Tobias Smollet's humoriſtiſche Romane. Bweiter Zand. ———— Enthält: Roderich Random. M. 3 Stuttgart. ⸗ Ballberger'ſche Perlagshanblung. 1840. *—— Voderich Random. Roman von Tobias Smollet. Aus dem Engliſchen überſetzt von Eduard Keller. 8 weite 5 n . Stuttgart. Ballberger'ſche Verlagsh andlung. 1840. Achtzehntes Kapitel. Ich bringe mein Zeugniß auf die Admiralitaͤt; ſein Inhalt; des Sekretaͤrs Benehmen; Strap's Bekuͤmmerniß uͤber mein Ausbleiben; eine Schlacht zwiſchen ihm und einem Grobſchmid; die traurigen Folgen derſelben; ſeine Anrede an mich; ſein Freund, der Schulmeiſter, empfiehlt mich einem franzoſiſchen Apotheker, der als Gehuͤlfen mich anſtellt. Gerne wäre ich nach Hauſe gegangen, um mich dem Schlum⸗ mer zu überlaſſen, allein meine Gefährten ſagten mir, wir müß⸗ ten unſere Zeugniſſe vor ein Uhr auf der Admiralität abgeben. Deßhalb begaben wir uns dorthin, und überlieferten ſie dem Se⸗ kretär, der ſie öffnete und las, wobei ich mich, zu meiner großen Freude, als zweiten Gehülfen dritter Claſſe befähigt ſah. Als er alle Zeugniſſe an einen Faden gereiht hatte, ſo frug Einer von uns, ob vakante Stellen da ſeien? worauf er die Antwort erhielt: „Nein.“ Hierauf erkühnte ich mich, weiter zu fragen, ob bald einige Schiffe ausgerüſtet werden würden? worauf er mich mit einem Blicke unausſprechlicher Verachtung muſterte, und, indem er uns aus ſeinem Amtszimmer hinauswarf, die Thüre verſchloß, ohne uns einer Antwort zu würdigen. Wir gingen die Treppen hinab, und beſprachen uns über unſere Zukunft, wobei ich hörte, daß jeder von ihnen an ven Einen oder Andern der Commiſſäre empfohlen worden, und das Verſprechen für die nächſte vakante 6 Stelle erhalten hatie; aber keiner von ihnen hatte ſich blos auf dieſes Intereſſe des betreffenden Commiſſärs verlaſſen, ohne an ein Geſchenk für den Sekretär zu denken, mit welchem einige der Com⸗ miſſäre das Geld unter ſich vertheilten. Deßhalb hatte jeder ſich mit einer kleinen Summe verſehen. Sie richteten nun die Frage an mich, was ich zu geben gedächte. Dieß war eine peinliche Frage für Einen, wie ich, der, geſchweige im Stande zu ſeyn, einen habſüchtigen Sekretär zu befriedigen, nicht einmal ein Mit⸗ tageſſen ſich kaufen konnte. Ich gab deßhalb zur Antwort, ich hätte mich noch nicht entſchloſſen, was ich geben wolle, und ſchlich fort in meine Wohnung, den ganzen Weg über mein Schickſal ver⸗ fluchend, und mit der größten Bitterkeit gegen die Härte meines Großvaters und den ſchmutzigen Geiz meiner Verwandten, welche mich der Verachtung und dem Mangel preis gaben, losziehend. Voll von dieſen düſteren Betrachtungen kam ich in meiner Wohnung an, und erlöste den Wirth aus großer Angſt meinetwe⸗ gen; denn dieſe ehrliche Seele hatte geglaubt, es ſey mir ein Un⸗ glück zugeſtoßen, und er würde mich nie wieder ſehen. Als Strap, der mich am Morgen hatte beſuchen wollen, gehört, ich ſey die ganze Nacht hindurch außer dem Hauſe geweſen, ſo hatte er faſt den Verſtand verloren, und mich, nachdem er Erlaubniß von ſei⸗ nem Herrn bekommen, aufſuchen wollen, obwohl er ſogar die Stadt weniger kannte als ich. Nicht Willens, meinen Wirth von meinem Abenteuer in Kenntniß zu ſetzen, ſagte ich ihm, ich habe in der Halle der Wundärzte einen Bekannten getroffen, mit wel⸗ chem ich den Abend und die Nacht zugebracht; da ich jedoch von Wanzen ſehr geplagt worden, ſo habe ich nicht viel geſchlafen, und wolle mich deßhalb ein wenig zur Ruhe begeben. Nach dieſer Erklärung ging ich zu Bette, und bat, mich zu wecken, wenn Strap käme, ſo lang ich noch ſchliefe. Ich wurde nach dieſer Anweiſung von meinem Freunde ſelbſt aufgeweckt, der ungefähr um drei Uhr Nachmittags mein Zimmer betrat, und ſich meinen 7 Blicken in einer Geſtalt zeigte, die ich kaum für möglich gehalten haben würde. Kurz! dieſer anhängliche Bartſcheerer hatte ſich in die Halle der Wundärzte begeben, und ohne Erfolg daſelbſt nach mir gefragt, von da verfolgte er ſeinen Weg nach der Admiralität, wo er Nichts von mir hören konnte, weil ich dort Jedermann un⸗ bekannt war; hierauf war er auf die Börſe geeilt, in der Hoff⸗ nung, mich auf dem Schottenwege zu ſehen; aber auch dieß ohne Erfolg. Endlich, faſt daran verzweifelnd, mich ausfindig zu ma⸗ chen, entſchloß er ſich, Jedermann unterwegs nach mir zu fragen, ob ihm vielleicht Einer Auskunft über mich geben könne, und wirk⸗ lich führte er, trotz der Spöttereien, Flüche und Verwünſchungen, womit man ihm antwortete, dieſen Plan aus, bis ein Grob⸗ ſchmidlehrling, der ihn einen Laflträger mit einem Pack auf dem Rücken anhalten ſah, und ſeine Klage hörte, auf welche er als Erwiderung einen herzlichen Fluch bekam, ihn anredete und frug, ob die Perſon, nach der er ſich erkundige, nicht ein Schotte ſey? Strap erwiderte mit großer Schnelligkeit:„Ja! und ſie hatte einen braunen Rock mit langen Schößen an.“—„Den nämlichen,“ erwiderte der Grobſchmid,„ſah ich vor einer Stunde vorbei ge⸗ hen.“—„Wirklich?“ rief Strap, indem er ſeine Hände rieb, „potz Tauſend! das freut mich ſehr— welchen Weg nahm er?“— „Tyburn zu in einem Karren!“ erwiederte der Geſelle,„wenn Ihr Euch beeilt, ſo habt Ihr noch Zeit genug, ihn hängen zu ſehen.“ Dieſes boshaſte Stückchen erbitterte meinen Freund dermaßen, daß er den Grobſchmid einen Schurken nannte, und betheuerte, er würde um einen halben Farthing mit ihm boxen.„Nein! nein!“ ſagte der Andere, indem er ſich entkleidete,„ich will Nichts von eurem Gelde— ihr Schotten führt ſelten welches bei euch— aber ich will aus Spaß mit Euch kämpfen.“ Sogleich ſchloß der Pöbel einen Kreis um Beide, und als Strap ſah, daß er ehren⸗ halber nicht fort konnte, ohne in ein Gefecht ſich einzulaſſen, und zugleich von Rache gegen ſeinen Gegner entbrannte, ſo überließ 8 er ſeine Kleider der Sorgfalt des Haufens, und die Schlacht be⸗ gann mit großer Heſtigkeit von Seiten Strap's, der binnen we⸗ niger Minuten ſeinen Athem und ſeine Erbitterung an ſeinem Geg⸗ ner erſchöpft hatte, welcher mit großer Ruhe und Kaltblütigkeit dem Angriffe Stand hielt, bis er ſah, daß der Barbier ganz er⸗ müdet war, worauf er die empfangenen Hiebe mit ſo reichlichen Zinſen zurückgab, daß Strap, nachdem er dreimal auf das Stein⸗ pflaſter hingefallen war, den Kampf aufgab, und eingeſtand, der Grobſchmid ſey ihm überlegen. Nachdem der Sieg ſich ſo entſchieden hatte, wurde der Vor⸗ ſchlag gemacht, in einen benachbarten Keller zu gehen, und dort Brüderſchaft zu trinken. Aber als mein Freund anfing, ſeine Klei⸗ der zu ſammeln, machte er die Bemerkung, daß die eine oder die andere ehrliche Perſon ſich ſeines Hemds, Halstuchs, Huts und ſeiner Perrücke, welche Stücke fort waren, bemächtigt hatte, und wahrſcheinlich würden ſein Rock und ſeine Weſte ein ähnliches Schickſal gehabt haben, wären ſie des Stehlens werth geweſen. Es half ihn nichts, daß er einen Lärm aufſchlug, denn dieſer er⸗ regte nur die Lachluſt der Zuſchauer; er ſah ſich alſo genöthigt, ſo fortzugehen, was er mit großer Mühe ausführte, und ganz mit Blut und Staub bedeckt vor mir erſchien. Seines Unfalls unge⸗ achtet war doch ſeine Freude, mich geſund anzutreffen, ſo groß, daß er mich durch ſeine Umarmungen beinahe erſtickt hätte. Nachdem er ſich gereinigt, und eines meiner Hemder, nebſt einer wollenen Nachtmütze, angezogen hatte, berichtete ich ihm über meinen nächtlichen Feldzug, der ihn mit Staunen füllte, und mit großem Nachdruck ihm eine Bemerkung, die oft in ſeinem Munde war, entlockte, nämlich:„London ſey ſicherlich des Teufels Vor⸗ zimmer.“ Da keiner von uns beiden Etwas zu Mittag gegeſſen hatte, ſo hieß er mich aufſtehen, ging, da gerade die Milchnerin um die Ecke kam, die Treppe hinab, und polte eine Maas, nebſt einem Pennyweck, woran wir es uns ſchmecken ließen. Hierauf theilte er ſein Geld mit mir, das ſich auf achtzehn Pence belief, und ver⸗ ließ mich, in der Abſicht, von ſeinem Freunde, dem Schulmeiſter, eine alte Perrücke und einen alten Hut zu borgen. Kaum war er fort, ſo fing ich an, mit großer Unbehaglich⸗ keit Betrachtungen über meine Lage anzuſtellen, und ging alle Pläne durch, welche meine Phantaſie erſinnen konnte, um einen davon vorzugsweiſe zum Behufe meines künftigen Fortkommens zu verfolgen; denn man kann ſich leicht die Schmerzen vorſtellen, welche ich empfand, wenn ich die elende Abhängigkeit, in welcher ich auf Koſten eines armen Barbiersjungen lebte, bedachte. Mein Stolz empörte ſich, und da mir die Hoffnung eines Fortkommens bei der Admiralität abgeſchnitten war, ſo kam ich auf den Ent⸗ ſchluß, mich nächſter Tage bei der Fußgarde einreihen zu laſſen, komme, was da wolle! Dieſer ausſchweifende Plan verſchaffte mir, weil er meiner Gemüthsbeſchaffenheit entſprechend war, große Be⸗ ruhigung, und ich beſchoß ſchon den Feind an der Spitze meines eigenen Regiments, als Straps Rückkehr meine Träumereien un⸗ terbrach. Der Schulmeiſter hatte ihm mit der Perrücke, welche er trug, als ich bei ihm eingeführt wurde, zugleich nebſt einem abgetragenen Hute, deſſen Ränder einen Coloß beſchattet haben würden, ein Geſchenk gemacht. Obwohl Strap ſich der Gefahr ausgeſetzt hatte, dieſe Kleidungsſtücke Abends zu tragen, ſo wollte er doch bei Tage den Pöbel nicht damit beläſtigen; er ging dar⸗ um ſogleich ans Werk, und verkleinerte Beide zu einer mäßigen Größe. Während er an dieſer Arbeit war, redete er mich folgender⸗ maßen an:„Gewiß iſt's, Herr Random! Ihr ſeid als Gentleman geboren und verſtehet viel, ſehet auch aus, wie ein Gentleman; denn was das Aeußere anbelangt, ſo könnt Ihr Euch mit dem Be⸗ ſten meſſen. Andrerſeits bin ich ein armer, aber ehrlicher Schuh⸗ flickers⸗Sohn— meine Mutter war ein ſo fleißiges Weib, als je 10 eines Brod brach, bis zu der Zeit, wo ſie ſich an's Trinken machte, was ihr ja wohl wißt— doch Jedermann hat ſeine Fehler— humanum est errare. Nun was mich betrifft, ſo bin ich ein armer Barbiersgeſelle, mit leidlichem Aeußeren, verſtehe etwas Latein, habe einige Kenntniſſe vom Griechiſchen— doch wozu dieß? vielleicht könnte ich auch ſagen, ich kenne die Welt ein we⸗ nig— doch das hat Nichts zur Sache. Ungeachtet Ihr vornehm und ich von niedrigem Stande bin, ſo folgt daraus doch nicht, daß ich, der Gemeine, niedrig ſtehend, Euch, dem Vornehmen, nicht einen Dienſt erweiſen könnte. Nun iſt Folgendes der Fall: Mein Vetter, der Schulmeiſter— vielleicht wußtet Ihr nicht, wie nahe er mit mir verwandt iſt— ich will euch das im Augenblick ſa⸗ gen— ſeine Mutter und der Neffe der Schweſter meiner Groß⸗ mutter— nein! das iſt's nicht— meines Großvaters Bruders⸗ tochter— verdammt ſey's! ich habe den Grad vergeſſen, weiß aber ſo viel, daß er und ich um ſieben Grade von einander ent⸗ fernt ſind.“ Meine Ungeduld, den guten Dienſt, welchen er mir erwieſen hatte, zu erfahren, gewann es über meine Mäßigung, und ich unterbrach ihn jetzt ſo:„Verdammt ſey Eure Verwandtſchaft und Euer Stammbaum! wenn der Schulmeiſter und Ihr mir einen Ge⸗ fallen thun könnt, wozu dieſe lange Einleitung?“ Da ich dieſe Worte mit ziemlicher Heftigkeit ausſprach, ſo ſah mich Strap eine Zeit lang ſehr ernſt an, und fuhr dann fort: „Gewiß darf man unſern Stammbaum nicht verdammen, weil er nicht ſo edel iſt, als der eurige. Ich bin ſehr bekümmert darüber, in der letzten Zeit an Euch eine ſo große Veränderung in Eurer Stimmung zu bemerken, Ihr waret immer obenhinaus, nun aber ſeid Ihr ſo ſauertöpfiſch geworden, wie der alte betrunkene Keſſel⸗ flicker Periwinkel, dem Ihr und ich, Gott vergeb' es uns! ſo viele verwünſchte Streiche geſpielt haben, ſo lange wir auf der Schule waren; doch ich will Euch nicht länger hinhalten, weil zweifelsohne 11 Nichts peinlicher iſt, als der Zweifel— dubio, procul dupio, nil dubius. Mein Freund oder Verwandter, oder wie Ihr wollt, oder beides, der Schulmeiſter nämlich hat, da er weiß, wie ſehr ich an Euch Antheil nahm— denn ſeid überzeugt, daß ich es nicht daran fehlen ließ, Eure guten Eigenſchaften ihm herauszuſtreichen! — beiläufig geſagt, er hat beſchloſſen, Euch die Ausſprache des Engliſchen zu lehren, ohne was Ihr, wie er ſagt, für das Ge⸗ ſchäft hier zu Lande nicht geeignet ſeid— ich ſage, mein Ver⸗ wandter hat zu Euren Gunſten mit einem franzöſiſchen Apotheker, der eines Gehülfen benöthigt iſt, geſprochen, und auf ſeine Em⸗ pfehlung hin bekommt Ihr jährlich ſünfzehn Pfund, nebſt Bett und Tiſch, ſofern Ihr Luſt habt.“ Bei dieſer Nachricht war mein Intereſſe zu ſehr betheiligt, als daß ich mit Gleichgültigkeit ſie hätte anhören ſollen; ſondern aufſpringend drang ich in Strap, mich ſogleich in ſeines Freundes Haus zu begleiten, damit ich auch durch den geringſten Verzug meinerſeits dieſe Gelegenheit nicht verſäumte. Man ſagte uns, der Schulmeiſter befinde ſich in Geſellſchaft in einem benachbarten Wirthshauſe, wohin wir uns begaben, und wo wir ihn mit dem fraglichen Individuum, dem Apotheker, trinkend antrafen. Als wir ihn hatten herauskommen laſſen, und er meine Un⸗ geduld bemerkte, ſo brach er in ſeinen gewöhnlichen Ausruf der Verwunderung aus, und ſprach: „O Chriſtus! Ich vermuthe, als Ihr von dieſem Anerbieten hörtet, nahmt Ihr Euch nicht Zeit genug, die Treppe herabzugehen, ſondern ſpranget aus dem Fenſter. Ueberranntet ihr keinen Laſt⸗ träger, oder kein Auſterweib auf der Straße? Eine Gnade von Gott war es, daß Ihr nicht Euer Hirn an einem Pfoſten auf Eurem Wege daher ausſtießet. Bei meinem Gewiſſen! ich glaube, wäre ich geweſen in den innerſten Gemächern meiner Wohnung— den wahren penetralibus— ſogär im Bette bei meiner Frau— Euere Heftigkeit würde nicht geachtet haben Riegel, Schlöſſer, Anſtand, 12 kurz Nichts. Die Höhle des Cacus, oder das sanctum sanctorum hätte mich nicht vor Euch geſchirmt. Doch kommt, der Herr, von dem ich ſprach, befindet ſich im Hauſe; ich will ihn Euch ſogleich„ vorſtellen.“ Als ich das Zimmer betrat, bemerkte ich vier oder fünf Rau⸗ cher, davon einen der Schulmeiſter folgendermaßen anredete: „Herr Lavement! hier ſteht der junge Mann, von dem ich mit Euch ſprach.“ Der Apotheker, welcher ein kleiner, alter, ausgemergelter * Mann war, mit einer ungefähr einen Zoll hohen Stirne, einer am Ende umgeſtülpten Naſe, breiten Backenknochen, welche eine Höhlung für ſeine kleinen grünen Augen bilden halfen, einem gro⸗ ßen Sack lockerer Haut, welche an jeder Seite in Runzeln, gleich den Backentaſchen eines Pavians, herabhing, und einem Munde, der an jene Zuſammenziehung, die das Grinſen erzeugt, ſo ſehr gewöhnt war, daß er keine Sylbe auszuſprechen vermochte, ohne 7 die Reſte ſeiner Zähne zu weiſen, welche aus vier gelben Hauern, von den Anatomen nicht mit Unrecht Hundszähne genannt, be⸗ ſtanden; dieſe Perſon— ſage ich— ſprach, nachdem ſie mich eine Zeit lang angeſehen hatte: „Oho! iſt ſerr gut, Monſieur Concordance! Junger Mann! Ihr ſeid ſerr willkommen: trinkt ein Glas Birr, und kommt mor⸗ gen früh in meine Wohnung! Monſieur Concordance wird Euch den Weg zeigen.“ Hierauf machte ich eine Verbeugung, und konnte, als ich das Zimmer verließ, ihn noch ſagen hören: Ma foi! c'est un bon gar- Lon, c'est un gaillard!“ Da ich durch eigenen Fleiß, ſo lange ich bei Crab diente, die franzöſiſche Sprache ziemlich gut gelernt hatte, um die Schriftſtel⸗ 4 ler dieſer Sprache zu verſtehen, und den Sinn eines jeden Worts, das in der Unterhaltung vorkam, zu begreifen, ſo beſchloß ich, meinem neuen Herrn gegenüber, mich unwiſſend zu ſtellen, damit 13 er und ſeine Familie, von denen ich vermuthete, daß ſie aus dem⸗ ſelben Lande wären, keinen Rückhalt vor mir hätten, und ich alſo im Geſpräche leicht Etwas auſſpüren könnte„ was mir entweder Unterhaltung oder Nutzen verſpräche. Am nächſten Morgen führte mich Herr Concordance in des Apothekers Hauſe, wo der Handel abgeſchloſſen, und Befehl er⸗ theilt wurde, ſogleich ein Zimmer für mich in Bereitſchaft zu ſetzen. Doch, ehe ich an das Geſchäft mich begab, empfahl mich der Schulmeiſter ſeinem Schneider, der mir für einen vollſtändigen Anzug, welcher von der erſten Hälfte meines Gehalts zahlbar ſeye, und deſſen Anfertigung ſogleich begonnen werden ſollte, Cre⸗ dit gab; hierauf verſah er mich mit einem neuen Hute, unter den nämlichen Bedingungen, ſo daß ich binnen wenigen Tagen ein ganz modehaftes Ausſehen zu gewinnen hoffen durfte. MWittlerweile patte Strap mein Gepäck an den für mich be⸗ ſtimmten Ort gebracht, der in einer Hinterſtube beſtand, zu der man zwei Treppen hoch hinaufſtieg. Das darin befindliche Geräthe beſtand aus einer Pritſche für mich zum Liegen, einem Stuhle ohne Lehne daran, einem irdenen Nachttopf ohne Handhabe, einem Krug, anſtatt des Leuchters, und einem dreieckigen Stück Glas, anſtatt des Spiegels, da der Reſt der Zimmerzierrath vor Kur⸗ zem in eines der Dachſtübchen zum Gebrauche des Dieners eines iri⸗ ſchen Hauptmanns, der im erſten Stock wohnte, gebracht worden war. Neunzehntes Kapitel. Die Charakterſchilderungen Herrn Lavements, ſeiner Frau und Tochter; einige Anekdoten aus der Familie; die Mutter und Tochter Nebenbuhle⸗ rinnen; ich begehe einen Irrthum, der mir großes Vergnuͤgen macht, aber traurige Folgen hat. Als ich am darauf folgenden Tage im Laden bei meinem Ge⸗ ſchäfte war, kam ein ſchön gekleidetes, keckes Frauenzimmer herein, 14 unter dem Vorwande, eine Phiole zu dieſem oder jenem Gebrauch zu holen, und weil ſie vermuthete, ich bemerke es nicht, ſo er⸗ griff ſie die Gelegenheit, mir ſcharf ins Geſicht zu ſehen, und ent⸗ fernte ſich wieder mit einem ſtillſchweigenden, verächtlichen Blicke. Ich errieth leicht ihre Geſinnungen, und mein Stolz ließ mich den Entſchluß fäſſen, mit der nämlichen Gleichgültigkeit und froſtigen Miene ihr zu begegnen. Mittags erfuhr ich von den Mägden, mit denen ich in der Küche aß, dieß ſey meines Herrn einzige Tochter, die einſt ein ſehr ſchönes Vermögen bekommen würde. Deßhalb und um ihrer Schön⸗ heit willen machten ihr viele junge Herren den Hof; ſie ſey zweimal ſchon auf dem Punkte geſtanden, ſich zu verheirathen, aber die Filzigkeit ihres Vaters, der ſich weigere, zur Vollziehung der Hei⸗ rath nur einen Schilling herzugeben, habe es jedesmal vereitelt. Darum benehme ſich auch das junge Fräulein gegen ihren Vater nicht mit der kindlichen Verehrung, welche man erwarten ſollte. Namentlich hege ſie die tiefſte Verachtung gegen ſeine Landsleute, indem ſie hierin mit ihrer, aus England gebürtigen, Mutter glei⸗ chen Sinnes ſei; und aus den Winken, welche ſie fallen ließen, ſchloß ich, die graue Stute ſey noch derbern Schlags— ſie ſey eine Dame hohen Geiſts, der ſich oft an ihren Untergebenen offen⸗ bare,— ſie liebe Zerſtreuungen, und betrachte das junge Fräu⸗ lein bei allen Parthien als ihre Nebenbuhlerin, was auch der wahre Grund ihrer Verſtimmung gegen einander ſey; denn hätte die Mutter ihr Intereſſe mit Wärme verfochten, ſo würde der Vater es nicht gewagt haben, ihre Bitte abzuſchlagen. Befriedigt durch dieſe Mittheilungen machte ich bald ſelbſt ehre Entdeckungen. Herrn Lavement's bedeutungsvolles Grinſen gegen ſein Weib, wenn ſie anders wohin ſah, gab mir die Ueber⸗ zeugung, daß er mit ſeinem Looſe nicht ganz zufrieden ſey, und aus ſeinem Betragen, in Gegenwart des Capitäns, ſchloß ich, ſein hauptſächlichſter Kummer ſey Eiferſucht. Was mich anbelangt, „ 3 * 15 ſo betrachtete man mich in keinem andern Lichte, als dem eines gemeinen Dienſtboten, und ich war ſchon ſeit ſechs Tagen im Hauſe, ohne daß die Mutter oder die Tochter mich einer Anrede gewürdigt hätten, ja! die letztere hatte— die Mägde erzählten es mir— eines Tags bei Tiſche ihr Erſtaunen darüber bezeugt, daß ihr Papa ſolch einen linkiſchen und gemein ausſehenden Ge⸗ hülfen halten könne. Dieſe Nachricht wurmte mir, und da ich nächſten Sonntag ausgehen durfte, ſo kleidete ich mich in meinem neuen Anzug ſo vortheilhaft als möglich, und, Scherz bei Seite! machte keine üble Figur. Nachdem ich den größten Theil des Tages in Geſellſchaft Strap's und einiger ſeiner Bekannten verbracht hatte, kam ich Nachmittags nach Hauſe, und wurde von der Miß hineingelaſſen, die, ohne mich zu kennen, ſich tief verbeugte, als ich in's Haus trat, worauf ich ihr mit einem gleichen Bücklinge erwiederte, und die Thüre zuſchloß. Unterdeſſen hatte ich mich umgedreht, und ſie ihren Irrthum bemerkt, worauf ſie die Farbe wechſelte, aber ſich nicht entfernte. Da der Weg ſchmal war, ſo konnte ich nicht wei⸗ ter gehen, ohne an ſie zu ſtoßen; ſo mußte ich denn bleiben, wo ich war, mit zu Boden gehefteten Blicken und einem von Ver⸗ legenheit glühenden Antlitz. Endlich kam die Eitelkeit ihr zu Hülfe; ſie entfernte ſich kichernd, und ich konnte ſie das Wort „über das Geſchöpf!“ ausſprechen hören. Von dieſer Zeit an kam ſie fünfzigmal wohl des Tags in den Laden unter verſchiedenen Vorwänden, und bediente ſich mancher ſo freundlicher Mienen und Geberden, daß ich wohl ſah, ihre Meinung von mir habe einen Wechſel erlitten, und ſie halte mich im Ganzen für keinen unwürdigen Gegenſtand der Eroberung. Doch mein Herz war durch Stolz und Rache, welche die zwei Hauptſeiten meines Temperaments ausmachten, gegen ihre Reize ſo verhärtet, daß ich allen ihren Kunſtgriffen die Spitze bot, und, 16 trotz einiger von ihr gemachter Verſuche, nicht dahin gebracht wer⸗ den konnte, ihr die geringſte Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Dieſe Verachtung meinerſeits verbannte alle günſtigen Eindrücke für mich aus ihrem Herzen, und von nun an faßte die Wuth eines hintangeſetzten Weibes darin Wurzel; dieß gab ſich nicht nur in allen möglichen Einflüſterungen, welche ihre Bosheit ihrem Vater gegen mich in das Ohr blaſen konnte, ſondern auch darin kund, daß ſie ſolche knechtiſche Dienſtleiſtungen mir aufbürdete, wovon ſie glaubte, ſie würden meinen Geiſt demüthigen. Namentlich befahl ſie mir einſt, meines Herrn Rock auszu⸗ bürſten; doch ich weigerte mich, und es erfolgte ein heftiger Wort⸗ wechſel, der damit endete, daß ſie in Thränen der Wuth ausbrach, als ihre Mutter dazu kam, und nach Unterſuchung der Sache ſich zu meinem Vortheile entſchied. Doch verdankte ich dieſen Dienſt nicht einer Achtung oder Rück⸗ ſicht, welche ſie gegen meine Perſon hegte, ſondern nur dem Wunſche, ihre Tochter zu ärgern, welche bei dieſer Gelegenheit die Bemerkung machte, daß, hätten gewiſſe Leute auch noch ſo ſehr Recht, es gewiſſe andere Perſonen geben würde, welche ihnen nie⸗ mals Gerechtigkeit wiederfahren ließen; doch ſicherlich hätten ſie ihre Gründe dazu, die man wohl wiſſe, obwohl man ihre kleinen Kunſtgriffe verachte. Dieſes man und das Wort gewiſſe Per⸗ ſonen veranlaßten mich, das Betragen meiner Herrin in Zu⸗ kunft ſchärfer unter die Brille meiner Beobachtung zu nehmen, und bald kam ich auf die Vermuthung, ſie betrachte ihre Tochter als Nebenbuhlerin in ihrer Neigung zum Capitän O'Donnell, der im Hauſe wohnte. Unterdeſſen gewannen mein Eifer und meine Kenntniſſe mir die Zuneigung meines Herrn, der oft auf franzö⸗ ſiſch zu ſagen pflegte:„Mardi! c'est un bon garcon!“ Er hatte viele Geſchäfte; da aber ſeine Mitemigranten ihm die meiſten gaben, ſo war ſein Verdienſt gering. Andrerſeits war aber ſeine Ausgaben für Arzneien auch unbedeutend; denn 17 Surrogat eines Londner Apothekers beſaß er die größte Gewandt⸗ heit, ſo daß ich öfters mit dem größten Erſtaunen es mit anſah, wie er ohne den mindeſten Serupel die Verordnung eines Arztes ausführte, ohne ein einziges der vorgeſchriebenen Arzneimittel im Laden zu haben. Aufterſchaalen konnte er in Krähenaugen ver⸗ wandeln; gewöhnliches Oel in füß Mandelöl; Zuckerſyrup in Bal⸗ ſamſyrup; Themſenwaſſer in aqua cinnamomi; Terpentin in Ko⸗ paivabalſam, und hundert andere koſtbare Präparate wurden in einem Augenblick aus den wohlfeilſten und gemeinſten Stoffen des Arzneiſchatzes zuſammengeſetzt; und wenn etwas Gewöhnliches einem Patienten verordnet wurde, ſo trug er meiſtens dafür Sorge, es in Farbe, oder Geſchmack, oder in beiden zu verändern, ſo daß man es nicht leicht erkennen konnte; hiebei thaten Cochenille und Baumöl große Dienſte. Unter vielen Arcanis, welche er beſaß, war eines für die Spphilis, das ihm viel Geld eintrug, und dieß wußte er ſo gut vor mir zu verbergen, daß ich ſeine Zuſammen⸗ ſetzung nie erfahren konnte; doch war er während der acht Mo⸗ nate, ſo lange ich in ſeinen Dienſten war, ſo unglücklich damit, daß drei Viertheile ſeiner Patienten die Cur durch einen Speichel⸗ fluß unter der Leitung eines andern Arztes verſtärken mußten. Dieſer, allem Anzeichen nach, ſchlimme Erfolg vermehrte noch ſeine Anhänglichkeit an ſein Spezificum, und bevor ich ihn ver⸗ ließ, würde er— ich darf es ſagen— ungeachtet er ein guter Hugenotte war, lieber der Dreieinigkeit, als dem Glauben an die Unfehlbarkeit ſeines Antivenericums entſagt haben. Herr Lavement hatte mehr als einmal den Verſuch gemacht, die vegetabiliſche Koſt in ſeiner Haushaltung einzuführen, indem er in das Lob der Wurzeln und Gemüſe ausbrach, und die Ge⸗ wohnheit des Fleiſcheſſens als Arzt und Philoſoph verwarf; aber ſeine ganze Beredtſamkeit konnte ihm keinen Proſelyten gewinnen, und ſelbſt das Weib ſeines Herzens erklärte ſich gegen den Vor⸗ ſchlag. Ob die wenige Acktung, welche ſie ihres Mannes Ermah⸗ Smollet's Romane. IHM. 2 18 nungen in dieſem Punkte ſchenkte, oder die natürliche Wärme ihres Temperaments daran ſchuld waren, vermag ich nicht zu entſchei⸗ den, aber ſo viel bleibt wahr, dieſer Frau heſtige Leidenſchaften nahmen von Tag zu Tag zu, und am Ende ſah ſie den Anſtand für einen ganz unnöthigen Zwang an, ſo daß ſie mir eines Nach⸗ mittags, als ihr Mann ausgegangen war, und ihre Tochter Be⸗ ſuche machte, eine Miethkutſche zu holen befahl, worin ſie nebſt dem Capitän nach Covent Garden fuhr. Die Miß kam Abends nach Hauſe, und ging, nachdem ſie zur gewöhnlichen Stunde das Abendeſſen zu ſich genommen hatte, ins Bett. Gegen eilf Uhr ſtellte ſich mein Herr ein, und frug, ob ſeine Frau zu Bette gegangen ſey, worauf ich ihm ſagte, ſeine Frau ſey Nachmittags ausgefahren, und noch nicht zurückgekommen. Dieſe Nachricht traf den Apotheker wie ein Donnerſchlag, und er ſchrie, zurücktretend vor Entſetzen: „Mort de ma vie! was ſagt Ihr zu mir? Meine Fran nicht vaheim In dieſem Angenblick kam eines Patienten Bedienter mit einem Recepte, das mein Herr nahm und in den Laden ging, um es eigenhändig zu bereiten. Während er die Ingredienzen in einem gläſernen Nrſe rieb, fragte er mich, ob ſeine Frau allein ausgefahren ſey, und kaum vernahm er, ſie ſey in Geſellſchaft des Capitäns ausgefahren, ſo zerſplitterte er mit Einem Schlage den Mörſer in tauſend Stücke und ſagte, grinſend wie der Kopf einer Baßgeige:„ah, traitresse!““ Es würde mir unmöglich geweſen feyn, meine Ernſthaftigkeit eine Minute länger zu behalten, wäre ich nicht zum Glücke durch einen derben Schlag an die Thüre erlöst worden, die ich nun öffnete. Hierauf ſah ich meine Herrin von der Kutſche herausſtei⸗ gen; ſie fuhr, wie der Wind, in den Laden, und redete Prn Gatten ſo an: S „Ich vermuthe„du glaubteſt, ich ſey verloren, mein eu. 19 Capitän O'Donnell patte die Güte, mich in das Theater zu füh⸗ ren.“—„Theater! Theater!“ gab er zur Antwort:„Oho! ja, beim Teufel! da wird yübſch geſpielt worden ſeyn.“—„Um Got⸗ tes Willen!“ ſprach ſie hierauf,„was fehlt dir?“ „Was mir ſehlt?“ ſchrie er, von Zorn übermannt,—„beim Teufel, du biſt eines verdammten Hundes Weib!— ventre bleu! ich will zeigen dir, was es heißt, mir Hörner aufzuſetzen!— Pardieu! der Capitän O'Donnell ſey ein—!“ Hier trat der Capitän, welcher die ganze Zeit über draußen geweſen war, nachdem er den Kutſcher bezahlt hatte, in den La⸗ den, und ſagte mit ſchrecklicher Stimme:„Gott verdamm' mich! was bin ich?“ Hierauf ſtimmte Herr Lavement ſeinen Ton um, und begrüßte ihn ſogleich mit:„0 serviteur, monsieur le capitaine, vous étes un gallant homme: ma femme est fort obligée.“ Dann wandte er ſich zu mir und ſagte mit leiſer Stimme: Et diable- ment obligrante sans doute. „Hören Sie, Herr Lavement!“ ſprach der Capitän,„ich bin ein Mann, der Ehre im Leibe hat, und glaube, Sie beſitzen zu viele Höflichkeit, als daß die Artigkeit, welche ich ihrer Gattin erwies, Sie beleidigen könnte.“ Dieſe Erklärung hatte eine ſolche Wirkung auf den Apotheker, daß er alle franzöſiſche Feinheit zuſammennahm, und mit der äußerſten Artigkeit dem Capitän die Verſicherung gab, die Ehre, welche er ſeiner Frau angethan, freue ihn unendlich. Nach Beilegung dieſer Sache gingen wir zu Bette. Am folgenden Tage bemerkte ich durch eine Glasthüre, welche vom Laden in das Sprachzimmer führte„den Capitän eifrig mit der Miß ſprechen, welche ihn mit einem Blicke anhörte, der Zorn und Verachtung ausſprach. Dieß wußte er jedoch zu beſchwichti⸗ gen und beſiegelte ſeine Verſöhnung durch einen Kuß. Dieſer Umſtand vergewiſſerte mir ſogleich die Veranlaſſung 20 des Zwieſpalts; allein ungeachtet meiner Wachſamkeit konnte ich Nichts enidecken, was einen ſonſtigen Verkehr zwiſchen ihnen bewies. Unterdeſſen hatte ich Grund, anzunehmen, ich habe einem de Mädchen zärlliche Gefühle für mich eingeflößt, und benützte in einer Nacht, als meiner Vermuthung nach Alles im Schlafe lag, die Gelegenheit, die Früchte meiner Eroberung zu genießen, da ihre Bettgenoſſin den Tag zuvor nach Richmond, zu ihren Ver⸗ wandten, auf Beſuch gegangen war. Demgemäß ſtand ich auf, und verfolgte, nackt wie ich war, meinen Weg in der Finſterniß da⸗ hin, wo ſie lag. Ich war entzückt, die Thüre offen zu finden, und ging ganz ſachte an ihr Bett hin, in der angenehmen Hoff⸗ nung, meine Wünſche befriedigen zu können. Doch welche Eifer⸗ ſucht und welches Entſetzen ergriff mich, als ich ſie ſchlafend und in den Armen eines Mannes antraf, den ich leicht für den Diener des Capitäns anſehen konnte! Ich ſtand auf dem Punkte, einen raſchen Entſchluß auszuführen, als das Geräuſch einer, hinter dem Getäfel ſcharrenden, Ratte mich zur Flucht veranlaßte, und ich darauf bedacht ſeyn mußte, wieder ſicher in mein Beit zurück⸗ zugelangen. Ob dieſes Geränſch mich verwirrt, oder das Schickſal meines Weges verfehlen ließ, weiß ich nicht; aber, anſtatt mich links zu wenden, als ich in den zweiten Stock hinabgieng, ſchlug ich den entgegengeſetzten Weg ein, und hielt der jungen Miß Schlafzim⸗ mer für das meinige. Ich bemerkte meinen Irrthum erſt, als ich an die Bettpfoſten angerennt war, und da war es zu ſpät, denn die Nymphe war erwacht, fühlte meine Nähe, und hieß mich mit leiſer Stimme, ich ſolle kein Geräuſch machen, damit der ſchotti⸗ ſche Gimpel im nächſten Zimmer uns nicht belauſche. Dieſer Wink genügte mir, um mich über die Bedeutung die⸗ ſer Weiſung aufzuklären, und da meine Leidenſchaften, die ohne⸗ dieß leicht brausten, damals im Zuſtande der höchſten Gährung waren, ſo beſchloß ich, aus meinem guten Glücke Nutzen zu zie⸗ ben. Ohne deßhalb viel Umſtände zu machen, ſchlüpfte ich in das Bette der Schönen hinein, die mir eine ſo günſtige Aufnahme gab, als ich nur erwarten konnte Unſere Unterhaltung war meiner⸗ ſeits ſehr kurz, allein ſie zog die Perſon, welche ich vorſtellte, mit ihrer Eiferſucht gegen mich auf, den ſie ſo unbarmherzig be⸗ handelte, daß ich mehr, als einmal, nahe daran war, die Hülle der Verſtellung fallen zu laſſen; doch tröſtete ich mich für ihren Haß gegen mich durch das Rachegefühl, das ich genoß, als ich aus ihrem eigenen Munde vernahm, es ſey jetzt hohe Zeit, ihre Ehre durch eine Heirath zu retten: denn ſie befürchte nicht ohne Grund, ſie möchte die Folgen ihres gegenſeitigen Einverſtändniſſes nicht länger verbergen können. Als ich über eine Antwort auf dieſe Frage nachſann, hörte ich in meinem Zimmer etwas Schwe⸗ res auf den Boden fallen. Auf dieß erhob ich mich, und, in die Thüre meines Zimmers hineinkriechend, bemerkte ich beim Mond⸗ lichte den Schatten eines Mannes hinaus ſchleichen; ich zog mich demnach zurück, um ihm den Weg frei zu laſſen, und ſah ihn bierauf ſo ſchnell als möglich die Treppe hinabgehen. Es war unſchwer, zu errathen, daß dieß der Capitän ſey, der die verab⸗ redele Stunde verſchlafen hatte, endlich aufgeſtanden war, und, meine Thüre offen findend, mein Zimmer anſtatt des Schlafge⸗ machs ſeines Liebchens, wo ich ſeine Stelle ausfüllte, betreten hatte. Da er jedoch, als er über meinen Stuhl fiel, ſeinen Irr⸗ thum einſah, ſo fürchtete er, der Lärmen möchte die Familie auch ſtören, und machte ſich deßhalb aus dem Staube, vie Befriedigung ſeiner Wünſche auf eine beſſere Gelegenheit verſchiebend. Dieß ſtellte mich zufrieden, und, anſtatt dahin zurückzukehren, von wo ich her kam, zog ich mich in meine Feſtung zurück, deren Eingang ich, indem ich den Riegel vorſchob, abſchloß, und, mein Glöck ſegnend, einſchlief. Doch das Wahre der Sache konnte der jungen Miß nicht verborgen bleiben, denn es kam am nächſten Tage zu 22 einer Erklärung zwiſchen ihr und dem Capitän, der ſein Un⸗ glück in der vergengenen Nacht beklagte, und wegen des Lärms, den er gemacht habe, um Verzeihung bat. Man kann ſich, als ſie zur Kenntniß des Vorgefallenen kam, ihren Aerger leicht vor⸗ ſtellen, ungeachtet jedes von ihnen einen beſonderen Kummer für ſich hatte; denn ſie war ſich's bewußt, mir nicht nur die Geheim⸗ niſſe ihres Verkehrs mit ihm verrathen, ſondern auch mich durch die Freiheiten, welche ſie ſich rückſichtlich meines Namens zu nehmen 3 erlaubt hatte, auch dergeſtalt erbittert zu haben, daß jede Ausſicht einer Verſöhnung für ſie verſchwinden mußte. Andrerſeits gab ihm ſeine Eiferſucht ein, ihr Kummer ſey nichts als Verſtellung, und ich hätte mit ihrer eigenen Einwilligung ſeine Stelle ausgefüllt. Daß dieß ungefähr ihre Gedanken waren, wird die Folge lehren, denn an demſelben Tage kam ſie in den Laden herab, wo ich allein 3 war, richtete ihre, in Thränen ſchwimmenden Augen auf mich, und ſeufzte dabei auf's Kläglichſte. Dagegen blieb ich in Erinnerung der Epitheta, womit ſie mich die Nacht zuvor beehrt hatte, und in der großen Ueberzeugung, die gute Aufnahme, welche ich ge⸗ noſſen, ſey für einen Andern beſtimmt geweſen, ungerührt bei ihrem Jammer, von dem ich keine Notiz nahm, wodurch ſie den Aerger 6 hatte, ihre Verachtung vierfach erwiedert zu ſehen. Indeſſen hielt ſie es von da an für gerathen, mich mit mehr 4 Artigkeit, als zuvor, zu behandeln, da ſie wußte, daß es jeder⸗ zeit in meiner Macht ſtehe, ihre Schande zu veröffentlichen. 1 Hiedurch bekam mein Leben mehr Angenehmes, obwohl ich es nicht über mich gewinnen konnte, meinen nächtlichen Beſuch zu wiederholen.— Da ich täglich mehr die Stadt kennen lernte, ſo verwiſchte ſich allmählich mein plumpes Weſen, und ich erlangte den Charakter eines gewandten Apotheker⸗Gehülfen. 23 Zwanzigſtes Kapitel. Ich werde angegriffen und gefaͤhrlich verwundet; werfe meinen Verdacht auf O'Donnell, und werde in meiner Vermuthung hieruber beſtaͤrkt; ent⸗ becke einen Plan der Rache und bringe ihn in Ausfuͤhrung; O'Donnell beſtiehlt ſeinen eigenen Bedienten und macht ſich unſichtbar; ich bewerbe mich um die Gunſt eines Maͤdchens, und enthehe auf merkwuͤrdige Weiſe ihren Schlingen. Als ich einmal Nachts von einem Beſuche bei einem Patien⸗ ten in Chelſea zurückkehrte, erhielt ich von unſichtbarer Hand einen Schlag auf mein Haupt, der mich beſinnungslos auf den Boden hinſtreckte, und ich wurde mit drei Degenſtichen in dem Leib für todt auf dem Platze gelaſſen. Die Seufzer, welche ich ausſtieß, als ich wieder zur Befinnung kam, drangen zu den Ohren der Bewohner eines, in der Nähe befindlichen Bierhauſes, welche Menſchlichkeit genug beſaßen, mich hineinzuſchaffen, und nach einem Wundarzte zu ſchicken, der meine Wunden verband, und mir die Verſicherung gab, ſie ſeien nicht tödtlich. Eine davon drang durch die Haut und Muskeln einer Seite meines Unterleibs ſo, daß ohne Zweifel der Meuchelmörver dachte, er habe mir die Einge⸗ weide durchſtoßen; die zweite ſtreifte eine meiner Rippen; und die letzte, welche auf den Gnadenſtoß berechnet war, hatte die Rich⸗ tung nach meinem Herzen genommen, der Degen prellte aber an meinem Bruſtbeine ab, und die Spitze blieb in der Haut ſtecken. Als ich über dieß Ereigniß nachſann, konnte ich nicht zu der Ueberzeugung mich bequemen, daß ein gemeiner Straßenräuber mich angegriffen habe; denn es iſt bei Leuten dieſes Schlags nicht gewöhnlich, daß ſie an den Opfern ihrer Raubſucht einen Mord begehen, namentlich wenn man ihnen keinen Widerſtand leiſtet, und ich fand Alles, was ich an mir und bei mir trug, Geld und Son⸗ ſtiges, meinen Körper ausgenommen, unverſehrt. Hieraus zog 24 ich den Schluß, entweder müſſe man mich für einen Andern ge⸗ halten, oder die Privatrache eines geheimen Freundes ſich an mir geſättigt haben, und, da ich mich Niemandes entſinnen konnte, dem ich die geringſte Urſache einer Klage gegen mich gegeben ha⸗ ben könnte, Capitän O'Donnell und meines Herrn Tochter aus⸗ genommen, ſo blieb mein Verdacht bei ihnen ſtehen, obwohl ich mich bemühte, es zu verbergen, damit ich deſto bälder die Beſtä⸗ tigung deſſelben erhielte. In dieſer Abſicht ließ ich mich eines Morgens gegen zehn Uhr in einer Sänfte nach Hauſe bringen, und begegnete, als die Sänftenträger mich in das Haus hineinführten, dem Capitän auf dem Gange, der, als er meiner anſichtig wurde, zurückprallte, und offenbare Beweiſe eines ſchuldigen Gewiſſens gab, welche er mit dem Erſtaunen, mich in einer ſolchen Lage zu ſehen, entſchuldigte. Als mein Herr meine Geſchichte vernahm, drückte er mir ſehr aufrichtig ſeine Theilnahme aus, und befahl, als er hörte, meine Wunden ſeyen nicht gefährlich, man ſolle mich hinauf in's Bett tragen, ungeachtet einigen Wiverſtandes von Seiten ſeiner Frau, welche der Meinung war, man ſolle mich ins Hoſpital ſchicken, denn dort verpflege man mich beſſer. Ich beſchäftigte mich nun in Gedanken damit, einen Rache⸗ plan gegen O'Donnell und ſeine Geliebte, welche beide ich als die Urheber meines Unglücks anſah, bei mir zu entwerfen, als die Miß, welche bei meiner Ankunft nicht zu Hauſe war, in mein Zimmer trat, und mit den Worten, ſie bedaure das Ereigniß, welches mich getroffen habe, frug, ob ich Jemanden deßhalb in Verdacht habe, worauf ich meine Blicke feſt auf ſie richtete, und antwortete:„Ja!“ Sie verrieth kein Zeichen von Schuld, ſon⸗ dern erwiederte haſtig:„wenn das der Fall iſt, warum laßt Ihr Euch nicht einen Verhaftbefehl gegen ihn ausſtellen? das wird Euch nur eine Kleinigkeit koſten; wenn Ihr kein Geld habt, ſo will ich Euch leihen.“ 25 Dieſe offene Rede heilte nicht nur meinen Verdacht gegen die Miß, ſondern verſtärkte noch den in Anſehung des Capitäns, von deſſen Schuld ich mir noch fernere Beweiſe verſchaffen wollte, ehe ich Rache an ihm nähme. Ich dankte ihr höflich für ihr gütiges Anerbieten, hinzufügend, ich ſehe mich nicht bewogen, davon Ge⸗ brauch zu machen, da ich entſchloſſen ſey, nichts Voreiliges zu un⸗ ternehmen; denn obwohl ich wiſſe, daß mein Angreifer ein Soldat ſey, deſſen Geſicht ich zu kennen vermuthe, ſo ſey ich doch unver⸗ mögend, mit gutem Gewiſſen auf ein beſtimmtes Individuum zu ſchwören; und geſetzt auch, ich könnte dieß, ſo würde mir doch meine Verfolgung nicht viel helfen. Dieß gab ich nur vor, damit nicht der Capitän, wenn er von ihr yöre, ich kenne die Perſon, welche mich verwundet habe, es für zweckmäßig erachten möchte, die Flucht zu ergreifen, ehe ich das Wiedervergeltungsrecht aus⸗ geübt habe. Nach zwei Tagen ſtand ich wieder auf, und verrich⸗ tete unbedeutendere Geſchäfte, ſo daß Herr Lavemant keinen zwei⸗ ten Gehülfen an meiner Statt anzunehmen für gut fand. Das Erſte, was ich that, um auf eine ſichere Spur des MWörders zu kommen, beſtand darin, daß ich mich in O'Donnell's Zimmer ſchlich, als er im Schlafrocke ſich entfernt hatte, und ſei⸗ nen Degen unterſuchte, deſſen Spitze abgebrochen war, worauf ich das Bruchſtück, welches in meinem Körper ſteckend gefunden wurde, daran fügte, und es vollkommen paſſend fand. Nun war jeder Zweifel für mich verſchwunden, und es blieb mir nun nichts mehr übrig, als einen Racheplan zu entwerfen, der eine ganze Woche lang mein ganzes Nachdenken ausſüllte. Manchmal kam es mir zu Sinnen, ich ſolle ihn auf dieſelbe Weiſe, wie er es mit mir gemacht habe, anfallen und geradezu tödten. Doch mein Ehrgefühl ſträubte ſich gegen einen ſolchen Vorſchlag, als ein Stück barbariſcher Grauſamkeit, worin ich ihm nicht nachahmen dürfe. Ein anders Mal dachte ich daran, auf ehrenhafte Weiſe Genugthuung von ihm zu verlangen; doch brachte mich davon der Gedanke ab, wie unſicher der Ausgang hiebei ſeyn könne, und daß die Art und Weiſe, wie er mich beleidigt habe, ihm kein Recht, auf eine ſo leichte Weiſe davon zu kommen, gebe. Endlich be⸗ ſchloß ich, den Mittelweg einzuſchlagen, und brachte demnach mei⸗ nen Plan auf folgende Weiſe in Ausführung. Nachdem ich mich des Beiſtandes Strap's und zweier ſeiner Bekannten, auf welche er ſich verlaſſen konnte, verſichert hatte, verkleideten wir uns, und ich ließ ihm durch Einen unſerer Verbündeten, der in einer Livree ſtack, Sonntag Morgens folgendes Billet überbringen: „Mein Herr! Wenn ich mir erlauben darf, nach dem Scheine zu urtheilen, ſo wird es, hoffe ich, Euch nicht unlieb ſeyn, zu vernehmen, daß mein Gemahl nach Bagſhot gegangen iſt, um einen Patienten zu beſuchen, und vor morgen Nacht nicht zurückkommen wird; ſo daß, wenn ihr mir, wie ich bei mehreren Gelegenheiten aus Euerem Benehmen beinahe ſchließen dürfte, Etwas mitzutheilen habt, es das Beſte ſeyn wird, wenn Ihr dieſe Gelegenheit benützet, zu beſuchen Eure ꝛr.“ Dieſer Brief war mit dem Namen einer Apothekerfrau in Chelſea unterzeichnet, deren Verehrer, wie ich vernommen hatte, O'Donnell war. Alles ging nach unſern Wünſchen. Der Liebes⸗ held eilte an die bezeichnete Stelle, und ward von uns an dem nämlichen Platze, wo er mich angegriffen hatte, überfallen. Wir ſtürzten plötzlich auf ihn, verſicherten uns ſeines Degens, zogen ihn ſplitternackt aus, und geißelten hierauf ſeine Haut mit Brenn⸗ neſſeln, bis er von Kopf bis zu Fuß mit Blaſen überzogen war, ohne auf ſeine Thränen und dringendes Flehen um Erbarmen zu achten. Als er nach meiner Meinung genug Streiche empfangen hatte, ſo nahmen wir ſeine Kleider mit fort, welche wir in einer 27 Hecke nahe am Wege verbargen, und überließen es ihm, ſeinen Weg, ſo gut er konnte, nach Hauſe zu finden, während ich dafür Sorge trug, vor ihm zu Hauſe anzulangen. Später hörte ich, daß er auf ſeinem Wege zu der Wohnung eines Freundes, der in den Umgebungen der Stadt wohnte, von der Wache aufgegriffen worden ſey, die ihn nach dem Wachthauſe geführt habe, von wo aus er nach Kleidern in ſeine Wohnung ſandte, und hierauf am nächſten Morgen in eine Bettdecke, welche er entlehnt hatte, gewickelt, vor der Thüre in einer Sänfte an⸗ langte: denn ſein Körper war ſo wund und aufgeſchwollen, daß er kein Kleidungsſtück anlegen konnte. Meine Gebieterin und ihre Tochter behandelten ihn mit der äußerſten Zärtlichkeit, und wett⸗ eiferten mit einander in ihrer Sorge und Aufmerkſamkeit gegen ihn; Lavement jedoch konnte ſeine Freude darüber durch boshaftes Grinſen nicht verbergen, während er mir den Befehl gab, eine Salbe für ſeine Wunde zu bereiten. Was mich anlangt, ſo wird Niemand in Zweifel ziehen, welche Befriedigung es mir ge⸗ währte, wenn ich täglich meine Rache an dem Körper meines Feindes, von deſſen Geſchwüre ich die Urſache war, verlängert ſehen konnte; und wirklich hatte ich nicht nur die Freude, ihn le⸗ bendig geſchunden zu haben, ſondern auch eine zweite unvorherge⸗ ſebene wurde mir zu Theil. Die Geſchichte, daß er an jenem Platze angegriffen und nackt ausgezogen worden ſey, kam in die öffentlichen Blätter, zugleich mit der Anweiſung für diejenigen, welche Tags darauf ſeine Kleider fanden, wohin man ſie bringen ſolle, worauf er auch Alles wieder erhielt, mit Ausnahme von ein Paar Briefen, worunter ſich derjenige befand, welchen ich im Namen der Apothekerfrau an ihn geſchrieben hatte. Dieſer, nebſt den andern, welche, wie es ſcheint, alle die Liebe zu ihrem Gegenſtande hatten,— denn dieſer Irländer war ein ſogenannter Glücksjäger— fielen in die Hände einer gewiſſen Schriftſtellerin, welche durch eine ſtandalöſe Schrift, deren Ver⸗ 28 faſſerin ſie war, Berühmtheit erlangt hatte. Dieſe nun ſchmückte dieſe Briefe noch durch ſelbſterfundene Zuthaten aus, und veröffent⸗ lichte ſie hierauf im Drucke. Ich erſchrack äußerſt bei dem Gedanken, daß ich wegen des, von mir verfaßten, Briefs eine ganze Familie unglücklich machen möchte; doch wurde ich ruhiger, als ich erfuhr, daß der Chelſea⸗ Apotheker gegen den Drucker wegen ehrenrühriger Angriffe geklagt habe, und das Ganze als eine Art boshafter Verläumdung be⸗ trachte, welche von der Verfaſſerin, die ſich unſichtbar gemacht, ausgeheckt worden ſei. Doch, ſei dem, wie es wolle, unſere zwei Frauenzimmer ſchienen ſich eine ganz entgegengeſetzte Vorſtellung davon zu machen: denn ſo bald das Libell erſchienen war, konnte ich bemerken, wie ihre Sorge für den Patienten allmählig abnahm, bis ſie endlich in gänzliche Vernachläßigung überging. Unmöglich konnte ihm dieſer Wechſel ſowohl, als der Grund deſſelben, ent⸗ gehen; allein, da er ſich bewußt war, daß er ihrerſeits noch Schlimmeres, als Verachtung, verdient habe, ſo war er damit zufrieden, ſo wohlfeilen Kaufs weg zu kommen, und begnügte ſich, Flüche und Drohungen gegen den Apotheker auszuſtoßen, der, wie er ſich einbildete, eine heimliche Anzeige von dem Einverſtänd⸗ niſſe mit ſeiner Frau erhalten habe, und ſich nun auf die oben be⸗ ſchriebene Weiſe an ihm habe rächen wollen. Unterdeſſen hatte er eine neue Oberhaut bekommen, und 6 ſein Charakter ſo berüchtigt geworden war, ſo hielt er es für hohe Zeit, das Feld zu räumen, und bewerkſtelligte in einer Nacht ohne Trommelſchlag ſeinen Rückzug, nachdem er ſeinem eigenen Bedien⸗ ten Alles bis auf die Kleider am Leibe geſtohlen hatte. Einige Tage nach ſeinem Verſchwinden legte Herr Lavement zu ſeiner eigenen Sicherheit Beſchlag auf eine große alte Kiſte, welche er zurückgelaſſen hatte, und da ſie ſehr ſchwer wog, ſo zweifelte er nicht daran, ihr Inhalt werde ihn für das entſchädigen, was O'Donnell ihm an Miethzins ſchuldig war. Doch als man nach 29 Verfluß eines Mondes Nichts von dieſem Abenteurer vernahm, un⸗ mein Herr ungeduldig war, zu erfahren, was wohl die Kiſte em balte, ſo hieß er mich ſie in ſeiner Gegenwart aufbrechen, wa ich mit dem Stößel unſers großen Mörſers bewerkſtelligte, worau er zu ſeinem unausſprechlichen Erſtaunen und Aerger einen Haufe Steine darin entdeckte. Um dieſe Zeit benachrichtigte mich mein Freund Strap, da ein Herr ihm das Anerbieten gemacht habe, mit ihm als Bediente⸗ in das Ausland zu gehen, und gab mir zugleich die Verſicherung daß er, ungeachtet der Vortheile, welche dieſe Ausſicht ihm dar biete, doch nicht den Gedanken ertragen könne, ſich von mir 3. trennen, ſo ſtark verknüpfe er ſein Geſchick mit dem meinigen. Trotz aller Verpflichtungen, welche ich dieſem armen, ehrliche. Burſchen ſchuldig war, unterlag ich doch der natürlichen Verſuchun zur Undankbarkeit, welche dem menſchlichen Herzen ſo angebore⸗ iſt, daß ich anfing, ſeiner Bekanntſchaft müde zu werden; unt nun ich andere Freundſchaften geſchloſſen hatte, welche mir anſtär diger waren, ſchämte ich mich ſogar, daß ein Barbiersgeſelle m der Vertraulichkeit eines Bekannten nach mir ſich erkundigte. J drang deßhalb in ihn, er ſolle nur allein ſein Beſtes zu Rath ziehen und den Vorſchlag annehmen, was er auch endlich mi großem Widerſtreben that, und nach wenigen Tagen unter ein Fluth von Thränen, welche ich nicht ohne Rührung ſehen konnte ſich von mir verabſchiedete. Ich fing jetzt an, mich als wirklichen Gentleman zu betrachten. lernte bei einem Franzoſen, den ich von einer Modekrankheit ge heilt hatte, das Tanzen, beſuchte an Feiertagen das Theater wurde das Orakel eines Bierhauſes, wo man in jeder Streitigke mich zum Schiedsrichter wählte; und ſchloß endlich Bekanntſcha mit einem jungen Mädchen, deſſen Herz zu erobern ich Mittel g⸗ funden hatte, und welches ich, nach vielen Bitten, dahin bracht mir ein Eheverſprechen zu geben. 30 Da dieſes ſchöne Geſchöpf für eine reiche Erbin galt, ſo ſeg⸗ nete ich mein Geſchick, und ſtand in der That auf dem Punkte, meine Wünſche durch die Ehe zu krönen, als ich eines Morgens in ihre Wohnung mich begab, und da ihr Kammermädchen abwe⸗ ſend war, mir das Vorrecht eines Bräutigams nahm, und ihr Zimmer betrat, wo ich zu meiner äußerſten Beſtürzung ſie im Bette neben einem Manne fand. Der Himmel verlieh mir ſo viel Ge⸗ duld und Stärke des Geiſtes, daß ich mich augenblicklich entfernte, und ich dankte meinen Sternen es tauſendmal, daß ich eine ſo glückliche Entdeckung machte, wodurch mir für die Zukunſt alle Heirathsgedanken vergingen. Einundzwanzigſtes Kapitel. Squire Gawky miethet eine Wohnung bei meinem Herrn; er geräͤth in große Gefahr, woraus ich ihn ziehe; heirathet meines Herrn Fochter; ſie verſchwoͤren ſich gegen michz man findet mich des Diebſtahls ſchuldig; entlaͤßt mich meiner Dienſte; meine Freunde geben mich aufz ich miethe eine Stube in St. Giles, wo ich zufaͤllig das Frauenzimmer, an welches ich meine Bewerbungen richtete, in kläglichen Umſtaͤnden finde; ich unter⸗ ſtutze ſie. Indem ich mich noch lange dieſer Stimmung meines Innern erfreute, vermiethete Herr Lavement ſeinen erſten Stock an meinen Landsmann und Bekannten Squire Gawky, welcher unterdeſſen Lieutenant in der Armee geworden war, und ein ſolches martiali⸗ ſches Ausſehen gewonnen hatte, daß ich fürchtete, er möchte deſſen gedenken, was in Schottland zwiſchen uns vorgefallen war, und das, was er dort nicht gehalten, hier durch Pünktlichkeit wieder gut machen; doch ſeh es, daß er mich wirklich vergeſſen hatte oder es mich glauben laſſen wollte; genug, er verrieth nicht das min⸗ 31 deſte Zeichen, als erkenne er mich wieder, und ich wurde von meinen Beſorgniſſen geheilt; ungeachtet ich bald darauf Gelegen⸗ heit hatte, mich zu überzeugen, daß er trotz ſeines veränderten Aeußern immer noch im Grunde der alte Gawky ſey. Als ich nämlich in einer Nacht von einem Patienten ſpät nach Hauſe kam, hörte ich einen Lärm auf der Straße und ſah, als ich näher trat, zwei Gentlemen in Begleitung von drei Wachen. Die Gefangenen, welche durch Staub jämmerlich entſtellt waren, be⸗ klagten bitterlich den Verluſt ihrer Hüte und Perrücken; und einer von ihnen, den ich ſeiner Ausſprache nach für einen Schotten er⸗ kannte, jammerte auf's Kläglichſte, und bot für ſeine Freilaſſung eine Guinee, welche aber die Wachen ausſchlugen, mit dem Zu⸗ ſatze, daß einer ihrer Gefährten bedeutend verwundet worden ſey, und ſie dafür verantwortlich werden müßten. Meine Vorliebe für mein Geburtsland war ſo ſtark, daß ich keinen Landsmann von mir in einer unglücklichen Lage ſehen konnte, und deßhalb mit einem Hieb meines getreuen Prügels die Wache niederſchlug, welche das Individuum, für welches ich mich am meiſten intereſſirte, feſthielt. Kaum war dieſe Perſon befreit, ſo nahm ſie Ferſengeld, und überließ es mir, den Streit, ſo gut ich konnte, zu beendigen; und wirklich entkam ich nur mit knapper Noth; denn, ehe ich ein Gleiches thun konnte, erhielt ich von dem einen der beiden andern einen Schlag auf das Auge, welcher mich beinahe des Gebrauchs dieſes Organs beraubte. Indeſſen fand ich doch Mittel, mich los zu machen und nach Hauſe zu kommen, wo man mir die Nachricht gab, Capitän Gawky ſei von einer Geſell⸗ ſchaft Straßenräuber überfallen und ausgeplündert worden, wäh⸗ rend mein Herr mir auftrug, ein erweichendes Klyſtier und einen ſchmerzſtillenden Trank zu bereiten, um die Aufregung ſeiner Lebens⸗ geiſter, in Folge der erlittenen grauſamen Mißhandlung, zu beruhi⸗ gen, und er ſelbſt dem Patienten ſogleich 12 Unzen Blut abließ. Als ich nach den einzelnen Umftänden dieſes Abenteuers mich er⸗ — 32 kundigte, und von dem Diener hörte, jener ſey juſt vor mir nach Hauſe gekommen ohne Hut und Perrücke, ſo zweifelte ich keinen Augenblick mehr daran, daß er das Individuum ſey, welches ich befreit habe, und meine Vermuthung beftätigte ſich, als ich ſeine Stimme vernahm, die ich ſo lange vorher nicht mehr gehört hatte. Da mein Auge bedeutend angeſchwollen und entzündet war, konnte ich an mein Unternehmen nicht denken, ohne meine eigene Thorheit zu verwünſchen, und ſogar den wahren Hergang der ganzen Ge⸗ ſchichte zu erklären, um mich an der feigen Seele, um derentwil⸗ len ich Hiebe empfangen, zu rächen. Als er demzufolge am nächſten Tage in Gegenwart meines Herrn, ſeiner Frau und Tochter, welche ihn beſuchten, über ſeine Tapferkeit, um ſein Entkommen zu bewerkſtelligen, tauſend Lügen ſagte, ſo erlaubte ich mir, das Geheimniß zu enthüllen, und warf ihm, mit Berufung auf meine Quetſchung am Auge, Feigheit und Undankbarkeit vor. Ueber dieſe Anrede wurde Gawky ſo beſtürzt, daß er kein Wort zu erwiedern vermochte, und die Uebrigen ſahen einander an, bis endlich meine Principalin mir wegen meiner Unverſchämtheit einen Verweis gab, und drohte, mich wegen mei⸗ ner Anmaßung fortzujagen. Hierauf bemerkte Gawky, nachdem er ſeine Faſſung wieder gewonnen hatte, da der junge Mann ihn vielleicht mit einer andern Perſon verwechſelt hätte, ſo wolle er ihm ſeine Grobheiten verzeihen, um ſo mehr, da es ſcheine, als habe er für ſeine Dienſtfertigkeit einen ſchlechten Lohn erhalten; rieth mir aber, für die Zukunft in meinen Vermuthungen vorſich⸗ tiger zu ſeyn, bevor ich es wage, ſie zu Jemandes Nachtheil laut preis zu geben. Die junge Miß lobte des Cepitäns Großmuth, daß er einem, der ihn auf ſo freche Weiſe beſchimpft habe, ver⸗ zeihe, und ich fing an zu vermuthen, daß ihr Beifall nicht ſo ganz aus uneigennützigen Triebfedern entſpringen möchte. Der Apotheker jedoch, welcher entweder mehr Scharſſinn beſaß oder weniger parteiiſch war, als ſeine Frau und Tochter, hatte 33 eine entgegengeſetzte Anſicht von dieſer Sache, und redete mich im Laden auf folgende Weiſe an: „Ach, mon pauvre Rodérique! ihr habt mehr von de véra⸗ cité, als von de prudence— dok mein Weib und meine Tokder ſeyn diablement sage, und Monsieur le capitaine un fanfaron, pardieu!“ Dieſer Lobſpruch auf ſeine Frau und Tochter war, obwohl er ihn ironiſch ausgeſprochen hatte, dennoch vollkommen gerecht; in⸗ dem nämlich die Eine der Sache Gawky's ſich annahm, erhielt ſie ſich einen honetten Miethmann, und die andere verſchaffte ſich einen Ehemann unter Umſtänden, wo ſie nothwendig einen brauchte. Da nämlich die junge Miß ſah, daß die Wirkungen ihres Einver⸗ ſtändniſſes mit O'Donnell immer offenkundiger würden, ſo wußte ſie ſich mit ſo günſtigem Erfolg in das Herz dieſes neuen Haus⸗ bewohners einzuniſten, daß ſie nach weniger als vierzehn Tagen, unter dem Vorwande, das Theater zu beſuchen, mit einander nach dem Fleet fuhren, wo ſie ſich trauen ließen; von da kehrten ſie in ein Bagnio zurück, um daſelbſt die Vermählung vollends zu feiern, und am folgenden Morgen kamen ſie nach Hauſe, wo ſie die El⸗ tern um ihren Segen baten. Dieſe hielten es, trotz der Eile, womit die Ehe geſchloſſen worden, in ihrer Weisheit nicht für rathſam, ihre Zuſtimmung zu verweigern; denn dem Apotheker geſtel es gar ſehr, daß ſeine Tochter einen jungen Mann mit guten Ausſichten bekam, der in Betreff des Heirathsgutes noch keine Sylbe hatte verlauten laſſen; und ſeiner Frau war es äußerſt angenehm, einer Nebenbuhlerin bei ihren Liebhabern und einer Aufpaſſerin bei ihren kleinen Zer⸗ ſtreuungen los zu werden. Auch ich hatte einigen Genuß bei der Sache, wenn ich die Rache bedachte, welche ich, ohne es zu wiſſen, an meinem Feinde dadurch genommen hatte, daß ich ihn zum Voraus zum Hahnrei ſtempelte: träumte indeſſen nicht das Min⸗ Smollet's Romane. I. 5 3 34 deſte von den Stürmen, welche gegen mich losbrechen ſollten,— rend ich mich in ſelbſigefälliger Ruhe wiegte. Bei aller äußern Gleichgültigkeit Gawky's gegen mich waren die Aufklärungen, welche ich über das vorhin berichtete Abenteuer gegeben hatte, verbunden mit meinen ihm zugeſchleuderten Vor⸗ würfen, ihm ſo tief in die Seele— und hatten den Sa⸗ men der Feindſchaft ſo ſtark in ſein Herz geſtreut, daß er, wie es ſcheint, ſeiner Gattin den Unwillen gegen mich mittheilte. Dieſe ſchloß, mit ihrem Gatten in dem Wunſche übereinſtimmend, mich zu ſtürzen, der nicht nur ihre Liebe von ſich abgewieſen hatte, fondern auch in jedem Augenblicke einzelne Umſtände aus ihrem früheren Leben preisgeben konnte, die auf ihren Charakter ein ſchlechtes Licht werfen mußten, bereitwillig einen Bund mit ihm gegen mich, der, wenn er die beabſichtigte Wirkung gehabt haben würde, unfehlbar mir einen ſchimpflichen Tod zugezogen hätte. Mein Principal hatte mehreremal bedeutende Quantitäten von Arzneiſtoffen vermißt, wovon ich keine Rechnung ablegen konnte, endlich alle Gevuld verloren, und mir rund aus vorgeworfen, ich habe ſie zu meinem eigenen Gebrauche veruntreut. Da ich ſeinem Verdachte nichts entgegenhalten konnte, als meine einfache Behaup⸗ tung des Gegentheils, ſo ſprach er eines Tags zu mir;„Donner und Blitz! Euer Wort nicht, thun geben mich de satisfaction— mich ſind nécessaire zu chercher nach meinen Arzneien, par⸗ donnezmoi— il faut chercher— mich verlange le clef Eures Koffers à cette heure.“ Hierauf erhob er den Ton ſeiner Stimme, um ſeine Furcht zu verbergen, damit ich keinen Widerſtand leiſten ſollte, und fuhr fort:„Oui foutre! ich befehle Euch, rendez le elef Eures Kof⸗ fers— moi— si, moi qui vous parle!“ Meine Wuth und mein Aerger über dieſe Anklage wurden ſo ſtark erregt, daß ich in Thränen ausbrach, was er für ein Zeichen meiner Schuld hielt. Hierauf zog ich meinen Schlüſſel aus der Taſche, und ſagte zu 35 ihm, er ſolle ſein Verlangen befriedigen, und ſelbſt nachſehen, werde es aber nicht ſo leicht finden, um für den, meiner Ehre widerfahrenen, Schimpf Genugthuung zu geben. Er nahm den Schlüſſel, und ſtieg in mein Zimmer hinauf, in Begleitung der ganzen Familie, Folgendes ſprechend:„Hé pien, nous verrons — nous verrons!“ Doch man ſtelle ſich meinen Schrecken und mein Entſetzen vor, als er, nachdem er meine Kiſte geöffnet hatte, eine Handvoll der fehlenden Sachen hervor zog, und ausrief:„Ah ha! vout étes bien venus— mardi! Monsieur Rodérique, Ihr ſeyn fort in- nocent!“ Ich vermochte keine Splbe zu meiner Vertheidigung hervor⸗ zubringen, ſondern ſtand bewegungslos und ſchwetgend da, wäh⸗ rend jeder der Umſtehenden ſeine Bemerkungen über dieſe Beweiſe meiner Schuld machte. Die Dienſtboten ſagten, ſie bedauerten mein Unglück, und entfernten ſich unter öfterer Wiederholung der Worte:„wer hätte das gedacht?“ Meine Herrin benützte dieſe Ent⸗ deckung dazu, im Allgemeinen gegen die Gewohnheit, fremde Leute anzuſtellen, loszuziehen; und Miſtreß Gawky machte, nachdem ſie bemerkt hatte, ſie habe niemals eine gute Meinung von meiner Ehrlichkeit gehadt, den Vorſchlag, mich vor den Richter zu führen, und ſogleich nach Newgate zu ſchicken. Ihr Gatte ſtand ſchon auf der Treppe, um einen Conſtabel zu holen, als Herr Lavement, die Koſten und Mühe einer gerichtlichen Verfolgung, welche er hätte tragen müſſen, kennend, und zugleich fürchtend, ein Theil meines Geſtändniſſes möchte ſeiner Praxis Eintrag thun, ihm nach⸗ rief:„Restez, mon Rils, restez! es ſeye véritablement ein grand Verbrechen, was dieſer pauvre diable hat begangen: aber peut. ötre der gute Gott geben ihm de pénitence, und mich wollen nicht haben auf meinem Haupte das Blut eines Sünders 1“ Der Capitain und ſeine Frau wandten alle Argumente an, die ihr boshafter Eifer ihnen eingeben konnte, um den Apotheker 36 vahin zu bringen, mich auf Tod und Leben richten zu laſſen, und ſtellten ihm die Ungerechtigkeit vor, welche er am gemeinen Weſen, wovon er ein Glied ſey, beginge, wenn er einen Schurken ent⸗ ſchlüpfen laſſe, der leicht dahin gebracht werden könne, in der Welt noch größeres Unheil anzurichten, wenn er bedenke, wie leicht er jetzt davon gekommen ſey; allein ihre Beredtſamkeit machte auf meinen Herrn keinen Eindruck, der ſich mit den Worten zu mir wandte:„Geh, Elender! geh' aus meinem Hauſe, ſchnell, ſchnell — und bereue Deine mauvaises actions!“ Bis dahin war ich noch in einer Art Betäubung befangen ge⸗ weſen, allein nun gewann mein Zorn die Oberhand, und ich fing ſo zu reden an:„Herr! der Schein, ich geſtehe es— verdammt mich, allein man täuſcht Euch eben ſo ſehr, als ich ſchändlich mißbraucht werde. Ich werde— und hiebei deutete ich auf Gawky— ein Opfer der Bosheit dieſes Schurken, der Mittel und Wege fand, Eure Waaren hieher zu bringen, damit Ihre Enideckung meinen guten Namen untergraben und zu meinem Untergang mitwirken ſollte. Sein Haß gegen mich entſpringt aus dem Bewußtſeyn, daß er mir in meinem Vaterlande eine Unbill zufügte, wofür er auf ſeige Weiſe die Genugthuung als Gentleman verweigerte; überdieß weiß er, daß ich ſein feiges Benehmen in dieſer Stadt kenne, denn ich habe es früher ſelbſt erzählt. Es iſt ihm daher eine Pein, daß ein ſolcher Zeuge ſeines Undanks und ſeiner Feigheit auf der Erde lebt: aus dieſem Grunde erfann er in ſeiner hölliſchen Bosheit Mittel, mein Verderben herbeizuführen. Und, Madame!“ ſagte ich, mich an Miſtreß Gawky wendend,„ich beſorge, Ihr feyd zu leicht in die Geſinnungen Eures Gatten eingegangen. Ich fand Euch oft feindlich gegen mich gefinnt, und kenne auch wohl den Grund hievon, halte es aber nicht für paſſend, mich hier weiter darüber quszuſprechen: doch ich möchte Euch um Euretwillen rathen, mich nicht auf's Aeußerſte zu treiben.“ Dieſe Anrede ſetzte ſie dergeſtalt in Wuth, daß ſie mit einem 37 Geſichte, ſo roth wie Scharlach, und den Augen einer Furie auf mich losfuhr, mit in die Seite geſtemmten Händen, mir in's Angeſicht ſpie, und ſagte: ich ſey ein niederträchtiger, verläumde⸗ riſcher Schuft, aber ſie verachte meine Bosheit, und, wofern ihr Papa mich nicht den Händen der Juſtiz überliefere, ſo bleibe ſie keine Racht länger unter ſeinem Dache. Zugleich nahm Gawkh einen herausfordernden Blick an, und ſagte mir, er ſtrafe alle Lügen, welche ich gegen ihn vorbringe, mit Verachtung; doch wenn ich ſeine Frau zu beſchimpfen wage, ſo werde er mich tödten, bei Gott! Auf dieſe Drohung gab ich zur Antwort:„Ich wünſche zu Gott, ich könnte Dir an einem ein⸗ ſamen Orte aufſtoßen, damit ich Gelegenheit bekäme, Dich für Deine Treuloſigkeit gegen mich zu züchtigen, und die Welt von einem ſolchen Schurken zu befreien. Was hält mich jetzt ab,“ ſagte ich und ergriff eine alte neben mir ſtehende Flaſche,„mir dieſe Gerechtigkeit zu verſchaffen?“ Kaum hatte ich dieſer Waffe mich bemächtigt, als Gawky und ſein Vater in ſolcher Eile ſich zurückzogen, daß der Eine den An⸗ dern überrannte, und ſie mit einander die Treppe hinabpurzelten, während meine Herrin vor Furcht in Ohnmacht ſiel, und ihre Tochter frug, ob ich ſie ermorden wolle. Ich gab ihr zu ver⸗ ſehen, Nichts liege von meiner Abſicht weiter entfernt, ich wolle ſie den Qualen ihres eigenen Gewiſſens überlaſſen, ſey aber feſt entſchloſſen, ihrem Gatten die Naſe aufzuſchlitzen, wo das Schick⸗ ſal mir eine paſſende Gelegenheit hiezu verſchaffen würde. Hier⸗ auf ging ich die Treppe hinab, und ſtieß auf Lavement, der zit⸗ ternd und bebend, mit der Mörſerkeule in der Hand, herauf kam, während Gawly, mit dem Degen bewaffnet, ihn vor ſich her ſchob. Ich verlangte eine Unterredung, und verſicherte ſie von mei⸗ nen friedlichen Abſichten. Hierauf rief Gawko zornſchnaubend: „Ach, Schurke! Ihr habt mein liebes Weib getödtet.“ Und der Apotheker rief aus:„Ach, coquin! wo ift mein Kind!“ 38 „Die Lady,“ fagte ich hierauf,„befindet ſich auf der Treppe, unbeſchädigt von mir, und wird nach ein paar Monaten vermuth⸗ lich Eure Sorgfalt um ſie belohnen.“ Hier rief ſie ihnen zu, ſie möchten den Elenden ziehen laſſen, und ſich nicht weiter um ihn vekümmern, welchem Verlangen ihr Vater ſich fügte, jedoch mit der Bemerkung, meine Rede ſey fort mysterieuse. Da ich es unmöglich fand, meine Unſchuld zu beweifen, ſo verließ ich ſogleich das Haus, und begab mich zu dem Schulmeiſter, in der Abſicht, mich gegen ihn zu reinigen, und hinſichtlich meines weiteren Benehmens um ſeinen Rath zu bitten; allein zu meinem unausſprechlichen Kummer fagte man mir, er ſey auf das Land gegangen, und werde zwei oder drei Tage lang daſelbſt verweilen. Ich entfernte mich aus ſeiner Wohnung, in der Abſicht, einen Bekannten, den ich in der Nachbarſchaft meines Herrn gewonnen hatte, um Rath anzugehen; doch meine Geſchichte war durch die Geſchäftigkeit der Dienſtboten ruchbar geworden, und nicht ein ein⸗ ziger meiner Freunde wollte mir Gehör ſchenken. So war ich durch die Ungerechtigkeit der Menſchen in eine kläglichere Lage, als je, gekommen; denn obwohl ich früher arm geweſen war, ſo hatte damals doch mein guter Name noch keinen Makel, und meine Geſundheit war noch unangegriffen; allein nun war es um meinen guten Namen geſchehen, mein Geld war fort, meine Freunde ab⸗ trünnig, mein Körper angeſteckt durch eine Krankheit, welche ich in Folge einer Liebſchaft an mich bekommen hatte, und mein ge⸗ treuer Strap, welcher mir allein Mitleid und Beiſtand hätte weihen können, war, ich wußte nicht wo. Der erſte Entſchluß, den ich in dieſer traurigen Lage zu faſſen vermochte, beſtand darin, daß ich meine Effekten in das Haus der Perſon, bei der ich früher gewohnt hatte, zurückbrachte. Dort verweilte ich zwei Tage lang, in der Hoffnung, durch Vermittlung des Herrn Concordance, gegen den ich meinen Charakter recht⸗ ſertigen zu können glaubte, eine neue Stelle zu erhalten. Aber 39 in dieſer Vermuthung hatie ich die Rechnung ohne den Wirth ge⸗ macht, denn Lavemant ſorgte dafür, mir zuvorzukommen, und als tch verſuchte, dem Schulweiſter den Hergang der Sache zu erklären, ſo fand ich ihn ſo ſtark gegen mich eingenommen, daß er mich kaum bis zu Ende anhören wollte. Als ich meine Rechtfertigung zu Schluße gebracht hatte, ſchüttelte er den Kopf, und ſagte, mit ſeinem gewöhnlichen Ausrufe beginnend:„O Chriſtus! das will mir nicht hinunter. Ich bodaure ſehr, in die Geſchichte verwickelt zu ſeyn, doch in Zukunft werde ich mich vorſichtiger benehmen. Fortan will ich keinem Menſchen mehr trauen— nein, nicht meinem Vater, der mich gezeugt hat, noch dem Bruder, der mit mir unter Einem Herzen lag! Stände Daniel von dem Todien auf, ich würd' ihn für einen Betrüger halten, und erſchiene mir der Genius der Wahrheit, ich würde ſeine Aufrichtigkeit in Zweifel ziehen.“ Ich ſagte ihm, es wäre ja wohl möglich, daß er eines Tags die Ueberzeugung von dem mir widerfahrenen Unrechte erlangen, und ſeinen voreiligen Entſchluß bereuen würde. Hierauf erwiederte er, der Erweis meiner Unſchuld würde ihn ſo freuen, daß ſeine Ein⸗ geweide im Leibe zitterten; doch bis dahin,“ fuhr er fort,„muß ich mir jede Art von Verbindung mit Euch verbitten: meine Ehre ſteht auf dem Spiele. O guter Gott! man wird mich als Euern Mitſchulvigen und Helfershelfer anſehen— die Leute werden ſagen: Jonathan Wild ſey nur ein Abdruck von mir geweſen— die Knaben werden mir nachſchreien, wenn ich auf der Straße laufe— und die Aſchenweiber Schimpfreden ausſtoßen, wenn die Wachholder⸗ branntwein⸗Atmosſphäre ſie umduftet— ich werde infam werden — die wahre Zielſcheibe der Läſterung und der Deckmantel der Schmach.“ Ich war nicht geneigt, mich an der Steigerung von Ausdrücken, womit dieſer Herr alle ſeine Reden zu ſpicken liebte, zu ergötzen, weshalb ich ohne weitere Umſtände mich von ihm verabſchiedete, beladen mit dem Fluche des ſchrecklichen Bewußtſeyns meiner Lage. 4⁰ Ich bedachte jedoch in den weniger heſtigen Momenten meiner Verzweiflung, daß ich meine Ausgaben nach meiner unglücklichen Lage einrichten müſſe, in welcher Abſicht ich ein Dachſtübchen in der Nähe von St. Giles um neun Pence wöchentlich miethete. Hier beſchloß ich, meine Kur zu vollenden, nachdem ich drei Hemden verpfändet hatte, um Arzneien zu kaufen, und für den Angenblick meine Bedürfniſſe zu decken. Eines Tags, als ich in dieſem einſamen Aufentyalte ſaß, und über meine unglückliche Lage brütete, hörte ich einen Seufzer aus dem anſtoßenden Zimmer in das nibige dringen; ſogleich ging ich hinein und fand auf einem Rollbette ohne merkliche Lebens⸗ zeichen ein Frauenzimmer ausgeſtreckt. Nachdem ich ein Riech⸗ fläſchchen unter ihre Naſe gehalten hatte, fing das Blut wieder ihre Wangen zu färben an, und ſie ſchlug die Augen auf. Aber guter Himmel! welche Gefühle durchdrangen meine Seele, als ich ent⸗ deckte, daß ſie daſſelbe Frauenzimmer ſey, welches über mein Herz den Sieg davon getragen hatte, und an deſſen Geſchick ich beinahe auf ewig das meinige geknüpft hätte! Ihre bejammernswerthe Lage erfüllte mein Herz mit Mitleiden, und, da jede zärtliche Vorſtellung in meiner Einbildungskraft wieder rege ward, ſo flog ich in ihre Umarmung. Sie erkannte mich ſogleich, und, mich ſanſt an ſich drückend, vergoß ſie einen Strom von Thränen, deren verſtärkten Ausbruch ich nicht zurück⸗ halten konnte. Endlich warf ſie einen matten Blick auf mich, und ſprach mit ſchwacher Stimme: „Theurer Meiſter Random! ich verdiene dieſe Sorgfalt von Euch nicht— ich bin ein feiles Geſchöpf, das eine niedrige Abſicht auf Eure Perſon hatte— laßt mich dies und meine übrigen Ver⸗ brechen durch einen elenden Tod ſühnen, welcher mich bald in wenigen Stunden von dieſer Erde abholen wird!“ Ich ſprach ihr Muth ein, ſo gut ich konnte, ſagte ihr, ich vergebe ihr alle Abſichten auf mich, und ſeh erbötig, ungeachtet 41 meiner ſehr geſunkenen Umſtände, meinen letzten Farthing mit ihr zu theilen. Mittlerweile bat ich ſie, mir die unmittelbare Urſache ves Krankheitsanfalls, von dem ſie ſich eben erholt habe, zu ent⸗ decken, um durch meine Kunſt für die Zukunft ähnlichen Anfällen vorzubeugen. Darüber ſchien ſie ſehr bewegt, ergriff meine Hand, und drückte ſie an ihre Lippen mit den Worten:„Ihr ſeyd zu großmüthig; ich wünſche, ich möchte leben, um meine Dankbarkeit Euch zu beweiſen— doch, ach! ich ſterbe vor Hunger.“ Hierauf ſchloß ſie die Augen, und ſiel in eine neue Ohnmacht. Ein ſolches Uebermaß von Jammer hätte ein Felſenherz zum Erbarmen und Mitleiden umſtimmen müſſen; wie viel mehr noch das meinige, das ohnedieß ſchon für jede zärtliche Leidenſchaft empfänglich war? Ich rannte die Treppe hinab, und ſchickte meine Hausfrau in einen Material⸗Laden nach aqua einnamomi, während ich, in das Zimmer dieſes unglücklichen Geſchöpfs rückkehrend, alle in meinen Kräften ſtehenden Mittel anwandte, um ſie wieder zu ſich zu bringen. Dieß erreichte ich mit vieler Mühe, und ließ ſie dann ein Glas Herzſtärkung zur Erweckung ihrer Lebensgeiſter trinken. Hierauf bereitete ich etwas Glühwein und geröſtete Brod⸗ ſchnitte. Dieß nahm ſie zu ſich, und fühlte ſich hierauf ſo geſtärkt, daß ſie mir ſagen konnte, ſie habe ſeit 48 Stunden keine Nahrung mehr zu ſich genommen. Da ich ungeduldig war, zu erfahren, durch welche Veran⸗ laſſung ſie in dieſes Unglück gekommen, ſo gab ſie mir zu ver⸗ ſtehen, ſie ſey ein öffentliches Frauenzimmer; im Laufe ihrer Liebes⸗ abenteuer ſey ſie von einer Krankheit, welcher alle ihres Gewerbs unterworfen ſeyen, ſehr gefährlich befallen worden. Da ihr Uebel von Tag zu Tag weiter um ſich gegriffen, ſo ſey ſie ſich ſelbſt zum Ekel und Andern zum Abſcheu geworden. Hierauf habe ſie den Entſchluß gefaßt, ſich in einen unbekannten Winkel zurückzu⸗ ziehen, um dort mit ſo wenig Aufſehen und Koſten als möglich ſich zu heilen; ſie habe ſich demzufolge hieher begeben, und einem 2 Arzie anvertraut, der ſie, nachdem er ihr alles Geld, das ſie be⸗ ſaß oder ſich verſchaffen konnte, abgenommen, vor drei Tagen in einem ſchlimmeren Zuſtande verlaſſen, als er ſie angetroffen habe. Sie habe, die Kleider auf ihrem Leibe ausgenommen, ihre ganze Habe verpfändet oder verkauft, um dieſen habſüchtigen Quackſalber zufrieden zu ſtellen, und das Geſchrei ihrer Wirthin zu beſchwich⸗ tigen, welche ihr ſtets gedroht habe, ſie auf die Straße zu werfen. Jachdem ich über dieſe ihre Geſchichte einige moraliſche Be⸗ trachtungen angeſtellt hatte, ſo machte ich ihr den Vorſchlag, ſie ſollte in dem gleichen Zimmer mit mir ſchlafen, wodurch wir an Geld erſparen könnten, und gab ihr die Verſicherung, ich würde ihre Heilung eben ſo gut wie die meinige übernehmen, wäh⸗ rend deſſen ſie alle Bequemlichkeiten genießen ſolle, welche ich ſelbſt hätte. Sie nahm mit ungeheucheitem Dank mein Anerbieten an, und machte unverzüglich Anftalten zur Ausführung des Vor⸗ habens. Ich fand in ihr nicht nur eine angenehme Geſellſchafterin, deren Unterhaltung meinen Kummer außerordentlich erleichterte, ſondern auch eine ſorgſame Wärterin, welche mit der größten Treue und Zuneigung meiner pflegte. Als ich ihr eines Tags mein Erſtaunen darüber bezeugte, daß ein Frauenzimmer von ihrer Schönheit, ihrem Verſtand und ihrer Erziehung(denn ſie beſaß alle drei Eigenſchaften in hohem Grade) zu einer ſo beſchimpfenden und elenden Lebensweiſe, wie die einer öffentlichen Dirne ſey, ihre Zuflucht habe nehmen können, ſo er⸗ wiederte ſie ſeufzend:„Gerade dieſe Vorzüge waren es, welche mich zu Falle brachten.“ Dieſe merkwürdige Antwort entflammte meine Neugierde der⸗ maßen, daß ich bat, ſie möchte mir die einzelnen Umſtände ihres Lebens erzählen, und ſie willfahrte mir mit folgenden Worten. 43 Zwei und zwanzigſtes Kapitel. Die Geſchichte der Miß Williams. Mein Vater war Großhändler in der City, welcher, nachdem er im Handel beträchtliche Verluſte erlitten, in ſeinem Alter ſich nebſt ſeiner Gattin auf ein kleines Landgut zurückzog, das er von dem Reſte ſeines Vermögens angekauft hatte. Um dieſe Zeit wurde ich in einem Alter von erſt acht Jahren zum. Zwecke meiner Er⸗ ziehung in der Stadt gelaſſen, und der Sorgfalt einer alten Tante übergeben, die eine eifrige Presbyterianerin war, und mich ſo ſtreng zu ihren ſogenannten Religionspflichten anhielt, daß ich bald ihrer Lehren überdrüſſig wurde, und allmählig eine Abneigung gegen die guten Schriften faßte, die ſie mir täglich zum Leſen empfahl. Als ich älter und meine Geſtalt immer anziehender wurde, ſo ſchloß ich viele Bekanntſchaften unter meinem eigenen Geſchlechte, deren Eine, nachdem ſie den Zwang beklagt hatte, unter dem mich die Geiſtesbeſchränktheit meiner Tante hielte, mir rieth, ich ſollte don nun an die unter ihrem Einfluſſe und ihrer Anleitung einge⸗ ſogenen Vortheile ablegen, und für mich ſelbſt denken lernen. Hiefür empfahl ſie mir die Lectüre Shaftesbury's, Tindal's, Hobbe's, und aller derjenigen Schriften, deren Verfaſſer von dem alten Wege des Denkens abweichen: und bald würde ich durch gegen⸗ Vergleichung im Stande ſeyn, mir ein eigenes Syſtem zu ilden. Ich befolgte ihren Rath, und mochte es nun von meinem Vorurtheil gegen das, was ich früher geleſen hatte, oder von der Klarheit des Argumentirens bei dieſen meinen neuen Lehrern her⸗ rühren, genug! ich weiß es nicht, aber ich ſtudirte jene Autoren mit großer Luſt, und ward bald eine erklärte Freidenkerin. Stolz 44 hierauf argumentirte ich in allen Geſellſchaften mit ſo glücklichem Erfolge, daß ich bald den Ruf einer Philoſophin bekam, und Wenige es wagten, ſich mit mir in einen Streit einzulaſſen. Ich wurde eitel auf mein Glück, und wagte es endlich, meine Tante zur Proſelytin meiner Anſichten machen zu wollen; allein kaum hatte ſie meine Abſicht gemerkt, ſo ſchlug ſie Lärmen, ſchrieb meinem Vater von meinen ketzeriſchen Grunvſätzen, und beſchwor ihn, wenn er vas Heil meiner Seele wolle, ſo möchte er mich ſogleich aus dem gefährlichen Platze, wo ich ſolche ſündhaften Grund⸗ ſätze eingeſogen hätte, entfernen. Dieſem Rathe folgend, berief mich mein Vater auf vas Land, wo ich im fünfzehnten Jahre meines Alters anlangte und ihm auf ſeinen Befehl den Inhalt aller meiner Glaubensartikel vorſagen mußte, die er gar nicht ſo unvernünftig fand, als ſie ihm geſchildert worden waren. Da ich ſo plötzlich den Geſellſchaften in der Stadt und ihrer Reize entrückt worden war, ſo wurde ich trübſinnig, und es dauerte einige Zeit, bevor ich mich in meine Lage ſinden konnte; allein die Einſamkeit wurde mir von Tag zu Tag lieber, und ich ent⸗ ſchädigte mich in meiner Zurückgezogenheit von der Welt durch den Genuß einer guten Bibliothek in denjenigen Augenblicken, welche nicht den Haushaltungsgeſchäften gewidmet wurden(meine Mutter war nämlich ſeit drei Jahren todt), durch Beſuchemachen oder andere ſonftige ländliche Vergnügungen. Da meine Einbildungs⸗ kraft meinem Urtheilsvermögen überlegen war, ſo ergab ich mich zu ſtark dem Leſen der Dichter und Romanſchriftſteller, kurz! man betrachtete mich überall in der Umgegend als eine ganz außeror⸗ dentliche Perſon. Eines Abends hatte ich mich mit einem Buche in der Hand in einem Gehölze verirrt, welches an die Landſtraße ſtieß und in einer kleinen Entfernung von meines Vaters Hauſe lag, als ein gewiſſer betrunkener Landedelmann vorbeiritt, mich bemerkte und ausrief:„Der Geier! das iſt ein reizendes Geſchöpf!“ Sogleich 4⁵ ſtieg er ab, nahm mich in ſeine Arme, und behandelte mich ſo roh, daß ich ſo laut, als ich konnte, ſchrie, und mittlerweile ſeiner Gewaltthätigkeit alle Kraft entgegenſetzte, welche Wuth und Rache mir verleihen konnten. Während dieſes Streites kam ein anderer Reiter herbei, und ſtieg, als er eine Dame ſo unwürdig behandelt ſah, von ſeinem Pferde, um mir Beiſtand zu leiſten. Mein Angreifer, wüthend über das Fehlſchlagen ſeiner Wünſche, oder erbittert über die ihm, von ſeinem Gegner gemachten Vorwürfe, ließ von mir ab, rannte zu ſeinem Pferde hin, zog eine Piſtole aus ſeinem Sattel, und feuerte ſie auf meinen Beſchützer ab, der, ohne dadurch beſchädigt zu werden, auf ihn losging, und ihn mit dem Ende ſeiner Peitſche zu Boden ſchlug, ehe der Squire die zweite Piſtole benutzen konnte. Hierauf ergriff er ſie, ſetzte ſie dem Squire auf die Bruſt, und bedrohte ihn für ſeine Feigheit und Verrätherei mit dem Tode. Jetzt trat ich in's Mittel, und bat um ſein Leben, das er auf mein Verlangen geſchenkt erhielt, nachdem er um Verzeihung ge⸗ beten und geſchworen hatte, er habe blos einen Kuß rauben wollen. Mein Beſchützer hielt es jedoch für gerathen, aus der andern Piſtole die Ladung herauszunehmen und die Steine wegzuwerfen, ehe er ihm ſeine Freiheit ſchenkte. Dieſer galante Fremdling geleitete mich nach Hauſe, wo mein Vater, nachdem er den ausgezeichneten Dienſt, welchen er mir er⸗ wieſen, erfahren hatte, ihn mit Liebkoſungen überhäufte, und darauf beſtand, er ſolle in dieſer Nacht ſeinem Hauſe die Ehre geben. Wenn die Verbindlichkeit, welche er auf mich geladen, mir gerechter⸗ weiſe Gefühle der Dankbarkeit gegen ihn einflößen mußte, ſo ſchien doch ſein Ausſehen und Benehmen ihn zu etwas mehr von meiner Seite zu berechtigen. Er war etwa zwei und zwanzig Jahre alt, und gehörte zu den größten von mittlerer Statur, hatte kaſtanienbraunes Haar, das er in einem Vande geknüpft trug; eine hohe glatte Stirne, 46 eine Adlernaſe, lebhafte blaue Augen, rothe aufgeworfene Lippen, ſchneeweiße Zähne und eine offene Miene— doch was ſoll ich ſeine Perſon noch weiter beſchreiben? Ich hoffe, Ihr werdet ſo ge⸗ recht ſeyn und glauben, daß ich Euch nicht ſchmeichle, wenn ich ſage, er war das vollkommenſte Ebenbild von Euch, und hätie ich nicht ſeine Familie und ſeinen Stammbaum ſo gut gekannt, ſo würde ich ohne Bedenken den Schluß gezogen haben, Ihr wäret ſein Bruder; er ſprach wenig, und ſchien keinen Rückhalt zu haben, denn alle ſeine Worte trugen den Stempel der Offenheit, eines feinen Gefühls und einer gewählten Sprache an ſich. Kurz! fuhr ſie fort, indem ſie in Thränen ausbrach, er war zum Verderben unſeres Geſchlechts geſchaffen. Sein Benehmen war beſcheiden und voll Ehrerbietung, dagegen waren ſeine Blicke ſo ſprechend, daß ich wohl bemerken konnte, er preiſe insgeheim den Zufall, welcher ihm meine Bekanntſchaft verſchaffte. Wir erfuhren aus ſeinem Geſpräche, er ſey der älteſte Sohn eines begüterten Herrn in der Nachbarſchaft, deſſen Namen wir ſchon gehört hatten: er habe einen Bekannten in der Nähe beſucht, von deſſen Hauſe er heimgekehrt ſey, als mein Geſchrei ihn zu meiner Rettung herbeiführte. Die ganze Nacht hindurch entwarf ſich meine Einbildungskraſt tauſend lächerliche Hoffnungsbilder. In dem umftande, daß dieſer Herr einem bedrängten, unglücklichen Fräulein, zu dem er ſogleich in Liebe enzbrannte, zu Hülfe geeilt ſey, lag für meine Phantaſie ſo viel ritterlich Abenteuerliches, daß ich mir Alles, was ich von Liebe und Ritterthum geleſen hatte, innerlich vorführte, und mich als die Prinzeſſin einer Romanze betrachtete, die, durch einen großmüthigen Oroondates der Gewalt eines grauſamen Rieſen oder Satyrs entriſſen, aus Dankbarkeit ſowohl, als aus Neigung, ſich bewogen gefühlt habe, ihm ohne Rückhalt ihre Liebe zu ſchenken. Umſonſt bemühte ich mich, ſolche tollen Gedanken durch ver⸗ nünftigere und ſittlichere Grandſätze zurückzudrängen; die anmuthigen 47 Bilder faßten Beſitz von mir, und meine Träume führten meinen Helden ſeufzend zu meinen Füßen, wo er in der Sprache eines verzweifelnden Liebhabers zu mir redete. Am nächſten Morgen nahm er nach dem Frühſtücke von mir Abſchied, und mein Vater bat ihn um die Ehre ſeiner ferneren Bekanntſchaft. Dieſes Ver⸗ langen erwiederte er mit einer Verbeugung gegen ihn und einem Blicke nach mir, der ſo viel Zärtlichkeit ausſprach, daß meine ganze Seele den ſüßen Eindruck in ſich aufnahm. Bald wieder⸗ holte er ſeinen Beſuch, und da eine Erzählung der einzelnen Schritte, welche er verfolgte, um meinen Fall herbeizuführen, allzu ermüdend und unbeſcheiden wäre, ſo genüge es, zu bemerken, daß er ſich's zur Aufgabe machte, in meiner Achtung ſich feſtzuſetzen, dadurch, vaß er mir die Ueberzeugung von ſeinem eigenen Geiſtesreichthum beibrachte, und meinen Verſtand bis an den Himmel erhob! Dieſe Aufgabe verfolgte er auf die liſtigſte Weiſe, indem er oft mich zu mißverſtehen den Schein annahm, damit ich um ſo glänzender mich rechtfertigen könne. Nachdem er ſich ſo meiner guten Meinung verſichert hatte, begann er, mir beſondere Beweiſe von Liebe zu geben, die ſich mehr auf eine Verehrung meiner geiſtigen Fähigkeiten gründe, und meine äußere Schönheiten nur als ihre Zugabe betrachte; bis er endlich, ſicher ſeiner Eroberung, einen gelegenen Zeitpunkt auswählte, und mir ſeine Liebe in ſo glühenden und unverſtellten Ausdrücken geſtand, daß es mir un⸗ möglich war, die Gefühle meines Herzens zurückzuhalten, und er mit dem lebhafteſten Entzücken meine Gunſt erhielt. Nach dieſer gegenſeitigen Erklärung trafen wir die Verabre⸗ dung, öfter insgeheim zuſammen zu kommen, wo wir im ganzen Schwung der Phantaſie und in aller Ungeduld der Hoffnung, welche gegenſeitige Verehrung einflößen kann, uns mit einander unterhielten. Er betheuerte ſeine lauteren Abſichten, die ich nicht in Zweifel zog; beklagte die habſüchtigen Wünſche ſeines Vaters, der ihn für die Arme einer Andern beſtimmt hahe, und gelobte 4⁸ mir ewige Treue mit ſolchen Scheine von Aufrichtigkeit und Verehrung, daß ich mich überliſten ließ, und in einer böſen Stunde ſein heftiges Verlangen durch vollkommenen Beſitz krönte. Verflucht ſey der Tag, an welchem ich meine Unſchuld und meinen Seelenfrieden um eines augenblicklichen Genuſſes willen, der ſolchen Jammer und Schrecken über mich brachte, hingab! Verflucht meine Schönheit, welche zuerſt die Augen dieſes Wüſtlings auf mich zog! Verflucht meine Erziehung, welche durch Verfeine⸗ rung meiner Gefühle mein Herz um ſo empfänglicher machte! Ver⸗ flucht endlich mein glücklicher Verſtand, der mich an Einen Gegen⸗ ſtand feſſelte, und mir vormalte, der Vorzug, deſſen ich genieße, gebühre mir von Rechtswegen! Wäre ich häßlich geweſen, ſo würde Niemand mich in Verſuchung geführt haben; wäre ich un⸗ wiſſend geweſen, ſo hätten meine körperlichen Reize nicht den Man⸗ gel an Bildung entſchuldigt; wäre ich leichtfertig geweſen, ſo würde meine Eitelkeit meine Reigungen zerſplittert, und meine Vorſtellungen ſo verwirrt haben, daß ich nie den Einflüſterungen eines Andern Gehör gegeben hätte. Nun zurück zu meiner unglücksgeſchichte! Wir uberließen uns ſchuldbewußten Genüſſen, die einige Monate lang jeden andern Gevanken zurückdrängten. Endlich wurden allmählig ſeine Beſuche weniger häufig, und ſein Benehmen kälter. Ich bemerkte es— wurde unruhig— meine Thränen machten ihm Vorwürfe— und ich beſtand darauf, daß er ſeinem Eheverſprechen nachkomme, da⸗ mit, komme was da wolle, mein Ruf geſichert ſey. Er ſchien bei meinem Vorſchlag ruhig, und verließ mich un⸗ ter dem Vorwande, eine Perſon zu ſuchen, die uns durch eheliche Bande verknüpfen könnte. Doch ach! der Treuloſe hatte die Ab⸗ ſicht, niemals zurückzukehren. Ich wartete mit der größten Unger duld eine ganze Woche, zuweilen an ſeiner Ehrenhaſtigkeit zwei⸗ felnd, ein anders Mal Entſchuldigungen für ihn aufſuchend, und 49 mich wegen des leiſeſten Argwohns gegen ſeine Treue ſelbſt ver⸗ dammend. Endlich vernahm ich von einem Herrn, der bei uns zu Mittag ſpeiste, daß dieſer elende Treuloſe im Begriffe ſiehe, mit ſeiner Braut nach London abzureiſen, um für ihre herannahende Ver⸗ mählung Kleider zu kaufen. Dieſe Nachricht raubte mir die Faſ⸗ ſung; um ſo mehr, da ich fand, daß ich ſeit einigen Monaten ſchwanger ſey, und bedvechte, es ſev mir unmöglich, mein Un⸗ glück zu verheimlichen, das nicht nur meinen Charakter in der Um⸗ gegend ganz zu Grunde richten, ſondern auch die grauen Haare eines nachſichtigen Vaters mit Kummer in die Grube bringen würde. Wuth erfaßte mein Inneres; ich ſtieß tauſend Verwünſchungen aus, und entwarf unzählige Rachepläne gegen den Verführer, der mein Verderben herbeigeführt hatte. Hierauf ging mein Rache⸗ gefühl in ſtillen Kummer über. Ich rief mir die verlorne Ruhe zurück, beweinte meine Verblenvung, und zuweilen brach ein Hoff⸗ nungsſtrahl durch, um auf einen Augenblick mein blutendes Herz zu tröſten. Ich rief mir alle günſtigen Eindrücke ſeines Charakter⸗ vilds in mein Gedächtniß zurück, wiederholte mir ſeine Gelübde, ſchrieb ſein Ausbleiben der Wachſamkeit eines argwöhniſchen Va⸗ ters zu, der ihn zu einer Heirath zwingen wolle, welche ihm ein Abſcheu ſey, und tröſtete mich mit der Ausſicht, ihn zu ſehen, be⸗ vor die Sache zum Schluſſe kommen ſollte. Doch dieſer Troſt meiner Einbildung war vergebens. Der Schurke verließ mich ohne Gewiſſensbiſſe, und nach wenigen Tagen verbreitete ſich die Nach⸗ richt von ſeiner Vermählung in der Umgegend. Jetzt hatte mein Entſetzen den höchſten Grad erreicht, und wenn nicht vas Ver⸗ langen nach Rache meine Entſchlüſſe aufgehalten hätte, ſo würde ich mein elendes Leben geendigt haben. Mein Vater bemerkte die Symptome meiner Verzweiftung; und obwohl ich Grund genug hatte, zu glauben, er errathe ihre Smollet's Romane. IH. 4 50 urſache, ſo hütete er ſich doch ſehr, den Schein anzunehmen, als kenne er meinen Kummer, während er mit väterlicher Zärtlichkeit mir meinen Jammer zu erleichtern ſuchte. Ich bemerkte ſeine Sorg⸗ falt, wodurch meine Angſt wuchs, und meine Wuth gegen den Urheber meines unglücks ſteigerte ſich zum unverföhnlichen Haß. Nachdem ich mich mit etwas Geld verſehen, entwich ich bei Nacht aus der Nähe dieſes unglucklichen Vaters, und kam gegen Tages⸗ anbruch in einer kleinen Stadt an, von wo aus eine Miethtutſche nach London abfuhr, in welche ich mich ſetzte, und am nächſten Tage in der Hauptſtadt anlangte, während der Dämon der Rache den ganzen Weg über jeden andern Gevanken aus meiner Seele vervrängte. Meine erſte Sorge war nun, eine Wohnung zu miethen, wo ich unter einem angenommenen Namen ſehr zurückgezogen lebte, pamit mein Charakter und meine Verhältniſſe um ſo mehr ein Geheimniß blieben. Bald fand ich das Haus meines Ehrenräubers, wohin ich mich ſogleich in einem Anfalle von Wuth begab, ent⸗ ſchloſſen, eine raſche That zu thun, um weiner Verzweiflung Ge⸗ nüge zu leiſten, obwohl ich in der momentanen Zerrüttung meines Geiſtes keinen boſtimmten Plan entworfen patte. Als ich mich bei Lothario— laßt mich ihn ſo nennen!— anmelden ließ, ließ er mir ſagen, ich möchte meinen Namen, und den Grund, welcher mich herführe, angeben; voch dieß verweigerte ich, indem ich dem Thürſteher ſagte, ich hätte Etwas, was nur ſein Herr wiſſen vürfe, worauf ich einſtweilen in ein Sprechzimmer geführt wurde, bis er von meinem Verlangen in Kenntniß geſetzt ſey. Hier blieb ich ungefähr eine Viertelſtunde, als ein Diener eintrat, und mir ſagte, ſein Herr habe Geſellſchaft, und bitte, für jetzt ſich eniſchuldigen laſſen zu dürfen. Ich konnte meinen Zorn nicht länger zurückhalten, ſondern zog einen Dolch aus mei⸗ nem Buſen, wo ich ihn verſteckt hatte, ſtürzte heraus, flog furien⸗ ähnlich die Treppe pinauf, mit dem Ausrufe, wo iſt der treuloſe 51 Bube? könnte ich vieſen Dolch in ſein falſches Herz ſtoben, ſo würde ich zufrieden ſterben!“ Der, von mir verurſachte, Lärm ſetzte nicht nur die Diener⸗ ſchaft, ſondern auch die Geſellſchaft in Unruhe, die, als ſie meine Drohung vernahm, an die Treppe kam, um zu ſehen, was es gebe? Ich wurde ergriffen, entwaffnet, und von zwei Bedien⸗ ten zurückgehalten: eine Lage, in welcher ich die grauſamſte Qual fühlte, als ich meinen Verführer nebſt ſeiner jungen Frau herbei⸗ tommen ſah. Ich vermochte den Anblick nicht zu ertragen, wurde me ner Sinne beraubt, und fiel in eine ſtarke Ohnmacht, während veſſen ich Nichts um meine Behandlung wußte. Allein als ich den Gebrauch meiner Vernunft wieder erhielt, fand ich mich auf einem Bett in einem ärmlichen Zimmer, wo ein altes Weib mich be⸗ diente, die tauſend unverſchämte Fragen in Betreff meiner Ver⸗ hältniſſe an mich richtete, und mir ſagte: mein Benehmen habe die ganze Familie in Beftürzung verſetzt: Lothario habe behauptet, ich ſey raſend, und den Vorſchlag gethan, mich nach Bedlam zu ſchicken; doch Mylady habe die Ueberzeugung bekommen, daß in meinem Benehmen mehr ſey, als er wiſſen laſſen wolle, und ſich auf den bloßen Verdacht hin zu Bette gelegt, nachdem ſie anbe⸗ ſohlen, man ſolle mich ſrenge bewachen. Ich hörte alle ihre Worte an, ohne eiwas Anderes zu erwie⸗ dern, als ich wünſche, ſie möchte mir die Gunſt erzeigen, eine Sänfte zu beſtellen. Hierauf ſagte ſie mir, ſie könne dieß ohne ihres Herrn Einwilligung nicht thun, die man jedoch leicht erhieli, worauf man mich in einem Seelenzuſtande, der über alle Beſchrei⸗ bung geht, in meine Wohnung geleitete. Die Aufregung meines Innern hatie ein Fieber zur Folge, das eine Fehlgeburt herbei⸗ führte; und ich glaube, es war gut für mein Gewiſſen, daß der Himmel mir dieſe Bürde auf ſolche Weiſe abnahm; denn mii Reue und Abſcheu muß ich's euch geſtehen, wenn ich ein lebendes Kind zur Welt gebracht hätte, ſo würde mein Wahnſinn mich veran⸗ 52 laßt haben, das kleine unſchuldige Geſchöpf meiner Rache für des Vaters Untreue zum Opfer zu bringen. Als nach dieſer Begebenheit meine Wuth ſich gelegt hatte, mein Haß aber kälter und ruhiger geworden war, ſo gab mir eines Tags meine Wirthin die Nachricht, es befinde ſich ein Herr unten, der mich zu ſehen wünſche, weil er mir Etwas von Wichtigkeit mitzutheilen habe, das ganz gewiß zu meinem Seelenfrieden bei⸗ tragen würde. Ueber dieſe Erklärung, welche ich auf tauſender⸗ lei Weiſe mir zu erklären ſuchte, gerieth ich in eine außerordent⸗ liche Unruhe. Bevor ich jedoch zu einem Entſchluſſe kommen konnte, trat er in mein Zimmer, mit der Entſchuldigung, daß er ohne mein Wiſſen und meine Erlaubniß ſich mir aufdränge. Ich ſah ihn eine Zeitlang an; und da ich mich ſeines Geſichts nicht erin⸗ nern konnte, ſo frug ich mit zitternder Stimme, was er von mir wolle? Auf dieß gab er mir den Wunſch zu erkennen, ich möchte ihm unter vier Augen Gehör verſtatten; er zweifle nicht daran, mir Etwas zu meiner Genugthuung und Seelenruhe mitzu⸗ theilen. Da ich mich gegen Gewaltthätigkeit hinlänglich geſchützt glaubte, ſo gewährte ich ſein Verlangen, und hieß die Frau ſich entfer⸗ nen. Nachdem dieß geſchehen, trat der Fremde auf mich zu, und that mir zu wiſſen, er ſey mit den einzelnen Umſtänden meiner Geſchichte wohl vertraut, da er ſie aus Lothario's eigenem Munde vernommen; von der Zeit an, wo er mein Unglück erfahren, habe er den Urheber deſſelben verabſcheut, eine Abneigung, welche ſich vurch Lothario's ehrloſes Benehmen gegen ihn bis zum Durſt nach Rache geſteigert habe. Da er von meiner traurigen Lage gehört, ſo ſey er in der Abſicht gekommen, mir ſeinen Beiſtand und Troſt guzubieten, und vereit, meine Sache zu verfechten, und an mei⸗ nem Verführer ſoſort Rache zu nehmen, unter der Bedingung, vaß ich ihm Eine Gunſt gewähre, welche, wie er hoffe, ich nicht verweigern könne. Hätte man alle Ueberredungskünſte der Hölle 33 angewandt, ſo könnten ſie nicht wirkſamer mich beſtimmt haben, als dieſe Rede es that. Der Wahnſinn einer düſtern Freude über⸗ wältigte mich; ich preßte meinen Beſuch in die Arme, und ge⸗ lobte, wenn er ſein Verſprechen hielte, ihm Seele und Leib zum Eigenthum hinzugeben. Der Kontrakt wurde geſchloſſen, er weihte ſich meiner Rache, und verpflichtete ſich, Lothario heute Nacht zu tödten, und mir vor kommendem Morgen die Nachricht von ſei⸗ nem Tode zu überbringen. Demzufolge kam er gegen zwei Uhr Morgens in mein Zimmer, und verſicherte mir, mein treuloſer Geliebter ſey nicht mehr; ungeachtet er eines ſo ehrenvollen Ver⸗ fahrens nicht werth geweſen, ſo habe er ihn doch endlich heraus⸗ gefordert, ihm ſeine Treuloſigkeit gegen mich vorgeworfen, die ihn veranlaſſe, jetzt ſeinen Degen gegen ihn zu ziehen, und ihn nach einigen Gängen, in ſeinem Blut ſich wälzend, verlaſſen. Durch mein Unglück war ich ſo verhärtet worden, vaß ich mich bei der Erzählung dieſes Abenteuers in Wonne wiegte, ihn jeden einzel⸗ nen Umſtand wiederholen ließ, meine Augen an dem Blut weidete, das an ſeinen Kleidern hing und an ſeinem Degen klehte, und ihn für den mir erwieſenen Dienſt, der Verabredung gemäß, belohnte. Meine Einbildungskraft warde mit dieſen Vorſtellungen ſo ange⸗ füllt, daß ich in meinem Schlummer träumte, Lothario trete vor mich, blaß, entſtellt und blutig, tadle meine Raſchheit, betheure ſeine Unſchuld, und führe ſeine Sache ſo nachdrücklich, daß ich die Ueberzeugung von ſeiner Treue erhielt, und in einem Anfall von Schrecken und Gewiſſensangſt erwachte. Mein Bettgenoſſe ſuchte mich zu beſänftigen, zu tröſten und mir vorzuſtellen, ich hätte nur mir ſelbſt Gerechtigkeit verſchafft. Ich verſank abermals in Schlummer, und dieſelbe Erſcheinung kehrte wieder. Kurzl ich verbrachte die Nacht ſehr elend, und be⸗ trachtete meinen Rächer mit ſolchem Abſcheu, daß er, Morgens meine Abneigung gegen ihn bemerkend, mir einreden wollte, Lo⸗ thario könne ja immer noch aufkommen: es ſey ſo viel gewiß, daß 34 er ihn verwundet auf dem Boden habe liegen laſſen, aber er ſey noch nicht ganz todt geweſen; vielleicht möchten ſeine Wunden nicht tödtlich ſeyn. 5 Bei vieſen Worton ſprang ich auf, hieß ihn, ſchnell Erkundi⸗ gungen darüber einzuziehen, und, könne er mir nicht die Nachricht bringen, daß Lothario noch lebe, ſo ſolle er auf ſeine eigene Sicher⸗ peit bedacht ſeyn, und nimmer zurückkommen: denn ich ſey ent⸗ ſchloſſen, mich dem Richter zu übergeben, und den ganzen Her⸗ gang der Sache zu entdecken, damit ich wo möglich meine eigene Schuld ſühnen könne, indem ich mich der harten Strafe einer auf⸗ richtigen Reue und eines ſchimpflichen Todes anheimgebe. Er ſtellte mir ſehr kalt das Unvernünftige meines Vorurtheils gegen ihn vor, da er ja nichts weiter gethan habe, als was ihm ſeine Liebe zu mir eingegeben, und ſeine Ehre rechtfertige; nun er ſich aber mit Gefahr ſeines Lebens meiner Rache unterzogen, wolle ich ihn als ein ſchimpfliches Werkzeug, das ihm gelegentlich noth⸗ wendig geweſen, entfernen; ja, wenn er auch ſo glücklich ſeyn ſollte, mir die Nachricht von Lotharios Rettung zu überbringen, ſo könnte möglicherweiſe doch meine frühere Rache erwachen, und ich ihm das Mißlingen ſeiner That vorwerfen. Ich gab ihm die Verſicherung, er würde mir im Gegentheile um ſo theurer werden, wenn ich die Veberzengung bekäme, er habe mehr nach den Grund⸗ ſätzen eines Mannes von Ehre gehandelt, als nach denen eines feilen Meuchelmörders, und es verſchmäht, einem Feinde, ſo ver⸗ haßt er ihm auch ſeyn mochte, das Leben zu nehmen, welches das Glück in ſeine Gewalt gegeben. „Wohlan denn, Madame!“ ſagie er hierauf,„mag geſche⸗ hen ſeyn, was da will, es wird mir nicht ſchwer ſeyn, meins Ehre rein darzuſtellen! Mit dieſen Worten verabſchiedete er fich von mir, um über die weiteren Folgen des Duells Erkundi⸗ gungen einzuziehen. Jetzt, mir ſelbſt überlaſſen, laſteten Gewiſ⸗ ſensſchuld und Jammer eentnerſchwer auf meinem Innern: allen, 55 vieher empfundenen, Kummer ſchrieb ich blos meiner eigenen Leicht⸗ gläubigkeit und Schwäche zu, und mein Gewiſſen konnte mich nur verzeihlicher Vergehen anklagen Doch nun, da ich mich als eine Mörderin betrachtete, fehlen mir die Worte, um die Schrecken meiner Einbildu ft auszuſprechen und zu ſchildern, denn un⸗ aufhörlich umſchwebte mich das Bild des Gemordeten, und meinen Buſen durchwühlten Höllenqualen, deren Ende ich nicht abſehen konnte. Endlich kam Horatio(ſo will ich meinen Beſchützer nennen) zurück, und überreichte mir mit den Worten, ich habe Nichts zu fürchten, folgendes Billet: ar „Madame! Da ich vernahm, daß Ihr Seelenfrieden von folgender Nach⸗ richt abhängt, ſo nehme ich mir die Freiheit, Sie zu verſichern, daß die Wunden, welche ich von Horatio erhalten, nicht tödilich find. Dieſen Wunſch konnte meine Menſchlichkeit einer Perſon nicht verſagen, welche meine Ruhe zu zerſtören und mir das Leben zu rauben ſuchte. Lothario.“ Weil mir ſeine Hand betannt war, ſo durfte ich nicht einen Betrug hinter dieſem Schreiben, das ich mit Wonne und Ent⸗ zücken öftermal überlas, vermuthen, ſondern liebkoste Horatio, ſo daß er ſich für den glücklichſten Sterblichen hielt. So hatte mich die Bedrohung eines größern Unglücks, als dasjenige war, wel⸗ ches mich niederdrückte, von der Verzweiflung erlöst. Der Kum⸗ mer gleicht einem Uſurpator, der Stärkſte verſchlingt die Uebri⸗ gen. Doch daverte mein Entzücken nicht lange: denn der näm⸗ liche Brief, welcher mir die Ruhe zurückgab, bannte bald darauf den Friepen meines Gemüths. Während ſeine ungerechten Vorwürfe meine Rache erweckten, erinnerten ſie mich zugleich an meine frühere Glückſeligkeit, und füllten mein Inneres mit Wuth 56 und Kummer. Horatio bemerkte die Stimmung meines Innern, und ſuchte meinen Gram zu zerſtreuen, indem er mich alle An⸗ nehmlichkeiten und Reize des Lebens in der Hauptſtadt genießen ließ. Er befriedigte alle meine Wünſche, führte mich in die Ge⸗ ſellſchaft anderer unterhaltener Geliebten ein, die mir eine unge⸗ wöhnliche Ehrerbietung zollten, ſo daß ich anfing, alle Erinne⸗ rungen an meine früheren Verhältniſſe auszulöſchen, als ein zu⸗ fälliger Umſtand mir dieſelben mit ihrem ganzen Intereſſe in das Gedächtniß zurückbrachte. Eines Tags unterhielt ich mich mit dem Leſen einer Zeitung, als folgende Anzeige meine Aufmerkſamkeit feſſelte. „Sintemal ein junges Frauenzimmer gegen Ende September aus ihres Vaters Hauſe in der Grafſchaft——, wie man ver⸗ muthet, wegen eines Seelenkummers, verſchwunden iſt, und man bis jetzt Nichts von ihr gehört hat: ſo wird derjenige, welcher Herrn—— von Gray's Jan Nachricht von ihr gibt, eine ſchöne Belohnung erhalten, oder wenn ſie in die Arme ihres troſtloſen Vaters zurückkehren will, ſo wird derſelbe ſie mit der größten Zärtlichkeit aufnehmen, welchen Grund ſie auch haben mag, hierüber das Gegentheil zu denken. Sie vermag hiedurch das Leben eines Vaters zu verlängern, der, von Alter und Kummer niederge⸗ beugt, mit ſtarken Schritten dem Grabe zueiſt.“ Dieſe herzergreifende Anmahnung that eine ſolche Wirkung auf mich, daß ich ſchon den feſten Entſchluß gefaßt hatte, gleich dem verlornen Sohne zurückzukehren, und die Vergebung deſſen, der mir das Daſeyn geſchenkt hatte, anzuflehen; doch ach! ich fand, nachdem ich nähere Erkundigungen eingezogen, daß er einen Mo⸗ nat zuvor ſoine Schuld der Natur bezahlt, bis zum letzten Augen⸗ blick über mein Ausbleiben gejammert, und ſein Vermögen, als einen Beweis ſeines Zornes über mein unkindliches und vorwurfs⸗ volles Benehmen, einem Fremden vermacht hatte. Von Gewiſſens⸗ 57 biſſen hierüber gefoltert, verſank ich in die tiefſte Melancholie, und betrachtete mich als die unmittelbare Urſache ſeines Todes. Ich verlor alle Luſt am Umgange mit Andern, und meine Be⸗ kannten ließen mich auch wirklich in Ruhe, ſobald ſie meinen ver⸗ änderten Gemüthszuſtand bemerkten. Horatio, den meine Unem⸗ pfindlichkeit anwiderte, oder— was wahrſcheinlicher iſt— der Beſitz ſatt gemacht hatte, wurde von Tag zu Tag kälter, bis er mich endlich ganz verließ, ohne wegen ſeines Benehmens ſich zu rechtfertigen, oder mich gegen den Mangel zu ſchützen, wie es ſeine Pflicht, als eines Mannes von Ehre, verlangt hätte, in Betracht ſeines Antheils an meinem Verderben; venn ich erfuhr ſpäter, daß der Zweikampf zwiſchen Lothario jund Horatio ein Mährchen war, erfunden, um den Einen von meiner Zudringlich⸗ keit zu befreien, und dem Andern den Genuß meiner Perſon zu verſchaffen, nach der er, wie es ſcheint, lüſtern wurde„ als er mich im Hauſe meines Verführers ſah. In dieſer verzweiflungsvollen Lage verfluchte ich meine Ein⸗ falt, ſtieß ſchreckliche Verwünſchungen gegen Horatio's Verrätherei aus, und beſchloß, da ich täglich mehr mit dem Verluſte der Un⸗ ſchuld vertrauter ward, mich an dem Geſchlecht im Allgemeinen zu rächen, dadurch, daß ich die Kunftgriffe der Männer an ihnen ſelbſt verſuchte. Auch durfte ich nicht lange auf eine Gelegenheit hiezu warten. Eine alte Frau beſuchte mich unter dem Vorwande, mir ihre Theilnahme zu bezeigen, und fing, nachdem ſie mein Unglück herz⸗ lich bedauert, und eine uneigennützige Freundſchaft an den Tag gelegt hatte, an, die Kunſtgriffe ihres Gewerbs an mir zu ver⸗ fuchen, indem ſie meine Schönheit pries, und auf den Elenden, der mich verlaſſen, des Himmels Fluch herabrief, während ſie mir zugleich eröffnete, es würde meine eigene Schuld ſeyn, wenn ich nicht burch die außerordentlichen Vorzüge, womit die Natur mich beſchenkt habe, mein Glück machte. Ich durchſchaute bald ihren Plan, und gab ihr ſolche Aufmunterung, ſich zu erklären, daß wir ſogleich überein kamen, den Gewinn aus meiner feilen Hingebung an die Liebhaber, welche ſie mir zuführen würde, zu theilen. Die Rolle meiner Verſtellung ſpielte ich zuerſt bei einem gewiſſen Rich⸗ ter, dem dieſe Matrone mich als ein unſchuldiges, erſt vom Lande hereingekommenes Geſchöpf vorſtellte. Mein Ausſehen und meine verſiellte Einfalt entzückten ihn ſo, daß er für meinen Beſitz auf eine einzige Nacht hundert Guineen zahlte, wobei ich mich ſo be⸗ nahm, daß er hinſichtlich ſeines Kaufs vollkommen zufrieden war. Drei und zwanzigſtes Kapitel. Sie wird von einem Haͤſcher unterbrochen, der ſie feſtnimmt und nach Marr ſhalſea fuͤhrt; ich begleite ſie; bringe Zeugen herbei, welche beweiſen, daß ſie nicht die in dem Verhaftsbefehl genannte Perſon iſt; der Haͤſcher muß ſie entſchaͤbigen und frei laſſen; wir kehren in unſere Wohnung zu⸗ ruͤck; ſie nimmt den Faden ihrer Geſchichte wieder auf, und beendet ſie; meine Gedanken hieruͤber; ſie macht mich mit dem Lebenslaufe eines öf⸗ fentlichen Frauenzimmers der Hauptſtadt bekannt; und entſchließt ſich, dieſen Lebensweg zu verlaſſen. Ihre Erzählung wurde hier durch ein Klopfen an der Thüre un⸗ terbrochen, das ich nicht ſo bald hörte, als drei ober vier ſchrecken⸗ haſt ausſehende Kerle hereinſtürzten, davon Einer meine Stuben⸗ genoſſin folgendermaßen anredete:„Madame! Ihr gehorſamer Diener! Sie werden mir die Ehre erzeigen, und mit mir gehen— ich habe einen Verhaftsbefehl gegen Sie. Während der Häſcher — denn dieß war er— ſo ſprach, umringten ſeine Begleiter die Gefangene, und fingen an, ſehr roh mit ihr umzugehen. Dieſe Behandlung erbitterte mich dergeſtalt, daß ich zum Degen griff und denſelben, ohne alle Rückſicht auf die Stärke und Anzahl ihrer 59 Gegner, zum Schutze der Lady gebraucht haben würde, wenn ſie mich nicht mit unerklärbar ruhigem Tone gebeten haben würde, zu ihrem Schutze nicht gewaltſam einzuſchreiten, was nicht nur nicht ihr gar nichts nütze, ſondern meiner eigenen Perſon zu gro⸗ ßem Nachtheile gereichen könnte. Hierauf wandie ſie ſich gegen den Anführer dieſes furchtbaren Trupps, und drückte den Wunſch aus, tn zu ſehen, nach deſſen Durchleſung ſie mit zitterndem Tone ſagte:„Ich bin nicht Diejenige, deren Name hier ſteht: verhaftet mich auf Eure Gefahr hin!“ „Ja, ja, Madame!“ verſetzte der Gerichtsbote,„wir wer⸗ den beweiſen, daß Ihr es ſeid. Unterdeſſen wollt Ihr Euch in meine Wohnung, oder in das Gefängniß abführen laſſen?“ „Muß ich gefangen ſitzen,“ ſprach ſfie,„ſo möchte ich es lie⸗ ber in Eurem Hauſe, als im gemeinen Gefängniſſe.“ „Gut! gut!“ erwieverte er,„wenn Ihr in Eurer Taſche ge⸗ aug Geld habt, ſo wird man Euch wie eine Prinzeſſin behandeln.“ Als ſie ihn aber mit ihren dürſtigen Umſtänden bekannt machte, ſo ſchwor er, er gebe keinen Credit, und befahl einem ſei⸗ ner Myrmidonen, eine Kutſche zu holen, um ſie ſogleich nach MWarſhalſea zu bringen. Während wir auf das Gefährt warteten, nahm ſie mich bei⸗ ſeite, und bat mich, ihretwegen unbeſorgt zu ſeyn, denn ſie wiſſe ſich ſehr bald aus dieſer Verlegenheit zu ziehen, und hoſſe neben⸗ bei vielleicht noch Etwas dabei zu gewinnen. Ungeachtet ihre Rede für mich ein Geheimniß war, ſo freute mich doch ihre Zuverſicht, und als die Kutſche vor die Thüre kam, ſo erbot ich mich, ſie in das Gefängniß zu begleiten, welchen Vorſchlag ſie nach vielem Bitten meinerſeits einging. Als wir an das Thor von Marſhalſea kamen, ſo ſiteg unſer Führer ab, und wies, nachdem er Einlaß verlangt, dem Thür⸗ ſchließer den Haftbefehl vor, der nicht ſobald den Namen der Eli⸗ 60 ſabeth Cary bemerkte, als er ausrief:„Aha, meine alte Bekannle Betty! Freut mich von ganzem Herzen, Dich zu ſehen.“ Mit dieſen Worten öffnete er die Kutſchenthüre, und half ihr abſteigen; als er jedoch ihr Geſicht bemerkte, ſo fuhr er zurück mit den Wor⸗ ten:„Der Geier! wen haben wir da bekommen?“ Der Häſcher, erſchreckt über dieſe Frage, rief mit einiger Beſtürzung aus:„Wer des Teufels ſoll die Gefangene anders ſeyn, als Eliſabeth Cary?“ Der Thürſchließer erwiederte:„Das Eliſabeth Cary? Verdammt will ich ſeyn, wenn das Elifabeth Cary iſt, ſo wenig fie, als meine Großmutter. Schwerenoth! ich kenne Betty Cary ſo gut, als hätte ich ſie gemacht.“ Hier hielt es das Frauenzimmer für geeignet, ihn zu unter⸗ brechen, und dem Gerichtsdiener zu ſagen, wenn er zuerſt ihren Worten geglaubt hätte, ſo würde er ſich und ihr viel Mühe er⸗ ſpart haben. „Kann ſeyn“, gab er zur Antwort,„aber vei Gott! ich will weitere Beweiſe haben, daß Ihr nicht die Perſon ſeid, ehe wir uns trennen.“ „Ja! ja!“ ſagte ſie,„auf Eure Koſten ſollt Ihr weitere Beweiſe bekommen!“ Hierauf ſetzten wir uns einſtweilen in dem Gemach, und lie⸗ hen eine Flaſche Wein holen, während meine Stubengenoſſin an zwei ihrer Bekanntſchaft ſchrieb, und mich bat, ihr den Gefallen zu erweiſen, in die Wohnung derſelben zu gehen und ſie zu er⸗ ſuchen, ſogleich zu ihr zu kommen. Ich fand ſie bei einander in einem Hauſe auf Bridges⸗ſtreet in Drury Lane, und, da ſie glücklicherweiſe ohne Geſchäfte waren, ſo folgten ſie mir ſogleich in einer Miethkutſche, nachdem ich die Sache auseinandergeſetzt hatte, welche ihnen die angenehme Ausſicht eröffnete, einen Hä⸗ ſcher in Unterſuchung zu bringen; denn Huren und Häſcher ſind ſo natürlich geſchworne Feinde, wie Mäuſe und Katzen. Als ſie das Zimmer betraten, begrüßten ſie ſogleich die Ge⸗ 61 ſangene äußerſt freunvſchaftlich mit dem Namen Anne Williams, und frugen ſie, ſeit wie lange ſie ergriffen worden, und warum?7 Als ſie nun den Hergang der Sache hier nochmals vernahmen, ſo erboten ſie ſich, vor einem Friedensrichter zu ſchwören ſie ſey nicht die in dem Haftbefehle genannte Perſon, die ihnen allen, wie es ſcheint, bekannt war. Allein der Häſcher, welcher jetzt von ſeinem Irrthume überzeugt war, ſagte ihnen, er wolle ihnen die Mühe erſparen.„Ladies,“ ſagte er,„es iſt nicht ſo böſe gemeint geweſen. Erlaubt mir, Euch mit einer zweiten Flaſche zu bewirthen, und dann wollen wir in Frieden ſcheiden!“ Dieſer Vorſchlag fand keinen Beifall bei der Schweſterſchafi, vielmehr ſagte Miß Williams zu ihm, er ſolle ſie nur nicht für ſo dumm halten, daß ſie ſich mit einem Glafe ſauren Weins ab⸗ finden laſſen werde. Hier unterbrach ſie der Thürſchließer, indem er mit einem Eide verſicherte, der Wein ſey ſo gut, als je einer über die Zunge gegangen. „Gut,“ fuhr ſie fort,„das kann ſeyn; doch wäre es der beſte Champagner, ſo würde er mir den Verluſt nicht erſetzen, der mir an Charakter und Geſundheit zugefügt worden, dadurch, daß man mich ungerechtſamerweiſe in das Gefängniß ſchleppte. Da iſt keine unſchuldige Perſon mehr ſicher, wenn jeder Gerichtsdiener aus Bosheit, Ränkeſucht, oder Irrthum ungeſtraft einem Unrecht zu⸗ fügen darf; aber dem Himmel ſey Dank! ich lebe unter dem Schutze der Geſetze, welche ſolche Beleidigungen nicht ungeahndet laſſen, und ich weiß ſehr gut, wie ich mir Recht und Genugthu⸗ ung verſchaffen kann!“ Als Herr Vulture— dieß war des Häſchers Name— ſah, vaß er es mit Einer zu thun habe, die ſich nicht ſo leicht täuſchen laſſe, ſo begann er ſehr finſter und verlegen drein zu ſehen, und bielt, mit der Hond auf die Stirne gelehnt, mit ſich eine Bera⸗ thung, die einige Minuten dauerte, worauf er in einer Ladung Flüche gegen unſere Wirthin, das Aas, wie er ſie nannie, aus⸗ brach, daß ſie ihn auf falſche Spur geführt habe. Nach vielem Streiten und Schwören wurde die Sache der Eniſcheidung des Thürſchließers anheim geſiellt, der, nachdem er eine zweite Flaſche hatte kommen laſſen, den Häſcher in alle Ko⸗ ſten für Getränk und Miethkutſche, und zur Erlegung von zwei Guineen zum Vortheil der Klägerin verurtheilte. Das Geld wurde fogleich hinterlegt, wovon Miß Williams die eine Hälfte den zwei Zeugen gab, und die andere einſteckte. Hierauf fuhren wir nach Hauſe, und ließen den Häſcher, über ſeinen Verluſt brummend⸗ zurück, welcher nichtsdeſtoweniger froh war, ſo wohlfeil aus einem Handel, der ihm das Zehnfache der Summe, und ſeine Stelle noch obendrein hätte koſten können, ſich gezogen zu haben. Die Guince war für uns, da alle Geldmittel entblößt waren, eine ſehr willkommene und nothwendige Hülſe, da ich ſechs von meinen Hemden, nebſt faſt allen meinen Kleidern, die auf meinem Leibe ausgenommen, zur Beſßtreitung unſerer unmittelbaren Bedürfniſſe entweder verpfändet oder verkauft hatte. Nachdem wir der Wirthin ihr Betragen vorgehalten, und uns durch Aufkündigung ihrer Wohnung an ihr gerächt hatten, ging unſere nächſte Sorge dahin, uns nach einer andern Wohnung umzuſehen, wohin wir am nächſten Tage uns begaben, mit der Abſicht, ſo eingezogen als möglich zu leben, bis unſere Heilung vorüber ſeyn würde. Als wir unſere neue Wohnung bezogen hatten, ſo bat ich ſie, ihre Lebensgeſchichte zu vollenden, worauf ſie ſo fortfuhr: Der günſtige Erfolg unſeres Verſuchs an dem Richter mun⸗ terte uns auf, an Andere gleiche Zumuthungen in Betreff des Glaubens an meine Keuſchbeit zu machen, und ſie ward fünfmal mit gleich gutem Erfolge verkauft; voch dauerte dieſe Ernte nicht lange, denn mein Charakter wurde bekannt, die Lenkerin des Be⸗ trugs ließ mich im Stich, und ſuchte andere Mündel. 63 Hierauf ſchlug ich in Charing Croß um zwei Guineen wö⸗ chentlich meinen Wohnſitz auf, und begann, öffentlich mich feilzu⸗ bieten; allein da meine Einnahmen die Ausgaben nicht deckten, ſo mußte ich dieß aufgeben, und ſchloß mit gewiſſen Tavernenbefitzern Verträge ab, welche ſich anheiſchig machten, mir Beſchäſtigung ge⸗ nug zu verſchaffen, wofern ich meinen Gewinn mit ihnen theilen wolle. Es kamen deßhalb faſt in jeder Nacht Leute zu mir, unter denen ich mich jedem Aerger, jeder Gefahr und Mißhandlung aus⸗ geſetzt ſah, die aus Trunkenheit, thieriſcher Wolluſt und unge⸗ ſunden Körpern über mich hereinbrechen konnten. Wie kläglich iſt die Lage eines öffentlichen Mäbchens, das Alles, was Wuth, Ueber⸗ muth und Wolluſt eingeben, ertragen muß! Da mein hoher Geiſt und meine Stimmung ſich nicht genug nach dem Willen und der Unterhaltung meiner Liebhaber richten konnten, ſo mußte am Ende eine Abneigung gegen meinen Be⸗ ruf in mir entſtehen, wodurch mein Geſicht die Färbung des Ueber⸗ druſſes annahm. Allein dieſe ausgelaſſenen und lieverlich frechen Geſellen wur⸗ den ſo verdrießlich darüber, daß ich oftmals eine empörende Be⸗ handlung erfuhr, und in ihrem Zorne die Treppe hinabgeworfen wurde. Als die Boten ſahen, daß ich ihren Herrn nicht mehr angenehm ſey, ſo kamen ſie ſelten mehr wegen einer Veſtellung zu mir, und ich ſah mich faſt ganz zurückgeſetzt. Um meine Be⸗ dürfniſſe beſtreiten zu können, mußte ich meine Uhr, meine Ringe, Schmuckſachen, und den beſten Theil meiner Kleider verkaufen. Eines Abends ſaß ich, und dachte bei mir ſelbſt über das mir nun dro⸗ hende Elend nach, als ich von einem Bagnio Botſchaft erhielt, wo⸗ hin ich mich in einer Sänfte begab, und zu einem Herrn eingeführt wurde, der wie ein Offizier gekleidet war. Ich ſpeiste gut mit ihm zu Nacht, und ging— einem vollen Glas S mit ihm zu Bette. Als ich Morgens aſwaht⸗„fand ich meinen Liebhaber nicht 64 mehr an meiner Seite, worauf ich den Vorhang bei Seite ſchod, ihn aber nicht im Zimmer bemerken konnte. Dieſer Umſtand machte mich etwas unruhig, doch da er wegen eines Bedürfniſſes ſich ent⸗ fernt haben konnte, ſo wartete ich eine volle Stunde auf ſeine Rückkehr. Hierauf erhob ich mich in der größten Angſt, und zog die Glocke. Als der Kellner an die Thüre kam, ſo fand er ſie verſchloſſen, und begehrte Einlaß, worauf ich öffnete, nachdem ich zu meinem großen Erſtaunen bemerkt hatte, daß der Schlüſſel auf der Innenſeite noch ſo war, wie wir zu Bette gingen. Als ich nach dem Capilän fragte, ſo ſtarrte mich der Burſche mit entſetztem Blicke an, und rief:„Wie, Madame! liegt er nicht im Bette?“ und rannte, als er ſich davon überzeugt hatte, in ein anſtoßendes Zimmer, beſſen Fenſiter er offenſtehend fand. Aus dieſem hatte der Abenteurer eine Mauer erſtiegen, von wo er in einen Hof herabſprang, und entkam, mir es überlaſſend, nicht nur für die Rechnung einzuſtehen, ſondern auch für eine große ſilberne Trinktanne und Schaale, welche Gegenſtände er mit fort⸗ genommen hatte. Unmöglich kann ich die Beſtürzung beſchreiben, welche mich befiel, als ich mich als Theilnehmerin an einem Diebſtahl ergrif: fen ſah; denn in dieſem Lichte betrachtete man mich, und führte mich vor einen Richter, der meine Verwirrung für ein Zeichen von Schuld hielt, und nach kurzem Verhöre mich nach Bridewell ſandte, nachdem er mir, als das einzige Mittel, mein Leben zu retten, den Rath gegeben hatie, Gegenbeweiſe zu liefern, und meinen Mitſchuldigen gerichtlich anzugeben. Ich ſchloß hieraus, die Rache des Himmels habe mich getroffen, und ich müſſe nun bald meine Laufbahn durch einen ſchimpflichen Tod endigen. Dieſer Gedanke ſenkte ſich ſo tief in meine Seele, daß ich einige Tage lang mei⸗ ner Sinne beraubt wurde, und mich wirklich in der Hölle, gequält von Teufeln, zu befinden glaubte. Es bedurfte auch keiner aus⸗ ſchweifenden Einbildungskraft, um vieſe Vorßtellung zu bekommen; —————— 65 benn von allen Plätzen der Erde iſt Bridewell der einzige, welcher der Vorftellung, die ich immer von der hölliſchen Region hatte, am meiſten entſpricht. Hier ſah ich Richts, als Wuth, Angſt und Gottloſigkeit, und vernahm nichts als Seufzer, Flüche und Got⸗ tesläſterung. Mitten unter dieſer hölliſchen Bande ſtand ich unter der Tyrannei eines Barbaren, der mir Arbeiten auferlegte, die meine Kräfte überſtiegen, und dann mit der äußerſten Härte und Unmenſchlichkeit mich beſtraſte. Oft ſchlug er mich unbarmherzig, bis ich ohnmächtig ward, und erweckte mich hierauf durch Peitſchen⸗ hiebe aus meiner Betäubung. Unterdeſſen ſtahlen mir dann meine Mitgefangenen Alles, meine Haube, Schuhe und Strümpfe aus⸗ genommen; man entzog mir nicht uur die nothwendigen Gegen⸗ ſtände des Lebens, ſondern ſogar die Nahrung, ſo daß mein jam⸗ mervoller Zuſtand den höchſten Gipfel erreichte. Nicht Eine mei⸗ ner Bekannten, der ich meine Lage mittheilte, wollte mir den ge⸗ ringſten Beiſtand leihen, unter dem Vorwande, daß man mich wegen Diebſtahls eingeſperrt habe, und mein Wirth weigerte ſich, als ich meine Kleider holen laſſen wollte, ſie mir auszuliefern, weil ich ihm noch den Miethzins für eine Woche ſchuldig ſei. Von meinem Unglück überwältigt, ergriff mich die Verzweif⸗ lung, und ich beſchloß, meinem Jammer und Leben zugleich ein Ende zu machen. Voll von dieſem Vorhaben erhob ich mich mit⸗ ten in der Nacht, als ich glaubte, Jedermann um mich herum liege im Schlafe, befeſtigte das eine Ende meines Halstuchs an einen breiten Haken, der in der Decke ſtack, und woran die Hanf⸗ waage hing, ſtand auf einen Stuhl, machte am andern Ende eine Schleife, und fleckte meinen Hals hinein, in der Abſicht, mich auf⸗ zuhängen; doch ehe ich den Knoten zuziehen konnte, verhinderten mich zwei Weiber daran, welche die ganze Zeit über gewacht und mein Vorhaben geahnt hatten. Am Morgen darauf machte man unter den Gefangenen mei⸗ nen Selbſtmordverſuch bekannt, und maß mir dreißig Streiche Smollet's Romane. I. 5 66 auf, eine Strafe, welche, verbunden mit dem Gefühle meines fehlgeſchlagenen Hoffnung und meines Unglücks, mich meiner Sinne beraubte, und ſo wahnſinnig machte, daß ich das Fleiſch von mei⸗ nen Beinen mit den Zähnen abriß, und meinen Kopf gegen das Pflaſter ſchlug, jal ſie mußten eine Wache neben mich ſtellen, um mich von weiteren Angriffen gegen mich ſelbſt und Andere abzu⸗ halten. n 5 Dieſer Anfall dauerte drei Tage lang, worauf ich ruhig un in mich gekehrt wurde. Da jedoch der Wunſch, mir das Leben zu. nehmen, immer noch fortdauerte, ſo kam ich zu dem Entſchluſſe,. mich zu Tode zu hungern, und verſagte mir, voll von dieſer Ab⸗ ſicht, jede Nahrung. Ob es daher rührte, daß man äußerlich mir keinen Wider⸗ ſtand entgegenſetzte, oder Schwäche der Natur daran ſchuld war, weiß ich nicht, aber nach dem zweiten Tage meines Faſtens fand ich, daß die Stärke meines Entſchluſſes bedeutend abgenommen hatte, und der Hunger peinlich an mir nagte. In dieſer kritiſchen Lage brachte man ein Frauenzimmer in das Gefängniß, mit dem ich, ſo lange ich mit Horatio zufammen gelebt, eine Bekanntſchaft angeknüpft hatte. Sie lebte damals auf demſelben Fuße, wie ich, doch änderte ſie ihre Lebensweiſe, als ſie ſpäter mit ihrem Lieb⸗ haber zerfiel, und keinen Andern nach ihrem Sinne fand, und füste zu den hunderten von Kaffeehäuſern in Drury Lane ein neues hinzu, wo ſie Herren mit Claret, Arack und der Auswahl unter einem halb Dutzend Mädchen, die in ihrem Hauſe lebten, bediente. Dieſe dienftfertige Matrone wurde, weil ſie ſich geweigert hatte, einem gewiſſen Richter für die Duldung, deren ſie genoß, etwas zu entrichten, vor die Vierteljahrs⸗Sitzungen gefordert, in deſſen Folgen ihr Trupp aufgelöst und ſie ſelbſt nach Bridewell geſchickt. Sie befand ſich noch nicht lange pier„ als ſie mein Unglück erfuhr, und, nachdem ſie mit einer Beileidsbezeugung ſich mir genähert hatte, mich nach den Einzelheiten meines Schick⸗ — . ————— 67 ſals befragte. Während wir mit einander redeten, kam der Ge⸗ füngnißdiener, und ſagte mir, der Burſche, wegen deſſen man mich eingeſperrt habe, ſei ergriffen worden, er habe den Diebſtahl ein⸗ geſtanden, und mich in jeder Beziehung von allem Antheil freige⸗ ſprochen, weßhalb er, der Aufſeher, Befehl bekommen, mich zu ent⸗ laſſen, und ich ſei von dieſem Augenblicke an frei. Dieſe Neuigkeit vertrieb mir ſogleich alle Tobesgedanten, und hatte einen ſolchen plötzlichen Einfluß auf meine Züge, daß Miſtreß Coupler, das genannte Frauenzimmer nämlich, in der Hoffnung, ihre Rechnung durch mich zu finden, mir das gütige Anerbieten machte, mit allem Röthigen mich auszuſtatten, und in ihr eigenes Haus aufzunehmen, ſobald ſie ihre Angelegenheiten mit den Richtern in's Reine gebracht hätte. Die Bedingungen ihres Anerbietens beſtanden darin, daß ich ihr drei Guineen wöchentlich für Koſt und außerdem aus den erſten Früchten meiner Umarmun⸗ gen eine bedeutende Entſchädigung für die Benützung der Kleider und Schmuckgegenſtände, welche ſie mir liefern würde, bezahlen ſolle. Dieß waren harte Bedingungen, allein nicht zu verwerfen von Einer, die hülflos und nackt in die weite Welt geſtoßen war, ohne einen Freund, der ihr Mitleid zollte oder Beiſtand leiſtete. Ich nahm deßhalb ihr Anerbieten an, und ſie, welche in we⸗ nigen Stunden gegen Bürgſchaft entlaſſen wurde, führte mich in einer Kutſche nach Hauſe. Da ich mir wohl bewußt war, daß ich meine Verehrer früher durch mein zurückhaltendes und ſtolzes Be⸗ nehmen abgeſchreckt habe, ſo verſuchte ich jetzt dieſe Neigung zu bekämpfen; und da die plötzliche Veränderung meiner Umſtände mir die gehörige Spannung meines Geiſtes vollkommen wieder gab, zeigte ich mich ſo gewinnend und freundlich, als ich nur konnte. Da ich den Vortheil einer guten Stimme und Erziehung beſaß, ſo wandte ich meine Talente auf's Beſte an, und ward bald mit der Gunſt Aller beehrt. Dieſer glückliche Erfols den Stolz und die Eijerſucht 68 der Miſtreß Coupler, welche den Gedanken, ſich verdunkelt zu ſehen, nicht ertragen konnte: ſie ließ mich daher ihren Neid fühlen, und verbreitete unter ihren Kunden das Gerücht, ich ſey angeſteckt. Mehr bedurfte es nicht, um meinen guten Ruf und mein Glück zu untergraben, Jedermann mied mich mit Zeichen des Abſcheus und der Verachtung, und bald ſah ich mich ſo verlaſſen, als jemals. Mangel an Liebhabern zog Mangel an Gelde nach ſich, um meine boshafte Wirthin zu befriedigen, die vorſätzlich mir auf eilf Pfunde Credit gegeben hatte, und nun einen Verhaftbefehl gegen mich auswirkte, in Folge deſſen ich in ihrem eigenen Hauſe feſtgenommen wurde. Ungeachtet das Zimmer voll Leute war, als der Häſcher es betrat, ſo hatte doch nicht Einer ſo viel Mitleiden, meine Verfol⸗ gerin milder zu ſtimmen, und noch weniger, meine Schuld zu be⸗ zahlen; ſie ſpotteten ſogar über meine Thränen, und Einer von ihnen hieß mich gutes Muthes ſeyn, denn in Newgate würde es mir an Anbetern nicht fehlen. In dieſem Augenblicke trat ein Seelieutenant herein, und, meinen Zuſtand gewahr werdend, be⸗ gann er nach der Veranlaſſung meines Mißgeſchicks ſich zu erkun⸗ digen, als jener Witzbold ihm den Rath gab, ſ entfernt von mir zu halten, denn ich ſey ein Brander*). „Ein Brander!“ erwiederte der Seemann:„ſie gleicht viel⸗ mehr einer armen verfolgten Galeere, die in Noth ſteckt, und welche von einem Brander, wie Ihr einer ſeid, geankert worden iſt; wenn dieß der Fall iſt, ſo braucht ſie um ſo eher Beiſtand. Hört einmal, Mädchen! wie tief ſteckt Ihr im Grunde beim Conſtabel?“ Ich ſagte ihm, die Schuld belaufe ſich, außer den Auslagen für den Verhaftsbefehl, auf eilf Pfunde. *) Im Engliſchen bedeutet die Ueberſetung des beutſchen Worts„Bran⸗ der“ fire-Sship auch„eine mit der Luſtſeuche behaftete Dirne.“ Anm. des Ueberſetzers⸗ 69 „Wenn das Alles iſt,“ ſagte er,„ſo ſollt Ihr für dießmal nicht die hölzernen Fußbande koſten.“ Hiemit zog er ſeine Börſe heraus, zahlte das Geld, entließ den Häſcher, und gab mir, mit den Worten, ich ſei in einen ſchlechten Hafen eingelaufen, den Rath, mich nach einem beſſern Ankerplatze umzuſehen, wo ich ſicher vleiben könnte, zu welchem Zwecke er mir mit weiteren fünf Gui⸗ neen ein Geſchenk machte. Durch dieſen Beweis von Edelmuth wurde ich ſo gerührt, daß ich eine Zeit lang nicht die Kraft be⸗ ſaß, ihm zu danken. Sobald ich jedoch meine Faſſung wieder er⸗ halten hatte, bat ich ihn um die Vergünſtigung, mit mir in die nächſte Taverne zu gehen, wo ich ihm die wahre Beſchaffenheit meines unglücklichen Zuſtandes auseinanderſetzte, und ihn von der Falſchheit deſſen, was zu meinem Nachtheil ihm berichtet worden, ſo wirkſam überzeugte, daß er von dieſem Augenblicke an ſich an mich anſchloß, und wir in großer Eintracht zuſammen lebten, bis er zur See gehen mußte, wo er in einem Sturme umkam. Nach dem Verluſte meines Wohlthäters und der Erſchöpfung der Mittel, welche ſeine Güte mir hatte zufließen laſſen, ſah ich mich in der Gefahr, in meinen vormaligen hülfloſen Zuſtand zu⸗ rückzufallen, und wurde ſehr trübſinnig, als meine Ausſichten mir nur den Häſcher und das Gefängniß zeigten. In dieſer Bedräng⸗ niß rieth mir eine von der Schweſterſchaft, eine kleine alte Jung⸗ fer, in einem Stadttheile, wo ich unbekannt ſei, mir eine Woh⸗ nung zu miethen, und mich für eine Erbin auszugeben; durch dieſe Liſt könnte ich mir Jemand zum Gemahl verſchaffen, der vielleicht mir ein ſchönes Auskommen oder zum mindeſten Schutz vor der Furcht und Gefahr eines Gefängniſſes gewähren könnte, indem er für alle Schulden, welche ich contrahiren ſollte, verant⸗ wortlich werde. Ich gab dieſem Plane meinen Beifall, zu deſſen Ausführung meine Freundin ihre Garderobe hergab, und ſich entſchloß, als Kammerjungfer bei mir zu leben, mit der ausdrücklichen Beſtim⸗ 7⁰ mung, daß ſie von dem etwaigen eine gute Entſchädigung erhielte. Sie machte ſich ſogleich auf, um eine paſſende Wohnung aufzuſuchen, und wir mietheten an dem nämlichen Tage ein hüb⸗ ſches Zimmer in Parkſtreet, wohin wir uns in einer, mit ihrem und meinem Gepäcke beladenen, Kutſche begaben.. Mein erſtes Auftreten geſchah in einem blauen, mit Silber beſetzten, Reitkleide, und mein Mädchen ſpielte ihre Rolle ſo gut, daß nach einem oder zwei Tagen das Gerücht von mir in der ganzen Nachbarſchaft herumlief, und man ſich ſagte, ich ſei eine eben erſt vom Lande angelangte reiche Erbin. Dieſes Gerücht verſam⸗ melte einen Schwarm liebesluſtiger junger Leute um mich her: doch ich ſah bald, daß ſie alle eben ſo hülfsbedürftig und aben⸗ teuerlich, wie ich ſelbſt, waren, und daß ſie gleich Krähen um ein Aas herumflögen, mit der Abſicht, an die Sohle meines Glücks ſich zu feſſeln. Ich behielt jedoch den Schein des Reichthums ſo lange als möglich in der Hoffnung bei, einen Anbeter zu erhalten, der meinen Plänen mehr zuſagte, und zog endlich die Aufmerk⸗ ſamkeit eines auf mich, der meinen Wünſchen entſprochen haben würde. Ich lenkte die Sache ſo gut, daß wirklich ein Tag für unſere Hochzeit feſtgeſetzt wurde. Unterdeſſen bat er um Erlaub⸗ niß, einen vertrauten Freund bei mir einzuführen, ein Verlan⸗ gen, das ich nicht abweiſen konnte, jedoch in der darauf folgenden Nacht den Aerger und Verdruß hatte, in dieſem Freunde denjeni⸗ gen zu ſehen, der mich früher unterhalten hatte, nämlich Horatio, welcher mich kaum erblickte, als er die Farbe veränderte, doch ſo viel Geiſtesgegenwart hatte, ſich mir zu nähern, und mich zu be⸗ grüßen, mit der leiſe hinzugefügten Verſicherung, ich dürfe keine Beſorgniſſe hegen, denn er würde mich nicht preisgeben. Trotz dieſer Verſicherung konnte ich nicht ſo viel Faſſung gewinnen, um die Unterhaltung zu leiten, ſondern zog mich, zum nicht geringen Kummer meines Anbeters, der auf's Zärtlichſte Abſchied nahm und mit ſeinem Freunde ſich Ki in mein Zimmer zurüc. 71 Als ich die Sache meiner Freundin mittheilte, ſo hielt dieſe es für hohe Zeit, daß wir uns aus dem Staube machten, und zwar, weil wir nicht nur bei unſerer Wirthin, ſondern auch bei mehreren Handelsleuten in der Nachbarſchaft Schulden gemacht hatten. Unſere Flucht wurde demnach folgendermaßen bewerkſtel⸗ ligt. Nachdem wir alle unſere Kleider und Mobilien in kleine Bündel gepackt hatten, brachte ſie dieſelben unter dem Vorwande, Herzſtärkungen für mich zu holen, in wiederholten Gängen in das Haus einer Bekannten, wo ſie ebenfalls eine Wohnung beſorgte, und wohin wir uns um Mitternacht, als Alles im Hauſe ſchlief, be⸗ gaben. Von jetzt an ſah ich mich genöthigt, niedrigere Zwecke zu verfolgen und meine Netze unter den Handwerksleuten auszuwer⸗ fen; doch ich fand ſie entweder zu phlegmatiſch oder zu vorſichtig gegen meine Liſt und Reize, bis ich endlich Eure Bekanntſchaft machte, und meine ganze Gewandtheit an Euch verſuchte; nicht weil ich glaubte, ich habe Vermögen oder Ausſichten zu erwarten; ſondern ich wollte meine Schuldenlaſt, ſowohl die bereits gemachten, als auch die künftigen, von mir auf einen Andern wälzen, und zugleich dadurch, daß ich einen, der dem Elenden, welcher mich ins Verderben geſtürzt hatte, ſo ähnlich ſah, in's Unglück brächte, mich an eurem Geſchlechte rächen. Doch der Himmel bewahrte Euch vor meinen Fallſtricken durch die von Euch gemachte Entdeckung, woran mein Stubenmädchen Schuld war, das beim Hinausgehen die Thüre nicht verſchloſſen hatte, als es ſich entfernte, um für das Frühſtück Zucker zu holen. Die Perſon, welche ſich mit mir im Bette befand, war ein Herr, den ich die Nacht zuvor an mich gelockt hatte, als er ziem⸗ lich berauſcht nach Hauſe ging; denn damals ſtand es ſo ſchlecht um mich, daß ich in der Dämmerung beuteſuchend mich auf die Straße begeben mußte. Als ich mich von Euch entdeckt und ver⸗ laſſen ſah, ſo mußte ich meine Wohnung verändern, und zwei Treppen höher hinauf ziehen. Meine Freundin, welche in ihren 72 Erwartungen ſich getäuſcht ſah, überließ es mir, auf eigene Fauſt meine Lebensweiſe fortzuſetzen, und ich hatte keine andere Hülfs⸗ quelle, als, gleich den Eulen, im Finſtern mich hinauszuwagen, um mein Daſeyn kümmerlich zu friſten. Nicht nur dem Ungemach der Witterung, ſondern auch der peinlichen Qual des Hungers und Durſts ausgeſetzt, habe ich mich oft eine ganze Winternacht hin⸗ durch zwiſchen Ludgate⸗hill und Charing⸗eroß herumgetrieben, ohne auch nur Einen angeln zu können. Dann ſchlich ich in einem erbärmlich ſchmutzigen Zuſtande in mein Dachſtübchen hinauf, kroch in's Bette, und ſuchte meinen Hunger und Kummer im Schlafe zu begraben. Wenn ich auf einen trunken nach Hauſe taumelnden Wüſtling oder Handwerker ſtieß, ſo erfuhr ich oft die gemeinſte Behandlung, und mußte trotz deſſen heiter und wohlge⸗ launt ſcheinen, obwohl meine Seele von Unwillen und Verachtung kochte, und mein Herz mit Kummer und Niedergeſchlagenheit über⸗ laden war. Im Laufe dieſer nächtlichen Abenteuer wurde ich von der Krankheit angeſteckt, welche mich zu einem Gegenſtande eigenen Abſcheus machte, und in den Schlupfwinkel trieb, wo Euer Wohl⸗ wollen mich aus dem Rachen des Todes befreite.“ In der Erzählung dieſes Frauenzimmers lag ſo viel Aufrich⸗ tigkeit und geſunder Verſtand, daß ich kein Bedenken trug, jeder Shylbe ihrer Worte Glauben beizumeſſen, und über das mannig⸗ fache Unglück, welches ſie in einem ſo kurzen Zeitraume erlitten hatte, ihr mein Erſtaunen bezeugte; denn alle ihre Leiden umfaßten einen Zeitraum von zwei Jahren. Ich ſiellte ihre Lage mit mei⸗ ner eigenen zuſammen, und fand jene tauſendmal ſchlimmer. Das Schickſal hatte mir zwar viele Härte bewieſen; mein ganzes Leben war eine unausgeſetzte Reihe von Leiden geweſen, und, wenn ich in die Zukunft blickte, ſo geſtaltete ſich die Ausſicht nicht viel beſſer; 5 doch jetzt hatte ich mich daran gewöhnt, und folglich konnte ich ſie leichter tragen. Gelang ein Lebensplan nicht, ſo konnte ich meine Zuflucht zu einem andern nehmen, und ſo fort zu einem dritten, ————————— 73 auf tauſend verſchiedenen Wegen herumkreuzend, und immer den Punkten folgend, wo ein günſtiges Geſchick aufzutauchen ſchien, ohne die Ehre meines Charakters auf unheilbare Weiſe zu ver⸗ wunden, oder mich ganz der Laune und Härte der Welt zu unter⸗ werfen. Sie dagegen kannte die Süßigkeiten des Glücks, und hatte ſie gekoſtet; ſie war unter dem Schirme eines nachſichtigen Vaters, mitten unter den feineren Bequemlichkeiten, zu denen ihr Geſchlecht und ihr Rang ſie berechtigten, auferzogen worden; und es lag vor ihr die ungetrübte Ausſicht in ein ganzes Leben unun⸗ terbrochener Glückſeligkeit. Wie quälend, wie peinigend und wie vrückend mußte daher für ſie die Zerſtörung ſolchen Glücks werden, da ſie hiedurch nicht nur jener äußeren Tröſtungen beraubt, und in den Jammer der peinlichſten Noth geftürzt, ſondern auch ihres Seelenfriedens entäußert und die Schmach ewiger Schande auf ſie gewälzt wurde! Ich ſagte, von allen Berufsarten halte ich die ei⸗ ner öffentlichen Dirne für die erbärmlichſte, und ſie unter allen ſolchen Geſchöpfen für die unglücklichſte. Sie geſtand, daß meine Bemerkung in der Hauptſache richtig ſei, bemerkte jedoch zugleich, daß bei allem Unglück, das ſie betrof⸗ fen, ſie als öffentliches Frauenzimmer nicht ſo unglücklich geweſen ſei, als manche Andere des nämlichen Berufs.„Ich ſah oft,“ ſprach ſie,„während ich um Mitternacht auf den Straßen umher⸗ ſtrich, eine Zahl nackter Elender, welche in Lumpen und Koth ge⸗ hüllt, wie Schweine, in dem Winkel eines finſtern Baumgangs zu⸗ ſammenhockten; Einige von ihnen hatte ich noch vor achtzehn Mo⸗ naten als Lieblinge der Stadt im Ueberfluß ſich wälzend und in aller Pracht der Caroſſe und Kleidung prunken geſehen. Auch begreift ſich die⸗ ſer Wechſel leicht. Die größte Modedame der Hauptſtadt unterliegt der Anſteckung ſo gut, als die geringſte öffentliche Dirne ſie inficirt ihre Anbeter, ihre Lage wird allgemein bekannt, man meidet, vernachläſfigt ſie, ſie kann ihren gewöhnlichen Aufwand nicht mehr beſtreiten, den ſie indeſſen ſo lange als mözlich beizubehalten wünſcht; ihr Credit 74 inkt; ſie muß von ihrer Höhe herab und eine Nachtſtreicherin werden, ihre Krankheit frißt um ſich, ſie macht ſich ſelbſt Verord⸗ nungen und ruinirt ſich hiedurch; ihre Farbe wird bleich, ſie wird Jedermann zum Eckel, ſieht ſich dem Hungertode preisgegeben, ver⸗ ſucht hierauf den Leuten vie Taſchen zu leeren, wird ertappt und nach Newgate geſchickt, wo ſie in einer kläglichen Lage bleibt, bis man ſie entläßt, weil der Kläger ausbleibt und ſie nicht verfolgen will. Niemand nimmt ſie in eine Wohnung auf, die Symptome ihres Uebels werden gefährlich, ſie läßt ſich in ein Spital aufneh⸗ men, wo ſie ihre Heilung mit dem Verluſte ihrer Naſe erlangt; ſie wird nackt auf die Straßen hinausgeworfen, muß ſich die An⸗ träge der gemeinſten Menſchen gefallen laſſen, Hunger und Kälte durch Branntwein zu vertreiben ſuchen, finkt zur thieriſchen Ge⸗ fühlloſigkeit herab, verfault und ſtirbt auf einem Miſthaufen. Wie elend bin ich! vielleicht ſind die michen Schrecken mir be⸗ ſtimmt 1ℳ „Nein,“ rief ſie, nach einer pauſe,„niemals wird es mit mir ſo weit kommen! ehe dieſer Zeitpunkt eintritt, will ich mit meiner eigenen Hand mir einen Weg bahnen, und mich frei machen.“ Ihre Lage erfülte mit Theilnahme up Milleiden; ich achtete ihre Eigenſchaften, betrachtete ſie als eine Unglückliche, nicht Verlorene, und wartete ihrer mit ſolcher Sorgfalt und ſolchem Erfolge, daß nach weniger als zwei Monden ihre Geſundheit ſo⸗ wohl, als die meinige, vollkommen wiederhergeſtellt war. Da wir oft über unſere gegenſeitigen Angelegenheiten uns beriethen, ſo entwarfen wir tauſend Pläne, die bei weiterer Prüfung unausführ⸗ bar ſich zeigten. Gerne wären wir in einen Dienſt gegangen; aber wer würde uns ohne Empfehlung angenommen haben? End⸗ lich fiel ihr ein Mittel bei, das ſie zu benützen beſchloß. Sie wollte nämlich mit dem erſten Gelde, das ihr zufließen würde, ſich die niedrige Tracht eines Landmädchens anſchaffen„ auf ein, von der Hauptſtadt ziemlich entferntes Dorf ſich begeben, und als friſches Mädchen, das einen Dienſt ſuche, in einem Frachtwagen ankoin⸗ men. Hiedurch hoffte ſie auf eine ihrer Neigung entſprechendere Weiſe ein Unterkommen zu finden, als auf ihrem bisherigen Le⸗ benswege. Vierundzwanzigſtes Kapitel. ⸗ Ich gerathe in großes Elendz werde auf Towerhill von einem Preßgang angefallen, der mich an Vord eines Flußſchiffes bringt; meine Behand⸗ lung daſelbſt; meine Ankunft am Bord des Kriegsſchiffes Thunder, wo man mich in Ketten legt und ſpäter durch die Verwendung des Herrn Thompſon wieder freiläßt, der mich als Gehulfen dem Ober⸗Wundarzte empfiehlt; er erzählt mir ſeine Schickſale, und macht mich mit dem Cha⸗ rakter des Capitaͤns, Ober⸗Wundarztes und deſſen erſten Gehuͤlfen be⸗ kannt.. 2 Ich billigte den Entſchluß der Miß Williams, welche nach einigen Tagen von einem der Frauenzimmer, die in Marſhalſea zu ihren Gunſten als Zeuginnen aufgetreten waren, in der Eigen⸗ ſchaft einer Kellnerin angeſtellt wurde. Dieſe hatte nämlich ſpäter bei einem Weinhändler, der ſie liebgewonnen hatte, Credit erhal⸗ ten, ſo daß ſie eine eigene Reſtauration errichten konnte. Dorthin begab ſich meine Stubenfreundin, nachdem ſie ſich mit einem Strome von Thränen von mir verabſchiedet, und mir tauſendmal Betheurungen ewigen Danks gemacht hatte, mit der Verſicherung, ſie würde in dieſer Lage nur ſo lange bleiben, bis ſie Geld genug zuſammengebracht hätte, um ihr anderes Projekt auszuführen. Was mich anbelangt, ſo ſah ich keinen Ausweg vor mir, als die Armee oder die Flotte, zwiſchen welchen ich ſo lange hin und her ſchwankte, daß ich mich dem Verhungern preisgegeben ſah⸗ 76 Mein Geiſt fing an, ſich nach meiner bettelhaften Lage zu be⸗ quemen, und ich wurde ſo gemein, daß ich nach Wapping hinab⸗ ging, in der Abſicht, nach einem ehemaligen Schulkameraden mich zu erkundigen, der, wie ich vernahm, den Befehl über ein kleines Küſtenſchiff erhalten hatte, das damals auf der Rhede lag, und ſeinen Beiſtand anzuflehen. Doch mein Geſchick verhütete dieſen niedrigen Schritt; denn als ich den Towerkai entlang ging, kam ein unterſetzter, ſchwarzgelber Kerl mit einem Degen an der Seite und einem Prügel in der Hand auf mich zu, mit dem Rufe:„Oho, Bruder! Ihr müßt mit mir gehen.“ Da mir ſein Ausſehen nicht gefiel, ſo antwortete ich Nichts auf ſeinen Gruß, ſondern verdop⸗ pelte meine Schritte, in der Hoffnung, mich von ſeiner Geſellſchaft zu befreien. Hierauf pfiff er laut, und ſogleich erſchien ein zwei⸗ ter Matroſe vor mir, welcher mich am Kragen faßte und fortzu⸗ ziehen begann. Da ich nicht Luſt hatte, mir eine ſolche Behand⸗ lung gefallen zu laſſen, ſo befreite ich mich von dem Angreifer, und ſchlug ihn mit meinem Prügel zu Boden, ſo daß er beſinnungs⸗ los da lag. Da ich mich hierauf im Augenblick von zehn oder zwölf Mann mehr angegriffen ſah, ſo benahm ich mich mit ſolcher Gewandtheit und ſo glücklichem Erfolge, daß Einige meiner Gegner mit gezogenen Hirſchfängern mich angreifen mußten. Nach einem hartnäckigen Gefechte, in welchem ich eine breite Wunde auf mei⸗ nen Kopf, und eine andere auf meine linke Wange erhielt, ward ich entwaffnet, zum Gefangenen gemacht, und an Bord eines FPreßſchiffs gebracht, wo ich gleich einem Miſſethäter geknebelt und in den Kielraum unter einen Haufen elender Unglücklicher geworfen ward, deren Anblick mir faſt die Beſinnung raubte. Da der com⸗ mandirende Offizier nicht ſo viel Menſchlichkeit beſaß, um meine Wunde verbinden zu laſſen, und ich mich nicht meiner eigenen Hände bedienen konnte, ſo bat ich einen meiner Mitgefangenen⸗ der nicht in Feſſeln lag, er möchte ein Schnupftuch aus meiner Taſche nehmen, und es um meinen Kopf binden, um das Ver⸗ 77 bluten zu verhindern. Er zog nun zwar mein Schnupftuch heraus; anſtatt es aber zu dem Gebrauche zu verwenden, den ich ihm an⸗ gegeben hatte, ging er an das Gitter der Luke, und verkaufte es mit erſtaunlicher Ruhe vor meinen Augen an eine Proviantboots⸗ frau. Hierauf ging er an Bord, um eine Maaß Genever zu holen, womit er, ohne Rückſicht auf meine Lage und Bitten, ſeine Gefährten bewirthete. Ich beklagte mich über dieſe Räuberei bitterlich gegen einen auf dem Verdeck befindlichen Seekadetten, indem ich ihm zugleich ſagte, wenn meine Wunden nicht verbunden würden, ſo werde ich mich zu Tode verbluten. Doch Mitleiden war eine Schwäche, deren Niemand dieſes Individuum anklagen konnte, welches, einen Mundvoll Kautabak durch das Gitter auf mich ſpritzend, zu mir ſagte:„Ihr ſeyd ein aufrühreriſcher Hund, und ſollt ſterben und verdammt ſeyn.“ Als ich ſah, vaß Nichts zu machen ſey, ſo ver⸗ wies ich mich zur Geduld, und ſchrieb dieſe Behanvlung in mei⸗ nem Gedächtniſſe an, um zu einer gelegenern Zeit ihrer wiederzu⸗ gedenken. Indeſſen warfen der Blutverluſt, Aerger und Mangel an Rahrung, verbunden mit dem Pefigeruche des Platzes, mich in eine Ohnmacht, woraus mich ein Naſenzwicken erweckte, das die, als Wache, uns beigegebene Theerjacke an mir verſuchte, welche mir zugleich einen Trunk Flip nebſt dem Troſte gab, am nächſten Tag an Bord des Thunder gebracht zu werden, wo mir die Handſchel⸗ len abgenommen werden ſollten, und der Doctor mich von mei⸗ nen Wunden heilen würde. Ich hörte nicht ſo bald das Wort Thunder ausſprechen, als ich fragte, ob er ſeit lange zu dieſem Schiffe gehört habe, und da er mir zu verſtehen gab, er habe fünf Jahr lang dazu gehört, ſo frug ich, ob er Lieutenant Bowling kenne?„Lientenant Bowling kennen?“ ſagte er;„der Henker! das thu' ich freilich, und ein tüchtiger Seemann iſt er, als je einer auf dem Vorderkaſtell hin⸗ 78 und perging— ein braver Burſche, wie nur je Einer Schiffs⸗ zwieback krachen ließ; keine Eurer Meerſchweine*), oder Süß⸗ waſſervögel, oder kindiſchen Schönwetterpuppen. Manchen ſteifen Wind haben wir, der ehrliche Thomas Bowling und ich, mitein⸗ ander durchgemacht. Da trink' ich ſeine Geſundheit, mag er ſeyn, wo er will, oben oder unten— im Himmel oder in der Hölle— das iſt all' Eins— er darf ſich überall frei zeigen!“ § Dieſe Lobrede machte einen ſolchen Einvruck auf mich, daß ich mich nicht enthalten konnte, ihm die Mittheilung zu machen, ich ſey Lieutenant Bowling's Verwandter, eine Nachricht, die ihn be⸗ wog, mir ſeinen Beiſtand zuzuſagen, und, als er abgelöst wor⸗ den, ein Stück kaltes geſottenes Rindfleiſch auf einer Plette nebſt Schiffszwieback zu bringen, wovon wir uns gütlich thaten. Hier⸗ auf tranken wir eine zweite Kanne Flip mit einander. Während wir uns ſo unterhielten, erzählte er eine Menge Thaten, die mein Onkel verrichtet hatte, der, wie ich fand, bei der Schiffsmannſchaft ſehr beliebt war, und wegen des Unfalls bemitleidet wurde, der in Hiſpaniola ihm begegnet war. Dieſer war jedoch— ein mir ſehr erfreulicher Umſtand— nicht ſo groß, als ich mir eingebildet hatte: denn Capitän Hakum war von ſei⸗ nen Wunden wieder geneſen, und befehligte um dieſe Zeit wirklich das Schiff. Da ich zufällig meines Onkels Brief von Port Luis aus in meiner Taſche hatte, ſo gab ich ihn meinem Wohlthäter, veſſen Name Jack Rattlin war, zum Durchleſen; doch der ehrliche Jack geſtand mir offen, er könne nicht leſen, und wünſche den In⸗ halt zu hören, worauf ich ihm denſelben ſogleich mittheilte. Als er den Theil deſſelben hörte, worin der Lieutenant ſagt, er habe an ſeinen Wirth in Deal geſchrieben, ſo rief Jack aus: , meiner S das war der alte Benjamin Block— er ſtarb, *) Das Wort guine yi den doppelten Sinn von M eerſ 2 wein und einer Art 8 eekad 6 en auf Oſtindienfahrern. ehe der Brief an ihn gelangte. Ja! ja! würe Benjamin am Le⸗ ben geweſen, ſo würde Lieutenant Bowling ſich nicht ſo lange haben verbergen müſſen. Vom ehrlichen Benjamin lernte er das Umwenden, Reffen und Steuern. Gut! gut! wir müſſen Alle ſterben, das iſt gewiß— wir müſſen Alle früher oder ſpäter in den Hafen einlaufen, zur See oder am Lande: wir müſſen einmal Alle feſten Ankergrund faſſen: der Tod gleicht dem beſten Bug⸗ anker, wie man zu ſagen pflegt, er wird uns Alle aufbringen.“ Ich konnte die Richtigkeit der Gedanken Jack's nur anerken⸗ nen, und frug hierauf nach der Urſache des Streits zwiſchen Ca⸗ pitän Oakum und meinem Onkel, die er auf folgende Weiſe er⸗ klärte:„Der Capitän iſt, das hat ſeine Richtigkeit, ein im Ganzen guter Mann: überdieß, er iſt mein Befehlshaber; doch was geht mich das an? Ich thue meine Pflicht, und frage nach Jemandes Zorn nicht eine Tauendslänge. Nur will man wiſſen, er fey ein Lord oder eines Baronet's Bruder, weßhalb— ſeht ihr!— er Einfluß beſitzt, und ſich von ſeinen Offizieren ferne hält, obwohl ſie im Ganzen vielleicht eben ſo gute Leute ſind, als er. Nun lagen wir vor Anker in der Tuberon⸗Bai und Lieutenant Bowling hatte die Mittelwache; und da er immer gut auf der Lauer war, ſo entdeckte er— ſeht ihr!— in der Entfernung vom Lande drei Lichter, weßhalb er, um Ordre zu holen, in die große Cajüte hin⸗ abging, und da den Capitän ſchlafend fand, worauf er ihn weckte. Der gerieth nun in einen mächtigen Zorn, ſchwor läſterlich auf den Lieutenant, und nannte ihn einen lauſigen ſchottiſchen Huren⸗ ſohn(denn ich war gerade damals auf der Wache im Stern und hörte Alles), und einen Kehrwiſch und Lümmel, worauf der Lieu⸗ tenant den Gruß zurückgab, und ſie ſchimpften einander eine gute Weile fort, bis endlich der Capitän auſſprang, einen Prügel er⸗ griff, und Herrn Bowling eins in die Windvierung gab, worauf er dem Capitän ſagte, daß er ihn über Bord werfen würde, wenn er nicht ſein Befehlshaber wäre, und Genugthuung auf dem Ufer 80⁰ verlangte. An der Morgenwache darauf fuhr der Capitän in ber Pinaſſe an's Ufer, und der Lieutenant im Kutter hinterdrein; hier⸗ auf ließen ſie die Mannſchaft der Boote an den Rudern, und gingen mit einander fort, und ſo— ſeht ihr!— hörten wir nach weniger, als einer Viertelſtunde, feuern, worauf wir uns auf die Stelle begaben, und den Capitän auf dem Strand liegen fanden. In dem Zuſtande brachten wir ihn an Bord zu dem Doktor, der ihn nach weniger als ſechs Wochen kurirte. Doch der Lieutenant zog alle Segel ein, welche er tragen konnte, und war weit genug gekommen, ehe wir Etwas von der Sache erfuhren; ſo daß wir ihn nachher nimmer zu Geſichte bekamen, was wir nicht bedauer⸗ ten, denn der Capitän war äußerſt erbittert und würde ihm ge⸗ wiß ein Leides gethan haben; er ließ ihn auch nachher aus den Schiffsbüchern ſtreichen, wodurch er ſeinen ganzen Sold verlor, und er würde, ergriffe man ihn, als Ausreißer behandelt.“ Dieſer Bericht von des Capitäns Benehmen gab mir keinen vortheilhaften Begriff von ſeinem Charakter; und ich konnte mich nicht enthalten, mein eigenes Geſchick zu beklagen, das mich unter die Befehle eines ſolchen Subjekts geſtellt hatte. Jedoch machte ich aus der Noth eine Tugend und gute Miene zum böſen Spiel, und ward am darauf folgenden Tage nebſt den andern gepreßten Leu⸗ ten an Bord des Thunder gebracht, der zu Nore lag. Als wir an der Seite des Schiffs anlangten, ſo ließ der Hochbootsmann, welcher uns begleitete, mir die Handſchellen abnehmen, damit ich um ſo leichter an Bord käme. Dieſen Umſtand bemerkten Einige von der Mannſchaft, welche auf den Schiffsplanken ſtanden, um uns hereinſteigen zu ſehen, von denen Einer Jack Rattlin, der mir dieſen Freundſchaftsdienſt eben erzeigte, zurief:„Heda, Jack, was für eine Newgate⸗Galeere haſt Du im Fluſſe, als Du hinfuhreſt, geentert? Haben wir nicht ſchon genug Diebe unter uns? Ein Anderer, der meine Wunden bemerkte, die der Luft ausgeſetzt wa⸗ ren, ſagte zu mir, meine Fugen müßten friſch gekalfatert werden⸗ 81 Ein Dritter, der mein Haar von Blut zuſammengeleimt ſah, als wären es mehrere zuſammengedrehte Seile, bemerkte, mein Bug ſey mit rothen Saiten beſpannt, anſtatt meiner Seite. Ein Vier⸗ ker richtete die Frage an mich, ob ich meine Ragen nicht ohne ei⸗ ſerne Bänder auf die Windſeite preſſen könne? Kurz, tauſend Witzeleien der Art ergingen über mich, ehe ich die Schiffsſeite be⸗ ſtiegen hatte. Nachdem wir Alle in die Schiffsbücher eingetragen waren, ſo rug ich einen meiner Schiffsgenoſſen, wo der Wundarzt ſep, da⸗ mit ich meine Wunden verbinden laſſen könne. Schon war ich auf dem Mittelverdeck— denn unſer Schiff führte achtzig Kanonen bei ſich— und wollte meinen Weg zu dem Wundarzte weiter verfol⸗ en, als mir der nämliche Midſhipman begegnete, welcher mich ſo barbariſch behandelt hatte, und mich, als er mich von meinen Ket⸗ ten befreit ſah, in übermüthigem Tone frug, wer mich freigelaſſen hätte? Auf dieſe Frage erwiederte ich unbeſonnener Weiſe in einer Haltung, welche zu offen ſagte, welches meine Gefühle ſeyen: „Wer es auch gethan habe, ſo ſey ich überzeugt, mein Befreier habe ihn nicht darum befragt.“ Kaum hatte ich dieſe Worte geſprochen, ſo rief er:„Verdammt follt Ihr ſeyn, Ihr liederlicher Hundeſohn, ich will Euch lehren, mit Eurem Offizier ſo zu ſprechen!“ Bei dieſen Worten gab er mir mit einem Tau, das er in der Hand hielt, mehre derbe Hiebe, und machte, als er zu dem commandirenden Offizier ging, einen ſolchen Bericht von mir, daß ich von dem Geſchützmeiſter ſogleich in Eiſen gelegt, und mir eine Wache beigegeben wurde. Als der ehrliche Rattlin von meiner Lage hörte, ſo kam er zu mir und wandte alles Mögliche an, um mich zu tröſten. Hierauf ging er zum Ober⸗Wundarzt, damit er mir Beiſtand leiſte. Dieſer ſandte mir zum Verbinden meiner Wunden einen ſeiner Gehülfen. Wie freute es mich, in ihm Rie⸗ Smollet's Romane, I. 6 82 mand anders, als meinen alten Freund Thompſon, mit dem ich⸗ wie oben geſagt wurde, auf der Admiralität eine Freundſchaft ge⸗ ſchloſſen hatte, wiederzuerkennen! Wenn gleich ich ihn ſogleich erkannte, ſo war dieß doch ſür ihn eine ſchwere Sache, denn ich war von Blut und Staub ent⸗ ſtellt, und das erlittene Elend hatte mich unkenntlich gemacht. So wenig er mich indeß erkannte, betrachtete er mich doch mit mitlei⸗ digen Blicken, und behandelte meine Wunden mit großer Sorg⸗ falt. Als er mir die geeigneten Mittel aufgelegt hatte, und im Begrifſe ſtand, fortzugehen, richtete ich die Frage an ihn, ob mein Ungemach mich ſo entſtellt habe, daß er ſich nimmer meiner Züge erinnern könne? Auf dieſe Anrede betrachtete er mich eine Zeit lang ſehr ernſthaft, und betheuerte endlich, er könne ſich keines Zugs in meinem Geſichte entfinnen. Um ihn nicht länger im Un⸗ gewiſſen zu laſſen, nannte ich ihm meinen Namen, worauf er, als er ihn vernommen, mich mit Heftigkeit umarmte und ſeinen Kum⸗ mer darüber ausdrückte, mich in ſolcher unangenehmen Lage zu ſehen. Ich theilte ihm meine Geſchichte mit, und, als er vernahm, wie unmenſchlich man mich in dem Fahrzeuge behandelt habe, ſo verließ er mich augenblicklich, mit der Verſicherung, ich werde ihn vald wiederſehen. Kaum behielt ich ſo viel Zeit, um mich über ſein plötzliches Verſchwinden zu wundern, ſo kam ſchon der Geſchützmeiſter an den Platz meines Gefängniſſes, und hieß mich ihm auf das Halbver⸗ deck folgen, wo mich der erſte Lieutenant, der in Abweſenheit des Capitäns den Oberbefehl über das Schiff führte, in Betreff der Behandlung ausfragte, welche mir in dem Boot von meinem Freunde, dem Midſhipman, welcher mir gegenüberſtand, wider⸗ ſahren ſey. Ich berichtete die einzelnen Umſtände ſeines Betragens gegen mich, nicht nur in dem Boot, ſondern ſeit meiner Anweſenheit auf dem Schiffe, und da ein Theil meiner Angaben von Jack Rattlin 83 und Andern, die zu meinem Unterdrücker keine große Zuneigung hatten, bezeugt wurde, ſo wurde ich meiner Haft entlaſſen, um ihm Platz zu machen, der dem Geſchützmeiſter übergeben wurde, um die hölzernen Fußbande anzukoſten. Und darin beſtand nicht die einzige Genugthuung, welche ich erhielt; denn ich ward, auf das Verlangen des Wundarztes, von jeder andern Verpflichtung entbunden, ausgenommen die, ſeine Gehülfen bei der Bereitung der Arzneien für die Kranken zu unterſtützen. Dieſen guten Dienſt verdankte ich der Freundſchaft des Herrn Thompſon, der mich dem Wundarzte in einem ſo vortheilhaften Lichte geſchildert hatte, daß er von dem Lieutenant verlangte, er ſolle mir die Stelle ſeines dritten Gehülfen, der vor Kurzem geſtorben war, übergeben. Nachdem ich dieſe Vergünſtigung erhalten hatte, ſo führte mich mein Freund Thompſon in den, für die Wohnung der Wundarzt⸗ gehülfen beſtimmten, Raum hinab. Als er mir ihre Schlafſtätte gezeigt hatte, ſo ward ich mit Staunen und Schrecken erfüllt. Wir ſtiegen verſchiedene Leitern in einen Raum hinab, der ſo finſter, wie ein Kerker, ausſah, und, wie ich erſuhr, mehrere Fuß unter Waſſer ſtand, da er un⸗ mittelbar über dem Kielraum ſich befand. Nicht ſo bald hatte ich mich dieſem unſeligen Abgrunde ge⸗ nähert, als meine Naſe von einem unerträglichen Geſtanke fauligen Käſes und ranziger Butter begrüßt wurde, welcher aus einem Ge⸗ mache am Fuß der Leiter hervordrang, das eines Saifenſieders Laden glich, wo ich bei dem ſchwachen Scheine eines Lichts einen Mann mit einem blaſſen, abgemagerten Geſichte hinter einer Art von Pult mit einer Brille auf der Naſe und leiner Feder in der Hand bemerken konnte. Dieß war, wie ich von Herrn Thompſon der Pro⸗ viantmeiſter des Schiffs, welcher hier ſaß, um an die verſchiedenen Tiſche Proviſion zu vertheilen und zu notiren, was jeder erhielt. Er gab deshalb meinen Namen demſelben an, und bat ihn, er 84 möchte mich an ſeinem Tiſche eintreten laſſen. Hierauf nahm er ein Licht in die Hand, führte mich an den Flatz meiner künftigen Wohnung, welche ein Viereck von etwa ſechs Fuß bildete, das um⸗ geben war von dem Arzneikaſten, dem Kaſten des erſten Gehülfen, ſeinem eigenen und einem, an der hintern Pulverkammer befeſtigten Brett, anſtatt eines Tiſches. Auch war es umſchloſſen von Lein⸗ wand, die rings um die Schiffsbalken genagelt war, um uns ſo⸗ wohl vor der Kälte zu ſchirmen, als auch die Blicke der Mid⸗ fhipmen und der Schiemänner abzuhalten, welche in den Kabel⸗ reihen auf jeder Seite wohnten. In dieſer düſtern Behauſung bewirthete er mich mit etwas kaltem Pökelfleiſch, das er aus einer Art Schrank, der auf dem Liſche feſtgenagelt war, hervorlangte; hierauf rief er den Burſchen, welcher beim Eſſen den Aufwärter machen mußte, ſchickte nach einer Kanne Bier, aus welcher er vortrefflichen Flip machte, um dem Mahle die Krone aufzuſetzen. Jetzt begannen meine Lebensgeiſter, vie durch das Ausfehen aller Gegenſtände um mich her außerordentlich niedergedrückt worden waren, wieder mehr Spannung zu erhalten, ſo daß ich mich nicht länger enthalten konnte, nach Thompſons Schickfalen, ſeit wir uns in London geſehen hatten, zu fragen. Er ſagte mir, daß er in ſeinen Hoffnungen, eine Geldanleihe machen zu können, um den habſüchtigen Sekretär auf der Admiralität zu befriedigen, getäuſcht, ſich in der gänzlichen Unmöglichkeit, länger in der Hauptſtadt zu verweilen, befunden habe. Er habe deßhalb dem Wundarzte eines Kauffartheiſchiffs, das nach Guinea auf den Sklavenhandel aus⸗ gegangen ſey, ſeine Dienſte als Gehülfe bereits angeboten, als eines Morgens ein junger Menſch, mit dem er eine Bekanntſchaft geſchloſſen, in ſeine Wohnung gekommen ſep, mit der Rachricht, er habe auf der Avmiralität geſehen, wie für ihn als zweiten Wundarztgehülfen dritter Klaſſe eine Beſtallung ausgefertigt worden. Dieſe unerwartete Renigkeit habe er kaum glauben können, um ſo 85 mehr, da er in dem Saal der Wundärzte nur als dritter Gehülfe qualificirt worden. Allein er habe ſich nicht ſelbſt Schaden zufügen wollen, ſondern ſey dorthin gegangen, um die Ueberzeugung hievon zu erhalten, und habe die Sache richtig gefunden. Hierauf habe er ſeine Beſtallung verlangt, ſie ſey ihm übergeben und zugleich der Eid abgenommen worden. An dem nämlichen Nachmittag ſey er hierauf in dem Zelt⸗ boote nach Graveſend gegangen, von wo aus er ſich in einer Hafenkutſche nach Rocheſter einen Platz genommen habe. Am näch⸗ ſten Morgen ſey er an das ihm beſtimmte Schiff, den Thunder gekommen, welcher damals im Hafen vor Chatham gelegen; und am nämlichen Tage noch habe er vor dem Schiffsſchreiber Revue paſſirt. Und gut ſey es für ihn geweſen, daß es ſo ſchnell gegangen, denn binnen weniger als zwölf Stunden nach ſeiner Ankunft ſey ein zweiter William Thompſon an Bord gekommen, welcher erklärt hätte, er ſey das Individuum, für welches die Beſtallung ausgefertigt worden, und der Andere ſey ein Betrüger. Mein Freund wurde durch dieſen Vorfall in große Beſtürzung verſetzt, um ſo mehr, als ſein Namensverwandter in Dreiſtigkeit des Venehmens und Kleidung ihm ſehr überlegen war. Jedoch, fuhr er fort, habe er, um ſich von dem Verdachte, als ſeh er ein Betrüger, zu reinigen, verſchiedene, aus Schottland ihm unter dem fraglichen Namen geſchriebene, Briefe vorgezeigt, und, da er ſich erinnert, daß ſein Signalement in einer Kiſte am Bord ſich befinde, daſſelbe hervorgeholt, und alle Anweſenden davon über⸗ zeugt, daß er nicht einen Namen angenommen habe, worauf er kein Recht beſitze. Sein Gegner, in Wuth darüber, daß ſie ſich bedächten, ihm Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen,(denn ſicherlich habe man für ihn die Beſtallung ausgefertigt,) habe ſich hierauf mit ſo großer Unanſtändigkeit und Leidenſchaftlichkeit benommen, vaß der commandirende Offizier(welches der nämliche Herr war, 86 den ich zuvor geſehen halte) und der Wunvarzt vurch ſein anmaßen⸗ des Benehmen ſich verletzt fühlten, worauf ſie mit ihren Freunden in der Hauptſtadt communizirt und binnen weniger als einer Woche die Beſtätigung des Erſtern in ſeiner Stellung erwirk⸗ hätten. „Ich bin,“ ſagte er,„ſeitdem an Bord geweſen, und da dieſe Lebensweiſe mir lieb geworden iſt, ſo habe ich keine Urſache, mich über meine Lage zu beſchweren. Der Ober⸗Wundarzt iſt ein gutmüthiger, indolenter Mann; der erſte Gehülfe, welcher wirklich am Ufer Geſchäfte hat, iſt etwas ſtolz und choleriſch, wie alle aus Wales, aber im Ganzen ein freundſchaftlicher, braver, alter Knabe: mit den Lieutenants habe ich keinen Verkehr; und was den Kapitän betrifft, ſo iſt er ein zu vornehmer Herr, um einen Unter⸗Wundarzt auch nur dem Geſichte nach zu kennen.“ Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Herrn Morgans Benehmen; ſein Stolz, Mißvergnuͤgen und Edelmuth; die Einrichtung unſeres Tiſchs wird beſchrieben; Thompſons fernere Freundſchaft; Erklärung, worin mein Dienſt eigentlich beſteht; die Lage der Kranken. Während wir uns ſo mit einander unterhielten, hörten wir eine Stimme auf der Leiter, die zu unſerem Verſchlag führte, mit großer Heftigkeit in einem ſonderbaren Dialekte Folgendes ſprechen? „Der Teufel und ſeine Großmutter ſollen mich vom Gipfel des Monchdenny herabſchmeißen, wenn ich zu ihm gehen will, bevor etwas in meinem Bauch iſt; ſeine Naſe mag ſo gelb ſeyn, wie Safran, oder ſo blau, wie eine Glockenblume— ſeht Ihr!— oder ſo grün, wie Lauch,“s iſt All eins!“ Auf dieſe Erklärung 87 gab Jemand zur Antwort:„So ſcheint es alſo, mein armer Tiſch⸗ maat muß aus Mangel an ein wenig Beiſtand ſein Tau fahren Laſſen. Sein Vormarsſegel iſt ſo ſchon loſe; und äberdieß befahl Euch der Doctor, es ihm wieder feſt zu machen— doch ich ſehe, Ihr wollt nicht thun, was Euer Herr ſagt.“ Hier wurde er durch Folgendes unterbrochen:„Pulver und Kanonen! Ihr lauſiger Hund! wen nennt Ihr meinen Herrn? Packt Euch zum Doctor, und ſagt ihm meine Herkunft, meine Er⸗ ziehung und Fähigkeiten! und außerdem iſt mein Benehmen ſo gut, als vas ſeinige, oder irgend eines gebildeten Mannes(ohne Jemand nahe treten zu wollen,) in der ganzen Welt. Kott verdamm' mich! glaubt er, oder meint er, oder bildet er ſich ein, ich ſey ein Gaul oder Eſel, oder ein Geis bock, daß ich nach ſeinem Willen und Be⸗ fehl rückwärts und vorwärts, aufwärts und abwärts, zu Land und zur See mich herumplacke? Packt Euch, Ihr Lumpenkerl! und ſagt dem Doctor Atkins: ich wünſche und verlange, daß er den ſtervenden Mann beſichtige, ihm etwas verordne, ſey er todt oder lebend! ich wolle es ihn dann ſogleich einnehmen laſſen, ſobald mein hungernder Magen zufrieden geſtellt ſey, ſeht Ihr!“ Hierauf entfernte ſich der Andere mit den Worten: wenn er es ihm bei ſeinem Sterben auch ſo machte, ſo würde er ihn in der andern Welt dafür anklagen. Hier ſagte mir Thompſon, die Perſon, welche ich reden ge⸗ hört habe, ſey Herr Morgan, der erſte Gehülfe, welcher ſo eben vom Hoſpitale, wohin er einige Kranke heute früh begleitet habe, wieder an Vord zurückgekommen ſey; zugleich ſah ich ihn in den Verſchlag hereintreten. Er war ein kurzer vicker Mann, mit einem von Finnen überſäten Geſichte, einer an ihrem Ende umgeftülpten Stumpfnaſe, einem ungeheuer weiten Munde und kleinen feurigen Augen, welche von einer zahlloſe Falten werfenden Haut um⸗ geben waren. Mein Freund machte ihn ſogleich mit meiner Lage bekannt, worauf er mich mit einem gravitätiſchen Blicke ſixirte, 88 jedoch Richts erwiederte, ſondern das Bündel in ſeiner Hand nieder⸗ legte, dem Schenktiſche ſich näherte, denſelben öffnete, und hierauf in großer Aufregung rief:„Gott iſt mein Zeuge; all Schweine⸗ fleiſch iſt fort, ſo wahr ich ein Chrift bin!“ Hierauf gab Thompſon ihm zu verſtehen, da ich halb verhun⸗ gert an Bord gekommen ſey, ſo habe er nicht umhin können, mich mit dem Inhalte der Schublade zu bewirthen, und zwar um ſo mehr, da er den Proviantmeiſter gebeten habe, mich an ihren Tiſch aufzunehmen. Ob die getäufchte Hoffnung Herrn Morgan düſterer, als ge⸗ wöhnlich, ſtimmte, oder mochte er wirklich glauben, ſein Kollege habe ihn vernachläßigt, kann ich nicht fagen: aber nach einer Pauſe fuhr er auf folgende Weiſe zu reden fort: „Herr Thompſon! vielleicht behandelt Ihr mich nicht mit der gebührenden Artigkeit, Gefälligkeit und Achtung— ſeht Ihr!— weil Ihr mich darüber zu befragen nicht für gut fandet. Zu mei⸗ ner Zeit— ſeht Ihr!— bin ich ein Mann von einigem Gewichte, Vermögen und Anſehen geweſen, habe Haus und Herd beſeſſen, und dem Könige den Schoß und die Taxen entrichtet; ja! oben⸗ drein eine Familie erhalten. Und überdieß bin ich noch älter, als Ihr, und Euer Vorgeſetzter, Herr Thompſon!“ „Aelter wohl, als ich, aber nicht an Rang höher, als ich,“ rief Thompſon, etwas hitzig. „Gott iſt mein Heiland und Zeuge!“ ſagte Morgan mit großer Heftigkeit,„daß ich älter, folglich um viele Jahre weiſer bin, als Ihr.“ Da ich fürchtete, dieſer Streit möchte ſchlimme Folgen haben, ſo legte ich mich in's Mittel, und ſagte Herrn Morgan, ich be⸗ daure, die Veranlaſſung eines Streits zwiſchen ihm und dem zweiten Gehülfen geworden zu ſeyn; und ehe ich die geringſte Störung ihres guten Einverſtändniſſes zugäbe, wolle ich lieber 89 meine Portion allein eſſen, oder in eine andere Tiſchgeſellſchaft mich aufnehmen laſſen. Thompſon jedoch beſtand(ſo glaubte ich,) mit mehr Hitze als Ueberlegung darauf, daß ich bliebe, wo er mich angewieſen hätte⸗ und bemerkte, Niemand, der noch für Edelmuth und Mitleiden empfänglich ſey, würde eine Einwendung dagegen machen, wenn er meine Geburt und Talente nebſt meinen in jüngſter Zeit ſo ungerecht erlittenen Unfällen in Betracht zöge. Dieß traf Morgan's Herz auf dem rechten Fleck, der nun ſehr ernſthaft betheuerte, er habe gegen meine Aufnahme in ihre Tiſch⸗ geſellſchaft, Nichts einzuwenden; ſondern beklage ſich nur darüber, daß das Ceremoniell nicht beobachtet worden ſey, weil man ihn nicht um ſeine Einwilligung gebeten habe. „Einen gebildeten Mann, der in Noth iſt,“ ſagte er, und ſchüttelte mir dabei die Hand,„liebe ich, wie mein eigenes Auge, denn Gott helf' mir! ich habe genug Plage auf meinem eigenen Rücken zu tragen gehabt.“ Und, wie ich ſpäterhin erfuhr, hatte er mit dieſen Worten auch völlig Recht, denn er befand ſich einſt in Glamorgonſhire in ſehr guten Umſtänden, und wurde durch eine Bürgſchaft für einen Freund zu Grunde gerichtet. Nachdem alle Streitigkeiten beſeitigt waren, öffnete er ſein Packet, das drei Bunde Zwiebeln und ein gyoßes Stück Cheſhire⸗ Käſe, um die er ſein Schnupftuch geſchlagen hatte, enthielt. Hier⸗ auf langte er Zwieback aus dem Schranke, fiel mit heißem Appetit darüber her, und lud uns zur Theilnahme an dem Mahle ein. Als er an dieſer geringen Koſt ſich herzlich gelabt hatte, füllte er einen großen, aus Cocosnußſchaale gemachten, Becher mit Brannt⸗ wein, trank und ſagte:„Branntwein ſey das beſte Auflöſungs⸗ mittel für Zwiebel und Käſe.“ Als ſein Hunger geſtillt war, wurde er nach und nach beſſerer Laune, und erkundigte ſich nach meiner Herkunft, worauf ich ihm mittheilte, ich ſtamme aus guter Familie. Hierüber bezeigte er mir beſonderes Wohlwollen, und 90 fagte, er leite ſeinen eigenen Stammbaum in gerader Linie von dem berühmten Caractacus, dem Könige der Briten, ab, welcher zuerſt der Gefangene, hernach aber der Freund des Claudius Cäſar geworden ſey. Weil er bemerkte, daß ich im Leinenzeug ſehr zurückgekommen war, ſo machte er mir ein Geſchenk mit zwei gefäl⸗ telten Hemven, welche, nebſt zwei baumwollenen, einem Geſchenke von Herrn Thompſon, mich in Stand ſetzten, anſtändig aufzutreten. Unterveſſen brachte der Matroſe, welchen Herr Morgan zum Doctor geſchickt hatte, ein Recept für ſeinen Kameraden. Der Walliſer durchlas es, und ſtand hernach auf, um es zuzubereiten, mit der Frage,„ob der Mann todt oder lebendig ſey.* „Todt!“ gab Jack zur Antwort,„wäre er todt, ſo würde er nichts von dem Arzneikaſten brauchen. Nein, Gott ſey Dank! der Tod hat ihn noch nicht geentert, aber in den letzten Stunden waren ſie Raa an Raa zuſammen, ſo hart, wie drei Gläſer.“ „Sind ſeine Augen offen?“ fuhr der Gehülfe fort. „Sein Steuerbordauge,“ ſprach die Theerjacke,„ſteht offen, aber iſt feſt im Kopfe eingeklemmt; und die Zugraaen ſeiner untern Kinnlade ſind fort.“ „Um Gottes Barmherzigkeit willen!“ rief Morgan,„er Mann iſt ſo ſchlecht daran, als je Einer! Fühltet Ihr ſeinen Puls?“ worauf er die Antwort erhielt:„das fehlte mir noch!“ Zetzt hieß der Cambrobrite mit großer Feierlichkeit und leutſeligem Tone den Matroſen zu ſeinem Kameraden hinlaufen, und ihn lebend erhalten, bis er mit der Medizin kommen würde,„und dann,“ ſagte er,„werdet Ihr vielleicht zu Geſichte bekommen, was Ihr noch niemals geſehen habt.“ Der arme Burſche rannte in großer Einfalt zu dem Platze, wo der Kranke lag; kam aber binnen weniger Zeit, als einer Minute, mit wehmüthiger Gebärde zurück, und ſagte uns, ſein Kamerade habe ſich geſtreckt. Als Morgan dieß hörte, ſo rief er aus:„der Himmel ſey mir gnädig! warum hieltet Ihr ihn nicht 9¹ auf, bis ich kam?“—„Ihn aufhalten!“ ſagte der Andere,„ich rief ihm mehremal zu, aber er war ſchon zu weit auf ſeinem Wege, und der Feind hatte ſchon von ſeinem Oberlof Beſitz ergriffen, ſo daß er ſich nimmer um mich kümmerte.“ „Gut, gut!“ ſagte Morgan drauf,„wir ſind dem pimmel Alle einen Tod ſchuldig. Pack Dich fort, Schuft! und nimm ein Exempel dran, ſiehſt Du, und bereue Deine Miſſethaten!“ Mit dieſen Worten ſchob er den Seemann zum Verſchlage hinaus. Während wir noch Betrachtungen über dieſes Ereigniß anſtellten, hörten wir den Hochbvotsmann zum Mittageſſen pfeifen; und ſo⸗ gleich darauf rannte der, zu unſerem Tiſch gehörige, Junge an ven Seitenſchrank, woraus er eine große hölzerne Schüſſel mit fort nahm, und nach wenigen Minuten ſie mit gekochten Erbſen gefüllt hereinbrachte, unter dem beſtändigen Ausrufe:„Achtung!“ während er auf dem Wege war. Das Tiſchtuch beſtand aus einem alten Segeltuchſtück, und wurde mit drei Schüſſeln beſetzt, die ich ihrer Farbe nach mit Mühe aus Metall beſtehend erkennen konnte, und eben ſo viel Löffeln von derſelben Compoſition, wovon zwei an der Handhabe abgeſtutzt waren, dem dritten dagegen an der Lefze ein Stück fehlte. Herr Morgan ſelbſt vermehrte dieſes Mahl mit einem Stücke geſalzener Butter, die er aus einem alten Apothekertopf heraus⸗ ſchaufelte, und mit einer Handvoll geſchälter Zwiebeln nebſt etwas zerſtoßenem Pfeffer. Durch das Ausſehen dieſes Mahls wurde ich in keine große Verſuchung geführt, während dagegen meine Kollegen es ſich herzlich ſchmecken ließen, und mir den Rath gaben, ihrem Beiſpiele zu folgen, da es Vanyan⸗Tag ſey, und wir vor nächſtem Mittag kein Fleiſch mehr bekämen. Doch ich hatte mich ſchon ge⸗ hörig verſehen, und bat veßhalb, man möchte mich entſchuldigen, indem ich zugleich zu wiſſen verlangte, was ein Banpan⸗Tag ſey. Sie ſagten mir hierauf, am Montag, Mittwoch und Freitag er⸗ pielte die Schiffsmannſchaft keine Fleiſchſpeiſe, und dieſe mageren Tage nenne man Banyan⸗Tage, wovon ſie den Grund nicht an⸗ geben könnten; doch erfuhr ich ſpäter, dieſer Name rühre von einer frommen Sekie in einigen Gegenden Oſtindiens her, die nie⸗ mals Fleiſch anrührte. Nach dem Eſſen führte mich Thompſon im Schiffe herum, zeigte mir ſeine verſchiedenen Theile, beſchrieb mir ihren Gebrauch, und machte mich, ſo weit er konnte, mit den Einzelheiten der an Vord gehandhabten Disciplin und Oekonomie bekannt. Er ver⸗ langte dann von dem Hochbvotsmann eine Hängematte für mich, die auf ſehr zierliche Weiſe von meinem Bekannten Jack Rattlin aufgehängt wurde.— Da ich kein Bettzeug hatte, ſo verſchaffte er mir bei dem Zahlmeiſter Credit für eine Menage und zwei Bett⸗ decken. Um ſieben Uhr Abends beſuchte Morgan die Patienten, und nachdem er für Jeden das Nöthige angeordnet hatte, unter⸗ ſtützte ich Thompſon bei der Bereitung ſeiner Arzneien. Doch als ich ihm mit denſelben in das Hoſpital folgte, und die Lage der Patienten bemerkte, ſo erſtaunte ich weit weniger darüber, daß die Leute an Bord ſtürben, als wie es käme, daß ein Patient wieder geſund wurde. Hier ſah ich ungefähr fünfzig elende Geſchöpfe, die reihenweiſe in ihren Hängematten ſo neben einander lagen, daß nicht mehr als vierzehn Zoll Jedem für ſein Bett und Bettzeug eingeräumt waren. Das Tageslicht war ihnen entzogen, eben ſo die friſche Luft, und ſie athmeten nur eine verderbliche Atmosſphäre von den ungeſunden Ausdünſtungen ihrer eigenen Excremente und kranker Körper ein, welche letztern von dem, im Unflathe ringsumher er⸗ zeugten, Gewürm verzehrt wurden, und jeder Bequemlichkeit ent⸗ ſagen mußten, die für Leute in dieſer hülfloſen Lage ſo dringend nothwendig iſt. — 93 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Ein unangenehmer Zufall begegnet mir in der Ausuͤbung meiner Dienſt⸗ pflicht; Morgan's Naſe wird beleidigt; ein Geſpraͤch zwiſchen ihm und dem Proviantmeiſter; bei naͤherer Unterſuchung finde ich mehr, als eine urſache, zur Klage; mein Haar wird abgeſchnitten; Morgan's Kochkunſt; die Art und Weiſe, wie man an Bord ſhläftz ich werde Nachts durch ein ſchreckliches Getöſe erweckt. Ich konnte nicht begreifen, wie es— Krankenwärter möglich wäre, denjenigen, welche auf der innern Seite der Schiffswände lagen, Beiſtand zu leiſten; denn ſie ſchienen von denjenigen ver⸗ barrikadirt, welche nach vornen zu lagen, und überhaupt jeder Unterſuchung unzugänglich zu ſeyn. Weit weniger noch vermochte ich zu begreifen, wie mein Freund Thompſon im Stande ſey, Klyſtiere bei den in ſolcher Lage Befindlichen in Anwendung zu bringen. Auf einmal jedoch ſah ich, wie er ſeine Perrücke in die Taſche ſchob, ſeine Weſte im Momente auszog, dann auf allen Vieren unter die Hängematten der Patienten kroch, und, indem er ſeinen kahlen Schädel zwiſchen zweien einklemmte, ſie mit ſeiner Schulter auseinanderhielt, bis er ſein Geſchäft gethan hatte. Be⸗ gierig, den Dienſt zu erlernen, bat ich ihn, mich die nächſte Ope⸗ ration dieſer Art ausführen zu laſſen. Er willigte darein, und ich entkleidete mich ſodann nach ſeinem Vorgange. Als ich nun fortkroch, hielt ich den erſten Gegenſtand, der mir unter die Hände kam, ſo feſt, daß ich ihn umſtieß, und aus dem Geruche, der auf mich einſtrömte, ſchloß, ich habe ein Gefäß nicht von dem lieb⸗ lichſten Inhalte entleert. Es war gut für mich, daß meine Ge⸗ ruchsorgane nicht ſehr fein waren, ſonſt weiß ich nicht, wie dieſe Ausdünſtung auf mich gewirkt haben möchte, welche ſich nun zum großen Aerger derjenigen, die auf dem nämlichen Verdeck verweil⸗ ten, über das ganze Schiff verbreitete. Auch beſchränkten ſich die 94 Folgen dieſes Unglücks nicht allein auf die Beleidigung meiner Geruchsorgane, ſondern ich fühlte mich noch auf andere Weiſe da⸗ durch verletzt. Damit es jedoch jedoch nicht ſcheine, als ſey ich durch meinen erſten Verſuch ganz außer Faſſung gekommen, ſtand ich auf, ſtieß meinen Kopf mit aller Gewalt an zwei Hängematten gegen die Mitte zu, wo der größte Widerſtand war, und machte zwar eine Oeffnung; da ich aber den Vortheil, meine Schultern auf ge⸗ ſchicte Weiſe umzuwenden, nicht verſtand, ſo hatte ich den Aerger, mich gleichſam in einem Halseiſen ſtecken zu ſehen, während ich die Laſt von drei oder vier Leuten auf jeder Seite meines Nackens trug, ſo daß ich faſt erdroſſelt worden wäre. Während ich mich in dieſer kritiſchen Lage defand, war einer von den Patienten, welchen ſeine Krankheit übellaunig gemacht hatte, durch den von mir verbreiteten Geſtank, und den harten Stoß, welchen ich ihm beim Aufrichten gegeben hatte, ſo wüthend geworden, daß er, unter vielen bittern Vorwürfen, mich bei der Naſe faßte, und ſo unbarmherzig ſchüttelte, daß ich vor Schmerz hinaus brüllte. Als Thompſon meine Lage bemerkte, ſo beorderte er einen der Wächter zu meinem Beiſtande, welcher mit vieler Mühe mich befreite, und zugleich abhielt, an dem Patienten Rache zu nehmen; denn ſein kranker Zuſtand hätte ihn ſchwerlich vor dem Ausbruche meines Zorns geſichert. Nachdem wir für dießmal unſere Dienſtpflicht verrichtet hat⸗ ten, ſtiegen wir in den Verſchlag hinab, während mein Freund mich mit einem heimathlichen Sprüchwort tröſtete, das ich nicht wiederholen mag, Als wir die Hälfte der Leiter zurückgelegt hat⸗ ten, bekam Herr Morgan, ehe er uns ſah, durch ſeine Geruchs⸗ organe die Ahnung, daß etwas Außerordentliches ſich nähere, weß⸗ halb er ausrief:„Gott erbarme ſich meiner fünf Sinne! ich glaube, der Feind hat uns in einem Stinktopfe geentert!“ 95 „ Dann wandte er ſich gegen den Proviantmeiſter, von welchem er glaubte, daß der Geſtank herkomme, warf ihm mit derben Worten die Freiheiten vor, welche er ſich unter gebildeten Män⸗ nern von guter Herkunft herausnehme, und drohte ihm, ihn wie einen Dachs mit Schwefel einzuſchmauchen, wenn er es wagen würde, künftig noch einmal ſeine Nachbarn durch ähnliche Gerüche zu beläſtigen. Hierauf erwiederte der Proviantmeiſter, der ſich ſeiner Unſchuld bewußt war, mit einiger Hitze:„Ich kenne keine andere Gerüche, als diejenigen, welche Sie ſelbſt machen.“ Dieſe Entgegnung hatte einen heftigen Wortwechſel zur Folge, worin der Walliſer zu beweiſen ſuchte, daß, wenn der Geſtank, worüber er ſich ſbeklage, nicht von des Proviantmeiſters eigenem Körper ausſtröme, er ihn nichts deſtoweniger veranlaſſe, wenn er die Schiffsmannſchaft mit verdorbenen Vorräthen verſehe, und nament⸗ lich mit verfaultem Käſe, von dem allein, nach ſeiner Ueberzeu⸗ gung, ſolche unſchmackhaften Düfte ausſtrömen könnten. Hierauf brach er in das Lob eines guten Käſes aus, wovon er die Ana⸗ lyſe gab; erklärte die verſchiedenen Arten dieſer Speiſe mit Angabe der Methode zu ihrer Bereitung und Aufbewahrung, und ſchloß mit der Bemerkung, daß in der Erzeugung guten Käſes die Graf⸗ ſchaft Glamorgan mit Cheſhire ſelbſt in die Schranken treten könne, und dem letztern in der Hervorbringung von Ziegen und Butter weit überlegen ſey. Ich zog aus dieſer Unterhaltung den Schluß, daß, wenn ich in meinem jetzigen Pöckel einträte, ich kein willkommner Gaſt ſeyn würde, und bat deßhalb Thompſon, er möchte vorangehen, und meinen Unfall melden, worauf der erſte Gehülfe etwas Theil⸗ nahme zeigte, und ſogleich aufs Verdeck ging, ſeinen Weg durch das Kabelgat und die große Lucke nehmend, um ein Zuſammen⸗ treffen mit mir zu vermeiden. Zugleich ließ er mir den Wunſch zu erkennen geben, ich möchte mich ſo ſchnell als möglich ſäubern; 96 denn er habe im Sinne, ſich mit einem Gerichte Salmagundh und einer Pfeife zu erquicken. Ich machte mich demgemäß an dieſes unangenehme Geſchäft, und fand bald, daß ich mehr Urſache zur Klage habe, als ich mir Anfangs eingebildet; denn ich bemerkte, daß einige Gäſte, deren Beſuch ich für ſehr zudringlich hielt, mich mit ihrer Geſellſchaft beehrt hatten; auch ſchienen ſie nicht geneigt, mich ſchnell zu ver⸗ laſſen, denn ſie hatten mein Hauptquartier beſetzt, wo ſie ſich ohne Zwang auf Koſten meines Bluts mäſteten. Da ich jedoch bedachte, es würde leichter ſeyn, dieſe zudringliche Kolonie beim Beginn ihrer Niederlaſſung auszurotten, als wenn ſie ſich verviel⸗ fältigt und an den Boden gewöhnt hätten, ſo befolgte ich den Rath meines Freundes, der zur Verhütung ſolcher Vorfälle immer glatt geſchoren ging, und ließ demnach durch unſern kleinen Tiſch⸗ decker mein Haar abſchneiden, das ich hatte wachſen laſſen, ſeit ich die Dienſte Lavements verließ. Der zweite Gehülfe lieh mir hierauf eine Stuzperrücke, um den Mangel jener natürlichen Kopfbedeckung zu erſetzen. Nachdem dieſes Geſchäft beendet, und alles ſo gut, als meine Umſtände es geſtatteten, in Ordnung gebracht war, kehrte der Ab⸗ kömmling des Caractacus zurück, hieß den Jungen ein Stück Pöckelfleiſch aus der Lake holen, ſchnitt eine Scheibe davon ab, zerlegte ſie in kleine Portionen, mengte eine kleine Quantität Zwiebeln darunter, würzte ſie in Pfeffer und Salz in mäßigen Vere hältniſſen, und brachte ſie durch Oel und Weineſſig zur Conſiſtenz. Hierauf koſtete er das Gericht, gab nun die Verſicherung, es ſey der beſte Salmagundy, welchen er je gemacht habe, und empfahl ihn unſerm Gaumen ſo herzlich dringend, daß ich mich nicht ent⸗ halten konnte, ſeinem Präparat die Ehre anzuthun. Doch kaum hatte ich einen Mundvoll davon verſchluckt, ſo glaubte ich, meine Eingeweide ſeyen verbrannt, und ſuchte durch eine tüchtige Fluth Dünnbiers die verurſachte Hitze zu kühlen. Als 97 das Abendeſſen vorüber war, und Morgan ein Paar Pfeifen ge⸗ raucht, zugleich auch die ſchon genoſſene Flüſſigkeit durch eben ſo viele Kannen Flip ergänzt hatte, woran wir Alle Theil nahmen, ſo begann ein gewiſſes Gähnen mich daran zu mahnen, baß es hohe Zeit ſey, den, durch Mangel an Ruhe in der vorhergehenden Nacht erlittenen, Verluſt durch den Schlaf wieder gut zu machen, worauf meine Kameraden, die es bemerkten, und deren Schlafzeit auch gekommen war, den Vorſchlag thaten, wir ſollten in die Bucht einlaufen, oder mit andern Worten, uns zu Bette begeben. Unſere Hängematten, welche auf der Außenſeite des Verſchlags parallel neben einander hingen, wurden ſogleich herabgelaſſen, worauf ich meine Tiſchgenoſſen mit großer Behendigkeit jeden in ſein Neſt ſpringen ſah, wo ſie ganz behaglich ſich verſteckt zu haben ſchienen. Aber es dauerte lange, bevor ich es über mich bringen konnte, meinen Leichnam in ſolcher Entfernung vom Boden einem ſchmalen Sack anzuvertrauen, aus welchem ich, nach meiner Ein⸗ bildung, bei der geringſten Bewegung während des Schlafes her⸗ ausſtürzen konnte, in der Gefahr, meine Beine zu brechen. Ich überwand mich jedoch, nahm einen tüchtigen Anlauf, und warf mich mit ſolcher Heftigkeit ganz über die Hängematte hinüber, daß, hätte ich mich nicht glücklicherweiſe an Thompſons Hängematte feſt⸗ gehalten, ich mit meinem Kopf auf die entgegengeſetzte Seite auf⸗ geſchlagen wäre, und ſehr wahrſcheinlich den Hirnſchädel zerſchmet⸗ tert haben würde. Nach einigen fruchtloſen Verſuchen gelang es mir endlich; allein die Furcht vor der Gefahr, worin ich beſtändig zu ſchweben glaubte, wiverſtand allen Anfällen des Schlummers bis zur Mor⸗ genröthe, wo ich trotz meiner Angſt vom Schlaf überwältigt wurde, obwohl ich den Genuß dieſer angenehmen Lage nicht lange hatte; denn ich wurde durch ein ſo lautes und ſchallendes Geſchrei auf⸗ geweckt, daß ich glaubte, mein Trommelfell ſey geborſten. Auf dieß folgte ein ſchrecklicher, von einer krächzenden Stimme ausgeſpro⸗ Smollet's Romane. M. 7 98 chener, Anruf, den ich nicht verſtehen konnte. Während ich bei mir ſelbſt überlegte, ob ich meinen Gefährten wecken ſollte oder nicht, um nach der Urſache dieſes Lärmens zu fragen, belehrte mich einer der Schiemänner, welcher mit einer Laterne in der Hand an mir vorbeiging, der Lärm, welcher mich in Unruhe verſetzte, rühre von den Unterhochbvotsmännern her, welche die Backbordswache anrie⸗ ſen, und ich müſſe jeden Morgen um dieſelbe Stunde mich auf dieſe Unterbrechung gefaßt machen. Da ich jetzt von meiner Si⸗ cherheit völlig überzeugt war, ſo überließ ich mich wieder dem Schlummer bis acht Uhr, wo ich aufſtand, mit meinen Collegen Zwieback und Branntwein zum Frühſtück verſpeiste, und, wie zu⸗ vor, mit ihnen die Patienten beſuchte und beſchickte. Nach dieſem Beſuche erklärte und beſorgte mein Freund Thomp⸗ ſon ein neues Stück Arbeit, dem ich noch fremd war. Zu einer gewiſſen Stunde Morgens nämlich ging der Tiſchjunge auf den Verdecken herum, klingelte mit einer kleinen Handſchelle, und lud in eigens hiezu verfaßten Reimen alle diejenigen, welche Wunden hatten, ein, bei dem Maſtbaume ſich einzufinden, wo Einer der Unterärzte, mit den nöthigen Verbandwerkzeugen, auf ſie wartete⸗ 99 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Sch gewinne die Freundſchaft des Schiffsoberwundarztes, welcher ſich wegen einer Beſtallung von der Admiralitaͤt fuͤr mich verwendet und mir einen Kleidervorrath ſchenkt; ein Kampf zwiſchen mir und einem Seekadetten; der Oberwundarzt verlaͤßt das Schiff; der Capitaͤn bringt einen neuen Schiffsoberwundarzt an Bord; eine Unterredung zwiſchen dem Capitän und Morgan; die Kranken erhalten Befehl, auf dem Halbverdeck zu er⸗ ſcheinen, und werden unterſucht; die Folgen dieſes Befehls; ein Toller verklagt Morgan, und wird auf Befehl des Capitaͤns in Freiheit geſetzt, welchen er jedoch ſogleich anfaͤllt und unbarmherzig durchwalkt. Während ich mit meinem Freunde dieſes Geſchäft theilte, ging der Doctor zufälligerweiſe an dem Platze vorbei, wo wir uns be⸗ fanden, ſtand ſtill, um mich zu beobachten, und ſchien mit meiner Verbandmethode ſehr zufrieden zu ſeyn. Hierauf beſchied er mich in ſeine Kajüte, prüfte mich daſelbſt hinſichtlich meiner chirurgi⸗ ſchen Kenntniſſe, frug mich nach den Einzelnheiten meines Schick⸗ ſals, und zeigte ſo viel Intereſſe für mich, daß er mir ſeinen Bei⸗ ſtand verſprach, um eine Beſtallung zu erhalten, angeſehen, daß ich für die Stelle, welche ich jetzt ausfülle, bereits vor dem wund⸗ ärztlichen Collegium beſtanden ſei. Er verpflichtete ſich zu dieſem Dienſte gegen mich um ſo gerner, als er vernahm, ich ſey ein Neffe des Lieutenant Bowling, vor dem er beſondere Achtung zu haben vorgab. Unterdeſſen merkte ich aus ſeinem Geſpräche, daß er nicht die Abſicht habe, mit Capitän Oakum wieder zur See zu gehen, da er, wie er ſich ausſprach, während der letzten Reiſe von demſelben geringſchätzig behandelt worden ſei. Während ich ſo in leidlicher Ruhe und Erwartung einer Be⸗ förderung fortlebte, blieb ich nicht vom Verdruſſe verſchont, wel⸗ chen ich erduldete, nicht nur durch die rohen Verhöhnungen der Matroſen und Unterofſiziere, die mich nur den Schmierackeljungen nannten, ſondern auch durch die Gemüthsart Morgans, der, ob⸗ wohl im Ganzen freundſchaftlich, doch durch ſeinen Eigendünkel oft uausſtehlich wurde, vermöge deſſen er große Unterwürfigkeit von 100 Seiten meiner verlangte, und ſich viel darauf zu Gute that, ſeine mir erwieſenen Dienſte öfters aufzählen zu können. 4 Ungefähr ſechs Wochen nach meiner Ankunft an Bord hieß mich der Schiffsoberwundarzt ihm in ſeine Cajüte folgen, wo er mir eine Veftallung übergab, durch welche ich zum dritten Unter⸗ wunvarzt an Bord des Thunder ernannt wurde. Er hatte ſich die⸗ ſelbe durch ſeinen Einfluß bei der Admiralität verſchafft, ſo wie eine zweite für ſich ſelbſt, vermöge deren er in ein Schiff vom zweiten Range vorrückte. Ich erkannte ſeine Güte gegen mich in den wärmſten Ausdrücken der Dankbarkeit an, und drückte ihm meine Bekümmerniß darüber aus, einen ſo ſchätzbaren Freund ſo bald wieder verlieren zu müſſen, dem ich mich durch meine Auf⸗ merkſamkeit auf ſeine Befehle und durch meinen Dienſteifer immer. mehr empfohlen haben würde. Doch blieb ſeine Großmuth hiebei nicht ſtehen: denn er machte mir, bevor er das Schiff verließ, ein Geſchenk mit einer Kiſte und einigen Kleidungsſtücken, welche mich in Stand ſetzten, den Rang, wozu er mich erhoben hatte, zu be⸗ haupten. Ich fand, daß mit meinem Glücke auch die Lebhaftigkeit und Spannkraft meines Geiſtes wiederkehrte, und beſchloß, wenn ich Offizier ſey, die Würde meines Standes gegen jede feindliche Ge⸗ ſinnung oder Unbill zu ſchirmen⸗ Auch durfte ich nicht lange auf Gelegenheit hiezu warten. Mein alter Feind, der Seekadett, deſſen RName Crampley war, unterhielt gegen mich einen unverſöhnlichen Groll wegen der, meinethalb erlittenen, Beſtrafung, und hatte ſeitdem jede Gelegenheit benützt, mich herabzuſetzen und lächerlich zu machen, als ich zur Erwiederung dieſer Mißhandlung noch nicht berechtigt war. Ja! ſogar als ich in das Schiffsbuch eingetragen und als Schiffsunterarzt inftallirt worden war, hielt er es nicht für gerignet, ſeinen Uebermuth gegen mich fahren zu laſſen. Nament⸗ lich als ich eines Tags eine Wunde an dem Schenkel eines Ma⸗ troſen verband, fing er einen Geſang an, welcher der Ehre mei⸗ 101 nes Geburtslandes großen Schimpf in meinen Augen anthat, und ich machte deßhalb meinem Rachegefühle durch die Bemerkung Luſt, daß die Schotten immer darauf gefaßt ſeien, ihre Feinde unter unwiſſenden, unbedeutenden und boshaften Menſchen anzutreffen. Dieſer unerwartete Beweis von Selbſtgefühl erbitterte ihn dergeſtalt, daß er mir einen Schlag in das Geſicht verſetzte, ſo daß ich glaubte, mein Backenknochen ſei zerſchmettert. Ich war nicht faul in Erwiederung meiner Schuldigkeit, und die Sache begann ein ſehr ernſthaftes Ausſehen zu gewinnen, als zufällig Herr Mor⸗ gan, nebſt einem der Unterſchiffer, den nämlichen Weg kommend, ins Mittel trat, und, nach der Urſache des Streits fragend, eine Ausſöhnung vorzuſchlagen verſuchte. Da ſie uns aber auf's Aeuſ⸗ ſerſte gegen einander erbittert und jedem Vergleiche abgeneigt ſa⸗ hen, ſo riethen ſie uns, entweder unſern Streit unentſchieden zu laſſen, bis wir Gelegenheit fänden, ihn am Ufer, wie Gentlemen, auszufechten, oder im andern Falle eine paſſende Stelle an Bord zu wählen, und ihn durch Boxen zur Entſcheidnng zu bringen. Den letzten Vorſchlag faßten wir Beide begierig auf, und wurden auf den vorgeſchlagenen Platz geführt, wo wir uns ſogleich ent⸗ kleideten und einen wüthenden Kampf anhuben, worin ich bald meinen Gegner mir überlegen fand, nicht ſowohl an natürlicher Stärke und Gewandtheit, als an Erfahrungen, welche er in der Schule von Hockley⸗in⸗the⸗Hole und Tottenham Court ſich erwor⸗ ben hatte. Manchen Rippenſtoß und unzählige Schläge auf den Magen hatte ich ſchon ausgehalten, als endlich mein Athem ſo⸗ wohl als meine Kraft nachließen, und ich, voll Verzweiflung, meine ganze Kraft auf einen Hieb berechnend, zugleich mit Kopf, Händen und Fuß ſo gewaltig drein ſchlug, daß ich meinen Gegner drei Schritte rückwärts in die Mittellucke zurücktrieb, worauf er hinfiel, und, mit Kopf und rechter Schulter anprallend, ohne Be⸗ finnung und Bewegung liegen blieb. Als Morgan ihn betrachtete und ohne Bewegung ſah, rief 102 er:„So wahr ich lebe, und ein Chriſt und armer Sünder bin, ſeht Ihr! glaube ich, ſeine Kämpfe ſind alle vorüber; doch nehme ich Euch Alle zu Zeugen, daß hierin keine Argliſt war, und er nach Kriegsrecht fiel.“ 4 Mit dieſen Worten ſtieg er hinab, um den Zuſtand meines Gegners zu unterſuchen, und ließ mich, ſehr wenig erfreut über meinen Sieg, zurück; denn ich fand mich nicht nur ſchrecklich ge⸗ quetſcht, ſondern auch in Gefahr, wegen Crampley's Tod zur Re⸗ chenſchaft gezogen zu werden. Doch verſchwand dieſe Beſorgniß, als mein College ihn nach einem Aderlaß in den Jugularvenen wieder zu ſich ſelbſt brachte, und nach ſeinem Befinden frug, wor⸗ auf er mir zurief, ich ſolle unbeſorgt ſeyn, denn der Seekadett habe ſonſt keinen Schaden genommen, als eine ſo köſtliche Verrenkung des os humeri, wie man es nur an Sommertagen zu ſehen ge⸗ wöhnt ſey. Auf dieſe Nachricht kroch ich in den Verſchlag hinab⸗ und ſetzte Thompſon von der Sache in Kenntniß, der ſich mit Bandage und dem für dieſen Fall nöthigen Apparat verſah und hinauf ging, um Herrn Morgan bei der Einrichtung des Beins Beiſtand zu leiſten. Als dieß gelungen war, wünſchten ſie mir Glück zu meinem Siege, und der Walliſer hieß mich, nachdem er bemerkt, die alten Schotten und Britten feien wahrſcheinlich Ein Volksßamm gewe⸗ ſen,„Gott danken, daß er mir das Herz auf den rechten Fleck und Mark in meine Knochen, um jenes zu ſchützen, gegeben habe.“ Ich erlangte durch dieſen Zweikampf, welcher eine Viertelftunde gedauert hatte, einen ſolchen Ruf, daß Jedermann in ſeinem Be⸗ nehmen gegen mich vorſichtiger ward, obwohl Crampley mit ſei⸗ nem Arm in einer Schlinge ſehr hochmüthig ſprach und mir drohte, die nächſte beſte Gelegenheit am ufer zu benützen, und ſeine Ehre, welche er durch einen unglücklichen Zufall eingebüßt, weßhalb ich auch keinen Anſpruch auf irgend ein Verdienſt bei meinem Siege machen könne, wieder herzuſtellen. 103 Um vieſe Zeit hatte Capitän Oakum Befehl zum Abſegeln erhalten, und kam an Bord in Geſellſchaft eines Wundarztes aus ſeiner eigenen Heimath, der uns bald den Verluſt, welchen wir durch den Abgang des Doctor Atkins erlitten, fühlbar machte; denn er war ein außerordentlicher Ignorant, unerträglich anma⸗ ßend, falſch, rachſüchtig, und verzieh nie etwas; ein erbarmungs⸗ loſer Tyrann gegen ſeine Untergebenen, und ein gemeiner Spei⸗ chellecker ſeinen Vorgeſetzten gegenüber. Den Morgen darauf, als der Capitän an Bord gekommen, über⸗ reichte ihm unſer erſter Gehülfe, dem Herkommen gemäß, eine Krankenliſte, nach deren Durchleſung dieſer grimmige Befehlsha⸗ ber mit wilder Miene ausrief:„Höllenelement! ein und ſechzig Kranke an Bord meines Schiffs! Hört, ihr Herr! ich will keine Kranke auf meinem Schiffe haben, bei Gott!“ Der Walliſer gab zur Antwort, es würde ihn ſehr freuen, keine Patienten an Bord zu ſehen; doch, ſo lange es ſich anders verhalte, erheiſche es ſeine Pflicht, ihm eine Liſte derſelben zu überreichen. „Ihr könnt ſammt Eurer Liſte zum Teufel gehen!“ ſprach der Capitän, und warf ſie ihm an den Kopf,„ich ſage, es ſollen keine Kranke an Bord ſeyn, ſo lange ich den Oberbefehl des Schif⸗ fes in Händen habe.“ Herr Morgan, welchem bei dieſer Behandlung der Kamm ſchwoll, ſagte zu ihm, er ſolle ſeinen Zorn gegen Gott, den All⸗ mächtigen, kehren; venn dieſer ſuche ſein Volk durch Krankheiten heim; nicht aber gegen ihn, welcher zu ihrer Heilung Alles bei⸗ trage. Der Paſcha, an ein ſolches Benehmen von keinem ſeiner Offiziere gewöhnt, wurde über dieſe ſatyriſche Zurechtweiſung bis zur Wuth erbittert, ſtampfte mit dem Fuße, nannte ihn einen unverſchämten Hund, und drohte, ihn an das Deck binden zu laſſen, wenn er es wage, ferner eine Splbe zu ſprechen. Da jedoch das Blut des Caractacus ſchon in Wallung war, 104 ſo verachtete er einen ſolchen Befehl, und begann ſich ſo auszu⸗ laſſen:„Capitän Hakum! ich bin ein Gentleman von Geburt und Herkunft!— ſehr Ihr!— und vielleicht bin ich überdieß—“ Hier wurde ſeine Anrede von des Capitäns Bedienten unter⸗ brochen, der Morgan's Landsmann war, und ihn ſchnell aus der Cajüte hinaus zog, ehe er Zeit hatte, ſeinen Herrn noch ftärker zu erbittern, was auch ſicherlich der Fall geweſen ſeyn würde, denn der empörte Walliſer konnte kaum durch ſeines Freundes Gründe und Bitten abgehalten werden, in das Zimmer zurückzukehren und den Capitän Hakum herauszufordern. Endlich aber ließ er ſich beſchwichtigen, und kam in den Verſchlag hinab, wo er, Thomp⸗ ſon und mich mit der Zubereitung von Arzneien beſchäftigt ſehend, uns hieß, wir ſollen unſere Arbeit im Stiche laſſen, und uns mit einem Spiele die Zeit vertreiben, denn der Capitän habe durch ſein Wort, ſeine Macht und ſeinen Befehl die Krankheit zum Teu⸗ fel gehen heißen, und es gebe keine Patienten mehr an Bord. WMit dieſen Worten leerte er eine Viertelpinte Branntwein aus, that drei ſchwere Seufzer, und brach in den Ausruf aus: „Gott erhalte mir geſund: Herz, Leber und Lunge!“ Darauf ſang er ein wäliſches Lied mit großem Ernſte in Blick, Stimme und Gebärde. Ich konnte die Bedeutung dieſes Phänomens nicht begreifen, und ſah aus Thompſon's Blicken, welcher den Kopf darüber ſchüt⸗ telte, er vermuthe, des armen Cadwallader's Hirnkaſten ſey in Unordnung. Als er unſer Erſtaunen wahrnahm, ſo ſagte er, uns das Geheimniß erklären zu wollen; doch bat er uns zugleich, da⸗ von Rotiz zu nehmen, daß er nun ſeit faſt vierzig Jahren als Knabe, Jüngling, verheiratheter Mann und Wittwer verlebt habe, und während dieſer ganzen Zeit habe es kein Menſch oder Mutter⸗ kind in der ganzen Welt gewagt, ihn ſo zu mißhandeln, wie es ihm von Capitän Oakum widerfahren ſey. Dann erzählte er uns ſein Geſpräch mit demſelben, ſo wie ich es ſchon berichtet habe, 105 und halte kaum damit geendet, als er Botſchaft vom Schiffswund⸗ arzte erhielt, die Krankenliſte auf das Halbverdeck zu bringen, denn der Kapitän habe befohlen, alle Patienten ſollen daſelbſt Revne paſſiren. Dieſer unmenſchliche Befehl erſchreckte uns auf's Aeußerſte, da wir wußten, es würde unmöglich ſeyn, einige von ihnen auf das Verdeck zu bringen, ohne ihr Leben in die größte Gefahr zu ſetzen. Da wir jedoch andererſeits wieder wußten, Gegenvorſtellungen würden vergeblich ſeyn, ſo begaben wir uns in corpore auf vas Halbverdeck, um dieſer außerordentlichen und ſonderbaren Muſte⸗ rung anzuwohnen, während Morgan unterwegs bemerkte, der Ca⸗ pitän ſtehe im Begriffe, viele Zeugen gegen ſich in die andere Welt zu ſchicken. Als wir auf dem Verdeck erſchienen, hieß der Capitän den Deeclor, welcher rechts neben ihm ſtand und ſich beſtändig vor ihm verbeugte, nach dieſen faulen liederlichen Hundeſöhnen ſehen, welche des Königs Brod äßen und im Verborgenen der Faulheit pflegten. Der Schiffswundarzt grinste ihm Beifall zu, nahm die Liſte und begann eines Jeden Beſchwerden zu unterſuchen, in der Reihe, wie ſie ſich nach dem bezeichneten Platze hinſchleppen konnten. Der Erſte, welcher ihm unter die Hände kam, war ein armer Burſche, den vor Kurzem ein Fieber verlaſſen und ſo geſchwächt hatte, daß er kaum aufrecht ſtehen konnte. Als Herr Mackſhane— ſo hieß der Doctor— deſſen Puls gefühlt hatte, ſo betheuerte er, dieſer Kerl ſey ſo geſund, als ir⸗ gend Jemand auf der Welt, und der Capitän übergab ihn dem Unterbvotsmann, mit dem Befehl, er ſolle ſogleich auf der Lauf⸗ planke ein rundes Dutzend erhalten, weil er ſich krank geſiellt habe; doch, ehe die Strafe an ihm vollzogen werden konnte, fiel der Mann auf das Verdeck bewußtlos hin, und wäre unter den Händen ſeines Peinigers faſt darauf gegangen. Der zweite Patient litt, das ſah man deutlich, an einem vier⸗ 106 tägigen Fieber, und da er gerade eine Periode von Geſundheit hatte, ſo entdeckte man keine Symptome von Krankheit an ihm, außer einem blaſſen mageren Geſichte und ausgemergeltem Körper, worauf er für arbeitsfähig erklärt und dem Hochbootsmann über⸗ geben wurde; doch entſchloſſen, den Doctor zu Schanden zu ma⸗ machen, ſtarb er am nächſten Tage im Fieberparoxismus auf dem Vorderdeck. Der dritte Patient klagte über Lungenſtiche und Blutſpeien, wofür ihm Doctor Mackſhane die Arbeit bei der Pumpe verſchrieb, um den Auswurf zu befördern; allein mochte dieß entweder ganz unpaſſend für ſeinen Zuſtand ſeyn, oder man ihn übermäßig an⸗ geſtrengt haben, genug! kaum war eine halbe Stunde verfloſſen, ſo erſtickte er an einem aus den Lungen kommenden Blutſtrome. Ein Vierter, welcher mit einer ſehr ſtarken Bauchwaſſerſucht behaftet war, die ſeine Bruſt ſo beſchwerte, daß er kaum Athem zu holen vermochte, klomm mit vieler Mühe auf das Halbverdeck; allein ſeine Krankheit wurde zu ſtarker Fette zugeſchrieben, deren Grund Trägheit und übermäßiges Eſſen ſeien. Dieſem wurde zum Zwecke, das Athemholen zu befördern und ſeine Bruſt zu erwei⸗ tern, befohlen, ſogleich den Maſtkorb zu erklimmen. Vergebens betheuerte der arme Wicht ſein äußerſtes Unvermögen Der Unterbootsmann erhielt den Befehl, ihn mit der neunſchwänzigen Katze zu peitſchen; der Schmerz dieſer Strafe hatte nun allerdings die Wirkung, daß er die Gipfel der Schiffsgabelhölzer erreichte; aber als das enorme Gewicht ſeines Körpers keine andere Stütze mehr hatte, als ſeine geſchwächten Arme, ſo verließ er, entweder aus Lebensüberdruß, oder getrieben von ſeiner Schwere, ſeinen Standpunkt, und plumpte in die See, wo er hätte ertrinken müſ⸗ ſen, wenn nicht ein Matroſe, der ſich in einem Boote auf dieſer Seite des Schiffs befand, dadurch ſein Lebensretter geworden wäre, daß er ihn über dem Waſſer biel⸗ bis er durch eine Gier an Bord gehißt wurde. 107 Es wäre empörend und widerlich zugleich, wollte ich das Schick⸗ fal jedes Unglücklichen beſchreiben, der durch die Unmenſchlichkeit und Unwiſſenheit des Capitäns und Oberarztes litt, als dieſel⸗ ben ſo muthwillig das Leben ihrer Mitgeſchöpfe opferten. Viele Fieberkranke wurden recidiv und durch die unterwegs erlittenen Mißhandlungen ſieber⸗ wahnſinnig⸗ Einige gaben vor den Augen ihrer Inſpektoren den Geiſt aufz noch Andere, welche zu ihren Pflichten angehalten wurden, gingen, nachdem ſie einige Tage lang neben ihren Kameraden gearbeitet hatten, die Kräfte aus, und ſie ſtarben ohne Weiteres. Im Ganzen wurde die Krankenzahl auf weniger als ein Dutzend heruntergebracht. Die Urheber dieſer Verminderung wünſchten ſich ſchon Glück zu den Dienſten, welchen ſie, wie ſie glaubten, ihrem Könige und Lande erwieſen hätten, als der Unterbootsmann Seine Gnaden benachrichtigte, unten ſey ein Mann auf Befehl des erſten Unter⸗ wundarztes an ſeiner Hängematte feſtgebunden, und bitte inſtän⸗ dig um ſeine Loslaſſung, mit der Behauptung, Herr Morgan ſpiele ihm nur aus Groll ſo mit, und ſeine Sinne ſeien ſo ge⸗ geſund, als irgend eines Mannes an Bord. Als der Capitän dieß vernahm, ſchoß er einen ſtrengen Blick auf den Walliſer, und hieß den Mann ſogleich heraufbringen, worauf Morgan mit großem Nachdruck betheuerte, das fragliche Individuum ſey ſo toll wie ein Märzhaſe, und er bitte um Got⸗ teswillen, ſie möchten wenigſtens während der Unterſuchung ſeine Arme gebunden halten, um Unglück zu verhüten. Dieſes Verlangen gewährte der Befehlshaber um ſeiner eigenen Sicherheit willen, und der Patient ward vorgeführt. Derſelbe behauptete mit ſolcher Ruhe und Beweiskraft, er beſitze ſeinen ge⸗ ſunden Verſtand, daß jeder der Umſtehenden ſich geneigt fühlte, ihm Glauben zu ſchenken, Morgan ausgenommen, der verſicherte, man dürfe dem Schein nicht trauen, denn er ſelbſt ſey vor zwei 108 Tagen durch ſein Benehmen ſo getäuſcht worden, daß er ihn wirk⸗ lich mit eigenen Händen losgebunden habe, und für ſeine Mühe faſt mit dem Tode bezahlt worden ſey. Dieß bezeugte Einer von den Wärtern, mit der Erklärung, er habe dieſen Patienten von dem Unterwundarzte weggeriſſen, welcher von ihm überfallen und beinahe getödtet worden. Hierauf gab der Mann zur Antwort, der Zeuge ſey ein Ge⸗ ſchöpf Morgan's und durch die Bosheit des Unterwundarztes an⸗ geſtiftet, Zeugniß gegen ihn abzulegen, weil er, der Beklagte, des Letzteren Groll auf ſich geladen, dadurch, daß er dem Schiffsvolke entdeckte, Herrn Morgan's Frau habe einen Branntweinladen in Rag⸗fair gehalten. Dieſe Anekdote erregte ein Gelächter auf Koſten des Walliſers, der, ſein Haupt halbzornig ſchüttelnd, ſagte:„Rein! nein!*s iſt Nichts daran. Gott weiß es, es iſt eine Erzlüge.“ Capitän Dakum gab nun ohne weiteres Bedenken den Befehl zur Loslaſſung des Mannes, und ſprach zugleich gegen Morgan die Drohung aus, ihn wegen ſeiner Parteilichkeit und Unterdrückung in dieſelben Bande legen zu laſſen. Allein kaum hatte der Britte die Entſcheidung zu Gunſten des Raſenden vernommen, ſo ſprang er auf die Beſanmaſtwand, indem er Thompſon und mir zurief, aus dem Bereiche des Tollen zu gehen, denn wir würden bald des Teufels Spiel ſehen. Wir hielten es nicht für geeignet, den Wink zu überhören, und begaben uns ſogleich auf das Hüttendeck, von wo aus wir den Wahnſinnigen— ſobald er nämlich ſeiner Bande entledigt war— auf den Capitän wie raſend unter dem Rufe:„Ich will Dich, Du Schuft! lehren, daß ich Befehlshaber dieſes Schiffs bin!“ losgehen und ihn ohne Gnade und Barmherzigkeit durch⸗ waken ſehen. Der Oberwundarzt, welcher zum Beiſtand ſeines Gönners herbeieilte, theilte das gleiche Schickſal; und erſt„nachdem er alle 109 viejenigen, welche ſich ihm in den Weg warfen, tüchtig durchge⸗ bläut hatte, wurde man endlich mit großer Mühe und Anſtrengung ſeiner Herr.„ Achtundzwanzigſtes Kapitel. Der Capitaͤn droht in ſeiner Wuth, den Raſenden mit eigener Hand zu tödten, wird auf die Vorſtellungen und das Zureden des erſten Lieute⸗ nants und des Schiffswundarztes von dieſem Entſchluſſe abgebracht; wir ſegeln nach St. Helena, vereinigen uns mit der Flotte unter dem Befehl des Sir C-n—r O—gle, und begeben uns nach Weſtindien; wir werden von einem ſchrecklichen Sturme uͤberfallen; mein Freund Jack Rattlin bricht durch einen Fall von der großen Raa ſein Bein; Doctor Mackſha⸗ ne's Benehmen; Jack widerſetzt ſich der Abnahme ſeines Schenkels, und wird von Morgan und mir unterſucht; wir uͤbernehmen die Kur, und bringen ſie gluͤcklich zu Ende. Der Capitän wurde in ſeine Cajüte geführt, und war über die erlittene Behandlung ſo wüthend, daß er befahl, man ſollte den Kerl vor ihn bringen, damit er das Vergnügen genießen könne, ihn mit eigener Hand durch einen Piſtolenſchuß zu tödten. Gewiß würde er auch ſeinen Rachedurſt auf dieſe Weiſe geſtillt haben, wenn nicht der erſte Lieutenant ſich durch die Bemerkung dagegen aufge⸗ lehnt hätte, daß aller Wahrſcheinlichkeit nach der Kerl nicht raſend, ſondern ein wagebalſiger Rädelsführer ſey, der wahrſcheinlich von des Capitäns Feinden gedungen worden, denſelben zu tödten; man ſolle ihn deßhalb in Ketten und Banden aufbewahren, um ihn vor ein Kriegsgericht zu bringen, das ohne Zweifel der Sache auf den Grund kommen, vielleicht wichtige Entdeckungen machen, und hier⸗ auf dem Verbrecher die verdiente Todesſtrafe zuerkennen würde. So unwahrſcheinlich auch die Gründe klingen mochten, wo⸗ rauf ſich dieſe Zurede ſtützte, ſo that ſie doch bei dem Capitän die gewünſchte Virkung, da ſie genau für den Horizont ſeines Geiſtes 110 berechnet war; um ſo mehr, da Doctor Mackſhane, nach voraus⸗ gängiger Erklärung, der Mann ſey nicht toll, dieſer Anſicht beitrat. Als Morgan Niemand weiter beſchädigt ſah, ſo konnte er ſeine Freude über dieſes Ereigniß in ſeinem Geſichte nicht verber⸗ gen, ſondern erkühnte ſich, während er des Doctors Antlitz mit einer Salbe einrieb, die Frage an denſelben zu richten, ob er glaube, daß mehr Narren oder Wahnſinnige an Bord ſeyen? Beſſer würde es jedoch für ihn geweſen ſeyn, wenn er dieſen Scherz unterdrückt hätte; denn ſein Patient vergaß ihn niemals und erin⸗ nerte ſich deſſelben bei einer ſchicklicheren Gelegenheit. Bald darauf lichteten wir die Anker, und begaben uns nach den Dünen. Unterwegs benützte der Raſende, welcher ſich als Ge⸗ fangenen behandelt ſah, eine Gelegenheit, als die Schildwache ihm voranging, über Bord zu ſpringen, und ſo die Rache des Capi⸗ täns zu vereiteln. Wir blieben nicht lange in den Dünen liegen, ſondern benützten den erſten beſten Oſtwind, nach Spithead zu fahren, wo wir auf ſechs Monate Proviant einnahmen, und von St. Helena, aus mit der großen Flotte vereinigt, nach Weſtindien zu der ewig denkwürdigen Belagerung von Carthagena abfuhren. Mit großer Herzensangſt ſah ich mich im Begriffe ſtehen, die Fahrt in ein ſo ungeſundes und weit entferntes Klima anzutreten, wobei ich jeder Bequemlichkeit, welche eine ſolche Reiſe hätte er⸗ träglich machen können, entſagen, und unter die Befehle eines eigenmächtigen Tyrannen mich ſtellen mußte, deſſen Herrſchaft kaum auszuhalten war. Da indeſſen Viele an Bord meine Klagen theil⸗ ten, ſo beſchloß ich, mein Geſchick geduldig zu tragen, und mir es ſo leicht zu machen, als es ſich thun ließ. Wir verließen den Kanal mit einem günſtigen Winde, welcher almählig nachließ, und uns, ungefähr fünfzig Meilen weſtwärts bis zum Cap Lizard, unangefochten von Stürmen ließ. Allein dieſer ruhige Zuſtand hatte keine lange Dauer; denn in der fol⸗ 11¹ genden Nacht ward unſer großes Marsſegel vom Winde, der Morgens zum Orkan anwuchs, zerriſſen. Ich wurde durch einen ſchrecklichen Lärm geweckt, den das Hin⸗ und Herrutſchen der Laf⸗ fetten oben auf den Verdecken, das Krachen der Cajüten, das Ge⸗ heul des Sturmes durch das Tauwerk, das verwirrte Geſchrei der Schiffsmannſchaft, das Pfeifen des Hochbvotsmanns und ſeiner Maate, die Sprachrohre des Lieutenants und das Geklirr der Kettenpumpen veranlaßten. Morgan, der nie zuvor auf der See geweſen war, ſprang in großer Eile von ſeiner Hängematte herunter, und rief aus:„Gott erbarme ſich unſer und ſey uns gnädig! ich glaube, wir ſind auf dem Gebiete Lucifers und der Verdammten angelangt!“ während der arme Thompſon zitternd in ſeiner Hängematte lag, und Stoß⸗ gebete um unſere Rettung zum Himmel emporſandte. Ich ſtand auf, und ſchloß mich an den Walliſer an, mit wel⸗ chem ich, nachdem wir uns durch Branntwein geſtärkt hatten, auf das Verdeck ſtieg; doch wenn mein Gehörfinn vorher zurückgebebt hatte, welches Entſetzen mußte mich ergreifen, als ich die Wirkun⸗ gen des Sturmes ſah! Die See war zu berghohen Wellen angeſchwollen, auf deren Gipfel unſer Schiff manchmal ſo hing, als ſtände es im Begriffe, in die Tiefen des unterhalb gähnenden Abgrunds hinabzuſtürzen. Zuweilen verſanken wir zwiſchen zwei Wogen, die ſich auf jeder Seite höher, als die Spitze unſerer Stange war, emporthürmten, und durch ihr Zerplatzen an einander uns im Augenblicke zu be⸗ decken drohten. Von unſerer ganzen Flotte, welche aus hundert und fünfzig Segeln beſtand, waren kaum zwölf ſichtbar, und dieſe trieben unter ihren nackten Pfählen umher, Wind und Weiter an⸗ heimgegeben. Endlich riß der Maſtbaum eines von ihnen und ſtürzte mit ſchrecklichem Gekrache über Bord. Auch war der An⸗ blick unſers eigenen Schiffes nicht erfreulicher; eine Anzahl Offiziere und Matroſen rannten rückwärts und vorwärts, Verzweiflung in 112 ihren Blicken, einander zurufend, und unentſchloſſen, wo ſte zuerſt Hand anlegen ſollten. Einige klommen die Raaen empor, um den Verſuch zu machen, die Segeltücher, welche, in tauſend Stücke zerriſſen, im Winde flatterten, abzumachen; Andere hingegen pro⸗ birten es, diejenigen, welche noch ganz waren, einzuziehen, wäh⸗ rend die Maſtbäume bei jedem Stoße gleich Baumzweigen ſchwank⸗ ten und ſich bogen, als ſollten ſie in zahlloſe Splitter zertrümmert werden. Während ich dieſe Scene mit gleich viel Schrecken, als Erſtaunen, betrachtete, brach eine der oberſten Braſſen, durch deren Stoß zwei Matroſen von dem Nock weg in die See hinab flogen, wo ſie umkamen, der arme Jack aber auf das Verdeck hinabge⸗ worfen wurde, und dabei einen Schenkel brach. Morgan und ich ſprangen ſogleich zu ſeinem Beiſtande herbei, und fanden einen Splitter des Schienbeins durch die Heſtigkeit des Falls in die Haut vorgedrungen. Da nun dieß ein Fall war, der wegen ſeiner Wich⸗ tigkeit nicht ohne Zuziehung des Doctors behandelt werden durfte, ſo ging ich in deſſen Cajüte hinab, um ihm das Ereigniß zu berichten und Bandagen herauf zu bringen, welche wir immer bereit hielten. Ich betrat ſein Gemach ohne alle Ceremonie, und fand ihn bei glimmender Lampe auf ſeinen Knieen vor Etwas, das einem Crucifire ſehr ähnlich ſah. Dieß will ich jedoch nicht beſtimmt be⸗ haupten, damit es nicht den Anſchein gewinne, als laſſe ich mich von der Meinung Anderer zu ſehr hinreißen, obwohl letztere mich in meiner Vermuthung, Mackſhane ſey ein Glied der römiſchen Kirche, wirklich beſtärkte. Sey dem, wie es wolle, er ſtand in einer Art von Verwirrung auf, die, wie ich vermuthe, durch die Störung ſeiner Andacht veranlaßt wurde, und entfernte Augen⸗ blicks den Gegenſtand meines Verdachts aus meinen Blicken⸗ Nachdem ich mich wegen meines ſchnellen Hereintretens eni⸗ ſchuldigt hatte, machte ich ihn mit Rattlin's Fall bekannt, konnte ihn aber nicht dahin bringen, denſelben auf dem Verdecke, wo er lag, zu beſichtigen, ſondern er bat mich, ich möchte den Hoch⸗ 113 bvotsmann auffordern, durch einige ſeiner Leute ihn in unſern Verſchlag herabbringen zu laſſen.„Unterdeſſen,“ ſagte er,„ſoll Thompſon die Bandagen bereit halten.“ Als ich dem Hochboots⸗ mann des Doctors Wunſch überbrachte, ſchwur er einen gräulichen Eid, er könne auf dem Verdeck keinen Mann enibehren, denn es ſey zu erwarten, daß der Maſtbaum alle Augenblicke über Vord falle. Dieſe Rachricht trug nicht dazu bei, mich ruhiger zu ſtim⸗ men; jedoch da mein Freund Rattlin über heftige Schmerzen klagte, ſo brachte ich ihn mit Morgan's Hülfe auf das untere Verdeck, wo⸗ hin Herr Mackſhane nach vielem dringenden Bitten meinerſeits zu kommen wagte, in Begleitung Thompſons, der eine Schachtel voll Bandagen trug, und nebſt ſeinem eigenen Diener„welcher eine ganze Ladung chirurgiſcher Inſtrumente bei ſich führte. Er unter⸗ ſuchte nun den Bruch und die Wunde; weil er aber aus einer ſchwarzgelben Farbe, welche ſich auf dem Schenkel ausbreitete, fol⸗ gerte, daß der kalte Brand eintreten werde; ſo beſchloß er, das Bein ſogleich abzunehmen. Dieß war ein furchtbarer Ausſpruch für den Patienten, der einen Mundvoll Kautabak zu ſich⸗ nahm and mit wehmüthiger Geberde ausrief:„Wie! gibt es kein Mittel, Doctor? muß ich gekappt werden? könnt Ihr es nicht ſplißen 2“ „Zuverläßig, Doktor Mackſhane!“ ſagte jetzt der erſte Ge⸗ hülfe,„mit Unterwürfigkeit, Ehrerbietung und Verehrung gegen Eure überlegenen Kenntniſſe, Erfahrungen und höhere Stellung, ſeht Ihr! vermuthe ich, glaube ich und behaupte ich, daß weder Gelegenheit noch Nothwendigkeit vorhanden iſt, dieſes armen Man⸗ nes Bein abzunehmen.“ „Gott der Allmächtige ſegne Euch dafür, theurer Walliſer!“ rief Rottlin;„möget Ihr haben ſchön Wind und Wetter, wo immer Ihr Euch beſinden möget, und auf der Rhede des Himmels endlich Anker auswerfen!“ Mackſhane, welcher in die größte Erbitterung gerieth, daß ſein Gehülſe ſo offen ſeiner Anſicht widerſprach, erwiederte, er ſeh nicht Smollet's Romane. M. 8 verbunden, ihm Rechenſchaft von der Ausübung ſeiner Kunßt zu geben, und befahl ihm in beſtimmtem Tone, die Aderpreſſe anzu⸗ legen, bei deren Anblick Jack jedoch aufſprang und rief:„Halt, halt! verdammt ſey meine Seele, wenn Ihr Eure Zangen auf mich anſchlagen dürſt, bevor ich weiß, warum! Herr Random! wollt Ihr mir nicht eine Hand zur Rettung meines koſtbaren Beins bieten? Potz Velten! wäre Lieutenant Bowling hier zugegen, ſo würde er es nicht dulden, daß man Jack Rattlin's Bein ab⸗ ſchneide, wie alte Tauenden!“ Dieſe pathetiche, an mich gerichtete Anrede, verbunden mit meiner Neigung, meinem ehrlichen Freunde einen Dienſt zu erwei⸗ ſen, und nebſt den Gründen, die mich vermuthen ließen, es ſey keine Gefahr vorhanden, wenn man die Amputation aufſchöbe, bewogen mich, auf die Seite des erſten Gehülfen zu treten, und zu behaupten, die widernatürliche Farbe der Haut rühre blos von einer, durch Contufion verurſachten und in allen derartigen Fällen gewöhnlichen, Entzündung her, ohne daß eine Anzeige des kalten Brands gegeben ſey. Morgan, der eine hohe Meinung von meiner Geſchicklichkeit hatte, war ſehr entzückt darüber, daß ich mich ſeiner Meinung an⸗ ſchloß, und frug Thompſon um ſeine Anſicht über dieſe Sache, in der Hoffnung, unſern Bund durch ihn noch zu verſtärken. Allein entweder aus friedlicher Gemüthsart, oder aus Furcht vor des Wundarztes Feindſchaft, oder aus eigener Ueberzeugung trat er in beſcheidenen Ausdrücken der Anſicht Mackſhane's bei, der, nach⸗ dem er unterdeſſen mit ſich ſelbſt zu Rathe gegangen war, be⸗ ſchloß, ſich ſo zu verhalten, daß er einerſeits von Vorwürfen frei bliebe, andererſeits aber an uns Rache nähme, weil wir es ge⸗ wagt, ihm zu widerſprechen. In dieſer Abſicht ſtellte er uns die Frage, ob wir es unternehmen wollten, das Bein auf unſere Ge⸗ fahr hin zu heilen, nämlich, für die Folgen verantwortlich zu ſeyn. Hierauf gab Morgan zur Antwort: in Gottes Hand allein 115 liege das Leben ſeiner Geſchöpfe; und es würde große Anmaßung ſeinerſeits verrathen, wollte er für einen Erfolg, der von der Macht ſeines Schöpfers abhänge, einſtehen, ſo wenig als der Doctor verſprechen könne, alle Kranken zu heilen, welchen er Beiſtand leiſte. Wenn jedoch der Patient ſich unſern Händen anzuvertrauen Luſt habe, ſo wollen wir es auf uns nehmen, ſeine Krankheit zu einem glücklichen Ausgang zu bringen, wöran uns im gegenwär⸗ tigen Augenblicke, unſerer Anſicht nach, Nichts hindere. Ich ſtimmte ihm bei, und Rattlin war ſo entzückt, daß er uns beiden die Hand ſchüttelte und ſchwor, Niemand ſonſt dürfe ihn berühren, und, wenn er ßterbe, ſo ſolle es auf ſeine eigene Gefahr hin geſchehen. Herr Mackſhane, welcher ſich mit der Aus⸗ ſicht eines ungünſtigen Erfolges ſchmeichelte, begab ſich weg, und überließ es uns, die Sache zu behandeln, wie wir es für gut halten würden⸗ Nachdem wir ſolchergeſtalt den Theil des Beinſplitters, welcher in der Haut ſtack, abgeſägt hatten, richteten wir den Bruch ein, ver⸗ banden die Wunde, legten vie achtzehnſchwänzige Bandage um, und ſchienten den beſchädigten Theil secundum artem. Alles ging nach unſern Wünſchen, uud wir hatten die Freude, nicht nur des armen Burſchen Bein zu retten, ſondern auch den Doktor unter der Schiffsmannſchaft verächtlich zu machen, denn Alle richteten während dieſer Kur, welche nach ſechs Wochen Lorüber war, ihre Blicke auf uns. 116 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Mackſhane's Bosheit; ich werde ergriffen, und als Spion gefangen geſetzt; Morgan erleidet daſſelbe Schickſal; man will Thompſon gewinnen, gegen uns zu zeugen; er lehnt den Vorſchlag ab, und wird wegen ſeiner Red⸗ lichkeit mißhandelt; Morgan wird freigelaſſen, um dem Oberarzte wäh⸗ rend eines Gefechts mit einigen franzoſiſchen Schiffen Beiſtand zu leiſten; ich bleibe gefeſſelt auf dem Huͤttendeck, ausgeſetzt dem feindlichen Geſchoͤtze⸗ und werde wahnſinnig vor Furcht, erhalte nach der Schlacht Troſt von Morgan, der allzufrei von dem Capitaͤn ſpricht, von der Schildwache, die ihn angibt, gehoͤrt, und abermals in Ketten und Banden gelegt wird; Thompſon wird von Verzweiflung ergriffen, und geht trotz Mor⸗ gan's und meiner Vorſtellungen Nachts uͤber Bord. Mittlerweile ſchlug der Sturm in einen friſchen Wind um, der uns in die tropiſchen Breiten führte, wo die Hitze unerträglich und die Mannſchaft ſehr krank wurde. Der Doktor ließ nichts unverſucht, um ſeine Rache an mir und dem Wallifer auszuüben. Er viſitirte die Kranken, unter dem Vorwande, ihre Leiden zu un⸗ terſuchen, allein in der wahren Abſicht, Klagepunkte gegen uns zu ſammeln. Jedoch da er ſich durch die guten Geſinnungen der Patienten gegen uns, welche wir durch unſere Aufmerkſamkeit und Menſchenfreundlichkeit gewonnen hatten, in dieſer Hoffnung ge⸗ täuſcht ſah; ſo beſchloß er, uns zu belauſchen, indem er ſich hinter das unſern Verſchlag umgebende Segeltuch ſteckte. Dort enideckte ihn unſer Tiſchjunge, und berichtete uns dieſes feine Stückchen. Als wir nun einſt bei Nacht ein Stück geſalzenes Rindfleiſch lang⸗ ſam verzehrten, bemerkte Morgan, daß Etwas an der Außenſeite unſers Verſchlags ſich hin und her bewege, wovon er vermuthete, daß es der Doktor ſey. Er gab mir einen Wink, und deutete auf die Stelle, wo ich Etwas ſtehen ſehen konnte; hierauf ergriff ich das Bein, und ſchleuderte es ihm mit aller Macht und den Wor⸗ ten zu:„wer Ihr auch ſeyn möget, nehmet das für Euern Vor⸗ 117 witz!“ Es that die erwünſchte Wirkung: denn wir hörten den Burſchen an der Wand hinab ftürzen, und nachher in ſeine Kajüte kriechen; ich wünſchte mir Glück zu meiner That, welche jedoch zu einem der unglücklichſten Ereigniſſe meines Lebens ausſchlug; denn Mackſhane beſchloß von dieſem Augenblicke an mein Verderben. Als ich ungeſähr eine Woche darauf bei den Kranken die Runde machte, ſo wurde ich gefangen geſetzt, und von dem Ser⸗ geanten auf das Hüttendeck geführt, wo man mich mit Ketten be⸗ lud und an das Verdeck ſchloß, unter dem Vorwande, ich ſpiele an Bord die Rolle eines Spions, und habe mich gegen des Capi⸗ täns Leben verſchworen. So lächerlich eine ſolche Beſchuldigung auch klingen mochte, ſo erfuhr ich doch in Folge derſelben die ganze Härte des Schickſals eines argen Verbrechers: denn ich ward in dieſer erbärmlichen Lage der brennenden Sonnenhitze bei Tag und den ungeſunden Ausdünſtungen bei Nacht zwölf volle Tage lang ausgeſetzt, ein Zeitraum, während deſſen man mich weder verhörte, noch meine Schuld oder Unſchuld in Betreff des obigen Anklagepunkis einer Unterſuchung zu würdigen für gut fand. Kaum hatte ich den Gebrauch meiner Vernunft, die durch dieſes Ereigniß ſtark gelitten hatte, wieder erlangt, ſo ſchickte ich nach Thompſon. Als er kam, ſo gab er mir, nach voraut gehen⸗ der Beileidsbezeugung über mein Unglück, zu verſtehen, der Doctor ſep an meinem Mißgeſchicke Schuld; denn dieſer habe aus Haß gegen wich dem Capitän eine boshafte Einflüſterung gemacht. In Folge derſelben habe man mich verhaftet, und ſich aller meiner Papiere bemächtigt. Noch ſtieß ich gegen mein hartes Geſchick Ver⸗ wünſchungen aus, als ich MWorgan das Hüttendeck herabſteigen ſah, in Begleitung von zwei Corporalen, welche ihn neben mich nieder⸗ ſetzen ließen, um auf dieſelbe Weiſe gepflöckt zu werden. Trotz meiner kläglichen Lage konnte ich doch vas Lachen nicht verbeißen, als ich die Geſichtszüge meines Mitgefangenen ſah, der, ohne ein Wort zu ſprechen, ſeine Füße in die, für dieſen Zweck herbei⸗ 118 gebrachten, Eiſenringe ſchmieden ließ, jedoch, als ſie ihm auch den Rücken feſtbinden wollten, in die größte Erbitterung gerieth, und, indem er ein breites Meſſer aus ſeiner Seitentaſche zog, drohte, dem Erſten, der ſich ihm nähere, um auf ſo unwürdige Weiſe ihn zu behandeln, den Bauch aufzuſchneiden. Sie ſtanden ſchon im Begriff, ihn nicht auf's Beſte zu behandeln, als der Lieutenant auf dem Halbverdeck ihnen zurief, ſie ſollten ihn nicht weiter behelligen. Hierauf kroch Morgan zu mir her, ſchüttelte mir die Hand, und hieß mich mein Vertrauen auf Gott ſetzen: zugleich warf er einen Blick auf Thompſon, der mit bleichem Antlitz zitternd neben uns ſaß, und ſagte ihm, es gebe noch zwei Ringe weiter für ſeine Füße, und er dürfte froh ſeyn, in ſo gute Geſellſchaft zu kommen⸗ Jedoch lag es nicht in der Abſicht unſers Gegners, den zweiten Gehülfen uns beizugefellen; denn er hoffte, denſelben bei der Kran⸗ kenpflege zu ſeinem Sklaven, und, wo möglich, zum Zeugen wider uns zu bekommen. Voll von dieſem Gedanken forſchte er ihn von Ferne aus; allein, als er ſeine Redlichkeit unbeſtechlich fand, quälte er ihn aus Aerger hierüber ſo ſehr, daß dieſes friedfertige Geſchöpf bald ſeines Lebens überdrüſſig wurde. Während wir Beide, ich und mein Mitgefangener, uns in unſerm Unglück tröſteten, entdeckte der Admiral leewärts vier Se⸗ gel, und gab unſerm Schiffe und noch vier weitern das Signal zur Jagd auf dieſelben. Hierauf wurde Alles für ein Gefecht in Bereitſchaft geſetzt, und Mackſhane, welcher vorausſah, er werde mehr als eines Gehülfen bevürfen, wirkte Morgan's Freiheit aus, wührend ich in meiner bejammernswürdigen Lage belaſſen wurde. Es war beinahe ſchon Finſterniß eingetreten, als wir das Hinterſte der verfolgten Schiffe einholten, das wir mit dem Sprach⸗ rohre anriefen und fragten, wer ſie wären. Sie gaben uns zu verſtehen, daß ſie franzöſiſche Kriegsſchiffe ſeyen, worauf Capitän Dakum ihnen die Weiſung zukommen ließ, ihr Boot an ſein Bord 41¹9 zu ſchicken. Jedoch ſie ſchlugen dieß Begehren durch die Antwort ab, wenn er Etwas von ihnen wolle, ſo möge er an Bord ihres Schiffes kommen; hierauf drohte er, ihnen eine volle Lage zu ge⸗ ben, was ſie zu erwidern verſprachen. Beide Theile blieben bei ihrem Worte, und der Kampf be⸗ gann mit großer Wuth. Der Leſer kann ſich leicht vorſtellen, wie ich in dieſer verzweiflungsvollen Lage, mitten unter den Schrecken eines Seegefechtes, meine Zeit hinbrachte: denn jeden Augenblick war ich gewärtig, daß das feindliche Geſchütz mich in Stücken zerreiße oder zerſchmettere. Ich ſuchte mich unter ſolchen Umſtänden ſo gut als möglich durch den Gedanken zu tröſten, daß ich um Richts weiter dem feindlichen Geſchütze ausgeſetzt ſey, als diejenigen, welche um mich herum auf ihren Poſten ſtänden. Allein als ich die Bemerkung machte, daß dieſe ohne Unterlaß den Feind beunruhigten, und ſich gegenſeitig durch Worte und Benehmen Muth einflößten, ſo wurde mir der große Unterſchied zwiſchen ihrer Lage und der meinigen ſogleich klar. Indeſſen verbarg ich meine Unruhe ſo ſehr als mög⸗ lich, bis dem in meiner Nähe ſtehenden Chef der Seetruppen der Kopf weggeſchoſſen ward, der vom Verdeck gerade mir in das Ge⸗ ſicht flog, ſo daß ich durch die Hirnmaſſe deſſelben kbeinahe er⸗ blindete. Zetzt konnte ich nicht länger mehr mich halten, ſondern fing an, mit voller Anſtrengung meiner Lungen hinauszubrüllen, als ein Trommler auf mich zukam, und frug, ob ich verwundet ſeyz jedoch, ehe ich eine Antwort geben konnte, einen ſtarken Schuß in den Bauch erhielt, der ſeine Eingeweide herausriß, und ihn mi dem ganzen Gewichte ſeines Leibes auf meine Bruſt hin warft Dieſes Ereigniß benahm mir vollends alle Beſinnung; ich ver⸗ doppelte mein Hülferufen, das jedoch in dem Schlachtlärm unver⸗ nommen verhallte. Als ich dieß einſah, ſo verließ mich alle Ge⸗ duld, und ich wurde wahnſinnig. Meine Wuth ergoß ſich in Flü⸗ 120 chen und Verwünſchungen, bis ich, nach gänzlicher Erſchöpfung meiner Lebensgeiſter, ruhig ward, und alle Empfindung von der auf mir liegenden Laſt verlor. Das Gefecht währte bis Tagesanbruch, als Capitän Dakum, in der Ueberzeugung, daß er bei der Sache weder Ehre einlege, noch Etwas gewinne, vorgab, er habe ſich in der Flagge geirrt. Er rief daher dem Schiffe, welches die ganze Nacht hindurch den Kampf mit uns beſtanden hatte, mit dem Sprachrohre die Be⸗ theuerung zu, er habe ſie für Spanier gehalten, hieß darauf, als jetzt die Kanonen auf jeder Seite ſchwiegen, das große Boot herab⸗ zulaſſen, und ging an Bord des franzöſiſchen Commodore. Unſer Verluſt betrug zehn Getödtete und achtzehn Verwundete, von denen der größte Theil ſpäter ſtarb. Als meine Mitgehülfen ihr Geſchäft im Verſchlage beendigt hatten, ſo kamen ſie voll freund⸗ licher Theilnahme zu mir. Morgan, der zuerſt hinaufſtieg, und mein Antlitz faſt ganz mit Hirnmaſſe und Blut bedeckt ſah, ſchloß daraus, ich gehöre nicht mehr dieſer Welt an, weßhalb er Thomp⸗ ſon mit großer Rührung zurief, er ſolle heraufkommen, und von ſeinem Freunde und Landsmann den letzten Abſchied nehmen, denn vieſer werde an einen beſſern Ort entrückt ſeyn, wo es weder Mackſhane's noch Hakum's mehr gäbe, um ihn zu verläumden und zu quälen. „Nein!“ ſagte er, und nahm mich bei der Hand,„Du biſt nun in eine Heimath abgerufen worden, wo mehr Rückſicht auf unglückliche Gentlemen genommen wird, und wo Du zuverſichtlich hoffen darfſt, Deine Feinde auf feurigem Schwefel brennen zu ſehen.“ Thompſon, erſchreckt durch dieſe Anrede, eilte an den Platz, wo ich lag, ſetzte ſich neben mich, und frug, mit Thrä⸗ nen in den Augen, was mir widerfahren ſey. Jetzt hatte ich meine Beſinnung ſo weit erhalten, daß ich im Stande war, ver⸗ nünftig mit meinen Freunden zu ſprechen, die ich, zu ihrer großen 121 Frende, in Betreff ihrer Beſorgniß, ich möchte tödtlich verwundet ſeyn, ſogleich eines Andern belehrte. Nachdem ich mich von der Blutlache, worin ich ſchwamm, ge⸗ ſäubert, und eine Erfriſchung, welche meine Freunde mir brachten, genoſſen hatte, ſo unterhielten wir uns von den ausgeſtandenen Gefahren, und drückten uns ſehr frei über die Urheber unſeres Unglücks aus. Zedoch unſer Geſpräch wurde von der, mir beige⸗ gebenen, Wache vernommen, die nach ihrer Ablöſung dem Capitän jede Sylbe unſerer Unterhaltung berichtete; denn ſie hatte Ordre hiezu empfangen. Der Erfolg dieſer Benachrichtigung that ſich bald kund durch die Ankunft des Sergeanten, welcher Morgan die Feſſeln wieder anlegte, und dem zweiten Gehülfen die Warnung ertheilte, ſeine Zunge beſſer zu hüten, wofern er nicht uns Geſellſchaft leiſten wolle. Thompſon, der vorausſah, daß der ganze Sklavendienſt, die Kranken und Verwundeten zu beſorgen, nebſt Mackſhane's Grau⸗ ſamkeit, jetzt auf ſeine Schultern zu liegen kommen werde, gerieth über dieſe Ausſicht in Verzweiflung, und ſtieß, ungeachtet ich frü⸗ her niemals Flüche aus ſeinem Munde gehört hatte, ſchreckliche Verwünſchungen gegen ſeine Unterdrücker aus, mit der Erklärung, lieber ganz dem Daſeyn entſagen, als noch länger unter dem Drucke ſolcher Barbaren leben zu wollen. Ueber dieſen lebhaften Ausdruck ſeines Unwillens war ich nicht wenig erſtaunt und beun⸗ ruhigt; ich ſuchte daher ſeine Klagen dadurch zu beſchwichtigen, daß ich ihm ſo grell als möglich das Gemälde meiner eigenen Lage unter die Augen hielt, wobei er beurtheilen möchte, ob das Ueber⸗ gewicht des Unglücks auf meine Seite ſich neige oder nicht; er möchte von mir Standhaftigkeit und Unterwerfung lernen, ſo lange, bis wir uns Genugthuung zu verſchaffen im Stande wären, eine Gelegenheit, welche nicht ausbleiben werde, wenn wir bedächten, daß wir wahrſcheinlich binnen weniger als drei Tagen in einen 122 Hafen einlaufen würden, wo wir unſere Klage dann vor dem Admiral bringen könnten. Der Walliſer ſtellte ihm das Gleiche vor, und gab ſich Mühe, zu beweiſen, daß es in der Pflicht und dem Intereſſe eines jeden Menſchen liege, ſich dem göttlichen Willen anheim zu geben, und als eine Schildwache anzuſehen, die vor ihrer Ablöſung unter keiner Bedingung ihren Poſten verlaſſen dürfe. Thompſon horchte aufmerkſam auf dieſe Worte; endlich aber brach er in eine Fluth von Thränen aus, ſchüttelte ſein Haupt, und verließ uns, ohne etwas hierauf zu erwiedern. Gegen eilf Uhr Nachts kam er wieder zu uns, mit düſterer Ruhe in ſeinen Mienen, und ließ uns wiſſen, er habe ſeitdem unbeſchreiblich ſich anſtrengen müſſen, zum Danke aber habe ihn der Doktor grob angefahren und beſchuldigt, er ſey unſer Mitverſchworner in unſern Anſchlägen auf ſein und des Capitäns Leben. Nachdem wir uns eine Zeitlang gegenſeitig er⸗ muntert und getröſtet hatten, erhob er ſich, drückte mir die Hand mit ungewöhnlicher Wärme, und rief:„Gott ſchenke euch Beiden ſeinen Segen!“ Hierauf ließ er uns erſtaunt über dieſe ſonder⸗ bare Weiſe ſeines Abſchieds zurück, der nicht verfehlte, auf uns Beide tiefen Eindruck zu machen. Als am darauf folgenden Morgen die Runde gemacht vndo vermißte man dieſen unglücklichen jungen Mann, und gab nach ſorgfältigem Nachſuchen der Vermuthung Raum, er möchte bei Nacht über Bord gegangen ſeyn, und dieß verhielt ſich in That ſo. 123 Dreißigſtes Kapitel. Wir beklagen das Schickſal unſeres Gefaͤhrten; der Capitan bietet Morgan die Freiheit an, welche dieſer jedoch zuruͤckweist; wir werden vor ihn ge⸗ bracht und verhoͤrt; Morgan wird in das Gefaͤngniß zuruͤckgeſchickt, wohin man mich nach einem ſonderbaren Verhoͤre ebenfalls wiederum bringt. Die Botſchaft von dieſem Ereigniſſe ergriff meinen Mitge⸗ fangenen und mich tief, da unſer unglücklicher Freund in der letzten Zeit durch ſein liebreiches Benehmen unſer Beider Achtung und Zuneigung gewonnen hatte. Unſer Bedauern über ſein ſo frühes Ende war um ſo größer, je mehr wir uns über den Schurken, der zweifelsohne die Urſache deſſelben war, entſetzten. Dieſes ver⸗ worfene Geſchöpf äußerte nicht das mindeſte Zeichen von Theil⸗ nahme an Thompſons Tod, ungeachtet ihm ſein Gewiſſen ſagen mußte, er habe durch ſchlimme Behandlung dieſen Entſchluß in dem jungen Manne zur Reife gebracht. Im Gegentheil drückte er dem Capitän blos den Wunſch aus, er möchte Morgan wieder frei laſſen, damit derſelbe die Patienten beſorge. Demzufolge ward Einer von den Unteroffizieren hinaufſgeſchickt, um ihm die Feſſeln abzunehmen. Jedoch Morgan betheuerte, er werde ſich nicht von den Feſſeln befreien laſſen, bis er wiſſe, weshalb man ihn eingeſperrt habe; er ſey weder eine Raketenkugel, noch ein Federball, noch ein Laſtthier, noch ein Aſchenbrödel für keinen Capitän unter der Sonne. Als Oakum ihn hartnäckig fand, und deshalb fürchtete, ſeine Tyrannei nicht länger mehr ungeſtraft fortſetzen zu dürfen; ſo ent⸗ ſchloß er ſich, einigen Schein von Gerechtigkeit zu zeigen, und gab deßhalb den Befehl, man ſolle uns Beide vor ihn auf das Halb⸗ verdeck bringen, wo er mit ſeinem Schreiber auf der einen Seite und ſeinem geheimen Rathe Mackſhanne auf der andern in Uni⸗ form ſaß. 124 Als wir näher kamen, ſo begrüßte er uns mit folgenden Worten:„So, ihr Herren, verdammt will ich ſeyn! manch' anderer Capitän in königlichen Seedienſten hätte Euch Beide wegen Eurer Verbrechen, ohne Richterſpruch, an das Nock aufknüpfen laſſen; allein, Gott verdamm' mich! ich bin zu gutmüthig, daß ich ſolchen Hunden, wie Ihr ſeyd, noch geſtatte, ſich zu ver⸗ theidigen.“ „Capitän Oakum!“ ſprach hierauf mein Leidensgenoſſe,„ge⸗ wiß ſteht es in Eurer Macht(Gott ſey es geklagt!) uns alle nach Eurem Belieben, Wunſch und Willen aufzuknüpfen; und vielleicht wäre es für den Einen oder den Andern von uns beſſer, ſich auf⸗ knüpfen zu laſſen, als unſern bisherigen Jammer länger zu er⸗ tragen. Eben ſo gut kann der Landmann zu ſeiner Beluſtigung, Unterhaltung und Ergötzung ſeine Zicklein aufhängen. Allein es gibt ſo ein Ding, das Gerechtigkeit heißt, wenn nicht auf Erden, ſo doch ſicherlich im Himmel, und dieſe wird mit Feuer und Schwefel alle diejenigen ſtrafen, welche aus Muthwillen und Bar⸗ barei— ſeht Ihr!— Unſchuldigen das Leben genommen haben. Indeſſen ſoll es mir lieb ſeyn, wenn ich die mir zur Laſt gelegten Verbrechen erfahre, und die Perſon, welche mich anklagt, kennen lerne.“ „Das ſollt Ihr,“ erwiederte der Capitän,„tretet näher, Doctor! was habt Ihr zu ſagen?“ Hierauf that Mackſhanne einen Schritt vorwärts, und räuſperte ſich eine Zeitlang, um ſeine Kehle zu reinigen; allein, bevor er zu ſprechen anfing, redete Morgan ihn auf folgende Weiſe an: „Doctor Mackſhanne! ſeht mir in's Geſicht, ſeht einem ehrli⸗ chen Manne, der einen falſchen Zeugen wie den Teufel, verab⸗ ſcheut, in's Geſicht, und Gott ſey Richter zwiſchen Euch und mir!“ Ohne dieſe Beſchwörung zu beachten, hielt der Doctor, ſo viel ich mich erinnern kann, ungefähr folgende Rede:„Ich will Euch, Herr Morgan, was ſagen. Sicherlich hat das, was Ihr in 125 Betreff des Biedermannes ſaget, ſeine Richtigkeit; und wenn es ſich zeigt, daß Ihr einer ſeyd, ſo geht meine Meinung dahin, daß Ihr verdient, in Betreff vorliegender Sache freigeſprochen zu werden; denn ich will Euch was ſagen, Kapitän Oakum iſt ent⸗ ſchloſſen, Jedermann Recht angedeihen zu laſſen; mich anlangend, ſo habe ich nur anzuführen, daß ich davon in Kenntniß geſetzt worden bin, Ihr hättet unehrbietige Aeußerungen zum Rachtheile Eures Capitäns gethan, eines Mannes, der zuverläßig der ehren⸗ wertheſte und edelmüthigſte Befehlshaber in königlichen Dienſten iſt, wie Mann, Weib und Kind eingeſtehen muß.“ Nachdem er dieſe zierliche Rede, worauf er ſtolz zu ſeyn ſchien, gehalten hatte, antwortete ihm Morgan ſo:„Halb und halb er⸗ rathe, vermuthe und begreife ich Eure Abſicht, die ich noch näher auseinander ſetzen möchte; allein ich will hoffen, daß man mich nicht auf bloßes Hörenſagen hin verdammen werde; oder wenn man mich überführt, daß ich unehrbietig gegen Capitän Oakum ſprach, ſo hoffe ich, liegt kein Hochverrath in meinen Worten.“— „Aber auſrühreriſche Abſicht, bei Gott! und darauf ſteht nach den Kriegsartikeln der Tod!“ ſchrie HOakum:„indeſſen rufet die Zeugen herbei!“ Hierauf erſchien Mackſhane's Bedienter, und unſer Auf⸗ wärter bei Tiſche, den ſie zu dieſem Zwecke verführt und unter⸗ wieſen hatten. Der Erſtere gab die Erklärung von ſich, Morgan habe eines Tags, als er die Leiter zu unſerer Kammer hinabge⸗ ſtiegen, auf den Capitän geſtucht, und ihn eine wilde Beſtie ge⸗ nannt, wobei er hinzugefügt, man müſſe ihn als einen allgemeinen Feind des menſchlichen Geſchlechts niederſchießen. „Dieß,“ ſagte der Schreiber,„begründet ſtark die Annahme eines Anſchlags auf des Capitäns Leben. Denn wie ſollte es nicht? Es ſetzt vorbedachte Vosheit und eine verbrecheriſche Abſicht a priori voraus.“ „Richtig!“ erwiederte der Kapitän dieſem erbärmlichen Skribler, welcher eines Advokaten Laufjunge geweſen war,„an geſetzlichem 126 Beweis ſoll es Euch nicht fehlen; da iſt ſchon Cook und Littlejohn dafür.“ Dieſer Beweis wurde durch den Tiſchjungen bekräftigt, welcher behauptete, er habe den erſten Gehülſen ſagen hören, der Capitän habe eben ſo viel Mitleiden, als ein Bär, und der Doctor nicht mehr Hirn im Kopfe als ein Eſel. Hierauf wurde die Schild⸗ wache, welche unſer Geſpräch auf dem Hüttendeck mit anhörte, in Unterſuchung genommen, und ſie berichtete dem Gerichtshofe, der Walliſer habe mich verſichert, Capitän Dakum und Doctor Mackſhane würden in der Hölle auf Wogen von feurigem Schwefel für ihre Härte und Unmenſchlichkeit brennen müſſen. Der Schreiber bemerkte, dieß ſey eine offenbare praejudicatio, welche den früheren Verdacht einer Verſchwörung gegen Capitän Oakum's Leben be⸗ ſtätige; denn, wie könne Morgan ſo beſtimmt ſich ausſprechen, daß der Capitän und der Doctor verdammt werden würden, ſofern er nicht beabſichtige, beide aus dem Wege zu räumen, ehe ſie Zeit hätten, ihre Sünden zu beichten? Dieſe weiſe Erläuterung erwarb ſich den Beifall unſeres edlen Befehlshabers, der ausrief:„Nun Patron! was habt Ihr darauf zu erwiedern? man faßt Euch, ſcheint's, tüchtig im Rücken, Bruder, he?“ Morgan war zu ſehr vertraut mit den Begriffen eines gebil⸗ deten Benehmens, als daß er den Text hätte läugnen ſollen, ob⸗ wohl er deſſen Auslegung durchaus widerſprach. ZJetzt fuhr der Capitän mit wilder Miene gegen ihn auf, und ſagte:„So, Herr Taugenichts! Ihr geſtehet alſo, daß Ihr mich mit den Benennungen Bär und Beſtie beehrtet, und meine Verdammung ausſprachet! Hol' mich der LTeufel! Ich habe große Luſt, Euch vor ein Kriegsgericht bringen und aufknüpfen zu laſſen, Ihr Hund! Hier trat Mackſhane, der eines Gehülfen bedurfte, dazwiſchen, und bat den Capitän, er möchte Herrn Morgan mit ſeiner ge⸗ wohnten Güte unter der Bedingung verzeihen, daß der Delinquent auf eine ſeinem Vergehen angemeſſene Weiſe ſich vor ihm, dem Capitän, demüthige. Der Cambrobrite abes, welcher in dieſem 127 Falle ſelbſt vor dem Großmogul, und wenn er von ſeiner Leib⸗ wache umgeben geweſen wäre, ſich nicht gebeugt haben würde, dankte dem Doctor für deſſen Vermittlung, und bekannte ſich in ſofern für ſchuldig, daß er Gottes Ebenbild eine Beſtie genannt habe;„jedoch,“ fuhr er fort,„ich ſprach in einer Metapher und Parabel, vergleichungsweiſe und ſinnbildlich; wie wir Sanftmuth durch ein Lamm, Geilheit durch einen Bock und Liſt durch einen Fuchs andeuten, ſo vergleichen wir Unwiſſenheit mit einem Eſel, Rohheit mit einem Bären und unvernünftige Wuth mit einem Tiger. Deßhalb bediente ich mich dieſer Analogieen, um meine Empfindungen— ſeht Ihr!— zu veranſchaulichen; und das, was ich vor Gott geſagt habe, werde ich vor keinem Menſchen noch Thiere zurücknehmen.“ Oakum gerieth über dieſen Uebermuth, wie er es nannte, ſo in Wuth, daß er Morgan ohne Weiteres in ſein Gefängniß zurück⸗ führen ließ, und ſeinem Schreiber befahl, zu meinem Verhöre zu ſchreiten. Die erſte mir vorgelegte Frage betraf den Ort meiner Geburt, wofür ich den Norden Schottlands erklärte.„Der Norden Irlands vielleicht eher!“ ſchrie der Capitän,„doch wir werden Euch ſogleich auf den Puls fühlen.“ Hierauf frug er, zu welcher Religion ich mich bekenne, und ſchwur, als ich ſagte, ich ſey ein Proteſtant, daß ich ein ſolcher Papiſt ſey, als je einer zur Meſſe gegangen.„Kommt, kommt, Schreiber!“ fuhr er fort,„katechi⸗ ſirt ihn ein wenig über dieſen Gegenſtand!“ Ehe ich jedoch die Fragen des Schreibers berichte, wird es am Platze ſeyn, dem Leſer zu ſagen, daß dieſer Befehlshaber ſelbſt ein Irländer, und, der ſtärkſten Vermuthung zufolge, ein Erzkatholik war.„Ihr behauptet, ein Proteſtant zu ſeyn,“ ſagte der Schreiber; „ſo macht denn das Zeichen des Kreuzes mit Eurem Finger, ſo! und beſchwört dieſe Behauptung!“ Als ich die Ceremonie voll⸗ bringen wollte, rief der Capitän in einiger Bewegung:„Nein, 128 W nein, Goit verdamm' mich! ich will keine Entweihung. Fahrt nur fort mit Euren Fragen! „Wohlan denn! wie viel Sakramente giebt es?“ Hierauf erwiederte ich„zwei.“ „Wie heißen ſie?“ ſagte er. Ich erwiederte:„die Taufe und das heilige Abendmahl.“ „So würdet Ihr alſo die Firmung und Ehe ganz ausſchließen ſprach Hakum.„Ich hielt dieſen Burſchen für einen Erzrömling.“ Der Schreiber konnte, ungeachtet er eines Anwalts Zögling war, ſich nicht enthalten, über dieſen ſtarken Schnitzer zu erröthen, welchen er jedoch durch die Bemerkung zu bemänteln ſuchte, ich würde mich in ſolchen Fallſtricken nicht fangen laſſen, denn ich ſchiene ihm ein abgefeimter Gauner zu ſeyn. Er fuhr weiter mit der Frage fort, ob ich an die Transſubſtantiation glaube; jedoch ich verfuhr mit dem Glauben an eine wirkliche Gegenwart Chriſti im Abendmahl ſo rückſichtslos, daß ſein Gönner an meiner Gott⸗ loſigkeit Anſtoß nahm, und ihm befahl, auf das Complott über⸗ zugehen. Hierauf ſagte dieſer erbärmliche Zungendreſcher zu mir, man habe ſtarken Grund zu der Vermuthung, ich ſey ein Spion an Bord, und habe mit Thompſon und einigen Andern, deren Namen man nicht kenne, eine Verſchwörung gegen Capitän Dakum's Leben angezettelt; ein Anklagepunkt, deſſen Beweis ſie auf die Ausſage unſers Tiſchjungen ſtützten. Dieſer gab nämlich an, er habe den verſtorbenen Thompſon und mich leiſe mit einander reden hören, und deutlich folgende Worte unterſcheiden können:„Oakum, Schurke, Gift, Piſtole.“ Dieſe Ausdrücke ließen vermuthen, daß wir uns verbrecheriſcher Mittel, um deſſen Tod herbeizuführen, pätten bedienen wollen. Auch ſcheine Thompſon's Tod dieſe Ver⸗ muthung zu beſtätigen; denn dieſer habe entweder aus Gewiſſens⸗ biſſen darüber, daß er ſich in eine ſo abſcheuliche Verſchwörung verwickelt habe, oder aus Furcht vor einer Entdeckung, welche 129 unfehlbar ihm einen ſchimpflichen Tod zugezogen haben würde, ſeinem eigenen Leben ein Ende gemacht. Was jedoch die Wahr⸗ heit des Ganzen beſiegle, ſey ein unter meinem Papiere gefundenes Schreibbuch, das mit einem nach Thompſon's Verſchwinden in ſeiner Kiſte gefundenen genau harmonire. Dieß, bemerkte er, komme faſt einem beſtimmten Beweiſe gleich, und jedes Gericht in der ganzen Chriſtenheit würde ſich dadurch veranlaßt finden, meine Schuld anzuerkennen. Ich führte zu meiner Vertheidigung an, daß man mich zuerſt ſehr wider meine Neigung an Bord geſchleppt habe, wie ich durch das Zeugniß Einiger von der Schiffsmannſchaft zu beweiſen im Stande ſey, folglich hätte ich auch keine Abſicht haben können, die Rolle eines Spions auf dem Schiffe zu ſpielen, auch ſey ich, von jenem Zeitpunkte an, in keiner ſchriftlichen Verbindung mit irgend Jemand geſtanden, welche mit Recht ſolchen Verdacht auf mich zu wälzen vermöchte. Was aber die Verſchwörung gegen das Leben meines Capitäns anlange, ſo laſſe ſich nicht vermuthen, daß Jemand mit geſundem Verſtande den leiſeſten Gedanken an ein ſolches Unternehmen in ſich aufkommen laſſe, welches er, wäre er auch noch ſo geneigt dazu, nicht ausführen könne, ohne ſich auf zuver⸗ läßige Weiſe ſelbſt zu beſchimpfen und zu Grunde zu richten. Gäbe man aber auch zu, daß des Liſchjungen Zeugniß wahr ſey, Was jedoch, nach meiner Verſicherung, von Erdichtung und Bos⸗ heit herrühre), ſo laſſe ſich doch aus einigen unzuſammenhängenden Worten kein Schluß ziehen. Ferner ſey Thompſon's unglückliches Ende kein Beweis weiter für die mir zur Laſt gelegte Sache; denn in meiner Taſche befinde ſich ein Schreiben, das nur allzugut dieſes Dunkel aufhelle, jedoch auf eine von der behaupteten An⸗ nahme ganz abweichende Weiſe. Mit dieſen Worten zog ich fol⸗ genden Brief hervor, den Jack Rattlin mir an dem Tage nach Thompſon's Verſchwinden überbracht, und dabei geſagt hatte, er ey ihm von dem Verſtorbenen übergeben worden, der ihm das Smollet's Romane. H. 9 130 Verſprechen abgenommen habe, das Schreiben nicht bälder abzu⸗ liefern. Der Schreiber nahm es mir aus der Hand, und las mit lauter Stimme ſeinen Inhalt vor, der ſo lautete: Theurer Freund! Die Leiden, welche ich Tag und Nacht erdulde, verbunden mit der harten Behandlung von Seiten des Doctor Mackſhane, der auf Euer und mein Verderben finnt, drücken mich dergeſtalt nieder, daß ich entſchloſſen bin, mich von diefem Jammerleben frei zu ma⸗ chen, und, bevor Ihr dieſe Zeilen erhaltet, nicht mehr äm Leben ſeyn werde. Ich hätte gewünſcht, in eurer guten Meinung zu ſterben, die ich— ſo beſorge ich— durch die letzte Handlung meines Lebens verwirken werde. Jevoch, könnt Ihr mich auch nicht freiſprechen, ſo hege ich die gewiſſe Ueberzeugung, Ihr werdet dem Andenken eines unglücklichen jungen Mannes, der Euch ſeine Zu⸗ neignng weihte, einige Rückſicht angedeihen laſſen. Ich lege es Euch dringend an's Herz, nehmet Euch vor Mackſhane in Acht! denn ſeine Rache iſt unverſöhnlich. Ich wünſche Euch, ſo wie Herrn Morgan, alles Glück, dem Ihr meinen letzten Gruß ſagen möchtet, und bitte Euch, ſtets meiner zu gedenken, als Eures un⸗ glücklichen Freundes und Landsmanns. S Wilhelm Thompſon. Kaum war dieſer Brief vorgeleſen, als Mackfhane in ver hef⸗ tigſten Wuth ihn dem Schreiber aus der Hand und in tauſend Stücke riß, mit der Erklärung, er fey ein ſchurkiſches Machwerk, das ich ſelbſt verfaßt und geſchmiedet hätte. Der Capitän und der Schreiber ſtimmten ihm bei, ungeachtet ich darauf beſtand, daß man die Stücke des Briefs mit andern Schriften Thompſon's ver⸗ gleiche, welche in ihrem Beſitze ſeyen. Hierauf befahl er mir, auf den letzten Anklagepunkt, nämlich wegen des unter meinen Papie⸗ ren gefundenen und in Ziffern geſchriebenen Buchs Rede zu ſte⸗ hen.„Dieß iſt leicht gethan,“ ſagte ich.„Was Euch beliebt, 131¹ Ziffern zu nennen, ſind Nichts weiter, als griechiſche Schriftzüge, worin ich zu meiner Unterhaltung ein Tagebuch über alles Merk⸗ würdige anfertigte, was meiner Beobachtung vom Anfange der Reiſe an bis zu dem Tage, wo man mich in Feſſeln legte, auf⸗ ſtieß. Daſſelbe that auch Thompſon, der mein Buch copirte.“ „Eine ſehr wahrſcheinliche Geſchichte!“ ſchrie Mackſhane; „wozu hättet Ihr Euch griechiſcher Schriftzüge bedient, wenn Ihr Euch nicht vor Entdeckung Eurer Schrift gefürchtet hättet? Doch was ſprecht Ihr von griechiſchen Schriftzügen 2 Haltet Ihr mich für ſo unwiſſend in der griechiſchen Sprache, daß ich ihre Buchſta⸗ ben nicht von denen unterſcheiden könnte, welche eben ſo wenig griechiſch als chineſiſch ſind? Nein! nein! ich will meine Kennt⸗ niß des Griechiſchen weder um Euretwillen, noch wegen irgend Eines Eurer Landsleute aufgeben!“ So ſprechend wiederholte er mit beiſpielloſer Frechheit Etwas in rothwelſchem Dialekte, das dem Klange nach Friſch zu ſeyn ſchien, und gab es gegen den Ca⸗ pitän für Griechiſch aus, der hierauf, mit verächtlichem Hohne auf mich blickend, ausrief:„Aha, habt Ihr den Lügenteufel beim Kra⸗ gen erwiſchtL“ Ich konnte mich bei der vollendeten Dreiſtigkeit dieſes Irlän⸗ ders eines Lächelns nicht erwehren, und erbot mich, die Entſchei⸗ dung des Streits Jedermann an Bord, der das griechiſche Alpha⸗ bet verſtände, zu überlaſſen. Hierauf ward Morgan wieder vor⸗ geführt, der, nachdem man ihn mit der Sache bekannt gemacht hatte, die Schrift in die Hand nahm, und eine ganze Seite ohne Anſtoß auf Engliſch vorlas, indem er ſo den Streit zu meinen Gunſten entſchied. Der Dortor wurde durch dieſe Entdeckung ſo wenig außer Saſſung gebracht, daß er vielmehr behauptete, Morgan ſei in das Geheimniß eingeweiht, und wiederhole nur das, was er erfunden habe. Oakum ſagte hierauf:„Jal ja! ich ſehe, ſie ſtecken beide auter Einer Decke,“ und ſchickte meinen Mitgehülfen in ſeine 132 Kammer zurück, obgleich ich vorſchlug, er und ich ſollten getrennt von einander ein Kapitel oder einen Vers in ſeinem eigenen grie⸗ chiſchen Teſtament, wenn er eines befäße, leſen und überſetzen, wo es ſich dann zeigen würde, ob wir over der Doctor die Wahr⸗ heit geſprochen hätten. Da ich nicht ſo viel Beredtſamkeit beſaß, um den Capitän zu überzeugen, daß hiebei keine Täuſchung oder Verabredung zu Grunde liegen könne, fo bat ich, man möchte mich durch irgend eine unparteiiſche Perſon an Bord, welche griechiſch verſtände, prü⸗ fen laſſen. Demzufolge wurde die ganze Schiffsmannſchaft, Of⸗ fiziere und alle Andere, auf das Verdeck zufammenberufen, und ihnen bekannt gemacht, daß, wenn Jemand unter ihnen griechiſch ſpreche, dieſes Individuum oder dieſe Individuen ſogleich das Halbverdeck beſteigen ſollten. Nach einer Paufe traten zwei Fockmaſtmänner hervor, und er⸗ kärten, ſie hätten diefe Sprache auf verſchiedenen Reiſen in die Levante unter den Griechen in Morea ſich angeeignet. Der Ca⸗ pitän freute ſich über diefe Ausſage ſehr, und gab mein Tagebuch Einem derſelben in die Hände, der aber aufrichtig geſtand, er könne weder leſen noch ſchreiben. Der Andere ſprach ſich in glei⸗ chem Sinne aus, behauptete aber, mit Jedermann an Bord Grie⸗ chiſch wälſchen zu können. Hierauf wandte er ſich gegen mich, und ſprach einige Sätze in einem gemeinen verdorbenen Dialekte, wel⸗ chen ich nicht verſtand. Ich erklärte, das Reugriechiſche ſey in Sprache und Schrift ſo verſchieden von dem Altgriechiſchen, wie das Engliſche, welches heutzutage geſprochen werde, von dem al⸗ ten Sächfiſchen, das zu Hengiſt's Zeit gäng und gäbe geweſen, und da ich blos die ächte urſprache der Griechen gelernt hätte, worin Homer, Pindar, die Evangeliſten und andere große Män⸗ ner des Alterthums geſchrieben, ſo dürfe man nicht annehmen, daß ich jedes Wort eines unvollſtändigen gothiſchen Dialektes, der aus den Trümmern des früheren entſtanden ſey, und kaum eine Spur 133 von der älteren Mundart beibehalten habe, verſtehen müſſe. Wenn jedoch Doctor Mackſhane, welcher ſich rühme, der griechiſchen Sprache mächtig zu ſeyn, mit dieſen Seeleuten ſich unterhalten könne, ſo wolle ich Alles, was ich geſagt habe, zurücknehmen, und mit jeder Strafe zufrieden ſeyn, welche er mir zu diktiren für paſſend erachten ſollte. Dieſe Worte waren kaum aus meinem Munde, als der Doctor, der einen von den beiden Matroſen als ſeinen Landsmann kannte, denſelben auf iriſch anredete und in der gleichen Zunge Antwort erhielt. Hierauf folgte ein Geſpräch zwiſchen ihnen, wovon ſie behaupteten, daß es in griechiſcher Sprache geſchehe, nachdem ſie ſich der Verſchwiegenheit des andern Matroſen, der ſeine Kenntniß der Sprache Morea's von ſeinem Gefährten beſaß, verſichert hatten, bevor ſie es ungeſcheut wagen durften, eine derartige Falſchheit zu behaupten. „Ich dachte mir's nicht anders,“ ſprach Hakum,„wir würden den Betrug am Ende herauskriegen. Führt den Schuft in ſein Gefängniß zurück! Ich ſche wohl, er muß baumeln.“ Da ich vor einem ſo ſehr von Haß eingenommenen und mit Unwiſſenheit gegen die Wahrheit verhärteten Gerichtshofe Nichts weiter zu meiner Vertheidigung anbringen konnte, ſo ließ ich mich geduldig zu meinem Leidensgenoſſen zurückführen, der bei der Nachricht von dem Hergange des Verhörs Hände und Augen zum Himmel aufhob, und einen der kläglichſten Seufzer ausſtieß, hier⸗ auf aber, weil er es nicht wagte, mir ſeine Gedanken in Worten mitzutheilen, damit die Schildwache ſie nicht höre, in einen wäl⸗ ſchen Geſang ausbrach, den er mit tauſend Geſichtsverzerrungen und heftigen Bewegungen des Körpers begleitete. 134 Einunddreißigſtes Kapitel. Ein zwiſchen zweien der Zengen entſtandener Streit bringt das gegen mich geſpielte Complott an den Tag; in Folge dieſes umſtands werde ich in Freiheit geſetzt und bewege Morgan, ſeine Freiheit unter den gleichen Bedingungen anzunehmen; Mackſhane's Bosheit; wir erreichen Jamaika, von wo aus wir bald darauf, vereinigt mit dem weſtindiſchen Geſchwader, nach Hiſpaniola ſegeln; wir nehmen Waſſer ein, ſetzen unſere Fahrt wie⸗ der fort und langen vor Carthagens an; Betrachtungen uͤber unſer dor⸗ tiges Benehmen. Unterdeſfen war zufälligerweiſe zwiſchen den beiden Neugrie⸗ chen ein Streit entſtanden, deren Einer aus Rache gegen den An⸗ dern zu uns kam, und das Geheimniß von Mackſhane's oben er⸗ wähntem Zwiegeſpräch uns enideckte. Dieß gelangte zu den Ohren des Doctors, der wohl wußte, daß wir(weil Jamaika uns im Geſichte lag) Gelegenheit bekommen würden, uns vor einem Kriegs⸗ gerichte zu reinigen, und zugleich ſeine Bosheit und Unwiſſenheit an vas Tageslicht zu bringen. Er verwandte ſich deßhalb bei dem Capitän ſo wirkſam für uns, daß wir nach wenigen Stunden un⸗ ſere Freiheit und den Befehl erhielten, zu unſerer Pflicht zurück⸗ zukehren. Dieß war ein glücklicher Umſtand für mich, da mein ganzer Leib von der Sonne entzündet war, und meine Glieder aus Mangel an Bewegung im Zuſtande der Erſtarrung ſich be⸗ fanden. Doch mit Mühe vermochte ich den Walliſer, von dieſer Erlaubniß Gebrauch zu machen, da er hartnäckig darauf beſtand, gefeſſelt bleiven zu wollen, bis er durch ein Kriegsgericht, das ihm gegen ſeine Feinde Gerechtigkeit verſchaffen werde, freigeſprochen worden ſep. Endlich ſtellte ich ihm den zweifelhaften Ausgang einer Interſuchung, ſo wie die Macht und den Einfluß ſeiner Geg⸗ ner vor, und ſchmeichelte ſeiner Rache durch die Hoffnung, mit eigener Hand Mackſhane nach unſerer Rückkehr in die Heimath 135 zu Rechenſchaft ziehen zu können. Dieſer letztere Grund wirkte ſtärker bei ihm, als alle Uebrigen, und vermochte ihn, ſich mit mir in unſern Verſchlag zu begeben, den wir kaum betreten hatten, als die Vorſtellung meines dahin geſchiedenen Freundes ſich meinem Gedächtniſſe aufdrang, und meine Augen mit Thränen füllte. Wir entließen den Burſchen, der ſo treulos gegen uns ge⸗ handelt hatte, von unſerem Tiſche, trotz ſeiner Thränen, Bitten und Betheuerungen ſeiner Reue über das Geſchehene. Bevor wir dieß ausführten, hatten wir jedoch noch das Geſtändniß von ihm erpreßt, der Doctor habe ihn, um ihn für ſeine Abſichten gegen uns zu gewinnen, mit ein Paar Strümpfen und zwei baumwolle⸗ nen Hemden beſchenkt, die ſein Bedienter ihm unterdeſſen geſtohlen habe. Als die Schlüſſel zu unſern Koffern und Schränken uns von dem Doctor zugeſchickt wurden, ſo ließen wir ſeinen Boten ſo lange in unſerem Beiſeyn, bis wir den Inhalt jener verſchloſſenen Räume durchmuſtert hatten. Mein Amtsgenoſſe fand ſeinen Cheſhire⸗Käſe bis auf eine Kruſte verzehrt, ſeine Branntweinflaſche leer und ſeine Zwiebel verſchwunden, worüber er in den bitterſten Zorn gerieth, und denſelben an Mackſhane's Bedienten durch Flüche und Verwün⸗ ſchungen ausließ, mit der Drohnng, ihn als Dieb verfplgen zu wollen. Der Vurſche ſeinerſeits ſchwur, er habe die Schlüſſel nie in der Hand gehabt, bis zu der Zeit, wo er dieſelben von ſeinem Herrn, mit dem Befehle, ſie uns einzuhändigen, erhalten habe. „So wahr Gott mein Richter, Heiland und Zeuge iſt ⸗ ſchrie Morgan,“ derienige, welcher meine Speiſevorräthe geplün⸗ dert hat, iſt ein lauſiger, bettelhafter, ſchurkiſcher Schlingel; und bei meines Großvaters Seele! ich will ihn der Räuberei anklagen, überführen und überweiſen, wüßte ich nur, wer er iſt!“ Wäre dieſes Unglück auf offener See geſchehen, wo dieſer Ver⸗ luſt nicht wieder hätte erſetzt werden können, ſo hätte, aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit zufolge, dieſer Abkömmling des Caractacus völlig 136 ſeinen Verſtand verloren. Als ich aber bemerkte, wie leicht vieſer unbedeutende Uebelſtand ſich heben ließe, ſo ward er ruhiger, und verſöhnte ſich mit dieſem Unfalle. Eine kleine Weile nach dieſem Zornausbruche kam der Doctor in unſern Verſchlag unter dem Vorwande, aus dem Medizin⸗ kaſten Etwas holen zu wollen, und wünſchte uns mit lächelnder Miene zu unſerer Freilaſſung Glück, indem er ſagte, er habe die⸗ ſelbe mit großer Mühe von dem Capitän erhalten, der über unſer Benehmen außerordentlich entrüſtet ſey. Allein er, der Doctor nämlich, habe ſich für unſer künftiges Betragen verbürgt, und hoffe, wir würden ihm keine Veranlaſſung geben, dieſe Gefällig⸗ keit bereuen zu müſſen. Ohne Zweifel erwartete er von uns für dieſe vorgeblichen Dienſte Aeußerungen des Dankes nebſt der Er⸗ klärung zu hören, Alles hinter uns Liegende vergeſſen und verge⸗ ben zu wollen. ZJedoch er hatte es nicht mit Leuten zu thun, die ſo leicht, wie er ſich einbildete, geneigt ſchienen, Beleidigungen zu vergeben oder zu vergeſſen, daß, wenn auch unſere Freilaſſung vurch ſeine Dazwiſchenkunft bewirkt worden, doch ſeine Bosheit die Veranlaſſung zu unſerm Unglück geweſen ſey. Ich blieb deßhalb ſitzen, ohne eine Sylbe zu erwiedern, und mein Gefährte entgeg⸗ nete hierein:„Ja! ja! es pat Nichts auf ſich— Gott ſieht in das Herz— ein Zegliches hat feine Zeit, wie der Weife ſich aus⸗ drückt: das Steineſammeln und das Steinewegwerfen hat ſeine Zeit.“ Dieſe Antwort ſchien ihm die Faſſung zu benehmen, und er entfernte ſich bitterböſe, Etwas wie„Undankbarkeit“ und „Schlingel“ vor ſich hinmurmelnd, wovon wir jedoch keine Notiz zu nehmen für gut fanden. Rachdem unſere Flotte ſich mit einer andern, die uns erwar⸗ tete, vereinigt hatte, legten wir uns faſt einen Monat lang in Port⸗Royal auf Jamaika vor Anker, eine Zeit, die gewiß nicht ganz ohne Bedeutung für uns verſtrich, ungeachtet Einige unter uns behaupteten, wir hätten an dieſem Platze ganz und gar Nichts — 137 zu thun; und die weſtindiſche Flotte hätte ſich, um den Vortheil der für unſer Unternehmen günſtigen Jahreszeit zu benützen, da ſie von unſerer Ankunft vorläufige Kenntniß gehabt, am Weſtende von Hiſpaniola mit den nöthigen Vorräthen und Erfriſchungen uns anſchließen ſollen, um von da aus geradehin nach Carthagena ſegeln zu können, ehe der Feind ſich in guten Vertheidigungsſtand zu ſetzen, oder eine Ahnung von unſerm Plane zu bekommen im Stande geweſen wäre. Ohne die Richtigkeit dieſer Behauptung entſcheiden zu wollen, genug! wir verließen Jamaika, und wand⸗ ten uns nach zehn oder vierzehn Tagen plötzlich gegen den Wind auf die Höhe der Inſel Vache, in der angeblichen Abſicht, die franzöſiſche Flotte, welche in der Nähe dieſes Platzes vor Anker liege, anzugreifen. Jedoch ſie war vor unſerer Ankunft nach Europa ab⸗ geſegelt, nachdem ſie zuvor ein Poſtſchiff nach Carthagena mit der Nachricht von unſerer Anweſenheit in dieſen Gewäſſern, von un⸗ ſerer Stärke und unſern Abſichten geſchickt hatte. Wir blieben hier noch einige Tage liegen, um Holz und Brackwaſſer einzuneh⸗ men. Bei dem Gebrauche des letzteren ſchien unſer Admiral jedoch auf die Geſundheit der Mannſchaft ſein Augenmerk zu richten, denn er verkürzte die Portion eines Jeden auf ein Quart täglich. Endlich ſogelten wir ab, und kamen in eine Bai windwärts von Carthagena, wo wir ankerten, und zehn Tage länger un⸗ thätig verweilten. Hier nahmen jedoch wieder verläumderiſche Per⸗ ſonen Veranlaſſung, das Betragen ihrer Vorgeſetzten zu rügen, indem ſie äußerten, dieſelben hätten durch dieſes lange Zögern nicht nur Zeit aufgeopfert, welche aber ſehr koſtbar ſep, wenn man die Nähe der Regenzeit bedenke, ſondern auch die Spanier ſich von einem Schrecken wieder erholen laſſen, welcher denſelben durch die Nähe einer engliſchen Flotte eingeflößt worden, die drei⸗ mal ſo zahlreich ſey, als je eine in dieſem Welttheile zuvor ſich gezeigt habe. Wenn man indeſſen mich um meine Anſicht über die Sache befragt haben würde, ſo hätie ich dieſen Aufſchub dem Evel⸗ 138 muthe unſerer Anführer beigemeſſen, welche einen Vortheil ver⸗ ſchmähten, den das Glück ihnen ſogar über einen Feind hätte geben können. Endlich lichteten wir jedoch die Anker, und näherten uns mehr der Hafenmündung, wo wir den Verſuch machten, unſere See⸗ truppen auszuſchiffen, welche ungeachtet des feindlichen Geſchützes, das Viele von ihnen niederſtreckte, auf der Bai ein Lager ſchlugen. Dieſem Umſtand, ein Lager unter den Wällen einer feindlichen Fe⸗ ſtung aufzuſchlagen, ein, meiner Meinung zufolge, bisher uner⸗ hörter Fall, lag vermuthlich der Plan zu Grunde, die Soldaten an das Feuern zu gewöhnen; denn ſie waren noch ohne Kriegs⸗ zucht, da die Meiſten von ihnen wenige Monate vorher vom Pfluge weggenommen worden waren. Dieſes Verfahren hatte neuen Stoff zu einem Ausfalle gegen das Miniſterium gegeben, deßhalb, weil es eine kleine Zahl ungeübter Recruten zu einer ſo wichtigen Unter⸗ nehmung abgeſandt habe, während ſo viele gediente Truppen un⸗ thätig zu Hauſe lägen. Doch hatte unſere Regierung zuverläßig ihre Gründe dazu, welche vielleicht mit andern Geheimniſſen ans Tageslicht kommen können. Wahrſcheinlich war man abgeneigt, Kerntruppen dieſem gefährlichen Dienſt zu vpfern, oder die Oberſten und Feldoffiziere der gedienten Corps, die meiſtentheils wegen eini⸗ ger dem Hofe geleiſteter Dienſte ihre Stellen als Sinecuren oder Penſionen betrachteten, weigerten ſich, einer ſo gefährlichen und gewagten Unternehmung ſich anzuſchließen, und ohne Zweifel hat ihnen dieß Niemand verdacht. . In unſerem Verlage iſt erſchienen: Die Ueberſchwänglichen. Komiſcher Roman von L. Bauer. 2 Bände. 8. br. 3 Thlr. oder 5 fl. 15 kr. Die Widerſprüche und Kämpfe der Zeit haben uns ſchon ſo vielen Verdruß gemacht, daß es wobl kein unbilliger Wunſch iſt, wenn wir auch einmal darüber lachen möchten. Zu dieſem Genuſſe ladet der Verfaſſer obgenannten Romans männiglich ein, vorausgeſetzt, daß man ſich entſchließen will zu thun, wie er gethan hat, Philoſophenmantel, Amtsrock, Brille und Buch auf die Seite zu legen und wie ein zufällig ins neunzehnte Jabrbundert gerathener Wandersmann mitten in das Ge⸗ tümmel hineinzublicken. Bald wird ſich's zeigen, daß die Gril⸗ len vergehen und der Groll verſchwindet. Denn in dieſem Buche findet der günſtige Leſer, wenn er anders ſich lieber er⸗ götzen als erzürnen mag, ein naturgetreues, buntfarbiges Ge⸗ mälde der Thorbeiten ſeiner Zeit in ihrer ganzen Ueber⸗ ſchwän glichkeit und wird uns, wenn er das Buch aus der Hand legt, Dank wiſſen, daß wir es ihm dargeboten haben. R e n von Ludwig Bechſtein. 8. br. 1 Thlr. 3 gr. oder fl. 48 kr. rhein. Inhart: I. Die Elemente.— II. Aphorismen und Betrachtungen uͤber ein Dutzend kleine Wörtlein.— III. Der Traum der Nach⸗ tigall.— IV. Die Thränen.— V. Von einigen alten deutſchen Sprüchwörtern.— VI. Die Engel des Lebens.— VII. Phiroſophie und Poeſie.— VIII. Naturſtimmen.— IX. Der Spaziergang.— X. Die Küſſe.— XI. Die Blume und das Menſchenleben.— XII. Cypreſſenkranz auf das Grab eines Freundes. (Aus einer Rezenſion: Jenger Lit.⸗-Zeit. 1832, Nro. 231.) In allen Schöpfungen dieſes Dichters thut ſich ein reichbegab⸗ ter Geiſt kund, ein tiefes Gemüth und die Fülle einer Phan⸗ taſie, die bald in üppiger Farbenpracht ſich gefällt, bald mit geheimem und doch immer angenehmem Schauer ins düſtere Reich des Wunderbaren uns hinüberführt. Nebſt allem dieſem feſſelt ein Reichthum an neuen Ideen, eine Gewandtheit der Sprache und eine Leichtigkeit der Darſtellung an ſeine Werke, und macht ihn uns ſo vertraut und lieb, als ob ſchon ein langjähriger Umgang ihn uns befreundet hätte.— Die„Ara⸗ besken“ reihen ſich dem Beſten ihres Verfaſſers an. Winterbrieke vom Verfaſſer der Herbſtblätter aus Holland, Belgien und Paris. 8. br. 1 Thlr⸗ 6 gr. oder 2 fl. Hat uns das ausgezeichnete Darſtellungstalent des geiſtvollen Reiſenden in den„Herbſtblättern“ mehr mit der ſchönen Natur um Paris, dem nördlichen Frankreich, Belgien und Hok⸗ land bekannt gemacht, ſo führt er uns mit den„Winterbrie⸗ fen“ zu den Feſten der Tuilerien und in die Salons der Pariſer haute volse, zeigt uns ihre hervorragendſten Erſcheinungen und zieht uns dann aus dem Geräuſch der Welthauptſtadt über Nantes, Bordeaux, Pau, in die Pyrenäen, von dä nach Mont⸗ pellier, Marſeille, Toulon, in den warmen Frühling des ſüdlichen Frankreichs, von wo aus wir ihn über Avignon, Lyon und Straß⸗ burg zurückbegleiten. ————— Berbstblätter aus Holland, Belgien und Paris. 8. Velin. br. 1 Thlr. 6 gr. oder 2 fl. Dieſes dreimonatliche Tagebuch eines der höhern Geſellſchaft angehörenden Reiſenden erſtattet den intereſſanteſten Bericht einer vom September bis Dezember 1836 unternommenen Reiſe von Dresden über Berlin, Hamburg, Oſtende und Brüſſel nach Paris und von da zurück über Mainz, den Rhein bis Cöln, Frankfurt, Caſſel und Weimar. Das Publikum, das ſich für dieſe Gattung von Lektüre ſchon längſt und mit Recht ausgeſprochen hat, wird in dieſen Briefen, die eine ſcharffinnige Beobachtungsgabe und eine glänzende Darſtellungsweiſe auszeichnen, volle Befriedigung finden. Bva Conſtrietvr. Roman von C. Spindler. Bwei Baͤnde 8. br. 4 Thlr. 6 gr. oder 6 fl. 24 kr. Man wird, ſagt eine Kritik über dieſes neueſte Erzeugniß des ſo beliebten Dichters, dieſem neuen Roman Spindlers ein ausge⸗ zeichnetes Lob nicht verſagen. Das bekannte treffliche Darſtellungs⸗ talent des Verfaſſers zeigt ſich hier eben ſo glänzend, als die Be⸗ gebenheiten mit Sicherheit und ruhiger Beſonnenheit entworfen und ausgeführt ſind. De„ P r Komiſcher Roman von Friedrich Seybold. gr. 12. br. 1 Rthlr. 15 gr.— 2 fl. 42 kr. Dieſer Roman ſteht in unſerer Literatur einzig in ſeiner Art da, denn noch hat kein Dichter die Verkehrtheiten und die Nichtigkeit unſerer neueſten Zeit mit ſo tiefer Ironie, mit ſolch' treffender Komik aufzufaſſen gewußt, wie Sey bold es im Patrioten verſuchte. Der Verfaſſer weiß das Leben, wie es iſt, und namentlich, wie es in Deutſchland iſt, auf eine ſolche lebendige und ergötzliche Weiſe darzuſtellen, daß wir, ohne zu viel zu ſagen, dieſem Patrivten im Fache des Romans kühn den Platz anweiſen dürfen, den Kotzebue's unübertreffliche Klein⸗ ſtädter im Reiche des Luſtſpiels einnehmen. Wir laden Alle, die traurigen Gemüthes ſind, zu deſſen Lectüre ein, ſie werden es uns Dank wiſſen, ihnen einen heitern Abend dadurch verſchafft zu haben. Panorama von München von A. Lewald. gweite Auflage. 1 2 Theile. 8. br. 3 Thlr. 6 gr. oder 5 fl. 24 kr. Der Verfaſſer, durch gebildeten Kunſtgeſchmack, reiche Phantafie und gefällige Darſtellungsgabe als Lieblingsſchriftſteller rühmlich vekannt, hat in ſeinem Album aus Paris, ſeinen Polni⸗ ſchen Novellen u. m. genugſam bewieſen, daß er mit Scharfblick die Sitten fremder Völker und Länder zu beobachten verſteht, und ſo ſtellt er auch in dieſem Gemälde von Mün⸗ chen ein farbenreiches und geiſtvolles Panorama vor dem Leſer auf, das bei anziehender Unterhaltung zugleich die Vaterlandskunde durch die lebendige Schilderung einer intereſſanten Stadt be⸗ reichert. Stuttgart. Hallberger'ſche Verlagshandlung