Tobias Smollet's humoriſtiſche Romane. Dritter Fand. Enthält: Roderich Random. IIHI. Stuttgart. Hallberger'ſche Perlagshandlung. 1840. Uoderich Random. Roman von Tobias Smollet. Aus dem Eugliſchen überſetzt von Eduard Keller. D i e Stuttgart. Hallberger'ſche Perlagshandlung. 1840. — Zweiunddreiſtigſtes Kapitel. Unſere Landtruppen werden eingeſchifft und errichten eine Faſchinen⸗Bat⸗ terie; unſer Schiff erhaͤlt nebſt vier weitern den Befehl, das Fort Bocca Chica zu beſchießen; Mackſhane's Feigheit; des Caplans Wahnſinnz der ehrliche Jack Rattlin verliert eine Hand; ſein Heldenmuth und ſeine Be⸗ trachtungen uͤber das Gefecht; Crampley's Benehmen gegen mich wah⸗ rend der Hitze des Gefechts. Nachdem unſere Truppen gelandet und die oben erwähnte Poſition eingenommen hatten, beſtand ihre erſte Beſchäftigung darin, zum Zwecke der Beſchießung der feindlichen Hauptſtadt eine Faſchinen⸗Batterie zu errichten, die nach etwas mehr als drei Wochen eröffnet werden konnte. Um den Spaniern ſo viel Ehre als möglich anzuthun, wurde in einem Kriegsrathe beſchloſſen, fünf unſerer größten Schiffe ſollten das Fort auf einer Seite an⸗ greifen, während die Batterie, verſtärkt durch zwei Mörſer und vierundzwanzig Cvehorns, ihm auf der andern zuſetzen würden. Demgemäß wurde für unſer Schiff zugleich mit den andern das verabredete Zeichen zum Kampfe aufgehißt, nachdem man uns in der Nacht zuvor benachrichtigt hatte, für dieſen Zweck Alles be⸗ reit zu halten. Bei dieſer Gelegenheit entſtand zufällig ein Streit zwiſchen Capitän Oakum und ſeinem zärtlich geliebten Vetter und Rathe Mackſhane, der faſt in einem offenen Bruche ausgegangen wäre. Der Doctor, welcher ſich eingebildet hatte, es ſey in dem Verſchlage eben ſo wenig Gefahr vor dem feindlichen Geſchütze zu 6 beſorgen, als in dem Mittelpunkte der Erde, war ſeit Kurzem be⸗ nachrichtigt worden, ein Wundarztgehülfe ſey in dieſem Theile des Schiffes durch eine Kanonenkugel, von zwei kleinen Redouten aus, die vor der Ausſchiffung unſerer Soldaten zerſtört wurde, um's Leben gekommen. Deßhalb beſtand er darauf, daß man zur Be⸗ quemlichkeit der Kranken und Verwundeten in dem hinteren Kiel⸗ raume eine Stellage errichte: denn dort hielt er ſich für ſicherer, als oben auf dem Verdeck. Der Capitän, entrüſtet über dieſen ſonderbaren Vorſchlag, beſchuldigte ihn der Verzagtheit und ſagte ihm, im Kielraume ſey kein Platz für dieſes Geſchäft; und wäre es auch ſo, ſo könne er nicht erwarten, daß man ihm mehr Recht einräume, als den übri⸗ gen Wundärzten der Flotte, welche zu dieſem Zwecke den Verſchlag benüzten. Da die Furcht Mackſhane hartnäckig machte, ſo beſtand er auf ſeiner Forderung, und wies ſeine Inſtruktion vor, wodurch er hiezu berechtigt wurde. Hierauf ſchwur der Capitän, dieſe In⸗ ſtruktionen ſeyen von einem Pack elender Memmen aufgeſetzt, die niemals zur See geweſen ſeyen. Indeſſen ſah er ſich genöthigt, nachzugeben, und ſchickte nach dem Schiffszimmermann, um ihm den Befehl dazu zu geben. Doch bevor dieſe Maßregel ſich aus⸗ führen ließ, wurde das Signal gegeben, und der Doctor ſah ſich ge⸗ nöthigt, ſeinen Leichnam dem Verſchlage anzuvertrauen, wo Mor⸗ gan und ich beſchäftigt waren, unſere Werkzeuge und Bandagen in Ordnung zu bringen. Unſer Schiff lichtete nebſt andern, für dieſen Dienſt beſtimm⸗ ten„ſogleich den Anker, und in weniger als einer halben Stunde ließen wir ihn im Angeſichte des Caſtels Bocca Chica wieder fal⸗ len. Nun begann die Kanonade, die in der That furchtbar war. Der Doctor fiel, nachdem er ſich bekreuzt hatte, platt hin auf das Verdeck, und der Caplan nebſt dem Proviantmeiſter, die uns als Beiſtand zugegeben waren, folgten ſeinem Beiſpiele, während der Walliſer und ich auf einer Kiſte ſaßen, einander mit großer Be⸗ 7 ſtürzung anſahen, und uns kaum bezwingen konnten, ebenfalls die⸗ ſelbe Stellung anzunehmen.— Auch wird der Leſer leicht begreifen, daß nichts Gewöhnliches uns dergeſtalt in Angſt verſetzte, wenn ich ihm die einzelnen Um⸗ ſtände dieſes ſchrecklichen und Entſetzen erregenden Lärms berichte. Das Feuer der Spanier kam von vierundachtzig Kanonen außer einem Mörſer und kleinem Geſchütz in Bocca Chica; von ſechsund⸗ dreißig im Fort St. Joſeph; von zwanzig in zwei Faſchinen⸗Bat⸗ terien und vier Kriegsſchiffen, deren jedes vierundſechzig Kanonen führte. Dieſem Geſchütz antwortete unſere Landbatterie mit ein⸗ undzwanzig Kanonen, zwei Mörſern und vierundzwanzig Coehorns, und fünf große Schiffe von ſiebzig oder achtzig Kanonen, welche ohne Unterbrechung feuerten. Wir waren noch nicht lange im Kampfe begriffen, als ein Matroſe einen andern auf ſeinem Rücken in den Verſchlag brachte und mir ſeinen Haferſack hinlegte, worauf er ſeinen Beutel her⸗ vorzog, und ein großes Stück Kautaback in ſeinen Mund ſteckte, ohne ein Wort zu ſprechen. Morgan unterſuchte ſogleich die Lage des Verwundeten, und rief aus:„So wahr ich dafür bürge, der Mann iſt ſo mauſetod, wie mein Urgroßvater!“—„Todt!“ ſagte ſein Kamerad,„er mag jezt todt ſeyn, ſo viel ich weiß; aber verdammt will ich ſeyn, wenn er nicht am Leben war, als ich ihn aufhob.“ Nach dieſen Worten wollte er auf ſeinen Poſten zurück, als ich ihn hieß, den Leichnam mit ſich fort zu nehmen und über Bord zu werfen. „Verdammt ſey der Leichnam!“ ſagte er,„ich glaube, es iſt redlich genug, wenn ich für meinen eigenen Sorge trage.“ Mein Mitgehülfe ergriff das Amputirmeſſer, rannte ihm halb⸗ wegs auf der Leiter nach und ſchrie:„Du lauſiger Hund! iſt hier der Kirchhof oder das Gebeinhaus oder die Gruft oder das Gol⸗ gatha des Schiffes?“— wurde aber in ſeinem Laufe von einem aufgehalten, der rief;„Ho, ho, halt da, ſchwül! ſchwül!“ 8 „Ja wohl, ſchwül!“ gab Morgan zur Antwort:„Gott weiß, es iſt heiß genug, wahrlich! wer ſeyd Ihr 2 „Da bin ich!“ erwiederte die Stimme; und ich erkannte ſie ſogleich für die meines ehrlichen Freundes Jack Rattlin, der auf mich zukam und mir mit großer Ruhe ſagte, am Ende ſey er doch gekappt worden, wobei er mir die Ueberreſte ſeiner durch ei⸗ nen Kartätſchenſchuß zerſchmetterten Hand vorwies. Ich bezeigte ihm meine aufrichtige Theilnahme über ſein Unglück, das er mit ſtandhaftem Muthe ertrug, indem er bemerkte, jeder Schuß habe ſeine Beſtimmung:„es ſey gut, daß es ihn nicht in den Kopf ge⸗ troffen habe; oder wenn dieß auch der Fall geweſen wäre, ſo würde er als braver Kerl für ſeinen König und ſein Vaterland geſtorben ſeyn. Der Tod ſey eine Schuld, welche Jedermann bezahlen müſſe, ob heute, ob morgen.“ Die Grundſätze dieſes Seephiloſophen gefielen mir ſehr, und erbauten mich nicht wenig, denn er hielt die Amputation ſeiner linken Hand ohne Zittern aus. Dieſe Operation wurde auf ſeine Bitte von mir vollzogen, nachdem Mackſhane, den man mit Mühe vermochte, ſein Haupt vom Verdeck emporzuheben, die Abnahme des Gliedes für nothwendig erklärt hatte. Während ich mich damit beſchäftigte, den Stumpf zu verbin⸗ den, bat ich um Jack's Meinung über die Schlacht, worauf er den Kopf ſchüttelte und mir frei heraus ſagte, er glaube, wir würden nichts Gutes bewirken: denn warum? weil, anſtatt das Anker hart am Ufer auszuwerfen, wo wir es nur mit einer Seite von Bocca Chica zu thun gehabt hätten, wir den Hafen öffneten, und ſo uns dem ganzen Feuer des Feindes von ſeinen Schiffen und dem Fort St. Joſeph ſowohl, als von dem Caſtelle, das wir beſchießen wollten, preisgaben. Ueberdieß lagen wir in einer zu großen Entfernung von den Wällen, um ihnen Schaden zuzufü⸗ gen, und drei Viertheile unſeres Geſchützes kamen nicht an das Ziel; denn kaum verſtand Jemand an Bord die Richtung einer 9 Kanone.„Ach, helf' uns Gott!“ fuhr er fort,„wäre unſer Landsmann, Lieutenant Bowling, hier geweſen, es wäre wahr⸗ ſcheinlich anders gegangen.“ Während deſſen hatte die Zahl unſe⸗ rer Patienten ſich ſo vermehrt, daß wir nicht wußten, was mit ihnen anzufangen wäre, und der erſte Gehülfe ſagte geradeaus zu dem Doctor, wenn er nicht ſogleich aufſtehe und ſeiner Pflicht nachkomme, ſo werde er ſich bei dem Admiral über ſein Benehmen beklagen und ſelbſt um ſeine Beſtallung als Oberarzt nachſuchen. Dieſe Vorſtellung that augenblickliche Wirkung bei Mackſhane, der gegen einen Grund, wobei ſein Intereſſe betheiligt war, niemals taub blieb. Er ſtand deßhalb auf, und nahm zur Stärkung ſei⸗ nes Entſchluſſes mehr als einmal ſeine Zuflucht zu einem Flaſchen⸗ futter voll Rums, den er dem Kaplan und Proviantmeiſter frei⸗ gebig anbot, die ſolcher außerordentlichen Mittel zur Belebung ih⸗ res Muthes eben ſo ſehr bedurften, als er ſelbſt. Nach dieſer Herzſtärkung ging er an das Geſchäft und nun wurden Arme und Beine ohne Gnade weggemetzelt. Der in des Pfarrers Hirn auf⸗ ſteigende Dunſt der Flüſſigkeit, verbunden mit ſeiner vorherigen Geiſtesſtörung, benahm ihm vollends allen Verſtand; er entklei⸗ dete ſich bis auf die Haut, beſchmierte ſeinen Körper mit Blut, und man konnte ihn kaum davon abhalten, in dieſem Zuſtande auf das Verdeck zu ſpringen. Jack Rattlin, empört über dieſes Benehmen, ſuchte ſeine Tollheit durch Vernunftgründe zu beſchwich⸗ tigen; als er jedoch ſah, daß alle ſeine Worte wirkungslos auf ihn blieben, und durch ſeine Raſerei große Verwirrung entſtand, ſo ſchlug er ihn mit der rechten Hand zu Boden, und hielt ihn durch Drohungen in dieſem Zuſtande der Erniedrigung feſt. Allein es lag nicht in der Macht des Rums, den Proviantmeiſter zum Aufſtehen zu bringen, welcher auf dem Boden ſaß, händeringend und die Stunde verfluchend, in welcher er die ehrliche Profeſſion eines Bierbrauers in Rocheſter verlaſſen hatte, um ſolch einem Le⸗ ben des Schreckens und der Unruhe ſich anzuſchließen. Während 10 wir uns auf Koſten dieſes armen Teufels unterhielten, traf uns ein Schuß zwiſchen Wind und Waſſer, ging durch des Proviant⸗ meiſters Vorrathskammer, richtete eine ſchreckliche Verheerung un⸗ ter den Krügen und Flaſchen auf ihrem Wege an, und brachte Mackſhane ſo außer Faſſung, daß er ſein Scalpell fallen ließ, und, in die Kniee ſtürzend, ſein Paternoſter laut betete; der Zahlmei⸗ ſter fiel rückwärts und lag ohne Beſinnung oder Bewegung da; und der Caplan wurde ſo wild, daß ihn Rattlin mit ſeiner Hand nicht feſthalten konnte, ſo daß wir uns genöthigt ſahen, ihn in des Doctors Zimmer einzuſperren, wo er ohne Zweifel tauſend Tollheiten beging. Faſt in demſelben Augenblick kam mein alter Widerſacher Crampley mit dem ausdrücklichen Befehle, wie er ſich ausdrückte, herab, mich auf das Halbverdeck zu holen, damit ich dem Capitän eine leichte Wunde, welche er durch einen Splitter erhalten habe, verbände. Der Grund, warum er mich beſonders mit dieſem Stück Arbeit beehre, beſtehe darin, daß, falls ich un⸗ terwegs getödtet oder dienſtuntüchtig würde, mein Tod oder meine Verſtümmelung für die Schiffsmannſchaft von geringeren Folgen ſeyn würde, als der Tod des Doctors oder des erſten Gehülfen. Zu einer andern Zeit vielleicht würde ich dieſem Befehle mich widerſetzt haben, da ich ihm nicht die mindeſte Rückſicht zu ſchen⸗ ken verbunden war, weil ich jedoch glaubte, mein Ruf hänge von meiner Einwilligung ab, ſo entſchloß ich mich, meinen Gegner zu überzeugen, daß ich mich ſo wenig, als er, fürchte, der Gefahr in's Angeſicht zu ſchauen. In dieſer Abſicht verſah ich mich mit Bandagen, und folgte ihm unmittelbar auf das Halbverdeck durch eine faſt hölliſche Scene von Mord, Feuer, Rauch und Geheul. Als Capitän Oakum, der ſich an den Beſanmaſt lehnte, mich in meinem Hemde mit an die Achſel aufgeſtülpten Aermeln und blutbeſchmutzten Händen herankommen ſah, ſo drückte er ſein Miß⸗ fallen durch Stirnrunzeln aus, und frug, warum der Docktor nicht komme? Ich erwiederte, Crampley habe mich, als auf aus⸗ 11 drücklichen Befehl, herbeſchieden, worüber er in Erſtaunen gerieth, und die Drohung ausſtieß, den Midſhipman nach dem Treffen für ſeine Anmaßung zu beſtrafen. Hierauf ſchickte er mich wieder an meinen früheren Poſten zurück, mit dem Befehle, Mackſhane zu ſagen, der Kapitän erwarte ihn augenblicklich.“ Ich kam wohl⸗ behalten zurück, und richtete meinen Auftrag an den Doctor aus, der ſich durchaus weigerte, den ihm durch ſeine Inſtruktionen an⸗ gewieſenen Poſten zu verlaſſen; worauf Morgan, der meinem Vermuthen nach auf meinen Ruhm der Entſchloſſenheit eiferſüchtig war, die Sache übernahm und mit großer Unerſchrockenheit hinauf⸗ ſtieg. Als der Capitän den Doctor hartnäckig fand, ließ er ſich verbinden, und ſchwur, Mackſhane gefangen ſetzen zu laſſen, ſo⸗ bald der Dienſt vorüber ſey. Dreiunddreißigſtes Kapitel. In den Mauern wird Breſche geſchoſſen, unſere Soldaten ſtuͤrmen und nehmen den Platz ohne Widerſtand; unſere Matroſen bemeiſtern ſich zu gleicher Zeit aller andern feſten Punkte in der Naͤhe von Bocca Chica, und nehmen Beſitz von dem Hafen; die guͤnſtigen Folgen dieſes Ereig⸗ niſſes; wir ruͤcken naͤher an die Stadt, finden zwei Forts verlaſſen, und den Kanal durch verſunkene Schiffe verſtopft; es gelingt uns, ihn davon zu befreien; wir ſetzen unſere Soldaten bei La Guinta an's Land; ſchlagen ein Corps Miliz zuruͤck; greifen das Caſtell St. Lazarus an, und werden mit großem Verluſte zum Ruͤckzug gendothigt; die Truͤmmer unſerer Armee werden wieder eingeſchifft; ein Verſuch unſeres Admirals, die Stadt zu nehmen; die Einrichtungen bei unſerer Expedition werden beſchrieben. Nachdem wir das Fort vier Stunden lang beſchoſſen hatten, erhielten wir den Befehl, die Anker zu lichten und abzuziehen. Jedoch am nächſten Tage erneuerte ſich das Gefecht, und dauerte vom Morgen bis Nachmittags, wo das feindliche Feuer von Bocca Chica nachließ, gegen Abend aber gänzlich ſchwieg. Nachdem auf der andern Seite von unſerer Landbatterie eine Breſche geſchoſſen worden war, die Breite genug hatte, um einen mittelgroßen Affen hindurch zu laſſen, vorausgeſetzt, daß er Mittel und Wege fände, hinauf zu klettern, entſchloß ſich unſer Befehlshaber, in dieſer Nacht einen Sturm zu wagen, und commandirte wirklich ein Detaſchement zur Ausführung dieſes Vorhabens. Die Vorſehung ſtand uns bei dieſer Gelegenheit offenbar bei, und legte es in die Herzen der Spanier, daß ſie das Fort verließen, obwohl daſſelbe von ent⸗ ſchloſſenen Männern bis zum letzten Gerichtstage gegen jede mög⸗ liche Gewalt unſeres Angriffs hätte geſchirmt werden können. Und während unſere Soldaten von den feindlichen Wällen, ohne Widerſtand zu finden, Beſitz nahmen, hatte ein Corps Matroſen ähnlichen glücklichen Erfolg. Dieſe machten ſich nämlich zu Herren des Forts St. Joſeph, der Faſchinenbatterien und eines ſpaniſchen Kriegsſchiffs; die drei andern wurden von dem Feinde verbrannt oder verſenkt, damit ſie nicht in unſere Hände fielen. Die Weg⸗ nahme dieſer Forts, auf deren Stärke die Spanier hauptſächlich vertrauten, machte uns zu Herren des äußeren Hafens, und er⸗ regte unter uns große Freude, da wir darauf zählten, wenigen oder gar keinen Widerſtand von Seiten der Stadt zu finden. Und wahrlich! wenn nur ein paar große Schiffe ſogleich nach Carthagena hinaufgeſegelt wären, bevor ſich deſſen Einwohner von der Ver⸗ wirrung und Verzweiflung, die unſer unverhofftes Glück unter ihnen hervorbrachte, erholt hätten, ſo wäre die Sache wahrſchein⸗ lich ohne weiteres Blutvergießen zu unſerer Zufriedenheit ausge⸗ gangen. Allein dieſen Schritt zu thun, verſchmähten unſere Helden als eine rohe Verhöhnung des Unglücks der Feinde, und gaben ihnen ſomit Friſt genug, ſich vom erſten Schrecken zu erholen. Unterdeſſen hatte Mackſhane den Vortheil dieſes allgemeinen Jubels benutzt, unſerm Capitän die Aufwartung gemacht, und 13 ſeine Sache ſo wirkſam geführt, daß er wieder zu Gnaden ange⸗ nommen wurde. Was Crampley anbelangt, ſo nahm man von ſeinem Benehmen gegen mich während des Gefechtes keine Notiz mehr. Allein von allen Folgen des Siegs war keine erwünſchter und angenehmer, als ein Ueberfluß an friſchem Waſſer, wornach wir fünf Wochen lang geſchmachtet hatten, während deſſen man jeden Mann täglich auf eine Viertelsgallone beſchränkte, und zwar in der heißen Zone, wo der Sonnenſtrahl ſenkrecht herabfiel und der Verbrauch an körperlicher Ausdünſtung ſo groß war, daß eine Gallone Flüſſigkeit kaum den Bedarf von vierundzwanzig Stunden deckte; namentlich da unſer Mundvorrath aus faulichtem Pöckel⸗ fleiſch beſtand, welchem die Matroſen den Namen indiſches Pferde⸗ fleiſch gaben; aus Pöckelſchweinefleiſch von Neuengland, das, un⸗ geachtet es weder Fiſch noch Fleiſch war, doch nach beiden ſchmeckte; aus Brod von dem gleichem Lande, wovon jeder Biſſen, wie ein Uhrwerk, durch eine verborgene Kraft ſich rührte, welche von den Myriaden darin hauſender Inſekten ausging; endlich Butter, die Viertelspintenweiſe ausgewaſchen wurde, und wie verdickter Wall⸗ fiſchthran mit Salz ſchmeckte. Anſtatt Dünnbiers erhielt jeder Mann drei halb Quart Branntewein oder Rum, welche alle Morgen mit einer gewiſſen Quantität ſeiner Waſſerportion verdünnt ausgetheilt wurde, ohne Zucker oder Früchte, um ſie genießbar zu machen, weßhalb die Matroſen die Compoſition nicht ohne Witz mit dem Namen„Kehlenzwang“ belegten. Dieſe Verkürzung des einfachen Elements rührte aber nicht von einem Mangel deſſelben an Bord her, denn es befand ſich damals Waſſer genug in dem Schiff für eine Reiſe von ſechs Monaten, und eine tägliche Portion von einer halben Gallone auf den Mann. Ich vermuthe indeſſen, daß dieſes Faſten der Schiffsmannſchaft als Buße für ihre Sünden auferlegt wurde, oder daß vielmehr die Abſicht dabei zu Grunde lag, ſie zur Lebensverachtung abzuhärten, damit ſie hiedurch ent⸗ ſchloſſener und rücſichtsloſer gegen Gefahr würden. 14 Wie einfältig urtheilen daher Solche, welche die große Sterb⸗ lichkeit unter uns unſerem ſchlechten Mundvorrathe und Waſſer⸗ mangel zuſchreiben, und die behaupten, manches koſtbare Leben wäre erhalten worden, wenn man die zweckloſen Transportſchiffe dazu benutzt haben würde, von Jamaika und andern umliegenden Eilanden, zum Gebrauch des Heeres und der Flotte, friſche Vor⸗ räthe, Schildkröten, Früchte und ſonſtige Erfriſchungen kommen zu laſſen, beſonders wenn man noch in Betracht zieht, daß die Ge⸗ ſtorbenen wahrſcheinlich an einen beſſern Ort kamen, und die Ueberlebenden um ſo leichter erhalten wurden. Es bleiben noch immer Leute genug übrig, um vor den Mauern von St. Lazarus zu fallen, wo ſie ſich benahmen, wie die Ochſen ihrer Heimath, welche mit geſchloſſenen Augen den Bären in den Rachen laufen, und für ihre Tapferkeit ſich den Kopf zerſchmettern laſſen. Doch wieder zurück zu meiner Erzählung. Nachdem wir in die genommenen Forts Beſatzungen gelegt, und unſere Soldaten nebſt der Artillerie wieder eingeſchifft hatten(ein Stück Arbeit, das uns länger als eine Woche aufhielt), ſo warfen wir uns in die Mündung des inneren Hafens, der durch eine große Citadelle einerſeits und eine kleine Redoute andrerſeits geſchützt wurde, die beide vor unſerer Annäherung verlaſſen wurden, während der Ein⸗ gang in den Hafen von mehreren alten Galeoten und zwei Kriegs⸗ ſchiffen gedeckt war, welche der Feind in den Kanal verſenkt hatte. Wir verſuchten jedoch, den Durchgang für einige Schiffe zu er⸗ zwingen, die eine zweite Landung unſerer Truppen an einer Stelle, die den Namen La Guinta trug, und in der Nähe der Stadt lag, decken ſollte. Daſelbſt ſchlugen ſie, nach ſchwachem Widerſtande von Seiten der Spanier, die ihre Ausſchiffung verhindern wollten, in der Abſicht ein Lager auf, das Caſtell St. Lazarus zu be⸗ lagern, welches durch ſeine höhere Lage die Stadt beherrſchte. Ob unſer berühmter General Niemand in ſeinem Heere hatte, der Ap⸗ proſchen anzulegen verſtand, oder ob er einzig und allein dem Ruhme 15 ſeiner Waffen ſich anvertraute, will ich uneniſchieden laſſen, genug, in einem Kriegsrathe wurde beſchloſſen, daß man den Platz nur mit Musketenfeuer angreifen wolle. Dieß wurde ausgeführt und batte einen entſprechenden Erfolg, denn der Feind empfing uns ſo berzhaft, daß der größte Theil des Detaſchements für immer auf dem Platze blieb. Unſer Anführer, dem dieſe artige Bewillkommung der Spa⸗ nier nicht behagte, beſaß Einſicht genug, um mit dem Ueberreſte ſeiner Armee an Bord zurückzukehren, welcher von achttauſend dienſt⸗ fähigen Leuten, welche auf der Bai in der Nähe von Bocca Chica gelandet hatten, nun auf fünfzehnhundert zuſammengeſchmolzen war. Die Kranken und Verwundeten ſtopfte man in gewiſſe Fahr⸗ zeuge, die damals den Namen von Hoſpitalſchiffen trugen, ob⸗ wohl ſie traun kaum dieſen entſprechenden Namen verdienten, an⸗ geſehen, daß wenige unter denſelben einen Arzt, Krankenwärter oder Koch hatten; auch war der Raum zwiſchen den Verdecken ſo eng, daß die in ſo elender Lage befindlichen Kranken nicht Raum genug hatten, um aufrecht in ihren Betten zu ſitzen. Ihre Wunden und Stumpfe erzeugten, weil man es an der gehörigen Pflege fehlen ließ, Schmutz, Fäulniß und Millionen von Maden auf ihren ver⸗ dorbenen Leibſchäden. Dieſe unmenſchliche Vernachläßigung ſchrieb man dem Mangel an Wundärzten zu, ungeachtet es hinreichend erwieſen iſt, daß jedes größere Schiff der Flotte wenigſtens Einen für dieſen Dienſt hätte entbehren können. Dieſes Mittel wäre mehr als hinreichend geweſen, um dieſer peinlichen Lage ein Ende zu machen. Jedoch hielt es vielleicht der General zu ſehr unter ſeiner Würde, einen ſeiner Mitbeſehlshaber um eine derartige Vergünſti⸗ gung anzugehen, während andrerſeits dieſer ſich nicht dadurch Et⸗ was vergeben wollte, dieſen Beiſtand unaufgefordert zu leiſten; denn ich darf die Behauptung wohl wagen, daß damals der Dämon der Zwietracht mit den Schatten ſeiner düſteren Schwingen 16 über unſere Rathsverſammlungen ſich ausbreitete. Auch darf man von dieſen großen Männern— ich hoffe, ſie werden gegen die Ver⸗ gleichung nichts einzuwenden haben— wie von Cäſar und Pom⸗ pejus ſagen, daß der Eine Keinen neben ſich ſehen konnte, der höher ſtand, als er, und der Andere dem Nebenbuhler gram war, ſo daß durch den Stolz des Einen und den Uebermuth des Andern das Unternehmen ſcheiterte, nach dem Sprichwort:„Wer zwiſchen zwei Stühlen ſitzen will, fällt zu Boden.“ Ein oder zwei Tage nach dem Angriff auf St. Lazarus gab der Admiral Befehl, auf eines der genommenen ſpaniſchen Schiffe ſechszehn Kanonen zu bringen, und mit Truppenabtheilungen von unſern großen Schiffen zu bemannen, um die Stadt hierauf zu beſchießen. Demzufolge ward es Nachts in den innern Hafen bug⸗ ſirt, und, eine halbe Meile von den Wällen entfernt, vor Anker gelegt, gegen welche es mit Tagesanbruch zu feuern begann. Un⸗ gefähr ſechs Stunden lang blieb es immerwährend der zerſtörenden Wirkung von mindeſtens dreißig Kanonen ausgeſetzt, welche endlich unſern Leuten die Nothwendigkeit auferlegten, ihr Feuern einzu⸗ ftellen und ſo ſchnell als möglich in ihren Booten ſich zurückzu⸗ ziehen. Dieſes Benehmen gab allen klugen Köpfen in der Armee oder auf der Flotte Stoff zu Betrachtungen, und am Ende waren ſie geneigt, das Ganze als einen Beweis der undurchdringlichſten Politik anzuſehen. Die Einen hatten eine ſo unehrerbietige Anſicht von des Admirals Verſtande, daß ſie ihm zutrauten, er hoffe die Stadt mit ſeiner ſchwimmenden Batterie von ſechszehn Kanonen bezwingen zu können. Die Andern meinten, ſeine einzige Abſicht ſey die geweſen, des Feindes Stärke auf die Probe zu ſtellen, wor⸗ nach er dann die Anzahl von großen Schiffen, die zur Erzwingung der Uebergabe der Stadt erforderlich ſeyen möchten, beſtimmen wollte. Doch dieſe letztere Vermuthung erwies ſich als grund⸗ los, inſofern kein Schiff irgend einer Größe ſpäter für dieſen Dienſt benutzt wurde. Wieder Andere ſchwuren, man könne für dieſes 17 Unternehmen keinen andern Grund angeben, als den, welchen Don Quipote veranlaßt habe, die Windmühlen anzugreifen. Eine vierte Claſſe(und dieß war die zahlreichſte, obgleich und unſtreitig aus den feurigſten und boshafteſten Köpfen zuſammengeſetzt,) beſchul⸗ digte jenen Befehlshaber offen der Unredlichkeit und Verſtandes⸗ ſchwäche, und gab dafür an, er habe um ſeines Privatintereſſes willen den Vortheil des Landes hintangeſetzt. Er hätte da, wo das Leben ſo vieler wackerer Mitbürger auf dem Spiele geſtanden, ohne vorgängiges Verlangen oder ſelbſt ausdrücklichen Wunſch, mit dem General zu ihrer Erhaltung und ihrem Wohle wetteifern ſollen. Wenn auch ſeine Vorſtellungen nichts gefruchtet haben würden, jenen von einem tollkühnen Unternehmen abzubringen, ſo würde es wenigſtens ſeine Fflicht erheiſcht haben, daſſelbe ſo aus⸗ führbar als möglich zu machen, ohne das Aeußerſte preis zu ge⸗ ben. Dieſen Zweck hätte er ganz bequem dadurch erreichen können, daß er fünf oder ſechs große Schiffe zu gleicher Zeit hätte die Stadt beſchießen laſſen, während die Landmacht das Caſtell ſtürmte. Hiedurch wäre zu Gunſten dieſer Truppen, welche bei ihrem An⸗ griffe und Rückzuge weit mehr noch von der Stadt als von dem Caſtell litten, eine bedeutende Diverſion eingetreten. Wenn die Einwohner ſich von allen Seiten ſo lebhaft bedrängt geſehen haben würden, ſo wären ſie getrennt, unſchlüſſig und verwirrt worden, und ſie hätten ſehr wahrſcheinlich den Stürmenden nicht zu wider⸗ ſtehen vermocht. Jedoch alle dieſe Vermuthungen und Vorwürfe entſprangen ſicherlich aus Unwiſſenheit oder Böswilligkeit, denn ſonſt würde der Admiral es ſchwer gefunden haben, nach ſeiner Rückkehr in die Heimath, ſein Benehmen einem ſo redlichen und klugen Miniſterium gegenüber zu rechtfertigen. Zwar gaben diejenigen, welche es über ſich nahmen, ihn an Ort und Stelle zu vertheidigen, an, es ſey in der Nähe der Stadt nicht genug Waſſer für unſere großen Schiffe, allein dieſe Behauptung klang etwas unwahrſcheinlich, denn Smollet's Romane. IMI. 2 18 es gab in der Flotte Piloten, die mit den Tiefen des Hafens voll⸗ kommen vertraut waren, und ſagten, es ſey genug Waſſer in demſelben für Schiffe von 85 Kanonen, um beinahe hart unter den Wällen neben einander liegen zu können. Das Mißgeſchick, welches wir erduldeten, hatte eine allge⸗ meine Muthloſigkeit zur Folge, welche durch die täglich und ſtünd⸗ lich uns umringenden Gegenſtände, und durch die Ausſicht in eine düſtere Zukunft bei längerem Verweilen an dieſem Platze nicht ſehr gemildert wurde. Die Einrichtung auf einigen Schiffen war von der Art, daß ihre Befehlshaber, ehe ſie ſich die Mühe nahmen, die Todten beſtatten zu laſſen, ihren Leuten befahlen, die Leich⸗ name über Bord zu werfen, viele ohne Ballaſt und Todtenhemd, ſo daß eine Unzahl menſchlicher Leichname in dem Hafen umher ſchwamm, bis ſie eine Beute der Haie und Aaskrähen wurden, was den veberlebenden kein angenehmes Bild darbot. Um die nämliche Zeit begann die Regenzeit, während deren von Son⸗ nenaufgang an ohne Unterbrechung eine Sündfluth von Regen fällt, welcher nicht bälder aufhört, bis der Donner zu rollen und der Blitz ſo unausgeſetzt zu zucken anfängt, daß man bei ſeinem Scheine ſelbſt den kleinſten Druck zu leſen im Stande iſt. * 19 Vierunddreißigſtes Kapitel. Ein anſteckendes Fieber wuͤthet unter uns; wir laſſen unſere Eroberungen im Stiche; ich werde von der Krankheit ergriffen; richte eine Bittſchrift an den Capitän, welche verworfen wird; ich ſtehe in Gefahr, durch Crampleys Vosheit erſtickt zu werden und werde von einem Sergeanten gerettet; mein Fieber nimmt zu; der Caplan weigert ſich, mir die Beichte abzunehmen; eine guͤnſtige Kriſis tritt ein; Morgans Zuneigung gegen mich erprobt ſich; Mackſhane's und Crampleys Benehmen gegen mich; Capitaͤn Hakum wird nebſt ſeinem geliebten Doctor in ein anderes Schiff verſetzt; Beſchreibung unſeres neuen Capitäns; ein Abenteuer, das Mor⸗ gan begegnet. Die in Folge dieſer Naturerſcheinung eintretende Veränderung der Atmoſphäre, verbunden mit dem uns umgebenden Geſtank, der Hitze des Klimas, unſerer eigenen, durch ſchlechte Speiſen geſchwächten Conſtitution und unſerer Verzweiflung erzeugten unter uns das Gallenfieber, das ſo heftig wüthete, daß drei Viertheile der davon Ergriffenen auf klägliche Weiſe ſtarben; ihre Hautfarbe wurde durch die ſtarke Fäulniß der Säfte in Rußſchwarz ver⸗ ändert. Jetzt hielten unſere Anführer es für hohe Zeit, unſere Erobe⸗ rungen im Stiche zu laſſen, was wir bewerkſtelligten, nachdem wir das Geſchütz der Feinde unbrauchbar gemacht und ihre Feſtungs⸗ werke geſprengt hatten. Eben als wir Bocca Chica verlaſſen hat⸗ ten, um nach Jamaika zurückzukehren, ſah ich mich von den Symp⸗ tomen jener ſchrecklichen Krankheit bedroht, und da mir wohl be⸗ kannt war, daß ich auf keinen günſtigen Wechſel hoffen durfte, wenn ich genöthigt ſeyn würde, in unſerem Verſchlage liegen zu bleiben, wo damals ſelbſt für Geſunde wegen der Hitze und des ungeſunden Geruchs verdorbener Mundvorräthe der Aufenthalt unerträglich geworden war, ſo richtete ich eine Bittſchrift an den Capitän, flellte ihm meinen Fall vor und bat unterthänigſt um 20 Crlaubniß, im Mitteldeck wegen der geſunden Luft bei den Sol⸗ daten liegen zu dürfen. Ich hätte mir indeſſen die Mühe erſparen können: denn dieſer menſchlich geſinnte Befehlshaber ſchlug mir meine Bitte ab, und befahl mir, in dem Raume zu bleiben, wel⸗ cher den Unterärzten beſtimmt ſey; im andern Falle aber müſſe ich mich bequemen, im Hoſpitale zu liegen, das, beiläufig geſagt, dreimal eckelhafter war, als unſer eigener Verſchlag. Ein Ande⸗ rer, als ich, würde in gleicher Lage ſich ſeinem Schickſale unter⸗ worfen haben und im Fieberparvrismus geſtorben ſeyn. Mir war jedoch der Gedanke, auf ſo klägliche Weiſe zu enden, nachdem ich ſo vielen Stürmen des Unglücks getrotzt hatte, unerträglich. Ohne darum auf Oakums Befehl zu achten, vermochte ich die Soldaten (die mir geneigt waren), mein Bett bei ihnen aufſchlagen zu dür⸗ fen. Schon wünſchte ich mir zu meiner leidlichen Lage Glück, als Crampley die Sache erfuhr, dem Capitän meine Mißachtung ſei⸗ ner Befehle anzeigte, und mit der Vollmacht bekleidet wurde, mich wieder an meinen früheren Aufenthaltsort zu bringen. Dieſe Barbarei erbitterte mich dermaßen gegen ihren Urheber, daß ich unter bitteren Verwünſchungen gelobte, denſelben zu ſtren⸗ ger Rechenſchaft zu ziehen, falls ich je wieder zu Kräften käme. Die Aufregung meines Innern verſchlimmerte noch mein Fieber. Während ich in dieſem hölliſchen Aufenthalte, nach Luft ſchnappend, mich befand, beſuchte mich ein Sergeant, dem ich das Naſenbein, welches durch einen Splitter während des Gefechts auseinander geriſſen worden war, wieder eingerichtet hatte. Als er von mei⸗ ner Lage hörte, ſo bot er mir ſeine Schlafſtelle auf dem Mittel⸗ deck an, die mit Leinwand eingefaßt und von einer offenen Stückpforte durchlüftet war. Freudig nahm ich den Vorſchlag an, und wurde ſogleich auf den Platz geführt, wo ich während der Dauer meiner Krankheit von dieſem dankbaren Hellebardier, der auf der ganzen Veberfahrt kein anderes Bett für ſich ſelbſt hatte, als einen Hühnerſtall, mit der äußerſten Zärtlichkeit und Sorgfalt verpflegt wurde. Hier lag ich und erquickte mich an der friſchen Luft, ungeachtet meine Krankheit um ſich griff und man endlich an meinem Leben verzweifelte. Doch gab ich die Hoffnung der Geneſung nie auf, wenn ich auch den Kummer hatte, von mei⸗ nem Lückenfenſter aus täglich ſechs oder ſieben, die an derſelben Krankheit ſtarben, über Bord geworfen zu ſehen. Dieſes Selbſtvertrauen trug, ich bin es überzeugt, bedeutend zur Erhaltung meines Lebens bei, namentlich in Verbindung mit einem andern Entſchluſſe, den ich gleich Anfangs gefaßt hatte, nämlich jede Arznei zurückzuweiſen, da ſich mir immer mehr der Gedanke aufdrang, dieſelbe ſey ein Beförderungsmittel jener Krank⸗ heit, und bewirke die gänzliche Verderbniß der Lebensſäfte, an⸗ ſtatt der Fäulniß entgegenzuarbeiten. Als darum mein Freund Morgan ſeinen ſchweißtreibenden Trank brachte, nahm ich ihn zwar in den Mund, allein nicht in der Abſicht, ihn hinunterzuſchlucken, ſondern, wenn er fort war, ſpie ich die Arznei wieder aus, und wuſch meinen Mund mit der Tiſane. Ich gab ſcheinbar meinen guten Willen zu erkennen, da⸗ mit ich durch eine Weigerung, welche ein Mißtrauen in ſeine ärzt⸗ liche Fähigkeiten verrathen haben würde, das Blut des Caraktakus nicht in Wallung brächte. Er behandelte mich nämlich als Arzt, denn Doktor Mackſhane fragte niemals nach mir, oder wußte nicht einmal, wo ich mich befand. Als meine Krankheit ihren Höhepunkt erreicht hatte, hielt Morgan meinen Zuſtand für ver⸗ zweifelt. Er drückte mir daher, nachdem er in meinen Nacken ein Pflaſter gelegt hatte, die Hand, und hieß mich mit wehmüthiger Miene meine Seele Gott und dem Heilande empfehlen. Hierauf nahm er ſeinen Abſchied, und beſtellte den Caplan, um mir See⸗ lenarznei zu ſpenden. Ehe dieſet jedoch ankam, verſuchte ich es, mich von dem läſtigen Pflaſter, das der Walliſe mir auf den Rücken gelegt hatte, zu befreien. Nachdem der Pfarrer meinen Puls gefühlt hatte, frug er 22 nach der Natur meines Uebels, huftete ein wenig und ſprach dann wie folgt: „Herr Random! es hat Gott in ſeiner unendlichen Barm⸗ herzigkeit gefallen, Euch mit einer ſchrecklichen Krankheit heimzu⸗ ſuchen, deren Ausgang Niemand bekannt iſt. Es iſt die Möglich⸗ keit vorhanden, daß Ihr geneſet und noch viele Tage auf Erden verlebet; allein der wahrſcheinlichere Fall iſt, daß Ihr in der Blüthe Eurer Jugend weggenommen werdet. Darum iſt es eine dringende Pflicht, Euch durch eine aufrichtige Reue Eurer Sün⸗ den darauf vorzubereiten. Davon könnt Ihr keinen größern Be⸗ weis geben, als durch ein freimüthiges Bekenntniß, das ich Euch beſchwöre, jetzt ohne allen Rückhalt oder geiſtigen Vorbehalt abzu⸗ legen. Habe ich mich dann von Eurer Aufrichtigkeit überzeugt, ſo will ich Euch den Lroſt ſpenden, welchen der Zuſtand Eurer Seele bedarf. Ohne Zweiſel habt Ihr Euch unzähliger Vergehen, denen die Jugend unterworfen iſt, ſchuldig gemacht, als da ſind Schwören, Trunkenheit, Hurerei und Ehebruch. Sagt mir deß⸗ halb ohne Rückhalt, was Ihr in den Stücken auf dem Herzen habet, namentlich in den beiden letzteren, damit ich mit dem wah⸗ ren Zuſtand Eures Gewiſſens bekannt werde; denn kein Arzt wird ſeinem Patienten Etwas verſchreiben, ohne das Weſen ſeines Uebels zu kennen.“ Da ich mich vor dem Tode nicht fürchtete, ſo konnte ich mich nicht enthalten, über des Caplans zudringliche Fragen zu lächeln, indem ich ihm ſagte, er ſchmecke mehr nach der römiſchen als nach der proteſtantiſchen Kirche, wenn er mir die Ohrenbeichte empfehle, eine Sache, die meiner Anſicht nach gar nicht zum Seelenheile noth⸗ wendig ſey, und die ich darum abweiſe. Dieſe Entgegnung brachte ihn ein wenig aus der Faſſung, indeſſen verbeſſerte er ſich dadurch, daß er gelehrte Unterſchiede zwiſchen unabweisbarer Nothwendig⸗ keit und bloßer Zulaſſung machte; hierauf fuhr er fort, mich zu fragen, welcher Religionspartei ich angehöre. Ich gab zur Ant⸗ 23 wort: den Unterſchied in den Religionsanſichten hätte ich noch nie⸗ mals in Betracht gezogen, folglich mich auch keiner beſonders hin⸗ gegeben, indeſſen ſey ich als Proteſtant erzogen worden. Hierüber bezeugte der Caplan großes Erſtaunen und bemerkte, er könne nicht begreifen, wie man unter der engliſchen Herrſchaft einem Presbyterianer einen Poſten anvertrauen könne. Hierauf frug er, ob ich das Abendmahl empfangen habe, oder gefirmt worden. Als ich auf dieſe Fragen verneinend antwortete, ſo hielt er ſeine Hände empor, verſicherte, bei ſo bewandten Umſtänden mir keinen Dienſt erweiſen zu können, wünſchte, ich möchte nicht in die ewige Verdammniß kommen, und kehrte zu ſeiner Tiſchge⸗ ſellſchaft zurück, die ſich in der großen Kajüte und um einen Tiſch, der mit Bumbo*) und Wein beſetzt war, luſtig machten. So ſchrecklich dieſe Worte klangen, ſo machten ſie doch nicht mehr Eindruck auf mich, als das Fieber, welches bald darauf, nachdem er mich verlaſſen hatten, den höchſten Grad erreichte. Ich ſah ſonderbare Bilder und ſchloß daraus, ich ſtehe auf dem Punkte, fieberwahnſinnig zu werden. Da ich mich aber in großer Gefahr des Erſtickens befand, ſo erhob ich mich in einem Anfalle von Raſerei mit der Abſicht, ins Meer zu ſtürzen, und, da mein Freund, der Sergeant, nicht zugegen war, ſo würde ich mich ſicherlich tüchtig abgekühlt haben, wenn ich nicht in dem Augen⸗ blicke, wo ich mein Bett verlaſſen wollte, eine Näſſe auf meinem Schenkel bemerkt hätte. Dieſer Anblick belebte meine Hoffnungen auf's Neue, und ich beſaß noch ſo viele Ueberlegung und Ent⸗ ſchloſſenheit, dieſes günſtige Symptom zu benutzen, indem ich das Hemd mir vom Leibe zog, und die Tücher meines Betts wegwarf. Hierauf wickelte ich mich in einen dicken Ueberwurf, und empfand in dieſer Umhüllung ungefähr eine Viertelſtunde lang alle Qualen *) Bumbo iſt ein Getraͤnk, beſtehend aus Rum, Zucker, Waſſer und Muskatennuß. 24 der Hölle. Doch durfte ich nicht lange warten, denn bald wurde ich für meine Leiden durch einen reichlichen Schweiß entſchädigt, der, auf der ganzen Hautfläche hervorbrechend, mich binnen we⸗ niger als zwei Stunden von allen meinen Leiden bis auf eine ungemeine Mattigkeit befreite, und ſo hungrig wie ein Wolf zu⸗ rückließ. Ich genoß eines ſehr erquicklichen Schlummers, und weidete mich nach dem Erwachen an dem Gedanken meines künftigen Glücks, als ich auf einmal Morgan in der Außenſeite des Vorhangs den Sergeanten fragen hörte, ob ich noch lebe?„Leben!“ ſchrie die⸗ ſer,„Gott verhüte, daß es anders ſich verhalte! er iſt dieſe fünf Stunden über ganz ruhig gelegen, und ich möchte ihn nicht ſtören, denn der Schlaf wird ihm ſehr wohl bekommen.“ „Ja!“ entgegnete mein College,„er ſchläft ſo feſt, daß er nicht aufwachen wird bis zum letzten Poſaunenſchall— Gott ſey ſeiner Seele gnädig! Er hat ſeine Schuld wie ein ehrlicher Mann bezahlt, jal und iſt jetzt frei von allen Verfolgungen, Unruhen und Leiden, von denen er, Gott weiß es und ich nicht minder, ſein gutes Theil bekam! O Cyriſte! O Chriſte! er war ein ſo viel verſprechender junger Mann!“ Bei dieſen Worten ſeufzte er tief und kläglich, und fing ſo heftig zu weinen an, daß ich von ſeiner ächten Freundſchaft für mich dadurch den lebendigſten Beweis erhielt. MWittlerweile war der Sergeant, den dieſe Rede bennruhigte, in den Verſchlag hereingekommen. Während er einen Blick auf mich warf, lächelte ich und gab ihm einen Wink; er errieth ſo⸗ gleich meine Abſicht und verhielt ſich ruhig, worauf Morgan noch mehr in ſeiner Meinung, ich ſey geſtorben, beſtärit wurde. Nun näherte er ſich mir mit Thränen in den Augen, um den Gegen⸗ ſtand ſeines Kummers noch einmal zu ſehen. Dadurch, daß ich meine Augen ſtarr hielt, und die untere Kinnlade herabhängen ließ, ſpielte ich den Todten ſo gut, daß er ſagte:„Da liegt er nun, nichts mehr und nichts weniger, als ein Haufen Erde, Gott ſtehe mir bei!“ und, wegen der Verzerrung meines Geſichts, be⸗ merkte, ich müſſe einen harten Kampf gehabt haben. Ich hätte mich nicht länger halten können, als er ſich an⸗ ſchickte, mir die letzten Pflichten eines Freundes zu erweiſen, und mir Augen und Mund ſchloß, worauf ich plötzlich nach ſeinen Fingern ſchnappte, und ihn dadurch ſo außer Faſſung brachte, daß er zurückprallte, bleich wie Aſche wurde und wie der Schrecken ſelbſt ausſah. Uugeachtet ich mich eines Lachens über ſeinen An⸗ blick nicht enthalten konnte, ſo kümmerte mich doch die Lage ſeines Innern; ich ſtreckte daher die Hand aus und ſagte: ich hoffe, noch länger zu leben, und manchen Salmagundy, von ſeiner Hand be⸗ reitet, in England zu verſpeiſen. Es währte eine Zeit lang, bis er ſich wieder ſo weit ſammeln konnte, um meinen Puls zu füh⸗ len, und nach den einzelnen Umſtänden meiner Krankheit zu fra⸗ gen. Als er aber fand, ich habe eine günſtige Criſis beſtanden, ſo wünſchte er mir Glück, und verfehlte nicht, es nächſt Gott dem, bei ſeinem letzten Beſuche mir auf den Rücken gelegten FPflaſter zuzuſchreiben. Dies müſſe, ſagte er nebenbei, nun entfernt und ein Verband angelegt werden. Er ſtand wirklich im Begriffe, Bandagen zu holen, als ich mit verſtelltem Erſtaunen ſagte:„Ge⸗ ſegne mich Gott! gewiß legtet Ihr mir kein Pflaſter auf! ich ver⸗ ſichere Euch, es befindet ſich Nichts auf meinem Rücken.“ Doch er konnte die Sache nicht glauben, bis er den Ort un⸗ terſucht hatte. Es fiel ihm ſchwer, ſeine Beſtürzung zu verbergen, als er die Haut unverletzt und kein Pflaſter darauf fand. Um mich wegen der Mißachtung ſeiner Vorſchrift zu entſchuldigen, gab ich vor, ich ſey ohne Bewußtſeyn geweſen, als er es aufgelegt habe, und in einem Anfalle von Fieberwahnſinn müſſe es von mir abgeriſſen worden ſeyn. Dieſe Vertheidigung ſtellte meinen Freund zufrieden, der in dieſem Falle Vieles von ſeiner ſtarren Pünktlich⸗ keit nachließ. 26 Als wir nun glücklich in Jamaika angelangt waren, wo ich fri⸗ ſcher Vorräthe und anderer Wohlthaten mich erfreute, ſo nahm ich von Tag zu Tag an Stärke zu, und bald waren meine Geſund⸗ heit und Geiſteskräfte ſo blühend als je. Als ich zum erſtenmale aufſtand, und ſo viel Stärke erlangt hatte, daß ich auf dem Verdecke mit einem Stocke in der Hand herumgehen konnte, ſtieß ich auf Doctor Mackſhane, der mit ver⸗ ächtlichem Blick an mir vorbeiging, und mich keines Wortes wür⸗ digte. Hinter ihm kam Cramplep, der mit hochmüthiger Miene auf mich herfuhr, und ausrief:„Das iſt eine ſaubere Kriegszucht an Bord, wenn ſolche faule Schleicher und Hundeſöhne, wie Ihr, unter dem Vorwande einer Krankheit nach Belieben ſich ſtrecken dürfen, während beſſere Leute, als ſie, zu harter Arbeit ſich be⸗ quemen müſſen.“ Der Anblick und das Benehmen dieſes Schurken ſetzten mich ſo in Wuth, daß ich mich kaum enthalten konnte, meinen Prügel über ſeinen Schädel zu ſchwingen. Als ich jedoch den Zuſtand mei⸗ ner noch fortdauernden Schwäche und meine Feinde im Schiffe, die nur auf eine Gelegenheit, mich zu ſtürzen, lauerten, bedachte, ſo bezwang ich meine Leidenſchaft, und begnügte mich damit, ihm zu ſagen: ich hätte ſeinen Uebermuth und ſeine Bosheit nicht vergeſ⸗ ſen, und hoffe, eines Tags auf dem Ufer mit ihm zuſammenzu⸗ treffen. Bei dieſer Erklärung grinste er, ballte die Hände zuſam⸗ men, und ſchwur, er ſehne ſich nach Nichts mehr, als nach einer ſolchen Gelegenheit. Mittlerweile erhielten wir den Befehl, unſer Schiff für die Ruͤckkehr nach England in den Stand zu ſetzen, und mit Lebens⸗ mitteln nebſt Waſſer zu verſehen. Da jedoch unſer Capitän, aus dem einen oder andern Grunde, es nicht für rathſam hielt, ſein Vaterland um die Zeit wieder zu ſehen, ſo tauſchte er mit einem Herrn, der im entgegengeſetzten Falle ſich befand, und nichts ſehn⸗ licher wünſchte, als den tropiſchen Himmel wieder verlaſſen zu kön⸗ nen, weil alle ſeine Bemühungen und zärtliche Sorgfalt für ſeine Perſon ihn nicht vor den böſen Einflüſſen der Sonne und des Wet⸗ ters bewahren konnten. Als unſer Tyrann das Schiff verlaſſen und ſeinen Günſtling Mackſhane zu meiner unausſprechlichen Freude mit ſich fortgenom⸗ men hatte, kam unſer neuer Befehlshaber in einer zehnrudrigen Barke, die von einem breiten Sonnenſchirm überſchattet war, an Bord, und zeigte ſich in jeder Beziehung als das Gegenſtück von Dakum, denn er war ein langer magerer Mann und auf Weiſe gekleidet. Ein weißer, mit einer rothen Feder beſetzter Hut ſein Haupt von dem ſein Haar in Locken, die hinten mit einem Bande geknüpft waren, auf ſeine Schultern herabfloß. Sein Rock beſtand aus wolkenfarbiger weißgeſtreifter Seide, und hatte einen ſo zier⸗ lichen Ausſchnitt, daß eine weiße goldgeſtickte Satinweſte ſich in ihrem vollen Glanze zeigte. Dieſe war an ihrem obern Ende offen, damit eine mit Granaten beſetzte Vorſtecknadel deſto beſſer hervorträte, die am Bruſttheile ſeines Hemdes ſchimmerte, welches letztere aus dem feinſten Batiſt beſtand und mit ächten Mechler Spitzen beſetzt war. Seine ſcharlachſammtnen Beinkleider hingen kaum ſo weit herab, daß ſie ſeine ſeidenen Strümpfe bedeckten, die ohne Falten ſich von blauen, mit Diamantſchnallen, die in der Sonne blitzten, beſetzten Maroquinſchuhen an ſeinen magern Bei⸗ nen hinaufzogen. Ein Degen mit ſtählerner Scheide, der mit Gold belegt und mit einem Bande, das in einer reichen Quaſte endigte, geziert war, ſtack an ſeiner Seite, und ein ambrabeſchla⸗ genes Meerrohr baumelte am Handgelenke. Die auffallendſten Theile ſeines Anzugs jedoch beſtanden aus einer Maske auf ſeinem Geſichte und aus weißen Handſchuhen in ſeinen Händen, die er nicht tmit der Abſicht anzuziehen ſchien, um ſie gelegentlich wieder abzulegen, ſondern mit einem hübſchen Ring an dem kleinen Fin⸗ ger jeder Hand befeſtigt hatte. In dieſem Anzuge nahm Capitän Whiffle, denn dieß war ſein Name, Beſitz von dem Schiffe, umgeben von einem Haufen Bedienter, von denen alle in ihren verſchiedenen Abſtufungen ih⸗ res Herrn Temperament zu theilen ſchienen. Die Luft war mit Wohlgerüchen dermaßen geſchwängert, daß man die Behauptung wohl wagen darf, die Luft des glücklichen Arabiens hätte nicht halb ſo viel liebliche Düfte ausgeſtrömt. Als mein College bemerkte, daß kein Doctor mit ihm an Bord gekommen ſey, ſo hielt er die Gelegenheit für zu günſtig, um ſie nicht zu benutzen, und entſchloß ſich in Erinnerung an das Sprüch⸗ wort:„Kein verzagt Herz freit eine ſchöne Frau“, ſogleich ſich dem neuen Capitän zu empfehlen, bevor ein anderer Wundarzt für das Schiff ernannt werden könnte. In dieſer Abſicht begab er ſich in die Cajüte in ſeinem gewöhnlichen Anzuge, der aus einem baum⸗ wollenen Hemde nebſt Pumphoſen, einer braunen leinenen Weſte und gleicher Nachtmütze beſtand. Keines von dieſen Kleidungs⸗ ſtücken war jedoch ſehr ſauber, und, zur Vollendung ſeines Un⸗ glücks, roch er ſtark nach Taback. Als er nun ohne weitere Förmlichkeiten in dieſen heiligen Raum trat, fand er Capitän Whiffle ruhend auf einem Bette mit einer feinen Decke von indiſchem Kattun um ſeinen Leib gewickelt, und einer mouſſelinenen Mütze, die mit Spitzen beſetzt war, auf ſei⸗ nem Kopfe. Hierauf begann er nach unterſchiedlichen tiefen Bück⸗ lingen folgendermaßen: „Herr Capitän! ich hoffe, Ihr werdet die Anmaßung eines Mannes, der nicht die Ehre hat, Euch bekannt zu ſeyn, aber doch ein geborner und erzogner Gentleman iſt, und überdieß in der Welt, Gott weiß es! Unglück gehabt hat, vergeben, entſchuldigen und verzeihen.“ ier wurde er von dem Letztern unterbrochen, der bei ſeinem Anblicke mit großer Verwunderung über die Neuheit des Anblicks zurückgefahren war, und, nachdem er ſich wieder geſammelt hatte, mit Blick und Ton voll Verachtung, Neugierde und Keberraſchung ausrief:„Zum Henker! wer ſeyd Ihr?“ „Ich bin“, erwiederte Morgan,„erſter wundärzklicher Ge⸗ hülfe an Bord dieſes Schiffes, und wünſche und bitte Euch in al⸗ ler Unterthänigkeit, Ihr möchtet die Güte haben, Euch herabzu⸗ laſſen und zu geruhen, meinen Charakter, mein Benehmen und eine Verdienſte zu unterſuchen, und ich hoffe zu Gott, ſie wer⸗ den mich zu der offenen Doctorsſtelle befähigen.“ Indem er zu reden fortfuhr, näherte er ſich immer mehr dem Capitän, deſſen Naſe kaum den aromatiſchen, von Morgan aus⸗ ſtrömenden, Duft empfand, als er in großer Aufregung ſchrie: „Der Himmel beſchütze mich! Ich muß noch erſticken! fort mit Dir, Kerl! Verflucht ſeyſt Du! packe Dich! Soll ich vor Geſtank noch umkommen?“ Auf ſein Geſchrei rannten ſeine Bedienten in ſein Gemach, die er folgendermaßen anredete:„Ihr Schurken! Ihr Mordgehül⸗ fen! Verräther Ihr! Geopfert werde ich! Wollt Ihr dieſes Unge⸗ heuer hinausführen, oder ſoll ich durch ſeinen Geſtank erſticken?“ Unter ſolchen Ausrufungen ſank er ohnmächtig auf ſein Ruhe⸗ bette hin. Sein Kammerdiener hielt ihm eine Riechflaſche hin, ein Bedienter wuſch ſeine Schläfe mit ungriſchem Waſſer, ein Anderer beſprengte den Fußboden mit Lavendelgeiſt, und ein Dritter ſtieß Morgan zur Thüre hinaus. Dieſer kam dahin, wo ich war, ſetzte ſich mit nachdenklicher Miene nieder, und begann nach ſeiner Weiſe, wenn er eine Beleidigung, die er nicht rächen erhalten hatte, einen wäliſchen Geſang. Ich errieth, daß ſich ſein Blut in Wallung befinde, und wünſchte ihre Urſache zu wiſſen. Anſtatt mir jedoch gerade aus Antwort zu geben, frug er mit ſtarker Bewegung, ob ich ihn für ein Unge⸗ heuer und Stankthier halte?„Ein Ungeheuer und ein Stankthier?“ ſagte ich mit einiger Ueberraſchung:„nannte Jemand Euch ſo?“ „Gott iſt mein Zeuge!“ erwiederte er,„Capitän Vhiffle 30 hat mich mit dieſen Benennungen beehrt, und alles Waſſer der Themſe wird es nicht aus meinem Gedächtniſſe verwiſchen. Ich behaupte, erkläre und verſichere, mit meiner Seele, meinem Leibe, und meinem Blute, daß ich keine andern Gerüche an mir habe, als ſolche, welche jeder Chriſt haben darf, die Ausflüſſe des Ta⸗ backs ausgenommen, eines hirnſtärkenden, düftereichen und wohl⸗ riechenden Krautes, und wer anders ſpricht, iſt ein Galgenſtrick. Was das Ungeheuer betrifft, ſo laßt es beruhen! ich bin ſo, wie es Gott geſiel, mich zu erſchaffen, und vielleicht beſſer gebaut, als ich von demjenigen, welcher mir dieſen Titel gab, rühmen kann: denn vor aller Welt will ich es verkünden, daß er ver⸗ mummt, entſtellt und verzerrt wie ein Affe iſt, voll Ueberſpannt⸗ heit und Grillen, und daß er eher einem Pavian gleicht, als ei⸗ nem Menſchen.“ Fünfunddreißigſtes Kapitel. Capitän Whiffle ſchickt nach mir; ſeine Lage wird beſchrieben; ſein Doctor kommt an, macht ihm Verordnungen und ſpricht ihn in's Bett; ein Vett wird für Herrn Simper neben der Hauptcajute eingerichtet, ein Umſtand, der, verbunden mit andern Stuͤcken von dem Benehmen des Capitaͤns, der Schiffsmannſchaft eine ſehr unvortheilhafte Vorſtellung von ihrem Be⸗ fehlsbaber gibt; ich werde von dem Admiral in Weſtindien zuruͤckbehal⸗ ten, und komme an Vord der Corvette Lizard als wundärztlicher Gehuͤlfe, wo ich mich mit dem Doctor bekannt mache, der mich ſehr guͤtig behan⸗ delt; ich gehe an das ufer, verkaufe meine Anweiſung, kaufe Lebens⸗ beduͤrfniſſe ein und werde nach meiner Ruͤckkehr durch Crampley's Anblick uberraſcht, der als Lieutenant auf der Schaluppe angeſtellt iſt; wir ma⸗ chen einen Kreuzzug; nehmen eine Priſe, in welcher ich unter dem Befehle meines Tiſchgenoſſen, mit dem ich in großer Eintracht lebe, in Port Morant anlange. Er war eben in der Fortſetzung ſeiner Lobrede auf den Ca⸗ pitän begriffen, als ich die Botſchaft erhielt, mich umzukleiden und 31 in die große Kajüte mich zu begeben; ein Befehl, dem ich fogleich Folge leiſtete und mich aus dem Arzneikaſten mit Roſenwaſſer durch⸗ duftete. Als ich das Zimmer betrat, erhielt ich die Weiſung, an der Thüre ſtehen zu bleiben, bis Capitän Whiffle mich in der Ent⸗ fernung mit einem Fernglas recognoscirt habe. Nachdem er auf dieſe Weiſe dem Geſichtsſinn Genüge gethan hatte, hieß er mich langſamen Schrittes näher treten, damit ſeine Naſe erführe, ehe ſie allzuſtark beleidigt würde. Ich näherte mich alſo mit großer Vorſicht und ſteigendem Erfolge, ſo daß er mit zufriedener Miene ſagte:„Nun, dieſe Creatur iſt ganz erträglich.“ Ich fand ihn auf ſeinem Lager mit einem krankhaft matten Blicke hingeſtreckt, während ſein Kammerdiener ſeinen Kopf ſtützte, und von Zeit zu Zeit ein Riechfläſchchen unter ſeine Naſe brachte. „Vergette“, ſagte er in quäkendem Tone,„glaubſt Du, daß dieſer Menſch dort(er meinte nämlich mich) mir nichts Leides thun wird? Darf ich ihm meinen Arm anvertrauen?“ „Auf mein Wort!“ gab der Bediente zur Antwort,„ich bin der Meinung, daß Euer Gnaden eine geringe Quantität Blut ſich ablaſſen müſſen, und der junge Mann haben quelque chose de bonne mine.“ „Gut denn“, ſagte ſein Herr,„ich glaube, ich muß es riski⸗ ren“ Hierauf wendete er ſich gegen mich mit den Worten:„Haſt Du jemals andern Geſchöpfen, als Thieren, Blut abgezapft? Doch ich darf Dich nicht fragen, denn Du wirſt mir eine höchſt verdammte Lüge ſagen.“ „Thiere, mein Herr!“ gab ich zur Antwort und zog ihm den Handſchuh ab, um ſeinen Puls zu fühlen,„ich habe es niemals mit Thieren zu thun.“ „Was Teufel haſt Du vor?“ rief er,„willſt Du mir die Hand abdrehen? Gottes Fluch auf Dich! mein Arm iſt mir bis an die Schulter ſteif geworden! Der Himmel erbarme ſich meiner! muß ich unter den Händen von Barbaren umkommen? Welch Un⸗ 32 glück für mich, daß ich ohne meinen eignen Wundarzt, Meiſter Simper, an Bord kam!“ Ich bat um Verzeihung, daß ich ihn ſo rauh angefaßt habe, und verband, unter Beobachtung der größten Sorgfalt und Scho⸗ nung, ſeinen Arm in einer ſeidenen Binde. Als ich nach der Ader fühlte, verlangte er zu wiſſen, wie viel Blut ich ihm abzapfen wollte, fuhr, als ich erwiederte:„nicht über zwölf Unzen,“ mit einem Blicke voll Schrecken zurück, und hieß mich fortgehen, ſchwö⸗ rend, ich habe es auf ſein Leben abgeſehen. Mit Mühe beruhigte ihn Vergette, der einen Schrank öffnete und eine Wage heraus⸗ nahm, in deren eine Schaale er einen kleinen Becher ſtellte. Hierauf gab er mir dieſelbe in die Hand, mit den Worten, der Capitän verliere nie auf einmal über eine Unze und drei Drach⸗ men Blut. Während ich die Zubereitung zu dieſer bedeutenden Blutver⸗ gießung traf, trat ein hübſch gekleideter junger Mann in die Ka⸗ jüte. Er hatte eine äußerſt zarte Geſichtsfarbe, und ein mattes Lächeln, das ihm durch lange Uebung des Affectirens zur ſtehenden Gewohnheit geworden war, ruhte auf ſeinem Antlitz. Kaum ſah ihn der Capitän, ſo ſprang er heftig auf, flog in ſeine Arme und rief:„O mein theurer Simper! ich bin ſchrecklich krank. Man hat mich verrathen, in Angſt gejagt, faſt gemordet, und daran iſt die Nachläßigkeit meiner Diener Schuld, welche duldeten, daß eine Beſtie, ein Mauleſel, ein Bär mich überfiel, und durch den Ta⸗ backs⸗Geſtank in Convulſionen brachte.“ Simper, der, wie ich jetzt fand, die Schönheit ſeiner Geſichts⸗ farbe künſtlichen Mitteln verdankte, nahm eine ſanfte und mitleids⸗ volle Miene an, und beklagte, unter vielen zärtlichen Ausdrücken ſeines Kummers, das traurige Ereigniß, welches den Capitän in dieſe Lage verſetzt habe. Hierauf fühlte er mit dem Handſchuh den Puls ſeines Patienten und ſprach ſeine Meinung dahin aus, ſeine Krankheit ſey durchaus nervös und einige Tropfen Bibergeiltinetur 33 und laudanum liquidi werde ihm beſſere Dienſte thun, als ein Aderlaß, inſofern ſeine Lebensgeiſter dadurch beruhigt und die Auf⸗ regung ſeiner Galle beſchwichtigt würde. Man ſchickte mich deß⸗ halb fort, um die Arznei zu bereiten, die in einem Molkenſektglas eingenommen wurde, nachdem man den Capitän zu Bette gebracht und den Offizieren auf dem Halbverdeck den Befehl zugeſchickt hatte, Niemand auf der Seite, wo er liege, umhergehen zu laſſen. Während der Capitän der Ruhe genoß, wachte der Doctor bei ihm und wurde ihm in der That ſo unentbehrlich, daß ihm neben dem Staatszimmer, wo Whiffle ſchlief, ein Zimmer einge⸗ richtet wurde, damit er in dringenden Fällen bei Nacht zum Bei⸗ ſtand da wäre. Als am darauf folgenden Tage unſer Befehls⸗ haber glücklich wieder hergeſtellt war, ſo gab er den Befehl, keiner der Lieutenants dürfe ohne Perücke, Degen und Manſchetten auf dem Verdeck erſcheinen, auch dürfe ſich kein Midſhipman oder ein niederer Officier mit einem baumwollenen Hemde oder mit ſchmu⸗ ziger Leinwand ſehen laſſen. Eben ſo verbot er Jedermann, mit Ausnahme Simpers und ſeiner eigenen Bedienten, in die große Kajüte zu kommen, ohne zuerſt um Erlaubniß anfragen zu laſſen. Dieſe ſonderbare Vorſchriften nahmen die ganze Schiffsmannſchaft nicht ſehr zu ſeinen Gunſten ein, ſondern gaben im Gegentheile der Verläumdung Stoff, ſeinen Charakter verdächtig zu machen, und ihn einer Gemeinſchaft mit ſeinem Arzte zu bezüchtigen, über die ich mich ſchicklicherweiſe nicht näher erklären kann. Da unſer Schiff nach Verfluß weniger Wochen den Befehl zum Abſegeln erhielt, ſo durfte ich hoffen, in ſehr kurzer Zeit mein Geburtsland wieder begrüßen zu können; als eines Tages der Wundarzt des Admiralitätsſchiffs an Bord kam, und mich nebſt Morgan auf das Halbverdeck beſchied. Dort machte er uns die Fröffnung, es ſey in Weſtindien ein großer Mangel an Wund⸗ ärzten; er habe den Befehl erhalten, aus jedem großen Schiffe, das nach England beſtimmt ſey, einen Gehülfen auszuheben. Er Smollet's Romane, II. 3 34 wünſche nun, daß wir uns binnen vierundzwanzig Stunden dar⸗ über verſtändigten, welcher von uns beiden zurückbleiben wolle. Ueber dieſen Vorſchlag wurden wir wie vom Donner gerührt, und ſtarrten einander eine Zeit lang ſprachlos an. Endlich brach der Walliſer das Stillſchweigen, und erbot ſich, in Weſtindien zu bleiben, unter der Bedingung, daß der Admiral ihm ſogleich die Beſtellung eines Oberwundarztes ausfertige. Allein er erhielt zur Antwort, an Oberwundärzten ſey kein Mangel und er müſſe mit dem Range eines Gehülfen zufrieden ſeyn, bis weiter für ihn ge⸗ ſorgt werden könne. Hierauf weigerte ſich Morgan geradezu, das Schiff, für welches die Admiralität ihn beſtimmt habe, zu ver⸗ laſſen, und der Andere ſagte ihm eben ſo beſtimmt, daß, wenn wir uns vor Morgen früh nicht vereinigen könnten, er das Loos werfen und es bei dieſem Schickſalswurfe ſein Bewenden haben müſſe. Wenn ich mir das in England ausgeſtandene Elend ver⸗ gegenwärtigte, wo ich keinen Freund beſaß, um mein Intereſſe zu verfechten oder mein Vorrücken auf der Flotte zu begünſtigen, und zugleich bedachte, wie nöthig man in Weſtindien die Wund⸗ ärzte brauche, und daß das ungeſunde Klima täglich ihre Zahl verringern müſſe, ſo konnte ich mich des Gedankens nicht erweh⸗ ren, mein Glück würde ſicherer und ſchneller gemacht werden können, wenn ich bliebe, wo ich ſey, als wenn ich nach Europa zurück⸗ kehrte. Ich entſchloß mich deßhalb, gutwillig nachzugeben, und ſagte am folgenden Tage, wo wir das Loos werfen ſollten, zu Morgan, er ſolle nur ruhig ſeyn, ich wolle mich freiwillig dem Willen des Admirals unterwerfen. Dieſe freimüthige Erklärung lobte der Herr, indem er mir die Verſicherung gab, es würde mein Schade nicht ſeyn, daß ich mich zur Entſagung bequemt habe. Er hielt auch getreulich Wort, denn an demſelben Nachmittage noch erhielt ich eine Beſtallung, welche mich zum Unterwundarzt der Corvette Lizard ernannte, wodurch ich mit jedem erſten Gehülfen im Dienſte auf Einen Fuß geſetzt wurde. 35 Nachdem meine Beſtallung ausgefertigt worden, brachte ich meine Kiſte und mein Bett an Bord eines Kahns, der neben dem Schiffe lag. Hierauf ſchüttelte ich meinem wackeren Freunde, dem Serge⸗ anten, und dem ehrlichen Jack Rattlin, der in das Greenwich⸗ Hoſpital beſtimmt war, die Hände, und nahm unter vielen Thränen von Morgan Abſchied, nachdem wir unſere Hemdeknöpfe als ge⸗ genſeitige Erinnerungszeichen ausgetauſcht hatten. Als ich meine neue Beſtallung dem Capitän des Lizard vorgezeigt hatte, ſo frug ich nach dem Doctor. Kaum wurde ich ſeiner anſichtig, ſo er⸗ kannte ich in ihm ſogleich einen derjenigen, welche mit mir auf dem Wachhauſe während unſerer oben erwähnten, in Jackſons Geſellſchaft durchjubelten Nacht geſeſſen hatten. Er empfing mich ſehr höflich, und als ich ihn an unſere frühere Bekanntſchaft er⸗ innerte, ſo drückte er große Freude über meinen Anblick aus, und empfahl mich an einen ſehr guten Tiſch, welcher aus dem Con⸗ ſtabel und Unterſchiffer beſtand. Da es auf dem Schiffe keinen Patienten gab, ſo bekam ich Erlaubniß, am folgenden Tage mit dem Conſtabel an das Ufer zu gehen. Dieſer empfahl mich einem Juden, der um vierzig Prozent meine Anweiſung kaufte. Hierauf verſah ich mich mit den dringendſten Bedürfniſſen, und kehrte Abends an Bord zurück, wo ich zu meinem Erſtaunen meinen alten Feind Crampley auf dem Verdeck hin⸗ und hergehen ſah. Obgleich ich ihn als Feind nicht fürchtete, ſo wurde ich doch über ſeinen An⸗ blick beſtürzt, und theilte meine betreffenden Gefühle dem Ober⸗ Wundarzte, Herrn Tomlins, mit, welcher mir ſagte, Crampley habe durch den Einfluß einiger Freunde bei dem Admiral eine Anſtellung als Lieutenant des Lizard erhalten. Dabei gab er mir den Rath, nun er mein Vorgeſetzter ſep, mich ehrerbietig gegen ihn zu benehmen, ſonſt würde er tauſend Mittel finden, mich übel zu behandeln. Dieſer Rath war für mich ein bitterer Trank, denn Stolz und Rachgefühl hatten mir auch die geringſte Unter⸗ würfigkeit oder ſelbſt eine Ausſöhnung mit dem Elenden, der bei 36 ſo vielen Gelegenheiten mich auf das Unmenſchlichſte behandelt hatte, zur Unmöglichkeit gemacht: doch beſchloß ich, ſo wenig als möglich ihm nahe zu kommen, und mich bei den übrigen Offizieren beliebt zu machen, damit etwa deren Freundſchaft mir zum Bollwerk gegen die Angriffe ſeiner Bosheit diene. Nachdem noch nicht eine Woche verfloſſen war, gingen wir auf einen Kreuzzug aus, wo uns, nachdem wir das öſtliche Ende der Inſel umſchifft hatten, das Glück eine ſpaniſche Längenbarke in die Hände führte, nebſt ihrer Priſe, einem engliſchen, nach Briſtol beſtimmten Schiffe, das vierzehn Tage vorher von Jamaika ohne Convoi abgeſegelt war. Alle Gefangenen, welche geſund waren, ſetzten wir an der Nordſeite der Inſel an das Land. Die Priſen wurden hierauf mit Engländern bemannt, und das Com⸗ mando über die Längenbarke meinem Freunde, dem Unterſchiffer, anvertraut, mit dem Befehle, ſie nach Port Morant zu führen und dort zu verweilen, bis der Kreuzzug des Lizard vorüber ſey, wor⸗ auf er in Port Royal wieder mit ihr zuſammentreffen ſolle. Ich wurde ihm beigegeben, um die kranken Spanier und Engländer, deren Anzahl ſich auf ſechszehn belief, in einem am Ufer gemietheten Hauſe, das zum Hoſpital dienen ſollte, zu beſorgen. Dieſe Be⸗ ſtimmung machte mir große Freude, da ich auf einige Zeit von Crampley's Uebermuth befreit wurde, deſſen alter Haß gegen mich ſchon bei einigen Gelegenheiten ſeit ſeiner Anſtellung als Lieutenant losgebrochen war. Mein Tiſchgenoſſe, der in Geſtalt und Temperament meinem Oheime ſehr ähnlich ſah, behandelte mich am Bord der Priſe mit großer Höflichkeit und vielem Zutrauen. Außer andern Zeichen ſeiner Gunſt verehrte er mir auch einen Hirſchfänger mit ſilbernem Gefäße und ein Paar mit demſelben Metall beſchlagene Piſtolen, welche Stücke ihm bei der Plünderung des Feindes zugefallen waren. Wir erreichten Morant glücklich und ſtießen, als wir an das Ufer gingen, auf ein leeres Vorrathshaus, das wir für die Auf⸗ 37 nahme der Verwundeten in Miethe nahmen. Dieſe wurden am darauf folgenden Tage nebſt Betten und andern Leibesbedürfniſſen dahin gebracht. Vier von der Schiffsmannſchaft ſollten ihre Pflege beſorgen und mir an die Hand gehen. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Ein ſonderbares Abenteuer, in deſſen Folge ich aͤußerſt gluͤcklich werde; Crampley erweist mir bei dem Capitaͤn ſchlechte Dienſte; allein ſeine Bosheit wird durch die Gutherzigkeit und Freundſchaft des Wundarztes zu nichte gemacht; wir kehren nach Port Royal zuruͤck; unſer Capitän erhaͤlt das Commando uͤber ein groͤßeres Schiff und zum Nachfolger einen alten Mann; Brayl wird befoͤrdert; wir bekommen Befehl, nach England zu ſegeln. Als meine Patienten ſich alle auf dem Wege der Beſſerung befanden, ſo führte mich mein Gefährte und Befehlshaber, deſſen Name Brayl war, auf das Land in das Haus eines reichen Pflan⸗ zers, welchen er kannte, und wo wir reichlich bewirthet wurden Abends begaben wir uns wieder in das Schiff. Als wir unge⸗ fähr eine Meile beim Mondſchein gegangen waren, bemerkten wir einen Reiter hinter uns, der auf uns zu kam, uns guten Abend wünſchte und frug, wohin wir gingen? Kaum hatte ſeine Stimme, die mir ganz bekannt vorkam, mein Ohr erreicht, als ſich, trotz aller meiner Entſchlüſſe und Vernunftgründe, mein Haar empor⸗ ſträubte und ein heftiges Zittern mich befiel, welches von Brayl mißverſtanden wurde, indem er mich ohne Furcht zu ſeyn hieß. Ich ſagte ihm, er irre ſich in der Urſache meines Zuſtandes; hier⸗ auf wandte ich mich gegen die Perſon auf dem Pferde und ſprach: „Ich hätte, durch Eure Stimme dazu veranlaßt, geſchworen, ihr 38 wäret ein theurer Freund von mir, wenn ich mich von deſſen Tode nicht vollkommen überzeugt hätte.“ Auf dieſe Anrede erwiederte er, nach einigem Beſinnen:„Es giebt viele Stimmen und Geſichter, welche mit einander Aehnlich⸗ keit haben, doch, bitte! wie hieß euer Freund?“ Ich gab ihm über dieſen Punkt genügende Antwort, und zugleich, nicht ohne manche Thränen und manchen Seufzer, eine kurze Ueberſicht von dem traurigen Schickſale Thompſon's. Hierauf folgte ein etliche Minuten anhaltendes Stillſchweigen, und dann wandte ſich die Unterhaltung verſchiedenen Gegenſtänden zu, bis wir ein Haus auf der Straße erreichten, wo der Reiter abſtieg, und uns ſo ernſtlich bat, wir möchten hineingehen und eine Bowle Punſch in ſeiner Geſellſchaft trinken, daß wir nicht widerſtehen konnten. Doch wenn ſeine Stimme ſchon einen ſolchen Eindruck auf mich gemacht hatte, wie groß mußte mein Erſtaunen ſehn, als ich beim Scheine des Lichtes die wirkliche Geſtalt meines beweinten Freun⸗ des erkannte! Als er die große Aufregung meines Innern wahr⸗ nahm, ſo ſchloß er mich in ſeine Arme, und bethaute mein Geſicht mit Thränen. Es dauerte einige Zeit, bis ich den Gebrauch mei⸗ ner Vernunft wieder erhielt; denn dieſes Ereigniß hatte zu ſtark auf ſie gewirkt. Noch länger aber dauerte es, bis ich wieder ein Wort hervorbringen konnte. So beſtand denn Alles, wozu ich fähig war, darin, daß ich ſeine Umarmungen erwiederte und die überſtrömenden Ergüſſe meiner Wonne mit der ſeinigen vermiſchte, während der ehrliche Brayl, gerührt durch dieſe Wiedererkennungs⸗ ſcene, nicht minder heftig weinte, als wir, und ſeine Theilnahme an unſerer Glückſeligkeit dadurch bewies, daß er uns beide an's Herz drückte, und wie ein Toller im Zimmer umher tanzte. Endlich fand ich wieder Worte und rief aus:„Iſt es mög⸗ lich! ſolltet Ihr mein Freund Thompſon ſeyn? Gewiß, ach! er iſt ertrunken und ich bin jetzt in der Täuſchung eines Traumes be⸗ fangen!“ Er hatte große Mühe, mich davon zu überzeugen, daß 39 er daſſelbe Weſen ſey, welches ich beweint hatte. Hierauf hieß er mich ſitzen und meine Aufregung beſchwichtigen, zugleich ver⸗ ſprach er mir, ſein plötzliches Verſchwinden von dem Thunder zu erklären und zu berichten, wie es komme, daß er ſich noch im Lande der Lebenden befinde. Rachdem ich ein Glas Punſch ge⸗ trunken und meine Lebensgeiſter erfriſchet hatte, ſo entledigte er ſich dieſer Aufgabe durch die Mittheilung, er habe ſich mit dem Entſchluſſe, ſich von einem elenden Leben zu befreien, bei Nacht, ſo lang das Schiff in ſeinem Laufe begriffen geweſen, auf das Vor⸗ dertheil gemacht, und ſich von dort ſachte an dem Schiffsbug in die See herabgelaſſen. Nachdem er tüchtig untergetaucht worden ſey, ſo habe er allmählig ſeinen voreiligen Entſchluß bereut, und ſich, da er ſehr gut ſchwimmen könne, über dem Waſſer gehalten, in der Hoffnung, daß eines oder das andere der hinteren Schiffe ihn aufnehmen werde. In dieſer Lage habe er ein großes Schiff entdeckt und um Aufnahme gebeten, man habe ihm hierauf ge⸗ antwortet, das Schiff ſey ein ſchwerer Segler, und deßhalb könn⸗ ten ſie keine Zeit mit ihm verlieren; jedoch hätten ſie eine alte Kiſte zu ſeiner Bequemlichkeit über Bord geworfen, und ihm ge⸗ ſagt, das eine oder andere Schiff im Nachzug würde ſeine Ret⸗ tung gewiß übernehmen. Allein es ſey vor drei Stunden kein Schiff ihm ſo nahe gekommen, daß er es hätte ſehen oder ihm zurufen können. Während dieſer Zeit nun habe er die ſchreckliche Ausſicht, ſich mitten im Ocean allein zu befinden, und keinen an⸗ dern Platz zum Ausruhen gehabt, als einige elende Bretter. Zu⸗ letzt habe er aber eine kleine Corvette entdeckt, die auf ihn zuge⸗ ſteuert ſey, worauf er ſeine Kehle angeſtrengt, und das Glück gehabt habe, verſtanden zu werden. Sie hätten darauf ihr Boot herabgelaſſen, und ihn aus der ſchrecklichen Einſamkeit erlöst. „Nicht ſobald war ich an Bord gebracht,“ fuhr er fort,„als mich eine Ohnmacht befiel. Als ich wieder zur Beſinnung kam, befand ich mich in einem Bette, und der kräftige Duft von Zwie⸗ 4⁰ beln und Käſe drang in meine Naſe, was zuerſt die Vermuthung in mir erweckte, ich befinde mich in meiner eignen Hängematte neben dem ehrlichen Morgan, und meine jüngſte Vergangenheit ſey Nichts, als ein Traum. Auf mein Befragen erfuhr ich, ich befände mich am Bord eines Schooners aus Rhode Jsland, der nach Jamaika beſtimmt ſey, und eine Ladung Gänſe, Zwiebeln und Käſe bei ſich führe. Der Schiffsherr heiße Robertſon, und ſey von Geburt ein Nordbrite, den ich auf den erſten Blick als einen alten Schulkammeraden erkannte. Als ich mich ihm ent⸗ deckte, ſo gerieth er vor Erſtaunen und Freude außer ſich, und bat mich, ihm die Veranlaſſung meines Unglücks mitzutheilen. Dieß hielt ich nicht für zweckmäßig, weil ich wußte, daß ſeine religiöſen Grundſätze äußerſt ſtreng und zart ſeyen. Deßhalb begnügte ich mich, ihm zu ſagen, ich ſey zufällig über Bord gefallen, nahm aber keinen Anſtand, ihm meine unangenehme Stellung aus⸗ einander zu ſetzen, und meinen feſten Entſchluß mitzutheilen, nie⸗ mals wieder an Bord des Kriegsſchiffes zurückzukehren. Ungeach⸗ tet er in Betreff dieſes Punktes meine Anſicht nicht theilte, in Betracht, daß ich meiner Kleider und ſchuldigen Löhnung verluſtig ginge, wenn ich nicht zu meiner Pflicht zurückkehren würde, ſo änderte er doch ſeine Meinung, als ich ihm das hölliſche Leben unter der tyranniſchen Herrſchaft HOakum's und Mackſhane's be⸗ ſchrieb, nebſt andern Beſchwerden eine Unzufriedenheit mit dem unreligiöſen Benehmen der Schiffsmaate andeutete, und mich über den dortigen Mangel der reinen evangeliſchen Lehre nach der pres⸗ byterianiſchen Kirche beklagte. Ja! er beſchwur mich mit großer Heftigkeit und großem Eifer, alle Gedanken, in der Flotte zu ſtei⸗ gen, fahren zu laſſen. Zugleich gab er mir, um mir zu beweiſen, wie ſehr ihm mein Wohl am Herzen liege, das Verſprechen, für meine Zukunft auf die eine oder die andere Weiſe zu ſorgen, be⸗ vor er Jamaika verlaſſen würde. Dieſes Verſprechen hielt er zu meiner ganzen Zufriedenheit, dadurch, daß er mich einem reichen 41 Herrn empfahl, bei dem ich ſeitdem als Arzt und Aufſeher über ſeine Pflanzungen gelebt habe. Er und ſeine Frau befinden ſich gegenwärtig zu Kingſton, ſo daß ich jetzt Herr in dieſem Hauſe bin, wo ich Euch von ganzer Seele willkommen heiße, und mich der Hoffnung hingebe, Ihr werdet mir für dieſe Nacht das Ver⸗ gnügen eurer Geſellſchaft ſchenken.“ Es bedurfte keiner zweiten Einladung. Wir konnten jedoch Herrn Brayl, der ein tüchtiger und thätiger Offizier war, nicht überreden, außerhalb des Schiffes zu ſchlafen. Indeſſen ſpeiste er mit uns zu Nacht, und machte ſich, nachdem er ein herzliches Glas getrunken hatte, auf den Weg nach dem Schiffe, das nicht über drei Meilen von dem Platze entfernt lag, in Begleitung zweier handfeſter Neger, welche von Herrn Thompſon dazu beor⸗ dert waren. Nie waren zwei Freunde glücklicher bei einander, als wir. Ich erzählte ihm die Ereigniſſe unſers Angriffes auf Carthagena, wovon er nur einen unvollſtändigen Bericht vernom⸗ men hatte. Er ſeinerſeits theilte mir jeden einzelnen Umſtand ſeines Lebens ſeit unſerer Trennung mit. Er gab mir die Ver⸗ ſicherung, nur ſehr ſchwer habe er dem Verlangen widerſtehen können, einen Gang nach Port Royal hinab zu machen, um Mor⸗ gan und mich zu beſuchen, da er von uns ſeit dem Tage unſerer Trennung Nichts mehr gehört habe; es habe ihn aber die Be⸗ ſorgniß, als Ausreißer behandelt zu werden, davon abgehalten. Er ſagte mir, als er meine Stimme vernommen habe, ſo ſey er faſt eben ſo überraſcht geweſen, als ich über ſeinen Anblick nachher. Zugleich theilte er mir unter dem Siegel der Freundſchaft mit, er ſey in die einzige Tochter ſeines Herrn ſterblich verliebt. Das Mädchen ſey ſehr liebenswürdig und habe ſeine Anträge nicht ver⸗ ſchmäht. Auch ſey er bei ihren Aeltern ſehr beliebt, und habe die größte Hoffnung, die Einwilligung derſelben zu ihrer beiderſeitigen Verbindung zu erhalteu, ein Umſtand, der ihn auf einmal von der Welt unabhängig machen würde. Ich wünſchte ihm Glück 42 dazu, worauf er betheuerte, niemals ſeine Freunde vergeſſen zu wollen. Gegen Morgen begaben wir uns zur Ruhe. Am darauf folgenden Tage begleitete er mich in das Schiff, wo Herr Brayl ihn über Mittag bewirthete. Nachdem wir den Nachmittag miteinander verbracht hatten, ſo nahm er Abends von uns Abſchied, und drang mir noch zehn Piſtolen, als einen ſchwa⸗ chen Beweis ſeiner Freundſchaft für mich, auf. Kurz wir ſahen, ſo lange wir hier verweilten, täglich einander, wir aßen gewöhn⸗ lich an demſelben Tiſche, der von ihm mit allen Arten Federvieh, Fleiſchſpeiſen, Pomeranzen, Citronen, Leckereien, Ananas, Ma⸗ deirawein und trefflichem Rum reichlich verſehen ward, ſo daß ich in dieſen zehn Tagen faſt die angenehmſte Zeit meines Lebens verbrachte. Endlich kam der— an, und da meine Patienten ſo weit hergeſtellt waren, um ihre Pflichten wieder antreten zu können, ſo wurden ſie nach dem Bord des Schiffes beordert, wo ich von Herrn Tomlins hörte, es ſey zwiſchen dem Lieutenant und ihm eine Spannung eingetreten. Der verläumderiſche Schuft habe nämlich die Gelegenheit meiner Abweſenheit ergriffen, um des Capitäns Ohren mit tauſend ehrenrührigen Geſchichten zu meinem Nachtheile vollzufüllen. Unter Anderm habe er behauptet, ich ſey einmal wegen Diebſtahls deportirt worden, und ſo lange ich mich auf dem Kriegsſchiffe Thunder befunden habe, ſey ich wegen deſſel⸗ ben Verbrechens gepeitſcht worden. Da der Doctor andrerſeits meine ganze Geſchichte aus meinem eignen Munde vernommen hatte, ſo vertheidigte er mich nachdrücklich, und erzählte, dem Zuge ſeiner Gutmüthigkeit folgend, Alles, was Crampley's Bos⸗ heit gegen mich verſucht hatte, ſo lange ich mich am Bord jenes Schiffes befand. Dieſe Angaben überzeugten den Capitän nicht nur von mei⸗ ner Unſchuld, ſondern machten auch den Lieutenant zu einem, nicht weniger heftigen, Feinde meines Beſchützers. Dieſes teuf⸗ 43 liſche Benehmen Crampley's gegen mich erregte meine Galle, die noch von früheren Rachegefühlen aufgereizt war, ſo ſtark, daß ich zu gewiſſen Zeiten vor Verlangen nach Rache ganz außer mir gerieth, und ſogar die Verſuchung mich befiel, ihn auf dem Halb⸗ verdeck nieder zu ſchießen, ungeachtet ein ſchimpflicher Tod die un⸗ ausbleibliche Folge davon geweſen ſeyn würde. Allein der Doctor, den ich in mein Vertrauen gezogen hatte, widerrieth mir eine ſolche verzweifelte Handlung ſo nachdrücklich, daß ich die Flamme der Rache für den Augenblick unterdrückte, und mich entſchloß, eine paſſendere Gelegenheit abzuwarten. Um indeſſen Herrn Tomlins von dem Unrecht, das ich durch die Verläumdungsſucht jenes Burſchen erlitten hatte, noch mehr zu überzeugen, bat ich ihn, er möchte Herrn Thompſon, mit deſſen wunderbarem Entkommen ich ihn bekannt gemacht hatte, einen Beſuch abſtatten, und ihn nach meinem Benehmen fragen, ſo lange ich an deſſen Seite Unterarzt geweſen ſey. Dieſe Bitte erfüllte der Doctor, mehr aus Neugier, einen Menſchen von ſo außerordentlichen Schickſalen kennen zu lernen, als ſeine gute Meinung von mir beſtätigt zu erhalten, denn dieſe, verſicherte er mich, ſey bei ihm feſt genug begründet. Er begab ſich nun, mit einem Empfehlungsſchreiben von mir verſehen, nach der Wohnung meines Freundes, wo er mit aller Höflichkeit und Zuvorkommenheit, wie ich es nicht anders erwar⸗ tete, aufgenommen ward, und in das Schiff zurückkehrte, nicht nur hinſichtlich meines Charakters über die Maßen zufrieden ge⸗ ſtellt, ſondern auch entzückt über die Unterhaltung Thompſons, der ihn und mich mit Geſchenken an friſchen Victualien, gebrann⸗ ten Waſſern und Früchten beladen hatte. Da er nicht an Bord kommen wollte, damit ihn Crampley nicht erkenne und feſthalte, ſo erhielt ich, als die Zeit zur Abreiſe gekommen war, Erlaubniß, ihn zu beſuchen und ihm Lebewohl zu ſagen. 3 44 Nachdem wir uns ewige Freundſchaft geſchworen hatten, drang er mir eine Börſe mit vier Dublonen auf, die ich zurück wies, ſo lange als ich, ohne die Höflichkeit zu verletzen, konnte. Nach gegenſeitigen Umarmungen kehrte ich am Bord zurück, wo ich eine ſchmale Kiſte mit einem Brief an mich vorfand, die der Sorge des Herrn Tomlins übergeben war. Ich erkannte in der Ueber⸗ ſchrift die Hand Thompſon's, und öffnete die Kiſte mit einiger Ueberraſchung, worauf ich fand, daß dieſer großmüthige Freund, nicht zufrieden damit, mich mit der ſchon erwähnten Gabe zu be⸗ ſchenken, mir das Vergnügen bereitete, ein halb Dutzend feiner Hemden, eben ſo viel leinener Weſten und Nachtmützen nebſt zwölf Paaren neuer leinener Strümpfe zu überſenden. Auf dieſe Weiſe mit Geld und allen dringenden Lebensbedürfniſſen verſehen, begann ich mich als einen Herrn, von nicht geringer Wichtigkeit, zu betrachten, und fühlte meinen Stolz allmählich wachſen. Am an⸗ dern Tage ſegelten wir nach Port Royal, wo wir mit unſern Priſen glücklich anlangten. Da es nichts am Bord zu thun gab, ſo ging ich an das Ufer, und kaufte in einer öffentlichen Verſteige⸗ rung eine geſtickte Weſte nebſt einigen anderen Kleidern. In dieſem Anzuge ſtolzierte ich einige Tage lang in den Tavernen herum, wagte es, mich in einige kleine Hazardſpiele einzulaſſen, und trug fünfzig Piſtolen als Gewinn davon. Unterdeſſen war unſer Capitän auf ein Schiff von zwanzig Kanonen befördert, und das Commando über die Eidechſe einem Sojährigen Manne übertragen worden. Dieſer war ſeit der Re⸗ gierung des Königs Wilhelm Lieutenant geweſen, und wäre, un⸗ geachtet ſeiner langen Dienſtzeit, als ſolcher abgeſtorben, wenn er nicht etliches Priſengeld, das er vor Kurzem erhalten hatte, zu dem Zwecke verwandt haben würde, das Intereſſe für ſich bei ſei⸗ nen Obern rege zu machen. Mein Freund Brayl erhielt eben⸗ falls um dieſelbe Zeit ſein Offizierspatent, nachdem er als Mid⸗ ſpipman und Maat fünfundzwanzig Jahre lang gedient hatte. 45 Bald nach dieſen Beförderungen wählte der Admiral unſer Schiff zur Ueberbringung von Depeſchen an das Miniſterium. Nachdem wir unſern Kiel geſcheuert und Mundvorrath nebſt Waſſer einge⸗ nommen hatten, gingen wir nach England unter Segel. Siebenunddreiſigſtes Kapitel. Wir gehen nach Europa ab; es entſteht ein Mißverſtaͤndniß zwiſchen dem Capitän und dem Doctor, wozu Erampleys verläumderiſche Einflüſte⸗ rungen die Veranlaſſung gaben; der Capitän ſtirbt; Crampley tyranni⸗ ſirt den Doctor, der ein Opfer von deſſen Grauſamkeit wird; auch ich werde ſchlecht behandelt; das Schiff ſtrandet; Crampleys und der Ma⸗ troſen Benehmen bei dieſer Gelegenheit; ich begebe mich an das Ufer und fordere den Capitaͤn zum Zweikampf heraus; werde verraͤtheriſcher⸗ weiſe niedergeworfen, verwundet und beraubt. Da ich jetzt auf anſtändige Weiſe in mein Geburtsland zu⸗ rücktehren konnte, ſo empfand ich große Freude darüber, dieſer ge⸗ fährlichen Inſel, welche das Grab ſo manchen Europäers gewor⸗ den war, aus dem Geſichte zu kommen; und da ich mit Allem verſehen war, was dazu dienen konnte, um die Ueberfahrt ange⸗ nehm zu machen, ſo nahm ich mir vor, dieſe Gelegenheit zu be⸗ nützen, ſo weit Crampleys Uebermuth meinem Frohſinn nicht hem⸗ mend in den Weg trat. Dieſer ränkevolle Verläumder hatte be⸗ reits Mittel gefunden, ein Mißverſtändniß zwiſchen dem Doctor und dem Capitän herbeizuführen, welcher letztere wegen ſeines Al⸗ ters und ſeiner Schwäche unerträglich launiſch und mürriſch war, Folgen eines Temperaments, das durch eine lange Reihe von Täuſchungen ihm noch mehr Sauertöpfiſches zugelegt hatte. * In Folge dieſer Gemüthsſtimmung waren ihm alle jungen Männer zuwider, namentlich aber die Aerzte, welche er als unnütze 4 Weſen an Bord eines Schiffs betrachtete, weßhalb er auch nie⸗ mals den Doctor um Rath frug, ungeachtet er öfters an heftigen An⸗ fällen von Podagra und Steinſchmerzen litt. Vielmehr nahm er ſeine Zuflucht zu einer Flaſche Genever, ein Getränk, das ſein Uni⸗ verſalmittel wider alle Krankheiten war. Mochte er aber damals zu enthaltſam damit umgegangen ſeyn, oder eine zu ſtarke Doſis ſeiner Arznei zu ſich genommen haben, genug! er marſchirte in der darauf folgenden Nacht in die andere Welt, ohne alle weitere Förmlichkeiten, da er von jeher ein Feind derſelben geweſen war, und wurde am Morgen darauf ſtarr und ſteif gefunden, zur nicht geringen Freude Crampleys, der nun im Schiffscommando ſein Nachfolger ward. Jedoch Herr Tomlins und ich hatten keine Urſache, uns über dieſen Wechſel zu freuen, da wir fürchten mußten, die Tyrannei unſeres neuen Befehlshabers möchte nun ſo unumſchränkt ſeyn, als ſeine Macht geworden war. Auch rechtfertigte der erſte Tag ſeines Befehlhaberamtes un⸗ ſere bangen Ahnungen: denn unter dem Vorwande, die Verdecke ſeyen zu ſtark angefüllt, gab er den Befehl, die Hühnerkörbe des Doctors ſollten, nebſt allen Inſaſſen derſelben, über Bord gewor⸗ fen werden; zugleich aber verbot er ihm und mir, auf dem Ober⸗ lof uns blicken zu laſſen. Herr Tomlins konnte nicht umhin, über dieſe Ungerechtigkeiten ſich zu beſchweren, und ließ in der Aufregung ſeines Innern einige haſtige Worte fallen. Dieſe benutzte Crampley und ließ ihn in ſeiner Cajüte einſperren. Daſelbſt wurde der Doctor nach Verfluß weniger Tage aus Mangel an geſunder Luft von einem Fieber befallen, das ſeinem Leben bald ein Ende machte, nachdem er ein Teſtament abgefaßt hatte, vermöge deſſen er ſeine ganze liegende und fahrende Habe ſeiner Schweſter, mir aber ſeine Uhr und Inſtrumente als Zeichen einer Freundſchaft hinterließ. Dieſes traurige Ereigniß erfüllte mein Herz mit Kummer, um ſo mehr, weil Niemand ſich an Bord befand, dem ich ihn mit⸗ theilen, oder von dem ich die mindeſte Theilnahme hoffen durſte. Crampley war ſo weit davon entfernt, Gewiſſensbiſſe über des Doctors Tod zu empfinden, daß er vielmehr deſſen Andenken auf die herabwürdigendſie Weiſe behandelte, und behauptete, er habe ſich aus der bloſen Furcht vergiftet, wegen Meuterei vor ein Kriegsgericht geſtellt zu werden. Aus dieſem Grunde wollte er auch nicht das Kirchengebet für den Tobten leſen laſſen, ehe ſein Leichnam über Vord geworfen würde. Nichts als die Hoffnung einer ſchnellen Erlöſung war im Stande, mich mit der brutalen Herrſchaft dieſes Paſcha zu ver⸗ ſöhnen, der, um mir das Leben noch mehr zu verbittern, meinen Liſchgenoſſen den Wunſch angedeutet hatte, ſie möchten mich aus ihrer Geſellſchaft verbannen. Dieſer Wink war nickt ſobald ge⸗ geben, als ſie ſeinem Wunſche ſich fügten, ſo daß ich mich genö⸗ thigt ſah, während des Reſts der Ueberfahrt einſam zu ſpeiſen, ein Zuſtand, der jedoch bald ſein Ende erreichte. Wir waren bereits ſieben Wochen lang auf der hohen See, als der Schiffsconſtabel dem Capitän die Mittheilung machte, nach ſeiner Rechnung müßten wir Ankergrund haben, und er bitte, daß man das Loth auswerfe. Crampley ſchwur, der Conſtabel ver⸗ ſtehe die Schifffahrt nicht, denn wir befänden uns noch nicht ein⸗ mal hundert Seemeilen weit vom Ankergrund entfernt, und deß⸗ halb wolle er ſich gar nicht die Mühe nehmen, das Senkblei hin⸗ abzulaſſen. Demgemäß ſetzten wir unſere Fahrt den ganzen Nach⸗ mittag und die Nacht hindurch fort, ohne die Segel zu kürzen, ungeachtet der Conſtabler den Seilly⸗Leuchtthurm zu bemerken be⸗ hauptete, und am nächſten Morgen förmlich gegen des Capitäns Benehmen Einſprache that, weshalb er Arreſt erhielt. Wir entdeckten dieſen ganzen Tag über kein Land, und Cram⸗ pley war verblendet genug, keinen Ankergrund zu ſuchen. Gegen 48 drei Uhr Morgens aber erhielt das Schiff einen Stoß, und blieb auf einer Sandbank feſt ſitzen. Dieſes Ereigniß brachte die ganze Schiffsmannſchaft in Allarm; das Bvot wurde ſogleich herausge⸗ wunden. Da wir indeſſen die Richtung des Ufers nicht zu unterſchei⸗ den vermochten, ſo mußten wir bis Tagesanbruch warten. Mitt⸗ lerweile nahm der Wind an Heſtigkeit zu, und die Wogen ſchlu⸗ gen ſo ſtark an die Corvette, daß wir glaubten, ſie werde in Stücken auseinander gehen. Der Conſtabel wurde nun freige⸗ laſſen, und ſein Rath verlangt, welchen er dem Capitän dahin gab, man ſolle den Maſt kappen, um das Schiff leichter zu ma⸗ chen. Dieß wurde ohne Erfolg verſucht. Als die Matroſen den verzweifelten Zuſtand der Dinge ſahen, ſo brachen ſie ihrer Gewohnheit gemäß die den Offieieren angehö⸗ rigen Kiſten auf, zogen deren Kleider an, tranken ihren Vorrath an geiſtiger Flüſſigkeit, ohne viele Umſtände zu machen. Trun⸗ kenheit, Tumult und Verwirrung waren die Wirkung hievon. Mitten unter dieſem Aufruhr begab ich mich in den Schiffs⸗ raum hinunter, um meine Effekten in Sicherheit zu bringen. Dort ſah ich den Schiffszimmermannsmaat des Proviantmeiſters Cajüte mit ſeiner Axt aufbrechen, wobei er mit großer Ruhe pfiff. Als ich ihn um ſeine Abſicht bei dieſem Geſchäfte frug, ſo erwiederte er ganz gelaſſen:„Ich will blos des Proviantmeiſters Rum ver⸗ ſuchen; das iſt Alles, was ich will, Herr!“ In dieſem Augen⸗ blick kam der Proviantmeiſter herab, beklagte ſich, als er ſah, daß alle ſeine Effekten zu Grunde gingen, bitterlich über die Un⸗ gerechtigkeit, welche ihm widerfahren, und frug den ungebetenen Gaſt, wozu denn in aller Welt er Getränke nöthig hätte, da er aller Wahrſcheinlichkeit nach binnen wenigen Minuten in der Ewig⸗ keit ſich befinden würde. „Das iſt all' Eins,“—— der Räuber„laßt uns leben, ſo lange wir können!“ 49 „Du elender Bube,“ ſchrie der Proviantmeiſter,„welch' ein Loos erwartet wohl Deiner in einer andern Welt, wenn Deine letzte Handlung eine Räuberei iſt?“ „Nun, ich vermuthe wohl, die Hölle,“ gab der Andere mit großer Kaltblütigkeit zur Antwort, während der Proviantmeiſter auf die Knie ſiel, und den Himmel auflehte, er moͤchte um eines einzigen Jonas willen nicht die ganze Mannſchaft verderben. Während dieſes Geſprächs kleidete ich mich in meinen beſten Anzug, gürtete meinen Hirſchfänger um, ſteckte meine Piſtolen ge⸗ laden in meinen Gürtel, nahm alle meine bewegliche Habe von Werth zu mir, und begab mich auf das Verdeck mit dem Ent⸗ ſchluſſe, die nächſte beſte Gelegenheit zu benutzen, an das Ufer zu kommen, das, wie der Tag anbrach, drei Meilen von uns zu ſchen war. Als Crampley ſeine Bemühungen, das Schiff flott zu machen, vergeblich fand, ſo beſchloß er, an ſeine eigene Sicherheit zu den⸗ ken, und begab ſich in das Boot. Kaum war dieß geſchehen, ſo folgte ihm die übrige Mannſchaft ſo ſchnell, daß das Fahrzeug geſunken wäre, wenn nicht Einer, klüger, als die Uebrigen, das Seil abgeſchnitten und abgeſtoßen hätte. Vor dieſem Ereigniſſe jedoch hatte ich mehrere Verſuche gemacht, hineinzukommen, allein der Capitän hatte mich jedesmal zurückgewieſen, und war ſo heftig in dem Verlangen, mich auszuſchließen, daß er die Verſuche der Uebrigen, ſich hineinzudrängen, nicht wahrnahm. Wüthend über dieſe unmenſchliche Behandlung und bemerkend, daß das Seil ab⸗ geſchnitten ſey, zog ich eine meiner Piſtolen aus dem Gürtel, ſpannte ſie und ſchwur, jeden niederſchießen zu wollen, der es wa⸗ gen würde, mir den Zugang zu verwehren. Mit dieſen Worten nahm ich einen tüchtigen Anlauf, und ſprang in das Boot mit dem Verluſte der Haut meines Schienbeins. Bei dieſer That überrann ich zufällig Crampley'n, der ſich kaum erhoben hatte, als er mit einem Hirſchfänger nach mir ſchlug und den Leuten Smollet's Romane IHI. 50 befahl, ſie ſollen mich über Bord werfen; doch dieſe waren zu ſehr auf ihre eigene Rettung bedacht, um ſeinen Worten viel Auf⸗ merkſamkeit zu ſchenken. Ungeachtet das Boot überfüllt war und die See ſehr hoch ging, ſo ſtrengten wir doch alle unſere Kräfte an, und kamen in weniger als einer Stunde, freilich mit genauer Noth, auf trockenes Land. Sobald ich meinen Fuß auf das Feſtland geſetzt hatte, brach mein Unwillen, der ſchon ſo lange in meinem Innern gekocht hatte, gegen Crampley los, den ich ſogleich zum Zweikampf her⸗ ausforderte, und ihm meine Piſtolen hinbot, um eine zu wählen. Er nahm ohne Bedenken eine derſelben, und feuerte, bevor ich die zweite ſpannen konnte, mir in's Geſicht, worauf er die Piſtole wegwarf. Ich fühlte mich verwundet, und ſchoß, in der Meinung, ich ſey im Hirne verwundet, die meinige ſo ſchnell als möglich ab, damit ich nicht ungerächt ſtürbe. Hierauf flog ich auf meinen Gegner zu, ſchlug ihm mehrere Vorderzähne mit dem Kolben mei⸗ nes Schießgewehres ein, und würde mit dieſem Inſtrumente ihm den Tod gegeben haben, wenn er ſich nicht losgemacht und ſeinen Hirſchfänger ergriffen haben würde, welchen er ſeinem Bedienten gegeben hatte, als er die Piſtole empfing. Als ich die Art und Weiſe ſeiner Bewaffnung ſah, zog ich meinen Degen, warf ihm die Piſtole an den Kopf, packte ihn in einem Anfalle von Wuth an, und ſtieß ihm meine Waffe in den Mund, ſo vaß derſelbe auf der einen Seite bis an's Ohr aufge⸗ ſchlitzt wurde. Ob ihn der Schmerz dieſer Verwundung aus der Faſſung, oder die Unebenheit des Bodens zum Wanken brachte, weiß ich nicht, genug! er taumelte einige Schritte rückwärts. Ich folgte ihm ſchnell, und ſchnitt ihm mit einem Streiche die Sehnen ſeiner Handfläche ab, worauf er den Hirſchfänger fallen ließ und ſich nimmer wehren konnte. Ich weiß nicht, wie weit ich in mei⸗ nem blutdürſtigen Grimme gegangen ſeyn würde, wenn ich nicht in demſelben Augenblicke durch einen Hieb auf meinen Hinterkopf, der mich aller Beſinnung beraubte, zu Boden geſchlagen worden wäre. In dieſer kläglichen Lage blieb ich eine Zeit lang, ausgeſetzt der Wuth eines rachedürſtenden Unmenſchen, und der Habgier einer gefühlloſen Schiffsmannſchaſt. Ob in dieſem meinem bewußtloſen Zuſtande unter ihnen ein Streit entſtand, kann ich nicht beſtimmt behaupten; aber in einem Punkte ſchienen ſie einig geweſen, und mit gleicher Gewandtheit und Eilfertigkeit verfahren zu ſeyn: denn als ich wieder zum Bewußtſeyn kam, fand ich mich an einem einſamen FPlatze, meiner Kleider, meines Geldes, meiner Uhr, meiner Schnallen und meiner ganzen Habe beraubt, Schuhe, Strümpfe, Hoſen und Hemd ausgenommen. Wie ſchrecklich mußte dieſe Entdeckung für mich ſeyn, der eine Stunde zuvor noch über ein Eigenthum von ſechszig Guineen zu verfügen hatte! Ich ver⸗ fluchte die Stunde meiner Geburt, die Eltern, welche mir das Da⸗ ſeyn gaben, die See, daß ſie mich nicht verſchlang, den feindlichen Dolch, daß er den Weg zu meinem Herzen nicht gefunden, die Schurkerei derjenigen, welche mich in dieſer erbärmlichen Lage zurückgelaſſen hatten; und beſchloß in einem Anfalle von Ver⸗ zweiflung, liegen zu bleiben, wo ich ſey, und da umzukommen. Achtunddreißigſtes Kapitel. Ich raffe mich auf und krieche in eine Scheune, wo ich in Gefahr ſchwebe, durch die aberglaͤubiſche Furcht des Landvolks das Leben zu verlieren; ihre Unmenſchlichkeit; eine beruͤchtigte Here unterſtützt mich; ihre Ge⸗ ſchichte, ihr Rath; ſie empfiehlt mich als Bedienten einer fuͤr ſich leben⸗ den Frau, deren Charakter ſie mir ſchildert. Allein in dieſer Stellung kühlte ſich meine Leidenſchaft all⸗ mählig. Ich betrachtete meine Lage in einem ganz anderen Lichte, als Anfangs; und das Ergebniß meiner Betrachtungen beſtand 52 darin, ſo ſchnell ich konnte aufzuſtehen und an den nächſten be⸗ wohnten Platz mich zu ſchleppen, um mich nach Hülſe umzuſehen. Mit einiger Schwierigkeit machte ich mich auf die Beine, und fand nach angeſtellter Unterſuchung an meinem Körper, daß ich nichts weiter erhalten hatte, als zwei Quetſchwunden, die eine vorne und die andere hinten am Kopfe, die beide von dem Schaftende meiner Piſtole herzurühren ſchienen. Ich richtete meine Blicke auf das Meer, vermochte aber keine Trümmer von dem Schiffe zu entdecken, ſo daß ich den Schluß daraus zog, es ſey in Stücken aus einander gegangen und diejenigen, welche in demſelben zurück⸗ geblieben, hätten ihren Tod in den Wellen gefunden. Allein wie ich ſpäter erfuhr, ſo hatte der Conſtabel, welcher mehr Scharfſinn beſaß als Crampley, und bemerkte daß es Fluth ſey, als er das Schiff verließ, und daß daſſelbe bei hohem Waſſer wahrſcheinlich flott werden würde, keinen Verſuch gemacht, an das Ufer zu ge⸗ langen, ſondern war auf dem Verdeck geblieben, in der Hoffnung das Schiff ſicher in einen Hafen zu bringen, nachdem der Befehls⸗ haber es verlaſſen hätte, ein Dienſt, wofür er eine ſchöne Beloh⸗ nung zu erhalten ſich Rechnung machte. Dies brachte er auch wirklich in Ausführung, und verſprach ſich große Dinge von der Admiralität, wegen der Rettung von Seiner Majeſtät Schiffe. Ich vermochte jedoch nie zu erfahren, ob ſeine Erwartungen in Erfüllung gegangen ſeyen. Was mich betrifft, ſo richtete ich meine Schrittte nach einem kleinen Hauſe, das mir in die Augen fiel, und raffte unterwegs eine alte Seemannsjacke auf, von der ich vermuthete, daß der Dieb, welcher meines Anzugs ſich bemächtigte, ſie weggeworfen habe. Dies war für mich, der faſt ſteif vor Kälte war, eine ſehr nützliche Erwerbung. Ich zog ſie deßhalb an, worauf die natür⸗ liche Wärme wieder zurückkehrte, und in Folge deren meine Wunden, die zu bluten aufgehört hatten, auf's Neue aufbrachen. Hiedurch ward ich denn außerordentlich erſchöpft, und ſtand ſchon im Be⸗ ———— 53 griffe, mich auf den Feldern niederzulegen, als ich zu meiner Linken, wenige Schritte davon entfernt, eine Scheune gewahrte. Dorthin verſuchte ich es, mich zu ſchleppen, und ging, als ich die Thüre offen ſtehen fand, hinein, ſah aber Niemand. Jedoch in der Hoffnung, bald von irgend einem Menſchen Hülfe zu erhalten, warf ich mich auf ein Strohbündel. Ich war noch nicht lange hier gelegen, als ich einen Landmann mit einer Heugabel in der Hand hereinkommen ſah, der auf dem Punkte ſtand, in das Stroh, welches mich umhüllte, zu ſtechen. Dies würde mir wahrſcheinlich den Reſt gegeben haben, wenn ich nicht, nach einer vergeblichen Anſtrengung zu ſprechen, einen gar kläglichen Seufzer ausgeſtoßen haben würde. Dieſer traurige Klang macht den Bauer ſtutzig, der zurückſprang, und, als er einen ganz mit Blut beſchmierten Körper entdeckte, zitternd daſtand, mit ausgeſtreckter Heugabel, emporgerichteten Haaren, ſtarrem Blicke, erweiterten Nüſtern und weit aufgeſperrtem Munde. Zu einer andern Zeit würde dieſe Geſtalt, welche faſt zehn Minuten lang dieſelbe Stellung beibe⸗ hielt, während deſſen ich viele fruchtloſe Verſuche machte, ſein Mit⸗ leid und ſeine Hülfe anzuflehen, mich außerordentlich beluſtigt haben; allein die Zunge verſagte mir, und meine Sprache war nur eine Wiederholung von Seufzern. Endlich kam ein alter Mann, der, als er den Erſteren in dieſer Stellung ſah, ausrief: „Genad uns Gott! der Bube iſt behext! wie, Dick, haſt Du Dich bezaubern laſſen?“ Dick gab, ohne ſeine Augen von dem Ge⸗ genſtande ſeines Schreckens wegzuwenden, ihm zur Anwort:„O Vater! Vater! hier iſt entweder der Teufel oder ein todter Meuſch: ich weiß nicht was es iſt, aber es ſeufzt erbärmlich.“ Hierauf zög der Vater, deſſen Geſicht nicht das beſte war, ſeine Brille hervor, ſetzte ſie auf ſeine Naſe und betrachtete mich über die Schultern ſei⸗ ner Sohnes hinweg. Kaum hatte er jedoch mich erblickt, ſo befiel ihn ein noch heftigeres Zittern als Dick, und er redete mich mit ge⸗ brochener Stimme ſo an:„Im Namen des Vaters, Sohnes und 54 heiligen Geiſts befehle ich Euch, wenn Ihr der Satan ſeyd, Euch in das rothe Meer zu begeben! falls Ihr aber ein Gemordeter ſeyd, ſo ſprecht, damit⸗ihr ein chrißtliches Begräbniß erhaltet.“ Da ich nicht in der Lage war, ihm eine befriedigende Ant⸗ wort hierüber zu geben, ſo wiederholte er ſeine Beſchwörung ohne Erfolg; und ſie ſtanden noch eine Zeit lang Todesangſt aus. End⸗ lich ſchlug der Vater vor, der Sohn ſollte näher kommen und die Erſcheinung einer genaueren Unterſuchung unterwerfen. Dick jedoch war der Anſicht, ſein Vater ſolle zuerſt darauf losgehen, da er als ein alter Mann ſeine Pflicht gethan habe, und, falls ihm ein Unglück zuſtöße, der Verluſt geringer ſeyn würde; wäh⸗ rend er ſelbſt entkommen und noch Kinder erzeugen könne. Dieſer kluge Einwand that keine Wirkung bei dem Alten, der immer noch Dick zwiſchen mir und ſich behielt. Unterdeſſen verſuchte ich es, als Nothzeichen eine Hand auf⸗ zuheben; allein ich hatte nur ſo viel Kräfte, um unter dem Stroh ein Raſſeln zu verurſachen, das jedoch den jungen Bauer ſo außer Faſſung brachte, daß er zur Thüre hinausſprang und auf der Flucht ſeinen Vater über den Haufen warf. Der alte Mann wollte mit dem Aufſtehen keine Zeit verlieren, ſondern kroch eilig wie ein Krebs rückwärts, bis er die Schwelle erreicht hatte, in⸗ dem er unterwegs lauter Beſchwörungen murmelte. Mein Kum⸗ mer, durch die Unwiſſenheit und Feigheit dieſer Bauern in Todes⸗ gefahr zu kommen, war außerordentlich groß; und ich fühlte mein Leben allmählig dahin ſchwinden, als ein altes Weib in Beglei⸗ tung der zwei Flüchtlinge die Scheune betrat, und mit großer Unerſchrockenheit auf die Stelle, wo ich lag, zugehend, ſagte: „Iſt es der Teufel, ſo fürchte ich ihn nicht, und ein Todter kann uns nichts Leides thun.“ Als ſie meine Lage ſah, ſo rief ſie:„Hier iſt kein Teufel, ſondern in euren Narrenköpfen. Hier iſt ein armer unglücklicher Mann, der ſich zu Tode verblutet, und wenn er ſtirbt, ſo müſſen 55 wir ihn pflichtlich begraben. Deßhalb geh, Dick! und hole den alten Schubkarren, um ihn hinaufzulegen und vor der Hinter⸗ thüre des Wirths Hodge abzuſetzen⸗ Er iſt mehr im Stande als wir, an arme Landläufer Geld zu verwenden.“ Ihr Rath wurde angenommen und ſogleich befolgt. Ich ward vor des armen Pächters Thüre hingerollt, daſelbſt in eine Ladung Miſt umgeſtürzt und hingelegt. Zuverläßig wäre ich eine Beute der Schweine geworden, wenn mein Stöhnen nicht die Familie aufgeſchreckt, und einige von ihnen herausgelockt hätte, um zu ſehen, was mir fehle. Jedoch Hobge glich mehr dem verhärteten Juden als dem barmherzigen Samariter, und gab den Befehl, man ſolle mich vor das Haus des Pfarrers führen, deſſen Ob⸗ liegenheit es ſey, Varmherzigkeit auszuüben und zu predigen, mit der Bemerkung, es ſey genug von ihm, wenn er ſeine Beiträge zur Unterhaltung der Armen des Kirchſpiels richtig bezahle. Als ich vor das Thor des Vikars niedergelegt ward, ſo ge⸗ rieth dieſer in einen mächtigen Zorn, und drohte, denjenigen, welcher mich ſchickte, nebſt denen, welche mich herbrachten, in den Kirchenbann zu thun, wenn ſie mich nicht ſogleich wo anders hin brächten. In dieſem Augenblicke wandelte mich, in Folge meiner aus⸗ geſtandenen Leiden, eine Ohnmacht an, und ich erfuhr ſpäter, man habe mich von Thüre zu Thüre durch das ganze Dorf geſchleppt, da Niemand ſo viel Menſchlichkeit beſeſſen, mir die geringſte Hilfe zu leiſten, bis eine alte Frau, die man in der Nachbarſchaft der Hexerei beſchuldigte, und welche von meinem Unglück gehört, mich in ihr Haus aufgenommen hatte. Nachdem dieſe meine Wunden verbunden hatte, ſo brachte ſie mich durch ſelbſtbereitete Herzſtär⸗ kungen wieder zu mir. Dieſe ehrenhafte Matrone behandelte mich mit großer Sorgfalt und Zärtlichkeit, und wünſchte, nach⸗ dem ich wieder zu einigen Kräften gekommen war, die Geſchichte meines letzten Unglücks umſtändlicher zu erfahren. 56 Meiner Lebensretterin konnte ich die Befriedigung ihrer Neu⸗ gierde nicht verweigern, deßhalb erzählte ich ihr alle meine Aben⸗ teuer ohne Uebertreibung oder Rückhalt. Sie ſchien über meinen mannichfachen Glückswechſel erſtaunt zu ſeyn, und zog hieraus einen günſtigen Schluß auf mein künftiges Leben. Hierauf brach ſie in das Lob des Unglücks mit ſolcher Lebhaftigkeit und ſo ge⸗ ſundem Urtheile aus, daß ich hieraus folgerte, ſie müſſe beſſere Tage geſehen haben, und ein ſtarkes Verlangen bekam, ihre Ge⸗ ſchichte zu erfahren. An einigen Worten, die ich fallen ließ, merkte ſie meine Ab⸗ ſicht, und lächelnd ſagte ſie mir, ihre Lebensgeſchichte enthalte weder die Neugierde feſſelnde, noch außerordentliche Begebenheiten; jedoch wolle ſie mir in Betracht meines offenen Benehmens gegen ſie dieſelbe mittheilen. „Es iſt von wenig Bedeutung,“ ſprach ſie:„die Namen mei⸗ ner Eltern zu nennen, welche ſeit vielen Jahren todt ſind: es ge⸗ nüge Euch die Verſicherung, daß ſie wohlhabend waren und kein Kind ſonſt als mich hatten; ſo daß man mich als die Erbin eines beträchtlichen Vermögens betrachtete, und mit Anträgen in dieſer Beziehung verfolgte. Unter der Zahl meiner Verehrer beſand ſich ein junger vermögenloſer Mann, deſſen einzige Hoffnung auf ſeine Beſörderung in der Armee ſich ſtützte, worin er damals die Stelle eines Lieutenants bekleidete. Ich faßte zu dieſem liebens⸗ würdigen Offizier eine Zuneigung, welche binnen kurzer Zeit ſich zur heftigſten Leidenſchaft ſteigerte, und heirathete ihn, ohne in kleinliche Bedenklichkeiten einzugehen, heimlich. Unſere verſtohlenen Zuſammenkünfte hatten noch nicht lange gedauert, als er Befehl erhielt, zu ſeinem Regimrnt in Flandern zu ſtoßen. Bevor er je⸗ doch ſich auf den Weg machte, verabredeten wir mit einander, meinem Vater unſere Heirath ſchriftlich anzuzeigen, und wegen des Schrittes, den wir ohne ſeine Einwilligung gethan hatten, um ſeine Verzeihung zu bitten. Dieſer Schritt wurde gethan, während 5——— ————— —————— 57 ich einmal irgendwo einen Beſuch machte. Eben war ich im Be⸗ griff nach Hauſe zurückzukehren, als ich einen Brief von meinem Vater erhielt, worin er mir meldete, daß, weil ich ſo unreſpect⸗ voll und niederträchtig gehandelt habe, ohne ſein Wiſſen und ſeine Erlaubniß einen Bettler zu heirathen, ein Schritt, durch den ſeine Familie herabgewürdigt und ſeine Pläne vernichtet würden, er mich dem unglücklichen Schickſal, das ich mir ſelbſt bereitet habe, überlaſſe, und mir verbiete, je wieder einen Fuß auf ſeine Schwelle zu ſetzen. Dieſer ſtrenge Urtheilsſpruch ward von mei⸗ ner Mutter beſtätigt, die in einer Nachſchrift mir zu verſtehen gab, ihre Gefühle ſeyen ganz in Uebereinſtimmung mit denen mei⸗ nes Vaters, und ich möchte mir die Mühe fernerer Bemühungen erſparen, denn ihre Entſchlüſſe ſeyen unabänderlich. Niedergeſchla⸗ gen durch mein Mißgeſchick, ließ ich eine Kutſche holen und mich darin zu meines Gatten Wohnung führen, wo ich denſelben, auf den Erſolg ſeines Schreibens harrend, antraf. Ungeachtet er an meinen Blicken den Erfolg ſeiner Erklärung leicht abnehmen konnte, ſo las er doch mit großer Standhaftigkeit den erhaltenen Brief. Hierauf umarmte er mich mit einem Blicke voll Zärtlichkeit, den ich niemals vergeſſen werde, und ſprach: „Ich vermuthe, die gute Frau, Deine Mutter, hätte ſich die Mühe des letzten Theils ihrer Nachſchrift erſparen können. Gut, meine liebe Betty, Du mußt nun alle Gedanken an eine Kutſche fahren laſſen, bis ich das Commando eines Regiments erhalten kann.“ Während dieſes uneigennützige Benehmen von ſeiner Seite mich in Stand ſetzte, meinen Glückswechſel ruhiger zu ertragen, machte er mich ihm nur um ſo theurer, indem er mich von ſeinen un⸗ eigennützigen Abſichten auf meine Perſon überzeugte. Am darauf folgenden Tage ward ich in Geſellſchaft der Gattin eines andern Offiziers, der lange Zeit der Freund und Vertraute meines Gatten geweſen war, in einem Dorfe nahe bei London untergebracht, wo ſie auf die rührendſte Weiſe von uns Abſchied nahmen, nach Flan⸗ 58 dern abreisten und neben einander in der Schlacht von Wood fielen. Warum ſoll ich Euch mit einer Beſchreibung unſers unaus⸗ ſprechlichen Kummers, über die traurige Nachricht dieſes Ereigniſſes, deſſen Erinnerung noch jetzt meine alten Augen mit Thränen an⸗ füllt, ermüden? Als unſer Schmerz ein wenig nachließ und das Nachdenken uns zu Hülfe kam, ſo ſahen wir uns von der ganzen Welt verlaſſen und in Gefahr, vor Mangel umzukommen. Hierauf bewarben wir uns um die Penſion, und wurden auf die Liſte ge⸗ ſetzt. Dann ſchwuren wir uns ewige Freundſchaft, verkauften un⸗ ſere Juwelen und überflüſſigen Kleider, zogen uns an dieſen Ort zurück, der in der Grafſchaft Suſſer liegt, kauften dieſes kleine Haus, wo wir viele Jahre lang ein einſames Leben führten und uns unſerm gemeinſamen Schmerze hingaben, bis es dem Himmel gefiel, meine Freundin abzurufen. Seit dieſer Zeit habe ich ein unglückliches Daſeyn fortgeſchleppt, in der Hoffnung einer baldigen Auflöſung, worauf ich mir verſpreche, für all mein Leiden hienie⸗ den die reiche Belohnung zu erhalten. Indeſſen,“ fuhr ſie fort, „muß ich Euch mit dem Rufe bekannt machen, den ich in der Nachbarſchaft habe. Da der Ton in meiner Unterhaltung von dem des Dorfes ganz verſchieden iſt, ſo waren meine abgeſchloſſene Lebensart, meine Geſchicklichkeit, Krankheiten zu heilen, welche ich, ſeit ich mich hier befinde, durch Bücher erworben habe und endlich mein Alter für den gemeinen Mann Gründe genug, mich als etwas Uebernatürliches anzuſehen und gegenwärtig bin ich als eine Hexe verſchrieen. Der Pfarrer des Kirchſpiels, deſſen Bekanntſchaft zu machen ich mir wenig Mühe gab, nahm an meiner vermeint⸗ lichen Mißachtung ſeinen Anſtoß, und hat nicht wenig zur Bekräf⸗ tigung dieſer Meinung beigetragen, indem er gewiſſe Winke zu meinen Nachtheil öffentlich fallen ließ. Auch nehmen die Leute großen Anſtoß daran, daß ich dieſe arme ſcheckigte Katze mit dem 59 Bande um dem Halſe aufziehe, ein Lieblingsthier meiner verſtor⸗ benen Freundin.“ Das ganze Benehmen dieſer ehrwürdigen Perſon war ſo offen, ungekünſtelt, gefühlvoll und gebildet, daß ich kindliche Achtung vor ihr bekam, und ſie, in Betreff meiner künftig zu verfolgenden Laufbahn, ſo vald ich nämlich im Stande ſey, wieder ſelbſtſtändig zu handeln, um ihren Rath bat. Sie widerrieth mir meinen Plan, nach London zu reiſen, um meine Kleider und meinen Sold zu erhalten, indem ich in mein Schiff zurückkehrte, das, wie ich in den Zeitungen geleſen haite, in dem Themſefluß glücklich angekommen war.„Denn,“ ſagte ſie:„Ihr ſetzt Euch der Gefahr aus, nicht nur als Ausreißer behandelt zu werden, weil Ihr die Corvette verlaſſen habt, ſondern auch als Aufrührer, weil ihr Euern vor⸗ geſetzten Offizier angriffet, deſſen boshafter Rache Ihr ausgeſetzt ſeyd.“ Sie verſprach mir dann, mich als Bedienter einer unver⸗ heiratheten Dame ihrer Bekanntſchaft zu empfehlen, welche in der Nachbarſchaft mit ihrem Neffen lebe, der ein junger Landjunker von großem Vermögen ſey. Dort könne ich ſehr glücklich ſeyn, im Falle ich das Temperament und den Charakter meiner Gebie⸗ terin ertrüge, welche etwas ſonderbar und eigen ſey. Allein vor allen Dingen rieth ſie mir, meine Geſchichte zu verſchweigen, denn das könnte mir nachtheilig ſeyn. Leute von Stand hegen den Grundſatz, daß kein Unglücksritter in eine Familie als Bedienter aufgenommen werden dürfe, damit er nicht übermüthig, nachläßig und ſtolz werde. Ich ſah mich genöthigt, dieſen demüthigenden Vorſchlag an⸗ zunehmen, weil meine Lage eine verzweifelte war; und wurde binnen weniger Tage von jener Dame als Bedienter gemiethet. Meine Wirthin ſtellte mich derſelben als einen jungen Mann vor, der wider ſeinen Willen von ſeinen Verwandten zum Seedienſt beſtimmt worden ſey und Schiffbruch gelitten habe, ein Ereigniß, das ſeine Abneigung gegen dieſe Lebensweiſe ſo vermehrt habe, 60 daß er es vorgezogen, lieber auf dem Lande in einen Dienſt zu gehen, als wieder an Bord eines zweiten Schiffes. Ehe ich in meine neue Stelle eintrat, gab ſie mir eine Schilderung von dem Charakter meiner Gebieterin, damit ich mein Benehmen darnach beſſer einrichten könnte. „Eure Herrin,“ ſprach ſie:„iſt eine Jungfrau von 40 Jahren, die weniger Schönheit beſitzt als vielmehr Gelehrſamkeit und Ge⸗ ſchmack, Eigenſchaften, welche ſie in der ganzen umliegenden Ge⸗ gend berühmt gemacht haben. Und wirklich iſt ſie ein wahrhaft gelehrtes Frauenzimmer, und haſcht ſo ſehr nach Erwerbung von Kenntniſſen, daß ſie ihre Perſon bis zur Unreinlichkeit vernach⸗ läßigt. Dies, verbunden mit der Verachtung des Männergeſchlechts, macht ihrem Neffen wenig Kummer, weil dadurch ihr beträchtliches Vermögen ihrer Familie erhalten wird. Er geſtattet ihr deßhalb, auf ihre eigene Weiſe zu leben, welche ein wenig über die ge⸗ wöhnlichen Gränzen hinausſchweift, und gewährt ihr alle ihre ſonderbaren Launen. Ihr Gemach befindet ſich in einiger Entfernung von den andern bewohnten Theilen des Hauſes. Es beſteht aus einem Eßzimmer, einer Schlafkammer und Studierftube; ſie hält eine Köchin, ein Kammermädchen und einen Bedienten, und ſelten verkehrt ſie mit einem Mitglied ihrer Familie, ihre Nichte aus⸗ genommen. Dieſe iſt ein ſehr liebenswürdiges Geſchöpf und er⸗ trägt, dadurch, daß ſie ganze Nächte mit ihrer Tante aufbleibt, die Launen derſelben zum Schaden ihrer eigenen Geſundheit. Denn Ihr müßt wiſſen, daß Eure Herrin eine zu große Philoſophin iſt, um an der Sitte der Welt Geſchmack zu finden; ſie ſchläft oder ißt daher niemals, wenn andere Leute dies thun. Neben andern Sonderbarkeiten bekennt ſie ſich auch zu den Lehren des Roſen⸗ kreutz und glaubt, daß die Erde, die Luft und das Meer von un⸗ ſichtbaren Weſen bewohnt ſey, mit denen in Verkehr und Gemein⸗ ſchaft zu treten dem Menſchen geſtattet ſey, unter einer Bedingung nämlich, die Keuſchheit zu bewahren. Da ſie hofft, eines Tages — 61 in den Kreis der Bekanntſchaft ſolcher Weſen zu treten, ſo hörte ſie nicht ſobald von mir und meiner Katze, als ſie mir einen Be⸗ ſuch abſtattete, in der Abſicht, wie ſie ſich ausdrückte, meines nä⸗ hern vertrauten Umgangs gewürdigt zu werden, und ihr Aerger war nicht gering, als ſie ſich in dieſer Erwartung getäuſcht ſah. Da ſie durch dieſen traumähnlichen Seelenzuſtand ſo zu ſagen von der Welt abgezogen iſt, ſo vermag ſie nicht, den gewöhnlichen Vorfällen des Lebens ſich zuzukehren. Darum iſt ſie auch häufig ſo geiſtes⸗ abweſend, daß ſie ganz auffallende Verirrungen und Ausſchweifun⸗ gen ſich zu Schulden kommen läßt, Mißtöne, welche Ihr nach den Eingebungen geſunder Vernunft und Welterfahrung zu verbeſſern und in das rechte Geleis zu bringen vielleicht im Stande ſeyn werdet!“ Neununddreißigſtes Kapitel. Meine Aufnahme bei dieſer Jungfrau; ich werde in Narciſſa verliebt⸗ erzaͤhle die einzelnen Umſtande meines letzten Ungluͤcks; erwerbe mir die gute Meinung meiner Gebieterin; ein Bericht von dem jungen Herrn; ich erfahre mehr Einzelnes von Narciſſa's Lage; faſſe einen todtlichen Haß gegen Sir Thimotheus; unterſuche meiner Herrin Bibliothek und Schriften; ihr uberſpanntes Benehmen. Mit dieſen erſprießlichen Inſtructionen bereichert, begab ich mich in ihre Wohnung, und wurde von der Kammerjungfer mei⸗ ner Herrin vorgeführt, welche mich noch nicht geſehen hatte. Sie ſaß in ihrem Studirzimmer, mit einem Fuße auf dem Boden, und dem andern auf einem hohen Schemel in einiger Entfernung von ihrem Sitze. Ihre rothen Locken hingen in einer Unordnung, welche ich nicht ſchön nennen kann, von ihrem Kopfe herab, der ſeines Schmuk⸗ 62 kes beraubt war, um mit einer Hand kratzen zu können, während ſie einen Federſtumpf in der andern Hand hielt. Ihre Stirn war hoch und runzlich; die Augen tellergroß, grau und weit hervorquel⸗ lend, die Naſe lang, ſpitzig und gebogen, ihr Mund ungehener weit, ihr Geſicht mager und mit Sommerſproſſen beſetzt und ihr Kinn gebogen wie ein Schuhpfriem. Ihre Oberlippe enthielt eine große Menge Spaniol, der vom beftändigen Herabfallen ihren von Natur nicht ſehr weißen Nacken und den Bruſttheil ihres Kleibes geſprenkelt hatte, welches mit einer wahrhaften poetiſchen Nachläſ⸗ ſigkeit um ſie floß, und eine Leinewand zu Tage brachte, die ſehr fein war, aber allem Ausſehen nach nur in kaſtaliſchen Strömen zur Wäſche kam. Rund um ſie herum lagen Globen, Quavran⸗ ten, Teleskopen und andere gelehrte Apparate. Ihre Schnupfta⸗ backsdoſe ſtand rechts von ihr. Links lag ihr ziemlich verbranchtes Schnupftuch, und ein Spucknapf war auf einer Seite ihres Stuh⸗ les ſichtbar. Da ſie, als wir eintraten, gerade in tiefem Sinnen war, ſo hielt es die Kammerjungfer für nicht gerathen, ſie darin zu ſtören, ſo daß wir einige Minuten warteten, ohne von ihr be⸗ merkt zu werden, während deſſen ſie mehreremal an dem Federkiel kaute, ihre Stellung veränderte, unzählige Grimmaſſen ſchnitt und endlich mit triumphirender Mine laut wiederholte: „Ja! kein Unſterblicher darf hemmen meine Wuth!“ Als ſie dieſen glücklich zu Stande gebrachten Vers niederge⸗ ſchrieben hatte, wandte ſie ſich gegen die Thüre und rief, uns be⸗ merkend, aus:„Was gibt es?“ Meine Führerin erwiederte: „Hier iſt der junge Mann, welchen Miſtreß Sagely Ihro Gna⸗ den als Bedienten empfohlen hat.“ Hierauf ſah ſie mir ziemlich lange ſtarr ins Geſicht, frug dann nach meinem Namen, welchen ich unter dem angenommenen eines Johann Braun zu verbergen für gut hielt. Nachdem ſie mich mit neugierigem Blicke angeſehen hatte, brach ſie in die Worte aus:„O ja! Du warſt ſchiffbrüchig, ich erinnere mich, wie, kamſt Du auf dem Rücken eines Wallſiſches 63 oder eines Delphins an das Ufer?“ Hierauf gab ich zur Antwort, ich ſey ohne fremde Beihülfe an das ufer geſchwommen. Nun verlangte ſie zu wiſſen, ob ich jemals im Hellespont geweſen und von Seſtos bis Abydos geſchwommen ſey. Ich gab eine vernei⸗ nende Antwort, worauf ſie der Kammerjungfer befahl, einen neuen Anzug für mich zuzurüſten, und mir meine Verpflichtungen anzu⸗ weiſen. Mit dieſen Worten ſpie ſie in ihre Tabacksdoſe und putzte ihre Naſe in ihre Nachthaube, welche, anſtatt eines Schnupftu⸗ ches, auf ihrem Tiſche lag. Wir kehrten in die Küche zurück, wo die Mägde mir ein Mahl vorſetzten und miteinander darin zu wett⸗ eifern ſchienen, mit alle mögliche Rückſicht zu beweiſen. Von ihnen erfuhr ich nun, daß mein Geſchäft darin beſtehe, Meſſer und Ga⸗ bel zu reinigen, das Tiſchtuch auszubreiten, bei Tiſche aufzuwar⸗ ten, Botſchaften zu beſorgen und meine Frau zu bedienen, wenn ſie einmal ausginge. Es befand ſich eine ſehr gute Livree im Hauſe, welche meinem verſtorbenen Vorgänger angehört hatte, und ſie paßte mir vollkommen, ſo daß es nicht nöthig war, wegen meiner einen Schneider in Thätigkeit zu ſetzen. Ich hatte meinen Bedientenrock noch nicht lange auf dem Leibe, als meiner Gebieterin Glocke ertönte, worauf ich die Treppe hin⸗ aufſprang und ſie in bloßem Hemde und Unterrock im Zimmer herumwandernd antraf. Ich würde mich ſogleich, wie es der An⸗ ſtand erforderte, zurückgezogen haben, allein ſie hieß mich heran⸗ kommen, und ein reines Hemd für ſie lüften. Nachdem ich dieſe Operation mit einigem Widerſtreben vollzogen hatte, zog ſie es ohne weitere Uumſtände vor meinen Augen an, und ich glaube wirklich, daß ſie während der ganzen Dauer dieſes Vorfalls mein Geſchlecht vergeſſen hatte, denn ſie war ganz in Betrachtungen vertieft. Um vier Uhr Nachmittags etwa erhielt ich Befehl, das Tiſchtuch aufzulegen, und zwei Gedecke zuzurichten, welche, wie ich vernahm, für ſie und ihre Richte, die ich noch nicht zu Geſichte vekommen hatte, beſtimmt waten. Ungeachtet ich bei dieſem Ge⸗ 64 ſchäfte nicht viele Gewandtheit bewies, geſchah es doch von mir, als einem Anfänger darin, ziemlich gut, und ich ſah, als das Eſſen auf dem Tiſche ſtand, meine Gebieterin, in Begleitung der jungen Lady, der ich gleich den Namen Nareiſſa geben will, her⸗ eintreten. So viel Anmuth war in der Miene und dem Benehmen die⸗ ſer liebenswürdigen Erſcheinung ſichtbar, daß mein Herz beim er⸗ ſten Anblick von ihr gefangen wurde, und ich ſie während der Dauer des Mahles ohne Unterbrechung anſah. Ihr Alter ſchien nicht über ſiebzehn hinauszugehn; ihre Statur war groß, ihre Geſtalt unver⸗ gleichlich; ihr Haar, das auf ihrem blendend weißen Nacken in Ringeln hinabfloß, war ſchwarz wie Achat; ihre ſchön gewölbten Augenbraunen hatten dieſelbe Färbung; ihre Blicke waren durch⸗ bringend, doch zärtlich; ihre Lippen beſaßen die Conſiſtenz und Farbe der Kirſchen; ihre Geſichtsfarbe war blühend, zart und ge⸗ ſund; ihr Ausſehen edel, offen und frei; und ihre ganze Perſon ſo über alle Beſchreibung entzückend, daß es jedem mit Empfindung und Gefühl begabten Geſchöpfe unmöglich ward, ſie ohne Bewun⸗ derung anzuſehen und das Auge auf ſie zu richten, ohne ihr die Huldigungen der Liebe darzubringen. Ich fing an, die niedrige Stellung zu verwünſchen, welche zwiſchen mir und dieſem anbetungswürdigen Geſchöpf eine ſolche Kluft bildete, und dennoch ſegnete ich wieder mein Geſchick, daß es mich in den Stand ſetzte, täglich den Anblick ſo vieler Schön⸗ heit vor mir zu haben. Sprach ſie, ſo lauſchte ich voll Luſt; re⸗ dete ſie aber mit mir, ſo klopfte mein Herz vor ſtürmiſcher Freude. Ich hatte ſogar das Glück, der Gegenſtand ihrer Unterhaltung zu ſeyn; denn als Rarciſſa mich bemerkte, ſo ſagte ſie zu ihrer Tante: „Ich ſehe, Ihr neuer Bedienter iſt angekommen!“ Hierauf wandte ſie ſich zu mir und frug mit unausſprechlicher Sanftmuth, ob ich die Perſon ſey, wilche von Räubern ſo grauſame Behandlungen erlitten habe? Als ich es bejahte, ſo drückte ſie mir den Wunſch 65 aus, die einzelnen Begebenheiten meiner Geſchichte vor und nach meinem Schiffbruche zu erfahren. Hierauf erzählte ich ihr nach den Anweiſungen der Miſtreß Sagely, man habe mich gegen meine Neigung einem Schiffsherrn übergeben, deſſen Fahrzeug geſcheitert ſey; ich nebſt vier anderen, welche zufällig auf dem Verdeck ſich be⸗ funden hätten, als das Schiff untergeſunken, hätten den Verſuch gemacht, an das Ufer zu ſchwimmen, als meine Gefährten, nach Ueberwältigung meiner, mich bis auf's Hemde ausgezogen, und, ihrer Meinung nach, todt an den erhaltenen Wunden auf dem Platze gelaſſen hätten. Dann berichtete ich die Ereigniſſe in der Scheune, nebſt der unmenſchlichen Behandlung, welche mir von dem Landvolke und Prediger widerfahren ſey, eine Schilderung, welche den Augen dieſes reizenden Geſchöpfs Thränen entlockte. Als ich meine Erzählung beendigt hatie, ſo ſagte meine Herrin:„Ma foil le gargon est bien fait!“ Dieſem Ausſpruche ſtimmte Narciſſa bei, nebſt einem Complimente über meinen Verſtand in derſelben Sprache, das meiner Eitelkeit außerordentlich ſchmeichelte. Unter andern Gegenſtänden wandte ſich die Unterhaltung auch auf den jungen Squire, nach welchem meine Herrin unter dem Namen des Wilden ſich erkundigte, und von ihrer Nichte die Ant⸗ wort erhielt, er befinde ſich noch im Bette, um ſich von den An⸗ ſtrengungen der jüngſten Nachtſchwärmerei zu erholen und Stärke und Kraft zur Unternehmung einer Fuchsjagd zu gewinnen, die morgen früh in Geſellſchaft des Sir Thimotheus Thicket, Squire Bumper und einer großen Menge anderer hiezu eingeladener Her⸗ ren von dem Schlage unternommen werden ſolle: ſo daß bei Ta⸗ gesanbruch das ganze Haus voll Lärmen und Geſchrei ſeyn werde. Dieſe Neuigkeit war unſerer Gelehrten höchſt unangenehm, welche be⸗ theuerte, ſie werde ihre Ohren mit Baumwolle verſtopfen, wenn ſie zu Bette gehe, und eine Doſis Opium zu ſich nehmen, um deſto feſter zu ſchlafen, damit das Geſchrei der rohen Geſellen ſie nicht ſtöre und zum Tollwerden bringe. Smollet's Romane III. 5 66 Nachdem das Mahl vorüber war, ſo ſetzten wir, die Mägde und ich, uns zu dem unſrigen in die Küche, wo ich hörte, daß Sir Thimotheus Thicket ein vermöglicher Ritter in der Nachbar⸗ ſchaft ſey, zwiſchen dem und Narciſſa durch den Bruder ver Letz⸗ teren eine Verbindung vorgeſchlagen worden, während dieſer das Verſprechen gegeben, die Schweſter des Sir Thimotheus zu eheli⸗ chen. Hierdurch würden, da ihr Vermögen ziemlich gleich war, die jungen Mädchen verſorgt, und ihre Brüder im Beſitze ihres Reich⸗ thums bleiben; jedoch die Mädchen ſchienen den Vorſchlag zurück zu weiſen, und iede derſelben hegte gegen die ihr durch dieſe Ueber⸗ einkunft und ohne ihre Genehmigung zum Manne beſtimmte Per⸗ ſon eine herzliche Abneigung. Dieſe Nachricht erzeugte in mir ei⸗ nen tödtlichen Haß gegen Sir Thimotheus, den ich als meinen Nebenbuhler betrachtete und wegen ſeiner Anmaßung innerlich ver⸗ wünſchte. Am folgenden Morgen wurde ich bei Tagesanbruch durch den Lärmen der Jäger und Hunde aufgeweckt, und ich erhob mich, um die Cavalcade mit anzuſchauen, wobei ich meinen Nebenbuhler zu Geſichte bekam, deſſen Vorzüge(mit Ausnahme des Vermögens) nicht ſo glänzend zu ſeyn ſchienen, um mir Narciſſens wegen viele Sorge zu machen, welche, wie ich mir ſchmeichelte, durch die ihn zierenden Eigenſchaften des Körpers und Geiſtes nicht einzunehmen ſeyn würde. Trotz ihrer Vorſichtsmaßregeln wurde meine Gebieterin durch die Geſellſchaft ihres Neffen ſo geſtört, daß ſie vor fünf Uhr Nach⸗ mittags nicht aufſtand. So bekam ich denn Gelegenheit, ihr Stu⸗ dierzimmer nach Muße zu beſehen, wozu meine Neugierde mich ſtark antrieb. Hier fand ich eine Menge Bruchſtücke ihrer Dichtkunſt über unzählige Gegenſtände, aus drei, vier, zehn, zwölf und zwan⸗ zig Verſen beſtehend, welche, wie die Laune ſie eingab, von ihr begonnen wurden, ohne Muth oder Fähigkeit, etwas Zuſammen⸗ hängendes zu vollenden. Jedoch das Allerſonderbarſte bei einer Dichterin! es enthielt keines ihrer Werke Etwas von Liebe. Ich zählte Bruchſtücke von fünf Trauerſpielen, deren Titel folgende waren:„Der wilde Philoſoph— der doppelte Mord— der tem⸗ pelſchänderiſche Verräther— Lucifers Fall— und das jüngſte Ge⸗ richt.“ Hieraus zog ich den Schluß, ihr Naturell ſei düſter und ihre Einbildungskraft liebe ſchreckenhafte Gebilde. Ihre Bibliothek beſtand aus den beſten engliſchen Geſchichtsſchreibern, Dichtern und Philoſophen; aus allen franzöſiſchen Kritikern und Dichtern, und aus einigen italieniſchen Schriften, namentlich von Dichtern dieſer Nation, wobei Taſſo und Arioſt die Reihe eröffneten und weiblich abgenützt waren. Außer dieſen waren da franzöſiſche Ueberſetzun⸗ gen der Claſſiker, allein nicht ein einziges griechiſches oder latei⸗ niſches Buch, ein Umſtand, welcher ihre Unkenntniß dieſer Sprache beurkundete. Nachdem ich von dieſer Sammlung genaue Einſicht genommen hatte, entfernte ich mich und wollte zur gewöhnlichen Zeit des Tiſchtuch hinlegen, als das Kammermädchen mir mittheilte, ihre Herrin befinde ſich noch im Bette, denn ſie ſey durch das Hun⸗ degebell Morgens ſo angegriffen worden, daß ſie ſich wirklich für ei⸗ nen von den Jägern verfolgten Haſen halte, und zum Frühſtück etwas Gras verlangt habe. Als ich über dieſe höchſt ſonderbare und krankhafte Einbildung mein Erſtaunen bezeigte, ſo gab ſie mir zu verſtehen, ihre Herrin leide ſehr ſtark an Einfällen dieſer Art. Zuweilen halte ſie ſich für ein Thier, dann wieder für ein Stück Hausrath. Während dieſer verſchiedenen Metamorphoſen ſey es ſehr gefährlich, ihr zu nahe zu kommen, namentlich wenn ſie ein Thier vorſtelle. Neulich, wie ſie eine Katze zu ſeyn vermeint hätte, ſey ſie auf ſie zugeflogen und habe auf jämmerliche Weiſe ihr das Geſicht zerkratzt. So habe ſie vor etlichen Monaten prophezeit, der Weltbrand ſtehe bevor, und Nichts vermöge denſelben zu löſchen⸗ als ihr eigenes Waſſer, welches deshalb von ihr ſo lange zurück⸗ gehalten worden, bis ihr Leben in Gefahr geſtanden. Sie hätte nun an Zurückhaltung ſterben müſſen, wenn ſie nicht ein Mittel 68 gefunden hätten, ihr Erleichterung zu verſchaffen. Sie hätten näm⸗ lich unter dem Fenſter ihres Schlafzimmers ein Feuer angezündet und ſie überredet, das Haus ſtehe in Flammen. Hierauf hätte ſie mit großem Ernſte ihnen den Befehl gegeben alle Züber und Ge⸗ fäße, welche aufzufinden ſeyen, zur Rettung des Hanſes herbeizu⸗ bringen, worauf ſie in eins dieſer Gefäße ſogleich die Urſache ih⸗ rer Krankheit entleert habe. Auch ſagte man mir, Nichts trage zu der Wiederherſtellung ihrer geſunden Vernunft ſo Vieles bei, als Muſik, ein Mittel, das bei ähnlichen Fällen ſtets von Narciſſa ge⸗ reicht würde, die auf der Harfe ſehr gut ſpiele. Sie(as Kam⸗ mermädchen nämlich) ſiehe wirklich im Begriffe, zu ihr zu gehen, und ihrer Tante Krankheit ihr zu melden. Kaum war ſie fort, ſo rief mich die Glocke in meiner Gebie⸗ terin Zimmer, wo ich ſie auf dem Boden niedergekauert ſah, wie ein Haſe, wenn er auf das Hallo ſeiner Verfolger lauſcht. Als ich erſchien, ſo ſprang ſie mit entſetztem Blicke auf, und in die andere Zimmerecke, um mir zu entfliehen, denn unſtreitig ſah ſie mich für einen nach ihrem Leben dürſtenden Hund an. Ich bemerkte ihre außerordentliche Geiſteszerrüttung, zog mich zurück und be⸗ gegnete auf der Treppe der anbetungswürdigen Narciſſa, die her⸗ aufkam, und der ich die Lage meiner Gebieterin mittheilte. Sie ſprach nichts, ſondern lächelte mit unſchreiblicher Anmuth, ging in das Zimmer ihrer Tante, und bald wurden meine Ohren durch die Macht ihrer Kunſt entzückt. Sie begleitete das Inſtrument mit einer ſo ſüßen und melodiſchen Stimme, daß ich mich über die auffallende Wirkung verſelben auf die Lebensgeiſter ihrer Tante nicht wunderte, denn dieſe wurden in Frieden gelullt und der Ver⸗ ſtand meiner Herrin kehrte wieder. Nach ſieben Uhr kamen die Jäger mit den Fellen von zwei Füchſen und einem Dachſe wieder heim, die als Siegestrophäen vor ihnen hergetragen wurden. Als ſie im Begriffe ſtanden, ſich zum Mittag⸗ oder vielmehr Abendeſſen niederzuſetzen, drückte Sir 69 Timotheus Thicket den Wunſch aus, Nareiſſa möchte die Geſell⸗ ſchaft durch ihre Gegenwart verherrlichen. Doch trotz ihres Bru⸗ ders Drohungen und Bitten weigerte ſie ſich deſſen, unter dem Vorgeben, ſie müſſe ihrer kranken Tante beiſtehen. So hatte ich den Genuß, meinen Nebenbuhler ſich ärgern zu ſehen. Dieß machte indeſſen wenig Eindruck auf ihn, deſſen Troſt die Flaſche war, in welche die ganze Sippſchaft ſo verliebt wurde, daß ſie nach einem furchtbaren, durch Gelächter, Singen, Schwören, Tan⸗ zen und Fechten veranlaßten, Lärm alle im Zuſtande äußerſter Betäubung in's Bett getragen wurden. Da ich mit dem Squire ſelbſt Nichts zu thun hatte, ſo führte ich ein ziemlich angenehmes und behagliches Leben, und ſchlürfte täglich bezaubernde Liebes⸗ tränke von Rarciſſen's Reizen, die von Tag zu Tag in meinen Augen immer höhere Schönheit entfalteten. So niedrig meine Stellung war, ſo ward ich doch blind gegen meinen eigenen Un⸗ werth, und nährte ſogar den Gedanken, eines Tages in den Beſitz dieſes liebenswürdigen Weſens, deſſen holde Leutſeligkeit dergleichen anmaßende Pläne ſtark aufmunterte, geſetzt zu werden. Vierzigſtes Kapitel. Meine Gebieterin iſt uͤber meine Gelehrſamkeit erſtaunt; ſie theilt mir ihre Werke mit; ich uͤberreiche ihr einige der meinigen; werde durch ihr froſtiges Lob niedergeſchlagen; Narciſſa giebt mir ihren Beifall; ich mache eine unfreiwillige Eroberung an der Köchin und Stalmagd; ihre gegenſeitigen Rachegefuͤhle und Einfluͤſterungen; die Eiferſucht ihrer Liebhaber. Während dieſer Zeit der Liebe und Ruhe erwachte meine Muſe, welche ſo lange geſchlummert hatte, auf's Neue, und ver⸗ anlaßte mich zur Abfaſſung mehrerer kleiner Gevichte über den 70 Gegenſtand meiner Leidenſchaft. Da mir jedoch viel daran lag, über meinen wahren Charakter und meine Gefühle es zu keiner Entdeckung kommen zu laſſen, ſo befand ich mich in der Nothwen⸗ digkeit, die Stimme meines Ehrgeizes dadurch zu unterdrücken, daß ich meine eigenen Produkte allein las und ausſchließend mit meinem eigenen Beifall beehrte. Ich bewarb mich indeſſen ſtark um die Gunſt beider Damen. Dieß gelang mir durch meinen Eifer und mein pflichtmäßiges Benehmen ſo gut, daß ich in kurzer Zeit wenigſtens ein Lieblingsdiener ward, und häufig das Vergnü⸗ gen genoß, mich in franzöſiſcher und italieniſcher Sprache von dem theuren Gegenſtande meiner Wünſche mit einiger Wärme und Er⸗ ſtaunen als eine Perſon erwähnt zu hören, die im Ausſehen und Geſpräche ſo viel Gentlemanmäßiges habe, daß ſie mich, um Alles nicht, wie einen gewöhnlichen Lakei behandeln könne. Meine Klugheit und Beſcheidenheit beſtanden nicht lange die Probe gegen dieſe bezaubernde Complimente. Als ich eines Tages bei Tiſche aufwartete, wandte ſich die Unterhaltung auf eine ſchwierige Stelle in Taſſo's Jeruſalem, die, wie es ſcheint, ſie Beide in Verlegen⸗ heit geſetzt hatte. Nach manchen unbefriedigenden Vermuthungen nahm meine Gebieterin das Buch aus ihrer Taſche, ſchlug die fragliche Stelle auf, und überlas den Satz mehrere Mal ohne Erfolg. Endlich verzweifelte ſie daran, des Autors Meinung zu errathen, wandte ſich zu mir und ſprach:„Komm her, Braun! laß uns ſehen, ob Du glücklicher biſt. Ich will Dir das Vorher⸗ gehende und das Folgende dieſes ſchwierigen Paragraphen über⸗ ſetzen, und ſeine einzelnen Worte ebenfalls erklären, damit Du durch Vergleichung mit einander den uns dunkeln Sinn her⸗ ausbringſt.“ Ich beſaß zu viele Eitelkeit, um dieſe Gelegenheit, meine Talente zu zeigen, entſchlüpfen zu laſſen. Deßhalb las und er⸗ klärte ich zu Beider äußerſtem Erſtaunen ohne Anſtoß den Gegen⸗ ſtand ihrer fruchtloſen Unterſuchung. Narciſſa's Geſicht und lieb⸗ 7¹ lichen Nacken überzog eine Röthe, woraus ich ein günſtiges Omen zog, während ihre Tante, nachdem ſie mich eine Zeitlang mit einem Blicke voll Erſtaunen fixirt hatte, ausrief:„In des Him⸗ mels Namen, wer biſt Du?“ Ich ſagte ihr, ich hätte während einer Reiſe nach Italien Etwas von der Sprache auf den Straßen aufgefiſcht. Ueber dieſe Erklärung ſchüttelte ſie den Kopf, und be⸗ merkte, das ſey unmöglich. Hierauf verlangte ſie zu wiſſen, ob ich franzöſiſch verſtände, worauf ich bejahend antwortete. Sie frug, ob ich mit dem Lateiniſchen und Griechiſchen bekannt ſey? Hierauf erwiederte ich:„O ja, ein wenig.“—Oh,“ fuhr ſie fort, „und vermuthlich auch mit Philoſophie und Mathematik?“ Ich geſtand, daß ich von jedem Etwas wiſſe. Hierauf wiederholte ſich ihr Erſtaunen und Fragen. Meine Eitelkeit fing an, mich zu reuen, und ich ſagte, um den begangenen Fehler wieder gut zu machen, es ſey nicht zu verwundern, wenn ich eine gute Erziehung erhal⸗ ten habe, denn das Lernen geſchehe in unſerem Lande mit ſo wenig Koſten, daß jeder Bauer dort zur Schule gehe; Ihre Gnaden möchten mich daher wegen meiner Kenntniſſe nicht als eine Aus⸗ nahme, in Betreff des Charakters, welchen ich bekleide, betrachten. Sie antwortete:„Nein, nein, Gott behüte!“ Sie benahmen ſich jedoch, ſo lange ſie bei Tiſche ſaßen, mit auffallender Zurück⸗ haltung. Dieſe Veränderung verurſachte mir großen Kummer, und ich verbrachte die Nacht ſchlaflos in traurigen Betrachtungen über die Eitelkeit junger Männer, wodurch ſie wider ihr eigenes nüchternes Urtheil in ſo manchen thörichten Widerſpruch verfallen. Anſtatt jedoch am nächſten Tage aus dieſer Selbſtverdammniß Früchte zu ziehen, gab ich mich noch weit mehr den Eingebungen ſolcher Ge⸗ fühle hin, welche ich hatte verbannen wollen, und hätte das Schick⸗ ſal mich nicht mehr begünſtigt, als ich von meiner Klugheit er⸗ warten durfte, ſo würde ich mit verdienter Geringſchätzung behan⸗ delt worden ſeyn. Nach dem Frühſtücke befahl mir meine Herrin, 72 die im vollen Sinne des Worts Schriftſtellerin war, ſie in ihr Studierzimmer zu begleiten, wo ſie auf folgende Weiſe ſich aus⸗ drückte:„Da Ihr ſo gelehrt ſeyd, ſo kann es Euch nicht an Ge⸗ ſchmack fehlen; deßhalb wünſche ich eure Anſicht über ein kleines poetiſches Produkt, das ich vor Kurzem verfaßt habe, zu hören. Ihr müßt nämlich wiſſen, daß ich den Plan zu einem Trauerſpiele entworfen habe, deſſen Gegenſtand der Mord eines Fürſten ſeyn ſoll, während er vor dem Altare in Andacht verſunken kniet. Nach der That ſoll der Königsmörder das Volk mit dem blutigen Dolche in der Hand anreden; und ich habe bereits eine Rede ver⸗ faßt, welche, wie ich hoffe, dem Charakter ausnehmend entſprechen wird. Hier iſt ſie.“ Mit dieſen Worten hob ſie ein Stück Papier in die Höhe und las mit vielem Nachdrucke und Gebärdenſpiel Folgendes: Zur Hölle hab' ich nun den König ſtraks geſandt, Ohn' all' Gepräng' und Klang, mit meiner eignen Hand. Nicht acht' ich es, ſtamm' es von Menſchen oder Gott, Nur huldigend dem eignen Willen, das Gebot. Raub, Nothzucht, Mord ſind meiner Seele einz'ge Luſt, Gepanzert gegen Mitleid iſt ſtets meine Bruſt.§ Beim greiſen Haare ſchleppe ich den Vater fort, Und zappelnd hängt an meinem Speer das Kindlein dort, Nicht dringt zu meinem Ohr der Mutter Jammerwort. Ich würg' und morde Freund und Feind mit kaltem Blut, Ja! kein Unſterblicher darf hemmen meine Wuth. Ungeachtet ich durch das Lob dieſer unnatürlichen Tirade mei⸗ nem Urtheile großen Zwang anthat, ſo pries ich doch dieſelbe als ein Machwerk, das unſterblichen Ruhmes werth ſey, und bat Ihre Gnaden, die Welt mit den Fruͤchten ſolcher ſeltenen Talente und der Gaben, womit ſie der Himmel bei ihrer Geburt ausgeſtattet, 3 zu beſchenken. Sie lächelte mit einem ſelbſtgefälligen Blicke, und ₰ theilte, ermuthigt durch den ihr geſtreuten Weihrauch, mir alle ihre poetiſchen Erzeugniſſe mit, die ich eines nach dem andern mit 73 derſelben Aufrichtigkeit, wie zuvor, lobte. Durch meine Schmeiche⸗ lei(die mich hoffentlich durch meine Lage rechtfertigen wird,) mit wonniger Zufriedenheit erfüllt, konnte ſie mir ſchuldigerweiſe eine Gelegenheit, mich meinerſeits zu zeigen, nicht verſagen. Sie be⸗ merkte deßhalb nach einem Complimente über mein feines Urtheil und meinen gebildeten Geſchmack, daß ich ohne Zweifel ſelbſt Et⸗ was verfaßt hätte, und ſie wünſchte dieß zu ſehen. Dieß war für meine Eitelteit eine zu ſtarke Verſuchung. Ich geſtand alſo, daß ich, ſo lange ich auf der Schule geweſen, auf den Wunſch eines verliebten Freundes einige kleine Gedichte verfaßt hätte, und las ihr auf ihre Bitte folgende Verſe vor, zu denen in der That aber meine Liebe zu Nareiſſen mich begeiſtert hatte. An Celie'n, als ſie das Elavier ſpielte und dazu ſang. Wenn Sappho's Saiten ſpiel erklang, Hob ſich die Bruſt in Liebesgluth, Und wenn ſie ſüße Lieder ſang, Strömt' in das Herz der Wonne Fluth. Doch hätte deiner Reize Macht, Wie dich, die Mhrthe ſie geſchmückt, In deines Lenzes Blüthenpracht, Gleich Hebe'n, ſie den Sinn berückt. Vom Wurm des Grames unverzehrt, Blieb ſie, die liebeskranke Maid, Phaon, er hätte ſie erhört, Und Leukas ſtände unentweiht. Meine Herrin beehrte mich mit einem froſtigen Complimente über die Verſiſication, welche, wie ſie ſich ausdrückte, zwar hübſch ſey, aber der Gegenſtand verdiene es nicht, von einem ächten Dichter behandelt zu werden. Ihre Gleichgültigkeit ſchlug mich 74 außerordentlich nieder, und ich blickte nach Narciſſen, welche unter⸗ deſſen in das Zimmer hereingetreten war, ob ſie wenigſtens mir nicht Beifall ſchenkte. Sie weigerte ſich jedoch, ihre Meinung ab⸗ zugeben, indem ſie betheuerte, ſie ſey nicht Richterin in ſolchen Sachen. So ſah ich mich denn genöthigt, in meiner Hoffnung, die überhaupt ein Wenig zu ſanguiniſch war, ſehr getäuſcht, mich zurückzuziehen. Nachmittags jedoch verſicherte mich das Kammer⸗ mädchen, Nareiſſa habe ſich mit großer Wärme beifällig über mein Werk geäußert, und wünſche eine Abſchrift deſſelben für ſich zu er⸗ halten, damit ſie es nach Muße durchleſen könne. Durch dieſe Nachricht ward mein Selbſtgefühl außerordentlich erhöht, und ich ſchrieb ſogleich eine ſchöne Copie meiner Ode, die meiner theuren Geliebten nebſt einer zweiten überbracht wurde, und ſo lautete: Dein tödtliches Geſchoß trifft gut, Drum Amor! kniee ich vor dir, Ich fühle, daß durch's ganze Blut Dein ſanftes Feuer ſtrömet mir. Denn während weidet ſich mein Blick, Entglüht mein Herz im Roſenbrand, Furcht, Hoffnung, Wonn' und Liebesglück, umſchlingen mich mit ſüßem Band. Umſonſt verſucht im Stammellaut Sich meine Klage zu ergeh'n, Sie feſſelte ein Zauberkraut, In Seutzern nur kann ſie verweh'n. Nur ew'ges Leid iſt ach! mein Loos, Und nie die Thräne mir verſagt, Ich ſitze in des Kummers Schooß, Und lebe, ſterbe unbeklagt. 6. Ob Narciſſa meine Leidenſchaft ahnte oder nicht, konnte ich aus ihrem Benehmen nicht ſchließen; denn dieſes war, obgleich 75 es ſtets Wohlwollen gegen mich verrieth, hinfort zurückhaltender und nicht mehr ſo freundlich. Während meine Gedanken in einer, über meinen Stand hinausgehenden, Sphäre ſich bewegten, machte ich, ohne es zu wiſſen, eine Eroberung an der Köchin und Milch⸗ magd, welche eine ſolche Eiferſucht auf einander bekamen, daß, im Falle ihre Gefühle durch Erziehung verfeinert geweſen wären, wahrſcheinlich die eine oder die andere von beiden ihre Zuflucht zu Gift oder Stahl genommen haben würde, um an ihrer Geg⸗ nerin Rache zu nehmen. So aber waren ihre Empfindungen ih⸗ rem niedrigen Stande angemeſſen, und ihre gegenſeitige Feind⸗ ſchaft beſchränkte ſich auf Schelten und Fauſtiſchläge, Dinge, worin beide große Uebung hatten. Mein gutes Glück blieb nicht lange ein Geheimniß; denn durch die immerwährenden Reibungen zwi⸗ ſchen beiden Heldinnen, die, wenn ſie bei einander waren, jedes Schicklichkeitsgefühl bei Seite legten, ward die Sache ruchbar. Der Kutſcher und der Gärtner, die beide meinen Anbeterinnen ihre Huldigungen darbrachten, und ihr Herz geſchenkt hatten, wur⸗ den über meinen Sieg mißmuthig, und ſteckten ihre Köpfe zuſam⸗ men, um einen Racheplan auszubrüten. Der Erſte, welcher auf der Akademie zu Tottenham Court ſeine Erziehung erhalten hatte, nahm es über ſich, mich auf einen Zweikampf herauszufordern. Er kündigte mir deshalb unter vielen gemeinen Schimpfworten Fehde an, und wettete zwanzig Guineen, mich niederboren zu wollen. Hierauf ſagte ich ihm, daß, obwohl ich mich hierin ihm gewachſen glaube, ich doch nicht von der Würde eines Gentleman mir ſo viel vergeben könne, um wie ein Karrenſchieber zu fechten. Wenn er aber mir Etwas zu ſagen habe, ſo ſey ich bereit auf Doppelhacken, Musketen, Piſtole, Degen, Axt, Bratſpieß, Hackmeſſer oder Nadel loszugehen. Ja! ich ſchwur, wenn er ſeiner Zunge noch mehr Frechheiten auf meine Unkoſten geſtatte, ich ihm ohne Gnade die Ohren abſchneiden wolle. Dieſe Rhodomontade, welche mit wilder Miene und entſchloſſenem Tone ausgeſprochen ward, that die ge⸗ wünſchte Wirkung auf meinen Gegner, der mit einiger Verwirrung ſich fortſchlich, und ſeinem Freunde einen Bericht von ſeinem Em⸗ pfange machte. Als dieſe Geſchichte unter der Bedientenwelt ruchbar ward, ſo verſchaffte ſie mir den Beinamen des Ritter John, mit dem mich ſogar meine Gebieterin und Narciſſa beehrten, welche die ganze Geſchichte von dem Kammermädchen vernommen hatten. Auch gaben mir die holden Nebenbuhlerinnen ihre Neigung auf jede mögliche Weiſe zu erkennen. Die Köchin ließ mir ausge⸗ ſuchte Biſſen zukommen, und die Milchmagd die beſte Milch. Die Erſte pflegte mich öfters aufzumuntern, indem ſie mir über meinen Muth und meine Gelehrſamkeit Complimente machte, und dabei bemerkte, wenn ſie ſo einen Mann, wie ich einer ſey, hätte, um Ordnung zu halten und Rechnungen zu führen, ſo wäre ſie im Stande, ein ſchönes Geld zuſammenzubringen. Sie würde mir in London für Herrendiener einen Koſttiſch halten. Die Zweite buhlte um meine Gunſt dadurch, daß ſie ihre eigene Wichtigkeit herausſtrich, und mir ſagte, mancher vermögliche Landmann in der Nachbarſchaft möchte ſie gerne heirathen: allein, ſie ſey ent⸗ ſchloſſen, bei der Wahl ihres Herzens den Ausſprüchen ihres Auges zu folgen. Dann brach ſie in das Lob meiner eigenen Perſon aus, und bemerkte, gewiß würde ich einen guten Ehemann abge⸗ ben, denn ich ſey außerordenklich gutmüthig. Die Zudringlichkeit vieſer verliebten Weiber wurde mir nach und nach läſtig, wenn ich gleich zu einer andern Zeit vielleicht, ohne die läſtige Zugabe der Ehe, ſie erhört haben würde. Jetzt aber war mein ganzes In⸗ neres voll von Narciſſa, und ich wies jeden Gedanken zurück, der meiner Leivenſchaft für ſie Abbruch gethan haben würde. Einundvierzigſtes Kapitel. Narciſſa ſchwebt in Gefahr vor der Roheit des Sir Timotheus, und wird von mir errettet; ich nehme an meinem Nebenbuhler Rache; erklaͤre meine Leidenſchaft und begebe mich an das Meeres Ufer, werde von Schmugglern umringt und nach Boulogne gefuͤhrt; finde meinen Oheim, Lieutenant Bowling, in großer Noth, und errette ihn daraus; unſere Unterhaltung. Zu gewiſſen Zeiten wollte mein Ehrgeiz wieder erwachen; ich pflegte mir wegen meiner demüthigen Ergebung in mein nie⸗ driges Loos Vorwürfe zu machen und hundertlei Pläne zu ent⸗ werfen, um den Charakter eines Gentleman anzunehmen, wozu ich mich durch Geburt und Erziehung für berechtigt hielt. Unter dieſen fruchtloſen Entwürfen verſtrich die Zeit unvermerkt, und ich hatte ſchon acht Monate lang die Stelle eines Bedienten ausge⸗ füllt, als ein Fall ſich ereignete, welcher meiner Knechtſchaft ein Ende machte und für den Augenblick jede Hoffnung, in meiner Liebe glücklich zu ſeyn, mir aus den Augen rückte. Nareiſſa ging eines Tages auf Beſuch zu Miß Thicket, welche, keine ganze Meile von unſerer Wohnung entfernt, bei ihrem Bru⸗ der lebte, und ließ ſich überreden, in der Kühle des Abends und in Begleitung des Sir Timotheus den Rückweg anzutreten. Dieſer, welcher viele brutale Sinnlichkeit an ſich hatte, ließ ſich, aufge⸗ muntert durch die einſame Lage eines Feldes, welches ſie durch⸗ ſchritten, verleiten, einige unanſtändige Vertraulichkeiten ſich gegen ſie zu erlauben. Das liebenswürdige Geſchöpf war über ſein rohes Venehmen erbittert und warf es ihm auf ſolche Art vor, daß er jede ſchickliche Rückſicht bei Seite ſetzte und dieſem Muſter von Un⸗ ſchuld und Schönheit wirklich Gewalt anthun wollte. Doch der Himmel ließ es nicht zu, daß ein ſo liebes Weſen gewaltſam an⸗ getaſtet wurde, und ſchickte mich, zufällig an dem Platze vor⸗ 78 beigehend, durch ihren Hülferuf erſchreckt wurde und zu ihrem Bei⸗ ſtande herbeieilte. Was mußte mein Inneres empfinden, als ich Narciſſa unter der thieriſchen Kraft dieſes Satyrs faſt erliegen ſah. Wie ein Blitz flog ich zu ihrer Rettung herbei; er aber ließ, als er mich bemerkte, ſeine Beute fahren, und zog ſeinen Degen, um mich für meine Vermeſſenheit zu züchtigen. Mein Unwille hatte einen zu hohen Grad erreicht, um einem Gedanken an Furcht Raum zu laſſen. So ſtürzte ich denn auf ihn, ſchlug ihm den Degen aus der Hand, und machte ſo glücklichen Gebrauch von meinem Prügel, daß der Squire zu Boden fiel, und wahrſcheinlich ohne Vewußtſeyn dalag. Dann wandte ich mich gegen Nareiſſa, welche in Ohnmacht gefallen war, beugte mich zu ihr herab, hob ihr ſanft den Kopf in die Höhe, legte ihn auf meine Bruſt und hielt ſie, indem ich meine Hand um ihren Leib ſchlang, in auf⸗ rechter Lage. Mein Herz klopfte voll ungeſtümer Wonne, als ich den Gegenſtand meiner theuerſten Wünſche in meinen Armen hielt, und, während ſie beſinnungslos dalag, konnte ich mich nicht ent⸗ halten, meine Wange an die ihrige zu bringen, und ihr einen Kuß zu rauben. Bald kehrte das Blut wieder in ihr Geſicht; ſie öff⸗ nete ihre bezaubernden Augen, und ſprach, nachdem ſie ſich ihre vorige Lage in's Gedächtniß zurückgerufen hatte, mit einem Blicke des zärtlichen Dankes:„Theurer John! ich bin Euch ewig verpflich⸗ tet!“ Bei dieſen Worten machte ſie einen Verſuch, aufzuſtehen, worin ich ihr Beiſtand leiſtete, und ſie ſchritt, auf meinen Arm ſich ſtützend, auf das Hans zu. Dieſe günſtige Gelegenheit brachte mich tauſendmal in Verſuchung, meine Leivenſchaft ihr zu geſtehen, allein die Beſorgniß, ihr Mißfallen zu erregen, feſſelte meine Zunge. Wir waren noch nicht hundert Schritte von der Scene entfernt, wo der Angriff auf ſie geſchehen war, als ich Sir Timotheus auf⸗ ſtehen und ſich nach Hauſe verfügen ſah; ein Umſtand, der, unge⸗ achtet er mir eine Verlegenheit vom Herzen nahm, inſofern ich dadurch die Gewißheit erhielt, daß er nicht getödtet ſey, mich mit 79 gerechter Beſorgniß vor ſeiner Rache erfüllte; denn ich ſah keine Möglichkeit, ihr Widerſtand entgegenzuſetzen, namentlich als ich ſeinen vertrauten Umgang mit unſerm Squire in Betrachtung zog, gegen welchen er ſeine That rechtfertigen konnte, dadurch, daß er ſie ſeiner Liebe zuſchrieb, und ſeinen Geſellen aufforderte, ſich die gleiche Frechheit, ohne alle Scheu vor etwaigem Anſtoß, gegen ſeine Schweſter herauszunehmen. Als wir im Hauſe ankamen, verſicherte mich Narciſſa, ſie werde ihren ganzen Einfluß aufbieten, um mich vor Ticket's Rache zu ſchirmen, und ebenfalls ihre Tante zu meinen Gunſten fiim⸗ men. Zugleich zog ſie ihre Börſe hervor, und bot ſie mir als eine ſchwache Erkenntlichkeit für den ihr geleiſteten Dienſt an. Ich beſtand jedoch zu ſehr auf den ſtrengen Forderungen der Liebe, als daß ich den leiſeſten Verdacht hätte aufkeimen laſſen, ich hätte aus feilen Gründen gehandelt. Deßhalb wies ich mit den Worten, ich hätte durch bloße Pflichterfüllung keine Belohnung verdient, das Geſchenk zurück. Sie ſchien über meine Uneigennützigkeit erſtaunt zu ſeyn, und erröthete, ich empfand dieſelbe Verwirrung, und ſagte mit geſenktem Blicke und gebrochener Stimme zu ihr, ich möchte nur eine Bitte wagen. Gewähre ſie mir dieſelbe, ſo ſehe ich mich für eine Aera durchlebten Elends als hinreichend belohnt an. Ueber dieſe Einleitung wechſelte ſie die Farbe, und erwiederte mit großer Betroffenheit, ſie hoffe, mein geſunder Verſtand werde mich davon abhalten, Etwas zu verlangen, was ſie, um ihrer Ehre willen, nicht gewähren könnte, und deßhalb bitte ſie mich, mein Geſuch vorzutragen. Hierauf kniete ich nieder, und bat um die Vergün⸗ ſtigung, ihr die Hand küſſen zu dürfen. Nun ſtreckte ſie dieſelbe mit abgewendetem Geſichte aus; ich drückte darauf einen brennen⸗ den Kuß, bethaute ſie mit meinen Thränen und rief:„Theures Fräulein! ich bin ein unglücklicher Gentleman, und liebe Euch bis zum Wahnſinn; allein ich möchte lieber tauſendmal des Todes ge⸗ ſtorben ſeyn, als dieſe Erklärung unter äußerlich ſo ungünſtigen 80 Verhältniſſen gegen Euch gethan haben, wäre ich nicht feſt ent⸗ ſchloſſen, meinem harten Geſchicke mich zu unterwerſen, aus Eurer bezaubernden Gegenwart zu fliehen und meine permeſſene Leiden⸗ ſchaft in ewigem Stillſchweigen zu begraben.“ Mit dieſen Worten ſtand ich auf, und entfernte mich, ehe ſie ſich ſo weit zu ſammeln mochte, um mir Etwas zu erwiedern. Meine erſte Sorge war nun die, Miſtriß Sagely zu beſuchen, und ſie um Rath anzugehen, denn ich hatte, ſeitdem ich ihr Haus verließ, immer eine freundſchaftliche Correſpondenz mit ihr unter⸗ halten. Als ſie meine Lage überſah, ſo drückte mir die gutmüthige Frau mit ungeheuchelter Theilnahme ihren Antheil an meinem un⸗ glücklichen Geſchick aus, und billigte meinen Entſchluß, die Gegend zu verlaſſen, da ſie mit der Hartherzigkeit meines Gegners voll⸗ kommen bekannt ſey.„Er hat,“ ſprach ſie,„ohne Zweifel einen Racheplan entworfen; und ich kann wirklich nicht einſehen, wie Ihr ihm entgehen könntet, denn er iſt ein Gerichtsbeiſitzer und wird ſogleich einen Verhaftbefehl gegen Euch erlaſſen. Da nun alle Leute in dieſer Graſſchaſt von ihm oder ſeinem Freunde abhängig find, ſo werdet Ihr nirgends ein Obdach finden, das Euch Schutz gewähren könnte. Würdet Ihr ergriffen, ſo wird er Euch in's Ge⸗ fängniß ſetzen laſſen, wo Ihr wahrſcheinlich bis zu den nächſten Aſſiſſen in großem Elend hinſchmachten und dann deportirt werdet, weil Ihr einen Angriff auf eine obrigkeitliche Perſon gemacht habet.“ Während ſie mich ſo vor der mir drohenden Gefahr warnte, hörten wir ein Klopfen an der Thüre, das uns beide in große Beſtürzung verſetzte, da es wahrſcheinlich von meinen Verfolgern herrührte. Hierauf drückte mir dieſe großmüthige alte Frau zwei Guineen in die Hand, und bat mich, mit Thränen in den Augen, um Gottes Willen an die Hinterthüre zu gehen und auf meine Stcherheit dedacht zu ſeyn, ſo weit die Vorſehung es zulaſſe. Es war kaum Zeit zu verlieren. Ich folgte ihrem Rathe, und entkam, begünſtigt von einer finſtern Nacht, an das Meeresufer. 81 Dort wurde ich, während ich über meine nächſte Zukunft plötzlich von Bewaffneten umgeben, die mir Hände und Füße ban⸗ den, unter der Androhung, auf mich zu feuern, ſill zu ſeyn be⸗ fahlen, und mich an Bord eines Fahrzeugs brachten, das ich bald für einen Schmugglern angehörenden Kutter erkannte. Dieſe Entdeckung machte mir zuerſt Freude, weil ich hieraus ſchloß, ich ſey nun ſicher vor der Rache des Sir Timotheus. Als ich mich aber in den Händen von Schurken befand, welche mich als Spion behandelten, ſo fing ich an, mich glücklich zu ſchätzen, wenn ich mit einjähriger Kerkerſtrafe oder ſogar Deportation weggekommen wäre. Vergebens betheuerte ich meine Unſchuld, ich konnte ſie nicht zu der Ueberzengung bringen, daß ich um die Zeit blos zu meinem Vergnügen einen Spaziergang nach ihrem Schlupfwinkel hin unternommen habe. Auch hielt ich es nicht für gut, ihnen die wahre Urſache zu entdecken, denn ich fürchtete, ſie möchten mich dem Geſetze zur Beſtrafung übergeben, um mit ihm ſich auszuſöhnen. Das Erſcheinen einer Zollhausjacht, welche auf ſie Jagd machte und der ſie beinahe in die Hände gefallen wären, beſtärkte ſie noch in ihrem Verdachte. Allein ein dicker Nebel, der ſie einhüllte, begünſtigte ihre Ankunft in Boulogne, und befreite ſie ſo von ihren Befürchtungen. Ehe ſie jedoch ihrem Verſolger aus dem Geſichte kamen, hielten ſie hinſichtlich meiner einen Kriegs⸗ rath, und Einige der Wildeſten unter ihnen würden mich als einen Verräther, der ſie an ihre Feinde verkauft hätte, über Bord ge⸗ worfen haben. Andere dagegen, welche mehr Ueberlegung be⸗ wieſen, führten an, wenn ſie mich tödteten und ſie ſpäter ergriffen würden, ſo hätten ſie vert Geſetze keine Gnade mehr zu hoffen, denn Ungehorſam gegen die Geſetze durch das Verbrechen des Mords finde niemals Begnadigung. Von den meiſten Stimmen ward darum der Beſchluß gefaßt, man ſollte mich in Frankreich an das Ufer ſetzen, und mir es überlaſſen, ſo gut ich könnte, für meine Rückfabrt nach England zu ſorgen; dies ſey eine genügende Be⸗ S Romane. III. 82 ſtrafung für den bloßen Verdacht eines an ſich nicht todeswürdigen Verbrechens. Ungeachtet dieſe günſtige Entſcheidung meinen Muth wieder hob, ſo ließ mich doch die Furcht, ausgeplündert zu werden, nicht ganz ruhig. Um einem ſolchen Unfalle vorzubeugen, machte ich, ſo bald ich in Folge der obigen Entſcheidung losgebunden war, ein kleines Loch in den einen Strumpf, worin ich ſechs Guineen herabfallen ließ, und behielt eine halbe Guinee nebſt etwas Silber⸗ geld in weiner Taſche, damit ſie Etwas finden und ſomit nicht in Verſuchung kämen, weitere Nachforſchungen anzuſtellen. Dies war eine ſehr nöbige Vorſicht, denn als wir auf die Höhe der franzö⸗ ſiſchen Küſte kamen, ſagte mir einer der Schmuggler, ich müſſe für meine Ueberfahrt bezahlen. Hierauf gab ich zur Antwort, da ich dieſelbe nicht freiwillig angetreten habe, ſo ſeyen ſie auch nicht berechtigt, eine Belohnung von mir dafür zu verlangen, daß ſie mich mit Gewalt in ein fremdes Land geſchleppt hätten.„Nicht räfonnirt!“ ſagte ver vom Geſetz Geächtete,„haltet's Maul mit eurem Geſchwätz, ſondern laßt ſehen, wie viel Geld Ihr habt!“ Mit dieſen Worten ſchob er ſeine Hand ohne viele Umſtände in meine Taſche, und leerte ſie aus. Hierauf warf er einen Blick auf meinen Hut und meine Perrücke, Dinge, welche ihm in die Augen ſtachen, nahm Beides herunter, vrückte mir dafür einen alten Deckel und Rauchbeſen auf den Kopf, und erklärte, daß ein ehrlicher Tauſch kein Schelmenſtück ſey. Ich mußte den unvor⸗ theilhaften Handel eingehen, und bald darauf begaben wir uns alle mit einander an das Ufer. Ich beſchloß von dieſen Abenteurern ohne viele Umſtände mich zu verabſchieden, als Einer von ihnen mich warnte, nichts ihnen Nachtheiliges vorzunehmen, wenn ich wieder nach England käme, wollte ich nicht der Gefahr mich ausſetzen, ermordet zu werden, denn, verſicherte er mich, für einen ſolchen Dienſt fehle es der Bande nie an Werkzeugen. Ich verſprach, ſeinem Rathe folgen 83 zu wollen, und ging in die obere Stadt, wo ich mich nach einer Herberge erkundigte, die ich betrat, um eine Erfriſchung zu mir zu nehmen. In der Küche ſaßen fünf holländiſche Matroſen beim Frühſtück. Ein großer Laib, ein Napf Butter und ein Fäßchen Branntewein ſtanden vor ihnen, und mit großer Ausdauer und Luſt brachten ſie zu wiederholtenmalen ihren Mund an das Spundloch. In einiger Entfernung von ihnen bemerkte ich eine andere Perſon in derſelben Tracht, die einſam und nachdenklich da ſaß, an dem Stummel einer Pfeife, die ſo ſchwarz wie Achat war, vergnüglich rauchend. Das Ausſehen des Mangels verfehlie nie Eindruck auf mich zu machen. Ich nährrte mich der herabgekom⸗ menen Theerjacke in der Abſicht, meine Hülfe anzubieten, und er⸗ kannte, trotz des veränderten Anzugs und der durch einen langen Bart bewirkten Entſtellung in ihm meinen lange vermißten und beweinten Oheim und Wohlthäter, Lieutenant Bowling! Guter Himmel! wie getheilt waren die Empfindungen meines Innern zwiſchen der Freude, wieder einen ſchätzbaren Freund zu finden, und dem Kummer, ihn in ſo ſchlechten Umſtänden zu erblicken! Heiße Thränen ſtürzten mir von den Wangen. Endlich fand ich die Sprache wieder, und rief aus:„Barmherziger Gott! Herr Bowling!“ Als mein Oheim ſeinen Namen ausſprechen hörte, ſo ſprang er auf und rief etwas erſtaunt:„Holla!“ Hierauf blickte er mich ſtarr an, ohne mich zu erkennen und ſagte:„Nanntet Ihr mich, Bruder“ Ich ſagte ihm, ich habe ihm Etwas von Wichtigkeit mitzutheilen, und wünſche, er möchte mir auf einige Minuten in einem andern Zimmer Gehör ſchenken. Doch er wollte durchaus nicht auf meinen Vorſchlag eingehen, ſondern ſprach:„Fort da, Freund! laßt eure Kunſtgriffe an Fremden unverſucht! wenn Ihr mir Etwas zu ſagen habt, ſo thut es hier auf dem Bordz Ihr dürft nicht beſorgen, verſtanden zu werden, Niemand iſt eurer Sprache mächtig!“ Ungeachtet ich mich nur widerſtrebend vor Fremden zu erkonnen gab, ſo konnte ich mich 84 nicht länger enthalten, ihm mitzutheilen, ich ſey ſein eigener Neffe, Roderich Random. Als er dies hörte, ſo betrachtete er mich mit einem ſehr ernſthaften und erſtaunten Blicke. Endlich aber er⸗ innerte er ſich meiner Züge, die ungeachtet ihrer größeren Ver⸗ hältniſſe keine vollkommene Veränderung erlitten hatten, kam auf mich zu, ſchüttelte mir herzlich die Hand und betheuerte, es freue ihn ungemein, mich wohl zu ſehen. Nach einer Pauſe fuhr er ſo fort:„Und doch, mein Junge! bin ich betrübt, Dich unter ſo einer Flagge zu ſehen, um ſo mehr, da ich nicht im Stande bin, Dich unter eine beſſere zu bringen, denn die Zeit über ging es mir ſehr hart.“ Bei dieſen Worten konnte ich eine Thräne ſeine ge⸗ furchte Wange herabträufeln ſehen, was einen ſolchen Eindruck auf mich machte, daß ich bitterlich weinte. Da er glaubte, mein Kummer werde durch den Gedanken an mein eigenes Mißgeſchick veranlaßt, ſo tröſtete er mich mit der Vemerkung, das Leben ſey eine Reiſe, auf welcher wir jeder Wit⸗ terung entgegenſehen müßten. Bald ſey dieſelbe ruhig, bald ſtür⸗ miſch: auf einen ſanften Wind folge zuweilen ein Orkan, der Wind blaſe nicht nur immer aus einer Richtung und Verzweiflung helfe zu Nichts; Entſchloſſenheit und Geſchicklichkeit gälten mehr als ein tüchtiges Fahrzeug: denn warum? beide bedürfen keines Zimmermanns, und ihre Stärke wachſe mit der Größe der Leiden. Ich trocknete meine Thränen, und gab ihm die Verſicherung, ich hätte ſie nicht wegen meiner unglücklichen Lage, ſondern wegen der ſeinigen vergoſſen, und bitte um Erlaubniß, ihn in ein anderes Zimmer zu begleiten, wo wir mehr nach Muße uns unterreden könnten. Dort erzählte ich ihm die ungroßmüthige Behandlung meiner von Seiten Potions. Bei dieſem Berichte ſprang er auf, rannte drei⸗ oder viermal in großer Eile durch das Zimmer, ergriff ſeinen Prügel und rief aus:„Wäre er nur an meiner Seite— ich. ihm— wäre er nur an meiner Seite.“ — Hierauf berichtete ich ihm alle meine Abenteuer und ausge⸗ ſtandenen Leiden, was mehr Eindruck auf ihn machte, als ich mir gedacht hätte, und ſchloß damit, daß ich ihm ſagte, Capitän Oakum ſey noch am Leben, und er könne, wenn es ihm beliebe, nach Eng⸗ land zurückkehren, um ſeine Angelegenheiten ohne Gefährde oder Beläſtigung zu betreiben. Ueber dieſe Nachricht freute er ſich un⸗ gemein; jedoch, ſagte er, ſey es ihm unmöglich, hievon Gebrauch zu machen, denn er habe kein Geld zur Beſtreitung der Ueberfahrt nach London. Dieſen Einwurf beſeitigte ich dadurch, daß ich fünf Guineen ihm in die Hand drückte und dabei ſagte, ich fühle mich ausnehmend glücklich, eine Gelegenheit zu finden, ihm in ſolcher Verlegenheit meine Dankbarkeit an den Tag legen zu können. Doch konnte ich ihn nur mit der größten Mühe bewegen, zwei derſelben anzunehmen, eine Summe, welche nach ſeiner Verſiche⸗ rung zur Deckung der nothwendigen Ausgaben mehr als hin⸗ reichend ſeh. Nachdem dieſer freundſchaftliche Streit vorüber war, machte er den Vorſchlag, ob wir nicht Etwas genießen wollten,„denn,“ ſprach er,„es war lange bei mir Banyan⸗Tag. Du mußt wiſſen, ich habe vor fünf Tagen in der Nähe eines Platzes, Namens Liſieur, und in Geſellſchaft jener Holländer, die gegenwärtig unten trinken, Schiffbruch gelitten; und da ich nur wenig Geld hatte, als ich an das Ufer kam, ſo war es bald verſchwunden, denn ich ließ ſie daran Theil nehmen, ſo lange es dauerte. Ich hätte aber an das alte Sprichwort denken ſollen: Jeder ſcheere ſein Schäſchen ſelbſt! Denn als ſie ſahen, daß ich bis auf den Kielraum ausge⸗ leert war, fingen ſie an, ſich auf das Betteln zu legen, und als ich auch nicht daran glauben wollte, leiſteten ſie mir keinen Bei⸗ ſtand. Iſt nun der zweite Tag, daß ich keinen Biſſen Brod in den Mund gebracht habe.“ Seine Hülfsbedürftigkeit machte den tiefſten Eindruck auf mich, und ich ließ ſogleich etwas Brod, Käſe und Wein brin⸗ E 86 gen, um ſeinen Hunger zu ſtillen, b's ein Hühnerfricaſſee fertig würde. Als er mit dieſer geringen Koſt ſeine Lebensgeiſter wieder geſtärkt hatte, ſo wünſchte ich die einzelnen Ereigniſſe ſeines Wan⸗ derlebens, ſeildem er das Cap Tibervon verlaſſen, zu vernehmen. Dieſe waren kurz folgende: Nachdem ſein Geld in Port Lonis zu Ende gegangen war, ſo ließ die Höflichkeit und Gaſtfreund⸗ ſchaft der Franzoſen ſo bedeutend nach, daß er, um nicht Hungers ſterben zu müſſen, ſich genöthigt ſah, an Vord eines ihrer könig⸗ lichen Schiffe als gemeiner Matroſe ſich einreihen zu laſſen. In dieſer Stellung verblieb er zwei Jahre lang, und erlangte während dieſer Zeit einige Kenntniß ihrer Sprache und den Ruf eines guten Seemanns. Das Schiff, zu dem er gehörte, ward hierauf nach Frankreich beordert, und daſelbſt als untauglich zum Dienſte ab⸗ getackelt. Hierauf kam er an Bord eines Schiffes von d'Antin's Escadron als Quartiermeiſter. Dieſe Stelle bekleidete er auf einer Reiſe nach Weſtindien, und ließ ſich, wie ſchon erwähnt, mit un⸗ ſerm Schiffe in einen Kampf ein. Sein Gewiſſen machte ihm jedoch Vorwürfe, daß er den Feinden ſeines Landes diene, wor⸗ auf er das Schiff an dem nämlichen Ort, wo er zuerſt einge⸗ ſchrieben wurde, verließ, und in einem holländiſchen Fahrzeuge nach Curacav ging. Dort unterhandelte er mit einem nach Europa abgehenden Schiffer wegen ſeiner Ueberfahrt nach Holland, da er von dort aus Etwas von ſeinen Freunden in England zu hören hoffte. Er ward indeſſen, wie ſchon erwähnt, an die franzöſiſche Küſte geworfen, und hätte zu Fuß nach Holland wandern und ſein Brod auf der Straße betteln, oder an Bord eines andern franzöſiſchen Kriegsſchiffs gehen und der Gefahr ſich ausſetzen müſſen, als Ausreißer behandelt zu werden, wenn die Vorſehung mich nicht ihm zu Hülfe geſchickt hätte. „Und nun, mein Junge!“ fuhr er fort,„gedenke ich gerade⸗ aus nach London zu ſteuern, wo ich nicht zweifle, wieder angeſtellt zu werden, und durch die Lords der Admiralität, welchen ich in 87 einer Bittſchrift meinen Fall auseinander ſetzen will, wieder in des Königs Dienſte zurückzukehren. Gelingt mir dies, ſo werde ich dir einigen Beiſtand leiſten können, weil ich, als ich das S verließ, zwei Jahre rückſtändigen Sold hatte, darum wünſche ie zu wiſſen, wohin Du gehen willſt. Außerdem kann ich vieheich⸗ auch ſo viel Einfluß gewinnen, um eine Beſtallung auszuwirken, welche Dich zum Unterwundarzt desjenigen Schiffs, zu dem ich künftig gehören werde, ernennt: denn der Aufwärter bei der Ad⸗ miralität iſt ein guter Freund von mir, und er und einer der Unterſchreiber ſind Duz⸗Brüder, und dieſer Unterſchreiber iſt hoch am Brett bei einem der Oberſchreiber und der ſteht ſich recht gut mit dem Unterſekretär. Dieſer wird auf meine Bike meiner Sache bei dem erſten Sekretär Nachdruck geben. Der dagegen wird mit einem der Lords zu meinen Gunſten ſprechen. So ſiehſt du, daß es mir nicht an Freunden fehlt. Was aber den Schlingel Crampley anbelangt, ſo kenne ich ihn zwar nicht, bin aber über⸗ zeugt, daß er, nach dem, was Du mir geſagt haſt, weder Seemann noch Officier iſt, ſonſt hätte er ſich in ſeiner Berechnung nicht ſo täuſchen können, um das Schiff auf der Küſte von Suſſer ſcheitern zu laſſen, ehe er Ankergrund zu haben glaubte. Auch durſte er, als dieſer Fall eintrat, das Schiff nicht verlaſſen, bis es in Stücken auseinander ging, namentlich da die Fluth nahe bevorſtand. Ich vermuthe darum, daß er gegenwärtig vor einem Kriegsgericht in's Gebet genommen, und um ſeiner Feigheit und ſchlechten Führung willen hingerichtet werden wird!“ Ich konnte mich eines Lächelns bei der Beſchreibung von 8 Oheims Stufenleiter, auf welcher er zu der Aufmerkſamkeit der Admiralität hinaufklimmen wollte, nicht enthalten. Ungeachtet ich die Welt allzugut kannte, um auf ſolche Gönner viel Vertrauen zu ſetzen, ſo wollte ich ihn doch nicht durch Zweifel niederſchlagen, ſondern frug, ob er in London einen Freund hätte, welcher ihm Geld borgen würde, um anſtändig aufzutreten, und dem Unter⸗ 88 ſekretär ein kleines Geſchenk zu machen, damit ſein Geſchäft viel⸗ leicht um ſo ſchneller von Staiten ginge. Er kratzte ſich am Kopfe, und erwiederte nach einigem Befinnen:„Wie! ja! ich glaube Daniel Whipcord, der Schiffslichterzieher in Wopping, wird mir einen ſolchen unbedentenden Dienſt nicht abſchlagen. Ich weiß, ich bekomme für Wohnung, Schnaps und Kleider ſo viel Credit als ich nur will; was jedoch das Geld anbelangt, ſo will ich nichts Beſtimmtes behaupten. Wäre der ehrliche Block noch am Leben, ſo hätte ich vollauf.“ Es ging mir ſehr zu Herzen, einen ach⸗ tungswerthen Mann ſo ohne alle Freunde zu ſehen, wenn er deren ſo ſehr bedurfte, und betrachtete meine Lage in weit günſtigerem Lichte als die ſeinige, weil ich mit der Selbſtſucht und Schurkerei der Menſchen beſſer bekannt war, folglich weniger ein Opfer der Täuſchung und des Betrugs werden konnte. Zweiundvierzigſtes Kapitel. Bowling geht an Bord eines nach Deal beſtimmten Kutters; wir werden von einem Prieſter angeredet, der ein Schotte zu ſeyn vorgibt; ſein Freundſchaftsanerbieten; er wird von dem Lieutenant beleidigt und durch die Abbitte deſſelben nachher verſohnt; mein Oheim ſchifft ſich ein; ich werde von einem Prieſter bei einem Kapuziner eingefuͤhrt, in deſſen Ge⸗ ſellſchaft ich nach Paris reiſe; der Charakter meines Reiſegefaͤhrten; eine Begebenheit auf der Straße; ich nehme an ſeinem Benehmen Anſtoß. Nach Beendigung unſers Mahles gingen wir in den Hafen hinab und fanden daſelbſt einen nach Deal reiſefertigen Kutter, der Abends abgehen ſollte, und mit welchem Herr Bowling wegen ſeiner Ueberfahrt abſchloß. In der Zwiſchenzeit durchſtrichen wir die Stadt, um unſere Neugierde zu befriedigen, und unſere Unter⸗ haltung drehte ſich um meine Pläne für meine Zukunft, die noch 89 ungewiß war. Auch läßt es ſich denken, daß mein Seelenzuſtand nicht der ruhigſte war, als ich mich beinahe der äußerſten Armuth mitten unter Fremden preisgegeben ſah, von denen ich keinen Ein⸗ zigen kannte, und alſo Rath oder Freundſchaft nicht erwarten durfte. Meinem Oheim ging meine unglückliche Lage zu Herzen, und er drang in mich, ihn nach England zu begleiten, wo er nicht zweifle, eine Verſorgung für mich zu finden. Jedoch außerdem, daß ich noch andere Gründe hatte, dieſes Königreich zu meiden, betrachtete ich es gegenwärtig als das ſchlimmſte Land des Erd⸗ bodens für einen armen Mann, um ſein Fortkommen daſelbſt hindern. Darum beſchloß ich, jedenfalls in Frankreich zu blei In dieſem Beſchluſſe beſtärkte mich ein ehrwürdiger Prieſter, der gerade vorbeiging, und da er uns Engliſch ſprechen hörte, uns in dieſer Sprache anredete. Er ſagte, er ſey unſer Landsmann, und wünſchte, es ſtünde in ſeiner Macht, uns einen Dienſt zu er⸗ weiſen. Wir dankten dem ehrwürdigen Geißllichen für ſein güti⸗ ges Anerbieten, und luden ihn ein, mit uns ein Glas zu trinken, was er nicht für gut fand abzuſchlagen, worauf wir alle mit ein⸗ ander in eine, von ihm empfohlene, Taverne gingen. Nachdem er in einem Glas Burgunder auf unſere Geſundheit getrunken batte, ſo fing er an, nach unſern Verhältniſſen ſich zu erkundigen, namentlich aber nach unſerm Geburtsorte. Kaum hatte er dieſen vernommen, ſo ſprang er auf, ſchüttelte uns mit großer Be gung die Hände, vergoß eine Fluth von Thränen und rief aus „Ich ſtamme aus der nämlichen Gegend, vielleicht ſeid Ihr meine Verwandten.“ Ich war auf meiner Huth gegen ſeine Liebkoſungen, die ich ſtark in Verdacht zog, als ich mich des Abenteuers mit dem Geld⸗ finder erinnerte. Allein er bemerkte ohne allen Schein von ß⸗ trauen, da er in dieſem Landestheile geboren ſey, ſo mü 1* r auch unſere Familien kennen, welche, ſo unſcheinbar auch unſer en gegenwärtiges Ausſehen ſey, nicht zu den niedrigſten oder unbe⸗ 90 deutendſten gehören könnte. Hierauf entdeckte ich ihm unſere Namen, die ihm, wie ich fand, nicht unbekannt waren. Er hatte meinen Großvater perſönlich gekannt und erzählte, ungeachtet er fünfzig Jahre von Schottland abweſend geweſen war, ſo viele umſtänd⸗ liche Begebenheiten von den Familien der Nachbarſchaft, daß ich meine Bedenklichkeiten fallen ließ und mich in ſeinem Umgange glücklich fühlte. Im Laufe unſerer Unterhaltung machte ich aus meiner Lage kein Geheimniß, und zeigte meine Talente von einer ſo vortheilhaften Seite daß der alte Vater mit Bewunderung auf mich ſah und mich verſicherte, daß ich, wenn ich in Frankreich bliebe und mich vernünftig benähme, bald mein Glück machen könnte, wozu er nach ſeinen Kräften beitragen wolle. Mein Oheim fing an, dei des Prieſters Anerbieten argwöh⸗ niſch zu werden, und erklärte mit dürren Worten, er werde, falls ich meiner Religion untreu würde, jeder Gemeinſchaft mit mir entſagen; denn ſeine Anſicht ſey, daß kein ehrlicher Mann die Grundſätze, worin er geboren worden ſey, abſchwören ſolle, möge er ein Türke, Proteſtant oder römiſcher Jatholik ſeyn. Der Pater fühlte ſich durch dieſe Erklärung beleidigt, und begann mit großer Lebhaftigkeit über die Gefahr der Hartnäckigkeit und das Verſchloſſen⸗ bleiben gegen das Licht der Wahrheit zu reden. Er ſagte, Un⸗ wiſſenheit dürfe nicht als Rechtfertigungsgrund geltend gemacht werden, wenn wir Gelegenheit bekämen, uns beſſer zu belehren. Wären die Gemüther der Völker nicht der Kraft des überzeugenden Worts offen geſtanden, ſo hätte die chriſtliche Religion in der Welt ſich nicht ausbreiten können, und wir würden uns jetzt in einem Zuſtande heidniſcher Finſterniß und Barbarei befinden. Er ſuchte aus einigen Texten der Schrift und vielen Stellen aus den Kirchen⸗ vätern zu beweiſen, daß der Papſt der Nachſolger des heiligen Petrus und Chriſti Stellvertreter, daß die römiſche Kirche die ächte heilige, katholiſche Kirche, und daß der proteſtantiſche Glau⸗ ben eine gottloſe Ketzerei und ein verdammenswerthes Schisma 91 ſey, durch welches Millionen von Seelen ewigem Verderben an⸗ heimfielen. Als er ſeinen Sermon geendigt hatte, wobei er, wie mir ſchien, mehr Eifer als Ueberlegung bewies, ſo wandte er ſich zu meinem Oheime, und verlangte deſſen Einwürfe gegen ſeine Be⸗ hauptungen zu hören. Der Lientenant, deſſen ganze Aufmerkſam⸗ keit auf ſeine eigene Lage hingerichtet war, nahm die Pfeife aus dem Munde und ſprach:„Was mich anbelangt, mein Freund! ſoht Ihr, ſo habe ich gegen Eure Worte Nichts einzuwenden; ſo viel ich weiß, find ſie entweder wahr oder falſch, ich bekümmere mich um Niemands Angelegenheiten als um meine eigene, der Conſtabel bleibe bei ſeinem Ladeſtock, der Steuermann bei ſeinem Ruder, pflegt man zu ſagen. Ich darf an Nichts glauben, als an den Kompaß, und wünſche, daß Jeder mir ſo begegne, wie ich ihm, ſo daß ich den Papſt, den Teufel und den Prätendenten heraus⸗ fordere, und hoffe, ſo zut ſelig zu werden, als ein Anderer.“ Dieſe Zuſammenſtellung von Perſonen gab dem Mönche gro⸗ ßen Anſtoß, der mit heftigem Zorne betheuerte, wenn Herr Bow⸗ ling nicht ſein Landsmann wäre, ſo würde er ihn für ſeinen Ueber⸗ muth einſperren laſſen. Ich ſuchte meines Oheims Uebereilung wieder gut zu machen, und beſänftigte den alten Herrn durch die Verſicherung, mein Verwandter habe ihn nicht abſichtlich beleidigen wollen. Unterdeſſen hatte dieſer ſeinen Irrthum eingeſehen, ſchüt⸗ telte dem beleidigten Theile die Hand, und bat wegen der Freiheit, die er ſich genommen, um Vergebung. Nach friedlichem Ausgleich der Sache lud er uns ein, Rachmittags in ſein Kloſter zu kommen, und nahm für den Augenblick Abſchied von uns. Als er ſich weg⸗ begeben hatte, empfahl mir mein Oheim dringend, in der Reli⸗ gion meiner Vorfahren zu verharren, möchten die Vortheile, welche ſich mir bei einem Uebertritt darböten, auch noch ſo groß ſeyn, da ich durch einen derartigen Schritt nicht nur mir ſelbſt, ſondern auch meiner Familie einen Schandfleck anhängen würde. Ich verſicherte ihn, Nichts in ver Welt ſolle mich verleiten, ſeine Freundſchaft und gute Meinung zu verſcherzen. Hiedurch ward er ſehr beruhigt, und erinnerte mich dann an das Mittagseſſen, das wir ſogleich zu uns nahmen, als es fertig war. Ich glaubte meine Bekanntſchaft mit dem ſchottiſchen Prieſter könnte, wenn ſie geſchickt benutzt würde, zu meinem Vortheile ausſchlagen, und entſchloß mich darum, ſie ſo ſehr als möglich anzubauen. In dieſer Abſicht machten wir, ſeiner Einladung folgend, einen Beſuch in ſeinem Kloſter, wo er uns mit Wein und Confekt bewirthete, und uns jede Merkwürdigkeit des Kloſters zeigte. Wir verabſchiedeten uns, nicht ohne daß ich ihm verſprechen mußte, ihn am folgenden Tage zu beſuchen; und als die Zeit zur Abfahrt meines Oheims gekommen war, ſo begleitete ich ihn in den Hafen und ſah ihn noch an Bord gehen. Wir trennten uns nicht ohne Thränen, nachdem wir uns umarmt und einander des Himmels Segen gewünſcht hatten. Er bat mich, ihm oft zu ſchrei⸗ ben, unter der Adreſſe: an Lieutenant Bowling in London, Unions⸗ flagge zunächſt der Eremitage. Ich kehrte in das Haus zurück, wo wir zuſammengetroffen waren, und verbrachte daſelbſt die Nacht ganz einſam, brütend über mein hartes Geſchick, und mich anſtrengend, einen Lebensplan für die Zukunft zu entwerfen. Allein es gelang mir nicht, denn ich er⸗ blickte ringsum auf meiner Lebensbahn unüberſteigliche Hemmniſſe, und wollte bei der kläglichen Ausſicht faſt verzweifeln. Um jedoch Nichts zu verſäumen, was zu meinem Fortkommen förderlich ſeyn möchte, erhob ich mich Morgens, und ging gerade aus zu dem Pater, damit ich ihn um ſeinen Rath und Beiſtand bäte. Er nahm mich ſehr gütig auf und gab mir zu verſtehen, es wäre nur ein Wes vorhanden, auf welchem eine Perſon von meinen Talen⸗ ten eine große Figur machen müſſe. Ich errieth ihn, und ſagte ihm ein für alle mal, in Betreff der Aenderung meines Glaubens habe ich einen beſtimmten Entſchluß gefaßt. Wenn darum ſein —— 93 Vorſchlag die Kirche betreffe, ſo könne er ſich die Mühe näherer Andeutungen erſparen. Hierauf ſchüttelte er den Kopf, und ſprach nach einigen Seufzern:„Ach! mein Sohn! welch eine ruhmbeglänzte Ausſicht verſchließt ſich Dir durch Dein hartnäckiges Vorurtheil. Laß Dich durch vernünftige Gründe überzeugen, und berathe Deine zeitliche 1 Wohlſahrt wie das Heil Deiner unſterblichen Seele! Durch mei⸗ en Einfluß vermag ich Dir in dieſem Kloſter ein Noviciat zu verſchaffen, worin ich Dir mit Berather und Lehrer ſeyn will.“ Dann brach er in eine Lobrede auf das Kloſterleben aus, das kein Geräuſch ſtöre, kein Kummer berühre und keiner Gefahr bloß⸗ geſtellt ſey. Dort entwöhne ſich das Herz fleiſchlicher Anziehungs⸗ kräfte, das gemeinere Verlangen werde gekreuzigt und kaßteit, und die Seele erhebe ſich auf den Schwingen tiefer Betrachtungen in die göttlichen Regionen der Philoſophie und Wahrheit. Seine Ueberredungskunſt ging jedoch an mir verloren, denn zweierlei Rückſichten bewogen mich zur Abweiſung ſeiner Verſuchungen, nämlich das meinem Oheim gegebene Verſprechen und meine Ab⸗ neigung gegen den geiſtlichen Stand; doch die Glaubensverſchieden⸗ heit im Punkte der Religion betrachtete ich für zu unbedeutend, um bei eines Menſchen Glück in Betracht gezogen zu werden. Als er mich in dieſem Stücke unbeugſam ſah, ſo ſagte er mir, mein Widerſtand betrübe ihn mehr als daß er ihn beleidige, und er ſtehe immer noch bereit, mir ſeine Dienſte anzubieten. „Dieſelben Irrthümer,“ ſprach er,„welche Dein Fortkommen in der Kirche hemmen, werden unfehlbar Dein Vorrücken in der Armee hindern. Kannſt Du Dich aber mit dem Stande eines Bedienten ausföhnen, ſo werde ich Dich zu verſorgen im Stande ſeyn, denn ich kenne Leute von Stand in Verſailles, an welche ich Dir Empfehlungsſchreiben mitgeben will! leicht möglich, daß der Eine oder Andere von ihnen Dich als mastre d'hötel anſtellt, und chaft väterlicher Zuneigung 94 ich zweifle nicht daran, daß Deine Eigenſchaften Dich bald in gün⸗ ſtigere Verhältniſſe bringen werden.“ Ich nahm mit großer Begierde ſein Averbieten an. Er hieß mich Nachmittags wieder kommen, wo er mir nicht nur vier Briefe geben, ſondern mich auch einem Kapuziner ſeiner Bekannt⸗ ſchaft vorſtellen wolle, der am nächſten Morgen nach Paris ab⸗ gehe, und in deſſen Geſellſchaft ich reiſen könne, ohne einen Livre auszugeben. Dieſe Neuigkeit war mir äußerſt erwünſcht, und ich drückte meinen Dank gegen den wohlwollenden Pater in den ge⸗ rührteſten Worten aus. Er kam ſeinen Verſprechen pünktlich nach, ſtellte mir die Briefe zu und machte mich mit dem Kapuziner bekannt, in deſſen Geſellſchaft ich bei Tagesanbruch am nächſten Morgen abreiste. Bald entveckte ich in meinem Reiſegefährten einen luſtigen und redſeligen Burſchen, der, ſeines Standes und ſcheinbaren Büßung ungeachtet, gut Eſſen und Trinken mehr liebte, als ſeinen Roſen⸗ kranz, und einem hübſchen Mädchen mehr Verehrung zollte, als der Jungfrau Maria oder der heiligen Genoveva. Dieſer junge Mann war ſett und muskulös, mit rothen Augenbraunen, einer Habichtsnaſe und einem finnigen Geſichte; er nannte ſich Bruder Balthaſar. Sein Orden geſtattete ihm nicht das Tragen von Leinwand, ſo daß er, weil ihm die Gelegenheit fehlte, ſich öfters zu entkleiden, nicht zu den reinlichſten Weſen auf der Welt gehörte. Mit ſeiner Conſtitution war von Natur ein ſo eigenthümlicher ſtarker Geruch verbunden, daß ich es immer für gut fand, auf unſerm Marſche mich windwärts von ihm zu halten. Da er mit dem Wege ſehr bekannt war, ſo aßen wir, ohne etwas zu bezahlen, köſilich, und die treffliche Laune meines Ge⸗ fährten, der eine Menge Liebes⸗ und Weinlieder ſang, trug dazu bei, die Strapazen unſerer Fußreiſe zu verſüßen⸗ Wir logirten in der erſten Nacht in einem Pächterhauſe bei Abbeville, und wurden daſelbſt mit einem trefflichen Ragout be⸗ wirthet, welches die Töchter unſers Wirthes, deren eine ſehr ſchön —— ———— 95⁵ war; uns zubereiteten. Als wir herzlich gegeſſen und eine ziem⸗ liche Quantität geringen Weines getrunken hatten, ſo geleitete man uns zu einer Scheune, wo wir zu unſerm Nachtlager ein Paar auf reinliches Stroh gelegte Decken vorfanden. Wir be⸗ fanden uns noch keine halbe Stunde darin, als wir Etwas leiſe an der Thüre pochen hörten. Hierauf erhob ſich Balthaſar, und ließ unſere zwei Wirthstöchter herein, die nun eine heimliche Un⸗ terredung im Finſtern mit ihm hielten. Nachdem ſie eine Zeit lang mit einander leiſe geſprochen hatten, ſo kam der Kapuziner zu mir, und frug, ob ich für die Liebe unempfindlich und ſo hartherzig ſey, einem hübſchen Mädchen, das eine zärtliche Reigung für mich gefaßt habe, einen Antheil an meinem'Bette zu verſagen? Zu meiner Schande muß ich geſtehen, daß ich mich von der Leiden⸗ ſchaft übermannen ließ, gierig die Gelegenheit ergriff, als ich ver⸗ nahm, die liebenswürdige Nanette ſey meine Bettgenoſſin. Ver⸗ gebens rief meine Vernunft mir meine Gefühle für die theure Ge⸗ bieterin meint? Herzens, für Rareiſſa, zurück. Die Vorſtellung dieſes liebenswürdigen Weſens entflammte meine Sinne nur noch mehr, und die junge Tochter der Pallas kann mir, wenn ſie meiner noch gedenkt, keine Kälte zum Vorwurfe machen. Morgens ftüh überließen uns die guten Geſchöpfe unſerer Ruhe, die bis acht Uhr währte, wo wir uns erhoben und zum Frühſtück mit Chokolade und Branntwein von unſern Geliebten bewirthet wurden. Hierauf verabſchiedeten wir uns zärtlich von ihnen, nachdem mein Gefährte ihre Beichte gehört, und ihnen Abſolution ertheilt hatte. Unterwegs wandte ſich die Unterhaltung auf die Ereigniſſe der jüngſten Nacht. Sie wurde von dem Kapuziner eingeleitet, der mich frug, wie mir meine Wohnung gefallen habe. Ich drückte meine Zufriedenheit damit aus und ſprach mit Entzücken von der reizenden Nanette. Hiernuf ſchüttelte er den Kopf, lächelte und ſagter ſie ſey ein morceau pour la bonne bouche. „Ich bildete mir,“ fuhr er fort,„niemals auf Etwas ſo Vieles 96 ein, als auf Nanettens Eroberung, und ohne Eitelkeit ſeh es ge⸗ fagt, ich bin in meinen Liebſchaften ziemlich glücklich geweſen!“ Darüber verwunderte ich mich nicht wenig, da ich von ſeinem Ein⸗ verſtändniſſe mit ihrer Schweſter mich gut überzeugt hatte. Ich drückte demnach, ungeachtet ich ihm nicht geradezu das Laſter der Unzucht vorwerfen wollte, mein Erſtaunen über die in vergangener Nacht von ihm getroffene Wahl aus, da doch anzunehmen ſey, die andere ſey ganz zu feiner Verfügung geſtanden. Auf dieſe An⸗ ſpielung gob er zur Antwort, daß er, neben ſeiner angebornen Gefälligkeit gegen das weibliche Geſchlecht, noch einen andern Grund habe, ſeine Gunſt gleich zwiſchen ihnen zu theilen, nämlich die Abſicht, den Frieden in der Familie zu erhalten, der nicht an⸗ ders behauptet werden könne. Außerdem habe Nanette eine Zu⸗ neigung zu mir gefaßt, und er liebe ſie zu ſehr, um ihre Neigung einzuſchränken, um ſo mehr, wenn er Gelegenheit habe, zugleich ſeine Freunde ſich zu verpflichten. Ich dankte ihm für diejen Be⸗ weis ſeiner Freundſchaft, obwobl ſein Mangel an Zartgefühl mich außerordentlich abſtieß, und ich die Gelegenheit, welche mich in ſeinen Weg warf, verwünſchte. So ſehr ich Libertin war, ſo war mir doch der Gedanke, eines Mannes Benehmen ſo tief unter dem Character, den er bekleidete, zu ſehen, unerträglich. Ich betrach⸗ tete ihn als eine Perſon von ſehr geringem Werthe over großer Unehrlichkeit, und würde ein wachſames Auge auf meine Taſche gehabt haben, wenn ich gedacht hätte, daß er eine Verſuchung zum Stehlen bekommen könnte. Allein ich vermochte nicht anzu⸗ nehmen, doß ein Kapuziner Geldes benöthigt ſey, da er, vermöge ſeiner Ordensregeln, wie ein Bettler auftreten muß, und alle ſon⸗ ſtigen Lebensbedürfniſſe umſonſt befriedigt. Nebenbei ſchien mir auch mein Reiſegefährte von zu ſorgloſem und ſanguiniſchem Tempe⸗ ramente zu ſeyn, um mir deßhalb Verdacht einzuflößen. So ging ich denn mit vollem Zutrauen gegen ihn weiter, in der Hoffnung, bald am Ziele meiner Reiſe anzukommen. eeeii — —— 97 Dreiundvierzigſtes Kapitel. Wir logiren in einem Hauſe nahe bei Amiens, wo ich von dem Kapuziner beſtohlen werde, der ſich waͤhrend meines Schlummers aus dem Staube macht; ich begebe mich nach Noyons, um ihn aufzuſuchen, allein ohne Erfolg; ich mache mehrere mit meiner Lage bekannt, fand aber keinen Anklang; die Verzweiflung ergreift mich; ich ſchließe mich einer Com⸗ pagnie Soldaten an, werde in dem Regimente Picardie eing ht; wir erhalten Befehl, nach Deutſchland aufzubrechen; ich finde die Stra⸗ pazen des Marſches faſt unertraͤglich; bekomme mit einem Kameraden in einem Wortſtreite uͤber Politie Haͤndel; er fordert mich heraus, ver⸗ wundet und entwaffnet mich. Die dritte Nacht unſerer Wanderſchaft verbrachten wir in einem Hauſe nahe bei Amiens, wo Balthaſar unbekannt war, weßhalb wir bei ſchlechter Speiſe und ſaurem Weine zu Nacht aßen, und in einem Dachſtübchen auf einer alten Matraze liegen mußten, die, ſo viel ich glaube, von zehntauſend Myriader Flöhen ſeit unendlichen Zeiten eingenommen worden war. Wir betraten ihr Gebiet nicht ungeſtraft; binnen weniger als einer Minute waren wir mit zahlloſen Stichen beveckt. Trotz deſſen fiel ich jedoch in einen feſten Schlaf, da ich durch unſern Tagmarſch aus⸗ nehmend ermüdet war, und erwachte nicht vor dem nächſten Morgen. In der größten Angſt ſprang ich, weil ich mich allein ſah, aus dem Bette, und fand meine Ahnung nur allzubeſtätigt. Mein Reiſegefährte hatte ſich nämlich mit meiner Kaſſe davon gemacht, und überließ es mir, meinen Weg nach Paris allein zu ſuchen. Sogleich rannte ich die Treppe hinab, und erkundigte mich, mit einem Blicke voll Kummers und Entſezens, nach dem Bettel⸗ mönch. Dieſer hatte— ſo erfuhr ich hier— ſich vor vier Stun⸗ den auf den Weg gemacht, nachdem er ihnen geſagt hatte, ich ſey etwas unwohl, und wünſche nicht geſtört zu werden; ſie möchten Smollet's Romane M. 7 98 mir jedoch nach meinem Erwachen mittheilen, ich habe meinen Weg nach Noyons zu nehmen, wo er im goldenen Hahnen auf mich warten wolle. Ich ſprach nicht ein Wvort, ſondern lenkte mit ſchwerem Herzen meine Schritte jenem Orte zu, wo ich, ermattet von Müdigkeit und Hunger, Nachmittags anlangte, aber zu mei⸗ nem äußerſten Schrecken vernahm, Niemand der Art ſey hier ange⸗ lommen. Es war ein Glück für mich, daß in meinem Tempera⸗ ment das Gefühl der Rache ſtark vorherrſchend war, da ich bei ſolchen Gelegenheiten gegen die Schurkerei der Menſchen mich em⸗ pörte und dadurch in Stand geſetzt ward, Unfällen, deren Laſt mich ſonſt zu Boden gedrückt hätten, Trotz zu bieten. Kochend vor Unwillen enideckte ich dem Wirthe meine klägliche Lage, und zog mit großer Bitterkeit gegen Balthaſars Verrätherei los. Hierauf zuckte er die Achſeln, und ſagte mit einem ſonderbar verzogenen Geſichte, er bedaure mein Unglück, es gebe aber kein beſſeres Mittel vagegen, als die Geduld. In dieſem Augenblicke langten einige Gäſte an, welchen er ſeine Dienſte anzubieten ſich beeilte, und mich voll Aergers über ſeine Gleichgültigkeit, wie mit der Ueber⸗ zeugung meinerſeits verließ, daß Gaſtwirthe die ſchmutzigſten Buben in der ganzen Welt ſeyen. Während ich vernichtet und keines Entſchluſſes mehr fähig im Portale ſtand, gegen den Dieb, der mich beraubt, wie gegen den alten Prieſter, der ihn meiner Freundſchaft empfohlen hatte, Ver⸗ wünſchungen ausſtoßend, trat ein junger, reich gekleideter Herr in Begleitung eines Kammerdieners und zweier Bedienten in das Wirthshaus. Ich glaubte, in ſeiner Miene viel Gutherzigkeit und Sanftmuth zu entvecken, redete ihn deßhalb, nachdem er abgeſtie⸗ gen war, an, und ſetzte ihm in wenigen Worten meine Lage aus⸗ einander. Er hörte mir mit großer Höflichkeit zu, und ſagte, als ich meine Geſchichte zu Ende gebracht hatte:„Nun gut, mein Herr! worin kann ich Ihnen dienen?“ Dieſe Frage überraſchte mich wirklich nicht wenig, da, meiner Anſicht nach, kein Mann 99 von gewöhnlichem Gefühle oder gemeiner Großmuth ſie machen konnte, und ich erwiederte nur mit einem tiefen Bücklinge. Hierauf gab er das Compliment noch tiefer zurück, und trippelte in ein Zimmer, während der Wirth mir zu verſtehen gab, mein Ver⸗ weilen an dieſer Stelle, zu dem Zwecke, die Geſellſchaft anzureden, gebe Anſtoß, und könne ihm unendlichen Nachtheil bringen. Es bedurfte keiner Wiederholung ſeiner Worte; ich entfernte mich ſo⸗ gleich von der Stelle, und ward von Kummer, Wuth und Lebens⸗ haß ſo ergriffen, daß ein Blutſtrom aus meiner Naſe ſtürzte. In dieſer Aufregung verließ ich Noyons, und begab mich auf das offene Feld, wo ich gleich einem Raſenden umher wanderte, bis meine Lebensgeiſter ganz erſchöpft waren, und ich mich genöthigt ſah, an dem Fuße eines Baumes mich niederzuwerfen, um meinen müden Gliedern Ruhe zu gönnen. Hier verließ mich meine Wuth: ich fing an, die ungeſtümen Forderungen der Natur zu fühlen, und verſank in ſchweigenden Kummer und düſteres Nachſinnen. Ich ging alle Sünden durch, deren ich mich ſchuldig gemacht hatte, und fand derſelben ſo wenige, und dieſe däuchten mir ſo verzeihlich, daß ich die Gerechtigkeit einer Vorſehung nicht begreifen konnte, welche, nachdem ſie mich ſo manchem Elende und ſo vielen Geſahren preisgegeben hatte, mich endlich ein Raub des Hungertodes in einem fremden Lande werden ließ, wo ich nicht Einen Freund oder Bekannten hatte, um mir die Augen zu ſchließen und die letzten Pflichten der Menſchlichkeit meinem elenden Leichnam zu erweiſen. Tauſendmak wünſchte ich mir ein Bär zu ſeyn, um in Wälder und Wüſten mich, fern von den unwirthlichen Behauſungen der Menſchen, zurückzuziehen, und daſelbſt durch mein eigenes Talent mich fortzubringen, unabhängig von verrätheriſchen Freunden und bochmüthiger Verachtung. Als ich ſo da lag und über mein un⸗ glückliches Geſchick jammerte, hörte ich den Klang einer Violine, und bemerkte, als ich meinen Kopf erhob, in einiger Entfernung von mir auf dem Graſe eine Geſellſchaft Männer und Weiber 100 tanzen. Ich betrachteie dieſen Umſtand als ſehr günſtig für einen Unglücklichen, um das Mitleiden rege zu machen; denn in einem polchen Falle drängt ſich jeder ſelbſtfüchtige Gedanke zurück, das Herz iß fröhlich geſtimmt und verlangt einen Theilnehmer an ſei⸗ ner Freude; deßhald ſtand ich auf, näherte mich dieſen glücklichen Leuten, und erkannte bald in ihnen eine Schaar Soldaten nebſt ihren Weibern und Kindern, welche nach der Anſtreng ung eines ermüdenden Marſches ſich auf dieſe Weiſe erholten. Nie zuvor hatte ich ein ſolches Rudel von Vogelſcheuchen bei einander ge⸗ ſehen; auch vermochte ich ihre hohlen Blicke, ihren ſchmutzigen und lumpigen Anzug und alle übrigen äußern Zeichen großen Elendes mit dieſem Schein von Frohſinn nicht zu reimen. In⸗ deſſen begrüßte ich ſie, und ward mit großer Höflichkeit empfangen. Hierauf ſchloßen ſie einen Kreis, und tanzten um mich herum. Dieſe kolle Luſtigkeit machte eine wunderbare Wirkung auf meinen Geiſt, denn ihre Stimmung ſteckte mich an, ich vergaß, trotz mei⸗ ner unglücklichen Lage, meinen Kummer, und ſchloß mich ihrer ausſchweifenden Freude an. Als wir uns eine Zeit lang derſelben hingegeben hatten, brei⸗ teten die Frauenzimmer ihre Mäntel auf dem Boden aus, und tiſchten uns aus ihren Schnapsſäcken Zwiebel, Kommißbrod und einige Flaſchen ſchlechten Weins auf. Da ſie mich zur Theilnahme am Mahle einluden, ſo ſetzte ich mich zu ihnen nieder, und nie⸗ mals in meinem ganzen Leben ſchmeckte mir das Eſſen beſſer. Nach Beendigung des Mahles erhoben wir uns wieder zum Tanze, und nun ich meine Lebensgeiſter erquickt hatte, erregte mein feines Benehmen allgemeine Bewunderung. Man überlud mich mit tau⸗ ſend Artigkeiten und Freundſchaftsbezeugungen; die Männer rühm⸗ ten meine Perſon und Gewandtheit, und die Weiber überboten ſich in Lobpreiſungen über meine bonne gräce. Namentlich der Sergeant bewies mir ſo viele Aufmerkſamkeit, und beſchrieb die Reize des Soldatenlebens ſo beredt, daß ich ſeinem Vorſchlag⸗ 101 mich anwerben zu laſſen, Gehör zu geben anfing; und je mehr ich meine eigene Lage in Betracht zog, deſto mehr überzeugte ich mich von der Nothwendigkeit, zu einem ſchnellen Entſchluſſe zu kommen. Nachdem ich deßhalb alle Umſtände für und wider reif⸗ lich erwogen hatte, gab ich mein Jawort, und wurde in das Re⸗ giment Picardie, welches das älteſte Corps in Europa ſeyn ſoll, aufgenommen. Die Compagnie, zu der dieſer Trupp gehörte, hatte in einem nicht weit entfernten Dorfe ihr Stand⸗Quartier. Dorthin marſchirten wir am nächſten Tage, und ich ward meinem Kapitän vorgeſtellt, der an meinem Ausſehen ſehr viel Gefallen zu finden ſchien, mich mit einer Krone zum Vertrinken beſchenkte, und mit Kleidung, Waffen und ſonſtigen nöthigen Dingen zu ver⸗ ſehen befahl. Hierauf verkaufte ich meine Livré, ſchaffte mir Wäſche dafür an, und wurde, weil ich mir ſehr viel Mühe den Dienſt zu erlernen, binnen ſehr kurzer Zeit ein vollkor Soldat. Kurz zuvor hatten wir den Befehl erhalten, verſchiedenen andern Regimentern uns anzuſchließen und mit der ganzen ver⸗ einigten Macht zu dem Marſchall Herzog von Noailles z ſtoßen, der damals mit ſeiner Armee in Deutſchland am Mair Lager hatte, um die Bewegungen der unter dem Grafen Stair ſiehenden Engländer, Hannoveraner, Oeftr und Heſſen zu beobachten. Sogleich begannen wir unſern 2 und jetzt erſt ward ich mit dieſem, mir noch unbekannten Theile des Soldatenlebens vertraut. Kaum kann ich den Hunger und Durſt, wovon ich geplagt wurde, und die Strapazen beſchreiben, welchen ich auf einem Wege von ſo vielen hundert Meilen mich unterziehen mußte. Während deſſen ward ich von der Hitze und Bewegung meiner Glieder ſo wund gerieben, daß ſehr bald die Haut von meinen Schenkeln ſich ganz losſchälte, und ich nur mit der größten Qual von der- Stelle kommen konnte. Daran war mein fetter und ſchwerfälliger Körperbau Schuld, den ich oft 102 verfluchte, und mit der abgezehrten Geſtalt meiner Kameraden verglich, deren Körper aller Säfte beraubt zu ſeyn ſchienen, und gegen jede Art der Reibung abgehättet waren. Der immer⸗ währende Schmerz machte mich äußerſt mürriſch, und dieſe Stim⸗ mung ward noch durch die meinen Stolz tief verwundende Be⸗ trachtung erhöht, daß jene erbärmlichen Wichte, welche ein hef⸗ tiger Wind gleich Spreu durch die Luft weggeführt haben würde, Strapazen, unter deren Laſt ich beinahe erlag, ohne Niederge⸗ ſchlagenheit ertrugen⸗ Eines Tags; als wir Raſt hielten, und die Soldaten mit ihren Weibern nach der Sitte zum Tanze gegangen waren, blieb mein Kamerad unter dem Vorwande, mir Geſellſchaft zu leiſten, zu Hauſe, und beleidigte mich durch ſein Mitleiden und ſeine Troſigründe. Er ſagte zu mir, obwohl ich noch jung und zart ſey, ſo werde ich mich doch bald an den Dienſt gewöhnen, und er zweifle gar nicht daran, daß ich noch die Ehre haben werde, einigermaßen zu dem Ruhme des Königs beizutragen.„Faſſe darum Muth, mein Sohn!“ ſprach er,„und bitte zu dem lieben Gott, er möchte Dich ſo glücklich machen, als mich, der die Ehre hatte, Ludwig dem Großen zu dienen und manche Wunde zu er⸗ halten, die zur Begründung ſeines Ruhmes beitrug.“ Als ich das verächtliche Weſen, aus deſſen Mund dieſe Worie kamen, anſah, ſo wunderte ich mich über die Verblendung, wovon er beſeſſen ward, nicht wenig, und ich konnte mich nicht enthalten, mein Erſtaunen über das lächerliche Betragen eines vernünftigen Weſens auszudrücken, das ſich höchlich geehrt fühlt, der niedrigſten Armuth, Unterdrückung, dem Hunger, der Krankheit, Verſtümm⸗ lung und ſelbſt dem Tode die Stirne zu bieten, nur um den laſterhaften Ehrgeiz eines Fürſten zu befriedigen, von dem ſeine Leiden mißachtet werden, und dem ſein Name völlig unbekannt bleibt. Ich bemerkte, daß wenn ſeine Lage die Folge von Unter⸗ drückung wäre, ſo würde ich ſeine Grduld und Standhaftigkeit 103 in Ertragung ſeines Looſes rühmen; wenn er die Waffen zur Ver⸗ theidigung ſeines beleidigten Vaterlandes ergriffen haben würde, ſo würde er wegen ſeines Patriotismus zu loben ſeyn; oder wenn er dieſen Lebensweg betreten hätte, um einem größeren Uebel zu entgehen, ſo würde ſein eigenes Gewiſſen ihn entſchuldigen, un⸗ geachtet ich kein größeres Elend kenne, als dasjenige, welchem er unterworfen ſey. Wenn er jedoch ſich dieſer erbärmlichen Glücks⸗ lage darum unterziehe, weil er dadurch dem Ruhm ſeines Fürſten Etwas zuzulegen glaube, ſo heiße dieß nichts weiter, als das Geſtändniß, er ſey ein wagehalſiger Sklave, der freiwillig ſich dem größten Elende und der größten Gefahr preisgebe, und die auf⸗ fallendſten Verbrechen begehe, um den barbariſchen Hochmuth eines Nebenmenſchen zu nähren, der nur durch die Macht über ihn erhaben ſey, welche ihm ſolche Elende, wie er ſelbſt ſey, un⸗ terwürfe. Der Soldat großen Anſtoß an der Freiheit, welche ich mir mit ſeinem König herausnahm, denn, ſagte er, dieß könne nur meine Unwiſſenheit entſchuldigen. Er behauptete, der Cha⸗ rakter der Fürſten ſey geheiligt und dürfe nicht durch den Tadel der Unterthanen entweiht werden, welche, ihrer Pflicht zu Folge, allen Befehlen derſelben ohne Bedenklichkeiten oder Tadelſucht zu geborchen verpflichtet ſeyen. Zugleich rieth er mir, die rebelliſchen Grundſätze, welche ich unter den Engländern eingeſogen hätte, abzulegen, denn dieſes Volk ſey wegen ſeines Uebermuths gegen ſeine Könige in der ganzen Welt ſprichwörtlich geworden. Zur Vertheidigung meiner Landsleute wiederholte ich alle Argumente, welche gewöhnlich Behufs des Beweiſes angeführt werden, daß der Menſch ein natürliches Recht an die Freiheit habe. Treue und Schirm ſeyen gegenſeitig; werde aber das gemeinſame Band durch die Willkürlichkeit des Herrſchers zerriſſen, ſo ſey er dem Volke für den Bruch des Vertrags verantwortlich und falle der Ahndung des Geſetzes aein Jene Empörungen der Engländer, 104 welche von den Sklaven der willkürlichen Macht mit dem Namen Aufruhr gebrandmarkt werden, ſeyen nichts anderes als rühmliche Anſtrengungen zur Erringung der ihnen durch das Naturrecht zu⸗ ſtehenden Unabhängigkeit von den räuberiſchen Klauen anmaßen⸗ den Ehrgeizes. Der Franzoſe, welcher über die Geringſchätzigkeit, die ich dem königlichen Namen zollte, erbittert wurde, verlor alle Geduld und gab mir eine ſo herausfordernde Antwort, daß meine Mäßigung mich verließ, und ich meine Fauſt erhob, um ihm einen tüchtigen Schlag auf das Ohr zu verſetzen. Als er meine Abſicht merkte, ſo fuhr er zurück, und bat um eine augenblickliche Unterredung. Hierauf unterdrückte ich meinen Unwillen, und er gab mir zu ver⸗ ſiehen, daß ein Franzoſe niemals einen Schlag verzeihe. Wenn ich deßhalb nicht meines Lebens müde ſey, ſo würde ich wohl daran thun, ihm dieſe Kränkung zu erſparen, und die Ehre anzuthun, ſeinen Degen mit dem meinigen zu meſſen, wie es einem Manne von Ehre anſtehe. Ich folgte ſeinem Rathe und begab mich in ſeiner Begleitung auf ein nahliegendes Feld, wo ich mich in der That an der er⸗ bärmlichen Geſtalt meines Gegners ſchämte, der ein armſeliges, kleines, zitterndes Geſchöpf, von Alter abgezehrt und einäugig war. Bald jedoch ſah ich die Thorheit ein, nach dem Scheine zu urtheilen: denn ich ward beim zweiten Gange an der Hand ver⸗ wundet, in der ich den Degen hielt, und mit ſolcher Blitzſchnelle entwaffnet, daß ich glaubte, mein Gelenk ſey ausgedreht. Ueber dieſes Ereigniß war ich eben ſo verwundert als erbittert, nament⸗ lich, da mein Gegner ſein Glück nicht mit der gehörigen Mäßigung ertrug; denn er beſtand darauf, ich müßte um Verzeihung bitten, daß ich ſeinen König und ihn beſchimpft habe. In dieſen Vor⸗ ſchlag wollte ich auf keine Weiſe eingehen, ſondern ſagte ihm, es ſey eine gemeine Herabwürdigung, welche kein edel fühlender Mann in ſeinem Falle vorſchlagen ſolle, und in welche Niemand in meiner * * 105 Lage eingehen dürfe. Beharre er auf ſeiner ungroßmüthigen For⸗ derung, ſo würde ich meinerſeits auf die Muskete Genugthuung von ihm verlangen, denn in dieſer Waffe ſey ich ihm vielleicht mehr gewachſen, als im Degen, worin er mir ſo ſehr überlegen zu ſehn ſcheine. Vierundvierzigſtes Kapitel. um Rache zu nehmen, lege ich mich auf das Fechten! Wir ſtoßen zu dem Marſchall Herzog von Noailles, liefern den Alliirten eine Schlacht, und werden in die Flucht geſchlagen; das Benehmen der franzoſiſchen Solda⸗ ten bei dieſer Gelegenheit; ich ſuche eifrig einen zweiten Kampf mit dem alten Gascogner, und beſiege ihn; unſer Regiment bezieht in Rheims Winterquartiere, und ich finde daſelbſt meinen Freund Strap; unſer ge⸗ genſeitiges Erkennen; er verſieht mich mit Geld, und bewirkt meine Entlaſſung aus dem Kriegsdienſte; wir machen einen Abſtecher nach Pa⸗ ris uber Flandern, begeben uns nach London und kommen gluͤcklich da⸗ ſelbſt an. Bei dieſer Erklärung gerieth er außer Faſſung und erwiederte Nichts darauf, ſondern begab ſich zu den Tänzern zurück, welchen er ſeinen Sieg mit manchen Uebertreibungen und Prahlereien er⸗ zählte, während ich meinen Degen aufhob, in mein Quartier mich begab und meine Wunde unterſuchte, die ich unbedeutend fänd. An demſelben Tage beſuchte mich ein iriſcher Trommler, der von meinem Unglücke gehört hatte, und gab, nachdem er mir wegen meines ſchlechten Kriegsglücks ſein Bedauern ausgedrückt hatte, mir zu verſtehen, er ſey Meiſter im Fechten, und wolle mich bin⸗ nen ſehr kurzer Zeit ſo durchaus in dieſer edlen Kunſt unterweiſen, daß ich im Stande ſey, den alten Gascogner für ſeine unverſchämte Prahlerei auf meine Koſten zu züchtigen. Zu dieſem Freundſchafts⸗ dienſte erbot er ſich, nach ſeinen Worten, aus Achtung gegen ſeine 106 Landsleute. Ich erfuhr jedoch ſpäter, daß der wahre Grund hie⸗ von eine Eiferſucht gegen den Franzoſen geweſen, der mit des Ir⸗ länders Weib ein geheimes Einverſtändniß hatte, und wofür ſich Letzterer nicht perſönlich zu rächen wagte. Mag die Sache ſich ver⸗ halten, wie ſie will, kurz, ich nahm ſein Anerbieten an, und lag ſeinem Unterrichte mit ſolchem Eifer ob, daß ich mich bald mei⸗ nem Gegner für gewachſen hielt. Unterdeſſen ſetzten wir unſern Marſch fort, und langten auf dem Felde des Marſchalls Noailles in der Nacht vor der Schlacht von Dettingen an. Der ausgeſtandenen Mühſeligkeiten ungeachtet erhielt unſer Regiment den Befehl, am nächſten Tage unter dem Befehle des Herzogs von Grammont über den Fluß zu gehen und ſich in den Beſitz eines ſchmalen Hohlwegs zu ſetzen. Dieſen muß⸗ ten die Alliirten entweder mit großem Verluſte paſſiren, oder in ihrem Standorte bleiben, und in dieſem Falle aus Mangel an Mundvorrath umkommen, falls ſie ſich nicht auf Gnade und Un⸗ gnade ergeben wollten. Es iſt nicht meine Sache, hier zu berich⸗ ten, wie es kam, daß ſie auf dieſe Weiſe ſich überrumpeln ließen. Ich will nur bemerken, daß, als wir von jenem Grund und Bo⸗ den Beſitz genommen hatten, ich einen bejahrten Officier, im Ge⸗ ſpräche mit einem andern, ſein Erſtaunen über das Benehmen des Lord Stair ausdrücken hörte, eines Mannes, der im Rufe eines guten Generals ſtand. Es ſcheint jedoch, daß dieſer Edelmann da⸗ mals blos einen untergeordneten Character bekleidete, und im Kriegs⸗ rathe überſtimmt wurde, ſo daß man ihm, der ſeine Mißbilligung eines Schrittes, in Folge deſſen die ganze Armee in die äußerſte Gefahr gerieth, ausſprach, keine Schuld davon beimeſſen konnte. Die Vorſehung oder das Schickſal wirkten jedoch Wunder zu ihren Gun⸗ ſten, denn der Herzog von Grammont verließ ſeinen vortheilhaften Poſten, ging durch den Engpaß, und griff die Engländer an, welche in Schlachtordnung auf das Feld gezogen waren und uns ſo tüch⸗ tige Schläge gaben, daß wir nach beträchtlichem Verluſte an Leu⸗ 107 ten, ohne viel Umſtände zu machen, umkehrten, und die Flucht mit ſolcher Eile ergriffen, daß aus bloßer Furcht und in der Verwir⸗ rung viele Hunderte im Fluſſe umkamen. Der Feind war nämlich ſo großmüthig, uns keinen Zoll breit zu verfolgen, und wir hät⸗ ten, wenn unſere Beſtürzung es zugelaſſen haben würde, in groſ⸗ ſer Ordnung und Beſonnenheit den Rückzug antreten können. Al⸗ lein ungeachtet der königlichen Gnade des britiſchen Herrſchers, welcher die Alliirten in Perſon anführte, und ohne Zweifel dem Gemetzel ein Ziel ſteckte, belief ſich unſer Verluſt auf fünſtauſend Mann, unter denen viele ausgezeichnete Officiere ſich befanden. Unſer Unfall öffnete den Feinden den Weg nach Hanau, wohin ſie ſogleich marſchirten, und ihre Kranken und Verwundeten der Sorg⸗ falt der Franzoſen überließen, welche am nächſten Tage von dem Schlachtfelde Beſitz nahmen, die Todten begruben und die Leben⸗ den mit vieler Menſchlichkeit behandelten. Dieſer Umſtand war ein großer Troſt für uns, denn wir ſchrieben uns ſogleich den Sieg deßhalb zu, und niemals zeigte ſich der Geiſt des franzöſiſchen Volkes in einem auffallenderen Lichte, als in den Prahlereien, durch welche ſie ihre Großmuth und Ta⸗ pferkeit bis in den Himmel erhoben. Jevermann hatte nach ſeinem eigenen Geſtändniſſe Thaten verrichtet, welche den ganzen Helden⸗ ruhm des Alterthums im Schatten ßtellten; der Eine verglich ſich mit einem Löwen, der ſich ruhig und ſonder Gefährde vor ſeinen feigen Verfolgern zurückzieht, die ſich in ſcheuer Enifernung halten und durch ihre auf ihn abgeworfenen Geſchoße ſeine Wuth reizen; ein Zweiter mit einem Bären, der ſich zurückzieht und dem Feinde, welcher keinen Angriff auf ihn zu machen wagt, ſein Geſicht zu⸗ kehrt, und ein Dritter legte ſich den Character eines vor Verzweif⸗ lung wüthenden Hirſches bei, der ſich den Hunden zukehrt und ſie ſich vom Leibe hält. Ja! kein einziger Soldat wollte nicht durch die Tapferkeit ſeines Arms ein ganzes Bataillon vernichtet oder eine Schwadron Reiterei in die Flucht geſchlagen haben. Unter andern 108 erhob der magere Gascogner ſeine Thaten über die des Hercules oder Karls des Großen. Da ich wegen meines letzten unglückli⸗ chen Streites mit ihm noch immer Rachegefühl gegen ihn hegte, und nun ich mich ihm gewachſen fühlte, nach einer Gelegenheit zur Herſtellung meiner Ehre mich ſehnte, ſo ſtellte ich die Tapfer⸗ keit der Engländer und andererſeits die Feigheit der Franzoſen in vas ſtärkſte Licht, indem ich letztere mit Haſen verglich, die vor Wind⸗ hunden die Flucht ergreifen, oder mit von Katzen verfolgten Mäu⸗ ſen. Zugleich machte ich ihm ein ſpöttiſches Compliment über die Eile, womit er ſeine Flucht bewerkſtelligte, ein Umſtand, der in Betracht feines Alters und der daraus hervorgehenden Schwäche die größte Bewunderung erregen müſſe. Dieſer Sarkasmus verwundete ihn tief, und mit einer Miene, welche Verachtung und Drohung aus⸗ drückte, hieß er mich meine eigenen Kräfte beſſer bedenken, und der Züchtigung eingedenk zu ſeyn, welche ich bereits von ihm, we⸗ gen meines Uebermuths, empfangen habe, denn er ſey nicht im⸗ mer in der Laune, einen Elenden, der ſeine Güte mißbrauche, zu ſchonen. Auf dieſe Einleitung antwortete ich blos mit einem Fuß⸗ tritt, welcher ihn ſogleich über den Haufen warf. Er ſprang mit wunderbarer Schnelligkeit auf, zog ſeinen Degen und griff mich an. Mehre ſuchten zu vermitteln, als ich ihnen aber ſagte, es ſey eine Ehrenſache, zogen ſie ſich zurück, und überließen es uns, den Streit ſelbſt auszufechten. Ich hielt ſeinem Angriffe Stand, ohne bedeutenden Schaden zu nehmen, und bekam Nichts als eine kleine Schramme auf der rechten Schulter. Ich erſah aber den Augenblick, wo ihm Athem und Kraft ausgingen, griff ihn an, rang mit ihm und entwand ihm den Degen. Als ich auf dieſe Weiſe den Sieg erkämpft hatte, hieß ich ihn um ſein Leben bitten. Darauf gab er mir keine Antwort, ſondern hob die Schultern bis an die Ohren empor, breitete ſeine Hände aus, zog die Haut an der Stirn und die Augenbraunen in die Höhe, und drückte die Mundwinkel auf ſo ſonderbare Weiſe zuſammen, daß ich bei ſei⸗ 109 nem poſſierlichen Ausſehen laut auflachen mußte. Um jedoch ſeine Eitelkeit, welche über mein Unglück einen unmäßigen Triumph ge⸗ feiert hatte, zu verwunden, ſtieß ich ſeinen Degen bis an das Heft in Etwas, das gerade kein Kuchen war, und rauchend auf. dem Boden lag. Nach dieſer That begab ich mich wieder zu den übrigen Soldaten voll Ruhe und Gleichmuth. Keine von beiden Armeen unternahm etwas Bedeutendes wäh⸗ rend des übrigen Feldzuges, nach deſſen Ende die Engländer in die Niederlande zurückmarſchirten. Ein Theil unſerer Armee ward nach franzöſiſch Flandern geſchickt, und unſer Regiment mußte in der Champagne Winterquartiere beziehen. Die Grenadiercompag⸗ nie, zu der ich damals gehörte, erhielt ihren Aufenthaltsort in Rheims, wo ich mich von Allem entblößt ſah. Mein Sold betrug 5 Sous täglich, und reichte bei weitem nicht hin, mir die Bedürf⸗ niſſe des Lebens zu decken; kaum ſicherte er mir ein kümmerliches Daſehn, um Leib und Seele zuſammen zu halten. So ward ich denn am Ende durch Hunger und harte Arbeit ſo dürr wie meine Kameraden. Mein Leinzeng ſchmolz von 3 leidlichen Hemden auf 2 Paar Aermel und Halskrägen, denn die übrigen Theile waren längſt in Kamaſchen verwandelt worden, und doch befand ich mich noch in beſſern Umſtänden als jeder Andere meines Regiments. In dieſer höchſt bedrängten Lage ſchrieb ich an meinen Onkel in England, ungeachtet meine Hoffnungen von dieſer Seite her, aus bereits angegebenen Gründen, nicht allzu ſanguiniſch waren. Mitt⸗ lerweile nahm ich meine Zuflucht zu meinem bewährten Mittel, der Geduld, und tröſtete mich mit den ſchmeichelnden Hoffnungsbildern einer lebhaſten Einbildungskraft, einer Begleiterin, welche mich in meinem Unglück nie im Stiche ließ. Als ich eines Tages vor der Thüre eines Oberofficiers Schild⸗ wache ſtand, kam ein gewiſſer Edelmann in Begleitung eines Herrn in Trauerkleidern heraus, zu dem ich ihm beim Abſchiede Folgendes ſagen hörte:„Ihr dürft auf meine guten Dienße rechnen.“ Dieſe 110 Verſicherung ward von der ſchwarz gekleideten Perſon mit einem tiefen Bückling erwiedert, und als ſich Letzterer umwandte, um fortzugehen, zeigten ſich mir die eigenthümlichen Geſichtszüge meines ehemaligen Freundes Strap. Dieſer Anblick machte einen ſo hef⸗ tigen Eindruck auf mich, daß mir die Sprache verſagte, und ehe ich meine Faſſung wieder erhalten konnte, hatte er ſich entfernt, ohne mich zu bemerken. Wäre er geblieben, ſo würde ich es in der That gar nicht ge⸗ wagt haben, ihn anzureden, denn obwohl ich mit ſeinen Geſichts⸗ zügen vollkommen vertraut war, ſo war ich doch hinſichtlich ſeiner übrigen Figur nicht ganz im Reinen mit mir. Es war nämlich, ſeitdem wir uns in London zum letzten Male geſehen hatten, eine ſehr günſtige Veränderung mit ihm vorgegangen. Auch konnte ich mir nicht erklären, welche Mittel ihn in den Stand geſetzt hatten, als Gentleman aufzutreten, da er, ſo lang ich ihn kannte, gar nicht den Ehrgeiz beſaß, darnach zu ſtreben. Doch war ich bei der Sache zu ſehr betheiligt, als daß ich hätte verſäumen ſollen, darüber nähere Aufſchlüſſe zu erhalten. Ich nahm deßhalb die erſte Gelegenheit wahr, den Thürſteher zu fragen, ob er den Herrn kenne, mit welchem der Marquis geſprochen. Der Schweizer ſagte mir, der Name deſſelben ſei Monſieur d'Eſtrapes; derſelbe ſey bei einem vor Kurzem verſtorbenen engliſchen Herrn Kammerdiener ge⸗ weſen; dieſer Herr und der Marquis ſeyen innige Freunde gewe⸗ ſen, und der Marquis halte auf Monſieur d'Eſtrapes ſehr viel wegen ſeiner Treue gegen ſeinen Herrn. Nichts konnte mir ange⸗ nehmer ſeyn, als dieſe Nachricht, welche jeden Zweifel an der Iden⸗ tität meines Freundes verbannte, der, wie ich merkte, Mittel ge⸗ funden hatte, ſeit unſerer Trennung ſeinen Ramen und ſein Aeuſ⸗ ſeres dem franzöſiſchen Geſchmacke anzupaſſen⸗ Sobald ich deßhalb abgelöst war, begab ich mich in ſeine Wohnung, die mir der Schweizer bezeichnet hatte, und war ſo glücklich, ihn zu Hauſe anzutreffen. Um ihn deſto mehr zu über⸗ 111 raſchen, gab ich weder meinen Namen, noch ben Zweck meines Beſuches an, und bat blos den Diener des Hauſes, Herrn von Eſtrapes zu ſagen, ich bitte um die Ehre einer halbſtündigen Unter⸗ haltung mit ihm. Dieſe Botſchaft von einem Soldaten machte den Eindruck der Beſtürzung und des Schreckens auf ihn. Ungeachtet er ſich keines Verbrechens bewußt war, ſo zeigte ſich doch Alles, was er von der Baſtille vernommen hatte, ſeiner Einbildungskraft jetzt im ver⸗ größerten Lichte, und es verſloß geraume Zeit, bis er Entſchloſſen⸗ beit genug bekam, dem Diener zu befehlen, mich die Treppe hin⸗ aufzuweiſen. Als ich ſein Zimmer betrat, erwieverte er mir meine Verbeu⸗ gung mit großer Artigkeit, und ſuchte hinter einer erzwungenen Höflichkeit ſeine Furcht zu verbergen, ungeachtet dieſelbe ſich in der Bläſſe ſeines Geſichts, dem wilven Ausdrucke in ſeinen Blicken und dem Zittern an ſeinen Gliedern verrieth. Ich weidete mich an ſeiner Beſtürzung, die ſich verdoppelte, als ich ihm auf fran⸗ zöſiſch ſagte, ich habe mit ihm unter vier Augen Etwas zu ver⸗ handeln, und wünſche deßhalb geheimes Gehör. Als der Bediente ſich entfernt hatte, frug ich ihn in derſelben Sprache, ob er dEſtra⸗ pes hieße, worauf er mit zitternder Stimme zur Antwort gab: „Ja, zu Ihren Dienſten.“—„Sind Sie Franzoſe?“ ſagte ich. „Ich habe nicht die Ehre, ein gebornes Landeskind zu ſehn,“ er⸗ wiederte er,„hege jedoch eine unbegrenzte Achtung für dieſes Land.“ Hierauf drückte ich ihm den Wunſch aus, er möchte mir die Ehre anthun, mich anzuſehen. Kaum war dieß geſchehen, ſo fuhr er, betroffen über meinen Anblick, zurück, und rief auf Eng⸗ liſch:„Herr Jemine! nein! es iſt unmöglich! Nein, das iſt unmöglich.“ Ich lächelte über ſeine Ausrufungen und ſagte:„Ich glaube, Ihr ſeyd zu vornehm geworden, um Euren alten Freund in der Noth wieder zu erkennen.“ Als er mich dieſe Worte in der Zunge 112 unſeres Vaterlandes ausſprechen hörte, ſprang er in freudiger Aufwallung auf mich los, hing ſich an meinen Hals, bedeckte mich mit Küſſen von einem Ohre zum andern, und ſchluchzte, wie ein alter Schulknabe, den man gepeitſcht hat. Als er meinen Anzug bemerkte, ſo ſchrie er aus allen Kräften:„O Gott! o Goti! daß ich es erleben mußte, meinen theuerſten Freund als gemeinen Infanteriſten in franzöſiſchen Dienſten zu ſehen! Warum habt ihr mich von Euch gehen laſſen? Doch ich kenne den Grund, Ihr vildetet Euch auf Eure vornehmere Bekanntſchaft was ein, und ſchämtet Euch meiner.— Ach! helf' mir Gott! war ich auch et⸗ was kurzſichtig, ſo hatte mich doch nicht völlige Blindheit ergriffen; und ſo wenig ich mich beklagte, ſo ſchmerzt mich doch Euer Be⸗ nehmen, das allein mich veranlaßte, in das Ausland mich zu be⸗ geben, Gott weiß wohin! Indeſſen muß ich geſtehen, es war gut für mich, und ſo vergeb' ich Euch, und möge es Gott auch!— Ach Herr Jemine! iſt es ſo weit gekommen?“ Dieſer, an ſich gerechte, aber in meinen Augen unzeitige, Vorwurf ärgerte mich, und ich ſagte in etwas derbem Tone zu ihm, möge nun ſein Ver⸗ dacht wahren oder falſchen Grund haben, ſo hätte er eine paſſen⸗ dere Gelegenheit abwarten können, ihn anzubringen; die Frage ſey jetzt nur die, ob er geneigt ſey, mir Beiſtand zu leihen.— „Gewiß!“ gab er mit großer Bewegung zur Antwort,„ich dachte, Ihr kennet mich von der Seite, daß Ihr ohne weitere Frage die Ueberzeugung hättet, ich und mein ganzes Eigenthum ſtänden zu Eurer Verfügung. Unterdeſſen ſollet Ihr mit mir zu Mittag ſpeiſen, und dann will ich Euch eine Mittheilung machen, die hoffentlich Euch nicht unangenehm ſeyn wird.“ Mit dieſen Wor⸗ ten drückte er meine Hand und ſprach:„Es geht mir durch die Seele, Euch in dieſem Anzuge zu ſehen!“ Ich dankte ihm für ſeine Einladung mit der Bemerkung, ſie könne Jemanden, ver ſeit ſieben Monden keine erträgliche Mahl⸗ zeit gehalten habe, nur willkommen ſeyn; doch habe ich zuvor eine 113 andere Bitte an ihn, nämlich mir ein Hemd zu leihen; denn ob⸗ gleich mein Rücken viele Wochen hindurch dieſes Labſal habe ent⸗ behren müſſen, ſo ſey meine Haut noch nicht an dieſe Entbehrung gewöhnt. Bei dieſer Erklärung ſtarrte er mich mit wehmüthiger Miene an, und wollte meinen Worten kaum Glauben ſchenken, bis ich meinen Rock aufknöpfte und den nackten Leib zeigte,— ein Fall, der den weichherzigen Strap tief erſchütterte. Er rannte mit Thränen in den Augen an eine Commode, nahm Leinenzeug her⸗ aus und bot mir ein äußerſt feines gefältetes Hemd von holländi⸗ ſcher Leinwand und ein battiſtenes Halstuch an, mit der Verſiche⸗ rung, es ſtünden noch drei Dutzend hiervon zu meinen Dienſten. Dieſe erfreuliche Nachricht war mir ſehr angenehm, und ich ſchloß, nachdem die Umkleidung vorüber war, meinen Wohlthäter wegen ſeines großmüthigen Anerbietens in meine Arme, indem ich ihm meine Freude darüber ausdrückte, ihn durch das Glück, welches ſonſt die Herzen verhärte, unverdorben zu finden. Zum MWittageſſen beſtellte er etwas Suppe mit Rindfleiſch, ein Paar gebratene Hühner nebſt einem Gerichte Spargel, und bewirthete mich während deſſen mit Zuckerbrod und Burgunder. Roch dieſer Herzſtärkung bat er mich um Befriedigung ſeines ſehnſüchtigen Verlangens, jeden einzelnen Umſtand meiner Lebensgeſchichte ſeit unſerer Trennung in London zu erfahren. Dieß that ich, indem ich den Anfang mit Gawlh's Abenteuer machte und jedes einzelne Ereigniß erzählte, welches mir von jenem Tage an vis auf heute begegnet war. Mein Freund ward durch die ſtarken Glückswechſel, welche mich betroffen, heftig ergriffen. Je nach den verſchiedenen Gemüthsbewegungen, welche durch dieſelben hervorgerufen wurden, guckte er voll Erſtaunen, glühte von Unwillen, gaffte vor Neu⸗ gierde, lächelte voll Luſt, zitterte vor Furcht, weinte vor Kummer, und drückte nach Beendigung meiner Geſchichte ſein Erſtaunen dar⸗ über mit den Worten aus, trotz meiner Jugend habe ich doch mehr gelitten, als alle heiligen Blutzeugen miteinander. Smollet's Romane. II. 8 114 Nach dem Eſſen drückte ich meinerſeits den Wunſch gegen ihn aus, die Begebenheiten ſeiner Wanderung zu vernehmen, worauf er mein Verlangen mit Folgendem befriedigte. Er hatte ein Jahr lang mit ſeinem Herrn in Paris gelebt, der nach vollkommener Erlernung der franzöſiſchen Sprache und der feineren Sitten die⸗ ſer Nation eine Reiſe durch Frankreich und Holland machte. Auf ſeinem Ausfluge war dieſer Herr ſo unglücklich, mit dreien ſeiner, ebenfalls auf Reiſen begriffenen, Landsleute zuſammen zu kommen, und beging in ihrer Geſellſchaft ſolche Ausſchweifungen, daß ſeine Kräfte ſchwanden und eine Auszehrung ihn ergriff. Auf den Rath der Aerzte begab er ſich nach Montpellier wegen der wohl⸗ thätigen Luft dieſes Orts, und wurde nach ſechs Wochen ſo gut bergeſtellt, daß er in ſcheinbar guter Geſundheit nach Rheims zu⸗ rückkehrte, allein nicht über vier Wochen daſelbſt ſich befand, als ihn eine Diarrhöe befiel, die zum unausſprechlichen Kummer aller ſei⸗ ner Bekannten, und vornehmlich Strap's, nach zehn Tagen ſeinem Leben ein Ende machte. Letzterer hatte ſich in dieſes Herrn Dien⸗ ſten ſo glücklich gefühlt, und deſſen Wohlgefallen in dem Grade erworben, daß ſein Gebieter ihn auf dem Todtenbette noch ver⸗ ſchiedenen angeſehenen Perſonen wegen ſeines Fleißes, ſeiner Nüchternheit und Anhänglichkeit empfahl, und ihm teſtamentariſch ſeine Kleider, ſeine goldene Uhr, ſeinen Degen, ſeine Ringe, vor⸗ räthiges Geld und ſeine ganze bewegliche Habe, im Werthe von breihundert Pfunden, hinterließ.„Dieſe Summe,“ ſagte Strap zu mir,„übergebe ich Euch hier vor Gott und Menſchen zu freier und unbeſchränkter Verfügung; hier ſind meine Schlüſſel; nehmt ſie, ich bitte Euch, und Gott gebe Euch Segen zu dieſem Beſitz⸗ tbum!“ Dieſer ſchnelle Glückswechſel, den ich kaum für wirklich halten konnte, brachte mich beinahe vom Verſtand. Ich weigerte mich indeſſen beſtimmt, dieſes außerordentliche Anerbieten der un⸗ eigennüzigſten Freundſchaft anzunehmen, und erinnerte meinen Freund daran, daß ich Soldat ſep. Bei dieſer Anſpielung auf meine jetzige Lage fuhr er plötzlich auf und rief:„Poz Tauſend! es iſt wahr! wir müſſen für Eure Entlaſſung ſorgen. Ich beſitze einigen Einfluß bei einem Ebelmann, der im Stande iſt, mir dieſe Gunſt zu erweiſen.“ Wir beriethen uns über dieſe Sache, und das Ergebniß hievon war, Monſieur d'Eſtrapes ſolle am folgenden Morgen dem Marquis die Aufwartung machen, ihm ſagen, durch einen Zufall habe er ſeinen, viele Jahre lang nicht mehr geſehenen, Bruder gefunden, der gemeiner Soldat in dem Regimente Picardie ſey, und die Hülfe dieſes Edelmanns zu ſeiner Entlaſſung anſpre⸗ chen. Unterdeſſen erquickten wir uns mit einer Flaſche guten Bur⸗ gunder, und verbrachten den Abend mit Entwürfen künftiger Lebenspläne, falls ich ſo glücklich wäre, von der Armee loszu⸗ kommen. Die Aufgabe beſtand darin, uns durch ſein Legat ein ſorgen⸗ freies Leben zu verſchaffen, eine Sache, die ſehr ſchwierig und auf dem gewöhnlichen Wege, Geld anzulegen, ganz unausführbar war; ſo daß wir, nach manchen Verſuchen, in jener Nacht zu keinem Entſchluſſe kommen konnten, ſondern beim Scheiden den Fall der ernſten Prüfung eines Jeden von uns Beiden empfahlen. Was mich anbelangt, ſo konnte ich mit mir nicht in's Reine kommen ⸗ Als ich auf den Gedanken kam einen Handel zu beginnen, ſo ſchreckten mich der geringe Betrag unſeres Capitals, und die Ge⸗ fahren, welche durch das Meer, Seeräuber und ſchlechten Abſatz dieſer Berufsart drohen, von dieſem Plane ab. Wollte ich mich als Arzt in meinem Vaterlande niederlaſſen, ſo war dort Alles überſetzt von Leuten dieſes Berufs. Auch das Projeet, in Eng⸗ land als Bewerber um eine Parlamentsſtelle aufzutreten, ſchien mir unüberſteigliche Hinderniſſe zu haben; denn ich wußte, daß der Mangel an Gönnern und der Einfluß einer mächtigen Gegen⸗ vartei, Dinge ſeyen, welche ſelbſt das glänzendſte Verdienſt nicht überwindet. Noch weniger gefiel mir der Gedanke, im Staate zu ſteigen, da ich Höflingen weder zu ſchmeicheln noch den Kuppler 116 zu machen verſtand, noch auch meine Feder zum Schutze einer ſchlechten und verächtlichen Verwaltung der öffentlichen Meinung preisgeben mochte. Bevor ich zu einem ausführbaren Entſchluß kommen konnte, fiel ich in Schlaf, und meiner Einbildungskraft wurde das reizende Bild der theuren Rareiſſa vorgeführt, als ob ſie meiner Leidenſchaft Beifall zulächelte, und mir als Belohnung für alle meine Leiden ihre Hand darreichte. Morgens früh begab ich mich in die Wohnung meines Freun⸗ des, den ich voller Freuden über den glücklichen Fund eines Projectes antraf; denn ich hatte kaum ſein Gemach betreten, ſo revete er mich mit ſelbſigefälligem Lächeln folgenderweiſe an: „Nun, Herr Random! nicht wahr? eine blinde Henne findet auch zuweilen ein Körnchen. Ich hab's gefunden, und will wetten, mein Plan iſt beſſer, als der Eurige mit all' Eurer Gelehrſamkeit. Doch ſollt Ihr hierin, wie ſonſt, den Vorrang haben. So beginnet denn, und laſſet uns die Frucht Eures Rachdenkens wiſſen! Dann will ich Euch einfach meine Gedanken mittheilen.“ Ich erwiederte ihm, daß mir durchaus Richts eingefallen ſey, was die geringſte Berückſichtigung verdiene, und drückte ihm meine Ungeduld aus, die Ergebniſſe ſeines Nachdenkens zu erfahren. „Da wir,“ ſprach er,„nicht Geld genug beſitzen, um lange und peinliche Hoffnungen ertragen zu können, ſo geht meine Meinung dahin, daß ein kühner Schritt gethan werden müſſe, und von Nichts verſpreche ich mir ſo guten Erfolg, als wenn Ihr in der, Euch gebührenden, Rolle eines Gentleman auftretet, und Eure Bewerbungen an ein reiches Fräulein richtet, die Euch auf einmal unabhängig machen kann. Nein, blickt mich nicht ſo erſtaunt an! Ich behaupte, dieß iſt der klügſte und ehrenvollſte Ausweg; denn ich möchte nicht haben, daß Ihr Euch an eine alte, zahnloſe und keuchende Matrone wegwürfet, deren fiinkender Athem nach weniger als drei Monden Euch eine Auszehrung zuzöge. Noch weniger möchte ich Euch rathen, die Rolle eines reichen Landedelmanns, 117 nach der Weiſe gewöhnlicher Glücksjäger, anzunehmen, ein Mittel, durch welches manches arme Fräulein zur Ehe betrügeriſch verlockt wird, und, anſtatt den verſprochenen Glanz und Prunk zu ge⸗ nießen, ſehen muß, wie die räuberiſchen Hände der Gläubiger ihres Eheherrn ſich ihrer Mitgift bemächtigen, und ſie dem Elende und der Verzweiflung Preis geben. Nein! ich weiß, Ihr habt Gemüth, verachtet ſolche elende Kniffe, und beſitzet geiſtige uud körperliche Eigenſchaften, die Euch zu einer, Eure Unabhängigkeit von der Welt ſichernden, Verbindung berechtigen. Ich beſitze Klei⸗ der, deren ſich ein Herzog nicht ſchämen darf; ich vermuthe, ſie werden Euch gerade paſſen; wo nicht, ſo gibt es Schneider genug in Frankreich. Wir wollen einen kurzen Abſtecher nach Paris machen, und nur mit allen nöthigen Erforderniſſen verſehen hier⸗ auf nach England uns begeben, wohin ich Euch als Bedienter be⸗ gleiten will. So werdet Ihr die Koſten für einen Lakai, Bar⸗ bier und Friſeur erſparen, und ich zweifle nicht, mit Gottes Bei⸗ ſtand Alles zu einem glücklichen und geſegneten Ende zu bringen.“ So ausſchweifend dieſer Vorſchlag auch klang, ſo gab ich ihm doch gerne Gehör, weil er meiner Eitelkeit ſchmeichelte, und eine überſpannte Hoffnung, Narciſſa eine Neigung zu mir einzuflößen, in mir aufkeimen ließ. Nach dem Frühſtücke machte Monſieur d'Eſtrapes dem Marquis ſeine Aufwartung, und war in ſeinen Bemühungen ſo glücklich, daß ich nach einigen Tagen meinen Ab⸗ ſchied erhielt, worauf wir ſogleich nach Paris abgingen. Hier be⸗ kam ich Zeit, dieſen plötzlichen Glückswechſel näher in Ueberlegung zu ziehen, da nur ein gewiſſer Grad von Philoſophie und Selbſt⸗ verläugnung ihn mit Mäßigung zu ertragen geſtattete. Dieſe Wahrheit wird um ſo einleuchtender ſeyn, wenn ich eine Ueberſicht der einzelnen Gegenſtände gebe, in deren ruhigen Beſitz ich, in einem Augenblick von der kläglichſten Armuth und verächtlichſten Niedrigkeit zu äußerem Glanze emporſteigend, gelangt war. Meine Garderobe beſtand aus fünf vollfändigen Moderöcken, deren 118 zwei glatt waren, der dritte aus Sammet, der vierte mit Gold geſtickt und der fünfte mit Silberborten; aus zwei Fräcken, einer weiß mit breiten platten Knöpfen, der andere blau mit goldenem Bande; einer Weſte von Goldbrokat, eine von blauem Satin und filbergeſtickt, einer aus grüner Seide, mit Verzierungen von breiten Goldborten, einer ſchwarzſeidenen mit Franzen, einer aus weißem Satin, einer ſchwarztuchenen, und einer aus Scharlach; aus ſechs Paaren tuchener Beinkleider, einem Paar carmoſinrother und einem andern ſchwarzſammtener; aus zwölf Paaren weißer, ſeide⸗ ner Strümpfe, eben ſo vielen ſchwarzſeidenen, und derſelben An⸗ zahl aus feiner Baumwolle; einem goldverbämten Hute, einem andern mit ausgezackten Silbertreſſen, einem dritten mit goldenem Bande und einem vierten glatten; aus drei Dutzenden feiner, ge⸗ fälteter Hemden; eben ſo vielen Halotüchern; einem Dutzend hat⸗ tiſtener Sacktücher, und dergleichen Zahl ſeidener. Die übrigen Gegenſtände, in deren Beſitz ich durch Strap's Edeimuth und Freundſchaft gelangte, waren eine goldene Uhr mit getriebenem Gehäuſe, zwei werthvolle Diamantringe, zwei Tranerdegen, einer mit ſilbernem Griffe, und ein vierter aus Stahl, mit Gold be⸗ legt, eine diamantene Halsbindenſchnalle, und eine Reihe Schnal⸗ len von Edelſtein für Kniee und Schuhe; ein Paar ſilberbeſchlage⸗ ner Piſtolen, mit reichen Verzierungen; ein Rohr mit goldenem Knopfe, und eine ſchildkrötene Tabacksdoſe, mit Gold belegt und dem Gemälde eines Mädchens auf der Oberfläche. Der Edel⸗ mann hinterließ vieles Werthvolle, was mein Freund in Geld verwandelt hatte, bevor ich mit ihm zuſammengetroffen war, ſo daß, jene Gegenſtände ungerechnet, unſer wirklicher Geldvorraih auf Etwas mehr als zweihundert Pfund beltef. Mit ſolchen Mitteln ausgeſtattet, ſteckte ich mich in die Figur eines Gentle⸗ man, und beſuchte in Begleitung meines ehrlichen Freundes, der mit der Rolle eines Bedienten zufrieden war, das Loubre, be⸗ augenſcheinte die Gallorie des Luxemburg, und zeigte mich in 119 Verſailles, wo ich die Ehre hatte, Seine allerchriſtlichſte Majeſtät eine große Quantität Oliven verzehren zu ſehen. Einen Monat lang verbrachte ich zu Paris, und beſuchte während dieſer Zeit mehremal den Hof, vdas italieniſche Luſtſpiel, die Oper und das Schauſpielhaus, tanzte auf einem Maskenball, kurz! ſah alles dige in und außer dieſer Hauptſtadt. Hierauf begaben über Flandern nach England, reisten durch Brüſſel, Gent und Brügge, und ſchifften uns in Oſtende ein, von wo aus wir nach vierzehn Stunden in Deal ankamen, eine Poſtkutſche miethe⸗ ten, unſer ſchweres Gepäck in den Frachtwagen bringen ließen, und nach zwölf weiteren Stunden in London anlangten. Fünfundvierzigſtes Kapitel. 0S Ich ziebe uͤber meinen Oheim Erkundigungen ein, und erfahre, daß er zur See gegangen; miethe eine Wohnung in Charing⸗Croß; begebe mich in das Schauſpiel, wo mir ein Abenteuer zuſtoͤßt; ich ſpeiſe in einem Wirthshauſe; Beſchreibung der Gaͤſte; ich ſchließe eine Bekanntſchaft mit Medlar und Doctor Wagbeyl. Sobald wir im Wirthshauſe abgeſtiegen waren, ſchickte ich Strap fort, über meinen Oheim in der Unionsflagge auf Wapping Erkundigungen einzuziehen. Er kam bald zurück mit der Nachricht, Herr Bowling ſey als Oberſteuermann eines Kauffahrtheiſchiffes zur See gegangen, nachdem er lang und vergebens bei der Admi⸗ ralität Schritte gethan hätte. Es ſcheint, daß der Einfluß, auf den er bei dieſem Collegium gerechnet hatte, nicht bedeutend ge⸗ nug war, um ihm ſeine frühere Stellung wieder zu verſchaffen, oder die Ausbezahlung ſeines Solds, bis zu dem Zeitpunkte, wo er den Thunder verließ, zu erwirken. Am nächſten Tage miethete ich nicht weit von Charing Croß 120 eine ſehr hübſche Wohnung, kleidete mich Abends in einen vollſtän⸗ digen Anzug von ächtem Pariſer Schnitt, und erſchien in einer der vorderſten Logen des Theaters, wo ich eine nicht geringe An⸗ zahl Leute überſah, welche, wie ich eitel genug war, mir einzu⸗ bilden, mit ungewöhnlicher Aufmerkſamkeit und mit Wohlgefallen mich beobachteten. Diefe alberne Vorßtellung verblendete mich der⸗ geſtalt, daß ich unzählige lächerliche Beweiſe von Gefallſucht an den Tag legte; und ich darf ſagen, wie günſtig auch der erſte Eindruck ſeyn mochte, den ich bei meinem Erſcheinen auf die Geſellſchaft machte, ſo ging verſelbe doch bald in Folge mei⸗ nes abgeſchmackten Benehmens in Mitleiden oder Verachtung über. Wohl zwanzigmal ſtand ich in den Zwiſchenakten auf, und ſetzte mich, bedeckte mich, nahm den Hut wieder ab, nahm die Uhr heraus, hielt ſie an mein Ohr, zog ſie auf, richtete ſie, horchte von Neuem, ob ſie ginge; öffnete meine Tabacksdoſe, ſtellte mich, als nähme ich dine Prieſe, um meinen Brillantring deſto beſſer zu zeigen, und wiſchte hierauf meine Naſe mit einem par⸗ fümirten Sacktuche ab. Dann ſpielte ich mit meinem Meerrohre, brachte mein Portepée in die rechte Lage, und beging noch manche ähnliche Narrheiten, in der Hoffnung, den Charakter eines artigen jungen Mannes mir beigelegt zu ſehen, wogegen ich jedoch in mei⸗ nem Temperamente zwei Haupthinderniſſe vorfand, nämlich eine natürliche Schen und eine reizbare Empfindlichkeit. Gerne hätte ich mit den Leuten, welche meine Umgebung bildeten, ein Ge⸗ ſpräch angeknüpft, allein es hielt mich ſowohl die Furcht, wegen meiner Zudringlichkeit getadelt zu werden, als auch die Betrach⸗ tung davon ab, daß ich eher zu einer Artigkeit dieſer Art von ihnen, als ſie zu einer ſolchen Herablaſſung von Seiten eines Zremden, gleich mir, berechtigt ſeyen. Wie oft erröthete ich über vas häufige Flüſtern und laute Gelächter der andern Stutzer, weil ich mir einbildete, es gehe mich an, und wie oſt beneidete ich die glückliche Indifferenz jener ſtarken Geiſter, welche ohne das min⸗ beſte Zeichen des Beifalls oder der Theilnahme den tragiſchen Ver⸗ lauf des Stücks mit anſahen! Meine Aufmerkſamkeit wurde trotz meiner Bemühungen gefeſſelt, und ich konnte mich nicht enthalten, mit der Heldin des Stücks zu weinen, ungeachtet ich unzählige Verſuche machte, dieſe Schwäche zu unterdrücken. Als das Spiel zu Ende war, ſetzte ich mich, um eine Gele⸗ genheit abzupaſſen, ein Fräulein zu ihrer Kutſche zu führen; doch Jede hatte eine ſolche Anzahl dienſtfertiger Galane zu Begleitern, daß ich lange in meiner Erwartung mich betrogen ſah. Endlich bemerkte ich jedoch ein recht hübſches Mädchen in anſtändiger Klei⸗ dung, das in einer Loge etwas entfernt von mir allein ſaß. So⸗ gleich ging ich auf die Lady zu, und bot ihr meine Dienſie lan. Sie ſchien etwas verwirrt, dankte mir für meine Artigkeit, wies mit einem zärtlichen Blick, der mir die Röthe in das Geſicht trieb, mein Anerbieten ab, ſah nach ihrer Uhr, und bezeugte ihr Er⸗ ſtaunen über die Nachläßigkeit ihres Bedienten, dem ſie befohlen hätte, eine Sänfte für ſie um dieſe Stunde bereit zu halten. Ich wiederholte meine Bitte, indem ich meine ganze Beredſamkeit und Artigkeit aufbot. Endlich vermochte ich ſie, einen Vorſchlag, den ich machte, anzunehmen, nämlich meinen Diener nach einer Sänfte oder Kutſche auszuſenden. Strap ward demzuſolge fortgeſchickt, und kam, ohne Etwas auszurichten, wieder zurück. Unterdeſſen hatte ſich das Theater völlig geleert, und wir mußten uns entfer⸗ nen. Als ich ſie zur Thüre hinaus führte, bemerkte ich fünf oder ſechs junge Modeherren in einer Ecke ſtehen, von denen Einer, wie ich zu bemerken glaubte, meiner Schönen zuwinkte. Als wir vorbeigegangen waren, yörte ich ſie alle ein lautes Gelächter auf⸗ ſchlagen. Dieß machte meine Aufmerkſamkeit rege, und ich ent⸗ ſchloß mich, über den Charakter dieſes Fräuleins vollſtändig in's Klare kommen, ehe ich in nähere Verbindung mit ihr träte. Da kein Gefährt erſchien, ſo machte ich ihr den Vorſchlag, ſie in eine Taverne zu führen, wo wir einige Minuten lang verweilen könn⸗ 122 ten, bis mein Diener eine Kutſche vom Strand herbrächte. Sie ſchien über den Antrag, mit einem Fremden einer Taverne ſich anzuvertrauen, etwas ſtutzig zu ſeyn, fügte ſich jedoch endlich mei⸗ nen Vorſtellungen, nicht durch längeres Verweilen in einer kalten und feuchten Zugluft ihre Geſundheit auf's Spiel zu ſetzen. Zetzt bat ich ſie, mir zu ſagen, welches Glas Wein ſie gerne trinken möchte, ſie geſtand jedoch, gegen alle Arten geiſtiger Getränke die größte Abneignng zu haben, und nur nach Hnatm Zureden Goß ſie eine Kraftbrühe. Mittlerweile ſuchte ich ihre ſi ſichtbare Verdrieſlichteit zu beſchwich⸗ tigen, indem ich alles mögliche Angenehme ihr ſagte, in Folge deſſen ſie öfters ſeufzte, und mich mit einem ſchmachtenden Blicke anſah, der jedoch mit dem liederlichen Augenſpiel einer Buhlerin nur zu nahe verwandt zu ſeyn ſchien. Dieſe Entdeckung, nebſt mei⸗ nem früheren Verdachte, ſetzte mich auf die Huth gegen ihre Künſte; andererſeits aber wurde ich dadurch bewogen, meine Zurückhaltung aufzugeben und mich ohne Zwang und in munterem, freiem Tone mit ihr zu unterhalten. Im Laufe unſeres Geſprächs drang ich in ſie, mir zu erlauben, am folgenden Tage ihr in ihrer Woh⸗ nung einen Beſuch zu machen, ein Verlangen, das ſie, nach vie⸗ len Entſchuldigungen, abſchlug, damit nicht Sir John, deſſen Galle ſelbſt durch Kleinigkeiten rege würde, Verdacht ſchöpfe. Dieſe Nachricht, durch welche ich in Erfahrung brachte, daß ihr Gatte ein Ritter ſey, ſchreckte mich in meinen Bewerbungen nicht ab, die im Gegentheil immer zubringlicher wurden, und ich war ſelbſt ſo kühn, ihr einen Kuß zu rauben. Aber, gerechter Himmel! ſtatt mich an dem ambroſirten Duft, den ihre zarte Hautfarbe ver⸗ ſprach, zu laben, erſtickte ich beinahe an dem Qualme von Wach⸗ holderbranntwein! Eine derartige Ausdünſtung aus einem Munde, der kurz vorher ſich mit Abſcheu gegen alle geiſtigen Fluͤſſigkeiten erklärt hatte, erhöhte meinen Zweifel nicht nur zur Gewißheit, fondern verwandelte auch mein Entzücken in Abſcheu; und nur mit 123 größter Mühe hätte ich fünf Minuten länger meine Artigkeit gs⸗ gen ſie fortſetzen können, als mein Diener mit einer Kutſche zu⸗ rückkehrte. Ich benützte dieſe Gelegenheit, und bot der Lady meine Hand, welche die ganze Artillerie ihrer Reize, Liebäugeln, Schmach⸗ ten, Seufzer und Händedr ig Rückhalt gegen mich ſpielen ließ, daß Strap ihre Zärtlichkeit bemerkte und vor Freu⸗ den ſich die Hände rieb, als er uns an die Thüre begleitete: jedoch ich blieb bei allen ihren Zaubermitteln ungerührt, und führte ſie an die Kutſche, mit der Abſicht, mich ſogleich zu verabſchieden. Sie errieth meinen Zweck, und lud mich in ihre Wohnung ein, indem ſie mir zuflüſterte: da Sir John zu Bette gegangen ſey⸗ ſo können Sie eine halbe Stunde lang das Vergnügen meiner. Geſellſchaft ohne Unterbrechung genießen. Ich erwiederte ihr, lieber wolle ich mich jeder Gefahr preisgeben, als die Ruhe Ihrer Ena⸗ den nur einen Apgenblick gefährden. Hierauf hieß ich den Kutſcher antreiben und wünſchte ihr eine gute Nacht. Sie verlor bei mei⸗ ner Gleichgültigkeit alle Mäßigung, lteß ungefähr zwanzig Schritte von mir die Kutſche anhalten, ſtreckte den Kopf heraus und kreiſchte mit den Lungen eines Fiſcherweibs:„Verflucht ſeyd Ihr, Ihr Hundeſohn! wollt Ihr nicht die Miethkutſche bezahlen?“ Da ich Nichts erwiederte, ſo ergoß ſich ihre Beredſamkeit gegen mich in einem unaufhaltſamen Strome, und ſie nannte mich barmher⸗ zigen Schlucker, Hundosfott, nebſt hundert andern ſolchen Aus⸗ drücken. Endlich ſchloß ſie mit einem Eidſchwur, daß ſie trotz meines prächtigen Ausſehens vermuthe, ich hätte kein Geld in der Taſche. Nachdem ſie ihrem Unwillen auf dieſe Weiſe Luft gemacht hatte, ſo hieß ſie den Kutſcher vorwärts fahren, und ich kehrte in die Taverne zurück, wo ich, ſehr zufrieden mit dem Ausgange dieſes Abenteuers, Etwas zum Nachteſſen beſtellte. Ich erließ dem Kellner die Aufwartung bei. Tiſche, mit dem Vorgeben, daß mein eigener Diener da ſey, und ſagte, als wir allein waren, 124 zu Strap:„Nun, Monſieur d'Eſtrapes! was haltet Ihr von die⸗ ſer Lady?“ Mein Freund, der ſeit ihrem Weggange keine Sylbe geſprochen hatte, erwiederte mir hierauf Nichts als das Wort: „Haltet!“ das er mit Furcht und Erſtaunen ausſprach. Erſchreckt über dieſe Emphaſe, ſah ich meinem Bedienten in das Geſicht und frug, als ich ſeine wilden Blicke bemerkte, ob er ſeines Großva⸗ ters Geiſt geſehen habe?„Geiſt!“ gab er zur Antwort,„ich bin überzeugt, daß ich den leibhaften Teufel ſah! Wer hätte es ſich träumen laſſen, daß unter vieſer lieblichen Miene und dieſem an⸗ ſpruchsloſen Benehmen ſo viel teufliſche Bosheit und Gemeinheit ſtäcke? Ach! Helf uns Gott! Fronti nulla fides minima ne crede colori— doch wir wollen auf unſere Kniee fallen und Gott da⸗ für danten, daß er uns aus den Klauen dieſes übertünchten Grabs erlöst hat!“ Ich war ſo ziemlich Strap's Anſicht, und beſchloß, ungeachtet ich mich in keiner Gefahr vor den Lockungen dieſer Schweſterſchaft zu befinden glaubte, dennoch in Zukunft äußerſt vorſichtig zu Werke zu gehen, und jeden Verkehr der Art zu meiden, da er meiner Börſe und Geſundheit gleich nachtheilig werden konnte. Meine Sorge ging nun zunächſt dahin, mir vortheilhafte Be⸗ kanntſchaften zu verſchaffen. Zu dieſem Zwecke beſuchte ich ein gewiſſes Kaffeehaus, das als Sammelplatz einer guten Geſellſchaft, die aus Einheimiſchen und Fremden beſtand, berühmt war, und wo mein Ausſehen mir jede Höflichkeit und Zuvorkommenheit, welche ich erwarten konnie, verſchaffte. Da ſich in demſelben Hauſe kein Koſttiſch befand, ſo ging ich mit den übrigen Gäſten eine Treppe höher hinauf zum Mittageſſen, wo ich mich mit dreizehn Perſonen am Tiſche befand, von denen die Meiſten beſſer gekleidet waren, als ich. Die Unterhaltung ward meiſtens franzöſiſch ge⸗ führt, und betraf hauptſächlich die Politik. Bald fand ich, daß die ganze Geſellſchaft in franzöſiſchem Intereſſe war, mich und einen alten mürriſchen Herrn ausgenommen, der gegen Alles, was zu Gunſten Seiner Allerchriſtlichſten Majeſtät behauptet ward, mit ächt engliſcher Derbheit Widerſpruch erhob. Jedoch war die⸗ ſer ehrliche Patriot, der niemals die Grenzen ſeines Vaterlandes überſchritten hatte, und alle ſeine Grundſätze und Begriffe auf Vorurtheil und Hörenſagen ſtützte, ſeinen Gegnern nicht gewachſen, die ihn an Gelehrſamkeit und Erfahrung weit übertrafen und ſich oft die Freiheit gereister Leute herausnahmen, indem ſie nämlich Dinge behaupteten, welche nicht vollkommen wahr waren, weil ſie ſich nicht der Gefahr auszuſetzen hatten, von ihm auf den Mund geſchlagen zu werden. Das Recht der ſpaniſchen Königin auf die öſterreichiſchen Be⸗ ſitzungen in Italien wurde von einer Perſon, welche mir gegen⸗ über ſaß, und ihrem vornehmen Weſen und ihrer reichen Kleidung nach ein fremder Geſandter zu ſeyn ſchien, gründlich erläutert und vertheidigt. Dieſer Streit hatte einen zweiten über die pragmati⸗ ſche Sanktion zur Folge, den ein junger Herr zu meiner Rechten mit großer Wärme führte. Dieſer Gentleman, der in einen grünen golbgeſtickten Frack gekleidet war, rechtfertigte den franzöſiſchen König wegen ſeines Bruchs dieſes Vertrags, und behauptete, derſelbe hätte ohne Be⸗ nachtheiligung des Ruhms dieſes Monarchen nicht aufrecht erhalten werden können. Ungeachtet die Beweisgründe dieſes Herrn mich nicht vollkommen überzeugten, ſo konnte ich mich doch nicht ent⸗ halten, die Lebendigkeit ſeines Vortrags zu bewundern, wovon ich mir einbildete, ſie müſſe das Reſultat ſeiner glänzenden Ge⸗ burt und vornehmen Erziehung ſeyn, weßhalb er in meinen Augen zu einem auf Reiſen begriffenen jungen Prinzen ward. Hierauf lenkte ein ſehr martialiſch ausſehender alter Herr die Unterhaltung auf den letzten Feldzug, wobei die Schlacht bei Dettingen noch einmal durchgefochten ward, und ſo viele Einzelheiten zu Gunſten der Franzoſen und zum Nachtheile der Alliirten angeführt wurden, daß ich faſt zu zweifeln begann, ob ich auch der Schlacht in Per⸗ 126 ſon beigewohnt habe. Doch nahm ich mir die Freiheit, ſeinen Be⸗ hauptungen über dieſelbe einige Einwürfe entgegen zu ſtellen. Dieß hatte einen Wortwechſel zur Folge, der zum Aerger aller Anweſen⸗ den eine ziemliche Weile andauerte. Endlich ward die Entſcheidung des Streits einer gravitätiſchen Perſon übertragen, welche ſie Dor⸗ tor betitelten, und der unter der Maske großer Beſcheidenheit gegen mich ſich erklärte, aber mit der Wahrheit ſo ſchmählich umging, daß ich den Doctor mit ziemlich derben Worten der Parteilichkeit beſchuldigte, zum nicht geringen Ergötzen des aufrichtigen engliſchen Politikers, der großen Gefallen daran hatte, daß ich eine von ihm ſo oft erfolglos in Schutz genommene Sache vertheivigte. Ueber den davon getragenen Sieg erfreut, nahm mein Gegner vie Miene großer Aufrichtigkeit an, und bemerkte mir, er würde ſich nicht ſo beſtimmt ausgeſprochen haben, wenn er ſich nicht große Mühe gegeben hätte, über jeden einzelnen Umſtand ſich gründliche Belehrung zu verſchaffen.„Wirklich“, ſprach er,„bin ich auch der Ueberzengung, daß die vorausgehenden Ereigniſſe nichts Anderes zur Folge haben konnten; denn wir Generale, die den Dienſt ge⸗ ſehen haben, ſchließen, obgleich wir nicht ſelbſt auf dem Platze ſeyn können, aus dem geringſten Entwurf in der Stellung auf den ſich nothwendig ergebenden Erfolg.“ Hierauf rügte er mit großer Freiheit jeden einzelnen Umſtand in dem Benehmen Derjenigen, welche das Heer der Alliirten befehligten. Von da ging er auf das Miniſterium über, und beehrte daſſelbe mit bitteren Schmä⸗ hungen, weil es Leute anſtelle, die weder Erfahrungen noch Ta⸗ tente beſäßen, und dadurch gedienten Offiziere nahe trete, die ſich in beiderlei Hinſicht ausgezeichnet hätten. Zugleich ließ er manchen Wink über ſeine eigene Wichtigkeit fallen, und ſchloß mit der Be⸗ merkung, daß die Franzoſen und Spanier verdiente Generale beſſer zu ſchätzen verſtünden. Die guten Früchte hierin ſeyen erſichtlich in den von ihnen gemachten Eroberungen und in der trefflichen Dis⸗ ciplin ihrer Truppen, welche zugleich beſſer gekleidet und beſoldet hh ſeyen, als die Krieger aller andern Länder. Dieſe Bemerkungen veranlaßten den Grünritter, der franzöſiſchen Regierung im Allge⸗ meinen, ſowohl der Civil⸗ als Militärverwaltung, eine Lobrede zu halten, wobei er viele gehäſſigen Vergleichungen zum Nachtheile der Engländer machte. Beinahe Alle gaben ſeinen Bemerkungen Beifall, und der Docter ſanctionirte ſie durch die Bemerkung, die Franzoſen ſeyen unſtreitig die glücklichſten Unterthanen der Erde. Ueber ihre Verblendung und Unverſchämtheit war ich dermaßen beſtürzt uud betreten, daß ich kein Wort gegen ihre Behauptungen hervorzubringen vermochte. Doch mein mürriſcher Landesgenoſſe konnte die gegen Altengland geſchleuderten Beleidigungen nicht ein⸗ ſtecken, ſondern wandte ſich mit einem ſathriſchen Grinſen auf fol⸗ gende Weiſe an den General:„Sir! Sir! oft hörte ich ſagen,„wer ſein eigen Neſt beſudelt, iſt ein garſtiger Vogel.“ Um das, was iene Ausländer ſagen, kümmere ich mich Nichts; ſie verſtehen es nicht beſſer; jedoch Ihr wurdet unter der engliſchen Regierung ge⸗ boren, erzogen und empfanget von Ihr Euer Brod, deßhalb ſolltet Ihr bei Ausfällen gegen Euer Vaterland mehr Rückſicht auf die Dankbarkeit und Wahrheit nehmen. Wenn das Miniſterium es für geeignet hält, Euch in Unthätigkeit zu verſetzen, ſo vermuthe ich, hatte es ſeine Gründe dazu; und denn ſolltet Ihr Euch erinnern, daß Ihr noch auf dem Gebiete vieſer Nation lebet. Was dieſe Herren hier— er meinte den Prinzen und den Geſandten— an⸗ belangt, Leute, welche mit unſerer Verfaſſung, unſeren Geſetzen und dem Geiſte unſeres Volks ſo ſchonungslos umgehen, ſo glaube ich, daß ſie etwas mehr Rückſichten gegen ihre Wohlthäter beob⸗ achten könnten, welche, ich muß es geſtehen, ſehr dafür zu tadeln ſind, daß ſie ſolchen undankbaren Landläufern, wie ſie find, Hei⸗ math, Schutz und Aufmunterung angedeiyen laſſen.“ Bei dieſen Worten ſprang der grüne Ritter in großer Ent⸗ rüſtung auf, legte die Hand an ſein Degengefäß und rief aus: „Oh! foutre!“ Der Engländer grief ſeinerſeits nach ſeinem Meer⸗ 128 rohre und ſagte:„Wart, ich will Dich befoutern, Burſche! bei Gott, ich ſchlage Dich nieder!“ Die Geſellſchaft vermittelte, der Franzoſe ſetzte ſich nieder und ſein Gegner fuhr fort:„Seht Ihr, Herr! Ihr wiſſet recht gut, daß, hättet Ihr Euch erfrecht, von der Verwaltung Eures Vaterlandes in Paris eben ſo frei zu ſprechen, wie jetzt von der unſrigen in London, ſo hätte man Euch ohne Gnade in die Baſtille geſchickt⸗ wo Ihr in einem Gefängniſſe verfault wäret und nimmer das Ta⸗ geslicht geſehen hättet. Nun, Herr! nehmt mein Wort darauf, obgleich unſere Verfaſſung uns vor ſolcher Unterdrückung beſchirmt, ſo haben wir doch noch Geſetze zur Beſtrafung derjenigen, welche aufrühreriſche Reden halten, und wofern ich noch eine Sylbe aus Eurem Munde vernehme, die Verachtung oder verläumderiſchen Haß gegen dieſes Königreich ausſpricht, ſo will ich Euch einen über⸗ zeugenden Beweis von meiner Behauptung geben, und für Eure Anmaßung Euch einſtecken laſſen.“ Dieſe Erklärung hatte eine eben ſo plötzliche als überraſchende Wirkung auf die Geſellſchaft. Der junge Prinz ward ſo demüthig, wie ein Hühnerhund, der Geſandte zitterte, der General ſaß ſchwei⸗ gend und niedergedonnert da, und der Doetor, welcher— ſo ſchien es— die Zuchtrulhe der Macht gefühlt hatte, wurde todesblaß, und verſicherte uns Alle, er habe weder ein Individuum noch ein Volk beleidigen wollen. „Eure Grundſätze, Doctor!“ gab der alte Herr zur Antwort, „find kein Geheimniß: ich habe hierüber Nichts zu bemerken, bin jedoch ſehr erſtaunt, daß ein Mann, der uns ſo ſehr verachtet, nichts deſto weniger unter uns lebt, wenn er keinen ſichtbaren Grund dafür hat. Warum ſchlagt Ihr Euren Wohnſitz nicht in Eurem geliebten Frankreich auf, wo Ihr nach Herzensluſt gegen England losziehen könnt?“ Dieſen Vorwurf hielt der Doctor nicht für ge⸗ eignet zu beantworten, und es erfolgte eine peinliche Stille. Als ich dieß wahrnahm, ſo bemerkte ich: es ſey zu bedauern, daß ſolche 129 wüßige Wortkämpfe, deren Grund oft bloße Launen oder Lange⸗ weile ſeyen, unter gebildeten Männer von geſundem Verſtande Zwiſtigkeiten veranlaſſen könnten; und machte den Vorſchlag, alle Feindſeligkeiten in einer zweiten Flaſche hinabzuſpülen. Mein Vorſchlag erhielt die Genehmigung der ganzen Geſell⸗ ſchaft. Der Wein ward herbeigebracht; und der Verfechter der engliſchen Intereſſen trank mit der Erklärung, er hege gegen Denienigen, der nicht einerlei Anſichten mit ihm theile, ſo wenig Groll, als gegen Denjenigen, deſſen Temperament von dem ſeini⸗ gen verſchieden ſey, auf die Geſundheit der ganzen Geſellſchaft. Das Compliment ward erwiedert, und die Unterhaltung noch ein⸗ mal zwanglos, obwohl allgemeiner als zuvor. Unter Anderem ward auch der Krieg wieber auf das Tapet gebracht, wobei der General ſeine Lunge ſehr in Anſpruch nahm und viele ſeiner eigenen Tha⸗ ten mit Ausſchmückungen verſehen auf das Tapet brachte. Im Laufe dieſer Rede erwähnte er zufällig das Wort épaulement, worauf der murrköpfiſche Gentleman nach der Bedeutung dieſes Ausdrucks frug.„Ich will Euch ſagen, was ein épaulement iſt,“ gab er zur Antwort.„Ich ſah nur einmal ein épaulement, und dieß war bei der Belagerung von Namur. In einem Kriegsrathe be⸗ hauptete der berühmte Ingenieur„Herr Coehorn, der Platz könne nicht genommen werden.— Doch, verſetzte hierauf der Prinz von Vaudemont, er kann durch ein 6épaulement genommen werden. Dieß wurde ſogleich ausgeführt, und nach 24 Stunden mußte Mar⸗ ſchall Boufflers capituliren.“ Hier machte er eine Pauſe, und der alte Herr wiederholte die Frage:„Aber ich bitte, was iſt ein épau- lement?““ Auf dieſe Frage gab der Offizier keine Antwort, ſon⸗ dern zog die Glocke, verlangte die Rechnung, bezahlte ſeinen An⸗ theil der Zeche, worauf er der Geſellſchaft ſagte, er werde ihr die Bedeutung des Wortes 6paulement erklären, wenn es Seiner Ma⸗ ieſtät gefalle, ihm das Commando unſerer jetzt außer Landes be⸗ findlichen Armee anzuvertrauen. Hierauf ging er, ſich in die Bruſt Smollet's Romane UM. 9 130 werfend, fori. Ich konnte ſeine Scheu nicht begreifen, den ein⸗ fachſten Ausdruck der Befeſtigungskunſt nicht erklären zu wollen, und beſchrieb denſelben ſofort als ein Seitenwerk, beſtehend aus Erde, Schanzkörben oder Faſchinen; erſtaunte jedoch nicht wenig, als ich ſpäter erfuhr, ſeine Zurückhaltung rühre von ſeiner Unwiſ⸗ ſenheit her. Nach Berichtigung unſerer Rechnung begaben wir uns in das Kaffeezimmer, wo mein Bundesgenoſſe darauf beſtand, mich mit einer Taſſe bewirthen zu dürfen, indem er mir zugleich zu verſte⸗ pen gab, ich habe mir durch meine Grundſätze und meinen Ver⸗ ſtand ſeine gute Meinung erworben. Ich dankte ihm für ſeine Ar⸗ tigkeit, geſtand ihm, daß ich hier völlig fremd ſey, und bat ihn, er möchte ſo gütig ſeyn, mich mit den Eigenſchaften und dem Cha⸗ rakter der Leute, mit denen wir geſpeist hätten, bekannt zu machen. Dieſes Verlangen war für einen Mann von ſeiner Gemüthsart, ver eben ſo geſprächig als neugierig war, eine wirkliche Gunſt. Er willigte daher mit großem Vergnügen ein, und ſagte mir zu meinem äußerſten Erſtaunen, der vermeintliche junge Prinz ſey ein Theatertänzer, und der Geſandte ein Violinſpieler der Oper. Der Doctor, ſprach er, iſt ein römiſch katholiſcher Prieſter, welcher zu⸗ weilen als Offizier auftritt und ſich Capitän ſchimpfen läßt, aber noch öſter die Kleidung, den Litel und das Benehmen eines Arztes annimmt, eine Eigenſchaft, in welcher er ſich in das Vertrauen Schwachgeſinnter einfleiſcht, und durch Beweisgründe, die ſo ſchim⸗ mernd als falſch ſind, ſie von ihrer Religion und Pflicht abbringt. Er iſt mehr als einmal deßhalb ſchon in den Händen der Juſtiz geweſen; aber er iſt ein ſchlauer Fuchs, und fädelt ſeine Anſchläge ſo pfifſig ein, daß er bis dato immer mit einer leichten Gefängniß⸗ ſtrafe davon kam. Was den General anbelangt, ſo werdet Pr leicht eingeſehen haben, daß er ſeine Beförderung mehr ſeinem Einfluſſe als ſeinen Fähigkeiten verdankt, und nun dem Miniſterium die Au⸗ gen aufgegangen, ſeine Freunde todt oder ohne weiteren Einfluß 131 ſind, iſt er aus der Liſte geſtrichen und muß mit einer jährlichen Penſion zufrieden ſeyn. In Folge dieſer Zurückſetzung iſt er unzu⸗ frieden geworden, und ergießt ſich in allen Geſellſchaften mit ſo wenig Zurückhaltung in Schmähungen gegen das Miniſterium, vaß ich über die Milde der gegen ſeine Frechheit nachſichtigen Regierung wirklich erſtaune. Allein das Wahre an der Sache iſt, er ver⸗ dankt ſeine Ungeſtraftheit ſeinem Mangel an Bedeutung und Wich⸗ tigkeit. Er hat den Dienſt ein wenig und nur ein wenig geſehen; und dennoch iſt, wenn Ihr ihn höret, ſeit der Revolution Nichts von Bedeutung geſchehen, woran er nicht hauptſächlichen An⸗ theil gehabt hat. Wird eine Geſchichte von einem berühmten Feld⸗ herrn erzählt, ſo bringt er ſie ſogleich mit einer von ſeiner eigenen Perſon in Verbindung, obgleich er oft in ſeinen Erfindungen unglück⸗ lich iſt, und ſo grobe Verſtöße in der Ausführung ſeiner Berichte ſich zu Schulden kommen läßt, vaß einem angſt und bange wird. Cäſar, Pompejus und Alerander der Große ſind beſtändig in ſei⸗ nem Munde; und da er Vieles, ohne es recht verdauen zu können, liest, ſo ſind ſeine Ideen confus und ſeine Reden ſo unverſtänd⸗ lich als gedehnt; denn wenn er einmal anfängt, ſo ſteht nicht zu erwarten, daß er aufhöre, ſo lange Jemand ihm Aufmerkſamkeit ſchenkt. Deßhalb beſteht ſo viel ich weiß, das einzige Mittel, ſei⸗ ner geſchwätzigen Zunge Einhalt zu thun, darin, daß man ihn bei irgend einer ihm entwiſchten Ungereimtheit feſthält, und um eine Erklärung bittet, oder daß man ihn nach der Bedeutung eines ſchwierigen Ausdrucks frägt, den er nur dem Namen nach kennt. Dieß Verfahren wird ihn ſogleich zum Schweigen, wo nicht zur Flucht veranlaſſen, wie es ſich begab, als ich nach der Bedeutung des Ausdruckes épaulement frug. Hätte er die⸗ ſes Wort zu erklären vermocht, ſo wäre ſein Triumph unerträg⸗ lich geweſen, und wir hätten vas Schlachtfeld zuerſt räumen müſ⸗ ſen, ſonſt hätte er uns halb topt gewindbeutelt.“ Nachdem der alte Hert meine Neugierde befriedigt hatte, ſo fing er an, ſeine eigene 132 ſichtbar werden zu laſſen, indem er in Betreff meiner Fragen an mich richtete, worauf ich mit ausweichenden Antworten zu erwie⸗ dern für paſſend erachtete.„Mein Herr!“ ſagte er,„ich vermuthe, Sie haben Reiſen gemacht.“ Ich bejahte.„Ich darf ſagen, daß Sie das Reiſen ſehr koſiſpielig fanden,“ ſagte er. Ich entgegnete: „Allerdings, ohne Geld kann man nicht reiſen.“—„Das weiß ich aus Erfahrung,“ ſagte er,„denn ich ſelbſt mache in jeder Saiſon einen Abſtecher nach Bath oder Tunbridge, und da muß man ſo gut, wie in andern Ländern, ſich über das Ohr hauen laſſen. Das iſt ein hübſcher Stein in Ihrem Ring; erlauben Sie mir, Herr!— Die Franzoſen haben es in den Verfertigungen ſolcher Gegenſtände zu einer außerordentlichen Geſchicklichkeit ge⸗ bracht. Wie! das ſieht ja beinahe wie ein Diamant aus.“— „Faſt, mein Herr?“ ſagte ich,„warum nicht ganz? Ich bin über⸗ zeugt, wenn Sie ſich auf Edelſteine verſtehen, ſo müſſen Sie beim erſten Anblick dieſen Stein für einen ächten Diamanten, und zwar von feinſtem Waſſer, erkennen. Nehmen Sie ihn einmal in die Hand und prüfen Sie ihn!“ Dieß that er mit einiger Betroffen⸗ heit, gab ihn hierauf zurück und ſprach:„Ich bitte um Verzeihung; ich ſehe, es iſt ein ächter Brillant von unermeßlichem Werthe.“ Ich glaubte zu bemerken, ſeine Achtung vor mir ſteige nach diefer Unter⸗ ſuchung bedeutend, weßhalb ich, um ihm noch mehr zu imponiren, ihm ſagte, ich wolle ihm ein kunſtreiches Siegel zeigen, das nach einer ſehr werthvollen Antike geſchnitten worden ſey. Hierauf zog ich meine Uhr nebſt einer reichen goldenen Kette heraus, die mit drei in Gold gefaßten Siegeln und einem Opalringe geſchmückt war. Er betrachtete jedes dieſer Stücke mit großer Gier, nahm die Kette in die Hand, bewunderte das gravirte Gehäuſe und be⸗ merkte: das Ganze müſſe mich eine große Summe Geldes gekoſtet haben. Ich affektirte Gleichgültigkeit und erwiederte mit nachläßi⸗ ger Miene:„eine Kleinigkeit von 60 oder 70 Pfunden.“ Er ſtarrte mir eine Zeit lang in das Geſicht und frug dann, ob ich ein Eng⸗ 133 länder ſey, worauf ich verneinend antwortete.„Sie find alſo ver⸗ muthlich aus Irland, mein Herr!“ ſagte er. Ich gab die gleiche Antwort.„Oh! vielleicht ſind Sie“, ſprach er,„in einer unſerer Colonien geboren.“ Ich verneinte ebenfalls. Hierüber ſchien er ſehr erſtaunt zu ſeyn und ſagte: er ſey überzeugt, ich ſey kein Fremder. Darauf erwiederte ich Nichts, ſondern ließ ihn auf der Folter un⸗ geduldiger Zweiſel. Er konnte ſeine Verlegenheit nicht bergen, ſondern bat wegen der Freiheiten, welche er ſich heraus genommen, um Verzeihung, und theilte mir, um mich deſto mehr zur Mit⸗ theilung meiner Verhältniſſe aufzumuntern, ohne Rückhalt ſeine eigenen mit.„Ich bin“, ſprach er,„ein lediger Maun, habe eine beträchtliche Jahresrente, die ich nach meiner Neigung verzehre, und komme von Jahr zu Jahr ganz behaglich aus. Da ich kein Vermögen hinterlaſſe, ſo werde ich nicht durch die zudringliche Dienfifertigkeit von Verwandten oder Teſtamentsjägern geplagt, und betrachte die Welt als für mich vorhanden, nicht mich für ſie. Darnm iſt mein Grundſatz, zu genießen, ſo lange ich es vermag, und die Zukunft ſich ſelbſt zu überlaſſen.“ Während er auf dieſe Weiſe den Fluß ſeiner Rede fortſtrömen ließ, und ohne Zweifel zu gleicher Zeit auf eine ähnliche Erwiede⸗ rung meinerſeits ſich gefaßt machte, trat ein junger Mann mit ſchwerem Sammtrock und einer ungeheuren Knotenperrüke in das Zimmer. In ſeinem Weſen durchkreuzten ſich ſo viel natürlicher Leichtſinn und angenommener feierlicher Ernſt, daß er als eine wahre Spottſigur jedes Decorums erſchien. Dieſes lächerliche Ding tanzte auf unſern Tiſch zu und frug nach unzähligen Geſichtsver⸗ zerrungen meinen Freund, den er als Herrn Medlar anredete, ob wir Geſchäfte hätten.— Mein Freund nahm eine finſtere Miene an, und erwiederte:„Das gerade nicht, Docktor!— jedoch“— „O, in dieſem Falle“, rief der Arzt,„muß ich ein wenig um Nachſicht bitten; bitte, vergebt mir, ihr Herren! Mein Herr!“ fagte er und wandte ſich zu mir,„ich bin Euer ergebenſter Die⸗ 134 ner; ich hoffe, ihr werdet mir verzeihen, Sir!— Sir!— ich habe meinem Freunde etwas Wichtiges mitzutheilen— Sir! ich hoffe, Ihr werdet meine Freiheit entſchuldigen, wenn ich leiſe mit ihm rede.“ Bevor ich noch Zeit hatte, dieſer höflichen Perſon meine Er⸗ laubniß zu geben, rief Herr Medlar:„Ich will nicht leiſe reden, habt Ihr mir Etwas zu ſagen, ſo ſprecht mit lauter Stimme!“ Der Doctor ſchien über dieſen Ausruf etwas außer Faſſung zu ge⸗ rathen, wandte ſich zu mir und entſchuldigte ſich tauſendmal, daß er ſich's heraus nehme, ein Geheimniß aus Etwas machen zu wol⸗ len, eine Vorſichtsmaßregel, welche er nur deßhalb habe befolgen wollen, weil er nicht gewußt habe, daß ich mit Herrn Medlar auf freundſchaftlichem Fuße ſtehe. Da, wie er ſehe, dieß jedoch der Fall ſey, ſo wolle er ſich in meiner Gegenwart laut vernehmen laſſen. Hierauf begann er nach zwei⸗ oder dreimaligem Räuſpern auf folgende Weiſe:„Ihr müßt wiſſen, Herr! ich komme ſo eben vom Mittageſſen bei Mylady Floreit's, einer Dame von Stand, Herr!(hier wandte er ſich an mich) an deren Tafel ich zuweilen die Ehre habe, zu Mittag zu ſpeiſen. Es waren zugegen Lady Stately und Mylavy Larum, Miſtreß Dainty und Miß Biddy Gigg⸗ ler, auf mein Wort! ein ſehr gutmüthiges junges Fräulein mit einem ſehr hübſchen Vermögen, Sir! Auch befanden ſich dort Mplord Straddle, Sir John Shrug und Maſter Billy Chatter, der in der That ein ſehr beredter junger Herr iſt. Als nun, Sir! Mylady mich außerordentlich ermüdet ſah, denn ſie war die letzte von fünf⸗ zehn Patienten, lauter Leute von Stande, Herr! welchen ich die⸗ ſen Vormittag Beſuche gemacht hatte, ſo beſtand ſie darauf, ich ſolle beim Mittageſſen bleiben, obwohl ich feierlich bei meiner Ehre verſicherte, ich hätte keinen Appetit. Um indeſſen nicht grob zu er⸗ ſcheinen, ſetzte ich mich nieder, und die Unterhaltung wandte ſich auf verſchiedene Gegenſtände; unter Anderm frug auch Herr Chat⸗ ter ſehr ernſthaft, wenn ich Herrn Mevlar geſehen habe? Ich er⸗ wiederte ihm, daß ich nicht das Vergnügen gehabt, ihn in den 135 letzten neunzehn und einer halben Stunde zu ſehen! denn ſo viel ungefähr mag es betragen, die Minuten kann ich nicht beſtimmt angeben.—„Nicht?“ ſprach er,„denn bitte ich Euch, ſogleich nach dem Eſſen in ſeine Wohnung zu gehen und nachzuſehen, wie es mit ihm ſteht, dann er muß ſehr unwohl ſeyn, da er vergangene Nacht eine ſo große Menge roher Auſtern gegeſſen hat.“ Der biſ⸗ ſige Herr hatte wegen ſeiner feierlichen Haltung etwas ganz Wich⸗ tiges erwartet, und vernahm kaum ſeinen Schluß, als er zornig auſſtand und mit den Worten:„Pah! Pahl hol' Euch der Henker mit Euern Auſtern!“ davon ging, nachdem er mir mit einem „Ihr Diener, mein Herr!“ eine kurze Verbeugung gemacht hatte Der Doelor erhob ſich ebenfalls und ſagte:„Ich verſichere und be⸗ theure auf meine Ehre! ich bin wirklich erſtaunt;“ zugleich folgte er Herrn Mevlar an den in der Nähe befindlichen Schenktiſch, wo derſelbe ſeinen Caffee bezahlte. Dort flüſterte er ſo laut, daß ich es hören konnte:„Bitte, wer iſt der Herr?“ Sein Freund gab haſtig zu Antwort:„Vorhin würdet Ihr dieß erfahren haben, wem Ihr Euch nicht ſo unverſchämterweiſe eingedrungen hättet, wie Mäuſekoth unter den Pfeffer,“ und ging ſehr ärgerlich hinweg. Der umſtändliche Doctor kehrte ſogleich zurück, ſetzte ſich zu mir hin und bat mich tauſendmal um Vergebung, daß er mich verlaſſen habe. Zugleich gab er mir zu verſtehen, dasjenige, was er mit Herrn Medlar am Schenktiſche verhandelt habe, ſey eine höchſi wichtige Sache geweſen, die ſich mit einem Aufſchub nicht vertragen hätte. Dann beſtellte er etwas Kaffee, und brach in eine Lobrede auf dieſe Bohne aus, die nach ſeiner Behauptung in kalten phlegmatiſchen Conſtitutivnen, wie die ſeinige ſey, die überflüſſige Feuchtigkeit austrockne und die erſchlafften Nerven ſtärke. Er theilte mir ferner mit, dieſes Gewächs ſey den Alten ganz unbekannt geweſen, und leitete ſeinen Namen von einem arabiſchen Worte ab, das ich an Klang und Endung leicht dafür erkennen könne. Von hier über⸗ trug er ſeine Unterſuchungen auf das Wort trinken, welches ſeiner 3 136 Behauptung zufolge ganz unpaſſend von Kaffeetrinkern geſagt werde, da man dieſe Flüſſigkeit nicht trinke, ſondern nippe over ſchlürfe; die urſprüngliche Bedeutung des Wortes trinken ſey die, Jeman⸗ des Durſt löſchen oder eine Maſſe Weins Verſchlucken. Das lateiniſche Wort, welches den gleichen Sinn ausdrücke, ſey pibere oder potare, und das griechiſche wiwerw oder woreerv, obgleich er annehmen zu müſſen glaube, daß beide bei verſchiedenen Veranlaſ⸗ ſungen auch verſchieden gebraucht wurden. Nämlich: eine große Maſſe trinken, oder, wie man gewöhnlicher fagt, ſaufen, ſey das la⸗ teiniſche potare und das griechiſche woreetv, mit Maaß aber trin⸗ ken, werde durch bibere und wpsw ausgedrückt. Dieß ſey zwar nur eine Vermuthung von ihm, ſcheine aber durch das Wort bibu⸗ lus beſtätigt zu werden, ein Wort, welches beſonders auf die Po⸗ ren der Haut ſeine Anwendung finde, welche wegen der Kleinheit ihrer Durchmeſſer nur eine ſehr geringe Maſſe der, im Kreislauf befindlichen, Flüſſigkeit verſchlucken können; während das Wort worsetv dem Subſtantiv noratog, das einen Fluß oder eine große Menge Flüſſigkeit bedeute, zu Grunde liege. Ich konnte mich ei⸗ nes Lächelns über dieſe gelehrte und wichtige Unterſuchung nicht enthalten, und bemerkte, um meinem neuen Bekannten, deſſen Tem⸗ perament ich nun hinlänglich kennen gelernt hatte, deſto mehr Achtung vor mir einzuflößen, ſeine Behauptung ſcheine, nach Allem, was ich über dieſen Gegenſtand wiſſe, dem Geiſte der alten Claſſiker nicht gemäß zu ſeyn: denn Horaz bediene ſich der Wörter poto und bibo ohne Unterſchied, wie es in der zwanzigſten Ode des erſten Buchs heiße: Vile potabis modicis Sabinum cantharis. Et praelo domitam Caleno tu bibes uvam.*) Das Zeitwort norestp ſey mir unbekannt, und die Wörter rorauog, moruc und wonog leite man von winco, nooc, *) Leichten Trunk, Sabiner, in ſchmalen Kruͤglein zechſt du heut. Dein Getraͤnk iſt, was Cales edler Traub' ausrieſelte⸗ 137 nrenona*) ab, weshalb die griechiſchen Dichter auch keines andern Wortes für Trinken bei Gelagen ſich bedient hätten. Homer be⸗ ſchreibe den Neſtor bei dem Humpen ſo: Ngooa Son sAcen, niotd ne en. und Anakreon erwähne das Wort bei ähnlicher Gelegenheit faſt auf jeder Seiie: Mvoyrt ot olvov ow. Oran ninco rn oinov. Ong 2)c ob winch. und an noch unzähligen Stellen. Der Doctor hatte ohne Zweifel geglaubt, durch ſeine kriti⸗ ſchen Bemerkungen mir einen hohen Begriff von ſeiner Gelehrſam⸗ keit beizubringen, und war nicht wenig erſtaunt, durch Einen von meinem Ausſehen ſich in die Schule genommen zu ſehen. Er rief vaher nach einer ziemlich langen Pauſe:„Auf meine Ehre! Ihr habt Recht, mein Herr! Ich ſehe; daß ich die Sache nicht ſo ge⸗ nau, wie es ſonſt der Fall iſt, in Ueberlegung zog.“ Hierauf redete er mich lateiniſch an, eine Sprache, die ihm ſehr geläufig war, und die Unterhaltung wurde zwei volle Str i lang über eine Menge Gegenſtände in dieſer Zunge fortgeführt. Wirklich entwickelte er hiebei ſo vier gebildeten Verſtand, ich, ſeines ſonderbaren Ausſehens und ſeiner Kleinigkeitskrämerei ungeachtet, die Ueberzeugung von ihm gewann, er. ein Mann von ausneh⸗ menden Kenntniſſen, und namentlich außerordentlich beleſen. Er *) Ich trinke, werde trinken, habe getrunken. *6 Neſtor vernahm der Heere Geſchrei, wiewohl er im Selt trank. ***) Mir, der ſuͤßen Wein trinkt. Wenn ich Wein trinke. Ruͤſte dich zum Waffentanz! ich win trinken. 138 dagegen betrachtete mich, wie ich ſpäter von Herrn Medlar erfuhr, als ein Wunder von Gelehrſamkeit, und machte mir den Vorſchlag, heute Nacht, wenn ich ſonſt keine Verbindlichkeit eingegangen habe, mich bei verſchiedenen jungen Herren von Vermögen und gutem Ton einzuführen, mit welchen er in Bedford„Caffeehaus eine Zu⸗ ſammenkunft verabredet habe. Sechsundvierzigſtes Kapitel. Wagtail fuͤhrt mich bei einer Geſellſchaft vornehmer Gentlemen ein, mit denen ich den Abend in einer Schenke verbringe; unſere Unterhaltung; Schilderung meiner neuen Bekannten; der Doctor wird genarrt; Aus⸗ gang unſeres Zechgelags. Ich nahm ſein Erbieten gerne an, und wir begaben uns in einer Miethkutſche dahin, wo ich eine große Anzahl fröhlicher Ge⸗ ſtalten umherflattern ſah, von denen die Meiſten den Doctor ſehr vertraulich anredeten. Unter den Andern ſtand eine Gruppe rings um vas Feuer, welche ich ſogleich für die Individuen erkannte, die in der vorhergehenden Nacht durch ihr Gelächter meinen Ver⸗ vacht gegen das Frauenzimmer, welches ſich unter meinen Schutz geſtellt hatte, erweckten. Sie ſahen mich kaum mit Doctor Wag⸗ lail(ſo hieß nämlich mein Begleiter) eintreten, als ſie kicherten und einander zuflüfterten. Ich war daher nicht wenig überraſcht, als ich fand, ſie ſeyen die Herren, bei welchen er mich einführen wolle, denn als er ſie bei einander ſah, ſagte er mir, wer ſie wären und wünſchte zu wiſſen, unter welchem Namen er mich vor⸗ ſtellen ſolle. Ich that ihm hierin Genüge, worauf er ſehr gravi⸗ tätiſch voranging und ſagte:„Gentlemen! Euer ergebenſter Die⸗ ner!— Erlaubt mir, meinen Freund, Herrn Random, in Eure Geſellſchaft einzuführen!“ Dann wandte er ſich gegen mich mit 139 den Worten:„Herr Random! dieß iſt Herr Bragwell— Herr Banter— Herr Chatter— mein Freund Herr Slpboot und Herr Rantor, Sir!“ Ich begrüßte ſie nach einander, und als ich Herrn Slyboot bei der Hand faſſen wollte, ſo bemerkte ich, daß er, zum nicht geringen Ergötzen der Geſellſchaft, ein krummes Maul ge⸗ gen mich machte, ich hielt es jedoch nicht für geeignet, davon bei dieſer Veranlaſſung Notiz zu nehmen. Auch Herr Rantor(der, wie ich ſpäter erfuhr, ein Schauſpieler war) zeigte ſeine Talente da⸗ durch, daß er meine Miene, Geſichtszüge und Stimme nachahmte, als er mir die Verbeugung erwiederte. Dieß hätte ich nicht ſo hingehen laſſen, wenn ich nicht bemerkt haben würde, daß er mei⸗ nen Freund Wagtail eben ſo behandelte, als derſelbe zuerſt ſich ih⸗ nen näherte. Für dießmal ließ ich ihn die Früchte ſeiner Gewand⸗ heit ernten, war jedoch entſchloſſen, ihn bei einer ſchicklichern Ge⸗ legenheit für ſeinen Uebermuth zu züchtigen. Herr Slyboot, wel⸗ cher vermuthete, ich ſey ein Fremder, frug, ob ich jüngſt in Frank⸗ reich geweſen ſey? und erkundigte ſich, als ich bejahend antwor⸗ tete, ob ich die Gallerie des Luxemburg geſehen hätte? Ich ſagte ihm:„Ich habe dieſelbe mehr als einmal mit großer Aufmerkſamkeit in Augenſchein genommen,“ worauf eine Unterhaltung zwiſchen uns Beiden folgte, in deren Verlauf ich entdeckte, daß er ein Ma⸗ ler ſey. Während wir über die einzelnen Stücke dieſer berühmten Ge⸗ mäldeſammlung uns beſprachen, hörte ich, daß Banter an Doctor Wagtail die Frage richtete, wo er dieſen Herrn Random denn aufgefiſcht habe. Auf dieſe Frage gab der Arzt zur Antwort: „Auf meine Ehre! er iſt ein außerordentlich gebildeter junger Herr— ein Mann von Vermögen, Sir! er hat die große Tour gemacht und die beſten Geſellſchaften Europens beſucht, Sir!“— „Wie, er ſagte es Euch vermuthlich,“ ſprach der Andere,„ich halte ihn für nichts weiter und weniger, als für einen franzöſiſchen Kammerdiener.“—„O wie gemein! wie gemein!“ ſchrie der 140 Doctor,„das iſt wirklich auf meine Ehre ganz unverantwortlich! Ich kenne ſeine Familie ganz gut; er ſtammt von den Randoms des Nordens ab— ein ſehr altes Haus, Sir, und ein entfernter Verwandter von mir.“ Ueber die Vermuthung Herrn Banters entrüſtete ich mich nicht wenig, und begann, gegen meine Geſell⸗ ſchaft im Allgemeinen große Gleichgültigkeit zu empfinden. Da mir aber die Möglichkeit vorſchwebte, durch ihre Vermittlung einen ausgedehnteren und mir mehr zuſagenden Kreis von Bekannten zu gewinnen, ſo beſchloß ich, ſolche kleine Aergerniſſe ſo lange als möglich zu ertragen, ohne der Würde meines Charakters etwas zu vergeben. Nachdem wir eine Zeit lang über das Wetter, Schauſpiel, die Politik und andere Kaffeehausgegenſtände geſpro⸗ chen hatten, wurde der Vorſchlag gemacht, den Abend in einer be⸗ kannten Schenke der Nachbarſchaft zu verbringen. Dorthin bega⸗ ben wir uns nun in Maſſe⸗ Nachdem wir ein Zimmer belegt, franzöſiſchen Wein herbei⸗ geholt und ein Nachteſſen beſtellt hatten, kreiste das Glas ziem⸗ lich frei, und der Charakter meiner Zechgenoſſen wurde mir mehr und mehr offenbar. Bald merkte ich, daß der Doctor dem Maler und Schauſpieler zur Zielſcheibe ihres Witzes diente, was die Ge⸗ ſelſchaft außerordentlich beluſtigte. Herr Rantor begann das Spiel mit der Frage, was für Heiſerkeit, Niedergeſchlagenheit der Le⸗ bensgeiſter, und Unverdaulichkeit gut ſey; denn er habe ſich über alle dieſe Leiden in einem hohen Grade zu beklagen. Wagtail machte ſich ſogleich an die Erklärung der Natur ſei⸗ nes Uebels, und ſprach ſehr ausführlich über Prognoſtik, Diagno⸗ ſtit, Symptometologie, Therapeutik, Entleerung und Wiederan⸗ füllung. Hierauf ließ er ſich in eine Berechnung der Kräfte des Magens und der Lungen nach ihren eigenthümlichen Wirkungs⸗ ſphären ein; ſchrieb die Krankheit des Schauſpielers einer Störung in dieſen Organen zu, welche von ſtarkem Trinken und Sprechen herrühre, und verordnete den Gebrauch magenſtärkender Mittel, 141 nebſt Enthaltung von Liebesgenuß, Wein, laute Reden, Lachen, Singen, Huſten, Nieſen oder Schreien.„Pah! pah!“ rief Ran⸗ tor, indem er ihn unterbrach,„das Mittel iſt ſchlimmer als die Krankheit ſelbſt; ich wollte, ich könnte irgendwo etwas Zunder⸗ waſſer bekommen.“—„Zunderwaſſer!“ ſagte der Doctor,„auf meine Ehre, ich begreife Euch nicht, Herr Rantor!“—„Aus Zun⸗ der gepreßtes Waſſer,“ gab der Andere zur Antwort,„iſt ein Univerſalmittel gegen alle Krankheiten, welche den Menſchen be⸗ fallen. Ein gelehrter deutſcher Mönch iſt ſein Erfinder, und theilte gegen eine anſehnliche Summe dem Paracelſus ſein Geheimniß mit.“—„Verzeiht mir!“ ſchrie der Maler,„Salomo hat es zuerſt gebraucht, wie aus einem griechiſchen, von ihm ſelbſt ver⸗ faßten, Manuſeripte zu erſehen iſt, das vor Kurzem ein Bauer, der nach Kartoffeln grub, am Fuße des Berges Libanon fand.“— „Nun wohl!“ ſagte Wagtail,„in meiner ganzen weitumfaſſenden Lektüre iſt mir niemals ein ſolches Präparat aufgeſtoßen. Auch war mir bis jetzt unbekannt, daß Salomo Griechiſch verſtand, oder daß Kartoffeln in Paläſtina wachſen.“ Hier unterbrach ihn Banter mit den Worten:„Er ſey erſtaunt, daß Doctor Wagtail den geringſten Zweifel hege, Salomo habe Griechiſch verſtanden, da er uns als der weiſeſte und gebildetſte Fürſt der ganzen Welt geſchildert werde, und was die Kartoffeln anlange, ſo ſeyen ſie zu den Zeiten der Kreuzzüge aus Irland von einigen Rittern dieſes Landes dorthin verpflanzt worden.“ „Ich geſtehe,“ ſprach der Doctor,„nichts iſt wahrſcheinlicher. Ich gebe in der That viel darum, könnte ich jene unſchätzbare Handſchrift ſehen; und wenn ich den Prozeß dieſes Waſſers ver⸗ ſtünde, ſo würde ich ihn ſogleich ausführen.“ Der Schauſpieler verſicherte ihn, der Prozeß ſey ganz ein⸗ fach. Er müſſe in eine gläſerne Retorte einen Zentner trockenen Zunder ſtopfen, ihn durch thieriſche Hitze abdeſtilliren; hierauf 142 werde er einen halben Scrupel aqua destillata bekommen, wovon ein Tropfen eine volle Doſis ausmache. „So wahr ich ein Gewiſſen habe,“ rief der leichtgläubige Dockor aus,„das iſt ganz erſtaunlich und außerordentlich! ein caput mortuum ſollte Waſſer enthalten! Ich muß geſtehen, ich war immer ein Feind von ſpeziſiſchen Mitteln, weil ich ſie mit dem Weſen der thieriſchen Oekonomie für unverträglich hielt; allein ſicherlich kann die Autorität Salomos nicht in Frage geſtellt wer⸗ den. Ich wundere mich nur, wo ich eine Glasretorte finden ſoll, vie groß genug iſt, eine ſolche ungeheure Menge Zunder zu faſſen, deſſen Verbrauch nothwendig den Preis des Papiers ſteigern muß. Oder wo fände ich genug thieriſche Hitze, um eine ſolche Maſſe zu erwärmen?“ Slyboot gab ihm den Rath, er ſolle ſich eine Retorte machen laſſen, ſo groß, wie eine Kirche; und das leichteſte Mittel, die Verflüchtigung vermittelſt thieriſcher Hitze herbeizuführen, beſtände varin, die Retorte mitten in ein Spital für Fieberkranke zu ſtellen, welche rund herum auf Matrazen in Berührung mit derſelben lä⸗ gen. Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, ſo rief Wagtail ent⸗ zückt aus:„Ein herrliches Mittei bei meiner einſtigen Seligkeit! Ich will es gewiß in Ausführung bringen.“ Die Einfalt des Arztes machte der Geſellſchaft viel Spaß, welche ihrerſeits durch ironiſche Complimente, die von ſeiner Ei⸗ telkeit als baare Münze genommen wurden, ihn verhöhnte. Unge⸗ duldig über ein ſo langes Stillſchweigen brach Herr Chatter jetzt los, und unterhielt uns durch Angabe aller derjenigen, welche auf der letzten Aſſemblee zu Hampſtead getanzt hatten, nebſt einer ausführlichen Beſchreibung des Anzugs und des Putzes eines Jeben, von dem Kopfputze der Damen bis zu den Schuhſchnallen der Herren. Zum Schluſſe ſagte er zu Bragwell, Melanda, ſeine Geliebte, ſey auch dort geweſen und ſcheine ihn ſehr vermißt zu 143 haben, zugleich bat er für die nächſte derartige Gelegenheit um ſeine Geſellſchaft. „Nein, Gott verdamm mich!“ ſprach Bragwell,„ich habe an andere Sachen zu denken, als den Knecht ſchwindelköpfiger Mädchen zu machen; überdies, wißt Ihr, iſt mein Temperament ſo unruhig, daß ich mich gern in Händel einlaſſe,. eine Dame dabei betheiligt iſt. Als ich das letztemal vort war, hatte ich einen Strauß mit Tom Trippet.“—„Ohl ich erinnere deſſen ganz gut,“ rief Banter,„Ihr zoget vor den Damen vom Leder, und ich rieth es Euch, weil Ihr eine Gelegenheit bekamet, Eure Tapferkeit zu zeigen, ohne Gefahr zu laufen.“—„Gefahr!“ ſagte der Andere mit Bramarbasmiene,„ich fürchte mich, ſoll mich der Donner erſchlagen, vor keiner Gefahr. Ich ziehe gegen Jeder⸗ mann, der einen Kopf hat, vom Leder, ohne zu erſchrecken, Gott verdamm' mich! Es iſt eine ganz bekannte Thatſache, vaß ich mehr als einmal Blut abgezapft, und auch welches verloren habe, doch was hat dies zu ſagen?“ Der Schauſpieler bat dieſen Helden, ihn das nächſtemal, wo er einen Mord vorhabe, als Secundanten zu gebrauchen; denn er möchte einen Menſchen an einem Stoß ſterben ſehen, damit er auf der Bühne mit um ſo mehr Natur dieſe Rolle ſpielen könne. —„Sterben!“ gab der Held zur Antwort,„nein, bei Gott! ich weiß Beſſeres zu thun, als mich der Midbleſſex⸗Jury in die Hände zu liefern. Ich würde meinen Fechtmeiſter für einen unwiſſenden Hundeſohn anſehen, wenn er mich nicht gelehrt hätte, jeden Theil von dem Leibe meines Gegners zu verwunden, blos um ihn zu entwaffnen.“—„Oho!“ rief Slyboot,„wenn dies der Fall iſt, ſo habe ich um eine Gunſt zu bitten. Ihr müßt wiſſen, daß ich mich gegenwärtig damit beſchäftige, einen Jeſus am Kreuze zu malen; und ich will ihn in dem Augenblick malen, wo der Speer durch ſeine Seite geſtoßen wird. Nun wäre es mir angenehm, wenn Ihr in meiner Gegenwart einen wahnſinnigen Burſchen durch einen 144 Degenſtoß in Convulſionen brächtet, ohne ſein Leben zu gefährden, vamit ich Gelegenheit bekäme, einen Todeskampf ſo recht nach der Natur zu ſehen. Der Doetor wird Euch die Anleitung dazu geben, wo und wie tief Ihr ſtechen ſollt; doch bitte ich Euch, ſo nahe als möglich an der linken Seite Euch zu halien.“ Wagtail, welcher ven Vorſchlag ernſthaft nahm, bemerkte, es werde eine ſehr ſchwie⸗ rige Sache ſeyn, in die linke Seite des Thorar einzudringen, ohne das Herz zu verletzen und folglich den Patienten zu tödten. Doch glaube er, daß es einem Mann von ſehr feſter Hand und genauer Kenntntß der Anatomie möglich ſeyn werde, das Diaphragma irgendwo unterhalb herum zu verwunden und einen Singultus verbeizuführen, ohne daß der Tod folge; er ſey zwar bereit, die Inſertion dieſes Muskels Herrn Bragwell zu erläutern, wünſche aber, mit dem Experiment ſelbſt verſchont zu bleiben, da im Falle eines Mißlingens ſein guter Ruf dabei weſentlichen Schaden neh⸗ men könnte. Bragwell war nicht minder, als der Doctor, die Zielſcheibe für des Malers Muthwillen, und lehnte den Antrag ab mit den Worten, er hege zwar große Achtung vor Herrn Slybvot, allein es ſey ſein Grundſatz, ſich nur zu ſchlagen, wenn ſeine Ehre im Spiele ſey. Unzählige Scherze der Art gab man Preis; das Weinglas kreiste, das Eſſen ward aufgetragen, wir ließen es uns trefflich ſchmecken, nahmen unſere Zuflucht wieder zur Flaſche, Bragwell ward immer lärmender und unruhiger, Banter immer ſtarrköpfiger, Rantor declamirte Stellen aus Dramen, Slyboot ſchnitt der gan⸗ zen Geſellſchaft Geſichter, ich ſang franzöſiſche Lieder, und Chatter küßte mich mit großer Wärme, während der Doctor mit weh⸗ müthiger Miene da faß, gleich einem Pythagoräer. Endlich ſchlug Bragwell vor, wir ſollten durch die Gaſſen ftreichen, den Con⸗ ſtabel foppen, die Wache prügeln und dann nüchtern in das Bett taumeln. Während wir uns hierüber beristhen, kam der Kellner in das 145 Zimmer, und frug nach Doctpr Wagtail. Als er hörte, er be⸗ finde ſich hier, ſo ſagt er ihm, unten ſey ein Frauenzimmer, wel⸗ ches nach ihm frage. Auf dieſe Nachricht ſtarrte der Arzt aus ſeiner melancholiſchen Betrachtung auf, und verſicherte die Geſell⸗ ſchaft mit einem äußerſt betroffenen Blicke, er könne unmöglich die fragliche Perſon ſeyn, denn er ſtehe mit keiner Dame in Verbin⸗ dung, und hieß dem Kellner ihr dies zu ſagen. „Schämt Euch!“ rief Banter,„wollt Ihr ſo unhöflich ſeyn und einer Dame das Gehör verweigern? vielleicht kommt ſie, um Euern Rath einzuholen. Es muß ein außerordentlicher Fall ſeyn, welcher in dieſer Nachtzeit eine Dame in dieſe Schenfe führt. Herr Rantor! ſeyd ſo gut, bringt der Laby des Doctors Kußhand und geleitet ſie hieher!“ Der Schauſpieler ſtürzte ſogleich hin⸗ aus, und kam zurück, indem er mit vielen Förmlichkeiten eine breite und derbe Weibsperſon herein geleitete, deren Ausſehen ihr Metier deutlich verrieth. Wir empfingen ſie ſehr höflich, und vrachten ſie nach vielen Bitten dahin, daß ſie ſich ſetzte. Hierauf folgte eine tiefe Stille, während deſſen ſie mit troſtloſem Blicke ihre Augen auf den Doctor heſtete, der über ihr Benehmen ganz außer ſich gerieth, und ihre traurige Miene vierfach erwiederte. Endlich wiſchte ſie, nach manchem tiefen und kläglichen Seufzer, ſich die Augen, und redete ihn ſo an:„Wie! nicht ein Wort des Troſtes? Wird nichts Dein Herz von Stein erweichen? Gelten Dir meine Thränen alle für Nichts? NRichts, das ganze Gewicht meines Grams? Nichts, das unvermeidliche Verderben, welches Du über mich gebracht haſt? Wo ſind Deine Schwüre, Du treuloſer und ehrvergeſſener Mann? Haſt Du keine Ehre, kein Gewiſſen, keinen inneren Richter, der dir Dein ſchändliches Benehmen gegen mich vorwirft? Gib mir Antwort! wirſt Du mir endlich Gerechtigkeit widerfahren laſſen, oder muß ich Himmel und Hölle zu meinem Beiſtande und meiner Rache aufbieten?“ War der arme Wagtail erſtaunt geweſen, ebe ſie zu ſprechen Smollet's Romane HI. 10 146 anfing, wie groß mußte ſein Entſetzen ſeyn, als er dieſe Anrede vernahm. Die natürliche Bläſſe ſeines Geſichts verwandelte ſich in eine geiſterhafte erdfahle Farbe, ſeine Augen rollten, ſeine Lippen zitterten, und er erwiederte in einem unbeſchreiblichen Tone:„Auf mein Wort, meine Ehre und Seligkeit, Madame! Ihr irrt Euch wirklich in meiner Perſon. Ich habe eine ganz be⸗ ſondere Verehrung vor Eurem Geſchlechte, und bin in der That unfähig, Euer Geſchlecht im Mindeſten zu kränken, Madame! neberdies, Madame! hatte ich nach allen meinen Erinnerungen niemals die Ehre, Euch früher zu ſehen, bei meiner künftigen Se⸗ ligkeit, Madame!“—„Wie, Verräther!“ rief ſie,„verläugneſt Du mich alſo? Mich in Euch irren? nein! ich kenne zu gut die⸗ ſes ſchöne, bezaubernde Antlitz! zu gut kenne ich dieſe falſche ver⸗ führeriſche Zunge! Ach! Ihr Herren! da der Schurke mich durch ſeine Grauſamkeit zwingt, mich und ihn preiszugeben, ſo wiſſet denn, daß dieſer Verräther unter dem ſcheinbaren Vorwande ehren⸗ hafter Bewerbungen mein Herz gewann, ſeine Eroberung benutzend, mich meiner Keuſchheit beraubte und nachher meinem Schickſale überließ! Seit vier Monaten trage ich das Pfand ſeiner Liebe unter meinem Herzen, bin verſtoßen von meinen Verwandten und eine Beute des Elends und des Mangels. Ja, Du Barbar!“ ſagte ſie und wandte ſich zu Wagtail,„Du Tiger! Du Teufels⸗ ſohn! nur zu gut kennſt Du meine Lage. Aber ich will Dir Dein treuloſes Herz aus dem Leibe reißen und die Welt von einem ſolchen Ungeheuer befreien!“ Nit dieſen Worten ſprang ſie auf den Doector los, der mit unglaublicher Gewandtheit über den Liſch wegſetzte, und hinter Bragwelln Schutz ſuchte, während wir uns bemühten, die wü⸗ thende Heldin zu beſchwichtigen. Ungeachtet Jedermann in der Geſellſchaft ſich ſehr erſtaunt über dieſen Vorfall ſtellte, ſo konnte ich doch leicht bemerken, vaß das Ganze zwiſchen ihnen abgekartet war, um ſich auf des Doctors Unkoſten luſtig zu machen; und da 147 ich keine üblen Folgen daraus befürchtete, ſo ſchloß ich mich dem Bunde an, und weidete mich an Wagtails Angſt, der mit Thrä⸗ nen in den Augen die Geſellſchaft um ihren Schutz bat, indem er die Erklärung von ſich gab, er ſey an dem Verbrechen ſo unſchul⸗ dig, wie das Kind im Mutterleibe. Zugleich ließ er einen Wink fallen, daß die Natur ihn zur Begehung einer ſolchen Sünde un⸗ fähig gemacht habe.„Natur!“ rief die Dame,„in dem Falle gab es keine Natur; er wandte Beſchwörungen und Zaubermittel an, um mich meiner Unſchuld zu berauben; denn wie iſt es ſonſt zu erklären, daß ein Frauenzimmer den Bewerbungen dieſer Vogel⸗ ſcheuche Gehör ſchenkte? Waren dieſe Eulenaugen zum Liebäugeln geſchaffen; dieſe Aasfarbe zur Bewunderung, oder dieſer hufeiſen⸗ förmige Mund zum Küſſen? Nein! nein! Ihr verdanket Euer Glück Euren Liebestränken, Arzneien und Beſchwörungen, und keineswegs Euren natürlichen Talenten, die in jeder Hinſicht ge⸗ mein und verachtungswürdig find.“ Der Doctor glaubte nun, eine Gelegenheit gefunden zu haben, ſich mit Erfolg zu vertheidigen, und drückte gegen die Klägerin den Wunſch aus, ſie möchte ihm eine halbe Stunde Ruhe gönnen, binnen welcher Zeit er beweiſen wolle, daß es höchſt ungereimt ſey⸗ an die Kraft von Beſchwörungen zu glauben, da dieſelben nur eitle Träume, entſprungen aus Unwiſſenheit und Aberglauben, ſeyen. Er hielt demzufolge eine ſehr gelehrte Rede über das We⸗ ſen der Vorſtellungen, Kräfte und Selbſtſtändigkeit des Geiſtes, die Eigenſchaften ſtimulirender Arzneien, dem Unterſchiede zwiſchen einer Hinneigung zu Ausſchweifungen in der Liebe, welche viele Dummköpfe behaupten möchten, und einer, auf einen Gegenſtand ſich beſchränkenden Leidenſchaft, welche nur das Ergebniß von Ver⸗ ſtand und Nachdenken ſey, und ſchloß mit einer pathetiſchen Erinn⸗ rung an ſein Mißgeſchick ſich von der Rache einer Dame Lerfolgt zu ſehen, welche er niemals beleidigt, noch zupor geſehen hahe, und deren Geiſteskräfte pöchſt wahrſcheinlich dufch ihr unglüc jo 148 verwirrt geworden, daß eine unſchuldige Perſon dadurch in Ge⸗ fahr geriethe, um ihren guten Namen zu kommen. Kaum hatte er ſeine Rede beendigt, ſo erneuerte die verlorene Frinzeſſin ihre Klagen, und warnte die Geſellſchaft vor ſeiner ge⸗ läufigen Zunge, die, wie ſie ſich ausvrückte, im Stande ſey, dem unparteilichſten Gerichtshofe in der Chriſtenheit Sand in die Au⸗ gen zu ſtreuen. Banter rieth ihm, ſie unverzüglich zu heirathen, als das ein⸗ zige Mittel, ſeinen guten Namen zu retten, und erbot ſich, ihn zu dieſem Zwecke nach dem Fleet zu begleiten. Slyboot jedoch machte den Vorſchlag, man ſolle dem Kinde einen Vater kaufen, und der Mutter ein hinreichendes Nährgeld ausſetzen. Rantor verſprach, das Kind gratis zu adoptiren. Wagtail ſtand im Be⸗ griffe, wegen ſeines Edelmuths vor ihm auf die Kniee zu ſallen, und wollte, obgleich er nicht aufhörte, ſeine Unſchuld zu betheuern, ſich lieber zu Allem bequemen, als zugeben, daß man die Rein⸗ heit ſeines Charakters antaſte. Die Dame wies den Vorſchlag zurück, und beſtand auf der Vollziehung des Ehebündniſſes. Bragwell ſchlug ſich auf des Doctors Seite, und wollte ihn für eine halbe Guinee von ihrer Zudringlichkeit befreien. Hierauf zog Wagtail mit großer Haſtigkeit ſeine Börſe heraus, und gab ſie ſeinem Freunde in die Hand, der das Stück Geld daraus nahm, es der Klägerin gab und ſie für ihr gutes Glück Gott danken hieß. Als ſie die Gabe in Empfang genommen hatte, ſtellte ſie ſich, als weine ſie, und bat, da der Doctor ihr entſagt hätte, er möchte ihr wenigſtens noch einen Abſchiedskuß erlauben. Mit großem Widerſtreben verſtand er ſich endlich dazu, und ging mit ſeinem gewöhnlichen feierlichen Weſen auf ſie zu. Sie aber packte plötz⸗ lich ſeine Wange mit ihren Zähnen und hielt ſie ſo feſt, daß er, zur unendlichen Beluſtigung der Geſellſchaft, vor Schmerz brüllte. Als ſie ihn envlich losließ, machte ſie der Geſellſchaft einen tiefen Bückling, und verließ das Zimmer, während dem Doctor der 149 Angſtſchweiß ausbrach, nicht ſowohl wegen des Schmerzes, als vielmehr aus Furcht vor den Folgen des Biſſes; denn er war jetzt überzeugt, ſie ſey raſend. Banter ſchlug auf der Stelle die Cau⸗ teriſation vor, und ſteckte das Schüreiſen in's Feuer, um es glü⸗ hend zu machen, und die Stelle zu brennen. Der Schauſpieler war der Meinung, Bragwell ſolle den ergriffenen Theil mit ſeiner Degenſpitze weghauen. Der Maler aber verhinderte dieſe beiden ſchrecklichen Operationen durch Empfehlung eines Balſams, den er bei ſich führe. Mit dieſen Worten zog er ein kleines Pflaſter von ſchwarzer Schminke hervor, womit er nicht nur die Wunde, ſon⸗ dern auch den größten Theil des Geſichts des Patienten einſchmierte und ihm ein wahrhaft fratzenhaftes Ausſehen gab. Kurz! der arme, Doctor wurde von Furcht und Angſt ſo ins Bockshorn gejagt, daß ich das höchſte Bedauern mit ihm hatte, und ihn, gegen den Willen der edlen Compagnie, in einer Sänfte nach Hauſe brin⸗ gen ließ. Dieſe Freiheit meinerſeits verdroß Bragwelln, der ſein Miß⸗ vergnügen dadurch an den Tag legte, daß er einige Drohungen ausſtieß, ohne jedoch ihre Ausführung ſehr zu beſchleunigen. Dieß wurde von Slyboot bemerkt, der neben mir ſaß, und in der Ab⸗ ſicht, Streit zu erregen, mir zuflüſterte, es käme ihm ſo vor, als habe Bragwell mich ſtark beſchimpft; doch Jeder ſey Richter in ſeiner eigenen Sache. Ich erwiederte laut, ich werde mich weder von Herrn Bragwell noch ihm ungeahndet mißbrauchen laſſen, und ich bedürfe ſeines Rathes in Betreff meines Verhaltens durchaus nicht. Hierauf fand er es für gut, mich tauſendmal um Verzeihung zu bitten, und zu verſichern, er habe mich nicht beleidigen wollen, während Bragwell ſich ſtellte, als ob er ſchliefe, um nicht von dem Vorfalle Kenntniß nehmen zu müſſen. Der Schauſpieler jedoch, der mehr Hitze und weniger Ueberlegung als Slyboot beſaß, und die Sache nicht dabei beruhen laſſen wollte, ſtieß ſeinen reno⸗ miſtiſchen Freund an, und ſagte ihm leiſe, ich hätte ihn geſchmäht, 150 und ihm mit Schlägen gedroht. Dieſes wurde mir dadurch klar, daß dieſer aufſprang und rief:„Höll und Teufel! Ihr lügt! Nie⸗ mand darf mir ſo ſchmählich begegnen. Herr Random! nanntet Ihr meinen Namen, und drohtet Ihr mir mit Schlägen?“ Ich verneinte die Beſchuldigung und ſchlug vor, den Schurken zu züchtigen, der den Frieden der Geſellſchaft habe ſtören wollen. Bragwell gab mir Beifall, und zog ſeinen Degen; ich that das Gleiche, und redete den Schauſpieler auf folgende Weiſe an: „Seht Ihr, Herr Rantor! ich weiß, Ihr beſitzet alle mimiſchen und unheilſtiftenden Talente eines Affen, denn ich habe die Be⸗ merkung gemacht, daß Ihr vieſelben, mehr als einmal, heute Nacht an mir und Andern verſucht habt. Nun möchte ich ſehen, ob Ihr dieſem Thiere auch an Behendigkeit gleich kommet. Ich bitte Euch darum, ohne Verzug über dieſen Degen zu ſpringen.“ Mit dieſen Worten hielt ich ihm denſelben horizontal hin, in einer Entfernung von ungefähr drei Fuß vom Boden, und rief:„Eins — zwei— drei— und hinüber!“ Anſtatt jedoch meinem Ver⸗ langen Folge zu leiſten, ergriff er ſeinen Hut und Hirſchfänger, nahm vie Blicke, Prahlerei und Manier Piſtols an, und brach in folgenden Worten aus;„Ha, muß alſo ich verrichten unrühm⸗ liche Thaten des, im bewachſenen Gebirge ergriffenen, Wälvteu⸗ ſels? Möge der Tod mich im Schlummer zerſchmettern, meine Schmerzenstage abtürzen und mein Haupt in der Furie Schooß legen!— Iſt nicht Irene hier?“ Dieſe Harlekinade entſprach ſeiner Erwartung nicht, denn die Geſellſchaft hatte ſich varauf gefaßt gemacht, ihn einmal in feinem neuen Charakter zu ſehen. Herr Banter bat mich, meinen Degen einen oder zwei Fuß höher zu halten, dämit er um ſo beſſer feint Kunſt zeigen töune. Der Maler ſagte ihm, wenn er ſeine Sache gut mache, ſo wollte er ihn als Voltigeur dem Unternehmer von 3 Savlers Wells empfehlen; währeid Bragwell mit dem Rufe: „Springt in des Königs Namen!“ die Degenſpitze ſo glücktich an 151¹ des Schauſpielers Gefäß brachte, daß derſelbe in einem Augen⸗ blick hinüberſprang, und, da die Thüre offen war, in einem Nu verſchwand, ohne Zweifel ſehr zufrieden damit, mit ſeinem An⸗ theile an der Rechnung ſo wohlfeil davon gekommen zu ſeyn. Es war jetzt beinahe zwei Uhr Morgens, weßhalb wir die Rechnung bezahlten und uns auf die Straße ergoßen. Der Maler ſchlich ſich ohne Abſchied davonz Billy Chatter wurde, weil er we⸗ der ſprechen noch aufrecht ſtehen konnte, in ein Bagno geſchickt; Banter und ich begleiteten Bragwelln in Moll⸗King's Kaffeehaus, wo wir ihn, nachdem er ein halb Dutzend hungriger Huren herum⸗ geſtoßen hatte, ſchlafend auf der Bank liegen ließen, und unſern Weg Charing⸗Croß zu nahmen, in deſſen Nähe wir Beide wohn⸗ ten. Weil die natürliche Trockenheit meines Begleiters durch den Wein in ihr entgegengeſotztes Eytrem übergegangen war, ſo be⸗ ehrte er mich unterwegs mit vielen Complimenten und Freundſchafts⸗ bezeugungen, wofür ich ihm meinen Dank abſtattete, und ſagte, ich fühle mich ſehr glücklich, durch mein Benehmen die ungünſtige WMeinung, welche er beim erſten Anblicke von mir gehabt, beſei⸗ tigt zu ſehen. Ueber dieſe Erklärung ſtutzte er, und bat um eine Erläuterung, worauf ich deſſen erwähnte, was er in Betreff meiner zu Wagtail im Kaffeehauſe geſagt hatte. Er lachte hierauf, und entſchuldigte ſeine Freiheit mit der Verſicherung, daß mein Aus⸗ ſehen ihn ſehr zu meinen Gunſten eingenommen, und er durch feine Worte blos des Doetors feierliche Miene habe parodiren wollen. Dieſe Aufklärung machte mir viel Vergnügen, und ich war auf die gute Meinung dieſes witzigen Kopfs nicht wenig ſtolz, der beim Abſchiede mir die Hand ſchüttelte und das Verſprechen gab, am folgenden Tage in dem Koſthauſe mit mir zufammen zu treffen. 152 Siebenundvierzigſtes Kapitel. Strap erobert das Herz einer Saifenſiederwittwe und ſieht ſich erbaͤrmlich betrogen; ich gehe in die Oper, bringe Melinda'n meine Huldigung dar; Banter warnt mich; ich gehe in die Geſellſchaft nach Hampſtead; tanze mit dieſem jungen Fraͤulein; erhalte eine unverſchämte Botſchaft von Bragwell, deſſen Muth bald gekuͤhlt iſt; ſteige in der Gunſt meiner Ge⸗ liebten, der ich am folgenden Tage einen Beſuch mache, und werde im Kartenſpiel um achtzehn Guineen von ihr geprellt; Strap triumphirt uͤber mein Gluͤck, entſetzt ſich jedoch uͤber meine ſtarken Ausgaben; Banter kömmt in meine Wohnung, ergießt ſich auf meine Unkoſten in Sarkas⸗ men, und borgt, als Beweis ſeiner Freundſchaft, von mir fuͤnf Guineen. Morgens vor dem Aufſtehen kam Strap auf mein Zimmer, huſtete, als er mich erwacht fand, mehremal, kratzte an ſeinem Kopfe, ſchlug die Augen zu Boden, und gab mir mit einer recht lächerlichen und einfältigen Miene zu verſtehen, er habe mir Etwas mitzutheilen.„An Eurem Ausſehen,“ ſprach ich,„merke ich, daß es Etwas Gutes ſeyn muß.“—„Leidlich Gutes,“ erwiederte er kichernd,„nämlich je nachdem das Ende iſt. Ihr müßt wiſſen, daß ich im Sinne habe, meine Lage zu verändern.“—„Wie!“ rief ich voll Erſtaunen,„einen Heirathsplan? O epeellenter Strap! Du biſt mir am Ende vorangeeilt.“—„N— nein, nichts we⸗ niger, als dies, ich verſichere Euch,“ ſagte er und brach in ein ſelbſtgefälliges Gelächter aus,„eine in der Nähe wohnende Talg⸗ lichtkrämerswittwe hat eine Neigung zu mir gefaßt— ein feines artiges Weibchen, ſo fett, wie ein Rebhuhn. Sie beſitzt ein gut eingerichtetes Haus, führt einen lebhaften Handel und hat eine ſchöne Summe an Bagrem. Ich kann ſie haben, wenn ich will. Sie ſagte einem Freunde von mir, einem Bruder Bedienten, ſie würde mich nehmen und wär' ich von Miſt überzogen; ich ver⸗ weigerte jedoch eine beſtimmte Antwort, ehe ich Eure Anſicht hierüber eingeholt habe.“ 153 Ich wünſchte Monſieur d'Eſtrapes zu ſeiner Eroberung Glück, und billigte den Plan, vorausgeſetzt, daß er über ihre Vermögens⸗ verhältniſſe Erkundigung einzöge, gab ihm jedoch den Rath, nicht raſch zu Werke zu gehen, und mir Gelegenheit zu verſchaffen, die Frau zu ſehen, ehe die Sache zum Schluß käme. Er verſicherte mich, nichts ohne meine Einwilligung und Zuſtimmung thun zu wollen, und führte an dem nämlichen Morgen, ſo lange ich beim Frühſtück ſaß, ſeine Inamorata mir vor. Sie war ein kurzes, dickes Weib, ungefähr ſechsunddreißig Jahre alt, und hatte einen eigenthümlichen Vorſprung am Bauche, ein Umſtand, den ich ſo⸗ gleich, nicht ohne zu argwohnen, die Sache müſſe einen Haken ha⸗ ben, in's Auge faßte. Ich bat ſie jedoch, Platz zu nehmen, und reichte ihr ein Schälchen Thee. Das Geſpräch drehte ſich um die guten Eigenſchaften Straps, den ich ihr als ein Wunder von Nüch⸗ ternheit, Fleiß und Rechtlichkeit ſchilderte. Als ſie Abſchied nahm, begleitete er ſie vor die Thüre, und kehrte, ſeine Lippen beleckend, zurück, indem er die Frage an mich richtete, ob es nicht ein leckerer Biſſen wäre. Ich machte aus meinem Verdachte kein Geheimniß, ſondern eröffnete ihm meine Geſinnungen von ihr ohne Rückhalt, worüber er ſich nicht erſtaunt bezeigte, und mir ſagte, er habe daſſelbe Symptom auch bemerkt, ſein Freund habe ihm aber mit⸗ getheilt, dieſe Leibesfülle rühre von der Leberkrankheit her, und nach einigen Monaten ſey ſie ſo ſchmalen Bauches als jemals. „Ja,“ ſagte ich hierauf,„einige Wochen vielleicht werden dazu verhelfen. Kurz! Strap, es iſt meine Anſicht, daß Ihr tüchtig hinter's Licht geführt worden, und daß Euer vorgeblicher Freund nichts anders als ein Schurke iſt, der ſein M. ſch Euch auf⸗ ſchwatzen will, um zugleich der Zudringlichkeiten der Mutter und der Koſten für ihren Bankert loszuwerden. Deshalb möchte ich nicht haben, daß Ihr ſeinem Berichte von ihrem Wohlſtande(einer Sache, welche durch ſein Benehmen nicht erklärbar iſt) unbedingten Glauben ſchenket; eben ſo wenig, daß Ihr unbeſonnenerweiſe 154 Euren Kopf in eine Schlinge ſtecket, um ſpäter ſtatt derſelben des Henkers ſeine Euch an den Hals zu wünſchen.“ Er ſchien über meine Mittheilung ſehr betroffen zu ſeyn, und verſprach, zweimal nachzuſehen, ehe er losginge, indem er etwas hitzig ſagte:„Alle Hagel! wenn ich finde, daß es ſeine Abſicht war, mir eine Naſe zu drehen, ſo wollen wir ſehen, wer von uns am meiſten Haar auf den Zähnen hat.“ Meine Vorausſage beſtätigte ſich in weniger als vierzehn Tagen. Ihr aufgeſchwollener Unterleib entledigte ſich eines Kindes zum) unausſprechlichen Erſtaunen Straps, der Lor dieſem Ereig⸗ niſſe zu glauben ſich verſucht fühlte, ich ſey mit meiner Spürnaſe zu weit gegangen. Sein falſcher Freund machte ſich unſichtbar, und einige Tage darauf wurde auf die Güter und das Hausge⸗ geräthe der Wittwe Beſchlag gelegt, in Folge deſſen ihre Gläubiger von ihrer Habe Beſitz ergriffen. Mittlerweile traf ich in dem Koſthauſe mit meinem Freunde Banter zuſammen, und ging Abends in die Oper mit ihm und Herrn Chatter, der in einer Loge Melinda bemerkte und ſich er⸗ bot, mich ihr vorzuſtellen, mit der Bemerkung, ſie ſey die Königin bes Tags und zehntauſend Pfunde werth. Bei dieſer Nachricht hüpfte mir das Herz im Leibe, und ich nahm mit großer Begierde ven Vorſchlag an. Hierauf gab er mir die Verſicherung, ich ſolle in der nächſten Aſſemblee mit ihr tanzen, ſofern er einigen Einfluß darauf beſitze. Mit diefen Worten ging er hinauf, ſprach einige Minuten lang mit ihr, und deutete, wie ich vermuthete, auf mich. Als er wieder zurück kam, ſo ſagte er mir zu meiner unausſprech⸗ lichen Freude, ich dürfe auf ſein Verſprechen zählen, denn ſie ſey jetzt als meine Tänzerin engagirt. Banter gab mir flüſternd zu verſtehen, ſie ſey eine unverbeſſerliche Coquette, welche jedem jungen Mann in England, der ein hübſches Ausſehen habe, die⸗ ſelbe Gunſt gewähren würde, nur um ihn an ihren Siegeswagen zu ſpannen, und die Zahl ihrer Anbeter täglich zu vergrößern. 155 Sie ſey von kalter und gefühlloſer Gemüthsart, und jeder Leiden⸗ ſchaft, die Eitelkeit ausgenommen, abgeſtorben, zugleich aber ſo blind gegen das Verdienſt, daß er eine Wette einginge, ſie werde am Ende eine Beute des reichſten Dummkopfs. Einem großen Theil dieſer Zuflüſterungen ſchrieb ich dem Hange meines Freundes zur Satyre oder einem Rachgefühl zu, darüber, daß er von der fraglichen Dame eine Abweiſung erhalten habe. Zugleich ſetzte ich in meine Vollkommenheiten ſo blindes Vertrauen, daß ich der Meinung war, kein weibliches Weſen könne dem Feuer meiner Bewerbungen in die Länge widerſtehen. Dieſer Zuverſicht voll begab ich mich nach Hampſtead in Be⸗ gleitung Billy Chatters, Mylord Hobble's und Doctor Wagtails. Dort ſah ich eine ſehr glänzende Geſellſchaft, vor der ich die Ehre hatte, ein Menuet mit Melinda zu tanzen, welche mich durch ihr offenes Weſen und ungekünſteltes Benehmen entzückte. Bevor die Contretänze ihren Anfang nahmen, erhielt ich vurch eine mir unbekannte Perſon eine Botſchaft von Bragwelln, der anweſend war, mit der Weiſung, Riemand, der ihn kenne, dürfe es ſich herausnehmen, mit Melinda zu tanzen, ſo lange er in Perſon da ſey, und ich würde wohl varan thun, ſie in aller Stille zu ver⸗ laſſen, weil er im Sinne habe, einen Conttetanz mit ihr aufzu⸗ führen. Dieſe auffallend klingende Benachrichtigung, welche vor Melinda's Ohren mir überbracht ward, benahm mir nicht im Mindeſten die Faſſung, da ich mit dem Characker meines Neben⸗ buhlers nun Lollkommen vertraut war. Ich hieß veshalb, ohne das minveſte Zeichen von Unrühe zu vetrathen, ven Ueberbringer der Botſchaft Herrn Bragwell fagen, da ich ſo glücklich ſey, die Einwilligung ver Lady zu beſitzen, ſo kümmere ich mich um die ſeinige gar nichts. Zugleich drückte ich gegen den Botſchafter den Wunſch aus, er möchte künftig ähnliche unverſchämte Mittheilungen unterläſſen. Melinda ſtellte ſich gänz verwirrt und verwundert, daß Herr Bragwell ſich ſolche Freiheiten in Betreff ihrer erlaube, 156 da ſie mit dem Menſchen in gar keiner Verbindung ſtehe. Ich benutzte dieſe Gelegenheit, meinen Muth an den Tag zu legen, und erbot mich, ihn wegen ſeines Uebermuths zu züchtigen, ein Vorſchlag, den ſie unter dem Vorwande, ich möchte dabei Schaden nehmen, ablehnte. Doch konnte ich an dem Funkeln ihrer Augen abnehmen, ſie würde ſich nicht beleidigt gefunden haben, wenn ſie die Veranlaſſung eines Duells geworden wäre. Ueber dieſe Ent⸗ deckung war ich durchaus nicht erfreut, denn ſie bewies nicht nur die unentſchuldbarſte Eitelkeit, ſondern auch die herzloſeſte Gleich⸗ gültigkeit. Indeſſen, mich lockte ihr Vermögen, und ich entſchloß mich darum, ihrem Stolze Befriedigung zu gewähren, indem ich ſie zum Gegenſtande eines Zweikampfs zwiſchen mir und Brag⸗ welln machte, von dem ich überzeugt war, er werde die Sache niemals auf den äußerſten Punkt treiben. Während wir mit einander tanzten, bemerkte ich dieſen furcht⸗ baren Nebenbuhler am einen Ende des Zimmers, umgeben von einem Schwarm Stutzer, mit denen er ſich ſehr heftig unterhielt, und mir manchen grimmigen Blick von Zeit zu Zeit zuſandte. Ich errieth den Gegenſtand ſeines Geſprächs, ſchritt, ſobald ich meine Tänzerin an ihren Sitz geführt hatte, auf die Stelle zu, wo er ſtand, ſetzte meinen Hut in ſeiner Gegenwart auf, und frug ihn laut, ob er mir Etwas mitzutheilen habe. Er gab mir mürriſch zur Antwort:„Nichts, vor der Hand, mein Herr!“ und drehte ſich auf ſeinem Abſatze herum.„Gut,“ ſagte ich, „Ihr wißt, wo ich jederzeit zu finden bin.“ Seine Gefährten ſahen einander ſtarr an, und ich kehrte zu dem Fräulein zurück, deſſen Züge bei meiner Annäherung vor Freude ſtrahlten. Un⸗ mittelbar darauf ging ein Flüſtern durch den ganzen Saal, und ſo viele Blicke kehrten ſich mir zu, daß ich vor Scham hätte mögen in den Boden ſinken. Als der Ball aufhörte, begleitete ich ſie an ihre Kutſche, und würde, gleich einem ächten franzöſi⸗ ſchen Liebhaber, hinten aufgeſeſſen ſeyn, um ſie vor Gewaltthätig⸗ 157 keit auf der Straße zu ſchirmen. Sie wies jedoch mein Anerbieten in beſtimmtem Tone zurück, und drückte ihr Bedauern darüber aus, daß es keinen leeren Sitz für mich im Wagen gebe. Am Nachmittage des folgenden Tages machte ich in Beglei⸗ tung Chatters, nach vorgängiger Erlaubniß, ihr meine Aufwartung, und wurde von ihrer Mutter, bei der ſie lebte, ſehr höflich em⸗ pfangen. Es waren viele anſtändig gekleidete Leute zugegen, na⸗ mentlich junge Männer, und ſogleich nach dem Thee wurden ein Paar Spieltiſche aufgeſtellt, an deren einem ich die Ehre hatte, mit Melinda zu ſpielen, welche in weniger, als drei Stunden, mir acht Guineen abgenommen hatte. Ich war gar nicht unzu⸗ frieden damit, etwas Geld mit Anſtand zu verlieren, damit ich Gelegenheit bekäme, ihr unterdeſſen Artigkeiten zu ſagen, welche im Gefolge der Glücksgöttin am willkommenſten ſind. Allein die Redlichkeit ihres Spiels ſtellte mich keineswegs zufrieden, ein Um⸗ ſtand, der mich nicht wenig zurückſchreckte, und meiner guten Mei⸗ nung von ihrer Uneigennützigkeit und ihrem Zartgefühle gewaltigen Eintrag that. Doch entſchloß ich mich, aus dieſem Betragen Vor⸗ theil zu ziehen, und ſie meinerſeits weniger umſtändlich zu behan⸗ deln. Demzufolge rückte ich ihr hart auf den Leib, und machte ihr, da ich ſah, daß ſie an dem ſtarken Weihrauch, den ich ihr ſtreute, großen Gefallen fand, in derſelben Nacht noch eine förm⸗ liche Liebeserklärung. Sie nahm meine Bewerbungen mit großer Heiterkeit auf, und wollte ſie hinwegſcherzen; zugleich aber behan⸗ delte ſie mich mit ſo auffallender Zuvorkommenheit, daß ich über⸗ zeugt war, an ihr eine Eroberung gemacht zu haben, und mich für den glücklichſten Mann unter der Sonne hielt. Im Hochgefühl dieſer ſchmeichelnden Bilder meiner Zukunft ſetzte ich mich nach dem Abendeſſen noch einmal zum Kartenſpiele nieder, und ließ mich, in der fröhlichſten Laune, noch um weitere zehn Guineen ärmer machen. Erſt ſpät verabſchiedete ich mich, nachdem ich mit einer allge⸗ 158 meinen Einladung begünſtigt worden war, und, als ich zu Bette mich begab, hinderten mich die Begebenheiten des Tags am Ein⸗ ſchlafen. Zuweilen ſchmeichelte ich mir mit der Hoffnung, in den Beſitz eines hübſchen Weibes mit zehntauſend Pfunden zu kommen; dann erwog ich in meinem Innern die von Vanter gegebenen Schilderungen ihres Characters, und ſtellte ihn mit den einzelnen Stücken ihres Benehmens gegen mich zuſammen, das mit jenem Gemälde zu ſtarke Aehnlichkeit zu haben ſchien. Darüber verſank ich in düſtere Betrachtungen, wegen meiner gehabten Auslagen, und des geringen Betrags meines Capitals, das überdies nicht mein Eigenthum war. Kurz! ich ſah mich in Zweifel und Ver⸗ legenheiten verwickelt, welche faſt die ganze Nacht hindurch mich wach erhielten. Am Morgen darauf kam Strap, den ich ſeit zwei Tagen nicht mehr geſehen hatte, zu mir mit ſeinem Barbiergeräthe. Ich frug ihn ſogleich, was er von der Dame halte, die er mich nach Hampſfiead habe begleiten ſehen.„Element! ſie iſt ein köſtliches Geſchöpf!“ rief er,„und hat, wie ich höre, Etwas Schönes in die Milch zu brocken. Ich bedaure nur, daß Ihr nicht darauf be⸗ ſtandet, ſie nach Hauſe zu begleiten. Ich darf ſagen, ſie würde Eure Geſellſchaft nicht verſchmäht haben, denn ſie ſcheint ein gut⸗ müthiges Geſchöpf zu ſeyn.“—„Alles hat ſeine Zeit,“ ſprach ich. „Ihr müßt wiſſen, Strap! ich war heute Nacht bis ein Uhr in ihrer Geſellſchaft.“ Nicht ſobald hatte ich dieſe Worte geſprochen, als er im Zimmer herumkapriolirte, mit den Fingern ſchnappte, und entzückt ausrief:„Das Spiel iſt unſer!“ Ich gab ihm zu verſtehen, ſein Triumph ſep etwas voreilig, und die Schwierig⸗ keiten, welche ich zu überwinden habe, ſeyen größer, als er es ſich vorſtelle. Dann erzählte ich ihm die Mittheilung Banters⸗ worauf er die Farbe wechſelte, den Kopf ſchüttelte und die Be⸗ merkung machte, den Weibern ſey nicht zu trauen. Hierauf ſagte ich ihm, ich ſey dennoch entſchloſen, einen kühnen Schritt zu „ 159 thun, obgleich ich vorausſehe, daß er mich in große Ausgaben ſtürzen würde, und hieß ihn die in vergangener Nacht beim Kar⸗ tenſpiel verlorene Summe errathen. Er kratzte ſich am Kinn, be⸗ theuerte ſeinen Abſcheu vor Karten, deren bloßer Name ihm den Angſtſchweiß auspreſſe, weil ihm dann ſogleich der Geldfinder einfalle, und ſprach:„Nun habt Ihr es aber mit Leuten von anderm Schlage zu thun. Wie! ich vermuthe, wenn ihr vergan⸗ gene Nacht habet recht Haar laſſen müſſen, ſo werdet ihr kaum unter zehn oder zwölf Schillingen weggekommen ſeyn.“ Dieſe Einfalt ärgerte mich, da ich mir zugleich einbildete, ſie ſey nur erkünſtelt, um mir wegen meiner Thorheit einen Seitenhieb zu geben. Ich frug ihn deßhalb etwas hitzig, ob er denn glaube, daß ich den Abend in einem Keller mit Sänftenträgern und Gaſ⸗ ſenmenſchern zugebracht habe, und ließ ihn zugleich wiſſen, meine Auslage belaufe ſich auf achtzebn Guineen. Hogarths Pinſel wäre nöthig, Strap's Entſetzen und Be⸗ trübniß über dieſe Nachricht wieder zu geben. Das Becken, worin er den Seifenſchaum ſchlug, glitt ihm aus der Hand, und er blieb eine Zeit lang unverrückt in dieſer komiſchen Stellung mit offenem Munde und weit aus ihrer Höhle hervorgetriebenen Augen. Jevoch gedachte er meines reizbaren Temperaments, und daß ich keinen Widerſpruch vertragen konnte, deßhalb verſchluckte er ſeinen Aerger, und ſuchte ſich wieder zu faſſen. In dieſer Abſicht machte er den Verſuch, zu lachen, allein er brach ſtatt deſſen, weil ſeine Zähne ihm den Dienſt hiezu verſagten, in ein Gewimmer aus, ergriff ſeine Seifenkugel und zinnerne Schüſſel, rieb meinen Bart mit der einen, und entleerte die andere auf mein Geſicht. Ich that, als bemerkte ich ſeinen Zuſtand nicht; erinnerte ihn jedoch, als er ſeine Faſſung wieder erhalten hatte, an ſein Recht, und verſicherte ihn von meiner Bereitwilligkeit, ihm ſein Eigenthum auszuhändigen, wenn er es verlange. Hierüber wurde er böſe, weil er glaubte, ich ſetze ein Mißtrauen in ſeine Freundſchaft, 160 und bat mich, niemals wieder in dieſem Ton mit ihm zu ſprechen, wenn ich nicht ſein Herz brechen wolle. Die unveränverliche Freundſchaft dieſes guten Geſchöpfs er⸗ füllte mich mit den Gefühlen der größten Dankbarkeit, und legte in die Wagſchale meines Entſchluſſes, in den Beſitz eines Vermö⸗ gens zu gelangen, ein großes Gewicht, um ihm meinerſeits mei⸗ nen Edelmuth beweiſen zu können. In dieſer Abſicht beſchloß ich, die Sache mit Melinda zu einem ſchnellen Abſchluſſe zu bringen, da ich wohl wußte, daß noch einige ſolche Nächte, wie die letzte, mich völlig außer Stand ſetzen würden, irgend eine andere vor⸗ theilhafte Liebſchaft zu verfolgen. Während ich mich in Gedanken mit Plänen für mein künftiges Verhalten beſchäftigte, beehrte mich Banter mit einem Beſuche, und frug mich nach dem Frühſtücke, wie ich den vergangenen Abend zugebracht habe. Ich erwiederte, ich hätte mich in einem Privat⸗ hauſe ſehr angenehm unterhalten.„Ja,“ ſprach er mit einem ſarkaſtiſchen Lächeln,„Ihr verdienet Etwas Außerordentliches für den bezahlten Preis.“ Ueber dieſe Einleitung ſtutzte ich, und ſtellte mich, als wüßte ich nicht, was er meine.„Kommt, kommt, Random!“ fuhr er fort,„Ihr braucht mir Nichts zu verſchweigen, was bereits die ganze Stadt weiß. Ich wünſche, jenes tolle Abentener zwiſchen Euch und Bragwell in Hampſtead wäre weniger öffentlich geworden. Alle geſchäftigen Zungen haben ſich in Be⸗ wegung geſetzt, um Euren wahren Charakter und Eure Verhält⸗ niſſe auszuforſchen, und Ihr könnt Euch denken, welche Vermu⸗ thungen auf Eure Koſten aufgeſtellt worden ſind. Die Einen hal⸗ ten Euch für einen verkappten Jeſuiten; die Andern für einen Agenten des Prätendenten; wieder Andere vermuthen in Eurer Perſon einen Glücksjäger, Spieler, weil Niemand von Eurer Fa⸗ milie oder Eurem Vermögen Etwas weiß; eine vierte Partei end⸗ lich iſt der Anſicht, Ihr ſeyd ein iriſcher Glücksritter.“ Dieſe letzte Vermuthung berührte mich ſo nahe, daß ich, um meine Ver⸗ 161 wirrung zu verbergen, ihn unterbrach, und auf die Welt wegen ihres Neides und gemeinen Neugierde loszog, in Folge deren kein ehrlicher Mann mehr unbeläſtigt leben könne. Er nahm von die⸗ ſer Anrede keine Kenntniß, ſondern fuhr fort:„Was mich anbe⸗ langt, ſo weiß ich weder, noch wünſche ich zu wiſſen, wer oder was Ihr ſeyd. Doch bin ich davon überzeugt, daß wenige Men⸗ ſchen aus ihrer Herkunft oder Lage ein Geheimniß machen, wenn ſie irgendwie auf beide ſtolz ſeyn dürfen; und meine eigene An⸗ ſicht von der Sache iſt die, daß Ihr Euch durch Eure Induſtrie aus einer niedrigen Lage zu Euern jetzigen Verhältniſſen empor⸗ geſchwungen habt, und dieſelben durch einen Heirathsplan zu be⸗ haupten ſuchet.“ Hier richtete er feſt ſeine Blicke auf mich, und ſagte mir, als er mich erröthen ſah, nun ſey er ſeiner Meinung gewiß. „Seht Ihr, mein lieber Random!“ ſprach er,„ich habe Euern Plan errathen, und hege die Ueberzeugung, daß er niemals ge⸗ lingen werde. Ihr ſeyd zu ehrlich, und kennt die Stadt zu wenig, um die für Eure Abſichten nothwendigen Ränke auszuüben, und die gegen Euch angezettelten Verſchwörungen zu vereiteln. Ueber⸗ dieß ſeyd Ihr, offen geſtanden, noch blöde— was Teufel! Ihr wollt den Glücksritter ſpielen, ehe Ihr das Gefühl der Scham bemeiſtert habt? Vielleicht berechtigt Euch Euer Verdienſt, und ich glaube es aufrichtig, nach einer reicheren und beſſeren Gattin, als Melinda iſt, zu ſtreben. Nehmet aber mein Wort darauf, ſie iſt auf dieſe Weiſe nicht zu gewinnen, und ſolltet Ihr auch ſo glücklich ſeyn, ſie heimzuführen, ſo könnt Ihr— es bleibe unter uns— mit Tregue ſprechen:„Bei meiner Seligkeit! ich habe einen Verluſt gewonnen!“ Sie würde trefflich dafür Sorge tra⸗ gen, in einem Augenblick Ihr Vermögen zu verſchleudern, und Euch in Kurzem durch ihre Ausſchweifungen die Schwindſucht an den Hals zu ärgern.“ Seine Rede ſetzte mich, während ich den unziemlichen Ton derſelben fühlte, in Unruhe, und ich legte iym mein Mißfallen Smollet's Romane MI. 11 162 davurch an den Tag, daß ich ihm ſagte, er irre ſich in meinen Abſichten, und ich wünſche, daß er mir erlaube, mein Benehmen nach meinem eigenen Gutdünken einzurichten. Er entſchuldigte ſich, daß er ſich dieſe Freiheit gegen mich herausgenommen, ſchrieb ſie der Wärme ſeiner Freundſchaft zu; um mir einen ungewöhnlichen Beweis derſelben zu geben, bat er mich, ihm fünf Guineen zu leihen, mit der Verſicherung, es gebe wenige Leute, welche er ſo weit mit ſeinem Vertrauen beehre. Ich gab ihm das Geld, und geſtand ihm, von ſeiner Aufrichtigkeit ſo ſtarke Ueberzeugung zu haben, daß er keine Gelegenheit mehr habe, ſie wiever auf eine ſo ſtarke Probe zu ſtelen.„Ich hätte,“ ſagte er,„noch weitere fünf Guineen von Euch verlangt; da ich aber vernahm, Ihr ſeyd in vergangener Nacht um achtzehn geprellt worden, ſo dachte ich, Eure Kaſſe möchte erſchöpft ſeyn, und beſchloß, meine Bitte demgemäß einzurichten.“ Ich konnte mich einer Verwunderung über das cavaliermäßige Benehmen dieſes Stutzers nicht enthalten, und frug ihn nach der Urſache ſeines Ausdrucks„geprellt.“ Hierauf gab er mir zu ver⸗ ſtehen, auf dem Wege zu mir ſey er Tom Toſſle begegnet, der geſtern zugegen geweſen, und ihm die Einzelheiten des Abends berichtet habe. Dann habe derſelbe alle Artigkeiten, welche ich Melinda geſagt, wiederholt, womit er die Stadt unterhalten wolle; und unter Anderem ihn verſichert, meine Dame habe mich mit ſo wenig Feinheit betrogen, daß nur ein wahrer Novize es nicht habe bemerken können. Der Gedanke, ein Gegenſtand des Spotts für Gecke zu wer⸗ den, und noch obendrein mein Geld zu verlieren, verwundete mich im Augenblicke tief; voch bekämpfte ich meinen Unwillen, und ſchwor, Niemand ſolle ungeſtraft Melinda's Charakter antaſten, oder mein Benehmen in's Lächerliche ziehen. Hierauf gab er trocken zur Antwort, es heiße den Augiasſtall miſten wollen, wenn ich Jedermann, der auf meine Unkoſten ſich luſtig machte, zu züch⸗ 163 tigen beabſichtigte; und was Melinda's Charakter anlange, ſo ſehe er nicht ein, in wiefern ich unter den ihr zur Laſt gelegten Dingen leiden könne. Unter der vornehmen Klaſſe betrachte man den Betrug beim Kartenſpiel, anſtatt daß er den Charakter an den Pranger ſtelle, vielmehr als einen ehrenvollen Beweis von überlegenem Talent und Gewandtheit. Doch wir wollen dieſen Gegenſtand verlaſſen, ſchloß er, uns auf's Kaffeehaus begeben, und eine kleine Tiſchgeſellſchaft zuſammen zu bringen ſuchen. Achtundvierzigſtes Kapitel. Wir begeben uns in das Kaffeehaus, wo wir einen intereſſanten Streit zwiſchen Wagtail und Medlar anhoͤren, der unſerer Entſcheidung an⸗ heimgeſtellt wird; der Doctor berichtet uͤber ſeinen Verſuch; Medlar wird am Tiſche von Banter gefoppt; der alte Herr ertheilt mir einen Rath. Da ich ſo geneigt war, den Gegenſtand fallen zu laſſen, als er, ihn auf das Tapet zu bringen, ſo begleitete ich ihn dorthin. Wir fanden daſelbſt Herrn Medlar und Doctor Wagtail, welche über das Wort Cuſtard*) ſtritten; dieſer behauptete nämlich, man müſſe dieſes Wort mit einem G ſchreiben, weil es von dem latei⸗ niſchen gustare, ſchmecken, abſtamme, während jener für das C das Wort custom anführte, und die Bemerkung beifügte, nach des Doctors Anſicht müßten wir Pudding in Budding verwandeln, weil es von dem franzöſiſchen Worte boudin abſtamme; warum wir denn in dieſem Falle nicht die urſprüngliche Schreibung und Ausſprache aller Fremdwörter beibehalten hätten, ein Verfahren, *) Cuſtard bedeutet Eierkuchen.(Anm. d. Ueb.) 164 wodurch unſere Sprache ein mißtöniges Gewälſch ohne Selbſt⸗ ſtändigkeit und Eigenthümlichkeit geworden ſeyn würde? Der Streit ward unſerer Entſcheidung anheimgeſtellt, und Banter ent⸗ ſchied gegen ſeine eigene Anſicht die Sache zu Gunſten Wagtails worauf der mürriſche Leibrentner ſich erhob, und mit ſtarker Be⸗ tonung das Wörtchen„Pfui!“ ausſprechend, an einen andern Tiſch ging. Dann frugen wir den Doctor, wie weit er in ſeinem Ver⸗ ſuche, Zunderwaſſer zu deſtilliren, gekommen ſey. Er theilte uns hierauf mit, er ſey in allen Glashütten der Stadt geweſen, habe jedoch Niemand ausfindig gemacht, der ſich dazu verſtehen wollte, eine Retorte zu blaſen, die nur auf den dritten Theil der vorgeſchriebenen Quantität berechnet fey. Er beabſichtige jedoch, den Prozeß blos für die Gewinnung von fünf Tropfen zu ver⸗ ſuchen, was hinreichend ſeyn würde, um mit dem Spezificum Ver⸗ ſuche zu machen, und dann wolle er den Gegenſtand vor das Parlament bringen. Er habe bereits eine große Menge Lumpen angekauft, bei deren Verwandlung in Zunder ihm ein Unglück zugeſtoßen, das ihn zur Verlaſſung ſeiner Wohnung genöthigt. Er habe dieſelben nämlich auf dem Fußboden aufgehäuft, und mit einem Lichte angezündet, in der Vorausſetzung, die Dielen würden keinen Schaden nehmen, weil die Flammen ihrer Natur nach aufwärts ſteigen; allein durch einen ganz außerordentlichen Zufall ſey das Holz ergriffen worden, und habe ſehr heftig zu brennen angefangen. Dieß habe ihn ſo außer Faſſung gebracht, daß er nicht im Stande geweſen, um Hülfe zu rufen, und das ganze Haus wäre ſammt ihm ein Raub der Flammen geworden, wenn nicht der aus den Fenſtern emporſteigende Rauch die Nach⸗ barſchaft in Allarm gebracht, und Leute zur Hülfe herbeigezogen päite. In der Eile der Flucht habe er ein Paar ſchwarze Sammt⸗ hoſen und eine Knotenperrücke verloren, außerdem aber die Lum⸗ pen, welche durch das zur Löſchung der Flammen herbeigebrachte 165 Waſſer verdorben worden ſeyen, und die Herſtellung des Fußbo⸗ dens bezahlen müſſen. Sein Miethsherr aber, welcher ihn für ver⸗ rückt gehalten, ſey darauf beſtanden, daß er unverzüglich das Haus räume, ein Umſtand, der ihn in die größte Verlegenheit geſetzt. Er habe jedoch eine ſehr paſſende Wohnung gefunden, wo er zur Zunderbereitung einen großen gepflaſterten Hof benützen könne. Somit dürfe er hoffen, bald die Früchte ſeiner Arbeit zu ernten. Nachdem wir dem Doctor zu ſeinen Ausſichten Glück ge⸗ wünſcht, und die Zeitung geleſen hatten, begaben wir uns in eine Gemäldeauktion, wo wir uns eine oder zwei Stunden lang die Zeit vertrieben. Von da aus begaben wir uns nach Pall⸗Mall, und gingen nach einer zwei⸗ oder dreimaligen Promenade zum Mittag⸗ eſſen, wobei Banter uns unterwegs die Verſicherung gab, er wolle Medlar über Tiſch zum Narren haben. Wirklich hatten wir uns auch kaum niedergelaſſen, ſo fing dieſer Cyniker ſein Vorhaben auszuführen an, indem er dem alten Herrn ſagte, er habe ein außerordentlich gutes Ausſehen, wenn man bedenke, daß er in ver⸗ gangener Nacht ſo wenig geſchlafen habe. Auf dieſes artige Com⸗ pliment erwiederte Medlar Nichts, ſondern warf einen ſtarren Blick auf ihn, und begleitete denſelben mit einem bedeutungs⸗ vollen Grinſen. Hierauf fuhr Banter fort:„Ich weiß nicht, ſoll ich mehr die Liebenswürdigkeit und Hingebung Eurer Seele oder Eure Körperkraft bewundern. Auf mein Wort! Herr Med⸗ lar, Ihr ſeyd edelmüthig, und verrathet dabei den beſten Geſchmack von der Welt! Ihr dehnet Euer Mitgefühl auf Gegenſtände des praktiſchen Lebens aus, und gebt nur ſolche Erwiederungen, wie Andere dafür empfänglich ſind. Ihr müßt nämlich wiſſen, meine Herren!“ ſprach er, und wandte ſich zu uns Uebrigen,„ich ver⸗ brachte den größten Theil der Nacht bei einem, an einem Fieber darniederliegenden, Freunde, und ging, als ich mich heute früh nach Hauſe begab, zufällig an einem noch offenen Branntwein⸗ laden vorbei, aus dem mir ein verworrenes Gejubel und Gezauchze 166 entgegen ſcholl. Hierauf ſteckte ich meinen Kopf hinein, und was erblickte ich! Herr Medlar tanzte ohne Perrücke mitten unter zehn oder zwölf zerlumpten Gaſſendirnen, die ſich auf ſeine Unkoſten luſtig machten. Aber meiner Tren! Herr Medlar! Ihr ſolltet Eure Geſundheit nicht zum Opfer Eures gemüthlichen Sinnes hingeben. Bedenkt, Ihr werdet von Tag zu Tag älter! Darum tragt Sorge für Eure Geſundheit, die durch ſolche nächtliche Or⸗ gien gewiß Noth leiden muß.“ Hier konnte der alte Sauertopf ſich nimmer bezwingen, und ſchrie mit heftiger Stimme:„Es iſt allgemein anerkannt, daß Eure Zunge Niemand mehr begeifern kann.“ „Ich danke Euch,“ ſprach hierauf der Andere;„Ihr hättet Euch dieſe Bemerkung erſparen können, da Ihr ſehr gut wiſſen müßt, daß meine Zunge Euch öfter ſehr gute Dienſte geleiſtet hat. Ihr werdet Euch noch erinnern, daß damals, als Ihr Euch um die feite Wittwe, welche in Islington eine Schenke hielt, bewar⸗ bet, das Gerücht ging, um Eure Eigenſchaſt als Mann ſtehe es ſehr ſchlecht, weßhalb Ihr, als daſſelbe zu den Ohren Eurer Dame gelangte, ſogleich den Abſchied erhieltet. Ich aber brachte, indem ich Ihr die Verſicherung gab, Ihr laſſet auf dem Lande drei Baſtardkinder, als Zeugen Eurer Kraft, erziehen, dadurch eine Ausſöhnung zu wege. Auf welche Weiſe Ihr nun ſpäter Eure eigene Sache verdarbet, kann ich hier nicht erzählen, da es weder in meinem Berufe, noch in meiner Neigung liegt.“ Dieſe Anekdote, welche lediglich auf Banters eigener Erfin⸗ dung beruhte, verſchaffte Jedermann in der Geſellſchaft höchlichen Genuß, und erbitterte Herrn Medlar über alle Beſchreibung, ſo daß er in mächtigem Zorne aufſprang, und, indem er vergaß, daß ſein Mund voll ſey, die ihm Zunächſifitzenden beſpritzte, wäh⸗ rend er ſeinem Zorne in einem Hagel von Flüchen Luft machte, Bantern einen gemeinen Bengel, einen unverſchämten Maulaffen hieß, und noch hundert ähnliche Beinamen gab, mit der Erklärung 167 gegen die Geſellſchaft, dieſe boshaften Beſchuldigungen ſeyen dieſes Menſchen eigene Erfindungen, weil er ihm kein Geld leihen wolle, um es mit Gaunern und Huren durchzubringen. „Eine höchſt wahrſcheinliche Geſchichte,“ ſprach Banter,„daß ich Geld von einem Manne borgen ſollte, der tauſend Pfiffe an⸗ wenden muß, um es dahin zu bringen, daß ſeine Wochenrente bis Samſtag Nacht ihm ausreicht. Zuweilen ſchläft er vierundzwanzig Stunden lang an Einem fort, wodurch er ſich drei Mahlzeiten und obendrein die Ausgaben für das Kaffeehaus erſpart. Ein anders⸗ mal ſtillt er Mittags ſeinen Appetit mit Brod, Käſe und Dünn⸗ bier, und manchmal ſpeist er in einem Garkeller Ochſenkinnbacken um zwei Pence.“ „Ihr ſeyd ein lügneriſcher Hund!“ ſchrie Medlar in einem Uebermaße von Wuth,„ich kann über genug Geld verfügen, um Eure Schneidersrechnungen zu bezahlen, die gewiß keine Kleinig⸗ keit ausmachen; und ich habe gute Luſt, Euch einen überzeugenden Beweis von meinen Umftänden dadurch zu geben, daß ich Dich, Bube! wegen Verläumdung gerichtlich verfolge!“ Jetzt hatte ſeine Erbitterung ihren Höhepunkt erreicht, da ſie ihm den Appetit raubte, und er ſaß ſchweigend da, ohne einen Biſſen verſchlingen zu können, während ſein Plagegeiſt ſeine Luſt daran hatte, ihn recht in Harniſch zu jagen, und ſeinen Aerger noch vermehrte, als er ihm den Rath gab, wegen des kommenden Faſttags ſich nur brav vollzuſtopfen. Nach dem Mittageſſen begaben wir uns in das zum Kaffee⸗ trinken beſtimmte Zimmer, und Banter, der ſich irgendwo verſagt hatte, ging fort, nachdem er die Hoffnung ausgedrückt hatte, heute Abend Wagtail und mich im Bedſord⸗Kaffeehaus anzutreffen. Er hatie uns kaum den Rücken gewandt, als der alte Herr mich bei Seite nahm, und ſagte, er bedaure, mich auf ſo vertrautem Fuße mit dieſem Menſchen ſtehen zu ſehen, der einer der gemeinſten Wüſtlinge der Stadt ſey, und bereits ein ſchönes Vermögen und — 168 eine feſte Geſundheit an H vergendet habe. Schon mancher junger Mann ſey ſein Opfer dadurch geworden, daß er ihn in liederliche Geſellſchaften eingeführt, und in jeder Art von Aus⸗ ſchweifung ihm das infamſte Vorbild gegeben habe. Wofern ich mich nicht vor ihm in Acht nehme, ſo werde er mich binnen Kur⸗ zem meines Geldes ſowohl, als meines guten Rufs, berauben. Ich dankte ihm für ſeine Mittheilung, und gab ihm das Verſpre⸗ chen, mich darnach zu richten, wobei ich ihm jedoch ſagte, es wäre mir ſehr erwünſcht geweſen, wenn er mich früher davon unterrichtet hätte, denn ich würde dadurch fünf Guineen gerettet haben. Trotz deſſen war ich jedoch ſehr geneigt, Vieles von dieſen Beſchuldigungen Medlars auf Rechnung ſeines Grolls wegen der Freiheiten, welche Banter ſich bei Tiſche gegen ihn herausgenom⸗ men hatte, zu ſchreiben. Ich wandte mich deßhalb, ſo bald ich mich losmachen konnte, an Wagtail, mit der Bitte um ſeine Mei⸗ nung über den in Frage ſtehenden Charakter, entſchloſſen, beider Berichte, ſoweit jeder Partei hiebei war, zuſammen zu ſtellen, und meine Anſicht hiernach feſtzuſtellen, ohne mich ſtreng an jeden einzeln zu halten. Der Doctor gab mir die Verſicherung, Banter ſey ein ganz artiger junger Mann von gebildetem Stande, guter Herkunft und Vermögen; ein gelehrter, geiſtreicher und kritiſcher Kopf, der von der Stadt vollkommene Kenntniß beſitze. Seine Ehre, wie ſein Muth, ſeyen über jeden Zweifel erhaben, ungeach⸗ tet er ſich einige Ausſchweifungen habe zu Schulden kommen laſſen, ſein Hang zur Satyre ihm Feinde zugezogen, und Andere gegen ſeine Bekanntſchaft lau gemacht habe. Aus dieſen verſchiedenen Schilderungen ſetzte ich mir nun Banters Bild ſo weit zuſammen: er ſey ein junger Mann von hellem, aufgewecktem Verſtande, der ſein Vermögen verſchleudert, jedoch noch Kräfte zum Genießen habe, und mit der Welt zerfallen ſey, weil er nicht nach ſeinen Wünſchen über ſie verfügen könnte. Abends begab ich mich in das Bedford⸗Kaffeehaus, wo ich meine 169 Freunde traf; hierauf gingen wir in das Theater, und von da aus in meine Wohnung, wo wir mit der fröhlichſten Laune von der Welt zu Nacht ſpeisten. Neunundvierzigſtes Kapitel. Ich erhalte eine Ausforderung; Folgen derſelben; nach Ausgleichung des Streites werde ich verhaftet, ein Schritt, den Straps Beſorgniß und Liebe zu mir veranlaßt, ich erhalte aber nach Auseinanderſetzung der Sache ſogleich wieder meine Freiheit; das Benehmen Herrn Oregan's und ſeiner zwei Freunde; ich beſuche Melinda, und unterhalte ſie mit der Erzählung des Duells; mache ihr einen Heirathsantrag; ſie ſtellt die Entſcheidung ihrer Mutter anheim, bei der ich foͤrmlich um die Hand ihrer Tochter anhalte; das Benehmen der alten Dames ich erhalte eine abſchlagige Antwort; raͤche mich fuͤr die Abweiſung. Als ich am folgenden Tage im Begriffe ſtand, auszugehen⸗ ſo brachte mir Strap einen Brief mit der Adreſſe:„An Herrn Random Esgre.“ der, als ich ihn geöffnet hatte, eine Ausfor⸗ derung enthielt, in folgenden ſonderbaren Ausdrücken: „Mein Herr! Da ich in Erfahrung bringe, daß Ihr der Miß Melinda Gooſetrap Eure Liebe ſchenket, ſo diene dieß Euch zur Nachricht, daß ſie mit mir verſprochen iſt, und daß ich gegen⸗ wärtig Euch hinter dem Montaguehauſe mit einem Poare guter Piſtolen in der Hand erwarte. Dort will ich, wofern 2br meiner Aufforderung Folge leiſtet, Eurer Zunge, wenn das Leber Furen Körper verlaſſen, das Geſtändniß erpreſſen, daß Ihr jenes Fräu⸗ lein weniger verdient, als der Eurige Rourk Oregan.“ Aus dem Style und der Ueberſchrift dieſes Billets ſchloß ich, daß mein Gegner ein ächter Mileſier ſeyn müſſe, worüber ich 170 nicht wenig in Angſt gerieth; namentlich ſetzte mich derjenige Theil ſeines Schreibens in Unruhe, worin er auf ſein von meiner Dame erhaltenes Eheverſprechen ſich berief, ein Umſtand, den ich mit ihrem geſunden Menſchenverſtande und Scharfſinne nicht zuſammen zu reimen vermochte. Indeſſen durfte ich auf keine Weiſe die Aus⸗ forderung ablehnen, da der günſtige Erfolg meiner Bewerbungen großentheils von meinem Benehmen in dieſer Ehrenſache abhing. Ich lud deßhalb ungeſäumt meine Piſtolen, und begab mich in einer Miethkutſche auf den bezeichneten platz, wo ich einen langen hageren Mann mit ſtrengen und harten Geſichtszügen und einem ſchwarzen buſchigten Barte antraf. Er ging einſam auf und ab, und hatte ſich in einen ſchäbigen großen Rock eingehüllt, über welchen ſein in einen ledernen Zopf geſtecktes Haar herabhing. Sein Kopf bedeckte ein ſchmieriger und mit abgebleichten Treſſen gezierter Hut. Als er mich herankommen ſah, zog er eine Piſtole aus dem Buſen, zielte auf mich und drückte ab, ohne weitere Vorrede. Ueber dieſen rauhen Gruß ſtutzig, ſtand ich ſtill, und feuerte, ehe er ſein zweites Stück anlegen konnte, mit einer der meinigen nach ihm, ohne ihn jedoch zu verletzen. Jetzt war er mit ſeiner zweiten fertig, die in der Pfanne blitzte, ohne loszu⸗ gehen. Hierauf rief er mit ächtem Tipperarv⸗Accente:„Feuer weg, Bruder!“ und begann mit großer Kaltblütigkeit ſeinen Stein zu klopfen. Doch ich war feſt entſchloſſen, den Vortheil, welchen das Schickſal mir über ihn gegeben hatte, zu benutzen, und ſchritt deßhalb auf ihn zu, ohne mein Feuer wegzuwerfen, ihn auffor⸗ dernd, entweder um ſein Leben zu bitten, oder ſich auf die Reiſe in das Jenſeits vorzubereiten. Doch der hartnäckige Irländer wies dieſe Erniedrigung zurück, und veklagte ſich bitter darüber, daß ich meinen Standort verlaſſen, ehe er meinen Schuß habe er⸗ wiedern können, indem er verlangte, ich ſolle an meinen Platz zurückgehen, und ihm gleiche Vortheile mit mir einräumen. Ich ſuchte ihn zu überzeugen, daß ich ihm bereits einen doppelten — 171 Vortheil eingeräumt habe, und es nun an mir ſey, ihn von einem dritten Schuſſe abzuhalten. Weil ich jedoch jetzt eine günſtige Gelegenheit dazu hatte, ſo verlangte ich zugleich eine Unterredung mit ihm, und wünſchte zu wiſſen, wer er ſey und was ihn be⸗ wogen, mich herauszufordern, da ich nach meinem beſten Wiſſen ihm niemals ein Unrecht zugefügt, noch ihn überhaupt vorher je geſehen habe. Hierauf ſagte er mir, er ſey ein Gentleman, der ein ſchönes Vermögen gehabt, und es aufgebraucht habe; und, da er gehört, Melinda ſey eine Partie von zehntauſend Pfunden, ſo ſey ihm der Plan zu Kopfe geſtiegen, ſich zum Herrn dieſer Summe durch Verheirathung mit ihr zu machen. Er ſey darum entſchloſſen, Jedem, der zwiſchen ihn und ſeinen Hoffnungen ſich ſtelle, den Hals zu brechen. Hierauf frug ich ihn, worauf er feine Hoffnungen begründe; denn, nun ich ſeiner anſichtig geworden, müſſe ich mich mehr und mehr über das Eheverſprechen wundern, und wünſche deßhalb, dieſes Dunkel mir aufgehellt zu ſehen. Er gab mir zu verſtehen, daß er ſich ganz auf ſeine Geburt und ſein perſönliches Verdienſt dabei verlaſſe; er habe öfters an Melinda geſchrieben, und ihr ſeine Anſprüche und Rechte auseinander geſetzt, ſie habe ihn aber niemals mit einer Antwort beglückt, oder ihn nur vor ſich ge⸗ laſſen. Das in ſeinem Schreiben erwähnte Verſprechen rühre von ſeinem Freunde Herrn Gahagan her, der ihn verſichert, kein weib⸗ liches Herz könne einem Manne von ſeinem Ausſehen widerſtehen. Ich konnte mich eines Lachens bei der Einfalt meines Nebenbuh⸗ lers nicht enthalten, der jedoch meinen Scherz durchaus nicht ver⸗ ſtehen wollte, ſondern im Gegentheile ein ſehr ernſthaftes Geſicht dazu machte, worauf ich ihn zu beſchwichtigen ſuchte, indem ich ihm mein Ehrenwort gab, daß ich weit entfernt, ſeinen Bewer⸗ bungen um das Fräulein im Wege ſtehen zu wollen, ſeine Perſon ihr in dem günſtigſten Lichte, ſo weit es nämlich mit der Wahr⸗ heit ſich vertrüge, zu ſchildern mich verpflichte. Jedoch dürfe er, 172 wenn ſie gegen ſeine Vorzüge blind ſey, nicht darüber erſtaunen, denn Richts ſey launenhafter, als das weibliche Gemüth, und die Zuneigung dieſes Geſchlechts erkaufe man ſelten allein durch das Verdienſt. Damit meine Erklärung um ſo beſſere Wirkung thäte, warf ich einen Blick auf ſeine zerlumpte Kleidung, drückte ihm meine Theilnahme aus, einen Mann von Bildung ſo herabge⸗ kommen zu ſehen, und ließ zwei Guineen in ſeine Hand gleiten, hei deren Anblick er ſeine Piſtolen wegwarf, mich in ſeine Arme ſchloß und ausrief:„Ach, du mein Gott! Ihr ſeyd der beſte Freund, den ich in dieſen ſieben langen Jahren gefunden habe!“ Als er mich einige Minuten lang umhalst hatte, ſo ließ er mich fahren, hob ſeine roſtigen Waffen auf, und ſchwur, der Teufel ſolle ihn röſten, wenn er jemals wieder mir um irgend eines Weib⸗ ſen willen Beläſtigungen verurſache. Nach ſolcher freundſchaftlichen Beilegung des Streits bat ich um Erlaubniß, ſeine Piſtolen zu beſehen, die ich in ſo zerbrech⸗ lichem und unſauberm Zuſtande fand, daß ich es als ein Glück für ihn anſah, daß keine losgegangen war; denn die eine derſelben würde beim Losgehen aller Wahrſcheinlichteit nach in Stücken zer⸗ ſchmettert worden ſeyn, und er bei der Eyploſion eine Hand ein⸗ gebüßt haben. Was mir aber die beſte Idee von des Mannes Charakter gab, war der Umſtand, daß ich bei näherer Unterſu⸗ chung fand, die eine der Piſtolen habe wohl ihre Vorladung, aber kein Pulver auf der Pfanne, die zweite aber dieſes, jedoch keine Vorladung. Während wir miteinander nach Hauſe gingen, drückte ich mein Verlangen aus, die Geſchichte meines neuen Freundes zu vernehmen. Das, was er mir hierauf erzählte, iſt Folgendes: Er hatte in dem deutſchen Heere gegen die Türken als Freiwilliger gedient, wegen ſeiner Tapferkeit bei der Belagerung von Belgrad die Auszeichnung als Fähndrich und ſpäter das Beförderungspatent als Lieutenant erhalten. In dieſer Stellung widerfuhr ihm das 173 Mißgeſchick, ſeinen Hauptmann zu beleidigen, der ihn ſofort zum Zweikampfe forderte und darin fiel. In Folge dieſes Ereigniſſes ſah er ſich genöthigt, die Flucht zu ergreifen, und begab ſich nach England, wo er ſeit einigen Jahren durch ſeine Freunde wegen einer Verſorgung in der britiſchen Armee anſuchen ließ. Da er aber, fuhr er fort, keinen Erfolg davon gehabt, ſo habe Herr Gahagan ihm eine Heirath vorgeſchlagen, um ſein Glück durch eine vortheilhafte Partie zu begründen. In Folge dieſes Rathes habe er ſich an Melinda gemacht, und, als er von einem iriſchen Bedienten der Familie vernommen, ich ſtehe am meiſten in ihrer Gunſt, mich herausgefordert, um durch meinen Tod das größte Hinderniß ſeiner Wünſche zu beſeitigen. Da er aber jetzt von meiner Ehrenhaftigkeit und meinem Edelmuthe über⸗ zeugt ſey, ſo ſchwöre er bei der heiligen Jungfrau, nicht mehr an Melinda zu denken, ſo lange es noch andere Weiber auf Erden gäbe. Um von ſeiner Aufrichtigkeit, woran ich nicht im mindeſten zweifelte, einen noch ſtärkeren Beweis zu geben, öffnete er eine alte eiſerne Tabacksdoſe und zog ſeine Beſtallung als kaiſerlicher Lieutenant nebſt ſeines Hauptmanns Ausforderung heraus, Ge⸗ genſtände, die er als Belege für ſeinen Character aufbewahrte. Ich war von dieſes armen Mannes Eprlichkeit und Muth ſorſehr überzeugt, daß ich mir vornahm, mit einigen meiner Bekannten zu ſeinen Gunſten zu ſprechen, welche ſeine Sache der Berückſich⸗ tigung der Machthaber empfehlen könnten, inzwiſchen aber ihn mit einigen Kleidungsſtücken zu verſehen, damit er ein beſſeres Ausſehen gewänne, und in Stand geſetzt würde, ſeine Bitten per⸗ ſönlich zu erneuern. Als wir dergeſtalt, in gemüthlicher Unterhaltung begriffen, un⸗ ſeres Wegs gingen, ſtießen wir auf eine Abtheilung Musketiere mit Strap an ihrer Spitze, der kaum unſer anſichtig ward, als er mit raſender Stimme ſchrie:„Ergreift ſie! in des Himmels Namen, ergreift ſie!“ Hierauf ſahen wir uns ſogleich umringt, 174 und ich ward von dem Corporal, der das Commando führte, ver⸗ haftet, während Capitän Oregan durchſchlüpfte, und mit ſolcher Schnelligkeit nach der Straße von Tottenham⸗Court rannte, daß er im Nu uns aus dem Geſichte war. Als ich meine Waffen ausgeliefert hatte und feſtgenommen war, ſo wurde Strap etwas ruhiger, und bat wegen der Freiheit, die er ſich herausgenommen, um Entſchuldigung, der ich, wie er hoffe, Verzeihung werde ange⸗ deihen laſſen, da ſie allein in ſeiner Zuneigung zu mir ihren Grund habe. Hierauf ließ er mich wiſſen, er habe Verdacht ge⸗ ſchöpft, der Brief(den, nebenbei geſagt, der Verfaſſer ſelbſt über⸗ bracht hatte) möchte Etwas Außerordentliches enthalten, durch das Schlüſſelloch geguckt, und mich meine Piſtolen laden ſehen. Dies habe ihn bewogen, nach Whitehall zu rennen, und den wachhaben⸗ den Officier um einige Mannſchaft zu bitten, um mich zu ver⸗ haften, allein vor ſeiner Rückkunft ſey ich bereits abgefahren ge⸗ weſen. Hierauf habe er nach der von mir eingeſchlagenen Rich⸗ tung geſragt, und, als er vernommen, die Duelle würden gewöhn⸗ lich hinter dem Montaguehauſe ausgefochten, die Wache dahin ge⸗ führt, wo er, Gott ſey's gedankt! mich geſund und friſch ange⸗ troffen. Ich gab ihm zu verſtehen, daß ich ihm für diesmal ſeine freundſchaftliche Theilnahme vergäbe, warnte ihn jedoch in ziem⸗ lich ſtrengen Ausdrücken, mich ferner zum Gegenſtande müßiger Unterhaltung zu machen. Darauf wandte ich mich zu dem Cor⸗ poral, dankte ihm für ſeine Bemühungen, und gab ihm und ſeinen Leuten eine Krone zum Vertrinken, mit der Verſicherung, das Duell ſey vor ſeiner Ankunft längſt vorüber und Alles beigelegt geweſen, wie er es aus unſerem gegenſeitigen Venehmen habe er⸗ ſehen können; wenn er ſich durch den Augenſchein überzeugen wolle, daß die eine meiner Piſtolen nicht mehr geladen ſey. Jedoch dieſe höfliche Perſon nahm, ohne ſich oder mir fernere Mühe zu machen, die Gabe mit tauſend Bücklingen und Dankbezeugungen an, hän⸗ digte mir meine Piſtole wieder ein, und ließ mich ohne Verzug frei. 175 Er war noch nicht hundert Schritte weit entfernt, als mein Freund Oregan zu meiner Befreiung mit zwei lumpigt ausſehen⸗ den Geſellen herbeikam, die er zu dieſem Behufe in den Umge⸗ bungen von St. Giles aufgefangen hatte. Der Eine derſelben war mit eine Muskete ohne Schloß, und der Andere mit einem roſtigen Haudegen bewaffnet; jedoch ihr Anzug ging über alle Be⸗ ſchreibung. Als er vernahm, ich ſey bereits frei, ſo entſchuldigte er ſich wegen ſeiner jählingen Flucht, und ſtellte mich ſeinen Be⸗ gleitern vor, zuerſt den Rechtspraktikus Fitzelabber, der, wie er mir ſagte, ſich mit der Zuſammentragung einer Geſchichte der Kö⸗ nige von Münſter aus iriſchen Handſchriften beſchäftigte, und hierauf ſeinem Freunde Herrn Gahagan, der ein tiefer Philoſoph und Staatsmann ſey, und manchen trefflichen Plan zum Beſten ſeines Landes entworfen habe. Doch ſah es aus, als ob dieſe gelehrten Männer für ihre geiſtreichen Bemühungen nur ſchlechte Belohnung empfangen hätten, denn beide beſaßen nur ein Hemde und ein halbes Paar Hoſen gemeinſchaftlich. Ich ſtattete ihnen meinen höflichen Dank für ihre Bereitwillgkeit, mir beizuſtehen, ab, bot ihnen meinerſeits meine Dienſte an, wünſchte ihnen einen gu⸗ ten Morgen und erſuchte Oregan, mir in meine Wohnung zu folgen, wo ich ihn aus meiner Garderobe mit anſtändigen Kleidern verſah, und ihn dadurch ſo glücklich machte, daß er mir ewige Dankbarkeit und Freundſchaft ſchwur, und auf meine Bitte alle Begebenheiten ſeines Lebens erzählte. Nachmittags wartete ich Melinda auf, die mich mit großer Güte und Vertraulichkeit empfing, und über mein Abenteuer mit dem Irländer herzlich lachte, deſſen Wünſchen ſie nicht fremd war, denn er hatte ihr mehr als ein Duzend Liebesbriefe überſandt, die ſie mir zu meiner Unterhaltung alle zum Durchleſen gab. Als wir uns auf Unkoſten dieſes armen Anbeters herzlich luſtig gemacht hatten, benutzte ich eine Gelegenheit, wo ihre Mutter das Zimmer verlaſſen hatte, um ihr meine Leidenſchaft mit allem Feuer und 176 Redeſchwung, deſſen ich nur fähig war, an das Herz zu legen. Ich ſchmeichelte, ſeufzte, ſchwor, bat und beging tauſend Tollheiten, um auf ihr Herz Eindruck zu machen; doch ſie hörte Alles, was ich ſagte, an, ohne die geringſte Bewegung zu verrathen, und, ehe ſie ſich ernſtlich ausſprechen konnte, traten andere Leute in das Zimmer. Nach dem Thee wurden, wie gewöhnlich, die Karten herbeigebracht, und mein gutes Glück gab mir Melinda zur Spiel⸗ genoſfin: denn, anſiatt zu verlieren, gewann ich fünf Guineen. Bald wurde ich mit vielen vornehmen Leuten bekannt, und verbrachte meine Zeit in den durch die Mode geheiligten Unter⸗ haltungsplätzen der Stadt, als Theater, Opern, Maskenbällen, Abendgeſellſchaften, Aſſembleen und Marionettenſpielen; meiſtens in Geſellſchaft mit Melinda, um deren Gunſt ich mit derjenigen, zur Entſcheidung drängenden, Heftigkeit und geiſtigen Gewandt⸗ heit buhlte, wozu ich durch meine geringen Ausſichten angefeuert, und durch meine Erziehung berechtigt ward. Ich ſchonte weder mich noch mein Geld, um ihre Eitelkeit und ihren Stolz zu be⸗ friedigen. Meine Nebenbuhler wurden eingeſchüchtert, ja, ſogar ausgeſtochen, und bei Allem dem begann ich dennoch zu fürchten, der Gegenſtand meiner Anbetung möchte kein Herz zu verlieren haben. Endlich ſah ich mich nicht mehr im Stande, die Ausgaben für dieſe Liebſchaft länger zu ertragen, und beſchloß deshalb die Sache zu einer Entſcheidung zu bringen. Als wir nämlich eines Abends bei einander ſaßen, beklagte ich mich über ihre Gleichgül⸗ tigkeit, beſchrieb die Qualen der Ungewißheit, unter welchen ein liebekrankes Herz leide, und drang mit ſolchem Ernſte in ſie, mir ihre Geſinnungen gegen mich und über meinen Heirathsantrag zu enthüllen, daß ihr trotz aller ihrer Ränke kein Ausweg mehr übrig blieb, ſondern ſie ſich genöthigt ſah, es zu einer Erklärung kommen zu laſſen. Sie ſagte mir daher mit ſorglofer Miene, ſie habe gegen meine Perſon Nichts einzuwenden, und, wenn ich ihre Mutter in ſonſtiger Hinſicht zufrieden ſtellen könne, ſo ſolle ich ſie 177 der Verbindung mit mir nicht abgeneigt finden; ſie ſey jedoch ent⸗ ſchloſſen, in einer ſo wichtigen Angelegenheit Nichts ohne den Rath und die Einwilligung ihrer Mutter vorzunehmen. Dies war keine angenehme Nachricht für mich, deſſen Abſicht geweſen war, zuerſt ihre Neigung zu gewinnen und ſodann meine Eroberung durch eine geheime Heirath zu ſichern, wogegen ſie, wie ich mir ſchmei⸗ chelte, keinen Einwand erheben würde. Um jedoch meine Sache nicht aufzugeben, ehe alle Hoffnung geſchwunden ſey, wartete ich ihrer Mutter auf, und hielt mit großer Förmlichkeit um ihrer Tochter Hand bei ihr an. Die gute Dame, welche ſehr viel an⸗ ſehnliche Lebensart beſaß, benahm ſich mit großer Würde und Höflichkeit, dankte mir für die Ehre, welche ich ihrer Familie an⸗ thun wolle, und bemerkte, ſie zweifle nicht, daß ich alle Eigen⸗ ſchaften beſitze, um eine Frau glücklich zu machen; allein es er⸗ heiſche ihre Pflicht, als einer, um das Wohl ihrer Tochter ängſtlich beſorgten Mutter, nach meinen Glücksumſtänden ſich zu erkundigen, und zu wiſſen, was ich ihrem Kinde zu bieten habe. Auf dieſe Mittheilung, die mich, hätte ich ſie nicht vorhergeſehen, meiner Faſſung gänzlich beraubt haben würde, gab ich, ohne mich weiter zu beſinnen, ihr zur Antwort, ich ſey ein Gentleman von Geburt und Erziehung, werde ihre Tochter ihrem Stand gemäß behan⸗ deln, und ihr Beigebrachtes ihr und ihren Erben auf immer aus⸗ ſetzen. Dieſe vorſichtige Matrone ſchien an meinem Vorſchlage keinen ſonderlichen Gefallen zu finden, ſondern bemerkte mit kalter und abgemeſſener Miene, es ſey durchaus nicht meine Sache, ih⸗ rem Kinde ſein Beigebrachtes zu verſchreiben, wenn ich jedoch da⸗ mit einderſtanden ſey, ſo ſolle ihr Rechtsanwalt mit mir über die Sache Unterhandlung pflegen; inzwiſchen aber bitte ſie mich um Durchſicht meines Zinsbuchs. Ungeachtet ich wie auf brennenden Kohlen ſtand, ſo konnte ich mich doch nicht bezwingen, ihr bei Er⸗ wähnung meines Zinsbuchs, das wie ein ſehr derber Spott auf meine Anſprüche klang, in's Geſicht zu lachen. Ich geſtand offen, Smollet's Romane. MI. 12 178 vaß ich keine liegenden Gründe heſitze, und bemerkte ihr, ich könne die Summe, über die ich gebiete, nicht genau angeben, bis ich meine Angelegenheiten, die gegenwärtig in einiger Unordnung ſehen, in die rechte Verfaſſung gebracht hätte, allein ich werde Gelegenheit haben, ſie über dieſen Punkt ſehr bald zufrieden zu ſtellen. Bald darauf verabſchiedete ich mich, und kehrte in einer ſehr melancholiſchen Stimmung nach Hauſe zurück, mit der Ueberzeu⸗ gung, daß ich von dieſer Seite her nichts mehr zu hoffen habe. Darin wurde ich am folgenden Tage beſtärkt, als ich mich noch einmal hinbegab, um mich gegen die alte Dame vollſtändiger zu erklären; denn der Bediente ſagte mir, ſeine Gebieterinnen be⸗ fänden ſich auswärts, obwohl ich Melinda durch die Jalouſien des Beſuchszimmers bemerkt hatte, während ich auf die Thüre zuge⸗ gangen war. Ueber dieſe Beleidigung erbittert, kehrte ich, ohne ein Wort zu ſprechen, an der Thüre um, machte, als ich an dem Beſuchzimmer wieder vorbeiging, der Miß meine Verbeugung, die noch in derſelben Stellung verharrte, unſtreitig in der Meinung, ſie ſey von mir nicht bemerkt worden. Dieſer verfehlte Plan machte mich mehr um Straps, als meinetwillen, bekümmert, denn ich ſtand nicht in Gefahr, aus Liebe zu Melinda zu ſterben; im Gegentheil war die Erinnerung an meine reizende Narciſſa meinem Gewiſſen ein beſtändiger Stachel, ſo lange dieſe Bewerbungsgeſchichte dauerte, und vielleicht trug ſie zu dem ſchlimmen Ausgange meiner Pläne dadurch bei, daß ſie mich kälter in meinen Bewerbungen machte, und meinen Ge⸗ danken zuweilen eine andere Richtung gab. Ich ſah die Noth⸗ wendigkeit ein, meinem Freunde den ganzen Vorfall mitzutheilen, und erfüllte dieſe Pflicht in einem leidenſchaftlichen Ausbruche, indem ich ſchwor, nicht länger mehr ſeinen Packeſel machen zu wollen, und ihn erſuchte, die Leitung ſeiner Angelegenheiten nun ſelbſt zu übernehmen. Dieſe Liſt hatte den gewünſchten Erfolg; denn anſtatt über mein Mißgeſchick zu murren, erſchrack Strap 179 über meinen erkünſtelten Zorn, und bat mich, um Gotteswillen ruhig zu ſeyn, mit der Bemerkung, ungeachtet wir großen Verluſt erlitten hätten, ſo ſey derſelbe doch nicht unerſetzlich; und wenn die Glücksgöttin heute ein böſes Geſicht mache, ſo können ſich viel⸗ leicht morgen die Falten ihres Geſichts wieder glätten. Ich nahm die Miene an, als ob ich mich bei ſeinen Bemerkungen zufrieden gäbe, pries ſeinen Gleichmuth, und verſprach, mein Unglück wie⸗ der gut zu machen. Er dagegen gab vor, mit meinem Benehmen ganz zufrieden zu ſeyn, und beſchwor mich, den Eingebungen mei⸗ nes eigenen Verſtandes zu folgen. Allein durch alle dieſe Redensar⸗ ten hindurch ſchimmerte die Herabſtimmung und der Mißmuth ſeines Innern, und ſein Geſicht wurde von dieſem Tage an merklich länger. Fünfzigſtes Kapitel. Ich wuͤnſche, mich an Melinda zu rächen; gehe Banter'n um ſeinen Bei⸗ ſtand an; er entwirft zu dieſem Zwecke einen Plan, der mit guͤnſtigem Erfolge ausgefuͤhrt wird; ich mache einen Angriff auf das Herz der Miß Gripewell; ſehe mich jedoch in meinen Erwartungen getaͤuſcht; ich werde daruͤber melancholiſch, und nehme zur Flaſche meine Zuflucht; ich erhalte ein Billet⸗Dour; gerathe in Entzuͤcken uͤber ſeinen Inhalt; ſehe mich in eine Intrigue verwickelt, von der ich glaubte, daß mein Gluͤck dadurch begruͤndet wuͤrde; meine Enttaͤuſchung ſchlägt mich nieder, und vertreibt mir ieden Heirathsgedanken. Unterdeſſen beſchäftigten mein Denken zwei Dinge vornehm⸗ lich, eine andere Geliebte mir zu ſuchen, und Rache an Melinda zu nehmen. In beiderlei Entwürfen ward ich wirkſam unter⸗ ſtützt von Billy Chatter, der bei den Damen ſich unentbehrlich ge⸗ macht hatte, daß er in allen Kränzchen ihnen die Herren aus⸗ wählte. An ihn wandte ich mich deßhalb, und bat ihn, mich in⸗ der nächſten Privat⸗Aſſemblee um eines Spaſſes willen, deſſen Bedeutung ich ihm ſpäter mittheilen wolle, eine Tänzerin von Be⸗ deutung vorzuführen. Billy, welcher Etwas von einem Zerwürf⸗ 180 niſſe zwiſchen Melinda und mir gehört hatte, errieth ſogleich einen Theil meiner Abſicht, und da er vermuthete, ich wünſche Nichts, als ihre Eiferſucht ein wenig rege zu machen, ſo verſprach er, mei⸗ nen Wunſch mir zu gewähren, und mich einer dreißigtauſend Pfund werthen Tänzerin zuzuführen, welche ſeit Kurzem von den Damen dieſes Stadtiertels unter ihre beſondere Obhut und Leitung ge⸗ nommen worden. Nach weiteren Fragen ſagte er mir, ſie heiße Miß Biddy Gripewell; ihr Vater, ein Pfandausleiher, ſey geſtor⸗ ben, ohne ein Teſtament zu hinterlaſſen, ein Umſtand, durch wel⸗ chen ſeine Tochter die Univerſalerbin geworden; der Vater habe ſie dermaßen hintangeſetzt, daß ſie, wie er ſeiner Habſucht ſo weit Herr geworden ſeyn würde, um die Koſten eines Teſtaments zu bezahlen, nicht ein Sechstel ſeiner Hinterlaſſenſchaft geerbt haben würde. Bei Lebzeiten ihres Vaters habe ſie, weit entfernt, eine ihren Ausſichten angemeſſene Erziehung zu erhalten, wie eine Kü⸗ chenmagd leben und die gemeinſten Haushaltungsdienſte verſehen müſſen; kaum ſey jedoch ſein Leichenbegängniß vorüber geweſen, ſo habe ſie die Rolle der großen Dame übernommen, und hierauf hätten ſich ſo viele Leute beiverlei Geſchlechts eingefunden, um ihr zu ſchmeicheln, zu huldigen und Anleitung zu geben, daß ſie aus Mangel an Ueberlegung und Erfahrung unerträglich eitel und an⸗ maſſend geworden und nichts Geringeres verlangt habe, als einen Herzog, oder mindeſtens einen Grafen zum Gemahl zu bekommen. Zu ihrem Unglücke habe der engliſche Adel ſie gänzlich überſehen, und nur ein armer ſchottiſcher Lord ſuche wirklich eine Bekannt⸗ ſchaft mit ihr anzuknüpfen. Mittlerweile ſey ſie in die Hände einer bokannten Lady gefallen welche bereits zu Gunſten eines entfern⸗ ten Verwandten Ihrer Herrlichkeit, eines Infanterie⸗Lieutenants, über ſie verfügt habe, ungeachtet die Miß von der Sache noch nichts wiſſe. Kurz! wenn ich mit ihr tanzen wolle, fo müſſe ich ihm geſtatten, mich wenigſtens als einen Ritter oder einen fremden Graſen ihr vorzuſtellen. Ueber vieſe Aufſchlüſſe war ich entzückt, 181 und erlaubte ihm, für Eine Nacht mir die Rolle eines franzöſiſchen Marquis zu geben, um deſto eher meine Rache zu ſättigen. Nach dieſer, mit Chatter getroffenen Verabredung begab ich mich in Banter's Wohnung, da ich von deſſen Scharfſinne und Menſchenkenntniß eine hohe Meinung gefaßt hatte, theilte ihm un⸗ ter dem Siegel der Verſchwiegenheit den ganzen Vorfall meines Zerwürfniſſes mit Melinda, nebſt den, von mir zur Demüthigung dieſer ſpröden Coquette entworfenen Plan mit, und bat ihn um ſeinen Rath und Beiſtand zur möglichen Verbeſſerung und Aus⸗ führung meines Entwurfs. Nichts konnte dieſem menſchenfreund⸗ lichen Gemüthe erwünſchter ſeyn, als eine Erzählung ihres Beneh⸗ mens und meiner Rache. Er gab meinem Entſchluſſe Beifall, und ſchlug mir vor, nicht nur mir eine, meinen Umſtänden zuſagende Tänzerin, ſondern auch der Miß Gooſetrap einen ſolchen Tänzer zu verſchaffen, daß ſie unfehlbar die Zielſcheibe des Spotts aller ihrer Bekannten würde. Hiezu ſchlug er mir ſeinen Barbier vor, einen, wie er ſagte, gewaltigen Haſenfuß, der vor Kurzem aus Paris zurückgekommen ſey, und deſſen lächerliche Geziertheit und Nachäfferei bei ihr für geiſtreiche Feinheit eines, durch Reiſen ge⸗ bildeten, Gentleman gelten würde. Ich umhalste ihn für dieſen Fingerzeig, und er gab mir die Verſicherung, es würde gar nicht ſchwer ſeyn, ihm die Meinung beizubringen, Melinda ſey, wie ſie zufällig ſeiner anſichtig geworden, durch ſein Ausſehen ſo be⸗ zaubert worden, daß ſie ſeine Bekanntſchaft wünſche. Er machte demſelben auch ſogleich dieſen Antrag, und ſchilderte ihm ſein gün⸗ ſtiges Geſchick ſo lebhaft, daß der arme Bartkratzer vor Wonne ſich nimmer zu faſſen wußte. Banter verſah ihn hierauf mit einem Flitterſtaat aus ſeiner eigenen Garderobe, und fellte ihn Chatter'n als einen ſehr gebildeten jungen Mann vor, der erſt von ſeinen Reiſen zurückgekommen ſey. Maſter Billy, der bei vielen Indi⸗ viduen des ſchönen Geſchlechts in der Stadt und der Umgegend als Ceremonienmeiſter fungirte, nahm es auf ſich, mit Melinda 182 zu ſeinen Gunſten zu ſprechen, und Alles ging nach meinen Wünſchen. um die beſtimmte Zeit erſchien ich, aufs vortheilhafteſte ge⸗ kleidet, und hatte in der Eigenſchaft als Marquis die Ehre, den Ball mit der reichen Erbin zu eröffnen, welche durch die Unzahl der ihren Schmuck bildenden Juwelen die Bewunderung der gan⸗ zen Verſammlung erregte. Unter den Uebrigen ward ich Melindas anſichtig, die bei meinem Glücke ihren Neid und ihr Erſtaunen nicht bergen konnte. Ihre Neugierde ward aber in noch weit hö⸗ herem Grade gekitzelt und entftammt, weil ſie Miß Gripewell nie zuvor geſehen hatte; und Chatter, der allein hierüber genügende Auskunft ihr hätte geben können, war am andern Ende des Saa⸗ les in ein Geſpräch verwickelt. Ich bemerkte ihre Ungeduld, und triumphirte bei ihrem Kummer, jal als meine Tänzerin ſich ge⸗ ſetzt hatte, ergriff ich die Gelegenheit, an ihr vorbeizugehen, und ihr eine leichte Verbeugung zu machen, ohne anzuhalten, ein Fall, der meinen Triumph und ihren Aerger noch weit mehr ſteigerte. Sie entfärbte ſich, richtete den Kopf ſtolz in die Höhe, nahm die Miene der Verachtung an, und ſchwenkte ihren Fächer mit ſolcher Wuth, daß er augenblicklich in Stücke flog, zu nicht geringem Er⸗ Hötzen aller Derjenigen, welche neben ihr ſaßen und ſie beobachteten. Endlich führte ſie der metamorphoſirte Barbiergeſelle in die Reihe der Tanzenden, und ſpielte ſeine Rolle ſo lächerlich, daß die ganze Verſammlung auf ſeine Unkoſten ſich luſtig machte. Seine Tänzerin aber wurde dadurch ſo beſchämt, doß ſie, ehe die Contretänze ihren Anfang nahmen, in großer Verlegenheit unter dem Vorwande eines plötzlichen Unwohlſeyns ſich zurückzog, und von ihrem Galan begleitet wurde, der ohne Zweifel ihre Unpäß⸗ lichkeit für nichts als Liebeskummer hielt, und die Gelegenheit, ſie nach Hauſe zu begleiten, benützte, um ihr durch eine ähnliche Gegenerklärung Troſt einzuflößen. Sie hatten ſich kaum entfernt, als ein neugieriges Geflüſter:„wer iſt er 2“ durch den Saal rann; 183 und Chatter konnte ihnen keine andere Auskunft geben, als daß er ein vor Kurzem von Reiſen zurückgekommener Herr ſey, wäh⸗ rend ich, der allein mit ſeinem wahren Charakter bekannt war, mich unwiſſend ſtellte, da mir wohl bekannt war, die weibliche Neugierde würde bei dieſer allgemeinen Bemerkung nicht ſtehen bleiben, und die Entdeckung könnte von Jedermann mit mehr Grund gegeben werden, als von mir. Unterdeſſen wurde ich durch die reiche Priſe in Verſuchung gebracht, Angriffe auf Miß Gripewell's Herz zu machen, fand jedoch daſſelbe allzuſehr durch Stolz und Gleichgültigkeit verboll⸗ werkt, um das Gelingen meiner Bemühungen erwarten zu dürfen, und ich ſah ein, daß ich den erborgten Titel nicht länger als dieſe Nacht werde behaupten könne, wozu ich übrigens auch keine Luſt hatte. Alles kam, wie ich es nicht anders erwartet hatte, am fol⸗ genden Tage an's Licht. Der Barbiergeſelle hatte in der Einfalt ſeines Herzens ſich Melindan entdeckt und ſeiner Hoffnungen ſchwa⸗ chen Grund eingeſehen. Sie ſelbſt kränkte ſich über die Beleidigung ſo, daß ſie unwohl wurde, und mehrere Wochen lang nach dieſem Ereigniſſe ſich nicht mehr öffentlich zu zeigen wagte. Der arme Chatter ſah die Unmöglichkeit, ſich genügend zu rechtfertigen, ein, fiel in völlige Ungnade bei Miß Gripewell, weil er mich als Edelmann eingeſchwärzt hatte, und ſein Charakter, wie Einfluß, erlitten bei dem ſchönen Geſchlechte im Allgemeinen einen ſtarken Stoß. Va ich meine Finanzen auf mehr als die Hälfte herunterge⸗ kommen und meine Entwürfe ſo wenig vorgeſchritten, als am erſten Tage meiner Ankunft in der Stadt ſah; ſo begann ich, an einem günſtigen Erfolge zu verzweiſeln, und wurde bei der Aus⸗ ſicht, dem Mangel anheimzufallen, melancholiſch. Um die Schrek⸗ ken dieſes drohenden Feindes zu verſcheuchen, nahm ich meine Zu⸗ flucht zu der Flaſche, und beſuchte mehr Geſellſchaft, als je. Ich machte beſonders häufige Beſuche im Theater, unterhielt mich mit den Schauſpielern hinter der Scene, ſtand mit einer Schaar jun⸗ — 184 ger Herren aus dem Temple auf vertrautem Fuße, und wurde bald ein vollkommener Stutzer, Witzkopf und Kritiker. Ich darf aber ohne Eitelkeit ſagen, daß ich meinen Freunden weit überlegen war, die, um überhaupt zu ſprechen, von allen Perſonen, mit de⸗ nen ich verkehrt hatte, die anmaßendſten und unwiſſendſten waren. Dieſe Unterhaltungen ließen mich meinen Kummer vergeſſen, und gewöhnten mich daran, meine Vorſtellungen ſo von einander zu trennen, daß ich, ergriff mich ein düſterer Gedanke, ihn beſeitigen und eine angenehme Erinnerung auſtauchen laſſen konnte. Dieß war nicht der Fall mit Strap, der tauſendmal verſuchte, den an ſeinem Leibe zehrenden Kummer niederzudrücken, ſo daß er nach und nach zu einem wahren Skelett herabkam. Während ich auf dieſe gedankenloſe Weiſe der Armuth entgegen⸗ eilte, erhielt ich eines Tages durch die Pfennigpoſt einen, von einer Frauenzimmerhand überſchriebenen, Brief, der eine große Menge hochtrabender Complimente, warme und in ſehr pvetiſchem Style abgefaßte Liebesbetheuerungen, und die ſehnlichſte Bitte, mich zu erklären, ob mein Herz ſchon verſagt ſey, oder nicht, enthielt. Die Antwort bat man, an einem gewiſſen Orte, mit der Auſſchrift; 3 an R. B., abgeben zu laſſen. Die Schreiberin hatte mit den Wor⸗ ten:„Eure Unbekannte“, unterzeichnet. Der Inhalt dieſes Liebes⸗ briefs, den ich als ein Meiſterſtück von Zärtlichkeit und feinem Style bewunderte, erfüllte mich mit Wonne und Entzücken, und ich war bereits bis über die Ohren in die Verfaſſerin deſſelben verliebt, die ich mir als eine reiche Lady im Glanze der Jugend und Schönheit ausmalte. Dieſe Vermuthung hob mein Selbſtge⸗ fühl, ich machte mich an die Arbeit und erſchöpfte meine Erfin⸗ dungskraft, um eine, der Erhabenheit ihres Styles und der Gluth ihrer Empfindungen angemeſſene, Antwort abzugeben. In den überſchwänglichſten Ausdrücken drückte ich ihr meine Bewunderung über ihren glänzenden Verſtand aus, und erklärte, während ich meine Unwürdigkeit bekannte, ich ſey in ihren Geiſt verliebt; zu⸗ 185 gleich ſiehte ich in ſo pathetiſchen Ausdrücken, als mir nur mög⸗ lich war, um die Gunſt einer Zuſammenkunft. Nach Beendigung meiner Arbeit übergab ich ſie Strap, der vor Freuden herumhüpfte, und den Brief an die bezeichnete Stelle legte, wo ſich das Haus einer nicht weit von Bondſtreet entfernten Putzhändlerin befand, und bat ihn, eine Zeitlang an der Thüre Wache zu halten, da⸗ mit er die den Brief abholende Perſon enidecke. Nach Verfluß von weniger als einer Stunde kehrte er mit fröhlicher Miene zurück, und ſagte mir, bald nach der Ablieferung des Briefs ſey ein Sänf⸗ tenträger angerufen, und ihm der Auftrag gegeben worden, den Brief in das Haus eines reichen Herrn in der Nachbarſchaft zu bringen. Dorthin ſey Strap ihm gefolgt, und habe den Brief ei⸗ ner Kammerjungfer übergeben ſehen, die den Boten bezahlt habe. Die Thüre ſey hierauf verſchloſſen worden. Er habe ſich nun in einem anſtoßenden Bierhauſe, wo er eine Pinte Ale zu ſich ge⸗ nommen, erkundigt, und erfahren, der Eigenthümer des Hauſes habe eine einzige, ſehr ſchöne Tochter, die einſt ſein ganzes Ver⸗ mögen erben werde; dieſe und keine andere könne die Schreiberin des Briefes ſeyn. Ich war gleicher Meinung mit ihm, wiegte mich in glänzenden Ausſichten ein, kleidete mich ſogleich an, und ging in großem Staate an dem Hauſe, welches meine unbekannte Anbeterin einſchloß, vorüber. Meine Eitelkeit ſah ſich auch nicht getäuſcht, denn ich bemerkte ein junges, liebenswürdiges Weſen an einem Fenſter des Speiſezimmers ſtehen, das, wie ich mir einbil⸗ detete, mich mit mehr als gewöhnlicher Neugierde anſah. Damit ſie meinem Anblicke ſich hingeben, und ich zugleich des ihrigen mich erfreuen könnte, ſtand ich abſichtlich ſtill, und ertheilte Strap in der Straße, gerade ihr gegenüber, Befehle, wodurch ich Gelegen⸗ heit bekam, ſie deutlicher zu ſehen, und mir zu einer, mit ſo gro⸗ ßen Vollkommenheiten prangender Eroberung Glück zu wünſchen. Nach einigen Minuten verſchwand ſie, und ich begab mich in mein Koſthaus, mit ſo entzückenden Hoffnungen, daß ich den Appetit 186 zum Eſſen verlor, und den Abend zu Hauſe verbrachte, um mei⸗ nen Betrachtungen ungeſtört mich hinzugeben. In der Frühe des folgenden Tages wurde ich durch eine zweite Epiſtel von meiner unbekannten Schönen beglückt, die ihre unaus⸗ ſprechliche Freude über den Empfang meiner Antwort ausdrückte, weil dieſelbe ſie von dem Werthe des Hexzens, das ihr darin an⸗ geboten worden, vollkommen überzeuge. Vor Allem aber fand ſie beſonderes Vergnügen daran, daß ich auf ihren Verſtand einen ſo hohen Werth lege, ein Umſtand, der ihr nicht nur außerordentlich ſchmeichle, ſondern auch zugleich meinen eigenen, durchdringenden Geiſt beurkunde. Was die von mir gewünſchte Zuſammenkunft be⸗ treffe, ſo könne ich nicht dringender mich darnach ſehnen, als ſie ſelbſt; allein ſie müſſe nicht nur etwas mehr dem Anſtande zum Opfer bringen, ſondern auch von meinen ehrenvollen Abſichten überzeugt ſeyn, ehe ſie dieſe Forderung gewähre. Nebenbei gab ſie mir zu verſtehen, daß, wenn ſie auch der Meinung gewiſſer Perſonen einige Rückſichten ſchuldig wäre, ſie in einer, ihr Glück ſo nahe berührenden Sache, dennoch entſchloſſen ſey, der ganzen Welt zum Trotz, ihrer eigenen Neigung zu folgen, namentlich, da ſie keine Vermögensrückſichten zu beobachten habe, denn ihr Be⸗ ſitzthum ſey ihr unbeſchränktes und freies Eigenthum. Von Be⸗ wunderung über die Philoſophie und Selbſtverläugnung meiner Ge⸗ liebten ergriffen, welche gegen ibre Schönheit ganz unempfindlich zu ſeyn ſchien, und namentlich entzückt über jenen Theil ihres Brie⸗ fes, woraus ich erſah, daß ihr Vermögen unabhängig ſey, ergriff ich die Feder, brach in einen Panegyricus über die Erhabenheit ihrer Gefühle aus, that, als ob ich den Reizen äußerer Schönheit nur einen untergeordneten Werth beilege, behauptete, meine Lei⸗ denſchaft für ſie gründe ſich auf geiſtige Vorzüge, beklagte mich über ihre Härte, daß ſie meine Ruhe einer allzu ängſtlichen Rück⸗ ſicht für den Anſtand aufopfere, und erklärte die Reinheit meiner Abſichten in den feierlichſten und eindringlichſten Bethenerungen⸗ 187 Nachdem ich dieſes Machwerk verſiegelt und überſchrieben hatte, ſchickte ich es durch Strap an die bezeichnete Stelle, der, damit wir noch ſtärkere Gewißheit erlangten, noch einmal Wache ſtand, und binnen kurzer Zeit dieſelbe Nachricht, wie vorher, zurückbrachte, mit dem Zuſatze, Miß Sparkle(ſo hieß meine Correſpondentin) habe zum Fenſter herausgeſchaut und nicht ſobald den Boten an⸗ kommen ſehen, als ſie den Flügel in einer Art holder Verwir⸗ rung zugemacht, und ſich entfernt habe, ohne Zweifel aus Begierde, von dem theuren Gegenſtande ihrer Liebe zu hören. Meine Zweifel ſchwanden jetzt, der lang erſehnte Hafen lag vor meinen Blicken, und ich wähnte das Glück, dem ich ſo lange nachgejagt hatte, ganz geſichert. Nach dem Mittageſſen ſchlenderte ich in Begleitung Doetor Wagtail's in den Stadttheil, wo meine Angebetete wohnte, und frug ihn, der ein wanderndes Regiſter war, nach dem Namen, Stand und Vermögen eines Jeden, der ein gutes Haus in der Straße, welche wir durchwanderten, beſaß. Als die Reihe an Sir John Sparkle kam, ſo ſtellte er ihn mir als einen Mann von unermeßlichem Vermögen und beſchränkter Gemüthsart vor, der ſein einziges Kind, ein ſchönes junges Mäd⸗ chen, von der Gemeinſchaft mit der Welt ausſchließe, und ſie unter die ſtrenge Aufſicht einer alten Gouvernante geßtellt habe, die ent⸗ weder ſo ehrlich, neidiſch oder unerſättlich ſey, daß es bis auf den heutigen Tag noch Niemanden gelungen, ſie ſich zu befreun⸗ den oder auf ihre Verantwortung hin Zutritt zu bekommen, un⸗ geachtet es eine Unzahl junger Männer täglich verſuche, nicht ſo⸗ wohl wegen ihrer Ausſichten von ihres Vaters Seite, der als Wittwer noch einmal heirathen und Söhne zeugen könne, als viel⸗ mehr wegen eines Vermögens von zwölftauſend Pfunden, das ein Vermächtniß von ihres Oheims Seite ſey und ihr nicht entzogen werden könne. Da dieſe Nachricht ſo vollkommen mit dem Theile des Briefes, mit welchem ich Morgens beehrt worden war, im Einklange ſtand, ſo hatte ſie eine ſolche Wirkung auf mich, daß Jedermann, Wagtail ausgenommen, bemerken mußte, was in mei⸗ 188 nem Innern vorging. Allein die Aufmerkſamkeit dieſes Indivi⸗ duums wurde durch die Betrachtung ſeiner eigenen Wichtigkeit ſo ſehr in Anſpruch genommen, daß ſie ihm nicht geſtattete, von dem Betragen ſeines Nebenmenſchen ſich anregen zu laſſen, wofern nicht deſſen Benehmen ſo auffallend war, daß es ihm nothwendig in die Augen fallen mußte. Als ich mich von ihm, deſſen Unterhaltung anfing, mich anzu⸗ widern, losgemacht hatte, wanderte ich nach Hauſe, und theilte Strap das Ergebniß meiner Nachforſchungen mit. Dieſe ehrliche Seele gerieth faſt außer ſich vor Entzücken, und weinte ſogar vor Freude, ob aber um ſeinet⸗ oder meinetwillen, laß ich unentſchieden. Am folgenden Tage wurde mir ein dritter Liebesbrief über⸗ bracht, der, außer vielen zärtlichen Ausdrücken, auch einige, tiefen Eindruck machende, Zweifel wegen der Kunſtgriffe des männlichen Geſchlechts, der Unbeſtändigkeit, welche der Jugend eigenthümlich ſey, und der Eiferſucht, die oft im Gefolge der reinſten und auf⸗ richtigſten Reigung ſichtbar werde, enthielt, nebſt der Bitte, ſie zu entſchuldigen, wenn ſie mich noch etwas länger auf die Probe ſtelle, ehe ſie eine, jeden Rückweg abſchneidende, Erklärung von ſich gebe. Dieſe, von feinem Gefühle zeugenden, Zweifel goſſen Oel auf meine Flammen, und ſteigerten meine Hoffnungen bis zur peinlichſten Ungeduld; ich verdoppelte meine Klagen über ihre Gleichgültigkeit, und bat ſie ſo dringend und feurig um eine Zu⸗ fammenkunft, daß ſie einwilligte, nach Verfluß einiger Tage in dem Hauſe jener Putzhändlerin, welche alle meine Briefe beſorgt hatte, mit mir zuſammen zu treffen. Inzwiſchen ſchweifte mein Hochmuth über alle Vernunft und Beſchreibung hinaus. Ich ver⸗ wiſchte jede Erinnerung an die liebliche Narciſſa aus meinem Ge⸗ vächtniſſe, und meine Gedanken beſchäftigten ſich nur mit Ent⸗ würfen, wie ich über die Bosheit und Verachtung der Welt trium⸗ phiren könne. Endlich ſchlug die ſehnlichſt erwartete Stunde. Ich flog an die Stelle des Rendezvous, und wurde in ein Gemach geführt, wo 189 ich noch nicht zehn Minuten gewartet hatte, als ich Seidenzeng rauſchen, und den Schall von, die Treppe herauf ttippelnden, Füßen vernahm. Mein Herz klopfte in raſchen Schlägen, meine Wangen glühten, meine Nerven bebten, und meine Kniee zitterten vor Wonne. Ich ſah die Thüre aufgehen, einen Unterrock von Goldbrokat ſich nähern, und ſprang vorwärts, um meine Geliebte zu umarmen. Himmel und Hölle! wo finde ich Worte, mein Er⸗ ſtaunen zu beſchreiben, als ich Miß Sparkle in eine runzliche Un⸗ holdin, die wenigſtens ihre Siebenzig zählte, verwandelt ſah! Ich verſtummte vor Schrecken; und blieb verſiteinert vor Entſetzen ſtehen. Die alte Urganda bemerkte meine Betroffenheit, näherte ſich mir mit ſchmachtender Miene, ergriff meine Hand, und frug mich in quickendem Tone, ob ich unwohl ſey? Ihre äffiſche Ziererei vollendete den Eckel, welchen ich beim erſten Anblick gegen ſie gefaßt hatte, und es währte lange, bis ich mich nur mit ge⸗ wöhnlicher Höflichkeit gegen ſie benehmen konnte. Endlich aber faßte ich mich wieder, und entſchuldigte mich wegen meines Be⸗ nehmens, das, wie ich ſagte, von einem Schwindel herrühre, der mich plötzlich befallen habe. Meine verſchimmelte Duleinea, die ohne Zweifel durch meine Verwirrung nicht wenig in Angſt ge⸗ rathen war, vernahm nicht ſobald die Urſache, der ich dieſelbe zuſchrieb, als ſie ihre Freude in tauſend verliebten Coquetterieen zu erkennen gab, und die Lebhaftigkeit eines ſechszehnjährigen Mädchens annahm. Bald liebelte ſie mit ihren matten, ſtets rinnenven Zerraugen mir zu, hierauf, als ob ſie ſich dieſer Freiheit ſchämte, ſtellte ſie ſich, als blicke ſie zu Boden, erröthete und ſpielte mit ihrem Fächer; dann wackelte ſie mit ihrem Kopfe, um ein, von der Gicht herrührendes, unfreiwilliges Zittern zu verbergen, that mit lis⸗ pelnder Stimme einige kindiſche Fragen, kicherte und grinste mit ihrem Munde, den ſie, um die an ihren Zähnen bemerkbare Zer⸗ ſtörungen zu verbergen, geſchloſſen hielt, ſchielte mich wieder an, ſeufzte Kläglich, bewegte ſich heftig in ihrem Stuhle hin und her, um zu zeigen, daß ſie noch recht munter ſey, und beging unzählige 190 ſolcher Ungereimtheiten, denen nur Jugend und Schönheit zur Entſchuldigung dienen können. So ſehr meine Enttäuſchung mich trübſelig ſtimmte, ſo war ich doch vermöge meines Temperaments nicht im Stande, eine Perſon, die mich liebte, zu beleidigen. Ich ſuchte deßhalb, für den Augenblick gute Miene zum böſen Spiele zu machen, entſchloſ⸗ ſen, Alles abzubrechen, ſobald ich mich von ihrer Geſellſchaft los⸗ gemacht hätte. In dieſer Abſicht ſagte ich ihr einige Artigkeiten, und drückte mein beſonderes Verlangen aus, den Namen und Stand der Dame, die mir ſo viele Ehre angethan hätte, zu er⸗ fahren. Sie ſagte mir hierauf, ihr Name ſey Withers; ſie lebe im Hauſe des Sir John Sparkle als Gouvernante ſeiner einzigen Tochter, eine Stellung, worin ſie ſich bereits ein hinreichendes Auskommen für ihr ganzes Leben erſpart habe. Sie ſey ſo glück⸗ lich geweſen, mich in der Kirche zu ſehen, wo mein Ausſehen und Benehmen einen ſolchen Eindruck auf ihr Herz gemacht, daß ſie nicht ruhig geweſen ſey, bis ſie über meinen Charakter Erkundi⸗ gungen eingezogen. Dieſen habe ſie der Schilderung nach nun in jedem Betracht ihrer Liebe ſo werth gefunden, daß ſie der Heftig⸗ keit ihrer Neigung nachgegeben, und es unternommen hätte, ihre Leidenſchaft für mich vielleicht mit zu wenig Rückſicht auf den, ihrem Geſchlechte gebotenen, Anſtand mir zu erklären; doch gebe ſie ſich der Hoffnung hin, ich werde einen Fehltritt verzeihen, woran ich gewiſſermaßen ſelbſt Schuld ſey, und ihre Zudringlichkeit auf Rechnung der unwiderſtehlichen Eingebungen ihrer Liebe ſchreiben. Kein ausgemergelter Wüſtling ſchluckte jemals eine Arznei mit größerem Widerwillen hinunter, als ich denſelben bei der Noth⸗ wendigkeit empfand, auf dieſes Compliment eine paſſende Antwort zu geben, da ich ſtatt des Juwels nur das abgenutzte Käſichen dazu in meinem Beſitze ſahe. Doch begannen meine Hoffnungen wieder etwas aufzuleben, wenn ich bedachte, daß ich durch Beibe⸗ haltung des Scheines einer Liebesintrigue mit der Duenna mög⸗ licherweiſe zu dem, ihrer Bewachung anvertrauten, Kleinod Zutritt 191 fände. Hiedurch ermuthigt, ward ich allmählig wieder heiterer, warf meine Blödigkeit ab, ſprach wie ein Liebesritter zu dieſer veralteten Coquette, die ſich durch meine Huldigungen ausnehmend beglückt fühlte, und alle ihre Netze auswarf, um ihre vermeintliche Eroberung deſto beſſer zu ſichern. Die Hausfrau bewirthete uns mit Thee und Süßigkeiten, und zog ſich hierauf zurück, wie es einer höflichen und erfahrenen Matrone, gleich ihr, geziemte. So unſern gegenſeitigen Liebkoſungen überlaſſen, ſing Miß Withers(denn ſie war noch eine Jungfer) von der Heirath zu ſprechen anz und drückte in ihrem ganzen Benehmen ſo viel Un⸗ geduld aus, daß ich, wäre ſie fünfzig Jahre jünger geweſen, mög⸗ licherweiſe ihre Sehnſucht befriedigt haben würde, ohne mich an die Kirche zu wenden; doch einen ſolchen Schritt verboten mir Tugend ſowohl als Klugheit. Wenn eine alte Jungfer einem jungen Manne ihre Neigung ſchenkt, ſo ſieht er ſich von ihren Bewerbungen verfolgt; gewährt er ihr aber nur einmal jene Gunſt, ſo wird er niemals im Stande ſeyn, ſich von ihren Zu⸗ dringlichkeiten und Vorwürfen loszumachen. Meine Aufgabe ver⸗ langte deßhalb die Verſchiebung der Ceremonie ſo lange als mög⸗ lich und unter den ſcheinbarſten Vorwänden, weil ich mittlerweile mit Miß Sparkle eine Bekanntſchaft anknüpfen wollte; und ich verzweifelte nicht an einem glücklichen Erfolge, wenn ich bedachte, daß ich im Verlaufe unſerer Correſpondenz ſehr wahrſcheinlich die Einladung zu einem Beſuche meiner Dame in ihrem eigenen Zim⸗ mer erhalten würde, wodurch ich Gelegenheit bekäme, mit ihrem reizenden Zöglinge ein Geſpräch anzuknüpfen. Durch dieſe Aus⸗ ſicht entzückt, klopfte mein Herz vor Freude; ich ſprach im Liebes⸗ taumel zu der alten Gouvernante, und küßte ihre dürren Hände mit großer Ehrerbietung. Ueber dieſen günſtigen Wurf ihres Glücks gerieth ſie ſo außer ſich vor Wonne, daß ſie alle Rückſich⸗ ten bei Seite ſetzte, wie eine Tiegerin auf mich zuflog, und ihre fleiſchloſen Lippen an die meinigen preßte. Jedoch ihr böſer Ge⸗ nius mußte ihr dieß eingegeben haben, denn eine Doſis Knoblauch, 192 welche ſie Morgens vermuthlich, um die Winde abzuireiben, ver⸗ ſchlungen hatte, begann in ſo plötzlichem Ausbruche ihre Wirkung kund zu geben, daß meine Menſchennatur dieſen Anfall nicht er⸗ tragen konnte. Ich verlor alle Geduld und Beſonnenheit, entriß mich ihr augenblicks, griff nach meinem Hute und Stock, rannte die Treppe hinab, als ob der Teufel mir auf den Ferſen folgte, und konnte kaum einen Krampf in meinen Eingeweiden unter⸗ drücken, die durch den, auf mich eindringenden, Geruch ſtark an⸗ gegriffen waren. Strap, der meine Rückkehr mit Ungeduld er⸗ wartete, ſah mich in der größten Gemüthsaufregung ankommen, ſtand bewegungslos und voll Beſorgniß da, und wagte es kaum, nach der Urſache hievon zu fragen. Als ich meinen Mund mehr als einmal ausgeſpült, und durch ein Glas Wein meine Lebensgeiſter erquickt hatte, erzählte ich ihm jeden Umſtand dieſer Begebenbeit. Hierauf gab er eine Zeit lang keine Antwort, ſondern hob ſeine Augen gen Himmel, faltete ſeine Hände, und ließ einen tiefen Seufzer hören. Endlich bemerkte er in traurigem Tone, es ſey tauſend Schade, daß meine Geruchs⸗ organe ſo zart ſeyen, um durch Knoblauch beleidigt zu werden. „Ach! helf' uns Gott!“ ſprach er,„weder der Geruch des Knob⸗ lauchs, nein! noch von ſonſt Etwas Anderem würde mir das ge⸗ ringſte Uebelbefinden verurſachen. Da ſeht Ihr, was es werth iſt, eines Schuhflickers Sohn zu ſeyn!“ Ich gab haſtig zur Antwort:„Nun! dann wünſche ich, Ihr möchtet hingehen, und mein verunglücktes Benehmen wieder gut machen.“ Bei dieſer Zumuthung fuhr er auf, zwang ſich zu einem Lächeln, und verließ kopfſchüttelnd das Zimmer. Ob die alte Chrenwächterin meine plötzliche Entfernung ſo ſtreng ahndete, daß ihre Liebe in Haß überging, oder ſich wegen ihrer, an den Tag gelegten, Schwäche ſchämten, mich wieder zu ſehen, weiß ich nicht, genug! ſie ließ mich von da an mit ihren Liebesanträgen in Ruhe.