in ſeinem Innern zu bekaͤmpfen. Doch der Tag verrann, der entſcheidende Abend erſchien und mit ihm gingen glänzende Hofſnungsſterne fuͤr den Grafen auf. Er trat in den Salon des Miniſters, wo die Geſellſchaft bereits zahlreich verſammelt war. Eugenie ſtand an der Seite ihres Vaters, bleich un kalt, ein ſchoͤnes Marmorbild, nahm ſie die Be— gruͤßungen und Huldigungen des glaͤnzenden Zi kels anz faſt zu einfach gekleidet, ſchmuͤckte ſie bloß ein lichtgruͤnes Kleid und eine glaͤnzende Perlenſchnur durch die reichen Locken gewunden. Laver ſtand in ihrem Anſchauen verloren, ſo wohl war ihm lange nicht geworden, er hatte die Geliebte fliehen muͤſſen, um ſein Gluͤck zu beſchleunigen; eine ſchmerzliche Wolluſt erfullte ihn beim Anblick des blaſſen Engelbildes, die Sehnſucht nach ihm, die Erwartung der nahen entſcheidenden Stunde, hatten dieſe gluͤhende Roſe gebleicht, ihren Glanz gemildert.„Senke nur Deine zarten Blätter,“ ſprach er triumphi— rend zu ſich ſelbſt,„verbirg die ſiegenden Strah⸗ len Deiner Augen unter dem Schatten Deiner Seidenwimper, im Purpurſchimmer der Freude — l= 78 ſollen ſie neu ergluͤhen, in neuem Glanze die Welt meines Gluͤcks beleben. Nein, ich will nicht läͤnger an Dir zweifeln, Eugenie!“ Mit dieſen Gedanken trat er jetzt der Geliebten entgegen, ſie zu begruͤßen. Eugenie blickte mit ſo ungjaichtr Mil⸗ de, mit ſo frommer Hingebung auf ihn hin, daß er faſt verzagend vor dem ihm ſo nahen Gluͤcke ſtand; ſie reichte ihm die kleine Hand zum Kuſſe dar und verſunken in Liebe und Ent— zuͤcken druckte er die Lippen feſt und gluͤhend auf die kleine Wunde, welche ſie dieſen Morgen empfangen hatte. Ein leiſes Ach! entglitt den Lippen der Graͤſinn.„Muß Ihre Liebe mich denn immer verletzen?“ fragte ſie leiſe.„Soll ich nicht zagen, nicht fuͤrchten, daß es immer ſo ſeyn wird?“— Der Graf Caboga ſah ſie fragend an. „Eugenie, meine ſanfte Eugenie,“ fluͤ⸗ ſterte er,„wollen Sie mein Herz zerreißen, ſoll ich erſt verzweifeln, ehe ich glucklich werde? Nichts gleicht der Qual, die ich empſfinde, ehe mein Schickſal entſchieden iſt; o ich beſchwoͤre Sie, urtheilen Sie nicht nach meiner jetzigen Gemuͤthsſtimmung, beſchleunigen Sie meine Hoſſnungen; ſchleicht ein ſinſteres Mißtrauen ge⸗ gen den Mann, den Sie lieben, in Ihrer Seele 79 umher: o ſo werfen Sie mich aus dem Para⸗ dieſe, welches Sie mir eroffnet, zuruͤckz feſſeln Sie Sich an den Glanz, der Ihnen an des Marquis Seite leuchten wird; aber die Mar⸗ quiſe von Villangvis frage nicht weiter nach dem Fremdling Caboga, wenn Ihr die Ruhe Ihres Lebens lieb iſt!“ Mit dieſen Worten trat der Magnat in eine entfernte Ecke des Zim⸗ mers zuruͤck; aber ſeine gluͤhenden Blicke, feſt⸗ gebannt auf Eugenie, verriethen dieſer die Verzweiflung ſeiner Seele.„Muͤſſen wir uns denn ſtets mißverſtehen, indem unſere Seelen in Liebe zuſammen ſchmelzen!“ ſeufzte ſie leiſe. „Ich habe ja von Allem ſchon Abſchied genom⸗ men, was mich hier feſſelt und bindet; Dein iſt dieſes Herz, Dein dieſe Seele, nur mein Bild lebet und athmet noch hier!“— Dieſe Gedanken unterbrach Herr von Vil⸗ langois, welcher, eben angekommen, mit ge⸗ räuſchvoller Carimonie der Gräfinn Bourdon⸗ naye nahte; er blieb an ihrer Seite und bat ſie, in einer Menuet den Tanz mit ihm zu er⸗ oͤffnen; ſie mußte ſich fuͤgemz denn obgleich ſich der Miniſter die Deklaration bis kurz vor Ta⸗ fel, wo die königliche Familie erſcheinen wollte, vorbehielt: ſo wuͤrde doch kein anderer der an⸗ weſenden Herren nach dieſem Vorzug gerungen. — 80 haben, der nach der allgemeinen Meinung, dem Marquis an dieſem Tage vorbehalten war. Eu— genie entfaltete in dem graziöſen Tanze, in dieſem Kreiſe zum letzten Male, die ganze An⸗ muth, den ganzen Zauber ihrer Schoͤnheit; ſie wagte nicht, ihre Augen zu dem Grafen Ca⸗ boga zu erheben, denn ſie war ſich der Ge⸗ walt bewußt, welche der Ausdruck ſeiner Zuͤge uͤber ſie hatte, und ſo vollendete ſie den Tanz mit ihrem funfzigjährigen, ſchulgerechten Tän⸗ zer, zur Bewunderung und Freude der Umſte⸗ henden. Aber jetzt ſehnte ſich ihr gedrucktes Herz hinweg aus dieſem bunten Scheinleben, in dem ihr beſſeres Selbſt unterging; ſie ver⸗ langte ſich ſelbſt wieder anzugehören, dieſer Qual, dieſer Unruhe ein Ende zu machen. Der Tanz begann wiederum und ward all⸗ gemeiner; Eugenie wurde von dem Marquis zu einem Sitze gefuͤhrt; doch noch ehe ſie dort angelangt war, durchblitzte ſie ein gluͤcklicher Gedanke; ſollte ſie vielleicht den guͤnſtigen Mo⸗ ment voruͤbergehen ſehen, der vielleicht im Laufe des Abends nicht wiederkehtte?—„Erlauben Sie mir, Herr von Villangois,“ ſprach ſie zu dieſem,„ein Stuͤndchen Ruhe auf mei⸗ nem Zimmer; zu angegriſſen von der Unruhe dieſer Tage, muß ich mir einige Erholung gon⸗ 81 nen, wenn ich nicht noch an dieſem feſtlichen Abend eine Unpaͤßlichkeit fuͤrchten will; unbe⸗ merkt moͤchte ich mich entfernen. Suchen Sie meine kurze Abweſenheit zu entſchuldigen, ſa⸗ gen Sie denen, welche nach mir fragen, ich ſei in einem der Nebenzimmerz ich kehre bald zuruͤck.“ Eugenie zog den Marquis mit dieſen Wor⸗ ten gegen die Hauptthuͤr des Salons, und die⸗ ſer, wenn auch nicht zufrieden mit ihrem Vor⸗ ſchlage, wagte doch nicht, ſeiner kleinen Gebie⸗ terinn zu widerſprechen; er wollte ſie zu ihrem Zimmer geleiten, doch dieß verbat ſie.„Ent⸗ fernen wir uns Beide,“ ſprach die Gräfinn, „wuͤrde es auffallen; miſchen Sie Sich viel⸗ mehr in die Geſellſchaft; ziehen Sie meinen Vater in eine Unterhaltung, ihm wird meine Abweſenheit ſonſt am erſten auffallen.“ Was konnte den Marquis nach dieſen drin⸗ genden Bitten ſeiner Braut noch zuruckhalten, ihre Wuͤnſche zu erfuͤllen? Er draͤngte ſich durch die zahlreiche Verſammlung, um Herrn von Bourdonnaye aufzuſuchen, und Eu⸗ genie wendete ſich zu gleicher Zeit von dem Eingange des Salons dem bezeichneten Neben⸗ zimmer zu, vor welchem der ungarnſche Mag⸗ nat, an dem Pfeiler der Thuͤr lehnend, ſtand. Erſter Band. F 82 Ein ernſter, ſeelenvoller Blick der Geliebten war das einzige Zeichen, welches ſie ihm gab. Sie trat in das Zimmer, eilte mit leichten Schrit⸗ ten dahin und verſchwand ſchnell in das Gemach ihrer Mutter; ſeinem lauſchenden Ohre entging es nicht, wie der Riegel, von innen klirrend, in das Schloß der Thuͤr ſprang. Der unge⸗ ſtuͤme Schlag ſeines Herzens drohte ſeine Bruſt zu zerſprengen; wer ihn in dieſem Augenblicke beobachtet haͤtte, wuͤrde die Zerſtörung ſeines Gemuͤths auf ſeinem Geſichte geleſen haben; ein glucklicher Zufall wollte, daß er in dieſer Vier⸗ telſtunde, welche uͤber das Wohl oder Wehe ſeiner Zukunft entſchied, unbeachtet blieb. Was er ſich ſo leicht gedacht, ſchien ihm jetzt un⸗ moͤglich; das leiſeſte Geraͤuſch machte den ſonſt ſo muthigen Mann beben;z doch Alles blieb im gewohnten Gleiſe um ihn. Während ihm ſein Plan gelungen, waͤhrend er den ſtraͤflichen Raub vollfuͤhrt, leuchtete aus den Blicken des betro⸗ genen Vaters noch derſelbe Stolz uͤber die Er⸗ reichung ſeiner ehrgeizigen Plane, lächelte der betrogene Braͤutigam im eitelen Wahn ſeinem nahen Gluͤcke entgegen. Dem Grafen Caboga war die laute Luſt, welche ihn umſchwirrte, fuͤrchterlich; ſeine See⸗ lenſtimmung paßte ſo gar nicht zu dieſer, wie 83 ein Fiebertraum wogte und rauſchte Alles un⸗ klar an ihm voruͤber, eine unheimliche Macht draͤngte ihn, ſtörend die fröhliche Luſt zu en⸗ den, den luſtigen Zauber zu heben, und ſeine Phantaſie malte ſich zu groͤßerer Qual die Ver⸗ wirrung der naͤchſten Stunde. Doch allmälig wurde der Lauf ſeines Blu⸗ tes ruhiger, ſein Geiſt, ſeine Sinne wurden freier, er vermochte wieder zu uͤberlegen. Die überzeugung, daß Eugenie ſchon glucklich aus der Hauptſtadt ſei, daß jetzt, wo ihre Flucht noch nicht entdeckt, ſie ſchon einen weiten Vor⸗ ſprung gewonnen hatte, gab ihm Muth und Faſſung. Caboga bemerkte jetzt, wie der Mar⸗ quis, welchen er vorzuglich im Auge behielt und der ſchon einige Male nach der Thuͤr geblickt hatte, den Salon verließ und nach einiger Zeit ſehr ernſt zuruͤckkehrte, noch ein Mal rings im Salon umherſuchte und dann mit Herrn von Bourdonnaye ſich in ein lebhaftes Geſpräch einließ. Herr von Bourdonnaye entfernte ſich jetzt ebenfalls; der Graf Caboga folgte ihm bis zur Thuͤr und bemerkte, wie dieſer mit wilder Geberde den Bedienten Befehle er⸗ theilte. In dieſem Augenblicke fuhren die koͤnig⸗ lichen Wagen vor; wie ein Verzweifelnder ſtuͤrzte 52 84 der Miniſter die Treppe hinab, um die M⸗ jeſtaͤten zu empfangen. Marie Antoinette trat bald darauf, an der Seite des Koͤnigs, begleitet von dem Herzoge von Orleans und einem glaͤnzenden Ge⸗ folge, in die Verſammlung. An den fuͤr ſie bereiteten Sitz gefuͤhrt, war ihre erſte Frage nach Eugenie. Der Graf Bourdonnaye redete mit unverkennbarer Verlegenheit zu ihr. Die Koniginn erblich, Schrecken äußerte ſich in ihren Zuͤgen; aber nur augenblicklich war dieſe Storung; herablaſſend wandte ſie ſich zu dem Marquis Villangois, welcher in ihrer Nähe ſtand, und ſprach zu dieſem:„Wie ſehr beklage ich Sie, mein Herr, daß ein plotzliches libel⸗ beſinden der liebenswuͤrdigen Graͤfinn Bour⸗ donnaye Ihre heutige Verlobungsfeier ſtort. Doch das muß die Geſellſchaft nicht abhalten, ſich der Freude dieſes Tages hinzugeben; die, wie ich hoffe, ſchnelle Geneſung der reizenden Braut wird uns bald Gelegenheit geben, dieſes Feſt zu erneuern, und wir werden wie heute, mit unſerer Gegenwart erfreuen.“ Der Marquis verbeugte ſich tief. Der Tanz nahm ſeinen Fortgang; die hohen Perſonen be⸗ lebten das Feſt mehrere Stunden durch ihre Ge⸗ 85 genwart und eine glänzende Tafel beſchloß die Luſt und Qual dieſes Tages. — W. Der Morgen blickte bereits durch die herab⸗ gelaſſenen Vorhänge in das Kabinet des Mini⸗ ſters und noch ſaß dieſer ſchlaflos, unausgeklei⸗ det bei dem Armleuchter mit tief herab gebrann— tem Wachslichte; raſch fuhr er jetzt empor, ſeinem eintretenden Kammerdiener entgegen. „Haſt Du guͤnſtige Nachricht, fandeſt Du irgend eine Spur von der Graͤfinn?“ rief er heftig. „Keine Spur iſt von der Verſchwundenen zu finden, unerklaͤrbar ihre Abweſenheit!“ ſprach dieſer.„Niemand ſah unſere gnädigſte Gräſinn, nur in den unbewohnten Zimmern der verſtor— benen Frau Miniſterinn will der Nachbar am geſtrigen Abend Licht bemerkt haben; das iſt das Einzige, aber Ungewohnliche, welches ich er⸗ forſchte; ich verfuͤgte mich daher, ehe ich zu Ew. Epcellenz kam, mit dem Hausmeiſter in die Zimmer, fand aber Alles in der alten Ordnung, die Thuͤren, wie immer, feſt verſchloſſen.“ 86 „Licht in den Zimmern meiner verſtorbenen Gemahlinn?“ ſprach der Miniſter mit gedehn⸗ tem Tone; doch ſchnell abbrechend,— denn er vermied es gern, von dieſer zu reden, er hatte in einer ſehr ungluͤcklichen Ehe gelebt;— er⸗ theilte er dem Kammerdiener neue Befehle und ging, als dieſer ſich! entfernt, mit großen Schritten im Kabinete auf und nieder. Doch wurde er bald aufs Reue in ſeinen truͤben Betrachtungen unterbrochen; man mel⸗ dete den Herrn von Villangois und dieſer folgte der Meldung auf dem Fuße nach.„Ver⸗ gebens, mein Herr,“ rief er heftig,„waren meine Bemuͤhungen, meine Nachforſchungen an den Barrierenz genug Reiſewagen, Chaͤſen und Fiakers find von Paris abgefahren,— die Rei⸗ ſenden waren meiſtens Kaufleute; keine Perſon vom Range, von Bedeutung iſt auspaſſirt; uns bleibt nichts weiter uͤbrig, als ohne Verzug ei⸗ nige treue Leute, welche die Gräfinn Eugenie perſonlich kennen, mit Courierpferden auf gut Gluͤck nach verſchiedenen Richtungen auszuſen⸗ den; vielleicht hilft der Zufall; kehrt die Graͤ⸗ finn bis morgen Abend in ihr Haus zuruͤck, und ſind die Dehors nicht allzu ſehr verletzt, bin ich noch immer entſchloſſen, mich ihr zu vermaͤhlen; doch bleibt ſie läͤnger entfernt, wuͤrde ich der Ehre meines Hauſes zu viel vergeben, wenn ich ihr alsdann noch meine Hand reichte; mir muß Alles an der ſchnellen Ruͤckkehr der Graͤfinn gelegen ſeyn; doch keine Spur von ihr, keine wer ſie entfuͤhrt, zeigt ſich ſie entführt?“ rief Miniſter hef⸗ tig.„Wer ſie entfuͤhrt?— Glauben Sie wirklich, Herr von Villangois, meine Toch⸗ ter ſei entfuͤhrt?— Wer wuͤrde das gewagt haben? Nein, nimmer glaube ich das; die ſtolze, ehrgeizige Eugenie wird ſich nicht ſo tief erniedrigen, an der Hand eines ehrloſen Mannes, denn das iſt jeder Entfuͤhrer in meis nen Augen, indem er die Formen, die Geſetze des Anſtandes mit Fuͤßen tritt, zu entfliehen. Ach, meine Vermuthungen ſind viel niederſchla⸗ gender, viel ſchrecklicher; es ſind Befuͤrchtungen der finſterſten Art. Erfahren Sie in dieſem Au⸗ genblicke, Herr Marquis, daß Eugenie mit Widerwillen in die Verbindung mit Ihnen ge⸗ willigt hat; der Abſtand der Jahre, meiner Tochter Anſpruͤche an ein Gluͤck, wobei ihr Herz nicht leer ausginge, ſind, glaube ich, die Ver⸗ anlaſſung ihrer Entfernung. Als ich ſie auf die Verbindung mit Ihnen vorbereitete, entdeckte ich mit Erſchrecken eine ſchwärmeriſche Anſicht 88 von Lebensgluͤck in dem Herzen meiner Tochter; nur indem ich ihr weder Zeit noch Raum gab, dieſe vor mir zu entfalten, wozu ſie ſich ſchon bereit machte, gelang es mir, die erwachten Ge⸗ fuͤhle ihres jungfräulichen Herzens einzuſchuͤch⸗ tern. Schroff und kalt ſetzte ich ihrer Gemuͤths⸗ waͤrme meine väterliche Gewalt entgegen und ſie verſtummte, wie ſie ſeit ihrer Kindheit ge⸗ wohnt war, vor meinem Machtſpruch. Nur Ihrer wohlgefälligen Eigenliebe, mein werther Freund, Ihrer verliebten Verblendung muß Eu⸗ geniens Gleichgiltigkeit entgangen ſeyn. Wie oft habe ich, beſonders in der letzten Zeit, ge⸗ fuͤrchtet, Sie wuͤrden die Entdeckung machen, daß ſie nur mit Widerwillen Ihre Gemahlinn wird! Auch bemerkte ich geſtern eine ſonderbare Kaͤlte und Gefuhlloſigkeit bei ihr, es war, als ob Alles, was um ſie her vorging, ihre Seele nicht berühre, ſie ſchien ſich ſo ganz mit etwas Anderem zu beſchäftigen; und als ſie geſtern Morgen von Verſailles gefahren kam, erſchrak ich vor ihrem bleichen Anſehen; ihre Blicke hat⸗ ten etwas Irres, Unheimliches, mit einer ſelt⸗ ſamen Unruhe blickte ſie von einem Gegenſtande zum andern, ſie redete wenig, war zerſtreut. Alles dieſes weckt ſchteckliche Ahnungen in mei⸗ ner Seelez wenn vielleicht eine Gemuͤthskrank⸗ 89 heit bei Eugenien im Anzuge geweſen waͤre! O mein Gott, ich furchte das Schrecklichſte!“ „O nicht doch!“ erwiederte der Marquis. „Entfernen Sie ſolche Befuͤrchtungen weit von Sich; wie ſollten in des Fräuleins Gemuͤthe ſolche finſtere Ideen Eingang gefunden haben? Nein, nein, trauen Sie meiner Anſicht in die⸗ ſer Sache; es wird meinen raſtloſen Nachfor⸗ ſchungen gelingen, mehr Licht darin zu bekom⸗ men; bald genug werden wir erfahren, wie Al⸗ les zuſammen haͤngt,— doch wird es alsdann zu ſpät ſeyn, dem Allen einen guͤnſtigen Anſchein in den Augen der Welt zu geben. Ich bin der ungluͤckſeligſte, trotz meinen Gluͤcksgutern; denn wollte ich auch ſelbſt mein halbes Vermoͤgen in dieſem Augenblicke zum Opfer bringen: ſo waͤre mir doch die ſchoͤne, liebenswuͤrdige Braut nicht zuruͤck gegeben. Wie wird mich die Welt, die mich ſtets beneidet, jetzt belachen, bemitleiden!“ Er ſchlug ſich bei dieſen Worten vor die Stirn und achtete nicht die ſorgfaͤltig, wie immer, ar⸗ rangirte Friſur à la hérisson, deren Nimbus, ein glänzender Puderſtaub, in ſanften Wolken das veilchenblaue Sammetkleid bedeckte. Der Miniſter hatte ſich, tief erſchuͤttert, in ſeinen Seſſel geworfen und war froh, als der Marquis ſich nun zuruͤckzog. Seinen vertrau⸗ 90 ten Kammerdiener hatte er, heimlich beauftragt, uͤber die in der Seine in dieſen Tagen gefunde⸗ nen Ertrunkenen Nachforſchungen anzuſtellen; denn ſein Stolz gab dem Gedanken keinen Raum, daß Eugenie auf eine andere Weiſe ſich ſei⸗ ner väterlichen Gewalt entzogen haͤtte; Gewiſ⸗ ſensbiſſe gaben ſeinen Befurchtungen noch mehr Nachdruck und ſein Stniſihnd war der pein⸗ lichſte. Die Königinn kam in der Nacht, in wel⸗ cher Eugenie verſchwunden war, ſehr bewegt und ſehr verſtimmt nach Verſailles zuruͤck; ſie ließ ſich entkleiden, ſchickte ihre Kammerfrauen, bis auf eine, welche im Vorzimmer auf ihre Befehle warten mußte, zur Ruhe und uͤberließ ſich ſelbſt einem finſtern Nachdenken uͤber die unerklärliche Entfernung ihres Lieblings. Eu⸗ genie hatte ihrem Herzen ſehr nahe geſtanden; um ſo ſchmerzhafter mußte dieſes ſeltſame Ver⸗ ſchwinden fuͤr ſie ſeyn. So ſich ſelbſt mit tau⸗ ſend Vermuthungen quälend, wurden ihr Ge⸗ danken und Gefuhle laͤſtig; ſie zögerte, den Schlaf zu ſuchen, der ihr, der ſo ſchmerzlich Aufgeregten, vielleicht fern blieb, offnete dann ein Wandſchränkchen, worin eine kleine Hand⸗ bibliothek war, und zog ein Buch hervor, aus welchem ihr Eugenie in den letzten Tagen 91 vorgeleſen hatte. Doch auch jetzt wollten ſich ihre Gedanken nicht ſammeln; ſie blaͤtterte mit Unruhe darin umher. Plötzlich ſiel ein kleines, zart zuſammen gefaltetes Papier in ihren Schooß, ſie nahm es auf, entfaltete es ſchnell und neu⸗ gierig; ein einziger Blick reichte hin, Euge⸗ niens Schriftzuge zu erkennen. Wie groß war ihr Erſtaunen nach Leſung derſelben! Sie lau⸗ teten:* „Wenn meine verehrte Monarchinn die⸗ ſes Blatt entfaltet, wird Eugenie ſchon weit aus ihrer gluͤckbringenden Nähe entfernt ſeyn, werden Verwuͤnſchungen und Spott ei⸗ nen Namen treſſen, den meine hohe Frau ſonſt mit Zaͤrtlichkeit nannte. O, an dieſe Zärtlichkeit, an dieſes gefuͤhlvolle Herz will ich jetzt die alten, gewohnten Anſprüͤche ma⸗ chen, obgleich ich, ſchuldbewußt, mir ſelbſt eingeſtehen muß, daß ich ſie auf immer ver⸗ ſcherzt und daß nur die uͤberſchwengliche Guͤte des gefuͤhlvollſten Herzens ſie mir noch ver⸗ goͤnnen kann. Ich fliehe eine verhaßte Ver⸗ bindung, der man mich gewaltſam entgegen fuͤhrt, um eine andere einzugehen, welche mein Herz getrofſen hat. Ich folge dem Glucke der Liebe, welche mir lächelnd ihre Arme entgegen breitet, und uͤberſteige kuͤhn den Ab⸗ 92 grund, welcher mich davon trennt; ob es mir gelingen wird, ſtelle ich dem Schickſal an⸗ heim. Ein kraͤftiger, liebender Arm wird mich ſtuͤtzen; und ich wage es, meiner Kö⸗ niginn, meiner muͤtterlichen Beſchuͤtzerinn, den theuren Namen zu nennen, an den ich meine Zukunft, meine Hoffnungen knuͤpfe. Ea⸗ ver Caboga entfremdet mich meinen, bis dahin ſo glucklichen Verhaͤltniſſen; ihm folge ich in ſein Vaterland, ihn liebe ich, ſeinen Schwuͤren traue ich unbedingt.— Mein Herz war bisher einem ruhigen, ſtillen Waſſerſpiegel zu vergleichen; klar, in heiterer Farbenpracht gab es Bild und Glanz des bunten, es umlachenden Lebens wieder. Doch der Leidenſchaften Wetterwolken zogen daruͤber hin, ihre Blitze trafen meine Bruſt; aufgeregte, ſtuͤrmende Wellen truͤbten den klaren Spiegel; verworrene Bilder voll Qual und Luſt fuhren daruͤber hin; ſich ſelbſt ein Räthſel wurde Eugenie fortgeriſſen, dem glaͤnzenden, rauſchenden Strome zu, in wel⸗ chem ſie ewiges, ſeliges Leben, oder ſchnellen Untergang ſinden wird. Ich konnte nicht ſcheiden, ohne das gro⸗ ße, ſchoͤne Herz, von dem ich geliebt wurde, um Verſoͤhnung anzuflehen, es anzurufen, mich zu vertreten bei dem harten Manne, den mir Gott zum Vater gab, und ſeinen Zorn, den ich auch entfernt, außer dem Bereiche ſeiner Macht, ſchon jetzt vorahnend empfinde, aufzuhalten. Sie allein, erhabene Koniginn, vermoͤgen etwas uͤber ihn. O, wenden Sie Ihre Gewalt dazu an, ihn zu beſaͤnftigen! Halten Sie die Verwuͤnſchungen auf, welche er uͤber ſein Kind ausſprechen wird! Berei⸗ ten Sie ihn auf unſer Flehen vor, einer Ver⸗ bindung, welche ohne ſeinen Segen geſchloſ⸗ ſen wird, und deſſen doch um ſo mehr be⸗ darf, denſelben ja nicht zu verſagen.“ „Nehmen Sie, erhabene Koͤniginn, mein Lebewohl, denken Sie mit Freude an Ihre Eugenie, der ein freundliches Geſchick ver⸗ gonnte, viel ſchoͤne Tage an Ihrer Seite zu laͤcheln. Ich eile in die Arme der Liebe, ei⸗ nes neuen Gluͤcks; wie kommt es, daß ſo truͤbe Bilder mein Herz bedraͤngen?— Ach! Es iſt der Fluch des Vergehens, daß ich jetzt, wo meine heißen Wuͤnſche erfullt ſind, wo jede Sehnſucht meiner Bruſt geſtillt wird, mich weinend umkehre nach allen theuern Bil— dern meiner Jugend, denen ich mich, viel⸗ leicht auf ewig, entfremde.“ 94 „Aber vergonnt man mir denn glücklich zu ſeyn?—— O, mein Gott, ver⸗ leihe mir Kraft! Ihre Vergebung, Ihre Lie⸗ be, erhabene Koͤniginn, ebenen mir die Bahn. Leben Sie ewig wohl! Heil und Se⸗ gen möge, wie immer, Ihr ſchones Daſeyn kroͤnen. Eugenie de Bourdonnaye.“ Marie Antoinette, uͤberraſcht, hielt den Brief erſchrocken in ihren Haͤnden, ihre Augen hafteten noch unwillkuͤrlich auf demſelben, als ſie ſchon laͤngſt zu leſen aufgehoͤrt hatte.— Welchen Schritt hatte die ſanfte Eugenie gewagt, ſie, die Vorſichtige, ſtets ſo viele Ruͤck⸗ ſichten Nehmende, hatte jetzt alle die Grundſätze und Anſichten einer, faſt allein am Hofe, em⸗ pfangenen Erziehung, bei Seite geworfen, ein⸗ zig nur den Anſichten folgend, welche eine plötz⸗ lich erwachte Leidenſchaft ihr vorhielt. Der Graf Caboga war der Entfuͤhrer Eugeniens; dieſer Name ſetzte ſie vor Allem in Erſtaunenz unbegreiflich war es ihr, wie das Geheimniß der Liebenden, den vielen lauernden, ſtets Alles betrachtenden Augen der Hofleute entgangen war. Denn, obgleich in jedem Augenblicke unzaͤhlige Intrigen in den Sälen von Verſailles eingelei⸗ 95 tet und ausgefuͤhrt wurden: ſo gab es doch ſel⸗ ten eine, deren fein geſponnene Faͤden nicht eben ſo oft von muͤßigen, am Hofe in irgend einer eingebildeten, oder wirklichen Wichtigkeit leben⸗ den Perſonen, als von den dabei intereſſirten Perſonen ſelbſt gelenket, oder beendet wurde. Es war der Koniginn ſehr unangenehm, daß ein dſtreichſcher Unterthan in einer Angelegen⸗ heit, welche eben ſo ſehr die Augen der Pariſer, als ihr Mißfallen auf ſich ziehen wuͤrde, mit Verwuͤnſchungen genannt wurde; ſie wuͤnſchte, um jeden Preis, der Sache das mildeſte Anſe⸗ hen zu geben; es gab uͤberdieß wenig darin zu handeln, ſie wuͤnſchte Nichts mehr, als daß Eugeniens Entfuͤhrung gelingen moͤchte; denn ſie zitterte bereits bei dem Gedanken, daß der Marquis eben ſo ſehr, wie der beleidigte beſorgte Vater ſchon in dieſer Nacht Alles aufbieten wuͤrde, um die Verſchwundene zu finden, zu⸗ ruͤck zu fuͤhren. Alsdann ſtanden die Sachen noch ſchlimmer; ſie war genothigt, als beleidigte Königinn, denn Eugenie war noch in ihrem Hofdienſte, als erſte Beſchuͤtzerinn der guten Sitte, einen Mann vom Hofe zu verbannen, der, wenn auch als Unterthan ihres kaiſerlichen Bruders ihr naͤher ſtehend als jeder andere Fremde, dennoch die Geſetze der Ehre mit Fuͤßen getreten 96 hatte, von ihm Genugthuung fuͤr zwei in An⸗ ſehen ſtehende Familien zu verlangen, und da⸗ durch auf jeden Fall in ſehr unangenehme Be⸗ ruͤhrung mit dem oſtreichſchen Hofe zu kommen, welches ihr, in politiſcher Hinſicht mehr wie un⸗ angenehm war. Die Stimme der Liebe fuͤr Eu⸗ genien uͤberwog noch mehr, jede unberufene Einmiſchung in dieſe ſchlimme Angelegenheit; und ſo war ſie feſt entſchloſſen, ſich nicht anders hinein zu miſchen, als wenn man ſie dazu auf⸗ fordern wuͤrde. Doch dieſe Aufforderung geſchah bald genug; denn ſchon am andern Vormittag erbat ſich Herr von Bourdonnaye eine Audienz bei ihr. Marie Antoinette ließ ihre Umgebung abtreten, und empfing den Miniſter ohne Zeugen. Ganz ohne die ihm ſonſt ſo uͤbliche Haltung, unruhig, mit zerſtreuten Blicken, ſchneller Nede trat dieſer in das Zimmer. Er warf ſich der Monarchinn zu Fuͤßen, und ehe dieſe Worte gewinnen konnte ihn zu beruhigen, floß eine heftige Anklage gegen den ungarnſchen Magna⸗ ten Caboga von ſeinen Lippen. Die Königinn hatte indeſſen Zeit gewonnen, ſich uͤber den un⸗ gewohnten Anblick zu faſſen; denn noch nie hatte der Miniſter in Allem, was er auch oft, Schlimmes oder Gutes, mit ihr perſoͤnlich ab⸗ geredet hatte, die Form auf die mindeſte Weiſe verletzt. Indeß entſchuldigte die immer zu guͤ⸗ tige Monarchinn in dieſem Augenblicke den ge⸗ reizten, leidenden Vater, und gebrauchte die Herrſchaft uͤber ſich dazu, dieſen auf die noth⸗ wendige Gemuͤthsruhe, welche ſeine gegenwaͤrtige Lage erfordere, etwas aufmerkſam zu machen. Es gelang ihr; der Miniſter wurde durch die Haltung der Königinn auf ſich ſelbſt zuruck ge⸗ fuͤhrt, und ſah das Unſchickliche ſeines Beneh⸗ mens ein. Marie Antoinette bat ihn jetzt, ſeine Klage gegen den Grafen Caboga, ſeine Beweiſe dafuͤr, ihr geordnet vorzutragen. So erfuhr ſie denn, daß es dem hintethan⸗ genen Bräutigam, Herrn von Villangois, gelungen waͤre, die nachfolgenden Entdeckungen uͤber Eugeniens muthmaßliche Entfuͤhrung zu machen. Des Marquis Aufmerkſamkeit war zuerſt auf den Magnaten gelenkt worden, indem dieſer jetzt plotzlich Abſchiedskarten in Paris um⸗ her ſandte, ungeachtet ſeine ganze Einrichtung, ſeine fruͤheren Außerungen, auf einen viel laͤn⸗ gern Aufenthalt in der Hauptſtadt gedeutet hat⸗ ten. Sein großer eleganter Reiſewagen war verſchwunden, eben ſo ein ältlicher Mann, wel⸗ chen man oft in ſeiner Geſellſchaft geſehen. Auch hatte der Marquis in Erfahrung gebracht, daß Erſter Band. G 98 der Graf Caboga mehrere Tage vor Euge⸗ niens Verſchwinden, an jedem Morgen auf der Terraſſe der Villa Trianon geluſtwandelt, auch einige Male durch ein Gaͤrtnermädchen den Hofdamen Blumen geſandt habe, daß ferner am Verlobungsmorgen, wo Eugenie in des Mar⸗ quis Ekipage von Verſailles zur Hauptſtadt ge⸗ fahren ſei, ein vornehmer Reiter, unſtreitig der Magnat, mit Ungeſtuͤm gegen den Wagen der Braut geſprengt ſei, und, als durch den hefti⸗ gen Andrang ſeines Pferdes, die Spiegelſcheiben der Kutſche zerbrochen, und die Braut, ſehr er⸗ ſchrocken geweſen, dieſe dennoch der Dienerſchaft ſtreng unterſagt habe, von dem Unfalle zu reden. „Zweifeln Sie, gnädigſte Königinn, noch?“ fuhr der Miniſter fort,„iſt unſer Verdacht grundlos? Es gehört wenig Scharfſinn dazu, um aus Allem dieſem den Magnaten als Euge⸗ niens Entfuͤhrer zu erkennen. Schenken mir Eure Majeſtät jetzt ein gnädiges Gehor, bewil⸗ ligen Sie meine dringenden Bitten! Der Mag⸗ nat darf nicht reiſen; indeß koͤnnen Eure Ma⸗ jeſtät nur durch Ihren Befehl ihn zuruͤck halten; hätten wir auch noch uͤberzeugendere Beweiſe ge⸗ gen ihn, als die oben genannten: ſo duͤrfte doch, da er als Reichsſtand uͤber dem Geſetze ſteht, von meiner Seite Nichts gegen ſeine Freiheit ————————— —————— —. 9 —— unternommen werden; die Zeit drängt; jeder Augenblick iſt koſtbar; bewilligen Sie meine ſo gerechte Bitte!“ Nach einigem Nachdenken erwiederte die Koͤ⸗ niginn:„Ich gebe zu, Herr von Bourdon⸗ naye, daß, ſo wie Sie dieſe Angelegenheit be⸗ leuchten, der Graf Caboga allerdings in ei⸗ nem verdächtigen Lichte ſteht; indeſſen werden nicht Alle Ihrer Meinung ſeyn: und ich geſtehe offen, daß ich nach dieſem Anſcheine von Ver⸗ dacht mich huͤten werde, irgend einen Schritt gegen den Magnaten zu thun, welcher mich ſehr gereuen wuͤrde, wenn er ohne Grund geſchähe. Graf Caboga, ſeine ganze Familie ſteht in ho⸗ hem Anſehen beim öſtreichſchen Kaiſerhauſe, mein kaiſerlicher Bruder hat ihm ehrende Auftraͤge an mich gegeben, Politik und Achtung zwingen mich den Grafen zu beruͤckſichtigen.“—„Laſſen Sie uns vertraulich mit einander reden,“ fuhr Ma⸗ rie Antoinette fort,„nehmen Sie den Fall an, daß der Magnat der Entfuͤhrer der Gräfinn Bourdonnaye waͤre, koͤnnte jetzt wieder gut gemacht werden, was geſchah? Glauben Sie, daß der ſtolze Unger, ehe er unauflöslich mit Eugenien verbunden iſt, was, wie ich vermu⸗ the, noch nicht geſchah, ſich als ihren Entfuͤhrer be⸗ kennen wuͤrde? Sie kennen den Charakter dieſes 6 2 100 Volkes noch nicht; feurig, unternehmend, den einmal gefaßten Entſchluß mit Muth ausfuͤh⸗ rend, wird unſere Anklage ihn nicht zum Ge⸗ ſtandniß bringen. Erwarten Sie den Zeitpunkt und er wird gewiß nicht fern ſeyn, wo er Ihre Verzeihung anflehen wird. Iſt Eugenie von ihm entfuͤhrt, kann ſie nur als Graͤfinn Ca⸗ boga zuruͤck kehren; und der Rang, den Ihre Tochter alsdann einnehmen wird, kann dem ei⸗ ner Marquiſe von Villangois dreiſt an die Seite geſetzt werden; wahrlich, es finden ſich noch ſehr troͤſtliche Anſichten fuͤr Sie, mein Herr, in dieſer fuͤr den Augenblick ſo verworre⸗ nen Angelegenheit.“ Der Miniſter biß ſich in die Lippen, ſich tief verbeugend, antwortete er der Koͤniginn mit unterwuͤrfiger Miene, aber nicht ohne einige Iro— nie in den ſtrengen Zuͤgen:„Wenn freilich Eure Majeſtaͤt die Sache aus dieſem Geſichtspunkte anſehen, muß ich unterthaͤnigſt ſchweigen. Ich glaubte zwar, daß meine allergnaͤdigſte Köni⸗ ginn, durch eine ſo öffentliche Beſchimpfung ei— nes Ihrer treueſten Unterthanen, den Sie Ihrer Gnade ſo vorzuͤglich werth halten, mehr belei⸗ digt ſeyn wuͤrde; doch, unter dieſen Umſtaͤnden werde ich mein gekraͤnktes Vater- und Ehrge⸗ 101 fuͤhl nach Eurer Majeſtät Befehl ſchweigen hei⸗ ßen⸗“— „Sie werden mich dadurch verpflichten, Herr von Bourdonnaye,“ antwortete die Koͤni⸗ ginn, ihm die ſchöne Hand zum Kuſſe reichend, „es muß mir wuͤnſchenswerth ſeyn, daß ein Vergehen, welches ein öſtreichſcher Unterthan im Herzen unſerer Hauptſtadt, faſt gegen Uns ſelbſt veruͤbt hat, ſo wenig als möglich zur Kenntniß des Publikum komme.“ Der Miniſter verbeugte ſich, denn er ſah ſich entlaſſen.— Seinen innern Zorn muͤhſam bekaͤmpfend, ſchritt er durch die Reihen der Hoflinge, welche in den Vorzimmern ſchon tauſend Gloſſen uͤber ſeine Audienz bei der Königinn gemacht hatten. Eugeniens Verſchwinden war das Geſpraͤch des Tages, und die ſeltſamen fragenden Blicke, welche auf Herrn von Bourdonnaye ge⸗ worfen wurden, entgingen dieſem nicht. Sein unwille wurde dadurch vermehrt; gewohnt, nur immer im ſtolzen Solbſtgefuͤht ſeines Ranges, und ſeiner Macht in dieſen Reihen zu erſchei⸗ nen, war es ihm peinlich, eine andere Aufmerk⸗ ſamkeit, als die ſeiner liberlegenheit zu erre⸗ gen; und ſo warf er ſich in ſeinen Wagen, be⸗ draͤngt von unangenehmen Gefuͤhlen und einen 102 tödtlichen Haß auf denjenigen werfend, den er jetzt als den Urheber dieſer vielfachen Schmach anſah. Er hatte zugleich auf dem Heimwege Zeit zu üͤberlegen, welche Partie er nun in die⸗ ſer Sache zu nehmen habe; Stolz und Herrſch⸗ ſucht leiteten auch hierin ſeine Schritte. Der Marquis durfte nicht erfahren, daß der Wunſch und mehr daß der Befehl der Königinn ſeine Handlungsweiſe beſtimme; denn ſtets hatte er ſich vor dieſem das Anſehen gegeben, als ſei er am Hofe gebietender Herrſcher. Deßhalb au⸗ ßerte er ſogleich bei ſeiner Ankunft in ſeinem Hötel, wo Herr von Villangois ihn unge⸗ duldig erwartete, wie gewiſſe Aufſchlüͤſſe über Eugeniens Entfernung ihn zu einer andern Handlungsweiſe beſtimmt hätten.„Tröſten Sie ſich, Herr Marquis,“ ſprach er,„uͤber den Ver⸗ luſt einer Braut, welche Ihnen vom Schickſal nicht beſchieden war; rechten Sie nicht mit mir, daß ich Bewegungsgrunden folge, welche ich Jh⸗ nen zwar jetzt noch nicht entdecken kann, die aber in der Folge kein Geheimniß bleiben wer⸗ den. Meine Nachforſchungen nach Eugenien ſind aufgehoben und ich bitte Sie, ein Gleiches zu thun, ja, ich fordere es ſogar von Ihnen.“ „Wie? Mein Herr!“ rief der Marquis ent⸗ ruͤſtet,„glauben Sie, ich ſei ein Kind, das 103 man am Gängelbande fuͤhren koͤnne?— Ich ſoll mich Ihren weiſen Anordnungen fugen, ohne zu wiſſen, weßhalb?— Warum halten Sie die Bewegungsgruͤnde zuruͤck, die Sie beſtimmen, gerade in dem Augenblicke, wo ich einiges Licht uͤber die Entfernung meiner Braut erhalte?— Soll ich vielleicht blind in dieſer Sache ſeyn?— Hat man es darauf angelegt, mich zu taͤuſchen? — O, mein Herr von Bourdonnaye, ich bin ein ſehr leichtglaͤubiger, ſehr gutmuͤthiger Thor, ſenden Sie doch gefaͤlligſt nach mir, wenn die ſpröde, ſtolze Graͤfinn Eugenie zuruck ge⸗ kehrt ſeyn wird, um die Verlobung mit mir zu feiern!“— Mit dieſen, im hohniſchen Zorne her⸗ ausgeſtoßenen Worten rannte der Marquis in ſeiner gewoͤhnlichen lebhaften Weiſe, ohne Ab⸗ ſchied, zur Thuͤr hinaus.— Herr von Bourdonnaye, einerſeits froh, den liberlaͤſtigen los zu werden, bedauerte indeß, daß des Marquis Empſindlichkeit, auf die er nicht gerechnet hatte, das ſo eben von ihm ein⸗ geleitete Spiel ſo uͤbel verſchob. Denn er muth⸗ maßte in der Koniginn, nach ihren iußerungen urtheilend, die Beſchuͤtzerinn der Entflohenen, nindem ſie ſich öſſentlich fuͤr die Verbindung des Herrn von Villangois intereſſirt hatte, konnte ſie die vielleicht ſpätere, geheim, aber gewiß un⸗ 104 ter ihren Augen geſchehene Bewerbung des Gra⸗ fen Caboga nicht öffentlich gut heißen, und ſo geſchah wahrſcheinlich, von ihr beguͤnſtigt, Eugeniens Entfuͤhrung. Sein Plan war nun, den ungarnſchen Magnaten, eben ſo wie die Königinn, durch eine ſcheinbare Einwilligung in Eugeniens Verbindung mit Caboga zu hintergehen, ſeine Tochter, treuherzig gemacht durch ſeine Verſohnlichkeit, vielleicht zur Ruͤck⸗ kehr zu bewegen, noch ehe ſie des Grafen Ge⸗ mahlinn geworden war. Aber dann war ſein feſter Vorſatz, die Liebenden zu trennen; denn wie haͤtte ſein Haß gegen einey Mann, welcher ihn in ſeiner Tochter beſchimpft, ſeine ſtolzen, ſo umſichtigen Plane zertruͤmmert hatte, ſo ſchnell verſohnt werden koͤnnen? Nein, Rache, em⸗ pfindliche Rache ſollte dem Entfuͤhrer ſeiner Toch⸗ ter werden! War erſt Eugenie wieder in ſei⸗ ner Gewalt, ſo wollte er die väterliche Macht uͤber ſie ſogleich dazu anwenden, ſie vor den Au⸗ gen ihres Buhlen mit dem Marquis zu vermaͤh⸗ len; denn dieſen zu verſoͤhnen, ihn auf's Neue fuͤr ſeine Wuͤnſche zu ſtimmen, wenn nur Alles ohne Aufſehen geſchah, ſchien ihm nicht unmoͤg⸗ lich; dem hintergangenen Braͤutigam mußte eben ſo ſehr, wie ihm, an einer guͤnſtigen, dem Hohne der Welt Schranken ſetzenden Ausgleichung ge⸗ 105 legen ſeyn. Der Miniſter war uͤberdieß gewiß, daß der Marquis ſeine Kußerungen uͤber Eu⸗ geniens Entfuͤhrung ſchnell genug verbreiten wuͤrde; und ſo kamen ſie ſicher recht bald zu den Ohren des Grafen Cabogaz wahrſcheinlich erfuhr dieſer auch jetzt ſchon von der Königinn, daß er kein unverſoͤhnlicher Vater ſei, und ſo hoffte er von Stunde zu Stunde, daß der Mag⸗ nat, denn er hatte noch keine Abſchiedskarte von ihm empfangen, ihm ſeinen Beſuch machen wuͤrde. An eben demſelben Morgen, wo Herr von Bourdonnaye bei der Koͤniginn erſchienen war, ließ der ungarnſche Magnat, Graf Ca⸗ boga, dieſe um eine Abſchiedsaudienz bitten. Am Nachmittage desſelben Tages ſtand er, da der Koͤnig auf einer Spazierfahrt begriffen, im Boudoir der liebenswuͤrdigen Monarchinn ge— genuͤber. Als die Cärimonie des Empfanges beendet war, neigte ſich dieſe naͤher zu dem Gra⸗ fen und ſprach ſo leiſe, daß den Damen, welche im Zimmer anweſend waren, ihre Rede un⸗ verſtündlich blieb.„Sie verlaſſen, Herr Graf, Unſern Hof in einem Zeitpunkte, wo Alles durch einen unangenehmen, ich darf ſagen, ſchmerzli⸗ chen Verluſt verſtimmt iſt, ich wuͤnſchte, Ihnen in frohern Augenblicken mein Lebewohl zu ſagen, 106 doch Sie wollen uns ſo ſchnell, ſo uͤberraſchend verlaſſen, mein Wunſch wird Sie nicht 1 halten koͤnnen—“ „Ew. Majeſtät uͤberſchwengliche Gnade,. e der Graf,„verwirrt mich; wie ſehr ich bedaure, Zeuge eines ſo unangenehmen Er⸗ eigniſſes geweſen zu ſeyn, mag die Bewunde⸗ rung, welche ich fuͤr eine der liebenswuͤrdigſten Frauen in der Umgebung der ſchoͤnſten Koͤni⸗ ginn, ſtets an den Tag gelegt habe, bezeugen.“ „Eine der liebenswuͤrdigſten Frauen?“ fragte die Koͤniginn.„Sagen Sie vielmehr: Fraͤu⸗ lein Bourdonnaye war die Krone meines Hofes, ein Kleinod, das ihr Entfuͤhrer mir vom Herzen geriſſen hat. Moge er ſeines Raubes froh werden! Moge er die zarte Bluͤhte weich und herrlich hegen! Wenn Eugenie ungluͤck⸗ lich wuͤrde! Ich werde ſtrenge Rechenſchaft fuͤr ihr Gluͤck fordern!“ Sie ſah den Grafen Ca⸗ boga bei dieſen Worten mit einem durchdrin⸗ genden Blick an. Der Magnat, uͤberraſcht durch die Rede Koͤniginn, ſtuͤrzte in ſeltſamer Bewegung vor ihr nieder; ſeine Faſſung war dahin; vermochte er ſolcher Huld und Guͤte zu widerſtehen?— „Ich ſchwoͤre!“ rief er leiſe. „Still, mein Herr, es bedarf keiner naͤhe⸗ 107 ren Erklärung!“ entgegnete Marie Antoi⸗ nette.„Ihre Bewegung iſt mir Buͤrge fuͤr das Gluͤck eines theuren Weſens. Vergeſſen Sie Unſer nicht, denken Sie ſtets mit Freude an Uns; hier, in dieſen Umgebungen war es, wo ſie die Liebliche zum erſten Male erblickten. Ich werde Ihr Vertrauen nicht taͤuſchen; eilen Sie unter meinem koniglichen Schutze; leben Sie wohl!“ Der Magnat erhob ſich; betaͤubt, geruͤhrt, und ſich tief verbeugend, eilte er durch die Zim⸗ mer des Schloſſes, und kaum in Paris ange⸗ kommen, beſtieg er unverzuͤglich ſeine Reiſe⸗ Chäſe, welche ſchon, mit Poſtpferden beſpannt, ſeiner harrte. Der Miniſter, Graf von Bour⸗ donnaye, empſfing einige Stunden ſpaͤter ſeine Abſchiedskarte. V. Doch es iſt Zeit, die entflohene Graͤfinn Eugenie auf ihrer Flucht zu begleiten, wel⸗ che, den getroffenen Vorkehrungen nach, gluck⸗ lich von Statten ging. Eugenie verließ die Geſellſchaft und trat in die Reihe unbewohnter Zimmer im väterli⸗ chen Hauſe ein; fremd waren ihr dieſe ſeit ih⸗ rer Kindheit geworden; ſie blieb in der ſie um⸗ gebenden Dunkelheit erwartend ſtehen; ein Ge⸗ raͤuſch dicht neben ihr zog ihre Augen ſeitwärts, und im naͤmlichen Augenblicke wurde die Kap⸗ ſel einer Blendlaterne geoffnet, deren grelle Strah⸗ len ihr entgegen blitzten. Eine maͤnnliche Fi⸗ gur, tief in einen dunkeln Mantel verhuͤllt, ſo daß nur der obere Theil des Geſichts, eine fin⸗ ſtere, von Furchen bedeckte Stirn, tief liegende, dunkle Augen, ſichtbar waren, ſtand ihr nahe; ohne zu reden, nahte ſie der Thuͤr, durch welche ſie gekommen; dieſe ins Schloß werfend bot ſie der Graͤfinn mit unterwuͤrfiger Miene die Hand und fuͤhrte ſie, noch immer ſchweigend, durch die großen, oden Zimmer. Kein Laut, kein Schritt war hoͤrbar auf den weichen Teppichen der Fußboden, und eben dieſe Stille, dieſe Ab⸗ geſchiedenheit von jeder Gemeinſchaft mit befreun⸗ deten Menſchen nach der eben verlaſſenen, lär— menden, bunten Luſt, beklemmten Eugeniens Bruſt zum Erſticken; die eingeſchloſſene Luft die⸗ ſer ſtets unerofſneten Zimmer machte ſie unwohl und wie im Traume von ihrem ſtummen Beglei⸗ ter fortgezogen, warf ſie ſcheu unſichre Blicke auf 109 die Gegenſtaͤnde, welche das ſcharf ausſtromende Licht der Blendlaterne auf Momente ſchnell und deutlich hervor hob, um ſie gleich darauf wie⸗ der in Nacht zu begraben. Wie Bilder einer Zauberlaterne traten laͤngſt vergeſſene Gegenſtaͤnde, wie aus weiter Ferne plotzlich herbei gezaubert, vor ſie hin; gefuͤhl⸗ volle Sehnſucht nach ihrer erſten Kindheit, welche ſie hier, in den Armen ihrer Mutter verlebt. hatte, erfullte, trotz der Angſt und der peinigend⸗ ſten Erwartungen, ihre Seele. Jenes Kamin, auf welchem die chineſiſchen Figuren, noch wie ſonſt, ihr entgegen nickten, deſſen blinkendes Stahlgitter ſie ſo oft geſcheut, daneben das weiche Kanapee von gruͤnem Damaſt, ihr ſo wohl bekannt, nahe bei demſelben das kleine Taburet, wo ſie ſo oft zu den Fuͤßen ihrer Mut⸗ ter, mit der ſchoͤnen pariſer Puppe im Arm, geſpielt hatte; ach, alle dieſe Eindruͤcke uͤberwal⸗ tigten ihre Faſſung; zu recht bitterer, namen⸗ loſer Qual mußte gerade Alles, was das Va⸗ terhaus Theures fuͤr ſie hatte, nach ſo langer Entfremdung an ihr Herz legenz ſie zogerte, leiſe vor ſich hinweinend, als hielte ſie hier Al⸗ les flehend zuruͤck. „O, ich bitte um die ſchnellſte Eile!“ ſcholl es da recht milde bittend aus dem Munde des Mannes, welcher ſie fuͤhrte, er ließ zu gleicher Zeit ihre Hand los und ſchloß die Thuͤr des letzten Zimmers, welche auf einen langen Cor⸗ ridor und von da die Treppe hinab zur Haus⸗ thuͤr füͤhrte, behutſam, jedes Geräuſch vermei⸗ dend, auf. Er ſetzte bei dieſer Beſchaͤftigung die Laterne auf einen nahen Pfeilertiſch; dadurch wurde die gegenuͤber ſtehende Wand in helles Licht geſetzt. Eugenie, einen Blick dahin wer⸗ fend und mit einem lauten Ach! vor dem Bilde ihrer Mutter niederſtuͤrzend, rang mit den Schauern der Ohnmacht; ihre Augen, gefeſſelt ven ſchmerzlichem Entzuͤcken, verdunkelten ſich immer mehr uͤber dem Anſchauen des geliebten Bildes; ihre Arme, flehend aufgehoben zu der unvergeßlichen Geſtalt, ſanken kalt und regungs⸗ los nieder. Beſtuͤrzt, doch mit Alles wagendem Muthe, ergriff ihr Begleiter, der Freund des Magna⸗ ten, Namens Sarackſar, die Ohnmächtige, trug ſie mit Anſtrengung bis zur Hausthuͤr, welche, ſchnell geoͤffnet, ihn auf die Straße fuͤhrte; der unweit haltende Reiſewagen, mit Mantel und allen Reiſebequemlichkeiten verſehen, nahm die bewußtloſe Eugenie auf, und die Barrieren von Paris lagen ſchon weit hinter ih⸗ nen, che ſie aus ihrer Ohnmacht erwachte. 111 Mit einem unverhohlenen Schmerz war der Graͤſinn Eugenie erſte Frage nach dem Gra⸗ fen Caboga.„Iſt er uns noch nicht gefolgt?“ fragte ſie den ihr gegenuͤber ſitzenden Sarack⸗ ſar.„Es wird unmoͤglich ſeyn,“ erwiederte dieſer;„denn ſo wie mir mein gnaädiger Herr geſagt, werden wir ihn erſt in einigen Tagen bei uns eintreſſen ſehen; ein Brief, den Sie mir, gnaͤdige Graͤfinn, erlauben werden, Ihnen auf der erſten Poſtſtation, wo wir anhalten, einzuhändigen, wird Ihnen des Grafen Wuͤnſche bekannt machen.“ Ein leiſes So war Eugeniens Antwort, dann lehnte ſie ſich, ſehr erſchoͤpft, in die Ecke des Wagens zuruͤck und ſtarrte durch die Fen⸗ ſter desſelben in die von ſchwachem Sternen⸗ glanze matt beleuchtete Nacht hinaus. Als der erſte Morgenſtrahl erſchien, bat Eugenie den Herrn Sarackſar, ihr den Brief des Grafen zu geben; dieſer war auch ſo— gleich bereitwillig dazu, und obſchon ein nur noch unſicheres Licht den von Thranen truͤben Augen der liebenden Jungfrau leuchtete: ſo konnte ſie doch die Ungeduld, etwas von dem Geliebten und ihrem nächſten Schickſal zu er— fahren, nicht bekaͤmpfen. Der Graf ſchrieb ſehr eilig und kurz, denn * 142 ſeine Unruhe und die Erſchuͤtterung ſeines Ge⸗ muͤths ließen ihn zu keinem feſten Gedanken kommen. Er beſchwor die Geliebte noch ein Mal, ihrem Begleiter unbedingt zu trauen, ohne Aufenthalt, ohne auf ihn zu warten, die Reiſe fortzuſetzen, da ſeine Einrichtung, ohne Aufſe⸗ hen die Hauptſtadt zu verlaſſen, durchaus noch einige Tage Zeit erfordere.„Es wird fuͤr uns von Nutzen ſeyn,“ ſchrieb er,„uns zur Be⸗ ruhigung dienen, daß wir erfahren, wie Deine Entfernung auf Deinen Vater und den Hof wirkt, welche Maßregeln man ergreift, ob ich bald oder erſt ſpaͤter Deinen Vater und die Ko⸗ niginn zu verſoͤhnen hoſſen darf.— Sei indeß uͤberzeugt, Du Angebetete, daß ich die Minuten zaͤhle, die ich noch entfernt von Dir verleben muß. Weiß ich Dich in Sicherheit, kann ich Dich als die Meine betrachten, wird eine neue Welt voll Wonne mich empfangen, wird dieſer qualvolle Zuſtand enden!“ So ging die Flucht denn auch, Tag und Nacht, ohne einen anderen Aufhalt, als die nothwendige, körperliche Pflege der zarten Grä⸗ finn Bourdonnaye erforderte, vor ſich und die ſchnellſten Poſtpferde fuͤhrten ſie innerhalb fuͤnf Tagen bis Bern, wo Herr Sarackſar der Graͤfinn erklaͤrte, daß des Grafen Befehl 113 ihn verpflichte, hier einige Tage zu raſten, in⸗ dem er wuͤnſche, ſich hier mit ihnen wieder zu vereinigen. Das erſte frohe Gefühl belebte Eugeniens Bruſt, ſeit ſie Paris verlaſſen hatte, als ſie dieſe Worte horte. Ihr freundlicher, immer ge⸗ faͤlliger, ganz im Gegenſatz mit ſeinen finſteren Zuͤgen ſtehender Begleiter, uͤberhob ſie jeder Sorge fuͤr ſich; in dem Gepäcke des Reiſewa⸗ gens fand ſie eine bis ins Detail gehende Reiſe⸗ garderobe für ſich; doch war ihr Gemuͤth zu ſehr mit anderen Dingen beſchaͤftigt, uin dieſe Aufmerkſamkeiten gehorig zu wuͤrdigen. Zwei peinlich lange Tage ſchlichen noch voruͤber; je⸗ der vorbeirollende Wagen, ſie hatten zu größe⸗ rer Sicherheit eine Privatwohnung bezogen, zog die Graͤfinn ans Fenſter; zum Sterben ermat⸗ tet von dem erwartungsvollen, heftigen Schla⸗ gen ihres Herzens, ſank ſie nach jeder Täuſchung zuruͤck, ſich mit den ſchrecklichſten Ahnungen quaͤlend, daß ihres Vaters Zorn oder der Koni⸗ ginn Machtwort den Grafen Caboga in Paris zuruͤck hielten. Doch eben als ſie ſo traurigen Gedanken nachhing, ſtuͤrzte uͤberraſchend Herr Sarack⸗ ſor in freudiger Bewegung ins Zimmer.„Er iſt da, mein gnädiger Graf! Er folgt mir auf Erſter Band. H 114 dem Fuße!“ rief der Alte, die ſteife Ehrfurcht, welche er ſeiner jungen Gebieterinn bis dahin ſtets bewieſen hatte, durch ein unruhiges, faſt zutrauliches Andraͤngen an dieſe, aus den Au⸗ gen ſetzend; er ergriff liebkoſend ihre Haͤnde, er kuͤßte ihr Gewand.„Ja, jetzt darf ich es Ih⸗ nen bekennen,“ rief er,„daß ich eben ſo ſehr, wie Sie, gnaͤdigſte Gräfinn, fuͤr die Sicherheit meines Gebieters gezittert habe. Jetzt iſt Al⸗ les gut! Eugenie verſuchte nchen ſich vom Seſſel zu erheben; ſie machte eine Bewegung gegen den Eingang des Zimmers, ihre Augen ſtarrten dem Erſehnten entgegen. Jetzt nahten Tritte, die Wirklichkeit trat ins Leben, Eaver Caboga hielt die holde, Braut in ſeinen Armen. Stunde an Stunde flog nltt den Gluͤck⸗ lichen unbemerkt, zaͤhlten ſie die Zeit nur nach den ſeligen Herzſchlaͤgen ihrer Bruſt. Alles, Alles war ihren Blicken entruͤckt, außer der Ge⸗ wißheit ihres Gluͤcks.— Nur unter Furcht und Beben hatten ſie die Wonne der Liebe bis da⸗ hin gekoſtet. Die Sicherheit des Beſitzes, der ungeſtörte Austauſch ihrer Empfindungen trug ſie auf Engelsfittigen uͤber die Sorgen der Erde. Der naͤchſte Morgen verlieh ihrer Liebe ſchon 7 1 11 die Weihe der Kirche; ein Prieſter war leicht gefunden, welcher durch eine reiche Belohnung gewonnen und durch des Magnaten Papiere, von deſſen hohem Range uͤberzeugt, die Trauung vollzog. Der Graf Caboga machte ſich uͤber⸗ dieß anheiſchig, im Fall, daß irgend ein Nach⸗ theil aus ſeiner Bereitwilligkeit fuͤr ihn entſte⸗ hen koͤnne, ihn auf ſeinen Guͤtern in Ungarn zu verſorgen. Darauf traf der Magnat Anſtal⸗ ten, einen Theil der Schweiz mit ſeiner jun⸗ gen Gemahlinn zu durchreiſen, theils um moͤg⸗ lichen Nachforſchungen des Miniſters zu entge⸗ hen, theils um während dem Briefe nach Un⸗ garn zu ſenden, ſeiner Familie die Vermählung mit der Graͤfinn Bourdon nahe anzuzeigen und Alles zum Empfange ſeiner Gemahlinn ein⸗ richten zu laſſen. Seine uͤbrige Dienerſchaft war ſchon auf dem Wege nach der Heimath, nur ſein treuer, alter Freund Sarackſor und einige neu angenommene Bedienten machten ſeine Begleitung aus, denn er wuͤnſchte, daß Eugeniens Entfuͤhrung bei den Seinigen nicht bekannt wuͤrde; jetzt, da ſein Gluͤck, wie er waͤhnte, feſt begruͤndet war, ſchien es ihm ein Leichtes, Eugeniens Vater zu verſoͤhnen. ———— H 2 116. v. Die Grafen Caboga zaͤhlten ſich unter die aͤlteſten, angeſehenſten und reichſten Familien Ungarns; doch ſchien der fonſt ſo reiche Zweige treibende Stamm ſeinem Abſterben nahe, denn nur ein Sohn und ein maͤnnlicher Seitenver⸗ wandter fuͤhrten, wenn der Vater des Magna⸗ ten Eaver Caboga, der als Obergeſpan un⸗ ter der Regierung Marie Thereſiens in großem Anſehen ſtand, ſtarb, dieſen Namen fort. Dieſer Sohn, Faver Caboga, von welchem dieſe Blaͤtter reden, war ein in der erſten Bluͤhte des Mannesalters ſtehender Mann. Feu⸗ rig, unternehmend, gebildet am kaiſerlichen Hofe zu Wien, wo er, nach dem Wunſche ſeiner Mutter, einer geborenen Wienerinn, bei einem angeſehenen Verwandten erzogen wurde, verei⸗ nigte er den angeborenen Adel ſeines Stammes mit einer damals ausgezeichneten geſellſchaftli⸗ chen Bildung. Bfters riß ein feurig, leicht aufflammender Geiſt ihn zu leidenſchaftli⸗ chen Handlungen hin, welche, wenn gleich im naͤchſten Augenblicke bitter bereut, nicht unge⸗ ſchehen, ja öfter ſelbſt nicht gut zu machen wa⸗ ren, und ein gewiſſer Leichtſinn, welcher im 117 Gefolge von Rang und Reichthum faſt immer⸗ einen ſchicklichen Troſt zu finden weiß, fuhrte den jungen Grafen leicht und ſicher uͤber Man⸗ ches hinweg, was ein beſonnenes Gemuͤth zu umgehen ſich vergebens muͤht. Aber Mißtrauen in die Handlungsweiſe Anderer war die Frucht der Vergehungen, zu welchen ihn ſeine Leiden⸗ ſchaft hinriß, und dieſes oft der Maßſtab, nach welchem er Anderer Benehmen beurtheilte. Lei⸗ denſchaftlich, wie er, von augenblicklichen Ein⸗ druͤcken ergriffen, ſah er in der dauernden Flamme eines innigen Gemuͤths, in dem freudigen Wohl⸗ gefallen Anderer an unſchuldigen Genuͤſſen auch oft nur einen voruͤberfliegenden Rauſch und ein ſtrafbares, unbedingtes Hingeben an augenblick⸗ lichen Genuß. Dieſe Anſichten hatten ihn auch ſchon mehrfach um das Wohlwollen ſeiner Freunde gebracht; denn zu ſtolz, um, wenn er auch ei⸗ nes Beſſern uͤberzeugt wurde, ſeine Schwäche einzugeſtehen, verſchmaͤhte er vielmehr jede Er⸗ klaͤrung, um ſeinem Charakter, den er ſelbſt recht wohl erkannte, keine Bloßen zu geben. So war der Mann, dem die holdſelige Eu⸗ genie de Bourdonnaye ihr Gluͤck uͤberge⸗ ben hatte. Sie, mit allen Anſprüͤchen an ein reiches, glänzendes Leben auferzogen, auf einen Platz geſtellt, wo ſie frei und leicht, wenn ſie 118 nur die Geſetze der Ehre beruͤckſichtigte, ſich be⸗ wegen durfte, kannte die Gefahren nicht, welche ihr ein ſo leidenſchaftliches Gemuͤth, wie das ihres Gatten, bringen konnte. An dem glän⸗ zenden Hofe von Verſailles hatte man ihrem Benehmen, das dem in jener Zeit leichten und doch zugleich ſtets ſchicklichen Tone vor⸗ zugsweiſe entſprach, gehuldigt; der Anflug ei⸗ ner reizenden Koketterie, den ſich jedes Frauen⸗ zimmer von gutem Tone, wollte es gefallen, damals zu eigen machen mußte, war es vor Allem geweſen, welcher Eugenien dem Gra⸗ fen Caboga ſo ſchnell nahe gebracht; und auch noch jetzt bezauberten die hinreißende Grazie ih⸗ res Benehmens, ihr Witz, ihre Blicke den uͤber⸗ ſeligen Gemahl; mit Entzuͤcken nannte er die⸗ ſen Engel ſein, und ſeine Anbetung kannte keine Graͤnzen.— Eugenie war in dieſem Augen⸗ blicke zu ſehr von der Liebe, von dem Gluͤcke ihrer neuen Situation angezogen, um etwas Anderes, als die Bewunderung, die Anbetung ihres Gemahls zu wuͤnſchen; ſie ſah ſich be⸗ achtet, beruͤckſichtigt von dem Manne, der al⸗ lein in ihrer Seele lebte; in ihrem klaren, ſchon ſo fruͤh auf ſich ſelbſt angewieſenen Gemuͤthe war die einzige Leidenſchaft, der ſie jemals Raum gegeben, die Liebe, eine dauernde, ewige Flamme 119 geworden; von ihr fortgeriſſen, hatte ſie Pflichten gebrochen, Vorurtheile uͤberwunden, welches ſie fruher fuͤr unmöglich gehalten haͤtte. Aber ein ſchoͤnes, reines Herz, wie das ihre, hatte Kraft und Willen, dieſe Liebe, treu, bis zum Tode zu beſiegen, und dieſe überzeugung ließ ſie im Arme des Geliebten das Vergehen, welches ihr Gluͤck kroͤnte, in einem milden Lichte ſehen. Durch den roſenfarbenen Schleier des Gluͤcks ſieht das Auge fröhlich verklaͤrt auf das Leben hin, indeß der graue Leichenſchleier des Leidens ſich truͤbe vor unſere Blicke haͤngt. Waͤhrend die Neuvermaͤhlten ſo die Flitter⸗ wochen ihrer Ehe durchjauchzten, war durch des Grafen Brief, mit der Anzeige ſeiner Vermäh⸗ lung, auf dem Stammſchloſſe der Familie Ca⸗ boga, welches die alte, ſtolze Magnatinn, Lavers Mutter, einſam, nur von einer zahl⸗ reichen Dienerſchaft, der Landesſitte zu Folge, umgeben, bewohnte, ein reges Leben eingekehrt. An dem Fuße der Vorberge der Karpathen ge⸗ legen, welche ſich weit in die fruchtbaren Ebenen Ungarns erſtrecken, beherrſchte das große duͤſtere Schloß, in alterthuͤmlicher Pracht, die weite Gegendz der weitläuftige Park lehnte ſich an einen herrlichen, dunkeln Hochwald, welcher ſich an dem Gebirge hinauf zog; durch ſeine reichen 120 Laubgewolbe, blickten hie und da nackte Felſen⸗ ſcheitel, welche in ſtets wechſelnden Formen, phantaſtiſch gegen den ſüdlichen Himmel Un⸗ garns abſtachen, waͤhrend luſtige Weingaͤrten, goldene wogende Kornfelder, fruchtbeladene Obſt⸗ bäume, einem lachenden Panoram gleich, das Schloß von den anderen Seiten umgaben. Die alternde Magnatinn Caboga lebte ein ſtilles, freudeloſes Leben in abgeſchiedener Ruhe, fern von dem Treiben der Welt, die Ausſicht, den geliebten Sohn, jetzt an der Seite einer bluͤhenden Gemahlinn, ihre Einſamkeit getheilt, belebt zu ſehen, beſchaͤftigte ihr Gemuth aufs Lebhafteſte; ein dunkles Geſchick hatte ihr die einzige, geliebte Tochter, fruͤh aus den Armen geriſſen, wenn ſie gleich ihrem Herzen in inni⸗ ger Liebe verbunden blieb, denn, indem dieſe Tochter Cäcilie, ſich dem Kloſterleben weihte, wagte die fromme, eifrige Katholikinn nicht, ſich dem Willen derſelben zu widerſetzen. Cäcilie Caboga, des Grafen Taver einzige Schweſter, war mehrere Jahre älter als dieſer und ſo eine Zeit, der Liebling, die ein⸗ zige Hoffnung ihrer Altern. Als darauf dieſe durch die Geburt eines Sohnes erfreut wurden, blieb ſie dennoch ein Gegenſtand der zärtlichſten Alternliebe. Vorzuglich war es ihr Vater, wel⸗ 124 cher ſchon fruͤh ihre ſeltenen Geiſtesgaben er⸗ kannte und alle Mittel, welche ihm zu Gebote ſtanden, anwendete, um dieſe auf das Vollkom⸗ menſte auszubilden. Die Tochter entſprach ſeinen Erwartungen; in ihrem ſechszehnten Jahre ſtand ſie mit Talenten und Kenntniſſen reich geſchmuͤckt, der Stolz und die Freude ihres Vaters in dem Kreiſe ihrer Bekannten. Ihr Kußeres war we⸗ niger blendend; zwar zierte ſie ein hoher, edler Wuchs, doch waren ihre Geſichtszuͤge nicht an⸗ genehm; ein ſtrenger Ernſt ruhte auf der faſt maͤnnlich gewolbten Stirn, farblos war ihre Wange und ſelten nur ſchwebte um die feinen Lippen ein ſanftes Laͤcheln; nur wenn ſie die milden dunkelblauen Augen auf Jemand richtete, welches ſie aber nur ſelten, nur im lebhaften, anregenden Geſpräche that, ſtrahlte eine anzie⸗ hende Kraft aus dieſen lichten Sternen, und ſo waren es vorzuͤglich nur die Menſchen, mit de⸗ nen ſie in naher Verbindung lebte, welche mit Liebe an ihr hingen; fremd und fern blieb ſie meiſtens denen, welche weniger in ihre Naͤhe kamen. Ihr Reichthum, ihr ſittlich reiner Ruf zog mehrere Freier in ihre Nähe, doch des Magna⸗ ten wegwerfende Llußerungen, wenn das Ge⸗ ſpraͤch nur von fern die Vermählung Caͤci⸗ 122 liens beruͤhrte, band dieſen noch immer die Zunge, und die junge Graͤfinn Caboga war⸗ mehr mit ihren Wiſſenſchaften und Kunſtuͤbun⸗ gen beſchäftigt, als mit den Huldigungen, welche ihr die junge Männerwelt darbrachte. Da wurde plötzlich und überraſchend eine Aufwallung der Dankbarkeit, die Urſache ihrer zu voreiligen Verlobung mit dem Reichsbaron Theodor von Jablonka. Eine große Jagdpartie vereinigte den NMag⸗ naten und Obergeſpan, Grafen von Caboga, mit einem alten Bekannten, dem Vater des eben erwähnten Theodors, Baron Jablonka, auf dem Beſitzthum eines Freundes. Schon hatte man mehrere Tage lang der Jagdluſt gefrohnt, als der Graf Caboga das Ungluͤck hatte, von der Verfolgung eines Edel⸗ hirſches hingeriſſen, mit dem Pferde zu ſtürzen. Mit der Stirn gegen einen Baumaſt geſchleu⸗ dert, lag er beſinnungslos, einſam, hilflos im Dickicht. Sein Fall hatte ihn glucklicher Weiſe buͤgellos gemacht, und ſo ſprengte ſein erſchrok⸗ kenes Roß, ohne ihn wild und unbaͤndig, im Walde umher. Baron Jablonka war der Erſte, welcher desſelben anſichtig wurde; er ließ es durch ſeine Diener auffangen und durch⸗ kreuzte darauf ſelbſt, an ihrer Spitze die Wal⸗ dung, um den wahrſcheinlich verungluͤckten Jä⸗ ger aufzufinden. Vergeblich war lange dieſer Verſuch, die Nacht brach an und noch hatte man keine Spur von dem Verwundeten entdeckt; doch der menſchenfreundliche Baron ließ in ſei⸗ nem Streben nicht nach; Fackeln wurden ange⸗ zuͤndet; und aufs Neue vertheilte man ſich nach verſchiedenen Richtungen. Die ungewöhnliche Helle, welche jetzt das dicht verwachſene Geſtraͤuch, dieſe ewigen Schatten durchdrang, ließen den Baron endlich ſeinen blutenden Freund im Dik⸗ kicht ſinden, wo man fruͤher durch das Gebell der Jagdhunde aufmerkſam gemacht, umſonſt umher geirrt war. Der Verwundete lag in tiefer Ohnmacht, geſchwaͤcht durch den heftigen Blutverluſt, und mußte nach dem Schloſſe des Jagdherrn getragen werden, wo ſeine Wunden verbunden wurden und die erſten Tage der Gefahr voruͤber gehen muß⸗ ten, ehe er nach Schloß Caboga zuruͤck gebracht werden konnte, woſelbſt ſeine Familie, vorbe⸗ reitet auf ſeine Krankheit, ihn ungeduldig er⸗ wartete. Nur langſam erholte ſich der Graf Cabo⸗ gaz aber mit der Ruͤckkehr ſeiner Kraͤfte, wuch⸗ ſen Dankbarkeit und Liebe fuͤr ſeinen biedern Erretter. Lange ſann er vergebens, wie er die⸗ 124 ſem ſeine Zuneigung, ſeine Erkenntlichkeit be⸗ weiſen könne und qualte ſich um ſo mehr deß— halb, da er wußte, daß der Baron Jablon⸗ ka, in Hinſicht ſeiner Vermögensumſtände, in einer druckenden Lage war. Wie gern hätte er einen Theil ſeines Reichthums auf ihn geſchuͤt⸗ tet! Doch bei des Barons Ehrgeiz, bei ſeinem anerkannten Stolz auf eine alte angeſehene Ge⸗ burt, durften ihm ſolche Anerbietungen nicht ge⸗ macht werden. So unzufrieden uͤber die Uner⸗ reichbarkeit ſeiner Wuͤnſche, lag er eines Tages, nahe ſeiner Geneſung, auf ſeinem Lager, als ihn der Beſuch des Barons Jablonka und ſeines Sohnes Theodor, überraſchte; Erſterer kam, um ſich nach ſeinem Wohlſeyn zu erkun⸗ digen und ihm zugleich ſeinen Sohn, welcher eben von Peſt, wo er ſeine Studien beendet hatte, angekommen war, vorzuſtellen. Theodor Jablonka, ein noch ſehr jun⸗“ ger Mann, machte den gunſtigſten Eindruck auf den Magnaten; ſelbſt ſeine Gemahlinn und Cä⸗ cilie, waren von ſeinem Kußern, ſo wie von ſei⸗ ner Haltung entzuͤckt. Da durchblitzte den Mag⸗ naten plötzlich ein Gedanke, auf welche Art er ſei⸗ nem Erretter einen Beweis ſeiner Dankbarkeit geben könne. Er wollte nämlich den jungen Baron zum Eidam erwählen; denn, wie haͤtte — ſich ſeine Dankbarkeit groͤßer zeigen koͤnnen, als, indem er das, was ſeinem Herzen am theuerſten war, uͤbergab und damit zugleich einen Theil der Gluͤcksguͤter, welche ihm in ſo reichem Maße zugefallen waren, auf ſeinen Er⸗ retter haͤufte. Der Magnat hatte auch kaum dieſen Ausweg gefunden, als er Cäcilien ſeine Plane mittheilte und ſie aufforderte, dem Ba⸗ ron Theodor ihre Hand zu reichen. Die Jung⸗ frau uͤberraſcht, aber faſt noch mehr, wie der Vater ſelbſt, von der Pflicht der Dankbarkeit gegen den Retter desſelben durchdrungen, uͤber⸗ trug gern die Zuneigung, welche ſie fuͤr den Ba⸗ ron empfand, auf deſſen Sohn. Theodor hatte uͤberdieß einen ſehr guͤnſtigen Eindruck auf ſie gemacht, ihr Herz war frei; im ſchonſten Ekinklange ſtanden hier Pflicht und Willen, und ſchon einige Tage nach dieſer Unterredung ging ein Brief an den Baron ab, mit dem Antrage der Verbindung. Wenige Tage ſpaͤter erſchien der Baron JFa⸗ blonka mit ſeinem Sohne, um, uͤberraſcht von dem nie gehofften Gluͤcke des Letztern, um Caͤcilien zu werben. Er empſing das Jawort der Jungfrau; doch vermißte dieſe, indem ſie jetzt mit ihm in ein naͤheres Verhaͤltniß getreten war, das unbefan⸗ gene, zutrauliche Weſen, welches, bei ſeinem kurzen Aufenthalte auf dem Schloſſe, ihm die Familie ſo ſchnell gewogen gemacht hatte; ein truͤber Ernſt lag in ſeinem Geſichte; und obgleich er mit aufmerkſamer Achtung ſich ſeiner Braut gefällig zu machen ſuchte: ſo war doch etwas Erzwungenes in ſeinem Benehmen nicht zu ver⸗ kennen. 6* Cäcilie fuͤhlte ſich von dieſem ſtillen, ge⸗ haltenen Weſen angezogen, mit Entzuͤcken weil⸗ ten ihre ſanften Augen auf dem bluͤhenden Jüng⸗ ling, deſſen ſittlicher Adel von ſeinen Wangen, aus ſeinen glanzvollen Blicken leuchtete. Sie ſelbſt war zu jungfraͤulich blöde, um ſich ver⸗ traulicher an ihn anzuſchließen. Man ſah das neue Brautpaar nur mit ſcheuer Achtung ſich begegnen; und als ſelbſt bei längerer Anweſen⸗ heit des Braͤutigams, ſich deſſen ſtille Laune nicht verlor, wurde Cäcilie aufmerkſam auf ſein Betragen; und ihrem ſcharfen Uiberblick entging es nicht, daß ein Kummer, ein tief verhaltener Kummer auf ſeiner Seele laſtete. Mit einer aͤngſtlichen Spannung beobachtete ſie jetzt ſein Benehmen; verletzt von ſeinem Kalt⸗ ſinn, zog ſie ſchuͤchtern ſich zuruͤck und mußte nun entdecken, wie Theodor, dem ihr ſcheues Weſen auffiel, ſich jetzt ſichtlich zuſammen nahm, 127 und ſie zu erheitern ſuchte. Ein ſehr unange⸗ nehmes Gefuͤhl erfullte bei dieſer Bemerkung ihre Seele; ſollte Laune, eitler Maͤnnerſtolz, ſich unter der anſpruchloſen Maske ihres Verlobten verbergen? Sollte vielleicht, weil der Magnat Caboga ſeinem Freunde, im Ubermaße des Wohlwollens, ſeine Tochter fuͤr ſeinen Sohn angetragen hatte, ſie nun auch die erſten Schritte einer vertraulichen Annaͤherung thun? Wollte er ihr ſeine Zuneigung nicht eher aͤußern, bis er Beweiſe von der ihrigen erhalten haͤtte?— Nein, ſolche Winkelzuͤge waren ihrem geraden Sinne ftemd; gekraͤnkt, verletzt, beleidigt, nahm ſie die ganze Staͤrke ihres Geiſtes zuſammen, dieſes geſpannte Verhaͤltniß zu enden. So ging ſie eines Morgens mit dem Baron in den Schat⸗ tengaͤngen des Parks ſpazieren, und gab ſich wenig Muͤhe, die Geſpraͤche und Fragen desſel⸗ ben ausfuͤhrlich zu beantworten. 1 „Erlauben Sie mir, theurer Baron, nahm ſie da ploͤtzlich das Wort, Ihnen die Frage vor⸗ zulegen, ob die Verbindung, die unſere Vaͤter fuͤr das Gluͤck unſeres Lebens anſehen, Ihnen auch in dieſem Lichte erſcheint? Ich ſehe Sie mit truͤbem Nachdenken an meiner Seite weilen; ſind auch meine Anſpruͤche auf die leidenſchaft⸗ liche Huldigung eines Mannes ſehr gering, bin 128 ich auch, wegen Mangels an Schoͤnheit und An⸗ muth, nicht berechtigt, dieſe zu fordern? ſo moͤchte ich doch nicht an dem Manne, an wel⸗ chen mich der Wunſch meines Vaters und, warum ſollte ich's verhehlen, auch mein eigener Wille bindet, eine herzliche Zuneigung, ein in⸗ niges, unbedingtes Vertrauen vermiſſen; dieſes darf und muß ich fordern; es iſt die Bedingung meines Gluͤcks: werden Sie mir, mein Freund, dieſes Alles, immer, ſo wie jetzt, verſagen?“— Theodor ſuchte ihren fragenden Blicken auszuweichen;„Cäcilie, theure Caͤcilie!“ rief er bewegt,„ſollte wirklich auf meiner Stirn eine Wolke des Truͤbſinns Ihnen begeg⸗ net ſeyn, o, ſo zuͤrnen Sie mir darum nichtz ſehen Sie guͤtig daruͤber hin! Bald, o gewiß bald, wird Alles beſſer werden; haben Sie nur noch eine kleine Geduld mit einem eigenſinnigen Herzen, das ein reines, himmliſches Gluͤck, was ſich ihm darbietet, noch nicht zu wuͤrdigen weiß, weil der Traum eines kurzen, irdiſchen Fruͤh⸗ lingstages es befangen haͤlt.“ Befremdend blickte ihm Caͤcilie in die Au⸗ gen, ihre Blicke hingen mit jenem Ausdruck in⸗ niger Freundlichkeit auf ihm, der nie ſeinen Weg zum Herzen verfehlte. Theodor fuͤhlte dieſen Zauber; er vermochte nicht ihm zu wi⸗ 129 derſtehen; wie konnte er hier etwas verbergen wollen? Dieſe Augen drangen durch ſeine Seele⸗ „Vertrauen denn, um Vertrauen, meine Freun⸗ dinn,“ ſprach er bewegt:„ja, ich will den Kummer, der mein Gluͤck truͤbt, an Ihr Herz legen. Sie werden einem Gefuͤhle nicht zuͤrnen, welches dieſe Bruſt erfuͤllte, ehe ſich mir die Aus⸗ ſicht eroͤffnete, an der Seite eines edeln Weſens die Beſtimmung meines Lebens zu finden. Als ich berufen wurde, Ihnen mein Daſeyn zu wei⸗ hen, war mein Herz nicht mehr frei; doch, in⸗ dem ich Anſpruͤche auf dieſe ſchoͤne Hand mache, habe ich einem Traumbilde entſagt, welches nie fuͤr mich in Wirklichkeit treten konnte. Sind gleich alle Faden noch nicht zerriſſen; ſchmerzt noch mein Herz, blutet es noch unter dem ge⸗ waltſamen Riſſe; habe ich nicht Selbſtbeherr⸗ ſchung genug gehabt, den ſchweren Kampf Ih⸗ ren Augen zu verbergen: o, ſo verzeihen Sie dem Schwachen, entſchuldigen Sie ihn; in Ih⸗ rer Heil bringenden Nähe wird mein Herz bald geſunden!“ Cäciliens Herz durchſchnitt ein ſcharfer Schmerz; ſie ſenkte die milden Augen zu Bo⸗ den; bewegungslos ſtand ſie dem Baron gegen⸗ uͤber, nur durch die plotzliche Kaͤlte ihrer Hand, welche er gefaßt hielt, durch ein krampfhaftes Zuk⸗ Erſter Band. J 130 ken derſelben, verrieth ſie dieſem den Zuſtand ihres erſchrockenen Gemuͤths. Doch nach eini⸗ gen Minuten ſprach ſie nicht ohne Faſſung: „Darf ich den Namen derjenigen wiſſen, die ich unverſchuldet verdraͤngen mußte?“ Ohne Bedenken,“ entgegnete Theodor.„Was ſollte mich hindern, Ihnen nicht ganz zu ver⸗ trauen? Clotilde, meine Baſe, die arme, aͤlternloſe Waiſe, welche mein Vater erzog, war der Gegenſtand meiner Zaͤetlichkeit; unſere Her⸗ zen fanden ſich ſchon fruͤh, zu fruͤh: denn der unbedachtſame Juͤngling band ihre Zukunft an ſeine weiten, unſichern Gluͤcksausſichten, ſo viel⸗ leicht das Heil ihres Lebens untergrabend, das er zu begluͤcken waͤhnte. Dem Rufe des Schick⸗ ſals folgend, der Stimme der Vernunft Ge⸗ hoͤr gebend, habe ich jetzt dieſe Bande geloſt; Clotildens Anmuth und Schoͤne werden bald einen wuͤrdigen Gemahl anziehen, welcher mit 3 Gluͤcksguͤtern geſegnet, ſie gewiß begluͤcken wird, und indem Sie, theure Graͤfinn, mir erlauben, Ihnen mein Daſeyn zu weihen, folge ich einer ſchoͤnen, ehrenvollen Beſtimmung.“ „Ich danke fuͤr Ihre Offenheit, mein 4 ſprach jetzt Caͤcilie;„doch gewaͤhren Sie mir eine Bitte, vergönnen Sie mir unſere Hochzeit⸗ feier, die unſere Väter ſchon in wenig Tagen — — 131 zu vollziehen wunſchen, ſo lange auszuſetzen, bis die Fäden, welche Ihr Herz noch an ein anderes Bild knüͤpfen, alle, alle geloſt ſind. Mache ich auch keine Anſpruͤche auf ein liebendes Herz, indem ich mich Ihnen vermaͤhle, meine Anſpruͤche auf ein freies Herz werde ich niemals aufgeben; indem mir Gott einen keichen Geiſt verlieh, mir einen klaren Blick gab, die verwor⸗ renen Verhaͤltniſſe des Lebens zu uberſehen, werde ich dieſe Gaben zu unſerem Heile anwenden. Caciliens Blicke verklaͤrten ſich unter dieſer Rede; hoͤher, ſtolzer, empor gehdben von Hoff⸗ nung und Vertrauen, ging ſie darauf dem Schloſſe zu und ließ den erſtaunten Sheodor in bangen Zweifeln zuruͤck; faſt berkuete er ſeine Offenheit, doch fuͤhlte er ſein Herz erleichtert, und mit Unbefangenheit konnte er ſpater an Cäciliens Seite weilen. Dieſer war es, nach einer Unterredung mit ihrem Vater,„ leicht ge⸗ lungen, einigen Aufſchub der Vermaͤhlungöfeier zu erlangen, und das Verhältniß zwiſchen den Verlobten geſtaltete ſich, von da an, freier und zutraulicher; Theodor verdoppelte ſeine Auf⸗ merkſamkeit fuͤt die Unterhaltung ſeiner Braut, er bemuͤhte ſich dem Geſpräͤche immer die Wen⸗ dung zu geben, die ſie vorzugsweiſe wunſchte, und dankbar ſeine Bemuͤhungen anerkennend, 132 verlor ſich der ſtille Ernſt aus Caͤciliens Zuͤ⸗ gen. Lebhafter wie ſonſt, gab ſie ſich der Un⸗ terhaltung hin und wenn Theodor ihre Hand ſanft an ſein Herz druͤckte, ſie an ſeine Lippen zog, auch wohl einen leiſen Kuß auf ihre weiche Wange druͤckte, errothete ſie ſanft; aus ihren Augen blitzte ein ſehnſuͤchtiger Strahl, doch ließ ſie dieſe Liebkoſungen unerwiedert, nahm ſie ſchweigend an; nur ein halb verhaltener Seuf⸗ zer verrieth ihre Bewegung. Der alte Magnat Caboga war jetzt bis 5 auf einige unbedeutende Nachwehen, von ſeiner Krankheit geheilt und unternahm nun, als ſei⸗ nen erſten Ausflug, eine kleine Reiſe zu ſeinem Freunde und Retter, dem Baron Jablonka; Theodor wollte ihn begleiten; doch er befahl ihm zum Schutz und zur Geſellſchaft der Frauen auf Schloß Caboga zu bleiben. Der Baron empfing ſeinen Freund mit lau⸗ tem Jubel und bot Alles auf, ihm das einfache Leben in ſeinem Hauſe, ſo angenehm, wie moͤg⸗ lich, zu machen; hier ſah er auch Clotilden, die Nichte des Barons, ein anmuthiges, ſchwarz⸗ lockiges, echt ungarnſches Mädchen, deſſen bren⸗ nende Nationalaugen, deſſen friſches Kolorit, das Bild der Heiterkeit, des Frohſinns bilde⸗ ten; doch war die Kleine nicht ſo froh unb hei⸗ 133 ter, wie ihr gtußeres vermuthen ließ; verſtimmt ließ ſie oft das runde Koͤpfchen haͤngen und nur ihres Oheims erinnernde Blicke riſſen ſie aus ihrem Truͤbſinne empor. Die Zeit ſchwand in⸗ deß ſchnell voruͤber, nur noch einige Tage war es, vor des Magnaten Ruͤckreiſe, als dieſer in vertraulicher Unterhaltung mit dem Baron, jetzt der Liebenswuͤrdigkeit Clotildens er⸗ waäͤhnte.„Ich hätte wohl Luſt,“ ſprach er zum Baron,„einen kleinen Erſatz fuͤr meine Caͤcilie zu fordern, welche Deinem Theo⸗ dor nun bald vermaͤhlt wird; einſam wird es mir und meiner Gemahlinn auf Schloß Caboga werden, wenn die jungen Eheleute davon zie⸗ hen; waͤre es Dir recht, konnteſt Du Dich von der Nichte trennen: ſo laß ſie mit mir reiſen, bei Deinem immer unſtaͤten Jaͤgerleben iſt es ſo um die Jungfrau oft einſam; ein junges, lebensfrohes Kind muß mehr von der Welt wiſſen; auf Schloß Caboga iſt es lebhafter, dort hat ſie auch weibliche Aufſicht, gib ſie mir ein Jahr oder länger mit, ich bringe mit ihr mei⸗ ner Gemahlinn einen ſchoͤnen freundlichen Troſt.“ Der Baron hoͤrte dieſes Anerbieten mit Er⸗ ſtaunen, die Bitte des Freundes war ſo herz⸗ lich gemeint, er wußte ihr keine abſchlaͤgige Ant⸗ wort entgegen zu ſetzen, und wenn er diefe auch 134 gewußt hätte, ſollte er dem Manne, der das Gluck ſeines Sohnes ſo großmuthig begrundete, ſollte er dieſem nicht willig ein Opfer bringen? Er ſagte zu und erbot ſich, Clotilden ſelbſt, ſobald er zur Hochzeitfeier nach Caboga käme, mit zu bringenz doch der Magnat beſtand dar⸗ auf, Clotilden jetzt gleich mit zu nehmen, „denn,“ ſprach er,„viel angenehmer wird es fuͤr meine Gemahlinn ſeyn, wenn ſie ſich, noch ehe die Tochter ſcheidet, an Clotildens Ge⸗ ſellſchaft gewohnt.“ „Gern erfuͤlle ich Deinen Wunſch,“ ſprach der Baron und ließ Clotilden herbei rufen, um ihr die angenehme Wendung ihrer Verhält⸗ niſſe mitzutheilen. Dieſe hörte mit überraſchung, was uͤber ſie beſchloſſen, ſchweigend verbeugte ſie ſich gegen den Magnäten und kuͤßte die Hand ihrer Oheims. „Ihr Wunſch, Ihr Wille, wird mir immer Befehl ſeyn; ich werde mich ſo großer Guͤte werth machen,“ ſprach ſie dann, und wandte ſich darauf dem Eingang des Zimmers zu, und, indem ſie dieſes auffallend eilig verließ, bemerkte der Magnat, indem er ſie mit ſeinen Blicken verfolgte, in einem Pfeilerſpiegel, an dem ſie voruͤber ging, wie ſie ihr Tuch heftig gegen die druͤckte, den uͤberſtromenden Thränen zu 135 wehren. Er erwähnte indeß von dieſer Bemer⸗ kung nichts gegen den Baron, und hoſſte, die Kleine, welche vielleicht mit der Veraͤnderung ihres Aufenthalts unzufrieden ſei, bald mit ih⸗ rem Geſchicke zu verſohnen.—— Clotilde trennte ſich ungern von dem kleinen, freundlichen Gute, auf dem ſie erzogen war; arm und anſpruchslos hatte ſie hier im Fruͤhlinge ihres Lebens, die Erfuͤllung aller ihrer Wuͤnſche gefunden. Theodors Liebe hatte ſie unendlich begluͤckt, und wenn auch ihrer Verei⸗ nigung noch Manches im Wege ſtand, die Hoſſ⸗ nung erhob die jungen Herzen freudig uͤber alle Schwierigkeiten hinweg. Der alte Baron ſchien auch fruͤher ihren Wuͤnſchen nicht entgegen zu ſeyn; doch des Magnaten ehrenvoller Antrag, ſeinem Sohne eine der reichſten Erbinnen Un⸗ garns zu vermaͤhlen, aͤnderte ſeinen Sinn: of⸗ fen, vertrauend redete er zu den Liebenden, uͤber⸗ zeugte ſie mit Vernunftgruͤnden von der hoſſ⸗ nungsloſen Zukunft, die ihnen drohte, nahm Theodors Ehrgefuͤhl in Anſpruch, ſeiner al⸗ ten geſunkenen Familie neuen Glanz zu geben, ſeines Vaters, ſelbſt Clotildens Wohlfahrt zu begründen. Theodor aber warf im erſten Augenblicke Alles zuruͤck; das Mädchen, welches ſein Herz erwählt hatte, feſt umſchlingend, bat 136 —— er ſeinen Vater, uͤber ſein Leben, aber nicht uͤber ſein Herz zu gebieten. Doch Clotilde wand ſich weinend aus ſeinen Armen.„Nein, mein Theodor!“ rief ſie, und Thränen er⸗ ſtickten ihre Worte,„nein! Nie wird Clotilde Deinem Gluͤcke im Wege ſeyn, beſelige die edle Gräſfinn mit Deinem zaͤrtlichen Herzen, grunde die Wohlfahrt Deines Hauſes feſter; achte die Paar Thraͤnen nicht, welche ich Dir nachweine, nicht Du, nein, das Geſchick preßt ſie mir aus, nie wird mir von Deinen Handen etwas An⸗ deres, als Gutes und Liebes kommen.“ Ein zärtlicher Wettſtreit erhob ſich nun un⸗ ter den Liebenden; Jedes wollte entſagen, ſein Gluͤck dem Andern zum Opfer bringen, doch endlich ſiegten des Barons Vernunftgruͤnde. Theodor, von der Geliebten beſchworen, un⸗ terwarf ſich endlich den vaͤterlichen Anſichten, er wurde mit der jungen Gräſinn Caboga verlobt, und Clo tildens brennenden Abſchieds⸗ kuß noch auf den Lippen fuͤhlend, reichte er der Braut den Verlobungskuß. Clotilde blieb einſam zuruͤck, ſie wußte den verlornen Freund in der Nähe ſeiner Braut, nicht Eiferſucht, aber ein ſtiller nagender Schmerz erwachte verborgen in ihrer Seele; doch Gebet und Pflichtgefühl ſiegten auch daruͤber, und das Bewußtſeyn, recht und edel gehandelt zu ha⸗ ben, ſtaͤrkte ſie. Sie laͤchelte ſchon wieder und huͤtete ſich ſehr, den Oheim ihr geheimes Weh ahnen zu laſſen; doch noch oft uͤberraſchten ſie wider ihren Willen Erinnerungen, denen ſie ſich im truͤben Sinnen hingab. Jetzt ſollte ſie in die Nähe ihres Freundes gefuͤhrt werden, fuͤr den ihr Herz noch allzu zaͤrtlich ſchlug. Welch peinigender Kampf fuͤr ſie! Zeuge ſollte ſie ſeyn von der Zaͤrtlichkeit, die er einem andern Maͤdchen bewies; ſehen ſollte ſie, wie die Nei⸗ gung zu ihr in ihrer Nähe aufs Neue empor⸗ flammte, wie er ſich verzehrte in Sehnſucht nach ihr. Wie ſie geahnet, ſo geſchah es. Der Mag⸗ nat fuͤhrte ſie in ſeinen Familienkreis ein; ſeine Gemahlinn, durch des Gatten Sorge fuͤr ihre Aufheiterung angenehm uͤberraſcht, empfing ſie aͤußerſt guͤtig; noch herzlicher war der Empfang Caͤciliens, ſie umarmte das erroͤthende Maͤd⸗ chen mit einer ſeltſamen Innigkeit und wandte dann die Augen verſtohlen auf ihren Verlobten, welcher, erſt erbleichend, dann ergluͤhend die verlorene Geliebte mit ſeinen Blicken zu ver⸗ ſchlingen ſchien. Dann aber ſchien er ſich zu faſſen, bewillkommnete Clotilden mit zutrau⸗ licher Artigkeit, welche bewegt, mit zitternder 138 Stimme zu ihm ſprach. Indeß nach einigen Tagen war die Haltung Clotildens und Theodors gegen einander beſtimmter gewor⸗ den; Niemand außer Cäcilien ahnete, was ſie einſt einander geweſen, was ſie einander noch waren; ſie allein ſah die thraͤnenfeuchten Blicke, welche Clotilde oft auf den Juͤngling, ſich ſelbſt vergeſſend, ruhen ließ, die, erſchrocken von dem dunkelgluͤhenden Strahl ſeines Auges, ſcheu den Boden ſuchten; ſie allein ſah den Kampf der frommen, der Pflicht unterworfenen See⸗ len, ſie fuͤhlte ihre Leiden, wie die eigenen. Der Vermählungstag wurde endlich von dem Magnaten feſtgeſetzt. Caͤcilie ſelbſt ſah ein, daß es beſſer ſei, wenn Theodor, fern von ſeiner alten Freundinn, allein auf ihre Liebe angewieſen, mit ihr auf der reichen Beſitzung lebte, welche, außer einer reichen Mitgift, die väterliche Guͤte ihr zugedacht. Er ſelbſt hatte die Braut beſchworen, dieſes geſpannte Verhält⸗ niß zu enden, und ſeine fäſt zaͤrtliche Annaähe⸗ rung an ſie, wenn Clotilde abweſend war, ſchien ihr ein Beweis ſeiner groͤßeren Anhäng⸗ lichkeit; ſie ehrte ihn um dieſer zarten Beruck⸗ ſichtigung willen, indem er diejenige nicht zum Zeugen einer Zärtlichkeit machte, welche ſonſt der Gegenſtand derſelben geweſen war. — 139 Clotildens Wangen verloren den friſchen Schimmer, in welchem ſie ſonſt glaͤnzten; zu bittere Gefuhle erfuͤllten ihr Herz. Caͤciliens Wunſche zu Folge ſollte der Vermaͤhlungstag nur in der Mitte der Familie gefeiert werden; man gab ihren Wuͤnſchen nach; der Baron Jablonka, Theodors Vater, war ſchon angekommen und der Hochzeitsmor⸗ gen brach an. Caͤcilie ſaß in ihrem Gemache, ernſter, wortarmer wie je; um ſie herum ausgebreitet lag der Putz, der ſie heute ſchmuͤcken ſolltez das reiche, ſchwerfallige, goldgewirkte Kleid, die gruͤne, kuͤnſtlich gearbeitete Brautkrone; ſie zö⸗ gerte noch, ſelbſt bei der Erinnerung ihrer Zo⸗ fen, den Putz anzulegen: da trat Clotilde zu ihr ein, mit Augen, die im feuchten Glanze ſchwammen, mit einem Lächeln, das den Schmerz der Entſagung verbergen ſollte.„Wollt Ihr mir vergoönnen,“ ſprach ſie nicht ohne einige Anſtrengung,„Euch heute zu ſchmuͤcken, wollt Ihr meine ungeuͤbte Hand dazu nicht verſchmaͤ⸗ hen. Schon erwartet Euch der Bräutigam; die Mutter trug mir auf, Euch zu erinnern.“ „Gute Clotilde, wie ſchon iſt es, daß Du zu mir kommſt! Du ſollſt mich ſchmuͤk⸗ ken, mir Muth in der entſcheidenden Stunde 140 bringen. Sieh, mir grauet vor dem ſchwerfal⸗ ligen Putz; mir iſt, als wuͤrde mein Herz nicht gluͤcklich darunter ſchlagen, willſt Du meine kindiſche Angſt beſchwichtigen? O lächle nicht uͤber die Thoͤrinn; aber Du ſollſt jenen Putz zu⸗ erſt anlegen, ich will mich ſo an ſeinen Anblick gewoͤhnen; der kurze Aufenthalt wird mir ja wohl vergönnt ſein.“ Clotilde warf befremdende Blicke auf Cä⸗ cilien; war es Scherz, war es Ernſt, was ſie ſprach? Sollte ihr eine neue Qual bereitet werden? Sollte ſie ſich wie ein Opferlamm ſchmuͤcken laſſen, das man auf einige Minuten mit Blumenkraͤnzen ſchmuͤckt, um es dann ver⸗ bluten zu laſſen?— Ihr Schweigen galt Cä⸗ cilien fuͤr Einwilligung in ihre Wuͤnſche. Ehe Clotilde es hindern konnte, befeſtigte ſie die zierliche Brautkrone auf ihren ſchwarzen, ſchoͤn geordneten Locken. Auf ihren Wink wurde ſie von den Zofen entkleidet, und in einer kleinen halben Stunde ſtand ſie reich geſchmuͤckt, er⸗ gluͤhend in innerm Unwillen über die ſonſt ſo ernſte Caͤcilie, die in einer ſo entſcheidenden Stunde, einer thorichten Grille nachgebend, ſich ſolchen unzeitigen Scherzen hingab; es drängte ſie bei den ſchmeichelnden ußerungen der Kam⸗ merfrauen ͤber ihre Reize, den unſeligen Putz 141 von ſich abzuwerfen, nur muͤhſam bezwang ſie ſich. Caͤcilie ſtand einige Schritte von ihr ent— fernt, ſie mit leuchtenden Blicken betrachtend, ſchien ſie faſt in ihrem Anblickverloren.„Ja, Du biſt ſchon, Clotilde, bezaubernd ſchoͤn, Du haſt geſiegt, das ſchoͤne Traumbild eines edeln, mir theuren Mannes ſoll in Wirklichkeit treten.“ Sie umarmte die Staunende und zog ſie dann faſt ungeſtuͤm hinab in den Ahnenſaal des Schloſ— ſes, wo die Familie, der Prieſter und die Die⸗ nerſchaft auf die Braut harrten, um die Ver⸗ maͤhlung zu vollziehen. Theodor trat den Ankommenden, durch den unerwarteten Anblick außer Faſſung geſetzt, raſch entgegen; Caͤcilie gab ihm nicht Zeit zu fragen; ihm Clotilden ans Herz legend, de⸗ ren Lebensgeiſter, ſo ſeltſam geſpannt, zu er⸗ liegen drohten, ſprach ſie:„Hier, mein Freund, Dein Traumbild, Dein Gluͤck, Deine Braut! Waͤhnteſt Du, ich wuͤrde mich an Großmuth uͤberbieten laſſen? Ich kann ein Gluͤck ver⸗ ſchmerzen, was ich nie beſaß; Ihr aber wuͤr⸗ det Euch ſtets ſehnſuͤchtig nach dem Paradieſe umſchauen, aus dem Euch fremde Willkuͤr ver⸗ bannte. Clotilde, beglucke dieſen Mann, wie ich ihn zu begluͤcken träumte!“ 142 Theodor und Clotilde, nur muͤhſam ihr Gluck begreifend, ſanken Cäcilien zu Fü⸗ ßen; ohne Worte war ihr Dank. Wie ein ver⸗ klartes Weſen legte ſie ihre zarten Häͤnde ſeg— nend auf die Gluͤcklichen. Theodor ergriff dieſe heilbringenden Haͤnde, druckte ſie an ſeine Augen, ſeine Lippen, an ſein Herz, und als darauf der Prieſter, denn der Magnat und ſeine Gemahlinn waren im Einverſtaͤndniſſe mit der edlen Tochter geweſen, Caͤciliens Weihe be⸗ ſtäͤtigte, druͤckte dieſe verſtohlen die Hand auf das hochſchlagende Herz, welche von den Freu⸗ denthraͤnen des heißgeliebten Mannes benetzt war, fuͤr deſſen Gluͤck ſie ihre Anſpruͤche an das Le⸗ ben zum Opfer brachte. Nach der Trauung erklaͤrte der Magnat Clotilden kraft eines bereits ausgefertigten Dokuments fuͤr ſeine Adoptiv⸗Tochter und uͤbergab ihr als ſolcher das Beſitzthum, welches er Caͤcilien beſtimmt und dieſe ihrer Neben⸗ buhlerinn abgetreten hatte. Der Dank des Ba⸗ rons und des Brautpaars war ungemeſſenz Theodor weigerte ſich, ein ſolches Gluͤck an⸗ zunehmen, nur des Magnaten unwillige Worte und mehr noch Cäciliens milde Flehensblicke uͤberwanden ſeinen Stolz. Es war beſchloſſen, daß die Neubermählten 143 ſchon am andern Morgen die Reiſe nach ihrem neuen Gute antreten ſollten. Caͤciliens Ge⸗ fuͤhl mußte beruͤckſichtigt werden, die Braut ſchluchzte am Abend in ihren Armen, um der Verehrten auf lange ein Lebewohl zu ſagen. Theodor aber druckte die ſtraͤubende Caͤcilie an ſein Herz; innig, gluͤhend, im Dankgefuͤhl preßte er ſeine Lippen auf ihren Mund, unter Schauern des Schmerzes und des Entzuͤckens riß ſie ſich aus ſeinen Armen; betaͤubt von dem tobenden Schlage ihres Herzens fand ſie erſt in ihrem einſamen Gemache die klare, ruhige Be⸗ ſinnung wieder; heiße Thraͤnen erleichterten ihre Bruſt, inbruͤnſtige Gebete ſandte ſie gen Him⸗ mel: und die dunkle, ſchweigende Nacht, welche das Gluͤck der Liebe mit ihrem Schleier ver⸗ huͤllte, empfing das Geluͤbde ihrer ewigen Ent⸗ ſagung: dem Kloſter wollte ſie ihr reines, ge⸗ brochenes Herz weihen. VM. Von nun an war es einſam und ſtill auf Schloß Caboga. Cäcilie, ernſter, wie je, widmete ihre Tage den Wiſſenſchaften und we⸗ 144 niger erheiternden Beſchaftigungen. Der Sohn des Magnaten, Graf Taver, war jetzt auf kurze Zeit auf Caboga erſchienen, kehrte dann aber bald zu ſeinem Oheim zuruͤck, um ſeine Studien in Wien zu vollenden; er hatte auf ſeine Altern, ſo wie auch auf die Schweſter ei⸗ nen ſehr guͤnſtigen Eindruck gemacht, ſein Wuchs hatte ſich fruͤh entwickelt; ſein Benehmen war blendend und der Vater ſah mit Stolz auf den Erben ſeines Namens und Anſehns. Zwiſchen den Geſchwiſtern herrſchte die zarteſte Achtung, von den Banden des Blutes noch mehr geho⸗ ben; Eaver vor Allen ſah in der aͤlteren Schwe⸗ ſter, deren ruhige Haltung ſelbſt der herbe Schmerz der Entſagung nur augenblicklich erſchuͤttern, aber nicht beugen konnte, ein uͤber alle Leiden⸗ ſchaften erhabenes Weſen, und indem ſie ſtets duldend die Schwächen Anderer beruckſichtigte, entſchuldigte ſie liebevoll die Flecken, welche ihr klarer Sinn im Gemuͤthe des Bruders entdeckte. Favers Mutter uͤberbot ſich im Lobe des Soh⸗ nes; ſie fand in ſeinem Benehmen ſo manchen Anklang ihres fruͤhern Lebens; ſie war es uͤber⸗ dieß geweſen, welche die Bitten ihres Bruders unterſtutzte, als derſelbe ſich erbot, Lavers Erziehung in der glänzenden Reſidenz unter ſei⸗ ner Aufſicht zu leiten und ſo ſah auch ſie dem 145⁵ Augenblicke mit Ungeduld entgegen, wo ſie die Fruͤchte einer langen Trennung in der dauern⸗ den Anweſenheit des Sohnes genießen wuͤrde. Doch zwiſchen dieſem Zeitpunkte lagen noch viele truͤbe und ſchwarze Stunden. Cäcilie hatte den Rltern ihren Entſchluß, ſich dem Klo⸗ ſter zu weihen, entdeckt und den ernſtlichen Wi⸗ derſtand des Vaters, wie der Mutter nach man⸗ chem Kampfe beſiegt. Der Magnat ſah ein, wie ſchwer es für ihn ſeyn wuͤrde, einen wuͤr⸗ digen Gemahl fuͤr die edle und geiſtreiche Ca⸗ cilie zu finden. Als Vertrauter ihrer Gefuͤhle, ſelbſt der zärtlichen Schwaͤche, welche ſie für den bluͤhenden Verlobten einſt empfunden, wurde es ihm klar, daß nur ein ihr an Geiſt uͤberle⸗ gener Mann ſie begluͤcken könne; wuͤrde das Schickſal ihr einen ſolchen entgegen fuͤhren?— Wo nicht, mußte er jetzt nicht wuͤnſchen, daß ſie unvermaͤhlt bliebe? Und ſo war das Klo⸗ ſter der angemeſſenſte Platz fuͤr Cäcilien; denn hier fand ſie Muße und Gelegenheit, ih⸗ ren wiſſenſchaftlichen Beſchäͤftigungen nachzu⸗ hängen und zugleich war er uͤberzeugt, daß Cä⸗ cilie, auf welchem Standpunkte es auch ſei, immer einen Wirkungskreis finden wuͤrde, in welchem ſie ſich thätig bewegen ns ſeine, Erſter Band. K 146 — ſeit jenem Sturze ſtets ſchwankend gebliebene Geſundheit ließ ihn ohnehin ein fruͤheres Ende fuͤrchten; Taver trat dann an ſeinen Platz, fuͤhrte eine junge, vielleicht glaͤnzende Gemah⸗ linn in das Schloß; neue Luſt und neues, fri⸗ ſches Leben zogen mit ihr ein, Caͤcilie ſtand dann einſam, vielleicht bedraͤngt, unter den ihr nicht zuſagenden Zerſtreuungen. Dieſe Betrach⸗ tungen beſtimmten ihn, den Wuͤnſchen der Toch⸗ ter nachzugeben. Die alte Graͤſinn, ſo ungern ſie auch die Tochter von ihrer Seite geriſſen ſah, wagte indeſſen nicht, ſich dieſem frommen Entſchluſſe zu widerſetzen; ſelbſt fuͤrchtend, eine Suͤnde zu begehen, wenn ſie der Kirche eine — Verlobte entzoͤge, wagte ſie nur, das Kloſter Marianky vorzuſchlagen, deſſen we⸗ niger ſtrenge Ordensregeln den Nonnen, nach erbetener Erlaubniß bei dem Biſchofe, die Frei⸗ heit vergonnten, nach beendigtem Probejahr dann und wann das Kloſter auf einige Zeit zu ver⸗ laſſen, um in dem Schoße ihrer. zu weilen. So trennte ſich Cacilie pehn von dem Aufenthalte ihrer Jugend, von den Herzen ih⸗ rer ültern, der ſelbſt gewaͤhlten Beſtimmung folgend.— Ihr Probejahr ging voruͤber; ſie ward eingekleidet und folgte dann nach einiger * 6ð 147 Zeit dem Rufe vom aͤlterlichen Schloſſe, einige Wochen dort zuzubringen, denn der immer mehr kraͤnkelnde Vater wuͤnſchte ihre Gegenwart; ſie fand dieſen ſehr veraͤndert und ſchied unter ban⸗ gen Ahnungen, als ihr kloſterlicher Urlaub zu Ende war. Vier Jahre gingen indeß noch vor⸗ uͤber, ehe der gefuͤrchtete Zeitpunkt des väterli⸗ chen Todes eintrat. Eaver war von Wien zuruͤckgekehrt, der Mutter wie des Vaters Gluͤck und Troſt in dieſer bedraͤngten Zeit. Einer fruͤhern Beſtimmung zu Folge ſollte der junge Graf die vorzuͤglichſten Laͤnder Europa's berei⸗ ſen, ehe er ſich vermaͤhlen wuͤrde, doch unter den jetzigen Umſtaͤnden dachte Niemand daran und in dieſem Zeitpunkte, wo Caͤciliens Ge⸗ genwart faſt dauernd auf Schloß Caboga war, ſchloſſen ſich die ſo lange getrennten Geſchwiſter im ſchoͤnen Vertrauen an einander. So ſtarb der alte Magnat und Obergeſpan Caboga im Schoße ſeiner Familie, tief be⸗ trauert von denen, welche ſeinem Herzen am naͤchſten geſtanden hatten, beklagt, vermißt von nahen und fernen Untergebenen. Die Zeit fuͤhrte den Troſt herbei, welchen man im erſten Augenblicke des ſchmerzlichen Verluſtes vergebens ſuchte; neue Anſichten, neue Verhaͤltniſſe traten fuͤr Viele ein. Laver, dem K 2 148 die erbliche Reichſtandswuͤrde nach des Vaters Tode zugefallen war, ruften wichtige Angele⸗ genheiten nach Wien und erſt nach deren Been⸗ digung kehrte er auf einige Wochen nach Ca⸗ boga zurüͤck, um von da die fruͤher beabſichtigte Reiſe, und zwar zuerſt nach Frankreich, anzu⸗ treten. Caäcilien aber zog die Pflicht ins Kloſter, und die alte Magnatinn blieb einſam zuruͤck. Uberraſchend traf ſie nach wenigen Mon⸗ den des Sohnes Brief mit der Anzeige ſeiner Vermählung. Zufrieden, daß ſeine Wahl auf die Tochter eines angeſehenen Hauſes, auf die Tochter eines Miniſters am glanzvollſten Hofe des Jahrhunderts gefallen war, ſah ſie der An— kunft der Neuvermaͤhlten mit einiger Ungeduld entgegen und empfing den alten Sarackſor ſehr gnaͤdig, welcher ſeinem Gebieter einen Tag voraus geeilt war. Ekin heiterer Herbſtmorgen fuͤhrte die junge Graͤfinn Eugenie Caboga dem Familien⸗ ſchloſſe ihres Gemahls zu. Nur wenige Meilen waren die Reiſenden, welche vor Anbruch des Tages abgefahren waren, noch von da entfernt, da erblickte Eugenie die Vorberge der Kar⸗ pathen, an deren Fuße das Schloß Caboga lag. Ein impoſanter Anblick! Ihre Gipfel ſchwebten im reinſten Roſenlichte, während ſie 149 tiefer unten, von den Nebeln der Jahreszeit um⸗ lagert, welche in duͤſtern Wolken an ihren Ab⸗ haͤngen hingen, gigantiſche, maleriſche Bergge⸗ ſtalten bildeten. Sie kamen naͤher, das Schloß ſelbſt trat deutlich in reicher, kuͤhner Bauart hervor; nicht ſo lachend, ſo freundlich, wie die junge Eugenie ſich ihren kuͤnftigen Aufent⸗ halt gedacht hatte, ſtellte ſich dieſer jetzt ihren Blicken darz noch beleuchtete das Sonnenlicht dieſe dunkelen Mauern nichtz ein duͤſteres Grauen ſchien die alten, hohen Zinnen zu umſchweben, wie ein fremder Geiſt blickte es auf die lachen⸗ den Fluren, auf die uͤppigen Weingärten hin, welche es umgruͤnten, nur der ſchaurige Hoch⸗ wald uͤber ſeinen Scheitel ſchien ihm befreundet. Die Ankunft des Gebieters verurſachte eine lebhafte Bewegung am Eingange des Schloſ⸗ ſes; reichgekleidete Heiducken oͤffneten den Schlag des Wagens, draͤngten ſich neugierig um die wunderſchoͤne Frau, welche ihre Schleier zuruͤck⸗ ſchlug und mit ſtolzem und doch ſo lieblichem Laͤcheln die ſchweigende, unterthaͤnige Diener⸗ ſchaft begruͤßte. So trat ſie, von ihrem Ge⸗ mahle gefuͤhrt, in die weite Vorhalle des Schloſ⸗ ſes, wo eine noch größere Anzahl Diener ihr entgegen kam. Als waͤre eine himmliſche Er⸗ ſcheinung hier eingezegen, wich Alles ehrerbietig, 150 vom Glunze ihrer Schönheit geblendet, und ob ſie gleich wie eine Fuͤrſtinn hier eintrat: ſo ſchlich ſich doch ein unheimliches Gefuͤhl in ihre Seele; ſie vermißte den bunten, beweglichen Troß der Dienerſchaft am Hofe zu Verſailles, welche den Feſten gleichſam zur ſchimmernden Folie diente; dieſe kraͤftigen, rieſenhaften Ge⸗ ſtalten, dieſe duͤſtern Phyſionomien mit den aus⸗ drucksvollen Adlernaſen, aͤngſtigten ſie, es lag fuͤr ſie ſo viel Fremdes darin und ſie eilte ſchnell voruͤber. Graf Taver war ihr einige Schritte vorangeeilt, um die Thuͤr zum Zimmer ſeiner Mutter zu oͤffnen; ſie trat in ein großes, un⸗ geſchmuͤcktes Gemach, deſſen einzige Zierathen die Symbole des Trauerjahres waren, in wel⸗ chem die Magnatinn noch lebte. Sie ſtand an der Seite ihrer Tochter Cäeilie, in tiefe Trauer gekleidet, in der Mitte des Zimmers mit ſtolzem, ernſtem Anſtand, den Sternkreuz⸗ orden, deſſen Dame ſie war, an der linken Bruſt tragend; ein fremder, uͤberraſchender An⸗ blick. Doch dieſe ſtolzen Zͤge belebten ſich beim erſten Blicke auf Eugenie;z wer mußte die⸗ ſem Bilde voll Huld und Schöne nicht entge⸗ gen lächeln? wer wurde nicht unwiderſtehlich von dieſen ewig belebten Reizen angezogen? ½ Auch Cäcilie, die bleiche, ernſte Ronne, fuhlte ſich von dieſem Zauber befangen; doch ſich ſtets beheerſchend, war ihre Bewillkomm⸗ nung der neuen, blendenden Schweſter weniger von jener lebhaften Herzlichkeit begleitet, mit welcher die Magnatinn die neue Zochter uͤber⸗ häufte. Die Worte, welche ſie zu Eugenien ſprach, kamen indeß aus der Fuͤlle ihres Ge— muͤths; und wenn ſie von dieſer auch nicht ſo angenehm aufgenommen wurden, als die Be⸗ gruͤßungen des überwallenden Mutterherzens: ſo verkannte jedoch die umſichtige Eugenie die ernſte Jungfrau nicht; ſchon durch ihres Gemahls Berichte uͤber ſeine Familie auf Caciliens anſcheinend kaltes Weſen vorbereitet, wußte ſie, wie ſehr dieſe ihrer Achtung wuͤrdig war, in⸗ deß verletzte ſie dennoch dieſer Ernſt in der Mi⸗ nute des Empfanges, dieſer durchdringende Blick, der in die Tiefe ihrer Seele einzugreifen ſchien, gleichſam pruͤfend, ob die Wahl des Bruders auf eine Wuͤrdige gefallen ſei. Als ſie ſpäter auf die fuͤr ſie zubereiteten Zimmer ſich zuruckgezogen hatte, welche mit verſchwenderiſcher Pracht ausgeſchmuͤckt waren, den Gemahl erwartend, welcher noch bei ſeiner Mutter zuruͤckgeblieben war, ſenkte ſich die erſte ernſte Minute auf die junge Gattinn nieder; 15⁵2 ſie fuͤhlte, daß mit ihrem Einzuge in dieſe Mauern ein ihr bis dahin fremdes, neues Le⸗ ben fuͤr ſie beginnen werde; der ewige Wechſel zerſtreuender, bunter Genuͤſſe, war fuͤr ſie da⸗ hin; ſie ſah im Geiſte einen Tag wie den an⸗ dern, farblos, nur von dem Gluͤcke der Liebe beleuchtet, vor ſich aufſteigen; aber dieſes leuch⸗ tende Gluͤck der Liebe trat im jetzigen Augen⸗ blick mit dem zaͤrtlichen Gemahl zu ihr ein. Feurig umſchlang er die geliebte, engelholde Gat⸗ tinn und das leichte Wölkchen des Unmuths, welches auf ihrer Stirn lag, ſchwand unter ſei⸗ nen gluͤhenden Kuͤſſen.„Jetzt erſt, Euge⸗ nie!“ rief er mit ſtrahlenden Blicken,„jetzt erſt bin ich meines Gluͤckes froh, da Mutter⸗ ſegen es geheiligt; jetzt, da wir das Aſyl er⸗ reicht haben, wo ich Dich unwiderruflich mein nennen kann, ſoll mich auch nichts länger ab⸗ halten, die Verzeihung Deines Vaters zu er⸗ flehen!“— „Geliebter Eaver,“ erwiederte die Graͤ⸗ finn,„O, Du nimmſt die Bitte von meinen Lippen, mehr, wie je, fuͤhlte ich in dieſer Stunde das Bedurfniß, meinen ſtrengen Vater zu verföhnen; nein, wir wollen nicht laͤnger da⸗ mit ſaͤumen, meine milde Koͤniginn wird fuͤr „ mich bitten; er wird dem ſo feſt geknuͤpften Bunde ſeine Zuſtimmung nicht verſagen.“— Wenige Tage ſpaͤter, wich der ſonſt gewohn⸗ ten, ſtets gleichen Ruhe im Schloſſe, eine laͤr⸗ mende Bewegung; es waren die Vorbereitungen zu dem großen Feſte, an dem der Magnat Ca⸗ boga ſeine junge Gemahlinn dem zahlreichen und vornehmen Adel der Nachbarſchaft vorſtellen wollte. Die angeſehenſten Familien aus der Naͤhe und Ferne waren eingeladen, dieſen Tag zu verherrlichen. 4 Eugenie ſaß vor dem großen Spiegel ih— res Zimmers, aus dem noch nie ein ſo holdes Engelköpfchen geblickt hatte, ihr zur Seite ſtand der ſchimmernde Putztiſch, beladen mit Allem, was ein eitles Herz erfreuen kann, zahlloſe Kar⸗ tons mit den Erzeugniſſen der letzten Pariſer Moden gefullt; denn des Grafen Taver zaͤrt⸗ liche Sorge hatte durch ſeine Dienerſchaft dieſes Alles von Paris voran geſchickt, machten die Wahl fuͤr den heutigen Anzug ſchwer. Schon wehten in zarten Wolken, weiße und roſen⸗ farbene Federn von dem ſchonen reichen Toquet, welches der Graſinn glänzende Lockenpracht, halb bedeckte; denn zum erſten Male, ſollte ſie heute als Frau repraͤſentiren. Nach vielen Verſuchen war die Toilette des Kopfputzes gelungen, denn ℳ —54 die ungarnſchen Kammerzofen vermochten nicht, die gewandtere fille de chambre in Paris, welche Eugenie heute ſehr vermißte, zu er⸗ ſetzen; unter ihren ungeſchickten Haͤnden zerknit⸗ terten die zarten Florfalten der Adrienne und ohne Geſchmack und Regel, banden ſie die Schlei⸗ fen ſtets verkehrt. Eugenie, ungeduldig, zog die Stirn in Falten und aͤnderte ſtets ohne zu beſſern, in einer kleinen Verzweiflung, eben ſo ängſtlich, wie einſt in Verſailles fuͤr die Aus⸗ ſchmuͤckung ihrer Reize beſorgt, ſah ſie rathlos umher. Da wagte eins der Kammermädchen, ſie, ſich entſchuldigend, anzureden.„Wollen mir gnädigſte Graäfinn erlauben, Mamſel Lo⸗ doiska, herbei zu rufen, ſie iſt geſchickt und gewandt, vielleicht gelingt es ihr, den Anzug Euer Gnaden nach Wuͤnſchen zu ordnen.“ „Wer iſt Mademoiſelle Lodoiska?“ fragte Eugenie.— „Die Geſellſchafterinn der Magnatinn,“ erwiederte das Maͤdchen, die ſie ſeit ihrer Kind⸗ heit erzog. „Bitte die Graͤfinn Mutter, mir die Kleine zu ſenden,“ ſprach Eugenie und die Zofe ſprang fort, froh, einen Ausweg gefunden zu haben, ihre Ungeſchicktheit gut zu machen. Sie kam auch bald zuruͤck und mit ihr, trat ein blei⸗ 155 ches Maͤdchen ein. Mit ſtillem, leiſem Weſen, einer gebeugten Lilie gleich das Haupt geſenkt, trat ſie naͤher und bat um der Gräſinn Befehle, deren Unmuth bei dem Anblick des ſanften We⸗ ſens ſchnell verſchwand. Guͤtig unterwies ſie Lodoisken; bald war mit ihrer Hilfe die Toilette Eugeniens, zu deren Zufriedenheit, beendet und mit ſelbſt zufriedenem Laͤcheln ſtand dieſe, ihr reizendes Spiegelbild betrachtend. Lo⸗ dois ka ſchlang noch den ſtrahlenden Demant⸗ ſchmuck um den Nacken der Gluͤcklichen, als Graf Faver eintrat, die Gattinn am Putztiſch zu uͤberraſchen; hingeriſſen von ihrer Schönheit blieb er, in ihrem Anſchauen verloren, ſtehen. „Eugenie, wie reizend, wie lieblich biſt Du!“ rief er aus.—„Nie ſah ich Dich be⸗ zaubernder,“ er zog ein Taburet zu ihr hin und liebkoſend ihren Anzug muſternd, kniete er dar⸗ auf nieder, bald mit ihren Locken, bald mit ih⸗ ren Schleifen, mit ihrem flimmernden Schmucke taͤndelnd. 6 Eugenie ſah mit eitlem Sinn ſeinem ver⸗ liebten Spiele zu, nicht ohne geheimen Stolz, den ſonſt ſo ernſten Mann, ihr ſo ganz in Liebe unterthan zu wiſſen. Lächelnd bog ſie ſich zu ihm nieder, den kleinen, ſchwellenden Purpur⸗ mund ſeinem Kuſſe entgegen reichend, und eine 1⁵6 innige Umarmung, der ſich Eugenie, ihren Alnzug ſchonend, ſanft entwand, endete dieſe eheliche Zärtlichkeit; doch in demſelben Augen⸗ blicke entglitt den feinen Lippen Lodoiskens ein leiſes Ach! Ohnmächtig ſank ſie hinter der jungen Graͤſinn nieder. „Was iſt das!“ rief der Graf;„was fehlt dem Mädchen?“ „Es iſt Lodoiska,“ erwiederte Euge⸗ niens Kammermaͤdchen,„ſie iſt ſchon ſeit lan⸗ gerer Zeit kränklich.“ 6 „Lodoiska?“ fragte der Graf, wie im Traume, die Augen ſtarr auf die Leidende ge⸗ richtet,—„wie kommt dieſe zu meiner Ge⸗ mahlinn? Fuͤhrt ſie auf ihr Zimmer, verſchont die Graͤfinn mit dem Anblicke der Kranken; ihr ſollen nur Gluͤck und Freude nahen. Geſchwind! Fuͤhrt ſie fort. Kommen Sie, Graͤfinn,“ ſprach er dann, ſich zu dieſer wendend:„ darf ich Sie hinab fuͤhren?“— Doch Eugenie hatte ſich theilnehmend zu dem ohnmaͤchtigen Mädchen gewandt, ſie hatte ein Glas mit ſtärkenden Eſſenzen von ihrem Putztiſch genommen, und beſprengte die Schlaͤfe desſelben.„Nein!“ rief ſie, von Mitleid er⸗ griffen,„nein! Fuͤhrt ſie nicht hinweg, laßt ſie in jenem Seſſel nieder, bis ſie ſich erholt.“ 157 Ein ſchwerer Seufzer, den Lodoiska bald dar⸗ auf ausſtieß, zeigte an, daß ihr Bewußtſeyn wiederkehre. Die Gräfinn faßte ihre kalte Hand, und bald darauf oͤffnete die Ohnmaͤchtige die matten, glanzloſen Augen, welche ſich dankend auf die Mitleidige richteten.„Mir iſt wohl, mir iſt ganz wohl,“ fluͤſterte ſie dann, wie es ſchien, in innerer, heftiger Bewegung, die Worte ſchnell und zitternd hervorſtoßend und wollte ſich von ihrem Sitze erheben, doch ſchwankend wa⸗ ren ihre Schritte; nur von den beiden Zofen unterſtuͤtzt, konnte ſie das Zimmer verlaſſen. Eugenie ſah ihr ſorgend nach, dann wen⸗ dete ſie ſich zu Eaver, welcher, an ein Fen⸗ ſter getreten war und dem Anſcheine nach, zer⸗ ſtreut in die Gegend ſchaute. „Ein ſeltſames Weſen,“ ſprach ſie;„ich mochte dieſes bleiche, noch ſo jugendliche Mäd⸗ chen einem Schneegloͤckchen vergleichen, das zu fruh dem warmen Erdenſchoß entriſſen, vom Froſte der Jahreszeit durchkältet, die weichen, allzu zarten Blaͤtter ſenkt; ehe der warme Strahl des Fruͤhlings erſcheint, wird es ſpurlos ver⸗ ſchwunden ſeyn. Dem Tode ſcheint dieſes Maͤd⸗ chen ſchon verfallen; wie kommt es, daß ſie ſo ſehr erkrankte?“— „Gute, mitleidige Eugenie,“ ſprach Ta⸗ 158 ver,„ſorge nicht ſo ſehr um die Kranke, de⸗ ren Leiden bald voruͤber gehen werden, ein allzu ſchneller Wachsthum wird ihre ganze Schwaͤche veranlaßt haben. Darf ich Dich jetzt erſuchen, mir in die ſchon zahlreich verſammelte Geſell⸗ ſchaft zu folgen, wo wir ſicher ſchon vermißt werden,“ ſetzte er in einem etwas vorwurfarti⸗ gen Tone hinzu. Eugenie legte ihren Arm in den ſeinigen und trat bald darauf mit ihm in die Geſell⸗ ſchaft. Aller Blicke flogen dem jungen ſchoͤnen Paare entgegen, hefteten ſich neugierig auf die blendende Feenerſcheinung an des Grafen Seite und indem dieſe, allen Zauber der ihr zu Ge⸗ bote ſtehenden Grazie entfaltete, ſprachen die ſteifen, faſt gravitätiſchen Ehrenbezeigungen der Maͤnner, dieſer abgemeſſene ſtolze Ernſt der Frauen, welcher in dieſem Kreiſe des Reichs⸗ adels herrſchte, ſie befremdend, verletzend an. Da war an keine geſellige Annaͤherung zu den⸗ ken, ſteir, wie der ſchwerfaͤllige Putz, in welchem ſie paradirten, waren Gang, Rede, Bewegung dieſer Menſchen. Das zauberholde Laͤcheln ſchwand unter dieſen Bemerkungen von Euge⸗ niens Lippen, ihr ſchwebender Gang wurde ein abgemeſſener Schritt; nach langen, peinlichen Komplimentirungen war ſie an ihre naͤchſte Um⸗ 159 gebung gefeſſelt, zwiſchen ein Paar alte hochge⸗ borne Damen gebannt, verſeufzte ſie den Abend in halb unterdruͤcktem Gaͤhnen. Sie ſuchte um⸗ ſonſt nach Caͤcilien, dieſe war nicht im Saale gegenwärtig, als Nonne durfte ſie nicht an ſolchen weltlichen Zerſtreuungen Theil neh⸗ men. Einſam ſaß ſie in ihrem Zimmer; nur von fern drang der Laͤrm der aufwartenden Die⸗ nerſchaft, die Muſik, welche bei der Tafel die Gaͤſte unterhielt, ſtörend zu ihr her. Es war zum erſten Male ſeit des Vaters Tode, daß die Trauer um dieſen der Freude wich; aͤhnliche fruͤhere Feſte riefen herbe Erinnerungen fuͤr ſie zuruͤck. Sie hatte zwar mit ihrer Jugend ab⸗ gerechnet; aber noch hatte ſie dieſe nicht verlaſ⸗ ſen: wohl beſaß die edle Caͤcilie volle Kraft, ihr fuͤhlendes Herz zu beherrſchen; aber dieſe Gefuͤhle aus ihm zu verbannen, vermochte ſie nicht. Es war keine lichte Stunde ihres Lebens, die ſich jetzt uͤber ſie hin ſchwang, weich erlag ihr ſtarker Geiſt unter den irdiſchen Schmerzen. Da mußte ſich ein fremdes, tieferes Weh an ihre Bruſt legen, um die gebundene Freiheit ihrer Seele anregend zu erwecken; ſie konnte die rei⸗ nen, frommen Schwingen wieder ſiegend ent— falten, ein wund gedruͤcktes Weſen liebend be⸗ 160 ſchirmen, ihrem verarmten Daſeyn brachte das Schickſal den Diſtelkranz ſchwerer Pflichten, doch ihrer Hand gelang es, viele ſeiner verletzen— den Stacheln zu meiden, er wurde fuͤr ſie zur ſchmerzlichen Wohlthat. Duͤſter vor ſich hin ſchauend, lehnte Cäci⸗. lie ihr Haupt auf die ſchlanke, ſchön geformte Hand; matt brannte die Lampe vor ihr auf dem Tiſche, das geräumige Zimmer nur ſchwach er⸗ hellend. Nahe war die Mitternacht, ſchon rollte manche Karoſſe dumpf vom Schloſſe ab; die Frauen zogen ſich nach und nach aus der Geſellſchaft zuruͤck; nur die Maͤnner ſaßen noch beim feurigen Ungarwein beiſammen, ſich jetzt in lebendigem Austauſche ihrer Gedanken, fuͤr den Zwang des Tages entſchaͤdigend. Da duͤnkte es Cäcilien, als vernaͤhme ſie ein leiſes Geräuſch an der Thuͤre, ihre Augen wandten ſich dorthin, der Griff derſelben regte ſich, ſie ſprang auf.—— Wie ein korperlo⸗ ſes Weſen, ſo leiſe, ſo bleich, trat Lodoiska herein. Sie wendete die Augen ſcheu umher, er⸗ forſchend, ob Cäcilie allein ſei, und als ſie ſich hiervon uͤberzeugt hielt, ging ſie eiliger auf dieſe zu. Die Nonne betrachtete Lodoisken mit Erſtaunen, deren Augen von Thränen uͤber— 161 floſſen, deren Buſen ſich krampfhaft hob.„Was haſt Du, mein Kind?“ fragte ſie, mit mildem Tone,„was erſchuͤttert Dich ſo ſehr?“— Lodoiska druͤckte Caͤciliens Haͤnde an ihre Bruſt, bedeckte ſie mit ihren Kuͤſſen; aber ihre kalten, bebenden Lippen verſuchten umſonſt die Worte auszuſprechen, die auf ihnen zitterten. „Weine Dich aus, meine Liebe,“ ſprach Caͤcilie,„erhole Dich und ſage mir dann, was Dich ſo ſehr betruͤbt. Noch vor Kurzem warſt Du ſo munter, ein froͤhliches Kind; und nun ſehe ich Dich ſtets ſtill in Dich gekehrt umher ſchleichen.“ Sie legte bei dieſen Wor⸗ ten des Mädchens Haupt, welches halb knieend vor ihr hingeſunken war, in ihren Schooß, und ſtrich ihr das lichte blonde Haar von der thrä⸗ nennaſſen Stirn. Lodoiska ſſchien ſich zu beruhigen, ſtill lag ſie einige Minuten ſo in Cäcilien's Schooße, dann ſprach ſie, ſich gewaltſam zwin⸗ gend:„Was ich zu klagen habe, was mich ſo tief betruͤbt? Ach, theure, gnaͤdige Graäfinn, es wird Sie erzuͤrnen. Aber wohin— wohin ſoll ich mich fluͤchten? Ihre Knie will ich um⸗ faſſen; mein Ungluͤck wird Sie ruͤhren! Sie wer⸗ den mir nicht verzeihen, doch Sie werden mich nicht von Sich ſtoßen!“ Erſter Band. L 162 „Seltſames Maͤdchen,“ rief Caͤcilie, ge⸗ ſpannt, geaͤngſtigt von dieſem ernſten Eingan⸗ ge,„entdecke mir nur, welches Ungluͤck!“ „Ja, ja, Sie ſollen Alles wiſſen, Sie muͤſſen helfen,“ erwiederte Lodoiska,„die ſchone Graͤfinn darf nicht ungluͤcklich werden, ſie liebt er ja, ſie allein!— Meine Unbedacht⸗ ſamkeit war mein Verderben.— O ich habe nie gehofſt; ohne Hoffnung, nur mit Schmerz habe ich ihn ſchon lange geliebt; aber daß es ſo kommen wuͤrde, daß ich ſo tief ſinken muͤß⸗ te, dachte ich nie. Die heilige Mutter Gottes hat ihre Hand von mir abgewandt; ich ſuͤn⸗ digte ohne zu wollen; ich wurde verfuͤhrt und war doch die Urſache meiner Verfuͤhrung!“ Ein neuer Thränenſtron erſtickte bei dieſen Wor⸗ ten ihre Stimme. Caͤcilie ſaß wie auf der Folter; geaͤngſtigt von des Mädchens unzuſammenhängenden Re⸗ den, verſuchte ſie umſonſt durch angenommene Geiſtesruhe dieſe aufs Neue zum Reden zu bewegen; ſie fuͤrchtete, ihr Verſtand ſei ver⸗ wirrt, und rief jetzt ihrer, im nahen Gemache weilenden Dienerinn. Doch Lodoiska hob die Haͤnde mit ſo flehender Geberde zu ihr auf, daß ſie den ſchon begonnenen Nuf halb unterdruͤckte; unwillig, 163 obſchon Feindinn jeder heftigen Aufwallung, fuhlte ſie jetzt ihre Geduld am Ende, und in ſtrengem ſtrafenden Tone befahl ſie Lodoisken die Scene zu enden. Ja, ich will, ich muß! ſchrie dieſe jetzt ſchmerzlich.„Erfahren Sie, Graͤfinn, ich bin entehrt, ich werde Mutter werden; der Graf Laver iſt mein Verfuͤhrer!“ Därauf wat Cäcilie, die fromme, reine Jungfrau nicht vorbereitet. Dieſes Geſtaͤndniß durchſchnitt ihr Herz, hofſnungslos rang ſie die Hände uber dem gebrochenen Herzen, das ſchmerz⸗ lich zuckend ſchlug. Dieſe halb aufgebluͤhte Knospe ſchon zerknickt, von der Hand eines Mannes, der ihrem Herzen ſo theuer war, ih⸗ res Bruders, ihres Freundes. Dieſer Mann, der die prangende Bluͤhte eines herrlichen Gar⸗ tens ſein nannte; er hatte die räuberiſche Hand nach dieſem farbloſen Bluͤmchen ausgeſtreckt, um vielleicht die arme Minute eines fluͤchtigen Fruͤh⸗ lingstages damit zu ſchmuͤcken;— ja, ſo war es, ſo mußte es ſeyn. Weinend verhullte ſie ſich in ihren klöſterlichen Schleier, den Fluch des Daſeyns, die Suͤnde beſeufzend. Es waͤhrte lange, ehe ſie es uͤber ſich gewinnen konnte, die⸗ ſes ungluͤckliche Verhaltniß aufs Neue zur Sprache zu bringen, doch ſagte ſie ſich, es ſei S 164 —— unabaͤnderlich, daß es geſchehen muͤſſe. Sie zö⸗ gerte, den Schleier von dieſem dunkeln Frevel zu heben, und doch ſehnte ſie ſich zu erfahren, wie Faver zu ſolcher ſtrafbaren Vergehung hin⸗ geriſſen worden, wuͤnſchte eine Entſchuldigung fur ihn in Lodoiskens Bekenntniſſen, ſo wie f fur die zarte Ungluͤckliche zu finden. Sie erhob ſich und die Thuͤr des Nebenzim⸗ mers offnend, befahl ſie ihrer Dienerinn, welche dort ſchlaftrunken ſaß, ſich zur Ruhe zu legen. Dieſe gewohnt, ihre Gebieterinn oftmals tief in die Nacht hinein mit Leſen oder Schreiben be⸗ ſchaͤftigt zu ſehen, folgte ſchnell dem willkom⸗ menen Befehle, und Caͤcilie war nun mit der armen Lodoiska allein. Jetzt faßte ſie beguͤtigend ihre Hand, und indem ſie ihre ſtillen, milden Blicke auf ſie rich⸗ tete, faßte dieſe Vertrauen zu ihrer Huld; von ihr aufgefordert erfuhr ſie, wie Unſchuld, Zaͤrt⸗ lichkeit und Leichtſinn ein Weſen dem Verderben geweiht hatten, dem ſich kaum der Fruͤhling des Lebens erſchloſſen hatte. Lodoiska begann:„Sie wiſſen es ja, meine guͤtige Gräfinn, wie ich ſchon im zarten Alter von der Gräfinn Mutter aufs Schloß ge⸗ nommen wurde, wie fie ſich der armen Waiſe erbarmte und mir, trotz meiner niederen Ge⸗ . * 165 burt, eine beſſere Erziehung gegeben hat, als ſonſt die Maͤdchen meines Standes empfangen. Ich war faſt immer um meine Wohlthaͤterinn, ſchon fruͤh gewohnt, ſie zu bedienen. Unter Allen, die dieſes Schloß bewohnten, war mir ſtets Graf Eaver der Liebſte, war es nun, daß ſeine ſeltene Anweſenheit hier auf Caboga, oder ſeine Freundlichkeit mich mehr anſprachen, genug, der Eindruck, welchen der gnaͤdige Graf auf mich gemacht, iſt mit mir aufgewachſen, Niemand ſprach und ſpielte ſo viel und ſo oft mit mir, wie er, nur gegen ihn konnte ich ganz unbefangen und offen reden; ſein munteres, leichtes Betragen geſiel mir mehr, als das ſteife, ernſte Weſen, welches im Schloſſe herrſchte.“ „Ich war gewiß unter Allen die Betruͤbte⸗ ſte, wenn der junge Graf nach Wien zuruͤck reiſte, und es dauerte dann viele Tage, ehe ich mich an ſeine Abweſenheit gewoͤhnen konnte; o, unbeſchreiblich einſam war es dann um mich!“ „Schon vor des gnaͤdigſten Magnaten Ab⸗ leben, als der Graf Eaver von Wien ankam, um lange hier zu bleiben, ſah und ſprach ich ihn oͤfter in dem Zimmer der Graͤfinn Mutter, ſo wie er mich auch oft im Garten traf, wenn ich dem alten Gäͤrtner bei ſeiner Blumenzucht, — 166 —— wie ich ſchon lange gewohnt und welches meine Lieblingsbeſchaͤftigung war, half. Wir ſcherzten und lachten, er ſtreichelte mir die gluͤhende Wange, wenn ich erhitzt die ſchwere Gießkanne vom Teiche her trug; er ließ ſich von mir die ſchonſten Blumen von den Beeten pfluͤcken, um ſie mir gleich darauf an die Bruſt zu ſiecken und wenn die kleinen Geſchaͤfte im Garten been⸗ det waren, fuͤhrte er mich, meine Hand faſſend und ſie ſanft druͤckend, die ſchattigen Alleen auf und ab.“ „Ach! jene Zeit war ſchon, ich freute mich am Morgen, wenn ich erwachte, daß es Tag ſei und wenn ich mich am Abend zur Ruhe legte, hatte ich an tauſend Dinge zu denken, welche mir angenehm warenz ich wiederholte in Gedanken die Geſpraͤche, welche der Graf mit mir gehalten und indem ich mich des Schlafes erwehrte, um noch recht lange, recht viel dar⸗ uͤber nachzudenken, ſanken meine Augen zu und alle meine Träume fuͤhrten mich zu ihm.“ „In dieſer Zeit ſtarb unſer gnädigſter Herr. Scherz und Freude hörten auf, ich kam faſt nicht aus der Grafinn Zimmer, die vor Kum⸗ mer krank geworden war. Sie, liebe Gräſinn Caͤcilie,“ ſprach Lodoiska,„waren auch faſt immer da, wie der Graf Taver den größ⸗ 167 ten Theil des Tages dort zubrachte, er las der kranken Mutter vor, oder erzählte Manches aus Wien, was dieſe zerſtreuen ſollte. Wie horchte ich ſeinen Worten, wie freute ich mich, wenn er zum Fenſter herſah, oder zu mir trat, indem ich arbeitete!“ „Er reiſte ab und blieb ſehr lange weg.— Eines Morgens ſtehe ich im Zimmer meiner gnaͤdigen Frau, welche noch in ihrem Schlaf⸗ gemache ihre Morgenandacht verrichtete und be⸗ reite das Fruͤhſtuck zu, da oͤffnet ſich die Thuͤr hin⸗ ter mir, ich ſchaue um, der Graf Faver ſteht vor mir.— Ein kleiner Schrei entfuhr mir, ich fuͤhlte meine Wangen brennen, ein ſeltſam ſchaͤmiges Gefuͤhl ergriff mich, indem er ſeine blitzenden Augen auf mich richtete.“„Wo iſt meine Mutter?“ fragte er mich, ich deutete auf die Thuͤr ihres Schlafgemachs.„Sie betet,“ ſprach ich leiſe, fuͤrchtend, er moge ſie durch ſeinen Eintritt ſtören. „Gut, Lodoiska,“ ſprach er weiter, „daß Du mir das ſagſt; ſei mir willkommen, mein liebliches Kind!— O, wie groß, wie huͤbſch biſt Du geworden, was gilts, kehre ich von meiner Reiſe zuruͤck, werde ich ein Braͤutchen ſinden, laß mich dieſe friſchen rothen Lippen kuͤſſen, ehe ſie das Eigenthum eines Andern ſind.“ 168 „So muthwillig ſcherzend umfaßte er mich und druͤckte, trotz meinem Sträuben, viele, viele Kuͤſſe auf meinen Mund. Hoch ſchlug mein Herz; da graf ein Geräuſch im Neben⸗ zimmer unſer Ohr, der Graf ließ mich aus ſei⸗ nen Armen, die gnädige Magnatinn trat aus ihrem Schlafgemache. Der Graf eilte auf ſie zu, ſie umarmte ihn zärtlich und er erzaͤhlte nun, wie er die Nacht durch gefahren ſei, uns Alle zu uͤberraſchen.“. „Dieſer Tag wird mir unvergeßlich ſeyn,“ ſprach Lodoiska, und hob die matt gewein⸗ ten Augen ſeufzend zum Himmel.„Alles war ſeit langer Zeit ſo froh, des Grafen Augen hin⸗ gen ſo zärtlich an mir, ich konnte meine Au⸗ gen nicht von ihm wenden. War ich nicht in ſeiner Naͤhe, wurde ich unruhig, beklommen; trat er ins Zimmer oder trat er zu mir her, ach! dann glich Nichts meiner Freude, ich fuͤhlte wohl, daß es anders mit mir geworden, aber voll Leidenſchaft und glucklich, legte ich mir keine Rechenſchaft von meinen Empfindungen ab, ich dachte nicht daran, über mich nachzu⸗ denken, ich taumelte aus einer Stunde in die andere, ach, viel ſpäter, als der Kummer mein Herz zerriß, habe ich dieſer gluͤcklichen Tage 169 noch einmal gedacht, nun erſt erkannt, was da⸗ mals mein Herz erfuͤllte.“ „Der junge Graf traf mich oft allein; denn wir Beide ſuchten die Gelegenheit dazu; ſtatt der freundlichen Neckereien und Scherze, welche er ſonſt getrieben, waren es Umarmungen und Kuͤſſe, die wir dieſen oft ſo fluchtigen Minu⸗ ten raubten, wie fröhliche Spiele nahm ich ſie auf.“ „Da wurde der Tag der Abreiſe des Grafen beſtimmt; nach Frankreich, nach Ftalien ſollte er reiſen; o, wie weit! Mit Entſetzen hörte ich es an, meine Augen fuͤllten ſich mit Thränen. Immer naͤher kam der gefuͤrchtete Zeitpunkt, die gnädige Magnatinn brachte den Tag vorher mit Briefſchreiben zu, es waren bedeutende Em⸗ pfehlungen fuͤr den Sohn. Die nahe Trennung von ihrem Liebling, die ungewohnte Beſchaͤfti⸗ gung, denn ſie ſchrieb ſelten und ungern, machte ſie verdrießlich, ich durfte ſie nicht verlaſſen, bald hatte ſie dieſes, bald jenes von mir zu fordern und die Mitternacht kam heran, ehe ſie den letzten und wichtigſten Brief geendet hatte.“ „Der Graf kam jetzt zu ſeiner Mutter, ihr Lebewohl zu ſagen, ſie war, nach ihrer gewohn⸗ ten Weiſe nicht beim Abendtiſch erſchienen, und der innige, zaͤrtliche Abſchied machte mein ſchwe⸗ „ — 170 res Herz noch ſchwerer, ſie ging an ihren Schreibtiſch, die Briefe zuſammen legend, welche ſie ihm uͤbergeben wollte, ſie bat ihn einige Mi— nuten zu weilen. Ich ſaß ſtill, verſtohlen eine Thraͤne nach der andern von meinen Wangen wiſchend, in einer wenig beleuchteten Ecke des Zimmers; da trat Graf Eaver zu mir hin. „Ach! Sieh da, Lodoiska,“ ſprach er bewegt, „„faſt hätte ich Dir kein Lebewohl geſagt, ich glaubte Dich ſchon in tiefem Schlafe! Lebe wohl, mein gutes Kind, lebe herzlich wohl!““ Er 2 druͤckte bei dieſen Worten ſanft meine Hand, dann trat er naͤher zu mir hin und fluͤſterte kaum hörbar: ſo muß ich ſcheiden, mein ſuͤ⸗ ßer Engel, ohne noch einmal dieſe rothen Lippen zu kuͤſſen? wie lange, Du kleine Sproͤde, habe ich Dich heute im Schloßgarten erwartet, was hielt Dich zuruͤck?““ Dieſe Frage wurde von der gnädigen Magnatinn unterbrochen, welche ſich jetzt zu uns umwandte; ich wurde ja von Allen im Schloſſe noch immer wie ein Kind be⸗ handeltz ihr ſiel es nicht auf, daß der Graf meine Hand gefaßt hielt. Sie handigte dieſem nun die Briefe ein, verſprach den unvollendeten noch auf ſein Zimmer zu ſenden, und unter ih⸗ ren frommen Segenswuͤnſchen verließ der Graf das Zimmer.“ 17¹ „Lange ſaß meine Gebieterinn und lehnte die Stirn auf ihre Hand, dann aber fuhr ſie fort zu ſchreiben, die Uhr hatte ſchon Eins geſchla⸗ gen, als ſie endigte und den Brief ſiegelte; ſie ſah jetzt nach der Uhr, welche auf ihrem Schreib⸗ tiſche ſtand.„ O, wie ſpät iſt es waͤhrend meinem Schreiben geworden,““ ſprach ſie be⸗ ſturzt; die Dienerſchaft wird ſchon zu Bett ge⸗ gangen, auch Du, mein Kind, wirſt muͤde ſeynz lege Dich ſchlafen, doch zuvor mußt Du dem Schloßwaͤchter dieſen Brief uͤbergeben, er ſoll ihn ſogleich zu meinem Sohne, dem Grafen tragen, er wird ihn noch wach ſinden, weil er auf dieſen Brief wartet.“ „Ich wuͤnſchte meiner Gebieterinn wohl zu ſchlafen, nahm den Brief, ein Licht und eilte hinweg; des Schloßwächters Stuͤbchen lag un⸗ ten an der großen Halle; indem ich den langen Corridor, links ab von den Zimmern der gnä⸗ digen Graͤfinn, ſchnell durchlief, mußte ich am Gemache des Grafen voruͤber, ich horte ſeinen Schritt, eine Melodie leiſe vor ſich hin ſum⸗ mend, ſchien er auf und ab zu ſchreiten; ich horchte einen Augenblick, doch, als ſein Gang der Thüre nahe kam, floh ich von Furcht ge⸗ trieben, er konne heraus treten, davon. Ich gelangte ins Stuͤbchen des alten Waͤchters, der 172 ſchnarchend ſein Laternchen, mit welchem er die Runde zu machen pflegte, brennend vor ſich, im tiefen Schlafe, das Haupt auf den Tiſch geſenkt, geſtellt hatte. Ich rief ihn laut beim Na⸗ men, ruttelte ihn mehrmals, doch umſonſt, wie ein Siebenſchlaͤfer lag er da und es war an ſein Er⸗ wachen in dieſer Minute, nach gewiß zu ſtark genoſſenem Nachttrunke, nicht zu denken. Mir wurde bange in ſeiner Naͤhe, Alles ſchlief um mich, die tiefe Stille in der Halle aͤngſtigte mich ſehr. Angſt und Liebe, ach, ich weiß es ſelbſt nicht, hauchten mir den unſeligen Gedanken ein, den fuͤr mich ſo verhängnißvollen Brief dem Grafen ſchnell ins Zimmer zu reichen, denn nur ſo glaubte ich meinen Auftrag ſicher auszurich⸗ ten. Haͤtte ich Zeit zum lberlegen gehabt, mein Schutzpatron haͤtte mich vielleicht gewarnt; ſo aber draͤngte der Augenblick; ich folgte meinem unbedachtſamen Sinne und ſtand gleich darauf bebend, mit hochſchlagendem Herzen vor des Grafen Zimmer; ich hatte nicht den Muth an⸗ zuklopfen und doch zog mich eine unbeſchreibliche Sehnſucht dazu, endlich wagte mein zitternder Finger das ungeheure Wagſtuͤck; es war geſche⸗ hen und in demſelben Augenblick wurde die Thuͤr von innen geoͤffnet; der Graf Eaver ſtand vor mir.— Wie eine Erſcheinung ſtarrte er mich 173 an.„„Werden meine Gedanken Wirklichkeit!““ rief er aus,„„Lodoiska, Du ſelbſt, in ſo ſpaͤ⸗ ter Stunde, iſt es ein Traum?““Sein Erſtaunen ſiel mir ſchwer aufs Herz, mit ihm das Un⸗ ſchickliche meines Betragens auf die Seele. Zer⸗ knirſcht, gedemuͤthigt ſtand ich ihm gegenuber, ſtotternd warf ich den Schloßwaͤchter, die gnä⸗ dige Gräfinn, den Brief, die Reiſe, Alles bunt durch einander; ich hielt den großen Brief in meiner Rechten und wahrſcheinlich gab dieſer dem Grafen Aufſchluß uͤber mein Erſcheinen in ſei⸗ nem Zimmer.„O, Du biſt zu gefaͤllig,““ ſprach er,„ Du muͤhſt Dich ſo ſpaͤt um mich, will mein Lodoikschen vielleicht den Kuß brin⸗ gen, nach dem ich mich ſehnte?““ Ich ſchuͤt⸗ telte verſchaͤmt mein Haupt und wollte mich ent⸗ fernen; doch mit ſanfter Gewalt zog er die Thuͤr hinter mir zu, ich lag in ſeinen Armen, be⸗ rauſcht von ſeinen gluͤhenden Kuͤſſen hatte ich keine Kraft mehr zu fliehen, es war die letzte gluckliche Minute fur eine lange, freudenloſe Zeit, ich gab ſeinen zaͤrtlichen liberredungen Gehör. Zwei Mal verhallte der dumpfe Klang der Schloß⸗ uhr ungehort von uns, als ſie zum dritten Male ertönte, fuhr ich aus des Grafen Armen empor, er zog mich zuruͤck, aber mit uͤberſtroͤmenden Au⸗ gen wankte ich nach der Thuͤr zu, er ergriff 174 meine Hand, bedeckte ſie mit Kuͤſſen, aber ab⸗ gewandten Blickes ging ich fort. Entzuͤckt, er⸗ wartend hatte ich dieſe Schwelle betreten, ent⸗ weiht, vernichtet, ſchritt ich uͤber ſie hinweg. Mein Licht war erloſchen, mit unſicherem Schritte ſchlich ich längs den Wäͤnden des langen Corri⸗ dors hin, ein bleiches Mondenlicht ſchien durch die ſchmalen, hohen Bogenfenſter, vor denen die Zweige der Kaſtanienbaͤume ſich im Nachtwinde rauſchend bewegten, und ihre Schatten auf die halb erleuchteten Mauern warfen. Alles rauſch⸗ te, ſchwirrte, lebte um mich, fortgetrieben ver⸗ doppelte ich jetzt meine Schritte und erreichte meine Kammer. Angekleidet warf ich mich aufs Bett, meine Augen brannten trocken, ich konnte nicht weinen; ich ſtarrte in die tiefe Dunkelheit, welche mich umgab. Da endlich brach der erſte daͤmmernde Tagesſtrahl durch mein Fenſter, eine Wohlthat fuͤr mich; es wurde lebhaft im Schloſ— ſe, es lief die Stiegen hinab; jetzt rollte ein Wagen dumpf uͤber den Schloßhof, ich wußte, wer das Schloß verließ, mein Herz wollte bre⸗ chen, da drangen die Toͤne eines ſchon fernen Poſthorns in mein Ohr; es war ein frommes Morgengebet, ich konnte weinen, mir wurde leichter und der Schlaf druͤckte meine Augen zu.“ „Recht krank erwachte ich am Morgen, ich 175 konnte mein Bett nicht verlaſſen. Die Graͤfinn Mutter ſchickte mir Erfriſchungen; die alte Schließerinn erzaͤhlte mir, wie dieſe ſich Vorwuͤrfe mache, mich ſo ſpät zur Ruhe geſchickt zu ha⸗ ben; ich ſeufzte, ich wußte, wen dieſer Vorwurf traf. Mit meiner Geſundheit kehrte ein großer Theil meiner Ruhe zuruͤck, doch waren beide nur von kurzer Dauer. Noch ehe des Grafen erſter Brief ankam, uͤberſiel mich aufs Neue eine Kraͤnklichkeit; ich erſchrak, ſo oft ich mich in ei⸗ nem Spiegel ſah, vor meinem bleichen Ausſehen; ach, bald genug mußte ich mein Ungluͤck fuͤrch⸗ ten! Man quaͤlte mich mit Arzeneien, ich rang rathlos meine Haͤnde, ich wagte nicht, mich Je⸗ manden zu vertrauen. So ſchwand die Zeit mir unter Qual und Thraͤnen, bis die Dienerſchaft des Grafen Taver von der Reiſe zuruͤck ge⸗ ſchickt war; ich war Zeuge, als man der Mag⸗ natinn die mitgebrachten Briefe uͤbergab. Nie habe ich ein ſo angenehmes Lächeln ſich uͤber ihr Geſicht verbreiten ſehen, wie in dieſem Augen⸗ blicke. Schweigend legte ſie den Brief zuſam⸗ men. Erſt am andern Tage erfuhren wir Alle im Schloſſe, daß der Graf zuruͤck kommen wer⸗ de, vermaͤhlt, an der Seite einer jungen, rei⸗ zenden Gemahlinn.——— Da unterlag ich meinem Geſchicke.— So oft hatte ich mir des 176 Grafen Wiederkehr gedacht, hatte Hoffnungen und Errettung daraus geſchopft; jetzt kehrte er zuruͤck; durfte ich wagen, ihm entgegen zu tre⸗ ten? wie ein finſteres Unheil ſtand ich ja vor ſeinem lachenden Gluͤcke! Wenn ich oft am Morgen unerquickt aus meinem unruhigen Schlummer erwachte, waren meine Gedanken ſchwer und matt, ich beſann mich muͤhſam, ob dieſes Elend, welchem ich plötzlich uͤbergeben war, denn auch wirklich waͤre; Traum und Wahrheit konnte ich nur ſchwach von einander unterſchei⸗ den; erſt, wenn ich am Tage gezwungen, An⸗ theil an der regen Geſchaͤftigkeit, welche jetzt im Schloſſe herrſchte, nehmen mußte, wurde ich auf Alles zuruͤck gefuͤhrt, kränker ſank ich jeden Abend auf mein Bett.“ „Der Graf Eaver kam an, ich entzog mich gefliſſentlich ſeinem Anblick und doch hielt ſich mein blutendes Herz an der ſchwachen Hoſſ⸗ nung, er wuͤrde nach mir fragen, er wuͤrde der Getaͤuſchten, der Verfuͤhrten wenigſtens voll Mit⸗ leid gedenken. Niemand fragte nach mir, um mein wund gedruͤcktes Herz legte Niemand einen heilenden Verband, es ſollte brechen, es ſollte verbluten.“ „In den Zimmern der ſchoͤnen, ſtolzen Gra⸗ ſinn Eugenie, die ich jetzt zum erſten Male er⸗ 177 blickte, wohin ich, die Arme, Beaͤngſtigte gerufen war, um die Eitele zu ſchmucken, ſollte ich ihn wiederſehen, ach ich nahm alle Kraft meiner Seele zuſammen und meine Schwaͤche uͤber⸗ windend, ſchmuͤckte ich die Reizende fuͤr ihn. Als waͤre ich aus dem Sarge zuruͤck gekehrt, ſo aſchfarben erſchien meine verſunkene Geſtalt neben ihrem glaͤnzenden Bilde, in dem großen Spiegel.— Was war ich rmſte gegen die⸗ ſes bluͤhende Leben? ich mußte ſeinen Blick flie⸗ hen.— Wohin, rief es in meinem Herzen, wohin vor ihm fliehen?— Eine graue Ferne ſtarrte mir entgegen, die ſich in tiefe Dunkel⸗ heit verlor. Ach, es war mein Grab, in das meine Augen blickten! Da trat plötzlich eine helle ſtrahlende Erſcheinung vor mir hin; voll Sehnſucht, voll Entzuͤcken blickte ich auf ſie. Seine Augen, die mir ſonſt gelachelt, ſtreiften achtlos an mir hin, Worte, ſonſt an mich ver⸗ ſchwendet, trafen mein Herz, ſie galten der Ge⸗ feierten, der Begluͤckten, die ſeine Kuͤſſe em⸗ pfing.“ „Da ſank das ſchwere Leid plotzlich von meiner Bruſt, mir wurde leicht, ich ſank nieder, o wäre ich nie erwacht! Doch der Gräͤfinn Eu⸗ genie liebliche Stimme rief mich ins Leben, ihre weiche Hand erwaͤrmte meine kalte Stirn; Erſter Vand⸗ M 178 rauh und lieblos rief des Grafen Stimme da⸗ zwiſchen; wunderbar geſtärkt, wandte ich jetzt meine Augen wieder auf ihn, alles Leben ſchien aus ſeinen Zuͤgen entwichen, geiſtlos ſtarrte er mich an, Abſcheu und Furcht erfuͤllten mein Herz, ich mußte fort; nie, nie will ich ihn wie⸗ derſehen, er ſoll mich nicht erretten!“ „Die Mädchen der Graͤfinn Eugenie hat⸗ ten mich auf der gnaͤdigen Magnatinn Zimmer gefuͤhrt; als ich mich ganz erholt, verließen ſie mich. Ich blieb hier allein, ich fuͤhlte mich ruhiger, wie ſeit langer Zeit; der Augenblick, den ich erſehnt und gefuͤrchtet hatte, war ja nun voruͤber, er war voruͤbergegangen wie alle die ſchmerzlichen Stunden und Tage dieſer bangen Zeit, ich hatte das Schwerſte üͤberlebt. Ich fuͤhlte einen lebhaften Drang zu beten, ich warf mich vor dem Betpulte meiner Gebieterinn nie⸗ der, ich rief den Erloͤſer um Troſt und Hilfe an.— Als ich aufſtand, fielen meine Blicke auf Ihr Bild, fromme Graͤfinn Cäcilie, das im Schlafgemache hing; da faßte ich Muth, Sie hatten die kindiſche Lodoiska wohl wenig beachtet, aber ich dachte an Ihren milden Sinn, ich ſah Ihre lieben Augen vor mir und bewegt eilte ich in derſelben Minute hier zu Ihnen her, ——— 179 feſt entſchloſſen, Ihnen meinen Jammer zu ent⸗ decen— Cäcilie kuͤßte die Erſchopfte auf die Stirn, „Sei ruhig,“ ſprach ſie leiſe,„Gott wird mich erleuchten, Dir Troſt zu bereiten. Du bleibſt dieſe Nacht in meinem Zimmer, ich ſelbſt be⸗ reite Dir ein Lager hier in dem Ruheſeſſel. liberlaß Dich nicht allzu ſehr Deinem Schmerze, den Bildern Deines uͤberreizten Gemuͤths. Ver⸗ nunft, mein Kind, muß Dich durch die Dor⸗ nenbahn leiten, die Deine Unbedachtſamkeit, Dein allzu fruh erwachtes Herz Dir bereiteten. Dir bleibt ein langes Leben, den Himmel zu verſöhnen. Glaube mir, Lodoiska, mit dem Paar heißen Blutwellen, die der Schmerz durch unfre Adern treibt, iſt es nicht abgemacht.— Ein dichter Schleier muß dieſe ungluͤckſelige Begebenheit bedecken. Gelobe mir, Niemandem weiter Dein Herz zu öfſnen; ſei großmuͤthiger als Dein Schickſal; jede Entdeckung wuͤrde neue, ſchreckliche Verwirrung erzeugen.“ Lodoiska legte gelobend beide Haͤnde auf die Bruſt, matt ſenkten ſich ihre vom anhal⸗ tenden Weinen truͤben Augen; Cäcilie brachte ſie mitleidig zur Ruhe und entließ ſie fruͤh am Morgen aus ihrem Zimmer« Geſtaͤrkt, ermu⸗ thigt von Caciliens frommem, erhebendem 8 M 2 180 Troſte, ging ſie in das Zimmer ihrer Gebie⸗ terinn, welche eben erwacht war. Es war immer ihr Geſchaͤft, nur ihre Kränklichkeit hatte es oft unterbrochen, mit der alten Graͤfinn eine Mor⸗ genandacht zu halten; träumend, mit ihren Ge⸗ danken umherſchweifend, hatte ſie oft die heili⸗ gen Gebete geleſen. Heute ſeit langer, langer Zeit, empfand ſie die Kraft inniger Andacht;z aus dem Abgrunde, in welchen ſie verſunken war, blickte ſie empor, gläubig, geduldig zu dem Stern der Gnade, welcher fern und hoch, vom Himmel, zu ihr niederleuchtete.— So trat ſie aus dem Zimmer ihrer Frau, um in der Einſamkeit die frommen lbungen fortzuſetzen, die ihr ſo großen Troſt verliehen. Still und ernſt achtete ſie auf nichts, was um ſie vorging. Als ſie jetzt in eine Beugung des Corridors kam, trat ihr aus dieſer der Graf entgegen. Erſchrocken fuhr ſie einige Schritte zuruͤck, doch indem ſie noch zitternd nach Faſ⸗ ſung rang, ergriff er ihre Hand.„Folge mir, Lodoiska“ fluͤſterte er ſchnell und leiſe, und ehe ſie Kraft zum Widerſtande fand, fuͤhlte ſie ſich von ihm fortgezogen in eine nahe liegende Thuͤr, die in ein großes Zimmer fuͤhrte, wel⸗ ches im Schloſſe unter dem Namen: der Jagd⸗ ſaal, bekannt war.„Bei der Ruhe meines — 181 Lebens,“ fuhr er weiter fort,„ich muß Dich ſprechen, ohne Aufenthalt, jetzt in dieſer Stun⸗ de.“ Der Graf öffnete bei dieſen Worten eine Glasthuͤr, welche auf eine lange Gallerie fuͤhrte, die an den Fenſtern des Saales hin lief; man blickte von da gegen den Hochwald, gegen die Gebirge, welche hinter dem Schloſſe lagen. Lodoiska bebte und ſuchte vergebens nach Worten, ſich von dieſem Geſpraͤche los zu ma⸗ chen. Unvorbereitet, faſſungslos, ſo plötzlich ihren ernſten Betrachtungen entzogen, ſah ſie ſich mit Einem Male demjenigen nahe, welchen ſie zu fliehen wuͤnſchte und fuͤhlte mit Erbeben, daß der Klang ſeiner Stimme, wie fruͤher, ſuͤß und milde, in ihr Herz eindrang. „Dich beugt ein ſchwerer Kummer nie nahm der Graf jetzt wieder das Wort,„wirſt Du Deinem einſtigen Freunde dieſen jetzt ge⸗ ſtehen? ich ahne, was Dich bedraͤngt, ich fuͤrchte das Argſte; verſchweige mir nichts, erwarte von mir Troſt und Hilfe. Lodoiska brach in ein lautes Weinen aus, Thraͤnen waren die einzigen Wafſen, welche die Natur ihr in dieſem Augenblicke verliehen, ge⸗ bunden fuͤhlte ſie ihre Zunge. Der Graf Eaver ſah darin ein eigenſinni⸗ ges Beharren eines kindiſchen, von ihm, faſt 182 willenlos, verletzten Weſens, er hatte ſich nie ſo ernſtlich mit Lodoiskens Gemuͤthe beſchaͤf⸗ tigt, nie eine tiefe Empfindung in der Bruſt des lebhaften muntern Kindes geſucht; in ju⸗ gendlichem Ubermuthe, gewohnt an den leichten Ton der Hauptſtadt, in der er ſonſt gelebt, nahm er die freundliche Bluͤhte zum kurzen Spiele, welche ſich ihm ſo willig darbot. Rie war es ſein Vorſatz geweſen, Lodoisken zu verfuͤhren. Die Schuld, die deßhalb auf ihm lag, das durfte er ſich dreiſt geſtehen, gehorte nicht zu den ſchwerſten Vergehungen ſeines Le⸗ bens; Zeit, Ort, die weiche Stimmung, welche eine Trennung von theuern Menſchen, von der Heimath, faſt immer um unſer Herz legt, hat⸗ ten ihn hingeriſſen, ein unerfahrenes Weſen um den Glanz ſeiner Jugend zu berauben. Er ver⸗ wuͤnſchte ſpaͤterhin dieſe Stunde, aber ſich tro⸗ ſtend, ſah er die Mittel in ſeinen Händen, hier mit vollen Haͤnden zu verguͤten, was eine un⸗ bedachtſame Stunde verdorben. Schwelgend im Gluͤcke einer Liebe, welche die Tiefen ſeiner Seele ergriſſen, war des verfuͤhrten Maͤdchens Bild in der Menge neuer, beſeligenderer Eindruͤcke un⸗ tergegangen und trat nun plötzlich, gleich einem drohenden Rachgeſpenſte, in Lodoiskens er⸗ loſchenem, erblichenem Bilde vor ihn hin. Eine 183 bange Ahnung ſprach ihn aus dem ſo ſehr ver⸗ aͤnderten Weſen Lodoiskens an, die er mit Befremden in dem Zimmer ſeiner Gemahlinn zum erſten Male wieder ſeit jener unheilbringenden Nacht erblickte. Sein dort unbedachtſam, ſcho⸗ nungslos, empor lodernder Unmuth, war in dieſem Augenblicke mehr gegen ſich ſelbſt, als gegen das arme Opfer ſeiner Leidenſchaft gerichtet; er dachte nicht daran, der Leidenden, indem er ſie durch ein herzloſes Betragen, wozu ihn ſein boſes Ge⸗ wiſſen trieb, die tiefſte Verachtung gegen ſich einzuflößen; ſogar gegen die angebetete Euge⸗ nie richtete ſich auf einige Minuten ſein Un⸗ muth, indem er fuͤrchtete, daß Lodoiskens unbedachtſames Weſen, das er kannte, auch jetzt ſich äußern wuͤrde, und ſo war er unzufrieden mit der Theilnahme, welche ſie der Kranken ſchenkte. Doch wollte, trotz der geſelligen Luſt dieſes Tages, Lodoiskens erblichene Geſtalt nicht aus ſeiner Phantaſie entweichen; ſie verfolgte ihn in Eugeniens Armen, bis auf ſein naͤcht⸗ liches Lager. Er uͤberlegte, wie hier zu han⸗ deln ſei. Er durfte ſich niemand vertrauen, auf ihm allein beruhte Plan und Ausfuͤhrung die⸗ ſer Angelegenheit. Er hatte Lodoisken im Corridor erwartet, mit Ungeduld ſah er jetzt den 184 unabänderlichen Entdeckungen entgegen, die, wie er ſich gedacht, ihm dieſe bei der erſten zeugen⸗ loſen Zuſammenkunft machen wuͤrde. Lodoiska aber ſetzte ihm ein beharrliches Schweigen ent⸗ gegen. Dieſes reizte ihn auf. Sollte das Maͤd⸗ chen ſo unerfahren ſeyn, ſich uͤber einen Zuſtand täuſchen, der ſo deutlich aus ihrer erloſchenen Jugendbluͤhte ſprach! Gram allein konnte ſo ſchnell dieſe junge Knospe nicht toͤdten; oder war es ein abſichtlich hartnaͤckiges Schweigen, ſich an demjenigen zu rächen, der ihr ſo wehe gethan? Wollte ſie ſeinem Gluͤcke Verderben bringen, indem ſie die Folgen ſeines Leichtſinns dem Verrathe Preis gab? Seinen Zorn nie⸗ derkaͤmpfend, erweicht von der Leidenden zittern⸗ der Geſtalt, die ihm jetzt ſo nahe ſtand, an deren Anblick ſich Erinnerungen knuͤpften, die ſein Herz in eine ſanfte Wallung brachten, be⸗ ruͤhrte er ſchmeichelnd Lodoiskens Wange. „Haſt Du mich denn ſo ganz verdammt, mein liebes Mädchen! ſprach er zaͤrtlich; haben meine Bitten alle Gewalt uͤber dieſes kleine, trotzige Herz verloren, ſoll ich Deinen Kummer nicht wiſſen?“ „Meinen Kummer?“ erwiederte Lodoiska jetzt;„O warum fragten Sie danach nicht fruͤ⸗ her, Sie werden ihn nicht zu wuͤrdigen wiſſen. 7 1 — 185 Doch glauben Sie mir, ich trage ſchwer daran. Das Schwerſte iſt dennoch uͤberwunden, darum erlauben Sie jetzt, daß ich gehe, ich bitte um nichts, ich bedarf keiner Hilfe, Gott und mein Herz werden mich fuͤhren.“ 4 „Lodoiska,“ rief der Graf jetzt außer ſich, von dem Stolz, von der Wahrheit ihres Aus⸗ drucks uͤberraſcht, uͤberzeugt, daß keine niedrige Abſicht das Mädchen leite,„wohin fuͤhrt Dich Deine Unerfahrenheit? Willſt Du uns Alle verderben? Du mußt mir Deine Zukunft uͤber⸗ geben; mißbrauchte ich Einmal Dein argloſes Vertrauen; ſo will ich es jetzt verdienen. Taͤu⸗ ſche Dich und mich nicht laͤnger, Du wirſt Mutter werden, fuͤrchte ich; und ehe dieſes un⸗ ſelige Geheimniß entdeckt wird, mußt Du fort von hier. Eine ſcheinbare Flucht, ohne einen andern Mitwiſſer, als mich, hier im Schloſſe, nur kann Dich retten. Du reiſeſt nach Wien, ich empfehle Dich dort einer ehrbaren Familie; ein Capital, deſſen Zinſen Dich reichlich ver⸗ ſorgen, deponire ich dort; Deine Zukunft werde ich ſo geſichert ſehen. Meine kleine feurige Lo⸗ doiska wird, unter ſolchen Umſtaͤnden, bald ein Herz finden, das ſie treuer liebt als dieſes wankelmuͤthige. Das Kind, dem Du das Les ben gibſt, werde ich zu verſorgen wiſſen.“— 186 Lodoiska, im Innerſten durch des Grafen herzloſe Rede erſchuͤttert, unterdruckte ihr uͤber⸗ wallendes Herz. Stolz und kalt ſtand das Mäd⸗ chen, aus welchem mit dem verlorenen Kranze nicht die jungfraͤuliche Seele entflohen war, ih⸗ rem einſtigen Gebieter gegenuͤber; klar war ſie es ſich in dieſer Minute bewußt, er hatte kei⸗ nen Theil an ihr, das Herz, die Seele, die ſie an ihm verloren, ſie waren ihr zuruͤck gegeben, das Leben unter ihrem Herzen, er hatte ſeinen Anſpruch daran verloren.„Sie ſind in einem großen Irrthum begriffen, Herr Graf,“ ſprach Lodoiska jetzt,„Sie taͤuſchen ſich uͤber eine voruͤbergehende Kraͤnklichkeit, welche freilich wohl die Folge meiner fruͤheren zaͤrtlichen Schwäche fuͤr Sie iſt, aber mit dem Gram, welchem ich zu unterliegen bedroht war, den ich aber nach dieſer Stunde zu uͤberwinden hoffe, verſchwin— den wird.“ Die unnatuͤrliche Anſtrengung, die erkuͤnſtelte Ruhe, mit der das ſchwache Madchen dieſe Worte ſprach, die ſcharfe Nordluft, welche von den Bergen auf die frei liegende Gallerie herab wehte, machten ſie unwohl; die Ohn⸗ machten, denen Lodviska ſo häuſig in ihrem Zuſtande unterlag, ſtellten ſich, von convulſivi⸗ ſchem Zittern begleitet, ein; ſie ſank gegen die Geländer des Balkons und nur des Grafen —— ———————— 187 ſchnelle Hilfe ſicherte ſie vor einem jähen Sturze in die Tiefe, Erſchuttert trug er das bleiche Maͤdchen in den Saal zuruͤck, ſie auf ſeinen Knieen haltend, ließ er ſich in einem Seſſel niederz— bange, durchdringende Angſtſeufzer draͤngten ſich aus Lodoiskens Bruſt. Faſſungslos blickte Ta⸗ ver umher, Hilfe ſuchend, die ihm doch nicht nahe warz eine tödtliche Kälte uͤberſtrömte des Maäͤdchens Körper; er waͤhnte, ſie ſtuͤrbe gar in ſeinen Armen; er druckte ſie an ſeine lebens⸗ warme Bruſt, er hauchte ſeinen gluͤhenden Athem auf ihre bleichen Lippen, die ſonſt, einem ge⸗ ſpaltenen Granatapfel gleich, ſeinem Kuſſe ent⸗ gegen ſchwollen; ſie wollte noch immer nicht er⸗ wachen, ſeine Angſt ſtieg aufs Hoͤchſte. Da erſchuͤtterte ihn ein Gerauſch, er ſah eine Sei⸗ tenthuͤr des Saales ſich offnen; ein Mann, es war Sarackſor, trat hekaus. In ſeinem an⸗ graͤnzenden Zimmer hatte er die Klagetöne im Nebenzimmer vernommen, und neugierig ent⸗ ſchloß er ſich, nachzuſehen, was dort vorgehe, aber uberraſcht erblickte er die ſeltſame Gruppe. Sein ſchon finſteres Geſicht legte ſich in noch duͤſterere Falten, doch die Ehrerbietung vor ſei⸗ nem Herrn hieß ihn ſich zuruͤckziehen, er ver⸗ 188 ſchwand ſchnell, wie er gekommen und der Graf ſah ihm zerknirſcht nach. Nur langſam kehrte Lodoiskens Bewußt⸗ ſeyn zuruͤckz doch, ſo wie ihr einige Kraft wie⸗ derkehrte, entwand ſie ſich des Grafen Armen, ſich feſt in ihrem Tuch verhuͤllend, ging ſie, ohne ihn weiter eines Blicks zu wuͤrdigen, zum Saale hinaus. Faver aber ſaß noch immer in duͤ— ſteren Betrachtungen verloren, feſt entſchloſſen, des Mädchens Benehmen zu ergruͤnden, das ihn, wie er uͤberzeugt war, hinterging. Eu⸗ genie bemerkte ſeit dieſem Tage eine vorherr⸗ ſchende Zerſtreuung an ihrem Gemahle, welche ſogar oft in den Anflug einer böſen Laune ausartete. Schweſter Cäcilie ſaß in eben der Stunde, welche Lodoisken mit dem Grafen zuſammen füͤhrte, am Schreibtiſche und uͤberlas, was ſie geſchrieben. An den Baron Jablonka und ſeine Gat⸗ tinn war der Brief gerichtet; er lautete: Theure Freunde! „Indem Ihr, im Vollgenuſſe Eures Gluͤcks, wohl ſelten an die ernſte Caͤcilie denkt, die einem ſtillen, abgeſchloſſenen Leben angeho⸗ rend, ihre Gedanken und Wuͤnſche oft zu Euch hinüber ſendet und wenig mit ſich ſelbſt be⸗ 189 ſchaͤftigt, Gluͤck und Frieden in der Sorge fuͤr Andere ſucht, wagt ſie, die ſich Eure Freundinn nennt, ihre Anſpruͤche an Eure Liebe zu erneuern und wendet ſich in einer Sorge, die ihr Herz bedraͤngt, an Euch.“ „Was ich zu bitten habe, könnt Ihr ge⸗ währen, und wie ich freudig und ſtolz der Ruhe Anderer meine Opfer bringe, ſo for⸗ dere ich auch kuhn und offen, wo ich fordern darf. Nur, wer in dem eigenen Herzen we⸗ der Willen noch Kraft empfindet, für den Naͤchſten zu leben, zu wirken und zu leiden, wird ſcheu und furchtſam ſeine Hilfe in An⸗ ſpruch zu nehmen wagen. Nicht ſo iſt es mit uns, meine Freunde, und daher erfah⸗ ret, ohne alle Umſchweife, was ich von Euch fordere.“ „An Sie, meine gute, zart empfindende Clotilde, ergeht vor Allem meine Bitte. Sie, Theodor, haben ihrer geliebten Gattinn nur Ihre Zuſtimmung zu geben.“ „Sie kennen Beide die kleine freundliche Lodoiska, das liebliche Pflegekind meiner verehrten Mutter, welches ſie im zarten Al⸗ ter von einer Reiſe nach Wien, mit nach Schloß Caboga brachte. Das Kind war die Tochter ihrer daſelbſt ſpäter verheiratheten Am⸗ 190 me, welche ſie nach langer Abweſenheit in der druͤckendſten Armuth fand. Sie linderte ihre Noth und nahm das juͤngſte ihrer Kinder mit ſich nach Ungarn zuruͤck, um es fuͤr immer zu verſorgen. Die muntere Kleine wuchs fröh⸗ lich auf und bildete ſich, wie Sie bei Ihrer Anweſenheit auf Caboga vielleicht bemerkt ha— ben, uͤber ihren Stand, wozu ihre ſtete An⸗ weſenheit in den Zimmern meiner Mutter, ihr Gelegenheit gab. Doch die frohen Hoffnun⸗ gen, welche wir fuͤr ihre Zukunft hegten, ſind untergraben, indem es einem Manne, den ſie nie ehelichen kann, gelang, ihr unbedachtſames Herz zu feſſeln, ſie zu verfuͤhren.—— Das verlorene Weſen hat ſich in meine Arme ge⸗ worfen, ich habe ihm Hilfe verſprochen.— Ich muß meiner ehrwuͤrdigen Mutter dieſen herben Schmerz erſparen, ſie ſoll ihres Pfleg⸗ lings Ungluck nie erfahren, Lodoiska muß fort von hier, ein tiefes Geheimniß ruhe uͤber dieſen traurigen Verhaͤltniſſen. Doch nur bei theilnehmenden, gefuͤhlvollen Weſen, moͤchte ich die Schwache, Gebeugte ſehen; zu jung, zu unerfahren, wie ſie iſt, mag ich ſie nicht in fremde herzloſe Pflege geben. Sie, Clotil⸗ de, werden barmherzig ſeyn und ſich der Ver⸗ laſſenen in bangen Stunden annehmen, ver⸗ — ———————— 191¹ goͤnnen Sie daher der Unglucklichen wenige Monden eine Freiſtaͤtte in Ihrem Hauſe;z un⸗ ter dem Vorwande in der warmer und milder gelegenen Ebene, worin Ihre Beſitzung liegt, ihre Geſundheit zu ſtaͤrken, ſoll Ihnen Lo⸗ doiska folgen, wenn Sie, nach einem Be⸗ ſuche hier auf Schloß Caboga, wozu ich Sie herzlich einlade, um die reizende Eu genie, die Gemahlinn meines Bruders kennen zu ler⸗ nen, dahin zuruͤck kehren. Laſſen Sie uns nicht zu lange auf Ihre Ankunft warten, der ich aus doppelten Gruͤnden mit Sehnſucht ent⸗ gegen ſehe. Ihre Cäcilie Caboga.“ Clotilde und ihr Gemahl empfingen die⸗ ſen Brief Cäciliens mit Freude, entzuckt, einen ſchwachen Beweis ihrer Ergebenheit gegen die Begruͤnderinn ihres Gluͤcks an den Tag le⸗ gen zu koͤnnen. Bald darauf erſchien das junge Ehepaar auf dem Schloſſe Caboga, zur Freude der Bewohner derſelben. Cäcilie errothete ſanft, als ihre Blicke auf Theodor fielen, wel⸗“ cher in den vier Jahren, wo ſie ihn nicht geſe⸗ hen, ſich maͤnnlich und kräftig entwickelt hatte. Er begruͤßte ſie mit Ehrfurcht und ungemeſſener 46 Achtung, er empfand es mit Stol;, daß ſie ſtets die Freundinn ſeiner Seele bleiben wuͤrdez unbeſchadet der Anſpruͤche ſeiner Gattinn an ſein zaͤrtlich, fuͤr ſie ſchlagendes Herz, durch⸗ bebte ihn dennoch ein Nachklang jener unver⸗ geßlichen Tage, wo die jetzt ſo ernſte, bleiche Kloſterfrau, den ganzen Reichthum ihres Gei⸗ ſtes, ihres Wiſſens in zaͤrtlichem Vertrauen vor ihm entfaltet hatte; er fuͤhlte, er war beſſer, edler in ihrer Naͤhe geworden. Wie von ſelbſt fuͤgte es ſich ſo, daß die freundliche Clotilde nach einigen froh verleb⸗ ten Tagen den Einfall hatte, die kraͤnkliche Lo⸗ doiska mit ſich auf ihr Gut zu nehmen; ſie wußte ſo viel von der reinen, heitern Luft, welche dort herrſchte, zu ruͤhmen, ſchalt mitun⸗ ter recht ſehr auf den böſen, dicken Nebel, welche hier in Caboga Tages uͤber in großen Maſſen an den Bergen hingen, um ſich am Abendé auf die Gegend herab zu laſſen.„Es iſt unmög⸗ lich,“ ſprach ſie,„daß die Kleine hier beſſer wird; Sie, theure Frau Graͤfinn,“ wandte ſie ſich zu der alten Magnatinn,„beduͤrfen ſelbſt der Erheiterung, die ſichtlichen Leiden der Kran⸗ ken muͤſſen Sie verſtimmen; Graͤfinn Euge⸗ nie iſt zu ſehr mit ihrem Gemahle beſchaͤftigt, um fuͤr die Kranke Augen zu haben; und wer 193 — wird es dieſer ſchimmernden Morgenroſe wohl anmuthen, ſich um das welke Bluͤmchen, was farblos neben ihr ſteht, zu kuͤmmern? Ich da⸗ gegen habe Zeit, Luſt und Beruf fuͤr das kranke Mädchen zu ſorgen; kinderlos, wie ich jetzt blieb, ſehne ich mich herzlich ein Weſen muͤt⸗ terlich zu pflegen; ſie muß bei mir geſund wer⸗ den.“— Die Magnatinn lächelte beifällig, gab gern ihre Zuſtimmung, da ſie nichts mehr, als Lodoiskens Geneſung wuͤnſchte, und ſo reiſte dieſe mit Theodor und Clotilden nach de⸗ ren Beſitzung ab. Graf Taver war hoch verwundert, als er die Beſtimmung ſeiner Mutter wegen Lodois⸗ kens Entfernung erfuhrz er glaubte ſein Ver⸗ gehen verrathen und warf ſcheue, fragende Blicke auf die Mutter, ſo wie auf Cäcilien, doch hier fand er keine Antwort; denn Erſtere war arglos und unbefangen, und Cäcilie wußte ſich zu beherrſchen; ein Geheimniß, welches ſie bewahrte, war unter ihrer Obhut ſicher. Erſter Band, N 194 VII. Der leidenden Lo doiska ward geiſtig wohler, als ſie den Schauplatz glucklicher und truͤber Tage verlaſſen hatte; ihrer ſorgſamen Pfle⸗ gerinn heitere Laune, welche ihren Zuſtand, ihre truͤbe Stimmung ſchonend ehrte, beſänftigte den Aufruhr ihrer Gefuhle, ſie ſchien ergeben in ihre Leiden. Nach wenigen Monden, im Anfange des Winters, ward ſie von einem Knaben entbun⸗ den; nur Clotildens unermüdliche Sorge in ſeinen erſten Lebensſtunden kampften ihn dem Tode ab; ſchwach glimmte der zarte Lebensfun⸗ ken des Kindes und nur die kräftige Amme, welcher er uͤbergeben ward, ließ fuͤr ſein ferne⸗ res Leben hoſſen. Lodoiska's Kraft ſchien aber fuͤr immer gebrochen; die ſehr ſchwere Entbindung, ihre große Jugend ließen Alles fuͤr ſie fuͤrchten. Clo⸗ tilde aber war aufopfernd in der Pflege fuͤr ſie, ſie entfernte ſich wenig von der Kranken, und gab nur den lberredungen ihres zaͤrtlich um ſie beſorgten Gatten nach, wenn ſie ſich einige Stun⸗ den des Nachts zur Ruhe legte. So erwachte ſie denn auch einſt in der Nacht nach kurzem 195 auf ihrer Bruſt, es ließ ſie nicht im Bett, ſie ſtand auf und ſchlich leiſe aus ihrem Schlafge⸗ mache nach Lodvisken hinuͤber, welche ſie ſchlummerlos, die Augen ſtarr und ſchmerzlich gegen den Betthimmel gewandt, ſchwer athmend fand. Die Wärterinn war im Nebenzimmer feſt entſchlafen. Leiſe trat Clotilde dem Bette naher und wurde erſt von der Kranken bemerkt, als ſie ſich mit liebreicher Frage dieſer nahte. Lodoiska fuhr aus ſchwerem Sinnen empor, und richtete die Blicke auf ſie.„Was mir fehlt, liebe Frau Baroninn,“ ſprach ſie ſanft,„fragen Sie mich? — Es wird bald Alles, Alles voruͤber ſeyn, Alles ein Ende nehmen, Ihre liebende Sorge, mein Schmerz, mein Leid, Alles wird aufhoren.“ „Thorichtes Maͤdchen,“ ſprach Clotilde etwas unwillig,„Du wirſt durch ſolche truͤbe Betrachtungen Deine Krankheit vermehrenz wehre allen traurigen Gedanken und es wird uns ge⸗ lingen, Dich wieder geſund zu ſehen.“ „Nein, nein,“ ſprach Lodoiska,„ich werde nicht geſund werden, ſeit geſtern weiß ich, daß ich ſterben werde, der Tod umſchwirrt mich, wie ein grauer Schatten, bald näher bald wie⸗ der entfernter, aber er weicht nicht aus dem. N 2 Schlummer; eine ſeltſame Beklommenheit lag 196 Zimmer; das iſt die Angſt, die mir das Herz zerdruͤckt, ach! und dieſes arme zerdruͤckte Herz iſt noch voll Wuͤnſche, hegt noch eine Hoffnung, ehe es brechen will.“ Clotilde ſah das Maͤdchen aͤngſtlich an, es ward ihr unheimlich in der Naͤhe der Ster⸗ benden, doch uͤberwand ſie das innere Grauen, ergriff beguͤtigend ihre Hände und ſah ſie trö⸗ ſtend an.„Unerfullte Wuͤnſche und Hofſnun⸗ gen ſoll man nicht mit ins Grab nehmen,“ ſprach ſie dann erſchuͤttert,„man glaubt, ſie ſeien Unheil bringend fur den, auf welchen ſie gerichtet find.“—— „Das ſollen ſie nicht, nein, das werden ſie nicht!“ rief Lodoiska mit Anſtrengung, „der Graf darf nicht ungluͤcklich werden! Ich buͤße unſere Schuld, meine Seele hat ihm ver⸗ geben, o, koͤnnte ich mich mit ihm verſohnen! Duͤrfte ich ihn noch Einmal ſehen, das ſind meine letzten Wuͤnſche, das iſt meine einzige Hoffnung, welche ich fuͤt dieſes Leben hege!“— Clotilde ſtarrte die Kranke an.„Du biſt wahrlich ſehr krank, mein Kind,“ ſprach ſie dann ernſt.„Was redeſt Du vom Grafen, in welcher Beziehung ſteht er zu Deinem Ungluͤck?“ Sie legte bei dieſen Worten die Hand an Lo⸗ doiskens Stirn, welche ſie von Fieberglut 197 ——— erhitzt waͤhntez aber nur ein kalter Schweiß be⸗ deckte dieſe und uͤberzeugte ſie, daß die Kranke nicht in Phantaſie ſprach. Lodoiska lächelte ſchmerzlich zu ihr auf; ihre Gedanken errathend, antwortete ſie:„Hart am Rande des Grabes wäge ich meine Worte wohl. Ich habe ſtandhaft geſchwiegen, Cäci⸗ liens ſtrengen Befehlen bis auf dieſe Stunde volle Genuͤge geleiſtet. Sie darf mir nicht zur⸗ nen, wenn ich jetzt verſohnend vor das Schick⸗ ſal trete. Ihre Worte, liebe Frau Baroninn, ſind mir ſchwer auf die Seele gefallen. Jetzt muß ich reden; ach, ich habe ihn ja fortdauernd geliebt; bis zum Tode von ihm beleidigt, wollte ich mein Herz von ihm abwenden; doch es iſt mir nie gelungen, ſein Bild verfolgt mich bis ins Grab.— Wie oft, wenn Sie ſo zaͤrtlich um mich beſorgt waren, ſchien es mir Pflicht, Ihnen Alles zu entdecken, ach, erfahren Sie denn, ich bin ein Opfer des Grafen, er iſt der Vater meines Kindes; ehe er die ſchöne Graͤfinn mit aus Frankreich, auf Schloß Caboga fuͤhr⸗ te, zogen mich Liebe und Leichtfinn in ſeine Arme; doch, ihm ſoll mein Tod kein Unheil bringen; ich muß mich mit ihm verſohnen, ich muß ihn noch Einmal ſehen!“ Lodoiska ſank 198 mit dieſen Worten erſchöplt M S Augen zuruͤck. Clotilde ſah voll tingiei uuf agtiſſe⸗ auf ſie hin. Es war ihr Leid, hier unberufene Theilnehmerinn eines Geheimniſſes geworden zu ſeyn, welches die verſtändige Caͤcilie ihr zu verſchweigen fuͤr nöthig gefunden hatte. Sie er⸗ kannte darin augenblicklich einen zarten Sinn, des Bruders Vergehen jedem fremden Auge zu entziehenz aber dennoch konnte ſie es ſich ſelbſt nicht verhehlen, wie ihre wirklich aufgeregte Neu⸗ gierde uͤber Lodoiskens Verhaͤltniſſe jetzt uͤber⸗ raſchend geſtillt war. Als ein echt weibliches Gemuͤth, wirkten die ſo eben empfangenen Ein⸗ druͤcke einzig auf ihr Gefuͤhl, ſie zog ihren Ver⸗ ſtand nicht erſt zu Rathe; hier mußte geholfen werden, das empfand ſie allein und ſchnell mußte ſie handeln, wenn der armen Lodviska Wuͤn⸗ ſche und Hoffnungen erfullt werden, wenn ſie nicht, als unbefriedigt, aus dem Grabe verderb⸗ lich auf die Menſchen zuruͤck wirken ſollten, de⸗ nen ſie das Gluͤck ihres Lebens zu danken hatte. Ihrem Theodor, ſah ſie ein, mußte ſie fuͤrs Erſte Alles verſchweigen, um das fremde Ge⸗ heimniß zu ehren; auch wußte ſie, daß er ih⸗ rem Vorhaben entgegen ſeyn wuͤrde: darum wollte ſie in dieſer Sache allein dem Zuge ihres —— ———————— 199 Herzens folgen. Sie beruhigte Lodoisken, verſprach ihr, Alles zu ierleein und fuͤr ihr Heil zu ſorgen. „Aber bald, obald!“ſeufzete dieſe,„ſonſt möchte es zu ſpaͤt ſeyn.“—— Clotilde weckte nun die Wärterinn auf, und befahl ihr ſtreng bei der Kranken wach zu bleiben; ſie ſelbſt aber eilte an ihren Schreibtiſch und ſchrieb dem Grafen Päver Cabogar „Wenn Sie, verehrter Graf,: unverzuͤg⸗ lich nach Empfange dieſer Zeilen abreiſen, ſo konnen Sie morgen mit der Abenddaͤmme⸗ rung auf unſerm Gute anlangen. Die Wuͤn⸗ ſche, die Hoffnung, die letzte Hofſnung einer Sterbenden, rufen Sie hieher. Ich fuͤge nichts weiter hinzu; indem ich mich erbiete, Sie mit einer Ungluͤcklichen zu verſöhnen, folge ich meinem, von jeder Nebenabſicht freien Gefuͤhle. Schreiben Sie mir, wenn ich Sie erwarten darf, keine Antwort; ich ſende dieſe Zeilen durch einen Landmann; ich wählte aus Vorſicht keinen unſerer Diener; Sie haben ſo keinen Verrath zu befurchten. Sie ſind bekannt auf unſerm Gute, Ihrem einſtigen Eigenthume, und werden das Git⸗ terthor in der Mauer, welche den Garten umſchließt, geoͤffnet finden, dieſer ſtößt un⸗ 200 ———— mittelbar an das Herrenhaus; links im gro⸗ ßen Gartenſaale, deſſen Thüren ebenfalls un⸗ verſchloſſen ſeyn werden, erwarte ich Sie. Streitet es nicht gegen Ihre Gefuͤhle: ſo er⸗ leichtern Sie den Todeskampf eines brechen⸗ den Herzens. Clotilde von Jablonka.“ Dieſen Brief ſandte die Baroninn in der Morgenfrühe ins Dorf, der Sohn eines Bauern mußte zu Pferde damit nach Caboga eilen, hatte Befehl, ihn dem Grafen ſelbſt in die Haͤnde zu geben. Noch eine andere Sorge beunruhigte ſie indeß; ihr Gemahl durfte die Anweſenheit des Grafen nicht erfahren. Doch auch hier ordnete ſie Alles ohne Aufſehn. Schon ſeit Wochen hatte Theodor ſeinem Vater einen Beſuch ver⸗ ſprochen, nur die Aufmerkſamkeit fuͤr Clotil⸗ den, welche er in dieſen ängſtlichen Tagen nicht gern allein bei der ſchwer erkrankten Lo doiska zuruͤck laſſen wollte, hatte ihn bis jetzt davon abgehalten, Heute erinnerte Clo tilde ihn ſelbſt an dieſe Verſaumniß, und der Baron folgte gern ihrem Vorſchlage, die kleine Reiſe anzutreten. So war ihr Vorhaben geſichert; Theodor reiſte noch Vormittags ab, ſie blieb erwartend zuruͤck. 201 —— Der Bote war noch immer nicht zuruͤck ge⸗ kehrt, Lodoiska kränker, ermatteter wie je. Sie fragte nicht; aber eine unruhige Spannung war in ihrem Weſen ſichtbar; jedes laute Ge⸗ räuſch im Hauſe machte ſie erbeben. Clotilde empfand mitfuͤhlend die ſtille Qual der Armen, ſie wuͤnſchte den Stunden Fluͤgel, um die eigene Ungewißheit geendet zu ſehen. So ſchlich ſie, als es endlich anſing zu dunkeln, mit einer Kerze zum Gartenſaale hinab. Es war tief im November, eine dumpfe und kalte Luft machte ſie erbeben, unſicher wehte das ſchwache Licht der Kerze, draußen tobten Sturm und Regen; doch Alles blieb noch immer ſtill, die Kälte wurde ihr unerträglich, ſie zog den ſchwarzen Seidenmantel feſter um ſich, ihre Wangen aber gluͤhten vor Angſt und Erwartung. Da raſchelte es plötzlich in dem duͤrren Lau⸗ be, welches die Gänge des Gartens anfuͤll⸗ te; Tritte wurden hörbar, es knarrten die roſtigen Angeln der Thuͤr wie ein Angſtruf, eine in einen weiten Reitermantel, bis an die Au⸗ gen verhuͤllte Geſtalt, trat ins Zimmer. Der Verhuͤllte warf die blitzenden Augen im Saale umherz aus tiefer Dunkelheit jetzt plotzlich ins Helle verſetzt, ſchien er die Gegenſtände um ſich her nicht zu erkennen und es waͤhrte einige Minu⸗ 202 ten, ehe er die Anweſenheit Clotildens er⸗ kannte. Dieſe hatte ſich von ihrem Seſſel erho⸗ ben, der Verhuͤllte ging auf ſie zu, nahm die ungarnſche Muͤtze vom Kopfe, warf den Mantel zuruͤckz ſie erkannte den Grafen Caboga. Verlegen ſtanden Beide einander gegenuͤber, vergebens nach Worten ſuchend ſich gegen einan⸗ der zu erklaͤrenz endlich nahm der Graf das Wott. „Ihre Guͤte,“ ſprach er,„theure Frau, ruft mich hieher; ich ſehe ein Geheimniß in Ihre Hände gegeben, welches ich ſo gern jeder fremden Mitwiſſenſchaft entzogen wuͤnſchte; ba8h. doiskens Unvorſichtigkeit“—— Es iſt jetzt nicht Zeit zu Errtuen ſiel ihm Clotilde in die Rede,„laſſen wir dieſe; die Zeit draͤngt ſehr, folgen Sie mir ſchnell;“ ſie ſah den Grafen mit ſo milden fle⸗ henden Augen an, daß dieſer von dem bluͤhenden Reiz der kleinen Frau lebhaft ergriſſen wurde, welche mit hochgerotheten Wangen, verſchämt und ängſtlich einem ſo wenig gekannten Manne, hier einſam gegenuͤber zu ſtehen, die Kerze ergriff ihm vorzuleuchten, und dadurch ihre lieblichen Zuͤge in ein noch helleres Licht ſetzte. Er zog ihre Hand an ſeine Lippen, eine Schmeichelei ſchien denſelben entſtroͤmen zu wollen; doch ſich ſchnell erinnernd, zu welchem traurigen Beſuche er hie⸗ 203 her gekommen, unterdruͤckte er ſolche und folgte der Baroninn. Indem er durch mehrere Gaͤnge, dann mit dieſer eine Seitentreppe hinauf ging, welche zu ihren Zimmern fuͤhrte, bewegte ein bitteres, druͤk⸗ kendes Gefuhl ſein Herz, ungern war er uͤberall Clotildens Rufe gefolgt, aber in Ungewiß⸗ heit uͤber Alles, was Lodoisken betroffen hatte, da ſie ſich gefliſſentlich ſeinein Vertrauen entzogen hatte, geboten ihm Klugheit, Vorſicht und die Stimme des Mitleids, ihrer Aufforde⸗ rung Genuͤge zu leiſten. Er dachte uͤbrigens nicht, daß die Kranke ſo gefährlich ſei, ſah vielmehr an der Bitte, an ihr Krankenbett zu kommen, eine kleine Thrannei, welche ſie gegen ihn ausuͤbte; doch ermuthigte ihn der Entſchluß„jetzt, in die⸗ ſer ihn peinigenden Angelegenheit, Alles zu ord⸗ nen, zu beendigen. Mit dieſen Gefuͤhlen trat er in das Krankenzimmer, welches die Baroninn jetzt leiſe öffnete. Lodoiska lag in einem Bett, deſſen Vor⸗ haͤnge weit zuruck geſchlagen waren, ihre großen, tief eingeſunkenen Augen richteten ſich in un⸗ endlichem Schmerz auf den eintretenden Grafen und ſein Name entſchlupfte mit einem tiefen Seufzer ihren Lippen.—— Raver blieb, er⸗ ſchuͤttert von dem unbeſchreiblichen Ausdruck ihrer 204 ——— Stimme, ſtehen,— dann einige Augenblicke ſpäter trat er raſch gegen das Bette vor; noch immer richteten ſich ihre Augen ſtarr auf ihn;z doch die feſt geſchloſſenen Lippen regten ſich nichtz er faßte ihre Haͤnde, bog ſich theilnehmend auf ſie nieder, ihre Stirn zu kuͤſſen; entſetzt fuhr er zuſammen, die Kälte des Todes blieb auf ſeinen Lippen zuruͤck. Faſſungslos taumelte er in einen Seſſel, aber wie von magiſcher Kraft an⸗ gezogen, blieben ſeine Augen auf die Todte ge⸗ heftet. Als wolle er dem Grauſen wehren, was dort auf ihn eindrang, ſtreckte er die Hand ge⸗ gen das Bett vor, ſeine Bruſt uthmete ſchwer. Clotilde, erſchrocken wie er, faßte ſich jetzt⸗ Schon am Morgen dieſes Tages, durch den Arzt von Lodoiskens hofſnungsloſem Zuſtande unterrichtet, hatte ſie, auf das Lirgſte vorberei⸗ tet, nur noch ungeduldig der Ankunft des Gra⸗ fen entgegen geſehen, um der Sterbenden Wün⸗ ſche und Hofſnungen zn erfuͤllen. „Lodoiskens letzte Hoffnung, HerrGraf,“ nahm ſie jetzt das Wort,„iſt erfuͤllt; ihre Wuͤn⸗ ſche, ſich Ihnen zu verſöhnen, koͤnnen Sie an jenem Knaben einlöͤſen, den ſie vor wenig Ta⸗ gen gebar:“ ſie zeigte dabei auf die Wiege, in welcher das Kind ſchlummerte.—— Der Graf warf einen ſcheuen, zerknirſchten 205 —— Blick darauf; Clotilde trat der Todten na⸗ her und druckte ihre Augen ſanft fuͤr immer zu. Dann entfernte ſie fich leiſe in das anſtoßende Zimmerz ſie fand ihre Gegenwart hier uͤberfluſſig. Eine Stunde ſpäter trat der Graf zu ihr ein, geruͤhrt nahm er ihre Hand.„Ich habe Abſchied von Lodoisken genommen,“ ſprach er faſt tonlos;„ich ſcheide von Ihnen, guͤtige Frau, mit Dank und Schmerz. Doch moͤchte ich nicht verkannt vor Ihnen ſtehen, welche Ge⸗ ſtaͤndniſſe Ihnen die Ungluckliche auch gemacht hat; wie groß auch der Anſchein einer ſchweren Schuld auf mir liegt, glauben Sie meinem Männerwort, dieſe ſchwere Strafe verdiente ich um Lodoisken nicht. Aber die troſtloſe liber⸗ zeugung, daß der Leichtſinn ſich nur zu oft, eben ſo hart, wie das durchdachte Verbrechen beſtraft, draͤngt ſich mir auf. Laſſen Sie mich hoſſen, geben Sie mir den Troſt, daß meine Schuld jetzt getilgt ſei; Seien Sie die Vermittlerinn zwiſchen mir und der Todten. Darf ich Ihrer Sorge das Kind, mein Kind uͤbergeben?“—— „Sie ehren mich durch Ihr Vertrauen;“ antwortete die Baroninn;„Geſtaͤndniſſe hat mir Lodoiska nicht gemacht, ich habe ſie nicht von ihr verlangt. Der Todesſchmerz entriß ihr den Namen des geliebten Mannes, des Vaters ihres 206 Kindes. Sie ſehen in mir, Herr Graf, uͤberall nur eine Mittelsperſon in dieſer Angelegenheitz doch, um jeder Verwirrung zuvor zu kommen, zwingt mich jetzt die Lage der Dinge zu reden. Cäcilie, Ihre Schweſter, dieſer ewige Frie⸗ densengel, verlieh der armen Lodoiska ihren Schutz; ſie ehrte mich, indem ſie meiner Sorge die Leidende ubergab, hofſend durch thaͤtige Hil⸗ fe, durch Vorſicht und Verſchwiegenheit, Alles in das gehoͤrige Gleis zu bringen. Lodois⸗ kens Tod hat Vieles verſchoben, doch nicht Al⸗ les; verzeihen Sie mein vielleicht unberufenes Einwirken; nur das Wohl Anderer zu befördern, lag hier zum Grunde; ich weiß nicht, ob ich es bereuen ſoll? Ich werde Caͤcilien Alles ver⸗ ſchweigen; ich fuͤrchte ſonſt in ihrer Achtung zu verlieren. Ihr großes, ſtarkes Herz iſt erhaben uͤber die Schwaͤchen und kleinlichen Ruͤckſichten gewoͤhnlicher Weiber, zu denen ich mich demuͤ⸗ thig bekennen muß: vergönnen Sie daher, Herr Graf, daß ich unbedingt Caͤciliens Befehlen folge. Laſſen Sie Ihren Beſuch hier bei Lo⸗ doisken das tiefſte Geheimniß bleiben; nur mein Gemahl mag ſpaͤter darum wiſſen. Laſſen Sie Caͤcilien die Genugthuung, den Fehler des Bruders auszugleichen; jede Einmiſchung von Ihrer Seite wuͤrde ſie nur verletzen und 207 uͤberdieß haben Sie Pflichten gegen Gattinn und Mutter, dem bis jetzt glucklich entgangenen Verdacht, ferner zu entgehen. Gern wird Ca⸗ cilie der kinderloſen Mutter, die erſte Pflege des Knaben uͤberlaſſen.“ „Gern unterwerfe ich mich einem ſo weiſen Richtſpruch aus ſo lieblichen Lippen,“ erwie⸗ derte der Graf.„Senden Sie unverzuͤglich die Nachricht von Lodoiskens Tode nach Caboga und dem Kloſter Marianky; ich bleibe noch ei— nige Tage abweſend; unter dem Vorwande einer ſehr eiligen Geſchäftsreiſe in dieſe Gegend, ver— ließ ich meine Gemahlinn. Auch möchte ich dem erſten Schmerze uͤber den Tod des von Allen im Schloſſe geliebten Kindes gern aus dem Wege gehen, und jeder Klage, als ein Vorwurf mein Herz treffend, ausweichen.“ Clotilde verbeugte ſich ſchweigend gegen den Grafen, deſ⸗ ſen laͤngeres Verweilen hier bei der Baroninn nicht paſſend war; ſie entließ ihn wieder durch den Garten. Es war nahe gegen Mitternacht, als er ſich entfernte; indeß Clotilde zu trau⸗ rigen Beſorgungen für die Todte ſich anſchickte, ritt er, von Lodoiskens bleichem Schatten umſchwebt, in finſtern Jräumen durch die rauhe Sturmnacht. 208 IX. Der Winter herrſchte mit grauſiger Macht; im Sturm trieb er dicke Schneewolken uͤber die Karpathengebirge, und die truͤben kurzen Tage brachten wenig Freude in das alte Schloß Ca⸗ boga. Drinnen ſaß die junge ſchoͤne Frau und blickte duͤſter und verſtimmt in den Aufruhr der Natur. Dann verſank ſie allmälig in tiefe Träu⸗ meß ſie dachte zuruͤck an eine mildere Zeit, wo der Winter nicht ſo ſchreckenerregend ihr nahte, an ein ſonnenhelles Schloß, wo ein künſtlicher Fruͤhling die Sinne taͤuſchte, wo Feſte und Ker⸗ zenglanz die truͤben Tage uͤberſtrahlte und ein zauberholdes Lächeln ſchmuͤckte dann Eugeniens Lippen. So ſaß ſie oft, ohne Freude an ande⸗ rer Beſchaͤftigung, bis mit dem Sinken des Ta⸗ ges vom Hochwalde herab die luſtige Fanfare er⸗ klang, das Zeichen, daß die Jagd geendet ſei, daß Taver aus dem rauhen Walde zuruͤckkehre, den Abend mit der geliebten Gattinn zu vertan⸗ deln. Ein neues Leben ging Eugenien dann auf; am flackernden Kamin bereiteten ihre ſcho⸗ nen Hände den feurigen Gluͤhwein, den erſtarr⸗ ten Gatten zu erquicken; zärtlich um ihn be— ſorgt, ſchalt ſie dennoch auf den wilden Jäger, der die ſchoͤnen Stunden ſo einſam in rauhem 209 Gebirge verbringe. Eaver ließ ſie lächelnd ge⸗ wahren, gelobte recht hauslich zu werden, und vertrieb mit frohen Geſpraͤchen den Frauen den langen ſtillen Abend. Die alte Magnatinn Caboga ſah und hoͤrte ihnen freundlich zuz der alte Sarackſor an ih⸗ rer Seite, erzaͤhlte dann auch von fernen, ver⸗ gangenen Tagen, längſt vergeſſene Namen wur⸗ den genannt, Leid und Freude, laͤngſt verſchmerzt und verklungen, traten erinnernd vor die Seele der alten ſtillen Greiſinn.— Immer und immer hätte die alte Gräfinn dieſes ruhige Leben fort gewuͤnſcht; doch mit Leid mußte ſie bemerken, daß die Laune Eugeniens ſich merklich ver⸗ ſtimmte. Sie, die ſonſt immer im ausgeſuch⸗ teſten Putze erſchien, kleidete ſich jetzt nachlaͤſſig, ja oft erſchien ſie im Morgenanzuge bei der Ta⸗ fel, oft ohne große Theilnahme an dem Geſprä⸗ che zu nehmen. Die Graͤfinn Mutter beobach⸗ tete Eugenie genauer, es war weder Unpaß⸗ lichkeit, wie ſie anfangs gefuͤrchtet, noch irgend ein Kummer, der die junge Frau verſtimmte; Langeweile, lberdruß an dem einfoͤrmigen Leben auf Schloß Caboga, machten dieſe mißmuthig. Sie theilte ihrer Tochter, Caͤcilie, ihre Bemer⸗ kungen in einem Briefe mit, und dieſe rieth der Mutter, den Sohn zu einer Reiſe nach Wien Erſter Band. O 210 zu bereden.„Es ſteht dem Grafen Caboga,“ ſchrieb ſie,„ohnedieß ſehr wohl an, den neuen Glanz unſeres Hauſes dort geltend zu machenz Mangel an zarter Aufmerkſamkeit verraͤth mein Bruder, ſeine junge reizende Gemahlinn, welche bis dahin nur im Glanze des Hofes lebte, fuͤr den ganzen Winter, in ein einſam liegendes Schloß bannen zu wollen. Was uns, meine Mutter, bequem und erfreulich duͤnkt, daran wird ſich die bewegliche Pariſerinn erſt langſam gewoͤhnen muͤſſen. Laſſen Sie die jungen Ehe⸗ leute immerhin ziehen, ich werde bald wieder auf einige Zeit bei Ihnen eintrefſen, und Ihnen den Reſt des Winters Geſellſchaft leiſten.“ Die alte Magnatinn erkannte dankbar den Rath der Tochter, und mahte nun ihren Sohn ſelbſt auf Eugeniens veraͤnderte Gemüthöſtimmung auf⸗ merkſam. Er gab ihren Anſichten Beifall, glaubte indeß, daß Eugeniens Truͤbſinn mehr von dem ſie ſehr bekuͤmmernden Ausbleiben der vä⸗ terlichen Verſohnung herruͤhre, und ergriff gern die Gelegenheit, die geliebte Gattinn ihrem Kummer zu entreißen. Er kuͤndigte Eugenien die Reiſe nach Wien an und das Gemuͤth der jungen Frau wurde durch den Gedanken, wie⸗ der in die lang vermißten Kreiſe des Hoflebens * eingefuͤhrt zu m„neu belebt. 5 211 Mit Zärtlichkeit trennte ſie ſich von der Gra⸗ finn Mutter, welche ihr die reinſten Segens⸗ wuͤnſche ertheilte, und bald darauf war die An⸗ kunft der bezaubernden Gräͤfinn Cab oga das Ge⸗ ſpraͤch des Tages am kaiſerlichen Hofe zu Wien. —— Alles wetteiferte der neuen glaͤnzenden Erſcheinung ſeine Huldigungen darzubringenz Nichts geſiel, als was die kleine himmliſch ſchone Graͤfinn trug, die Damen uͤberboten ſich, die Farben, den Schnitt ihrer Kleider nachzuahmen, indeß die Bluͤhte der Männer in dem Abglanze ihrer Schoͤnheit ſich ſonnte. Eugenie ſtand an ihrem Platze, beſeelt von Gluck, Grazie und Anmuth, entfaltete ſie jeden Tag neue Reize in den Augen ihres Gemahls; aber, indem ſie ſein Herz mit immer neuem Zauber umzog, taͤglich neue Bluͤhten der Luſt und Freude pfluͤckte, wand ſich zugleich eine giftige Schlange, Eifer⸗ ſucht unter den Blumen hervor, und verletzte mit ihrem Stachel das Herz Tavers. Die finſtere überzeugung, daß Eugenie nicht allein fuͤr ihn liebenswuͤrdig erſchien, was er ſchon fruͤher nicht uͤberſehen, bemaͤchtigte ſich ſeiner; wie die friſche Lebensluft der Bruſt, waren fuͤr die Eitele, in allem Schimmer der geſelligen Luſt Eingeweihte, Bewunderung und Glanz. Er uͤberſah es im finſtern Argwohn, wie ſie 212 ſtets am Emde der rauſchenden Feſte ſo ſelig in ſeinen Armen lächelte, wie ihr Auge noch immer im Entzucken der Liebe ſchwamm; doch dieſes Auge, dachte er, hatte ja heute der gan⸗ zen Männerwelt des Hofes gelaͤchelt, fuͤr Un⸗ zaͤhlige hatten die Roſen dieſer Wangen gebluͤht. Sein kaltes, zuruͤck ſchreckendes Weſen verletzte die liebende Eugenie und auf die anfangs ſo froh verlebten Tage, folgten Unmuth und Ver⸗ druß. Mit aͤngſtlich ſpaͤhendem Blick ſtand Ea⸗ ver, wie einſt fruͤher im Schloß zu Verſailles, in einer Ecke des Saales, wenn Eugenie im Schimmer ihrer Schonheit glänzte, aber nicht um ihre ſuͤßen, oft zu ihm hin blitzenden Blicke aufzufangen, nein, um zum Verräther an ihren unſchuldigſten Mienen, an den Bewegungen ih⸗ rer Haͤnde, kurz, an Allem zu werden, was ſie that. Es konnte der ſcharfſichtigen Eugenie nicht lange ein Geheimniß bleiben, daß ihr Ge⸗ mahl im Argwohn gegen ſie befangen war; ach, ja ſchon fruͤher hatte er Zweifel an ihrer Zunei— gung gehegt; ihre Liebe hatte Alles verziehen. Mit Erſchrecken ſah ſie aufs Neue, dieſen ſin⸗ ſteren Dämon in ihr Leben herauf blicken, und des Gemahls Eiferſucht verletzte ſie. Die Ach⸗ tung fuͤr ſeinen Charakter erlitt einen leiſen Stoß in ihrem Herzen;z doch hatte ſie Gewalt 2¹13 uͤber ſich, ihren Schmerz verborgen zu tragen; aber mit Bitterkeit rief ſie ſich jetzt die zahllo⸗ ſen Kaͤmpfe ihres jungfräulichen Gefuͤhls zuruck, Liebe, Achtung, Glanz und Freude hatte ſie zu⸗ ruͤck geworfen, um dem geliebten Manne anzu⸗ gehören; das war der Lohn ihrer Liebe, ihrer Thraͤnen, ihrer Kaͤmpfe!—— Des noch im⸗ mer unverſoͤhnten Vaters ſtrenger Blick ſtand dro⸗ hend vor ihrz eine Schuld, welche ſie ſo leicht zu verſohnen glaubte, laſtete jetzt zentnerſchwer auf ihrem Herzen. Sie hielt es unter ihrer Wuͤrde, ſich gegen den Gatten uͤber ihre Gefühle zu verſtändigen; aber ſie entzog ſich gefliſſentlich jetzt, wo es nur möglich war, den täglichen Zerſtreuungen. Doch konnte ſie darum dem Andrange der Geſellſchaft in ihrem eigenen Hauſe nicht wehrenz zu ſehr war ſie der Liebling Aller geworden. Des Gra⸗ fen Caboga's forſchende Blicke hatten bald aus der Maͤnnerwelt die feurigſten Verehrer ſei⸗ ner Eugenie heraus gefunden; jetzt blieb ihm kein Zweifel, daß dieſe der Gegenſtand fremder Bewerbung war. Fetzt war es um die Herr⸗ ſchaft uͤber ſich ſelbſt geſchehen, er hielt ſeinen Unmuth nicht mehr zurck; Eugenie mußte Spoͤttereien und Hohn uͤber ihre Eroberungen hören.„Hüten Sie Sich, Madam,“ ſprach 2¹4 er eines Tages, von ſchlecht verhaltenem Zorne entbrannt,„Ihre Anbeter zu der kleinſten Hoſſ⸗ nung zu berechtigen; wir leben hier nicht am Hofe von Verſailles, wo ſolche verliebte Taͤnde⸗ leien zu den Amuſemens eines Tages gehören; die deutſchen Herzen nehmen die Sache etwas ernſterz und haben mich gleich die ſchonen Au⸗ gen der reizendſten Frau in Frankreich in un⸗ auflosliche Feſſeln geſchlagen, ſind dieſe Feſſeln zugleich Ihre eigenen geworden: die Gemahlinn des ungarnſchen Magnaten muß vergeſſen, daß ſie einſt das Hoffräulein Marie Antoinet⸗ tens warz damals ſtand es Ihnen lieblich, als Folie der reizenden Königinn zu dienen, jetzt behaupten Sie den Platz, den Ihnen meine Liebe mit Stolz uͤbergab.“ Er verließ mit dieſen Worten heftig das Zimmer.—— Eugenie ſank erſchuͤttert zuruͤck. Kaver, o Kaver! Mir das fuͤr meine namenloſe Lie⸗ de! ſchluchzte ſie laut. Einſam, für Niemand ſichtbar, verlebte ſie dieſen ſchrecklichen Tag in ihrem Zimmer; ſie ließ die unheilbare Wunde ſchmerzlich nachbluten, welche ihr eine unaus⸗ ſprechlich geliebte Hand geſchlagen.—— Was gleicht den erſten herben Schmerzen, welche ein reines, weibliches Herz durchziehen, wenn es ſich plötzlich um das Paradies ſeiner 215 Liebe betrogen ſieht, wenn Unſchuld und Ver⸗ trauen, vom rauhen Mäͤnnerfinn erſchuͤttert, bang in die Tiefen der Seele zurück gedrängt, nur Gott und das eigene Bewußtſeyn zum Richter anflehen muͤſſen! Der Morgentraum eines dauernden Glucks verfliegt nur allzu baldz ach, noch ehe die Ju⸗ gend uns enteilt, ſind wir ſchon von ihrem ſchon⸗ ſten Glanze verlaſſen; die Entzuͤckungen, die ſie uns bietet, ſind es eben, welche uns allzu fruͤh den holden Traͤumen entreißen!—— Eugenie lag am nächſten Morgen bleich und ermattet auf ihrem Lager, Zaver erſchrack bei ihrem Anblickz die zaͤrtlichſte Sorge um ſie ergriff ihn. Er befahl den Arzt zu holen, doch Eugenie verbat es.„Es iſt nichts als eine voruͤber gehende Unpäßlichkeit,“ ſprach ſie ſanft, „Ruhe wird mich wieder herſtellen, eine ſchlaf⸗ loſe Nacht hat mich ermattet.“ Der Graf, ſeine Haͤrte gegen die Zarte tief bereuend, ſchlug be⸗ troſſen die Augen zu Boden, er erwartete irgend einen Vorwurf von ihr, um ſich zu rechtferti⸗ gen, ihr beweiſen zu konnen, daß nur die lei⸗ denſchaftlichſte Liebe ihn dazu verleitet haͤtte. Er wich den Tag uͤber nicht aus Euge⸗ niens Zimmer, uͤberbot ſich in Liebkoſungen und Zärtlichkeit fuͤr ſie; dieſe nahm Alles dan⸗ 216 kend und duldend anz aber ſie konnte ſeiner ſchnellen Verſohnung nicht froh werdenz der Sta— chel blieb in ihrer Seelt. Erinnerte ſie ſich an Favers Betragen: ſo erbebte ſie noch immer vor ſeinen herzloſen Worten; ſie vermied, ſich ſelbſt zu ſchonen, jede Beziehung darauf; und dieſe Zartheit ihres Sinnes, wurde aufs Neue von dem Grafen mißverſtanden; er ſah darin ein Gefühl von Schuld, welches ſie hinderte, ſich ihm gegenuͤber wegen des gehegten Verdachts zu reinigen. So warzwar wieder ein ſcheinbar gutes Verhaͤlt⸗ niß zwiſchen die Ehegatten getreten; denn von dieſem Zeitpunkte an verlor ſich das unbedingte Vertrauen zwiſchen Beiden. Eugenie buͤßte die ſchone Unbefangenheit ein, mit der ſie, Gra⸗ zie und Anmuth vereinend, ſo hinreißend war; ſtreng ſich beachtend, fand ſie Langeweile und Zwang, wo ſie ſich ſonſt fröhlich und frei bewegt hatte. Sie ſehnte ſich von der Hauptſtadt nach ihrem einſamen Schloſſe zuruͤck, ein unbeſchreib⸗ liches Verlangen zog ſie dorthin; uͤberdieß hatten ſehr beunruhigende Nachrichten aus Frankreich, von der uͤbeln Stimmung des Volks gegen das königliche Haus und ſeine Anhaͤnger ſich verbrei⸗ tet, und ihr Herz bedrängt; immer war ſie ohne Antwort auf alle Briefe an ihren Vater; durch 217 Freunde, ja durch die Königinn ſelbſt, hatte ſie auf ihn zu wirken verſucht; doch vergebens war Alles; Niemand durfte ihm den Namen der Tochter nennen. Des Magnaten Caboga's Stolz fand ſich durch dieſen unverſöhnlichen Groll gekraͤnkt; doch huͤtete er ſich, gegen Eugenien daruͤber zu reden, hart verletzte ſie jedes Wort in dieſer Be⸗ ziehung und dennoch wußte der Graf nicht ganz, wie tief ihr Kummer daruͤber war.—— Er wuͤnſchte eben ſo ſehr, wie Eugenie, nach Caboga zuruͤck, doch hielt ihn ein gewiſſer Trotz davon ab, mit Ernſt darauf zu dringen; angenehm wurde er daher uͤberraſcht, als dieſe ſelbſt der Ruͤckreiſe erwähnte. Und ſo erwartete das junge gräfliche Ehepaar nur die erſten Bo⸗ ten des Fruͤhlings, um die ſchnell geſchloſſenen Verbindungen in der Kaiſerſtadt, mit dem, ih⸗ rem Range zuſagenden, Anſtande zu loͤſen. Mit Knem frohen und ſtolzen Gefuͤhle ſaß der Graf Caboga neben ſeiner Gemahlinn im Reiſewagen, ähnlich den Empfindungen, als er ſeine ſchoͤne Beute zuerſt auf ſein Schloß ent⸗ fuͤhrte. Die frohe Bewegung ſeiner Seele äu⸗ ßerte ſich unverhohlen in der heiterſten Laune, welche ihn belebte, machte aber auf die ſtille Eugenie keinen wohlthuenden Eindruck, denn 2¹18 klar war ihr geworden, daß nur Selbſtſucht die maͤchtige Triebfeder der Liebe, oder vielmehr der leidenſchaftlichen Zuneigung ihres Gatten war. Zwar ſprach ſie ihr Herz von dieſem Fehler auch nicht frei; aber ſie geſtand es ſich zu gleicher Zeit, daß ſie, im ernſtlichen Kampfe dagegen ſiegen konne, ohne ſich ungluͤcklich zu fuͤhlen.— Ihre Ankunft auf Caboga verurſachte dort die lebhafteſte Freude, ſie fanden die Mutter einſam, ſich nach ihren Kindern ſehnend. Cä⸗ ciliens Beſuch war unerfuͤllt geblieben, eine fortwäͤhrende Unpäßlichkeit hatte ſie davon zu⸗ ruͤck gehalten Verändert kehrte Eugenie auf den Fami⸗ lienſitz ihres Gatten zuruͤck, nicht ſo blendend, nicht ſo anmuthig erſchien ſie, wie das erſte Mal, Alles mit Zaubergewalt ihres lebendigen Frohſinns hinein lockend; ernſter, aber lieblich anziehend, war die ſtille Freundlichkekk, mit der ſie jetzt waltete. War ſie, im uͤbermuͤthig eit⸗ len Gefuͤhle ihres Gluͤcks, hier fruͤher nur vom Sonnenſchimmer ihrer Liebe geblendet: ſo nahm ſie jetzt, von dem Froſte des Lebens beruͤhrt, mit ungeblendeten Augen alle die Ruͤckſichten und Pflichten wahr, welche ihr dieſes auflegte; die wirkliche Beſtimmung des Weibes erkennend, 219 war ſie bereit zu allen Opfern und Pflichten, die ſie nun erſt klar erkannte. Selbſt in der eigenen Tochter hatte die alte Magnatinn, deren ſchwache Geſundheit manche Sorge erforderte, die ihr mit Lodoisken ab⸗ geſtorben war, nicht eine ſo theilnehmende Ge⸗ ſellſchaft gefunden, als nun in Eugenien. Stand es der lieblichen Pariſerinn auch nicht ſo leicht an, thaͤtig manche Pflege der alten Dame ſelbſt zu uͤbernehmen, ſo erſetzten dieſen Mangel die zärtlichſten Bemuͤhungen. Graf Eaver gewöhnt, Eugenien ſonſt ausſchließlich mit ihm ſich beſchäftigt zu ſehen, war etwas unzufrieden mit der Veraͤnderung in Eugeniens Benehmen, wenn auch ihn zu gleicher Zeit ihre Liebe fur die verehrte Mutter begluͤcken mußte. Oft war die theure Euge⸗ nie zwiſchen Mutter und Sohn der Gegenſtand eines lebhaften Geſpraͤchs, welche Beide nichts ſehnlicher Huͤnſchten als einen Erben ihres Na⸗ mens von ihr zu empfangen, wozu die junge Frau indeß noch immer keine Hoffnung gab. Solche Geſpraͤche riefen bei dem Grafen im⸗ mer traurige Erinnerungen wach, ſchon lange lag der Wunſch verborgen in ſeiner Seele, den Knaben, das Kind Lodoiskens, zu ſehen; es duͤnkte ihm eine geheime Entſchaͤdigung fuͤr das 220 ihm ſo hartnäckig verſagte Vatergluͤck. Lange wollte er ſich dieſen Wunſch nicht eingeſtehen, doch immer lebendiger trat er hervor und ſo faßte er eines Morgens den Entſchluß, nach dem Gute Jablonka zu reiten. Unter dem Vorwande mehrere Jugendfreunde zu beſuchen, nahm er auf einige Tage von den Frauen Abſchied und war bald am Ziele ſeiner Reiſe. Er fand den Ba⸗ ron Jablonka mit Elotilden wohl und gluͤcklich, in ungetruͤbter Zärtlichkeit lebend und erfreute ſich an dem reinen Gluͤcke dieſer Familie. Die Baroninn nahm nach den erſten Stun⸗ den allgemeiner Unterhaltung, jetzt plötzlich ern⸗ ſter werdend, das Wort.„Herr Graf,“ ſprach ſie,„ich leſe in Ihren umher ſuchenden Blicken, daß Sie einen Gegenſtand neben uns vermiſſen, welcher wohl, wie ich hoffe, einen Antheil mit an der Ehre Ihres Beſuchs bei uns hat.“ Der Graf fuhr unangenehm uͤberraſcht auf; doch Clotilde, ohne außer Faſſung zül gerathen, fuhr fort:„Erſchrecken Sie nicht, lieber Grafz meinen guten Theodor mußte ich, als erge⸗ bene Ehefrau, von dieſem Geheimniſſe unter⸗ richten; die Kenntniß davon hat auch ihm das Kind, welches Caͤcilie fuͤr die erſten Lebens⸗ jahre meiner alleinigen Sorge anvertraute, noch theurer gemacht, und Ihnen iſt es dadurch ver⸗ 22¹ gönnt, Ihren Sohn, ſo oft Sie wollen, zu um⸗ armen.“— Der Graf zog. ihre Hand an ſein Herz. Sie entfernte ſich jetzt und kehrte bald darauf, ein Kind auf ihrem Arme tragend, zu⸗ ruͤck. Ein zartes, bleiches Engelsbild laͤchelte den Vater an, er blickte bewegt auf das Kind, in deſſen großen dunkelblauen Augen eine ſuͤße Schwärmerei zu wohnen ſchien, deſſen ſanft ge⸗ kräuſeltes Haar, einem zarten Goldſchimmer gleich, die kleine Stirn umgab.„Adolar,“ ſprach Clotilde,„haben wir den Kleinen, nach Caͤciliens Wunſche, getauft.“ Faver kaͤmpfte mit Ruͤhrung und Freude;„warum biſt Du nicht Eugeniens Sohn,“ ſprach er leiſe,„warum, mein Adolar, muß ich Dich ſcheinbar verſtoßen?“ Er blickte mit einem ent⸗ zuͤckten Ausdruck auf Clotilden nieder, welche das Kind ſanft in ihrem Schooße wiegend, voll Mutterzärtlichkeit ſich auf einem Seſſel nieder⸗ ließ.„O, ſaͤhe ich Eugenien ſo mir gegen⸗ uͤber, welches Loos waͤre beneidenswerther als das meine!“ rief er aus.— Er fuhr bei dieſen Worten mit der Hand uͤber die Stirn, um dem quälenden Phantaſiebilde nicht laͤnger Raum zu gönnen; dann tändelte er freundlich mit dem Knaben; ein ganz neues, nie empfundenes Ver⸗ gnuͤgen durchflog ſein Herz und als er ſchied, — ſchwelgte ſeine Seele in den Erinnerungen ſo freundlich verlebter Stunden. Eugenie empfing den Gemahl mit erhohter Zaͤrtlichkeit, lange hatte ſie ihm nicht ſo lebhafte Beweiſe ihrer Liebe gegeben, doch bemerkte ſie eine leichte Zerſtreuung in ſeinem Weſen;£a⸗ ver fuͤhlte, daß ſein Herz, welches ſich heute zum erſten Male der Vaterliebe geofſnet hatte, ſich zwiſchen zwei gleich innigen Empfindungen theilte, durfte er ſich Vorwuͤrfe daruͤber machen?—— 5 Eugeniens Bild, welches der Graf bei ſeiner Anweſenheit in Wien fuͤr den Ahnenſaal im Schloſſe Caboga hatte malen laſſen, und welches der Maler, um einen praͤchtigen Rah⸗ men dazu verfertigen zu laſſen, noch zuruͤck be⸗ halten hatte, war in ſeiner Abweſenheit ange⸗ langt. Uneroffnet ſtand der Verſchlag, der Graf ſelbſt ließ in ſeiner Gegenwart dieſen erſt oſſnen und an einem ſonnenhellen Morgen, da der Tag recht warm und glänzend durch die hohen Fenſter des Saales ſchien, ſchloß ſich das ſchöne Bild an die Reihe der edlen Ahnfrauen, welche die langen Waͤnde ſchmuͤckten. Eugenie war in einem blauen Gewande, wie ſie der Graf einſt bei dem Feſte in Verſailles erblickt hatte, gemalt, Brillantblumen ſchmuͤckten wie damals ihr Haar, ſie ſaß am ofſenen Fenſter, deſſen weit zuruͤck gezogene Purpurgardine eine freie Ausſicht in den Schloßgarten von Verſailles ge⸗ waͤhrte; der Maler hatte treu die Anſicht dar⸗ geſtellt, wo man im Hintergrunde die Grotte Neptuns erblickte, in welcher Graf Eaver das Geſtandniß der Liebe von Eugenien empfan⸗ gen hatte. überwältigt von Erinnerungen breitete Eu— genie die Arme dem Bilde entgegen.„O, mein geliebtes Verſailles!“ rief ſie voll Sehn⸗ ſucht aus; dann ſank ſie an die Bruſt des Gra⸗ fen und ſanfte Thränen perlten uͤber ihre Wan⸗ gen. Faver, die alte Gräfinn, verſtanden und ehrten Beide den Schmerz des Heimwehs, der durch Eugeniens Seele zog; doch wie lebhafte und ͤberraſchende Eindrucke das Gemuͤth ſelten lange bewegen? ſo verlor ſich auch bei die⸗ ſer die ſuͤße und doch ſo ſchmerzliche Empfin⸗ dung, beim läͤngern Anſchauen des Gemaͤldes, ja ſie machte vielmehr einem eitlen und leichten Eindrucke Platz. Die junge Gräfinn fand, nun ſich ausſchließlich mit ihrem Porträt beſchäfti⸗ gend, unzählige Fehler an demſelben, ſie fand 224 ihr Haar zu dunkel, das Kolorit nicht lebhaft genug, den Faltenwurf des Kleides zu ſchwer⸗ fällig, kurz, ſie hatte ſo Vieles daran auszu⸗ ſetzen, daß der Graf ſie im halben Scherze, doch im Herzen faſt unwillig, aus dem Saale zog, um ſich ſelbſt die Freude an dem Bilde nicht verderben zu laſſen. Eine ernſtlich werdende Kraͤnklichkeit der Graͤ⸗ ſinn Mutter rief Cäͤcilien nun auch nach Schloß Caboga hin, und ſchon in den erſten Tagen ihrer Anweſenheit bemerkte ſie die veraͤn⸗ derte Gemuͤthöſtimmung Eugeniens, obgleich ihrem eigenen Charakter, das gehaltvollere Be⸗ tragen derſelben ſehr zuſagte, indem der Schwe⸗ ſter fruͤhere eitele Tändeleien ſie weniger anſpra⸗ chen; eben ſo wenig entging es ihren richtigen und ſcharfen Beobachtungen, daß Eugeniens Haltung nicht frei vom Zwange warz ach, nur zu bald hatte ſie die traurige lberzeugung, daß unter den Roſen dieſes Ehegluͤcks eine Schlange lauſche. Sie huͤtete ſich indeß ſorgfaͤltig, auch nur durch einen Blick hier unzeitige Anregungen zu machen, wohl wiſſend, daß Herzen, die wahrhaft lieben, ſich am ſchnellſten, ohne fremde Einwirkung wieder zu vereinigen wiſſen. So⸗ bald Cäcilie ſicher war, daß Eugenie keine Ahnung von dem Verhaͤltniſſe habe, in welchem 225 Faver zu Lodoisken geſtanden hatte, beru⸗ higte ſie ſich uͤber die ſo oft vorwaltende Ver⸗ ſtimmung Eugeniens und die Pflege, die Sorge fuͤr die Mutter ließen ſie mehr, als ſie ſonſt wohl gethan haben wuͤrde, daruͤber weg ſehen. Der Graf Caboga wiederholte bald die Be⸗ ſuche beim Baron Jablonka, wo er die rein— ſten Genuͤſſe wirkſamer Haͤuslichkeit antraf; es konnte nicht fehlen, daß im Gegenſatz mit dem truͤben Leben, welches mit der Krankheit der ge⸗ liebten Mutter in ſeinem Schloſſe eingezogen war, ihn in des Barons Hauſe der ſtille 8e muͤthliche Geiſt anſprach, welcher dort ſo vor⸗ leuchtend herrſchte, und welcher von der jungen, bluͤhenden Hausfrau ausging, um belebend auf ihre Umgebung zu wirken. Clotilde, welche eine ſehr karge Ausbil⸗ dung ihres natuͤrlichen Verſtandes empfangen hatte, geſtattete dieſem wenig, ſich mit hohern, ihm fremd liegenden Dingen zu beſchaͤftigen; er war vielmehr bloß darauf gerichtet, das Gluͤck des Lebens, welches ſie ſo unverhoſſt, als das Ge⸗ ſchenk göttlicher Gnade und eines edlen Herzens empfangen hatte, feſter zu begruͤnden. Ein Muſter ſtrenger Ordnung, froher Thaͤtigkeit, wußte ſie die unbedeutendſten Genuͤſſe des Lebens zu er⸗ Erſter Vand. P 226 hoͤhen, und verſtand die ſchwere Kunſt, nicht allein ihren Mann, ſondern auch Jeden, der ihrem Kreiſe nahte, daran zu feſſeln. Nach ei⸗ ner reichen, genußreich verlebten Jugend, liebt die Mehrzahl der Maͤnner, ſich einem bequemen, doch nicht einengenden Leben anzuſchließen; das fand man in Clotildens Naͤhez gluͤcklich ſchla⸗ gende Herzen haben eine anziehende Kraft fuͤr Andere! So erging es jetzt dem Grafen Ca⸗ boga, der bald eben ſo oft von ſeinem Schloſſe abweſend, als dort war. Er entſchuldigte ſeine oͤftern Abweſenheiten mit der Einſamkeit, welche er zu Hauſe antreſſe und mit der Unmöglichkeit jetzt Freunde bei ſich zu ſehen; ſorgfältig ver⸗ ſchwieg er indeſſen, daß er nur zum Baron Jablonka reiſe, fuͤrchtend, daß Eugenie Verdacht wegen des dort gebornen Kindes faſſen moͤge, und aus Scheu vor der Schweſter Cä⸗ cilie, welche es ſich noch immer nicht erlaubt hatte, uͤber ſein Vergehen mit ihm zu reden. Der ſich lieblich entwickelnde Knabe, Ado⸗ lar, wurde ihm immer theurer, und Eavers Hang zur Galanterie fand, indem er, wie er faͤlſchlich wähnte, nur um des Kindes willen, ſo oft in des Barons Hauſe erſchien, zugleich neue Nahrung. Die reizende Clotilde, welche ſelbſt, nachdem ſie mehrere Jahre verheirathet — 227 S war, eine noch faſt jungfräuliche Blühte beſaß, wurde ſeinem Herzen gefährlich. Zwar blieb Eugenie die Gottheit desſelben, ſie ſtand ihm uͤber alle Frauen erhaben, er empfand eine ge⸗ wiſſer Maßen druͤckende Oberherrſchaft, die ſie gei⸗ ſtig uͤber ihn behauptete; das ganze Verhältniß zu ſeiner Gattinn hatte ſich vom erſten Augen⸗ blicke an, die berauſchenden Stunden, wo eine ſchwaͤrmeriſche Leidenſchaft ſie innig vertrauend an einander ſchloß, ausgenommen, unter einem quaͤlenden Zwange gebildet, der ſeine Nachwe⸗ hen dauernd uͤber dasſelbe ausgoß⸗ Eugenie litt ſehr bei der Vernachlaſſigung ihres Gemahls, doch wagte ſie nicht, ihm Vor⸗ wuͤrfe zu machen, ſie weinte in der Einſamkeit, ſie dachte mit Schmerz an ihr ſchoͤnes ungluck⸗ liches Frankreich, in welchem die Revolution bereits ausgebrochen warz den Vater, ihre theure Königinn, ſah ſie von drohenden Gefahren um⸗ ringt; ſo viele geliebte Menſchen wußte ſie der Verzweiflung Preis gegeben. Das gewaltſam zuruͤck gedraͤngte Gefuͤhl der Kindesliebe, er⸗ wachte jetzt lebendig in ihrer Bruſt, ſie ſah den ſonſt ſo ſtrengen Vater, bleich, gebeugt, von der Laſt, die er auf ſeinen Schultern trug, von Feinden umgeben, verzweifelnd der drohenden Gefahr entgegen ſtrebend; um jeden Preis wollte P2 228 ſie ſeine Verzeihung erringen, ſie wollte ihn be⸗ ſchwören, dem Beiſpiele ſo Vieler vom franzöſi⸗ ſchen Adel zu folgen, zu ihr zu fliehen, und ſo ergoß ſie ihre Klagen in nachfolgendem Brtefe: „Weit von Ihnen entfernt, mein Vater, ſehe ich Sie dennoch von allen Graͤueln und Schrecken umringt, welche unſer ſchoͤnes Va⸗ terland durchziehen. Die Kunde davon dringt“ durch die Welt, hier, in meinem einſamen Schloſſe zittere ich fuͤr Ihr theures bedrohtes . Leben. Das mit Schuld bedeckte Herz Ihrer Tochter ſchläͤgt bang und zagend. Noch ſind Sie nicht mit Ihrem Kinde verſoͤhnt und der Augenblick iſt ſo nahe, der Sie vielleicht fuͤr immer dieſer Verſohnung entzieht! O, zogern Sie nicht, das Wort der Vergebung uͤber die Reuige auszuſprechen! Wähnen Sie nicht, ich ſei gluͤcklich, ich ſchwelge in dem errungenen Gluͤcke, o nein! Erfahren Sie vielmehr, daß ich leide. Ihre drohenden Blicke treten zwiſchen mich und mein Gluͤck, der na— gende Schmerz der Reue, welcher aus mei⸗ nen Zuͤgen ſpricht, entfremdet mir das Herz meines Gatten; wie kann ich Freude geben, da ich ſelbſt verarmt an Freude bin? Ja, Ihr Segen, des Vaters Segen fehlt meiner Ver— bindung! Was hilft mir die Weihe der Kir⸗ 229 che, wenn mir die Weihe des Vaterherzens fehlt! Sebſt die Natur will den Bund nicht ſegnen, den ich voll gluͤhender Liebe geſchloſ⸗ ſen; noch wiegen meine Arme kein Pfand ehelicher Zärtlichkeit; voll Mutterſehnſucht, eiferſuͤchtig wendet ſich mein Auge auf das arme Bettelweib, das umringt von einer Schaar verhungerter Kinder, meinem Schloſſe voruͤber zieht; ich ſende der Darbenden von meinem liberfluſſe, und lindere die Noth man⸗ ches rauhen Tages; frohlich die dankenden Haͤnde zu mir erhebend, zieht ſie weiter, aber wuͤrde ich von ihrem Mutterreichthum nur den kleinſten Theil begehren, ſie wüͤrde ihn mir verſagen, ſie wuͤrde meine reiche Gabe verſchmähen. Trauernd bleibe ich zuruͤck, mein Haupt unter der Strafe des Himmels beu⸗ gend.“ „Erbarmen Sie Sich, mein Vater; denn nicht eher wird Ruhe und Freude in meine Seele ziehen, erbarmen Sie Sich Ihres Kin⸗ des, nehmen Sie meine Reue an! O, feiern Sie dieſe Verſohnung in unſern Armen, flie⸗ hen Sie ein Land, das wie ein Kind gegen die eigene Mutter wuͤthet, offene Herzen, oſſene Arme werden Sie empfangen, ein ed⸗ ler Familienkreis Sie als Oberhaupt ehren, 280 hier, entfernt von dem verwirrenden Geräu⸗ ſche der Welt, wird ſich ein neues Leben Ih⸗ nen aufſchließen; mir iſt es ſo ergangen, ich verachte die bunten ärmlichen Flittern, die ich ſonſt Leben nanntez im Umgange edler weiblicher Weſen, die ich Mutter, Schweſter nennen darf, empfing ich andere Anſichten, die ſchon fruͤher ſchlummernd in meiner Seele lagen, Ich fuͤhle Muth gegen meinen Kum⸗ mer anzukaͤmpfen, ich werde zu Ihrem Va⸗ terherzen ſchreien, bis Sie das verirrte wei⸗ nende Kind in Ihre Arme nehmen. Erſt dann wird ſich mein Gluͤck dauernd geſtatten; dieſe Hofſnung iſt die Bedingung meiner Ruhe.“ Dieſen Brief ſandte Eugenie aufs Neue nach Paris, voll Hoſſnung, endlich ihre Wuͤn⸗ ſche zu erreichen. Sie nahm allen ihren Muth zuſammen, ihren Gram zu verbergen; wohl theilten die Verwandten ihre Sorge um den Vater, und Laver vor Allen bemuͤhte ſich, ſeiner Gemahlinn die ſchrecklichen Ereigniſſe, welche ſich dort zutrugen, zu verheimlichen; doch gelang dieſes nicht immer, auch ſein Herz ſchlug za⸗ gend; er fuͤrchtete fuͤr ſeinen Schwiegervater, den Miniſter, Graf von Bourdonnaye das irgſte; er wußte eben ſo gut als Eugenie, 23¹ wie unguͤnſtig die Stimmung des Volkes gegen den Guͤnſtling des königlichen Hauſes war. Cäcilie empfing von Ckotilden die er⸗ freulichſten Naͤchrichten uͤber den kleinen Ado⸗ larz gern haͤtte ſie das Kind, auf welches ſie ſich von der Natur, als ſeine nächſte Blutsver⸗ wandte angewieſen ſah, da es von dem Vater fern bleiben mußte, einmal geſehen, doch er— laubte ihr klöſterlicher Stand ihr nicht, andere Beſuche, als im älterlichen Hauſe zu machen. Ihr Bruder Taver, ſollte, ihrer Meinung nach, nicht fruͤher das Daſeyn ſeines Sohnes erfah⸗ ren, als bis dieſer erwachſen und ausgebildet, des Vaters Anſehen gebrauchte, um ſein Fort⸗ kommen in der Welt zu ſichern. Dann waren Jahre vergangen, Tavers Herz, ſo waͤhnte ſie, ſei dann von allen Schlacken, welche ihm jetzt noch anhingen, gereinigt, die fruͤhere Ver⸗ gehung war abgebuͤßt, der geliebte Bruder ſollte dann ſein Auge nicht beſchaͤmt vor ihr nieder⸗ ſchlagen, er ſollte ſeine Hand dankend in die ihre legen, die ihn einſt ſanft uͤber einen ſich ihm eröfſnenden Abgrund gehoben hatte.—— Caͤcilie ahnte nicht, wie Clotildens fromme Beſchraͤnktheit, ihr reges, theitnehmen⸗ des Gefuͤhl, ſtorend in ihre Plane eingedrungen waren; und dieſe beruhigte ſich jetzt uͤber den 282 Verrath, den ſie an ihrer Wohlthaͤterinn began⸗ gen, da ſie das Kind, welches ſie ſo zaͤrtlich liebte, dadurch ſeinem Vater naͤher gebracht ſah. Des Grafen Caboga's zärtliche Huldigungen gingen uͤbrigens an ihrem reinen Sinne verle⸗ ren, ſie nahm freundlich die Beweiſe ſeines Wohlwollens als einen Dank fuͤr die muͤtter— liche Sorge fuͤr den kleinen Adolar hin, und der Graf wurde von ihrer Unbefangenheit in den Schrankrn der Ehrfurcht gegen die liebliche Frau gehalten; allmaͤlig verlor ſich ſo der Eindruck wieder, welchen ihre Reize auf ſeine Sinne ge⸗ macht hatten, Achtung und Freundſchaft traten an die Stelle einer fluͤchtigen Leidenſchaft und verſtaͤndigten die Anhaͤnglichkeit, welche er fuͤr des Barons Familie äußerte. Um dieſe Zeit trat der alte Sarackſor eines Morgens in der jungen Graͤfinn Euge⸗ nie Zimmer, triumphirend trug er einen Brief hoch in der Hand.„Endlich ein Brief aus Frankreich, des Herrn von Bourdon naye Wappen auf dem Siegel!“ rief er freudig aus. Eugenie fuhr uͤberraſcht empor, doch bleich und erſchoͤpft ſank ſie im naͤchſten Augenblick wieder zuruͤck, ihr fehlte faſt die Kraft den Brief aus Sarackſors Hand zu nehmen.„Ja, er iſt von meinem Vater!“ rief ſie freudig, und 233 druͤckte ihn ungeſtum gegen das Herz.„Laſſen Sie mich jetzt allein, guter Sarackſor,“ ſprach ſie weiter,„aber bleiben Sie in der Nä⸗ he, warten Sie im andern Zimmer; mein Ge⸗ mahl iſt abweſend und wenn ich dieſen Brief geleſen habe, werde ich ſeinen Inhalt unſeren redlichen treuen Freunden mittheilen.“ Sa⸗ rackſor entfernte ſich, dem Wunſche der Graͤ⸗ ſinn folgend und Eugenie erbrach den Brief. Sie entfaltete denſelben, es war nicht ihres Vaters, es war ihres Bruders Alexanders Hand, dieſer ſchrieb: „Dem Gebote meines unglücklichen Va⸗ ters zu Folge, empfaͤngſt Du den einliegenden Brief, es iſt nicht der Zeitpunkt, mit Dir uͤber die Beſchimpfung unſers Hauſes zu rech⸗ ten, die Dich den Gefahren dieſer, dem An⸗ ſchein nach ſchrecklichen Epoche, aus welcher das Heil Frankreichs hervor gehen wird, ent⸗ zogen hat. Die Zeit draͤngt, wichtigere Dinge nehmen mich in Anſpruch, ich werfe die klein⸗ lichen Sorgen des Lebens von mirz in dieſer Zeit der Bedraͤngniß, der allgemeinen Gäh⸗ rung, zerfallt das Schickſal, das Leben des Einzelnen in Nichts, es gilt nur in ſo weit, als es in Beziehung zu der allgemeinen gro⸗ ßen Kataſtrophe ſteht, welcher Frankreich ent⸗ „ 234 gegen geht. Ich gehe Hand in Hand mit den großen kuͤhnen Mannern, den Vertretern eines in den Staub geworfenen Volks, ich fuͤhle mich berufen, ſeine Freiheit mit den Waſſen zu vertheidigen. Wohl wußte ich, daß des Vaters Stand zum koniglichen Hau⸗ ſe, ſeine Anſichten den meinigen geradezu entgegen waren; doch ich war Mann gewor— den, und er ſtand am Wendepunkte ſeines Gluͤcks und ſeiner Macht. Mein Vater hatte mich fruͤh gelehrt, einen eigenen Willen zu haben; ich folge nur ſeinem Beiſpiele, indem ich mein Ziel unermuͤdet im Auge behalte. Zu ſeinem Schutze, denn ich kannte bereits die Gefahr, der er entgegen ging, eilte ich nach Paris, ich hoſſte durch meine Verbin— dungen einen Aufhalt ſeiner Verhaftneh⸗ mung zu bewirken; ihn, den ich als Menſch verdammen mußte, aus Sohnespflicht zu ret⸗ ten; ihm Gelegenheit zur Flucht zu verſchaf⸗ fen. Ich kam um einige Tage zu ſpät, ich fand ihn in der Conciergerie; unter den Hau⸗ fen unglucklicher Schlachtopfer, ſtand er er— bittert, doch gefaßt, er warf einen veraͤchtli⸗ chen Blick auf die Uniform, die ich trug, ich hob bittend meine Hände gegen ihn auf, das Wort, was ſeinen Lippen entſchluͤpfen wollte, — 235 zuruͤck zu draͤngen. Er ſchwieg, und es ge⸗ lang mir, ihm meine Hoſſnungen verſtohlen mitzutheilen. Er hoͤrte mich gleichgiltig an. „„ Thue was Dir Kindespflicht gebeut,““ ſprach er kalt vor ſich hin,„„meine Macht iſt hier am Ende, ich habe abgerechnet mit dem Leben: das Gewitter, welches jetzt ſeine Blitze vertheilt, ſtand lange am Horizonte, Niemand kannte ſeine drohende Gewalt beſſer als ich; die enge Verbindung mit einem rei⸗ chen Manne haͤtte mich retten koͤnnen, er ſollte meine Schutzwehr gegen dieſe zugelloſen Haufen ſeyn, mir behilflich werden, wenn das gefährliche Spiel, welches ich bis dahin, zu Gunſten des Erlauchten Hauſes geſpielt hatte, hinſank, den Platz zu tauſchen; ich hoſſte, es ſollte mir gelingen, wie fruher, meine Macht, mein Anſehen, nur unter andern Um⸗ ſtaͤnden zu behaupten. Deine Schweſter Eu⸗ genie hat meine Stellung in der Welt ver⸗ ſchoben; ein unverſoͤhnlicher Vater war ich ihr bis jetzt; doch ſie ſoll ihren Willen ha⸗ ben, ſie ſoll noch einmal die Stimme ihres Vaters vernehmen, dieſen letzten Auftrag uͤber⸗ gebe ich Dir.““ Er uͤberreichte mir den ein— liegenden Brief und ich eilte, denn die Zeit war koſtbar, meine Verbindungen fuͤr ſeine 236 Rettung zu benutzen. Viel ſpäter als ich dachte, gelang mir dieſes; nach fuͤnf Stunden raſtloſen Umherlaufens eilte ich endlich, ihm eine hoffnungsvolle Nachricht zu bringen. Seine Feinde waren mir zuvor gekommen, meine Abſicht errathend, hatten ſie ihr Schlacht— opfer bereits dem Tode zugefuͤhrt.“— „Verzweiflungsvoll, von Wuth entbrannt, lief ich in die ſonſt ſo glaͤnzende Wohnung meines Vaters, ich ſah nur die Truͤmmern einſtiger Groͤße; ode ſtand das Haus, nur der alte Thuͤrhuͤter ſaß in der Einfahrt des Hauſes, trotz der Pluͤnderung des rohen Hau⸗ fens, ſeinen Platz behauptend.“ „In ſeltſamer Verwirrung lag Alles bunt durch einander, ich lief mit zerſtortem Sinne durch die Zimmer; da erblickte ich zu meinen Fuͤßen, halb bedeckt von zerbrochenem Geräth, Dein Bild, Eugenie. Das Bild meiner einſt ſo ſehr geliebten Schweſter; die uns ver⸗ rieth, die der Sitte und der Ehre Hohn ſprach, um die Gefährtinn eines niedertraͤchtigen Bu⸗ ben zu werden!—— Dein Bild lächelte mich an, Eugenie, ſo voll Unſchuld und voll Freude, wie Du ſonſt mir gegenuͤber ſtandeſt, ich weinte um Dich; der Oberſte der Natio⸗ nalgarde, der noch geſtern kalt das Blut der 237 Unſchuld fließen ſah, weinte um eines falſchen Weibes willen. Hinweg ihr Thränen, dieſe Zuͤge, die ſo ſchmeichelnd in mein Herz blik⸗ ken, ſie gehören einer Verrätherinn, einer Schlange an!“— „Ach, und dennoch ſollen ſie hier nicht im Staube modern, dieſe Zuͤge, die mein Herz bewegen, die meine Rache um das Blut meines Vaters beſaͤnftigen. Dieſe Engelszuge will ich lieben, ſie ſollen mir Schweſter ſeyn, ich werde ſie an Melanie ſenden, Dir aber ſage ich ein ewiges Lebewohl, Du biſt jetzt fuͤr mich geſtorben, es ſei fortan keine Ge⸗ meinſchaſt zwiſchen Dir und mit.. Alexander Bourdonnaye.“ Eugenie hatte mehrmals unter dem Leſen inne halten muͤſſen, ihren ſtrömenden Thränen zu wehren. Mit Haſt griff ſie jetzt nach der Einlage, beduͤrftig der letzten väterlichen verſöh⸗ nenden Worte, begierig nach dieſem Troſte, fuͤr die harten Worte des Bruders; ahnungslos, was ſie leſen wuͤrde, entfaltete ſie das Blatt. Sie las: „Die Graͤſinn Caboga, die ſich meine Jochter nennt, indem ſie mit ſchamloſer Stirn zu meinem Herzen reden will, das ſie zertre⸗ ten, das ſie dem Hohne der Welt Preis ge⸗ 238 geben hat, empfange den Lohn, der ihr ge⸗ buͤhrt.“— „Verſoͤhnend ſoll ich die Hand ausſtrek⸗ ken, einen frommen Segen auf ſie nieder ſprechen. Ja, ſegnen will ich Dich, aber mit Blut, mit meinem Blute, das um Rache gegen Dich ſchreiet.— So nimm ihn denn hin, den blutigen Segen, der als Vaterftuch auf Dich nieder falle; Du haſt mich gemor⸗ det; Du biſt meine Morderinn. Wehe, we⸗ he! rufe ich uͤber Dich und Dein Geſchlecht. —— Spotteſt Du meiner, indem Du mei⸗ nen Segen zum Bedingniß Deines Eheſegens machſt. Was will die Mutter mit dem Kin⸗ de? ſie, die ſelbſt der Kindespflicht entſagt; nein, der Himmel verſage Dir die Mutter— freude, und ſollte meinen Verwuͤnſchungen zum Trotze, Dir einſt ein Kind im Schooße laͤcheln: ſo werde es von ſeinem eigenen Blute verfolgt; nur dann, wenn mein Geſchlecht ſich blutig an dem Hauſe Caboga rächt, wenn der Name Caboga durch jenes befleckt wird, moͤgen Eintracht und Liebe beide Haͤuſer ver⸗ ſohnen.* Cäſar von Bourdonnaye.“ 3 Eine unerklaͤrliche Spannung ihrer See— lenkrafte hatte Cugenien vermocht, den grauen⸗ 239 vollen Inhalt des Briefes bis zum Ende zu uͤber⸗ leſen, jetzt aber, da das ganze ſchreckliche Bild ihres drohenden, durch ſie gemordeten, die Hand zum Fluche gegen ſie ausſtreckenden Vaters vor ihrer Seele ſtand, brach ihre Kraft; mit einem lauten Angſtrufe ſank ſie in Convulſionen auf den Teppich des Zimmers nieder. Sarackſor, welcher ungeduldig im Neben⸗ zimmer der Gräſinn Ruf erwartet hatte, eilte herbei. Was mußte er erblicken, krampfhaft umſchloſſen die Finger der Graͤſinn den ungluck⸗ ſeligen Brief, nur mit Muͤhe gelang es ihm, dieſen aus ihrer Hand zu loͤſen; er legte die Lei⸗ dende auf ein Canapee und d durchflog mit Haſt das der Gräſfinn entriſſene Blatt. Erſchuͤttert ſank er in einen Seſſel, unfaͤhig der Gebiete⸗ rinn Hilfe zu leiſten; keine ihrer Frauen war in der Naͤhe. Der treue, dem gräflichen Hauſe bis zur Thorheit ergebene D Diener, konnte den Gedanken nicht faſſen, das durch eine lange Reihe von Jahren bluͤhende Haus der Cabo⸗ ga's von einem Fluche belaſtet zu ſehen, und er war behilflich dazu geweſen, er hatte ſeine Hand dazu geboten, dieſe Schmach auf ein ed⸗ les Seſchlecht herab zu ziehen. Sich ſelbſt ver⸗ wuͤnſchend, ſchlich er jetzt und zog an der Klin⸗ gelſchnur, um der Gräfinn Hilfe zu verſchaſſen. 240 Nach vielem Bemuͤhen gelang es ihren Frauen, ſie etwas zu beruhigen. Cacilie, die bei der Nachricht des plotzlichen Krampfanfalls, welchem Eugenie unterlegen, herbei geeilt war, ſtand an ihrer Seite, als ihr Bewußtſeyn zuruͤck kehrte. Fetzt erſt dachte ſie daran, nach der Urſache die⸗ ſes Zufalls zu fragen. Sarackſor warf einen ſprechenden Blick auf die Gräſinn Eugenie, und zog Caͤcilien einige Schritte weiter ins Zimmer.„Gnädigſte Graͤſinn,“ ſprach er, „empfingen Briefe aus Frankreich, welche Ihnen den Tod des verehrten Herrn Miniſters melde⸗ ten, er ſiel wahrſcheinlich als ein Opfer der Volks⸗ wuth.“ Eugenie, welche dieſe Worte hörte, wurde aufs Neue ohnmächtig.„Still,“ ſprach Cäcilie,„ſchonen Sie die Leidende; wo iſt der Brief?“„Schon verbrannt,“ ſprach der Alte,„ich fuͤrchtete, die gnädige Gräſinn wuͤrde ihn zum zweiten Male durchleſen wollen, warf ihn ſchnell ins Kamin; ſo waren wir ſicher, daß ſolches nicht geſchehen konne.“ „Unvorſichtiger,“ erwiederte Caͤcilie,„wie konnten Sie ſo eigenmaͤchtig handeln? Wenn der Graf zuruͤck kommt, wird er den Inhalt des Briefes wiſſen wollenz er wird ſehr unwil⸗ lig auf Sie werden.“ „Ich weiß den ungluͤckſeligen Inhalt nur zu 4* 5* 241 gut,“ ſprach Sarackſor,„ich werde ihn nie vergeſſen.“— „Wer ſchrieb den Brief?“ fragte Cäcilie. „Der Gräſinn Bruder,“ antwortete Sara ckſor. „O, welch ein Leid, welch ein Schmerz!“ ſeufzte die theilnehmende Cscilie:„arme, un⸗ gluͤckliche Schweſter, ſo ſind Deine traurigen Ahnungen wahr geworden!“ Sie gab Befehl, daß der kranken Mutter Alles verſchwiegen bliebe und Sarackſor entfernte ſich, bemuͤht den fuͤrchterlichen Brief, den er nicht verbrannt hatte, ſorgfaͤltig zu bewahren. Caͤcilie blieb indeß bei der bis zum Tode gebeugten Eugenie, welche unter der Schwere ihres Schickſals nieder ſank, und weinte theil⸗ nehmende Thraͤnen an ihrer Bruſt; da brach der Stolz, welcher bis dahin dieſe beherrſchte, die Zuruͤckhaltung ſchwand, ſie bedurfte des frem⸗ den Troſtes, denn ihre Seele war erſchoͤpft an eigener Beruhigung. „Ich will Ihnen mein ganzes Herz öffnen, gute Cäcilie,“ ſprach Eugenie,„Sie ſollen den ganzen Abgrund von Leiden kennen, in den ich verſunken bin!“ Und nun ergoß ſie ſich in Erſter Band. w 242 einem treuen Bericht aller ihrer erlebten Schick⸗ ſale; das Geſtändniß des Vaterfluchs entfloh ihren zitternden Lippen; aufgelöſt in Thraͤnen lag ſie in den Armen der frommen Schweſter. Cäcilie ſchauderte zuſammen uͤber den Frevel und die Verwirrung, welche ſeit wenigen Jah⸗ ren in ihrem Hauſe walteten; ihrem reinen Sinne lagen ſolche Vergehungen fern, und doch wurde ſie gewaltſam mit hinein gezogen.„Faſſe Dich, Eugenie,“ ſprach ſie troͤſtend,„Vater⸗ fluͤche hört der Himmel nicht, verſoͤhnt blickt Dein Vater jetzt aus einem andern Leben auf Dich nieder, und die Macht der Hölle zerſtiebt an einem frommen Wandel, an reinen Gebeten und an dem Segen der Kirche, ſei getroſt, ich vereinige meine Gebete mit den Deinigen!“— Eugenie blickte ſie wehmuͤthig an.„Eine Bitte,“ ſprach ſie ſanft,„habe ich an Dich, Du ſollſt mir rathen, ob ich Recht thue, wenn ich meinem Gemahle den Fluch, der mein Herz belaſtet, verhehle, wozu ſeine Seele bedrangen? Indem er ſich Vorwuͤrfe machen wird uͤber das Schickſal, welches er uͤber mich verhaͤngt hat, wendet ſich vielleicht ſein Unmuth gegen mich, die ich durch meine unſeligen Reize ſein Herz verfuͤhrte; ihm bleibe das Schreckliche verborgen, 243 Du, Cäcilie, wirſt mir trägen helfen, und ich verzage nicht ganz!“—— „Edle Seele!“ rief Caͤcilie,„ja, ich und der Himmel wollen Dir tragen helfen! Nein, mein geliebter Bruder erfahre nicht, welche Schmach ein erzuͤrnter Greis auf unſer Haus geſendet; er gehe in frohem Muthe ſeinen Weg. Wir Frauen ſind zum Dulden geboren, die ſchon⸗ ſten und zarteſten unſerer Gefühle entwickeln ſich im Schmerze; anders iſt es mit des Mannes Empfindungen! Ja, Du haſt Recht, Euge⸗ nie, ungerecht richtet ſich oft ſein erbittertes Gefuͤhl gegen das ſchuldloſe Opfer ſeiner Leiden, bei ihm entwickelt der Schmerz nur harte, ge⸗ haͤſſige Gefuͤhle, ja, laß uns das traurige Ge⸗ heimniß bewahren.“ So erfuhr Taver, als er am andern Tage zuruͤck kam, zwar den gewaltſamen Tod des Mi⸗ niſters, doch nicht, daß ſein Fluch die Tochter getroſſen. In heißer Liebe wandte ſich ſein Herz zu der leidenden Eugenie, er bot Alles auf, ſie zu tröſten. „Ich bin nun allein auf Dich angewieſen, mein Freund,“ ſprach ſie demuͤthig zu dem Gat⸗ O 2 244 ten,„von meinem Bruder empfing ich die To⸗ desbotſchaft, ach, auch er verwirft die entflyhene Schweſter,“ ſtoͤhnte ſie leiſe;„die erſten Wor⸗ te, die ich, ſeit ich aus dem Vaterlande ent— fernt bin, nun von ihm empfangen, beſtätigen es mir, daß ich ſein Herz verloren, ein ewiges Lebewohl ſagt mir der Grauſame: in ſchrecklicher- Verblendung hat er ſich der Revolution ange⸗ ſchloſſen, er hebt die bewafſnete Hand gegen den koͤniglichen Thron, gegen die eigenen Bruͤder, ach, auch er wird untergehen in dieſen Graͤueln!“— „Fuͤrchte nicht das Argſte,“ antwortete ihr Faver,„danke meiner Liebe, die Dich dieſen Gefahren entzog; ſchon von fern zerreißen ſie Dein Herz, Du wuͤrdeſt unterliegen, haͤtte Dich Dein Geſchick unter ſie geworfen; ſeit dem Be⸗ ginn der Unruhen habe ich füͤr Deinen Vater ge⸗ fuͤrchtet, o, warum folgte er nicht dem Bei⸗ ſpiele ſo Vieler und eilte in unſere Arme, ehe es zu ſpät war!—— Doch, wo ſind die Brie— fe?“ fuhr der Graf weiter fort,„laß mich ſelbſt leſen.“—* Eugenie ſenkte das Haupt, ihre Thranen floſſen aufs Neue;„der alte Sarackſor hat. — 245 ſie aus unzeitiger Sorge um mich verbrannt,“ ſprach ſie. „Welche Unbeſonnenheit!“ rief der Graf; er machte ſpaͤter dem Sarackſor Vorwuͤrfe daruͤber, dieſer aber hatte von den jungen Graͤ⸗ finnen ſchon die Weiſung erhalten, ſeinem Ge⸗ bieter den fuͤrchterlichen Inhalt der Briefe zu verſchweigen, er ließ den Unwillen des Grafen uͤber ſich ergehen, denn Cäcilie wurde von ihm, vor Allen verehrt, und ihrem Ausſpruche unter⸗ warf er ſich ſtets. Eugenie fand den einzigen Troſt an der Seite ihres Gemahls, mit einer ſeltſamen Angſt⸗ lichkeit wandte ſich ihre Aufmerkſamkeit faſt aus⸗ ſchließlich auf ihn; fuͤrchtete ſie vielleicht, der Fluch ihres Vaters wuͤrde das Theuerſte treſſen, das ſie beſaß? Lange war aver ihrer innigen Zaͤrtlichkeit nicht froh geworden, ihr hartes Schick⸗ ſal, ihre Leiden öffneten ihm das Herz ſeiner Gattinn wieder, er ſah ſich geliebt, angebetet wie fruͤher, und Stunden des hoͤchſten Gluͤcks gab die Liebe dem Gatten. Taver fuͤhlte ſich ganz an das Herz ſeines Weibes zuruͤck gezogen, dazu rief das Pflichtgefuhl ihn auf, die Leidende 246 in ihrem Schmerze nicht zu verlaſſen; wer hatte dazu groͤßeren Beruf, als er?— Waͤhrend ſo die körperlichen Leiden der Graͤ⸗ finn Mutter mit jedem Tage zunahmen, wal⸗ tete dennoch ein Geiſt der Liebe in dem alten Schloſſe, und beleuchtete die truͤben Stunden der Gegenwart oft mit ſeinem hellſten Glanze⸗ Enger zogen Leid und bange Befuͤrchtungen die verwandten Herzen an einander, nur der alte Sarackſor konnte den vorigen Frieden ſeiner Tage nicht wieder finden; es war, als ob mit dem Fluchbriefe des Miniſters, welchen er treu verwahrt auf ſeiner Bruſt trug, und den er zu eigener Qual, nur allzu oft wieder durch las, das Gewicht dieſes Fluches druͤckender auf ſeiner Seele laſtete. Truͤbe, aͤngſtigende Gedanken ver⸗ wirrten ſeine ſonſt ſo klaren Anſichten, und mach⸗ ten ihn mit ſich und ſeiner Umgebung unzu⸗ frieden. Sehr ſelten ritt der Graf jetzt auf einige Tage aus, um ſeinen Sohn und ſeine Freunde zu ſehen, nur auf wenige Stunden fuhr er mit den Frauen in der Gegend umher, da deren Ge⸗ ſundheit bei der ſteten Pflege der Kranken ei⸗ 247 nige Bewegung erforderte. War indeß das Wet⸗ ter zu rauh, ſo begaben ſich Eugenie und Caͤcilie nach der Tafel in den großen Ahnen⸗ ſaal, und Letztere erzaͤhlte der jungen Frau das Intereſſanteſte und Merkwuͤrdigſte aus dem Le⸗ ben ihrer Vorfahren, welche mit ernſten Mie⸗ nen, von den Bildern auf die bluͤhenden Er⸗ binnen ihres Namens nieder ſchauten. Der Graf Aaver war ihnen eines Tages dort hin gefolgt und lenkte ſeine Schritte, wie er immer gern that, wenn er in dieſem Saale war, zu Eugeniens Bilde. Wer malt ſein Erſtaunen, als er nur den leeren Rahmen des⸗ ſelben erblickte! Das Gemaͤlde ſelbſt war ver⸗ ſchwunden. Seine Begleiterinnen kamen auf ſeinen Ruf herbei und erſchraken wie er, bei der Entdeckung, welche ſie machten. Unerklaͤr⸗ lich war Allen das Verſchwinden des Bildes; ſie tauſchten die ſeltſamſten Muthmaßungen ge⸗ gen einander aus. Nur ein im Schloſſe genau Bekannter, konnte den Raub begangen haben, und dieſer hatte ſich viel Zeit dazu genommen; denn ſehr vorſichtig, wie es ſchien, ohne den Rahmen im mindeſten zu beſchaͤdigen, war das Bild aus dieſem heraus gelbſt. Immer zorni⸗ 1 248 ger ward der Graf bei dieſer Entdeckung; er ließ die ganze Dienerſchaft in den Saal kom⸗ men, denn ſein Verdacht ſiel auf dieſe. Mit donnernder Stimme forderte er den Thaͤter zum Bekenntniß auf; doch Alle ſchwiegen und be⸗ ſchworen, auf des Grafen nochmalige Aufforde⸗ rung, keinen Theil an dem Raube des Bildes zu haben. Des Grafen Zorn ſtieg mit jeder Minute, er drohte, eine ſtrenge Strafe uͤber den ergehen zu laſſen, der dieſen Frevel verubt habe.„Ihr, Sarackſor,“ ſprach er heftig, „werdet die genaueſte Unterſuchung unter mei— nen Dienern anſtellen, und mir unverzuͤglich das Reſultat davon anzeigen.“ Wirklich wen⸗ dete Sarackſor auch Alles an, den Thaͤter zu entdecken; allein es gelang ihm nicht, und Eugeniens Trauer uͤber dieſe Unannehmlich⸗ keit wurde nur durch das Verſprechen des Gra⸗ fen, bald einen beruͤhmten Maler aufzufordern, welcher hier im Schloß Caboga ſie aufs Neue malen ſolle, gelindert. Dem Grafen ſelbſt war der Vorfall am unangenehmſten, da er ſich das Verſchwinden des Bildes durchaus nicht zu deu⸗ ten wußte. Kurz nach dieſer Zeit wurde Eugenien 1 249 die Hoffnung, Mutter zu werden, und dieſe Hoffnung, die ſie fruͤher beſeligt haben wuͤrde, erfuͤllte ſie mit Furcht. Sie wagte nicht, ih⸗ rem Gatten dieſelbe mitzutheilen, gleich einem Geheimniß bewahrte ſie ſolche. Sie aͤngſtigte ſich im Voraus uͤber die Freude, welche ihr Ge⸗ mahl und deſſen Familie daruͤber aͤußern wuͤr⸗ den, durfte ſie dieſe Freude theilen? Ach, ſie ſah das Pfand ihrer Liebe ſchon dem Unglucke geweiht! Doch ſie rief Caͤciliens frommen Troſt ins Herz zuruͤck und die ſanften Vorah⸗ nungen der Mutterfreuden weckten endlich eine unendliche Liebe zu dem kleinen ungekannten Weſen, das ſie unter dem Herzen trug. Es gelang ihr, ſich von den finſtern Anſich⸗ ten, welche ſie uͤber die Geburt des zu hoſſen⸗ den Kindes hegte, allmälig freier zu machen; mit frommen Empfindungen erflehte ſie den Se⸗ gen Gottes darauf herab.„Laß, o mein Gott,“ betete Eugenie in einſamen Stunden,„laß mein Kind ein Geſchenk Deiner göttlichen Gnade ſeyn, gib mir Kraft, ſeine heilige Unſchuld gegen Verfolgungen feindlicher Maͤchte zu ſchuͤt⸗ zen, Du hoͤrteſt mein Flehen, Du erbarmteſt Dich meiner Sehnſucht nach einem Pfande meines 1 ½ 250 Gluͤcks. Die Verwuͤnſchungen eines unverſohn⸗ lichen Herzens ſteigen nicht zu Deinem Throne, Du wirſt ihnen keinen Einfluß uͤber ein Weſen goͤnnen, welches den Bund, den zwei liebende Herzen geſchloſſen, beſtaͤtigt!“ Immer mehr ſtaͤrkte ſich Eugeniens Ver⸗ trauen unter ſolchen frommen Gebeten, auf eine frohe Zukunft; ſie faßte Muth, dem Gatten das Geſtändniß ihrer Hoffnungen zu machen, und erwartete nur ſeine Zuruͤckkunft von einer ſeiner gewöhnlichen kleinen Reiſen in die Um⸗ gegend. XI. Finſter und in ſich gekehrt ſaß der alte Sa⸗ rackſor ſtets in ſeinem Zimmer, muͤhſam in den weitlaͤuftigen Geſchaͤften des Grafen Man⸗ ches ordnend, was er aufgeſchoben und verſaͤumt hatte. Auf den Schultern dieſes Mannes lag eine ſchwere Laſt, welche er ſich willig in fruͤ⸗ hern Jahren aufbuͤrdete. Man war es im Schloſſe gewohnt geworden, jede Familienangelegenheit, iedes bedeutende Geſchaͤft, durch Sarackſor 251 betreiben zu laſſen, und der bis dahin immer noch ruͤſtige Mann war auch viel zu ehrgeizig, um mit Jemand anders ſeine Geſchaͤfte zu thei⸗ len. Als waͤre er durch die Bande des Bluts dem Hauſe Caboga verwandt, ſo theuer war ihm die Ehre und das Gluͤck, ſo ſchmerzlich die Schmach, das Leid desſelben. Durch zwei Ge⸗ nerationen der Familie hatte er ſeine Treue be⸗ waͤhrt, fuͤr die dritte mußte er den Frieden ſei⸗ ner alten Tage opfern. Er liebte und verehrte ſeine junge Gebieterinn, die Graͤfinn Euge⸗ niez aber der Gedanke war ihm fuͤrchterlich, ſie von dem Fluche ihres erzuͤrnten Vaters ver⸗ folgt zu ſehen; er ſah fuͤr ſie, wie fuͤr den Gra⸗ fen, fortan kein Heil aus dieſer Verbindung entſtehen, und war froh, daß ſie bis jetzt ohne Nachkommen geblieben waren, an denen ſich die Verwuͤnſchungen des erzurnten Grafen von Bourdonnaye erfuͤllen konnten. Dem Gra⸗ fen, den er innig liebte, dem ſeine Seele aber nicht die Achtung zollen konnte, welche ſie ge⸗ gen den Pater Tavers erfullt hatte, miß⸗ gonnte er faſt die engelholde, ſanfte Gemahlinn, die, wie er aus ſeinen ſcharfen Beobachtungen uͤber das Benehmen des Grafen, nach der Ruͤck⸗ kehr von Wien, von dieſem hintergangen glaubte. 252 Der Zufall hatte ihn fruͤher zum Zeugen der Zuſammenkunft des Grafen und Lodoiskens im Jagdſaale gemacht: ein boͤſes Mißtrauen uͤber die Treue des Grafen gegen ſeine Gat⸗ tinn, beſchlich von da an ſein Gemuͤth, wel— ches noch mehr durch deſſen öftere Abweſenhei— ten vom Schloſſe genaͤhrt wurde. Wenn es wirklich ſo war; war es denn nicht beſſer, wenn dieſe Ehe, aus der ſo wenig Gluͤck erbluhte, wieder getrennt werden koͤnnte? Er war der— jenige geweſen, welcher willig die Hand gebo⸗ ten hatte, dieſe Verbindung allzu raſch zu ſchlie⸗ ßen; lag ihm auch nicht jetzt die Pflicht ob, ſie wieder zu loͤſen?. Solche Gedanken flogen oft durch den Kopf des alten Mannes; deſſen Geiſteskraͤfte merklich abnahmen, und ihn Vie⸗ les aus einem verkehrten Geſichtspunkte anſe⸗ hen ließen. Dieſen Beobachtungen hingegeben, erhielt Sarackſor eines Morgens wichtige Briefe aus Wien an den Grafen Caboga, von denen er voraus wußte, daß ſie einer ſehr ſchnel⸗ len Beantwortung bedurften. Da der Graf nicht zu Hauſe war, ging er zu der Grafinn hinauf, ihr die Briefe einzuhaͤndigen, ſeiner Ge⸗ bieterinn Befehle erwartend und es ihr anheim ſtellend, ob er ſolche erbrechen duͤrfe. 253 Eugenie in Allem ſtets behutſam, was die Angelegenheiten Anderer betraf, rieth dem alten Sarackſor, die Ruͤckkehr des Grafen abzuwarten, indem dieſer doch viell lleicht wuͤn— ſchen koͤnne, ſich vorher mit ihm daruͤber zu beſprechen. „Wenn dieſe morgen Abend beſtimmt er— folgte,“ ſprach Sarackſor,„wäre es gut; aber es iſt ungewiß, ob der Graf bis dahin zu⸗ ruͤck kommt und das Sicherſte waͤre, ich ſen⸗ dete dieſem einen reitenden Boten.“ „Das konnte geſchehen,“ erwiederte Eu⸗ genie,„wenn wir den Aufenthalt meines Gemahls beſtimmt wuͤßten, aber bei welchem von ſeinen Bekannten er ſich in dieſem Augen⸗ blick beſindet, weiß ich nicht, und ſo wird der Bote von einem Gute zum andern eilen; der Graf triſſt wahrſcheinlich fruͤher hier ein, ehe wir ihn aufgefunden haben.“ „Das fuͤrchten Euer Gnaden nicht,“ er— wiederte der Alte,„mein Bote wird den Gra⸗ fen wohl zu ſinden wiſſen,“ er begleitete d dieſe Worte mit einem ſchlauen Blicke, der Euge⸗ nien auffiel. 254 „Sie wiſſen den Aufenthalt des Grafen ſo beſtimmt, Sarackſor,“ fiel ſie ihm in die Rede,„ſonderbar faͤllt mir das auf, da mein Gemahl, wie er mir oft geaͤußert, ſich immer erſt unterwegs beſtimmt, welchen ſeiner Be⸗ kannten er beſuchen will. Wo glauben Sie denn den Grafen zu treſſen?“— „Wo anders, als beim Baron Jablon⸗ ka, wird er zu finden ſeyn,“ ſprach Sarack⸗ ſorz„ſollten Eure Gnaden daruͤber wirklich keine Muthmaßungen hegen?“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ erwiederte Eu⸗ genie,„welche Muthmaßungen ſollen das ſeyn? Erkläten Sie Sich daruͤber.“ Der Alte trat der Graͤfinn naͤher und ſprach: „Der Zufall fuͤhrt die Gelegenheit herbei, die ich lange gewuͤnſcht. Es iſt meine Pflicht, gna⸗ dige Frau, Sie auf die enge Verbindung auf— merkſam zu machen, welche mein Herr mit der Familie Jablonka geſchloſſen. Moͤgen Alle die Baroninn gut und freundlich nennen, ich kann es ihr nie verzeihen, daß ſie den Verlobten der Graͤfinn Caͤcilie geraubt. Sie hätte das Opfer nicht annehmen muͤſſen, welches ihr dieſe 235 brachte. Das Fräulein Clotilde wuͤrde leicht einen andern Braͤutigam erwählt haben; unſere junge Graͤfinn fuͤhrte das verlorne Gluͤck ins Kloſter.“. „Ihre Anſichten, Sarackſor, ſind ſehr ein⸗ ſeitig,“ erwiederte Eugenie,„gonnen Sie der huͤbſchen Baroninn immerhin den ſie liebenden Gemahl; glauben Sie, daß Cäcilie ſich jemals mit dem zweiten Platze in einem Herzen begnuͤgt haben wuͤrde, ſie, die alle Herzen zu beherrſchen verdient? Ich weiß am Ende beſſer, als Sie ſelbſt, mein alter Freund,“ ſprach Eugenie zutraulich, in halb ſcherzendem Tone;„Sie gönnen dem Baron das herrliche Gut nicht, welches er von meinem verewigten Schwieger⸗ vater empfangen und welches dadurch unſerer Grafſchaft entzogen. Iſt's nicht ſo?“— „Auch das wohl,“ antwortete Sarack⸗ ſor.„Niemand ſoll das Erbe ſeiner Vater fuͤr ſeine Nachkommen ſchmälern. Doch ich will ihnen das dadurch erlangte Gluck nicht miß⸗ gonnen, aber ein dankbares Herz haͤtte die Ba— roninn dafür zeigen muͤſſen. Sie hat Lodois⸗ ken, dieſem fluͤchtigen, leichtſinnigen Kinde, 256 welches, ich weiß es beſtimmt, das verwegene Herz in Liebe zu dem Grafen Kaper wandte, ihren Schutz verliehn, als die Strafbare, wahr⸗ ſcheinlich in Gram verging, da der Graf mit Ihnen, ſchoͤne Gräſinn, von der Reiſe zuruͤck kehrte. Sie hat Zuſammenkuͤnfte zwiſchen Bei⸗ den in ihrem Hauſe geduldet und beſtimmt; davon bin ich uͤberzeugt; ich ſelbſt fuͤhrte einſt einen geheimen Boten, von ihr geſandt, zu meinem gnädigen Herrn; der Tropf verrieth ſich durch ſeine Dummheit. Lodoiska ſtarb. Die Beſchuͤtzerinn der Unwuͤrdigen nahm ihre Stelle in dem Herzen des Grafen ein, das iſt gewiß. Nur auf Jablonka's Gut reitet der Graf, dort iſt er wie zu Hauſe, das iſt mir bekannt, was ſollte ihn dorthin ziehen, als die muntere, huͤbſche Frau? Warum verſchweigt er Euer Gna⸗ den, daß er immer dort iſt?“ Eugenie hatte ſich muͤhſam bezwungen, den geſchwaͤtzigen Alten ausreden zu laſſen. Sehr ernſt winkte ſie ihm jetzt zu gehen. Es fehlte ihr faſt an Worten, ſo beklommen fuͤhlte ſie ſich.„Laſſen Sie mich ſolche Sprache nie wieder hoͤren!“ zwang ſie muͤhſam hervor.„Ich halte Sie fuͤr meinen Freund, und Sie zerrei⸗ ßen mein Herz.“ 257 Sarackſor wollte noch Etwas ſagen; doch die Graͤſinn winkte ihm wiederholt zu gehen, und gedemuͤthigt, aber ſeine Ubereilung nicht ganz bereuend, entfernte er ſich. Da ſaß Eugenie mit gebrochenem Herzen, nicht ſo wild bewegt wie bei dem ungluͤckſeligen Brief, den ſie einſt aus vaterlichen Haͤnden empfing, aber tiefer noch ergriſſen, zweifelnd an dem Heiligenbilde ihres Glaubens.— Aber nur wenige Minuten dauerten dieſe fuͤrchterli⸗ chen Zweifel; dann erhob ſie kraͤftig die reine ſchone Seele uͤber dieſes Dunkel. Sie warf den ſchwarzen Verdacht gegen den Geliebten weit von ſich;„nein!“ rief ſie mit leuchten⸗ den Augen,„nein, mein Faver, auch nicht den leiſeſten Verrath will ich an Dir begehen, nicht ein Gedanke ſoll Dich kraͤnken, nichts Fremdes ſoll ſich ſtorend, trennend zwiſchen uns drängen. Nur Dir ſelbſt will ich glauben. Aug' im Auge ſoll mein Herz Dich pruͤfen und be⸗ ſteht Du dieſe Probe, bleibt Dir Eugeniens Liebe und Achtung!“——— Sie eilte, ſich der Einſamkeit und jedem ferneren Nachdenken uͤber Sarackſors Worte zu entziehen, an das Krankenbett der Mutter, an welchem Cäci⸗ Erſter Vand. R 258 lie weilte, ging ſie. In einer ſchoͤnen Begeiſterung verkundete ſie den aufhorchenden Lieben, ihre Hoff⸗ nungen fuͤr die Fortdauer des Namens Ca⸗ boga und ihre weichen Haͤnde trockneten die Thränen frommer Ruͤhrung, welche aus den matten Augen der alten Graͤfinn rannen. Schon am Abend des andern Tages kehrte der Graf zuruͤck. Sarackſors Bote hatte ihn aufgefunden. Eugenie empfing ihn in ihrem Zimmer: zutraulich wie ſonſt, nahte ſie ſich ihm mit unverhehlter Zaͤrtlichkeit, die der Graf feu— rig erwiederte, dann fragte ſie:„Sie waren beim Baron Jablonka? Gut, daß Sarack⸗ ſor Ihren Aufenthalt wußte; es ſind wichtige Briefe fuͤr Sie von Wien angekommen, welche eine ſchnelle Antwort erfordern; das war der Grund, warum ich Sie zuruͤck zu kehren bat. Du weißt ja, Faver,“ ſprach ſie zaͤrtlicher, „wie aufopfernd ich fuͤr Dein Vergnuͤgen bin, nie wuͤrde ich mir ſonſt erlauben, Dich darin zu ſtören.“ aver kuͤßte ſie ſanft auf die Wange.„Ja, ich war dort, Eugenie,“ ſprach er gleichgiltig. „Du biſt oft dort?“ fragte dieſe.—„Du gefaͤllſt Dir da? Aber warum empfangen wir — —————— 259 Jablonka's Beſuche hier in Caboga ſo ſel⸗ ten? Die Baroninn iſt ein freundliches, liebli⸗ ches Weſen, mir gleich an Jahren, wie kommt es, daß ich ſie ſo ſelten ſehe?“ „Aus Schonung fuͤr Caͤcilien, welche fruͤ⸗ her, wie Du weißt, den Baron ſehr geliebt, vermeide ich gern jedes Zuſammentreſſen der Bei⸗ den,“ antwortete Eaver, nicht ohne einen merklichen Unmuth uͤber Eugeniens Fragen. „Das ſoll mich aber von nun an nicht ab⸗ halten, Dich oft zu begleiten, wenn Du zu Jablonka's reiſeſt. Wirſt Du mich gern als Deine Begleiterinn ſehen?“ ſprach Eugenie und heftete die ſtrahlenden, ſeelenvollen Augen auf den Grafen. Dieſer wunderbar ergriffen von dem innigen Ton, mit dem ſie zu ihm ſprach, von der ſiegenden Gewalt ihres Blicks, ſchlug verwirrt ſeine Augen nieder, Scham und Un⸗ willen gluͤhten auf ſeinen Wangen, er ſah ſein Geheimniß verrathen und ſann betroffen, wie er dieſes ihn peinigende Geſpraͤch enden konne. Doch, dem Auge der Liebe entging die Be⸗ wegung ſeines Innern nicht. Eugenie ſah den Gatten im Bewußtſeyn der Schuld vor ſich R 2 260 ſtehen, ſie war uͤberzeugt von dem Elende ihres Lebens.—— Ihre Pulſe ſtockten, bleich und bebend rang ſie die ſchonen Haͤnde uͤber ihrem Haupte; dann aber faͤrbte eine dunkle Glut ihre Wangen, faſt ſchreiend rief ſie:„Dein Fluch, o Vater, iſt er⸗ fullt! Da ſteht der Strafbare und lächelt hoh⸗ niſch auf das Opfer ſeiner Leidenſchaft herab! D, Laver, Laver, Du haſt Eugeniens Herz gebrochen! Aber wähne nicht, daß ich länger das Spiel Deiner teufliſchen Laune ſeyn werde; ich gebe Dich auf, ich verwerfe ein Herz, das nie unbedingt mein war; ich wende mich weg von Allem, was mich liebend hier haͤlt, Fort, o fort ihr ſchmeichelnden Stimmen, ihr verfuͤhrt meine Seele, um ſie zu verderben! Eine rohe, furchtbgre Stimme ruft mich hin⸗ weg; ach, mein Geſchick wird nur verſoͤhnt ſeyn, wenn ich ihr folge! Ich komme, mein Vater; Eugenie kommt mit der Frucht einer ſtrafba⸗ ren Liebe unter ihrem Herzen, Deiner blutigen Spur zu folgen. An dem Orte, wo Dein Blut gefloſſen, will ich hinknieen, dort Deinen Schatten verſohnend anrufen und Deine Henker werden guch mich ergreifen, dieſes unſelige Daſeyn wer⸗ 261 den ſie enden; buͤßend werde ich ſterben und mit mir das unſchuldige Weſen, das ich dieſem ver⸗ raͤtheriſchen Manne nicht gebaͤren will!“ Der heftigen Anſtrengung unterliegend, ſank ſie mit den letzten Wrten in die Arme des Gemahls, der, gelähmt und erſtarrt, kaum die Kraft hatte, die Sinkende zu halten. Ende des erſten Bandes. In der Taubert'ſchen Buchhandlung in Leipzig ſind folgende beſonders empfeh⸗ lenswerthe Schriften erſchienen und in allen Buchhandlungen zu haben: Adelgunde oder die Stimme zu St. Brandeis, von u Win Almanach der Parodien und Traveſtien. Heraus⸗ gegeben von C. F. Solbrig, mit 1 Kupf. von Ram⸗ berg und Schmidt. 2te Aufl. 1 Thlr. 8 Gr. Dasſelbe, 2 Bde. Herausgegeben von G. Roller, mit 1 Kupf. von Ramberg. 16 Gr. Berger, Ida und Claire, oder die Freundinnen aus den Ruinen. 2 Thle. 8. 1 Thlr. 16 Gr. —— das wunderbare Verloͤbniß, oder die ſteinerne Braut, der hilfreiche Fiſch und das Kobermaͤnnchen. Drei Mährchen. N% Buͤßende, die ſchoͤne, oder Veronika aus den Kar⸗ Pathen. 2 hle 8 0 6r Caͤcilie von Burkartsheim, oder die Abenteuer auf der Leipziger Meſſe 8. 6G Cramer⸗ K. G., das Milchmaͤdchen. N. A. 1 Thlr. 8 Gr. Corelia, oder die Geheimniſſe des Grabes. Von der Verf. der Alma, des Walther zu Montbarry, des Hermann von Unna u. ſ. w. 2 Thle. 8. 3 Thlr. 16 Gr. Denkmaͤler, die, von Lichtenſtein oder die Trauung um Mitternacht in Tyrol. s. 1 Thlr. Elwin und Aminthe, oder der Kampf der Zauber⸗ kräfte. Ein Roman aus den letzten Zeiten der Zau⸗ berer und Feen. 8. 1821. 2221 6. Emilien, die beiden. Aus dem Engl. der Sophie Lee, von Fr. v Srtel⸗ 8 hr. Florentine, oder die Verhaͤngniſſe des Lebens. Eine Familiengeſchichte. 2 Thle. 8. 2 Chlr. Geiſtererſcheinungen am Grabe der Scipionen. Godwin, Ormund, oder der geheime Zeuge. Aus dem Eigl 8. 2 Thlr. Grahl, H., Nachklänge des Herzens. Erſte poetiſche Verſiche 8. 5 Gran, Tacano, oder Leben und Thaten eines Erz⸗ ſchelms. Ein Roman frei nach dem Spaniſchen des Quevedo, von Amalie Schoppe geb. Weiſe, Verfaſ⸗ ſerinn der Armida ꝛc. 2 Thle. 8. 2 Thle. Hohenſtamm, die Familie, oder Geſchichte edler Menſchen, von Sophie Ludwig geb. Fritſche. 4 Thle. mit Kupfern und Vignetten. s.„ 5 Thlr. 8 Gr. Junker Peter v. Quakenbach, eine Kloſtergeſchichte. Langbein, N., neueſte Schwaͤnke und Erzaͤhlungen. R Laura, die ſchoͤne, in den Kerkern der Inquiſition und ihre endliche Befreiung. Neue Aufl. 8. 16 Gr. Moͤnch, der. Aus dem Engl. 3 Thle. 8. 2 Thl. 12Gr. Muͤller, Ernſt, Gemaͤlde aus der wirklichen Welt, zur unterhaltung des Buͤrgerſtandes. 8. 1825. 1 Thlr. Enthaͤlt: Der verſetzte Ambos.— Meiſter Brauns Heirathsgeſchichte.— Einfalt und Gaunerei.— Das Raͤuſchchen.— Die reiche Erbſchaft.— Mei⸗ ſter Flau und ſeine werthe Gattinn.— Die Lot⸗ terieſpicler. Nachtwaͤchter, der, oder das Nachtlager der Gei⸗ ſter bei Saatz in Boͤhmen. Eine fuͤrchterliche Sage aus den Zeiten des grauen Zeitalters. 8.. 16 Gr. Hlsnitz, Ed⸗, Frhr. von, Geſchichten u. Bilder aus Theobalds Wanderbuch. 5. 1826.„21 Gr. Enthaͤlt: Romantiſche Blaͤtter von der Donau.— Das Forſthaus an der Oſtſee.— Ein Tag in Norwegen.— Reiſe von Holland nach Aachen.— Anſicht von Holland.— Der neue Grandiſon.— Ausfluͤge nach Franken.— Gemaͤlde von Wien.— Das Dachſtubchen in Berlin. Schoppe, A., geb. Weiſe, die Minen von Ein hiſtoriſcher Roman. 3 Bde. 8. 1826.. 4 Thlr. Solbrigs Deklamirbuch fuͤr Schulen. Cine Auswahl deutſcher Gedichte, Monologen, Dialogen, Reden, Erzaͤhlungen und dramatiſcher Scenen, ernſten und launigen Inhalts, mit Erlaͤuterungen uͤber den Vor⸗ trag derſelben, zum Behuf des Unterrichts auf Schu⸗ len, und der übung der Deklamation. Nebſt einem Anhange einiger lateiniſchen, franzoſiſchen, plattdeut⸗ ſchen und auderer Deklamationsſtuͤcke. 2 Bde. S. 1 Thlr. 18 Gr⸗ ———— * —— —xEr 5„—— Farbkarte 613 B.. G.