Tarantas. Zweiter Theil. Fhruntas. Vom Grafen Sollogub. Zweiter Cheil. —8——2— Leipʒig Verlag von J. J. Weber. 1847. —— ———— ——— Seite Vierzehntes Kapitel. Die Kaufleute........ 3 Funfzehntes Kapitel. Waßilij Jwanowitſch, der ruſ⸗ ſiſche Gutsbeſitzer 22 Sechszehntes Kapitel. Jwan Waßiljewitſch, der ruſ⸗ ſ 44 Siebzehntes Kapitel. Das Dorffeſt........ 69 Achtzehntes Kapitel. Die Tſchinowniks...... 92 Neunzehntes Kapitel. Der Oſten.......... 103 Zwanzigſtes Kapitel. Ein Traum......... 122 — Tarantas. vom Grafen Sollogub. Zweiter Theil. Nord. Novellenbuch. W. Vierzehntes Kapitel. Die Kaufleute. Tags darauf, als bereits die Abenddämmerung an— brach, gelangte der Tarantas in eine kleine, aber äu⸗ ßerſt ſeltſame Stadt. Das Ganze beſtand aus einer einzigen Straße, auf deren beiden Seiten niedrige, aus grobbehauenen Balken gezimmerte Häuschen von grauer Farbe den Durchreiſenden zuzunicken ſchienen. Die Mehr⸗ zahl der zerbrochenen Fenſterſcheiben in denſelben war durch ölgetränktes Papier ergänzt, aus welchem hier und da abgeriebene Beamtenfracks, rothe Bärte oder zuſammengekittete Theekannen hervorlugten. —'ne Kreisſtadt?— fragte Jwan Waßiljewitſch ſich reckend und gähnend. — Ne!— entgegnete der mit der Lokalität ver⸗ traute Fuhrmann—'s iſt'ne überzählige... 1 4 Tarantas. Unterdeſſen ging in der Bewegung des Tarantas etwas ganz Ungewöhnliches vor. Deſſen bisher ſo feſte Haltung wurde plötzlich zaghaft und unſicher, als ob er irgend eine Dummheit begangen. Wär's möglich, daß er, der Unerſchütterliche, Unumſtößliche, der Stolz und die Freude des Steppenlandes, inmitten ſeiner Lauf⸗ bahn die Schmach erleiden ſollte, gleich einer nervenſchwa⸗ chen in Federn hängenden Reiſeequipage in der Schmiede der kleinen Stadt ſich einer Ausbeſſerung zu unter⸗ werfen? Unter Zittern und Zagen hielt er am Sta⸗ tionshauſe ſtill. Senka kroch vom Bock herunter, ging rund um den Tarantas herum, betrachtete ihn von unten, befühlte dem Schwangbaum den Puls, zerrte an den Radſpeichen und ſchüttelte zuletzt bedenklich den Kopf, dann aber, indem er ſein Haupt entblößte, wen⸗ dete er ſich zu ſeinem Herrn und überraſchte denſelben durch folgende Anrede: — Wie Sie befehlen, Herr, aber auf dieſe Weiſe macht er keine zwei Werſt mehr.. er fällt ganz und gar auseinander.— — Wa— a— as zer— bro— chen?— rief Waßi⸗ lich Jwanowitſch von Zorn und Beſtürzung ergriffen... Hätte man ihm die Nachricht hinterbracht, ſein Gemein⸗ deülteſter ſei ſo betrunken, daß er nicht wieder aus ſei⸗ — Vom Grafen Sollogub. 5 nem Rauſch aufwache, oder ſeine Frau habe ſich den Magen verdorben und ſei ſchwer erkrankt, es würde ihn bekümmert haben, doch bei Weitem weniger, als die Treuloſigkeit des zuverläſſigen, geliebten Tarantas. Senka erklärte ihm mit großem Gleichmuth, daß am Vorderende die Schiene geplatzt, am Hinterrade mehrere Speichen ausgefallen wären und ſteigerte nur durch ſeine Kälte die Hitze des Gebieters, der ihm zu⸗ letzt Schweigen gebot und ihn mit einem Fluche zum Schmied des Oertchens ſandte. Während Senka in die Schmiede ſtürmte, traten die beiden Reiſegefährten höchſt niedergeſchlagen in die Paſſa⸗ gierſtube ein. Der Stationshalter ſchnarchte eben einen Rauſch aus und hatte die Verſorgung ſeines Amtes dem Staroſt überlaſſen, der weder ſchreiben noch leſen konnte. Eine peinliche Stunde verging. Endlich erſchien der bewußte Schmied, deſſen Bart, Geſicht, Hände und Schürze nicht im Mindeſten von einander abſtachen. Für die Ausbeſſerung des Tarantas forderte er anfangs fu nfzig Papierrubel, nach langen Debatten ließ er ſich mit drei Silberrubeln zufriedenſtellen und rollte die Räder nach der Schmiede. Der Staroſt brannte jetzt einen Kienſpan in dem dunkeln Kämmerchen an, drehte den Reiſepaß mit wich⸗ tiger Miene zwiſchen den Fingern und ſprach: Tarantas. — Die Pferde ſind bereit, ſowie Ihre Gnaden an⸗ zuſpannen befehlen!— — Da haben wir's— brummte Waßilij Jwano⸗ witſch unwillig— endlich kommen einmal Pferde zum Vorſchein und gerade, wenn man nicht weiß, wo man ſie hinſpannen ſoll. Hol der Teufel Deine Pferde! He, Jwan Waßiljewitſch, ich dächte, wir ertränkten unſer Herzeleid in einem Glaſe Thee! Laß uns den Samo⸗ war bringen, Langbart! Aber habt ihr auch nen Sa⸗ mowar?— —'nen Samowar hab'n wir wohl, das wäre das Wenigſte, aber Niemand, der Ihnen Alles zurecht macht. Der Herr Aufſeher iſt unwohl, ſeine Frau iſt zu Gaſt und hat die Schlüſſel mitgenommen,'s Wirthshaus aber iſt nicht weit von hier, und dort können Sie Alles haben; wenn Sie wünſchen, kann man Sie hinführen.... Die Unglücksgefährten willigten ein, und der Sta⸗ roſt rief einem ſchmutzigen Buben im Schafpelz und mit nackten Beinen, dem er den Ehrennamen des„kah— len Teufels“ gab, zu, den Herrn den Weg zu zeigen. — Ein ſchmutziges, ehedem mit Latten gedeckt geweſenes Bauerhaus mit großem Hofthor nahm die Gäſte auf. An der Thür! hielt eine Kibitke mit aufwärts gerich⸗ teter Gabeldeichſel Eine Leiter, die Einſturz drohte, führte „ Vom Grafen Sollogub. 7 nach dem Büffetzimmer, deſſen bemalte Wand vor un⸗ denklicher Zeit ein Bosket vorgeſtellt, wovon noch in⸗ mitten einer Rußſchicht und abgefallener Stukatur ver⸗ ſchiedene phantaſtiſche Gewächſe hervorſchimmerten. Hin⸗ ter den nicht mehr vorhandenen Glasſcheiben des wurm⸗ ſtichigen Büffets prangten Gläſer, Flaſchen und Theekannen von den ſeltſamſten Formen neben ein Paar ſilbernen und zahlreichen zinnernen Löffeln. Zwei bis drei ſchmie⸗ rige Jungen mit rundverſchnittenem Haar, in rothge⸗ ſtreiften Kattunhemden, gelbſchwarze Servietten über der Schulter hängend, tummelten ſich am Büffet herum. Hinter dem Büffetzimmer befand ſich ein ockergelbes Kämmerchen, welches drei viereckige Speiſetiſche mit ſcheckigen Tiſchtüchern bedeckt, ausfüllten. Dicht dabei erblickte man durch eine halbgeöffnete Thür ein vergilb⸗ tes Billard, das ein Hahn, begleitet von mehreren Hüh⸗ nern, ſtolzen Schrittes umwandelte. Um eines der Speiſetiſchchen des ockerfarbigen Käm⸗ merchens ſaßen drei Kaufleute, die ſich nur durch die Farbe von Haar und Bärten unterſchieden, deren Nuangen eisgrau, feuerroth und pechſchwarz waren. Inmitten der drei Bärte dampfte der kochende Samowar, und Jeder von ihnen von Schweiß triefend hielt ein rauchendes Untertäßchen in der Hand, ſchlürfte den glü⸗ 8 Tarantas. hend heißen Labetrank, ächzte und ſtöhnte, ſtrich ſich abwechſelnd den Bart und ging abermals an die ſchwere Arbeit. — Nun und wie iſt's mit dem Mehle?— fragte der Rothe. — Habe nichts dawider— entgegnete der Graue — s ging heuer rein weg,'s wäre'ne Sünde, zu klagen. Im vorigen Jahr war's'n ander Ding, Gott bewahre Einen davor, ſieben Rubel hatten wir am Sack Schaden!— — Das geht ſo im Handel und Wandel— meinte der Schwarze— wie gewonnen, ſo zerronnen!— — Im vergangenen Jahre— hob der Rothe aber⸗ mals an— machte ich'n hübſches Händelchen: kauſte da bei den Tataren, unweit Samara, ſo'n tauſend Sack Mehl von der feinſten Sorte und dazu noch'n fünfhundert das allermiſerableſte Zeug bei'nem Edel⸗ mann; der hatte Karten geſpielt und brauchte Geld, ich war bei der Hand, und er bot mir das miſerable Zeug für'n Spottgeld an:„Herr, ſag' ich,'s is Dreck, reine Spreu, das kauft kein Menſch!“— ich that ihm dann en Gebot, nach meiner Art, Ihr könnt's Euch wohl denken. Das Meſſer ſtand ihm an der Kehle, er ſchlug zu, ich aber beſann mich nicht lange; umſonſt wäre Vom Grafen Sollogub. 9 ich's nicht losgeworden, da miſchte ich's mit dem andern Mehle von den Tataren, verkaufte die ganze Geſchichte an'nen Brantweinbrenner in Rybinsk für— erſte Sorte und machte ſo, Gott ſei's gedankt,'n hübſchen Profit!— — Nu was iſt da weiter— ſprach der Schwarze — das iſt ſo im Handel und Wandel!— — Ne bekannte Sache— ſchloß der Graue— 's iſt ſo Handelsbrauch!— Unterdeſſen hatten Waßilij Jwanowitſch und Iwan Waßiljewitſch ebenfalls an einem Tiſchchen Platz genom⸗ men und in Erwartung ihres Thees horchten ſie auf das Geſpräch der drei Handelsleute. Bald trat noch ein Vierter im blauen abgetragenen Kaftan herein und blieb an der Thür ſtehen, wo er drei Mal das Kreuz über der Bruſt ſchlug, den Kopf tief neigte und als⸗ dann den Grauen am Tiſche ehrerbietig grüßte.— — Meinen Gruß, Sidor Awdejewitſch!— ſprach er. — Wie geht's, Potapitſch— entgegnete der An⸗ geredete.— Bitte ergebenſt, ein Paar Täßchen mit uns zu trinken.— — Danke herzlich, Sidor Awdejewitſch! Alles wohl⸗ behalten und munter..'s Frauchen und die Kin⸗ derchen?— 10 Tarantas. — Gott ſei's gedankt!— — Nu, Gott ſei Lob dafür.... Sie woll'n gewiß nach Rybinsk?— — Nach Rybinsk.... Na ſetz' Dich nur mit her!— — Machen Sie ſich keine Unruhe, ich kann auch ſtehen.... — Aber ein Täßchen?— — Danke von Herzen!— — Nur ein Täßchen!— — Danke ergebenſt, hab' ſchon zu Hauſe ge⸗ trunken.— — He, Burſche— rief der Graue— bring' mal 'ne Taſſe her!— — Gott weiß es, ich habe zu Hauſe getrunken!.. — Laß nur gut ſein, nimm ein Stück Zucker zum Abbeißen und trink.... — Ich kann wahrhaftig nicht!— Der Graue reichte dem ſich Sträubenden die Taſſe, Potapitſch verneigte ſich, leerte die Taſſe in Einem Zuge, alsdann ſchob er ſie behutſam, indem er die Obertaſſe umgekehrt auf die Unterſchale legte, auf den Tiſch und dankte abermals. — So iſt's recht... danke, Potapitſch.. nun noch n Täßchen!— — Vom Grafen Sollogub. 11 — Potapitſch lehnte unter wiederholten Verneigun⸗ gen und Dankſagungen das Anerbieten ab: — Ich komme, Sidor Awdejewitſch— fügte er hinzu— mit einer unterthänigſten Bitte zu Ihnen.... — Gewiß für Jemand in Rybinsk'ne Zahlung mitzunehmen?— Potapitſch bejahte die Frage, nahm dann aus der Bruſttaſche einen ungewöhnlich ſchmutzigen Papierfetzen, worin eine Anzahl Aſſignaten und Gold eingeſchlagen war, gab die Summe des Geldes auf über 5000 Rubel, ſowie den Namen des Empfängers an, und überreichte das Päcktchen mit einer ehrerbietigen Kopfneigung dem Grauen. Dieſer wickelte das Päcktchen auf, überzählte Gold und Papier und ſprach: — Fünf Tauſend zwei Hundert ſiebzehn Rubel und ein halber.... Iſts ſo?— Potapitſch nickte bejahend. — Gut, Brüderchen— fuhr der Graue fort— ich werd''s einhändigen.... Dabei hob der Graue den Schvos ſeines Kaſtans auf, ſteckte das Päcktchen ziemlich nachläſſig in die Taſche ſeines Beinkleides und wendete ſich dann mit der Frage an Potapitſch: Wie der Handel gehe?— — Still weg!— erwiderte dieſer— Man ſoll aber nicht wider Gott murren!— 12 Tarantas. — Ich glaube, Du handelſt mit Talg?— fuhr der Graue fort. — Was Unſereinem vorkommt! Wir verkaufen Talg und Potaſche, hab'n'n kleinen Handel und un⸗ ſer ganzes Kapital drin ſtecken.... Wir können ſonſt eben nicht klagen.... — Nun— unterbrach ihn der Graue— jetzt noch ein Täßchen, Potapitſch!— Potapitſch betheuerte unter vielen Verneigungen hoch und heilig, daß es ihm unmöglich ſei; jedoch ungeachtet ſeiner hartnäckigen Weigerung leerte er abermals das dargebotene Täßchen, indem er dabei in ein Stück Zucker biß; alsdann aber verbeugte er ſich unter einer Fluth von Dankſagungen vor dem Grauen, Schwarzen und Rothen, wünſchte Jedem nach der Reihe Geſundheit, glückliche Reiſe und al⸗ les Wohlergehen, bis er zuletzt in der Thür ver⸗ ſchwand. Dieſe ganze Szene erweckte in hohem Grade Jwan Waßiljewitſchs Neugier. — Erlauben Sie mir zu fragen— hob er an, indem er ſich den Kaufleuten näherte— das war ge⸗ wiß ein Verwandter von Ihnen?— — Wer, mein Herr?— fragte der Graue. Vom Grafen Sollogub. 13 — Der Mann, welcher eben hinausging und den Sie Potapitſch nannten... — Keineswegs. Ich kenne ihn, aufrichtig geſagt, beinahe gar nicht. Er muß wol'n hieſiger Bürger ſein 5 — So machen Sie wahrſcheinlich Ihre Geſchäfte mit ihm brieflich ab?— Der Graue lächelte. — Wird wohl nicht viel vom Schreiben wiſſen.. Geſchäfte haben wir keine mit einander, unſer Handel iſt ein bischen bedeutender, als ſeiner— fügte er mit ſchlauer, ſelbſtgefälliger Miene hinzu. — Warum ſchickt er aber ſein Geld nicht mit der Poſt?— — ss iſt leicht einzuſehen, weil er's Poſtgeld er⸗ ſparen will... — und weshalb verlangte er von Ihnen keinen Empfangsſchein?— Der Schwarze und Rothe lachten hell auf, der Graue aber ward ernſtlich böſe. — nen Empfangsſchein— ſchrie er—'nen Em⸗ pfangsſchein! Wenn er von mir'nen Empfangsſchein verlangen wollte, hätte ich ihm das Geld in's Geſicht geworfen. Gott ſei's gedankt, ich handle ſchon funfzig Tarantas. Jahre lang, aber noch hat Niemand gewagt, mir'nen ſolchen Schimpf anzuthun.... — Sehen Sie, lieber Herr, ich weiß nicht, wel⸗ chen Chrentitel man Ihnen geben muß— fiel der Rothe ein— das iſt nur unter Edelleuten eingeführt mit ſolchen Empfangsſcheinen und Wechſeln, bei uns im Handel und Wandel iſt ſolche Politik nicht im Gebrauch, 's bloße Wort reicht hin, und mit Kanzleigeſchäften, ſehen Sie, können wir uns nicht abgeben. Das iſt gut für die Herren Beamten, Unſereinem aber iſt's nicht zur Hand. Dahier, um's Ihnen an'nem Bei⸗ ſpiele zu zeigen— fuhr er fort und wies auf den Grauen — der macht wohl für'ne Million Silberrubel im Jahre, und die ganze Berechnung ſteht auf etlichen Pa⸗ pierſtreiſchen und auch das nur, damit man Eins und das Andere nicht vergißt.... — Das iſt ja kaum begreiflich!— unterbrach ihn IJwan Waßiljewitſch. — Woher ſollen Sie's aber auch begreifen? Das iſt ſo Handelsbrauch ohne Regel und Geſetz, wir ſind von Kindesbeinen daran gewöhnt, zuerſt als Laufjun⸗ gen und Gehülfen, bis wir zuletzt ſelbſt'n Kapitälchen zuſammenbringen. Dann heißt's früh und ſpät wach ſein: Haſt Du'ne Fabrik, ſo ſitze drin, haſt Du'nen Vom Grafen Sollogub. 15 Laden, laß keinen Käufer vorübergehen, giebt's draußen ein profitables Geſchäftchen, ſchone Deine Knochen nicht, ſpanne die Pferde vor die Kibitke und traue Nieman⸗ dem an, was Du ſelbſt machen kannſt; thu' nur immer nach Deinem ſchlichten Verſtande, wirſt Deine Sache ſchon ſelber am Beſten ſehn, kurz, ſei Dein eigner Ta⸗ gelöhner. Bei alledem leidet man oft Schaden, die Zeiten aber ſind nicht immer gleich, und Gott giebt auch ſeinen Segen, daß ſchlechte Waare dreimal ſo theuer weggeht. Aber die Wahrheit zu geſtehen, an Wohl⸗ leben und allerlei Verſchwendung darf man im Handel nicht denken, ſo trage ich zum Beiſpiel meinen Kaſtan hier wenigſtens ſchon elf Jahre,'s ſtecken wohl ſo'n Hunderttauſend und mehr drin; mit meinen Kameraden da iſt's aber dieſelbe Sache!— — Und fürchten Sie ſich nicht, beraubt zu wer⸗ den?— fragte verwundert Jwan Waßiljewitſch.— — Hat nichts zu ſagen, Väterchen! Gott iſt barm⸗ herzig! Auch haben wir hier kein ſo verwegenes Volk; enen Strang oder's Zugſeil von unſter alten Kibitke ſtehlen ſie wohl mitunter, aber uns zu berauben, dazu gehört'n ordentlicher Böſewicht. Wir machen ſchon funfzehn Jahr die Reiſe, iſt uns aber von Niemand noch'n Leid geſchehen!— 16 Tarantas. Der Graue hatte ſich immer noch nicht über Jwan Wafiljewitſchs' Aeußerung beruhigt: — Sehen Sie, Herr— hob er von Neuem an— s iſt'ne faule Sache, wenn Unſereinem der Kitzel ſticht und er höher hinaus will und anfängt, ſich ſeines Standes zu ſchämen, wenn er ſich den Bart ſcheert und ſich auf deutſche Manier herausſtaffirt. Dann gibt er ſeine Töchter'nem Fürſten oder vornehmen Herrn, ſchreibt ſeine Söhne bei den Edelleuten ein, und was wird's?— Der Kaufmann iſt kein Kaufmann, der Herr kein Herr, den Kleidern nach ſcheint er'n vor⸗ nehmer Mann, und verkauft doch immer Schnaps. Der Handel geht ſchief, und Lüderlichkeit, Faulenzerei und Trunkſucht reißen ein.... Er fürchtet Gott nicht mehr, und mit dem Credit hat's'n Ende, trotz Handſchrift und Wechſel traut ihm Keiner von uns'nen Groſchen an; wenn Einer kein Gewiſſen hat, da hilft alles Schreiben nichts..'s iſt wahrlich ſo, Herr!— IJwan Waßiljewitſch dachte einige Augenblicke nach. Als er im Auslande ſich mit den Schickſalen ſeines Vaterlandes beſchäftigte, hatte er, wie ſich von ſelbſt verſteht, den Handel, dieſen wichtigen Hebel des Na⸗ tionalreichthums nicht überſehen. Aus Mangel an gründ⸗ licher Kenntniß jedoch bildete er ſich über die Richtung. „—— Vom Grafen Sollogub. 17 des ruſſiſchen Handels einige utopiſche Begriffe aus, die weder der Wirklichkeit entſprachen, noch überhaupt mit der Möglichkeit ſich vertrugen, ſomit ging er ſeinerſeits, von lebhafter Einbildungskraft fortgeriſſen, weit über die Wahrheit hinaus, während er bisweilen wieder aus Unkenntniß und Mangel an Ueberlegung die gröbſten Verſtöße gegen die Lehren der geſunden Vernunft machte. Da es ihm eigenthümlich war, nichts gründlich zu er⸗ forſchen, wozu ihm übrigens die Geduld fehlte, ſo ſprach er ſich über die meiſten Gegenſtände ebenſo polternd, als oberflächlich aus. — Erlauben Sie mir eine Bemerkung:— begann er jetzt mit der ihm eigenen Haſt— Mir ſcheint es, als ob es bei uns in Rußland viel Leute gäbe, die kaufen und verkaufen, ein wirklicher ſyſtematiſcher Ge⸗ ſchäftsbetrieb jedoch nicht vorhanden ſei. Für den Han⸗ del iſt die Wiſſenſchaft nothwendig, ein Verkehr wohl⸗ unterrichteter Leute, mathematiſch genaue Berechnungen, aber nicht blos ein kühnes Wagen. Ihr erwerbt Euch Millionen, weil Ihr den Konſumenten zu Eurem Schlacht⸗ opfer auserſeht, gegen den aller Betrug erlaubt iſt; dann häuft Ihr Kopeken auf Kopeken und verſagt Euch nicht nur alle Genüſſe, ſondern ſogar die einfachſten Bequemlichkeiten des Lebens. Ihr habt nur den Vor— Nord. Novellenbuch. IV. 2 18 Tarantas. theil des gegenwärtigen Augenblicks im Auge, und dazu noch denkt Jeder blos an's eigene Intereſſe, fürchtet ſeine Konkurrenten und kümmert ſich nicht um's allge⸗ meine Beſte. Ihr habt nur Ein Beſtreben: wie Ihr billiger einkauft und theurer verkauſt. Im Privatleben würdet Ihr keinem Unbekannten auch nur fünf Kopeken veruntreuen und im Handel ohne Erbarmen Euren leib⸗ lichen Bruder ausplündern. Die Ehrlichkeit ſondert ſich bei Euch in zwei getrennte Begriffe ab: nach dem einen heißt bei Euch ein Betrug— ein Betrug, und nach dem andern— ein erlaubter Gewinn. So wird der Han⸗ del nicht ſelten eine Freibeuterei, aber kein Austauſch. Die Mehrzahl der Konſumenten leidet darunter, und ein ganzes Land verarmt, um einige Wenige zu bereichern, die ſich in ihrem ſchnöden Eigennutz ungeſetzliche Erpreſ⸗ ſungen erlauben.... — Aber ich bitte Sie um Himmelswillen— ſchrie der Rothe— wir ſind ja keine Gerichtsbeamte, beiſpiels⸗ weiſe geſagt!— — Noch viel ſchlimmer.... Dieſe laſſen ſich be⸗ ſtechen, Ihr erpreßt Euren Tribut und rühmt Euch noch, daß Ihr Euch durch Eure Arbeit bereichert; Ihr prahlt mit Euren elenden Kibitken und durchlöcherten Kaftanen und ſeid in dieſem Betracht nicht um ein Haar Vom Grafen Sollogub. 19 beſſer, als jene lüderlichen Geſellen, gegen die Ihr ſo eben zu Felde zoget! Ihr ſeid ſtolz auf Eure Rohheit, weil Ihr Ausſchweifung mit Aufklärung verwechſelt! Die Bildung widert Euch an, weil Ihr ſie im geſtutzten Frack, in ausländiſchen Möbeln und Bronzegegenſtänden, ſowie im Champagner zu ſehen glaubt, den Eure Söhne trinken— kurz in einer elenden Außenſeite und erbärm⸗ lichen Angewöhnungen. Das iſt weder Aufklärung noch Bildung. Die Aufklärung raſirt weder Eure Bärte, noch beſchneidet ſie Eure Kaftane. Das kümmert ſie nicht. Sie lehrt Euch aber, was Betrug ſei. Welche Vortheile er auch bringen möge, s bleibt doch immer Betrug; die Aufklärung verſchafft Euch das nothwendige Wiſſen, ſowie Kennt⸗ niß von den Orten und deren Bedürfniſſen, Erfahrung in der Rechenkunſt, in der Schiffahrt, im Umſatz, der ſich nicht auf eine heimliche Freibeuterei gründet, ſondern auf ſichere, vertragsweiſe Berechnungen, die für Alle gleich vortheilhaft ſind. Die Aufklärung macht das ſchöne Gefühl des Zutrauens, das auch ohnedem ſich bei Euch im Privatleben vorfindet, zur feſten Regel. Dann werdet ihr nicht, wie jetzt, Eure Geſchäfte vor einander verheimlichen, im Gegentheil, Euch um ſo fe⸗ ſter verbinden und durch gemeinſchaftliches Wirken Eurer Kapitalien nicht nur Euch ſelbſt bereichern, ſondern auch 0* 20 Tarantas. zur Größe und zum Ruhm Eures Vaterlandes beitragen. Große Vortheile werden nur durch große Mittel erlangt, durch Vereinigung der Kräfte. Und welche unzählige Quellen des Reichthums beſitzen wir, die aus Man⸗ gel an bewegenden Kräften unbenutzt bleiben! Der Be⸗ ruf des ruſſiſchen Kaufmanns, Euer Beruf iſt es— die Minen des ruſſiſchen Reichthums auszubeuten, in alle Adern des Reichs Leben und Kraft zu gießen, das materielle Wohl des Landes im Auge zu haben, gleich⸗ wie der Adel für den ſittlichen Fortſchritt Sorge tragen ſoll Verbindet Eure Kräfte zu dem edlen Streben und zweifelt nicht am Gelingen. Was iſt England beſſer als Rußland? Und der engliſchen Kaufmannſchaft ſte⸗ hen Hunderte von Millionen Menſchen zu Gebote, der Reichthümer zu geſchweigen! Begreift nur Euren Beruf, vielleicht erleuchtet Euch der Strahl der Aufklärung, und Eure unbeſtreitbare Liebe zum Vaterlande wird Euch auch mit dem Geiſte der Einheit und des Gemeinſinns durchdringen! Dann, glaubt mir's, wird nicht nur ganz Rußland, ſondern die ganze Welt in Euren Hän⸗ den ſein— Als er zum Schluß ſeiner wohlgeſetzten Tirade ge⸗ langt war, riſſen der Rothe und der Schwarze die Au⸗ gen weit auf. Weder der Eine noch der Andere, wie ſich Vom Grafen Sollogub. 21 Jeder denken kann, begriffen auch nur ein Wort davon. Der Graue aber, wie es ſchien, ſann über Etwas nach. Vielleicht— hob er endlich nach langem Schwei⸗ gen an— mögen Sie da manches Wahre geſagt ha⸗ ben, wenn's auch Unſereinem ſehr weh thut; aber ſehen Sie, wir ſind keine geſchulten Leute und nicht im Stande, über Jedermanns Geſchäfte zu urtheilen. So'n Franzoſe iſt'n geborner Affairenmacher, der bringt aller⸗ lei Kompagnieſchaften zuſammen, und wie man ſich um⸗ ſieht, ſind die Kapitale da. Aber was hilft's, eh' man ſich's verſieht, hat man auch all' ſein Hab' und Gut verloren. Da lob' ich mir unſre alte Weiſe, Herr— s iſt einfach, aber gut, und von alten Zeiten her iſt's bei uns ſo Brauch, unſtre Väter haben's ſo gethan und, Gott ſei Dank! nichts verſchwendet, ſondern uns'n Kapi⸗ tal hinterlaſſen; wir aber haben auch zu ſeiner Zeit das Unſrige gethan, wir haben auch, Gott ſei's ge⸗ dankt! den väterlichen Segen nicht durchgebracht, und noch für unſte Kinder geſorgt. Unſre Kinder aber mö⸗ gen thun, was ihnen gutdünkt, ſie haben ihren freien Willen!.. Aber befehlen Sie nicht ein Täßchen Thee, Herr?— — Nein, danke recht ſehr... — Nur'n einzig Täßchen!— 22 Tarantas. — Ich kann wirklich nicht.... — Aber mit Milch könnt's Ihnen nichts ſcha⸗ den!— Funfzehntes Kapitel. Waßilij Jwanowitſch, der ruſſiſche Gutsbeſitzer. Waßilij Jwanowitſch ward in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts im Kaſanſchen Gouver⸗ nement, im Dörſchen Mardas geboren, wo auch ſein Vater das Licht der Welt erblickte und ſein Daſein be⸗ ſchloß, gleichwie es dem Sohne beſchieden war, hier zu leben und zu ſterben. Unter dem unfriedeten Dache des Vaterhauſes wuchs der Knabe unbehindert auf, gleich einer Feldpflanze. Er tummelte ſich munter auf dem Herrenhofe, trieb die Bauerbuben, die ihm als Dreigeſpann dienen mußten, weidlich mit der Knute vor ſich her und machte es den Beipferden auf fühlbare Weiſe bemerklich, wenn ſie die Köpfe nicht gehörig ſeit⸗ wärts warfen. Sonſt füllte er ſeine nie unterbrochene Muße mit allem nur möglichen nationalen Zeitvertreib, Kreiſel⸗, Ring— und Bolzen⸗, Knöchelchen- oder Klötzchen⸗ ſpiel aus, doch die Hauptbaſis des bei ihm angewen⸗ Vom Grafen Sollogub. 23 deten Erziehungsſyſtems war der Taubenſchlag. Hier verbrachte er die ſchönſten Augenblicke ſeiner Jugendzeit, hierher lockte er die hübſcheſten Tauben ſeiner Bauern und fing ſie, bei welcher Gelegenheit er ſich auch die umfaſ⸗ ſendſten Kenntniſſe über deren Fortpflanzung und Ver⸗ breitung zu verſchaffen wußte.— Sein Vater, Jwan Fedotowitſch, hatte einſtmals in ſeiner Jugend das Un⸗ glück gehabt, ſich den Magen zu verderben. Da kein Arzt in der Nähe gefunden wurde, ſo hatte ihm ein Nachbar den Rath gegeben, um ſeine Geſundheit wie⸗ derherzuſtellen, zum anhaltenden Gebrauch eines Spiri⸗ tusinfuſums ſeine Zuflucht zu nehmen. Der Kranke hatte jedoch in der Folge eine ſolche Leidenſchaft für dieſe Heilmethode gefaßt und die Doſen ſo verſtärkt, daß er ſich bald in der Nachbarſchaft den in Rußland nicht etwa ſehr ſeltenen Ruf eines— Säufers erwarb. Mit der Zeit kam ſogar eine gewiſſe Regelmäßigkeit iu dies gutsherrliche Saufſyſtem, und jeden Tag um zehn Uhr Morgens hatte Jwan Fedotowitſch bereits ſeinen Hieb, um elf Uhr aber war er bereits zum Umfallen voll. Da ihm jedoch das einſame Saufen langweilig wurde, ſo umgab er ſich mit einem Kreiſe von Hofnarren und Hofnärrinnen, die ſeine Muße theilten. Er ſtand ſogar in Unterhandlung wegen 24 Tarantas. eines Zwergs, doch der Preis für denſelben war ihm zu hoch, und der Zwerg ward einem großen Herrn in Pe⸗ tersburg zugeſchlagen. So blieb dem Landedelmann nichts übrig, als ſich mit ausgewachſenen Dummköpfen und Mißgeburten zu begnügen, die er in galonirte Kleider mit feuerfarbenen Figuren und bunten Flicken auf dem Rücken ſteckte und mit Hörnern, Schweifen, ſowie andern komiſchen Verzierungen ausſchmückte. Zu⸗ weilen erluſtigte er ſich damit, dieſe Elenden durch Hun⸗ ger zu quälen, denſelben Naſe und Wangen Rn ben blau zu färben, ſie mit Hunden zu hetzen, in's Waſſer zu werfen und ſie überhaupt zu jeglichem, auch dem gefährlichſten Zeitvertreib zu gebrauchen. In ſol⸗ chen Genüſſen verging dem Edelmann von altem Schrot und Korn der Tag, legte er ſich aber ſchlafen, ſo mußte ihn ein altes trunkenes Weib durch ihre Märchen ein⸗ ſchläfern, während ihm zwei zerlumpte Koſakinnnen die Ferſen ſanft kitzelten und die Fliegen um ihn her ver⸗ ſcheuchten; dem Hofnarrenpack aber ward anbefohlen, ſich in ihrem Winkel zu katzbalgen, unter keiner Be⸗ dingung aber müde zu werden oder zu ſchlafen, wes⸗ halb auch der Kutſcher durch eine knallende Ermahnung der langen Hetzpeitſche ihnen den Schlaf vertreiben oder ihre Unterhaltung beleben mußte. M Vom Grafen Sollogub. 25 Die Mutter Waßilij Jwanowitſchs, Arina Aniki⸗ mowna, hielt ſich ebenfalls ihre Närrin, doch mehr anſtandshalber und, wie man zu ſagen pflegt, zum Staat. Sie war eine ernſthafte und geizige Frau, die ſich nicht gern mit Narrenspoſſen abgab, dafür ſah ſie aber ſelbſt nach der Arbeit, ſie wußte ſehr wohl, wer von den Leuten Prügel und wer Brantwein be⸗ kommen mußte, ſie war in Perſon beim Dreſchen zu⸗ gegen; revidirte die Maſt, beaufſichtigte die Spinnerei, ließ den Männern in ihrer Gegenwart die väterliche Ruthenſtrafe auf die entblößte Kehrſeite appliziren und zauſte die Weiber eigenhändig am Schopfe. Von ſelbſt verſteht ſich's, daß ſie nach nobelm ruſſiſchen Brauch um ſich einen zahlloſen Haufen verſchiedenartigen Hof⸗ geſindes gebildet hatte, Schmarotzervolk, Ohrenbläſerin⸗ nen, Klatſchgevatterinnen, Kindermuhmen und weibliche Dienerſchaft, die ſammt und ſonders dem lieben Söhn⸗ chen die Händchen küßten, ihm heimlich Honig und aller⸗ hand Leckerbiſſen zuſteckten, kurz, in der Hoffnung künf⸗ tiger Gnadenbezeugungen von ſeiner Seite, ihn auf alle nur mögliche Weiſe traktirten. Auch ohne dies war Waßilij IJwanowitſch ein ver— weichlichtes Mutterſöhnchen, ſelten gewaſchen und nie gekämmt, gefräßig, eigenwillig, das ſich ohne Aufſicht — 26 Tarantas. und gehörige Fürſorge herumtrieb. Er wuchs blos nach den einfachen Naturgeſetzen auf, wie Kohl oder Kraut in die Höhe ſchießt; um ſeine moraliſche Rich⸗ tung, um ſeine Verſtandes- oder Herzensentwicklung kümmerte ſich kein Menſch, von Sittlichkeit oder wahrer Gottesfurcht war bei ihm keine Rede, man glaubte Al⸗ les gethan zu haben, wenn man ihn gedankenlos Ge⸗ bete herplappern oder die Kirche beſuchen ließ. Im elften Lebensjahre begann Waßilij Jwanowitſch ſeinen Lehrkurſus unter der Leitung des Dorfküſters und buchſtabirte mit unüberwindlichem Abſchen zwei Jahre nach einander die Jedwedem erinnerlichen Elemente des Lautirens: a— b— ab—, b— a— ba..., worauf er ſein Schreibenoviziat begann; allein von Orthogra⸗ phie und Kalligraphie war bei ihm nie die Rede, wes⸗ halb auch in ſeinen ſpätern ſeltenen Briefen ſo aben⸗ teuerliche Schriftzüge und barbariſche Worte zum Vor— ſchein kamen, daß man bei deren Anblick ſeinen Augen kaum traute. Dann verſuchte man ihm den Katechis⸗ mus ſokratiſch, in Fragen und Antworten, und die Arith⸗ methik durch dieſelbe Proecedur beizubringen, allein hier waren alle Anſtrengungen vergeblich; denn die Wiſſen⸗ ſchaft wollte ihm durchaus nicht in den Kopf; zur Rechtfertigung der liebenden Eltern möge jedoch erwähnt ——————— Vom Grafen Sollogub. 27 werden, daß ſie zur Erziehung ihres Sohnes ſogar einen Hauslehrer anſchafften. Derſelbe war ein Klein⸗ ruſſe, verabſchiedeter Unteroffizier und hieß Wuchtitſch; er erhielt 60 Banktubel jährlichen Gehalt, zwei Pud gebeuteltes Mehl monatlich, ſowie die abgetragenen Kleider und Schuhe von ſeines Brotherrn eignem Leibe. Da aber die letztere Revenue außerordentlich ſpärlich ausfiel, weil Jwan Fedotowitſch ſtets im Schlafrock und Pantoffeln einherging, ſo ward dem Mentor als Erſatz die Erlaubniß gewährt, ſich eine Kuh auf Unkoſten der Herrſchaft zu halten. Der Zögling bewies ſeinem Leh⸗ rer wenig Ehrerbietung, er ritt auf deſſen Rücken, wies ihm zuweilen die Zunge und warf ihm häufig ein Buch an den Kopf. Wenn aber dem langmüthi⸗ gen Wuchtitſch zuletzt doch die Geduld riß und er nach einem Lineal griff, ſo ſchlug der Zögling ein Rad und lief ſpornſtreichs zum Väterchen, über den Lehrer Klage zu führen, der ihn mit dem Stock ſchlage und ihn mit groben Schimpfwörtern ſchelte. Dann aber hunzte Väterchen in ſeiner Trunkenheit den erſchrockenen Wuch⸗ titſch derb aus:—„Ach Du verdammter grauköpfiger Hund, ich ernähre und kleide Dich, und Dir fällt's ein, in meinem Hauſe Lärm zu machen. Wart' nur, zum Hauſe laſſ ich Dich hinauswerfen... Daß man 28 Tarantas. ſeiner Kuh heute nicht einen Halm zu freſſen giebt!“— Die Gevatterinnen und der Schmarotzerhaufe aber um⸗ ringten den armen Kleinen und ſuchten ihn zu tröſten: —„Ach Du allerliebſtes Herzenskind, Du unſer einzi⸗ ger Troſt, unſer Herrchen, laß Dir die Händchen küſ⸗ ſen.... Höre nicht auf den verwünſchten Kerl mit dem Schopfe“*), unſer Goldpüppchen; der grobe Bauer iſt ja nur von unſerm Schlage, woher ſollte er wiſſen, wie man ſich mit vornehmen Leuten zu benehmen hat—“ Wuchtitſch dachte dann bei ſich ſelbſt:— In der That, ich werde doch nicht in die Welt hineinlaufen!— Das Ende der ganzen Komödie war, daß Wuchtitſch mit einem leibeigenen Mädchen ſeines Brotherrn verheirathet wurde, zwei Deſſätinen Land zur Belohnung erhielt und daß Waßilij Iwanowitſchs Erziehung für been⸗ digt galt. Die Wahrheit zu ſagen, war Waßilij Iwanowitſch von Natur gutmüthig und von friedlebigem Karakter, als Beweis dafür dient, daß ſogar die Erziehung ihn nicht zu verderben vermochte. In der That gab ſich im vergangenen Jahrhundert in Rußland die eigen⸗ *) Chochol, Spitzname der Kleinruſſen wegen ihrer vor Alters gebräuchlichen Haartracht. ——.——— Vom Grafen Sollogub. 29 thümliche Erſcheinung kund, daß der Edelmann, ob⸗ gleich er ſelten ſeinen Namen richtig zu ſchreiben ver⸗ ſtand, doch in ſeiner Handlungsweiſe eine gewiſſe Ent⸗ ſchiedenheit des Willens und unerſchütterliche Redlichkeit zeigte, außerdem bewährte er nicht gerade aus logiſcher Ueberzeugung, ſondern mehr aus ſeltſamem Inſtinkt eine ſtarke Vorliebe ſür alle Inſtitutionen ſeines Va⸗ terlandes. Die alte Rohheit verſchwand nun zwar in der Folgezeit beim ruſſiſchen Adel, aber der Geiſt der Unentſchloſſenheit und des Zweifels nahm deſſen Stelle ein,— fürwahr ein beklagenswerthes Reſultat der Bildung, doch vielleicht unerläßlich, um deſto ſiche⸗ rer und zuverläſſiger zur Wahrheit zu gelangen. Als der junge Edelmann Waßilij Jwanowitſch in ſein ſechzehntes Jahr getreten war, begab er ſich nach Kaſan, um dem Staate zu dienen, auch diente er in der Kanzlei des Statthalters kurze Zeit, aber mehr zum Staat, und wie man ſich noch heutzutage in den Gouvernements auszudrücken pflegt, pour le proform. Für den Militairdienſt verſpürte er wenig Neigung, während gänzliche Unthätigkeit ſeinen Fähigkeiten und Gewohnheiten vollkommen entſprach. In dieſer Periode ſeines Lebens koſtete er zuerſt die Genüſſe der Welt und begann auf den Bällen eine Rolle zu ſpielen, nament⸗ 30 Tarantas. lich ſah er ſich auf allgemeines Bitten der Damen häufig in die Nothwendigkeit verſetzt, koſakiſch zu tanzen, was ihm jederzeit die ſchallendſten Beifallsbezeugungen von Seiten der Zuſchauer eintrug. Einer dieſer Triumphe entſchied ſein Lvos für immer. Auf einem Namens⸗ feſte beim Prokurator erſuchte man ihn, den beliebten Tanz mit der jungen Tochter des verabſchiedeten Sekond⸗ Majors Krutſchkin vorzutanzen. Nach langem üblichen Zieren willigte endlich die Dame ein und mit geſenkten Augen, roth bis über die Ohren, ſtemmte ſie die Arme in die Seiten und begann ſo, leichten Fußes, rechts und links herumzuſpringen, daß dem entzückten Kava⸗ lier ganz bang um's Herz ward und die Beine ihm faſt den Dienſt verſagten. Plötzlich jedoch ermannte er ſich und führte mit ſo wüthender Begeiſterung die toll⸗ ſten Bocksſprünge und Körperverdrehungen aus, daß von dem tobenden Beifall der Umſtehenden der Saal erzit⸗ terte. Als der begeiſterte Tänzer etwas Athem geſchöpft hatte, ging er auf die durch den allgemeinen Enthuſias⸗ mus ganz beſchämte Jungfrau los: — Ach— ſprach er— ſind Sie mir vielleicht bös, daß... Die Jungfrau wurde röther als ein geſottener Krebs. Vom Grafen Sollogub. 31 — Ach, ich bitte recht ſehr!...— erwiderte ſie mit kaum hörbarem Gelispel. Dieſe Worte und dieſer Abend blieben ihm— Wa⸗ ßilij Jwanowitſch—, blieben ihr— Awdotjen Pe⸗ trownen— ewig unvergeßlich. Er ward ernftlich ver⸗ liebt,— ob ſie ſich auch in ihn verliebte, wird ein ewi⸗ ges Geheimniß bleiben. Wenn er ſie in der Folge, nachdem er ſchon ein glücklicher Gatte geworden, dar⸗ über befragte, ſo erwiderte ſie ſtets mit vielſagendem Lächeln:— Nun, höre nur auf mit Deinen Narrens⸗ poſſen!— Nach jener denkwürdigen Koſakenmenuett malte er ſich alle Reize des ehelichen Lebens, alle bezaubernden Eigenſchaften der verſchämten Awdotja Petrowna mit den lockendſten Farben der Phantaſie aus. In ſeine Seele ſtahl ſich das zärtliche Gefühl und gewann zuletzt ſo die Oberhand, daß er Furcht und Zagen überwand und eines Tages nach Mardas eilte, ſich den elterli⸗ chen Segen zu erbitten. Doch dieſer Verſuch mißlang. Der Vater antwortete ihm kurz und verſtändlich: — Sieh mal, was der Hundejunge ausheckt! Iſt hinter'n Ohren nicht trocken und denkt ſchon an's Weibsvolk! Schickt mir mal die verrückte Matroſchka herein!— 32 Tarantas. Matroſchka barfüßig, aber im golddurchwirkten Reif⸗ rock, einen von Schmutz ſtarrenden Turban, mit Federn und Blumen überladen, auf dem Haupte, trat ein. Unter widerlichem Lachen machte ſie fortwährende Knickſe und radebrechte einige verdorbene franzöſiſche Phraſen nebſt Beiriſgng hypernationaler Ruſſicismen. — Da haſt Du'ne Braut!— ſchrie der erbitterte Alte, dann leerte er ein volles Schnapsglas und be⸗ ſtög einen Leiterwagen, um auf's Feld zu fahren. Bei der Mutter ward dem armen Verliebten unge⸗ fähr ein gleicher Willkommen zu Theil. Des Mannes Wille war ihr Geſetz:— Iſt er auch ein Trunkenbold — meinte ſie— ſo bleibt er doch immer der Herr im Hauſe!— So dachte man vor Alters. Zu derſelben Zeit unterwarfen ſich auch ſtets die Kinder ſklaviſch dem elterlichen Willen, deshalb konnte von unglücklicher Liebe, heimlicher Ehe, oder gar Ent⸗ führung, Vaterflüchen und anderer Romantik damals keine Rede ſein. Uebrigens war die begehrte Jungfrau ein Muſter von Erziehung nach damaligen Begriffen, ſaß den ganzen Tag daheim und klöppelte mit den Dirnen Spitzen, reihte Zahlperlen auf, hörte den Volksliedern zu und beſuchte nur— die Kirche. Uebrigens hätte der Vom Grafen Sollogub. 33 Sekond⸗Major Krutſchkin ſeinerſeits mittelſt des lang⸗ gedienten ſpaniſchen Rohres das Herz und die Ruhe ſeiner einzigen Tochter ſicherzuſtellen gewußt. Die Lage Waßilij Jwanowitſchs war deshalb eine äußerſt betrübte. Er hatte nicht einmal den gewöhnli⸗ chen altruſſiſchen Troſt— ein Trunkenbold zu werden, da er die väterliche Neigung zu gebrannten Wäſſern nicht ererbt hatte; allein er murrte auch nicht wider das Schickſal, ſondern trauerte im Stillen und trug Alles mit Geduld. So verſtrichen ihm drei trübe Jahre. Plötzlich brachte ein unvorhergeſehenes Ereigniß eine gänzliche Umwälzung in ſeinem Leben hervor. Eines Tages erhielt er einen ſeltſamen Brief in kirchlichem Styl und mit dergleichen Schriftzügen. Derſelbe war vom Dorfgeiſtlichen und benachrichtigte den Sohn, daß ſein Vater tödtlich erkrankt ſei. Waßilij Jwanowitſch ſchickte im ſelben Augenblick nach Poſtpferden und jagte nach Mardas hinaus. Er fand ein trauriges Bild in der väterlichen Behauſung. Die Schmarotzer und Ge⸗ vatterinnen heulten durch alle Zimmer. Das Narren⸗ geſindel wurde plötzlich klug und warf den gräuligen Aufputz bei Seite. Der Sterbende, ein Opfer ſeiner zu heftigen Leidenſchaft für den Spiritus, lag ſchon im Arm des Todes, ächzte kläglich und that im Stillen Nord. Novenenbuch. W. 3 34 Tarantas. Buße. Der geheimnißvolle Ernſt der nahen furchtbaren Todesſtunde weckte endlich bei ihm die Stimme des Ge⸗ wiſſens und führte die Seele auf die Bahn, von wel⸗ cher Rohheit, Müßiggang, üble Gewohnheit und böſes Beiſpiel den Sünder im Verlauf ſeines ganzen bisheri⸗ gen Lebens entfernt hatten. — Waßja— ſprach er mit ſterbender Stimme— hier brennt's... oh, wie ſchmerzt's ich erſticke Waßja, ich habe viel an Dir verſchuldet, vergieb mir, verwünſche mein Andenken nicht... Wenn Du Kinder bekommſt, erzieh' ſie in der Furcht Gottes, laß ſie un⸗ terrichten und dem Staate dienen; verſtatte ihnen nicht, die Armen und Schwachen zu mißhandeln, treibe nicht Spott und Hohn mit Deinen Nebenmenſchen.... Glaube mir's, Waßja,'s iſt ſchwer, mit unreinem Gewiſſen zu ſterben.... Ach, wie ſchmerzt's, Waßja ver— gieb mir!— Der gehorſame Sohn ſtand leiſe ſchluchzend neben dem Sterbelager, während der Geiſtliche inmitten des unbeweglich vor ſich hinſtarrenden Hofgeſindes Gebete murmelte. Nach hartem Todeskampfe verſchied Jwan Fedotowitſch. Das Haus durchgellte lautes Heulen und Stöhnen. Das ganze Dorf geleitete den Verſtorbenen zu ſeiner letzten Ruheſtatt. Der Schmarotzerhaufe jam⸗ —— Vom Grafen Sollogub. 35 merte in den furchtbarſten Tönen und ſtieß allerlei er⸗ heuchelte Redensarten aus:— Väterchen, Jwan Fedo⸗ towitſch, wie werden wir ohne Dich leben können! Wer wird Deinen verwaiſten Leuten Brot geben? Ewig müſ⸗ ſen wir Dich beweinen, nie werden wir uns tröſten können!—— Auf vielen Geſichtern aber drückte ſich beim letzten Abſchiede wirkliches Herzeleid aus. Die Liebe des ruſſiſchen Bauern zu ſeinem Herrn, die ihm angeboren iſt, und worüber derſelbe ſich keine Rechenſchaft zu geben vermag, erwachte mit ganzer Kraft. Auf die ſtruppigen Bärte floſſen die dichten Thränen herab, und ſogar die ſtets gemißhandelten Narren, die un⸗ glücklichen Spielbälle des herrſchaftlichen Uebermuths, weinten über dem friſchen Grabe. Während des Trauerjahrs wagte Waßilij Jwano⸗ witſch, obgleich er nun unumſchränkter Herr der väter⸗ lichen Habe geworden, nicht ein einziges Mal die Lie⸗ besgedanken in ſich aufkommen zu laſſen. Das Jahr ging vorüber und noch einige Monate. Ungeachtet ſei⸗ nes Herzenskummers ward Waßilij Jwanowitſch unge⸗ wöhnlich dick. Die ältern Bauern ſagten ihm zuweilen: —'s wäre wohl Zeit, Väterchen, uns'ne Herrin herzubringen!— — Fürwahr, Waßinka— ſprach die Mutter— ——— 36 Tarantas. ich werde alt, und was iſt das für'ne Wirthſchaft ohne Wirthin!— Das hatte Waßilij Jwanowitſch nur erwartet. Der Tarantas ward aus dem Schuppen gezogen, man be⸗ tete, frühſtückte, und fort ging's nach Kaſan. Awdotja Petrowna war immer noch unvermählt, Sobgleich es ihr an Freiern nicht gefehlt hatte. Bei der Ankunft in Kaſan ward ſogleich nach einer Freiwerberin geſchickt. Bald erſchien ein geſchwätziges altes Weib, ein ſeidnes Tuch um den Kopf und im ſchwarzſeidnen Mantel. Mehrere Tage nacheinander ging ſie aus dem Hauſe Waßilij Jwanowitſchs in das Awdotjen Petrow⸗ nens hin und wieder zurück, trug das genaue Ver⸗ zeichniß ſämmtlicher zur Mitgift der Braut gehörigen Sachen an Geld, Lappalien, Naturalien und Heiligenbil⸗ dern hin und her, und des Bräutigams Mutter machte überall eigenhändige Bemerkungen, was zu wenig, un⸗ nöthig oder in hinreichender Ouantität da ſei. End⸗ lich wurde der Tag zur Zuſammenkunft der jungen Leute feſtgeſetzt. Als ſich die beiden Liebenden wieder⸗ ſahen, errötheten und erblaßten ſie wechſelsweiſe, ohne nur ein Wort zu ſprechen. Dafür führte die Freiwer⸗ berin das Wort und gab allerlei unzarte Scherze, An⸗ ſpielungen und Sticheleien über das liebende Paar zum Vom Grafen Sollogub. 37 Beſten. Der Sekond⸗Major hielt ſich den Bauch vor Lachen und unterhielt ſich ſpeziell mit der Mutter des Bräutigams über die Kornpreiſe, die bevorſtehende Ernte, die Verheerungen des Kornwurms im Wintergetreide und andere Fragen der ökonomiſchen Politik. Nach Ver⸗ lauf einiger Tage ſegnete man das junge Paar ein, hielt für ſie eine Meſſe in der Kathedrale und traf Anſtalten zur Hochzeit. Damals war es noch nicht Sitte, ſich durch die Vorbereitungen zur Hochzeit gänz⸗ lich zu ruiniren. Man ließ ſich keinen prunkhaften Staatswagen anfertigen, in dem der gute Geſchmack zu fahren verbietet, man verſchrieb ſich keine Hüte, Hauben und Blonden aus Paris, ſondern übergab den Neuvermählten unverpfändete Grundſtücke und baares Geld. Am Vorabend des Hochzeittages ward eine rie— ſige Truhe zu Waßilij Jwanowitſch ins Haus geſchleppt, aus der man zuerſt einige Heiligenbilder in goldner Einfaſſung herausnahm, worauf roſenfarbige Berge von Federbetten, Koffer mit Wiſche gefüllt, Theekeſſel, Sil⸗ berzeug und Haufen von Kleidern, mit plump gearbeite⸗ ten Spitzen beſetzt, nachfolgten. Dieſe Spitzen hatte ſich Awdotja Petrowna ſelbſt mit ihren Mägden ſeit Jah⸗ ren zu ihrer Ausſteuer geklöppelt und oft bei der Ar⸗ beit mit füßem Schreckgefühl an ihre künftige Beſtim⸗ 38 Tarantas. mung gedacht. Die Mutter des Bräutigams nahm Alles ſelbſt in Empfang und verglich deſſen Richtigkeit mit den Angaben des Regiſters, dann aber erſt unter⸗ ſchrieb ſie das Ausſteuerverzeichniß und beſchenkte die Freiwerberin mit einem ſeidnen Kleide von moskobiſcher Fabrik und ziemlich leichtem Stoff. Die Hochzeit wurde mit allem nur möglichen Pomp gefeiert. Der Erzprie⸗ ſter der Kathedrale vollzog in Perſon die Ceremonie, und der Statthalter ſelbſt vertrat die Brautvaterſtelle. In der ganzen Stadt Kaſan ſprach man nur von dem prächtigen Souper, das Waßilij Jwanowitſch zum Be⸗ ſten gegeben, wobei man ſieben Flaſchen Champagner austrank und während der Tafel die Militairmuſik ſpielte. Zwei Wochen ſpäter, nachdem die Neuvermähl⸗ ten der ganzen Stadt ihre Abſchiedsviſiten gemacht, hob Waßilij Iwanowitſch ſeine junge Frau in den Ta⸗ rantas und fuhr mit ihr auf ſein Gut. An der Dorf⸗ gränze erwarteteten ihn ſämmtliche Bauern, warfen ſich zur Erde und überreichten dem jungen Ehepaar Brod und Salz. Der ruſſiſche Bauer bricht weder in Vivat⸗, noch enthuſiaſtiſches Freudengeſchrei aus, ſondern drückt ſeine Ergebenheit auf eine ſtille und rührende Weiſe aus, man findet nicht etwa in ihnen blos verſchmitzte und ſtumme Sklaven, ſondern wirkliche Muſter der — Vom Grafen Sollogub. 39 Treue und Aufrichtigkeit. Es ſchien, als ob ſich jeder Bauer ſelbſt eine Frau geholt hätte, ſeit ihr Herr ſich verheirathet, ſo freuten ſich alle über das feſtiche Er⸗ eigniß. — Nun haben wir doch'ne Herrin— ſprachen ſie— und ſind nicht mehr allein! Möge Gott ihr viele frohe Jahre ſchenken!— Alt und Jung eilte zur Kirche, um das Gebet für die Neuvermählten anzuhören und ſich die junge Frau ordentlich anzuſehen. Der alte Prieſter, mit Thränen in den Augen, hob das Kreuz vom Altar, worauf das neue Ehepaar die Hände legte. Auf allen Geſichtern glänzte Andacht und Freude. Als Waßilij Jwanowitſch ſeine Frau in das graue gutsherrliche Häuschen einführte, ſtand die alte Mutter mit dem Heiligenbilde auf der Schwelle, ihre Kinder zu ſegnen, und für den Guts⸗ herrn begann jetzt ein neues Leben. Man mußte ihm Gerechtigkeit widerfahren laſſen, obſchon er die zu ſeines Vaters Zeit eingeführte Haus⸗ ordnung nicht gänzlich umſtieß, verbeſſerte er dieſelbe doch in Vielem. Dem Narrenpack wies er die Werk⸗ ſtitten und dem Kutſcher den Bock an; ein Gläschen Liqueur aber nahm er nur vor Tiſch zu ſich, um den Ap⸗ petit zu ſchärfen. Dabei betrat er keineswegs mit den ————— i W 40 Tarantas. Regeln ſtrenger Moral gewappnet oder mit hochklingen⸗ den Phraſen ſeine Lebensbahn. Was ſeinen Vater erluſtigt, erſchien ihm nicht gerade widerwärtig und verabſcheuenswerth, ſondern ſagte überhaupt ſeinem Ge⸗ ſchmack nicht zu; er begriff, daß man dem Trunk er⸗ geben ſein und an Narren Vergnügen finden könne, doch bei ihm ſelbſt war weder das Eine, noch das An⸗ dere der Fall. So wurde er ein ordentlicher Menſch, nicht aus Ueberzeugung, ſondern weil das Gegentheil . ihm unbequem und unangenehm geweſen ſein würde. Wohl erinnerte er ſich der letzten, furchtbaren Lehre des ſterbenden Vaters, aber auch die allmälig Alles durchdringende Aufklärung, die ſelbſt Mardas nicht* unberührt ließ, ſchlich ſich bei Waßilij Jwanowitſch ein und ſprach zu ſeinem ſchlichten Verſtande nicht mit den hohlen Deklamationen des Weſtens, ſondern in den ihm verſtändlichen heimiſchen Ausdrücken. So leuchtete es ihm gar bald ein, daß ſein eigner Wohlſtand von dem ſeiner Bauern abhängig ſei, und da er von Natur gutmüthig und weichen Herzens war, ſo ſtrebte er mit allen Kräften nur, ſeinen Bauern Gutes zu thun. Zwar verfuhr er ganz nach altruſſiſcher Methode, ohne agronomiſche Kunſtſtückchen und philanthropiſche Welt⸗ verbeſſerungsideen, doch er verſtand den Bauer und ————.———— Vom Grafen Sollogub. 41 dieſer den Gutsherrn, und Beide ſuchten mit einander Hand in Hand zu gehen. Waßilij Jwanowitſch war menſchenfreundlich und gerecht, und ſeine Bauern ehrten ihn nicht blos aus herkömmlichem Pflichtgefühl, ſondern mit wahrhaft dankbarem Herzen. Als ihm Kinder ge⸗ boren wurden, erzog er ſie einfach, aber beſſer als er ſelbſt erzogen worden. Er ließ, um ſie zu unterrich⸗ ten, einen Studenten aus einem Seminar verſchreiben, und als ſie heranwuchſen, ſchickte er ſie ins Gymnaſium und auf die Univerſität. Er hatte bereits begriffen— auf welche Weiſe, davon konnte er ſich keine Rechen⸗ ſchaft geben— daß in der Erziehung nicht nur der ſittliche Keim jedes einzelnen Menſchenlebens, ſondern auch das Element der Wohlfahrt des geſammten Staats⸗ lebens enthalten ſei. Bei alledem gehörte Waßilij Jwanowitſch zur Zahl der allerproſaiſchſten Gutsbeſitzer. Die Nachbarn in der Runde ſchimpften auf ihn. Während er bei den ältern für einen durchtriebenen Schelm galt, nannten ihn die jüngern einen einfältigen Schwachkopf. In der That behielt er auch ganz den alten Zuſchnitt. So ſprach er in den Verſammlungen des Adels, wo er nur bei außerordentlichen Vorfällen erſchien, nach altem Styl nicht beſonders geiſtreich, was er aber ſagte, gehörte 42 Tarantas. zur Sache und war der Mehrzahl verſtändlich. Als man ihn zu einer Wahl vorſchlug, lehnte er dies ab; erſtens, wie er ſagte, wegen ſeiner etwas ungelenken phyſiſchen Beſchaffenheit, und ferner, weil er bei einem untergeordneten Amte die Verantwortlichkeit fürchte, für eine höhere Stelle aber ſich nicht fähig glaube. So lebte er faſt dreißig Jahre ohne Unterbrechung auf dem Lande, wurde immer dicker und liebte beſonders den Fiſchfang, wobei er aber nur am Ufer lag, um zuzu⸗ ſehen, wie die Fiſcher wechſelsweiſe die Netze auf ſein gutes Glück oder auf das ſeiner Kinder auswarfen. Er war ein ſtarker und paſſionirter Eſſer, weshalb Aw⸗ dotja Petrowna täglich auf Ueberraſchungen für die Ta⸗ fel bedacht ſein mußte, woran häufig die Nachbarn Theil nehmen durften. Bei Tafel drehte ſich die Un⸗ terhaltung um den Küchenzettel, und der Wirth war dann über die Maßen mit ſich und ſeinem Daſein zu⸗ frieden. Nach Tiſch koſtete jeder Gaſt das Eingemachte auf dem herumgereichten Schüſſelchen mit dem Allen ge⸗ meinſchaftlichen Löffel, oder Jeder trank einen Liqueur aus demſelben Glaſe, worauf man ſich ſchlafen legte, alsdann auf Leiterwagen ausfuhr, das Feld zu beſehen, nach Hauſe zurückgekehrt abermals aß und endlich wieder ſchlief. Kartenſpiel liebte Waßilij Jwanowitſch nicht, Vom Grafen Sollogub. 43 aber die Wirthſchaft beaufſichtigte er ſelbſt und ſah auch nach Allem in Haus und Hof, nur ließ er ſtets an⸗ ſpannen, wenn's einige Schritt über's gewohnte Maaß ging; denn er war kein Freund von Fußpartieen, höch⸗ ſtens entſchloß er ſich dazu bei außerordentlichen Gele⸗ genheiten, wie zur Zeit der Waſſerweihe oder wenn ein Damm riß. Awdotja Petrowna war ſchon ſeit geraumer Zeit eine wohlbeleibte und ziemlich brummige Hausfrau ge⸗ worden. Sie liebte und ehrte übrigens ihren Gemahl, obſchon nicht mehr mit der frühern ſtummen Unterwür⸗ figkeit. Ihr Gewicht und ihre Stimme bei Verwaltung der häuslichen Angelegenheiten war ebenfalls nicht ge⸗ ring und, die Wahrheit zu geſtehen, Waßilij Jwanv⸗ witſch ſchien ſie ein wenig zu fürchten. Die Sorge für den Viehſtand, die Ställe, den Hühnerhof und die Arbeiterinnen in weiblichen Handarbeiten blieb ihr aus⸗ ſchließlich überlaſſen und gewährte ihr Zerſtreuung. Sonſt hatte ſie keine andere Paſſionen als die Karte zu legen, das Geklatſch der alten Leibeigenen anzuhören, und in der Umgegend erwarb ſie ſich großen Ruf durch ihre beſonders künſtliche Aufbewahrung der Salzgurken. Zur Rechtfertigung beider Ehegatten kann man ſa⸗ gen, daß ſie im Verlauf ihrer dreißigjährigen Ehe nicht 44 Tarantas. ein einziges Mal ihre gegenſeitige Wahl bereuten, nicht ein Mal die einander geſchworene eheliche Treue verletz⸗ ten, was, beiläufig geſagt, dem ruſſiſchen Landadel ge⸗ wöhnlich keine Gewiſſensſtrupel verurſacht, ſowie end⸗ lich, daß nie ein feindſeliger Gedanke oder ein bit⸗ teres Wort ihre ununterbrochene Einigkeit ſtörte. So verſtrich das friedliche Leben des Gutsbeſitzers von Mar⸗ das ohne leidenſchaftliche Stürme und Anfechtungen während eines Zeitraums von dreißig Jahren; inner⸗ halb derſelben war er zweimal nach Moskau, fünfmal nach der Gouvernementsſtadt und alljährlich um Jo⸗ hannis zum Jahrmarkt im benachbarten Flecken gereiſt. Dies iſt Alles, was aus Waßilij Iwanowitſchs Lebensgeſchichte den Leſer intereſſiren kann. Sechszehntes Kapitel. Iwan Waßiljewitſch, der ruſſiſche Reformer. Dreißig Jahre nach der Geburt Waßilij Jwanowitſchs ward in einem benachbarten Dörfchen Iwan Waßil⸗ jewitſch geboren. Seine Mutter war eine moskowiſche Fürſtentochter, beiläufig aus nicht ſehr altem ruſſiſchen Geſchlecht und, Vom Grafen Sollogub. 45 dem Namen nach zu ſchließen, von neuerer aſiatiſcher Abſtammung. Wie dem auch ſein möge, ſie war eine Fürſtin vom Scheitel bis zur Zehe und erblühte in jener glücklichen Periode, wo die jungen Fräulein und namentlich die Fürſtinnen zuerſt in Rußland den Zau⸗ ber der franzöſiſchen Romane, Sitten und Moden er⸗ kannten. Es iſt hinlänglich bekannt, das es eine Zeit gab, wo die ruſſiſchen Damen ſich ſchämten, ihre Mut⸗ terſprache zu ſprechen und dieſelbe auf die allerunbarm⸗ herzigſte Weiſe radebrechten, wovon ſich auch jetzt noch häufige Spuren in Rußland finden. Die Gallomanie graſſirte damals unter dem höhern ruſſiſchen Adel, der — ſeiner fortwährenden heimlichen Schwachheit völligen Raum gab und ſich gerade hierdurch vom Adel zweiten Ranges abzuſondern glaubte. Doch nach einer einmal angenommenen Regel folgte der Letztere dem Erſteren ſpornſtreichs hinterdrein, um in dieſelbe Kategorie zu gehören, und ein Gleiches that dann auch der Adel noch niedrigerer Grade. Es iſt unbekannt, zu welcher der letzterwähnten Kategorieen unſte Fürſtin gehörte, da ihr jedoch Niemand die erlauchte Geburt ſtreitig machte, ſo zählte ſie ſich ſelbſt zur höchſten Sphäre, der haute volée, und dem zufolge trug ſie unglaublich kurze Taillen, kvöffirte ſich à la Grecque, las Grandiſon, Abbe Prevoſt, 46 Tarantas. Mesdames Riccoboni, Radeliff, Cottin, Souza, Gen⸗ lis, Stasl und ſprach nicht anders als in franzöſiſchen Phraſen mit der Kinderwärterin Sidorowna und dem bei Tiſche aufwartenden Diener Karpoff. Die Wärterin weinte dann, immer der Meinung, daß man ihr Kindchen behert und verdorben, der Leibdiener und Mundſchenk aber erwiderte jedes Mal:„Hab's verſtanden, Er⸗ laucht!“— Die alte Fürſtin Mutter, die gleich ihrem Mops im Fett zu erſticken drohte, und die zum Zeit⸗ vertreib das franzöſiſche Dietionaire auswendig lernte, war hochentzückt, daß ſie der Himmel mit einer ſo wohl⸗ erzogenen Fürſtentochter begnadigt habe. Uebrigens war der damalige Einfluß Frankreichs auf Rußland ſehr er⸗ klärlich. Napoleon erſchütterte ganz Europa, und Ruß⸗ land, das dem Heldenmuth ſtets gewogen war, ſah mit Staunen dem wunderbaren Manne zu. Als aber die Sache mit Rußland zum Dreinſchlagen kam, fingen alle dieſe Franzoſenfreunde an, ruſſiſch zu ſprechen. Das Gefühl der Nationalität, der angeſtammten Liebe zu Kaiſer und Vaterland, dieſes unvertilgbare Grundele⸗ ment ruſſiſchen Lebens, warf plötzlich die fremdartige Maske ab, und ein ganzes Land erhob ſich geräuſchlos wie ein furchtbarer Rieſe. Man bewillkommnete den Feind mit Feuer und Schwert, der Brand von Moskau Vom Grafen Sollogub. 47 beleuchtete die Gefühle der Ruſſen und zeigte ſie im wahren Lichte. In dem denkwürdigen Jahre brachte Jeder zum Opfer, was er vermochte, Einer ſein Leben, ein Anderer das ſeiner Kinder, ein Dritter ſeine Habe, Keinem aber kam's in den Sinn, ſpäter Lohn oder Erſatz dafür zu fordern, was nur in dem wegen ſei⸗ ner Großherzigkeit hochgerühmten Frankreich Sitte zu ſein ſcheint. Fürſtin Mutter und Tochter rüſteten ſich beim Heran⸗ nahen der Franzoſen zur Abreiſe nach Kaſan und be⸗ packten einen thurmähnlichen Reiſewagen mit dem größ⸗ ten Theile ihrer beweglichen Habe. Was zurückblieb, verbrannte in Moskau nebſt ihrem Hauſe. Die Franzoſen wurden verjagt, aber die alte Fürſtin war der Meinung, daß es in Betracht ihrer Schwer⸗ fülligkeit und vorgerückten Jahre allzu mühſam und be⸗ ſchwerlich für ſie ſei, nach der Brandſtätte wieder zu⸗ rückzukehren und dort abermals ein Hotel ſtandesgemäß einzurichten, mit elegant drapirten Salons und ſchmutzi⸗ gen Vorzimmern. In Folge dieſes Entſchluſſes ſiedelte ſie ſich in Kaſan an, zu großem Mißvergnügen der jun⸗ gen Fürſtin. Dieſe gab ſich ein Air, moguirte ſich über Ton und Geſellſchaft der Provinz und blickte mit Verachtung auf die provinziellen Elegants herab. Dies 48 Tarantas. zog ihr allgemeinen Haß zu, die Gouvernementswitz⸗ linge verbreiteten allerhand ergötzliche Anekdoten und Cpigramme über ſie, die junge Damenwelt aber ſprach ſich ziemlich nachtheilig über ihren Ruf und Karakter aus, obgleich man ihre Toilette beinahe ſtlaviſch kopirte. Die Fürſtin langweilte ſich zum Sterben, und was das Schlimmſte war, ſie wurde überreif. Eine alte Jung⸗ fer zu bleiben, wenngleich eine Fürſtin, hat in keinem Falle etwas Tröſtliches. Die zufälliger Weiſe ſich ein⸗ findenden Bewerber um ihre Hand fühlten plötzlich ei⸗ nen Widerwillen gegen ſie und zerſtoben wie Spreu im Winde, als ihnen die Kunde ward, daß die Braut ſechs oder ſieben Brüder und keine andere Mitgift habe, als ihre Kenntniß einiger Dutzend franzöſiſcher Phraſen. Endlich fand ſich irgend ein unbeholfener Landjunker aus der Zahl der provinziellen Einfaltspinſel, der ge⸗ geblendet vom Glanz des Fürſtentitels der mehr als gereiften Jungfrau ſeiner Hand ſamt ſeinem Grund und Boden antrug. Die Fürſtentochter acceptirte Grund und Boden, und, durch die Nothwendigkeit dazu ver⸗ anlaßt, auch die angetragene Hand als Zugabe. Der Junker glich, wie ſich leicht denken läßt, weder einem Child-Harold, noch einem Eugène de Rothelin, ſelbſt nicht einmal einem Blaubart, aber weit eher einem— Vom Grafen Sollogub. 49 Murmelthier: er aß, trank, ſchlief oder trabte zu gan⸗ zen Tagen im Felde herum. Aus dieſer Ehe entſproß Iwan Waßiljewitſch. Natürlich nahm ſich die Mutter vor, den Sohn aufs Trefflichſte zu erziehen, damit er nicht etwa ein Tölpel werde, wie ſein Vater, und ſobald er nur ein wenig heranwuchs, war man ſofort darauf bedacht, ihm einen franzöſiſchen Gouverneur zu ſuchen. Es iſt be⸗ kannt, daß die Franzoſen für das Mislingen ihrer In⸗ vaſion an Rußland ſchwere Rache übten, indem ſie da⸗ ſelbſt ein ganzes Heer von Feldſchergehülfen, Unteroffi⸗ zieren, Schuſtern und Friſeuren zurückließen, die unter dem Vorwande, für die Erziehung Rußlands Sorge zu tragen, die ganze heranwachſende Generation demo⸗ raliſirten. Dieſen verderblichen Heuſchreckenſchwarm darf man jedoch nicht mit den aus früherer Zeit in Rußland befindlichen Emigranten verwechſeln, die mindeſtens et⸗ was gebildeter waren, obgleich auch ſie die ruſſiſche Gaſtfreundſchaft, die ihnen vor den Schrecken der fran⸗ zöſiſchen Revolution ein Aſyl gewährte, nicht immer vergalten. Jwan Waßiljewitſch war ſo glücklich, in ſeinem Füh— rer, Monſieur Leprince, nicht gerade einen jener trivia⸗ len Abehandlanger zu erhalten. Monſieur Leprince Nord. Novellenbuch. W. 4 50 Tarantas. gehörte zu einer politiſchen Faktion und war, wie er ſelbſt zu erzählen pflegte, das Opfer wichtiger Umwäl⸗ zungen geworden, wodurch er ein bedeutendes Einkom⸗ men verlor, jedoch verſchwieg er wohlweislich den Um⸗ ſtand, daß ihm dies Einkommen aus einem Tabaksdebit zugefloſſen war. Das Schlachtopfer einer unbeſtändigen Politik war ſogar nicht ganz ohne Bildung, jedoch wie ein Franzos gebildet iſt, einſeitig und voll Dünkels; da⸗ bei begriff und erkannte er nichts an, Frankreich aus⸗ genommen, und alle Entveckungen und Fortſchritte des menſchlichen Geiſtes ſchrieb er nur Frankreich zu. Eine ſolche Denkweiſe mochte für einen gebornen Pariſer viel Empfehlenswerthes haben, doch für einen kaſanſchen Eingebornen beinahe überflüſſig erſcheinen. Sonſt war der franzöſiſche Gouverneur äußerſt liebenswürdig im umgang mit Damen, ſchrieb glatte Verschen mit einer galanten Pointe oder Madrigale, ſprach über Alles, auch, wovon er nichts verſtand, geläufig und elegant, end⸗ lich gab er bisweilen mit wichtiger Miene ein tiefſinni- ges Wörtchen über das Schickſal der Menſchheit von ſich und wiederholte forwährend das dünkelhafte, aber offene Geſtändniß, daß ihn blos die Noth gezwungen, Lehrer zu werden, er aber keineswegs für eine ſo nie⸗ drige Beſtimmung geboren ſei. Vom Grafen Sollogub. 51 Die Mutter Jwan Waßiljewitſchs war entzückt über dieſen herrlichen Fund, ja einige böſe Zungen des Be⸗ zirks wollten wiſſen, daß das Entzücken zuweilen auf eine für den Gemahl nicht ſehr beruhigende Weiſe ge⸗ ſteigert werde; hoffentlich aber waren ſolcherlei Gerüchte nichts als bloße Verleumdung. Im dreizehnten Jahre wußte Jwan Waßiljewitſch be⸗ reits, daß Racine der erſte Poet der Welt ſei und Voltaire der Weiſeſte aller Sterblichen, ferner, daß das Zeitalter, welches der ganzen Welt die Strahlen ſeiner mächtigen Literatur geſpendet, das Ludwigs XIV. geweſen, daß nach dieſem Zeitalter noch ein anderes gekommen ſei, das Ludwigs XV., wohl etwas weniger einflußreich, doch gleichfalls kopfberückend, ſtaunenswerth und weltbe— glückend. Der gelehrige Schüler wußte alle Skribenten jener Zeit an den Fingern herzuzählen, man würde jedoch ungerecht ſein, wenn man den Umſtand mit Stillſchweigen überginge, daß er häufig beim Leſen der Muſterſtücke jener großen Geiſter gähnte, während Mon⸗ ſieur Leprince, den Stumpfſinn ſeines Eleven beſpöttelnd, ihm weiſſagte, daß ihm dereinſt vielleicht ein Licht auf⸗ gehen und er die ihm noch unzugänglichen Schönheiten anſtaunen werde. Im Lateiniſchen ging der Franzos nicht über das Auswendiglernen der Lhomondſchen Gram⸗ 52 Tarantas. matik hinaus, in der Geſchichte nicht über Abbe Millots Univerſalgeſchichte, dafür aber verſtand der Zögling eine Venge ſogenannter chansons grivoises mit franzöſiſchem Accent zu fingen und einen Sonnenaufgang im fehler⸗ freien Styl Bernardin de St. Pierre's ohne Anſtoß zu recitiren. Ueber alle ihm unbekannte Unterrichtsgegen⸗ ſtände drückte ſich Monſieur Leprince ziemlich gewandt aus, indem er erklärte: obgleich er dieſelben aufs Gründ⸗ lichſte ſtudirt, verlohne ſich's doch nicht der Mühe und Zeit, die er darauf verwendet habe, und wolle er ſei⸗ nem Zögling deshalb die unnütze Qual erſparen. Jwan Waßiljewitſch war ein Knabe von echtſlaviſchem Geblüt, das heißt, uugeheuer faul und dabei doch äußerſt leb⸗ haft. Feurige Phantaſie und ſchneller Verſtand erſetz⸗ ten bei ihm häufig gewiſſenhaftes Arbeiten und ange⸗ ſtrengte Aufmerkſamkeit. Bald hatte der Zögling den gelehrten Vorrath des Erziehers ausgepumpt; allein Monſieur Leprince, als wahrer Franzos, wollte ſeine eigne Leere nicht begreifen und fuhr fort, unter dem Deckmantel hochtrabender Benennungen der ſogenannten Lehrgegenſtände allerlei hohlen Phraſenkram vorzutragen und ins Breite zu ziehen. Er ſprach mit ſeinem Zög⸗ ling von der Vorzüglichkeit der Klaſſiker Roms, die er ſelber nie geleſen, und verhieß ihm, ſogleich an die Lektüre Vom Grafen Sollogub. 53 derſelben zu gehen, ſobald er durch das gründliche Stu⸗ dium des Lhomond dazu vorbereitet ſei, doch wie es ſchien, verſperrte ihm der franzöſiſche Grammatiker den Zugang zu den römiſchen Klaſſikern. Drei Jahre hatte der Schüler Zeit, die auswendig gelernte Syntax der franzöſiſchen Sprache wieder zu vergeſſen, ebenſo lange Zeit brauchte man für das Studium der Rhetorik, Tropen, Redefiguren und des andern Ballaſts der fran⸗ zöſiſchen Sprache.„Nach gehörig erlernter Rhetorik gehen wir zur Philoſophie über!—“ ſprach der Gou⸗ verneur zu dem Eleven, allein die Rhetorik verlängerte ſich bis ins Unendliche und verſperrte dem Neophyten abermals den Zugang ins Heiligthum der Philoſophie. Was er aber, außer der Genealogie der franzöſiſchen Könige und einem langen Regiſter afrikaniſcher und ame⸗ rikaniſcher Städtenamen, trefflich erlernt hatte, war, nach dem Beiſpiel ſeines Lehrers mit frecher Anmaßung, un⸗ ter bloßer Kenntnißnahme von Titel und Verfaſſer, über jedes Buch und jede Wiſſenſchaft abzuſprechen. Die fürſtliche Mutter verging vor Entzücken, wenn be feſtlichen Gelegenheiten der gelehrte Sohn ihr ein Gra— tulationsopus voll rhetoriſcher Floskeln und Tropen, oder zuweilen auch einen in rythmiſche Form eingezwäng⸗ ten franzöſiſchen Phraſenſchwulſt überreichte. Als An⸗ 54 Tarantas. erkennung für ſolche Verdienſte verſtattete man Monſieur Leprince den unumſchränkten Herrn im Hauſe zu ſpielen, Alles zu kommandiren und zu chikaniren, ſich Pferde zu reſerviren und— nach Belieben zu amüſiren; doch geſchah es wahrſcheinlich nur aus Zerſtreuung, daß er ſich zuweilen in die Spinnſtube zu den Dirnen ver⸗ lor; dennoch wurde er dabei dick und fett, ſammelte ſich einen tüchtigen Nothpfennig und fing zuletzt an, unter der Hand mit Getreide zu handeln. Als er ſich die Taſchen gehörig gefüllt, empfahl ſich der gelehrte Fran⸗ zos und kehrte in ſeine Heimat zurück, um dort aller⸗ lei verkehrtes Geſchwätz über Rußland zu verbreiten und aus ſeinen auf dem Lande gemachten Erfahrungen Wich⸗ tiges über die Geheimniſſe der ruſſiſchen Politik und die perſönlichen Verdienſte der Staatsmänner mitzutheilen. Niemand von Jwan Waßiljewitſchs Angehörigen dachte aber daran, daß der junge Edelmann keineswegs beſtimmt ſei, in der Deputirtenkammer zu ſitzen, und ſich für die Partei der Royaliſten oder Republikaner zu erklären, noch weniger war ihm beſchieden, auf dem Boulevard des Italiens und bei Tortoni das Wet⸗ ter am politiſchen Horizont in Europa nach dem ſtaats⸗ papiernen Barometerſtande zu bemeſſen, ſondern ſeine nächſte Beſtimmung war, als Tſchinownik im Juſtiz⸗ 5 5 55 Vom Grafen Sollogub. oder Finanzminiſterium zu dienen und ferner, ſo es Gott gefalle, dereinſt nach ſeines Vaters Tode ein Gut mit dreihundert Seelen halbwilder Bauern zu beſitzen. Dieſen Unglücklichen aber war's beſchieden, vielleicht ihre einzige Hoffnung auf ihn zu ſetzen, während vorauszu⸗ ſechen war, daß es ihm wahrſcheinlich niemals einfallen würde, an ſie zu denken, ausgenommen, wenn er's für nöthig hielt, Abgaben und Frohnen von ihnen zu for⸗ dern. Man hatte dem Sprößling der Fürſtentochter und des ruſſiſchen Landjunkers Vieles beigebracht und docirt, mit Ausnahme deſſen, was ihm zunächſt vor Au⸗ gen lag. Er ſah täglich ein ziemlich verfallenes Herr⸗ ſchaftsgebäude, dem Einſturz nahe Bauerhütten und ein morſches Kirchlein, doch kein Menſch deutete ihm, wie dies Alles zuſammenhing, wie es begann, ſich aus⸗ breitete und endlich wieder Untergang und Einſturz drohte— Edelhof, Bauerhütte und Kirche. Die Ge⸗ ſchichte, Entwickelung, wie die Geſetze Rußlands blie⸗ ben ihm ein barbariſcher Mythus, und Dank einer ſinnverwirrenden Erziehung wuchs der ruſſiſche Knabe in dem Steppendorfe der ruſſiſchen Einöde zum Fran⸗ zoſen heran. In der ganzen Provinz pries man den abgeſchmackten halbgebildeten Burſchen als ein wahres Wunder der Erziehung, und ſeine überglückliche Mutter, 56 Tarantas. im Gefühl des Stolzes, den ſie beim Anblick des Soh⸗ nes empfand, vergaß ſogar den Widerwillen, den ſie gegen den Vater hegte. Ein Vorwurf wegen dieſer Schwäche trifft ſie jedoch in weit geringerem Grade, wenn man bedenkt, daß die⸗ ſelbe faſt dem ganzen ruſſiſchen Adel eigen iſt. In der That findet man in der höhern ruſſiſchen Geſellſchaft, inmitten ſo vieler echtruſſiſcher Namen, ſo wenig Herz und Verſtand von echtruſſiſchem Kern, und der Grund davon iſt kein anderer als die Jugenderziehung à la Le⸗ prince. Bedenkt man dies, ſo wird der Unwille im Herzen ſich in Mitleid und tiefes Bedauern verwandeln. Eines traurigen Morgens verſchied Iwan Waßilje⸗ witſchs Mutter und das frühererwähnte Murmelthier von einem Gemahl befand ſich in der peinlichſten Ver⸗ legenheit. Was ſollte er mit dem Sohne anfangen? Da derſelbe das funfzehnte Jahr noch nicht erreicht hatte, ſo war es noch zu zeitig, ihn in den Dienſt treten zu laſſen, ihm aber einen neuen Franzoſen zu verſchreiben— dazu war es zu ſpät. Nach einer allgemeinen Bera⸗ thung mit den Nachbarn wurde der Beſchluß gefaßt, den Halberzogenen zur Vollendung des Begonnenen in eine petersburger Penſion zu bringen. So geſchah es auch. Die Penſion war ausgezeichnet durch ihre„ Vom Grafen Sollogub. 57 Reinlichkeit und Ordnung: die Fußböden ſpiegelblank, auf den Bänken erblickte man kein Dintenfleckchen und auf den Lektionsplänen eine unzählige Menge von Lehr⸗ gegenſtänden. Unter den Lernenden galt leider Rohheit und Fahrläſſigkeit nicht als Mangel, im Gegentheil, man fand darin etwas Kräftiges, was die Selbſtſtändigkeit des herangereiften Jünglings beweiſe. Von kindiſcher Eitelkeit verleitet, wurde Jwan Waßiljewitſch ein voll⸗ ſtändiger Held in dieſem Sinne, rauchte heimlich ſeine Pfeife, trank Schnaps, ſtrich in allen Konditoreien um⸗ her, prahlte mit verſtellter Trunkenheit, beſchäftigte ſich angelegentlichſt mit der ſ kandalöſen Theaterkronik, und in den Lektionen lernte er ſchmutzige oder ultraliberale Verſe auswendig. Kurz, in der Penſion nahm er ein ſelt⸗ ſam trotziges Weſen an, fühlte ſich durch den Namen eines Schülers beleidigt, nannte ſeine Lehrer Eſel, ver⸗ ſpottete alles Edle und Heilige, und las mit fieberiſcher Luſt die unſauberſten Romane und Lieder. So ward er ein vollendeter Taugenichts, an Leib, Verſtand und Seele verdorben, ja ſelbſt der ſpärliche Vorrath an Ba⸗ gatellen des Wiſſens, den ihm Monſieur Leprince bei⸗ gebracht, verſchwand im trüben Qualm des Schulhel⸗ denthums. Auf ſolche Weiſe vergeudete er die beſten Jahre, die 58 Tarantas. ſchönſte Lebenszeit, wo die Seele, empfänglich für das Gute, alle Eindrücke hell und glühend feſthält. Die Zeit der Entlaſſung und des Eramens kam heran. Daſſelbe beſtund aus dreißig oder vierzig Gegenſtänden, die ſchönen Künſte und gymnaſtiſchen Uebungen unge⸗ rechnet. So wegwerfend ſich Jwan Waßiljewitſch auch über das leichte Examen geäußert, doch fiel er gänzlich durch. Zum erſten Mal ergriff ihn ein tiefes Scham⸗ gefühl. Er gehörte zur Zahl derjenigen Leute, die Al⸗ les wiſſen wollen, ohne irgend etwas gelernt zu haben. Noch mehr kränkte es ihn, daß einige ſeiner Kamera⸗ den, die ſonſt in der Schule ſtets die Zielſcheibe des allgemeinen Spottes geweſen waren, durch ihre Ant⸗ worten Lehrern und Schülern Achtung abnöthigten. Dies brachte ihn etwas zur Beſinnung, und er wurde nachdenklich. Doch ſollte er wieder mit dem ABC an⸗ fangen? War' nicht an der Zeit, endlich an's Werk zu gehen? Er fühlte in ſich Gedächtniß- und Faſſungs⸗ kraft, die Gegenſtände markten ſich ſcharf auf dem Grunde ſeinet Fantaſte ab, ſelbſt die abſtrakteſten Gedanken ver⸗ mochten bei einiger Spannung in ihm Wurzel zu faſſen. Er begriff, daß er nicht blos für unſinnige Ausſchwei⸗ fungen geboren, ſondern etwas Evleres in ihm verbor⸗ gen ſei. Hätte er der innern Stimme Gehör geſchenkt Vom Grafen Sollogub. 50 und raſch das Verſäumte nachgeholt, ſo war's ihm noch möglich, ein nützlicher Menſch zu werden. Aber ſollte er jetzt erſt anfangen zu lernen, wo viele ſeiner Jugend⸗ genoſſen ſich bereits einen Rang im Dienſt erworben hatten und ſich in der großen Welt amüſirten?... Jwan Waßiljewitſch wünſchte nur den Dienſt und die große Welt!—— So trat er in die Kanzlei eines Mini⸗ ſteriums ein und beweinte bitter ſeine verlorne Schul⸗ zeit; dabei diente er in ſeinem Amte ſo eifrig, als er es nur im Stande war, den Mangel an ſoliden Kenntniſſen hier und da durch Gewandtheit und ſchar⸗ fen Verſtand erſetzend. Allein er war im Anfang zu eifrig im Dienſt, mehr als nöthig und rathſam, und in kurzer Zeit wurde ihm der Dienſt— zuwider. Ihm ſchien's, als ob man ſeinem Dienſteifer keine Gerech⸗ tigkeit widerfahren laſſe, ihn nicht gehörig auszeichne und nach Verdienſt würdige. Seine ruhigern und ſo⸗ lidern Schulkameraden hatten ihn bald überflügelt, da bei ihm abermals eine Pauſe eingetreten war, er wurde verdrüßlich,— bald aber hörte er gänzlich auf, ſich für den Dienſt zu intereſſiren, ihn feſſelte ein höheres In⸗ tereſſe,— er war verliebt. Die Dame ſeines Herzens hatte ihn durch ihren byroniſch⸗ſchwärmeriſchen Blick und ihre noch ſchwärmeriſchere Unterhaltung bezaubert. Man 60 Tarantas. wechſelte anfangs vielſagende Blicke, dann nichtsſagende Geſtändniſſe, endlich gar Ringe unter den heißeſten Eid⸗ ſchwüren, ſich ewig zu lieben. Doch bald zerſtoben jene dunkeln, phantaſtiſchen Wolken am Himmel ſtürmi⸗ ſcher Leidenſchaft vor dem ſchwachen Anhauch einer Ei⸗ ferſüchtelei. Er war im Begriff, ſich an dem, wie er glaubte, begünſtigten Rivalen, einem Huſarenlieutenant, blutig zu rächen, als die Schöne ſelbſt jeder tragiſchen Entwickelung des Dramas dadurch vorbeugte, daß ſie einem reichen Kaliban ihre Hand gab, dem man un⸗ möglich deshalb zu zürnen vermochte um ſich zu zer⸗ ſtreuen, ſtürzte ſich Jwan Waßiljewitſch in den Stru⸗ del weltlicher Genüſſe. Doch hier fand er ſtatt der ge⸗ hofften Zerſtreuung nur tödtliche Langeweile, That- und Gedankenloſigkeit, betrogene Eitelkeit; und eine bleierne Abſpannung bedrückte ſein Herz. Er fing an, die gräß⸗ liche Leere des petersburger Lebens zu verwünſchen, ohne zu begreifen, daß dieſe Leere in ihm ſelbſt liege. Er wollte in dem Reiche der Poeſie Troſt ſuchen, er las Schiller und Byron, Dante und Shakeſpeare, und ſtrebte den Vorhang zu lüften, der ihn von jener Welt des Schönen getrennt, die ſein Auge bisher kaum geahnt hatte; zuweilen ſuchte er ſich auch in irgend eine ihn anziehende Wiſſenſchaft zu vertiefen, aber— das Schöne Vom Grafen Sollogub. 61 blieb ihm verſchloſſen, das Tiefe unergründet, nur ſtoß⸗ weiſe, fieberhaft flüchtig und zufüllig war all ſein Thun das geöffnete Buch entfiel häufig ſeiner Hand, das voll⸗ geſchriebene Blatt ward nicht umgewendet, und die Hitze verflog; er ward auch Poeſie und Wiſſenſchaft bald müde und ſuchte nur minutenlange Zerſtreuung in ge⸗ meinen Genüſſen. Da erſt begriff er, daß Bildung nicht blos in Worten und Zahlen beſtehe, nicht in der Menge und den Einzelnheiten wiſſenſchaftlicher Gegenſtände, ſondern in der Befähigung, ſich nützlich zu beſchäftigen, in ſtrenger Lebenskritik, in gewiſſenhafter Erfüllung der einmal begonnenen Thätigkeit. Er war ein wahrhaft beklagenswerther Menſch, nicht etwa, weil er ſich in trauriger Lage befand, ſondern weil er unfähig für jede Thätigkeit und ſich ſelbſt zur Laſt geworden. Wohl ahnte er, daß es ein Mittel gebe, alle jene feindſeli⸗ gen Elemente ſeines Lebensglücks zu verſöhnen, daß es die hohe, ſchöne Aufgabe der Wiſſenſchaft ſei, die an der Seele nagenden Zweifel, den Unglauben, die Leidenſchaften, jene unabläſſig mit der Menſchennatur ſtreitenden Gewalten, zu bekämpfen, allein er war zu entnervt und marklos, um ſich bis zur Wiſſenſchaft zu erheben. Eines nur verhieß ihm noch Troſ in dieſem freu⸗ 62 Tarantas. deloſen Zuſtande, die Hoffnung, ins Ausland zu reiſen, da er ſich einbildete, er werde im Auslande leicht die Kenntniſſe erlangen, die er ſich in ſeinem Vaterlande nicht zu erwerben verſtand. Das Wort„Ausland(jen⸗ ſeit der Grenze)“ hat überhaupt bei der ruſſiſchen Ju⸗ gend eine ſeltſame Bedeutung; es erſcheint aber auch außer⸗ dem als— der Schlüſſel zur irdiſchen Paradieſespforte. Der Kranke eilt„über die Grenze“ in der Meinung, daß er an die preußiſchen Zollſtätte plötzlich die verlorne Geſundheit wiederfindet. Der Maler ſucht um die Er⸗ laubniß nach, als Stipendiat ins Ausland zu reiſen, feſt überzeugt, daß er mit dem Monte Pincio zugleich auch den Gipfel der Kunſt erklimmen und ſofort als Raphael oben ſtehen werde. Der einfältige Landjunker oder verabſchiedete Offizier, der ſeine ganze Zeit daheim ſo lange mit Nichtsthun zugebracht, daß er ſich zuletzt ſeiner Dummheit ſchämt, nimmt einen Platz im Poſt⸗ wagen, im feſten Glauben, daß für die verlorne Zeit, den ewigen Müßiggang, die geiſtige Finſterniß nur ein Mittel ſei:„Er geht in's Ausland!“ Mit Empfehlungsbriefen an alle Notabilitäten der Berliner Univerſität verſehen, machte ſich Jwan Waßil⸗ jewitſch nach der deutſchen Hauptſtadt auf. Sein erſter Eindruck„jenſeit der Grenze“ war ein höchſt unbefrie⸗ — Vom Grafen Sollogub. 63 digender, obgleich er ſich ſelbſt von dem, was er er⸗ wartete, keine Rechenſchaft zu geben vermochte: Men⸗ ſchen wie— Menſchen, Straßen wie— Straßen, Häuſer wie— Häuſer. und noch obendrein Men⸗ ſchen viel langweiliger als in Rußland, die Straßen enger, die Häuſer unbequemer. Die Notabilitäten, vor denen er andächtig niederzufallen gedachte, machten auf ihn keinen ſtärkern Eindruck, als etwa der Kaſſirer in ſeiner Behörde oder der Marqueur in ſeiner Reſtaura⸗ tion. Die eine Notabilität hatte eine dicke Kupfernaſe, die andere eine Warze auf der Backe. Er eilte in die Vorleſungen, bemerkte aber zu ſeinem Aerger, daß ihm die Vorkenntniſſe fehlten, ohne die alles Andere weder Halt und Stütze hatte. Auch verſtand er das Deutſche nicht, und obwohl er von Fichte, Schelling und Hegel faſelte, hatte er doch nicht den mindeſten Begriff von dieſen Männern und der Philoſophie überhaupt. Doch einen Aufſchluß gewährte ihm Deutſchland: er ſah, wie da⸗ ſelbſt jeder Menſch, vom Bauer bis zum Fürſten, ſich mit Syſtem und Ausdauer in ſeiner Sphäre bewegte, weder ſeinen Flug zu hoch nahm, noch zu tief herab⸗ ſtieg; er ſah, wie faſt Jedermann ſich einen Lebensweg wählte und auf demſelben unabläſſig fortging, immer das Ziel im Auge. Da erſt verwünſchte er ſeinen —— 3 6 64 Tarantas. franzöſiſchen Gouverneur, der nie daran gedacht, ihm einen Lebensweg vorzuzeichnen; er fühlte, daß in ſei⸗ nem geiſtigen Leben nicht der mindeſte Zuſammenhang und er ſelbſt nichts mehr ſei, als ein bewußtloſes Kind, welches nur nichtsſagenden Zeitvertreib ſucht und abwech⸗ ſelnd aus dem Zuſtande der Gleichgültigkeit zu ausge⸗ laſſener Freude, vom Gipfel der Freude zu unmäßiger Betrübniß übergeht. Ihm ſchien es, als ſei er von der ganzen denkenden und handelnden Menſchenfamilie ausgeſtoßen und beſtimmt, ewig allein herumzuirren, vergeſſen und verhöhnt in ſeinem undurchdringlichen Dunkel. Um ſich aber in Etwas an der Menſchheit zu rächen, fing er an, der Deutſchen zu ſpotten und deren langweilig geregeltes Leben, ihre ewig ſtrümpfeſtrickenden Frauen, ihr Biertrinken, Tabakrauchen und ihre geſchloſ— ſenen Geſellſchaften lächerlich zu machen. Bald verließ er Deutſchland, um nach Paris zu eilen. Hier war er in ſeinem Elemente; dieſer hin- und herwogende Men⸗ ſchenhaufe, der fortwährend haſtig an ihm vorüber⸗ eilte, ohne zu wiſſen weshalb und wohin, und nie ein Ziel erreichte, zog ihn mächtig an. Er erblickte im Pariſer Treiben ſeine eigne Geſchichte in ungeheuer vergrößertem Maßſtabe ewiges Getös und Geräuſch, ein Jagen und Haſchen nach Trugbildern, klingende Vom Grafen Sollogub. 65 Phraſen, übermäßige Prahlerei, bei ſtetem Verlangen ſich zu zeigen und Andern den Vorrang abzulaufen, auf dem Grunde dieſes wogenden Treibens aber nur tödtliche Langeweile und kalten Egoismus Lange Zeit trieb ſich Jwan Waßiljewitſch in allen pariſer Schauſtellungen herum, wo er mit den Kam⸗ mern anfing und mit der Thierhetze aufhörte, bis er auch hiervon zuletzt gelangweilt ward. Dem Schickſal zum Trotz verlangte aber ſein noch immer reger Geiſt etwas Höheres, Erfreulicheres, und in einer Reiſe nach Italien ſchien ihm ein letzter Hoffnungsſtrahl zu däm⸗ mern und zugleich die ſchönſte Erinnerung für ſein künf⸗ tiges freudeloſes Leben zu erblühen. Auch begann ſich das ihm bisher unbekannte Gefühl für das Schöne bei ihm zu regen. Allein ſo mächtig Italiens klaſſiſcher Boden und namentlich Roms erhabene Denkmäler und Kunſtſchätze ihn auch anzogen, er mußte nur zu bald einſehen, daß der Genius der Kunſt begriffen werden will, und zum wahren Genuß ein bloßes Gefühlsleben nicht ausreicht, wenn die edelſten Schöpfungen des Men⸗ ſchengeiſtes höhere Bildungselemente in Anſpruch neh⸗ men. So fand er ſich überall in ſeinen Hoffnungen getäuſcht, und aller Muth verging ihm. Während ſeiner Reiſen hatte Jwan Waßiljewitſch Nord. Novellenbuch. W. 5 66 Tarantas. bemerkt, daß er überall, wo er ſich auch zeigte, gleich⸗ viel welches Land er betrat, mit ſchelem, übelwollendem Blick betrachtet wurde. Er ſchrieb das anfänglich ſei⸗ nen perſönlichen Verdienſten zu, errieth aber bald, daß dieſe Aufmerkſamkeit mehr ſeiner Nativnalität, als ſei⸗ ner Perſönlichkeit gelte, weil Rußland unwillkürlich alle Köpfe beſchäftigte. Man machte ihm häuſig die kin⸗ diſchſten Fragen in Bezug auf ruſſiſche Eroberungs⸗ plane, alle Zeitungen, die er zu Geſicht bekam, waren angefüllt mit Enthüllungen der Politik Rußlands. In Deutſchland ſpukte überall das Geſpenſt des Pan⸗ ſtavismus; täglich erſchienen die unſinnigſten Bücher und Pamphlete gegen Rußland, mit lakaienhafter Bosheit ge⸗ ſchrieben, die nichts Anderes bewieſen, als die Talent⸗ loſigkeit ihrer Verfaſſer und Europas Beſorgniſſe. Die Aufmerkſamkeit des Auslandes auf ſein Vaterland ver⸗ anlaßte Iwan Waßiljewitſch unwillkürlich, im Auslande über ſeine Heimat nachzudenken. Dies Nachdenken rief anfänglich das Gefühl des Stolzes, bald aber das der Vaterlandsliebe in ihm wach. Was man vergeſſen ihm daheim bei der Erziehung einzuflößen, das ſtahl ſich in der Fremde unvermerkt in ſein Herz. Er durchlief im Geiſte Alles, was er in ſeinem Dörſchen, auf Reiſen durch die Gouvernements in Dienſtaufträgen gehört, † Vom Grafen Sollogub. 67 geſehen und bemerkt hatte. Wiewohl er fühlte, daß ſich hieraus keine allgemeine Anſicht, kein Ganzes zuſammen⸗ ſtellen laſſe, ſo vermochte er doch manche treu im Ge⸗ dächtniß behaltene Züge durch ſeine Einbildungskraft zu ergänzen. So bildete er ſich eine eigne Anſicht über den Beamtenſtand, den Kaufmann, die Bildung und Literatur Rußlands aus. Damals faßte er den Ent⸗ ſchluß, ſein Vaterland gründlich zu erforſchen, und da er an alles Neue mit Enthuſiasmus ging, ſo loderte bald dieſe Wärme für ſein Vaterland in ihm zur hellen Flamme auf. Auch war er entzückt, endlich ſich eine geiſtige Eriſtenz ausgedacht, ein Lebensziel gefunden zu haben, das ihm anziehende Beſchäftigung und nützliche Beobachtungen verſprach. Mit ſolchen Gefühlen kehrte er aus dem Auslande wieder nach Rnßland zurück. Der Leſer weiß bereits, wie er hier mit Waßilij Jwanowitſch auf dem Twerſchen Boulevard in Moskau zuſammentraf, mit demſelben den Tarantas okkupirte, ſich mit einem Buche zum Notiren ſeiner Reiſeeindrücke verſah und— den Bleiſtift ſpitzte. Was mag daraus werden? Was wird er ſchildern? Was entdeckt, berich⸗ tigt er? Man darf kühn behaupten: Nichts! Dies Mal, wie in allen andern Fällen ſeines Lebens wird IJwan Waßiljewitſch ſeinen Karakter nicht durchführen. 5 68 Tarantas. Anfangs ganz Feuer, erkaltet er beim erſten Hinderniß. Nicht gewühnt an ein ſtetiges Thun, ſieht er da eine Unmöglichkeit, wo nur eine Schwierigkeit zu überwin⸗ den iſt, und der beſte Anfang nimmt ſtets bei ihm ein klägliches Ende. Dieſer Typus der Nichtigkeit iſt zugleich ein Abbild der Mehrzahl der Jugend Rußlands, die im Durchſchnitt an derſelben Krankheit leidet. Sie ſind, wie er, Opfer einer halben und verfehlten Erziehung, und bei allen Anlagen des Geiſtes und einer kräftigen Natur gehen ſie in Willensſchwäche und Geiſtesohnmacht unter. Die kochende Leidenſchaft führt ſie nicht zu ſtarkem und ent⸗ ſchiedenem Handeln, ſondern zum Karten⸗ und Würfel⸗ tiſch, zu niedriger Ausſchweifung, oder zu tollem, nutz⸗ loſem Wagen, dem ſie ihr Leben vpfern; oder ſie ſpie⸗ len die Freidenker, die Liberalen, die heimlich der Re⸗ gierung grollen und die Lage der Dinge verwünſchen, als ob dieſe ihnen feindſelig im Wege ſtände. Doch in jeder Lage der Dinge würden ſie dieſelben geweſen ſein; denn ſie ſind in Keim und Wurzel ſchon verdor⸗ ben, und es iſt kein kräftiges Gedeihen bei ihnen möglich. Klägliches Geſchlecht! Armſelige Jugend! Vielleicht daß dies traurige Loos eines ſpurlos vorübergehenden Ge⸗ ſchlechts einem künftigen als warnendes Beiſpiel dient! Vom Grafen Sollogub. 69 Schon längſt dimmerte am finſtern Horizont der bis⸗ herigen Barbarei ein leuchtender Punkt, der ſich von Tag zu Tag vergrößert und immer heller leuchtet. Mö⸗ gen ſich die Einen an dem Feuer verbrennen, das ſie aus Unkenntniß ohne Vorſicht gebrauchen, mögen An⸗ dere geblendet von dem Lichte, zwiſchen Tageshelle und nächtiger Finſterniß ſchwankend, ſtehen bleiben oder den richtigen Weg verfehlen; aber der leuchtende Stern nähert ſich unaufhaltſam, und bald bricht der Tag heran, wo das Dunkel gänzlich ſchwindet und das ganze Land von den lebengebenden Strahlen erleuchtet wird!— Siebzehntes Kapitel. Das Dorffeſt. Jwan Waßiljewitſch war vollſtändig in Verzweif⸗ lung. Es wollten ihm durchaus von keiner Seite her Eindrücke zufließen, nur ſeine eignen beiden Seiten waren unter dem fatalen Einfluſſe eines ziemlich ſtar⸗ ken Eindrucks. Umſonſt blickte er unabläſſig aus dem Tarantas hinaus, rechts und links, in die Nähe und in die Ferne, Alles floß für ihn in ein unklares, einför⸗ miges Bild zuſammen. Es konnte ihm dies übrigens 70 Tarantas. nicht ſehr zum Vorwurf gereichen. Im Allgemeinen erſcheinen die Gegenſtände im Geiſte angeſchaut mit ganz andern Umriſſen und Farben, als in der Wirklichkeit, und zwar reliefartiger, heller, maleriſcher. Viele Leute, die lange am Anſchauen einer Lithographie oder Zeich⸗ nung Freude finden, werden dem Gegenſtande, den ſie vorſtellt, in der Natur kaum einen Blick ſchenken. Ein Muſchik in Oelfarben oder blos mit der Feder gezeich⸗ net, wird ſie geraume Zeit an ſich feſſeln, aber ein wirklicher Muſchik, ungekämmt und ungewaſchen, in Baſtſchuhen und Schafspelz, wird ihre Aufmerkſamkeit keinen Augenblick beſchäftigen, weil es ſolche Muſchiks in ſo großer Menge giebt, daß man ſie ganz und gar überſieht. Wie dem auch ſein möge, Jwan Waßiljewitſch war in höchſt mißmuthiger Stimmung. Das unberührte Buch der„Reiſeeindrücke“ wälzte ſich am Boden neben dem Theekaſten herum. Die Kenntniß Rußlands in Bezug auf ſeine Alterthümer und Nationalität wollte durchaus nicht vorwärts ſchreiten. IJwan Waßiljewitſch ahnte, daß die bloße gute Abſicht zum Gelingen des wichtigen Strebens nicht hinreichend ſei. In Rußland giebt es keine Aushängeſchilder, auf denen man das ganze innere Leben verzeichnet fände, Alles was hier Vom Grafen Sollogub. 71 war, iſt und ſein wird. Eine bloße Fahrt nach Mar⸗ das ſchien für ein ſo tiefes Studium nicht ausreichend, es war noch etwas Anderes nöthig. Dies Andere aber war eine Beharrlichkeit, ein ausdauernder Fleiß von Jugend auf, im Verlauf eines ganzen Lebens. Dies war nicht leicht. Auch mußte man jeden Gegenſtand gründlich erforſchen; denn aus der bloßen Außenſeite war wenig zu erkennen. Man mußte den Schlüſſel des Räthſels ſuchen, die geheime, zuweilen tiefe Bedeutung aller proſaiſchen Erſcheinungen, wie man denſelben auf jedem Schritt begegnete, ausfindig machen. Jwan Wa⸗ ßiljewitſch war aber ſchon gewöhnt, in demſelben Maaße an Energie zu verlieren, als er Schwierigkeiten auf ſeinem Wege fand, und ſtatt dieſelben zu überwinden, lieber gleich auf ſein Unternehmen zu verzichten. So Vieles er von ſeinen Reformplanen und Studien auch aufgegeben, er hoffte doch das innere Leben, die geiſtige Natur des Ruſſen zu ergründen: — In der That— dachte er bei ſich— wir ſor⸗ gen und mühen uns um Rußland, wiſſen aber gar nicht, was eigentlich der Ruſſe ſei; der wirkliche Ruſſe ohne Beimiſchung des fremdländiſchen Einfluſſes! Wel⸗ ches geiſtige Leben lebt, was erwartet, begehrt, wor⸗ nach ſtrebt er? Der reine, natürliche Anfang iſt durch 3 3 1 . —— 72 Tarantas. die Gegenwart ſo getrübt, daß wir das angeſtammte Element nicht mehr vom angeeigneten unterſcheiden kön⸗ nen. Dieſen Anfang zu beſtimmen, dies angeborne Element aufzuſuchen— iſt eine herrliche Sache. Soviel man in Rußland auch von Nationalität ſpricht, was ſie ſei, weiß eigentlich Niemand. Worin liegt ſie, und was ſind ihre Beſtandtheile? Dies iſt deine Aufgabe, Jwan Waßiljewitſch,— ſuche, beſtimme, belehre! Rußland wird Dir's danken!— Und gerad' wie abſichtlich fuhr der Tarantas in ein großes, ſchönes Dorf, und Waßilij Iwanowitſch erklärte, daß er von dem Liegen im Tarantas ganz müde ſei und ſich beim Stationsaufſeher ein wenig ausruhen und auf die Ofenbank legen wolle. Das lange Dorf ohne Ende prangte im ſchönſten Feiertagsſchmuck. Vor den hohen mit Schnitzwerk ver⸗ zierten Bauerhäuſern ſaßen auf den Bänken die Bauern und ihre Weiber, ſämmtlich Nüſſe knackend. Ihr Sonn⸗ tagsputz glänzte ſchon von fern in den bunteſten Farben. Ein dichter Schwarm junger Mädchen in rothen und blauen Sarafanen“) und in ſchneeweißen bauſchigen *) Das kurze, vorn zugeknöpfte Oberkleid der ruſſiſchen Bäuerinnen. Vom Grafen Sollogub. 73 Gemdärmeln ſchaute zu, wie zwei barfüßige Dirnen ſich rittlings auf einem Brete ſchaukelten. Daneben ſtanden zwei junge Burſchen in rothen Hemden, mit offenſte⸗ henden Armjaks*), die von Zeit zu Zeit dem Brete nachhalfen und ſich um das Gelächter ihrer nahen Ka⸗ meraden wenig kümmerten. Einige der letztern ſangen und pfiffen, Andere bildeten einen Kreis und warfen mit großem Kraftaufwande einen ſchweren eiſernen Bol⸗ zen durch einen am Boden liegenden Ring. Inmitten der Straße umgab ein Haufe kleiner Kinder eine mit der armſeligſten Mähre beſpannte Telega, deren luſtiger Beſitzer, unter Beimiſchung zahlreicher Sprich- und Scherzworte allerhand Zucker- und Backwerk ſamt an⸗ dern Kleinigkeiten feilbot. An der Brücke, welche das Dorf in zwei Theile ſonderte, gab ein kleines Häus⸗ chen im bürgerlichen Bauſtyl durch den über die Ein⸗ gangsthür hinausragenden Tannenbaum ſich als das Vielen willkommene Kabak zu erkennen; jenſeit der Brücke aber erhob ſich das grüne Kuppeldach ſamt dem in die Lüfte ragenden ſilbernen Pfeil des Kirch⸗ leins hoch über die Bauerhäuſer und zeichnete auf dem 3 *) Das lange Oberkleid des ruſſiſchen Bauern zum Zu⸗ neſteln und Gürten eingerichtet. 74 Tarantas. grauen Grunde des nebligen Himmels ſeine Umriſſe ſcharf ab. — He!— rief Waßilij Jwanowitſch dem Stations⸗ aufſeher entgegen— Was giebt's denn bei Euch?'s iſt gewiß das Namensfeſt von Eurem Kirchenheiligen!— — Ganz recht!— erwiderte der Aufſeher. — Gratulire zum Feiertage, Väterchen!— fuhr Waßilij Iwanowitſch fort. — Ganz ergebenſten Dank.... — Aber, Väterchen, könnten Sie uns nicht den Samowar aufſtellen laſſen?— — Iſt ſchon lange bereit,'s ſind werthe Gäſte zum Feiertage zu Beſuch gekommen; da hat denn der Sa⸗ mowar ſchon zum fünften Male gefüllt werden müſſen.... Der Thee wurde bereitet, und Waßilij Jwanowitſch ſchlürfte mit innigem Behagen ſechs große Biergläſer voll des edlen Trankes unmittelbar nach einander aus, worauf er eine angenehme Wärme in ſeinem Innern zu verſpüren begann. Sein nächſtes Vorhaben war, den Ofen zu erklimmen und ſich nach ganzer Leibes⸗ länge darauf auszuſtrecken, nachdem der treue Senka ihm bei Zeiten einige Kiſſen untergebreitet hatte. We⸗ nige Minuten waren vergangen, als der Kaſanſche Gutsbeſitzer allen Anweſenden die vernehmlichſten Be⸗ Vom Grafen Sollogub. 75 weiſe lieferte, daß er zu ſ ſchlafen geruhe. Unterdeſſen machte ſich Jwan Waßiljewitſch auf, das Dorf zu durch⸗ wandeln und bei dieſer Gelegenheit— die Volksthüm⸗ lichkeiten aufzuſuchen. Das ganze Volk war auf den Beinen und trieb ſich in maleriſchen Gruppen umher. Vor dem Kabak ſtanden zwei rechtgläubige Langbärte und küßten ſich unter den zärtlichſten Herzensergießungen und ſo furcht⸗ baren Schwüren gegenſeitiger Freundſchaft, daß es grau⸗ ſenerregend war, dies anzuhören. Ein rothhaariges Bäuerlein mit einer Branntweinflaſche in einer und einem hellgrünen Glaſe in der andern Hand bot taumelnd den Umſtehenden die begeiſternde Labe an, Jeden un⸗ abläſſig mit ſeinem Anerbieten verfolgend und durch abſchlägige Antworten tief gekränkt; dabei jubelte und jauchzte er, uneingedenk, daß er in wenigen Stunden die Frucht langer Mühen durch die Gurgel jage. Ein krei⸗ ſchendes feuerrothes Weib ſtieß ihren vom Brantwein⸗ genuß dummgewordenen Ehemann vor ſich her, und unter reichlichen Thränen ſchalt ſie ihn einen Trunken⸗ bold, der ſeine unglückliche Witwe und ſeine armen Waiſen hilflos in der Welt laſſe; bei alledem konnte die angebliche Witwe in Folge der Wirkungen des flüſſigen Feuers ſich ſelber kaum mehr auf den Beinen halten. 76 Tarantas. Iwan Waßiljewitſch wendete eiligſt ſeine Blicke von dieſem ſein Zartgefühl verletzenden Gemälde ab, um ſeinen äſthetiſchen Sinn an der Naturſchönheit der nor⸗ diſchen Weiber zu erquicken, dabei aber ſetzte er zu⸗ gleich ſein in Unordnung gerathenes Koſtüm wieder in Stand, zupfte und knöpfte an ſeinem Paletot und warf ſich in die Bruſt.... Er war überzeugt, daß ſein unerwartetes Erſcheinen auf den bunten Haufen der jugendlichen Dorſfſchönen einen ſtarken Effekt machen werde. Allein hierin war er im Irrthum. Eine derbe, rothwangige Dirne deutete ziemlich frech auf ihn und rief zu ihren Gefährtinnen gewendet: — Da, ſeht nur, was für'n deutſcher Wurſtma⸗ cher daher kommt!—* Die Mädchen lachten hell auf. Ein junger Burſch im rothen Hemd ſchlug ſich ins Mittel. Er gebot der frechen Dirne Stillſchweigen und drohete ihr mit hand⸗ greiflichen Zurechtweiſungen; die Dirne verhieß ihm, unter pöbelhaften Schimpfreden, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Der Freund der Volksthümlichkeit hielt es nicht für nöthig, den weitern Verlauf des Geſprächs mit anzu⸗ hören, und ein wenig gekränkt durch die verächtlichen — Vom Grafen Sollogub. 77 Prädikate eines„Deutſchen“ und„Wurſtmachers“ ſetzte er ſeine Wanderung weiter fort. Er ſchritt über die Brücke, an einer ſchmutzigen Entenpfütze vorüber, und befand ſich plötzlich neben der Kirche. Hier beruhigte ſich ſein Gemüth und ſeine Gedanken nahmen eine an⸗ dere Richtung. Hinter dem Kirchlein zog ſich ringsum eine ſteinerne Mauer hin, inmitten des umfriedeten Platzes aber, aus dem dichten Graſe, ragten zahlreiche hölzerne und dunkelroth gefärbte Kreuze hervor. Beim Anblick dieſer ſchlichten Kennzeichen dahingeſchwundenen Lebens blieb er in minutenlanges andächtiges Schwei⸗ gen verſunken. In der That ein Dorfkirchhof macht auf unſerm Geiſt einen ganz andern Eindruck, als ein Gottesacker in der Stadt; während dieſer ein ſchwe⸗ res, drückendes Gefühl in uns hervorruft, wird uns beim Anblick des erſtern ruhig und wohl ums Herz. Je mehr ſich das Leben dem Naturzuſtande nähert, deſto weniger ſchrecklich erſcheint uns der Tod, und hier flößt er uns eher den Gedanken eines ſtillen Uebergangs in ein ſchöneres Land ein, oder nimmt mehr die Geſtalt einer friedlichen Umwandlung an, die uns reichlich für die Vergangenheit entſchädigt, als daß er für uns zum troſtloſen Abſchied, zum endlos tiefen Abgrund würde, in dem ſamt allen Hoffnungen und Freuden, allen Lei⸗ 78 Tarantas. den und Mühen das ganze irdiſche Daſein des Men⸗ ſchen auf ewig verſchwindet. Iwan Waßiljewitſch trat jetzt vor die Kirche, der Glöckner ſtand an der Thür, und in der Ferne ſchritt der Geiſtliche heran. Es war eine hohe, achtunggebie⸗ tende Geſtalt im langen ſeidenen Talar, den breitkrem⸗ pigen Hut auf dem Haupte und einen langen Stock in der Hand. Wo er vorüberging, ſtanden die Bauern auf, nahmen die Hüte ab und grüßten ehrerbietig ih⸗ ren Seelenhirten; Einige küßten ihm die Hand, An⸗ dere brachten ihm ihre Kinder, daß er dieſelben ſegne. Nur ein bleicher, abgemagerter Vauer, hohläugig und mit dichtem, ſchwarzem Barte, behielt den Hut auf dem Kopfe und drehte dem Geiſtlichen verächtlich den Rücken. Dies Benehmen fiel unſerm Beobachter auf, er wen⸗ dete ſich an einen der naheſtehenden Bauern, der ſein kleines Kind auf dem Arme trug, mit der Frage: — Weshalb nimmt der ſchwarze Kerl da ſeinen Hut nicht ab vor dem Geiſtlichen?— Der Gefragte hüllte zuvor das Kind ganz ſorgſam in ſeinen Pelz, damit es dem etwaigen„böſen Blick“ des Fremden nicht zugänglich ſei, und erwiderte dann ziemlich nachläſſig: Vom Grafen Sollogub. 79 — s iſt'n Altgläubiger!— Dies Wort durchzuckte Jwan Waßiljewitſchs Hirn wie ein Blitzſtrahl. — Dies iſt ein Reiſeeindruck, das iſt eine Aufgabe für mich!— murmelte er zwiſchen den Zähnen— Den Einfluß der Häreſie auf das ruſſiſche Volk zu be⸗ ſtimmen, ihren Urſprung, Entwickelung und Zweck der⸗ ſelben ausfindig zu machen!— Giebt's bei Euch viele Raskolniken?*)— fragte er haſtig den Bauer. — Was wollen Sie?— — Ob es bei Euch viele Raskolniken giebt?— wiederholte der Frager. — Raskolniken.... Nein, nicht eben ſehr viele... — Aber wieviel ungefähr werden da ſein?— — Wieviel?.. Wer kann wiſſen, wieviel ihrer ſind... — Aber ſag' mir doch, Brüderchen, worin beſteht denn ihre Lehre?— — Wäs für ne behre — Worin beſteht ihr Gottesdienſt?— — Ihr Gottesdienſt?..'s geht bei ihnen Alles nach alten Büchern.... ²) Sektirer oder Altgläubige in Rußland. Tarantas. — Aber wodurch unterſcheiden ſie ſich von Euch?— — Was wollen Sie?— — Wodurch ſie von Euch verſchieden ſind?— — Verſchieden?... Sie ſind Alle nach dem alten Glauben.... — Ich weiß wohl; aber ſie haben doch ihre Ge— bräuche, ihre Bethäuſer, ihre Prieſter?— — ne bekannte Sache,— Alles nach dem alten Glauben.... — Von was für'ner Sekte?— — Was wollen Sie?.. — Von welcher Ketzerpartei?. — Was wollen Sie?.. — Was ſind Sie: Duchoborzen, oder ſind ſie von denen, die keine Prieſter haben, oder Milchtrinker oder Verſchnittene?— — Duchoborzen?.. nein,'s ſcheint, Duchoborzen ſind's nicht, aber ſie gehen nur nicht in die Kirche.. s muß wohl ſo ſein nach dem alten Glauben.... — Allein es wäre doch intereſſant, zu wiſſen,— fuhr Jwan Waßiljewitſch raiſonnirend fort— ob ſich ihr Bekenntniß nur in der Form oder dem Weſen nach von unſerm unterſcheidet?.. Ob ihre Spaltung eine bürgerliche oder eine kirchliche?.. Vom Grafen Sollogub. 81 — Alles nach dem alten Glauben.. ſagte der Bauer und drehte dem wißbegierigen Frager kaltblütig den Rücken, worauf er ſich mit ſeinem Kinde ins Haus begab und die Thür hinter ſich ſchloß. Jwan Waßiljewitſch ging nachdenklich weiter. Obſchon die bäuerlichen Aufklärungen in Betreff der Raskolniken nicht beſonders klar, ja ſogar ſehr unbefriedi⸗ gend waren, ſo gaben ſie dennoch immer Anlaß zum Nach⸗ denken. Jwan Waßiljewitſch ging alſo und dachte nach... Plötzlich unterbrach ein ſchallendes Gelächter ſeine Be⸗ trachtungen inmitten ihres intereſſanteſten Entwickelungs⸗ ganges. Von dem unerwarteten Lärm betroffen, blickte Iwan Waßiljewitſch empor, verlor den Faden ſeiner tiefſinnigen Ideen und blieb unwillkürlich ſtehen. Vor der Thür einer Schenke umgab ein dichtgedrängter Volks⸗ haufe eine Art von Erzähler im kurzen Pelz ohne Ueber⸗ zug, die Soldatenmütze auf dem Kopfe, ohne Backen⸗ und Kinnbart, aber mit einem deſto größeren eisgrauen Schnauzbart, der ſich längs der Vacke bis zu den Ohren hinaufzovg. Auf dem Halbpelz über der linken Bruſt hingen an verblichenen Bändern zwei Med aillen; doch auch ohnedies hätte man an der kräftigen Geſtalt und der entſchiedenen Haltung des Erzählers den alten verabſchiedeten Soldaten leicht erkannt. Nord. Novellenbuch. IW. 6 Tarantas. 82 — Das nenn' ich mir'n richtigen Soldaten!— hob einer aus dem Haufen an— Ja, ja, der Dienſt! Gott verzeih mir's.... Der iſt überall geweſen, hat ſich an Allem ſatt geſehen.... — Jo, ja!— fiel ihm der Erzähler ins Wort, der, wie's ſchien, ſich ein Feiertagsvergnügen machte— Bin von anderm Schrot und Korn als ihr, ſaß nicht bei den Weibern hinterm Ofen. Hab auch wohl Erbſen gedroſchen, waren aber von größerm Kaliber als eure. Gott ſei gelobt, habe die Chranzoſen“) geſehen und ging mit gegen die Türken!— — Da ſeht nur!... Gegen die Türken biſt Du ge⸗ gangen?— — Gegen die Türken.... Weiß Gott, gegen die Türken! Im Jahre acht und zwanzig ging's gegen die Türken. Die haben's richtig bekommen, ſie werden dran denken, oh, oh, oh!— — Weswegen aber gab's Krieg mit den Türken, Väterchen?— — Weswegen? Alle Welt weiß, weswegen! Der türk'ſche Saltan, ſo heißt in ihrer verwünſchten deutſchen *) Der gemeine Ruſſe pflegt ausländiſche Namen und Benennungen häuſig zu verunſtalten. So hört man noch gegenwärtig Chranzoſen ſtatt Franzoſen u. a. m. Vom Grafen Sollogub. 83 Heidenſprache ſo'ne Art von Kaiſer bei ihnen, hatte unſerm Zar nen Brief geſchrieben, drin ſtand: Hab' Dir's doch geſagt, daß Du mir aus'm Wege gehen ſollſt, und machſt mir keinen Platz; jetzt mach' nur keine Umſtände und laß alle Deine rechtgläubigen Chriſten gleich zu unſerm unſaubern Heidenglauben umtaufen... — Ach der ruchloſe Heidenkerl!— rief ein Alter aus dem Haufen. — Freilich iſt's'n ruchloſer Kerl! Und was für einer! Weiß nichts von Subordination.... Schickt da ſo'nen verwogenen Geſandten her: Bin vom türkſchen Saltan zu Eurer kaiſerlichen Majeſtät hergeſchickt!— Und das war Alles. Und'ne andre Geſchichte noch, Kin⸗ der; brachte der Kerl'ne Hand voll Mohn mit: Soviel Mohnkörner ihr hier ſeht, ſoviel Regimenter hab'n wir; alſo wollt ihr gefälligſt ohne Umſtände nach unſrer Pfeife tanzen!— — Nu, und unſer Zar, was meinte der dazu?— fragte ein hochſtämmiger Burſch. — Ja, unſer Zar, der hat den Kopf auf dem rechten Flecke, ſchickt zur Antwort eine Hand voll Pfef⸗ ferkörner zurück:'s ſind nur kleine Dinge, ſpricht er, aber verſuch's mal aufzubeißen.... Die Bauern brachen in ein herzliches Gelächter aus. 84 Tarantas. 6 — Potz tauſend, das war gut; weiß der Perr,“ war richtig abgeführt.... Aber der Tatare, der kroch gewiß darauf zu Kreuze?— — Den Teufel auch kroch er zu Kreuze!... Waren wie beſeſſen, die Munition war wohl nicht richtig im Ober⸗ kaſtelle, hatten ſich die Sache gewiß nicht recht überlegt... s is ganz verdrehtes Volk. Man ſagt's ihm auf gut ruſſiſch, ſo ſcheint mir's, und der macht noch ſeine Spe⸗ renzien! Aber was will der mit ſeinem halbgaren Volke gegen eins von unſern Grenadierbataillons machen? Wir konnten wahrlich unſer Müthchen nicht mal ſo nach Herzensluſt an den Kerlen kühlen.'s paſſirt wohl, daß Einer und der Andere wie wuthig herausgeſprungen kommt; nu, denkt man, mit dem willſt Du Dir n bis⸗ chen Spaß machen.. aber kaum giebt man ihm n Naſenſtüber— guckt man hin— da liegt die Beſtie auch ſchon da und ſtreckt alle Viere von ſich... — Höre, ſind ſie denn weit von hier zu Hauſe? — fragte ein Bauer. — nn bischen weiter als Dein Kohlgarten.. wir marſchiren und marſchiren, ſo'n drei Monat lang hin⸗ ter nander, mußten unzählige Male überſetzen. Und durch was für elendes Land kamen wir!... ne wahre Schande, wie's da ausſieht, lauter Berge, und immer wieder Berge. Vom Grafen Sollogub. 85 Wahrlich'n wahrer Jammer! Gott mag von ihnen nichts wiſſen wollen, des verwünſchten Glaubens wegen. Da iſt auch nicht mal m Fleckchen, wo ein Regiment in Front aufmarſchiren könnte, wie ſich's gehört. ne erbärmliche Gegend! Und nichts zu kriegen, nicht mal'n elender Düt⸗ chenkrämer da.... Unſre Herren Offiziere ſagten, s wäre ſo n ſchönes Klima, und ne Nähnadel koſtet vier Kopeken!— — Wohin kamt ihr denn endlich?— fragte ein Alter. — Der Teufel weiß, was ſie für vertrackte Namen ausſpintiſiren. Wir kamen da in ein Land, Awarien, kennt's keine Chriſtenſeele. Ich beſinne mich, als wir im Jahre vierzehn nach Paris gingen, mußten wir auch durch dieſes Awarien. Von da ging's dann ins Türken⸗ land ſelber; ich ſtand damals noch bei den Feldbäckern. — Haſt wohl viel ausgeſtanden?— fragte der Alte abermals— Da war gewiß nicht viel Zeit, ſein Schläf⸗ chen im Zelte zu machen.... — Was für Zelte, alter Graubart! Da hält man Nachtquartier unterm fteien Himmel; kommt man an Ort und Stelle an, ſo wird vom Kommandeur zur Ruhe kommandirt, nu und ſuch' Dir ein Unterkommen, ſo gut es geht. Leg Dich auf den Bauch, deck Dich mit dem Rücken zu, und nun ſchlaf zu in Gottes Na⸗ ———— Tarantas. 86 men bis die Trommel geht. Das thut aber Alles nichts, der Soldat kann ſchon was vertragen. Aber nirgend ein Trunk Kwas zu haben, ſo'n gottvergeſſnes Volk!— Dabei ſpie der alte Kriegsmann aus und winkte abwehrend mit der Hand, als ob er froh ſei, daß er das Türkenland im Rücken habe. Alle Anweſende umſtanden ihn, gleichfalls von Un⸗ muth erfüllt, einige Augenblicke in tiefem Schweigen... Endlich begann der hochſtämmige Burſch abermals ſeine wißbegierigen Fragen: — Aber ſag doch mal, Onkelchen, wie haben ſie Dich denn bleſſirt?— — Oho, das iſt mir n richtiges Wunderding,'ne wahre Lumperei!... Sie wiſſen Unſereinem nicht mal'ne ordentliche Wunde beizubringen, haben mich'n bischen am Knie gekratzt, das iſt Alles.... — Aber wie kam's denn nur?— — Wie's kam? Nu das will ich Euch ſagen. Bei der Feſtung— wie denn gleich?...'s is ſo'n ſchwe⸗ rer Name, daß man ihn auf einmal gar nicht raus⸗ bringt— wir ſtanden ſo zum Beiſpiel ſo ein zehn Werſt weit davon. Auf einmal hört man ſchießen. Hoho! Gewiß wollen ſie die Stadt mit Sturm neh⸗ men.'s wird Allarm geſchlagen. Kinder— ſpricht Vom Grafen Sollogub. 87 der Kommandeur— da gilt's kein Federleſen, müſſen unſere Leute heraushauen und zeigen, wer wir ſind!... Da liefen wir acht oder neun Werſt, ohne uns umzu⸗ ſehen, daß die Burſchen ganz außer Athem kamen.* war aber auch kein Spaß! Liefen dicht bis in die Stadt'nein; verſteht ſich, man ließ uns'n Bischen verſchnaufen, und Jeder bekam'nen Schluck. Ich denke noch, wie mich da mein Kamerad, der graue Taraſſenko, zu Lachen machte—'ne alte Laffette! hatte noch unter Suworof gedient und war mit gegen die Barboner ge⸗ zogen.... Ohe, ſpricht er, ne verdrießliche Geſchichte, aber ich habe mich zu Schanden gelaufen... Und weg war er, der alte Satan!— Als wir wieder zu Athem gekommen waren, fragt uns der General:— Heda! Kinder, kann man wohl die Feſtung da nehmen? Die Feſtung aber ſtreckte ſich ganz verteufelt lang in die Luft hinein....*s war nirgend anzukommen, ſchüttle, wie Du willſt!— Ne, Ihro Excellenz, hieß es, dem Dinge iſt nicht beizukommen, s iſt zu ſtark.— Wenn's aber befohlen wird?— Nu, wenn kommandirt wird, da muß man ſie wohl nehmen, wohl oder übel!— Nu dann in Gott's Namen, drauf, Kinder!.. Immer luſtig.... Muſik voran... Vorwärts, marſch!— Aus der Feſtung aber ſchoſſen ſie mit Kanonen, mit Muske⸗ 88 Tarantas. ten, und was ihnen unter die Hände kam s war ein Lärm und Gekrach, daß einem Hören und Sehen ver⸗ ging.... Ei was da.... Haſt's Kommando nicht ge⸗ hört? Immer friſch drauf los! Hurrah Kinder! und, weiter nichts.... Ich weiß nicht, wie wir naufkrochen, aber nauf krochen wir, nahmen die Kanonen, riſſen die Fahnen runter— und die Feſtung war gewonnen. s iſt wahr, viele Leute fehlten uns, als es zum Zäh⸗ len kam, nu ſie haben's Himmelreich erworben und ſind nen ſchönen Tod geſtorben. Gegen Abend ſagt der Feldwebel zu mir: Höre, Bruder, Du thätſt wohl gut, nachher zu Karl Jwanowitſch, dem Doktor, zu gehen, ſie haben Dich ordentlich gekratzt.— Bah,'s war wahr⸗ haftig ſo! Und ich hatte nichts von Allem bemerkt. War nichts zu machen, ſie brachten mich ins Lazareth... ne wahre Lumperei, brauchte nicht mal'ne Krücke, nur Schad', mit dem Marſchiren wollt's nicht mehr fort.... Nu, ich hatte meine Zeit vermuthlich ausgedient, und ſollte mit dem Bauervölkchen die Zeit verplaudern... Ohe, hab's richtig auch verſchwatzt; laßt's Euch wohl bekommen, Kin⸗ der, ich bin auf en Glas Bier zum Staroſt geladen!—— Hier legte der alte Kriegsmann die Hände flach an's Bein, drehte ſich nach alter Gewohnheit ganz vorſchrift⸗ müßig links um und machte ſich, zwar etwas hinkend, Vom Grafen Sollogub. 89 aber in ſoldatiſcher Haltung unter Begleitung der vor ihm und hinter ihm drein laufenden Buben auf den Weg. Der dichte Haufe der Zuhörer fing allmälig an ſich auseinander zu begeben und Viele ſchüttelten die Köpfe oder ließen ihre Herzensmeinung laut werden — So'n alter Bullenbeißer!... ss iſt'n Teufels⸗ kerl!.. ich lobe mir den Dienſt!... Der hat ſein Brod nicht umſonſt gegeſſen.... Ei ſeht doch. das iſt mir Einer, meiner Treu!— Iwan Waßiljewitſch ſetzte ſeinen Weg weiter fort. Ringsum ergellten halbfröhliche, halb-luſtige Ge⸗ ſänge, die bald ein mächtiges Gefühl, bald feinen, bei⸗ ßenden Spott ausdrückten. Die Dorfjugend warf dem Reiſenden ihre Knochenkegel vor die Füße, und alsdann blieben die Buben ſtehen und ſchauten ihm lange ver⸗ wundert nach. Gebrechliche, ganz zuſammengebückte Greiſe mit ſilberweißen Bärten ſchlichen bedächtig um die Hütten, von ihren ehrerbietigen Enkeln unterſtützt. Die Burſchen zogen die Mützen vor ihnen, und die jun⸗ gen Weiber halfen ihnen beſorglich auf die Bänke vor den Häuſern.— Beim Staroſt aber ging's heute hoch her. Nicht nur das Häuschen, ſondern auch das Vor⸗ haus, ja ſogar der Hof waren gedrückt voll von Gä⸗ ſten. Verſchiedenes Gebäck, getrocknete Fiſche und Fleiſch⸗ 90 Tarantas. ſpeiſen aller Art, unter denen das Spanferkel eine der Hauptrollen ſpielte, erdrückten mit ihrer üppigen Laſt die in Eile aufgeſchlagenen Tiſche. Ungeheure Eimer mit Hopfenbier und Kwas angefüllt, lockten die Lieb⸗ haber durch ihre verführeriſchen, berauſchenden Düfte. Einige der Gäſte lagen bereits ſchon übervoll hinter dem Ofen oder den Breterverſchlägen ausgeſtreckt. Die Wir⸗ thin ging unabläſſig unter den werthen Gäſten hin und her, neigte ſich und bat, die beſcheidene Bewirthung, wie's Gott gegeben, nicht zu verſchmähen. Der Wirth aber füllte unaufhörlich die Kannen und drängte die Wirthin, ſich tiefer zu neigen und die Gäſte ſtärker zu nöthigen. Beide hätten gern für das Feſt nicht nur all ihren aufgeſpeicherten Vorrath, ſondern auch was ſie in künftiger Zeit noch erwerben oder erndten konnten, hingegeben, um nur die werthen Gäſte zufrieden zu ſtellen, damit ſich die Biedermänner gütlich thäten und es dann hieße:„Seht mal unſern Staroſt!“ Zwan Waßiltewitſch begub ſich von bangen Zwei⸗ feln erfüllt dahin:— Ein ſeltſames Volk, dachte er bei ſich, ein unbegreifliches Volk! In ihm finden ſich ſo viele Widerſprüche, ſo viele Nüancen, daß man's im ganzen Leben nicht ergründet. Und dazu kommt noch, das Volk iſt nicht etwa die Volksthümlichkeit. Vom Grafen Sollogub. 91 Abgeſonderte Kaſten für ſich, wenn auch zuſammenge⸗ nommen, bilden noch nicht den gemeinſamen Geiſt, das gemeinſame Bedürfniß. Zu dieſem Zweck muß Alles in Ein Gefühl zuſammenfließen. Ohne Zweifel ſind auch bei uns alle Stände und Volksklaſſen durch ein geheimes Band verbrüdert, aber im äußern Leben kommt dieſe Verbrüderung bei uns ſo ſelten zum Vorſchein, daß man zuweilen denkt: ob ſie denn wirklich auch vorhanden.... Wo ſoll man die Volksthümlichkeit ſu⸗ chen?—— In dieſem Augenblick ſchoß ein flinkes Dreigeſpann pfeilſchnell an Jwan Waßiljewitſch vorüber. Der Fuhr⸗ mann ſchwang luſtig die Peitſche, ſchrie ſein„weg da (padi)“, und aufrecht ſtehend winkte er den aus den Fenſtern ihm zulächelnden Dirnen ſeine Grüße zu. In der Telega ſaß ein ältlicher Herr im grauen Mantel mit rothen Aufſchlägen und in der Uniform⸗ mütze. Jwan Waßiljewitſch blickte auf. —„Ein Gerichtsbeiſitzer— rief er unwillkürlich— ein Tſchinownik!— Der Tſchinownik war ihm aber be⸗ reits aus den Augen. Die Telega ſtürmte fort, nur das Glöckchen zerfloß noch in der Ferne in ſchmelzende Triller, bald ſchwieg es, bald läutete es wieder heller, und lange gab es im Herzen Jwan Waßiljewitſchs den 92 Tarantas. Widerhall eines ſeltſamen, lauterklingenden Gefühls von ſchmerzerfülltem Muth und trauervoller Verwegenheit. Jwan Waßiljewitſch kehrte nach dem Poſthauſe zu⸗ rück mit einem ganz unerwarteten und wilden Epilog: — O ihr Tſchinowniks!— rief er tief aufſeufzend und in ſich ſelbſt gekehrt— O ihr Tſchinowniks! wa⸗ ret ihr's nicht, die ihr, aus alter Gewohnheit zu ſtehlen, auch alle Volksthümlichkeit bei uns geſtohlen habt!— Achtzehntes Kapitel. Die Tſchinowniks. Am andern Morgen fuhr der Tarantas vor der armſeligen Hütte eines Stationsauſſehers vor. Waßilij Jwanowitſch ächzte ſchwer und verſuchte mit Senka's Hülfe aus ſeiner Arche herauszukriechen. — Wie wär's denn mit dem Theechen, ſprach er, wolln wir'nTäſſchen trinken und uns'n wenig wär⸗ men, hm? Der vorſichtige Senka ſtürzte ſogleich auf den Thee⸗ kaſten los; Jwan Waßiljewitſch aber ſprang zu gleicher Zeit aus dem Tarantas und wollte in die Hütte eilen, „ Vom Grafen Sollogub. 93 als er plötzlich mit unerwarteter Beſtürzung drei Schritte zurückprallte; ihm entgegen kam ein Tſchinownik— aber ein Tſchinownik, wie ein Tſchinownik beſchaffen ſein muß, in voller vorſchriftmäßiger Form, in aller ſeiner jammervollen Größe: im alten dreieckigen Hut, in alter abgetragener Uniform mit ſchmaler goldener Borte auf dem abgeſchabten ſchwarzen Sammtkragen, mit einem ungeheuren voffiziellen Papier, das zwiſchen den Knöpfen der Uniform hervorragte; er ſchlich lang⸗ ſam einher vor Altersſchwäche und vielleicht aus gewohnter Schüchternheit. Sein kleines Geſichtchen war in wenige Runzeln zuſammengeſchrumpft; er verbeugte ſich tief und war, wie es ſchien, nicht im Mindeſten verwundert über Jwan Waßiljewitſchs, nicht ſehr ſchmeichelhaften Schreck, auch ſchritt er nichtsdeſtoweniger immer näher und nä⸗ her auf denſelben zu und murmelte mit ſeinem alten dünnen Stimmchen zuletzt folgende Worte: — Bitt' um Verzeihung, mein Herr, bitte unter⸗ thänigſt, mein Herr, mir nicht zu zürnen, daß ich zu fragen wage, ob Ihnen nicht bekannt.. ob Sie nicht zu wiſſen geruhen, inwiefern Ihro Excellenz geſonnen ſind, uns bald mit Dero Beſuch zu beehren?— — Weiß nichts davon— erwiderte barſch Jwan Waßiljewitſch und drehte ſich ärgerlich um. 94 Tarantas. — Wie?— ſchrie Waßilij Jwanowitſch,— Ihro Ercellenz, der Herr Gouverneur, geruhen das Gouver⸗ nement zu beſuchen?— 6 — Zu Befehl, mein Herr; in vergangener Woche iſt die Vorſchrift angelangt.— — uUund Sie ſind der Isprawnik?— fragte Waßilij Jwanowitſch. — Nein, ganz und gar nicht, mein Herr!— dabei wendete ſich der Tſchinownik gegen Waßilij Jwanowitſch, machte demſelben eine tiefe Verbeugung und lispelte: — Nur der Stellvertretende... — Itt hier die Grenze des Bezirks?— — Ganz recht, mein Herr.— Waßilij Jwanowitſch, als Ruſſe von altem Schrot und Korn, liebte alle neuen Bekanntſchaften außeror⸗ dentlich, nicht etwa um aus dem Geſpräche mit denſel⸗ ben irgend einen Nutzen zu ziehen, ſondern blos um ſich mit leerem Geſchwätz die Zeit zu vertreiben und ſich eine neue Phyſionomie anzuſchaun. — Iſt Ihnen nicht gefällig, mit uns ein Täßchen Thee zu trinken?— ſprach er freundlich, ohne auf das ſaure Geſicht ſeines Reiſegefährten Acht zu haben. Der Tſchinownik verbeugte ſich noch einmal gegen Waßilij Jwanowitſch, dann aber ebenſo tief gegen Jwan Vom Grafen Sollogub. 95 Waßiljewitſch, ſprang hurtig bei Seite, um Senka Platz zu machen, welcher den Theekaſten herbeiſchleppte und wand ſich hüſtelnd, ſo leiſe als möglich, ſeinen neuen Bekannten hinterdrein bis ins Haus. Im Kämmerchen des Aufſehers herrſchte tiefe Fin⸗ ſterniß. Ein alter Zitzvorhang deutete auf ein Bett im Winkel des Zimmers, wo man von Zeit zu Zeit leiſes Geräuſch vernahm. Die Eintretenden ſchenkten demſel⸗ ben keine Aufmerkſamkeit und ließen ſich auf einer Holz⸗ bank unter dem Heiligenbilde nieder, indem ſie einen langen Tiſch an ſich heranzogen. Bald war der Thee⸗ kaſten ſeiner Gläſer und Untertäßchen entledigt, das Waſſer im Samowar kochte, die Gläſer wurden gefüllt, das Geſpräch kam in Gang. — Dienen Sie ſchon lange bei den Wahlverſamm⸗ lungen?— fragte Waßilij Jwanowitſch. — Seit dem achthundertvierten Jahre..— erwi⸗ derte der Greis mit einer Verneigung, ohne das Jahr⸗ tauſend zu erwähnen. — Aber warum dienen Sie denn bei den Wah⸗ len?— fragte mit ſchlauem Blick Jwan Waßiljewitſch. — Was iſt zu machen, Väterchen? Die Armuth zwingt Einen dazu!— Jwan Waßiljewitſch lächelte bedeutungsvoll:— 96 Tarantas. Schurke!— murmelte er zwiſchen den Zähnen,— das wußt' ich wohl! Der Kerl läßt ſich beſtechen!— Der armſelige Alte ſchien ſeine Gedanken zu erra⸗ then, fühlte ſich aber nicht im Mindeſten gekränkt: — Jetzt, Väterchen,— hob er an,— ſind die Zeiten nicht mehr, wo man ſich an einer ſolchen Stelle Vermögen machte. Vor Zeiten, wenn Einer zum Ispraw⸗ nik gemacht wurde, ſo hieß es auch ſchon, daß er ein Gut von dreihundert Seelen bekommen habe; jetzt aber iſt die Regierung ſtreng und ſieht Unſereinem ſcharf auf die Finger. Oh, oh, ach, ach! Jedes Jahr kom⸗ men ihrer fünf bis ſechs Mann unter's Kriminalgericht; und ſodann— fuhr der Greis noch leiſer fort— ſind auch die Leute ganz anders geworden; äußerſt ſelten bringen Sie Unſereinem ein Pfündchen Thee oder ein halb Hütchen Zucker zu den Feiertagen zum Geſchenk. Sie wiſſen ſelbſt, Väterchen, davon wird man nicht fett,'s reicht nicht weit und bringt Einen nicht vor⸗ wärts.— — Wozu dienen Sie aber dann?— fragte Jwan Waßiljewitſch in denſelben Tone. — Die Armuth, Väterchen, die Kinder... acht Stück... elf Mann im Ganzen das will leben und gefüttert ſein, s leben noch zwei Schweſtern bei mir — Vom Grafen Sollogub. 97 und ein blinder Bruder. Nu, man denkt immer darauf, wie man's beſſer für die Kinder einrichten ſoll, viel⸗ leicht kommen ſie durch die Gnade der Vorgeſetzten in ein Kadettenkorps oder in ſo'n Inſtitut. Nu, Gott und dem Vater-Zaren ſei Lob und Ehre, man giebt uns nicht mehr'nen Gehalt wie früher, man kann ſich ſchon davon ernähren. — Aber Sie haben mancherlei Vortheile?— fragte Waßilij Jwanowitſch. — Was für Vortheile, Väterchen!'s giebt ihrer wohl,'s läßt ſich nicht leugnen, aber wieviel ſind's denn?'s ſchickt Einem vielleicht irgend ein Gutsbeſitzer nen Sack Hafer oder'nen Bischen Mehl, und auch das nur aus alter Bekanntſchaft.'s ſind jetzt andere Zeiten, Väterchen!— — Und die Arbeit iſt wohl nicht ſo drückend?— fragte Waßilij IJwanowitſch.— — Wozu hilft's Väterchen, noch viel davon zu reden! Man hat kaum Zeit zum Eſſen. Belieben Sie jetzt zum Beiſpiel zu ſehen, ich muß hier auf den Gou⸗ verneur warten, und unterdeß ſind im Bezirk noch drei Todte unbeerdigt, ſechszehn Unterſuchungen unbeendigt geblieben, bei dem Einen die Steuerrückſtände, bei dem Andern Auspfändungen oder'ne Konfiskation, ich ſage Nord. Novellenbuch. IW. 2 98 Tarantas. Ihnen, der Teufel iſt los. Dazu jeden Tag Beſtätigun⸗ gen von der Gouvernementsregierung oder Verweiſe, oder Androhungen von Strafen und erpreſſe Boten,— und Alles geht über uns her und auf unſere Rechnung. ne ſchwere Zeit, Väterchen, man iſt nur auf ſeiner Hut, um ſich vor einer Unterſuchung zu retten. Und was die Kanzelei betrifft, ſo wiſſen Sie ſelber, was es damit für'ne Bewandtniß hat: Im Ganzen hab' ich den ein⸗ zigen Schreiber Mitrophanuſchka, und noch obendrein muß ich ihm Zweihundert aus meiner Taſche bezahlen, und Kleider ſoll man ihm auch noch geben, und die alten Stiefeln ebenfalls; er beſäuft ſich, der Kerl, was Zeug hält, aber'n Hund iſt's mit Schreiben, thut's ihm Keiner zuvor. Und wenn's das Unglück haben will, ſo ſchiebt er Einem im Trunk'n Papier unter, man unterſchreibt's,'s kommt an den unrechten Mann, und man iſt zeitlebens verloren.— — Aber Sie müſſen doch ſchon Ihr Landgut ha⸗ ben?— hob Iwan Waßiljewitſch ſpöttiſch an.— — Was für'n Landgut, Väterchen! Wir ſind ihrer vier Herren dazu, und ſiebzehn Seelen im Ganzen nach der letzten Reviſion. Auf mein Theil kommen insgeſammt drei Familien, und noch dazu faſt lauter Weiber und zwar alte's iſt aber kein Segen drrin, — Vom Grafen Sollogub. 99 ein hübſcher Burſche war drunter, muß er ſich die Hand verſtauchen; und die Weiber ſind ſo klein, dürr und erbärmlich, daß ſie weder im Felde arbeiten noch Lein⸗ wand weben können, ſie ſind zu Garnichts zu ge⸗ brauchen.— — Ja,— warf Waßilij Jwanowitſch ein,— das iſt ein wahres Unglück, eine ſchlechte Arbeiterin bringt nicht viel Gewinn!— — Das wäre Alles noch nichts,— fuhr der arme Tſchinownik fort,— aber da kommt noch ein anderes unglück, man wird alt und ſchwach; zuweilen ſitzt man hinter den Papieren, und auf einmal wird's Einem ſchwarz vor den Augen, aber ſo ſchwarz, daß man weder die Schrift noch's Papier ſieht.... Der Teufel weiß, was Das iſt... Man wird nicht klug d'raus. ene wahre Strafe Gottes!... Was ſoll man dagegen machen! Die Hauptſache aber, zum Herumfahren, wie jetzt zum Beiſpiel neben Seiner Excellenz, taugt man ganz und gar nicht mehr;'s thun Einem alle Glieder weh, und doch iſt Nichts zu machen; marſch fort auf den Weg mit der Troika“) und die Pferde angeſpannt!— *) Das Dreigeſpann, d. h. drei Pferde in der Breite vor der Telega. 100 Tarantas. Jwan Waßiljewitſch wurde ganz betrübt ums Herz. Er ſtand auf und begab ſich nach dem dunkeln Winkel. Hinter dem Vorhang hörte man lautes Stöhnen. IJwan Waßiljewitſch hob ihn eilig in die Höhe.... Auf dem Bett ſaß der Stationsaufſeher und ſeine Füße hingen zur Erde. Obgleich JIwan Waßiljewitſch ein Mann von europäiſcher Bildung und Verkündiger allgemeiner Gleichheit war, ſo fand er ſich nichtsdeſtoweniger ſehr an ſeiner Ehre gekränkt, daß ein ſimpler Aufſeher es wage, vor ihm nicht aufzuſtehen. Er war eben im Be⸗ griff demſelben eine ganz antieuropäiſche Bemerkung zu machen, jedoch ein aufmerkſamer Blick, den er dem Auf⸗ ſeher ſpendete, that ſeinem adligen Unwillen Einhalt. Dem bleichen und eingefallenen Geſicht des Mannes war der Stempel ſchwerer Leiden aufgedrückt, und in ſeinem ganzen Weſen ſprach ſich eine furchtbare Abſpannung aller Lebensgeiſter aus. — Sie ſind unwohl?— fragte er. — Ja, Herr,— erwiderte eine heiſere Stimme, — ich bin ſchon das zweite Jahr an Händen und Füßen gelähmt. Auf dem Pfühl, worauf der bewegungsloſe Mann ſaß, lagen drei Kinder... Der älteſte Knabe blickte den Vater mitleidig und voll Theilnahme an, die an⸗ Vom Grafen Sollogub. 101 dern wälzten ſich auf den Kiſſen und ſchrien kläglich nach Brod oder hüllten ſich in die Fetzen der zerriſſenen Decke. — Warum iſt's ſo kalt bei Ihnen,— fragte be⸗ ſorglich Jwan Waßiljewitſch,— das taugt Nichts für einen Kranken.— — Was ſoll man machen, Herr? Holz giebt man uns nicht;'s iſt hier'ne freie Station, ſie wird von nem Gutsbeſitzer gehalten, der läßt kein ordentlich Stück Holz geben.... Sehen Sie nur in den Ofen, lauter Reiſig und grünes Strauchwerk, man hat nur Rauch davon im Zimmer, aber keine Wärme. Ich ſchickte neulich zu ihm, ob er mir nicht ein wenig Holz geben will.... Ei, was da!— ſchrie er,— zum Teufel will ich ihn jagen!'s iſt hier eine große Station, wir brauchen keinen Kranken, kann machen, daß er fort⸗ kommt! Aber ſehen Sie nur ſelbſt, wohin ſoll ich gehen? Ja, auf der nächſten Station iſt's ein ander Ding— fuhr der Aufſeher mit neidiſchem Lächeln fort— da iſt en guter Edelmann, Holz im Ueberfluß und ein präch⸗ tiges Leben. Aber mich hätte man ſchon längſt fort⸗ gejagt; Gott ſei's gedankt, daß ſich die Vorgeſetzten meiner angenommen haben,'s wurde mir erlaubt hier von meinem Söhnchen das Amt verſeh'n zu laſſen.... Iſt erſt elf Jahr alt und ſchreibt ſchon.... 102 Tarantas. Der beklagenswerthe Dulder blickte mit einem un⸗ ausſprechlich zärtlichem Gefühl auf den blondgelockten Knaben, der in kurzem Schafspelz neben ihm lag. — Nun, Iwan,— rief er,— ſteh' auf und ſchreib ein... gieb mir den Reiſepaß.— Der Knabe entfaltete den Reiſepaß und hielt ihn dem Vater vor, alsdann rückte er einen Tiſch ans Bett, griff nach einer Feder und wartete ehrerbietig ab, was ihm ſein Vater dietiren werde. — Nun. fertig, Jwan? Schreib ein: Von Mos⸗ kau nach Kaſan... Gott ſegne meine Vorgeſetzten, daß ſie ſich meiner angenommen haben!... Auf den Reiſepaß des moskowiſchen Civilgouver⸗ neurs.... Auch den Reiſenden ſoll's Gott lohnen, s hat ſich keines beklagt, hab' aber auch immer das Meinige gethan.... Den zweiten Oetober.... Haß Du's geſchrieben, Jwan?... um ihnen Alles nach Wunſch zu thun.... Nummer 7273... und bin immer höflich gegen ſie geweſen; Gott ſei's gedankt, ſie nehmen auch Antheil an mir!... Dem kaſaniſchen Gutsbeſitzer.... Neulich fuhr ein Doctor hier durch, n prächtiger Mann!... rieth mir, mich in der Stadt auskuriren zu laſſen. Mit wem ſoll ich gehen? Woher 's Geld nehmen? Wie ſoll ich fahren? Kann mich — Vom Grafen Sollogub. 103 nicht von der Stelle rühren. Ich muß mich ſo kuriren, ſo gut's gehen will, mit einfachen Hausmitteln, am Allerbeſten aber iſt's, man hilft ſich mit Beten.... — ss iſt doch ein ſeltſam Ding,— dachte Jwan Waßiljewitſch bei ſich,— als ich in dies Zimmer trat, wollte ich ſchelten und grollen, oder wenigſtens nach Herzensluſt mein Müthchen kühlen, jetzt aber, wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, möchte ich lieber weinen.... Er kehrte ſich um und warf einen Blick auf ſeine Geſellſchafter. Dieſe aber ſaßen traulich beieinander und hatten bereits mit tiefem Behagen ein halbes Dutzend Gläſer Thee ausgeſchlürft. Neunzehntes Kapitel. Der Oſten. — Kaſan!... Tataren!... Der Orient!— ſchrie jubelnd Iwan Waßiljewitſch, der eben ausgeſchlafen hatte. — Kaſan.. Joann der Schreckliche.. Türkiſe, Seife, Schlafröcke.. das Königreich Kaſan.. der Vorhof Aſiens! Endlich bin ich in Kaſan!... Wer hätte das gedacht, und doch iſtes ſo! Wir ſind im 104 Tarantas. Orient angelangt, zwar nicht ganz im Orient, aber doch in der Nachbarſchaft... Man ſieht aber auch ganz andere Dörfer auf dem Wege, mit Moſcheen, mit Häuschen ohne Fenſter, mit Weibern, die ſich vor unſerm Tarantas verkriechen und ſich mit ſchmutzigen Handtüchern das Geſicht verhängen.... Selten ſtößt man unterwegs auf einen rechtgläubigen Bart.... Jetzt aber wird's maleriſcher; bald kommt ein kleiner, glatt⸗ geſchorner Tatar in ſeiner Tſchibiteika oder ein dum⸗ mer Tſchuwaſch oder eine mit allerhand Putz ausſtaf⸗ firte Mordwinin einhergegangen.'s wird immer beſſer, greif' raſch nach dem Bleiſtift, Jwan Wafiljewitſch, greif' geſchwinder zu! Schreib' nur immer hin„unterdeß kommt auch die Begeiſterung!. Schreib' deine Be⸗ merkungen nieder.... Fange deine Reiſeeindrücke an! —„s kommt ein Tatar,'s kommt ein Tſchuwaſch, s kommt eine Mordwinin“.. Nun, und was weiter?. —„Du haſt'n Tataren geſehn, haſt'n Tſchu⸗ waſchen geſehn, haſt'ne Mordwinin geſehn“ Nun, und was iſt dabei?... — Das iſt's,— rief enthuſiaſtiſch Jwan Waßihe⸗ witſch,— das iſt's ja gerade!... Man muß das Loch in unſrer Geſchichte zuſtopfen. Man muß eine kurze aber vielſagende Chronik des öſtlichen Aſiens abfaſſen, Vom Grafen Sollogub. 105 mit einem Adlerblick das Thun und Treiben der No madenvölker überſchauen. Hier war das mordwiniſche Königreich, das ſich endlich zerſpaltete, und Niſchnij un⸗ ter Anführung ſeines tapfern Feldherrn Purgas mit Knechtſchaft und Unterjochung bedrohte! Dort war das bolgariſche Königreich mit ſeinen Städten, mit ſeinem weitausgebreiteten Handel! Hier waren zahlreiche Völ⸗ ker, die gezogen kamen, man weiß nicht woher, die wei⸗ ter zogen, man weiß nicht wohin, und zuletzt verſchwan⸗ den ohne eine Spur, noch ein Denkmal ihrer Anweſen⸗ heit zu hinterlaſſen!... Hier aber kühlte ſich die Hitze Jwan Waßiliewitſch's ein wenig ab. — Aber wo nimmt man denn die Quellen her?— dachte er bei ſich. „Die Quellen wird man wohl irgend wo finden. Aber wo wird man ſie finden?“ — Nein, Jwan Waßiljewitſch, das iſt ſchon ein mühſam Ding, und, wie's ſcheint, nicht nach deinem Geſchmack.... Du mufßt ſchneller zum Ziele kommen. In der That aber, wer hat Luſt, ſein ganzes Leben für eine Sache zu opfern, aus der, wenn man die Probe darauf macht, nichts anders herauskommt, als— dum⸗ mes Zeug? 106 Tarantas. — Soll man irgend einen offiziell ſtatiſtiſchen Artikel im Geſchäftsſtyl fabriciren?—„Kaſan. Breite. Länge. Topographie. Hiſtorie. Städtiſche Eintheilung. Handel. Civiliſation. Sitten.“— In Betreff der letztern Punkte könnte man ſagen, daß man im Melnikofſchen Wirthshauſe für den Tiſch ſo und ſo viel bezahlt, für den Thee aber ſo und ſo viel. Ferner: In Kaſan giebt's mehr als Hundert Wirthshäuſer, ergo: befindet ſich die Stadt in einer äußerſt blühenden Lage und hat einen bedeutenden Um⸗ ſaz. Häuſer giebt's ſo und ſo viel, Bäder ſo und ſo viel u. ſ. w. Nein, Jwan Waßiljewitſch, das nennt man keinen lebhaften Reiſeeindruck, ſondern vielmehr ein nach Dienſt⸗ vorſchrift verfaßtes Opus oder die getreue Kopie eines Artikels aus einer Gouvernementszeitung. Was ſoll man alſo machen? Soll man wirklich die Nachwelt eines ſo gediegenen Opus gänzlich berauben? Man könnte ja von der hieſigen Univerſität insbe⸗ ſondere und von allen Univerſitäten im Allgemeinen ſprechen. Die hieſige Univerſität iſt in ganz Europa bekannt durch ihr Obſervatorium, durch die Mathe⸗ matik, ganz beſonders aber durch das Studium der †— Vom Grafen Sollogub. 107 orientaliſchen Sprachen. Allerdings weiß ich nicht viel davon. Man ſagt, es ſoll hier eine vortrefflicht Bibliothek ſein.... Ungeheuer viel Handſchriften.... Zu leſen verſtehe ich ſie nicht, aber trotzdem liebe ich ſie aus⸗ nehmend. Ich kann mich noch auf die allerwichtigſten beſinnen: Orientaliſche mit wunderſchönen Zeichnungen und . Arabesken, deren man ſich mit der Zeit für die ruſſiſche Ornamentik bedienen kann. Ferner eine hebräiſche: Der Pentateuch, d. h. die fünf Bücher Moſes, auf 50 Bockfelle geſchrieben— und ſämmtlich in ein ungeheue⸗ res Bündel zuſammengerollt. Ferner: „Ein Buch aus dem Jahre 1703 und darin ein Verzeichniß ſämmtlicher Bojaren und Okolnitſchi“), mos⸗ kowiſchen Edelleute, Diakonen, Staatsdiener und Ein⸗ wohner.“ „Die Reiſe des Stolnik“*) Peter Tolſtoi in Eu⸗ ropa im Jahre 1697.“ „Die Hochzeitsfeierlichkeiten der Zaren Michail Feo⸗ dorowitſch und Alerej Michailowitſch.“ *) Eine hohe Würde unter den frühern Zaren und zwar deren nächſte Umgebung. 3 **) Der Truchſeß der alten Zaren. —————— 108 Tarantas. „Von der Ankunft der heiligen ökumeniſchen Pa⸗ triarchen in Moskwa, zufolge vom Zaren Alexej Mi⸗ chailowitſch an ſie ergangenen Schreibens.“ „Tagebuch, wer im Jahre 1613 in den Gerichts⸗ ſitzungen geſeſſen.“ „Handſchriftliches Adelsregiſter.“ „Kriegsreglement des Zaren Waßilij Jwanowitſch Schuiski.“ „Traité d'Arithmetique par Alexandre de Sou- voroff.“ Eigenhändig von Suworof in ſeiner Jugend geſchrieben. Außerdem die ganze Bibliothek des Fürſten Potem⸗ kin, des Tauriers. — Uf! Ah!— ſeufzte Jwan Waßiljewiſch,— Alles das mag ohne Zweifel höchſt intereſſant ſein, aber man. muß nur das Alles leſen. Es wäre bei Weitem einfacher„die Beſchreibung von Kaſan“, herausgegeben von Herrn Rybuſchkin, zur Hand zu nehmen und geradewegs aus derſelben abzu— ſchreiben. Als Zugabe, um ſich ein gelehrtes An⸗ — ſehen zu geben, das allerdings wenig Leute irre führt, aber doch Jemand irre führen kann, verliert man ſich in Hypotheſen über die Abſtammung des Namens der Stadt. Vom Grafen Sollogub. 109 In Rußland wird Mancher für gelehrt gehalten, der ſich mit fremden Federn ſchmückt. Viele würden an meiner Stelle ihr Buch auf fol⸗ gende Weiſe angefangen haben: „Man glaubt gewöhnlich, daß die Benennung der Stadt Kaſan von dem türkiſchen Worte herkommt, was ſoviel heißen will als ein„Theekeſſel“. Man mag ſagen, was man will,— bemerkte Jwan Waßiljewitſch— allein dies Wort, welches weder ich noch der Leſer herausbringt, giebt ſogleich meiner In⸗ troduktion eine bedeutende und zugleich angenehme Fär⸗ bung. Nicht Jeder ſchreibt Nicht Jeder weiß, daß 6 und ein Theekeſſel ein und daſſelbe iſt. Aber wenn man ordentlich darüber nachdenkt, was kümmert das eigentlich die Leute? Die Zeit der Char⸗ latanerie und der leeren Worte fängt allmälig an ſich zu verlieren.— 6 110 Tarantas. Und lohnt's in der That der Mühe, ſich damit ab⸗ zuquälen, ob wirklich der Diener eines gewiſſen Altyn⸗ Bek unverſehens den Keſſel umgeſchüttet habe, als er eben für ſeinen Herrn Waſſer holen wollte? Das führt zu ganz und gar Nichts,'s iſt bloßes Geſchwätz, und wenn ſelbſt die Khane das Waſſer aus Keſſeln getrunken oder ſonſt Etwas mit den Keſſeln angefan⸗ gen, ſo hat dies ebenfalls für uns nicht das mindeſte Intereſſe mehr! Plötzlich ſchlug ſich Jwan Waßiljewitſch vor die Stirn. — Ich hab's gefunden,— rief er begeiſtert,— ich habe meinen neuen, tiefen, koloſſalen Geſichtspunkt ausfindig gemacht!... Ich bin ein ruſſiſcher Mann, ich habe mich Rußland geweiht. All' mein Bemühen, alle meine Gedanken widme ich meinem Vaterlande, und des⸗ halb können alle andere Gegenſtände für mich nur einen relativen Werth haben. Und ſo will ich auch den Ein⸗ fluß des Oſtens auf Rußland ſtudiren, in Bezug auſ das einzige Rußland, einen unbeſtreitbaren Einfluß, einen wichtigen Einfluß, einen dreifachen Einfluß einen mo⸗ raliſchen, einen kommerziellen und einen politiſchen.... Zuerſt beginne ich mit dem moraliſchen Einfluß, der ſchon ſeit langer Zeit auf ruſſiſchem Boden mit dem —— — Vom Grafen Sollogub. 111 Einfluſſe des Weſtens hartnäckig um die Herrſchaft ſtrei⸗ tet; ſchon längſt liegen ſich beide Feinde in den Haa⸗ ren, ohne zu bemerken, daß ſie das arme, kränkelnde ſtawiſche Element, welches zwiſchen ihnen in der Mitte liegt, ganz und gar zerquetſchen. Wäre es nicht beſſer, wenn ſie ſich friedlich die Hände reichten und von bei⸗ den Seiten ihr beklagenswerthes Schlachtopfer an die Luft brächten und daſſelbe ſich erholen und geſund wer⸗ den ließen? Mag ihm alsdann Jeder nach ſeiner Weiſe aus Herzensgrunde beichten und ihm den wahren Weg zeigen, indem er von den nachtheiligen Folgen der eige⸗ nen Irrthümer Bericht giebt oder von dem glänzenden Lohne der eignen Heldenthaten. In der That Rußland befindet ſich in einer ſeltſamen Lage; zur Linken flüſtert ihm Europa, das ſchlaue Weib, verführeriſche Worte in's Ohr, zur Rechten wiederholt der Oſten, der trübſinnige graue Alte, ſeine unabänderliche, drohende Rede. Wen ſoll es hören, zu wem ſich halten? Soll es Beide hören oder ſich an Keinen wenden und ſeinen Weg ruhig fortgehen? Im Oſten iſt jede Ueberzeugung hei⸗ lig, im Weſten giebt es keine Ueberzeugung mehr. Im Oſten ſchaltet das Gefühl, im Weſten waltet der Ge⸗ danke. Rußland ſoll aber unter den erwärmenden Strah⸗ len der Civiliſation den Gedanken und das Gefühl 112 Tarantas. verſchmelzen, gleichwie vorm hellen Sonnenſtrahl die Far⸗ ben des Regenbogens ineinander fließen. Der Oſten verachtet die Eitelkeit des ſorgenvollen Alltagstreibens; der Weſten geht im unaufhörlichen Zuſammenſtoß des⸗ ſelben unter. Und hier läßt ſich die Mitte ausfindig machen; man kann das Streben nach Vervollkommnung mit hohem Seelenfrieden, mit unerſchütterlichen Grund⸗ elementen verbinden. Wir verdanken dem Orient Vie⸗ les. Er brachte uns das Gefühl eines tiefen Glau⸗ bens an den Willen der Vorſehung, die ſchöne Sitte der Gaftfreundſchaft und beſonders unſer patriarchali⸗ ſches Volksleben. Aber leider hat er uns auch ſeinen Müßiggang, ſeinen Widerwillen gegen den geiſtigen Fortſchritt der Menſchheit, ſeine unverzeihliche Nachläſſig⸗ keit in Erfüllung jeder Pflicht und, was ſchlimmer iſt als dies Alles, den Geiſt einer ſeltſamen durchtriebenen Verſchmitztheit vererbt, der als ein nationales Element bei uns in allen Ständen und Verhältniſſen ohne Un⸗ terſchied zum Vorſchein kommt. Durch eine wohlthä tige Richtung könnte dieſe Schlauheit ſogar eine heil⸗ ſame Eigenſchaft werden, jedoch im Mangel geiſtiger Bildung führt ſie zu den traurigſten Reſultaten, zur Unredlichkeit im gegenſeitigen Verkehr, zur Nichtach⸗ tung fremden Eigenthums, zu dem beſtändigen gehei⸗ —— Vom Grafen Sollogub. 113 men Streben das Geſetz zu umgehen und endlich zur gemeinſten Gaunerei. Wir verdanken es dem Orient, daß unſre Bauern und Handwerksleute uns mit ihrer Arbeit betrügen, daß unſte Kaufleute uns falſches Maß und Gewicht geben, daß unſre Edelleute ihren ehrlichen Namen im Staatsdienſte vernichten. Mir graut, es aus⸗ zuſprechen,— aber die Gewohnheit hat uns ſo weit gebracht, daß wir völlig gleichgültig dabei bleiben, wenn wir Zeugen der ungeſetzlichſten Räubereien ſind, ſo daß ſogar unſre urſprünglichen Begriffe mit den Jahren ſich verwirren und Unterſchleif uns kein Diebſtahl dünkt, Betrug keine Lüge, ſondern Beides nur eine gefährliche Nothwendigkeit. Uebrigens hat, Gott ſei Dank! in die⸗ ſer Beziehung der Weſten dem Oſten bereits den Vor⸗ rang abgelaufen, und die rächende Fackel beleuchtete längſt den qualmigen Abgrund der Ehrloſigkeit und ſchmähliger Intrigue. Noch lange werden bei uns die Spuren des verderblichen Elements zum Vorſchein kom⸗ men; doch ſchon ſind ſie auf den Niederſchlag aller Stände übergegangen, auf die untere Schicht der ver⸗ ſchiedenen Klaſſen; denn jeder Stand hat ſeinen Pöbel. Aber was man auch ſpricht und ſchreit, ſchreibt und druckt— Rußland ſtrebt in raſchem Fluge nach der Bahn der Größe und des Ruhmes,— Vollkommen⸗ Nord. Novellenbuch IV. 8 114 Tarantas. heit aber iſt auf Erden unerreichbar. Mehr als alle andern Völker nähert ſich ihr Rußland; denn es wird immer eingedenk ſein, daß die bloße materielle Wohlfahrt eben ſo wenig ausreicht ſür das Leben des Staats, als ſie ausreicht für das Leben des Privat⸗ mannes. Rußland wird mit mächtigem Fuße das kleine Geziefer, die blutgierigen Vampyre zertreten, die ſich bis an ſein Herz ſchleichen möchten, und ſtark und kräf⸗ tig wird es gedeihen unter dem reinen, unbegrenzten ruſſiſchen Himmel.... — Das iſt ein Gegenſtand!— ſchloß Jwan Wa⸗ ßiljewitſch ſeine Tirade.— Der moraliſche Einfluß, der kommerzielle Einfluß, der politiſche Einfluß. Der Ein⸗ fluß des Oſtens, verſchmolzen mit dem Einfluß des We⸗ ſtens im Karakter der Slawen, bildet ohne Zweifel un⸗ ſere Volksthümlichkeit. Aber wie ſoll man jedes Ele— ment beſonders herausfinden? Es ſcheint, als wäre die Volkseigenthümlichkeit noch ziemlich vermummt; man muß ſie erſt auswindeln, um ſie Stück für Stück zu erkennen, und wie man die Windel löſt, kommt hier ein Arm, dort ein Bein zum Vorſchein. Ermanne Dich, Jwan Waßiljewitſch! Das iſt ein wichtiges Be⸗ ginnen! Du biſt nicht umſonſt in den Orient gerathen, und ſo mache Dich auf, den Einfluß deſſelben auf das —————— Vom Grafen Sollogub. 115 heilige Rußland eifrig zu ſtudiren.... Jetzt aber fuche nur Reiſeeindrücke! Sieh' Dir die orientaliſchen Natio⸗ nen an; ſtudiere Alles bis aufs kleinſte Detail.... Un⸗ terſuche jedes Tröpfchen, welches in unſer Volksleben gegoſſen worden und bald wirſt Du auch den ganzen Strom der Volkseigenthümlichkeit erkannt haben!— Aber ungeſäumt ans Werk, Iwan Waßiljewitſch, ans Werk! Erſter Reiſeeindruck... — Brauchen Sie keine Schlafröcke, mein Herr, echte khanſche, wie ſie der Khan ſelber trägt?— — Brauchen Sie keine Türkiſe, mein Herr?— Ganz echte ungefärbte!— — Brauchen Sie kein chineſiſches Geſchmeide mein — Chineſiſche Tuſche?— — Chineſiſchen Lack?— — Chineſiſche Spiegel?— — Allerſchönſte Roßfelle?— — Kauf, Herr, kauf!— — Ich geb's billig!— — Ich brauche Geld!— . Jwan Waßiljewitſch reckte den Kopf in die Höhe. 116 Tarantas. Während er ſich bereit machte, ſeinen erſten Reiſe⸗ eindruck ins Leben zu rufen, füllte ſich das Zimmer mit Tataren, in ihren Tſchibiteiken, mit verſchmitzten Geſichtern, die Waarenbündel unter der Achſelhöhle. Alle ſprachen auf einmal durch einander, Alle verneigten ſich tief und lächelten ſchlau. Jeder griff zuerſt nach dem Kaftan, zog ein gelbes zuſammengefaltetes Papier aus der Bruſttaſche und warf alsdann ſein Bündel mit Schlafröcken und verſchiedenen Stoffen auf den Fußbo⸗ den, um es außzubinden. Iwan Waßiljewitſchs Augen ſtreiften hin und her. Erſtens hatte er ſich's im Auslande angewöhnt, vor allen aſiatiſchen Waaren eine tiefe Ehrfurcht zu em⸗ pfinden. Zweitens gehörte er zur Zahl derjenigen Ruſſen, die weder in einen Laden zu blicken, noch vor ihnen ausgepackte Waaren anzuſehen vermögen, ohne ein un⸗ widerſtehliches Verlangen zu fühlen, Alles, was ſie ſe⸗ hen, zu kaufen. Für ſolche Leute hat, wie für die Wilden, jeder bunte Flitter einen zauberiſchen Reiz. Iwan Waßiljewitſch vergaß im Nu den Einfluß des Oſtens und ſeine vortrefflichen Forſchungen. Es erfüllte ihn plötzlich ein ganz neues Gefühl: ihm ge⸗ fiel ganz ausnehmend— ein geſtreifter Schlafrock. ———————————— Vom Grafen Sollogub. 117 — Was koſtet das?— fragte er. — Der äußerſte Preis iſt dreihundert Rubel.... Du findeſt keinen zweiten mehr.... Sie werden nicht mehr gemacht.... Nu, Herr, nimm! Du wirſt zufrie⸗ den damit ſein....'s kam ein Knäs aus Petersburg gefahren, hat gleich zwei ſolche Schlafröcke gekauft.... Siebenhundert Rubel hat er bezahlt.... Sei nicht gei⸗ zig, Herr.... Für Dich, aber nur für Dich, will ich ihn mit zwei hundert und funfzig Rubel laſſen.... Ich ſehe, Du biſt ſo'n hübſcher Herr. Kauf' ihn, wahr⸗ haftig!.. Aber ſieh nur, was für ein Schlafrock: auf beiden Seiten gleich, inwendig wie auswendig, haſt Du ihn auf einer Seite abgetragen, ſo dreheſt Du ihn um — und Du haſt wieder'nen neuen Schlafrock. Nu, nimm's nur für zweihundert Rubel; ich brauche Geld.. Sonſt gäb' ich ihn wahrlich nicht um den Preis.. So ein Schlafrock wird nicht mehr gemacht.... 8 iſt auch der letzte, wahrhaftig der allerletzte.... Nu, ſo mag's denn ſein, ich laſſe Dir ihn für drei Halbhundert. Ich ſeh', Du biſt ſo'n hübſcher Herr.... Um nen Anfang zu machen, gebe ich ihn mit Schaden weg— — Aber die Türkiſe?— — Nu, gieb mir fünf Goldſtücke, Du haſt ihn . wahrlich umſonſt!— ————————————— 118 Tarantas. — Und das Geſchmeide, die Spiegel, die Tuſche?— — Zwanzig Silberubel, zehn Silberrubel, fünf. Silberrubel. Kauf' Herr, Du bekommſt ihn umſonſt.... s iſt gräßlich billig.... Mache'nen Anfang....* iſt nur für Dich, weil Du ſo'n hübſcher Herr biſt.'s wird Dich gereuen, wenn Du nicht kaufſt.... Wir brauchen Geld!— Jwan Waßiljewitſch konnte ſolcher Verſuchung nicht widerſtehen. Er leerte ſeinen Beutel auf dem Tiſche. Die behenden Tataren hatten raſch ihren Plunder gegen ſein baares Geld eingetauſcht und ſtürzten jetzt über⸗ einander zur Thür hinaus und zerſtreueten ſich im Korridor. In dieſem Augenblick vernahm man im anſtoßen⸗ den Zimmer lautes Gähnen, und Waßilij Jwanowitſch fing an ſich zu recken, zu ächzen und krächzen, und er⸗ hob ſich endlich von ſeinem Lager. Bald öffneten ſich die Thüren ziemlich weit, und im alleraufrichtigſten. Morgennegligee, nur den Oberkörper mit einem kurzen Pelz bedeckt, erſchien der wohlbeleibte Landedelmann auf Jwan Waßiljewitſchs freudige Ladung. Jwan Waßiljewitſch aber ſaß mit ſelbſtgefälliger Miene im neuen buncgeſtreiften Schlafrock da, in der Auf dem Tiſche Hand einen gelbgrünlichen Türkis. Vom Grafen Sollogub. 119 vor ihm lagen in gelben Papierchen einige verbogene Muſchelſchalen, zwei Stücken ſchwarze Tuſche und ein kleines Spiegelchen. — Waßilij IJwanowitſch.— — Was, Brüderchen?— — Sehen Sie die Sachen?— — Rathen Sie gefälligſt, was das koſtet Waßilij Jwanowitſch blickte mit einiger Geringſchätz⸗ ung auf die angeblichen Koſtbarkeiten. — Der Schlafrock— erwiderte er,— koſtet in der Fabrik in Moskau, wo ſie gemacht werden, drei⸗ zehn Rubel funfzig Kopeken Banko. Für den miſera⸗ beln Türkis iſt ein Rubel ſchon zu viel. Die Tuſche kann'nen halben Rubel koſten.... Aber wozu brau⸗ chen Sie Tuſche, Jwan Waßiljewitſch, Sie ſehen mir gar nicht aus, als ob Sie malen könnten?— — Malen kann ich nicht, Waßilij Jwanowitſch, aber s iſt doch immer intereſſant, ſolch'n Ding zu haben.— — Ei, Brüderchen, was den Teufel taugt Ihnen das Zeug?— — Nu, und das Uebrige hätte ich Ihnen gerathen, nicht umſonſt zu nehmen. Was haben Sie dafür gegeben?— 120 Tarantas. — Alles, was ich in meiner Börſe hatte,— er⸗ widerte traurig Jwan Waßiljewitſch, und fügte in Ge⸗ danken hinzu:— WMeinen erſten Reiſeeindruck nehme ich nicht mit in mein Werk auf!— Waßilij IJwanowitſch lachte laut auf. — Ach, die Schurken von Tataren! So müßt ihr jungen Leute Lehrgeld geben. Ha, ha, So iſt's recht! Kauf' Dir'n andermal keine Tür⸗ kiſe... Senka, Senka!— ſchrie er dann zur Thür hinaus. Senka trat ein. — Hat man den Tarantas geſchmiert?... — Geſchmiert, Herr.— — Laß anſpannen.— — Wie,— fragte beſtürzt Jwan Waßiljewitſch— Sie wollen ſchon wegfahren?— — Und was denkſt Du denn, Brüderchen, etwa Schlafröcke kaufen?— — Gedulden Sie ſich nur noch einen Tag, und laſſen Sie mich den Thurm Sumbekas anſehen.— — Wozu ſoll Dir's?— — Ich will den Orient ſtudiren.— — Da haben wir's!— Aber hier iſt nicht der Orient, hier ſind wir in Kaſan.— —.—.———————— Vom Grafen Sollogub. 121 — Aber's iſt doch die Phyſiognomie des Orients... Tatariſche Anſiedlungen.— Ach, Brüderchen, haſt Du die Tataren noch nicht kennen gelernt? Ich dächte, Du hätteſt genug.... Mor⸗ gen kommen wir nach Mardas. Ich ſehne mich nach meiner Awdotja Petrowna und nach meinen Alten. Zu thun habe ich auch genug,— Du aber ſtudire den Orient, wenn Du Luſt haſt,'n ander Mal.— Jwan Waßiljewitſch mochte wollen oder nicht, er wurde erboßten Sinnes neben ſeinen unerbittlichen Reiſe⸗ gefährten wieder auf den Tarantas geladen.... Der Tarantas fuhr langſam mit ſeiner ſchweren La⸗ dung aus Kaſan und ſchwankte auf der breiten Land⸗ ſtraße dahin. Allmälig entſchwanden die Stadtmauern und hohen Thürme dem Blick, und immer weiter und wei⸗ ter drang der unerſchrockene Tarantas in die weite un⸗ abſehbare Ebene.... Bald waren auch die letzten Bäume, Thäler und Dörfer verſchwunden.— Auf beiden Sei⸗ ten lag die nackte Steppe ausgebreitet, wie ein ſtarrge⸗ wordenes Meer. Kaum bewegte ſich das dürftige Hai⸗ dekraut von dem mächtigen Wehen des ungezügelten Windes. Dichte Wolken ſtürmten in weißen Wellen am Himmel dahin. Rieſige Adler durchkreiſten mit ge⸗ waltigem Flügelſchlag in unermeßlicher Höhe den feinen 122 Tarantas. Aether. Die ganze Natur athmete geheimnißvolle, aber düſtere Erhabenheit... Alles erinnerte an den Tod und floß zugleich mit dem unerklärlichen Gedanken der Ewigkeit und des unendlichen Lebens zuſammen. Zwanzigſtes Kapitel. Ein Traum. Spät Abends ſchlich der Tarantas durch die breite Steppe. Es wurde dunkel. Endlich brach die Nacht herein und verhüllte die ganze Umgegend mit ihrem ſchwarzen Mantel. — Was iſt das?— begann ängſtlich Jwan Wa⸗ ßiljewitſch— Wo iſt denn Waßilij Jwanowitſch hin⸗ gekommen? Waßilij Jwanowitſch! Wo ſind Sie denn? Hören Sie doch, Waßilij Jwanowitſch!— Aber kein Waßilij Jwanowitſch gab Antwort. Jwan Waßiljewitſch rieb ſich die Augen. — Seltſam, ein wunderlich Ding,— fuhr er fort, — es flimmert mir etwas vor den Augen in der Dun⸗ kelheit, und es will mir ſcheinen, als ob der Tarantas gar kein Tarantas wäre.... Und ſieh' da, das iſt wirklich etwas Lebendiges! Ein Holzbock, wie mir's „— —— — Vom Grafen Sollogub. 123 ſcheint, und läuft auch ganz ſo wie ein Holzbock.... Nein, jetzt gleicht's mehr einem Vogel.... Geſchwätz, das kann nicht ſein.... Aber man mag ſagen, was man will,'s iſt und bleibt'n Vogel, ein großer Vo⸗ gel— was für einer, weiß ich nicht. Solche große Vögel giebt's aber doch nicht! Hat wohl Jemand in ſeinem Leben gehört, daß ein Tarantas ſich nur ſtellt, als wäre er ein Fuhrwerk und in der That ein Vogel ſei? Aber, Jwan Waßiljewitſch, verlierſt Du den Ver⸗ ſtand, mußt Du das erleben, ſolch abgeſchmacktes Zeug zu ſchwatzen? Pfui!'s wird Einem angſt und bang. Ein Vogel, ganz unwiderleglich— s iſt ein Vogel!— Und in der That, Jwan Waßiljewitſch täuſchte ſich nicht,— der Tarantas war wirklich ein Vogel gewor⸗ den. Aus dem Bock reckte ſich der Hals hervor; aus den Vorderrädern bildeten ſich die Krallen, die Hinter⸗ räder aber verwandelten ſich in den dichten breiten Schweif, aus den Bettpfühlen und Kopfkiſſen krochen die Federn heraus und vertheilten ſich ſymmetriſch auf den Flügeln. Und jetzt fing der ungeheure Vogel an, ſich von einer Seite nach der andern zu wiegen, als ob er ſich in die Lüfte erheben wolle. — Nein, dummes Geſchwätz,— ſprach Jwan Wa⸗ iljewitſch zu ſich ſelbſt— bei Nacht hier in der Steppe ———— 124 Tarantas. ganz allein bleiben; ganz ergebener Diener! Werde zum Vogel, wenn Du Luſt haſt, aber mich führſt Du nicht irre.... Ich weiß doch gar zu gut, daß Du nichts Anderes biſt, als ein Tarantas. Du magſt mich fortbringen, worauf und wie Du willſt, das iſt Deine Sache!— Hier umfaßte Iwan Waßiljewitſch mit beiden Hän⸗ den den Hals des fantaſtiſchen Ungeheuers, er ließ die Beine auf beiden Seiten der Flügel herab und wartete nicht ohne ſtarkes Herzklopfen ab, was daraus werden ſolle. Und jetzt begann der ſeltſame Vogel— kein Strauß, kein Geier, kein Truthahn— ſich lange langſam zu er⸗ heben. Anfangs ſtreckte er den Hals heraus, ſetzte ſich dann an der Erde nieder, ſchüttelte ſich und plötzlich ſchlug er mit den Flügeln, erhob ſich und— flog davon. Jwan Waßiljewitſch war außerordentlich misver⸗ gnügt. — Endlich kommt mir ein Reiſeeindruck,— dachte er bei ſich und zwar von der allererbärmlichſten, aller⸗ dümmſten Art. Muß man ſolch Unglück haben! Ich ſuche etwas Zeitgemäßes, Volksthümliches, aus dem Leben Gegriffenes,— und nach langem vergeblichen 8 Vom Grafen Sollogub. 125 Suchen ſtoße ich auf eine unſinnige phantaſtiſche Geſchichte, — ich kann überhaupt dieſes nachgeahmte aufgewärmte phantaſtiſche Genre nicht ausſtehen,'s iſt wirklich ärger⸗ lich. Bin ich denn dazu auserkoren, mein Lebelang der Wahrheit nachzulaufen und ewig nur einfältiges Geſchwätz aufzutreiben?— Unterdeß war das Dunkel immer grauſenhafter ge⸗ worden und blieb jetzt ganz undurchdringlich. Plötzlich verdichtete ſich die Luft zu erſtickendem Brodem. Eine furchtbare Grabesfeuchtigkeit rief Fieberſchauer in Jwan Waßiljewitſchs Innerm hervor; allmälig begann er zu fühlen, daß ſich ſchwere Gewölbe über ſeinem Haupte thürmten, ihm ſchien's, daß er nicht mehr durch die Lüfte fortgetragen würde, ſondern in einer dumpfen Grotte ſei. Und in der That, er flog durch eine enge finſtere Höhle, und von der Erde wehte es ihn, wie Ei⸗ ſeshauch aus Todtengrüften, an. Iwan Waßiljewitſch erſchrak allen Ernſtes. — Tarantas,— rief er mit kläglicher Stimme,— lieber beſter Tarantas!— Ich will Dir's gern glauben, daß Du ein Vogel biſt, nur führe mich aus dieſem Kerker, fliege fort von hier. Rette mich, ich werde es Dir nie vergeſſen!— Der Tarantas flog weiter. 126 Tarantas. Plötzlich blitzte durch eine Spalte der ſchwarzen Höhle ein röthlicher Feuerſtrahl, und um die zuckende Flamme bewegten ſich furchtbare Schatten. Kopfloſe Leichname mit Folterwerkzeugen an ihren Gliedern, die Köpfe in den Händen, zogen paarweis feierlich vorüber, grüßten bedächtig rechts und links und verſchwanden im Dunkel. Hinter ihnen drein aber kamen andere Schatten und abermals dieſelben Geſtalten, und die blutige Prozeſſion nahm kein Ende. — Beſter Tarantas! Prächtiger Vogel— jam⸗ merte Jwan Waßiljewitſch— mir wird angſt und bang. Oh, s iſt ſchrecklich hier! Höre mich. Ich will Dich ausbeſſern laſſen, ich will Dich pflegen, Du ſollſt im Schuppen ſtehen bleiben, nur bringe mich fort von hier!— Der Tarantas flog weiter. Plötzlich verſchwanden die Schatten. Die Höhle er⸗ füllte abermals ein undurchdringliches Dunkel. Der Tarantas flog aber ohne Unterlaß. Einige Zeit noch verging in der beängſtigenden Fin⸗ ſterniß. Plötzlich vernahm Jwan Waßiljewitſch ein Ge⸗ tös, das immer lauter und lauter wurde. Raſch wen⸗ dete ſich der Tarantas zur Linken. Im Nu war die ganze Höhle von einem bläulichen Schimmer beleuchtet, und ein neues Schauſpiel traf den bebenden Reiter. Ein Vom Grafen Sollogub. 127 ungeheurer Bär ſaß zuſammengekauert auf einem Stein und ſpielte zum Tanz auf einer Balalaika*). Um ihn herum tanzten greulige Geſtalten unter widerlichem Pfeifen und Hohngelächter. Da waren Ofengabeln in Viceuniformen, Fledermäuſe mit Brillen, aufgeputzte Dandies, ſtatt des Geſichts eine Viſitenkarte unterm ſeitwärts hängenden Hut, kleine Kinder mit ungeheuern Todtenſchädeln auf den ſchwachen Schultern, hohläugige Weiber mit Schnurrbärten und großen Reiterſtiefeln, trunkene Blutigel in langſchößigen Oberröcken, gepuderte Affen im altfranzöſiſchem Koſtüm, papierne Schlangen mit golbgeſtickten Krägen und Staatsdegen an der Seite, Eſel mit Kinnbärten, Beſen in zierlichen Einbänden, und Jugendſchriften auf Krückenſtöcken, Bauernhäuſer auf Hühnerpfoten, Hunde mit Flügeln, Spanferkel, Frö⸗ ſche, Ratten in allerlei Hoftrachten... Alles dies ſprang, wirbelte, gallopirte, winſelte, kreiſchte, jauchzte, brüllte, daß das Gewölbe der Grotte bis auf den Grund er⸗ zitterte, wie erſchreckt von dem Höllenlärm des toben⸗ den Geziefers. 3) Die Balalaika iſt die ruſſiſche Mandoline mit zwei bis drei Saiten beſpannt. Faſt jedes Dorf hat ſeinen Vir⸗ tuoſen auf dem patriarchaliſchen Inſtrumente. 128 Tarantas. — Tarantas!— ſtöhnte Jwan Waßiljewitſch,— ich beſchwöre Dich im Namen Waßilij Jwanowitſchs und deſſen treuer Penelope, laß mich nicht in der Blüthe der Jahre umkommen! Ich bin noch jung, unverheirathet... rette mich!— 3 Der Tarantas flog aber weiter. — Juchheiſa, hei! Da kommt auch Jwan Waßilje⸗ witſch!— ſchrie Einer aus dem Haufen— Jwan Wa⸗ ßiljewitſch, Jwan Waßiljewitſch!— fiel das grauen⸗ hafte Geſindel im Chor ein,— her mit der Kanaille, er hat bisher geſungen, jetzt ſoll er mit uns tanzen.... He, Brüderchen, haſt Dich geſpreizt und nach Aufklä⸗ rung geſucht, wir wollen Dich auftlären nach unſrer Art mit Stock und Ruthe. O, Du hochmüthige Fratze!... Den Schmutz liebt er nicht, ſchimpft über Beſtechung, klagt über Finſterniß! Greift ihn, greift ihn!— Und die Beſen und Heugabeln und all' die gräß⸗ lichen Unholde ſtürzten auf Jwan Waßiljewitſch los und flogen ihm hinterdrein. In verzweifelter Angſt rief Jwan Waßiljewitſch um Hülfe. Aber der gute Tarantas erkannte die Gefahr, er ſchlug plötzlich ſtärker mit den Flügeln und verdop⸗ velte ſeine Schnelligkeit. Der Reiter, mehr todt als Vom Grafen Sollogub. 129 lebendig, ſchloß die Augen auf ſeinem Hippogryphen.... Bereits fühlte er die Berührung der ſpitzen Krallen, der zottigen Pfoten, der ſtruppigen Flügel; ſchon ver⸗ ſengte ihm der heiße, giftige Athem des hölliſchen Hau⸗ fens Schultern und Rücken. Da erhob ſich der Tarantas abermals kühner als zuvor und entführte Jwan Waßil⸗ jewitſch den ſchreienden, ſcheltenden und fluchenden Ver⸗ folgern. Bereits waren ſie gänzlich zurückgeblieben und tobten nur noch aus der Ferne, doch lange gellte ihr Höllengeſchrei noch in Iwan Waßiljewitſch's Ohren, bis zuletzt der Flammenſchein verloſch und Alles ver⸗ ſchwand. Iwan Waßiljewitſch öffnete die Augen. Um ihn her war Alles finſter, doch ſchon fühlte er den Anhauch eines friſchen Windes. Allmälig begannen die Gewölbe der Grotte ſich zu erweitern und verſchmolzen zuletzt mit dem Firmament. Der Reiter fühlte, daß er im Elemente der Freiheit ſei, und wie der Tarantas hoch und immer höher im Steppengefilde des Himmels dahinſtürmte. Plötzlich wurde das ganze Himmelsgewölbe mit blitzenden Strahlen übergoſſen. Iwan Waßiljewitſch beugte ſich über den Tarantas hinab und ſchaute mit Verwunderung in die Tiefe: Unter ihm breitete ſich ein unüberſehbares Panoram aus, welches immer heller Nord. Novellenbuch. W. 9 130 Tarantas. und heller von der aufgehenden Sonne beleuchtet ward. Sieben Meere brauſten in fernſter Ferne, und auf den ſieben Meeren ſchaukelten ſich die weißen Segel zahlloſer Fahrzeuge. Eine Gebirgskette, von blankem Golde fun⸗ kelnd und von Eiſenadern ſtarrend, zog ſich vom Nor⸗ den nach dem Süden und von Weſten nach Oſten. Gewaltige Ströme, wie lebengebende Adern, rauſchten nach allen Richtungen, und miteinander verbunden, tru⸗ gen ſie nach allen Richtungen Reichthum und Leben. Zwiſchen denſelben lagerten ſich dichte Wälder und reiche Gefilde mit wogenden Saaten. Inmitten dieſer zaube⸗ riſchen Landſchaft aber blitzten Städte und Dörfer wie helle Sterne, und ſtrahlenförmig zogen ſich von ihnen überall die Bänder der Landſtraßen hin. Das Herz Iwan Waßiljewitſchs ſchlug höher. Es wurde Tag. Die ungeheuere Landſchaft durchdrang ein Leben; Alles wurde wach und regte ſich in geräuſchvoller Thätigkeit. Zuerſt erſchallten die Glocken und riefen zum Morgen⸗ gebet. Alsdann zerſtreuten ſich die emſigen Landleute in Feld und Flur, und es war nicht das kleinſte Plätz⸗ chen ſichtbar, wo nicht Regſamkeit und Wohlſtand ge⸗ herrſcht hätte. Während auf den Strömen die Schiffe dahinflogen, die Schätze ganzer Königreiche mit un⸗ glaublicher Schnelle von Ort zu Ort trugen und über⸗ Vom Grafen Sollogub. 131 all Frieden und Reichthum hinbrachten, rollten ſeltſame Wagen mit fabelhafter Geſchwindigkeit von Stadt zu Stadt, über Berg, und Thal, und führten ganze Be⸗ völkerungen mit ſich. Die goldenen Häupter der Städte leuchteten in den Sonnenſtrahlen, aber eine Stadt glänzte heller als die übrigen, mit ihren zahlloſen Domen und Paläſten. Das mächtige Herz eines mächtigen Landes, hielt ſie ritterliche Wacht und beſchützte das ganze Reich durch ihre Stärke und unermüdliche Fürſorge. Das Herz Iwan Waßiljewitſchs füllte ſich mit Entzücken, ſeine Augen glänzten:„Groß iſt Rußlands Gott! Groß iſt das ruſſiſche Land!“— rief er unwillkürlich aus, und in demſelben Augenblick prangte der ganze Himmel im Strahlenkranz des Sonnenlichts, und alle Völker vom baltiſchen Meere bis zum fernen Kamtſchatka fielen andächtig nieder und ergoſſen ſich Alle gemeinſchaftlich in ein heißes Dankgebet und ſtimmten die feierliche Sie— geshymne des Ruhmes und der Treue an. Iwan Waßiljewitſch wurde jetzt raſch zur Erde hin⸗ abgeführt, und in dem Maße, wie er ſich derſelben näherte, vertauſchte der Tarantas ſein vogelartiges Ausſehen mit einer wohlanſtändigern Form. Der Tarantas wurde wieder ein Tarantas, aber nicht von ſo ungehobel⸗ ter und ungeſchlachter Manier, als Jwan Waßiljewitſch 132 Tarantas. 2 ihn gekannt hatte, ſondern von eleganter und zierlicher Form. — Ach, wie ſchön hat ihn Waßilij IJwanowitſch herrichten laſſen, me vortreffliche Equipage!— dachte IJwan Waßiljewitſch.... Aber wo iſt denn Waßilij Jwanowitſch in aller Welt? Waßilij Jwanowitſch, wo ſind Sie? Sollte er wirklich verloren gegangen und ganz verſchwunden ſein? Er thut mir herzlich leid, der Alte, s war wirklich ein guter Menſch... Wahrſchein⸗ lich iſt er unterwegs herausgefallen. Aber ſollte man nicht ſtillhalten, um ihn zu ſuchen?— Aber an ein Stillhalten war nicht zu denken. Vor dem Tarantas befand ſich ein muthiges Dreigeſpann; der Fuhrmann trieb daſſelbe luſtig an, und Iwan Wa⸗ ßiljewitſch jagte mit ſo ungemeiner Schnelligkeit davon, daß ihm niemals Aehnliches vorgekommen war, ſelbſt nicht wenn er in alten Zeiten in Dienſtgeſchäften für die Krone mit Kourierpferden fuhr. Auf der ſpiegel⸗ glatten Landſtraße ſtürmten die Pferde ohne Aufenthalt weiter, an Feldern, Dörfern und Städten vorüber und wurden faſt unbemerkt gewechſelt. Die Gegenden, wo man vorüberkam, dünkten ihm bekannt; er mußte häufig hier geweſen ſein, in eigenen oder in Dienſtgeſchäften; aber Alles ſchien eine andere Geſtalt gewonnen zu ha⸗ Vom Grafen Sollogub. 133 ben. Wo früher endloſe unangebaute Strecken, Sümpfe, Haiden, Einöden geweſen waren, da drängten ſich jetzt thätige Menſchen da herrſchte reiches Leben. Die Dörfer, durch die der Tarantas fuhr, waren wohl ruſſiſche Dörfer, und Jwan Waßiljewitſch ſogar nicht ſelten hindurch ge⸗ kommen; auch hatten ſie ihr früheres eigenthümliches Weſen beibehalten, aber nur in veredelter, ſauberer Weiſe, wie der Tarantas ſelbſt. Die ſchwärzlichen Bauerhäuſer mit Stroh bedeckt und die vielfachen Kenn⸗ zeichen von bettelhafter Armuth und unvertilgbarer Nach⸗ läſſigkeit waren nicht mehr zu finden. Zu beiden Sei⸗ ten der Landſtraße erhoben ſich niedliche Häuſer, von Ziegeln gebaut, mit eiſernen Dächern und äußerlich aufs Schönſte ausgeſchmückt. An den breiten Pforten von Eichenholz waren Aushängeſchilder angeſchlagen, welche Zeugniß gaben, daß der Inſaſſe und Herr des Hauſes etwas Anderes that, als ſonſt, wo er ſich in der lan⸗ gen Winterzeit dem Trunk ergab oder ſich müßig auf der Ofenbank herumwälzte; daß er jetzt durch ein vor⸗ theilhaftes Handwerk ſeinen Mitmenſchen nützlich wurde und ſeinen eigenen Wohlſtand befeſtigte.— Auf den Straßen ſah man weder Betrunkene noch Bettler. Für die gebrechlichen, obdachloſen Greiſe waren neben der Kirche Armenhäuſer gebaut, und eben daſelbſt 134 Tarantas. befanden ſich Kinderbewahranſtalten, Krankenhäuſer und Schulen. Vor den mit Bäumen bepflanzten Thüren tummelten ſich fröhliche Kinderſchaaren, und dabei ſaß der ehrwürdige Dorfgeiſtliche unter einer Linde und ſchaute mit Wohlgefallen den Kinderſpielen zu.— Hier und da in den Dörfern erblickte man die Häuſer der Gutsbeſitzer in demſelben Geſchmack, wie die ſchlichten Bauernhäuſer gebaut, nur in größerm Maßſtabe.— Die Städte, durch die der Tarantas ſtürmte, ſchienen Jwan Waßiljewitſch ebenfalls zum Theil bekannt, ob⸗ gleich ihm Vieles hier gänzlich unkenntlich war. Die Straßen bildeten keine traurige Einöde mehr, ſondern Thätigkeit, Bewegung und Leben ſchien hier eingezogen. Keine endlos langen Zäune mehr ſtatt der Häuſer,— jener Behauſungen von betrübtem Aeußern, deren Fenſter zer⸗ 16 brochen oder von Schmutz ſtarrend,— und kein abgeriſſe⸗ 36 nes Hausgeſinde trieb ſich vor den Thüren herum. Keine Ruinen mehr inmitten der Stadt, geborſtene und um⸗ gefallene Mauern, feuchte und ekelhafte Kramläden. Im Gegentheil, ein Haus reihte ſich an das andere in ein⸗ ladender Reinlichkeit, die Fenſter blitzten blank wie Spie⸗ gel, und ſorfältig ausgemeißelte und an den Fagaden angebrachte Verzierungen verliehen dem Ganzen ein na⸗ tional⸗ſlawiſches, vriginelles Anſehen. Nach dem Aeu⸗ Vom Grafen Sollogub. 135 ßeren ließ ſich leicht auf die Ordnung und den Geiſt der Bewohner ſchließen. Auch hier deuteten zahlloſe Aushängeſchilder auf die Gewerb⸗ und Handelsthätig⸗ keit der Bürger, und geräumige Gaſthäuſer luden den Reiſenden in reinliche Zimmer ein. Die goldenen Häupter der Glockenthürme aber riefen den Segen herab auf die brüderlich vereinten Schaaren der Gläubigen. Als jedoch vor Jwan Waßiljewitſchs Augen jener Wald von Kuppeln, jenes Land von Paläſten und Prachtgebäuden erglänzte, rief derſelbe im Uebermaß des Wonnegefühls jubelnd aus:— Moskwa, Moskwa!... In dieſer Minute aber verſchwand der Tarantas, als ob er in die Erde eingeſunken wäre, und Jwan Wa⸗ ßiljewitſch befand ſich auf dem Twerſchen Boulevard, an derſelben Stelle, wo er vor gar nicht langer Zeit Wa⸗ ßilij Jwanowitſch getroffen und mit demſelben überein⸗ gekommen war, nach Mardas zu fahren. IJwan Wa⸗ ßiljewitſch war außer ſich vor Verwunderung. Unge⸗ heure uralte Bäume wölbten ihr ſchattiges Dach über den breiten reinlichen Wegen, zu deren Seiten ſich Rei⸗ hen von Schlöſſern in ſo leichtem, ſchönem Bauſtyl hinzogen, daß deren bloßer Anblick das Herz mit edler Liebe zum Schönen, mit dem glücklichen Grfühle der Harmonie erfüllte. Jedes Haus ſchien ein Tempel der 136 Tarantas. Kunſt, aber keine prunkhafte Ausſtellung eines geſchmack⸗ loſen Lurus....— Italien, Italien! Wär's möglich, daß wir dich ſchon an Pracht überflügelt hätten?— jubelte Jwan Waßiljewitſch und blieb plötzlich erſtaunt ſtehen. Ihm ſchien's, als ob ihm derſelbe Fürſt ent⸗ gegen komme, den er vor gar nicht langer Zeit auf der Landſtraße in ſeiner Dormeuſe angetroffen, der ſtets außer Landes lebt und nur nach Rußland kommt, um die Abgaben von ſeinen Bauern beizutreiben.— — Das kann nicht ſein!— dachte er und rieb ſich die Augen.— Und dennoch ſcheint mir's, es iſt der Fürſt... aber er iſt ja im Auslande.... Und noch obendrein kommt er vielleicht gar vom Maskenball, daß er in ſolchem Aufzuge einherſchreitet?— In der That, es war derſelbe Fürſt, der jetzt Jwan Waßiljewitſch entgegenkam, nur nicht in derſelben Ge⸗ ſtalt, wie ihn dieſer bisher gekannt hatte. Auf ſeinem Haupte trug er eine Bibermütze mit einer Reiherfeder, an ſeinen Oberkörper ſchmiegte ſich ein kurzer Rock mit ſilbernen Schnüren beſetzt und reich mit Pelz verbrämt, über dem ein kurzer nicht minder eleganter Halbpelz mit Zobel gefüttert herabhing, an ſeiner Seite trug er am reichen Bandelier ein gekrümmtes Schwert, und zier⸗ liche gelbe Saffianſtiefeln mit Sporen, nach ſlawiſcher Vom Grafen Sollogub. 137 Sitte, deuteten auf ſein adeliges Geſchlecht. Derſelbe erkannte den alten Bekannten und bot ihm einen freund⸗ lichen Willkommen. — Wie geht's, alter Freund?— rief er ihm ſchon von Weitem zu. — Wie, Fürſt?... So ſind Sie es wirklich?.. Ich hätte Sie nie in dieſem Koſtüm erkannt.... — Wie ſo das?. Dieſer Anzug iſt völlig paſſend für unſer nördliches Klima, und außerdem iſt es unſer Nationalkoſtüm, ich trage kein anderes.— — Bitte um Vergebung— ſprach Jwan Waßil⸗ jewitſch ganz verwirrt.... Ich wußte das nicht, hab's wirklich nicht gewußt, allein ich dachte, Sie wären im Auslande, Fürſt?.. — Was ſagen Sie?— — Ich glaubte Sie im Auslande.— — In welchem Auslande?— — Je nun, im Weſten von Europa.... — Und warum das?— — e nun ſo weil — Aber ich bitte Sie um Himmels willen, wir haben hier unſern Oceident, unſern Orient, unſern Sü⸗ den und Norden; und wenn man Luſt hat zu reiſen, ſo wird man im Inlande ſein Lebelang nicht fertig.... — Tarantas. 138 — Natürlich... Sie haben Recht, Fürſt.... Al⸗ lein man muß doch zugeben, und Sie ſind gewiß der Erſte, der dies thut, daß wir im Auslande nicht nur Amüſements finden, ſondern auch die wichtigſten Bil⸗ dungsmittel.... Hier blickte der Fürſt Iwan Waßiljewitſch mit ſichtbarer Verwunderung an, als ob er an ſeinem Ver⸗ ſtande zweifele. — Was für Bildungsmittel meinen Sie?— fragte er nach einer Pauſe. — Nun... das Beiſpiel, Fürſt.... — Was für ein Beiſpiel?— — Je nun, der Aufklärung und der Freiheit.... Der Fürſt brach in ein ſchallendes Gelächter aus. — Aber ich bitte Sie um Alles in der Welt!— hob er an.— Ja, das ſind allerdings Worte.... Al⸗ lein wir ſind keine Kinder mehr, Gott ſei Dank.... Es geziemt uns nicht mehr, uns mit Charaden und Logogryphen abzugeben und Namen für die That zu nehmen. Uebrigens macht es mir Freude zu bemerken, daß Sie die Geſchichte leſen,— s iſt eine lobenswerthe Beſchäftigung. Sie ſprechen von der Zeit, wo unge⸗ betene Schreier uns immer von der Beſtimmung der Völker ſchwatzten, nicht ſowohl vom Intereſſe für die Vom Grafen Sollogub. 139 Nation geleitet, als vielmehr,— damit nur ihre Stimme vernommen werde. Allein die Völker haben längſt ſchon erkannt, daß unter all dieſem Lärmen und Geſchrei ſich nur kleinliche Berechnung, Privatleidenſchaften, perſön⸗ liche Eitelkeit oder auch jugendlicher Uebermuth verbirgt; — glauben Sie mir, wenn die öffentliche Wohlfahrt um ſich greift, ſo rührt dies von eigener Kraft, aber nicht von den Poſaunenſtößen dieſer Straßenherolde her. Auf alles menſchliche Thun wirkt Leidenſchaftlichkeit nicht nur nachtheilig, ſondern ſogar vernichtend. Das zeigt Ihnen die Geſchichte, welche der Gegenwart die Ver⸗ gangenheit als Lehre für die Zukunft aufſtellt. Wir haben ſpäter begonnen als alle andern Völker, und des⸗ halb ſind wir nicht noch einmal in deren kindiſche Irr⸗ thümer verfallen. Wir ſind ruhig vorwärts geſchritten, ausgerüſtet mit dem Glauben, mit dem Gehorſam und mit der Hoffnung. Wir haben nicht unſinnig getobt, nicht unnützes Blut vergoſſen, wir ſuchten nicht die geſetzliche Macht mit Füßen zu treten oder heimlich dieſelbe zu untergraben, ſondern ſtrebten offen nach dem geheiligten Ziele, wir haben's erreicht und der ganzen Welt den Beweis davon geliefert.... Die Geduld half uns das einfache Räthſel zu löſen, das bisher noch nicht gelöſt worden war. Wir haben der Welt offen dargelegt, 140 Tarantas. daß Freiheit und Bildung ein einziges und untheilbares Ganze ſich wiederum in nichts Anderes auflöſt, als in die Bedingungen echter Humanität, daß nämlich jeder einzelne Menſch die ihm aufgegebenen Pflichten ſtreng erfülle. — Sie ſcherzen, Fürſt.— — Das verhüte Gott.... Die Leute haben viel von ihren Rechten geſchrieen, aber immer von ihren Pflichten geſchwiegen. Wir haben das anders ge⸗ macht.... Wir hielten feſt an unſern Pflichten, und ſo ſtellten ſich unſere Rechte von ſelbſt heraus. — Wie aber haben Sie das angefangen?— — Gott hat unſere Demuth geſegnet... Sie wiſſen, daß Rußland niemals der Geiſt ſtolzer Selbſtüberhebung eigen war, daß es niemals andern Völkern als Bei⸗ ſpiel dienen wollte, und darum ward Rußland von Gott+ hierzu auserwählt.— — Sollte Dies wirklich wahr ſein, Fürſt?.. Gott geb's!... Aber ich kann immer noch nicht begrei⸗ fen, auf welche Weiſe Sie zu dieſem nie geträumten Glücke gelangt ſind.... — Auf die allereinfachſte Weiſe... indem wir dem Geiſte des Jahrhunderts gehorchten, aber nicht mit ihm um die Wette liefen. Wir ſuchten nur das Mögliche, Vom Grafen Sollogub. 141 aber jagten nicht dem Unerreichbaren nach; wir trennten das Reinmenſchliche von dem Idealen. Wir ließen uns nicht von leeren, unanwendbaren Principien verleiten; denn wir wußten wohl, daß jedes an ſich vielleicht treffliche Princip, wenn es auf die Spitze geſtellt und vis auf die Ertreme verfolgt wird, nicht blos zu Thor⸗ heiten, ſondern ſogar zu Verbrechen führt. Deshalb ſuchten wir die verſchiedenartigen Elemente allmälig aus⸗ zugleichen, aber ſie nicht auszurotten und ſie durch un⸗ überlegten Eifer zu zertrümmern. Wir ſtrebten nach dem Gleichgewicht.... Durch das Gleichgewicht erhält ſich die Welt,— und wir fanden daſſelbe nur in dem Princip der Liebe. In der echten Chriſtenliebe birgt ſich der Bürgerfrieden wie das Familienglück, Alles was wir von der Erde fordern können, was wir vom Him⸗ mel erbitten dürfen.— — Und ſind ſie auf keine Hinderniſſe geſtoßen?— fragte Jwan Waßiljewitſch. — Ohne Hinderniſſe giebt's keinen Fortſchritt, ja überhaupt kein menſchliches Verhältniß. Allein in der Liebe fanden wir den Willen, die Kraft und den Sieg über die feindſeligen Prinzipien, fanden wir die ein- müthige Mitwirkung aller Stände für den großen na⸗ tionalen Fortſchritt. Der Adel ſchritt vorwärts und 142 Tarantas. erfüllte den geheiligten Willen Gottes, der Bürger reinigte den Pfad, das Kriegsheer beſchützte das Land, und die untern Volksklaſſen bewegten ſich muthig und vertrauensvoll in der ihnen vorgezeichneten Richtung. So bekämpften wir die Uebel, mit denen uns der We⸗ ſten und die, mit denen uns der Oſten bedrohte, zu⸗ gleich aber benutzten wir deren Beiſpiel und jetzt, Gott ſei allein die Ehre! beherrſcht Rußland das Weltall nicht nur durch koloſſale Kräfte, ſondern durch ſeinen geiſtigen, ſittlich erhabenen und beruhigenden Einfluß... — Ich ſehe, Sie ſind immer noch Ariſtokrat wie früher,— bemerkte Jwan Waßiljewitſch. Der Fürſt lächelte und zuckte mit den Achſeln. — Wiederum Worte.... Wiederum leere Namen ohne Bedeutung.... Es iſt gut, daß ich ſchon längſt mit Ihnen bekannt bin, ich werde von ihren Bemer⸗ kungen weiter keinen Gebrauch machen. Doch ſetze ich Sie vorläufig davon in Kenntniß, daß Sie ſich in der öffentlichen Meinung völlig zu Grunde richten können, wenn man erfährt, daß Sie ſich immer noch mit dem nichtsſagenden Geſchwätz von Ariſtokraten und Demokra⸗ ten abgeben. Jetzt nennen wir Alles beim rechten Na⸗ men und ſchätzen die Dinge nur nach Verdienſt. Der Müſſiggänger, der ſich in ſeinem einfältigen Dünkel Vom Grafen Sollogub. 143 aufbläſt, iſt uns ebenſo widerwärtig, als der ſchwarz⸗ gallige Neider jeder Auszeichnung und jeden Erfolgs. Der hungrige Neid bettelhafter Talentloſigkeit iſt um Nichts beſſer als die anmaßende Geringſchätzung hoffär⸗ tigen Reichthums. Ich bin Ariſtokrat in dem Sinne, daß ich jede Vollkommenheit, jede wahre Auszeichnung ſchätze, aber ich bin auch Demokrat, weil ich in jedem Menſchen meinem Bruder ſehe. Uebrigens werden Sie finden, daß dieſe Begriffe einander nicht im Mindeſten widerſprechen, ja im Gegentheil eng miteinander ver⸗ bunden ſind.— — Der Menſch ſcheint mir ein Pedant geworden zu ſein!— murmelte Iwan Waßiljewitſch, der vor Verwunderung immer noch nicht zu ſich kommen könnte. — Hat er ſich nicht vielleicht an die deutſche Philoſo⸗ phie gemacht? Die Philoſophie iſt jetzt ſehr in der Mode in Moskau...'s ſcheint, als ob auch der Fürſt vor Langeweile ein Denker geworden iſt.... Dann aber fuhr er laut fort: — Wie verbringen Sie hier die Zeit, Fürſt?'s iſt ein Bischen langweilig, meine ich. Wahrſcheinlich ſpie⸗ len Sie hier ſehr hoch Lotto oder Landsknecht?— — Was ſoll der Scherz bedeuten?.. fiel ihm der Fürſt Etwas beleidigt ins Wort.— Hier ſpielt höch⸗ 144 Tarantas. ſtens unſere Dienerſchaft Karten, und auch die nur heimlich; denn ſie werden aus den Dienſt gejagt, wenn wir ſie bei ſolchem nichtswürdigen Zeitverluſt treffen. Was uns betrifft, wir haben, Gott ſei's gedankt! alle Hände voll zu thun. Ein unthätiger Menſch verdient überhaupt nicht den Namen eines Menſchen. Wenn wir aber von der Arbeit ermüdet ſind, dann beſuchen wir unſern Club.... — Den engliſchen?— — Nein den ruſſiſchen.... Dort verſammeln ſich unſere hellſten Köpfe, wir hören ihr Geſpräch und ent⸗ nehmen immer daraus entweder neue Belehrung oder einen wohlthuenden Eindruck. Glauben Sie wohl, daß unſere großartigen Unternehmungen, alle Verbeſſerungen, auf die wir mit Recht ſo ſtolz ſind, aus dieſem freund⸗ ſchaftlichen Austauſch der Meinungen und Gefühle her⸗ vorgingen?.. — So wohnen Sie alſo immer in Moskau, Fürſt? — O nein! Ich komme nur äußerſt ſelten nach Moskau und wohne in meinem Bezirksorte. Der Dienſt nimmt mir ſehr viel Zeit weg.... — Sie dienen, Fürſt?.. — Ja.. als Gerichtsbeiſitzer.... Jwan Waßiljewitſch lachte aus vollem Halſe. —— ——FÜñTᷓW,—— —— „—————.—— Vom Grafen Sollogub. 145 — Was lachen Sie?.. — Ich bitte Sie, Fürſt, um Himmelswillen! Mit ihrem Reichthum, mit ihrem Namen!— — Eben deshalb diene ich Erſtens als Bürger iſt es meine Pflicht, einen Theil meiner Zeit für das öffentliche Wohl hinzugeben; zweitens iſt mein eigenes Intereſſe als bedeutender Grundherr eng verknüpft mit dem meines Landes; endlich, indem ich ſelbſt den Dienſt verſehe, halte ich den unbegüterten Mann nicht von ſeinem vortheilhaften Geſchäft oder Handwerk ab, da er ja ſtatt meiner dieſe Pflicht übernehmen müßte. Auf. dieſe Weiſe unterhält die Regierung keine bettelhaften Dummköpfe oder gewiſſenloſen Schurken mehr als Be⸗ amte; und die Aufrechthaltung der Geſetze wird nicht zum Quell der Ungeſetzlichkeit.— — Sie wohnen alſo in der Gouvernementsſtadt?— — Zuweilen, des Dienſtes wegen oder zum Ver— gnügen. Kommen Sie nur zu uns; Sie ſollen man⸗ ches Intereſſante finden: viele Alterthümer, viele Kunſt⸗ gegenſtände, der großartigen Unternehmungen in Bezug auf Handel und Induſtrie nicht zu gedenken. Unſte Geſellſchaft ergiebt ſich ernſtem Thun und haßt den Müßiggang mit ſeinen traurigen Folgen. Kommen Sie nur zu uns; am beſten aber thun Sie, wenn Sie Nord. Novellenbuch 1V. 10 146 Tarantas. gleich in mein altes Ahnenſchloß kommen.... Sie wer⸗ den da Manches zu ſehen finden.— — Das kann ich mir denken,— unterbrach ihn Jwan Waßiljewitſch,— wenn der Lurus bei Ihnen in dem Verhältniß zugenommen hat, wie alles Uebrige, was müſſen Sie für prächtige Gemächer haben. Sie ändern gewiß jedes Jahr ihre Tapeten, Möbeln, Geſchirr?... — Verhüte Gott! Mein Schloß ſteht, wie es iſt, ſchon ſeit vielen Jahrhunderten. Hier bewahren wir voll Ehrfurcht jede Spur der Anweſenheit uuſrer Ah⸗ nen. Daſſelbe dient uns gewiſſermaßen als Denkmal ihres Wirkens. Ihr Gedächtniß verſchwindet nie, ſon⸗ dern pflanzt ſich von Geſchlecht zu Geſchlecht fort, erfüllt die Enkel mit edlem Stolz und macht es ihnen zur Pflicht, die Ehre ihres Stammes zu wahren. Uebrigens haben unſre Ahnen ihr Geld nicht für nutzloſen Plunder weg⸗ geworfen, ſondern es für weſentliche Verbeſſerungen, für ihre Bibliothek, für Kunſt und Wiſſenſchaft aufgewen⸗ det. Deshalb kann auch jedes Schloß bei uns als Ge⸗— genſtand der intereſſanteſten Forſchungen und des reich⸗ ſten Kunſtgenuſſes dienen.... Ich bin namentlich im Beſitz einer ausgezeichneten Sammlung von Gemälden— — Von der italieniſchen Schule? fragte Jwan Wa⸗ ßiljewitſch.— Vom Grafen Sollogub. 147 — Nein, von der arſamas'ſchen Schule.. Den⸗ ken Sie ſich, ich habe eine ganze Gallerie der beſten Bilder berühmter arſamas ſcher Maler.... — Das iſt das Allerneueſte!— murmelte Jwan Waßiljewitſch vor ſich hin.— — Auch meine Bibliothek verdient einige Aufmerk— ſamkeit.— — Wahrſcheinlich nur ausländiſche Werke?— — Im Gegentheil.. von ausländiſcher Literatur treffen Sie bei mir nur die wenigen genialen Schrift⸗ ſteller, deren Schöpfungen das Eigenthum der ganzen Menſchheit geworden ſind. Dafür finden ſie aber die vollſtändigſte Sammlung ruſſiſcher Klaſſiker, eine inter⸗ eſſante Kollektion unſrer vortrefflichen Journale, welche durch ihre wahrhaft erſprießlichen und gewiſſenhaften Arbeiten dem Volke die Bahn der Civiliſation ebnen und der Gegenſtand allgemeiner Verehrung und Dank. barkeit geworden ſind; aber glauben Sie es mir, die Lectüre der Journale iſt auch für alle Stände unent⸗ behrlich geworden. Es giebt kein Bauernhaus, wo man nicht wenigſtens die Blätter der„nordiſchen Biene“ oder die Bände der„Vaterländiſchen Denkwür— digkeiten“ vorfände. Unſre Schriftſteller machen die Ehre und den Ruhm unſers Vaterlandes aus. In ih⸗ 10* Tarantas. 148 ren Werken iſt ſoviel redlicher Ernſt, ſoviel angeborne Begeiſterung, ſolch ein uneigennütziges Streben, ſo viel Anziehendes, ſolche Energie, daß man ſich über ihre hohe und ehrenvolle Bedeutung in der Geſellſchaft nur freuen kann.... Aber ſagen Sie mir doch, ich bitte, wo iſt Waßilij Jwanowitſch?— Jwan Waßiljewitſch wurde verlegen. Er hatte Wa⸗ ßilii Iwanowitſch völlig vergeſſen, und ſein Gewiſſen machte ihm Vorwürfe darüber. — Sie kennen alſo Waßilij Jwanowitſch,— fragte er ein wenig zögernd. — Ich kannte ihn in jüngern Jahren, habe ihn aber lange nicht geſehen. Er iſt nicht gerade ein fer⸗ tiger Sprecher, aber ein praktiſcher Menſch. Wenn alle Leute wären wie er, einfach, ohne Bildung, ſo würde unſer Volk ſich weit ſchneller gebildet haben.... Aber uns haben lange Zeit unſre halbgebildeten Schreier im Wege geſtanden, die Vieles gehört, aber nichts verdaut hatten.... Grüßen Sie Waßilij Jwandwitſch, wenn er noch lebt.... Aber jetzt leben Sie wohl.... Ich habe mich mit Ihnen ſo ins Geſpräch vertieft, daß ich meine Geſchäfte ganz vergaß.... Leben Sie wohl!— Der Fürſt drückte Iwan Waßiljewitſch die Hand Vom Grafen Sollogub. 149 und entfernte ſich ſchnellen Schrittes, indem er ſeinen Freund in tiefem Sinnen zurückließ. — Iſt das nicht unſer neuerfundenes Bürgerthum?— rief dieſer enthuſiaſtiſch aus. — Wanja, Wanja!.. ſchrie jetzt eine Stimme neben ihm. Iwan Waßiljewitſch drehte ſich raſch um und befand ſich in den Armen ſeines frühern Schulkameraden, deſ⸗ ſelben, den er auf dem Boulevard in der Stadt Wla⸗ dimir angetroffen.... — Wanja, wie kommſt Du hierher?— fragte dieſer mit freundſchaftlicher Verwunderung. — Das weiß ich ſelbſt nicht... erwiderte Jwan Waßiljewitſch. — Komm' mit zu mir, meine Frau wird ſich freuen, Deine Bekanntſchaft zu machen. Ich habe mit ihr ſo oft von den glücklichen Zeiten geſprochen, wo wir in der Penſion noch auf Einer Bank ſaßen und ſo eifrig ſtudirten, mit ſolcher Wißbegier dem Unterrichte unſrer Lehrer folgten.... — Scherzeſt Du?— meinte Iwan Waßiljewitſch. — Ach, Brüderchen, wie ſollte man's den braven Leuten nicht Dank wiſſen. Ihnen verdanke ich meinen Herzensfrieden, wie meinen materiellen Wohlſtand. Ich 150 Tarantas. bin reich, weil meine Wünſche klein ſind; ich bin nicht ausſchweifend, weil ich ſtets zu thun habe, ich ſuche nicht unabläſſig Zerſtreuung, weil ich mein Glück im Familien⸗ leben finde; darin beſteht auch mein ganzer Lurus, und ich danke es der ſtrengen Ordnung in meinem Haus⸗ weſen, daß ich von meinem Ueberfluß hülfsbedürftigen Brüdern noch etwas mittheilen kann. Es iſt ein Un⸗ glück, daß es auf Erden keine Gleichheit giebt, noch geben kann.— Man wird immer reiche Leute finden, im Vergleich zu Andern, die für arm gelten können; ebenſo haben Geiſt und Tugend ihre Reichen und ihre Armen. Es iſt aber gerade das höchſte Glück der Rei⸗ chen, das geſtörte Gleichgewicht nach Kräften wieder herzuſtellen.... Aber laß uns gehen.... Sie machten ſich auf den Weg. In der beſcheidenen Wohnung des Jugendfreundes fand Jwan Waßiljewitſch Alles ſchlicht und einfach, aber Alles athmete hier den Geiſt des Schönen, jenen unerklärlichen Zauber, welcher die Gegenwart eines jun⸗ gen, ſchönen Weibes verräth. Sie lächelte Jwan Wa⸗ ßiljewitſch freundlich an, er aber blieb in ſchweigendem Staunen vor ihr ſtehen. Es ſchien ihm, als habe er bis dahin kein Weib geſehen. Sie war nicht eine jener prächtigen, ſtolzen Schönheiten, wie ſie die leidenſchaft⸗ Vom Grafen Sollogub. 151 lichen Träume des Jünglings erfüllten, aber über ihr ganzes Weſen lag eine poetiſche Ruhe und Heiterkeit, eine hohe und liebliche Einfachheit ausgebreitet; in ih⸗ ren ſchönen Zügen ſpiegelte ſich jeder Eindruck des zar⸗ ten Herzens, deſſen Sprache ihr Mund redete. Man mußte ſchon bei ihrem Anblick beſſer werden, ſo erge⸗ ben, ſo fromm, ſo voll heiliger Gefühle, ſo voll reiner Liebe war ihr Auge. Zwei muntere liebliche Kinder drückten ihre Köpfchen beim Anblick des Fremden in ihren Schvos. Iwan Waßiljewitſch ſtand, wie ange⸗ wurzelt, einige Minuten im Anſchauen dieſer Perſoni⸗ fikation ſtillen Familienglücks verſunken, des höchſten * Lohnes für die Mühen und Sorgen des Menſchen. Er ſtand ſich ſelbſt vergeſſend da, ſein Herz wurde weiter, ſein Gefühle beruhigten ſich, und ſeine Gedanken ver⸗ ſchmolzen zum Gebet. — Es giebt noch ein Glück auf Erden,— rief er begeiſtert,— es giebt ein Ziel im Leben und es beſteht im... —— Zu Hülfe, zu Hülfe!*s paſſirt'n Unglück! Väterchen, Väterchen! Zu Hülfe! Wir werfen um, wir liegen ſchon Iwan Waßiljewitſch fühlte plötzlich einen gewaltigen Rippenſtoß, und indem er mit ſeinem ganzen Gewicht 152 Tarantas. Vom Grafen Sollogub. über Etwas hinſtürzte, erwachte er plötzlich von der heftigen Erſchütterung. — O weh!... Was giebt's?. Was geht vor?... — Zu Hülfe, Brüderchen, ich ſterbe!— ſchrie Wa⸗ ßilij Jwanowitſch und ächzte kläglich.— Wer hätte das denken können!... Der Tarantas hat umgeworfen!... Und in der That, der Tarantas lag tief unten im Graben, die Räder aber hoch oben. Unter dem Ta⸗ rantas lag Jwan Waßiljewitſch, von dem unerwarteten Fall wie betäubt. Unter Jwan Waßiljewitſch lag Wa⸗ ßilij Jwanowitſch, an allen Gliedern zitternd. Das Heft der„Reiſeeindrücke“ blieb für alle Ewigkeit auf dem Boden des ſchlammigen Abgrundes verſenkt. Senka hing mit dem Kopfe über der Tiefe, mit den Füßen am Kutſchbock feſtgeklammert. Der Fuhrmann allein war ſo glücklich geweſen, ſich aus den Strängen herauszuwickeln, und bereits ſtand er ziemlich gleichgültig neben dem umgeworfenen Tarantas. —— Anfangs ſah er ſich rund um, ob nicht irgendwo Hülfe zu finden ſei, dann aber ſprach er ganz kaltblütig zu dem ſtöhnenden und ächzenden Waßilij Jwanowitſch: — Hat Nichts zu bedeuten, Ew. Gnaden! Ende des zweiten Theils. —— Ber uckfehr gleichen den verrätheriſchen Griechen im Bauche des trojani⸗ ſchen Pferdes, die ſich einſchleichen, um die heilige Veſte des — geſunden Menſchenverſtandes zu zerſtören. Die warnende Stimme des„Verzeichniſſes“ bleibt aber dabei in der Regel unbeachtet. Nichtsdeſtoweniger wagt es der erſt nach geſche⸗ henem Unglück davon benachrichtigte Herausgeber, der vom Druckort ebenſo weit entfernt iſt, als einige der nachſtehen⸗ den Irrthümer von dem richtigen Verſtändniß, auf gutes Glück die Warnungszeichen auszuhängen, und bittet den Leſer, es ihm nicht anzurechnen, wenn er im erſten Theile Dinge vorfindet, wie Seite 4 Zeile 5 Beſtandtheilen ſt. Beſtandtheile, „ 17„ 17 Anisliquer ſt. Anisliqueur, ⸗ 20„ 1 und einen ſt. und einem, „27„ 20 Mushik ſt. Muſchik(eig. das franzöſ. j moujik), ⸗ 31„ 5 Treupaß ſt. Freipaß, ⸗—„ 8 Foprawnik ſt. Isprawnik, „ 33„ 5 Joprawnik ſt. Isprawnik, ⸗ 45„ 9 allmächtig ſt. allmälig, 6 ſt ern „77„ 21 bei dem jeden Abend ſt. bei dem man je⸗ den Abend, „ 79„ 7 bordirte ſt. brodirte, Shwal ſt. Shawl, Druckfehler. Seite 83 Zeile 12 hunniſche ſt. heimiſche(Die Hunnen in Moskau würden keinesfalls„werthvolle Erinnerungen“ hinterlaſſen haben!), 13 nicht im Auslande ſt. ſtets im Aus⸗ lande, 11 GElement arabiſche ſt. arabiſche Ele⸗ ment. Andere minder ſinnſtörende Druckfehler wird der Leſer auch ohne Andeutung berichtigen. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. Farbkarte 613 S6