——— pfan pf bis Abends 8 ——— Leihbibliothek S deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur t 6 vi on Gdnard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1 offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ gnahme und i ſer Bücher jeden Tag von Morgens hr offen. 2. Lesepreis. Bei eti eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für Bentich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————.— 1 W.— 1 F f 2 Pf auf 1 Monat: 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Infant von Spanien.. . . . . . . — Seite I. De⸗ Inkognito; 2te Abtheilung: Die 99 169 185 193 201 e. S—————————— ————F§FFé—F—— —— — — . Das Inkognitv. Zweite Abtheilung. Gegenſtück zu der Erzählung: Die ſchwarzen Augen. v Soden's Erzähl. H. 1 —— Das Inkognitv. 1* Indeß hatte der Herzog dem Abentheuer mit den ſchwarzen Augen weiter nachgedacht. Zwar hatte der Edelmuth des Prinzen diesmal über ſein Temperament geſiegt; aber——! Entſagen wollte er ſeinem Plane nicht; dazu waren ihm ſeine Unterthanen zu lieb; auch fürchtete er ſeinen Sohn, ſeinen bis jetzt ſchuld⸗ loſen Sohn, zu beleidigen. Doch zurückrufen wollte er ihn für den Augenblick, um ihm den Spiegel des Vergangenen vorzuhalten und ihn durch neue Lehren, Warnungen und Vorſichts⸗ maasregeln gegen den Eindruck der ſchwarzen und blauen Augen zu wappnen. N Er ſandte alſo dem Erbprinzen eine Sta⸗ fette und rief ihn unter einem wahrſcheinlichen 1 34 — 4— Vorwande zurück. Die Depeſche traf Theodorn gerade an der Grenze einer bergigen Gegend des Landes, die er abſichtlich zu ſeinem erſten Ausflug gewählt hatte, weil er dort reine Na⸗ tur, Einfalt und Unverdorbenheit der Sitten zu ſinden hoffte, nach der ſeine Gemüthlichkeit ſich ſehnte. 3. Augenblicklich gehorchte er dem Winke des geliebten Vaters, kehrte inkognito in die Reſi⸗ denz zurück, und erſchien am andern Tage mit Stern und Ordensband vor den Augen der er⸗ ſtaunten Höflinge. Sein Vater empfing ihn mit offenen Armen. „Theodor,“ ſprach der Herzog lächelnd,„der Kampf mit den ſchwarzen Augen war ſchwer, und du haſt ihn glücklich, als ein edler Jüng⸗ ling, als mein Sohtz⸗ beſtanden. Aber noch ſind die blauen Augen zurück; wie wird es damit ausſehen?— Du haſt dein fürſtli⸗ ches Gemüth in dem erſten Abentheuer bewährt, und doch— unter vier Augen mögen wir uns das wohl bekennen— und doch hat dich nur der Zufall gerettet! Wie aber, wenn dieſer glückliche Maſchinen⸗ Gott nicht zur rechten Zeit erſcheint? Wie, wenn ſich dir ein Paar him⸗ melblaue Augen öffnen, in welchen du den Him⸗ mel ſelbſt mit allen ſeinen Engeln zu erblicken glaubſt?—— Theodor, ich fürchte, ich fürchte!“ „Fürchten Sie nichts, mein theurer Vater! „Sie kennen die Gluth meines Temperaments, „und wie könnte ich, wie möchte ich ſie auch „Ihnen verbergen, Ihnen, meinem geliebten „Vater, meinem einzigen Vertrauten? Schwarze „Augen können mir freilich durch ihren tiefboh⸗ „renden Strahlenblick gefährlich werden, zumal „wenn ſie, wie dort, mit Unſchuld und reinem „gemüthlichen Sinne gepaart ſind, die zugleich „mein Herz anſprechen; aber matte blaue Augen, „Signale der Abſpannung, der Schwäche, des „Mangels an Feuer und Kraft— die können „Ihrem glühenden Theodor nie gefährlich wer⸗ „den; denn——“ „O weh! o weh!“ fiel der gute Herzog ein:„Ich ſehe wohl, du kennſt die Macht der blauen Augen nicht, und deſto größer iſt deine Gefahr, deſto ſicherer dein Untergang. Ein ſchwarzes Auge zündet freilich mit Einem Blitz⸗ ſtrahl. Kaum wagſt du es, ihm zu begegnen, und doch— liegt dein Herz in Aſche; aber— ganz anders das blaue Auge. Freundlich und unbefangen blickt es dich an, in der ganzen Fülle ſeiner Sanftheit und Milde, nicht ver⸗ wundend, nein, erwärmend. Da fürchtet dein Blick nicht die Begegnung, nicht den Austauſch;z denn was könnte von der Milde man Böſes ahnen?— Aber lach! da ſpiegeln dann, da permählen ſich dann von Anſchaun zu Anſchaun die Seelen, und die Feſſeln, die diamantnen⸗ ſind geſchmiedet!“ „Ich ehre,“ erwiederte der Erbprinz,„ich „ehre, theurer Vater, Ihre tiefern Einſichten, „Ihre Erfahrung; und Ihr Plan alſo?“ „Iſt darum noch nicht aufgegeben; nur wird mir mein guter Theodor für die Fort⸗ ſetzung deſſelben einige Vorſichtsmaasregeln nach⸗ ſehen, die ich zu ſeinem eigenen Schutze nöthig glaube.“ „Was Sie wollen, wie Sie wollen, mein „Vater!“ „Nun, ſo höre! Du weißt die Grafſchaft N., die unſerm Hauſe durch Erbſchaft zufiel, iſt dreißig Meilen von uns entfernt. Unter dem Schutze dieſer Entfernung ſpielen unſere Diener die Deſpoten. Unter meinem Namen werden dort die empörendſten Ungerechtigkeiten und Er⸗ preſſungen begangen. Die Klagen der gedrück⸗ ten Einwohner ſind endlich bis zu mir gedrun⸗ gen. Der Präſident dort iſt ein Schützling des Riniſters, die übrigen Amtleute ſind ſeine Ge⸗ ſchöpfe. Ich will dieſe Klagen enden, ich will ———— ———— eine Kommiſſion hinſenden, und dich, den dort gänzlich Unbekannten, habe ich zum Kommiſſär beſtimmt.“. „Dank, Dank, lieber Vater, für den wohl⸗ „thätigen Wirkungskreis, den Sie mir öff⸗ Wen „Gut, Theodor! Aber ich habe den ehr⸗ würdigen Hofrath Reinhold vermocht, das Ge⸗ ſchäft mit zu übernehmen. Er wird dich be⸗ gleiten. Ihr werdet Beide zugleich als herzog⸗ liche Kommiſſarien dort erſcheinen. Iſt das dir unangenehm?“ „Wie könnte es? Sie wiſſen, wie ich den „edeln Greis ſchätze; auch hat er mehr Ge⸗ „ſchäftskenntniß und Erfahrung, als ich.“ und vor Allem, minder heißes Blut. „Wie? Und Sie könnten noch mir miß⸗ „trauen?“ „Dir nicht, lieber Sohn; aber wohl den blauen Augen. Unſere Grafſchaft liegt nörd⸗ lich, und im Norden ſind die blauen Augen zu Hauſe.“ A. Der Prinz willigte in Alles, was ſein edler Vater verlangte. Hofrath Reinhold und der Prinz, unter dem Namen des herzoglichen Hof⸗ raths Werner, reiſeten bald darauf ab. Ihre Ankunft in der Grafſchaft überraſchte die dortigen Souveräne. Sie wurden mit groſ⸗ ſem Gepränge empfangen. Reinholds ehrwür⸗ diges Aeuſſere, verbunden mit dem allgemeinen Rufe ſeiner Rechtſchaffenheit, flößte allen dieſen kleinen Sultanen Ehrfurcht und Schrecken ein. Der Anblick des kraftvollen, jugendlich⸗blü⸗ henden Mitkommiſſärs beruhigte ſie wieder ein wenig. Auf ihn ſetzten ſie alle ihre Hoffnun⸗ gen; er ſetzte alle blaue Augen der Graf⸗ ſchaft in Bewegung. Der Präſident, ein kleines dürres Männ⸗ chen, einſt Kammerdiener des herzoglichen Mi⸗ niſters, und durch mannigfaltige Dienſte und Gefälligkeiten bis zu dieſem Poſten geſtiegen, hatte alles Kriechende ſeines Urſtandes beibe⸗ halten; zu ſchwach, um laſterhaft, zu gemein, um ſelbſtſtändig zu ſeyn. Er erſchöpfte ſich gegen die herzoglichen Exzellenzen in Bückingen und Aufmerkſamkeiten. Neben ihm ſaß am Ruder der Rentkammer⸗ Direktor von Wild, einſt Sekretär des Präſi⸗ denten, dann durch eine voreilige Liebſchaft deſſelben mit ſeiner Schweſter und deren Folgen ſein Schwager, und durch ihn auf dieſen Po⸗ ſten gehoben. Eine verſchmitzte, habſüchtige, gemeine Schreiber⸗Seele, ohne Grundſätze. — ——— ———— —— Die übrigen Angeſtellten in der Grafſchaft waren, kraft der miniſteriellen Organiſationen und Reorganiſationen, von dem Herrn Präſi⸗ denten und deſſen Schwager gewählt, die alten rechtlichen Diener der vorigen Herrſchaft ent⸗ fernt und nach dem Modeſyſtem, zum Nachtheil des Staats und der Staatskaſſe, in den Ruhe⸗ ſtand verſetzt. Unter ihnen befand ſich der alte Kammer⸗ rath Redlich, einſt Quartiermeiſter bei des Herzogs Regimente und von ihm, auf ſein ausdrückliches Verlangen, hieher verſetzt; ge⸗ rade, offen, bieder, redlich, wie ſein Name. An ihn wendeten ſich die herzoglichen Kommiſ⸗ ſarien; von ihm erhielten ſie die wichtigſten Aufſchlüſſe über die Lage des Landes. 5. Die Unterſuchung begann; die emporendſten Bedrückungen, die ſchreiendſten Mißbräuche der Regentengewalt, kamen zum Vorſchein. Der Prinz glühte von Unwillen, ſprach, kraft der herzoglichen Vollmacht, von Suſpenſion, von Verhaft; Reinhold blieb ruhig. Der Präſident zitterte. Nicht ſo der Kammerdirektor; er rieth dem Präſidenten: die Herren der Kommiſſion zu einem Souper einzuladen, und hatte dazu ſeine guten Gründe. —— Anfangs wollte der Prinz die Einladung ausſchlagen; doch Hofrath Reinhold rieth zur Annahme.„Nicht dem Bürger und Landmanne allein,“ ſagte er,„müſſen wir unbefangen er⸗ „ſcheinen, auch ihren Bedrückern. Der Erfolg „muß dann jeden Theil belehren, ob wir gerecht „handelten.“ Sie erſchienen alſv. 6. Empfangen wurden ſie von der Frau Prä⸗ ſidentin, einer Frau von etwa ſechsundzwanzig Jahren, beinahe mit aller Friſche der Jugend, ſchöner, freundlicher Bildung, von ſanftem, ge⸗ fälligem Organ und ſo großen himmelblauen Augen, daß ſie Sr. Durchlaucht in augenſchein⸗ liche Verwirrung ſetzten. Die Frau Präſidentin, Tochter eines ange⸗ ſehenen Stabsoffiziers, knüpfte mit unſern An⸗ kömmlingen ein intereſſantes Geſpräch an, in dem ſie die feinſte Lebensart und zarteſte Vil⸗ dung entwickelte. Der Prinz führte ſie zur Ta⸗ fel; er war beim Mahle ihr Nachbar; was die großen himmelblauen Angen begonnen hatten, vollendete ihre Unterhaltung. Theodor war von der Frau Präſidentin bezaubert. Beim Ball entſchuldigte ſie ſich, daß ſie nicht tanze, wegen ihres Säuglings. Auch der Prinz tanzte nichtz — 11— er blieb an ihrer Seite, und die Frau Präſi⸗ dentin verrieth ſo viel zarte Weiblichkeit, ſo viel reine Geiſtesbildung, ohne Prezioſität und Anſprüche, ſo viel tiefes Gefühl, daß unſerm Prinzen Stunden wie Minuten verſchwanden, und der gute alte Reinhold ihn mehrmals mah⸗ nen mußte, daß Mitternacht vorüber und Mor⸗ gen Sitzung ſey. 1 Beim Abſchied bat Theodor die ſchöue Prä⸗ ſidentin um Erlaubniß, ihr wieder aufzuwar⸗ ten, und ſie lud ihn auf eine ſehr freundliche Weiſe zum Frühſtück ein. Se. Durchlaucht ge⸗ ruhten die Seſſion zu vergeſſen, und ſagten zu⸗ 7. Am andern Morgen empfing die Präſidentin unſern Theodor in einem eleganten Neglige. Ihr blaues Auge ſtrahlte ſo freundlich und mild; ſie drückte dem Jüngling leiſe und doch ſo herzlich die Hand; ſie lud ihn ſo unbefan⸗ gen zu ſich auf das Sopha ein, daß— Se⸗ Durchlaucht ſchon von einer Schäferſtunde träumten. Da erbat ſie ſich, indeß die Chokolade auf⸗ getragen wurde, von dem Herrn Hofrathe die Erlaubniß, ihm, Cornelien gleich, ihren Schmuck, ihre Juwelen zu zeigen, und ſogleich ſprangen — zwei goldlockige Genien von drei bis vier Jah⸗ ren, mit den himmelblauen Augen der Mutter, herein. „Dies,“ ſagte die Präſidentin,„ iſt meine Emmy, und dies mein wilder Theodor.“ „Theodor?“ fragte der Erbprinz erſtaunt. „Theodor. Gefällt Ihnen dieſer Name?— Ich habe ihn von unſerm Erbprinzen entliehen, von dem wir ſo viel Gutes hören, und den wir Alle lieben. Sie kennen ihn ja, Herr Hof⸗ rath! Doch was ſage ich! Sie müſſen ihn ja kennen.. „O ja!“ ſtammelte Theodor, und ſuchte ſich zu ſammeln:„Doch war er bisher wenig „bei uns.% „Etwas flüchtig ſoll er freilich noch ſehn; doch er iſt ja ſo jung.“ 5 Indeß war der kleine Theodor auf der Mut⸗ ter Schoos geklettert, und hatte im Anhalten 1 ₰„ein Halstuch verſchoben, das einen ſehr ſchönen 1%Buſen verhüllte, und das die Mutter erröthend in Ordnung zu bringen ſuchte. Emmy, die Jüngere, hingegen bat inſtändig um Kuchen und Fee(Kaffee). „Welche holde Geſchöpfe!“ begann der Prinz.„Gnädige Frau, Sie ſind eine glück⸗ „liche Mutter!“ 3 — 13— „Das bin ich!“ erwiederte die Präſidentin ſanft, doch feſt. „Auch eine glückliche Gattin?“ fuhr der Prinz nach einer kleinen Pauſe bedeutend fort. „Nein, Herr Hofrath! Warum ſollte ich es Ihnen verbergen? Ihr offenes Geſicht hat ſchon geſtern mein Herz aufgeſchloſſen. Nein, das bin ich nicht. Die arme Tochter eines Staabs⸗ offiziers, der hier ſeine kleine Penſion verzehrte, hielten nach ſeinem Tode die Verwandten mich für überglücklich, im fünfzehnten Jahre von dem reichen Präſidenten, dem Erſten der Grafſchaft, zur Gattin gewählt zu werden. Ich gehorchte. Lieben konnte ich dieſen Gatten nicht;z ich be⸗ mühte mich, ihn hochzuſchätzen, ihn zu ehren.“ „Und dies wäre Ihnen gelungen?“ ſiel Theodor haſtig ein. Eine Thräne ſchlich ſich aus dem himmel⸗ blauen Auge. „Es iſt Ihnen gelungen?“ wiederholte der Prinz. „Nein!“ erwiederte die Präſidentin endlich, und trocknete ihre Thränen:„ Es iſt mir nicht gelungen, es konnte mir nicht gelingen. O verzeihen Sie, Herr Hofrath, daß ich mit mei⸗ nen häuslichen Leiden Sie unterhalte. Aber ein unwiderſtehlicher Zug gebietet mir Vertrauen zu Ihnen, und meine Pflicht heiſcht es.“ „Wie iſt es möglich, das reizendſte, edelſte „und liebenswürdigſte Weib nicht zu beglücken, „da ſie ihren Mann zum glücklichſten Gatten „machen muß?“ „Sie ſchmeicheln, Herr Hofrath! Aber, wie dem auch ſei, er iſt es nicht. Unſere Seelen haben ſich nie verſtanden, konnten ſich nie ver⸗ ſtehen; dies, nicht die Verſchiedenheit des Alters trennt uns. Vergebens verſuchte ich's die Rinde zu durchbrechen, die ſich über ſein Herz gezogen hat. Vergebens! Sie, Herr Hofrath, ſind hier, um ſeine öffentlichen Handlungen zu prüfen. Ich hoffe, ich wünſche, daß Sie ihn nicht ſchuldig finden; aber kaum wag' ich es zu glauben. Ich ahne, ich fürchte das Schrecklichſte.“——— „Ich weiß es,“ fuhr ſie nach einer durch Thrä⸗ nen veranlaßten Pauſe fort,„ich weiß es, Sie müſſen Ihre Pflicht erfüllen, aber Ihr Auge verbürgt mir Ihr fühlendes, wohlwollendes, theilnehmendes Herz. Die Ehre meines Gatten iſt die meinige. Dieſe ſchuldloſe Geſchöpfe ſind ein Theil ſeines Weſens. Er kann ſtrafbar ſeyn, er kann ſinken; aber welches auch ſein Schickſal ſey, ich werde den Muth haben, der edeln Spartanerin Chelonis nachzuahmen— ich werde es theilen!— Nicht Pflichtverletzung, aber Theilnahme, Schonung, Milde iſt es, was — die Mutter dieſer unſchuldigen Weſen von Ih⸗ nen erbittet.“ Während dem war Theodor mit geſenktem Haupte neben der ſchönen Frau geſeſſen. Emmy war auf ſeine Kniee geſtiegen und hatte, den Kuchen in der rechten Hand, mit der linken, ihm unbewußt, ſeine Weſte aufgeknöpft, und ein brillantnes Kreuz ſprang von der Bruſt hervor. „Mein Gott, was iſt das?“ fuhr die Prä⸗ ſidentin auf. Jetzt erſt bemerkte Theodor den Vorgang, und verbarg den Orden. In dieſem Augenblicke ließ ſich ihr Säugling im nächſten Zimmer hören.„Verzeihen Sie mir, Herr— wie ſoll ich Sie nennen?— Meine Beſtürzung— verzeihen Sie, mein Schrei⸗ hals ruft mich; im Augenblick—“ Der Prinz ſtand auf und nahm ſeinen Hut. „Gnädige Frau,“ ſagte er tiefbewegt,„ gelo⸗ „ben Sie mir die tiefſte Verſchwiegenheit. Ich „gelobe Ihnen, edles, treffliches Weib! ich ge⸗ „lobe Ihnen dagegen Alles, Alles, was mir „Gewiſſen und Pflicht erlauben; Alles, was ich „vermag!“ Hier ergriff er ihre Hand, drückte ſie an ſein Herz, und verſchwand. 8 — 8. Etwas verblüfft über die ſonderbare Wen⸗ dung des Rendezvous, rannten Se. Durchlaucht nach Hauſe. Die Sitzung war längſt angegan⸗ gen. Hofrath Reinhold lächelte. Die Beweiſe der Ungerechtigkeiten, der Ge⸗ waltthätigkeiten des Präſidenten häuften ſich. Am folgenden Tage ſollte der erſte Bericht der Kommiſſion an den Herzog abgehen. Reinhold entwarf ihn, wahr und unbefangen. Se. Durch⸗ laucht hatten viel daran auszuſetzen, und nah⸗ men ihn endlich in ihr Kabinet. Er blieb lie⸗ gen, und Reinhold lächelte. 9. Die Szene mit der Präſidentin hatte den Erbprinzen tief erſchüttert. Er gelobte ſich hei⸗ lig, künftig den blauen Augen noch weniger als den ſchwarzen zu trauen; aber, aber! Nun ſollte die Unterſuchung gegen den Rent⸗ Kammer⸗Direktor beginnen. Da kam dieſer, die Herren Kommiſſarien demüthigſt auf den nächſten Abend in ſeinen Garten einzuladen, um die herrlichen Blüthen Ces war im Lenze) zu bewundern. Reinhold meinte, man könne zur Beurkun⸗ dung der Unbefangenheit und Unparteilichkeit dies um ſo weniger abſchlagen, als man einmal ſchon beim Präſidenten geweſen ſey; und Theo⸗ dor, der ſich nach den bisherigen Erfahrungen gegen alle ſchwarze und blaue Augen gepanzert glaubte, willigte ein. 10. Die Herren Kommiſſarien erſchienen zur be⸗ ſtimmten Zeit im Garten. Schon beim Eintritt ſchallte ihnen von der Altane des höher gele⸗ genen niedlichen Landhauſes eine rauſchende Muſik bewillkommend entgegen, und am Ein⸗ gange empfing ſie der Hauswirth, den Degen an der Seite und den Hut unter dem Arm, mit vielen Bücklingen und Zeremonien ſich für die hohe Ehre des Beſuchs der höchſtverehrlichen Gäſte bedankend.— Bald darauf wallten den Ankömmlingen drei ſchlanke Geſtalten durch die Blüthenallee entgegen, welche der Herr Rent⸗ kammer⸗Direktor den hohen Herren Kommiſſarien als ſeine armen mutterloſen Waiſen vorſtellte. 11. Die großen himmelblauen Augen der an⸗ ſcheinend jüngſten dieſer drei Huldinnen erman⸗ v. Soden's Erzähl. II. 8 gelten nicht, den Blick Sr. Durchlaucht zu hef⸗ ten, und— ſeh dies dem Scharfblick des Herrn Vaters nicht entgangen, oder ſey es Zufall?— bald darauf verloren ſich die zwei älteren Schwe⸗ ſtern in Seitenalleen und der Herr Kammer⸗ Direktor erbot ſich, dem Herrn Hofrath Rein⸗ hold, als bekanntem Freunde der Gartenkunſt, ſeine chineſiſch-engliſchen Anlagen zu zeigen; kurz, der Pinz fand ſich plötzlich mit den großen himmelblauen Augen allein. Se. Durchlaucht waren zum erſtenmal in ihrem Leben verlegen; denn dieſe großen himmelblauen Augen blickten ſo offen, arglos und unbefangen in die ſei⸗ nigen. wie gewöhnlich, das Geſpräch an. „Welcher ſchöne Tag!“ knüpfte der Prinz, Ja wohl! erwiederte die Schöne: Und wie rein und hell der Himmel! „Himmliſch blau, hell und rein, beinahe wie Ihre Angen, Fräulein!“ Finden Sie das? erwiederte das lächelnde Mädchen. Daß ſie blau ſind, ſagt mir mein Spiegel; aber daß ſie rein ſind, höre i gern von gebildeten Männern. „Wayrlich, das ſind ſie, und dann iſ auch „das Herz rein. Darum lieben Sie auch wohl „die freie Natur, und dieſer ſchöne Garten iſt „Ihnen lieb?“ Sehr lieb, Herr Hofrath. In ihm ver⸗ tändelte ich die ſeligen Jahre meiner Kindheit; jeder Strauch, jede Blume weckt eine frohe Er⸗ innerung, und ich mag gerne froh ſeyn. „Wohl Ihnen, Fräulein! Der frohe Menſch iſt nur ein guter Menſch.“ Nun, dann bin ich gewiß gut; denn ich ſinge, hüpfe und tanze gern. Hören Sie die Muſik, Herr Hofrath? „Sie wünſchten alſo— 2“ Freilich, daß wir keine Zeit verlören. Acht Tage habe ich mich ſchon auf dieſen Abend ge⸗ freut. Nicht wahr, Herr Hofrath, ich bin ein recht kindiſches Mädchen? „Ein kindliches, ja.“ Gehen wir alſo? „Ja, doch unter der Bedingung, daß Sie meine Tänzerin ſind.“ Recht gerne. So zogen ſie dann Hand in Hand hinauf in den Sallon, und Theodor ſchwelgte ſchon zum Voraus in der Idee, im Tanze den ſchönen blauen Augen ſo nahe zu ſeyn. 12. Unbefangen ſchlang das holde Mädchen ſich in ſeine Arme. Ganz im Vergnügen des Tanzes 2 3 verloren, bemerkte ſie nicht, daß ihr Tänzer ſie immer feuriger umſchlang; wohl aber, daß ſeine Augen ſich ſtets in den ihrigen ſpiegelten. Nach mehrern Walzern warf ſie ſich auf einen Stuhl. Der Prinz ſetzte ſich neben ſie. „Sind Sie ſchon ermüdet, mein Fräulein?“ Müde nicht, aber mir iſt ſo heiß. Warum haben Sie mich auch immer angeſehen? „Weil ich in dieſen ſchönen blauen Augen des Himmels Glorie zu erblicken glaubte. Und was hätte ich auch auf Erden Schöneres be⸗ trachten können?“ Nun, wenn Ihnen denn meine Augen ſo wohl gefallen, ſo mögen Sie das unſerm Erb⸗ prinzen verdanken. „Dem Erbprinzen?“ fuhr Theodor auf. Freilich! Denn an ſeinem Geburtstage, nur vier Jahre ſpäter, bin ich geboren; von ihm führe ich den Namen, und von ihm habe ich wohl dieſe Augen geerbt; denn er ſoll recht ſchöne blaue Augen haben, Herr Hofrath, ge⸗ rade wie Sie. „Sie führen ſeinen Namen?“ fuhr der Prinz fort, ſeine Verlegenheit zu verbergen ſtrebend:„Sie heißen alſo?“ Theodore. „Theodore? Wirklich, Theodore heißen Allerdings! Zwar heiße ich auch Char⸗ lotte, denn unſer Herzog heißt ja Karl. Und Charlotte nennt mich auch der Vater. Aber, wenn nur einſt der Erbprinz zur Regierung koinmt, dann wird er mich wohl Theodore nennen. 13. Hier nahte ſich Hofrath Reinhold dem Herrn Kollegen, und bemerkte, daß morgen früh Kom⸗ miſſionsſitzung, daß dieſen Abend noch Man⸗ ches zu expediren ſey, und daß man alſo werde aufbrechen müſſen. Beſchämt ſprang der Prinz auf, und indeß Reinhold Hut und Stock ſuchte, hatte er nur noch Zeit, der blauäugigen Tänzerin zuzuflü⸗ ſtern:„Reizende Charlotte! Wann und wo „werde ich Sie wiederſehen?“ Wir ſind alle Abende im Garten. „Und Sie werden gerne mich wiederſehen?“ Das verſteht ſich. Hier nahte Reinhold wieder. Thevdor küßte dem Fräulein die Hand, und ſie giengen, ge⸗ leitet von dem hocherfreuten gebückten Herrn Kammer⸗Direktor. 14. Der Prinz unterſchrieb Alles, was der Hof⸗ rath ihm vorlegte, und eilte dann ins Bett, um— von Eharlotten zu träumen. Aber nein, er träumte nicht von Charlotten; er ſah ſich in einen azurblauen Aether verſetzt, von roſen⸗ farbenen Wölkchen begrenzt, aus deren jedem ein kleiner Engelskopf mit blauen Augen ihn anlächelte. 45. Am andern Morgen begann die Unterſuchung gegen den Herrn Rentkammer⸗„Direktor. Die willkührlichſten Erpreſſungen kamen ſogleich zum Vorſchein. Der Prinz ſaß dabei, in ſich gekehrt, der geheimen Schuld bewußt, und ſchwieg. Abends ſchlich er ohne ſeinen Herrn Kollegen in den Garten. Charlotte hüpfte ihm entgegen. O ſchön, daß Sie Wort halten! rief ſie. „Zweifelten Sie daran, reizende Char⸗ „lotte?“ Nennen Sie mich doch Theodore; dieſen Namen höre ich lieber. „Warum das?“ Je nun, weil ich ihn von unſn Erb⸗ prinzen erhalten habe. ——— ——— — 23— „Deswegen alſo?“ erwiederte der entzuckte Theodor. Freilich deswegen; er ſoll ja recht gut ſeyn. Und ein ſchöner junger Mann! ſetzte ſie be⸗ deutend hinzu.. Die Verlegenheit des Prinzen ſtieg.„Wo⸗ „her wiſſen Sie denn das?“ ſtammelte er endlich. Hat denn der Vater nicht ſein Portrait aus der Reſidenz kommen laſſen? Und ſehen Sie— aber Sie müſſen das kindiſche Mädchen nicht auslachen. „Theodore!“ rief der Prinz und faßte ihre widerſtrebende Hand. 8 Sehen Sie, ich zeichne ein wenig, und da habe ich mir denn das Portrait des Erbprinzen%, kopirt, und trage es an meinem Halſe., Sie zog ein Medaillon aus dem Buſen; es war Theodors Bild. „Wenn der Prinz wüßte, an welchem ſchoͤ⸗ „nem Orte ſein Bild ruht—“ Er würde doch nicht zürnen? Sehen Sie, er iſt ja mein Taufpathe.— Aber wahrhaftig, je mehr ich dies kleine Bild betrachte, je mehr finde ich— „Was finden Sie?“ fragte Theodor haſtig. Was ich ſchon geſtern bemerkte, daß es Ihnen gleicht. In der That— fuhr ſie be⸗ 1 — trachtend fort— in der That, auf ein Haar! Die blauen Augen, die blonden Haare— „Glücklich für mich,“ verſetzte der Prinz mit geſenktem Blicke,„denn Sie ſind ja dem Erb⸗ prinzen gut.“ Recht gut! „Alſo ſind Sie auch mir gut?“ Er faßte ihre beiden Hände. Verſteht ſich! erwiederte ſie, und ihr him⸗ melblaues Auge blickte ihn freundlich an. „Alſo, wäre ich— der Erbprinz, ſo wür⸗ „den Sie mich— lieben?“ Freilich, wenn es der Erbprinz erlaubte. 16. Die Worte: Ich bin's! ſchwebten auf Theodors Lippen; ſeine Kniee waren in Bewe⸗ gung, vor dem holden Kinde niederzuſinken— da hörten ſie ein Geräuſch hinter ſich. Ach, der Vater, der Vater, und die Schwe⸗ ſtern! Ich wollte ſchon vorhin Sie um Verzei⸗ hung bitten, daß ſie nicht ſogleich— Sie ſprang nun Vater und Schweſtern ent⸗ gegen, und der Herr Hofrath Werner hatte kaum Zeit, ſo viel Beſonnenheit zu ſammeln, um die Bücklinge, Erkundigungen und Komplimente des über dieſen neuen Beſuch höchſterfreuten Herrn — Rentkammer⸗Direktors zu beantworten. Von nun an waren ſie nicht einen Augenblick mehr allein. Als es dämmerte, empfahl ſich der Prinz. 17. Statt ins Arbeitszimmer gieng er in ſein Schlafzimmer. Vergebens hoffte er, durch Ruhe den Tumult ſeiner Empfindungen zu be⸗ ſchwören. Er ſprang auf, ſetzte ſich und ent⸗ warf an die blauangige Charlotte-Theodore eine Epiſtel, die— jeder Liebende hier aus⸗ füllen mag. Spät warf er ſich auf's Bett, um nun wirk⸗ lich von der Geliebten zu träumen. Doch er hatte vergeſſen, ſein Zimmer abzuſchließen, und des Morgens ſtand Hofrath Reinhold an ſeinem Bette. Ich bedaure, Prinz, daß ich Sie ſtören muß; aber ein Schreiben von dem Herzog, das ich ſo eben durch eine Stafette erhielt— „Von meinem Vater? Mein Gott!“ fuhr Theodor beſtürzt auf: Er iſt doch nicht krank?“ Das iſt er, erwiederte Reinhold, obwohl nicht bedenklich, wie ich hoffe. Er befiehlt uns, augenblicklich abzureiſen. Der Reiſewa⸗ gen ſteht vor der Thüre. — „Iſt es möglich!“ rief der Prinz aus, und ſprang auf:„In wenigen Minuten bin ich ſrtig Wir wiſſen, wie Theodor ſeinen guten Vater liebte. Der Kampf zwiſchen den blauen Augen und der kindlichen frommen Liebe war bald ent⸗ ſchieden. Er kleidete ſich an. Die Epiſtel fiel ihm in die Angen. Die Unmöglichkeit, unter allen dieſen Verhältniſſen ſie an Ort und Stelle zu bringen, ſprach ſich zu beſtimmt aus. Doch konnte er ſich nicht enthalten, den rückkehrenden Reinhold, der indeß ſich entfernt hatte, zu fragen:„Und die Kommiſſion?“ Die Befehle des Herzogs werden beſtim⸗ men, durch wen ſie fortgeſetzt werden ſoll! erwiederte Reinhold. 18. Die Poſtillione ließen ſich hören. Man mußte einſitzen. Verſchloßen und einſilbig ſaß der Prinz neben dem Hofrathe im Wagen. Dieſer blieb ſich gleich und fragte nicht. Sie langten in der Reſidenz an. Der Her⸗ zog empfing Thevdor in ſeinem Kabinete aber⸗ mals lächelnd und ſchloß ihn ſeine Arme. „Sie ſind hergeſtellt, mein theurer Vater?“ rief der Prinz freudig. War ich denn krank? „Wie? Die Depeſche—“ Ja ſo! Daran dachte ich nicht mehr! Ver⸗ gieb, lieber Theodor! Ich mußte dich wieder⸗ ſehen, und wenn die Grafſchaft mit allen ihren blauen Augen zu Grunde gegangen wäre. „Ach, lieber Vater, ich ſehe wohl, Sie wiſſen A Freilich! fuhr der Herzog lächelnd fort: Du hatteſt einen feinen Spion an deiner Seite, obgleich den redlichſten von der Welt. „Ach, Reinhold!“ Du grollſt doch nicht mit ihm? Alles war zwiſchen uns verabredet. Aber, aber, lieber Theodor!— hier hob er den Finger— das Erperiment mit den blauen Augen wäre bald noch ſchlimmer ausgefallen, als das mit den ſchwarzen. Indeß für eine oder die andere Farbe mußt du dich doch endlich entſcheiden, wenn anders unſer Fürſtenſtamm nicht erlöſchen ſoll. „Wie verſtehen Sie das, mein Vatèr Ein andermal, lieber Teodor! Wir haben, vornähme Gäſte, und es iſt ſchicklich, dich ihnen ſogleich vorzuſtellen.“ Der Herzog öffnete die Thüre des nächſten Zimmers. Hier ſtand die edle Fürſtin von—, und neben ihr zwei Huldinnen, ihre Töchter: Agathe mit den ſchwarzen, und Marie mit den blauen Augen!— Welche der Erbprinz wählte?— Ja, das mögen meine Leſerinnen errathen; denn der Dichter möchte es gerne weder mit den ſchwar⸗ zen, noch mit den blauen Augen verderben. . —— 1 ie deutſche Bajadere. Die deutſche Bajadeére. ————— 1. Edmund, Freiherr von S.. war der ein⸗ zige Sohn eines reichen Güterbeſitzers. Sein edler Vater hatte frühe ihm Grundſätze einge⸗ pflanzt, ſeinem Karakter, Haltung und Feſtig⸗ keit, die edle Mutter ſeinen Empfindungen Zart⸗ heit und Weichheit gegeben. Beide verlor er in ſeinem 24. Jahre, als er von der Akademie zurückkehrte. Er war nun unabhängig und reich. Weiſe, reif und beſonnen genug, um Sinn für wahren Lebensgenuß zu beſitzen, aber mit glühender Empfindung, feuriger Einbil⸗ dungskraft und zartem Schönheitsgefühl ausge⸗ ſtenert, alſo unfähig, ein Daſeyn, daß er der Natur, der Kunſt und den Wiſſenſchaften zu widmen gedachte, ohne Liebe zu ertragen⸗ 1 2. Seine Bildung, ſeine edle Geſtalt und noch mehr ſein Reichthum, zogen ihm aus der nahen Reſidenz und aus dem Umgebungen ſeiner Gü⸗ ter eine Menge Anträge zu. So entzündet auch ſeine Fantaſie, ſo reizbar ſein Gemüth war, ſo prüfte er doch ruhig und ernſt. Er fand bei weitem die mehreſten Weiber, die ſelbſt, oder durch ihre Verwandte um ſeine Hand warben, und unter den ſich manches reizende Geſchöpf befand, verbargen die Leerheit ihres Kopfes, und noch mehr ihres Herzens, entweder hinter einer vom Welttongeſchwätz überfirnißten Ko⸗ ketterie, oder, was noch weit ſchlimmer iſt, hinter affektirter Sentimentalität und Halbbil⸗ dung. Tiefe, reine Empfindung, Wohlwollen der Seele, Adel und Zartheit des Gefühls; das war es, was ſein Herz bedurfte und— nir⸗ gend fand. 2 * Endlich führte der Zufall Amalien von J... eine ſeiner weitläuftigen Verwandtinnen, aus der Ferne in die Hauptſtadt. Eine reizende Brünette. Er ſah ſie, und ward von ihrer vollendet ſchönen Geſtalt entzückt. Er prüfte, und die äuſſere Stille und Sanftheit ihres We⸗ ſens, ihr Hang zur Häuslichkeit, ſprachen ihn mächtig an. Er entdeckte ihr ſeine Neigung und ſeinen Lebensplan. Jeder Ton, den er * angab, ſchien auch die Saiten ihres Gemüths zu berühren. Er glaubte ſein Ideal gefunden, glaubte ſich geliebt und gab Amalien ſeine Hand. Die Küßwochen verſchwanden, gleich einem ſchönen Frühlingstraum. Die Maske fiel. All⸗ mählich entfaltete ſich in Amalien ein neues Weſen. Sie langweilte ſich auf den Gütern ihres Gemahls. Man zog in die Reſidenz. Die ſtillen, häußlichen Freuden machten Aſſam⸗ bleen, Bällen, dem Spiele, den Courmachern, und endlich Galanterieen und Intrignen Platz, die Edmunds Ehre bedrohten. Edmund, der unglückliche Edmund, ſah ſich furchtbar getäuſcht. Zwei Jahre rang er, dul⸗ dete er; endlich entfloh ſeine Gemahlin mit einem Abentheurer; er wurde geſchieden, und war nun wieder allein. A. Tief hatte zwar dieſe ſchreckliche Erfahrung ihn gebeugt, aber ſein ſtürmiſches Sehnen nach Liebe blieb, zu ſeiner Pein. In der Ferne hoffte er endlich das Ideal ſeiner Sehnſucht zu fin⸗ den, die ſchönen Träume ſeines poetiſchen Ge⸗ müths zu verwirklichen. Er beſchloß, zu reiſen. v. Soden's Erzaͤhl. II. 3 Von einem alten treuen Diener begleitet, durch⸗ zog er Frankreich, Italien und die Schweiz; ward oft gerührt, oft entzündet, oft getäuſcht, nie befriedigt. In tiefer Schwermuth und Ver⸗ ſchloſſenheit kehrte er nach Deutſchland zurück; beſtimmt, jeder ernſten Verbindung zu entſagen, und die Stürme ſeiner kranken Phantaſie durch wilde Sinnlichkeit zu beſchwören. 5. In dieſer Stimmung kam er nach B. und beſuchte dort die feineren, der Freude ge⸗ widmeten Säle. Die nackte Gemeinheit, die er natürlich hier gewahrte, eckelte ihn minder an, als die, unter dem verrätheriſchen Firniß der höhern Welt verhüllte, von der er ſo trau⸗ rige Erfahrungen gemacht hatte. Einſt da er den üppigen Tänzen dieſer Ba⸗ jadeyen zuſchaute, die ſich zu einem allgemeinen Reihentanze mit ihren ephemeren Anbetern ver⸗ einigt hatten, erblickte er neben ſich eine ihrer Geſpielinnen, die er noch nie bemerkt zu haben glaubte. ganz dem Koſtüm des Orts gemäß gekleidet, aber einſam, ohne Nachbarin, mit geſenktem Blicke und auf dem Schvoße gefalteten Händen. Dies ſiel Edmund auf. Er begann ein Ge⸗ ——.— Eine kleine runde Blondine, zwar —————,— 35 ſpräch, und begann es mit einer achtenden Scheu, die an dieſem Orte ganz ungewöhnlich war. „Sie nehmen nicht Theil an dem allgemei⸗ nen Tanze, meine ſchöne Nachbarin?“ Nein, mein Herr! erwiederte ſie mit leiſer, weicher, harmoniſcher Stimme, ohne aufzu⸗ blicken. „Und warum nicht?“ Weil— weil ich den Tanz nicht liebe— am wenigſten dieſen⸗ „Aber, liebes Kind, Ihre Anweſenheit an dieſem Orte—“ Ach Gott!— Sie ſchlug ihre ſchönen blauen Augen auf und eine Thräne drängte ſich hervor. 6. Edmunds Intereſſe, Edmunds Neugierde wuchs; er vergaß ſeine Umgebungen und ſprach mit Achtung zu dem holden Geſchöpf. Er bat ſie um ihren Namen und ihre Wohnung. Ich heiße Nanni— antwortete ſie ſchluch⸗ zend— fragen Sie mich nichts weiter. 3 3656 Durch ſein achtungsvolles Benehmen und freundliches Zureden gewann er endlich des Mäd⸗ chens Vertrauen und vermochte ſie, mit ihm in ein anſtoßendes Zimmer zu gehen. Er ließ Wein und Konfekt bringen. Nanni rührte nichts an. Ich bin krank, ſagte ſie mit wehmüthiger Stimme,— ich bitte um Thee. „Krank und hier?“ Ach nur die äuſſerſte Noth und Verzweif⸗ lung— Thränen erſtickten ihre Sprache. Edmund war zwar dieſer Komödienſcenen gewohnt; doch konnte ſich ſein Herz der Rüh⸗ rung nicht erwehren. Er entlockte der armen Nanni nach und nach ihre kleine Geſchichte durch herzliche Freundlichkeit. 7. MNanni, im 16ten Jahre, war die Tochter ines einſt angeſehenen Kaufmanns aus G— au. Durch Unglücksfälle ſeines Vermögens beraubt, hinterlies er ſie in Dürftigkeit. Sie nahm Dienſte bei einer Gräfin in B... Dort wird ſie krank und in das Hoſpital gebracht. Wäh⸗ rend dem hatte die Gräfin ein anderes Mäd⸗ chen angenommen und B. verlaſſen. Der Krieg 8 2 brach aus; alles ſchränkte ſich ein; vergebens ſuchte ſie, noch nicht völlig geneſen, neue Dienſte. Lange rang ſie mit Hunger und Man⸗ gel. Der Gipfel ihres Elends zwang ſie end⸗ lich, ſich zum Opfer hinzugeben, und den B—n Saal zu beſuchen. Es war das erſtemal, ſo betheuerte ſie; auch hatte Edmund ſie noch nicht dort bemerkt. Doch bei allen Zweifeln über den letzten Punkt ihrer Erzählung— deren Wahr⸗ heit er übrigens in der Folge, bei ernſter Nach⸗ frage beſtättigt fand,— konnte er ſich des in⸗ nigſten Mitleids mit dieſem armen Geſchöpfe nicht erwehren. Ihre herzliche Offenheit, ihre Sanftheit, die Gutmüthigkeit, mit der ſie ihn beſchwor, ſie zu retten, und ihm dafür ewige Liebe und Treue gelobte; erſchütterten ihn und ſtürzten ſein ganzes Weisheitsſyſtem um. Er bot ihr Gold; ſie nahm es nicht.— Sie ſchlang ſich um ſeinen Nacken; ſie drängte ſich auf ſeinen Schvos, ſie heftete gewaltſam ihre Lip⸗ pen auf die ſeinen. Du mußt mich lieben, rief ſie, unter einem Strom von Thränen aus, oder mich meinem Elende überlaſſen. Edmund behielt kaum Beſonnenheit und Kraft genug, ſich aus dieſer gefährlichen Umarmung loszuwinden. Er verſprach ihr ſeinen Bei⸗ ſtand. Nein, nein, rief ſie im Ton der Verzweif⸗ lung, ich habe endlich einen Retter gefunden; Du nimmſt mich mit, oder Du ſiehſt mich vor Deinen Augen untergehen.“ „Wohlan! Nanni! Biſt Du bereit mir „augenblicklich zu folgen?“ Augenblicklich! 8. Er verließ an ihrem Arme den Saal und ſtieg mit ihr in eine Miethkutſche; von dieſer ſonderbaren Scene betäubt und ungewiß, wie ſie ſich entwickeln ſollte? Schweigend ſaß Nanni an ſeiner Seite; beym Scheine der Laterne ſah er, daß ſi e die gefalteten Hände gen Himmel hob. So kamen ſie nach Hauſe. Edmunds alter Diener machte große Augen. Nanni ſetzte ſich in einen Winkel und verhüllte ihr Geſicht. Ed⸗ mund befahl Stephan, ſich zu entfernen. Edmund nahte ſich dem ſonderbaren Mäd⸗ chen; er zog den naßgeweinten Schleier hin⸗ weg; ſie blieb unbeweglich und ſchwieg. „Wie nun, Nanni! Willſt Du zu „Bette gehen.“ Du verachteſt mich; ich bin Dein. Einem Manne wollte ich mich ganz hingeben, ihn lieben, ſeine Dienerin, ſeine Sklavin ſeyn. Dies alles will ich Dir.— Aber dieſer Mann muß mich lieben; er muß nicht mein Unglück mißbrauchen. Hier ſank ſie zu Edmunds Füßen. Sey gut, ſey großmüthig und Nanni wird dirs lohnen! 9. Edmunds Erſtaunen wuchs; dieſe wunder⸗ bare Miſchung von Hingeben und Seelen⸗ adel waren für ihn eine neue Erſcheinung. Gewaltſam aufgeregt waren ſeine Sinne, doch ſeine Grundſätze ſiegten. Er hob Nanni auf. „Ruhig, armes Mädchen! dieſes Zimmer „iſt Dein; ich gehe, um im nächſten—“ O nein, nein, gieb mir dort einen Seſſel und laß mich gehen. Edmund ſah, daß das arme, leicht geklei⸗ dete Geſchöpf vor Froſt zitterte; er zwang ſie, ſein Bett anzunehmen, und ſtreckte ſich auf ein Sofa im Vorzimmer. Die Erinnerung der ſon⸗ derbaren Scenen dieſes Abends, die Beſorgniß — der Folgen ſeiner Unbeſonnenheit, des Urtheils der Welt, verſcheuchten den Schlaf. Er be⸗ ſchloß endlich, Nanni am andern Morgen an einen ſchicklichen Ort zu bringen, und dort für ſie zu ſorgen. Mit dem erſten Sonnenſtrahle ſprang er auf und ſchlich in ihr Zimmer. 10. Da lag Nanni angekleidet auf dem Bette, ſchlafend; ihr keimender Buſen halb entſchleiert, ihre Hände gefaltet, als ſey ſie betend ent⸗ ſchlafen. Schweigend betrachtete Emund das holde, räthſelhafte Weſen. Ein kleines Geräuſch er⸗ weckte ſie; ſie ſprang auf, verhüllte ſich und ſank von neuem zu Edmunds Füßen. „Nanni! was ſoll aus uns werden?“ Was Du willſt, nur verſtoße mich nicht. Edmnnd entdeckte ihr ſeinen Entſchluß; doch Nanni betheuerte ihm, unter einem Strom von Thränen, daß ſie von ihm unzertrennlich ſeyz und daß, wenn er ſie verſtoße, ſie ohnfehlbar ſich in den Fluß ſtürzen würde. Krampfhaft hielt ſie dabei ſeine Kniee umfaßt. „Aber, Nanni, Du bedenkſt nicht— ich „bin jung, Du biſt ſchön—“ * —— N N leiſeſte Wünſche und eilte, ihnen zuvor zu Ich bin Dein! Bediene Dich Deiner Ge⸗ walt; aber ſoll ich Dich lieben, ſo ſchone mich, bis Du mich liebſt. 11. Edmund konnte dem Zauber ihrer rührenden Bitten nicht widerſtehen. Er gab nach; es ward beſchloſſen, daß Nanni bei ihm bleiben und ſeine kleine Wirthſchaft beſorgen ſollte. Von dieſem Augenblick ſchien das ſonderbare Weſen verklärt. Sie ſchrie laut auf; ſie um⸗ faßte von neuem ſeine Kniee und badete ſie in Freudenthränen.. „Du biſt mir nun alles, mein theurer Wohl⸗ „thäter!“ rief ſie aus.„Nanni wird nur „für Dich leben, wird für Dich ſterben!“ 12. Mit der höchſten Emſigkeit widmete ſie ſich nun den häuslichen Verrichtungen; auch den gemeinſten. Den ganzen Tag ſorgte ſie nur für Edmunds Bequemlichkeit, lauſchte auf ſeine kommen. Die ihrigen waren im hohen Grade mäßig. Edmund ließ ihr die Wahl der Klei⸗ * der, ſie wählte die einfachſten, dachte nie an ihr Bedürfniß, und trieb die Arbeitſamkeit, die Reinlichkeit, die Sorge für die Erſparniße oft ſoweit, daß ſie Edmund ein Lächeln abzwang. Sie wohnte in einem abgeſonderten Zim⸗ mer, aber unaufhörlich lauerte ſie: ob ihr Ge⸗ bieter nichts verlange? und zerfloß in Thränen, wenn er ſpäter als gewöhnlich nach Hauſe kam. Edmunds alter Diener, der anfangs über dieſe neue Wirthſchafterin gewaltig den Kopf geſchüttelt hatte, gewann das gute, emſige We⸗ ſen lieb; denn ihre Thätigkeit, ſo wie ihre An⸗ hänglichkeit für ihren gemeinſchaftlichen Herrn, war ohne Gränzen. 13. Hatte Nanni unſern Edmund anfangs nur gerührt, ſo zog ihre immer mehr ſich entfal⸗ tende Gutmüthigkeit, ihr herzliches Wohlwollen, ihn gewaltſam an. Er fühlte, daß er liebte und zog ſich mit Schaam von dieſer Bemerkung zurück. Er zitterte, den Bajaderen⸗Schleier der Vergangenheit zu lüpfen. Unbefangen und kindlich überlies ihm oft Nanni das Anſchauen ihrer im Schvoße der Zufriedenheit ſich neuent⸗ wickelnden Reize. Edmund hatte ihr ſein Wort — —— ———— ———— gegeben; ſie kannte ihn nun, ſie beſorgte gar nichts. Edmunds Liebe wuchs endlich zur Lei⸗ denſchaft. Nach einem langen Kampfe beſchloß er, ſie dadurch zu heilen, daß er Nanni in ſich ſelbſt zurückgehen, ſie in den Bajaderen⸗ ſtand zurücktreten ließe, aus dem er ſie genom⸗ men hatte. Auch alle andre Proben der Treue ſollte ſie aushalten, und dann entweder auf ewig die Seinige werden, oder auf ewig ihn verlaſſen. 14. Die erſte Probe begann. Unter einem Vor⸗ wande zwang er Nanni mit ihm zu einem Sou⸗ pe an einen öffentlichen Ort zu fahren, und zwar ungefähr eben ſo gekleidet, wie er ſie aufgenommen hatte. Sie gehorchte mit lächeln⸗ dem Munde und naſſen Augen. Dort hatte er einige Offiziere der Garniſon, bekannte Wüſt⸗ linge, verſammelt, die ihm beim Anblick ſeiner Gefährtin Glück wünſchten. Nanni ſchlug die Augen nieder, uich und ſetzte ſich nur auf Edmunds wiederholten ern⸗ ſten Befehl zwiſchen die Tiſchgenoſſen. Der Champagner floß. Auch Nanni mußte trin⸗ ten; doch ihre Thränen träufelten in das Glas. 3 1 — 44— Man wurde laut, frei, und plötzlich erſchien der alte Stephan und rief ſeinen Herrn ab. Nanni flehte knieend, ihn zu begleiten; doch Edmunds ſtrenger Befehl, und ſein Wort, auf der Stelle zurück zu kehren, zwangen ſie, zu bleiben. Kaum war Edmund einige Augen⸗ blicke zu Hanſe, ſo hörte man vor der Haus⸗ thüre, erſt lautes Wimmern, dann einen Schlag. Man öffnet;— da lag Nanni halb ohnmäch⸗ tig, erſtarrt, mit zerſtreuten Haaren, vom Falle blutend, mit zerriſſenen Kleidern. Man bringt ſie zu ſich. Kaum hat ſie Kraft, Edmund zu erzählen, daß jene Tiſchgenoſſen nach ſeinem Ab⸗ gange ſie als Bajadere zu behandeln ver⸗ ſucht, daß nur ihr lantes Hülfsgeſchrei ihr die Thüre geöffnet, daß ſie bewußtlos Ces war tiefer Winter) in den Straßen fortgerennt und endlich an der Hausthüre ohnmächtig nieder⸗ geſunken ſey. 15. Das arme Kind ſchwieg; es dachte nicht daran, Edmund über ſeine Grauſamkeit Vor⸗ würfe zu machen. Edmund ward die Wahr⸗ heit der Erzählung durch die Neckereien der Tiſchgenoſſen über ſeine Lukrezia, am andern Tage beſtätigt. Er bereute; ſeine Liebe zu —.——— ——————— — 45— Nanni wuchs, aber auch ſeine Unentſchloſſen⸗ heit blieb. 16. Zu einer neuen Probe lieferte das Schickſal Stoff. Bald darauf herrſchte eine gefährliche epidemiſche Krankheit. Auch Edmund ward da⸗ mit befallen. Er nahm eine Wärterin aus dem Spital; er beſchwor Nanni, ſich der augen⸗ ſcheinlichen Gefahr nicht blos zu ſtellen, die der Arzt als unvermeidlich angab. Vergebens! Nanni wich nicht von Edmunds⸗Lager, ſie hieng an ſeinen Blicken, ſie wachte an ſeiner Seite. Knieend an ſeinem Bette, gab ſie ihm die Arzneien; und in den gefährlichſten Augen⸗ blicken, wo man an Edmunds Leben zweifelte, ſtürzte ſie auf ſein Lager, heftete ihren Mund auf ſeine vom Fieber glühende Lippen, und ſchien, ihm Leben einhauchen, oder ſich den Tod einſaugen zu wollen. Edmund genaß allmählig, und Nanni, von ſeiner Krankheit ergriffen, rang nun zwei Mo⸗ nate mit Tod und Leben. Doch auch da war ihr Gebieter ihre einzige Sorge, von ihm fan⸗ taſirte ſie in der Fieberhitze und daß ſie nicht ihn pflegen konnte, ſchien ihr einziger Harm. — 46— So viele Beweiſe treuer, reiner Anhänglich⸗ keit erſchütterten Edmund gewaltſam. Doch noch rang er mit den böſen Geiſtern der Erin⸗ nerung an Nanni's Bajaderen⸗Stand, mit dem Urtheile der Welt und mit der Idee des Werths, den der Mann mit Recht auf volle des Weites ſetzt. 17. Edmund gab eine unvermeidliche Reiſe zu einer alten Tante vor. Er machte Nanni nicht ohne viele Mühe begreiflich, daß ſie dahin ihn unmöglich begleiten könne, verſprach aber in wenigen Tagen zurück zu kommen, und em⸗ pfohl ſie der Obhut ſeines alten Stephans. Ed⸗ mund mußte ihr den Ort, die Entfernung, den Tag, die Stunde, die Minute ſeiner Rückkunft beſtimmen, eh er ſich aus den Armen des ängſt⸗ lichen Geſchöpfs winden konnte. Er reiſte zu der Tante ab. Nach einigen Tagen, die Nanni in Thränen zubrachte, erſchien Stephan mit verſtörtem Geſicht, ihr die Nachricht zu brin⸗ gen: ihr Herr ſey krank geworden. Ohnmäch⸗ tig ſtürzte Nanni nieder. Als ſie zu ſich kam, drang ſie mit ſolchem Ungeſtüm darauf, auf der Stelle, ſey es auch zu Fuß, abzureiſen, daß ihr Stephan endlich nach langen Umſchwei⸗ schieheee — schieheee — fen erklären mußte: ihr Gebieter ſey plotzlich an einem Schlagfluße geſtorben. 18. Bei dieſer Bothſchaft blieb Nanni unbe⸗ weglich. Die Größe des Schmerzes ſchien ſie zur Statue erſtarrt zu haben. Sie weinte nicht, ſie ſprach nicht. Endlich verließ ſie das Zim⸗ mer. Es wurde Nacht und ſie kam nicht zurück. Am Morgen des dritten Tages, mit An⸗ bruch deſſelben, langte ſie zu Fuß auf dem Gute an, wo Edmund ſich befand.— Acht⸗ zehn Meilen war das zarte, wunderbare Ge⸗ ſchöpf, Tag und Nacht, ohne Nahrung fort⸗ gewandert, ihre Füße mit Wunden bedeckt, ihre Kleider zerriſſen, ihr ganzes Aeußeres entſtellt, das Geſpenſt einer Wahnſinnigen. Im Schloße lag noch alles im Schlafe. Sie ſtürmt; man öffnet. Sie fragt nach Ed⸗ mund, nach ihrem Gebieter; zu ſeiner Leiche wollte ſie, auf ſeiner Leiche wollte ſie ſterben, und zitterte nur: ſie möchte begraben ſeyn. Eine alte Magd zeigt ihr Edmunds Zimmer. Er liegt noch; er ſchläft; ſie hält ihn für todt. Sie ſtürzt ſich auf das Lager; ſie umfaßt ihn mit der letzten Lebenskraft. Edmund erwacht.— Er lebt!— Freude, Entſetzen, Ermattung raubten ihr das Bewußt⸗ ſeyn; Edmund bringt ſie endlich zu ſich.— Sein Stephan war hergeritten. Er ſieht; er erfährt alles.— Nanni iſt erwacht; Edmund ſchließt ſie mit der Wuth des Entzückens in ſeine Arme.“ „Nanni!“ ruft er aus:„Du biſt mein! „meine Gemahlin, mein Weib!“ H. ₰ — — — — — — — — — 2— — 22 N 6 „ 3 ſponden; v. Soden's Erzähl. I. Die Hegrath durch Korreſpondenz. (Bahre Anekdott) 4 Ai morgen früh reiſet ihr ſchon ab?“— fragte Grethchen, die Röchin des Fräuleins von R., ihren Geliebten, den Fourier⸗Schützen des Lientenants von F.—, dem ſie in det Dämmerung unter der Hausthüre den Arm um den Näcken geſchlungen hatte. Wit Tages Anbruch, erwiederte Johann, unſere Felleiſen ſind gepackt; in drei Tagen ſind wir bei der Armee. „Und Grethchen, Dein treues Gretchen ver⸗ Beſe Vergeſſen? Soll ich Dir ſchwören?— „Was ſchwören! das iſt ja bei euch ſchon „Gewohnheit. Falſcher! haſt Du wohl, als „Du vorigen Winter mit Deinem Herrn ver⸗ „reiſt warſt, ein einziges mal an mich ge⸗ „ſchrieben? * 4 — 52— Ja, damals wären wi auf Kommando! und ich hatte alle Hände voll zu thun. „Und jetzt? Wirſt Du mir wieder nicht „ſchreiben? 5. Ja, ſieh, liebes Grethchen, ich habe Dich herzlich lieb, und treu bleiben werd ich Dir auch; aber das Schreiben iſt meine Sache nicht. „Freylich! weil Du genug zu thun haſt, „mit andern Mädchen zu toſen. Hol mich— nicht. Aber ſieh: ich bin nur ſo eben durch die Schule gelaufeu, und der Himmel weiß, ob Du mein Gekritzel und meine Spinnenfüße wirſt leſen können. „Sorge nicht!— Was man gerne ließt⸗ „kann man ſchon hexaus bringen; und im Noth⸗ „fall hilft mir mein Fräulein.“ Dein Fräulein? Du wirſt ihr doch wahr⸗ haftig nicht meine Briefe—* 5 „Zeigen? warum denn nicht? Sie weiß, „daß ich Dir gut bin; ich habe vor ihr keiüt „Geheimniß. Sie hat mir eine Ausſtattung „verſprochen, und wurde ſchon ſelbſt mit Dei⸗ „nem Herrn von uns geſprochen haben, wenn „nur dieſer ſich artiger gegen ſie betrüge.“ Wie? ſoll mein Lieutenant etwa noch höſtich gegen ſie ſeyn, da ſie ihm die reiche Erbſchaft vor der Naſe weg nimmt?— 4 1 — — 53— „Johann! Gegen mein Fräulein ſage mir „ja nichts; wenn ich Dich länger lieb haben „ſoll. Was kann denn ſie dafür, daß die „Tante ſie zur Erbin eingeſetzt und Deinen „Lieutenant enterbt hat— weil er ein lockrer „⸗ Zeiſig iſt⸗ Grethchen, wenn Du mir noch ein Wort gegen meinen Lieutenant ſagſt, ſo ſiud wir ge⸗ ſchiedne Leute!— „Nun, iſt es etwa nicht wahr?“ Luſtig iſt mein Herr, das iſt wahr; Aber ehrlich und brav; und Dein Fräulein thäte wohl klug, ihm die Erbſchaft abzutreten. „Denkt doch, Herr Johann!“ Oder ihn zu heurathen— „Hat er ihr ja nicht einmal bei ſeiner „Durchreiſe die Viſite gemacht.—“ Nun! nun! die verlohrne Erbſchaft wurmt ihn freilich noch; und wer wird ihm das ver⸗ denken? Aber horch!— es ſchlägt!— 9 Uhr!— Wahrhaftig! nun muß ich fort, mein Herr wird ſchon zu Hauſe ſeyn.—“ „So warte doch!—“ Nein! nein! Grethchen! Erakt muß man im Dienſte ſeyn.— Lebe wohl! und bleib mir treu! „Ach! und Du?“ Bis in den Tod! „Und Du ſchreibſt?“ Ich ſchreibe— aber Du? „O ich werde Dir gewiß antworten— Ju⸗ „hann! Herzens Johaun! da nimm! dieſe „Handſchuhe habe ich für Dich geſtrickt zum 6 „Abſchied und viele tauſend Thränen.— Mein „Fräulein ruft!— Leb wohl!— Leb tauſend „mal wohl.— Und wann erhalte ich Deinen „erſten Brief?“ In acht Tagen, rief der ſich entfernende Johann noch nach. — Er eilte zu ſeinem Lieutenant und am an⸗ vern Morgen reiſten ſie zur Armse. Grethchen war ein Mädchen aus dem Dorfe, das die Tante der Familie von R.— vermacht und vieſe für ſich erzogen hatte. Johann war aus dem nämlichen Dorfe. Als Kinder hatten ſie ſich geliebt; in dem Städtchen, wo ſein Lieutenant einige Zeit in Garniſon lag und das die Tante im Winter bewohnte, wieder gefun⸗ den, und die alte Liebſchaft erneuert. Freilich ſehr heimlich; denn die alte fromme Tante hatte ihr Reffe, der Lientenant von F.—, durch einige lockere Ingendſtreiche ſehr gegen ſich aufgebracht, ſie hatte ihm ihr Hans ver⸗ boten, Fräulein Amalie, ihre entfernte Ver⸗ wandtin, zu ſich genommen und dieſer ihr gan⸗ zes Vermögen kürzlich hinterlaſſen. 3. Fräulein Malchen kannte zwar ihren Vet⸗ ter gar nicht, indeß hatte ſie doch ſtets ſeine Parthey bei der Tante genommen, und ſie doch auf dem Sterbebette noch zu einem Legat ver⸗ mocht. Davon wußte der Lieutenant nichts. Die Enterbung ſchmerzte ihn; er ſchrieb ſie natür⸗ lich den Einſchmeichlungen des Fräuleins zu, und als er auf dem entfernten Werbpoſten, auf dem er ſich damals befand, durch das Städchen reißte, konnte er es nicht über ſich gewinnen, ſie zu beſuchen; ſondern ließ das Le⸗ gat durch ſeinen Anwald erheben, und war nun im Begriff, weiter zu reiſen. Fräulein Malchen konnte natürlich auch nicht den erſten Schritt thun und ſo blieben denn die beiden Verwandten getrennt, ohne ſich auch nur zu ſehen. Johann war ein braver Burſche, liebte ſein Grethchen redlich und herzlich; aber er war — 6 zung und leichtſinnig. Oft dachte er an Greth⸗ chen, aber ihre Bitte— war vergeſſen! Nach einigen Monaten kam ein Rekrutentransport zum Regiment und darunter ein Vetter von Grethchen, der ſie beim Durchmarſch beſucht* hatte. Grethchen war krank, glanbte ſich von ihrem Johann vergeſſen und— weinte! Nun erwachte Johanns ganze Zärtlichkeit, Schaam und Reue folterten ihn; er wollte ſo⸗ gleich ſchreiben.— Da fiel ihm zum erſten mal ein, daß er ſich in ſeiner Kindheit in der Schule leichtſinnig vernachläßigt hatte. Indeſſen macht er ſich an die Arbeit und ſchrieb: „Gott zum Gruß, herzliebe Grethe, und „Du biſt krank, und ich bin geſund.“ Weiter wollten, aller Anſtrengung ungeach⸗ tet, die Gedanken nicht fließen, und auch dieſe Zeilen waren ſo voll jämmerlicher Krazfüße, daß er ſie ſelbſt nicht mehr zu leſen vermochte. Der Angſtſchweiß brach dem armen Burſchen aus. Er wollte ſo gerne Grethchen beruhigen⸗ und wußte doch nicht, wie er es anfangen ſollte?— Einem Kameraden vder wohl dem Fourier ſich anvertrauen, wollt' er aus Scho⸗ nung für ſeine Geliebts nicht. Er ſann hin und her, und blieb endlich bei dem Entſchluſſe ſtehen, ſeinem Herrn, dem Lientenant, ſein Herz zu öffnen. Der Lieutenant kam ſo eben von der Wache, fröhlich und gut gelaunt. Johann hieng den Kopf, und kleidete ihn ſtumm und traurig an. „Was fehlt Dir, Burſche? biſt Du krank?“ Nein, Herr Lieutenant. „Nun, warum hängſt Du den Kopf? Ich „glaube wahrhaftig, Du biſt verliebt!“— Gelegner hätte dieſe Vermuthung ſeines Herrn dem armen Johann nicht kommen kön⸗ nen. Nun gieng ihm das Herz auf. Er ver⸗ traute dem Lientenant ſein Geheinniß und ſeine Verlegenheit. „Sonderbar genug,“ rief der Lieutenant, „daß Du Dich gerade in das Kamermädchen „meiner ärgſten Feindin verlieben mußt!— „Doch das iſt Deine Sache!— Iſt Dein Mäd⸗ „chen hübſch?“ Ein Engel, Herr Lieutenant! „Nun, nun, unter dem Engel tuts kei⸗ „ner.“ Und herzensgut; gert Lieutenant! „Blond, brünett?“ Schwarze Augen, ſchwarze Haare— „Gut gewachſen?“ Wie ein Fräuleinz ihr Fräulein, wollt' ich ſagen. „Hat ſie auch Verſtand? Zehnmal mehr als ich! „Nun wahrhaftig, Du biſt ein glücklicher „Prinz!— Kennt ſie denn Deine Handſchrift?“ Rein, wir ſchreiben uns zum erſten mal. „Gut! dießmal will ich Dir aus der Noth „helfeu.— Aber was willſt Du denn Deiner „Geliebten ſagen?“ 6. 25 Wer war froher als Johann; hundert mal küßte er ſeinem Herrn die Hand und ſchüttete vor ihm ſein ganzes Herz aus. „Feder, Dinte, Papier!“ Der Lieutenant ſetzte ſich, und ſchrieb fol⸗ genden Brief: „Theures Grethchen! „Mit der innigſten Wehmuth höre ich, Du „biſt krank! Du härmſt Dich über mein Schwei⸗ „gen? Du hältſt mich für unbeſtändig, wohl „für treulos?— Zeige mir erſt ein liebenswür⸗— „digeres Weſen als Du, und dann erlaube ich 4/ „Unruhe würde mich doppelt betrüben, hielt „ſie nicht für eine Folge Deiner Beſcheid ⸗ „heit. Glaubſt Du denn, die Wunden, die „Deine ſchwarzen Angen ſchlugen, heilten ſo Dir, an meiner Treue zu zweifeln. Deine 7 ———————— „ſchnell? Die Feſſeln ans Deinen ſchönen Haa⸗ „ren gewunden, ſeyen ſo ſchnell gelößt?— Laß „Dir ſelbſt mehr Gerechtigkeit widerfahren. „Rein, theures Grethchen! Ich liebe Dich zärt⸗ „lich, ich bete Dich an; ich werde Dich ewig „lieben. An Deiner Treue habe ich noch kei⸗ „nen Arngenblick gezweifelt.— Siehſt Du, daß „wir Männer gerechter und aufrichtiger ſind, „als ihr?— Härme Dich nicht, mein thenres „Mädchen! und ſorge für Deine Geſundheit.— „Iſt der Feldzug zu Ende, ſo kommen wir „wieder, oder mein guter Herr giebt mir Ur⸗ „laub und ich fliege in Deine Arme. Doch „was iſt Abweſenheit und Zeit für Liebende? „Selbſt das Grab kann ſie ja nicht ſcheiden. „Autworte mir bald, glaube, daß ich auch jeu⸗ „ſeits des Grabes noch ſeyn werde„ „Dein treuer Johann „Stumpffuß.“ Der Lieutenant las dieſen Brief Johann vor, und dieſer war darüber entzückt. Es fiel ihm nicht ein, daß Grethchen ihn wohl über ſeinen Horizont finden möchte. Er konnte die ſchönen Sachen, die ſein Lientenant ihm ſagen ließ, nicht t genug bewundern. Die Ge⸗ fühle waren in ſeinem Herzen. Ihm erſchien alſo der wohlſtyliſirte Brief ganz aus der Seele geſchrieben, und er begriff nicht, warum er das alles nicht ſelbſt hätte aufſetzen können Der Brief gieng ab, und kam richtig an ⸗ Man denke ſich Grethchens Entzücken. Anfangs ſtutzte ſie freilich über die koſtbaren Sachen und vornehmen Ausdrücke des Briefs, die dem zwar guten, aber ſchlichten und ungebilde⸗ tem Johann ſo wenig paßten. Aber bald be⸗ ruhigte ſie ſich vurch die Idee, daß die Liebe wohl beredt machen könne; durch die Eitel⸗ keit, einen ſo geſcheiden Burſchen gefeſſelt zu haben; durch den Gedanken: daß ſo mancher ſeine Gedanken zierlicher in Schriften, als mündlich ausdrücken könne. Man glaubt ſe gerne was man wünſcht!—* . Mit Einem Worte, in der Freude ihres Herzens, lief ſie zu ihrem Fräulein, vor der ihre alte Liebe zu Johann kein Geheimniß war, die ſelbſt an ihrer Unruhe über Johanns Schwei⸗ gen freundlichen Antheil genommen hatte zeigte ihr frohlockend den Brief des Geliebten. Fräulein Malchen erſtaunte allerdings über veſſen Inhalt. Zwar kannte ſie Johann nichtz „ aber dieſer Inhalt ſtimmte doch ſo wenig zu einem Bauernſohn, der, kaum durch die Schule gelaufen, zum Soldaten— der Fourierſchütz war. Indeß war ſie zu gutherzig, um ihr Greth⸗ chen in ihrer Freude auch nur durch laute Zwei⸗ fel zu ſtöhren und wünſchte ihr alſo zu ei⸗ nem, zugleich ſo zärtlichen und verſtändigen, Liebhaber Glück. Grethchen ſteckte den Brief in ihr Bnſen⸗ tuch; und er gieng mit ihr zu Bette; wt die Frenss ließ ſie menig ſchlafen. 9. Als am andern Abend Fräulein Malchen von der Geſellſchaft zu Hauſe kam, fand ſie das arme Grethchen an ihrem Nähetiſche mit der Feder in der Hand— in Thränen. „Was fehlt Dir?“ Grethchen ſtürzte ſich auf die Hund ihrer Gebietherin und benetzte ſie gem mit heißen Zähren. Nach mannichfaltigen Fragen es end⸗ lich zum Vorſchein, daß Grethchen verge⸗ bens verſucht hatte, den Brief ihres Geliebten auf irgend eine paſſende Weiſe zu beantwor⸗ ten.— Es wollte durchaus nicht gelingen und — 5 Grethchen, die doch vor ihrem Johann nicht albern erſcheinen wollte, die von ſeiner Liebe, ſo wie von ſeinem Verſtande entzückt war, die jene Liebe zu verlieren, oder doch zu min⸗ vern fürchtete— war in Verzweiflung. Zehn augefangene Konzepte lagen zerriſſen um ihr Nähpult her. i Fräulein Malchen lächelte; erinnerte ſie gut⸗ mühig an ihre öfteren Ermahnungen, in den müßigen Stunden zu leſen, ſich im Schreiben zu üben und ihren Geiſt auszubilden,— die das gute aber leichtſinnige Mädchen überhört hatte, und verſprach, ihr für diesmal aus der Noth zu helfen. 10. Grethchen war außer ſich für Freude und Dankbarkeit, und Fräulein Malchen diktirte ihr folgende Antwort: „Lieber Johann!“ „Ja, ich war krank. Ja, ich habe mich ge⸗ „härmt, über Dein Schweigen gehärmt.— „Zwar ich weiß es, es iſt gefährlich, den Män⸗ „nern wiſſen zu laſſen, wie ſehr ſie geliebt „werden, ich weiß, wie leicht ſie unſre Schwä⸗ „che mißbrauchen. Doch ich will lieber un⸗ „glücklich, als falſch ſeyn.“ 3 „Das Vertrauen auf Deine Redlichkeit iſt „es, das mich beruhigt; nicht die Schmeiche⸗ „leien, womit du mich beſtechen willſt. Wä⸗ „ren meine Angen anch wirklich ſo gefährlich, „als Du ſie ſchilderſt, weiß ich denn nicht, „daß es mehr ſchöne ſchwarze Augen giebt? „und daß ihr Männer oft ſchwarzen Augen „für blaue untren werdet, einzig deswegen, „weil ſie blau ſind.— Und vollends die „Feſſeln! Ach! wir armen Mädchen wiſſen „wohl, daß alle unſre Feſſeln nur ſeidne Fä⸗ „den ſind, die wir noch überdieß recht ſachte „und vorſichtig anziehen müſſen, wenn die „geſtrengen Herren der Schöpfung ſie nicht „zerreißen und uns entſchlüpfe ſollen!— „Sage mir recht oft, da Du mich liebſt; vnüt das Wort ewig uſuri Ach! das „hat einen ſo üblen Ruf!— Ewig werd' ich „Dich nicht lieben; wohl aber werd' ich es, „ſo lange Du brav, rechtſchaffen und mir tren „biſt. Ich weiß wohl, daß dieß einem Mäd⸗ „chen, die mit ihrer Gebietherin einſam und „abgeſchieden lebt, leichter fällt, als dem in „der Welt ſich bewegendem Manne, beſonders „dem Soldaten. Aber deſto größeren Anſpruch „haben wir armen Mädchen auf eure Redlich⸗ „keit. Es iſt ja ſo leicht, uns zu täuſchen!— „Trennung, Abweſenheit iſt für euch Män⸗ „ner, die ihr in den Zerſtreuungen der Welt, im „ewigen bunten Wechſel lebt, nichts; aber für „uns— die wir ſtets mit unſerer Fantaſie allein „am Nährahmen ſitzen— für uns iſt ſie ſchmerz⸗ „lich. Doch ich will ruhig ſie ertragen; wenn „Du, Geliebter, nur recht oft an mich denkſt, „und recht oft und zwar eben ſo ſchöne Briefe „an mich ſchreibſt. Ich zähle bis zu Deinem „nächſten alle Minuten⸗ Dieß iſt wohl genug, „um Dich zu überzeugen, wie zärtlich Dich liebt „Deine treue Margarethe „Strohkopf.“ Zwanzig mal hatte Grethchen ſich während des Schreibens erhoben, um von ihrer Gebie⸗ therin zu erforſchen: was denn eigentlich das oder jenes bedeuten ſolle? Fräulein Malchen verſtändigte ſie aufs beſte, und ſo war denn Grethchen außer ſich für Frende, als ſie den ſchönen Brief mit ihrer Namensunterſchrift fer⸗ tig ſah, und bildete ſich ſo gut als Johann ein, es ſey eigentlich das alles wohl in ihr gele⸗ gen, und habe ihr nur an der Uebung gefehlt, es von ſich zu geben. Sie dankte ihrer Gebie⸗ therin mit größter Rührung, verſprach, künftig ihreu Ermahnungen zu folgen, und erbat ſich ſogleich einige Bücher zur nächſten Sonntags⸗ Lektüre. 12. Johann erhielt den Brief. Unbegränzt war ſein Erſtaunen. Zwar hatte er das von dem Fräulein erzogene Grethchen immer für klüger, als ſich gehalten, aber dieſer Brief übertraf doch ſeine Erwartung weit. Er flog damit zum Lientenant auf die Wache. Der Lieutenant theilte das Erſtaunen ſeines Dieners. Zwar hatte er von Johann gehört, daß ſeine Kouſine Grethchen erzogen habe; aber dieſen unge⸗ wöhnlichen Grad von Bildung, den der Brief verrieth, hatte er nicht erwartet. Indeß, es war Grethchens Hand, die Johann kannte; die Liebe kann Wunder wirken! Unbegreiflich blieb es nur dem Lientenant, wie ſich ein Mädchen von dieſer Geiſtes⸗Bil⸗ dung in einen— Johann verlieben könne!— Doch er kannte die Weiber. Johann war ein hübſcher, ſchlanker Burſche; er wußte, was das vermag; die Antwort war paſſend, und ſeine Zweifel über Aechtheit verſchwanden, um einer ganz andern Empfindung Platz zu machen. v. Soden's Erzaͤhl. H. 5 Lieutenant v. F.— war jung, feurig, em⸗ pfänglich. Das Bild, welches ihm Johann von den Augen, der Geſtalt u. ſ. w. ſeines Greth⸗ chens entwarf, hatte ihn ſchon intereſſirt. Dieſer Brief vollendete die Eroberung. Ein ſo reizen⸗ des, ſo geiſtvolles Mädchen!— Kurz der Lieutenant ward ernſtlich verliebt und der Ne⸗ benbuhler ſeines Johann.„ Entfernen durfte er ſich jetzt 6 vom Re⸗ gimente. Johann war natürlich über die Be⸗ antwortung dieſes Briefs noch mehr als vorher verlegen. Der Lientenant kam ihm wieder zu Hülfe, benutzte dieß, um Grethchen immer, in Johanns Namen, die ſchmeichelhafteſten und zärtlichſten Sachen zu ſagen, und erhielt von Fräulein Malchen in Grethchens Namen eben ſo zärtliche Antworten. 14. Ohngefähr 3 Monate wurde dieſe Korreſpon⸗ denz regelmäßig fortgeſetzt. Die Abſicht des Lieutenants war, nach Endigung des Feldzugs, das reizende, geiſtvolle Grethchen aufzuſuchen, die Täuſchung zu entdecken, ſich als den wah⸗ ren Korreſpondenten zu nennen und— Begünſtigung dieſes Umſtands— ihr Herz erobern!— Denn, daß ſie ihn ſeinem S vorziehen würde, bezweifelte er nicht; und die⸗ ſen hofte er für Grethchens Veſt anderweit zu entſchädigen. 5. Der Feldzug endete. Der Lieutenant nahm Urlaub; ließ aber unter allerlei Vorwand ſeinen Johann noch beym Regiment zurück und eilte auf das Städtchen zu, wo die geliebte Korre⸗ ſpondentin wohnte. Er begriff wohl, daß, um ſeinen Plan zu verfolgen, um Grethchen zu ſehen, er ſich mit ſeiner Feindin mindeſtens zum Schein ausſöhnen, und dieſe beſuchen müſſe. Die Leidenſchaft die er für jenes Mädchen gefaßt hatte überwand ſeinen Widerwillen. Da es ihm, nach einer ſo langen Vernachläßigung, an Vorwand zum Be⸗ ſuche fehlte, ſo wählte er vor der Hand den: für ſeinen Johann um Grethchen anzuhalten. In der Folge ſollten dann erſt ſeine Entwürfe ſich entwickeln. 16. Der Lieutenant ließ ſich durch einen fremden Bedienten bey dem Fräulein melden. Grethchen trauerte über die getäuſchte Hoffnung des Wie⸗ derſehens ihres Geliebten, und verſchloß ſich in ihre Kammer.— Der Lieutenant ward ange⸗ nommen und erſchien. Wie erſtaunte er, in ſeiner Feindin ein hol⸗ des, höchſt intereſſantes, ſchlankes Mädchen, mit ſchwarzen Augen und ſchönen ſchwarzen Haaren zu finden!— Die von Prozeſſen unzertrennliche widrige Empfindung, von Advokaten und übel⸗ geſinnten Verwaltern und Sachwaltern ge⸗ nährt, hatte ihm ſeine Kouſine ſtets nur in tiefem Schatten gezeigt. Der Lieutenant ſtammelte einige Entſchuldi⸗ gungen über ſein bisheriges Benehmen; und Amalie riß ihn durch die freundlichſten und herz⸗ lichſten Aeuſſerungen aus ſeiner Verlegenheit. Schon war des Lieutenants Neigung für Greth⸗ chen etwas erſchüttert; doch die Neugier ſiegte. Er brachte alſo die Anwerbung für ſeinen Jo⸗ hann vor, konnte aber nicht umhin, bei dieſer Gelegenheit, ſich in Lobſprüchen über den ſelte⸗ nen Geiſt eines ſolchen Mädchens zu ergießen, 69 ſein Erſtauuen darüber zu bezeichnen, und zu⸗ gleich dem Fräulein über deren Erziehung ein Kompliment zu machen. Amalie erkundigte ſich: woher denn ihr Vetter mit Grethchens Bildung bekannt ſey? und erfuhr nun das Geheimniß der Korreſpondenz! Lächelnd gab das Fräulein nun ihrem Vetter 2 das Kompliment zurück und bezeichnete ihr Erſtaunen, daß es ihm gelungen ſey, einen Bauerjungen bis auf dieſen Grad von Bildung zu heben, den ſeine Briefe an Grethchen ver⸗ riethenz als deren Vertraute ſie ſich bekannte.— Von Erklärung zu Erklärung brach denn endlich das volle Licht hervor. 17. Amalie und der Lieutenant gewahrten, daß ſie es waren, die unter Johanns und Grethchens Namen bisher die zärtliche Korreſpondenz ge⸗ führt hatten. Leicht war nun die Bahn zu Ver⸗ bindung ihrer Herzen. Des Lieutenants leichtſinnige Neigung für Grethchen wandelte ſich ſchnell in die zarteſte und reinſte Liebe für ſeine ſchöne Feindin. Er ſank zu ihren Füßen; er flehte um Verzeihung und Liebe— und ward erhört! 18. Nun wurde Grethchen gerufen. Ihre roth⸗ geweinten Augen erhielten neuen Glanz. Der treue Fourierſchütz wurde ſchleunig vom Regi⸗ ment gerufen und die zwey glückliche korreſpon⸗ dirende Paare feyerten an Einem Tage ihre Verbindung! — S Die Staffette. —— 1. Es⸗ war ein ſchöner Sommerabend.— Die Zeit der Sieſte vorüber; die Sonne ſank ſo eben hinab und Leben und Bewegung kehrte zu⸗ rück; da durchirrte Antonio am Arme ſeines Freunds Ludoviko, von Sehnſucht und Schwer⸗ muth getrieben, die Straßen von Verona. Nahe am Marktplatz weckten die ſanften Ak⸗ korde einer Laute, Antonion aus ſeiner Be⸗ täubung.— Irgend ein mit ſeinen Empfin⸗ dungen verſchwiſterter Ton heftete ihn; er blickt auf. Eine weibliche Geſtalt, halb hinter einer Reihe Vaſen mit Roſen und Orangen⸗ Bäumchen verſteckt, wankt zwiſchen den vom Weſte leicht bewegten Blüthen und Blättern. Es war die Lauten⸗Spielerin. 2. Horch! ruft er leiſe ſeinem Freunde zu. —m————— Sie bleiben ſtehen; die Dame bemerkt es, ſie ſteht auf, ſie legt die Laute hinweg, ſie ſcheint die Vaſen zu ordnen; eine ſchlanke Fi⸗ gur in weißen For hüu biegt ſich über die Altane. Bei Gott! ein Engel!— ruft Ludoviko un⸗ willkührlich aus— und die Dame verſchwindet. Du haſt ihn verſcheucht! erwiederte Antonio lächelnd; und wenn ich gleich Deine Entzückung nicht theile, ſo möcht ich doch mit Dir grollen, daß Du mich um die Muſik gebracht haſt, denn die Dame ſpielte mit Empfindung, und ich wette, ſie liebt! „Sie liebt, glaubſt Du?“ rief Ludoviko beſtürzt. Oder ſehnt ſich nach Liebe! Aber wahrlich, Ludoviko! Ich weiß nicht was ich von Dir denken ſoll. Wie? hätte der elektriſche Schlag, auf den ich vergebens harre,— ſo oft das Ziel Deines Spottes— hätte er meinen ern⸗ ſten philoſophiſchen Freund getroffen? „Noch glaube ich nicht an ihn; aber, mit „Schaam bekenn' ich Dir's, ſtark iſt der Ein⸗ „druck, den dieſes reizende Weſen auf mich „gemacht hat. Auch dauernd? — „Ich fürcht' es!— doch, wie dem ſey, ich. „muß wiſſen wer ſie iſt. Ich muß ſie kennen „lernen.“ Dieß wird nicht ſchwer halten, erwiederte Antonio; denn, wie ich ſehe, iſt ein Limonadier in dieſem Hauſe. Gehen wir hinein! Sie gehen hinein. 3. Schon hatten ſich mannichfaltige Gruppen dort verſammelt. Ludoviko ſucht den Hauswirth auf; er unterhält ſich mit ihm; die Frage nach der reizenden Unbekannten ſchwebt auf ſeinen Lippen; in dieſem Augenblicke geht ſie ſelbſt durch das Zimmer. Dieſer Anblick giebt ihm Muth.— Wer iſt dieſe Dame? ſtößt er haſtig heraus.—„Die „Nichte meiner Frau,“ erwiederte der luſtige Wirth.—„Ein gutes Kind; ſeit 6. Mona⸗ „then bei uns, um von einer Schwermuth ſich „zu heilen, die ſie bei ihrer Mutter auf dem „Lande überfiel. Aber alle unſre Luſtigkeit iſt „bei ihr verlohren. Sie verſchließt ſich, und „bleibt einſam mitten unter dem Lärm unſrer „Wirthſchaft.“ Und ihr Name?— Serafine. Ludovikos⸗Blicke ſuchten ſie ängſtlich unter der Menge und fanden ſie endlich an einem Nebentiſche an Antonios Seite. Er zittert für Ungedult, Beſorgniß und Freude.— Kaum wagt er's, ſich zu nahen; aber Antonio ruft ihn zu ſich. Wo bliebſt Du? Ich erwartete Dich längſt. Hier, Signora! ſtell ich Ihnen meinen Freund Ludoviko vor. Er iſt es, den ihr Anblick ge⸗ waltſam erſchütterte— und er iſt ein Philo⸗ ſoph! „Ich bekenne“— ſtammelte Luboviko— „ich bekenne, daß der Zauber der Muſik—“ Glauben Sie ihm nicht! ſchöne Serafine! dieſes blaue Auge allein zog ihn an. Sanfter Karmin verklärte des Mädchens blaßes Geſicht; ſie ſchlug die Augen nieder und ſchien auf ein Mittel zu ſinnen, ſich und Ludoviko neue Verlegenheit zu erſparen. Aber Anto⸗ nio, der Unbefangene, kam ihr zu Hülfe. Er lenkte das Geſpräch auf Serafinas Laute. Er geſtund ihr den Eindruck, den ihre Muſik auf ſeine kranke Seele gemacht habe.— In der Folge des Geſprächs entwickelte er die Natur ſeiner Krankheit, ſeines Bangens und Sehnens und Strebens nach einem unbekannten, aber ₰+ ₰+ mit ſichern Umriſſen gezeichneten Ideal, mit aller 77 — Gluth ſeiner brennenden Phantaſey. Serafine horchte mit geſenktem Blicke; die leichten Roſen ihrer Wangen erhöhten ſich all⸗ und als er an das furcht⸗ mählig zum Purpur, bare Gemählde der Nächte kam; d es Erwa⸗ chens nach einem täuſchenden Traume; der höch⸗ ſten Pein eines liebeleeren, liebeſehnenden Her⸗ zens, bewegten ſi ſie ſchlug ihre holden Augen auf, Hand zu faſſen; gewaltſame Regung ih in ein Seitenkabinet. 5. ch unwillkührlich ihre Lippen; heftete den ſchwimmenden Blick unbeweglich auf Antonio's Mund und verſchlang ſeine Worte. zitterte ſie ſichtbar; der zurückgeſchlagene Schleyer ſiel herab; kaum hatte ſie die Macht, Antonios ein leiſer Druck verrieth die Am Ende res Innern; ſie ſchwankte Ludoviko ſtand indeß unbeweglich.— Ver⸗ zerriſſen von allem was er hörte und ſah.— Er ſchien Serafinas Entfernung gar nicht zu bemerken. Antonio betrachtete ihn wehmüthig. lohren in Serafinas Anſchauen; Laß uns gehen! ſagte er darauf i tem Tone und Ludoviko folgte ihm maſchinen⸗ mäßig. n beſtimm⸗ S 0 — 78— Auf der Straße ſiel ihm Antonio um den Hals.— Wie iſt Dir, Lieber? „Antonio! Antonio! Was haſt Du ge⸗ than!“— rief Ludoviko auſſer ſich und ent⸗ wand ſich ſeinen Armen. Ja, ſie iſt Deiner Liebe werth! Ja ſie iſt ein Engel!— „Und Du?“ Dein Freund!— Serafine ſoll Dich kennen lernen. Sey ruhig! überlaß mir die Sorge. „Hal iſt das wohl der Weg, mir ihr Derz „zu ſichern?“ Er iſts! durch mich ſoll Serafine erfahren. „Bekenne mirs, Du liebſt ſie ſelbſt. Wo⸗ „her ſonſt der Muth, bei der erſten Unterre⸗ „dung ihr die Pein der Herzens⸗Oede zu ſchil⸗ „dern? Dieſe Kraft, ſie zu erſchüttern?“ Gerade, weil ich ſie nicht liebe.— Ja, Serafine iſt ein Engel, an Sanftheit, an hol⸗ dem, kindlichem Sinne; aber dieſes ſtürmiſche ſche Herz bedarf Sturm. Mein Ideal iſt keine Heilige, iſt ein verklärter Dämon.— Sey ruhig und vertraue mir! 6. Ludoviko ſank an Antonios Hals und ihre Thränen miſchten ſich. 3 ——— Antonio gieng nun täglich in Serafinas Haus. Oft an Ludovikos Seite, des liebenden, ſchüchternen, beſcheidenen.— Stets ſprach er mit ihr von Ludovikos Tugenden, von Ludo⸗ vikos Liebe. Schweigend hörte ihm das ſitt⸗ ſame Mädchen zu und bat nur beym Abſchied um ſeine baldige Wiederkunft. Antonio konnte ſich nicht länger verber⸗ gen, daß er geliebt wurde.— Er bebte bei dieſer Entdeckung. Ludoviko war ſein Buſen⸗ freund; ſeine ganze Glückſeeligkeit ſtand auf dem Spiele. Ludoviko war nicht reich; Sera⸗ fine hatte eine für ihren Stand beträchtliche Erbſchaft zu hoffen. An dieſer Verbindung lag ſeine irrdiſche Wohlfahrt. Antonio liebte Serafine nicht leidenſchaftlich; aber ihre Sanft⸗ heit, ihre Anmuth, ihre Liebe für ihn, began⸗ nen ſein Herz in leichte Wellen zu ſetzen; Se⸗ rafine ihm unentbehrlich zu werden.— Ent⸗ ſetzen ergriff ihn bei der Idee, ſeinem Freunde, als Verräther, als Meuchelmörder zu erſchei⸗ nen.— Er beſchloß, ſich gewaltſam aus dieſer Lage zu reißen, die ohnehin ſeinem Freunde nicht länger verborgen bleiben konnte, dem allmählig immer ängſtlicher, verſchloßner und ſchener werdenden. Er überraſchte Serafine in Thränen. Ver⸗ gebens forſchte er nach der Urſache.— End⸗ lich wagte er es, im Namen ſeines Freundes, förmlich um ihre Hand zu werben. Mit Feuer malt er alle ſeine Tugenden und das häusliche Glück, das in ſeinen Armen ſie erwartet. Serafine hört ihn ſprachlos an. Sie ſcheint zu erliegen unter dem Kampfe ihres In⸗ nern. Mit gerungenen Armen fleht ſie ihn end⸗ lich, im ſanfteſtem, wehmüthigſtem Tone, ſich zu entfernen.— Das war ihre einzige Ant⸗ wort! 8. raurend verläßt ſie Antonio; er wagt es nicht, jetzt ſeinen Freund aufzuſuchen. Er ſtrebt, den Geſpenſtern zu entfliehen, die ihn neckend verfolgen und in gänzlicher Fühlloſig⸗ keit, Troſt und Ruhe zu finden.— Er wirft ſich auf ſein einſames Lager.. DPie Nacht ereilt ihn ſchlafloß.— Plötzlich vffnet ſich die Thüre. Beym zitternden Schein der verlöſchenden Lampe erblickt er eine weib⸗ liche Geſtalt. Erſchrocken richtet er ſich auf. Sie wankt herbey;— es iſt Serafine! Sie ſind. Serafine! und in dieſer Stunde! „Ich bin es! ja, Antonio! die unglückliche „Serafine kommt— auf ewig Ihnen Lebewohl „zu ſagen!— Vergebens verbärg ichs. An⸗ „tonio, ich liebe Dich! Dich! ich bete Dich „an! Und Du ſtößeſt ein Herz zurück, in dem „Dein Bild herrſcht, ewig herrſchen wird. „Täuſche mich nicht, Du liebſt mich nicht! „Du wirbſt für einen andern.— Ja, ich „weis, was ich wage; fühle, daß ich nichts „mehr auf dieſer Erde zu verlieren habe.— „Mein Ruf, meine Ehre iſt Dir aufgeopfert, „nur mein Daſeyn iſt mir noch übrig. Es iſt „mir verhaßt, ohne Dein Herz.— Ich werde „es enden!“ Erſchöpft vom gewaltſanen Kampfe ſinkt ſie ohnmächtig an ſeiner Seite nieder. Leblos lag nun das holde Geſchöpf in ſeinen Arfen. Die letzte Flamme der Lampe beleuchtete noch zitternd ihre Reize.— Antonio war ein Jüng⸗ ling, in voller Lebenskraft; er war geliebt! Er faßte ſie in ſeine Arme; ſeine glühende Küße riefen ſie in's Leben zurück; ſie wurden erwiedert. Ein Strom von Thränen netzte ſein Geſicht. Ihr Buſen, von ihm unwillkührlich v. Soden's Erzähl. II. 6 entſchleyert, drängte ſich gewaltſam an ſein Herz Antonio faßte alle Kraft ſeiner Seele zuſam⸗ men— er blieb der Tugend treu! 10. Mit der rührendſten Beredſamkeit beſchwört er das bebende Mädchen, ſich zu beruhigen. Er ſchwört ihr: ſie ſey ihm unausſprechlich thener, aber er ſchildert ihr auch den furcht⸗ baren Kampf, der Pflicht, der Tugend und Freundſchaft.— Serafine hört nur die Ver⸗ 5 ſichrung ſeiner Liebe, fühlt nur ſeine Flammen⸗ 8 küße. Endlich gelingt es ihm, den ſchlafenden Engel der Sittſamkeit aufzuwecken. Serafine reißt ſich ſelbſt aus ſeinen Armen; ſie erröthet vor ſich ſelbſt. Freundlich und weiſe verweißt ſie Antonio auf Zukunft und Zeit, den allge⸗ meinen Arzt. Er gelobt ihr heilige Verſchwiegenheit. Er bittet nur noch um Schynung für ſeinen unglück⸗ lichen Freund.— So gelang es ihm endlich, das gute Mädchen unbemerkt wieder nach Hanſe zu geleiten. Auf dem Wege ſank ſie wohl zehn⸗ mal von neuem an ſeinen Hals und:„Antonio! „Du liebſt mich? Du liebſt mich wiklich?“— war alles, was er von ihr erlangen konnte. „ 63 11. 2 Antonio kehrt zurück. Mitten in der Nacht die ihn umgiebt, leuchtet ihm wohlthätig der Sieg, den er über ſich ſelbſt errungen hatte, in der ſeeligſten und zugleich furchtbarſten Stunde ſeines Lebens! Soll er dieſe Scene Ludoviko'n verbergen? Sein Innres empört ſich gegen die Heuchlers⸗ rolle.— Soll er ſie ihm entdecken? Die Skor⸗ pionen des Zweifels, der Unruhe, des Arg⸗ wohns an ſeinen Buſen legen? Soll er die letzte Hoffnung ſeines Freundes: den Glauben, an ſeine Rechtſchaffenheit, entwurzeln? und wird dieſer Glaube ſtark genug ſeyn, eine ſolche Probe auszuhalten? Wahrheit! Wahrheit! tönt es in ſei⸗ nem Innerſten wieder. Der reine Sinn ſeiner Empfindung gewinnt die Oberhand. Er entdeckt ſeinem Freunde alles. Mit geſenktem Blickte, ſchweigend, hört dieſer ihn an. Was Ludoviko dachte, empfand„ ahnete, fürchtete? Er drückt Antonios Hand, ohne die Augen aufzuſchlagen,— und verläßt ihn. 12. Von dieſem Augenblice ſahen ſie ſich zu den gewöhnlichen Stunden; aber nicht öfter, nie 2 — ————— -——=— ————————— bei Serafinen. Nie erwähnter er jene Seene, nie ſeiner Geliebten. Bisweilen überraſcht An⸗ tonio ſeinen Freund auf einſamen Spaziergän⸗ gen am ufer des Adige, mit irren Blicken in den Strom hinabſchauend.— Auf einem dieſer Spaziergänge verläßt ihn Ludoviko plötzlich.— Indem Antonio darüber nachdenkt und ihm nach⸗ eilen will, bemerkt er ein Papier das ſeinem Freunde entfiel, als er ſein Sacktuch zog, um ſeine Thränen zu trocknen. Er hebt es auf; er ließt. Der Seelenzuſtand ſeines Freundes wird ihm klar; er ſieht ihn, langſam aber ſicher zum nahen Grabe reifen. Er gelobt der Freund⸗ ſchaft: dieſe Lage zu enden, oder zu ſterben! 13. Er eilt zu Seraſinen; er findet ſie, wie immer, bei ihrer Laute und in Thränen. Er ſtürzt zu ihren Füßen. „Serafine!— ruft er aus,— Du giebſt „Ludoviko die Hand, oder mir den Tod!“ Das unglückliche Mädchen bebt zurück. Antonio liegt vor ihr mit gerungenen Ar⸗ men; er ſchluchzt laut. n Ihr giebt Verzweiflung Stärke; ihr ſonſt ſo ſanftes, mildes Auge ſtrahlt, ihre Wangen glühen. * — Du n kannſt dies fodern? Du federſt es?“ ruft ſie mit einem Tone, in den alle Leiden ihrer zarten Seele, alle Schmerzen ihres Kampfes zuſammengepreßt waren. „Auf Deinen Wink wäre ich in's Grab „geſtiegen.— Ich gehorche!“ Antonio ſpringt auf, er fliegt an ihren Hals; ſie entwindet ſich. „Ich bin Ludoviko's Braut!“ ruft ſie ihm zu und entfernt ſich mit verhülltem Geſichte. 14. Antonio ſucht ſeinem Freund auf; er ver⸗ kündet ihm ſein Glück.— Ludoviko hört ihn an, ohne ſichtbare Regung der Freude; doch drückt er ihn an ſeine Bruſt. Antonio führt ihn zu Serafinen. Sie gelobt ihm Freundſchaft, Achtung. Er wird den Verwandten vorgeſtellt, ſie willigen ein. Serafine ſelbſt beſchleunigt den Tag der Trauung. Er erſcheint.— Antoniv führte ſie zum Trau⸗ altare. Prunklos war ihr weißes Brautgewand. Bedeutend hieng ein Cypreſſenkranz in ihren herabwallenden Locken. Nie hatte ſie Antoniv reizender geſehen. Am Eingang der Kirche ſinkt ſie leblos in Antonios Arme.— Man bringt ſie zu ſich.— „Wir ſehen uns nie, nie wieder!“ flüſtert ſie Men.——— Antonion ins Ohr— und mit feſter Stimme ſpricht ſie dann das furchtbare Ja! aus, das ewig bindende. Ludoviko bleibt düſter und verſchloſſen. Antonio verliert ſich unter der Menge der Zuſchauer; er ſtürzt mehr todt als lebend in ſeinen bereiten Wagen. Er eilt nach Venedig. 15. Nach 24 Stunden ereilt ihn dort eine Staf⸗ fete.— Die Aufſchrift war von Ludovikos Hand. Er fürchtet alles; Serafinas Todt iſt ihm Gewißheit. Zitternd erbricht er den Brief: Er ließt: Am Morgen nach unſerer Brautnacht! „Antonio! Du haſt einen Engel an meinen „Buſen gelegt! den Engel der Unſchuld und „Reinheit!— O vergieb, Edler! Verkannter! „vergieb Deinem ungerechten Freunde! Eile, „fliege in die Arme Deines überſchwenglich „glücklichen Ludoviko!“ Eine Flammenthräne ſiel auf dieſe Zeilen. Antonio wirft ſich in ſeinen Wagen und eilt nach Neapel, von da nach Palermo— von da nach Spanien und weiter. ———— V. Htto der Heili Geſchichtliche Erzählung. g. Otto der Heilige. Geſchichtliche Erzählung. 1. Mehrere philoſophiſche Schriftſteller haben ſchon den Wunſch geäuſſert die Legenden, oder die Geſchichten der Heiligen der Röm. Kirche mit kritiſchem Geiſte bearbeitet zu ſehen, und allerdings würde dieß einen höchſt intereſſanten Beitrag zur Geſchichte der Menſchheit und des menſchlichen Geiſtes liefern. Der Verſuch einer Geſchichtlichen Erzählung von dem Leben des Heiligen Otto möchte alſo nicht unwillkommen ſeyn; deſſen Gebeine zu Bamberg auf dem Michaels⸗ Berge verwahrt werden. 2.* Otto war einer der größten und außeror⸗ dentlichſten Menſchen ſeiner Zeit. Die Kraft — 90— ſeiner Seele, ſein Muth, ſeine unerſchütterliche Beharrlichkeit, ſein glühender Enthuſiasmus für Menſchenwohl und Wahrheit, die Milde ſeiner Sitten machen ihn der Verehrung aller Reli⸗ gions⸗Parteyen werth. Ihm hat ein großer Theil des nördlichen Deutſchlands die erſten Schritte zur Civiliſation zu danken; er verdient alſo unter den Wohlthätern der Menſchheit zu glänzen. Wir heben daher hier vorzüglich ſeine Züge zu Bekehrung der Pommern 1c. aus. 3. Otto war der zweitgeborne Sohn des Gra⸗ en Berthold von Andachs. Er widmete ſich den Wiſſenſchaften mit ausgezeichnetem Eifer. Nach dem Tode ſeiner Aeltern begab er ſich nach Pohlen zu dem Herzog Boleslaus. Kenntniß der Landesſprache, die er in kurzer Zeit erlernte, und Gelehrſamkeit erwarben ihm des Herzogs Gunſt in hohem Grade. Er zog ihn in den wichtigſten Staats⸗Angelegenheiten zu Rath und ſandte ihn endlich an den Kaiſer Heinrich den uten, um für ihn um deſſen Schwe⸗ ſter Judith anzuhalten. Otto vollzog dieſen Auftrag mit Gewandtheit und Glück. —.— ,— 4. So eben im Jahre 1102. ſtarb der 7te Bi⸗ ſchoff von Bamberg Rupprecht. Die Geiſtlichkeit und das Volk ſchickten, nach damaliger Sitte, Geſandte an den Kaiſer, um ihnen einen nenen Biſchoff zu geben. Kaiſer Heinrich ergriff un⸗ ſern Otto in Gegenwart der Geſandten bei der Hand und ſagte: Hier iſt euer Herr und Bi⸗ ſchoff von Bamberg! Vergebens warf ſich Otto zu ſeinen Füßen und verbat dieſe Ernennung, ſo wie er vorher die zu den Bisthümern Augsburg und Halber⸗ ſtadt ausgeſchlagen hatte. 5. Otto trat die Regierung an. Wir über⸗ gehen die Erzählung der von ihm gebauten Kirchen und geſtifteten Klöſter und bemerken nur noch, daß er im Jahre 1112., gelegenheit⸗ lich eines Vorfalls zu Pottenſtein, wohin er die vergrabenen Gebeine einiger Heiligen ver⸗ ſetzen laſſen wollte, in eine ſchwere Krankheit fiel und ſich dem Mönchsſtande widmen wollte.“ Der einſichtsvolle Abt Wolfram zu Michaels⸗ berg hielt ihn davon ab. Im Jahre 1123. fiel Boleslaus, Herzog von Pohlen in Pommern ein, unterjochte dieſe Völ⸗ kerſchaft und 8 Tauſend gefangene Pommern nahmen die chriſtliche Religivn an⸗ Den übri⸗ gen, ſo wie ihren Fürſten, verſprach er unter der nämlichen Bedingung Verzeihung und Gnade. Allein es fehlte an Lehrern und Unterricht. Bolislaus lud alſo unſern Otto ein. Otto ver⸗ langte und erhielt die Erlaubniß des Pabſts. Auf dem Reichstage, den Kaiſer Heinrich im folgenden Jahre 1124. zu Bamberg hielt, trug er dieſem das Geſuch des Herzogs Bolislaus vor, und erhielt auch deſſen Einwilligung. Am 21. April 1124. trat er alſo ſeine Be⸗ kehrungsreiſe an. Er gieng durch den Herzy⸗ niſchen Wald(der ſich bekanntlich ehemals vom Elſaß bis gegen Ungarn erſtreckte), nach Böh⸗ men. An der Pohlniſchen Gränze erwarteten ihn Geſandte des Herzogs Boleslaus. Zu Gneſen kam ihm der Herzog in bloßen Füßen mit einem großen Gefolge entgegen, nahm ihn Gaſtfrey auf, und lies ihn endlich in Be⸗ gleitung eines gewiſſen Paulicius nach Pommern abreiſen. 6 Von der Grenzfeſtung Uſedom aus, durch⸗ wanderte Otto einen ungeheuren, unwegſamen, mit reißenden Thieren angefüllten Wald. Nach einer 6 tägigen mühvollen Reiſe gelangte er end⸗ lich an die Gränze und ſchickte den Paulicius an den Herzog von Pommern Vratislaus, um ihm ſeine Ankunft zu melden. Vratislaus gieng ihm hierauf mit fünf hun⸗ dert der ſeinigen entgegen, führte ihn mit Pomp in ſeine Reſidenz und nahm ihn aufs freund⸗ ſchaftlichſte auf Das rauhe, wilde, kriegeriſche Volk der Pom⸗ mern aber erregte bei der Nachricht ſeiner An⸗ kunft einen gefährlichen Auflauf und drohte, ſich ſeinen Abſichten zu widerſetzen. Doch Otto's Sanftheit und Milde entwaffnete ſie bald. Nach 7tägigen Unterricht überredete er ſie zur Annahme der Taufe. Er ließ drei Tauf⸗ ſteine errichten, und erfand eine eigne Methode zu taufen, wodurch die Geſchlechter abgeſondert und die Sittſamkeit nicht beleidigt wurde. Sie⸗ bentauſend Menſchen empſfiengen dort die Taufe. Von da gieng er nach Kamin. Hier nahm, auſſer der Bürgerſchaft, auch die Gemahlin des Herzogs Vratislaus, und, von ihrem Beiſpiele gereizt, endlich auch der Herzog ſelbſt und die & Vornehmſten des Hofs die Taufe an; und Vra⸗ tislaus dankte ſeine 24 Konkubinen ab. Otto ſtiftete hier ein Bisthum. 8. Er ſchiffte dann nach Julia; und eröffnete dem dortigen Herzoge ſein Vorhaben. Aber das wilde Volk ſtürmte das herzogliche Schloß, überhäufte ihn mit Läſterungen, warf ihn mit Steinen und ſchlug ihn blutig. Kaum konnte ihn ſein Begleiter Paulicius aus den Händen der wüthenden Menge retten. Dieß erſchütterte den unerſchrockenen Otto nicht. Er fuhr fort, das Chriſtenthum zu predigen; 22 tauſend Bür⸗ ger wurden dort getauft, eine Kirche und ein Bisthum errichtet. Von da gieng er nach Stet⸗ tin. Zwei Monate predigte er dort vergebens. Die Einwohner blieben hartnäckig. Otto ſandte alſo Bothen an den Herzog von Pohlen und verlangte deſſen Rath. Indeß gelang es ihm endlich, die Kinder eines gewiſſen Vornehmen Domislaus zu bekehren. Ihre Aeltern folg⸗ ten, und endlich die ganze Bürgerſchaft. Otto verbrannte alle Götzenbilder und insbeſondere ein ſchwarzes Pferd, das ihre Prieſter vor den Heerzügen zu Rath zogen. Er reiſte von da weiter nach Kamin, Piriz, Kolberg, u. ſ. w. und hinterlies allenthalben die nöthigen gottesdienſtlichen Vorſchriften. Ein in der Stadt Bamberg entſtandener hef⸗ tiger Brand, erhöhte ſeine Sehnſucht zur Rück⸗ kehr. Obgleich krank, reiſte er auf dem näm⸗ lichen Wege zurück und kam nach einer jähri⸗ gen Abweſenheit wieder in ſein Vaterland. * 9. Eine im nämlichen Jahre 1425. in ganz Franken ausgebrochene Hungersnoth und Peſt, erhöhte ſein Leiden. Es fehlte an Menſchen, die allenthalben aufgethürmten Leichen zu be⸗ graben; er half alſo ſelbſt; er beſuchte die Kranken und verſagte ſich alles, um das all⸗ gemeine Elend zu mildern. 10. Indeß waren(im Jahre 1128.) die Städte Julia und Stettin wieder vom Chriſtenthume ab⸗ gefallen, und zum Götzendienſte zurückgekehrt. Otto hatte vorhin zu Stettin einen der Trigla, einem alten Vandalſchem Götzenbilde, geweihten Tempel zerſtört. Nun hatten die Stettiner einen neuen Tempel neben der von — 956— Otto errichteten Kirche des H. Adelberts erbaut, das Götzenbild dahin gebracht und verehrten es von neuem. Unſer Otto erfuhr dieß und beſchloß, damit der Abfall von ganz Pommern verhütet werde, eine neue Reiſe dahin anzutreten. Er gieng dießmal durch Sachſen. Bei der Stadt Eirmin traf er den Herzog Vratislaus mit ſeinem Heere an, der gegen die Leutizier auszog. Durch ſeine Empfehlung gelang es ihm, dieſe ganze Provinz, ſo wie die Einwohner von Wolgaſt und Guzko zum Chriſtenthume zu bekehren. Von da gieng er nach Stettin. Er blieb 3 Tage in einer von ihm geſtifteten, vor der Stadt gelegenen Peterskirche, und ſuchte die Gewaltthätigkeiten der Einwohner durch heilige Gebete abzuwenden. Erſt am aten Tage zog er im prieſterlichen Ornate mit Kreuzen und Fahnen in die Stadt auf den Markt, um eine Rede an das Volk zu halten. Ein heydniſcher Prieſter ſprang herbei und ermahnte die Umſtehenden ihn niederzuſtoßen. Schon ſetzten ſie ſich dazu in Bereitſchaft, aber plötzlich blieben ſie wie Bildſäulen ſtehen, und Otto rettete ſie durch ſein Vorbitten. Zum zweitenmal beredete er das Volk, zum Chriſten⸗ thum zurück zu kehren. . Er entgieng noch einer näheren Lebens⸗Ge⸗ fahr. Er ließ einen prächtigen Nußbaum ab⸗ hauen, der, als einem Götzen geweyht, von den Einwohnern verehrt wurde. Der Eigenthümer des Gartens in dem der Baum ſtand, gerieth darüber in Wuth, er führte mit einer Streit⸗ Art einen ſo heftigen Hieb nach ſeinem Kopf, daß die Art in dem Geländer der Brücke ſtecken blieb, an welcher der Biſchoff ſtand. Die Um⸗ ſtehenden wollten den Böswicht tödten, aber Otto's Vorbitte rettete ihm das Leben. Er beſuchte hierauf Julia und die übrigen von ihm bekehrten Städte, befeſtigte ſie im geiſt⸗ lichen Glauben und erwarb ſich dadurch mit Recht den Namen des Apoſtels der Pom⸗ mern. Er kehrte im Jahre 1129. über Pohlen und Sachſen nach Bamberg zurück. 12. Im Jahre 1139. wurde er von einer ſchwe⸗ ren Krankheit befallen. Er rief den Dom⸗ Dechant Egilbert, empfahl ihm die Geiſtlichkeit und das Volk in einer rührenden Abſchiedsrede, und beſtimmte die Kirche auf dem Michaelsberg v. Soden's Erzähl. II. 7 — 98— zu ſeinem Begräbnißplatze. Er ſtarb in der folgenden Nacht im Joſten Jahre ſeines Alters, im 37ſten ſeiner Regierung. Er wurde hierauf, nach Vorlegung ſeiner Thaten und ſeiner Wunder, vom Pabſte Cle⸗ mens kanoniſirt. Er war ein frommer, feſter, ſtarker, kraft⸗ voller, edler, nüchtener, wohlthätiger, men⸗ ſchenfreunblicher und weiſer Mann. Sanft ruhe ſeine Aſche! und heilig ſey ſein Andenken jedem der Tugend und Seelengröße ehrt. VI. des Prinen Mi a 6 u, in das Reich von K v„mbo im Jahr 5810— 15. Ein Beitrag zu den Entdeckungsreiſen des 18ten Jahrhunderts aus der Chronik des berühmten Geſchichtſchreibers Abdallah⸗Tif. 8 Erſtes Buch. Erſtes Kapitel. Schah' Bahams Portrait. 1. Noch zu Ende des vorigen Jahrtauſends— ſo erzählt der Geſchichtſchreiber Abdallah⸗Tif— ſaß in Kochinchina ein Sultan auf dem Throne, der, als Enkel des berühmten Schah⸗Bahams glorwürdigſten Gedächtniſſes, alle Tugenden und erhabne Eigenſchaften ſeines Großvaters in einem ſo eminenten Grade ererbt hatte, eine ſo treue Kopie deſſelben war, daß man ihn für einen Nachdruck hätte halten ſollen; wenn im Reich Cochinchina dieſes Handwerk erlaubt geweſen wäre. Um alſo dem Leſer ein lebendiges und kräf⸗ tiges Bild unſers Sultans Schah⸗Baham des zten darzuſtellen— erzählt der berühmte Chro⸗ niker Abdallah⸗Tif ferner— dürfen wir nur das Gemählde ſeines erlauchten Großvaters Schah⸗Baham des aſten von dem allberühmten Hiſtoriker Indiens Nolliberc entleihen, das an Gluth der Farben, Zartheit der Umriſſe, Korektheit, Wahrheit und Natur in den Galle⸗ rieen des Indiſchen Reichs nicht ſeines Glei⸗ chen hat. 2. Schah⸗Baham, der erſte dieſes Namens, ſo berichtet uns dieſer große Geſchichtſchreiber, war ein unwiſſender Fürſt und vollendeter Weich⸗ ling. Es war nicht leicht möglich, weniger Verſtand zu beſitzen und ſich, wie gewöhnlich, doch mehr Verſtand zuzutrauen. Das Gemeinſte ſetzte ihn in Erſtannen, und er begriff nur das Alberne und Abenthenerliche.— Im Laufe von zwölf Monaten pflegte er zwar nicht Einmal zu denken, aber doch in einem vollen Tage nicht eine Minute zu ſchweigen. Er behauptete indeß von ſich ſehr beſcheiden: daß er zwar auf Scharfſinn keinen Anſpruch machen könne, aber an Vernunft und Ueberlegung ſeines Glei⸗ chen nicht zu haben glaube. 3 Geiſtige Vergnügungen reizten den Sultan nicht. Jede Anſtrengung war ihm zuwider, und ————— — 103— doch war er nichts weniger als müßig. Er hatte Vögel die ihn ſehr beluſtigten; Papa⸗ geyen, die, von ihm erzogen, die allerdümm⸗ ſten Papageyen von ganz Indien waren; Affen, den er einen großen Theil ſeiner Zeit widmete, und Weiber, die, nächſt allen andern Thieren ſeiner Menagerie, ihm ſehr geſchickt zur Unter⸗ haltung ſchienen. 4 15 Doch, trotz dieſer wichtigen Geſchäfte und manigfaltigen Beluſtigungen, konnte der Sul⸗ tan der Langweile nicht entgehen. Selbſt jene berühmte Mährchen, der Gegenſtand ſeiner Be⸗ wunderung und Verehrung, die bei Todesſtrafe niemand kritiſiren durfte, waren ihm zu be⸗ kannt. Sie eckelten ihn an. Zwar bewunderte er ſie noch immer, aber gähnend. Langeweile verfolgte ihn ſelbſt in ſeinem Serail, wo er einen Theil ſeiner Zeit zubrachte: die Weiber ſticken und nähen zu ſehen. Arbeiten, die er als das Meiſterwerk des menſchlichen Geiſtes betrachtete, und den ſich alle Hofleute widmen mußten, um ſeine Gunſt zu gewinnen. Zu dieſer Skizze ſey es uns erlaubt: noch einige Pinſelſtriche hinzuzufügen. Schah⸗Ba⸗ ham war die gutmüthigſte Seele und die ehr⸗ — 104— lichſte Haut in ſeinem Reiche. Er wünſchte alle Bewohner deſſelben froh und glücklich zu wiſſen, und glaubte auch, gleich allen Sultans, daß ſie es ſeyen; weil ſeine Veziere es ihn verſicher⸗ ten. Denn auſſer dieſen, und auch dieß ſo ſelten als möglich, ſah er niemänd als ſeine Hofſchranzen, Weiber, Papageyen und Affen. War er bisweilen grauſam, ſo geſchah es nicht aus Mangel an Herzensgüte, ſondern aus Un⸗ wiſſenheit. Sein Gemüth war weich, und bei einer andern als der herkömmlichen Fürſten-Er⸗ ziehung, würde aus ihm ein ganz erträglicher Regent geworden ſeyn.. Uebrigens— ſpricht Abdallah⸗Tif— wird der Verfolg die Umriſſe jenes Gemäldes vollends ergänzen. Zweites Kapitel. Wie Schah⸗Baham ſich langweilte und wie ſeine Langweile plötzlich unterbrochen A. Der Sultan hatte an einem ſchönen Morgen bereits alle ſeine wichtige Geſchäfte abgethan, ſeinen Kaffe geſchlürft, ſeine Morgenpfeife ge⸗ 105 raucht, ſeine Papageyen gefüttert, ja er war ſogar im Büreau des Staatsraths geweſen und hatte mehrere eingelaufene Depeſchen mit eigener höchſter Hand geöffnet und wieder an ihren Platz gelegt, und doch— war noch eine volle Stunde bis zu dem wichtigſten aller Geſchäfte, dem Mittagsmahle, übrig. Er zog ſich in ſein Kabinet zurück, wie die Sultans von Indien zu thun pflegen, wenn ſie ihren Hofleuten glauben machen wollen, daß ſie den allerwichtigſten und geheimſten Staats⸗ geſchäften ſich widmen.— Er ſtreckte ſich auf das Sofa und verſuchte zu ſchlafen! doch ver⸗ gebens! Er konnte nur gähnen.— Endlich verfiel er auf die letzte Hülfsquelle der Schahs, ſeinem erſten Vezier rufen zu laſſen und ihn zur Unterhaltung mit politiſchen Neuigkeiten zu zwingen. Der Vezier hatte deren immer einen beden⸗ tenden Vorrath in ſeinem Portefeuille. Da in Indien glücklicherweiſe die Kriege ſeltner ſind, weil die Sultane das Leben ſelbſt genieſen, und eben deswegen ihren Unterthanen das Leben gönnen, ſo beſchränkte ſich freilich ge⸗ wöhnlich die Leſe dieſer Neuigkeiten auf die Nach⸗ richten von Vermählung irgend eines Prinzen, der Geburt irgend einer Prinzeſſin, oder von dem Tode irgend eines Lieblings-Elephanten, oder Affengünſtlings, der irgend einen benach⸗ barten Hof in Trauer ſetzte. Der Vezier, nicht ohne Kopf, pflegte aber gewöhnlich dieſe Lücken, durch Neuigkeiten aus eigner Fabrik zu ergän⸗ zen, die er denn nach ſeiner Weiſe mit aller möglichen Verbrämung des Auſſerordentlichen und Wunderbaren aufputzte. Daß der Schach die Wahrheit dieſer Erzählungen unterſuchen, und ſeine Glaubwürdigkeit in Gefahr kommen könne— dafür war er ſicher. Denn Schah⸗ Baham pflegte gewöhnlich am Ende dieſes di⸗ plomatiſchen Referats ſanft zu entſchlummern. Beim Erwachen war der aufwartende Ober⸗ Küchenmeiſter, der ihn zur Tafel rief, der ein⸗ zige hafftende Gedanke. 3 5. Maßond erſchien. Vezier!— redete ihn Schah⸗Baham an.— Alle Staatsgeſchäfte ſind abgethan, aller Regentenſorgen bin ich ent⸗ laſtet, und der Ober⸗Küchenmeiſter iſt noch nicht da! Ich hoffe Dein politiſcher Vortrag wird dieſen Zwiſchenraum ausfüllen. Mache Dich alſo gefaßt, mich wenigſtens eine halbe Stunde zu unterhalten. Aber dießmal verbiethe ich Dir bei meiner höchſten Ungnade, mir weder von Geburten, noch Heurathen, noch Todesfällen, —,— —— etwas vorzutragen und wenn es auch den Leib⸗ affen des Mogols ſelbſt beträfe,— Du haſt mir— und das mag Allah Dir verzeihen!— damit ſchon langeweile genug gemacht. „Großmächtigſter Monarch!“ erwiederte Maßond,„es iſt gewiß nicht meine Schuld, „wenn die Menſchen in dem glücklichen Indien „und vor allem unter der dreimal glücklichern „Regierung Euer Majeſtät, zu vernünftig „ſind, ſich tod zu ſchlagen; und dadurch das „Departement der auswärtigen Angelegenheiten „ganz auſſer Aktivität ſetzen. Auch ſind durch „die letzte Ueberſchwemmung die Kouriers aller „unſrer Miniſter und Geſandten aufgehalten „worden und es fehlen mir ſeit 8 Tagen alle „ihre Depoſchen.“ Maßond, verſetzte der Schah, ich verbiete Dir, mir auch nur das Wort mehr zu nennen! Depoſchen! herrliche Nachrichten, die ſie brin⸗ gen!— Wie oft mein Vetter der Schah⸗Mus⸗ lem am Dienſtag auf den Leibſtuhl gieng, daß er am Mittwoch ein paar Tyger auf der Jagd erlegt, und am Donnerſtag dreimal genießt hat, und ſo weiter!— Muß ich nicht wiſſen, was Depeſchen heißt, ich? der ich manchen Tag 30 Depeſchen mit eigner Hand erbreche? Haſt Du alſo mir keine andere Reuigkeiten zu er⸗ zählen, ſo rufe mir die Sultanin Aminaz ich will ehe eines der Mährchen meiner Ur-Ur⸗ Großmutter Scheherazzade glorwürdigſten An⸗ denkens, zum zwanzigſtenmal wieder hören, als Deine alberne Depeſchen! „Geruhen Euer Majeſtät ihrem Knecht Ge⸗ hör zu ſchenken.— Ich bringe allerdings eine „ſehr wichtige Nenigkeit.“ Laß hören! „Ein fremder Derwiſch iſt geſtern in der „Hauptſtadt angekommen; und erzählt Wun⸗ „derdinge von einem großen Lande, das er „Kakokambo nennt.“ Was iſt das für ein Land? Haſt Du je davon gehört?— Ich entſinne mich nicht, daß es in den Erzählungen meiner großen Ahnfrau vorkommt, und ich beſitze doch ein gutes Ge⸗ dächtniß, ich! „Auch in meinen Büreaus, Sire, findet „ſich davon keine Spur.“ So iſt der Mönch wohl ein Betrüger? „Er bietet ſeinen Kopf für die Wahrheit „ſeiner Erzählung.“ Den Kopf? Nun da müſſen wir ihm wohl glauben! Denn Du weißt es, Maßoud, man hat nur Einen Kopf und es koſtet mich nur einen Wink— doch, zur Sache! was erzählt denn dieſer Derwiſch? — — 109— „Unglaubliche Dinge, Euer Majeſtät; aber „ſchreckliche. Da iſt ein großer Eroberer auf⸗ „erſtanden, den ſie Noblo⸗Chan nennen. Er „durchzieht mit ſeinem Heere die ganze Erde, „um ſich alle Völker zu unterwerfen und allent⸗ „halben ſich Throne von den Leichen der Er⸗ „ſchlagenen zu errichten.“ Ein ſonderbarer Kauz! hat er denn keinen eignen Heerd? „Allerdings Sire! Er iſt Beherrſcher eines „ſchönen, großen und mächtigen Reichs.“ Und zieht in der Welt umher? Hat er denn keine Papagehen, keine Affen, keine Weiber? Was meinſt Du Vezier! Der Menſch muß wohl verrückt ſeyn. „Das nicht, Euer Majeſtät; denn er ſoll „große Talente beſitzen; aber er wird von einem „bößen Genius getrieben, den der Derwiſch „die fire Idee nennt. Die fire Idee? Was iſt das für ein Ge⸗ nius? Haſt Du je davon gehört?— Ich kenne die Geſchlechter der Feyen und Genüſſe, Dank ſey es meiner erhabnen Ahnfrau, aus dem Grunde; Ich! aber, beim Allah! dieſen finde ich in keiner Geſchlechts⸗Tafel. Nun! was erzählt denn der Derwiſch weiter? „Daß in dieſem großen Lande Kakokambo „ſich viele Könige und Fürſten befinden, die „der große Eroberer Noelo⸗ Chan aufge⸗ „klärt hat, und in den entſetzlich viel regiert „wird.“ 5 Viel regiert? „Er erzählt Wunderdinge von der Kunſt „dieſer Viel⸗Regierung.“ Eine Kunſt?— Höre Maßond! Hältſt Du das auch für eine Kunſt? Zu Dir im Vertrauen geſagt; ich finde nichts leichter, als: zu re⸗ gieren. „Bei Ihrer tiefen Weisheit, Sire—“ Nun, das mag wohl ſeyn. Mir iſt es bis⸗ her vorgekommen; als ob mein Volk am glück⸗ lichſten geweſen wäre, wenn ich mich gar nicht darum bekümmert habe. Doch das bleibt unter uns!— Ich kann mich irren, wenn ich ſchon Sultan bin. Und wirklich, wenn ich darüber nachdenke, ſo kommt mir vor, als ob ich zu wenig regierte.— Am Ende mag es doch um das Viel⸗Regieren eine ganz unterhaltende Sache ſeyn— die Langweile zu vertreiben. Was denkſt Du davon, Maßond? „Allerdings! Doch geruhen Euer. Majeſtät „zu bedenken, daß ſchon jetzt Ihre Anſtrengun⸗ „gen und Regierungs⸗Sorgen Allerhöchſtdero „theure Geſundheit in Gefahr ſetzen, und „daß 0 Du haſt recht, Maßoud!— Hier zeigte ſich der Ober-Küchenmeiſter, um zu verkünden, daß die Tafel bereit ſey. Ich will weiter darüber nachdenken, fuhr der Sultan fort. Nach der Tafel ſollſt Du mir den Derwiſch rufen.“ Der Vezier entfernte ſich. Drittes Kapitel. Schah⸗Baham ſpeißt, ſchläft und verdaut. 6. Nachdem der Sultan wie gewöhnlich mit großem Appetit geſpeißt und ſeinen Mittags⸗ Schlaf abgewartet hatte, kam ihm der Vezier und der Derwiſch wieder in den Sinn. Maßoud wurde gerufen. Höre, Vezier, ich habe Deiner Erzählung reiflich nachgedacht. Du weißt daß ich nie anders denke. „Grvoßer Sultan! wer wagte es daran „„zu zweifeln!“ Da ſiel mir denn ein, daß die Menſchen in dem Reiche Käkokambo doch wohl klüger ſeyn müſſen, als wirz weil ſie ſo viel zu regie⸗ ren haben, und daß es denn doch um das Viel⸗Regieren eine ganz amüſante Sache ſeyn — 2— muß; amüſanter wenigſtens als Deine Depe⸗ ſchen.— Auch erwirbt man ſich dabei natür⸗ lich einen Namen, einen Ruhm! und Du weißt was ich darauf halte.— Wie man aber das Ding anfangen müſſe, um recht viel zu regieren, das iſt der Knoten! Kannſt Du ihn lößen, Maßoud? „Euer Majeſtät—“ Schweig! ich ſehe ſchon Deine Verlegenheit; Du verſteheſt davon ſo viel als ich. Ich bin daher auf den Gedanken gekommen, Dich mit dem fremden Derwiſch in das große aufgeklärte Reich zu ſenden; denn Du weißt, wie viel ich auf Aufklärung halte. „Mich, Sultan?“ fragte der beſtürzte Ve⸗ zier. Dich, allerdings Dich!— Du wirſt doch nicht wollen, daß ich ſelbſt die Reiſe machen ſoll? Ich, der in meinem Reiche keinen Tag entbehrlich bin! Und, auſſer uns, verſteht ja in meinem ganzen Reiche niemand das geringſte von der Kunſt zu regieren. Mache Dich alſo fertig; denn ſpätſtens morgen reiſeſt Du ab. „Aber bedenken Euer Majeſtät, daß die „überhäuften Staatsgeſchäfte die auf meinen „Schultern ruhen.— Wer ſorgt indeß für das „Reich?“ Dafür mein guter Maßond, laſſen wir Allah und den Propheten ſorgen und ich ver⸗ ſichere Dich, es ſoll darum nicht ſchlimmer ge⸗ hen. Keine Widerrede alſo!— Du weißt, ich bin Sultan, ich! und bei dem heiligen Ka⸗ meele Mahomets! ich weiß, was das heißt, ich! F Maßond, ohne gerade ein genialiſcher Kopf zu ſeyn, beſaß übrigens eine gute Portion mehr Verſtand, als er zu ſeiner Stelle bedurfte, und übrigens Verſtand genng, dieſes ſeinem Gebie⸗ ter zu verbergen. Hätte auch dieſe Reiſe ſeinen ſonſtigen Neigungen zugeſagt, ſo war er ein zu alter Höfling, um nicht einzuſehen, daß ein anderer ſeine Abweſenheit benutzen würde, ſich den Launen und Schwächen des Sultans anzu⸗ ſchmiegen und ihn allmählig zu verdrängen; kurz daß der Abweſende nirgend mehr und frü⸗ her Unrecht habe, als am Hofe. 8. Schah⸗Baham beſaß von ſeiner Favorit⸗ Sultanin Sofia einen Thronerben. Der Prinz Mia⸗Töu war in allem ſo ſehr das Gegen⸗ ſtück ſeines erlauchten Vaters, daß man in Ver⸗ v. Soden's Erzähl. H. 8 — 114— gerathen wäre, eine kleine Verirrung ſuchung der Sultanin Sofia zu argwöhnen, hätte nicht“ das furchtbare Beiſpiel das Schah⸗Bahams großer Ahnherr Schah⸗Riar an ſeiner untreuen Gemahlin aufſtellte, und dem wir bekanntlich die 1001 unſterblich Scheherazzade verdanken, jede dergleichen Ver⸗ muthung auf immer entfernt. Sofia war eine durch mannigfaltige Schick⸗ ſale in Schah⸗Bahams Staat verſchlagne Grie⸗ chin. Voll Geiſt und Leben. Ihren Gemahl konnte ſie nicht lieben; der ganze Strom ihrer Liebe ergoß ſich alſo auf das Kind und im Rauſch des Entzückens über die Erſtgeborne, drang ſie dem Sultan die Erlaubniß ab, gegen die orien⸗ taliſche Sitte, ihren Sohn ſelbſt zu bilden. 9. Mia⸗Töu war damals 20 Jahre alt. Ein edler Jüngling; ganz der Erbe des Geiſtes ſeiner Mutter, ſeiner Erzie dem Folie des Geiſtes. Kapitän er war, und unter die Wiſſenſchaftenz wozu ihm die edle herin und Lehrerin. Von Vater beſaß er nur die Gemüthlichkeit; jenes herzliche, aber gebildete Wohlwollen, die ſchönſte Seine Zeit theilte er unter die kriegeriſchen Uebungen der Leibwache, deren en Mährchen der Sultanin Mutter ingeheim die Hülfs⸗ 5 „ S*— 3 mittel aus Perſien verſchafte. Schah⸗Baham war mit ſeinen Papageyen, Weibern und Affen zu ſehr beſchäftigt, um ſich mit ſeinen Kindern zu unterhalten. Froh, daß er dem Reiche einen Erben gegeben hatte— und das hielt er mit Recht nicht für ſein kleinſtes Verdienſt— hatte er gerade Verſtand genug, die Sultanin in ihrem Erziehungsplane nicht zu ſtöhren. Vater und Sohn ſahen ſich nicht; auſſer wenn dieſer zu einer Hoffeyerlichkeit gerufen wurde. Schah⸗ Baham lirbte ſeinen Sohn, er ſchätzte ſeinen Fleiß; aber jener zarten Vaterliebe, die ſich um etwas weiters als die Zeugung bekümmert, war er unfäßig; das lag außer ſeinem Ka⸗ rakter. Der Prinz hingegen ehrte ſeinen Vater, ohne ihn ſchätzen zu können. So blieben ſie ſich denn fremd und ihre Verhältniſſe kalt. Der Vezier hatte, nach Veziers Art, ſtets da⸗ für geſorgt, dieſe Kälte zu unterhalten und den Prinzen zu entfernen, deſſen Geiſt er nothwen⸗ dig fürchtete. In dieſem Augenblicke nun, wo er durch den Willen des Sultans zu jener ihm in jeder Rückſicht ſo unwillkommene Reiſe gedrängt wer⸗ den ſollte, kam ihm ein ſehr glücklicher mini⸗ ſterieller Einfall. — 116— Viertes Kapitel. Der Vezier benimmt ſich gleich einem Staats⸗ Miniſter von Kako⸗kambv. 10. „Großmächtigſter Sultan!“ begann Ma⸗ ßoud,„ich bin bereit Ihre Befehle zu befolgen „und noch dieſen Abend ſollen meine Kameele „gepackt werden.“ Das erwarte ich! ich!— „Doch erlauben mir Euer Majeſtät eine ein⸗ „zige allerdevoteſte Bemerkung.“ Wenn es keine Einwendung iſt, laß hören! „Euer Majeſtät iſt die Wißgierde unſers „durchlauchtigſten Kronerben, des Prinzen Mis⸗ „Toöu bekannt. Alle Bücher Perſiens und „Indiens ſind nicht im Stande dieſe zu befrie⸗ „digen. Welchen unermeßlichen Spielraum „würde nicht die Reiſe in das große Reich des „Viel⸗Regierens ſeinem forſchenden Geiſte „öffnen! Hier kann er ſich in dieſer berühm⸗ „ten Kunſt ſelbſt unterrichten, und bei ſeinen „erhabnen Talenten und Fähigkeiten kann es „ihm gar nicht fehlen, als ein in jener Kunſt „vollendeter und aufgeklärter Fürſt zurück zu keh⸗ S 117— „ren; würdig, wenn einſt in den fernſten Zei⸗ „ten Allah über unſern erhabenen Sultan ge⸗ „bietet, als ſein Nachfolger zu glänzen.“ 11. Schah⸗Baham ſah während dieſer wohlſtu⸗ dierten Miniſterialrede dem Vezier unverwandt ins Geſicht. Er ließ hierauf den Kopf hän⸗ gen und fiel in ein kurzes Nachdenken.— Du haſt Recht! ſprach er endlich. Mein Sohn iſt ein braver Junge, und, unter uns geſagt, ich glaube beinahe, er hat mehr Verſtand als wir beide zuſammen.— Daß aber dies ja nicht weiter kommt! hörſt Du?— Ich ärgere mich nur, daß ich nicht ſelbſt dieſen Einfall gehabt habe; doch dießmal muß ich Dir ſchon die Ehre laſſen. Was aber Deinen Nachſatz, wegen des Gebots über mein Leben, betrifft, ſo hätteſt Du Dir dieſen wohl erſparen können. Und ich rathe Dir, Vezier, wenn Dir anders Dein Kopf lieb iſt, dieß nicht zu wiederholen; denn wir Sul⸗ tane wollen nicht an den Tod gemahnt ſeyn; hörſt Du!— Dießmal verzeihe ich Dir noch, wegen Deines klugen Einfalls.— Und nun geh und rufe mir den Prinzen. 3 — 118— Der Vezier fühlte ſich an den Kopf. Denn dieſer pflegt im Orient nicht immer feſt zu ſitzen, und da er ihn glücklicherweiſe noch fand, ſo eilte er davon, den Prinzen aufzuſuchen; ent⸗ zückt, daß ſein ſchlauer Plan gelungen war. „ . Fünftes Kapitel. „ 4 Der Prinz Mia⸗Töu tritt auf. 13 Vielleicht,— ſo hebt unſer Kroniker Ab⸗ dallah⸗Tif dieſes Kapitel an— vielleicht möch⸗ ten mehrere unſrer Leſer nicht begreifen, wie es zugieng, daß es dem Sultan gar nicht bey⸗ ſtel, vor allen Dingen doch den fremden Der⸗ wiſch zu ſprechen. Aber dies würde nur be⸗ weiſen, daß es uns nicht gelungen iſt, Schah⸗ Bahams Bild treu zu entwerfen. Er ſah, gleich vielen andern Sultans, gewöhnlich das nicht, was ihm vor der Naſe lag. Sein Geiſt ſchlief entweder in behaglicher Indolenz, oder, wenn er erwachte, ſo war es nur, um einen Bocks⸗ ſprung zu machen, nach deſſen Vollendung er wieder in die vorige Ermattung zurückſank. Kurz, der Derwiſch wurde nicht, wohl aber der Prinz Mia⸗Ton zum Schach gerufen. Mein lieber Mia⸗Tön, redete ihn der Schach an, Du wirſt Dich erinnern, daß ich Dich gezeugt habe. „Das würde mir ſchwer fallen, mein König⸗ „licher Herr,“ verſetzte der Prinz lächelnd. Wie? nicht?— Wahrhaftig, ſo mußt Du, bey aller Deiner großen Gelehrſamkeit, die mir der Vezier anpreißt, doch ein ſehr ſchwaches Gedächtniß haben; denn es ſind kaum 21 Som⸗ mer her.— Doch mit Einem Worte: Du biſt mein Sohn; Du weißt, wie die Laſt der Re⸗ gierungsſorgen und der Geſchäfte mich erdrückt. „Ich weiß es, Ihro Majeſtät.“ Frage nur den Vezier! Nun biſt Du am geſchickteſten mir dieſe Laſt zu erleichtern. Und doch habe ich bis jetzt gedacht, es ſey mit dem Wenig⸗Regieren gethan; auch haben meine Unterthanen ſich ganz wohl dabey befunden. Da kommt aber der Vezier und erzählt mir von einem Derwiſch, der ferne Länder beſucht hat, und in einem Reiche geweſen iſt, welches Kako⸗ kambo, oder das Reich des Viel⸗Regierens heißt, und wo die Menſchen noch weit glück⸗ — 120— licher ſeyn und vor allen die Schachs ſich noch viel beſſer befinden ſollen, als bey uns. „Ich habe den Derwiſch geſprochen, mein „Königlicher Herr!“ So weißt Du denn ſchon alles und ich kann mir die Mühe erſparen, Dir das auseinander zu ſetzen; Du weißt, das Reden greift mich an.— Nun meint der Vezier, Du würdeſt gerne die Reiſe in dieſes berühmte Reich übernehmen, um Dich in der Kunſt des Viel⸗Regierens zu unterrichten. „Allerdings! mit Freuden! 2 Gut; ich gebe Dir meine gnädige Einwilli⸗ gung dazu.— Nimm alſo Abſchied von Deiner Mutter, und bereite Dich zur Abreiſe. Der Prinz, den das müßige Leben an Schah⸗ Bahams Hofe längſt aneckelte, fiel vor ſeinem Vater nieder, dankte ihm für die große Gnade und entfernte ſich. Noch eines! rief Schah⸗Baham ihm nach; ich gebe Dir ein Jahr zu Deiner Reiſe. Du biſt ein kluger Kopf und das wird, hoff' ich, für Dich hinreichen, die Kunſt des Vielregierens . aus dem Grunde zu lernen. Jede Woche be⸗ richteſt Du was Du geſehen ünd gehört haſt; der Vezier mag mirs dann vorleſen. Das übrige wird er Dir ſagen. Ich habe Eile, denn meine Papageyen ſind noch nicht gefüttert. X 15. Der Prinz eilte zu ſeiner Mutter. Sie hatte vom Vezier die Nachricht bereits vernommen und der Schmerz über die Trennung von ihrem Liebling wurde durch die Ausſicht, ihn mit neuen Kenntniſſen und Vollkommenheiten ausgerüſtet, wieder zu ſehen, gemildert. Sie empfahl ihm, ihr Vaterland zu beſuchen, ihr öfters Nachricht von ſeinem Befinden zu geben, und entließ ihn unter Thränen und zärtlichen Umarmungen. Von da begab ſich Mia⸗Tou zum Vezier. Kaum konnte dieſer ſein Entzücken verbergen, ſeinen Plan gelungen, und den Prinzen, von deſſen Geiſtesbildung er einen gefährlichen Ne⸗ benbuhler in ſeiner Herrſchaft fürchtete, entfernt zu ſehen. Er bewilligte ihm zu ſeiner Reiſe was er nur wollte, gab ihm Empfehlungs⸗ Schreiben an alle aſiatiſche Fürſten, deren Staa⸗ ten Mia⸗Tön auf ſeiner Reiſe durchziehen mußte, und verſprach, den Derwiſch zu ihm zu ſenden. 16. * Der Derwiſch erſchien, und Mia⸗Tön beſtürmte ihn mit Fragen. Bald aber fand er, daß der Derwiſch das Reich Kako⸗kambo als — 122— ein wahrer Mönch durchſtreift hatte, und ihm über alle Gegenſtände, welche des Prinzen Neu⸗ gier aufregten, durchaus keine zweckmäßige Aus⸗ kunft geben könne. Er entſagte alſo der Idee, ihn zum Reiſe⸗Begleiter mitzunehmen, wählte unter ſeinen Hoflenten die fähigſten und getreue⸗ ſten und reißte mit den Empfehlungsbriefen des Veziers und vor allen Dingen mit Beuteln voll Goldſtücke reichlich verſehen, von Schah⸗Ba⸗ hams Reſidenz ab. Sechstes Kapitel. Das Queerholz. 17. Mia⸗Ton durchzog die Staaten der aſia⸗ tiſchen und vrientaliſchen Fürſten und wurde allenthalben, mit den ſeiner Geburt und ſeinem Stande angemeſſenen Ehrenbezeugungen empfan⸗ gen und bewirthet. Da er aber dort keine Ge⸗ genſtände zu Befriedigung ſeiner Wißgierde, wohl aber mehr oder weniger Schah⸗Bahams und Schah⸗Bahamiſche Regierungen fand, ſo be⸗ flügelte er ſeine Reiſe und langte endlich glück⸗ lich an der Gränze des berühmten Reichs von Kako⸗kambo an. 13 Brennend vor Begierde in dieſen Schacht neuer Kenntniſſe einzufahren, eilte er ſchon in einiger Entfernung von der Gränze, ſeinem Ge⸗ folge, in einer leichten Chaiſe und einzig von ſeinem Leib⸗Kammerdiener Foko, begleitet, vor⸗ aus, und langte an dem Markſteine des erſten Staats von Kako⸗kambv an, wo er auf einer großen Tafel zwey aſiatiſche Thiere, Lev⸗ parden, angemalt ſah, die ihn in Erſtaunen ſetzten. Er glaubte ſich plötzlich in ſeine Hei⸗ math zurück verſetzt, und da er, ſeit er Aſiens Gränzen verlaſſen, keine dergleichen reißende Thiere gewahrt hatte, ſo beſchloß er, ſich ſo bald als möglich hierüber Auskunft zu ver⸗ ſchaffen. Groß war aber ſein Erſtaunen, als er bald nach dieſem Gemälde jener aſiatiſchen Thiere ſi ich durch ein über die Straße geſpanntes Queer⸗ holz aufgehalten fand. Der Dollmetſcher, den er ſchon in einem orientaliſchen Reiche mitgenommen hatte, ver⸗ ſtändigte ihn: das ſey ein Schlagbaum, be⸗ ſtimmt, die Reiſenden ſo lange aufzuhalten, bis ſie gehörige Auskunft gegeben hätten. Den wei⸗ tern Verfolg dieſes Abentheners lernen wir aus der erſten Depeſche des Prinzen an ſeinen Durch⸗ lauchtigſten Vater kennen. Wir bemerken hier nur Einmgl für immer, daß wir den orienta⸗ — 11— liſchen ceremoniellen Prunk, womit dieſe Depé⸗ ſchen verziert waren und deren Unterlaſſung Schah⸗Baham ſehr übel genommen haben wür⸗ de, hinweggelaſſen haben. Siebentes Kapitel. Erſte Depoſche des Prinzen Mia⸗Tön: Das Porträt⸗Abentheuer. 18. „Ich eile Ew. Hoheit von meiner endli⸗ „chen glücklichen Ankunft in der erſten Reſidenz⸗ „ſtadt des großen Reichs von Kako⸗kambo Be⸗ „richt abzuſtatten. An der Gränze deſſelben fand ich auf einem „Pfahle zwey reißende aſiatiſche Thiere aus „meiner Heimath abgemalt, welche, ſich bäu⸗ „mend, ein Brett hielten. Dieſer Anblick, ſo „ferne von meinem Vaterlande, ſetzte mich in „Erſtaunen. Ich glaubte in dieſen Gegenden „ſolche Thiere ganz unbekannt, und befragte „meinen Dollmetſcher hierüber. Er gab mir „die Aufklärung, daß dieſe Gemälde zu den „Wappen der Regenten von Kakv⸗kambo „gehörten, an deren Landesgränzen wir uns „befänden. Und auf meine Frage, ob denn „die Regenten von Kako⸗kambo ihre Völker „mit ſolcher Strenge zu beherrſchen pflegten, „daß ſie ihnen ſtets das aus einer fernen Ge⸗ „gend entliehene Bild eines in ihrem Lande gar „nicht einheimiſchen wüthenden Thieres vorhal⸗ „ten müßten, um ſie an ihre Unterwürfigkeit „zu mahnen?— erhielt ich keine weitere Ant⸗ „wort, als daß beynah alle Regenten ſich in „ihren Siegeln und Wappen der Bilder von „Tygern, Bären, Adlern, Panthern, Löwen „u. ſ. w. zu bedienen pflegten. „Ich muß Ew. Hoheit aufrichtig bekennen, „daß dieß meine Idee von den Vorzügen des „Reichs von Kako⸗kambo ſehr verwirrte, und „ich konnte nicht umhin meinem Dollmetſcher „bemerklich zu machen, daß, wenn die Regen⸗ „ten, als Menſchen, welche doch über das Thier „weit erhaben ſeyen, ja Thiere zu den Sinn⸗ „bildern ihrer Herrſchaft wählen müßten, es mir „weit zweckmäßiger ſcheine, nützliche und ſanfte „Thiere, z. B. das Schaaf ꝛc. zu wählen. „Der Dollmetſcher zuckte die Achſeln und „ſchwieg. „Unmittelbar darauf ſahen wir uns durch „ein Qu eerholz'über der Straße aufgehalten; „bey dem ſich ein Häuschen befand. Der Doll⸗ „metſcher beuachrichtigte mich, zu meinem groſ⸗ ———— ————— — 126— „ſen Erſtaunen, daß wir hier ausgeforſcht und „unterſucht werden müßten. Sogleich erſchien „ein wohlgemäſteter Mann mit der Feder hin⸗ „ter dem Ohre, und verlangte, wie der Doll⸗ „metſcher mich berichtete, zu wiſſen: wer ich „ſey? Ich nannte ihm meinen Namen und „Stand und auf ſein immerwährendes Kopf⸗ „ſchütteln, rief ich ungeduldig ihm ſolchen laut „ins Ohr. Allein alles vergebens. „langte— wie mir der Dollmetſcher berichtete— „meinen Paß, d. h. ein Zeugniß des nächſt⸗ „vorliegenden Regenten, daß ich wirklich der „Prinz Mia⸗Töu, und kein Eſel, Schwein, „oder andres Thier, ſondern ein Menſch ſey⸗ „Alle Vorſtellungen waren vergebens; der Queer⸗ „balken blieb zu und am Ende ſah mein Doll⸗ „metſcher keinen andern Ausweeg, als, in die „nächſte Stadt des vorgelegenen Regenten zu⸗ „rückzukehren und mir dort ein Zeugniß aus⸗ „ſertigen zu laſſen, daß ich wirklich der Prinz „So ärgerlich dieß mir ſiel, ſo mußte ich „mich doch fügen, wollt' ich anders meine Reiſe „fortſetzen. „Wir kehrten alſo um; das Zeugniß ward uns „und zwar in der Sprache von Kako⸗kambv aus⸗ Er ver⸗ „Mia⸗Tou aus Kochinchina und keine Katze „„oder Fledermaus wäre! „gefertigt, und wir erſchienen nach einem Auf⸗ N — 127— „enthalte von zwei Tagen abermals bei dem „Gemälde der reißenden Thiere und dem „Oueerbalken. Der wohlbeleibte Mann ließ „ſich von neuem ſehen. Mein Dollmetſcher „reichte ihm das Zengniß hin und einer ſeiner „Gehülfen begann, den Schlagbaum zu heben, „als ihm der dicke Mann plötzlich: halt! zurief „und dem Dollmetſcher, ſo wie dieſer mir er⸗ „klärte: dieſes Zeugniß ſey nicht richtig, in⸗ „dem ſich keine Porträts unſerer Perſonen da⸗ „bei befänden. „Mit Erſtaunen befragten wir ihn nach der „Urſache, und da er erklärte: er ſey nicht über⸗ „zeugt, ob auch wir die rechtmäßigen Beſitzer „dieſes Zeugniſſes ſeyen, und es nicht etwa „andern Reiſenden entwendet hätten? ſo ver⸗ „ließ mich die Gedult. Ich zog den Säbel, „um den Unverſchämten für ſeine freche Belei⸗ „digung zu züchtigen. Mein Kammerdiener fiel „mir in den Arm und der Dollmetſcher beden⸗ „tete mich, daß nichts übrig bleibe, als noch⸗ „mals umzukehren und die Porträts mitzubrin⸗ „gen. Ich fügte mich endlich abermals in die „unvermeivliche Nothwendigkeit. Wir kehrten „zurück, und obgleich der Dollmetſcher glaubte, „es ey an meiner ſchriftlichen Porträtirung „genug, ſo zog ich doch, um allen ferneren „Aufenthalt zu vermeiden, vor, einen Maler — „ „kommen und unſre Geſtalten vollſtändig ab⸗ „konterfeyen zu laſſen. „Nachdem dieſes Geſchäft vollendet war, „ſandte ich einen Kurier mit den Porträts an „den Queerbalken voraus und folgte mit der „Chaiſe nach. Jh itu dort den dicken Mann bereits „mit der Muſterung der Porträts beſchäftigt; unſre Perſonen damit auf das ge⸗ „naueſte und da, unglückſeliger Weiſe, der „Maler vergeſſen hatte eine Warze aufzuneh⸗ die ſich auf der Raſe des Dollmetſchers „wirklich befand, ſo trug er Bedenken, dieſen „paßiren zu laſſen. Ein Goldſtück, das ich, „auf Anrathen des Dollmetſchers, ihm in die „Hand drückte, überwand endlich dieſe Bedenk⸗ „lichkeit. „Allein noch immer öffnete ſich der Queer⸗ „balken nicht und als ich dieß mit Ungedult „erinnerte, belehrte uns der dicke Mann! daß „nun erſt all unſer Reiſegeräthe abgepackt und „durchwühlt werden müſſe. „Auf mein Befragen nach dem Grund dieſes „ſonderbaren Gebrauchs? bemerkte der Dol „metſcher, daß in den Staatèn von Kakv⸗kambo „viele Waaren und Geräthe theils ganz ver⸗ „boten, theils ihre Einbringung mit ſchweren „Abgaben belegt ſeyen und man alſo unter⸗ — S—* — ⸗ „ſuchen müſſe, ob wir keine dergleichen Waare „unter unſerm Geräthe beſäßen? „Auf meine Frage: ob denn auf ſolche Art „fremde Waaren als Giftpflanzen betrachtet „würden? verneinte er dieß, und da ich ihm „bemerkte, daß, nach meiner Meinung, jeder „Menſch gleiche Anſprüche auf den Genuß alles „deſſen habe, was Natur und Kunſt hervor⸗ „bringe, wo es auch nur gewachſen oder ge⸗ „funden ſey; zuckte er abermals die Achſeln „und bemerkte: es ſey dabey nur auf Gold „angeſehen und jeder Regent gedenke dadurch „von den Unterthanen des fremden Regenten „Geld zu erhalten. Ich verſetzte ihm lächelnd, „daß wahrſcheinlich der nächſte Regent es mit „den Unterthanen ſeines Nachbars eben ſo „mache, und alſo dieſes Mittel Geld in den „Schatz zu ſammlen, mir ſehr übel ausgedacht „ſcheine. „Statt der Antwort machte mich mein Kam⸗ „merdiener auf die Unordnung aufmerkſam, wel⸗ „che der dicke Mann mit ſeinen Gehülfen durch „das Umwühlen unſers Reiſegeräthes angerich⸗ „tet hatte.— Ich war von neuem im Be⸗ „griff drein zu ſchlagen; der Dollmetſcher rieth „mir aber, dem dicken Manne und ſeinen Ge⸗ „hülfen einige Goldſtücke,— nach welchen ſie, „wie ich bemerke, im Reich von Kako⸗kambo v. Soden's Erzähl. II. 9 — 130— „ſehr begierig ſind— in die Hand zu drücken, „indem es eigentlich hierauf abgeſehen ſeyn. „Ich befolgte ſeinen Rath und augenblicklich „hielten die Stührer inne, ſie halfen uns ſogar „ſehr höſlich, alles wieder in Ordnung zu brin⸗ „gen und verſicherten, es ſey gar nicht mög⸗ „lich, daß wir etwas von den Giftwaaren be⸗ „ſäßen. Achtes Kapitel. Schah⸗Bahams weiſe Anmerkungen über das Porträt⸗Abentheuer. 19. Es war nicht Schah⸗Bahams Sitte, eine Depeſche ruhig bis zu Ende anzuhören; viel⸗ mehr pflegte er gewöhnlich, nach manchen durch Gähnen ausgefüllten Pauſen, den Vezier auch bey den wichtigſten Depoſchen entweder durch Bahamiſche Fragen, vder durch Anführung eines wichtigeren und dringenderen Geſ chäftes, z. B. den nothwendigen Beſuch des Stalls ſeiner Leib⸗ Elephanten, oder der Fütterung ſeiner Papa⸗ geyen u. ſ. w. nicht ſelten zu unterbrechen. Zum Erſtaunen des Vezier hörte er aber dieſe erſte — 131— Depeſche mit großer Geduld bis Ende an, ohne den Vezier ein einzigesmal zu unterbrechen. Als nun dieſer ſchwieg, ſah ihn Schah⸗Baham mit einer ernſten Weisheits⸗Miene an; fragte: biſt Du fertig, Maßond? und auf deſſen Bejahung fuhr er fort: Und was denkſt Du zu der Ge⸗ ſchichte mit dem Queerbalken und den Porträts? „Ich denke, ich denke—“ ſtottete der ver⸗ legene Vezier. Nun? „Ich denke, daß es mir nicht ziemt, dar⸗ „über zu denken, bis mir Euer Majeſtät weiſe „und erhabene Gedanken bekannt ſeyn wer⸗ „den.“ Vortrefflich! erwiederte der Schach: das iſt ſo die Sitte der Veziers. Ihr überlaßt ganz ruhig euren Gebietern für euch zu denken; indeß ihr doch bedenken ſolltet, daß das Den⸗ ken kein ſo leichtes Stück Arbeit iſt; daß es vor allen Dingen die Verdauung gewaltig ſtöhrt und daß wir Schachs eigentlich dazu gar nicht gemacht, dafür gar nicht bezahlt ſind; wohl aber euch dafür bezahlen.. Da es Dir nun nicht gefällig iſt, darüber zu denken; ſo werde ich denn doch wohl Dir meine Gedanken ſagen müſſen. Was nun fürs erſte den Queerbalken betrifft, ſo finde ich dieſe Idee vortrefflich. Das Holz — 132— dazu kannſt Du aus meinen Waldungen neh⸗ men; und zu den QOueerbalken⸗Männern kannſt Du eine Menge müßiger Leute gebrauchen, um deren Anſtellung mich die Weiber in meinem Harem täglich quälen. nt on Damit bin ich der Plage los. Was aber das Gold betrifft, ſo iſt es billig, da mein Sohn an dem Queerbalken des Reichs von Ka⸗ ko⸗kambo hat bezahlen müſſen, daß auch die Reiſenden die an dieſen Quecerbalken kommen, vas nämliche bezahlen; und ſo kannſt Du auch die Giftwaaren beſtimmen, welche in meinem Staate nicht anders als gegen Bezahlung ein⸗ gelaſſen werden ſollen; denn es iſt billig, daß die Handelsleute die Erlaubniß bezahlen, meine Unterthanen mit Gift zu verſehen. Wie hoch ſchlägſt Du denn den Ertrag dieſer Queerbalken⸗ und Gift⸗Steuer an? 4 „Großmächtigſter Monar ch!“ verſetzte Maßond.„Ich ſollt' ihn wohl auf 150 Beu⸗ „tel jährlich berechnen können.“ Vortrefflich! rief Schah⸗ Baham, in die Hände klatſchend. Dafür kann ich wenigſtens 50 Affen, 60 Papageyen, 50 Bajaderen, und zwey tauſend Mann Leibwache mehr erhalten, und zwar verbrämte!— Das iſt keine Kleinigkeit für einen Schach. Ich befehle Dir alſ o, augenblicklich die Befehle zu den Queerbalken auszufertigen. Der Vezier verneigte ſich und wollte ſich ent⸗ fernen. Halt! rief der Schach. Was mir weit mehr noch gefällt, iſt die Porträtirung an den Queerbalken. Du weißt, ich habe mir längſt eine Bildergallerie gewünſcht, nicht als ob mir daran etwas läge, aber doch, weil die Na⸗ bobs am Ganges u. ſ. w. dergleichen beſitzen ſollen, auch der Kaiſer von China; und ich will nicht hinter dieſen zurück bleiben; ich, der große Schach von Cochinchina, ich! Du wirſt alſo auf der Stelle den Befehl ins Reich erge⸗ hen laſſen: daß kein Reiſender mehr in meine Staaten eingelaſſen wird, der nicht ſein Por⸗ trät mitbringt, welches dann eingeſendet urd in die Kaiſerliche Bildergallerie gebracht werden ſoll. Auch dächt ich, es wäre nicht übel, wenn dieſe herrliche Anſtalt des Reichs von Kako⸗kambo auch auf die Thiere ausgedehnt, und kein Büffel, Elephant, Affe, Papagey, Kolibri u. ſ. w. über die Queerbalken eingelaſſen würde, ohne ſein Porträt mitzubringen. Das würde die Bilder⸗ gallerie anſehnlich vermehren.— Was denkſt Du zu dieſer Idee, Maßond? „Daß ſie Euer Majeſtät tiefer Weisheit ganz „würdig, daß ſie erhaben, ſinnreich und vor⸗ „trefflich iſt!—“ — 134— Nun ja, als ob ein Schach wohl andere als weiſe und ſinnreiche Ideen haben könnte! Uebrigens, ich bekenne Dirs Vezier, bin ich mit den Depeſchen des Prinzen ſo zufrieden, und finde ſie ſo amüſant, daß ich Dir ausdrück⸗ lich die allergnädigſte Erlaubniß ertheile, mir ſolche künftig auch außer den Geſchäfts⸗ und Audienzſtunden vorzuleſen; die Verdauungsſtun⸗ den ausgenommen, wo Du, wie ich hoffe, ohne⸗ hin Dich nicht erkühnen wirſt, dieſe, als das wichtigſte Geſchäft, frevelhaft zu ſtöhren.— Und nun geh und vollziehe meine Befehle! Neuntes Kapitel. Des Prinzen Mia⸗Téu zweite Depoſche, die innern Staats-Angelegenheiten des Reichs Kako⸗kambo, insbeſondere die Nummern⸗Regierung betreffend. 21. Kaum hatte Schah⸗Baham von dem Vezier vernommen, daß eine zweite Depeſche des Prin⸗ zen eingelangt ſey, ſo verließ er ſeine Affen und Papageyen, mit den er im ernſten königl. Spiele begriffen war, ja er befahl ſogar ſeinen — 435— Weibern und Hofleuten die Stickereyen wegzu⸗ legen, und nach dem er ſich ſehr bequem auf einen Divan ausgeſtreckt hatte, mußte Maßond alſo beginnen: 22. „Nachdeme, dem Willen meines Erlauchten „Vaters gemäß, der vorzüglichſte Zweck meiner „Reiſe in das Reich von Kako⸗kambo darin⸗ „nen beſtehen ſollte, die erhabene Kunſt des „Viel⸗Regierens gründlich zu ſtudieren, ſo „wendete ich mich ſogleich nach meiner Ankunft „in der Reſidenz des Schachs von Liti⸗Teo, „an meinen Hauswirth; einen ſehr geſprächi⸗ „gen Mann und bat ihn, mich mit denjenigen „Staats⸗Beamten bekannt zu machen, welchen „dieſe Kunſt anvertraut ſey. Er verſicherte mich, „ihrer ungeheuern Anzahl ohngeachtet, ſey nichts „leichter; alle Staats-Beamte würden nach „der Verſchiedenheit ihres Wirkungskreiſes mit „Tuch⸗Enden von eigner Farbe verſehen. Ich „dürfe alſo nur einen halben Tag mich an's „Fenſter bemühen, um alle dieſe Tuch⸗Enden „kennen zu lernen. Sollte aber dieß mir zu „lange dünken, ſo ſey er bereit mir einen Far⸗ „benkaſten und Muſterkarte vorzulegen, auf „welcher ich die ganze Regierung des Schachs * — 135— „mit allen ihren ins unendlich vervielfältigten „Zweigen mit Einem Blicke würde überſehen „können. „Der Kürze wegen wählte i den letzten „Weeg und mein Hauswirth war ſo gefällig, „mir eine Muſterkarte aller dieſer Tuch⸗Enden „durch einen geſchickten Maler kopiren zu laſ⸗ „ſen, welche ich dann dieſer Depeſche beilege, „um dadurch auf Einmal Euer Hoheit eine voll⸗ „ſtändige Ueberſicht der Viel⸗Regierung zu lie⸗ „fern. Es iſt dieß zugleich für unſre Maler „eine ſeht vortheilhafte Abbildung der mannich⸗ 8 faltigen Farben mit ihren feinſten Abſchattun⸗ „gen, deren ſie ſich darinn bei ihrer Kunſt be⸗ „dienen können. 23. „Da ich den Schatz der Viel⸗„Regierung ken⸗ „nen zu lernen wünſchte, ſo verſicherte man „mich, dieß ſey ſelbſt für die Eingeborne eine „ſchwere Aufgabe, und mancher müſſe Monate „lang darnach ſuchen. Auf die Bezeichnung „meines Erſtaunens erhielt ich dann die Auf⸗ „klärung: daß jeder Regierer in einem beſon⸗ „dern Platze regiere, den man Büreau zu „nennen pflege, welches in unſrer Sprache ſo „viel als Kaſten bedeuten möchte; daß die Zahl — 137— „dieſer Käſten unberechenbar ſey; jeder Regierer „aber in ſeinem Kaſten und deſſen Fächern als „Schach regiere; daher eben ſo viel Schachs „als Käſten vorhanden ſeyen; worinn dann „gerade die große Kunſt des Viel⸗Regierens „beſtehe. Gewohnt in unſerm Vaterlande nur „Einen Schach nebſt den Vezier zu kennen, be⸗ „zeichnete ich mein Erſtaunen, wie dieſe vieler⸗ „ley Schachs neben einander ruhig regieren „könnten? Man bedeutete mich aber, daß dieß „nicht der Fall ſey, ſondern ſich dieſe Schachs „oft, obgleich alle im Namen des eigentlichen „Oberſten Schachs, bekriegten und hemmten; und „da ich mich nicht enthalten konnte, das Schick⸗ „ſal der armen Einwohner des Reichs unter „dieſen Schachs⸗Regierungen zu bedauern; ſo „verſicherte man mich, daß gerade dieß das „Glück der Einwohner ſey, indem durch dieſe „Streitigkeiten der Schachs gewöhnlich das Re⸗ „gieren oft ganz ſtill ſtehe; und die Unterthanen „alſo, unter der Leitung der Götter verſteht „ſich, ganz ruhig ohne Regierung ihres Wan⸗ „dels gehen könnten. 2. „Indeß begriff ich, trotz des Umfangs der „Regierungs⸗Muſter⸗Karte, doch nicht: wie — 138— „dieſe Schachs fertig werden konnten? denn „ich traf ſie den größten Theil des Tags ent⸗ „weder auf den Straßen, oder Spaziergängen „in Geſellſchaft der Damen, oder beim Spiele, „allenthalben aber ohne alle Zeichen von Re⸗ „gierungs⸗Geſchäftigkeit an. „Mein gefälliger Hauswirth erbot ſich hier⸗ „auf, mich in das Büreau eines dieſer Schachs „zu begleiten, der ſich täglich zum Speißen und „Spiele in unſerm Gaſthofe einfand. Und hier „ward ich nun auf Einmal erleuchtet und er⸗ „hielt den Schlüſſel der großen Viel⸗Regierungs⸗ „Kunſt. Der Schach dieſes Kaſtens zeigte „mir nämlich, daß alle Regierungs⸗Depoſchen „nach Nummern geordnet ſeyen und er arbei⸗ „tete ſo eben an der zweymal hundert tauſend „neun und neunzigſten Nummer des erſt bis „zum 3ten Neumond vorgerückten Geſchäfts⸗ „Jahrs. „Ich bemerkte ihm mein Erſtaunen, daß er „unter einer ſolchen Geſchäftslaſt nicht erliege, „wozu kaum 10 Menſchenalter hinreichten. Er „belächelte meine Verwunderung und zeigte mir, „daß nichts leichter ſey. Indeß die Ober⸗ „Schachs des Büreaus mit großer Strenge „darüber wachten, daß alle Nummern expe⸗ „dirt würden, ſo käme es übrigens auf die Art „der Expedition gar nicht an; indem man mit . S 5 — — „WWorteu, entweder: die Nummer zu andern „Nummer zu hinterlegen, oder mit der Bemer⸗ „kung: daß die Eingabe nicht gehörig, oder „das dazu gebrauchte Papier zu klein, oder zu „groß, zu breit oder zu ſchmal ſey, ſeine Num⸗ „mer expediren, den Ober⸗Schach befriedigen, „ſich noch das Lob des Fleißes und vorzüglicher „Thätigkeit verdienen und auf dieſe Weiſe in „Einer Stunde mehr als 10 tauſend Nummern „erpediren, ſo fort aber, nach vollbrachter Ar⸗ „beit den Kaſten verlaſſen, und ſich dann dem „Verdauungs⸗ oder irgend einem andern ange⸗ „nehmen Werke widmenz freilich aber auch, nach „der Zahl der erpedirten Nummern, mit Be⸗ „lohnungen, Ehrenzeichen(worüber ich mich in „meiner nächſten Depeſche zu erklären vorbe⸗ „halte), Beifallsbezengungen und Beförderun⸗ „gen überſchüttet werden könne. „Anfangs wollte mir unbegreiflich fallen, „wie bei dieſer Nummern⸗Expedition die Re⸗ „gierungs⸗Maſchine fortgehen könne. Da mich „aber der Unter⸗Schach verſicherte: der Ober⸗ „Schach, ſo wie alle übrige Schachs befänden „ſich recht wohl dabey, ſo lag nun das große „Geheimniß der Viel⸗Regierungs⸗Kunſt „offen vor mir und ich verließ den Kaſten⸗ „Schach mit den Zeichen der größten Bewun⸗ „dernug.“ — 140— 25. Der zute Schah⸗Baham war über dieſe De⸗ peſchen des Prinzen entzückt. Vor allen Dingen zog die Muſterkarte ſeine volle Aufmerkſamkeit auf ſich. Er eilte damit in den Harem, und ſeine Frauen konnten das Bunte der mannich⸗ faltigen Farben nicht genug bewundern Trium⸗ phirend kehrte Schah⸗Baham zu dem Vezier zu⸗ rück und befahl ihm, ſogleich à— 500 dergleichen Tuch⸗Enden von allen Farben, nach allen Schat⸗ tirungen, zu beſtellen, auch in höchſter Eile einige hundert Käſten fertigen zu laſſen. Der Vezier wagte es, dem Schach demi⸗ thigſt bemerklich zu machen, daß ſich ſchwerlich im Cochinchineſiſchem Reiche Tuch⸗Enden von ſo mannichfaltigen Farben vorfinden dürften, mit⸗ hin dieſe erſt durch die Karawanen und den Handel allmählig beygeſchaft werden müßten. Darüber ward aber Schah⸗Baham ſehr ent⸗ Wie? rief er— Du unterfängſt Dich, mit zu widerſprechen? Ich will Dir allenfalls zůt Zeit 100 Tuch⸗Enden erlaſſen; aber ich befehle, daß bis Morgen mindſtens 300 Tuch⸗Enden von verſchiedenen Farben gefertigt und meinen Hoß⸗ und Setail⸗Dienern angeheftet ſeyn ſollen, und ich will wohl ſehen, wer es wagt, meine Be⸗ — 401— fehle unvollzogen zu laſſen; Ich! Dein Kopf, Maßond! haftet mir dafür. Hörſt Du? und wie viel Köpfe Du haſt, magſt Du bedenken. Was übrigens die Käſten betrifft, ſo begreife ich wohl; daß dieſe nicht ſo eilig fertig ſeyn können; Du ſiehſt alſo wie billig und gerecht ich bin. Ich gebe Dir daher zu 200 Kaſten drey Tage Zeit: Nun gehe! 26. Der Vezier befand ſich ganz natürlich in großer Verlegenheit, wie er den Willen des Schachs erfüllen und ſeinen Kopf in Sicher⸗ heit ſetzen könne; obgleich er wohl wußte, daß es mit Schah⸗Bahams Drohungen nicht gerade ſo ernſtlich gemeint, und dieſe oft nur als an⸗ gewohnte Sultaniſche ſprüchwörtliche Redens⸗ arten zu betrachten ſeyen. Er berathſchlagte ſich hierüber mit ſeinem Leib⸗Sklaven Fit⸗Fo, und dieſer war der Meinung: es möchte, im Mangel der Tuch⸗ Enden, am zweckmäßigſten ſeyn, wenn der Ve⸗ zier nach der Muſterkarte die Streife von Pa⸗ pier mahlen und unter die Hofdienerſchaft aus⸗ theilen laſſe, wodurch hoffentlich der Schach ſich beruhigt finden würde. . — 12— Geſagt, gethan!— Die Mahler(Tüncher) der Hauptſtadt wurden ſämmtlich in Requiſitivn geſetzt; die Papierſtreifen nach der Muſterkarte gemalt, und am andern Tage erſchien die ge⸗ ſammte Dienerſchaft mit den angehefteten Pa⸗ pierſtreifen. Der Schach ließ ſie vor dem Thore ſeines Pallaſtes defiliren, klatſchte in die Hände und geruhte den Vezier, zum Zeichen ſeiner Zu⸗ friedenheit und ſeines Beifalls, recht derb an deſ⸗ ſen Knebelbart zu zupfen. Welches denn unter der Dienerſchaft großes Aufſehen erregte und dem überglücklichen Vezier eine bedeutende Zahl neuer Feinde und Neider zuzog. 27. In den nächſten Tagen wurden die Einwoh⸗ ner der Reſidenz in großes Schrecken verſetzt⸗ Der Vezier hatte alle Tiſchler der Stadt und der Umgegend zu Fertigung der Käſten(Büreaus) aufgeboten. Von dieſen Käſten hatte aber Prinz Mia⸗Tou unglücklicher Weiſe eine Zeichnung beyzulegen vergeſſen. Der Vezier hatte alſo dieß aus ſeinem eignen Kopfe ergänzen müſſen, und hiedurch waren danu dieſe Käſten, ohngeführ in der Form unſerer europäiſchen Schilderhäuſer entſtanden; ſo daß der Büreau⸗S chach kaum ſich darinnen umdrehen konnte; denn in der — 143— Tiefe des Kaſtens war nothwendig ein kleines Tiſchchen angebracht. Indeß konnten ſich die Einwohner die Be⸗ ſtimmung dieſer Käſten ſo wenig erklären, daß ſie auf die ſeltſamſten Vermuthungen geriethen. Ein Theil war der Meinung: ſie ſeyen zu Ge⸗ fängniſſen beſtimmt; andere, die von der Milde Schah⸗Bahams beſſere Begriffe hatten, waren das allerdings wahrſcheinlicheren Dafürhaltens: dieſe Käſten ſeyen zum bequemen Transport der Leib⸗Affen des Schachs beſtimmt; wenn dieſe ihn in ſeine Sommerpaläſte begleiteten. Am andern Morgen wurden dann in dem Vorplatze der Reſidenz alle dieſe Käſten aufge⸗ ſtellt und die Einwohner der Reſidenz erſtaun⸗ ten nicht wenig, ſtatt der Affen, die Hof⸗ und Staats⸗Diener des Schachs in dieſe Käſten ein⸗ quartirt zu finden. Dieſe waren vom Vezier förmlich dahinein kommandirt, um die vom Prin⸗ zen Mia⸗Tön ſo ſehr empfohlenen Viel- und Nummern⸗Regierung zu beginnen. Es fehlte aber leider an eingelaufenen Schrif⸗ ten, Berichten, Memorialien u. ſ. w., indem die Kadis und übrige Staatsbeamte von je die Geſchäfte mit ganz kurzer Hand(breni manu) nämlich: entweder mündlich,(kraft, der dort ſeit uralten Zeiten herkömmlichen öffent⸗ — u4— lichen Gerichtsbarkeit), oder mit der eben dahin gehörigen Baſtonnade, abzumachen pflegten. Der Vezier der hieran nicht gedacht hatte, war nun außerordentlich betroffen. Er wußte, bey dem beſten Willen, nicht: wie er das Ver⸗ langen des Schah⸗Baham in Abſicht der Viel⸗ Regierung durch Nummern zu erfüllen per⸗ möge? Sein Leib⸗Sklave Fit-Fo mußte auch dießmal aus der Noth helfen. Er rieth dem Vezier: eine Menge Täfelchen halb aus Holz, halb aus Zuckerwerk fertigen und mit Ziffern verſehen zu laſſen, dieſe an die Käſten⸗Chefs auszutheilen und ihnen zu überlaſſen, je nach dem ſich ein armer Supplicant, oder ein aus dem Harem begünſtigter, vder ein hübſches Mäd⸗ chen ſelbſt am Büreau melden würden, ein hölzernes oder ſüßes Nummer⸗Täfelchen auszu⸗ theilen; die überſchießenden Täfelchen aber in zierlicher Ordnung auf einander zu legen und dort ruhen zu laſſen. So geſchah's denn! Die Viel⸗ und Num⸗ mer⸗Regierung trat in Aktivität. Auf die Meldung des Veziers geruhte Schah⸗Baham die Reihen der Käſten und Nummern⸗Männer in Allerhöchſter Perſon zu beaugenſcheinigen. Am dritten Tage aber erhielt derſelbe zu ſei⸗ ner großen Freude einen neuen Papagey, der bereits den Laut: Bah! ausſprechen konnte, — 145— und den er alſo, durch fleißigen Unterricht, da⸗ hin zu bringen hoffte, auch die zweyte Silbe ſeines Namens: Ham— ausſprechen zu lernen. Ueber dieſen Unterricht nun wurden die Käſten, die Nummern und Nummern⸗Männer eben ſo ſchnell vergeſſen, als die Geſetze in dem Reiche Kakv⸗kambo vergeſſen zu werden pflegten. Zehentes Kapitel. Die Erhabenen, die bärtigen Männer und die Alterthümler von Kako⸗kambv. 27 Nach einigen Wochen und da der neue Pa⸗ pagey noch immer dem Unterrichte ſeines erha⸗ benen Lehrers widerſtand und ſeine Sprachkunde auf das ominöſe: Bah! einſchränkte, bezengte der Schach dem Vezier ſeinen Unwillen, daß der Prinz mit neuen Depeſchen ſo lange zurück halte. Maßoud erwiederte: daß allerdings ſeit⸗ dem wieder eine Depeſche des Prinzen eingelau⸗ fen ſey; er aber Bedenken getragen habe, Sr. Hoheit in jenem wichtigen zu ſtöhren. v. Soden's Erzähl. II. 10 — 146— Schach⸗Baham befahl ihm, die Depeſche au⸗ genblicklich herbey zu ſchaffen; und Vezier Ma⸗ ßond begann dann folgendermaßen: 28. „Ich muß Euer Hoheit nun vor allen Din⸗ „gen mit den verſchiedenen Kaſten der Einwoh⸗ „ner des großen Reichs von Kako⸗kambo be⸗ „kannt zu machen ſuchen. „Die erſte und dem Schach am nächſten „ſtehende Kaſte, nennt man; die Erhabenen. „Ihre Vorältern erhielten vor alten Zeiten die⸗ „ſen Titel wegen ihrer edlen und erhabenen „Kriegs⸗ und andern Thaten, und es war ihnen „erlaubt, ſolchen auf ihre Nachkommen zu ver⸗ „erben; wenn dieſe nach vorgängiger Prüfung „ſich dieſes Titels ebenfalls würdig bezeigten. „In der Zeitfolge wurde dieſe Prüfung für „unnnöthig erachtet und es reichte hin, wenl „dieſe Nachkommen die Pergamente vorzeigen „konnten, in welchen ihren Ahnherrn der Litel „des Erhabenen beygelegt war. „Sehr natürlich wünſchten in der Folge meh⸗ „rere der Nicht⸗Erhabenen in jene Kaſte „verſetzt zu werden, ohne ſich einer ſtrengen „Prüfung der Edelthaten zu unterwerfen. Die „Veziere der Schachs, ſtets geneigt die Schat⸗ „kammer zu füllen, beobachteten dieß und ſuch⸗ „ten dieſe, ſo wie jede menſchliche Thorheit, zu „benutzen. Von der Idee ergriffen, daß Gold „ein edles und erhabenes Metall ſey, mit⸗ „hin der Beſitzer auch ein edler und erhabner „Mann ſeyn müſſe— ein Schluß deſſen Rich⸗ „tigkeit ihre Gelehrten vergebens beſtritten— „kamen ſie auf den glücklichen Einfall, den Titel: „Erhaben mit dem Beſitze einer beſtimmten „Maſſe jenes erhabenen Metalls, alſo und „zwar um den Zulauf zu befördern, mit dem „Beſitze eines Beutels von 100 Goldſtücken zu „verbinden, und die Schatzkammern der Schachs „befanden ſich bald reichlich gefullt. Die Zahl „der Erhabenen wuchs aber, natürlich, der⸗ „geſtalt an, daß am Ende die Kaſte der Nicht⸗ „Erhabenen gänzlich auszuſterben drohte. „So ſehr ich nun die Weisheit jener Veziers „bewundere, ſo wage ich es doch, Euer Maje⸗ „ſtät, meinem erlauchten Erzeuger, demüthigſt „zu rathen, dieſe Kaſte der Erhabenen zwar „ebeufalls, zu Füllung der Schatzkammer, ein⸗ „zuführen; allein, bey dem Mangel an Perga⸗ „ment in unſern Gegenden, in dem Reiche von „Cochinchina zu verordnen: daß jedem, der mit⸗ „telſt eines Beutels von 100 Goldſtücken den „Titel: Erhaben erkaufte, ſtatt eines Per⸗ „gaments ein kaiſerlicher Stempel aufgedruckt 10* „und hiedurch die Auszeichnung ſeiner Kaſte „auf die allerunzweydeutigſte Weiſe Seh „werde. „Was es übrigens mit dieſen Stempeln, „einer der herrlichſten und genialſten Erfindun⸗ „gen des menſchlichen Geiſtes, für Bewandniß „habe? werde ich meinem Königlichen Va⸗ „ter in der Folge aus einanderſetzen. 29. „Eine ganz eigne Kaſte in dem Reiche von „Kakv⸗kambo bilden die bärtigen Män⸗ „ner; um deswillen alſo genannt, weil ſie „vermög der Religion ihres Wiſchnuh, den „ſie in ganz eignen Pagoden anbeten, ge⸗ „halten ſind, ihre Bärte wachſen zu laſſen; „indeß die übrigen Einwohner von Kako⸗kambo „— einige junge Leute, Zierbengel genannt, aus⸗ „genommen— ſie abſcheeren laſſen. „Dieſe bärtige Männer haben in allen „Reichen von Kako⸗kambo ſehr großen Einfluß, „ja man ſagt ſogar, daß ſie hie und da die „Vice⸗Unter⸗Veziers bildeten. Dieſer Einfluß „wird vorzüglich dadurch beſtimmt, daß ſie, „vermög ihrer Gewandheit und Schlauheit, im „Beſitz der mehreſten Beutel mit Goldſtücken ſich „befinden und daher im Stande ſind, in Zei⸗ —— „ten des Drangs die Schatzkammern gegen eine „mäßige Vergütung von 50 für 100 zu un⸗ „terſtützen. Dieſer edelmüthigen und patrioti⸗ „ſchen Unterſtützung wegen werden ſie denn „nun auch in die Kaſte der Erhabenen auf⸗ „genommen. „Der tiefen Weisheit meines Königl. Va⸗ „ters muß ich überlaſſen: ob dieſe bärtige „Männer in dem Reiche von Cochinchina „zugelaſſen werden wollen? Nur möchte ich „demüthigſt rathen, im Fall ſie in die Kaſte der „Erhabenen aufgenommen ſeyn wollen, ſtatt „Einen—, 30 Beutel von 100 Goldſtücken zu „erheben und ſie überdieß zu verpflichten, ihre „Bärte, wenn ſie zu einer gewiſſen Höhe ange⸗ „wachſen ſind, vergolden zu laſſen; da ſie dann „alljährlich von dem Schatz⸗Kammer⸗Schneider „abgeſchnitten und in die Schatz⸗Kammer zurück⸗ „gelegt werden könnten; ſomit auch, wie recht „und billig dieſen bärtigen Erhabenen einen „30fachen Stempel aufzudrücken, wobey ſich „denn die Schatzkammer ganz wohl befinden „dürfte; daher ich auch von Seiten des Veziers „Maßoud keine Einwendung gegen dieſen Vor⸗ „ſchlag befürchte.“ Der geiſtreiche Prinz!— unterbrach ſich hier Maßond.— Wahrlich! ich wüßte gegen dieſen — 150— trefflichen Vorſchlag nicht das S wenden. Schweig! mit Deinen Anmerkungen, derſeht⸗ der Schach, und erwarte meine Entſcheidung, wie Dirs ziemt.— Und nun fahre fort! 30. „Noch“— ſo fuhr der Vezier in der Deps⸗ ſche fort—„bemerkte ich eine ganz eigne Gat⸗ ganz eig „tung von Menſchen, die Alterthümler ge⸗ „nannt. Sie unterſcheiden ſich von allen übri⸗ „gen Einwohnern Kako⸗kambo's nicht nur durch „eine moderne Kleidung, wie ſie nämlich ihre „Ur⸗Ur⸗Ur⸗ Ur⸗Ur⸗Aelter⸗Väter getragen „haben ſollen, ſondern auch durch eine gewiſſe „Natürlichkeit, welche ſie die göttliche Derb⸗ „heit zu nennen pflegen. „Von den Kakv⸗kambviſchen Veziers werden „ſie übrigens genan beobachtet; denn man hatte „dieſe Alterthümler in Verdacht, daß ſie den „Vezieren, ja ſelbſt den Schachs nicht allzuhold „ſeyen. „Ich kann daher nicht glauben, daß Euer „Hoheit denſelben den Zutritt in das Reich von „Kako⸗kambo geſtatten werden.“ Das werd ich wohl bleiben laſſen!— un⸗ terbrach hier Schach⸗Baham. „Jedoch— fuhr der Vezier in der Depeſche fort—„bin ich willens, der Seltenheit wegen, „Euer Hoheit ein Exemplar dieſer Alterthüm⸗ „ler mitzubringen.“ Die Peſt?— fuhr hier der Sultan entrü⸗ ſtet auf— das ſoll er wohl bleiben laſſen! Ich will keine Alterthümler, welche die Schachs nicht leiden können!. Noch die Veziers!— ſetzte Maßoud hinzu. Iſt Deine Depeſche zu Ende? frug Schah⸗ Baham. Nichts weniger! Ew. Majeſtät. Nun, erwiederte der Sultan, ſo magſt Du mir den Reſt morgen früh vorlegen; denn Deine Alterthümler haben meine Verdauung gewal⸗ tig geſtört. Eilftes Kapitel. Die Kameel⸗Laſt der Geſetze. 31. Am folgenden Morgen erſchien der Vezier; Er fand den Schach auf dem Divau in tiefem Nachdenken. Maßond hielt ſich in ehrerbietiger Entfer⸗ nung. — 152— Rur näher, Vezier! rief ihn Schach⸗Baham an. Du triffſt mich zwar in tiefem Nachdenken uber die geſtrige Depoſche von den Erhabenen und bärtigen Männern von Kakv⸗kambo; da ich aber mit meinen Bemerkungen und Entſchlieſ⸗ ſungen hierüber noch nicht ganz im Reinen bin, ſo magſt Du einſtweilen fortfahren. „Ich ſchloß mich“— fuhr der Vezier in Ab⸗ leſung der Depoſche fort—„immer näher an „meinen Hauswirth an; da ich bemerkte, daß „er ein feiner, gebildeter Mann war; daher „ihn auch viele der Gäſte Herr Doktor zu „nennen pflegten; ein Titel, den man im Reiche „von Kako⸗kambo den Gelehrten gewöhnlich „giebt. „So fragte ich ihn denn auch: ob denn die „vielen Büreau⸗ oder Käſten⸗Chefs ihre Viel⸗ „Regierung jeder nach ſeinen eignen Käſten⸗ „Anſichten ausübten, und ob nicht daraus im „Reiche die größte Verwirrung entſtehen müſſe? „Mein Hauswirth belehrte mich hierauf: dieß „ſey durchaus nicht der Fall; indem nach den „geſchriebenen Geſetzbüchern von allen regiert „werden müſſe. Dem gemäß bat ich ihn, mir „dieſe Geſetzbücher zu verſchaffen. „Dieß beantwortete er mit einem ſardoni⸗ „ſchen Lächeln. Män ſieht wohl, erwiederte „er, wie wenig Sie noch im Reiche von Ka⸗ 1 „ko⸗kambo bewandert ſind. Die Geſetzbücher „des Reichs von Kako⸗kambo mögen ſo ziemlich „die Fracht von 36 bis u0 hoch beladenen Gü⸗ „therwägen ausmachen. Iſt es möglich! rief „ich voll Erſtaunen aus, und wie können denn „die Herren Viel⸗Regierer dieſe große Maſſe „von Geſetzbüchern im Gedächtniſſe behalten? „Das iſt auch gar nicht nöthig! erwiederte mein „Hauswirth. Sie werden gewöhnlich nur her⸗ „vorgeſucht, wenn etwa irgend einer der Viel⸗ „Regenten ein Geſetz bedarf, um einem ſeines „Gleichen, dem er nicht hold iſt, unter dem „Schutze dieſes Geſetzbuches einen Streich zu „verſetzen, oder einem ſeiner Untergebenen die „Baſtonnade geben zu laſſen; ohne daß ihn „der Ober⸗Schach dafür tadeln kann. „Indeß— fuhr er fort— iſt nicht zu läug⸗ „nen, daß dieſe Geſetzbücher einen großen Vor⸗ „rath von Gelehrſamkeit, Vernunft und Weis⸗ „heit enthalten; doch kann ich nicht umhin, zu „bemerken, daß, wären die Menſchen in Kako⸗ „kambo alle vernünftig, man dieſe Vorräthe „entbehren könnte. Allein, ſetzte er lächelnd „hinzu, die Veziere würden ſich freylich nicht „wohl dabey befinden! „Der Hauswirth hatte meine ganze Aufmerk⸗ „ſamkeit rege gemacht. Da Euer Hoheit mich „zu meinem Unterrichte in das Reich des Viel⸗ — 154— „Regierens reiſen zu laſſen geruht haben, „ſo glaubte ich auch, jenen Schatz von Weisheit „und Gelehrſamkeit nicht zurücklaſſen zu dürfen; „ich bat alſo meinen Hauswirth, mir dieſe „ſämmtliche Geſetzbücher zu verſchaffen; zugleich „bemerkte ich aber, daß Cochinchina keine „Kunſt⸗Straßen beſitze und daher dieſe Maga⸗ „zine auf Frachtwägen nicht dahin gebracht „werden könnten. 6 „Der Hauswirth fragte mich hierauf lä⸗ „chelnd: ob ſie denn nicht allenfalls auf gedul⸗ „tigen Eſeln zu transportiren wären? Auf meine Erwiederung: daß der Eſel im Reiche „von Cochinchina als ein dem Wiſchnuh hei⸗ „liges Thier verehrt werde, mithin zum Laſt⸗ „tragen nicht gebraucht werden dürfe, brach „mein gelehrter Hauswirth in lautes Lachen „aus. „Wie ähnlich, rief er endlich, ſind doch die „Sitten und Gebräuche der Menſchen in den „entfernteſten Gegenden! Im Reich von Kako⸗ „kambo ſind die Eſel ebenfalls ſehr geehrt; aber „aus ganz andern Gründen. Von den Kli⸗ „geren nämlich, weil die Eſel dumm genug ſind, „ſie nicht in ihrem Streben und Weben zu ir⸗ ren, und weil ſie arbeitſam genug ſind, alle „deren Laſten zu tragen; indeß jene dadurch „Muße erhalten, ſich dem hinzugeben, was ſie d— „Lebensgenuß nennen: Aber— fuhr er fort— „Sie haben ja dort wohl Kameele? „Allerdings; verſetzte ich. „Nun, war ſeine mit neuem Gelächter be⸗ „gleitete Antwort, das iſt denn gerade recht; „denn man pflegt unſre Geſetze von alten Zei⸗ „ten her: multorum camelorum onus,(die Laſt „vieler Kameele) zu nennen! He! He! He! „Ich begann nun zu bemerken, daß mein „Hauswirth ein Satyrikus ſey, und indem „ich ihm darüber ſowohl meine Theilnahme, als „meine Bewunderung bezeugte, fragte ich: wie „es denn komme, daß er, als ein Gelehrter, „wie ſein Titel als Doktor beweiſe, ſich zu „dem gemeinen, proſaiſchem Geſchäfte eines „Gaſtwirths habe herablaſſen können? „Er erwiederte: Fürs erſte ſey Doktor eben⸗ „fallé eine, gleich dem Titel: Erhaben, ge⸗ „wöhnlich gewordne Titulatur; aber von dem „Prädikat Doetus Cgelehrtd ſehr verſchieden; „und zweytens ſey das Reich von Kako⸗kambo „mit Doktoren: d. h. mit Leuten, welche an⸗ „dre beſſer belehren wollten, ja ſelbſt mit Dok⸗ „ten ſo überfüllt, daß ſich für ihn keine Aus⸗ „ſicht für einen Regierungs⸗Kaſten gezeigt; er „alſo ſich gedrungen geſehen habe, eine Wirth⸗ „ſchaft zu pachten; wobey er ſich denn weit „beſſer befinde; als die Doktoren. Die Advo⸗ — 156— „caten allein ausgenommen; welche als die „Bienen des menſchlichen Geſchlechts anzuſehen „ſeyen.“ Woher aber dieſer Zuſtand der Dinge in dem Reiche von Kakv⸗kambo entſprang, werden — ſo fährt Abdallah⸗If fort— unſre Leſer im nächſten Kapitel aufgeklärt finden. Zwölftes Kapitel. Der Stammbaum der Richt⸗Erhabenen. 32. „Ich konnte— fuhr der Prinz Mia⸗Tön in ſeiner Depoſche fort— nicht umhin, dem Herrn „Doktor meine Verwunderung über die Menge „von Doktoren und Dokten zu erkennen zu „geben; indeß im Cochinchiniſchen⸗Reiche hier⸗ „an großer Mangel ſeyn und ſich höchſtens bey „unſern Prieſtern, Ponguis und Talapoi⸗ „nen, eine Spur von Kenntniſſen vorfinde. „Doch mein Hauswirth klärte mich bald auf. „Sie kennen— ſprach er— die Kaſte unſter „Erhabenen und auf welche Weiſe dieſe in „den neueren Zeiten ſo auſehnlich ſich vermehrt „hat. Daß nun deren Abkömmlinge weder den „Pflug noch den Keil in die Hände nehmen, „ſondern ebenfalls erhabene Arbeiten, oder „die erhabenſte aller Arbeiten, nämlich das Gött⸗ „liche Far niente wählen wollen, iſt ſehr na⸗ „türlich. „Mit der Kaſte der Doktoren und Dokten „verhält es ſich eben ſo; da auch ſie ſich mit „Recht zu der Kaſte der Erhabenen zählen, „ſo würden ſie ſich ſehr beſchämt fühlen, ihre „Kinder in derjenigen Kaſte zu ſehen, die ſich „mit den gemeinen, trivialen Geſchäften des „Ackerbaues, oder der Handwerker abgeben ſol⸗ „len, und ſich allenfalls ihr Brod von einem „Herrn Sohn backen, oder ihre Haare von „einen Herrn Schwieger⸗Sohne kräuſeln zu laſ⸗ „ſen. Ehe wollten ſie ſich ohne Brod behelfen, „oder ihren Haarputz in Unordnung belaßen. „Es müſſen alſo nothwendig alle ihre männ⸗ „liche Nachkommen ebenfalls Doktoren und Dok⸗ „ten und ihre Töchter wenigſtens an Doktoren „und Dokten vermählt werden. „Wie? unterbrach ich meinen Hauswirth. „Alſo iſt die Gelehrſamkeit im Reiche von Kako⸗ „kambo erblich und geht von Glied zu Glied „auf die Nachkommen über?— Großer Wiſch⸗ „nuh! Welches glückliche Land! „Daß die Gelehrtheit auf die Nachkommen „der Doktoren und Dokten übergienge, erwie⸗ „ — 158— „derte lächelnd mein Hauswirth, konnen wir „wohl nicht gerade behaupten: ſintemal und „alldieviel wir, ſo wie unter den Nachkommen „der Erhabenen, manche nicht erhabene, „auch unter den Nachkommen der Dokten man⸗ „che nicht Dokte oder Unwiſſende gewah⸗ „ren; indeß iſt alles dieß im Reiche „unſchädlich. „Unſchädlich? rief ich aus, unſchävlich „wer iſt es denn, der dieſe Erhabenen, Dok⸗ „toren und Dokten ernährt und füttert? „O erlauchter Prinz!— fiel mein Hauswirth) „ein— dafür iſt das Volk da; gerade dafür „muß ſo viel regiert werden, und ohne dieſe „weiſe Einrichtung würde ſich die göttliche Kunſt „des Viel⸗Regierens bald verliehren. „Gegen dieſes Argument wußte ich nun „freylich nichts einzuwenden; und ſchloß dieſe „Unterredung mit der Frage: ob denn nicht „am Ende die Nachkommen der Erhabenen, Dol⸗ „toren und Dokten ſo hoch anwachſen möchten, „daß am Ende nichts mehr zu regieren übrig „ſey, und die ganze Nation aus Regieren⸗ „den beſtehen, oder mindſtens auf Einen re⸗ „gierten zwey bis drey Regierende kom⸗ „men dürften? „Mein Hauspatron geſtund mir das mit „Achſelzucken zu; betheuerte aber, daß dieß gat F — 160— F nichts zu bedeuten habe wenn nur das gött⸗ „liche Prinzip des Viel⸗Regierens gerettet, „behauptet und bewahrt werde!“ 33. Halt!— rief hier Schach⸗Baham aus— dieſe Depeſchen meines Erzeugten geben mir ſo vielen Stoff zum Nachdenken, daß ich Dir ver⸗ biete, mir vor der Hand mehr vorzuleſen, bis ich den Innhalt, ohnbeſchadet der körperli⸗ chen Verdauung, im Geiſte verdaut habe, und das iſt wahrlich! keine geringe Arbeit; zumal für einen Schach! Der Vezier entfernte ſich und Schach⸗Baham begann vor allen Dingen die körperliche. ſpäter die stitse Beßunm Dreyzehntes Kapitel. Schach⸗Bahams Verdauung. Nachden veyde glücklich vollendet waren, wurde Maßond gerufen. Höre, Maßond! redete der Schach ihn beym Einttitte anz Du haſt mir mit Deinen Depo⸗ ſchen des Prinzen dergeſtalt den Kopf angefüllt, daß ich kaum mich wieder werde auf deren Inn⸗ halt beſinnen können; zumal ich heute ſchon über 30 Depeſchen aus Deinen Käſten, Büreaus ge⸗ nannt, erbrochen habe;z ich! der Sultan!— Du wirſt alſo meinem Gedächtniſſe hie und da zu Hülfe kommen müſſen. Welches war, zum Beyſpiel, der erſte Ge⸗ genſtand der letzten Depoſche? „Die Kaſten der Erhabenen, der bärti⸗ „gen Männer und der Alterthümler,“ verſetzte der Vezier. Ganz recht! fuhr der Sultan fort. Was nun Deine Erhabenen betrifft, ſo kann ich vey einer ſolchen Einrichtung, wie ſie, nach mei⸗ nes Sohnes Berichte, im Reiche von Kakv⸗kambo beſtehen ſoll, mich, nach meinem einfältigen Sul⸗ tans⸗Verſtande, nicht genug verwundern, daß es noch Thoren giebt, die auf einen Titel Werth legen, der nichts mehr und nichts weniger be⸗ weißt, als daß man Beſitzer eines Beutels von 100 Goldſtücken ſey?— Wir haben im Reiche von Cochinchina der Thoren genng; von dieſet neuen Gattung will ich alſo nichts wiſſen. Was aber die bärtige Männer betrifft, ſo ſollen ſie mir ſehr willkommen ſeyn. Ob ſie an den Wiſchnuh oder Dalai⸗Lama oder an den Godemann, oder vollends an die7 Haupt⸗ t⸗ — Götter glauben? und wie lang ihre Bärte ſind, iſt mir ſehr gleichgültig, wenn ſie nur dieſe Bärte vergolden und ſo oft als möglich abſchnei⸗ den und in die Schatzkammer beylegen laſſen; und ich empfehle Dir, Maßond, dem Prin⸗ zen zu ſchreiben: daß er ſoviel als möglich von dieſen bärtigen Männern anwerbe. Denn, Ve⸗ zier! ich ſehe weiter als Du und mein Sohn. Da dieſe bärtige Mäner das Gold alles übri⸗ gen Volks, kraft ihrer Gewandheit und Schlau⸗ heit an ſich zu ziehen wiſſen und durch die Ver⸗ goldung ihrer Bärte dann wieder in die Schatz⸗ kammer bringen, ſo kannſt Du alle Ober- und Unter⸗Schatz⸗ und Rentmeiſter ganz ruhig ab⸗ danken, und das iſt wahrlich! keine geringe Erſparniß! Welche Weisheit! Welcher Scharfblick!— unterbrach der Vezier, tief ſich beugend. Uebrigens— fuhr Schach⸗Baham fort— wirſt Du dem Prinzen gemeßen— des Schachs⸗Lieblings⸗Wort— aufgeben, den al⸗ lergeſchickteſten Balbier der Reiche von Kako⸗ kambo um jeden Preis anzuwerben und zwar mit dem allerſchärfſten Inſtrumenten verſehen; damit kein Haar der bärtigen Männer ver⸗ lohren gehe. v. Soden's Erzähl. II. 11 — 762— Von Deinen Alterthümlern will ich vol⸗ lends nichts wiſſen. Sie ſind auf ewig aus meinem Reiche verbannt, und kommen ſie je an ein Queerholz, ſo ſollen ſie auf der Stelle vor demſelben geſpießt werden. Deine Doktoren und Dokten gefallen mir übrigens ganz wohl; auch habe ich gar nichts dagegen, daß ſie ſich vermehren; denn es fehlt mir längſt an ge⸗ ſchickten Lehrern meiner Papageyen. Was aber das Regieren der Unterthanen meines Reichs betrifft, ſo habe ich zwar nichts dagegen, wenn die Herren Doktoren und Dokten ſie regieren wollen; nur mögen ſie es auf ihre eigne Koſten thun; denn allmählig beginne ich zu bemerken, daß mein Sohn Mia⸗Toön ſo viel Verſtand hat als ſein Vater; und einzuſehen beginnt: meine Unterthanen befänden ſich gerade deswe⸗ gen am beſten, weil, dank ſeh es meinem Bauche und meinen guten Verdauungs⸗Werk⸗ Zeugen! bey uns ſo wenig regiert wird. Ob ich Recht oder Unrecht habe? mögen die Götter entſcheiden. Uebrigens magſt Du die nächſten Depoſchen des Prinzen noch abwar⸗ ten; denn ich bin bereits halb und halb ent⸗ ſchloſſen, ihn zurück zu rufen. — —— S S — 163— Vierzehntes Kapitel. Die Gaſt⸗Schilde. 35. Bey dem nächſten Referate meldete der Ve⸗ zier dem Schach allerunterthänigſt: es ſey von dem Prinzen eine neue Depoſche, aber luſtigen Innhalts angekommen, ſo daß deren Verdauung Sr. Majeſtät geiſtigen Magen beſchwe⸗ ren werde. Deſto beſſer, erwiederte der Sultan, denn ich habe gerade heute mit großem Appetit ge⸗ ſpeißt und mit meiner körperlichen Verdau⸗ ung genug zu thun. Der Vezier begann alſo:„Ich kann nicht „umhin, meinen Königlichen Herrn und Vater „auf gewiſſe Gebräuche der Einwohner von „Kako⸗kambo aufmerkſam zu machen, die wahr⸗ „ſcheinlich in Cochinchina auffallend erſcheinen „werden.“ „Es iſt nämlich dort keineswegs gebräuch⸗ „lich, daß man die Sorge für Reiſende, als „Pflicht der Regierung, betrachtet, wie dieß 41* „bey unſern Pagoden und Karawanſereys der „Fall iſt. „Vielmehr werden im Reiche von Kako⸗kambo „gewiſſe Leute dazu privilegirt, die Reiſenden „(die freilich ihnen dahin gegeben ſind, weil „ſie, zumahl in dieſen kalten Klimaten, nicht „unter freyen Himmel wohnen können) nach „Luſt und Belieben zu tariren. Gegen dieſe „Taren giebt es durchaus kein Hülfsmittel; „der Reiſende muß ſich ihnen unterwerfen. „Das luſtigſte aber ſind die Wahrzeichen „deren ſich dieſe privilegirte Wirthe bedienen⸗ „Ich logire zum Beyſpiel bey dem Wirthe zum „klyſtirten Elephanten, als dem vornehmſten „Gaſthofe der Stadt. Alle andre Wahrzeichen „ſind keineswegs aus der Natur, ſondern, wie „es ſcheint, abſichtlich aus Unnatur gewählt, „ſo giebt es z. B. Wahrzeichen zum grünen „Eſel, goldenen Affen, ſilbernen Bären, rothen „Hahnen, wie man ſie doch im ganzen Reiche „von Kako⸗kambo nicht findet!“ Wer weiß— unterbrach hier Schach⸗Baham den Vezier— ob dieſe Bilder nicht bloße Sinn⸗ Bilder ſind; und darunter tiefe Gelehrſamkeit verborgen iſt. Ein grüner Eſel! Ein klyſtirter 165 Elephant! Dahinter müſſen große Geheimniſſe ſtecken! Du wirſt alſo wohl thun, unſere Man⸗ darinen, Talopoinen und ſo weiter zu verſamm⸗ len und ihnen aufgeben, bey Vermeidung har⸗ ter Strafe und unſrer Kaiſerlichen Ungnade, dieſe Sinnbilder auszulegen und zu deuten. Der Vezier wollte nun ſich entfernen. Halt! — rief ihm Schach⸗Baham nach— Bey der Menge und Wichtigkeit meiner Geſchäfte habe ich vergeſſen, Dir meine Meinung über die Ge⸗ ſetzbücher mitzutheilen. Du wirſt dem Prinzen melden, daß er ſie ſogleich abgehen laſſe; und wirſt an der Gränze 2000 Kameele zu deren Empfang bereit halten. Bey Ankunft wirſt Du dafür ſorgen, daß ihre Laſt, zu den übrigen“ Rollen Pergament gelegt werde und alle Monate nachſehen laſſen: ob ſie verfaulen? Der Vezier bückte ſich und gieng. — 166— Fünfzehntes Kapitel. Das Finanz⸗Wörterbuch von Kako⸗kambo. 36. Die nächſte Depoſche des Prinzen Mia⸗Tön war für den Vezier ſo intereſſant, daß er da⸗ mit haſtig zum Schach eilte. Schach⸗Baham, der ſo eben, wie dieß frey⸗ lich oft der Fall war, ſich langweilte, war die Ankunft des Veziers ſehr willkommen. „Da ich.— ſo ſchrieb der Prinz— beh „meinen Reiſen in dem Reiche von Kako⸗kambo „gar keine Gold⸗ und nur wenig Silber-Berg⸗ „werke vorfand, und doch allgemein in den „Reſidenzen der Schachs und bey den bärti⸗ „gen Männern viel Gold und Silber be⸗ „merkte; ſo war ich ſehr begierig, zu erfah⸗ „ren: wie ſie denn dieſe Schätze ſich zu ver⸗ „ſchaffen wüßten? Mein gefälliger Gaſtwirth, „den ich bewogen hatte, mich auf einigen Rei⸗ „ſen in den Reichen von Kako⸗kambo zu beglei⸗ „ten, klärte mich auch hierüber auf. „Er machte mich auf das Elend der Be⸗ „wohner der Provinzen dieſer Reiche aufmerk⸗ bo g en h, ei⸗ e r⸗ ei⸗ — 167— „ſam, in den ſich oft unter einer Million Ein⸗ „wohner nicht ſo viel Beutel als in den Ge⸗ „mächern Eines der bärtigen Männer und zu⸗ „mal der erhabenen befinde; und bemerkte „mir: das die Hauptkunſt des Viel⸗Regie⸗ „rens darinn beſtehe: alle edle Metalle in „die Regierungs⸗Käſten zu bringen. Zu dem „Ende hätten denn die Schachs der Finanz⸗ „Käſten ein weitläuftiges Lexikon, oder Wör⸗ „terbuch erfunden, wovon jedes Wort mit „Gold bezahlt werden müſſe; daher denn auch „die Sprache der Finanz⸗Käſten die reichſſte „aller Sprachen ſey; ſelbſt die arabiſche nicht „ausgenommen. „Dieſes Wörterbuch mußten nun alle „Einwohner der Reiche von Ka⸗ko⸗kambo „einſtudiren und zwar gutwillig, oder mittelſt „einer Art von Kako⸗kambiſchen Baſtonnade. „Um hingegen die Einnehmer dieſer Wör⸗ „ter⸗Bezahlung zum Eifer aufzumuntern, ſey „ihnen erlaubt, nicht allein einen Theil dieſer „Wörter⸗Einnahme für ſich zu behalten; ſon⸗ „dern auch mittelſt eines voluminöſen Anhangs „zu dieſem Wörterbuche, unter dem lateiniſchen „Titel: Sportulae, der wieder ein paar tauſend „Unter⸗Abtheilungstitel hat, eine eigne Ab⸗ „gabe zu erheben.“—— — 168— Hier unterbrach der gutmüthige Schach⸗Ba⸗ ham den Vezier, den Kopf ſchüttelnd. Höre, Maßoud, ſprach er; ich denke, ich denke, daß doch wohl am Ende die Einwohner meines Reichs ſich bey dem Wenig⸗Regieren beſſer befinden dürften, als die von Kako⸗kambo bey ihrer Viel⸗Regierung und daß es wohl am klügſten ſeyn möchte, meinen Sohn zurückzu⸗ rufen. (Die Fortſetzung einſt.) VII. — — — 2 — 2„ — — D Das Geſpenſt [wahre Anekdote.) 1. Ver ohngefähr 12 Jahren kam ein junger Kauf⸗ mann, Eduard M.—. aus F.—. auf einer Ge⸗ ſchäftsreiſe nach der etwa 16 Stunden davon entfernten Stadt W. und trat im Gaſthofe zur Schwane ab. Er wurde in ein Zimmer logirt, das die herrliche Ausſicht auf den mit Swſ bedeck⸗ ten Strom hatte. Er bemerkte bald, daß ein alter dfiier ſein Nachbar war, den er öfters aus und einge⸗ hen ſah und der ihm im Begegnen auf der Treppe den freundlichen Gruß freundlich erwie⸗ derte; zur Wirthötafel erſchien er nicht. Intereſſanter war ihm ein goldlockiges weib⸗ liches Köpfchen, das bisweilen aus dem näch⸗ S — 172— ſten Fenſter ſich ſehen ließ, aber ſich ſchüchtern zurückzog, ſobald es bemerkt zu ſeyn glaubte. Vom Kellner erfuhr Eduard: ſein Nachbar ſey der penſionirte Hauptmann von G.—. und das goldlockige Köpfchen, ſeine 18jährige Tochter. 3. Eduard von ſeinen Geſchäftsgängen ermü⸗ det, legte ſich einſt an einem ſchönen Sommer⸗ Abende zeitig zu Bette. Gegen Mitternacht er⸗ wachte er von dem Geräuſche des Oeffnens der unverſchloſſenen Thüre ſeines Zimmers. Erſchrocken richtete er ſich halb im Bette auf und griff nach den auf ſeinem Nacht⸗Tiſchchen liegenden Piſtolen; da gewahrte er im Mond⸗ ſcheine eine ſchlanke, weiße, weibliche Geſtalt, welche auf den Zehen durch das Zimmer ſchlich, das Fenſter öffnete, die Arme in die Luft brei⸗ tete, laut ſchluchzend den Namen Eduard! ausrief und nach wenigen Minuten, das Fen⸗ ſter wieder verſchließend, eben ſo leiſe durch das Zimmer ſchlich, die Thüre öffnete und ver⸗ ſchwand. 4. S. Man denke ſich Eduards Erſtaunen. So aufgeklärt er war, wurde er doch in dem Un⸗ glauben an Geiſter-Erſcheinungen wankend. Er verließ das Lager und brachte den Reſt der Nacht ſehr unruhig zu.* Aus Schaam wagte er es nicht, dieſes Aben⸗ theuers gegen irgend jemand zu gedenken. Zwey folgende Nächte giengen ruhig vorüber. In der dritten Nacht wurde Eduard durch das nämliche Geräuſch der Oeffnung der Thüre erweckt; die weiße Geſtalt trat abermals leiſe herein; doch, ſtatt ſich wie das erſtemal dem Fenſter zu nähern, ſchlich ſie ſich an deſſen Bett, rang die Arme und rief, wie das vorigemal, nach einem tiefen Seufzer: Eduard! Eduard! Eduard, der nun auf dieſe Erſcheinung mehr gefaßt war, ſtreckte ſeine Arme aus, um die Geſtalt zu umſchlingen; doch bey dieſer Bewe⸗ gung ſtieß dieſe einen Schrey des Entſetzens aus und flog zu der Thüre, eh' ſich Eduard nur beſinnen konnte. 5. Nun wurde der Vorfall unſerm Reiſenden bedenklich. Er zog am andern Morgen den Gaſt⸗ wirth, einen bejahrten, beſonnenen Mann bey Seite und vertraute ihm ſein Abentheuer. — Dieſer ſchüttelte den Kopf, bat Eduard um Verſchwiegenheit und verſprach, alles mögliche zu Aufklärung dieſes Ereigniſſes anzuwenden. Die nächſte Racht gieng ruhig vorüber; am andern Morgen erſchien der Gaſtwirth auf Eduards Zimmer und eröffnete ihm: Es habe der von ihm aufgeſtellte Beobachter bemerkt, daß die weiße Geſtalt ohngefähr um die näm⸗ liche Stunde wie bisher aus dem Nebenzimmer des Hauptmanns gekommen ſey, und die vorige Nacht ein Fenſter auf dem Vorſaale geöffnet, die nämliche Töne ausgeſtoßen und dann ſich wieder in jenes Zimmer zurückgezogen habe. Der Geiſt könne alſo wohl niemand anders ſeyn, als die Tochter des penſionirten Haupt⸗ manns, ſeines Nachbars; und wahrſcheinlich ſey dieſe Mondſüchtig. 5 6. Ein Theil des Räthſels war nun freilich gelößt; aber keineswegs das ganze. Denn daß das Fräulein Eduards Namen rief und in ſein Zimmer ſchlich, blieb noch immer unerklärt. Sie hatte ja ihren Nachbar noch gar nicht, ſo wie er, nur ihren Kopf mit nbnepiti Ge⸗ ſichte im Fenſter geſehen. — 175— Der Gaſtwirth wußte hierüber keine weitere Auskunft zu geben; er erzählte nur, daß die Lochter des Hauptmanns ſeit ihrer Ankunft das Zimmer nicht verlaſſen habe, daß die Mägde vom Hauſe ſie öfters in Thränen angetroffen, und daß das gute Kind von einem tiefen Kum⸗ mer niedergebengt ſcheine. Alles dieß machte Eduards Intereſſe rege. Er beſchloß, die nächſte Nacht bis zu der ge⸗ wöhnlichen Stunde außer Bett zu bleiben und die Erſcheinung zu erwarten. Die Geſtalt zeigte ſich, wie ſtets, an ver Thüre; als ſie aber das Licht gewahrte, das Eduard abſichtlich hatte breunen laſſen, floh ſie augenblicklich zurück. Eduard folgte ihr auf den Gang und ſah, wie ſie in die zweyte nächſte Thüre entſchlüpfte. Nun war des Gaſtwirths Ausſage beſtätigt. Allein Eduard hatte nun beym Scheine des Lichts das Geſpenſt näher erblickt. Es war eine ſchlanke, edle, weibliche Geſtalt; blaß, aber von den reizendſten Zügen. Alles trug bey, ihn für dieſes Weſen zu intereſſiren. — 176— Doch,„redlich und rechtlich wie er war, ent⸗ ſchloß er ſich, am andern Morgen dem Vater des ſchönen Geiſtes das Abentheuer ſelbſt z ent⸗ decken. 8. Eduard ließ ſich bey dem alten ehrwürdigei Krieger melden und ward freundlich an men. Eduard erzählte ihm nun, was wir wiſſen; damit, wie er hinzufügte, der Herr Hauptmann Maaßregeln ergreifen könne, jeden Schritt zu verhüten, der ſchuldloſer Weiſe den Ruf W Tochter zu gefährden vermöchte. Der biedre Greiß drückte ihm die Hand. Mein lieber Rachbar! ſprach er, Sie ſind ein braver, edler Jüngling und ich danke Ihnen herzlich. Allerdings werde ich dafür ſorgen, daß meine arme Klara ſie nicht weiter beun⸗ ruhigt; aber Sie müſſen nun auch die volle Aufklärung dieſes Ereigniſſes hören⸗ Klara iſt mein einziges Kind, die Frucht einer glücklichen Ehe; Klaras Erſcheiuung im Leben endete das Leben meiner geliebten Gat⸗ tin; Klara war die einzige Frende des meini⸗ — —— gen. Gleich ihrer Mutter mit einem gefühl⸗ vollem Herzen und reger Phantaſie geboren, ſuchte ich ſie beym Erwachen der Leidenſchaften gegen ſchädliche Eindrücke ſorglich zu bewahren. Doch vor zwey Jahren bekam ich zu P.—. wo ich ſeit meinem Abſchiede vom Kriegsdienſte wohne, einen jungen franzöſiſchen Offizier ins Quartier. Seine angenehme Geſtalt, noch mehr aber die Anmuth ſeiner Sitten, ſein Rechts⸗Ge⸗ fühl machte auf meine gute Klara einen leider! unverlöſchbaren Eindruck. Sie ſahen ſich und liebten ſich. Der junge Mann war in jedem Betracht ſo liebenswürdig, daß, ſo wenig ich auch ſeiner Nation günſtig bin, ich doch die Neigung mei⸗ ner Klara nicht zu tadeln und den guten Kin⸗ dern, die mit ſolcher Innigkeit an einander hiengen, meine Einwilligung nicht zu verſagen vermochte. Eduard— ſo hieß der Offizier— war der einzige Sohn eines angeſehenen Kaufmanns in Lyon und, gleich ſo vielen, zum Kriegsdienſte gezwungen worden. Nach Endigung des Feld⸗ zugs hoffte er ſeinen Abſchied zu erhalten und dann mit dem alten Vater in Geſellſchaft zu treten, der die Wahl ſeines Sohnes vollkom⸗ v. Soden's Erzähl. H. 12 — 178— men billigte. Mich alten Krüppel wollten denn die Kinder zu ſich nehmen, warten und pflegen, und auch mir war das recht; denn wo meine Klara war, war auch für mich Heimath und Himmelreich. Da erſcholl nun die Trompete — denn Eduard war Lieutenant bey den Kara⸗ biniers— und er ſaß auf und trennte ſich von uns mit blutendem Herzen und Klara weinte und ich alter Eſel weinte auch mit.— Wir ſahen uns nicht wieder!— Hier trocknete der Hauptmann ein Haar Perlen, die über ſeinen grauen Bart rollten und die Engel des Himmels fiengen ſie auf, als Belege zu ſeiner künftigen Rechnung! Auch unſrem Eduard wurden die Augen feucht, er griff nach dem Sacktuch und der alte Hauptmann nach ſeiner Hand. Y. Eduard, mein Sohn— fuhr der Greis ſiok“; tend fort— war ein braver Kerl. Bey einer Kavallerie⸗Attake blieb er; ſein letztes Wort war: Klara! An mich konnte er freylich nicht mehr denken; das verzeihe ich dem guten Jun⸗ gen gerne. — er rt ht — Lange hielt ich's meiner Klara verborgen. Endlich mußte ſie es doch erfahren!— Sie wüthete nicht, ſie weinte ſogar anfangs nicht; ſtill war ſie, verſchloßen, todt für die ganze. Außenwelt. Sie war die Statue der Weh⸗ muth. Allmählig lößte ihr Schmerz ſich in Thränen auf. Sie zu zerſtreuen unternahm ich dieſe kleine Reiſe. Sie ſchläft immer im Zimmer neben mir, weil der Schmerz meiner Wunden mich oft erweckt und Hülfe fodert. Ich bemerkte alſo ſchon zu Hauſe, daß ſie bey Nacht öfters aufſtund; daß ſie mit ſich ſelbſt ſprach. Aber ich ſah dem nach; als einer Folge ihres herben und gerechten Nun erſcheints frehlich anders!— Klara hat Sie am Fenſter geſehen, ſie hat Aehnlichkeit zwiſchen Ihnen und unſrem Eduard bemerkt, auch hat ſie vielleicht von einem Kell⸗ ner, oder den Mägden zufällig Ihren Namen gehört. Mag ſeyn! Meine alten Augen ſind trübe. Genng, ich denke, ſie iſt in dieſer Re⸗ miniszenz, ſich ſelbſt unbewußt, in ihr Zimmer gerathen. Gottlob! ſo unſchuldig wie ein Lamm, und zu einem edlen jungen Mann.— Wenn ſie 12* 13— das gute Kind ſprechen wlen⸗ will ich rufen. Eduard bezeichnete, wie ſehr ihn dieß er⸗ freuen würde. Aber ums Himmelswillen— fuhr der Haupt⸗ mann fort— ſchweigen Sie ja von dem nächt⸗ lichen Abentheuer! Eduard verſprachs. Klara!— rief der Hauptmann ins Nebenzim⸗ mer— komm nur heraus; Niemand iſt da, als unſer braver Nachbar. Klara erſchien an der Thüre mit gefülteten Händen und niedergeſchlagenen Augen. Ednard von dem Liebreize dieſer Trauergeſtalt ergriffen⸗ ſtummelte einige höfliche Worte. Klara ſchlug die ſchönen großen blauen Augen auf und plötz⸗ lich ſank ſie zu Boden. Der Vater eilte ihr ſogleich zu Hülfe ins Nebenzimmer und winkte Eduarden, ſich zu entfernen. 10. Eduard entfernte ſich mit den ſonderbarſten Gefühlen. Hatte Klara's Anmuth ihn entzückt, ſp konnte er wieder den Eindruck nicht begrei⸗ —— fen, den ſein Anblick auf das holde Mädchen hervorgebracht hatte. Er durchwachte, von man⸗ nichfaltigen Ideen und Empfindungen hin und her gewoogt, die Nacht. Am andern Morgen erſchien der Hauptmann in ſeinem Zimmer und bot ihm einen guten Morgen. Verzeihen Sie doch ja, ſetzte er hinzu„ver⸗ zeihen ſie dem armen kranken Mädchen den ge⸗ ſtrigen Auftritt. „In der That, erwiederte Eduard, es i mir „ſehr leid, daß mein Anblick. das Fröein „einen ſo widrigen Eindruck— S Nichts weniger als das, verſetzte e Hanpl⸗ nunn. Setzen wir uns und ich will Ihnen alles aufklären. Heißen Sie— fuhr er fort— heißen Sie nicht Eduard? „Es iſt mein Name.“ Nun; Klara hat ihn durch Zufall erfahren. Es war der Name ihres Bräutigams, und daher wohl, in jenem Halbbewußtſeyn der Nachtwand⸗ lerin, der ſonderbare Beſuch; der ſie mit Schaam und Reue erfüllt. Geſtern erblickt Klara Sie zum erſtenmal. Schon von der Gleichheit des Namens er⸗ * 6 griffen, wähnt ſie zwiſchen Ihnen und ihrem Geliebten Aehnlichkeit zu finden; die wohl größ⸗ tentheils in ihrer exaltirten Fantaſie beruht. Ich habe dem Mädchen nun alles aufgeklärt; ſie iſt ruhiger und ſehnt ſich, Sie ſelbſt wegen ihrer Thorheit um Verzeihung zu bitten. Kon⸗ men Sie, lieber Nachbar! kommen Sie! 11. 1 Damit zog er Eduard fort in ſein Zimmer, Klara ſaß hier in tiefem Nachdenken verloren. Beym Eintritt der beyden Männer ſtund ſie auf, bewillkommte Eduard freundlich, bat ihn mit leiſer zitternder Stimme und immer noch nieder⸗ geſchlagenen Augen um Nachſicht für ein krankes Mädchen und verdankte ſein edelmüthiges Be⸗ nehmen. Eduard bezeichnete mit inniger Rüh⸗ rung ſeine Theilnahme. Der Vater begann ein gleichgültiges Geſpräch und als Eduard ſich ver⸗ abſchiedete, bat er ihn, gute Nachbarſchaft zu halten und ſie öfter zu beſuchen. „Iſt das auch der Fräulein Wunſch?“ ſiel Eduard raſch ein. Er iſt's! erwiederte Klara. Mein Vater ſchätzt ſie und ſo abgeſchieden auch meine Lebens⸗ — 183— weiſe iſt, ſeine Freunde ſind mir ſtets will⸗ kommen. Ednard gieng mit tief verwundetem Herzen. 12. Am andern Morgen erſchien der gute Haupt⸗ mann wieder bey Eduard. Bey meiner armen Seele! rief er ihm zu: Sie, nur Sie allein ſind der wahre Doktor für meine arme Klara. Sie iſt ſeit geſtern viel heiterer und hat dieſe Nacht, die erſte ſeit vie⸗ len Monaten, ruhig geſchlafen. Kommen Sie, kommen Sie; und dieſen Mittag bleiben Sie bey uns. Eduard wünſchte nicht mehr. Er kam nun täglich; er unterhielt Klara anfangs von den Erinnerungen an ihre erſte Liebe; er ſchilderte dann das Glück treuer Liebe mit ſo glühenden Farben! Er bekannte endlich ſeine eigne Ge⸗ fühle. Das Bekänntniß wurde mit Schweigen und Thränen erwiedert. 5 Allmählig trockneten dieſe Thränen. Er ward geliebt; man bekannte es ihm und er trat unter dem Beding an des erſten Eduard Stelle: daß ſie ſein Andenken treu im Buſen und ſein Bild am Buſen bewahren dürfe. Freudig bewilligte ihr das Eduard. Nun entdeckte man ſich dem Vater. Kinder! erwiederte dieſer und ſchloß ſie Beyde in ſeine Arme; ich habe das ſchon lange bemerkt. Eduard, mein Sohn, Dir verdank⸗ ich meinen wieder aufblühenden Liebling. Da nimm das Geſpenſt hin, aber mit ihr zugleich den alten Invaliden, dem ſeine Wunden nur eine ſpärliche Penſion und nicht einmal ein Kreuz⸗ chen eingetragen haben, weil er nur brav war, und nicht zu Ueberbringung irgend einer Both⸗ ſchaft, oder Reuigkeit gebraucht wurde! VIII. W c —3 . — — — = — — — — — — 3 — 187— Bukinghams Geſpeuſt. 1. Lord Klarendon hatte im erſten Bande ſeiner Geſchichte ſehr geheimnißvoll von einer Bege⸗ benheit geſprochen, die ſich kurz vor Georg Lilliers Herzogs von Bukinghams Tod, des be⸗ kannten Günſtlings König Karl des erſten, er⸗ eignete. Er hielt ſie für wahr und der ernſten Geſchichte werth. Doch gründete ſich ſeine Kunde nur auf das Zeugniß einiger Freunde des Herzogs, den es dieſer ſelbſt vertraut hatte. Er erzählte alſo die nähere Umſtände ſo unvoll⸗ ſtändig, daß ſeine Nachricht nur die Neugier der Leſer 6 Folgendes ſind die Details dieſes Aben⸗ theners, wie man ſie in den Papieren des Her⸗ — 198— zogs von Devonshire fand, von mehreren gleich⸗ zeitigen Herren unterzeichnet, die näher davon unterrichtet waren. 2. Der Herzog von Bukingham bediente ſich auf dem hohem Gipfel der Macht und des Ruhms zu den ſich der Ehrgeiz eines Unterthanen nur erheben kann, ſeines Glücks nicht immer mit Mäßigung. Er vermied nicht die gewöhnliche Klippe der Lieblinge, den Haß des Volks und den Neid der Großen. Sein tragiſches Ende weckte weder Staunen noch Theilnahme. Es war voraus geſehen und erſehnt. Ohne ſeinen blinden Dünkel wäre indeß ſein Leben ſicher ge⸗ weſen. Ein Edelmann, William Parker, ein alter Hausfreund, der ſich aber aufs Land zurückge⸗ zogen hatte, und dort ſein Alter, fern vom Hofe und von Geſchäften zubrachte, ſah einſt, da er allein in ſeinem Zimmer war, geſund an Leib und Seele, und am hellen Tage, gegen ſich über, die Geſtalt des alten, längſt ver⸗ ſtorbenen Vaters des Herzogs, Sir Georges Villiers. — 189— 31 Anfangs hielt er dieſe Erſcheinung für eine Täuſchung der Sinne. Er ſtand auf und hörte nun die Stimme ſeines alten Freundes, der ihn bat, zu verweilen. „M. Parker— ſagte er zu ihm— Sie er⸗ „erkennen mich; Sie liebten mich einſt, Sie „lieben meinen Sohn George. Um Gotteswil⸗ „len retten Sie dieſen armen Wahnſinnigen, „der freiwillig ſich ins Verderben ſtürzt! gehen „Sie zu ihm! Sagen Sie ihm in meinem Na⸗ „men, daß, wenn er nicht den Rath gewiſſer „Freunde befolgt, wenn er nicht gewiſſe Punkte „in ſeinem Betragen und in ſeinem Plane än⸗ „dert, ſo erwartet ihn eine furchtbare und „raſche Strafe!“ M. Parker erholte ſich von ſeinem erſten Er⸗ ſtaunen; er wagte es nicht, dieſen Auftrag ganz abzulehnen, aber er machte alle mögliche ver⸗ nünftige Einwendungen; das Geſpenſt wider⸗ legte ſie, drang auf ſein Wort, erhielt es und verſchwand. Parker war nun allein und dachte der ſchwe⸗ ren Unternehmung reifer nach. Sein Alter, — 490— des Herzogs Karakter, die Sonderbarkeit des Auftrags, ließen erwarten, ihn mit Verachtung verwerfen zu ſehen. Der erſte Eindruck der Erſcheinung erbleichte allmählich; er begann wie⸗ der zu glauben, ſeine Sinne hätten ihn getäuſcht. So verfloß einige Zeit in Ungewißheit. Aber der ungedultige Geiſt erſchien wieder und verband nun Drohungen mit Bitten. Furcht überwand Parkers Widerwillen. Er zog vor⸗ her einige rechtliche Freunde zu Rath, die ihn beſtimmten, die Sache zu verfolgen, einzig weil ſie dem Herzog nützlich ſeyn könne. Des guten Parkers Warnung wurde zwar nicht als Beleidigung, aber als eine Thorheit aufgenom⸗ men, die man ſeinem Alter nachſähe. Er kehrte vom Hofe zurück, ſehr empfindlich über des Herzogs Spöttereyen. Kaum trat er in ſein Zimmer, ſo erſchien das Geſpenſt von neuemz aber mit zürnendem Blicke. Es veklagte anfangs die Verſtockung ſeines Sohnes. Es zog dann einen Dolch aus ſeinem Gewand. „Geht, ſprach es zu Parker, geht und ſagt „dem Undankbaren, Ihr habt das Werkzeug „ſeines Todes geſehen, und damit er Euch — 451— „nicht von neuem des Wahnſinns anklagt, ſo „entdeckt ihm, was ich Euch ſagen werde und „was niemand als Er weiß!“ 5 Der Geiſt entdeckte ihm darauf eines der verborgenſten Geheimniſſe des Herzogs. Mit dieſer Urkunde ſeiner Sendung ausgerüſtet, kehrte Parker muthiger nach Hof zurück und erklärte ſich mit Feſtigkeit. Der Herzog erſtaunte zwar über ſeine Kennt⸗ niß jenes Geheimniſſes; doch nach einigem Nach⸗ denken, nahm er ſeinen ſcherzenden Ton wie⸗ der an und rieth ſeinem Propheten, ſich an einen fähigen Arzt zu Heilung ſeines Gehirns zu wenden. 3 Die Umſtände ber letzten Erſcheinung hatten Parkern überzeugt, daß dieſes Abentheuer für den Herzog nur unglücklich enden könne. Er entſchloß ſich alſo zu London zu bleiben, den Lauf der Begebenheiten zu beobachten und wo wöglich ſeinem Gebieter, auch gegen deſſen Willen, nützlich zu ſeyn. — 192— So verſtrichen einige Wochen und ſo oſt ihn der Herzog ſah, nekte er ihn über ſeine Viſion. Er antwortete nur durch feurige Wün⸗ ſche für deſſen Wohl. Vor dem Ende des Monats wurde der Her⸗ zog von Felton ermordet!(23. Auguſt 1628.) IX. M ar — Soden's Erzähl. II. v. M a r i. Novelie nach dem Engliſchen. * 1. In einer der öſtlichen Brittiſchen Grafſchaften lebte M. Spencer, ein reicher Mann, der in der Blüthe ſeiner Jahre mit einer Tochter im kindlichen Alter, Wittwer geworden war. Dieſes Kind war ſein einziger Troſt. In ihrer Anmuth, in ihren Reizen, fand er die ſchöne angebetete Gattin wieder. Er widmete ſich alſo ganz ihrer Bildung; hielt ihr die vor⸗ züglichſten Lehrer und übernahm oft ſelbſt gerne dieſe Stelle, zu der ihm ſein edles Herz und ſeine Talente vorzüglichen Beruf gaben. Bey ſolchen Vortheilen wurde die junge Maria bald ein Muſter von Lieblichkeit und der Stolz ihres Vaters. Sein einziger Zweck, ſein einziger Ge⸗ danke, ſein einziges Glück war nur: ihr einen würdigen Gatten zu wählen. Nicht Rang, nicht 13 — 196— Reichthum hefteten ihn. Er wußte durch lange und richtige Erfahrung, daß man in der Ehe das Glück nur von dem Einklang der Neigungen und Tugenden erwarten muß. Einen ſittlich gu⸗ ten Gatten ſuchte er; die Wüſtlinge haßte er tödlich. 2. Maria verdankte der Natur eine je nachdem glückliche, vder traurige Gabe: ein zartes, leicht bewegbares Herz. Das mnerfahrne Mädchen ſah die Welt nicht mit den Augen ihres Vaters; vom liebenswürdigen Aeußern ſchloß ſie auf die Eigenſchaften des Gemüths. Ein junger Offizier, von artiger Figur und Heinnehmenden Umgang, kam in ihren Wohnort in Winterquartier. Unter einem verführeriſchen Aeußern, verbarg er die verdorbenen Grund⸗ ſätze des Wüſtlings. Ein Zufall verſchafte ihm Maria's Bekanntſchaft, eh ihr Vater ſie vor dieſer Gefahr ſchützen konnte und der Eindruck, den der Verräther auf ſie gemacht hatte, war ſchon zu tief, als M. Spencer dieſe Liebſchaft entdeckte. Vergebens bot er alle ſeine väter⸗ liche Zärtlichkeit und ſein Anſehen dagegen auf. Doch verſagte er beharrlich ſeine Einwilligung zu dieſer Verbindung. Den Liebenden blieb alſo nichts, als die Flucht zu Erreichung ihres Zwecks. Lange hatte der Verführer mit den Sitten und den Grundſätzen zu kämpfen, die Maria's Erziehung in ihr Herz gepflanzt hatte. Endlich wich ſie ſeinen Ueberredungen; aber bald be⸗ merkte ſie den unglücklichen Tauſch der Koſungen eines zärtlichen Vaters, gegen die ungeſtümme, fauniſche Leidenſchaft eines leichtſinnigen Wüſt⸗ lings. Ihr Vater war zu ſchwer beleidigt; ſie durfte nicht hoſſen, ihn zu bewegen. Dieſer Schritt hatte ſeine liebſte Hoffnungen zertrümmert; ſein Herz war unheilbar verwundet. l. Nach einer langen Reihe von Jammer und Elend in Geſellſchaft eines Gatten, der ſie ver⸗ achtete, verlor ſie ihn enblich in einer entfernten Garniſon und kehrte drey Jahre nach ihrer Hei⸗ rath im tiefſten Elende, mit einem zweyjähri⸗ gen Sohne nach England zurück. Glücklicherweiſe fand ſie hier Zuflucht bey einer würdigen Dame, einſt der vertrauten Freundin ihrer Mutter. Hier empfing ſie die zarteſte, aufmerkſamſte Pflege und ihre großmü⸗ 5 thige Wohlthäterin unternahm es ſogar, ſie mit ihrem Vater auszuſöhnen. Sie war verſtändig und fühlte wohl, daß ein unmittelbarer Verſuch, eben ſo wohl den Zorn, als die Liebe des Vaters hätte aufregen können; daß man alſo die Gelegenheit erlauren müße. Sie zeigte ſich bald. M. Spencer hatte den Umgang mit dieſer Dame ſtets unterhalten. Er kam einſt zum Beſuch. Marias Sohn, ein höchſt liebenswürdiger Knabe, erſchien und ſpielte ſorglos mitten in der Geſellſchaft. M. Spencer liebte die Kinder; die Artigkeit des Knaben feſſelte ſeine Theilnahme. Er fragßte die Dame, wem er zugehöre?—„Einer mei⸗ ner Freundinnen,“ erwiederte ſie obenhin und drehte das Geſpräch auf einen andern Gegen⸗ ſtand. Indeß heftete das Kind Spencers Aufmerk⸗ ſamkeit immer mehr und mehr. Er rief es, nahm es auf ſeinen Schoos, lockte es durch ſeine Koſungen zur Traulichkeit, der Junge ſchien Ge⸗ fallen daran zu finden und gewann ſo, uner⸗ kannt, das Herz ſeines Grosvaters. 5. Die Hausfrau hatte die Fortſchritte ſeiner Zärtlichkeit aufmerkſam beobachtet. Sie ſtand —— auf, ſie nahm den Knaben auf ihre Arme, ſie drückte ihn mit Innigkeit an die Bruſi und rief: „Liebes Kind! der Himmel erbarme ſich Deiner, „denn Du haſt eine unglückliche Laufbahn vor „Dir!— Dieſer arme Kleine— ſie wendete ſich zu M. Spencer,—„hat ſchon ſeinen Va⸗ „ter verloren; ſeine Mutter, ein höchſt inter⸗ „eſſantes Weſen, ſchmachtet in Dürftigkeit.“ M. Spencer war ſehr bewegt. Er entriß der Dame den Knaben; mit naſſen Augen um⸗ armte er ihn. Ja, rief er, der Himmel beſchütze Dich! Aber biſt Du verlaſſen und Freundlos, ſo werde ich Dein Freund ſeyn.— Verzeihen Sie mir, Ma⸗ dame!— iſt wohl der Wunſch nicht unbeſchei⸗ den, näher von der Lage der Mutter unter⸗ richtet zu werden? „Sie iſt hier, Sir! hören Sie es von ihr ſelbſt.“ 6. Sie klingelt. Maria im Wittwen⸗ Schleyer ſtrzt herein, ſtürzt zu den Füßen ihres Vaters; Thränen und Schluchzen erſticken ihre Stimme. „Verzeihung, Sir, Verzeihung!“ iſt alles, was ſie hervorbringen kann. Er blieb einige Zeit beweglos, betrachtete wechſelnd die Tochter und das Kind; endlich dringen Thränen hervor. Er hebt Maria auf; er ſchließt ſie in ſeine Arme. Ja, armes Kind! ich verzeihe Dir von gan⸗ zem Herzen! vergeſſen ſey die Vergangenheit. Dein Sohn hat ihr Andenken vertilgt, erlöſcht die Erinnerung meines Schmerzens.— Er hat mir meine ganze Liebe wieder gegeben! Dieſer unerwartete Wechſel ergriff die arme Maria zu heftig; ohnmächtig ſank ſie in die Arme ihres Vaters. Erweckt, begann eine Scene der Liebe, des Danks, der Freude, der Wonne,— über die der fähigſte Maler 1 Behe fallen laſſen muß. X. N — — — — S — * D — — — S — H 8 — — 8 — — e — 203 — Don Karlos, Infant von Spanien. 1. Schiers Meiſterſtück, Don Karlos, hat das Intereſſe der gebildeten Welt an dem Schickſale dieſes unglücklichem Fürſten, von neuem aufge⸗ regt. Dagegen hat bekanntlich Llorent neuer⸗ lich in ſeiner Geſchichte der Spaniſchen Ingui⸗ ſition, Don Karlos und ſeinen Charakter in einem ſehr widrigen Lichte dargeſtellt. Wie dem auch ſey, ſo ſcheint der nachſtehende Auszug eines, wohl ſehr ſeltenen, kleinen italieniſchen Buchs, das unter dem Titel: Belazione tragica si ma veridica di Don Carlos etezim J. 1680. zu Cölln erſchienen iſt, Intereſſe zu beſitzen. Der Verfaſſer behauptet in der Vorrede, ſie aus allen gleichzeitigen ſpaniſchen, franzö⸗ ſiſchen, italieniſchen und flammändiſchen Schrift⸗ ſtellern und mehrern handſchriftlichen Noti⸗ zen, unter andern aus einem Mannſcript eines Signor di Peirese zuſammengetragen zu haben. Auch nennt er im Lauf der Geſchichte, einzeln ſeine Quellen und Gewährs⸗Männer. Dieſe Relazion, wahr, oder erdichtet, enthält indeß ſo manche Details über den edlen Mar⸗ kis Po ſa, über die Liebe und Intriken der Prin⸗ zeſſin Eboli und über Karlos Leidenſchaft für ſeine Mutter, daß man verſucht wird, zu glau⸗ ben: hätte Schiller ſie gekannt, er würde beh ſeiner Bearbeitung dieſes Süjets, davon Ge⸗ brauch gemacht haben.— 2. „Als Karl der V. die Regierung niederlegte und in die Einſamkeit ſich zurückzog, beſorgte er, ſeinen Sohn Philipp dem Glücke Heinrichs I. ausgeſetzt zu ſehen und ſchloß mit ihm einen 5jährigen Waffenſtillſtand. Während der Frie⸗ dens⸗Unterhandlungen wurde vorgeſchlagen, Philipps II. einzigen Sohn, Don Karlos, mit Madam Eliſabeth, der erſten Tochter des Königs von Frankreich, zu vermählen. Die Prinzeſſin war noch jung, aber für ihr Alter ſehr vollkommen. Die Verbindung war beyden Theilen angenehm. Eliſabeth intereſſirte ſich vom erſten Augenblick an, für den ihr beſtimm⸗ ten Gemahl. Ihr jugendliches Herz ergriff gerne — 205— einen Gegenſtand, ankden es ſich anſchmiegen konnte; dieſe ſchuldloſe Neigung wurde ihr all⸗ nählig ſehr lieb. Auch der Infant war mit ſeinem Schickſale zufrieden. Alles, was er von Eliſabeth hörte, bot ihm ein reizendes Ideal; willig gab er ſein Herz der Liebe hin. Er em⸗ pfieng ihr Porträt und dieß vollendete ihren Sieg. Man verſicherte ihn, es ſey ſehr ähnlich und Don Karlos glaubte es ſo gerne— denn er wünſchte es. Verloren in der Betrachtung dieſes ſchönen Bilds, ſann er auf Mittel, ſie von ſeinen Gefühlen zu unterrichten. Er ſchämte ſich ſeines Glücks und wünſchte ſich Zeit, das Herz der Prinzeſſin zu erobern, eh' ſie es ihm hingeben müſſe. Doch, das war unmöglich! Er begränzte ſeinen Wunſch alſo darauf, mindſtens ihr ſeine Empfindungen bekannt zu wiſſen. 3. Der Bruch des Waffenſtillſtandes wandelte die Scene; doch der Traktat von Cambray wurde endlich geſchloſſen. Groß war des Don Karlos Schmerz über den Bruch des Waffenſtillſtands, groß ſeine Freude über den Friedensſchluß. Und er vernichtete ſein ganzes Glück! Während den Friedens⸗Unterhandlungen ſtarb Philipps zweyte Gemahlin, Maria, Königin von England. Er wünſchte ſich wieder zu vermählen und ließ alſo für ſich um die Braut ſeines Sohnes werben. Freylich hätte man ſie lieber dem Kronprinzen gegeben, der mit ihr von gleichem Alter war, als einem Könige, der ihr Vater ſeyn und von dem ſie nur nachgeborne Söhne erhalten konnte. Aber doch konnte man ſie ihm nicht mit Anſtand weigern. Dieſe Nachricht war ein Donnerſchlag für Don Karlos. Kaum konnte er ſeinen Schmerz verbergen; ſeine gepreßte Lage lähmte jede Un⸗ ternehmung; ſeine Verzweiflung gieng alſo in ſtille Schwermuth über. Daher ſeine einſame abgeſchiedene Lebensweiſe, die ihm den Haß ſei⸗ nes Vaters zuzog. Er errieth die wahren Gründe nicht; er beurtheilte ſeinen Sohn nach ſich und ſah in ſeinem verſchloſſenen Harm nur die Um geduld: zu herrſchen. Noch liebte zwar Eliſabeth den Don Karlos nicht; aber ihr Herz war der keimenden Liebe offen; ſie fürchtete, ihn zu lieben und dieß machte ſie ängſtlich und mißtrauiſch gegen ſich ſelbſt. Vorhin ſehnte ſie, zu wiſſen, welchen Eindruck ihr Bild auf Don Karlos gemacht habe; ſie wünſchte, ſein Herz möchte noch mehr als das ihrige verwundet ſeyn; aber ſeit der Nach⸗ richt von dem Wandel ihres Schickſals, zitterte ſie, geliebt zu werden. Der Kampf ihres I⸗ — W nern bewog ſie, ihre Abreiſe an den ſpaniſchen Hof, ſo lang als möglich zu verzögern. Schon im Monat Junii hatte der Herzog v. Alba ſich im Namen ſeines Königs mit ihr vermählt und doch verließ ſie Paris erſt Ende des Novembers. Auch unterwegs verweilte ſie, wo ſie konnte und kam erſt am Ende des Jahrs in Gaskogne an. Am Fuße der Pyrenäen erwartete ſie ein neuer Aufenthalt. Eine Gränzſtreitigkeit mit dem Könige von Navarra, in der König Philipp am Ende, aus Ungeduld ſeine ſchöne Braut zu umarmen, zum Nachtheil ſeiner Krone, wich, verſpätete von neuem ihre Abreiſe nach Madrit. A. Endlich brach ſie auf und Don Karlos reiſte ihr entgegen; begleitet unter andern von dem Prinzen von Parma und dem Fürſten von Eboli, ſeinem Ayo, oder Oberhofmeiſter, dem Lieblinge des Königs. Die Nachricht von der Annäherung des Kron⸗ prinzen ſtürzte die Königin in eine ſolche Unruhe und Gemüths⸗Bewegung, daß ſie ohnmächtig in die Arme ihrer Hofdamen ſank und nicht eher zu ſich kam, bis er vor ihr ſtand. Nach den erſten Höflichkeits⸗Bezeugungen, betrachtete ſich dieſes ungluckliche Paar eine Zeit⸗ . lang ſchweigend. Der Reſt der Geſellſchaft ſchwieg aus Ehrfurcht und lange herrſchte eine wunderbare Stille. Don Karlos war nicht regelmäßig ſchön; aber ſeine Geſichtsfarbe war blühend, ſein Kopf edel, ſeine Augen voll Feuer und Geiſt.— Die Schönheit der Königin ſetzte ihn beym erſten Anblick in Staunen; die Idee an ſeinen Ver⸗ luſt wandelte Bewunderung in Schmerz; er ahnete ſeine künftige Leiden und betrachtete ſie mit geheimer Furcht. Der Herzog von Infan⸗ tado glaubte, die Königin erwarte aus Höflich⸗ keit, daß Don Karlos ſich beurlauben werde und ſo auch Don Karlos. Er machte ihr alſo bemerklich, daß es Zeit ey⸗ abzureiſen und zog dadurch beyde aus einer ihnen unbekannten Ver⸗ legenheit. Der Kronpriüz ſetzte ſich zu ihr in den Wagen. Auf der Reiſe wendete er kein Auge von ihr und hatte volle Gelegenheit, ſie zu betrachten und den Dolch tiefer in ſein Herz zu drücken. Eliſabeth bemerkte es; ſie konnte ſich einer geheimen Freude über Don Karlos Leidenſchaft nicht erwehren. Doch wagte ſie es nicht, ihn anzublicken und er betrachtete ſie nur zitternd. Zufällig begegneten ſich ihre Blicke und der ſei⸗ nige verrieth ihr nur zu deutlich die Lage ſeines Innern. 8 299 In ſeinem Auge voll Gluth und Liebe, las ſie die Größe und Stärke ſeiner Leidenſchaft. Er mußte ſeinem gepreßten Herzen Luft machen. Die Unruhe der Königin entgieng ihm nicht und in ſeinem Entzücken darüber, g auf einen Augenblick das Glück ſeines Vaters und ſein eignes Unglück.— Dieß gab ihm wie⸗ der Muth und Freyheit der Seele. Die Köni⸗ gin hingegen verſank in tiefe Schwermuth, der ſie der Anblick ihres Gemahls nicht zu entreiſ⸗ ſen vermochte. 5. Bey ihrer Ankunft zu Madrit hob ſie der König aus dem Wagen; unwillkührlich heftete ſie ihn feſt; gleich als wollte ſie bevbachten: ob er ihre Unruhe bemerke? 2 Der König, weit entfernt die wahre Ur⸗ ſache ihres verſchloſſenen Kummers zu errathen, fragte ſie freundlich: Ob ſie ſeine graue Haare betrachte? Die Umſtehenden zogen wohl mit Recht aus dieſer Ereigniß ſchlimme Vorbedeutungen fi 3 dieſe ungleiche Verbindnng. Der ſpaniſche Hof war auf die Schönheit der neuen Königin durch den Ruf vorbereitet; aber er fand ihn nun weit hinter der Wahr⸗ v. Soden's Erzähl. II. 14 heit. Eliſabeth war eine vollendete Schönheitz ſie befand ſich damals in der vollen Blüthe, im vollen Glanze der erſten Jugend. Sie war allgemein angebetet; jede öffentliche Erſchei⸗ nung war für ſie ein neuer Triumph und es wurde damals am ſpaniſchen Hofe zum Sprich⸗ wort: daß der Weiſeſte ſie nicht ohne Gefahr betrachten dürfe. Philipps düſtrer Ernſt, ſeine grämliche Vor⸗ ſicht: jede Aeußerung ſeiner Gefühle, jede Lieb⸗ koſung an die Schranken der Nacht zu ketten, ſein gänzlicher Mangel an Zart⸗Gefühl, konn⸗ ten das Herz eines ſolchen Weibs nicht be⸗ glücken. Philipp liebte ſie, trotz ſeines verſchloſſenen Karakters und ſeiner Ehrſucht, mit Leidenſchaft⸗ Der Beſitz ſchien dieſe nur zu erhöhen. Don Karlos war indeß in tödtlicher Unruhe, zu wiſſen: wie er im Herzen der Königin ſtehe?— Zwar glaubte er, ſo oft ſie ihn betrachtete, in ihren Augen, eine geheime, ſonſt ungewöhnliche Schwermuth zu entdecken, aber er fürchtete, Ro zu täuſchen. 6. Eliſabeth war während der Hochzeit⸗Feyer⸗ lichkeiten ſo umgeben, daß er lange vergebens e e ſie allein zu ſprechen ſuchte.— Endlich ver⸗ ſchaffte ihm der Zufall dieſes Glück, gerade da er es am wenigſtens erwartete. Der König war erſt kurz vor der Königin in Spanien angelangt; er hatte alſo der Leiche Kaiſer Karls des Vten noch nicht die letzte Ehre erwieſen. Sie befand ſich einige Tag⸗Reiſen von Madrit, in dem Hyronomiten⸗Kloſter, wo Karl ſein Leben beſchloß. Gerne begleitete ihn die Königin auf der Reiſe, um eine Land⸗ ſchaft zu ſehen, die man für die anmuthigſte in Spanien hält.— Nach der Ankunft des Hofs in dieſem reizenden Thale und nachdem die Erequien vorüber waren, bezeichnete der König den Wunſch, einen jungen, von ſeinem Vater vorzüglich geliebten Kloſter-Geiſtlichen zu ſehen und den Grund dieſer Zuneigung zu wiſſen. Er erfuhr von ihm die bekannte Anek⸗ dote*) und nach einigen andern Geſprächen, trennte ſich die Geſellſchaft und die Königin, von der Reiſe ermüdet, blieb mit Don Karlos in dieſer bezauberten Wildniß gleichſam allein; *) Karl der V. weckte einſt im Kloſter die n ſen. Ein Noviz, unmuthig daruͤber, fuhr ihn an: Iſt es nicht genug, rief er aus, daß du die Ruhe der Welt ſtöhrteſt, willſt du auch de⸗ ren Ruhe ſtohren, die die Welt verlaſſen haben? 14* denn die ſie umgebenden waren, ihrem Range nach, nicht in dem Fall, an der Unterredung Theil nehmen zu können. Karlos, entzückt über dieſen glücklichen Zufall, ſchlug ihr vor, in dem Bosket der Melancholey auszuru⸗ her, das ſich hinter des Kaiſers Zimmer be⸗ fand. Sie giengen dahin und Don Karlos, be⸗ ſorgt, unterbrochen zu werden, begann nun das Geſpräch mit einer Freyheit des Gemüths, die ihn ſelbſt in Erſtaunen und beynah die Königin über ihre Ahnung von ſeinen Anſich⸗ ten, in Zweifel ſetzte. Er beſchwor ſie vor allem, ſich nicht über das, was er ihr ſagen würde, zu beunruhi⸗ gen, ſich der glücklichen Vorzeit zu erinnern, wo ſie für einander beſtimmt waren und den tiefen Eindruck zu erwägen, den eine ſo liebe Hoffnung auf ſein Herz habe machen müſſen⸗ „Sie können leicht denken, fuhr er fort, daß ihr Anblick dieſen Eindruck nicht geſchwächt hat. Ach! Ich fühl es, er iſt unvertilgbar.“ Die Königin konnte ſich einer geheimen Frende über dieſe Leidenſchaft nicht erwehren⸗ Kein Sterblicher hatte noch es gewagt, ihr von Liebe zu ſprechen. Aber Karlos ſchilderte den Zuſtand ſeines Gemüths mit ſo düſtern Farben, daß ihr Herz tief bewegt wurde. — 213— Sie bekannte ihm: die Achtung, die ſie für ihn in dem Augenblick gefaßt habe, wo ſie ihm zur Gattin beſtimmt war, erlaube ihr nicht, ſeine Leiden anders, als mit dem ſchmerz⸗ hafteſten Gefühle zu betrachten; noch ihm die Linderung zu verſagen, die nur mit ihrer P vereinbar ſey. Der Prinz betheuerte ihr: all' ſeine Wün⸗ ſche begränzten ſich in dem Glücke, ſie zu ſe⸗ hen, ſie zu ſprechen. Doch die Königin fürch⸗ tete mehr zu ſagen, als ſie wollte; ſie ſtand alſo auf, gieng dem Prinzen von Parma und Rui Gomez, die ſich ſo eben nahten, entgegen und ſagte nur noch: Prinz, wenn Sie weiſe ſind, wenn Sie mich wirklich lieben, ſo wer⸗ den Sie mich vielmehr fliehen, als aufſuchen. . Don Karlos war froh, ihr ſeine Liebe er⸗ klärt zu haben und betrug ſich von dieſem Augenblick eben ſo unbefangen, als er vorhin verlegen geweſen war. Die Königin bemerkte dieß augenblicklich. Vernunft und Edelmuth gebothen ihr, die Leidenſchaft des Prinzen ge⸗ heim zu hälten.— Nach der Rückkunft des Hofs, ſprachen ſie nun ſich öfters. Don Kar⸗ los erzählte der Königin, die Regungen ſeines — 244— Gemüths, als er zum erſtenmal von ihr ſpre⸗ chen hörte. Sie hingegen theilte ihm die Ge⸗ ſchichte ihrer Kindheit mit; nur ſuchte ſie ihm ihre Gefühle, bey dem Schluß jener Verbin⸗ dung, zu verbergen; aber der Zwang, mit dem ſie ſie verbarg, ſprach dem Prinzen ihre geheime Empfindung richtig genug aus. Doch das Glück, das ihnen dieſer ſchuldloſe Tauſch ihrer Empfindungen gewährte, wurde bald geſtöhrt. Unter allen Damen des Hofs, bey welchen der Königin Reize Neid aufgeregt hatten, be⸗ fand ſich keine, die ſtärkere Beweggründe be⸗ ſaß, ſie zu haſſen, als die Prinzeßin Eboli. Sie war unſtreitig die ſchönſte und geiſtreichſte Yerſon am Hofe; dieß und die Gunſt ihres Gemahls Rui Gomez, hob ſie zum erſten Rang. Ehrgeitz und Vergnügen waren auch ihre Gott⸗ heiten.— Berauſcht von ihren Reizen, ihren geiſtigen Vorzügen, hatte ſie auf das Herz des Königs ſelbſt, Entwürfe gemacht. Aber er liebte die ſchöne Königin; ſie un⸗ ternahm alſo die Eroberung des Don Karlos. Bey ihm hoffte ſie dieſe Fin e nicht an⸗ zutreffen. Rui Gomez als Ajo(Oberhofmeiſter) des Prinzeu, wohnte dicht an deſſen Gemach. Die Prinzeßin Eboli, ſeine Gattin, hatte die Be⸗ cæ Iux.igkthn u quemlichkeit, ihn täglich zu ſehen, ja auch oft Gelegenheit, ihn zu verbinden, indem ſie ihn mit ihrem Gemahl ausſöhnte, mit dem der Prinz täglich in Zwiſt gerieth⸗ 8. Don Karlos war edelmüthig; er ſah, mit welcher Wärme ſie ſich für ihn verwendete; er zeigte ihr alſo Dankbarkeit und lebte mit ihr auf einem ſehr freundlichen Fuße. Dieſe günſtige Stimmung verſprach der Prinzeßin einen glücklichen Fortgang ihres Entwurfs und vald fand ſie Gelegenheit, den Prinzen zu ih⸗ rer Abſicht zu leiten. Seine Verehrung für die Königin hatte ihm eine Art von Verachtung für das ganze übrige Geſchlecht eingeflößt. Don Karlos, nicht ganz frey von den Fehlern junger von Schmeichlern umgebener Fürſten, hatte einſt, in Geſellſchaft des Prinzen von Parma, einer Dame vom er⸗ ſten Rang einen muthwilligen Streich geſpielt und die Prinzeßin Eboli bewog ihren Gemahl, nicht davon mit dem Könige zu ſprechen. Abends befand ſie ſich mit Don Karlos al⸗ lein in ihrem Kabinete. Sie warf ihm ſcher⸗ zend ſeine Gleichgültigkeit gegen die Damen vor und nach tauſend Artigkeiten und Reckereyen — 216— ſchloß ſie endlich damit, daß ihre Freundſchaft für ihn ſehr ſtark ſeyn müſſe, um ihm das zu verzeihen. Der Prinz errieth ihre Abſichten nicht. Dankbarkeit hatte ihm Wohlwollen für ſie eingeflößt; er erwiederte ihr alſo lächelnd: Sie habe mehr Urſache, als ſie glaube, ſich für ihn zu intereſſiren; denn ſeine Gleichgültig⸗ keit für andre Damen rühre nur davon her, daß ſie alle Empfindungen verſchlungen habe, deren ſein Herz fähig ſey. Die Prinzeßin nahm dieß als eine Liebeserklärung auf und ihre Antwort öffnete Don Karlös die Augen über ſein Glück. Anfangs war er Willens es zu beuutzen. Schien ihm je eine Untreue verzeih⸗ lich, ſo war es dieſe. Die Prinzeßin war nicht ſchön, aber reizend, intereſſant. Doch ſiegte des Prinzen Liebe für die Königin. In dieſem gefährlichen Augenblicke erſchien ihm dieſe in der vollen Glorie ihrer ſanften Anmuth und urplötzlich faßte er für die Prinzeßin Verach⸗ tung. Er antwortete ihr höflich, verbindlich, ohne ihre zärtlichen Anträge zu erwiedern. Doch dieß täuſchte die Prinzeßin nicht; einem lie⸗ benden Weibe heuchelt man Liebe vergebens und verachtete Liebe gebiehrt Wuth. Dieß war der Fall hey der Prinzeßin Eboli. —— 9. Indeß erſchien ein andrer Held auf dem Hof⸗Theater. Es war der berühmte Don Juan d'Auſtria, Karls des V. natürlicher Sohn, den der König damals aus den Händen eines ſpa⸗ niſchen Herrn zurücknahm, der ihn als ſeinen leiblichen Sohn erzogen hatte. Auch der Prinz hatte dafür ſich gehalten; aber er beſaß Ehr⸗ geitz und Stolz, als ob ihm ſeine Herkunft be⸗ kannt geweſen wäre. Sein Pflegvater warf ſich zu ſeinen Füßen, eh er ihn dem Könige vorſtellte und Don Juan betrachtete ihn in die⸗ ſer Stellung mit einer Ruhe, als ob er dieß längſt erwartet hätte. Mit Erſtaunen ſah man den Sohn des unbekannten Don Luigi Quis⸗ ziada in wenigen Minuten die Rolle des Kai⸗ ſer⸗Sohns mit Anſtand ſpielen. Don Juans ungeſtümmer Karakter geſtattete ihm nicht, ſein Herz gegen die Reize der Königin zu verwah⸗ ren. Er ſah ſie und liebte ſie: vielleicht ſchmei⸗ chelte dieſe Leidenſchaft ſeiner Eitelkeit; viel⸗ leicht hoffte er, ſie zu ſeinem Glück zu benutzen. Er war an ſich verſchloſſen, es ward ihm alſo leicht, ſeine Liebe zu verbergen. Indeß beun⸗ ruhigten ſeine häufigen Beſuche den Infanten. Zwar wollte die Königin ihn überreden, ſie ſähe dieſes Hinderniß ihres freyen Umgangs — 218— gerne, um den Aeußerungen ſeiner Zärtlichkeit minder ausgeſetzt zu ſeyn. Doch Don Karlos faßte von dieſem Augen⸗ blick gegen Don Juan heftige Abneigung. Er war unfähig, ſich ſo ganz zu verbergen, daß Don Juan nicht bemerkt hatte, wie läſtig ihm ſeine Gegenwart war. Scharf iſt der Blick eines Nebenbuhlers; er errieth alſo den Grund bald und dieß ſpannte ſeine Neugierde: ob die Liebe des Infanten auch dem geliebten Gegen⸗ ſtande bekannt ſey und von ihm erwiedert wer⸗ de? Um ſich hierüber aufzuklären, entſchloß er ſich, einer franzöſiſchen Dame vom Gefolge der Königin, den Hof zu machen; die von ihr vorzüglich begünſtigt zu ſeyn ſchien und reizend genug war, um dieſer Maske Wahrſcheinlich⸗ keit zu leihen. Vergebens verſuchte er, iht das Geheimniß ihrer Gebieterin zu entlocken⸗ Sie war damit unbekannt; denn die Königin, weit entfernt, es irgend jemand zu vertrauen, hätte es ſich ſelbſt verbergen mögen. Er nahn den Vorwand der Unterhaltung mit dieſer Dame, um Don Karlos mit der Königin allein zu la ſen und wurde nach und nach ſo gefällig, als er vorhin läſtig geweſen war. Die Königin war ſo verſchloſſen und zurückgezogen, daß er an der Möglichkeit verzweifelte, ſie zu durch⸗ ſchauen. Er unternahm es alſo, das Vertrauen — des Infanten zu gewinnen; der offene, loyale, natürliche Sinn des Don Karlos verſprach ihm da mehr Glück. Nun änderte er plötzlich ſein Betragen ge⸗ gen ihn; an die Stelle verwandſchaftlicher Trau⸗ lichkeit trat höfliche Ehrerbietung. Er benutzte jede Veranlaſſung, die Vorzüge des Infanten herauszuheben, mit ſolcher Feinheit, daß der argloſe Fürſt, allmählig im Ernſt an ſeine Freundſchaft glaubte. Don Karlos faßte jetzt großes Vertrauen zu ihm; doch ein Mann von Ehre dehnt dieſes nie auf die Mittheilung begünſtigter Liebe aus. Der Prinz vertraute alſo ſeinem Oheim alles, nur das nicht, was er wiſſen wollte. 40. Don Juan verzweifelte nun, etwas zu ent⸗ decken. Er beſchloß alſo, bey einem erfahrnerem Manne Rath zu ſuchen. Er war der ſchönſte Fürſt von Europa, hatte alſo augenblicklich der Prinzeſſin Eboli gefallen. Don Juan war von einem der glücklichſten Karaktere, auf welche Schönheit nur in ſo ferne Eindruck macht, als ſie Genuß gewährt. die Reize der Prinzeſſin Eboli verſprachen deſſen viel; rührten alſo mindſtens ſeine Sinne; wenn auch nicht, wie die der Königin, ſein Herz. Außerdem betrachtete er die Prinzeſſin als eine Perſon, deren Rath ihm an einem frem⸗ dem Hofe ſehr nützlich ſeyn könne; an dem ihm alles neu war und fremd. Bald knüpfte ſich zwiſchen ihnen ein tranliches Verhältniß an; deſto angenehmer, da das Herz nicht ſo vielen Antheil daran hatte, um deſſen Ruhe durch Eiferſucht und andere leidenſchaftliche Quälereyen zu ſtöhren. 14. In dieſem Verhältniſſe entdeckte nun Don Juan der Prinzeſſin, was er von Don Kar⸗ los Liebſchaft wußte; Sie empfieng dieſe Nach⸗ richt mit ſolchem Entzücken, daß ſie Don Juans eignes Intereſſe dabey nicht gewahrte. Sie rieth ihm nur, ferner zu beobachten; denn, ſey der Liebende auch noch ſo vorſichtig, ſo werde er ſich irgend einmal verrathen. Der Prinz hielt ihre Theilnahme an dieſer Nach⸗ richt für Wirkung ihre Neigung zu ihm und der gewöhnlichen weiblichen Reugierde. Wahrſcheinlich hätten zwey ſo bedächtige Perſonen bald das entdeckt, wornach ſie ſtreb⸗ ten, hätte nicht ein Zufall alle ihre Maaßregeln zerrüttet; nämlich Don Karlos Entfernung vom Hofe. Um dieß zu verſtehen, müſſen wir etwas weiter ausholen⸗ Unter den Gerüchten die über des Kaiſers Abdankung umliefen, war das ſonderbarſte: der ſtete Ungang deſſelben in Deutſchland mit den Proteſtanten, habe ihn ihren Meinungen geneigt gemacht; und er ſich in die Einſamkeit vergraben, um den Reſt ſeiner Tage den die⸗ ſem ſeinem geheimen Glauben angemeſſenen An⸗ dachts⸗Uebungen zu widmen. Man ſagte: er habe ſich ſelbſt die üble Behandlung der Proteſtantiſchen von ihm unter⸗ jochten Fürſten nicht verzeihen können. Ihre Tugenden hatten ihm allmählig Achtung für deren Glaubens⸗Meinungen eingeflößt. Dieſe Achtung beurkundete ſich in der Wahl die er von Perſonen traf, die jenes Glaubens ver⸗ dächtig waren; wie ſeinen Prediger den Erz⸗ biſchoff von Toledo, Doktor Cacalla und vor⸗ züglich Konſtantin Ponzio Liſchoff von Droße, ſeinen Beichtvater. — 222— Man erfuhr: die Zelle in der er ſtarb, war voll Aufſätze von ſeiner Hand über die Rechtfertigung, über die Gnade, im Sinne der evangeliſchen Lehren. Am ſtärkſten ſprach ſich dieß in ſeinem Teſtamente aus. Keine fromme Vermächtniſſe! ſolche Verſchiedenheit von den letzten Willens⸗Verordnungen eifriger Katholiken, daß das ſpaniſche Inquiſitions⸗ Gericht glaubte, es tadeln zu müſſen. Doch wagte es keine Unterſuchung vor An⸗ kunft des Königs. Aber er bezeichnete dieſe mit der Hinrichtung aller Anhänger der neuen Lehre. Dieß ermuthete die Inquiſition zunächſt den Erzbiſchoff von Toledo, dann des Kaiſers Prediger und endlich Conſtantino Ponzio anzu⸗ greifen. Der König ließ ſie verhaften. Das Volk, dieß als glühenden Religions⸗Eifer be⸗ trachtend, ſchwieg; der Reſt von Europa ſah mit Abſcheu den Beichtvater Karls des Böten zum ſchändlichen Tode verurtheilt, ihn, in deſ⸗ ſen Armen der Kaiſer verſchieden war. Wirk⸗ lich verurtheilte die Inquiſi itivon, verwegen ge⸗ nug, das Teſtament und Fr drey Männer zu den Flammen! Dieß brachte den König zur Beſinnung. Et hinderte durch geheime ſtille Mittel den Vol⸗ zug des Urtheils. Anfangs betrachtete Don Karlos die Sache als Scherz; doch da er die Beharrlichkeit der Inquiſition gewahrte, ward er heftig empoͤrt. Der Kaiſer hatte von Don Karlos große Hoff⸗ nungen gefaßt. Als er ſich nach Spanien zu⸗ rückzog, rief er ihn zu ſich. Er unterrichtete, er bildete ihn und ſänftigte ſeine heftige Ge⸗ müthsart.— Don Karlos liebte ſeinen Groß⸗ Vater; ſein Andenken beflecken, hieß ihm am empfindlichſten Theile verwunden. Don Juan und der Prinz von Parma, beyde bey Karlos⸗ Ruhm gleich intereſſirt, waren nicht minder entrüſtet; ſie tadelten des Königs Schwäche und begannen ihn zu verachten. Oeffentlich erklärten ſie ihren Unwillen gegen die Inqui⸗ ſition und drohten, ſie zu vernichten; das abergläubiſche Volk murrte. Der König, der ſich keiner unehrerbietigen Antwort ausſetzen wollte, gab Rui Gomez den Auftrag, mit den Prinzen zu ſprechen. Don Juan und der Prinz von Parma, ehr⸗ geizig wie ſie waren und ruhiger als Don Kar⸗ los, gaben nach. Dieſer nicht. Indeß wurde der Doktor Cacalla nebſt einem Bildniß des im Gefängniß verſtorbenen Conſtantio Ponziv, ver⸗ brannt. Der König mußte dieſe Hinrichtung dulden, um das heilige Gericht zu vermögen, der Appellation des Erzbiſchoffes von Tolede ſtatt zu geben, und nicht weiter des Shß Keſtnent zu berühren.. wieß ſin Den Karlus; aihi⸗ hn bu murrende Volk. Um es zu inen, beſchloß der König 18 die Prinzen auf einige Zeit zu entfet⸗ nen. Die Univerſität zu Alkala war damals in ihrem höchſten Glanze. Ihre Abreiſe dahi zu beſchleunigen ergriff der König den Vorwand, daß der Prinz von Parma in kurzem unter Auß⸗ ſicht des Grafen Egmont nach Flanderm reiſen ſollte, um ſich zu vermählen. Der König konnte ſich von Rui Gomez nicht trennen und wählte alſo den Grafen Egmont zum Begleiter des WPrinzen.. Egmont war ein ausgezeichneter Feldherr⸗ Don Karlos ließ ſich auf der Reiſe von ihm ſeine Thaten erzählen und bezeichnete große Ungedult, ſich zu der Statthalterey der Nieder⸗ lande zu begeben, um, falls die Feindſeelig⸗ keiten dort ausbrächen, ſich v Fen Wwihn Die Stadt Alkala machte dem Don Karlos ein Geſchenke mit einem ſehr koſaren, ſehr — 225— ſchönen, aber ſehr wildem Pferde. Der Prinz wollte es reiten ſehen, war aber mit all den die es beſtiegen, ſo unzufrieden, daß er es ſelbſt reiten wollte. Das ſchon in Wuth ge⸗ ſetzte Pferd ward nun vollends raſend, ſo daß Don Karlos für gut fand, ſich zur Erde zu werfen. Dieß geſchah; aber ſo unglücklich, daß er leblos auf der Erde liegen blieb. Zwar kam er bald wieder zu ſich. Doch als die Aerzte eine Wunde am Kopfe, die er im Fallen er⸗ halten, unterſuchten, verzweifelten ſie an ſei⸗ nem Leben. In dieſer Lage ſandte er ſeinen Günſtling den Markis Poſa nach Madrit, der Königin ſein letztes Lebewohl zu ſagen. 15.„ Bey dem erſten dumpfen Verlauten ber Rach⸗ richt dieſes Unglücks, begab ſich die Fürſtin Eboli zu der Königin um ihr Benehmen zu beobachten. Die Koͤnigin war auf einen ſo auſ⸗ ſerordentlichen Vorfall nicht vorbereitet. Ihre Verſtellungskunſt verließ ſie, und, war ihr Mund ſchon zum Schweigen gewohnt, ſo ver⸗ rieht doch ihr Schweigen und ihre Beſtürzung mehr als Worte vermocht hätten. So groß aber auch ihre Trauer war, ſo hatte ſie doch v. Soden's Erzähl. H. 3 15 — 226— ſtets ſo viel Theilnahme an Don Karlos benr⸗ kundet, daß dieß nicht auffallen konnte. Doch die Fürſtin ſah nur mit den Augen einer Liebenden, konnte alſo nicht faſſen, daß jene Trauer nur Wirkung der Freundſchaft ſeyn ſollte. Das Volk, von den Inquiſitoren auf⸗ geregt, betrachtete dieſen Zufall als einen offe⸗ nen Beweis der göttlichen Strafe für Don Kar⸗ los Unglauben, und wüczeugte keine Theil⸗ nähme. Die Königin glaubte ſich den trantj Troſt nicht verſagen zu können, dem Prinzen ihre Gefühle mitzutheilen; ſie ſchrieb ihm alles, was Verzweiflung ihr Zärtliches und Theilnet⸗ mendes eingab und fertigte den Markis mit dem Befehle ab, ihr den Brief zurück zu brin⸗ gen, wenn er bey ſeiner Ankunft zu Alkale Don Karlos nicht mehr lebend fände. 1 S6. Indeß erfüllte dieſer ſ den Prinzei mit ſolcher Freude, daß er i hm das Leben rettete. Sobald er außer Gefahr war, ließ ihn der König nach Madrit bringen; er Boffte, durch dieſen Unfall würde der Haß des Volks ſich be⸗ ſänftigt haben. Vey der erſten Zuſammenkunft verlangte die Königin von Don Karlos ihren Brief zurück. Doch er, dem dieſer Brief ſo theuer war, als das Leben, das er ihm ge⸗ rettet hatte, widerſtand ihren dringenden Bit⸗ ten, nicht ahnend, daß derſelbe einſt über ſein Leben entſcheiden werde. Er fand bey ſeiner Rückkunft die Königin ſchwanger und dieß regte ſeine Eiferſucht in einem ſo hohen Grade auf, daß er in die aus⸗ ſchweifendſte und thörigſte Klagen ausbrach, die jeden andern überzeugt hätten, er habe den Verſtand verloren. Während ſeiner vollen Herſtellung gebahr ſie die Erzherzogin von Flandernz Erbin ihrer Schönheit, ihres Geiſtes, ſo wie ihres Na⸗ mens. Bald darauf bekam ſie die Schaaf⸗Pocken, doch das Gebet des Volks beförderte ihre Ge⸗ neſung; ſie erſtand geſunder und ſchöner als vorher. S Kurz nachher reißte die Königin nach Ba⸗ jonne; wohin der franzöſiſche Hof gekommen war, ſie zu empfangen. Don Karlos empfand die mannichfaltige Hinderniſſe die ſich ſeinem Umgange mit der Königin entgegen ſtellten, mit Verdruß; indeß dieſe letzte Reiſe für die Sorgloſen eine neue Begebenheit veranlaßte, die ihrer Liebe end⸗ uoſe Hinderniſſe bereitete. — 228— 17. Johanna Albret, Königin von Navarra, Wittwe des Königs Antvnio, hatte ſich für die neue Lehre erklärt und regierte ihre Unter⸗ thanen mit beyſpielloſer Weisheit und Gerech⸗ tigkeit. Ihr in dem nämlichen Glauben erzo⸗ gener Sohn, wurde von nun als der Beſchützer der franzöſiſchen Hugenotten betrachtet. Die Spanier, gewahrend, daß die Anſprüche dieſes Hauſes auf Ober⸗Navarra guf dieſen im erblichen Haß gegen ſie erzogenen Jüngling fielen, den eine furchtbare Parthey unterſtitzte beſchloßen, den jungen Fürſten nebſt ſeiner. Mutter und der Prinzeſſin ſeiner Schweſter mitten aus ihren Staaten nach Spanien zu ent⸗ führen, und der Inquiſition zu übergeben. Die Häupter der katholiſchen Parthey in Frankreich, einverſtanden mit dem Herzog von Alba, ver⸗ einten ſich zu Ausführung dieſes Plans. Ein berüchtigter Böswicht, der Hauptmann Domi⸗ niko, ein Bearner, erhielt, wegen ſeiner Lan⸗ des⸗Kenntniß, hiezu den Auftrag. Ein Theil 6 der Truppen der guf günſtigen Wind wartete, um an die Aftikaniſche Küſte überzuſetzen, ſollte nur bis Tarragona vorrücken. Von dort aus, war es leicht, einen anſehnlichen Trupp Reuterey heimlich durch die Gebirge vordringen zu laſſen um die Königin und ihre Kinder zu Paw in Bearn aufzuheben, wo ſie wohnten; beynah ohne alle Wache als die Herzen ihrer Unter⸗ thäneſ. Doch die Vorſicht, die dieſen jungen Prinzen „zur größeren Planen aufbewahrte, vereitelte dieſes Unternehmen. Kurz vor der Reiſe nach Bajonne hatte Do⸗ miniko alles zu Ausführung ſeines Vorhabens vorbereitet. Er reißte nach Spanien zurück, um mit dem Herzog von Alba wegen des Trup⸗ pen⸗Marſches das nöthige zu verabreden. Die⸗ ſer ſendete ihn an den König, der ſich damals zu Mezzone befand. Auf der Reiſe dahin ſiel Dominiko in eine ſchwere Kraukheit und mußte zu Madrit liegen bleiben. Ein Franzos, ein Diener der Königin, wartete und pflegte ihn als Landsmann. Aus Dankbarkeit, oder Schwäche vertraute er dieſem ſein Geheimniß und dieſer entdeckte ss am nämlichen Tage ſeiner Gebietherin, die in ttſiulichem Briefwechſel mit der Königin von Nabarrd ſtand W ————— Die Nuchricht bleſet üöſcheülichen Vetſchwö⸗ ruſg proßte dei Königin Thränen aus, und ſie gab ſogleich nach Be äb iru und Vorbeaur Nach⸗ richt; wo ſich damals die Königin ihre Mutter — 230— Der Plan ſcheiterte alſo und die Königin, begleitet von dem Herzog von Alba, reißte zu dem franzöſiſchen Hof nach Bajonne. Dieſer Hof war damals in zwey feindliche Faktivnen getheilt. Beyde katholiſch, gehörte die erſte zu den Ultras; unter ihnen befanden ſich die Freunde des Herzogs von Alba, die Urheber der Verſchwörung von Bearn. Sie waren die Gründer der nachherigen Ligue, und im engen Verſtändniße mit den Spaniern. Die andere Parthey war die des Königs und an ihrer Spitze, die Konigin Mutter, Katharina von Medizis. Ihr einziger Zweck war, Unab⸗ hängigkeit. Sie wußte, jede Verbindung nit Spauien war Sklaverey und mißtraute ihrem Tochtermanne, dem Könige und ſeinen Mini⸗ ſtern⸗ Indeß hatten die Verſchwornen des Herzogs v. Alba bey dieſer Zuſammenkunft am Ende doch entdeckt, daß die Königin von Spanien os war, die ihren Plan vereitelt hatte; wie aber dieſe ihn erfahren haben? konnte ſie nicht erforſchen. Der Herzog von Alba konnte ſich nicht über⸗ reden, daß ein junges Weib einer ſolchen küh⸗ nen That fähig ſey. Die Freundſchaft der Kö⸗ nigin für Don Karlos, der ihn haßte, war ihm ſtets verdächtig geweſen. Er ſchloß, ſie habe mit dieſem im Einverſtändniß gehandelt. Kein Schmerz iſt ſchneidender als der, ein großes Verbrechen vergebens begangen zu haben; er beſchloß alſö, ſich an Don Karlos zu rächen und es gekang ihm endlich sinmn iin e 13 Indeß hatte Pot Katlos dieſe Verſchwörung erſt nach der Bojonner Reiſe erfahren; die Kö⸗ nigin bekannte es ihm. Abſchen erfüllte den Prinzen und er konnte ſich nicht enthalten, in Gegenwart des Don Juan und der Prinzeſſin Cboli zu ſagen: er werde einſt diejenige grau⸗ ſam beſtrafen, die dem Könige ſo niedrige Rath⸗ ſchläge gäben. Der Herzog v. Alba war als Hanptling der Verſchwörung allgemein bekaunt, und der König that nichts ohne den Beyrath des Rüi Gomez. Jene Drohuns konnte alſo uur die zwey Miniſter troffen; und auf die von ſeiner Gemahlin ethaltene Nachticht, er⸗ achtete dieſer Günſtling es für Zeit, ſich gegen Pas Anſehen des Prinzen zu waffnen. Der Herzog v. Alba war oberſter Feldherr; F kannte des Prinzen kriegeriſchen Geiſt und firchtete, dieſer möchte die erſte Gelehenheit eines Kriegs benutzen, das Kommando zu ver⸗ langen. Rili Gomez war Chef der Inſtiz und — 232— der Finanzen; er fürchtete, der von Natur groß⸗ müthige Prinz möchte künftig ſelbſt Gnaden austheilen, und ihm nur das Verdienſt der Vollziehung laſſen. Er war des Prinzen Ajo Oberhofmeiſter) geweſen, und mußte, dem Wil⸗ len des Königs gemäß, ihn mit Strenge be⸗ handeln. Dieß war der wahre Urſprung der Abneigung des Prinzen gegen ſeinen Vater. Einſt, als Don Karlos kaum zur Vernunft gelangt war, hatte ſeine, damals in Spanien befindliche, Tante, die Königin von Böhmen, einen Edelknaben, ſeinen Liebling, wegen eines kleinen Verſehens heftig züchtigen laſſen. Der leidenſchaftliche Prinz beklagte ſich darüber ge⸗ gen ſie mit großer Herbheit. Die Königin drohte, ihn peitſchen zu laſſen, wenn er nicht ſchweige. Don Karlos konnte man nicht ſtärker beleidigen, als wenn man ihn als Knabe be⸗ handelte. Dieſe Drohung entrüſtete ihn der⸗ geßalt, daß er der Königin eine Ohrfeige gab. Er fühlte Augenblicklich die Größe ſeines Ver⸗ gehens. Da erſchien ſein Hofmeiſter weinend und erklärte, ſein Vater habe ihn zum Tode verurtheilt. Don Karlos empfing dieſe Nachricht zwar mit Schrecken, aber ohne Furcht; doch trug er ihm auf, ſeine Begnadigung zu verlangen. Der Hofmeiſter gieng und brachte die Antwort: ——— — 233— es würde damit ausgehen, daß ihm die Hand abgehahen werden ſolle, mit der er den Streich gegeben habe. n Wahrlich! rief der ungeſtümme Jüngling, das wird ein ſchönes Schauſpiel ſeyn, einen Einhändigen König zu ſehen!— eno Seine Umgebungen ſtellten ihm vor, daß er ſich zu Beſänftigung ſeines Vaters duch irgend einer Strafe unterwerfen müße. Er gab nach, verlangte aber, daß der Kardinal Spinoza iht züchtigen ſolle; denn nicht von einem andern würde er es dulden. Rui Gomez fürchtete alles von ſeinem ſtreng behandeltem Zöglinge; ſein über des Pritzen Verachtung erzürntes Weib, that die erſten Schritte, den Herzog v. Alba zu vermögen, ſich mit ihm gegen Don Karlos zu verbinden und venachrichtigte dieſen von des Prinzen Dro⸗ hungen. Rui Gomez beobachtete den Prinzen mit ſolcher Genauigkeit, daß er endlich ſich von der Liebe des Don Kärlos für die Königin ühet⸗ zeugt hielt. Er theilte dem Herzog ſeine Ent⸗ deckung mit, und, wie gewöhnlich, wenn ein Geheimniß theilweiſe entdeckt iſt, man gus Be⸗ gier es ganz zu kennen, um die Wette es zu errathen ſtrebt, ſo begannen ſie zu vermuthen, — 23— die Königin erwiedere die edenſchfe des Prinzen. Sie frohlockten, nun ein Mittel zur Rache gegen den Prinzen zu beſitzen, indem ſie ſeine Leidenſchaft dem Vater entdeckten. Doch ſie überdachten des Königs eiferſüch tige Laune und die ihm natürliche Grauſamkeit und erſchraken über die Folgen, welche dieſe Entdeckung ha⸗ ben dürfte. So ein furchtbarer Feind auch Don Karlos für ſie war; ſie trachteten nicht nach ſeinem Leben. Man wird nicht plötzlich ein Böswicht und erklimmt den Gipfel des La⸗ ſters, gleich dem der Tugend, nur Stß⸗ weiſe. 19. Vorzüglich fürchteten die beyden Winiſter⸗ die Königin möchte ihren Gemahl in Abſicht der Bearner Geſchichte dergeſtalt voreinnehmen, daß er ſpäter die Wahrheit gar nicht glauben könne; ſie dachten, der König, ungeduldig die Art der Entdeckung zu kennen, werde ſich der erſten ihm beygebrachten Anſicht hingeben. Dieſer Fürſt ſchien ſeitdem den Herzog nicht mehr ſo günſtig zu betrachten, und trug ſich wohl mit der Idee, deſſen Betragen öffentlich zu miß⸗ billigen, um ſich den Tadel dieſer Verſchwö⸗ rung zu erſparen. Indeß war der Zweck jener Entdeckung, den König zu überzeugen, daß die Sache nicht durch des Herzogs Schuld mißlungen ſey; er glaubte alſo, nicht ſelbſt davon ſprechen zu müſſen. Rui Gomez hatte gleichen Antheil daran, war alſo nicht minder verdächtig. Sie glaubten alſo, hiezu einer dritten Per⸗ ſon zu bedürfen, und fanden niemand geſchick⸗ ter als den Staats⸗Sekretair Antonio Perez. Sie beſchloßen alſo, ihn in's Verſtändniß zu zie⸗ pen. Dieſer Mann, der gar kein Intereſſe hatte dem Prinzen oder der Königin zu ſcha⸗ den, ſchien ſchwer zu gewinnen; doch hoffte und wagte es Rui Gomez. Allein dieſem war der Antrag ſehr angenehm. Perez liebte die Prinzeſſin Eboli und hatte bis jetzt nichts von ihr erlangen können. Als er vernahm, die Prinzeſſin ſey nicht in das Geheimniß ein⸗ geweyht, berechnete er⸗ der ihre Neugier kannte, welchen Vortheil er durch deſſen Ent⸗ deckung gewinnen könne, und Rui Gomez kehrte zu dem Herzog v. Alba mit der Nachricht von dem glücklichen Erfolge ſeiner Unterhandlungen zurück; entzückt, daß er dem Liebhaber ſeines Weibs ein unfehlbares Nittel verliehen hatte, dieſe zu verführen. 20. Die Königin hatte indeß ihre zweyte Toch⸗ ter, die Infantin Katharina Michaele, nach⸗ herige Herzogin von Savoyen, geboren. Die Miniſter kannten die Gewalt, welche die Kö⸗ nigin durch ihre Schönheit über ihren Gatten ausübte; ſie glaubten, die Zeit dieſer Nieder⸗ kunft benutzen zu müſſen, damit der König über dieſe Entdeckung, vor dem Wiederſehen der Königin, einen Eutſchluß zu faſſen vermöge. Perez hatte das Departement der auswär⸗ tigen Geſchäfte, alſo Gelegenheit, den König oft allein zu ſehen. Am folgenden Tage be⸗ gann er von der Verſchwörung von Bearn zu ſprechen; er bemerkte: die Königin von Frank⸗ reich ſeh darüber ſehr aufgebracht und würde ſich durch Begünſtigung der flanderiſchen Auf⸗ rühre, rächen, die damals in der erſten Wüth waren. Lange, ſo bekannte er nun dem Kö⸗ nige, habe er angeſtanden, ihm den Grund des Mißlingens zu eröffnen; er glaube aber nun, ihn nicht länger verſchweigen zu können. Er erzählte alles was der Herzog v. Alba Vaionne erforſcht hatte; und ſo auch die R den des Don Karlos in Gegenwart Don Jü —— ————— und der Prinzeſſin v. Eboli; er bat zuletzt den König, ihm zu verzeihen, daß er dieſe Dinge „ verſchwiegen habe„ die er nicht hätte entdecken können, ohne zwey Perſonen zu beleidigen, die, nach ſeiner Perſon, ſeinen Unterthanen am heiligſten ſeyn müßten. 121 Dieſe Nachricht ſetzte den König in große Unruhe. Ob er ſchon die Königin noch nicht beargwohnte, ſo liebte er ſie doch zu ſehr, um nicht die Harmonie der Geſinnungen, die er in dieſer Sache zwiſchen ihr und Don Karlos bemerkte, auffallend zu finden. Die Rückſich⸗ ten der Verletzung ſeines Anſehens, in jeder andern Gelegenheit ſo natürlich, wichen hier den Regungen ſeiner Eiferſucht. Zum erſten⸗ mal ſiel ihm der häufige Ungang ſeiner Ge⸗ mahlin mit ſeinem Sohne aufz es erwachte die Erinnerung: daß ſie lange für einander beſtimmt geweſen waren Doch bald verdrängt Argwohn. Oft hatte ſie Beweiſe der Anhäng⸗ lichteit an ihr Vaferland gegeben. Dieß ver⸗ mochte den König, zu glauben, daß ihr Unter⸗ nehmen gegen die Verſchwörung von Bearn den nämlichen Urſprung habez und ſeines Sohnes Abſchen dagegen erklärte er ſich als jugend⸗ an vas Andenten an die Lugend und Seelengröße der Königin dieſen ——— — — 238— lichen Edelmuth. Doch beſchloß er, zu ſeiner Beruhigung, ihren Umgang künftig zu beobach⸗ ten. Er nahm große Veränderung in den er⸗ ſten Hofſtellen vor, um ſo auf eine unbefan⸗ gene Weiſe die Prinzeſſin Eboli zunächſt an die Perſon der Königin zu heften. Ihr vertrau⸗ licher Umgang mit dem Prinzen, deſſen Ajo ihr Gatte geweſen war, machte ſie am geſchick⸗ teſten, ſeine Geheimniſſe zu erforſchen. Don Karlos, gewiß: geliebt zu ſeyn, ſchöpfte aus dieſer Aenderung keinen Argwohn; wohl aber ſchlug die Königin, bewußt, wie viele Freunde ihr Gatte in Frankreich beſaß, und wie ſcharf ſie beobachtet wurde, dieſe Aen⸗ derung nieder. Sie errieth deren Grund und da Don Karlos ſie beruhigen und ſich für die Fürſtin verbürgen wollte, verlangte ſie zu wiſ⸗ ſen, was ihn zu dieſem Zutrauen berechtige 2 Er bemerkte bald ſeine Täuſchung, und wie ängſtlich die Prinzeſſin Eboli ſie beyde beob⸗ achtete. Er durfte nicht blicken laſſen, wie ſehr ihn ihre Gegenwart beſchwere, und ſie ſchwelgte in dem Schmerze des Prinzen. Sie bewieß ihm mehr Zuneigung als je, begab ſich pünktlich zur Königin, ſo bald er dort war und wollte den Schein haben, als ſey es ſei⸗ netwegen. Doch, trotz all' ihrer Wachſamkeit, ——— — 239— fanden die Königin und Don Karlos bald dar⸗ auf Gelegenheit, ſich allein zu ſprechen. 2. Der König war, wie der unermeßliche Aufwand beurkundete, ganz an ſein Eskurial Feheftet; er lud die Königin ein, der Grund⸗ legung dieſes prachtvollen Gebäudes beizuwoh⸗ nen, das er zum ewigen Denkmal des Siegs . St. Quentin errichten ließs N Dieſe Schlacht war der Grund ihres Miß⸗ geſchicks; das Andenken daran konnte ihr alſo nicht ſehr angenehm ſeyn. Indeß betrachtete ſie die Zurüſtungen zu dieſem unglücklichen Mo⸗ nüment mit der Heiterkeit und Neugierde, die der König wünſchte und ſelbſt beſaß. DPort war es, wo die Fürſtin Eboli die Kö⸗ iui und den Prinzen mit dem König allein ließ, und der König auch dieſe verließ, um 5 2 Bimeſſtern Befehle zu ertheilen. Don Karlos, der nicht länger in dieſer pein⸗ lichen Lage zu bleiben vermochte, beſchwor die finigi ein Mitttl anzuzeigen, wie er 5f Peanntſch am Namenstag des H. Latren tius, dem zu Ehren des Eskuriul im Roſtforne gebaut wurde. ſie, wegen einer für ſie Beydr gleich inter⸗ eſſanten Angelegenheit, ingeheim ſprechen könne⸗ Gerührt von ſeinen dringenden Bitten, ſeiner Verzweiflung, bewilligte ſie es. Sie über⸗ legten nun die Mittel; aber alle ſchienen der Königin ſo gefahrvoll, daß ſie ſolche ausſchlug, ſo leicht auch der Prinz ſie darſtellte. In jener Periode langten der Markis von Bergen und der Baron von Montigni als Ab⸗ geordnete der flandriſchen Stände bey Hofe an⸗ Ihr Auftrag war gefährlich; ſie ſetzten alſo ihre größte Hoffnung auf den Ruf von des Prinzen Edelmuth und der Königin natürli⸗ chen Güte. Es war indeß genug, unglücklich, edel und von der Königin beſchützt zu ſeyn, um Don Karlos Liebe zu gewinnen. Die Abgeordneten ſtellten ihnen die unglück⸗ liche Lage vor, in welche der Kardinal Gran⸗ ville, erſter Miniſter der Statthalterin, den flandriſchen Adel durch ſeine üble Dienſte beym Könige geſtürtzt hatte. Sie betheuerten ihre Treue und Unſchuld an den letzteren Unruhen. Sie beſchworen beſonders den Prinzen, ſo viele edle Diener des Kaiſers und Lieblinge deſſel⸗ ben nicht den gewaltſamen und übereilten Rath⸗ ſchlägen Preiß zu geben, welche Neid ihres Ruhms und Edelmuths dem Herzog von Alba einflößte. Sie verſicherten, ſeine Seelengröße ſey der einzige Troſt in ihren Leiden. Die kriegeriſche Neigung des Don Karlos war bisher von ſeiner leidenſchaftlichen Liebe unterdrückt worden; Schaam überfiel ihn, bis jetzt nichts für ſeinen Ruhm gethan zu haben. Voch mehr entflammten ihn gewiſſe Briefe des Grafen v. Egmont. Dieſer foderte ihn auf, das ihm einſt gegebene Wort zu halten: nach Flandern ſich zu begeben, ſo bald dort der Krieg ausbreche. Er ſtellte die Lage dieſer Provinzen ſo günſtig für Don Karlos dar, daß dieſer beſchloß, ſich die Statthalterſchaft der⸗ ſelben zu erbitten. Er hoffte, bald in Stand zu kommen, zu unternehmen, was Muth und Ehrgeiz ihm eingab, wenn ſeine den Aufruhr geſtillt habe. Kaum hatte er dieſen Entſchluß gefaßt/ ſp erſchien ihm das Bild der Königin reizender als je und ſetzte ihn in Zweifel, ob er die Kraft habe, ſie zu verlaſſen. Doch reiferes Nachdenken über ſeine Lage, erſtarkten ſeinen erſten Entſchluß. Im Beginnen ihres Bunds hatte die große Jugend der Prinzeſſin ihr nicht erlaubt, dem Prinzen ihre Achtung und Theil⸗ nahme zu verbergen. Aber, erfahrner, hatte v. Soden's Erzähl. II. 156 — 212— ſie ſpäter eingeſehen, daß jeder Beweis ihrer Neigung ſeine Leidenſchaft nähre. Sie ſtellte ihm bey jeder Gelegenheit die Folgen derſelben und das furchtbare Schickſal vor, dem er ſie ausſetze. Der Prinz konnte ſich nicht verber⸗ gen, daß ſie recht habe, ſich immer mehr zu⸗ rückzuziehen. Er glaubte alſo eine kräftige Anſtrengung machen zu müſſen, die Königin von einer Leidenſchaft zu befreyen, die ihr ſo gerechte Beſorgniſſe verurſachte und nicht beſſer gemildert werden könne, als durch eine lange Abweſenheit und durch Großthaten. Kaum erblickte er die Königin wieder, ſo fühlte er, es ſey ihm unmöglich ſie nicht zu ſehen. Er erzählte ihr ſeine Verhandlungen mit den Abgeordneten und ſeinen Plan. Er bat ſie tauſendmal um Verzeihung, daß er einen Augenblick geglaubt habe, von ihr entfernt leben zu können. Doch die Königin, die ihn von ſeiner Leidenſchaft zu heilen ſuchte, ver⸗ pflichtete ihn wider ſeinen Willen, den Plan der Expedition nach Flandern zu verfolgen Um ihn dazu zu vermögen, machte ſie ihm be⸗ greiflich, dieſe Reiſe werde des Königs ver⸗ muthlichen Unwillen über ihren Bund beſchwich⸗ tigen. Nach ſeiner Rückkunft würden ſie weni⸗ ger beobachtet werden, und der Ruhm den er ohne Zweifel erringen würde, ſein Anſehen ver⸗ — 243— ſtärken und ihren Umgang freyer und unabhän⸗ giger machen. Au.. Von dieſen Gründen und noch mehr von ſeiner blinden Ergebung in der Königin Willen, überredet, erklärte er ſich öffentlich zu Gunſt des Niederländiſchen Adels; zum großen Aer⸗ gerniß der Inquiſitoren, welche dieſen Adel für rein kezeriſch hielten und die Geſchichte des Kaiſerlichen Teſtaments noch nicht vergeſſen hatten. Der Prinz ließ dem Könige melden, wenn er ihm die Statthalterſchaft jener Pro⸗ vinzen übergeben wollte, ſo bürge er mit ſei⸗ nem Kopfe für deren Gehorſam. Dieſer Plan ſetzte Rui Gomez und den Her⸗ zog von Alba in unbeſchreibliche Beſtürzung. Sie ſahen in dem Anſehen, das jenes Unter⸗ nehmen dem Prinzen verlieh, ihren offenen Untergang. Sie ſchloßen, nach ſeiner Rückkunft von die⸗ ſer ohne Zweifel gelingenden Unternehmung, werde Don Karlos erſter Miniſter ſeines Va⸗ ters und ſie von ihm abhängig werden. Der Herzog von Alba, der auf die nämliche Stelle Anſpruch machte, vermochte Rui Gomez, den Vertrauten des Königs, dieſem bemerklich zu 46* machen, wie ſehr dieſe Unternehmung ſeinen Sohn in dem Herzen der Flammänder über den König ſelbſt erheben werde. Perez, ohne daß es ſchien, als handle er mit dieſem im Einverſtändniſſe, machte dem Kü⸗ nige bemerklich, welchen engen Bund Don Kar⸗ los, als Gouverneur der Niederlande, mittelſt der Königin, mit Frankreich ſchließen werde. Alle dieſe Betrachtungen mußten naturlich auf einen Fürſten tiefen Eindrnck machen, der auf ſein Anſehen äußerſt eiferſüchtig und gegen den Ehrgeiz ſeines Sohnes ſehr mißtrauiſch war. Der König dachte alſo nur darauf, dem Prin⸗ zen ſeine Bitte auf eine nicht beleidigende Art zu verſagen. Er ließ ihm melden; er geneh⸗ mige ſeine Bitte; die zu ſeinen eignen Abſich⸗ ten ſtimme; er wolle aber ſelbſt nach Flandern reiſen, um ihn dort einzuſetzen und ſie wür⸗ den in balden abreiſen. Es würde nicht eh⸗ renvoll für den König ſeyn, wenn er ſicher in Spanien bleibe und ſeinen einzigen Sohn allen Unfällen eines ſo wüthenden Aufruhrs Preis gebe. Er wolle ſeine Gefahr theilen und ihm allen Ruhm überlaſſen. 25. Das Gerücht von dieſer Reiſe verbreitete ſich bald durch die Reiſe-Zurüſtungen, welche 5 der Köuig machen ließ, um den Prinzen zu täuſchen. Doch niemand glaubte daran. In⸗ deß erfüllte es doch die noch ſchwankenden Ge⸗ müther der Empörer mit Schrecken. Um es zu beglaubigen, machte der König auf die Reiſe⸗ Ekippagen einen ſo bedeutenden Aufwand, daß ſelbſt die Abgeordnete Bergh und Montigni, die bisher darüber geſcherzt hatten, nicht län⸗ ger zweifeln konnten. Selbſt die Königin und Don Karlos wur⸗ den auf einige Zeit getäuſcht. Aber kurz war dieſe Täuſchung. Die Reiſe⸗Anſtalten waren vollendet; der König ſah, daß die Täuſchung ſich entdecken würde, wenn er nicht abreiſe. Er ſah alſo kein andres Mittel zum Aufſchub, als, ſich krank zu ſtellen. In fremden Landen wirkte dieſe Verſtellung, aber, aller ſeiner An⸗ ſtrengungen ohngeachtet, konnte er die Königin und ſeinen Sohn nicht länger täuſchen. So ſtunden die Sachen. Einſt, da der Hofſtaat der Königin, nach mannichfaltigen Ge⸗ ſprächen über des Königs Reiſe nach Flan⸗ dern, ſich getrennt hatte und Don Karlos, Don Juan und die Prinzeſſin Eboli allein bey ihr blieben, unterhielten ſie ſich darüber: wie die Hofleute ſich oft quälten, die Gründe und Folgen von Begebenheiten zu errathen, die nie ſtatt fänden. Allmählig wurde durch dieſe Scherze auch Don Karlos vermocht, über dieſe Reiſe und des Königs erdichtete Krankheit zu ſcherzen. Karl der öte, ſagte er, ſey genug für ſich und ſeinen Sohn, den König, gereißt und der König pflege nun für ſich und ſeinen Vater der Ruhe. Die Königin ſprach gerade mit Jemand der ein Geſchäft bey ihr hatte und hörte dieß nicht. Don Juan und die Fürſtin Eboli unterhielten ſich indeß leiſe; da ergriff Don Karlos einige Blätter weißes Papier, die auf einem Schreib⸗ tiſche lagen, machte daraus ein Büchlein und ſchrieb auf das erſte Blatt mit großen Buch⸗ ſtaben: Große und bewundernswerthe Reiſen des Königs Don Philipp. Auf jede andere Seite des Büchleins ſchrieb er folgende Titel: Reiſe vön Madrit nach dem Eskurial. Reiſe vom Eskurial nach Toledo. Desgleichen von Toledo nach Madrit. Desgleichen von Madrit nach Aranjuez. Desgleichen von Aranjuez nach dem Pardo. Desgleichen vom Pardo nach dem Eskurial. und ſo füllte er denn das ganze Büchlein mit Reiſen nach den königlichen Luſtſchlößern und den vorzüglichſten ſpaniſchen Städten ans. — 247 So gefährlich auch dieſer Einfall des Prin⸗ zen ihr ſchien, ſo konnte ſich die Königin doch nicht enthalten, ihn zu belachen; aber indeß ſie dieſe Schrift laß, erhielt ſie Nachricht: der König befinde ſich ſehr übel. Sie hatte nur ſo viel Zeit, dem Prinzen die Anfbewahrung des Büchleins zu empfehlen; dieſer, der ihr angenblicklich folgen wollte, warf es in einen Schrank und ſchloß ihn zu. Er wußte nicht, daß die Fürſtin Eboli die Schlüſſel zu allen Schränken der Königin beſaß. Kaum war er hinaus, ſo nahm ſie ſeine Schrift. Groß war ihre Freude, nun ein ſo wichtiges Mittel zu beſitzen, ihm beym Könige zu ſchaden. Sie überlegte, wie ſie ſich dieſes Büchleins bedienen könne, ohne daß man wiſſe, daß ſie es beſitze. Sie zweifelte nicht, die Königin, mit deſſen Wichtigkeit bekannt, würde es ſo⸗ gleich nach ihrer Rückkunft aufſuchen. Augenblicklich ließ ſie alſo ein durchaus ähnliches Büchlein fertigen, in dem des Prin⸗ zen Handſchrift auf das genaueſte nachgeahmt war. Sie legte das falſche ſtatt des rechten hin und gab dieſes ihrem Gatten. Die Kö⸗ nigin fand bey ihrer Rückkunft die falſche Schrift, an dem Orte, den Don Karlos ihr angezeigt hatte, und eilte ſo ſehr, ſie zu verbrennen, daß ſie den Betrug nicht bemerkte. * ——,—˙m———— — 248— 26. Indeß hatte des Königs erdichtete Krank⸗ heit ſich in eine wahre verwandelt. Er fiel in ein Tertian⸗Fieber. Aber man glaubte an die wahre Krankheit ſo wenig, als an die vor⸗ gegebene. Die flandriſchen Rebellen hielten 4 dieß für einen Streich ſeiner Politik; und ver⸗ folgten ihr Unternehmen mit größerem Eifer als vorhin. Dieß erhöhte den Schmerz des Königs und zugleich ſein Fieber. Don Karlos ſah, die Erneuung ſeines Ver⸗ langens, nach Flandern geſendet zu werden, würde ihn noch mehr beunruhigen und ſchwieg. Doch ſein Vater, der ihm nicht ſo viel Be⸗ ſcheidenheit zutraute, hielt ſeinen ſteten Auf⸗ enthalt an ſeinem Bette, für eine ſtumme Erinnerung. Dieſes ſtete Dabeybleiben hatte andere Gründe. Die Königin verließ den Kranken nicht; Don Karlos konnte nur da ſie ſehen. Indeß betrugen ſie ſich in des Königs Gegen⸗ wart mit großer Vorſicht und wagten es kaum, zuſammen zu ſprechen. Dieſer Zwang drückte den Prinzen ſehr und ſchadete ihrem beyder⸗ ſeitigen Intereſſe weſentlich. Sie hatten ſich Nachrichten mitzutheilen und in dieſem wichti⸗ — 249— gen Zeitpunkte Maaßregeln zu berathen. Des Königs Herſtellung war ſo bald nicht zu hoffen, und die Aerzte verſicherten, das Fieber werde lange anhalten. Die Königin und Don Karlos hielten dafür, Schreiben ſey zu gefährlich; ſie beſchloßen alſo, eine treue Perſon zu wäh⸗ len, durch welche ſie ſich mittheilen konnten. Der Prinz, der Don Inan ſich ganz ergeben wähnte, warf die Augen auf ihn, um ihn zum Vertrauten zu machen. Doch die Königin glaubte in deſſen Augen öfters die Sprache der Liebe bemerkt zu haben. Auch glaubte ſie ingleichen bey der Fürſtin Eboli einige Nei⸗ gung für Don Juan und ein Verſtändniß zwi⸗ ſchen ihnen, bemerkt zu haben. Sie vermochte alſo den Prinzen, dieſen Plan aufzugeben. Don Karlos hatte es nicht gewagt, den Markis Poſa vorzuſchlagen, weil die Königin ihn weniger kannte, als Don Inan. Dieſer Günſtling war der vollkommenſte unter den jungen Edelleuten, die mit dem Prinzen erzogen wurden. Obgleich lebhaft, war er von Natur beſonnen und ernſt. Don Karlos, ein richtiger Menſchenbeobachter, hatte ihn längſt ausgezeichnet. Der Markis bewunderte des Prinzen erhabnen und edlen Sinn. Dieß hatte einen engen Bund zwiſchen ihnen geknüpft, einen ſeltnen zwiſchen Fürſt und Diener; denn er war nur auf wechſelſeitige Bewunderung gegründet. Die Stelle des Günſtlings bey einem Kron⸗ Prinzen iſt gefährlich; der Markis hatte alſo Don Karlos gebeten, ſein Vertrauen zu ihm ſo wenig als möglich öffentlich zu zeigen. So innig alſo auch ihre Vertraulichkeit war, ſo erſchien doch im Publikum davon nichts weiter, als, daß Don Karlos, ſo wie jedermann, an ſeiner Unterhaltung Geſchmack fand. Das Geheimniß ihrer Freundſchaft befähigte den Markis, der Königin und dem Prinzen jetzt en dienen. Doch dieſe wußte, daß Don Karlos leicht zu tänſchen war; ſie wollte alſo den Markis erſt ſelbſt prüfen, eh' ſie ſich ihm vertraute. Unter dem Vorwand irgend eines ihm zu ertheilenden Auftrags erfaßte ſie die erſte Gelegenheit, wo ſie ihn in des Königs Zimmer antraf, ſich mit ihm zu unterhalten. Er erſchien ihr ſo verſtändig, daß dieß ſie ent⸗ zückte. Auch er war es vom Geiſte der Köni⸗ gin und die natürliche Ruhe ſeines Karakters kam ihm ſehr zu ſtatten. So wie dieſe Für⸗ ſtin ſich dem Markis in dieſer Unterredung zeig⸗ te, würde ihre Anmuth und ihre Schönheit jedem minder beſonnenem Leidenſchaft für ſie eingeflößt haben. Doch faßten ſie in der Folge ——— des Umgangs beyde für einander, die Achtung und Neigung, deren ſie beyde werth waren. . Wir fürchten immer unſre geheimen Empfin⸗ dungen zu verrathen, aber nicht, derjenigen beargwohnt zu werden, die uns fremd ſind. Die Königin ſtrebte nur, ihre Gefühle für den Prinzen und die ſeinigen für ſie zu verbergen, aber nicht ſo ihre Freundſchaft für den Markis Poſa. Sie fürchtete alſo nicht, daß dieſe tadelnswerth gefunden würde. um ihre Güte für ihn zu erwiedern, zeigte er oft mehr Intereſſe für ſie, als räthlich war. Beyde hatten Feinde; dieß erzeugte heimliches Geflüſter, aber ſie achteten es, im Bewußtſehn ihrer Unſchuld, nicht. Indeß geſundete der König und die Köni⸗ gin wurde ſchwanger. Er war darüber höchſt erfreut; entweder weil er hoffte, noch einen Sohn zu erhalten, oder weil ihm dieſe Schwan⸗ gerſchaft als ein ſichres Zeichen ſeiner gůnzli⸗ chen Herſtellung erſchien. Aber dieſe Freude war kurz. Die Miniſter, die geheime Gunſt des Markis fürchtend, brachten den Umgang deſſelben mit ſeiner Gemahlin bald zur Kennt⸗ niß des Königs. — 252 Dieſer argwöhniſche Fürſt empfand von neuem die Qualen der Eiferſucht; er hielt nach ſeiner Berechnung den Zeitpunkt der Schwan⸗ gerſchaft der Königin nicht für richtig und beſchuldigte nun den Markis eines Verbrechens, das ihm mehr Neider zugezogen hätte, als ſeine Tugenden. Die Natur hatte ſo viele geiſtige und kör⸗ perliche Gaben an dieſem unglücklichen Günſt⸗ ling verſchwendet und dieſe betrachtete der Kö⸗ nig nun als Verführungsmittel für ſeine Gattin. Indeß wäre er vielleicht von dieſem Wahne zurück gekommen, hätte ſich nicht damals ein Ereigniß zugetragen, das ſeinen Argwohn in Ueberzeugung verwandelte. Unter den Feſten, die ſeine Herſtellung ver⸗ anlaßte, war auch ein glänzendes Turnier, wo jeder Kavallier ſich für eine Dame vom Hofe erklären und ihre Farben tragen mußte. Am Abend vor dem Feſte befand ſich der Markis am Hofe der Königin. Ein zahlreicher Hofſtaat war verſammelt; ſie ließ ſich von ihm alle die Damen nennen, welche ihre Kavalliere hatten. Don Karlos und Don Juan waren die einzigen, die ſich für die ihrigen erklären konnten. Beyde hatten es nicht gethan; viel⸗ leicht aus Furcht, ihre Gefühle zu verrathen; und am Ende fand ſich, daß ſie allein kei⸗ 253— nen Kavallier hatte. Sie ſelbſt bezeichnete dieß und beklagte ſich darüber im Scherze. Der Markis, gewohnt ihr Artigkeiten zu ſagen, erwiederte: Sie müſſe nur die Natur darüber anklagen; wäre ſie ſchön, wie die an⸗ dern Dämen, ſo würde ſie gleich dieſen einen Kavallier gefunden haben. Die ganze Geſellſchaft beklatſchte dieſen Scherz und die Königin erwiederte ganz ernſt: um ihn für ſeine Unverſchämtheit zu beſtrafen, ſolle er ihr Kavallier ſeyn; damit er ſich ſchä⸗ men müſſe, die häßlichſte in der Geſellſchaft zu bedienen. Dieſer Scherz war öffentlich, in Gegen⸗ wart aller Perſonen vom erſten Range, vorge⸗ bracht worden. Indeß konnte ſich der König nicht aus dem Sinn ſchlagen, es ſey ein Ge⸗ heimniß dahinter und dieſes Geſpräch ein ge⸗ heimer Kunſtgriff der Königin, damit ihr Lieb⸗ haber ſich öffentlich für ſie erklären könne. Doch wankte er noch, aber am folgendem Tag wurde ſein furchtbarer Argwohn ihm zur Gewißheit; denn er ſah den Markis in die Schranken treten mit einen Schild, auf dem eine Sonne mit der Deviſe gemalt war: „Alles brennt bey meinem Anblick“ — 24— Der unglückliche Poſa errang ſogleich beym erſten Rennen den Preiß. Zwar war dieß ge⸗ wöhulich der Fall; doch der König hielt ſeine Geſchicklichkeit für die Folge ſeiner Liebe und dieß beunruhigte ihn ſo ſehr, daß er das Feſt nicht enden laſſen konnte. Er gab eine Un⸗ päßlichkeit vor, um es zu unterbrechen, und ſeine Wuth nicht zu verrathen. Er beſchloß ſogleich, den Markis und zwar dergeſtalt er⸗ morden zu laſſen, daß die Königin und er die Veranlaſſung erkennen ſollten. Doch Rui Go⸗ mez, dem er ſich hierüber vertraute, machte ihn auf die Folgen aufmerkſam. Er bemerkte ihm die vertraute Freundſchaft ſeines Sohnes und des Markis und daß er von deſſen Rache alles t fürchten habe, wenn er einſt den Mör⸗ der ſeines Freundes erführe. Dieß bewog den König, ſeinen Plan zu ändern. Er begnügte ſich, den Markis bald nachher bey Heimkunft vom Hofe auf der Straße erdolchen zu laſſen. Um die Wahrheit zu verſchleyern, mußten die Meuchelmörder, da ſie ihn todt ſahen, ſich ſtellen: als hätten ſie ſich in der Perſon geirrt. Die Königin trauerte tief über den Verluſt eines ſo trefflichen Freundes und ahnte nun alle Folgen. Don Karlos errieth den wahren Grund nicht ſogleich. Doch er ſah bald ein, — — 255— wie unwahrſcheinlich es ſey, daß man ſich in einem ſo bekannten und ausgezeichneten Manne als der Ermordete, geirrt habe; und daß nur ſein Vater eine ſolche That habe wagen können. Er errieth alſo bald, ſo wie die Königin den wahren Urheber. 28. Indeß glaubten ſie Beyde nicht, daß der König auf den Markis eiferſüchtig geweſen; ſie glaubten, daß er nicht als Liebhaber, ſon⸗ dern als Vertrauter ermordet worden und daß ſie verrathen ſeyen. In Betrachtung der lei⸗ denſchaftlichen Liebe des Königs für ſeine Ge⸗ mahlin, ſeines Haſſes gegen den Prinzen und ſeines natürlichen, blutdürſtigen Karakters habe er, überzeugt, daß ſie ſeiner Rache ſich nicht entziehen könnten, mit jenem Morde begonnen, um ihnen ein Vorgefühl ihres Schickſals zu geben. „ An den Höfen giebt es kein ſo tiefes Ge⸗ heimniß, das nicht von einer jener unbeach⸗ teten Perſonen entdeckt würde. Einſt ſetzte ſich Don Karlos zu Tiſche und fand ein Papier unter dem Teller, das folgendes enthielt: „Aus einer verzweifelten Lage kann man „nur durch einen kraftvollen Entſchluß ſich ret⸗ N 6 „ten. Diejenigen, welche der Himmel in die „Lage verſetzte, andre zu beglücken, ſind ver⸗ „pflichtet ihr Schickſal zu erfüllen. Edle See⸗ „len gehen nur unter, weil ſie nicht an die „Schlechtigkeit der Bößen glauben. Die Lang⸗ „muth, welche das Leben des rechtlichen Man⸗ „nes der Wuth ſeiner Feinde überläßt, iſt „nicht Tugend, ſondern Schwäche und Güte „gegen Böswichter iſt die geführlichſte Thor⸗ „heit.“ 5n Der Prinz beſchloß, eh er zum äuſſerſten ſchritte, noch eine unſchuldige Liſt zu verſuchen⸗ Er erneute mit Wärme ſeine Bitte, nach Flan⸗ dern geſendet zu werden; wo die Lage der Dinge mehr als je ſchnelle Hülfe heiſchte. Er erklärte ſich hierüber mit Beſtimmtheit. Er glaubte, ſey er verrathen, ſo ſey auch alle Verſtellung vergeblich, und ſey er es nicht, ſo würde ſeine entſchloſſene Sprache den eifer⸗ ſüchtigen und eingeſchüchterten Fh vermö⸗ gen, ihn zu entfernen. Dieſer unglückliche Monarch, fiel nun, da ſeine Rachſucht geſtillt war, in ſeine natürliche Furchtſamkeit zurück. Er ſah wohl ein, daß ein Heer nach Flandern geſendet werden müſſe⸗ und fürchtete, den ohnehin über den Tod ſei⸗ nes Freunds ſchon aufgebrachten Prinzen, aufs äußerſte zu erzürnen, wenn er ihm das mit ſolchem Ungeſtum fodernde Kommando verſage. Rui Gomez, der den König in der Sache des Markis ſo ſtandhaft gefunden, erſtaunte, ihn in einer ſo wichtigen Angelegenheit ſo unent⸗ ſchloſſen zu ſinden. Sein Intereſſe am Wohle des Königs ließ ihn die Schwäche nur mit Schrecken betrachten, mit welcher er dem Prin⸗ zen die Waffen in die Hand gab. Furcht iſt der ſicherſte Beſtimmungs⸗Grund ſchwache Geiſter; der König war alſo im Begriff, ſich zu Gunſten ſeines Sohns zu entſchließen. Rui Gomez ſah dieß wohl und wußte nicht, wie er es hindern ſolle? Da ſiel dem ſchlauen Manne das Reiſebüchlein ein, das ſeine Frau bey der Königin gefunden und das er ſeitdem als eine Kleinigkeit betrachtet hatte, die einſt zu rechter Zeit große Wirkung herporbringen könne. Er ſagte dem Könige: er glaube, ihm einen kleinen Umſtand eröffnen zu müſſen, den er bis jetzt für deſſen unwerth geachtet; der aber im jetzigen Augenblicke ihm die Meinun⸗ gen und Gefühle ſeines Sohnes beſſer werde kennen lehren. Der König, dem dieß wichti⸗ ger vorkam, als er vor Rui Gomez es ſchei⸗ nen laſſen wollte, verlangte das Büchlein ſelbſt v. Soden's Erzähl. II. 17 ————————— 5 zu unterſuchen. Er erkannte die Hand ſeines Sohnes und wurde nachdenkend; der Miniſter hielt für gut, ihn in dieſem Zuſtande zu ver⸗ laſſen. Nachdem er ſich von der erſten Beſtürzung über einen ſo herben Scherz von ihm ſo theu⸗ ren Perſonen erholt hatte, erwachte ſein alter Argwohn über das Liebes⸗Verſtändniß der Kö⸗ nigin und des Prinzen mit erneuter Heftigkeit. Er konnte nicht glauben, daß eine Gattin und ein Sohn gemeinſchaftlich ſich auf Koſten des Gatten und Vaters, ihres Königs, luſtig ma⸗ chen könnten, ohne daß eine ſträfliche Ver⸗ traulichkeit zwiſchen ihnen ſtatt finde; und da Don Karlos und der Markis ſo innig verbun⸗ den waren, ſo ſchloß er: der Eine müſſe der Liebhaber, der andere der Vertraute geweſen ſeyn. Ob er gleich den Liebhaber nicht zu ent⸗ räthſeln vermochte, ſo fand er doch, daß auf jeden Fall die Ermordung des Markis ſehr gerecht geweſen und Don Karlos eben ſo ſchul⸗ dig ſey. Auf jeden Fall wollte er dieſe Verſpottunn ſeiner Lebensweiſe nicht durch das Kommando in Flandern belohnen. Sey, ſo dachte er, der Prinz, der noch nichts gethan habe, ver⸗ wegen genug, ſeinen Vater ſo verächtlich zu behandeln, was habe er nicht von ſeiner Ehr⸗ —— ſucht zu erwarten, wenn das Glück ſie begün⸗ ſtige? Der König ließ ihm alſo ſagen: bey der jetzigen Größe der Unruhen in Flandern könne er, ohne ſein Leben der größten unvermeidli⸗ chen Gefahr auszuſetzen, ihn nicht dahin ſen⸗ den; der Herzog von Alba werde aber bald mit einem ſtarken Heere abgehen, und ſobald dieſes die königl. Parthey verſtärkt habe, wolle er ihm ſeinen freyen Willen laſſen. 30. Dieſe Weigrung beſtärkte Don Karlos vol⸗ lends in der Meinung, daß ſein Untergang be⸗ ſchloſſen ſey. Er erinnerte ſich der vorlängſt von den flandriſchen Inſurgenten durch den Grafen von Egmont und die Deputirten erhaltenen Auf⸗ foderung, ſich an ihre Spitze zu ſtellen. Sie verſprachen ihm, gegen einige ſehr gerechte Ver⸗ willigungen, mit größerer Treue zu gehorchen, als die Katholiken dem Könige. Auch zweifelte Don Karlos nicht, ſey er einmal zu den Aufrührern übergetreten, ſo werde ihm der König das übrige Flandern überlaſſen; ſey es auch nur, um zu verhüten, daß er ſich deſſen mit Gewalt bemächtige. 17* — 6 Der Markis von Berg und Montigni hiel⸗ ten zu dem Ende mit dem Prinzen viele Bera⸗ thungen und beſchloßen ſo wichtige und weiſe Maaßregeln, daß ſie gelingen mußten, wenn nur der Prinz frey bliebe. Sie beſchworen ihn daher, ſogleich abzureiſen. Doch Don Kar⸗ los glaubte, es ſey verwegen, ſich zu erklären, eh' die nöthige Korreſpondenz hergeſiellt ſey. Er verſprach hinlänglich für die Sicherheit ſei⸗ ner Perſon zu ſorgen. Er ſtellte eine Kiſte voll Feuergewehre an ſein Bett; er ließ ſich Ter⸗ zerole von ganz neuer Erfindung machen, die er unbemerkt ſtets bey ſich trug; und um nicht im Schlafe überfallen zu werden, ließ er ſich von einem berühmten franzöſiſchen Schloſſer ein ʒ Schloß für ſein Zimmer fertigen, das man nur von innen öffnen konnte, und jede Nacht legte er zwey Degen und zwey Piſtolen unter ſein Kopfkiß. . Indeß der unglückliche Prinz gerade durch die Meinung, daß er verlohren ſey, ſeinen 3 Untergang beſchleunigte, vergaßen ſeine Feinde nichts, um eine Verſöhnung mit ſeinem Vater unmöglich zu machen.. Der König hatte ſeit des Markis Tode die Königin noch nicht allein geſehen. Sie fürch⸗ — 261— teten vergebens gearbeitet zu haben, wenn ſie ihn wiederſähe und ſie würde alle ihm beyge⸗ Prachte Eindrücke wieder verlöſchen. Sie hielten es mindſtens für möglich, und glaubten, nichts dem Zufall überlaſſen zu dürfen. Um nun der Königin die Gelegenheit zu entziehen, in Einer Nacht ihr mühſames Ge⸗ webe zu zerſtöhren, verfielen ſie auf ein Mit⸗ tel, das lächerlich ſcheinen würde, wäre es nicht gelungen. Während der Reiſe des franzöſiſchen Hofs an die Ufer der Loire, zur Zeit Franz des zweyten, gieng das Gerücht, man ſuche Kin⸗ der auf, um in ihrem Blute den jungen König zu baden, der mit einem Uebel behaftet ſeyn ſollte, das mit dieſem ſonderbaren Mittel ge⸗ peilt werde. Es gab ſogar Perſonen, welche eine Tagreiſe vor dem Hofe voraus giengen und die Kinder in den Orten, durch welche er kommen ſollte, aufzeichneten, die zu jener Kur tauglich waren. Dieſe verbreiteten auf ihrer Reiſe ſolchen Schrecken, daß jedes ſeine Kinder verbarg. Als die Königin⸗Mutter die Urheber dieſes ent⸗ ſetzlichen Gerüchts entdeckte, ließ ſie einige er⸗ greifen. Sie erklärten vor ihrem Tode, von wem ſie dazu beſtellt ſeyen; aber die, welche ihr Bekänntniß empfingen, hielten ſich nicht für ſicher, wenn ſie es entdeckten. Wenn bey der ſteten Kränklichkeit des Kö⸗ nigs das Volk an eine ſo auffallende Verläum⸗ dung ſo leicht glaubte, ſo kann man deren Wir⸗ kung in fremden und fernen Landen beurthei⸗ len, wo Gerüchte immer vergrößert werden. Der König von Spanien zeigte ſich unruhig darüber. Er fürchtete, ſeine Gattin möchte eine geheime Anlage zu dem nämlichen Uebel haben, das oft in Familien erblich iſt. Die Schaaf⸗ Pocken, welche ſie gehabt hatte, waren mit einigen zweydeutigen Zufällen begleitet, die mit jenem Uebel in Verbindung ſtunden.— Es wurde beſchloſſen, den König zu überreden, ſie habe bey ihrer letzten Schwangerſchaft noch gefährlichere Anfälle gehabt. Er war ſchwach genug, für ſeine Geſundheit ſehr ängſtlich be⸗ ſorgt zu ſeyn; man hoffte alſo, wenn dieſe Nachricht durch einen ganz unverdächtigen Zeu⸗ gen beſtättigt werde, ſo würde dieß hinrei⸗ chen, ihn zu hindern, ſeine Gattin je wieder in⸗ geheim zu beſuchen. Die Fürſtin Eboli ſollte ihm die erſte Nachricht geben und die Fran⸗ zöſin, einſt Don Juans Geliebte, ſie beſtärken. Dieſes Mädchen war eine verſchmizte intri⸗ kante Perſon; untröſtlich daß, ſo ſehr ſie bey der Königin in Gunſt ſtand, ſie keine bedentende —————— Vertraulichkeit mitgetheilt erhielt. Die Fürſtin Eboli befahl Don Juan, bey dieſem Mädchen noch einmal den Liebhaber zu ſpielen, um ſie ganz zu gewinnen. Der Prinz, den es freute, des Königs Glück zu ſtöhren, gehorchte willig; doch das Mäd⸗ chen, empfindlich über die vorhin ihr gezeigte Kälte, wollte ihm, ohne größere Sicherſtel⸗ lung, nicht glauben. Don Juan, gedrängt zu enden, ſtund nicht an, ihr die Ehe zu ver⸗ ſprechen, wenn ſie dem Könige ſage, was er ihr auftrage. Die Sache gelang über Erwarten⸗ Der König, deſſen Liebe durch die bisherige Vor⸗ gänge ſchon in Haß verwandelt war, ſiel blind⸗ lings in die Schlinge. Der Herzog von Alba, der nur den Erfolg dieſer Intrike abwarten wollte, reißte am folgenden Tage nach Flan⸗ dern ab. Er beurlaubte ſich von Don Karlos in Gemäßheit der letzten Antwort des Königs und der Prinz behandelte ihn ſehr übel; aus Furcht man möchte ſeine Abſicht argwohnen, wenn er bey einer ſolchen Gelegenheit ruhig bliebe. 32. Don Karlos empfieng indeß die erwünſch⸗ teſen Nachrichten. Der Prinz von Oranien und — 260— der Marſchall von Chatillon mit den er ſich berathen ſollte, ermunterten und drangen ihn, entweder um ihm zu dienen, oder ihn zu ver⸗ derben. Die Empörer der Niederlande vertrau⸗ ten ſeinem Edelmuthe und machten gar keine Bedingungen. Aber was ſeinen Entſchluß be⸗ ſtimmte, war die Gewißheit, daß eine beträcht⸗ liche türkiſche Flotte zu ſeiner Unterſtützung an⸗ den flanderiſchen Küſten landen ſolte. Darauf war ſeine größte Hoffnung gegrün⸗ det; wir müſſen alſo die früheren Unterhand⸗ lungen aufnehmen. Als die Königin Maria, Statthalterin der Niederlande für ihren Bruder den Kaiſer war, raubte ein portngieſiſcher Inde, Namens Jo⸗ hann Miquez, den ſie vorzüglich ſchätzte, ein Mädchen von hohem Stande und großer Schön⸗ heit. Der König von Spanien, der die Aeltern dieſer Schönen unter ſeinen Schutz genommen, hatte den Räuber in allen Staaten der Ehri⸗ ſtenheit verfolgen laſſen, wo er Zuflucht ſuchte. Er zog ſich alſo nach Konſtantinopel zurück, und von da nach Karamanien, zu Selim, den Erſtgebornen des großen Solimanns. Dieſer junge Prinz war von ſeinem Vater, nach der Familien⸗Sitte, in dieſes Land ver⸗ bannt und hatte nichts anveres zu thun, als ſich, in Erwartung ſeiner Thronbeſteigung, zu vergnügen: Miauez beſaß unter andern Talenten auch das, die Vergnügungen zu vermannichfalti⸗ gen. Er wußte ihnen einen eigenen und neuen Reiz zu verleihen, der über alle gewöhnlichen“ Begriffe erhaben war. Stolz auf dieſe ſeine Kenntniſſe hoffte er bald der erſte Günſtling eines Prinzen wie Selim, eines feinen Wol⸗ lüſtlings, zu ſeyn. Miques wußte, daß bey den Großen die öffentlichen Dienſte nicht immer die belohnteſten ſind. Der Erfolg übertraf des Inden Erwartung. Solimann ſtarb und der Jude wurde, zum Lohn ſeiner rühmlichen Dienſte, erklärter Günſtling des Herrſchers des mächtigſten Reichs der Erde. Dieſe erhabene Stelle bot ſeiner Rachgierde wegen ber Verfolgungen des Königs von Spa⸗ nien freyen Spielraum⸗ Einſt, da er ſich mit dem Sultan beluſtigte und dieſer die Güte des Cypriſchen Weins prieß, machte ſich der Inde über die Vorliebe fük ein Getränk luſtig, das außer ſeinem Gebieth wachſe. Er ſagte ihm, er müſſe mehr damit ſparen, als der, welcher ihn erzenge, weil er ihn kaufen müſſe. So⸗ limann wurde empfindlich über dieſen Scherz und ſchwuhr noch in dieſem Jahre Eypern zu erobern. Er legte die Hand auf die Schulter — 266— des Juden und erklärte ihn, weil Miquez dieſen koſtbaren Wein nicht minder als er liebe, zum König von Cypern. Auch ſolle dieß nur ein Theil ſeiner Dankbarkeit ſeyn. Während dem bereiteten die Mauren von Granada ihren merkwürdigen Aufruhr vor. Sie baten die Pforte um Hülfe. Miquez zog das Vergnügen der Rache der Cypriſchen Krone vor und unternahm die Sache mit ſolchem Eifer, daß beſchloßen wurde, die furchtbare Armade, die jenes Reich erobern ſollte, zu Unterſtützung der Mauren zu verwenden. Er hatte ſich in Flandern große Verbindun⸗ gen bewahrt und gab dem Rath zu Antwerpen von dieſer wichtigen Diverſion Nachricht. Die⸗ ſer Rath, der Centralpunkt der Empörer, em⸗ pfieng damals die Nachricht von Don Karlos Entwürfen zu ihren Gunſten, und theilte ſie dem Inden Miquez mit. Um dem Prinzen deſto größeres Zutrauen zu beweiſen, überſendete ihm der Rath die Depeſchen des Miquez und ſeinen Chiffer, damit er, wenn er es für das gemeinſchaftliche Intereſſe räthlich fände, ſelbſt in Konſtantinopel unterhandeln könne. Don Karlos wünſchte, zu größerer Sicher⸗ heit, die Flotte welche an den Ufern von Gre⸗ nada landen ſollte, möchte in Flandern landen. Er ſchrieb darüber an die Pforte und Miqucz —— — 26— antwortete: Der türkiſche Admiral ſey beordert⸗ alle Befehle des Prinzen zu befolgen. Sey es nun wahr geweſen, oder habe er es nur vor⸗ gegeben, um den Prinzen auf jede Art zu ver⸗ pflichten. 33. Uum dieſe Zeit ſpielte er einſt bey der Kö⸗ nigin mit ſeinem Oheim. Don Juan war un⸗ willig, weil er verlor und vergaß ſich im Zorn in ſehr unziemlichen Ausdrücken gegen Don Karlos. Dieſer antwortete ihm zwar mit vieler Mäßigungz ließ ihm aber doch ſeine unehlige Geburt fühlen. Don Juan, an einem ſo em⸗ pfindlichen Theile getroffen, antwortete dem Prinzen: es ſey wahr daß er ein Bäſtard ſey, aber zu ſeinem Troſte habe er doch einen beſ⸗ ſern Vater, als er. Dem Prinzen riß die Ge⸗ dult; er mißhandelte ſeinen Oheim ſo ſehr, daß am andern Tage das Gerücht gieng, er habe ihm eine Ohrfeige gegeben. Die Königin und die Fürſtin Eboli, welche gegenwärtig wa⸗ ren, hinderten, daß es nicht zum Kampf kam. Vorzüglich verwendete die Königin, die unter ſolchen Verhältniſſen alles ängſtete, gleich als ahnte ſie die Folgen dieſes Zwiſts, ihr ganzes Anſehen, daß ſie augenblicklich ſich verſöhnen — 268— mußten; doch nicht mit gleicher Aufrichtigkeit von beyden Seiten. Der König hatte, um getreu von allem un⸗ terrichtet zu ſeyn, was bey der Königin vor⸗ gieng, ein enges Bindniß mit der Fürſtin Eboli geſchloßen. Dieſe Dame hatte Don Iuan ver⸗ pflichtet, die Handlungen des Prinzen ſeit Po⸗ ſa's 4 Tod 65 laüet als je zu beobachten. Es war Don Juan leicht, dieſen Auftrag zu voll⸗ ziehen. Der Prinz, der ihn für ſeinen beſten Freund hielt, hatte ihm im allgemeinen etwas von ſeinen Planen vertrant. Don Inan hatte, aller angewandten Mühe ohngeachtet, nichts näheres erforſchen können. Doch ſeit ihrem Zwiſt ſchärfte ſich ſeine Beobachtung durch Rach⸗ gierde dergeſtalt, daß, ſo ſehr Don Karlos ſich bemüht hatte, zu verbergen, daß er ingeheim ſich mit Waffen verſehen habe, Don Juan es zuletzt durch Liſt und Geld entdeckte. Der König urtheilte ſogleich, ſein Sohn waffne ſich mit all' dieſer Vorſicht nur, um entweder zu entfliehen, oder gegen ihn ſelbſt Gewalt zu brauchen. Er wußte nicht, welches von beyden er glauben ſollte, als der Ober⸗Poſtmeiſter, Don 8 Raimondv von Taxis, ihm anzeigte; ein Fran⸗ zoſe, im Dienſte der Königin, habe ſehr inge⸗ — — 269— heim drey Pferde peſtellt, die mit Anbruch der Nacht bereit ſeyn ſollten. Dieſe Nachricht zog den König aus ſeiner vorigen Ungewißheit, um ihn in eine neue zu ſtürzen: ob er ſich nämlich begnügen ſolle, den Prinzen bepbachten zu laſſen, damit er nicht entfliehen könne, oder ob er ihn auf der Stelle ſolle verhaften laſſen? Allein, da Perez ihm zur nämlichen Zeit den neuen Aufſtand der Mau⸗ ren berichtete, ſo erſchrak der König über dieſe Nachrichten, und beſchloß, ſich ſeines Sohnes zu verſichern. Allerdings war die Abreiſe des Prinzen auf dieſe Nacht beſchloſſen. Er hatte vor einigen Tagen Briefe aus Flandern erhalten, die ihm nicht geſtatteten, langer zu zögern. Die Grafen von Egmont und von Horn, auf die Schuldlo⸗ ſigkeit ihrer Abſichten. vertranend, ſo wie auf ihre erworbene Verdienſte, hatten ſich ſelbſt in die Hände des Herzogs von Alba gegeben, der ſie verhaften, und bald darauf hinrichten ließ⸗ Ein ſo offenbarer Verrath hatte die Auf⸗ rührer in Verzweiflung geſtürzt. Ihre Häupt⸗ linge ſahen, daß ihr Heil in den Waffen be⸗ ſtehe, ſie machten dem Prinzen leicht begreif⸗ lich, es werde bald zu ſpät ſeyn⸗ ihnen Bey⸗ ſtand zu leiſten. Dieſer ſchrieb ſogleich an Don Garzia Alvares Oſorio, der ihn auf der Flucht 0 ezuute ſollte, ſich unverzůglich zu ihm zu begeben. Don Karlos hatte ihn nach Sevilla beſchieden, um dort eine beträchtliche Summe zu ie doch dieſer hatte in der Eile nur 150 Tauſend Skudi mitbringen können. 34. Als Don Karlos das Zimmer der Königin verließ, folgte ihm Rui Gomez, um ihm im Namen des Königs Nachricht von den Neuig⸗ keiten aus Granada zu geben. Dieſer Mi niſter hielt ihn ſo lange auf, daß Don Karlos wohl ſah, es bleibe ihm nicht ſo viel Zeit, ſich ſoweit in der Nacht zu entfernen, als in ſeinem Plane lag, um ſeine Flucht zu verbergenz er glaubte ſie alſo auf den felger⸗ den Tag verſchieben zu müſſen. Rui Gomez entfernte ſich, als er ihn zu Bett ſah. Da er aber den Grund des verät⸗ derten Entſchluſſes nicht wußte, ſo ſteltte er an alle Eingänge des Zimmers des Pritzen treue und entſchloſſene Wächter. Zur Rechtfertigung des Königs wat es wich⸗ tig, daß Don Karlos auf dem Beginnen der Flucht ergriffen werde. Man wärtete 2 bis 3 Stunden; da er aber keine Anſtalt zur Flucht machte, ſo beſchloß der König, weiter zu ſchrei⸗ ten und für eine Formalität nicht alles zu wa⸗ gen. Don Juan hatte bemerkt, wie man ſein Zimmer verſchloß. Während der Prinz bey der Königin war, hatte der König dem Künſtler dieſes ungewöhnlichen Schloſſes befohlen, es ſo zu verändern, daß die Thüre ſich nicht der⸗ geſtalt verſchließe, daß man ſie nicht von Außen ſollte öffnen können. Indeß machte ſie doch beym Oeffnen großes Geräuſch. Doch der Graf von Lerma, den der König voran hinein ſandte, fand den unglücklichen Prinzen in ſo tiefem Schlafe, daß er die Degen und Piſtolen unter ſeinem Kopfe hinweg nehmen konnte, ohne ihn zu erwecken. Der Graf ſetzte ſich nun auf die Kiſte aum Bette, in welcher, nach Don Juans Meinung, ſich die Feuergewehre befanden⸗ Der König ſchloß aus Lermas Schweigen, daß er ſeinen Auftrag erfüllt habe; er trat alſo in das Zim⸗ mer und vor ihm Rui Gomez, der Herzog von Ferra, der Großkommenthur und Don Diego von Cordoua, alle mit Degen und Piſtolen be⸗ waffnet. Rui Gomez wekte den Prinzen auf; ſo bald er die Augen geöffnet hatte, rief er aus: Ich bin verloren! Der König ſagte zu ihm: alles geſchehe zu ſeinem Beſten. Doch als Don Kar⸗ los ſah, daß er eine Chatoulle mit Briefſchaf⸗ ten nahm, die ſich unter dem Bette befand, ſo gerieth er in ſo wüthende Verzweiſtung, daß er nackend, wie er war, ſch in ein Kohlfeuer im Kamin ſtürzte, das ſeine Diener wegen der damaligen großen Kälte hatten anzünden müſ⸗ ſen. Man zog ihn gewaltſam heraus und er ſchien untröſtlich, daß er ſich nicht hatte er⸗ ſticken können. Man räumte ſchnell ſein Zim⸗ mer aus und ſtatt aller koſtbarer Möbeln wurde eine ſchlechte Matraze auf den Boden gebreitet. Keiner ſeiner Diener erſchien mehr vor ihm. Er wurde ſtets aufs ſtrengſte bewacht. Man zog ihm ein Trauerkleid an; und nur unbe⸗ kannte eben ſo gekleidete Perſonen bedienten ihn. Dieſer unglückliche Erbe ſo vieler Kronen, ſah von nun nur das ſchauerliche Bild des Todes um ſich. Der König erſah indeß in den Briefſchaften, deren er ſich bemächtigt hatte, die Abſichten und geheimen Verbindungen des Prinzen; er erſchrack über die Gefahr, die ihm gedroht hatte. Aber noch größer war ſein Schrecken, als er unter andern Schriften von der Königin Hand, einen Brief fand, der ihm voll Leiden⸗ ſchaft ſchien. Es war der Brief, den der Mar⸗ NM* — —— kis Poſa nach Alkala gebracht hatte und den Don Karlos nie zurück geben wollte. Die Königin hatte ihn in der erſten Ergieſ⸗ ſung des Schmerzes über den lebensgefährli⸗ chen Zufall des Prinzen geſchrieben. Sie glaubte nicht, dasjenige was ſie an einen Mann ſchrieb, deſſen Tod gewiß ſchien, könne von Folge ſeyn und eine andere Wirkung haben, als ihm ein ruhiges Ende zu gewähren. Sie hatte ſich alſo der ganzen Zartheit ihrer Gefühle über⸗ laſſen und die geheimſten Empfindungen ihres Herzens mit all der Gluth ausgeſprochen, die eine ſo traurige Begebenheit ihr entlocken mußte. Doch ohne irgend eine Aeußerung, welche ihre Ehre und ihr Pflichtgefühl verletzt hätte. Der König zog daraus ganz andere Folgerun⸗ gen. Seine Wuth war von einem ſo heftigen Schmerz begleitet, daß nur die in ſolchen Ge⸗ legenheiten ſo natürliche Rachgier ihm das Le⸗ ben erhalten konnte. Doch er überdachte ſogleich, daß die welche ihn ſo furchtbar beleidigt hatten, in ſeiner Gewalt ſeyen. Dieſe Idee weckte ſtatt ſeiner anfänglichen Wuth eine barbariſche Freude und wandelte ſeine Verzweiflung in die Ruhe des Schreckens. Am nämlichen Tage wurde Montigni ver⸗ haftet und verlor bald darauf ſeinen Kopf auf v. Soden's Erzähl. II. 18 — 27— dem Blutgerüſte. Der Markis von Bergh er⸗ hielt auf Vorbitte ſeines alten Freundes Rui Gomez, die Erlaubniß, ſich zu vergiften. Der Bund dieſer beyden mit dem Prinzen war jeder⸗ mann unbekannt. Sie waren beyde, ſo wie Don Karlos, geſchworne Feinde des General⸗ Inquiſitors, Kardinals Spinoza; und dieſe Feindſchaft war hinreichend, der Irrelegion ver⸗ dächtig zu erſcheinen. Sie klagten dieſen Prä⸗ laten an, der Urheber all der gewaltſamen Maaßregeln des Königs gegen ihr Vaterland zu ſeyn. Der Kardinal hingegen klagte ſie an, unter einem Paße des Prinzen viele Ballen Kalviniſcher Katechismen aus Frankreich haben bringen zu laſſen. Auch war der Unwille des Prinzen gegen die Inquiſitoren über Karls des sten Teſtament noch unvergeſſen. Alles dieß vermochte das Volk, den unſchul⸗ digen Prinzen der neuen Lehre verdächtig zu achten, von der er nie hatte reden hören. Der König ſah wohl ein, nur die Religion könne ein ſo auffallendes Verfahren als das ſeine, rechtfertigen. Er zweifelte nicht, auf jene öf⸗ fentliche Meinung geſtützt und bey den Bewei⸗ ſen von dem Einverſtändniſſe ſeines Sohnes mit den Aufrührern, ihn ungeſtraft ſeiner Rache opfern zu können. In dieſer Anſicht übergab er dem Groß⸗Inquiſitor alle die Original⸗Brief⸗ ——— — 5 ſchaften die er in des Prinzen Zimmer gefunden hatte, ausgenommen den Brief der Königin. Er ernannte die Ingquiſitoren zu oberſten Richtern in dieſer Sache und über ſeinen Sohn und unterwarf ſich ihrem Ausſpruch. Er wußte, der Groll ſolcher Menſchen iſt unſterblich, und er würde ihren Haß gegen den Prinzen noch ſo neu als vor mehreren Jahren finden. 35. Zwar hatte der König ſtreng verboten, des Prinzen Verhaftung ins Ausland zu melden, doch wurde ſie bald bekannt. Die mehreſten chriſtlichen Regenten verlangten ſeine Begnadi⸗ gung. Vorzüglich machte die Kaiſerin dem Kö⸗ nige die dringendſten Vorſtellungen. Längſt war ihre erſtgeborne Tochter mit dem Erbprinzen von Spanien verlobt. Der König, welcher aufs äußerſte fürchtete, ſeinem Sohne mehr Anſehen und Freyheit zu geben, hatte den Vollzug dieſer Verbindung ſtets verſchoben. Unter mehreren Vorwänden dieſes Verſchubs, verbreitete er das Gerücht, nach dem Urtheile der Aerzte ſey Don Karlos ſeit ſeinem Sturze nicht mehr fähig Kinder zu zeugen. Dieſes Gerücht betrachtete man als Kunſtgriff und die Kaiſerin ſelbſt glaubte nicht daran. Indeß war es dem Kö⸗ nige um ſo leichter dieſe Vermählung zu ver⸗ 18* ſchieben, als Don Karlos nicht darauf drang. So vortheilhaft ſie auch für ſeine Plane war, ſo trug er doch Bedenken, eine Prinzeſſin zu ehelichen, die er nicht lieben konnte. Die Kai⸗ ſerin, mit dem Geheimniſſe ſeines Herzens unbekannt, hielt nur dieſe Parthie für ihre Erſtgeborne anſtändig. Sie glaubte den Tod der Königin von Spanien nicht ſo nah; ſie ahnte nicht, daß dieſe ihre Erſtgeborne die Stelle dieſer unglücklichen Königin einnehmen und daß ihr Bruder, der König, durch eine wunderbare Fügung des Schickſals, alle die Prinzeſſinen eheligen ſollte, die dem Sohne beſtimmt waren. Der König, weiter ſehend, ſuchte vorzüglich ſie hinzuhalten und ſich bey ihr zu rechtfertigen. Jene Nachricht brachte indeß die flanderi⸗ ſchen Empörer zu einer Verzweiflung, welche die blutigſten Folgen hatte. Noch furchtbarer wären ſie geweſen, hätten die Türken Wort gehalten. Allein Miquez glaubte nicht, ohne den Beyſtand des Prinzen die Ottomanniſche Flotte in ſo ferne Gegenden wagen zu dürfen, wo ihnen, im unglücklichen Fall, aller Bey⸗ ſtand fehlte. Er ſtimmte alſo den übrigen Miniſtern der Pforte bey und jene Unterneh⸗ mung wurde in die von Cypern verwandelt. Pier bewieß er durch Wunderthaten, daß das Serail nicht ſeine Kraft gelähmt habe. —— Die Ingquiſitivn verfolgte indeß den Prozeß des unglücklichen Don Karlos mit unglaubli⸗ chem Eifer und Haſt. Sie ließ in dem Archiv von Barzellona die Akten des Verfahrens des Don Juan des zweyten, Königs v. Arragonien gegen ſeinen Erſtgebornen Don Karlos, Prin⸗ zen von Viana aufſuchen und ließ ſie aus dem Katalaniſchem ins Kaſtilianiſche überſetzen, um zum Model und zur Autorität in gegen⸗ wärtigem Prozeſſe zu dienen. Die Sache wurde dem Inguiſttons⸗Gericht unter dem erdichteten Namen des Dauphins Ludwig des Eilften und ſeines Vaters Karls des Siebenten vorgetragen. Alle Meinungen waren gleichſtimmig; man kann ſie nach der des berühmten Doktor Navarra beurtheilen, die in Cabreras Geſchichte Philipps der Zwey⸗ ten zu finden iſt. Er entſcheidet: daß ein Kö⸗ nig, welcher entdeckt, daß der vermuthliche Thronerbe das Reich verlaſſen will, ihn ver⸗ haften laſſen muß, wenn ſeine Flucht innre Unruhen veranlaſſen, oder äußeren Feinden vortheilhaft ſeyn könnte. Vorzüglich wenn dieſe Feinde Ketzer ſeyen und wenn der geringſte Grund zur Furcht oder Argwohn vorhanden ſey, daß der Prinz ſie begünſtigen werde. Das Opfer der Natur⸗Gefühle, welches der König der Ruhe des Staats bringe, wurde von den Ingquiſitoren dem Opfer Abrahams vorgezu⸗ gen. Sie verglichen einmüthig dieſen Fürſten mit Gott⸗Vater, der zum Heil der Menſchheit ſeinen Sohn hingegeben habe. Bey ſo geſtimmten Richtern konnte 6 Prozeß nicht lange dauern. Die Briefe des Admirals von Chatillon, des Prinzen von Ora⸗ nien, des Grafen Egmont, des Raths von Ant⸗ werpen und des Johann Miquez reichten hin, das Urtheil zu ſprechen, und Don Karlos wurde zu ewigen Gefängniß verurtheilt. Seine Wuth hierüber machte alle zittern, die an ſeiner Lage Theil hatten. Sie glaubten, nie würden ſie, wenn er einſt ſeine Freyheit erhalte, ſeiner Rache entgehen; er wurde nicht ruhen, bis er ſie zu Grund gerichtet habe. Der Kardinal Spinoza ſtellte dem Könige vor, für einen ſol⸗ chen Vogel ſey kein Käſig feſt genng, und man müſſe bald ſich aus dieſer Lage, oder ihn befreyen. Das Volk, ſtets geneigt die Parthey der Unglücklichen zu nehmen, zeigte immer mehr und mehr Verlangen, den Prinzen befreit zu ſehen. Der König fürchtete Aufruhr und wagte es nicht mehr, ſich von Madrit zu entfernen⸗ Nach reifer Ueberlegung ſchloß er, daß da, —,—— ———— — 279— wenn der Prinz in Freyheit komme, weder für ihn noch ſeine Miniſter mehr Sicherheit ſey, er ſich von ſeinen Beſorgniſſen nur durch deſ⸗ ſen Tod befreyen könne. Lange ſchon miſchte man in alles was er zu ſich nahm ein ſchlei⸗ chendes Gift, das ihn langſam abzehren ſollte. Es wurde auf ſeine Kleider, ſein Leinen⸗ Zeug, kurz auf alles geſtreut, was er berüh⸗ den konnte. Doch, ſey es, daß ſeine Jugend, oder ſeine körperliche Beſchaffenheit ſtärker wa⸗ ren, als das Gift, oder daß die Perſonen, die ſich für ſein Leben intereſſirten, ihn veran⸗ laßten, Vorbauungs⸗Mittel zu gebrauchen— der Entwurf des Königs mißlang. Man mußte alſo auf andere Mittel denken und man er⸗ klärte dem unglücklichen Prinzen, daß er ſeine Todesart wählen könne. 37. Don Karlos empfieng dieſe Nachricht mit der Gleichgültigkeit eines Menſchen, der etwas mehr liebt, als das Leben und für ſeine Ge⸗ liebte das nämliche Schickſal fürchtet. Was auch die ſpaniſchen Schriftſteller von der Wuth und Schlechtigkeit des Prinzen geſagt haben, um ſein Andenken zu beflecken und ſeinen Va⸗ ter zu rechtfertigen, es iſt gewiß, daß nur Ein Wort über ſeine Lippen das für Klage gelten konnte. Die Königin hatte, durch großen Aufwand Mittel gefunden, ihm befehlen zu laſſen, daß er den Konig zu ſehen verlangen ſolle. Einer ſeiner Wächter ſagte ihm: Sein Vater käme. „Sprecht, erwiederte er, mein König, und „nicht mein Vater.“ Sein Gehorſam gegen die Befehle der Kö⸗ nigin beſtimmte ihn, vor dem Könige zu knieen und ihm vorzuſtellen, er möge bedenken, daß es ſein Blut ſey, welches er vergießen wolle. Kalt erwiederte der Königs wenn er böſes Blut habe, ſo reiche er dem Wundarzte den Arm, um es abzulaſſen. Don Karlos, in Verzweiflung, ſich ohne Nutzen erniedrigt zu haben, erhob ſich bei die⸗ ſen Worten wüthend und fragte die Wache: ob das Baad bereit ſey, in dem er ſterben ſolle?— Der König, ſey es, weil er ſich an dieſem barbariſchem Schanſpiele weiden wollte, oder daß er wirklich bewegt wurde und einzu⸗ lenken gedachte, fragte ſeinen Sohn: Ob er ihm ſonſt nichts zu ſagen habe? Der Prinz, der jene Demüthigung mit tauſend Leben hätte erkaufen mögen, und wohl einſah, daß für ihn und die Königin keine Rettung mehr ſey, erwiederte mit ſeinem natürlichen Stolz:„Hätte — ———— „nicht eine Perſon, für die mein Gehorſam nur „mit meinem Tode enden wird, mich vermocht, „Euch zu ſehen, ſo würde ich mich nicht herab⸗ „gewürdigt haben, Euch um Begnadigung zu „bitten und ich wäre glorreicher geſtorben, „als Ihr lebt.“ 38. Auf dieſe Antwort entfernte ſich der König, ohne alles Zeichen von Rührung. Don Karlos begab ſich ins Baad, ließ die Adern an Hän⸗ den und Füßen öffnen, und befahl, daß jeder⸗ mann ſich entferite. Er nahm dann das Migniatur⸗Porträt der Königin in die Hand, das er ſtets an ſeinem Halſe trug und der erſte Urſprung ſeiner Liebe war, heftete die Augen unbeweglich auf dieſes für ihn ſo verhängnißvolle Bild, ohne daß die Todes⸗Konvulſionen ihn in dieſer Betrachtung ſtöhrten, bis mit ſeinem Blute, ſein Geſicht und das Leben ſchwand. 39. Man kennt ſeinen Todestag nicht genau. Nur weiß man, daß er weit früher erfolgte, als er bekannt wurde. Man fertigte eine lange Erzählung von ſeiner Krankheit, die eine bös⸗ artige, von ſeinen Ausſchweifungen veranlaßte — 282— Dyßenterie ſeyn ſollte. Die Trauer des Volks und die Verzweiflung der Diener des Prinzen wurden ſo laut, daß auch die leidenſchaftlich⸗ ſten Geſchichtſchreiber es nicht zu läugnen wag⸗ ten. Der Graf von Lerma, dem der König die Aufſicht über den Prinzen während ſeiner Gefangenſchaft übergab, hatte eine ſo auſſer⸗ ordentliche Zuneigung für ſeine Perſon gefaßt, daß er nun vor dem ganzem Hofe untröſtlich erſchien. Der König, für den dieſer Schmerz Vor⸗ wurf war, ſuchte ihn durch die ſicherſten Mit⸗ tel zu beſchwichtigen. Er belohnte die Diener⸗ ſchaft des Don Karlos auf das freygebigſte, gab dem Grafen Lerma eine Kommanderie des Ordens von Kalatrava und erhob ihn zum Kam⸗ merherrn. Man konnte leicht errathen, daß dieſe Großmuth nicht Dankbarkeit für die An⸗ hänglichkeit an Don Karlos zum Grund hatte. Indeß minderte ſich die Begierde des Publi⸗ kums nicht, das Andenken des Prinzen zu eh⸗ ren. Man erfuhr, der König wolle ihm ein äußerſt prächtiges Leichenbegängniß halten; die Stadt Madrit verlangte alſo, man ſollte ihr erlauben, dieß zu veranſtalten und die Koſten zu beſtreiten. Zwar ſah der König voraus, ein folches Leichbegängniß werde mit Lobreden vegleitet ſeyn, nicht ſehr ehrenvoll für die 283 Feinde des Ermordeten; doch wagte er nicht, es zu verſagen. Die Geſchichtſchreiber lobten ihn vorzüglich wegen der Seelenruhe, die er am Begräbnißtage zeigte. Er ſah dem Leichen⸗ zuge aus einem Fenſter des Pallaſtes zu und entſchied augenblicklich einen Rang⸗Streit der ſich unter einigen Staats⸗Räthen erhoben hatte. Die zwey Söhne Kaiſer Karls, die ſich damals am Hofe befanden, giengen als Leidtragende mit. Als der Zug ſich der Kirche nahte, ent⸗ fernte ſich der Kardinal Spinoza, der unmit⸗ telbar hinter der Leiche gieng, unter dem Vor⸗ wande von Kopfſchmerzen. Allein er war als der gefährlichſte und un⸗ verſöhnlichſte Feind des Prinzen bekannt; man hörte alſo mehrere Stimmen ausrufen:„Er „habe die Gegenwart des Prinzen weder im „Leben noch im Tode dulten können.“ Die allgemeine Theilnahme und das Stre⸗ ben nach Erleichterung des Schmerzes war auf dem prachtvollem Mauſoläum ausgedrückt, in welches der Prinz geleßt wurde. Der Sinn der lateiniſchen Grabſchrift war: „Zum ewigen Gedächtniß Karls, Prinzen „von Spanien, beyder Sicilien, der Nieder⸗ „lande, Erben der neuen Welt; des unver⸗ „gleichbaren in Seelengröße, Edelmuth und „Wahrheitsliebe.“ —— ——— — 1 —— —— 284— 40. heim, und beſchloß, der Königin, während ihrer Entbindung, Nachricht davon geben zu laſſen. Er hoffte, ein ſo furchtbares moraliſches Leid, verbunden mit den körperlichen Schmerzen, werde ſeine Rache vollenden. Doch er erfuhr bald, daß ſie beſſer unterrichtet war, als er es wünſchte. Sie wußte, Don Karlos war der Eiferſucht ſeines Vaters geopfert wor⸗ den und konnte ihren gerechten Zorn darüber nicht zurückhalten. Dieß empörte den König noch mehr. Er glaubte alles zu fürchten zu haben, von ihrem Geiſte, ihrem Muthe, von der hohen Achtung in der ſie am franzöſiſchen Hofe ſtund und von ihrer vertraulichen Korre⸗ ſpondenz mit der Königin ihrer Mutter. Wenige Monate nach des Prinzen Tode, trat die Herzogin von Alba, welche eine der erſten Hofſtellen bekleidete, morgens in ihr Zimmer, mit einer Arzney in der Hand. Die Königin ſagte ihr, ſie befinde ſich wohl und werde die Arzney nicht nehmen. Die Herzogin wollte ſie dazu zwingen und der nicht ferne König trat bey dem Geräuſche dieſes Streits herein. Er tadelte die Herzogin; dieſe ſtellte ihm aber vor, die Aerzte hielten dieſe Arzney für nothwenbig zu Beförderung ihrer glücklichen Der König hielt den Tod des Prinzen ge⸗ 4 Entbindung. Er gab alſo nach und ſagte der Königin ganz ſanft: Da die Arzney ſo heilſam ſey, ſo müſſe ſie ſolche nothwendig nehmen. Da Ihr es wollt, erwiederte ſie, ſo bin ich es zufrieden. Der König verließ ſogleich das Zimmer und kam nach einiger Zeit in Trauerkleidern zurück, um zu hören, wie ſie ſich befinde? Sey es nun, daß bey der Zubereitung dieſer Arzney eine Verwechslung vorgegangen, oder daß die außerordentliche Bewegung in der ſich die Königin befand und die Gewalt die ſie ſich anthun mußte, die Arzney zu nehmen, ihr eine Bösartigkeit verlieh, die ſie eigentlich nicht beſaß; die Königin ſtarb am nämlichen Tage nach heftigen Schmerzen und großem Erbrechen. Das Kind, ein Knabe, war todt und ſeine. Hirnſchaale ganz verbrannt. Sie war, gleich Don Karlos, im Anfange des Aſten Jahres und in der höchſten Blüthe der Schönheit. 41. Das Schickſal rächte dieſe zwey Ermordeten auf eine ausgezeichnete Weiſe. Die Schönheit der Prinzeſſin Eboli wandelte bald das Ver⸗ trauen des Königs zu ihr in eine heftige Liebe. Rui Gomez, gleich eiferſüchtig auf das Ver⸗ trauen des Königs zu ſeiner Gattin, als auf ihre Gunſtbezengungen für den König, wollte N — ſich von ihr trennen; doch ſie kam ihm zuvor und trennte ſich von ihm. Don Iuan hielt ſie entfernt vom Hofe unter mancherley Vorwand, im Grund aber, um ihn durch das Anſehen zu beherrſchen, das ihr lan⸗ ger und vertrauter Umgang ihr verlieh. Sie ließ ihm die Statthalterſchaft von Flandern geben, in der Hoffnung er würde dort um⸗ kommen; und er wär' es, ohne das Glück und die Tapferkeit des Prinzen von Parma. In⸗ deß hörte ſie, daß er erfahren habe, welche üble Dienſte er ihr leiſte. Sie fürchtete, er würde dem Könige ihren vertrauten Umgang entdecken und dieß bewog ſie, dieſem gewiſſe äuſſerſt wichtige Briefe des Prinzen von Ora⸗ nien mitzutheilen. Sie enthielten: die Verbin⸗ dung Don Juans mit der Königin von England ſey geſchloſſen, und die flanderiſchen Aufrührer hätten verſprochen, ihn ſogleich nach dem Voll⸗ zuge dieſer Verbindung anz zuerkennen, ohne irgend eine andere Bedingung, als Gewiſſens⸗ Freiheit. Perez gab dem Koͤnige dieſe Briefe und der König erkannte ſogleich die Handſchrift des Prinzen von Oranien. Da er ſeine Beſtürzung in Gegenwart der Prinzeſſin Eboli verrieth, ſo ergriff dieſe die Gelegenheit, ihm die Antwort zu erzählen, die einſt Don Juan dem Don Karlos ertheilte, als dieſer ihn einen Baſtard ſchalt. Sie etiiner 3 — den König an den Stolz mit welchem Don Juan das Freuden⸗Geſchrey des Grenadiſchen Heeres aufgenommen hatte, wo die Soldaten, entzückt von ſeinen Thaten, ihm zuriefen: „Dies iſt der wahre Sohn des Kaiſers!“ Sie erinnerte ihn, ferner, an ſein beharr⸗ liches Verlangen: König von Tunis zu werden u. ſ. w. Alle dieſe Betrachtungen und die große Gefahr der vermeinten Heurath mit der Köni⸗ gin von England, beſtürmten den König ſo heftig, daß er glaubte keinen Augenblick ver⸗ lieren zu dürfen; er ſandte dem Don Juan auf einem ganz unverdächtigen Wege parfümirte Halbſtiefel, die ihm das Leben koſteten. Einige Zeit nachher entdeckte ſich, daß die Fürſtin Eboli jene Briefe des Prinzen von Ora⸗ nien ſelbſt habe ſchreiben laſſen, die angeblich aufgefangen worden und für Don Juan ſo unheilbringend waren. Den König erfüllte dieſe Niederträchtigkeit mit Abſcheu. Die Prin⸗ zeſſin und Perez wurden lebenslänglich einge⸗ kerkert. Perez entfloh und irrte im Elende an den Europöiſchen Höfen umher. Philipp der Zwepte ſelbſt, nachdem er unter dem Schmerze all' dieſer Unglücksfälle gealtert, bekam ein Geſchwühr, das eine unglaubliche Menge Läuſe erzeugte, die ihn lebendig ver⸗ zehrten. — — 286— So wurde der auf immer bedauernswerthe Tod eines erhabenen edelmüthigen Prinzen und der ſchönſten und tugendhafteſten Prinzeſſin verſöhnt! 42. So weit der italieniſche Erzähler, der ſich auf de Thou, Aubigné, Brantéme, Cabrera, Hugo, Blosius, I. C. Fiammingo, auf den Pa⸗ ter arione di Cossa nel Plogio della Regina, Mojerna Turchetto, Mezeray, Matteo, Dupléz, Laboreur, M. S. di Peirese u. ſ. w. bezieht. DOhne die Glanbwürdigkeit der Darſtellung des neuerlichen Geſchichtſchreibers der Inqui⸗ ſition ſchwächen zu wollen, wird es doch erlaubt ſeyn, zu bemerken: daß der Inquiſition nach ihrem Geiſte wohl zuzutrauen ſeyn möchte, ſie habe nach ihrem ungeheurem Haße gegen den der Ketzerey verdächtigen Don Karlos, die Akten verfälſcht und deſſen Karakter und Schickſale in einem durchaus irrigen Lichte dargeſtellt. Mindſtens ſpricht die Uebereinſtimmung ſo vieler ſpaniſcher und fremder Hiſtoriker, die allgemein verbreitete öffentliche Meinung, die Umſtändlichkeit der Nachrichten, doch für einen bedeutenden Theil der Wahrheit jener Erzäh⸗ lung; wenn wir auch Llorrent den Ungeſtümm, die Heftigkeit und Leidenſchaftlichkeit des Prin⸗ zen zugeſtehen wollen. 6 — Merkwürdig iſt indeß, daß die Gräfin Aunvt in ihrer Reiſe durch Spanien an den Hof zu Madrit*) nachſtehende Schilderung der Ge⸗ mälde geliefert hat; die ſie auf dem Schloße zu Buitrago*) ſah: „Das Schloß zu Buitrago ſchien mir eben ſo regelmäßig gebauet, als das Schloß Lerma; zwar nicht ſo groß, aber angenehmer. Die Zim⸗ mer ſind beſſer angelegt, die Ausſchmückung iſt koſtbar und ſogar auſſerordentlich, ſo wohl wegen des Alterthums, als wegen der Pracht. Dieſes Schloß gehört ſowohl, als das zu Lerma dem Don Rodrigo de Silva y Mendoza, Herzogen von Paſtrano und Infantado. Seine Mutter heißt Donna Catalina de Mendoza y Sandoval, Erbin der Herzogthümer Infantado und Lerma. Er ſtammt in grader Linie von Rui Gomez de Silva ab, welchen König Phi⸗ lipp der Zweite zum Herzog von Paſtrano und Fürſten von Eboly machte. Jene Fürſtin von Eboly, deren Schönheit ſo viel iſt gerühmt worden, war ſeine Frau und der König war ſehr verliebt in ſie. Man zeigte mir ihr Por⸗ trät, welches von einem vortrefflichen Maler muß ſeyn gemacht worden. Sie iſt in Lebens⸗ gröſſe vorgeſtellt, und ſitzt unter einem Zelte, *) Ueberſetzt: Nordhauſen, 1787.. **) Kleine Stadt in Neu⸗Kaſtilien. v. Soden's Erzähl. II. 19 — 200— welches an einigen Baumäſten befeſtigt iſt. Es ſcheint, daß ſie eben das Bett verlaſſen hat; denn ſie hat nichts an, als ein Hemd von ſehr feiner Leinewand, welches einen Theil ih⸗ res Leibes ſehen läßt. Wenn dieſer ſo ſchön war, als er in dieſem Bilde ſcheint, und wenn ihre Züge ſo regelmäßig waren, ſo muß man glauben, daß ſie die reizendſte unter allen Frauen geweſen iſt. Ihre Augen ſind lebhaft und voller Verſtand, daß man denkt, ſie werde den Augenblick anfangen zu ſprechen. Bruſt, Arme, Füße und Beine ſind blos; ihre Haare fallen über ihren Buſen herab und kleine Lie⸗ besgötter, die in allen Ecken des Gemäldes angebracht ſind, beeifern ſich, ſie zu bedienen. Einige haben ihren Fuß und ziehen ihr einen römiſchen, hohen Schuh an; Andere ſtecken Blumen in ihr Haar, noch Andere halten ihr einen Spiegel vor. In der Ferne ſiehet man welche, die ihre Pfeile zuſpitzen, indem die andern ihre Köcher damit anfüllen, und ihre Bogen ſpannen. Ein Faun betrachtet ſie durch die Zweige; ſie wird ihn gewahr und zeigt ihn einem kleinen Liebesgotte, welcher ſich auf ihre Kniee ſtützt und weint, als ob er ſich vor dem Faun fürchtete; darüber ſcheint ſie zu lachen. Der ganze Ramen iſt von ausgeſtoche⸗ nen und an vielen Orten vergoldetem Silber. Ich blieb lange Zeit ſtehen, und betrachtete ſie„ mit dem größten Vergnügen, aber man führte mich in eine andere Gallerie, wo ich ſie wie⸗ der antraf. Sie war in einem großen Bilde, im Gefolge der Königin Eliſabeth gemalt. Die⸗ ſes iſt die Königin Eliſabeth, eine Tochter Hein⸗ richs des Zweyten, Königes von Frankreich, welche Philipp der Zweyte, König von Spa⸗ nien, ſelbſt heurathete, anſtatt ſie dem Don Karlos, ſeinem Sohne, dem ſie verſprochen war, zu geben. Die Königin hielt ihren Ein⸗ zug zu Pferde, wie die Gewohnheit iſt; ich fand die Fürſtin von Eboly, neben der Köni⸗ gin, nicht ſo glänzend, als ſie mir auf dem Bilde, wo ſie allein vorgeſtellt war, geſchie⸗ nen hatte. Hieraus kann man einen Schluß auf die Schönheit dieſer jungen Königin machen. Sie trug ein Kleid von blauen Atlas, übrigens aber war ſie völlig ſo geputzt, wie ich Ih⸗ nen die Gräfin von Lemos beſchrieben habe. Der König ſahe ſie von einem Balcon herab, vorbey reiten. Er war ſchwarz gekleidet und trug die Ordenskette vom goldenen Vließ am Halſe; ſeine Haare waren roth und grau; ſein Geſicht lang, blaß, alt, runzlich und häßlich. Der Infant Don Karlos begleitete die Köni⸗ gin. Er war ſehr weiß, hatte einen ſchönen Kopf, blondes Haar, blaue Augen und ſah die Königin mit einem ſo rührenden Schmach⸗ „ten an, daß man ſiehet, der Maler hat das — 292— Geheimniß ſeines Herzens ergründet, und hat es wollen ausdrücken. Sein Kleid war weiß, und mit Edelgeſteinen beſetzt. Er trug ein geſchliztes Wams und einen kleinen Hut, der auf der Seite aufgeſchlagen und mit weiſſen Federn bedeckt war. In eben der Gallerie ſahe ich ein anderes Gemälde, welches mich ſehr rührte: Es war der ſterbende Prinz Don Karlos. Er ſaß in einem Armſtuhle, einen Arm auf den Tiſch, der vor ihm ſtund, ge⸗ ſtützt; ſeinen Kopf hatte er in die Hand ge⸗ legt, in der andern Hand hatte er eine Feder, als wolle er ſchreiben. Vor ihm ſtund ein Gefäß, worinnen man noch etwas von einem braunen Tranke ſahe, und dem Vermuthen nach war es Gift. Weiter hin ſahe man das Bad für ihn zubereitet, worinnen ihm die Adern ſollten geöffnet werden. Der Maler hatte den Zuſtand vollkommen gut vorgeſtellt, worinnen man ſich, bey einer ſo traurigen Gelegenheit befindet; und da ich die Geſchichte dieſes un⸗ glücklichen Prinzen geleſen hatte und davon war gerührt worden; ſo kam es mir in der That vor, als ob ich ihn itzt würde ſterben ſehen.“ W Farbkarte 613 B.. G.