artart r r hhhrhhrr Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. . franz. od. engl. 2 Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: —— auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl. Kr. 1 fl. Kr. aratartar r raprhr n ——————— „ n——— 3Z uͤge teutſchen Muthes und Hochſinns 3 nebſt einigen Gedichten verſchiedenen Inhalts. Geſammelt undzur Ausfuͤhrung eines wohlthaͤtigen Zweckes herausgegeben von C. V. Sommerlatt. Zweyter Theil. Neueſte Auflage. ————— Baſel, 1825. ———— —,—— ———— Inhalt des 2ten Vandes. Seite 1. Erinnerung an Herzog Chriſtoph von Virtemberg. (von Fr. Sonntag.).. Edle Züge einiger Fürſten aus ſichſſchen Züge der Gottesſurcht aus dem Lelen Friedrich Wil⸗ helms des Großen von Brandenburg IW. Edles Benehmen des Kaiſers Levpold des Erſten gegen den Prinzen Eugen„ V. Eigenhändiges Schreiben des Markgrafen C. rie⸗ drichs von Baden an ſeine Miniſter„ I. Ausgezeichnete Heldenthaten teutſcher Fürſten. * Sebaſtian Schertling von Burtenbach.. VIII. Gerhard David von Scharnhorſt„. IX. Preiswürdige Beyſpiele freywilliger Aufopferung des Lebens X. Hochherziges Schreiben des tiutſchen Jitters ufrich von Hutten an Friedrich den Weiſen. Ueber⸗ ſetzt vvn Münch.) XI. Carl Prinz von Commerei.(von Fr. Sonntag.) XII. Helkenmüthige Aeußerungen im Bewußtſeyn des nahen Todes XIII. Heldenthat einiger Büroer zu Veſel zur geit des dreyßigiährigen Kriegn.(von Fr. Sonntag.) XIV. Kriegsruhm der Villinger.(von Jul. Leuchtlen.) 105 XV. Teutſchlands Heldinnen im Kampfe f. d. Befreyung ihres Vaterlandes von der fremden Oberherrſchaft. 142 XVI. Heldenmuth eines fünfzehnjährigen prenſſiſchen Trommelſchlägers in der Schlacht bey Leipzig. (Von Fr. Müller.) 124 — . Seite XVII. Nicolaus Werner von Molsdorf 1427 XVIII. Religioſität teutſcher Feldherrn.(von Fr. XIX. Hohes Beyſpiel kindl. Liebe.(von Ebendemſelben.) 142 XX. Lieutenant von Katt 2. 3 1⁴6 XXI. Letzte Stutden J. Phil. Palms und Andr. Hoſern 163 Friedrich Staßs 465 XXIII. Franz Anton Egetmayer. 168 XXIV. Ferdinand von Schill.(von Fr. Sitiß. 184 XXV Gedichte(von J. H. Frh. von Weßenberg, Haug, Münch und Sonnag.))„2223 . Erinnerung an Herzog Chriſtoph von Wirtem⸗ berg.*) „ Chriſtoph, Herzog von Wirtemberg, war ei⸗ ner der ausgezeichnetſten und beſten Fürſten, deren ſich je das teutſche Vaterland erfreute. ueber ſeine Größe, als Menſch und Regent, herrſcht nur Eine Stimme in der Geſchichte. Alle Geſchichtſchreiber, die ſeines Namens gedenken, ſtimmen darinn über⸗ ein, es habe keiner von allen Fürſten Wirtembergs, Anmerk. des Verfaſſ. Die Hauptquelle zur Dar⸗ ſtellung des Bildes dieſes Fürſten, iſt Balthaſar Bidenbachs Bericht von dem Leben deſſelben. Dieſer Bericht erſchien im Jahr 1670 zu Lübingen, und wurde von Moſer in den 9ten Band des pa⸗ 6— die vor ihm lebten, oder nach ihm kamen, ſich ſo große Verdienſte um ſein Land erworben, als ſich Herzog Chriſtoph erwarb. Und wenn wir einen aufmerkſamen Blick werfen, auf die trefliche Ver⸗ faſſung, mit der er ſein Land beglückte, und Glau⸗ hensfreyheit und Bürgerrechte ſchützte, ſo wie auf die Menge weiſer Geſetze, die er in geiſtlichen und weltlichen Sachen gab, und auf die preiswürdigen Anſtalten, die er zur geiſtigen und ſittlichen Bildung ſeines Volkes errichtete, ſo liegt es auſſer allem Zweifel, daß die Nachwelt ſeinen Namen ehren wird, ſo lange in ihr das Gefühl für Tugend und Gerech⸗ tigkeit nicht erſtirbt. Aber es iſt nicht blos Wirtemberg, um welches ſich Chriſtoph große Verdienſte erwarb; auch nicht blos der ſchwäbiſche Kreis, für deſſen Wohlfarth er als Kreisoberſter wirkte, ſondern auf das geſammte teutſche Vaterland erſtreckte ſich ſeine Thätigkeit, da er mehr als einmal als Bevollmächtigter des Kaiſers und des Reichs bey den wichtigſten Angelegenheiten, und beſonders als Friedensſtifter bey den Streitig⸗ triotiſchen Archivs aufgenommen. Nächſt ihm ent⸗ hält Pfiſters Lebensgeſchichte des Herzogs(Cübin⸗ gen 1819 und 20.) manche neue und wichtige Nach⸗ richten. Außerdem iſt auch Spittlers und Pfaffs Geſchichte von Wirtemberg, wovon jene im Jahr 1783, dieſe aber 1819 erſchien. mit obigen Schrift⸗ ſtellern verglichen worden⸗ S 7 keiten der Fürſten auftrat. Selbſt an ausländiſchen Höfen ſuchte er durch ſeine Rathſchläge für die Welt Gutes zu wirken. Daher war auch kein teutſcher Fürſt jenes Zeitalters in Europa höher geachtet als er. Zwey Kaiſer, wenn ſie ihn gleich nicht liebten, Karl V. und Ferdinand I achteten ihn hoch, und mit dem Rachfolger derſelben, Maximilian dem 1I. ſtand er, wie überhaupt mit den edelſten Fürſten des Reichs, in vertrauter Freundſchaft. Vier Könige von Frankreich, wiewohl ihre Denkungsart von der ſei⸗ nigen ſehr verſchieden war, fanden ſich gedrungen ihn zu ehren und an dem mächtigen Hofe von Paris durfte er ſogar in Frankreichs Religionsangelegenhei⸗ ten ein freymüthiges Wort ſprechen. Sigismund Auguſt, der berühmte König von Polen, ſtand mit ihm in freundſchaftlichem Briefwechſel; und die geiſt⸗ reiche Königinn Eliſabeth von England, gab ihm hinſichtlich ſeines Verſtandes und Herzens, vor allen teutſchen Fürſten jenes Zeitalters den Vorzug. Durch die edelſten Eigenſchaften, welche das Bild eines Menſchen zieren können, zeichnete ſich Chri⸗ ſtoph aus. Frühe getrennt von ſeinen Eltern, als ſein unruhiger Vater, Herzog ulrich, von dem Kaiſer KarlV. in die Acht erklärt worden war, wurde er in die öſterreichiſchen Lande weggeführt, und wuchs unter der Leitung Wilhelms von Rei⸗ chenbach, und nachher im Umgange mit ſeinem treuen Freunde, Michael Tiffernus, zu dem edeln Fürſten heran, als den ihn die Geſchichte kennt.— 8. 8—— Später, der gewaltigen Hand des Kaiſers entflohen, kam er als neunzehniühriger Prinz nach Frankreich, um die Freundſchaft des Königs Franz des I für ſich und ſeinen Vater noch mehr zu beveſtigen, und blieb daſelbſt vom Jahr 1534 bis 1542. Aber un⸗ verdorben, wie er hinübergezogen war, kehrte er wie⸗ der in ſein Vaterland. Sein edles teutſches Herz war nicht verloren gegangen. In dem Eifer für das Wohl ſeiner Unterthanen übertraf ihn kein andrer Fürſt, und wenige nur wa⸗ ren ihm gleich. Seit dem Antritt ſeiner Regierung wiedmete er ſich ganz ſeinem Berufe, und das hohe Gefühl ſeiner Pflicht erleichterte ihm die Laſt ſeiner Sorgen. Für zwey oder drey geſchickte und fleißige Männer, ſagt Bidenbach, wären die Geſchäfte, die er verrichtete, hinlänglich geweſen. Unermüdet hörte er die Vorträge ſeiner Räthe an, oder legte ihnen ſeine eigenhändig geſchriebenen Entwürfe vor. Auf jedes Bedenken, ſo wie auf die Vittſchriften die man ihm überreichte, gab er mit eigener Hand eine ſchriftliche, und wenn es nöthig war, ausführliche Antwort, Außerdem beſorgte er ſelbſt die Oberaufſicht über die fürſtliche Haushaltung, verfaßte genaue ſchriftli⸗ che Anweiſungen, nach welchen ſeine Kinder erzogen werden ſollten, und führte einen ſtarken Briefwechſel mit andern Fürſten, wovon uns Moſer im patrio⸗ tiſchen Archiv einige urkunden mittheilt.*) Daher *) Moſer patr. Archiv Bd. 9. und 10. Neues patr⸗ Archiv Bd. 2. 9 begann er gewöhnlich im Sommer ſchon Morgens um 5 Uhr ſeine Geſchäfte, und ſetzte ſie oft bis an den Abend fort. Schlief er bey Tag eine Weile, ſo heß er ſich durch ſeine Diener gewöhnlich nach einer hal⸗ ben Stunde wieder wecken. Saß er an der Mahl⸗ zeit, ſo blieb er ſelten über eine Stunde, und wenn er EGeſchäfte hatte, die keinen Verzug leiden konnten, ſo zog er oft während des Eſſens Schriften heraus, las ſie und gab ſeine Entſcheidung. Befand er ſich auf der Jagd, ſo führte er, wie Plinins zu thun pflegte, Bücher und Schriften mit ſich, und vertiefte ſich in dieſelben bisweilen ſo ſehr, daß man ihn an das Jagen und Schießen erinnern mußte. Seine vie⸗ len Arbeiten und Sorgen raubten ihm manche Racht den Schlaf; und wenn dann gegen Morgen ein er⸗ quickender Schlummer ſich einſtellen wollte, ſo wurde es ihm ſaner zu ſeinen Geſchäften aufzuſtehen. Und wiewohl er ſein Gefühl nicht verbarg,(„hundert Gulden,“ ſagte er manchmal in ſolchen Fällen, „wollte ich jetzt gerne um ein Stündlein Schlaf ge⸗ ben!*) ſo ſtand er dennoch auf, weil er ſich erinnerte, daß ſeine Räthe zu ihm beſchieden waren. Daher ſagten ſeine Unterthanen von ihm, er habe jedermann Gutes gethan, nur ſeinem eigenen Leib nicht. Dieſer Thätigkeit lag ſein hoher Eifer für Men⸗ ſchenwohl zu Grund, welches zu befördern als Fürſt an Gottes Statt er ſich berufen fühlte; und dieſes Renſchenwohl ſuchte er auf Freyheit zu gründen. Richt auf Freyheit, die blos in eiteln Worten oder 10— leeren Trusbildern erſcheint, ſondern in weiſen Ge⸗ ſetzen und in einer Verfaſſung ſich ausſprach, welche die Rechte des niebrigſten wie des Höchſten im Volke ſicheren, und die Wohlfarth Aller befördern ſollte. Tief fühlte er es, daß ein Fürſt nicht blos ſeine Rechte anſprechen dürfe, ſondern zugleich auch ſeine Pflichten erfüllen müſſe, und erklärte freymüthig einmal dem Geſandten des niederträchtigen Karls des Neunten von Frankreich, daß ein Fürſt ſo wenig das Recht habe, ſeine Verträge gegen Unter⸗ thanen zu brechen, als dieſe gegen ihn. In die einzelnen Geſetze, die er in geiſtlichen und weltlichen Sachen gab, und in die freye Verfaſſung näher einzugehen, welche er ſtiftete, iſt hier der Ort nicht; und wir verweiſen in dieſer Hinſicht auf die ſchätzbaren Schriftſteller, die ſein beſonderes Leben oder die ganze Geſchichte Wirtembergs beſchrieben. Aber dieſes dürfen wir hier nicht vergeſſen, daß er bey ſeiner Geſetzgebung vor allem die ſittliche Bildung ſeiner Bürger vor Augen hatte. Fr ſah es, daß, welcher Verfaſſung ſich auch ein Land erfreue, nur der ſittlich gute Menſch wahrhaft frey zu nennen, und Fürſt und Volk nur dann glücklich zu preiſen ſeyen, wenn Religion und Tugend unter ihnen ihren Thron aufgeſchlagen hätten. Daher ſein Eifer, mit dem er für Kirchen und Schulen ſorgte, und alles dasjenige aufrecht zu erhalten ſuchte, was gut und heilig genannt werden kann, und mehr als die Rutbe despotiſchen Zwanges auf ein freyes und gutes Volk wirkt. Daher auch ſein inniger Wunſch, daß beſon⸗ ders ſeine Staatsdiener Männer ſeyn möchten, wel⸗ che dem Volk das Beyſpiel eines rechtſchaffenen und Gott gefülligen Lebens vor Augen ſtellten. Ein treuer Freund der Wiſſenſchaften, nahm er ſich der hohen Schule zu Tübingen an; aber weit entfernt, eine ſol⸗ che edle Anſtalt als ein Rittel niedrigen Erwerbes zu betrachten, als ob der höchſte Endzweck derſelben wä⸗ re, ausländiſches Geld zu gewinnen hielt er vielmehr die Bildung edler Vaterlandsdiener als das ſchönſte und höchſte Ziel unverrückt im Ange. Und als man ihm vorſtellte, es könnte durch die ſtrengen Geſetze, die er zur Aufrechthaltung der Sittlichkeit für Tübin⸗ gen gab, mancher Ausländer vom Beſuch dieſer ho⸗ hen Schule abgeſchreckt werden, ſo gab er die vor⸗ treffliche Antwort:„Nir iſt viel lieber, man ſage, daß es zu Tübingen wenige, aber wohlgezogene Studenten gebe, als viele und ungezogene.“ Rit dieſem Freyheitsgefühl aber, das allein das ächte und edle iſt, ſtand auch ſeine entſchiedene Ab⸗ neigung gegen das Pabſithum in Verbindung. Die Ketten der Denk⸗ und Glaubensfreyheit, mit welchen Rom die Völker gefeſſelt hielt, und die Luthers großer Geiſt zu vernichten ſtrebte, ſah auch er als entehrend für die Menſchheit an. Als ein fünfzehn⸗ jähriger Prinz, war er im Jahr 1530 mit Kaiſer Karl dem Fünften, in deſſen Landen er ſich bis⸗ her aufhalten mußte, auf den Reichstag zu Augs⸗ burg gekommen, hatte auf ſeiner Reiſe Gelegenheit — hat, den heißen Drang des eutſchen Volkes aubensfreyheit zu bemerken; lernte zu Augsburg ie f vinnigſen teutſchen Fürſten kennen, und hörte d denmüthige Wort, das Warkgraf Georg er Fromme von Brandenburg dem Kaißer ſagte, und Fürſt Wolfgang von Anhalt beſtätigte:„Ehe ich meinen Gott und ſein Evangelium verläugne, eher wollte ich vor Euer Kaiſerlichen Maieſtät niederknieen, und mir den Kopf abhauen laſſen!“ Seitdem blieb ihm das päbſtliche Joch verhaßt; eine Geſinnung, in der er wahrſcheinlich durch den Umgang mit ſeinem edeln Freunde Tiffernus noch mehr geſtärkt wurde. Zwar noch kein Proteſtant dem Namen nach, ſo lan⸗ ge er in Frankreich ſich aufhielt, verbarg er doch ſei⸗ ne Geſinnung nicht; und das Feuer und Schwert vor Augen ſehend, mit welchem König Franz der Erſte die Denkfreyheit damals unter den Franzoſen zu ver⸗ tilgen ſuchte, vermochte er doch nicht ſeiner Den⸗ kungsart untreu zu werden. Zu Nizza, im J. 1538, als er einer Zuſammenkunft des franzöſiſchen Königs mit dem Pabſt Paul ill. beywohnte, und der Herr⸗ ſcher von Frankreich mit allen ſeinen Großen ſich niederbeugte, um dem Pabſte durch den Pantoſelkuß zu huldigen, drang man auch von allen Seiten in ihn, dieſem Beyſpiel zu folgen; aber der teutſche Prinz weigerte ſich ſtandhaft, weil er eine ſolche Ehrenbezengung für ſeine Würde entehrend hielt. Ueberhaupt vereinigten ſich ſo viele edle Züge in der Seele dieſes Fürſten, daß iedes für das Gute und etße 9 ſich gedrungen fühlt, ſein Petrliches Bild zu licben und zu achten. Ein hohes Seligefübt belebte ſein fürſtliches Herz; aber ent⸗ fernt vo allem Hochmuth beſtand ſein Stolz in nichts ₰ anderm, als in einer edeln Verachtung alles deſſen, was ihm niederträchtig zu ſeyn ſchien; und leutſelig dagegen geſtattete er den Aermſten den Zuteitt, un⸗ terhielt ſich oft mit den Geringſten im Volke, und zog hisweilen Leute vom niedrigſten Stand an ſeine Tafel, wenn ſie es durch ihre Rechtſchaffenheit ver⸗ dienten. Er verſchmähte kein Vergnügen, das ſich ihm darbot, wofern es ihm Zeit und Beruf erlaubte; aber er blieb mäßig im Genuß der Freuden, und er⸗ niedrigte ſich nicht zum Sklaven einer unedlen Luſt. Er war ein Mann von ſtrenger Gerechtigkeit, wo es nöthig war, deſſen zum Beweis er einmal einem un⸗ ehrlichen Verwalter einen Galgen auf den Rücken nä⸗ hen ließ, den er öffentlich tragen mußte; und doch war er auch nachſichtig gegen geringere Vergehen, und gewiſſenhaft, wenn er ſtrafte, denn lieber, äußerte er, wolle er zehn Schuldigen zu wenig thun, als ei⸗ nem Unſchuldigen zu viel. Er übte Freygebigkeit aus, aber es waren gewöhnlich ausgezeichnete Gelehrte, oder ſonſt verdiente Männer, oder hoffnungsvolle Jünglinge, oder bedrängte Arme, oder Menſchen, die um ihres Glaubens willen verfolgt und vertrieben worden waren, denen er ſeine Wohlthaten erzeigte. Er liebte die äußerliche Pracht, und man hat ihm in dieſer Hinſicht zuweilen ſchon ſeine große Vaulaſt zum Vorwurfe gemacht, als ob er auf die vielen Gebäu⸗ 14 de, die er aufführte, zu große Summen verwendet hätte; aber er wer ſonſt ein ſehr ſparſamer Fürſt, führte genaue Aufſicht über die Haushaltung an ſei⸗ nem Hofe, vermied viele unnöthigen Ausg en, und bewahrte mit weiſer Sparſamkeit die Einkünfte des Landes, ſo daß er durch die aufgeſparten Feldfrüchte in theuren Zeiten dem Mangel und der Roth ſeiner Unterthanen ſteuern konnte. Auch wollte er nie auf ungerechte Art/ durch willkührliche Eingriffe in das Vermögen ſeiner Unterthanen, oder der zu andern Zwecken urſprünglich beſtimmten Stiftungen ſich Geld zur Aufführung ſeiner Gebäude verſchaffen, ſondern beſtritt ſeine Bauluſt aus eigenem Einkommen, und verſchaffte dadurch in theuren Zeiten vielen bedräng⸗ ten Unterthanen Brod und Verdienſt. Neben dieſen ſchönen Eigenſchaften iſt beſonders auch die Wahrheitsliebe zu bemerken, die ihn beſeelte. Nicht bloß, daß er Wahrheit und Aufrichtigkeit an ſich ſelbſt liebte, ſondern was von einem Fürſten einen hohen Begriff uns einflößen muß, auch von andern Wahrheit hören wollte, ſelbſt wenn es ſeine Untergebenen waren. Wiewohl er ein Fürſt war, der gerne ſelbſt dachte und nach eigenen Einſichten zu re⸗ gieren wünſchte, ſo verlangte er doch keine Schmei⸗ cheley, die ſo oft den beſten Fürſten verdirbt, ſondern hörte den Rath freymüthiger Männer gern, auch wenn ſolche ſeiner Meynung widerſprachen. Seine Räthe und Landſtände, unter denen ſich beſonders Kaſpar Wild ein bleibendes Andenken verſchaffte⸗ ——— redeten oft mit der größten Freymüthigkeit vor ihm; aber er blieb ſeinem Grundſatze treu:„Zwey Augen ſehen mehr als eines!“ und äußerte hochherzig, ein Herr müſſe Diener haben, die ihn warnen und be⸗ richten, ſonſt ſey ihm nicht wohl gedient. Daher gibt ihm Pfiſter das viel ſagende Zengniß, daß man an ſeinem Hofe keine Schmeichler gefunden habe. Rehmen wir zu dieſen Tugenden noch ſeine Friedfertigkeit, und beſonders ſeine Großmuth, ſo muß die Ehrfurcht die unſer Herz ihm weiht, noch höher ſteigen. Wiewohl ein heldenmüthiges Herz in ihm ſchlug, wovon er als Prinz während ſeines Aufenthalts im Auslande bey der Armee des fran⸗ zöſiſchen Königs hinlängliche Beweiſe in mehreren Treffen gegeben hat, ſo verabſcheute er doch den Krieg, und ehrenvoller ſchien es ihm, den Ramen eines weiſen Regenten im Frieden zu erwerben, als blutige Lorbeern zu erringen. Richt nur ſeinem Lande erhielt er während ſeiner ganzen Regierung den Frieden, ſondern er beförderte ihn auch in an⸗ dern Gegenden Teutſchlands dadurch, daß er oft als Friedens Vermittler auftrat. Roch nach ſeinem Tode legte ihm daher Kaiſer Maximilian 1I den ebrenvollen Namen eines„hochverſtändigen und ver⸗ nünftigen Friedensfürſten“ bey. Und ſo war er auch als Privatmann geneigt, ſeine Feinde durch Großmuth zu beſiegen, und lieber zu verſöhnen, als durch Rache größere Feindſchaft auf ſich zu laden. 16— Hiervon gab er in Frankreich ſchon als zwey und zwanzigiähriger Prinz den verrlichſten Beweis. Durch die ausgezeichneten Eigenſchaften ſeines Geiſtes, durch ſeine ritterliche Tapferkeit, mit der er einmal bey einem Tournier den Ehrendank erwarb, und durch die hohe Gunſt, in die er ſich bey Franz dem l. geſetzt hatte, zog er ſich damals viele Feinde und Rei⸗ der zu, und man trachtete ihm einigemal nach ſei⸗ nem Leben. Als er zu Chaſtelleraud ſich im Gefolge des Königs befand, und bey anbrechender Racht in ſein Haus zurückritt, von nicht mehr alszwölf teutſchen Edellenten und Dienern begleitet, ſo wurde er von fünfzig bewaffneten Meuchelmördern angefallen, die ſich nebſt einem Haufen andern zuſammengelauffenen Leuten ihm in den Weg ſtellten. Er und ſeine Be⸗ gleiter hatten blos ihre Degen bey ſich; doch ſtieg er muthig mit ihnen vom Pferde herab, hieb einige Franzoſen nieder, und bahnte ſich mit dem Degen einen Weg durch die Menge, wobey ihm die goldene Halskette zerhauen, und er nebſ einigen ſeiner Leute verwundet wurde. Der König ließ ſogleich die Urhe⸗ ber und Thäter einziehen, und dem teutſchen Helden übergeben, mit der Erlaubniß, mit ihnen nach Gut⸗ dünken zu verfahren. Chriſtoph ſchenkte ihnen Le⸗ ben und Freyheit. Großmüthig ſagte er, es ſey an denen genug, die auf dem Platze geblieben ſeyen: dieſe hätten für die andern gebüßt. Was aber zuletzt den Werth aller dieſer Vorzüge an ihm erhöht, und auf ſein herrliches Bild einen herrlichen herrlichen Glanz wirft, deſſen Strahlen in keiner Todesnacht erlöſchen, das iſt ſeine ſromme, an Gott glaubende, und deſſen heiligen Willen ergebene Ge⸗ ſinnung. Jener göttliche Geiſt, der als Glaube das Gemüth durchdringt, als Gebet in Worten ſich aus⸗ ſpricht, und als ächte Gottesfurcht in edlen Hand⸗ lungen ſich darſtellt, hatte das Innerſte des Fürſten ergriffen, und war der ſchönſe Schmuck ſeines Le⸗ bens. Groß iſt ein Fürſt, welcher Gutes thut; grö⸗ ßer, wenn er es um des Guten willen ſelbſt thut;— am größten aber, wenn er das Gute im Bewußtſeyn eines höhern Geiſtes vollbringt, der ihn ermahnt und leitet Und deswegen ſteht Herzog Chriſtoph unter den größten Fürſten, die je einen Thron zierten. Von vieſen Geiſte der Religion belebt, ſab er ruhig ſeiner irdiſchen Vollendung entgegen, und ſeg⸗ nete die Todesſtunde als ſie ihm ſchlug. Solche edle Seelen kann die Herrlichkeit der Welt, und wäre es auch der Beſitz des glänzendſten Throns, nicht feſſeln; und der letzte kummervolle Gedanke an die Zurückbleibenden, die an der Todtengruft weinen, verwandelt ſich im Aufblick zu der ewig waltenden göttlichen Liebe und Vorſicht in frendige Hoffnung. Chriſtoph hatte ohnedies in der Welt viel Unan⸗ genehmes erfahren, und die Eitelkeit des irdiſchen Glückes kennen gelernt. Als Knabe war er auf Be⸗ fehl des Kaiſers dem elterlichen Hauſe entriſſen und nach Oeſtreich geführt worden; und hätte nicht ſei⸗ nes treuen Freundes Tiffernus Hand ihm den Weg II. Band. 2 18 zur Flucht gebahnt, ſo hätte wahrſcheinlich Wirtem⸗ bergs edelſten Fürſten das ſchmähliche Loos getrof⸗ fen, in einem ſpaniſchen Kloſter ſein Leben ſtlaviſch und nutzlos für die Menſchheit zuzubringen. Als FJüngling kam er an den franzöſiſchen Hof, und mehr als einmal wurde ſein Leben nicht nur durch Krieg und Peſt, und in einem gefäbrlichen Sturm auf dem Meer, ſondern auch von Giftmiſchern und Meuchelmördern bedroht. Als er nachher zur Re⸗ gierung gelangte, ſo fand er ein Land, das vom Feinde verheert, und mit Schulden bedrückt war. Er erlebte Miswachs, und theure Jahre, und konn⸗ te, wiewohl er viel Gutes that, nicht allem Elend ſo ſteuern, wie es ſein gutes Herz wünſchte. Dazu kam noch der häusliche Kummer, den ihm ſeine beiden Söbne bereiteten. Der ältere, mit Namen Eberhard, ſtarb noch einige Zeit vor ſeinem edeln PVater, als ein Opfer ſeines ausgelaſſenen Lebens, und alle Bemühungen des Fürſten, und ſelbſt die rührendſten väterlichen Briefe, die er an ſeinen Sohn, kurz vor deſſen und ſeinem eigenen Tode ſchrieb, waren an ihm verloren. Der jüngere, mit Namen Ludwig, war zwar beſſer, als ſein Bru⸗ der, aber doch nicht von der Art, daß er große Hoffnung eines ausgezeichneten Fürſten von ſich er⸗ weckt hätte. — Ermüdet daher von den Widerwärtigkeiten ſeines Lebens, von den Sorgen ſeines ſchweren Berufs, und von den Beſchwerden einer vieljährigen Krankheit, ſah Chriſtophs fromme Seele, die Stunde ſeines Ab⸗ ſcheidens vor Augen, und blickte ihr muthig entge⸗ gen.„Wenn ich, ſagte er,„hundert Jahre Lebens mit einem Heller erkaufen könnte, ich würde es nicht thun; ich hoffe vielmehr, Gott wird mich bald zu ſeinen Gnaden nehmen; und der iſt kein guter Chriſt, der ſolches nicht von Herzen wünſcht und erbittet.“ In ſeinen letzten Tagen äußerte er, daß er nur des⸗ wegen Arzney gebrauche, damit es nicht ſcheine als verachte er die Mittel, und verſuche Gott.„Aber,“ ſetzte er hinzu,„wenn das von Gott beſtimmte, und von mir erwartete Stündlein kommt, ſo hilft alles nichts, es muß doch einmal geſtorben ſeyn; und ſelig ſind die Todten, die in dem Herrn ſterben; unſere Bürgerſchaft iſt im Himmel!“ Desgleichen tröſtete er ſeine bekümmerte Gemahlin.„Wenn das erwartete Stündlein kommt,“ ſagte er,„daß ich von hinnen ſcheiden ſoll; dann ſinget alle mit ein⸗ ander: Mit Fried und Freud fahr ich dahin!“ Chriſtoph ſtarb den 28. Dezember 1568. in einem Alter von 53 Jahren, und nach einer 1sjährigen Regierung. Frühe zwar ſtarb er für ſein Volk, aber lange genug, um in den Herzen der Nachwelt fort⸗ zuleben.„So wie man um ihn geweint habe“ ſagt Biden bach,„mit ſolchen Thränen habe man noch wenig große Herren begraben; und hätte man mit anderer Menſchen Tod ſein Leben erkaufen können, 2* — 20 S ſo hätte es Leute genug gegeben, die für ihn lieber wären, als daß ſie ihn begruben.“ Viel gibt es der ehrenvollen Zeugniſſe, die ihm, dem unvergeßlichen, wie ihn Pfaff in der Geſchich⸗ te von Wirtemberg nennt, noch nach Jahrhunder⸗ ten beygelegt werden. Aber ehrenvoller und bedeu⸗ tender dünkt mich keines dieſer Zeugniſſe zu ſeyn, als das Urtheil, welches Mo ſer im patriotiſchen Archiv ausſpricht. Dieſer Schriftſteller war einer der edelſten, die je in Teutſchland lebten; entfernt von ungerechter Tadelſucht, aber auch bedachtſam bey ſeinem Lob, und von einem Geiſt der Freymütbig⸗ keit durchdrungen, der ſelbſt den Fürſten ſeiner Zeit die kühnſte Wahrheit zu ſagen ſich nicht ſcheute. ODerſelbe Moſer, in dem ſo oft die Stimme des Weltgerichts der Wahrheit ſprach, ſpricht mit einer Wärme von dem großen Herzog Wirtembergs, wie nur der Edle im Bewußtſeyn des Edlen ſie empfin⸗ den kann.„wie wohl thut es,“ ruft Moſer aus, „das liebliche Bild eines ſolchen Fürſten anzu⸗ „ſchauen, und den ſchönen Gang ſeines wohlthäti⸗ „gen Lebens bis zum letzten Schritt— bis zum „ Ziel, wo ihn Siegerlohn erwartet, zu begleiten! „ Auch ich habe mich oft an ihm gelabt und er⸗ „guickt, und wenn ich mein Wirtembergiſches Va⸗ 6 „terland wieder betreten ſollte, werde ich zun „Grabmal, das dieſen guten Fürſten verſchließt⸗ „ wahlfahrten, und an deſſen Stufen auch mein „ Dankopfer Gott darbringen!“ ——— 2¹ Dieſe Worte eines Wirtembergers, ausgeſpro⸗ chen im Geiſte des Volkes, ſind um ſo merkwürdi⸗ ger, weil in ihnen die ſchönſte Erfüllung einer von Chriſtoph ſelbſt a ngegebenen Weißagung liegt. Als man ihn einmal um die völlige Beſtätigung ſei⸗ ner Geſetze und Verfaſſung bat, ſo antwortete der edle Herzog:„Ich werde alles ſo verſehen/ daß nicht nur ihr, ſondern auch eure Nachkommen mir unter der Erde noch danken werden!“ Ja! ſie iſt erfüllt, deine Weißagung, großer teutſcher Fürſt!— Deine Gebeine modern, aber dein Name lebt noch im Segen, und deine Ver⸗ dienſte ſterben nicht! Friedrich Sonntag. II. Edle Zuͤge einiger Fuͤrſten aus dem ſaͤchſiſchen Hauſe. Leutſeligkeit des Herzogs Heinrich. Herzog Heinrich von Sachſen, der Vater der berühmten ſächſiſchen Kurfürſten Moriz und Au⸗ guſt, bekannt durch die Reformation, die er in ſei⸗ nem Lande einführte, ſtand mit ſeinen Unterthanen in einem Verhältniß, wie ein guter Vater mit ſei⸗ nen Kindern. Wie gutmüthig und herablaſſend er war, beweist folgender edler Zug, den uns ſchon Moſer im patriotiſchen Archiv Band 12. S. 540 bis 542 mittheilt. Den 31. July 1526. wurde ihm ſein zweyter Sohn Anguſt geboren. Weit entfernt aber bey der Wahl der Taufpathen bloß auf hohen Rang und Stand zu ſehen, wählte er einen ſeiner Unterthanen, und der Beweggrund dazu war einzig deſſen erkannte Frömmigkeit. Es war der ehrwürdige Archidiakonus Apt zu Kemniz, den er durch einen beſondern Brief erſuchte, als Taufpathe ſeines Prinzen zu erſcheinen. „Weil wir“, ſchrieb unter anderm der Herzog,„zu Euch ſonderliche Meinung tragen, begehren wir güt⸗ lich bittend, Ihr wollet auf Sonnabend nach Asum- tioni Mariae gegen Abend zu Freiberg bey uns ein⸗ kommen, und Sonntags darnach unſern Sohn nach chriſtlicher Ordnung zum Sakrament der heiligen Taufe bringen helfen, alsdann des Kindes Pathe, auch unſer und unſrer lieben Gemahlinn lieber Ge⸗ vatter ſeyn.“ Der Archidiakonus erſchien zur beſtimmten Zeit ⸗ und wohnte als Taufpathe der heiligen Handlung bey. Nach Beendigung derſelben gab er einen Du⸗ katen zum Pathengeſchenke für den Prinzen, mit der Entſchuldigung, daß er kein würdiges Geſchenk für einen ſolchen Prinzen hätte. Der Herzog aber ant⸗ wortete:„Ich habe nicht hierauf geſehen, ſondern es war mir bloß an Eurem andächtigen Gebet gele⸗ gen“— und machte ihm einen mit Dukaten gefüll⸗ ten Becher zum Gegengeſchenk. —— 2 Großmuth des Herzogs Ernſt des From⸗ men. Zur Zeit des dreyßigjährigen Krieges diente Her⸗ zog Ernſt, der Stammvater der gothaiſchen Linie einige Jahre als Oberſter eines Reiterregiments bey der ſchwediſchen Armee, und wurde im Jahr 1633 zum Statthalter von Würzburg und Bamberg er⸗ nannt, welche Länder durch die ſchwediſche Armee erobert, und einſweilen zu einer Velohnung für Bernhard von Weimar beſtimmt waren. Ernſt hätte nun Gelegenheit gehabt, in dieſen eroberten Ländern ſich auf Unkoſten von Leuten zu bereichern, welche ſeine und ſeiner Religion Feinde waren. Aber über alle unedlen Leidenſchaften erha⸗ ben, und obgleich er jeden Augenblick den Wechſel des Kriegsglücks fürchten mußte, regierte er mit ei⸗ ner ſolchen Uneigennützigkeit, Menſchlichkeit und Ge⸗ wiſſenhaftigkeit, als ob es ſein eigenes Vaterland wäre. Als nach der Rördlinger Schlacht der fränkiſche Kreis wieder von der öſtreichiſchen Armee beſetzt wur⸗ de, ſo kehrte der Biſchof von Würzburg, Franz von Hatzfeld wieder in ſeine Heimath zurück, und legte vor dem Erzherzog Leopold das Zeugniß ab: „Herzog Ernſt hat beſſer gehaushaltet und für Stadt und Land geſorgt, als ich ſelbſt, wenn ich zugegen geweſen wäre!“— Dieſes Zeugniß, das damals ein proteſtantiſcher Fürſt aus dem Munde eines katholi⸗ ſchen Biſchofs erhielt, iſt eines der ehrenvollſten von allen, welches die Geſchichte kennt; und wurde des⸗ wegen ausdrücklich auf dem Ehrendenkmal, welches Herzog Friedrich II ſeinem frommen Großvater im Jahr 1729, in der Margarethen⸗Kirche zu Gotha errichten ließ, für die Nachwelt bemerkt. Wie vortrefflich dieſer Fürſt, der ſo großmüthig gegen ſeine Feinde war, ſein eigenes Land regierte, bedarf kaum einer Erwähnung. Keiner der Fürſten übertraf ihn an Herzensgüte, Weisheit, Gerechtig⸗ keit und Gottesfurcht. Richts lag ihm ſo ſehr am Herzen, als das Wohl ſeines Landes. Jede Mühe und Beſchwerde war ihm leicht, für ſein Volk, dem er zur Zeit des ſchrecklichen dreyßigjährigen Krieges von Gott als ein Retter zugeſandt worden war. Oft raubte ihm die Sorgfalt, mit der er ſelbſt auf ſeinem nächtlichen Lager über das Beſte ſeiner Unterthanen nachdachte, den Schlaf, ſo daß er bisweilen um Mit⸗ ternacht aufſtand, durch ein Glöckchen einen ſeiner Diener zu ſich rief, und ihm diktirte was ihm ein⸗ gefallen war, um es nicht bis zum künftigen Morgen wieder zu vergeſſen. Seine höchſte Belohnung, deren er ſich zu getröſten pflegte, war der Beyfall Gottes. „Was würden mir,“ ſagte er,„Land und Leute hel⸗ fen, wenn ich das ewige Leben verlieren ſollte?“— (Vgl. Eyring Vita Ernesti Pii, Seite 25.— Cyprian, Consecratio Ernesti.— Gelbke, Her⸗ zog Ernſt der Fromme. Bd. 1. S. 60. Bd. 2. S. 165. v. 165. und S. 249.) 26—— 8 Edler Stolz des Herzogs Bernhard von ⁰ Weimar. Dieſer Fürſt war der jüngere Bruder des eben erwähnten frommen Herzogs Ernſt von Gotha, und ſteht bekanntlich in der Reihe der größten Helden ſei⸗ nes Jahrhunderts. Schon hatte er ſich durch ſeine Thaten unter Guſtaph Adolph, und nachher als Anführer eines eigenen Heeres, einen ausgezeichneten und furchtbaren Ramen im dreyßigjährigen Krieg er⸗ worben, als er im Jahr 1656. nach Paris reiste, um dort perſönlich über die Angelegenheiten des Kriegs mit dem König zu reden. Ludwig KIII. obgleich er kurz vorher den Herzog von Parma auf die freundſchaftlichſte Weiſe empfangen hatte, empfieng den teutſchen Herzog mit einem beleidigenden Hoch⸗ muth, und wollte ihn wie einen gewöhnlichen Offi⸗ zier behandeln. Bernhard aber behauptete ſeinen teutſchen Rationalſtol; gegen den franzöſiſchen Kö⸗ nig. Als Ludwig ſich bedeckte, in der Erwartung, der Teutſche müſſe mit entblößtem Haupt vor ihm ſte⸗ hen, ſo ſetzte Bernhard ungeheißen ſeinen Hut vor ihm auf; und als der König ſich niederſetzte, ohne dem Herzog einen Stuhl anzubieten, ſo ſah ſich die⸗ ſer ſelbſt nach einem Stuhl um, und ſetzte ſich neben ihn. Schon wollte ſich der König entfernen, aber durch Richeliens vernünftige Vorſtellungen, be⸗ wogen kehrte er wieder um, nahm ſeinen Hut ab, und ſieng an mit der größten Höflichkeit zu reden. — 27 Augenblicklich entblößte Bernhard ſein Haupt, und erwiederte des Königs Höflichkeit, ſo daß er während ſeines ganzen Aufenthalts zu Paris fortan die höchſten Ehrenbezeugungen genoß. (Vgl. Bilderbeck Kriegs⸗ und Friedensanek⸗ doten, Band 3. S. 37. und Gelbke im Leben Ernſts des Frommen, Seite 33. welche beyde in der Hauptſache überein ſtimmen.) ——— —— * III. 3ug der Gottesfurcht⸗ aus dem Leben Friedrich Wilhelms des Großen von Brandenburg.*) —— Friedrich Wilhelm, Kurfürſt von Branden⸗ burg, wird gewöhnlich der große Kurfürſt genannt, und verdient dieſen Namen mit Recht; denn er war der Retter und Wiederherſteller ſeines Landes, wel⸗ ches durch Krieg, Peſt und Hunger verödet und ent⸗ völkert war. Während des dreyßigjährigen Krieges, trat er im Jahr 1640 ſeine Regierung unter den traurigſten Verhältniſſen an, und ließ mit ſeinem Tode das Land in einem blühenden Zuſtande zurück. Seiner Regentenweisheit verdankt Preußen ſein An⸗ ſehen, zu dem es mit ihm und nach ihm gelangte. *) Vgl. Pufendorf, de rebus gestis Frederici Wil⸗ helmi; Seyler Leben und Shaten Friedrich Wil⸗ helms des Großen; und Horn Leben Friedrich Wil⸗ helms des Großen, Kurfürſten von Brandenburg. Ueber ſeine vortreffliche Denkungsart als Menſch und Regent, hat die Geſchichte das ehrenvollſte Ur⸗ theil ausgeſprochen. Aber die Zierde ſeiner Tugen⸗ den war ſeine Liebe zur Religion, die frey von Aber⸗ glauben und Verfolgungsſucht, aus dem wärmſten Herzen hervorgieng. Seinen frommen Sinn— ſeine Ehrfurcht gegen Gott und ſein feſtes Vertrauen zu ihm— bewies er durch ſein ganzes Leben. Jede Gelegenheit ergriff er mit Freuden, dieſe Geſinnung vor der Welt zu zeigen. Als er bey Berlin einen Garten anlegte, und ſeine erſte Gemahlinn, Lonuiſe von Oranien, ihm zu Ehren an den Eingang des Gartens eine Bild⸗ ſäule ſtellen ließ, ſo ſollte an das Fußgeſtell derſel⸗ ben eine Inſchrift geſetzt werden. Dieſe Inſchrift verfaßte der Kurfürſt ſelbſt, mit den Worten:„Herr⸗ zeige mir den Weg, den ich wandeln ſoll.“ Mit dieſem gottesfürchtigen Sinne belebt, war ihm nichts mehr zuwider, als die Entweihung der Religion durch Wort oder That. Er gab viele vor⸗ treffliche Verordnungen, die Religion und Frömmig⸗ keit in ſeinem Lande zu befördern, und beſtrafte, ſo mild er ſonſt war, unerbittlich jedes Vergehen, wo⸗ durch ein öffentliches Aergerniß hinſichtlich des Glau⸗ bens oder der Sittlichkeit gegeben wurde.— Die Strafgelder, welche von ſolchen Vergehungen fielen, wendete er blos zur Ausbeſſerung und Verſchönerung der Kirchen an. Ein reicher Nadler zu Berlin ſtieß 30 einſt öffentliche Gottesläſterungen aus. Der Kurfürſt erfuhr es, ſtrafte ihn um 200 Thaler, und verwen⸗ dete das Geld zur Pflaſterung des neuen Marktes.— „Dieſes Geld,“ ſagte er,„ſoll dazu dienen, daß die frommen Kirchengänger einen bequemern Weg haben.“ „Was er aber von ſeinen Unterthanen verlang⸗ te,“ ſagt Horn in der Lebensgeſchichte des Kur⸗ fürſten, Seite 101, that er ſelbſt, wie ein vorleuch⸗ tendes Muſter, und ſein Leben gibt den erfreulich⸗ ſten Beleg, wie das Chriſtenthum die Demuth und Kraft zu Einem Kranze vereinigt.“ Beſonders zeigte ſich ſeine eigene, tief in ſeinem frommen Gemüthe gegründete Gottesfurcht, in den ernſteſten Augenblicken ſeines Lebens, als er auf eine Art ſtarb, wie nur der Chriſt, im vollen Ge⸗ fühl der Wahrheit ſeines Glaubens und der Kraft eines guten Gewiſſens ſterben kann. Schon viele Jahre hatte er an Gicht und Poda⸗ gra gelitten, und die Abnahme ſeiner Kräfte gefühlt; aber erſt im Jahr 1688 unterlag er der Gewalt ſei⸗ ner ſchmerzlichen Krankheit. Er fühlte die Rähe ſei⸗ nes Todes, und ſtand daher den 27. April, zwey Tage vor ſeinem Tode, von ſeinem ſchmerzlichen Kran⸗ kenlager auf, und verlangte noch einmal den ganzen Staatsrath nebſt ſeinem älteſten Prinzen vor ſich zu ſehen. Als ſie ſeinem Verlangen gemäß erſchienen waren, ſo erklärte ihnen der fürſtliche Greis, da⸗ — 31 mals 6s Jahre alt, die Urſache warum er ſie berufen habe, ſey das Bewußtſeyn ſeines nahen Todes; er habe ſie noch einmal vor ſeinem Ende ſehen, mit ih⸗ nen ſprechen, und Abſchied nehmen wollen. Dann wendete er ſich zuerſt zu ſeinem Sohne, dem Kur⸗ prinzen Friedrich. Gottes Hülfe und Segen ſey durch ſein ganzes Leben mit ihm geweſen, und ſei⸗ ner Gnade verdanke er es, daß ſeine lange Regie⸗ rung, bey allen Kriegen und Widerwärtigkeiten doch glücklich geweſen ſey. Zugleich ermahnte er ihn, mit Vorſicht und Weisheit zu regieren, den erworbenen Ruhm des brandenburgiſchen Hauſes zu behanpten, und ſich bey ſeinen Unternehmungen guter und ge⸗ treuer Räthe zu bedienen. Hierauf redete er ſeine Staatsräthe an, dankte ihnen für die treuen Dien⸗ ſte die ſie ihm erwieſen hätten, und ermahnte ſie, gleiche Liebe und Treue auch ſeinem Sohne und Nachfolger zu beweiſen. Er bedaure nur, ſagte er, daß er bey den böſen Zeiten, die er gehabt, ſeinen Unterthanen die Laſt nicht immer habe ſo erleichtern können, wie er es gewünſcht habe. Während dieſer Rede ſchwammen die Augen aller Anweſenden in Thränen; und als er ſie beendigt hatte, ſo trat der berühmte Herzog Friedrich von Schomberg, der an der Spitze des Staatsraths ſtand, vor den frommen Fürſten, um ihm und ſeinem Hauſe ſeine fernere Treue zu geloben. Die übrigen folgten die⸗ ſem Beyſpiele, während der Fürſt in die tiefſte Rüh⸗ rung verſank. Rach beendigter Verſammlung wurde er in ſein Schlafzimmer zurückgetragen. Er verlangte 32 ſeinen Sohn noch einmal, ließ ihn niederknieen, gab ihm in den rührendſten Ausdrücken ſeinen Se⸗ gen, und ermahnte ihn wiederholt zu allem Guten. Von ſich ſelbſt erklärte er, daß er genug gelebt habe, und bereit ſey, das Irdiſche zu verlaſſen. Gott habe ihn mit Wohlthaten überſchüttet, und es ſey daher nichts billiger, als den Geiſt der Hand Gottes wieder anzuvertrauen, von dem er gekommen ſey. Bald darauf traten ſeine beyden Hofprediger herein, Johann Berg und Chriſtian Koch, zwey Männer, die bey ihm in großer Achtung ſtan⸗ den.„Ich habe einen guten Kampf gekämpfet, ich habe Glauben gehalten, hinfort iſt mir beygelegt die Krone der Gerechtigkeit, die mir der Herr an jenem Tage geben wird.“ Von nun an wiedmete er ſeine ganze noch übrige Lebenszeit den Betrachtungen und Unterredungen über himmliſche Dinge, ſo viel es ihm ſeine weni⸗ gen Kräfte erlaubten. Die Prediger warfen ſich auf die Kniee nieder, und beteten mit ihm. Auch alle ſeine Kinder ließ er jetzt niederknieen, ermahnte ſie insgeſammt, Gott vor Augen zu haben und der Re⸗ ligion treu zu bleiben, und gab jedem beſonders ſeinen Segen mit den rührendſten Ausdrücken, ſo daß alle Umſtebenden reichliche Thränen vergoſſen. Seine Schmerzen ſuchte er aus Schonung für die Seinigen, ſo viel als möglich zu unterdrücken, und ſich ſelbſt durch ſchöne Ausſprüche der heil. Schrift aufzurichten.„Herr, wenn ich dich nur habe,“ hörte —— 33 hörte man ihn beten,„ſo frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verſchmachtet, ſo biſt du doch meines Herzens Troſt und mein Theil!“ Noch am 29ſten April, welches ſein Todestag war, hörte man ihn bey anbrechendem Morgen beten um Segen für ſein Haus, und um ein ſeliges Ende für ſich ſelbſt. Seine Kräfte nahmen zuſehends ab, aber er ermannte ſich ſelbſt, gab ſeinen Kindern, die rings um ihn her an ſeinem Bette knieten, noch einmal ſeinen Segen und ſprach mit gelaſſener Stim⸗ me:„Ich komme mir jetzt nicht anders vor, als wie der Erzvater Jakob, da er ſeine Kinder ſegnete.“ Je näber er dem Tode kam, deſto öfter wiederholte er den Spruch:„Ich weiß daß mein Erlöſer lebt,“ und mit dieſen troſtreichen Worten im Herzen, ſchlief er um die neunte Stunde des Morgens ſtill und gelaſſen ein, indem er ſich ſelbſt noch die Augen zudrückte. Alle Umſtehenden weinten, und die Pre⸗ diger die ihn ſterben ſahen, ſprachen mit feierlicher Stimme, beyde zugleich:„Unſere Seele ſterbe den Tod dieſes Gerechten!“ x. H. Band. 3 Iv. Edles Benehmen des Kaiſers Leopold des Erſten gegen den Prinzen Eugen.*) Einer der blutigſten und ruhmvollſten Siege, welche je erfochten wurden, war der Sieg bey Zen⸗ ta, welchen Prinz Eugen von Savoyen den 1iten September 1697 über die Türken errang. Die tür⸗ kiſche Armee, obgleich ſie der Zahl nach weit über⸗ legen und durch Schanzen gedeckt war, wurde Abends um 6 Uhr angegriffen, und noch an dem nämlichen Tag völlig geſchlagen. Rach Verfluß von zwey Stun⸗ den waren 22,000 Feinde auf dem Schlachtfeld ge⸗ fallen, worunter der Großvezier Elmas Memed Baſſa, und der Janitſcharen⸗Aga Machmud *) Aus den Lebensbeſchreibungen dieſes Helden gezogen. Baſſa ſich befanden; 15,000 wurden in die Theiß geſprengt, oder gefangen genommen. Auch wurden 9,000 Wägen, 15,000 Ochſen, 7,000 Pferde, 6,000 Kameele, 160 Kanonen, 500 Fahnen und Standar⸗ ten, 7 Roßſchweife, und außer andern Koſtbarkeiten die reiche türkiſche Kaſſe erobert.*) Die außerordentliche Freude, welche die Nach⸗ richt dieſes Sieges verbreitete, war um ſo größer, je mehr man vorher wegen der Ueberlegenheit der türkiſchen Armee in großer Beſorgniß geweſen war. Aber der Ruhm dieſer Heldenſchlacht, durch welche ſich Eugen die Ehrfurcht von ganz Europa erwarb, erregte ihm auch den heftigſten Neid ſeiner Feinde und Nebenbuhler. Beſonders war es der Feldmar⸗ ſchall Aeneas Graf von Caprara, damals Ge⸗ heimrath und Vieepräſident des Hofkriegsraths zu Wien, welcher aus neidiſcher Furcht, es möchte ſein eigener in den Türkenkriegen erworbener Ruhm, durch Eugens Thaten, verdunkelt werden, den Prinzen zu ſtürzen ſuchte. Eugen hatte nämlich, nicht nur ohne Genehmi⸗ gung des Hofkriegsraths, ſondern ſogar gegen den *) Eine andere Angabe unterſcheidet ſich in der Anzahl der eroberten Kanonen, Wägen, Ochſen, und Pfer⸗ den, ſtimmt aber in der Zahl der getödteten Feinde, und in allem übrigen überein. 3 36 Willen deſſelben die Schlacht gewagt. Der Kaiſer hatte ihm vorher den ausdrücklichen Vefehl zugeſandt, keine Hauptſchlacht zu wagen. Ein Eilbote mit einem Brief, worin dieſer Befehl wiederholt wurde, war kurz vor dem Treffen noch angekommen. Eugen aber, von dem Inhalt des Briefs zum voraus über⸗ zeugt ſo wie von dem glücklichen Ausgang ſeiner Unternehmung, erklärte, er habe jetzt nicht Zeit, das Schreiben zu erbrechen und zu leſen, weil er ſo eben im Begriff ſey, die Türken anzugreifen; aber nach Beendigung der Schlacht wolle er es thun. Und ſo griff er an, und gewann einen der berühm⸗ teſten Siege, deren die Geſchichte gedenkt. DDieſe Gelegenheit ergriff Caprara, den Hel⸗ den förmlich anzuklagen.— Die vom Prinzen gelie⸗ ferte Schlacht ſey nichts als ein verwegener Streich, durch welchen der Kaiſerthron und die Monarchie aufs Spiel geſetzt worden ſey. Durch dieſe einzige Unternehmung hätte er leicht alles ins Verderben ſtürzen können. Er müßte daher vor ein Kriegsge⸗ richt geſtellt und ſein Ungehorſam beſtraft werden. Kaum war der Prinz von der Armee in Wien angelangt, ſo wurde ihm von dem Hofkriegsrath der Arreſt angekündigt, und ſein Degen abgefordert.— „Hier iſt er,“ rief der Held,„wenn ihn der Kaiſer verlangt. Noch raucht er vom Blute der Feinde. Und ich begehre ihn nicht wieder, außer wenn ich ihn für ſeinen Dienſt gebrauchen ſoll!“ 37 Durch dieſes Benehmen befeſtigte der Prinz die Liebe und Ehrfurcht, die er ſich bereits bey allen Gutgeſinnten erworben. Der Kaiſer, innigſt gerührt, wies jede Beſchwerde gegen den Prinzen ab, und erklärte ſeinen Feinden, daß er durchaus von keiner Klage hören wolle.„Davor bewahre mich Gott,“ rief er hochherzig aus,„daß ich den Mann, durch welchen mir Gott ſo viele Gnade zuwenden wollte, wie einen Riſſethäter vor das Gericht fordere. Ich bin ſolcher göttlicher Woblthat nicht werth; wie ſollte der noch ſchuldig ſeyn, deſſen ſich Gott als ein Werkzeug bedient hat?“ Hierauf wurde der Prinz vor den Kaiſer geführt. Leopold empfieng ihn mit den höchſten Ausdrücken ſeines kaiſerlichen Wohlwollens, dankte ihm als ei⸗ nem Retter des Vaterlandes, gab ihm die ausge⸗ zeichnetſten Ehrenbelohnungen, und ertheilte ihm, was ſeine Reider am meiſten beſchämen mußte, die Vollmacht, künftig nach eigenem Gutdünken im Kriege zu handeln. P v Eigenhaͤndiges Schreiben*) des Markgrafen KarlFriedrichs v. Baden an ſeine Miniſter beym Schluſſe des Jahrs 1777. Ein Denkmal der Gewiſſenhaftigkeit und Berufstreue dieſes unvergeßlichen Vater des Vaterlandes „Abermals iſt der Lauf eines kummervollen**) Jahrs ſeinem Ende nahe, und meine bedrängte Seele wirft ſich ſelbſt die Frage auf, welche Pflichten ſind in dieſem verfloſſenen Jahre erfüllt, welche verab⸗ ſüumt worden? Es ſoll dieſes, ich weiß es, die Frage *) Dieſes Schreiben des unvergeßlichen Markgrafen und nachher Großherzog Karl Friedrich haben wir aus der Geſchichte von Baden unter KarlFriedrich, von Freyherr von Drais, Bd. 2. auch hieher aufge⸗ nommen. Eine ſolche Gewiſſenhaftigkeit, mit der hier d des Tages und der Stunde, eben ſo wie des Jahres ſeyn; dann iſt ſie es aber allein des Gewiſſens, und nicht der öffentlichen Geſchäftöpyflege des Mannes, dem die publike Sache obliegt. Urſachen und Wirkungen können in dem Gange der Staatsmaſchine nicht im⸗ mer ſo nahe beyſammen ſeyn, daß ſie das Werk ei⸗ nes engen Zeitraums ausmachen ſollten. Die Epoche eines Jahres iſt aber doch wohl ein Raum, nach welchem die Frage angemeſſen zu ſeyn ſcheinet. Wat iſt alſo in dieſem Jahre gethan worden?— Was in dem Geheimrath?— Welche Geſchäfte von denen, die im Anfang des Jahres laufend waren ſind geendiget; welche davon haben einen ſolchen Druck bekommen, daß man ihrem Ausgang als ge⸗ wiß entgegen ſehen kann?— Welche ſind von der Art, daß man davon kein Ende ſiehet, wohl aber ein immer Zeit und Geld koſtendes Geſchäft?— Welche der Fürſt beym Schluſſe eines Jahrs an ſeine Regie⸗ rung zurückdenkt, iſt der beſte Beweis, wie ſehr ihm das Wohl ſeines Landes am Herzen lag. *) Kummervoll nennt hier der edle Fürſt das Jahr 1777, weil er in dieſem Jahr auf die ungerechteſte Weiſe von fanatiſchen Menſchen, beym Reichshofrath zu Wien, ößfentlich angeklagt worden war, als ob die Religion der Katholiken unter ihm gefährdet ſey. Ei⸗ nen ſolchen Rechtsßreit zu führen, mußte dem guten Herzen des Markgrafen äußerſt wehe thun, da er ſich ſeiner völligen unſchuld bewußt war, und alle ſeine unterthanen, ohne Rückſicht auf Religionsmeynungen liebte, und alle glücklich zu machen ſuchte. — ——— 40 Gegenſtände von einiger Wichtigkeit ſind vorgekom⸗ men, und abgethan worden?— Was iſt im Land verbeſſert, welche Mißbräuche ſind abgeſtellt?— Wel⸗ chen Elenden und Bedrängten iſt geholfen, und wel⸗ che Verdienſte ſind belohnt worden?— Ich ſollte mir zwar dieſe Fragen ſelbſt beant⸗ worten können, da ich den me ſten Stpungen dieſes Collegiums beygewohnt, oder doch davon den Vortrag vernommen habe; es iſt aber leider die Geſchichte der Geſchäfte ſo weitläufg, und deren Glieder ſo unzu⸗ ſammenhängend, daß das Gedächtniß eben ſo unver⸗ mögend iſt, ſich dieſelben mit einem Blick anſchau⸗ end darzuſtellen, als der Verſtand deren planmäßi⸗ gen Fortgang oder Stillſtand im Ganzen zu beleuch⸗ ten und zu beurtheilen im Stande iſt. Eine ſolche Muſterung der Geſchäfte ſcheint mir alſo nach einem gewiſſen Zeitraum höchſt nöthig zu ſeyn. Die nämlichen Beweggründe leiten mich in der nämlichen Abſicht zu den andern Collegien, denen die verſchiedenen Theile der öffentlichen Verwaltung an⸗ vertraut ſind, und ich ſehe mich veranlaßt zu fra⸗ gen: Was iſt in dem Hofrathscollegium von einiger Wichtigkeit vollendet worden, ſowohl zu der Berichti⸗ gung der Grenzen, und Abthuung der Zwiſtigkeiten mit den Benachbarten, als zu der innern Sicherheit des Landes?— Zur Befeſtigung des Eigenthums der Bür⸗ ger, und beſonders der unmündigen?— Zu Abſtellung aller Art von Bedrückungen, beſonders unmäßiger — 41 Gebühren und Accidentien?— Zur Erleichterung und Beförderung der Gewerbe?— Ueberhaupt, was iſt durch alle Arten von Gegenſtänden hindurch an⸗ gefangen, fortgeführt, und vollbracht worden. Wie viel waren in dem 1776er Jahr Rechtshän⸗ del bey dem Hofgericht hängend?— Wie viel ſind de⸗ ren in dem 1777er, zu Ende laufenden Jahre, amt⸗ lich entſchieden worden?— Und wie viele ſind deren noch jetzo hängend, und wie alt ſind ſe?— Hat ſch die Zahl der Prozeſſe vermehrt oder vermindert?— Wie hoch mögen ſich die Koſten belaufen, welche in dem Lande zu Ausführung der verſchiednen Rechts⸗ händel verwendet worden ſind?— Wie viele In⸗ quiſitions⸗Sachen haben ſich ereignet, und wie lange haben die Inquiſitionen gewährt? Was iſt in dem Kirchenrathscollegium zu der wahren Verbeſſerung des Kirchen und Schulweſens, nämlich zur wahren Ehre Gottes, und Erleuchtung und Verbeſſerung der Menſchen, ſowohl der Lehren⸗ den als Lernenden, Gutes geſchehen?— Was hat die Religion für neue Vortheile erlangt?— Welche Schritte ſind mit gedeihlichem Erfolg gethan wor⸗ den, um, ſtatt trockener, gedächtnißmäßiger Schul⸗ kenntniße, Rührungen und Empfindungen der Herzen zu Glaube und That rege und wirkſam zu machen?— Welche, um das Vertrauen der Pfarrer und ihrer Gemeinen zu verbinden, und die Hinderniſſe, welche daſſelbe zuweilen ſtören, aus dem Wege zu räumen?— ————— wnh—* 42 Sind bey dem Kammer⸗Collegium Vorkehrungen zu weſentlichen Verbeſſerungen des Rahrungsſtandes, dieſer Quelle des allgemeinen Wohlſtandes, getrof⸗ fen worden, und durch welche Geſchäfte hat man ſich einem blühenden Stande genähert?— Was iſt zur Verbeſſerung des eigentlichen Finanzweſens ge⸗ ſchehen?— Welche Mitglieder oder Subalternen dieſes Collegiums haben ſich ein Geſchäft daraus gemacht, ſich die wahren Grundſätze der politiſchen Oekonomie eigen zu machen, oder die bereits hierin erreichten Kenntniſſe zu erweitern, oder auf wirk⸗ lich vorliegende Gegenſtände anzuwenden?— Wie weit iſt man bey der Rechnungskammer mit Abhö⸗ rung der Rechnungen gekommen?— Was ſind für verrechnende Bedienſtungen viſitirt, und in welchem Stand ſind ſie befunden worden?— Hat man mit Regulierung einiger Bedienſtungen den Anfang ge⸗ macht? Ich weiß es, es iſt in dem zu Ende eilenden Jahr mit viel Fleiß und Eifer gearbeitet worden; demohngeachtet ſehe ich mich gedrungen zu fragen: Was iſt nun eigentlich gethan?— Ich meyne die Summe der auf den Staat nützlich wirkenden Kraft, ſtehe mit der Maſſe der durcheilenden Geſchäfte in umgekehrtem Verhältniß, je mehr ſich dieſe vermehrt, je unzulänglicher wird jene. Je mehr hingegen die Beſchäfte ausgelichtet werden, mit je mehr Rach⸗ druck, mit je mehr Energie und Schnellkraft alle Federn der Maſchine wirken. 43 Ich habe daher nur noch eine Frage zu thun: „Um“ wie viel haben ſich die Geſchäfte, der Zahl „nach, vermindert?“— Ich weiß es, ich werde nicht ſo verſtanden wer⸗ den, als wenn ich ſelbſt durch Obſtehendes zu einem weitläufigen Geſchäft Anlaß geben wollte, noch we⸗ niger aber wird man es als einen Mangel des Ver⸗ trauens, welches ich auf die Herren Geheimen Rä⸗ the und Chefs der Collegien ſetze, anſehen, da ich mich vielmehr deren klugen, redlichen, und unermü⸗ deten Unterſtützung zu beloben und zu erfreuen habe. Blos zu meiner Beruhigung wünſche ich, zu ſe⸗ hen, mit welchen Schritten wir auf der Bahn ge⸗ wandelt haben, welche uns bisher geführt hat?— Die Zuſammenhaltung des Vergangenen und Ge⸗ genwärtigen gibt dem Staatsmanne Gelegenheit, auf das Zukünftige zu ſchlieſſen. Der Lauf eines Jahres, iſt auch ein Theil der Geſchichte. Laſſen Sie uns ſehen, was wir unter Gottes Segen uns Gedeihliches auf das zukünftige Jahr zu verſpre⸗ chen haben. Carlsruhe den 12. Decemb. 1777. Carl Friedrich, M. zu Baden.“ — —— Ae ———————— ——— VI. Ausgezeichnete Heldenthaten teutſcher F ürſten. . Otto von Wittelsbach. Im Jahr 1455 mußte Kaiſer Friedrich der Erſte, auf ſeinem Rückzuge aus Italien, durch die engen Päſſe an der Etſch, die ſogenannten Berner Klauſen, mit ſeinem Heer vorüberziehen. Auf der einen Seite hatte er den Fluß, auf der andern, das ſteil aufgehende Gebirge. Alberie, ein Edelmann aus Verona, hatte die unzugänglichen Höhen des Gebirges mit fünfhundert Mann beſetzt, ließ Steine und Felſenſtücke herabrollen, welche dem teutſchen Heer den Untergang drohten, und verlangte, daß jeder Teutſche, der unbeſchädigt vorübergehen wolle, ſei⸗ nen freyen Durchzug entweder mit Geld erkaufen ſollte, oder mit ſeinem Pferde, oder im Nothfall auch mit ſeinem Panzer. Da warf der Kaiſer einen Blick auf die Helden, die ſich um ihn befanden, und be⸗ trachtete ſie nach der Reihe.„Otto von Vit⸗ telsbach“, ſprach er ſodann, das würde einem Mann, wie Ihr ſeyd, wohl anſtehen, dieſen Schimpf zu rächen.— Der tapfere Pfalzgraf ließ ſich nicht zweymal heißen, und kletterte mit 200 Kriegern, die er ausgewählt hatte, auf einem Umwege, über die ſchauerlichen Felſen, bis er die Italiener tief unter ſich hatte. Während der Kaiſer ſich ſtellte, als ob er von unten herauf die unzugänglichen Felſen erſtürmen wollte, worüber die Italiener lachten, ſo kam der Pfalzgraf mit ſeinen Helden von oben herab. Das Hohngelächter verwandelte ſich in Schrecken, und die Feinde wurden theils mit dem Schwerdte getödtet, theils von den Felſen herabgeſtürzt. Von 500 waren zuletzt nur noch 12 am Leben übrig; unter dieſen ein Franzoſe, welcher demüthig um ſein Leben bat, mit der Verſicherung, man habe ihn mit Gewalt gezwun⸗ gen/ dieſe ſchrecklichen Höhen zu beſteigen. Dieſem Franzoſen wurde das Leben geſchenkt, unter der Be⸗ dingung, daß er die 11 andern aufhängen müßte. (Vl. Bilderbecks Kriegs und Friedens⸗Anek⸗ doten. Peſth. 1811. Bd. 3. S. 10. 11.) 2. Marimilian Immanuel von Bayern. Der 6. September 1688 war der merkwürdige Tag/ an welchem die türkiſche Feſtung Velgrad von den Teutſchen mit Sturm erobert wurde. Marimi⸗ 46—— lian Immanuel, Kurfürſt von Bayern, führte damals, ſtatt des Herzogs Karl von Lothrin⸗ gen den Oberbefehl über die ganze Armee. Allent⸗ halben, wo die Gefahr am größten war, befand ſich auch er. Gleich beym erſten Anlauf wurde er durch einen Pfeil im Geſicht verwundet; aber er wich nicht zurück. Einmal ſchon waren die Teutſchen zu⸗ rückgewichen; und wieder vorgerückt; wankten ſie zum zweytenmal. Zwar hatten ſie mit großer Tapfer⸗ keit eine Breche erobert; aber die Türken ſtanden noch hinter einem Graben, und machten ein mörde⸗ riſches Musketenfeuer. In dieſem gefährlichen Au⸗ genblicke ſtellte ſich der verwundete Kurfürſt an die Spitze der ſtürmenden Soldaten.„Liebe Brüder,“ rief er ihnen zu,„ſehet mich an, gebet Achtung, was ich thue, folget mir nach,“ Durch dieſe Worte angefeuert/ folgten ſie ihm, ſprangen in den Graben, erſtiegen die Schanze, und eroberten die Stadt. (Vergl. Eugens Heldenthaten, 1r Thl. S. 277. wo gelegenheitlich dieſe ausgezeichnete That des Kur⸗ fürſten erzählt wird.) 3. Ludwig von Baden. Unter den vielen Beweiſen, welche dieſer badiſche Held, der weltberühmte Sieger von Niſſa und Sa⸗ lankemen, von ſeinem Heldenmuth gab, zeichnen wir hier folgende Begebenheit aus. — 47 Zur nämlichen Zeit, als der Kurfürſt Mapi⸗ milian von Bayern mit der Eroberung von Bel⸗ grad ſich beſchäftigte, war der Markgraf Ludwig mit einer Abtheilung des Heeres ſiegreich in Selavo⸗ nien und Bosnien eingedrungen. Als er eben bey Brod ſtand, wo eine Brücke befeſtigt werden ſollte, ſo er⸗ hielt er durch einen bosniſchen Bauern die Rachricht, daß die Türken mit nicht mehr als 4 bis 6000 Mann einige Stunden von dieſer Gegend ſtänden. Der Nark⸗ graf machte ſich den 4ten September 1688 mit 3000 Reitern und 4 Kanonen auf, und marſchirte bey Nacht durch eine unwegſame gebirgichte Gegend, um den türkiſchen Baſſa plötzlich zu überfallen. Den übrigen Tbeil ſeiner Truppen hatte er bey der Broder Brücke zurück gelaſſen. Als er am folgenden Morgen beym Dorfe Tervenitz ankam, ſo fand er einen Feind vor ſich, der wenigſtens 15000 Mann ſtark war, und in einer vortheilhaften Stellung ſtand. Deſſen ungeach⸗ tet aber beſchloß er mit ſeinen 3000 Mann gegen die fünffach ſärkere Anzahl der Türken zu ſtreiten, in⸗ dem er ſich auf die Tapferkeit ſeiner Krieger verließ. Die Türken thaten drey heftige Angriffe, aber die Chriſten, durch die Gegenwart und durch den Hel⸗ denmuth des Markgrafen angefeuert, wichen keinen Schritt, und fochten mit den Degen ſo tapfer, daß zuerſt der rechte und ſodann der linke Flügel der Tür⸗ ken dem Lager zufloh. Hier kamen beyde Theile ſo nahe an einander, daß ſie einander nicht bloß mit den Gewehren, ſondern ſogar mit den Händen an⸗ griffen und zu ermorden ſuchten. Die Türken wehr⸗ 48 ten ſich aufs hartnäckigſte, wurden aber völlig ge⸗ ſchlagen; 5000 von ihnen blieben auf dem Platz, und unter ihnen der Baſſa ſelbſt; 2000 wurden ge⸗ fangen und die übrigen zerſtreut. Das ganze Lager nebſt Kriegsvorrath ſiel in die Hände des Siegers, und gegen 40 Fahnen wurden nach Wien geſchickt. Der Marksraf ſelbſt, allen ein Vorbild der Tapfer⸗ keit, hatte ſechs Türken mit eigner Hand erlegt. Auf dieſe berühmte Begebenheit bezieht ſich das ſchöne Epigramm von Haug: Mit kaum dreytauſend im Feld, Den Türken gegenüber geſtellt, Schlug Markgraf Ludwig der Held Wohl ſechszehntauſende.— Wie?— Er hatte mehr Männer als ſie. (Vergl. Theatrum Europ. Tom. 13. Seite 954. Sachs badiſche Geſch. Bd. 3. S. 515— 17.0 VII. Sebaſtian Schertlin, von Burtenbach.*) Dieſer Held ward geboren im Jahr 1495 zu Schorn⸗ dorf im Wirtembergiſchen. Er zeichnete ſich in den Kriegen gegen die Franzoſen und Türken zur Zeit Karls V. als einer der größten teutſchen Helden und Feldherrn aus; wurde ſchon im Jahr 1528, nach der Schlacht von Pavia zum Ritter geſchlagen, und ſtand daher anfänglich bey dem Kaiſer im größ⸗ ten Anſehen. Später aber wurde er von dem Kaiſer und ſeiner Parthie eben ſo ſehr gehaßt, als er frü⸗ her geachtet war; denn Schertlin, ein Proteſtant, befand ſich im ſchmalkaldiſchen Krieg als Feldherr bey der Armee, die ſich gegen den Kaiſer verbündet hatte. Wahrſcheinlich hätte auch dieſer Krieg für die Verbündeten einen beſſern Ausgang genommen, wenn die Fürſten von Sachſen und Heſſen, auf Schertlins kluge und treue Rathſchläge mehr ge⸗ * Den Namen von Burtenbach führt er, weil er dieſen Drt unweit Angsburg gekauft hatte. 50 achtet hätten. Von ſeinem kaltblütigen Heldenmuth aber, liefert folgende Begebenheit den beſten Beweis. Im Jahr 1546, während er bey der Armee der ſchmalkaldiſchen Bundesgenoſſen ſtand, rief ihn die Stadt Augsburg von der Armee ab, um ihr gegen den Kaiſer zu Hülfe zu kommen, welcher mit einer Belagerung drobte. Schertlin, der ſeit dem Jahr 1530 im Augsburgiſchen Sold und Dienſten ſtand, und ſich für ſein ganzes Leben dieſer Stadt verpfich⸗ tet hatte, auch die Armee, wo man ſeine beſten Ratbſchläge bisher verſchmähte, um ſo lieber verließ machte ſich Abends um 9 Uhr auf, bloß von 70 Rei⸗ tern und 100 Fußgängern umgeben, um mit Hülfe der dunkeln Racht deſto ſicherer über Laugingen nach Augöburg zu kommen. Noch wußte er nicht, daß Laugingen bereits von den Kaiſerlichen eingeſchloſſen war. Er zog dahin, aber in der Nähe des Ortes be⸗ merkte er, daß er, ohne es vorher zu wiſſen, in das feindliche Lager hineingeritten ſey. Die kaiſerlichen Wachen hatten ihn ruhig vorbeyziehen laſſen, in der Meynung, daß es ein kaiſerlicher Offizier ſeyn müſſe, weil er ſo ſorglos in ibr Lager hineinreite. Hinter und vor ihm loderten jetzt die feindlichen Wachtfeuer auf; es wurde hell, und man ſah die feindlichen Sol⸗ daten und Schanzen. Seine Leute wollten zwar zu⸗ rück, aber Schertlin, voll Geiſtesgegenwart, ſtellte ibnen vor, wie gefäbrlich der Rückzug ſey, weil man durch eine plötzliche Wendung alle Wachen zugleich aufmerkſam machen würde. Das einzige Nittel der Rettung ſey jetzt, den Irrthum zu benutzen, und wo möglich, durch das Lager hindurch zu ſchleichen. Er hoffe, daß ſie ihn nicht verlaſſen würden, da er ihnen ſein Leben anvertraut habe.„Mir nach,“ ſagte er ſodann,„liebe Brüder, meine Haut gilt es, wenn die Sache mißlingt, ſo Gott nicht zulaſſen wird!“ Nun rückte er mit ſeinen Leuten dreiſt, und ohne ein Zeichen der Furcht zu verrathen, durch das feindliche Heer und ſeine Schanzen. Die Spanier und Italie⸗ ner, aus welchen dieſes Heer größtentheils beſtand, hielten ihn für einen kaiſerlichen General, und mein⸗ ten, er habe den Auſtrag, Langingen zur Uebergabe aufzufordern, weil er gerade der Stadt zureite.— Schertlin ſprach kein Wort, bis er an die Wa⸗ genburg kam. Hier gab er den Befehl dieſelbe zu er⸗ öffnen, welches auch nicht gehindert wurde. Er kam nun glücklich an das Thor, nannte denen, die auf der Mauer ſtanden, ſeinen Ramen, und bat, herein⸗ gelaſſen zu werden. Dieſes Thor aber war zugewor⸗ fen und verſchanzt, und man konnte ihm nicht will⸗ fahren. Schertlin wendete um, ritt um die Stadtmauer bis an das nächſte Thor, und zog an einem ganzen Regiment Spanier vorbey, welches mit brennenden Lunten Wache hielt. Er kam an das andere Thor, und fand hier auf den Mauern ſeinen Schwiegerſohn, Johannvon Stammheim, worauf er mit allgemeinem Jubel empfangen wurde. Am folgenden Tage verließ er die Stadt wieder, begleitet von ſeinem Schwiegerſohn, welcher drey Augsburger Compagnien bey ſich hatte, und mit ſich nahm. Ein feindlicher General verfolgte ihn jetzt mit überlegener Macht; aber Schertlin ſchlug ſich ſiegreich durch, und kam glücklich in Augs⸗ burg an. Auf dieſe Begebenheit deutet ſchon Seckendorf, in ſeinem berühmten Werke über die Reformations⸗ geſchichte,(Buch 2. Abſchn. 2. 5. 27.) indem er kurz erwähnt, daß Schertlin durch das feindliche Lager bey Laugingen gebrochen ſey. Seckendorf war, mütterlicher Seite, ein Abkömmling von unſerm Helden, und hatte deſſen hinterlaſſene Papiere in ſeinen Händen. Weitläufiger aber wird der ganze Vorfall in den Beyſpielen des Guten(Stutt. 1808. Rro. 366.) erzühlt. 3 53 VIII. Gerhard David von Scharnhorſ) 8 Scharnborſts Name wurde mit Ruhme ſelbſt im brittiſchen Parlament genannt, wo man von jeher freygebiger mit Gold als mit Lob war; und ſein Tod wurde in Teutſchland zu einer Zeit betrauert, wo man freygebiger mit Blut als mit Thränen war. Ei⸗ nen ſolchen Ausgang verſprach der Anfang ſeines Lebens nicht. So lange ſein Vater, ein Landmann in Rieder⸗ ſachſen, um das Gut Bordenan gerichtlich ſtritt, und als Pächter zu Hämelſen wo Scharnhorſt 1786 ge⸗ boren wurde, und dann zu Vothmar kümmerlich lebte, wuchs der Sohn bey ſchwerer Feldarbeit, und ohne andern Unterricht als in der Dorfſchule, heran. In⸗ deß verrieth ſich ſchon hier, was in ihm lag, durch die Begierde, womit er einige Schriften die ſich bey dem Prediger, über den Erbfolge⸗ und ſiebenjährigen Aus der allgemeinen Zeitung aufgenommen, Jahr⸗ gang 1814. Beylage Nro. 32. 54— Krieg fanden, verſchlang, und womit er an Erzäh⸗ lungen von Feldzügen hieng. Schon damals befeſtigte ſich bey ihm der Vorſatz Kriegösdienſte zu nehmen. Er ward ausgeführt, als ſein Vater endlich zum Be⸗ ſitz des Guts Bordenau gelangte, in deſſen Nachbar⸗ ſchaft der bekannte portugieſiſche General Graf Wil⸗ helm von Lippe⸗Bückeberg eine Artillerieſchule zu Steinhude errichtet hatte. In dieſe trat der 15 jährige Jüngling, und ſeine ſchnellen Fortſchritte in der Kriegswiſſenſchaft und den neuern Sprachen, machten ihn zum Liebling des Grafen. Nun war er gerade in der für jeden jungen Mann entſcheidenden Bildungszeit, in der glücklichen Lage ſowohl das Handwerksmäßige als das Wiſſenſchaftliche ſeines Standes kennen zu lernen, und die höhern Geſichtspunkte davon aufzufaſſen. Das Uebergewicht, welches er dadurch erhielt, zeigte ſich bald. Als er nach dem Tode des Grafen 1777, als Fähndrich in das Eſtorſſche Dragoner⸗Regiment kam, welches zu Nordheim lag, ward ihm der Unterricht der Un⸗ teroffiziere anvertraut, und ſelbſt die ältern Offiziere ließen ſich gefallen, von dem anſpruchloſen Jüngling zu lernen, der nicht ihnen, ſondern nur in ſeiner Wiſſenſchaft vorgehen wollte, und bey dem es mehr wie in eines Gelehrten, als in einer Offiziers Stube aus ſah. Neben Rißen und Landkarten, lagen Dichter und Mathematiker aufgeſchlagen, und neben Fern⸗ röhren mit Mikrometern, für den Kriegsgebrauch⸗ ward an ſtatiſtiſchen Tabellen gearbeitet. — 55 „Seine Anſtellung bey der Kriegsſchule zu Han⸗ nover, verſchaffte ihm im Jahr 1780, die Benutzung aller wiſſenſchaftlichen Hülfsmittel.— Nun erſchien ſein Handbuch der Kriegswiſſenſchaft, ſein Taſchen⸗ buch für Offiziere, und ſein militäriſches Journal. Der franzößſche Krieg führte ihn als Hauptmann einer reitenden Artilleriecompagnie ins Feld, und der Tag von Menin 1794 erwarb ihm vom König von England einen Ehrenſäbel*), und die Majorſtelle im Generalſtabe, auf den Bericht des Generals von Ham⸗ merſtein, daß Scharnhorſt den Plan zu dem An⸗ griff entworfen habe. Der verewigte Herzog von Braunſchweig, dem kein Verdienſt entgieng, gab ihm ſeitdem mehrere Beweiſe ſeiner Achtung, und erwarb ihn 1801 für Preußen, wo er Obrißtlieute⸗ nant bey dem 3ten Artillerie⸗Regiment, dann 3ter Quartiermeiſter⸗Lieutenant bey dem Generalßabe wurde, und wie früher zu Nordheim, nun zu Berlin, für Ofſiziere Vorleſungen hielt, wodurch er ſchnell bekannt ward und andere kennen lernte. Als Obriſter zog er mit dem Heer nach Auer⸗ ſtädt, und von dort zweymal verwundet, als Chef des Generalſtabes, mit dem General Blücher nach Lü⸗ beck. Nach deſſen Einnahme und ſeiner Auswechs⸗ Das Corps vertheidigte nicht nur Menin vortrefflich, ſondern ſchlug ſich auch durch einen zehnfach— Feind durch. lung eilte er nach Preußen, wo er die kalte Veſon⸗ nenheit/ welche immer zunahm, je höher die Gefahr ſtieg, beſonders bey Eylau zeigte. In dem entſchei⸗ denden Augenblicke war ſeine ganze Seele gleichſam nur ein Gedanke, ohne Leidenſchaft, ohne Gefühls⸗ eindruck. Einen ähnlichen Zuſtand des Prinzen Fer⸗ dinand im ſiebenjährigen Krieg, nannte ſeine Um⸗ gebung das Bataillengeſicht. Scharnhorſt ward um dieſe Zeit Generalma⸗ jor, und verwandte die Muße des folgenden Friedens um auf den Krieg zu denken, da er an der Spitze der Kommiſſion ſtand, welche den Plan zu der neuen Ein⸗ richtung der Armee entwarf, und da er Alles im Stil⸗ len vorbereitete, um die ſämmtlichen Vertheidigungs⸗ mittel handhaben zu können, wenn es einſt gelten ſollte. Er iſt in Preußen der Schöpfer der Landwehrordnung, welche in dem europäiſchen Kriegsweſen ſchon jetzt eine Aenderung hervorgebracht hat, und ſie noch mehr hervorbringen muß Jeder gehorchte ihm gern, weil er nicht befahl, ſondern allen im Gehorſam vorgieng, und weil er allen zu dienen ſchien, da er nicht dem Eigennutz und der Habſicht, ſondern der teutſchen Sache diente. Wie nach der Dichtung plötzlich aus der Erde gewaffnete Männer ſich erhoben, ſo ſtand Heer, Landwehr und Landſturm auf dem Schlacht⸗ felde, als man noch im Auslande an der Ausführ⸗ barkeit der Verordnung zweifelte; und ihre Wirkung verwandelte bald den Spott des Moniteurs über dieſe Verordnungen in Vitterkeit gegen Scharnhorſt. — 57 Aer leider! ſollte Scharnhorſt das Ende des großen Kampfes nicht ſehen. Iſt er den Feldherrn des Alterthums dadurch gleich, daß er beym Pfluge erzogen war, ſo iſt er es auch durch die Weihe, womit er für Teutſchlands Sache ßel. In der Schlacht bey Groß⸗Görſchen ward er verwundet, dennoch unternahm er, weil ihm ſeine Vaterlands⸗ liebe keine Ruhe ließ, die Reiſe nach Wien, und erſchöpfte ſich dort, und noch mehr zu Prag, durch die Arbeit an dem Plan zu dem neuen Feldzuge. Der Zuſtand der Wunde verſchlimmerte ſich; er achtete es nicht, denn eben jetzt war der emrſchei⸗ dende, langerſehnte Augenblick gekommen. Aber ge⸗ rade, als die ſchönſte Hoffnung ſeines Lebens in Erfüllung gieng/ erlag er der Anſtrengung. Er ſtarb zu Prag am 28. Juny 1813, im 57ſten Jahre ſeines Alters. Sein Nachfolger in der preußi⸗ ſchen Kriegsverwaltung war der General von Gnei⸗ ſenau, und das herrlich begonnene Werk ward nun mit dem glänzendſten Erfolge ausgeführt. IX. Preiswuͤrdige Beyſpiele freywilliger Aufopferung des Lebens. 4 Berthold Deimling. Warkgraf Georg Friedrich von Baden, ein Fürſt, der ſich eben ſo durch Großmuth als Tapfer⸗ keit auszeichnete, lieferte im Sojährigen Krieg, den 26. April 1622, den Heſtreichern, welche Tilly befehligte, die Schlacht bey Wimpfen am Neckar, 2 Stunden unterhalb Heilbronn. Obgleich die Oeſtrei⸗ cher der Zahl nach weit überlegen waren, ſo hielt doch das badiſche Heer muthig Stand, und der Sieg ſchwankte hin und her. Plötzlich aber flogen, durch irgend eine unbekannte urſache, die badiſchen Pul⸗ verwagen in die Luft, und es entſtand eine völlige Unordnung. Der Narkgraf bot zwar alles auf, um ſeine Leute zum Stehen zu bringen, und ſcheute keine Gefahr, aber alle Bemühung war umſonſt. Die Schlacht war verloren, und er ſelbſt ſchien der ſchmählichen Gefangenſchaft nicht mehr entrinnen zu können. Da entſchloſſen ſich Berthold Deimling, Bürgermeiſter zu Pforzheim, und mit ihm vierhun⸗ dert Bürger derſelben Stadt, welche die Leibwache des Markgrafen ausmachten, und unter Deimlings Befehl ſtanden, durch Aufopferung des Lebens, ih⸗ rem Fürſten den Weg zur Flucht zu bahnen, und ihrer Mitwelt das erhabene Beyſpiel eines freywilli⸗ gen Todes für Vaterland und Glauben, wofür ſie fochten, zugleich zu geben. Der Markgraf, durch die Bitten der Seinigen gedrängt, und durch die Vorſtel⸗ lungen, daß die Schlacht auf jeden Fall verloren ſey, er möchte alſo ſein Leben zum Wohl des Vaterlan⸗ des ſparen, verließ das Schlachtfeld.— Deimling und ſeine Vierhundert ſtellten ſich gegen das ganze feindliche Kriegsheer, fochten mehrere Stunden mit unbeſiegbarer Tapferkeit; verwarfen zweymal die Gnade, die ihnen Tilly anbot, und ſtarben alle mit einander den Tod, welchen die dreyhundert Un⸗ ſterblichen von Termopilae ſtarben. Dieſe herrliche Begebenheit wurde von Ernſt Ludwig Poſſelt, dem berühmten Redner und Ge⸗ ſchichtſchreiber, durch eine eigene meiſterhafte Rede gefeyert, welche er im Jahr 1788 zu Karlsruhe in Gegenwart des Markgrafen Karl Friedrichs htelt. Außerdem ſind derſelben That zu Ehren zwey Schan⸗ wpiele verfertigt worden. —— S Emmanuel von Froben. Friedrich Wilhelm der Große von Bran⸗ denburg, welcher einer der edelſten Fürſten war, und daher den verdienten Beynamen des großen Kurfürſten führt, lieferte den 15. Juni 6765 die Schlacht bey Fehrbellin, und gewann über die Schwe⸗ den einen glänzenden Sieg. Beynahe aber wäre er ſelbſt ungekommen, wenn nicht einer ſeiner Diener ſein Leben für ihn freywillig hingegeben hätte. Der Kurfürſt ritt in der Schlacht auf einem weiſ⸗ ſen Pferd, welches bald von den Feinden erkannt wurde. Die Schweden richteten daber ihr Geſchütz beſonders auf die Stelle, wo dieſes Pferd ſich befand. Emmanuel Froben, ſein Stallmeiſter, der ſich in ſeiner Nähe befand, machte ihn auf die Gefahr aufmerkſam, aber der Kurfürſt achtete nicht darauf. Ein ſchwediſcher Ueberläufer beſtätigte, daß die Fein⸗ de denſelben an ſeinem Pferde erkannt hätten; aber auch dies machte wenig Eindruck auf ihn. Endlich erſann der Stallmeiſter eine edle Liſt. Er äußerte ihm, da das Pferd, auf welchem der Kurfürſt ſitze, ſich zu ſehr bäume, ſo könnte es bey zunehmender Schlacht leicht ſcheu werden, und dann ſey zu be⸗ fürchten, daß er dadurch gehindert werde den Gang der Schlacht gehörig zu leiten. Zugleich bat er ihn⸗ er möchte aus dieſer urſache ſein Pferd mit ihm wechſeln.— Der Kurfürſt beſtieg nun des Stallmei⸗ ſters Pferd/ und dieſer den Schimmel ſeines Fürſten. Bald darauf wurde Froben von einer Kanonenku⸗ gel getroffen, und ſank hinter dem Kurfürſt todt auf die Erde. Dieſe merkwürdige Geſchichte führt der Preußen König, Friedrich der Große, in ſeinen Denk⸗ würdigkeiten des Hauſes Brandenburg an. Wahr⸗ ſcheinlich hatte er ſie durch mündliche Ueberlieferung erhalten, die ſich aus dem Munde des Kurfürſten, Friedrich Wilhelm, ſeines urgroßvaters auf ihn fortgepflanzt hatte. Vgl. Franz Horn, Leben des Kurfürſten Fried⸗ rich Wilhelm. Verlin 1814. S. 284— 282.) Baron von Freiberg. Im ſpaniſchen Erbfolgekrieg unternahm Prinz Eugen, den 1. Februar 1702, das kühne Wagſtück, die Feſtung Cremona in Italien zu überrumpeln. Im größten Schlachtgetümmel, als gerade der Kampf auf dem Punkte der Entſcheidung ſtand, drang Baron von Freiberg an der Spitze des Cuiraſſier⸗Regi⸗ ments, das er befehligte, in die Feinde ein. Er wurde aber von dieſen umringt, und der feindliche Commandant forderte ihn auf, ſich zu ergeben.— „Heute iſt kein Tag,“ rief Freiberg, wo man Pardon nimmt!“— Rit dieſen Worten ſpornte er 62— ſein Pferd noch einmal an, ſtürzte ſich fechtend auf die Feinde, und ſank vom Pferde herab,/ durch das Musketenfeuer getödtet. (Vgl. Eugens Heldenthaten, 5r Thl. Seite 174, wo dieſer Vorfall gelegenheitlich erzählt wird.) 4. Die preußiſchen Fahneniunker. RNach der unglücklichen Schlacht von Jena, zeich⸗ nete ſich beſonders das preußiſche Regiment Treskow auf ſeinem Rückzuge aus. Am 17ten Oktober 1806 ſchlug es ſich mehrere Stunden lang gegen eine weit überlegene franzöſiſche Macht, ſo lange noch die ge⸗ ringſte Hoffnung der Rettung vorhanden war. In dem Augenblick aber, als alles verloren war, faß⸗ ten zwey Fahnenjunker, von Kleiſt aus Pommern, und von Könitz aus Anſpach, den heldenmüthigen Entſchluß, wenigſtens ihre Fahnen zu retten, wenn es auch gleich ihr Leben gelten ſollte, und ſomit für die Ehre des preußiſchen Namens zu ſterben. Sie wickelten ihre Fahnen um den Leib, ſprangen in die Saale, und fanden in den Fluthen den Heldentod. (Vergl. Das politiſche Journal März 1807. S. 3050) — 63 Eine äbnliche Geſchichte erzählt Florus, im 12. Kapitel des 4. Vuchs, von einem römiſchen Fahnenträger. Als in der Teutoburger Schlacht drey Legionen, durch Hermanns Schaaren zer⸗ nichtet wurden, ſey der Fahnenträger der dritten Legion mit dem Adler, den er von der Stange her⸗ abgenommen, in einen Sumpf geſprungen, und da⸗ rin untergegangen. Man hat dieſe That bewun⸗ dert, und der Nachwelt überliefert;— und darum ſoll auch nie der Heldentod der beyden Teutſchen vergeſſen werden, welche durch ihren Tod dem gan⸗ zen Volk ein begeiſterndes Beyſpiel für das Vater⸗ land zu ſterben, gegeben haben. Hochherziges Schreiben des tentſchen Ritters utrich von Hutten⸗ an Friedrich den Weiſen, Churfürſten von Sachſen⸗ im Jahr 1520. (Aus dem Lateiniſchen überſetzt von E. Münch.) Vorbericht. Unter den Briefen, die Ulrich Hutten für die teutſche Freyheit an Freunde der guten Sache und an die Gewalthaber ſchrieb, zeichnet dieſer ſich vor⸗ züglich aus durch den unverkennbar glühendſten Ei⸗ fer für des begonnenen Werkes Gelingen. Furcht⸗ bar gießt er in mehreren Stellen den Donner ſeiner Rede über der Gegner unedles Benehmen und über die Erbärmlichkeit ihrer ebenſo grauſamen als hin⸗ terliſtigen feigen Politik aus; und wären wir auch über die Sache mit ihm nicht einverſtanden, wir müßten müßten den göttlichen unmuth und die blutigen edeln Thränen bewundern, ſo eine felſenfeſte Ueberzeugung ihm entlockt, und in der er wie ein Prophet der Vorzeit, den Zorn der Gottheit verkündend daſteht. Auch hat er an Friedrich den Mann gefunden, den er ſuchte, mehr denn an dem ſpaniſchen Karl, deſſen von der neuern Politik und dem Länderdurſt eingefangener Sinn die Briefe Huttens an ihn, und die darinn enthaltenen Aufforderungen, Worte teutſcher Männerkraft nicht mehr verſtund oder ver⸗ ſtehen wollte. Wir geben dieſen Brief zugleich als eine Probe der nach, oder vielleicht mit der Ge⸗ ſammtausgabe von Huttens Schriften, erſcheinende „Sammlung der teutſchen Schriften ul⸗ richs von Hutten, und auserleſener latei⸗ niſcher in Ueberſetzung.“ 15 X* Dem unüberwindlichſen Fürſen Friedrich, Herzogen und Churfürſten von Sachſen, erbeut Ulrich von Hutten, der teutſche Ritter ſeinen freundlichen Gruß! Jetzt endlich, Fürſt Friedrich! ſeh' ich ein, daß man der römiſchen Tyrannei entgegen wüthen müſſe. Jetzt endlich, nachdem unſre Brüder die Romaniſten auf ſo häufige brüderliche Mahnung, auf ſo wiederholte neberführung durch Gründe, nicht nur II. Band. 6 66 i das, was uns drückt, nicht zu mildern, ſondern trotziger noch ins Werk zu ſetzen verſuchen. Haſt du gehört, wie ſie mich gefeſſelt nach Rom zu ſchleppen begehrten? was hältſt du davon? glaubſt du, daß es ihrer würdig ſey? Run aber haben ſie Gott weiß welch' gewaltige und fürchterliche Bulle gegen Luthern*) ausgeſchlendert! Gewiß wirſt du ſagen, es ſey dies des Löwen(Leonis) Gebrüll, in welchem, wenn ſi es hören, die armen Schafe Chriſti nicht eines Hirten fromme Stimme erkennen⸗ ſondern vor ihm als eines Wegelagerers blutdürſti⸗ gem Ruf zuſammen beben. Iſt wohl eine Spur chriſtlicher Sanftmuth, iſt wohl ein Fünkchen apo⸗ ſtoliſcher Beſcheidenheit darinn zu finden? Derge⸗ ſtalten ſchäumt und wüthet er. Dann aber leuchtet ſeine Wildheit vorzüglich heraus, wenn er, wie es ſo oft in dieſer Bulle geſchieht, ſich verſtellt, und liſtig wohlwollend heuchelt; ſo z. B. wenn er gar freundlich Luthern nach Rom einladet. Als wenn wir nicht wüßten, wie er uns behandeln würde, es möchte nur jener ſich überreden laſſen und frey⸗ willig kommen, oder ich mit Gewalt dahin abge⸗ S Juny 1620 wurde die Verdammungs⸗Bulle des Pabſtes Leo X. zu Rom gegen Luther ausge⸗ fertigt. Sek, der ſie nach Leutſchland brachte, und mit ihm die andern Päbſtler aus geiſtlichem und weltlichem Stand, ſuchten ſie zu verbreiten. Bald darauf wurde Hurtens gegenwärtiger Brief geſchrir⸗ ben. führt werden. Luther alſo, wenn er mich hören will, wird nie einem ſichern Tod entgegen gehen. In Hinſicht meiner aber wundert es mich ſehr, wer dem Leo in den Kopf geſetzt, es wäre ein Leichtes, mich zu faſſen, und gebunden mitten aus Teutſchland über die in ihrem Uebergang ſo be⸗ ſchwerlichen Alpen zu ſchleppen. Geſetzt doch, ihm wäre es möglich; ziemt ſolches der Würde eines Hirten, eines Biſchofs, eines Statthalters Chriſti, ohne Anklage, ohne Verhör, alſogleich einen Men⸗ ſchen und Chriſten zur Strafe zu zieh'n, und zum Tode hinzuſchleppen? Unſere ganze Schuld aber und unſer ganzes Glück beſteht darinn, daß wir die längſt veralterte, und ſelbſt beynahe vernichtete evangeliſche Lehre zu ihrer Kraft, und ehevorigem Glanze zurückzurufen uns unterfiengen, und nicht erdulden, daß unſer Teutſch⸗ land dem unter allen Rationen des Erdkreiſes zu⸗ erſt die Freyheit gebührt, dienſtbar ſey. Solches mißfiel jenem Oberhirten, Chriſto aber gefiel es. Die Freyheit that der feilen Habgier der römiſchen Curie Eintrag, dem längſt hülfloſen Vaterlande aber war ſie zum Frommen. Auch wir, gewillet, Chriſto nur zu dienen, konn⸗ ten nicht den Begierden eines Einzigen ſchmeicheln, und, da es die Rettung der Heimat galt, mit den Römlingen Parthei machen. Daher hat, wie er ſelbſt dafür hält, kein Friede mit jenen ſtatt, weil dieſer 66 nur mit der Wahrbeit möglich iſt. Deßwegen ſprach ich:„nun endlich muß man ihnen entgegenwüthen/ da wir ſelbſt ergriffen werden, und ihre Bosheit den Gipfel erſtiegen. Vielleicht auch, weil es Zeit zu ſeyn ſcheint, daß der Herr jeden Uebermüthigen heimſuche, der über die Schwelle ſchreitet, und das Haus des Herrn ſeines Gottes mit Ungerechtigkeit und Betrug erfüllt; und daß ſie zertreten werde die Krone der Hoffarth der Betrunkenen Ephraims.“ Denn allerdings, wenn nicht alles mich täuſcht, ſo iſt dem nahe, daß es fällt das große Babel, die Mutter der Unzüchtigkeiten und Gräuel der Erde, wel⸗ che die Erde mit ihrer Erniedrigung verdarb; jener, ſag' ich, mit aller Unfläthigkeit angefüllte, allen La⸗ ſtern unterthane römiſche Stuhl, der, während er himmelweit von den Satzungen Chriſti abwich, den⸗ noch Chriſti Stelle hier zu verſeben behauptet, und zwar dies ausſchließlich behauptet und ſich brüſtet, der allgemeinen Kirche Haupt zu ſeyn, ja dies ein⸗ zig und allein zu ſeyn, und welcher dem Erdkreis ſein eigenes Götzenbild hinſtellt, jene apoſtoliſche Perſon, die außer den Reichen dieſer Erde und den Schätzen der Welt, und den Wollüſten des Körpers um nichts Uebriges ſorget, von wegen deſſen Kriege führt, und Blut verſpritzt, dennoch aber immerwäh⸗ rend den Augen der Gläubigen die Schlüſſel vor⸗ bält, und den Himmel zu ſchließen und öffnen zu können ſich rühmet, mit ſolcher Zuverſicht, daß ſie ſelbſt das Heilige und Himmliſche um gemeinen Preis uns tagtäglich verkauft, oder nach Gefallen ſeinen — 69 Senuß verbeut, und dies ſelbſt Gutgeſinnten. Fallen wird ſie gewiß, ſie wird fallen. Denn ſchon wähn'ich die göttliche Stimme zu hören, die gegen das viel⸗ köpfige Ungethüm uns anſpornt, ſprechend:„Vergel⸗ tet ihm, wie es euch vergolten, und verdoppelt ſeine Werke im doppelten Maaße! In den Becher, wo⸗ rin es euch Gift gemiſcht, ſchüttet nochmal ſo viel! Wie es ſich groß gemacht hat, und in Wollüſten da⸗ hin lebte, ſo theilet ihm der Qual und des Jam⸗ mers zu! denn es ſpricht in ſeinem Herzen: ich gehe dennoch als Königinn einher, bin keine Wittwe, noch werd ich Jammer erdulden und dergleichen.“ Entweder verhält ſich dieſes ſo, oder ich täuſche mich in der wahrſcheinlichſten Sache. Denn könnte wohl all dies noch weiter getrieben werden? Oder muß dies alles, da es ſein Maaß erfüllt, und die höchſte Höhe erreicht hat, nicht ſich auflöſen, zuſam⸗ menſtürzen? Oder wer ſoll es rächen, wer die rings verworrenen Verhältniſſe beſſern und reinigen? Muß es nicht Gott? Gewiß Gott muß es, aber, wie ſo oft zuvor, nur durch Menſchenhände. Ihr aber, Fürſten Teutſchlands! was ſchafft ihr hierbey? Durch welchen Ratbſchlag, welche Hülfe ſeyd ihr uns zu unterſtützen geſonnen? Du vor allen, dem es gleichſam durch ein Erbrecht zukömmt, über die germaniſche Freyheit zu wachen, welch ein Mit⸗ tel räthſt du an? welchen Weg wirſt du zu unſrer Hülfe einſchlagen? Wollte Gott, ihr, die ihrs ver⸗ 70 möchtet, hättet den Muth, oder wir, die wirs wa⸗ gen möchten, beſäßen hinlängliche Kräfte, um mit dem Lamm, dem Erlöſer des menſchlichen Geſchlechts, gegen das vielköpfige Thier, das gemeinſame Uebel des chriſtlichen Erdkreiſes anzuknüpfen, welches nun mit ſo vielen Männern die Wahrheit bekriegt, die Heiligen betrübt, die Freyen in die Knechtſchaft zwingt, unſre Schätze aufzehrt, unſre Beſitzthümer verſchleu⸗ dert, durch ſein Beyſpiel die öffentlichen Sitten verpeſtet, und allmählig angebetet wird von jenen, deren Namen nicht geſchrieben ſteh'n im Buche des Lebens, und die zu uns ſprechen:„Wer iſt dem Thier gleich, oder wer vermag mit ihm zu ſtreiten?“ Drum, auf! die ihr's vermöget, erſcheint! und wenn ihr aus unſerm Aufruf Muth geſchöpft, ſo ver⸗ einigt wechſelſeitig eure Kraft mit uns. So nur, wird es möglich, daß dieſe Krankheit ſich in Ge⸗ ſundheit wieder verwandle. Rie werd' ich unterlaſ⸗ ſen, ein eifriger Mahner um euch zu ſeyn, und ſo lange mich euch anklammern, bis ich euch ent⸗ weder von der alten Tugend angeflammt erblicke, oder als unfähig jeder Tapferkeit erkenne. Dann aber will ich nach einem andern Hülfsmittel mich umſehen, dieſem Uebel zu begegnen. Daß dieß nicht geſchehe, ſorget!— dann ihr ſeyd es am leich⸗ teſten zu thun im Stande, und hüchſt ſchmählich iſt's, daß die gemeinſame Ruhe durch Andere als jene hergeſtellt werden ſolle, ſo die Organe der An⸗ gelegenheiten ſind. — 7 Uns aber, die wir als Auferwecker dazwiſchen getreten, trifft nicht nur ſchon die Verfolgung, ſon⸗ dern ſie treffen ſchon zur Unterdrückung Aller Anſtalt. Ihr, als Freye, könnt dieß nicht dulden, und euch das zu Gemüthe führen, was einſt der erſte Rö⸗ mer, der ältere Kato, ſprach:„Die Obrigkeiten, ſo eine Gefährde verhindern können, und es nicht thun, ſoll man ſteinigen.“ Für ſo äußerſt nothwen⸗ dig hielt er dieſe Verbindlichkeit im Gemeinweſen. Wie unrühmlich, ſchmachvoll und unerträglich iſt es nicht, daß eine Nation, die Königinn der Welt, ir⸗ gend jemand, ich ſage nicht einmal trägen Pfaffen, in Knechtſchaft diene. O daß wir vielmehr den Lür⸗ ken gehorchten, welche doch Männer, und zwar tapfere kriegserfahrene Männer, wie kaum eine andere Ra⸗ tion, ſind, ſo könnten wir doch unſre Schuld auf das Glück, ſo alles im Kriege vermag, wälzen! Ja eben dieſe Türken herrſchen milder, und mit mehr Billigkeit über ihre Untergebnen, hadern auch, wie ich vernehme, keineswegs um die Religion, ſondern kämpfen blos für die Erweiterung der Herrſchaft⸗ Dieſe aber, unſre Herren, was ſetzen ſie ſich in ih⸗ rem Betrug⸗ und Raubſyſtem für ein Maas?— Wer kaun wohl die Religion ſo in den Staub treten, daß die, welche die Obergewalt in ihren Angelegen⸗ heiten behaupten, ſchnurgerade Chriſtus und ächter Frömmigkeit entgegenleben? Mich, ich bekenne es, überläuft allemal glühende Schaam für euch, ſo vft ich den römiſchen Pabſt 72— hier zu Land ſelbſt dem Fürſten⸗Rathe etwas gebieten ſehe. Und das thut er, ſo oft's ihm gefällt, und ſein Nutzen es erheiſcht, und ihr, wie ich ſehe, ſeyd ihm im Gebhorſam unterthan, außer daß du Luthern noch ſchützeſt, den von Allen Verlaſſenen, und noch einen Funken der ehevorigen Kraft in ihm zu unter⸗ halten ſcheinſt, auf daß er einſt zur herrlichen Flam⸗ me herausſchlagen tönne. Daß du dieß ſtandhaft thun wolleſt, darum bitt' ich dich für und für, weil ſo wohl es nothwendig geſcheh'n muß, als auch auf Niemanden in dieſer Sache ſichre Hoffnung kann ge⸗ baut werden, denn auf euch. Denn immer blieben die Sachſen frey; immer unbeſiegt. Oft widerſtanden ſie, wenn ganz Teutſchland zu Boden lag, allein noch; ſie einzig verjagten ausländiſche Herrſcher, und ſchüttelten jedes Joch ab. Denn zu euch rechn⸗ ich auch die Weſtphalen, und jene ſo einſt Cherusker und Katten genannt wurden, welche herrliche Pro⸗ ben ihres Muths im römiſchen Kriege gaben, und Germanien jenen Herrmann ſchenkten, der von al⸗ len Feldherrn, ſo ie gelebt, als den herrlichſten und tapferſten ſich erwies; welch Zeugniß ihm ſelbſt von ſeinen Feinden ward, indem er nicht nur allein ſei⸗ ne Heimath, ſondern ſelbſt ganz Teutſchland aus der Römer Händen und zwar zu einer Zeit errettete, wo dieſe am meiſten vermochten, und in der Blüthe ih⸗ res Ruhmes waren, und dieſelben nach vielen, un⸗ beſchreibbaren zugefügten Niederlagen, muthig zu⸗ rückſchlug und hinaustrieb. Dieſer unſer Befreyer, was wird er nicht in der Unterwelt empfinden, wenn —— 73 er gewahrt, daß, während er nicht einmal die Herr⸗ ſchaft der Römer, als der Herren des Weltreichs ertrug, wir hier weichlichen Pfaffen und weibiſchen Prieſtern knechten? Wird er nicht ſeiner Nachkömm⸗ linge ſich ſchämen? Jene eure Ottonen aber, wie haben ſie ſich nicht bewährt, und der Heinriche mehrere, ſo auch aus eurem Blute entſproſſen? Ferner, in dem mehr als 30jährigen Kriege mit Karl dem Großen, wie ward da nicht der Sachſen Streitkraft erkaunt, wie hat ihre Tugend nicht her⸗ vorgeleuchtet? Hiezu füge diejenigen, welche die letz⸗ ten Ueberreſte der Gothen zähmten. Es waren der Eurigen. Ferner jene, ſo Brittanien eroberten, und nach Vertreibung der Eingebornen den Engländern und Schotten ihr Daſeyn gaben. Was ſoll ich lange der uralten Eimbrer und Teutonen gedenken, ſo ſich einſt der römiſchen Stadt zum größten Unheil aus euren Marken hervor durch Italien ergoſſen? End⸗ lich wie oft iſt nicht ſpäter noch dieſes Volk im Wälſchland eingefallen, und hat nebſt andern Gal⸗ lien verwüſtet, oft auch wohl die Hiſpanen bedrängt. So erzählt auch Sarmatien herrliche Kriegsthaten von ihm. Velch große, und ſtralende Siege haben dann nicht noch deine Landsleute über die Hunnen, hernach aber über die Ungarn erfochten? Vieles übergehe ich gefliſſentlich mit Schweigen, weil es an der bloßen Erinnerung genügt, daß die Sachſen allein niemals Ausländern gedienet. Da⸗ rum ſolltet ihr zuſehen, daß, da eure Ahnen ſich ſol⸗ 74—— chergeſtalten erwährt, ihr nichts zulaßt, was ihr Geſchlecht emadelt. Es habt zwar auch ihr einſt dies Joch euch von den Prieſtern auflegen laſſen, ein⸗ gefangen, wie alle Uebrigen durch den Aberglauben. Doch, da ſich dieſes Uebel, gleichſam als ein gemein⸗ ſchaftliches Fatum, der chriſtlichen Welt erklären läßt, ſo ſteht es an euch, dieſen Schimpf durch neuen Ruhm, mit leichter Mühe auszuwaſchen, wenn ihr die Schöpfer des herrlichſten und ehrenvollſten Wer⸗ kes werdet, nämlich wenn durch euch die geſammte Nation ihre Freyheit wieder erzwingt, und Teutſch⸗ land ſich ſelbſt zurückgegeben wird, welches dermalen, unſterblicher Chriſtus! weder ſich ſelbſt kennt, noch verſtändigt iſt, was und wie unwürdig es leide. Denn da es an und für ſich ſchon für Jedermann ſchmäh⸗ lich iſt, dienſtbar zu ſeyn, ſo iſt es in einem noch höhern Grade für jene ſchmählich, welche eigentlich das Recht über Andere zu herrſchen hätten. Bey die⸗ ſen Umſtänden laßt uns lieber aufhören, die Welt⸗ herrſchaft anzuſprechen, und Kaiſer hier zu wählen, die nur den Ramen darvon haben, da ſie in der That weit entfernt ſind es zu ſeyn, oder aber kraft⸗ voll die Tyranney der Pfaffen abſchaffen. Jede Tugend, ſchien es einſtens ſchon Plato, iſt in der Freyheit möglich; der Schlechte allein ver⸗ dient Sklave zu ſeyn. Beſſer aber noch iſt es ſelbſt unter den Schlechten zu ſeyn, als nicht den Beſſern zugezählt zu werden. Was einſt ein tapferer Feldherr Themiſtokles gegen die Eretrier äußerte, nämlich: —— 75 daß ſie zwar Schwerdter aber kein Herz hätten, könnte er, wäre er hier, auch uns zuruſen. Mich jedoch nimmt, ihr Fürſten, nur dieß Wunder, wie euch zu Muthe ſeyn muß, wenn ihr mich, einen ſimplen Ritter, ſeht mit ſolcher Unbändigkeit knirſchen ob dieſer Knechtſchaft. Denn um wie viel mehr ſollte es euch Gram erregen? Wohl könnteſt du Thränen vergießen, wenn deine Altvordern, die ſo viel treffliche Thaten vollbrachten, keine Gelegenheit dir mehr übrig gelaſſen hätten, gleichen Ruhm zu erſtreben. Aber ſie hinterließen dir die beſte und fruchtbarſte, nur ſollteſt du zugreifen, ſie faſſen. Doch— heißt es— wird nicht ohne Mord und Blut, was wir begingen, vollendet werden können! Da mögen die zuſehen, welche uns Urſache gegeben, ſie zu verfolgen, die als die würdigſten mir erſchei⸗ nen, daß unſer Schwerdt ſie bedränge, indem ſie wohl früher ſelbſt ſo oft mit dem Schwerdte Andere ge⸗ tödtet haben. Es pflegen hingegen die Aerzte oft die ſchmerzlichſten Krankheiten durch noch ſchmerzlichere Mittel zu heilen. So muß es auch hier geſcheh'n, wenn anders die Sache nicht geſchlichtet werden kann. Nun glaub' ich, was allererſt und vorzüglich ge⸗ ſchehen mußte, über unſern Schimpf genug dir ein⸗ geprägt zu haben. Uueber den Rachtheil und Scha⸗ den aber, der als Folge jener Tyranney uns zuſloß, wird es nicht vieler Worte bedürfen, daß Alle die Sache in ihrem wahren Licht erkennen. Wir ſehen⸗ daß beynahe kein Gold, kein Silber mehr in Teutſch⸗ land vorhanden. Wo aber noch etwas übrig iſt, reißt es jener allerheiligſte Senat der Römlinge, durch täglich erfundene Liſten an ſich. Was er aber einmal geraubt, das verwendet er zum allerſchlimm⸗ ſten Gebrauche. Wollt ihr nämlich wiſſen, Teutſche!(was ich ſelbſt ſah), was Jener zu Rom mit unſerm Gelde macht?—„Nichts macht er damit,“ Einen Theil davon verſchwendet Leo an ſeine Repoten und An⸗ verwandten, deren hat er ſo viele, daß ſie Veranlaſ⸗ ſung zu einem Sprüchwort gegeben. Einen Theil alſo nehmen die Anverwandten und Schwäger des Leo zu Rom, einen andern Theil die Menge von Hoch⸗ würdigſten hinweg, deren der heilige Vater an einem und demſelben Tage einſt ein und dreyßig ſchuf⸗— jene vielen Referendairs, Auditoren, Protonotarien, Abkürzer, apoſtoliſche Schreibergeſellen, Kämmerer, Schleppträger, und derley Oberbedienten des Ober⸗ hauptes der Kirche. Denn dieſe ſchleppen dann mit den größten Unkoſten wieder Abſchreiber, Pedelle, Läufer, Skopatoren, Maulthiertreiber, Stallmei⸗ ſter, und einen unzähligen Schwarm von Günſtlin⸗ gen beyderley Geſchlechts, und ein Heer von Bey⸗ ſchläferinnen mit ſich herum. Auch füttern ſie Hun⸗ de, Pferde, Affen und Meerkatzen, und manches von dieſer Gattung zur Gemüthsergötzung. Einige füh⸗ ren Häuſer aus ſolidem Marmor auf, tragen Edel⸗ ſteine, halten prächtige Tafeln, kleiden ſich prunkvoll —. — und ſchwelgen ihrem Genius huldigend in Fülle und in Freude. Kurz auf Unkoſten unſeres Beutels lebt zu Rom eine Menge des ſchofelſten Geſindels im Mü⸗ ßiggang. Dort kümmert man ſih wenig um die Religion, ſondern ſie verachten dieſe ſo ſehr, als man kaum von den Lürken erwarten dürfte. Sie beluchſen, betrügen, ſtehlen, lügen, und verfälſchen Siegel, ſprechen und thun alles in Hoffnung eines Gewinnſtes. All den Verſchiedenen aber ſchwebt Ein Zweck vor: Jagd auf unſere Reichthümer zu ma⸗ chen. Viele leben bloß darum, um zu eſſen, zu trinken, und auf das üppigſte zu ſchlemmen. Dies aber bringen ſie nur auf unſre Koſten zu Stand. Zu dieſem Ende, o Friedrich! ſchicken wir jährlich eine unermefne Goldſumme nach Rom, und haben noch nicht eingeſehen, daß alles, was wir mit ſo vieler Freygebigkeit hinſchenken, zu Grunde geht; ia, daß nicht nur allein die Sache zu Grunde geht, ſondern noch den Stof zu großen, unzähligen Uebeln herbeyführe. Wenn wir alſo die Philoſophen ſpielen wollen, und es uns Ernſt iſt, das Geld hinwegzuwer⸗ fen, ſo ſieh“ es bieten ſich der Meere und Flüſſe ſo viele in der Nähe dar! Bey uns ſind der Main, in einiger Entfernung der Rhein, bey dir die Elbe und andere da. Schlendern wir es hinein, auf daß eher daſſelbe zu Grunde gehe, als allenthalben Vielen zum Verderben werde, da wir jene Ehrloſigkeit Roms, und zwar ſo überſtüſſg nähren, und indem wir dieſe allgemeine Peſt der Sitten erwärmen, den Krebs, der ſelbſt unſerm Leben droht, großzieh'n! Doch nein! werfen wirs nicht hinweg; geſtatten wir nur nicht, daß es wo anders hin verſchleppt werde. Dies iſt der erſte, und beſte Weg, und Mit⸗ tel, ihre Tyranney zu zerſtören. Denn gewiß, wenn wir dieſe Suelle ihrer Ueppigkeit verſtopft haben, werden ſie ſich minder aufblähn, und allmählig zu mehr Nachgiebigkeit ſich verſtehn. Hierauf laß uns dann unter Anführung irgend eines Otho jenen Senat muſtern, die Stadt Rom reinigen, und Verbannung der mehrſten Uebelthäter einigen wenigen die Sorge für ihre heiligen Angele⸗ genheiten übertragen. Dem Kaiſer ſelbſt, wenn er dazu geneigt wäre, würden wir dann den Sitz zurück⸗ geben, den römiſchen Pabſt zu Herſtellung der Gleich⸗ heit unter den Biſchöffen, in die Schranken zurück⸗ drängen, ſo auch hier die Kaſte der Prieſter vermin⸗ dern, ſie zur Frugalität zurückführen, und ihre Zahl mittelſt Auswahl des Hundertſten herabſetzen. Was aber ſollen wir in Hinſicht derer, ſo ſich Brüder nennen, beſchlieſſen? Was anders, als wie ich's für Noth erachte, das ganze Mönchsweſen ab⸗ ſchaffen? Keiner ſollte darüber in Zweifel ſtehn, wie nützlich dieß/ wenn es geſchähe, und wie heilbrin⸗ gend es für das ganze chriſtliche Gemeinweſen ſein würde. Denn der einheimiſche Hader wird aufhö⸗ ren, wenn die vielen Sekten zu Paaren getrieben, die vielen Mißbelligkeiten ausgeglichen ſeyn werden, und die Verſchiedenheit des Lebens aufgehoben iſt. Er wird kein Grund mehr zu einer ſchlimmen, verderblichen Eiferſucht, kein Stoff zur Mißgunſt mehr erübrigen. Wir alle werden Eins ſeyn in Chri⸗ ſtus. Die öffentliche Eintracht wird feſten Fuß faſ⸗ ſen, wir Alle werden uns im Geiſte unter einander aufſchlieſſen, ſo daß wir kaum noch äußerlich hie und da unterſchieden ſeyn werden. Kein Weichling und Zärtling, kein Knauſer wird dann, wie jetzt, um Pfründen buhlen. Biedere, gelebrte Männer, ſo zwar vorzüglich durch ihres Lebens Beyſpiel Andere beſſer machen, aber auch durch Gelehrſamkeit Viele unterrichten ſollen, dieſe werden berufen werden. Endlich, was hauptſächlich zu wünſchen, werden ſo manche Heuchler aufhören, dem einfältigen Pöbel blauen Dunſt vorzumachen, der Armen Schweiß und Blut heraus zu betteln, Alle auszuſückeln, ſich zu mäſten, unter falſchem Schein von Neligioſität, zu ſtehlen, und zu betrügen. Denn ſiehſt du nicht, wie viele große Tagdiebe, wie viele verſchmitzte Heuchler unter der Mönchskutte bisweilen die größten Schand⸗ thaten begeh'n, und wie ſo manche hinterliſtige Ha⸗ bichte Taubeneinfalt hencheln, ſo manche reißende Wölfe Lämmer⸗Unſchuld lügen? Wenn nun einmal dieſe Alle, welche Teutſchland verheeren, und immer mehr und mehr alles aufzeh⸗ 80 ren, verjagt ſeyn werden, und ihrer Zügelloſigkeit im Plündern, mit der die Romaniſten über uns herfallen, Einhalt gethan iſt, dann werden wir Goldes und Silbers wieder in Genüge hier haben. Dieſes Geld aber ſoll alsdann, in welcher Anzahl und Güte es immer vorhanden ſey, zu einem beſſern Gebrauch verwen⸗ det werden, nemlich dazu, daß große Kriegsheere auf die Beine geſtellt, und die Grenzen des Reichs erweitert⸗ auch die Lürken, wenn wir es für gut finden, be⸗ kriegt werden: daß Viele, die aus Armuth dermalen ſteblen und rauben, durch Beſoldungen alsdann ihren Lebentunterhalt gewinnen; daß diejenigen, ſo ſonſt darben müſſen, von Staats wegen Beyträge zur Ver⸗ minderung ihrer Roth empfangen; daß jeder wahre Gelehrte unterſtützt, und das Studium der Viſſen⸗ ſchaften befördert werde; überhaupt, daß jeder Tu⸗ gend ihr Lohn, der Noth im Innern geſteuert, die Schlaffheit verbannt, der Betrug ertödtet werde.— Die Böhmen, wenn ſiedieſes gewahren, werden gemein⸗ ſchaftliche Sache mit uns machen; denn nur Hinder⸗ niſſe hielten ſieb, früher gegen den Geiz ihrer Prie⸗ ſter ſich Rath zu verſchafen. Das Nämliche werden die Griechen thun, die, als ſie die römiſche Deſpo⸗ tie nicht ertragen konnten/ auf Anſtiften der römi⸗ ſchen Päpſte, ſeit langer Zeit für Schismatiker an⸗ geſehen werden. So werden auch die Ruſſen unſer ſeyn, die, als ſie neulich mit dieſem Gedanken um⸗ giengen, von Sr. Heiligkeit zurückgezwängt, und mit einem jährlich an ſie zu errichtenden Tribut von 400,000 Dukaten belegt wurden. Selbſt die Türken werden werden uns hinführo minder haſſen, und kein Heide wird wie früher mehr Veranlaſſung zur Läſterung haben. Denn bis an den heutigen Tag hat das ſchändliche Leben der Vorſteher unſerer Kirche den chriſtlichen Namen verhaßt gemacht bey den Frem⸗ den. Zwar wird dieß heißen, das ſchwankende Schiff⸗ lein Petri gefährden, die Kirche Gottes zerſtören, und(wie jene Gott vergeßnen Römlinge rufen wer⸗ den/ und der Epikuräer unſaubre Schule ſich heißer ſchreien wird), das unzertheilbare Gewand des Herrn zertheilen. Wird es aber auch dann noch ſtatt fin⸗ den, wenn nach dem Beytritt ſo vieler Völker, die Sitten im Allgemeinen veredelt, die Verpeſteten aus⸗ geſtoßen ſeyn, und überall Reinigung, Erhebung und Vermehrung gewahrt werden? Du ſiehſt alſo, wie im geringſten nicht ich die Liebe ausgetilgt, ſondern nur nach Beſiegung ihrer Widerſacher ihr Platz gemacht wiſſen will;wie ich keineswegs die Kirche zertrümmert„ſondern nach Ver⸗ treibung der unchriſtlichen Betrüger ich den ächten Chriſten allen, wenn ſie mit Lebens Reinheit ſich er⸗ hoben haben werden, Spielraum für Beſorgung der Kirche eröffnet ſehen möchte! Es wird alſo dieß unſere Aufgabe ſeyn, die Liebe wieder herzuſtellen, die Kirche zu vergröſſern, und während die chriſtliche Republit im Allgemeinen ins II. Band. 6 52 Auge gefaßt wird, auch dem Vaterlande großen Gewinn zu erwirken. Denn harmlos lebt ſich's dann unter Sinnverwandten und alle, ſo durch Gleichbeit des Lebens vereinigt ſind, werden von freyen Stük⸗ ken Wechſelfreundſchaft zu einander halten. Wenn Schlappheit und Rebel verſchwunden, werden honig⸗ bringende Bienen herbeyfliegen, und in Sicherheit nunmehr ihre Körbe aufſtellen! Dann wird auch die ſich ſelbſt zurückgegebene Frömmigkeit beſtehen, und Dauer verſprechen. Denn die Reize zum Böſen, die Reichthümer werden nicht mehr ſeyn, noch der Be⸗ güterten üppige Verweichlichung zur Ausſchweifung im Leben ankirren. O, daß ihr, die ihr könntet, dies wolltet, oder ich, der ich's wollte, es könnte! Doch wenn ich euch auch nicht dazu bewegen kann, noch die Brand⸗ fackel, in der all dies auſtodere, anzünden, ſo werd ich dennoch, wie ich auch vereinzelt immer es zu thun vermag, nie zugeben, was eines Ritters un⸗ würdig. Und nimmer werd' ich, ſo lange eine ge⸗ ſunde Seele in mir wohnt, auch nur ein Haar breit abweichen von meinen Vorſätzen. Eurer aber, ſollt' ich euch von männlicher Starkmuth ausgeartet er⸗ blicken, will ich mich, wenn es ſo ſenn muß, er⸗ barmen, und frey bleiben, weil ich den Tod nicht fürchte. Nie ſoll man von Hutten hören, daß er dem Machtſpruch eines Königs, ſo groß er immer ſeyn möge, geſchweige eines feigen Prieſters ſich gefügt habe. Auch wird es weit entfernt ſeyn, daß — — 83 ich mit euch das viel gehauptete Thier verehre, weil ſowohl mein Weſen dieß nicht vertragen, noch ich mich nach ſolchem meiner würdig mehr erachten möchte, als auch, was ich vorzüglich fürchte, jene Schaalen des göttlichen Zorns ſich über mich aus⸗ gieſſen würden. Nun aber verlaß ich die Städte, weil ich die Wahrheit nicht verlaſſen kann, und bleibe mit Freudigkeit verborgen, weil ich mich un⸗ ter Menſchen nicht mehr frey aufhalten kann, und verachte die Gefahr, ſo mir drohet, höchlich. Denn ſterben kann ich, knechten kann ich nicht; auch kann ich Teutſchland nicht knechten ſeh'n Einſt aber, ge⸗ denk ich aus meinem Schlupfwinkel hervorzubrechen und da vielleicht, wo ich die größte Menſchenmenge antreffen werde, laut auszurufen:„Wer hat den Muth mit Hutten zu ſterben, für die volksthüm⸗ liche Freyheit?*) Dies hab' ich vielleicht in meiner Gemüthsbewe⸗ gung mit mehr Freymuth zu dir geſprochen, als deine Würde es vertränt. Aber ich verhoffte das Beſte zu Dir. Deshalb glaubte ich an einen Freyen auch frey ſchreiben zu dürfen. Lebe wohl und ermanne dich! Aus Ebernburg den 30. Septembr. 1520. —.—— *) Fequis audet cum Ilutteno mori pro publica libertate? 8½ Xl. Karl Prinz von Commerci. Unter den Helden, welche ſich in den Tagen des Kaiſers Leopold des Erſten, beſonders auszeichne⸗ ten, und in den ruhmvollen Schlachten gegen die Türken und Franzoſen ſich unvergängliche Lorbeern errangen, verdient auch Karl Prinz von Com⸗ mereci eine vorzügliche Erwähnung. Er war in Lothringen geboren, zu einer Zeit, als dieſes Land Anmerk. des Verfaſ. Die Nachrichten von den Thaten dieſes Helden liegen zerſtreut, theils im Theatrum Europaeum, Pand 12— 16, theils in dem Werke:„Eugenii Heldenthaten“ Frankf. und Leipzig 1748 u. f.; wo gelegenheitlich ſehr oft auch des Prinzen von Commerci Erwähnung ge⸗ ſchieht. Im 4ten und sten Band dieſes Werkes Mürnberg 1736) iſt zugleich die„histoire militaire du prince Eugene ete.“ von Dumont und Rouſ⸗ ſet enthalten. noch nicht zu Frankreich gehörte, und kann um ſo mehr unter den teutſchen Helden aufgezählt werden, da er in früher Ingend umter öſtreichiſche Fahnen trat, der teutſchen Sache getreu lebte, und in den Reihen der teutſchen Krieger den Heldentod ſtarb. Schon im Jahr 1683, damals ein zwey und zwanzigjähriger Prinz, focht er als öſtreichiſcher Offizier gegen die Türken vor Wien, und half die bedrängte Kaiſerſtadt entſetzen. Zwar im Range übertroffen von ſeinen berühmten Waffengeführten und Freunden, den heldenmüthigen Prinzen Ludwig von Baden und Eugen von Savoyen, ſtand er doch keinem derſelben an Tapferkeit nach. Nach der Errettung von Wien zog er mit der teutſchen Armee unter dem Oberbefehle Karls von Lothringen in die Felder von Ungarn, und half dieſes von den CTürken beſetzte Königreich wieder erobern. Bey allen Gelegenheiten— ſey es daß er in offener Feldſchlacht kämpfte, oder ſtürmend gegen die Wälle einer Feſtung rückte— zeichnete er ſich ehrenvoll aus. Keine Gefahr, wie groß ſie auch ſeyn mochte, beugte ſeinen Muth, und der Anblick des Todes war ihm nie furchtbar, ſo oft er den Kampf für Pflicht und Ehre beſtand. An dem nämlichen Tage, als Prinz Ferdinand Wilhelm von Wirtemberg ſein Leben verlor, bey dem verzweifelten Ausfall, den die Türken im 86— Sommer 1685 aus der belagerten Feſtung Reuhen⸗ ſel machten, wurde auch Carl von Commerci lebensgefährlich verwundet; aber heldenmüthiger und ehrenvoller als dieſer, rächte ſich nicht leicht ein Krieger an ſeinen Feinden. Ehe noch die Fe⸗ ſtung erobert war, ſtand er nach Verfluß einiger Wochen wieder in den Reihen ſeiner Waffengefähr⸗ ten, rückte am 19. Auguſt deſſelben Jahres an der Spitze der Stürmenden vor, ermunterte ſie durch Worte und Beyſpiel, und war, nebſt dem Baron von Aſti, der erſte, der das Bollwerk der Feſtung erſtieg. Auch in dem folgenden Feldzuge glänzte ſein Name unter den Tapfern des teutſchen Heeres her⸗ vor.— Den 27. July 1686, bey dem erſten zwar unglücklichen aber heldenmüthigen Sturm gegen Ofen, bewies er nochmals ſeine ausgezeichnete Tapferkeit, und war einer der Vielen welche an ijenem blutigen Tage verwundet wurden. Nach der Eroberung von Ofen, zog er mit der ſiegreichen Armee auf das weltberühmte Feld von Mohaz; einſt der Schauplatz, wo Ungarns letzter König, Ludwig derZweyte, Schlacht und Leben verlor, jetzt aber beſtimmt, durch einen der denkwür⸗ digſten Siege über die Türken verherrlicht zu wer⸗ den. An dieſem ruhmvollen Tag, den 12. Auguſt, 1687, zeichnete er ſich vor allen andern durch ſeinen Heldenmuth aus. Während er ſich in der Nähe Karls —— 37 von Lothringen befand, ſo erblickte er einen Türken, welcher ſtolz vorwärts der Schlachtordnung herum⸗ ritt, und eine weiße mit einem türkiſchen Monde ge⸗ ſchmückte Fahne trug, die mit einer Lanze verſehen war. Noch von dem Schmerze erfüllt, daß die Leib⸗ compagnie ſeines Regiments kurz vorher in einem Treffen ihre Standarte verloren hatte, wandte ſich der Prinz an den Oberfeldherrn, und bat ihn um Erlaubniß, eine türkiſche Fahne für ſein Regiment mit eigenem Arm erobern zu dürfen. Zwar ungern, aber doch endlich durch ſein unabläſſiges Bitten be⸗ wogen, willigte Karl von Lothringen ein. Der Prinz ritt heraus, und griff den Türken im Ange⸗ ſichte beyder Heere an. Ein Piſtolenſchuß, mit wel⸗ chem der Prinz ſeinen Gegner zu erlegen hoffte, ver⸗ fehlte zwar ſein Ziel, und der Cürke ſtach ihm ſeine Lanze in die Seite; aber der teutſche Held, voll mu⸗ thiger Geiſtesgegenwart, ergriff mit der Linten die blutige Lanze, ehe der Türke zum zweytenmal ſtoſſen konnte, und ſchwang mit der Rechten den Degen, mit dem er in einem Hiebe dem Gegner den Kopf abſchlug. Dann ritt er mit der eroberten Fahne, die mit ſeinem eigenen Blute gefärbt war, zu ſeinem Regimente, und übergab ſie dem Fahnenträger, mit der Ermahnung, ſie ſtatt der verlornen Standarte zu tragen, aber beſſer zu verwahren, weil ſie ihn ſein eignes Blut gekoſtet hätte. Der Kaiſer aber befahl, dieſe Fahne nach Wien zu ſenden, und Gott zu Ehren, mit deſſen Hülfe der Prinz geſtritten hätte, in die Kirche aufzuhängen, wogegen die Kaiſerinn eine Standarte zurückſandte, die ſie mit eigenen Händen geſtickt hatte. Muthig wie auf die Felde von Mohaz, focht er auch im folgenden Jahre vor den Mauern von Bel⸗ grad. Am 6. September 1688 wurde dieſe Feſtung von der teutſchen Armee unter dem Oberbefehl des Kurfürſten Marimilian Immanuel von Bai⸗ ern erobert. Der Prinz von Co mmerei ſtand an der Spitze derienigen Truppenabtheilung, welche das Thor gegen die Donau erſtürmte, und empfieng auch hier eine Wunde, als ehrenvolles Zeichen ſeiner Tapferkeit. Um dieſe Zeit brach der pfälziſche Erbfolgekrieg aus, und eine Abtheilung öſtreichiſcher Truppen, bey der ſich auch der Prinz von Commereci befand, wurde unter Eugens Befehl nach Italien geſchickt, und der verbündeten Armee zugetheilt, welche als Oberfeldherr der Herzog von Savoyen, Victor Amadeus 1I. befehligte. Als General bey Eugens Truppen focht der heldenmüthige Prinz gewöhnlich an Eugens Seite, und theilte mit ihm den Waßfen⸗ ruhm bey vielen Unternehmungen. Voll kriegeriſchen Muthes kämpfte er namentlich in der Schlacht von Marſiglia, und wurde hier noch einmal verwundet. Im Jahr 1697 wurde der Frieden mit Frankreich geſchloſſen. Eugen ethielt den Oberbefehl über die tentſche Armee, welche gegen die Türken in ungarn ſand. Nit ihm zog auch Kart von Commerei wieder auf den Schauplatz ſeiner früheren Helden⸗ thaten, und wich von nun an nicht mehr von der Seite Eugens. Bey allen Unternehmungen durch Geiſtesgegenwart, Einſicht und Tapferkeit ausgezeich⸗ net, wurde er der vertrauteſte Freund ſeines Ober⸗ feldherrn, ſo daß Eugen nicht leicht etwas Wich⸗ tiges unternahm, ohne ihn ſeinem Kriegsrathe bey⸗ zuziehen. Den 11ten September des erwähnten Jahres, wurde die weltberühmte Schlacht vor Zenta gelie⸗ fert, eine der größten und blutigſten im Laufe der Geſchichte, und würdig, mit Schillers Ausdruck eher ein Schlachten als eine Schlacht genannt zu werden. Abends um 6 uhr begann der Kampf, und noch war die Sonne nicht völlig untergegangen, ſo war ſchon das reiche türkiſche Lager erobert, das Feld mit 22,000 feindlichen Leichen bedeckt, und der übrige Theil der türkiſchen Armee, wiewohl ſie der Zahl nach weit ſärker war„theils zerſtreut, theils in die Fluthen der Theiß geſprengt. Man weiß, wie ſehr ſich an dieſem Tage alle Generäle der chriſtli⸗ chen Armee auszeichneten, und wie Eugen allen insgeſammt das vortreffliche Zeugniß ertheilt, ihr heldenmüthiger Geiſt, den ſie bewieſen hätten, ſey mit keiner Feder zu beſchreiben, und jedes Lob, das er ihnen beylege, ſey zu gering. Inſofern bedarf es zum Ruhme des Prinzen von Commerci nur der Erwähnung, daß auch er einer jener Heerfüh⸗ 90— rer am Tage von Zenta geweſen ſey. Aber ihn trifft vorzüglich auch das Lob, welches Eugen der Rei⸗ terey an deren Spitze jener bey Zenta ſtand noch ins Beſondere ertheilt. Die Reiterey, ſagt Eugen in ſeinem Kriegsbericht, habe bey dem Angriff des Lagers etwas gethan, was er die Zeit ſeines Lebens ſonſt nie geſehen hätte. Sie ſey mit dem Fußvolk bis an die Schanzen gerückt, habe dort gleich dieſem das Feuer des Feindes ausgehalten, und ebenſo ihre Gewehre auf die Türken abgefenert. Dann, als das Fußvolk unwiderſtehlich gegen das Lager gedrungen ſey ſeyen auch die Reiter von den Pferden abge⸗ ſtiegen und hätten mit dem Degen in der Hand das Lager erſtürmen helfen. Zwey Jahre nach dieſer gewaltigen Schlacht war der blutige Türkenkrieg beendigt, aber der ſpaniſche Erbfolgekrieg, welcher bald nachher ausbrach, rief die Armee des Kaiſers zu neuen Thaten. Mit Ruhm bedeckt, führte Eugen ſeine ſieggewohnten Krieger nach Italten. Mit ihm zog auch Karl von Com⸗ merci, um die letzte Beſtimmung ſeines Schickſals zu erfüllen, und dort den ehrenvollen Tod des Helden zu ſterben. Bey mehreren Vorfällen im Anfange dieſes Krie⸗ ges, zeichnete ſich der Prinz von Commerei durch ſeine gewöhnliche Tapferkeit aus. Vieles trug er im Jahr 1701 durch ſeine Einſicht und Unerſchrok⸗ kenheit zu dem berühmten und glücklichen Uebergang „ ———— der Armee über die Etſch bey, da er, als ein Jäger verkleidet, in Geſellſchaft zweyer Ingenieurs ein Schiff beſtieg, und im Angeſicht der Franzoſen die Beſchaffenheit des Fluſſes auszukundſchaften wagte. Bald darauf wohnte er den glücklichen Treffen von Carpi und Chiari bey. Sodann half er Mantua be⸗ lagern, und nahm das Schloß Marmerolo ein. Im folgenden Jahre hatte er beſonders an der kühnen Unternehmung Antheil, als den 4. Februar Cremona überrumpelt, und mitten aus dieſer Feſtung heraus der franzöſiſche Marſchall Villeroi, nebſt 70 Of⸗ ſizieren, 400 Gemeinen und 7 Standarten fortge⸗ führt wurde. Aber wenige Monate nachher vollen⸗ dete er ſeine ruhmvolle Laufbahn. Den 15. Auguſt 1702 fand er ſeinen Tod in der blutigen Schlacht von Luzzara, wo er den Be⸗ fehl über den rechten Flügel der Armee führte. Ven⸗ dome, kurz vorher mit neuen Truppen verſtärkt, war der Zahl nach der öſtreichiſchen Armee weit über⸗ legen und der Kampf mußte daher mit aller Anſtren⸗ gung begonnen werden. Der erſte Angriff der Teut⸗ ſchen wurde vom rechten Flügel gemacht, und der Prinz von Commerei, in der Ueberzeugung, wie ſehr es eines entſchloſſenen Anführers bedürfte, führte ihn ſelbſt gegen das feindliche Feuer wurde aber gleich beym erſten Anlauf von einer tödtlichen Ku⸗ gel getroffen. Seinen Freund und Waßenbruder noch einmal zu ſehen, und wo möglich zur Rettung ſeines Lebens beyzutragen, eilte Eugen ſogleich auf die Stelle, wo der Prinz gefallen war, aber ſchon hatte er ſei⸗ nen Heldengeit aufgegeben. Lief wurde Eugens Herz erſchüttert, und menſchlich⸗groß konnte er ſich der Thränen nicht enthalten, als er ſeinen gefalle⸗ nen Freund ſah. Zwar wurde das Schlachtfeld von Luzzarra mit glänzender Tapferkeit gegen die überlegene Zahl der Franzoſen behauptet, aber die Ehre war um das köſtliche Blut vieler Teutſchen, und um das edle Leben eines Helden erkauft worden, der durch ſeine außerordentliche Tapferkeit ſich die Achtung aller Her⸗ zen erworben hatte, und ſchon im Aſten Jahre ſei⸗ nes Lebens dem Vaterlande entriſſen wurde. Ehren⸗ voll iſ das Zeugniß welches Eugen in ſeinem Kriegs⸗ berichte dem Gefallenen ertheilt.„Unter den Tod⸗ ten,“— ſagt er,— iſt auch der Prinz von Com⸗ merci. Sein Verluſt iſt um ſo mehr zu bedauern, ie mehr ſein Muth und ſeine Tapferkeit der ganzen Welt bekannt ſind.“ Fried. Sonntag. 93 xI. Heldenmuthige Aeuſſerungen im Bewußtſeyn des nahen Todes. —— 2 L. Johannes Ziska, der berühmte Anführer der Huſſiten, war der größte Feldherr ſeiner Zeit, an Liſt und Tapferkeit dem Hannibal gleich. Er ver⸗ lor in einer Schlacht das eine Aug, und bey einer Belagerung das andere, durch einen Pfeilſchuß ver⸗ wundet; aber ſelbſt blind noch behielt er den Ober⸗ befehl über die Armee, die er ſo oft zum Siege führte. Als er ſterben wollte, ſo ließ er ſeine Generäle vor ſein Bette treten, und ermahnte ſie aufs nachdrück⸗ lichſte, mit allen Kräften den Krieg fortzuſetzen, den ſie für ihre Glaubensfreyheit und Menſchenrechte angefangen hätten. Er redete mit völliger Gleichgül⸗ tigkeit vom Tode, und als ſie ihn fragten, wohin er wünſche begraben zu werden„ſo antwortete er, wie uns mehrere Geſchichtſchreiber von ſeinem Leben be⸗ richten:„Rirgends hin,— ſondern, wenn ich todt bin, laſſet mir die Haut abziehen, und gebet mei⸗ nen Leib den Wölfen und Vögeln zu freſſen. Die 94— Haut aber ſpannt über eine Trommel, und dann werden alle meine Feinde ſliehen, ſo bald ſie nur den Schall davon hören werden!“— Ziska ſtarb den 11ten Oktober 1424. 2. Fohann Michael von Obentraut, Obriſt im dreyßiajährigen Krieg, vertheidigte ſich im Jahr 1625 gegen Tilly mit außerordentlicher Tapfer⸗ keit. Oboleich das öſreichiſche Heer viermal ſo ſtark war als das ſeinige, ſo wurde Tilly dennoch eini⸗ gemal mit Verluſt zurückgeſchlagen. Endlich aber unterlag Obentraut, und gerieth, tödtlich verwun⸗ det in Gefangenſchaft. Tilly, dem ſterbenden Hel⸗ den ſeine Achtung zu bezeugen, beſuchte ihn kurz vor ſeinem Tode, und äußerte ihm ſein Mitleiden, daß er einen ſo tapferen Mann in ſolchem Zuſtande ſinde. Obentraut antwortete ganz gelaſſen:„Dies ſind unglücksblumen, Herr General! aber in einem ſol⸗ chen Garten pflückt man keine andere.“ Und mit der nämlichen Gelaſſenheit gab er bald hernach ſei⸗ nen Geiſt auf. Dieſe Anekdote wurde auch unter die Veyſpiele des Guten(Stuttgart 1800) aufgenommen.(Vgl. Nro. 117.) 3. Unter den edlen Preußen, weſche durch die Schlacht am 16. Oktober 1313 ihr Leben aufopfer⸗ — 95 ten, befand ſich auch Dannemann, deſſen der preuſſiſche Patriotenſpiegel, Theil2. Seite 66 bis 78, ehrenvolle Meldung thut. Er war ein Jüngling aus Köniasberg, welcher auf des Königs Aufruf die Untverſität verlaſſen, und die Waffen ergriffen batte. Ausgezeichnet durch ſeine Tapferkeit, die er in mehrern Treffen bewies, wurde er von einer Kugel tödtlich verwundet, und ſtarb zwey Tage dar⸗ auf. An ſeinem Todestag, den 18. Oktober, ſchrieb er in den letzten Augenblicken ſeines Lebens folgen⸗ den merkwürdigen Brief: „Einzig geliebte Eltern! Vorgeſtern, am 16ten Oktober, hatten wir das Glück, unter Gottes gnä⸗ digem Beyſtande die Scharte, welche wir am 14ten deſſelben Monats 1806 bey Jena und Auerſtädt von den Franzoſen empfiengen, ruhmvoll auszuwetzen. Blutig war die Schlacht, der Feind wehrte ſich mit verzweifeltem Muthe, aber er mußte der Tapferkeit der unſrigen weichen. Wollte Gott, das Blutver⸗ gießen hätte ein Ende! Es ſind der Ruhmſucht ei⸗ nes Einzigen genug gefallen. Aber ſüß und ehren⸗ voll iſt der Tod für das Vaterland. Auch ich ge⸗ höre unter die Zahl der Glücklichen, denen dieſer ehrenvolle Tod in wenigen Stunden wartet.“ Bald nachber, als er dieſe Worte geſchrieben hatte, entſank die Feder ſeiner Hand, und er ſtarb. XIII. Heldenthat einiger Buͤrger zu Weſel zur Zeit des dreyßigiährigen Kriegs.*) ————— Muthlos hatten im Jahr 1629 die Proteſtauten in Teutſchland die Waffen niedergelegt, und ſchon war Chriſtian IV. von Dännemark durch einen unrühmlichen Frieden mit dem Kaiſer ausgeſöhnt. Noch hatte der Held aus Norden, Guſtav Adolph, den teutſchen Boden nicht betreten und FerdinandlI. herrſchte als Sieger von den ufern des adriatiſchen. Meeres bis an die Küſten der Oſtſee. Aber jenſeits des Rheins in den Riederlanden ſtand noch uner⸗ ſchüttert und unbeſiegt der hollündiſche Statthalter, Prinz Friedrich Heinrich von Oranien, im hel⸗ denmüthigen Kampfe gegen Spanien und Oeſtreich. Sein tapferes Heer, durch das Bewußtſeyn der NAnmerk. des Verf. Die Quelle dieſes Aufſatzes iſt das Theatrum Europaeum. Band 2.(Frankf. 1637.) Seite 32 üff. 97 heiligen Sache für die es kämpfte, und durch den glücklichen Fortgang ſeiner Unternehmungen begei⸗ ſtert, hatte ſchon die Wälle von Herzogenbuſch um⸗ lagert, und bereits einige Werke der bedrängten Fe⸗ ſtung erobert. Ein anderes holländiſches Heer, vom gleichen Muthe beſeelt, war unter dem Befehl des Feldmarſchalls Ernſt Caſimir, Grafen von Naſ⸗ ſau, bey Arnheim aufgeſtellt, um hier die Bewegun⸗ gen der feindlichen Armee zu beobachten, welche unter der Anfübrung der Grafen Heinrich von Berg, und Ernſt von Montecuculi in die Welau ein⸗ gefallen war, und daſelbſt ein Lager geſchlagen hatte. Um dieſe Zeit geſchah es, daß durch drey Bürger von Weſel ein Wagſtück ausgeführt wurde„welches als eines der kühnſten und merkwürdigſten in der Geſchichte betrachtet werden kann. Weſel am Riederrhein, unweit der holländiſchen Grenze, war ſchon damals eine wichtige Feſtung, und von dem Befehlshaber der Spanier, dem Gra⸗ fen von Verg als Sicherheitsort auserſehen, um hier die Lebensmittel und übrigen Bedürfniſſe für die vereinigte öſtreichiſch⸗ſpaniſche Armee aufzube⸗ wahren. Daher befanden ſich große Schätze in die⸗ ſer Stadt, eine Kaſſe von 800,000 Gulden in Silber und 40,000 Dukaten in Gold, 70 Kanonen nebſt vie⸗ len Waffen und anderm Kriegsvorrath, mehrere hun⸗ dert mit Lebensmitteln und andern Bedürfniſſen be⸗ ladene Wägen, und das Gepäck der Feldherrn und übrigen vornehmen Oſiziere mit Gold und Silber⸗ II. Band.* ———— geſchirr. Außerdem war Weſel ſowohl der Zufluchts⸗ ort, wohin das Raubgeſindel der Kroaten ſeine Beute zu flüchten gewohnt war, als auch der Markt⸗ platz, wo viele gewinnſüchtige Kaufleute aus dem feindlichen Brabant ihre reichen Kramläden auf⸗ geſchlagen hatten. Längſt aber entrüſtet über die vielen Drangſale, welche die Einwohner von Weſel ſchon fünfzehn Jahre unter der übermüthigen Herrſchaft Spaniens erdul⸗ den mußten, faßte Peter Mülder, ein muthiger Bürger der Stadt, den großen Entſchluß, ſich und ſeine Mitbürger von dem ſchmählichen Joche der Unterdrücker zu erlöſen, und die Feſtung in die Hän⸗ de der vereinigten Riederländer zu liefern, da er unter der Obhut dieſes frey und hochgeſinnten Vol⸗ kes zum voraus ein beſſeres Schickſal erwarten konnte. Dieſer Entſchluß war um ſo gerechter, weil ſeit dem Jahr 1609, nachdem der letzte Herzog von Cleve Jülich und Verg ohne Kinder geſtorben war, die Stadt Weſel gleich dem ganzen Lande keinen be⸗ ſtimmten Fürſten hatte, und daher als verwaist be⸗ trachtet werden durfte. Denn der langwierige Erb⸗ folgeſtreit, der damals unter den teutſchen Fürſten entſtanden war, hatte bisher ſein Ende nicht gefun⸗ den, und nicht das Recht, ſondern die Willkühr der Spanier, welche im Jahr 1614 von Weſel Beſitz genommen hatten, würde, wenn ſie geßegt bätten, gewaltſam entſchieden haben, wer der Erbe der hinterlaſſenen Länder ſeyn ſolle. Als aber Peter Rülder ſein kühnes Vorha⸗ ben ſeinem Bruder Dietrich M ülder, ſo wie ſei⸗ nem vertrauten Freunde Johann Rottleer mit⸗ getheilt und ſich mit ihnen berathſchlagt hatte, ſo benachrichtigte er heimlich den Grafen von Naſſau. Hierauf rückte General von Dyden, an der Spitze von 1600 holländiſchen Musketieren und Lanzenträ⸗ gern, nebſt einigen Schwadronen Reiter aus der Ge⸗ gend von Arnheim herauf, während Franz Lozzana, damals Befehlshaber der Spanier zu Weſel, ſich und ſeine Schätze in den Mauern dieſer im Rücken der öſtreichiſch⸗ſpaniſchen Armee gelegenen Stadt hinläng⸗ lich ſicher glaubte. Eben ſollte eine Anzahl ſpaniſcher Wägen mit Lebensmitteln und anderen Kriegsbedürf⸗ nißen beladen, in das Lager, welches ohngefähr 20 Stunden von Weſel entfernt war, aus der Feſtung abgeſchickt werden. Von Dyden benutzte dieſen Umſtand, und nahm ſeine Stellung, als ob er auf die von Weſel kommenden Laſtwägen lauerte. Dadurch getäuſcht meinte Lozzana, allen Gefahren vorge⸗ beugt zu haben, als er die Bedeckung der Wägen noch mit einer Anzahl Reiter verſtärkt hatte. Daß ienes kleine Heer auf die Feſtung ſelbſt einen An⸗ ſchlag haben könne, das war dem Spanier nicht in den Sinn gekommen. Es war den 17. Auguſt des Jahres 1629, als die ſpaniſchen Wägen unter ihrer Bedeckung die Straße am Rhein gegen die Welau hinabzogen. Kein Feind beunruhigte ſie durch Angriffe, aber in der Stille zog von Dyden mit 750 ſeiner Tapferſten zu Fuß und einer Anzahl Reiter immer näher gegen Weſel herauf, während die Spanier in dem thörichten Wahne ſtanden, als ob es dem Helden an Muth ge⸗ fehlt hätte, ihre verſtärkte Vedeckung anzugreifen. Geflißentlich ließ er, wie es ſcheint, die übrigen Leute deßwegen zurück, um nicht durch die Menge ein allzugroßes Aufſehen zu erregen. Nachmittags den 18. Auguſt verließ Peter Mül⸗ der die Stadt, um dem nahenden Retter entgegen zu gehen. Ihm folgte ſein Bruder, und bald da⸗ rauf auch ſein Freund; jeder aber eine Stunde ſpä⸗ ter als der andere, und jeder durch ein anderes Thor, um allen Verdacht zu vermeiden. An einem zum voraus beſtimmten Orte auf dem Felde fanden ſie ein⸗ ander wieder, und von dem ernſten Gefühl ihres gro⸗ ßen und gefährlichen Vorhabeus erfüllt, welches mit dem dämmernden Morgen in Erfüllung gehen ſollte, beteten ſie hier vereint in der ſtillen Nacht zu Gott um ſeinen ferneren Beyſtand, um Klugheit, Muth und Stärke, ihren kühnen Entſchluß auszuführen. Von Dyden hatte vorſichtig die Nacht gewählt, um ſeinen wichtigen Marſch gegen Weſel zu vol⸗ lenden. Schon war daber der 19. Auguſt aufgegan ₰ gen, als Peter Mülder und ſeine beiden Freunde den erſehnten Retter und ſeine Leute von verſchie⸗ denen Straßen herankommen ſahen. Kein Augen⸗ — blick war mehr zu verlieren, und kaum heatte ſich das Kriegsvolk geſammelt, ſo war ſchon die Mann⸗ ſchaft zu Fuß in fünf Haufen getheilt, und das Loos geworfen, in welcher Ordnung ſie einander folgen ſollten. Hauptmann Huygens wurde durch das Loos erwählt, mit ſeinem Zuge voran zu rücken; hinter ihm kamen die übrigen, jeder Zug in einiger Entfernung von dem anderen, und jeder 150 Mann ſtark. Vor allen aber lief Peter Rülder, mit ei⸗ nem ſchweren eiſernen Hammer auf der Schulter, den er ſich zu ſeinem Vorhaben hatte verfertigen laſ⸗ ſen, und neben ihm ſein Bruder Dietrich, und ſein Freund Rottleer. Schon war es Morgens um 3 Uhr, als Peter Mülder, und ſeine Kameraden unbemerkt an dem Feſtungsgraben von Weſel anlangten, und zwar auf der öſtlichen Seite der Stadt an einer Stelle, wo eben ein neues Bollwerk angelegt, aber noch nicht vollendet, ſondern nur mit Palliſaden, die keinen großen Widerſtand thun konnten, einſtweilen verſe⸗ hen war. Glücklich ſtieg die Heldenſchaar durch den Graben den Wall hinauf, und Peter Rülder zerbrach mit dem eiſernen Hammmer einige Palliſa⸗ den, wodurch der Eingang in die Stadt eröffnet wurde. Muthig drang ietzt der holländiſche Hauptmann mit dem erſten Zug in die Feſtung, während der größte Theil der ſpaniſchen Veſatzung noch im Schlafe 102— lag, und niemand bisher an die Möglichkeit der An⸗ näherung eines Feindes gedacht hatte. Staunen und Schrecken verbreitete ſich in der Stadt. Alle Wa⸗ chen, welche den Holländern auf den Straßen zu Ge⸗ ſicht kamen, wurden im erſten Anlauf niedergeſtoßen. Und während Huygens ſelbſt, nachdem er die wich⸗ tigſten Poſten hatte beſetzen laſſen, mit 40 Mann heldenmüthig gegen den Marktplatz vorwärts drang, und alles was ihm begegnete vor ihm niederwarf, lief Peter Mülder nebſt ſeinen Gefährten mitten unter dem Getümmel in das Haus etnes Schmids, das in der Nähe lag, holte Gehülfen und Werk⸗ zeuge, ſchlug das Schloß an einem Thore der Fe⸗ ſtung ab, und ließ die Fallbrücke nieder. In dieſem Augenblicke ſprengte dte holländiſche Reiterey herein, welche bereits draußen wartete, während auch die übrigen Abtheilungen des Fußvolks durch den früher eröffneten Eingang hereindrangen. So wurden alle Thore beſetzt, und die Feſtung war glücklich erobert. Siebenzig der Feinde, und unter ihnen eine An⸗ zahl Küraſſiere, welche auf dem Narktplatz, wo ſie eine große Menge Wägen bewachen ſollten, fechtend gefallen waren, nebſt drey ſpaniſchen Hauptlenten hatten ihr Leben eingebüßt. Mehr als tauſend Ge⸗ meine nebſt ihren Offizieren und dem Befehlshaber der Feſtung ergaben ſich als Gefangene. Alle die. Schätze, welche Weſel umfaßte, ſielen in die Hände des ſiegenden Generals, welcher einen großen Theil des Geldes nebſt den Kramläden der Vrabantiſchen Kaufleuten ſeinen Soldaten Preis gab, indeß das Ei⸗ genthum der Bürger aufs ſtrengſte verſchont blieb. Auch wurde ſogleich nicht allein die Brücke über den Rhein zerſtört, um die Stadt gegen einen ſchnellen feindlichen Anfall einſtweilen zu ſichern, ſondern auch die Feſtungswerke in den beſten Zuſtand geſetzt, um den eroberten Platz deſto gewiſſer zu behaupten. Selten iſt eine That ſo glücklich ausgeführt wor⸗ den, da die Anzahl der Todten auf Seiten der Hol⸗ länder ſehr gering war. Selten war aber auch eine That von größern Folgen. Mit der Eroberung We⸗ ſels mußte Spanien die Hoffnung aufgeben, ſich in der Welau zu behaupten, und das bedrängte Herzo⸗ genbuſch zu entſetzen. Mit dieſem Tage war nicht nur Weſel vom ſpaniſchen Joche erlöst, ſondern auch der Freyheit des benachbarten holländiſchen Volkes eine neue Stütze gegeben worden. Und die erſte Ver⸗ anlaſſung zu allem dieſem gieng von drey teutſchen Männern aus, denen es nicht etwa um einen eiteln Lohn von Gold und Silber zu thun war, ſondern die für das Heiligſte der Menſchheit, für ihr und ihrer Mitbürger Freyheit, heldenmüthig Gut und Leben wagten. Welch ein großer Jubel in den vereinigten Rie⸗ derlanden es war, als die unerwartete Nachricht von der Eroberung Weſels erſchallte, bedarf kaum einer Erwähnung. In allen Kirchen wurden öffent⸗ liche Dankſagungen angeſtellt, und im Lager vor 104⁴—— Herzogenbuſch alle Kanonen gelöst, während die Musketiere ihre Gewehre losfeuerten, und die Lan⸗ zenträger jubelnd auf ihren Spießen brennende Stroh⸗ fackeln in die Höhe hoben, ſo daß das ganze Lager vor dem Angeſichte des belagerten Feindes glänzend erleuchtet war. Wie groß aber auch der Spanier Groll und Unmuth geweſen ſeyn mag, läßt ſich eben ſo leicht vorſtellen. Lozzana und ſein Obriſt⸗ Wachtmeiſter De la Plare Galleron, wurden nach ihrer Rückkehr aus der Gefangenſchaft, vor das Gericht geſtellt, und beyden durch den Henker das Haupt abgeſchlagen. Fr. Sonntag. 105 XIV. Kriegsruhm der Villinger.*) Treue gegen ihre Landesfürſten, und gleichſam zum Sprichwort gewordene Tapferkeit, waren ſeit den älteſten Zeiten die hervorſtechendſten Eigenſchaften der Bürger von Villingen. Zwar vernachläßigten ſie un⸗ ter dem Geräuſche der Waffen auch die Künſte des Friedens nicht; im Gegentheil, es ließe ſich ein gro⸗ ßes Buch von gelehrten Villingern ſchreiben, und es iſt immer ein günſtiges Vorurtheil, für einen jungen Muſenſohn geweſen, ein Villinger zu heißen. Doch das, wodurch ſich die Bürger überhaupt vor der * Dieſer Aufſatz des um die alte beſonders badiſche Geſchichtskunde ſehr verdienten Verfaſſers, wurde zuerſt im Freyburger unterhaltungsblatt Nro. 20 und 21 mitgetheilt, woraus wir ihn in gegenwärti⸗ ges Buch als ein Denkmal teutſcher Lapferkeit auf⸗ nehmen. Die Stadt Villingen(ehmals zu Vorder⸗ öſtreich und jetzt zu Baden gehörig) wir zwar nie eine bedeutende, ſondern nur mittelmäßige Feſtung; aber nur um ſo mehr iſt die Sapferkeit ihrer Ein⸗ wohner zu bewundern. 106— Welt ausgezeichnet haben iſt ihre Gewandtheit in den Waffen, und der entſchloſſene und kühne Sinn, womit ſie von ihren Wällen herab den Stürmen von mehr als einem großen Heere und vielen berühmten Feldherrn trotzten. Auf der Villinger Rechtlichkeit und Kriegsübung vertrauend, haben ihnen früh ſchon die Kaiſer in ei⸗ nem bedeutenden Landſtriche, der Pürſch, den Blut⸗ bann anvertraut, danit ſie die Straßen über den Wald von allen Uebelthätern und Ruheſtörern rein hielten. Als man ihren Herzog Friedrich(1416) durch einen Achtſpruch alles des Seinen beraubte, wankten nur Villingen und Waldshut nicht in ihrer Treue. Mit feſter Beſonnenheit nahmen die Villin⸗ ger viele umliegende Orte im Ramen des ſchwäbi⸗ ſchen Bundes in Eid und Pflicht, als Herzog ulrichs von Würtemberg Erſcheinung im Felde(1549) nicht wenige überraſchte. Und während bald darauf(1525) zur Zeit des ſchwierigen Bauernkrieges viele anſehn⸗ liche Städte und Feſtungen ſich ergaben, hielt Vil⸗ lingen in Achtung gebietender Stellung die Aufrüh⸗ rer von ſich ab. Unſterblichen Ruhm aber erwarben ſich Villingens Bürger in dem alles erſchütternden, und die Kräfte Teutſchlands bis in das innerſte Mark verzehrenden Schwedenkriege, dadurch, daß ſie drey in 2Jahren ſchnell auf einander folgende Belagerungen aushielten(1633 und 1634.) Damals haben ſie die An⸗ ſtrengungen der berühmteſten feindlichen Heerführer zu nichts gemacht, und einen Sturm, den ſelbſ der alte — — 107 Kriegsmann, Oberſt Aeſcher, nicht ſo furchtbar er⸗ lebt zu haben, behauptete, männlich und mit großem Verluſt der Feinde abgeſchlagen. Da erſchien kein Un⸗ terſchied des Standes, des Alters, des Geſchlechts; alles trug nach Kräften zur Bewachung der geliebten Vaterſtadt bey, und während die einen mit Geweh⸗ ren, Spieſſen, Kolben und Stangen ſtritten, warfen die andern Bienenkörbe, Steine, Feuerbalken, Pech⸗ ringe, geſottene Kalk und dergleichen auf den ſtür⸗ menden Feind. Hoch und theuer vermaß ſich dieſer: und wenn man die Stadt an zwey Ketten bis zum Himmel aufzöge, wollte er ſie wieder herabreißen.“ Vergeblich, die Belagerten hielten ritterlich aus. Rit vollem Rechte konnte alſo der Chorherr Sich⸗ ler*), als er 50 Jahre darauf(1683) dem unbe⸗ zwungenen Villingen eine Lobrede hielt, dieſer Stadt, als Feſtung betrachtet, den Ehrennamen einer Jung⸗ frau beylegen. „Villingen,“ ſo rühmt der Redner,„iſt noch eine „Jungfrau, trutz vielen Städten. Straßburg war „lange Zeit eine brafe Dam. Laut des Lieds, die „Straßburger Buhlſchaft genannt: * Gedruckt zu Rothweil 1684, in Quart, unter dem Titel:„Mercurjus Villiganus redivivus zc. d. i. die Villingiſche, in denen dreyfachen Belagerungen, gegen Gott und ſeinen Landesfürſten erwieſene Tapferkeit und Redlichkeit.“ „Ich weiß eine ſchöne Dam, „ In Deutſchland thut ſie wohnen. „Sie iſt und wohnt nicht weit vom Rhein; „ Straßburg heißt ihr Nam.“ „Ein großer Welt⸗Monarch, nemlich Ludovi⸗ „kus XIV, König von Frankreich, ſchickt ſeine „ Werber, die ſich um dieſe Dam ſollen anmelden; „ſie ſagt nur geſchwind ja. Straßburg iſt jetzt „franzöſiſch. „Magdeburg, eine vornehme Jungfrau in Sach⸗ „ſen, führt in ihrem Stadtwappen eine Jungfrau »mit einem Kranz, ſtehend auf einer Bruck zwiſchen „zweien Thürmen. Der Kaiſer ſchickt zwey Wer⸗ „ber, nemlich den Tilly und Pappenheim, zwe⸗ „en tapfere Soldaten und weltbekannte Helden; die „Jungfrau pochet und iſt trutzig mit ihrem Kranz, „und ſagt Trutz Tilly, Trutz Pappenheim! „Aber Ubermuth thut ſelten gut; die Werber ſetzen „an mit Gewalt, erobern die Stadt, und wird der »ſtolzen Jungfrauen der Kranz zerriſſen. Darum „heißt's im Lied: „ Magdeburg war eine ſtolze Magd, „Sie hat dem Kaiſer den Tanz verſagt. „Jetzt muß ſie tanzen mit einem Knecht „So grſchieht allen ſtolzen Jungfrauen Recht.“ „ Breiſach, ein von der Hand und von der Na⸗ tur befeſtigter Ort, hat viel Buhler oder Wer⸗ = „ber von Zeit zu Zeit gehabt, ſie war eine lange „Zeit eine ſchöne Jungfrau, eine herrliche Dam; „bis daß endlich Herzog Bernhard von Sachſen „Weimar mit langer Bbockirung und viermonatli⸗ „cher Belägerung alſo geängſtigt, wollt' ſie anders „nicht Hungers ſterben, hat ſich endlich dieſe edle „Jungfrau per Accord ergeben. Dahero ein Offi⸗ „zier, ſo ſolcher Velagerung ſelbſt beigewohnt, An⸗ „laß genommen, das bekannte Lied zu dichten und „zu verfaſſen: „Ein' ſchöne Dam wohnt in dem Land, „ Von großen Qualitäten, „ Am Rheinſtrom iſt ſie wohlbekannt, „ Von hohen Dignitäten.*) „Vor 50 Jahren haben vornehme Helden, mächti⸗ „ge Feind, als Julius und Eberhard, beide Her⸗ „zogen aus Würtemberg, Chriſtian Pfalzgraf von „Birkenfeld, General Feld⸗Marſchall Guſtav „Horn, Martin Freyherr von Degenfeld, „Michael Rauch, Schaffaliski und andere „Kriegshelden mehr, um das arme, verwieſene „Jungfräule, Villingen genannt, ſich angemeldet, „aber das Jawort nicht erhalten, ſondern ſind ab⸗ „gewieſen worden, und durch den Korb gefallen. * Sollte dieſes Lied nicht irgendwo noch ganz aufzu⸗ ſinden ſeyn? So gering, allem Anſchein nach, der dichteriſche Gehalt ſeyn mag, ſo hat es doch vielleicht geſchichtlichen Werth. „ Was für Buhlbrief an dieſes ſchwäbiſche Jung⸗ „fräulein obbedüttete Werber haben angehen laſ⸗ „ſen! Sie vermeinten das Jungfräulein wäre vom „Verſtand kommen, wollten dann ihme den Kopf „ mit Arznei beſſer einrichten, machten eine gefähr⸗ „liche Purgaz von lauter Pillulen, das waren die „Stukkugeln, derer 7000, und 400 Granaten und „ Feuerkugeln über einen Zentner ſchwer(derglei⸗ „chen zum Muſter bey St. Sebaſtian Altar dorten „an einer Ketten noch hanget; im Münſter ſind » mehr zu ſehen); dieſes Jungfräulein hat ſchlucken „ und einnemmen müßen. Weit gefehlt! Villingen „iſt noch eine Jungfrau!“ Noch einmal(1704) bewieſen ſich die Einwoh⸗ ner von Villingen ihres Ruhmes würdig, als der fran⸗ zöſiſche Feldherr Tallard einen Sturm auf die Stadt verſuchte. Dreyhundert Bürger in Verbindung mit Soldaten und Studenten behaupteten den Wall, vor welchem 300 Franzoſen das Leben ließen. Da⸗ mals ſah man Weiber, welche nicht nur ihren Män⸗ nern die Mauer⸗Einbrüche verbeſſern halfen, ſondern auch mit dem Feuergewehr umzugehen wußten. Rit einem Verluſt von 1500 Todten und einer großen An⸗ zahl Verwundeten zog Tallard ab, und ſegpran⸗ gend öffneten die Vertheidiger dem anrückenden Eu⸗ gen die Thore. Wer könnte, nach allem dieſem, es den guten Villingern verargen, wenn ſie ihre Ringmauer, wel⸗ 11¹ che ihre Vorfahren ſo oft mit ihrem Blute verthei⸗ digt haben, woran ſo viele Erinnerungen der Erhe⸗ bung und des Troſtes in Roth und Gefahren hängen, als ein heiliges Denkmal betrachten, und vor jedem Eingriffe in dieſelbe, als einer Verletzung ihres Liebſten und Theuerſten zurückbeben? Julius Leuchtlen. 112 Deutſchlands Heldinnen, im Kampfe fuͤr die Befreyung ihres Vaterlandes von der fremden Oberherrſchaft. Als Napoleons Macht in Rußland vernichtet war, und das teutſche Volk neue Hoffnung faßte, ſeine verlorene Freyheit und Selbſtſtändigkeit wieder zu er⸗ langen, ſo wurde in ihm eine Hoheit des Gemüth's ſichtbar, wie ſie nur bey den edelſten Völkern erſcheint, wenn im Augenblicke des ſchmerzlichſten Bewußtſeyns, daß die heiligſten Güter verloren ſeyen, ſſch eine günſtige Gelegenheit dieſe wieder zu erringen darbie⸗ tet. Alles andere aufzuopfern, um nur die neu ge⸗ faßte Hoffnung in Erfüllung zu bringen, waren da⸗ mals die Teutſchen bereit. Aber es waren nicht blos Männer, ſondern auch Teutſchlands Frauen und Jung⸗ frauen nahmen an dem hohen Freyheitskampfe An⸗ theil. Ein Umſtand, der einſt der Nachwelt zum Be⸗ weis dienen wird, wie ſchwer und verhaßt das fremde Joch den Teutſchen geweſen ſeyn muß. Viele von ihnen gaben ihren Schmuck und ihre vorzüglichſten Koſtbarkeiten willig zur Führung des Krieges hin; und ein ein armes Fräulein, welches nichts anderes beizu⸗ tragen wußte, legte ſogar, wie man uns erzählt, den Erlös für ihr ſchönes Haar, das ſie ſich zu die⸗ ſem Endzweck abſchneiden ließ, freudig auf den Al⸗ tar des Vaterlandes nieder. Andere boten ſich zur Verpflegung der Kranken und Verwundeten dar, und übernahmen unentgeldlich mit Gefahr ihres eigenen Lebens Dienſte in den Krankenhäuſern. Mehrere ſo⸗ gar ergriffen das Schwerdt, und traten mit den Männern in den Kampf für die teutſche Sache. Einige der ausgezeichnetſten teutſchen Heldinnen, von denen wir die Rachrichten aus öffentlichen Tagsblättern und andern Schriften entlehnen, mögen auch in gegen⸗ wärtigem Buche ihre Stelle finden! 1. Unter den Heldinnen, welche für Teutſchlands Sache das Schwerdt führten, ſteht mit Recht Ma⸗ ria Werder aus Schleſien allen voran, weil ſie den übrigen zuerſt mit dem hohen Veyſpiel weiblicher Tap⸗ ferkeit vorangieng. Schon im Jahr 1806 ermunterte ſie nach der Schlacht von Jena ihren Mann, mit dem ſie in ei⸗ ner kinderloſen Ehe lebte, die Waffen für ihr Vater⸗ land zu ergreifen, und verlangte, mit ihm in das Feld zu zieben. Beyde traten zu Breslau unter das Freykorps des Fürſten von Anhalt Pleß, und wur⸗ den unter die Huſaren aufgenommen. Ausgezeichnet durch ziemlich ſtarken Körperbau, ſo wie durch eine II. Band. 3 144 etwas männliche Stimme und ein von der Sonne ge⸗ bräuntes Angeſicht gelang es ihr anfänglich, ihr Ge⸗ ſchlecht zu verbergen; aber ſelbſt, als dieſes entdeckt war, weigerte ſie ſich, ihren einmal gefaßten Ent⸗ ſchluß aufzugeben. Zweimal wurde ſie verwundet, zuerſt durch ei⸗ nen Streifſchuß, und bald darauf durch einen Hieb, durch den ſie einen Finger der rechten Hand verlor; aber völlig gleichgültig verachtete ſie die Schmerzen ihrer Wunden. Das Corps, bey welchem ſie ſich zu⸗ erſt befand, wurde von der feindlichen Ueberzahl ver⸗ nichtet, oder zerſtreut, und ſie ſelbſt gefangen genom⸗ men; aber ſie entrann mit ihrem Manne der Gefan⸗ genſchaft, und nahm unter dem Freykorps, welches Hirſchfeld und Rochow, in der Gegend von NRaumburg ſammelten, neue Kriegsdienſte. Sie nahm an mehreren Gefechten wieder Theil, und war un⸗ ter den 22 Huſaren, mit welchen Rochow 60 feind⸗ liche Fußgänger in Sagan zu Gefangenen machte. Später wurde ſie ſelbſt zum zweitenmal von einer überlegenen Anzahl Franzoſen gefangen genommen, wußte aber auch diesmal wieder zu entkommen, und verkleidet ihre Heimath wieder zu ſinden. Im Jahre 1813 entſchloß ſie ſich noch einmal mit ihrem Manne ins Feld zu ziehen. Beide erſchie⸗ nen in kriegiſcher Kleidung und Rüſtung zu Breslan, und ließen ſich unter das zweyte ſchleſiſche Huſaren⸗ regiment aufnehmen. Sie, unter dem Namen Wer⸗ der der Zweyte, wurde bald darauf zum Wachtmei⸗ ſter ernannt, wobey ſie ſich durch den genaueſten Dienſteifer, ſo wie im Felde durch die rühmlichſte Wachſamkeit und Tapferkeit auszeichnete. Zwey Tage vor der Schlacht bey Leipzig nahm ſie allein zwey franzöſiſche Voltigeurs gefangen. Beſonders aber zeichnete ſie ſich in der darauf folgenden großen Völkerſchlacht aus, wo ſie eben ſo durch ihre Worte, wie durch ihr ganzes Venehmen ihren Untergebenen ein aufmunterndes Beyſpiel der Entſchloſſenheit und Unerſchrockenheit gab. Ein Pferd wurde ihr unter dem Leibe todt geſchoſſen; aber ſie beſtieg ein ande⸗ res, und eroberte mit ihren Leuten eine leichte fran⸗ zöſiſche Feldbatterie. In dieſer Schlacht traf ſie das Schickſal ihren Mann zu verlieren. So wie ſie gewohnt waren, in einem Quartiere ſich aufzuhalten, ſo fochten beyde auch in den Treffen gewöhnlich nahe bey ein⸗ ander. Dießmal aber war ſie bald von ihm getrennt worden, und fand ihn erſt am Tage nach der been⸗ digten Schlacht nach langem Suchen auf dem Schlachtfelde unter den Leichnamen der Gefangenen von einer feindlichen Kugel in der Bruſt durchbohrt. Am nämlichen Tage erſt entdeckte ſie ihr Geſchlecht, das ſie während dieſes Feldzuges bisher verhehlt hatte, und man hörte mit Verwunderung, daß der Gefallene nicht ihr Bruder, ſondern ihr Mann geweſen ſey. Auch verließ ſie jetzt den Kriegsdienſt, und kehrte 9„ 146 nach Haus zurück, um ihr übriges Leben in ſtiller Ruhe zuzubringen. 2 Berübmt wie der Name der bereits erwähnten ſchleſiſchen Heldinn iſt auch der Name der branden⸗ burgiſchen Jungfran Marie Chriſtiane Elev⸗ nore Prochaska. Ihr Vater, früher Gardegrenadier unter Frie⸗ drich dem Großen, nachher aber Mußiklehrer in Pots⸗ dam, hatte, ſo viel in ſeinen Kräften ſtand, auf die Bildung dieſer Tochter, ſo wie ſeiner beyden anderen Kinder verwendet. Beſonders war in ihr durch ſeine Erzählungen von Heldenthaten, welche die Frauen Spaniens und Lirols in der neueſten Zeit vollbrachten, ein wahrer Heldengeiſt erweckt worden. Daher verkaufte ſie in dem verhängnißvollen Jahre 1813 ihre beſten Habſeligkeiten, ſchaffte ſich dafür eine männliche Kleidung, nebſt Büchſe, Hirſch⸗ fänger und Tſchako an, und trat unter die Jäger des erſten Bataillons der Lützowiſchen Freyſchaar⸗ indem ſie ſich ſelbſt den Namen Auguſt Renz bey⸗ legte. Bald darauf ſchrieb ſie an ihren Bruder mit der Bitte, ſie wegen ihres Schrittes, den ſie ohne Vorwiſſen der Ihrigen gethan hatte, bey ihrem Vater — 117 zu entſchuldigen, wobey ſie das heilige Verſprechen gab, niemals der Tugend untreu zu werden. Neben ihren übrigen edeln Eigenſchaften, zeich⸗ nete ſie ſich durch hohe LTapferkeit aus, aber ſchon nach wenigen Monaten ward ihr Leben ein Opfer des Krieges. Den 16. September 1813 wurde unter Wallmo⸗ dens Anführung das blutige Treffen an der Görde, einem Walde unweit Dannenberg im Hanöbriſchen geliefert. Hier mußte eine Anhöhe erſtürmt werden, welche mit franzöſiſchen Batterien geſchützt war. Die teutſche Heldinn rückte gleich ihren Waffengenoſſen muthig gegen den gefährlichen Hügel. Vald wurde ſie durch einen Schuß leicht verwundet, aber ſie wich nicht zurück. Immer weiter vorwärts dringend wurde ihr in dem Augenblicke, als ſie einem ſchwer ver⸗ wundeten Jäger zu Hülfe eilen wollte, durch eine zweyte Kugel das Bein zerſchmettert, ſo daß ſie neben ihm ohnmächtig niederſank. Hülftos lag ſie eine zeitlang in ihrem eigenen Blute, während der Verwundete neben ihr verſchied. Einem Offizier, den ſie zuerſt erblickte, entdeckte ſie das Ge⸗ heimniß ihres Geſchlechts, und wurde hierauf nach Dannenberg zurückgetragen. Noch lebte ſie einige Tage, unter den heftigſten Schmerzen⸗ trug aber mit der ſtandhafteſten Geduld ihr Schickſal bis zu dem Augenblicke ihres Todes. Die Verzögerung des Ver⸗ bandes hatte den Brand verurſacht.— Doch wurde ihr noch der Troſt gewährt, daß jener blutige Tag, der das Leben ſo vieler Tapferen koſtete, mit der völligen Riederlage des franzöſiſchen Corps unter Pecheux ſich geendigt hatte, und ihr und ihrer Waffengefährten Blut furchtbar gerächt worden war. Dieſe Siegesbotſchaft war die tröſtlichſte Rach⸗ richt für die ſterbende Heldinn, welcher das Wohl ihres Vaterlands ſo ſehr am Herzen lag, daß ſie noch in der letzten Stunde ihres Lebens ihre Wün⸗ ſche für Teutſchlands Sieg äußerte. Merkwürdig iſt es, daß ſie ſchon am Abend vor dem blutigen Treffen ein gefühlvolles Schreiben auf⸗ geſetzt hatte, worinn ſie von den Ihrigen aufs rüh⸗ rendſte Abſchied nahm, und alſo damals ſchon von der Ahndung ihres nahen Todes ergriffen war. 3. Neben dieſen beyden erwähnten Heldinnen, zeich⸗ nete ſich beſonders auch durch Muth und Tapferkeit aus, Auguſte Friederike Krüger, die Tochter eines Landmanns zu Friedland im Großherzogthum Mecklenburg⸗Strelitz. Sobald ſe im Jahr 1813 den Aufruf des Königs von Preußen erfuhr, ſo eilte ſie(damals 19 Jahre alt) in männlicher Kleidung, die ſie ſich ſelbſt ver⸗ 14¹9 fertigt hatte, unter dem angenommenen Ramen: Lübeck, nach dem Amte Jasnitz, um unter die Vertheidiger des Vaterlandes zu treten. Mit einer Abtheilung Rekruten wurde ſie hierauf nach Kol⸗ berg und von da nach Wollin geſchickt. Schon nach einigen Wochen wurde zwar das Geheimniß ihres Geſchlechts entdeckt, und der Befehlshaber des Bat⸗ taillons wollte ſie daher des Kriegsdienſtes entlaſſen, allein ſie beharrte feſt auf dem Entſchluße, für das Vaterland zu fechten, und blieb von nun an unter dem Regiment Kolberg. Nachdem ſie zuerſt vor der Feſtung Stettin die damals von den Preuſſen belagert wurde, einige Zeit geſtanden war, ſo zog ſie von da mit der Ar⸗ mee des Kronprinzen von Schweden in das offene Feld, und wohnte den 23. Auguſt dem ſieg⸗ reichen Treffen von Großbeeren, und den 6. Sep⸗ tember der ruhmvollen Schlacht von Dennewitz bey. An dieſem Tag zeichnete ſie ſich beſonders durch ihre Tapferkeit aus, und wurde deswegen zum Unter⸗ offizier und zum Ritter des eiſernen Kreuzes ernannt. Eine Wunde, die ſie in der Schlacht bey Den⸗ newitz empfangen hatte, hielt ſie einige Zeit ab, an den bald darauf folgenden Kriegsthaten Theil zu nehmen. Aber noch nicht völlig geneſen, ſuchte ſie nach einigen Wochen ihr Regiment in Holland auf, welches mit Bülows Armeecorps unterdeſſen dahin vorgerückt war. Den 30. November 1813, half ſie die Wälle von Arnheim erſtürmen. Den 9. Merz 1314, ſtand ſie in der Schlacht von Laon. Hier und außerdem noch in mehreren Gefechten gab ſie ſtets Beweiſe ihrer Tapferkeit. Noch im Jahr 1815 befand ſie ſich bey ihrem Regiment, als Napoleon von Elba wieder nach Frankreich zurückkehrte, und zog daher von neuem in das Feld, um gegen den Feind des teutſchen Volkes zu kämpfen. Ihr Regiment gehörte zum zweyten preußiſchen Armeecorps, welches ſowohl bey Ligny als auch Bell⸗Alliance ſich auf dem Kampf⸗ platz befand. NRach dieſen furchtbaren Schlachten hatte ſie noch mit ihrem Regiment, rühmlichen An⸗ theil an den Eroberungen der Feſtungen Landrecy, Philippeville, Roecroy und Givet, welche unter der Anführung des Prinzen Auguſt von Preußen einge⸗ nommen Nach eimigiit dieſes Krieges ward ihr unter dem 23. Oktober 1815 ein ehrenvoller Abſchied er⸗ theilt. Der König verwilligte ihr eine Penſion, und auf Aufforderung des Generals von Borſtell wur⸗ den freywillige Beyträge iu einem Brautſchatze für ſie geſammelt. 4. Zwar nicht in offener Feldſchlacht gleich den vorigen kämpfte Marie Eleonore Schulze(geb. — 424 Haldemann,) die Wittwe eines Schullehrers zu Gerſchau in Pommern, aber nichts deſto weniger lebte ein gleicher Heldengeiſt in ihr, würdig hier vor vielen andern Merkwürdigkeiten unſeres Zeital⸗ ters ausgezeichnet zu werden. Schon im Jahr 1806 ſtanden ihre beyden Söh⸗ ne, Chriſtoph und Nartin bey der preußiſchen Armee. Als ſie ſich nach der Schlacht von Jena wieder aus der Gefangenſchaft befreyten, ſo ſchickte ſie dieſelben ſelbſt wieder zu der Armee, und er⸗ munterte ſie tapfer gegen die Franzoſen zu ſtreiten. Martin ſiel in der Schlacht bey Eylau.— Sie hörte ſeinen Tod, jammerte nicht, und ſprach:„Ich werde ihn dort oben wieder ſehen!“ Freude und neue Hoffnung beſeelte ſie, als im Jahr 1813 der preußiſche Aufruf ergieng. Chri⸗ ſtoph, ihr einziger und bereits verheiratheter Sohn, wurde wieder von ihr aufgefordert, die Waffen zu ergreifen! Sie gab ihm einen Abſchiedskuß, und ſprach:„Kehre entweder gar nicht, oder als bra⸗ ver Preuße zurück!“— 610 Aehnlich jener Spartanerin, welche ihrem Sohn den Schild reichte, und ſprach:„Entweder mit oder auf dem Schilde!“ Einige Zeit nachher begab ſie ſich, ungeachtet ihres hohen Alters ſelbſt zur Armee, um unentgeld⸗ lich Lazarethdienſte zu übernehmen. Da ſie zu ſchwach war, um ſelbſt das Schwert zu führen, was ſie ſo gern gethan hätte, ſo wollte ſie wenig⸗ ſtens nicht unthätig bleiben, und übernahm aus Liebe zur Menſchheit und zum Vaterland einen Dienſt der nicht minder gefährlich für ihr Le⸗ ben und in gewiſſer Hinſicht noch läſtiger war. Hier ſah ſie ihren Sohn noch einmal, wiederholte ihre Ermahnungen muthig zu ſtreiten, und richtete ſich, als er bald darauf bey Leipzig ſiel, mit dem Troſte auf, daß er für das Vaterland gefallen ſey. Mit dem höchſten Entzücken vernahm ſie die Nach⸗ richt, daß Napoleon mit den Trümmern ſeiner Ar⸗ mee nach dem Rheine ſliehe, ſank auf ihre Kniee nieder, und rief betend:„Ja Herr du biſt noch unſer Gott!“ Von jetzt an war ſie noch drey Wochen zu Halle mit der Verpflegung der Verwundeten und Kran⸗ ken beſchäftigt. Vielen Menſchen rettete ſie das Leben durch ihre Sorgfalt und Thätigkeit. Man warnte ſie vor allzugroßer Anſtrengung, aber ſie fuhr fort in ihrem ſchönen menſchenfreundlichen Beruf, bis ſie ſelbſt von dem anſteckenden Fieber, welches in dem Lazareth herrſchte, befallen wurde. In den letzten Stunden ihres Lebens beſtimmte ſie noch ihr geringes Vermögen zur Anſchaffung von Bibeln und Geſangbüchern für die armen Schul⸗ kinder von Gerſchau, und ſtarb dann mit frommer Ergebung in den Willen Gottes. Ihre Gebeine ruhen auf dem Kirchhofe von Glaucha bey Halle. 2 . XVI. Heldenmuth eines funfzehnjaͤhrigen preußiſchen Trommelſchl⸗ gers in der Schlacht bey Leipzig, im Oktober 1813.*) Um den edeln Geiſt, der in unſern Vorältern ſo herrliche Thaten erzeugte, bey dem Wieder⸗Er⸗ ſtehen von unſerer ſchmählichen Unterdrückung einer Nation, der es nur durch eine unſelige Entzweyung unſerer Fürſten gelang, uns einige Zeit zu unterjo⸗ chen, um dieſen edeln Geiſt unſerer Vorältern wieder bey uns einzuführen, iſt es nöthig, alle große Beyſpiele der Gegenwart und Vorzeit zur Erhebung eines hohen National⸗Gemein⸗Sinnes und zur Erweckung unſe⸗ *) Aus dem„unterhaltungs⸗Blatt für alle Stände 1816. Nro. 2“ aufgenommen, und zu dieſem Endzweck von dem verehrungswürdigen Herausgeber dieſes ſo ſchätzbaren Blattes uns gütigſt mitgetheilt. rer teutſchen Rational⸗Kraft zu ſammeln und uns als mahnende Muſter aufzuſtellen. An dem erſten Tage der Leipziger Völkerſchlacht befand ſich ein preußiſches Regiment in der vordern Linie; der junge Trommelſchläger wurde durch einen vorbeyjagenden oder vielmehr vorbeygejagten Zug feindlicher Reuter von der Kolonne, an deren Spitze er ſtand, etwas vorwärts getrieben, und war eben im Begriff, ſich wieder an das Regiment anzuſchlie⸗ ßen, als er eine ihm bekannt ſcheinende Offiziers⸗ Stimme zum Sturmmarſch commandiren hörte. Er glaubt nun, ſeine Kolonne rücke ſogleich nach, ſchlägt deßwegen auf ſeiner Trommel mit allen Lei⸗ beskräften den preußiſchen Sturmmarſch, und arbei⸗ tet ſich unter dem fürchterlichen Getöſe der Schlacht und unter dem Angſtgeſchrey der Verwundeten und Sterbenden durch die Trümmer der berumliegenden Rüſtwagen, Pferde und Menſchen, bis vor eine Ko⸗ lonne Franzoſen hin, die, in der Meinung, es rücke ein neues Heer Leutſche gegen ſie an, ein ganzes Peloton⸗Feuer gegen ihn abfeuern. Eine Kugel durchlöchert ihm ſeine Trommel, verwundet ihn ſtreifend am Schenkel, zerſchmettert ſein kleines Sei⸗ tengewehr. Einige andere Kugeln zerriſſen ihm, während er im Kugelregen eine Seitenbewegung macht, ſeinen Torniſter und ſtreifen ihn am Achſel⸗ bein und Rücken. Er fühlt ſich zwar etwas verwun⸗ det, ſchlägt aber ſeinen Sturmmarſch mit noch grö⸗ ßerer Anſtrengung fort, iſt einige Zeit unſchlüßig ob er rückwärts oder vorwärts gehen ſolle, bemerkt aber beym höher gehenden Pulverdampf, daß die dicht vor ihm aufmarſchirte feindliche Kolonne lings⸗ um marſchiere, und entſchließt ſich nun, ihr auf dem Fuße mit ſeiner ſtürmenden Trommel zu folgen. So treibt der junge Trommelſchläger dieſe Kolonne Franzoſen, welche bey dem über die ganze Gegend verbreiteten Pulverdampfe nicht beurtheilen konnten, wer dem kleinen Helden folge, unter eine Abtheilung öſtreichiſcher Jäger, vor welchen die Franzoſen nach einigen vergeblichen Angriffen das Gewehr ſtreckten, oder vielmehr ihre Gewehre zerſchlugen. Vey dieſer öſtreichiſchen Jägerkolonne blieb er bis zum Ende des Schlachttages, kam noch in derſelben Nacht in Begleitung einer Ordonnanz bey ſeinem Regimente an/ und bekam dafür* preußiſche Kreuz und die Medaille. Wie glücklich iſt der Staat, in deſſen Kriegern ein ſo edler Geiſt herrſcht! Friedrich Müller. — 127 XVII. Rikolaus Werner von Molsdorf. Die ſächſiſche Geſchichte, die ſo reich an Bey⸗ ſpielen edler Thaten iſt, erzählt uns auch folgende Begebenheit, die unter die ſchünſten Züge teutſchen Hochſinnes gehört. Friedrich der Sanftmüthige, Kurfürſt von Sachſen, der Vater der Prinzen Ernſt und Albert, von welchen beyden bekanntlich ſämmt⸗ liche noch regierende ſächſiſche Häuſer abſtammen, regierte Anfangs mit ſeinem Bruder Wilhelm gemeinſchaftlich. Im Jahr 1445 aber wurde auf Verlangen des Letzteren, welcher ſich von böſen Rathgebern leiten ließ, das Land getheilt. Fried⸗ rich trat ſeinem Bruder einen Theil ab, und es entſtand ein wirklicher Krieg zwiſchen ihnen, wel⸗ cher erſt im Jahr 1450 durch einen Verglich völlig beendigt wurde. In dieſem Krieg hatte ſich Friedrich der Stadt Freyberg bemächtigt, und gab den Einwoh⸗ nern derſelben wiederholt den ſtrengen Befehl ihm ſogleich zu huldigen, und eine gewiſſe Anzahl Leute für ihn in den Krieg zu ſtellen. Die Stadt gerieth in die größte Beſtürzung, und der Rath verſammelte ſich, um zu überlegen, was unter ſolchen Umſtänden zu thun ſey, ob ſie dem Sieger gehorchen, oder ih⸗ rem bisherigen Regenten Wilhelm, da er ſie noch nicht ihres Eides entlaſſen hatte, treu bleiben woll⸗ ten. Das erſte wäre vielleicht ſicherer geweſen, aber das zweyte wurde gewiſſenshalben vorgezogen, und man beſchloß das Aeußerſte zu wagen. Schon hatte Friedrich ſeine Soldaten auf dem Marktplatze von Freyberg verſammelt, und er ſelbſt befand ſich zu Pferd an ihrer Spitze, um ſich den Huldigungseid ſchwören zu laſſen. Da traten ſämmtliche Mitglieder des Rathes der Stadt Frey⸗ berg in feyerlichem Zug vor den Kurfürſten, Paar und Paar mit entblößtem Haupte, und mit dem Sterbekleid an ihrem Arme. Vor ihnen her Niko⸗ laus Werner von Molfsdorf, Bürgermeiſter der Stadt, ein Greis mit eisgrauen Haaren. Die⸗ ſer erklärte freymüthig im Namen aller Anweſenden, ſie hätten einmal ihrem bisherigen Regenten den Eid der Treue geſchworen, und würden ſich nie entſchlieſſen dieſen Eid zu brechen, und gegen ihn die Waffen zu tragen. Sie hätten zwar das Ver⸗ trauen zu ihm, dem Kurfürſten, daß er von ſeinen ſtrengen Befehlen abſtehen werde, aber wenn er dar⸗ bebarre, ſo wollten ſie lieber ſterben, als ihrem Schwur Schwur untreu werden.„Und ich,“— ſo ſchloß der ehrwürdige Greis ſeine Rede, indem er nieder⸗ kniete, und ſein Haupt darbot,—„will der erſte ſeyn, und hier niederknieen, und mir, wenn man es verlangt, meinen alten grauen Kopf abſchlagen laſſen!“ Welches menſchliche Herz hätte dieſem rührenden Anblicke widerſtehen können? Dem Kurfürſten roll⸗ ten die Thränen aus den Augen, und tief bewegt ſprach er mit freundlicher Miene zu dem Greiſen, indem er ihm auf die Achſel klopfte:„Nicht Kopf ab, nicht Kopf ab! Solcher ehrlicher Leute, wie du, die ihren Eid und Pflicht ſowohl verwahren, bedürfen wir noch länger in der Welt!“ So ſchön dieſe Begebenheit iſt, ſo ſchön endigte auch der Krieg zwiſchen beyden Brüdern. Herzog Wilhelm, welcher ſtets nur ſeinen böſen Rathge⸗ bern Gehör gab, wollte lange durchaus nichts von einer Verſöhnung hören, und fuhr fort, ſeinen Bru⸗ der auf alle Art zu beleidigen, und ſeinem Lande Schaden zuzufügen. Als nun Wilhelm eines Ta⸗ ges mit etlichen Leuten in einiger Entfernung um das Lager des Kurfürſten ritt, um daſſelbe in Au⸗ genſchein zu nehmen, ſo trat ein Kanonier zu dem Kurfürſten, und erbot ſich, ſeinen böſen Feind, den Herzog niederzuſchießen. Aber in Friedrich regte ſich das Bruderherz:„Du magß ſchießen,“ antwor⸗ II. Band. 9 130— tete er: wenn du willſt;„aber meinen Bruder ſollſt du mir nicht treffen!“— Als dieſe Rede zu Wil⸗ helms Ohren kam, ſo konnte ſein Herz, ſo hart es bisher geweſen war, den Eindrücken der Rübrung nicht mehr widerſtehen. Es kam bald darauf unter Vermittlung des Kaiſers ein Vergleich zu Stand, und ſeine böſen Rathgeber wurden aus dem Lande gejagt. X. Religioſitaͤt teutſcher Feldherren. Hätte ein Held auch die höchſte Stufe des Ruhms beſtiegen, und wäre er mit den glänzendſten Ehren⸗ kronen geſchmückt, was gälte ſein Verdienſt vor dem Richterſtuhl der göttlichen Vernunft, wenn der Be⸗ weggrund ſeiner Thaten nur in der eiteln Belohnung eines Völkerdrängers oder Eroberers und in dem leichtfertigen Beyfall bethörter Schmeichler liegen würde. Rein! für vergängliches Gold und Silber vergießt kein ächter Held ſein köſtliches Blut, und für verwelkliche Lorbeerkränze führt er ſein Schwert nicht; ſondern ihn erweckt und ſtärkt nur die heiße Liebe zum Vaterland, deſſen gerechte Sache ihn zum blutigen Kampfe ruft, und das ihn am Tage des Sieges mit gerechtem Beyfall belohnt. Aber wenn erſt dieſe Vaterlandsliebe zugleich durch den Aufblick zu dem großen Schöpfer und Regenten aller Völker ſich veredelt und ſtärkt,— wenn der Held auf der glänzendſten Höhe verdienter Ehre ſich zugleich ſtets 9* 132— ſeiner Abhängigkeit vom höchſten Weſen bewußt bleibt, ihm ſein Leben und Sterben vertraut, und alles, was heilig und göttlich iſt, mit frommem Herzen ehrt; dann fühlen wir erſt recht innig, welch ein großer Vorzug der menſchlichen Tapferkeit vor der wilden Kampfluſt des vernunftloſen Thieres ge⸗ bührt; und wer wünſchte dann nicht, über des Helden modernden Gebeinen ein ehrendes Denkmal zu bauen? Zwar haben die Gewaltigen der Erde, und die Großen, die an ihren Thronen ſtehen, ſchon oft ſich erfrecht, ſelbſt das heiligſte Gut, die Religion, durch ſchändlichen Mißbrauch zu entweihen. Drän⸗ ger der Menſchheit, um die Völker zu bereden, als ob ihr Anliegen Gottes Sache wäre, haben oft ihre Unternehmungen mit heuchleriſchem Gebet begonnen. Geſchlagene Heerführer um ihre Schmach zu ver⸗ hüllen, und ihren lügenhaften Siegesberichten ſtär⸗ keren Glauben zu verſchaffen, ließen feyerliche Lob⸗ geſänge, von denen ihr Herz nichts fühlte, vor den Ohren ihres Volks erſchallen. So aber waren Teutſchlands edelſte Helden nicht. Als tapfere Krieger und fromme Bürger zugleich ehrten ſie die Religion als das höchſte Bedürfniß ihres Herzens, und hoch beglückt fühlten ſie ſich, Chriſten und Verehrer des Erlöſers zu ſeyn. Wer kennt nicht den berühmten Georg von Frondsberg, der unter Maximilian dem Er⸗ ſten, und Karl dem Fünften durch ſeine Thaten einen unſterblichen Namen errang? Mit der Helden⸗ ſtärke ſeines Armes verband er zugleich ein edles Herz; und trug er in der weltberühmten Schlacht von Pavia das Schwerdt des gefangenen Königs von Frankreich als das ehrwürdigſte Zeichen ſeiner Tapferkeit davon, ſo war das ſilberne Seepter, das ihm der Freyſtaat Genua aus Dankbarkeit ſchenkte, der ſchönſte Be⸗ weis ſeiner Milde und Menſchlichkeit. Dieſer Frondsberg war einer der gottesfürchtigſten Men⸗ ſchen und wenn er ſeine Teutſchen in eine Schlacht führte, ſo hatte er die Gewohnheit, mit ihnen vor⸗ erſt niederzuknieen, Gottes Beyſtand anzurufen, und ſein Schickſal der göttlichen Gnade zu empfehlen.*) Namentlich geſchah dieſes bey Pavia, wo er durch Beyſpiel und Worte die Herzen ſeiner Krieger hoch begeiſterte.„Du biſt unſer Vater,“— riefen ſie ihm zu,—„für dich wollen wir gerne jeder Todes⸗ gefahr entgegengehen!„Auch war er es, welcher ſich auf dem Reichstage zu Worms im Jahr 1521 befand, und dort zu Luther die bekannten Worte ſprach, die uns allein ſchon einen Begriff von ſeinem hohen gottesfürchtigen Sinn einflößen können.„Mönch⸗ lein Mönchlein!“— ſprach er, als Luther eben *) Vergl. Seckendorf, Commentarius histor. et apolog. de Luth. lips. 1694. Lib. 2. Sect. 2 P. 27. 134 unter der Pforte erſchien, um vor den Kaiſer, und die Fürſten des Reichs zu treten,—„du geheſt „jetzt einen Gang, dergleichen ich und mancher „ Oberſter, auch in unſerer allerernſteſten Schlacht⸗ „ordnung nicht gethan haben. Biſt du aber auf „rechter Meinung, und deiner Sache gewiß, ſo „fahre in Gottes Namen fort, und ſey nur getroſt: „ Gott wird dich nicht verlaſſen!“— Von gleicher Ehrfurcht gegen die Religion durch⸗ drungen war auch der große Bernhard von Wei⸗ mar*) und was anders iſt von dem Liebling Gu⸗ ſtav Adolphs und dem Bruder jenes Ernſts von Gotha, des frömmſten aller Fürſten ſeines Jahr⸗ hunderts, zu erwarten?„Gott mit uns!“ war Bernhards Looſungswort, wenn er ſein Heer in die Schlacht führte; und„Chriſtus allein iſt mein Ruhm und meine Hoffnung!“ war ſein Wahlſpruch, dem er bis zu dem ernſten Augenblick, wo er in der Blüthe ſeiner Jahre verwelkte, getren blieb. Auch er, ſo oft er eine wichtige Unternehmung ausführen wollte, pflegte vorerſt mit ſeinen Kriegern, Gottes Beyſtand anzurufen, und wenn ſie ausgeführt war, ſeinen feyerlichen Dank ihm darzubringen. So ge⸗ ſchah es den 23. Februar 1638 nach dem glücklichen *) Vgl. Theatrum Furopaeum, Bd. 3. Seite 132. 837— 838. 884. 880. 931. Bd. 4. S. 14. 135 Treffen bey Rheinfelden, wo er alle Reuter von den Pferden ſteigen ließ, und in der Ritte ſeiner Sol⸗ daten mit dem ganzen Heer das erhabene Lied an⸗ ſtimmte:„Eine feſte Burg iſt unſer Gott!“ Ebenſo den 1. Auguſt deſſelben Jahrs nach der ruhmvollen Schlacht von Wittenweiher, als er im Anblick von 80 eroberten Fahnen, welche zur Verherrlichung des Feſtes aufgeſtellt waren, von dem ganzen Heer unter freyem Himmel das Lied ſingen ließ:„War Gott nicht mit uns allezeit?“ auch während des Gebets mit allen Soldaten auf die Kniee ſich nie⸗ derwarf. Dabey war er ein ſo gewiſſenhafter Ver⸗ ehrer des öffentlichen Gottesdienſtes, daß er oft, wenn er durch den Drang der umſtände abgehalten wurde, einen der Verehrung des Höchſten geweih⸗ ten Tag zu feiern, den Gottesdienſt an einem der folgenden Tage nachholen ließ. Ihm an die Seite würde ich hier den preiswür⸗ digen Eugen von Savoyen ſtellen, der auch ſo manchen ſchönen Zug der Religioſitit hinterließ; wenn nicht Italien mehr Anſpruch hätte als Teutſch⸗ land, ihn den Seinigen zu nennen. Auch ſeine Zeitgenoſſen, Ludwig von Baden, und Leo⸗ pold von Deſſau waren, vom Geiſte heiliger Gottesfurcht beſeelt. Aber vor allen verdient hier aus Eugens Zeitalter wegen frommer Geſinnung Gottfried Ernſt von Wutgenau,*) ein Schle⸗ ſier von Geburt, ausgezeichnet zu werden. Er ſtarb im Jahr 1737 als öſtreichiſcher General⸗Feldzeug⸗ meiſter und Aufſeher aller Feſtungen in den kaiſer⸗ lichen Ländern. Keiner der teutſchen Helden ſeiner Zeit übertraf ihn an Kühnheit, Tapferkeit und Kennt⸗ niß der Kriegswiſſenſchaften; und als Vertheidiger von Philippsburg und Mantua hat er ſich einen un⸗ ſterblichen Namen in der Geſchichte erworben. Aber auch in Wutgenaus heldenmüthigem Herzen lebte der wärmſte Sinn für Religion. Selbſt während der ehrenvollen Vertheidigung von Philippsburg im Jahr 1734, wich er nie von ſeiner Gewohnheit ab, einige Zeit des Tags dem Gebet und himmliſchen Betrachtungen zu weihen. Damals ſchon ein Mann von 61 Jahren, wenn er oft unter freyem Himmel Gottesdienſt halten ließ, gerieth er während deſſel⸗ ben zuweilen in ſolche Begeiſterung, daß er, unver⸗ mögend ſeinem innern Drang zu widerſtehen, ſelbſt das Wort nahm, und in den rührendſten Ausdrücken ſeine Soldaten zur Gottesfurcht und zum feſten Ver⸗ trauen unter allen Schickſalen ermahnte. Dieſes Vertrauen belebte ihn ſelbſt, und ließ keine Todes⸗ furcht in ihm auftommen. Flogen manchmal, wenn er auf dem Walle mit dem Fernglas umhergieng, *) Vergl. Moſers patr. Archiv Bd. 9. Seite 503 — 346. — 137 um die feindlichen Werke zu beſichtigen, Bomben und Kanonenkugeln um ihn her, ſo pflegte er mit lauter Stimme Gott für die Abwendung der Gefahr zu preiſen, blieb aber ruhig ſtehen, und rief den Umſtehenden, die ſich niederbückten, freundlich zu: „ Bleibt aufrecht ſtehen, meine Kinder! es thut nichts! Gott iſt unſer Retter.“ So war auch gleich den erwähnten Feldherren der große preußiſche Held, der bey Mollwitz ſei⸗ nem König den Sieg errang, und bey Prag den Heldentod für ihn ſtarb, der Feldmarſchall Graf von Schwerin*) von einem wahrhaft chriſtlichen Gemüthe durchdrungen. Viele edle Eigenſchaften zierten das Bild dieſes Kriegers, der einer der men⸗ ſchenfreundlichſten und gewiſſenhafteſten Feldherren war, aber am liebenswürdigſten erſcheint er, wenn wir ihn in dem hohen Glanze betrachten, den die Religion auf ſeine Reden und Thaten warf. Ein Chriſt, im höchſten Sinne des Worts, verehrte er den göttlichen Stifter des Chriſtenthums über alles, hielt das Evangelium für den feſteſten Grund der Beruhigung, und fand ſein edelſtes Vergnügen im Gebet und frommen Betrachtungen über Gegenſtände * Vsl. Söllner: Ein Chriſt und ein Held, oder einige beſondere Nachrichten von dem Grafen von Schwerin. Frankf. a/D. 1768. 138 der Religion. Rie ſah man ihn in größerer An⸗ dacht, als wenn er an der Spitze ſeines Regiments, das er ſo oft zum Sieg führte, zum heiligen Abend⸗ mahl trat, und nie in ſtärkerer Bewegung, als wenn von dem überhandnehmenden Unglauben die Rede war. Als man ihm einmal ein Gedicht vor⸗ las, worinn der jüngere Raeine das Chriſten⸗ thum gegen Voltaire's Angriſfe vertheidigte, ge⸗ rieth er in die ſichtbarſte Rührung, und Freuden⸗ thränen floßen über ſeine Wangen. Bekanntlich fiel er den 6. May 1757 in der blutigen Schlacht bey Prag, wo er im gefährlichſten Augenblick vom Pferde ſtieg, die Fahne ergriff, und mit den Wor⸗ ten;„Mir nach, wer kein Feiger iſt!“ ſein Re⸗ giment gegen die feindlichen Batterien führte; aber dieſen Heldentod zu ſterben, ſtärkte ihn, wie ſeine eigenen Worte bezeugen, ſein feſter Glaube an Gott und die Zuverſicht auf ein beſſeres Leben. Kurz vor ſeinem Tode ſchrieb er noch an ſeine Gemah⸗ lin, er habe ſich ganz in den Willen Gottes erge⸗ ben, und erwarte getroſt jedes Schickſal, das er über ihn verhängen werde, denn diejenigen ſeyen die glücklichſten, welche vollendet hätten. und in einem andern Briefe vom 27. April 1757 heißt es: „Gott, der uns bis hieher augenſcheinlich geführt, „wird uns ferner zur Seite ſtehen. Wofern der „Feind nicht weicht, werde ich mich ihm mit herz⸗ „haftem Muthe entgegenſetzen, um mein Ziel ſelig „zu beſchließen und mit Ehren zu enden, warum „ich Gott mit Inbrunſt täglich anrufe.“ Ebrenvoll fand er ſein Ziel, und ſelig, wie er es gewünſcht. Nach ſeinem Tode aber kam die Zeit, wo der fromme Sinn, den wir Religioſität nennen, in ſo manchen teutſchen Herzen zu erſter⸗ ben ſchien. Der ſonſt große König, unter dem Schwerin diente, war ſelbſt bekanntlich in dieſer Hinſicht klein. Doch aufgeregt von des Schickſals ſchwerer Laſt erwachte wieder vor allen in dem Volke der Preußen zu unſerer Zeit die heilige Be⸗ geiſterung, die im Glauben an Gott Thaten voll⸗ brachte, wie wir ſie nur ſelten im Laufe der Ge⸗ ſchichte bemerken. und wie ehrwürdig und groß muß uns erſt der Name Blücher erſcheinen, wenn wir neben ſeiner heldenkühnen Tapferkeit zugleich ein frommes Gott vertrauendes Gemüth in ihm erblicken;— wenn wir ihn hören, wie er nach dem ſiegreichen Tage von Jauer ſeine Schaa⸗ ren zum Dank gegen Gott aufforderte, und ihnen voll Begeiſterung zurief: ²)„Laßt uns dem Herrn „der Heerſchaaren, durch deſſen Hülfe ihr den Feind „niederwarfet, einen Lobgeſang ſingen, und im „öffentlichen Gottesdienſt ihm für den uns gegebe⸗ „nen herrlichen Sieg danken! Ein dreymaliges „Freudenfeuer beſchließe die Stunde die ihr der An⸗ „dacht weihet! Dann ſuchet euern Feind aufs neue!“ * Vol. Venturini's Befreyungskrieg. Bd. 2. S. 299. 140 Nach dem Beyſpiel eines Bernhards von Vei⸗ mar hielt er damals unter freyem Himmel auf dem Felde von Löwenberg in der Ritte ſeiner Krieger den Gottesdienſt in feyerlichſter Andacht. So ſtand auch der ehrwürdige Held bey Belle⸗Alliance in ſeiner heiligen Rührung, als er die Menge der eroberten Trophäen ſah, deren Zug kein Ende zu nehmen ſchien. Sein tapferes Heer jubelte laut, aber der fromme Feldherr rief ihm zu:„Richt wir, nein! unſer Herr Gott hat das gethan!“*) Uund, daß wir noch einen Zug von Blüchers hohem Sinn für Religion anführen, was können wir Schö⸗ neres finden als ſeine fromme Andacht an Klop⸗ ſtocks Grab, und wo einen ſtärkeren Beweis, wie ſebr ihn die böchſte Ehrfurcht gegen den Erlöſer durchdrang, da er den heiligc: Sänger deſſelben ſo hoch hielt? Als der Held im Jahr 1816 während ſeines Aufenthalts zu Hamburg in Begleitung eini⸗ ger Freunde am Kirchhofe von Ottenſee vorbeyfuhr, und dort die Linde erblickte, die des Sängers Grab beſchattet, nahm er voll Ehrfurcht den Hut ab, und ſprach:„Entblößen wir das Haupt! hier iſt Klopſtocks Grab!“**) So haben Leutſchlands größte Helden den Geiſt der Religion im Herzen getragen. Ein Beweis, *) Vol. Niemeyers Heldenbuch 3te Auflage Seite 480. **) Vgl. Morgenblatt 1816 Nro. 239. wie ungerecht einſt niedrige Spötter dem Chriſten⸗ thum den Vorwurf machten, als ob es den Geiſt des Heldenmuthes in dem Menſchen vernichte.— Nein! athmet in einer Religion den Hauch der Freyheit, ſo iſt es das Evangelium, das uns mit den Worten begrüßt:„Fürchtet euch nicht vor de⸗ „nen, die den Leib tödten!“ und hat es ie hel⸗ denmüthige Herzen gegeben,(ich will nicht reden von den Märtyrern der Vorzeit,) ſo iſt es das chriſtliche Herz eines Frondsberg's, eines Bern⸗ hards von Weimar; eines Wutgenau's, ei⸗ nes Schwerin's und eines Blücher's geweſen. Fr. Sonntag. XIX. Hohes Beyſpiel kindlicher Liebe.*) Griechenlands Geſchichte hat uns die Namen der frommen Jünglinge Kleobis und Biton überliefert, die ſich durch das hohe Beyſpiel ihrer kindlichen Liebe ein bleibendes Andenken erwarben. Ein ähnliches Beyſpiel, aber noch rührender und ſchöner als jenes, enthält die teutſche Geſchichte aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Nach der Rördlinger Schlacht, als die Schwe⸗ den völlig geſchlagen waren, rückte die feindliche Armee, ſtolz auf ihren Sieg und übermüthig im Tau⸗ mel des Glücks, durch Franken und Schwaben gegen den Rhein. Ohnedies zu jener Zeit nicht gewohnt, die Kriege menſchlich zu führen, und jetzt durch *) Rit Benutzung alter geſchriebener Urkunden ent⸗ worfen. — 143 Religionshaß noch heftiger erbittert, kannte der rohe Soldat des ſiegenden Heeres keine Grenzen der Rachſucht. Arme und unglückliche Bürger, die ſchon ſo viel Uebles im Laufe der Kriegsjahre er⸗ duldet hatten, wurden beraubt, und aufs grauſam⸗ ſte mißhandelt, auch viele unbarmherzig ermordet. Weder Alter noch Geſchlecht wurde verſchont; we⸗ der Unſchuld noch Tugend fand Erbarmen. Wohin nur das feindliche Heer ſich wandte, gieng ihm der Ruf des Schreckens und der Verzweiflung voraus; und wer noch Kraft und Rittel hatte zu fliehen, ſuchte einen Zufluchtsort.. In dieſen Tagen der Noth lebte zu Pforzheim im Badiſchen der Amtskeller Kaſpar Raler, da⸗ mals ein Mann von 54 Jahren, und Vater mehre⸗ rer Kinder, deren jüngſtes das dreyzehnte Jahr er⸗ reicht hatte. Schon wütheten die Feinde mit Feuer und Schwert im benachbarten Wirtemberg, und ihre drobende Nähe mahnte zur Flucht. Da entſchloß auch er ſich, ſeine Heimath zu verlaſſen, und jenſeits des Rheins eine ſichere Stätte zu ſuchen. Aber wie könnte der Edle fliehen, ohne ſeine geliebte bald achtzigiährige Mutter, der ohnedieß vor dem nahen Feinde ſo bange war, mit ſich zu nehmen? Und wie mit ſich nehmen, da es an Zugthieren fehlte, um ſie an eine Zufluchtsſtätte zu bringen? Aber die Liebe, beißt es, trägt und duldet alles; und dieſer göttliche Ausſpruch fand ſeine Beſtätigung, 1¹⁴ Die beängſtigte Mutter wird auf ein Fuhrwerk ge⸗ ſetzt. Statt der Pferde treten der Sohn und ſeine Kinder an die Deichſel; und wer vorn an der Deich⸗ ſel nicht Platz findet, ſtemmt ſich hinten an den Wa⸗ gen, um das Fuhrwerk vorwärts zu treiben. So fährt die fliehende Mutter, von Sohn und Enkeln gezogen, glücklich einen Weg von zehn Stunden bis in die Gegend von Philippsburg. Hier am ufer des gewaltigen Rheins, wer durfte wagen, ohne Fährmann den Fluthen des Stroms ſich und ſein Leben zu vertrauen? Aber wer auch, vorwärts ſo nahe der erſehnten Ruheſtätte, und rück⸗ wärts dem drängenden Feinde, mochte hier zaudern? Doch die Liebe trägt und duldet nicht bloß,— nein! ſie hofft und vertraut auch alles. Kaspar Raler ergreift das Steuerruder, Mutter und Kinder betreten mit ihm den Kahn, und die lieben Seelen, mit ein⸗ ander zu leben bereit oder mit einander zu ſterben, fahren in Gottes Namen dahin. Schwankt gleich das Schifflein links und rechts, und ſchweben die treuen Herzen zwiſchen Hoffnung und Furcht, ihr frommes Gebet wird gehört, und Gottes Hand leitet ſie glück⸗ lich an das jenſeitige Ufer. Wer vermag ohne Rührung zu denken an das hohe Entzücken, mit dem ſich Mutter und Sohn und Enkel umarmten, als ſie, drüben angelangt, das Ziel ihrer Reiſe, die Wohnungen von Landau, in der Rähe ſahen? wer an die Frendenthränen, die ſtummen Zeugen Zeugen ihres Entzückens, und die köſtlichſten Opfer, die ſie dem Ewigen darbringen konnten? Kaſpar Maler entſchlummerte den 13. Jenner 1648, und den Freudentag, an dem Teutſchland der Friede verkündet ward, erlebte er alſo nicht. Dage⸗ gen zum beſſern Frieden gieng er ein, zum Lande, wohin keines Eroberers Wuth und keines Drängers Stimme dringt, und wo kein Tod mehr liebende Seelen trennt. Seiner Kinder eines war Heinrich Wilbelm, damals ſechszehn Jahre alt, als die herrliche That der kindlichen Liebe vollbracht wurde. Dieſer pflanzte den Stamm ſeines ehrwürdigen Va⸗ ters fort, und noch blüht mancher Sprößling in unſerm Vaterlande. Manche verdiente Männer ſind aus dieſem Geſchlechte hervorgegangen, haben Gutes gewirkt, und zuletzt die Thränen des Dankes mit ſich ins Grab genommen. Fr. Sonntag, U. Band. 10 XX. Lieutenant von Katt. Bald ſind es hundert Jahre, daß der unglück⸗ liche Jüngling, deſſen Andenken wir hier zu erneu⸗ ern wünſchen, unter dem Schwerte des Henkers ſein Leben endigte. Erweckt ſchon die Härte ſeines grau⸗ ſamen Schickſals eine gerechte Theilnahme, welch eine Rührung muß unſer Herz erſt ergreifen, wenn wir den frommen Geiſt und den wahrhaft chrißli⸗ chen Muth erblicken, mit dem er ſein ſei Schickſal ertrug? Vekannt iſt es aus der Lebensgeſchichte Fried⸗ richt des Großen, wie ſehr dieſer weltberühmte König in ſeiner Jugend als er noch Kronprinz war⸗ das Unglück hatte, ſeinem ſtrengen, zornmüthigen und oft bis zur Gefühlloſigkeit harten Vater zu mißfallen, und wie der drückendſte Haß auf dem königlichen Sohne lag. Müde endlich der harten Behandlung, die er erfuhr, faßte Friedrich im Jahre 1730 den Entſchluß ohne Vorwiſſen ſeines Vaters nach Eng⸗ land zu ſeinem mütterlichem Oheime Georg lI. zu reiſen, um dort, wie es hieß, mit einer engliſchen 447 ſeiner Jugendfreunde, Katt, Lieutenam von der Garde, königlichen Pofe. Glücklich holländiſche Grente. Hier aber und Katt eingeholt, und nach Verlin zurückgeſährt, während Keith den Hämen ſeiner Verfolger en⸗ flichen konnte. Man weiß auch, daß König Friedrich Wil⸗ helm I. Anfangs ſogar Willens war, das Veyſpiel, das einſt Philipy II. von Spanien an Don Carlos gab, an ſeinem Sohne zu wiederholen, und ihn hin⸗ richten zu laſſen. Nur die im Namen des Kaiſers vom öſtreichiſchen Geſandten eingegebene nachdrück⸗ liche Vorſtellung, und das Anſehen des ehrwürdigen Probſts Reinbeck, hielt ihn von dieſem Entſchluß zurück, da derſelbe dem König auf ſeine Bemerkung, daß er ſeinen Sohn in Königsberg richten laſſen könne, wo er nach Kaiſer und Reich nichts mehr zu fragen hätte, die freymüthige Antwort gab, daß auch in Königsberg ein Gott lebe, dem der König Rechen⸗ ſchaft für ſeine Handlungen geben müſſe. Um ſo bärter aber und trauriger war das Schickſal des unglücklichen Katt, obgleich dieſer im Grunde bloß der Verführte, und nicht der Verführer war. Kaum war Katt, damals ein Jüngling von 22 Jahren, zurückgekommen, ſo erfuhr er von dem er⸗ 10* urden Friedrich * 14) grimmten Könige die gröbſten Mißhandlungen. Er riß ihm ſein Ordenszeichen von der Bruſt, ſchlug ihn mit eigener Hand ins Geſicht, und ließ ihn hierauf nach Küſtrin in harte Gefangenſchaft ſchen, um dort ſein weiteres urtheil zu erwarten⸗ Ein Kriegsgericht, welches von dem Könige nie⸗ dergeſetzt war, erkannte, um den Zorn des Königs zu beſänftigen, auf lebenslängliche Feſtungsſtrafe; aber nicht zufrieden mit dieſem Urtheil, änderte der Monarch den 2. November 1730 das Urtheil dahin, daß er mit dem Tode beſtraft werden ſolle. Katt habe verdient mit glühenden Zangen zerriſſen und aufgehangen zu werden, indem er als ein Offizier der königlichen Armee, zumal von der Garde ein Majeſtätsverbrechen begangen habe, aber aus Rück⸗ ſicht für ſeine Familie ſolle er mit dem Schwerte zum Code gebracht werden. Dieſer harte urtheilsſpruch bewegte alle gefühl⸗ vollen Herzen zur Theilnahme. Der Vater des ver⸗ urtheilten Jünglings, ein durch Tapferkeit und Treue gegen den König ausgezeichneter General, deßgleichen ſein Großvater, damals wirklicher preußiſcher Feld⸗ marſchall, und ebenfalls ein um den Staat ſehr ver⸗ dienter Mann, ja! ſelbſt die Königin that die rüh⸗ rendſten Bitten an den König; aber das Herz des harten Richters, der den andern Offizieren dadurch ein abſchreckendes Beyſpiel geben wollte, blieb uner⸗ bittlich. Unter dieſen Umſtänden bewies der Verurtheilte eine Seelenruhe und Standhaftigkeit, die ihn des immerwährenden Andenkens der Nachwelt werth macht. Zwar machte er zuerſt, was er ſich ſelbſt ſchuldig war, den Verſuch, durch ein rührendes Schreiben, das Herz des Königs zu erweichen. Sein Vergehen ſey eine Folge mehr der jugendli⸗ chen Unbedachtſamkeit als Bosheit. Auch Gott laſſe ſo oft Gnade für Strafe ergehen, ſo möge auch der König einen Baum ſchonen, auf daß er nicht in ſeiner Blüthe falle. So viele Tropfen Blut in ſei⸗ nen Adern flöſſen, ſollen künftig Zeugen ſeines Ge⸗ horſams und ſeiner Treue ſeyn. Aber dennoch ver⸗ zagte er nicht einen Augenblick, und ſelbſt als auch die letzte Hoffnung auf Begnadigung verſchwunden war, wußte er durch die Kraft der Religion ſein Herz aufzurichten. Schon in einem Schreiben an ſeinen Großvater, als er noch gehofft hatte, Gott werde, wie er ſich ausdrückte, vielleicht das Herz des Königs lenken, hatte er ſich und ihn mit dem Glauben an Gott zu tröſten geſucht:„Iſt es Gottes Wille nicht,“ ſchrieb er;„ſo ſey er auch um deswillen gelobt, denn er kann es nicht anders als gut mit uns mei⸗ nen.“ Richts aber iſt rührender, und zeugt von frömmeren Geſinnungen als ſein Abſchiedsbrief an ſeine Aeltern und Geſchwiſter.*) In Thränen *) Dieſe Briefe ſindet man wörtlich und vollſtändig in Moſers patriot. Archiv. Bd. 3. Seite 166— 176. 150—— möchte er zerfließen, wenn er an die Betrübniß denke, die er den Seinigen verurſache, da jede auf ihn geſetzte Hoffnung jetzt ſo traurig und ſchmählich mit ſeinem Leben ende. Aber Gottes Wege ſeyen doch ſtets die beſten. Vielleicht würde ein längeres Leben ihm nur zum unglück gereicht, ſein Herz der Welt zugeführt und von Gott abgewendet haben. Darum müſſe man Gott vertrauen, ohne deſſen Willen nicht ein Sperling auf die Erde falle.“ „Iſt gleich“ ſetzte er hinzu,„die Art meines To⸗ „des bitter und herbe, ſo iſt doch die Hoffnung „ und die Gewißheit der ewigen Seligkeit deſto ge⸗ „wiſſer und angenehmer. Iſt ſie gleich mit Schimpf „und Schmach verknüpft, iſt es doch nichts in Ver⸗ „gleich der künftigen Herrlichkeit.“ Zugleich em⸗ pfahl er ſeine Aeltern Gottes Schutz und Gnade, dankte ihnen für alle erwieſene Treue, und bat um Verzeihung für jede Beleidigung. Es ſey dies die letzte Bitte in dieſem Leben, und darum hoffe er, daß ſie ihm nicht verſagt würde. Eben ſo ſchrieb er die rührendſten Worte an ſeine Geſchwiſter. „Liebſte Geſchwiſter! Wie ſoll ich mein Andenken „bey euch ſtiften? Mein Zuſtand läßt nicht zu, „alles, was ich auf dem Herzen habe, euch vorzu⸗ „ſtellen. Ich ſtehe vor der Pforte des Todes, und „muß alſo bedacht ſeyn, mit einer geheiligten und „gereinigten Seele einzugehen; kann alſo keine „Zeit verſäumen, laſſe euch demnach nur den Spruch „zum Andenken, da Gott zu Abraham ſagte: Ich „bin der allmächtige Gott, wandle vor mir, und „ſey fromm!“ Solche ſchöne Geſinnungen äußerte er bis an das Ende ſeines Lebens. Alle, die ihn in ſeinem Kerker hörten, wurden von der höchſten Rührung ergriffen, als ſie in ihm die göttliche Kraft der Reli⸗ gion ſo deutlich bemerkten. Selbſt als der blutige Todestag gekommen war,(es war der 7. November 1730) gieng er voll Muth dem Blutgerüſte zu, wel⸗ ches unter den Zimmern, die der gefangene Kron⸗ prinz bewohnte, auf Befehl des Königs errichtet war. Schon kniete er mit gefalteten Händen und erwartete den Todesſtreich, als der Kronprinz dem erhaltenen Befehle gemäß, an dem Fenſter erſchien. Jetzt ergriff Friedrichs Herz das tiefſte Schmerz⸗ gefühl, als er hier ſeinen unglücklichen Freund ſah! „Katt, Katt, verzeihen Sie mir!“ rief er ihm zu.„Leben ſie wohl mein Prinz, antwortete er, ich ſterbe ruhig, da ich nur Sie noch geſehen habe!“ Mit dieſen Worten fiel der Kopf des Verurtheilten zur Erde, während Friedrich am Fenſter in eine Ohnmacht ſank. Zehn Jahre nach dieſem traurigen Vorfalle, be⸗ ſtieg Friedrich den Thron. Schon war Katt's Großvater und Mutter geſtorben; aber der Vater des Verurtheilten lebte noch. Eine der erſten Hand⸗ lungen des neuen Königs war, daß er ihn zum Ge⸗ neralfeldmarſchall ernannte, ihm den ſchwarzen 182— Adlerorden ertheilte, und bald darauf nebſt ſeiner Familie in den Grafenſtand erhob. So ſehr fühlte der König zu jeder Zeit, welch eine grauſame That die Hinrichtung ſeines Freundes war, und geſtand es öffentlich durch die Gnadenbezeugungen, die er deſſen Vater erwies. 153 XXI. Letzte Stunden Joh. Philipp Palm's und AndreasHofer's. 1. So ſtreng auch die Gefangenſchaft war, in wel⸗ cher der unglückliche Palm vier Tage zu Braunau gehalten wurde, und obgleich er wiſſen konnte, wie gefährlich es ſey, vor einem Kriegsgerichte Napo⸗ leons zu ſtehen, ſo erwartete er doch mit völliger Ruhe ſein Urtheil, ohne an die Todesſtrafe zu den⸗ ken. Er hatte als Buchhändler zu Rürnberg die Schrift:„Teutſchland in ſeiner tiefſten Erniedri⸗ gung,“ worinn über den damaligen tief geſunkenen Zuſtand des teutſchen Reichs mitunter einige freye Wahrheiten geäußert waren, an eine andere Vuch⸗ handlung nach Augsburg geſandt. Aber dieſe Schrift, wie er nicht nur in ſeinen beyden Verhören, ſondern 154—— auch ſtandhaft noch in den letzten Augenblicken ſeines Lebens behauptete, war ihm als ein bloßer Speditionsartikel von unbekannter Hand, zugeſchickt worden, und er glaubte daher, ſich hinlänglich ge⸗ rechtfertigt zu haben. Allein alle ſeine Vorſtellungen blieben fruchtlos. Sein Tod war von Parts aus unwiderruflich beſchloſſen, um dadurch in LTeutſch⸗ land einen allgemeinen Schrecken zu verbreiten, und durch die Todesangſt alle Preßfreyheit zu un⸗ terdrücken. Er, ein teutſcher Bürger, der von ſeiner eigenen Obrigkeit nach den Geſetzen ſeiner Stadt hätte gerichtet werden ſollen, wurde mitten im Frieden von einer fremden Gewalt ergriffen, und unter dem Ramen eines Aufrührers zum Tode verurtheilt. Welch ein harter Schlag muß es daher für Palm geweſen ſeyn, als ihm den 26. Auguſt 1806 Mittags um 11 Uhr, im Hofe ſeines Gefängniſſes, aus dem er herausgeführt worden war, ſein Urtheil in drey Stunden erſchoſſen zu werden, vorgeleſen wurde! Er war mit heiterer Seele am Morgen aufgeſtanden, hatte noch in der Frühe andächtig ein Morgenlied geſungen, und war in der Hoffnung, die frendige Votſchaft ſeiner Freyheit und der Er⸗ laubniß zu Frau und Kindern wieder heimzukehren, in den Hof getreten. Jetzt aber, als auf einmal ſeine ſüßeſten Hoffnungen ſich in die ſchrecklichſte Gewißheit des nahen Todes verwandelten, verließ ihn im erſten Augenblicke ſeine männliche Faſſung. Die Erinnerung, daß er Gatte und Vater von ſechs hülfloſen Kindern ohne großes Vermögen ſey, er⸗ ſchütterte ſein Innerſtes, und er rief laut auf zu Gott, und weinte bitterlich. Alles was er in ſeiner Herzensangſt herborbringen konnte, war die Bitte, ihm einen oder den andern Geiſtlichen zu ſchicken, um durch Troſt und Zuſpruch ſich ſein ſchweres Schickſal zu erleichtern. Zwey fromme Geiſtliche von Brannau Johann Michael Gropp und Thomas Pöſchl übernah⸗ men die Erfüllung der menſchenfreundlichen Pflicht. Sie fanden ihn beym Eintritt in das Gefängniß ſehr niedergeſchlagen, und in tiefem Nachden⸗ ken begriffen. Bald aber ſtand er auf, umarmte ſie mit beklemmtem Herzen und mit vielen Thränen, und erzählte ihnen jammernd ſein hartes und unver⸗ ſchuldetes Schickſal. Am meiſten weinte er, daß er ſo bald von ſeiner lieben Frau und Kindern, die ſeiner Hülfe noch ſehr bedürften, auf eine ſo traurige Art getrennt würde. Sie ſprachen ihm Troſt zu durch Gründe der Religion, ermahnten ihn zur chriſt⸗ lichen Ergebenheit in den göttlichen Willen und zum feſten Vertrauen auf Gott, für ſich und die Seinigen. Nach und nach beruhigte er ſich, und eine chrißtliche Gelaſſenheit trat an die Stelle der verzweiflungsvol⸗ len Herzensangſt, obgleich er hörte, daß für ihn kein Weg zur Rettung ſeines Lebens mehr übrig ſey. Er wünſchte das heilige Abendmahl zu genießen⸗ Da er aber ein Proteſtant war, und kein Geiſt⸗ licher ſeiner Kirche in jener Gegend ſich befand, ſo konnte man ihm dieſen Wunſch nicht gewähren, und beruhigte ihn mit dem Troſte, daß vor Gott der gute Wille für das Werk gelte. Er betete hierauf noch mit hoher Andacht, und ſang herzlich und feyerlich ſeine beyden Lieblingslieder:„Alles iſt an Gottesſegen;“„Gottlob, nun iſt es wieder Mor⸗ gen. Auch bat er noch die beyden Geiſtlichen, ſie möchten ſeiner Gattin noch dieſen letzten Wunſch melden, daß ſie jene beyde Lieder ihre Kinder leh⸗ ren und ſie ihnen für ihr ganzes Leben empfehlen ſolle. Alsdann ſchrieb er knieend noch ſelbſt einen kurzen rührenden Abſchiedsbrief an die Seinigen. Von Menſchen, aber nicht von Gott verlaſſen habe man ihn unſchuldig zum Tode verurtheilt. Er habe keinen Vertheidiger gehabt, aber vor Gott werde er ihm erſcheinen. Er ſage ihr— ſeiner lieben Frau,— tauſend Dank für ihre Liebe; ſie ſolle ſich mit Gott tröſten, und ihn nicht vergeſſen. Gott möge ſie und ihre Kinder ſegnen und im Him⸗ mel würden ſie einander wieder finden. Dieſe letz⸗ ten Zeilen übergab er den Geiſtlichen, zog dann ſeinen Vermählungsring vom Finger, küßte ihn mit heißen Thränen, und überreichte auch dieſen nebſt einigen andern geringen Koſtbarkeiten, die er bey ſich trug, mit der Bitte, alles dieſes den Seinigen zum Andenken an ihren unglücklichen Vater zu ſenden. — 157 ungefähr um 2 uhr wurde die Thüre geöffnet, und der Unglückliche aufgefordert, ſich zu ſeinem Todesgang bereit zu machen. Kurz vorher hatte er noch mit Hand und Mund verſprochen, ſeinen Fein⸗ den und Mördern und allen, die an ſeinem Tode ſchuldig wären, zu verzeihen. Desgleichen hatte er noch einmal für ſeine Kinder gebetet, daß Gott ihr Vater ſeyn möchte, wenn er nicht mehr lebe. Man wünſchte, daß er ſich noch durch einen Labetrank zu ſeinem ſchweren Gang ſtärken möchte, aber er er⸗ klärte, er habe für den Reſt ſeines Lebens noch Kräfte genug, und wolle den Tod als ſein Abend⸗ mahl empfangen. Palm trat nun in Begleitung ſeiner beyden Freunde, auf die Gaſſe, wo ein Leiterwagen mit zwey Ochſen beſpannt ſeiner wartete. Als der Be⸗ fehl kam, ihn zu binden, ſah er gen Himmel, ſeufzte, und ſprach:„Bin ich denn ein ſo großer uebel⸗ thäter, daß man mich gleich dem allergrößten Ver⸗ brecher behandelt?“ Gropp legte Fürbitte für ihn ein, aber fruchtlos, und ein franzöſiſcher Soldat band ihn mit gefühlloſer Härte. Der unglückliche wünſchte wenigſtens nur zu Fuß ſeinen Gang auf den Richtplatz thun zu dürfen. Aber auch dieſe BVitte wurde ihm abgeſchlagen, indem der franzöſiſche Com⸗ mandant erklärte, daß ihm durchaus in keinem Punkt von der erhaltenen Vorſchrift abzuweichen erlaubt ſey.„Freund! hier iſt alles verloren,“ rief Gropp, „für Sie iſt auf dieſer Welt keine Gnade mehr; wir 158—— „ wollen jenſeits ein beſſeres hoffen; der Herr wird „ihre Hoffnung ſtärken und krönen.“ Dann nahm er ihn an der Hand und führte ihn zu dem Wagen. Pöſchl um ihm Muth zu machen, ſetzte ſich zuerſt auf das an dem Wagen befeſtigte Brett, und nahm den unglücklichen zu ſich. Auf die andere Seite ſetzte ſich Gropp, ſo daß das Schlachtopfer in der Ritte ſich befand. Nun gieng der ſchauerliche Zug vorwärts. Links und rechts am Wagen, ein fanzöſiſcher Grenadier der den Gebundenen noch an einem beſondern Stricke feſt hielt, außerdem noch ſechs Grenadiere mit auf⸗ gepflanzten Bajonetten. Vor und hinter dem Wagen eine Eskadron mit blanken Säbeln. An der Spitze des Zuges die ganze militäriſche Muſik. Auf beyden Seiten der Straße eine unzählbare Menge Menſchen, deren Geſichter die deutlichſte Theilnahme verriethen, und deren Angen in Thränen ſchwammen.„Was werden doch alle dieſe Leute von mir denken?“ ſagte Palm wehmüthig als er die Menge erblickte,„ſie werden mich für einen großen Böſewicht halten.“ Die Geiſtlichen erwiederten/ die Leute hätten ſich nur ver⸗ ſammelt, um auch die Perſon des Unſchuldigen ken⸗ nen zu lernen, und ihm ihre Theilnahme zu bezeu⸗ gen, wie er an ihren Thränen bemerken könne. unter frommen Geſprächen und rührenden Gebeten kamen ſie endlich auf dem Richtplatze an, der vor dem Salzburger Thor lag, wo ihn die franzöſiſche Be⸗ ſatzung von Braunau in einem Vierecke erwartete. Alle Zugänge der Feſtung hatte man zugleich beſetzt, und auf den Wällen der Feſtung die Kanonen zum Abfeuern gerüſtet, im Fall unter dem Volk unruhe entſtehen würde. Palm äußerte anfünglich den Wunſch noch eine Rede über ſeine Unſchuld halten zu dürfen, aber er berubigte ſich hald mit der Vorſtellung, wie wenig ihn dieſes nützen, und daß man es ohnedies ihm ſchwerlich geſtatten würde. Auch begebrte er als er in das Viereck getreten war, mit offenen Au⸗ gen zu ſterben; allein auch dieſes mißriethen ihm ſeine Seelſorger um aller Geiſteszerſtreuung vorzu⸗ beugen. Hierauf nahm er von den beyden Geiſtlichen Abſchied, umarmte und küßte ſie, wiſchte mit ſei⸗ nem Schnupftuch, das ohnedies ſchon von Thränen ganz feucht war, ſeine Thränen noch einmal ab, und gab es ſeinem Freunde Pöſchl, mit der Bitte, es ſeiner Gattin zu überſenden, als ein Andenken ſeiner bis in den Tod getreuen Liebe; es werde ihr das letzte und größte Kleinod in ihrem Leben ſeyn, denn es entbalte die Thränen, die er um ihret⸗ und ſeinetwillen geweint habe. Pöſchl verband ihm hierauf mit einem andern Tuche die Augen; konnte aber, als er ihn niederknieen ſab, nicht mehr reden, ſondern küßte ihn noch einmal mit Thränen, und trat zurück. Gropp dagegen verweilte noch einige Augenblicke bey ihm, umarmte ihn, als er ſchon auf der Erde kniete, vermengte ſeine Thränen mit Palms Tbränen, und rief ihm den letzten Troſt und das letzte Lebewohl zu. Der Unglückliche er⸗ 460— wiederte es noch mit Dank, und mun trat auch die⸗ ſer Freund zurück. Kaum hatte er ſich drey Schritte von ihm ent⸗ fernt, ſo hörte man ſchon den furchtbaren Knall. Sechs Soldaten mit zitternden Händen hatten in einer Entfernung von zehn bis zwölf Schritten ge⸗ feuert, aber der Unglückliche ſank auf das Angeſicht und ächzte noch laut. Sechs andere traten hervor, und ſchoßen; da wurde es ſtill, aber er athmete noch, wibrend die Unſtehenden ſchrieen und weinten. Groppy rief mit lauter Stimme, ſeinen Leiden ein Ende zu machen, worauf zwey andere herbeyeilten, und ihm das Gewehr auf den Kopf ſetzten, ſo daß die Hirnſchale zerſchmettert wurde. Dies iſt der Tod des unglücklichen Palms, wie ihn ſeine beyden würdigen Freunde und Seelſorger in ihren öffentlich erſchienenen Briefen an ſeine hin⸗ terlaſſene Gattinn erzählen. Sein Leichnam ruht auf dem Kirchhofe zu Braunau, wohin ihn die Bürger gegen den Willen der franzöſiſchen Behörde begruben. Liebe und Menſchlichkeit dieſer Bürger wollten ihm ein Denkmal ſetzen, aber, ehe es noch zu Stande kam, waren die Franzoſen ſchon wieder 4l s Feinde da, und es unterblieb daher bis auf den heutigen Tag. Folgende Inſchrift aber war dieſem Denkmal beſtimmt: „Heilige — 164 Möchte doch an dir der Zahn der Zeit nicht nagen! „ Möchteſt du noch viele tauſend Jahre ſteh'n! „Um Jahrtauſenden täglich tauſendmal zu ſagen: „Barbar! ſo großes Unrecht iſt noch nie geſcheh'n!“ „ 2. Auch Andreas Hofer, der berühmte Anfüh⸗ rer der Tiroler, ſtarb einige Jahre, ſpäter als Palm, mit chriſtlicher Gelaſſenheit und mit rührender See⸗ lengröße. Ueber ſeinen Tod iſt bey Niemeyer im Heldenbuch, das Merkwürdigſte zu leſen. Verrathen durch die Vosheit eines ſchändlichen Menſchen, den er vorher für ſeinen Freund gebal⸗ ten hatte, wurde er im Jenner 1810 an dem Orte, wohin er ſich geflüchtet hatte, von den Franzoſen entdeckt. Als er keine Möglichkeit zu entrinnen ſah, ſo trat er muthig heraus, und redete ſeine Feinde an:„Ich bin Andreas Hofer, und in euren Händen. Tödtet mich, aber ſchont meines Weibes und meiner Kinder, die für mein Verhalten nichts können.“ Gefangen und mit Ketten gefeſſelt führte man ihn dann nebſt Frau und Kindern nach Votzen. Hier wurden ihm auf das Zeugniß mehrerer Franzoſen, IH. Band. 14. daß er mit allen Gefangenen ſo menſchlich als mög⸗ lich verfahren ſey, zwar die Ketten abgenommen; aber, was das Schmerzlichſte für ihn war, ſeine Frau und ſeine vier Kinder, die er ſo ſehr liebte, trennte man jetzt von ihm, und führte ſie in ihre Heimath zurück. In Mantua, wohin man ihn brachte, wurde ein Kriegsgericht niedergeſetzt, welches von Napoleon den ausdrücklichen und unabänderlichen Befehl er⸗ hielt, ihn ohne Widerrede in 24 Stunden erſchieſ⸗ ſen zu laſſen. Hofer hörte ſein Todesurtheil mit Muth und Standhaftigkeit an, und wünſchte nur noch einen Geiſtlichen zu erhalten, um ſich gehörig auf die Ewigkeit vorzubereiten. Dieſe Bitte ward ihm ge⸗ währt, und der ehrwürdige Probſt Manifeſti brachte die letzten Stunden bey ihm zu. Am 20. Februar 1810, Mittags um 11 Uhr, wurde er von einem Battaillon Grenadiere unter dem Lärm der Trommeln auf den Richtplatz geführt, dem er mit großer Faſſung entgegen gieng. Die gefan⸗ genen Landsleute, an deren Gefängniſſen er vorbey⸗ zog/ lagen auf ihren Knieen, beteten unter lautem Weinen, und flehten ihn um ſeinen letzten Segen. Er ertheilte ihnen denſelben, bat ſie um Verzeihung, — 163 im Fall ſie ihn für die Schuld ihres unglücks hiel⸗ ten, und tröſtete ſie mit der Verſicherung, ſie wür⸗ den doch einſt an das Haus Seſtreich,(das er und ſie damals ſo ſehr liebten) wieder zurückkommen. Als er auf dem Richtplatz beym Thore Cereſa angekommen war, wo die Franzoſen ein Viereck ge⸗ bildet hatten, ſo gab er zuerſt ſeinem Beichtvater ſein kleines ſilbernes Kruziſix nebſt ſeinem Roſen⸗ kranz und einer ſilbernen Doſe zum Andenken; und außerdem übermachte er ihm fünfhundert Gulden Papiergeld, um ſie unter die Bedürftigſten ſeiner gefangenen Landsleute auszutheilen. Man wollte ihm ſeine Augen verbinden, aber er weigerte ſich deſſen, und verlangte mit offenen Augen zu ſterben. Desgleichen wünſchte er auch ſtehend ſeinen Todes⸗ ſchuß zu empfangen. Dann ſchenkte er dem franzö⸗ ſiſchen Korporal ſein letztes Geldſtück, das er bey ſich hatte, mit der Bitte ſeine Leute gut ſchieſſen zu laſſen, rief noch:„Ach mein unglückſelig Vater⸗ land! und befahl ſelbſt Feuer zu geben. Auch Hofer wie Palm, ſank bey den erſten ſechs Schüßen auf die Erde, ohne getödtet zu ſeyn. Selbſt bey den folgenden ſechs gab er noch Zeichen des Lebens. Erſt als der Korporal ſelbſt zu ihm trat, und ihm die Flinte an das Haupt ſetzte, wurde durch dieſen Schuß die letzte Spur des Le⸗ bens vertilgt. Kürzer und treffender kann man Hofers Tod nicht ſchildern, als mit den Worten Manifeſti't: „ Er ſtarb als ein chriſtlicher Held, und i welicher Märtyrer. . 165 XXII. Friedrich Staps.) Den 12. Oktober 1809(den Tag vorher, ehe der Friede von Wien zwiſchen Heſtreich und Frank⸗ reich geſchloſſen wurde) befand ſich zur Mittagszeit Napoleon zu Schönbrunn auf der Parade mitten unter ſeinen Generalen. In dieſem Augenblick trat ein teutſcher Jüngling von 18 Jahren, ein Menſch von ſchöner Geſtalt, aus der Menge der Zuſchauer heraus, und lief ſchnell auf Napoleon, um ihn mit ſeinem Dolche zu erſtechen. Die Gefahr wurde von einem der Umſtehenden abgewendet und der Jüngling von mehreren feſtgehalten. Friedrich Staps, der Sohn eines Predigers von Naumburg, hatte nämlich den Entſchluß gefaßt, * Die Geſchichte dieſes teutſchen Jünglings iſt der Hauptſache nach ſowohl durch teutſche als franzöſiſche Zeugen hinlänglich und außer Zweifel geſetzt. 166— ein teutſcher Brutus an dem franzöſiſchen Cäſar zu werden, und war in dieſer Abſicht von Erfurt, wo er als Kaufmannödiener geſtanden war, nach Wien gereist. Napoleon ließ ihn zwey Stunden nachher in ſein Zimmer treten, und fragte ihn ſelbſt, wer er ſey und woher er komme, was ihn zu ſeinem Un⸗ ternehmen verleitet habe, ob er Brutus und Schill kenne, und dergleichen. Der Jüngling antwortete frey und offenherzig auf jede Frage.— „Sie unterdrücken mein Vaterland und die ganze „Erde. Wenn Sie nicht Frieden machen, ſo iſt „Ihr Tod zum Heil der Menſchheit nothwendig. „ Hätte ich Sie getödtet, ſo hätte ich die ſchönſte „ That gethan, die ein Mann von Herz nur thun „kann!“ Nachdem er wieder abgeführt worden war, ſo wurde er noch einige Tage von zwey Gensd'armen in einem Zimmer verwacht. Er gieng mit Ruhe hin und her. Zuweilen fiel er auf ſeine Kniee nie⸗ der, und betete. Als er am 14. Oktober die Freu⸗ denſchüſſe wegen des am 13ten abgeſchloſſenen Frie⸗ dens hörte, ſo betete er mit Thränen in den Augen, und ſagte, als er wieder aufſtand:„Nun werde „ich ruhiger ſterben!“ Den 16. Oktober reiste Napoleon von Wien ab, und der Jüngling wurde abgeholt, um erſchoſſen zu — 167 werden. Er hatte nur noch den einzigen Wunſch, frey und ohne Feſſeln ſterben zu können, und bat daher den Oberſten, der ihm ſein Urtheil verkün⸗ digte, um dieſe Gefälligkeit. Da ihm ſeine Bitte gewährt wurde, ſo gieng er ruhig auf den Platz ſeines Todes und ſtarb mit dem nämlichen Muth wie er gelebt hatte. 168— XXIII. Franz Anton Egetmayer.*) Penſa— ſo heißt der Sitz einer Statthalter⸗ ſchaft im tiefen Rußland, auf einem Berge ange⸗ nehm gelegen, deſſen Fuß von einem Fluße beſpült wird,— war die nächſte Stadt von Tambof aus, wo wir unſrer weitern Beſtimmung ungewiß auf *) Dieſer mit dem wärmſten Gefühl eines dankbaren Herzens von einem badiſchen Offizier geſchriebene Aufſatz wurde zuerſt im Morgenblatt mitgetheilt. Indem wir ihn auch hier aufnehmen, müßen wir bemerken, daß wir uns an vielen Stellen, ſo weit es thunlich war, wegen des beſchränkten Raums ge⸗ genwärtigen Buches verſchiedene Abkürzungen erlaub⸗ ten. Daß wir übrigens dem Andenken des bekannten Schneiders von Penſa auch hier einige Blätter wei⸗ hen, wird jeder Leſer billigen, da ihm ſein eigenes Herz ſagen kann, daß man hier einen ſolchen edeln Mann nicht mit Stillſchweigen übergehen konnte! dem großen Transport in das Innere von Rußland anlangten. Bald nach der Ankunft hörten wir, daß ein teutſcher Schneider hier wohne, und nach unſerer damaligen Sitte, alles Teutſche ſogleich aus⸗ zukundſchaften, war auch er bald aufgefunden. Ein Wann ſchlichten Anſebens tritt uns entgegen, ſein Gruß iſt das freundlichſte Willkommen das uns je auf unſerm Wege geboten worden, und mit einfachen Worten und herzlicher Freude heißt er uns die Sei⸗ nigen. Die Töne vaterländiſcher Sprache, der Aus⸗ druck vaterländiſcher Sitte erquickten uns auf die lieblichſte Weiſe, und wir begrüßten ihn wie einen alten lang gekannten Freund. Bald war ſein Zimmer ganz von den Angekommenen gefüllt. Jeden trieb die Begierde den Landsmann zu ſehen, der uns ſo liebevoll und treuherzig aufgenommen. Franz Anton Egetmayer— ſo hieß er— war aus Bretten, dem Geburtsorte Melauchton's gebürtig, und vor mehr als dreyßig Jahren den lockenden Ausſichten gefolgt, die ſich damals in Ruß⸗ land für Fremde eröffneten, bereit im Schneider⸗ handwerk ſein Heil zu verſuchen. In Petersburg verlebte er die nächſte Zeit, zog dann weiter nach Moskau, und bald nachher nach Penſa, wo er nun ſeit beynahe dreyßig Jahren als redlicher Meiſter tadellos gelebt hatte. Er war unter der fremden Nation heraufgewachſen an Ruhm und Achtung; ſein Leben, deſſen Rechtſchaffenheit und Treue ſich bis 170— zum Sprichwort erhoben, neigte ſich jetzt aus dem männlichen in das höhere ernſte Alter, und brach ſich in beglückenden Strahlen in den Geſtalten ſei⸗ ner beyden Söhne, die er dem Dienſte des Vater⸗ landes gewidmet, und von denen der ältere Offizier und der jüngere Auditor im Kriegsheere war. Wir erzähten ihm die Geſchichte unſerer Leiden, deren Ende ſich hier anzukündigen ſchien, und ge⸗ rührt folgte er jeder Richtung unſeres Geſchicks. Sein ſtilles Sinnen war nun, wie es anzufangen ſey, uns in ſeiner Stadt zu behalten, und den Ge⸗ fahren einer eben ſo langwierigen als ungewiſſen Reiſe uns enthoben zu ſehen. Unſere Bitte an den dortigen Gouverneur, in ſeiner Stadt oder in dem Umfange ſeines Gouvernements unſre Gefangen⸗ ſchaft verleben zu können, hatte er ſchon durch ei⸗ gene kräftige Fürſprache unterſtützt, und nach glück⸗ lichem Gelingen feierten wir in dem Gärtchen, daß um ſein hölzernes Haus ſich herzog, das fröhlichſte Feſt einer Errettung. Seine Theilnahme war die Freude eines der Unſrigen, ſo innig und herzlich äußerte ſie ſich.— Er ſelbſt nahm zwey unſter Ka⸗ meraden in ſein Häuschen; für ſie wie für eigene Kinder zu ſorgen. Den Uebrigen verſchaffte er Auf⸗ nahme in anderen Häuſern, und nachdem er uns nun alle in Sicherheit gebracht, ergötzte er ſich an unſrer Zufriedenheit, und war innig vergnügt über das wohlgelungene Werk. Eben ſobald waren die angekommenen Landsleute gekleidet, deren Bedürf⸗ 174 niſſe durch die Armſeligkeit ihrer früheren Lage, durch Ausplünderung und durch Beſchwerden einer ſo langen Reiſe bedentend angewachſen waren. Nit einer liebenswürdigen, wahrhaft väterlichen Sorg⸗ falt, gieng er einzeln mit einem jeden zu Rathe, was er überhaupt bedürfe, was von dem Alten ge⸗ beſſert, und was gänzlich erneuert werden müße. Die Armuth, in der wir waren, erlaubte uns nicht, ihm nur das Mindeſte in dieſem Augenblick zu er⸗ ſtatten; wir ſahen uns mit Gaben einer ſeltenen Güte überhäuft, der wir nichts als mit ganzer Seele danken konnten. Wer die Hoffnungsloſigkeit unſerer früheren Lage erwägt, ein zur Gewohnheit gewordenes Entbehren und Erdulden, den Mangel menſchlicher Theilnahme und Schonung, und endlich die Ungewißheit unſe⸗ rer Beſtimmung, die uns bey der auf unbeſtimmte Weite hinausgeſetzten Reiſe in die entlegenſten Pro⸗ vinzen des ungeheuren ruſſiſchen Reiches führen konnte;— dem wird mit uns eine freudige Ueber⸗ raſchung im Herzen aufglühen bey dem Blick auf die herrliche, liebevolle Geſtalt vor uns, und er wird mit uns übereinkommen, daß es eine Sendung höherer Art war, die uns zu Theil geworden. Auch waren dieſe Güte und Liebe nicht der Zeit und dem Maaße unterworfen; täglich erſtanden ſie in friſchem Glanze und mit neuer, erſindungreicher Kraft. 172— Unſer Leben bildete ſich zu einer immer engeren Gemeinſchaft, und ſellte zuletzt das Bild einer ge⸗ ſchloßenen Familie dar, welches ſich überdieß durch die Namen Kinder und Vater, die wir ohne Ueber⸗ einkunft gegenſeitig ausſprachen, treu bewährte. Das Gärtchen am Hauſe, welches mit Lauben und Raſenbänken artig geziert war, und den ganzen Reichthum der dortigen Ratur in ſich vereinigte, war der Sitz unſrer Verſammlungen. Dort, ſo lang es die Witterung erlaubte, wurden alle Abende unter traulichen Geſprächen hingebracht, und den eigenen Erfahrungen wie den großen Begebenheiten manche Stunde der Mittheilung gewiedmet. Die mächtige umwälzung der Zeit beſchäfftigte unſern Vater ungemein; den ſiegreichen Zügen der Ver⸗ bündeten folgte er mit Enthuſiasmus und das Wohl des teutſchen Vaterlands war ihm noch immer eine heilige Bekümmerniß. Auch hierin, wie in der gro⸗ ßen Liebe und Anhänglichkeit an unſern Fürſten⸗ ſtamm beurkundete er jene unwandelbare teutſche Treue, die bey allen Rationen ein Gegenſtand der Achtung und Bewunderung geweſen, und hoch ge⸗ prieſen wurde zu allen Zeiten.— Richts war uns erwünſchter, als wenn er aus ſeinem eigenen Leben zu erzäblen begann, und den Reichthum ſeiner Er⸗ fahrungen entfaltete. Mit Theilnahme und Frende hörten wir, wie aus allem Sturm und böſem An⸗ drang die edle Seele immerdar rein und fleckenlos, von Gott gehütet, herausgehoben worden. Oft ge⸗ ſchah es dann, daß er mit ſeinen Gedanken die rechte Höhe erareifend, zu ſeinem eigentlichen Ele⸗ mente, zur Religion ſich wandte, und durch alle Dunkelheit hindurch quoll lichtwoll gleich einem gol⸗ denen Strome ein Spruch aus dem Evangelium, der alles erläuterte und erklärte. Eine ununterbro⸗ chene Beziehung ſeines Daſeyns auf Gott und ein unerſchütterliches Vertrauen zu Ihm bildeten, ihm ſelbſt unbewußt, ſeinen Wandel zu einer göttlichen Offenbarung. Mit kindlichem Frohſinn ſchritt er durch die Welt, in muthiger Vereitſchaft dem höch⸗ ſten Willen mit all dem Seinigen jederzeit zu Ge⸗ bote zu ſtehen. Er war nicht reich, ganz gegen die Art der teutſchen Gewerbsleute in Rußland; denn ſein Er⸗ worbenes blieb nicht ängſtlich anbeim liegen. Wo ein edler Zweck zu erreichen, eine menſchenfreund⸗ liche Handlung zu begehen war, da durfte ſein Beytrag nicht fehlen, und er gab was er zu geben vermochte; dabey hatte er kein Gedächtniß für das Böſe und Widrige, das ihm oft auch wiederfahren, aber das Andenken des Guten haftete ewig in ſeiner Seele. Zu dieſer innern Güte ſeines Weſens ge⸗ ſellten ſich eine liebenswürdige Einfachheit des Aeuſ⸗ ſern, Freundlichkeit und Milde, und ſo ſah man in dem Bilde dieſes Mannes den Widerſchein jener hohen Charaktere aus der heiligen Geſchichte, die in Kindlichkeit und Einfalt auf uns hernieder⸗ ſtrahlen. 174⁴— Die tiefe Bedeutung ſeines gauzen Weſens ſprach in den einfachſten und, wenn man dem erſten An⸗ ſchein folgte, in den gewöhnlichſten Formen. Kein Ausdruck war anders, als ſein Leben ihn hatte ge⸗ ben können, keine Grenze war überſchritten. Wahr⸗ heit, Offenheit und Gutmüthigkeit zeigte ſich in allen Aeußerungen. Er ſtand als Rathgeber, Freund und Vater in unſrer Mitte, und ſeine Ausſprüche hatten die völlige Gültigkeit nothwendiger Geſetze. Die Achtung, die er allgemein unter ſeinen Mitbür⸗ gern genoß, erbte auch auf uns, auf ſeine Kinder über, und ſo war ſein Name, wie er uns überall wohlthätig beſchirmte, unſer eigentliches Looſungs⸗ wort. Hatten wir irgendwo, beſonders an höhern Stellen, eine BVitte einzureichen, oder ſonſt ein Be⸗ gehren, ſo mußte er zuvor die Einleitung machen, und durch ſeine Fürſprache zu unſern Gunſten ein⸗ nehmen. Als wir in der Folge durch die Gnade unſers geehrten Großherzogs, in den Stand geſetzt wurden, die lang getragene Schuld dankbar zu entrichten, eilten wir mit vollen Händen zuerſt zu unſerem Schneider, ſeiner Beſtimmung alles zu überlaſſen. Mit beyſpielloſer Uneigennützigkeit wies er uns zu⸗ rück. Wir konnten es nicht verbergen, daß es uns ſchmerzlich ſey, eine gehoffte Freude in dieſer Wei⸗ gerung zerſtört zu ſeben, aber mit freundlichen Worten erinnerte er uns an die ungewiſſe Dauer unſerer Gefangenſchaft, und, wenn dieſe auch glücklich überſtanden ſeyn würde, an die weite ge⸗ fabrvolle Rückreiſe, gab uns Troſt, daß dieſer Zeitpunkt nicht mehr ferne ſeyn werde, und bat uns auf die rührendſte Weiſe, ohne Sorgen über unſer gegenſeitiges Verhältniß zu ſeyn, das ſo we⸗ ſentlich zu ſeiner inneren Zufriedenheit gehöre. Ungefähr zur ſelben Zeit geſchah es, daß einer der Unſrigen in einem Städtchen des Gouverne⸗ ments gefährlich krank wurde. Da in demſelben Städtchen keine Apotheke war, ſo erlaubte der Gouverneur, daß der Kranke nach Penſa gebracht werden dürfe. In einem ſehr bedenklichen Zuſtande, mit den Anzeichen des nahen Todes kam er daſeblſt an, und erhielt eine Anweiſung auf das Haus eines dortigen ruſſiſchen Bürgers. Dieſer, ob er es auch aus Furcht vor Anſteckung, oder ſonſt einem Grunde gethan, verbot den Eintritt in ſein Haus auf eine harte Art, und wies den Angekom⸗ menen beſtimmt zurück. Wo ſollte der Unglückliche bleiben? war die Frage des mit ihm angekommenen, gefangenen Soldaten, dem in demſelben Augenblick der Schneider einſiel, von dem man auch in ſeinem Städtchen ſo wunderbar wohlthuende Dinge erzählt hatte. Er erfragte deſſen Wohnung, und bald hielt er mit ſeinem Wagen an der Thür. Man muß Rath ſchaffen, ſagte die mitleidige Seele nach kur⸗ zem Bedenken, und rückte nun alles näher zuſam⸗ 3 176—— men in ſeinem engen Häuschen, darin er ſelbſt mit ſeiner Fran, mit zweyen unſerer Gefährten und wohl außerdem noch mit 15 Geſellen hauſete. Sorgfältig bereitete er dem Kranken eine Lager⸗ ſtätte, dem es an Pfßege und Bedienung jeglicher Art nicht fehlte. Die Nacht ließ er einen der Seinigen an dem Krankenbette wachen, doch er⸗ lebte der Unglückliche den Morgen nicht mehr. Nit gleicher Treue wurde nun auch für den Todten geſorgt, ihm die letzten Pflichten zu erweiſen. Er war auch beſorgt, von Zeit zu Zeit aus der nahen teutſchen Kolonie an der Wolga Prediger zu beſcheiden, welche in einem ausgewählten Saale Gottesdienſt und einmal auch Communion hielten. Das war ſodann die Familie des Schneiders Eget⸗ mayer, die in Eintracht und Einmüthigkeit wie eine beſondere Gemeinde in allen Dingen zuſammen hielt. Alles was teutſch in unſerer Stadt lebte, ſchloß ſich feſt an dieſen Kreis, und fühlte ſich glück⸗ lich in dieſer Verbindung. Mit dem Glück aber der ſiegreichen Waffen wurde uns Freyheit angekündigt, und es nahte die Zeit der Trennung. Heiter empfieng auch er die Bot⸗ ſchaft unſeres Glückes, welche doch feindſelig das ſeinige in Schmerz und Betrübniß umwandelte. Es war herzergreifend die Bewegungen von Freude und Trauer zu bemerken, die in ſeinem Innern auf und abſtiegen, abſtiegen, doch erwähnte er des leidvollen Antheils kaum, den ſein eigen Leben an dem Ereigniß nahm, fürchtend, er möge uns eine Frende verbittern. Sein Weſen ward ſtiller, ſeine Rede einſylbiger; die Ahndung ſeiner nahen Einſamkeit ſchwebte auf allen ſeinen Zügen und ſo ſahen wir ihn tiefſinnig einhergehen, und es dünkte uns, als ſey er mit etwas Beſonderem beſchäftigt. Oftmals ſagte er: „wenn ich kinderlos wäre, zög ich mit euch Kin⸗ dern in mein liebes Vaterland;“ und es ſchien dann, als vereinige ſich in dieſer Sehnſucht der ganze Kreis jener geheimnißvollen Wünſche, die in jedem menſchlichen Leben eingeſchloßen, oft dunkel oft heller ſich ausſprechen. Dann kehrte er im⸗ mer zurück zu ſeiner Habe, und ſann fortwährend, was er uns davon noch darbringen und leiſten könne. Die Beſchwerden einer Winterreiſe in Ruß⸗ land, ſo ſagte er oft zu uns, kennen wir noch nicht, er aber wiſſe wohl, welche neue Bedürfniße ſich da einſtellten. Nach vielem Hin⸗ und Herden⸗ ken mochte er geglaubt haben, ſein bewegliches Gut reiche nicht aus, um uns gründlich zu helfen, und auf einmal, als ſey ihm ein ſchweres Gewicht von ſeiner Seele genommen, trat er uns heiter und froh entgegen, mit dem feſten Entſchluß, uns zum Beſten ſein Haus zu verkaufen, und ſich alvdann in einem neuen unbeſchadet ſeines Handwerks, ein⸗ zumiethen. Faſt unglaublich wird dieſet Vorſatz denen erſcheinen, welche die unbeſchreibliche Güte II. Band. 12 178— dieſes ſeltnen Menſchen nicht ſelbſt erfuhren; uns erfüllte eine tiefe Wehmuth, bey dieſem Erbieten, in welchem er ſich ſelbſt und ſeinen gegenwärtigen Zuſtand ſo deutlich ausgeſprochen hatte, die Größe und der hohe Ernſt ſeiner Geſinnungen würkten auf uns wie die Rähe des Heiligſten; aber wie dieſes nur im ſtummen Erkennen und in ſtiller Se⸗ ligkeit empfunden wird, ſo konnten auch wir kaum denken, ſondern nur zurückweiſen und abwehren. In unſerm Innern war die Wohlthat doch tief empfangen. Unermüdet zeigte er ſich in Erfindung neuer Bedürfniſſe, und nicht lange nach ſeinem erſten kühnen Vorſatze war auch ſchon ein andrer erſon⸗ nen. Als eine wahrhafte Seltenheit beſaß er einen prachtvollen Bärenpelz, der einen Werth von meh⸗ reren hundert Rubeln hatte. Kein Weigern hätte ihm gewehrt uns denſelben mit einer Art Stif⸗ tung zuzuwenden. Denen der Unſrigen, welche in Dürftigkeit oder in ſonſt ein unvorhergeſehenes Uebel auf der weiten Reiſe gerathen könnten, ſollte dieſer Pelz zum Beſten unterwegs verkauft, und der Ertrag den Rothleidenden eingehändigt werden. Wie dringend und liebreich einredend bot er uns dieſe Gabe an, und es lag in ſeiner Art und Abſicht ein leiſer Zwang, nehmen zu müßen.— Erſt ſpäter nachdem wir ſchon in unſre Heimath zurückgekehrt waren, erfuhren wir, daß er bald nach unſrer Abreiſe, von Furcht und Unruhe über unſere Lage gedrängt, eine Summe — 179 Geldes nach dem ruſſiſchen Grenzort Byaliſtock, wo wir ausgewechſelt wurden, geſchickt hatte, damit wir, bey der Ungewißheit daſelbſt etwas vorzuſin⸗ den, nicht dem Mangel und der Entbehrung ausge⸗ ſetzt ſeyn möchten. Und über die letzten Augenblicke hinwegeilend, in denen wir uns Muth und Troſt zuſprachen, ſehen wir den theuren Mann, noch an unſern Schlitten ſtehen, thränenden Auges mit herzlichen Wünſchen von einem jeden Abſchied nehmen, und den Vorübereilenden ſchluchzend den letzten Gruß nachſenden. In dieſem Bilde von Verlaſſenheit und ſchmerzvoller Trauer iſt er den meiſten unter uns am lebendigſten geblieben, denn es war das letzte, das ſich uns einprägte, für unſre Betrübniß ein endloſes und kummervolles. Der Schmerz hatte ſein ganzes Weſen erdrückt, und mit ſeinem from⸗ men, inniggerührten Antlitz blickte er zum letzten⸗ male nach uns in dem vollen Ausdruck der ergrei⸗ fendſten Liebe. Es war ein Bild, dergleichen Men⸗ ſchen ſelten ſchauen. Welche Empſfindungen uns durchzogen, läßt ſich fühlen. Es war ein ſtilles bedeutungsvolles Trauern, das ſich mit höherer Ahndung über unſer Leben hin⸗ dehnte. Aber auch ſeine eigene Stimmung blieb der unſrigen gleich, denn bald nach unſrer Abreiſe ſchrieb er an uns einen Brief, worin er ſeine väterliche Liebe 12* zu uns und ſeine herzliche Wehmuth aufs rührendſte uns ausdrückte. Im April des Jahres 1814 betraten wir wieder den teutſchen Boden, und im May langten wir un⸗ verſehrt in unſrer Heimath an. Hier war unſer erſtes Vemühen, redlich zu erſtatten, was jedem Einzelnen und dem Ganzen von unſrem Schneider hülfreich geleiſtet worden. Wir müßen dabey er⸗ wähnen, daß von einer Zurückgabe auch nur in der leiſeſten Andeutung nie in ſeinem Munde die Rede geweſen. Auch haben wir die hohe Ueberzeugung, daß ein ſolcher Gedanke im Augenblick des Gebens nie in ſeine unbefangene Seele gekommen, oder der Grund ſeines Handelns geweſen ſey. Und als es uns endlich gelang, unſerm väterlichen Freunde die uns anvertraute Schuld mit kindlichem Danke zurückzuſenden, ſo glich ſeine Antwort der innern Beſchämung eines Herzens, das mit unverdienten Gaben überhäuft, kaum zu danken vermag und das ſich betrübt, nicht mehr für uns geleiſtet zu haben. Auch unſer Fürſt und Landesherr als wir unſere Geſchichte zur ehrerbietigen Kunde deſſelben brach⸗ ten, empfieng gerührt und mit landesväterlicher Güte und Theilnahme, unſtre Erzählung. Und wel⸗ cher unerwartete Lohn mußte uns werden, als er aus freyer Anregung dem edlen Manne den Preis zugedachte, welchen der Staat dem Verdienſte ſeiner — 181 bewährten Bürger ertheilt. Er beſchenkte den Schneider mit der goldenen Civilverdienſtmedaille, eine Auszeichnung deren ſich wenige zu rühmen, und die unſer Freund mit innigſter Rührung und frendigſtem Dank aufnahm. Wir müßen hier noch hinzufügen, daß nicht wir, nicht ſeine Landsleute die einzigen waren, die aus ſeiner menſchenfreundlichen Hand Gaben und Wohl⸗ thaten empſiengen. Es leben vielleicht in allen Thei⸗ len Teutſchlands Zeugen ſeiner liebenden Geſinnung, und es iſt kein Gefangener durch Penſa gegangen der, wenn der Schneider ſein Elend erfahren, hülf⸗ los weiter gezogen wäre. Weil eben ſein Gemüth nicht von zufälliger augenblicklicher Hinneigung ge⸗ leitet, ſondern von frommer Liebe erwärmt war, ſo giengen ſeine Bemühungen weiter als für ſeine teutſchen Mitbrüder. Als nach dem Brande von Moskau die erſten franzöſiſchen Kriegsgefangenen in Penſa in einem höchſt beklagenswerthen Zuſtand ankamen, erbarmte ſich kein Herz ihrer in der rauhen Winterszeit, weil ein unverſöhnlicher Haß in der ruſſiſchen Nation gegen die Feinde glühte. Er allein, unſer lieber Wohlthäter, ſchritt aus ei⸗ nem Hauſe in das andere mit dem muthvollen Ver⸗ trauen der Tugend, forderte Veyträge an Geld und Kleidungsſtücken für die gefangenen Franzoſen, und erhielt durch ſeine offene Anſprache an das menſch⸗ liche Gefühl, was das dumpfe Vorurtheil ſtets feſt verweigert hätte. Meiſterhaft und wahrhaft⸗unübertrefflich iſt es unſerm herrlichen Hebel in ſeinem Hausfreunde gelungen, den frommen, mildthätigen und einfachen Sinn des Schneiders darzuſtellen. Wer dieſe Worte geleſen, dem kann in der gegenwärtigen Erzählung wohl nur das Hiſtoriſche erwünſcht ſeyn, weil er den beſten und wahrhafteſten Theil der Geſchichte genugſam in jener Schilderung genoſſen hat. Die Geſtalt unſers Vaters war übrigens von mittlerer Größe, ſein Geſicht, aus dem ein dunk⸗ les, überaus mildes und bedeutungsvolles Augen⸗ paar herausſtrahlte, war das treuſte Geſtändniß ſei⸗ ner Seele, und trug einen beſondern Ausdruck von Gutmüthigkeit und erquicklichem Weſen. Seine Sprache hatte etwas Anſtoßendes, ein Umſtand, der die Treuherzigkeit ſeiner Aeußerungen erhöhte. Durch ein früheres Unglück war das eine Bein hinkend ge⸗ worden; dieſer Anſtrich von Gebrechlichkeit erregte beym erſten Augenblick jenes mitleidige und zugleich ergebene Gefühl, das wir jedem Gebrechlichen zollen, und öffnete das Herz ihm um ſo eher, als der Gedanke etwas unendlich Rührendes hat, eine Hand, die man ſelbſt hülfebedürftig und der Stütze benöthigt glaubt, dennoch und Hülfe ausſtreuen zu ſehen. Dieß iſt das ſanfte Leuchten aus Morgen, wel⸗ ches die weite Dunkelheit zauberiſch erhellet, und nachdem wir uns oft mit heimlicher Sehnſucht wie zu einer aufglühenden Sonne hinwenden. Und ſollte auch das Herz verglühen, aus dem der leuchtende Strahl herauf ſtieg— er ſelbſt verbleicht nicht; wie ein unendliches Morgenroth glänzt er voll Liebe zu den Treuen fern wandelnden Kindern herüber. 484— XXIV. Ferdinand von Schill.*) Schleſien iſt das Vaterland, wo dieſer Held im Jahr 1773 zu Sothof geboren wurde, einem Land⸗ gute das bey Roſenberg liegt, und ſeinem Vater gehörte. Schills Vater, ein geborner Ungar, hatte ſchon im ſiebenjährigen Kriege unter Seſtreich und Sachſen ehrenvoll gedient, war aber ſpäter als Oberſtlieutenant in preußiſche Dienſte getreten, aus welchen er ſich nach dem Tode Friedrichs des * A. d. V. Die Nachrichten über Schills Leben liegen in mehreren bekannten Schriften zerſtreut. Dahin gehören, außer den Zeitungen, die europäiſchen An⸗ nalen, das politiſche Journal, die Minervg; das Vaterland oder Beyträge zur Geſchichte der Zeit; die Geſchichte der Feldzüge Napoleons gegen Preußen und Rußland: die vertrauten Briefe und Feuer⸗ brände; und andere hinlänglich bekannte Werke. Großen in die ländliche Stille zurückzog. Sein Oheim hatte als öſtreichiſcher Offizier in der Schlacht bey Liſſa ſein Leben eingebüft. Seine drey Brü⸗ der, ſämmtlich älter als er, dienten als Huſaren beym preußiſchen Heer. So trat auch unſer Held, nachdem er aus der Schule zu Breßlau entlaſſen war, im Jahr 1789, als ein Jüngling von ſechs⸗ zehn Jahren, unter die preußiſchen Huſaren, und zwar unter das nämliche Regiment, bey dem ſein Vater geſtanden war; aber ſchon im folgenden Jahr wurde er unter die Dragoner verſetzt. Große Hoff⸗ nungen waren es zwar Anfangs nicht, die er von ſich erweckte; im Gegentheil zog er ſich manchen Verweis bey den gewöhnlichen Kriegsübungen zu, deren Beſchäftigung ſeinem Heldengeiſte zu wenig Nahrung gab. Aber je unerwarteter, nur um ſo glänzender ſollte der große Tag ſeines Ruhmes an⸗ brechen. Noch hatte Schill, wiewohl 33 Jahre ſeines Lebens und ſiebenzehn ſeines Dienſtes verfloßen wa⸗ ren, erſt die Stelle eines Lieutenants beym Drago⸗ nerregiment der Königin erlangt; und auf dieſer Stufe ſtand er, als den 14. Oktober 1806 die Schlacht bey Jena und Auerſtädt geliefert wurde. An dieſem blutigen Tage ward er im Gefecht von ſeinen Waffengefährten getrennt, und von mehreren feindlichen Reutern umringt. Sie forderten ihn auf, ſich gefangen zu geben; aber er antwortete mit Säbelhieben, und kämpfte den Kampf der Ver⸗ 186— zweiflung, indem er entſchloßen war, frey zu leben oder zu ſterben. Schon waren einige Feinde ver⸗ wundet, als ihm der Hut, welcher bisher die Streiche abgewandt hatte, heruntergehauen, und von zwey Hieben ſein Haupt getroffen wurde. In dem Angenblicke aber, als ihm die Beſinnung ent⸗ ſchwinden wollte, gleitete ein dritter Hieb von ihm ab, traf ſein Pferd, und verſetzte dieſes in eine Wuth, daß es durch einen heftigen Sprung ſich und den Helden den Händen des Feindes entriß. Schill war durch den höhern Willen der Vorſehung aus⸗ erſehen, vorerſt noch größere Thaten zu vollbringen, und durch ſein heldenmüthiges Leben und Sterben ein Vorbild für Preußens Krieger zu werden, wenn einſt nach den Tagen der Schmach die Stunde der Rache ſchlagen würde. Wie durch ein Wunder war er dem Tod entriſ⸗ ſen; aber im traurigſten Zuſtande fand man ihn, indem er in ſeinem Blute beſinnungslos auf der Erde lag. Einige Dragoner von ſeinem eigenen Regiment nahmen ihn auf, verbanden mit den Tü⸗ chern, die ſie bey ſich trugen, ſeine blutigen Wun⸗ den, ließen ihn unterwegs durch ärztliche Hülfe verpflegen, und brachten den Helden in ſolcher Schwäche, daß er ſich kaum auf dem Pferde halten konnte, nach Magdeburg. Hier fand er zwar men⸗ ſchenfreundliche Hülfe; aber einmal glücklich ent⸗ ronnen, wollte er um ſo weniger jetzt in feindliche Hände fallen. Sobald er alſo vernahm, daß Mag⸗ — 187 deburg nicht lange Stand halten werde, machte er ſich wieder auf, ſuchte die Grenzen von Pommern, und kam glücklich, wiewohl entkräftet und von einem Wundſieber befallen, in Kolberg an. Kolberg am Ufer der Oſiſee, ſchon in den Jahr⸗ büchern des ſiebenjährigen Krieges ehrenvoll aufge⸗ zeichnet, ſollte jetzt der Schauplatz werden, wo die preußiſche Tapferkeit im glänzendſten Lichte erſchien. Zwar war es nur eine Feſtung von mittlerer Stärke, und außerdem hatte man nicht die nöthigen Anſtal⸗ ten zur Vertheidigung getroßen. Den ſchimpflichen Ausgang, den die Schlacht von Jena für das Volk Friedrichs des Großen nahm, und die reiſſende Schnelligkeit, mit welcher das franzöſiſche Heer das mitternächtliche Teutſchland überſchwemm⸗ te, hatte kein Preuſſe vermuthet. Daher war Kolberg von den nöthigen Lebensmitteln entblößt, und der Muth des Oberſten Loncadon, welcher hier als Befehlshaber ſtand, dermaßen niedergeſchla⸗ gen, daß er, an der Rettung verzweifelnd, in Un⸗ thätigkeit den kommenden Sieger erwartete. Schon hatte Spandau ſeine Thore den Franzoſen geöfnet. Selbſt Stettin, Küſtrin und Magdeburg waren nach einander ſchimpflich gefallen. um ſo weniger glaubte Loncadon, daß Kolberg lange ſih hal⸗ ten könne. Schill aber verzweifelte nicht, Er wußte, daß in den Städten Treptow, Kamin und Wollin, welche in einiger Entfernung weſtlich von Kolberg liegen, noch bedeutende Vorräthe von Lebensmitteln ſich befanden, und wollte dieſe durch ſchnelle Beſon⸗ nenheit retten. Noch bluteten ſeine Wunden; aber in ſich die Stimme der Vaterlandstreue fühlend, that er dem Befehlshaber den Vorſchlag, jene Magazine zu retten, erbot ſich ſelbſt, ſeinen Plan auszuführen, und beſtürmte ihn ſo lange mit Bit⸗ ten, bis er die Erlaubniß erhielt. Rit ſechs Dragonern ſeines Regiments, die ſich bey ihm eingefunden hatten, langte er Abends den 10. No⸗ vember in Treptow an, als man ſchon die An⸗ kunft der Franzoſen erwartete, und bemächtigte ſich der Vorräthe, die er hier fand. Dann ließ er durch zwey ſeiner Leute, die er umherſandte, das falſche Gerücht von der erfolgten Landung der Ruſſen ausbreiten, und gewann dadurch Zeit, während die Franzoſen durch die beunruhigende Rachricht aufgehalten ein wenig zögerten, auch die Magazine aus den beyden entfernteren Orten zu retten. So wurde die Feſtung mit den nöthigen Lebens⸗ mitteln verſehen; aber Loncadon, wahrſcheinlich durch neidiſche Menſchen geleitet, und vielleicht in der Meinung, daß für die verlorne preußiſche Sache ohnedies wenig mehr gewonnen werden könne, ſuchte Schills weitere Entwürfe gefliſſentlich zu hemmen. Nur durch neue anhaltende Bitten gelang es dem Helden, zuweilen die Erlaubniß zu Streif⸗ 189 zügen mit einigen Leuten zu erhalten. Aber je geringer die Anzahl war, um ſo rühmlicher war der Erfolg. Noch im Rovember nahm er, wieder von ſechs Dragonern begleitet, in dem Städt⸗ chen Maſſow ſieben franzöſiſche Offiziere gefangen, die ſich durch Erpreſſungen bereichern wollten, und führte ſie unter dem Jubel der Bürger nach Kol⸗ berg zurück. Zu gleicher Zeit brachte er eine Menge preußiſcher Flüchtlinge mit ſich, die er unterwegs angetroffen hatte, nebſt einer Anzahl Pferde und Waffen. Ein andermal rettete er einen Theil des Kleidungsmagazins, welches ſich zu Golnow befand: ließ 200 Wägen mit Heu, die nach Stettin für die Franzoſen beſtimmt waren, nach Kolberg führen, und rettete im gefährlichſten Augenblick die ößent⸗ lichen Kaſſen von RNaugart, Greifenberg und Golnow. Um dieſe Zeit, als er eben die Kaſſe von Golnow in Sicherheit gebracht hatte, führte er mit eben ſo großer Einſicht als Kühnheit ein Wag⸗ ſtück aus, welches in ſeiner Lebensgeſchichte eines der berühmteſten iſt. Es war im Anfange des Monats December, als er auf ſeinem Rückweg nach Kolberg erfuhr, daß in dem einige Stunden von Golnow liegenden Städtchen Gülzow eine Anzahl feindlicher Reuter und Fußgänger eingerückt ſey. Schill's Nannſchaft beſtand aus zwanzig Mann, wovon die Hälfte zu Pferd war; aber dennoch be⸗ ſchloß er den fünffach ſtärkeren Feind anzugreifen/ und durch die Schnelligkeit ſeines kühnen Angriffs zu beſiegen. Es war finſtere Nacht, als er in der Rähe von Gülzow ankam, begleitet von einigen mit Stroh beladenen Wägen durch welche im Nothfall die Flanken ſeiner Fußgänger gegen einen Angriff der feindlichen Reuterey gedeckt werden ſollten. Noch ſah er keinen Feind vor ſich, und vertheilte daher ſeine Maünſchaft. Zehn Mann zu Fuß ſchickte er um den Kirchhof zu beſetzen; ſechs zu Pferd ließ er um das Städtchen herumreiten, um im nämlichen Augenblick, als er mit den vier zurück⸗ behaltenen Reutern den Feind im Orte angreifen würde, von der entgegengeſetzten Seite hereinzu⸗ ſprengen. Schon aber war Schills Nähe durch einen Kundſchafter verrathen. Seine Fußgänger ſtießen auf fünfzig Feinde zu Fuß, ehe ſie noch den Kirchhof erreichten; er ſelbſt mit ſeinen Dra⸗ gonern fand ſechszig feindliche Reuter in dem Städt⸗ chen verſammelt. Mit deſto größerem Heldenmuth grif er an, und ſchlug mit furchtbarem Schwerdt an der Spitze der Seinigen unter den Feind; aber der Sieg ſchwankte eine Zeit lang. In dieſem gefäbrlichen Augenblick ſchrie er voll Geiſtesgenwart mit lauter Stimme:„Koſacken vor!“ und durch dieſen Ruf erſchreckt, ergriffen die feindlichen Reu⸗ ter die Flucht. Schill verfolgte ſie, und machte zwey Gefangene; kehrte aber ſchnell wieder um, und ritt ſeinen Fußgängern zu Hülfe, die noch im Gewehrfeuer begriffen waren. Er forderte die feind⸗ lichen Füßgänger auf, ſich zu ergeben; und dreyßig derſelben in der Meinung, eine zahlreichere Mann⸗ ſchaft vor ſich zu haben, ſtreckten das Gewebr, in⸗ deß die übrigen unter Begünſtigung der Racht ent⸗ kamen. Außerdem ſielen drey Wägen nebſt einer Kaſſe von tauſend Reichsthalern damals in die Hände des Siegers. Seit dieſem Tage ſtieg Schill's Ruhm noch höher als⸗bisher, und ſein Name gelangte vor den Thron des preußiſchen Königs, der ihn mit dem Verdienſtorden belohnte. Aber auch Flüchtlinge, welche der Gefangenſchaft entronnen waren, wünſch⸗ ten, durch ſeinen Ruf gelockt, unter des Helden Panier zu kämpfen. Einige tapfere Offiziere, die Lieutenants von Petersdorf, Gruben und Blankenburg, ſchloßen ſich an ihn an. Der Gedanke, den er ſchon früher in ſich getragen hatte, eine eigene Freyſchaar zu errichten, regte ſich mäch⸗ tiger und lauter in ſeiner Bruſt. Noch im De⸗ cember hatte er bereits außer einer Anzahl Schützen fünfzig Reuter um ſich geſammelt. Rit dieſen zog er nach Greifenberg, von wo er durch glück⸗ liche Streifzüge die Franzoſen in Schrecken ſetzte. Noch hatte ſich aber die Mißgunſt gegen Schill nicht zur Ruhe gelegt; von jeher Feind und Ver⸗ folger alles Großen, erhob ſie ſich vielmehr um ſo ſtärker, um des Helden emporkommenden Ruhm zu erdrücken. Mitten unter ſeinen Entwürfen wurde Schill von ſeiner Laufbahn zurückgerufen, und nebſt ſeinen Soldaten hinter die Wälle der Feſtung geſtellt, ſo daß er jetzt nur insgeheim noch einige Leute zuweilen ausſenden konnte. Schill ſollte gedemüthigt, und Hauptmann von Waldenfels, der Günſtling des Befehlshabers von Kolberg, ſtatt deſſen erhoben werden. In dieſer Abſicht erhielt Waldenfels den Auftrag zu dem bekannten An⸗ griff von Wollin, welcher den 6. Jenner 1807 in Schill's Abweſenheit geſchah, und durch ſeinen Erfolg dazu diente, das Anſehen des abweſenden Helden zu erhöhen. An dieſem Tage wo die Preuſ⸗ ſen durch die Schuld ihres Anführers mit Verluſt von 4 Kanonen und vielen Todten und Gefangenen die Flucht ergreifen mußten, überzeugte man ſich noch mehr, daß nur Ein Schill in den Mauern von Kolberg lebe. Selbſt Loncadon wurde geneigter, dem Helden freyere Hand zu laſſen. Ueberdrüſſig der erlittenen Kränkungen hatte Schill früher ſchon durch ein Schreiben ſeinen König um die Erlaubniß gebeten, eine eigene Frey⸗ ſchaar zu errichten; und dieſe Erlaubniß kam den 12. Jenner des erwähnten Jahres mit den ehren⸗ vollſten Ausdrücken zu Kolberg an. Sein Lieblings⸗ gedanke gieng nun mit raſchen Schritten vorwärts. Täglich ſtrömten Leute herbey, und ſeine Schaar wuchs in kurzer Zeit auf achthundert bis tauſend Mann. Dieſe 193 Dieſe Mannſchaft, blos nach dem Aeußeren be⸗ trachtet, flößte zwar Anfangs wenig Hoffnung ein. Die Artillerie beſtand in zwey ſchlechten eiſernen Kanonen. Viele Reuter ſaßen auf ihren Pferden ohne Sattel, oder leiteten ſie an ihren Stricken. Andere trugen Säbel ohne Scheiden, oder ſtatt der Säbel nur Lanzen. Auch ein großer Theil der Fußgänger war bloß mit Spießen oder Senſen ver⸗ ſehen, höchſtens mit ſchlechten Flinten, die man in der Noth zuſammengerafft, und zu denen man oft die Baionette und Ladeftöcke erſt aus erbeutetem Eiſen hatte ſchmieden müſſen. Außerdem waren die meiſten dieſer Soldaten nur in leinene Kitteln ge⸗ kleidet, mit Aufſchlägen, die man von alten Pferd⸗ decken abgeſchnitten hatte, zum Cheil baarfuß oder balbnackt, und nach ihrem äußern Anſehen mehr einer Räuberhorde ähnlich, wofür ſie auch von den Franzoſen öffentlich ausgegeben wurden. Aber, was die Hauptſache war, in dem Innern dieſer Krieger ſchlug ein teutſches Heldenherz, von der Begierde entbrannt, den preußiſchen Schutzgeiſt durch hohe Thaten zu verſöhnen, und die Schande, mit welcher des Vaterlandes Name befleckt war, im Blute des Feindes abzuwaſchen. Muthig beharrten ſie auf ihrem Vorſatz, und in kurzer Zeit gewann die Schaar ein anderes Anſehen. Aus Stralſund langten bald Kanonen, Gewehre und andere Kriegs⸗ bedürfniſe an. Auch wurde nach und nach die I. Band. ¹3 19⁴—— Mannſchaft aus erbeuteten Tuchvorräthen gleichför⸗ mig gekleidet. Schill, allen ein Vorbild der Unerſchrocken⸗ heit und Standhaftigkeit, ſtets an der Spitze, wenn die Stunde der Gefahr ſich nahte, und unermüdet bey Tag und bey Nacht, vereinigte mit dieſer Hel⸗ dengröße zugleich die einehmendſte Güte und Leut⸗ ſeligkeit, wodurch er die Liebe aller gewann, und in ihren Herzen eine Eintracht erweckte, die ohne knechtiſche Furcht willig jeden Gehorſam leiſtete. Eine ruhmvolle That folgte jetzt nach der andern, und ſein Name wurde der Schrecken des Feindes. Voll Schlauheit, alles auszuſpähen, ſchnell beſon⸗ nen, jede günſtige Gelegenheit auf die beſte Art zu benutzen, und heldenkühn im Angeſicht des Todes führte er mit ſeinen Getreuen den kleinen Krieg im Rücken des Feindes, durchſtreifte die Heerſtraßen, hob feindliche Mannſchaft und Kaſſen auf, nahm Eilboten gefangen, und eroberte Waffen, Pferde und Wägen. Schon den 14. Jenner gelang es ihm den franzöſiſchen Feldhern Viktor, den ernann⸗ ten Oberbefehlshaber der zehnten Armeeabtheilung, nebſt ſeinen Generaladiutanten in der Gegend von Stargard, als er nach Stettin reiſen wollte, ge⸗ fangen zu nehmen. Ungefähr drey Wochen ſpäter erſchien er ſogar mit zwölf ſeiner Reuter in der Nähe Stettins, nachdem er noch achtzig in einem Hinterhalt gelaſſen hatte. Ein franzöſiſcher Offizier⸗ durch einen von Schill angeſtellten Bauern ange⸗ regt, eilte ihm mit 70 Jägern zu Pferd entgegen, und verfolgte ihn, als er ſich fechtend bis zu dem Gebüſche zurückzog, wo der Hinterlag lag. Auf ein gegebenes Zeichen brachen die Preuſſen hervor, und der größte Theil der Feinde wurde zu Gefan⸗ genen gemacht.„Verzeihen Sie,“ ſprach Schill zu dem gefangenen Offizier,„ich wollte Ihnen nur zeigen, daß es noch wahre Preuſſen giebt!“ Bey dieſer und andern Gelegenheiten erſchien ſeine Tapferkeit in der glänzendſten Größe. Zwar mußte er bisweilen der ueberzahl weichen; aber nie floh er mit Schande bedeckt, und ſtets er⸗ kämpfte er mit ſeinem Schwert einen ehrenvollen Rückzug. So beſtand er im Februar ein ſehr blu⸗ tiges Gefecht bey Naugard, und kämpfte im An⸗ fang des Treffens, ehe noch der übrige Theil ſeiner Reuterey eingetroffen war, mit nicht mehr als 60 Mann und zwey Kanonen gegen einen vielfach über⸗ legenen Feind. Selbſt verwundet wich er nicht von ſeiner Stelle, hielt von 11 uhr Mittags bis Abend Stand, begeiſterte ſeine Leute ſiets durch ſeine Gegenwart, und zog ſich erſt mit Anbruch der Nacht zurück. Dieſer Heldenmuth, welchen Schir! auf ſeinen Streifzügen bewies, ſah man hernach auch unter den Mauern von Kolberg, als dieſe Feſtung vom Feinde enger eingeſchloſen worden war. Entrüſtet über 8 496— des Helden kühne Thaten gebot Napoleon, Kol⸗ berg zu belagern. Von dem Felde von Eylau, wo den 7ten und sten Februar die furchtbare Schlacht geſchehen war, zog General Teulien mit beträcht⸗ licher Mannſchaft nach Pommern; und den 30. Merz verließ Marſchall Mortier die Gegend von Stralſund, um ſich mit ihm zu vereinigen. Da⸗ durch erfolgte eine der hartnäckigſten Belagerungen, welche bis zum Anfang des July dauerte und aufs ehrenvollſte von den Preuſſen beſtanden wurde. Aber zwey Männer waren es hauptſächlich, welche die Geſchichte als Retter von Kolberg preist. Der eine war Rettelbeck, ein ſiebenzigjähriger Bürger, der die Ueberſchwemmungs⸗ und Feueranſtalten der Stadt leitete. Stets befand ſich dieſer heldenmü⸗ thige Greis auf den gefährlichſten Plätzen, traf mit Verachtung jeder Gefahr die nöthigen Anordnungen, leitete ſelbſt die Schläuche der Feuerſprützen mit ſeiner Hand, wenn gleich links und rechts um ihn Granaten oder Bomben einſchlugen, und half die Schiffe, die ſich zur Unterſtützung der Stadt nä⸗ herten, vom offenen Meer in den Hafen führen, indem er ſelbſt ihnen entgegeneilte. Der andere, und berühmter noch als jener, war Schill, deſſen Heldenarm die Wälle vertheidigte. Zwar am 15. April hatte er ſich, überdrüſſig der Streitigkeiten mit Loucadon, nebſt einem Theil ſeiner Leute nach Stralſund begeben, aber ſchon am 9. May, nachdem Gneiſenan den Oberbefehl in Kolberg übernommen hatte, war er wieder dahin zurückge⸗ kehrt. Furchtbar fühlten die Feinde ſeine Gegen⸗ wart. Faſt täglich wurden Ausfälle gemacht, blu⸗ tige Gefechte geliefert, und Schanzen erſtürmt. Schill ſtand jedesmal an der Spitze der Kämpfen⸗ den, und wo ſein Heldenſchwert hindrang, verbreitete ſich Tod und Schrecken. So hielt ſich Kolberg gegen einen dreyfach ſtärkeren Feind von 18000 Mann, bis der Friede von Lilſit dem Blutvergießen ein Ziel ſetzte. Die einzige preußiſche Feſtung, die außer Graudenz der Macht Napoleons ſiegrei⸗ chen Widerſtand leiſtete. Bey ſolchen CThaten, dergleichen Schill voll⸗ brachte,— wer möchte ſich wundern„daß dem Hel⸗ den zu Ehren auch manches Mährchen erſonnen ward, oder durch Veranlaſſung eines unbedeutenden Umſtandes ſich allmählig im Munde des Volkes aus⸗ bildete? Dahin mächte zum Beyſpiel die durch Schriften verbreitete Sage zu rechnen ſeyn, Schill ſey manchmal bis in das Necklenburgiſche gekom⸗ men, habe als Bauer verkleidet einen Pächter da⸗ ſelbſt beſucht, und bey ihm Rachrichten über den Feind eingezogen. Die Franzoſen, hiervon in Kenntniß geſetzt, hätten ihm nun auf dem Maier⸗ hofe aufgelauert, aber durch eine Magd, die unter dem Vorwande der Zahnſchmerzen ſich entfernte, ſey dem nahenden Helden die drohende Gefahr ver⸗ rathen worden. Dann ſey er in der Racht ebenda⸗ ſelbſt heimlich mit Mannſchaft erſchienen, mit a⸗ gesanbruch in der Tracht eines Offiziers in das Zimmer getreten, und hier von zwey franzöſiſchen Offizieren angehalten worden, worauf er den Degen und Schärpe abgelegt, und ſich geſtellt habe, als ob er ſich ihnen ergeben wollte.„Weil alles ver⸗ loren iſt,“ habe er gerufen,„ſo möge auch dieſes dahin ſeyn!“ Dieſes ausrufend habe er mit einem Piſtol zum Fenſter hinausgeſchoßen, ſchnell aber, mit einem zweyten in der Hand, ſich drohend an die Thüre gegen die Franzoſen geſtellt. Jetzt ſeyen drey Preußen in Bauerntracht aus einem anderen Zimmer hervorgetreten, und hätten die Offiziere gefangen genommen, worauf auch die übrigen Franzoſen nach einem kurzen Gefecht ſich ergeben hätten. Kaum bedarf es einer Erinnerung, daß ein Mann wie Schill unter ſolchen umſtänden ſchwerlich Luſt haben konnte, ſo tollkühn Freyheit und Leben aufs Spiel zu ſetzen, und ſo abentheuerliche Strei⸗ che auszuführen. Aber nicht minder trägt eine an⸗ dere Geſchichte, wiewohl ſie durch viele öffentliche Blätter verbreitet iſt, die Spuren der Unwahrheit an ſich. Schill habe einmal vier Pferde des franzöſiſchen Kaiſers erbeutet, und ſey deswegen von dieſem ſchriftlich erſucht worden, die Chiere gegen 4000 Reichsthaler wieder zurückzugeben. Da aber Napoleon's Brief mit der Aufſchrift:„An den Räuberhauptmann Schill!“ bezeichnet — 199 geweſen ſey, ſo habe ihm der Held folgende Ant⸗ wort geſchrieben:—„Mein Herr Bruder, daß „ich Ihnen vier Pferde genommen habe, freut „mich um ſo mehr, da ich aus Ihrem Schrei⸗ „ben erſehe, daß Sie einen großen Werth auf „dieſelben ſetzen. Jedoch kann ich ſie Ihnen nicht „für die mir angebotenen tauſend Thaler für „jedes Pferd zurückgeben, da es mich nicht nach „Ihrem Gelde gelüſtet, denn ich habe deſſen ſo „viel, als ich bedarf; überdieß begehr' ich keines „Fremden Eigenthum. Wollen Sie indeß gegen „dieſe jene vier vor dem Brandenburger Thor in „in Berlin geraubten Pferde wieder an ihre Stelle „ſetzen, ſo ſtehen Ihnen die vier Pferde, welche „ich Ihnen genommen habe, ohne weitere Bezah⸗ „lung wieder zu Dienſten!“ Schon das muß uns bey dieſer Erzählung auffal⸗ lend erſcheinen, daß Kaiſer Napolleon bey ſeinem Stolz wegen vier verlorener Pferde an Schill geſchrieben haben ſoll, zumal da er ſo leicht durch einer ſeiner Generäle in Pommern mit ihm hätte unterhandeln können. Aber auch angenommen, daß ihn die Liebe zu ſeinen Pferden zu dieſem Schritt hingeriſſen hätte, welcher Nachdenkende vermag es zu glauben, daß ein Mann von ſo großen Geiſtes⸗ gaben wie Napoleon, ſeine Sache ſo thöricht angriff, zuerſt den tapferen Helden, der rechtmäßig für ſein Vaterland kämpfte, auf niedrige Art als einen Räuberhauptmann anredete, und ſodann, ohne 200— die beleidigende Antwort vorauszuſehen, um die Rückerſtattung ſeiner Pferde bat?— ½ Rit dergleichen Erdichtungen Schill's Helden⸗ größe auszuſchmücken geziemt der Geſchichte nicht; denn rein und treu das Bild eines Menſchen der Nachwelt zu überliefern iſt ihr großer und heiliger Beruf. Ohnedieß bedarf der Ruhm des Mannes, für welchen die That ſelbſt redet, das Zeugniß der Lüge nicht. Was nur ein Held unter ſeinen Um⸗ ſtänden hätte vollbringen können, hat er vollbracht, und noch mehr würde er gethan haben, da bereits der Plan entworfen war, vereinigt mit Blücher und in Verbindung mit Schweden einen Feldzug in Schwediſch⸗Pommern zu eröffnen, wenn nicht der Friede zu Tilſit erfolgt wäre. So groß aber Schills Verdienſt war, ſo eh⸗ renvoll wurde es auch anerkannt. König und Va⸗ terland wetteiferten, ihm ihre Gunſt zu bezeugen. Schon im Februar war er zum Rittmeiſter ernannt worden, und im May ſtieg er zum Major empor. Dann wurde er als erſter Befehlshaber ſeines Hu⸗ ſarenregiments beſtätigt, und ſeiner Heldenſchaar erlaubt, ſeinen Namen auch für die Zukunft zu führen. Aber was war jener Ehre gleich, mit wel⸗ cher er in Berlin, als dieſe Hauptſtadt ihm und ſei⸗ ner Heldenſchaar zum Aufenthaltsort angewieſen war, im folgenden Jahre ſeinen Einzug hielt? Dieſes 201 geſchah den 10. December 1808, nachdem General St. Hilaire acht Tage vorher dem Prinzen Fer⸗ dinand die Schlüſſel der Stadt überreicht hatte. Groß war die Freude der Bürger ſchon an dem Tage, als die Franzoſen BVerlin verlieſſen, aber zuerſt lebte ſie ſtill in den Herzen, und tief ver⸗ ſchloſſen aus Vorſicht wegen der Nähe des Feindes. Als aber Schill an der Spitze ſeiner Huſaren und berittenen Jäger nebſt einem leichten Bataillon zu Fuß vor den Thoren Verlins erſchien, vermochte keiner die Stimme des lauten Jubels in ſich zu unterdrücken. Alles drängte ſich herzu, den Mann zu ſehen und zu begrüßen, der in den gefährlich⸗ ſten Augenblicken ſeinem Vaterlande ſich getreu be⸗ wieſen/ und durch ſeine Heldenthaten vor allen die Ehre des preuſſiſchen Namens gerettet hatte. Sie überreichten ihm einen Lorbeerkranz, der ihm und ihnen Ehre machte, weil er nicht die Frucht der Schmeicheley war. Von beyden Seiten der Straße, durch die er ritt, wurden ihm von tauſend Zungen ein:„Lebehoch!“ zugerufen. Tief gerührt ritt der Held durch die jauchzende Menge, und vermochte keine Antwort des Dankes auszuſprechen, als mit den Freudenthränen, die ſeinen Augen entſtrömten. Unter ſolchem Frohlocken, wie er, mag einſt Ca⸗ millus unter den Römern eingezogen ſeyn, als er die Gallier geſchlagen hatte, oder Scipio, nachdem er von den Feldern von Zama zurückge⸗ kehrt war. Mit jedem Tage ſeines Aufenthalts in Berlin erhielt Schill neue Veweiſe der Liebe und Achtung. Pochte auch hie und da der giftige Reid niedriger Menſchen ſich regen, der Held von Kolberg, deſſen Größe in der Hülle der Beſcheidenheit und Leutſe⸗ ligkeit ſo liebenswürdig erſchien, war bald der Lieb⸗ ling des Volkes geworden. Alles ſtrebte nach ſeiner Freundſchaft, ohne Unterſchied des Geſchlechts und Standes; ſelbſt auswärtige Geſandte ſuchten ſeinen umgang. Aber des Helden zürnende Bruſt war nicht verſöhnt; in ſeinem Innern regte ſich ein ſtilles mächtiges Feuer,— die Sehnſucht nach dem Tage der Rache. Tief war im letzten Krieg das preußiſche Volk gedemüthigt worden; ſein Kriegs⸗ ruhm, ſein Staatsgewicht un ſein Wohlſtand war dahin. Noch ſollten drückende Kriegsſteuern bezahlt werden, und die von Napoleon aufgedrungene Handelsſperre verſchloß ihm die Ausſicht auf die balbige Wiederkehr einer beſſern Zeit. In dieſer Noth fanden ſich gleich geſinnte Herzen, und es entſtand der Tugendverein, ein heiliger Bund, die teutſche Bürgertugend wieder herzuſtellen, den Va⸗ terlandsſinn zu erhöhen, die Eintracht unter das Volk zurückzuführen, und, welche Abſicht dunk⸗ ler angedeutet war, auf den Tag, wo ſich die Ge⸗ legenheit darböte, Teutſchlands Selbſtſtändigkeit und Freyheit wieder zu erringen, im ſtillen ſich vorzu⸗ bereiten. Auch Schill war in dieſen Bund ge⸗ treten, und ſtand mit Braunſchweig und andern teutſchen Männern in Verbindung, die mit der ge⸗ genwärtigen Lage der Dinge unzufrieden waren. Unter dieſen Umſtänden ſtand Oeſtreich im Früh⸗ jahr 1809 noch einmal auf, um gegen den Beherr⸗ ſcher des feſten Landes ſein Heil in den Waffen zu ſuchen. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, wo man glaubte, alles wagen zu müſſen, ehe die Erobe⸗ rung Spaniens und Portugals gänzlich vollendet wäre. Erzherzog Karl führte den 9. April ſeine Armee über den Inn, Johann den 14. über den Tagliamento und am 15ten rückte Ferdinand in das Herzogthum Warſchau ein. Schon war unter Andreas Hofer der Aufſtand im Tyrol ausge⸗ brochen. Auch Dörenberg, Oberſt der weſtphä⸗ liſchen Jägergarde, mit welchem Schill in Ver⸗ bindung ſtand, ſeellte ſich an die Spitze der unruhi⸗ gen Bauern in Heſſen. Jetzt entſchloß ſich auch Schill, ſein Schwert wieder für die Sache Teutſchlands zu ziehen. Er that einen Schritt, der nach den Ausſprüchen der gewöhnlichen Staats⸗ und Völkerrechte verwerſlich erſcheint, und gefährlich wäre, im allgemeinen als ſittliches Beyſpiel aufgeſtellt zu werden, der aber, von dem Standpunkt einer höheren Weltanſicht be⸗ trachtet, unter denjenigen umſtänden, in welchen ſich Schill befand, ihm nicht nur zu verzeihen, ſondern auch als der höchſte Beweis ſeiner Liebe zum teutſchen Volk und ſeiner Treue bis in den Tod anzuſehen iſt. Er glaubte in ſeinem Herzen den Ruf eines höheren Willens zu vernehmen, und wollte dem Grundſatze Huttens getreu, daß, wenn Gott helfe, es durch Menſchen geſchehe, ſeine em⸗ pfangene Kraft für Teutſchlands Rettung anwenden. Schon längſt hatte er die Herzen ſeiner Solda⸗ ten gewonnen, für Teutſchlands Sache ſie begei⸗ ſtert, und ihre Anhänglichkeit noch im letzten Mo⸗ nat durch kleine Feſte erhöht, die er zu ihrem Vergnügen anſtellte. Auch hatte er heimlich Waffen gekauft für diejenigen, die ſich bald an ihn an⸗ ſchlieſen würden. Nun kündete er den 28. April 1509 nach Beendigung der gewöhnlichen Kriegs⸗ übungen, die er vor den Thoren Berlins und zwar iedesmal mit dem vollen Gepäck des Regiments zu halten pflegte, ſeinen Huſaren und einigen be⸗ rittenen Jägern an, er habe Befehl über die Grenze zu rücken, und zog mit ihnen, ungefähr 600 Mann ſtark, über Potsdam. Nahe der Grenze aber eröffnete er ihnen ſeinen Plan, und fragte ſie, ob ſie ihm folgen wollten. Alle einmüthig er⸗ wiederten, ſie ſeyen bereit, mit ihm jedes Schickſal zu theilen. So gieng der Zug vorwärts, und überſchritt muthig die Grenze. Bald darauf ſchloſ⸗ ſen ſich noch 300 Fußgänger an ihn an, welche von Lieutenant Quiſtorp geführt aus Berlin ent⸗ wichen, indeß die übrigen des Battaillons durch General Tauenzien zurückgehalten wurden. Mit dieſen Kriegsgefährten begann Schill ſein kühnes Vorhaben. Die Segenswünſche und Hoßnungen der eifrigſten Vaterlandsfreunde begleiteten ihn; aber es war der Weg des Todes, den er jetzt be⸗ treten hatte. Schill war durch die wichtigſten Gründe gelei⸗ tet worden, nicht länger zu zaudern mit der Aus⸗ führung ſeines kühnen Entſchlußes. Wäre es auch nicht im Plane der Verbündeten gelegen, gerade um dieſe Zeit loszubrechen, ſo hätte er ohnedies nicht länger mehr ſäumen dürfen. Schon hatte der weſiphäliſche Geſandte zu Königsberg dem preuſſi⸗ ſchen Regenten von Schills verdächtigem Beneh⸗ men Nachricht ertheilt, und es war nahe daran, ihn zur Unterſuchung zu ziehen. Auch ſoll er von einer wichtigen Hand ſchriftlich ermahmt worden ſeyn, ſo bald es möglich ſein Vorhaben zu beſchleu⸗ nigen. So wie er aber ſchnell die Grenze über⸗ ſchritten hatte, eben ſo raſch zog er weiter und ſtand ſchon am 1. May vor den Thoren der Feſtung Wittenberg, wo damals die Hauptkaſſen des Königs von Sachſen nebſt einem großen Vorrathe von Artil⸗ lerie ſich befanden. Dieſen wichtigen Punkt, der nur mit einer geringen Beſatzung verſehen war un⸗ verſehens zu erobern, und von hier aus die weitere Entwickelung ſeiner Entwürfe zu bewirken, lag be⸗ ſonders in ſeinem Plan. Aber ſchon hatte der Be⸗ fehlshaber der Feſtung, welchem Schill's Ankunft verrathen war, die nöthigen Maaßregeln getroffen und ſein erſter Anſchlag wurde vereitelt. 206— Getäuſcht in ſeiner erſten Hoffnung aber voll Muthes zog er an den Mauern von Vittenberg vorüber, und ſetzte, was ihm die ſchwache Beſatzung nicht wehren konnte, über die Brücke auf das linke Ufer der Elbe. Durch die RNoth gedrungen, ſich Geld für die Erhaltung ſeiner Schaar zu verſchaf⸗ fen, forderte er Kriegsſtenern in den Ländern der mit Napoleon verbündeten Fürſten. In Köthen ließ er das Schloß plündern, und die fürſtlichen Pferde wegnebmen, weil der entflohene Fürſt ihn einen Räuber geſcholten hatte. Von da rückte er in das Magdeburgiſche, ließ Halle und andere Orte beſetzen, richtete ſtatt der weſtphäliſchen Wappen preuſſiſche Adler auf, und ermahnte durch einen öffentlichen Aufruf, ſich an ihn anzuſchlieſſen. Eine Abtheilung Franzoſen und Weſtphalen, aus Magde⸗ burg abgeſandt, traf ihn am 5. May bey Doden⸗ dorf, und es entſtand ein blutiges Treffen. Schill erfocht durch die Tapferkeit ſeiner Reuterey einen glänzenden Sieg über die weit überlegene Zahl und nahm 200 Feinde gefangen. In dieſem Treffen geſchah es, daß ſich ein Jüng⸗ ling, der noch nicht völlig das ſechszehnte Jahr er⸗ reicht hatte, durch einen Heldenmuth auszeichnete, der ſelbſt dem bewährteſten Krieger Ehre gemacht hätte. Kurz vorher war er erſt zu Schill gekom⸗ men, und hatte es nur durch viele Bitten dahin gebracht, daß er ungeachtet ſeines ſehr jugendlichen Alters unter die Schaar aufgenommen wurde. Aber der Jüngling war in dem Treffen bey Dodendorf ſtets der Vorderſten einer. Unter dem begeiſternden Ruf:„Hoch lebe Schill!“ drang er gleich den Tapferſten unter den Feind, hieb, was ſich ihm ent⸗ gegenſtellte, vor ſich nieder, und verbreitete Schrek⸗ ken und Flucht. Dann mit dem Degen in der Hand, der wie ſein Kleid noch mit Blut beſprützt war, ritt er nach Beendigung des Gefechts zu Schill, und warf einen ſtolzen Blick auf ihn, als ob er ihn fragen wollte, ob er wohl würdig ſey, an ſeiner Seite zu kämpfen.„Du haſt als Held gefochten,“ ſprach Schill zu ihm:„ich er⸗ nenne dich zum Herzog von Dodendorf!“ Eine Ant⸗ wort, mit der er den Jüngling zu beehren, und ſeine Geringſchätzung gegen Napoleons neue Her⸗ zoge an den Tag zu legen ſuchte. Seit dieſem Tage aber trübte ſich der Glückſtern des Helden. Je mehr es ſich täglich beſtätigte, daß die Oeſtreicher in Bayern bey Abensberg, Eckmühl, Landshut und Regensburg geſchlagen ſeyen, und ſich in vollem Rückzug befänden, um ſo bedenklicher wur⸗ den die Teutſchen ſich an ihn anzuſchließen, und es gelang ihm nicht einen Aufſtand zu erregen. Auch war Dörenbergs Schaar den 23. April, am näm⸗ lichen Tage, als die Franzoſen Negensburg erober⸗ ten, unweit Kaſſel zerſtreut worden, und er ſelbſt hatte nur durch die Flucht ſein Leben retten kön⸗ nen. Teutſchlands frohe Ausſichten waren ſchnell wie ein Traum verſchwunden. Schill ſtand zwar S noch unbeſiegt, aber von ſeinen Verbündeten verlaſſen, und vom weſtphäliſchen König wurden 10,000 Fran⸗ ken auf ſeinen Kopf geſetzt, indem er für einen Räuber und Uebertreter des Völkerrechts erklärt ward. Zweyerley blieb ihm jetzt noch übrig: entweder ſich nach Vöhmen durchzuſchlagen, da der größte Theil der Sachſen an die Donau gezogen war; oder ſich gegen die Meeresküſte zu wenden, dort einen feſten Platz zu gewinnen, ſich ſo lange als möglich zu halten, und, wenn er nicht mit Englands Hülfe, auf die er allem Anſchein nach zählte, ehrenvoll vom Kampf⸗ platz abtreten könnte, vor den Augen der Welt den Heldentod zu ſterben. Ungewiß, was er von Oeſt⸗ reich, das damals von Napolleon ſo hart gedrängt war, im Fall er nach Böhmen zöge, erwarten könnte, und ob er hoffen dürfte, in den Frieden mit einge⸗ ſchloſſen zu werden,— und zudem viel zu hoch ge⸗ ſinnt, als daß er je auf ſchimpfliche Art ſeine Schaar verlaſſen oder ohne ſie eine ſchmähliche Flucht ergriffen hätte, entſchloß er ſich, an die Küſte des Meers zu ziehen. Vorerſt aber ſandte er noch ſeine Leute nach Halberſtadt, Boslar, Helm⸗ ſtädt und in andere niederſächſiſche Städte. Durch dieſe Streifzüge die keineswegs zwecklos waren, ſuchte er Gelegenheit, Nachrichten über die Maas⸗ regeln ſeiner Feinde einzuziehen, ſeinen eigenen An⸗ hang zu vergrößern, und den Soldaten durch die weſtphäliſchen Kaſſen, die ſie überall wegnahmen, ihnen Sold zu verſchaffen. Am An 7. May befand er ſich noch ſelbſt zu Halber⸗ ſtadt. Vald darauf aber brach er auf, und zog durch die alte Mark an der Elbe hinunter bis Schnacken⸗ burg, wo er wieder auf das rechte ufer des Stroms ſetzte. Am 15. eroberte er die kleine Feſtung Dömitz im Mecklenburgiſchen, und beſetzte ſie mit einigen hundert Mann. Von da ſchickte er Streifpartheyen bis in die Gegend von Lauenburg und Lübeck, und trieb Geld, Lebensmittel und Waſfen ein. Den 21. befand er ſich in Wismar. Den 24ten durchbrach er den Paß bey Damgarten, und nahm 500 Meck⸗ lenburger gefangen, die ihm den Weg verſperren ſollten. Den 25ten endlich erſchien er vor den Tho⸗ ren Stralſunds, und eroberte dieſe Stadt, welche noch von den Franzoſen beſetzt war, und mit eini⸗ gen Kanonen vertheidigt wurde. Hier am Ufer der Oſtſee war der Ort, wo er den letzten Kampf be⸗ ſtehen wollte. Sogleich wurde die Befeſtigung be⸗ gonnen. Bürger und Bauern aus der umliegenden Gegend wurden zur Arbeit getrieben, die zerſtörten Werke raſch und ſo gut als möglich wieder her⸗ geſtellt, die zugeworfenen Gräben neu eröffnet, die Straßen mit Quergräben durchſchnitten, an den nöthigen Orten Palliſaden und Zugbrücken ange⸗ bracht, und 27 Kanonen aufgeführt, um die Zu⸗ gänge zu decken. Noch einmal fragte er ſeine Lente, ob ſie den Muth hätten, bey ihm zu bleiben, und ſie wiederholten ihr Verſprechen, ihn nicht zu ver⸗ laſſen.„Nun gut!“ ſprach er,„ſo wollen wir „ein zweytes Saragoſſa ſchaffen!“ II. Band. 14 Unterdeſſen hatte ſich auch der Feind ſchnell von allen Seiten geſammelt. D'Albignae war mit einigen tanſend Franzoſen und Weſiphalen von Magdeburg aufgebrochen, und ſchon den 15. May zu Stendal an der Elbe eingetroffen. Von bier batte er über den Strom geſetzt, und am 24ten Dömitz wieder mit Sturm eingenommen, indeß der größte Theil der Beſatzung durch die Flucht entkam. Mit ihm hatte ſich Grarien vereinigt, der über Lüneburg mit einer Abtheilung holländiſcher Trup⸗ pen angerückt war. Zu dieſen beyden ſiieß Ewald, welcher 1500 Dänen aus Hollſtein berzuführte, ſo daß das vereinigte Heer ungefähr 10,000 Mann betrug. Schills Mannſchaft wird zwar von einigen auf 5 bis 6,000 Mann angegeben; aber nach dem Be⸗ richt eines Angenzeugen hatte er zu Stralſund, (ſelbſt die rügiſche Landwehr miteingerechnet, wel⸗ che einige hundert Mann ſtark zu ihm übergegan⸗ gen war,) nicht mehr als 1700 ordentlich gerüſtete Soldaten, wovon 630 zu Pferde waren, unter ſei⸗ nen Befehlen. Dieſe Angabe wird man um ſo wahrſcheinlicher finden, wenn man bedenkt, wie wenig die andere zu der kurzen Zeit, die ihm zur Vergrößerung ſeines Heers vergönnt war, im Ver⸗ hältniſſe ſteht, zumal, da er auch eine Anzahl ſei⸗ ner Leute in Dömitz zurückgelaſſen hatte. Am 31. May ſtand der Feind vor Stralſund, und noch am nämlichen Tage wurde der Angriff un⸗ 2¹¹ ternommen/ indem man die Stadt zu erſtürmen ſuchte. Ein fürchterliches Feuer mit Kartätſchen und Flin⸗ tenkugeln begrüßte die Stürmenden; aber die Ueber⸗ zabl errang den Sieg. Ein holländiſches Regiment war das erſte, welches durch ein Thor in die Stadt drang, während ein anderes die äußern Schanzen erſtie. Nun begann ein zweyſtündiger Kampf der Verzweiflung, indem ſie Mann für Mann in den Gaßen fochten. Schill konnte ſein Heil auf der Flucht ſuchen; aber er wollte lieber wie Leonidas ſterben, ſein Leben theuer verkaufen, und ſeinem Volke ein hohes Beyſpiel des Heldentodes geben. Er kämpfte daher, ſo lange ſein Heldenarm ſich re⸗ gen konnte. Der letzte, der unter ſeinem Schwerdt fiel, ſoll der bolländiſche General Carteret gewe⸗ ſen ſeyn, welcher an dieſem Tage ſein Leben verlor. „Hundsfott!“ rief Schill wie man erzählt,„be⸗ ſtell mir Quartier!“ In dieſem Augenblick wurde er von zwey däniſchen Huſaren angegriffen, und ſchlug ſich mit dieſen, wiewohl er verwundet war, ſo lange, bis er todt vom Pferde herabſank. Mit ſeinem Tode endigte ſich der Kampf, nach⸗ dem, mehrere hundert Menſchen von beyden Seiten umgekommen waren. Ungefähr 900 von Schills Truppen entflohen, wie der erwähnte Augenzeuge be⸗ richtet, theils auf die benachbarten Inſeln Rügen und Uſedom, theils an andere Orte. Mebrere Offiziere, welche gefangen worden waren, wurden von den Fran⸗ 14* zoſen erſchoſſen. Andere, welche zu den Preuſſen geflohen waren, wurden auf Befehl der Regierung aus Furcht vor Napoleon, zu ſechsjähriger Fe⸗ ſnthefe verurtheilt. Dies iſt das Bild unſeres Helden, nach jui Hauptzügen entworfen. So wie es der Geſchichte geziemt, nur das Bedeutende hervorzuheben, und das Unwichtige der Vergeſſenheit zu überlaſſen, ſo wur⸗ den auch hier aus ſeinem Leben nur diejenigen Züge hervorgehoben, die uns einen würdigen Vegriff ſei⸗ ner Heldengröße geben können. Schill, als Par⸗ theygänger betrachtet, verdient der erſte von allen zu heiſſen, die in unſerem blutigen Zeitalter erſchie⸗ nen. Allen, die nach ihm kamen, war er Vorbild. Wenn der tapfere Helwig, der ritterliche Colomb, und der heldenkühne Lützow gegen einen weit über⸗ legenen Feind mehr als einmal Thaten verrichteten, werth der Unſterblichkeit;— welches Bild ſchwebte ihnen an den Tagen des kühnen Kampfes vor, als das Bild des Retters von Kolberg und des Siegers von Dodendorf? Daher kann man mit Recht ſagen: Sie haben Schills Leib getödtet, aber ſeine Tha⸗ ten lebten auf der Erde fort, und ſein Geiſt ſtand in den Helden ſeines Volkes wieder auf! Fr. Sonntag. XXV. Gedichte. 4½ Die Vahrheit. Der Wahrheit will ich leben, So lang die Welt mich trägt, Und ihr mein Herz ergeben, Das freudig für ſie ſchlägt! Wenn ſie uns ſierben würde, Was wär' das Leben werth, Sie, die als Kron' und Zierde Den freyen Menſchen ehrt?— Sie ſtand in höh'ren Landen, Eh' Gott die Welt erſchuf; Und als die Welt entſtanden Auf ſeiner Allmacht Ruf, 6 Kam ſie vom lichten Throne In's nachtumhüllte Land,. Am Haupt die Sternenkrone, Die Fackel in der Hand. Sie iſt es die noch heute Hoch ihre Fackel hebt, Und mächtig freyer Leute Erhab'ne Bruſt durchbebt; In Sturm und Ungewittern Wankt nicht ihr feſtes Reich;— „Was wollt ihr ängſtlich zittern?“ Ruft ſie,„ich bin mit euch!“ Zwar ſieht ſie oft mit Schmerzen Vor ſich die Lügenbrut, Und weint nicht;— doch im Herzen Ergrimmt ihr hoher Muth;— Vom Ewigen und Einen Stammt ſie aus höh'rem Licht, Sonſt würde ſie oft weinen: Doch Götter weinen nicht. Als für der Freyheit Sache Lueretia erbleicht, Wer hat den Dolch der Rache Dem Römer dargereicht?— Sie die mit hohem Muthe Vom Himmel niederfuhr, Und dem vergoß'nen Blute Den Eid der Nache ſchwur. Ihr Geiſt, von Rach' erfüllet Haßt ſtets die Despotie, In Flammen ſtand umhüllet Auf Moskau's Zinnen ſie; Hoch über Blut und Leichen Zog ihr Gericht einher, Und mit des Todes Streichen Traf ihre Rache ſchwer. Auch ſchenkt ſie ihren Frieden Den blinden Frevlern nicht, Die Glaubensfeſſeln ſchmieden MWit finſt'rem Angeſicht. Dem Weiſen blüht ihr Segen! Wenn gleich ihr Donner kracht, Ihm lächelt ſie entgegen In ihrer Sonnenpracht. Sie war's der Freyheit Mutter, Die einſt die Ketten brach, Und kühn durch Martin Luther Für Menſchenrechte ſprach; 50 — S 216 Die Pfaffen ſchrie'n im Grimme: „Hinweg, hinweg mit ihr!“ Sie ſprach mit Gottes Stimme: „Ich bleib'; Gott helfe nir!“ Drum hilft ihr Gott auch ſtreiten Mit frohem heil'gem Muth, Und ſie verſprützt mit Freuden Für Menſchenrecht ihr Blut; Selbſt Qualen kann ſie lindern, Und wenn der Henker droht, Lacht ſie, und zeigt den Kindern Der Freyheit Morgenroth. Stürzt gleich die Wuth der Flamme Auf einen Huß einher, Sie von der Gottheit Stamme, 3 Sie zittert nimmermehr; Sie ruft:„der Leib mag ſterben! „Die Seele endet nicht!“ Und zieht aus dem Verderben Den Geiſt zum ew'gen Licht. O daß ſie dich erkennten In deinem hohen Werth, In dir den Frieden fänden, Den deine Huld beſchert, Und wüßten, wie du's meineſt So treulich und ſo gut, Wenn donnernd du erſcheineſt Der niedern Lügenbrut! Ja! Himmelstochter, ſteige Als Königinn empor, Und freudig zu dir neige Sich aller Völker Ohr! Die Menſchheit zu beſchützen, Reich' deine Hand uns dar! Mit deiner Rache Blitzen Blick' auf der Frevler Schaar! Doch würdeſt du auf Erden Von Menſchen gleich verkannt; Verfolgt zwar kannſt du werden, Doch nimmermehr verbannt; So lang noch Sänger leben, Der Gottheit ſich bewußt, Wird's Raum und Wohnung geben Für dich in ihrer Bruſt. Fr. Sonntag. 217 218 II. Der teutſche Mann. Sagt wo iſt der teutſche Mann, Der die Teutſchheit retten kann. Wer, die Bruſt von Leidenſchaft, Nicht von Heldengeiſt durchlodert, Des Beſiegers Löwenkraft Prahlend auf den Kampſplatz fodert— Sagt/ iſt der der teutſche Mann, Der die Teutſchheit retten kann? Wer des teutſchen Sinnes Frucht In den rohen Lebensweiſen Finſtrer Eichenwälder ſucht. Mag den Hottentotten preiſen: Daß er ſey der teutſche Mann, Der die Teutſchheit retten kann! Wem beym Blick nach Söldnergold Teutſcher Sinn und Muth, erkaltet, Teutſchheit von den Lippen rollt, Aber nicht im Buſen waltet, Ach! der iſt kein teutſcher Mann Der die Teutſchheit retten kann. — 21¹9 Wer an teutſchem Fürſtenthron Feig, mit Schmeichellügen wedelt Iſt nicht Herrmanns ächter Sohn Der den alten Stamm veredelt!— Wo denn iſt der teutſche Mann, Der die Teutſchheit retten kann? Wer in der verſchwiegnen Bruſt Teutſcher Jugend Thatkraft ſäuget, Und ſich, teutſchen Werths bewußt, Nicht vor Götzenbildern beuget, Der iſt, traun ein teutſcher Mann Der die Teutſchheit retten kann! Wer der Teutſchheit hohen Werth, In der Männer ernſter Tugend, In der Weiber Treu verehrt Und in Zucht und Scham der Jugend, Traun! der iſt ein teutſcher Mann Der die Teutſchheit retten kann! Der der Freyheit hehren Geiſt Um kein Gold der Welt verhandelt, Dem ihn auch kein Joch entreißt, Unter dem er aufrecht wandelt, Der iſt auch ein teutſcher Mann, Der die Teutſchheit retten kann! 220— Dem kein Unſtern ſeiner Zeit Teutſcher Treue Sehnſucht dämpfet, Wenn mit feſter Männlichkeit Er für Recht und Wahrheit kämpfet,— Reicht die Hand dem teutſchen Mann⸗ Der die Teutſchheit retten kann! J. H. v. Weſſenberg. Sultan Lippov. (Nach dem Engliſchen.) Aufſtand in der Geſundheit Fülle Tippoo Froh ſeiner Macht, Halb⸗Oſtens großer Sultan, Friſch wie die Morgenſonn,(ach geht ſie unter, So muß er ſterben) ſeine Haltung edel, Wie's einem König ziemt. Hoch ſchlug ſein Herz Vor eitelm Stolz. Aus ſeinem Antlitz ſprach, Ingrimmig lächelnd, Hoffnung des Triumphs. Die Krieger hoben ſich aus Fieberträumen Von Irrſal oder Sieg. Die Schlachtdrommete Scholl durch die weite Stadt, und tauſend ſchaarte Gehorſam auf der furchtbar'n Töne Ruf: Soldat und Feldherr, Sklaven all', und er Schritt hehr indeß die Prunkſchloß⸗Hallen durch, und überblitzte, ſcharfen Augs die Menge. Ein Wink nur ſeines Arms gebot der Unzahl Stillſchweigen, Ehrfurcht, Unterwürfigkeit. Sein Feuerblick, ſein Roth weiſſagt ein Blutbad; Verwünſchung, Rach' entſtrömte ſeiner Zunge! Gold, Ehren und Unſterblichkeit verſprach Den Braven er, undrief:„Doch Memmen Wehe!“ Voll Majeſtät, ein König ſtund er da, Stund, halb umzirkt von Aſiens Reiterey, Ganz wie ein Gott der Hindus, oder— Satan, Als er in ſeiner flammenden Behauſung Aufſpornte die gefallnen Cherubim Und zu den Waffen rief die ganze Hölle. Verſengend traf die Sonne. Von der Schlacht Laßt mich nur ſagen; dumpfes Kriegsgetöſe Begann und wuchs zum Lärmen; Roßgewieher, Hallt aus der Ferne— Hörner klangen— Ruf Der Feldherr'n zwiſchen durch aus heiſchern Kehlen— Hernahend jetzt ein feſter gleicher Schritt, Der Hengſte Trampeln, und der Räder Kreiſchen Vit furchtbarem Geſchütz,— ha! Donnerhalle, Als müßten ſie dich, leeres Element! Erſt füllen, rollten raſch und raſcher fort. Wie tapfer, ja wie kühn gebarte ſich Der ſchwarze Sultan dieſen Lag— er focht/ Gemeinen Sklaven gleich; fürs eig'ne Leben Wahr ſorglos, ſtachelt er die Krieger an. Gluthballe fuhren tief in ſeine Bruſt Jedoch er ſtand— ein Heros königlich. 222 Mit ſeinem Blut erwarb er dieſen Tag. Den Königs⸗Namen und des Feindes Ehrfurcht. Ibn trugen, als die Racht begann, und er Sich ſterbend fühlte, ſeine Kampfgenoßen Und weinten; denn ihr alter Feldherr war's; Er hatte(wenn auch ein Despot) der Schlacht Sie zugeführt. Treu ſeinem Wunſche, hoben Sie klagend ihn auf ſeiner Väter Thron. Da ſaß er, wie ein ſchwarzes Marmorbild Das Auge regungslos geſpannt vor Schmerz⸗ Starr, gläſern, wie im Tod— die bleichen Lippen, Zerpreßt, verriethen innern letzten Kampf; Doch ſchien's, er wollte ſterben auch als König. Ein Feind verſuchte beutegierig ihm Das Königsdiadem herabzureiſſen. Er wandte ſich entrüſtet, ſprang empor— Zorn färbte ſeine Wangen roth— und floh. Er griff zum Schwerdt, und ſchwangs zum letzten Mal⸗ In öde Luft. Dem ſchwachen Arm entſiels; Run ſtand er wehrlos.— Ach! Ein Blitz und ſchnell Durchfährt ein Todesball des Königs Hirn, Ein Grabesherold Tippoo ſtürzt und Alles Was noch vom ſtolzen aſiatiſchen König Dem Schreckbild Indiens, dem kühnen Donnrer Durch lange Wüſten, blieb, iſt nur— ein Name! Ihn ſah der Morgen noch in ſeiner Kraft, Der Abend zornvoll blutend, doch als König, Die Nacht als todten Erdenklos. O nehmet Zn Herzen dies, Tyrannen auf dem Throne, Und wandelt Euch zu Menſchen weislich um! Haug. IVW. Der gute Fuͤrſt. Das Edelſte, ſo weit ein Lüftchen wehet Dünkt mich ein Fürſt zu ſeyn, Wenn er die göttlich⸗große Kunſt verſtehet, Die Völker zu erfreu'n; Wenn er es innig fühlt, und mit Entzücken, Daß ihn zu dem Veruf, Um Millionen Menſchen zu beglücken, Der Veltbeherrſcher ſchuf. Dann will er, daß Gerechtigkeit nur wohne In ſeinem ganzen Land, Und haßt die Schmeicheley, die gern am Throne Vuhlt um ein Ordensband. Ihm gilt nur das Verdienſt in jedem Stande, Und nicht das Wörtlein: von; Ein braver Bauer in dem Zwill chgewande Gilt ihm, was ein Varon. 24—— Zwar macht ihm ſein Beruf auch manchen Kummer, Er ſieht oft manche Roth; Selbſt der Gedanke ſtört ihn oft im Schlummer, Ob einer ſeufz' nach Brod. Doch— welch ein Troſt! ihn lieben alle Stände, Und ſegnen ſeinen Lauf, Und jeder Gute hebt für ihn die Hände Zum Himmel betend auf. Bebt ein Despot vor Revolutionen, Mit bleichem Angeſicht; Der gute Fürſt kann froh und ſorglos Sein Volk verläßt ihn nicht. Noch an dem Grab bringt man ihm tauſend Zähren, Ein heilig Opfer, dar, Die mehr als eitle Glockentöne lehren, Was er dem Volke war. Und ruhen dann die heiligen Gebeine Von Sorg' und Arbeit müd; So tönt noch ſpät an ſeinem Leichenſteine Ein edles freyes „Seyd gut wie er— ſo tönt's,— ihr Fürſtenſöhne! „ Seyd ſeines Ruhmes werth! „ Die Mitwelt buhlt;— der Nachwelt Feyertöne „Sind, was den Fürſten ehrt!“ Fr. Sonntag. V. Im Freyheitskriege 1814. Wohl fährt der Sturm mit wildem Graus Durch unſer reines Gotteshaus, Und ſchnöd entweih'n den Hochaltar Tyrannenmacht, und Sklavenſchaar. Doch deckt die Kuppel auch der Flor— Noch prangt die Säule ragend vor, Beugt mancher ſich dem Götzenbild, Uns hat der wahre Gott erfüllt. Er hauchte Kraft in unſer Herz, Die bändigt auch den Todesſchmerz: Er gab uns ſeinen ſtarken Sinn, Der treibt zum großen Ziel uns hin. Das Ziel entſchwand dem Auge nicht/ Umſonſt frohlockt der Böſewicht, Des teutſchen Arm iſt nicht erſchlaft, Wohl fühlt einſt Mancher ſeine Kraft. Wenn auch der Sturm die Eiche brach, Ein junger Stamm blüht herrlich nach, Er blüht heran dem Vaterland, Das er im Joche weinend fand. II. Band. 1⁵ O weine nicht mein teutſches Land! Die Waffe bleibt nicht an der Wand; Wir ſchleifen nur den blanken Stahl, Und harren dem erſehnten Strahl, Ihr Drohen hat uns nicht erſchreckt, Hat nur die höh're Kraft geweckt; Die Eiche braust wie Geiſter weh'n, Die Siegfrieds werden auferſteh'n, Sie ſtehen auf, die Drachen flieh'n, Die Truggeſpenſter bleichen hin, Es klirrt das Schwert, die Lanze ſaust Das BVanner fliegt, der Nord erbraust. Die Feuerſäulen lodern auf, Es naht der Feind— drauf! Brüder, drauf! Der Oſtertag iſt heiß erwacht Aus blutigheller Mitternacht. Es zieht der Hermann uns voran Es bricht uns Arnold eine Bahn Und Heinrich, Otto, Siking, Tell Sie glänzen uns als Sterne hell. Seht Ihr ihr Lächeln furchtbar mild? Seht ihr der Freyheit ſtolzes Bild? Sie donnert laut und ruft uns: durch! Der Herr iſt eine feſte Burg! E. Münch. ——— b6 2 ₰ VI. Der ferne Krieger an Louiſe. Wenn Kriegsdrommetenruf ertönt, Wenn Roßgeſtampfe ringsum drönt, Wie ſich nach mir dein Herzchen ſehnt, Louiſe! Allnächtlich, wenn von Sorg' erblaßt, Du laut für mich gebetet haſt, Denkſt du:„Wo hält mein Lieber Raſt?“ Louiſe! Erklingts um dich im Jubelton: Beſiegt iſt der Tyrann, entflohn. So denke: was trug Wilm davon? Louiſe! Noch dein gedenkend, röchelt er Vielleicht von Todeswunden ſchwer, Und Brüder fallen um ihn her. Louiſe! Mir iſt ich ſehe dich erbleicht Lang ſtumm vor Qual, die Augen feucht, Wenn dich die Schreckenskund erreicht! Louiſe! 22⁸ — Dann ſprich: Europa zu befrey'n, Von Kronenraub und Tyranney'n, „Kämpft' er und ſiel und dachte mein.“ Louiſe! Haug. Am Dankfeſ fuͤr den Frieden Der du väterlich uns allen Bruderlieb' ins Herz geprägt, Sieh' vor dir uns niederfallen, Inniglich zu Dank bewegt! Denn ein Engel von den Höhen Deines Lichts herabgeſandt, Kam, von harten Kriegeswehen Zu erlöſen Volk und Land. Vater! nicht nach unſern Sünden Wogeſt du die Straf uns zu. Nur um Reue zu entzünden, Und zu beſſern ſchlugeſt du! Schonend willſt du jetzt uns lehren, Daß dein Geiſt die Liebe iſt, Welche nicht nur— die dich ehren Auch die Frevler mild umſchließt. Eintracht pflanze nun der Friede, Wo die Helden ſich bekriegt! — —— Bey des Frohſinns heiterm Liede Blüh' empor, was öde liegt! Friede kommt in jede Seele,. Durch der Leiden Sturm erkrankt! Friede, Gottes Friede ſtähle Die im Kampf der Tugend wankt! Eine Thrän' im Auge, falle An des Feindes Bruſt der Feind! Eine Seele ſeyen Alle Liebender! in Dir vereint! Unſern Erdpfad ſchon erhelle Deines Feindes Morgenroth, Den kein Wölkchen, keine Welle Kein Gewitterſturm bedroht! J. H. v. Weßenberg. VIII. Pindar und Klopſtock. Zweifelnd fragen noch Tuiskons Söhne, Ob wohl ſchöner Pindar's Siegestöne Lauteten als Klopſtock's Lobgeſang? Ob des edlen Griechen gold'ne Leyer, Ungereget von der Dichtkunſt Feuer, Höber als des Teutſchen Harfe klang? 229 230 Mächtig klang, der kühnen Vruſt entflogen, Wiederhallend an dem Sternenbogen, Beyder Sänger weltgepries'nes Lied;— Helden⸗Glanz mit Ehre zu belohnen, Flochten ſie die ſchönen Siegeskronen, Deren Pracht vor uns ſo herrlich blüht. Und von eig nem Tugendſinn durchdrungen Haben ſie mit Männerſtolz geſungen, Denn ihr Herz ſchlug hoch geſinnt und frey; Ja! ſie ehrten hoch der Menſchheit Rechte, Und ſie küßten nie als feige Knechte Ruth und Kette nied'rer Sklaverey.— Doch der Grieche ſang nicht dem Vollbringer Alles Guten, nicht dem großen Ringer, Der des Todes ſtarke Feßeln brach; Sang dem Tag nicht, wo der Götter Hallen Niederſanken, in den Staub zu fallen, Als der Wahrheit lauter Donner ſprach: RNicht dem Heiland, welcher Menſchenrechte, Himmelstroſt dem ſterblichen Geſchlechte, Freyheit durch der Wahrheit Geiſt gebracht; Deſſen Lehre Frieden uns beſcheret, Deſſen Beyſpiel muthig ſterben lehret In dem Anblick ernſter Todesnacht. — — —— Dieſem Helden eine Kron' zu reichen, Deren Strahlen ewig nicht erbleichen, Strebte großer Klopſtock! einſt dein Lied; Dich begrüß' ich in der Ehrfurcht Stille! Teutſcher Sänger! in des Geiſtes Fülle War dein Herz fürs Heiligſte durchglüht. Solch ein Lied hat Pindar nicht gegeben. Nas ſein Sängerton die Bruſt erheben, Höber hebt dein heil'ger Harfenklang; Mächtiger als er haſt du geſungen; Größ'res noch iſt deiner Kunſt gelungen, Die dem Würdigſten mit Würde ſang. Fr. Sonntag. Berichtigung. In der Ode an Blücher, und zwar in der 2ten Zeile der 9ten Strophe(Bd. 1. S. 239) iſt ſtatt:„ächtend,“ zu leſen:„ächzend.“ Die übrigen ſehr wenigen und unbedeutenden Druckfehler, bedürfen keiner beſondern Be⸗ richtigung. 8 ——————— — 18 19 20 10 11 n ſſſſſſſſiſimſiſiſſ 8 9 12 43 14 18 16 17 9 6 h 8 ele