—— Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. 4 Rr. 256. cLeih- und Seſebedingungen. der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 offen. 2. Lesepreis. Bei R ückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit ei ines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, ei eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat:— Pf. 1 Mt. 50 Pf 2 Mk.— Pf. 5 5 Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte B i i e erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Die eſenteeleihereit. Dieſelbe iſt auf I1 Lge feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmer 6 jenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — 2 ₰————— Vordiſches Novellenbuch. Herausgegeben von Robert Lippert. Dritter Band. Tarantas. Feipzig Verlag von J. J. Weber. 1847. 5 Furantas. Vom Grafen Sollogub. Erster Theil. Leipzig Verlag von J. J. Weber. 1847. Seiner Excellenz dem Herrn Grafen Michael Wielhorsky hochachtungsvoll zugeeignet vom Herausgeber. Vorwort. Tarantas?— Iſt's ein Menſch, ein Thier, ein Ding oder was ſonſt im Himmel, auf Erden oder in der Luft?— Das höre ich den Leſer fra⸗ gen, der nie das Glück gehabt, auf praktiſchem, d. h. unpraktiſchem Wege zu erfahren, was es hei⸗ ßen will, dies gewichtige Wort— Tarantas. Einem Schulknaben, der nicht wüßte, was eine „Dſchunke“ iſt, würde man wegen ſeiner kraſſen Ignoranz einen derben Verweis ertheilen, aber wie wenige deutſche Gelehrte werden die im Eingang geſtellte Frage zu beantworten im Stande ſein. Ein deutſcher Gelehrter kennt aber gewiß das ferne China und ſeine Zuſtände weit eher und gründli⸗ cher, als das nahe Rußland. Und doch— welch' ſeltſamer Zufall!— findet zwiſchen einer Dſchunke vII Vorwort. und einem Tarantas die größte Analogie ſtatt. Was für das Reich der Mitte, das ungeheure China, jenes barocke, aber unentbehrliche Fahrzeug, das iſt für das andere Mittelreich in Europa, das rieſige Rußland, der nicht minder ſeltſame Taran⸗ tas— d. h. das geeignetſte Vehikel, um„ſicher, ſchnell und angenehm“ endloſe Entfernungen auf unpraktikabeln Wegen zurückzulegen. Die äu⸗ ßere Erſcheinung dieſer wichtigen Erfindung menſch⸗ lichen Witzes iſt nichts weniger als komplizirt: von Federn keine Spur, ausgenommen die der darin be⸗ findlichen Betten, dafür aber zwei unendlich lange ſchwankende Stangen, durch welche das Vorder⸗ und Hintergeſtell verbunden ſind und darüber ein Ding, das einer Dſchunke oder Arche gleicht, ſo patriarchaliſch, ſo vielumfaſſend und ſtarkgezimmert iſt es. Auf einer ſolchen Dſchunke oder einem Taran⸗ tas ſteuern nun zwei Männer ſelbander durch das weite, heil'ge Ruſſenreich in ſüdöſtlicher Richtung, von Moskau nach Kaſan, Waßilij, der Sohn Jwans und Jwan, der Sohn Waßilijs. Beide Männer vertreten die beiden Zeitrichtungen, welche die ganze Menſchheit in zwei kampfgerüſtete Hee⸗ Vorwort. Ix resmaſſen gegenüberſtellen, den Conſervativis⸗ mus und die Reform. Repräſentirt der auch per⸗ ſönlich, durch ſeine Leibesſchwere und natürliche Fett⸗ laſt nicht leicht fortzubewegende Waßilij Jwano⸗ witſch die altſlawiſche Stabilität, ſo iſt der feder⸗ leichte und ſpindeldürre JIwan Waßiljewitſch der Held des modernen Fortſchritts, wenngleich ein Slawänophil. Der Erſte hat Rußland nie verlaſ⸗ ſen und liebt daſſelbe wie das Kind ſeine Mutter, aus Inſtinkt und darum wahrhaft; die Liebe des Andern für ſein Vaterland iſt ein Produkt der Re⸗ flexion, auf Reiſen im Auslande gewonnen, und darum angedichtet und eine ungeſunde Liebe. Des⸗ halb hat auch ihr Patriotismus— denn Patrioten ſind ſie Beide— eine ganz verſchiedene Wirkung: Waßilijs Vaterlandsliebe greift hinein ins volle Leben und handelt friſch, trotz aller geiſtigen Armuth. Jwan, der ſich„des Gedankens Bläſſe angekrän⸗ kelt“, thut nichts für ſein Vaterland, aber er will zu deſſen Beſtem— ſchreiben. Dieſer Abſicht verdankt das vorliegende Buch ſeine Entſtehung. Auf der Reiſe im Tarantas von Moskau nach Mar⸗ das, im kaſanſchen Gouvernement, gedenkt Jwan Waßiljewitſch Rußland praktiſch zu ſtudiren, um 1 Vorwort. für Rußland wirken zu können, und das ele⸗ ganteſte Portefeuille wartet ſchon der„Reiſeein⸗ drücke“ der Bleiſtift iſt geſpitzt!... Aber— o weh!— Der Jungruſſe hört gleich im Beginn von dem Altruſſen und Begleiter, daß man in Rußland keine„Reiſe“ macht, ſondern nur eine„Fahrt“, von einem Ort zum andern. Zu ſei⸗ nem Entſetzen findet er auch ſelbſt in Wald, Feld und Straße die peinlichſte Einförmigkeit und keinen Gegenſtand, der würdig wäre, die glänzend weißen Blätter des Notizbuches zu ſchwärzen. Verſchwun⸗ den iſt alle Eigenthümlichkeit und Originalität aus der Welt, und ſelbſt die„braune Waldesmaid“, die ſchmucke Zigeunerin ſingt Couplets aus ruſſiſchen Vaudevilles und trägt Kleider von Zitz. Ein deut⸗ ſcher Schriftſteller, Heinrich Heine, hat aber ſehr treffend einſt geſagt:„O Wehmuth, dein Name iſt Zitz!“ Dieſe Wehmuth erfaßt auch den Helden der„Reiſeeindrücke“, und er haucht dieſelbe nicht in elegiſchen Klagen aus, ſondern in gewal⸗ tigen patriotiſchen Rhapſodieen, die aber nirgends ein Echo finden, ſondern ungehört verhallen an dem ſtumpfen Ohre und nüchternen Verſtande ſeines ge⸗ treuen Achates im Tarantas. Vorwort. x1 Wie einſt der edle Ritter von la Mancha aus⸗ zog, die ſchmachtenden Prinzeſſinnen in ſeinem Vaterlande von böſen Zauberern und Ungeheuern zu befreien und nur für die plumpe Bauermagd Maritorne mit hölzernen Windmühlenflügeln kämpfte, ſo ſtreitet dieſer moderne Don Quixotte Rußlands auch nur für den praktiſche Befriedigung erheiſchen⸗ den Materialismus ſeines Heimatlandes mit ſpiri⸗ tualiſtiſchen Hirngeſpinſten. Aber glücklicher Weiſe ſteht ihm der Sancho Panſa zur Seite, um dieſe jämmerliche und kalte Strohglut der flachſten Begei⸗ ſterung mit der geſunden Herzenswärme ſeiner prak⸗ tiſchen Nüchternheit abzukühlen. So findet der Leſer im„Tarantas“ zugleich das eigenthümlichſte Bild ruſſiſcher Zuſtände und Stände; denn der jugendliche Don Quixotte zieht gegen jedes Laſter und Gebrechen zu Felde, wie er für alle Tugend und Trefflichkeit kämpft: der Edelmann, der Tſchinownik, der Kaufmann, der Bauer treten nach der Reihe auf, wir ziehen in das ärmliche Poſtſtationshaus und in den ſchmutzigen Gaſthof ein; Stadt und Land, Kirche und Haus, Kunſt und Natur werden in geiſtreichen Lichtbildern dem Zuſchauer vorgeführt. x1 Vorwort. Das Ganze iſt reich an intereſſanten Situationen und gutem Humor, ja ſelbſt die Kontraſte der bei⸗ den Hauptperſonen und ihr eignes Verhältniß zu den Dingen, ſowie ihre Anſchauungsweiſe voll Bi⸗ zarrerie und Wahrheit zugleich machen es dem Leſer möglich, Rußland nach allen Seiten zu erkennen.... Wollen wir auch damit keinen Vergleich über⸗ haupt ausgeſprochen haben, ſo läßt ſich doch nicht leugnen, daß der geiſtvolle Verfaſſer des„Taran⸗ tas“ uns häufig an Cervantes und Sterne erinnert. Mit den beiden Sternen erſter Größe am Literaturhorizont ihres Vaterlandes hat der junge ruſſiſche Schriftſteller noch das gemein, daß er bei draſtiſchem Witz doch nie ins Gemeine und Niedrigkomiſche herabſinkt, für ſein Vaterland aber hat Graf Sollogub noch den beſondern und in Rußland ſeltnen Werth eines korrekten und elegan⸗ ten Styls, gepaart mit volksthümlichem und origi⸗ nellem Ausdruck. R. Lippert. Inhalt. Seite Erſtes Kapitel. Die Begegnung.......... 3 Zweites Kapitel. Die Abreiſe........ 14 Drittes Kapitel. Anfang der Reiſeeindrücke.... 24 Viertes Kapitel. Die Station.......... 34 Fünftes Kapitel. Der Gaſthof....... 44 Sechstes Kapitel. Die Gouvernementsſtadt..... 58 Siebentes Kapitel. Eine einfache und einfältige Ge⸗ 70 Achtes Kapitel. Die Zigeuner.......... 92 Reuntes Kapitel. Der Ring 104 Zehntes Kapitel. Einiges über Literatur... 113 Elftes Kapitel. Ein ruſſiſcher Herr......... 122 Zwölftes Kapitel. Das petſchoriſche Kloſter..... 137 Dreizehntes Kapitel. Der Gutsbeſitzer..... 149 Tarantas. vom Grafen Sollogub. Erſter Theil. Nord. Novellenbuch MI. Erſtes Kapitel. Die Begegnung. Auf dem Twerſchen Boulevard in Moskwa machte Waßilij Iwanowitſch eines Tages ſeinen Spazier⸗ gang. Waßilij Jwanowitſch war ein Kaſanſcher Gutsbe⸗ ſitzer von ungefähr funfzig Jahren, klein von Wuchs, aber ſo wohlbeleibt, daß es eine Freude war, ihn an⸗ zuſehen. Aus ſeinem vollen, rothen Antlitz ſchauten ein Paar kleine, graue Aeuglein heraus. Er trug ſich wie ein ruſſiſcher Landedelmann: die weiße Filzmütze mit breitem Schirm auf dem Haupte, ein blauer Frack mit blanken Knöpfen aus dem Atelier des ſchielenden kaſanſchen Schneiders, deſſen Firma ſchon ſeit vierzig Jahren verkündigte, daß er erſt ganz kürzlich aus Pe⸗ 4 Tarantas. tersburg angekommen ſei, ferner eine erbſenfarbige Hoſe, die in maleriſchen Falten die Stiefeln gemächlich um⸗ ſchlotterte, eine Kravate mit koloſſaler Schnalle im Nacken und eine himmelblaue Glasperlenſchnur auf ro⸗ ther Weſte— bildeten die einzelnen Beſtandtheilen ſei⸗ nes Koſtüms. Während Waßilij Jwanowitſch ſo auf dem Twer⸗ ſchen Boulevard ſeines Weges wandelte, lächelte er ſchlauen Blicks für ſich bei dem Gedanken an alle die Genüſſe, die Moskwa in verſchwenderiſchem Ueberfluſſe varbietet. In der That, es ſchien kaum zu glauben der engliſche Klub, der deutſche Klub, der Kommerzklub, und alle angefüllt mit Kartentiſchen, an denen man ſich niederlaſſen kann, um zuzuſehn, wie die Leute ihr großes oder kleines Spielchen machen. Hier das Lotto, bei dem die Gutsbeſitzer ihre Zeit verbringen, dort die Billards mit den ſchnurrbärtigen Spielern und ſpaßhaf⸗ ten Marqueurs. Welch' ein Leben!— Und die Zi⸗ geuner, die Komödie, die Bärenhatz mit Bullenbeißern, die Gulanien und das Ballet, wo die ſchönſten Mäd⸗ chen herumſpringen und mit ihren Beinen ſolche Schrift⸗ züge machen, daß man ſeinen Augen kaum traut. Da⸗ vei gedachte Waßilij Jwanowitſch ſeiner wohlbeleibten und ingrimmigen Ehehülfte, die daheim im Kaſanſchen —— Vom Grafen Sollogub. 5 Dörſchen geblieben war, um der Wirthſchaft vorzuſte⸗ hen,— und zugleich lächelte er pfiffig mit der Miene eines ganz verzweifelten Galgenvogels. Grad um dieſelbe Zeit machte gleichfalls auf dem Twerſchen Boulevard Jwan Waßiljewitſch ſeinen Spa⸗ ziergang. Jwan Waßiljewitſch war ein junger Menſch, der eben erſt aus dem Auslande zurückgekehrt war. Er trug einen Makintoſch ohne Taille, ſein Beinkleid kam aus dem Atelier von Chevreuil in Paris, der Stock, auf den er ſich ſtützte, war bei Verdier ge⸗ kauft, ſein Haar à la renaissance geſchnitten, und ſein Kinn zeigte noch die Spuren eines übermäßig großen Bartes. Ehemals, wenn ein hoffnungsvoller Jungruſſe aus Paris heimkehrte, ſo brachte er das Anſehn eines Cvif⸗ feurs mit, außerdem einige bunte Weſten, ein Dutzend abgenutzter Bonmots, verſchiedene unerträgliche Grimaſ⸗ ſen und eine tüchtige Doſis der unverſchämteſten Prah⸗ lerei. Dies änderte ſich im Laufe der Zeiten: Die Jungruſſen nahmen eine tiefſinnige Miene an, ſtudirten politiſche Oekonomie, kümmerten ſich um die ruſſiſche Ariſtokratie, intereſſirten ſich für die Wohlfahrt des Staa⸗ tes, und, kaum ſollte man's glauben, im Auslande wur⸗ Tarantas. 6 den ſie ruſſiſch, ja hyperruſſiſch, ſie träumten nur von Rußland, von deſſen Größe und deſſen Mängeln, und kehren nun heim mit einem ſonderbaren Enthuſiasmus, der zuweilen komiſch und unzeitig, jedoch verzeihlich iſt und jedenfalls vor der früheren Trivialität den Vorzug ver⸗ dient. Der würdige Repräſentant Jungrußlands, Jwan Waßiljewitſch, hatte ganz Europa bereiſt, und indem er das politiſche Geſchwätz der unzweckmäßig durch einan⸗ der gewirrten Stände vernahm, die kleinlichen Leiden⸗ ſchaften erkannte, die ſich hier hinter den hochtönenden Worten des öffentlichen Wohls, der Freiheit und Aufklärung verſteckten, begriff er, daß ſein Vaterland noch viel Großes und Treffliches beſitze, und ſeitdem ent⸗ brannte in ihm eine glühende Liebe, von der er ſich freilich keine Rechenſchaft zu geben vermochte, für ſein Vaterland, ſeit dieſer Zeit fing er an, voll ſtolzen Selbſt⸗ gefühls und vor der Welt ſich damit zu brüſten, daß er als Ruſſe geboren ſei. Ganz unabhängig von die⸗ ſen Gefühlen brachte er, wie auch die andere ſtaatsmän⸗ niſche Jugend Rußlands, aus der Fremde einen hohen Enthuſiasmus für die pariſer Oper und zärtliche Er⸗— innerungen von den Bällen der pariſer Faubourgs mit. Und ſo machte Jwan Waßiljewitſch jetzt auf dem Twerſchen Boulevard ſeinen Spaziergang und betrachtet⸗ 4 Vom Grafen Sollogub. 7 mit Verwunderung die buntfarbigen Koſtüme der Stutzer von Moskwa, die phantaſtiſchen Livreen ihrer unraſirten Lakaien, und indem er die herrliche Arie des Belliniſchen Piraten für ſich hinbrummte, flogen ſeine Gedanken hin und her.— Mein Gott— dachte er— wie ſchade, daß es hier ſo wenig Leben und Bewegung giebt... Mel furor!... Das iſt ein ander Treiben in Paris.. della tempesta! Ach Paris, Paris! Wo ſind deine Griſetten, deine Theater und dein bal Ma- bille... Nel furor! Ach! ich denke Eurer: Lablache, Griſi, Fanny Elsler, und hier hört man nur die Frage: Welchen Rang haben ſie? Erwidert man: Gouverne⸗ mentsſekretär— ſo wird man über die Achſel ange⸗ ſehen.... della tempesta! Im ſelben Augenblick nahm er den ſeltſamen Fleiſch⸗ klumpen in der weißen Mütze mit den erbſenfarbigen Beinvorhängen wahr, der ſich ihm entgegenwälzte. Das rothe, ſchmunzelnde Antlitz ſchien ihm bekannt. — Aha, das iſt ja Waßilij Jwanowitſch— dachte er— unſer Nachbar auf dem kaſanſchen Dorfe..'s iſt der Gutsbeſitzer von Mardas... dreihundert See⸗ len!...'n guter Wirth... ſteht gehörig unter'm Pan⸗ toffel. Ein luſtiger Geſell bei Namensfeſten, wo er allerlei ruſſiſche Lieder ſingt und zuweilen auch vorzu⸗ 8 Tarantas. tanzen pflegt.. hat ſicher meinen Alten geſehen!...— Guten Tag, Waßilij IJwanowitſch!— rief jetzt ſich höflich verbeugend der junge Mann. Der Angeredete blieb ſtehen und betrachtete zweifel⸗ haften Blickes den vor ihm Stehenden: — Ho, ho, ho,— brüllte er endlich mit Donner⸗ ſtimme— ho, ho, ho Iwan, Wanja, Wanuſcha, Wa⸗ nitſchka... Welcher Zufall führt den her?— Dabei umfaßte er den erſchrockenen Dandy mit ſei⸗ nen mächtigen Tatzen und erſtickte denſelben faſt durch ſeine herzhaften Küſſe, ohne auf die umſtehenden Gaf⸗ fer zu achten. — Nu, Brüderchen— fuhr er fort— ſiehſt ja aus wie'ne Vogelſcheuche, dreh' dich doch'n Mal um, noch'n Mal... So iſt' recht— dabei betrachtete er den ihm willenlos Gehorchenden auch von hinten.— Ei was iſt denn das? Iſt das bei euch Mode? Das iſt ja'n Ding nicht gehauen, nicht geſtochen, ſieht grad aus wie'n Mehlſack. Schön, Brüderchen, recht ſchön! Woher kommſt Du denn?— — Ich war im Auslande.— — Sieh' mir Einer... und wo denn, wenn's er⸗ laubt iſt zu fragen?— — Sechs Monat in Paris.. Vom Grafen Sollogub. 9 — So!— — In Deutſchland, Italien... — So, ſo, ſo... recht ſchön! und wenn's er⸗ laubt iſt zu fragen, haſt wol ein rundes Sümmchen umzuſetzen beliebt?— — Wie?— — Ich meine, Brüderchen, ob Du viel durchgebracht haſt?— —'ne ziemliche Summe... — Hm, hm.. und was wird Dein Papachen, mein Herr Nachbar, dazu ſagen? Die Alten ſind ſonſt eben nicht ſehr nachſichtig, wenn ihnen die Jungen's Geld durchbringen, und die ſchlechten Zeiten dazu,— Du haſt vielleicht ſchon gehört, daß der Hagel dem Papa allen Buchweizen niedergeſchlagen hat?— — Der Papa hat mir's geſchrieben, ich beabſichtige jetzt ſelbſt nach Hauſe zu reiſen.— — Thuſt auch recht daran, den Alten zu tröſten, aber. iſt's erlaubt zu fragen, welchen Rang.2 — Da haben wir's— dachte der junge Menſch — Die zwölfte Klaſſe*) antwortete er kleinlaut. 9 Der Rang eines Collegienſecretärs oder der vorletzte in der ruſſ. Beamtenhierarchie. 10 Tarantas. — SHm, nicht von Bedeutung... und ſchon verab⸗ ſchiedet, nicht wahr?— — Ich habe meinen Abſchied genommen... — Das iſt's eben; ihr jungen Leute habt euch in den Kopf geſetzt, daß man den Dienſt hintenanſetzen müſſe, ihr ſeid allzuklug geworden... und jetzt, wenn ich fragen darf, was gedenken Sie zu machen... nun Herr?— — Ich möchte mir wol Rußland anſehn, Waßilij Jwanowitſch, mich näher damit vertraut machen.. — Wie?— — Ich möchte mein Vaterland ſtudiren... — Was, was, was. 2— — Ich bin entſchloſſen, meine Heimat zu ſtudiren.. — Erlauben Sie, ich verſtehe Sie nicht... Sie wollten ſtudiren?... — Meine Heimat ſtudiren, Rußland ſtudiren.. — Aber wie in aller Welt wollen Sie Rußland ſtudiren, Freundchen?— — In zweierlei Betracht. in Rückſicht auf ſeine Vorzeit und in Rückſicht auf ſeine Nationalität, was übrigens in enger Verbindung mit einander ſteht. Durch Erforſchung unſerer Denkmäler, unſerer Traditionen und Sagen, durch ſtetes Lauſchen auf alle Stimmen der — Vom Grafen Sollogub. 11 Vergangenheit wird es mir gelingen.. verzeihen Sie, wird es uns gelingen, mir und meinen Mitſtrebenden, zum Verſtändniß des Volksgeiſtes, ſeiner Sitte und ſei⸗ nes Bedürfniſſes zu dringen, und ſo werden wir die Quelle kennen lernen, aus welcher unſere Nationalkul⸗ tur entſpringen muß, ſo daß uns Europa zwar als Beiſpiel dient, ohne jedoch ein Muſter abzugeben... — Nach meiner Meinung— fiel ihm Waßilij Jwanowitſch in die Rede— wüßte ich Dir das beſte Mittel ausfindig zu machen, um Rußland zu ſtudiren — es heißt heirathen. Laß das dumme Gerede und komm mit mir nach Kaſan, Brüderchen. Dein Rang iſt zwar nicht groß, aber doch Offiziersrang, euer Ver⸗ mögen iſt ſtandesgemäß, und leicht wirſt Du'ne gute Partie finden. Bräute haben wir, Gott ſei's gedankt, im Ueberfluß... Heirathe alſo und bleibe bei Deinem Alten,* iſt Zeit, an ihn zu denken. He, Brüderchen, was meinſt Du dazu? Du glaubſt wol,'s wäre lang⸗ weilig bei uns auf dem Lande? Ganz und gar nicht. Des Morgens geht's auf's Feld, dann zum Frühſtück, darauf zum Mittagseſſen, nachher ein Schläfchen und endlich zu Beſuch in die Nachbarſchaft... Und die vie⸗ len Namenstage, die Hundejagden, eigne Muſik, die Jahrmärkte.. He?... Das iſt'n Leben, Brüder⸗ 12 Tarantas. chen!... Was iſt Dein Paris im Vergleich damit? Und die Hauptſache, wie die Kinderchen bei Dir in die Höhe ſchießen, und das Korn achtfältig gedeiht, und in Deiner Scheune häuft ſich das Getreide ſo an, daß man kaum Zeit hat es zu mahlen, und die Taſche füllt ſich mit Silberrubeln, daß Du ſie kaum zählen kannſt.. ſo wirſt Du, nach meiner Meinung, Rußland vortreff⸗ lich kennen lernen. He?... — Freilich— meinte Jwan Waßiljewitſch—'s wäre ſo übel nicht.... — Weißt Du was.. Duwillſt doch nach Kaſan?— — Ja, nach Kaſan.... — Wann?— — Je eher, je lieber.... — Ganz prächtig... aber mit welcher Gelegenheit, wenn's erlaubt iſt zu fragen?— — Das weiß ich ſelbſt noch nicht.— — Du haſt alſo keine Equipage?— — Keineswegs... — Unvergleichlich! Wir reiſen zuſammen... — Wie?— — Wir reiſen zuſammen... Ich bringe Dich zum Alten.. Du haſt ſicherlich keinen überflüſſigen Gro⸗ ſchen?— Vom Grafen Sollogub. 13 — Erlauben Sie, ich verſtehe nicht.. — Laß die Großthuerei. Heraus mit der Wahr⸗ heit!— — Ich bin allerdings jetzt ein wenig genirt.... — Nu, nu, nu, ſiehſt Du!.... Warum biſt Du nicht längſt damit herausgerückt?.. Alſo, ich bringe Dich hin und rechne mit Deinem Alten ab... — Erlauben Sie?— — Na, was noch?— — Mein Zartgefühl läßt's nicht zu.. — Dummes Zeug, Alterchen, wir ſind Landsleute. Laß die Ziererei und mache mit mir keine Umſtände. Schlag ein, nicht wahr?— — Ich bin Ihnen unendlich verpflichtet... — Nu, s iſt ganz prächtig ſo! Aber weißt Du auch, wie wir reiſen?— — In einem Scheibenwagen?— — In einer Kaleſche... — N — In einer Britſchke.. — Ne, auch nicht... — In en Kibitte — Ne, ganz und gar nicht!— 14 Tarantas. — Aber wie denn?— Bei dieſer Frage nahm Waßilij IJwanowitſch eine pfiffig ſchmunzelnde Miene an und ſprach feierlich nach einer kurzen Pauſe: — Im Tarantas!— Zweites Kapitel. Die Abreiſe. Einige Tage nachher fand in einem kleinen hölzer⸗ nen Häuschen auf dem Hundeplatze zu Moskau eine ungewöhnliche Bewegung ſtatt. Auf dem Hofe war ein Fuhrmann um die Poſtpferde beſchäftigt, auf der Treppe liefen die Mägde geſchäftig auf und ab, in den Zimmern war der Fußboden mit Koffern, Kiſten und Kaſten, Stricken, Heu und allerlei Unrath bedeckt.— In einer Dachkammer des obern Stocks ſtand Waßilij Jwanowitſch vor dem Spiegel und machte ſeine Reiſe⸗ tvilette. Eine ungeheure geſtrickte Schärpe, in allen Re⸗ genbogenfarben ſchillernd, ein werthvolles Unterpfand ehelicher Ausdauer, umſchlang ſeinen dicken Hals. Die mächtigen Lenden waren mit weißen Pelzſtiefeln über⸗ „ — —,— Vom Grafen Sollogub. 15 zogen, und den breiten Rücken Waßilij Jwanowitſch's deckte ein rauhhaariger tartariſcher Pelz, das Haar nach außen gekehrt. So ſtand er gleich den homeriſchen Helden in vollendeter Schönheit da, ihm zu beiden Seiten aber der Hausherr, die Hand im Buſen, und deſſen Chehälfte, eine ſtarkbeleibte Kaufmannsfrau, einen hohen Kuchen in den Händen, den ſie dem Gaſte für die Reiſe gebacken; und beide verneigten ſich vor dem feiſten Landedelmann, indem ſie mit allerhand Grimaſſen ihn folgendermaßen anredeten: „Erlauben Euer Gnaden, Ihnen das Geleit zu ge⸗ ben und allerlei Segen zu wünſchen. Wir bitten un⸗ terthänigſt, unterthänigſt bitten wir, unſer Salz und Brod für die Reiſe nicht zu verſchmähen, wir bringen, was Gott uns beſchert; es möge Ihnen wohl bekom⸗ men, verſchmähen Sie es nicht,'s iſt auf der Reiſe wohl zu gebrauchen.. Wenn der Herrgott Euer Gna⸗ den wieder nach Moskwa führt, ſo bitten wir aller⸗ unterthänigſt, uns das Leid nicht anzuthun und an un⸗ ſerm Hauſe vorüberzugehen. Wir freuen uns aufrichtig über Euer Gnaden Beſuch und bitten unterthänigſt, es uns nicht übel zu deuten!— „Danke, Wirth,“ erwiderte herablaſſend Wafilij Jwanvwitſch, danke, treue Wirthin, ich werde Eurer 16 Tarantas. gedenken und mich an's genoſſene Gute erinnern. Heda Senka! nimm den Kuchen und leg ihn hübſch ſäuber— lich in den Wagen, hörſt Du? So Gott giebt, ſehen wir uns balde wieder... Nimm Dich in Acht, daß er nicht zerbröckelt... Wir haben in Frieden und Freund⸗ ſchaft mit einander gelebt... Gib Acht, Kanaille— der Beſtie iſt Alles eins!— Waßilij IJwanowitſch ſteckte ſein Taſchenbuch nebſt dem Reiſepaß in die Taſche, den Beutel in die Pluder⸗ hoſen, umwand den Pelz mit dem Gürtel, und nachdem er ſich vor dem Heiligenbilde bekreuzigt, indem er ſich verbeugte, und dreimal den Wirth und die Wirthin umarmt, ging er auf den Hof hinaus, zu ſehen, ob Alles zur Abreiſe gehörig vorbereitet ſei. Auf dem Hofe im vollen Glanze ſeiner Steppen⸗ natur zeichnete ſich der Tarantas. Aber welcher Tarantas, welche wunderbare Erfin⸗ dung des Menſchengeiſtes! Man denke ſich zwei lange Stangen, zwei parallele Knüppel ohne Ende, in deren Mitte, wie durch einen Zufall, ein Korb hineingefallen ſchien, der, an den Seitenwänden abgerundet, einem Rieſenbechet, einem Pokal für ein antediluvianiſches Gaſtmahl glich. An beiden Enden der Knüppel aber befanden ſich Räder angehängt, und dieſe ſeltſame Schö⸗ k SlceeM Vom Grafen Sollogub. 17 pfung erſchien von fern wie die wilde Ausgeburt einer phantaſtiſchen Welt, ein Mittelding zwiſchen einer Heu⸗ ſchrecke und einer Kibitke. Was ſoll man aber ſagen. von der Kunſt, vermöge der die Umriſſe des Tarantas in wenigen Minuten plötzlich unter zahlloſen Koffern, Mantelſäcken, Kiſten, Kaſten, Körben, Körbchen, Käſt⸗ chen und andern Hohlmaßen von allerlei Art und Form verſchwanden? Vor Allem war in dem ausge⸗ höhlten Bauche des Fuhrwerks kein Sitz zu ſehen:— ein ungeheurer Bettpfühl füllte die Tiefen des Abgrunds aus und ſtellte das Niveau des Ganzen wieder her, drüber thürmten ſich ſieben Kopfkiſſen mit ihren Kat⸗ tunüberzügen, die wegen des etwaigen Schmutzes ab⸗ ſichtlich von dunkler Farbe gewählt waren, pyramida⸗ liſch auf ihrem weichen Fundamente. Zu Füßen ſtand in einem Baſtgeflechte der Reiſekuchen, eine Phiole mit Anisliquer, verſchiedene gebratene Vögel in einer grauen Löſchpapierhülle, Schinken, Käſekuchen, Weisbrod, Sem⸗ meln und der Theekaſten, der unerläßliche Begleiter je⸗ des Gutsbeſitzers im Steppenlande. Dieſer Theekaſten, von Außen mit Seehundsfell beſchlagen, am Deckel aber mit Borſten überzogen und rings mit eiſernen Reifen umgeben, enthielt den ganzen Theeapparat, eine ohne Nord. Novellenbuch. 1II. 2 1 1 13 18 Tarantas. Zweifel äußerſt nützliche Erfindung, deren Ausführung nicht ohne einen gewiſſen Aufwand von Ueberlegung be⸗ werkſtelligt war. Oeffnete man denſelben, ſo fand man unter dem Deckel einen Präſentirteller, auf welchem ſich das Bild einer Schäferin zeigte, die in ihrer Un⸗ ſchuld unter einem Baume ſchlief. Das ganze Gemälde beſtand aus drei roſenfarbenen Kleckſen, die der Künſt⸗ ler mit kühnem Pinſel nachläßig hingeworfen. Im Innern des Kaſtens, der mit Tapeten beklebt war, ſtand eine ehrbare Theekanne von ſchmutzig weißer Farbe mit vergoldetem Deckel. Neben derſelben eine Glasphiole mit Thee gefüllt, eine ähnliche mit Rum, zwei Gläſer, eine Milchkanne, ſammt der kleinen Zubehör der Thee⸗ bedürfniſſe. Uebrigens verdient der ruſſiſche Theekaſten alle Achtung, er allein inmitten allgemeiner Verände⸗ rungen und Reformen hat ſeinen urſprünglichen Typus nicht gewechſelt. Er hat ſich nicht durch die Vorſpie⸗ gelungen trügeriſcher Reize verlocken laſſen, ſondern mit Gleichmuth und unerſchütterlicher Feſtigkeit hat er al⸗ lem Wechſel der Zeiten Trotz geboten... Dies iſt der echt ruſſiſche Theekaſten!— Rings um den Tarantas befanden ſich geflochtene Baſtſäcke und Pappſchachteln aneinandergereiht. In ei⸗ nem der letzteren befand ſich eine modiſche Haube und * Vom Grafen Sollogub. 19 ein ponceaufarbiger Turban, aus dem Atelier der ge⸗ feiertſten Modiſtin auf der Schmiedebrücke zu Moskwa, dieſem Klein-Paris in Betreff der Hauben und Hüte; das erwähnte Fabrikat aus den Händen der kunftferti⸗ gen Franzöſin war für Waßilij Jwanowitſch's Ehe⸗ gattin beſtimmt. In einer andern Schachtel lagen Bil⸗ derbücher, Puppen und Spielzeug für die Kinder des Gutsbeſitzers, obendrauf zwei Lampen für ſein Haus, einiges Geſchirr für ſeine Küche und ein kleiner Vor⸗ rath von Kolonialwaaren für ſeine Tafel, welches Alles vorſchriftmäßig nach einem von der geſtrengen Hausfrau verfaßten Regiſter eingekauft worden. Endlich waren hinten an dem Fuhrwerk drei mit allerlei Haus- und Unrath angefüllte rieſige Koffer angebunden, welche die hintere Seite des Reiſewagens in eine Art Obelisk von Luror verwandelten. Der rothhaarige Roſſebändiger fing jetzt an, unzu⸗ friedenen Blickes ſeine drei ſchwindſüchtigen Mähren an den Tarantas zu ſpannen. In dieſer Minute rollte Iwan Waßiljewitſch auf einer Droſchke in den Hof. Der Kragen ſeines Makintoſch war über die Ohren ge— sogen, unter dem Arm trug er ein kleines Felleiſen, in den Händen aber einen zierlichen Reiſeſack mit Stahl⸗ ſchloß und— ein ſchön in braunen Saffian gebundenes „ 2 —————— 20 Tarantas. Buch mit ſilberner Einfaſſung und einen fein zugeſpitz⸗ ten Bleiſtift.— — Ei, Jwan Waßiljewitſch!— ſagte Waßilij Jwanowitſch. Es iſt Zeit, Brüderchen! Aber wo iſt Dein Gepäck?— — Ich habe weiter nichts, als was ich hier mit mir führe.— — He he!. Aber Brüderchen in Deinem Säckchen da wirſt Du erfrieren.'s iſt gut, daß ich ein über⸗ flüſſiges Haſenpelzchen bei mir habe. Aber ſag' mir doch, was ſoll man Dir denn unterlegen,'n Federbett oder'ne Matratze? — Wie? fragte beſtürzt Jwan Waßiljewitſch. — Ich frage Dich, was Du vorziehſt, ein Federbett oder eine Matratze?— Jwan Waßiljewitſch war bereit davon zu laufen, und er ſah ſich mit verzweiflungsvoller Miene nach al⸗ len Seiten um. Ihm ſchien's, als ob ganz Europa auf ihn im Haſenpelz, auf dem Bettpfühl und im Tarantas hinſchaue. — Nu, was denn? fragte Waßilij Jwanowitſch. Iwan Waßiljewitſch faßte ſich ein Herz. — Eine Matratze! flüſterte er mit kaum vernehm— licher Stimme. Vom Grafen Sollogub. 21 — Nun gut. Senka, leg' ihm die Matratze un⸗ ter und rühre Dich ein wenig, Du Lümmel! Senka im Lederpelz— machte ſich von Neuem an ſeine cyklopiſche Arbeit. Waßilij Jwanowitſch fuhr mit ſelbſtgefälligem Lä⸗ cheln fort: — Und was für'n Tarantaschen? He?'ne wahre Wiege! An Uumwerſen iſt nicht zu denken, und ausge⸗ beſſert braucht's niemals zu werden,'s iſt ein ander Ding als eure Equipagen in Federn, wo auf jedem Schritt was zerbricht. Und weich liegt ſichs darin, ge⸗ rade wie im Bett. Nur muß man ſich dann und wann von einer Seite auf die andere umkehren, ſich wärmer einwickeln, und dann kann man meinetwegen den ganzen Weg lang ſchlafen.. Iwan Waßiljewitſch ſchaute ziemlich betrübten Blicks ſeinen Reiſegefährten an, nicht im Geringſten von der Möglichkeit der bevorſtehenden Genüſſe überzeugt. Doch war nichts dagegen zu machen. Nachdem er, wie es einem Ruſſen geziemt, außer Landes das Seinige durch⸗ gebracht, wußte er in der That nicht, wie er bis auf's väterliche Gut kommen ſollte. Und ſieh' da, eine vor⸗ treffliche Gelegenheit bot ſich ihm dar: Waßilij Jwano⸗ 22 Tarantas. witſch, der Freund ſeines Vaters, nahm ihn auf Cre⸗ dit mit in ſeine Heimat. Auf dem Wege konnte er vielleicht ſein Vaterland ſtudiren. Alles wäre gut geweſen, aber— dieſer ge— meine Pfühl, dieſe Kopfkiſſen in Kattun gehüllt, dieſe entſetzliche Equipage!... Jwan Waßiljewitſch ſeufzte ſchwer und murmelte zwiſchen den Zähnen: Nel furor della tempesta... Es wäre aber Zeit abzufahren. Und wirklich war es Zeit. Die Pferde waren an⸗ geſpannt. Um den Tarantas drängten ſich die Wirths⸗ leute und ihre ſämmtliche Dienerſchaft geſchäftig, Alle legten mit Hand an oder verneigten ſich oder wünſch⸗ ten glückliche Reiſe. Waßilij Jwanowitſch unter allge⸗ meiner Beihülfe, nach gehörigem Stoßen und Schieben kroch endlich auf ſeinen Platz und— verſank in den Pfühl. Hinter ihm drein kletterte Jwan Waßiljewitſch und ließ ſich auf ſeine Kiſſen nieder, Senka aber nahm neben dem Fuhrmann Platz. „Nun, iſt Alles fertig?“ Alle bejahten die Frage. „Nun,“ fuhr Waßilij Jwanowitſch fort,„gieb auf den Weg acht. Halte bergab die Pferde feſt, gallopire nicht, und bleibe nicht ſtehen, ſondern fahre immer im Vom Grafen Sollogub. 23 Trab— eins, zwei, drei... Senka ſchlaf mir nicht auf dem Bock. Hörſt Du's?— Nun mit Gott und — marſch!...“ Der Tarantas ſetzte ſich in Bewegung, wackelte rechts und links, und fort ging's mit der ſchweren La⸗ dung.... Alle riefen den Reiſenden Abſchiedsgrüße nach. Die Wirthsleute ſammt der ganzen Hausdienerſchaft eilten vor die Thür, dem Tarantas nachzuſchauen, bis er zuletzt den Blicken entſchwand. Das ſeltſame Fuhr⸗ werk aber wälzte ſich durch die weißummauerte Stadt Moskwa und ſetzte keinen Menſchen in Ver⸗ wunderung. Es hätte jedoch daſſelbe wohl Stoff für die Verwunderung gegeben, dieſes Ungeheuer mit ſei⸗ nen Kaſten anzuſchauen, auf denen der zottige Guts⸗ beſitzer lag, gleich einem verzärtelten Bären. Nicht ge⸗ ringere Verwunderung verdiente auch der neben ihm emporragende magere Dandy im Makintoſch mit der mißvergnügten Phyſivnomie, und eine in ſeiner Art eben ſo merkwürdige Erſcheinung gab Senka auf ſei⸗ nem Bock im ledernen Schafspelz ab, dem wilden Sohn der Eiſeswüſten gleichend. An anderen Orten hätte dies Alles gewiß die allgemeine Neugier rege gemacht, in Moskwa aber gingen die Leute, an dergleichen Schau⸗ 24 Tarantas. ſpiele gewöhnt, unverwandten Blickes vorüber. Nur die Straßenbuben, ſich einander an den Röcken feſthal⸗ tend, riefen einander im Vorübergehen zu: — Siehſt Du, da fährt ein Gutsbeſitzer! Wie ſie Drittes Kapitel. Anfang der Reiſeeindrücke. Als unſere Reiſenden zum Stadtthore hinausfuhren, entſpann ſich zwiſchen ihnen folgendes Geſpräch: — Waßilij Jwanowitſch!— — Was Brüderchen? — Wiſſen Sie, worüber ich nachdenke? — Mein Brüderchen, ich weiß nicht. — Ich denke, da wir uns jetzt auf die Reiſe machen..... — Was, was Brüderchen? Was für'ne Reiſe? — Nun, wir machen doch jetzt eine Reiſe... — Nein IJwan Waßiljewitſch, ganz und gar nicht. Wir fahren blos aus Moskwa nach Mardas durch Kaſan. — † Vom Grafen Sollogub. 25 — Das iſt doch auch eine Reiſe... — Was für eine Reiſe Brüderchen!... Man reiſt wol außer Landes ins deutſche Land, aber wir, was ſind wir für Reiſende? Wir ſind ſchlechtweg Edelleute und fahren auf unſer Gut... — Nu das iſt Alles einerlei. Gut alſo, da wir uns jetzt auf den Weg machen... — Ach, das iſt'n ander Ding!... — So ſcheint mirs, daß ich die Zeit unſerer— wie denn gleich:— Fahrt mit Nutzen verwenden könnte. — Was für'n Nutzen Brüderchen? Kann's nicht begreifen!— — Nun ſo hören Sie: Im Auslande iſt's jetzt Mode, ſeine Reiſeeindrücke drucken zu laſſen. Da⸗ hinein bringt man allerlei Begebenheiten. Wo man geſchlafen, was man geſehen, was man begriffen oder errathen hat, Betrachtungen über die Landesſitten, über die Volksaufklärung, über den Zuſtand der Künſte, die Bewegung des Handels, über die Alterthümer oder modernes Treiben, mit Einem Worte, über die ganzen Verhältniſſe des Volkes. Alsdann ſammelt man dies Alles und giebt's unter der Benennung„Reiſeein⸗ drücke“ in den Druck.— 26 Tarantas. Sieh mir einer an!— — Leider tragen dieſe Reiſeeindrücke nicht immer . den Stempel der Wahrheit, und deßhalb verlieren ſie an Werth. Obendrein iſt auch Alles, was man von den Ländern des Weſtens ſagen könnte, unzählige Male ſchon geſagt und gedruckt, die Schlüſſe daraus ſind ge⸗ zogen und die Meinungen feſtgeſtellt. Jedermann weiß, was er von den Dingen zu halten hat. Dem Beob⸗ 3 achter bleibt dabei nichts zu thun übrig. — Weßhalb aber führen Sie ſolche Reden, Brü⸗ derchen? — Aus folgenden Gründen: Reiſeeindrücke ſind im Auslande Niemandem nöthig, weil in Ihnen nichts Neues enthalten ſein kann. Allein Reiſeeindrücke in Rußland können allerdings viel Intereſſantes enthalten, beſonders wenn ſie auf die lautere Wahrheit begründet ſind. Denken Sie ſich, welch reiches Feld für den Forſcher: das Studium der alten Denkmäler des ruſſi⸗ ſchen Lebens, das ausführlichſte Studium unſeres ſchö⸗ nen, unſeres hehren und heiligen Vaterlandes, Sie verſtehen mich?... Nein Brüderchen, Du redeſt mir da lauter ſeltſame Dinge vor. 5 — Meine Hoffnung, mein Wunſch, mein Ziel— 8, ſch,— ————————————— Vom Grafen Sollogub. fuhr mit Begeiſterung Jwan Waßiljewitſch fort— iſt, wenigſtens durch Etwas meinem Vaterlande nützlich zu werden. Deßhalb, Jwan Waßiljewitſch, will ich Alles aufſchreiben, was ich ſchauen werde. Ich will aber ſchildern, wie ich es geſehen, und mich nur an die Wahrheit halten, an die lautere Wahrheit. Ich habe ein Reiſetintenfaß und ein dickes Heft weißen Papiers bei mir— fügte er feierlich hinzu, indem er auf das prächtig eingebundene Buch hinwies, welches auf ſeinen Knieen lag.— Dieſes Buch ſoll meinen Namen durch ganz Rußland verherrlichen... es iſt das Buch meiner Reiſeeindrücke. Meine Freunde werden es leſen, und gebe Gott, daß es ſie zu dem Streben veranlaßt, tiefer in dieſe Gegenſtände einzudringen, die ich nur im Fluge berühren kann. Und was wollen Sie denn da hineinſchreiben? — Alles, was uns unterwegs wahrhaft Intereſſan⸗ tes, wahrhaft Bemerkenswerthes begegnet. Alles, was ich vom ruſſiſchen Volke und ſeinen Traditionen nur auffaſſen kann, vom ruſſiſchen Mushik, wie vom ruſſiſchen Bojaren, die ich Beide von ganzer Seele liebe, ebenſo wie ich von Grund meines Herzens den ruſſiſchen Tſchinownik und jenen namenloſen Zwit⸗ terſtand haſſe, der bei uns hervorgegangen iſt aus 28 Tarantas. dem ſchmutzigen Scheinanſpruch einer leidigen unbegreif⸗ lichen Aufklärung. — Aber weßhalb denn, Brüderchen, haſſen Sie die Tſchinowniks? fragte Waßilij IJwanowitſch. Ich will nicht etwa ſagen, daß ich die Leute haſſe, welche auf gewiſſenhafte und edle Weiſe dem Staate dienen; im Gegentheil, gegen dieſe hege ich die größte Achtung; allein ich haſſe jenen leidiger Typ der gröb⸗ ſten Barbarei, die bei uns unter dem Adel, wie unter den Bürgern und Kaufleuten gefunden wird, und den ich deßhalb mit dem nicht ganz paſſenden Namen des Tſchinowniks belege. — Aber warum das Brüderchen? — Deßhalb, weil diejenigen, die ich ſo nenne, bei dem Mangel einer ſoliden Grundlage ſich nur den äu⸗ ßern Anſtrich von Bildung geben, während ſie in der That weit roher ſind, als der gemeine Muſchik, deſſen Natur noch unverdorben. Weil in ihnen nichts Ruſſi⸗ ſches iſt, weder Sitte noch Gewohnheit, weil ſie mit ihrer Wirthshausbildung, ihrer ſelbſtzufriedenen Roh⸗ heit, ihrem ſchmutzigen Stutzerthum nicht nur die Ent⸗ wickelung wahrer Bildung hemmen, ſondern derſelben häufig ſogar eine nachtheilige Richtung geben. Es iſt dies— ein Zuwittergeſchöpf, was ſich allerdings am Vom Grafen Sollogub. 29 heimiſchen Boden feſtgeſogen, doch dem Volksleben gänzlich fremd iſt. Betrachten Sie daſſelbe! Wo ſind die edlen Züge unſeres Volk's. Dieſe Mißgeburt iſt häßlich, ſchmutzig, dem Trunke ergeben, aber nicht blos an Feiertagen, wie der ruſſiſche Muſchik. Er läßt ſich beſtechen, ſucht Jedermann zu bedrücken, und zu gleicher Zeit bläht er ſich auf vor Leuten niedern Standes und brüſtet ſich damit, daß er Billard ſpielt und im Frack einhergeht. Ein ſolches Geſchlecht iſt— ein verdorbe⸗ ner Keim, obſchon aus einem guten Voden hervorge⸗ gangen. Betrachten Sie den ruſſiſchen Muſchik. Was kann man ſich Schöneres und Maleriſcheres denken? Aber in vorurtheilsvoller Gleichgültigkeit kümmert man ſich bei uns in höhern Kreiſen wenig um ihn oder be— trachtet ihn wie den Wilden der aleutiſchen Inſeln, und doch birgt ſich in ihm der Keim ruſſiſchen Heldengeiſtes, der Urſprung unſerer vaterländiſchen Größe!— — Ja s gibt ſchlaue Beſtien unter ihnen!— be⸗ merkte Waßilij IJwanowitſch. — Schlau, aber deßhalb auch klug, fähig nachzu⸗ ahmen, ſich Neues anzueignen und folglich ſich zu bil⸗ den. In andern Ländern wird der Bauer, was man ihm auch Anderes lehren möge, immer den Pflug füh⸗ ren, bei uns aber— man hat nur nöthig, ihn zu un⸗ 30 Tarantas. terweiſen, und er wird Muſikant, Handwerker, Mecha⸗ niker, Maler, Verwalter, kurz, was man will. — Jo, allerdings, was wahr iſt, muß wahr blei⸗ ben! ſagte Waßilij Jwanowitſch. — Und noch dazu, fuhr Jwan Waßiljewitſch fort, bei welchem Volke finden Sie ein ſolches inſtinktives Verſtändniß von ſeinen Obliegenheiten, eine ſolche Be⸗ reitwilligkeit dem Nächſten zu helfen, ſolche Fröhlichkeit, Herzlichkeit, ſolche Demuth und ſolche Kraft? — Sind ganze Kerle, ss iſt nichts dagegen einzu⸗ wenden! bemerkte Waßilij Jwanowitſch. — Und wir verachten es, wir blicken auf daſſelbe mit Geringſchätzung herab, und wir thun nicht nur nichts für ſeine geiſtige Vervollkommnung, ſondern ge⸗ ben uns auch alle mögliche Mühe, es zu demoraliſiren.. — Wie ſo das? fragte Waßilij Jwanowitſch. — Durch nichts Anderes, als durch die widerwär⸗ tige Einrichtung des leibeigenen Hofgeſindes. Der leibeigene Diener iſt nichts Anderes als der erſte Schritt zum Tſchinownik. Derſelbe iſt raſirt, geht im lang⸗ ſchößigen Rock von ſelbſtgewebten Tuche einher. Er dient zur Beluſtigung der müßigen Herrſchaft und ge⸗ wöhnt ſich ſelbſt an Müßiggang und Sittenverderbniß. Der leibeigene Diener fängt bereits an, ſich zu betrin⸗ Vom Grafen Sollogub. 31 ken, zu ſtehlen, ſich zu brüſten, und er verachtet den Muſchik, der für ihn arbeitet und für ihn den Erbzins bezahlt. Alsdann unter günſtigen Umſtänden wird aus dem leibeigenen Diener ein Rechnungsführer, ein mit Treupaß Entlaſſener, ein Gerichtsſchreiber; der Letztere verachtet ſowol das Hofgeſinde als den Muſchik, er ſtu⸗ dirt ſchon Rabuliſterei, und heimlich, hinterm Rücken das Foprawniks, läßt er ſich Hühner und kleine Münze zuſtecken. Er trägt einen Rock von Nanking und hat mit Fett geſtrichenes Haar. Die Dieberei hat er be⸗ reits ſyſtematiſch erlernt. Alsdann rückt der Gerichts⸗ ſchreiber noch um eine Stufe weiter, er wird Kanzeliſt, Sekretair und endlich wirklicher Tſchinownik; alsdann vergrößert ſich ſeine Sphäre, und er erhält eine andere Eriſtenz: er verachtet den Muſchik, das Hofgeſinde und den Gerichtsſchreiber, weil ſie alle Leute ohne Bildung. Er hat ſchon höhere Bedürfniſſe, und deßhalb ſtiehlt er bereits Papiergeld; denn er muß doch Champagner trin⸗ ken, Schukoffſchen Tabak rauchen, Pharao ſpielen, im Tarantas fahren, für ſeine Frau Hauben mit künſtlichen Blumen und ſeidene Kleider verſchreiben. Deßhalb ver— fährt er in ſeinem Dienſt, ohne ſich ein Gewiſſen zu machen, wie der Kaufmann in ſeiner Bude und treibt Handel mit ſeinem Einfluß wie mit ſeiner Waare, 32 Tarantas. wird auch Einer oder der Andere dabei erwiſcht,— 8 ſchadet nichts, ſagen die Andern: Nimm nur immer zu, aber verſteh deine Sache! — Jedoch ſind nicht Alle ſo— bemerkte Waßilij Jwanowitſch. — Verſteht ſich, nicht Alle, aber eine Ausnahme ändert die Regel nicht.— Und noch dazu— bemerkte Waßilij Jwanowitſch— wählt man bei uns die Gou⸗ vernementsbeamten zum größten Theil aus dem Adel. — Das iſt eben das Traurige— ſagte Jwan Waßiljewitſch. Was in andern Ländern ein Gegenſtand des nationalen Strebens, das findet ſich bei uns ſchon von ſelbſt vor. Zwar dürfen wir, können wir es nicht wagen, uns über die Obrigkeit zu beſchweren, welche von uns ſelbſt, zu unſern Bevollmächtigten ge⸗ wählt worden, um unſere Angelegenheiten zu leiten. Was hilft alles Leugnen, wir Gutsbeſitzer ſind an Allem ſelbſt ſchuld, da wir über alles Das ſcherzen und lachen, was der Gegenſtand gründlicher Ueberle— gung ſein müßte. In jedem Gouvernement gibt es auch jetzt wol unterrichtete Leute, die, vom Geſetze un⸗ terſtützt, dem Ganzen eine heilſame Richtung geben könnten, doch faſt ſämmtlich fliehen ſie die Wahlen wie die Peſt; indem ſie dieſelben den Intriguen und ſchlauen Vom Grafen Sollogub. 33 Berechnungen der Schreier und Kläffer des Gouverne⸗ ments überlaſſen. Die großen Gutsbeſitzer ſpazieren in Petersburg oder treiben ſich außer Landes herum, und werfen faſt niemals einen Blick auf ihre Güter. Die Wahlen ſind für ſie eine Carricatur, der Joprawnik, der Gerichtsvorſtand— Carrikaturen, welche Gogol in ſeinem„Reviſor“ trefflich geſchildert hat; und ſie machen ſich luſtig über deren Glatzen oder dicke Bäuche, ohne zu bedenken, daß ſie denſelben nicht nur ihr ge⸗ genwärtiges Wohl, ſo wie das ihrer Bauern anver⸗ trauen, ſondern auch— es iſt ſchrecklich auszuſprechen! — denſelben ihr künftiges Geſchick anheimgeben.— Ja, wenn wir nicht dieſe traurige Richtung nähmen, wenn wir nicht ſo unverzeihlich leichtfinnig wären, wie ſchön wäre die Miſſion des ruſſiſchen Adels, der die Beſtimmung erhalten, voranzuſchreiten und dem ganzen Volke den Weg der wahren Aufklärung zu zeigen. Ich wiederhole es, wir ſelbſt ſind ſchuld, wir Gutsbeſitzer und Edelleute. Die ruſſiſchen Bojaren hätten dem Va⸗ terlande großen Nutzen bringen können, und was haben ſie gethan?... — Sie haben das Ihrige durchgebracht, die Täub⸗ chen— bemerkte ziemlich poſitiv Waßilij Jwanowitſch. — Ja, fuhr Jwan Waßiljewitſch fort, durchgebracht Nord. Novellenbuch. MI. 3 Tarantas. 34 in Feſten, im Theater, mit Maitreſſen und anderer Ungebühr. Alle unſere alten Namen verſchwinden, die Wappen der Häuſer der Knäſen liegen im Staube, und nichts vermag ſie wieder aufzurichten; denn der einſt ſo reiche, fröhliche, gaſtfreie ruſſiſche Adel hat ſeine Güter ſpeculirenden Kaufleuten in die Hände gege⸗ ben, die in den prächtigen Schlöſſern Fabriken ange⸗ legt haben. Wo iſt unſere Ariſtokratie?— Waßilij Jwanowitſch, was meinen Sie von unſeren Ariſtokra⸗ ten — Ich meine— ſagte Waßilij Jwanowitſch— daß wir auf der nächſten Station keine Pferde bekom⸗ men werden!— Viertes Kapitel. Die Station. Zum Unglück ſollte ſich die Prophezeiung Waßilij Jwanowitſch's wirklich beſtätigen. Der Tarantas hielt vor einer niedrigen Hütte ſtill, vor welcher ein vier⸗ eckiger, bunt angeſtrichener Pfahl die Wohnung des —————— Vom Grafen Sollogub. 35 Stationsaufſehers erkennen ließ. Draußen war es ſchon finſter. Das trübe Licht einer Laterne erhellte kaum die Eingangsſtufen unter dem ſchwankenden Wetterdach. Hinter der Hütte zog ſich ein dreieckiger, ſtrohgedeckter Schuppen hin, aus welchem Pferde, Kühe, Schweine und Hühner in traulicher Gemeinſchaft herausſahen. Inmitten des mit einer Schlammkruſte bedeckten Hofes ſtand ein halbeingefallener viereckiger Brunnen. Am Eingange ſelbſt trieben ſich, von allen Seiten herbei⸗ ſtrömend, Haufen verkrüppelter Bettler herum, Hinkende, Stumme, Blinde; Andre wieder mit verdorrten Armen, mit ekelhaften Wunden, in Lumpen gehüllt und mit zottigen Bärten. Da ſtanden auch trunkene alte Wei⸗ ber neben bleichen Frauengeſichtern und halbnackte Kin⸗ der im bloßen Hemdchen, welche die Hände aus den Aermeln hervorſtreckten und ſie vor Kälte über der Bruſt kreuzten. Es war traurig, ihre eingelernten, erheuchel⸗ ten Jammerſtimmen zu vernehmen, inmitten des Ge— brülls, Bettelgeſchreis und Gezänks des widerwärtigen Haufens, welcher ſich gegenſeitig wegſtoßend, habgierig auf den Tarantas zuſtürzte, die Wunden enthüllend und die Hände vorgeſtreckt. Während die ermüdeten Reiſenden aus ihren Kiſſen und Pfühlen ſich herauswickelten, trat der Stationsauf⸗ 3* 3 36 Tarantas. ſeher im abgetragenen grünen Uniformrock auf die Stufen und warf einen Seitenblick auf die Ankom⸗ menden. —'n Tarantas— ſagte er ziemlich verächtlich— ein Dreiſpänner... kann warten!... Scheert Euch zum Teufel, ihr Hundepack!— ſchrie er den Bettlern zu. Wie ein Rudel erſchreckter Hunde ſtob der greulige Haufe nach allen Seiten auseinander, und die Reiſen⸗ den traten in die Hütte ein. Der Aufſeher bewill⸗ kommnete ſie ziemlich kühl. — Machen Sie, was Sie wollen, Pferde habe ich nicht.'s iſt ſchrecklich, wie viel Pferde unterwegs ſind!— — Was, keine Pferde?— ſchrie Jwan Waßilje⸗ witſch. — Seh'n Sie ſelbſt im Buche nach. Wir haben vorſchriftmäßig neun Dreiſpänner. Heute früh fuhr eine Hofräthin ab mit ſechs Pferden, die ſchwere Poſt, drei Dreiſpänner, dann ein Oberſt in Krongeſchäften, vier Pferde... — Da bleiben ja immer noch acht Pferde,— ſagte Jwan Waßiljewitſch. — Ganz und gar nicht, ſeh'n Sie ſelbſt im Buche nach!— ——— 9 Vom Grafen Sollogub. 37 — Aber was haben Sie denn mit den andern acht Pferden gemacht?... — ſind allerdings noch Courierpferde da, aber ich kann ſie nicht weggeben.'s könnte ein Courier durchkommen, urtheilen Sie ſelbſt... — Aber wir werden Klage führen... — Führen Sie Klage, wenn's gefällig iſt, Alter⸗ chen! Hier iſt das Beſchwerdebuch, ſchreiben Sie ein, wenn's beliebt, aber Pferde habe ich doch nicht! — Zwiſchen Moskwa und Wladimir— bemerkte Waßilij Jwanowitſch— habe ich nie auf einer Sta⸗ tion Pferde gefunden, zu welcher Zeit ich auch gekom⸗ men bin. Es ſcheint, dort ſind immer viele Pferde unterwegs. Ich komme ſchon hier zum dreißigſten Mal durch und immer dieſelbe Geſchichte. Was iſt aber dabei zu machen? — Sie können freie Pferde miethen,— ſagte mit etwas ſanfterer Stimme der Aufſeher. — Freie Pferde!— brüllte Waßilij Jwanowitſch.— Ich kenne dieſe Erzbeſtien. Jüdiſche Kanaillen, nehmen einen halben Silberrubel auf die Werſt für's Pferd! Ich bleibe hier lieber drei Tage ſitzen, bevor ich freie Pferde nehme! Das weiß ein Jeder— bemerkte der Aufſeher, 38 Tarantas. daß die Fuhrleute nicht billig ſind.'s kann's ihnen Niemand wehren, übrigens iſt jetzt auch das Futter theuer,— fügte er hinzu. — Schurken!— rief Waßilij Jwanowitſch. — Neulich,— fuhr lächelnd der Stationsaufſeher fort, hat ihnen'n General'n prächtigen Streich geſpielt: Es trafen bei mir wie abſichtlich zwei Feldjäger ein, die Poſt und mehrere vornehme Reiſende. Kurz es blieb nicht ein Pferd im Stall. Auf einmal kommt ein Offiziersdiener zu mir hereingelaufen, ein langer Kerl mit'nem Schnauzbart... Bitte, kommen Sie mal zum Herrn General!— Ich hatte kaum Zeit, mei⸗ nen Rock zuzuknöpfen und lief hinaus. Ich höre, wie der General ſchreit: Pferde! Da war nichts zu machen. Ich trat an die Kaleſche heran. Verzeihn' Euer Excel⸗ lenz,'s ſind alle Pferde ſchon im Vorſpann.— Du lügſt, Kanaille— ſchrie er,— ich laſſe Dich unter die Soldaten ſtecken! Weißt Du, mit wem Du ſprichſt? he? Siehſt Du nicht, wer gefahren kommt? he?— Ich ſehe, Euer Ercellenz, möchte gern helfen, weiß der Him⸗ mel, bin aber nicht ſchuld daran!... Ich laufe hin und her... keine Pferde... Zum Glück ſteht da der ein⸗ äugige Jerema und der kahle Andres; ſolche verwegne Kerle, ſehen Sie, die machen ſich aus Allem nichts, tre⸗ Vom Grafen Sollogub. 39 ten an die Kaleſche und fragen: Beliebt es Ihnen nicht, freien Vorſpann zu nehmen?— Was nimmſt Du dafür? fragte der General... Andres ſpricht: Zwei weiße Zettel, funfzig Rubel in Aſſignaten... Nun müſ⸗ ſen Sie wiſſen, die Station iſt nur ſechszehn Werſt.. Nur ſchnell angeſpannt! ſchrie der General, rührt euch munter, Ihr Kanaillen!— Die Fuhrleute lachten ſich ins Fäuſtchen, ſo'n ſchön Stück Geld auf die erſte Frage, ſie ſpannten raſch an, und fort ging's wie der Wind, daß der Staub aufwirbelte. Die Andern aber blickten neidiſch hinterdrein: haben die Kerls Glück!— Am Morgen! wie ſie auf die Station zurück kommen, gratulire ich ihnen zu dem hübſchen Stück Gelde. Ich ſehe aber, wie ſie ſich im Kopfe kratzen: Was für'n Geld! brummte Andres... Sehen Sie, der General hatte ihnen fünf Kopeken für die Werſt bezahlt und noch obendrein nicht mal'n Trinkgeld gegeben. Das war mal'n Streich!— — A, ha, ha, ha!— ſchrie Waßilij Jwanowitſch, laut auflachend,— das iſt mein Mann, ſo lieb ich ihn! Man muß es den Spitzbuben lehren!— Unterdeß betrachtete Jwan Waßiljewitſch betrübt die Behauſung des Stationsaufſehers.... An den Wän⸗ den, und namentlich am Ofen, waren noch einige zwei⸗ 40 Tarantas. felhafte Spuren von weißer Farbe bemerklich, die ſich verſchämt unter einer dreifachen Schicht von Ofenruß und Schmutz verbargen. An der Thür hing eine alte buntbemalte Wanduhr, links ſtand das Schränkchen mit den Heiligenbildern. An den Wänden klebten die Vor⸗ ſchriften der Poſtverwaltung und daneben einige illumi⸗ nirte Jahrmarktsbilder, welche moraliſch— allegoriſche Gegenſtände vorſtellten. Zwiſchen den Fenſtern befan⸗ den ſich noch zahlreiche andre Kunſtprodukte, Malek Adel auf wildem Roß, die Rückkehr des verlorenen Sohnes, das Portrait des Grafen Platow und Geno⸗ vefa von Brabant in ihrer hilfloſen Lage in naturali- beſudelt. Die Abtheilung, welche ſich der Aufſeher per⸗ ſönlich vorbehalten, befand ſich in einem Verſchlag auf der rechten Seite. Neben dem ſchmutzigen Lager des Inſaſſen prunkte auf drei Beinen der ſchönſte Schmuck des Zimmers, eine Kommode von Rothholz ohne Schlöſſer und Handhaben, mit dickem Staube und ver⸗ ſchiedenen andern Nippes bedeckt. Da lag eine halbe Brille, eine Lichtſcheere, einige Talgüberreſte, Töpſfchen ohne Pomade, ein Kämmchen von zweideutigem Aus⸗ ſehen, ein gläſerner Vogel mit vorgeblichen Odeurs und einige beſchmutzte Modebilder; außer dieſen Lurusgegen⸗ bus abkonterfeit, nur ein wenig ſtark von den Fliegen ——————— Vom Grafen Sollogub. 41 ſtänden erblickte man daſelbſt noch einige nothwendige Lebensbedürfniſſe, eine Flaſche Dry-Madeira, ein Zi⸗ garrenetui ohne Zigarren, einige Nägel, ein Damen⸗ ſpiel und ein Pack Rechnungen— außerdem noch eine ganze Sammlung verſchiedenartiger Kopfbedeckungen. Erſtens: eine grüne Mütze, welche zur Uniformirung des Stationsaufſehers gehörte, ſodann einen ſchwarzen Hut mit weißen Flecken, deſſen er ſich bediente, wenn er Viſiten machte, ferner einen weißen Hut mit ſchwar⸗ zen Flecken, der ihm einen eigenen magiſchen Zauber verlieh, wenn er den Dorfſchönen nachſtellte; noch fan⸗ den ſich daſelbſt zwei formloſe Wintermützen und ein wahrſcheinlich ehemals ſammtnes Käppchen mit herab⸗ hängender Troddel vor. Ueber die Kommode hinaus ragte eine Pyramide, an die ſich drei Pfeifenröhre lehnten, und ein Tabacksbeutel, welcher in früheren Zei⸗ ten auf Kanevas geſtickt war. Jwan Waßiljewitſch betrachtete Alles mit größ⸗ ter Aufmerkſamkeit, und ihm wurde noch trauri⸗ ger ums Herz. Worüber er nachdachte, weiß der Himmel. Indeßen füllte ſich das Zimmer allmälig mit neuen Ankömmlingen. Es kamen: der Lehrer eines Gymna⸗ ſiums in Tobolsk, der mit ſeiner jungen Frau, zwei⸗ 42 Tarantas. ſpännig, nach dem Orte ſeiner Beſtimmung eilte, fer⸗ ner ein Student, in einem mit einer Schärpe umgürteten Mantel nebſt Pfeife und Hund, ſodann ein luſtiger Major, welcher, ſeinen Pelz abwerfend, die Anweſenden nach der Reihe grüßte und jeden Einzelnen fragte, mit wem er die Ehre habe zu ſprechen, woher, wohin und warum er reiſe, über den Stationsaufſeher einige Witze riß, dem an der Thür um ein Trinkgeld bittenden Fuhr⸗ mann Liebesblicke zuwarf und— Waßilij Jwanowitſch ausnehmend gefiel. Der Stationsaufſeher hatte für Alle dieſelbe Ant⸗ wort: die Pferde ſind jetzt unterweges, ſo wie ſie nur von der Station zurückkommen, wird von meiner Seite gewiß kein Aufenthalt ſtattfinden.— Alle mußten ſich in ihr Schickſal finden. Waßilij Jwanowitſch, als ein erfahrener und vorſichtiger Rei⸗ ſender verlor keine Zeit. Der kochende Theekeſſel brauste bereits im Kreiſe der Gläſer und anderen Theegeräthe. Auf die geſchehene Einladung ſetzte man ſich um den Tiſch, das Geſpräch wurde lebhaft, und das duftende Kraut, der Troſt des Ruſſen in allen Lebenslagen, ging von Hand zu Hand in Gläſern und Taſſen. Man wurde allmälig bekannter. Anfangs ſchimpfte man auf den Weg, dann klagte man über den Mangel an Pfer⸗ ——————————— „— Vom Grafen Sollogub. 43 X den und ging endlich zu andern Gegenſtänden über. Der Student erzählte von Waldſchnepfen und Haſen⸗ jagd, der Major redete Alle mit„Du“ an, theilte der ganzen Geſellſchaft mit, daß er ſeinen Abſchied nehme, daß er ſo und ſo viel im Vermögen habe, daß er ſich kürzlich verheirathen wollte, man ihm aber einen Korb gegeben, daß ihm ſeine Lebensweiſe nicht behage; kurz, ohne alle Nachfrage von Seiten der Zuhörer, erzählte er Allen ſeine Lebensgeſchichte von der Wiege bis zum jetzigen Augenblick, unter Einmiſchung verſchiedener Witz und Sprüchworte. Waßilij IJwanowitſch lachte, daß er ſich den Bauch hielt, klopfte dem Major auf die Schulter und nannte ihn: Altes Kriegsgerippe! Jwan Waßiljewitſch erkundigte ſich bei dem Lehrer von Tobolsk nach den Zuſtänden von Sibirien. Plötzlich vernahm man auf dem Hof einen Lärm. Die Geſell⸗ ſchaft horchte auf. Eine ſchwerbeladene Equipage hielt vor dem Stationshauſe; auf dem Hofe wurde es un⸗ ruhig, man hörte das Klingen von Glöckchen, das Stampfen von Pferden, undengch einigen Minuten gab das Fortrollen des Wagens Knypon der Abfahrt der Reiſenden. — Was war das? fragte Waßilij Iwanowitſch den hereintretenden Stationsaufſeher. 44 Tarantas. —'s kam ein geheimer Rath gefahren!— lau⸗ tete die Antwort. Alle Anweſenden ſahen einander mit der Miene be⸗ trübten Unwillens an.— Woher aber hat man die Pferde bekommen? fragten Mehrere zugleich.— Der Stationsaufſeher erwiderte, nicht im Geringſten verlegen und mit den Achſeln zuckend:— Ihnen, meine Herrſchaften war's gefällig, Thee zu trinken, aber'n geheimer Rath iſt doch immer ein ge⸗ heimer Rath... Das werden Sie ſchon ſelber wiſſen!— Fünftes Kapitel. Der Gaſthof. Zwiſchen Moskau und Wladimir, wie erfahrene Reiſende ſehr wohl wiſſen, gibt's nicht einen einzigen Gaſthof, in welchem man wenigſtens in Ruhe ſeine Klagen über den Mangel an Pferden ausſtoßen könnte. Nur die Kämmerlein der Stationsaufſeher, welche ſich durch die Ehrenvortechte der 14. Klaſſe vor Schlägen ſichern, bieten den Reiſenden ihre harten Bänke, wäh⸗ Vom Grafen Sollogub. 45 rend der Zeit, wo dieſe traurige Reflerionen über ge⸗ täuſchte Hoffnungen anſtellen. Waßilij Iwanowitſch hatte hinlänglich Zeit, mehrere Mal des Tages ſeinen Theekaſten aus dem Tarantas herauszunehmen und ſich an dem chineſiſchen Trank zu laben. IJwan Waßilje⸗ witſch hatte hingegen Muße genug, über das Geſchick Rußlands nachzudenken und ſich an der Schönheit der Muſchiks zu erfreuen, die ihn, die Wahrheit zu ſagen, allmächtig anzuwidern begannen. In's Heft war auch nichts einzuſchreiben. Ueberall derſelbe widerwärtige und proſaiſche Ausruf:„Alle Pferde ſind bereits un⸗ terwegs!“— Iwan Waßiljewitſch ſah Waßilij Jwa⸗ nowitſch an, Waßilij Jwanowitſch ſah Jwan Waßilje⸗ witſch an, und beide ſetzten ſich einander gegenüber, um mehrere Stunden nach der Reiſe zu ſchlafen. Noch dazu paſſirte ihnen zwiſchen zwei Stationen ein eigenes Unglück. In einer Minute ſüßer Vergeſſenheit, als Waßilij Jwanowitſch, ganz abgemattet von den Stö⸗ ßen des Tarantas auf den Knüppeldämmen, die irdiſche Plage harmoniſch verſchnarchte, während ſich Jwan Waßiljewitſch in der italieniſchen Oper träumte und Senka gleich einem Uhrpendel auf dem Bock hin- und herſchwankte, wurde der Tarantas von geſchickten Strauch⸗ dieben um zwei Koffer und verſchiedene Körbe erleich⸗ 46 Tarantas. tert. Der Schmerz Waßilij Jwanowitſch's war unge⸗ heuchelt. Unter andern Dingen war auch die Haube und der ponceaurothe Turban aus dem Atelier der Madame Lebour auf der Schmiedebrücke zu Moskwa verloren gegangen, und beide Gegenſtände waren dem Haupte der Herrin ſelbſt, der Frau Awdotia Petrowna, zugedacht. Gleich bei der Ankunft im Stationshauſe ſtürzte Waßilij IJwanowitſch auf den Aufſeher mit ſei⸗ ner Beſchwerde los und bat um Hülfe. Der Aufſeher gab ihm die tröſtliche Antwort: — Sein Sie nur ganz ruhig, Ihre Sachen ſind Ihnen verloren gegangen, das iſt aber keineswegs das erſte Mal. Sie ſind ungefähr zehn Werſt von hier durch ein Dorf gefahren, das hinlänglich dadurch be⸗ kannt iſt, daß die Leute, die darin wohnen, lauter Schabernack treiben.— Was iſt Schabernack?— fragte Jwan Waßiljewitſch.— Nu, das weiß ein Jeder, ſie trei⸗ ben ihren Schabernack Nachts auf der Landſtraße, und ſchlafen die Reiſenden ein, flugs ſchneiden ſie hinten die Koffer los.— — Aber das iſt Straßenraub!— — O nein, 3 iſt nur Schabernack! — Schöner Schabernack!— brummte Waßilij Jwanowitſch mit betrübter Miene und machte ſich wie⸗ Vom Grafen Sollogub. 47 der auf den Weg.— Was wird aber Awdotia Pe⸗ trowna dazu ſagen?— — Und könnte man ſich nur noch in einem or— dentlichen Hauſe ein wenig ausruhn— fügte Jwan Waßiljewitſch nicht minder kläglich hinzu— ich bin ſo durchgeſchüttelt, daß mir alle Knochen wie zerbrochen ſind. Wir ſind ſchon drei Tage unterwegs, Waßilij Jwanowitſch! —* iſt heute der vierte... — Wirklich?— — Dafür fahren wir auch mit Poſtpferden, die Schurken von freien Vorſpännern ſollen bei uns nichts verdienen!— — WMöchten wir nur bald Wladimir erreichen, ſagte Iwan Waßiljewitſch. Mit Wladimir kann ich meine„Reiſeeindrücke“ vortrefflich anfangen. Wla⸗ dimir iſt eine alte Stadt. Da muß Alles den Geiſt des alten Rußlands athmen. Da kann man gewiß ſicherer als irgendwo der Quelle unſeres rechtgläubigen, volksthümlichen Weſens nachſpüren. Ich ſagte Ihnen ſchon, Waßilij IJwanowitſch, daß ich— und ich nicht allein, unſerer Viele ſich losmachen wollen von der falſchen Aufklärung des Weſtens, und einer eigenartigen Aufklärung des Oſtens nachſinnen. 48 Tarantas. — Steht das in Ihrem Buche? fragte Waßilij Jwanowitſch. — Nein, im Buche ſteht noch gar nichts. Urthei⸗ len Sie ſelbſt. War es eine Möglichkeit, etwas zu ſchreiben? Landſtraßen, Bauerhäuſer, Aufſeher, das Alles iſt ſo unintereſſant, ſo proſaiſch⸗langweilig. Wahr⸗ haftig, da war nichts niederzuſchreiben, und wenn man ſich den Kopf zerbrochen hätte. Aber jetzt kommen wir nach Wladimir.... — uUund eſſen zu Mittag, bemerkte Waßilij Jwa— nowitſch. — Die Hauptſtadt des alten Ruſſenreichs... — Hat ein gutes Hotel. Die goldenen Thore... — Nur ſchneiden ſie dort gewaltig. — Na vorwärts, Junge!— — Ach Herr, Du ſiehſt, ich thue das Meinige. Sieh nur, wie holprig der Weg iſt.— Nu, Grau⸗ ſchimmelchen— Nu nu— zieh' Matuſchka, mach den Herren keine Schande— nu, nu—— ſchrie der Roſſebändiger. Endlich zeigte ſich in der Ferne Wladimir mit ſei⸗ nen Kuppeln und Glockenthürmen, den untrüglichen Kennzeichen einer ruſſiſchen Stadt. Dem Iwan Wa⸗ Vom Grafen Sollogub. 49 ßiljewitſch ſchlug das Herz. Waßilij Jwanowitſch ſchmunzelte. — In den Gaſthof!— rief er. Der Fuhrmann nahm eine wichtige Miene an: Nu, Grauſchimmelchen, haſt nicht mehr weit— halloh!— und damit hieb er auf die mageren Klepper los, die vermöge einer unerklärlichen, nur ruſſiſchen Poſtpferden eigenen Begeiſterung plötzlich die Nüſtern aufwarfen und wie ein Sturmwind davonflogen. Der Tarantas machte Sprünge über Berg und Thal und warf ſeine unwillkürlich lachenden Inſaſſen gegeneinander. Der Fuhrmann, die Leinen in die Linke faſſend und mit der Rechten die Peitſche ſchwingend, ſtieß nur dann und wann einzelne unvernehmliche Laute aus, aufrecht auf ſeinem Platze ſtehend— er hatte ſich, wie es ſchien, im wilden Rennen ganz ſelbſt vergeſſen— er jagte dahin auf Tod und Leben, ohne weder auf Wa⸗ ßilij Jwanowitſch's Zuruf zu achten, noch auf das Ri⸗ ſiko, ſeine Pferde zu ruiniren. So pflegt der Ruſſe zu fahren. Endlich zeigten ſich Windmühlen, Zäune liefen am Wege hin, erſt Hütten, dann hölzerne Häuſer, bald kamen auch ſteinerne zum Vorſchein. Die Reiſende fuhren in Wladimir ein, vor ei⸗ Nord Novellenbuch. M. 4 50 Tarantas. nem großen Hauſe in der Hauptſtraße hielt der Ta⸗ rantas. — Der Gaſthof! ſagte der Fuhrmann und warf die Leinen hin. Ein blaſſer Kellner in ſchmutzig⸗wei⸗ ßem Hemde und ſchmutziger Schürze kam den Reiſenden mit vielen Bücklingen und Wirthshausbegrüßungen ent⸗ gegen und führte ſie dann auf einer ſchmutzigen höl⸗ zernen Treppe in ein großes Zimmer, das ebenfalls unſauber genug, dabei aber mit großen Spiegeln in Mahagonyrahmen und mit gemaltem Plafond verſehen war. Rings an den Wänden ſtanden Reihen Stühle und vor dem zerriſſenen Divan ein Tiſch, über den ein gelbweißes Tiſchtuch gebreitet war. — Was kann man haben?— fragte Jwan Wa⸗ ßiljewitſch den Kellner. — Man kann hier Alles haben,— antwortete zuverſichtlich der Burſche. — Sind Betten zu haben?— — Nein, Betten nicht.— Jwan Waßiljewitſch runzelte die Stirn. — Was gibt es denn zu eſſen?— — Alles Mögliche.— — Was denn Alles?— — Schtſchi, Suppe. Sie können Biſchteks beſtel⸗ Vom Grafen Sollogub. 51 len. Hier iſt übrigens die Karte,— ſetzte der Kell⸗ ner hinzu, indem er ſtolz einen grauen Lappen Papier hinreichte. Jwan Waßiljewitſch las: Dinö: 1 Sup, opotaſch. Fleiſch. Kalb mit Sidronen. 2 3 Fiſch. Kreps. 4 Gemüß. 5 Braten. Huhn mit Reuß. — Gebackenes. Epfelſinnen⸗Schele. — Nu, nur raſch aufgetragen!— rief Waßilij Jwanowitſch. Der Kellner begann jetzt mancherlei Anſtalten zu treffen. Erſtlich hob er das Tiſchtuch ab und brachte dafür ein anderes— ganz eben ſo ſchmutziges. Dann brachte er zwei Gedecke. Dann folgte das Salzfaß dann nach einer halben Stunde, als die ausgehunger⸗ ten Reiſenden ſich ſchon der Löffel bemächtigt hatten, erſchien er mit einer Karaffine Eſſig. Auf alle ungeduldigen Mahnungen Waßilij Jwa⸗ nowitſch's antwortete er kaltblütig:„ſogleich“, und dies „ſogleich'“ dehnte ſich zu einer vollen halben Stunde aus. Ein großes Wort, das Sogleich! Endlich erſchien 4* ————— 52 Tarantas. die ſehnlichſt erwartete Schüſſel mit Schtſchi. Waßilij Jwanowitſch öffnete ſeinen gewaltigen Schlund und that ſich ohne Weiteres gütlich. Jwan Waßiljewitſch dagegen fiſchte aus ſeinem Teller allerlei Dinge her⸗ aus, die mit dem Schtſchi gar nichts zu thun hatten, als: Haare, Splitter u. dergl. Mit einem Seufzer ging er an ſeine Mahlzeit, während Waßilij Jwano⸗ witſch ganz erbaut ſchien und ſchweigend für Drei aß. Jwan Waßiljewitſch konnte die aufgetragenen Speiſen kaum anrühren. Auf das„Gemüß“ und„Huhn mit Reuß“ blickte er mit wahrem Entſetzen. — Iſt Wein zu haben?— fragte er den Kellner. — Wie denn nicht? Von allen Sorten: Cham⸗ pagner, Halbchampagner, Dry Madeira, Lafitte. Die feinſten Sorten. — So gib Lafitte,— ſagte Jwan Waßiljewitſch. Der Kellner kam wieder auf eine halbe Stunde abhanden und brachte endlich eine Flaſche rothen Eſſig, die er mit Würde vor den jungen Mann hinſtellte. — Jttzt wird's Zeit ſein, ſich auf's Ohr zu legen, — meinte Waßilij Jwanowitſch.— Senka!— rief er. Senka kam. — Haſt Du gegeſſen, Senka?— — Ja, Herr, ich habe einen Häring verzehrt!— Vom Grafen Sollogub. 53 — Nun, ſo mach' mir mein Bett zurecht. Rücke Stühle zuſammen, bring' mir den Pfühl, die Kiſſen und den Schlafrock. Siehſt Du, Jwan Waßiljewitſch, wie gut es iſt, Alles mit ſich zu führen! Aber wie wirſt Du denn liegen?— — Ja, ich werde ſagen, daß man mir Heu bringe, antwortete Jwan Waßiljewitſch. Iſt Heu da?— fragte er den Kellner. — Nein, Herr.— — So ſchaff' welches, guter Freund, Du ſollſt ein Trinkgeld haben!— — Zu Befehl, anſchaffen kann man's.— So begannen denn erſt die Zurüſtungen zu dem Campement des Waßilij IJwanowitſch. Die Hälfte des Tarantas wanderte in die Gaſtſtube. Der Pfühl wurde auf eine Reihe aneinandergeſchobener Stühle gelegt, Waßilij Jwanvowitſch zog ſich bis auf die leichteſte Hülle aus und lies ſich ſanft auf ſein weiches Lager nieder. Nach einiger Zeit kam der Kellner athemlos mit einer ganzen Ladung Heu, das er in die Ecke des Zimmers hinſchüttete. Mißmuthig rüſtete ſich Jwan Waßiljewitſch zum Schlafengehen. Zuerſt legte er be⸗ hutſam das noch jungfräuliche Buch ſeiner Reiſeeindrücke auf's Fenſtergeſims neben Uhr und Brieſtaſche. Dann 54 Tarantas. breitete er ſeinen Makintoſch auf's Heu und warf ſich ſelbſt mit dem Muthe der Verzweiflung darauf hin. Aber, o Schrecken! unter ihm gellte ein ſcharfer Schrei, aus dem Heuklumpen ſprang plötzlich eine wüthende Katze hervor, die wahrſcheinlich im Heuſchober geſchlafen hatte. Mit ausgeſpreizten Krallen fuhr ſie über den erſchreckten Jüngling hin, kratzte ihn zu wiederholten Malen, wandte ſich plötzlich zur Seite und ſchoß, über Stühle und Waßilij Iwanowitſch hinwegſetzend, zur halbgeöffneten Thüre hinaus.. — Um des Himmels Willen, was iſt das?— ſchrie Waßilij Jwanowitſch. — Ich habe mich auf eine Katze gelegt,— antwor⸗ tete kläglich Jwan Waßiljewitſch. Waßilij Jwanowitſch fing an zu lachen:— Nun, da werden in dem Bette keine Mäuſe ſein! Wünſche wohl zu ruhen!— Mäuſe waren allerdings nicht darin, aber es zeigten ſich Thiere anderer Art, die unſeren Reiſenden ſo zuſetz⸗ ten, daß ſie ſich von einer Seite auf die andere werfen mußten. Beide ſagten indeß kein Wort und verſuchten einzuſchlafen.— Im Zimmer war's dunkel, und der Pendel der Wanduhr durchtönte einförmig die nächtliche Stille. So verſtrich eine halbe Stunde. ½ 3 * Vom Grafen Sollogub. 55 — Waßilij IJwanowitſch!— — Was, Brüderchen?— — Sie ſchlafen?— — Nein, weiß Gott, es ſchläft ſich nicht recht auf der Reiſe. — Waßilij Jwanowitſch!— — Was, Brüderchen?— — Wiſſen Sie, worüber ich nachdenke?— — Nein, Brüderchen, ich weiß es nicht!— — Ich denke, was nützt es mir nun, daß hier die Decke mit allerlei Blumen, Pfirſichen und Amoretten bemalt iſt, und an den Wänden große, unförmliche Spiegel hängen, in die kein Menſch hineinſieht. Ein Gaſthof, dünkt mich, iſt um des Reiſenden Willen da, gerade um dieſen aber kümmert ſich hier kein Menſch. Wäre es zum Erempel nicht beſſer, ganz einfach ein reinliches Zimmer zu haben, ohne alle Prätenſion auf ſchmutzige Eleganz, worin ſich aber ein warmes Bett mit ſaube⸗ rer Wäſche und ohne Schaben befände— wäre es nicht beſſer, eine geſunde, reine, wenn auch ungekün⸗ ſtelte Koſt aufzutiſchen, ſtatt dieſer Paſteten und Halb⸗ champagner, und ſtatt die Leute auf Heu zu betten, und obendrein in Geſellſchaft von Katzen?— — Sie haben ganz Recht, ſagte Waßilij Iwano⸗ 56 Tarantas. witſch, auch mir iſt eine gute ruſſiſche Herberge zuletzt lieber, als alle dieſe Wirthshäuſer auf deutſche Ma— nier.— Jwan Waßiljewitſch fuhr fort: Ich habe es ſchon geſagt, und werde nicht müde werden, immer wieder daſſelbe zu ſagen, ich haſſe nichts ſo ſehr, als die Halbkultur. Alle dieſe kläglichen und ſchmutzigen Zerr⸗ bilder eines uns fremdartigen Weſens ſind mir zuwider und verhaßt, wie ein ekles Gemiſch von Flittergold und Dreck!— — Was Du ſagſt!— bemerkte Waßilij Jwano⸗ witſch. Gaſthäuſer,— fuhr Jwan Waßiljewitſch fort, — haben eine größere Bedeutung im Leben eines Vol⸗ kes, als Sie glauben. Sie ſind der Ausdruck der all⸗ gemeinen Bedürfniſſe, der allgemeinen Gewohnheiten. Sie befördern die Bewegung und gegenſeitige Berüh⸗ rung der verſchiedenen Stände. Hier könnte man vom Weſten lernen: Da denkt man vor allen Dingen an das Nützliche, an Reinlichkeit. Verzierungen und ge⸗ malte Decken kommen zuletzt. Waßilij Jwanowitſch! — Was, Brüderchen?—* — Wiſſen Sie, woran ich denke?— — Nein, Brüderchen, ich weiß nicht!— — Vom Grafen Sollogub. 57 — Ich möchte wol einen ruſſiſchen Gaſthof nach meinem eigenen Geſchmack einrichten!— — Nun, Brüderchen, woran ſtößt ſich's denn?— — Nu, es iſt nur eine Idee, Waßilij Jwanowitſch, aber davon bin ich überzeugt, daß mein Gaſthof gut werden ſollte, weil ich ſuchen würde, mit dem urſprüng⸗ lichen Charakter des ruſſiſchen Lebens alle Erforderniſſe der Bequemlichkeit und Sauberkeit zu vereinigen, ohne die ein gebildeter Menſch heutzutage nun einmal nicht ſein kann. Vor allen Dingen würden alle dieſe dürren, unverſchämten, beſoffenen Kellner, eine trauxige Abart der Hofebauern, ohne Gnade fortgejagt und durch dienſtwillige Burſche mit gutem Lohne, aber un⸗ ter ſtrenger Aufſicht, erſetzt werden. Die Wände der Zim⸗ mer würden von Eichenholz ſein, lakirt und mit Schnitz⸗ werk verziert. Perſiſche Teppiche würden den Boden bedecken und rings umher an den Wänden weiche Di⸗ vane ſtehen.... Ja, wie ſchön wäre es, nehmen Sie einmal an, wenn da dem Bette gegenüber ein großer orientaliſcher Divan ſtände— fuhr Jwan Waßiljewitſch fort, indem er ſich unruhig auf dem ſtechenden Heu hin und herwälzte.. Ich habe die Divane ſehr gern; — überhaupt glaube ich, daß die Zimmereinrichtung unſerer Vorfahren ſehr viel Aehnlichkeit mit der orien⸗ 58 Tarantas. taliſchen hatte. Was halten Sie davon? Waßilij Jwa⸗ nowitſch! Ach! Was? Wie?—— Er ſchläft,— ſchloß Jwan Waßiljewitſch mit Betrübniß— er hat's gut auf ſeinem Pfühle, ich aber werde mich wol, da mein Gaſthof noch nicht fertig iſt, die ganze Nacht auf Sechstes Kapitel. Die Gouvernementsſtadt. Am frühen Morgen, als Waßilij Iwanowitſch noch die Wände des Gemachs durch ſein gewaltiges Schnarchen erſchütterte, machte ſich Jwan Waßiljewitſch auf den Weg, das alte Rußland ausfindig zu machen. Als eifriger Vaterlandsfreund wünſchte er ſehnlichſt, die geliebte Heimat in das vorpeterſche Zeitalter zurück⸗ ſchieben zu können, um ihr einen neuen Weg für die Reform des Volkes vorzuzeichnen. Ihm ſchien dies äußerſt möglich, erſtens: weil einige ſeiner Freunde mit ihm gleicher Meinung waren, zweitens aber: weil er Rußland ganz und gar nicht kannte. Und ſolchergeſtalt, am frühen Morgen, mit dem Lieblingsgedanken im —————— Vom Grafen Sollogub. 59 Kopfe, machte er ſich auf, die Straßen von Wladimir zu durchſtreifen. Vor Allem aber überzeugt davon, daß in Rußland wie in Europa die Gelehrſamkeit um billigen Preis feilgeboten werde, betrat er einen Bücher⸗ laden und forderte den„Wegweiſer durch die Al— terthümer und Sehenswürdigkeiten der Stadt Wladimir.“ Auf dieſes Verlangen legte ihm der Buchhändler eine neue Ueberſetzung des„Milchmädchens von Montfermeil“ vor,„eines außerordentlich wichtigen Buchs,“ wie er ſich ausdrückte, und wenn ihm das nicht gefällig ſei, ſo habe er noch„die gräßliche Räu⸗ berhöhle am Strande der Wolga,“„das blutige Traumbild“ und einige andere Schrecken der neueſten ruſſiſchen Originalliteratur. Jwan Waßiljewitſch, den dieſer Erſatz keinesweges zufriedenſtellte, forderte wenigſtens einige„Anſichten“ von der Gouvernementsſtadt. Hierauf erwiderte ihm der Buchhändler, daß er allerdings Anſichten habe, die er gerne wolfeil weggebe, auch werde der Käufer damit ſehr zufrieden ſein, nur ſtellten dieſelben nicht Wladi⸗ mir, ſondern Konſtantinopel vor. Iwan Waßiljewitſch zuckte mit den Achſeln und verließ den Laden. Der Buchhändler verfolgte ihn bis auf die Straße und bot ihm noch ſtatt der Anſichten„neue Pariſer Carri⸗ 60 Tarantas. caturen mit ruſſiſcher Ueberſetzung,“ die„Regeln des Prefereneeſpiels,“ den„neueſten Hausarzt,“ den„Schlüſ⸗ ſel zu den Geheimniſſen der Natur“ u. a. m. an, aber vergeblich. Der in ſeinen Hoffnungen getäuſchte Patriot beſchloß nun, die Stadt ohne Wegweiſer in Augenſchein zu nehmen, und faſt unwillkürlich ward er betroffen von ſeiner eigenen tiefen Unwiſſenheit. Obſchon er ehemals in der Geſchichte ſeines Vaterlandes geblättert hatte, ſo vermochte er doch nichts Feſtes und Beſtimmtes aus derſelben zu behalten. In ſeinem Kopfe war ein nebe⸗ liges Chaos: Namen ohne Geſtaltung und Geſtalten ohne Färbung. Da durchwirbelten ſich Monomach, verſchiedene Wſewolods, Alexander Newskoi und Iwan Kalita, die Zeit der Apanagen und die Einfälle der Tataren. Doch an alles dies erinnerte er ſich nur wie ein Schulknabe, der ſeine Lektion repe⸗ tirt. Wie ſie aber ſelbſt lebten— was ſie thaten.. davon war ihm nichts erinnerlich... Er betrachtete zwei vergoldete Thorflügel, daneben die weißen Mauern und darüber die grünen Dächer— er blieb davor ſte⸗ hen, beſah es von allen Seiten, blieb wieder ſtehen und ging endlich weiter. Die goldenen Thorflügel aber hatten ihm nichts geſagt. Dann trat er in eine Kirche, Vom Grafen Sollogub. 61 wo ihn die vielen unerklärlichen Hieroglyphen in Ver⸗ wunderung ſetzten, hierauf machte er die Kathedrale ausfindig und bückte ſich tief vor der Aſche der hier ruhenden Fürſten, aber ihre Gräber blieben für ihn verſchloſſen und ſchweigſam. Er verließ die Kathedrale in trübem Sinnen, von ſchweren Zweifeln geplagt. Auf dem Marktplatz tummelte ſich das Volk, ſpazierten die Herren in runden Hüten, die Damen mit Sonnen— ſchirmen einher; vor dem Bazar, mit allerlei Ausſchuß— waaren und elendem Galanteriekram, ſaßen die Kauf— leute, und wenn Jemand vorüberging, zogen ſie den⸗ ſelben unter zudringlichem Geſchrei faſt mit Gewalt in ihre Läden; durch die Fenſter des umfangreichen Ge richtshofes erblickte man die Köpfe der Tſchinowniks mit Federn hinter den Ohren, und es ſchien dem Va⸗ terlandsfteunde, als ob ihre ſchmutzigen Geſichter ihm Hohn ſprächen... Da erſt begriff er oder fing er an zu begreifen, daß einmal Geſchehenes geſchehen und durch keine Macht der Welt ungeſchehen gemacht wer— den kann; ihm ward es erklärlich, daß eine ganze Vor— zeit ſich nicht in ein Büchlein einſchachteln und für ein Zweigriwenſtück kaufen laſſe, ſondern durch die ange— ſtrengteſten Studien während einer ganzen Lebensdauer gewonnen werde. Und wie konnte es auch anders 62 Tarantas. ſein! Da, wo ſo wenige Spuren und Denkmale der Vergangenheit, da beſonders, wo der Volkscharakter ſich ändert, und dadurch die Geſchichte in zwei Hälften geſchnitten wird, bildet die Vergangenheit keine Tradi⸗ tion des Volkes, ſondern dient nur als Aufgabe für den Scharfſinn der Gelehrten. Dieſe niederdrückende Wahrheit hielt unſern großen Patrioten im erſten Be⸗ ginn ſeines ſtarken Anlaufs zurück. Er beſchloß, aus dem Buche ſeiner„Reiſeeindrücke“ den Artikel von den „Alterthümern“ wegzulaſſen, und begab ſich nach den Boulevards der Stadt, um dort Zerſtreuung zu ſuchen. Der Boulevard war wunderſchön gelegen, auf der An⸗ höhe längs dem Ufer der Kljasma. Die fruchtbaren Ebenen in der Ferne floſſen mit dem Horizont zuſam⸗ men. Jwan Waßiljewitſch warf ſich auf eine Bank und ſtierte in die Ferne hinaus, die ihm in unbeſtimm⸗ ten und nebligen Umriſſen erſchien, wie das Schickſal der Völker. Er mochte wol geraume Zeit ſo dageſeſ⸗ ſen haben, ohne zu bemerken, daß ein Herr, der ihm den Rücken zukehrte, mit ihm auf einer und derſelben Bank ebenfalls in tiefem Nachſfinnen ſaß, als derſelbe ein Motiv aus einer italieniſchen Oper zu pfeifen be⸗ gann.— Bah!— dachte Jwan Waßiljewitſch— das iſt ja aus„Norma!“— Dabei kehrte er ſich um. Der Vom Grafen Sollogub. 63 Andere that ein Gleiches, und Beide ſchrieen einſtim⸗ mig laut auf:— Fedor!— Iwan!— Wie kommſt Du hierher?— Was machſt Du hier?— Wie viele Jahre iſt's ſchon her!— Ich glaube, ſeit wir aus der Schule ſind...— Ja, ja, über ſechs Jahre...— Acht, willſt Du ſagen... Wie die Zeit vergeht!— Und was willſt Du hier?— Ich reiſe durch... und Du?— Ich halte mich hier auf...— In der Pro⸗ vinz?— Was iſt zu machen!— Ei, wie biſt Du gealtert!— Du haſt Dich auch nicht wenig verändert, Brüderchen, und wenn's nicht an der Stimme wäre, würde Dich kein Menſch erkennen. Was haſt Du Dir für'nen Backenbart angeſchafft!— Das muß man ſa⸗ gen,*s ging luſtig bei uns in der Schule zu!— Eine herrliche Zeit.— Beſinnſt Du Dich noch, wie wir den Inſpektor in der Dämmerung mit Kartoffeln warfen und dem Lehrer der Arithmetik die Perrücke verbrann⸗ ten... Aber faul biſt Du geweſen, das kann Dir Niemand nehmen!— Und Du.. haſt Du wol jemals Deine Lektion gewußt?— Bläſt Du noch immer die Flöte?— Iſt längſt in den Winkel geworfen. Und Du, machſt Du noch immer Verſe?— Hab's längſt aufgegeben! Sag' mir, womit Du Dich jetzt beſchäf⸗ tigſt?..— Ich war vier Jahre im Auslande— Tarantas. 64 Glücklicher Menſch! Du kamſt ungern zurück, nicht wahr?— Im Gegentheil.., ich konnte die Rückkehr kaum erwarten.— Wär's möglich!— Ich machte mir Vorwürfe, ſo in der weiten Welt umherzuſtreifen, ohne mein eigenes Vaterland zu kennen...— Ei, wie denn! Du kennſt Dein eigenes Vaterland nicht?— Bis jetzt noch nicht, aber ich will's kennen lernen.. — Ach, Brüderchen, nimm mich zum Lehrer; das iſt Alles, was ich weiß...— Ohne Scherz: ich will ſelbſt umherreiſen und anſchauen... Aber was denn eigentlich?— Alles... die Menſchen und die Gegen⸗ ſtände.. zuerſt will ich alle Gouvernementsſtädte ſehen. — Wozu?— Wie, wozu?.. Um das Leben daſelbſt und ihre Verſchiedenheit kennen zu lernen..— Aber es findet keine Verſchiedenheit zwiſchen ihnen ſtatt...— Wie ſo?— Bei uns gleichen ſich alle Gouvernements⸗ ſtädte auf ein Haar, ſieh Dir Eine an, und Du kennſt ſie alle...— Das iſt unmöglich!— Ich kann Dir's verſichern.. Ueberall findeſt Du dieſelbe große Straße, ein großes Magazin, wo die Gutsbeſitzer ſich einfinden, um Seidenzeug für ihre Weiber und Champagner für ſich zu kaufen, dann der Gerichtshof, der adelige Klub, die Apotheke, das Flüßchen, der Marktplatz, der Bazar, zwei bis drei Laternen, ein dutzend Wachthäuschen und Vom Grafen Sollogub. 65 das Palais des Gouverneurs..— Trotzdem aber iſt die Geſellſchaft überall ſehr verſchieden...— Im Ge⸗ gentheil, die Geſellſchaft iſt ſich noch ähnlicher, als die Häuſer..— Wie ſo?— Das will ich Dir ſagen. In jeder Gouvernementſtadt befindet ſich ein Gouverneur. Die Gouverneurs gleichen ſich ſämmtlich, vor ihnen lau fen die Viertelsmeiſter einher, drängen ſich geſchäftig die Sekretaire, bücken ſich bis zur Erde die Kaufleute und Bürger, ſchmollen die Edelleute mit einer gewiſſen geheimen Furcht im Herzen. Wo ſich der Gouverneur nur zeigt, da kommt auch Champagner zum Vorſchein, der Lieblingswein in der Provinz, und Alle trinken unter tiefen Bücklingen auf ein langes Leben des Va⸗ ters des Gouvernements. Die Gouverneurs ſind, im Ganzen genommen, ziemlich gebildete Leute, zuweilen etwas hochmüthig. Sie geben gerne Diners und laſſen ſich herab, mit den Branntweinpachtern und reichen Gutsbeſitzern Whiſt zu ſpielen. Das ſind ſehr gewöhnliche Dinge— bemerkte Jwan Waßiljewitſch.— Erlaube... Außer dem Gouverneur gibt es in jeder Gouvernementsſtadt auch noch eine Gouverneurin. Die Gouverneurin iſt— eine äußerſt ſeltſame Perſon. Sie war in der Regel an das Re— ſidenzleben gewöhnt und durch die Kriecherei der Pro⸗ Nord. Novellenbuch. M. 5 —————— 66 Tarantas. vinz verwöhnt. In der erſten Zeit iſt ſie zuvorkommend und artig, bald wird ihr das ewige Stadtgeklatſch zu⸗ wider; allmälig aber gewöhnt ſie ſich an die Speichel⸗ leckerei und fängt an, ſie zu fordern. Dann umgibt ſie ſich mit einem Gefolge halb verhungerter Fräulein, liegt im Zwieſpalt mit der Vicegouverneurin, ſtreicht Petersburg heraus, behandelt ihren Geſellſchaftskreis mit Verachtung und verſteht zuletzt ſich den Haß Al⸗ ler in der Gouvernementsſtadt zu erwerben; dies währt nur bis zum Tage der Abreiſe, wo dann Alles vergeſ⸗ ſen, ihr Lebewohl geſagt und unter Thränen das Ge⸗ leit gegeben wird!— Aber zwei Perſonen machen keine Stadt aus!— fiel ihm Jwan Waßiljewitſch in die Rede. — Halt, halt! In jeder Gouvernementsſtadt gibts noch eine Menge anderer Perſonen; der Vicegouverneur nebſt Gemahlin, verſchiedene Präſidenten nebſt ihren Frauen und eine zahlloſe Schaar Beamter der verſchie⸗ denen Behörden. Die Weiber bekämpfen einander mit der Zunge und die Männer mit dem Papier. Die Präſidenten ſind größtentheils alte vielbeſchäftigte Leute, mit großen Ordenskreuzen um den Hals, und zeigen ſich außerhalb ihrer Gerichtshöfe nur an offiziellen Feier⸗ tagen, um dem Regierungschef ihre Gratulativnen ab⸗ zuſtatten. Der Prokurator iſt jederzeit ein lediger Mann — Vom Grafen Sollogub. 67 und vielbejahrter Bräutigam, der Stabsoffizier von der Gendarmerie— ein gutmüthiger Burſche, der Adelsmarſchall— ein Liebhaber von Hunden. Außer den Beamten wohnen in jeder Gouvernementsſtadt noch viele Gutsbeſitzer, die in der Regel Geizhälſe oder Ver⸗ ſchwender ſind. Sie haben das wichtige Geheimniß ausfindig gemacht, daß, wie die Karten für den Men⸗ ſchen, ſo der Menſch für die Karten geſchaffen ſei, weß⸗ halb ſie auch vom Morgen bis zum Abend, häufiger noch vom Abend bis zum Morgen, ſich die Trümpfe abfordern oder grobhäuſern, ohne die mindeſte Ermü⸗ dung zu verſpüren. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß auch die Beamten hinter ihnen nicht zurückbleiben. Du ſpielſt doch Whiſt?— Keinesweges.— Aber Prefe⸗ rente?— Eben ſo wenig.— Nun, ſo brauchſt Du Dich auch nicht zu inkommodiren, Du biſt in der Pro⸗ vinz verloren... Aha, Du willſt vielleicht heirathen? — Behüte der Himmel!— Ei, ſo laß Dich hier nicht ſehen. Man wird Dich mit Gewalt in's Ehejoch ſpannen; bei uns gibt es Mädchen die Fülle. Alle ſingen aus angeborener Neigung„Warlamov's“ Romanzen und ſpazieren Arm in Arm reihenweis in den Gaſtzimmern auf und ab, wo die Bälle des ad⸗ ligen Klubs zu Moskau den weſentlichen Gegenſtand 5* 0 68 Tarantas. ihrer Unterhaltung bilden. Faſt in jeder Gouverne⸗ mentsſtadt befindet ſich eine Witwe nebſt zwei Töchtern, welche nach einer früheren Glanzperiode in der Reſidenz gezwungen ſind, in der Provinz zu vegetiren. Die anderen Damen machen ſich zwar über dieſelben luſtig, geben ſich aber nichtsdeſtoweniger alle erdenkliche Mühe, zu ihren Spielpartieen geladen zu werden; denn in der Provinz ſpielt Alles Karten, mit Ausnahme der jun⸗ gen Mädchen, und auch dieſe ſpielen ſogar Schafkopf um— Nüſſe. Einige Offiziers auf Urlaub, ein Dutzend privilegirter Faullenzer ohne Vermögen und Lebenszweck, ein Provinzialwitzbold, der auf alle Welt Cpigrammchen und Spottnamen ausheckt, ein alter Doktor, gewöhnlich deutſcher Abſtammung, ein Paar funge Doktoren, ein Feldmeſſer und ein ausländiſcher Kaufmann vollenden die Geſellſchaft der Gouverne⸗ mentsſtadt. — Aber ihre Lebensweiſe?— fragte Jwan Waßilje⸗ witſch.— Iſt ziemlich langweilig. Ein Austauſch ze⸗ remoniöſer Viſiten, Klätſchereien und Karten, oder Karten und Klätſchereien. Selten ſtößt man auf einen gemüthlichen, liebenswürdigen Familienkreis, der Mehr⸗ zahl nach findet man bis zur Karikatur verzerrte Gri⸗ maſſen, welche den Ton einer gar nicht vorhandenen Vom Grafen Sollogub. 69 großen Welt kopiren ſollen. Geſellſchaftliche Vergnü⸗ gungen kennt man beinahe gar nicht. Des Winters werden zwar einige Bälle im Klub angeordnet, doch eine ſonderbare Ziererei hält die Leute ab, die Bälle zu beſuchen, weil Niemand zuerſt daſelbſt erſcheinen will. Bon genre bleibt zu Hauſe ſitzen und ſpielt Karten. Gewöhnlich, wenn man durch eine Gouverne⸗ mentsſtadt kommt, ſo iſt's am Tage vor oder noch häufiger nach einem intereſſanten Ereigniß, und man wird mit dem Ausruf bewillkommnet: Wie ſchade, daß Sie morgen nicht hier ſein werden oder geſtern nicht hier waren! Jetzt iſt der Gouverneur auf einer Reiſe begriffen, um die Gouvernementsbezirke zu revidiren, die Edelleute haben ſich auf die Güter begeben, und in der Stadt iſt faſt kein Menſch. Nicht Jedem iſt das Glück beſcheert, zur Zeit einer ſolchen Anweſenheit des Publikums hier einzutreffen! Solche denkwürdige Epochen kommen nur zur Zeit der Aushebungen und der Ueber⸗ gabe der Rekruten vor, zur Zeit des Garniſonswechſels, in geſegneten Jahren und um die Carnevalszeit. Die an⸗ genehmſten Gouvernementsſtädte, namentlich nach der Meinung der unverheiratheten Damen, ſind diejenigen, wo Garniſonen liegen. Wo es Offiziere gibt, da gibts Muſik, Wachtparaden, Tanz, Hochzeiten, Liebesintriguen, ————— 70 Tarantas. turz, was das Herz nur wünſchen kann!— Das iſt Alles ſehr gut, nur Eines begreife ich nicht,— hob Jwan Waoßiljewitſch an;— warum lebſt Du denn hier?— Warum?... Ach, Brüderchen, das iſt'ne einfache und einfältige Geſchichte!— Nun, ſo gib ſie zum Beſten, wenn's Dir gefüllig iſt...— Faſt alle unſere Edel⸗ leute können Dir daſſelbe Lied ſingen: Erſt voller Beu⸗ tel, dann Armuth und— Alles eitel! Im Anfang luſtig Leben in der Reſidenz, am Ende iſt man froh, wenn man ſich in der Gouvernementsſtadt durchſchlagen tann. Warum aber das?— Weil wir faſt Alle bis zum Wahnſinne leichtſinnig ſind und von Kind⸗ heit an ſämmtlich von derſelben Seuche befallen wer⸗ den.— Wirklich? Und wie heißt denn die Seuche Rußlands?— — s iſt ein einfacher Name: Das Ueberſei⸗ nem Stand⸗leben!— Siebentes Kapitel. Eine einfache und einfältige Geſchichte. Als ich mich nach unſerer Entlaſſung aus der Schule von Dir trennte, mit dem Bewußtſein, nichts — Vom Grafen Sollogub. 71 gelernt zu haben, begab ich mich nach Petersburg, wie ſich von ſelbſt verſteht, in der Abſicht, dort in den Staatsdienſt zu treten. In Petersburg leben, ohne zu dienen, heißt eben ſo viel, als im Waſſer ſein, ohne zu ſchwimmen. Ganz Petersburg gleicht einer einzigen ungeheuren Behörde, und ſogar die Häuſer ſehen aus wie die Miniſter, Direktoren, Büreauvorſteher, mit ih⸗ ren rangirten Mauern und ihren Fenſtern in Viceuni⸗ form. Selbſt die Petersburger Straßen laſſen ſich nach der Rangtabelle eintheilen: in Wohlgeborne, Hochwohlgeborne und Exeellenzen. Als ich an dem ungeheuren Beamtenſitze anlangte, war ich feſt über⸗ zeugt, daß ich mich nur zu zeigen brauchte, um ſofort die allgemeine Aufmerkſamkeit auf mich zu lenken, und daß ich in kurzer Zeit die glänzendſte Carriere machen würde. Da ich auf der Schule ſchlechte Verſe gemacht, ſo, ſchloß ich ganz logiſch, werde ich nunmehr treffliche Geſchäftsreferate abfaſſen. Ich hatte mich getäuſcht; denn mein erſter Verſuch ſetzte die Lachmuskeln meines Büreauchefs in Bewegung, und mir ward der Auf⸗ trag, die Berichte Anderer zu mundiren. Weder Mi⸗ niſter noch Direktor ermuthigten meine Unerfahrenheit, ja der Departementschef würdigte mich nicht einmal eines Wortes, und meine glänzenden Talente blieben 72 Tarantas. gänzlich unbemerkt. Ich tröſtete mich mit dem Gedan⸗ ken, daß nur der Neid meiner Amtsgenoſſen meiner Beförderung im Wege ſtehe, und von der andern Seite gewann ich die Ueberzeugung, daß im Dienſte Jeder nur an ſich denke. Der Dienſt, Brüderchen, iſt bei uns eine Leiter, auf der die Leute von grüner Farbe*) ſchreiten, kriechen, klettern oder ſpringen, bald einander wegſtoßend, bald aus Unvorſichtigkeit hinabſtürzend oder ſich an den Rockſchößen eines ſichern Equilibriſten feſt⸗ haltend. Wenige gehen ſicher und ohne Hülfe ihren Weg, Wenige nur denken an das allgemeine Beſte, die Mehrzahl aber vergißt ſich nicht. Wie man ein Kreuzchen erhaſcht, um ſich vor der Genoſſenſchaft zu ſpreizen, oder wie man ſich die Taſchen beſſer füllt, iſt die Aufgabe ihres Denkens. Uebrigens, glaube nicht, daß der Petersburger Tſchinownik ſich beſtechen läßt. Behüte Gott! Verwechſele den Beamten der Hauptſtadt nicht mit dem der Provinz. Sich beſtechen laſſen, iſt ein verächtlich Ding, dabei geführlich und obendrein nicht einmal einträglich. Giebt's aber nicht viele Sei⸗ *) Grün ſind die Viceuniformfracks, welcher jeder Beamte im Miniſterium des Innern vorſchriftsmäßig im Dienſte zu tragen verbunden iſt. Vom Grafen Sollogub. 73 tenwege, die zu demſelben Ziele führen? Darlehen, Af⸗ fairen, Aktien, Obligationen, Spekulationen, das Al⸗ les unter Benutzung ſeines Dienſteinfluſſes, und glück⸗ licher Kalkül bei den Geſchäftchen ſpickt den Beutel mit mehr Sicherheit. Die Ehre iſt gerettet, daß Geld in der Taſche!— — Und was weiter?— — In meinen ehrgeizigen Dienſtplänen getäuſcht, nahm ich mir vor, in der großen Welt zu glänzen, da aber ſollte mir Gleiches widerfahren. Ich hielt mich für reich, und es fand ſich, daß ich arm war. Ich glaubte, Jedermann durch den Glanz meiner Equipage, meiner Lebensweiſe blenden zu können, und es fand ſich, daß Alles bettelhaft und lumpig war im Ver— gleich mit Anderen; thörichte Eitelkeit aber trieb mich an, fremden Lurus nachzuahmen und dabei nicht im mindeſten mit meinen Mitteln zu Rathe zu gehen. Uebrigens iſt dies ein epidemiſches Laſter in Petersburg. Das Leben gleicht daſelbſt einem Feuerwerk: Knallef⸗ fekte, Brillantfeuer, hinterdrein viel Dampf, und zu⸗ letzt iſt Alles mit dem Rauch verpufft. Jeder legt ſich ſelbſt die Schlinge um den Hals, nur um ſeinen Nächſten vor der Welt zu überſtrahlen. Einer ſucht's dem Anderen an eitlem Prunk zuvorzuthun, ein Stand 74 Tarantas. dem anderen, der Arme dem Reichen. Wer nichts hat, der gibt ſich das Anſehen, als habe er Vermögen, und richtet ſich ſo gänzlich zu Grunde; wer aber Mittel hat, der überläßt ſich ſolchem Lurus, führt ſolche Pa⸗ läſte auf, gibt Bälle und Diners der Art, daß er ſich und ſein Vermögen natürlich in möglichſt kurzer Zeit zerrüttet. Wahrlich, es ſcheint, als ob unſer Adel der Armuth nachliefe. Die Verſchwendungsſucht unſerer Edelleute hat ſich eine Menge von Bedürfniſſen ausge⸗ dacht, die denſelben unentbehrlicher geworden ſind, als Brod und Waſſer. Dazu gehören: eine zahlreiche Dienerſchaft, Lakaien in Livreen, ein dicker Haushofmei⸗ ſter, ein fauler Mundſchenk und noch ein anderer nutz⸗ loſer Haufe ohne Zweck und Ziel; dann ungeheure Appartements mit Salons, Speiſeſälen, Kabinetten und Zimmergärten; vierſpännige Equipagen, Theaterlogen, koſtſpielige Toiletten, hohes Kartenſpiel, kurz, man kann ſagen, das erſte. Lebensbedürfniß in Petersburg iſt Lurus. Hier denkt man zuerſt an das Ueberflüſſige und ſpäter einmal an das Nothwendige. Deßhalb kom⸗ men auch die Güter der Edelleute Tag für Tag unter den Hammer. Und welche Leidenſchaften werden erweckt durch dies Mißverhältniß zwiſchen Ausgaben und Ein⸗ nahmen, welche entſetzlichen Dru werden tagtäglich —— Vom Grafen Sollogub. 75 in den Familien geſpielt, welche ſchmählichen Opfer an Gewiſſensruhe, Selbſtachtung und Ehre werden gebracht durch dieſen wahnſinnigen Schwindel, der wie der Stich der Tarantel Alles im Taumel mit ſich fort⸗ reißt, ohne daß man zur Beſinnung kommt? In dieſem Treiben der Reſidenz ſuchen wir nur Zerſtreuung und Sinnenluſt; an feſte Grundſätze oder einen höheren Le⸗ benszweck iſt nicht zu denken. Außerdem fehlt uns eine ordentliche Erziehung, und ferner ſind wir außer Stande, der Verſuchung zu widerſtehen; das ſchreckliche Beiſpiel vor Augen, taumeln wir nichtsdeſtoweniger ebenfalls in den Abgrund. Doch wozu Dir längſt bekannte Dinge wiederholen, Du biſt ſelbſt ein ruſſiſcher Edelmann und weißt, wie man ſich bei uns zu Grunde richtet. Viel⸗ leicht liegt in dieſer völligen Unkenntniß ökonomiſcher Verhältniſſe irgend ein vermeſſenes Selbſtvertrauen, wie es den Slaven eigen; vielleicht iſt der Grund in unſe⸗ rer Naturanlage zu ſuchen. Dem ſei, wie ihm wolle, die Verſchwendungskunſt iſt in Petersburg auf einen Punkt geſtiegen, der an lächerliche Dummheit grenzt, und Niemand hat den Muth, zuerſt das Beiſpiel der Beſonnenheit und Ueberlegung zu geben. Die Wuche⸗ rer bereichern ſich, die Mode herrſcht mit tyranniſcher Gewalt, jeden Tag ihre Launen wechſelnd, Alles un⸗ 76 Tarantas. terwirft ſich ihr in ſklaviſcher Demuth, und Jeder bringt ihr ſeine Habe bis auf den letzten Heller als Opfer dar. Deßhalb fehlen in unſerer Behauſung die Fami⸗ lienerinnerungen gänzlich; nirgends eine Spur der Vor⸗ ältern, kein altes Familiengeräth, kein Kennzeichen der Verehrung unſerer Ahnen. Alles verſchlingt das ge⸗ fräßige Ungethüm, die Mode— und das prächtige Petersburg, glaube mir, ſcheint eine Stadt, die nur einſtweilen gemiethet worden iſt. Was mich betrifft, ich machte es, wie meine Colle⸗ gen, das heißt— ich machte Schulden, gab zweimal mehr aus, als ich einnahm. Daran iſt übrigens gar nichts zu verwundern; denn ich beſaß Freunde, die gar keine Einnahmen hatten und dennoch dreimal mehr aus⸗ gaben, als ich. Wie ſie aber dies anfingen, iſt mir bis heutigen Tages noch nicht klar geworden. Ich für meinen Theil war überall gern geſehen, machte den Modedamen die Cour, hörte ihr leeres Geſchwätz an, wartete ihnen mit Gleichem auf und ſuchte mich überall und auf alle nur erdenkliche Weiſe zu amüſiren. In⸗ mitten dieſer ewigen, mit Gewalt erzwungenen Zer⸗ ſtreuungen fühlte ich mich jedoch, die Wahrheit zu ſagen, nicht im Mindeſten glücklich. Gleich vielen un⸗ ſerer jungen Leute, ſehnte ich mich nach einem Etwas, Vom Grafen Sollogub. 77 war von einem Etwas unbefriedigt, ich dürſtete nach einem unmöglichen Wirkungskreiſe, kurz, ich fühlte mich unthätig, überflüſſig, und klagte Andre wegen meiner Nichtigkeit an. Bei uns iſt ein ſolches Leiden etwas ſehr Gewöhnliches. Ich nahm mir deshalb vor, zu hei⸗ rathen.... — Wie! Du biſt verheirathet?— fragte Jwan Waßiljewitſch. — Leider, bin ich's!— erwiderte ſeufzend ſein Ju— gendgefährte;— doch iſt's eben ſo gut, als wäre ich's nicht. Das iſt abermals eine einfache und einfältige Geſchichte: In Petersburg gibt's wunderſchöne Mädchen,'s iſt ne wahre Luſt, ſie anzuſchauen. Ihr Haar iſt ſo glatt friſirt, ihre Taille ſo zierlich, zu tanzen verſtehen ſie ſo graziös und ſo viel, daß man nicht umhin kann, ſich in ſie zu verlieben. Und ſo verliebte ich mich. Mit einem Walzer begann meine Liebe, mit einer Ma⸗ ſurka entſchied ſich meine Hochzeit. WMeine Braut war die Tochter eines reichen Mannes, welcher glänzende Di⸗ ners gab, und bei dem jeden Abend die ſogenannte große Partie Whiſt ſpielte, zu fünfhundert Rubel den Point. Ich ſchickte mich an, glücklich zu werden. Aber in Pe⸗ tersburg, Brüderchen, iſt eine Hochzeit— ein halber 78 Tarantas. Bankerott. Ich glaube, nirgends in der Welt herrſcht die Gewohnheit, daß der, welcher einen Schritt zu ſei⸗ nem Glücke thut, ſich deßhalb vor der Zeit zu Grunde richtet, und daß derjenige, welcher ſich Ruhe erſtrebt, bei guter Zeit ſich alle Möglichkeit benimmt, ruhig zu werden. In Petersburg iſt dies— Gewohnheit, Ge⸗ ſetz. Wie abgeſchmackt auch der allgemeine Brauch ſei, ſo muß man doch dem allgemeinen Brauche folgen. Bei uns hat man ſich für alles dies gewiſſe vertrags⸗ mäßige Vorſchriften geſchaffen, die ſo unerläßlich ſind, wie Viſiten und Hutabnehmen. Hierzu gehört auch, daß ein Bräutigam zu der lächerlichſten Verſchwendung verpflichtet iſt, wie auch immer ſeine Umſtände ſein mögen, und hier hat die ſtaviſche Zügelloſigkeit freien Spielraum. Zuerſt ſchwebt über dem Haupte des un⸗ glücklichen Bräutigams das drohende Heer der Ge⸗ ſchenke. Ein Portrait von Sokoloff*), ein elegantes und ein ſentimentales Armband, ein türkiſcher Shawl, ein Brillantſchmuck und eine zahlloſe Menge allerhand glitzernder Nippes und Spielwerke aus dem„engliſchen Magazin“*). Alsdann iſt der Bräutigam genöthigt, *) Beliebter Portraitmaler in Petersburg, deſſen Por⸗ traits tauſend Rubel und darüber koſten. *) Ein koloſſaler Bazar in Beſitz eines engliſchen Han⸗ Vom Grafen Sollogub. 79 ſeine Wohnung in einem fremden Hauſe gänzlich um⸗ zubauen und dieſelbe mit den ſeltenſten erotiſchen Pflanzen auszuſchmücken, die er für theure Preiſe mie⸗ thet; er muß Equipagen im neueſten Geſchmack, präch⸗ tige Pferde nebſt elegantem Geſchirr anſchaffen. Zwei wohlbeleibte Lakaien werden von ihm in reich mit Wap⸗ pen bordirte Livreen geſteckt, man beſtellt Service, Bronzen, altes Porzellan, richtet ſich zu großen Diners ein und bemerkt in der That erſt nach der Verheira⸗ tung, daß man wirklich— nichts zu beißen hat. Der Vater der Braut richtet das Schlafgemach auf's glän⸗ zendſte ein, geht dem künftigen Schwiegerſohn an tol⸗ ler Verſchwendung mit gutem Beiſpiel voraus, ſich in der That mehr um die prunkhafte Ausſchmückung der gemietheten vier Wände, als um das häusliche Glück der eigenen Tochter kümmernd. Außerdem noch hält er's für ſeine Vaterpflicht, eine Menge Kiſten und Ka⸗ ſten mit koſtſpieligen Lumpen und Lappen zu füllen, in welche er unter dem Namen der„Mitgift“ ein be⸗ delshauſes, wo ſich alle nur erdenklichen Handelsartikel in trefflicher Qualität und zu mäßigen Preiſen vorfinden. Der⸗ ſelbe befindet ſich in der Nähe des Newski⸗Perſpektive, in der ſogenannten kleinen Million; Begründer deſſelben wa⸗ ren zwei Engländer, die Herren Nichols und Plink. 80 Tarantas. deutendes Kapital ſteckt. Am Tage nach der Hochzeit aber beſchenkt er den Neuvermählten— mit ſeinem vollen väterlichen Vertrauen. Hier entdeckt er ihm denn mit edler Aufrichtigkeit, daß das Leben in Petersburg über die Maßen koſtſpielig ſei, daß der Koch ihn gänz⸗ lich zu Grunde richte, und er noch obendrein ſehr un⸗ glücklich Whiſt ſpiele— den Schluß bildet das Geſtänd⸗ niß, daß der Sohn in Betreff der verſprochnen Jahres⸗ zulage ſeinen Tod abwarten müſſe. Der Schwieger⸗ ſohn ſeinerſeits, durch die eigenthümliche in Ausſicht geſtellte Einnahme überraſcht und etwas in Verwirrung gebracht, lohnt Vertrauen durch Vertrauen und geſteht ſeine eigene klägliche Lage ein; einige Tage nachher aber hat er ſich auf immer mit ſeiner neuen Familie entzweit. So ging es auch mir. Ich beſchloß, mich aufs Land zurückzuziehen, meine Frau wollte nichts davon hören. Sie war dazu nicht erzogen. Sie war ge⸗ wöhnt, ihre Morgenpromenade auf der Newski⸗Per⸗ ſpektive zu machen, Theater und Bälle zu beſuchen. Dagegen gab's kein Mittel. Jetzt begannen für mich wahre Folterqualen; in dieſem Zuſtande, wo man ohne Berückſichtigung ſeiner Mittel in den Tag hineinlebt, giebt's fürchterliche Augenblicke. Zuweilen ſieht man Vom Grafen Sollogub. 81 ſeine Frau in glänzender Toilette mit dem Dandies in den Logen kokettiren, und denkt daran, daß man zu Hauſe kein Holz mehr zum Einheizen hat; zuweilen hat man Gäſte zum Diner geladen, und der Koch weigert ſich, die Mahlzeit zu liefern, und überhäuft einen noch obendrein mit Grobheiten; Du aber wagſt nicht, ihm die Thür zu weiſen, weil Du ihm mit Haut und Haa⸗ ren verpfändet biſt. Ja wahrlich, in dieſem Peters⸗ burger faſhionablen Treiben iſt es nicht nur unmög⸗ lich, ſeine Würde zu behaupten, ſondern auch im ſtrengſten Sinne des Wortes— ein ehrlicher Mann zu bleiben. Vor Allem und um jeden Preis mußt Du Geld ſchaf⸗ fen, und haſt Du's erhalten, ſo wird's in Lappalien verſchleudert. Abends beſuchſt Du einen Ball und tan⸗ zeſt Polka, morgens aber drängen ſich bei Dir die ſo⸗ genannten Kabinetsviſiten, Wucherer, Affäriſten, Pfand⸗ leiher. Du verpfändeſt, verkaufſt, leiheſt, ſtellſt Wech⸗ ſel und Schuldverſchreibungen aus; Brillanten, Silber, türkiſcher Shwal und Equipage gehen den Weg alles Fleiſches; Du verwünſcheſt Dein Leben und biſt der Verzweiflung nahe. Oſft biſt Du im Begriff, durch einen Piſtolenſchuß dem Dinge ein Ende zu machen. Trotz alledem aber biſt Du geſchnürt, geſchniegelt und Nord. Novellenbuch. 1M 6 — 82 Tarantas. friſirt, ſchneideſt Komplimente und machſt Viſiten, kannſt aber dabei überzeugt ſein, daß keine Seele an Dir Antheil nimmt, alle Welt aber Dich verhöhnt. So verbrachte ich zwei Jahre. Dann erſt bemerkte ich, daß man in der faſhionablen Welt mit verächtlichem und kränkend mitleidigem Blick auf mich herabſah. Man grüßte mich kälter und ſeltener, man vergaß mich ein⸗ zuladen, in der Maſurka wählte man mich nicht mehr, kurz, meine Freunde begannen allmälig ſich von mir zurückzuziehen, indem ſie einander die ihnen ſonſt gar nicht ſchmerzliche Nachricht von meinem gänzlichen Ruin mittheilten.— Er iſt ſelbſt ſchuld— hieß es— wa⸗ rum äfft er Andern nach! Was treibt ihn, ſich uns aufzudrängen!— Menſchen, denen ich mit wahrer Freundſchaft zugethan war, drehten mir den Rücken, als ſie erfuhren, daß mir nichts mehr abzugewinnen, noch ein Diner bei mir zu erhaſchen ſei. Statt Zeichen der Theilnahme erfuhr ich den bitterſten Spott über meine üble Lage. Dies erſchöpfte meine Geduld. Petersburg war mir verhaßt, und ich beſchloß, mich eiligſt von da zu entfernen. Ich verkaufte Alles, was mir noch geblieben war, bezahlte die allerdringendſten Gläubiger, und nachdem ich meine Sachen, ſo gut es ging, in Ordnung gebracht, machte ich mich eines ſchö⸗ Vom Grafen Sollogub. 83 nen Morgens mit meiner Frau auf den Weg, um mich in Moskau niederzulaſſen. — Du haſt in Moskau gelebt?— fragte Jwan Waßiljewitſch. — Leider, Brüderchen!'s war ganz daſſelbe nur eine Fortſetzung derſelben einfachen und einfältigen Ge⸗ ſchichte! Meine Frau wollte, wenn nicht in Petersburg, doch wenigſtens in Moskau leben, an ein Dorf war mir nicht einmal zu denken erlaubt. So ſiedelte ich mich nach Moskau über. Ich liebe Moskau mit ſeinen weißen Mauern, mit ſeinem uralten Kreml, mit ſeinen werthvollen hunniſchen Erinnerungen, denen man auf jedem Schritt begegnet. Moskau— iſt das Herz Rußlands, und in dieſem Herzen pulſirt das warme Leben alles Volksthümlichen. In den untern Klaſſen der moskowitiſchen Bevölkerung herrſcht noch Treuherzig⸗ keit, in den höhern glänzen einige begabte, das Gute wollende Geiſter, erfüllt von Liebe zu beſſerem Thun, von Streben für ein edles, volksthümliches Ziel. Dies aber ſollte ich erſt ſpäter erfahren. Ich gerieth in ei⸗ nen beſonderen Kreis, der in der ungeheuren Stadt wieder eine Art von Städtchen bildete, deſſen ſämmt⸗ liche Bewohner aus Unzufriedenen beſtanden. Die⸗ ſes Städtchen— der Sitz der aus dem Dienſt Ent—⸗ 6 84 Tarantas. laſſenen, die Heimat der Schnurrbärte und Pikeſchen, das Aſyl Mißvergnügter aller Art, iſt zugleich der Schlupfwinkel der ſeltſamſten Räubereien und die Schmiede nicht minder ſeltſamer Hiſtörchen. Alle dieſe Verabſchiedeten oder Abgeſetzten, gereizt und in ihren ehrſüchtigen Hoffnungen betrogen, ſind in der Regel fauler und böswilliger Natur. Deßhalb herrſcht unter ihnen der Geiſt des Müßigangs und böſen Leumunds; nicht umſonſt nennt man die Stadt„die Alte“). Hier gilt es vor Allem, zu ſchwatzen, und zwar wie ein altes Weib ins Gelag hinein. Hier erzählt man Dir, daß ein ungeheurer grauer Wolf auf der Schmiede⸗ brücke ſpazieren geht und lüſterne Blicke in alle Mode⸗ magazine wirft, wo die verſchmitzten Franzöſinnen ſitzen, oder man flüſtert Dir ins Ohr, das Neueſte ſei, Abd ul Medſchid habe den König der Franzoſen an Kin⸗ desſtatt angenommen, um ihm nach ſeinem Tode das türkiſche Sultanat zu hinterlaſſen u. dgl. m. Hier ge⸗ ſtaltet man ſich ſeine eigene Politik, ſein eigenes Eu⸗ ropa, damit es nur Stoff zu müßigem Geſchwätz gebe. Dies Uebel wäre jedoch noch in der That das kleinſte; *) Starucha, das alte Weib, oder auch matuschka, Mütterchen. Vom Grafen Sollogub. 85 der Müßigang gebiert jedoch ganz andere, bei weitem gefährlichere Dinge. Laß Dir mein Debüt in der „Weißummauerten“ erzählen. Gleich nach mei⸗ ner Ankunft ward ich in einen angenehmen Geſellſchafts⸗ kreis eingeführt. Derſelbe beſtand aus einer Art von Miniſterium von Müßigängern, einem Departement von Taugenichtſen. Bei meinem Eintritt muſterten mich alle Anweſenden verſtohlen vom Scheitel bis zur Zehe, wie ein wildes Thier, und begannen dann ſich einander ins Ohr zu flüſtern. Ein Herr von widerwärtigem Aeu⸗ ßern mit hellblonder Perrücke kam alsdann auf mich zu und wünſchte mit mir Bekanntſchaft zu machen, in⸗ dem er mir ſagte, daß er meinen Vater genau gekannt, mit meinem Großvater gedient habe und ſich ſogar noch ein wenig meines Urgroßvaters erinnere.— Hierdurch glaube ich mich berechtigt— fuhr er fort— Ihnen einen Rath geben zu dürfen. Sehen Sie dort den Herrn mit dem großen ſchwarzen Schnurrbart? Neh⸗ men Sie ſich vor ihm in Acht!.. Er wird ihnen vor⸗ ſchlagen, mit ihm zu ſpielen, und er iſt ſeiner Sache gewiß, Ihr Geld iſt in ſeiner Taſche, wenn Sie ein⸗ willigen!— Ich dankte dem alten Freunde meiner Fa⸗ milie und begab mich in ein anderes Zimmer. Stelle Dir mein Erſtaunen vor, als der Herr mit dem großen ——— 86 Tarantas. ſchwarzen Schnurrbart mir hinterdrein eilt.— Sind Sie lange ſchon mit der blonden Perrücke da bekannt?— hob er vertraulich an.— Habe eben erſt ſeine Bekannt⸗ ſchaft gemacht...— So hüten Sie ſich vor ihm, er will Ihnen das Geld abnehmen. Ich hielt es für meine Pflicht, Sie zu warnen; ihre verſtorbene Tante war immer ſehr gütig gegen mich, auch ſind wir ein wenig mit einander verwandt!— Die Geſellſchaft fing an, mir intereſſant zu werden, und ich miſchte mich ins Geſpräch. Da vernahm ich Worte, Geſtändniſſe, An⸗ ſichten und Reigungen, bei denen mir, trotzdem, daß ich nicht an ſchwachen Nerven leide, das Blut zu Ge⸗ ſicht und das Haar zu Berge ſtieg. Ich traf ferner Freigeiſter, die ſich tief vor dem Polizeimeiſter bückten, Leute, die ſich mit Gefühl und Begeiſterung von Würſt⸗ chen und Paſteten unterhielten; ich hörte Andere ſich ihrer herviſchen Proben grenzenloſer Völlerei rühmen, und mir ward der Schleier„Moskowiſcher Geheimniſſe“ ein wenig gelüftet, gegen die„Sue's Buch“ mich ein wahrer„Kinderfreund“ dünkte. Das Thema von„Jagd⸗ hunden und Weibern“ fand ich hier ebenfalls ſtark dis⸗ kutirt, nur äußerte man ſich über die erſten mit mehr Achtung und Anſtand, als über die letzteren. Die Schil⸗ derung aller der Spielgreuel, die ich erblickte, wirſt Du ——— Vom Grafen Sollogub. 87 mir erlaſſen. Die Summen, die hier verloren wurden, waren für manche dieſer Spieler wol nur der geringſte Verluſt. Einige Männer ſahen ſchweigend dem ganzen Treiben zu und zuckten mit den Achſeln, Andere fan⸗ den darin ein kühnes und kräftiges Element und ſchloſ⸗ ſen Freundſchaft mit Menſchen, denen ſie bei reiflicher Ueberlegung den Eintritt in die Zimmer ihrer Lakaien unterſagen laſſen würden.— Das Räthſelhafte dieſes Zuſtandes der Dinge läßt ſich in wenig Worten auf⸗ klären. Die Petersburger Gebrechen rühren zum Theil von ununterbrochen angeſpannter Thätigkeit, ehrſüchti⸗ gem Streben und der Sucht, ſich zu zeigen, her, die Laſter der Moskauer Geſellſchaft vom Mangel aller Thätigkeit und eines Lebenszwecks, vom Ueberfluß der Langeweile und ſchwerfällig noblem Müßiggang nach Edelmannsbrauch.— Nach und nach fing ich an, mich an die Sonderbarkeiten meiner neuen Bekanntſchaften zu gewöhnen; ich ward näher bekannt mit ihren Sit⸗ ten und Geſchmacksrichtungen und nachſichtiger gegen ſie. In dem Maße aber, wie ich in die Philoſophie der Sterletohren und Fiſchpaſtetchen eindrang, vermin⸗ derte ſich auch meine Scheu vor ihren offenherzigen Ge⸗ ſtändniſſen, und ſo ward ich allmälig allen beſſeren Geſellſchaftskreiſen, deren ich nicht wenige in Moskau 88 Tarantas. vorfand, immer mehr entfremdet, ich trieb mich faſt ausſchließlich mit jener Rotte herum, die mich wie mit magiſchen Kreiſen umſponnen hatte, in denen ich feſt⸗ gebannt war. So befand ich mich in kurzer Zeit, ei⸗ nes ſchönen Abends, zwiſchen der blonden Perrücke und dem ſchwarzen Schnurrbart am Spieltiſch. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich völlig ausgebeutelt wieder auf⸗ ſtand. Meine neuen Freunde wurden ſofort völlig fa⸗ miliär mit mir, klopften mich auf die Schulter, nann⸗ ten mich„Brüderchen, altes Vieh, Maulaffe“, kurz, gaben mir Beweiſe der zärtlichſten Freundſchaft. Dies war jedoch nicht ganz nach meinem Geſchmack, und als ich mich gegen ihre Zärtlichkeiten ſträubte, wurden ſie aufgebracht und kehrten den Spieß um. Die blonde Perrücke nannte mich einen„Spion“, und der ſchwarze Schnurrbart erlaubte ſich die zweideutigſten Ausdrücke über die Aufführung meiner Frau. Der Zorn über⸗ mannte mich. Mit der rechten Hand fuhr ich in die blonde Perrücke, und mit der linken faßte ich den ſchwarzen Schnurrbart. Man trennte uns zuletzt mit Gewalt, und die Sache endigte mit einer Herausfor⸗ derung auf Piſtolen für den folgenden Tag im Marien⸗ hain bei Moskau. Ich kehrte in Verzweiflung nach Hauſe zurück. Es durchdrang mich zum erſten Male Vom Grafen Sollogub. 89 der Gedanke, daß ich meine Frau wahrhaft liebe, und daß wir Beide, bei einer weniger ſchlechten Erziehung, hätten glücklich werden können, das Herz war noch nicht verderbt, deſto mehr aber Sitte und Lebensge⸗ wohnheit. Unſer ganzes Unglück lag in dem Mangel feſter Grundſätze und dem ſelbſtgeſchaffenen Bedürfniß faſhionabler Zerſtreuungen und Modethorheiten. Meine Frau war hübſch und eine Petersburgerin. Man nahm ſie in Moskau überall auf mit erheuchelter Freude und wirklichem Neide, ſagte ihr ins Geſicht die größten Schmeicheleien und ließ kein gutes Haar an ihr, wenn ſie den Rücken wandte. Dies iſt übrigens aller Orten Brauch und Sitte. Dabei fiel es ihr nicht im Minde⸗ ſten ein, auf ihrer Hut zu ſein. Sie hatte auf einem Balle einſtmals mehrere Maſurken nacheinander mit ei⸗ nem Offiziere getanzt. Zwei, drei Damen warfen ſich bedeutſame Blicke darüber zu, zwei, drei junge Wüſt⸗ linge erlaubten ſich einige beißende Scherze über ſie, und— das Samenſtäubchen ward zum Berge. Tages darauf erzählte man ſich auf der Twerskaja, meine Frau habe einen erklärten Liebhaber; auf der Dmitri⸗ ſtraße gab man ihr zwei und bei der Arbatpforte ¹) *) Drei Stadttheile von Mosfau, wo der Adel wohnt. Tarantas. 90 drei. Nach einer Woche gelangte die Kunde davon auch ans andere Ufer der Moskwa und bis zur rothen Pforte*), doch hier war die Zahl der Liebhaber ſchon bis zu einer fabelhaften Menge angewachſen. Die Da⸗ men führten Kopien ſelbſtgeſchmiedeter Liebesbriefe der treuloſen Gattin im Strickbeutel, theilten ſich gefühlvolle und ſtrengmoraliſirende Bemerkungen über erdichtete Rendezvous mit, kurz, jede wußte ihren Beitrag zu ver chelichen cause célébre zu erfinden, die innerhalb „der weißen Mauern“ die Runde machte.— Als ich nach dem ärgerlichen Vorfall an jenem unglückſeligen Abende wieder zu mir kam, erfolgte eine Auseinander⸗ ſetzung zwiſchen mir und meiner Frau. Man vergoß Thränen, klagte über ſchnöde Verleumdung, ich weinte ebenfalls; denn ich fühlte, daß ich ſelbſt an Allem ſchuld, ſo wie, daß Alles bis auf den letzten Heller durchgebracht ſei, und wir als Bettler daſtünden. Selt⸗ ſam! In dieſem kritiſchen Augenblicke waren wir gänz⸗ lich wieder miteinander ausgeſöhnt, Alles vergeſſen und vergeben, wir verſtändigten uns, liebten uns wieder, doch an ein ferneres Beiſammenleben war nicht mehr zu denken.... Da klopfte man an die Thür... Her⸗ 8) Zwei entgegengeſetzte Enden der ungeheuren Stadt. Vom Grafen Sollogub. 91 ein trat ein Polizeioffizier von mehreren Gensdarmen begleitet. Er überbrachte mir den Befehl, mich ſofort in Empfang zu nehmen, aus Moskau hinweg— und nach Wladimir zu bringen. An der Hauptpforte ſtand eine Telegg. Man nöthigte mich zum Einſteigen, und im Trabe ging's weiter. Meine Frau kehrte zu ihrem Vater nach Petersburg zurück, und ich lebe ſeitdem hier unter Aufſicht der Polizei, ſpaziere auf den Boulevard's herum, betrachte die ſchöne Gegend u. ſ. w. Dies iſt der Schluß meiner einfachen und einfältigen Geſchichte. Jetzt komm und laß uns ein Pfeiſchen bei mir rauchen!— —'s geht nicht, Brüderchen, mein alter Reiſe⸗ kumpan wartet auf mich, er wird ohnehin, glaube ich, ſchon auf mich böſe ſein.— Alle Bitten des verunglückten Schulkameraden wa⸗ ren vergeblich, und er gab ſeinem Jugendgenoſſen das Geleit bis zum Wirthshauſe. Hier ſtand die Reiſeequipage ſchon fix und fertig, drinnen aber ſaß Waßilij Jwanowitſch mit verdrüßlichem Geſichte und brummte etwas in den Bart„von jungen rückſichtsloſen Leuten.“ Jwan Waßiljewitſch ſprang raſch auf, und der Tarantas rollte langſam den Berg hin⸗ auf und verlor ſich bald aufs Neue in nebliger Ferne. Tarantas. Achtes Kapitel. Die Zigeuner. Jwan Waßiljewitſch ſaß abermals in trübem Sin⸗ nen in einer Ecke ſeines Zimmerchens im Wirthshauſe. Das Heft ſeiner Reiſeeindrücke lag vor ihm in unver⸗ ſehrter Weiße und Reinheit. In der That— dachte er bei ſich ſelbſt— weß⸗ halb gehen unſere Erwartungen vom Leben, unſere Wünſche und Hoffnungen nie in Erfüllung? Häufig begiebt ſich nicht nur das gerade Entgegengeſetzte von Dem, was wir uns dachten, ſondern etwas völlig un⸗ erwartet Anderes, was damit außer aller Ideenverbin⸗ dung ſteht. In unſerer Einbildung malt ſich's in hel⸗ len, lieblichen und ſcharfen Farbenbildern, und in der Wirklichkeit fließt Alles in das trübe Chaos eines lang⸗ weiligen Seins zuſammen. Ich zum Beiſpiel war längſt vom Wunſche durchdrungen, den Weſten zu be⸗ ſuchen, die Lüfte des Südens zu athmen, die gelehrten Männer unſeres Jahrhunderts von Angeſicht zu Ange⸗ ſicht zu ſchauen, einen näheren Blick auf die Civiliſa⸗ tion Europas zu werfen, auf die berühmten Zeitgenoſ⸗ ſen, auf Alles, wovon die Leute viel Aufhebens ma⸗ Vom Grafen Sollogub. 93 chen, und worauf ſie ſich etwas zu Gute thun. Und ſich da, ich trieb mich in Europa herum, ſah viele Reſtaurants, Eiſenbahnen, Dampfſchiffe, durchlief un⸗ zählige, langweilige Kunſtkabinette, fand aber nirgends die lebhaften Eindrücke, die ich erwartete. In Deutſch⸗ land verwunderte mich die Einfältigkeit der Gelehrten, in Italien hatte ich von der Kälte zu leiden, in Frank⸗ reich widerten mich Schmutz und Sittenloſigkeit an. Ueberall fand ich ſchnöde Geldgier, plumpe Selbſtge⸗ nügſamkeit, alle Kennzeichen der Demoraliſation und die lächerlichſten Anſprüche auf Moralität. Da ergriff mich unwillkürlich eine Vorliebe für Rußland, und ich beſchloß, mein übriges Leben der Erforſchung meines Vaterlandes zu widmen. Mir ſchien dies lobenswerth und zugleich nicht ſehr komplizirt. Jetzt iſt nur die Frage: Wie ſoll man dies anfangen?— Ich hielt mich zuerſt an die Alterthümer— Alterthümer giebt's nicht. Ich dachte den geſellſchaftlichen Zuſtand der Pro⸗ vinz zu ſtudiren—'s giebt keinen geſellſchaftlichen Zu⸗ ſtand in der Provinz. Alles, heißt's, iſt nur vorge⸗ ſchriebene Form. Das Leben in der Reſidenz— iſt kein ruſſiſches Leben, ſondern alles dem Auslande ent⸗ lehnt, die ſpärliche Bildung wie die reichlichen Gebrechen Wo aber ſoll ich Rußland ſuchen?— Vielleicht in den Tarantas. 94 untern Volksklaſſen, im gemeinen Alltagskreiſe des ruſ⸗ ſiſchen Lebens? Nun aber gehe ich ſchon den vierten Tag umher und horche hin und her, ſchaue rechts und links, und ich mag machen, was ich will, da giebt's nichts zu bemerken oder niederzuſchreiben. Die ganze umgegend iſt wie ausgeſtorben, nichts als der kahle Erdboden, daß das Auge müde wird hinzuſehen... er⸗ bärmliche Wege.. auf den Wegen Fuhren von Holz oder Lebensmitteln... Die Bauern zanken oder ſchimpfen ſich.. daß ſehe ich draußen; drinnen aber, da iſt der Stationsaufſeher betrunken, dort kriecht das Unge⸗ ziefer an den Wänden, oder die Kohlſuppe duftet einen Talglichtgeruch... Kann aber ein vernünftiger Menſch ſich mit ſolchen Lappalien abgeben?— Und troſtloſer als dies Alles iſt, daß auf der ganzen ungeheuren Fläche eine furchtbare Einförmigkeit herrſcht, die über die Maßen ermüdend iſt und gar nicht zur Ruhe kom⸗ men läßt... Nirgends etwas Neues oder Unerwarte⸗ tes! Ein ewiges Einerlei, und morgen wird es ſein wie heute! Hier eine Station, dort eine andere und dort eine dritte, hier ein Staroſt“), der um ein ²) Aelteſter— ein aus den Bauern gewählter Aufſeher zur Aufrechthaltung der Ordnung. Vom Grafen Sollogub. 95 Trinkgeld bittet, und ſo weiter bis ins Unendliche Sta⸗ roſte, die um ein Trinkgeld bitten.. Was ſoll ich alſo ſchreiben? Jetzt erſt begreife ich meinen Reiſekumpan Waßilij Iwanowitſch; er hatte wohl recht, als er mir verſicherte, daß wir keinesweges eine Reiſe machten, daß es übrigens in Rußland nicht möglich ſei, Reiſen zu machen,— wir führen nur nach Mardas*).'s hat ein Ende mit meinen Reiſeeindrücken!... In dieſem Gedankenmonologe unterbrach den un⸗ glücklichen Reiſebeobachter der Wirth des Gaſthofes, ein kräftiger, hochgewachſener Mann mit rundgeſchnitte⸗ nem Haar, blauen Augen, fuchsrothem Bart, und mit dem hellblauen Armjack**), über der Hüfte, von feuer⸗ farbigem Gürtel umſchloſſen. Jwan Waßiljewitſch em⸗ pfand ein unwillkürliches Wohlgefallen an dem Manne und freute ſich über die Körperſchönheit des ruſſiſchen Volkes, worauf er ſich unverzüglich in folgendes inter⸗ eſſante Geſpräch mit ſeinem Landsmann einließ:— Sage mir doch, Freundchen,'s iſt hier'ne Kreis⸗ ſtadt***)—»ne Kreisſtadt, Herr!— Und was giebt's *) Der Name des Dörfchens, das dem Edelmanne gehört. *) Das kurze Oberkleid des ruſſiſchen Arbeitsmannes und Bauern. ***) Man unterſcheidet in Rußland Gouvernementsſtädte, 96 Tarantas. hier Sehenswerthes?— Wozu ſoll das Sehenswerthe, Väterchen! Mich dünkt,'s giebt hier nichts der Art... — Giebt's keine alten Gebäude hier?— Gar keines, Herr... Doch halt...'s war richtig ein altes Zucht⸗ haus hier,'s taugte zu nichts mehr... und auch das iſt im vorigen Jahre niedergebrannt.—'s war wahr⸗ ſcheinlich ſchon vor alter Zeit gebaut?..— Ne, gar nicht ſo alt, aber der Schuft von Lieferant hatte ſchlech⸗ tes Holz dazu geliefert...*s iſt gut, daß es abbrannte.— Jwan Waßiljewitſch warf dem Wirth einen ver⸗ zweiflungsvollen Blick zu.— Und giebt's hier viele Einwohner? fragte er.— Der Bürger ſind wir genug, und noch die Leute im Dienſt..— Ein Stadt⸗ vogt?...— Nu, das iſt'ne bekannte Sache: Stadt⸗ vogt*), Richter, Isprawnik“*), und die Andern, ganz vollzählig.— Und wie verbringen ſie hier die Zeit?— Sie gehen auf das Amt, trinken Punſch, — die Sitze der Regierung des Gouvernements, von den Kreis⸗ ſtädten(Ujesdnügorod); außerdem giebt es Flecken ohne Stadtgerechtſame(Posadj), Dörfer(Selo) und bloße Poſtſta⸗ tionen(Stanzija).. *) Gorodnitſchi, mit der Polizeiadminiſtration beauf⸗ tragter Stadtpräfekt. **) Kreishauptmann oder Landpolizei⸗Inſpektor im Kreiſe.. machen'n Spielchen... Doch halt— dabei lächelte der Wirth pfiffig— s iſt jetzt bei der Stadt ein Zigeu⸗ nertabor. Nun, da haben ſie's ſo eingeführt, ſich im Vom Grafen Sollogub. Tabor herumzutreiben, gerade wie die Moskowſchen Herrſchaften und die Kaufmannsſöhne. Das iſt'n Le⸗ ben,'ne wahre Freude! Der Richter ſpielt die Geige, der Beiſitzer hopſt dazu, nu, und wer ſein Räuſchchen im Kopfe hat, der verſteht ſich's ſchon luſtig zu machen.. Sie kennen ja ſchon dieſe Nation! — Zigeuner, Zigeuner!— ſchrie Jwan Waßiljewitſch außer ſich vor Freuden und ſprang von ſeinem Stuhle auf.— He, Zigeuner, Waßilij Jwanowitſch, Zigeuner... Das erſte Kapitel meiner Reiſeeindrücke. Die Zigeuner — ein wildes, ungezügeltes, umherſchweifendes Volk, dem es„zu dumpf in der Stadt, und das in den Wald will“ wie Puſchkin ſagt, in ſein Lager, ins Feld, in die Steppe, ins Freie. Die Freiheit iſt ihm das höchſte Gut, das erſte Bedürfniß, die Freiheit iſt ſein ganzes Leben.. Wie ſind ſie nur hierher ge⸗ rathen?— — Man hat ſie hier feſtgehalten, Väterchen, auf Befehl der Obrigkeit.'s heißt, als ob der Sckretär von jeder Kibitke ein Goldſtück verlangt habe für den Wegepaß... muß doch nicht erlaubt ſein, ſo in der — Nord. Novellenbuch. M. 7 Tarantas. 98 Welt herumzuſtreichen. Iſts nur Eigenſinn, oder ha⸗ ben ſie wirklich kein Geld, aber zahlen wollen ſie nicht; nun, da ſitzen ſie nun, die Täubchen, ſchon den ſechs⸗ ten Monat im Arreſt, da hilft kein Sträuben!— Der Enthuſiasmus Iwan Waßiljewitſch's legte ſich etwas, doch legte er das weiße Heft zurecht und ſpitzte den Bleiſtift. Im Nebenzimmer vernahm man einen ſchwerfälligen Tritt, und das lächelnde Antlitz Waßilij Jwanowitſch's zeigte ſich in der halbgeöffneten Thür. — Zigeuner— rief er— ha, ha, ha, Zigeunermäd⸗ chen! Sieh mir einer die Schelme an, ganz wie auf dem Jahrmarkt oder in Moskau.. Haben ſich Zi⸗ geuner kommen laſſen; ei, ſeht doch! Und ſind hübſche Dingerchen drunter?— fügte er hinzu, indem er mit dem linken Auge blinzelte und bedeutſam ſchmunzelte. —'s ſind ihrer allerlei— erwiderte der Wirth — auch hübſche. Steſchka iſt'ne flinke Dirne, ne wahre Freude, wie ſie trinkt. Der Anwalt trägt ihr Alles hinaus, was er mit ſeiner Stelle verdient. Ma⸗ treſchka, die beſucht der Jöprawnik. Nataſchka thut ſehr zimperlich; der Richter, heißt's, hat ihr ſchon Tauſende verſprochen.„Ich brauche Ihre Tauſende nicht,“ ſpricht ſie. Sehen ſie wohl, was für Eine! Vom Grafen Sollogub. 99 Aber'ne Stimme, wie'ne Nachtigall— dagegen iſt nichts zu ſagen— prächtig ſingt ſie Nu, wenn Sie wün⸗ ſchen, können Sie's ſelbſt hören;'ne halbe Werſt von hier im Ganzen... Beliebt's Ihre Gnaden, ich kann Sie hinführen.— Jwan Waßiljewitſch ſah Waßilij Iwanowitſch an. Waßilij Jwanowitſch ſah Iwan Waßiljewitſch an. — Wir wollen hingehen!— ſprach der Eine. — Wir wollen hingehen!— ſprach der Andere. Beide machten ſich nebſt ihrem Führer auf. Auf halbem Wege blieb Jwan Waßiljewitſch ſtehen. — Aber ich hoffe— ſprach er— wir treffen dort keinen von jenen Tſchinownik's an.— — Behüte— erwiderte der Führer— jetzt iſt Sitzung.— Sie gingen weiter. Am Saume des Waldes, auf einer großen Fläche zeigte ſich das Zigeunerlager in maleriſcher Unordnung. Telegen nebſt darübergeſpannten Leinewanddecken nach Art der Zelte, zuſammengekoppelte Pferde, braune nackte Säuglinge in den Pfühlen, glimmende Kohl⸗ feuer, abſchreckend häßliche alte Weiber in zerfetzten Mantillen, Alles hob ſich ſcharf auf dieſem eigen⸗ thümlichen Genrebilde ab. Iwan Waßiljewitſch war —* ——————— 100 Tarantas. überglücklich, und obgleich er vor den ſtarken Ausdün⸗ ſtungen des Tabors ſich die Naſe zuhalten mußte, ſo hatte ihn doch die lockende Ausſicht eines überraſchen⸗ den Abenteuers und die Hoffnung, endlich ſein Heft Reiſeeindrücke beginnen zu können, ungewöhnlich heiter geſtimmt. Waßilij Jwanowitſch ächzte und keuchte. — He, ihr Schwarzbraunen!— ſchrie der Führer. — Kriecht hurtig raus, ihr Teufelsbrut... s kommen Herrn gegangen!— Der ganze Tabor gerieth in Bewegung. Die Al⸗ ten liefen nach den Telegen und weckten die Dirnen. Dieſe putzten ſich ſchnell hinter der Zeltleinwand, die Kinder ſprangen, die Männer verbeugten ſich und ſtimm⸗ ten ihre Guitarren. — Munter, munter, ihr Weibsvolk, die Herren warten!— ſchrie der Zigeunerhauptmann. Und ſieh!— aus den Gezelten tobte ein Rudel ſchmutziger Zigeuner⸗ innen mit ungekämmtem Haar, in beſudelten Kattunklei⸗ dern und zerriſſenen rothen Schürzen. Jwan Wafiljewitſch ſtand wie verſteinert. Wie, auch bei den Zigeunern die kläglichen Pariſer Moden! Auch ſie vermochten nicht ihr originelles Naturgepräge feſtzuhalten! Die Gitanen, Esmeralden, Prezioſen ſind verſchwunden! Prezioſa iſt mit der Zitzkapote einer Mo⸗ Vom Grafen Sollogub. 101 dedame vom Smolenskiſchen Markt*) angethan, Esme⸗ ralda ſpreizt ſich in einem ſcheckigen Muſſelinkleide, das auf der Basmanaja*) geſtohlen worden!——— Doch dies war noch nicht das Aergſte. Die Zi⸗ geunerinnen winkten ſich einander zu, und plötzlich, von verſchiedenen Grimaſſen begleitet, begannen ſie in kläg⸗ lichem Gekrächz nicht etwa ein zigeuneriſches Wander⸗ lied, ſondern ein jämmerliches ruſſiſches Vaudeville⸗ Couplet... Dies war die geträumte Originalität und Volksthümlichkeit? Wo ſoll man ſie in Europa noch finden, wenn die Zigeuner ſie ſogar verloren haben?. Das Heft der Reiſeeindrücke entſank den Händen IJwan Waßiljewitſch's!... Dagegen ſchwamm Waßilij Jwanowitſch in einem Meere von Entzücken. Er ſchlug den Takt mit den Füßen, drehte die breiten Schultern hin und her und akkompagnirte endlich ſelbſt den Weibergeſang mit hei⸗ ſeren Tönen. Die Zigeunerinnen umringten ihn von allen Seiten. Die, welche nicht ſangen, nannten ihn „Liebchen,“„Sonne,“ wahrſagten ihm aus der flachen Hand und prophezeigten ihm unermefliche Reichthümer. Die trunkene Steſchka tanzte, indem ſie mit den Ar⸗ *) Straßen in Moskau, wo der ärmere Adel und die Kaufleute wohnen. 102 Tarantas. men balancirte. Matreſchka ſchrie, als ob ſie ge⸗ ſpießt würde, und plötzlich klatſchten ſie ſämmtlich mit den Händen und verkündigten Waßilij Jwanowitſch ein langes Leben. Und Waßilij Jwanowitſch vergaß ſeine getreue Penelope daheim und ließ Haufen kleiner Sil⸗ bermünzen in die vorgeſtreckten Fäuſte des gierigen Ge⸗ ſindels regnen. Bald munterte der Glückliche die Zigeunerinnen auf, forderte neue Lieder, bald jauchzte er vor Freuden, end⸗ lich ſchrie er ſeinem Reiſegefährten zu:— Heda, IJwan Waßiljewitſch, was ſtehſt Du da, als ob Du acht Stiche*) in Trumpf verloren hätteſt... Schaue rechts.. Siehſt Du dort die im rothen Kleide?... s iſt, meine ich, Nataſcha... Was meinſt Du dazu, he? IJwan Waßiljewitſch wurde zuerſt ärgerlich, dann aber betrübt. Er warf einen Blick auf die braune Nataſcha.— Das Mädchen war ihres komödienhaften Flitter⸗ putzes ungeachtet wirklich hübſch. Ihre großen ſchwarzen Augen ſprühten Feuer, die Züge des braunen Geſichts waren zart und regelmäßig, und die Zähne, weiß wie Elfenbein, ſtachen ſcharf von den friſchen rothen Lippen ab. *) Im Preferenceſpiel das größte Solo. Vom Grafen Sollogub. 103 Jwan Waßiljewitſch zog die goldene Bruſtnadel aus dem ſeidenen Halstuche und ging auf das hübſche Mädchen zu:— Nataſcha— ſprach er— Du biſt als Zi⸗ geunerin geboren, bleibe auch Zigeunerin: trage keine einfältigen Schürzen, ſinge keine ruſſiſchen Romanzen, verachte Dein Volk nicht und nimm dieſe Bruſtnadel zum Geſchenk von mir!— Die Zigeunerin ſteckte die Nadel haſtig in ihr Bu⸗ ſentuch, blickte den jungen Mann halb lächelnd, halb nachdenkend an und flüſterte ihm zu:— Eure Lieder lieb ich, Deine Nadel aber will ich tragen, Dein will ich immerdar gedenken!— Iwan Waßiljewitſch ging von ihr weg, und ihm ward immer trauriger ums Herz, ohne ſelbſt zu wiſſen, weßhalb. So vergingen einige Minuten. — Nun, wie gefällt Ihnen der Geſang?— ſprach eine Stimme hinter ihm. Jwan Waßiljewitſch kehrte ſich um. Hinter ihm ſtand ihr Führer und warf ihm einen pfiffigen Blick zu: — Nicht wahr, ſchön ſingen ſie? dem anderen Herrn da gefällt's ausnehmend!— Dabei zeigte er auf Wa⸗ ßilij Jwanowitſch, der wie ein Silen inmitten der Zi⸗ geunerinnen ſtand. Jwan Waßiljewitſch verlor alle Luſt zum Sprechen, 104 Tarantas. wie zum Bleiben. Mit vieler Mühe gelang es ihm, Waßilij Jwanowitſch aus dem Zauberkreiſe wegzuziehen, der inmitten des wilden Geſchreis ſich nur ſchwer ent⸗ ſchließen konnte, die braunen Verſucherinnen zu verlaſ⸗ ſen, und ihnen noch zuletzt im Taumel des Entzückens eine Zehnrubel⸗Aſſignate zuwarf. Endlich traten die Reiſegefährten ſchweigend ihren Rückweg wieder an. — Schön ſingen ſie,— hob der unermübliche. Führer nach einer Weile an,— nur ſchade, daß die ar⸗ men Dinger im Arreſt ſitzen!... Nu, übrigens ſo in der friſchen Luft im Walde ſitzen iſt immer noch ein ander Ding, als wie ich zum Beiſpiel, ſo zu ſagen, — im Thurm!——— 31 Neuntes Kapitel. Der Ring. — Du haſt im Thurm geſeſſen?— fragte Jwan Waßiljewitſch ziemlich neugierig. — Jo, Hert, ich will mich nicht weißbrennen, ich bin unſchuldig eingeſteckt worden!— 4 — Vom Grafen Sollogub. 105 — Und weßwegen denn?— Der ſchlanke Burſch ſtrich ſich den Fuchsbart, drehte mit der Linken den Schnurrbart und lächelte pfiffig, während die hellen Augen vor Verſchmitzheit und in⸗ nerem Behagen funkelten. — Der Frau Polizeiaufſeherin wegen,— erwiderte er etwas zögernd. — Wie denn das?— fiel ihm Waßilij Jwano⸗ witſch ins Wort, dem dieſer Anfang einen luſtigen Streich verſprach.— Der Frau des Polizeiaufſehers wegen? Wär's möglich? Du ſcheinſt mir'n ganz durch⸗ triebener Kerl zu ſein... Heraus mit der Geſchichte! Gieb's nur zum Beſten!— — Warum nicht, Herr, ich will's Ihnen gern er⸗ zählen. Sehn Sie gefälligſt, ich halte das Wirthshaus, die Reiſenden finden auch Stallung und Heu bei mir. Jedermann iſt mir willkommen. Der Theekeſſel ſteht allezeit fertig, und mein Likör ſchmeckt, daß man alle Finger darnach leckt. Meine lieben Gäſte— Gott erhalte ſie!— haben mich in gutem Andenken und kehren gern wieder bei mir ein. Unten im Hauſe aber, Herr, halte ich'nen Verkauf mit allerhand Sachen für den Muſchik: Grütze von allerlei Sorten und Fauſthand⸗ ſchuh und Kummte, Peitſchen und Pflaumen, kurz, 106 Tarantas. was nur einer verlangt!—'s mag wohl ein Jahr her ſein oder zwei, da ſchickten ſie uns nen neuen Po⸗ lizeiaufſeher aus der Stadt,'n kleines Männchen, rund wie'n Faß, nicht mehr ganz jung, und guckte tüchtig in die Flaſche.. Was meint ihr, Burſchen, ſagten wir zu einander, da hat man uns in elenden Aufſeher geſchickt! Was war zu machen! Elend oder nicht,'s iſt doch immer der Polizeiaufſeher! Und ſo mußten wir ihm unſern Gruß bringen: der Eine nahm ein Pfund Thee, der Andre'n Hut Zucker, der Dritte andre Waare aus ſeiner Bude. Mußten ihm doch zur An⸗ kunft gratuliren! Da kamen wir denn hin, die Kauf⸗ mannſchaft und die Bürgerſchaft, Einer in Uniform, der Andre im neuen Rock, wie's Brauch mit Salz und Brod, und blieben an der Thür ſtehn. Der Auf⸗ ſeher aber ſpaziert wie'n Pfau im Schlafrock hin und her und nimmt die Präſente hin. Da ſtößt mich,* iſt mir wie heute, Fedea Sidorin in die Seite und ſpricht: Sieh doch— die Aufſeherin guckt zur Thür her⸗ ein.. was die für feurige Augen hat!— Nu, warum ſollte Unſereins nicht auch hinſehn! Aber das muß wahr ſein, wie'ne Mohnblüthe war die Frau! So hübſche rothe Backen und Augen, wie Kohlen, funkelte nur ſo.'s fuhr mir durch alle Glieder, ich . Vom Grafen Sollogub. 107 vergaffte mich in die Frau. Kaum hat ſie's gemerkt, ſchlägt ſie die Thür zu— weg war ſie! Und ſeit der Zeit— was ſoll ich mich weißbrennen!— war ich wie von Verſtande: ich ſchlief nicht, aß nicht, war mir Alles zuwider. Ich dachte nur, wie an den Aufſeher kom⸗ men. Da lief ich denn hin: Ew. Wohlgeboren, des Nachbars Schweine laſſen mir keine Ruh', befehlen Sie, daß er ſie anbindet— dann hieß es wieder:— die Korporale, Euer Wohlgeboren, prügeln mich und for⸗ dern den Brantwein umſonſt, ſagen, ſie wären Kron⸗ beamte. Was ſoll ich mit ihnen machen?— Dann hieß es wieder: Euer Wohlgeboren, an der Feuerſpritze iſt ein Rad zerbrochen, aus welchen Summen befehlen Sie die Reperatur vorzunehmen? Und was ich nicht noch Alles ausdachte. Da kam es mir denn ſehr zu Paß, als ich höre, der Polizeiaufſeher liegt auf dem Tode. Ich hin und klopfe. Da kommt denn auch Maria Petrowna heraus in kurzem Ueberwurf.— „Wen wünſcht Ihr zu ſprechen?“— Wollte fragen, iſt der Herr Polizeiaufſeher zu Hauſe?—„Er iſt krank, hat Kopfſchmerzen, hat ſich etwas hingelegt.“ Hm, ja, natürlich... Es thut nichts. Ich komme ſchon wieder vor. Bitte, zu melden, daß Jwan Petrow Fadejew in einigen Angelegenheiten dageweſen iſt.— Tarantas. 108 Und ſiehſt Du mal, es dauert nicht ſo lange, ſo fängt auch Maria Petrowna ſchon an, bei meiner Bude vorbei zu ſpazieren und ſich mit mir zu unter⸗ halten.—„Sag' doch, Jwan Petrow, iſt das heute'ne Kälte!“— Freilich, gnädige Frau, es hat die Nacht gefroren. Oder:„Wie gehn die Geſchäfte, Jwan Petrow?“— Hat nichts zu ſagen, es geht recht gut, kann nicht klagen. Endlich fing der Herr Polizeiauf⸗ ſeher ſelbſt an, meine Bude zu beſuchen. Er kommt herein und haucht ſich in die Hände:—„Sag' einmal Freundchen, ich bin ganz erfroren. Haſt nicht ein Gläschen, möchte mich wohl etwas durchwärmen.“— Verſteht ſich, Ew. Wohlgeboren, hier trinken ſie ge— fälligſt, es wird Ihnen gut thun. Mein Branntwein iſt wirklich gut, bekannt dafür... Ich ſchenke ihm ein Gläschen ein, noch eins, ein drittes. Mein Herr Aufſeher wärmt ſich ſo gut durch, daß er kaum nach Hauſe gehen kann. Und ſo bei dieſer Okkaſiohn wurde ich denn ſein rechter Buſenfreund. Alle Augenblicke hieß es:„Jwan Petrow, komm doch herein, nimm ei⸗ nen Biſſen zu Dir.— Jwan Petrow, auf den Abend thu' mir den Gefallen, komm zu mir, wir wollen uns den Punſch ſchmecken laſſen.“— So gings vom Morgen bis zum Abend fort mit Einladungen. Mehr brauchte Vom Grafen Sollogub. 109 ich nicht. War der Herr Aufſeher zur Pforte hinaus, ſo war ich zur Hinterthüre hinein, kurz... Kurz nun, was iſt davon viel zu ſagen! Es verging ein Monat, noch ein Monat. Ich ſitze in meinem Laden und verkaufe wie gewöhnlich. So ſehe ich, kommt der Polizeiaufſeher heran und haucht ſich in die Hände. Ich rufe dem Senka zu: gieb die Anisflaſche, der Polizeiaufſeher kommt. Mein Herr Aufſeher tritt herein! „Guten Tag, Jwan Petrow.“ Habe die Ehre, Ew. Wohlgeboren guten Tag zu wünſchen. „Sag doch, Freundchen, ich bin ganz erfroren. Nichts da, zum Durchwärmen.“ — Wie ſollt's nicht. So nehme ich das Glas und reiche es ihm höflich hin und wünſche, daß es ihm gut bekomme Er aber wird auf einmal hochroth im ganzen Geſicht, und ſeine Augen werden ſo groß wie zinnerne Löffel. Gott im Himmel, was hat das zu bedeuten! Er ſtarrt meine Hand an und ſteht da, wie angeſchmiedet. Ich ſehe auf meine Hand... Ach Du gerechter Gott, da hatte ich vergeſſen, den Ring abzu⸗ nehmen. Nämlich, Du mußt wiſſen, Herr, daß die Frau Aufſeherin mir einen Ring von Dukatengold mit 110 Tarantas. einem blauen Blümchen geſchenkt und mich gebeten hatte, ich ſollte ihn zum Andenken tragen, nur ja nicht ihrem Manne zeigen. Kaum war er fort, ſo merkte ich, es war ein ſchlimmer Handel; alſo ich, was die Beine laufen konnten, auf Seitenwegen, über Zäune, geradeswegs zur Frau Aufſeherin: 8 iſt nicht richtig, Maria Petrowna, nehmt Euren Ring zurück. Ich war kaum wieder da, ſo hatten mich auch ſchon drei Sergeanten beim Kragen gepackt, um mich in den Thurm zu ſchleppen. Um Gotteswillen, ich bin aus einer Kaufmannsfamilie, ihr dürſt mich nicht an⸗ rühren! Ehe ich's mich aber verſah, hatten ſie mir die Hände gebunden, mich in den Thurm gebracht in ein dunkles Loch geſteckt und mir Handeiſen ange⸗ legt. Als wär' ich ein Dieb. Es iſt wahrhaftig keine Freude, Herr, ſo im Thurm zu ſitzen. Die Luft iſt dumpf zum Erſticken. An den Händen die Eiſen. Du wrillſt die Hand auf⸗ heben— es geht nicht. Du willſt ſie niederlaſſen— ja wohin? Du willſt eſſen.— Waſſer und Brod iſt da. Gott behüte Jedermann vor dem Thurm! Gleich war's in der Stadt herumgekommen, Jwan Petrow Fadejew hätte beim Polizeiaufſeher einen Ring von Dukatengold geſtohlen. Doch hatte ich gute Freunde— Vom Grafen Sollogub. 111 Gott ſegne ſie!— die mir gewogen waren. Sie gingen zum Bürgermeiſter und baten ihn, er möchte ſelbſt bei der Unterſuchung gegenwärtig ſein. Unſer Bürgermei⸗ ſter, ein guter Mann— war Fähnrich geweſen im Mus⸗ ketierregiment— macht ſich ſelbſt auf zum Aufſeher mit dem Amtsſchreiber und Sachwalter. Der Polizeiaufſe⸗ her aber hatte ſich vor Kummer ſo angeſoffen, daß er ſich kaum auf den Beinen halten konnte. Jetzt wurde ich geholt mit Invaliden, wie ein Miſſethäter, eine Schande vor den Leuten, war aber nichts zu machen. „Gegen Dich wird Klage erhoben vom Polizei⸗ aufſeher“, redete mich der Bürgermeiſter an:„in ſei⸗ nem Hauſe ſeiner Frauen Ring von Dukatengold mit blauen Steinchen geſtohlen zu haben.“ Ich habe noch niemals etwas geſtohlen, Ew. Hoch⸗ wohlgeboren! gab ich zur Antwort, hat man wohl die Leute ſagen hören: Iwan Petrow Fadejew war ein Spitzbube, ein Dieb?„Ein Dieb!“ brüllte der Aufſeher dazwiſchen,„ein Dieb! ich ſage Ihnen, meine Herren, ein Dieb. Noch geſtern habe ich den Ring an der Maria Petrowna ihrer rechten Hand geſehen. Haben Sie die Güte, ſie ſelbſt zu fragen.“— Der Poli zeiaufſeher rief ſeine Frau und führte ſie vor den Bürgermeiſter.„Sehen Sie,“ ſagte er,„wenn man 112 Tarantas. mich todt ſchlägt!— ſoll mich der Blitz erſchlagen!— noch geſtern ſteckte er hier an dieſem Finger... daß Dich die Peſt.. Wie kommt der Ring hier wieder her?“. „Was für ein Ring?“ fragte Maria Petrowna. Mir iſt kein Ring geſtohlen. Hier iſt der Karneol, hier der Solitair, hier iſt der von Dukatengold mit Vergißmein⸗ nichtchen. Schämſt Du Dich nicht,“ wandte ſie ſich zu ihrem Manne,„Dich ſo zu betrinken, daß Du Dich um Deinen Verſtand bringſt?“ Der Polizeiaufſeher ſperrte das Maul auf und war ganz und gar verdutzt. Der Bürgermeiſter, der Sach⸗ walter und der Amtsſchreiber winkten ſich zu und rochen den Braten. Auf einmal brachen ſie los und lachten, daß ſie den Bauch halten mußten.— Mich ließ man wieder nach Hauſe gehn! So war die Geſchichte zu Ende. Der Bürgermei⸗ ſter ſagte blos:„Es ſei Dir'ne Lehre, Freund. Trage keine Ringlein, lauf den Weibern nicht nach, ſondern nimm Dir hübſch eine Frau ins Haus, die nach Allem ſieht.“ Ganz wohl, Ew. Gnaden, antwortete ich und rannte nach Hauſe, was ich konnte. Das war eine Freude! Senka, Sidorin, alle Nachbaren, alle die gu⸗ ten Chriſten ſchmauſten bei mir bis an den Morgen. Vom Grafen Sollogub. 113 Den andern Tag reiſte der Polizeiaufſeher mit der Frau Polizeiaufſeherin ab. Ich aber nahm gleich nach den Faſten eine Frau vom Nachbar Sidorin; ss iſt ſchon das dritte Jahr jetzt— fügte Fadejew hinzu— wir vertragen uns, Gott ſei Dank! ganz gut, s iſt nichts dagegen zu ſagen!— Zehntes Kapitel. Einiges über Literatur. Wieder befanden ſich die Reiſenden auf der Land⸗ ſtraße, und der Tarantas ſchleppte ſich durch die ſandige Einöde trägen Schrittes weiter. — Ich muß geſtehen— hob Waßilij Jwanowitſch an, während er wiederholt gähnte und ſich reckte— 's iſt äußerſt langweilig hier, und die Ausſichten zu beiden Seiten ſind auch nicht gemacht, einen zum Den⸗ ken zu ſtimmen... Links'ne Ebene, rechts auch'ne Ebene. Ueberall das ewige Einerlei, und wenn man nur müßte, was man vornehmen ſollte... — Vielleicht'ne Lektüre?— meinte Iwan Waßil⸗ jewitſch. — Meinetwegen auch'ne Lektüre. Ich mag wohl zuweilen, wenn ich ſonſt nichts anzufangen weiß, ſo Nord. Novellenbuch. MI. 8 114 Tarantas. ein Büchelchen zur Hand nehmen. Sie ſchreiben da mitunter gar närriſche Geſchichten. Hm, apropos!— verzeihen Sie die Frage, Sie ſind vielleicht wohl gar ſelber ſo'n Schriftſteller?— Nein — Daran thuſt Du wohl, Brüderchen. Es ſchickt ſich nicht für'n Edelmann, unter die Schreiber zu gehn, und dann— dabei ſeufzte der Sprecher bedeutungsvoll — hat nicht ein Jeder das. talent-t-t.. — Für unſere heutige Literatur bedarf es keines Talents— fiel Jwan Waßiljewitſch ein. — Nicht Jedem iſt die Gabe von Natur verliehen, meine ich.... — Es bedarf keiner Gabe der Natur!— Waßilij Jwanowitſch ſah Jwan Waßiljewitſch an. Iwan Waßiljewitſch ſah Waßilij Jwanowitſch an. — Allerdings— fuhr Iwan Waßiljewitſch fort— braucht man heutzutage kein Talent, ſondern nur Rou⸗ tine Die Schriftſtellerei iſt jetzt ebenſogut ein Hand⸗ werk geworden, wie das des Schuſters oder Drechs⸗ lers. Unſere Schriftſteller ſind nichts anders als Ver⸗ fertiger literariſcher Gegenſtände und werden ſich näch⸗ ſtens ebenſogut Aushängeſchilder anſchaffen, wie die Konditoreien und Bäckerladen!— 3 Vom Grafen Sollogub. 115 — Nu, nu nimm mir's nicht für ungut— un⸗ terbrach ihn Waßilij Jwanowitſch— Du ſprichſt wohl nur ſo in Gleichniſſen, wie mir's ſcheint?— — Nein,'s iſt die volle Wahrheit.. Wiſſen Sie denn wirklich nicht, was für erbärmliche und niedrige Spekulationen hinter den hochtönenden Phraſen verbor— gen ſind? Sie glauben's noch, wenn man Ihnen ſagt, die Literatur ſei der Ausdruck volksthümlichen Geiſtes und Lebens; Sie glauben an ihre erhabene Beſtimmung, die Menſchheit zu belehren, die Laſterhaften zur Tugend zurückzuführen und das Herz für reine Genüſſe zu ſtim⸗ men?— Alles eitel Narrenspoſſen! Die Literatur iſt nichts anders als eines von den tauſend Mitteln, ſich Geld zu machen, und alle ſchönen Gefühle und tieffinnigen Gedanken, mit denen die Bücher jetzt angefüllt ſind, laſſen ſich in Aſſignaten und Silber abſchätzen. Man hebe den Buchhandel auf, und es hat ein Ende mit der Literatur. In unſerer feilen Zeit wird die Pvyeſie auf Aktien untergebracht und die Begeiſterung meiſtbie tend verpachtet. Bald wird man Fabriken literariſcher Arbeiten und Magazine fertiger Gedanken errichten, Ge— fühle werden nach einem Preiskourant verkauft werden, je nach der Qualität, wie Fracks und Pantalons im Klei— dermagazin.... 8* 116 Tarantas. — Im vergangenen Jahre— bemerkte Waßilij Jwanowitſch— kaufte ich auf der Schmiedebrücke in Moskau einen Paletot von Flanell. Was meinen Sie wohl?— er war zu nichts zu brauchen; der Spitzbube von'nem Franzoſen hatte mich betrogen!— — Ganz ſo werden Sie von denen betrogen, die Sie in ehrlicher Gutmüthigkeit mit Vergnügen leſen. Sie kaufen ſich im Vertrauen, ehrlich bedient zu wer⸗ den, einen Rock, und der Rock iſt aus lauter Flicken zuſammengeſtickt, und auch das nur ſo drüberhin. Un⸗ ſere heutigen Schneider oder Literaten ſind äußerſt ge⸗ ſchickt im Zuſchneiden. Alles taugt in ihren Kram: Politik, Religion, Moral, juridiſche Fragen und philo⸗ ſophiſche Räthſel, mehr als Alles aber Liebesabenteuer ₰ von allen Sorten. Betrachten Sie die jetzige enropäiſche 1 Literatur,*s iſt, als ob Sie hinter die Cuuliſſen einer Puppenkomödie ſchauten..'s wird Ihnen ſicher übel davon! Alles was Sie ſehen, iſt geſchminkt, aufge⸗ putzt, unächt, überall Flitter und Folie,'s iſt nur auf die Taſchen des Publikums abgeſehen. Das Publikum aber geht nicht in die Falle, es ſchreitet an der bettel⸗ haften Literatur vorüber und wirft ihr nur ſelten einen verſchimmelten Heller zu. In der That, Europa iſt ſo 3 bejahrt und erfahren, daß ihm für das Spiel mit den— Vom Grafen Sollogub.⸗ 117 Muſen die Harmloſigkeit fehlt; alle reinern Empfindun⸗ gen ſind durch Leidenſchaften und ſchnödes Intereſſe er⸗ ſtickt. Es iſt zu Ende mit jenen unſchuldigen Regun⸗ gen, ohne die es keine ſchuldloſen Ergüſſe und unver⸗ fülſchten Eindrücke giebt. Hier und da mag's wohl noch einzelne Männer geben, die ein heiliges Feuer beſeelt, ſie können aber, was todt iſt, nicht wieder zum Leben erwecken, mit Nichts baut man keine Häuſer. Deshalb muß ein Land, das ſich noch ſeine Natürlich— keit erhalten und den Schatz urſprünglicher Volksthüm⸗ lichkeit noch nicht vergeudet hat, ein mächtiges und kraft⸗ volles Land, wie das unſrige, ſeine eignen klaren und reinen Quellen haben, die nicht getrübt ſind vom Schmutz einer verderbten Civiliſation.— — So iſt's— ſagte Waßilij Iwanowitſch, der nur mit halbem Ohr hörte und nichts von den langen Tiraden verſtand— Alſo lieben Sie die ruſſiſche Li⸗ teratur?— — Gott behüte mich davor— fiel ihm ſein Ge⸗ führte lebhaft ins Wort— daß ich eine ſolche Dumm⸗ heit ausſprechen ſollte. Uebrigens, von welcher Literatur ſprechen Sie? Wir haben deren zwei.... — Wie ſo zwei?— — Ja zwei! Die eine iſt begabt, aber todesmüde; 118 Tarantas. vor den Leuten zeigt ſie ſich friedlich und zuweilen mit einem Lächeln auf der Wange, jedoch häufiger mit ſchwerem * Kummer im Herzen. Unſere andere Literatur hingegen ſchreit auf allen Kreuz? und Querwegen, daß ſie uur die ächte Literatur ſei und man ſich weigere, ſie dafür anzuerkennen. Dieſe Art der Literatur gemahnt mich immer an die ſchreiſüchtigen Bewohner des Trödelmarkts, welche die Vorübergehenden faſt mit Gewalt in ihre Krambuden ſchleppen, um ihre verlegene Waare anzubrin⸗ gen. Man kann ſich nichts Lächerlicheres, Ungeſchlachteres und Ekelhafteres denken, als dieſe ſogenannte Literatur.— — Und weshalb denn?— — Aus dem einfachen Grunde, weil von Literatur darin nichts zu finden iſt, als der bloße Name und die wenigen Männer von Talent unter unſern Schrift⸗ ſtellern ſich von einer Berührung mit derſelben immer fern gehalten haben und noch fern halten, aus Furcht, mit dieſem erbärmlichen Treiben verwechſelt zu werden; weil ferner dieſe Literatur, namentlich in der Gegenwart, nichts Anders iſt, als eine elende Schmarotzerpflanze auf dem heimiſchen Boden; weil ſie endlich weder ein Ziel verfolgt, noch eine Idee hat. Uebrigens, wenn Sie wollen, giebt's bei uns dergleichen Literaten in Menge, ein Paar Petersburger, ein Paar Moskauer und einige —— Vom Grafen Sollogub. 119 Provinzial-Literaten, und in jeder dieſer Literaturen finden ſich wieder einige Parteien, die ſich auf ihren Ameiſenhaufen regen und rühren und unter einander wühlen, wie Gullivers Lilliputaner. Eiferſüchtige Glie⸗ der eines zerſtückelten Körpers, traktiren ſie das heilige Rußland mit Verschen à la Lamartine und mit Dra⸗ men in Schillers Manier, mit Novellen, die eine kläg⸗ liche Parodie der ausländiſchen ſchon an ſich chargirten Produkte ſind— und endlich mit jenen entſetzlichen Gemeinheiten, die man, mit Verlaub zu ſagen— Jour⸗ nalkritik nennt.... Doch Alles das iſt, Gott ſei Dank! nicht— ruſſiſch! Der Ruſſe wird nie ſeinen Volks⸗ geiſt in dem elenden Gaukler erkennen, der in bunten Fetzen vor ihm Bocksſprünge macht und Geſichter ſchnei⸗ det, und die Sammler fremder Gedanken auf dem Lum⸗ penmarkt können mir's glauben, in keinem ruſſiſchen Herzen wird ein Echo laut werden für dieſe fremden und unverſtändlichen Stimmen. Das iſt' nicht, was er braucht. Gieb ihm die heimiſchen Laute, heimiſche Bilder, daß es Anklang finde in ſeinem Herzen und hell werde in ſeiner Seele. Man ſpreche ihm in ſeiner Sprache von ſeinen Lieblingsſagen, der weiſen und ſchlechten Sitte des Landes, von ſeinen lebendigen Be⸗ dürfniſſen... Doch leider verſchwindet die alte Sitte 120 Tarantas. und Sage immer mehr. Alles, was noch im Gedächt⸗ niß des Volks lebt, was einer nationalen Literatur als Baſis dienen könnte, geht mit dem alten Brauch von Tag zu Tage mehr verloren. Der ruſſiſche Genius iſt am Verſcheiden, er erliegt der Laſt, die man ihm aufge⸗ bürdet hat. Das arme Kindlein ſchien bereits empor⸗ zuwachſen und groß zu werden, es wollte nach ſeiner Art ein kräftig Wort reden und in die Gotteswelt hin⸗ einſingen aus voller, ſtarker Bruſt, da haben ſie ihm eine franzöſiſche Perrücke aufgeſetzt, eine deutſche Jacke angezogen und ihn mit lauter Fetzen einer Theater⸗ garderobe behängt, und wollen doch nicht ſehen, daß das arme Kind hinſchwindet und ſich abhärmt. Die Frage aber: was geſchehen ſolle?— iſt nicht ſchwer zu beantworten. Man löſe dem Kinde die Banden, werfe den Theaterplunder ins Feuer und kehre wieder zu natur- und volksgemäßen Anfängen zurück. Die Aufklärung hat uns vom Volke entfernt; kehren wir durch dieſelbe wieder zum Volke zurück. Wer weiß, vielleicht birgt ſich in einer ſchlichten Hütte der Keim unſter künftigen Größe; denn nur noch in der Hütte, und auch da noch tief verborgen, hat ſich unſer Volks⸗ thum rein und unverſehrt erhalten! Wer's ehrlich meint, der ſuche die Begeiſterung für das Nationale nicht in Vom Grafen Sollogub. 121 den Petersburger Salons, wo man tanzt und franzö⸗ ſiſch ſpricht; ſicherlich wird man ſie eher in der ärmli⸗ chen, eingeſchneiten Bauerhütte, auf der warmen Ofen⸗ bank finden, wo der blinde Greis in ſingendem Tone wunderbare Sagen voll Glut und jugendlicher Kraft erzählt. Eilt, den Worten des Alten zu lauſchen; denn vielleicht morgen ſchon iſt er mit den Liedesworten auf der Lippe verſchieden, und Niemand mehr wird dieſe Klänge nach ihm wiederholen.— So ging Vieles ſchon unwiederbringlich verloren und verliert ſich mit jedem Tage. Unſtre Vorzeit verſchwindet und führt alles Volksthümliche mit ſich hinweg. Und welcher Erſatz wird uns dafür?— Nicht friſche Nahrung, lockende Früchte, nein, widriger Unrath, modernder Abfall. Sagt, wär's nicht beſſer, den ganzen Kehricht der Li⸗ teratur wegzuwerfen und mit Ausdauer alles Volks⸗ thümliche zu ſammeln und es Wort für Wort, wo es ſich findet, aufzuzeichnen, ohne daß wir wie unfre Modedamen vor der ſchlichten Einfalt des Bauern Ekel empſinden, ſondern als Ruſſen das, was uns noch Nationales bleibt, in Ehren halten. Durch die Kenntniß unſter Vorzeit gelangen wir zur Kenntniß unſter Sprache, unſers Volksgeiſtes, unſter wahren Bedürfniſſe. Dann erſt wird es möglich, daß wir 122 Tarantas. eine eigenthümliche Literatur voll Leben und Kraft be⸗ ſitzen, die nicht der Ausdruck unbeſtändiger, ſchlaffer Geiſt⸗ loſigkeit, ſondern des heilſamſten, regſten Fortſchritts iſt, ein Gegenſtand des Nationalſtolzes, nationalen Genuſſes, nationaler Vervollkommnung.... Ich bin etwas in Hitze gerathen— fuhr IJwan Waßiljewitſch fort— aber habe ich nicht Recht? Geſtehen Sie's nur ein, Sie denken darüber nach, wie's ſcheint?— Waßilij Jwanowitſch erwiderte kein Wörtchen. Die beredte Erxpektoration ſeines Freundes, wie überhaupt Alles, was mit der ruſſiſchen Literatur zuſammenhing, hatte die gewohnte Wirkung auf ihn ausgeübt— er ſchlief den Schlaf des Gerechten!— Elftes Kapitel. Ein ruſſiſcher Herr. Das Wetter war trübe. Regen und Nebel bedeckten die Einöde mit einem ſumpfigen Ueberzug. In einem dunkelbraunen Streifen zog ſich die Landſtraße hin. Auf einem einſamen Werſtpfahl ſaß eine Elſter, und zu beiden Seiten des Weges zeigte ſich das wüſte Feld und nur hier und da ein ſpärliches Tannenbäumchen. Vom Grafen Sollogub. 123 Es ſchien faſt, als ob ſelbſt die Natur ſich lang⸗ weit Waßilij IJwanowitſch lag, in Schlafröcke und Pelze gehüllt und nach ganzer Leibeslänge ausgeſtreckt im Ta⸗ rantas; er ſuchte den gewaltigen Stößen deſſelben trotz⸗ zubieten und ungeachtet des unbarmherzigen Weges einzuſchlafen. Neben ihm ſaß Iwan Waßiljewitſch im Haſenpelzchen, das er durch die Noth gezwungen von ſeinem Reiſegefährten geliehen. Mißvergnügt blickte er nach dem grauen Himmel und in die graue Ferne, und leiſe pfiff er das nel furor della tempesta— ſeine Lieblings⸗Arie, wie bereits bekannt. Niemals ver⸗ ſtreicht die Zeit ſo langſam, als unterwegs, beſon⸗ ders auf einer ruſſiſchen Landſtraße, wo, die Wahrheit zu geſtehen, wenig Abwechſelung für das Auge, aber deſto mehr Plage für die Rippen zu finden iſt. Ver⸗ geblich ſuchte Jwan Waßiljewitſch den geringſten Gegen⸗ ſtand für ſeine„Reiſeeindrücke“ ausfindig zu machen. Alles um ihr her war leblos und menſchenleer. Es begegnete den Reiſenden nur ein Muſchick mit den Baſt⸗ ſchuhen auf den Rücken, der höflich grüßte, und einige Mähren mit zuſammengebundenen Vorderfüßen hinter einem Zaune bewillkommneten ſie mit ſprüngen. Jwan Waßiljewitſch griff ſchon nach ſeinem 124 Tarantas. Buche und wollte es voll Unwillens in eine große Pfütze ſchleudern, in welcher der Tarantas beinahe ſtecken geblieben wäre, als er plötzlich den Mund aufſperrte, die Augen weit auftiß und die Hand ausſtreckte. In der Ferne zeigte ſich eine ſeltſam gethürmte Maſſe wie ein ſchwarzer Fleck auf braunem Grunde. Ein Schau⸗ der überlief ihn. — Waßilij Jwanowitſch!— ſchrie er. — He? Was giebt's, Brüderchen?— — Sie ſchlafen?.. — Ei, da mag der Teufel ſchlafen!— — Sehen Sie mal auf den Weg.— — Was iſt da zu ſehen, das ich nicht ſchon wüßte?— — Nein,'s kommt Jemand gefahren.— — Wahrſcheinlich Kaufleute, die zur Meſſe fahren.— — Nein, mir ſcheint's eine vornehme Equipage.... — Wie, wie?... Ja in der That!... Iſt's viel⸗ leicht nicht gar ein Gouverneur?— Dabei arrangirte Waßilij IJwanowitſch ein wenig ſein in Unordnung gerathenes Reiſekoſtüm und verfügte ſich aus ſeiner liegenden Poſition in eine ſitzende; er rückte den Mützenſchirm zurecht, welcher ſein linkes Ohr berührte, und indem er die Hand über's Auge hielt, erhob er ſich etwas von ſeinem Pfühl. Vom Grafen Sollogub. 125 — Ja, ja, es iſt in der That ein Reiſewagen, und er hält noch dazu ſtill, s iſt gewiß daran etwas zer⸗ brochen,'ne Feder oder'ne Radſpeiche. Da habt ihr's mit euren Wagen in Federn,'s iſt ein prächtig Ding um ſo'n Tarantas, der zerbricht nicht und wirft nicht um; wäre nur der Weg gut, ſo würde man auch nicht einmal durchgeſchüttelt!—— In der That, inmitten des Weges ſtand ein ziem⸗ lich eleganter Reiſewagen; weder hinten noch vorn nahm man auf demſelben mit Stricken feſtgebundene Koffer oder geflochtene Baſtſäcke wahr, wie ſich die ruſſiſchen Reiſenden derſelben bedienen. Der Reiſewagen, mit Ausnahme des Straßenkothes, der ihn bedeckte, war wie für eine Spazierfahrt eingerichtet. Aus dem Fen⸗ ſter blickte ein Herr mit einer Brille, im türkſchen Käpp⸗ chen heraus und verſchwendete an ſeine Dienerſchaft freigebig die ärgſten Schimpfworte, als ob ſie daran Schuld wären, daß an der Equipage von engliſcher Fabrik eine Feder gebrochen ſei. — Heda Leute!— ſchrie er ziemlich unhoflich in den ſich nähernden Tarantas hinein.— Helft, ich bitte!— — Halt!— ſchrie Waßilij IJwanowitſch. Jwan Waßiljewitſch ſtieß einen Seußzer aus: 126 Tarantas. — Ach Fürſt.. Sind Sie hier... in Rußland?— Der Angeredete in der engliſchen Equipage warf nen mißtrauiſchen Blick auf den unerwarteten Bekann⸗ ten und fragte, indem er eine Wolke von Cigarren⸗ dampf vor ſich her blies:„Und woher kennen Sie mich denn?“ Jwan Waßiljewitſch warf eiligſt das Haſenpelzchen bei Seite, ſprang aus dem Tarantas und eilte an den Wagenſchlag des Fremden. — Bon jour, Prince. Sie erkennen mich nicht? Ich bin Jwan Waßiljewitſch; wir haben uns im ver⸗ gangenen Jahre in Paris geſehen... — Ach, Sie ſind's? Que diable! Wer zum Teu⸗ fel denkt Sie hier zu finden!— — und Sie ſelbſt, wie ſind Sie denn hierher ge⸗ kommen? Ich dachte, Sie wohnten immer im Aus lande.. — Ich bin ein ſündhafter Menſch, von ganzem Her⸗ zen Ruſſe, aber außer Stande, im Vaterlande zu leben. Sie begreifen, daß, wer an Civiliſation, an ein intel⸗ lektuelles Leben gewöhnt iſt, ohne daſſelbe nicht leben kann.— Heda! Ihr Viehzeug,— fügte er hinzu, indem er ſich an ſeine Diener wendete,— nehmt den Kut⸗ ſcher da mit zu Hülfe und macht, daß Ihr fertig werdet. Vom Grafen Sollogub. 127 Was ſteht Ihr da, Ihr Kanaillen, und gafft? Ich laſſe Euch fünfhundert Stockprügel geben, Ihr Beſtien! Das Fell laſſe ich Euch gerben, daß Ihr mir daran denken ſollt! Das ruſſiſche Volk, cara patria— fügte er mit wegwerfender Miene hinzu— verſteht keine andre Sprache. Ohne Stockprügel thut es keinen Schritt. Meine Leute ſind im Auslande geblieben, und ich habe niemand Anders bei mir, als die Klötze hier, die ſchon bei meinem Vater dienten.... — Wo reiſen Sie hin?— fragte Jwan Waßil⸗ jewitſch. — Ach! ich bitte, fragen Sie mich gar nicht, ich ſterbe vor Langeweile, wenn ich nur daran denke. Ich reiſe auf meine Güter. Nichts zu machen! Der Staroſt ſchickt kein Geld, weiß der Teufel, was ſie mir ſchrei⸗ ben! An einem Orte iſt Mißwachs, am andern iſt ein Dorf abgebrannt. Was geht das mich an? Ich bin ein Kosmopolit, ich miſche mich nicht in die Angelegen⸗ heiten meiner Bauern; mögen ſie machen, was ſie wollen, wenn ſie nur ihren Erbzins abliefern. Ich kenne ſie aber durch und durch, s ſind nichtswürdige Schurken. Sie denken, weil ich im Auslande bin, können Sie mich betrügen, wie ſie wollen. Aber ich weiß, wie man mit ihnen verfahren muß: die Söhne 128 Tarantas. des Staroſten unter die Rekruten, die rückſtändigen Zahler ins Arbeitshaus, ich werde die ganzen Einkünfte auf ein Jahr voraus nehmen und bleibe den Winter in Rom.... Nun, und was gedenken Sie anzufangen? — Ich, je nun.. ich beabſichtigte zu reiſen.... Wie, in Rußland?— — Allerdings.— — Ha, ha, ha, ha, das iſt'ne originelle Idee. Aber was wollen Sie hier ſehen?— — Alles, was man im Auslande nicht ſieht.— — Wirklich! Ich wünſche Ihnen viel Vergnügen und nen glücklichen Erfolg.... Was mich betrifft, ich will für's Vaterland ſterben, nur aber nicht im Aus⸗ lande leben.— — Verſteht ſich!— ſagte Jwan Waßiljewitſch— im Auslande lebt ſich's luſtiger.— — Das heißt nicht überall. In Deutſchland zum Beiſpiel den Winter zuzubringen, iſt nicht zum Aushal⸗ ten. Philoſophen, Gelehrte, Muſikanten, Pedanten auf jedem Schritt. Paris paßt für Jedermanns Geſchmack. Den Sommer in Baden, den Winter in Paris. Ita⸗ lien von Zeit zu Zeit. Das heiß' ich ein Leben, nur ſo lebt man! Sie erinnern ſich noch der kleinen Her⸗ zogin Grenville?— Vom Grafen Sollogub. 129 — Ei freilich.— — Sie hält's jetzt mit unſern Landsleuten, Serge iſt ihr erklärter Liebhaber.— — Wirklich? Die Unſern ſind aber auch Teufels⸗ kerle!— — Und unſre Damen, die führen erſt ein luſtig Leben! Erinnern Sie ſich... dabei flüſterte der Fürſt IJwan Waßiljewitſch einige Worte ins Ohr.— Iwan Waßiljewitſch unterbrach ihn nur mit einem Ausruf der Verwunderung: — Wie? Die auch?... Der Fürſt lächelte und fuhr in einzelnen unterbro— chenen Ausrufen fort: — Ja ſie auch!—— Und noch dazu wie!—— Und mit dem Andern!—— Und noch dazu wie!.. Was meinen Sie zu unſeren Damen?... He?— — Nun und Sie, Fürſt?— fragte endlich Jwan Waßiljewitſch. — Immer dieſelbe Leier. Ich langweile mich. Zum Heirathen iſt's zu ſpät, ſolid zu werden zu früh. Zum Dienſt bin ich zu alt, für die Geſchäfte tauge ich nicht. Ich liebe ein ruhiges Leben. Die Wahrheit zu geſte⸗ hen, Spaß hat man wenig, da ſuch' ich denn die Zeit todtzuſchlagen, ſo gut es geht... Sagen Sie mir doch, Nord. Novellenbuch. III. 9 130 Tarantas. ich bitte, was ſitzt denn da für eine ſeltſame Figur bei Ihnen in der Britſchka?— — Im Tarantas?— ſagte kleinlaut Jwan Waßil⸗ jewitſch. — Aha! Das Ding da heißt ein Tarantas? Ta— Ta— ran— tas— war's nicht ſo?— — Allerdings.— — Schön... Tarantas... Werd' es zu behalten ſuchen.. Nun, wer reiſt mit Ihnen?— — Das iſt Waßilij Jwanowitſch, ein Gutsbeſitzer aus Kaſan. Er iſt ein wenig ungehobelt und ein gro⸗ ßes Original, dabei aber'n Menſch von geſundem, praktiſchem Verſiand.. — Wirklich— ich habe lange ſolch eine ſeltſame Figur nicht geſehen. Nun, ſeid Ihr fertig mit dem Wagen? Iſt Alles in Stand geſetzt?— ſchrie der Fürſt ſeinen Leuten zu. — iſt Alles im Stande, Ihre Erlaucht!— war die Antwort. — Nun, Adieu, Lieber, ich hoffe Sie in Paris wiederzuſehen. Vergeſſen Sie nicht, Rue de Rivoli Nr. 17. In zwei Wochen hoffe ich Rußland verlaſſen zu können. Aufrichtig geſagt, ich bin der hieſigen Le⸗ bensweiſe ganz entwöhnt.. Nun marſch fort!— ſchrie Vom Grafen Sollogub. 131 er— und Du, Stepan— herrſchte er dem Diener zu— zieh dem Fuhrmann tüchtig eins über, hörſt Du, aber tüchtig gieb's der Kanaille, daß ſie die Mäh⸗ ren antreibt, bis ſie verrecken!.. Dem Befehl ſeines Herrn gehorſam, fiel die ſchwere Fauſt Stepans auf den breiten Rücken des Fuhrmanns, der Wagen flog wie ein Pfeil davon und beſpritzte den Tarantas und die Reiſenden über und über mit Koth. — Brüderchen,— fragte Waßilij Iwanowitſch, während ſein Reiſegefährte abermals in ſeinen Zufluchts⸗ ort kroch— ſag mir doch in aller Welt, wer iſt denn das?— — Ein Bekannter von mir aus Paris.— — Ein Franzos?— — Nein, ein Ruſſe. Nur kann er in Nußland nicht leben. Er hat ſich ganz unſter Lebensweiſe ent⸗ wöhnt.— — Sieh mir einer an! Und wohin fährt er?— — Auf ſeine Güter, um die Rückſtände einzu⸗ kaſſiren. — Und wo find ſeine Güter?— — In Saratow.... — Aber erbarme Dich, Brüderchen, da iſt ja ſchon ſeit drei Jahren völliger Mißwachs.— 132 Tarantas. — Was kümmert's ihn! Er will davon nichts hören.— — Sieh mir einer an! Und wenn er ſeine Bauern ausgeplündert hat, ſo will er gleich wieder ins Aus⸗ land gehen?— — Auf der Stelle.... — Um dort zu leben?— — Um dort zu leben.— — Ach Du Ferkel!— platzte Waßilij Jwanowitſch mit treffender Beredſamkeit heraus und wälzte ſich aber⸗ mals auf ſeinen Pfühl. Und abermals zog ſich die todte Einöde dahin; aber⸗ mals lagerte ſich ein feuchter Nebel über die Reiſenden, und abermals unterbrachen nur die einſamen Werſtpfähle die troſtloſe Ebene. Eine Stunde verging und eine zweite; die Reiſen⸗ den ſchienen in tiefes Nachſinnen verloren. Plötzlich unterbrach Waßilij Jwanowitſch das Schweigen mit einem ziemlich ſeltſamen Monologe: — In der That, der Teufel weiß, was das für ein Volk iſt, die ruſſſchen Edelleute!... Haben ſie'nen Haufen Geld zuſammengebracht, ſo müſſen ſie es im fremden Lande durchbringen, damit einem ehrlichen Ruſſenkinde nichts davon zu Gute kommt. Als ob Vom Grafen Sollogub. 133 man wirklich in Rußland nicht leben könnte, daß ſie immer draußen im fremden Lande herumhocken. Wahr⸗ ſcheinlich muß es dort ſehr kurioſe Dinge geben, das heißt ſo kurios, daß man ſich keinen Begriff davon ma⸗ chen kann. Sag mir doch, Brüderchen, gehen ſie denn im Auslande auch ſo auf zwei Beinen wie bei uns? — Ganz ſo.— — Du ſpaßeſt. Sie gehen ganz ſo einher und heirathen und ſterben ebenſo?— — Ganz wie bei uns.— — Was Du nicht ſagſt. Wenigſtens aber gibt es dort keine Bettler, keine Bedrückungen, keine Hun⸗ gersnoth?— — Alles das giebt es auch im Auslande.— — Iſt's möglich! Nun ſag mir doch wenigſtens, was haſt Du denn ſo beſonders Merkwürdiges im Aus⸗ lande wahrgenommen?— — Rußland!— erwiderte Jwan Waßiljewitſch. — Sieh mir Einer an! Da ſcheint mir's, hätte man nicht nöthig, ſich die Mühe zu machen und ſo weit zu reiſen?... — Im Gegentheil. Rußland vermag man nur zu begreifen und in ſeinem Werthe zu erkennen, wenn man andere Länder geſehen hat.— 134 Tarantas. — Sprich Dich deutlicher aus, Brüderchen!— — Das iſt nicht ſchwer!... Sie wiſſen, daß die Wahrheit nur durch Vergleichung erkannt wird, folg⸗ lich können wir auch nur durch Vergleiche die Mängel und Vorzüge unſers Vaterlandes erkennen, und außer⸗ dem vermag uns das Beiſpiel des Auslandes zu leh⸗ ren, wovor wir uns zu hüten haben, und was wir noch annehmen müſſen.— — Und was müſſen wir denn noch annehmen nach Deiner Meinung?— — Leider noch ſehr Vieles. Erſtens iſt es das Gefühl des Bürgerthums, der Bürgerpflicht, was uns noch mangelt. Wir ſind gewohnt, Alles unſter Regie⸗ rung aufzubürden, indem wir vergeſſen, daß ſie Werk⸗ zeuge haben muß. Wir dienen nicht aus Ueberzeugung, nicht aus Pflichtgefühl, ſondern um unſte Eitelkeit zu befriedigen, und wenn wir auch unſer Vaterland lieben, ſo iſt dieſe Liebe doch unreif und unüberlegt. Das allgemeine Wohl iſt bei uns ein leerer Name, den wir ſogar nicht einmal begreifen. Mit dem Gefühl des Bürgerthums erhalten wir auch das Streben für ma⸗ terielle und geiſtige Reformen. Wir begreifen alsdann die ganze Wichtigkeit einer ſoliden Erziehung, die hohe Bedeutung der Kunſt und Wiſſenſchaft, Alles, was den Vom Grafen Sollogub. 135 Menſchen beſſert und veredelt. Von Deutſchland neh⸗ men wir den Zuſtand der Familie, von Frankreich den regen Eifer für die Wiſſenſchaft, von England das kommerzielle Wiſſen und die Theilnahme an der Poli⸗ tik, das Intereſſe für den Staat an, Italien aber trägt auf unſern kalten Boden ſeine göttliche Kunſt über.— — Sieh mir einer an!— ſagte Waßilij Jwano⸗ witſch.— Aber wovor müſſen wir uns denn hüten?— — Vor Allem, was Europa den Untergang bringt.... Vor dem Geiſte übermäßigen Selbſtvertrauens, des Hochmuths und der Anmaßung, dem Geiſte des Zwei⸗ fels und Unglaubens, bei welchem der Fortſchritt un⸗ möglich wird, dem Geiſte der Zwietracht und Unruhe, welcher Alles vernichtet. Wir haben uns zu hüten vor der deutſchen Aufgeblaſenheit, dem engliſchen Egvismus, der franzöſiſchen Sittenverderbniß und der italieniſchen Faulheit, und uns öffnet ſich eine Zukunft, wie ſie noch keinem Volke geöffnet war. Werfen Sie einen Blick auf die unermeßliche Fläche unſers Vaterlandes, auf die Einheit unſter Bildung, auf den ganzen Rie⸗ ſenbau, und es wird Ihnen ſchwer um's Herz werden.. und alsdann betrachten Sie das Volk, welches dieſes Land bewohnt, dieſes redliche, muntere, verſtändige Volk, voll unerſchütterlichen Muthes und gigantiſcher 136 Tarantas. Kraft, und es wird Ihnen leichter um's Herz werden, und Sie werden ſich freuen über das Schickſal unſres großen Landes. Doch das beſte Unterpfand, das beſte Kennzeichen der jetzigen und künftigen Größe Rußlands, das iſt ſeine erhabene Demuth. Bei uns giebt es nicht, wie im Auslande, hohle Phraſen oder thörichte Markt⸗ ſchreierei, die ſich auf nichts gründet, weil wir uns nie vor einander aufblähen, um uns eine Wichtigkeit zu verleihen. In uns iſt Ruhe und das Bewußtſein der Kraft. Deßhalb ſcheinen wir uns zuweilen gleich⸗ gültig für unſer Vaterland, während es in der That nichts Anderes iſt, als das Gefühl der Beſcheidenheit, Europa gegenüber, als wollten wir daſſelbe um Ent⸗ ſchuldigung bitten wegen unſter Vorzüge. Nur rühre man das heilige Rußland nicht an, oder wir werden uns Alle einſtimmig ohne Geſchrei erheben und den ungerufenen Gäſten den Weg weiſen.— — Ha, ha,— ſagte Waßilij Jwanowitſch— alſo nach Deiner Meinung iſt im Auslande merkwürdig?.. — Die Vergangenheit.— — Und in Rußland?... — Die Zukunft.— — Ja, ja... Nu nu. gut, gut. Nur, um Dir die Wahrheit zu ſagen, begreife ich nicht, wie „ Vom Grafen Sollogub. 137 man Euch ſo in der Welt herumſtreichen läßt. Ihr nehmt da ſolche Gedanken auf und ſprecht in ſolchen Zweideutigkeiten, daß man Euch auf's erſte Mal gar nicht verſteht.... — Ach, Waßilij Jwanowitſch, Reiſen bringt Nie⸗ mand Nachtheil. Der Verſtändige ſieht und wird noch verſtändiger und bringt ſchon dadurch Nutzen, Dumm⸗ köpfe aber können wir auch in Rußland nicht gebrau⸗ chen, es bleiben ohne die ins Ausland reiſenden immer noch genug übrig.... Während dieſes Geſprächs rückte der Tarantas, ob⸗ wohl langſam, doch immer vorwärts. Die Nacht ver⸗ ging unter zahlreichen Stößen, die den Reiſenden kei⸗ nen anhaltenden Schlummer zu Theil werden ließen. Am andern Tage aber in der Frühe zeigte ſich ihren Blicken das wunderbar ſchöne Panorama von Niſchny⸗ Nowgorod.— Zwölftes Kapitel. Das petſchoriſche Kloſter. Wer nach NRiſchny-Nowgorod kommt, der mag ja das petſchoriſche Kloſter beſuchen. Entzückend ſchön iſt 138 Tarantas. das Bild des Wolgaufers. Links ſieht der Reiſende zu ſeinen Füßen tief unten am ſteilen Abhang den breiten Strom, der ſo beliebt beim Volke und durch zahlreiche Sagen und Geſinge gefeiert iſt. Stolz rauſcht er dahin in ſeinem ſilbernen Schuppenpanzer und ſtreckt ſich majeſtätiſch hinaus in die blaue Ferne. Zur Rechten am Abhang ſchweben neben einander in friedlicher Eintracht zwiſchen Gebüſch und Bäu⸗ men Häuflein maleriſcher Häuschen und drüber, im Strome ſich verlierend, zeigt ſich der weiße Streif der Kloſtermauer, aus deren Mitte die zahlreichen Kuppeln der Kirchen und die Zellen der Mönche hervorragen. Entledige man ſich der weltlichen Gedanken und trete ein in die breite Kloſterpforte, unter die düſtern Rei⸗ hen von Gebäuden in der Runde. Inmitten des Hofes ſind zwei alte Kirchlein durch einen bedeckten äußern Gang vereinigt. In dieſen Kirchen, den ſchweigenden Zeugen einer vergeſſenen Vorzeit, unter den ſchwerfälli⸗ gen Gewölben und vor den Ikonoſtaſen von künſtlicher Schnitzarbeit wurden viel Thränen vergoſſen, und viele heiße Gebete ſtiegen empor für die Befreiung vom Joche der Tartaren, von den Ueberfällen der Polen, für Ruhm und langes Leben der nowogorodiſchen Knäſen. Die Stufen, die zu den Kirchlein führen, ſind ſchon Vom Grafen Sollogub. 139 längſt mit Gras bewachſen. Aus dem dichten Gebüſch blitzen weiße Denkmäler hervor und traurig neigen die hölzernen Grabkreuze ihre Spitzen dem Boden zu. Hier iſt Alles wild und unheimlich,— hier die Gra⸗ besſchwelle menſchlicher Eitelkeit. Rings tiefe Stille, Alles ſchweigt, überall das Bild des Todes, ſelten nur ſchleicht ein Mönch im ſchwarzen Gewande einem Schat⸗ ten gleich über die Gräber. Das beſcheidene Häuschen des Archimandriten ſchließt ſich der Wohnung der Kloſterbrüder an; ſo ſchlicht es auch iſt, doch eröffnet ſich aus ſeinen Fenſtern von dem verfallenen Balkon dem Blick das prachtvollſte Gemälde, und in der Ferne ſchimmert der ganze Reichthum des Ruſſenlandes. Von der einen Seite, über dem ſteilen Ufer, ragt der alte Kreml hervor, und die ſchuppigen Glockenthürme marken ſich am blauen Himmel ab. Zu ſeinen Füßen zieht ſich die Stadt nach dem Wolgaufer hin. Von der andern, der Feldſeite, überſchaut der Blick eine un⸗ ermeßliche Fläche, mit Dörfern überſäet und beſpült von den mächtigen Strömen der Oka und Wolga, welche ihre verſchiedenfarbigen Gewäſſer am Fuße der Stadt ſelbſt miſchen und nach ihrer Vereinigung eine Art Vor⸗ gebirg bilden, auf dem ſich das Getümmel der weltbe⸗ 140 Tarantas. kannten Meſſe bewegt. An dieſer Stelle kommen Aſien und Europa zuſammen, der Oſten mit dem Weſten. Hier entſcheidet ſich die Frage über den Wohlſtand zahl⸗ reicher Völker, hier iſt der Schlüſſel zur ruſſiſchen Schatzkammer. Hier erblickt man im bunten Gemiſch alle Völkerſtämme, vernimmt man alle Mundarten, und Tauſende von Buden ſind mit Waaren angefüllt, und Hunderttauſende von Käufern drängen ſich in den Rei⸗ hen von Breterbauten und improviſirten Gaſthäuſern; die ganze Bevölkerung dient nur einem Götzen— dem Idol des Handels. Ringsum befinden ſich aufgeſchla⸗ gene Zelte, beladene Telegen, dampfende Theekeſſel, per⸗ ſiſche, armeniſche, türkiſche Kaftane ſtechen grell ab von europäiſcher Kleidung, jeder Raum iſt gefüllt mit Kiſten, Fäſſern, Säcken, nichts als Waaren von der verſchie⸗ denſten Art: Brillanten und Theer, Bücher und Talg, Alles, was nur als Gegenſtand des Handelsverkehrs dienen kann. Die Waſſerfläche aber macht noch dem Lande den Vorrang ſtreitig. Oka und Wolga ſtehen einander gegenüber wie zwei gerüſtete Kriegsheere, blitzend und funkelnd im Farbenſchmuck der zahlloſen Flaggen und Maſten. Hier liegen Fahrzeuge von allen Benennungen, von allen Enden Rußlands, mit den Fa⸗ brikaten des fernen China's, mit dem heimiſchen Ueber⸗ Vom Grafen Sollogub. 141 fluß an Getreide beladen, nur des Austauſches gewärtig, um abermals hinauszuſteuern ins kaspiſche Meer oder nach dem unerſättlichen Petersburg. Welch ein Bild und welche Kontraſte! Hier unten — das Leben im vollen Gewühl der Leidenſchaften, da oben— der Friede der Kloſterzellen. Hier der bunte Wechſel, die ſchlaue Vorſicht, Furcht, Frechheit und Leidenſchaft— dort— ein ungetrübtes Gewiſſen, und das Wort der Vergebung auf den Lippen. Jeden Morgen aber und jeden Abend über dem geräuſchvollen Marktplatz der Welt murmelt der friedliche Seelenhirt leiſe ſein Gebet, und unwillkürlich verfällt er in tiefes Sinnen über die Nichtigkeit irdiſchen Treibens. Des Nachts aber, wenn der Himmel mit Sternen überſäet iſt, und der Wolgaſtrom das Mondlicht zurück⸗ ſtrahlt, wenn nur hier und da noch am am Ufer ein vergeſſenes Feuer ſchimmert, und hell in der Ferne der traurigeinförmige Geſang der Schiffszieher erſchallt, dann erfüllen heilige Schauer dieſe Stätte, und der Geiſt wird unwillkürlich vom Irdiſchen abgezogen. Wer nach Niſchny-Nowgorod kommt, der möge nicht unterlaſſen das petſchoriſche Kloſter zu beſuchen. Noch dazu wird der Reiſende, welcher durch die in⸗ nern Räume wandelt, in eine andere Zeit verſetzt, ihm 142 Tarantas. wird andere Sitte, anderes Leben vorgeführt. Das Geripp einer untergegangenen Vorzeit ſteigt vor uns aus dem Grabe empor. Man erblickt die alten Kir⸗ chengewänder und Geräthe, die alten Kirchenannalen. Inmitten der halbverfallenen Gebäude durchlebt man auf's Neue das Leben der Vergangenheit, und die ſpär⸗ lichen Ueberreſte nationaler Kunſt klagen gleichſam trauernd die unverzeihliche Vernachläſſigung der Nachkommen an. Wohl gab es eine Kunſt in der ruſſiſchen Vorzeit, und wenn auch nicht äußerlich vollſtändig entwickelt, doch mindeſtens aus künſtleriſchem Verſtändniß und Richtung erſichtlich. Die alten Geſänge, Heiligenbilder, die mit Malereien verzierten Handſchriften dienen als Beweiſe dafür. Auch die Architektur hat bedeutende Spuren hinterlaſſen und in ſolchem Ueberfluß, in ſol⸗ cher Vortrefflichkeit, daß die moderne Baukunſt, welche Originalität, Karakter und Schönheit verloren und ruſ⸗ ſiſchem Geiſte und Bedürfniß fremd geworden iſt, im Vergleich damit nur einen kläglichen Eindruck macht. Die Frage: ob überhaupt eine nationale Baukunſt in Rußland möglich, und wie deren Elemente ausfindig zu machen, deren Regeln zu begründen ſeien?— läßt ſich einfach damit beantworten, daß dieſelbe nur ver⸗ mittelſt des Studiums und der Erforſchung der noch Vom Grafen Sollogub. 143 übriggebliebenen Denkmäler der Vergangenheit möglich ſei. Wie ſeltſam es auch ſcheinen möge, doch finden wir gleich auf dem erſten Blick zwei wichtige Finger⸗ zeige in zwei Hervorbringungen der Baukunſt, wel⸗ che weniger als andere ihre urſprüngliche Geſtalt verlo⸗ ren haben: Die Kirche und der Isba. Gleichwie das Volksthum und der Glaube das Fundament der ruſſiſchen Macht bilden, ſo vermögen auch Kirche und Jsba die Baſis ruſſiſcher Kunſt zu werden.... Betrachtet man deren Bau nicht ſowohl im Ganzen, als vielmehr in ihren Einzelheiten, ſo findet man in Beiden faſt die ganze Entwickelungsgeſchichte Rußlands: In den Thürpfoſten, Karnieſen, Balluſtraden, Dächern und Fenſtern finden wir durchgängig den Einfluß ei⸗ ner bekannten Epoche, die Spuren eines beſondern Er⸗ eigniſſes. Hier wie überall in Rußland treffen Aſien und Europa zuſammen, und die Arabesken des Oſtens verſchlingen ſich nicht ſelten mit den Zierrathen italieni⸗ ſcher Kunſt. Bemerkenswerth iſt ferner, daß dem Aeu⸗ ßern nach die ruſſiſchen Kirchen die Form der aſiati⸗ ſchen Minarets angenommen haben, wahrſcheinlich un⸗ ter der Herrſchaft der Tartaren, während das Innere rein byzantiniſch geblieben iſt. Könnte dies nicht zu⸗ 144 Tarantas. gleich als Symbol dafür dienen, daß, wenn die Feinde auch Rußland unterjochten, ihr Einfluß doch nur ein äußerlicher war, und daß in der Tiefe des Herzens das ruſſiſche Bolk nie ſeinem Glauben untreu ward und nie ſeine Miſſion verleugnen wird? Im Allge⸗ meinen kann man behaupten, daß in der nationalen Architektur drei Elemente vorherrſchen: das byzanti⸗ ſche Element oder das griechiſche, was zugleich mit dem chriſtlichen Glauben zur Zeit Wladimirs nach Ruß⸗ land gebracht wurde; das tatariſche oder verdor⸗ bene Element arabiſche, durch die Tataren eingeführt, und endlich das Element der Zeit der Renaiſſance, welches unter Jvan's des Schrecklichen Regierung dem Weſten entlehnt wurde.... Das Studium dieſer Elemente und ihre gegenſeitige Beziehung kann dem ruſſiſchen Architekten als Ausgangspunkt dienen. Demſelben iſt die große und ſchöne Aufgabe geworden, aus allen dieſen vereinzelten Andeutungen, deren Spuren ſich über den ruſſiſchen Boden zerſtreut befinden, die untergegan⸗ gene Kunſt wieder neu zu beleben, nicht durch Vernich⸗ tung der von Jahrhunderten geheiligten Verſchmelzung jener drei verſchiedenen Elemente, ſondern durch ein gründliches Erforſchen eines jeden derſelben an ſeiner wahren Quelle. Und warum ſollte man nicht den Vom Grafen Sollogub. 145 modernen Bauten abermals jenes wunderbar eigenthüm⸗ liche Anſehen geben, welches die früheren Reiſenden meiſt in ſo große Verwunderung ſetzte. Warum dieſe ſeltſam phantaſtiſchen Formen beſeitigen, dieſe ſchuppen⸗ bedeckten Dächer, dieſe Thür- und Fenſtereinfaſſungen von Porzellan, dieſe Karnieſe von Flieſen, welche im Norden die Stelle von Stein und Marmor vertreten, wodurch die Gebäude einen ſo überraſchend ſeltſamen Anblick gewähren. Wird durch die Architektur in Ruß⸗ land die nationale Kunſt wieder eingeführt, ſo folgen vielleicht bald auch Malerei, Skulptur und Muſik nach. Während die erſtern das Leben und den Ruhm der Nation verewigen, ergreift die Muſik das Herz und feſ⸗ ſelt mit neuen Banden die Nation an ihre Heimat!.. Die Geſchichte des petſchoriſchen Kloſters iſt höchſt einfach. Aus altem Glanz und Reichthum verſank es in Armuth. In früheren Zeiten gehörten zu denſelben achttauſend Seelen und zahlreiche fromme Geber hinter⸗ ließen demſelben reiche Spenden, wie in den Kirchen⸗ büchern zu leſen, damit zu ihrem Gedächtniß Gebete geſprochen würden. Die reichen Ländereien fielen im Laufe der Zeit andern Beſitzern anheim, die freigebigen Spenden hörten auf, nur die frommen Gebete blieben wie früher. Das älteſte Kirchenbuch des Kloſters, Nord. Novellenbuch. III. 10 146 Tarantas. datirt ſeit der Regierung Joan's des Schrecklichen, ent⸗ hält die Namensliſte vieler Bojaren nebſt den beſchei⸗ denen Gaben, die zahlreiche andere Gläubige aus hohen und niedern Ständen hier für die Ruhe ihrer Seelen darbrachten. In dieſer langen Reihe ſtummer Namen birgt ſich vielleicht manch' Geheimniß, was nun für ewige Zeiten mit einem Schleier bedeckt iſt, manch' ho⸗ her Gedanke, manch' edle That und ſtarke Leidenſchaft, viel Glück und wohl auch Leid die Fülle, viel Hoff⸗ nungen und Täuſchungen nicht minder, manch' hochwich⸗ tiges Ereigniß, eine ganze auf immerdar entſchwundene Chronik, eine für ewige Zeiten untergegangene Welt. In dem Verzeichniß der dargebrachten Spenden ſtößt man unter andern auch auf folgende Worte: „Der Czar Jvan Waßiljewitſch befahl, in den Si⸗ nodik die Knäſen, Bojaren und andere durch ſeinen kaiſerlichen Befehl geächtete Leute einzuſchreiben. Und er gab zu ihrem Gedächtniß achthundert Rubel, auf daß der Archimandrit ihnen in der Kathedrale ein Todten⸗ amt halten ſolle. Im Jahre 1620 iſt für den Mord des Archimandriten Hiob an Geld 70 Rubel geſpen⸗ det worden und an Pelzwerk für 123 Rubel 13 Al⸗ tinen und vier Dengen. Im Jahre 1625 hat der Czar und Großfürſt Michael Fedorowitſch in die Kloſterkaſſe Vom Grafen Sollogub. 147 dem Archimandriten Makary 30 Rubel geſendet zum Gedächtniß der Czarin Maria Wolodimerowna. Und zum Gedächtniß ſolcher Tage— fährt die Kirchenchro⸗ nik fort— ſollen die Kloſterbrüder geſpeiſt werden mit Weißbrod, mit Fiſch und Meth.“ So ſteht denn das petſchoriſche Kloſter ſeit dem 14. Jahrhundert und der Regierung des Großfürſten Jvan Danilowitſch Kalita, den Welthändeln fremd, und nur in ſeine Jahrbücher die Namen der Sünder eintragend, für deren Seelen man betete. In der Geſchichte iſt nur ſoviel bekannt, daß zur Zeit des Einfalls der Tataren das Kloſter verheert wurde, und im Jahre 1596 ſtürzte ein beträchtlicher Theil deſſelben am Felsabhange ein. Das ungewöhnliche Ereigniß ward von ganz Rußland für eine unglückliche Vorbedeutung gehalten; aber durch die Freigebigkeit des Czaren Michael Fedorowitſch ward daſſelbe aufs Neue wieder aufgebaut. Bis jetzt iſt noch der Glockenthurm ſichtbar, der an derſelben Stelle em⸗ porragt, wo früher das ganze Kloſter ſtand. Noch iſt bekannt, daß, als ganz Rußland unter dem Polenjoche ſeufzte, der Archimandrit Feodoſij abgeſchickt wurde, ſammt andern Würdenträgern und auserwählten Leuten, um den Fürſten Poſcharski aufzuſuchen und ihn zu be⸗ wegen, den Oberbefehl über das Heer anzunehmen, 10* 148 Tarantas. wodurch Rußland endlich von dem ſchwer auf ihm la⸗ ſtenden Joche befreit wurde. Seit dieſer Zeit wird des petſchoriſchen Kloſters in der ruſſiſchen Geſchichte nicht mehr gedacht. Die welt⸗ lichen Unruhen ſind ſeitdem nicht mehr hinter die hei⸗ ligen Mauern gedrungen, und ſtill und traurig ragt es über Niſchny⸗Nowgorod empor, ernſten Blicks dem unabläſſigen Geräuſch des Bezargetümmels lauſchend. Dieſe Mauern haben Alles mit erlebt: Bürgerkriege, die Einfälle der Tataren, die polniſchen Säbel, den Hochmuth der Bojaren, wie der Czaren Größe. Es ſchaute das alte Rußland und ſieht herab auf das neue, und wie ehemals ruft es leiſe die Gläubigen zum Gebet, wie ehemals läuten traurig und abgemeſſen ſeine Glocken! Wer nach Niſchny Nowgorod kommt, der möge nicht unterlaſſen, ſein Gebet im petſchoriſchen Kloſter zu verrichten Vom Grafen Sollogub. 149 Dreizehntes Kapitel. Der Gutsbeſitzer. Langſam ſchleppte ſich der Tarantas auf der kaſan⸗ ſchen Landſtraße weiter. Iwan Waßiljewitſch blickte mit Verachtung auf Wa⸗ ßilij IJwanowitſch und ſchalt ihn in Gedanken auf die allerehrenrührigſte Weiſe: — O, Du Klotz— ſprach er zu ſich ſelbſt— Du abgeſchmackter Theekeſſel, Du gemeine Kanzeliſten⸗ natur, Du biſt ſelbſt nichts anderes, als ein Tarantas, ein mißgeſtaltetes Ungethüm, vollgepfropft mit ekelhaften Vorurtheilen, wie der Tarantas angefüllt iſt mit Fe⸗ derbetten. Gleich wie der Tarantas haſt Du auch nichts anderes geſehen, als die Steppe, biſt nicht weiter ge⸗ kommen als Moskwa. Der Sonnenſtrahl der Auftlä⸗ rung dringt nicht durch Dein dickes Fell. Für Dich konzentrirt ſich alle Kunſt in einer Windmühle, alle Wiſſenſchaft in einem Dreſchflegel, alle Poeſie in einer Zwiebelſuppe und Fiſchpaſtete. Du haſt nichts zu ſchaf⸗ fen mit dem Ringen des Jahrhunderts, mit den Auf⸗ gaben, die ſich das moderne Europa geſtellt hat, wenn Du nur Deinen Schtſchi, Dein Dampfbad, Deinen 150 Tarantas. Theekaſten, Deinen Tarantas und Deinen Dorfmoder haſt. O Du Klotz, genannt Waßilij Iwanowitſch! Und meine beklagenswerthen„Reiſeeindrücke“ werden durch Dich vernichtet; ich bat Dich, in Niſchny zu blei⸗ ben und mir Zeit zu laſſen, Alles zu durchlaufen, zu betrachten, zu beſchreiben. Ach was!— ſprachſt Du — der Jahrmarkt hat noch nicht angefangen, und Klö⸗ ſter und Kirchen hat man auch in Moskwa die Fülle, um ſich daran ſatt zu ſehen; jetzt aber, Brüderchen, ſei mir nicht böſe,'s fehlt an Zeit... Awdotja Pe⸗ trowna wartet ſchon längſt, die Bauern machen ſich ſchon längſt fertig, um mir entgegen zu gehen, die Erndte iſt vor der Thür, der Staroſt Sidor, obwohl ſonſt ein verſtändiger Muſchik, auf den man ſich ver⸗ laſſen kann, betrinkt ſich mit einem Male, der Schuft! So'nen ruſſiſchen Kerl kann man nicht ohne Aufſicht laſſen. Awdotia Petrowna verſteht allerdings die Wirth⸗ ſchaft, aber zuweilen muß man doch ſchelten und drein⸗ ſchlagen, wie Du weißt, und das iſt doch immer'ne delikate Sache für'ne Frau. Mit Einem Worte, ſetz Dich ein, Jwan Waßiljewitſch, daß wir uns nicht auf⸗ halten; der Tarantas gehört nicht Dir, und noch oben⸗ drein wirſt Du auf Credit mitgenommen!— Bei dieſen traurigen Rückerinnerungen hielt es Jwan Vom Grafen Sollogub. 151 Waßiljewitſch für nöthig, ſich mit Waßilij Jwanowitſch in eine diplomatiſche Unterredung einzulaſſen. — Waßilij Jwanowitſch!— — Was, Brüderchen?— — Wiſſen Sie, woran ich denke?— — Nein, Brüderchen, das weiß ich nicht.— — Ich denke, daß Sie ein vortrefflicher Wirth ſein müſſen.— Ach, Brüderchen, was für'n Wirth! Hab' ſeit zwei Jahren kein Korn gedroſchen.— — Ich glaube in der That, Waßilij Jwanowitſch, *s iſt gar nicht ſo leicht, ein guter Wirth zu ſein?— — Nu lebe nur dreißig Jahre auf Deinem Gute, ſo wirſt Du einer werden, wenn Du nur Fähigkeiten haſt, wenn aber nicht, ſo hilft alles nichts, nimm's nicht übel!— Danke für den Rath.— — Siehſt Du, Freundchen, ich will Dir ne ſolche Wahrheit ſagen, die Dir ſelber nicht mal'n Deutſcher verſtehen ſoll. Laß dem ruſſiſchen Muſchik die Wahl zwiſchen'nem guten Verwalter und'nem ſchlechten Guts⸗ herrn, weißt Du wohl, wen er wählen wird?— — Verſteht ſich den guten Verwalter.... — Ha, ha, ganz und gar nicht: Er wählt den 152 Tarantas. ſchlechten Gutsherrn„Er ſchlägt ein wenig über den Strang“, ſagt er;„gehört aber uns zu, iſt unſer Va⸗ ter und wir ſind ſeine Kinder.“— Begreife ſie mal, wenn Du's verſtehſt?— — Ja, ſagte Jwan Waßiljewitſch, zwiſchen und Adel beſteht bei uns ein erhabenes, geheimes, hei⸗ liges Band, etwas Verwandtes, Unerklärliches und je⸗ dem andern Volke Unverſtändliches. Es iſt dies ein in unſern Zeiten ſeltſames Echo des patriarchaliſchen Lebens und hat gar nichts gemein mit jenem leidigen Verhältniß des Schwächern zu dem Stärkern, welcher erſtere ſich an den Bedränger anſchließt; im Gegentheil, dieſes Verhältniß, welches ſich ganz offenbart, aus eig⸗ nem Herzensantriebe, aus dem Gefühle der Unterwür⸗ ſigkeit und nicht der Furcht, aus dem unwillkürlichen Bewußtſein einer von Alters her geheiligten Pflicht, aus dem vollen Vertrauen auf Schutz und Hülfe. — Ha, ha,— unterbrach ihn Waßilij Jwano⸗ witſch— Du meinſt wohl, daß Du in der Wirthſchaft mit dem Tagelöhner nicht Deine Noth haſt! Der ruſ⸗ ſiſche Muſchik muß Dich ſehen und wiſſen, daß er für Dich arbeitet, und daß Du ihn ſiehſt, und dann wird er luſtig, gern und fleißig arbeiten. Nächſt Gott und dem großen Czaren befiehlt das Geſetz, ſeinem Herrn Vom Grafen Sollogub. 153 zu dienen. Für'nen Fremden zu arbeiten, iſt ne Schande und ſchickt ſich ganz und gar nicht; aber für ſeinen Herrn— das iſt Gottes Wille. Sie für Dich, Du für ſie. Das iſt ruſſiſche Sitte und die beſte Wirthſchaft.— — Aber die Regeln für die Verwaltung, Waßilij Jwanowitſch?— — Was für Regeln, Brüderchen! Gewohnheit, das rechte Maaß und Gottes Wille. Hecke keine Klügeleien aus, paß auf, daß der Muſchik hübſch ordentlich iſt, und laß keine Bettelei zu, führe ein Wirthſchaftsregiſter, nicht des Einbands wegen, ſondern um der Sache wil⸗ len, verſtehſt Du? und ſieh drauf, daß ſich beim Mu⸗ ſchik das volle Inventarium findet, ſo zu ſagen der ganze Kompler!— — Was iſt denn das?— — Nun höre zu: Der ordentliche Muſchik muß immer'n Isba mit gutem Dach und'nem Vorraths⸗ ſchuppen haben, zwei Pferde, eine Kuh, zehn Schaafe, ein Schwein, zehn Hühner, zwei Telegen, zwei Schlit⸗ ten, einen Pflug, eine Egge, eine Senſe, zwei Sicheln, einen Trog, zwei Eimer, ein Fäßchen, ein Sieb. Au⸗ ßerdem, wenn er kein beſonderes Handwerk treibt, muß er zwei Deſſätinen Land mit Sommer- und Winterge⸗ treide beſäet haben und'ne Trift für's Vieh. Siehſt 154 Tarantas. Du, Brüderchen, wenn der Muſchik das Alles hat, ſo iſt's'n ordentlicher Muſchik. Hat er ein überflüſſig Pferd und'nen Getreidevorrath, ſo iſt's'n reicher Mu⸗ ſchik. Hat er nichts von Alle dem, ſo iſt der Muſchik ein Bettler. S iſt ein ſehr einfacher Mechanismus, ſcheint mir's. Meine erſte Regel iſt die, daß der Mu⸗ ſchik Alles in gehöriger Ordnung hat. Iſt bei ihm ein Pferd gefallen, gieb ihm'n Pferd—„Du wirſt's nach und nach abzahlen“— fällt ihm'ne Kuh, ſchaff ſie ihm, das Geld iſt nicht verloren; die Hauptſache iſt, nichts zu verſäumen und ſeine Wirthſchaft nicht ſo lange Zeit in Unordnung kommen zu laſſen, daß es nachher auch zu ſpät wird, ſie wieder in Ordnung zu bringen.— Wenn Du's kannſt und verſtehſt, was auch Deine Bauern dagegen einzuwenden haben, laß ſie ihr Feld gemeinſchaftlich beſtellen, und bilde ein Gemeindekapital. Von dieſem Gelde bezahle Du ſelbſt alle Abgaben des Bauern an die Krone und nimm überhaupt deſſen Verpflichtungen auf Dich. Der Bauer iſt Dir verant⸗ wortlich, vertritt Du ihn auch bei der Regierung und gieb ihm ein Beiſpiel von Gehorſam und treuer Pflicht⸗ erfüllung. — Und die Gemeindeſachen, Auseinanderſetzungen, Streitigkeiten?— fragte Jwan Waßiljewitſch. S 5——— Vom Grafen Sollogub. 155 — Gemeindeſachen überlaß der Gemeinde, Brüder⸗ chen. Du mußt wiſſen, daß bei uns in Rußland in den Dorfgemeinden von Alters her eine ſolche Ordnung eingeführt iſt, wie ſie weder ein Deutſcher, noch ein Franzos, wenn er ſich auch noch ſo ſehr den Kopf zer⸗ bricht, ausſinnen wird. Sieh nur, wie gleichmäßig und gerecht ſie jedes Jahr unter einander ihre Landſtücke austauſchen, höre nur zu, wie ſie ihre Streithändel entſcheiden, und gieb hübſch acht, was ſie für eine verſtändige Miene annehmen und wie klug ſie zuweilen ſprechen.— — Ich meine— bemerkte Jwan Waßiljewitſch, daß die Gemeindeſachen, wie früher, den Volksverſammlun⸗ gen übergeben werden müßten. — Das weiß ich nicht, Brüderchen, auch kümmerts mich nicht. Mir liegt am Herzen, daß der Muſchik ge⸗ ſund iſt und ſatt wird, ohne daß man ihn verhätſchelt. Er mag die Abgaben ordentlich zahlen und ſeine Frohne thun, wie ſich's gehört. Drei Tage mag er arbeiten, und dann—„mach', was Du willſt, und ſieh nach Deiner Wirthſchaft.“ Hat wohl der Bauer für die drei Tage Arbeit draußen im fremden Lande ſo viele Vor⸗ theile, he? — Sie haben recht, bemerkte Jwan Waßiljewitſch.— 156 Tarantas. — Das ſollte ich auch meinen. Die Deutſchen und Franzoſen bemitleiden unſern Muſchik:„n wahres Pla⸗ gepferd!“ ſagen ſie, und wenn man's bei Licht beſieht, ſo iſt das Plagepferd geſünder, beſſer genährt und zu⸗ friedner, als viele andere. Bei ihnen, habe ich mir ſagen laſſen, hat der Bauer ſeine liebe Noth, für Al⸗ les muß er zahlen, für Waſſer und Land, für Haus und Hof, für das Holz und ſogar für die Luft, was man ihm nur herausreißen kann. Da heißt's, zahle pünktlich, Hungersnoth— Feuersbrunſt— s iſt Alles einerlei.... Zahle, Kanaille! Du biſt ein freier Menſch! Wo nicht, ſo ſtößt man Dich von Haus und Hof, und verkomm' mit Weib und Kind, wo Du willſt, — s geht uns nichts an.— Da ſchreit das Franzo⸗ ſenvolk, daß es bei uns unmenſchlich hergeht. Und wie iſt's denn bei ihnen? Der Teufel weiß, was ſie für Zeug aushecken und ins Gelag hinein ſchwatzen. Was meinſt Du dazu?— i IJwan Waßiljewitſch zuckte mit den Achſeln. — Du biſt mir auch ſo'n Liberaler! Ihr jungen Leute ſeid lauter Liberale. Nichts iſt nach Euerm Ge⸗ ſchmack: das Eine iſt nicht recht und das Andere nicht ſo, und fragt man Euch, wie's beſſer zu machen, ſo wißt Ihr nicht, was Ihr wollt.—— — Vom Grafen Sollogub. 157 — Haben Sie viele Dienerſchaft im Hauſe?— un⸗ terbrach ihn haſtig Jwan Waßiljewitſch. — s iſt wahr, Brüderchen, ich muß meine Schuld eingeſtehen, das verwünſchte Volk hat im Hauſe über⸗ hand genommen. Zur Bedienung braucht man ſie, und dann muß auch Awdotja Petrowna ihre Anzahl haben, um ſich die Zeit zu vertreiben. Wir weben die Lein⸗ wand im Hauſe, ſchöne Teppiche,'s iſt wahr, wir können uns was darauf zu Gute thun. Habe neulich dem Isprawnik'nen wunderſchönen von eigner Arbeit geſchenkt. Und Awdotja Petrowna hat ihre Freude daran, wenn man die Arbeit lobt!— — Und Fabriken giebt's bei Ihnen nicht?— fragte IJwan Waßiljewitſch. — Gott ſei Dank, nein! Behüte uns der Himmel vor allen Fabriken bei unſrer Landwirthſchaft.'s iſt jetzt unter unſern Gutsbeſitzern Mode geworden, Fabri⸗ ken bei ſich zu bauen. Die erſte Berechnung ſcheint ganz gut zu ſein. Der eigne Muſchik muß das Holz hauen und zurichten, dann muß er bauen, dann in der Fabrik arbeiten, Holz zuführen, die Maſchinen ausbeſ⸗ ſern oder auch anfertigen und endlich mit ſeinen Pfer⸗ den die Waare in die Stadt bringen. Und das Alles thut der eigene Muſchik!'s ſcheint, als koſtete es nichts, 158 Tarantas. weil es die eigenen Leute ſind. Und wenn man's bei Licht beſieht, was kommt dabei heraus?... s geſchieht der Feldarbeit Abbruch, die am Ende doch das Aller⸗ wichtigſte iſt. Aus guten Bauern werden betrunkene Fabrikarbeiter. Aus ihren Kindern wird ausgehunger⸗ tes Hofgeſinde, abgeriſſene, betrunkene, undankbare Be⸗ ſtien, die man— der Teufel weiß warum!— füttert, die mit Allem unzufrieden und die erſten Unruheſtifter im Dorfe ſind. Die Bauerpferde gehen dabei drauf, der Bauer ſelbſt ſetzt ſeine Kräfte zu, er wird liederlich, und noch obendrein betrügt und beſtiehlt er Dich, daß bei Dir Alles drunter und drüber geht, Du magſt auf Deiner Hut ſein, wie Du willſt. Da haſt Du die Fa⸗ brik! Nein, ich denke ſo, wenn man einen Ort hat, der vortheilhaft für'ne Fabrik gelegen iſt, Holz im Ueberfluß und Waſſer in Menge, und die Hauptſache, n freies Betriebskapital, was nicht erſt durch Verpfän⸗ dung von Grund und Boden angeſchafft wird, ſo mag man meinethalben'ne Fabrik anlegen, muß aber da⸗ bei zu Werke gehen, wie'n Kaufmann, und wie ſie's in Moskwa thun auf der Schmiedebrücke. Dann aber ſei man Fabrikant und nicht Gutsbeſitzer und vermenge die beiden Sachen nicht mit einander. Man verlange vom Bauer keinen Schritt zu viel und behalte immer Vom Grafen Sollogub. 159 vor Augen, daß da, wo Fabriken auf„häuslichen Fuß“, wie Sie's nennen, eingeführt ſind, die Bauern zu Bett⸗ lern werden und folglich der Gutsbeſitzer ebenfalls nicht weit davon entfernt iſt.— — Und haben Sie bei ſich Wirthſchaftsrechnungs⸗ bücher eingeführt?— — Das beſorgt meine Frau, und macht uns wei⸗ ter gar keine Mühe.— — Giebt's aber auch bei Ihnen'n Hospital und ärztliche Hülfe? Haben Sie Kinderbewahranſtalten für die Bauerkinder zur Zeit der Feldarbeiten und eine Lan⸗ kaſterſchule eingerichtet?— fuhr der unermüdliche Fra⸗ ger fort. — Oho, Brüderchen.. was Du nicht Alles ver⸗ langſt! Meine Awdotja Petrowna heilt ihre Kranken ſelbſt mit einfachen Hausmitteln, und Leſen lehrt bei uns der Meßner dem, der Luſt dazu hat. Ein paar Buben haben's von ſelbſt verlangt, die andern haben keine Luſt dazu„unſte Väter— ſagen ſie— verſtanden nicht zu ſchreiben und zu leſen, was brauchen wir es zu wiſſen!“— — Was fangen Sie aber in ſchlechten Jahren an?— — Gott iſt gnädig,'s gab lange keinen Nothſtand, und die Vorrathsmagazine ſind bei mir in Ordnung. 160 Tarantas. Um ein Darlehn habe ich, Gott ſei Dank, noch Nie⸗ mand angeſprochen. Vor funfzehn Jahren war meine Wirthſchaft noch ſchwach, und es gab allerdings ſchlechte Zeiten: Das Winterkorn fraß der Wurm ſchon im Herbſte, im Frühjahr ſchickte Gott keinen Regen, kurz 's wurde kein Hälmchen grün; Vorrath hatten wir auch nicht viel. Was war da zu machen? Die Bauern kamen zu mir und weinten:„'s iſt'ne große Noth, Väterchen Waßilij Jwanowitſch! Wir haben weder für uns, noch für unſre Kinder'n Stückchen Brod, die Welt geht unter!“— Nu, nu, ſage ich, Kinderchen, was iſt da zu machen?— Ich habe Gott ſei Dank noch etwas Getreide im Magazin, könnte's wohl für 30 Rubel den Scheffel losſchlagen, aber Gottes Segen iſt nicht bei ſolchem Thun. Nehmt, ſo lange noch was zu nehmen iſt, und helfen wir uns durch, ſo gut geht... Gott ſei's gedankt,'s blieb für Alle was übrig!— ₰ Das iſt vortrefflich gehandelt!— rief Jwan Waßiljewitſch aus. — Was iſt da weiter Beſonderes? Man kann ſie doch nicht verhungern laſſen. Und um mich herum wohn⸗ ten reiche, vornehme Gutsbeſitzer, die außer Landes leb⸗ ten und nicht Zeit hatten, ſich um den Bauer zu küm⸗ mern. Weißt Du, was dabei herauskam?'n ganzes „ Vom Grafen Sollogub. 161 Dorf zog hinaus auf die Landſtraße, um die Vorüber⸗ reiſenden anzuhalten.... — Und auszuplündern?— fragte Jwan Waßil⸗ jewitſch. — Nein, Brüderchen, das nicht, die Bauern war⸗ fen ſich auf die Knie und baten flehentlichſt, ſie nicht Hungers ſterben zu laſſen. Sie kamen auch zu mir, und ich gab ihnen Alles, was von dem Meinigen übrig blieb, verſteht ſich nur als ein Darlehn.... — und Sie haben gewiß nie etwas wieder be⸗ kommen?— — Da kennſt Du den ruſſiſchen Muſchik ſchlecht! Alles bis auf's letzte Korn. ss iſt wahr, der Preis war dann ſchon viel niedriger, dafür war mir's aber auch leichter um's Herz.. — Sonach ſind Sie alſo bei Ihren Bauern beliebt?— fuhr Jwan Waßiljewitſch zu fragen fort. — Du wirſts ſelbſt ſehen, wenn wir nach Hauſe kommen. Das ganze Dorf läuft zuſammen:„Väter⸗ chen Waßilij Iwanowitſch iſt gekommen!“— Jung und Alt, Alles kommt auf meinen Hof, der Eine bringt ne Gans, der Andere'nen Topf Honig, der Dritte, was ihm gerade unter die Hände kam:„Grüß Dich, Väterchen Waßilij Jwanowitſch, warum biſt Du denn Nord. Novellenbuch. II. 11 —————— 162 Tarantas. Vom Grafen Sollogub. ſo lange ausgeblieben? Wir haben um Deine Gnaden viel Sorge gehabt!“— Seid Ihr auch wohl, Ihr Chri⸗ ſtenkinder? Habt Ihr fleißig an mich gedacht?—„Ei, wie denn nicht, Väterchen! Du haſt ja meinen Sohn von den Rekruten befreit!“— ſpricht der Eine...„Du haſt mir'n Isba aufgebaut, Väterchen!“— ein An⸗ derer...„Du haſt mir'ne Kuh geſchenkt, Väterchen!“— ſagt'n Dritter...„Du haſt meine Tochter aus der Taufe gehoben!“— der Vierte....„Gott ſchenke Dir langes Leben, Väterchen!“— rufen ſie zuletzt Alle.—— Dabei glänzten Waßilij Jwanowitſch's Augen hell; auch Jwan Waßiljewitſch blickte ihn mit einer Art von Verehrung an, und der Tarantas ſelber ſchien ihm jetzt beinahe ein nobleres Fuhrwerk als die eleganteſte eng⸗ liſche Dormeuſe aus petersburger Fabrik. Ende des erſten Theils. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.