deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und geſe ebedingungen. S— Leihbibliothet 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. i 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſ eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat:— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 10 „3 5„—„ 3—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ſ der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. ₰ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. * Tobias Bmollet's humoriſtiſche Romane. Erſter Band. Roderich Nandom. Stuttgart. Ballberger'ſche Verlagshandlung. 1839. Roderich Random. Roman von Tobias Smollet. AWus dem Enugliſchen überſetzt von Ednard Keller. — Stuttgart. Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1839. Erſtes Kapitel. Von meiner Geburt und Verwandtſchaft. Iq erblicte das Licht der Vell im nördlichen Theile des vereinigten Königreichs im Hauſe meines Großvaters, eines Mannes von beträchtlichem Vermögen und Einfluſſe, der bei mancher Gelegenheit ſich im Intereſſe ſeines Vaterlandes hervor⸗ gethan hatte, und wegen ſeiner Geſetzkunde, die er ſehr erfolgreich in ſeiner Stellung als Richter in Anwendung brachte, namentlich gegen Bettler, vor welchen er eine beſondere Abneigung hatte, eines ausgezeichneten Rufes genoß. Mein Vater, ſein jüngſter Sohn, hatte ſich in eine arme Verwandte, die bei dem alten Herrn als Haushälterin lebte, ver⸗ liebt, und heirathete ſie heimlich. Die erſte Frucht dieſer Verbin⸗ düng war ich. Ein Traum erſchreckte meine Mutter während ihrer Schwangerſchaft ſo ſehr, daß ihr Gatte ihren zudringlichen Bitten endlich nachgab, und einen hochländiſchen Seher um Rath fragte, deſſen günſtige Auslegung er gerne vorher durch ein Geſchenk er⸗ kauft haben würde, jedoch ihn unbeſtechlich fand. Es träumte ihr, ſie ſei von einem Federball entbunden worden, welchen der Teufel(der zu ihrem großen Erſtaunen die Rolle einer Hebamme 6 übernahm) mit einem Schlagnetze ſo kräftig in die Höhe ſchlug, daß er augenblicks verſchwand; eine Zeitlang ſei ſie wegen des Verluſts ihrer Geburt untröſtlich geweſen, als ſie plötzlich dieſelbe mit gleicher Gewalt wieder herabkommen und in die Erde unter ihren Füßen eindringen ſah, aus welcher ſogleich ein ſchöner, mit Blüthen bedeckter, Baum hervorſproßte, deren Geruch ſo ſtark auf ihre Nerven wirkte, daß ſie erwachte. Der nachdenkliche Seher verſicherte nach einigen Pauſen meine Eltern, ihr Erſtge⸗ borner würde ein großer Reiſender werden; er würde in viele gefahrvolle und ſchwierige Lagen kommen, aber am Ende in ſein Vaterland zurückkehren, wo er in Glück und Ehre leben werde. Ob ſich dieſe Prophezeiung als wahr erwies, wird die Folge zeigen. Kurz vorher hatte eine dienſtfertige Perſon meinen Groß⸗ vater von gewiſſen Vertraulichkeiten, die zwiſchen ſeinem Sohne und ſeiner Haushälterin vorfielen, in Kenntniß geſetzt, was ihn dergeſtalt beunruhigte, daß er einige Tage nachher meinem Vater die Nothwendigkeit, in den Eheſtand zu treten, dringend an's Herz legte, und ihm zugleich erklärte, er habe ſchon eine Wahl, gegen die er billigerweiſe keine Einwendungen machen könnte, für ihn ge⸗ troffen. Da mein Vater es für unmöglich hielt, ſeine Lage noch länger zu verſchweigen, ſo geſtand er offen, was er gethan habe; und entſchuldigte ſich deshalb, weil er nicht um die väterliche Einwilligung nachgeſucht habe, mit der Aeußerung, er wiſſe, daß das zwecklos geweſen ſein würde, und mein Großvater würde wohl, hätte er um die Zuneigung der beiden Liebenden gewußt, ſolche Maßregeln getroffen haben, welche auf wirkſame Weiſe ihm die Erfüllung ſeiner Wünſche unmöglich gemacht hätten; er ſetzte ferner hinzu, an ſeiner Gattin Tugend, Geburt, Schönheit und geſundem Verſtande laſſe ſich nichts ausſetzen, und, was das Vermögen betreffe, ſo liege das außer dem Bereich ſeiner Sorge. Der alte Herr, welcher alle ſeine Leidenſchaften, eine ausgenommen, in vollkommener Ordnung hielt, hörte ihn bis an's Ende mit — ½ großer Mäßigung an, und frug ihn hierauf ruhig, wie er ſich und ſeine Gattin zu erhalten gedenke? Er erwiederte, ſo lange ſeine väterliche Zärtlichkeit fortdaure, die ſich zu erhalten er und ſein Weib ſtets auf's Aeußerſte bedacht ſein würden, könne er in keine Gefahr des Mangels gerathen, und er hege die Ueberzeugung, ſein Antheil werde im Verhältniſſe zu der Würde und den Um⸗ ſtänden ſeiner Familie ſtehen, und derjenigen Verſorgung ange⸗ meſſen ſein, welche ſeine Brüder und Schweſtern, die unter ſeinem Schutze glücklich verheirathet ſeien, bereits erhalten haben.„Deine Brüder und Schweſtern,“ ſprach mein Großpapa,„hielten es nicht unter ihrer Würde, in einer Angelegenheit, die ſo wichtig iſt wie die Ehe, mich um Rath zu fragen; auch würdeſt Du, vermuth' ich, dieſe Pflicht wohl nicht hintangeſetzt haben, hätteſt Du nicht geheime Geldmittel im Rückhalt; dieſer Hülfe nun über⸗ laſſe ich Dich und wünſche, daß Du Dir und deinem Weibe eine andere Wohnung, und zwar ſchon für heute Nacht, ſucheſt. Bald wirſt Du von mir eine Rechnung über die Ausgaben für deine Erziehung, wobei ich auf Wiedererſtattung hoffe, erhalten. Und nun, mein Herr Sohn, Sie, der den Flug zu hoch genommen, der ein feiner Herr, ja! ein ganz artiger Herr iſt, leben Sie wohl! Ich wünſche Ihnen viel Freude, und bin Ihr ergebenſter Diener.“ Mit dieſen Worten verließ er meinen Vater, deſſen Lage weniger beſchrieben, als gefühlt werden kann. Doch blieb er nicht lange unentſchieden; denn, vollkommen wohl bekannt mit dem Grundzuge von meines Großvaters Charakter, zweifelte er nicht daran, daß er einen Vorwand, ſeiner los zu werden, mit Freuden ergriffen habe, und wiſſend, daß meines Großvaters Entſchlüſſe ſo unerſchütterlich ſeien, wie die mediſchen und perſiſchen Geſetze, ſah er ein, es würde Nichts fruchten, ſich ferner mit Bitten an ihn zu wenden. So begab er ſich denn, ohne weitere Verſuche zu machen, mit ſeiner troſtloſen Lebensgefährtin in ein Pächter⸗ 8 haus, wo ein alter Diener ſeiner Mutter wohnte. Dort ver⸗ weilten ſie eine Zeitlang in einer mit ihren Wünſchen und der Zärtlichkeit ihrer Liebe ſchlecht im Verhältniß ſtehenden Lage: nichtsdeſtoweniger wollte mein Vater lieber ausharren, als die Hülfe eines unnatürlichen und unbeugfamen Vaters anflehen. Meine Mutter jedoch, welche die Nachtheile und Gefahren vor⸗ ausſah, welchen ſie ſich hätte ausſetzen müſſen, wenn ſie dort ent⸗ bunden worden wäre(und ihre Schwangerſchaft war ſehr weit vorgerückt), ging, ohne meinem Vater von ihrem Vorhaben Etwas mitzutheilen, vetkleidet in das Haus meines Großvaters, in der Hoffnung, ihre Thränen und ihre Lage würden ſein Mitleid rege machen, und ihn mit einem Ereigniſſe verſöhnen, das nun nimmer ungeſchehen gemacht werden konnte. Sie fand Mittel, die Diener zu tänſchen, und wurde als eine unglückliche Frau eingeführt, die ſich wegen chelicher Zer⸗ würfniſſe zu beklagen habe, da Fälle der Art in die Gerichtsbarkeit meines Großvaters gehörten. Demzufolge wurde ſie vor ihn in ſein Zimmer geführt, wo ſie ſich entdeckend ihm zu Füßen fiel, und auf die rührendſte Weiſe ſeine Vergebung anflehte; zugleich ſtellte ſie ihm die Gefahr vor, welche nicht nur ihr Leben, ſondern auch das ſeines Enkelkindes bedrohe, deſſen Geburt vor der Thüre ſei. Er antwortete ihr, er bedaure, daß ihre eigene Unvorſichtig⸗ keit und die ſeines Sohnes ihn zu einem Schwur verleitet habe, der es ihm unmöglich mache, ihnen ſeinen Beiſtand irgendwie an⸗ gedeihen zu laſſen; er habe ſeine Meinung hierüber bereits ihrem Gatten mitgetheilt, und er ſei erſtaunt, daß ſie ſeine Ruhe durch weitere Zudringlichkeit zu ſtören wage. Als er dies geſagt haite, zog er ſich zurück. Die Heftigkeit des Schmerzes meiner Mutter über dieſe Ab⸗ wreiſung hatte eine ſo plötzliche Wirkung, daß ſie ſogleich von Geburtswehen befallen wurde, und wäre nicht eine alte Dienerin, welche ihr große Anhänglichkeit bewies, von Mitleid ergriffen, 9 ihr beigeſtanden, auf die Gefahr hin, in die Ungnade meines Großvaters zu fallen, ſo wären ſie und ihre unſchuldige Leibesfrucht die beklagenswerthen Opfer ſeiner Härte und Unmenſchlichkeit geworden. Durch die Freundſchaft dieſes armen Weibes wurde ſie in eine Dachkammer geführt, und unmittelbar darauf von einem Knaben entbunden, deſſen unglückliche Geburt er jetzt ſelbſt erzählt. Mein Vater war unterdeſſen von dieſen Ereigniſſen unterrichtet worden, und flog in die Arme ſeiner geliebten Gattin, konnte aber, während er ſeinen Sohn mit väterlichen Zärtlichkeiten überſchüttete, eine Fluth von Thränen nicht zurückhalten, als er die theure Ge⸗ bieterin ſeines Herzens(für deren Bequemlichkeit er die Schätze des Oſtens zum Opfer gebracht haben würde) auf einem wollenen Bette ausgeſtreckt in einer erbärmlichen Stube und unfähig ſah, ſich vor dem Ungemach der Witterung zu ſchirmen. Es darf nicht angenommen werden, daß der alte Herr von dem Vorfalle Nichts wußte, obwohl er ſich anſtellte, als ſei ihm die Sache unbekannt, und großes Erſtaunen heuchelte, als eines ſeiner Großkinder von ſeines verſtorbenen älteſten Sohnes Seite, welches als ſein wahr⸗ ſcheinlicher Erbe mit ihm lebte, ihm den Vorfall mittheilte; er beſchloß darum, nicht auf halbem Weg ſtehen zu bleiben, ſondern ſogleich, am dritten Tage nach ihrer Enkbindung, ſchickte er ihr den unabänderlichen Befehl zu, ſein Haus zu räumen, und jagte die Magd, welche meiner Mutter Leben gerettet hatte, aus ſeinen Dienſten. Dies Benehmen erbitterte meinen Vater ſo, daß er zu den ſchrecklichſten Verwünſchungen ſeine Zuflucht nahm; und auf ſeinen Knieen ſeine künftige Seligkeit zum Pfand einſetzte, und den Himmel beſchwor, ihn zu verſtoßen, wenn er je die barbariſche Härte ſeines Vaters vergeſſen wolle. Die Leiden, welche dieſe unglückliche Mutter durch ihre Ent⸗ fernung unter ſolchen Umſtänden erfuhr, und der Mangel an den nöthigen Nahrungsmitteln, da, wo ſie wohnte, verbunden mit ihrem Kummer und ihrer Herzensangſt, zogen ihr bald eine Ab⸗ 10 zehrung zu, welche ihrem Leben ein Ende machte. Mein Vater, welcher ſie zärtlich liebte, wurde von ihrem Tode ſo ergriffen, daß er ſechs Wochen lang ſeiner Sinne beraubt wurde; unterdeſſen brachten die Leute, bei welchen er wohnte, das Kind zu dem Alten, der in ſeiner harten Geſinnung bei der Nachricht von der traurigen Geſchichte des Todes ſeiner Schwiegertochter und der jammervollen Lage ſeines Sohns ſo weit nachließ, daß er das Kind zur Amme ſchickte, und meinen Vater in ſein Haus bringen ließ, wo er den Gebrauch ſeiner Vernunft bald wieder erhielt. Ob dieſer hartherzige Richter einige Gewiſſensbiſſe wegen der grauſamen Behandlung ſeines Sohns und ſeiner Schwiegertochter empfand, oder(was noch wahrſcheinlicher iſt) fürchtete, ſein Charakter möchte in der Gegend umher darunter leiden, genug! er drückte großen Kummer wegen ſeines Benehmens gegen meinen Vater aus, auf deſſen Wahnſinn eine tiefe Melancholie und Zu⸗ rückhaltung folgte. Endlich verſchwand er ganz, und trotz alles erdenklichen Nachforſchens konnte man Nichts von ihm hören; ein Umſtand, der die Meiſten in der Meinung beſtärkte, er habe in einem Anfall von Verzweiflung ſich ſelbſt entleibt. Wie ich die Kenntniß von den einzelnen Umſtänden meiner Geburt erhielt, wird ſich im Laufe dieſer Geſchichte zeigen. JZweites Kapitel. Ich werde groͤßer, von meinen Verwandten vernachlaͤſſigt, zur Schule ge⸗ ſandt, von meinem Großvater hintangeſetzt, mißhandelt von meinem Lehrer, an das Ungluck fruͤh gewoͤhnt; ich ſpiele Kabalen gegen den Pedanten, werde vom Zutritt zu meinem Großvater ausgeſchloſſen, von ſeinen Erben gehetzt, und ſchlage ſeinem Hofmeiſter die Zaͤhne ein. Es fehlte nicht an ſolchen, welche der Meinung waren, daß meine Oheime, in der Abſicht, das väterliche Vermögen ausſchließend 7 11 unter ſich theilen zu können, an dem Schickſale meines Vaters großen Antheil hätten, und dieſe Vermuthung erhielt dadurch großes Gewicht, daß ſie in all ſeinem Unglücke nie die geringſte Theilnahme und den leiſeſten Wunſch, ihn zu unterſtützen, äußerten; ſondern im Gegentheile durch alle in ihrer Macht ſtehenden Mittel ſeines Vaters Rachgefühl nährten, und ſeinen Entſchluß, ihn dem Elend und der Armuth zu überlaſſen, noch unterſtützten⸗ Allein einſichtsvollere Leute ſahen dies für eine grundloſe Verläumdung an, weil, wenn meine Verwandten bei der Begehung eines ſolchen abſcheulichen Verbrechens ihr Intereſſe zu Rathe gezogen haben würden, das Schickſal meines Vaters ſich auch auf mich, deſſen Leben ihren goldenen Hoffnungen ein zweites Hinderniß in den Weg legte, erſtreckt haben würde. Mittlerweile wurde ich größer, und da ich viele Aehnlichkeit mit meinem Vater hatte, welcher der Liebling der Pächter war, ſo gaben ſie mir Alles, was ihre dürftigen Umſtände irgend zuließen; allein ihre Gunſt ſchirmte mich nur ſchwach gegen die eiferſüchtige Feindſchaft meiner Vetter; die, je mehr ich zu verſprechen ſchien, einen deſto unverſöhnlicheren Groll gegen mich faßten; und, che ich ſechs Jahre alt war, den Zutritt zu meinem Großvater mir ſo ſtreng verſperrt hatten, daß ich ihn nur verſtohlen ſah, wenn ich mich zuweilen an ſeine Sänfte hin machte, wo er ſaß, um ſeine Arbeiter im Felde zu beſuchen. Bei ſolchen Gelegenheiten pflegte er mir den Kopf zu ſtreicheln, mich ein gutes Kind zu nennen, und zu verſprechen, für mich Sorge tragen zu wollen. Bald darauf wurde ich in ein naheliegendes Dorf, das ſeit langer Zeit ſein Eigenthum geweſen war, zur Schule gebracht; allein, da er für meine Penſion niemals Etwas bezahlte, und mich an Kleidern, Büchern und andern dringenden Bedürfniſſen Nöth leiden ließ, ſo war mein Auftritt daſelbſt bettelhaft und kläglich genug, und der Schulmeiſter, welcher aus Furcht vor meinem Großvater mich gratis unterrichtete, gab ſich wegen der 12 Fortſchritte, die ich unter ſeiner Leitung machen ſollte, nicht viel Mühe. Ungeachtet aller dieſer Schwierigkeiten und Mißgunſt des Schickſals ſchritt ich in der lateiniſchen Sprache ſchnell vorwärts; und ſobald ich erträglich ſchreiben konnte, überſchwemmte ich meinen Großvater mit einer ſolchen Menge von Briefen, daß er zu meinem Lehrer ſchickte, und ihn ſcharf tadelte, daß er auf meine Erziehung ſo viele Mühe verwende, da, wenn ich wegen Verfälſchung, wozu er mir die Anleitung gegeben habe, je dem Galgen verfallen ſollte, mein Blut über ihn kommen würde. Der Pedant, welcher Richts mehr fürchtete, als die Ungnade ſeines Gebieters, verſicherte auf ſeine Ehre, daß des Knaben Ge⸗ ſchicklichteit mehr eine Frucht ſeines eigenen Talents und Fleißes ſei, als von einer Belehrung und Aufmunterung, die er erhalte, herrühre; daß, wenn er ihm auch ſein bisheriges Wiſſen nicht mehr nehmen könne, wollte man ihn nicht ermächtigen, deſſen Finger zu verſtümmeln, er wenigſtens mik Gottes Hülfe es unter⸗ nehmen wolle, ſeine künftigen Fortſchritte aufzuhalten. Und wirk⸗ lich führte er dies auch buchſtäblich aus: denn er ließ unter dem Vorwande, ich hätte an meinen Großvater beleidigende Briefe geſchrieben, einen Liſch mit fünf Löchern machen, durch welche er die Finger und den Daumen meiner rechten Hand zwang, und ſie mit einem Peitſchenſeile an meinem Handgelenke befeſtigte, ſo vaß er mich wirklich des Gebrauchs meiner Feder beraubte. Doch von dieſem Zwange wurde ich nach wenigen Tagen durch ein Er⸗ eigniß in einem Streite zwiſchen mir und einem andern Knaben erlöst. Dieſer hatte nämlich beleidigende Anſpielungen auf meine Armuth gemacht, worüber ich ſo erbittert wurde, daß ich mit einem Streiche meiner Zwangmaſchine ihm faſt den Hirnſchädel einſchlug, zum großen Schrecken meiner ſelbſt und der übrigen Schüler, welche ihn blutbedeckt auf dem Boden liegen ließen, und zum Schulmeiſter rannten, um ihn von dem Vorfalle zu benach⸗ richtigen. Für dieſes Vergehen erhielt ich eine ſo ſtrenge Züchti⸗ 13 gung, daß, lebte ich auch ſo lange wie Methuſalah, der Eindruck hievon ſich eben ſo wenig bei mir verwiſchen würde, als ich den Haß und Widerwillen gegen den unbarmherzigen Tyrannen, der die Strafe diktirte, von dieſer Zeit an vergeſſen könnte. Die Verachtung, welche mein Ausſehen natürlich in Allen, die mich ſahen, erzeugte, der fortwährende Mangel, dem ich ausgeſetzt war, und meine eigene ſtolze Gemüthsart, die Beleidigungen nicht ertrug, verwickelten mich in unzählige gefährliche Abentener, welche in die Länge mich gegen das Unglück abſtumpften und zu Unternehmungen, die weit über meine Jahre gingen, anfeuerten. Wegen nie be⸗ gangener Verbrechen wurde ich oft unmenſchlich gezüchtigt, weil, da ich in dem Dorfe den Charakter eines Vagabunden hatte, jedes Unheil, deſſen Anſtifter unbekannt war, mir zur Laſt gelegt wurde. Man maß mir die Schuld bei, Obſtgärten, in die ich nie einen Fuß ſetzte, auszuplündern, Katzen, denen ich nie ein Leides that, zu tödten, Pfefferkuchen, die ich nie berührte, zu ſtehlen, und alte Weiber, die ich nie ſah, zu verhöhnen. Ja! es gelang einmal der Maulfertigkeit eines ſtammelnden Zimmermanns, meinen Lehrer zu überzeugen, daß ich ein mit kleinem Schrot ge⸗ ladenes Gewehr in ſein Fenſter abgeſchoſſen habe, obwohl meine Hausfrau und die geſammte Familie Zeugniß ablegten, ich ſei zu der Zeit, wo dieſe That verübt worden, feſt ſchlafend in meinem Bette geweſen. Einmal wurde ich gepeitſcht, weil ich kaum der Gefahr des Ertrinkens durch ein Fahrboot, in welchem ich Paſſa⸗ gier war, entgangen, ein anderes Mal, weil ich von einer Wunde, die ein Pferd und ein über mich hinrollender Wagen mir verurſacht hatten, wieder geneſen war; ein drittes Mal, weil ich von einem Bäckershund gebiſſen wurde; kurz, mochte ich ſchuldig oder unglücklich ſein, ſo blieben Beſtrafung und Mitgefühl bei dieſem hartherzigen Pädagogen immer gleichbedeutende Dinge. Weit entfernt, durch ſolche hölliſche Behändlung unterwürſig zu werden, ſiegte mein Unwille über jene ſclaviſche Furcht, welche 14 bis dahin meinen Gehorſam erzwungen hatte; und je mehr ich an Jahren und Kenntniſſen zunahm, deſto mehr ſah ich die Ungerech⸗ tigkeit und Härte ſeines Benehmens gegen mich ein. Unterſtützt von einem nicht gemeinen Geiſte und auf den Rath und mit An⸗ leitung unſers Unterlehrers, der meinen Vater auf ſeinen Reiſen als Diener begleitet hatte, machte ich erſtaunliche Fortſchritte in den Claſſikern, im Schreiben und in der Arithmetik, ſo daß man mich, ehe ich das zwölfte Jahr erreicht hatte, allgemein für den beſten Schüler hielt. Dieſe Eigenſchaft, verbunden mit einem kühnen Temperamente und phyſiſcher Stärke, welche faſt alle meine Kameraden unter meine Macht brachte, verliehen mir einen ſolchen Einfluß auf ſie, daß ich anfing, Kabalen gegen meinen Verfol⸗ ger anzuſpinnen, und hoffte, binnen kurzer Zeit ihm offene Fehde erklären zu können. Das Haupt einer Partei von dreißig Knaben, die meiſtens in gleichem Alter mit mir waren, faßte ich den Entſchluß, ihren Muth auf die Probe zu ſtellen, um zu erfahren, wie weit ich auf ſie zählen dürfe, ehe ich meinen großen Plan in Ausführung brachte. In dieſer Abſicht griffen wir einen Haufen trotziger Lehrburſchen an, die ſich in den Beſitz von einem Theile des Bodens geſetzt hatten, welcher uns für die Scene unſerer Unterhaltungen gegeben worden war, und die damals auf dem Platze Kegel ſchoben; allein ich hatte den Verdruß, in einem Augenblicke meine Anhänger in die Flucht ge⸗ ſchlagen zu ſehen, wobei einem von ihnen durch die von einem unſerer Gegner nachgeworfene Kugel auf ſeiner Flucht ein Bein gebrochen wurde. Dieſe Niederlage ſchreckte uns nicht davon ab, ſie ſpäter in häufige Scharmützel zu verwickeln, die wir mit Stei⸗ nen lieferten, und worin ich viele Wunden erhielt, deren Narben noch jetzt ſichtbar ſind. Unſere Feinde wurden durch dieſe Beun⸗ ruhigungen ſo ermüdet und geſtört, daß ſie zuletzt ihre Eroberung aufgaben, und uns dem ruhigen Beſitze unſeres Eigenthums über⸗ ließen. Es würde kein Ende nehmen, wollte ich die Thaten auf⸗ 15 zählen, welche wir während der Dauer dieſes Bundes, welcher der Schrecken des ganzen Dorfes wurde, verrichteten, ſo ſehr, daß, wenn verſchiedene Intereſſen daſſelbe theilten, eine der Par⸗ teien gewöhnlich um den Beiſtand Roderich Randoms(unter dieſem Namen war ich gekannt) buhlte, damit ſich die Wagſchaale auf ihre Seite neige, und die entgegengeſetzte Partei eingeſchüch⸗ tert werde. Unterdeſſen benützte ich jeden Feiertag zu Beſuchen bei meinem Großvater, zu dem ich jedoch ſelten Zutritt fand, weil er immer eng von einer zahlreichen weiblichen Enkelſchaft umlagert wurde, deren Glieder, obwohl ſie beſtändig unter einander haderten, dennoch ſtets gegen mich, als ihren gemeinſchaftlichen Feind, ge⸗ rüſtet waren. Sein Haupterbe, der ungefähr 18 Jahre alt war, veſchäftigte ſich mit Nichts, als der Fuchsjagd, und paßte auch in der That für ſonſt Nichts, ungeachtet ſein Großvater ihn ſo weit begünſtigte, daß er ihm zu Hauſe einen Hofmeiſter hielt, der zugleich die Pflichten eines Kirchſpielgeiſtlichen zu erfüllen hatte. Dieſer junge Actäon, der ſeines Großvaters Widerwillen gegen Alles, was Unglück hieß, erbte, richtete niemals ſeine Augen auf mich, ohne ſeine Hunde loszubinden und mich in die eine oder andere Hütte, wohin ich gewöhnlich zu meinem Schutze floh, zu jagen. In dieſer chriſtlichen Beſchäftigung wurde er von ſeinem Lehrer aufgemuntert, welcher zweifelsohne ſolche Gelegenheiten er⸗ griff, um ſich bei dem größer werdenden Sohne in Gunſt zu ſetzen, weil er bemerkte, daß der alte Herr nach dem Gange der Natur nicht lange mehr zu leben habe, denn er näherte ſich ſtark den Achtzigen. Das Benehmen dieſes ſchurkiſchen Schmarotzers brachte mich ſo auf, daß, als ich einmal von ihm und ſeinen Hunden in einem Pachtershauſe, wo ich Schutz gefunden hatte, belagert wurde, ich, als ein ausgezeichneter Schütze, mit einem breiten Kieſel nach ihm zielte, wodurch er vier Vorderzähne verlor, und zur Ausübung ſeines geiſtlichen Amtes untüchtig wurde. 16 Drittes Kapitel. Meiner Mutter Bruder kommt an; er unterſtutzt mich; ſeine Beſchreibung; er geht mit mir in meines Großvaters Haus; wird von den Hunden angegriffen; beſiegt ſie nach einem blutigen Gefechte; erhaͤlt Zutritt bei dem alten Herrnz eine Unterredung zwiſchen beiden. Um dieſe Zeit langte meiner Mutter einziger Bruder, der als Lieutenant auf einem Kriegsſchiffe ſeit lange im Dienſte ſtand, in ſeiner Heimath an. Als er dort von meiner Lage unterrichtet worden, beſuchte er mich, und verſah mich aus ſeinen geringen Finanzen nicht nur mit Allem, was ich für den Augenblick be⸗ durfte, ſondern entſchloß ſich auch, das Land nicht eher zu ver⸗ laſſen, bis er meinen Großvater dahin gebracht habe, mir etwas Anſehnliches für die Zukunft auszuſetzen. Dieſer Aufgabe war er wegen ſeiner Unkenntniß von dem Chgrakter des Richters und des menſchlichen Lebens überhaupt, dem er wegen ſeiner Erziehung zur See völlig ſich entfremdet hatte, gar nicht gewachſen. Er war ein ſtark gebauter Mann, etwas ſäbelbeinig, mit einem Halſe ähnlich dem eines Stiers, und einem Antlitze, das, wie ſich leicht denken läßt, den hartnäckigſten Angriffen der Witterung Widerſtand geleiſtet hatte. Seine Kleidung beſtand aus einem vom Schiffs⸗Schneider für ihn zugerichteten Soldatenrock, einer geſtreiften Flanelljacke, einem Paare rother mit Pech gewichster Beinkleider, reinlichen grauwollenen Strümpfen, breiten Silber⸗ ſchnallen, welche drei Viertel ſeiner Schuhe bedeckten, einem Hute mit ſilbernen Treſſen, deſſen oberer Theil die Ränder um andert⸗ halb Zoll überragte, einer ſchwarzen Lockenſtutzperücke, einem baumwollenen Hemd, einem ſeidenen Sacktuch, einem Hirſchfänger mit kupfernem Griff, der mit einem abgebleichten Treſſenband um ſeine Lenden gegürtet war, und aus einem derben Eichenſtock unter ſeinem Arm. So ausgerüſtet, machte er ſich mit mir(der 17 durch ſeine Güte ein ganz hübſches Ausſehen gewonnen hatte) nach meines Großvaters Haus auf, wo wir von Jowler und Cäſar begrüßt wurden, welche ihr junger Gebieter, mein Vetter, bei unſerer Annäherung losgelaſſen hatte. Wohl bekannt mit der eingefleiſchten Wuth dieſer Beſtien, war ich im Begriffe, Ferſengeld zu geben, als mein Onkel mich bei der Hand ergriff, ſeinen Prügel mit der andern ſchwang, und mit einem Hiebe Cäſarn zappelnd zu Boden ſchlug; doch da er zugleich im Rücken ſich von Jowler an⸗ gegriffen ſah und fürchtete, Cäſar möchte wieder aufſtehen, ſo zog er ſeinen Hirſchfänger, ſchwenkte ihn im Kreiſe herum, und trennte durch einen glücklichen Hieb Jowlers Kopf vom Rumpfe. Um die⸗ ſelbe Zeit waren der junge Fuchsjäger und drei Diener, mit Heu⸗ gabeln und Dreſchflegeln bewaffnet, zum Beiſtand der Hunde her⸗ beigekommen, welche ſie leblos auf dem Boden fanden; und mein Vetter war über den Tod ſeiner Lieblinge ſo erbittert, daß er ſeinen Begleitern vorzurücken und Rache an ihrem Mörder zu nehmen befahl, den er zugleich mit allen erdenklichen Flüchen und Verwünſchungen belud. Hierauf ſchritt mein Onkel mit furchtloſer Miene vorwärts, während ſeine Gegner beim Anblicke ſeiner blu⸗ tigen Waffen in eiliger Furcht ſich zurückzogen, als er ihren An⸗ führer folgendermaßen anredete: „Seht Ihr, Bruder, Eure Hunde haben mich, ohne heraus⸗ gefordert worden zu ſeyn, angefallen; was ich that, war Noth⸗ wehr. So thätet Ihr am beſten, höflich zu ſeyn, und uns vor⸗ beiſteuern zu laſſen, unaufgehalten von Euch.“ Ob der junge Herr meines Oheims friedliche Abſicht anders auslegte, oder wegen des Schickſals ſeiner Hunde ſo erbittert wurde, daß er keines Entſchluſſes mehr fähig war, kann ich nicht entſcheiden; genug! er entriß einen Dreſchflegel einem ſeiner Be⸗ gleiter, und kam auf uns zu, in der Abſicht, den Lieutenant an⸗ zugreifen, der ſich in Vertheidigungszuſtand ſetzte, und auf folgende Weiſe ſich ausließ:„Seht Ihr, Ihr Lümmel von einem Hurenſohn! Smollet's Romane, I. 8 18 wenn Ihr mir an den Leib kommt, ſo nehmt Euer Marzipangeſtell in Acht: ich will Euer Verdeck übel zurichten, Gott verdamm' mich 1 ⸗ Dieſe Erklärung, welche ein Schwung ſeines Hirſchfängers pegleitete, ſchien dem Zorn des jungen Herrn Einhalt zu thun, der hinter ſich blickend bemerkte, daß ſein Gefolge in das Haus geſchlüpft war, die Thüre verſchloſſen hatte, und es ihm überließ, den Streit für ſich ſelbſt auszufechten. Hierauf folgte eine Unterredung, die durch meinen Vetter eingeleitet wurde, der fragte:„Wer Teufels ſepd Ihr? Was wollt Ihr? Irgend ein Schurke von einem Seemann, der entlaufen und Dieb geworden iſt? Aber denkt nicht, Ihr werdet entkommen, Ihr Burſche! Hängen will ich Euch laſſen, Ihr Hund, ja! das will ich. Euer Blut ſoll für das meiner beiden Hunde bezahlen, Ihr Lumpenkerl! Ich möchte ſie nicht verloren haben, und hätte es die Rettung Eurer ganzen Sippſchaft vom Galgen gegolten, Ihr Schurke, Ihr!“—„Laßt Eure Kinnlade in Ruhe, Ihr Kehrwiſch! laßt Eure Kinnlade in Ruhe,“ erwiederte mein Oheim,„ſonſt werd' ich Eure Spitzeniacke für Euch ausklopfen. Mit einem eichenen Handtuch will ich Euch abreiben, Ihr Schlingel— ja! das will ich.“ Mit dieſen Worten ſieckte er ſeinen Hirſchfänger in die Scheide, und ſchwang ſeinen Prügel. Unterveſſen waren die Be⸗ wohner des Hauſes in Allarm verſetzt worden, und eine meiner Baſen öffnete ein Fenſter, nach der Urſache des Lärms fragend. „Was es giebt!“ erwiederte der Lientenant,„nicht viel, junge Frau! ich habe Geſchäfte mit dem alten Herrn, und dieſer Fant will, wie es ſcheint, mich nicht an Bord kommen laſſen, das iſt Alles.“ Nach einigen Minuten wurden wir eingelaſſen, und zu meines Großvaters Zimmer durch eine aus meinen Verwandten beſtehenden Gaſſe geführt, die mich, als ich vorbeiging, mit ſehr bezeichnenden Blicken begrüßten. Als wir vor den Richter traten, ſo drückte ſich mein Oheim, nach einigen ſeemänniſchen Verbeu⸗ 19 gungen, ſo aus:„Wie ſteht's, Vater? wie ſteht's? Glaube, Ihr kennt mich nicht— glaub' es wohl. Mein Name iſt Tom Bowling, und der Knabe hier? Ihr ſeht ihn an, als ob Ihr ihn nicht kenntet; wahrſcheinlich iſt es ſo. Er iſt neu aufgetakelt, meiner Seel'; ſein Kleid flattert nicht ſo im Winde, wie es ſonſt der Fall war. Es iſt mein Neffe, Roderich Random;— Euer eigenes Fleiſch und Blut, alter Herr! Bleib nicht im Hinterdeck, Du Hund!“ ſprach er, mich vorwärts ſchiebend. Mein Großvater, der von der Gicht geplagt wurde, empfing dieſen Verwandten nach ſeiner langen Abweſenheit mit jener ihm eigenthümlichen kalten Höflichkeit, indem er ihm ſagte, es freue ihn, daß er ihn ſehe, und er möchte ſich niederſetzen.—„Dank' Euch, dank' Euch, Herr, ich ſtehe eben ſo gern,“ ſagte mein Oheim;„für meinen Theil wünſche ich von Euch Nichts; doch wenn Ihr Gewiſſen habt, thut Etwas für dieſen armen Knaben, der ſehr unchriſtlich behandelt worden iſt. Unchriſtlich ſage ich noch einmal: denn die Mohren in der Barbarei haben gewiß mehr Menſchlichkeit, als daß ſie ihre Kinder dem Elend überlaſſen ſollten. Gern möchte ich wiſſen, warum meiner Schweſter Sohn weniger beachtet wird, als dort der Prahl⸗ hans?“ dabei deutete er auf den jungen Herrn, der mit meinen übrigen Verwandten uns in das Zimmer gefolgt war.„Ift er nicht eben ſo ſehr Euer Verwandter, wie der andere? Iſt er nicht ſchöner und beſſer gebaut, als der große Schlingel dort? Kommt, kommt, bedenkt, alter Herr, Ihr werdet bald Rechen⸗ ſchaft von Euren ſchlechten Handlungen ablegen müſſen. Gedenkt des Unrechts, das Ihr ſeinem Vater gethan habt; und macht alles wieder gut, bevor es zu ſpät iſt! Das Wenigſte, was Ihr thun könnt, iſt, ſeines Vaters Antheil auf ihn zu übertragen.“ Die jungen Fräulein, welche allzuſehr dabei betheiligt waren, als daß ſie hätten länger ſchweigen können, ſetzten alle ihre Kehlen gegen meinen Beſchätzer in Bewegung.„Unverſchämter Geſelle, frecher Matroſe! roher, ungeſchliffener Schlingel! glaubt er, dem 20 Großpapa vorſchreiben zu können? Seiner Schweſter Balg iſt nur zu gut behandelt worden. Großpapa war zu gerecht, um nicht zwiſchen einem unnatürlichen, widerſpenſtigen Sohn und ſeinen pflichtgetreuen, liebenden Kindern, die ſeinem Rathe in Allem folgten, einen Unterſchied zu machen,“ und ähnliche Aus⸗ prücke wurden mit großer Heftigkeit gegen ihn geſchleudert, bis der Richter in die Länge Stille gebot. Er tadelte ruhig meinen Oheim wegen ſeines unziemlichen Benehmens, welches er in Be⸗ tracht ſeiner Erziehung entſchuldigen wolle; er ſagte zu ihm, er ſei ſehr gütig gegen den Knaben geweſen, welchen er ſieben oder acht Jahre lang zur Schule geſchickt habe, obwohl man ihn be⸗ nachrichtigt habe, er mache keine Fortſchritte in Kenntniſſen; ſon⸗ dern ſei allen Arten von Laſtern ergeben, welches er gerne glaube, weil er ſelbſt Zeuge eines barbariſchen Stücks von Unheilſtiftung ſei, die der Burſche an der Kinnlade des Kaplans verübt habe. Doch wolle er zuſehen, zu was der Burſche tange, und ihn einem ehrlichen Handwerksmann in die Lehre geben, vorausgeſetzt, daß er ſeine Sitten beſſere, und ſich für die Zukunft anſtändig beneh⸗ men wolle. Die eyrliche Theerjacke, in deren Adern Stolz und Unwille kochten, erwiederte meinem Großvater, es ſei wahr, daß er ihn zur Schule geſchickt, aber ohne alle Unkoſten für ihn ſelbſt, denn niemals habe er einen Schilling Auslage für Nahrung, Klei⸗ dung, Bücher oder andere Bedürfniſſe gehabt; ſo daß er ſich nicht ſehr wundern dürfe, wenn der Burſche geringe Fortſchritte mache; und doch, wer ihm dies ſage, der ſei ein lügneriſcher, lümmelhafter Schurke, und verdiene gekielholt zu werden; denn obwohl er(der Lieutenant), dieſe Sachen nicht ſelbſt verſtehe, ſo babe man ihm doch mitgetheilt, daß Rory der beſte Schüler ſeines Alters in der ganzen Umgegend ſei, und für die Wahrheit deſſen wolle er bürgen, indem er ſeinen ganzen Halbjahrsſold für des Burſchen Kopf einſetze;— mit dieſen Worten zog er ſeine Börſe, und forderte die Geſellſchaft heraus:„auch iſt er nicht dem 21 Laſter ergeben, wie ihr behauptet, ſondern gleich einem Schiffs⸗ wrak,— ſeht ihr!— der Gnade des Winds und Wetters überlaſſen, und zwar durch Eure Schuld, alter Herr! Und was Euern Kaplan anbelangt, ſo bedaure ich nur, daß er nicht, anſtatt der Zähne, dem Schurken das Hirn einſchlug. Bei Gott, wenn ich je mit ihm zuſammentreffe, ſo wär's beſſer, er wäre in Grönland⸗ das iſt Alles. Dank' Euch für Euer gütiges Anerbieten, den Knaben als Lehrling zu einem Handwerker zu thun. Ich glaube, Ihr wollt einen Schneider aus ihm machen— wolliet Ihr? Lieber möchte ich ihn gehangen ſeben, ſeht Ibr. Komm mit, Rory, merk' ſchon, woher der Wind bläst, mein Junge— laß uns in Gottesnamen abſteuern— ſo lange ich einen Schilling habe, ſoll Dir die Hälfte davon gehören. Fahrt wohl, alter Herr! wie ich merke, werdet Ihr bald den zeitlichen Hafen verlaſſen, um dem ewigen zuzuſteuern, allein für dieſen Weg habt Ihr ſchlechten Pro⸗ viant eingenommen.“ So endigte unſer Beſuch; und wir kehrten zum Dorfe zurück, während mein Oheim auf dem ganzen Wege Flüche gegen den alten Haifiſch und die junge, ihn umlagernde, Brut murmelte. Viertes Kapitel. Mein Großvater macht ſein Teſtament; unſer zweiter Beſuch; er ſtirbt; ſein Wille wird in Gegenwart der geſammten hinterlaſſenen Familie ver⸗ leſen, die Enttäuſchung meiner Baſenz meines Oheims Benehmen⸗ Einige Wochen nach unſerem erſten Beſuche benachrichtigte man uns, daß der alte Richter nach einem dreitägigen Anfall von Tiefſinn einen Notar beſtellt und ſein Teſtament gemacht habe; das Uebel habe ſich von den Schenkeln auf den Magen geworfen, und, da er ſein nahes Ende erwartete, ſei der 22 Wunſch in ihm rege geworden, alle ſeine Angehörigen ohne Aus⸗ nahme noch um ſich zu ſehen. Dieſer Aufforderung Foige leiſtend, machte ſich mein Oheim zum zweitenmale mit mir auf den Weg, um meines Großvaters letzten Segen zu empfangen; indem er auf der Straße oft die Worte wiederholte:„ei, ei, nun haben wir endlich den alten Rumpf im Schlepptau. Du wirſt ſehen, ja! ſehen wirſt Du, wie meine Ermahnung gewirkt hat.“ Als wir ſein Zimmer betraten, das mit ſeinen Verwandten angefüllt war, gingen wir bis an die Seite ſeines Bettes vor, wo wir ihn in den letzten Zügen fanden, während zwei von ſeinen Enke⸗ linnen, die zu beiden Seiten vor ihm ſaßen, ihn unterſtützten, und unter dem kläglichſten Schluchzen den an ſeinem Munde ſich anſammelnden Schaum und Geifer abwiſchten, wobei ſie ſeine Lippen mit einem Scheine von großem Kummer und Schmerze unaufhörlich küßten. Mein Oheim trat ihm näher mit folgenden Worten:„wie! noch nicht abgeſegelt!— wie ſteht's, alter Herr? — Gott erbarme ſich Eurer armen Sünderſeele!“ Auf dieſes wandte der Sterbende ſeine erloſchenen Augen uns zu, und Herr Bowling fuhr fort:„Hier iſt der arme Rory, um Euch noch zu ſehen, bevor Ihr ſterbet, und Euern Segen zu empfangen. Wie, Mann! verzweifelt nicht, Ihr waret ein großer Sünder, das iſt wahr— wie denn? Dort oben iſt ein gerechter Richter, iſt er nicht?— Er kümmert ſich um mich ſo wenig, als ein Meerſchwein. Ja, ja! er geht unter Segel: die Landkrabben werden ſich ſeiner bemächtigen, ich ſehe daß ſein Anker gekapptiſt, wahr⸗ haftig.“ Dieſer nicht ſehr gewählte Troſtſpruch empörte die Ge⸗ ſellſchaft und namentlich den Pfarrer, der dies für einen Eingriff in ſeine Amtsverrichtungen hielt, dermaßen, daß wir in ein anderes Zimmer flüchten mußten, wo wir nach wenigen Minuten durch ein jämmerliches Geſchrei von Seiten der jungen Frauen⸗ zimmer in dem Gemach meines Großvaters von ſeinem Tode überzeugt wurden. Dorthin eilten wir unverzüglich, und trafen 28 daſelbſt ſeinen Erben, der kurz vorher in ein Zimmer unter dem Vorwande, ſeinem Kummer ſich ungeſtört hinzugeben, ſich zurück⸗ gezogen hatte, mit einem von Thränen bewegten Antlitz die Frage an uns richtend, ob ſein Großpapa todt ſei?„Todt,“ fagte mein Oheim mit einem Blick auf den Leichnam,„ja, ja, ich wollte wetten, ſo mauſetodt wie ein Hering. Potz Fiſch und Element! jetzt iß mein Traum ein für allemal heraus. Mir kam's vor, als ſtänd ich auf dem Vorderdeck, und ſäh' eine Anzahl Aaskrähen lauernd auf einen vorbeitreibenden todten Haifiſch, und der Teufel hocke als blauer Bät auf unſerer Bug⸗ ſprietſegelſtange: dann, ſeht Ihr, ſpringe er über Bord herab auf das Aas, und ziehe es in die Tiefe mit ſeinen Klauen.“—„Fort mit Dir, Läſterer!“ ſchrie der Pfarrer,„fort mit Dir, blasphe⸗ mirender Schurke! Glaubſt Du, Seiner Evdlen Seele ſey im Beſitz des Satans?“ Allgemein wurde der Lärmen, und mein armer Oheim mußte, von einer Ecke des Zimmers in die andere geſtoßen, auf ſeine eigene Vertheidigung bedacht ſehn, und ſchwören, er würde um keines Menſchen willen ſich entfernen, bis er wiſſe, wer das Recht habe, ihn hinauszutreiben.„Verſucht an Fremden keinen eurer Streiche!“ ſagte er,„vielleicht hat der alte Holzblock meinen Vetter hier zu ſeinem Erben eingeſetzt, iſt es ſo, um ſo beſſer für ſeine elende Seele. Bei meiner Perrücke! Beſſere Neuigkeiten wünſche ich nicht. Dann räum' ich ſogleich das Schiff⸗ das verſichere ich euch.“ Um ferneren Lärm zu verhüten, gab einer von den Teſtamentsvollſtreckern meines Großvaters, der eben anweſend war, Herrn Bowling die Zuſicherung, ſeinem Neffen ſolle alles Recht widerfahren; es werde nach dem Leichenbegäng⸗ niſſe ein Tag beſtimmt werden, um die Papiere des Verſtorbenen in Gegenwart der Hinterbliebenen zu unterſ uchen; bis dahin bleibe jeder Schrank und jedes Zimmer im Hauſe unter engem Siegel, und er ſei als Zeuge dieſer Ceremonien willkommen. Dieſe wurde nun ſogleich zu ſeiner Zufriedenheit vollzogen. Mittlerweile gab 24 man Befehle, Traueranzüge für alle Verwandte anzufertigen, wobei ich auch mitgezählt wurde: allein mein Oheim verweigerte es, bis es gewiß ſei, ob ich Grund hätte, des Verſtorbenen An⸗ venken auf dieſe Weiſe zu ehren. Während deſſen bildeten ſich unter den Leuten mannigfache Vermuthungen mit Rückſicht auf des alten Mannes letzten Willen. Da man wußte, daß er außer ſeinen liegenden Gründen, welche 700 Pfund jährlich eintrugen, ſechs oder ſiebentauſend Pfund im Intereſſe ſtehen habe, ſo glaubten einige, alle Realitäten, die er ſehr emporgebracht hatte, würden auf den jungen Mann übergehen, den er immer als ſeinen Erben vetrachtet hatte; und das Geld würde zwiſchen meinen Baſen (fünf an der Zahl) und mir gleich vertheilt werden. Andere wieder waren der Anſicht, daß er, da für die übrigen Kinder ſchon geſorgt worden ſei, nur 2 bis 300 Pfund jeder ſeiner Enkelinnen vermachen, und das Gros der Summe mir hinter⸗ laſſen würde, um mich für die unnatürliche Behandlung meines Vaters zu entſchädigen. Endlich kam der entſcheidende Augenblick, und das Teſtament wurde mitten unter den Wartenden, deren Blicke und Mienen eine für einen nicht betheiligten Zuſchauer höchſt intereſſante Gruppe bildeten, eröffnet. Aber der Leſer kann ſich das Erſtaunen und den Aerger, welcher ſichtbar wurde, leicht denken, als ein Gerichtsanwalt laut las, der junge Squire ſei der Univerſalerbe von der liegenden und fahrenden Habe ſeines Großvatere. Mein Oheim, der ganz aufmerkſam zugehört hatte, indem er an dem obern Ende ſeines Prügels die ganze Zeit hin⸗ durch nagte, begleitete dieſe Worte des Anwalts mit einem ſtarren Blick und einem Weheruf, welcher der ganzen Verſammlung Schrecken einjagte. Die älteſte und lauteſte meiner Mitbewerbe⸗ rinnen, welche um meines Großvaters Perſon fehr dienſtfertig ge⸗ weſen war, frug mit unſicherer Stimme und einem Geſicht, ſo gelb wie eine Pomeranze,„ob keine Legate da ſeien,“ worauf ſie die Antwort erhielt:„ganz und gar nicht.“ Hierauf wurde ſie ohnmächtig. Die Uebrigen, welche vielleicht keine ſo ſanguini⸗ ſchen Hoffnungen hegten, ertrugen ihre Enttäuſchung ſtandhafter, obwohl nicht ohne deutliche Beweiſe von Unwillen zu geben, und wenigſtens eben ſo ſtarken Kummer zu äußern, als der war, den ſie bei des alten Herrn Tode zeigten. Mein Begleiter fing, nach⸗ dem er eine Zeit lang mit ſeinem Abſatz gegen die Wandbekleidung geſtoßen hatte, zu ſprechen an:„ſo, kein Legat, Freund, he! hat der Teufel ſein Spiel?— doch, Jemandes Seele heult da⸗ für, Gott verdamm mich!“ Der Pfarrer des Kirchſpiels, welcher einer der Teſtamentsvollſtrecker war, und dem alten Manne als Beichtvater beigeſtanden hatte, hörte nicht ſobald dieſen Ausruf, als er laut ſchrie:„fort mit Dir, unchriſtlicher Verläumder! fort mit Dir! willſt Du die Seele Seiner Edlen nicht im Frieden ruhen laſſen?“ Doch dieſer eifrige Prediger ſah ſich nicht mebr ſo warm, wie früher, von den jungen Damen unterſtützt, die ſich jetzt an meinen Oheim gegen ihn anſchloſſen, und ihn beſchuldig⸗ ten, er habe bei ihrem Großpapa die Rolle eines geſchäftigen Ohrenbläſers geſpielt, und ihn gewiß durch falſche Berichte zu ihrem Nachtheile getäuſcht, ſonſt würde er ſie nicht auf ſo unnatür⸗ liche Weiſe behandelt haben. Den jungen Saquire ergötzte dieſe Scene ſehr, und er flüſterte meinem Oheime zu, wenn derſelbe nicht ſeine Hunde getödtet hätte, ſo würde er ihm einen herrlichen Spaß gezeigt haben, durch die Jagd eines ſchwarzen Dachſes, ſo nannte er den Geiſtlichen. Der rauhe Lieutenant, der nicht in der Laune war, an dieſem Spaß Gefallen zu finden, erwiederte: „Ihr und Eure Hunde mögen verdammt ſeyn! Ich hoffe, Euch mit Eurem alten Papa im Schlund der Hölle zu finden. Komm, Rory,— zu Schiffe, mein Junge! wir müſſen, glaube ich, einen andern Kurs nehmen.“— Und fort gingen wir. 26 Fünftes Kapitel. Der Schulmeiſter mißhandelt mich barbariſchz ich entwerfe einen Racheplan, wobei ich von meinem Oheime unterſtuͤtzt werde, verlaſſe das Dorf, und werde durch ſeine Großmuth fuͤr eine Univerſitaͤt beſtimmt. Auf unſerem Rückweg in das Dorf ſprach mein Oheim eine Stunde lang kein Wort, ſondern pfiff mit großer Heftigkeit die Weiſe:„Was hadern wir um Reichthum doch?“ ꝛc. indem er ſein Geſicht an Einem fort in die grimmigſten Falten verzog. Zuletzt wurde ſein Gang ſo ſchnell, daß ich eine beträchtliche Strecke Wegs zurückblieb: dann wartete er auf mich, und, als ich faſt gleichen Schritts mit ihm war, rief er in ärgerlichem Tone aus? „gieb mir Deine Hand, verdammt ſey ich! ſoll ich jede Minute Deinetwegen verlieren, Du fauler Hund?“ Hierauf faßte er mich am Arme, und zog mich nach ſich, bis ſeine Gutmüthigkeit (die bei ihm ſtark vorherrſchend war) und Vernunft die Oberhand über ſeine Leivenſchaft gewannen, und er ſprach:„Komm, mein Junge! ſollſt nicht weggeworfen ſeyn; der alte Schurke iſt in der Hölle, das tröſtet einigermaßen; Du ſollſt zur See mit mir gehen, mein Burſche! Ein leichtes Herz und ein dünnes Paar Hoſen kommen durch die Welt, tapfere Burſche! heißt's im Sprüchwort — wohlan!“ Obwohl dieſer Vorſchlag nicht ganz mit meiner Neigung übereinſtimmte, ſo ſcheute ich mich doch, meinen Wider⸗ willen dagegen offen auszuſprechen, damit ich nicht den einzigen Freund, welchen ich auf der Welt hatte, mir dadurch entzöge; denn er war ſolch ein eingefleiſchter Seemann, daß es ihm nicht im Traume einfiel, ich könnte gegen ſeine Abſicht mit mir eine Ein⸗ wendung machen. Darum nahm er ſich auch nicht die Mühe, mich um meine Zuſtimmung zu befragen. Doch ließ er dieſen Plan bald fallen, auf den Rath unſeres Unterlehrers, welcher ihn verſicherte, es würde tauſend Schade ſeyn, wenn man meinen Geiſt vernach⸗ läſſigte, da derſelbe, vorausgeſetzt, daß er gehörig ausgebildet M würde, gewiß eines Tags mein Glück auf dem feſten Lande machen werde. Auf dies hin entſchloß ſich der großmüthige Seemann⸗ mir, ungeachtet ſeiner beſchränkten Mittel, Univerſitätsbildung zu geben; und ſorgte dieſem Vorhaben gemäß für meinen Tiſch und andere Ausgaben in einer Stadt, die wenige Meilen entfernt und wegen ihrer Collegien berühmt war, wohin wir bald auf⸗ brachen. Doch den Tag vor unſerer Abreiſe legte der Schul⸗ meiſter, welcher nicht länger mehr meinen Großvater zu fürchten hatte, alles Schicklichkeitsgefühl und allen Zwang bei Seite, und mißhandelte mich nicht nur in ver gröbſten Sprache, welche ſeine Erbitterung ihm zu leihen vermochte, als einen nichtswürdigen, ruchloſen, einfältigen und bettelhaften Schuft, den er aus Mitleid unterrichtet habe; ſondern zog auch mit den bitterſten Worten gegen das Andenken des Richters(der, im Vorbeigehen geſagt⸗ ihm dieſe Anſtellung verſchafft hatte) zu Felde, indem er in nicht ſehr zweideutigen Ausdrücken den Wink fallen ließ, des alten Herrn Seele ſei in alle Ewigkeit verdammt, weil er in ſeiner Ungerechtigkeit die Bezahlung für meinen Unterricht verſäumt habe. Dieſes brutale Benehmen, verbunden mit meinen früher erduldeten Leiden, erregte in mir den Gedanken, daß es hohe Zeit ſei, an dieſem übermüthigen Pädagogen mich zu rächen. Nachdem ich mit meinem Anhang Rath gepflogen hatte, gaben ſie mir Alle das feſte Verſprechen, mir beizuſtehen, und unſer Anſchlag war folgender: An dem Nachmittag vor dem Tag unſerer Abreiſe auf die Univer⸗ ſität nahm ich mir vor, den Augenblick zu benützen, wo der Unterlehrer ſich, um das Waſſer abzuſchlagen(was er regelmäßig um 4 Uhr that), entferne, und die große Thüre zu verſchließen, damit er ſeinem Vorgeſetzten nicht zu Hilfe kommen könne. Nach dieſer That ſolle der Angriff von mir ausgehen, indem ich mich dem Schulmeiſter nähern, und ihm in's Geſicht ſpeien würde⸗ Zwei der ſtärkſten Knaben in der Schule, welche mir ergeben waren, ſollten mich unterftützen; ihr Geſchäft beſtand darin, den 28 Tyrannen auf eine Bank zu ziehen, über welche er gelegt, und ſein bloßer Hintere mit ſeiner eigenen Birkenruthe, welche wir während des Kampfs ihm zu entreißen gedachten, gepeitſcht werden ſollte; doch fänden wir ihn zu ſtark für uns drei, ſo wollten wir den Beiſtand unſerer Mitſchüler verlangen, die uns entweder ver⸗ ſtärken oder Allem ſich widerſeten ſollten, was zur Unterſtützung des Schulmeiſters unternommen werden könnte. Einer von meinen Haupthelfern hieß Zeremias Gawky, Sohn und Erbe eines ver⸗ möglichen Mannes in der Nachbarſchaft, und der Andere hieß Hugo Strap, der jüngſte Sohn einer Familie, welche ſeit undenk⸗ ichen Zeiten dem Dorfe Schuhmacher geliefert hatte. Ich hatte Gawky einſt das Leben gerettet, davurch, daß ich in einen Fluß mich ſtürzte und ihn an's ufer zog, als er auf dem Punkte ſtand, zu ertrinken. Oft hatte ich ihn aus den Händen derjenigen be⸗ freit, welche durch ſeinen unerträglichen Hochmuth zu Rachegefühlen, denen er nicht Stand zu halten vermochte, entflammt wurden; und oft rettete ich ſeinen guten Ruf und Hintern dadurch, daß ich ſeine Schularbeit ausfertigte; ſo daß man ſich nicht wundern darf, wenn er eine beſondere Verpflichtung für mich und mein Intereſſe in ſich fühlte. Strap's Anhänglichkeit entſprang aus einer freiwilligen, uneigennützigen Zuneigung, welche ſich bei vielen Gelegenheiten zu meinen Gunſten geäußert hatte, da ich ihm eben ſo verpflichtet war wie Gawky mir, denn er rettete mein Leben mit Gefahr des ſeinigen; und bekannte ſich oft freiwillig als Thäter von Vergehen, welche ich verübt hatte, wofür er dann ſtrenge Beſtrafung erhielt, um mich dem verdienten Gewicht der⸗ ſelben zu entziehen. Dieſe zwei Kampfhelden erboten ſich um ſo bereitwilliger zu dieſem Unternehmen, weil ſie, gleich mir, die Ausſicht hatten, nächſter Tage die Schule zu verlaſſen: denn Gawky mußte auf ſeines Vaters Befehl nach Hauſe zurück, und Strap wurde in einem, nicht weit entfernten, Marttſlecken Lehrling bei einem Barbier.* 29 Mittlerweile hatte mein Oheim Kenniniſſe von meines Lehrers Benehmen gegen mich erhalten, und ſchwur, wüthend über deſſen Uevermuth, ihm ſo herzlich Rache, daß ich ihm den von mir ent⸗ worfenen Plan mittheilte, den er mit großer Zufriedenheit anhörte, indem er bei jedem Satze einen Mundvoll Speichel, der mit Ta⸗ bak, wovon er immer eine große Menge kaute, gefärbt war, aus⸗ ſpritzte. Endlich zog er ſeine Hoſen in die Höhe, und rief aus: „nein, nein! Blitz und Hagel! das geht nicht an— ſage, was du willſt, es iſt ein kühnes Unternehmen, mein Burſche!— doch ſchau, ſchau, wie willſt du davon kommen? wird nicht der Feind Jagd machen?— ja, ja, das wird er, ich weite es, und die ganze Küſte in Alarm bringen;— Gott ſey dir gnädig dann, haſt mehr Segel, als Ballaſt, Rory! Ueberlaß das Ganze mir, ich will ihm das Vormarsſegel weiſen, jal das will ich. Wenn deine Schifftameraden muthige Burſche ſind und nicht fliehen wollen, ſo wirſt du ſehen, wirſt ſehen; bei Gott! ich will ihn auf gut ſeemänniſch traktiren; ich will ihn auf die Laufplanke bringen, und ſalben mit einer neunſchwänzigen Katze; ein rundes Duzend ſoll er doppelt haben, mein Junge, das ſoll er, und durchgepeitſcht ſeinen Betrachtungen überlaſſen werden.“ Wir waren ſtolz auf unſern Bundesgenoſſen, der unmittelbar ans Werk gieng, und das Werkzeug ſeiner Rache mit großer Geſchicklichkeit und Schnelligkeit zurüſtete: hierauf hieß er uns unſer Gepäck zurüſten und den Tag vor unſerem Angriff fortſchicken, er ſelbſt ließ Pferde bereit halten, um nach vollbrachter That ſo ſchnell als möglich fortzu⸗ reiten. Envlich ſchlug die Stunde, als unſer Bundesgenoſſe die Gelegenheit von des Unterlehrers Abweſenheit benützte, hinein⸗ ſprang, die Thüre abſchloß, und ſogleich den Pedanten beim Kra⸗ gen faßte, der mit einer Stentorſtimme ſchrie:„Mörder! Diebe!“ Obgleich ich am ganzen Leib wie Espenlaub zitterte, ſo ſah ich doch ein, es ſei jede Minute koſtbar, ſtand demnach auf, und er⸗ mahnte unſere Bundesgenoſſen zu unſerem Beiſtande. Strap ge⸗ 30 horchte ohne Zögern der Aufforderung, und unterſprang, als er mich auf des Lehrers Rücken hängen ſah, ſogleich eines ſeiner Beine, an das er mit aller Kraftanſtrengung ſtieß, und ſo dieſen furchtbaren Gegner zu Falle brachte. Nun eilte Gawky, der bis dahin unter dem Einfluſſe einer allgemeinen Beſtürzung an ſeinem Platze geblieben war, auf den Kampfplatz, und begrüßte den ge⸗ fallenen Tyrannen mit einem lauten Huzza, in welches die ganze Schule einſtimmte. Der Lärmen drang jetzt zu den Ohren des Unterlehrers, der, als er ſich ausgeſchloſſen ſah, theils durch Dro⸗ hungen, theils durch Bitten, Einlaß zu bekommen ſuchte. Mein Oheim bat ihn, ein wenig Geduld zu haben, er würde ihn ſogleich einlaſſen; doch wenn er ſich von der Stelle rühre, ſo würde es dem Hundeſohn, ſeinem Vorgeſetzten, noch ſchlimmer ergehen, da er ihm nur eine kleine geſunde Züchtigung wegen ſeiner barbariſchen Miß⸗ handlung Rory's, die er, als Unterlehrer, wohl kenne, zu geben beabſichtige. Unterdeſſen hatten wir den Schuldigen an einen Pfoſten gezogen, woran Bowling ihn mit einem Seile, das er zu dieſem Zwecke ſich verſchafft hatte, band, nachdem man ſich ſeiner Hände verſichert hatte und ſein Rücken entblößt worden war. In dieſer ergötzlichen Poſitur ſtand er(zu nicht geringer Unterhaltung der Schulknaben, welche ſich um ihn ſchaarten und über die Neu⸗ heit des Anblicks in helles Jauchzen ausbrachen), bittere Verwün⸗ ſchungen gegen den Lieutenant ausſtoßend, und ſeinen Schülern Verrätherei und Rebellion vorwerfend, als der Unterlehrer Einlaß erhielt, welchen mein Oheim auf folgende Weiſe anredete;„hört Ihr, Mr. Syntax, ich halte Euch für einen ehrlichen Mann, ſeht Ihr und ich habe alle Achtung vor Euch: doch müſſen wir Euch zu unſerer eigenen Sicherheit, ſeht Ihr, eine Zeit lang feſtbinden.“ Bei dieſen Worten zog er einige Klafter Seil heraus, welche der ehrliche Mann nicht ſo bald erblickte, als er mit großer Ernſt⸗ haftigkeit betheuerte, er würde ſich keine Gewalt anthun laſſen, in⸗ dem er zugleich mich der Treuloſigkeit und Undankbarkeit beſchuldigte. 31 Doch da Bowling ihm vorſtellte, daß Widerſtand Nichts fruchte, und er ihn nicht gewaltſam und rückſichtlos behandeln wolle, ſon⸗ dern blos ihn abhalten, ſeine Stimme gegen uns zu erheben, ehe wir uns in Sicherheit befänden, ſo ließ er ſich an ſeinen eigenen Schreibpult binden, wo er als Zuſchauer bei der Beſtrafung ſei⸗ nes Vorgeſetzten ſaß. Nachdem mein Oheim dieſem elenden Tyrannen ſeine Unmenſchlichkeit gegen mich vorgeworfen hatte, ſo ſagte er ihm, er beabſichtige, ihm eine kleine Lektion zum Beſten ſeiner Seele zu geben, was er nun mit großer Stärke und Ge⸗ wandtheit ausführte. Dieſe derbe Züchtigung auf des Pedanten ausgemergeltem Hintern verurſachte ihm ſolchen wüthenden Schmerz, daß er brüllte wie ein toller Stier, umhertanzte, fluchte und läſterte, wie ein raſender Bedlamit. Als der Lieutenant glaubte, ſeine Rache geſättigt zu haben, ſo nahm er mit folgenden Worten Ab⸗ ſchied von ihm:„nun, mein Freund, werdet ihr Zeitlebens an mich denken, ich habe Euch eine Lektion gegeben, die Euch fühlen laſſen wird, was peitſchen heißt, und zugleich Euch lehren wird, in Zukunft nicht mehr ſo unbarmherzig zu ſeyn. Jauchzt, Buben, jauchzt!“ Dieſe Ceremonie war nicht ſobald vorüber, als mein Oheim den Vorſchlag machte, ſie ſollten die Schule verlaſſen, und ihren alten Cammeraden Rory in ein Wirthshaus, ungefähr eine halbe Meile von dem Dorfe entfernt, begleiten, wo er ſie alle bewirthen wolle. Als ſein Anerbieten freudigen Anklang gefunden hatte, ſo wandte er ſich an Mr. Syntar, und bat um ſeine Begleitung; doch dieſe Einladung wurde mit großem Unwillen von ihm abge⸗ lehnt, indem er meinem Wohlthäter ſagte, er ſei nicht der Mann, für den er ihn halte.„Gut, gut, alter Brummbär,“ erwiederte mein Oheim, ihm die Hand ſchüttelnd,„du bleibſt dennoch ein ehrlicher Burſche; und wenn ich je ein Schiff befehlige, ſo ſollſt Du unſer Schulmeiſter ſeyn, wahrhaftig.“ Mit vieſen Worten ließ er die Knaben hinaus, und verſchloß die Thüre, indem er den 32 beiden Schulmeiſtern es überließ, einander zu tröſten, während wir unſere Reiſe antraten, begleitet von einem großen Gefolge, das er ſeinem Verſprechen gemäß bewirthete. Wir trennten uns unter vielen Thränen, und ſchliefen in die⸗ ſer Nacht in einem Wirthshauſe am Wege, ungefähr zehn Meilen von der Stadt entfernt, die zu meinem künftigen Aufenthaltsorte beſtimmt war, und wo wir am nächſten Tage anlangten. Ich fand, daß ich keine urſache habe, mich über meine künftigen Ver⸗ hältniſſe zu beklagen, da ich in dem Hauſe eines Apothekers, der eine entfernte Verwandte meiner Mutter geheirathet hatte, unter⸗ gebracht wurde. Einige Tage ſpäter reiste mein Oheim nach ſei⸗ nem Schiffe ab, mit Hinterlaſſung der zu meiner Unterhaltung und Erziehung nöthigen Geldmittel. Sechstes Kapitel. Ich mache in meinen Studien große For ſchritte; werde Jedermann's Lieb⸗ ling; meine Baſen fangen an mich zu bemerken; ich weiſe ihre Einladung zuruͤck; ihr Sorn ſinnt auf Rache an mir; ein Unglucksfall, der meinem DOheime zuſtoßt, beraubt mich meiner guͤnſtigen Ausſichten; Gawky's Verraͤtherei; meine Rache. Da ich jetzt freier nachdenken konnte, ſo fieng ich an, meine hilfloſe Lage in Ueberlegung zu ziehen. Ich fand, daß diejenigen, deren Pflicht es ſei, mich in ihren Schutz zu nehmen, mich gänz⸗ lich im Stiche ließen; und daß ich einzig und allein von dem Edelmuthe eines Mannes abhienge, deſſen Leben vermöge ſeines Standes nicht nur beſtändigen Gefahren, die mich einſtmals für immer ſeiner berauben könnten, ausgeſetzt, ſondern der auch un⸗ ſtreitig ſolchen Veränderungen ſeiner Tage unterworfen ſei, welche gewöhnlich in Folge eines Glückswechſels oder einer beſſern Be⸗ 33 kanntſchaft mit der Welt eintreten: denn ich ſchrieb ſeine Güte gegen mich den Eingebungen eines Herzens zu, welches noch keine bittere Erfahrungen unter den Menſchen gemacht habe. Dieſe düſtern Betrachtungen bewogen mich, mit allem Fleiße meinen Studien obzuliegen, um die, ſich mir darbietende, Gelegenheit nicht unbenützt vorbeizulaſſen; ein Plan, den ich verfeigte mit ſolchem Eifer, daß ich innerhalb dreier Jahre das Griechiſche ſehr gut verſtand, in der Mathematik ziemlich weit vorgeſchritten, und mit Moral und Naturphiloſophie vertraut war; Logik ſchätzte ich gering; dagegen that ich mir Etwas zu gute auf meinen Geſchmack in den ſchönen Wiſſenſchaften und mein Talent in der Poeſie, worin ich bereits einige, günſtig beurtheilte, Stücke verfertigt hatte. Dieſe Eigenſchaften, verbunden mit einem angenehmen Aeußern, erwar⸗ ben mir die Achtung und Bekanntſchaft der angeſehenſten Einwoh⸗ ner der Stadt, und ich ſtand ſogar in einiger Gunſt bei den Da⸗ men— Etwas ſehr Verführeriſches für Einen von meiner ver⸗ liebten Gemüthsart! Ich gewann oder bewahrte ſie wenigſtens dadurch, daß ich ihre natürliche Verläumdungsſucht befriedigte, in⸗ dem ich ihre Nebenbuhlerinen an den Pranger ſtellte. Zwei von meinen weiblichen Verwandten lebten daſelbſt nebſt ihrer Mutter ſeit dem Tode ihres Vaters, welcher ſein ganzes Vermögen, gleich unter ſie vertheilt, hinterließ; ſo daß ſie, wenn auch gerade nicht die größten Schönheiten, doch die reichſten Par⸗ tien in der Stadt waren, und täglich die Huldigungen aller Stuzer und Cavaliere der Umgegend empfiengen. Ungeachtet ſie bis dahin mit der ſtolzeſten Verachtung auf mich herabgeſehen hatten, ſo zog doch jetzt mein Charakter ihre Aufmerkſamkeit in ſolchem Grade an, daß mir zu verſtehen gegeben wurde, ſie möchten die Ehre meiner Bekanntſchaft haben, wenn es mir gefällig ſei. Der Leſer wird leicht begreifen, daß dieſe Herablaſſung ihrer⸗ ſeits entweder die Hoffnung zum Grunde hatte, mein dichteriſches Talent zum Werkzeuge ihrer Bosheit zu machen, oder ſich wenig⸗ Smollet's Romane. I. 3 34 ſtens vor meiner Rache, die ſie wirtlich gereizt hatten, zu ſichern. Dieſer Triumph war ein köſtlicher Genuß für mich, und nicht nur wies ich ihr Anerbieten verächtlich zurück, ſondern ſorgte auch dafür, in allen meinen Gedichten, mochten ſie Spott oder Lob enthalten, nie ihre Namen zu erwähnen, ſelbſt wenn ich die ihrer vertrauten Freundinnen ver⸗ rrlichte: dieſe Hintanſetzung meinerſeits kränkte ihren Stolz über die Maſſen, und ſetzte ſie dergeſtalt in Wuth⸗ vaß ſie den Entſchluß faßten, mich es bereuen zu laſſen. Der erſte Schlag, welchen ihr Rachedurſt ausführte, beſtand darin, daß ſie einen armen Mitſtudirenden von mir dingten, um Verſe gegen mich zu ſchreiben, deren Gegenſtand meine eigene Armuth und die unglückliche Geſchichte meiner Eltern war; indeſſen fanden ſie, neben dem, daß das Machwerk ſo ſchlecht war, daß ſie ſich ſelbſt veſſen ſchämten, nicht ihre Rechnung dabei, mir dasjenige Miß⸗ geſchick, welches ſie und ihre Verwandten über mich gebracht hatten⸗ zum Vorwurfe zu machen, denn conſequenterweiſe mußte dieß weit mehr die Verachtung auf ſie, als auf mich, zurücklenken, der das unſchuldige Schlachtopfer ihrer Grauſamkeit und Habſucht war. Als ſie dieſen Plan mißlungen ſahen, fanden ſie Mittel, einen jungen Herrn gegen mich aufzureitzen, indem ſie ihm beibrachten, ich habe ſeine Geliebte geſchmäht: und dieſe ihre Aufhetzerei trug ſo gute Früchte, daß vieſer, dadurch in Wuth verſetzte, Liebhaber ſich entſchloß, in der nächſten Nacht mich anzufallen, wenn ich von eines Freundes Wohnung, den ich beſuchte, nach Hauſe mich begebe; wobei er ſich vornahm, in der Straße zu warten, begleitet von zweien ſeiner Gefährten, welchen er ſeinen Plan mitgetheilt hatte, mich an den Fluß hinabzuführen, worin er mich, trotz der ſtrengen Jahreszeit— denn es war ungefähr Mitte Dezembers— tüchtig eingetaucht haben würde. Doch dieſer Anſchlag mißlang; denn von ihrem Hinterhalte venachrichtigt, gieng ich auf einem andern Wege nach Hauſe, und ſchoß mit Hilfe des Lehrburſchen meines Wirths vom Dachfenſter aus eine volle Ladung auf ſie, welche große Wir⸗ kung that, und am darauf folgenden Tage ein ſolches Gelächter auf ihre Koſten veranlaßte, daß ſie ſich genöthigt ſahen, die Stadt zu verlaſſen, bis das Abenteuer gänzlich vergeſſen war. Obwohl meine Baſen nun zweimal in ihrer Erwartung ge⸗ täuſcht worden waren, ſo ſtanden ſie doch nicht von meiner Ver⸗ folgung ab, da ich ſie durch Aufdeckung ihrer Bosheit und Ver⸗ eitlung von deren Wirkungen in eine Wuth verſetzt hatte, welche jede Ausſöhnung unmöglich machte. Auch würde ich ſie wohl nicht menſchlich gefunden haben, hätte ich mich auch geduldig zum Opfer ibres Grolls hergegeben, und ohne Murren die Härte ihres un⸗ vernünftigen Haſſes ertragen: denn immer hat mich die Erfahrung belehrt, daß, wenn man auch geringe Gunſtbezeugungen anerkennt und leichtes Unrecht vergibt, doch keiner undankbarer ſich zeigt, als verjenige, welchen man durch die auffallendſte Großmuth ver⸗ pflichtet hat, und daß es keine unverſöhnlicheren Feinde giebt, als diejenigen, welche man am ftärkſten beleidigt hat. Dieſe gut⸗ müthigen Geſchöpfe entwerfen deßhalb einen Plan, der, verbunden mit einer Nachricht unangenehmen Inhalts, welche mir bald darauf zu kam, ihnen den gewünſchten Erfolg verſchaffte; dieſer Plan be⸗ ſtand in Nichts Beſſerem, als meinen Gefährten und Vertrauten zu verführen, der ſich gegen mich treulos bewies, indem er ihnen die Einzelnheiten meiner Liebeleien mittheilte, welche hierauf von ihnen, mit ſo ſtarken Zuſätzen vermehrt, unter das Publikum kamen, daß ich in der Meinung Aller ſehr litt und von den theuren We⸗ ſen, deren Namen ſo an den Pranger geſtellt worden waren, gänzlich aufgegeben wurde. Während ich bemüht war, den Urheber dieſer Verrätherei aus⸗ zuforſchen, damit ich nicht nur an ihm Rache nehmen, ſondern auch in den Augen meiner Freunde mich rechtfertigen könne, be⸗ merkte ich eines Tages, als ich nach Hauſe zum Mittageſſen ge⸗ kommen war, eine auffallende Veränderung in den Blicken meiner Wirthin; welche, als ich ſie um die Urſache fragte, ihren Mund 36 aufſperrte, und mit zu Boden geſenkten Blicken mir ſagte, ihr Gatte habe einen Brief von Herrn Bowling bekommen, nebſt einem für mich. Sie ſei ſehr bekümmert wegen des Vorgefallenen, ſowohl um meiner, als ihrer ſelbſt willen— die Leute ſollten ihr Benehmen beſſer einrichten— ſie habe ſtets beſorgt, ſeine Brutalität möchte ihn in das eine oder andere Unheil ſtürzen. Sie für ihren Theil würde ſich gerne meiner annehmen; allein ſie pabe ſelbſt ihre eigene kleine Familie zu ernähren. Die Welt würde nichts für ſie thun, ſollte ſie einmal ihrer bedürfen— jeder ſei ſich ſelbſt der Rächſte; ſie wünſche, ich hätte lieber irgend ein tüchtiges Handwerk gelernt, z. B. das eines Webers oder Schuh⸗ machers, als daß ich meine Zeit damit vertändelte, thörichten Unſinn zu lernen, der nichts einbringe: aber die Einen ſeien Weiſe, die Andern Thoren. Ich horchte auf ihre geheimnißvolle Rade ſehr verwunderungs⸗ voll, als ihr Gemahl hereintrat, und ohne eine Splbe zu ſprechen, beide Briefe mir in die Hand ſteckte. Ich empfing ſie zitternd, und las, wie folgt: An Herrn Roger Potion. Mein Herr! Kund und zu wiſſen Euch, daß ich das Kriegsſchiff, den Thun⸗ der, verlaſſen habe, weil ich mich fortſcheeren mußte wegen Töd⸗ tung meines Kapitäns, was nicht im Hinterhalt, fondern offen am Ufer beim Vorgebirge Tibervon auf der Inſel Hiſpanivla ge⸗ ſchah, nachdem er auf mich gefeuert und ich den Schuß erwie⸗ dert hatte, welcher durch ſeinen Leib drang. So wollt' ich den Nächſten Beſten; der ſich je zwiſchen Vorder⸗ und Hintertheil eines Schiffes her⸗ umtrieb, mit tüchtigen Püffen bedienen, wenn er auf mich einen Angriff machte und mich ſchlüge, wie Kapitän Dakum es that. Ich beſinde mich, Gott ſey Dank! vollkommen wohl unter den Franzoſen, die ſehr pöflich ſind, obwohl ich ihre Sprache nicht verſtehe; und ich hoffe auf 37 baldige Wiedereinſetzung, trotz aller hohen Gönner des Kapitäns und Parlamentsverwendungen für ihn, denn ich habe an meinen Wirth in Deal einen Bericht über die ganze Sache eingeſchickt, nebſt Angabe unſerer Stellung und Entfernung, ſo lange wir kämpften, wobei ich ihm den Wunſch ausdrückte, er möchte die Sache Seiner Majeſtät vorlegen, welche, Gott ſei Dank, einem ehrlichen Matroſen nicht Unrecht geſchehen laſſen wird. Herzlichen Gruß an Eure Frau! ich bin, ſo lange ich lebe, Euer herzlicher Freund und gehorſamer Diener Thomas Bowling.⸗ An Roderich Random⸗ Lieber Rory! Kümmere Dich nicht über mein Unglück, ſondern denk' an Dein Buch, mein Junge! Ich kann Dir kein Geld ſchicken, doch was thut dieß? Herr Potion wird um ſeiner Liebe zu mir willen für Dich ſorgen, und Dich an nichts Mangel leiden laſſen; und ſchlecht ſollte es gehen, wenn ich es ihm nicht eines Tags wieder⸗ erſtatten werde. Nicht weiter für dießmal; bleibe bis in den Tod Dein treuer Oheim und Diener Thomas Bowling⸗ Dieſes Schreiben, welches nebſt dem andern von Port Louis in Hiſpanivla datirt war, hatte ich nicht ſo bald geleſen, als der Apotheker mit Kopfſchütteln ſo anfing:„wabr iſt's, ich habe für Herrn Bowling ſehr viele Rückſicht, und möchte wohl zufrieden ſein, doch die Zeiten ſind ſehr hart. Nichts iſt ſchwerer zu bekommen, als Geld; ich für meinen Theil glaube, es iſt Alles in der Tiefe verſchwunden. Ueberdieß habe ich ſchon Auslagen für Euch gehabt, dadurch daß ich Euch ſeit dem Anfange dieſes Monats beköſtigte, ohne einen Sixpence dafür zu erhalten, und Gott weiß, ob es je vazu kommen wirdʒ denn ich glaude, mit Eurem Oheim ſteht es ſchief. 38 Und weiter noch woilte ich Euch ſchon aufſagen, benn ich prauche Euer Zimmer für einen neuen Lehrling, den ich ſtündlich vom Lande herein erwarte. So wünſche ich denn, daß Ihr dieſe Woche noch Euch nach einer neuen Wohnung umſehen wollet?“ Der Unwille, welchen dieſe Anrede in mir erregte, gab mir Muth genug, meinen Glückswechſel zu ertragen⸗ und ihm zu ſagen⸗ ich verachte ſeine gemeine ſelbſtſüchtige Denkungsart ſo ſehr, daß ich lieber darben, als mich wegen einer einzigen Mahlzeit von ihm ſchief anſehen laſſen wolle. Hierauf bezahlte ich ihn aus meiner Taſche bis auf den letzten Farthing, welchen ich ſchuldete, und verſicherte ihm, keine Nacht wolle ich mehr unter ſeinem Dache ſchlafen. Mit dieſen Worten ſtürzte ich in einem Anfalle von Wuth und Verzweiflung aus dem Zimmer, ohne zu wiſſen, wohin, da ich keinen einzigen Freund in der Welt hatte, der mich zu unter⸗ ſtützen im Stande war⸗ mit nur drei Schillingen in meiner Taſche. tachvem ich mich eine Zeit lang den Eingebungen meiner Leiden⸗ ſchaft hingegeben hatte, machte ich mich auf, und miethete ein kleines Schlafzimmer um einen Schilling, und ſechs Pence wöchent⸗ lich, die ich zum Voraus bezahlen mußte, ehe mein Wirth mich aufnehmen wollte⸗ Dahin brachte ich mein Gepäcke, und machte mich am nächſten Morgen auf, um einen Mann um Rath und Beiſtand anzugehen, der bei jeder Gelegenheit mich mit Liebkoſungen über⸗ häuft und mir öftere Freunvſchaftsanerbietungen gemacht hatte, ſo lange ich in glücklichen Umſtänden mich befand. Er empüng mich mit gewohnter Leutſeligkeit, und lud mich inſändig zum Frühſtücke ein, was ich nicht für vaſſend hielt, ihm abzuſchlagen. Doch als ich die Veranlaſſung meines Beſuchs ihm eröffnete, ſchien er ſo ſehr alle Faſſung zu verlieren, daß ich den Schluß daraus zog, er ſei außerordentlich gerührt über vas Unglück meiner Lage und blicke auf mich als einen Menſchen, dem man das größte Mitge⸗ fühl und die innigſte Theilnahme zollen müſſe. Er ließ mich nicht lange hierüber im Irrthum; denn als er ſeine Faſſung wieder 39 erbhalten hatte, ſagte er zu mir, er beklage mein Mißgeſchick, und wünſche zu wiſſen, was zwiſchen meinem Wirthe, Mr. Potion⸗ und mir vorgefallen ſei. Hierauf erzählte ich ihm den ganzen Hergang der Sache, und als ich die Antwort wiederholte, die ich demſelben auf ſein ungroßmüthiges Anſinnen an mich, ſein Haus zu räumen, gegeben hatte, ſo heuchelte dieſer vorgebliche Freund das größte Erſtaunen darüber, und rief aus:„Konntet Ihr den Mann, der Euch bis dahin ſo gütig behandelt hatte ſo unver⸗ antwortlich abfertigen? Meine Ueberraſchung bei dieſer ſeiner Rede war nicht im Ge⸗ ringſten ein Werk der Verſtellung, wie ſehr dieß auch bei ihm der Fall ſeyn mochte, und ich gab ihm mit einiger Wärme zu ver⸗ ſtehen, daß ich es nicht begreife, wie er, ſo ohne allen Grund, der Sache eines Schurken, welchen man aus jeder menſch⸗ lichen Geſellſchaft ausſtoßen ſollte, das Wort führen könne. Dieſe Hitze meinerſeits gab ihm den gewünſchten Vortheil über mich, und unſere Unterredung endigte nach vielem Hin⸗ und Serſtreiten vamit, daß er ſeinerſeits das Verlangen ausſprach, mich niemals wieder bei ihm ſehen zu laſſen. Dieſem Wunſche kam ich meiner⸗ ſeits dadurch entgegen, daß ich ihn verſicherte, hätte ich früher ſeine Grundſätze ſo gekannt, wie ich jetzt ſie beſchaffen gefunden habe, ſo würde er niemals die Gelegenheit bekommen haben, gegen mich ein ähnliches Verlangen zu äuſſern. Hierauf ſchieden wir. Auf dem Heimwege begegnete ich meinem Freunde, Sauire Gawly, welchen ſein Vater vor einiger Zeit in die Stadt geſchickt hatte, um ſich im Schreiben, Tanzen, Fechten und andern Mode⸗ Vollkommenheiten gründlich auszubilden. Da ich mit ihm ſeit ſeiner Ankunft auf dem alten vertrauten Fuße ſtand, ſo trug ich kein Bedenken, ihn von meiner bedrängten Lage zu unterrichten, und um eine kleine Geldunterſtützung zur Beſtreitung meiner gegen⸗ wärtigen Ausgaben zu bitten; worauf er eine Handvoll Halbpence mit einem oder zwei Schillingen darunter, aus der Taſche zog, 40 und ſchwur, daß dieß ſeine ganze Baarſchaft bis zum nächſten Quatember ausmache, da er den größten Theil des ihm ausge⸗ ſetzten Geldes die Nacht zuvor beim Billard verloren habe. Unge⸗ achtet der möglichen Wahrheit ſeiner Behauptung ärgerte mich doch ſeine Gleichgültigkeit außerordentlich; denn nie ſprach er ein Mitgefühl mit meinem Unfall oder den Wunſch aus, meiner un⸗ glücklichen Lage aufzuhelfen Demgemäß verließ ich ihn, ohne ein Wort zu ſprechen; allein als ich nachher in Erfahrung brachte, daß er derjenige ſei, welcher früher mich der Bosheit meiner Cvufinen verrathen hatte, denen er wahrſcheinlich auch meine un⸗ glückliche Lage berichtete, was ihnen genug Veranlaſſung zum Triumphe und ausgelaſſener Freude gab, ſo beſchloß ich, ihn zu ſrrenger Rechenſchaft zu ziehen⸗ In dieſer Abſicht entlehnte ich einen Degen, und ſchrieb eine Ausforderung⸗ ihm darin Zeit und Ort der Zuſammenkunft beſtimmend, um Gelegenheit zu bekommen⸗ ſeine Treuloſigkeit mit ſeinem Blute zu beſtrafen. Er nahm die Ausforderung an, und ich begab mich auf den Kampfplatz⸗ nicht ohne großen Widerwillen gegen das Duell in mir zu ver⸗ ſpüren, der häufig durch Ausbruch kalten Schweißes unterwegs ſich äußerte; doch mein Rachedurſt) die Schande des Zurücktretens und die Hoffnung auf Sieg verſcheuchten dieſe unmännlichen Symptome von Furcht; und ich erſchien guten Muths auf dem Platze; dort wartete ich eine Stunde über die feſtgeſetzte Zeit, und freute mich nicht wenig, zu finden, daß er nicht den Muth habe, mit mir ſich zu meſſen, weil ich vadurch Gelegenheit erhalten würde, ſeine Feigheit an den Pranger zu ſtellen, meinen eigenen Muth zu zeigen und ihm eine derbe Lektion zu geben, wo ich ihn auch finden würde, ohne alle Beſorgniß vor den Folgen. Gehoben durch dieſe Betrachtungen, welche alle Gevanken an meine klägliche Lage gänzlich verſcheuchten, gieng ich gerade aus in Gawly's Wohnung, wo ich ſeine eilige Entfernung erfuhr, in⸗ dem er kaum nach Verfluß einer Stunde ſeit dem Empfang meines 4 Billets auf das Land gegangen ſei. Ich beſaß Eitelkeit genug⸗ um die ganze Geſchichte in die Zeitung einrücken zu laſſen, ob⸗ wohl ich einen Hut mit goldenen Treſſen an meinen Wirth um weniger, als die Hälfte ſeines urſprünglichen Preiſes, zu Beſtrei⸗ tung der Einrückungsgebühr und meiner Subſiſtenzmittel zu ver kaufen mich genöthigt ſah. Siebentes Kapitel. Mr. Crab nimmt mich in ſein Haus auf; ſeine Beſchreibuugs ich erlerne die Wundarzneikunſt; ſtudire Crab's Temperament; werde ihm nothwendig; ein Unfall ereignet ſich; er räth mir, mein Gluͤck in der Welt zu ver⸗ ſuchen; unterſtuͤtzt mich mit Gelde; ich reiſe nach London. Als mein Rachedurſt abgekühlt war, und die Eitelkeit über meinen glücklichen Erfolg ſich gelegt hatte, ſah ich mich allen Schrecken äußerſter Noth preisgegeben und gemieden von den Men⸗ ſchen wie ein Weſen einer andern Gattung, oder vielmehr als ein vereinzeltes Geſchöpf, das von der Vorſehung nicht beachtet noch beſchirmt werde. Meine Verzweiflung hatte mich faſt ganz ſtumpf⸗ finnig gemacht, als man mir eines Tages ſagte, ein Herr wünſche mich in einem Gaſthauſe zu ſprechen, wohin ich mich ſogleich ver⸗ fügte; dort wurde ich einem gewiſſen Mr. Lancelot Crab vorge⸗ ſtellt, der Stadtwundarzt war und mit noch zwei Andern eine glüſſigkeit, Popin genannt, trank, die aus einer Miſchung von einem Quart Branntwein mit einem Quart Dünnbier beſtand⸗ Bevor ich die Veranlaſſung zu dieſer Botſchaft erwähne, glaube ich dem Leſer nicht beſchwerlich zu fallen, wenn ich die Beſchrei⸗ bung des Herrn, der nach mir ſandte, gebe, und einige Beiſpiele von ſeinem Charakter und Benehmen⸗ anführe, was aus dem Fol⸗ 42 genden klar wird und die Gründe ſeines jetzigen Schritts hinläng⸗ lich ins Licht ſtellt. Dieſes Mitglied der chirurgiſchen Fakultät war fünfzig Jahre alt, ungefähr fünf Fuß hoch und zehn um den Bauch herum vick; ſein Geſicht hatte etwas Vollmondartiges und glich ſtark einer Maulbeere: ſeine Naſe, welche die Geſtalt eines Pulverhorns hatte, war zu einer außerordentlichen Größe angeſchwollen und über und über mit Finnen beſät, während ſeine kleinen grauen Augen die Strahlen ſo ſchief zurückwarfen, daß man, wenn er Jemanden ſtark ins Geſicht blickte, auf den Gedanken hätte verfallen können, er bewundere ſeine Schuhſchnalle. Er hatte einen langen Haß gegen Potion genährt, der, obwohl ein junger Praktiker, beſſer beſchäftigt war, als er, und einmal eine glückliche Cur vollbrachte, während das Prognoſtikon des genannten Crab durch ihn alles Anſehens beraubt und verunglimpft wurde. Dieſer Streit, der einmal auf dem Punkte ſtand, durch die Vermittlung und Da⸗ zwiſchenkunft einiger Freunde geſchlichtet zu werden, war vor Kurzem durch die hetreffenden Weiber der Opponenten auf einen ſolchen Grad von Hitze und Erbitterung geſtiegen, daß die Mög⸗ lichkeit der Ausſöhnung jeden Schein von Hoffnung verlor. Dieſe begegneten nämlich einander bei einer Kindtaufe, geriethen über beiderſeitigen Vorrang in Streit, ſchritten von Schmähungen zu Schlägen fort, und wurden mit der größten Mühe von den Ge⸗ vatterinnen davon abgehalten, dieſe freudige Veranlaſſung in eine Jammerſcene umzuwandeln. Die Differenzen zwiſchen vieſen Gegnern hatten ihren Höhe⸗ punkt erreicht, als ich die Botſchaft Crab's erhielt, der mich ſo höflich, als ich von ſeinem Charakter es hätte erwarten können, behandelte; und mich, nachdem er mich zum Sitzen eingeladen hatte, in die Einzelheiten über die Art und Weiſe, wie ich Po⸗ rion's Haus verließ, befragte. Als ich meinen Bericht geendigt patte, ſagte er mit einem boshaſten Grinſen:„Das iſt ein kriechen⸗ *N 43 der Hund! Immer hielt ich ihn für einen Burſchen ohne Gemüth, Gott verdamm' mich!— ein Schurke gemeinſter Art, welcher ſein Geſchäft erſchlich durch Heuchelei und Küſſen von Jedermanns Ha n— Ja ja,“ ſprach ein Zweiter,„man ſieht mit halbem Auge, daß er ein unehrlicher, ſchurkiſcher Geſelle iſt, weil er ſo regelmäßig die Kirche beſucht.“ Dieß erhielt ſeine Beſtätigung durch einen Dritten, der ſeinen Trinkgeſellen die Verſicherung gab, daß Potion bekanntlich nur einmal in ſeinem Leben bei einer Verſammlung der Gottſeligen betrunken geweſen ſei, wo er ſich durch ein extemporiſirtes Gebet, das eine Stunde lang dauerte, ausgezeichnet habe. Nach dieſer Einleitung wandte ſich Crab mit folgenden Worten an mich: Ihr ſeyd gut prädicirt, mein Sohn! und ich will Euch wohl. Ihr könnt Eure Sachen in mein Haus ſchicken, wenn es Euch be⸗ liebt. Ich habe Befehle zu Eurer Aufnahme gegeben. Element! was ſtarrt mich der Tölpel ſo an? Habt Ihr keine Luſt, mein Anerbieten anzunehmen, ſo könnt Ihr es bleiben laſſen, und zum Henker gehen.“ Ich antwortete mit einem unterthänigen Bückling, daß ich weit davon entfernt ſei, ſein gütiges Offert zurückzuweiſen, das ich ſogleich annehmen werde, ſobald er mich in Kenntniß ſetzen würde, auf welchem Fuße er mich halten wolle.„Auf wel⸗ cdem Fuße!l bei meiner Seligkeit!“ rief er aus,„erwartet Ihr, einen Bedienten und ein Paar Pferde für Euch zu erhalten?“— „Nein, mein Herr!“ erwiederte ich,„meine Hoffnungen ſind nicht ſo ſanguiniſch. Damit ich Euch ſo wenig als möglich beſchwerlich falle, möchte ich gerne in Eurem Laden dienen, wodurch ich Euch die Koſten eines Gehülfen oder wenigſtens eines Austrägers er⸗ ſpare, denn ich verſtehe Etwas von der Pharmacie, da ich einige meiner Muſeſtunden auf die Ausübung dieſer Kunſt verwandte, ſo lange ich bei Herr Potion lebte: auch bin ich nicht ganz un⸗ wiſſend in der Wundarzueikunſt, die ich mit großer Freude und ſtarkem Eifer trieb.“—„Oho! wirklich?“ rief Crab.„Ihr Herren, ſeht doch! ein vollkommener Künßlet! Wundarzneikunſt ſtu⸗ dirt! wie2 in Büchern, vermuthlich. Ich werde dieſer Tage über Gegenſtände meines Berufs mit Euch disputiren. Da wette ich, könnt Ihr ſchon Rechenſchaft geben von der Muskelbewegung, und das Geheimniß des Hirns und der Nerven erklären— ha! Ihr ſeid zu gelehrt für mich, ſoll mich der Teufel holen 1 Doch nichts mehr hiervon! Könnt ihr zur Ader laſſen und ein Clyſtier geben, Pfla⸗ ſter ſtreichen und einen Trank bereiten?“ Als ich ſeine Frage be⸗ jaht hatte, ſchüttelte er ſein Haupt, indem er mir ſagte, er meine, allen meinen Verſprechungen nach, etwas Gutes an mir zu be⸗ kommen; doch wolle er mich indeſſen aus Barmherzigkeit aufneh⸗ men. Demgemäß erhielt ich noch in dieſer Nacht Einlaß in ſein Haus und ein Dachſtübchen angewieſen, mit welchem ich mich be⸗ gnügen mußte, ungeachtet des Aergers, welchen mein Stolz bei digſem Wechſel der Umſtände empfand. Bald erhielt ich die Ueberzeugung von den wahren Motiven, welche Crab bewogen, mich unter ſolchen Verhältniſſen aufzuneh⸗ men; denn außer der Befriedigung ſeiner Rache, indem er ſeines Gegners Selbſtſucht an den Pranger ſtellte, gegenüber von ſeiner eigenen Großmuth, die nur erheuchelt war, bedurfte er eines jungen Mannes, der etwas von dem Fache verſtand, um die Stelle ſeines älteſten Lehrlings auszufüllen, der vor Kurzem, nicht ohne ſtarken Verdacht in Folge barbariſchet Mißhandlungen von Seiten ſeines Lehrherrn) geſtorben war. Die Kenntniß dieſes Umſtands, verbunden mit ſeinem täglichen Benehmen gegen ſein Weib und den jungen Lehrling trug nicht dazu bei, meine neue Lage mir zu verſüßen; doch da ich nicht Mittel und Wege ſah, mir eine gün⸗ ſtigere Lage zu verſchaffen, ſo faßte ich den Entſchluß, Crab's Temperament mit allem Fleiße zu ſtudiren, und mit möglichſter Gewandtheit es nach meinem Sinne zu lenken. Und wirklich fand ich bald heraus, daß eine ſonderbare Eigenthümlichkeit von Laune ſein Benehmen gegen ſeine ganze Umgebung lenke. Ich machte 45 7 nämlich die Beobachtung, daß er, war er in heiterer Stimmung, ein ſolcher Filz damit war, daß, wenn ſeine Gattin oder Diener das geringſte Zeichen von Theilnahme blicken ließen, ſein Aerger und ſeine Wuth dergeſtalt entbrannten, daß ihre Wirkungen felten ausblieben; und war einmal ſein Zorn erregt, ſo erbitterten ihn Unterwürfigkeit und Sanftmuth noch mehr, und Vernunft, wie Menſchlichkeit, verließen ihn. Ich befolgte deßhalb ein entgegenge⸗ ſetztes Syſtem, und erwiederte ihm einſt, als er mich mit den Benen⸗ nungen eines unwiſſenden Hundes und faulen Lumpenkerls beehrte, kühn, ich ſei weder unwiſſend noch faul, da ich mein Geſchäft ſo gut als er es ije thun könne, verſtehe und ausübe; auch ſei es eine Ungerechtigkeit von ihm, mich einen Lumpenkerl zu nennen, denn ich trage einen ganzen Rock an meinem Leib, und ſtamme aus einer beſſern Familie, als irgend eine, mit der er in Ver⸗ bindung zu ſtehen ſich rühme. Er gab Zeichen großen Erſtaunens bei dieſer Zuverſicht meiner⸗ ſeits, und ſchwang ſein Rohr über meinem Haupte, indem er mich die ganze Zeit über mit wahrhaft teufliſchen Blicken fixirte. Un⸗ geachtet ich bei ſeinen drohenden Blicken und Bewegungen mächtig erſchrack, ſo hatte ich doch Geiſtesgegenwart genug, um einzu⸗ ſehen, daß ich ſchon zu weit gegangen ſei, um Rückſchritte machen zu können, und daß dieſer kritiſche Augenblick über mein künftiges Schickſal in ſeinem Dienſte entſcheiden müſſe; ich raffte deßhald eine Mörſerkeule auf, und ſchwur, wenn er es wage, mir ohne hinreichenden Grund einen Streich zu geben, ſo würde ich pro⸗ bieren, ob ſeine Hirnſchale oder meine Waffe härter ſei. Er verharrte eine Zeitlang im Stillſchweigen, und brach endlich in folgende Ausrufungen aus:„Ein ſchönes Beneh⸗ men eines Dieners gegen ſeinen Herrn— ſehr ſchön!— Ver⸗ dammt!— Iſt ſchon gut, Ihr ſollt dafür büßen, Ihr Hund! ja! das ſollt Ihr; ich werde Euer Geſchäft verrichten— ja, ja, lehren will ich Euch, Eure Hand gegen mich aufzuheben!“ Mit . 46 dieſen Worten zog er ſich zurück, und ließ mich in furchtbaren Beſorgniſſen zurück, die bei unſerer nächſten Zuſammenkunft verſchwan⸗ den, wo er ſich mit ungewöhnlicher Gefälligkeit gegen mich benahm und mich mit einem Glas Punſch nach dem Mittageſſen tractirte. Durch dieſes Benehmen gewann ich bald das Uebergewicht über ihn, und wurde ihm bei der Führung ſeines Geſchäfts, ſo lange er bei der Flaſche ſaß, bald ſo nothwendig, daß das Schick⸗ ſal allmähl'g gütiger gegen mich zu werden anfieng; und ich trö⸗ ſtete mich für die Geringſchätzung meiner ehemaligen Bekanntſchaf⸗ ten mit meinen täglich zunehmenden Kenntniſſen in den Pflichten meines Berufs, worin ich Fortſchritte machte, welche meine eigene Erwartung überſtiegen Ich ſtand auf ſehr gutem Fuße mit meines Herrn Gattin, deren Achtung ich mir dadurch erwarb und erhielt, daß ich Miſtreß Potion in dem lächerlichſten Lichte darſtellte, das meine ſatyriſchen Talente erfinden konnten, und ferner dadurch, daß ich ihr chriſtliche Dienſte leiſtete, wenn ſie mit der Schnapps⸗ flaſche zu vertraut umgegangen war, wozu ſie oftmals mit der klagenden Bemerkung, ſie leide unter dem barbariſchen Drucke ihres Ehegemahls, ihre Zuflucht nahm. So lebte ich fort, ohne die mindeſte Nachricht von Seiten meines Oheims, einen Zeitraum von zwei Jahren hindurch, wäh⸗ rend welcher Zeit ich wenigen oder gar keinen geſellſchaftlichen Umgang hatte, da ich weder die gehörige Stimmung dazu, noch auch die hinreichenden Mittel zur Beſtreitung der dabei unterlaufen⸗ den Koſten beſaß; denn mein Herr, dieſer Nabal, gab mir keinen Gehalt, und die kleinen zufälligen Einnahmen, welche mir meine Stellung eintrug, reichten kaum zur Deckung der gewöhnlichen Lebensbevürfniſſe hin. Ich war kein vorwitziger, gedankenloſer Modenarr mehr, welcher nach dem Beifall des Haufens geizt und durch ausſchweifende Hoffnungen aufgeblaſen wird: mein Unglück patte mich gelehrt, wie gering die Liebkoſungen der Menſchen an⸗ zuſchlagen ſind, wenn man im Glücke damit beehrt wird; und wie 47 ernſtlich und ſchnell er daran denken ſollte, ſich unabhängig davon zu machen. Die Art und Weiſe meines jetzigen Auftretens war deßhalb die geringſte meiner Sorgen, die mehr von dem Gedanken in Anſpruch genommen wurden, mir einen Schatz praktiſcher Kenntniſſe zu ſammeln, welche im Stande wären, mich gegen die Launen des Schickſals für die Zukunft ſicher zu ſtellen. Ich wurde dergeſtalt gleichgültig gegen äußere Zierrath, und nahm ſolch eine ſtrenge Miene an, daß Jedermann ſagte, der Kamm ſei mir be⸗ ſchnitten worden. Selbſt Gawky kehrte in die Stadt zurück, ohne von meiner Rache etwas beſorgen zu dürfen, da dieſelbe damals durch vernünftige Betrachtungen ziemlich ſtark abgekühlt und ſo wirkſam zurückgehalten wurde, daß ich niemals ſo wenig darauf dachte, für die Beleidigungen, welche er mir zugefügt hatte, Ge⸗ nugthuung zu bekommen. Als ich glaubte, meinen Geſchäften hin⸗ länglich gewachſen zu ſein, ſo fieng ich an, nach einer Gelegen⸗ heit, die Welt zu beſehen, umherzublicken, indem ich hoffte, eine Stelle zu ſinden, welche mir die ausgeſtandenen Mühſeligkeiten belohnen könne. Doch da dieß nicht ohne eine kleine Geldſumme, um das Schlachtfeld betreten zu können, auszuführen war, ſo ge⸗ rieth ich in die größte Verlegenheit, wie ich dieſelbe erheben ſolle, da ich wohl wußte, daß Crab ſeinerſeits ſich niemals dazu ver⸗ ſtehen würde, mir die Mittel dazu an die Hand zu geben, weil ſein Intereſſe für mein längeres Bleiben ſo ſehr betheiligt dabei war. Je⸗ doch ein unbedeutender Zufall, der damals ſich ereignete, ſtimmte ihn zu meinen Gunſten. Dieß war nichts Geringeres, als die Schwan⸗ gerſchaft ſeiner Magd, welche mir ihre Lage zu wiſſen that, mit der Behauptung, ich ſei die Urſache davon. Ungeachtet ich keinen Grund hatte, die Wahrheit dieſer Be⸗ ſchuldigung in Frage zu ſtellen, ſo waren mir doch die Vertrau⸗ lichkeiten, welche zwiſchen ihrem Herrn und ihr ſelbſt ſtattgefunden hatten, wohlbekannt, aus welchem ich Nutzen zog, indem ich ihr 48 vorſtellte, wie thöricht es ſei, die Laſt vor meiner Thüre nieder⸗ zulegen, wenn ſie zu ihrem größeren Vortheile Herrn Crab damit beſchenke. Sie gab meinem Rathe Gehör, und benachrichtigte am nächſten Tage denſelben von dem angeblichen Reſultate ihrer gegen⸗ ſeitigen Anſtrengungen. Er war weit entfernt, über dieſen Beweis ſeiner Kraftäußerung ſehr freudig zu ſein, da er voraus ſah, die Sache könne ſehr unangenehme Folgen nach ſich ziehen; nicht weil er häusliches Murren und Vorwürfe von Seiten ſeiner Frau be⸗ ſorgte, denn er hielt ſie in vollkommener Abhängigkeit von ſich; ſondern weil er wohl wußte, es würde ſeinem Rivalen Potion Veranlaſſung zur Beſchimpfung und Untergrabung ſeines guten Rufs geben, da in den Augen der Bewohner des Theils der Inſel, wo er lebte, kein Vorwurf von nachtheiligern Folgen war, als der der Unkeuſchheit. Er faßte deßhalb einen ſeiner würdigen Ent⸗ ſchluß, der darin beſtand, dem Mädchen den Glauben beizubringen, ſie ſei nicht ſchwanger, ſondern leide an einem, bei jungen Weibern häufig vorkommenden, Uebel, das er leicht entfernen könne; nach dieſem angenommenen Plane verſchrieb er Arznei, welche unfehl⸗ bar einen Abortus herbeiführen mußten: doch hierin täuſchte er ſich. Denn das Mädchen, welches ich mit ſeiner Abſicht bekannt gemacht hatte, und das zugleich ihrer eigenen Lage wohl bewußt war, weigerte ſich durchaus, ſeinen Anweiſungen Folge zu leiſten, und drohte ihm, ihre Lage öffentlich zu machen, wenn er nicht ſogleich ihr die für dieſen wichtigen Fall, der in einigen Monaten ein⸗ treten werde, nöthigen Gelder verabreiche. Ich durfte nicht lange auf das Ergebniß ſeiner Berathung warten, denn er redete mich eines Tags ſo an:„es befremdet mich, daß ein junger Mann, wie Sie, keine Luſt hat, ſein Glück in der Welt zu verſuchen. Noch jünger als Sie briet ich ſchon an Guinea's Küſte. Gott ver⸗ damm' mich! was hält Sie ab, aus dem Kriege, welcher auf dem Punkte ſteht, gegen Spanien erklärt zu werden, Nutzen zu ziehen? Leicht können Sie als Schiffsarztgehülfe an Bord eines Kriegs⸗ 49 ſchiffs kommen, wo Sie ſccherlich vieles lernen und tüchtig ihren Beutel mit Priſen⸗Gelder füllen können. Ich ergriff dieſe, von mir ſehnlichſt berbeigewünſchte, Gelegen⸗ heit mit beiden Händen, und gab ihm die Verſicherung, gern würde ich ſeinem Rathe folgen, ſtünde es nur in meiner Macht. Doch es ſei für mich eine Unmöglichkeit, eine Gelegenheit der Art zu benützen, da ich keinen Freund habe, um mir einiges Geld zur Beſtreitung meiner Bedürfniſſe und der Koſten einer Fahrt nach London zu verſchaffen. Er erwiederte mir, Weniges reiche hin, und, was die Ausgaben für meine Reiſe nach London betreffe, ſo wolle er mir ſo viel Geld leihen, um nicht nur dieſen Zweck zu erreichen, ſondern auch mich erträglich in London zu erhalten, bis ich ein Patent für meine Anſtellung an Bord eines Schiffs erhalte. Ich ſagte ihm tauſend Dank für ſein verbindliches Anerbieten, obgleich ich mir ſeines Grundes wohl bewußt war, der in nichts Anderem beſtand, als in der Abſicht, den Baſtard nach meiner Abreiſe mir zur Laſt zu legen. Demgemäß machte ich mich in der nächſten Woche nach London auf den Weg. Mein ganzes Ver⸗ mögen beſtand aus Einem Anzug, einem halben Duzend gefältelter Hemden, eben ſo viel glatten, zwei Paaren baumwollener und einem gleichen Paare leinener Strümpfe; einem Inſtrumenten⸗ futteral, einer kleinen Ausgabe des Horaz, Wiſemann's Wund⸗ arzneikunde, und zehn Guineen in der Caſſe, wofür Crab eine Verſchreibung zu fünf Prozent Intereſſe von mir erhielt. Zugleich gab er mir einen Brief an das Parlamentsglied unſerer Stadt mit, wobei er bemerkte, daſſelbe würde wirkſam für mich auf⸗ treten.„ Smollet's Romane. I. 4 ———— Achtes Kapitel · Ich erreiche Newcaſtle; treffe mit meinem ehemaligen Schulkameraden Strap zuſammen; wir beſchließen, mit einander nach London abzu⸗ reiſen; machen uns auf den Weg; kehren in einem einſam ſtehenden Wirths hauſe ein; werden durch ein ſonderbares Ereigniß bei Nacht in Schrecken verſetzt. Keine beſſere Reiſegelegenheit giebt es in dieſem Reiche, als eine Landkutſche, und meine Finanzen erlaubten mir nicht, ein Pferd zu miethen; ich entſchloß mich deßhalb, mit den Boten aufzubre⸗ chen, welche Güter von einem Ort zum andern auf Pferdsrücken ſpediren; und dieß brachte ich in Ausführung am erſten Sep⸗ tember 1739, ſitzend auf einem Packſattel zwiſchen zwei Körben, veren einer meine Sachen in einem Schnappſack enthielt. Doch als wir in Neweaſtle am Tyne anlangten, war ich dieſes Fuhr⸗ werks ſo überdrüſſig und von dem kalten Wetter ſo ſteif, daß ich den Reſt meiner Reiſe lieber zu Fuß zu machen beſchloß, ehe ich ſie auf ſolche widerwärtige Weiſe foriſetzte. Der Hausknecht des Gaſthauſes, wo wir einkehrten, rieth mir, als er hörte, ich wolle nach London, in einem Kohlenſchiffe meine Reiſe fortzuſetzen, denn, ſagte er, das ſei wohlfeil und ſchnell⸗ förvernd zugleich, und dabei weit leichter, als über 300 Meilen weit durch tiefgefurchte Wege zu Winterszeit zu wandern; eine Reiſe, welche ich zu vollführen nicht Stärte genug habe. Ich hatte mich veinahe ſchon bereden laſſen, als eines Tags, wo ich in der Abſicht, mich raſiren zu laſſen, in eine Barbiersbude ein⸗ getreten war, mich der junge Mann, während er mein Geſicht einſeifte, ſo anredete:„Mein Herr! wenn ich mich nicht irre, ſind Sie ein Schotte.“ Ich antwortete bejahend⸗„Bitte,“ fuhr er fort, „aus welchem Theile Schottlands 2„Ich ſagte es ihm nicht ſo bald, als er große Bewegung verrieth, und ſeine Operation nicht auf mein Kinn und die Oberlippe allein beſchränkte, ſondern mein 51 ganzes Antlitz in großer Haſt einſchmierte. Ueber dieſen un⸗ nöthigen Aufwand wurde ich dermaßen aufgebracht, daß ich aufſprang, und ihn bei allen Teufeln fragte, was er denn wolle, daß er mit mir ſo umgehe? Er batum Verzeihung, indem er mir ſagte, die Freude, mit einem Landsmanne zuſammenzutreffen, habe ihn einigermaßen verwirrt; zugleich bat er um meinen Namen. Als ich ihm nun ſagte, ich heiße Roderich Random, ſo rief er voll Entzücken aus:„wie, Rory Random?“„Derſelbe,“ erwiederte ich, voll Erſtaunen ihn anſehend.„Wie“ rief er aus,„kennſt Du Deinen alten Schulfreund Hugo Strap nicht mehr?“ Nun erkannte ich plötzlich ſeine Züge, und ſlog in ſeine Arme, im Uebermaß meiner Freude die eine Hälfte des Saifenſchaums, welchen er ſo verſchwenderiſch auf mein Geſichte getragen hatte, ihm wieder zurückgebend, ſo daß wir ſebr lächerlich ausſaben und ſeinem Meiſter und ſeinen Gehülfen, die Zeugen dieſes Auf⸗ tritts waren, vielen Stoff zum Lachen gaben. Nachdem unſere gegenſeitigen Liebkoſungen vorüber waren, ſetzte ich mich wieder, um mich vollends raſiren zu laſſen, allein des armen Menſchen Nervenſyſtem war durch dieſes unerwartete Zuſammentreffen ſo aufgeregt, daß ſeine Hand kaum das Raſiermeſſer halten konnte, womit er jevoch ſo geſchickt war, mir an drei Stellen eben ſo viele Schnitte zu machen. Als ſein Meiſter ſeinen Zuſtand gewahr ward, ſo hieß er einen Zweiten ſeine Stelle einnehmen; und gab Strap, nach vollbrachter Operation, die Erlaubniß, den Reſt des Tags mit mir hinzubringen. Wir kehrten ſogleich in meine Wohnung zurück, wo ich Bier kommen ließ und den Wunſch äuſſerte, mit ſeinen neueſten Schick⸗ ſalen bekannt zu werden, welche in Richts weiter beſtanden, als daß er, als ſein Lehrherr, bevor ſeine geſetzliche Lebrzeit zu Ende gegangen, geſtorben, ungefähr vor einem Jahre nach Neweaflle in der Hoffnung, Arbeit zu erhalten, nebſt noch drei jungen Leuten ſeiner Bekanntſchaft gekommen ſei, die in den Kielräumen arbeiteten, 52 vas Glück gehabt habe, einen ſehr gütigen Meiſter zu finden, bei dem er bis Frühling bleiben wolle, wo er dann nach London zu gehen gedenke, denn dort hoffe er ſein gewiſſes Fort⸗ kommen zu finden. Als ich ihm meine Verhältniſſe und Abſichten mittheilte, billigte er es nicht, daß ich zur See reiſen wolle, eines⸗ teils wegen des Gefährlichen einer Winterreiſe, die an dieſer Küſte äußerſt gewagt ſei, anderntheils wegen des unſichern Windes, welcher mich leicht zum großen Schaden meines weiteren Fortkom⸗ mens eine ziemliche Weile aufhalten könne; während, wenn ich die Reiſe zu Lande machen wolle, er bereit ſei, mir Geſellſchaft zu leiſten, mein Gepäck auf dem ganzen Wege zu tragen, und, ſollten wir unterwegs müde werden, ſo fänden wir leicht auf dem Wege Retourpferde oder Wagen, die wir um ein geringes Geld benutzen könnten. Ueber dieſen Vorſchlag gerieth ich dermaßen in Entzücken, daß ich ihn mit Heftigkeit in meine Arme ſchloß, und ihm die Verſicherung gab, er könne bis zum letzten Farthing über meine Börſe gebieten; doch er gab mir zu verſtehen, er habe Geld genug ſich erſpart, um ſeine Bedürfniſſe ſelbſt zu beſtreiten, und er habe einen Freund in London, welcher ihm bald in dieſer Hauptſtadt Geſchäfte verſchaffen werde, und ſehr wahrſcheinlich auch mir einen gleichen Dienſt werde leiſten können. Nachdem wir den Plan ins Reine gebracht und unſere An⸗ gelegenbeit noch in dieſer Nacht beſorgt hatten, ſo reisten wir ab, jeder mit einem tüchtigen Prügel bewaffnet,(mein Gefäbrte hatte ſich mit unſer beider Gepäcke, das in einem Schnappſack zuſamniengeſtopft war, beladen), während wir unſer Geld zwiſchen dem Futter und den Bändern unſerer Hoſen einnähten, nur einiges Silber zur freien Dispoſition für die unmittelbaren Bedürf⸗ niſſe der Reiſe zurückbehaltend. Wir marſchirten den ganzen Tag im Schnellſchritte: doch, da wir die Stationen nicht recht kann⸗ ten, ſo wurden wir, ziemlich weit von einem Gaſthauſe entfernt, 53 von der Nacht überfallen, ſo daß wir unſer Quartier in einer kleinen Heckenbierkneipe, die an einem Seitenwege, eine halbe Meile von der Hauptſtraße entfernt, ſtand, nehmen mußten. Dort trafen wir einen Hauſirer, einen Landsmann von uns, in deſſen Ge⸗ ſellſchatt wir Speck und Eier nebſt einem Glaſe guten Biers vor einem behaglichen Feuer verſpeisten, und uns die ganze Zeit über ſehr freundſchaftlich mit dem Wirthe und ſeiner Tochter unter⸗ hielten, einem kerngeſunden aufgeweckten Mädchen, das uns in muntrer Laune erhielt, und an deſſen Herzen ich mir einbildete eine Eroberung gemacht zu haben. Ungefähr um acht Uhr wurden wir alle drei auf unſer Verlangen in ein mit zwei Betten verſehenes Gemach geführt; ich und Strap legten uns in das eine und der, Hauſirer in das andere, nicht odne daß er geraume Zeit hin⸗ durch ein Stoßgebet aus dem Stegreif hergeſagt, jede Ecke des Zimmers durchſtöbert und die Thüre auf der innern Seite mit einer ſtarken eiſernen Schraube, die er zu dieſem Zwecke immer bei ſich führte, befeſtigt hatte. Ich ſchlief ſehr geſund bis Mitternacht, wo ich durch eine heftige Bewegung des Betts beunruhigt wurde, das beſtändig unter mir zitterte. Erſchreckt hierüber, ſtieß ich meinen Gefährten an, welchen ich zu meiner nicht geringen Verwunderung in Schweiß gebadet und zitternd am ganzen Leibe antraf: er ſagte mir mit unſicherer ſtammelnder Stimme, wir ſeien verloren, denn im nächſten Zimmer befinde ſich ein blutiger Wegelagerer mit gelade⸗ nen Piſtolen: hierauf wies er mir, indem er mich bat, mich ſo ſtill als möglich zu verhalten, eine kleine Ritze in dem Bretter⸗ verſchlag, wodurch ich einen dicken, ſtämmigen Burſchen mit trotziger Miene an einem Tiſche mit unſerer jungen Wirthin ſitzen ſah, nebſt einem Kruge Biers und einem Paare Piſtolen vor ſich. Ich horchte ſehr aufmerkſam und hörte ihn in ſchrecklichem Tone ſagen;„verdammt ſey der Hundeſohn, Smack, der Kutſcher! er hat mir wahrlich einen ſchönen Streich geſpielt—— doch ver⸗ 54 dammi ſei ich, wenn ich es ihn nicht will fühlen laſſen! Ich will den Schurken lehren, mit Andern im Einverſtändniſſe zu ſein, ſo lange er Verpflichtungen gegen mich hat.“ Unſere Wirthin verſuchte es, dieſen erbitterten Straßenräuber zu beſänftigen, indem ſie ihm ſagte, er irre ſich in Smack, der vielleicht mit dem andern Herrn, der ſeine Kutſche plünderte, kein Einverſtändniß unterhalten habe: wenn ein unglücklicher Zufall ihn heute in ſeinen Erwartungen getäuſcht habe, ſo würde er bald wieder Gelegenheit finden, ſeinen erlittenen Verluſt erſetzen zu können.„Ich will Dir was ſagen, meine liebe Betty!“ verſetzte er drauf,„niemals hatte ich oder werde ich haben, ſo lange ich Rifle heiße, eine ſo prächtige Beute, wie ich heute verlor. Ele⸗ ment! vierhundert Pfunde befanden ſich in der Kaſſe, um Leute für den königlichen Dienſt anzuwerben, außer den Juwelen, Uhren, Degen und dem Gelde der Paſſagiere. Hätte ich das Glück gehabt, mit ſo vielen Schätzen davon zu kommen, ſo würde ich einen Dienſt in der Armee gekauft, und Dich, junge Vettel! zu einer Offiziersfrau gemacht haben, ja! das würde ich.“— „Gut, gut,“ ſchrie Betty,„wir müſſen Gott walten laſſen. Aber fandeſt Du nichts Werthvolles, was dem andern Herrn von der Landſtraße vielleicht entging?“—„Nicht vieles, traun!“ ſagte der Liebhaber,„ich erbeutete Einiges, zum Beiſpiel hier ein Paar kleiner Piſtolen mit Silber beſchlagen— hier ſiehſt Du ſie— Ich entriß ſie geladen dem Capitän, welcher die Aufſicht über das Geld führte, nebſt einer goldenen Uhr, welche er in ſeinen Hoſen verſteckt hatte. Eben ſo fand ich zehn Portugaleſer in den Schuhen eines Quäkers, welchen der Geiſt antrieb, mit großer Bitterkeit und Andacht auf mich los zu ſchmäh⸗ len; doch am meiſten ſchätz' ich, mein Mädchen! hier dieſes Stück, eine goldene Schnupftabaksdoſe, mit einem Gemälde auf der Inn⸗ ſeite des Deckels, die ich aus dem Hemdzipſel einer hübſchen Dame losband.“ br — 55 Hier, wie wenn der Teufel es veranſtaltet hätte, ſchnarchte der Hauſirer ſo laut, daß der Wegelagerer ſeine Piſtolen ergriff, aufſprang und ſchrie:„Hölle und Verdammniß! ich bin verrathen! wer iſt im nächſten Zimmer?“ Miſtreß Betty ſagte ibm, er ſolle ſich beruhigen: es ſeien nur drei arme müde Reiſende, welche der Straße verfehlt, im Hauſe ſich einquartirt hätten und ſchon lange ſchliefen.„Reiſende,“ ſagte er,„Spione, Du Hündin! Doch das iſt einerlei, ich will ſie alle zur Hölle ſenden.“ Er rannte ſogleich auf unſere Thüre los; doch ſein Herzensſchatz trat dazwiſchen und gab ihm die Verſicherung, es ſeien nur ein Paar junge Schotten, welche zu unerfahren und unwiſſend ſeien, um den leiſeſten Verdacht in ihm rege zu machen, und der dritte ſei ein presbhterianiſcher Hauſirer von derſelben Nation, welcher oft zuvor im Hauſe übernachtet habe. Dieſe Erklärung ſtellte den Räuber zufrieden, welcher ſchwur, es freue ihn, daß ein Händler da ſei, denn er brauche Leinwand. Dann luſtig werdend, ließ er das Glas kreiſen, ſeine Reden an Betty mit Liebkoſungen und Vertraulichkeiten würzend, die ihn ſehr glücklich in die Strömungen der Liebe brachten. Während ihre Unterhaltung uns zum Gegen⸗ ſtande gehabt hatte, war Strap unter das Bett gekrochen, wo er auf der Folter der Todesangſt lag, ſo daß ich mit großer Schwierig⸗ keit ihn zur Ueberzeugung, unſere Gefahr ſei überſtanden, und dahin bringen konnte, den Hauſirer aufzuwecken und ihn von dem Vorfalle in Kenntniß zu ſetzen. Der wanbernde Krämer ſprang, als er fühlte, daß ibn Etwas bei der Schulter packe, halbtodt vor Schrecken auf, und ſchrie aus allen Leibeskräften:„Diebe, Diebe! Gott erbarme ſich unſer!“ und Rifle, beunruhigt durch dieſen Ausruf, ſprang in die Höhe, ſpannte die eine ſeiner Piſtolen, und wandte ſich gegen die Thüre, um den Erſten, welcher hereinträte, zu tödten: denn er hielt ſich wirklich für angegriffen; als ſeine Dulcinea nach einem unmäßigen 56 Gelächter ihn endlich überredete, daß der arme Krämer von Dieben geträumt und blos im Schlafe gerufen habe. Unterdeſſen hatte mein Freund unſerem Schlafgenoſſen ſeinen Irrthum benommen und ihm den Grund, warum er ihn aus dem Schlafe geſört habe, entdeckt. Hierauf erhob er ſich ſachte, warf einen Blick durch das Loch und wurde durch das, was er ſah, ſo in Schrecken verſetzt, daß er auf die bloßen Kniee niederfiel, ein langes Gebet zum Himmel richtete, er möchte ihn aus den Hünden dieſes Schurken befreien, und das Verſprechen ablegte, nie um eines Nadelkopf's Werth in Zukunft mehr ſeine Kunden zu be⸗ trügen, vorausgeſetzt, er würde der gegenwärtigen Gefahr ent⸗ rinnen können. Ob dieſe Erleichterung ſeines Gewiſſens ihm einige Ruhe gab, weiß ich nicht, genug! er ſchlüpfte wieder in ſein Bett, und verhielt ſich ganz ruhig, bis ver Räuber und ſeine Geliebte im Schlummer lagen, und um die Wette ſchnarchten. Hierauf erhob er ſich langſam, band ein Seil los, das um ſeinen Pack geſchlungen war, befeſtigte es am einen Ende deſſelben, offnete das Fenſter ſo leiſe als möglich, und ſenkte ſeine Waaren mit großer Schnelligkeit in den Hof hinab. Dann kam er leiſe an unſeres Bett's Seite und ſagte uns Lebewohl, mit den Worten, daß, da wir in keiner Gefahr eines Verluſts ſtehen, wir zuver⸗ ſichtlich fortſchlafen und Morgens den Wirth verſichern könnten, wir wüßten Nichts von ſeinem Entkommen. Envlich ließ er ſich, nachdem er uns die Hände geſchüttelt und alles mögliche Glück gewünſcht hatte, vom Fenſter ohne alle Gefährde herab, denn der Boden war nicht über eine Elle von ſeiner Fußſohle entfernt, als er draußen hing. Ungeachtet ich es nicht für angemeſſen hielt, daß wir uns ihm anſchlöſſen, ſo war ich doch nicht ganz frei von Beſorgniß, als ich darüber nachſann, was wohl der Wegelagerer thun würde, wenn er das Neſt leer fände, da er gewiß im Sinne hatte, des Haufirers Waaren für Freigut zu erklären. Auch mein Gefährte ——— — 57 war von gleichen Beſorgniſſen erfüllt, und hatte eine ſolch gräß⸗ liche Vorſtellung von Rifle gefaßt, daß er mich beſchwor, unſeres Landsmanns Beiſpiel zu folgen, und ſo der Rache dieſes ſchreck⸗ lichen Abenteurers uns zu entziehen, denn ſicherlich würde er an uns, als Mitſchuldigen, bei der Entweichung des Hauſirers ſeine Erbitterung auslaſſen. Doch ich machte ihn auf die Gefahr auf⸗ merkſam, wenn wir Rifle Urſache gäben, zu glauben, wir kennen ſein Handwerk; und behauptete, er würde, wenn er uns auf der Straße treffen würde, uns als gefährliche Bekanntſchaft anſehen, und es ſeinem Intereſſe gemäß finden, uns aus dem Wege zu räumen. Ferner ſagte ich, Betty's Gutmüthigkeit beruhige mich; und während des Reſts der Nacht beſprachen wir uns über die Art und Weiſe, wie wir uns benehmen wollten, um Morgens keinen Verdacht zu erregen. Sobald es Tag war, trat Betty in unſer Zimmer, und rief, als ſie unſer Fenſter vffen fand, aus:„Potz Kraut und Perrücke! ihr Schotten müßt gewiß viel überflüſſige Hitze im Leibe haben, daß ihr die ganze Nacht bei offenem Fenſter und ſolch kaltem Wetter ſchlafet.“ Ich ſtellte mich, als fahre ich aus dem Schlafe empor, und rief, den Vorhang zurückziehend:„was giebt's?“ Als ſie es mir wies, ſtellte ich mich äußerſt überraſcht und ſagte: „Himmel! das Fenſter war zugemacht, als wir zu Bette gingen.“ —„Hängen will ich mich laſſen,“ ſprach ſie,„wenn nicht Sawney Waddle, der Hauſirer, im Traume ſich aufgemacht und es gethan hat, denn ich hörte ihn, einen ſchrecklichen Lärmen verführte er im Schlafe. Ich weiß gewiß, daß ich einen Nachttopf unter ſein Bett ſtellte.“ Mit dieſen Worten ſchritt ſie auf ſein Bett zu, und rief, als ſie die Betttücher kalt fand, aus:„Gott erbarm ſich! der Schurke iſt geflohen.“—„Entflohen?“ ſchrie ich, mit erheucheltem Schrecken,„Gott ſey uns gnädig!— Gewiß hat er uns beraubt.“ Dann ſprang ich auf, erfaßte meine Hoſen, leerte alle meine, —— 58 ich gerechnet hatte:„Dem Himmel ſey's gedankt, unſer Geld iſt alles gerettet! Strap, ſchaue nach dem Schnappſack!“ Er that ſo, und fand Alles in Ordnung. Hierauf frugen wir mit ſcheinbarer Beſorgniß, ob er wohl Nichts von ihrem Eigenthume entwendet habe.„Nein, nein,“ verſetzte ſie,„nichts hat er geſtohlen, als ſeine Rechnung,“ welche wie es ſcheint, dieſer andächtige Krämer, voll von ſeinen frommen Betrachtungen, zu berichtigen ver⸗ geſſen hatte Betty entfernte ſich nach einigen Augenblicken, und bald dar⸗ auf vernahmen wir, daß ſie Rifle aus ſeinem Schlummer weckte, der, als er von Wadvle's Flucht hörte, aus dem Beite ſprang und ſich ankleidete, während er tauſend Verwünſchungen ausſtieß und ſchwur, den Krämer zu tödten, wenn je ſeine Augen ihn wieder erblicken würden:„denn,“ ſagte er,„der Schurke hat jetzt die Spürnaſen der Polizei gegen mich gelenkt.“ Hierauf kleidete er ſich eilends an, beſtieg ſein Pferd, und befreite uns von ſeiner Geſellſchaft und tauſend Beängſtigungen, welche mit ihr verbunden waren. Während wir beim Frühſtück ſaßen, verſuchte Betty mit Auf⸗ wendung ihres ganzes Vorraths von Verſchlagenheit von uns zu erfahren, ob wir unſern Schlafgenoſſen, welchen wir fortreiten ſahen, im Verdacht hätten over nicht; doch, da wir auf unſerer Hut waren, ſo beantworteten wir ihre ſchlauen Fragen mit einer Einfalt, der ſie nicht mißtrauen konnte, als wir plötzlich das Getrappel von Pferdehufen vor der Thüre hörten. Dieſer Lärmen ſetzte Strap, deſſen Einbildungskraſt durch Rifle's Bild ſtart auf⸗ geregt war, ſo in Ansſt, daß er mit einem käſeweißen Geſichte ausrief:„O Gott, da iſt der Wegelagerer zurückgekehrt!“ Unſere Wirthin, welche ihn bei dieſen Worten ſtark anſah, ſagte: „welcher Wegelagerer, junger Menſch! Glaubt ihr, man beherberge hier Wegelagerer?“ nicht eingenähte, Münze in meine Hand aus, und ſprach, nachdem * 59 Obgleich ich über dieſes Stückchen von Unvorſichtigkeit von Seiten Strap's ſehr außer Faſſung gerieth, ſo behielt ich doch ſo viel Geiſtesgegenwart, um ihr zu ſagen, wir ſeien den Tag zu⸗ vor einem Reiter begegnet, welchen irrigerweiſe Strap für einen Wegelagerer gehalten, weil er Piſtolen bei ſich führte, und ſeit⸗ dem gerathe er bei dem— jedes Pferdehufs in den—— Schrecken. Sie zwang ſich zu einem Lächeln über meines Gefährten Unwiſſenheit und Furcht, doch, wie ich wohl bemerken konnte, nicht ohne ſtarke Beſorgniß, dieſe Nachricht möchte nicht vollkommen wahr ſein. Neuntes Kapitel. Wir ſetzen unfere Reiſe fort; werden von einem Wegelagerer, der auf Strap feuert, uͤberholt; von einem aͤhnlichen Verſuche auf meine Perſon wird jener durch einen Trupp Reiter, welche ihn verfolgen, abgehaltenz Strap wird in einem Wirthshauſe zu Vette gebracht; Begebenheiten daſelbſt. Nachdem wir unſere Rechnung bezahlt und von unſerer Wirthin, die mich beim Scheiden zärtlich umarmte, Abſchied genommen hatten, ſetzten wir unſere Reiſe fort, indem wir uns glückwünſchten, mit heiler Haut davon gekommen zu ſein. Noch hatten wir aber nicht fünf Meilen zurückgelegt, als wir Jemanden hinter uns her gallopiren hörten, den wir bald für keinen andern erkannten, als den furchtbaren Helden, welcher uns ſchon ſo viel Angſt eingeflößt hatte. Er hielt hart bei mir an, und frug mich, ob ich wiſſe, wer er ſei? Mein Erſtaunen hatte mich ſo meiner Faſſung be⸗ raubt, daß ich ſeine Frage nicht hörte, welche er nun mit einem Hagel von Schwüren und Drohungen noch einmal wiederholte: doch ich blieb ſo ſtumm, wie zuvor. 1— 60 Strap ſiel, als er ſah, wie haltungslos ich daſtand, auf ſeine Kniee in den Koth, mit kläglicher Stimme folgende Worte wiederholend:„Um Jeſu willen, habt Erbarmen mit uns, Herr Rifle! wir kennen Euch recht gut.“—„Aha!“ rief der Strauch⸗ dieb,„Du kennſt mich. Doch nie wirſt Du je Zeugniß gegen mich ablegen, Du Hund!“ Mit dieſen Worten zog er ein Piſtol her⸗ aus, und feuerte es auf den unglücklichen Bartſcheerer ab, der, ohne einen Laut auszuſtoßen, platt auf den Boden fiel. Meines Gefährten Schickſal wie meine eigene Lage, ſchmie⸗ deten mich an den Platz, wo ich ſtand, aller Sinne und Gedanken beraubt; ſo daß ich nicht den geringſten Verſuch machte, zu flieben oder die Wuth dieſes Barbaren zu beſchwichtigen, der ein zweites Piſtol auf mich abdrückte. Doch bevor er Zeit hatte, wieder Pulver aufzuſchütten, ſah er einen Trupp Reiter auf ſich zukommen, worauf er fortjagte, und mich bewegungslos, wie eine Bildſäule, zurückließ, in welcher Stellung mich diejenigen fanden, deren Er⸗ ſcheinen mein Leben gerettet hatte. Dieſe Geſellſchaft beſtand aus drei gutbewaffneten Männern in Livree nebſt einem Offizier, welcher, wie ich nachher erfuhr, das Individuum war, dem Rifle den Tag zuvor die Taſchenpiſtolen entwendet hatte, und der, nach⸗ dem er einen Edelmann, mit welchem er auf der Landſtraße zu⸗ ſammentraf, ſein Unglück erzählt und ihm die Verſicherung gegeben hatte, der Grund, warum er nicht Widerſtand geleiſtet habe, rühre einzig von ſeiner Rückſicht gegen die, zugleich in der Kutſche ſitzenden, Damen her, ſich den Beiſtand von ſeiner Herrlichkeit Be⸗ dienten verſchafft hatte, um den Straßenräuber aufzuſuchen. Dieſer Feiertags⸗Capitän ritt ſchnell auf mich zu, und frug, wer das Piſtol, deſſen Schuß er gehört, abgefeuert habe. Da ich meiner Sinne noch nicht Meiſter geworden war, ſo bemerkte er, bevor ich ihm Antwort geben konnte, einen Körper auf dem Boden, bei deſſen Anblick er die Farbe veränderte und mit bebender Stimme ausrief:„ihr Herrn! pier iſt ein Mord be⸗ 61 gangen! laßt uns abſteigen!“—„Nein, nein,“ ſagte einer ſeiner Begleiter,„wir wollen lieber den Mörder Wohinzu gieng er, junger Mann?“ Mittlerweile hatte ich mich ſo weit wieder geſammelt, daß ich ihnen zu ſagen, er könne nicht eine Viertelmeile voraus ſein, und einen von ihnen zu bitten vermochte, er möchte mir den Körper meines Freundes in das nächſte Haus tragen helfen, um ihn be⸗ graben zu laſſen. Der Kapitän, in der Vorausſicht, daß es, wenn es ans Verfolgen gienge, bald zu Thätlichkeiten kommen werde, begann ſein Pferd am Zaume zu halten und zugleich ihm den Sporn zu geben, wodurch das Thier bewogen wurde, ſich zu bäu⸗ men und auszuſchlagen; er rief deßhalb aus, ſein Pferd ſei ſcheu und wolle nicht vorwärts. Zugleich machte er auch im Kreiſe herum Wendungen, ſtreichelte des Pferdes Hals, ihm pfeifend und lockend mit:„Burſche, Burſche— ruhig! ruhig!“ ꝛc.—„Element!“ rief einer der Bedienten aus,„gewiß iſt meines gnädigen Herrn Rothfuchs nicht ſtätig.“ Mit dieſen Worten applicirte er einen Peitſchenhieb auf Sor⸗ rel's Hintertheil, und dieſer ſprang, dem Zaume Trotz bietend, mit dem Kapitän ſo ſchnell vorwärts, daß er bald dem Räuber auf den Leib gekommen ſein würde, wenn nicht der Gurt zum Glücke für ihn ſich losgemacht hätte, wodurch er im Kothe abſetzte, während zwei ſeines Gefolgs die Spur des Räubers verfolgten, ohne ſeine Lage zu berückſichtigen. Unterdeſſen hatte einer von den Dreien, welcher auf meinen Wunſch zurückgeblieben war, Strap's Körper umgewandt, um die Wunde, welche ihn getödtet hatte, zu beaugenſcheinigen, er fand ihn aber noch warm und athmend. Hierauf ließ ich ihm ſogleich zur Ader, und hatte das unaus⸗ ſprechliche Vergnügen, ihn wieder zu ſich kommen zu ſehen, denn er hatte ſonſt keine Wunde erhalten, als die, welche ſeine Furcht ihm verurſacht hatte. Nachdem wir ihn auf die Beine gebracht hatten, marſchirten wir mit einander einem Wirthshauſe zu, das 62 in einer Entfernung von ungefähr einer halben Meile von uns lag; dort legte ſich Strap, der ſich noch nicht ganz wieder erholt batte, zu Bette, und bald darauf kehrte der dritte Bediente mit des Kapitäns Pferd und Geſchirr zurück, ihm es überlaſſend, ſo gut, als er konnte, nachzukriechen. Dieſer Sohn des Mars klagte bei ſeiner Ankunft ſehr über eine, durch ſeinen Fall veranlaßte, Quetſchung, und auf die Em⸗ pfehlung des Bedienten, der meine Geſchicklichkeit pries, erhielt ich den Auftrag, ihm zur Ader zu laſſen, wofür er mich mit einer halben Krone belohnte. Die Zeit zwiſchen dieſem Vorfall und dem Mittageſſen ver⸗ vrachte ich damit, einem Kartenſpiele zwiſchen zwei Landleuten, einem Acciſebeamten und einem jungen Manne, in abgetra⸗ gener Kleidung und einem Prieſierrocke, zuzuſehen, welch letztere Perſon, wie ich nachher erfuhr, Vikar eines benachbarten Kirch⸗ ſpiels war. Es war unſchwer zu bemerken, daß die Partien nicht gleich ſeien, und daß die zwei Landleute, welche auf einer Seite waren, es mit einem Paare Gaunern zu thun hatten, von welchen ſie ſehr bald ihrer ganzen Baarſchaft beraubt wurden. Doch ein Umſtand, der am meiſten mich überraſchte, war, daß ich den Geiſtlichen einem von den beiden Landleuten, welcher falſches Spiel zu ahnen ſchien, folgendermaſſen antworten hörte:„Gott verdamm' mich, Freund! bezweifelt ihr meine Ehre?“ Ich wunderte mich nicht im Geringſten, unter Geiſtlichen einen Betrüger zu finden, da dieſer Charakter in meiner Heimath ſelbſt nicht ſelten war, doch empörte mich ſein gemeines Benehmen, das aus den Eiden, welche er ſchwur, und den liederlichen Ge⸗ fängen, die er preis gab, hervorgieng. Zuletzt zog er, um den Verluſt, welchen er den unvorſichtigen Bauern verurſacht hatte, etwas gut zu machen, aus dem Rockfutter eine Geige heraus, und ſieng mit dem Verſprechen, ſie Mittags zu traktiren, ſehr melo⸗ diſch an zu ſpielen, die ganze Zeit über dazu ſingend. Dieſe heitere 63 Launen des Geiſtlichen ſteckte die Geſellſchaft ſo ſehr an, daß die Landleute bald ihren Verluſt vergaßen und alle mit einander in den Hof hinausgiengen um zu tanzen. Während wir uns ſo angenehm unterhielten, hielt unſer Muſikant, welcher einen Reiter auf das Wirthshaus zukommen ſah, plötzlich alle an mit dem Ausrufe:„Potz Velten! ihr Herren, ich bitte euch um Verzeihung, daß ich aufhöre, da kommt unſer Hund von einem Doktor in das Wirthshaus.“ Er verbarg ſo⸗ gleich ſein Inſtrument, und ſprang auf die Thüre zu, wo er des Pfarrers Zügel ergriff und ihm abhalf, indem er auf das freund⸗ ſchaftlichſte nach dem Stande ſeiner Geſundheit ſich erkundigte. Dieſer rothwangige Sohn der Kirche, welcher ungefähr fünf⸗ zig Jahre alt ſein mochte, ſchritt, nachdem er abgeſtiegen und dem Vikar ſein Pferd überlaſſen hatte, mit großer Feierlichkeit in die Küche hinein, wo er ſich an das Feuer ſetzte und einen Krug Bier nebſt einer Pfeife verlangte, während er die unterwürfigen Fragen derjenigen, welche nach der Geſundheit ſeiner Familie ſich erkun⸗ digten, kaum einer Antwort würdigte. Während er ſo unter dem tiefſten Stillſchweigen von unſerer Seite ſich's bequem machte, näherte ſich ihm der Vikar mit großer Ehrerbietung und der Bitte, uns mit ſeiner Gegenwart bei dem Mittageſſen zu beehren. Hier⸗ auf gab er eine abſchlägige Antwort, mit den Worten, er habe den Squire Bumpkin beſucht, der bei den jüngſten Aſſiſen zu viel getrunken und ein hitziges Fieber bekommen habe; auch habe er beim Weggehen von Hauſe Betty geſagt, er würde zu Hauſe ſpeiſen. Als er mit ſeinem Kruge und ſeiner Pfeife zu Ende war, ſo erhob er ſich ſchnell, und bewegte ſich mit Prälatenwürde der Thüre zu, wo ſein Bedienter mit dem Klepper ſtand. Sobald er weggeritten war, brach der beredſame Vikar, in die Küche herein⸗ tretend, in folgende Worte aus:„da reitet der alte Schurke und der Teufel mit ihm. Ihr ſeht wie es in der Welt hergeht. Bei Gott! dieſer Schuft von einem Pfarrer verdient nicht zu leben, und doch 64 hat er zwei Pfründen, die ihm jährlich 400 Pfunde eintragen, während ich armer Teufel ſeinen ganzen Dienſt verſehe und einen Ritt von zwanzig Meilen jeden Sonntag mache, um eine Pre⸗ digt zu halten, wofür? wahrlich, für die Bettelſumme von 20 Pfunden jährlich! Ich will mich meiner eigenen Gaben nicht ſelbſt rühmen, doch— Vergleichungen ſind gehäſſig. Gern möchte ich wiſſen, in wiefern dieſer Dickwanſt von einem Doktor mehr zu haben verdient, als ich. Er kann ſich in ſeinem Lehnſtuhle zu Hauſe ſtrecken, die beſten Speiſen und die herrlichſten Weine ge⸗ nießen, und nebenbei des Umgangs mit Betty ſich erfreuen. Ihr verſteht mich, meine Herren! Betty iſt des Doktors arme Ver⸗ wandte und ein hübſches Mädchen, doch das gebört nicht hieher; ja! ſie iſt auch eine ſehr gehorſame Tochter, die regelmäßig jedes Jahr ihre Eltern beſucht, obwohl ich aufrichtig ſagen muß, daß ich nie ihre Heimath erfahren konnte. Ihr Diener, meine Herren!“ Da jetzt das Mittageſſen bereit ſtand, ſo weckte ich meinen Gefährten, und wir aſſen alle mit einander in der fröhlichſten Stimmung. Als unſere Mahlzeit vorüber, und Jedermanns An⸗ theil an der Zeche beftimmt war, gieng der Vikar unter dem Vor⸗ wande eines nothwendigen Bedürfniſſes zum Zimmer hinaus, be⸗ ſtieg ſein Pferd und überließ es den zwei Landleuten, den Wirth zu befriedigen, ſo gut ſie konnten. Nachdem wir dieſes ſchlaue Stückchen vernommen, begann der Acciſebeamte, der bis dahin ſtumm geblieben war, mit einem boshaften Grinſen ſich folgender⸗ maßen auszuſprechen: ja, ja, das iſt ein altes Stück von einem Kartenanſeher; kaum konnte ich das Lachen verbeißen, als er davon ſprach, Euch zu traktiren. Ihr müßt wiſſen, das iſt ein ganz merkwürdiger Kerl. Er ſammelte ſich einige gelehrte Brocken zuſammen, als er dem jungen Lord Trifle auf der Univerſität diente: doch ſeine Hauptſtärke iſt das Kuppeln. Niemand kennt ſeine Talente hierin beſſer, als ich, denn ich war Kammerdiener des Herrn Tattle, eines vertranten Freundes von des Karten⸗ 65 miſchers Gebieter. Er ſcharrte ſich durch Verpfändung von Sei⸗ ner Herrlichkeit Kleidern Etwas zuſammen, worauf er fortgejagt ward; doch da er einige beſondere Umſtände von ſeines Herrn Privatwandel wußte, ſo trug dieſer Sorge dafür, ſeines Dieners Galle nicht zu ſtark zu reizen, und vermittelte es, daß er die geiſt⸗ lichen Weihen erhielt, worauf er ihn auf ſein jetziges Vikariat empfahl. Indeſſen kann man den Burſchen nicht genug wegen ſeiner Geſchicklichkeit und Gewandtheit bewundern, womit er, unge⸗ achtet ſeines geringen Einkommens, doch erträglich ſein Auskommen findet. Ibr vernahmt, daß er ein gutes Stück aufſpielt, und es verfteht, die Geſellſchaft gut zu unterhalten. Dieſe Eigenſchaften machen ihn allerwärts beliebt und im Kartenſpiele nimmt es keiner in allen drei Königreichen mit ihm auf. Wabr iſt's, ein ver⸗ dammter betrügeriſcher Schuft iſt er, und verſteht eine Karte ſo geſchickt zu unterſchieben, daß man unmöglich ihn entdecken kann.“ Hier unterbrach ihn einer der Landleute, der die Frage an ihn richtete, warum er nicht ſo gerecht geweſen ſei, ſie davon zu be⸗ nachrichtigen, bevor ſie an das Spiel ſich machten? Der Accisbe⸗ diente gab, ohne ſich lange zu beſinnen, zur Antwort, es ſei nicht ſeine Sache, zwiſchen Andern ſich zum Vermittler aufzuwerfen: überdieß habe er nicht gewußt, daß ihnen Schuffle's*) Charakter unbekannt ſei, denn die ganze Umgegend ſei in dieſe Sache einge⸗ weiht. Damit war der andere nicht zufrieden, welcher ihm vor⸗ warf, er habe des Vikar's Schurkerei Vorſchub gethan und ſie unterſtützt, und beſtand darauf, daß er den ihm gebührenden An⸗ theil am Gewinnſte zurückerhalte. Dieſe Forderung wies der Accis⸗ bediente eben ſo beſtimmt zurück, als ſie an ihn gemacht wurde, und machte geltend, welche Kunſtgriffe Schuffle auch bei andern Gelegen⸗ beiten angewandt haben möge, ſo ſei er doch ganz darüber mit ſich im Reinen, daß er im gegenwärtigen Falle mit ihnen ehrlich geſpielt habe, * Dieſes Wort bedeutet im Engliſchen Kartenmiſchen. Anm. d. Ueberſ. Smollet's Romane. I. Sr 66 und das wolle er vor jedem Richterſtuhle in der Chriſtenheit ver⸗ antworten. Mit dieſen Worten erhob er ſich, und ſchlich ich fort, nachdem er ſeine Rechnung bezahlt hatte. Der Wirth ſtreckte ſeinen Hals zur Thüre hinaus, um zu ſehen, ob er weggegangen, ſchüttelte ſein Haupt und ſprach:„Ach! helf uns Gott! wenn jeder Sünder ſeinen Lohn bekäme!— Nun, wir Wirthe dürfen die Acciſebedienten nicht beleidigen. Aber ich weiß was: wenn Pfarrer Schuffte und er zufammen gewogen würden, und man würde in eine der beiden Schalen einen Strohhalm legen, ſo würde dieß den Ausſchlag geben. Doch, ihr Herrn! das ſage ich im Vertrauen,“ liſpelte Bonifacius. JZehntes Kapitel. Der Wegelagerer wird gefangen; wir werden als Zeugen gegen ihn feſt⸗ gehalten, und reiſ'ten bis zum naͤchſten Dorfe mit einander; er entkommt; wir gehen in ein anderes Wirthshaus, wo wir uns zu Bette begeben; Nachts werden wir durch ein furchtbares Ereigniß aus dem Schlummer geweckt; in der darauf folgenden Nacht nehmen wir in eines Schul⸗ meiſters Hauſe unſer Lager; wie wir dort bewirthet werden. Strap und ich ſtanden im Begriffe, unſere Reiſe ſortzuſetzen, als wir einen Haufen Menſchen auf der Straße auf uns zukom⸗ men ſahen, welche den Weg entlang ſchrieen und lärmten. Als er näher kam, konnten wir einen Mann zu Pferde in der Mitte be⸗ merken, deſſen Hände auf ſeinen Rücken gebunden waren, und von dem wir bald darauf erfuhren, es ſei Rifle. Dieſer Straßenräuber, welcher nicht ſo gut beritten war, wie die zwei Männer, welche ihn verfolgten, wurde bald eingeholt und, nachdem er ſeine Pi⸗ ſtolen abgefeuert hatte, ohne weitern Widerſtand zum Gefangenen gemacht. Sie führten ihn mitten unter dem Jauchzen des Land⸗ volks vor einen in einem benachbarten Dorf, aber 67 bielten vor unſerem Wirthshauſe, um ſich an ihren Gefährten an⸗ zuſchließen, und Erfriſchungen zu ſich zu nehmen. Nachdem Rifle abgeſtiegen und in dem Hofe unter einem Schwarme von Bauern, die mit Heugabeln bewaffnet waren, da ſtand, ſah ich mit Erſtaunen, welch ein erbärmlicher und verächt⸗ licher Burſche der war, welcher einige Stunden zuvor noch mich mit Schrecken und Beſtürzung erfüllt hatte. Durch dieſen Wechſel in des Räubers Ausſehen ward mein Gefährte ſo ſehr ermuthigt, daß er auf den Dieb los gieng, ſeine geballten Fäuſte ihm unter die Naſe ſchob und erklärte, er wolle mit dem Gefangenen um eine Guinee, die er ſogleich hinlegte, entweder ſich prügeln oder boxen. Hierauf fieng er an ſich zu entkleiden. Davon brachte ich ihn jedoch ab, indem ich ihm das Tolle ſeines Unternehmens vorſtellte, da Rifle in den Händen der Juſtiz ſei, die zweifelsohne uns Allen genügende Satisſaktion geben würde. Doch bald hatten wir unſere unvorſichtige Neugierde zu be⸗ reuen: denn die, welche ihn gefangen genommen hatten, hielten auch uns als Zeugen gegen ihn feſt, als wir im Begriffe ſtanden fortzugehen. Indeſſen fruchtete Widerſtand hier Nichts„und wir mußten nachgeben. Wir ſchloſſen uns demnach dem berittenen Zuge an, der glücklicherweiſe denſelben Weg gieng, welchen wir zu nehmen uns vorgeſetzt hatten. Um die Zeit der Dämmerung kamen wir am Orte unſerer Beſtimmung an; da aber der Frie⸗ densrichter auf einem Beſuche bei einem Herrn in der Nachbar⸗ ſchaft war, bei dem er, wie wir vernahmen, wahrſcheinlich die ganze Nacht bleiben würde, ſo ſperrte man den Räuber in ein enges, drei Stock hohes Dachſtübchen, von wo aus die Flucht ihm unmöglich ſein ſollte. Dennoch fand dieſe ſtatt: denn als man am darauffolgenden Morgen die Treppe hinaufſtieg um ihn zum Richter abzuholen, ſo war der Vogel ausgeflogen. Er war näm⸗ lich zum Dachfenſter hinausgeſtiegen, hatte von da aus ſeinen Weg über die Giebel der benachbarten Häuſer fortgeſetzt, und war in 68 eine andere Dachſtube durch das Fenſter hineingeſteigen, wo er ſich verſteckt hielt, bis die Familie eingeſchlafen war, worauf er die Treppe hinab ging und durch die Hausthüre, die man offen fand, entfloh. Dieß Ereigniß war für diejenigen, welche ſich ſeiner bemäch⸗ tigten, und ihre Hoffnungen auf eine gute Belohnung geſetzt batten, äußerſt niederſchlagend, doch mir verurſachte es große Freude, da ich nun meine Reiſe ohne fernere Beläſtigung fort⸗ ſetzen konnte. Entſchloſſen, den kleinen Verzug, welchen wir bisher uns hatten zu Schulden kommen laſſen, wieder gut zu machen, reisten wir an dieſem Tage mit großer Schnelligkeit, und erreichten vor Nacht einen Marktflecken, 20 Meilen von dem Orte entfernt, von wo wir am Morgen ausgegangen waren, ohne einem merkwürdigen Abentheuer aufzuſtoßen. Nachdem wir hier unſer Nacht⸗ quartier in einem Wirthshauſe am Wege aufgeſchlagen hatten, fühlte ich mich ſo müde, daß ich beinabe die Hoffnung aufgab, ob wir unſere Reiſe je zu Fuße beenden könnten, und meinen Reiſe⸗ kumpan Strap nachfragen hieß, ob es eine Lanvkutſche, Retour⸗ pferde oder ſonſt ein wohlfeiles Gefährt an dieſem Orte gebe, um am nächſten Tage nach London abzureiſen. Man ſagte ihm, der Wagen von Neweaſtle nach London habe hier vor zwei Nächten ange⸗ halten, und ſei leicht einzuholen, wenn nicht an dem nächſten Tage, ſo doch an dem darauf folgenden. Dieß ſtellte unſere Heiterkeit einigermaßen wieder her, und nach einem kräftigen Abendeſſen, beſte⸗ hend in gehacktem Hammelfleiſch, wies man uns unſer Zimmer an, das zwei Betten enthielt, eines für uns, das andere für einen, ihrer Ausſage nach, ganz ehrlichen Mann, der noch unten trinke. Ob⸗ wohl wir dieſer Geſellſchaft recht gut hätten entbehren können, ſo unterwarfen wir uns doch mit ſcheinbarer Zufriedenheit dieſer Anordnung, da es in dem Hauſe kein anderes leeres Bette gab, und begaben uns, nachdem wir unſer Gepäcke unter dem Kiſſen ſicher verwahrt hatten, zur Ruhe. Gegen 2 oder 3 Uhr Morgens . 69 daunen, ich will ſogleich dem Andern das Hirn einſchlagen!“ Dieſer furchtbare Zuruf hatte kaum Straps Ohren erreicht, als er aus dem Bette ſprang, gegen Jemand im Finſtern anrannte und ihn augenblicks über den Haufen warf: zugleich brüllte er binaus:„Feuer! Mord! Feuer!“ ein Geſchrei, welches ſogleich das ganze Haus in Allarm ſetzte, und unſer Zimmer mit einem Haufen nackter Leute füllte. Als man Lichter herbeibrachte, ſo deckte ſich die Urſache dieſes Lärms bald auf, es war Niemand anders als unſer Schlafgeſelle, den wir auf dem Boden liegend und an ſeinem Kopf kratzend fanden, während ſein Blick das äußerſte Erſtaunen über dieſes Zuſammenlaufen der ihn umgebenden Erſchei⸗ nungen verrieth. Dieſer Ehrenmann war, wie es ſcheint, ein, auf Rekru⸗ tenfang ausgeſchickter, Sergeant, der zwei Landleute in dieſer Nacht in ſein Garn gezogen und nun einen Traum hatte, dieſe zwei haben Meuterei erregt und drohten nun, ihn ſammt dem Trommler, der bei ihm war, abzuſchlachten. Dieß machte auf ſeine Einbildungskraft einen ſolchen Eindruck, daß er im Schlafe auffuhr, und ſich, wie oben, ausdrückte. Als unſere Furcht wegen einer Gefahr ver⸗ ſchwunden war, ſo ſah jeder den andern mit großem Erſtaunen und Lachen an; aber was die Aufmerkſamkeit eines jeden von uns anzog, war unſere Wirthin, welche Nichts am Leibe hatte, als ihr Hemd und ein weißes Paar bockslederne Hoſen mit dem Hintertheil nach Vornen, worein ſie in der Eile hineingeſchlüpft war, und ihr Gemahl mit ihrem Unterrock um die Schultern: der Eine haite ſich in eine Schürze eingehüllt, ein Anderer war mit einem Betttuche bedeckt, und der Trommler, deſſen einziges Hemde beim Waſchen war, erſchien nackt mit dem Kiſſen um den Bauch gewickelt. 76 Nach gegenſeitiger Erörterung und Aufhellung dieſer Sache, beab ſich Jedermann wieder auf ſein Zimmer; der Sergeant ſchlüpfte in ſein Bett, und mein Gefährte nebſt mir ſchliefen ohne weitere Beunruhigung bis Morgens, wo wir aufſtanden, frühſtückten, unſere Rechnung bezahlten, und weiter marſchierten, in der Hoff⸗ nung, auf einen Wagen zu ſtoßen, was indeſſen an dieſem Tage nicht in Erfüllung ging. Nachdem wir unſere Kräfte mehr, als gewöhnlich, in Anſpruch genommen hatten, fübhlte ich mich ganz abgemattet, als wir in der Dämmerung ein kleines Dorf betraten. Wir erkundigten uns nach einem Wirthshauſe, und man wies uns nach einem Hauſe von ſehr traurigem Ausſehen. Bei unſerem Eintritte erhob ſich der Wirth, welcher ein verehrungswürdiger alter Mann mit langem grauem Haar zu ſein ſchien, von einem Tiſche, welcher in einer ſehr reinlichen, gepflaſterten Küche neben einem großen Feuer ſtand, und redete uns mit freundlicher Miene und folgenden Worten an:„salvete, pueri: ingredimini.“ Es freute mich nicht wenig, unſern Wirth lateiniſch ſprechen zu hören, weil ich hoffte, mich ihm durch meine Kenntniſſe in dieſer Sprache empfehlen zu können, ich erwieverte deßhalb ohne Zaudern: Dis- solve frigus, ligna super foco large reponens. Nicht ſobald hatte ich dieſe Worte geſprochen, als der alte Herr auf mich zu⸗ gieng, meine Hand ſchüttelte, und ausrief: ſli mi dilectissime, unde venis? a superis, ni fallor. Kurz! da er fand, daß wir Beide in den Claſſikern beleſen waren, ſo wußte er nicht, wie er uns genug Achtung beweiſen ſolle, ſondern befahl ſeiner Tochter, einem muntern rothwangigen Mädchen, die ſeine ganze Diener⸗ ſchaft vorſtellte, uns eine Flaſche von ſeinem Quadrimum zu brin⸗ gen, indem er zugleich aus Horaz die Stelle wiederholte Deprome quadrimum Sabina, o Thaliarche, merum diota. Dieſes qua- drimum war treffliches Bier von ſeinem eigenen Gebräu, wovon er uns ſagte, er habe ſtets eine amphora von vierjährigem Alter für ſich und ſeine Freunde im Rückhalte. 71 Im Laufe unſerer Unterhaltung, welche mit lateiniſchen Bro⸗ cken geſpickt wurde, erfuhren wir, daß dieſes redſelige Individuum ein Schulmeiſter ſei, der, weil ſein Einkommen ſchmal war, ein Glas guter Feuchtigkeit zum Troſt und zur Erquickung der Reiſenden bereit halte, wodurch er in den Stand geſetzt werde, das Bette bei zwei Zipfeln zu faſſen.„Ich bin gegenwärtig,“ ſprach er, „der glücklichſte alte Knabe in Seiner Majeſtät Beſitzungen. Mein Weib— Ruhe ihre Seele!— befindet ſich im Himmel: meine Tochter wird nächſte Woche ſich verheirathen, aber meines Lebens Hauptgenüſſe beſtehen in dieſen beiden(er deutete auf die Flaſche und eine große Ausgabe des Horaz, welche auf dem Tiſche lag). Zwar bin ich alt, aber was thut Dieß? um ſo mehr Grund habe ich, den Reſt meines Lebens noch zu genießen, wie mein Freund Flaccus anräth: tu ne quaesieris(scire nefas) quem mihi, quem tibi finem Di dederint. Carpe diem, quam mini⸗ mum credula postero. Da er unſere Verhältniſſe zu erfahren große Neugierde zeigte, ſo machten wir ihn ungeſäumt damit bekannt; als er in unſere Geſchichte eingeweiht war, gab er uns viele Rathſchläge über vie Art und Weiſe, ſich in der Welt zu benehmen, indem er uns ſagte, er ſei mit den Betrügereien der Menſchen wohl bekannt. Nach dieſem befahl er ſeiner Tochter zum Abendeſſen ein Huhn an das Feuer zu ſtellen, denn er ſei entſchloſſen, heute Nacht ſeine Freunde zu bewirthen— permittens divis eaetera. Während dieſer Zubereitungen erzählte unſer Wirth die Abenteuer ſeines eigenen Lebens, welche ich wegen ihrer Unbedeutſamkeit nicht an⸗ fuhren will. Nachdem wir prächtig geſpeiſt, und mehre Flaſchen ſeines quadrimum getrunken hatten, drückte ich den Wunſch aus, zur Ruhe mich zu begeben, was mit einiger Schwierigkeit zuge⸗ ſtaüden wurde, nachdem er mich verſichert hatte, am nächſten Mittag würden wir den Wagen einholen; und es ſei darin für ein halbes Duzend Raum genug, denn bis jetzt befänden ſich in 72 dieſem Gefährt nur vier Paſſagiere. Ehe mein Gefährte und ich einſchliefen, unterhielten wir uns über die fröhliche Laune unſers Wirths, die Strap eine ſolche günſtige Meinung von ihm beibrachte, daß er beſtimmt glaubte, wir dürften für unſere Wohnung und Zebrung Nichts bezahlen. Haſt Du nicht bemerkt, ſprach er, daß er für uns eine beſondere Zuneigung gefaßt hat— ja! er bewirthete uns ſogar mit auſſerordentlichem Aufwand, den wir, wäre es uns überlaſſen worden, nicht angeſprochen haben würden. Zum Theil war ich Straps Meinung; allein meine Weltkenntniß verfchob die gewiſſe Ueberzeugung hiervon bis nächſten Morgen, wo wir früh aufſtanden, und mit unſerm Wirth und ſeiner Tochter Schnellpudding nebſt Ale frübſtückten, und dann unſere Schuldig⸗ keit zu wiſſen verlangten.„Biddy wird euch das ſagen, ihr Herren!“ ſprach der Wirth,„denn niemals kümmere ich mich um vergleichen Dinge. Gelvangelegenheiten gehören nicht zum Sorgenkreis beſſen, welcher nach dem Horaziſchen Ausſpruche, Crescentem sequitur eura pecuniam, ſein Leben einrichtet.“ Unterdeſſen hatte Biddy eine, in der Ecke hängende, Tafel um Rath befragt, und ſagte uns nun unſere Rechnung betrage acht Schilling und fieben Pence.„Acht Schil⸗ linge und ſieben Pence,“ rief Sitrap,„das iſt unmöglich! Ihr müßt Euch täuſchen, junge Frau!“—„Rechne noch einmal nach, Kind!“ ſprach ihr Vater mit größter Ruhe,„vielleicht haſt du dich geſtoßen.“—„Nein, ganz gewiß Vater!“ erwiderte ſie„ich verſtehe mein Geſchäft beſſer.“ Ich konnte meinen Unwillen nicht länger zurückhalten, ſondern fagte, es ſei eine gewiſſenloſe Rechnung, und verlangte ihre Speeification. Hierauf erhob ſich der alte Mann, murmelnd: ja, ja, wir wollen ſie einzeln durchſehen, das it nur billig,“ und Feder, Dinte nebſt Papier ergreifend, ſchrieb er folgende ſpezielle Erläuterungen: Schilling. Pence. für Brod und Bier. 6 ein Huhn und Bratwürſte 6 — P . — — 73 Schilling. Pence. 4 Flaſchen quadrimum 0 Feuer und Taback 0 7 Wohnung. 0 Frühſü 0 8. 68 Da er nicht das Ausſehen eines gemeinen Wirths und durch ſein Benehmen in der Nacht zuvor eine Art von Ehrerbictung in mir erregt hatte, ſo ſtand es nicht in meiner Gewalt, ihn nach Verdienſt zu züchtigen: deßhalb begnügte ich mich damit, ihm zu ſagen, gewiß habe er das Erpreſſen nicht aus Horaz gelernt. Er gab mir zur Antwort, ich ſey nur ein junger Mann und kenne die Welt nicht, ſonſt würde ich ihm nicht Erpreſſung zur Laſt legen, er, der nur contentus parvo leben und importuna pauperies von ſich abhalten wolle. Mein Reiſegefährte konnte dieſe Prellerei nicht ſo leicht verſchlucken, ſondern ſchwor, entweder werde er ein Drittel des Geldes abziehen, oder, ohne zu bezahlen, das Haus verlaſſen. Während wir ſo im Streite begriffen waren, ſah ich die Tochter hinausgehen, und, die Urſache hievon muthmaßend, zahlte ich ſogleich die übermäßige Forderung; kaum war dieß geſchehen, ſo kehrte Biddy mit zwei handfeſten Kerlen zurück, die unter dem Vorwande kamen, ihren Morgentrank zu ſich zu nehmen, doch in der That, um unſer Nachgeben gewaltſam zu erzwingen. Als wir im Begriffe ſtanden, uns zur Abreiſe anzuſchicken, gieng Strap, welchen dieſe Ausgabe halb von Sinnen brachte, auf den Schul⸗ meiſter zu, und ſprach, ihn angrinſend, mit großem Nachdrucke: semper avarus eget. Hierauf erwiederte der Pedant mit einem boshaften Lächeln: animum rege, qui, nisi paret, imperat. Eilftes Kapitel. Wir erreichen den Wagen; beſteigen denſelben; kommen in ein Wirths⸗ haus; Beſchreibung unſerer Mitreiſenden; Strap begeht ein Verſehen, das merkwuͤrdige Folgen hat. Ohne eine Sylbe zu ſprechen, giengen wir eine halbe Meile neben einander her. Meine Gedanken waren beſchäftigt mit der Schurkerei der Welt, welcher ich täglich mich ausſetzen mußte, und der Betrachtung meiner Finanzen, welche allmählig ſchwächer zu werden begannen. Strap konnte in die Länge dieß nicht aushal⸗ ten, ſondern redete mich folgendermaßen an:„Nun gut, Narren und Geld ſieht man nicht lange bei einander. Wäre mein Rath be⸗ folgt worden, ſo würde dieſe alte Kieſelſchaale verdammt geworden ſein, bevor ſie mehr als das Drittel ihrer Forderung erhalten haben würde. Ein ſicheres Zeichen iſt es, daß Ihr leicht zu Eurem Gelde kommt, wenn ihr es ſo unverantwortlich verſchleudert. Ach, du lieber Gott! wie manchen rauhen Bart hätte ich abmähen müſſen, ehe ich vier Schillinge, drei Pence und einen Halbpenny geärntet hätte, was nun Alles vor die Hunde geworfen iſt! Wie manchen Tag ſaß ich da, und flocht Haar, bis meine Zehen von der Kälte erſtarrt, meine Finger krampfhaft waren, und meine Naſe ſo blau wurde, wie das Perrückenzeichen, welches über der Thüre hieng! Vor wem fürchtet Ihr Euch denn ins Teufelsnamen? Um eine Guinee hätte ich mit jedem der Burſche, welche herein⸗ traten, gebort— ſicherlich habe ich ſchon handfeſtere Leute nieder⸗ geſchlagen, als jeder von ihnen iſt.“ Und wirklich hätte Strap mit jedermann gekämpft, ſo lange ſein Leben nicht auf dem Spiele ſtand; aber er hatte eine tödtliche Abneigung vor Feuerwaffen und allen Todeswerkzeugen. Zu ſeiner Beſänftigung gab ich ihm die Verſicherung, kein Antheil an dieſer außerordentlichen Ausgabe 75 ſolle auf ſeine Schultern fallen, worüber er ſich beleidigt fühlte, und mir ſagte, er wolle mir hiemit zu wiſſen thun, daß er, ob⸗ wohl er ein armer Barbiergeſelle ſei, doch im Stande ſei, ſein Geld gleich dem beſten Landedelmann wegzugeben. Nachdem wir den ganzen Tag in großem Schritte gegangen waren, ohne eine Erfriſchung zu uns zu nebmen, ſo entdeckten wir gegen Abend zu unſerer unausſprechlichen Freude den Wagen un⸗ gefähr eine Viertelmeile vor uns, und als wir ihn erreicht hatten, ſo fühlten wir uns ſo abgemattet, daß ich wirklich glaube, es würde uns unmöglich geweſen ſein, eine Meile weiter zu gehen. Wir unterhandelten deßhalb mit dem Fuhrmann, deſſen Name Joey war, daß er uns bis zur nächſten Station um einen Schilling einen Sitz einräume; dort würden wir dann mit dem Eigenthümer des Wagens zuſammentreffen, mit welchem wir für den Reſt unſerer Reiſe ein Uebereinkommen treffen könnten. Demgemäß hielt das Gefährt an, und Strap ſtieg, nachdem Joey die Leiter angelegt hatte, mit unſerem Gepäcke zuerß hin⸗ auf; aber im Momente, wo er einſteigen wollte, erreichte eine erſchreckliche Stimme ſeine Ohren mit folgenden Worten:„Gott's Wuth! da ſollen keine Paſſagiere mehr hereinkommen.“ In Folge dieſes Ausrufs, welcher— ſo glaubte er und ich— aus eines Rieſen Munde zu kommen ſchien, gerieth der arme Bartkratzer dergeſtalt außer Faſſung, daß er blitzſchnell und mit einem Geſichte ſo weiß wie Papier, herabſtieg. Joey, welcher unſer Erſtaunen gewahr wurde, rief mit einer Art ſchalkhaften Spotts:„El'ment, Kapitän, warum wollt ihr den armen Kutſcher nicht einen Penny verdienen laſſen? Kommt, kommt, junger Mann, ſitzt auf, ſitzt auf, ſcheert Euch Nichts um den Kapitän; ich pflege mich vor dem Kapitän nicht zu fürchten.“ Dieß war noch nicht Aufmunterung genug für Strap, welchen ich nicht dahin bringen konnte, aufzufitzen; hierauf verſuchte ich es nicht ohne Herzklopfen, denn ich hörte die gleiche Stimme, wie 76 entfernten Donner folgendes ausſtoßen:„Die Hölle und der Teufel ſollen in mich fahren, wenn ich es Euch nicht will fühlen laſſen!“ Jedoch ließ ich mich nicht dadurch abhalten, ſondern ſchlüpfte bin⸗ ein, und erhielt zufälligerweiſe auf dem Stroh einen leeren Platz, wovon ich ſogleich Beſitz nahm, ohne im Stande zu ſein, die Ge⸗ ſichter meiner Mitreiſenden zu unterſcheiden. Strap, welcher mit dem Schnappſack auf dem Rücken mir folgte, kam zufälligerweiſe auf die andere Seite, und ſtürzte in Folge eines Stoßes, ven der Wagen erhielt, gerade auf den Magen des Kapitäns, der laut hinausbrüllte und mit einer ſchrecklichen Stimme ſchrie:„Donner und Blitz! wo iſt mein Schwert?“ Bei dieſen Worten ſprang mein beſtürzter Gefährte auf, und fiel mit ſolcher Gewalt in Einem Satze auf mich, daß ich ihn faſt für den vermeintlichen Anaks⸗ ſobn gehalten hätte, welcher mich zu Tode drücken wolle. Während⸗ deſſen ſchrie eine weibliche Stimme dazwiſchen:„Hilf Himmel! was gibt es, mein Lieber?“—„Was es giebt?“ erwiederte der Kapitän,„verdammt ſei ich! meine Eingeweide ſind durch den Sprung dieſes Schotten zu einem Pfannkuchen zerquetſcht.“ Strap, welcher die ganze Zeit über hinter meinem Rücken zitterte, bat ihn um Verzeihung, und ſchob die Schuld des Vorfalls auf das Schütteln des Wagens, und das vorhin erwähnte Frauenzimmer ſieng an:„Ja, ja, mein Theurer, dieß iſt unſere eigene Schuld; alles Unangenehme, das uns aufgeſtoßen, verdanken wir uns ſelbſt. Gott ſei gedankt, auf dieſe Weiſe reiste ich noch nie zu⸗ vor. Gewiß! wenn meine gnädige Frau oder Sir John wüßten, wo wir ſind, ſo würden ſie heute Nacht vor Kummer nicht ſchla⸗ fen. Ich wünſche zu Gott, wir hätten um eine Caroſſe ge⸗ ſchrieben; ich weiß, man wird es uns niemals verzeihen.“„Komm, komm, meine Theure!“ erwiederte der Kapitän,„das bischen Reiben thut jetzt nichts; ſpäter wollen wir uns varüber luſtig machen; ich hoffe, du wirſt nicht an deiner Geſundheit leiden. Ich 77 will meinen gnädigen Herrn mit unſern Abenteuern im Wagen unterbalten.“ Dieſes Geſpräch brachte mir einen ſo hohen Begriff von dem Kapitän und ſeiner Frau bei, daß ich es nicht wagte, mich in die Unterhaltung zu mengen; jedoch unmittelbar darauf begann eine zweite weibliche Stimme:„Etliche geben ſich ein ganz unnöthiges wichtiges Anſehen; beſſere Leute, als irgend hier ſich befinden, ſind ſchon in ſolchen Wagen gereist. Manche unter uns fuhren in Kutſchen und Chaiſen, mit drei Bedienten hinten auf, ohne ſo viel Aufbebens davon zu machen. Wohlan denn! hier ſind wir alle auf Einem Fuße mit einander; darum wollen wir geſellig und fröhlich ſein. Was ſagſt Du dazu, Iſaak? Iſt' nicht eine gute Bewegung, Du närriſcher alter Gaul? Sprich, Du alter Hundert⸗ procenthengſt! An welche verzweifelte Schuld denkſt Du wirk⸗ lich? Welche Pfandverſchreibung entwirfſt Du eben? Gewiß, Jſaak, niemals wirſt Du meine Gunft erhalten, bis Du ein neues Blatt umkehrſt, ehrlich wirſt und wie ein Gentleman lebſt. Un⸗ terdeſſen küſſe mich, du alter Stümper!“ Dieſe Worte, welche von einem herzhaften Schmatz begleitet wurden, machten auf die Perſon, an welche dieſelben gerichtet waren, einen ſo lebhaften Eindruck, daß dieſelbe, obwohl mit zitternder Stimme, im höchſten Entzücken ausrief:„Ach! Du ausgelaſſenes Pack! auf meine Ehre, Du biſt ein recht wähliges Ding!— hi, hi, hi.“ Dieſes Lachen brachte einen ſolchen Anfall von Huſten hervor, daß der arme Wucherer— denn dieß war, wie wir ſpäter vernahmen, das Handwerk dieſes unſeres Reiſegefährten— faſt erſtickte. In dieſem Augenblicke verſank ich in Schlaf, und genoß eines erquicklichen Schlummers, bis wir in dem Wirthshauſe anlangten, wo wir einkehrten. Hier bekam ich, nachdem ich den Wagen ver⸗ laſſen hatte, Gelegenheit, die Paſſagiere reihenweiſe, wie ſie das Haus betraten, zu beobachten. Die erſte Perſon, welche ſich zeigte, war ein munteres lebhaftes Frauenzimmer in einem Alter von —————————— 78 ungefähr zwanzig Jahren, auf dem Kopfe, ſtatt einer Haube, einen mit ſilbernen Schnüren beſetzten Hut tragend, gekleidet in ein blauſtoffenes Reitkleid, das mit ganz verbleichtem Silber einge⸗ faßt war, und eine Peitſche in ihrer Hand haltend. Hinter ihr kam hinkend ein alter Mann mit einer baumwollenen unter dem Kinn geknöpften Nachtmütze, über welche ein breiträndriger Hut geſtülpt war, mit einem alten abgetragenen blauen Mantel, der um ſeinen Nacken gebunden war, unter welchem ein brauner Ueber⸗ rock ſichtbar wurde, der ein fadendurchſcheinendes Oberkleid nebſt Weſte, und, wie wir ſpäter ſahen, eine ſchmutzige Flanell⸗ jacke bedeckte. Seine Augen waren eingefallen, triefend und wie mit Gummi überzogen; ſein Geſicht war in tauſend Runzeln zu⸗ ſammengeſchrumpft, ſein Mund zahnlos, die Naſe ſpitz zulaufend und krumm gebogen, ſein Kinn lang und ſtark hervorſtehend, ſo daß, wenn er murmelte oder ſprach, beide wie ein Paar Nuß⸗ knacker zuſammenſtießen; er ſtützte ſich auf ein Rohr mit elfenbei⸗ nenem Knopfe, und ſeine ganze Erſcheinung ſtellte die Allegorie des Winters, Hungers und Geizes treffend dar. Doch wie erſtaunt war ich, als ich den furchtbaren Kapitän in der Geſtalt eines kleinen, dünnen Geſchöpfs erblickte, etliche vierzig Jahr alt, mit einem langen abgemergelten Geſichte, das viele Aehnlichkeit mit dem Antlitze eines Pavians hatte, und aus deſſen oberer Hälfte zwei kleine graue Augen hervorgukten! Er trug ſein Haar in einem Zopfe, der ihm bis an die Lenden reichte, und deſſen unmäßige Länge wahrſcheinlich der Grund einer Kahlheit war, welche ſich auf ſeinem Scheitel bemerklich machte, ſo oft er ſeinen Hut, der in Geſtalt viele Aehnlichkeit mit Piſtols Kopfbedeckung hatte, ab⸗ zunehmen für der Mühe werth hielt. Als er ſeinen großen Rock bei Seite gelegt hatte, ſo konnte ich mich über die auffallende Geſtalt dieſes Kriegsmanns nicht ge⸗ nug verwundern; er hatte die Höhe von ungefähr fünf Fuß und drei Zoll, wovon ſechzehn Zoll auf ſein Geſicht und ſeinen langen 79 magern Hals kamen, ſeine Lenden waren ungefähr ſechs Zoll lang, ſeine Beine, welche Spindeln oder Trommelſchlägeln glichen, drittehalb Fuß, und ſein Leib, welcher mich an Raumausdehnung ohne Dicke erinnerte, deckte den Reſt, ſo daß er im Ganzen einer Spinne oder einer aufrechtſtehenden Heuſchrecke glich und beinahe eine von et praeterea nihil war. Seine Kleidung beſtand aus einem Frack, der aus ſogenannter Bärenhaut gefertigt war, und deſſen Schöße ungefähr eines halben Fußes Länge hatten, aus einer Huſarenweſte, Scharlachhoſen, die zur Hälfte auf ſeine Lende herabreichten, grauwollenen, bis an's Gemächt heraufgezogenen Strümpfen, und aus Schuhen mit hölzernen Abſätzen, welche wenigſtens zwei Zolk Höhe hatten. In der einen Hand trug er einen Degen, der beinahe ſo lang, als er ſelbſt, war, und mit der andern führte er ſeine Ehehälfte, ein Frauenzimmer, das, wie es ſchien, in gleichem Alter mit ihm, zwar noch einige Ueberreſte eines nicht unangenehmen Ausſehens hatte, jedoch ſo lächerlich ge⸗ ziert that, daß ich, wäre ich nicht ein Neuling in der Welt ge⸗ weſen, ohne Schwierigkeit in ihr die erbärmliche Eitelkeit und kriechende Miene einer Kammerzofe erkaunt haben würde. Wir hatten uns alle in der Küche verſammelt, als Kapitän Weazel— denn dieß war ſein Name— ein geheiztes Zimmer für ſich und ſeine Gattin verlangte, und dem Wirthe ſagte, ſie wünſch⸗ ten allein zu ſpeiſen. Der Wirth gab zur Antwort, er könne ihnen kein beſonderes Zimmer einräumen, und in Betreff des Mit⸗ tageſſens habe er Speiſen für die Reiſenden im Wagen ohne Rück⸗ ſicht der Perſon zugerüſtet; wenn der Kapitän aber die Uebrigen dahin bringen könne, daß er ſeinen Antheil abgeſondert erhalte, ſo ſolle es ihn freuen. Kaum hatte er dieß geſagt, als wir uns alle gegen dieſen Vorſchlag erklärten, und Miß Jenny, unſer zweiter weiblicher Mitpaſſagier, bemerkte, wenn Kapitän Weazel und ſein Weib für ſich allein ſpeiſen wollten, ſo möchten ſie war⸗ ten, bis wir fertig ſeien. Nach dieſer Andeutung runzelte der 80 Kapitän finſter die Stirne und blickte ſehr herausfordernd um ſich, ohne ein Wort zu ſprechen; während ſeine Ehehälfte unter verächtlichem Naſenrümpfen Etwas, wie„Geſchöpf!“ hervor⸗ murmelte. Als Miß Jenny dies hörte, ſchritt ſie auf ſie zu mit den Worten:„keinen Eurer Namen, gute Miſtreß Abigail! Ge⸗ ſchöpf! ſagt ihr— ich verſichere Euch, kein ſolches Geſchöpf, wie Ihr— keine ſolche Beutelfegerin!— keine Kupplerin von Beruf!“ Hier unterbrach ſie der Kapitän mit einem:„Gott verdamm' mich, Madame! was meint Ihr damit?“—„Verdammt ſeid Ihr, Lerr, wer ſeid Ihr?“ erwiederte Miß Jenny:„wer machte Euch zum Kapitän, Ihr erbärmlicher, tellerſchabender, verächtlicher Locken⸗ dreher? Potz Tauſend! mit der Armee iſt es weit gekommen, wenn ſolche Schufte, wie Ihr, Aemter erhalten— wie, glaubt Ihr, ich wiſſe nicht, wer Ihr ſeid? Bei Gott! Ihr und Eure ſaubere Hälfte paſſen ganz zu einander: eine weggeworfene Kammerjungfer und einen kahlköpfigen Bedienten muß man an Ein Joch ſchmieden.“—„Höll' und Teufel!“ ſchrie Weazel,„be⸗ zweifelt Ihr die Ehre meiner Gattin, Madame? Kein Menſch in ganz England ſoll es wagen, ſo Etwas zu ſagen— Schinden, braten wollt' ich ihn! Tod und Vernichtung! ſeine Leber würd' ich zum Abendeſſen verſpeiſen.“ Mit dieſen Worten zog er ſeinen Degen, und fuchtelte damit herum, zu Strap's großem Schrecken, während Miß Jenny mit den Fingern ein Schnippchen ſchlug und ihm ſagte, ſie kümmere ſich um ſeine Rache nicht eine Laus. Während dieſes Streites ſtieg der Herr des Wagens ab, und bemühte ſich, als er die Urſache des Lärms erfuhr, und weil er bofürchtete, der Kapitän und ſeine Gattin möchten ſich beleivigt fühlen und ſeinen Wagen verlaſſen, aus allen Kräften, den Streit beizulegen. Dies gelang ihm endlich, und wir ſetzten uns zum Abendeſſen zuſammen nieder. Als die Zeit zum Bettgehen herbei⸗ gekommen, wies man uns unſere Zimmer an: der alte Wucherer, Strap und ich erhielten eines: das andere der Kapitän, ſein 81 Weib und Miß Jenny. Gegen Mitternacht verſpürte mein Ge⸗ fährte in ſeinen Eingeweiden eine Störung, und ſtand auf, um bei Seite zu gehen; allein bei der Rückkehr verwechſelte er eine Thüre mit der andern, betrat Weazel's Zimmer, und ging ohne Bedenken in das Bett zu deſſen Weibe, während der Kapitän am andern Ende des Zimmers ſich befand, und nach einem leeren Gefäße anſtatt ſeines eigenen Nachttopfs, der ein Loch hatte, herum⸗ tappte. Nachdem er eines gefunden hatte, ſo ging er wieder auf ſein Bette zu, da er Strap nicht hatte hereinkommen ſehen: doch kaum hatte er einen mit einer baumwollenen Nachtmütze bedeckten und rauhaarigen Kopf angefühlt, ſo kam er auf die Vermuthung, er habe Miß Jenny's Bett mit ſeinem eigenen verwechſelt, und der Kopf, den er gefühlt, ſei der eines Liebhabers, mit welchem ſie eine Verabredung getroffen. Voll von dieſer Vermuthung und empört über die Entweihung ſeines Schlafzimmers ergriff er das Gefäß, welches er kurz vorher gefüllt hatte, und eutleerte es plötzlich über dem erſtaunten Barbier und ſeiner eigenen Frau, welche, im Augenblick erwachend, in ein erbärmliches Jammerge⸗ ſchrei ausbrach, das nicht nur ihren Gemahl über die Maßen beſtürzte, ſondern auch den armen Strap beinahe ſeiner Sinne beraubte; denn er hielt ſich wirklich für behext, namentlich als der erbitterte Kapitän ihn bei der Kehle ergriff, und mit einer Fluth von Schwüren ihn fragte, wie er die Frechheit haben könne, die Keuſchheit ſeiner Gattin anzugreifen. Der arme Strap war ſo entſetzt und verwirrt, daß er Nichts hervorbringen konnte, als die Worte:„ich nehme Gott zum Zeugen, daß ſie für mich eine reine Jungfrau iſt.“ Miſtreß Weazel, welche in Wuth darüber gerieth, daß ſie ſich durch die Uebereilung ihres Gemahls in ſolch einer Brühe befand, erhob ſich in ihrem Hemde, und bearbeitete mit ihrem Schuk⸗ abſatze, den ſie an der Bettſeite antraf, des Kapitäns kahlen Schädel ſo lange, bis er ſchrie:„Mörder!“—„Ich will Dich S mollet's Romane. 1. 6 lehren, Deine Stinktöpfe auf mich auszuleeren,“ ſchrie ſie,„Du erbärmlicher Haſenfuß! Wie, ich weite, Du biſt eiferſüchtig, Du Puppe von einem Mann! Erniedrigte ich mich deshalb ſo weit, Dich in mein Bett aufzunehmen, Du armſelige, ausgemergelte, faftloſe Ruthe?“ Der, durch dieſes Abenteuer verurſachte, Lärmen hatte den Herrn des Wagens nebſt mir an die Thüre geführt, wo wir Alles, was ſich begab, mit nicht geringem Ergötzen anhörten. Während reſſen erſchreckte uns der Ruf:„Nothzucht! Mord! Nothzucht!“ welche Worte Miß Jenny mit lautem Geſchrei ausſtieß.„O! Du erbärmlicher verabſcheuungswürdiger alter Schuft!“ ſagte ſie, „wollteſt Du mir meine Ehre rauben?— Aber rächen will ich mich an Dir, Du alter Bock, ja! das will ich— Hülfe! um's Himmelswillen! Hülfe! Man ſchändet mich! ich bin verloren! helft!“ Einige Knechte, welche dieſes Geſchrei hörten, rannten die Treppe mit Lichtern und Waffen, wie ſie der Zufall darbot, her⸗ auf. Run ſahen wir eine äußerſt ergötzliche Scene vor uns. In einer Ecke ſtand der arme Kapitän, ſchauernd in ſeinem, ganz in Feten zerriſſenen, Hemde, mit einem verwundeten Geſichte, ganz zerkratzt von ſeiner Frau, die unterdeſſen ſich in ihren Unterrock gewickelt hatte, und ſchluchzend an der Seite ihres Bettes ſaß. In ver andern Ecke lag der alte Wucherer, zappelnd auf Miß Jenny's Beite, mit ſeiner Flanelljacke über ſeinem Hemde, ſeine gelben mageren Beine in die Luft hinausſtreckend, während ſie ihn an beiden Ohren feſthielt und mit Verwünſchungen überhäufte. Als wir nach der Sache frugen, ſo ſiellte ſie ſich weinend, ſagte uns, ſie befürchte, dieſer verwünſchte Schurke habe im Schlafe ihr Gewalt angethan, und bat uns, dasjenige, wovon wir Augen⸗ zeuge ſeien, zu merken, denn ſie beabſichtige, gegen ihn uns als Zeugen zu benützen. Der arme Schelm ſah mehr todt als lebendig aus, und bat um ſeine Freilaſſung. Kaum hatte er dieſe erhalten, ſo bethenerte er feierlich, ſie ſei kein Weib, ſondern ein einge⸗ 83 fleiſchter Teufel; ſie habe zuerſt ſein Fleiſch verführt, und ihn dann verrathen.„Ja, Berführerin,“ fuhr er fort,„Du weißt wohl, daß Du mir eine Falle legteſt— doch Du wirſt Deinen Plan mißlungen ſehen— denn hängen will ich mich laſſen, ehe Du einen Heller von mir erhältſt.“ Nach dieſen Worten ſchlich er in ſein eigenes Bett zurück, indem er den ganzen Weg über ſchluchzte. Wir gingen jetzt zu dem Kapitän, der zu uns ſprach:„ihr Herren, hier iſt ein verdammter Irrthum vorgefallen; doch werde ich an dem Urheber deſſelben Rache nehmen. Dieſer Schotte, welcher den Schnappſfack bei ſich führt, ſoll morgen nicht mehr lebendig ſein, wofern mein Name Weazel iſt. Meine Theure! ich bitte Dich zehntauſendmal um Vergebung; Du biſt wohl überzeugt, daß ich Dir nichts Leides zufügen wollte.“—„Ich weiß nicht, was Du meinteſt,“ erwiederte ſie ſeufzend,„aber ich weiß, daß ich genug bekommen habe, um mich in's Grab zu liefern.“ Zuletzt verſöhnten ſie ſich wieder. Die Gattin erhielt von Miß Jenny die Aufforde⸗ rung, ihr Bett mit einander zu theilen, da ihr eigenes über und über naß ſei; und der Herr des Wagens lud Weazel ein, den Reſt der Nacht bei ihm zu ſchlafen. Ich zog mich in meine Schlaf⸗ ſtätte zurück, wo ich Strap tödtlich erſchrocken fand, denn er hatte ſich im Finſtern, während der Kapitän und ſeine Frau ſich be⸗ arbeiteten, fortgeſchlichen. IZwölftes Kapitel. Kapitaͤn Weazel fordert Strap zum Zweikampfe heraus; dieſer lehnt ihn ab; eine Affaire zwiſchen dem Kapitaͤn und mir; der Wucherer muß Miß Jenny fuͤnf Guineen geben, um einer Anklage zu entgehen; wir gerathen in Gefahr, einer Mahlzeit verluſtig zu gehen; Weazel's, Fenny's und Joey's Venehmen bei dieſer Gelegenheit; ein Bericht uͤber Kapitaͤn Weazel und ſeine Frau; des Kapitaͤns Muth wird auf die Probe geſtellt; Iſaak's Freude auf des Kapitans Unkoſten. Am nächſten Morgen verabredete ich mit dem Eigenthümer ves Wagens, ihm zehn Schillinge für meine Fahrt nach London zu zahlen, unter der Bedingung, daß Strap meinen Platz erhalten ſollte, wenn ich geneigt wäre, zu Fuß zu gehen. Zugleich ſprach ich gegen ihn den Wunſch aus, er möchte den aufgebrachten Kapi⸗ tän beſänftigen, welcher die Küche mit gezogenem Degen betreten hatte und mit vielen Eiden ſchwur, den Schurken, der es gewagt habe, ſein Bett zu beflecken, ſeiner Rache zu opfern: doch ver⸗ gebens ſuchte der Eigenthümer des Wagens den Irrthum zu er⸗ klären, und ihn von des armen Jungen Unſchuld zu überzeugen, ver die ganze Zeit zitternd und bebend hinter mir ſtand: je unter⸗ würfiger Strap ſich benahm, deſto unverſöhnlicher ſchien Weazel's Rache zu ſein, der ſchwor, entweder müſſe er mit ihm ſechten oder augenblicklich des Todes ſterben. Dieſer Uebermuth empörte mich dermaßen, daß ich zu ihm ſagte, man könne nicht annehmen, daß ein armer Barbiersjunge mit einem Krieger auf deſſen eigene Waffe ſich einlaſſe; doch ſei ich überzeugt, er würde mit ihm rin⸗ gen oder ſich boxen, welchem Vorſchlage Strap ſogleich mit den Worten beitrat, er würde um eine Guinee mit ihm boxen. Weazel erwieverte mit einem verächtlichen Blick, es ſei unter der Würde eines Mannes von ſeinem Charakter, wie ein gemeiner Laſtträger zu fechten oder ſich in irgend einem Betracht mit einem Menſchen, wie Strap, auf Einen Fuß zu ſetzen.„Alle Hagel!“ ſchrie Joey⸗ 85 „Kapitän! wollt Ihr begehn e'n Mord? Hier iſcht ein armer Purſch, der ſühnen will, was er verbrochen; und da Euch dies nicht zufrieden ſtellt, ſo will er ehrlich mit Euch fechten. Wollt Ihr nicht mit ihm boxen, ſo ſchlage ich vor, daß er mit dem Prügel Euch entgegentrete: willſt Du, mein Purſch?“ Strap er⸗ wiederte nach einigem Beſinnen:„ja, ja, ich will mich mit ihm herumprügeln.“ Allein nachdem auch dies Auskunftmittel von dem Kapitän verworfen worden war, ſo fing ich an, ſeinen Charakter zu wittern, und ſagte der Geſellſchaft, indem ich Strap einen Wink gab, ich hätte immer gehört, die Perſon, welche die Aus⸗ forderung erhalte, ſolle auch die Wahl der Waffen haben. Da dies nun in Ehrenſachen Sitte ſei, ſo nehme ich es über mich, im Namen meines Gefährten das Verſprechen zu geben, daß er ſelbſt auf ſcharfe Waffen mit Weazel losgehen wolle: doch ſollten es ſolche geſchliffene Waffen ſein, mit welchen Strap am meiſten vertraut ſei, nämlich Raſiermeſſer. Als ich das Wort Raſier⸗ meſſer ausſprach, konnte ich bemerken, wie ſich des Kapitäns Farbe veränderte, während Strap mich am Aermel ſtieß und mit großer Heſtigkeit liſpelte:„nein, nein, neinz um Gottes Willen, macht keinen ſolchen Handel!“ Zuletzt gewann Weazel ſeine Faſſung wieder, wandte ſich gegen mich und frug mit wilder Miene:„wer des Teufels ſeid Ihr? wollt Ihr mit mir fechten 2“ Mit dieſen Worten nahm er eine Stellung an, und ich ward heftig beſtürzt, als ich ſeine Degenſpitze, einen halben Fuß von meiner Bruſt entfernt, bemerkte. Auf die Seite ſpringend, ergriff ich einen Bratſpieß, der in der Kaminecke ſtand, womit ich meinen furcht⸗ baren Gegner abhielt, der viel halbe Hiebe austheilte und bei jedem Stoß zurückſprang, bis ich ihn, zu nicht geringer Beluſtigung der Geſellſchaft in eine Ecke trieb. Als er in dieſer Lage ſich be⸗ fand, trat ſeine Frau herein, die, ihren Gatten in ſolcher Gefahr ſehend, ein ſchreckliches Gekreiſch anhub. In dieſer Noth verlangte Weazel einen Waffenſtillſtand, der augenblicks gewährt wurde, 86 und begnügte ſich zuletzt mit Straps Unterwerfung, der vor ihm auf die Kniee fiel, die Unſchuld ſeiner Abſichten betheuerte, und wegen des begangenen Verſehens um Verzeihung bat. Nachdem dieſe Sache ohne Blulvergießen in's Reine gebracht worden, ſo begaben wir uns zum Frühſtück, vermißten jedoch zwei von unſerer Ge⸗ ſellſchaft, Miß Jenny und den Wucherer. In Betreſſ der erſtern gab Miſtreß Weazel uns die Nachricht, Jenny habe die ganze Nacht durch ihr Schluchzen ſie am Schlafen verhindert; und als ſie am Morgen aufgeſtanden, ſei Miß Jenny ſo unwohl geweſen, daß ſie ihre Reiſe nicht habe fortſetzen können. In dieſem Augen⸗ blicke kam eine Botſchaft ihrerſeits an den Herrn des Wagens, der ſich ſogleich, gefolgt von uns Allen, in ihr Zimmer begab. Sie ſagte ihm hier in einem kläglichen Tone, ſie befürchte eine unzeitige Geburt, wegen des Schrecken welchen Iſaak's Rohheit geſtern Nacht ihr eingejagt, und ſie wünſche, wegen des ungewiſſen Er⸗ folgs, daß man den Wucherer feſthalte, um für die Folgen ver⸗ antwortlich zu werden. Man fand dieſen alten Tarquinius in dem Wagen, wohin er ſich zurückgezogen hatte, um der Schande wegen des Unfalls in der vergangenen Nacht ſich zu entziehen, und brachte ihn mit Gewalt vor ſie. Als ſie ihn erblickte, ſo fing ſie an, auf das kläglichſte zu weinen und zu ſeufzen, und ſagte uns, wenn ſie ſtürbe, ſo habe dieſer Ehrenräuber ihr Blut zu verantworten. Der arme Iſaak richtete ſeine Blicke und Hände gen Himmel, flehte, Gott möchte ihn von den Ränken dieſer Zeſabel befreien, und verſicherte uns mit Thränen in ſeinen Augen, daß der Grund, warum man ihn mit ihr im Bette gefunden, in ihrer eigenen Aufforderung dazu liege. Der Wagenführer, wel⸗ chem nun ein Licht in der Sache aufging, rieth Iſaak, ihr eine Summe Geldes zu geben und ſie ſo zu beſchwichtigen. Auf dieſen Rath erwiederte er mit großer Heftigkeit:„eine Summe Geldes! einen Strick für den Baſilisken!“„O, ganz gut,“ ſagte Miß Jenny hierauf;„ich ſehe wohl, es iſt vergebens, dieſes Kieſelherz 87 durch ſanfte Mittel zu gewinnen. Jrey, ſei ſo gut, gehe zum Friedensrichter, und ſag' ihm, hier ſei eine kranke Perſon, welche ihn in einer wichtigen Angelegenheit ſprechen wolle.“ Bei dem Namen„Friedensrichter“ zitterte Jſaak, und frug mit der Bitte an Ivey, zu bleiben, bebend:„wie viel ſie wolle?“ Sie ſagte ihm, daß ſie, weil er ſeinen abſcheulichen Vorſatz nicht ausgeführt habe, mit Wenigem zufrieden ſei, und trotz des unerſetzlichen Verluſts ihrer Geſundheit wolle ſie ihn doch mit hundert Guineen ſich loskaufen laſſen.“„Hundert Guineen,“ rief er wüthend,„hundert tauſend Teufel auf Deinen Kopf! Woher ſoll ein armer, alter, geſchla⸗ gener Mann, wie ich, hundert Guineen nehmen? Hätte ich ſo viel Geld, glaubt Ihr, man fände mich in dieſer Jahreszeit rei⸗ ſend in einem Frachtwagen?“—„Kommt, kommt,“ erwiederte Zenny,„keine Eurer elenden Ausflüchte hier! Glaubt Ihr, daß ich Iſaak Rapine, den Geldmäkler, aus der Minoritenſtraße nicht kenne? Ach! Du alter Schuft! manches Pfand erhielteſt Du von mir und meinen Bekannten, das in Deinen Klauen blieb.“ Als Iſaak fand, es ſei vergebens, ſich länger zu verſtellen, ſo bot er zwanzig Schillinge für ſeine Loslaſſung an, was ſie durchaus ver⸗ weigerte, wenn es nicht fünfzig Pfunde ſeien. Zuletzt jedoch ward ſie auf fünfe herabgebracht, welche er mit großem Widerſtreben lieber bezahlte, ehe er ſich wegen Nothzucht gerichtlich verfolgen ließ. Nach dieſem Verzleiche begab ſich die Patientin in den Wagen, und wir fuhren in der ſchönſten Eintracht ab; Strap be⸗ ſtieg Joey's Pferd, und der Fuhrmann ſelbſt zog es vor zu Fuße zu gehen. Den Morgen und Vormittag verkürzte uns Kapitän Weazel durch die Erzählung ſeiner Tapferkeit, indem er uns ſagte, er habe einmal einen Soldaten, der ſeinen Scherz mit ihm ge⸗ trieben, niedergeſchlagen; ein anderesmal einen Kellner bei der Naſe gezwickt, weil derſelbe ſich darüber aufgehalten, daß er mit einer Gabel ſich die Zähne reinigte; und weiter habe er einen Käſekrämer gefordert, der die Anmaßung ſo weit getrieben, ſein 88 Nebenbuhler ſein zu wollen: für die Wahrheit dieſer Heldenthaten, ſagte er, bürge ſeine Gattin. Sie bekräftigte alle ſeine Worte und ſetzte hinzu: die letzte That fiel gerade an dem Tage vor, an welchem ich einen Liebesbrief von Squire Gobble erhielt; und erinnerſt Du Dich, mein Theurer! vaß ich gerade in jener Nacht außerordentlich krank wurde, weil ich Ortolanen aß, als Mylord Diddle bemerkte, daß meine Farbe außerordentlich verändert ſei⸗ und meine gnädige Frau ſo ſehr in Angſt gerieth, daß ſie beinahe in Ohnmacht fiel?“—„Ja, meine Theurel“ erwiederte hierauf der Kapitän,„Du weißt, mein gnädiger Herr ſagte zu mir mit einem ſpöttiſchen Lächeln,— Billv, ſagte er, Miſtreß Weazel iſt gewiß guter Hoffnung;“ worauf ich ravaliermäßig erwiederte: „gnädiger Herr! ich wünſche das Compliment zurückgeben zu tönnen.“ Hierauf brach die ganze Geſellſchaft in ein unmäßiges Lachen aus, und mein gnädiger Herr, der eine geiſtreiche Antwort außerordentlich geliebt, kam zu mir her und küßte mich.“ Auf dieſe Weife reisten wir fünf Tage lang ohne Unterbrechung oder ohne auf etwas Merkwürdiges zu ſtoßen. Miß Jenny, welche bald ihre frühere Heiterkeit wieder gewann, unterhielt uns täglich mit fröhlichen Gefängen, deren ſie eine große Zahl auswendig konnte, und zog ihren alten Liebhaber auf, der jedoch ſich nimmer mit ihr ausſöhnen wollte. Am ſechsten Tage, als wir uns eben zum Mittageſſen niederſetzen wollten, kam der Pirth herein, und ſagte uns, daß drei Herren, welche eben angekommen ſeien, die Lebensmittel in ihr Zimmer haben bringen laſſen, obgleich er ihnen geſagt habe, ſie ſeien bereits von den Paſſagieren des Fuhr⸗ wagens in Anſpruch genommen worden. Auf dieſe Nachricht hätten ſie geantwortet:„die Paſſagiere des Wagens ſollen zum Henker gehen; ſie, die Vornehmeren, müßten vor ihnen bedient werden; ſie vermuthen, für ſolche Reiſende ſei Brod und Keſe einmal an einem Tage gut genug.“ Dies war für uns alle ein ſchrecklicher Strich durch die Rechnung, und wir ſteckten unſere Köpfe zuſammen, um uns 89 zu berathſchlagen, was zu thun ſei; als Miß Jenny bemerkte, daß Kapitän Weazel, da er ſeinem Stande nach Soldat ſei, in dieſem Falle uns ſchirmen und vor Beleidigungen ſichern müſſe; doch der Kapitän entſchuldigte ſich, indem er ſagte, um alle Welt möchte er nicht haben, daß man erführe, er ſei in einem Fracht⸗ wagen gereist, und ſchwor zugleich, daß, könnte er mit Ehre auf⸗ treten, ſie ſeinen Degen eher zu ſchmecken bekommen ſollten, als ſeine Mahlzeit. Hierauf ergriff Miß Jenng ſeinen Degen, zog ihn aus der Scheide, und rannte ſogleich in die Küche, wo ſie den Koch mit dem Tode bedrohte, wenn er die Lebensmittel nicht ſo⸗ gleich auf unſer Zimmer ſchicke. Der Lärm, den ſie machte, führte die drei Fremden herab, deren einer, als er Jenny ſah, ausrief: „Ach, Jenny Ramper! was der Teufel brachte Dich hieher?“— „Mein theurer Jack Rattle!“ erwiederte ſie und ſtürzte in ſeine Arme mit dem Ausrufe:„biſt Du es? dann kann Weazel in der Hölle meinetwegen ein Mittageſſen ſich holen— ich eſſe mit Dir.“ Sie gingen dieſen Vorſchlag fröhlich ein, und wir ſtanden auf dem Punkte, eine ſehr unerquickliche Mahlzeit einnehmen zu müſſen, als Joey, nachdem er den ganzen Hergang der Sache vernommen, mit einer Heugabel in der Hand, die Küche betrat, und ſchwor, jeden zu tödten, der es wagen würde, die, für den Wagen berei⸗ teten Lebensmittel, wegzunehmen. Dieſe Drohung hätte beinahe traurige Folgen gehabt: denn die drei Fremden, an welche ſich ihre Bedienten anſchloſſen, zogen ihre Degen, und wir ſtellten uns auf Joey's Seite auf: als der Wirth in das Mittel trat und ſich erbot, ſein eigenes Mahl abzutreten, um den Frieden zu erhalten, der nun von beiden Parteien angenommen wurde. Nun ſetzten wir uns ohne weitere Gefährde zu Tiſche. Nachmittags entſchloß ich mich, neben Joey herzugehen, und Strap nahm meinen Platz ein. Nachdem ich mich mit dieſem Fuhrmann in eine Unterhaltung eingelaſſen hatte, fand ich bald, daß er ein luſtiger, redſeliger, gutmüthiger Burſche und dabei ein Erzſchelm 90 ſei. Er benachrichtigte mich, Miß Jenny ſei ein öffentliches Mädchen aus der Stadt, das mit einem, auf Recrutenfang ausgeſandten, Offizier Bekanntſchaft gemacht, der ſie in der Poſtkutſche von London nach Neweaſtle geführt habe, wo er wegen Schulden ver⸗ haftet worden ſei, und nun im Gefängniſſe ſich befinde. Sie hätte ſich daher genöthigt geſehen, mit dieſem Fuhrwerke zu ihrer frühern Lebens⸗ weiſe zurückzukehren. Er ſagte mir ebenfalls, daß einer von den Bedienten, welche im Gaſthauſe zurückgeblieben ſeien, zufällig Weazel geſehen, ihn augenblicklich erkannt und Joey mit einigen Umſtänden ſeines Charakterbilds bekannt gemacht habe. Weazel habe mehrere Jahre hindurch Mylord Frizzle als Kammerdiener gedient, ſo lange derſelbe von ſeiner Frau getrennt lebte; nach ihrer gegenſeitigen Ausſöhnung jedoch habe ſie ausdrücklich darauf gedrungen, daß Weazel ſowohl, als das Frauenzimmer, welches er hielt, fortge⸗ jagt werden. Hierauf habe Seine Herrlichkeit, um beider auf eine gute Art los zu werden, den Vorſchlag gemacht, er ſolle ſeine Geliebte heirathen, worauf er ihm eine Stelle in der Armee ver⸗ ſchaffen wolle: dieſes Mittel habe Beifall gefunden, und Weazel ſei jetzt durch Seiner Herrlichkeit Vermittlung Fähndrich in— ˙ Regimente. Ich fand, daß wir beide, er ſowohl als ich, mit Rückſicht auf Weazels Muth gleiche Anſichten hatten. Wir be⸗ ſchloſſen deshalb, denſelben auf die Probe zu ſtellen, indem wir vie Reiſenden durch den Ruf„Ein Straßenräuber!“ erſchrecken wollten, ſobald ſich ein Reiter zeigen würde. Dieſen Plan brachten wir gegen die Dämmerung hin in Aus⸗ führung, als wir einen Mann entdeckten, der ſich uns zu Pferde näherte. Jvey hatte nicht ſobald den Leuten im Frachtwagen die⸗ Bemerkung mitgetheilt, er fürchte, wir möchten alle beraubt wer⸗ den, als eine allgemeine Beſtürzung eintrat. Strap that einen Satz aus dem Wagen, und verbarg ſich hinter einer Hecke; der Wucherer ſtieß Stoßgebete in Menge aus, und machte ein Geräuſchunter dem Stroh, was uns auf die Vermuthung brachte, daß er Etwas — 91 darunter verborgen; Miſtreß Weazel rang die Hände, und jam⸗ merte erbärmlich; und der Kapitän begann zu unſerem großen Erſtaunen zu ſchnarchen. Doch half ihm dieſe Liſt Nichts, denn Miß Jenny ſchüttelte ihn an der Schulter und rief aus:„Potz Teufel! Kapitän, wollt Ihr ſchnarchen, wenn wir daran ſind, beraubt zu werden? Erhebt Euch, pfui der Schande, und be⸗ tragt Euch wie ein Soldat und ein Ehrenmann!“ Weazel ſtellte ſich äußerſt aufgebracht über dieſe Störung, und ſchwur, er werde ſein Schläfchen machen, und wenn alle Wegelagerer Englands ihn umringen würden.„Gott verdamm' mich! wovor fürchtet Ihr Euch?“ fuhr er fort, indem er zugleich ſo heftig zitterte, daß der ganze Wagen in Erſchütterung gerieth. Dieſes feige Benehmen brachte Miſtreß Ramper dergeſtalt in Wuth, daß ſie ausrief: „verdammt ſei Eure erbärmliche Seele, Ihr ſeid ein ſolcher Erz⸗ feigling, als je einer aus den Reihen gejagt wurde! Halt den Wagen an, Jpey, laſſ' mich hinaus, und bei Gott! wenn ich Beredſamkeit genug habe, ſo ſoll der Dieb nicht nur Eure Börſe, ſondern auch Eure Haut nehmen!“ Mit dieſen Worten ſprang ſie mit großer Lebhaftigkeit heraus. Jetzt kam der Reiter zu uns her, und es fand ſich, daß er einer von den Bedienten war, welche Joey kannte, der unſern Plan ihm mittheilte, und gegen ihn den Wunſch ausſprach, er möchte noch ein wenig weiter zu dem Wagen hingehen und die in demſelben Sitzenden ausfragen. Der Fremdling willigte, dem Scherze zu Lieb', ein, und näherte ſich dem Gefährt, in welches er mit ſchrecklicher Stimme die Frage hineinſandte:„wen haben wir hier bekommen?“ Iſaak erwiederte mit kläglicher Stimme:„hier iſt ein armer, elender Sünder, der eine kleine Familie zu ernähren hat, und Nichts in der weiten Welt dazu, als dieſe fünfzehn Schillinge; wenn Ihr ſie mir raubt, ſo müſſen wir alle mit einander Hungers ſterben.“—„Wer ſchluchzt dort in der andern Ecke?“ ſagte der vermeintliche Wege⸗ lagerer.„Ein armes unglückliches Weib,“ erwiederte Miſtreß — 92 Weazel,„mit welcher Ihr um Chriſti willen Miltleid haben möchtet.“—„Seid Ihr ein Mädchen oder ein Weib?“ ſagte er hierauf.„Zn meinem Kummer ein Weib,“ erwiederte ſie.„Wer oder wo iſt Euer Gemahl?“ fuhr er fort.„Mein Gemahl,“ er⸗ wiederte Miſtreß Weazel,„iſt ein Offizier in der Armee, und wurde im letzten Wirthshaus, wo wir zu Mittag ſpeisten, krank zurückgelaſſen.“—„Ihr müßt im Irrthume ſein, Madame!“ ſagte er,„denn ich ſah ihn dieſen Nachmittag den Wagen beſtei⸗ gen. Doch bitte, was riecht ſo? Gewiß hat ſich Euer Schooßhund unartig aufgeführt: laßt mich das garſtige Vieh wegnehmen, ich will ihm beſſere Gewohnheiten beibringen.“ Hierauf ergriff er eines von Weazel's Beinen, und zog ihn unter ſeines Weibs Unterröcken hervor, wo er ſich verſteckt hatte. ls der arme, zitternde Kapitän in ſeiner unrühmlichen Lage entdeckt war, ſo rieb er ſeine Augen, ſtellte ſich, als ob er aus dem Schlafe erwache, und rief:„was giebt's? was giebt's?“—„Nicht viel,“ erwiederte der Reiter, „ich wollte mich nur nach Eurer Geſundheit erkundigen, und hiemit Gott beſohlen, tapferſter Kapitän!“ Mit dieſen Worten gab er ſeinem Pferde die Sporen, und verſchwand im Augenblicke aus dem Geſichte. Es dauerte lange, bevor Weazel ſich ſammeln konnte, doch nahm er in die Länge wieder den herausfordernden Blick an und ſagte:„verdammt ſei der Burſche! warum ritt er hinweg, ehe ich Zeit hatte, zu fragen, wie ſein gnädiger Herr und ſeine gnädige Frau ſich befinden? Erinnerſt Du Dich nicht Tom's, meine Theure?“ wandle er ſich zu ſeiner Gattin.„Ja!“ gab ſie zur Antwort, „ich glaube mich des Burſchen ein wenig zu entſinnen, doch Du weißt, ich verkehre ſelten mit Leuten ſeines Standes.“„Ei, ei!“ rief Joey,„kennt Ihr den jungen Mann, Kapitän?“„Ihn kennen?“ ſagte Weazel⸗„oftmals hat er ein Glas Burgunder für mich an meines gnädigen Herrn Trippet's Tafel eingeſchenkt.“— „Und wie heißt er wohl, Kapitän?“ fragte Joey.—„Wie er 93 heißt, wie er heißt,“ erwiederte Weazel,„er heißt Tom Rinſer.“ —„Wetter!“ rief Joey,„dann hat er ſeinen eigenen Namen verändert, denn ich wollte wetten, er wurde getauft als John Trotter.“ Dieſe Bemerkung richtete das Gelächter gegen den Kapitän, der ganz außer Faſſung zu kommen ſchien; als Iſaak das Stillſchweigen brach und ſagte:„es iſt einerlei, wer over was er iſt, genug! er hat ſich nicht als der Räuber ausgewieſen, den wir in ihm vermutheten, und wir dürfen Gott danken, daß wir mit genauer Notb entkamen.“—„Goit danken!“ ſagte hier⸗ auf Weazel,„dem Teufel danken! wofür? Wäre er ein Wege⸗ lagerer geweſen, ich würve ſein Blut, ſeinen Leib ſammt den Eingeweiden aufgezehrt haben, ebe er mich oder irgend einen andern in der Kutſche beraubt hätte.“—„Ha, ha, ha!“ rief Miß Jenny,„ich glaube, Ihr werdet Alle diejenigen, welche Ihr todtſchlaget, leicht eſſen können, Kapitän!“ Der Wucherer freute ſich über den glücklichen Ausgang dieſes Abenteuers ſo, daß er ſich's nicht verſagen konnte, dem Kapitän einen Seitenhieb zu geben, indem er bemerkte, Kapitän Weazel ſcheine ein guter Chriſt zu ſein, denn er habe ſich ſtatt körperlicher Waffen mit Geduld und Entſagung gewappnet, und ſeine Rettung durch Furcht und Zittern bewirkt. Dieſe ſatyriſche Bemerkung erregte ein großes Gelächter auf Koſten Weazels, der eine Menge Eide ausſtieß und drohte, Iſaaks Gurgel abzuſchneiden. Der Wucherer faßte dieſe Drohung auf und ſagte:„ihr Herrn und Damen! ich nehme euch Alle zu Zeugen, daß mein Leben durch dieſen blutdürſtigen Offizier gefährdet iſt; man verweiſe ihn zum Frieden!“ Dieſer zweite Spott veranlaßte ein neues Gelächter gegen ihn, und er ließ während unſerer ganzen Reiſe die Flügel gewaltig hängen. 94 Dreizehntes Kapitel. Strap und ich werden durch eine Erſcheinung in Schrecken geſetzt; Strap's Vermuthung; das Geheimniß wird durch Joey aufgehelltz⸗wir langen in London anz Beſchreibung unſeres Anzugs und Auftritts daſelbſt; man be⸗ ſchimpft uns auf der Straße; ein Abenteuer in einem Bierhaus; ein uͤber⸗ muͤthiger Bedienter treibt mit uns ſein Spiel; ein Tabackshaͤndler ver⸗ hilft uns zu unſerm Recht; wir miethen eine Wohnung; ſteigen in einen Garkeller zum Mittageſſen hinab; ein Ereigniß wie gewohnlich. Wir langten in dem Wirthshauſe an, ſpeisten zu Nacht, und gingen zu Bette; doch da Strap's Unwohlſein fortdauerte, ſo ſah er ſich genöthigt, mitten in der Nacht aufzuſtehen⸗ und das Licht, welches er zu vieſem Zwecke hatte brennen laſſen, in die Hand nehmend, ſtieg er die Dreppe hinab in das heimliche Ge⸗ mach, von wo er bald wieder in großer Eile zurückkam, mit auf⸗ wärts ſtehendem Haare und einem Blicke, welcher Schauer und Entſetzen verrieth. Ohne ein Wort zu ſprechen, ſetzte er das Licht nieder und ſchlüpfte in vas Bett hinter mich, wo er ſich hinlegte und heftig zitterte. Als ich frug, was es denn gäbe, ſo erwie⸗ verte er mit gebrochener Stimme:„Gott erbarme ſich unſer; ich habe ven Teufel geſehen!“ Ungeachtet meine Vorurtheile nicht ſo ſtark waren, wie die ſeinigen, ſo erſchreckte ich doch nicht wenig über dieſen Ausruf, und noch weit mehr, als ich den Klang von Schel⸗ len unſerem Zimmer ſich nähern hörte, und meinen Bettgenoſſen ſich an mich anklammern fühlte, indem er die Worte ausſtieß: „Chriſtus erbarme ſich unſer, da kommt er!“ In dieſem Augen⸗ blicke betrat ein übermächtig großer Rabe mit Schellen an den FZüßen unſer Zimmer und ging gerade auf unſer Bett zu. Da man in unſerem Lande dieſes Thier für ein gewöhnliches Werkzeug des Teufels und der Hexen hält, um ihre Streiche in der Hölle zu ſpielen, ſo glaubte ich in der That, wir ſeien behert und ver⸗ 95 ſteckte mich in einem heftigen Anfall von Furcht unter die Bett⸗ tücher. Dieſe ſchreckliche Erſcheinung ſprang auf das Bett, hüpfte, nachdem ſie uns mehre derbe Schläge mit ihrem Schnabel durch die Uebertücher hindurch gegeben hatte, hinweg und verſchwand hierauf. Strap und ich empfahlen uns dem Schutze des Himmels mit gro⸗ ßer Andacht, und wagten erſt, als wir keinen Lärm mehr hör⸗ ten, hervorzuſchlüpfen und wiever aufzuathmen. Doch wir waren noch nicht lange von dieſem Phantome befreit, als ein zweites erſchien, das uns beinahe unſerer Sinne beraubt hätte. Wir ſahen einen alten Mann in das Zimmer treten, mit einem langen weißen Barte, der bis auf den Bauch herabreichte. Es lag in ſeinen Augen und ſeiner Miene etwas beſonders Wildes, was nicht nach dieſer Welt ſchmeckte. Sein Anzug beſtand aus einem Rocke von braunem Stoffe, der hinlen und an den Handgelenken zugeknöpft war, mit einer altmodiſchen Nachtmütze von demſelben Stoffe auf ſeinem Haupt. Ich war ſo entſetzt, daß ich nicht Kraft genug beſaß, meine Augen von ſolch einem geiſterhaften Gegenſtande wegzu⸗ wenden, ſondern ohne Bewegung da lag und ihn gerade auf mich zukommen ſah: als er das Bett erreicht hatte, rang er die Hände und rief mit einer Stimme, welche keinem menſchlichen Weſen anzuge⸗ hören ſchien:„wo iſt Ralph?“ Ich erwiederte Nichts; hierauf wiederholte er in noch übernatürlicherem Accente:„wo iſt Ralpho?“ Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, ſo hörte er in einiger Entfernung den Schellenklang. Nachdem die Erſcheinung auf dieſen gelauſcht, ſo trippelte ſie hinweg, und ließ mich, faſt verſteinert von Furcht, zurück. Es dauerte eine gute Weile, bis ich mich ſo weit ſammeln konnte, um ein Wort hervorzubringen, und als ich mich endlich zu Strap hinwandte, traf ich ihn in einem Fieberan⸗ fall, der jevoch nicht lange währte. Als er wieder zu ſich kam, frug ich ihn um ſeine Meinung über das Ereigniß, worauf er mich verſicherte, die erſte Erſcheinung müſſe gewiß die Seele einer verdammten Perſon ſein, denn das ſei aus den Ketten an ihren 86 Füßen abzunehmen; ſeine Furcht hatte nämlich das Geſchöpf zu der Größe eines Pferds anwachſen laſſen, und den Ton kleiner Mohrenſchellen in das Geklirre ſchwerer Ketten verwandelt. Was den alten Mann anbelangt, ſo hielt er ihn für den Geiſt eines in grauer Vorzeit an dieſer Stelle Gemordeten, der die Macht be⸗ kommen habe, den Mörder in der Geſtalt eines Raben zu quälen, und dieſer Ralpho ſei der Name des genannten Mörders. ungeachtet ich dieſer Auslegung wenig Glauben ſchenkte, ſo war ich doch zu ſehr aufgeregt, um etwas Schlummer genießen zu können und in allen meinen ſpäteren Abenteuern verbrachte ich nie eine Nacht ſo ſchlecht. Morgens theilte Strap die ganze Geſchichte Joey'n mit, der⸗ nach einem unmäßigen Gelächter, die Sache dadurch erklärte, daß er ihm mittheilte, der alte Mann ſei des Wirths Vater, der, ſeit einigen Jahren geiſteskrank, ſich mit einem zahmen Raben unterhalte, welcher, wie es ſcheine, aus ſeinem Zimmer Nachts entſprungen ſei und ihn veranlaßt habe, ihm in unſer Zimmer zu folgen, wo er unter dem Namen Ralpho ſich nach ihm erkundigt habe. Nichts Merkwürdiges ſtieß uns während des übrigen Theils unſerer Reiſe auf, die ſechs oder ſieben Tage länger währte; zu⸗ letzt betraten wir die große Stadt und logirten die ganze Nacht in dem Wirthshauſe, wo der Frachtwagen anhielt. Am nächſten Morgen gingen die Paſſagiere, jeder ſeinen eige⸗ nen Weg, während mein Grefährte und ich uns fortbegaben, um nach dem Parlamentsmitgliede zu fragen, an welches ich einen Empfehlungsbrief von Herrn Crab bekommen hatte. Sobald wir im Gaſthauſe unſere Zeche bezahlt hatten, nahm Strap unſer Gepäck, und marſchirte hinter mir mit dem Schnappſack auf dem Rücken, wie gewöhnlich, ſo daß wir äußerſt wunderlich ausſahen. Ich hatte mich auf's Beſte herausgeputzt, nämlich angezogen ein ſauberes gefälteltes Hemd nebſt meinen beſten leinenen Strümpfen: mein 97 dunkelrothes Haar hing auf meine Schultern berab, ſo ſchlank und ſenkrecht, wie ein Pfund Lichter, und meine Rockſchöße reichten mitten auf die Beine, meine Weſte nebſt Hoſen waren aus dem nämlichen Stück und von gleichem Geſchmacke im Zuſchnitt; und mein Hut hatte viele Aehnlichkeit mit einem Barbierbecken ſowohl in der leichten Höhlung ſeines Kopfs, als der Schmalheit ſeiner Ränder. Strap war weit weniger auffallend gekleidet; aber eine kurze mit Stutzohren verſehene Perücke, welche viele Aehnlichkeit mit der Serub's im Schauſpiele hatte, der Schnappſack auf ſeinem Rücken und überhaupt ſein durch ein langes Kinn, eine Adlernaſe und hohe Backenknochen ganz originelles Geſicht machten ihn zu einem ganz paſſenden Gegenſtande des Gelächters und Spotts. Auf unſerer Wanderung frug Strap auf mein Verlangen einen Krä⸗ mer, auf den wir ſtießen, wo herum Herr Cringer wohne: wor⸗ auf er einen ſtarren Blick zur Antwort erhielt, der das Wort „was?“ begleitete. Hierauf kam ich herbei, um die Frage zu er⸗ klären, aber war ſo unglücklich, ebenfalls unverſtändlich zu ſein, denn der Krämer fluchte auf uns als ein lauſiges Schottenpack und peitſchte ſeine Pferde mit einem„Hurrah!“ fort, was mich außer⸗ ordentlich erboste und Strap's Unwillen ſo ſebr erregte, daß er, nachdem der Burſche ſchon eine gute Strecke Wegs voraus hatte, mir ſagte, er würde mit ibm um einen Farthing boxen. Als wir noch darüber berathſchlagten, was zu thun ſei, kam ein Miethkutſcher, der langſam vorwärts fuhr und uns an der Gaſſe ſtehen ſah, dicht auf uns zu und hewirkte unter dem Rufe:„eine Kutſche, Herr!“ durch eine geſchickte Lenkung der Zügel, daß ſeine Pferde in der Pfütze ansſchlugen, und uns über und über mit Schlamm beſchmierten. Nach dieſer Heldenthat fuhr er weiter, ſich durch ein herzliches Lachen ſelbſt belohnend, worein mehrere andere zu mei⸗ nem großen Verdruſſe einſtimmten; doch Einer, welcher ſah, daß wir Fremdlinge ſeien, war mitleidiger als die Andern, und rieth uns, in ein Bierhaus zu gehen, um uns zu trocknen. Ich dankte ihm Smollet's Romane. I. 7 98 für ſeinen Rath, den ich ſogleich befolgte, und in das uns bezeich⸗ nete Haus tretend, forderte ich einen Krug Bier und ſetzte mich an das Feuer im Wirthszimmer, wo wir uns, ſo gut wir konnten ſäuberten. Während deſſen kam ein Spaßvogel, der ſeine Pfeife rauchend, in einer Ecke ſaß, unv an unſerem Dialekte merkte, daß wir Schotten ſeien, auf mich zu und fragte mit ernſter Miene, wie lange ich gefangen ſei. Da ich die Bedeutung dieſer Frage nicht kannte, ſo gab ich keine Antwort, und er fuhr fort mit den Worten, es könne nicht lange her ſein, denn mein Schwanz ſei noch nicht geſtutzt, zugleich faßte er mein Haar an, und gab der übrigen Geſellſchaft einen Wink, die an dieſem Scherze großen Gefallen zu haben ſchien⸗ Meine Galle regte ſich bei dieſer Behandlung, aber ich ſcheute mich, ſie zu rächen, weil ich an einem fremden Orte mich befand, und bemerkte, daß die Perſon, welche mit mir ſprach, ein ſtarker Geſelle war, mit dem ich mich nicht meſſen könne. Jedoch Strap konnte', weil er entweder mehr Muth oder weniger Vorſicht beſaß⸗ die Beleidigungen, welche ich erduldete, nicht ertragen; ſondern ſagte ihm in beſtimmtem Tone, er ſei ein unhöflicher Burſche, weil er mit Leuten, die beſſer ſeien, als er, ſo unhöflich umgehe⸗ Hier⸗ auf ging der Witzbold auf ihn zu mit der Frage: was ſein Schnappſack enthalte. Iſt es Habermehl oder Schwefel, Sawey ²*) ſprach er, indem er ihn beim Kinn ergriff, das er zur unaus⸗ ſprechlichen Unterhaltung aller Anweſenden ſchüttelte. Als mein Gefährte auf ſo grobe Weiſe ſich angegriffen ſah, erhob er ſich augenblicklich und verſetzte ſeinem Gegner eine ſo tüchtige Ohr⸗ feige, daß er in die andere Zimmerecke taumelte, und im Nu hatte ſich ein Kreis um die Kämpfer gebilvet. Weil ich Stray ſich ausziehen ſah, und mein Blut von Un⸗ ) Sawey be deutet im Engliſchen Speckſeite. Unm. d. Ueberſ. 99 willen, der alle andere Gedanken zurückdrängte, kochte, ſo ent⸗ kleidete ich mich im Augenblick bis auf die Haut und erklärte, weil die Beleidigung, welche den Streit veranlaßt habe, mir zugefügt worden ſei, ſo wolle ich ihn auch ſelbſt ausfechten; worauf Einer oder zwei ausriefen:„das iſt ein braver Schotte, du ſollſt unge⸗ ſtört Spiel haben, bei Gott!“ Dieſe Verſicherung gab mir friſchen Muth, und, auf meinen Gegner losgehend, der, ſeinem blaſſen Aus⸗ ſehen nach, nicht ſehr zum Kampfe geneigt zu ſeyn ſchien, ſchlug ich ihn ſo tüchtig auf den Magen, daß er über eine Bank hin⸗ rollte, und auf den Boden fiel. Hierauf ſuchte ich ihn niederzu⸗ halten, um meinen Sieg nach meiner Landesſitte noch in helleres Licht zu ſtellen, wurde aber von den Zuſchauern daran gehindert, deren einer meinen Gegner aufzuheben ſuchte, doch vergebens; denn er betheuerte, nicht fechten zu wollen, da er von einer, vor Kurzem gehabten, Krankheit noch nicht ganz hergeſtellt ſei. Dieſe Ausrede war mir äußerſt willkommen, und ich kleidete mich ſogleich an, nachdem ich mir wegen meiner Tapferkeit die gute Meinung der Geſellſchaft ſowohl, als meines Kameraden Strapl, erworben, der mich bei der Hand ſchüttelte, und mir zu meinem Siege Glück wünſchte. Nachdem wir unſern Krug aus⸗ getrunken, und unſere Kleider getrocknet hatten, fragten wir den Wirth, ob er Herrn Cringer, das Parlamentsmitglied, kenne, und waren erſtaunt, als er verneinend antwortete: denn wir bildeten uns ein, er müſſe hier eben ſo bekannt ſein, als in dem Flecken, welchen er repräſentirte; doch er ſagte uns, wir könnten vielleicht von ihm hören, wenn wir weiter gingen. Wir begaben uns deß⸗ halb auf die Straße, wo wir einen Bedienten an einer Thüre ſtehen ſahen, auf ihn zugingen und an ihn die Frage ſtellten, ob er wiſſe, wo unſer Vertreter wohne. Dieſes Mitglied der ſcheckigen Brüderſchaft ſah uns Beide ſehr genau an, ſagte, er kenne Herrn Cringer ſehr gut, und hieß uns die erſte Straße links umwenden, dann rechts, hierauf wieder links, worauf wir eine Gaſſe bemerken 100 würden, durch welche wir hindurch gehen müßten; am andern Ende dann fänden wir eine Allee, welche zu einer neuen Straße führe, wo wir das Zeichen der Diſtel und der drei Krämer ſehen würden, und dort wohne er. Wir dankten ihm für ſeine Belehrung und gingen weiter, in⸗ dem Strap gegen mich bemerkte,(er habe es dieſem Manne, bevor er den Mund geöffnet,) gleich angeſehen, daß er voll Ehrlichkeit und freundſchaftlichen Geſinnungen ſei, eine Anſicht, welche ich dahin abänderte, daß ich ſeinen höflichen Charakter dem täglichen Umgange mit den Leuten des Hauſes, wo er wohnte, zu⸗ ſchrieb. Wir befolgten pünktlich ſeine Angaben, indem wir uns links und rechts und wieder links wandten; allein anſtatt daß wir eine Gaſſe vor uns erblickten, ſahen wir uns am Ufer des Fluſſes, ein Umſtand, der uns nicht wenig ſtutzig machte, ſo daß mein Gefährte die Vermuthung ausſprach, wir hätten ſicherlich un⸗ ſeren Weg verfehlt. Indeſſen waren wir von unſerem Spazier⸗ gange ziemlich müde geworden, und da ich nicht wußte, wie ich weiter gehen ſollte, ſo begab ich mich, aufgemuntert durch den Schild eines Hochländers, in einen kleinen, neben an befindlichen, Schnupftabacksladen, wo ich zu meiner unausſprechlichen Freude fand, daß der Wirth mein Landsmann ſei. Als wir ihn von un⸗ ſerem Herumwandern und den Anweiſungen, welche der Bediente uns gegeben hatte, in Kenntniß ſesten, ſo ſagte er uns, man habe uns hintergangen, denn Herr Cringer wohne am andern Stadtende, und es würde zwecklos ſeyn, wollten wir heute dorthin gehen, denn um dieſe Zeit befinde er ſich im Hauſe der Gemeinen. Hier⸗ auf bat ich ihn, er möchte uns eine Wohnung empfehlen, worauf er uns ſogleich eine Zeile an einen ſeiner Bekannten mitgab, der einen Lichtziehersladen nicht weit von der St. Martinsgaſſe, beſaß. Daſelbſt mietheten wir zwei Treppen hoch um den Preis von zwei Schillingen wöchentlich einen Schlafplatz, der einen ſo kleinen Um⸗ fang hatte, daß wir, als das Bett aufgeſchlagen war, jedes andere 101 Geräthe, das zu dem Zimmer gehörte, hinausſchaffen und uns des Bettes anſtatt der Stühle bedienen mußten. Gegen die Mittagszeit frug uns unſer Wirth, wie wir es mit der Koſt halten wollten. Wir gaben ihm die Ant⸗ wort, in dem Stücke wollten wir ſeinem Rathe folgen. „Nun gut,“ ſprach er,„für Leute eures Standes gibt es zwei Wege, in der Stadt zu eſſen; der eine anſtändiger und koſt⸗ ſpieliger als der andere: der erſte beſteht darin, daß ihr in einem, nur von wohlerzogenen Leuten beſuchten, Gaſthauſe zu Mittag ſpeiſet; der andere aber, welchen man das Untertauchen heißt, wird von ſolchen eingeſchlagen, welche genöthigt oder geneigt ſind, frugal zu leben.“ Ich gab ihm zu verſtehen, daß, vorausgeſetzt der letztere Ausweg ſei kein entehrender, er mit unſerer Lage weit beſſer harmoniren würde, als der erſtere.„Entehrend!“ rief er aus,„Gott bewahre! es gibt viele anſtändige Leute, reiche Leute, jal und gebildete Leute, welche täglich untertauchen. Ich ſah manchen artigen Herrn mit einer verbrämten Weſte auf dieſe Weiſe ganz erträglich um drei Pence und einen halben Penny zu MWittag ſpeiſen und ſpäter in das Caffeehaus ſich begeben, wo er neben dem beſten Lord im Lande ſich zeigen konnte: doch ihr ſollt ſelbſt Zeugen davon ſein: ich will heute mit euch gehen und euch einführen.“ Demgemäß führte er uns in eine gewiſſe Gaſſe, wo er an⸗ hielt und uns hieß, ihn zu beobachten und zu thun, wie er auch thue, worauf er ein Paar Schritte vorwärts ging, in einen Keller hinabhuſchte und im Augenblicke verſchwand. Ich folgte ſeinem Beiſpiele und befand mich, nachdem ich glücklich hinabgekommen, mitten in einer Garküche, wo ich unter den Dämpfen von geſotte⸗ nem Rindfleiſch faſt erſtickte und mich von einer Geſellſchaft von Lohnkutſchern, Sänftenträgern, Kärrnern und etlichen herrenloſen oder mit Koſtgeld angeſtellten Bedienten umringt ſah, welche Lenden⸗ ſtücke, Kutteln, Kuhferſe oder Bratwürſte an abgeſonderten Tiſchen, 102 die mit Tüchern gedeckt waren, vor denen mir übel ward, ver⸗ ſpeisten. Während ich voll Erſtaunen daſtand, unentſchloſſen, ob ich ſitzen oder wieder hinaufſteigen folle, verfehlte Strap beim Hinab⸗ gehen eine der Stufen, ſtürzte kopfüber in dieſe unterirdiſche Gar⸗ küche, und überrann die Köchin, welche eben einem der Gäſte eine Schüſſel voll Suppe brachte. In ihrem Falle ſchüttete ſie die ganze Beſcheerung einem Trommler bei der Fußgarde, der gerade ihr im Wege ſtand, auf die Schenkel, und verbrühte ihn ſo erbärmlich, daß er aufſprang, auf⸗ und abtanzte, und eine Ladung Flüche ausſtieß, welche mein Haar emporſträuben machten. Während er die Geſellſchaft auf dieſe Weiſe durch eine, ihm eigen⸗ thümliche Redſeligkeit unterhielt, ſtand die Köchin auf, leerte nach einer herztichen Verwünſchung gegen den armen Urheber des Unheils, der unter dem Tiſche lag und ſeinen Hintern mit einer ſchmerzhaften Geberde rieb, ein Salzfaß in ihrer Hand aus, und legte, indem ſie des Patienten Strümpfe abzog, wobei die Haut zugleich mitging, den Inhalt des Gefäßes auf die Fleiſchwunde. Kaum war dieſer Umſchlag aufgelegt, ſo brach der Trommler, der in ſeinen Ausrufungen ſchon etwas nachgelaſſen hatte, in ein ſolch entſetzliches Jammergeheul aus, daß die ganze Geſellſchaft zitterte und vebte; hieraufergriff er einen, neben ihm ſtehenden, zinnernen Biertopf, quätſchte ſeine Seiten zuſammen, als beſtünden ſie aus geſchmeidi⸗ gem Leder und knirſchte zugleich mit ſeinen Zähnen auf eine ſchreckliche Weiſe. Da ich die Urſache dieſes heftigen Schmerzens⸗ ausbruchs errieth, ſo hieß ich das Weib das Salz wegwaſchen, und den wunden Theil in Oel baden, was ſie that, und worauf ſogleich Linderung erfolgte. Doch jetzt trat eine Schwierigkeit in Weg, welche in nichts Geringerem beſtand, als in der Forderung der Wirthin, daß der Trommler den verdorbenen Topf bezahlen ſolle. Er ſchwur, nichts bezahlen zu wollen, als was er gegeſſen 103 habe, und hieß ſie ihm noch für ſeine Mäßigung zu danken, denn er würde ſie ſonſt für Schmerzensgeld verantwortlich machen. Da Strap vorausſah, daß man die ganze Sache ihm vor die Thüre legen würde, ſo gab er das Verſprechen, die Köchin zufrie⸗ den zu ſtellen, und ließ zur Beruhigung des Trommlers einen Schluck Branntwein kommen, der denſelben vollkommen zufrieden ſtellte und allen Feindſeligkeiten ein Ende machte. Nach dieſem Vergleiche ſetzten wir nebſt unſerem Wirthe uns an einen Tiſch und aßen ganz köſtlich ein Lendenſtück zu Mittag; unſere Rech⸗ nung betrug für jeden zwei Pence und einen halben Penny, Brod und Dünnbier eingerechnet. Vierzehntes Kapitel. Wir beſuchen Strap's Freund; ſeine Beſchreibung; ſein Rath; wir gehen in Herrn Cringer's Haus; man verſagt uns den Zutritt; Strap hat ein ungluͤckliches Ereigniß; ſein Benehmen dabei; ein außerordentliches Aben⸗ teuer begiebt ſich, in Folge deſſen ich all mein Geld verliere. Nachmittags machte mein Gefährte den Vorſchlag, ſeinen Freund, der, wie man uns ſagte, in der Nachbarſchaft wohne, zu beſuchen, wohin wir uns ſogleich begaben, und ſo glücklich waren, ihn zu Hauſe anzutreffen. Dieſer Herr, welcher vor drei oder vier Jah⸗ ren aus Schottland herübergekommen war, leitete in der Stadt eine Schule, wo er die lateiniſche, franzöſiſche und italieniſche Sprache lehrte; doch das, wozu er hauptſächlich Anleitung gab, war die Ausſprache der engliſchen Sprache, nach einer ſchnelleren und ungewöhnlicheren Methode, als je zuvor ausgeübt ward; und wirklich! wenn ſeine Schüler gleich ihrem Lehrer ſprachen, ſo wurde der letztere Theil ſeiner Aufgabe gewiß auf das befriedigendſte gelöst; 104 denn ungeachtet ich jedes Wort, das ich gehört hatie, ſeit ich in England war, verſtehen konnte, ſo waren doch drei Viertheile ſeiner Mundart für mich ſo unverſtändlich, als hätte er Arabiſch oder Iriſch geſprochen. Er war ein Mann mittlerer Größe, und ſehr gebückt, obwohl nicht über vierzig Jahr alt; ſein Geſicht war von den Blattern ſchrecklich entſtellt, und der Mund reichte von einem Ohre zum andern. Er war gekleidet in einen geſtreiften Schlafrock, der um ſeinen Bauch herum mit der abgetragenen Schärpe eines Sergeanten zugebunden war, und trug eine Knotenperücke mit drei Zoll hohem Toupee nach der Mode aus König Karls II. Zeiten. Nachdem er Strap, der mit ihm verwandt war, ſehr höflich empfangen hatte, frug er ihn, wer ich ſei; und als er es erfahren, nahm er mich bei der Hand, und ſagte zu mir, er ſei ein Schulfreund meines Vaters. Als er meine Lage erfuhr, verſicherte er mich, er würde mir jeden Dienſt erweiſen, der in ſeiner Macht ſtehe, rathend ſowohl als durch ſonſtige Hülfeleiſtung; und während er dieſe Worte ſprach, blickte er mich aufmerkſam an, mehrmal um mich herumgehend und murmelnd:„O Chriſt! O Chriſt! wie ſehet Ihr aus!“ Ich errieth bald den Grund ſeines Ausrufs und ſagte: „ich vermuthe, Herr! euch gefällt mein Anzug nicht.“—„Anzug!“ erwiederte er,„nennt es in Eurem Lande, wie Ihr wollt, aber ich ſchwöre zu Gott, hier bei uns iſt das eine wahre Mummerei. Kein Chriſt wird ſolch eine Geſtalt in ſein Haus aufnehmen. Ich verſichere Euch, mich wunderts, daß die Hunde Euch nicht nach⸗ ſprangen. Gienget ihr durch den St. James Markt? Gott ſei meinem Geſichte gnädig! Ihr ſeht aus wie ein leibhafter Vetter des Ourang Outang.“ 8 Ich ſieng an, bei dieſer Rede etwas ernſthaft zu werden, und frug ihn, ob er glaube, daß ich bei Herrn Cringer Morgen Zutritt erhalten werde, da ich hauptſächlich auf ihn meine Hoff⸗ nung wegen Erhaltung eines Verdienſtes ſetze.„Herr Cringer, 105 Herr Cringer!“ erwiederte er, im Barte kratzend,„mag ein ſehr ehrenwerther Herr ſeyn, ich weiß nichts von dem Gegen⸗ theil zu ſagen; allein hängt Eure einzige Hoffnung an ihm? Wer empfahl ihn Euch?“ Ich zog Herrn Crab's Brief heraus, und erzählte ihm, worauf meine Hoffnungen ſich ſtützten; hierauf ſtarrte er mich an und wiederholte:„Chriſt!“ Ich begann, aus dieſem ſeinem Benehmen ſchlimme Vermuthungen zu ziehen, und bat ihn, er möchte mich mit ſeinem Rathe unterſtützen; dieſen verſprach er ohne Umſtände zu geben, und wies uns als Beweis deſſen in ein Perrückenmagazin in der Nachbarſchaft, um uns dar⸗ aus mit dem Nöthigen zu verſehen, während er mir dringend ein⸗ ſchärfte, nicht vor Herrn Cringer zu erſcheinen, bis ich dieſe roth⸗ haarigen Locken abgelegt habe, welche, wie er mir ſagte, genügten, um bei Jedermann einen Widerwillen gegen mich hervorzurufen. Als wir im Begriffe ſtanden, dieſen Rath zu befolgen, rief er mich noch einmal zurück, und hieß mich zuverläßig meinen Brief Herrn Crin⸗ ger eigenhändig zu übergeben. Als wir auf der Straße hinwandelten, ſprach Strap mit großem Triumphe von der Aufnahme bei ſeinem Freunde, der, wie es ſcheint, ihn verſichert hatte, er wolle ihm in ein oder zwei Tagen einen guten Herrn verſchaffen, und„nun,“ ſprach er,„ſollſt Du ſehen, wie ich Dich mit einer Perrücke aus⸗ ſtatten werde. Kein Barbier in ganz London(und das will Viel ſagen) thut es mir in der Erkennung eines verfaulten Haarnetzes oder eines Pfenninggewichts von todtem Haare zuvor.“ Und wirk⸗ lich marktete dieſer eifrige Freund ſo lange mit dem Kaufmann, daß man zwanzigmal gegen ihn den Wunſch ausſprach, er möchte den Laden verlaſſen, und ſich anderswo eine wohlfeilere Waare aus⸗ ſuchen. Zuletzt erhandelte er eine tüchtige und ſchöne Stutzperücke, wofür ich zehn Schillinge bezahlte und in unſere Wohnung zurück⸗ kehrte, wo Strap im Nu mich von dem Haare befreite, das dem Schulmeiſter ſo viel Anſtoß erregt hatte. Am andern Tage ſtanden wir früh auf, da man uns die 106 Nachricht gegeben hatte, Herr Cringer gebe Wen ſeinen Clienten bei Licht Gehör, da er ſelbſt bei Tagesanbruch dem Lever des Lord Terrier beiwohnen müſſe, weil Seine Herrlichkeit zwiſchen acht und neun Uhr den Miniſtern aufwarte. Als wir zu Herrn Cringer's Thüre kamen, ſo rannte Strap, um mir einen Beweis ſeines feinen Benehmens zu geben, zu dem Thürhammer hin, und bediente ſich deſſelben ſo laut und ſo lange, daß er die ganze Straße in Allarm brachte, und ein Nachttopf aus einem Fenſter in dem zweiten Stocke des Nachbarhauſes ſo geſchickt auf ihn her⸗ ab ausgeleert wurde, daß der arme Barbier ſich bis auf die Haut durchnäßt ſah, während ich, weil ich glücklicherweiſe etwas ent⸗ fernt von ihm ſtand, der übelriechenden Fluth entgieng. Unter⸗ deſſen öffnete ein Bedienter die Thüre, und frug, da er Nieman⸗ ven, außer uns, in der Straße ſah, mit grimmiger Miene, warum ich ſolch einen verdammten Lärmen mache und was ich wolle. Ich ſagte zu ihm, ich habe Geſchäfte mit ſeinem Herrn, den ich zu ſehen wünſche, worauf er die Thüre mir vor der Naſe zuſchlug, mit den Worten: ich müſſe beſſere Sitten lernen, ehe ich vor ſeinen Herrn treten könne. Ueber dieſen mißlungenen Verſuch erbittert, wandte ich meine Rache gegen Strap, den ich wegen ſeines vorlauten Benehmens ſcharf tadelte: allein er bekümmerte ſich nicht im mindeſten um meine Vorwürfe, ſondern ſchüttelte den Urin aus ſeiner Perrücke, hob einen großen Stein auf und ſchleuderte ihn mit ſolcher Ge⸗ walt gegen die Thüre des Hauſes, von wo aus er überfluthet worden, daß das Schloß nachgab, die Thüre weit aufflog, und er Ferſengeld nahm, mir es überlaſſend, ihm zu folgen, ſo gut ich konnte. Wirklich war auch keine Zeit zu verlieren: ich folgte ihm deßhalb ſo ſchnell als ich konnte, bis wir uns gegen Abend in einer uns unbekannten Straße befanden. Als wir hier uns umſehend, fortwanderten, hielt ein ganz ehrbar ausſehender Mann, der an uns vorübergieng, plötzlich an und hob etwas auf, was 107 er unterſuchte, und nachdem er ſich umgekehrt hatte, mir mit den Worten anbot:„Mein Herr! Sie haben eine halbe Krone fallen laſſen.“ Ueber dieſen Beweis von Eyrlichkeit erſtaunte ich nicht wenig, und ſagte ihm, das Geld gehöre nicht mir; doch er erwiederte mir, ich ſolle mich beſinnen, und nachſehen, ob mein Geld alles da ſei; hierauf zog ich meine Börſe(ich hatte mir nämlich, ſeit ich in der Stadt war, eine gekauft) heraus und zählte in meiner Hand meine Baarſchaft nach, die jetzt auf fünf Guineen, ſieben Schillinge und zwei Pence zuſammengeſchmolzen war, worauf ich ihm die Verſicherung gab, ich hätte nichts verloren.„Nun gut!“ ſagte er,„um ſo beſſer; das hat Gott der Liebe geſchickt, und da ihr zwei dabei waret, als ich es aufhob, ſo habt ihr gleichen Antheil da⸗ ran mit mir.“ Ueber dieſe Worte war ich erſtaunt, und betrach⸗ tete dieſe Perſon als ein Wunder von Rechtlichkeit, weigerte mich jedoch beſtimmt, an der Summe Antheil zu nehmen.„Kommt, ihr Herren!“ ſagte er hierauf,„ihr ſeid zu beſcheiden; ich ſehe wohl, ihr ſeid Fremde; allein ihr ſollt mir erlauben, euch in dieſem kalten rauhen Morgen mit einem Schlückchen zu bewirthen.“ Gern würde ich ſeine Einladung ausgeſchlagen haben, allein Strap lispelte mir zu, der Herr möchte ſich beleidigt fühlen und ich willigte ein.„Wohin werden wir gehen?“ ſagte der Fremde, „in dieſem Stadttheile bin ich völlig unbekannt.“ Ich unterrichtete ibn, wir befinden uns in gleicher Lage: worauf er den Vorſchlag that, wir ſollten in das nächſte beſte offenſtehende Wirthshaus ein⸗ treten, und, während wir mit einander fortgiengen, folgender⸗ maßen anhub:„ich erkenne euch eurer Ausſprache nach für Schotten, ihr Herren! Meine Großmutter väterlicherſeits war aus eurem Vaterlande gebürtig, und ich bin ſo zu ſeinen Gunſten eingenommen, daß mein Herz warm wird, ſo oft ich einem Schotten begegne. Die Schotten ſind ein ſehr wackeres Volk. Faſt jede große Familie im Königreiche kann ſich einiger Thaten rühmen, welche ihre Vorfahren vor vielen hundert Jahren verrichtet haben. 108 Da ſind eure Douglase, Gordons, Campbells und Hamiltons. Hier in England haben wir keine ſolche alten Familien. Dann werdet ihr alle ſehr gut erzogen— ich hörte einmal einen herum⸗ ziehenden Krämer Griechiſch und Hebräiſch ſprechen, als wären beide ſeine Mutterſprache geweſen: und auf Ehre! ich hatte einmal einen Bedienten, der Gregor Macgregor hieß, ich würde ihm un⸗ gezähltes Geld anvertraut haben.“ Dieſe Lobrede auf mein Geburtsland gewann dem Sprecher meine Zuneigung ſo ſtark, daß ich, glaube ich, für ihn in den »Tod gegangen wäre, um ihm einen Dienſt zu erweiſen; und Strap's Augen ſchwammen in Thränen. Endlich, als wir durch ein finſteres, enges Gäßchen kamen, bemerkten wir ein Gaſt⸗ haus, in das wir eintraten und wo wir einen Mann, neben dem Feuer eine Pſeife rauchend, mit einer Pinte Wermuthbier vor ſich antrafen. Unſer neuer Bekannter frug uns, ob wir ſchon Eier⸗ flipp*) getrunken hätten. Als wir mit Nein antworketen, ſo ver⸗ ſprach er uns, welches aufzutiſchen, und hieß ein Quart davon zuzubereiten, und zugleich Pfeifen nebſt Tabak herzubringen. Wir fanden die Zuſammenſetzung des Getränks unſerm Gaumen voll⸗ kommen zuſagend, und ließen es uns herzlich ſchmecken; die Unter⸗ haltung wurde von dem Herrn eingeleitet, und drehte ſich um die Fallſtricke, welchen junge, unerfahrne Leute in der Hauptſtadt aus⸗ geſetzt ſeien. Er erzählte tauſend betrügeriſche Streiche, welche täglich an den Unwiſſenden und Unvorſichtigen verübt würden, und warnte uns davor mit ſo viel Gutmüthigkeit und Beſorgniß für uns, daß wir den Wurf, der ihn uns in die Hände brachte, tauſendmal ſegneten. Nachdem wir die Kanne einige Zeit lang hatten kreiſen laſſen, begann unſer neuer Freund zu gähnen, indem er uns ſagte, er *) Ein Getraͤnk, aus Bier, Branntwein und Zucker beſtehend. Anm. d. Ueberſ. 109 ſei die ganze Nacht hindurch bei einer kranken Perſon geweſen, und machte den Vorſchlag, wir ſollten eine Unterhaltung wählen, um ihn wach zu erhalten. „Wollen wir nicht,“ fagte er,„zum Zeitvertreib Whiſt ſpie⸗ len? Doch laßt mich ſehen, das geht nicht, wir ſind nur zu drei, und ich verſtehe kein anderes Spiel— die Wahrheit iſt, ich ſpiele ſelten oder niemals, ausgenommen aus Gefälligkeit oder im gegen⸗ wärtigen Falle, wenn ich nämlich in Gefahr bin, einzuſchlafen.“ Ungeachtet ich zum Spiele nicht ſehr aufgelegt war, ſo war ich doch nicht abgeneigt, ein oder zwei Stunden lang mit einem Freunde Karten zu ſpielen; und va ich wußte, daß Strap von der Sache eben ſo viel, als ich, verſtand, ſo ſagte ich ohne Bedenken: „ich wünſche, wir fänden eine vierte Hand.“ In dieſer Verlegen⸗ beit richtete die Perſon, welche wir bei unſerm Eintritt in das Haus antrafen, als ſie unſer Geſpräch mit anhörte, an uns, in⸗ dem ſie ſehr gravitätiſch die Pfeife aus dem Munde nahm, folgende Anrede:„Ihr Herren! meine Pfeife iſt aus, wie ihr ſehet(er ſchüttelte die Aſche ins Feuer) und ehe ihr einer kleinen Unter⸗ haltung entſagen müßt, mache ich mir nichts daraus, ob ich für eine Kleinigkeit mit euch Hand an's Spiel lege, allein bedenket, daß ich um Bedeutendes nie in ein Spiel mich einlaſſe!“ Wir nahmen ſein Erbieten freudig an, und nachdem wir die Looſe wegen der Parthien gezogen, entſchied ſich's für mich und ihn gegen unſern Freund und Strap, das Spiel zu drei Pence. Das Glück begünſtigte uns ſo, vaß ich binnen kurzer Zeit eine halbe Krone einſtecken konnte; als der Herr, dem wir auf der Straße begegnet waren, unter der Bemerkung, er habe heute kein Glück, den Vorſchlag machte, das Spiel aufzugeben oder die Parthien anders zu vertheilen. Jetzt war ich ſchon durch meinen glücklichen Erfolg und die Hoffnung auf reichern Gewinn entflammt, denn ich bemerkte, daß die zwei Fremdlinge nur gleichgültig fortſpielten; ich ſtimmte deß⸗ ———————₰ 110 halb vafür, ihm Revanche zu geben. Wir zogen wieder Looſe, und jetzt kamen Strap und ich zu unſerer gegenſeitigen Zufriedenheit als Spielgefährten zuſammen. Mein gutes Glück begleitete mich noch immer, und in weniger als einer Stunde hatten wir dreißig Schillinge ihres Geldes in der Taſche; denn je mehr ſie Verluſt hatten, deſto kühner wurden ſie, und verdoppelten jedesmal die Einſätze. Zuletzt fieng die unbeſtändige Göttin an, uns den Rücken zu kehren, und wir hatten bald unſern ganzen Gewinnſt verloren, und noch vierzig Schillinge von unſerem eigenen Gelde obendrein. Dieſer Verluſt ſchmerzte mich ausnehmend, und äußerte eine ſicht⸗ bare Wirkung auf die Muskeln von Strap's Geſicht, das allmählig länger wurde. Als jedoch unſer Gegner unſere Lage bemerkte, ſo geſtattete er uns gütig, unſern Verluſt wieder zu erſetzen und durch neue Gewinnſte uns Troſt zu verſchaffen. In dieſem Augenblick machte mein Gefährte die kluge Bemer⸗ kung, es ſei Zeit, fortzugehen, worauf die Perſon, welche ſich uns im Hanſe angeſchloſſen hatte, die Karten zu verfluchen begann und hinmurmelte, wir verdankten nur dem Glücke unſern Gewinn, und keineswegs unſerer Geſchicklichkeit im Spiele. Dieſe Bemerkung erbitterte mich ſo, daß ich ihn auf ein Piquetſpiel um eine Krone herausforderte, und mit Mühe ihn da⸗ hin brachte, die Einladung anzunehmen. Dieſer Kampf endete in weniger als einer Stunde, zu meiner unausſprechlichen Betrübniß, da ich jeden Schilling meines Geldes verlor, während Strap ſich durchaus weigerte, mich nur mit einem Sirpence zu unterſtützen. Der Herr, auf deſſen Aufforderung wir hereingekommen waren, be⸗ merkte an meinen verzweiflungsvollen Blicken die Lage meines Herzens, das vor Kummer und Rachegefühl faſt zerſprang, als der Andere aufſtand und mit meinem Gelde ſich wegbegab, und ſieng folgendermaßen zu reden an: „Euer Unglück geht mir wahrhaft zu Herzen, und gern möchte ich es erſetzen, ſtände es in meiner Macht. Allein was konnte ums 111 Himmelswillen Euch vermögen, ſo lange Euer Glück zu verſuchen? Spieler haben ſtets den Grundſatz, das Glück zu verfolgen, ſo lange es will, und aufzuhören, wenn Fortuna umſpringt. Ihr ſeid ein junger Mann und Eure Leidenſchaften find zu heftig; Ihr müßt lernen, ſie beſſer zu lenken; jedoch geht Nichts über Erfah⸗ rung, welche man theuer erkauft; das wird Euch für Euer Lebe⸗ tage genug ſeyn. Was den Burſchen betrifft, der Euer Geld mit fortnahm, ſo gefällt er mir nur halb. Vemerktet Ihr nicht meinen Wink, bei Zeiten davon abzulaſſen?“— Ich erwieverte:„nein.“ „Nein!“ fuhr er fort,„dann war't Ihr zu aufgeregt, Etwas zu bemerken, außer dem Spiele. Doch hört einmal!“ und ſeine Stimme ſenkte ſich zum Flüſtern herab,„ſeid Ihr überzeugt von der Ehrlichkeit des jungen Mannes dort? ſeine Blicke find etwas verdächtig; doch kann ich mich auch täuſchen! er ſchnitt viele Ge⸗ ſichter, während er hinter Euch ſtand: das iſt eine ganz verteufelte Stadt.“ Ich ſagte ihm, von meines Kameraden Rechtlichkeit ſei ich vollkommen überzeugt, und die Grimaſſen, von denen er ſpreche, rühren ohne Zweifel von ſeiner Angſt über meinen Ver⸗ luſt her.„Oho! wenn das der Fall iſt, ſo bitt' ich ihn um Ver⸗ zeihung, Wirth was bin ich ſchuldig?“ Die Rechnung betrug achtzehn Pence, nach deren Bezahlung der Herr uns beiden die Hand ſchüttelte, und mit den Worten, es werde ihn ſehr freuen, uns bald wieder zu ſehen, fortgieng. 112 Fünfzehntes Kapitel. Strap ſtellt moraliſche Betrachtungen und bietet mir ſeine Voͤrſe an; wir unterrichten unſern Wirth von unſerem Ungluck; er enthuͤllt das Geheim⸗ niß; ich ſtelle mich Cringer'n vor; er empfiehlt mich Herrn Staytape und weist mich an denſelben; ich mache die Bekanntſchaft eines Kunſtge⸗ noſſen, der Cringer's und Staytape's Charakter auseinanderſetzt und mir einen Weg angibt, wie ich bei der Admiralitaͤt und wundaͤrztlichen Palle mein Fortkommen erhalten konne; Strap erhaͤlt ein Geſchaͤft. Auf unſerem Wege nach unſerer Wohnung bemerkte Strap nach einem beiverſeitigen tiefen Stillſchweigen mit einem entſetzlichen Seufzer, wir hätten unſern Ferkel auf einen ſchönen Markt ge⸗ bracht. Hierauf erwiederte ich nichts, und er fuhr fort:„Helf uns Gott aus dieſem mit heiler Haut; wir ſind noch nicht 48 Stunden in London, und ich glaube, wir haben ſchon 48,000 Unglücksfälle durchgemacht. Man hat uns gehänſelt, grob angefahren, mit uns gebort, uns angepißt und zuletzt uns unſeres Geldes beraubt, und bald, vermuth' ich, wird man uns die Haut abziehen. Wenigſtens was das Geld betrifft, ſo ſind wir ſelbſt Schuld an ſeinem Verluſte, Salomo ſagt: So du den RNarren im Mörſer zerſtößeſt mit dem Stämpfel, wie Gritze, ließe ſeine Narrheit doch nicht von ihm. Ach, helf uns Gottl eine Unze Mut⸗ terwiz iſt beſſer als ein Pfund Schulwiz.“ Dieß war nicht der rechte Zeitpunkt für ihn, mich anders zu ſtimmen, denn ich war ſchon raſend über meinen Verluſt, und entbrannt von Rachegefühl gegen ihn, weil er mir eine kleine Geldſumme verweigert hatte, um meinen Verluſt wieder gut zu machen. Ich wandte mich deßhalb gegen ihn mit grimmiger Miene, und fragte:„wen er einen Narren nenne?“ Da er ſonſt ſolche Blicke von mir nicht gewöhnt war, ſo ſtand er ſtill, und ſtarrte mich eine Zeitlang an; dann fuhr er etwas verwirrt fort:„Einen Narren!— ich nannte Niemand einen — můũܾ˖‧ ‧Ü˖‧—— — 113 Narren, als mich ſelbſt; gewiß bin ich von den Zweien hier der größte Narr, daß ich mich um Anderer Mißgeſchick ſo viel beküm⸗ mere;— doch nemo ownibus horis sapit— das iſt Alles— das iſt Alles.“ Hierauf folgte ein Stillſchweigen, das fortdauerte, bis wir in unſere Wohnung kamen. Daſelbſt warf ich mich in ver⸗ zweiflungsvollem Seelenkampfe auf das Bett, mit dem Entſchluſſe, lieber zu ſterben, als meinen Gefährten oder irgend ſonſt Jemanden um Unterſtützung zu bitten; doch Strap, der mein Gemüth kannte und deſſen Herz über meinem Unglück blutete, kam nach einer Pauſe an die Seite meines Betts, legte eine lederne Börſe in meine Hand und rief, in Thränen ausbrechend: 6 „Ich weiß, was ihr denkt, aber ich kümmere mich nichts dar⸗ um. Hier iſt Alles, was ich beſitze in der Welt; nehmt es! und vielleicht erhalte ich noch mehr, ehe dieß zu Ende iſt; wo nicht, ſo will ich für Euch betteln, für Euch ſtehlen, durch die weite Welt mit Euch ſtreifen, und mit Euch Hungers ſterben; venn bin ich gleich eines armen Schuhflickers Sohn, ſo bin ich doch kein Schurke.“ Ueber die Großmuth dieſes armen Geſchöpfs wurde ich ſo ge⸗ rührt, daß ich das Weinen nicht mehr zurückhalten konnte, und wir vermiſchten eine Zeitlang unſere Thränen mit einander. Als ich den Inhalt der Börſe näher unterſuchte, fand ich darin zwei balbe Guineen und eine halbe Krone, welche letztere ich ihm wieder zurückſtellen wolle, da er, wie ich ſagte, beſſer zu ſparen wiſſe, als ich; doch er verweigerte es beſtimmt, und ſagte mir, es ſei paſſender und ſchicklicher, daß er von mir, der ich ein Gentleman ſei, abhänge, als daß ich unter ſeiner Leitung ſtehe. Nachdem dieſer Freundſchaftsſtreit vorüber, und unſer Inneres wieder ruhiger war, benachrichtigten wir unſern Wirth von dem Vorfall, indem wir dafür Sorge trugen, unſere Geldnoth ihm zu verſchweigen. Als er unſere Geſchichte vernahm, ſo verſicherte er uns, wir ſeien von ein Paar Gaunern, die mit einander im Bunde ſtänden, geprellt worden; jener zuvorkommende, ehrlich⸗ Smollet's Romane. I. 114 thuende, freundſchaftliche, leutſelige Mann, der uns ſo pöflich behandelt habe, ſei nichts Anderes, als ein feiner Schurke, der es ſich zum Geſchäft mache, Geld fallen zu laſſen, und Fremde auf dieſe Weiſe in einen ſeiner Schlupfwinkel zu locken, wo einer oder zwei ſeiner Helfershelfer immer bereit ſeien, ihm in der Ausplünderung ſeiner Beute hülfreiche Hand zu leiſten. Dabei erzählte der gute Mann eine Menge Geſchichten don Leuten, welche von ſolchen Schurken verführt, betrogen, beſtohlen, geſchlagen, ja! ſelbſt ge⸗ mordet worden waren. I†ch war entſetzt über die Liſt und Verruchtheit der Menſchen, und Strap bat, indem er Hände und Augen zum Himmel erhob, Gott möchte ihn dem Schauplatze ſolcher Schurkereien entrücken; denn ſicherlich habe der Teufel in London ſeinen Sitz aufgeſchlagen. Als unſer Wirth zu wiſſen verlangte, welche Aufnahme wir bei Herrn Cringer gefunden hätten, ſo erzählten wir ihm die einzelnen Umſtände der Sache, worüber er den Kopf ſchüttelte, und uns ſagte, wir hätten nicht den rechten Weg eingeſchlagen; mit einem Parlamentsgliede laſſe ſich ohne ein Geſchenk nichts anfangen; ge⸗ wöhnlich theile der Diener des Herrn Krankheit, und erwarte für ſeine Mühe eben ſo gut eine Belohnung, als ſein Herr: er gab mir deßhalb den Rath, dem Bedienten einen Schilling das nächſte⸗ mal zu geben, wenn ich wieder Zutritt zu meinem Beſchützer ver⸗ lange, ſonſt würde ich ſchwerlich eine Gelegenheit finden, meinen Brief abzugeben. Nach dieſer Anleitung ließ ich dann, als am nächſten Norgen die Thüre geöffnet wurde, einen Schilling in ſeine Hand ſchlüpfen, und ſagte ihm, ich pätte einen Brief für ſeinen Herrn. Meine Freigebigkeit that die gewünſchte Wirkung; denn der Burſche ließ mich ſogleich hinein, nahm den Brief aus meiner Hand, und hieß mich in einer Art von Gang auf Antwort warten. Hier ſtand ich drei Viertelſtunden lang, während deſſen ich viele junge Leute, die ich in Schottland früher kennen gelernt, mit einer vertraulichen 115 Miene in das Audienzzimmer, und von vemſelben zurückgehen ſah, während ich zitternd in der Kälte daſtehen und ihnen meinen Rücken zukehren mußte, damit ſie nicht mein ärmliches Ausſehen bemerken möchten. Endlich kam Herr Cringer heraus, um einen jungen Gentle⸗ man an der Thüre zu bekomplimentiren, der Niemand anders war, als Squire Gawky, ganz zierlich gekleidet. Beim Weggehen ſchüttelte Herr Cringer ihm die Hand, und ſagte ihm, er hoffe beim Mittageſſen das Vergnügen ſeiner Geſellſchaft zu haben. Dann wandte er ſich gegen mich mit der Frage, nach meinen Be⸗ fehlen. Als er vernahm, ich ſei die Perſon, welche den Brief von Herrn Crab gebracht habe, ſo nahm er die Miene an, als ent⸗ ſinne er ſich meines Namens, was er jedoch, wie er behauptete, nur thun könne, wenn er ſich in meinem Briefe Raths erhole; um ihm die Mühe zu erſparen, ſagte ich ihm, mein Name ſei Random. Hierauf fuhr er fort:„Ja! ja! Random, Random, Random— ich glaube, mich des Namens zu entſinnen,“ und da⸗ zu hatte er auch das größte Recht, denn daſſelbe Individuum, Herr Cringer nämlich, war vft vor meines Großvaters Mantel⸗ ſack in der Eigenſchaft eines Bedienten hergeritten.„Gut!“ ſagte er,„Sie wollen an Bord eines Kriegsſchiffs als wundärztlicher Gehülfe gehen.“ Ich antwortete mit einem tiefen Bückling.„Ich glaube, es wird ſchwer halten,“ ſuhr er fort,„ſich eine Beſtal⸗ lung hiezu zu verſchaffen, denn es iſt bereits ein ſolcher Schwarm ſchottiſcher Chirurgen bei der Admiralität, welche auf die nächſten erledigten Stellen warten, daß die Commiſſäre befürchten, in Stücke zerriſſen zu werden, und wirklich eine Wache zu ihrem Schutze verlangt haben. Indeſſen werven bald einige Schiffe aus⸗ gerüſtet werden, und dann wollen wir ſehen, was zu thun iſt.“ Wit dieſen Worten verließ er mich. Ich ärgerte mich ausnehmend über die verſchiedene Aufnahme, welche Herrn Gawky und mir von dieſem ſtolzen und gemeinen Emporkömmlinge und Parlamentsgliede ——— 116 wiberfahren war, das, wie ich mir einbildete, mit Freuden eine Gelegenheit ergreifen würde, ſich für die Verpflichtungen gegen meine Familie erkehntlich zu zeigen. Bei meiner Rückkunft wurde ich durch die angenehme Neuigkeit überraſcht, daß Strap auf die Empfehlung ſeines Freundes, des Schulmeiſters, bei einem Perrückenmacher in der Nachbarſchaft, der ihm außer Bett und Tiſch fünf Schillinge wöchentlich gebe, angeſtellt ſei. Ich fuhr fort, bei jedem Lever des Herrn Cringer vierzehen Tage lang mich einzufinden, während deſſen ich die Bekannt⸗ ſchaft eines jungen Mannes machte, der Geburtsland und Stand mit mir theilte, und auch auf den Beiſtand des Parlamentsglieds zählte, der jedoch ſowohl von den Bedienten, als von dem Herrn mit weit mehr Achtung, denn ich, behandelt wurde, und oft im Audienz⸗ zimmer zugelaſſen wurde, wo für die Bequemlichkeit der beſſern Claſſe von Beſuchen ein Feuer brannte. Dieſe Penetralia durfte ich nie betreten, weil mein Ausſehen nicht ganz nach der Mode war; ſondern ich mußte, meine Finger blaſend, in einem kalten Vorzimmer ſteben bleiben, und die erſte Gelegenheit benutzen, wo Herr Cringer an die Thüre kam, um mich mit ihm zu unterreden. Als ich eines Tages dieſe Gelegenheit benutzte, wurde bei Herrn Cringer ein Mann eingeführt, den er nicht ſobald erblickte, als er raſch auf ihn zuging, ihn mit einem tiefen Büklinge begrüßte, mit großer Herzlichkeit und Vertraulichkeit ſeine Hand ſchüttelte, ihn ſeinen guten Freund nannte und ſehr verbindlich nach Miſtreß Staptape und den jungen Töchtern fragte. Hierauf ſtellte mich Herr Cringer nach einem Flüſtern, welches einige Minuten lang dauerte, und worin ich das Wort„Ehre“ zum öſternmal mit großem Nachdruck wiederholen hörte, dieſem Herren vor als einem Individium, auf deſſen Rath und Beiſtand ich zählen dürfe, gab mir die Adreſſe deſſelben, brachte mich bis an die Thüre, und deutete mir an: ich dürfe mir nicht mehr die Mühe 117 nehmen, in ſeinem Hauſe einzuſprechen, denn Herr Siaptape würde ſich meiner Sache annehmen. Während dem kam meiu College hinter mir heraus, und hörte noch die Rede des Herrn Cringers, worauf er in der Straße mir ſich näherte und mich ſehr höflich anredete. Dieß hielt ich für keine geringe Auszeichnung, in Betracht der Figur welche er machte: denn er ging gekleidet in einen blauen Frack mit goldenem Knopfe, eine grüne ſeidene und goldgeſtickte Weſte, ſchwarze Sammthoſen, weiße ſeidene Strümpfe, ſilberne Schnallen, einen Hut mit goldenen Treſſen, eine Spen⸗ cerperücke und einen Degen mit ſilbernem Gefäß nebſt einem geäderten Meerrohre in der Hand.„Ich ſehe,“ ſprach er,„daß Sie erſt vor Kurzem aus Schottland gekommen 3— Bitte, was haben Sie mit Herrn Cringer für ein Geſchäft? Ich vermuthe, es iſt kein Geheimniß, und ich könnte möglicher Weiſe Ihnen einen guten Rath geben; denn ich war zweiter Wundarzigehülfe am Bord eines Schiffes von ſiebenzig Kanonen und kenne folglich die Welt ziemlich gut.“ Ich machte ihm aus meiner Lage kein Geheimniß. Nachdem er dieſe vernommen hatte, ſo ſchüttelte er den Kopf und ſagte mir, er ſei ziemlich genau in derſelben Lage, wie ich, geweſen; er habe auf Cringer's Verſprechungen gebaut, bis ſein Geldvorrath (welcher beträchtlich geweſen) und ſein Credit gänzlich ſich er⸗ ſchöpft hätten. Als er nun ſeinen Verwandten wegen einer friſchen Gelvſendung geſchrieben, habe er ſtatt baarer Münze Nichts, als Vorwürfe und die auszeichnenden Titel eines faulen, liederlichen Burſchen erhalten. Nachdem er hierauf bei der Admiralitätt viele Monate lang ohne Erfolg um eine Beſtellung nachgeſucht, habe er endlich ſeine Kleider verpfänden müſſen. Hiedurch ſei er in den Beſitz einer kleinen Geldſumme gekommen, womit er den Sekretär beſtochen, der ihm nun bald darauf, ungeachtet er an dem näm⸗ lichen Tage ihm die Verſicherung gegeben habe, es ſei keine Stelle vakant, eine Beſtallung verſchafft pätte. Hierauf ſei er an Bord 118 gegangen, und daſelbſt neun Monate lang geblieben, nach deren Verfluß das Schiff auſſer Dienſt geſetzt, und die Mannſchaft angewieſen, in den nächſten Tagen in Broadſtreet ihre Bezahlung zu erhalten. Hierauf hätten ihm ſeine Verwandten, nachdem ſie ſich wieder mit ihm ausgeſöhnt, es zur Pflicht gemacht, regel⸗ mäßige Beſuche bei Herrn Cringer abzuſtatten, denn dieſer habe ihnen durch einen Brief die Meinung beigebracht, durch ſeine Vermittlung allein habe er die Beſtellung erhalten. In Folge dieſes Befehls begebe er ſich nun jeden Morgen, wie ich ſehe, zu dem Lever deſſelben, ob gleich er ihn für einen ganz erbärm⸗ lichen Schuft halte. Am Schluſſe frug er mich noch, ob ich ſchon die wundärztliche Halle paſſirt habe? Hierauf gab ich zur Antwort, ich habe nicht gewußt, daß dieſes nothwendig ſei.„Nothwendig?“ rief er,„O Gott! o Gott! ich ſehe, ich muß Euch unterrichten. Kommt mit mir, ich will Euch hierüber einige Anleitung geben!“ Wit dieſen Worten führte er mich in ein Bierhaus, wo er Bier, Brod und Käfe verlangte, worauf wir frühſtückten. Während wir hier ſaſſen, berichtete er mir, ich müſſe zuerſt vor die Admiralität gehen, und bei dem Collegium um die Aus⸗ ſtellung eines Befehls an die wundärztliche Halle einkommen, daß man meine Kenntniſſe in der Wundarzneikunde prüfe; nach erſtan⸗ dener Prüfung würden die Wundärzte mir mein Zeugniß in Form eines Briefs geſiegelt und an die Admiralitätseommiſſion gerichtet übergeben: dieſes Zeugniß müſſe ich dann dem Sekretär des Collegiums einhän⸗ digen, der es in meiner Gegenwart öffnen und ſeinen Inhalt mir vorleſen würde: hierauf müßte ich mich bemühen, ſo ſchnell als möglich angeſtellt zu werden: die Ausgabe für das Zeugniß als zweiter Gehülfe dritter Claſſe betrage dreizehen Schillinge, nicht gerechnet die Beſtallung, welche ihn eine halbe Guinee und eine halbe Krone koſte, auſſer dem Geſchenk an den Sekretär, welches in einem Dreipfundſtück beſtehe. Dieſe Berechnung traf mich, deſſen ganzes Vermögen nicht zwölf Schillinge betrug, wie ein ——˖ů ů ‧ ˙ ůů 119 Donnerſchlag. Ich machte ihn mit meiner traurigen Lage ſogleich bekannt, nachdem ich ihm für ſeine Belehrung und ſeinen Rath gedankt hatte. Er ſprach ſein Bedauren mit mir über dieſen Zu⸗ fall aus, hieß mich jedoch guten Muths ſeyn, denn er habe für mich freundſchaftliche Geſinnungen gefaßt, und wolle Alles ins Geleiſe bringen: er ſei zwar für den Augenblick ohne Geld, nehme aber beſtimmt morgen oder nächſter Tage eine bedeutende Geldſumme ein, wovon er mir ſoviel leihen wolle, um meine Auslagen zu decken. Dieſe offene Erklärung gefiel mir ſo gut, daß ich meine Börſe herauszog, und ſie vor ſeinen Augen entleerte, mit der hinzuge⸗ fügten Bitte, er möge für ſeine Taſchenauslagen ſo viel, als ihm beliebe, herausnehmen, bis er ſein eigenes Geld erhielte. Unter ſtarkem Zureden vermochte ich ihn, fünf Schillinge zu nehmen, indem er mir ſagte, wenn er ſich die Mühe nehmen wolle, in die Citv zu gehen, ſo könne er ſo viel Geld haben, als er im Augen⸗ blick brauche; allein da er meine Bekanntſchaft gemacht habe, ſo wolle er ſeinen Gang bis Morgen verſchieben. Dann ſolle ich mit ihm gehen, und er wolle mir hierauf einen Weg angeben, wo ich für mich ſelbſt handelnd auftreten könne, ohne die ſklaviſche Abhängigkeit von jenem ſchurkiſchen Cringer, und weit weniger von dem lauſigen Schneider, an welchen er mich, wie er es an⸗ gehört habe, gewieſen.— „Wie!“ rief ich aus:„iſt Herr Staytape ein Schneider?“— „Nichts Geringeres, das verſichere ich Euch,“ gab er zur Antwort, und, ich geſteh' es, paſſender, um Euch Dienſte zu leiſten, als das Mitglied des Parlaments; denn außerdem, daß er Euch mit po⸗ litiſchen Dingen und Schnurren unterhalten kann, gibt er Euch auch Credit für ſo viele und ſo reiche Kleider, als Ihr wollet.“ Ich ſagte ihm, Beides ſey mir gänzlich unbekannt, und ich ſey über Cringers Behandlung ſo erbittert, daß ich niemals wieder einen Fuß über ſeine Schwelle ſetzen würde. Nachdem unſere Unter⸗ haltung noch eine gute Weile gedauert hatte, trennten wir uns, 120 ich und mein neuer Bekannter, mit der Verabredung, am folgenden Tage auf dem gleichen Platze uns zu treffen, um in die Stadt zu gehen. Ich begab mich ſogleich zu Strap und erzählte ihm Alles, was mir begegnet war, doch er billigte es nicht, daß ich ſo bereit⸗ willig geweſen ſei, einem Fremden Geld zu leihen, namentlich da wir ſchon ſo oft durch den Schein getäuſcht worden ſeien. „Indeſſen,“ fagte er,„wenn Ihr überzeugt ſeid, daß er ein Schotte iſt, ſo glaube ich, daß er Euch nicht hintergangen hat.“ Sechzehntes Kapitel. Mein neuer Bekannter wird ſeinem Verſprechen, zu kommen, untreu; ich gehe ſelbſt auf die Admiralitaͤt; wende mich dafelbſt an eine Perſon, welche mit ihrem Rathe mir beiſteht; ſchreibe an das Kollegium; ſie gewaͤhren mir einen Prufungsſchein an die Wundaͤrzte in der Halle, man theilt mir des Stutzers Namen und Gharakter mit; ich finde ihn; er macht mich in einer Liebſchaft zu ſeinem Vertrauten; und wuͤnſcht, ich möchte mein Leinwandzeug zum Beſten ſeiner Gelegenheitsmachereien verpfaͤnden; ich erhalte zuräck, was ich ihm geliehen; einige intereſſante Bemerkungen uͤber Strap bei dieſer Gelegenheit; ſeine Eitelkeit. Am Morgen erhob ich mich, und ging auf die Stelle der Zu⸗ ſammenkunft, wo ich zwei Stunden vergebens anf ihn wartete, weshalb ich ſo erbittert gegen ihn wurde, daß ich, in der Hoffnung, den Schurken ausfindig zu machen, und mich wegen ſeines Treu⸗ bruchs an ihm zu rächen, ſelbſt in die City mich begab. Endlich fand ich das Admiralitätsgebäude, wo ich hineinging, und§ ufeg junger Leute unten hereingehen ſah, von denen viele kein beſſeres Ausſehen hatten, als ich ſelbſt. Ich ſtudirte eines Jeden Miene, und machte mich endlich zu einem hin, deſſen Geſicht mir gefiel, und welchen ich frug, ob er mir in der Form des„zum Zwecke der Erlaubniß zu einer Prüfung an das Collegium zu ſendenden, —ů—— 121 Brieſs einige Anleitung geben wolle. Er gab mir in breitem Schottiſch zur Antwort, er wolle mir die Abſchrift desjenigen Briefs zeigen, welchen er nach Anleitung eines Dritten, dem die Form bekannt geweſen ſei, für ſeinen eigenen Gebrauch verfaßt habe, wobei er ſogleich ihn aus der Taſche zog und mir zum Leſen gab, zugleich mir aber ſagte, daß ich ihn, wenn ich ihn ſchnell abfaſſe, noch vor Mittag an das Collegium einſchicken müffe, denn ſie ver⸗ richteten kein Geſchäft des Nachmittags. Hierauf begab ich mich in ein benachbartes Caffeehaus, wo ich den Brief ſchrieb, und ihn ſo⸗ gleich dem Aufwärter einhändigte, der mir ſagte, ich könne bis morgen um dieſelbe Zeit auf einen Ausweis für vie Prüfung mich gefaßt halten. Nachdem ich dieſe Arbeit verrichtet hatte, war meine Seele um ein gutes Stück ruhiger; und da mir der Fremde ſo viele Höflichkeit erwieſen, ſo wünſchte ich ſeine weitere Bekannt⸗ ſchaft zu machen, wobei ich jedoch völlig entſchloſſen war, mich von ihm nicht ſo wieder täuſchen zu laſſen, wie es mir von dem Stutzer geſchehen war. Er willigte ein, mit mir in der Garküche, welche ich gewöhnlich beſuchte, zu Mittag zu ſpeiſen, und führte mich auf dem Wege dahin in die Börſe, wo ich einigermaßen hoffte, Herrn Jackſon zu finden, denn dieß war der Name der Perſon, weiche ihrem Worte gegen mich untreu geworden. Ich ſuchte ihn dort vergebens, und theilte auf unſerem Wege nach dem andern Ende der Stadt meinem Gefährten ſein Benehmen gegen mich mit, worauf er mich wiſſen ließ, der Name des Stutzers Jackſon(ſo nannte man ihn auf der Admiralität) ſei ihm nicht unbekannt, obwohl er ihn nicht perſönlich kenne; er beſitze den Charakter eines gutmüthigen ſorgloſen Burſchen, der ſich kein Gewiſſen daraus mache, von Jedermann, der es geneigt ſei, Darleihen zu nehmen: ſeine meiſten Bekannten waren der Anſicht, daß er im Grunde ſeines Innern nicht verdorben ſei, doch ſein Leichtſinn ſei von der Art, daß er wahrſcheinlich niemals im Stande ſein werde, die Aufrichtigkeit ſeiner Abſichten an den Tag zu legen. Dieſe Nachricht machte 122 mir wegen meiner fünf Schillinge bange, an deren Zurückerſtattung ich jedoch nicht ganz verzweifelte, vorausgeſetzt, daß ich den Schuld⸗ ner ausfindig machen könnte. Dieſer junge Mann theilte mir ebenfalls eine andere Begeben⸗ heit aus Squire Jackſons Geſchichte mit, nämlich, daß er, ent⸗ blößt von allen Mitteln, ſich zur See auszurüſten, als er ſeine letzte Beſtallung erhielt, einem Manne empfohlen worden ſei, der ihm einiges Geld vorſtreckte, nachdem er ein Teſtament und eine Vollmacht unterzeichnet habe, wodurch er jene Perſon berechtigte, ſeinen Gehalt zu erheben, wenn er fällig geworden, und ſeine Effekten, im Falle er Todes verſtürbe, als Erbſchaft zu übernehmen. Er befinde ſich immer noch unter der Vormundſchaft und Auf⸗ ſicht dieſes Herrn, der ihm von Zeit zu Zeit kleine Summen auf ſeine ſchriftliche Verſicherung hin gegen 50 Prozent vorſtrecke; ge⸗ genwärtig jedoch ſei ſein Credit äuſſerſt geſunken, weil ſeine Mittel kaum noch zur Bezahlung der ſchon empfangenen Summen, jenes mäßige Intereſſe eingerechnet, hinreichen würden. Nachdem der Fremde, deſſen Namen Thompſon war, mir dieſen Bericht über Jackſon gemacht, theilte er mir mit, er ſelbſt ſei vor vier Monaten als dritter Gehülfe dritter Claſſe zugelaſſen worden; ſeitdem komme er unausgeſetzt auf die Admiralität, in der Hoffnung auf eine Beſtallung, da von Anfang an ihm ein ſchottiſches Mitglied und einer der Commiſſäre, welchem das Mitglied ihn empfahl, ihm die Verſicherung gegeben, er ſolle in die erſte Vakatur eintreten; trotz dieſes Verſprechens habe er zu ſeinem Aerger ſehen müſſen, wie man ſechs oder ſieben faſt in jeder Woche für die gleiche Sta⸗ tion anſtellte; nun beſtehe jetzt, da er gänzlich unvermögend ſei, ſeine einzige Hoffnung in dem Verſprechen eines, vor Kurzem in die Stadt gekommenen Freundes, ihm für ein Geſchenk an den Sekre⸗ tär eine kleine Summe vorſtrecken zu wollen; ſonſt könnte er, dieß ſei er überzengt, noch tauſend Jahre lang erfolglos harren. 123 Ich faßte eine mächtige Freundſchaft für dieſen jungen Mann, die, wie ich glaube, aus der Aehnlichkeit unſerer Glücksumſtände entſprang. Wir brachten den ganzen Tag mit einander zu, und da er zu Wapping lebte, ſo drückte ich den Wunſch gegen ihn aus, er möchte Theil an meinem Bette nehmen. Am darauffolgenden Tag kehrten wir in das Admiralitätsgebäude zurück, wo ich vor das Collegium berufen und nach meinem Geburtsort und meiner Erziehung befragt wurde, worauf ſie die Ausfertigung eines Prü⸗ fungsſcheins für mich anbefahlen. Dieſen nahm ich, nachdem ich dem Schreiber eine halbe Krone dafür bezahlt hatte, in Empfang und übergab ihn dem Schreiber in der Halle der Wundärzte nebſt einem Schilling für ſeine Mühe beim Einregiſtriren meines Na⸗ mens. Hiedurch ſchmolz meine ganze Baarſchaft auf zwei Schil⸗ linge, und ich hatte nicht diel geringſte Ausſicht auf Hülfe vor mir. Sogar augenblickliche Bedürfniſſe konnte ich nicht decken, viel weniger die Sporteln für das Examen in der Halle der Wundärzte, welches innerhalb vierzehn Tagen erfolgen ſollte. In dieſer Noth berieth ich mich mit Strap, der mir die Verſiche⸗ rung gab, es würde Alles, was er auf dieſer Welt beſitze, ſogar ſein Raſirmeſſer verpfänden, ehe ich an Etwas Mangel leiden ſollte: doch dieß Mittel wies ich beſtimmt zurück, indem ich ihm ſagte, ich würde eher tauſendmal mich als Soldat anwerben laſ⸗ ſen, als ihm länger zur Laſt fallen. Bei dem Worte Soldat wurde er bleich wie der Tod und bat mich auf ſeinen Knieen, ich möchte nicht mehr an dieſen Plan denken. „Gott erhalte uns unſern geſunden Verſtand!“ rief er, „wollt Ihr Soldat werden und vielleicht Euch gegen die Spanier draußen ſchicken laſſen, wo Ihr hinſtehen, und Euch wie eine Schnepfe wegſchießen laſſen müßt? Der Himmel bewahre meinen Leichnam vor kaltem Blei, und laſſe mich chriſtlich in einem Bette ſterben, gleichwie meine Großväter es gethan haben! Was ſind alle Reichthümer und Würden dieſes Lebens werth, wenn man da⸗ 124 bei nicht zufrieden iſt? und in jenem gilt kein Anſehen der Perſon. Lieber ein ehrlicher Barbier geblieben, mit einem guten Gewiſſen, und noch Zeit bekommen, um die Sünden auf dem Tydtenbette zu bereuen, als— Gott ſei uns gnädig!— von einem Mus⸗ ketenſchuſſe gewiſſermaßen in der Blüthe ſeines Alters hinwegge⸗ rafft zu werden, während man Reichthümern und einem großen Namen nachjagt. Was hilft der Reichthum, mein lieber Freund! hat er nicht Flügel und flattert fort? wie der Weiſe ſagt, und be⸗ merkt nicht Horaz: non domus et fundus, non aeris acervus et auri, Aegroto domini deduxit corpore febres, Non animo curas? Ich könnte noch weit Mehreres aus der heiligen Schrift ſowohl, als aus andern guten Büchern gegen den Reichthum anführen; allein, da ich weiß, daß Ihr gerade kein Freund von ſolchen Ci⸗ taten ſeid, ſo will ich Euch nur ſagen, daß wenn Ihr das Ge⸗ wehr in die Hand nehmt, ich das Gleiche thue, und dann wenn wir beide getödtet werden, ſo werdet Ihr nicht nur Euer eigenes Blut, ſondern auch das meinige und vielleicht auch das Leben aller derjenigen, welche wir in der Schlacht tödten, zu verantworten haben. Deßhalb bitte ich Euch, überlegt recht, was Ihr thun wollet, ob, mit Wenigem vorliebnehmend, Euch hier niederlaſſen und an den Früchten meines Fleißes im Stillen Theil nehmen, bis die Vorſehung beſſere Tage ſchickt; oder, an Euch ſelbſt verzweifelnd, unſere Seelen und Leiber in ewiges Verderben ſlür⸗ zen, was Gott in ſeiner unendlichen Barmherzigkeit verhüten möge!“ Ich konnte ein Lächeln über dieſe Anrede nicht zurückhalten, welche er mit großem Ernſte an mich richtete, denn die Thränen ſtanden die ganze Zeit hindurch in ſeinen Augen, und gab das Verſprechen, Nichts der Art ohne ſeine Einwilligung und ſein Wiſſen vorzunehmen. Dieſe Erklärung gereichte ihm zu großem Troſte. Hierauf ſagte er mir, er würde in einigen Tagen ſeinen wöchentlichen Lohn erhalten, der zu meinen Dienſten ſtehe, und gab mir den Rath, mittlerweile Jackſon aufzuſuchen, um wo mög⸗ 125 lich das, was ich ihm geborgt habe, wieder zu erhalten. Ich durchlie deßhalb mehre Tage lang die Stadt von einem Ende zum andern, ohne im Stande zu ſein, Etwas hinſichtlich ſeiner zu erfahren, als ich eines Tages, wo ich äußerſt hungrig war und die Düfte eines Speiſekellers in meine Naſe ſtiegen, in den⸗ ſelben hinabging, um meinen Appetit mit einem Zweipennypſtück Rindfleiſch zu ſtillen, und zu meinem nicht geringen Erſtaunen Herrn Jackſon in der Geſellſchaft eines Bevdienten, mit dem Mit⸗ tageſſen beſchäftigt, daſitzen ſah. Kaum hatte er mich bemerkt, ſo erhob er ſich, ſchüttelte mir die Hand, und ſagte:„es freue ihn, mich zu ſehen, denn er habe die Abſicht gehabt, Nachmittags mich in meiner Wohnung aufzuſuchen.“ Dieſes unvermuthete Zuſammentreffen freute mich ſo ſehr und ſeine Entſchuldigungen wegen ſeines Wortbruchs ſtellten mich dermaßen zufrieden, daß ich meinen Zorn gegen ihn vergaß und mich zum Mittageſſen nieverſetzte, mit der glücklichen Ausſicht, nicht nur mein Geld wieder zu erhalten, ehe wir uns trennten, ſondern auch aus ſeinem Verſprechen, mir für die Erſtehung mei⸗ nes Examens Etwas vorzuſtrecken, Vortheil zu ziehen. Dieſe Hoffnung war in meinem ſanguiniſchen Temperamente begründet, obwohl das Gemälde, welches Thompſon mir von ihm entworfen hatte, meine Hoffnungen hätte mäßigen ſollen. Nachdem wir köſtlich geſpeist hatten, verabſchiedete er ſich von dem Bevienten, und führte mich in ein naheſtehendes Bierhaus, wo er, nachdem er mir abermals die Hand geſchüttelt, alſo be⸗ gann:„ich vermuthe, Ihr haltet mich für einen Taugenichts, Herr Random! und ich geſtehe gern, daß der Schein gegen mich iſt; doch ich darf ſagen, Ihr werdet mir vergeben, wenn ich Euch er⸗ öffne, daß der Grund meines Ausbleibens ineiner dringenden Botſchaft lag, welche ich von einer gewiſſen Dame erhielt, die, hört!(doch das iſt ein großes Gebeimniß) ich in ſehr kurzer Zeit heirathen werde. Ihr haltet dieß viellcicht für ſonderbar, doch iſt es nichts deſto 125 weniger wahr— ſie hat jährlich fünſtauſend Pfund, das ver⸗ ſichere ich Euch, außer dem, was noch zu erwarten ſteht. Was mich betrifft, ſo hol' mich der Teufel, wenn ich weiß, warum die Weiber mich ſo verführeriſch finden— aber ſie haben einmal ihre Launen — und dann iſt niemand wider ſein eigen Glück. Ihr ſeht den Be⸗ dienten, welcher mit mir ſpeiste: er iſt einer der ehrlichſten Bur⸗ ſche, welcher je eine Livree trug. Ihr müßt wiſſen, daß ich durch ihn bei ihr eingeführt wurde, denn er verſchaffte mir zuerſt die Bekanntſchaft ihres Mädchens, welches ſeine Geliebte iſt, ja, manche Krone erhielten er und ſein Schätzchen von mir, doch wozu dieß2 die Sache iſt jetzt einmal im Gange. Ich habe— kommt ein Wenig hieher!— ich habe ihr die Heirath vorgeſchlagen; und der Tag iſt bereits feſtgeſetzt— ſie iſt ein reizendes Geſchöpf!— ſchreibt wie ein Engel. O Gott! ſie kann alle engliſchen Trauer⸗ ſpiele wiederholen, wie ein Schauſpieler in Drury Lane! und ſie iſt auch wirklich ſo verliebt in die Bühne, daß ſie nicht weit davon, in einem Hofe nahe beim Theater, eine Wohnung genommen hat. Doch Ihr ſollt ſehen, Ihr ſollt ſehen, hier iſt der letzte Brief, den ſie mir zuſchickte.“ Mit dieſen Worten ſteckte er ihn mir in die Hand, und ich las, ſo viel ich mich noch entfinne, wie folgt: Theurer Kreeter! 3 Da Sie der leibliche Kekenſchtand von meihnen Thenken ſend, ſo thut Ihr Pildniß innerlik ſtehen thun vor meiner Vanthaſih, wenn Morfeyß ſeinen Mohrſtauhp auf die Oogen der ſchlofenden Sterblichen herabſendet, und wenn Föbus von ſeinem leichtenden Throhn herabklenzt: dieſerhalb werde ich empfänden in meihnem Jefiehl, das die alte Huhra, die Zeit, ihre Schwängen, wie auch Cubit ſeine Feihle, verloren habe, bis Du ſüße Ruhhe thuſt genie⸗ ßen in den lippeſihchen Armeen von deine treien Thüer zu befähl. Wingar Hof Druy Lane den 12. Januar. Clayrender. Während ich im Leſen begriffen war, ſchien er in Entzückung zu ſchwimmen, rief ſeine Hände und brach in ein unmäßiges Ge⸗ 127 lächter aus; zuletzt faßte er mich bei der Hand, drückte ſie und rief:„das iſt ein Styl! nicht wahr? was haltet Ihr von dem billet doux?“ Ich erwiederte:„es möchte immerhin erhaben ſeyn, denn es überſteige ganz meine Faſſungskraft.“—„Oho!“ ſagte er,„ich halte es für zärtlich und erhaben zugleich— ſie iſt ein liebens⸗ würdiges Geſchöpf und ſo verliebt in mich! laßt mich ſehen! was ſoll ich mit dieſem Gelde anfangen, wenn ich es einmal in meine Hand bekomme? Zuerſt will ich Etwas für Euch thun: ich mache wenig Worte; darum Nichts weiter— das bleibt feſt beſchloſſen: würdet Ihr mir rathen, mir eine Stelle zu kaufen, wodurch ich im Staate hoch ſteigen kann; oder ſoll ich meiner Frau Vermö⸗ gen in liegenden Gründen anlegen, und mich ſogleich auf's Land zurückziehen?“ Ich gab meine Anſicht unbedenklich dahin, daß das Letztere vorzuziehen ſei, namentlich da er ſchon ſo viel von der Welt geſe⸗ hen habe. Dann ergoß ich mich in das Lob des Landlebens, wie es von den Dichtern beſchrieben wird, deren Werke ich geleſen batte. Er ſchien an meinem Rathe Gefallen zu ſinden, doch ſagte er mir dabei, daß er, obwohl er einen großen Theil der Welt zu Land und zu See geſehen und drei volle Mo⸗ nate im Kanale gekreuzt habe, doch den Drang in ſich fühle, Frankreich einen Beſuch abzuſtatten; ein Flan, den er ausführen wolle, bevor er ſich häuslich niederlaſſe, wobei er dann ſeine Gattin mit ſich nehmen wolle. Ich hatte gegen dieſen Vorſchlag nichts einzuwenden und frug ihn, wie bald er hoffe, glücklich zu ſeyn. „Was dieß anbelangt,“ erwiederte er,„ſo ſteht Nichts mei⸗ nem Glücke im Weg, als der Mangel einer kleinen Kaſſe; denn Ihr müßt wiſſen, mein Freund in der Altſtadt hat ſeit einer oder zwei Wochen die Stadt verlaſſen, und ich verſäumte unglücklicher⸗ weiſe meinen Gehalt in Broadſtreet in Empfang zu nehmen, da 128 mich der liebe Engel allzulang feſſelte; doch wird in der näch⸗ ſten Woche zu Chatham, wohin die Schiffsbücher geſandt werden, wieder eine Auszahlung ſtattfinden, und ich habe an dieſem Platze einen Freund beauftragt, das Geld in Empfang zu nehmen.“— „Wenn dieß Alles iſt,“ ſprach ich,„ſo hat es nichts zu be- deuten, wenn Ihr Eure Heirath um einige Tage noch aufſchiebt.“ „Ja, wahr!“ ſagte er,„aber ſeht einmal! Ihr wißt nicht, wie viele Nebenbuhler ich habe, welche alle aus dieſem Umſtande gegen mich Nutzen ziehen würden. Ich darf um alle Welt nicht der Ungeduld ihrer Leidenſchaft Etwas in den Weg legen; der ge⸗ ringſte Anſchein von Kälte oder Gleichgültigkeit würde Alles ver⸗ derben, und ſolche Anerbietungen werden einem nicht alle Tage gemacht.“ Ich gab mich bei dieſer Bemerkung zufrieden, und ſrug ihn, wie er die Sache fortzuſetzen gebenke. Bei dieſer Frage rieb er ſich das Kinn und ſagte: „Wie! in der That, ich muß mich an den Einen oder Andern meiner Freunde wenden. Kennt Ihr Niemand, der mir eine kleine Geldſumme auf einen oder zwei Tage vorſtrecken würde?“ 3ch verſicherte ihn, ich ſei in London ſo fremd, daß ich nicht glaube, eine Guinee entlehnen zu können, wenn auch mein Leben davon abhinge. „Nicht!“ ſagte er,„das iſt hart— das iſt hart. Ich wünſchte, ich könnte Etwas verpfänden, bei meiner Seele! da habt Ihr treff⸗ liche Leinwand, vergleich ich's mit meinem Hemdärmel: wie viele ſpolche Hemden habt Ihr bekommen?“ Ich erwiederte:„ſechs gefältete und ſechs glatte.“ Worauf er großes Erſtaunen bezeigte und ſchwor„kein Gentleman ſollte mehr, als viere, haben. „Wie viele glaubt ihr, daß ich bekommen habe?“ fuhr er fort;„doch laſſen wir das! Ich darf ſagen, daß wir aus Enrem Ueberfluſſe eine hübſche Summe ziehen können. Laßt mich ſehen! 129 Laßt mich ſehen! jedes von dieſen Hemden iſt nach einer mäßigen Berechnung ſechszehn Schilling werth: nun angenommen, wir ver⸗ pfänden ſie für die Hälfte des Preiſes— achtmal acht gibt vier und ſechzig, das ſind drei Pfund, vier— der Geier! das wird's thun— gebt mir Eure Hand!“ „Sachte, ſachte, Herr Jackſon,“ ſagte ich,„verfügt über mein leinenes Zeug nicht ohne meine Erlaubniß! bezahlt zuerſt die mir ſchuldige Krone, und dann wollen wir von andern Sachen reden!“ Er betheuerte, er habe nicht einen Schilling in der Ta⸗ ſche, aber er würde mich vor allen Andern von dem Gelderlös aus den Hemden befriedigen. Dieſe freche Zuverſicht ärgerte mich dergeſtalt, daß ich ſchwor, mich nicht von ihm zu trennen, bis ich das ihm geliehene Geld von ihm zurückerhalten habe, und was die Hemden betreffe, ſo würde ich keines derſelben verpfänden, und ſollte ich ihn von dem Galgen dadurch retten können. Bei dieſen Worten lachte er laut auf, und beklagte ſich dann, es ſei doch verdammt hartherzig von mir, ihm eine Kleinigkeit abzuſchlagen, welche unfehlbar nicht nur ſein Glück, ſondern auch das meinige ſichern würde. „Ihr ſprecht davon, meine Hemden zu verpfänden,“ ſagte ich,„könntet Ihr nicht eben ſo gut dieſen Hirſchfänger da ver⸗ kaufen, Herr Jackſon? Ich vermuthe, er würde eine gute runde Summe eintragen.“— „Nein, laßt das!“ ſagte er,„ich kann mit Anſtand nicht ohne meinen Hirſchfänger erſcheinen; ſonſt würde es allerdings gehen.“ Da er mich jedoch in Betreff meines leinenen Zeugs unbeugſam fand, ſo neſtelte er endlich ſeinen Hirſchfänger los, und bat mich, mir das Zeichen der drei blauen Kugeln weiſend, ihn dorthin zu bringen, und für zwei Guineen zu verpfänden. Dieſen Dienſt würde ich ihm auf keinen Fall erwieſen haben, wenn ich eine Wahrſcheinlichkeit geſehen haben würde, mein Geld auf andere Weiſe zu erhalten. Da ich jedoch nicht Willens war, aus falſchem Smollet's Romane. I. 9 130 Zarigefühl die einzige Gelegenheit zu verſäumen, welche ſich mir jemals darbieten würde, um zu meinem Gelde wieder zu gelangen, ſo ging ich in eines Pfandleihers Laden, und verlangte vaſelbſt im Namen des Thomas Williams zwei Guineen gegen das Pfand.— „Zwei Guineen!“ ſagte der Pfandverleiher, mit einem Blick auf den Hirſchfänger;„dieſes Stück iſt ſchon mehremal um dreißig Schillinge hier geweſen: da ich jedoch glaube, daß der Herr, welcher ſein Eigenthümer iſt, es wieder einlöſen werde, ſo ſoll er haben, was er verlangt,“ und bezahlte mir ſogleich das Geld aus, das ich in das Haus brachte, wo ich Jackſon verlaſſen hatte, und ihm, nachdem ich hatte wechſeln laſſen, 37 Schillinge hinzählte, den Reſt der fünfe für mich zurückbehaltend. Nachdem er das Geld eine Zeitlang angeſehen, fagte er: „verdammt ſei es! es iſt eine Bagatelle— es hilft mich Nichts; ſo könnt Ihr denn eben ſowohl eine halbe Guinee, oder auch eine ganze, zu den fünf Schillingen, welche Ihr ſchon habt, nehmen.“ 5ch dankte ihm verbindlich, weigerte mich jedoch, mehr anzu⸗ nehmen, als mir gebühre, weil ich keine Ausſicht habe, es je wieder zu bezahlen. Nach dieſer Erklärung ſah er mich ſtarr an, und ſagte mir, ich ſei außerordentlich unhöflich, ſonſt würde ich nicht ſo ſprechen. „Blut und Wunden!“ rief er,„ich habe eine ſehr ſchlechte Meinung von einem jungen Manne, der nicht Geld von ſeinem Freunde borgweiſe annehmen will, wenn er in Noth iſt: es ver⸗ räth eine knauſeriſche Seele. Kommt, kommt, Random, gebt mir die fünf Schillinge zurück, und nehmt dieſe halbe Guinee, und ſeid Ihr je im Stande, mich zu bezahlen, ſo bin ich überzeugt, Ihr werdet es thun; wo nicht, verdammt will ich ſein, wenn ich ſie wieder verlange!“ Als ich über meine jetzige Noth nachdachte, ließ ich mich überreden und kehrte, nachdem ich Herrn Jackſon meine Erkennt⸗ lichkeit bezeigt hatte, der ſich erbot, mich in das Theater zu 131 führen, in meine Wohnung zurück, und nahm eine viel beſſere Meinung von dieſem Herrn mit fort, als ich Morgens noch von ihm gehegt hatte. Nachts theilte ich meine, bei Tage gehabten, Aben⸗ teuer Strap mit, der ſich über mein Glück freute, und ſprach: „Ich ſagte Euch ja, wenn er ein Schotte ſei, ſo hättet Ihr Sicherheit genug: und wer weiß, ob dieſe Heirath uns nicht Alle noch glücklich macht? Ihr habt, vermuth' ich, ſchon gehört, wie ein Landsmann von uns, ein Bäckergeſelle, ein vornehmes Fräu⸗ len aus dieſer Stadt entführte, und nun ſeine Kutſche hält!— Bei Gott! ich will ſtill ſein, aber geſtern Morgen, als ich einen Herrn in ſeiner eigenen Wohnung raſirte, war ein junges Mädchen in der Stube— ein hübſches munteres Dirnchen, traun! und ſie warf ſo manchen rührenden Blick auf eine gewiſſe Perſon, die ich nicht nennen mag, daß mein Herz klopfte, klopfte, klopfte, wie eine Walkmühle, und meine Hand z— z— zitterte ſo, daß ich ein Stück Haut von des Herrn Naſe mitnahm, worauf er einen Mordeid ſchwor, und mich peitſchen wollte, bis ſie ihn daran verhinderte, und wieder mit mir verſöhnte. Omen haud malum! Iſt nicht ein Barbiergeſelle ſo viel, wie ein Bäckergeſelle? Der einzige Unterſchied beſteht darin, daß der Bäcker Mehl für den Magen, der Barbier dagegen für den Kopf braucht; und da der Kopf ein edleres Glied iſt, als der Magen, ſo iſt auch ein Bar⸗ bier edler, als ein Bäcker— denn was iſt der Magen ohne den Kopf? Ueberdieß ſagt man, er habe weder leſen noch ſchreiben können; nun kann ich aber beides, und überdieß noch lateiniſch ſprechen. Doch ich will Nichts weiter ſagen, denn ich haſſe Eitel⸗ keit— Nichts iſt eitler, als Eitelkeit.“ Mit dieſen Worten zog er aus der Taſche das Ende eines Wachslichts, womit er ſein Vorderhaupt ſtrich; und ich fand nach einiger Prüfung, daß er ſein eigenes Haar über das Toupet ſeiner Perücke gekämmt hatte, und überhaupt in ſeinem ganzen Anzug ein vollkommner Stutzer von einem Barbier ge⸗ 132 worden war. Ich wünſchte ihm mit einem ſatyriſchen Lächeln zu ſeinen Ausſichten Glück, was er richtig verſtand, und mit Kopf⸗ ſchütteln bemerkte, ich habe ſehr wenig Glauben, aber die Wahr⸗ heit würde, meinem Unglauben zum Trotze, an's Licht kommen. Siebzehntes Kapitel. Ich begebe mich in die Halle der Wundärzte, wo ich mit Herrn Jackſon zuſammentreffe; werde gepruͤft; ein heftiger Streit entſteht zwiſchen zweien der Examinatoren; Jackſon verkleidet ſich, um Achtung einzufldßen; er wird entdeckt; ſteht in Gefahr, nach Bridewell geſchickt zu werden; er traktirt uns in einem Wirthshauſe; fuͤhrt uns in ein Bordellhaus; wir werden auf das Wachzimmer gebracht und vor die Richter gefuͤhrt; ſein Benehmen. Durch die Unterſtützung dieſes treuen Freundes, der mir faſt ſeinen ganzen Verdienſt gab, konnte ich meine halbe Guinee unan⸗ getaſtet bis zum Prüfungstage aufbewahren, wo ich mit pochen⸗ dem Herzen in die Halle der Wundärzte mich begab, um mich dieſem feierlichen Akte zu unterziehen. Unter einem Haufen junger Leute, welche in der äußeren Halle umhergingen, bemerkte ich Herrn Jackſon, an den ich mich ſogleich machte, und auf meine Frage, wie es mit ſeiner Liebſchaft ſtebe, erfuhr, ſie ſei noch unentſchieden wegen ſeines Freundes Abweſenheit und der ver⸗ zögerten Berufung nach Chatham, wodurch er außer Stand geſetzt ſei, die Sache zum Schluſſe zu bringen. Ich frug ihn hierauf nach ſeinen Geſchäften hier; er gab zur Antwort, er habe ſich ent⸗ ſchloſſen, ſeinen Bogen doppelt zu beziehen; damit, im Falle eine Saite ſpränge, die andere gleich da wäre; in dieſer Abſicht wolle er heute Nacht ſich einen höheren Grad erwerben. In dieſem Augenblick kam ein junger Mann von dem Prüfungszimmer mit vleichem Geſichte, zitternden Lippen und Blicken, die ſo wild 133 waren, als hätte er einen Geiſt geſehen, heraus. Sobald er er⸗ ſchien, ſchaarten wir uns um ihn mit der größten Neugierde, um zu erfahren, welche Aufnahme er gefunden habe. Dieſe be⸗ ſchrieb er nach einer Pauſe, indem er alle Fragen nannte, welche man an ihn gerichtet hatte, nebſt den, von ihm gegebenen, Ant⸗ worten. Auf dieſe Weiſe nöthigten wir, ehe mich die Reihe traf, nicht weniger als zwölf, ihre Fragen uns zu wiederholen, was ſie, nun die Gefahr vorüber war, gerne thaten. Endlich rief der Aufwärter meinen Namen mit einer Stimme, welche mich zittern machte, als wäre es der letzte Poſaunenſchall geweſen: indeſſen es half Nichts; man führte mich in eine große Halle, wo ich ein Dutzend grimmiger Geſichter an einer langen Tafel ſitzen ſah, deren eines mich in ſolch gebieteriſchem Tone vorwärts gehen hieß, daß ich wirklich eine oder zwei Minuten lang mich meiner Sinne beraubt ſah. Die erſte Frage welche er an mich richtete, war die:„wo ſeid Ihr geboren?“ Hierauf antwortete ich:„in Schottland.“—„In Schottland!“ ſagte er:„daß weiß ich ſehr wohl: wir haben faſt keine andere Landeskinder zu prüfen: ihr Schotten habt uns in der jüngſten Zeit überſchwemmt, gleich den Heuſchrecken Egyptens. Ich frage Euch, in welchem Theile Schott⸗ lands ſeid Ihr geboren?“ Ich nannte den Ort meiner Geburt, von dem er nie zuvor Etwas gehört hatte; er fuhr hierauf fort, mich nach meinem Alter, der Stadt, wo ich meine Lehrzeit aus⸗ gedient habe, nebſt der Zeit meiner Lehrjahre zu fragen, und, als ich ihm ſagte, ich hätte blos drei Jahre lang ineipirt, ſo wurde er wüthend darüber; ſchwur, es ſei eine Schande und ein Schimpf, daß man ſolche unreife Burſche in die Welt als Wund⸗ ärzte hinausſende; es ſei große Anmaßung meinerſeits und eine Beleidigung gegen die Engländer, daß ich mir hinreichende Ge⸗ wandtheit in meinem Berufe bei ſo kurzer Lehrzeit zutraue, denn jeder Lehrling in England müſſen zum mindeſten ſieben Jahre lang dienen; meine Verwandten hätten beſſer gethan, wenn ſie 134 mich einen Weber oder Schuhmacher hätten werden laſſen, aber ihr Hochmuth wolle mich, vermuth' er, um jeden Preis zu einem Gentleman machen, und doch könne ihre Armuth mir nicht die nöthige Erziehung ſchaffen. Dieſe Einleitung war gar nicht geeignet, mir meinen Muth wieder zu geben, ſondern ſie hatte im Gegentheile ſolche Wirkung auf mich, daß ich kaum aufrecht ſtehen konnte. Dies bemerkte ein dicker Herr, welcher mir, mit einem Schädel vor ſich, gegenüber ſaß, und ſagte, Herr Snarler ſei gegen den jungen Mann zu ſtreng; worauf er ſich zu mir wandte, und ſagte: ich dürfe mich nicht fürchten, denn Niemand würde mir Etwas zu Leide thun. Hierauf hieß er mich, meinen Geiſt zu ſammeln, prüfte mich dann in der Operation des Trepanirens, und bezeigte ſich mit meinen Antworten zufrieden. Die nächſte Perſon, welche mich prüfte, war ein Spaßvogel, der mit der Frage begann, ob ich ſchon eine Overation vorgenommen habe? Als ich bejahend antwortete, ſo ſchüttelte er den Kopf und ſagte:„wie, vermuthlich am Kadaver? Wenn,“ fuhr er fort,„während eines Seegefechts Jemand mit weggeſchoſſenem Kopfe zu Euch gebracht würde, wie benähmet Ihr Euch hiebei?“ Nach einigem Nachdenken ſagte ich, ſolch ein Fall fei mir noch nie vorgekommen; auch entſinne ich mich nicht, daß in den Handbüchern über Wundarzneikunde, welche ich durchge⸗ leſen habe, für einen ähnlichen Fall eine Heilungsmethode vorge⸗ ſchlagen werde. Ob die Einfalt meiner Antwort oder der in der Frage verſteckte Muthwille daran ſchuld war, weiß ich nicht, aber jedes Mitglied des Collegiums lächelte, mit einziger Ausnahme des Herrn Snarler, der ſehr wenig von dem animal risibile in ſeinem Temperamente zu haben ſchien. Dieſes redſelige Mitglied fubr, aufgemuntert durch die günſtige Wirkung ſeines letzten Scherzes, zu fragen fort:„wenn man Euch nun zu einem Patienten von plethoriſcher Conſtitution riefe, der durch einen Fall eine Quetſchung erhalten hätte, was würdet Ihr thun?“ Ich erwie⸗ 135 derte hierauf:„ich würde ihm ſogleich zur Ader laſſen.“„Wie!“ ſagte er,„„ehe Ihr ſeinen Arm aufgeſtreift hättet?“ Doch da dieſer witzige Einfall nicht den gewünſchten Erfolg hatte, ſo wies er mich an den zunächſt ſitzenden Herrn, der mit anmaßender Miene an mich die Frage richtete, welche Heilungsmethode ich bei innerlichen Wunden befolgen würde. Ich gab dieſelbe ſo an, wie die beſten chirurgiſchen Werke ſie enthalten. Er hörte bis an's Ende zu, und ſagte hierauf mit hochmüthigem Lächeln:„und Ihr glaubt wirklich, daß bei ſolcher Behandlung der Patient wieder geſund werden könne?“ Ich erwiederte ihm hierauf, ich ſähe nicht ein, wie man die Krankheit anders zu behandeln hätte. „Das iſt wohl möglich,“ gab er zur Antwort,„ich möchte für Eure Vorſicht auch nicht einſtehen; aber hörtet Ihr je, daß ein Fall dieſer Art gelang?“ Ich verneinte es, und wollte fortfahren zu ſagen, daſi ich niemals eine innerliche Wunde geſehen habe: aber er verhinderte mich daran, indem er ſchnell ſagte:„und werdet es auch nie. Ich behaupte, daß alle innerlichen Wun⸗ den, groß oder klein, den Tod herbeiführen.“—„Mit Erlaubniß, Herr Amtsbruder!“ ſagte der fette Herr,„es giebt ſehr gute Autvritäten.“— Hier unterbrach ihn ein anderer mit den Worten: „Herr! entſchuldigt mich, ich verachte eine jede Autorität. Nullius in verba. Ich fuße auf mir ſelbſt.“—„Doch, mein Herr, mein Herr!“ entgegnete ſein Widerpart,„der Grund der Sache be⸗ weist—“„Was Grund!“ ſchrie dieſes ſelbſtzufriedene Mitglied: „ich verlache jeden Grund; gebt mir augenfälligen Beweis.“— Der feiſte Herr fing an, warm zu werden, und bemerkte, Nie⸗ mand, der mit der Anatomie der menſchlichen Körpertheile vertraut ſei, wage ſolch eine unſinnige Behauptung. Dieſes inuendo machte den Andern ſo wüthend, daß er aufſprang und wüthend ausrief:„wie, Herr! bezweifelt Ihr meine Kenntniſſe in der Anaiomie?“ Unterdeſſen hatten alle Examinatoren der Meinung des Einen oder des Andern der Streitenden ſich angeſchloſſen, und 136 erhoben ihre Stimmen gegen einander, bis der Präſident Still⸗ ſchweigen gebot, und mir befahl, abzutreten. In weniger als einer Viertelſtunde wurde ich wieder hineingerufen, erhielt meine geſiegelte Tüchtigkeitserklärung, und den Befehl, fünf Schillinge zu bezahlen. Ich legte eine halbe Guinee auf den Tiſch, und ſtand eine Zeitlang da, bis einer von ihnen mich fortgehen hieß, worauf ich erwiederte:„das werde ich thun, wenn ich das übrige Geld herausbekommen habe.“ Nun warf mir ein Anderer fünf Schillinge und ſechs Pence hin mit den Worten:„ich wäre kein ächter Schotte, wenn ich, ohne herausbekommen zu haben, fort ginge.“ Hierauf mußte ich drei Schillinge und ſechs Pence den Aufwärtern, und einen Schilling einer alten Frau geben, welche den Saal ausfegte. Dieſe Auslage brachte meine Finanzen auf dreizehn Pence und einen halben Penny herab, womit ich mich fortſchleichen wollte, als Jackſon, dies bemerkend, auf mich zukam, und bat, ich möchte auf ihn warten; er würde mich an das andere Stadt⸗ ende begleiten, ſobald ſeine Prüfung vorüber wäre. Ich konnte dies einer Perſon, mit der ich auf ſo freundſchaftlichem Fuße ſtand, nicht abſchlagen; doch bezeigte ich ihm mein Erſtaunen über die Veränderung in ſeinem Anzuge, der ſeit der halben Stunde, wo ich mich prüfen ließ, eine ſehr groteske Umgeſtaltung erlitten hatte. Seinen Kopf bedeckte eine alte eingeräucherte Knotenperrücke, auf der ſich nicht ein einziges gekrümmtes Haar entdecken ließ, und worüber ein Hut geſtülpt war, der einem Kaminfeger oder Koth⸗ führer ſehr gut angeſtanden hätte; ſeinen Hals zierte ein ſchwarzer Flor, deſſen Enden er zuſammengebunden, und in das Knopfloch eines großen ſchäbigen Rocks, der um ſeinen ganzen Leib gewickelt war, geſteckt hatte; ſeine weißen ſeidenen Strümpfe hatte er mit ſchwarzen baumwollenen Hoſen vertauſcht; und ſein Antlitz hatte er durch Runzeln und einen künſtlich gefärbten Bart ehrwürdig gemacht. Als ich ihm über dieſe Metamorphoſe mein Erſtaunen vezeigte, ſo lachte er, und ſagte mir, er habe dies auf den Rath 137 eines Freundes gethan, der gegenüber wohne, und ſicherlich würde es ſehr zu ſeinem Vortheile ſich erweiſen: denn er gäbe ihm das Ausſehen eines Greiſen, ein Anblick, der immer Ehrfurcht erwecke. Ich lobte ſeinen Scharfſinn, und wartete mit Ungeduld auf das Reſultat. Endlich rief man ihm hinein; doch mochte nun die Sonderbarkeit ſeines Ausſehens die Neugierde des Collegiums mehr als gewöhnlich rege gemacht oder ſein Benehmen nicht ſeiner Figur entſprochen haben, kann ich nicht entſcheiden, genug man entdeckte ſeinen Betrug und übergab ihn den Händen des Aufwär⸗ ters, um nach Bridewell gebracht zu werden, ſo daß, anſtatt ihn mit fröhlichem Geſichte und einer Wundarzts-Beſtallung in den Händen heraus kommen zu ſehen, ich den Anblick hatte, wie man ihn gefangen durch die äußere Halle führte. Ich gerieht in die größte Unruhe und Angſt, was wohl vorgefallen ſeyn möchte, als er mit kläglicher Stimme und erbärmlichem Ausſehen ſich an mich und die Uebrigen, welche ihn kannten, wandte: „um Gottes willen, ihr Herren! bezeugt mir, daß ich daſ⸗ ſelbe Individuum John Jackſon bin, welches als zweiter Wund⸗ arzt Gehülfe am Bord der Eliſabeth diente, ſonſt werde ich nach Bridewell gebracht.“ Dem ſirengſten Einſiedler, den es gab, wäre es unmöglich geweſen, bei ſeinem Ausſehen und ſeiner Anrede ſich des Lachens zu enthalten; wir weideten uns deßhalb eine Zeit lang an ſeiner Angſt, und führten hierauf ſeine Sache ſo nachdrücklich bei dem Auf⸗ wärter, den wir mit einer halben Krone bearbeiteten, daß der Gefangene ſeine Entlaſſung und. kurz darauf ſeine frühere Heiter⸗ keit wieder erhielt, und ſchwur, weil das Collegium ſein Geld nicht angenommen, ſo wolle er jeden Schilling davon ausgeben und ſeine Freunde bewirthen, bevor er zu Bett gienge; zugleich lud er uns Alle ein, ihn mit unſerer Geſellſchaft zu beehren. Es war jetzt Nachts zehn Uhr, und da ich einen weiten Weg durch Straßen zu machen hatte, die mir gänzlich unbekannt waren, ſo 138 wurde ich vermocht, mich ihrer Partie anzuſchließen, in der Hoff⸗ nung, er würde mich ſeinem Verſprechen gemäß in meine Wohnung vegleiten. Er führte mich in eines Freundes Hauſe, der gegen⸗ über eine Brauerei beſaß, wo wir Punſch tranken, bis uns die Flüſſigkeit zu Kopfe ſtieg, und uns ausnehmend fröhlich ſtimmte; ich beſonders war ſo aufgeregt, daß ich mich äußerte, Nichts wäre mir jetzt willkommener, als eine Buhlbirne, bei welchem Verlangen Jackſon, große Freude bezeugend, mir die Verſicherung gab, ich ſolle mein Verlangen erfüllt ſehen, ehe wir uns trennten. Als wir demzufolge unſere Rechnung bezahlt hatten, ſtürzten wir brüllend und ſingend heraus, und wurden von unſerem An⸗ führer an einen Platz nächtlicher Genüſſe geführt, wo ich mich ſo⸗ gleich an eine Schöne machte, der ich vorſchlug, mit ihr den Reſt der Nacht zuzubringen. Allein ſie, der mein Ausſehen nicht gefiel, weigerte ſich, mein Verlangen zu erfüllen, bevor ich ihr eine Be⸗ lohnung gereicht hätte, weßhalb wir, da dies meinen Umſtänden nicht angemeſſen wir, unſere Correſpondenz abbrachen, zu meinem nicht geringen Aerger und Verdruß, weil ich glaubte, daß das käufliche Geſchöpf meine Verdienſte nicht gehörig gewürdiget habe. Mittlerweile hatte Herrn Jackſon's Anzug die eifrigen Bewerbun⸗ gen von zwei oder drei Nymphen rege gemacht, welche ihn als Erwiederung auf den Arrakpunſch, womit er ſie bewirthet hatte, mit Liebkoſungen überhäufte, bis zuletzt trotz der ausgelaſſenen Scherze dieſer Schönen der Schlaf ſeine Wirkung auf uns Alle zu äuſſern begann, und unſer Führer zu bezahlen verlangte. Als die Rech⸗ nung, welche ſich auf zwölf Schillinge belief, gebracht wurde, ſchob er ſeine Hand in die Taſche, hätte ſich aber die Mühe erſparen können, denn ſeine Börſe war fort. Dieſer Unfall brachte ihn Anfangs ſtark aus der Faſſung, doch gewann er ſie bald wieder, ergriff dann die zwei Dirnen welche neben ihm ſaſſen, jede bei der Hand, und ſchrie, wenn ſie ihm nicht ſogleich wieder ſein Geld 139 zuſtellten, ſo werde er ſie einem Conſtabel übergeben. Als die Frau des Hauſes ſah, was vorgefallen war, ſo liſpelte ſie der Aufwärterin Etwas ins Ohr, worauf dieſe ſich wegbegab. Dann frug ſie mit großer Ruhe, was es gäbe? Jackſon ſagte ihr, er ſei beſtohlen worden, und ſchwur, wenn er keine Genugthuung erhalte, wolle er ſie ſammt ihren H. n nach Bridewell abliefern laſſen. „Beſtohlen,“ ſchrie ſie,„beſtohlen in meinem Hauſe! Ihr Herren und Damen! ich nehme euch alle zu Zeugen, daß dieſe Perſon meine Ehre angetaſtet hat.“ In dieſem Augenblick ſah ſie den Conſtabel nebſt der Wache hereintreten, worauf ſie fortfuhr: „Wie! Ihr wagt es, nicht nur durch ſolche Beſchuldigungen meinen Charakter zu beſchimpfen, ſondern auch einen Angriff auf meine Familie zu machen! Herr Conſtable! ich übergebe Euch dieſe grobe Perſon, welche ſich hier eines unzüchtigen Vergehens ſchuldig“ gemacht hat: ich werde dafür Sorge tragen, eine Klage wegen Entehrung gegen ihn anzubringen. Während ich über dieſen traurigen Ausgang, der mich ganz nüchtern gemacht hatte, Betrach⸗ tungen anſtellte, rief die Dame, um deren Gunſt ich mich beworben hatte, und die über einige, zwiſchen uns vorgefallene, Entgeg⸗ nungen ſich beleidigt fühlte, aus:„Sie ſtecken alle unter Einer Decke,“ mit dem Verlangen an den Conſtable, daß er uns Alle gefangen nehmen ſolle, welcher Anweiſung er ſogleich Folge leiſtete, zu unſerm Aller äußerſten Erſtannen und Schrecken, Jackſon ausge⸗ nommen, der, weil er ſehr oft bei derlei Geſchichten geweſen, ſich äußerſt wenig daraus machte, und ſeinerſeits dem Conſtable die Feſtnehmung der Frau und ihres ganzen Trupps auftrug. Hier⸗ auf brachte er uns Alle mit einander gefangen in das Wachthaus, wo Jackſon, nach einem Worte des Troſtes an uns, dem Conſtable berichtete, wir ſeien beſtohlen worden, was er am nächſten Mor⸗ gen vor dem Richter mit einem Eidſchwur erhärten wolle.„Ja, ja,“ ſagte die Kupplerin,„wir wollen ſehen, weſſen Eid wahr gilt.“ . 140 Einige Zeit darauf berief der Conſtabel Jackſon in ein anders Zimmer, und ſprach zu ihm folgendes. „Ich ſehe, daß Ihr und eure Genoſſen gredt ſind, und bin ſehr bekümmert darüber, daß ihr euch in ſolch einen ſchlechten Handel verwickeltet. Ich kenne dieſe Frauensperſon ſchon ſehr lange; ſie hielt ſeit vielen Jahren ein berüchtigtes Haus hier in der Nachbarſchaft, und, obwohl ſchon öfters wegen verübten Unrechts verklagt, entgeht ſie doch immer der Strafe, weil das Intereſſe der Richter dabei betheiligt iſt, welchen ſie und ihre ganze Sipp⸗ ſchaft alle Vierteljahre Schirmgeld bezahlen. Da zuerſt ſie mir euch übergab, ſo würde ihre Klage auch den Vorrang vor der euerigen haben; und ſie kann Zeugen zum Eide beibringen, ſo oft ſie will, ſo daß, woſern ihr nicht vor kommendem Morgen die Sache beilegt, ihr nebſt euren Gefährten euch noch glücklich ſchätzen dürſt, wenn ihr mit einem Monat Zwangsarbeit in Bridewell da⸗ von kommt. Ja, ſollte ſie wegen Räuberei oder eines Angriffs gegen euch einen Eid ablegen, ſo wird man euch nach Newgate ſchicken, und in den nächſten Sitzungen der Oldbailey auf Tod und Leben richten.“ Der letzte Theil ſeiner Rede wirkte ſo ſtark auf Jackſon, daß er ſeine Einwilligung zu einem Vergleich gab, voraus geſezt daß er ſein Geld wieder bekomme, worauf der Conſtable ihm ſagte, anſtatt auf Wiedererſtattung ſeines Verluſtes ſich gefaßt machen zu dürfen, ſei er ziemlich überzeugt, daß es ihn noch Et⸗ was weiter koſten könnte, ehe ein Vergleich zu Stande käme. Doch habe er Mitleiden mit ihm und wolle die Frauensperſonen wegen beiderſeitiger Aufhebung der Sache aus⸗ forſchen. Der unglückliche Stutzer dankte ihm für ſeine Freund⸗ ſchaft, und theilte uns nach ſeiner Rückkunſt den Inhalt dieſes Zwiegeſprächs mit, während der Conſtabel gegen unſere Gegnerin den Wunſch ausſprach, mit ihr unter vier Augen zu ſprechen, ſie in das anſtoßende Zimmer führte, und unſere Sache ſo kräf⸗ tig verfocht, daß ſie ſich bereit erklärte, ihn zum Schiedsrichter 141 anzunehmen. Er ſchlug demgemäß eine Entſcheidung vor, wozu wir uns alle verſtanden; er verurtheilte nämlich jede Partie, drei Schillinge zu einer Bowle Punſch zuſammen zu legen, worin wir alle Feindſeligkeit hinunterſpülten, zur unausſprechlichen Freude meiner zwei neuen Bekannten und meiner, da wir im Zuſtand der Verdammten uns befunden, ſeit Jackſon Bridewell und Newgate erwähnte hatte. Als wir unſere Bowle, zu welcher ich, nebenbeigeſagt, meinen letzten Schilling beiſteuerte, ausgetrunken hatten, war es MWorgen und ich machte den Vorſchlag, wir ſollten nach Hauſe gehen. Hierauf gab mir der Conſtabel zu verſtehen, er dürfe keinen Gefangenen ohne Befehl des Richters, vor welchem wir erſcheinen müßten, freilaſſen. Dieß erneuerte meinen Kummer, und ich verfluchte die Stunde, in welcher ich Jackſons Einladung ange⸗ nommen hatte. Gegen ein Uhr wurden wir in das Haus eines gewiſſen Friedensrichters, das einige Meilen vom Covent Garden entfernt lag, gebracht. Als dieſer den Conſtabel mit einem Trupp Ge⸗ fangener hinter ihm eintreten ſah, ſo begrüßte er ihn mit folgenden Wor⸗ ten:„So, Herr Conſtabel, ſeid ein thätiger Mann, welches Schur⸗ kenneſt habt ihr ausgenommen?“ Dann warf er einen Blick auf uns, die wir äußerſt niedergeſchlagen ausſahen, und fuhr fort:„Aha, Diebe, ich ſehe— alte Böſewichte— Ob! Ihr ergebener Diener, Frau Harridan! Vermuthlich haben dieſe Burſchen Euer Haus aus⸗ plündern wollen— ja, ja, hier iſt ein alter Bekannter von mir, ihr habt eine Schiffs⸗Gelegenheit benützt,“ ſagte er zu mir,„und ſeid aus der Verbannung zurückgekehrt; allein wir werden das Euch in Zukunft erſparen, die Wundärzte werden euch auf ihre Koſten von eurer nächſten Ueberſiedlung abholen“ Ich verſicherte ſeiner Gnaden, er täuſche ſich in mir, denn er habe mich nie zuvor in meinem Leben geſehen. Auf dieſe Erklärung meinerſeits gab er zur Antwort:„wie! Du unverſchämter Böſewicht! wagſt du mir ſo Etwas in's Geſicht zu ſagen? Glaubſt du, ich laſſe mich 142 durch den nördlichen Accent, den Du angenommen haſt, hinter's Licht führen? doch das ſoll Dir Richts helfen— Du ſollſt mich zu weit nördlich für Dich ſinden. Hier, Schreiber! ſchreibt dieſes Burſchen Haſtbefehl: ſein Name iſt Patrik Gahaga.“ Hier unterbrach ihn Herr Jackſon mit den Worten, ich ſei vor Kurzem aus Schottland in die Stadt gekommen, ſtamme von einer guten Familie ab, und heiße Random. Der Richter ſah dieſe Bemerkung als eine Beſchimpfung ſeines Gedächtnißver⸗ mögens an, denn er that ſich viel auf daſſelbe zu gute; und mit einer heftigen Miene gegen Jackſon auffahrend, ſtemmte er ſeine Hände in die Seite und ſagte:„wer ſeid Ihr, Herr? wollt Ihr mich einer Lüge zeihen? Gebt Acht, ihr Herrn! hier iſt ein Kerl, der mich auf der Gerichts bank beſchimpft: aber ich will Dich feſt legen, Burſche! ja, das will ich, denn trotz Deiner verbräm⸗ ten Jacke halte ich Dich für einen ausgemachten Schurken.“ WMein Freund wurde durch dieſe mit ſtarker Stimme hervor⸗ gedonnerte Drohung ſo niedergeſchmettert, daß er die Farbe wech⸗ ſelte, und der Rede unfähig wurde. Dieß nahmen ſeine Gnaden für ein Zeichen von Schuld und ſetzten, um ihre Entdeckungen zu vervollſtändigen, ihre Drohungen fort.„Nun bin ich über⸗ zeugt, daß Ihr ein Dieb ſeid— Euer Geſicht ſagt es mir— Ihr zittert über und über— Euer Gewiſſen ſpricht es laut aus — hängen wird man euch, Burſche!(er erhob ſeine Stimme) ja! hängen wird man euch; und beſſer ſtände es um die Welt wie um Eure elende Seele, wenn man euch beim Beginne eurer Laufbahn entdeckt und abgethan hätte. Kommt her, Schreiber, und nehmt dieſem Manne ſein Bekenntniß ab!“ Ich vefand mich in der größten Todesangſt, als der Con⸗ ſtabel mit ſeiner Gnaden in ein Nebenzimmer trat und ihm die Sache, wie ſie ſich wirklich verhielt, mittheilte, worauf der Richter lächelnd zurückkam, und, ſich an uns Alle wendend, bemerkte, es ſei ſtets ſeine Gewohnheit, junge Leute zu erſchrecken, wenn ſie 143 vor ihn träten, damit ſeine Drohungen auf ihre Gemüther einen um ſo ſtärckern Eindruck machten und ſie davon abhielten, ſich in Ausſchweifungen und wollüſtige Ausbrüche zu verwickeln, weil dieſe gemeinhin vor dem Galgen ihr Ende fänden. Nachdem er ſo ſeinen eigenen Mangel an Beurtheilungsgabe mit väterlicher Fürſorge bemäntelt hatte, entließ er uns, und es wurde mir hierauf ſo leicht ums Herz, als wenn ein Berg davon abge⸗ wälzt worden wäre.