Tobias Smollet's humoriſtiſche Romane. Fünßehnter Vand. Enthält: Humphry Klinkers Fahrten. IIHI. Stuttgart. Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1841. Humphry Rlinkers Fahrten. Roman von Tobias Smollet. no bem Gnhliſchen überſeb von G. Fink. Dr itte üdt Stuttgart. Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1841. An Yortor Ludwig. Lieber Ludwig! Ich müßte der undankbarſte Menſch von der Welt ſeyn, wenn ich nicht geneigt wäre, vortheilhaft von dieſem Volke zu denken und zu ſprechen, in deſſen Mitte ich binnen weniger Wochen mehr Gaſtfreundlichkeit, Herzensgüte und vernünftige Unterhaltung ge⸗ noſſen habe, als in irgend einem andern Lande, das ich im Laufe meines langen Lebens beſucht. Vielleicht mag die Unparteilichkeit meiner Bemerkungen ein Bischen nach der Erkenntlichkeit für dieſe Wohlthaten ſchmecken; man läßt ſich eben ſo leicht durch beſondere Gunſtbezeigungen für ein Land einnehmen, wie durch perſönliche Gründe zur Abneigung gegen daſſelbe, und bin ich parteiiſch, ſo liegt doch wenigſtens einiges Verdienſt in meiner Bekehrung von illiberalen Vorurtheilen, welche mit mir aufgewachſen ſind. Die erſten Eindrücke, die ein Engländer in dieſem Lande empfängt, ſind eben nicht geeignet, ihm ſeine Vorurtheile zu be⸗ nehmen, weil er Alles, was er ſieht, mit denſelben Artikeln in ſeinem eigenen Lande vergleicht, und dieſe Vergleichung fällt in Beziehung auf alle Aeußerlichkeiten, wozu ich die Geſtalt des Landes in Betreff auf ſeinen Anbau, die Erſcheinungen des großen Volkshaufens und die allgemeine Umgangsſprache rechne, zu Un⸗ gunſten Schottlands aus. Die Beweisgründe des Herrn Lismahago 6 haben mich nicht ſo weit überführt, daß ich nicht noch immer der Meinung ſeyn ſollte, die Schotten würden ſehr wohl daran thun, wenn ſie ſich an die Ausdrücke und an die Ausſprache der Englän⸗ der gewöhnen wollten, zumal diejenigen Landeskinder, die in Süd⸗ britannien ihr Glück zu machen gedenken. Ich weiß aus Erfah⸗ rung, wie nahe das Ohr eines Engländers an ſeinem Herzen liegt, und wie er ſo gern lacht, wenn er ſeine Sprache mit einem fremden oder mit einem Provinzialaccent ausſprechen hört. So habe ich ein Unterhausmitglied gekannt, das mit großer Energie und anerkennungswerther Beſtimmtheit ſprach, aber ſchlechterdings ſich kein Gehör verſchaffen konnte, weil es im ſchottiſchen Dialekt ſprach, der(unſer Herr Lieutenant Lismahago möge es mir nicht übel nehmen) auch den erhabenſten Geſinnungen einen bäuriſchen Anſtrich gab. Ich habe mich hierüber gegen die verſtändigſten Män⸗ ner dieſes Landes ausgeſprochen, und ihnen meine Anſicht nicht verhehlt, daß ſie einige geborne Engländer anſtellen ſollten, um ihre Jugend unſere Mutterſprache zu lehren; auf dieſe Art wäre in zwanzig Jahren zwiſchen dem Dialekt der Edinburgher und der Londoner Jugend kein Unterſchied mehr wahrzunehmen. Die bürgerlichen Einrichtungen in dieſem Königreich und ſei⸗ ner Hauptſtadt ſind bis auf einige wenige nothwendige Konſe⸗ quenzen der Union nach ganz andern Muſtern gebildet als die in England. Ihr Juſtizcollegium iſt ein ſehr ehrwürdiges Gericht, beſetzt mit Männern von Charakter, von Einſicht und Kenntniſſen. Ich habe vor dieſem würdigen Tribunale mehrere Sachen verhan⸗ deln gehört, und die Vertheidigungsreden der Advokaten haben mir ſehr wohl gefallen, es fehlt ihnen weder an Schärfe des Be⸗ weiſes, noch an Kraft des Ausdrucks. Der Rechtsgang in Schott⸗ land iſt größtentheils auf das römiſche Recht gebaut, und weicht daher von dem Verfahren der engliſchen Tribunale ab; meiner Anſicht nach aber haben ſie vor uns einen Vortheil durch ihre Me⸗ thode, die Zeugen beſonders zu verhören, ſo wie durch die Ein⸗ 7 richtung ihrer Geſchwornengerichte, vermöge deren ſie dem Uebel, das ich in meinem letzten Schreiben aus Lismahago's Munde an⸗ führte, mit Gewißheit vorbeugen. Die Univerſität zu Edinburgh hat vortreffliche Profeſſoren in allen Fakultäten, beſonders die medieiniſche iſt in ganz Europa berühmt. Den Studenten dieſer Fakultät iſt die beſte Gelegen⸗ heit gegeben, ſich ihre Wiſſenſchaft vollkommen und nach allen ihren verſchiedenen Theilen zu eigen zu machen; man liest hier theoretiſche und praktiſche Kollegia, Anatomie, Chemie, Bota⸗ nik, Materia medica, Naturgeſchichte und Experimental Philv⸗ ſophie, und zwar ſind es lauter Männer von ausgezeichneten LTalenten, welche den Katheder inne haben. Was dieſem Studium hauptſächlich zu Statten kommt, iſt die praktiſche Erfahrung, die man ſich im Krankenhauſe erwerben kann, der beſten milden Stiftung, die ich jemals geſehen habe. Da ich indeß auf milde Stiftungen zu ſprechen gekommen bin, ſo gibt es hier verſchiedene Spitäler, die ſehr reiche Fonds beſitzen und nach vortrefflichen An⸗ ordnungen verwaltet werden; ſie ſind nicht nur von großem Nutzen für die Stadt, ſondern auch eine Zierde derſelben. Ich will hier nur des großen Arbeitshauſes gedenken, wo alle Arme, für die nicht anderweitig geſorgt iſt, je nach ihren Kräften und Fähigkei⸗ ten Arbeit bekommen, die ſo zweckmäßig ausgetheilt iſt, daß ſie ſich beinahe ihren ganzen Unterhalt davon erwerben können; die glückliche Folge davon iſt, daß man im ganzen Weichbild der Hauptſtadt keinen Bettler erblickt. Vor etwa dreißig Jahren hat Glasgow das Muſter zu dieſer Anſtalt gegeben. Selbſt die ſchot⸗ tiſche Geiſtlichteit, der man ſo lange Zeit Fanatismus und Phi⸗ liſterei vorgeworfen hat, vermag jetzt eine Menge Mitglieder auf⸗ zuweiſen, die durch ihre Gelehrſamkeit berühmt ſind, und durch ihre Toleranz ſich allgemeine Achtung erworben haben. Ich habe ihre Predigten mit eben ſo viel Erſtaunen als Vergnügen angehört. Das gute Völkchen von Edinburgh lebt nicht mehr in dem Wahne, 8 Schmutz und Spinngewebe ſeyen weſentliche Zierrathen eines Got⸗ teshauſes. Einige ihrer Kirchen ſind auf eine Art ausgeſchmückt, die vor nicht viel länger als hundert Jahren in England einen allgemeinen Aufſtand erregt hätte. Ein Muſikus aus der Dom⸗ kirche von Durham gibt öffentlich Unterricht im Choralſingen, und es ſoll mich nicht wundern, wenn ich in einigen Jahren höre, daß man auch eine Orgel dazu ſpielt. Edinburgh iſt ein Treibhaus für Genies. Ich habe das Glück gehabt, die Bekanntſchaft mehrerer Autoren erſten Ranges zu machen, wie z. B. der beiden Hume, eines Robertſon, eines Smith, Wallace, Blair, Ferguſon, Wilkie und anderer; dieſe Alle habe ich eben ſo angenehm im Umgange gefunden, als ſie in ihren Schriften lehrreich und unterhaltend ſind. Ich verdanke dieſe Be⸗ kanntſchaften der Freundſchaft des Dr. Carlyle, dem blos der gute Wille fehlt, um neben den Andern als großer Schriftſteller zu figuriren. Der Magiſtrat in Edinburgh wird alljährlich neu ge⸗ wählt, und ſcheint ſeine Amtsgewalt gehörig zu handhaben. Der Lordprovost ſteht an Würde dem Lordmayor von London gleich, und die vier Baillies haben den Rang unſerer Aldermen. Es gibt hier einen Gildenvorſteher, der in Handelsſachen die erſte Inſtanz iſt, einen Schatzmeiſter, einen Stadtſchreiber, und die übrigen Mitglieder des Raths beſtehen aus ſogenannten Beiſitzern, von denen jährlich der Reihe nach einer zum Sprecher für jede Gilde oder Amtsbrüderſchaft gewählt wird. Obgleich dieſe Stadt, der Natur ihrer Lage nach, eben ſo wenig ſehr bequem eingerichtet als ſehr reinlich gehalten werden kann, ſo hat ſie gleichwohl etwas Prachtvolles, welches Ehrfurcht gebietet. Das Caſtell iſt ein Muſter von Erhabenheit in Lage und Bauart. Seine Befeſtigungen werden in gutem Stand erhalten und die Garniſon darin, die aus regulärer Miliz beſteht, alljähr⸗ lich abgelöst; nach der jetzigen Kriegskunſt würde es indeß keine ordentliche Belagerung aushalten können. Der Feſtungshügel, der 9 ſich vom äußerſten Thore bis zum obern Ende der hohen Straße erſtreckt, wird von den Bürgern als öffentlicher Spaziergang be⸗ nützt, und gewährt eine eben ſo ausgedehnte als angenehme Aus⸗ ſicht auf die Grafſchaft Fife, an der andern Seite des Frith und längs der Seeküſte hin, die mit einer Reihe von Städten bedeckt iſt, aus der man auf einen ſtarken Handelsverkehr ſchließen ſollte; allein bei genauerer Betrachtung ergibt ſich, daß dieſe Städte ſeit der Union in immer tiefern Verfall gerathen, weil die Schotten dadurch ihren Handel nach Frankreich großentheils verloren haben. Der Palaſt Holyroodhouſe iſt ein Juwel von Architektur, aber in eine Höhle geworfen, wo man ihn nicht ſehen kann; der ver⸗ ſtändige Baumeiſter kann den Platz offenbar nicht ſelbſt gewählt haben, ſondern muß gezwungen worden ſeyn, auf eben die Stelle zu bauen, wo vorher ein Kloſter ſtand. Edinburgh dehnt ſich an der Südſeite immer weiter aus, wo man nach engliſcher Art ver⸗ ſchiedene, recht artige, kleine viereckige Plätze angelegt hat; an der Nordſeite gedenken die Einwohner ebenfalls einige Verbeſſe⸗ rungen anzubringen, die, wenn ſie zu Stande kommen, die Schön⸗ heit und Bequemlichkeit dieſer Hauptſtadt um ein Bedeutendes vermehren werden. Der Hafen iſt in Leith, einem blühenden Stävtchen, eine gute Viertelmeile von hier, und ich habe dort mehr als hundert Schiffe auf einmal liegen geſehen. Sie müſſen wiſſen, daß mich der Kitzel geſtochen hat, auf einem Boote über den Frith zu fahren, und daß ich zwei Tage in Fife geweſen bin, das außerordentlich fruchtbar an Korn iſt und eine erſtaunliche Menge hübſch gebauter und prachtvoll möblirter Landhäuſer beſitzt. Ueberhaupt findet man in Schottland, ſo weit ich mich bis jetzt hier umgeſehen habe, ungemein viel ſchöne Landſitze: Dalkeith, Pinkie, Beſter und Hor⸗ ton, ſämmtlich in einem Umkreis von anderthalb Meilen von Edinburgh gelegen, ſind fürſtliche Paläſte, wo jeder Souverän alle erdenkbare Gemächlichkeit finden könnte. Die Schotten ſcheinen 10 mir mit dieſen großartigen Gebäuden ein wenig prunken zu wollen. Wenn es mir erlaubt iſt, einigen Tadel in meine Bemerkungen über ein Volk zu miſchen, das ich verehre, ſo kann ich nicht um⸗ hin, Eitelkeit für ſeine ſchwache Seite zu erklären. Ich fürchte ſogar, daß ihre Gaſtfreundſchaft nicht ſo ganz frei von Oſtentation iſt. Ja, ich glaube bemerkt zu haben, daß ſie ſich ſehr viele Mühe geben, ihr feines Tiſchzeug, womit ſie wirklich reichlich verſehen ſind, ihre Möbel, ihre Geſchirre und namentlich auch ihre man⸗ cherlei Weine gehörig auszukramen. Was den letztern Artikel be⸗ trifft, ſo muß ich geſtehen, daß ſie damit ſehr freigebig, wo nicht gar verſchwenderiſch umgehen. Ein Evinburgher wird ſich nicht begnügen, es einem zehnmal reichern Londoner blos gleichzuthun; nein, er meint, er müſſe ihn weit koſtbarer und prachtvoller bewirthen. Obgleich die Landhäuſer des ſchottiſchen hohen und niedern Adels im Allgemeinen groß und prächtig ſind, ſo glaube ich doch, daß ihre Luſt- und Thiergärten mit denen in England keine Ver⸗ gleichung aushalten, was mir um ſo auffallender iſt, weil mir Herr Philipp Millar von Chelſea geſagt hat, daß faſt alle Kunſt⸗ gärtner in Südbritannien geborne Schottländer ſeyen. Das Laub und Gras iſt hier nicht ſo ſchön grün als in England. Die Luſt⸗ gärten ſind meines Dafürhaltens nicht ganz dem Genius loci ge⸗ mäß angelegt, auch werden die Beete, die Wege und die Hecken nicht in ſo zierlicher Ordnung unterhalten. Die Bäume ſind in ſteifen Linien gepflanzt, was lange nicht den angenehmen länd⸗ lichen Eindruck hervorbringt, als wenn ſie in unordentlichen Grup⸗ pen hingeworfen wären und freie Felder dazwiſchen lägen; die Tannenbäume, die ſie gewöhnlich um ihre Häuſer herumgepflanzt haben, ſehen im Sommer trübſelig und düſter aus. Ich muß in⸗ deß geſtehen, ſie geben brauchbares Bauholz, ſchützen vor den kalten Nordwinden, wachſen und gedeihen im trockenſten Boden, und verbreiten beſtändig einen harzigen Balſam in der Luft, wo⸗ durch dieſe für zarte Lungen ſehr zuträglich und geſund wird. 11 Tabby und ich haben auf unſerer Rückfahrt über den Frith gewaltige Angſt ausgeſtanden. Sie fürchtete ſich vor dem Ertrin⸗ fen und ich vor dem Erkälten, weil ich vom Setwaſſer ganz und gar durchnäßt wurde, doch ſind wir dießmal noch glücklich mit dem bloßen Schreck davon gekommen. Sie befindet ſich vollkommen wohl und ich wünſchte nur, ich könnte dieß auch von Liddy ſagen. Mit dem armen Kinde muß etwas ganz außerordentliches vorgehen; ſie verliert die Farbe, die Luſt zum Eſſen, iſt niedergeſchlagen, traurig, melanchvliſch, und oft findet man ſie in Thränen. Ihr Brnder hat ſie im Verdacht, ſie gräme ſich über Wilſon, und ſchwört dem Abenteurer Rache. Es ſcheint, ſie hat auf dem Ball einen heftigen Schreck gehabt über die plötzliche Erſcheinung eines gewiſſen Herrn Gordon, der beſagtem Wilſon ſehr ähnlich ſieht, aber ich glaube vielmehr, daß ſie ſich beim Tanze erhitzt und darauf erkältet hat. Ich habe den Pr. Gregory, einen liebenswürdigen Mann und ausgezeichneten Arzt, darüber gefragt, und dieſer räth die Luft in den Hochlanden und die Molkenkur, was offenbar keinem Patienten übel bekommen kann, der in den Waliſchen Ge⸗ birgen geboren und erzogen iſt. Der Rath des Doktors iſt mir auch deßwegen um ſo angenehmer, weil wir ihn an dem Orte in's Werk ſetzen können, den ich als das äußerſte Ziel unſerer Reiſe beſtimmt habe, ich meine die Grenzen von Argple. Herr Smollet, einer von den Richtern des Kommiſſionsgerichtes, das gegenwärtig ſeine Sitzungen hält, beſteht ſehr gütig auf ſeiner höflichen Einladung, wir möchten in ſeinem Landhauſe am Ufer des Loughlomond, etwa vier Meilen von Glasgow, unſere Woh⸗ nung nehmen. Nach letzterer Stadt gedenken wir in zwei Tagen abzureiſen und Stirling auf dem Wege mitzunehmen. Wir ſind von unſern Edinburgher Freunden reichlich mit Empfehlungsſchrei⸗ ben verſehen, und ich kann Sie verſichern, daß ich dieſelben nur ungern verlaſſe. Ich bin ſo weit davon entfernt, das Leben in dieſem Lande für etwas Unangenehmes zu halten, daß ich, wenn 12 ich genöthigt wäre, in einer Stadt zu wohnen, ganz gewiß Edin⸗ burgh zu meinem Hauptquartier auserſehen würde. Und damit Gott befohlen. Ihr ergebenſter M. Bramble. Edinburgh, den 8. Auguſt. An Fir Watkin Philipps im Irſuitenkollegium zu Orford. Mein lieber Philipps! Ich bin jetzt nicht mehr fern von Virgil's ultima Thule, wenn anders die Ausleger Recht haben, welche die Orkneys oder Hebriden darunter verſtehen wollen. Dieſe Orknehs oder Orea⸗ diſchen Inſeln liegen zu Hunderten vor mir in der deucalidoniſchen See zerſtreut, und gewähren die maleriſchſte und romantiſchſte Ausſicht, deren ich mich jemals erfreut habe. Dieſen Brief ſchreibe ich im Hauſe eines Edelmannes, nahe bei der Stadt Inverary, welche man für die Hauptſtadt der weſtlichen Hochlande halten kann, berühmt hauptſächlich durch das prächtige Caſtell, das der letztverſtorbene Herzog von Argyle angefangen und mit unſäglichen Koſten bis unter Dach gebracht hat; ob es indeß je einmal voll⸗ endet werden wird, iſt eine andere Frage. Doch Ordnung iſt überall und hauptſächlich bei einem Briefe die Hauptſache. Wir haben vor zehn Tagen Edinburgh verlaſſen, und je weiter wir gegen Norden reiſen, deſto ſchwerer wird es, mit Jungfer Tabitha durchzukommen; ihre Neigungen ſind nichts weniger als magnetiſch, ſie ziehen nicht nach dem Pole. Sie be⸗ hauptet, Edinburgh deßwegen ſo ungern verlaſſen zu haben, weil ſie einen gelehrten Streit mit Herrn Moffat über die Ewigkeit der Höllenſtrafen nicht hat zu Ende bringen können. Dieſer andäch⸗ tige Herr fing mit zunehmenden Jahren an, über dieſen Lehrſatz 13 Zweifel zu hegen, bis er zuletzt der gewöhnlich angenommenen Bedeutung des Wortes ewig offen den Krieg ankündigte. Gegen⸗ wärtig iſt er überzeugt, ewig bedeute weiter nichts als eine un⸗ beſtimmte Anzahl von Jahren, und der allerabſcheulichſte Sünder könne jedenfalls mit 9999999 Jahren hölliſches Feuer loskommen, eine Periode oder ein Zeitraum, die, wie er ſehr richtig bemerkt, nur gleichſam einen unmerklichen Tropfen in dem Ocean der Ewig⸗ keit ausmacht. Dieſes Milderungsſyſtem vertheidigt er jetzt und behauptet, daß es ſich weit beſſer mit den Begriffen von Güte und Barmherzigkeit, die wir von dem höchſten Weſen haben, ver⸗ einigen laſſe. Unſere Tante ſchien geneigt, ſeinen Lehrſatz auch zum Beſten der gottloſen Sünder anzunehmen, allein er ließ ſich verlauten, kein Menſch ſey ſo durchaus gerecht, daß er nach dem Tode von aller Strafe befreit bleiben könne, und der frömmſte Chriſt auf Erden dürfe von großem Glück ſagen, wenn er mit etwa ſieben oder achttauſend Jahren mitten in Feuer und Schwe⸗ felflammen abkomme. Gegen dieſes Dogma empörte ſich Jungfer Tabitha, ja ſie ward mit Schrecken und Abſcheu davor erfüllt. Sie nahm ihre Zuflucht zur Gelehrſamkeit Humphry Klinker's, welcher rund heraus erklärte, dieß ſey die papiſtiſche Lehre vom Fegfeuer und zur Vertheidigung ſeiner Anſicht die Worte anführte: In's ewige Feuer, das bereitet iſt dem Teufel und ſeinen Engeln. Der hochehrwürdige Herr Magiſter Mackor⸗ dendale und alle Gottesgelahrte und Heilige aus dieſer Gemeinde wurden um Rath gefragt, und einige von ihnen hegten Zweifel über die Sache. Dieſe Serupel und Zweifel nun hatten auch unſere Tante zu ergreifen angefangen, als wir von Edinburgh abreisten. Wir kamen durch Linlithgow, wo ehedem ein eleganter könig⸗ licher Palaſt ſtand, der aber jetzt, wie die Stadt ſelbſt, gänzlich verfallen iſt. Nicht viel beſſer ergeht es dem Städtchen Stirling, das übrigens immer noch mit ſeinem ſchönen alten Schloſſe prangt, wo die ſchottiſchen Könige während ihrer Minderjährigkeit zu reſi⸗ 14 diren pflegten. Glasgow aber iſt der Stolz Schottlands und kann auch wirklich überall in der Chriſtenheit für eine elegante, blü⸗ hende Stadt gelten. Wir hatten hier das Glück, von Herrn Moore, einem ausgezeichneten Wundarzt, an den wir von einem unſerer Edinburgher Freunde empfohlen waren, in's Haus aufge⸗ nommen zu werden, und wirklich dieſer Freund hätte uns keinen weſentlicheren Dienſt erzeigen können. Herr Moore iſt ein luſtiger Kumpan, geſcheidt, ſogar ein bischen verſchlagen und mit einer guten Doſis Humor ausgeſtattet; ſeine Frau ein angenehmes Weibchen, gebildet, ſreundlich und gefällig. Ueberhaupt iſt Ge⸗ fälligkeit, die ich für das Weſentlichſte bei einem guten und men⸗ ſchenfreundlichen Herzen halte, ein charakteriſtiſches Kennzeichen der ſchottiſchen Frauen in ihrem eigenen Lande. Unſer Wirth zeigte uns Alles und führte uns in Glasgow überall éin; auf ſeine Empfehlung wurden wir ſogar mit dem Stadtbürgerrecht bechrt. Wenn man den Handel und Reichthum dieſes Ortes in's Auge faßt, ſo muß man es ſehr natürlich finden, daß Freude und Fröh⸗ lichkeit daſelbſt herrſchen. Es lebt hier eine Menge junger Leute, die es der Jugend in der Hauptſtadt an Lebhaftigkeit und Aufwand gleichthun, und ich überzeugte mich bald, daß auf dem Edinburgher Jagdball nicht alle Schonheiten von Schottland verſammelt waren. Die Stadt Glasgow blüht ſowohl durch Gelehrſamkeit als durch Handel. Es iſt hier eine Univerſität, die ausgezeichnete Profeſſo⸗ ren in allen Wiſſenſchaften hat; dieſelben werden aber auch mit vieler Umſicht berufen und gut beſoldet. Es war eben Ferienzeit, als ich durchreiste, und ſo konnte ich meine Neugierde nicht ganz befriedigen; übrigens iſt ihre Unterrichtsmethode ausgemachter Maßen in manchen Stücken beſſer als die unſrige Die Studenten find nicht auf den Privatunterricht ihrer Lehrer beſchränkt, ſondern jeder Profeſſor trägt ſeine Wiſſenſchaft in öffentlichen Klaſſen oder Hörſälen vor. Mein Oheim iſt über Glasgow ganz entzückt. Er hat nicht 15 nur alle Fabriken in der Stadt beſucht, ſondern auch Hamilton, Paisley, Renfrew und alle andern Orte mehrere Meilen in die Runde, wo Werke der Natur oder Kunſt zu ſehen waren, mitge⸗ nommen. Ich glaube, das Rütteln und Schütteln auf dieſen kleinen Fahrten hat meiner Schweſter Liddy gut gethan, ſie beginnt wieder munter zu werden und Appetit zu bekommen. Die gnädige Jungfer Tante hat wie gewöhnlich das Netz ihrer Reize ausge⸗ worfen, und glaubte bereits einen reichen Bandfabrikanten, Na⸗ mens Maclellan, geangelt zu haben, allein als es zu einer Erklä⸗ rung kam, zeigte es ſich, daß ſeine Neigungen nur geiſtlicher Natur und auf ein frommes Geſpräch bei den Andachtsübungen des Herrn John Wesley gegründet waren, der ſich im Verfolg ſeiner apoſtoliſchen Miſſion perſönlich hieher verfügt hatte. End⸗ lich zogen wir weiter nach den Ufern des Lough⸗Lomond und kamen durch das Städtchen Dumbarton, oder, wie es mein Oheim genannt wiſſen will, Dumbritton, woſelbſt ſich das merkwürdigſte Bergſchloß befindet, das ich jemals geſehen habe. Der elegante Buchanan hat es als ar inexpugnapilis einer eigenen Beſchrei⸗ bung gewürdigt, und es muß bei der alten Art zu belagern wirk⸗ lich uneinnehmbar geweſen ſeyn. Es iſt ein Fels von bedeutendem Umfang, mit zwei Spitzen, und liegt in einem Winkel, welchen der Zuſammenfluß der Clyde und des Leven bildet. Von allen Seiten iſt er ſenkrecht und unzugänglich, ausgenommen an einer einzigen Stelſe, wo der Zugang befeſtigt iſt, und in der ganzen Gegend umher iſt keine Anhöhe zu finden, von wo aus man ihm mit irgend einer Batterie beizukommen vermöchte. Von Dumbarton aus erſcheinen die weſtlichen Hochlande als ungeheure, in Nebel gehüllte Berge, und wie über einander ge⸗ wälzt. Wir haben unſer Hauptquartier in Cameron aufgeſchla⸗ gen, einem ſehr hübſchen, dem Kommiſſair Smollet angehörigen Landhauſe, wo wir alle mögliche Bequemlichkeiten vorfanden. Es liegt wie ein Druidentempel in einem Eichwäldchen, dicht an der 16 Seite des Lough⸗Lomond. Dieſer iſt ein ſehr großer Landſee, der durchſichtig reines und helles Waſſer hat, an einigen Orten beinahe unergründlich tief, zwei bis dritthalb Meilen breit und ungefähr acht Meilen lang iſt. Es liegen darin mehr als zwanzig grüne Inſeln, auf welchen Büſche und Bäume wachſen; einige davon ſind mit Korn angebaut und mehrere haben Rothwildpret in Menge. Sie gehören verſchiedenen Edelleuten an, deren Landſitze längs den Ufern dieſes Sees zerſtreut liegen, und über alle Beſchreibung romantiſch in's Auge fallen. Mein Oheim und ich haben unſere Damen in Cameron gelaſſen, da man, um hieher zu kommen, in einem Boote über einen kleinen Arm der See fahren muß, Jungfer Tabitha aber ſich um Alles in der Welt dem Waſſer nicht mehr anvertrauen will. Die Landſchaft hier erſcheint immer milder, je weiter man hinein kommt, und die Hochländer unter⸗ ſcheiden ſich von den Plattländern gar ſehr in Sprache, Kleidung und Ausſehen.“ Wenn die Plattländer einen Feſttrunk thun wollen, ſo gehen ſie in eine öffentliche Schenke und laſſen ſich einen Schoppen Zwei⸗ pfenniger geben, d. h. ein dünnes, brauſendes Malzgetränke, nicht ganz ſo ſtark als das engliſche Tafelbier. Dieſes bringt man in einer zinnernen Kanne, welche kegelförmig geſtaltet iſt, und von da aus wird es in eine ſogenannte Quaſt geſchüttet, das heißt in einen artigen Becher, beſtehend aus allerlei hölzernen Stäbchen, wie von Buchsbaum, Ebenholz und ſo weiter, das eine in's an⸗ dere gefügt, mit ſehr ſaubern Reifen und zwei Henkeln. Es ent⸗ hält ungefähr einen halben Schoppen, iſt am Rande zuweilen mit Silber beſchlagen und hat auf dem Boden eine Platte von dem⸗ ſelben Metall, worin der Name des Wirths eingegraben iſt. Die Hochländer dagegen verachten dieſes Getränk und thun ſich güt⸗ lich in Whisky, einer Art Kornbranntwein, ſo ſtark als Genevre, den ſie in großen Quantitäten verſchlucken, ohne daß man ihnen Betrunkenheit anmerkt. Sie ſind von der Wiege an daran gewöhnt 17 und finden ihn ſehr zuträglich gegen die Winterkälte, die in dieſen Gebirgen äußerſt ſtreng ſeyn muß. Ich habe mir ſagen laſſen, daß man mit großem Erfolg den Kindern Whisky als Herzſtärkung gebe, wenn ſie die zuſammenfließenden Blattern haben, die nicht hervorkommen oder zurücktreten wollen, oder ſich überhaupt als bösartig ankündigen. Die Hochländer ſind gewöhnt, weit mehr Fleiſchſpeiſen zu eſſen, als ihren Nachbarn im platten Lande zu Theil wird. Sie ſind Freunde von der Jagd und haben Roth⸗ und anderes Wildpret in Menge, überdieß laufen ganze Haufen von Schafen, Ziegen und größeres Hornvieh bei ihnen als Wild herum, und ſie machen ſich kein Gewiſſen daraus, Zahmes für Wild zu ſchießen, auch nehmen ſie es mit dem Eigenthumsrecht nichts weniger als genau. Inverary iſt ein armes Städtchen, obgleich es unter dem un⸗ mittelbaren Schutz des Herzogs von Argile ſteht, der in dieſem Theile von Schottland ein gewaltiger Fürſt iſt. Die Bauern leben in armſeligen Hütten und ſehen ſehr dürftig aus, die Edelleute dagegen wohnen nicht ſchlecht und ſind ſo liebreich gegen die Frem⸗ den, daß man durch ihre Gaſtfreundſchaft beinahe in Lebensgefahr geräth. Ich muß hier bemerken, daß die armen Hochländer nicht mehr ſo gut wie ſonſt in's Auge fallen. Durch eine Parlaments⸗ Akte ſind ihnen nicht nur die Waffen abgenommen, ſondern auch ihre alte ſo hübſche und bequeme Tracht iſt verboten worden, ja, was noch ärger iſt, man nöthigt ſie, Beinkleider zu tragen, und dieſer Zwang i ihnen ganz unausſtehlich. Die meiſten tragen ſie zwar, aber nicht am gehörigen Orte, ſondern an einem Stocke oder dergleichen auf der Schulter. Ja man entzieht ihnen ſogar den Gebrauch ihres geſtreiften und gewürfelten Zeuges, Tartane genannt, den ſie ſelbſt bereiteten und höher ſchätzten als alle Sammt⸗, Brokade⸗ und andere Webereien von Europa und Aſien. Jetzt ſchlendern ſie in großen Mantelröcken von grobem, braunem Tuche herum, die eben ſo armſelig ausſehen als ſie beſchwerlich Smollet's Romane. RV. 2 18 find, und in jedem Auge liest man Niedergeſchlagenheit. So viel iſt gewiß, die Regierung konnte auf keine wirkſamere Methode verfallen, ihreu Nationalſinn zu brechen. Wir haben ein königliches Vergnügen an einer Hirſchjagd auf dieſen Gebirgen gehabt. Dieſe ſind die einſamen Hügel von Morven, wo Fingal und ſeine Helden ſich eben deſſelben Zeitver⸗ treibs erfreuten. Ich fühle mich ganz begeiſtert, wenn ich die braune Haide überſehe, über welche Oſſian zu wandeln pflegte, und wenn ich den Wind durch die gebogenen Grasſpitzen hinſäu⸗ ſeln höre. Sobald ich die Halle unſers Wirths betrete, ſehe ich mich nach dem Platze um, an welchen der göttliche Barde ſeine Harfe gehängt haben mag, und lauſche, in der Hoffnung, noch einen leiſen Laut ſeines Geiſtes zu vernehmen. Oſſians Gedichte find hier in Jedermanns Munde. Ein berühmter Antiquar aus der hieſigen Gegend, der Laird von Maeferlane, in deſſen Haus wir vor ein paar Tagen zu Mittag ſpeisten, weiß ſie alle in der Originalſprache, d. h. im alten Gäliſchen, herzuſagen, und dieſes Gäliſch hat nicht bloß in Beziehung auf den allgemeinen Klang, ſondern auch in einer Menge von Stammwörtern eine große Ver⸗ wandtſchaft mit unſerm Waliſchen, ſo daß ich mir gar nicht an⸗ ders denken kann, als ſie müſſen von einerlei Abkunft ſeyn. Ich war nicht wenig erſtaunt, von einem Hochländer, den ich fragte, ob er wiſſe, wo wir einiges Wild finden könnten, die Antwort zu bekommen: Hu niel sassenagh, was bedeutet:„ein engliſch;“ die⸗ ſelbe Antwort würde ich, und beinahe mit den nämlichen Worten von einem Wälſchen erhalten haben. Die Hochländer haben für die Leute auf dem platten Lande keinen andern Namen als Saſſenagh oder Sachſen, was ſtark vermuthen läßt, daß die Schotten auf dem platten Lande und die Engländer Abkömmlinge deſſelben Ur⸗ ſtamms ſind. Die Bauern auf dieſen Hügeln haben in ihrem Geber⸗ denſpiel, ihren Sitten und in ihren Wohnungen große Aehnlichkeit mit den Bauern von Walis; Alles, was ich ſehe, höre und fühle, 19 ſcheint wäliſch. Die Berge, Thäler und Ströme, die Luft und das Klima, das Ochfenfleiſch, Hammelfleiſch und Wildpret— Alles iſt wäliſch. Gleichwohl muß man geſtehen, daß dieſe Leute in manchen Artikeln beſſer verſehen ſind, als wir. Sie haben Roth⸗ und Hochwildpret in Fülle, und dieſes iſt um dieſe Jahreszeit fett und zart, ihr See wimmelt von einer Menge der feinſten Fiſche, die man ſich denken kann, und ſie haben Mittel, ſich um ſehr ge⸗ ringen Preis trefflichen Claret zu verſchaffen. Unſer Wirth iſt in dieſer Gegend ein Mann von Bedeutung, ein jüngerer Sohn aus der Familie der Argyle und erblicher Haupt⸗ mann eines ſeiner Schlöſſer. Sein Name heißt in gutem Engliſch Dougal Campbell; da es jedoch eine Menge von Leuten dieſes Namens gibt, ſo unterſcheidet man ſie wie bei den Wälſchen durch patronimiſche Bezeichnung; und wie ich einen alten Briten gekannt habe, der Madoc⸗ap-Morgan ap⸗Zenkin ap⸗Jones hieß, ſo nennt ſich unſer hochländiſches Familienhaupt Doul Mac⸗amiſh Mac⸗vul ich⸗ian, was bedeutet: Doughal, der Sohn Jacobs, des Sohns Doughal, des Sohnes Johanns. Er hat während ſeiner Erziehungs⸗ Jahre Reiſen gemacht, und iſt geneigt, in ſeiner häuslichen Einrichtung gewiſſe Veränderungen vorzunehmen, findet es aber unmöglich, die alten Familiengebräuche abzuſchaffen, von denen einige drollig genug ſind. Sein Sackpfeifer zum Beiſpiel— was ein erbliches Amt in der Familie iſt— will auch kein Jota von ſeinem Privi⸗ legium vergeben. Er hat ein Recht, den Kilt oder die alte hoch⸗ ländiſche Tracht mit Beutel, Piſtolen und einem Dolch zu tragen; ein breites, gelbes Band, das an die Diskantpfeife geknüpft iſt, hängt ihm über die Schulter, und er ſchleppt es auf dem Boden, ſo lange er ſein Amt als Minſtrel verſieht. Dieſes Band kommt, wie ich glaube, von dem Panier oder Fähnlein her, das ehedem in Schlachten jedem Ritter vorangetragen wurde. Er ſpielt alle Sonntage vor dem Laird her, wenn er zur Kirche geht, um dieſe geht er dreimal herum und ſpielt dabei den Familienmarſch, welcher 20 eine Ausforderung an alle Feinde des Clans bedeutet; jeden Mor⸗ gen ſpielt er eine volle Stunde lang auf dem großen Vorplatze, wobei er in feierlichem Schritte beſtändig auf und ab geht, und von allen männlichen Verwandten des Lairds begleitet wird, denen die Muſik gar ſehr zu gefallen ſcheint. Während dieſes Spazier⸗ gangs unterhält er ſie mit allerlei Melodien, welche den verſchie⸗ denen Leidenſchaften angemeſſen ſind, die er entweder erwecken oder beſchwichtigen will. Herr Campbell ſelbſt ſpielt ſehr gut die Violine, hat aber eine unüberwindliche Abneigung gegen die hochländiſche Sackpfeife, die einen heul enden und zugleich widrig näſelnden Ton gibt, und dadurch auch für Ohren, die auf keine beſondere Zartheit An⸗ ſpruch machen, völlig unausſtehlich iſt, zumal wenn ihr Schall durch den Wiederhall eines gewölbten Vorplatzes noch verſtärkt wird. Er bat alſo den Pfeifer, er möchte ſich doch ſein erbarmen und ihm dieſen Theil des Morgenſegens erlaſſen. Als der Clan deß⸗ halb eine Berathung pflog, fiel der einſtimmige Beſchluß dahin aus, man könne in das Verlangen des Lairds nicht willigen, ohne einen gefährlichen Eingriff in die wohl hergebrachten Familie⸗ bräuche zu geſtatten. Der Pfeifer erklärte, er dürfe ſich des Pri⸗ vilegiums, das ſeine Vorfahren auf ihn ererbt, keinen Augenblick begeben und die Verwandten des Lairds wollten eine Ergötzlichkeit nicht miſſen, die ſie höher ſchätzten als alle andere. Was war da zu machen? Herr Campbell mußte ſich in Gottes Namen die Sache gefallen laſſen, und iſt froh, daß er ſeine Ohren mit Baumwolle verſtopfen, ſeinen Kopf mit drei oder vier Nachtmützen bedecken und alle Morgen in die entlegenſten Zimmer ſeiner Wohnung fliehen kann, um dieſer täglichen Plage zu entgehen. Wenn die Muſik zu Ende iſt, zeigt er ſich an einem offenen Fenſter, das auf den Hofraum geht, der ſich um dieſe Zeit mit ſeinen Vaſallen und Dienſtleuten anfüllt, welche ſeine erſte Erſcheinung mit entblösten Häuptern und den demüthigſten Bücklingen bis tief auf die Erde 21 begrüßen. Da dieſe Leute alle entweder Vorſchläge, Klagen oder Bitten vorzubringen haben, ſo warten ſie ganz geduldig, bis der Laird hervorkommt, folgen ihm dann auf ſeinen Schritten nach und haben alle der Reihe nach ihre kurze Audienz. Vor zwei Tagen fertigte er mehr als hundert verſchiedene Bittſteller unter⸗ wegs ab, während er mit uns zu einem benachbarten Edel⸗ mann ging, der uns zum Mittageſſen gebeten hatte. Die Haus⸗ haltung unſeres Wirthes iſt bei aller Gaſtlichkeit etwas bäueriſch und ſchmeckt ſehr nach der Einfachheit der alten Zeiten. Die große Halle iſt fünfundvierzig Fuß lang, zweiundzwanzig Fuß breit, mit großen Steinen bepflaſtert und dient nicht allein zum Speiſeſaal, ſondern auch zum Schlafgemach für die freien Leute, die zur Familie gehören. Nachts werden an jeder Seite längs der Wand ein halb Dutzend Lagerſtellen von Haidekraut zubereitet, das mit der Wurzel ausgerupft und auf ſolche. Art zurecht gelegt wird, daß es ein recht angenehmes Lager gibt; und darauf ſchla⸗ fen ſie denn, ohne eine andere Decke zu gebrauchen, als ihren ge⸗ würfelten, ſchottiſchen Mantel. Meinem Oheim und mir erwies man die Höflichkeit, uns beſondere Zimmer und Federbetten anzu⸗ weiſen, allein wir baten darum, ſie gegen ein Haidelager vertau⸗ ſchen zu dürfen, und in der That habe ich noch niemals ſo ange⸗ nehm geſchlafen. Das Lager war nicht allein ſanft und elaſtiſch, ſondern das Haidekraut, das eben in der Blüthe ſtand, verbreitete auch einen äußerſt lieblichen Geruch, der ungemein erfriſchend und ſtärkend iſt.» Geſtern waren wir zum Begräbniß einer alten Dame einge⸗ laden, der Großmutter eines benachbarten Edelmanns, und be⸗ fanden uns mitten unter fünfzig Perſonen, denen man ein pracht⸗ volles Gaſtmahl gab, gewürzt mit der Muſik von einem halben Dutzend Pfeifer. Kurz, dieſe Zuſammenkunft hatte ganz das An⸗ ſehen eines großen Feſtmahls, und die Gäſte erwieſen der Küche und dem Keller ſo viel Ehre, daß viele kaum mehr auf den Füßen 22 ſtehen konnten, als man uns an das Geſchäft erinnerte, um deſſen willen wir zuſammengekommen waren. Die Geſellſchaft ſtieg als⸗ bald zu Pferde und ritt in einem ziemlich unordentlichen Zuge nach dem Begräbnißorte, einer Kirche, die eine gute halbe Meile von dem Schloſſe ablag. Als wir daſelbſt angelangt waren, fand es ſich, daß wir ein kleines Verſehen gemacht und die Leiche zu Hauſe gelaſſen hatten. Wir mußten alſo rechtsumkehrt machen und der alten Dame halbwegs entgegenreiten, die von den näch⸗ ſten Verwandten ihrer Familie auf Stangen getragen und von der Corvnach gefolgt wurde, d. h. von einer Menge alter Weiber, die ſich die Haare zerraufen, ihre Bruſt zerſchlagen und mit entſetzlichem Geheul die Luft erfüllen. Am Grabe hielt der Redner oder Senachi eine Lobrede auf die Verſtorbene, und jeder Satz wurde durch ein Klaggeſchrei der Coronach beſtätigt. Endlich wurde die Leiche in die Erde geſenkt; während der ganzen Verhandlung ſpielten die Pfeifer eine Pibrach, und die Verſammlung ſtand mit entblösten Häuptern da. Den Schluß der Ceremvnien bildeten mehrere Pi⸗ ſtolenſchüſſe. Hierauf kehrten wir nach dem Schloſſe zurück, nah⸗ men die Flaſchen wieder zur Hand und gegen Mittag war, mit“. Ausnahme der Frauenzimmer, kein nüchterner Menſch mehr im ganzen Schloſſe. Nur mit vieler Schwierigkeit erhielten mein Oheim und ich Erlaubniß, uns Abends mit unſerm Wirthe hinweg zu begeben, allein der Trauernde nahm es doch beinahe übel, und ſchien es nachmals als einen Schimpf auf ſeine Familie anzuſehen, daß bei einer ſo feierlichen Veranlaſſung nicht mehr als hundert Gallonen Whisky ausgetrunken worden ſeyen. Heute früh ſind wir um vier Uhr aufgeſtanden, um auf eine Rehjagd' zu gehen, und eine halbe Stunde darauf fanden wir in der Halle das Früh⸗ ſtück bereit. Die Jäger beſtanden aus zwei Fremden, nämlich Sir George Colquhvun und meiner Wenigkeit(mein Oheim be⸗ zeigte keine Luſt zu der Partie), ferner aus dem Laird in eigener Perſon, des Lairds Bruder, des Lairds Brudersſohn, des Lairds 23 Schweſterſohn, des Lairds Vatersbrudersſohn und allen möglichen Milchbrüdern derſelben, die gleichfalls zur Familie gerechnet wer⸗ den; ſonſt hatten wir zum Gefolge eine ungeheure Menge Gälliſer oder zerlumpte Hochländer, ohne Schuh und Strümpfe. Folgendes waren die Beſtandtheile unſeres Frühſtücks: Eine große Schüſel mit gekochten Eiern, eine zweite mit Butter, eine vritte mit Rahm, ein ganzer Käs aus Ziegenmilch, ein großer irdener Topf voll Honig, ein kaum angeſchnittener Schinken, eine kalte Wildpretpaſtete, ein Scheffel Waizenmehl, in dünne Kuchen gebacken, mit einem kleinen Waizenbrod in der Mitte, für die Fremden, ein großer ſteinerner Krug voll Whisky, ein zweiter mit Branntwein und ein Fäßchen Ale. An dem Rahmeimer hing ein großer Löffel an einer Kette, womit man die niedlichen höl⸗ zernen Becher aus dieſem Behälter anfüllte. Der Whisky und Branntwein wurde aus einer ſilbernen Schale und das Ale aus Hörnern getrunken. Die Gäſte erwieſen ſammt und ſonders dem Frühſtück große Ehre; beſonders einer von ihnen aß mehr als zwei Dutzend hart geſottene Eier nebſt einer verhältnißmäßigen Portion Brod, Butter und Honig; auch blieb von dem Getränke kein Tröpflein übrig. Zuletzt wurde, gleichſam zum Nachtiſch, eine große Rolle Taback aufgeſetzt, und Jeder nahm ein hübſches Stück⸗ chen davon in den Mund gegen die böſe Morgenluft. Wir hatten eine ſchöne Jagd über die Gebirge auf einen Rehbock, den wir erlegten, und ich kam noch zeitig genug nach Hauſe, um mit Madame Campdell und meinem Oheim Thee zu trinken. Morgen werden wir nach Cameron zurückkehren. Wir gedenken über den Meerbuſen von Clyde zu gehen und die Stadt Greenock ſo wie Port Glasgow auf dem Wege mitzunehmen. Wenn wir dieſen Abſtecher zu Ende gebracht, werden wir unſer Antlitz nach dem Süden wenden und mit vermehrter Schnelligkeit der Sonne folgen, um den Reſt des Herbſtes in England zu genießen, allwo der Boreas nicht ganz ſo ſchneidend iſt, wie er auf den Spitzen dieſer 24 nordiſchen Hügel bereits zu werden beginnt. Indeß werde ich fortfahren, Sie von Ort zu Ort mit unſerer Reiſe bekannt zu⸗ machen, zum Beweis, daß ich unveränderlich bin Ihr H. Melford. Argileſhire den 3. September. An Dortar Tudwig. Lieber Doctor! Es ſind jetzt beinahe vierzehn Tage verfloſſen, ſeit wir die Hauptſtadt Schottlands verlaſſen und unſern Weg nach Stierling genommen haben, allwo wir bis jetzt feſt liegen. Das Kaſtell dieſes Orts ſieht dem von Edinburgh ſo gleich, wie ein Ei dem andern, und gewährt eine überraſchende Ausſicht auf die herrliche Landſchaft, in welcher ſich der Fluß Forth ſchlingelt. Seine Krüm⸗ mungen ſind ſo ſonderbar, daß man von hier bis Allva zu Lande nur vier ſchottiſche Meilen hat, und zu Waſſer vierundzwanzig. Alloa iſt eine artige, blühende Stadt, die größten Theils von dem Handel mit Glasgow lebt. Die Kaufleute von Glasgow ſchicken ihren Taback und andere Artikel hieher, um aus den hieſigen Speichern über den Forth weiter aus dem Lande ſpedirt zu wer⸗ den. Auf unſerm Wege hieher beſuchten wir ein bedeutendes Eiſenwerk, wo man ſtatt Holz Steinkohlen brennt, die mit vieler Kunſt vom Schwefel gereinigt werden, weil das Metall ſonſt zu ſpröde für den Hammer würde. In Schottland findet man faſt überall vortreffliche Steinkohlen. In dieſem Diſtrikt trägt der Boden beinahe nichts anderes als Haber oder Gerſte; vielleicht weil er ſchlecht beſtellt wird und faſt nirgends eingefriedigt iſt. Die wenigen Gehäge, die man hie und da ſieht, beſtehen aus kümmerlichen Mäuerlein von lockeren Stei⸗ 25 nen, die auf dem Felde zuſammengeleſen werden, wo ſie freilich ſo dick liegen, als ob man ſie abſichtlich ausgeſäet hätte. Als ich meine Verwunderung darüber äußerte, daß die Bauern den Weg nicht von dieſen Steinen reinigen, verſicherte mich ein Herr, der ſo⸗ wohl mit der theoretiſchen als praktiſchen Landwirthſchaft genau bekannt iſt, dieſe Steine ſeyen der Saat nicht nur nicht nachthei⸗ lig, ſondern im Gegentheile für ſie erſprießlich. Dieſer Philoſoph hat einen ſeiner Aecker von Steinen reinigen, gut düngen und mit Gerſte beſäen laſſen, da trug er weniger als je vorher. Nun ließ er die Steine wieder hinbringen und im folgenden Jahr ſtand ſeine Gerſte ſo ſchön als nur einmal. Als er die Steine zum zweiten Mal wegſchaffen ließ, bekam er eine ſchlechte Erndte und nachdem er ſie wieder hineingeſchafft hatte, zeigte ſich das Feld wie⸗ der in ſeiner ganzen Fruchtbarkeit. Denſelben Verſuch hat man in verſchiedenen Theilen Schottlands mit demſelben Erfolg angeſtellt. Die Sache war mir ſo neu, daß ich voll Erſtaunen fragte, wie er ſich denn eine ſo ſonderbare Erſcheinung erkläre worauf er mir zur Antwort gab, die Steine können dem Felde auf dreierlei Art von Nutzen ſeyn. Vielleicht halten ſie eine gar zu häufige Ausdünſtung der Erde zurück, welche Aehnlichkeit mit den sudori- bus colliquativis habe, die den menſchlichen Körper zuweilen entkräften und auszehren. Vielleicht könnten ſie auch den zarten Keimen und Sprößlingen zum Schutz gegen die ſchneidenden Früh⸗ lingswinde dienen, oder auch dadurch, daß ſie die Sonnenſtrahlen auf vervielfältigte Weiſe zurückwerfen, die Wärme vermehren und die natürliche Kälte des Bodens und Klima's mildern. Uebrigens könne man die allzuhäufigen Ausdünſtungen unſtreitig viel beſſer durch verſchiedene Arten von Dünger hemmen, wie zum Beiſpiel durch Aſche, Schlamm, Kalk oder Mergel; namentlich am letztern ſcheint es in den Gruben durchaus nicht zu fehlen. Auch würde die Wärme weit leichter durch eine Einfaſſung der Aecker erhalten, man dadurch die Hälfte der äche, die„ bedeckt. — 5 2 0 8 6 ₰„* — *—— 26 der Boden ließe ſich leichter bearbeiten und würde lange nicht ſo viel Pferde, Pflüge und Eggen koſten wie jetzt. Dieſe nordweſtlichen Gegenden ſind an Korn gar nicht ergie⸗ big. Der Boden iſt von Natur unfruchtbar und ſumpfig. Der Bauer wohnt elend, ſieht trübſelig aus, iſt höchſt dürftig gekleidet und voll Unrath. Letzteren Vorwurf könnten ſie indeß leicht weg⸗ waſchen, denn die Natur hat ſie ſehr reichlich mit Seen, Flüſſen und Bächen vom ſchönſten und reinſten Waſſer verſehen. An einen blühenden Stand der Landwirthſchaft kann man freilich nicht den⸗ ken, wo die Pachtungen ſo klein, die Termine ſo kurz und die Pächter zu ſo hohen Zinſen angenommen ſind, daß ſie nur darauf denken können, das Nöthigſte zu gewinnen, nicht aber die weſent⸗ lichſten Verbeſſerungen einzuführen. Die Kornſpeicher von Schott⸗ land ſind die Ufer der Tweed, die Grafſchaften von Oſt⸗ und Süd⸗Lothian, der Kaſten von Gowrie, in Pertſhire, der ſo frucht⸗ bar iſt, als eine Gegend Englands nur ſeyn kann, und ferner noch einige Striche in Aberdeenſhire und Murray, wo man, wie mir geſagt wurde, früher mäht als in Northumberland, ob ſie gleich über zwei Grade weiter nördlich liegen. Ich bin ſehr neu⸗ gierig, verſchiedene Plätze jenſeits des Forth und des Tay zu be⸗ ſuchen, wie zum Beiſpiel Perth, Dundee, Montroſe und Aberdeen, lauter wohlgebaute und blühende Städte; allein die Jahreszeit iſt bereits zu weit vorgerückt, um mir dieſe Ausdehnung meines erſten Plans zu geſtatten. Ich bin ſchon zufrieden, daß ich Glasgow geſehen habe, das, ſo weit ich mich zu entſinnen und zu beurtheilen vermag, zu den ſchönſten Städten Europa's gehört, wenigſtens iſt es ohne Wider⸗ ſpruch die blühendſte in ganz Großbritannien. In Beziehung auf Induſtrie iſt es ein wahrer Bienenſtock. Die Stadt liegt zum Theil an einer fanften Anhöhe, der größte Theil aber in einer Ebene, durch welche der Clydeſtrom fließt. Die Straßen ſind ge⸗ rade, offen, luftig und gut gepflaſtert, die Häuſer hoch, größten „r.N. pN . „* 27 Theils aus Steinen und feſt gebaut. Im obern Theile der Stadt ſteht die ehrwürdige Domkirche, die ſich mit Weſtminſter oder Vorkminſter vergleichen läßt. Wenn man von da herab bis zum Marktkreuz geht, ſo liegt ungefähr auf halbem Wege das Kolle⸗ gium, ein anſehnliches, altes Gebäude, mit allen möglichen Be⸗ quemlichkeiten für Profeſſoren und Studenten, einer ſchönen Bibliothek und einem mit aſtronomiſchen Inſtrumenten reichlich verſehenen Obſervatorium. Die Einwohnerzahl wird auf dreißig⸗ tauſend geſchätzt, und überall entdeckt man Zeichen von Wohlha⸗ benheit und Gemächlichkeit in dieſer Handelsſtadt, die übrigens auch nicht ohne ihre Fehler und Unvollkommenheiten iſt. Die öffentlichen Brunnen haben faſt alle ein hartes und etwas ſalziges Waſſer, ein Uebelſtand, der um ſo unverzeihlicher iſt, da in der niederen Stadt der Fluß Clyde den Leuten an den Thüren vorbei fließt, und bis über die Domkirche hinaus Quellen und Bächlein genug da ſind, um einen großen Behälter mit vortrefflichem Waſ⸗ ſer zu verſorgen, welches von da aus in alle Gegenden der Stadt geleitet werden könnte. Es wäre weit wichtiger, in dieſem Punkte für die Geſundheit der Einwohner zu ſorgen, als daß man durch das ewige Bauen von neuen Gaſſen, Plätzen und Kirchen auf die Verſchönerung der Stadt bedacht iſt. Ein anderer Fehler, dem nicht ſo leicht abzuhelfen ſeyn dürfte, iſt die Untiefe des Fluſſes, auf welchem kein Schiff von einiger Schwere näher als auf etwa zwei bis drei Meilen an die Stadt kommen kann, ſo daß die Kaufleute genöthig ſind, ihre Schiffe in Greenock und Port Glas⸗ gow zu befrachten und abzuladen, zwei Ortſchaften, die näher am Ausfluſſe des Clyde liegen, wo der Fluß bereits eine halbe Stunde breit iſt. Die Leute in Glasgow haben einen rühmlichen Unter⸗ nehmungsgeiſt. Herr Moore, ein Chirurg, an den ich von Edin⸗ burgh aus Empfehlungen hatte, hat mich bei den erſten Kaufleuten der Stadt eingeführt. So wurde ich mit Herrn Cochrane bekannt, welchen man einen von den Weiſen des Königreichs nennen darf. 28 Zur Zeit der letzten Rebellion ſtand er an der Spitze des Magi⸗ ſtrats. Ich ſaß als Mitglied im Unterhauſe, als er von demſel⸗ ben verhört wurde, und bei dieſer Gelegenheit bemerkte Herr P., er habe vor den Schranken des Hauſes noch nie ſo vernünftig ſprechen gehört. Auch bei Herrn Doctor John Gordon wurde ich eingeführt, einem Patrioten von ächt römiſchem Geiſte; er iſt der Stifter der hieſigen Leinwandmanufakturen, ſo wie ein großer Beförderer des ſtädtiſchen Arbeitshauſes, der Krankenanſtalt und anderer nützlichen Inſtitute dieſer Art. Hätte er im alten Rom gelebt, ſo würde man ihm gewiß auf öffentliche Koſten eine Statue errichtet haben. Ferner bin ich mit Herrn Gfffd. zuſammen gekommen, den ich für einen der größten Handelsherren von Europa halte. Im letz⸗ ten Kriege ſoll er nicht weniger als fünfundzwanzig Schiffe auf eigene Rechnung in der See gehabt und jährlich mehr als eine halbe Million Sterling umgeſetzt haben. Für Glasgow war der letzte Krieg eine glückliche Periode; die Kaufleute ſahen ein, daß ihre nach Amerika beſtimmten Schiffe, die gleich an der Nordſeite von Irland in das atlantiſche Meer ſtechen, einen Weg ſegelten, wohin nicht viele Kaper kamen, und beſchloßen daher, ſich gegen⸗ ſeitig zu verſichern; auf dieſe Art erſparten ſie eine anſehnliche Summe, weil nur wenige Schiffe von ihnen aufgebracht wurden. Sie müſſen wiſſen, daß ich für dieſen Theil von Schottland eine Art Nationalliebe hege. Die große Kirche, welche dem heiligen Mongah gewidmet iſt, der Clydefluß und mehrere andere Sachen, die nach unſerer wälſchen Sprache und unſeren wälſchen Gebräuchen ſchmecken, tragen dazu bei, meiner Einbildungskraft zu ſchmeicheln, dieſe Völker ſeyen Abkömmlinge der Briten, welche das Land frü⸗ her bewohnt hatten. Ohne alle Widerrede war dieß ein cambri⸗ ſches Königreich. Die Hauptſtadt war Dumbarton(ein verketzer⸗ ter Ausdruck für Dunbriton), wovon immer noch eine königliche Burg, anderthalb Meilen unter Glasgow, am Zuſammenfluſſe des Clyde und des Leven, vorhanden iſt. Ganz in der Nähe wurde 29 St. Patrik, der Apoſtel von Irland, geboren, an einem Orte, wo noch heut zu Tage ein Dorf und eine Kirche dieſes Namens zu finden ſind. Nicht weit davon ſtößt man auf Ueberbleibſel von der berühmten Römermauer, die unter der Regierung Antonins erbaut wurde, ſich vom Clyde bis an den Forth erſtreckte, und mit Thürmen befeſtigt war, um das Land vor den Einfällen der Scoten oder Caledonier zu beſchützen, welche die weſtlichen Hoch⸗ länder bewohnten. Die Kaufleute von Glasgow ſind entſchloſſen, in einer Parallel⸗Linie mit dieſer Mauer zwiſchen den beiden Meerbuſen einen ſchiffbaren Kanal zu ziehen, der von unendlichem Nutzen für ihren Handel ſeyn wird, indem ſie auf dieſe Art ihre Güter von einer Seite der Inſel zur andern transportiren können. Von Glasgow aus reisten wir am Ufer des Clyde hin, der ein hübſcher Fluß iſt, auf beiden Seiten mit Landſitzen, Städten und Dörfern geziert. Es fehlt hier nicht an Buſchwäldern, die mit Wieſen und Kornfeldern abwechſeln, allein dieſſeits Glasgow findet man wenig anderes Getraide als Haber und Gerſte, und zwar den erſtern viel beſſer, letztern aber weit ſchlechter als in Eng⸗ land. Es wundert mich, daß es ſo wenig Roggen gibt, da dieſe Frucht doch beinahe auf jedem Boden fortkommt, noch mehr aber muß ich darüber ſtaunen, daß der Kartoffelbau in den Hochlanden ſo vernachläßigt iſt, während doch die armen Bauern nicht Mehl genug haben, um ſich für den Winter mit Brod zu verſehen. Auf der andern Seite des Fluſſes liegen die Städte Paisley und Ren⸗ frew. Erſtere war ein unanſehnliches Dorf, iſt aber durch ſeine verſchiedenen Manufakturen, in denen Leinwand, Kammertuch, ge⸗ blümtes Neſſeltuch und Seide bereitet wird, zu einem der blü⸗ hendſten Orte des Königreichs geworden. Früher war Paisley durch ein reiches Mönchskloſter berühmt, welches der Verfaſſer des berühmten Scoti chronicon, Clugny, unter dem Titel:„das ſchwarze Buch von Paisley,“ ſchrieb. Die alte Abtei ſteht immer noch, iſt aber in ein Wohnhaus umgewandelt, und gehört dem 30 Grafen von Dundonald. Renfrew iſt ein hübſches Städtchen am Ufer des Clyde, und die Hauptſtadt der Grafſchaft, die ehedem ein Erbſtück der Stuart'ſchen Familie war, und wovon der älteſte Sohn des Königs den Baronstitel führte, welchen der Prinz von Wales immer noch annimmt. In Dunbriton ließen wir den Clyde, der hier, nachdem der Leven ſich mit ihm vereinigt, eine Art von Frith oder Meerbuſen macht, ein wenig links liegen. Hier ſteht das Kaſtell, das früher Alcuyd hieß, und auf allen Seiten von dieſen beiden Flüſſen be⸗ ſpült wird, mit Ausnahme einer ſehr ſchmalen Erdzunge, die aber auch bei jeder Springfluth überſchwemmt wird. Das Ganze iſt eine ſehenswürdige Seltenheit, ſowohl was die Form des Felſens anbelangt, als auch wegen ſeiner eigenthümlichen Lage. Hier gingen wir über den Leven, der zwar nicht ſo groß iſt als die Clyde, aber klarer, arkadiſcher, freundlicher. Dieſer allerliebſte Bach fließt aus dem See Lough⸗lomond, und rieſelt eine ſtarke deutſche Meile durch ſchlängelnde Krümmungen über ein Kiesbett, bis er ſich bei Dunbriton in den Clyde ergießt. Ein Bischen oberhalb ſeiner Quelle am See liegt das Landgut Cameron, das Herrn Smollet gehört, und dergeſtalt von einem Eichwalde um⸗ geben iſt, daß wir es erſt fünfzig Schritte vom Thore zu Geſichte bekamen. Ich habe den Gardaſee, den Albanerſee, den Vicoſee, den Bolſenaſee und den Genfer See geſehen, aber auf Ehre und Seligkeit, der Lough⸗lomond iſt mir lieber, als dieſe alle, und zwar hauptſächlich wegen der grünen Inſeln, die auf ſeiner Ober⸗ fläche zu ſchwimmen ſcheinen, und dem Auge bei der uneinge⸗ ſchränkten Ausſicht die reizendſten Ruhepunkte darbieten. Auch ſei⸗ nen Ufern fehlt es nicht an Schönheiten, die ſogar etwas Erha⸗ benes haben. Dieſſeits entwickeln ſie eine ſehr hübſche Abwechs⸗ lung von Gebüſchen, Kornfeldern und Weiden mit verſchiedenen lieblichen Landhäuſern, die gleichſam aus dem See emporzußteigen ſcheinen, und nach und nach endigt ſich der Proſpekt mit ungeheuren 31 Bergen, auf denen Haide wächst, und die einem reichen, purpur⸗ farbenen Teppich ähnlich ſehen, weil die Haide eben in voller Blüthe ſteht. Mit Recht nennt man dieſes Land das ſchottiſche Arkadien, und ich glaube mit Zuverſicht, daß es, abgeſehen vom Klima, in allen Stücken mit dieſem gefeierten Lande des Glücks wetteifern kann, in Beziehung auf Laub und Gras, Holz und Waſſer aber ſogar vorzuziehen iſt. Was ſagen Sie zu einem natürlichen Baſſin von klarem, hellem Waſſer, das gegen zehn deutſche Meilen lang, an manchen Orten anderthalb breit, und hie und da über 100 Klafter tief iſt, und worin ſich vierundzwan⸗ zig bewohnte Inſeln befinden, von denen einige ſogar Hochwild haben, alle aber mit Waldungen bedeckt ſind; das ferner eine große Menge der ſchmackhafteſten Fiſche enthält, als Lachs, Hecht, Forelle, Schleuen, Aal und Powan, letzterer eine ganz delikate Art Häring, die nur in dieſem See lebt; einem Baſſin endlich, das auch noch den Vortheil hat, durch den ausfließenden Leven mit dem Meer in Verbindung zu ſtehen, vermittelſt deſſen all dieſe Fiſcharten, mit Ausnahme der Powan, gelegentlich ab- und zu⸗ ſchwimmen. Inliegend ſende ich Ihnen die Abſchrift einer kleinen Ode an dieſen Bach, von Doctor Swmollet, der an den Ufern deſſelben, eine Stunde von dem Orte, wo ich dieſes ſchreibe, geboren wurde. Wenn ſie auch weiter kein pvetiſches Verdienſt hat, ſo malt und beſchreibt ſie doch wenigſtens richtig und genau. In einer ange⸗ nehmen, nach der Natur gezeichneten Landſchaft herrſcht eine Idee der Wahrheit, die mir mehr gefällt, als die luſtigſte Fiktion der üppigſten Einbildungkraft. Ich hätte noch allerhand zu bemerken, allein mein Papier iſt zu Ende, und ſo muß ich es bis zur nächſten Gelegenheit aufſparen. Vor der Hand will ich nur noch hinzufügen, daß ich entſchloſſen bin, noch wenigſtens zwölf oder fünfzehn Meilen in die Hoch⸗ lande hineinzureiſen, die mir jetzt gleich einem hohen Wolken⸗ 32 gebilde vor den Augen liegen, und zur näheren Anſchauung reizen Ihren ergebenſten M. Bramble. Cameron, den 28. Auguſt. Ode an den Fluß Leven. Hier wohnt die Freiheit und die junge Freude, Am Ufer meines Stroms, und mein Gedicht Singt Lieb'; ich tanze hier und neide Den Schäfer aus Arkadien nicht. Kriſtallner Strom, in deſſen reiner Welle. Ich badete von früher Jugend auf, Kein Gießbach trübet deine Quelle, Kein Fels verſtellet deinen Lauf, Der anmuthsvoll mit lieblichem Gerieſel Sein ſchönes Bett hinab ſich gießt, Gedeckt mit weißem, rundem Kieſel, In ſchneller, leichter Wendung fließt. Wie wimmelt es in der kriſtallnen Welle, Wie freut ſich drin in namenloſer Zahl Der wilde Hecht, die ſcheckigte Forelle, Der Lachs, der Schmerling und der Aal! Vom väterlichen Sce bis zu dem Clyde Macht uns dein Gang ein ſchönes Labyrint, Wo Fichtenwälder, Birkenhain' und Weide Und blüthenreiche Hecken ſind; Wo Schäfer geh'n und reiche Heerden blöcken Am Ufer hin, ein grünes, ſchönes Land, Wo junge Mägvlein ſingen in den Hecken, Den blanken Eimer in der Hand; Und dein beglücktes Volk iſt unverdroſſen Und treu und redlich, und durch That Feſt zu vertheidigen entſchloſſen Den ſchönen Segen, den es hat. 33 An Doctor Ludwig. Lieber Doctor! Wenn ich in meiner kritiſchen Laune wäre, ſo würde ich ſagen, das Haus hier in Cameron ſey zu nahe am See, denn dieſer liegt an der einen Seite nicht mehr als ſechs oder ſieben Ellen von der Fenſterwand. Auch hätte es auf einem höhern Platze angelegt werden dürfen, um eine freiere Ausſicht und eine trocknere Atmo⸗ ſphäre zu haben; indeß kann man dieſen Uebelſtand dem derzeiti⸗ gen Beſitzer nicht zur Laſt legen, denn dieſer kaufte es bereits gebaut, weil er ſich nicht die Laſt auf den Hals laden wollte, ſein eigenes Familienhaus zu Bonhill ausbeſſern zu laſſen, das eine Stunde von hier am Leven liegt, und dergeſtalt mit Pflan⸗ zungen umgeben iſt, daß man es nur das Krammetsvogelneſt nennt. Ueber dieſem Hauſe iſt eine ſehr romantiſche Felſenklippe, mit hängenden Geſträuchen bedeckt, und an ihrem Fuße ein kleines Bächlein, das eine Menge Waſſerfälle bildet, bis es ſich in den Leven ergießt, und wirklich höchſt ergötzlich anzuſchauen iſt. Ein Kapitän von einem Kriegsſchiff, der mit Anſon die Reiſe um die Welt gemacht hat, rief, als man ihn zu dieſem Felſen führte: „Beim Himmel, Juan Fernandez!“. In der That wäre dieſe Gegend ein vollkommenes Paradies, wenn ſie nicht, wie Wales, den Fluch eines feuchten Klima's auf ſich hätte, das in beiden dieſelben Urſachen hat, nämlich die Nach⸗ barſchaft der hohen Gebirge und die weſtliche, den Dünſten des atlantiſchen Oceans ausgeitetzte Lage. Gleichwohl iſt dieſe Luft, ungeachtet ihrer Feuchtigkeit ſo geſund, daß die Leute hier zu Lande von keiner andern Krankheit heimgeſucht werden, als von den Kinderblattern und einigen Hautausſchlägen, die aber von ihrer Unreinlichkeit herkommen, dem allgemeinen Hauptfehler des großen Haufens in dieſem Königreiche. Smollet's Romane. XV. 3 34 Es gibt hier eine Menge lebendiger Beiſpiele von hohem Alter, und unter anderen einen Mann, den ich wie einen ehr⸗ würdigen Druiden mit ausnehmender Hochachtung behandle und der ohne Krankheit und Schmerzen neunzig Jahre unter ſelbſtge⸗ pflanzten Eichen gelebt hat. Er war ehedem Beſitzer dieſes Land⸗ gutes, dabei aber ein großer Projektmacher, und da ihm einige ſeiner Anſchläge verunglückten, ſah er ſich genöthigt, es zu ver⸗ äußern. Seitdem hat es ſchon drei verſchiedene Herren gehabt, von denen einer wie der andere ſein Möglichſtes that, dem guten Alten den Reſt ſeiner Tage erträglich und ſogar angenehm zu machen. Er hat ſo viel übrig behalten, daß er ſeine nothwendig⸗ ſten Bedürfniſſe beſtreiten kann, und er bewohnt mit ſeiner alten Ehefrau ein kleines, aber artiges Bauernhaus, womit ein Garten verbunden iſt, den er mit eignen Händen beſtellt. Das alte Pär⸗ chen lebt in guter Geſundheit, in Frieden und Einigkeit dahin, weiß von keinem Mangel und genießt ein beneidenswerthes Glück. Herr Smollet nennt ihn den Admiral, weil er darauf beſteht, ſein Luſtſchiffchen auf dem See ſelbſt zu ſteuern; die meiſte Zeit hin⸗ durch aber ſchlendert er in den Wäldern herum, und hat dabei, wie er verſichert, ſo viel Vergnügen, wie wenn ſie noch ſein Ei⸗ genthum wären. Vor einigen Tagen fragte ich ihn, ob er niemals krank geweſen ſey, worauf er antwortete: ja, ein Jahr vor der Union habe er das Fieber gehabt. Wenn er nicht harthörig wäre, ſo würde mir ſeine Unterhaltung viel Vergnügen machen, denn er hat ſehr viel Verſtand und ein wahrhaft erſtaunliches Gedächt⸗ niß. Dieß ſind die glücklichen Früchte eines mäßigen, arbeitſamen und harmloſen Lebens. Trotz aller ſeiner Argloſigkeit war er indeß dennoch die Urſache, daß mein Bedienter Humphry in einen ge⸗ waltigen Schreck gerieth. Der Purſche iſt ſchon von Haus aus abergläubiſch, allein die vielen Geſchichtchen, die man ihm hier zu Lande von Hexen, Feen, Nixen, Geſpenſtern und Kobolden vorſchwatzt, haben ihm vollends den Genickfang gegeben. Den 35 Abend nach unſerer Ankunft ſchlenderte Humphry im Walde herum, um ſeinen beſchaulichen Betrachtungen nachzuhängen, und ſiehe, da ſtand auf einmal unter dem Schatten einer breiten Eiche der Admiral vor ihm. Man kann dem Kerl nicht nachſagen, daß er ängſtlich ſey bei Fällen, wo er nichts Uebernatürliches vorausſetzt, allein dieſe Erſcheinung war ihm doch zu ſchrecklich, er rannte mit zu Berge ſtehenden Haaren, wild aufgeriſſenen Augen, ſprachlos in die Küche. Jungfer Jenkins, die ihn in dieſem Zuſtande ſah, ſchrie laut:„Gott ſey uns gnädig, er hat etwas geſehen,“ und Tabby brachte in ihrer Angſt das ganze Haus in Aufruhr. Als er ſich nach einem Schluck Wachholderbranntwein wieder gefaßt hatte, fragte ich ihn, was der ganze Lärm zu bedeuten habe, und er geſtand mir, jedoch nicht ohne Widerwillen, er habe einen Geiſt geſehen in der Geſtalt eines alten Mannes mit einem weißen Barte, einer ſchwarzen Kappe und einem gewürfelten Schlafrock. Der Admiral half ihm in eigener Perſon aus dem Traume, denn er trat in dieſem Augenblicke in's Haus und gab ihm handgreif⸗ liche Beweiſe, daß er ein Geſchöpf von Fleiſch und Blut ſey. Wiſſen Sie auch, mein lieber Doctor, wie wir in dieſem Paradieſe von Schottland leben? Wir thun, als ob unſers Herrn Hauswirths Hämmel, welche vortrefflich find, ſeine Hühner, ſein Garten, ſeine Milcherei und ſein Keller, ſämmtlich im wünſchens⸗ wertheſten Zuſtande, uns eigen angehörten. Vortrefflichen Lachs, Hecht, Forellen und Schleie haben wir dicht vor unſerer Naſe und dürfen nur zugreifen. Der Meerbuſen Clyde jenſeits des Verges liefert uns Meerbarben, rothe und graue, Makrelen, Kabbliau, Wittlinge und eine Menge anderer Seefiſche, worunter die ſchön⸗ ſten friſchen Häringe zu rechnen ſind, die ich in meinem Leben gekoſtet habe. Wir bekommen ſchönes, ſaftiges Rindfleiſch, erträg⸗ liches Kalbfleiſch und delikates Brod aus dem Städtchen Dumbri⸗ ton; Rebhühner, Schnepfen u. dergl. wildes Geflügel wird uns die Hülle und Fülle in die Küche geſchenkt. 36 Sämmtliche benachbarte Edelleute haben uns beſucht und in ihren eigenen Häuſern nicht blos gaſtfreundlich bewirthet, ſondern auch mit ſolchen Beweiſen herzlicher Zuneigung erfreut, die man nur von nahen Anverwandten nach jahrelanger Abweſenheit er⸗ warten darf. In meinem letzten Briefe ſagte ich Ihnen, ich gedenke einen kleinen Ausflug nach den Hochlanden zu machen, und dieſes Pro⸗ jekt habe ich jetzt glücklich ausgeführt, unter den Auſpicien des Sir Georg Colquhoun, eines Oberſten in holländiſchen Dienſten, der ſich uns zum Führer anbot. Unſere Damen ließen wir in Cameron unter dem Schutze und der Aufſicht der Lady H.; wir ritten nach Inverary, der Hanptſtadt von der Grafſchaft Argile, und ſpeisten unterwegs bei dem Laird von Maipherlane zu Mit⸗ tag, dem größten Genealogiker, der mir jemals vorgekommen iſt, und der auch ſämmtliche Alterthümer von Schottland auf's Genaueſte kennt. Der Herzog von Argile bat ein altes Schloß in Inverary, wo er reſidirt, wenn er nach Schottland kommt; hart daneben ſtehen die Wände eines von dem letzten Herzog begonnenen prächtigen gothiſchen Palaſtes, der, wenn er einmal vollendet iſt, für dieſe Gegend der Hochlande einen großen Schmuck abgeben wird. Inve⸗ rary ſelbſt iſt keine Stadt von ſonderlicher Bedeutung. Die Gegend iſt außerorventlich wild, beſonders nach den Ge⸗ birgen zu, die aufeinander gethürmt ſind, und wo die ungeſchlachte Natur in grauenvoller Größe erſcheint und nirgends Spuren von menſchlicher Hand zu ſehen ſind. Allenthalben herrſcht hier erhabne Stille und Einfamkeit. Die Leute leben in den Klüſten und Fel⸗ ſenſpalten, wo ſie vor den Stürmen und der Kälte des Windes Schutz ſuchen, allein an der Seeſeite liegt längs den Gebirgen hin ein flacher Strich Landes, der ſehr gut bewohnt und angebaut iſt, und dieſen halte ich für eine der angenehmſten Gegenden von der ganzen Inſel. Die See hält ihn nicht allein warm und ver⸗ 37 ſieht ihn mit Fiſchen, ſondern gewährt auch eine der entzückendſten Ausſichten von der ganzen Welt, ich meine nemlich die Hebriden oder weſtlichen Inſeln, dreihundert an Zahl, die man, ſo weit das Auge reicht, im lieblichſten Durcheinander daliegen ſieht. Da in den Hochlanden Boden und Klima für den Kornbau gleich un⸗ günſtig ſind, ſo beſchäftigen ſich die Leute hauptſächlich mit der Viehzucht, bei der ſie ihre gute Rechnung finden. Im Winter laufen die Thiere alle wild herum, und wiſſen weder von Ställen noch von einer andern Fütterung, als die ſie auf der Haide ſelbſt finden. Wenn der Schnee ſo tief oder hart iſt, daß ſie nicht bis zu den Wurzeln der Gräſer durchdringen können, ſo gehen ſie, von ſicherem Inſtinkt geleitet, jedesmal zur Ebbezeit an die See und freſſen da das Meergras und andere Pflanzen, die am Ufer wachſen. Vielleicht gehört dieſer Zweig der Landwirthſchaft, weil er ſo wenig Arbeit und Aufſicht erfordert, zu den Hanpturſachen der Trägheit und Liebe zum Müßiggang, wodurch ſich die Hochländer in ihrer Heimath auszeichnen. Sobald ſie indeß in die Welt hin⸗ auskommen, werden ſie ſo fleißig, ſo flink und anſtellig, wie nur irgend ein Volk auf Erden. Sie ſind ohne alle Widerrede eine ganz andere Race Menſchen, als ihre Mitunterthanen im platten Lande, gegen die ſie noch immer einen alten Widerwillen haben. Dieſe Verſchiedenheit iſt ſo durchgreifend, daß man ſie ſogar bei Perſonen von Stand und Erziehung deutlich bemerkt. Die Platt⸗ länder ſind in der Regel kaltblütig und behutſam, die Hochländer heftig und wild; allein die Heftigkeit ihrer Leidenſchaften dient nur dazu, ihre Ergebenheit und Dienſtfertigkeit gegen Fremde, in welchem Stück ſie wahre Enthuſiaſten ſind, nur noch mehr zu be⸗ leben und anzufeuern. Wir kamen fünf bis ſechs Meilen über Inverary hinaus zu einem Edelmann, der ein Freund von unſerm Führer iſts hier blieben wir ein paar Tage und wurden ſo gaſtlich bewirthet, daß ich anfing, für meine Geſundheit zu ſorgen. 38 Ohngeachtet der Einſamkeit, die hier in den Gebirgen herrſcht, fehlt es in den Hochlanden doch nicht an Leuten. Man hat mich aus glaubwürdiger Quelle verſichert, der Herzog von Argile könne fünftauſend Mann unter Waffen ſtellen, die zu ſeinem eigenen Clan und Zunamen gehören, welche Campbell heißt; und außer⸗ dem gibt es noch einen Stamm deſſelben Namens, deſſen Haupt der Graf von Breadalbine iſt. Ebenſo zahlreich und ſehr gute Soldaten ſind die Macdonalds. Die Camerons, Mac Leods, Fra⸗ zers, Grants, M'Kenzies, M'Kays, M'Pherſons, MIntoſhes ſind gewaltige Clans; ſo daß man, wenn man alle Hochländer, mit Einſchluß der Inſelnbewohner, zuſammenziehen wollte, eine Armee von vierzigtauſend ſtreitbaren Mann in's Feld ſtellen könnte, brauchbar und geſchickt zu den gefährlichſten Unternehmungen. Wir haben es erlebt, daß viertauſend von ihnen, die noch dazu ohne alle Disciplin waren, das ganze Königreich Großbritannien mit Angſt und Schrecken erfüllten. Sie griffen zwei Armeen reguläre,“ an den Dienſt gewöhnte Truppen an und ſchlugen ſie in die Flucht. Sie drangen vor bis in's Herz von England, und marſchirten dreiſt im Angeſicht zweier anderer Heere durch ein feindliches Land zurück, wo man alle Maßregeln getroffen hatte, um ihnen den Rückzug abzuſchneiden. Ich weiß keine andere Nation in Europa, die ohne Uebung in den Waffen reguläre Truppen mit dem Schwerdt in der Hand angreift, ſobald ihr Befehlshaber ſie in's Treffen führt. Mit der gehörigen Disciplin müßten ſie vortref⸗ liche Soldaten dbgeben. Sie gehen nicht wie die übrigen Men⸗ ſchenkinder, ſondern traben und ſpringen, wie die Rehe, gleich als ob ſie Stahlfedern unter den Ferſen hätten. Den Plattlän⸗ dern thun ſie es in allen körperlichen Uebungen, welche Behendig⸗ keit erfordern, bei weitem voraus; ſie ſind unglaublich enthaltſam und merkwürdig abgehärtet gegen Hunger und Strapazen; na⸗ mentlich aber ſind ſie gegen die Unbilden der Witterung ſo geſtählt, daß ſie auf ihren Reiſen, wenn auch das ganze Erdreich mit Schnee 39 bedeckt iſt, ſich nie nach einem Hauſe oder ſonſt einem Dach und Fach umſehen, ſondern ſich ganz ruhig in ihren Mantel hüllen und unter dem Himmelsgezelte ſchlafen legen. Solche Leute müſſen als Soldaten unüberwindlich ſeyn, wenn es auf ſchnelle Märſche in unwegſamen Gegenden ankommt, oder wenn es ſich darum han⸗ delt, den Feind in den Winterquartieren zu beunruhigen, ſeine Reiterei zu ermüden, oder ohne das Geſchleppe von Magazinen, Bagage, Fourage und ſchwerem Geſchütz einen Schlag zu thun. Die Macht eines Oberhauptmanns in den Hochlanden kann von gewaltigem Einfluß ſeyn, da ſie am äußerſten Ende der Inſel wirkt, wohin das Auge der Regierung nicht ſo genau ſehen, wo ihr Arm nicht ſo kräftig eingreifen kann. Um die Macht der Clanſchaften zu brechen, hat die Adminiſtration von jeher den politiſchen Grundſatz befolgt: Divide et impera. Das Parlament hat dieſe Bergbewohner nicht nur entwaffnet, ſondern auch ihrer urſprünglichen Tracht beraubt, welche großentheils dazu beitrug, ihren militäriſchen Sinn rege zu erhalten; durch eine Parlaments⸗ akte iſt auch ihr ſclaviſches Unterthanenverhältniß gegen die Grund⸗ herren aufgehoben, ſo daß ſie ſo frei und unabhängig ſind, als das Geſeß ſie machen kann. Ihre urſprüngliche Anhänglichkeit iſt indeß dennoch geblieben und gründet ſich auf etwas Aelteres, als auf das Feudalſyſtem, von dem die Schriftſteller unſeres Jahr⸗ hunderts ſo viel Aufhebens gemacht haben, als wäre es eine nagelneue Entdeckung und ſo wichtig, wie das kopernikaniſche Syſtem. Jede eigenthümliche Erſcheinung in der Politik, in den Gebräuchen und ſogar Temperamenten der Menſchen wird mit vieler Kunſt auf dieſen Urſprung hingeleitet, gleich als ob die Feudalverfaſſung nicht beinahe in ganz Europa gegolten hätte. Es ſoll mich gar nicht wundern, wenn man zuletzt noch die hohen Abſätze der Weiber und die Pluderhoſen der Männer für eine Folge des Feudalſoyſtems erklärt. Das Band zwiſchen den Clans 40 und ihren Häuptern oder Aelteſten iſt unbeſtrittenermaßen patriar⸗ chaliſch. Es gründet ſich auf eine, vom Vater auf den Sohn ver⸗ erbte Ehrfurcht und Ergebenheit, die in einer langen Reihe von Jahrhunderten zur Gewohnheit geworden iſt. Die Mitglieder eines Clans betrachten ihren Häuptling als Vater, tragen ſeinen Na⸗ men, halten ſich für Abkömmlinge von ſeiner Familie und gehor⸗ chen ihm als ihrem Herrn mit der größten kindlichen Liebe und Verehrung. Er ſeinerſeits übt eine väterliche Gewalt aus, befiehlt, ſtraft, belohnt, beſchützt und ſorgt für ſie als ſeine Kinder. Wollte die geſetzgebende Macht dieſes Band gänzlich vernichten, ſo müßte ſie die Hochländer zwingen, ihre Wohnorte und Namen zu ver⸗ ändern. Auch dieſer Verſuch iſt bereits ohne Erfolg angeſtellt worden. Unter der Regierung Jakobs VI. fiel einige Meilen von hier zwiſchen zwei Clans, den M'Gregors und den Colquhouns, ein Treffen vor, in welchem Letztere überwunden wurden. Der Laird von M'Gregor machte einen ſolch' barbariſchen Gebrauch von ſeinem Siege, daß er durch eine Parlamentsakte in die Acht erklärt, ſeine Ländereien der Familie Montroſe übergeben und der ganze Clan gezwungen wurde, einen andern Namen anzunehmen. Sie gehorchten inſofern, daß ſie ſich theils Campbell, theils Gra⸗ ham oder Drummond nannten, was die Zunamen der Familien Argile, Montroſe und Perth ſind, um den Schutz dieſer Häu⸗ ſer zu genießen, ſetzten aber ihrem neuen Namen immer MGregor bei, und weil ihr Oberhaupt ſeiner Güter beraubt war, ſo plün⸗ derten und raubten ſie, um ihm ſeinen Unterhalt zu verſchaffen. Der Chef dieſes Clans, Hr. Cameron von Lochiel, deſſen Vater ſich wegen Theilnahme an der letzten Rebellion flüchtiß gemacht hatte, kam zu Anfang des letzten Krieges, in Folge eines Gna⸗ denbriefs vom Parlament aus Frankreich zurück, ging in ſeine Heimath und pachtete ein kleines Gut in der Nähe von ſeines Vaters Haus, das bis auf den Grund abgebrannt war. Die Angehörigen des Clans, ſo heruntergekommen und zerſtreut ſie 41 waren, hörten nicht ſo bald von ſeiner Ankunft, als ſie ſich ſchaa⸗ renweiſe von allen Seiten einfanden, um ihn zu bewillkommnen, und binnen weniger Tage verſorgten ſie ſeine Ställe und Waiden mit ſiebenhundert Stück Hornvieh, die ſie aus dem allgemeinen Schiffbruch ihrer Habſeligkeiten gerettet hatten; nur Schade, daß ihr geliebtes Oberhaupt, ein vielverſprechender Jüngling, zu früh ſtarb, um die Früchte ihrer Treue und Ergebenheit genießen zu können. Ich für meine Perſon wüßte kein wirkſameres Mittel, dieſen Einfluß zu ſchwächen und endlich gar aufzuheben, als wenn man den gemeinen Mann auf eine Art zu beſchäftigen ſuchte, die ibm Sinn für Freiheit und Eigenthum beibrächte. Vergeblich gibt ihnen die Regierung die ihr zugefallenen Güter wohlfeil in die Pacht, ſo lange ſie kein Vermögen haben, etwas darauf zu ver⸗ wenden und ſie dadurch auszubeſſern. Die See iſt zwar eine un⸗ erſchöpfliche Fundgrube von Reichthümern, allein ohne Fahrzeuge, ohne Tonnen, ohne Salz, ohne Netze, Schnüre und andere der⸗ artige Werkzeuge, kann man keine Fiſcherei treiben. Ich habe mit einem ſehr geſcheidten Manne aus der hieſigen Gegend geſprochen, der aus wahrem Patriotismus eine Fiſcherei auf der Küſte und eine Fabrik für grobe Leinwand angelegt hatte, nur um den armen Hochländern eine BVeſchäftigung zu geben. Stockfiſche ſind hier in ſolcher Menge vorhanden, daß er mir geſagt hat, er habe einmal auf Einen Zug und an einer einzigen Linie 700 Stück aufziehen geſehen. Dabei iſt indeß zu bemerken, daß die Linie ungeheuer lang war und 2000 Angeln hatte, woran Muſcheln ſteckten; übri⸗ gens war der Fiſch auch um ſo viel beſſer als derjenige, den man in Neufoundland fängt, daß ein Geſchäftsfreund in Liſſabon ihn bin⸗ nen wenigen Stunden zu hohem Preiſe verkaufte, obgleich die Faſtenzeit eben zu Ende war, als das Schiff anlangte und man alſo wohl annehmen kann, daß die Leute ſich an dieſem Gericht müde gegeſſen hatten. Seine Leinwandfabrik war gleichfalls ſchon 42 ziemlich im Gange, als der letzte Krieg ausbrach und ihm die beſten Leute raubte. Man muß nicht erwarten, daß die hieſigen Edelleute Handels⸗ entwürfe ausführen ſollten, in Folge deren ihre Unterthanen un⸗ abhängig werden könnten; Pläne dieſer Art würden ſich weder mit ihrer gewohnten Lebensweiſe, noch mit ihren ſonſtigen Neigungen vertragen. Eine Handelsgeſellſchaft aber könnte, wenn ſie die Sache klug angriffe, mit einer Fiſcherei in dieſer Gegend von Schottland gewiß gute Geſchäfte machen. Unſer Volk hat den ſonderbaren Kitzel bekommen, Amerika zu koloniſiren, während wir doch mit größerem Vortheil in den noch unbebauten Gegenden unſerer eigenen Inſel Anſiedlungen gründen könnten. Nachdem wir die Berge und Klüfte von Argile durchgeklettert, beſuchten wir die nahe liegenden Inſeln Jla, Jura, Mull und Jeolmkill. Auf der erſten ſahen wir die Trümmer eines in einen See gebauten Schloſſes, wo ehemals Macdonald, der Herr oder König der Inſeln; reſidirt hatte. Jura iſt berühmt als die Ge⸗ burtsſtätte eines gewiſſen Macrain, der 180 Jahre in Einem Hauſe wohnte und unter der Regierung Carls II. ſtarb. Mull hat verſchiedene Buchten mit gutem Ankergrund; in einer derſel— ben wurde die Florida, ein Schiff von der ſpaniſchen Armada, von einem Vorfahr des Herrn Smollet in die Luft geſprengt. Vor etwa vierzig Jahren ſoll der Herzog John von Argile die ſpani⸗ ſchen Archive befragt und daraus erſehen haben, daß dieſes Schiff die Kriegskaſſe am Bord hatte. Er nahm nun erfahrene Taucher in ſeinen Sold, um das Wrak zu unterſuchen, und dieſe fanden auch das Gerippe des Schiffes noch ganz, aber dermaßen init Sand bedeckt, daß ſie nicht zwiſchen die Verdecke durchkommen konnten, indeß brachten ſie doch einiges Silbergeräthe herauf, das in der Bucht hin und wieder zerſtreut lag, desgleichen auch ein paar ſchöne metallene Kanonen. Jrolmkill oder Jona iſt eine kleine Inſel, welche der heilige 43 Columban zu ſeinem Aufenthalt wählte. Sie wurde ſehr verehrt wegen ihrer Heiligkeit, ſowie wegen ihres Seminars oder Kolle⸗ giums für Geiſtliche. Ein Theil der Kirche ſteht noch mit den Grabmälern von verſchiedenen ſchottiſchen, iriſchen und däniſchen Souveränen, die hier beigeſetzt ſind. Dieſe Inſulaner ſind ſehr kecke und erfahrene Seemänner, ſomit auch geſchickte Fiſcher. Im Uebrigen ſind ſie nicht ſo wild und heftig, wie ihre Landsleute auf dem Feſtlande, und ſprechen das Erſiſche oder Gäliſche in ſeiner größten Reinheit. Nachdem wir unſere Pferde zu Lande nach Hauſe geſchickt hatten, ſetzten wir uns in dem Diſtrikt von Cobal in ein Boot und ließen uns nach Greenock überſetzen, einem hübſchen Städtchen jenſeits des Meerbuſens, das einen ſchönen Hafen hat, beſtehend aus drei ſteinernen Erhöhungen, die eine gute Strecke Weges in die See hineinragen. Ein ganz ähnlicher Ort iſt Newport Glas⸗ gow, eine kleine Meile weiter oben. In dieſen beiden Orten herrſcht große Rührigkeit und Wohlhabenheit, ſie leben von der Spedition für Glasgow, und ich ſah in den beiden Häfen wenig⸗ ſtens ſechzig große Schiffe auf Rechnung dieſer Stadt liegen. In Newport nahmen wir abermals ein Boot, und in weniger als einer Stunde waren wir auf der andern Seite am Lande, unge⸗ fähr eine kleine Stunde von unſerem Hauptquartier, allwo wir unſere Damen geſund und munter antrafen. Zwei Tage vorher war Herr Smollet und ſeine Gemahlin angelangt, und wir haben ſolche Verbindlichkeiten gegen dieſe liebenswürdigen Leute, daß ich Ihnen nicht ohne Erröthen davon erzählen kann. Morgen werden wir dem ſchottiſchen Arcadien Lebewohl ſagen, unſern Weg ſüdwärts antreten und über Lanark und Nithsdale nach den weſtlichen Grenzen von England gehen. Dieſe Tour hat mir in jeder Beziehung ſo wohl zugeſchlagen, daß ich glaube, wenn meine Geſundheit dieſen Winter keinen neuen Stoß bekommt, ſo könnte ich leicht in Verſuchung gerathen, eine zweite Expedition 44 nach den nördlichen Grenzen von Caithneß zu unternehmen, aber ohne den Ballaſt, der auf jeden Schritt und Tritt genirt Ihren M. Bramble. Cameron, den 6. September. An Miß Lätititit milis in Gluuceſter. Meine theuerſte Letty! Niemals hat es einen armen Gefangenen ſo herzlich nach ſei⸗ ner Erlöſung verlangt, als mich nach einer Gelegenheit, meinen Kummer an Ihrer treuen Bruſt auszuweinen, und dieſe Gelegen⸗ heit iſt mir endlich heute beinahe durch ein Wunder zu Theil ge⸗ worden. Der ehrliche Saunders Macawly, der alle Jahre aus Schottland nach Wales kommt, befindet ſich eben in Glasgow, um ſeine Einkäufe zu beſorgen. Er hat uns ſeine Aufwartung ge⸗ macht und mir verſprochen, dieſen Brief ſelbſt in Ihre Hände zu liefern. Wir ſind ſechs Wochen in Schottland geweſen, haben die wich⸗ tigſten Städte des Königreichs geſehen und man iſt uns allenthalben mit der größten Höflichkeit entgegengekommen. Die Leute hier find ſehr gefällig und dienſtfertig, und das Land hat ungemein viel Romantiſches, daher es mir auch außerordentlich gefällt. In Edinburgh, einer großen, prachtvollen Stadt, wo ſehr viel für die Unterhaltung gethan wird, habe ich wahre Freundſchaften ge⸗ ſchloſſen und ein ſehr vertrautes Verhältniß mit einer gewiſſen R. angeknüpft, einem liebenswürdigen Mädchen von meinem Alter, deren Schönheit das unbiegſame Herz meines Bruders Hieronymus zu erweichen, ja ſogar zu ſchmelzen ſchien; er hatte indeß kaum den Ort verlaſſen, als er wieder in ſeine frühere Unempfindlichkeit verſank. Ich aber, ich fühle nur zu ſchmerzlich, daß dieſe Gleich⸗ 45 gültigkeit und Unempfindlichkeit nicht in meiner ganzen Familie liegt. Ich habe nur ein einziges Mal in meinem Leben dem Ge⸗ danken an Liebe Raum gegeben, und nun hat er ſich in meinem Herzen ſo feſt gewurzelt, daß weder die Rückſichten der Klugheit, noch kalte Nachläßigkeit im Stande ſind, ihn wieder auszureißen. Ach, meine liebſte Letty, auf dem Jagdballe in Edinburgh iſt mir etwas Schreckliches begegnet. Ich ſaß mit einer Freundin in einer Ecke und plauderte, da ſtand auf einmal Wilſons leib⸗ haftiges Bild vor mir, ganz ſo gekleidet, wie er damals den Aimwell ſpielte. Es war ein gewiſſer Herr Gordon, den ich noch nie geſehen hatte. Ich erſchrak über dieſe plötzliche Erſcheinung ſo gewaltig, daß ich in Ohnmacht fiel und dadurch in der ganzen Geſellſchaft einen Aufſtand verurſachte. Indeſſen blieb doch die urſache dieſes Unfalls Jedermann ein Geheimniß, nur meinem Bruder nicht, dem die Aehnlichkeit ebenfalls aufgefallen war und der, als wir nach Hauſe kamen, zu ſchelten anfing.⸗ Ich ſehe recht wohl ein, daß Jerome es herzlich gut mit mir meint, ich weiß, daß es ihm nur um mein Glück und um die Ehre der Familie zu thun iſt, aber warum mußte er denn meine Wunden, die ohnehin ſchon genug ſchmerzen, ſo unbarmherzig brennen? Es that mir nicht ſo weh, daß er meine Unbeſonnenheit tadelte, als daß er ſich ſo bitter über Wilſon ausließ. Wenn dieſer wirklich ein Mann von Ehre wäre, ſagte er, und rechtſchaffene Abſichten hätte, ſo würde er bereits vor den Augen der Welt mit ſeinen Anſprüchen aufgetreten ſeyn. Dieſe Bemerkung machte einen tiefen Eindruck auf mein Gemüth. Ich that mir Gewalt an, meine Gedanken zu verbergen, und dieſe Gewalt hatte eine ſchlimme Wirkung auf meine Geſundheit und auf meine Lebensgeiſter. Man fand es für nörhig, mit mir nach den Hochlanden zu reiſen, damit ich Ziegen⸗ molken trinken könnte. Demgemäß reisten wir nach Loughlomond, einer der bezau⸗ berndſten Landſchaften in der ganzen Welt. Hier bekam ich die 46 Molken jeden Worgen friſch aus den Gebirgen und durch dieſe Kur, ſo wie durch die friſche Luft und heitere Geſellſchaft habe ich wieder Farbe und Appetit erhalten; allein im Grunde meines Her⸗ zens iſt noch immer etwas zurück geblieben, was ſich weder durch Bewegung noch durch Luftveränderung, weder durch Geſellſchaft noch durch Medicin wegſchaffen läßt. Dieſe Leiden würden mich nicht ſo hart drücken, wenn ich nur eine einzige vernünftige Per⸗ ſon um mich hätte, die mit meinem Kummer ein freundſchaftliches Mitleid empfände, und mich mit gutem Rathe aufrichtete. Aber ſo habe ich Niemand als dieſe Win Jenkins, die zwar ein recht gutes Mädchen iſt, aber ſich nicht im Mindeſten zu einer Vertrau⸗ ten eignet. Das arme Geſchöpf hat eben ſo ſchwache Nerven als einen ſchwachen Verſtand, ſonſt wüßte ich den wahren Namen und Stand des unglücklichen Jünglings ſchon lange. Doch warum nenne ich ihn unglücklich? Vielleicht paßt dieſe Bezeichnung beſſer auf mich, weil ich den falſchen Bethenerungen eines—— Aber halt! noch habe ich kein Recht und wahrhaftig auch keine Luſt, irgend etwas zu glauben, was ſeiner Ehre im Mindeſten zum Nachtheil gereichte. In dieſer Ueberzeugung will ich auch fernere Uebungen mit Geduld tragen. Was Jungfer Jenkins betrifft, ſo nimmt ſie ſelbſt mein Mitleid in Anſpruch; Eitelkeit, Pietiſterei und Liebe haben ihr den Kopf verrückt. Ich würde indeß mehr Rückſicht auf ſie nehmen, wenn ſie in ihrer Liebe beſtändiger ge⸗ weſen wäre, aber nein, ſie ſah nur auf Eroberungen und ließ ſich zu gleicher Zeit vom Bedienten meines Oheims, Humphry Klinker, der wirklich ein recht guter Menſch iſt, und vom Kammerdiener meines Bruders, Dutton, einem liederlichen Kerl, den Hof machen. Letzterer aber hat die arme Winni ſitzen laſſen und iſt in Berwick mit der Braut eines andern Mannes auf und davon gegangen. O meine geliebte Willis, ich ſchäme mich in der Seele für unſer eigenes Geſchlecht. Wir klagen, daß ſich die Männer unſere 47 Jugend, unſere Unerfahrenheit, unſere Empfindſamkeit u. ſ. w. zu Nutzen machen, aber ich habe genug geſehen, um zu glauben, daß im Allgemeinen das ganze Dichten und Trachten unſeres Ge⸗ ſchlechtes dahön geht, das andere in ſeinen Netzen zu fangen, und daß es ſich zu dieſem Behufe ſolcher Kunſtſtücke bedient, die nie⸗ mals gerechtfertigt werden können. In Beziehung auf Beſtändig⸗ keit wenigſtens hat es dem männlichen Theil der Schöpfung gewiß keine Vorwürfe zu machen. Meine arme Tante iſt ohne Rückſicht auf ihre Jahre und ihte verſchiedenen Mängel mit ihren Reizen an jedem Ort auf den Markt gegangen, wo ſie nur die entfern⸗ teſte Möglichkeit ſah, ihre Perſon an den Mann zu bringen, die ihr aber noch immer auf dem Halſe liegen geblieben iſt. Ich fürchte, ſie hat ſogar die Religion zu ihren Abſichten mißbraucht, aber dennoch ihren Zweck nicht erreicht. Sie iſt zu den Methodiſten gegangen, von denen es hier zu Lande wimmelt, ſie hat gebetet, gepredigt, katechiſirt und behauptet, ſolche Geſichte und Offenba⸗ rungen zu haben, daß ſelbſt Klinker nicht daran glauben kann, obgleich der arme Kerl vor Enthuſiasmus halb närriſch iſt. Jenkins dagegen ſtellt ſich, als hielte ſie die Träumereien ihrer Gebieterin für ein Evangelium. Auch ſie hat ihre Erhebungen des Herzens und ihre Antreibungen des Geiſtes, und Gott möge mir's verzei⸗ hen, wenn ich aus Irrthum lieblos urtheilen ſollte, allein die ganze Sache kommt mir vor, wie die baarſte Heuchelei und Be⸗ trügerei. Freilich kann das arme Mädchen in ihrer Einfalt am Ende ſich ſelbſt betrügen. Es iſt ihr immer ängſtlich zu Muthe, und ſie leidet jeden Augenblick an hyſteriſchen Anfällen. Seit un⸗ ſerer Ankunft in Schottland hat ſie Geſichte geſehen und meint, ſie könne prophezeien. Wollte ich an alle dieſe übernatürlichen Wirkungen der Frömmigkeit glauben, ſo müßte ich denken, ich ſelbſt ſey ganz aus der Gnade verſtoßen, denn ich habe niemals derartiges weder geſehen, noch gehört, noch empfunden, ob ich gleich bemüht bin, die Pflichten der Religion mit all' der Auf⸗ 48 richtigkeit und herzlichen Andacht zu erfüllen, deren nur immer fähig iſt Ihre bis in den Tod getreue Lydia Melford. Glasgow, den 7. September. Nachſchrift. Wir werden demnächſt unſere Rückreiſe nach Brambletonhall antreten, und hoffentlich über Glouceſter kommen, wo ich das unbeſchreiblich ſüße Vergnügen haben werde, meine theuerſte Willis zu umarmen. Ich bitte Sie, mich meiner wür⸗ digen Pflegemutter zu empfehlen. An Jungfer Marie Jones zu Vrambletonhall. Liebe Marie! Der ſchotiiſche Mann Sunden Macully get gerade nach Wales und hat mir verſprochen, er wolle ihn Ihr ſelbſt in die Hände geben, deßwegen habe ich die Gelegenheit nicht hinausgelaſen, da⸗ mit Sie erfaren kann, daß ich noch im Lande der Lebendigen bin und doch bin ich Ihr ſchon auf dem Rande der andern Welt ge⸗ ſtanden, ſeiddem ich das letzte Mahl an Sie geſchrieben habe. Wir ſtiegen in ein Schiff und reisten über's Meer in ein anderes Königreich genannt Feif und als wir wir wiever zurückfahren woll⸗ ten, da wären wir in einem Sturme um ein Haar zu Grunde gegangen. Sie kann es gar nicht glauben, wie ich ſo grang war und wie ich mich ſo fürchtete, ich meinte, das Herz in der Bruft müſſe mir zerſpringen und auch der Mosje Klinker war 2 mal 24 Stunden lang nachher, als wir ſchon wieder anf dem Lande wa⸗ ren, gar nicht wie ſonſt. Es iſt für gewiſſe Leite recht gut, daß wir nicht verſoffen ſind, denn das Frälen war ſo widerwärtig und ſchien noch ganz und gar nicht zu ihrem ſeligen Tode vorbereitet, 49 aber Gottlob, ſie ließ ſich bald wieder beſſer an, als der hoch⸗ würdige Herr Macrocodile ihr wieder allein das Hertz erhoben hatte. Und nachher gingen wir nach Starling und Graßkow, was ein paar allerliebſte Städte ſind, und darauf reisten wir zu einem vornehmen Herrn nach Loff-loming, das iſt ein großmächtiger See mit ſüßem Waſſer und hat einen ganzen Haufen Inſeln in der Mitte. Sie ſagen hier, die See habe gar keinen Boden und ein weißer Zauberer habe ihn gemacht, und das glaube ich auch recht gern, denn mit rechten Dingen geht es nicht zu. Es hat hier Wellen ohne Wind, Fiſch ohne Schubben und ein Land, das im Waſſer ſchwimmt und eine von den Inſeln das iſt ein Kirchhof, wo die Todten begraben werden und allemal, wenn eines ſterben ſoll, ſo läutet eine Glocke von ſelber, damit ſich der Todtengräber darnach richten kann. O, Marie, Marie, hier iſt recht das Land der Zauberei. Die Glocke hat geleutet, als wir da waren. Ich habe Lichter geſehen und habe etwas kläglich winſeln hören. Unſer Herr Wirth hat noch ein anderes Haus, aber er hat Gott gedankt, wie er ausge⸗ zogen iſt, weil ein gottloſer Kobold darin war, der die Leute nicht mit Frieden in ihren Betten liegen ließ. Die unterirdiſchen Feyen wohnen in der Höhle von Cairman, einem Berge ganz nahe von da und ſie ſtehlen die Weiber, die im Wochenbett liegen, wenn ſie nicht ein Hufeiſen auf die Hausſchwelle nageln— da müſſen ſie es wohl bleiben laſſen. Sie haben mir auch eine alte Here gezeigt, die heißt Elspath Ringavey, hat einen rothen Fries⸗ rock an und ganz naſſe Augen und einen dicken grauen Katzenbart um das Kinn. Ich drückte ihr ein Stück Geld in die Hand, wor⸗ auf ein K ſtand und da konnte ſie mir nichts anhaben und mußte mir wahrſagen. O Sie hätte nur hören ſollen, was die alte Vettel ſagte. Sie beſchrieb mir den Mosje Klinker auf ein Hahr, aber es ſoll mir kein Menſch nachſagen, daß ich ein Wörtchen da⸗ von ausgeſchwatzt habe. Und ſie riet mir auch, wenn ich Mutter⸗ Smollet's Romane. XV. 4 50 beſchwerungen habe, ſo ſolle ich mich in der Low baden, das ſey heiliges Waſſer und darum ging ich Morgens mit der Hausmagd an eine ganz beſondere Stelle und wir badeten uns in dem Hemde, das wir mit auf die Welt gebracht haben. Das iſt ſo die Modde hier und was meint Sie, als wir ganz luſtig in dem Waſſer herumpatſchten und einander ſpritzten, da kam der Sir Georg Kuhn auf einmal mit einer Flinde aus dem Buſche heraus, aber wir hielten unſere Hände vor's Geſicht und lieffen an ihm vorbei da, wo wir unſere Kleider hatten. Ein gebildeter Herr wie er, hätte wohl das Geſicht wo anders hin drehen können. Mein Troſt iſt nur, daß er nicht wußte, wer es war, und bei der Nacht ſind alle Katzen grau, ſagt das Sprüchwort. Als wir noch in Loff⸗ loming waren, ging er und unſere 2 Squeir mit einander 3 oder 4 Tagereiſen weit zu den wilden Männern auf den Gebirgen. Das ſind Dir ganz kurioſe Leute, ſie liegen in Löchern zwiſchen den Felſen, freſſen die jungen Kinder und ſprechen wäliſch, haben aber ganz andere Worte. Unſere Frälens, die wollen den Mosje Klin⸗ ker nicht fortlaſſen, weil er ſo dapfer iſt und ſo fromm, daß er ſich vor keinem Menſchen und auch vor den Teufeln nicht fürchtet, außer wenn ſie ihn unvermuthet überfallen. Ja, vor ein paar Tagen, da hat er einen ſchönen Schreck gehabt vor einer Erſchei⸗ nung. Er wollte uns weiß machen, der alte Edmiral ſey es ge⸗ weſen, aber wenn es der alte Edmiral geweſen wäre, ſo wären ihm die Haare nicht ſo zu Berge geſtanden und er hätte nicht ſo mit den Zähnen geklappert. Er hat mit Fleiß ſo geſagt, daß die Frälens nicht ſo Angſt kriegen ſollen. Miß Liddy iſt wieder krank geweſen und immer mägerer geworden. Ich fürchte faſt, ihr armes Herzchen iſt zu zärtlich, aber die Ziegenmolken haben ihr wieder auf die Beine geholfen. Sie weiß ja, daß die Ziegenmolke für ein Mädchen aus Walis ſo gut iſt als die Muttermilch. Ja, aber was mein altes Frälen anbetrifft, der fehlt Gottlob nichts, ſie ißt und trinkt gut und 51 nimmt zu an Weißheit und Alter, aber ich glaube doch, daß ſie auch Fleiſch und Plut hat, wie andere ehrliche Leute und ſie würde ſich nicht zu Dod grämen, wenn man gnädige Frau zu ihr ſagen würde, ſobald es dem Herrn Georg einmal rechter Ernſt iſt. Aber mir iſt alles eins, ich mag ſehen oder hören was ich will, aus meinem Mund ſoll kein Titelchen kommen, denn ich bin immer Ihre geliebte Freundin W. Jenkins. Grascow, den 7. September. Nachſchrift: Grüße Sie mir wie immer Salmeh. Wir reiſen jetzt wieder zu Hauſe, aber nicht auf dem nächſten Weg. Mein Minettle wird hoffentlich ſo groß ſeyn, wie ein junger Bär, bis ich nach Hauſe komme. An FSir Watkin Philipps, Varonet, im Jeſuitenkollegium zu Orford. Lieber Freund! Endlich vin ich wieder auf engliſchem Grund und Boden, und habe ihn noch immer lieb und werth, trotz meines ſechswöchigen Ausflugs in die kaledoniſchen Wälder und Gebirge, ohne übrigens damit dem Lande der Fladen, wo die Grützkuchen auf dem Halme wachſen, zu nahe treten zu wollen. Ich habe meinen Oheim noch nie ſo geſund und aufgeräumt geſehen wie jetzt. Auch Liddy iſt vollkommen wieder hergeſtellt und Jungfer Tabitha hat keine Urſache zu klagen. Doch war ſie, glaube ich, bis auf den geſtrigen Tag ſo ziemlich geneigt, die ganze ſchottiſche Nation als ein Pack gefühlloſer, wilder Menſchen zum Teufel zu wünſchen, weil ſie alle ihre Vollkommenheiten bei ihnen vergebens zur Schau getragen hat. An jedem Orte, wo wir uns ein wenig aufhielten, 52 trat ſie auf den Kampfplatz, ſchwang ihre verroſteten Waffen und vermochte doch keine Eroberung zu machen. Einer ihrer letzten Verſuche war auf das Herz des Sir George Colquhonn gerichtet, mit dem ſie alle ihre Waffen mehr als zweimal durchfocht. Sie war bald traurig, bald vergnügt. Sie moraliſirte und methodi⸗ ſirte. Sie lachte und lobte, tanzte und ſang, ſeufzte und liebäu⸗ gelte, ſie liſpelte, tändelte und flattirte, allein es war die Stimme des Predigers in der Wüſte. Der Baronet, ein Mann von Lebensart, trieb ſeine Höflichkeiten ſo weit, daß ſie mit einiger Billigkeit nicht mehr erwarten konnte, und wenn man den böſen Zungen glauben darf, ſogar einige Grade weiter. Allein er iſt ſowohl in der Galanterie als im Kriege zu ſehr Veteran, um in einen Hinterhalt zu fallen, den ſie ſeiner Freiheit legen könnte. Während unſerer Abweſenheit in den Hochlanden übte ſie ihre Waffen an dem Laird von Ladrishmore, und gab ihm ſogar ein Rendez vous in dem drumſeaillocher Walde, allein der Laird war ſo ſehr auf ſeinen guten Namen bedacht, daß er den Pfarrer des Kirchſpiels als Geſellſchafter mitbrachte und ſomit nichts vorfallen konnte, als geiſtliche Geſpräche. Nach all' dieſen verunglückten Verſuchen erinnerte ſich unſere Tante auf einmal wieder an den Lieutenant Lismahago, den ſie ſeit unſerer Ankunft in Edinburgh gänzlich vergeſſen zu haben ſchien; ſie äußerte jetzt ihre Hoffnung, ihn, ſeinem Verſprechen gemäß, zu Dumfries wieder zu ſehen. Von Glasgow gingen wir nach Lanerk, der vornehmſten Stadt in Clydesdale, in deren Nähe der ganze Clydefluß von einem ſchroffen Felſen ſtürzt, ein großartiger, wahrhaft bewundernswür⸗ diger Waſſerfall. Am folgenden Tage waren wir genöthigt, in einem kleinen Flecken anzuhalten, bis das Fuhrwerk, das einigen Schaden gelitten hatte, wieder ausgebeſſert war. Hier kam denn ein Geſchichtchen vor, woran das milde Herz meines Oheims ſehr warmen Antheil nahm. Wir ſtanden am Fenſter im Wirthshauſe, das dem öffentlichen Gefängniß gerade gegenüber liegt, als ein 53 zwar nicht reich, aber anſtändig gekleideter Mann angeritten kam. Er trug einen blauen Reiſerock, ſeine eigenen, kurz abgeſtutzten Haare und einen Hut mit goldener Treſſe. Er ſtieg ab, gab ſein Pferd dem Wirth, ging ſodann auf einen alten Mann zu, der das friſch gelegte Steinpflaſter feſtſtampfte, und ſagte zu ihm: „Eine ſaure Arbeit für einen alten Mann wie Ihr!“ Mit dieſen Worten nahm er ihm das Inſtrument aus der Hand und begann ebenfalls zuzuſtampfen. Nach einigen Stößen ſagte er:„Habt Ihr denn keinen Sohn, der Euch dieſe Arbeit abnehmen könnte?“— „O ja, hochverehrter Herr,“ verſetzte der Alte,„ich habe drei wackere Purſche, aber ſie ſind in dieſem Augenblicke nicht bei der Hand.“—„Nennt mich nicht hochverehrter Herr,“ rief der Fremde, „s geziemt ſich beſſer für mich, Eure grauen Haare zu ehren. Wo ſind denn die Söhne, von denen Ihr ſprechet?“— Der alte Pfläſterer erzählte ihm nun, ſein älteſter Sohn ſey Kapitän in Oſtindien und der jüngſte habe ſich neulich anwerben laſſen, in der Hoffnung, ebenfalls ſein Glück zu machen, wie ſein Bruder. Als der fremde Herr fragte, was denn aus dem mittleren geworden ſey, wiſchte der alte Mann die Augen und geſtand, er habe die Schul⸗ den ſeines Vaters auf ſich genommen und liege deßwegen in dem Gefängniſſe, vor dem ſie eben ſtehen. Der Reiſende that drei raſche Schritte nach dem Gefangen⸗ hauſe, kehrte aber ſchnell wieder um und ſagte:„Hat Euch denn dieſer unnatürliche Sohn von einem Kapitän gar keine Unterſtützung zukommen laſſen?“—„Ach, Herr,“ antwortete der Alte,„nennen Sie ihn nicht unnatürlich! Gott ſegne den guten Jungen! er hat mir eine Menge Geld geſchickt, aber ich bin nicht klug damit um⸗ gegangen; ich wurde Bürge für einen Pachtherrn und verlor da⸗ durch nicht nur mein Geld, ſondern auch alles Andere, was ich ſonſt noch auf der Welt hatte.“ In dieſem Augenblicke ſteckte ein junger Menſch ſeinen Kopf bis an die Schultern durch die eiſernen Gitterſtangen und rief laut:„Vater, Vater, wenn mein Bruder 54 Wilhelm noch lebt, ſo iſt's der!“—„Ja, ja,“ rief der Fremde, indem er den alten Mann in ſeine Arme drückte und ihm die Thränen aus den Augen ſtürzten,„ich bin, ich bin euer Sohn Wilhelm.“ Ehe noch der Vater, der nicht wußte, wie ihm ge⸗ ſchah, dieſe Zärtlichkeit erwiedern konnte, ſürzte ein ſauber ge⸗ kleidetes, altes Weib aus der Thüre einer armſeligen Wohnung und rief:„Wo iſt mein Sohn, wo iſt mein lieber Willi!« Der Capitain ließ, ſobald er ſie erblickte, ſeinen Vater los und rannte in ihre Arme. Ich verſichere Sie, liebſter Philipps, mein Oheim, der alles dieß mit anſah und hörte, war von dieſer rührenden Wiedererken⸗ nung eben ſo ergriffen, wie die guten Leutchen ſelbſt. Er ſeufzte, weinte, klatſchte in die Hände, hallohte und rannte endlich auf die Gaſſe hinab. Inzwiſchen war der Capitain mit ſeinen Eltern in ihr Haus gegangen, und ſämmtliche Einwohner des Orts hatten ſich vor der Thüre verſammelt. Meiſter Bramble kehrte ſich indeß nicht daran, ſondern drängte ſich durch bis ins Haus und ſagte: „Capitain, ich erſuche Sie um Ihre Bekanntſchaft! Ich wäre hun⸗ dert Meilen weit gereist, um dieſen rührenden Auftritt mit anzu⸗ ſehen, und Sie werden mich ſehr verbinden, wenn Sie und Ihre Eltern heute Mittag im Wirthshauſe mit mir ſpeiſen wollen.“ Der Capitain dankte ihm für ſeine freundliche Einladung und ſagte, er nehme ſie mit Vergnügen an, allein er könne unmöglich eher an Eſſen und Trinken denken, bis ſein armer Bruder los ſey. Er legte auch alsbald in die Hände des Richters eine Summe nieder, die ſo viel betrug, als die Forderung; dieſer wagte es, ſeinen Bruder ohne weitere Verhandlungen in Freiheit zu ſetzen, und nun kam die ganze Familie nebſt meinem Oheim in's Wirthshaus, wohin das verſammelte Volk ſie begleitete, das ſich herbeidrängte, um dem zurückgekehrten Landsmann herzlich die Hand zu ſchütteln. Derſelbe erwiederte auch ihre freundlichen Grüße ohne Stolz und Vornehmthuerei. 55 Dieſer ehrliche Liebling des Glücks, der Brown hieß, erzählte meinem Oheim, er ſey bei einem Leinweber in der Lehre geweſen, und habe ſich vor etwa achtzehn Jahren als ein wilder Junge, der nicht gerne gearbeitet, unter die Soldaten der oſtindiſchen Com⸗ pagnie aufnehmen laſſen. Während ſeiner Dienſtzeit habe er das Glück gehabt, ſich den Beifall und die Protektion des Lord Clyve zu erwerben, und dieſer habe ihn von einer Stufe zur andern be⸗ fördert, bis er endlich Capitain und Regimentsquartiermeiſter ge⸗ worden ſey. Auf dieſem Poſten nun habe er ſich ehrlicher Weiſe mehr als zwölftauſend Pfund erſpart, und nach dem Frieden ſei⸗ nen Abſchied genommen. Er hatte ſeinem Vater mehrere Wechſel zugeſchickt, wovon ihm übrigens nur der erſte von hundert Pfund zugekommen war; der zweite war in die Hände eines Banquervu⸗ tiers gerathen, und der dritte an einen Handelsmann aus Schott⸗ land übermacht, der vor ſeiner Ankunft ſtarb, ſo daß man das Geld immer noch von den Erben erheben konnte. Für den Augen⸗ blick verehrte der Capitain ſeinem alten Vater fünfzig Pfund für ſeine nöthigſten Ausgaben, außer den hundert Pfund in Banknoten, die er für ſeinen Bruder deponirt hatte. Er brachte auch eine bereits vollzogene Schenkungsakte mit, kraft der er ſeinen Eltern auf Lebenszeit jährlich achtzig Pfund ausſetzte, die nach ihrem Tode den zwei andern Söhnen zufallen ſollten. Er verſprach, dem jüngſten Bruder eine Offiziersſtelle zu kaufen, den andern aber zu ſeinem Aſſocié zu machen, denn er beabſichtigte, eine Manufaktur anzulegen, um fleißige Leute in Arbeit und Brod zu ſetzen. Sei⸗ ner Schweſter, die an einen armen Pächter verheirathet war, gab er fünfhundert Pfund als Brautſchatz. Schließlich vermachte er den Armen ſeines Geburtsorts fünfzig Pfund, und gab ſämmt⸗ lichen Einwohnern ohne Ausnahme ein Tractament. Mein Oheim war in den Charakter des Capitains ſo verliebt, daß er über Tiſch dreimal ſeine Geſundheit trank. Er ſagte, er ſey ſtolz auf ſeine Bekanntſchaft, er mache dem ganzen Vaterland 56 Ehre, und habe die menſchliche Natur einigermaßen vom Vor⸗ wurf des Stolzes, des Eigennutzes und der Undankbarkeit gerei⸗ nigt. Mir für meinen Theil gefiel ſeine Beſcheidenheit eben ſo ſehr als ſeine kindliche Ergebenheit und Dankbarkeit, denn der ehrliche Soldat machte ſich kein Verdienſt aus ſeinem Glücke und ſprach ſehr wenig von ſeinen eigenen Thaten, ſondern gab uns über dieſen Punkt immer ſehr vernünftige und lakoniſche Antwor⸗ ten. Jungfer Tabitha war äußerſt gnädig gegen ihn, bis ſie hörte, er beabſichtige ſeine Hand einem Mädchen von niedrigem Stand anzubieten, in die er ſchon als Webergeſelle verliebt geweſen. Kaum hatte die liebe Tante dieß erfahren, als ſie ihr Benehmen mit einer doppelten Doſis vornehmer Zurückhaltung aufſteifte, und als die Geſellſchaft weggegangen war, ſagte ſie, die Naſe rüm⸗ pfend: Brown beſitze für einen Menſchen von ſeiner Herkunft ziemlich viel Bildung; im Uebrigen habe das Glück nur ſeine Um⸗ ſtände zu verbeſſern vermocht, nicht aber ſeine Denkungsweiſe; dieſe ſey noch immer niedrig und plebejiſch. Einen Tag nach dieſer Begebenheit wichen wir einige Meilen von unſerem ordentlichen Wege ab, um Drumlanrig zu beſuchen, ein Luſtſchloß des Herzogs von Queensberry, welches einem pracht⸗ vollen Zauberpalaſt inmitten einer Wildniß gleichſieht. Es iſt ein wahrhaft fürſtliches Gebäude, umgeben von herrlichen Luſt⸗ und Thiergärten, die um ſo reizender in's Auge fallen, weil die ganze Umgegend nackt iſt und zu den wildeſten Landſtrichen von ganz Schottland gehört. Indeß iſt dieſe Wildheit verſchieden von der in den Hochlanden, denn die Berge ſind hier nicht mit Haide, ſondern mit feinem grünen Schmadgraſe bedeckt, wovon ſich zahl⸗ loſe Schafheerde nähren. Allein die Wolle dieſer Landſchaft, welche Nithsdale genannt wird, iſt nicht ſo gut als die in Galloway; denn letztere ſoll der aus der Ebene von Salisbury gleichkommen. Nachdem wir auf ausdrückliche Einladung des Herzogs ſelbſt, eines der beſten Menſchen, die jemals Athem geſchöpft haben, die Nacht 57 auf dem Schloſſe Drumlanrig zugebracht, ſetzten wir unſern Weg nach Dumfries fort. Es iſt dieß eine ſehr hübſche Handelsſtadt, noch an der Grenze von England, wo wir um äußerſt billigen Preis einen recht guten Tiſch, vortrefflichen Wein, und überhaupt in jeder Beziehung die Bewirthung ſo gut fanden, wie nur irgend⸗ wo in Südbritannien. Wäre ich auf Zeitlebens nach Schottland confinirt, in Dumfries würde ich mich häuslich niederlaſſen. Hier erkundigten wir uns nach dem Capitain Lismahago, und da wir nichts von ihm erfahren konnten, ſetzten wir unſere Reiſe längs des ſolwaiſchen Meerbuſens nach Carlisle fort. Sie müſſen wiſſen, daß der Sand von Solwai, auf welchem man bei niedrigem Waſ⸗ ſerſtande fährt, höchſt gefährlich iſt, weil die Fluth oft ſo plötzlich anwächst, daß die Reiſenden oft nicht mehr aus der See hinaus kommen können und zu Grunde gehen müſſen. Als wir uns durch einen Wegweiſer über dieſe gefährliche Syrten führen ließen, bemerkten wir ein ertrunkenes Pferd, welches Humphro Klinker, nach genauer Beſichtigung, für daſſelbe Thier erklärte, das Herr Lismahago geritten, als er zu Feldbridge in Northumberland von uns Abſchied genommen hatte. Dieſe Nachricht, die zugleich anzudeuten ſchien, daß unſer Freund, der Lieutenant, gleiches Schickſal mit ſeinem Pferde gehabt habe, ging uns allen ſehr nahe, am meiſten aber unſerer Tante Tabitha, welche blutige Thränen weinte, und Klinker beauftragte, einige Haare aus dem Schwanz des todten Pferdes zu ziehen, die ſie in einen Ring faſſen laſſen und zum Andenken ſeines ſeligen Herrn tragen wollte. Allein unſer gemeinſchaftlicher Schmerz war von kurzer Dauer, denn eine der erſten Perſonen, die wir in Carlisle zu ſehen bekamen, war der Lieutenant in höchſt eigener Perſon, und ſo eben im Hofe des Wirthshauſes, wo wir abſtiegen, mit einem Roßkamm im Handel über ein anderes Thier begriffen. Jungfer Tabitha, die ihn zuerſt gewahrte, ſtieß einen Schrei aus, als hätte ſie einen Geiſt geſehen; man hätte ihn aber auch aller⸗ . 58 dings nach Zeit und Umſtänden leicht für einen Bewohner der an⸗ dern Welt halten können, denn er war noch magerer und hohläugi⸗ ger geworden, als vorher. Wir bewillkommten ihn um ſo herz⸗ licher, weil wir ihn für ertrunken gehalten hatten, und auch er äußerte ein eben ſo großes Vergnügen über dieſe Begegnung. Er erzählte uns, er habe in Dunfries nach uns gefragt, aber von einem reiſenden Kaufmann aus Glasgow erfahren, wir beabſich⸗ tigen den Rückweg über Coldſtream zu machen. Er habe ohne Wegweiſer über den Sand reiten wollen, und da ſey ſein Pferd ſiecken geblieben und ihm ſelbſt würde es wohl nicht beſſer gegangen ſeyn, wenn ihm nicht zum guten Glücke eine Retour⸗ poſichaiſe zu Hülfe gekommen wäre. Er gab uns weiter zu verſtehen, ſein Plan, ſich in ſeiner Heimath niederzulaſſen, ſey vereitelt, und er gedenke nun vollends nach London zu reiſen, um ſich von da aus nach Nordamerika einzuſchiffen, allwo er den Reſt ſeiner Tage unter ſeinen alten Freunden, den Miamis, zuzubrin⸗ gen, und dem Sohne, den ihm ſeine geliebte Squinkinacooſta ge⸗ boren, eine gute Erziehung zu geben hoffe. Dieſer Plan wollte unſerer Tante nur gar nicht gefallen; ſie ließ ſich ein Langes und Breites über die Beſchwerden und Ge⸗ fahren aus, die er bei einer ſo langen Seereiſe und hernach auf einem ſo langweiligen Wege zu Lande gewärtigen müſſe. Beſon⸗ ders verbreitete ſie ſich über die Gefahr, in welche ſeine theure Seele durch den Aufenthalt unter wilden Menſchen gerathen müſſe, denen das Evangelium unſeres Herrn und Heilandes Jeſu Chriſti noch nicht gepredigt worden ſey; auch gab ſie ihm zu verſtehen, ſeine Abreiſe aus Großbritannien könnte eine würdige Perſon, die er zeitlebens glücklich zu machen der Mann wäre, ſchwer betrüben. Mein Oheim, der ein wahrer Don Quixote an Großmuth iſt, merkte kaum die wahre Urſache, warum Lismahago Schott⸗ land verlaſſen wollte, nämlich weil es ihm unmöglich wäre, mit einer halben Lieutenantsgage anſtändig zu leben, ſo fing er an, 59 ſich auf's Wärmſte für ihn zu intereſſiren. Er hielt es für ſehr hart, daß ein Edelmann, der dem Vaterlande mit Ehre gedient, durch Noth gezwungen werden ſollte, ſeine alten Tage in einem ſo abgelegenen Theile der Welt unter dem Auswurf der Menſchheit zuzubringen. Er ſprach mit mir über die Sache, und er wollte den Lieutenant herzlich gern mit nach Brambletonhall nehmen, wenn nicht vorauszuſehen wäre, daß ſeine Eigenheiten und ſein Widerſpruchsgeiſt ihn zu einem unerträglichen Hausgenoſſen machen werden, ſo belehrend und unterhaltend ſein Umgang auch ſonſt zuweilen ſeyn möchte. Indeſſen glaubte mein Oheim und ich, da er Abſichten auf Tabby zu haben ſcheine, ſo ſolle man ihm allen möglichen Vorſchub leiſten, um zuletzt eine eheliche Verbindung mit ihr zu Stande zu bringen; dann könnte man dem edlen Paar ja ein eigenes Haus einrichten, ſo daß Herr Bramble ihre Geſell⸗ ſchaft nur hätte, wenn er ſie begehrte. Dieſem Plan zufolge iſt an Herrn Lismahago eine Einladuug ergangen, den Winter bei uns in Brambletonhall zuzubringen, da es auf das Frühjahr immer noch Zeit ſeyn werde, ſein amerika⸗ niſches Projekt auszuführen. Er hat ſich Bedenkzeit ausgebeten und will indeſſen ſo lange mit uns reiſen, als wir auf dem Wege nach Briſtol bleiben, allwo er eine Schiffsgelegenheit nach Amerika zu finden hofft. Ich zweifle nicht daran, daß er dieſe Seereiſe aufſchieben und ſein Glück bei Tante Tabby ſuchen wird; es blüht ihm gewiß, und wenn es noch Früchte bringen ſollte, ſo müßten ſie ganz beſonderer Art ſeyn. Das Wetter iſt noch immer ſo gut, daß wir glauben, wir werden auf unſerm Wege auch den Park von Derbyſhire und das warme Bad von Burton noch mitnehmen. Jedenfalls werden Sie von dem erſten Orte aus, wo wir wieder ſlill liegen, weitere Nachrichten erhalten von Ihrem getreuen H. Melford. Carlisle, den 12. September. 60 An Vortor Ludwig. Lieber Doctor! Dem ſchottiſchen Bauern geht es gewiß ſchlecht, und doch ſieht er weit beſſer aus und iſt viel beſſer gekleidet, als die Bauern in Burgund und in manchen andern Orten Frankreichs und Italiens ja, ich will ſogar behaupten, daß er, trotz der vielgerühmten Weine dieſer Länder, auch beſſer im Futter ſteht. Das Landvolk in Nordbritannien lebt hauptſächlich von Habermehl und Milch, von Käſe, Butter, einigen Gartengewächſen, und zuweilen an einem hohen Feſttage kommt auch ein geſalzener Häring auf den Tiſch. Fleiſch bekommen ſie ſelten oder faſt niemals zu koſten, eben ſo wenig irgend ein ſtarkes Getränke, höchſtens bei außeror⸗ dentlichen Feierlichkeiten ihren Zweipfenniger. Ihr Frühſtück be⸗ ſteht in einem Vrei von Haber⸗ oder Erbſenmehl, den ſie mit Milch eſſen. Das Mittageſſen iſt gewöhnlich Suppe aus Kohl, Lauch, Gerſtengraupe und mit ein wenig Butter; dazu kommt auch noch Brod und Käſe, den ſie aus abgerahmter Milch bereiten. Abends gibt es Pfannkuchen von Habermehl, und wenn der Haber nicht gut geräth, ſo nehmen ſie Gerſten⸗ oder Erbſenmehl dazu, was ſowohl nahrhaft als wohlſchmeckend iſt. Einige bauen auch Kartoffeln, und Paſtinaken findet man in jedem Bauerngarten. Die Leute ſind in einen groben, wollenen Zeug gekleidet, den ſie ſelbſt bereiten, und der zugleich warm und anſtändig iſt. Sie wohnen in armſeligen Hütten, die ſie aus loſen Feldſteinen und Raſen ohne Beihilfe von Lehm oder Kalk bauen. Mitten darin ſteht ein Platz zum Feuer oder ein Feuerherd, der meiſtens von einem alten Mühlſtein gemacht iſt, und über demſelben iſt im Dache ein Loch, um den Rauch hinauszulaſſen. Indeſſen leben dieſe Leute vergnügt und haben viel Mutter⸗ witz. Sie leſen alle in der Bibel und wiſſen ſogar von ihren Glaubensartikeln Rechenſchaft zu geben; in den Gegenden, die ich 61 geſehen habe, bekennen ſie ſich ſämmtlich zur presbyterianiſchen Confeſſion. Man hat mir geſagt, die Einwohner von Aberdeen⸗ ſhire ſeyen noch offenere Köpfe. Ich kannte in früheren Zeiten einen ſchottiſchen Edelmann in London, der auf dieſen Theil ſeiner Landsleute einen entſchiedenen Groll hatte, und mir betheuerte, durch die Unverſchämtheit und Spitzbüberei der Schotten in dieſer Gegend ſey die ganze Nation in Verruf gekommen. Der CElydefluß iſt oberhalb Glasgow ganz arkadiſch und ſeine ufer allenthalben mit ſchönen Landſihen geziert. Von ſeinem Aus⸗ fluß in die See bis zu ſeiner Quelle kann man manches Schloß rechnen, das Familien vom erſten Range angehört, zum Beiſpiel der Herzog von Argile hat ſeinen Landſitz in Roſeneath; der Graf von Bute in der eben ſo genannten Inſel; der Graf von Glencairn in Finlayſton, Lord Blantyre in Areſkine, die Herzogin von Douglas in Bothwell, der Herzog von Hamilton in Hamilton, der Herzog von Douglas in Douglas, und der Graf von Hynd⸗ ford in Carmichael. Hamilton iſt ein großartiger und prachtvoll möblirter Palaſt; ganz nahe dabei liegt die Ortſchaft deſſelben Namens, eines der hübſcheſten Städtchen, die ich in irgend einem Lande geſehen habe. Nachdem das alte Schloß der Douglas durch einen Zufall bis auf den Grund niedergebrannt war, beſchloß der letztverſtorbene Herzog, als Haupt der erſten Familie Schottlands, das größte Haus im Reiche zu haben, und ließ nach dieſem Ge⸗ danken einen Plan machen, ſtarb aber, als erſt ein Flügel vollen⸗ det war. Es ſteht zu hoffen, daß ſein Neffe und Erbe ſeines un⸗ geheuern Vermögens dieſen Entwurf wieder aufnehmen und aus⸗ führen wird. Clydesdale iſt im Ganzen genommen ziemlich be⸗ völkert und wohlhabend, denn es enthält eine große Anzahl Edel⸗ leute, die ein anſehnliches Vermögen beſitzen; indeß producirt es mehr Vieh als Korn. Eben dieß iſt der Fall mit Tweedale, das wir theilweiſe durchſtrichen haben, und mit Nightdale, das im Algemeinen rauh, wild und gebirgig iſt. Dieſe Hügel ſind mit 62 Schafen bedeckt, und daher das ſchmackhafte Hammelfleiſch, das demjenigen, was in London auf den Markt kommt, bei weitem vorzuziehen iſt. Da ihre Weide ſo wenig koſtet, ſo ſchlachtet man ſie erſt in ihrem fünften Jahre, wo das Fleiſch am meiſten Saft und Kraft hat. Die Wolle dagegen leidet ſehr durch den Theer, womit man ſie beſchmiert, um ſie im Winter, wo ſie Tag und Nacht wild umherlaufen und zu Tauſenden unter ungeheuren Schneemaſſen verloren gehen, vor der Raude zu bewahren. Es iſt jammerſchade, daß dieſe Pächter kein Mittel ausfindig machen können, um ein ſolch nützliches Thier gegen die Unbilden eines rauhen Klima's zu ſchützen, hauptſächlich gegen den unaufhörlichen Regen, der weit nachtheiliger iſt, als die ſtrengſte Kälte. An dem kleinen Fluſſe Nid liegt das Schloß Drumlanrig, einer der herrlichſten Landſitze in Großbritannien und dem Herzog von Queensberry angehörig, der zu den wenigen Großen des Lan⸗ des gehört, die durch ausgezeichnete Herzensgüte der menſchlichen Natur wirklich Ehre machen. Ohne mich auf eine Beſchreibung dieſes Palaſtes einzulaſſen, will ich nur noch ſo viel ſagen, daß er ſowohl in Beziehung auf Pracht als auf Lage ein Muſter von Erhabenheit iſt, und an die ſchöne Stadt Palmyra erinnert, die gleich einer Viſion mitten in der Wildniß emporſteigt. Der Her⸗ zog hält offene Tafel und lebt auf einem großen Fuß. Er erwies uns die Ehre, uns mit vieler Güte aufzunehmen, und nebſt zwan⸗ zig andern Gäſten, deren Bediente und Pferde einen anſehnlichen Haufen bildeten, über Nacht zu behalten. Die Herzogin war ebenfalls äußerſt gnädig und nahm ſich meiner Schweſter und Nichte ſehr angelegentlich an. Je länger ich lebe, je mehr Urſache finde ich zu glauben, . daß ſich die Vorurtheile der Erziehung niemals gänzlich ausrotten laſſen, und wenn man auch ihre Thorheit und Abgeſchmacktheit noch ſo deutlich einſehen gelernt hat. Solche Gewohnheiten in der Denkweiſe, die auf die großen Leidenſchaften Einfluß haben, 63 klammern ſich feſt an das menſchliche Herz; eine gewaltige Anſtren⸗ gung der Vernunft kann ſie zwar einen Augenblick davon trennen, allein kaum hört dieſe Gewalt auf, ſo kehren ſie mit verdoppelter Schnellkraft zurück, und kleben noch feſter an als zuvor. Auf dieſe Betrachtung bin ich durch etwas geleitet worden, was an der herzoglichen Tafel nach Tiſche vorfiel. Man ſprach von den Anſichten des großen Haufens in Nordbritannien in Be⸗ ziehung auf Geſpenſter, Vorbedeutungen oder Ahnungen, und die ganze Geſellſchaft vereinigte ſich dahin, dieſelbe für höchſt lächer⸗ lich zu erklären. Nun erzählte einer von den Gäſten eine merk⸗ würdige Geſchichte, die ihm ſelbſt begegnet war.„Auf einer Jagd⸗ partie in den nördlichen Gebirgen,“ ſagte er,„fiel mir auf einmal bei, einen alten Freund zu beſuchen, den ich ſeit zwanzig Jahren nicht geſehen hatte. Er hatte ſich nämlich aus Betrübniß über den Tod ſeiner Frau, die er auf's Zärtlichſte geliebt, ganz aus der Welt begeben, allen ſeinen Bekanntſchaften entzogen, und führte ein höchſt trauriges, melancholiſches Leben. Da er in einer abgelegenen Gegend des Landes wohnte, wir aber unſer fünf Herren und eben ſo viele Bediente waren, ſo hielten wir es für rathſam, aus dem letzten Marktflecken Lebensmittel mitzunehmen, im Falle er mit nichts verſehen wäre, das er uns vorſetzen könnte. Wegen der ſchlechten Wege kamen wir erſt Nachmittags um zwei Uhr bei ihm an, und wurden ſehr angenehm überraſcht, in der Küche eine gute fertige Mahlzeit und den Tiſch für ſechs Perſonen gedeckt zu finden. Mein Freund ſelbſt ſtand feſtlich gekleidet an der Pforte und empfing uns mit offenen Armen, wobei er ver⸗ ſicherte, er habe ſchon zwei Stunden auf uns gewartet. Dieſe Verſicherung ſetzte mich ſehr in Erſtaunen; ich fragte ihn, woher er Kunde von unſerer Ankunft erhalten habe, allein er lächelte bloß, ohne eine Antwort zu geben. Da ich indeß im Vertrauen auf unſer früheres inniges Verhältniß über Tiſch auf eine Erklä⸗ rung drang, ſo erzählte er mir ſehr ernſthaft, er habe mich ganz 64 deutlich in einer Viſion geſehen. Er rief ſogar ſeinen Haushof⸗ meiſter zum Zeugen auf, und dieſer bekräftigte feierlich, ſein Herr habe ihm geſtern angekündigt, ich werde kommen und vier andere Fremde mitbringen; er ſolle ſich darauf gefaßt halten. So habe er denn die Mahlzeit, die wir jetzt verzehren, anrichten und für die vorbenannte Anzahl Gäſte den Tiſch decken laſſen.“ Wir ſag⸗ ten Alle, dieſer Vorfall ſey höchſt merkwürdig, und ich verſuchte es, ihn aus natürlichen Urſachen zu erklären. Der alte Herr, ſagte ich, habe ohne Zweifel in Folge ſeiner Lebensart eine ſehr lebhafte Phantaſie gehabt, und der gelegentliche Gedanke an ſeinen alten Freund könne alle dieſe Umſtände im Gefolge gehabt haben, die nun zufällig in Erfüllung gegangen ſeyen; höchſt wahrſcheinlich habe er auch manche derartige Erſcheinung gehabt, die ſich niemals bewahrheitet. Niemand aus der Geſellſchaft widerſprach meiner Anſicht geradezu, aber aus den Einwürfen, die man mir nur ſo obenhin machte, konnte ich deutlich erſehen, daß die Meiſten über⸗ zeugt waren, es ſey etwas Außerordentliches an der Sache. Ein anderer Herr aus der Geſellſchaft wandte ſich zu mir mit den Worten:„Niemand wird es bezweifeln wollen, daß eine krankhafte Phantaſie ſehr leicht Viſionen erzeugt; wir müſſen indeß gleichwohl auf eine andere Methode denken, um eine ähnliche Ge⸗ ſchichte zu erklären, die ſich in den letzten acht Tagen in meiner Nähe zugetragen hat. Ein Mann aus guter Familie, den man in keiner Beziehung unter die Geiſterſeher zählen darf, ſtand Abends zwiſchen Licht und Dunkel unter ſeiner Hausthüre, und bekam da auf einmal einen Beſuch von ſeinem Großvater, der ſchon vor fünfzehn Jahren geſtorben iſt. Die Erſcheinung ſaß klar und deutlich auf dem nämlichen Pferde, das der Lebende gewöhn⸗ lich geritten hatte, ſchnitt ein fürchterlich zorniges Geſicht, und ſagte etwas, das der Enkel in ſeiner Angſt nicht verſtehen konnte. Das war noch nicht Alles; das Geſpenſt hatte eine gewaltige Reit⸗ peitſche, womit es ihm Rücken und Schulter dermaßen zerſchlug, 65 daß ich mit meinen eigenen Augen die Striemen geſehen habe. Nachher hat auch der Küſter den Geiſt geſehen, wie er um das Grab herumging, worin ſein Leib begraben liegt, und dieſer Mann hat es mehreren Perſonen vom Dorfe geſagt, ehe er wiſſen konnte, was dem obbeſagten Herrn begegnet war. Er kam ſoga zu mir, als dem Friedensrichter, und erbot ſich, ſeine Ausſage hierüber eidlich zu beſtätigen, was ich indeß ablehnte. Was den Enkel des Verſtorbenen betrifft, ſo iſt er ein nüchterner, ge⸗ ſcheidter, thätiger Mann, und immer zu ſehr mit materiellen Pla⸗ nen beſchäftigt, als daß ſich ſeine Phantaſie bis zum Geiſterſehen verſteigen ſollte. Er hätte die Sache nachher gerne vertuſcht, allein es war nicht mehr möglich, weil er in der erſten Angſt unter lautem Geſchrei in ſein Haus gerannt war, und vor allen Leuten ſeinen geſchundenen Rücken gezeigt hatte. Jetzt geht in der ganzen Gegend die Sage, dieſe Erſcheinung und dieſes Benehmen des Geiſtes bedeute großes Unglück für die Familie, und die Frau vom Hauſe iſt vor Schreck bereits ſo krank geworden, daß ſie das Bett hüten muß.“ Ob ich mich gleich nicht unterfangen wollte, dieſes Geheimniß zu erklären, ſo ſagte ich doch, es werde ſich ohne allen Zweifel mit der Zeit herausſtellen, daß ein Betrug dahinter ſtecke, und zwar komme das Ganze höchſt wahrſcheinlich von irgend einem Feinde des mißhandelten Mannes her. Allein der Erzähler be⸗ ſtand auf der Klarheit des Beweiſes, und die übereinſtimmenden Zeugniſſe zweier glaubwürdigen Männer, die nichts von einander gewußt, beſtätigten die Erſcheinung eines und deſſelben Mannes, deſſen Perſon beiden ſehr wohl bekannt geweſen. Von Drumlanrig gingen wir an der Nid herunter nach Dumfries, das noch einige Meilen oberhalb des Platzes liegt, wo dieſes Waſſer in die See fließt, und nächſt Glasgow die hübſcheſte Stadt iſt, die ich in Schottland geſehen habe. Die Einwohner ſcheinen ſich auch letztere Stadt zum Muſter genommen zu haben, Smollet's Romane. XV. 5 66 und zwar nicht nur in Beziehung auf Verſchönerungen der Stadt und auf Polizei, ſondern auch auf Handel und Fabriken, wodurch ſie wohlhabend, ſogar reich geworden ſind. Wir kamen über Carlisle auf engliſchen Grund und Boden zurück. Dort trafen wir zufällig unſern Freund Lismahago wieder an, nach dem wir uns in Dumfries und an andern Orten vergeblich erkundigt hatten. Es ſcheint, es geht dem Lieutenant, wie es den Propheten zu gehen pflegte— er wurde wenig geehrt in ſeinem Vaterlande und hat ihm deßhalb auf ewig Lebewohl geſagt. Er hat mir Folgendes von ſeinem Beſuche in der Heimath erzählt. Auf dem Wege nach ſeinem Geburtsorte erfuhr er, daß ſein Neffe die Tochter eines Leinwandfabrikanten geheirathet und ſich mit ſeinem Schwiegervater aſſoeirt habe. Voll Entrüſtung über dieſe Nachricht war er in der Dämmerung vor der Pforte angelangt, und als er das Puffen der Webſtühle und das Knarren der Spul⸗ räder hörte, war er ſo toll geworden, daß er ſich kaum mehr zu helfen wußte. Während er noch im höchſten Aerger war, kam zufällig ſein Neffe heraus und nun konnte er nicht länger bei ſich halten, ſondern ſchrie ihm entgegen:„Ausgearteter Schurke, willſt du meines Vaters Haus zu einer Diebshöhle machen,“ wobei er ihn zugleich tüchtig mit der Reitpeitſche bearbeitete. Darauf war er in das anliegende Dorf geritten, hatte beim Mondſchein den Begräbnißplatz ſeiner Voreltern beſucht, und nachdem er ihren Ma⸗ nen die letzte Ehrfurcht bezeigt, war er die ganze Nacht durch nach einer andern Gegend des Landes fortgetrabt. Da er nun alſo das Haupt ſeiner Familie in ſo ſchimpflichen Umſtänden angetrof⸗ fen, ſeine Freunde aber alle entweder todt oder an andere Orte gezogen und auch die Lebensmittel ſeit ſeiner Abweſenheit um's Doppelte theurer geworden waren, ſo hat er ihm ewiges Lebewohl geſagt und den Entſchluß gefaßt, in den amerikaniſchen Wäldern eine ruhige Wohnſtätte zu ſuchen. Jetzt war ich wegen des Geſpenſtes, von dem man in Drum⸗ 67 lanrig erzählt hatte, auf einmal im Reinen, und als ich dem Lieutenant die Geſchichte erzählte, hatte er eine große Freude, zu vernehmen, daß ſein Eifer alſo noch weit mehr gewirkt habe, als er ſelbſt beabſichtigt; auch gab er zu, daß man ihn in einer ſolchen Stunde und in einem ſolchen Aufzuge recht leicht für den Geiſt ſeines Vaters habe halten können, weil er große Aehnlich⸗ keit mit ihm habe. Unter uns geſagt, lieber Doctor, ich glaube, Lismahago wird nicht nach den Wikwams der Miami zu reiſen brauchen, um eine ruhige Wohnſtätte zu finden. Meine Schweſter Tabby gibt ihm jeden Augenblick deutlich genug zu verſtehen, wie hold ſie ihm iſt, und wenn ich dem äußern Schein trauen darf, ſo hat der Capitain im Sinn, die Gelegenheit bei der Stirnlocke zu faſſen. Ich meiner Seits gedenke dieß Verhältniß zu begünſti⸗ gen, und es ſoll mich ſehr freuen, wenn ich ein Paar aus ihnen machen kann. Wenn es ſo weit kommt, ſo wollen wir ſchon Mittel finden, ihnen in unſerer Nachbarſchaft für eine anſtändige Einrichtung beſorgt zu ſeyn. Ich und meine Leute werden eine herrſchſüchtige und zänkiſche Haushälterin los, und überdieß habe ich noch den Vortheil, Lismahago's Umgang ſo oft genießen zu können als ich wünſche, aber ja nicht öfter, denn obgleich eine Olla potrida ein ſehr ſchmackhaftes Gericht iſt, ſo würde es mir doch entleiden, wenn ich es täglich eſſen ſollte. Mancheſter gefällt mir ſehr gut, es iſt eine der angenehmſten und blühendſten Städte in Großbritannien, auch höre ich, daß ihr Beiſpiel den Glasgowern Muth gemacht hat, ſo große Manufak⸗ turen zu gründen. Wir werden Chathworth, den Peak und Burton beſuchen, und von letzterem Orte aus geraden Weges, wiewohl in kleinen Tagereiſen, nach Hauſe gehen. Wenn die Witterung in Wales eben ſo günſtig geweſen iſt wie im Norden, ſo wird wohl die Erndte glücklich heimgebracht worden ſeyn, und wir hätten auf nichts mehr zu denken, als auf unſer Oktoberbier; ſeyen Sie ſo gütig, Barns daran zu erinnern. Sie werden mich weit beſſer 68 bei Fleiſch finden, als bei unſerer Abreiſe, im Uebrigen hat dieſe kurze Trennung die Empfindungen der Freundſchaft nur auf's Neue geſtärkt, womit ich ſtets geweſen bin und beſtändig ſeyn werde Ihr ergebenſter M. Bramble. Mancheſter, den 15. September. An Frau Gmillim, Haushülterin zu Brambletonhall. Liebe Frau Gwyllin! Es hat dem Himmel gefallen, uns geſund und wohl nach Engelland zurückzubringen, und ſeine Hand hat uns vor vielen Gefahren zu Waſſer und zu Land geſchützt, vor allen Dingen auf dem großen Rieſenberge und in der Teufelshöhle, die ganz und gar keinen Grund hat und fintemal wir jetzt auf der Heimreiſe ſind, ſo wird es heilſam ſeyn, wenn ich Sie davon benachrichtige, damit Brambleton hübſch ordentlich in den Stand geſetzt iſt, wann wir zurückkommen nach einer ſo langen Reiſe in die ſchottländi⸗ ſchen Inſeln. Vom erſten Tag an des kommenden Monats kann Sie anfangen, ein beſtändiges Feuer in meines Herrn Bruders und in meiner Kammer machen zu laſſen; laß ſie auch alle Tage einen Arm voll Holz in der gelben Damaſtkammer verbrennen und die Gardinen und Stuhlküſſen brav ausſtäuben, und die Fe⸗ derbetten und Matratzen dichtig auslüften, denn wer weiß, ob es nicht Gottes Wille iſt, daß ſie bald gebraucht werden. Laß Sie auch die alten Bierfäſſer recht ausſcheuern und ſpielen, damit man Bier darin füllen kann, denn mein Herr Bru⸗ der hat im Sinn, ſeinen Keller von unten bis oben voll zu brauen.. 69 Wenn das Haus mein gehörte, ſo wollte ich der Hacke einen ganz andern Stiel drehen. Ich ſehe nicht ein, warum das Ge⸗ ſinde in Wales nicht eben ſo gut friſches Waſſer trinken und Gerſtenbrei und Habergrützpfannkuchen eſſen ſoll, als das Geſinde in Schottland, und warum es meint, es müſſe eben ſo gut Fleiſch haben, wie die Herrſchaften. Ich hoffe, daß Sie mir richtige Rechnung hält über des Roger ſeinen Handel mit der Buttermilch. Ich ſage Ihr zum Voraus, es darf mir kein Pfennig fehlen, wenn ich nach Hauſe komme. Von den gelegten Eiern muß auch noch eine ganze Menge übrig ſeyn, die nicht alle gegeſſen worden ſind, und ich hoffe, ich werde einen rechten Haufen voll jungen Hüh⸗ nern, Endten, Gänſen und kallikutiſchen Hühnern ums Haus herum lauffen finden, auch wird ein gutes Stück Käs da ſeyn, den ich gleich auf den Markt ſchicken will, und die Wolle, welche die Mädchen im Hauſe nicht geſponnen haben, die wird Sie doch nach Cricowell geſchickt haben. Vergeß Sie nicht, Frau Gwyllin, daß Sie das Haus von oben bis unten recht ſchön putzen läßt, damit wir auch Ehre haben, und Roger ſoll den Mädchen ihre heimlichen Schlupfwinkel einmal ausviſitiren, denn ich bilde mir wohl ein, daß ſie ſich nicht ganz ſauber aufführen werden. Ich hoffe auch, daß Sie ein frommes Leben im Hauſe eingeführt hat, wie ich Sie in meinem letzten Brief ermahnt habe, und daß die Mädchen nicht den ganzen Tag an's Eſſen und Trinken, und Karreſſiren mit den Buben denken. Die Jenkins iſt eine ganz neue Kreatur geworden, es iſt mit ihr zum Durchbruche gekommen, und vazu hat unſer neuer Bedienter Humphri Klinker viel geholfen. Das iſt ein recht frommer junger Menſch, der hat dichtig an ihr gearbeitet, daß ſie Früchte bringen ſoll der Buſſe und Bekehrung. Ich zweifle nicht, er wird ſichs nicht verdriſſen laſſen, und wird ſich dieſelbe Mühe auch mit der naſeweiſen Dirne Marie Jones und mit euch allen zuſammen geben, und ich will fleißig beten, daß ihm Kräfte genug 70 verliehen ſeyn mögen, das große Werk an euch allen zu vorbrin⸗ gen, das Noth thut, und ich bin Ihre Freundin im Geiſt Tabitha Bramble. Den 16. September. An Vortor Ludwig. Liebſter Doctor! Lismahago iſt paradoxer als je. Die Lunge voll Luft, die er aus ſeinem Geburtsorte geholt, ſcheint ſeine polemiſchen Kräfte auf's Neue beſeelt zu haben. Vor einigen Tagen wünſchte ich ihm Glück zu dem gegenwärtigen blühenden Zuſtand ſeiner Lands⸗ leute, und bemerkte dabei, die Schottländer ſeyen jetzt auf dem beſten Wege, den Nationalvorwurf der Armuth von ſich abzu⸗ wälzen; zugleich äußerte ich mein Vergnügen über die glückliche Wirkung der Union, die aus der Verbeſſerung ihrer Landwirth— ſchaft, ihres Handels und ſelbſt ihrer Sitten ſo deutlich hervor⸗ leuchte. Der Lieutenant zog ſeine Geſichtsmuskeln in eine Miene mißfälligen Zweifels, und machte ungefähr folgende Noten zu meinem Terte: „Diejenigen, die einer Nation ihre Armuth zum Vorwurf machen, wenn dieſelbe keine Folge der Ausſchweifungen und Laſter des Volks iſt, verdienen keine Antwort. Die Lacedämonier waren ärmer als die Schotten, zur Zeit, da ſie an der Spitze aller freien Staaten Griechenlands ſtanden, und wegen ihrer Tapferkeit und Tugend höher geſchätzt wurden, als die übrigen zuſammen. Die ehrwürdigſten Helden des alten Roms, ein Fabricius, ein Ein⸗ einnatus und Regulus waren ärmer als der ärmſte Freiſaſſe in Schottland, und in Nordbritannien gibt es bis auf den heutigen Tag Leute, von denen ein einziger mehr Gold und Silber auf⸗ 71 bringen kann, als die ganze römiſche Republik, zur Zeit, da ihre Macht und Tugend in unvergleichlichem Glanze ſtrahlte. Damals war die Armuth ſo wenig ein ſchimpflicher Vorwurf, daß ſie viel⸗ mehr ihren Ruhm vermehrte, weil ſie eine edle Verachtung des Reichthums beurkundete, die probefeſt war gegen alle Künſte der Beſtechung. Sobald die Armuth ein Schimpf wird, ſo folgt daraus, daß der Reichthum ein Gegenſtand der Hochachtung und Verehrung ſeyn muß, und in dieſem Fall gibt es in Amſterdam und London Juden und andere Leute, die ſich durch Wucher und allerlei Arten von Trug und Erpreſſung ſo viele Schätze zuſam⸗ mengehäuft haben, daß ſie mehr Ehrerbietung fordern können, als die tugendhafteſten und verdienſtvollſten Männer im Lande: eine Abgeſchmacktheit, die wohl Niemand behaupten wird, der ſeine fünf Sinnen hat. Der Reichthum iſt wahrhaftig kein Beweis von Verdienſten; oft, ſogar in den meiſten Fällen, wird er von Leu⸗ ten erworben, die eine ſchmutzige Denkungsart, und nichts weni⸗ ger als klare Köpfe haben; auch gibt er ſeinem Beſitzer durchaus keinen innern Werth, ſondern kann im Gegentheil weit eher dazu beitragen, ſeinem Verſtande eine verkehrte Richtung zu geben und ſeine Sitten zu verderben. Aber auch angenommen, die Armuth ſey wirklich etwas Schimpfliches, ſo kann man doch Schottland billiger Weiſe dieſen Vorwurf nicht machen. Kein Land iſt arm, das ſeinen Bewohnern die nothwendigen Lebensbedürfniſſe ver⸗ ſchaffen kann, und ſogar noch Artikel zur Ausfuhr liefert. Schott⸗ land iſt reich an Naturprodukten. Es bringt in Ueberfluß Alles hervor, was zur Nahrung und Kleidung der Menſchen gehört; große Heerden Hornvieh und Schaafe nebſt einer namhaften An⸗ zahl Pferde, ungeheure Vorräthe an Wolle und Flachs, Brenn⸗ holz die Hülle und Fülle, und in manchen Gegenden große Wäl⸗ der, die Bauholz liefern. Zudem iſt.die Erde in ihren Einge⸗ weiden noch reicher als auf ihrer Oberfläche. Sie gibt einen un⸗ erſchöpflichen Vorrath von Steinkohlen, Bruchſteinen, Marmor, ² 72 Blei, Eiſen, Kupfer und Silber, nebſt einigem Gold. In der See wimmelt es von vortrefflichen Fiſchen, auch fehlt es nicht an Salz, um ſie zur Ausfuhr einzupöckeln und um das Königreich herum findet man Häfen und Buchten zur Bequemlichkeit und Sicherheit der Schifffahrt. Das Land enthält eine erſtaunliche Menge Städte, Dörfer und Flecken, alle vollgepfropft von Menſchen, auch ſpürt man keinen Mangel an Künſten, an Induſtrie, an bürgerlicher Ordnung und Polizei. Ein ſolches Land kann man nie und nim⸗ mermehr in irgend einer Bedeutung des Wortes arm nennen, obgleich manche andere weit mächtiger und reicher ſeyn mögen. Den paſſenden Gebrauch dieſer Vortheile aber und den gegenwär⸗ tigen Wohlſtand der Schotten ſcheinen Sie von der Verbindung beider Länder herzuleiten.“ Ich ſagte, er werde doch nicht läugnen wollen, daß das Land ſeit der Union eine beſſere Geſtalt gewonnen habe, daß die Kute beſſer leben, der Handelsverkehr weit größer geworden und viel mehr Geld im Umlauf ſey.„Dieß Alles,“ antwortete der Lieu⸗ tenant,„kann ich zugeben, ohne jedoch Ihre Folgerung gelten zu laſſen. Den Unterſchied, deſſen Sie gedenken, möchte ich einem natürlichen Fortſchritt der Kultur zuſchreiben. Seit jenem Zeit⸗ punkt haben es andere Nationen, wie zum Beiſpiel die Schweden, die Dänen, und hauptſächlich die Franzoſen, ohne irgend eine der angeführten Urſachen, im Handel um ein Bedeutendes weiter ge⸗ bracht. Schon vor der Union herrſchte ein ſtarker Handelsgeiſt in Schottland, wie aus ihrer Darien'ſchen Compagnie, worin nicht weniger als viermalhunderttauſend Pfund Sterling ſteckten, und aus dem blühenden Zuſtand der Seeküſte in Fife, ſo wie auch der öſtlichen Küſte, erhellt, die ſich durch ihren von der Union nunmehr abgeſchnittenen Handel mit Frankreich anſehnliche Sum⸗ men erworben haben. Der einzige wahre Handelsvortheil, den Schottland durch die Union gewonnen hat, beſtand in der Erlaub⸗ niß, mit den engliſchen Pflanzungen in Verkehr zu treten; indeß 73 kenne ich außer Glasgow und Dumfries keine ſchottiſchen Städte, die ſich mit dieſem Handel befaſſen würden. In andern Beziehun⸗ gen haben die Schotten, wie ich ganz genau weiß, durch die Union verloren. Sie verloren die Unabhängigkeit ihres Staates, die größte Stütze des Nationalgeiſtes; ſie verloren ihr Parlament, und ihre Gerichtshöfe wurden einem engliſchen Tribunal unter⸗ geordnet.“ „Nur ſachte, Herr Capitain,“ rief ich,„wie können Sie ſagen, die Schottländer haben ihr Parlament verloren; während ſie doch in dem von Großbritannien vertreten werden?“—„Ja wahrhaftig,“ erwiederte er mit ſarkaſtiſchem Grinſen,„bei Debat⸗ ten, wo es ſich um einander widerſtreitende Intereſſen beider Nationen handelt, da müſſen die ſechszehn Pairs im Oberhauſe und die fünfundvierzig übrigen ſchottiſchen Parlamentsmitglieder im Haus der Gemeinen freilich ein furchtbares Gewicht gegen die Maſſe der engliſchen Volksvertreter in die Schale legen.“—„Dem ſey wie ihm wolle,“ bemerkte ich,„ſo lange ich die Ehre hatte, im Unterhaus zu ſitzen, hatten die ſchottiſchen Mitglieder immer die Majorität auf ihrer Seite.“—„Ich verſtehe Sie, mein Herr,“ ſagte er,„die Schottländer ſtimmen gewöhnlich mit der Majori⸗ tät, aber dieß iſt um ſo ſchlimmer für ihre Wahlmänner. Doch iſt dieß bei Weitem noch nicht das ärgſte Uebel, das ſie der Union zu verdanken haben. Ihren Handel hat man mit ſchweren Auf⸗ lagen belaſtet, und auf jedes Lebensbedürfniß ſind harte Taxen gelegt, um die Intereſſen von ungeheuern Schulden zu bezahlen, in die ſich die Engländer durch Unternehmungen und Verbindun⸗ gen geſtürzt haben, die durchaus ohne alle Beziehungen auf die Schotten find.“ Ich bat ihn, doch wenigſtens zuzugeben, daß die Schottländer durch die Union ſämmtlicher Privilegien und Frei⸗ heiten der engliſchen Unterthanen theilhaftig geworden ſeyen, und in Folge davon eine Menge von ihnen theils bei der Armee oder Flotte ihr Unterkommen gefunden, theils in verſchiedenen Gegenden 74 Englands oder auch in ſeinen Kolonien ihr Glück gemacht haben. „Alle dieſe Leute,“ ſagte er,„werden engliſche Unterthanen in der ganzen Bedeutung des Worts, und gehen größtentheils für ihr eigentliches Vaterland verloren. Die Schottländer haben ſich von jeher durch Reiſeluſt und Abenteuerſucht ausgezeichnet. Hätten ſie in England keine vortheilhafte Unterkunft gefunden, ſo würden ſie, wie früher, in fremden Ländern Dienſte geſucht haben. Findet man ja doch in Rußland, Schweden, Dänemark, Polen, Deutſch⸗ land, Frankreich, Piemont und Italien bis auf den heutigen Tag eine Menge Abkömmlinge von urſprünglich ſchottiſchen Familien.“ Jetzt fing ich an die Geduld zu verlieren und rief:„Aber ums Himmels willen, was hat denn England durch dieſe Union gewonnen, die nach Ihrer Behauptung für die Schotten ſo nach⸗ theilig iſt?“—„Groß und mannigfaltig,“ erwiederte Lismahago in feierlichem Tone,„ſind die Vortheile, die England von der Union bezieht. Für's Erſte und vor Allem die proteſtantiſche Thronfolge, ein Punkt, der dem engliſchen Miniſterium ſo ſehr am Herzen lag, daß es keinen Stein auf dem andern ließ und auf jede erdenkliche Art die einflußreichſten Männer Schottlands auf ſeine Seite zu locken ſuchte, um dem Volke, das ſchlechter⸗ dings nichts davon wiſſen wollte, dieſe Union ſo ſüß als möglich einzugeben. Es gewann dadurch einen bedeutenden Zuwachs an Land, ſo daß ſich ſein Gebiet nach allen Seiten der Inſel hin bis an die See erſtreckte, und ſeinen Feinden alle Hinterthüren ver⸗ ſchloſſen wurden. Ferner erhielt es dadurch einen Zuwachs von mehr als einer Million nützlicher Unterthanen, eine zuverläßige Pflanzſchule für Seemänner, Soldaten, Bauern und Handwerker: gewiß ein höchſt ſchätzbarer Erwerb für einen Handelsſtaat, der auswärtige Kriege zu führen hat und genöthigt iſt, in allen vier Welttheilen eine Anzahl Kolonien zu behaupten. Während des letzten Kriegs hat Schottland im Lauf von ſieben Jahren der eng⸗ liſchen Armee und Flotte ſiebzigtauſend Mann geliefert, Diejenigen 75 ungerechnet, welche in die Kolonien gewandert ſind oder ſich in der Heimath zu bürgerlichen Geſchäften mit ihnen vereinigt haben. Dies mußte eine wichtige und höchſt gelegene Unterſtützung für ein Volk ſeyn, das ſchon ſeit vielen Jahren etwas zuſammenge⸗ ſchmolzen war, ſo daß ſeine Ländereien und Fabriken wirklich aus Mangel an Händen bedeutend in Schaden kamen. Ich brauche Sie nicht an die abgedroſchene Maxime zu erinnern, daß unter ſolchen Umſtänden ein Zuwachs von arbeitſamen Leuten ſo viel werth iſt, als baares Geld; eben ſo wenig werde ich die Bemer⸗ kung wiederholen müſſen, die ſogar unter den Engländern ſelbſt für eine ewige Wahrheit gilt, daß die Schotten, die ſich in Süd⸗ britannien niederlaſſen, ſich durch Nüchternheit, Fügſamkeit und Fleiß vor allen Andern auszeichnen.“ Ich räumte das ein und fügte hinzu, daß Thätigkeit, Spar⸗ ſamkeit und Vorſicht manchem von ihnen, ſowohl in England als in den Kolonien, zu einem bedeutenden Vermögen verhelfe, wo⸗ mit er dann nach ſeinem Vaterlande zurückkehre, was immer ein reiner Verluſt für Südbritannien ſey.„Mit Ihrer Erlaubniß, mein Herr,“ ſagte er,„ich verſichere Sie, daß Sie in Beziehung auf die Thatſache ſchlecht berichtet ſind und eine falſche Folgerung daraus ziehen. Von Zweihundert, die Schottland verlaſſen haben, wird kaum Einer jemals in ſein Vaterland zurückkehren, um ſich dort niederzulaſſen, und die Wenigen, die es thun, bringen nichts mit, was die Geldmittel Südbritanniens verringern könnte, denn ihre Schätze ſtocken in Schottland nicht, das Geld iſt in beſtändi⸗ gem Umlauf, wie das Blut im menſchlichen Körper, und England iſt das Herz, nach welchem alle Ströme, die es abſandte, wieder zurückfließen. Ja noch mehr, in Folge des Luxus, den unſere Verbindung mit England wenn auch nicht eingeführt, doch bedeu⸗ tend geſteigert hat, fließen alle Einkünfte unſerer Ländereien und der ganze Profit von unſerem Handel den Bewohnern Südbri⸗ tanniens zu; denn Sie werden finden, daß der Verkehr zwiſchen 76 beiden Reichen beſtändig zu Ungunſten Schottlands iſt, das weder Gold noch Silber genug hat, um ſelbſtſtändig aufzutreten. Die Schotten begnügen ſich nicht mit ihren eigenen Produkten und Manufakturen, die für ihre wirklichen Bedürfniſſe doch wahrhaftig ausreichen könnten, ſondern ſcheinen einander überbieten zu wollen, wer die meiſten Luxusartikel aus England bezieht, als da ſind breite feine Halstücher, Sammete und Plüſche, Seidenſtoffe, Spitzen, Pelzwerk, Juwelen, Hausgeräthſchaften aller Art, Zucker, Rum, Thee, Chokolade und Kaffee. Kurz nicht nur Alles, was zur üppigſten Mode gehört, ſondern auch mancherlei Haushaltungs⸗ Artikel, die ſie eben ſo gut und wohlfeiler daheim haben könnten. Aus dieſem Handel allein kann England nach meiner Berechnung mehr als eine Million jährlich ziehen. Ich mache durchaus keinen Anſpruch, die Summe genau beſtimmen zu können; vielleicht iſt es etwas weniger, vielleicht aber auch weit mehr. Die jährlichen Einkünfte der Krone von den ſchottiſchen Landgütern müſſen zum WMindeſten eine Million Pfund Sterling betragen, und der Handel mit Schottland muß weit mehr einbringen. Ich weiß, daß die Leinwandmanufaktur allein auf etwa eine halbe Million zu ſchätzen iſt, den Abſatz im eigenen Lande gar nicht gerechnet. Wenn alſo Nordbritannien an England jährlich eine Bilanz von einer Million bezahlt, ſo behaupte ich, daß es demſelben nur durch ſeinen Han⸗ del allein, abgeſehen von allen andern hier angeführten Vortheilen, weit nützlicher iſt, als irgend eine ſeiner Kolonien, und ſomit ſind Diejenigen, welche den nördlichen Theil des vereinigten Rei⸗ ches herabſetzen wollen, weder Freunde Englands noch Freunde der Wahrheit.“ Ich muß geſtehen, lieber Doctor, im Anfang verdroß es mich beinahe, mich über ſo manche Punkte ſchulmeiſtern laſſen zu müſſen. Ich nahm zwar nicht alle ſeine Behauptungen als Evangelien auf, war aber doch nicht im Stande, ſie zu widerlegen, und nun muß ich ihm wohl oder übel darin Recht geben, daß die dieſſeits der 77 Tweed vorwaltende Verachtung gegen Schottland auf Vorurtheilen und Irrthümern beruht. Nach einigem Rachdenken ſagte ich zu ihm:„Nun gut, Herr Capitän, Sie haben den Werth Ihres Va⸗ terlandes wacker vertheidigt. Ich für meine Perſon hege eine ſolche Hochachtung für unſere Mitbürger in Nordbritannien, daß ich den Tag zu erleben wünſche, da ihre Bauern allen ihren Hafer ihrem Vieh, ihren Schweinen und ihrem Geflügel füttern, und ſich für ihren eigenen Mund gutes feines Weizenbrod bereiten, ſtatt dieſes armſeligen, unſchmackhaften, ungeſunden und hitzigen Gebäckes.“ Damit bekam ich indeß den kaledoniſchen Haberecht wieder auf den Hals. Er ſagte, er hoffe nie zu erleben, daß das gemeine Volk aus einer Sphäre gehoben werde, wofür Natur und Weltlauf es beſtimmt hhabe; der gemeine Mann könnte dann erſt Urſache zu klagen haben, wenn ſein Brod, wie in Norwegen, mit Sägeſpänen und Fiſchgräten vermiſcht wäre; Hafermehl aber ſey ſeines Wiſſens eben ſo nahrhaft und geſund als das von Weizen, und die Schotten finden es im Allgemeinen eben ſo ſchmackhaft. Er behauptete, eine Maus, von der man alſo vorausſetzen müſſe, daß ſie im Punkte der Selbſterhaltung nach unfehlbaren Natur⸗ trieben handle, ziehe immer den Hafer vor, wie die Erfahrung zeige; denn auf einem Boden, wo Hafer und Weizen liege, habe dieſes Thierchen nie vom letztern zu freſſen angefangen, bis erſt der Hafer aufgezehrt geweſen ſey. Für ſeine Nahrhaftigkeit zeuge die feſte, dauerhafte Geſundheit der Leute, die beinahe nichts An⸗ deres zu eſſen haben; hitzig aber ſey er ganz und gar nicht, ſon⸗ dern im Gegentheil kühlend, ſäuerlich, balſamiſch und ſchleimig; ja in allen Entzündungskrankheiten werde dem Patienten Hafer⸗ grütze und Hafermehl verordnet.“ „So werden Sie mir,“ ſagte ich,„doch wenigſtens erlauben, ihnen einen ſo ergiebigen Handel zu wünſchen, daß ſie in den Stand geſetzt werden, ihren eigenen Neigungen zu folgen.— „Da ſey Gott für!“ rief der Philoſoph.„Wehe dem Volke, wo 78 der große Haufen die Freiheit hat, ſeinen eigenen Neigungen zu folgen! Der Handel iſt allerdings ein Segen, ſo lange er in ſeinen geziemenden Schranken bleibt; allein Ueberfluß an Reich⸗ thum bringt auch Ueberfluß an Uebeln mit ſich; er hat falſchen Geſchmack, falſche Gelüſte, falſche Bedürfniſſe, Verſchwendung, Käuflichkeit und Verachtung der Geſetze zur Folge; er erzeugt einen Hang zur Zügelloſigkeit, Unbändigkeit und zum Aufruhr, wodurch das Gemeinweſen in beſtändiger Gährung erhalten und zuletzt aller Ständeunterſchied in der bürgerlichen Geſellſchaft über den Haufen geſtoßen wird, ſo daß eine allgemeine Anarchie daraus entſtehen muß. Wie kann nun ein vernünftiger Menſch behaupten, eine Nation ſolle die Vortheile des Reichthums um dieſen Preis ſuchen?“—„Nein, das freilich nicht; aber ich bin einer von Denjenigen, welche glauben, bei gehöriger Fürſorge könne der Handel einer Nation alles mögliche Glück bereiten, ohne daß ſolche Uebel nothwendig damit verknüpft ſeyen.“ So viel diesmal von den nationalökonomiſchen Grundſätzen meines Freundes Lismahago, den ich Ihnen um ſo umſtändlicher ſchildere, weil ich faſt glaube, er wird ſeinen Ruheſitz bei uns in Monmouthſhire aufſchlagen. Geſtern, als ich mit ihm allein war, fragte er mich mit einiger Veklommenheit, ob ich dem Glück eines ehrlichen Kriegsmannes entgegen ſeyn würde, falls es ihm gelin⸗ gen könnte, das Herz meiner Schweſter zu gewinnen. Ich erwie⸗ derte ohne langes Bedenken, meine Schweſter ſey alt genug, um für ſich ſelbſt zu wählen, indeß würde ich weit entfernt ſeyn, irgend Etwas zu mißbilligen, was ſie zu ſeinen Gunſten zu thun ent⸗ ſchloſſen ſey. Bei dieſer Erklärung funkelten ſeine Augen. Er betheuerte, er würde ſich für den glücklichſten Mann auf Erden halten, wenn es ihm gelingen könnte, in meine Familie aufge⸗ nommen zu werden, und gewiß würde es ſein angelegentlichſtes Beſtreben ſeyn, fortwährend Proben ſeiner Dankbarkeit und Erge⸗ benheit abzulegen. Ich glaube, daß Tabby und er bereits einig 6⁸ 79 ſind; auf dieſen Fall haben wir bald eine Hochzeit in Bramble⸗ tonhall, und Sie müſſen die Braut zum Altar führen: eine leich⸗ tere Buße kann Ihnen nicht auferlegt werden für Ihre frühere Grauſamkeit gegen dieſes arme, liebeſieche Mädchen, das ſo lange ein Pfahl war im Fleiſche Ihres M. Bramble. Den 20. September. NS. Wir ſind in Buxton geweſen; allein weder die Geſell⸗ ſchaft, noch die Bewirthung wollte mir gefallen, das Waſſer brauchte ich auch nicht, und ſo blieben wir blos zwei Nächte da. An Sir Watkin Philipps, Baronet, im Jeſuitenkollegium zu Orford. Lieber Wat! Die Ereigniſſe häufen ſich, je weiter wir gegen Süden kom⸗ men. Lismahago hat ſich nun öffentlich als Verehrer meiner Tante erklärt, und bringt ihr unter der Sanction ihres Bruders ſeine Huldigungen dar, ſo daß wir gegen Weihnachten gewiß eine Hoch⸗ zeit haben. Ich gäbe viel darum, wenn Sie der Feier anwohnen und mir bei Löſung der Strumpfbänder, ſo wie bei andern hier zu Lande bräuchlichen Ceremonien dieſer Art behülflich ſeyn könn⸗ ten. Es geht gewiß recht luſtig dabei zu, und es wäre wahrhaftig der Mühe werth, daß Sie einmal das Land durchzögen, um zwei ſolche Originalfiguren mit ihren geſtickten Nachtmützen im Bette beiſammen zu ſehen: er das Sinnbild des Vergnügens und ſie das Conterfei der Gutherzigkeit. Dieſe angenehme Ausſicht wurde uns indeß umwölkt und wäre beinahe gänzlich verſchwunden in Folge eines Mißverſtändniſſes zwiſchen den künftigen Schwägern, das ſich indeß glücklich wieder gehoben hat. „ 80 Vor einigen Tagen beſuchte ich mit meinem Oheim einen Verwandten, in deſſen Hauſe wir den Lord Ormington trafen; dieſer lud uns auf den andern Tag zum Eſſen ein, und wir nah⸗ men die Einladung an. Wir ließen alſo unſere Damen unter Capitän Lismahago's Schutz in dem Wirthshaus, wo wir über⸗ nachtet hatten, und in einem kleinen Städtchen, etwa eine halbe Stunde von Mylords Wohnung. Wir kamen zur beſtimmten Stunde an und trafen ein ſtattliches Gaſtmahl, das mit vielem Prunk einer Geſellſchaft von etwa zwölf Perſonen vorgeſetzt wurde, von denen wir keine vorher geſehen hatten. Der Lord iſt weit mehr durch ſeinen Stolz und ſeine Wunderlichkeit bekannt, als durch ſeine Gaſtlichkeit und ſeinen Verſtand; auch konnte man klar erſehen, daß er ſeine Gäſte nur als Gegenſtände betrachtete, die den Glanz ſeiner Pracht zurückſtrahlen ſollten. Staat und Prunk war genug da, aber keine Höflichkeit; Complimente in Menge, aber keine Unterhaltung. Ehe noch der Nachtiſch abgenommen wurde, brachte unſer hochadliger Herr Wirth drei allgemeine Toaſte aus, ließ ſich ſodann ein Glas Wein geben, verbeugte ſich gegen uns Alle und wünſchte uns guten Abend. Dies war das Signal zum Aufbruch und Alle gehorchten, nur mein Oheim nicht, dem dieſe Art von Verabſchiedung gewaltig wurmte. Er wurde bald blaß, bald roth, biß ſich ſtillſchweigend in die Lippen, blieb aber beharrlich ſizen, ſo daß Se. Herrlichkeit ſich genöthigt ſah, uns von Neuem einen Wink zu geben und zu ſagen, es würde ihm lieb ſeyn, uns ein ander Mal bei ſich zu ſehen.„Jetzt ſind wir aber da!“ rief Herr Bramble;„Ew. Herrlichkeit hat mit uns noch kein Glas auf das Beſte in der Chriſtenheit getrunken.“ —„Ich trinke heute auch Richts mehr,“ erwiederte unſet Gaſtgeber, »und es thut mir leid, zu ſehen, daß Sie zu viel getrunken haben. — Laß den Wagen des Herrn vorfahren.“ Mit dieſen Worten ſtand er auf und ging ſchnell hinaus; unſer Squire aber war auf⸗ geſprungen, hatte die Hand an ſeinen Degen gelegt und den Lord 81 mit wildem, drohendem Blick angeſehen. Nachdem nun der Herr auf dieſe Art verſchwunden war, befahl mein Oheim einem der Bedienten, er ſolle nach der Zeche fragen, und als der Kerl ant⸗ wortete„Dies iſt kein Wirthshaus!“ ſo rief er:„Nehm er mir's nicht übel, Freund. Ich ſehe, Er hat Recht, der Wirth müßte ſonſt höflicher ſeyn. Indeſſen hat er hier eine Guinee; nehm' Er ſie nur und melde Er Seinem Herrn, daß ich ſeine Nachbarſchaft nicht verlaſſen werde, bevor ich Gelegenheit gehabt habe, meinen perſönlichen Dank für ſeine Höflichkeit und Gaftfreundlichkeit ab⸗ zuſtatten.“ Hierauf gingen wir durch eine doppelte Reihe von Lakaien, ſetzten uns in den Wagen und fuhren nach Hauſe. Als ich den Squire ganz außer ſich vor Entrüſtung ſah, wagte ich es, ihm die Einwendung zu machen, der Lord ſey ja als hirnverrückter Kerl bekannt und deßwegen ſollte ein vernünftiger Mann über ſeine abgeſchmackte Grobheit lachen, aber nicht ſich ärgern. Herr Bramble wurde unwirſch, daß ich mich unterfing, bei dieſer Gelegenheit geſcheidter ſeyn zu wollen als er ſelbſt, und ſagte, er habe noch bei allen Vorfällen des Lebens für ſich ſelbſt gedacht und wolle ſich mit meiner gütigen Erlaubniß dieſe Freiheit auch ferner vor⸗ behalten. Als wir in unſerm Gaſthof angelangt waren, ſchloß er ſich mit Lismahago ein, ſetzte ihm ſeine Beſchwerden auseinander und erſuchte ihn, zu Lord Oxmington zu gehen und in ſeinem Namen Genugthuung zu fordern. Der Lieutenant nahm den Auftrag an, ſetzte ſich augenblicklich zu Pferde und ritt nach dem Hauſe des Lords, wohin ihn auf ſein Verlangen mein Bedienter Archy Mac⸗ alpine, ein ehemaliger Kriegsmann, begleitete; und wahrlich, hätte Macalpine einen Eſel geritten, man hätte dieſes Paar mit Fug und Recht für den Ritter von der Mancha und ſeinen Schild⸗ knappen Panſa halten können. Es dauerte einige Zeit, bis Lis⸗ mahago eine Privataudienz erlangen konnte, worin er Se. Herrlich⸗ Smollet's Romane. XV. 6 82 keit im Namen des Herrn Bramble zum Zweikampf herausforderte und bat, er möchte Zeit und Ort beſtimmen. Lord Ormington war über dieſe unerwartete Botſchaft ſo verblüfft, daß er eine Zeitlang keine articulirte Antwort gab, ſondern daſtand und den Lieutenant mit ſichtbaren Zeichen von Angſt anſtarrte. Endlich zog er mit großer Heftigkeit an der Klingel und rief dann: Wie? was? Ein gemeiner Edelmann fordert einen Pair des Reichs zum Zweikampf heraus! He da! hier ſteht Jemand, der mir eine Ausforderung von dem Herrn aus Wales überbringt, welcher geſtern mit uns geſpeist hat. Ein unverſchämter Kerl das! Mein Wein ſcheint immer noch in ſeinem Kopfe zu rumoren.“ Sogleich kam das ganze Geſinde herbeigeſprungen. Macal⸗ pine zog ſich als guter Soldat mit ſeinen beiden Pferden zurück, allein der Capitän ſah ſich plötzlich von einer Menge Lakaien, die ein franzöſiſcher Kammerdiener befehligte, umringt und entwaffnet. Sein Degen wurde durch einen Nachtſtuhl, ſeine eigene Perſon durch eine Pferdeſchwemme gezogen. So zugerichtet kam er halb wahnſinnig vor Grimm in's Wirthshaus zurück. Sein Aerger ging ſo weit, daß er ſich am Gegenſtand deſſelben vergriff. Er fing an, gegen meinen Oheim loszudonnern, und ſagte, um ſei⸗ netwillen ſey er beſchimpft worden, ſomit müſſe er ſich auch wegen des Erſatzes an ihn halten. Mein Oheim war im Augenblick be⸗ reit und bat ihn, er möchte nur ſagen, was er begehre.„Ent⸗ weder,“ ſagte der Lieutenant,„müſſen Sie den Lord Oxmington zwingen, daß er mir Satisfaction gibt, oder Sie müſſen es ſelbſt thun.“—„Das Letztere,“ verſetzte der Squire aufſpringend,„iſt das Geſchwindeſte und Leichteſte. Wenn Ihnen ein Spaziergäng⸗ chen gefällig iſt, ſo kann ich Sie im Augenblick begleiten.“ dier wurden ſie von Tante Tabbp unterbrochen, die den gan⸗ zen Hergang angehört hatte. Sie ſtürzte in's Zimmer, rannte zwiſchen Beide und rief in wilder Seelenangſt den Lieutenant an: „Iſt das Ihre Liebe für mich, daß Sie meinem Bruder nach dem 83 Leben trachten?“ Lismahago, der immer kälter zu werden ſchien, je wärmer mein Oheim wurde, verſicherte ſie, er habe ſehr viel Hochachtung für Herrn Bramble, noch höher aber ſtehe ihm ſeine eigene Ehre, und dieſe ſey befleckt worden; ſobald indeß der Fleck einmal abgewaſchen ſey, werde er weiter keine Urſache zum Miß⸗ vergnügen mehr haben. Der Squire ſagte, er würde es für ſeine Pflicht gehalten haben, die Ehre des Lieutenants zu rächen, allein da er die Suppe einmal eingebrockt habe, ſo ſolle er zuſehen, wie er ſie auseſſe. Kurz und gut, durch Vermittlung der Jungfer Tabitha, durch das Eingeſtändniß des Capitäns, daß er zu weit gegangen ſey, und durch die Vorſtellungen Ihres gehorſamſten Dieners, der auch dazu gekommen war, wurden dieſe zwei wun⸗ derlichen Köpfe wieder vollkommen ausgeſöhnt, und nun hielten wir Rath, auf welche Art und Weiſe die Beleidigungen des unver⸗ ſchämten Pairs zu rächen ſeyen, denn mein Oheim verfluchte ſich und ſchwur, er werde das Wirthshaus, wo wir waren, nicht ver⸗ laſſen, bis die Scharte ausgewetzt ſey, unv ſollte er die Weih⸗ nachten hier feiern müſſen. Dem gefaßten Beſchluſſe gemäß ritten wir am andern Morgen alle zuſammen mit unſern Bedienten in einem Trupp nach des Lords Hauſe; auch den Kutſcher hatten wir beritten gemacht, und Alle hatten wohlgeladene Piſtolen. So ſchlagfertig paradirten wir langſam und feierlich dreimal an der Hausthüre des Lords vorbei, ſo daß er uns ſehen mußte und über den Zweck unſerer Ankunft nicht wohl im Zweifel ſeyn konnte. Nach Tiſch, deßgleichen am andern Morgen wiederholten wir denſelben Ritt, hatten indeß nicht nöthig, uns noch länger dieſe Bewegung zu machen. Um Mittag beſuchte uns der Herr, in deſſen Hauſe wir den Lord Ormington zum erſten Mal geſehen hatten. Der Lord ließ ſich entſchuldigen und erklären, er habe nicht die Abſicht gehabt, mei⸗ nen Oheim durch Etwas zu beleidigen, was von jeher in ſeinem Hauſe Brauch geweſen ſey, und was die dem Offiziere widerfah⸗ 84 rene ſchimpfliche Behandlung anlange, ſo ſey das Ganze ohne Wiſſen und Willen Sr. Lordſchaft, nur auf Anſtiften des Kammer⸗ dieners geſchehen.„Wenn dies der Fall iſt,“ ſagte mein Obeim in entſchiedenem Tone,„ſo will ich mich begnügen, wenn Lord Ormington ſich perſönlich entſchuldigt, und mein Freund wird ſich, hoffe ich, zufrieden geben, wenn der Lord den unverſchämten Schur⸗ ken aus ſeinen Dienſten jagt.“—„Sir,“ rief Lismahago,„ich muß auf perſönlicher Rache beſtehen, denn ich bin perſönlich belei⸗ digt worden.“ Nach einigem Hinundwiderreden wurde die Sache endlich fol⸗ gendermaßen beigelegt. Der Lord traf uns im Hauſe unſeres Freundes und erklärte, daß ihm das Vorgefallene Leid thue und daß er Niemand habe beleidigen wollen. Der Kammerdiener bat den Lieutenant knieend um Vergebung, als ihn Lismahago, zum Erſtaunen aller Anweſenden, mit dem Fuße in's Geſicht ſtieß, ſo daß er auf den Rücken fiel, und vabei in wüthendem Tone rief: „Oui, je te pardonne, gens foutre!“ Dies war der glückliche Ausgang eines ſo geſährlichen Aben⸗ teuers, das unſere Familie mit großem Verdruß bedrohte; denn mein Oheim gehört zu Denjenigen, die lieber Leib und Leben daran ſetzen, als den mindeſten Fleck oder Makel auf ihrer Ehre und ihrem guten Namen dulden. Der Lord hatte kaum ſeine Entſchul⸗ digung geſagt, was er mit ſehr ſchlechtem Anſtand verrichtete, als er in einiger Verlegenheit abzog, und ich wollte wetten, er ladet ſo bald keinen Welſchmann mehr zum Eſſen ein. Wir verließen ebenfalls bald dieſen Schauplatz unſeres Hel⸗ denmuthes, um unſere Reiſe fortzuſetzen; allein ſo geradeaus mögen wir nicht reiſen. Wir machen uns nichts aus ein paar Meilen Umweg, wenn irgendwo in der Nähe in einer Stadt oder auf einem Landgut oder ſonſtwo etwas Merkwürdiges zu ſehen iſt, und ſo nähern wir uns mit kleinen Schritten den Grenzen von Monmouthſhire. Indeß unſere Bewegungen mögen ſo unregel⸗ 85 mäßig ſeyn, wie ſie wollen, feſt und unveränderlich bleibt immer die Freundſchaft, womit Ihnen, liebſter Wat, ſtets zugethan ſeyn wird Ihr H. Melford. Den 28. September. An Doctor Ludwig. Mein lieber Doctor! Wie alt muß wohl ein Mann geworden ſeyn, wenn er ſich von der Nothwendigkeit befreit glauben darf, wegen abgeſchmackter Empfindlichkeiten ſeine Ruhe in die Schanze zu ſchlagen? Ich war in ein lächerliches Abenteuer verwickelt, das ich Ihnen münd⸗ lich erzählen werde, und zwar wird dies nicht mehr lange anſtehen, da wir nunmehr ſo ziemlich alle unſere Beſuche gemacht und Alles in Augenſchein genommen haben, was einigermaßen geeignet war, uns auf unſerer Rückreiſe aufzuhalten. Vor einigen Tagen brachte ich zufällig in Erfahrung, mein alter Freund Baynard befinde ſich auf ſeinem Landgute, und da wollte ich doch nicht ſo nahe an ſeiner Wohnung vorbeireiſen, ohne ihn zu beſuchen, obgleich unſer Briefwechſel ſeit einer Reihe von Jahren unterbrochen worden iſt. Das Andenken an unſer früheres inniges Verhältniß ergriff mich auf's Tieſſte, als wir uns dem Orte näherten, wo wir ſo manchen vergnügten Tag mit einander verlebt hatten; als wir aber beim Hauſe anlangten, konnte ich keinen von all' den Gegenſtänden wieder erkennen, die ſich meinem Gedächtniſſe ſo tief eingeprägt hatten. Die hohen Eichen, die den Zugang beſchatteten, waren niedergehauen, die eiſernen Thore am Ende deſſelben waren weggenommen, und die hohe Mauer, die den ganzen Hofraum umfing, war abgetragen worden. Das Haus ſelbſt, das ehedem ein Ciſterzienſer Mönchskloſter geweſen 86 war, hatte ein ehrwürdiges Ausſehen, und längs der Fronte, die auf den Garten ſtieß, ſtand eine ſteinerne Gallerie, auf der ich manchen angenehmen Spaziergang gemacht hatte, wenn ich in der Stimmung war, meine einſamen Betrachtungen anzußtellen. Jetzt iſt dieſe alte Front nach moderner Baukunſt ſtiliſirt, ſo daß das Aeußere alles griechiſch, das Innere alles gothiſch iſt. Der Gar⸗ ten hatte ehedem die beſten Früchte geliefert, die in England fort⸗ kommen, jetzt aber findet man darin nicht die geringſte Spur mehr von Bäumen, Hecken oder Spalieren. Statt ſeiner iſt bloß ein großer nackter Sandplatz zu erſchauen, mit einem trockenen Waſſerbehälter, in deſſen Mitte ein bleierner Triton ſteht. Sie müſſen wiſſen, daß Baynard nach ſeines Vaters Tod ein ſchuldenfreies Vermögen von fünfzehnhundert Pfund jährlicher Rente erbte und in jeder Beziehung der Mann geweſen wäre, eine bedentende Rolle im Staate zu ſpielen. Allein einige jugend⸗ liche Ausſchweifungen und die Koſten einer ſtreitigen Parlaments⸗ wahl zogen ihm in wenigen Jahren eine Schuldenmaſſe von zehn⸗ tauſend Pfund auf den Hals, die er durch eine kluge Heirath zu tilgen beſchloß. Er vermählte ſich alſo mit einer Miß Thomſon, deren Brautſchatz ſich doppelt ſo hoch belief, als ſeine Schulden. Sie war die Tochter eines bankerotten Kaufmanns, hatte aber ihr Vermögen von einem Oheim in Oſtindien geerbt. Ihre Eltern waren beide todt und ſie hielt ſich bei einer unverheiratheten Tante auf, die ihre Erziehung überwacht hatte. Dem äußern Anſchein nach konnte man auch glauben, ſie eigne ſich wohl zu den gewöhn⸗ lichen Zwecken des Eheſtandes. Indeß waren ihre Tugenden mehr negativer als poſitiver Art. Sie war nicht ſtolz, nicht unverſchämt, nicht launiſch; ſie verleumdete nicht, ſpielte nicht und kokettirte nicht. Sie konnte leſen und ſchreiben, tanzen und ſingen, Elavier ſpielen und Franzöſiſch parliren, eine Partie Whiſt und Phombre mitmachen; allein auch dieſe Vorzüge beſaß ſie alle nur halb. Ausgezeichnet war ſie ſchlechterdings in nichts. Ihr Geſpräch war 87 ſchläfrig, ihr Styl gemein, ihre Ausdrucksweiſe verworren. Kurz man konnte ihr von keiner Seite einigen Geſchmack abgewinnen. Ihre Perſon war zwar nicht unangenehm, allein ſie hatte auch nicht das mindeſte Einnehmende in ihrem Weſen oder Anziehende im umgang; namentlich aber fehlte es ihr ſo ganz und gar an der Kunſt, ihrem Manne vor Freunden oder Gäſten Ehre zu machen, daß man immer die Hausfrau an einem andern Orte ſuchte, wenn ſie auch eben am Tiſche ſaß. Baynard hatte ſich geſchmeichelt, es werde ihm ein Leichtes ſeyn, eine ſolche Perſon ganz nach ſeinem Sinn heranzubilden, ſo daß ſie ſich gern zu ſeinen Planen verſtehen würde, die lediglich auf häusliches Glück gerichtet waren. Er beabſichtigte, beſtändig auf dem Lande zu leben, weil er dieſes bis zum Enthuſiasmus liebte, ſein Landgut zu bewirthſchaften, das bedeutend aufgebeſſert werden konnte, die verſchiedenen Vergnügungen des Landlebens zu genießen, mit einigen Freunden in ſeiner Nähe einen vertrau⸗ ten Verkehr zu unterhalten, auf einem anſtändigen Fuß zu leben, ohne indeß mehr als ſeine ordentlichen Einkünfte zu verbrauchen, und ſeiner Gattin ein angenehmes Geſchäft aus der Leitung und Beſorgung ihres Hausweſens zu machen. Allein er hatte die Rech⸗ nung ganz ohne den Wirth gemacht. Seine Frau war in allen Haushaltungsangelegenheiten ſo unwiſſend, wie ein neugebornes Kind, und vom Landleben hatte ſie gar keinen Begriff. Ihr Ver⸗ ſtand reichte nicht ſo weit, um die erſten Grundſätze eines ver⸗ nünftigen Hausweſens zu begreifen, und hätte ſie auch mehr Kopf gehabt, ſo hätte ihr doch ihre bis an Stumpfheit gränzende Gleich⸗ gültigkeit gegen Alles nicht geſtattet, einen gewiſſen Schlendrian zu verlaſſen, an den ſie nun einmal gewöhnt war. Sie hatte nicht Geſchmack genug, um an irgend einer vernünftigen Ver⸗ gnügung Gefallen zu finden, aber ihre herrſchende Leidenſchaft war Eitelkeit, nicht diejenige, die aus der Einbildung überlegener Vorzüge entſteht, ſondern jene dumme, von Flitterſtaat und Prunk 88 erzeugte Baſtardart, wozu nicht das mindeſte Bewußtſeyn perſön⸗ lichen Verdienſtes erforderlich iſt. Nachdem der gewöhnliche Hochzeitstumult glücklich vorüber war, glaubte Herr Baynard, es ſey hohe Zeit, ſeine Frau mit den Einzelnheiten ſeines Lebensplanes bekannt zu machen. Er ſagte ihr, ſein Vermögen reiche zwar hin, um anſtändig und be⸗ quem leben zu können, nicht aber um allen möglichen Pomp und Flitterſtaat zu beſtreiten, was eben ſo abgeſchmackt als unerträglich ſey. Deßwegen hoffe er, ſie werde es zufrieden ſeyn, künftigen Frühling London zu verlaſſen, und dann werde er auch die Gele⸗ genheit wahrnehmen, einige überflüſſige Bedienten zu entlaſſen, die er zu den Hochzeitsfeierlichkeiten angenommen. Sie hörte ihn ſchweigend an und ſagte nach einer längern Pauſe:„So ſoll ich alſo auf's Land begraben werden!“ Er war über. dieſe Antwort ſo betroffen, daß er mehrere Minuten keine Silbe vorbringen konnte, endlich aber ſagte er zu ihr, es thue ihm ſehr leid, zu finden, daß er ihr etwas Unangenehmes vorgeſchlagen habe.„Glau⸗ ben Sie mir aber,“ fuhr er fort,„daß ich Ihnen blos einen Plan vorlegen wollte, wie wir vergnügt leben könnten, ohne die Gren⸗ zen unſeres mäßigen Einkommens zu überſchreiten.“—„Sir,“ er⸗ wiederte ſie,„Sie müſſen am Beſten wiſſen, was Sie zu thun haben. Mein bischen Eingebrachtes beträgt freilich nur zwanzig⸗ tauſend Pfund, doch hätte ich auch mit dieſem Wenigen einen Mann bekommen können, der mir wohl ein Haus in London gegönnt hätte.—„Ums Himmels Willen, meine Theuerſte,“ rief Baynard voll Angſt und Unruhe,„Sie werden mich doch nicht für ſo ſchmutzig halten; ich habe Ihnen blos meine Anſicht geſagt, will aber durchaus nichts vorſchreiben.“—„O ja, Sir,“ erwie⸗ derte die Dame,„Sie haben das Recht zu befehlen, und meine Pflicht iſt zu gehorchen.“ So ſprechend brach ſie in Thränen aus und ging nach ihrem Zimmer, wo die Tante zu ihr kam. Er ſuchte ſich zu faſſen und 89 mit Kraft aufzutreten, allein ſeine Weichherzigkeit, der größte Fehler, den er hat, ward an ihm zum Verräther. Die Tante fand er in Thränen ſchwimmend, und die Nichte in einer Ohn⸗ macht, die beinahe acht Stunden dauerte. Am Ende fing ſie an, unzuſammenhängend vom Tod und von ihrem lieben Manne zu ſprechen, der die ganze Zeit über bei ihr geſeſſen hatte, ihre Hand an ſeine Lippen drückte, und vor Reue und Betrübniß, daß er ſie beleidigt, ſich kaum zu faſſen wußte. Von nun an nahm er ſich wohl in Acht, das Land nur mit einer Silbe zu erwähnen, und ſie wurden dadurch, daß ſie in der Stadt ein ſogenanntes faſhio⸗ nables Leben führten, immer tiefer und tiefer in den Strudel der Thorheit und Verſchwendung gezogen. Gegen Ende des Monats Juli wollte jedoch Madame Baynard ihrem Manne einen Beweis von ehelichem Gehorſam geben und äußerte aus eigenem Antrieb den Wunſch, ſein Landgut einmal zu beſuchen, weil in London keine Geſellſchaft mehr geblieben war. Er hätte dieſe Luſtreiſe gern abgelehnt, weil ſie nicht zu ſeinem ökonomiſchen Plan taugte; allein ſie beſtand darauf, ſeinem Geſchmack und ſeinen Vorurthei⸗ len dieſes Opfer bringen zu wollen, und ſie reisten ab mit einem Gefolge, worüber ſich ſeine Nachbarn auf dem Lande höchlich ver⸗ wunderten. Was vom Sommer noch übrig war, mußte auf Em⸗ pfang und Rückerſtattung von Beſuchen verwendet werden, und während dieſer Zeit wurde die Entdeckung gemacht, daß Sir John Chickwell einen Haushofmeiſter und einen Livreebedienten mehr habe, als Herr Baynard. Die Tante bemerkte das über Tiſch und der Hausherr beſtätigte es mit dem Beifügen, Sir John Chickwell könne recht wohl eine größere Dienerſchaft halten, als ein Mann, der nicht die Hälfte ſeines Einkommens beſitze. Am Abend konnte Madame Baynard nichts eſſen, ſondern bekam hef⸗ tige Krämpfe, die ihren Triumph über das Herz des Ehegemahls vollendeten. Die beiden überzähligen Bedienten wurden angenom⸗ men. Das von den Ahnen ererbte Silbergeräthe wurde für alt —————. 90 verkauft und ein neues angeſchafft. Die Zimmer wurden modern möblirt und im ganzen Hauſe das Oberſte zu unterſt gekehrt. Als ſie zu Anfang Winters nach London zurückkamen, erzählte er mir mit ſchwerem Herzen alle dieſe Dinge im Vertrauen. Vor ſeiner Verheirathung hatte er mich ſeiner Braut als ſpeziellen Freund vorgeſtellt, und als ſolcher erbot ich mich jetzt, ihr die Nothwendigkeit begreiflich zu machen, ihre Haushaltung etwas zu beſchränken, wofern ihr das Beſte ihrer eigenen Familie am Her⸗ zen liege oder ſie auch nur einige Gefälligkeit für die Wünſche ihres Gemahls habe. Allein Baynard lehnte mein Anerbieten ab mit der Erklärung, ſeine Frau ſey zu ſchwachnervig, um Wider⸗ ſpruch zu ertragen, und dies würde ſie nur ſo ſchwer betrüben, daß er ſelbſt dadurch ins größte Elend geriethe. Baynard iſt ein Mann, dem es nicht an Kraft fehlt, und wäre ſeine Frau eine Keiferin, ſo würde er ſchon wiſſen, wie er ſie zu behandeln hätte; nun hat ſie aber zufällig oder aus Inſtinkt die weiche Seite ſeiner Seele angefaßt und dieſe ſo feſt behalten, daß er ſeitdem in einer wahren Unterwürfigkeit gegen ſie geblieben iſt. Ich rieth ihm nachher, mit ihr nach Fränkreich oder Italien zu reiſen, wo er ihre Eitelkeit mit der Hälfte des Geldes befrie⸗ digen könne, das ſie in England koſte, und dieſen Rath hat er auch befolgt. Der Gedanke, fremde Länder und Moden zu ſehen, Königen und Königinnen vorgeſtellt zu werden und mit Prinzen Umgang zu haben, that ihr ungemein wohl. Sie faßte begierig den Wink auf, den ich hatte fallen laſſen, und drang ſogar in Baynard, daß er die Abreiſe beſchleunigte. So fuhren ſie denn einige Wochen darauf nach Frankreich, mit einem mäßigen Ge⸗ folge, wozu auch die Tante gehörte, die ihr geheimer Rath war und ſie beſtändig zur Widerſetzlichkeit gegen die Wünſche ihres Gatten aufreizte. Seit dieſer Zeit habe ich wenig oder gar keine Gelegenheit gehabt, unſer früheres Verhältniß zu erneuern. Alles, was ich 9¹ von ſeinem Thun und Laſſen erfahren konnte, war, daß ſie nach zweijähriger Abweſenheit zurückkamen, aber ſchlechterdings keine Oekonomie gelernt hatten, ſondern ſich auf's Neue in die thörich⸗ ſten Ausgaben ſtürzten und Baynard am Ende ſein Gut verpfän⸗ den mußte. Seine Frau hatte ihm inzwiſchen drei Kinder geboren, wovon nur das letzte am Leben geblieben iſt: ein dummer Laffe von zwölf bis dreizehn Jahren, aus dem nichts werden kann, weil ſeine Mutter ihn verzärtelt. Was Baynard betrifft, ſo hat ihn weder ſein geſunder Ver⸗ ſtand, noch die Furcht vor der Armuth, noch die Rückſicht auf ſeine Kinder zu dem Entſchluſſe vermocht, mit Einem Schlag den ſchmählichen Zauber zu vernichten, der ſeine Sinne gefangen zu halten ſcheint. Mit einem Geſchmack, der ihn für die feinſten geiſtigen Vergnügungen befähigt, mit einem Herzen, das von Freundſchaft und Humanität durchglüht iſt, und mit einer Ge⸗ müthsart, die ſich nach den vernünftigen Freuden eines ruhigen Landlebens ſehnt, läßt er ſich in einem unaufhörlichen Getümmel herumjagen, unter einem Haufen von Geſchöpfen, die an den arm⸗ ſeligſten Schnurren, Läppereien und Firlefanzereien ihre Freude haben, und deren Köpfe ſo gänzlich leer von Gedanken und Be⸗ griffen ſind, daß ſelbſt der ſcharfſinnigſte Philoſoph Mühe haben wird, irgend einen weiſen Zweck ausfindig zu machen, wozu die Vorſehung ſie etwa beſtimmt haben könnte. In dem ewigen Wirbel von Unſinn, in welchen er auf Lebenszeit gebannt iſt, iſt weder an Freundſchaft, noch an den Genuß ſolcher Freuden zu denken, nach welchen er ſich ſehnt. Er hat ſchon längſt den Ge⸗ danken aufgegeben, durch Sparſamkeit und thätigen Betrieb ſeiner Landwirthſchaft, woran er ſo viel Vergnügen fand, ſeine Um⸗ ſtände zu verbeſſern, und was vollends häusliches Glück betrifft, ſo blüht ihm auch nicht die geringſte Hoffnung mehr. Da ihm nun auf dieſe Weiſe alle Ausſichten vermauert waren, ſo konnte es nicht fehlen, daß Verdruß und Melancholie ſich ſeiner bemäch⸗ 92 tigten, und dieſe haben auch dergeſtalt an ſeinem Gemüth und ſeiner Geſundheit genagt, daß er jetzt von der Auszehrung bedroht iſt. Hier haben Sie die Skizze des Mannes, den ich vor einigen Tagen beſuchte. Am Thore fanden wir eine Menge gepuderter Lakaien, aber keine Höflichkeit. Nachdem wir ziemlich lange in unſerem Wagen gewartet hatten, brachte man uns die Nachricht, Herr Baynard ſey ausgeritten und die gnädige Frau eben mit ihrer Toilette beſchäftigt; inzwiſchen führte man uns in ein Be⸗ ſuchzimmer, das ſo ſchön und ſo aufgeputzt war, wie wenn es nur die Beſtimmung hätte, geſehen, nicht aber bewohnt zu werden. Die Sofa's und Lehnſtühle waren mit vergoldetem Schnitzwerk verziert und mit reichem Damaſt überzogen, dabei ſo ſanft und geglättet, als hätte noch nie ein Menſch darauf geſeſſen. Ein Fußteppich war nicht da, aber der getäfelte Boden war ſo gebohnt und gewichst, daß wir nicht darauf gehen konnten, ſondern fort⸗ glitſchen mußten; und der Ofen war viel zu blank polirt, als daß man ihn durch Steinkohlen oder den Rauch von einem andern materiellen Feuer hätte in Gefahr ſetzen ſollen, anzulaufen und verunreinigt zu werden. Wir hatten bereits länger als eine halbe Stunde den ungaſtlichen Gottheiten dieſes Tempels der kal⸗ ten Aufnahme geopfert, als mein Freund Baynard nach Hauſe kam und auf die Kunde von unſerer Anweſenheit ſich ſogleich zu uns verfügte, aber ſo mager, ſo gelb und zuſammengefallen, daß ich ihn wahrhaftig an einem dritten Orte nicht gekannt hätte. Er lief mit großer Innigkeit auf mich zu, drückte mich in ſeine Arme, und ſein Herz war ſo voll, daß er mehrere Minuten nicht ſprechen konnte. Nachdem er uns Alle bewillkommt, bemerkte er die un⸗ luſtige Lage, worin wir uns befanden, führte uns in ein anderes Zimmer, wo geuer im Kamin brannte, und forderte Chokolade. Hierauf entfernte er ſich einen Augenblick, brachte uns dann ein Compliment von ſeiner Frau und ſtellte uns ſeinen Sohn Heinrich vor, einen läppiſchen, triefäugigen Jungen in Huſarenuniform. 93 Der Kerl war ungeſittet, frech und unverſchämt. Sein Vater hätte ihn gern in eine Penſion gegeben, allein Mama und Tante wollten nichts davon hören, daß er bei fremden Leuten ſchlafen ſolle, und ſo wurde ein Candidat der Theologie als Hauslehrer angenommen. Da es eben erſt zwölf Uhr und das ganze Haus in Bewe⸗ gung geſetzt war, um ein feierliches Mahl zu bereiten, ſo ſah ich voraus, daß wir erſt ſpät zu Tiſche kommen würden, und ſchlug alſo Herrn Baynard einen Spaziergang vor, um ungeſtört mit einander ſprechen zu können. Auf dieſer Promenade ſagte ich ihm unter Anderem, es wundere mich, daß er ſo bald aus Italien zurückgekommen ſey, worauf er mir zu verſtehen gab, ſeine Reiſe habe keineswegs dem beabſichtigten Zwecke entſprochen; man könne zwar allerdings in Italien wohlfeiler leben als in England, wenn man in beiden Ländern denſelben Rang behaupte; allein in ſeiner Haushaltung habe man es nöthig gefunden, noch einige Stufen höher zu ſteigen, um mit den Grafen, Marquis und an⸗ dern vornehmen Cavalieren, in deren Geſellſchaft man gekommen, auf gleichem Fuß zu ſtehen. Man hatte ihn genöthigt, eine Maſſe Bedienten zu halten, ſich eine reiche Garderobe anzuſchaffen und für die faſhionablen Schmarotzer des Landes eine leckere Tafel zu führen, denn nur durch dergleichen Einladungen konnten dieſe Herren bewogen werden, einem unbetitelten Fremden, wenn er auch noch ſo reich war und aus einer noch ſo angeſehenen Familie ſtammte, mit einiger Achtung zu begegnen. Ueberdies war Ma⸗ dame Baynard beſtändig von einem Troß hungriger Müßiggänger umgeben, die ſich als Sprachmeiſter, Muſiker, Maler und Cice⸗ roni bei ihr eingeführt, und endlich hatte ſie die Krankheit über⸗ fallen, Gemälde und Antiken nach ihrem eigenen Urtheil zu kaufen, welches denn freilich nichts weniger als unfehlbar war. Zuletzt aber widerfuhr ihr eine Kränkung, die ihr Italien verleidete und ſie über Hals und Kopf nach England zurücktrieb. 94 Madame Bahnard kam ſehr häufig in die Zirkel der Herzogin ℳ von B., ſo lange ſie ſich in Rom aufhielt, und wurde dadurch mit der ganzen faſhionablen Geſellſchaſt dieſer Stadt ſo bekannt, daß man ſie ohne Bedenken zu allen Aſſembleen zuließ. Dieſe Ehre flößte ihr einen gar zu hohen Begriff von ihrer Wichtigkeit ein, und als die Herzogin Rom verließ, beſchloß Madame Bay⸗ nard, eine Conversazione zu geben, die den Römern keine Ur⸗ ſache laſſen ſollte, die Abreiſe ihres hohen Gaſtes zu bedauern. Sie beſtellte alle mögliche Virtuoſen und ſandte an alle vornehme Perſonen Einladungskarten, allein bei ihrer Aſſemblee erſchien auch nicht eine einzige Römerin. Noch in derſelben Nacht bekam ſie heftige Anfälle, ſo daß ſie drei Tage lang das Bett hütete und nach Verlauf derſelben erklärte, die italieniſche Luft würde ihre Geſundheit zu Grunde richten. Um dies Unglück zu verhüten, führte man ſie eiligſt nach Genf, und von da gingen ſie über Lyon und Paris nach England zurück. In Calais hatte ſie ſo viel Seidenzeuge, Stoffe und Spitzen zuſammengekauft, daß man ein eigenes Fahr⸗ zeug miethen mußte, um dieſe Contrebande einzuſchmuggeln; die⸗ ſes wurde jedoch durch ein Zollſchiff weggenommen und die ganze Ladung, die mehr als achthundert Pfund gekoſtet hatte, ging verloren. Jetzt zeigte es ſich auch, daß ſie auf ihren Reiſen nur noch verſchwenderiſcher und grillenhafter geworden war, als zuvor. Sie wollte nun mit aller Gewalt den Ton angeben, und zwar nicht blos in Beziehung auf weiblichen Putz, ſondern auch in allen andern Artikeln des Geſchmacks und der Liebhaberei. Sie entwarf eine Zeichnung zur neuen Fagade ihres Landhauſes; ſie ließ die Bäume ausgraben und die Gartenmauern niederreißen, damit der Oſtwind freien Anzug hätte, den Baynards Voreltern mit ſo vieler Mühe abgewehrt hatten. Um ihren Geſchmack in Anlegung eines Gartens zu beurkunden, nahm ſie ein bisher verpachtetes Grundſtück von zweihundert Morgen Landes, das etwa eine halbe Meile vom Hauſe lag, und zerſtückelte es zu Spaziergängen und 9⁵ Luſtgebüſchen, mit einem großen Waſſerbehälter in der Mitte, in welchen ſie einen ganzen Bach leitete, der vorher zwei Mühlen trieb und die beſten Forellen in der ganzen Grafſchaft lieferte. Der Grund des Behälters war indeß ſo ſchwach, daß er das Waſſer nicht halten konnte, dieſes ſich durch die Erde ſog und die ganze Pflanzung in einen Moraſt verwandelte; mit einem Wort, das Stück Land, das ihm jährlich hundertundfünfzig Pfund Pacht⸗ zins eingetragen, koſtete ihn jetzt, nur um in erträglichem Zuſtand erhalten zu werden, zweihundert Pfund jährlich, ganz abgeſehen von der erſten Auslage für Bäume, Buſchwerk, Blumen, Raſen und Sand. Um das ganze Haus herum war nicht ein Zoll breit Erde zum Gartenbau gelaſſen, eben ſo wenig ein einziger Obſt⸗ baum; er konnte hier keinen Bund Heu, keinen Scheffel Hafer mehr für ſeine Pferde gewinnen, und hatte keine einzige Kuh, die ihm die Milch zu ſeinem Thee gegeben hätte; noch viel weniger durfte er daran denken, ſeine Schaafe, Schweine und ſein Federvieh ſelbſt zu füttern. Alle, ſelbſt die geringſten Haushaltungsartikel mußten von einem, drei bis vier Stunden entlegenen Marktflecken geholt werden, wohin man jeden Morgen einen berittenen Boten ſchickte, der die warmen Wecken zum Frühſtück zu holen hatte. Mit Einem Worte, Baynard geſtand geradezu, daß er das Dop⸗ velte ſeines Einkommens verbrauche, und daß er binnen weniger Jahre genöthigt ſeyn werde, zur Befriedigung ſeiner Gläubiger das Gut zu verkaufen. Er ſagte, ſeine Frau habe ſo zarte Nerven und ſey ſo empfindlich, daß ſie keine, auch noch ſo ſanfte Vor⸗ ſtellung ertragen und eben ſo wenig einen Plan zur Beſchränkung ihrer Ausgaben ins Werk ſetzen könne, wenn ihr die Nothwendig⸗ keit ſolcher Maßregeln auch noch ſo deutlich einleuchte. Er habe deßwegen aufgehört, gegen den Strom zu ſchwimmen und beſtrebe ſich, mit Gelaſſenheit ſeinem Ruin entgegenzuſehen, wobei er wenigſtens den Troſt habe, daß das Kind das Vermögen ſeiner Mutter erbe, das ihm durch den Ehecontrakt geſichert ſey. 96 Seine Erzählung aller dieſer Umſtände erfüllte mich mit Zorn und Entrüſtung zugleich. Ich zog bitter über den Unverſtand ſeiner Frau los und machte ihm ſelbſt Vorwürfe wegen ſeiner unmännli⸗ chen Ergebung in die abgeſchmackte Tyrannei, die ſie über ihn aus⸗ übte. Ich ermahnte ihn, ſeine ganze Entſchloſſenheit zuſammenzu⸗ nehmen und durch einen kräftigen Schlag ſich von dieſer eben ſo ſchmählichen als verderblichen Plackerei loszumachen, wozu ich ihm zugleich meinen ganzen Beiſtand anbot. Ich nahm es über mich, ſeine Sachen in's Reine zu bringen, und eine ganz andere Ord⸗ nung in ſeiner Haushaltung einzuführen, wenn er mir nur die Vollmacht ertheilen wollte, einen Plan, den ich zu ſeinem Beſten entwerfen würde, auszuführen. Die Sache ging mir ſo zu Herzen, daß mir bei meinen Vorſtellungen unwillkürlich Thränen entfielen, und Baynard wurde durch dieſe Zeichen unverſtellter Zuneigung ſo gerührt, daß er kein Wort hervorbringen konnte. Er drückte mich mit großer Bewegung an die Bruſt und weinte ſtille. End⸗ lich rief er aus:„Freundſchaft iſt doch wahrhaftig der köſtlichſte Balſam des Lebens! Ihre Worte, liebſter Bramble, haben mich gewiſſermaßen aus einem Abgrund der Verzweiflung geriſſen, in welchem ich lange beſinnungslos darnieder gelegen bin. Auf meine Ehre, ich will Ihnen ein genaues Verzeichniß meiner Ange⸗ legenheiten vorlegen, und, ſo weit es in meinen Kräften ſteht, die Maßregeln beobachten, welche ſie vorſchreiben werden. Allein es gibt gewiſſe Grenzen, die meiner Natur——. Glauben Sie mir, es gibt gewiſſe zärtliche Bande, von denen ein Junggeſelle keinen Begriff hat. Soll ich meine Schwachheit geſtehen? Ich kann den Gedanken nicht ertragen, meiner Frau Kummer zu machen.“—„Und doch,“ rief ich,„hat dieſe Frau ihren Mann ſeit einer Reihe von Jahren unglücklich geſehen, unglücklich durch ihre ſchlechte Wirthſchaft, und hat niemals die mindeſte Luſt gezeigt, Ihnen Ihre Laſt zu erleichtern.“—„Gleichwohl,“ ſagte er,„bin ich überzeugt, daß ſie mir mit der wärmſten Liebe zugethan iſt⸗ 97 allein das find Widerſprüche im Weſen der menſchlichen— die ich für unerklärbar halte.“ Ich ärgerte mich über ſeine thörichte Verblendung und tentte das Geſpräch auf etwas Anderes, nachdem wir ausgemacht hatten, einander hinfüro fleißig zu ſchreiben. Hierauf gab er mir zu ver⸗ ſtehen, daß er zwei Nachbarn habe, die, ebenſo wie er, von ihren Weibern im vollen Galop auf der Heerſtraße zum Verderben und Bankerott einhergejagt werden. Dieſe drei Ehemänner ſeyen alle von ganz verſchiedener Gemüthsart und eben nach dieſer Verſchie⸗ denheit ſeyen ihre Weiber ganz vortrefflich geeignet, ſie unter dem härteſten Pantoffel zu erhalten. Die Wünſche der Damen ſeyen ganz dieſelben. Es gelüſte ſie, der Frau des Sir John Chickwells, der viermal ſo reich als ihre Männer ſey, es an Prunk gleichzu⸗ thun, und dieſe hinwiederum kenne kein höheres Ziel ihres Ehr⸗ geizes, als einer dreimal reicheren benachbarten Gräfin die Stange zu halten. So gehe alſo hier die Fabel vom Froſch und dem Ochſen in vier verſchiedenen Beiſpielen, und zwar in einer kleinen Landſchaft, wirklich in Erfüllung. Ein großes und drei mäßige Vermögen ſeyen auf dem beſten Wege, durch den Zunder weiblicher Eitelkeit in die Luft geſprengt zu werden, und bei drei von dieſen Erempeln werden drei verſchiedene Arten von weiblicher Tyrannei angewendet. Herr Baynard wurde dadurch in's Joch geſpannt, daß man auf die Weichheit ſeiner Natur wirkte. Herr Wilkſon, ein Mann von furchtſamem Gemüthe, ſchmiegte ſich unter die Herrſchaft einer Furie. Herr Sowerby, deſſen Temperament von der Art iſt, daß er ſich weder durch Ohnmachten, noch durch Drohungen aus dem Gleichgewicht bringen läßt, hat das Glück gehabt, eine Ehehälfte zu bekommen, die ihm mit den Waffen der Jronie und Satire zu Leibe geht. Zuweilen verſöhnt ſie ihn mit Complimenten, dann aber ſtellt ſie wieder ſarkaſtiſche Vergleichungen an, worin ſie ihn ſeinen Mangel an Geſchmack, Geiſt und Groß⸗ muth fühlen läßt, und durch dieſe Mittel reizt ſie ſeine Leiden⸗ Smollet's Werke. XV. 7 98 ſchaften von einer ausſchweifenden Thorheit zur andern, wie es die Umſtände ihrer Eitelkeit gerade erfordern. Alle dieſe drei Damen haben gegenwärtig gleich viele Pferde, Wagen und Bedienten, mit und ohne Livree; gleich viel Abwechs⸗ lung in den Kleidungen, gleich viel Silbergeräthe und Porcellan, dieſelbe Pracht und Zierrath in ihren Zimmern, und bei ihren Gaſtereien ſuchen ſie einander durch die Menge, die Feinheit und Koſtſpieligkeit ihrer Gerichte zu überbieten. Ich glaube, bei einer genauen Unterſuchung würde es ſich herausſtellen, daß von Zwan⸗ zig, die durch thörichte Verſchwendung zu Grunde gehen, neunzehn der lächerlichen Eitelkeit und Hoffarth blödſinniger Weiber hinge⸗ opfert werden, über deren ſchwache Verſtandesgaben dieſelben Männer, die ſie ausplündern und als Sklaven behandeln, voll⸗ kommen mit ſich im Reinen ſind. Dem Himmel ſey Dank, lieber Doktor, daß ich unter all' den Thorheiten und Schwachheiten der menſchlichen Natur noch nicht in die gefallen bin, mich zu verheirathen. Nachdem Baynard und ich über dieſe Gegenſtände lange genug hin und her geſprochen hatten, gingen wir wieder nach dem Hauſe zu und begegneten Jerome mit unſern beiden Damen, die ſich gleichfalls auf einen Spaziergang gemacht hatten, weil die Dame vom Hauſe bis Dato noch nicht zum Vorſchein gekommen war. Ueberhaupt ließ Madame Baynard ihr Antlitz erſt eine Viertel⸗ ſtunde vor dem Mittagsmahle ſchauen. Alsdann führte ihr Mann ſie, ihre Tante und ihren Sohn in's Beſuchzimmer, wo ſie uns mit einer Kälte und Zurückhaltung bewillkommte, die allen Be⸗ griffen von Gaſtlichkeit Hohn ſprach. Obgleich ſie wußte, daß ich der vertraute Freund ihres Mannes geweſen war und ſie mich in London oft bei ihm geſehen hatte, ſo ſillte ſie ſich doch, als ob ſie ſich meiner nicht im Geringſten entſinnen könnte, als ich ſie auf's Höflichſte und Freundſchaftlichſte begrüßte. Sie ſagte nicht einmal die gewöhnlichſten Complimente:„Es freut mich, Sie zu N 99 ſehen,“ oder„ich hoffe, Sie ſind doch immer wohl und geſund geweſen, ſeitdem wir das Vergnügen gehabt haben, Sie zu ſehen,“ oder ſolche gangbare Redensarten; ebenſo wenig that ſie ihren Mund auf, meine Schweſter und Nichte zu begrüßen, ſondern ſtand ſtumm wie eine Bildſäule da und ſchien auch nicht viel mehr zu empfinden- Ihre Tante, das Muſter, nach welchem ſie ſich ge⸗ bildet hatte, war wirklich eine Quinteſſenz von abgeſchmacktem Ceremonienweſen, der Junge aber war um ſo naſeweiſer und un⸗ verſchämter; ihm ſtand das Maul keinen Augenblick ſtille. neber Tiſch ſetzte Madame Baynard ihre unhöfliche Gleich⸗ gültigkeit fort und ſagte kein Wort, außer was ſie ihrer Tante in's Ohr raunte. Die Mahlzeit ſelbſt beſtand aus einem ſonder⸗ baren Gemengſel, das ein franzöſiſcher Koch zuſammengerührt hatte, ohne eine einzige tüchtige Schüſſel für einen herzhaften eng⸗ liſchen Appetit. Die Suppe war nicht viel beſſer als in Spühlig geweichtes Brod und lauwarm. Die Ragouts ſahen aus, als wären ſie ſchon einmal gegeſſen und halb verdaut geweſen, die Fricaſſees waren in einen ſchmierigen gelben Umſchlag gewickelt, die Braten waren verbrannt und hatten einen höchſt unangenehmen Hautgout. Der Nachtiſch beſtand in welkem Obſte und einem Schneeſchaum, dem trefflichen Sinnbild für den Charakter unſerer Wirthin. Das Tafelbier war ſauer, das Waſſer faul und der Wein lack. Da⸗ gegen prangte viel Silberzeug und chineſiſch Porcellan und hinter jedem Stuhl ſtand ein gepuderter Lakai, ausgenommen hinter dem Herrn und der Frau vom Hauſe; dieſen warteten zwei Kammer⸗ diener auf, welche gekleidet waren wie vornehme Herren. Es wurde in einem großen altgothiſchen Saale geſpeist, der vor⸗ mals die Halle geweſen. Jetzt war er mit Marmor gepflaſtert, der, obgleich man ſchon vor einer Stunde Feuer im Kamin ange⸗ macht hatte, eine ſolche Kälte verbreitete, daß mir die Zähne im Munde klapperten, als ich den Fuß darauf ſetzte, mit einem Wort, Alles war kalt, widrig und abſchreckend, ausgenommen 100 die Blicke meines Freundes Baynard, aus welchen die wärmſte Freundſchaft und Humanität hervorſtrahlte. Nach Tiſch begaben wir uns in ein anderes Zimmer, wo der Knabe anfing, meiner Nichte Liddy auf die unverſchämteſte Art läſtig zu fallen. Er wollte durchaus mit ihr ſpielen und hätte gern mit ihr im Hauſe herum getobt, wenn ſie ſich dazu herge⸗ geben hätte. Ja, er war frech genug, ſie unvermerkt zu küſſen, worüber ſie roth wurde und in Verlegenheit gerieth, und obgleich ihm ſein Vater ſeine Grobheit verwies, trieb er ſie doch ſo weit, daß er ihr mit der Hand in die Schnürbruſt fuhr. Allein dieſe Beleidigung konnte ſie nicht hingehen laſſen, obgleich ſie eins der ſanftmüthigſten Geſchöpfe von der Welt iſt. Ihre Augen funkelten vor Zorn, ſie ſprang vom Stuhle auf und verſetzte ihm eine ſolche Ohrfeige, daß er nach der andern Seite des Zimmers taumelte? „Miß Melford,“ rief ſein Vater,„Sie haben ihm gegeben, was er verdiente. Es thut mir nur leid, daß mein Kind ſo un⸗ artig ſeyn und Ihnen Gelegenheit geben muß, Ihre Entſchloſſen⸗ heit zu zeigen, die ich nicht anders als loben und bewundern kann.“ Seine Frau war indeß weit entfernt, dieſer Entſchulvigung bei⸗ zutreten. Sie ſtand vom Stuhle auf, nahm ihr Söhnchen bei der Hand und ſagte:„Komm, Kind, Dein Vater kann Dich nicht leiden!“ und ſo ging ſie mit dem hoffnungsvollen Jungen davon, ihre Tante folgte ihr auf dem Fuße nach, keine von den beiden Damen aber fand es der Mühe werth, die geringſte Notiz von der Geſellſchaft zu nehmen. Baynard war in der tödtlichſten Verlegenheit; ich merkte aber, daß ſeine Unruhe mit Aerger vermiſcht war und zog aus dieſer Entdeckung eine gute Vorbedeutung. Ich gab Befehl, meinen Wagen anzuſpannen, und obgleich er einige Verſuche machte, uns die Nacht über zu behalten, ſo beſtand ich doch darauf, ſogleich das Haus zu verlaſſen. Vorher aber nahm ich noch Gelegenheit, 101 ihn unter vier Augen zu ſprechen. Ich ſagte ihm Alles, was mir nur einfiel, um ihn zur endlichen Abſchüttlung dieſer ſchmählichen Feſſeln zu ermuthigen. Ich machte mir kein Gewiſſen daraus, ihm rund heraus zu erklären, ſeine Frau ſey der zärtlichen Gefälligkeit, die er für ihre Schwachheiten gezeigt habe, durchaus unwürdig, ſie ſey allem wahren Gefühl für eheliche Liebe abgeſtorben, habe keinen Begriff von Ehre und Vortheil, und handle angenſcheinlich ohne allen Menſchenverſtand und Ueberlegung. Ich beſchwor ihn, ſich zu er⸗ innern, was er ſeinem väterlichen Hauſe, ſeinem eigenen guten Namen und ſeiner Familie, ja ſelbſt dieſem unvernünftigen Weibe ſchuldig ſey, das ſo blindlings in ſein Verderben renne. Ich rieth ihm, auf einen Plan zur Beſchränkung überflüſſiger Ausgaben zu denken und einen Verſuch zu machen, die Tante von der Noth⸗ wendigkeit einer ſolchen Reformation zu überzeugen, damit dieſe nach und nach ihre Nichte zur Ausführung vorbereite. Endlich ermahnte ich ihn, dieſes garſtige Erbſtück aus dem Hauſe zu ſchaffen, ſobald er finde, daß daſſelbe ſeinem Plane hinderlich ſey. Hier unterbrach er mich mit einem Seufzer und meinte, ein ſolcher Schritt würde ſeiner Frau ganz gewiß das Leben koſten. „Ich verliere noch alle Geduld,“ rief ich,„wenn ich ſolche Schwach⸗ heiten von Ihnen höre. Dieſe Ohnmachten ſchaden der Geſundheit Ihrer Frau gewiß nicht. Ich glaube auf Ehre und Seligkeit, daß ſie alle erkünſtelt ſind. Ich bin feſt überzeugt, daß dieſes Weib kein Gefühl für Ihr Elend hat und ſind Sie erſt zu Grunde ge⸗ richtet, dann wird es ſich zeigen, daß ſie auch für ihr eigenes Elend kein Gefühl hat.“ Endlich nahm ich ihm ſein Ehrenwort ab, daß er ſich beſtreben wolle, meinen Rath auszuführen, nämlich einen neuen Plan für ſeine Wirthſchaft zu entwerfen und wenn er ihn ohne meinen Beiſtand unausführbar finden ſollte, den Winter über nach Bath zu kommen, wo ich mit ihm zuſammenzutreffen und alle meine Kräfte aufzuwenden verſprach, um ſeine Angele⸗ 102 genheiten wieder einigermaßen zu ordnen. Mit dieſem gegenſei⸗ tigen Verſprechen gingen wir auseinander, und ich werde es als ein hohes Glück betrachten, wenn durch meine Vermittlung ein würdiger Mann, den ich liebe und hochſchätze, aus Elend, Jam⸗ mer und Verzweiflung geriſſen werden kann. Ich habe in dieſer Gegend nur noch einen einzigen Freund zu beſuchen, der aber ganz anderer Gemüthsart iſt, als Baynard. Ich habe Ihnen wohl ſchon von Sir Thomas Bulford erzählt, deſſen Bekanntſchaft ich in Italien machte. Er iſt jetzt ein Land⸗ junker geworden, allein va ihn ſein Podagra hindert, ſich außer dem Hauſe einen Zeitvertreib zu verſchaffen, ſo ſucht er ſich inner⸗ halb ſeiner Wände damit zu beluſtigen, daß er Jedermann will⸗ kommen heißt, wer ihn beſuchen will, und an den Eigenheiten und Seltſamkeiten ſeiner Geſellſchaft ſeine Luſt ſieht. Indeß bleibt er ſelbſt immerhin der ſonderbarſte Kauz von allen. Er iſt ſehr ſröh⸗ lichen Herzens, ſpricht viel und lacht unaufhörlich. Wie ich mir habe ſagen laſſen, macht er gegenwärtig keinen andern Gebrauch von ſeinem Verſtande, als daß er ſeine Gäſte in poſſierliche Stel⸗ lungen zu bringen ſucht, worüber man lachen muß. Ich weiß nicht, in wiefern wir in dieſer Beziehung zu ſeinem Vergnügen beitragen werden, allein ich bin entſchloſſen, ihm unvermuthet in's Haus zu fallen, theils, um mit dem alten Kerl ſelbſt einmal wieder eins zu lachen, theils aber auch, um ſeiner Gemahlin meine Aufwartung zu machen, einer gutherzigen, geſcheidten Frau, mit der er ſehr vergnügt lebt, obgleich ſie nicht das Glück gehabt hat, ihm Erben ſeiner Güter zur Welt zu bringen. Und jetzt, liebſter Doktor, muß ich Ihnen zu Ihrem Troſte ſagen, daß Sie der einzige Mann auf Erden ſind, an den ich es wagen möchte, eine ſo lang ausgehaspelte Epiſtel zu ſchreiben, allein ich konnte es nicht über's Herz bringen, ſie abzukürzen, weil der Gegenſtand, von dem ſie handelt, die wärmſten Leiden⸗ ſchaften meiner Seele aufgeregt hat. Warum übrigens entſchul⸗ 103 dige ich mich auch gegen einen Correſpondenten, der ſchon ſo lange gewöhnt iſt an die Aufdringlichkeit ſeines M. Bramble. Den 30. September. An Sir Watkin Philipps, Baronet, im Jeſuitenkollegium zu Orford. Mein liebſter Wat! Ich glaube, ich muß einen bösartigen Stoff in meinem Ge⸗ müthe haben, weil es mich ſo herzlich ergötzen kann, wenn ich ſehe, daß gewiſſe Leute von unnützer Furcht geplagt werden. Die letzte Nacht haben wir bei Sir Thomas Bulford zugebracht, einem alten Freund von meinem Oheim. Er iſt ein luſtiger Cumpan, von mäßigen Verſtandesgaben, aber trotz des Podagras, das ihn gelähmt hat, entſchloſſen, bis an ſein ſeliges Ende zu lachen. Zu dieſem Behufe hat er einen ganz eigenen Kunſtgriff, aus ſeinen Gäſten Stoff zum Lachen auszupreſſen, und ſollten ſie auch noch ſo trockener oder griesgrämiger Natur ſeyn. Außer der Geſellſchaft, die wir mitbrachten, fanden wir bei ihm einen fettköpfigen Frie⸗ densrichter, Namens Frogmore, und einen Dorfchirurgen, welcher der Hauptgeſellſchafter und Vertraute unſeres Wirths zu ſeyn ſchien. Der Knight ſaß auf einem Ruhebette, neben ihm ſtanden ſeine Krücken und ſeine Füße ruhten auf Kiſſen; nichtsdeſtoweniger rief er uns ein herzliches Willkomm entgegen, und ſchien ſich wirklich über unſere Ankunft zu freuen. Nach dem Thee ſpielte uns Lady Bulford eine Sonate auf dem Klavier vor. Sie ſang und ſpielte ausgezeichnet ſchön, allein Sir Thomas ſchien im Ar⸗ tikel der Ohren einigermaßen zur Eſelsgattung zu gehören, ob er ſich gleich ſtellte, als wäre er entzückt von der Muſik, und ſeine Frau bat, uns eine Arietta von ihrer eigenen Compoſition hören 104 zu laſſen. Denn kaum hatte ſie dieſe Arietta angefangen, ſo ſchlief er und der Richter ein, ſobald ſie aber aufhörte, wachte er mit Schnarchen auf und rief:„O cara! Was ſagen Sie dazu, meine Herren? Wollen Sie immer noch von Ihren Pergoleſi und Corelli ſprechen!«“ Zugleich drückte er ſeine Zunge in den Winkel eines Backens und ſchielte mit einem Auge nach der linken Seite, wo der Doctor und ich ſaßen. Dieſe Pantomime endigte er mit einem lauten Lachen, das ihm jeden Augenblick zu Gebot ſteht. Trotz ſeiner Krankheit faſtete er bei Tiſche nicht und ließ auch kein Glas vorübergehen, wenn eine Geſundheit getrunken wurde; vielmehr beförderte er den ſchnellen Kreislauf der Becher ſowohl durch Er⸗ mahnungen als Beiſpiel. Ich merkte bald, daß der Chirurg ſich bei dem Baronet unent⸗ behrlich gemacht hatte. Er war der Wetzſtein ſeines Witzes, die Scheibe, nach der er ſeine Pfeile abſchoß, und ſeine rechte Hand, wenn er gelegentlich an einem Fremden einen luſtigen Streich verſuchen wollte. Der Friedensrichter Frogmore war ein herrlicher Gegenſtand für Experimente dieſer Art. Er war rund und fett, feierlich und einfältig, hatte ſeinen Burn mit ungemeinem Fleiße ſtudirt, nichts aber mehr, als die Kunſt gut zu leben, d. h. gut zu eſſen und zu trinken. Dieſes fette Stück Wildbraten hatte die Jagdluſt unſeres Wirthes ſchon mehr als ein Mal rege gemacht, und er wurde dieſen Abend mit leidlichem Erfolg mehrere Male vorgenommen. Am meiſten ſchien indeß die Lachluſt des Baronets durch Lismaha⸗ go's Perſon, durch ſeine Reden und ſein Geſicht gereizt zu werden, denn er ließ kein Mittel unverſucht, ihm beizukommen; mir fiel dabei ein Kampf ein, den ich einmal zwiſchen einem jungen Hunde und einem alten Stachelſchweine geſehen habe. Der Hund wälzte ſeinen Feind hin und her, kratzte, ſprang an ihm hinauf und bellte; ſo oft er aber beißen wollte, ſpürte er ein Stechen im Maule und prallte ſchmählich wieder ab. Wenn man den Capi⸗ tain in Frieden und Ruhe läßt, ſo kehrt er früher oder ſpäter von 105 ſelbſt ſeine lächerliche Seite heraus, ſobald er aber merkt, daß man ihn dazu nöthigen will, ſo wird er hartnäckig wie ein Mauleſel und unlenkbar wie ein ungezähmter Elephant. Es wurden verſchiedene recht artige Witze über den Richter geriſſen, der einen unmenſchlichen Appetit entwickelte, und unter Anderem eine große Platte gekochte Erdſchwämme verſorgte. Kaum hatte er ſie hinuntergeſchluckt, als der Doctor mit ſehr ernſtem Geſichte bemerkte, dieſelben ſeyen von der Gattung, die man Champignons nenne und für viele Naturen ſo gut als Gift. Herr Frogmore ſtutzte und fragte mit ſichtbarer Beklommenheit, warum er nicht die Güte gehabt habe, dieß vorher zu ſagen. Der Chirurg antwortete, da er ihn ſo weidlich habe einhauen geſehen, ſo habe er gedacht, das Gericht müſſe ihm bekannt ſeyn; weil er indeß etwas beſorgt zu ſeyn ſcheine, ſo wolle er ihm ein gutes Glas Peſtwaſſer verſchreiben. Der Richter trank dieß alsbald und begab ſich nicht ohne Zeichen von Angſt und Beſorgniß zur Ruhe. Um Mitternacht zeigte man uns unſere Zimmer und eine halbe Stunde darauf lag ich im beſten Schlafe. Um drei Uhr aber wurde ich durch ein jämmerliches Geſchrei: Feuer! Feuer! aufgeweckt, ſo daß ich aufſprang und im bloßen Hemd an's Fenſter lief. Die Nacht war finſter und ſtürmiſch, eine Menge halb an⸗ gekleideter Leute lief mit Fackeln und Laternen, ſcheinbar in der größten Angſt und Unruhe, im Hofe hin und her. Ich warf ſchnell meine Kleider über, rann die Treppe hinab und erfuhr auf mein Nachfragen, das Feuer ſey auf einer Hintertreppe, die zu einer abgeſonderten Wohnung führe, welche Lismahago inne habe. In⸗ zwiſchen war der Lieutenant durch das Geſchrei vor ſeinem Fenſter, das im zweiten Stock war, ebenfalls aufgejagt worden, konnte aber in der Dunkelheit ſeine Kleider nicht finden, und ſeine Thüre war von Außen verriegelt. Die Bedienten riefen ihm zu, es ſeyen Räuber eingebrochen, und dieſe müſſen ſeine Kleider weggenom⸗ 106 men, die Thüre verriegelt und das Haus angezündet haben, denn die Treppe ſiehe in vollen Flammen. In dieſer Noth rannte der arme Lieutenant, nackt wie ein Eichhörnchen im Käfig, in ſeinem Zimmer herum, ſtreckte zuweilen den Kopf aus dem Fenſter, und rief um Hülfe. Endlich wurde der Baronet ſelbſt in ſeinem Lehn⸗ ſtuhl herausgebracht, begleitet von meinem Oheim und der ganzen Familie, auch Tante Tabitha nicht ausgenommen, welche heulte, ſchrie und ſich die Haare ausraufte, wie wenn ſie von Sinnen wäre. Sir Thomas hatte bereits Befehl gegeben, eine lange Leiter zu bringen, die an des Lieutenants Fenſter angelegt wurde, und nun ermahnte er ihn ſehr ernſthaft, herabzukommen. Es bedurfte keines großen Aufwandes von Rhetorit, um Lismahago zu bewe⸗ gen; er ſtieg augenblicklich durch's Fenſter und ſchrie den Leuten unten unaufhörlich aus vollem Halſe zu, ſie ſollen doch ja feſt halten. So ernſthaft die Veranlaſſung war, ſo konnte man doch un⸗ möglich dieſen Auftritt anſehen, ohne große Lachluſt zu verſpüren. Die Jammergeſtalt des Lieutenants im bloßen Hemde, mit einer wol⸗ lenen, unter dem Halſe zugeknüpften Nachtmütze auf dem Kopf, und ſeinen welken, ſchlaffen Beinen und Lenden, um welche ſich der Wind luſtig machte, gewährte ein ſehr maleriſches Bild, das durch die Laternen und Windlichter der Bedienten, die ihm beim Herabſteigen leuchteten, illuminirt wurde. Die ganze Geſellſchaft ſtand um die Leiter herum, ausgenommen der Knight, der in ſei⸗ nem Stuhle ſaß und von Zeit zu Zeit ausrief:„Ach, daß Gott erbarm!— Rettet doch den Herrn!— Sehen Sie ſich vor, lieb⸗ ſter Capitain, wo Sie hintreten!— Sachte! ſachte!— Setzen Sie den Fuß feſt!— Faſſen Sie die Leiter mit beiden Händen! — So, ſo iſt's recht!— Bravo mein lieber Freund!— So ziemt es ſich für einen alten Soldaten!— Bringt einen Teppich her, einen warmen Teppich, damit ſein armer Leichnam wieder aufthauen kann!— Wärmt ein Bett in der grünen Kammer!— 107 Geben Sie mir die Hand, liebſter Capitain!— Es freut mich von Herzen, Sie geſund und wohl zu ſehen!“ Lismahago wurde am Fuß der Leiter von ſeiner Duleinea in Empfang genommen, die einer von den Mägden einen wolle⸗ nen Teppich aus der Hand riß, und ihm um den Leib wickelte, zwei Bediente faßten ihn unter den Armen, und eine Magd leuch⸗ tete ihnen nach der Kammer, wohin Jungfer Tabitha in aller Ehrbarkeit mitging, um ihn zu Bette bringen zu ſehen. Wäh⸗ rend dieſer ganzen Verhandlung ſprach der Lieutenant kein Wort, ſondern blickte nur mit grimmigem Geſichte bald den einen, bald den andern Zuſchauer an, die nunmehr in voller Verſammlung nach dem Saale gingen, wo wir geſpeist hatten, und einander mit neugieriger Verwunderung anſchauten. Als unſer Wirth wieder in ſeinem bequemen Lehnſtuhl ſaß, faßte er meinen Oheim bei der Hand und brach in ein langes, ſchallendes Gelächter aus.„Matthias!“ rief er,„krönen Sie mich mit Eichenzweigen, mit Epheu, Lorbeer, mit Peterſilien oder mit was Sie wollen; aber das müſſen Sie zugeſtehen, daß es ein Meiſterſtück von Schelmerei war.— Ha, ha, ha! Solch eine camisicata, scagliata, beffata!— O che roba!— Welch ein ſchönes Nachtſtück! Welch eine caricatura! O wäre doch ein Roſa, ein Rembrandt, ein Schalken dabei geweſen!— Bei mei⸗ ner Seele, ich muß es gemalt haben, und ſollte es hundert Gui⸗ neen koſten.— Welch ein herrliches Herabſteigen vom Kreuz! welch eine Galgenfahrt!— Was für Licht und Schatten!— Welch eine Gruppe unten!— Velch ein Ausdruck oben!— Und die Leidenſchaft!— Haben Sie die Leidenſchaft im Geſichte bemerkt? — Ha, ha, ha!— Und die Gebeine und die Muskeln!— Jede Zehe drückte Angſt nnd Schrecken aus!— Ha, ha, ha!— Dann die Decke!— O che costume!— Ein St. Andreas! St. Lazarus! St. Barrabas!— Ha, ha, ha!“—„Alſo,“ rief mein Oheim ſehr ernſthaft,„wäre die Sache, beim Lichte beſehen, bloß ein 108 abgekarteter blinder Lärm geweſen? Man hat uns bloß zum Spaß aus unſern Betten geſchreckt und in wirkliche Angſt gejagt?“— „Allerdings,“ rief unſer Wirth,„aber es war auch ein Spaß dar⸗ nach; ſolch eine Farce! ſolch ein denouement! ſolch eine Kata⸗ ſtrophe!“. „Nur ein wenig Geduld,“ verſetzte unfer Squire,„an der Kataſtrophe ſind wir vielleicht noch nicht. Der Himmel gebe, daß ſich das Poſſenſpiel in keine Tragödie verwandle. Der Capitain gehört nicht zu den Leuten, mit denen gut ſcherzen iſt. Er ſelbſt lacht niemals und kann es noch weniger ausſtehen, daß andere Leute auf ſeine Koſten lachen. Und bei all' dem war der Spaß wirklich derb, wenn Sie auch den rechten Mann gewählt hätten.“ „Bei Gott!“ rief der Baronet,»ich hätte es um keinen Preis an⸗ ders einrichten können, und der rechte Mann war's juſt auch. Ein ſolches Exemplar kommt oft in fünfzig Jahren nicht wieder vor.“ Jetzt begehrte Jungfrau Tabitha auf und erklärte, ſie ſehe nicht ein, wie Herr Lismahago ein geeigneterer Gegenſtand zum Lachen ſeyn ſolle, als der Baronet ſelbſt, und ſie fürchte ſehr, er möchte bald finden, daß er ſich in ſeinem Mann getäuſcht habe. Sir Thomas war über dieſe Andeutung etwas verblüfft und meinte, der Lieutenant müßte ja ein wahrer Gothe oder Barbar ſeyn, wenn ihm ein ſolch glücklicher und ſinnreicher Scherz nicht gefiele. Indeß bat er, Herr Bramble und ſeine Schweſter möchten ihn zur Vernunft bringen, und in dieſe Bitte ſtimmte auch Lady Bull⸗ ford ein, die übrigens nicht ermangelte, dem Baronet eine Buß⸗ predigt wegen ſeines Muthwillens zu halten. Er hörte ſie mit einem Geſichte an, das auf der einen Seite demuthsvolle Reue, auf der andern ein ſchalkhaftes Lächeln vorſtellte. Wir gingen endlich zum zweiten Mal in's Bett, und noch ehe ich aufgeſtanden war, hatte mein Oheim den Lieutenant be⸗ reits in der grünen Kammer beſucht und ihm ſo überzeugend an's Herz geſprochen, daß er ganz beruhigt ſchien, als wir im Be⸗ 109 ſuchzimmer wieder zuſammentrafen. Er nahm die Entſchuldigung des Baronets freundlich auf und erklärte ſogar, es freue ihn, zum Vergnügen der Geſellſchaft beigetragen zu haben. Sir Thomas ſchüttelte ihm die Hand, lachte dabei recht herzlich und bat ihn dann um eine Priſe Tabak als Zeichen ſeiner vollkommnen Ver⸗ ſöhnung. Der Lieutenant griff in ſeine Weſtentaſche und zog ſtatt ſeiner blechernen Doſe eine ſehr hübſche goldene hervor, die er nicht ſo bald gewahr wurde, als er ſagte:„Hier geht ein kleiner Irr⸗ thum vor.“—„Ganz und gar nicht,“ rief der Baronet,„ein ehr⸗ licher Tauſch iſt kein Diebſtahl. Thun Sie mir den Gefallen, Capitain, und laſſen Sie mich Ihre ſchottiſche Doſe zum Anden⸗ ken behalten.“—„Sir,“ ſagte Lismahago,„meine Doſe ſteht Ihnen gerne zu Dienſten, aber dieſe Maſchine hier kann ich unter keinen umſtänden behalten. Dieß klänge wie Beſtechung bei einer Ehren⸗ ſache. Und wer weiß, es könnte vielleicht wieder ſo ein Spaß da⸗ hinter ſtecken; ich bin übrigens durchaus nicht in der Laune, die. Bühne zum zweiten Mal zu betreten. Ich möchte nicht gerne in Ihre Taſchen greifen, aber ich bitte, ſtecken Sie die Doſe mit Ihren eigenen Händen wieder zu ſich.“ So ſprechend, reichte er mit einem ſtrengen, ſauertöpfiſchen Geſicht dem Baronet ſeine Doſe. Dieſer nahm ſie mit einiger Beſchämung an und gab die ſchottiſche zurück, die er indeß nur tauſchweiſe hatte behalten wollen. Dieſe Verhandlung hätte beinahe dem Geſpräch einen ernſt⸗ haften Anſtrich gegeben, als mein Oheim bemerkte, der Richter Frogmore ſey weder bei dem nächtlichen Tumult, noch jetzt bei der allgemeinen Verſammlung zum Vorſchein gekommen. Beim Namen Frogmore rief der Baronet:„Zum Henker auch, den Rich⸗ ter hätte ich beinahe vergeſſen. O gehen Sie doch, Doctor, und holen Sie ihn aus ſeiner Grube.“ Dann lachte er, daß ihm der Bauch ſchütterte, und ſagte, der Capitain werde ſich ſogleich über⸗ zeugen, daß er nicht die einzige Perſon im Drama geweſen ſey, 110 die der Geſellſchaft Unterhaltung bereitet habe. An der nächtlichen Scene habe der Richter keinen Theil nehmen können, weil man ihn abſichtlich in einen abgelegenen Theil des Hauſes, weit von dem Lärmen, einquartirt und mit einer Portion Opium in den Schlaf gelullt habe. Nach ein pgar Minuten wurde der Richter mit ſeiner Nacht⸗ mütze und in einem weiten Schlafrock in's Zimmer gebracht; er ſchlenkerte den Kopf von einer Seite zur andern, und ſeufzte und ſtöhnte unaufhörlich.„Um Gottes Willen, Herr Nachbar Frog⸗ more!“ rief der Baronet,„was iſt ihnen? Sie ſehen ja aus, als wären Sie aus dem Grabe auferſtanden!— Setzt ihn ſanft auf den Sofa!— Der arme Mann!— Gott ſteh' uns bei, warum mag er ſo blaß, ſo gelb, ſo aufgelaufen ausſehen 2«—„Ach, Sir Thomas,“ ftöhnte der Richter,„ich ſehe wohl, mit mir ifts aus. Die Schwämme, die ich bei Ihnen gegeſſen habe, bringen mich unter den Boden!— Ach! oh! eh!“—„Nein, da ſey Gott für!“ ſagte der Andere.„Nur guten Muth gefaßt, lieber Freund. Wie ſteht es um Ihren Magen? hah!“ Auf dieſe Frage gab er keine Antwort, ſondern ſchlug ſeinen Schlafrock zurück und zeigte der Geſellſchaft, daß ihm ſeine Weſte wenigſtens um fünf Zoll zu eng geworden war.„Gott ſey uns gnädig!“ rief Herr Thomas;„welch ein jammervoller Anblick! Ich habe noch nie einen Menſchen ſo plötzlich aufſchwellen ſehen, als wenn er eben geſtorben war oder eben ſterben wollte! Doctor, wiſſen Sie denn gar nichts für den armen Mann?“—„Ich dächte, man ſollte ſchon noch helfen können,“ ſagte der Chirurg;„indeß möchte ich Herrn Frogmore doch rathen, je eher je lieber ſein Haus zu beſtellen. Laſſen Sie den Paſtor rufen, daß er mit ihm betet; einſtweilen will ich ihm ein Klhſtier und ein Brechmittel zurechtmachen.“ Der Richter verdrehte die matten Augen im Kopfe und ſagte mit inbrünſtigen Seufzern den Anfang der Litanei her; dann bat er den Chirurgen, er möchte ſich doch um Gottes Willen 111 beeilen.„Meine weltlichen Sachen,“ ſagte er,„ſind alle berei⸗ nigt, bis auf eine Obligation, die meinen Erben bleiben muß. Aber, aber meine arme Seele! meine arme Seele! was wird aus meiner armen Seele werden? O ich armer, elender Sünder!“— „Nun, nun, lieber Herr Nachbar,“ fiel der Baronet ein,„faſſen Sie ſich doch; die Barmherzigkeit des Himmels iſt ohne Ende, und Sie können keine ſchweren Sünden auf dem Gewiſſen haben, oder der Teufel müßte es geſehen haben.“—„Ach! ſagen Sie nichts vom Teufel!“ rief Frogmore erſchrocken;„ich habe mehr Sünden zu verantworten, als die Leute glauben. Ach, liebſter Freund, ich bin— argliſtig— argliſtig— verdammt argliſtig geweſen. Senden Sie doch ſchnell nach dem Paſtor und laſſen Sie mich zu Bette bringen, denn ich ſtehe vor der Thüre der Ewigkeit.“ Man hob ihn alſo vom Sofa auf und zwei Bediente mußten ihn in ſeine Kammer zurückbringen; ehe er aber das Zim⸗ mer verließ, bat er die ganze Geſellſchaft, ihm mit ihren Gebeten beizuſtehen. Dann fügte er hinzu:„Nehmen Sie ein Beiſpiel an mir, der ich im Frühling meines Lebens abgemäht werde, wie eine Blume des Feldes; Ihnen aber, Sir Thomas, mag es der liebe Gott vergeben, daß Sie Ihren Gäſten ſolch giftig Zeug vorſetzen.“ Kaum war er ſo weit weg, daß er uns nicht mehr hören konnte, als der Baronet in ein heftiges Gelächter ausbrach, in welches die Meiſten von der Geſellſchaft einſtimmten. Indeß koſtete es ihn viele Mühe, ſeine gutherzige Gemahlin zurückzuhalten, welche durchaus den Patienten aus dem Irrthum reißen und ihm ſagen wollte, der Wuudarzt habe ihm zum Schabernack, während er geſchlafen, die Weſte weggenommen und ſie einnähen laſſen; die Unordnung in ſeinem Magen und ſeinen Eingeweiden aber komme von einem Brechmittel her, das man ihm geſtern Abend ſtatt Peſtwaſſet eingegeben. Sie ſchien zu beſorgen, die Angſt möchte ihm wirklich den Tod verurſachen, allein der Baronet 112 ſchwor, Herr Frogmore ſey kein ſo zartes Täubchen, ſondern ein ſehr alter Kater, der zur Plage ſeiner ganzen Nachbarſchaft noch lange genug leben werde. Nach genauerer Erkundigung erfuhren wir, daß ſein Charakter ihm keine Anſprüche auf großes Mitleiden oder einigen Reſpekt verlieh, und ſo ließen wir der luſtigen Laune unſeres Wirthes ihren freien Lauf. Eine alte Frau im Hauſe, welche früher die Amme des Sir Thomas geweſen war, ſetzte dem Patienten ein Klyſtier an, und zugleich mußte er einen mit Meerzwiebelſaft zubereiteten Trank nehmen, um die Wirkung des Brechmittels zu befördern, welche durch die Opiate der letzten Nacht verhindert worden war. Auch bekam er einen Beſuch von dem Prediger, der ihm Gebete vorlas und ſich genau nach ſeinem Seelenzuſtande zu erkundigen anfing, als die Arzneien ihre Wir⸗ kung hervorbrachten. Der Mann Gottes wurde dadurch genöthigt, ſich die Naſe zuzuhalten, indeß geiſtliche Tröſtungen ſich aus ſei⸗ nem Munde ergoßen. Der Baronet und ich mußten daſſelbe thun, als wir eben um dieſe Zeit mit dem Chirurgen in die Kammer traten. Wir fanden Frogmore auf einem Leibſtuhl unter dem Druck einer doppelten Ausleerung. Die kurze Ruhezeit zwiſchen jeder Uebelkeit wandte er dazu an, um Barmherzigkeit zu flehen, ſeine Sünden zu beichten, oder den Prediger über ſeinen Seelen⸗ zuſtand zu fragen, worauf der Geiſtliche jedes Mal mit einem feierlichen, durch die Naſe ſchnaubenden Tone antwortete, der das Komiſche an der Sache ungemein erhöhte. Nachdem das Brech⸗ mittel ſeine Wirkung gethan, trat der Doctor wieder auf und ließ den Kranken auf's Neue in's Bett bringen. Nachdem er die Egeſta unterſucht, und den Puls gefühlt hatte, erklärte er, es ſey ſchon viel von der giftigen Materie abgegangen, gab ihm eine lindernde Mirxtur und verſicherte ihn, er habe gute Hoffnung wieder aufzu⸗ kommen. Dieſe willkommene Botſchaft empfing der Kranke mit Freudenthränen in den Augen und betheuerte, wenn er davon komme, ſo werde er niemals vergeſſen, daß er ſein Leben der 113 großen Geſchicklichkeit und zärtlichen Fürſorge ſeines Doctors zu danken habe, deſſen Hand er mit vieler Inbrunſt drückte; und hiemit ließ man ihn in Ruhe. Man redete uns ſehr zu, zum Mittageſſen zu bleiben, um Zeugen ſeiner Auferſtehung ſeyn zu können, allein mein Oheim beſtand darauf, noch Vormittags abzureiſen, um noch bei Tag in der Stadt anzukommen. Inzwiſchen führte uns Lady Bulford in den Garten und zeigte uns einen ſo eben fertig gewordenen Fiſch⸗ teich. Herr Bramble fand daran auszuſetzen, er liege zu nahe am Wohnzimmer, wo der Baronet eben ganz allein in einem Arm⸗ ſtuhl ſaß, und nach der Anſtrengung dieſes Morgens einſchlum⸗ merte. Er hatte ſich zurückgelehnt, ſeine Füße auf einem Stuhle vor ſich ausgeſtreckt und in Flanelle gewunden, als auf einmal die Thüre von einem gewaltigen Stoß aufflog, der Lieutenant Lismahago mit einem Geſicht, auf welchem Angſt und Schrecken gemalt waren, hereinrannte, und unter dem Geſchrei: ein toller Hund! ein toller Hund! ein Fenſter aufriß und in den Garten ſprang. Sir Thomas erwachte von dem fürchterlichen Geſchrei, ſprang auf, vergaß ſein Podagra und folgte inſtinktmäßig dem Beiſpiel des Lieutenants. Er flog nicht nur pfeilſchnell durch's Fenſter, ſondern lief auch bis an den Gürtel in's Waſſer im Teich, bevor er ſich im Mindeſten wieder faſſen konnte. Und nun begann Lismahago zu rufen:„Ach daß Gott erbarm!— Rettet doch den Herrn!— Um Gottes Willen, ſehen Sie ſich doch vor, wo Sie hintreten, mein lieber Junge! Bringt einen warmen Teppich her, einen warmen Teppich, damit ſein armer Leichnam wieder aufthauen kann! Wärmet das Bett in der grünen Kammer!“ Lady Bulford war wie vom Blitze gerührt, und die übrige Geſellſchaft machte ſtillſchweigend große Augen, indeß die Bedien⸗ ten herbei liefen, um ihrem Herrn beizuſtehen, der ſich, ohne ein Wort zu ſprechen, nach dem Wohnzimmer zurücktragen ließ. Hier verſah man ihn in der Geſchwindigkeit mit trockenen Kleidern und Smollet's Romane. XV. 8 114 Flanellen, gab ihm eine Herzſtärkung, und eine Magd mußte ihm die Füße reiben, worauf ſeine Sinne ſich wieder zu ſammeln ſchienen und auch ſeine Munterkeit wieder auflebte. Wir waren ihm alle in's Zimmer nachgefolgt, und er ſah Einen nach dem Andern, mit einem gewiſſen poſſierlichen Ausdruck im Geſichte, an. Beſonders aber heftete er ſeine Augen auf Lismahago, der ihm eine Priſe Taback anbot, und als er dieſe ſtillſchweigend annahm, zu ihm ſagte:„Sir Thomas Bulford, ich bin Ihnen für alle mir erwieſenen Gunſtbezeugungen ungemein verbunden, und einige davon habe ich Ihnen in Ihrer eigenen Münze heimzubezahlen geſucht“—„Gib mir Deine Hand,“ rief der Baronet,„Du haſt mich allerdings auf Heller und Pfennig ausbezahlt, und behältſt noch eine gute Rechnung in meinem Buche. Ich rufe die ganze Geſellſchaft zu Zeugen auf, daß ich ſie zu berichtigen verſpreche.“ Bei dieſen Worten lachte er recht herzlich und ſchien ſich ſogar über die Wiedervergeltung zu freuen, obgleich er ſelbſt das Haar hatte laſſen müſſen. Lady Bulford aber ſah ſehr ernſthaft drein, und offenbar war ſie der Meinung, der Lieutenant habe ſeine Rache zu weit getrieben, indem ihr Gemahl kränklich ſey. Allein das Sprichwort ſagt:„Wer keinen Schlag ertragen kann, der muß ſich nicht mit dem Klopffechten abgeben.“ Ich habe einen zahmen Bären geſehen, der recht luſtige Sachen machte, ſo lange man ihn gehörig behandelte, aber eine gefähr⸗ liche wilde Beſtie wurde, als man ihn zur Unterhaltung der Zu⸗ ſchauer zu ſehr quälte. Was Lismahago betrifft, ſo ſchien er zu glauben, der Schrecken und das kalte Bad werden eine gute Wir⸗ kung auf die Geſundheit des Patienten hervorbringen, allein der Doctor äußerte einige Beſorgniß, das Podagra möchte in Folge einer ſo plötzlichen Erſchütterung aus den Füßen zurücktreten und auf die edleren Theile fallen, wo es denn ſehr gefährlich werden könnte. Es ſollte mir herzlich leid thun, wenn dieſe Prophezeihung an unſerem luſtigen Wirth in Erfüllung ginge, der beim Abſchied 115 zur Tante Tabitha ſagte, er hoffe, ſie werde in der Brautnacht an ihn denken, da er ſich ſo viele Mühe gegeben habe, den Witz und Muth ihres Bräutigams auf die Probe zu ſetzen. Am Ende, beſorge ich, wird mein Oheim von den witzigen Einfällen des Baronets am meiſten zu leiden haben, denn ſeine Conſtitution iſt nicht mehr für ſolche Nachtſchwärmereien. Er hat den ganzen Tag über gegähnt und gefröftelt, und iſt zu Bette gegangen, ohne etwas zu genießen. Wir werden alſo mor⸗ gen Raſttag halten, um ſo mehr, als das Quartier ganz gut iſt. In dieſem Fall werden Sie wenigſtens einen Tag Ruhe haben vor den Verfolgungen Ihres allzeit fertigen H. Melford. Den 3. Oetober. An Jungfer Marie Jones zu Vrambletonhall. Meine liebe Marie Jones! Miß Lidy will ſo gut ſeyn, und meinen Brief in ihr Koffer bis nach Gloſter packen, und von dort ſoll ihn der Boote mitneh⸗ men. Gott gebe, daß wir einmal geſund wieder nach Montmauth⸗ ſcheir zurückkommen, denn das Reiſen iſt, mir ſo entleidet, wie das Dreckfreſſen. Meine ſelige Mutter ſagte allemal, man lernt in ſeinem Leben nicht aus, und da hatte ſie ganz recht. O Mäd⸗ chen, Mädchen, was habe ich nicht alles geſehen und alles gehört. Aber nichts gewiß weiß man nicht. Wer hätte wohl gedacht, daß mein gnädiges Frälen, die ſich's um ihre arme Seele ſo ſauer hat werden laſſen, ihren Leib ſo wegwerfen und preiß geben würde? daß ſie ein verliebtes Ange auf ſo eine Vogelſcheuche wer⸗ fen würde, wie dieſer Liſchmahago, denn der iſt ihr ſo alt, wie Meduſalem, ſo ausgetrocknet, wie ein Häring, und ſo arm, wie 116 eine Kirchenmaus. O Miekchen, du hätteſt ihn nur auch ſehen ſollen, wie er von der Leiter herabſtieg, in einem Hemde, das ſo kurz war, daß er ſeine Blöße nicht bedecken konnte. Der junge Skweier nannte ihn dann Liſchott, aber mir kam er ganz leibhaf⸗ tig vor wie der alte Keſelflicker Kradokab Morgann, den ſie in Obergani an den Galgen hängten, weil er geſtohlen hatte. Und dann iſt er ſo ein gottloſer Haidenmenſch, und wie Mosje Klinker ſagt, nicht viel beſſer, als ein Adeiſt, denn er ſpottet an einem fort über die Bibel und das neue Licht. Auch glaube ich, daß er eben ſo wenig gute Lebensart hat, als Geld in der Taſche, denn meint Sie, er gebe einem nur einmal ein höfliches Wörtchen, oder machte einem nur ein paar Handſchuhe zum Präſent, aber nein, um keinen Hellerswerth. Ja, vornehm kann er thun, und ſo, wie wenn er viel beſſer wäre, als unſer eins. Ei, daß doch ein Fräu⸗ lein, die doch ſchon ſo alt und geſcheidt iſt, ſich um einen ſolchen wüſten Geſellen die Haare ausreißen und weinen und klagen kann. Aber wie das Sprüchwort ſagt: „Die möchte gern ein Vöglein haben, Die ſo viel für die Eule beut“ Das Ding kann nicht mit rechten Dingen zugehen, er muß es mit einem ſchottiſchen Magifikus zu thun haben, und der hat es ihr angethan. Ich aber, ich bete zu unſerm lieben Herrgott, und habe mir Salz und Kümmel in meinen Unterrock genäht, daß mir der böſe Feind nicht an den Leib kann, und der Mosje Klin⸗ ker hat mir geſagt, wenn ich in dem neuen Gnadenlichte bleibe, ſo dürfe ich mir vor dem Teufel und allen ſeinen Kindern nicht fürchten.. Aber ich weiß wohl was ich weiß. Wenn das Fräulein den Liſchmahago nimmt, ſo iſt mit uns zu Ende. Es fehlt Gott Lob und Dank nicht an guten Herrſchaften, und wenn mirs nicht um etwas anders wäre, ſo hätte ich ihr ſchon längſt— aber nein ich 117 will nichts ſagen. Der Madam Baynars ihre Kammerjungfer hat zwanzig Pfund alle Jahr, und Weihnachtgeſchenke und noch eine Menge andere Sachen; ja, die kommt daher, wie eine vor⸗ nehme, adelige Dame. Ich habe mit ihr und dem Walleh de Schamber zu Mittag geſpeist, der hat einen Haarbeutel in den Haaren und Gold auf der Weſte; aber es war kein gutes Eſſen, denn wir haben nichts bekommen, als ein Bischen von einer übrig gebliebenen Paſtetenrinde und ſolche Lumpengeſchichten; da habe ich die Kolik gekriegt und es war noch ein großes Glück, daß das Frälein ihr Tropfenkölbchen in der Kutſche hatte. Aber wenn ich nur ſchwätzen wollte, ich glaube doch, daß es noch eine Hochzeit gibt, denn die Leute treiben es gar zu bunt, und ich habe mit meinen eigenen Augen geſehen, wie ſie ein⸗ ander ſchön thaten. Doch was will ich von den Geheimniſſen meiner Herrſchaft ſagen, wenn das Heirathen einmal anfängt, ſo wird der Tanz ſchon angehen. Ich glaube als, Miß Liddy würde ſich die Haare nicht ausreißen, wenn ihr Liebhaber einmal käme, und was meint ſie wohl, liebe Miekchen, wenn ich ihr auf einmal ſchriebe, ſie müſſe meine Brautjungfer werden. Aber das iſt nur ſo ein Spaß, liebes Kind, und ich habe dem Mosje Klinker ganz feierlich verſprochen, daß ich keinem Menſchen, es ſey Herr, Frau, Knecht oder Kind, anders mein Jawort geben will. Ich hoffe, ehe der Monat zu Ende geht, eſſen wir noch miteinander eine gute kalte Schaale von unſerm Oktoberbier. Sey ſie doch ſo gut, und laß ſie meine Betten alle Tage einmal umkehren, und die Fenſter aufmachen, wenn es nicht regnet, auch laß ſie in die Kam⸗ mer von den Herrſchaften manchmal ein bisle Feuer machen, und zuſehen, daß ihre Matratzen recht trocken ſind, denn ſie haben beide den Schnupfen und Huſten gekriegt, weil ſie bei dem Sir Thomas Balford in einer feuchten Kammer haben ſchlafen müſſen. 118 Weiter weiß ich vor heute nicht mehr, aber grüß ſie mir Salme und die andern alle mit einander und verbleibe Ihre geliebte Freundin Winifred Jenkins. Den 4. Oetober. An Miß Lätitin Willis in Gloureſter. Meine liebſte Letty! Ob ich gleich keine Hoffnung habe, von Ihnen Antworten auf meine Briefe zu erhalten, ſo finde ich doch, aufrichtig geſtanden, in meiner Traurigkeit und Betrübniß eine große Erleichterung darin, daß ich Ihnen von Zeit zu Zeit ſchreiben kann, denn es iſt mir viel wohler, ſo oft ich mein Herz gegen Sie ausgeſchüttet habe. Freilich bleibt es immerhin ein ſehr unvollkommener Genuß der Freundſchaft, weil die Vertraulichkeit nicht gegenſeitig ſeyn kann, und ich Ihres guten Rathes entbehren muß. O ich wollte die ganze Welt darum geben, wenn ich Ihre Geſellſchaft nur einen einzigen Tag haben könnte. Ich bin des unſtäten Wander⸗ lebens jetzt herzlich überdrüſſig, man wird ganz ſchwindelig von den vielen Gegenſtänden, die man alle zu ſehen bekommt. Dabei iſt es unmöglich, einen ſo weiten Weg zurückzulegen, ohne ſich allerlei Unannehmlichkeiten, Gefahren und Zufällen auszuſetzen, die einem armen, ſchwachnervigen Mädchen, wie ich bin, ſehr be⸗ ſchwerlich fallen, und mich die Befriedigung meiner Neugierde ſchwer büßen laſſen. Die Natur hat mich nicht für die geſchäftige Welt beſtimmt. Ich ſehne mich nach Ruhe und Einſamkeit, wo ich mich der un⸗ eigennützigen Freundſchaft, die man in dem großen Gewühle nicht findet, erfreuen und den ſüßen Gedanken nachhängen kann, die vor dem Lärm und Tumult der faſhionablen Geſellſchaft fliehen. 119 So unerfahren ich auch im Leben der großen Welt bin, ſo habe ich doch bereits genug geſehen, um vor den Meiſten, die dazu ge⸗ hören, Eckel zu empfinden. Selbſt unter nahen Freunden und ge⸗ nauern Bekannten entdeckt man ſo viel Bosheit, Falſchheit und Verſtellung, daß ein tugendhaftes Gemüth davor ſchaudert, und tritt das Laſter einmal einen Augenblick vom Schauplatze ab, ſo nimmt ſogleich die Thorheit ſeine Stelle ein, iſt aber oft zu ernſt⸗ haft, um etwas anders als Mitleid zu erregen. Vielleicht ſollte ich über die Schwachheiten meiner armen Tante ſchweigen, aber vor Ihnen, meine liebſte Willis, habe ich kein Geheimniß, und dann ſind dieſe Schwachheiten auch der Art, daß ſie nothwendig an's Licht kommen müſſen. Seit unſerer Ankunft in Bath war ihr einziges Dichten und Trachten, den Männern Netze zu legen, und jetzt hat ſie endlich einen verjährten Lieutenant gefangen und iſt auf dem beſten Wege, ſeinen Namen anzunehmen. Mein Oheim und mein Bruder ſcheinen nichts gegen dieſe ſonderbare Verbin⸗ dung zu haben, die, wenn ich nicht ſehr irre, Stoff genug zu lachen geben wird. Ich meines Theils aber bin mir zu gut mei⸗ ner eigenen Schwachheiten bewußt, um mich über die von andern Leuten luſtig zu machen. Gegenwärtig habe ich etwas auf dem Herzen, das alle meine Gedanken beſchäftigt und mein Gemüth mit der ängſtlichſten Erwartung erfüllt. Geſtern Vormittag, als ich mit meinem Bruder in einem Gaſthof, wo wir abgeſtiegen waren, am Fenſter ſtand, ritt ein Herr vorbei, den ich(gütiger Himmel!) im Augenblick als Wil⸗ ſon erkannte. Er trug einen weißen Reitrock, bis an's Kinn zu⸗ geknöpft, war ſehr blaß, ritt im ſtärkſten Trab vorüber, und ſchien uns nicht zu bemerken. Wirklich konnte er uns auch vor den Jalvuſieläden nicht wohl ſehen. Denken Sie ſich, wie mir bei dieſer Erſcheinung zu Muth ſeyn mußte. Es wurde mir finſter vor den Augen, und auf einmal überfiel mich ein ſolches Zittern und Beben, daß ich nicht mehr ſtehen konnte. Ich ſetzte mich auf 120 einen Stuhl und ſuchte mich zu faſſen, damit mein Brnder meine Unruhe nicht bemerken möchte; allein es war unmöglich, ſie vor ſeinen durchdringenden Auge zu verbergen. Er hatte den Reiter ebenfalls bemerkt und ohne Zweifel auf den erſten Blick erkannt. Jetzt ſah er mich ſehr finſter an und rannte dann auf die Straße, um zu ſehen, welchen Weg der Unglückliche genommen habe. Dann ſchickte er ſeinen Bedienten auf genauere Nachrichten aus, und ſchien über einem düſtern Plane zu brüten. Da mein Oheim nicht ganz wohl war, ſo blieben wir noch einmal in dem Gaſthofe über Nacht und den ganzen Tag über belauerte mich mein Bruder mit wahren Falkenaugen. Er beobachtete meine Blicke mit einer ſolch ſcharfen Aufmerkſamkeit, als wollte er die geheimſten Winkel meines Herzens ausſpüren. Er mag dieß zwar allerdings aus Rückſicht auf meine Ehre thun, wofern es nicht bloß ſeinem Stolze zuzuſchreiben iſt, allein er iſt dabei ſo hitzig, ſo heftig und unge⸗ ſtüm, daß ſchon ſein bloßer Anblick mich ſchüchtern macht. Auch wird es mir auf dieſe Art unmöglich werden, ihm mit ſchweſter⸗ licher Liebe zugethan zu bleiben, wenn er mich noch ferner ſo quälen will. Mir iſt angſt und bang, er möchte rachſüchtige Plane ſchmieden, die mich vollends ganz unglücklich machen wer⸗ den. Ich fürchte, er hat mich im Verdacht, als wiſſe ich um dieſe Erſcheinung Wilſons. Gütiger Gott! war es denn wirklich Wilſon, der mir erſchien? oder war es nur eine Täuſchung, ein bloßes Geſpenſt, das mir die Nachricht von ſeinem Tode bringen wollte? D meine liebſte Letty, was ſoll ich thun? Wohin ſoll ich mich wenden um Rath und Troſt? Soll ich meinen Oheim um Schutz anflehen, weil er beſtändig ſo gütig und mitleidig gegen mich ge⸗ weſen iſt! Nein, dieß muß meine letzte Zuflucht bleiben. Mir bangt vor dem Gedanken, ihm Unruhe zu machen, und ich wollte lieber tauſendmal ſterben als leben, um Zwiſtigkeiten in meiner Familie zu verurſachen. Ich kann nicht begreifen, was Wilſons 121 Ankunft bedeuten ſoll. Vielleicht ſucht er uns auf, um uns ſeinen wahren Namen und Stand zu entdecken. Aber warum ritt er denn nur ſo durch, ohne die geringſte Erkundigung einzuziehen? Ach⸗ meine liebſte Willis, der Verſtand ſteht mir ſtille. Seitdem ich ihn geſehen, habe ich kein Auge zugethan. Die ganze Nacht durch plagt mich eine Muthmaßung auf die andere. Ich finde keinen Augenblick zu ruhiger Ueberlegung. Ich habe gebetet, geſeufzt und bitterlich geweint. Wenn dieſer fürchterliche Zuſtand der Un⸗ gewißheit noch lange andauert, ſo werde ich einen neuen Anfall bekommen, und die Familie wiederum in Angſt und Kummer ver⸗ ſetzen. Wenn es ſich mit den weiſen Zwecken der Vorſehung ver⸗ trüge, ſo wollte ich, ich läge im Grabe. Doch es iſt meine Pflicht, mich in Geduld zu ergeben. O meine liebſte Freundin, entſchul⸗ digen Sie meine Schwachheit— verzeihen Sie dieſe Flecken— meine Zähren fließen ſo häufig, daß ſie wider meinen Willen auf das Papier träufeln. Und doch ſollte ich bedenken, daß ich bis jetzt noch keine Urſache habe, zu verzweifeln. Aber ich bin ein ſo ſchwachherziges, ängſtliches Geſchöpf! Gott ſey Dank, mein Oheim befindet ſich heute weit beſſer, als geſtern. Er iſt Willens, den nächſten Weg nach Wales zu nehmen. Ich hoffe, wir werden über Glouceſter kommen; dieſe Hoffnung gibt meinem armen Herzen einige Heiterkeit. Ich werde meine beſte, geliebteſte Willis wieder in die Arme ſchließen, und allen meinen Kummer an ihrem freundſchaftlichen Buſen ausweinen. Gütiger Gott, iſts möglich, daß dieſes Glück noch beſchieden ſeyn kann Ihrer tiefbetrübten und verlaſſenen Lydia Melford. Den 4. Oetober. 122 An Kir Watkin Philipps, Baronet, im Jeſuitenkollegium zu Orfard. Geſtern, mein liebſter Watkin, iſt mir etwas zugeſtoßen, das Sie ſelbſt als höchſt auffallend anerkennen werden. Ich ſtand mit Liddy in dem Gaſthof, wo wir abgeſtiegen waren, am Fenſter, als auf einmal ein Reiter vorbei trabte, und dieſer Reiter war niemand anders als Wilſon. Ich konnte mich nicht irren, denn ich ſah ihm gerade in's Geſicht, als er herankam, auch überzeugte mich die Verwirrung meiner Schweſter ſogleich, daß ſie ihn eben⸗ falls erkannt hatte. Ich wunderte und ärgerte mich über ſeine Erſcheinung, die ich für einen trotzigen Hohn oder gar für etwas Schlimmeres halten mußte. Wie der Blitz ſprang ich an's Haus⸗ thor hinab, und da ich ihn um eine Ecke reiten ſah, ſchickte ich ihm meinen Bedienten nach, um ſeine Bewegungen zu beobachten; allein der Kerl kam zu ſpät, um mir etwas hinterbringen zu kön⸗ nen. Indeſſen ſagte er mir, am Ende des Fleckens ſey noch ein Wirthshaus, zum rothen Löwen genannt, wo der Reiter wahr⸗ ſcheinlich abgeſtiegen ſeyn werde, allein er habe ohne ausdrück⸗ lichen Befehl nicht nachfragen mögen. Ich ſchickte ihn im Augen⸗ blick zurück, um ſich zu erkundigen, was für Fremde dort logiren, und er brachte mir die Antwort, es ſey heute ein gewiſſer Herr Wilſon angelangt. Auf dieſe Kunde gab ich ihm ein Billet an dieſen Herrn, worin ich ihn erſuchte, mich in einer halben Stunde auf einem gewiſſen Felde vor dem Flecken draußen mit ein paar Piſtolen zu erwarten, um die Sache auszumachen, die wir bei unſerm letzten Zuſammentreffen haben unentſchieden laſſen müſſen; doch hielt ich es nicht für rathſam, meinen Namen zu unter⸗ zeichnen. Mein Bediente verſicherte mir, er habe es ihm ſelbſt in die Hände gegeben, und nachdem er es geleſen, habe der Fremde geſagt, er werde den Herrn am beſtimmten Orte und zur beſtimmten Stunde erwarten. 123 MAlpine iſt ein alter Soldat, und da er glücklicher Weiſe im Augenblick nicht betrunken war, ſo vertraute ich ihm mein Ge⸗ heimniß. Ich befahl ihm in der Nähe zu bleiben, gab ihm einen Brief an meinen Oheim, im Fall mir etwas Menſchliches begeg⸗ nen ſollte, und verfügte mich auf den Kampfplatz, nämlich an einen mit Hecken umgebenen Ort unweit der Landſtraße. Mein Gegner hatte bereits ſeinen Poſten eingenommen. Er war in einen braunen Reitmantel gehüllt, und hatte einen mit Treſſen beſetzten Hut über die Augen hereingedrückt. Allein wie groß war mein Erſtaunen, als er den Mantel abwarf und ein Mann vor mir ſtand, den ich vorher noch nie geſehen hatte. Er hatte in einem ledernen Gürtel ein Piſtol ſtecken und ein anderes ſchußfer⸗ tig in der Hand; er kam einige Schritte auf mich zu und fragte mich, ob ich bereit wäre. Ich antwortete nein, und erſuchte ihn um eine kurze Unterredung, worauf er die Mündung ſeines Piſtols zur Erde kehrte, es in den Gürtel ſteckte und mir auf halbem Weg entgegen kam. Als ich ihn verſicherte, er ſey nicht der Mann, den ich hier geſucht habe, ſagte er, das könne wohl ſeyn, aber er habe ein kleines Billet empfangen, das an Herrn Wilſon gelautet, mit der Einladung, hier zu erſcheinen, und da im ganzen Orte außer ihm Niemand dieſen Namen führe, ſo habe er natürlicher Weiſe ſchließen müſſen, das Billet ſey an ihn gerichtet. Ich gab ihm alſo zu verftehen, ich ſey von einem Herrn beleidigt worden, der ſich dieſen Namen angemaßt, und habe ihn erſt vor einer Stunde durch die Straße reiten ſehen; da ich nun erfahren, daß ein Herr Wilſon im rothen Löwen abgeſtiegen, ſo habe ich nicht daran ge⸗ zweifelt, daß dieß mein Mann ſey, und in dieſem Glauben das Billet geſchrieben. Zugleich gab ich ihm meine Verwunderung zu erkennen, daß er, ohne von meiner Perſon oder meinen Beſchwer⸗ den ein Wort zu wiſſen, ſich auf ein ſolches Geſchäft mir mir ein⸗ gelaſſen, und ſich nicht einmal die Mühe genommen habe, vorher eine Erklärung zu verlangen. Er ſagte, in der ganzen Grafſchaft 124 ſey kein Menſch ſeines Namens, im rothen Löwen ſey ſeit neun Uhr, wo er ſelbſt angekommen, kein ſolcher Reiter abgeſtiegen; er habe die Ehre gehabt, dem Könige zu dienen, und alſo gedacht, er könne eine Einladung dieſer Art, ſie komme woher ſie wolle, mit gutem Anſtand nicht ablehnen; wenn übrigens eine Erklärung nöthig ſey, ſo ſey es nicht ſeine Sache, ſie zu verlangen, ſondern die Sache deſſen, der ihn herausgefordert. So verdrießlich ich auch über dieſes Abenteuer war, ſo konnte ich doch nicht umhin, die Kaltblütigkeit des Offiziers zu bewundern, deſſen offenes Ge⸗ ſicht mich gänzlich für ihn einnahm. Er ſchien etwas über Vierzig zu ſeyn, trug ſeine eigenen Haare, ſchwarz und kurz abgeſchnitten, die ihm in natürlichen Locken um die Ohren hingen, und war ſehr einfach gekleidet. Als ich ihn um Verzeihung bat, daß ich ihm dieſe Mühe gemacht, nahm er meine Entſchuldigung mit vie⸗ lem Humor auf. Er ſagte mir, er wohne ein paar Meilen von hier auf einem kleinen Landgute, wo er mir ein ziemlich gutes Logis anbieten könne, wenn ich auf einige Wochen zu ihm kommen und der Jagdluſt genießen wolle; in dieſem Fall könnten wir viel⸗ leicht auch den Mann ausfindig machen, der mich beleidigt habe. Ich dankte ihm ſehr aufrichtig für dieſes höfliche Anerbieten, und ſagte, ich könne es für den Augenblick nicht annehmen, weil ich mit meinen Verwandten auf einer kleinen Reiſe begriffen ſey. Sofort trennten wir uns unter gegenſeitiger Verſicherung von Hoch⸗ achtung und Wohlwollen. Sagen Sie mir jetzt, mein liebſter Watkin, was ſoll ich aus dieſem ſonderbaren Abenteuer machen? Soll ich glauben, der Rei⸗ ter, den ich ſah, ſey wirklich ein Menſch mit Fleiſch und Bein oder bloß ein Schattenbild geweſen, das in der Luft verflogen? Oder muß ich glauben, Liddy wiſſe von der Sache mehr, als ſie geſtehen wolle?— O wenn ich ſie für fähig halten könnte, mit einem ſolchen Kerl ein heimliches Verſtändniß zu unterhalten, ich würde ihr auf einmal alle Bruderliebe aufkündigen, und vergeſſen, 125 daß ſie meine nächſte Blutsverwandte iſt. Aber wie iſt es möglich, daß ein Mädchen von ihrer Einfachheit und Unerfahrenheit ein ſolches Verhältniß durchführen konnte, zumal, da ſie von ſo vielen Augen bewacht, aller Gelegenheit beraubt iſt und faſt täglich ihren Aufenthalt verändern muß? Ueberdieß hat ſie feierlich verſprochen —— nein, für ſo niederträchtig liſtig kann ich das Mädchen nicht halten, ſie hat gewiß mehr Achtung für die Ehre ihrer Familie. Was mich am meiſten beunruhigt, iſt der Eindruck, den dieſer Vor⸗ fall auf ihr Gemüth und ihre Geſundheit zu machen ſcheint. Es ſind dieß Symptome, aus denen ich ſchließen muß, daß ihr der Schurke noch immer im Kopfe ſteckt. Ich habe wahrhaftig ein Recht, ihn einen Schurken zu nennen und ſeine Abſichten für ſchänd⸗ lich zu halten. Aber ich will ein Hundsfott ſeyn, wenn er mir nicht eines Tages ſeine Verwegenheit bereuen ſoll. Ich geſtehe, ich kann an dieſe Sache nicht denken und noch weniger davon ſchreiben, ohne daß mir alles Blut in den Adern kocht; ich will alſo dieſen Brief nur ſchließen, mit dem Bemerken, daß wir gegen Ausgang Octobers in Wales zu ſeyn gedenken; doch werden Sie wahrſcheinlich vorher noch einmal etwas zu leſen bekommen von Ihrem getreuen H. Melford. Den 4. Oetober. An Sir Wathin Philippo, Varonrt in Orford. Liebſter Philipps! Als ich Ihnen mit der letzten Poſt ſchrieb, dachte ich nicht daran, daß ich ſo bald wieder in Verſuchung kommen ſollte, Sie mit einem Briefe zu beläſtigen: allein mein Herz iſt ſo voll, daß es überfließen müßte und mein Gemüth ſo voll Unruhe, daß Sie in dieſem Briefe weder Ordnung noch Zuſammenhang erwarten 126 dürfen. Es fehlte nur ein Haar breit, ſo hätten wir heute das Unglück gehabt, unſern ehrlichen Oheim zu verlieren, durch einen verwünſchten Zufall, den ich Ihnen zu beſchreiben verſuchen will. Als wir über einige Felder fuhren, um wieder auf die Poſtſtraße zu gelangen, mußten wir über einen kleinen Mühlbach, den wir Reiter ohne alle Gefahr und Mühe paſſirten; allein da es die Nacht vorher und am Morgen ſtark geregnet hatte, ſo war das Waſſer im Mühlteich dergeſtalt angelaufen, daß es einen Ver⸗ ſchlag ſprengte, als die Kutſche eben vor denſelben kam, und ſo ſchoß der Fluß mit ſolcher Heftigkeit heraus, daß der Wagen zu⸗ erſt zu ſchwimmen anfing, dann aber mitten im Bache förmlich umgeworfen wurde. Lismahago, ich und die Bedienten ſprangen plötzlich von den Pferden und rannten in's Waſſer, um wo mög⸗ lich zu helfen. Tante Tabitha, die zu ihrem Glück oben im Wagen lag, war bereits mit dem halben Leibe vor dem Kutſchen⸗ fenſter draußen, als ihr Bräutigam herbeieilte und ſie vollends herausnahm; aber ich weiß nicht, wie es kam, glitſchte er mit dem Fuße aus oder war ihm die Laſt zu ſchwer, kurz ſie fielen mit einander zu Boden, ſo daß ſie einander in den Armen lagen. Er beſtrebte ſich mehr als einmal, wieder in die Höhe zu kommen und ſich von ihr loszumachen, allein ſie hing ihm am Halſe wie ein Mühlſtein(kein übles Sinnbild für den Eheſtand), und wäre mein Bedienter nicht mit friſchen Kräften zu Hülfe geeilt, ſo würden die beiden Liebenden aller Wahrſcheinlichkeit nach Hand in Hand in's Schattenreich gewandert ſeyn. Ich war inzwiſchen mit etwas Anderem zu ſehr beſchäftigt, um auf ihre Noth zu achten. Ich zog meine Schweſter bei ihren Locken heraus und als ich ſie an's Ufer geſchleppt hatte, merkte ich erſt, daß der Oheim noch fehlte. Als ich von Neuem in den Bach ſprang, begegnete mir Klinker, der die Jungfer Jenkins an's ufer zog, die mit ibren aufgelösten naſſen Haaren um die Ohren ausſah, wie ein Meerweiblein. Als ich ihn aber fragte, ob ſein Herr außer Ge⸗ 127 fahr ſey, ſchleuderte er ſie von ſich und ſie hätte unfehlbar ertrinken müſſen, wenn ihr nicht noch zu rechter Zeit ein Müller zu Hülfe gekommen wäre. Wie ein Blitz flog Klinker jetzt nach der Kutſche, die ſchon ganz voll Waſſer war, tauchte hinein und brachte den armen Squire, ſcheinbar ganz leblos, heraus. Ich kann Ihnen nicht beſchreiben, was ich bei dieſem traurigen Anblicke empfand; ein Jammer dieſer Art läßt ſich nicht mit Worten ausdrücken. Der treue Klinker nahm ihn auf ſeine Arme, wie ein halbjähriges Kind, und trug ihn, bitterlich weinend, an's Land; ich folgte ihm nach, ganz betäubt vor Schmerz und Betrübniß. Als man ihn auf's Gras gelegt und ein wenig auf dem Bauche gewälzt hatte, rann ihm eine Menge Waſſer aus dem Munde; darauf öffnete er die Augen und holte einen tiefen Seufzer. Sobald Klinker dieſe Lebenszeichen merkte, band er ihm augenblicklich mit einem Strumpfbande den Arm auf, zog einen Schnepper heraus und ließ ihm auf Hufſchmiedsart zur Ader. Im Anfang rannten nur ein paar Tropfen Blut aus der Oeffnung heraus, als aber der Arm gerieben wurde, ſchoß bald ein ganzer Strahl hervor und mein Oheim ſprach einige unzuſammenhängende Worte, die lieb⸗ lichſten Töne, die jemals mein Ohr begrüßt haben. Nicht weit davon lag ein Bauernwirthshaus, aus dem der Wirth mit ſeinen Leuten herbei eilte, um Hülfe zu leiſten. Wir brachten den Kran⸗ ken dahin, zogen ihn aus und legten ihn, in warme Tücher ge⸗ wickelt, zu Bette. Allein wahrſcheinlich hatte man ihn zu ſtark bewegt, er fiel wieder in Ohnmacht und lag ſinn- und bewe⸗ gungslos da, trotz aller Bemühungen Klinkers und des Wirthes, die ſeine Schläfe mit ungariſchem Waſſer rieben und ihm ein Riechfläſchchen unter die Naſe hielten. Ich hatte ſchon davon ge⸗ hört, daß in ſolchen Fällen das Salz ſehr gute Dienſte leiſten ſolle und ließ daher alles, was im Hauſe war, herbeiſchaffen und es ihm unter ſeinen Leib und Kopf legen; ob es nun die Wirkung dieſes Mittels war, oder ob die Natur ſich ſelbſt half, kurz und 128 gut, in weniger als einer Viertelſtunde begann er wieder regel⸗ mäßig zu athmen und gelangte bald darauf, zur unausſprechlichen Freude aller Umſtehenden, wieder zum vollen Gebrauch ſeiner Sinne. Klinker ſchien dem Wahnſinn nahe, er lachte, weinte und tanzte ſo närriſch herum, daß ihn der Wirth ſehr weislich aus dem Zimmer ſchaffte. Als mein Oheim ſah, daß meine Kleider träu⸗ felten, begriff er, was vorgefallen war und fragte, ob Alle ge⸗ rettet ſeyen. Nachdem man dies bejaht, beſtand er darauf, ich ſolle trockene Kleider anziehen, nahm ſodann einige Schlücke warmen Wein und verlangte, man ſolle ihn in Ruhe laſſen. Ehe ich die Kleider wechſelte, erkundigte ich mich, wie es den Uebrigen ergangen ſey. Tante Tabby fand ich noch faſelnd vor Angſt, wie ſie das verſchluckte Waſſer in Strömen wieder von ſich gab. Der Lieutenant hielt ihr den Kopf mit beiden Händen, wobei ihm die Tropfen aus der geplatteten Perücke rieſelten; er ſah ſo blaß und mager aus, daß man ihn für den alten Vater Themſe außer ſei⸗ nem Schilfe hätte halten können, wie er die Iſis umarmt, wäh⸗ rend ſie gerade in ſeine Arme fällt. Jungfer Jenkins war auch da, in leichtem Nachtgewande, ohne Haube und Halstuch; ſie ſchien aber ihrer Sinne eben ſo wenig mächtig zu ſeyn, als ihre Gebieterin, und machte alle ihre Handleiſtungen ſo verkehrt, daß Lismahago zwiſchen dieſen Beiden ſeiner ganzen Philoſophie be⸗ durfte. Was Liddy betrifft, ſo fürchtete ich, das arme Mädchen habe wirklich ihren Verſtand verloren. Unſere gute Wirthin hatte ihr zu trockener Wäſche geholfen und ſie zu Bette gebracht. Allein ſie hatte ſich's einmal in den Kopf geſetzt, ihr Oheim ſey ertrun⸗ ken, und in dieſer Ueberzeugung erhob ſie ein jammervolles Ge⸗ ſchrei und nahm nicht die mindeſte Notiz auf meine feierlichen Verſicherungen, daß er glücklich gerettet ſey. Als der Alte dieß Geſchrei hörte und die Urſache erfuhr, verlangte er, man ſolle ſie zu ihm in ſeine Kammer führen, und kaum hatte ſie dieß vernom⸗ men, als ſie halb nackt und mit dem wildeſten Ausdrucke im Ge⸗ 129 ſichte dahin rannte. Als ſie den Squire aufgerichtet im Bette ſitzen ſah, ſprang ſie auf ihn zu, warf ihre Arme um ſeinen Hals und rief mit einem Tone, welcher die tiefſte Rührung beurkundete: „Sind Sie's— ſind Sie es auch gewiß, mein lieber Oheim, mein beſter Freund!— Mein Vater!— Leben Sie wirklich, oder iſt es nur ein Blendwerk meines armen Gehirnes?“ Der ehrliche Mathias war ſo gerührt, daß er ſich der Thränen nicht enthalten konnte; er küßte ſie auf die Stirne und ſagte:„Meine liebe Liddy, ich hoffe noch ſo lange zu leben, daß ich Dir beweiſen kann, wie ſehr Deine Liebe mich erfreut. Aber mein theures Kind, Deine Lebensgeiſter ſind in Empörung; Du bedarfſt der Ruhe. Gehe zu Bett und beruhige Dich, thu' mir den Gefallen.“—„Ja ich will,“ ſagte ſie,„aber es iſt mir immer noch wie ein Traum. Die Kutſche war voll Waſſer. Mein Oheim lag ganz unten. Ach gütiger Gott!— Sie waren tief im Waſſer.— Wie ſind Sie herausgekommen? O ſagen Sie mir das, oder ich glaube, daß Alles nur ein Betrug iſt.“—„Wie man mich herausgebracht hat,“ ſagte der Squire,„das weiß ich ſo wenig als Du, liebes Kind, und, wahrhaftig, ich wünſchte es gern zn erfahren.“ Ich wollte ihm Alles umſtändlich erzählen, allein er weigerte ſich, mich an⸗ zuhören, bis ich meine Kleider gewechſelt hätte; ich hatte alſo nur ſo viel Zeit, ihm zu ſagen, daß er ſein Leben der Treue und dem Muthe Klinkers verdanke, und nachdem ich ihm dieſen Wink gege⸗ ben, brachte ich meine Schweſter wieder nach ihrem Zimmer. Dieſe Geſchichte kam etwa um drei Uhr Nachmittags vor und in einer kleinen Stunde darauf war der ganze Sturm vorüber. In⸗ deß wurde der Wagen ſo beſchädigt erfunden, daß ohne bedeutende Ausbeſſerung nicht weiter fortzukommen war; man ſchickte daher ſogleich in den nächſten Flecken nach einem Schmied und einem Wagner, und wir waren froh, eine Herberge gefunden zu haben, wo wir uns recht gut befanden, obgleich ſie von der Poſtſtraße ablag. Als die Frauenzimmer wieder ziemlich beruhigt und die Män⸗ Smollet's Romane. XV. 9 130 ner ſämmtlich auf den Beinen waren, ließ mein Oheim ſeinen Bedienten rufen und redete ihn in Lismahago's und meiner Ge⸗ genwart folgendermaßen an:„Wie ich ſehe, Klinker, haſt Du Deinen Kopf darauf geſetzt, daß ich nicht im Waſſer ſterben ſoll. Da Du mich nun mit eigener Lebensgefahr vom Boden aufgefiſcht haſt, ſo kommt Dir wenigſtens ein Recht auf alles Geld zu, was in meiner Taſche war, und hier iſt es.“ Mit dieſen Worten reichte er ihm einen Beutel, worin dreißig Guineen waren und ein Ring, ungefähr von demſelben Werth.„Da ſey Gott für!“ rief Klinker, „Eure Gnaden müſſen mir's zu gut halten. Ich bin ein armer Kerl, aber ich habe doch ein Herz.— O wenn Euer Gnaden nur wüßten, was es mir für eine Freude iſt, zu ſehen— Gott im Himmel ſey gedankt, daß er mich zum ſchwachen Werkzeuge ge⸗ macht hat.— Aber Lohn und Bezahlung will ich nicht dafür. Ich habe nur meine Schuldigkeit gethan, ich habe weiter nichts gethan, als was ich für den geringſten meiner Nebenmenſchen auch gethan hätte— nicht mehr, als was ich für den Herrn Capitän Lisma⸗ hago oder für Archy Macalpine oder für jeden andern Sünder auf Gottes Erdboden auch gethan hätte. Aber für Euer Gnaden wollte ich eben ſo gern in's geuer gehen als in's Waſſer.“—„Ich glaube es Dir, Humphry,“ ſagte der Squire;„aber ſo gut Du es für Deine Pflicht hältſt, mir mein Leben mit Gefahr Deines eigenen zu retten, ſo halte ich es auch für meine Pflicht, Dir zu beweiſen, daß ich Deine außerordentliche Treue und Ergebenheit erkenne. Ich beſtehe darauf, Du mußt dieſes kleine Zeichen meiner Dank⸗ barkeit annehmen; indeſſen darfſt Du nicht glauben, daß ich es als eine angemeſſene Bezahlung für den Dienſt angeſehen haben will, den Du mir geleiſtet haſt. Ich werde Dir auf Lebenszeit jährlich dreißig Pfund ausſetzen und bitte die Herren hier, daß ſie dieſes mein Verſprechen bezeugen, das ich auch bereits in mein Taſchenbuch eingeſchrieben habe.“—„Gott gebe, daß ich für all dieſe Gnaden dankbar ſeyn möge,“ rief Klinker mit weinender 131 Stimme.„Von Kindesbeinen an bin ich arm und dürftig gewe⸗ ſen.— Euer Gnaden gütiges Herz fand mich, als ich nackt war — als ich krank— als ich hülflos war. Ich verſtehe wohl, was Euer Gnaden mir mit den Augen ſagen wollen.— Werden Sie nur nicht unwillig auf mich— aber mein Herz iſt ſo voll und wenn Euer Gnaden mir verbieten zu ſprechen, ſo muß ich es er⸗ leichtern, indem ich den Himmel für meinen Wohlthäter anflehe.“ Als er das Zimmer verlaſſen hatte, ſagte Lismahago, er würde eine weit beſſere Meinung von ſeiner Ehrlichkeit haben, wenn er nicht ſo entſetzlich fromm und andächtig ſchwatzte; allein er habe immer gefunden, daß dieſe Burſche, die immer weinen und beten, im Grunde nichts ſeyen als Heuchler. Herr Bramble erwiederte nichts auf dieſe höhniſche Bemerkung, die der Lieutenant gewiß aus Rache machte, weil ihn Klinker in der Einfalt ſeines Herzens mit Macalpine und andern Sündern der Erde in die gleiche Klaſſe geſtellt hatte. Als man dem Wirth rief, um wegen der Nachtherberge Eini⸗ ges bei ihm zu beſtellen, ſagte er dem Squire, ſein ganzes Haus ehe zwar allerdings mit größtem Vergnügen ihm zu Dienſten, allein er wiſſe gewiß, daß er nicht die Ehre haben werde, ihn und ſeine Geſellſchaft zu beherbergen. Zugleich gab er uns zu verſtehen, ſein Gutsherr, der ganz in der Nähe wohne, werde nicht zugeben, daß wir in einem Wirthshauſe bleiben, während er ſelbſt in ſeinem Hauſe Raum genug habe, und wenn er nicht heute Mittag bei einem Nachbar geſpeist hätte, ſo würde er ſich ohne Zweifel gleich bei unſerer Ankunft eingeſtellt haben, um ſeine Dienſte anzubieten. Hierauf ergoß er ſich in Lobſprüche auf dieſen Herrn, bei dem er als Tafeldecker gedient habe, und ſchilderte ihn uns als ein wahres Wunder von Güte und Großmuth. Er ſagte, er ſey ein ſehr ge⸗ lehrter Mann und gelte weit und breit für den beſten Landwirth. Er habe eine Gemahlin, die, wie er ſelbſt, allgemein verehrt werde, und einen einzigen Sohn, einen ſehr hoffnungsvollen jungen 132 Herrn, der ſich ſo eben von einem gefährlichen Fieber wieder erholt habe, das leicht für die ganze Familie hätte tödtlich werden können; denn wenn der Sohn geſtorben wäre, ſo hätten ihn ſeine Eltern ganz gewiß nicht überlebt. Der Wirth war mit dem Lobe des Herrn Denniſon noch nicht zu Ende, als derſelbe in einer Poſtchaiſe anlangte, und ſein Anblick ſchien Alles zu beſtätigen, was zu ſeinem Preiſe geſagt worden war. Er iſt ſchon ziemlich bei Jahren, dabei aber munter, kräftig und blühend, und hat ein offenes, freies Geſicht, aus welchem Verſtand und Herzensgüte hervorleuchten. Nachdem er uns ſein Beileid über unſern Unfall bezeugt, ſagte er, er komme, um uns nach ſeiner Wohnung zu führen, wo wir beſſer aufgehoben ſeyn würden, als in einem ſo ſchlechten Wirthshauſe, und drückte die Hoffnung aus, daß die Damen es nicht verſchmähen werden, in ſeinem Wagen dahin zu fahren, indem es kaum eine Viertelſtunde von hier ſey. Nachdem ihm mein Oheim auf dieſes höfliche Anerbieten eben ſo höflich geantwortet hatte, betrachtete er ihn genau und fragte ihn darauf, ob er nicht in Orford ſtudiert habe und zwar im Queenscollegium. Als Herr Denniſon die Frage mit einigen Zeichen von Ueber⸗ raſchung bejaht hatte, fuhr der Squire fort:„So betrachten Sie mich einmal recht, ob Sie ſich vielleicht auf das Geſicht eines alten Freundes erinnern, den Sie in vierzig Jahren nicht geſehen haben.“ Der Herr faßte ihn bei der Hand und ſagte, indem er ihn ernſt⸗ haft anſah:„Weiß Gott, ich meine mich der Züge des Mathias Loyd von Glamorganſhirè zu erinnern, der im alten Jeſuiten⸗ Collegium ſtudierte.“—„Richtig getroffen, mein theurer Freund Carl Denniſon,“ rief mein Oheim, indem er ihn an ſeine Bruſt drückte.„Ich bin der leibhaftige Mathias Loyd von Glamorgan.“ Klinker, der eben mit einigen Kohlen zum Nachfeuern in's Zim⸗ mer trat, hörte nicht ſo bald dieſe Worte, als er die Kohlenſchaufel auf Lismahago's Zehe fallen ließ und Bockſprünge zu machen an⸗ fing, als wollte er von Sinnen kommen, wobei er beſtändig rief: 133 „Mathias Loyd von Glamorgan!— O giütige Vorſehung!— Mathias Loyd von Glamorgan!“ Hierauf umfaßte er die Kniee meines Oheims und fuhr folgendermaßen fort:„Euer Gnaden müſſen mir verzeihen.— Mathias Loyd von Glamorgan!— O Gott, Herr!— Ich kann mich nicht faſſen!— Ich werde meinen Verſtand verlieren!“—„Nun, nun,“ ſagte der Squire etwas ſpöttiſch,„ich glaube, Du haſt ihn bereits verloren. Sey ruhig, Klinker, ſage ich Dir, was ſoll das ſeyn?“ Humphry griff in ſeinen Buſen, holte eine alte hölzerne Schnupftabacksdoſe hervor, und reichte ſie zitternd und bebend ſeinem Herrn hin, der ſie au⸗ genblicklich öffnete und ein kleines Pettſchaft von Carneol nebſt zwei Zettelchen Papier darin fand. Dieſer Anblick machte ihn ſtutzig, er veränderte ſeine Farbe, und als er einen Blick auf den Inhalt der Zettel warf, rief er:„Ha! Wie! Was! Wo iſt die Perſon, die hier gemeint iſt?“ Klinker ſchlug ſich auf die Bruſt und konnte kaum die Worte vorbringen:„Hier, hier, hier iſt Ma⸗ thias Loyd, wie der Schein beweist; Humphry Klinker hieß der Schmied, der mich in die Lehre nahm.“—„Und wer hat Dir dieſe Angedenken gegeben?“ fragte mein Oheim haſtig.— Meine arme Mutter auf ihrem Sterbebette,“ erwiederte Humphry.— Und wie hieß Deine Mutter?“—„Dorothea Twyford, gnädiger Herr, und ſie diente ehemals als Schließerin im Engel zu Chippenham.“— „Und warum biſt Du mit dieſen Zeichen nicht eher hervorgetreten?“ —„Meine Mutter ſagte mir, ſie habe, als ſie mich geboren, nach Glamorganſhire geſchrieben, aber keine Antwort erhalten und als ſie ſpäter nachgefragt, habe man ihr geſagt, es ſey kein Menſch in der Grafſchaft, der ſo heiße.“—„Alſo mußte Deine arme Mutter und Du dadurch, daß ich meinen Namen veränderte und zu gleicher Zeit auf Reiſen ging, in Kummer und Elend gerathen. Ich erſchrecke wirklich vor den Folgen meiner Thorheit.“ Hierauf legte er ſeine Hand auf Klinkers Kopf und fuhr fort:„Ich erkenne Dich für Mathias Loyd.— Sie ſehen, meine Herren, wie ſich die 134 Sünden meiner Jugend als Zeugen gegen mich erheben. Hier iſt eine Adreſſe, von meiner eigenen Hand geſchrieben, und ein Pett⸗ ſchaft, das ich dem Mädchen auf ihr Verlangen in den Händen ließ; und hier iſt der Taufſchein, den der Pfarrer des Kirchſpiels unterzeichnet hat.“ Die Geſellſchaft wunderte ſich nicht wenig über dieſe Ent⸗ deckung, wyzu Herr Denniſon in ſcherzhaftem Tone ſowohl Vater als Sohn Glück wünſchte. Ich meines Theils ſchüttelte mei⸗ nem neu gefundenen Vetter herzlich die Hand, und Lismahago beglückwünſchte ihn mit Thränen in den Augen, denn er war bisher im Zimmer herumgehinkt, hatte auf gut Schottiſch geflucht und über den Schmerz geächzt, den ihm der Fall der Kohlenſchaufel auf ſeine Zehe verurſacht hatte. Er hatte ſich ſogar vorgenommen, dem unſinnigen Buben die Seele aus dem Leibe zu treten, als er aber die unerwartete Wendung der Dinge vernahm, wünſchte er ihm Glück zu der Entdeckung und ſagte, es gehe ihm ſehr zu Her⸗ zen. Ich glaube dies auch gewiſſermaßen, denn er konnte wohl vorausſehen, daß dies nicht ohne Einfluß auf ſeine eigenen Ange⸗ legenheiten ſeyn würde. Jetzt war Herr Denniſon begierig zu wiſſen, warum mein Oheim ſeinen Namen, unter welchem er ihn zu Opford gekannt, mit einem andern vertauſcht habe, worauf dieſer ihm folgende Antwort gab:„Da ich die Güter meiner Mutter in Glamorgan⸗ ſhire erben ſollte, ſo nahm ich ihren Namen, Loyd, an; nachdem ich aber mündig geworden, verkaufte ich dieſes Erbſtück, um meine väterlichen Güter von Schulden frei zu machen und legte mir mei⸗ nen rechten Namen wieder bei, ſo daß ich jetzt Mathias Bramble von Brambletonhall in Monmouthſhire heiße, Ihnen ergebenſt zu dienen; und dieß hier iſt mein Neffe, Hieronimus Melford von Belfield in der Grafſchaft Glamorgan.“ Da in dieſem Augenblicke die Damen in's Zimmer traten, ſtellte er ihm auch Jungfer Tabitha als ſeine Schweſter und Liddy 135 als ſeine Nichte vor. Der alte Herr begrüßte ſie ſehr herzlich, und beſonders meine Schweſter ſchien großen Eindruck auf ihn zu machen; denn er konnte nicht umhin, ſie mit einer Miſchung von Verwun⸗ derung und Wohlgefallen zu betrachten.„Schweſter,“ ſagte mein Oheim,„hier iſt ein armer Verwandter, der ſich Deiner Gewogen⸗ heit empfiehlt. Aus dem ehemaligen Humphry Klinker iſt ein Mathias Loyd geworden und er macht Anſpruch auf die Ehre, Dein leiblicher Verwandter zu ſeyn. Mit einem Wort, es hat ſich herausgeſtellt, daß der Junge eine Staude iſt, die ich in den Tagen meines heißen Blutes und ungezähmter Ausgelaſſenheit ſelbſt gepflanzt habe.“ Klinker war inzwiſchen an Tabitha's Seite auf ein Knie niedergeſunken, die ihn anfangs von der Seite an⸗ ſah und voll Unruhe ihren Fächer auf und zu rutſchte, endlich aber nach einem kleinen innern Kampfe für gut fand, ihm die Hand zum Kuſſe zu reichen, wobei ſie mit einem altjüngferlich ſtrengen Geſicht ſagte:„Bruder, Du biſt ſehr ausſchweifend geweſen, aber ich hoffe, Du wirſt noch ſo lange leben, um die Thorheit Deiner Wege einzuſehen. Es thut mir leid, daß ich es ſagen muß, aber der junge Menſch, den Du heute anerkennſt, hat durch Gottes Gnade mehr Erleuchtung und Religion, als Du mit aller Deiner heidniſchen Gelehrſamkeit und den vielen Gelegenheiten, die Dir geworden ſind.— Mich däucht, er hat den Schnitt des Auges und den Naſenzipfel von meinem Oheim Loyd von Fluidwellyn, und ſein langes Kinn iſt ganz dem Gouverneur aus dem Geſichte geſchnitten. Aber Bruder, da Du ihm einen andern Namen gege⸗ ben haſt, ſo ſey ſo gut, und gib ihm auch andere Kleider; die Livree ziemt ſich für keine Perſon, die unſer Blut in den Adern hat.“ Liddy ſchien ſich über dieſen Familienzuwachs ſehr zu freuen. Sie nahm ihn bei der Hand und ſagte, ſie werde immer ſtolz ſeyn auf ihre Verwandtſchaft mit einem tugendhaften jungen Manne, der ſo viele Proben von Dankbarkeit und Ergebenheit gegen ihren Oheim abgelegt habe. Jungfer Winifred Jenkins ſchwankte zwiſchen 136 dem Erſtaunen über dieſe Entdeckung und der Beſorgniß, ihren Geliebten zu verlieren; ſie ſagte mit einem erpreßten Lachen:„Ich wünſche Ihnen Glück und Freude, Herr Klinker— Herr Loyd, wollte ich ſagen, hi, hi, hi! Sie werden nun wohl ſo vornehm ſeyn, daß Sie Ihre armen Mitbedienten nicht mehr anſehen wer⸗ den, oh, oh, oh!“ Der ehrliche Klinker geſtand, er freue ſich ſehr über ſein Glück, das weit größer ſey, als er verdiene;„aber,“ ſagte er,„warum ſollte ich hochmüthig werden? Ein armer Kerl, in Sünden empfangen, im Jammer geboren, in einem Waiſen⸗ hauſe erzogen und der Lehrjunge eines Grobſchmieds. Nein, Jungfer Jenkins, wenn ich Ihnen jemals ſtolz vorkommen ſollte, ſo bitte ich Sie, erinnern Sie mich an die Umſtände, in denen ich war, als ich Sie zum erſten Mal ſah zwiſchen Chippenham und Marborough.“. Als dieſe Geſchichte nun zur Befriedigung ſämmtlicher be⸗ treffender Parteien in's Reine gebracht war, ſo lehnten unſere Damen, da man den Boden trocken fand, den Wagen ab und wir gingen Alle zu Fuße nach Herrn Denniſons Haus, wo die Dame des Hauſes bereits mit dem Thee auf uns wartete. Sie iſt eine liebenswürdige Dame und empfing uns mit der gaſtfreund⸗ lichſten Güte; das Haus iſt im altmodiſchen unregelmäßigen Style gebaut, dabei aber ſehr wohnlich und bequem. Gegen Süden fließt auf hundert Schritte Entfernung der Bach vorbei und im Norden liegt eine Anhöhe, die ſehr hübſch mit Bäumen bepflanzt iſt. Die Grasplätze und Spaziergänge ſind in der ſchönſten Ord⸗ nung erhalten und Alles iſt ländlich und romantiſch. Den jungen Herrn Denniſon habe ich noch nicht geſehen, weil er bei einem Nachbar auf Beſuch iſt, von wo er erſt morgen zurückerwartet wird. Da in dieſem Augenblicke Jemand mit Briefen auf die Poſt in den nächſten Flecken geht, ſo will ich dieſe Gelegenheit wahr⸗ nehmen, um Ihnen die Geſchichte des heutigen Tages zuzuſenden, der auffallend reich an Abenteuern war Sie müſſen geſtehen, daß 137 ich ſie Ihnen ſo friſch und warm vorgeſetzt habe, wie ſie, um mich eines Bäckerausdrucks zu bedienen, aus dem Ofen kommen. Beſtens grüßend H. Melford. An Vortor Ludwig. Lieber Doctor! Seitdem ich Ihnen das letzte Mal mit einem Briefe läſtig gefallen bin, habe ich eine ganze Maſſe Sachen, zum Theil ſehr ſonderbarer Art erlebt, die ich auch für künftige Geſpräche auf⸗ ſparen will; einige davon aber ſind ſo intereſſant, daß ich ſie nicht ſo lange bei mir behalten kann. Was meinen Sie wohl? Tauſend Pfund hätte man gegen einen Pfennig wetten können, daß Sie jetzt beſchäftigt ſeyn wür⸗ den, mein Teſtament zu vollſtrecken, ſtatt meinen Brief zu leſen. Vor zwei Tagen wurde unſere Kutſche mitten in einem reißenden Gießbach umgeworfen und mein Leben nur mit der größten Mühe durch den Muth, die Thätigkeit und Geiſtesgegenwart meines Be⸗ dienten Humphry Klinker gerettet. Allein dies iſt bei Weitem nicht das Merkwürdigſte an der Geſchichte. Es hat ſich herausge⸗ ſtellt, daß beſagter Humphry Klinker Mathias Loyd heißt und der natürliche Sohn eines gewiſſen Mathias Loyd von Glamorgan iſt, wenn Ihnen etwa ein ſolcher Mann bekannt ſeyn ſollte. Sie ſehen, liebſter Doctor, daß wir Welſchmänner, trotz Ihrer Philo⸗ ſophie, nicht ſo ganz unrecht haben, wenn wir dem Geblüte eine ſo große Sympathie beilegen. Doch dieſen Punkt können wir ge⸗ legentlich näher beleuchten. Es iſt dieß nicht die einzige Entdeckung, auf die ich bei unſerem Unfall gerathen bin. Wir waren glücklicherweiſe an Fröundes Küſte geſtrandet. Der Herr des Landes iſt Niemand 138 anders als Carl Denniſon, unſer Univerſitätsfreund von Orford her. Wir ſind jetzt glücklich und vergnügt im Hauſe dieſes Man⸗ nes, der wirklich einen Grad von ländlicher Glückſeligkeit erreicht hat, nach welchem ich mich ſeit zwanzig Jahren vergebens ſehne. Der Himmel hat ihm eine Gattin geſchenkt, die in jeder Bezie⸗ hung für ihn paßt; ſie iſt zärtlich, großmüthig und voll Wohl⸗ wollen. Dabei beſitzt ſie ungemein viel Verſtand, Geiſtesſtärke und Klugheit, und taugt vortrefflich zu ſeiner Geſellſchafterin, ſeiner Vertrauten, ſeiner Rathgeberin und ſeiner Gehülfin. Dieſes vor⸗ treffliche Paar hat einen einzigen Sohn, der etwa neunzehn Jahr alt iſt, einen Jüngling, wie es ſich ihn nur vom Himmel erflehen konnte, um das Maß ſeiner Glückſeligkeit voll zu machen. Mit einem Wort, der Freudenbecher der lieben Leutchen iſt mit keiner andern Bitterkeit vermiſcht, als mit der Sorge und Bekümmerniß für das Wohl dieſes geliebten Gegenſtandes. Unſer alter Freund, der das Unglück hatte, ein jüngerer Sohn zu ſeyn, war zum Juriſten beſtimmt und bereits als Ad⸗ vokat immatrikulirt; allein er hatte durchaus keine Neigung zu ſeinem Beruf, und in der Ausſicht, in dieſem Fache zu glänzen, lag nichts Reizendes für ihn. Er zog ſich den Unwillen ſeines Vaters dadurch zu, daß er aus Neigung heirathete, ohne im Ge⸗ ringſten auf Vermögen zu ſehen, ſo daß er wenig oder gar keine andern Subſiſtenzmittel hatte, als ſeine Praxis, die ihn nur küm⸗ merlich ernährte; dabei fing die Ausſicht auf eine anwachſende Familie an, ihm Unruhe und Sorgen zu machen. Mittlerweile ſtarb ſein Vater und die Güter erbte der ältere Bruder, ein Fuchs⸗ jäger und einfältiger Geck, der ſeine Geſchäfte vernachläßigte, ſeine Leute quälte und drückte und in wenig Jahren ſein Landgut bei⸗ nahe gänzlich ruinirt hatte, als er zum Glück an einem Fieber, der unmittelbaren Folge einer Ausſchweifung, ſtarb. Carl entſchloß ſich nun, mit Zuſtimmung ſeiner Frau, ſein bisheriges Geſchäft aufzugeben und ſich auf's Land zurückzuziehen, obſchon ihm Jeder⸗ 139 mann, den er darüber fragte, ſehr ernſtlich und dringend abrieth. Diejenigen, die dieſe Erfahrung ſchon ſelbſt gemacht hatten, verſicher⸗ ten ihn, er brauche auf dem Lande wenigſtens das Doppelte ſeines Einkommens; um als anſtändiger Gutsherr aufzutreten, müſſe er Pferde, Hunde, Wägen und eine Menge Bedienten halten, und, um mit ſeinen Nachbarn gut auszukommen, eine leckere Tafel führen. Die Landwirthſchaft ſey ein Geheimniß, wozu nur Die⸗ jenigen den Schlüſſel beſitzen, die von der Wiege herauf dazu herangebildet werden, mit bloßem Verſtand und Fleiß reiche man hier nicht aus, es gehöre eine Aufmerkſamkeit und Genauigkeit dazu, die man einem Mann von Stande durchaus nicht zumuthen könne, und ſo komme es auch, daß höchſt ſelten ein Edelmann bei einem ſolchen Verſuche Glück mache, ſondern im Gegentheil eine Menge ſolcher Herren durch den Eigenſinn, ihre Wirthſchaften ſelbſt verwalten zu wollen, zu Grunde gerichtet werden. Ja ſie behaup⸗ teten, er würde wohlfeiler wegkommen, wenn er das Heu und den Hafer für ſeine Pferde kaufen und ſein Geflügel, Eier, Ge⸗ müſe, ſo wie die gewöhnlichſten Haushaltungsgegenſtände vom Markte holen laſſen, als daß er dieſe Artikel aus ſeinem eigenen Grund und Boden erziele. Dieſe Einwürfe ſchreckten Herrn Denniſon nicht ab, weil ſie hauptſächlich auf der Vorausſetzung beruhten, er werde genöthigt ſeyn, ein wildes ausſchweifendes Leben zu führen, was ſowohl er als ſeine Gemahlin verabſcheuten und zu vermeiden entſchloſſen waren. Die einzigen Gegenſtände ſeines Wunſches waren: Ge⸗ ſundheit des Körpers, Ruhe des Gemüths und die eigenthümliche Zufriedenheit eines ſtillen häuslichen Lebens, das weder durch wirklichen Mangel, noch durch Furcht vor Armuth verkümmert wird. Er war ſehr beſcheiden in ſeiner Berechnung der nothwen⸗ digen Bedürfniſſe ſowohl als auch der Annehmlichkeiten des Lebens. Er verlangte nichts als geſunde Luft, reines Waſſer, angenehme Bewegung, einfache Koſt, eine paſſende Wohnung und anſtändige 140 Kleidung. Wenn ein Pächter, der ſonſt nichts gelernt hat, auch von Natur nicht ausgezeichnet begabt iſt, trotz eines Pachtzinſes von zwei⸗ bis dreihundert Pfund an den Gutsherrn, eine zahlreiche Familie ernähren und alljährlich ſogar etwas zurücklegen kann, ſo, dachte er, müſſe er doch mit Aufmerkſamkeit und Fleiß auch etwas zu Stande bringen können, da er keine Pacht zu bezahlen, ſondern im Gegentheil drei⸗ bis vierhundert Pfund jährlich einzunehmen habe. Er wußte, daß die Erde eine gütige Mutter iſt und ihre Früchte allen ihren Kindern ohne Unterſchied liefert. Er hatte die Theorie der Landwirthſchaft mit Eifer und Freude ſtudiert und konnte nicht begreifen, wie in der Praxis ſolche Geheimniſſe ſtecken ſollten, die er bei der gehörigen Aufmerkſamkeit nicht zu entdecken im Stande wäre. Die Ausgaben der Haushaltung berechnete er auf's Genaueſte und erſah daraus, daß ſeine Freunde durchaus nichts von der Sache verſtanden. Er fand, daß er jährlich allein ſechzig Pfund Sterling nur an der Hausmiethe erſparte und eben ſo viel am Taſchengelde und andern kleinen Ausgaben, daß ſogar das Fleiſch auf dem Lande fünfmal wohlfeiler iſt als in London, das Geflügel aber und faſt alle Haushaltungsartikel nicht einmal die Hälfte von dem koſten, was in der Hauptſtadt; überdieß noch die bedeutende Erſparniß in der Kleidung, wenn man von der Ty⸗ rannei der lächerlichen Moden befreit iſt, welche die Hohlköpfigkeit erfindet und die Thorheit annimmt. Was die möglichen Gefahren betrifft, im Fall er es den Reichen an Pracht und Equipagen gleichthun wollte, ſo machten ihm dieſe nicht den geringſten Kummer. Er hatte ſchon ſeine vierzig Jahre auf dem Rücken, hatte ſeine halbe Lebenszeit in Geſchäften zugebracht und die Menſchen ſo ziemlich genau kennen gelernt. In der ganzen Schöpfung kann ich mir keine verächtlichere Figur denken, als einen Mann, der mit jährlichen fünfhundert Pfund denſelben Aufwand machen will als ſein Nachbar, welcher fünfmal ſo viel einnimmt. Seine Großthuerei kann ſeine Dürftigkeit nicht 141 verbergen, ſondern muß ſie vielmehr aufdecken und ſeine Eitelkeit noch in einem elenderen Lichte darſtellen; denn ſie zieht das Auge des Tadels auf ſich und veranlaßt die Leute, nachzufragen. In der ganzen Grafſchaft iſt keine Familie, in ſeinem eigenen Hauſe kein Bedienter, und im Kirchſpiel kein Pächter, der nicht auf Heller und Pfennig weiß, wie viel ſeine Güter eintragen und alle dieſe Leute ſehen ihn mit Verachtung oder Mitleid an. Es wun⸗ dert mich, daß dieß keiner einzigen von den vielen Perſonen ein⸗ fällt, die ſich in dieſer unglücklichen Lage befinden, und ihrem ſtockblinden Verſtande den Staar ſticht. Aber woher kommt's? Von allen Leidenſchaften, denen die menſchliche Natur unterworfen iſt, richtet keine einzige ſolche Verheerungen unter den Verſtandes⸗ kräften an, als die Eitelkeit. Das geht ſo weit, daß man es kaum glauben ſollte, wenn man es nicht ſähe, wie ſolche Leute ordentlich nach Schande ringen und das Brandmal der allgemeinen Verachtung mit Vergnügen ertragen. Ich habe Ihnen jetzt eine Skizze vom Charakter des Herrn Denniſon und von der Lage gegeben, in der er ſich befand, als er ſein Landgut in Beſitz nahm. Da indeß der Bote, der die Briefe in die nächſte Stadt auf die Poſt trägt, eben abgeht, ſo will ich das, was ich noch weiter darüber zu ſagen habe, auf den nächſten Poſttag verſparen, an dem Sie gewiß wieder mit einem Briefe heimgeſucht werden ſollen von Ihrem allzeit getreuen M. Bramble. Den 8. Oetober. An Dortur Ludwig. Noch einmal, mein liebſter Doctor, ergreife ich die Feder, um Ihnen die Zeit zu vertreiben. Es war am Morgen nach unſerer 142 Ankunft, daß ich auf einem Spaziergange mit Herrn Denniſon nicht umhin konnte, mich in den wärmſten Ausdrücken über die Schönheit der Landſchaft zu verbreiten, die wirklich bezaubernd ißt. Veſonders ließ ich ihn merken, wie ſehr mir die Anlage einiger hin und wieder zerſtreuten Buſchwäldchen gefiel, die ſeiner Woh⸗ nung ſowohl zum Schutz als zur Zierde dienen. „Als ich,“ erzählte er mir nun,„vor etwa zweiundzwanzig Jahren Beſitz von dieſem Gute nahm, war eine gute Viertelmeile um das Haus herum kein Baum zu ſehen, ausgenommen ein alter, verwilderter Obſtgarten, der nichts trug, als Blätter und Moos. Ich kam im trübſeligen Novembermonst an und traf das Haus in einem ſolchen Zuſtand, daß man es mit Recht einen Greuel der Verwüſtung hätte nennen können. Der Hofplatz war mit Neſſeln und Huflattich bewachſen, und der Garten ſtrotzte von einer ſolchen Menge Unkraut, wie ich in meinem Leben uoch nie bei⸗ ſammen geſehen hatte. Die Fenſterläden zerfielen in Stücke, die Scheiben waren zerbrochen, in den Schornſteinen hatten ſich Eulen und Uhus eingeniſtet. Innen im Hauſe war der Anblick noch gräßlicher. Alles war finſter, feucht und über alle Beſchreibung ſchmutzig; der Regen drang an verſchiedenen Orten durchs Dach herab; in mehreren Zimmern war bereits der Boden losgeweicht; die Tapeten hatten ſich von den Wänden abgeſchält und flatterten in vermoderten Fetzen herum. Die Spiegel wollten aus den Rah⸗ men fallen; die Familiengemälde waren voll Moder und Staub; die Stühle und Liſche wackelten und waren ſammt und ſonders von Würmern zernagt. Im ganzen Hauſe war kein brauchbares Bett, eine altmodiſche Maſchine ausgenommen, mit hohem, vergoldetem Himmel und befranzten Vorhängen von gelbem Moor, die meines Wiſſens ein paar Jahrhunderte in der Familie gedient hat. Kurz man fand kein anderes Hausgeräthe, als was in die Küche gehört, und im Keller ſtanden blos ein paar leere Fäſſer und Kufen, die ſo abſcheulich ſtanken, daß ich zur Verbeſſerung der Luft ein 143 bedeutendes Quantum Pulver aufgehen laſſen mußte, ehe ich Je⸗ mand hineinſchicken konnte. „Ein alter Taglöhner und ſein Weib, die dafür bezahlt waren, im Hauſe zu übernachten, hatten es plötzlich verlaſſen und führten unter andern Urſachen an, ſie können vor einem fürchterlichen Ge⸗ töſe nicht ſchlafen, ganz gewiß müſſe mein armer Bruder nach ſeinem Tode darin umgehen. Mit Einem Wort, das Haus ſchien unbewohnbar; die Scheunen, Ställe und andere Nebengebäude waren baufällig, alle Zäune weggeriſſen und die Felder lagen wüſte. „Der Pächter, der den Schlüſſel hatte, ließ es ſich nicht im Schlaf einfallen, daß ich daran denken könnte, das Gut zu beziehen. Er bezahlte ſechzig Pfund jährlich und ſeine Zeit war eben zu Ende. Er hatte ſich einen Plan ausgedacht, Verwalter des Guts zu werden, um dann das Haus nebſt dem anliegenden Land zu ſeinem eigenen Nutzen auszubeuten. Einen kleinen. Wink hierüber erhielt ich gleich bei meiner Ankunft vom Pfarrer; deßwegen achtete ich nicht ſehr auf ſeine Vorſtellungen, wodurch er mir mein Vor⸗ haben verleiden wollte. Doch wurde ich ein wenig ſtutzig, als er mir erklärte, er werde nach Verlauf ſeiner Pachtzeit abziehen, wenn ich den Zins nicht bedeutend ermäßige. „Um dieſe Zeit wurde ich zufällig mit einem Manne bekannt, deſſen Freundſchaft den Grund zu meinem ganzen Wohlſtand gelegt hat. Im nächſten Marktflecken aß ich eines Mittags im Wirths⸗ hauſe mit einem gewiſſen Herrn Wilſon, der ſich erſt vor Kurzem in der Nachbarſchaft niedergelaſſen hatte. Er war Lieutenant auf einem Kriegsſchiffe geweſen, hatte aber den Dienſt ſatt bekommen und die einzige Tochter eines Herrn Bland geheirathet, der im hieſigen Kirchſpiele lebt und ſich durch guten Betrieb ſeiner Land⸗ wirthſchaft ein bedeutendes Vermögen erworben hat. Wilſon iſt einer der rechtſchaffenſten Männer, die ich kenne: ehrlich, dienſt⸗ fertig und dabei voll Verſtand. Er fand Gefallen an meinem Umgang, und ich war höchſt erfreut über ſeine entgegenkommende 144 Gefälligkeit. Wir ſchloßen ſogleich eine Bekanntſchaft, die ſich bald zur vertrauteſten Freundſchaft fortbildete. Es gibt Charaktere, die eine beſonders ſtarke Anziehungskraft auf einander ausüben. Er führte mich bei ſeinem Schwiegervater, dem Pächter Bland, ein, der jeden Morgen Landes von meinem Gute genau kannte, und ſomit im Stande war, mir den beſten Rath zu ertheilen. Da ich ihm erklärte, daß ich Luſt zur Landwirthſchaft habe und mich gern perſönlich mit der Wirthſchaft befaſſen möchte, ſo beſtärkte er mich in meinem Vorhaben. Er gab mir zu verſtehen, alle meine Pach⸗ tungen ſeyen unter dem Preis vermiethet; das Gut könne bedeutend verbeſſert werden; es gebe in der Nachbarſchaft Kalk in Menge, und mein eigener Grund und Boden liefere vortrefflichen Mergel zum Düngen. Was den Hof betreffe, deſſen Pacht mir aufgekün⸗ digt worden ſey, ſo erbot er ſich, denſelben gegen den bisherigen Zins ſelbſt zu übernehmen, geſtand aber zugleich, daß er das Doppelte werth wäre, wenn ich zweihundert Pfund auf Einfrie⸗ digung verwenden wollte.. „Auf dieſe Weiſe aufgemuntert, begann ich meinen Plan ohne weiteren Aufſchub in Ausführung zu bringen, und ſtürzte mich in ein Meer von Ausgaben, obgleich ich kein Kapital im Hinter⸗ grund hatte und der Geſammtertrag des Gutes ſich nicht über dreihundert Pfund belief. In einer Woche war mein Haus regen⸗ dicht und von oben bis unten ausgeputzt; ſodann wurde es tüchtig ausgelüftet, indem ich alle Thüren und Fenſter offen ſtehen und in allen Kaminen, von der Küche bis zu den Dachkammern, Feuer anmachen ließ. Die Fußböden wurden ausgebeſſert, in die Fenſter neue Scheiben geſetzt, und aus dem alten Hausgeräthe ſtoppelte ich noch ſo viel zuſammen, daß ich ein Wohnzimmer und drei Kammern einfach, aber doch anſtändig möbliren konnte. Den Hofplatz ließ ich von Schutt und Unkraut ſäubern, und mein Freund Wilſon nahm es ſelbſt über ſich, den Garten ein Bischen einzurichten. Maurer und Ziegeldecker mußten ſich an die Scheunen 145 und Ställe machen; es wurden Taglöhner angenommen, die unter Blands Anleitung Gräben zu ziehen und Hecken zu ſetzen hatten. Bland ſchlug mir auch einen ehrlichen Maun vor, der über das Haus wachen und das Feuer beſtändig unterhalten mußte. „Nachdem ich dieſe Maßregeln getroffen, kehrte ich nach London zurück, verkaufte alsbald meinen Hausrath und brachte drei Wochen darauf meine Frau hieher, um die erſten Weihnachten auf unſerem Gute zu feiern. Die trübe Jahreszeit, die öde Gegend und der ſchlechte Zuſtand unſerer Wohnung machten mich bange, ſie möchte ihren Entſchluß bereuen, weil der Uebergang vom Stadtleben zu einem ſo melancholiſchen auf dem Lande etwas raſch war, allein ich ſah mich in meiner Erwartung ſehr angenehm getäuſcht. Sie fand die Wirklichkeit bei Weitem nicht ſo troſtlos, als das Ge⸗ mälde, das ich ihr entworfen hatte. Wirklich hatten auch die Dinge um dieſe Zeit ein beſſeres Anſehen gewonnen. Die Neben⸗ gebäude hatten ſich aus ihren Trümmern wieder erhoben, das Taubenhaus war wieder aufgebaut und von Herrn Wilſon bevöl⸗ kert worden, der auch den Garten in ſolche Ordnung brachte, daß er ſich wieder ſehen laſſen durfte; deßgleichen hatte er für ſo viel Federvieh geſorgt, daß der Hühnerhof ſich nicht ſchlecht ausnahm, und das Haus ſah im Ganzen genommen wenigſtens einer Woh⸗ nung für menſchliche Geſchöpfe ähnlich. Herr Bland überließ mir eine Milchkuh und ein gewöhnliches Sattelpferd⸗ damit mein Knecht in die nächſte Stadt auf den Markt reiten konnte. Ich nahm einen Bauernburſchen zum Bedienten, die Tochter des Taglöhners wurde unſere Magd und eine Köchin hatte meine Frau von London mit⸗ gebracht. „Mit dieſen Perſonen und mit dreihundert Pfund, die ich aus meinen überflüſſigen Möbeln erlöst hatte, fing ich hier meine Haushaltung an. Ich wußte, daß wir den Tag über genug zu thun finden konnten, um unſere Zeit auszufüllen, aber die langen Winterabende fürchtete ich; doch auch dazu wurde Rath geſchafft. Smollet's Romane. MV. 1⁰ 146 Der Pfarrer, ein lediger Mann, wurde bald unſer täglicher Haus⸗ freund, ſo daß er ſehr oft bei uns über Nacht blieb, und ſein Uumgang war eben ſo angenehm als lehrreich. Er war ein be⸗ ſcheidener Mann, der ſehr gute Studien gemacht hatte und auch vom Landleben genug verſtand, um mir allerhand nützliche An⸗ leitungen geben zu können. Herr Wilſon brachte ſeine Frau zu uns auf Beſuch und dieſe verliebte ſich ſo in die meinige, daß ſie erklärte, es ſey ihr nirgends ſo wohl als in ihrer Geſellſchaft. Sie war damals ein hübſches fröhliches Bauernweibchen, außer⸗ ordentlich gelehrig und eben ſo gutherzig als ihr Mann Jakob Wilſon. So entſpann ſich zwiſchen unſeren Frauen ein Freund⸗ ſchaftsverhältniß, das bis auf den heutigen Tag fortdauert. „Jakob ſelbſt iſt mein beſtändiger Gefährte, Rathgeber und Geſchäftsführer geweſen. Nicht um hundert Pfund würde ich zu⸗ geben, daß Sie mein Haus verließen, ohne ihn kennen zu lernen. Jakob iſt ein Univerfalgenie und hat wahrhaft erſtaunliche Talente. Er iſt ein vortrefflicher Zimmermann, Schreiner, Drechsler, dabei ein Tauſendkünſtler in Eiſen- und Meſſingarbeit. Er führte nicht nur die Oberaufſicht über meine Landwirthſchaft, ſondern ſorgte auch für meinen Zeitvertreib. Er lehrte mich Bier brauen, Aepfel⸗ und Birnenmoſt, Meth, Lebenswaſſer und Peſtwaſſer machen; er zeigte mir, wie man verſchiedene ausländiſche leckere Gerichte be⸗ reitet, z. B. Ollas, Pepperpots, Pillaws, Corys, Chabobs und Stufatas. Er verſteht alle möglichen Spiele, vom Schach bis zum Grübchenſpiele, er ſingt ſeine hübſchen Liedchen, ſpielt auf der Violine und tanzt ſeine Hornpipe mit erſtaunlicher Behendig⸗ keit. Wir beide gingen mit einander ſpazieren, jagten und fiſchten, ohne uns um die Witterung zu bekümmern und ich bin überzeugt, daß in einem rauhen, feuchten Klima; wie das unſrige, eine beſtändige Leibesbewegung für die Geſundheit ſo nothwendig iſt, als eſſen und trinken. Im Laufe dieſer 22 Jahre war die Freund⸗ ſchaft zwiſchen Wilſons Familie und der meinigen noch keine Stunde — 147 unterbrochen oder abgekühlt, und, was ein ſeltenes Beiſpiel von Glück iſt, dieſe Freundſchaft hat ſich auch auf unſere Kinder fort⸗ geerbt. Sein Sohn und der meinige ſind ungefähr von gleichem Alter und haben gleiche Gemüthsart; ſie wurden in derſelben Schule und in demſelben Collegium erzogen, und lieben einander auf's Zärtlichſte. „Durch Wilſons Vermittlung machte ich auch Bekanntſchaft mit einem vernünftigen Arzte, der im nächſten Marktflecken wohnt, und ſeine Schweſter, eine brave alte Jungfer, brachte die Chriſt⸗ feiertage bei uns zu. Inzwiſchen lag ich meiner Landwirthſchaft mit großem Eifer ob und pflanzte noch in demſelben Winter dieſe Buſchwäldchen, die Ihnen ſo wohl gefallen. Was den benachbar⸗ ten Landadel betrifft, ſo ließ er mich während meiner erſten Cam⸗ pagne in Ruhe. Er hatte ſich bereits in die Stadt gezogen, ehe ich mich auf dem Lande niederließ, und gegen den Sommer hin hatte ich ſchon meine Maßregeln getroffen, um mich vor ſeinen Angriffen zu ſchützen. Kam eine glänzende Equipage vor mein Thor, ſo war ich niemals zu Hauſe; Diejenigen, die mich in einem beſcheidenen Aufzuge beſuchten, nahm ich an und, je nach Befund ihres Charakters und ihrer Unterhaltung, wich ich ihrer ferneren Bekanntſchaft aus oder erwiederte ihnen ihre Höflichkeit. Im Ganzen wurde ich von der ſogenannten vornehmen Geſellſchaft verachtet, als ein geringer Menſch, ſowohl in Beziehung auf Bil⸗ dung als auf Vermögen. Gleichwohl fand ich einige wenige Leute von mäßigen Glücksumſtänden, die mit Vergnügen meine Lebens⸗ art nachahmten, und viéle andere wären gern unſerer Geſellſchaft beigetreten, wenn nicht der Neid und Hochmuth ihrer Weiber und Töchter ſie daran gehindert hätte. Dieſe ſind in üppigen und ver⸗ ſchwenderiſchen Zeiten jedesmal die Klippen, woran die minder bemittelten Grundherren ſcheitern. „Einige Stück Landes, die nahe bei meinem Hauſe lagen, behielt ich für mich, um nach den Anweiſungen eines Lyle, Tull, 148 Hart, Duhamel und Anderer, welche über dieſen Gegenſtand ge⸗ ſchrieben haben, Verſuche anzuſtellen, und neben ihren Theorien kamen mir die praktiſchen Erfahrungen des Herrn Bland zugute, der mein großer Lehrer in der Landwirthſchaft war. Kurz ich be⸗ kam eine ungeheure Liebe zum Landleben und es glückte mir in meinem Unternehmen weit über alle Erwartung. Ich trocknete Sümpfe und Moräſte aus, brannte Haiden ab, reutete Gniſter und Farrenkraut aus; wo ſonſt nichts anderes wachſen wollte, da pflanzte ich Weiden und anderes niederes Koppelholz. Nach und nach umpflanzte ich alle meine Aecker und Wieſen mit lebendigen Hecken und machte ſolche Verbeſſerungen, daß mein Gut ſeine rei⸗ nen zwölfhundert Pfund jährlich abwirft. Meine Frau und ich haben uns die ganze Zeit über der beſten Geſundheit erfreut und unſer vergnügtes Leben wurde nur durch ein paar Zufälle geſtört, die vom menſchlichen Leben unzertrennlich ſind. Ich verlor zwei noch ſehr junge Kinder durch die Blattern und habe jetzt nur noch einen einzigen Sohn, auf welchen ſich alle unſere Hoffnungen con⸗ centriren. Er iſt geſtern ausgegangen, um einen Freund zu be⸗ ſuchen, bei dem er übernachtet hat, aber gegen Mittag wird er zurückkommen. Ich werde heute das Vergnügen haben, dieſen meinen Liebling Ihnen und Ihrer Familie vorzuſtellen, und ich ſchmeichle mir, daß Sie ihn unſerer Gewogenheit nicht ganz un⸗ würdig finden werden. „Aufrichtig geſtanden, entweder blendet mich die väterliche Liebe, oder iſt er ein Jüngling von ſehr liebenswürdigem Cha⸗ rakter, und doch hat ſein Benehmen uns ſchon unbeſchreiblichen Kummer gemacht. Sie müſſen nemlich wiſſen, daß wir ihm unter den Nachbarstöchtern eine Frau auserſehen hatten, die aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach ein bedeutendes Vermögen erben wird, allein es ſcheint, er habe eine perſönliche Abneigung gegen dieſe Verbindung. Er war damals in Cambridge und machte allerlei Ausflüchte, um Zeit zu gewinnen. Als aber ſeine Mntter und ich ihn mit Briefen 149 um eine entſchiedene Antwort beſtürmten, ſo entwiſchte er ſeinem Hofmeiſter und machte ſich vor etwa acht Monaten unſichtbar. Ehe er jedoch dieſen unüberlegten Schritt that, ſchrieb er mir einen Brief, worin er ſeine Einwendungen gegen unſern Plan aus ein⸗ ander ſetzte und erklärte, er werde ſich ſo lange verborgen halten, bis er erfahren, daß ſeine Eltern nicht länger auf einer Verbin⸗ dung beſtehen, die ihn auf Zeitlebens elend machen müßte; zugleich bezeichnete er die Art und Weiſe, wie wir ihm in einer gewiſſen Zeitung unſere Anſicht über dieſe Sache mittheilen können. „Sie können ſich leicht denken, wie ſehr ſeine Flucht uns be⸗ unruhigte und betrübte, denn er hatte ſelbſt ſeinen Buſenfreund Carl Wilſon, der mit ihm in dem gleichen Collegium ſtudierte, nicht das Geringſte merken laſſen. Wir beſchloßen, ihn durch ſcheinbare Gleichgültigkeit zu beſtrafen, in der Hoffnung, er würde ſchon von ſelbſt wieder zum Vorſchein kommen; allein er blieb auf ſeinem Sinne, bis das Mädchen einen anderen Bräutigam erwählt hatte; dann meldete er ſich wieder und Wilſon brachte die Ver⸗ ſöhnung zwiſchen uns zu Stande. Was dächten Sie, wenn wir unſere Familie verſchwägerten und ihn mit Ihrer Nichte verhei⸗ ratheten, welche eines der liebenswürdigſten Geſchöpfe iſt, die ich je geſehen habe? Meine Frau hat ſie bereits ſo lieb gewonnen wie ihr eigenes Kind, und ich habe eine Ahnung, als ob ſich mein Sohn auf den erſten Blick in ſie verlieben müßte!“—„Nichts könnte unſerer ganzen Familie angenehmer ſeyn, als eine ſolche Verbindung, allein, mein theurer Freund, ich bin Ihnen das auf⸗ richtige Geſtändniß ſchuldig, daß ich beſorge, Liddy's Herz möchte nicht mehr ganz frei ſeyn. Ein verwünſchter Umſtand.“—„Sie meinen den jungen Comödianten in Glouceſter, nicht wahr? Sie wundern ſich, daß ich um dieſe Sache weiß, aber noch mehr wer⸗ den Sie ſich wundern, wenn ich Ihnen ſage, daß dieſer Comödiant niemand anders iſt als mein Sohn, Georg Denniſon. Er ging unter die Bande, um deſto eher verborgen zu bleiben.“—„Ja 150 wahrhaftig,“ rief ich,„kaum weiß ich mich zu faſſen vor Verwun⸗ derung und Freude; ich werde es für ein unbeſchreibliches Glück halten, wenn Ihr Plan in Erfüllung gehen kann.“ Jetzt gab er mir zu verſtehen, ſein Sohn habe ihm, als er wieder an's Licht gekommen, ſeine Liebe zu Miß Melford, der Nichte eines Herrn Bramble von Monmouthſhire, entdeckt. Obgleich Herr Denniſon ſich nicht im Schlaf einfallen ließ, daß dieß ſein alter Freund Mathias Loyd ſey, ſo gab er ſeinem Sohne doch die nöthigen Beglaubigungsſchreiben und er war in Bath, in London und an vielen Orten geweſen, um uns aufzuſuchen und uns mit ſeiner Perſon und ſeinem Geſuche bekannt zu machen. Der ſchlechte Erfolg ſeiner Nachforſchung hatte ihn dermaßen niedergedrückt, daß er unmittelbar nach ſeiner Rückkehr von einem gefährlichen Fieber befallen wurde, das ſeine Eltern mit Angſt und Schrecken erfüllte; indeß ward er glücklich wieder hergeſtellt, allein er war immer noch ſchwach und ſchwermüthig. Da mein Neffe auf dem Spaziergange zu uns theilte ich ihm dieſe Umſtände mit und er freute ſich herzlich darüber. Er erklärte, er werde dieſe Verbindung aus allen Kräften befördern und könne es kaum erwarten, bis er den jungen Herrn Denniſon als Freund und Bruder umarmen dürfe. Inzwiſchen ging der Vater hin, um ſeine Frau zu erſuchen, ſie möchte Liddy allmälig vorbereiten, weil ihre zarten Nerven durch eine plötzliche Ueber⸗ raſchung leiden könnten; ich ſelbſt meldete die Sache meiner Schweſter Tabby. Sie bezeugte einige Verwunderung darüber, die nicht ganz ohne Beimiſchung von neidiſchen Regungen war, denn obgleich ſie gegen eine eben ſo ehrenvolle als vottheilhafte Verbindung nichts einwenden konnte, ſo wollte ſie doch unter dem Vorwand, die beiden Leutchen ſeyen noch zu jung und uner⸗ fahren, einige Schwierigkeiten machen. Endlich aber willigte ſie doch ein, nachdem ſie ſich bei ihrem Lieutenant Lismahago Raths erholt hatte. 15¹ Herr Denniſon leitete es ſo ein, daß er ſeinen Sohn zuerſt ſprach, als er in's Haus trat; ohne ihm Zeit oder Gelegenheit zu laſſen, ſich nach den Fremden im Hauſe näher zu erkundigen, führte er ihn die Treppe hinauf, um ihn Herrn Loyd und ſeiner Familie vorzuſtellen. Die erſte Perſon, die ihm beim Eintritt in das Zimmer in die Augen fiel, war Liddy, welche, trotz aller Vorbereitung, zitternd in der größten Verwirrung daſtand. Bei dieſem Anblick blieb er wie eingewurzelt bewegungslos ſtehen, ſtarrte ſie mit gieriger Verwunderung an und rief:„Himmliſcher Gott, was iſt dieß?— Ha warum—“ Hier verſagte ihm die Sprache, aber die Bewegung ſeiner Augen machte das Stillſchwei⸗ gen zu einer höchſt rührenden Rede.—„Georg,“ ſagte ſein Vater, „dieß iſt mein Freund, Herr Loyd.“ Durch dieſe Anrede aufge⸗ weckt, wandte er ſich gegen mich und empfing meine Umarmung, wobei ich zu ihm ſagte:„Mein lieber junger Herr, hätten Sie mir Ihr Geheimniß anvertraut, als wir uns das letzte Mal ſahen, ſo wären wir gewiß als beſſere Freunde von einander geſchieden.“ Ehe er antworten konnte, kam Jerome und ſtand mit offenen Ar⸗ men vor ihm. Anfangs ſtutzte er und veränderte ſeine Farbe, doch nach kurzer Pauſe eilte er ihm in die Arme und ſie drückten einander ſo herzlich, als ob ſie von Kindesbeinen an die vertrau⸗ teſten Freunde geweſen wären. Hierauf machte er meiner Schweſter ſein Compliment, dann ging er auf Liddy zu und rief: „Iſt's möglich, täuſchen mich meine Sinne nicht? Darf ich wirklich Miß Melford unter meines Vaters Dache ſehen? Darf ich ſie ſprechen, ohne Jemand zu beleidigen? Haben mich ihre Verwandte wirklich mit ihrem Fürwort und Schutz beehrt!“ Liddy erröthete, zitterte, ſtammelte. Wirklich, mein Herr,“ ſagte ſie, „es iſt ein ſehr wunderbarer Zufall, ein großer— ein vom Himmel geſchickter— ich weiß wahrhaftig nicht, was ich ſage, aber ich bitte Sie, anzunehmen, ich habe etwas Angenehmes geſagt.“ Madame Denniſon fiel ihr in die Rede und ſagte:„Faßt Euch, 152 meine geliebten Kinder. Unſere hauptſächlichſte Sorge ſoll ſeyn, Euch beide glücklich zu machen.“ Der Sohn ging zu ſeiner Mutter und küßte ihr die eine Hand, meine Nichte badete die andere mit ihren Thränen und die gute alte Dame drückte ihre Kinder eins ums andere an ihre Bruſt. Die beiden Liebenden waren zu ſehr ergriffen, um am erſten Tage ihre Verlegenheit abſchütteln zu können, inzwiſchen wurde die Scene noch weit lebhafter durch die Ankunft des Herrn Wilſon, der, wie gewöhnlich, einiges Wild brachte, das er geſchoſſen hatte. Sein offenes, ehrliches Geſicht war ein kräftiges Empfehlungsſchreiben. Ich empfing ihn wie einen lieben Freund nach langer Trennung, verwunderte mich aber höchlich, als ich ſah, daß er meinem Reffen als einem alten Be⸗ kannten die Hand ſchüttelte. Sie waren wirklich ſchon vor einigen Tagen durch einen luſtigen Zufall, den ich Ihnen gelegentlich ein⸗ mal erzählen will, mit einander bekannt geworden. Noch am ſelben Abend wurde über die Angelegenheiten des jungen Paares Familienrath gehalten, die Heirath förmlich aus⸗ gemacht und ſämmtliche Artikel des Ehekontraktes ohne den gering⸗ ſten Streit von beiden Seiten angenommen. Mein Neffe und ich haben verſprochen, daß Liddy einen Brautſchatz von fünftauſend Pfund mitbringen ſolle. Herr Denniſon erklärte, er wolle ſeinem Sohn von Stund an die Hälfte ſeines Vermögens abtreten und ſeiner Schwiegertochter einen Wittwengehalt von vierhundert Pfund ausſetzen. Tabby machte den Vorſchlag, in Betracht ihrer Jugend ſolle man wenigſtens noch ein Probejahr zuwarten, bevor der un⸗ auflösliche Knoten geknüpft werde, allein der junge Mann zeigte ſich ſo ungeduldig und dringend, und da überdieß, dein Plane gemäß, das Pärchen unter der Aufſicht der Eltern und zwar in demſelben Hauſe leben ſollte, ſo beſchloßen wir, ſie ohne weiteren Aufſchub glücklich zu machen. Einer geſetzlichen Beſtimmung zufolge muß das Brautpaar einige Wochen im Kirchſpiele wohnhaft geweſen ſeyn, wir werden 153 uns daher ſo lange hier aufhalten, bis die Ceremonie vorüber iſt. Herr Lismahago wünſcht dieſe Gelegenheit ebenfalls zu benützen, und ſo werden künftigen Sonntag alle Vier von der Kanzel herab ausgerufen werden. Ich glaube wohl nicht, daß ich meine Weih⸗ nachten mit Ihnen in Brambletonhall zubringen werde. Ich be⸗ finde mich wirklich hier ſo wohl, daß ich ſchlechterdings keine Luſt habe, mein Standquartier zu verändern, und ich ſehe im Geiſte voraus, daß der Tag der Trennung Thränen in Menge koſten wird. Inzwiſchen wollen wir die Freuden, die uns der Himmel beſcheert, mit Dank genießen. Ich weiß zwar wohl, daß Sie, mein lieber Doctor, durch Ihre Geſchäfte zu ſehr in Anſpruch ge⸗ nommen ſind, als daß ich hoffen könnte, Sie ſo weit von Hauſe zu ſehen, indeſſen kann man den Weg doch in einem Sommertage zurücklegen, und Carl Denniſon, der Sie beſtens grüßen läßt, würde ſich ſehr freuen, mit einem alten Univerſitätsfreund wieder ein Gläschen zn trinken. Merken Sie ſich wohl, daß ich jetzt einen bleibenden Aufenthalt habe, und daher regelmäßigen Ant⸗ worten entgegenſehe auf die Briefe Ihres unveränderlichen M. Bramble. Den 11. Oetober. An Sir Watkin Philipps, Baronet zu Orford. Mein liebſter Wat! Jeder Tag geht mit neuen Ereigniſſen und Entdeckungen ſchwanger. Es hat ſich herausgeſtellt, daß der junge Herr Denni⸗ ſon Niemand anders als derſelbe Menſch iſt, den ich ſo lange und ſo oft unter dem Namen Wilſon zum Teufel gewünſcht habe. Er war aus dem Collegium in Cambridge davon gelaufen, um nicht zu einer Verbindung, die er verabſcheute, gezwungen zu werden, und trat in verſchiedenen Gegenden des Landes als Schauſpieler auf, bis das Mädchen, das man ihm aufnöthigen wollte, einen 154 Andern geheirathet hatte. Dann kehrte er zu ſeinem Vater zurück, geſtand ihm ſeine Leidenſchaft zu Liddy, und erhielt die Einwilli⸗ gung ſeiner Eltern, obgleich ſein Vater nicht daran dachte, daß Herr Bramble ſein alter Univerſitätsfreund Mathias Loyd iſt. Als ſie ihm nun erlaubt hatten, ſich gegen meinen Oheim und mich auf die gebührende Art zu erklären, ſuchte er uns in ganz Eng⸗ land vergebens auf; und er war es auch geweſen, den ich vorbei⸗ reiten ſah, als ich mit meiner Schweſter am Wirthshausfenſter ſtand; es fiel ihm nicht im Schlafe ein, daß wir im Hauſe ſeyn könnten. Der eigentliche Wilſon, den ich aus Irrthum vor die Klinge gefordert habe, iſt der Nachbar und Buſenfreund des alten Denniſon, und ſo war der Sohn auf den Gedanken gekommen, dieſen Namen anzunehmen, ſo lange er im Verborgenen lebte. Sie können ſich leicht denken, wie ſehr ich mich über die Ent⸗ deckung gefreut habe, daß die Ehre unſerer Familie nicht durch eine Schweſter in Gefahr gerathen iſt, die ich mit ungemeiner Zärtlichkeit liebe; daß ſie, ſtatt ſich einem elenden, herumziehenden Comödianten an den Kopf zu werfen, wirklich das Herz eines jungen Mannes gefeſſelt hat, der ihr an Geburt gleich und dabei noch reicher iſt; daß ich ferner, da ſeine Eltern ſeine Wahl billigen, im Begriff ſtehe, einen Schwager zu erhalten, der in jeder Be⸗ ziehung meine Freundſchaft und Hochachtung verdient. Georg Denniſon iſt ohne alle Widerrede einer der ausgezeichnetſten jun⸗ gen Männer in England. Er verbindet mit einer ſehr hübſchen männlichen Geſtalt hohe Geiſtesbildung. Trotz dem hat er ein weiches, ſanftes Herz und ſo einnehmende Manieren, daß ſelbſt Bosheit und Gleichgültigkeit ihm ihre Achtung und Liebe nicht verſagen können. Wenn ich mich mit ihm zuſammenhalte, ſo finde ich mit Beſchämung, daß meine Wagſchale hoch in die Luft fliegt; indeß erregt die Vergleichung keinen Neid, im Gegentheil gedenke ich ihn mir zum Muſter zu nehmen. Ich habe mich bemüht, ſeine Freundſchaft zu gewinnen, und hoffe bereits ein Plätzchen in ſeinem 155 Herzen zu beſitzen. Bei all dem ſchmerzt mich der Gedanke, welche offenbare Ungerechtigkeiten wir täglich begehen, und zu welch ab⸗ geſchmackten Urtheilen wir uns verleiten laſſen, wenn wir die Gegenſtände durch das betrügliche Glas des Vorurtheils und der Leidenſchaft betrachten. Hätten Sie vor ein paar Tagen eine Schilderung des Comödianten Wilſon von mir gefordert, ſo würde ich Ihnen ein Bild entworfen haben, das mit der wahren Perſon und dem Charakter des Herrn Georg Denniſon ſehr wenig Aehn⸗ lichkeit hätte. Ohne Zweifel beſteht der größte Nutzen von Reiſen und vom Studium der Menſchen im Originale darin, daß dieſe ſchmählichen Wolken verjagt werden, welche die Verſtandeskräfte umnebeln, und jedes richtige, unparteiiſche Urtheil unmöglich machen. Der wahre Wilſon iſt ein ſonderbarer Kauz, dabei aber der gutherzigſte, umgänglichſte Menſch, den ich kenne. Ich glaube nicht, daß er jemals in ſeinem Leben ärgerlich oder niedergeſchla⸗ gen geweſen iſt. Auf Gelehrſamkeit macht er keinen Anſpruch, aber in allem Anderm, was nützen oder erfreuen kann, iſt er ein wahrer Tauſendkünſtler. Namentlich iſt er ein waidgerechter Jäger und gilt ſogar für den beſten Schützen im Lande. Er, Denniſon, Lismahago, ich und Klinker gingen geſtern auf die Jagd und rich⸗ teten unter den Rebhühnern eine große Verheerung an. Morgen werden wir einen Feldzug gegen die Waldſchnepfen unternehmen. Abends tanzen wir und ſingen, oder ſpielen auch Commerce, Luh und Quadrille. Herr Denniſon iſt ein geſchmackvoller Dichter, und hat einige hübſche Liebeslieder auf Liddy gemacht, die der Eitelkeit eines jungen Mädchens ſehr ſchmeicheln müſſen. Auch iſt er vielleicht ein es der erſten theatraliſchen Genies, die jemals aufgetaucht ſind. Er macht uns zuweilen das Vergnügen, ſeine Lieblingsſtellen aus unſern beſten Dramen zu deklamiren. Wir haben im Sinn, die große Halle in ein Theater zu verwandeln, und in der Geſchwin⸗ 4 156 digkeit the Beaux Stratagem aufzuführen. Ich denke, ich werde als Scrub keine üble Figur machen, und Lismahago muß ſich als Capitain Gibbet vortrefflich ausnehmen. Wilſon beabſichtigt, den Landleuten aus der Grafſchaft die Komödie:„Der Harlekin als Skelet,“ zum Beſten zu geben, wozu er bereits mit eigener Hand eine Jacke gemacht hat. Unſere Geſellſchaft iſt wirklich ausgezeichnet angenehm. Selbſt Lismahago's Winterfroſt thaut auf, und Jungfer Tabitha's ſaurer Eſſig wird zuſehends ſüßer, ſeit es beſchloſſen iſt, daß ſie noch vor ihrer Nichte in den lieben Eheſtand treten ſoll. Denn Sie müſſen wiſſen, daß der Hochzeittag bereits feſtgeſetzt iſt, und daß beide Paare in der Pfarrkirche ſchon einmal ausgerufen wurden. Der Lieutenant bat ſehr ernſtlich, man möchte die Unruhe mit einem Male abmachen, und Tante Tabitha willigte endlich nach abge⸗ ſchmackten Zierereien darein. Ihr Amoroſo, der mit einer ſehr geringen Ausſteuer hier angelangt iſt, hat bereits nach London um ſein Gepäck geſchickt, das aber aller Wayrſcheinlichkeit nach erſt nach der Hochzeit ankommen wird. Am Ende liegt auch nicht viel daran, da Alles in der größten Stille abgemacht werden ſoll. In⸗ zwiſchen ſind bereits die Ehekontrakte feſtgeſetzt, und für beide Bräute äußerſt vortheilhaft. Meiner Schweſter wird ein gutes Nadelgeld und ein Wittwengehalt zugeſichert, und ihre Tante bleibt Beſitzerin von ihren jährlichen Renten, muß aber die Hälfte davon ihrem Gemahl zur Verfügung ſtellen. Weniger konnte man doch nicht für einen Mann thun, der ſich mit einer ſolchen Fantippe auf Zeitlebens in's Eheſtandsjoch ſpannen läßt. Indeſſen ſcheinen dieſe Eheſtands⸗Candidaten ſämmtlich ſo glücklich zu ſeyn, daß ich glaube, wenn Herr Denniſon eine hübſche Tochter hätte, ſo möchte ich mit ihr das dritte Paar bei dieſem Tanze machen. Die Hei⸗ rathsluſt ſcheint wahrhaftig anſteckend zu ſeyn, denn Klinker, oder nunmehr Loyd, hat verdammt Luſt, dieſelbe Thorheit mit der tugend⸗ reichen Jungfrau Winifred Jenkins zu begehen. Er hat mich ſchon 157 ein wenig darüber ausgeholt, allein ich habe ihm nicht gerathen, auf dieſem Vorhaben zu beſtehen. Ich ſagte ihm, meiner Anſicht nach könnte er eine beſſere Partie treffen, da er ſich doch noch nicht förmlich mit ihr verſprochen habe; ich wiſſe zwar nicht, was mein Oheim mit ihm im Schilde führe, allein meiner Anſicht nach ſollte er es nicht wagen, ihn durch ein voreiliges Begehren dieſer Art vor den Kopf zu ſtoßen. Der ehrliche Humphry betheuerte, er wolle lieber tauſend Mal ſterben, als etwas ſagen oder thun, was den Squire beleidigen könnte; im Uebrigen geſtand er, daß er dem Mädchen herzlich gut ſey, wie er auch Urſache habe, zu glau⸗ ben, daß ſie ihn ebenfalls mit günſtigen Augen betrachte; er be⸗ trachte dieſes gegenſeitige Kundgeben von Zuneigung als eine ſtillſchweigende Verbindlichkeit, die ein ehrlicher Mann für eine Gewiſſensſache halten müſſe, und er hoffe, der Squire und ich werden derſelben Meinung ſeyn, wenn wir einmal Muße haben, der Sache einige Aufmerkſamkeit zuzuwenden. Ich glaube wirk⸗ lich, er hat recht, und werde ſchon Zeit finden, ſeinen Fall in Erwägung zu ziehen. Sie ſehen, wir werden wenigſtens ein paar Wochen hier blei⸗ ben müſſen, und da Sie bis jetzt lang genug Ruhe gehabt haben, ſo hoffe ich, Sie werden ungeſäumt den Anfang machen, und einen Theil Ihrer Schuld abtragen gegen Ihren getreuen Den 14. Oetober. H. Melford. An Miß Lätitin Willis in Gloureſter. Meine innigſt geliebte Letty! Mit ſolcher Gemüthsbewegung, wie heute, habe ich noch nie⸗ mals die Feder ergriffen. Seit ein paar Tagen haben ſich ſo viele, ſo wundervolle und ſo wichtige Begebenheiten ereignet, daß ſich die Gedanken in meinem Kopfe in größter Unordnung herumtreiben und herumjagen. Ordnung oder Zuſammenhang dürfen Sie daher 158 in dieſem Briefe nicht ſuchen, meine theuerſte Willis. Seit mei⸗ nem Letzten haben die Sachen eine ganz andere Geſtalt genommen. — Und welche Geſtalt!— Doch ich will Ihnen Eines nach dem Andern berichten. Vor etwa acht Tagen, als wir durch einen Fluß fuhren, wurde unſer Wagen umgeworfen, und mehrere von uns nur mit genauer Noth vom Waſſertode errettet. Mein Oheim war in großer Lebensgefahr. Gütiger Gott, ich kann nicht ohne Schauder und Entſetzen daran denken. Ich hätte meinen beſten Freund, meinen Vater und Beſchützer verloren, wenn nicht ſein Bedienter, Humphry Klinker, ſo entſchloſſen und ſo ſchnell geweſen wäre. Dieſen Menſchen ſcheint die Vorſehung ausdrücklich in die Dienſte meines Oheims gegeben zu haben, damit er ihn bei dieſer Gele⸗ genheit retten ſollte. Ich möchte nicht gerne für abergläubiſch ge⸗ halten werden, aber es hat ihn gewiß etwas angetrieben, was ſtärker wirkte, als gewöhnliche Treue. War es nicht die Stimme der Natur, die ihn laut aufforderte, ſeinem Vater das Leben zu retten? Denken Sie ſich, liebe Letty, es hat ſich herausgeſtellt, daß Humphry Klinker meines Oheims natürlicher Sohn iſt. Faſt in demſelben Augenblicke zeigte es ſich, daß ein Herr, der uns ſeinen Beiſtand anbot und uns zu ſich in ſein Haus lud, zufälliger Weiſe ein alter Freund meines Oheims ſeyn mußte. Er heißt Denniſon, und iſt einer der würdigſten Männer, die Gott geſchaffen hat; auch ſeine Gemahlin iſt eine wahre Heilige auf Erden. Sie haben einen einzigen Sohn. Sollten Sie wohl den⸗ ken können, wer dieſer einzige Sohn iſt? O meine Letty!— O gütiger Gott!— Wie mein Herz pocht, indem ich Ihnen ſage, daß dieſer einzige Sohn des Herrn Denniſon Niemand anders iſt, als der Jüngling, der unter dem Namen Wilſon eine ſolche Ver⸗ heerung in meinem Herzen angerichtet hat. Ja, meine geliebteſte Freundin, Wilſon und ich wohnen jetzt in demſelben Hauſe und können ohnen allen Zwang mit einander ſprechen. Sein Vater billigt ſeine Neigung für mich, ſeine Mutter liebt mich ſo zärtlich 159 wie eine leibliche Tochter; mein Oheim, meine Tante und mein Bruder widerſetzen ſich meinen Wünſchen nicht mehr, ſondern haben alle beſchloſſen, uns in Bälde glücklich zu machen, und in drei oder vier Wochen wird, wenn nicht ein unvorhergeſehenes Hinderniß eintritt, Ihre Freundin Lidoy Melford Namen und Stand geändert haben. Ich ſage, wenn kein Hinderniß eintritt, weil ich über einem ſolchen Strom von Glückſeligkeit wirklich er⸗ zittere. Gott gebe nur, daß unter den Roſen keine Schlange ver⸗ borgen liegt. Ich habe kein Verdienſt und ſchlechterdings keine Anſprüche auf ſo viel Glückſeligkeit. Deßwegen kann ich dieſe herrlichen Ausſichten auch nicht genießen, ſondern mein Gemüth iſt in einem beſtändigen Tumult von Hoffnungen und Wünſchen, von Zweifeln und Beſorgniſſen. Ich kann weder eſſen noch ſchlafen, und mein Blut iſt in beſtändiger Wallung. Mehr als je fühle ich die Leere in meinem Herzen, die nur Ihre Gegenwart aus⸗ füllen kann. Das Gemüth ſucht immer, wenn es unruhig iſt, ſeinen Frieden am Vuſen der Freundin, und ich bin gegenwärtig in einem Strudel, aus dem ich mich wahrhaftig ohne Ihre Ge⸗ ſellſchaft und Ihren Rath nicht herausfinden kann. Deßwegen, meine theuerſte Letty, muß ich Ihre Freundſchaft auf die Probe ſetzen; ich muß Sie bitten, daß Sie kommen, und Ihrer Ge⸗ ſpielin, Lydia Melford, die letzten jungfräulichen Dienſte erweiſen. Dieſer Brief iſt in einen andern von Madame Denniſon an unſere würdige Lehrerin eingeſchloſſen, worin ſie um Verwendung bei Ihrer Frau Mutter gebeten wird, daß ſie Ihnen erlaubt, uns bei dieſer Gelegenheit mit Ihrer Gegenwart zu erfreuen, und ich ſchmeichle mir, daß unſerer Bitte nichts Erhebliches im Wege ſtehen wird. Die Wege ſind gut, und Sie können in zwei Tagen von Glouceſter hier ſeyn. Herr Klinker, nunmehr Loyd, wird zu Ihnen kommen, und Sie auf der Reiſe begleiten. Wenn Sie Morgens um ſieben Uhr mit Ihrer Kammerjungfer Betty in die Poſſchaiſe ſteigen, ſo haben Sie Mittags vier Uhr den halben Weg zurück⸗ 160 gelegt, und kommen in ein Haus, wo Sie alle Bequemlichkeiten und auch meinen Bruder und mich vorfinden ſollen. Am andern Tag gehen wir dann zuſammen hierher, und es gefällt Ihnen ge⸗ wiß bei uns, denn ich verſichere Sie, daß Sie in eine höchſt an⸗ genehme Geſellſchaft kommen. Meine liebſte Letty, Sie dürfen mir dieſe Bitte nicht abſchlagen. Wenn Sie noch einige Freund⸗ ſchaft, einige Menſchlichkeit beſitzen, ſo kommen Sie gewiß. Ich bitte, ſchreiben Sie doch ja ſogleich deßwegen an Ihre Frau Mut⸗ ter, und ſobald Sie die Erlaubniß haben, ſo erfreuen Sie mit der Nachricht Ihre ewig getreue Freundin Den 14. Oetober. Lydia Melford. An Mudame Jermyn in Gloureſter. Hochgeehrteſte Madame! Obgleich ich nicht ſo glücklich geweſen bin, auf das Schreiben, womit ich Sie im vorigen Frühling beläſtigte, mit einer Antwort beehrt zu werden, ſo ſchmeichle ich mir dennoch, daß Ihnen mein Glück und meine Angelegenheiten noch nicht ganz gleichgültig gewor⸗ den ſind. Die Sorgfalt und Zärtlichkeit, womit ich in Ihrem Hauſe und unter Ihrer Aufſicht behandelt worden bin, verpflichten mich zur wärmſten Dankbarkeit und Anhänglichkeit: Empfindungen, die ich bis zu meinem Tode lieb behalten werde. Jetzt halte ich es für meine Pflicht, Ihnen das glückliche Ende zu melden, wozu die Uebereilung geführt hat, die mir Ihren Unwillen zuzog. Ach, theuerſte Madame! der verachtete Wilſon hat ſich in einen Georg Denniſon verwandelt, den einzigen Sohn und Erben eines begü⸗ terten Mannes, der, wie man überall ſagen wird, in Beziehung auf Charakter Niemanden in England nachſteht. Meine Vormün⸗ der, mein Bruder und ich ſind jetzt in ſeinem Hauſe, und mit Nächſtem werden ſich beide Familien vereinigen in den Perſonen des jungen Herrn Denniſon und Ihrer armen Lydia Melford. Sie 161 werden leicht einſehen, wie verlegen ein unerfahrnes, ſchwachner⸗ viges und furchtſames Mädchen, wie ich, in einer ſolchen Situa⸗ tion ſeyn muß, und wie ſehr mir die Gegenwart einer vertrauten Freundin Muth machen und zu Statten kommen würde. Sie wiſſen, daß unter allen meinen Schulfreundinnen Miß Willis im⸗ mer mein Vertrauen und meine Zuneigung im höchſten Grade be⸗ ſeſſen hat, und deßhalb wünſche ich recht herzlich, in dieſem ſo hochwichtigen Moment meines Lebens das Glück ihrer Geſellſchaft genießen zu können. Madame Denniſon, eine allgemein geliebte und hochgeſchätzte Dame, hat auf mein Bitten deßhalb an Sie geſchrieben, und ich erlaube mir nun, ihr Geſuch hiemit auf's Beſte zu unterſtützen. Theuerſte Madame Jermyn! meine ewig verehrte Pflegmutter! ich beſchwöre Sie bei der Zärtlichkeit, mit der Sie einſt Ihren Lieb⸗ ling Liddy auszeichneten, bei dieſem wohlwollenden Herzen, das Sie ſo geneigt macht, das Glück aller Ihrer Mitmenſchen zu be⸗ fördern, leihen Sie meiner Bitte ein geneigtes Ohr, und ge⸗ brauchen Sie Ihren Einfluß auf Letty's Mutter, daß mir mein ſehnlichſter Wunſch erfüllt wird. Wenn man mir hierin willfährt, ſo verpflichte ich mich, ſie nach Glouceſter zurückzubegleiten, allwo ich, wenn Sie es erlauben, die Ehre haben werde, Ihnen unter anderem Namen vorzuſtellen Ihre ergebenſte und pflichtſchuldigſte Dienerin Den 14. Oetober. Lydia Melford. An Jungfer Marie Jones in Vrambletonhall. Liebe Marie Jones! Meine liebe Marie Jones! Ich habe in den letzten Dagen ſo Viel Ebentheuer, Erſtaunen und ſchrecklichkeiten erlebt, daß Ich faſt ganz außer Mir bin und noch nicht weiß, ob ich meiner lebtage wieder zum verſtand Kom⸗ men werde. In der letzten Woche haben ſie mich Nahe wie eine Smollet's Werke. XV. 11 162 verſoffene Ratte aus einem Fluſſe gezogen, und habe eine Nagel⸗ neue Nachthaube verloren und einen ſilwernen ſchliſſenhagen, der mich meine gute halbe Grone gekoſtet hat, und einen grüngelben Saffianenen ſchuh. Und bin bis auf Hemt naß geworden und habe noch dazu eine garſtige Schmare an den hintern Bekommen von einem Baumſtumpen im Waſſer. Es iſt wohl Wahr, der Mosje Klinker hat mich aus der Kutſche geholt, aber Er hat mich auch Wieder ins Waſſer hineingeſchmiſſen, um nach dem Skweir zu gucken, und So hätte ich können ein Naſſes krab kriegen, wenn mich nicht ein millerknecht aufs trockene land Geſchleppt hätte. Aber, aber, Miekchen, wie es doch ſo wunderlich und ſo geſpäßich auf der Welt zugeht! Der Komödiantenagtör, der mei⸗ ner Miß Liddy nachgereist iſt, und mir in Briſtol mit ſeinem Bard eine ſo große angſt eingejagt hat, was meint ſie wohl, der iſt jetzt in einen hüpſchen Jungen herrn mitamurvirt, und iſt der Sohn und Erbe des herrn Delliſon. Wir wohnen alle zuſammen in einem Hauſe, und alle haben die Heirath beſchloſſen, und in vierzehn Dagen ſoll die Zeremonie zu ſtande kommen. Aber bei der einzigen Hochzeit ſoll es nicht ſein bewänden haben meinem Frälein kann das Heurathen auch nicht aus dem kopfe Kommen. Nun in Gottesnamen! Am letzten Sonntag in der Pfarrkirche habe ich mit Meinen beiden eigenen Ohren angehört, wie der Kuſter ein Aufgebot ablas, Herrn Oponia Liſchmahago und Jungver Tabida Bramble. Aber er hätte eben ſo gut ſagen können, ſie ſey eine Squeirin, als eine Jungver, denn meine Herrſchaft iſt keine Jungver, ſondern ein gnädiges Frälein. Der junge Squeir Dolliſon und Miß Liddy waren das zweite Paar, und er hätte wohl noch ein drittes herableſen können, aber die umſtände haben ſich Gewaltig verändert mit dem Mosje Klinker. O WMiekchen, was meint ſie wohl? Sie haben es ausgefunden, daß Mosje Klinker ein Liebeskind von unſerem Skueir iſt, und daß ſein rechter Name Mathias Loid heißt, aber der liebe Gott 163 weiß, ob dies mit Rechten dingen zugeht, und jetzt drägt er keine Liwrei mehr, ſondern feine Manſchätten. Aber ich habe ihn noch gekannt, wie ihm der nakte Ellbogen aus der ärmel heraus ſah, und er kein Hemt auf ſeinem Geſäße hatte. Deswegen braucht er auch die Naße nicht ſo hoch zu tragen. Er iſt zwar wohl ein ganz beſcheidener Menſch und Dienſtfertig, und beteuert hoch und teuer, daß er mich noch ſo gern hat, wie vorher, aber er dürfe jetzt nicht mehr, was er wolle und könne, ohne des Squeirs erlaubniß nicht Heurathen. Er ſagt, wir müſſen mit Geduld warden und uns auf die Fürſehung verlaſſen, und ſolches dummes Zeuchs mehr. Er ſoll das Eiſen ſchmieden, ſo lange es heiß iſt, und es dem Skueir ſogleich ſagen. Was kann denn der Skueir dagegen ein⸗ wenden, daß wir nicht zuſammen kommen ſollen? Wenn ſchon mein Vater kein Edelmann war, ſo iſt doch meine Mutter ein ehrliches Weib geweſen, und ich bin auch keiner Sau vom—— Mein Vater und meine Mutter ſind in der Kirche öffentlich ver⸗ kündigt und kobulirt worden, wie es vor Gott und den Menſchen recht iſt, daß ſie es nur weiß, Marie. Der Mosje Klinker, ich wollte ſagen Loid, kann meinetwegen thun was er will, es gibt noch mehr Krämer auf der Meſſe, wie man zu ſagen pflegt. Was würde er wohl dazu ſagen, wenn ich mir von des jungen Skueirs ſeinem Bedienten den Hof machen ließ? Der Herr Machabi hat einen Degen getragen; und iſt im Kriege geweſen. Er hat ihr alle Bücher von der Welt ge⸗ leſen und ſpricht ſein franſöſiſch und holländiſch und ſchottiſch und alle andere ausländiſche Sprachen. Es iſt wohl war, er muß ſchon Viel mitgemacht haben und ſieht gerne ins Gläschen, aber doch iſt er gutmüthig dabei und eine geſcheute Frau könnte ihn um ihren kleinen Vinger herumwickeln. Ich denke aber gar nicht an ihn, das kann ich ihr nur ſagen, und ich möchte nicht gerne dem Herrn Loid etwas zu Leide thun oder ſagen, weil er mir gar keine Gelegenheit dazu giebt. Aber liebe 164 Marie, ich bin ihr ſo Schwermüthig, da ſitze ich oft allein und ſchreie und greine und nehme aſſofödida ein und rieche an ge⸗ brannte Federn und am Lichtpuzen, und bete Dag und Nacht um Gnade, daß ich einen Funken von dem neuen Lichte erhalte, daß es mich leite in dieſem drüben Jammerthal. Und doch fehlt es mir an gar nichts bei dieſen brawen Leuten, denn die ſind alle ſo gut und fromm, daß man glauben könnte, es ſeyen lauter Heilige aus dem Himmel. Bete ſie vor mich, liebe Mieckchen, und grüße ſie mir Salome und bin bis in den Tod Ihre tiefbetrübte und getreue Freundin Den 14. Oetober. Winifred Jenkins. An Dortor Ludmig. Liebſter Doctor! Sie glauben gar nicht, welches Vergnügen es mir macht, nach ſo langem Stillſchweigen von Ihrer Seite wieder einmal einen Buchſtaben von Ihnen zu Geſicht zu bekommen, und doch hat mir, Gott im Himmel weiß es, Ihre Handſchrift oft Angſt und wehe gemacht: ich meine nämlich auf den länglichten Zetteln, in Abbreviaturen und in verketzertem Apothekerlatein. Ihr Gedanke, dem Herrn Lismahago eine Einnehmersſtelle zu verſchaffen, ge⸗ fällt mir ſehr gut; auch er hat eine große Freude an dieſem Plan, er läßt Ihnen ſein Compliment ſagen und zum Voraus ſchönſtens für Ihre gütige Theilnahme danken. Der Mann ſcheint ſich bei genauerer Bekanntſchaft zu beſſern. Die rauhhaarige Zurückhaltung, die eine unangenehme Hülſe um ſeinen Charakter machte, fängt an zu platzen und abzuſpringen, je mehr wir miteinander umge⸗ hen. Ich habe alle Hoffnung, er und Tabby werden ſich eben ſo glücklich zuſammen paaren, als irgend ein zweiſpänniger Zug im Königreich, und ich zweifle nicht daran, daß wir zu unſern Win⸗ tergeſprächen am Kamin unſere kleine Geſellſchaft mit einem wür⸗ digen Mitgliede vermehrt haben. 165 Ihre Einwendungen dagegen, daß ich dieſe Jahreszeit ſo fern von der Heimath zubringe, würden mehr Eindruck auf mich ge⸗ macht haben, wenn ich mich nicht hier ausgezeichnet wohl befände, und meine Geſundheit ſich nicht ſo ſehr gebeſſert hätte, daß ich große Luſt verſpüre, allem Podagra und allem Gicht Trutz zu bie⸗ ten. Ich fange an zu glauben, daß ich mich zu voreilig zum alten Eiſen gezählt habe, und daß es abgeſchmackt von mir war, meine Geſundheit in den Schlupfwinkeln des Müßiggangs zu ſuchen. Ich bin feſt überzeugt, daß alle kränklichen Leute zu viel ſitzen, zu regelmäßig und zu ängſtlich leben. Wir müſſen unſere Maſchine zuweilen auch ſchneller gehen laſſen, und den Hemmſchuh von den Rädern des Lebens wegnehmen; wir müſſen uns dann und wann in die Wogen der Ausgelaſſenheit ſtürzen, und unſerer Conſtitution dadurch eine gute Härtung geben. Auch das habe ich gefunden, daß es zu einem tüchtigen Umlauf der Lebensgeiſter, worin doch einmal das wahre Weſen einer guten Geſundheit be⸗ ſteht, eben ſo nothwendig iſt, zuweilen andere Geſichter zu ſehen, als andere Luft zu athmen. Mit meinem Letzten habe ich einige Freundſchaftspflichten er⸗ füllt, welche viel körperliche Bewegung erforderten, wovon ich mir auch meinen guten Nutzen verſpreche. Als ich auf die zufäl⸗ ligſte Weiſe von der Welt erfuhr, die Frau des Herrn Baynard liege an einem hitzigen Fieber gefährlich darnieder, ſo borgte ich von Herrn Denniſon eine Poſtchaiſe, und fuhr damit nach ſeinem Gute zu, wobei ich Niemand mitnahm, als meinen Loyd(wei⸗ land Klinker), der neben mir herritt. Da es nur eine kleine Tag⸗ reiſe von hier iſt, ſo kamen wir ſchon Mittags um vier Uhr an, und der Doctor, den ich an der Thüre traf, ſagte mir, die Pa⸗ tientin ſey ſo eben geſtorben. Mich überkam eine heftige Gemüths⸗ bewegung, es war aber nicht Kummer. Da Alles im Hauſe ver⸗ ſtört war, ſo ging ich ſchnell die Treppen hinauf in's Sterbezim⸗ mer, wo ich die ganze Familie beiſammen traf. Die Tante ſtand 166 da und rang in einer Art Betäubung die Hände; mein Freund aber überließ ſich dem wahnſinnigſten Schmerze. Er hielt den Leichnam in ſeinen Armen und ſtieß ſolche Wehklagen aus, daß man hätte denken können, er habe das liebenswürdigſte Weib und die angenehmſte Lebensgefährtin verloren. Die Liebe mag ohne Hochachtung beſtehen können, ja eine und dieſelbe Perſon mag in einer Beziehung liebenswürdig und in einer andern verabſcheuungswerth ſeyn. Die Seele beſitzt die wunderbare Fähigkeit, Dinge, die an und für ſich widerwärtig, ja ſogar wunderlich ſind, durch lange Gewohnheit nicht nur ertra⸗ gen zu lernen, ſondern ſich auch dergeſtalt daran zu gewöhnen, daß ſie ſich nicht ohne Widerwillen oder Schmerzgefühl davon tren⸗ nen laſſen kann. Baynard war ſo in ſeinen Schmerz verſunken, daß er mich nicht bemerkte, als ich eintrat, und zu einer von den Frauen ſagte, ſie ſolle die Tante auf ihr Zimmer führen. Zugleich bat ich den Hofmeiſter, er möchte den Jungen wegbringen, der gaffend in einer Ecke ſtand und ſich die allgemeine Trauer nicht ſehr zu Herzen gehen ließ. Nach dieſen vorläufigen Maßregeln wartete ich, bis ſich der erſte Sturm bei meinem Freunde gebro⸗ chen hatte; dann zog ich ihn ſanft vom Gegenſtand ſeines Kum⸗ mers ab, und führte ihn bei der Hand in ein anderes Zimmer, obgleich er ſich ſo heftig ſträubte, daß ich genöthigt war, ſeinen Kammerdiener zu Hülſe zu rufen. In wenigen Minuten faßte er ſich jedoch wieder, ſchloß mich in ſeine Arme und ſagte:„Das nenne ich einmal einen wahren Freundſchaftsdienſt! Ich weiß nicht, woher Sie kommen, aber es iſt mir, als hätte Sie der Himmel geſandt, um mich vor Wahnſinn zu bewahren. Ach, Matthias! ich habe meine geliebte Henriette verloren!— mein armes, ſanftes, zärtliches Weibchen, das mich ſo warm, ſo herzlich liebte— meine getreue Gefährtin ſeit zwanzig Jahren!— Ach, ſie iſt dahin!— Auf ewig dahin!— Himmel und Erde! wo iſt ſie?— Nein, der Tod ſoll uns nicht trennen!“ 167 Bei dieſen Worten ſprang er auf, und ich konnte ihn kaum abhalten, daß er nicht abermals in's Sterbezimmer lief. Sie ſehen wohl ein, daß es thöricht geweſen wäre, wenn ich mich mit einem Mann, der ſo albern herausſchwatzte, auf Gründe hätte einlaſſen wollen. In ſolchen Fällen muß man den erſten Strom der Leidenſchaft nach und nach ſich ſenken laſſen. Ich verſuchte es, ſeine Aufmerkſamkeit dadurch in Anſpruch zu nehmen, daß ich An⸗ fangs kleine Winke fallen ließ, und dann allmälig das Geſpräch auf gleichgültige Gegenſtände lenkte; da ich nun über dieſen Trauer⸗ fall von Herzen froh war, ſo ſtand mir all mein Witz zu Gebot, um meinen Zweck zu erreichen. In wenigen Stunden war er ruhig genug, Vernunft anzunehmen und ſogar zu geſtehen, der Himmel hätte nicht beſſer in's Mittel treten können, um ihn von Schande und Untergang zu retten. Damit er indeß nicht aus Mangel an Geſellſchaft auf's Neue in ſeine Schwachheit verfallen möchte, brachte ich die Nacht in ſeinem Zimmer zu, auf einem kleinen Bette, das ich zu dieſem Behuf aufſchlagen ließ, und es war ein Glück, daß ich dieſe Vorſicht gebraucht hatte, denn er ſprang mehrere Male im Bette auf, und würde gewiß närriſches Zeug gemacht haben, wenn ich nicht zugegen geweſen wäre. Am folgenden Tage war er im Stande, von Geſchäftsſachen zu ſprechen, und ertheilte mir vollſtändige Gewalt über ſeine Haushaltung, die ich denn auch unverzüglich in Ausübung brachte, ſobald ich ihm den Plan, den ich zu ſeinem Beſten entworfen, vorgelegt und ſeine Billigung erhalten hatte. Er hätte gerne von Stund an das Haus verlaſſen, allein dieſem Vorſatz widerſetzte ich mich. Weit entfernt, einen vorübergehenden Widerwillen zu begünſtigen, der leicht in bleibenden Haß hätte ausarten können, war ich im Gegentheil Willens, ihm wo möglich eine größere Neigung als je für ſein väterliches Erbgut einzuflößen. Ich traf Maßregeln, daß die Beerdigung ſo ſtill vor ſich ging, als ſich mit dem Anſtand vertrug. Ich ſchrieb nach London, daß man in 168 ſeinem Hauſe in der Stadt ſämmtliches Geräthe aufſchreiben und taxiren laſſen ſolle, und kündigte in Baynards Namen dem Haus⸗ herrn auf Mariä Verkündigung die Miethe auf. Dann nahm ich Jemand an, der auf dem Landgute Alles, bis auf Kutſchen, Pferde und Geſchirre ordentlich aufſchreiben mußte. Den Sohn gab ich zu einem Geiſtlichen in der Nachbarſchaft in die Koſt, und er ging ſehr gerne dahin, ſobald er hörte, daß er ſeinen Hofmei⸗ ſter los werde, dem wir ſofort den Abſchied gaben. Die Tante war fortwährend ſehr finſter und kam nie zu Tiſche, obgleich Bay⸗ nard ſie täglich auf ihrem Zimmer beſuchte. Hier trieb ſie ihr Weſen mit den Kammerjungfern und Mägden, und pflog Unter⸗ redungen mit ihnen, im Augenblick aber, wo ihre Nichte beerdigt war, fuhr ſie in einer zu dieſem Behuf beſtellten Poſtchaiſe von dannen. Sie verließ indeß das Haus nicht, ohne Herrn Baynard zu verſtehen zu geben, die Garderobe ihrer Nichte komme von Gottes und Rechts wegen ihrer Kammerfrau zu, und ſo erhielt dieſe nichtswürdige Dirne ſämmtliche Kleider, Spitzen und Weiß⸗ zeug ihrer verſtorbenen Gebieterin, was ſich nach mäßiger Schätzung auf fünfhundert Pfund belief. Der nächſte Schritt, den ich that, war, daß ich die Legion von überflüfſigen Bedienten verabſchiedete, die ſo lange am Lebens⸗ kern meines Freundes gezehrt hatten: ein Schwarm müßiger Thoren, ſo unerträglich unverſchämt, daß ſie ſogar ihrem eigenen Herrn mit der höhniſchſten Verachtung begegneten. Sie waren faſt alle von ſeiner Frau auf Empfehlung ihrer Kammerjungfer in Dienſte genommen, und dieſe Beiden waren die Einzigen, auf deren Befehl ſie einigermaßen hörten. Ich hatte daher eine herz⸗ liche Freude, als ich das Haus von dieſem Ungeziefer gereinigt hatte. Die Kammerjungfer der Verſtorbenen und noch eine andere Zofe, einen Kammerdiener, einen Haushofmeiſter, einen franzöſiſchen Koch, einen Obergärtner, zwei Lakaien und einen Kutſcher be⸗ zahlte ich aus und ſchickte ſie auf der Stelle fort, wobei Jeder⸗ 169 dem nicht aufgekündigt war, noch einen Monatslohn in den Kauf bekam. Nur eine Köchin, die dem Franzoſen bisher geholfen hatte, eine Hausmagd, einen alten Livreebedienten, einen Poſtillon und einen Untergärtner behielt ich bei. So befreite ich auf einmal die Schultern meines Freundes von einem ungeheuren Berg von Ausgaben und Sorgen; er traute ſeinen eigenen Sinnen nicht, als er ſich ſo ſchnell und ſo weſentlich erleichtert fühlte. Indeß litt ſein Herz immer noch an einigen Anfällen von Zärtlichkeit, die ſich zu gewiſſen Zeiten wieder einſtellten, und ihm Seufzer, Thränen und ungeduldiges Wehklagen auspreßten; allein dieſe Anwandlung verminderte ſich von Tag zu Tag, bis endlich ſeine Vernunft einen vollkommenen Sieg über die Schwachheit ſeines Gemüths errang. Nach einer genauen Unterſuchung ſeiner Angelegenheiten finde ich, daß ſich ſeine Schulden auf zwanzigtauſend Pfund belaufen, und daß ſein Gut bereits für den Betrag von achtzehntauſend Pfund verpfändet iſt. Da er nun fünf Prozent Zinſen bezahlt hat unv einige ſeiner Maiereien unverpachtet daliegen, ſo werfen ihm ſeine Ländereien nicht über zweihundert Pfund reines Geld ab, wozu noch die Renten vom Beigebrachten ſeiner Frau kommen, die jährlich achthundert Pfund betragen. Um ihm dieſe ſchwere Schuldenlaſt zu erleichtern, verfiel ich auf folgendes Mittel. Aus den Juwelen ſeiner Frau, aus den überflüſſigen Silbergeräth⸗ ſchaften und Möbeln in beiden Häuſern, aus ſeinen Pferden und Wägen, die bereits zur öffentlichen Verſteigerung angezeigt ſind, können etwa zweitauſend fünfhundert Pfund baares Geld erlöst werden, womit man ſogleich zweitauſend Pfund von den Schulden abzahlt. Ich habe mich anheiſchig gemacht, ihm zehntauſend Pfund zu vier Prozent zu verſchaffen, ſo daß er jährlich hundert Pfund an Zinſen erſpart, und vielleicht gelingt es uns, die übrigen acht⸗ tauſend Pfund eben ſo zu bekommen. Nach ſeinem eigenen Plane vom Landleben, ſagt er, könne er bequem mit dreihundert Pfund 170 jährlich ausreichen, da er aber auch auf die Erziehung ſeines Sohnes etwas verwenden muß, ſo wollen wir ihm fünfhundert Pfund ausſetzen. Dadurch wächst ihm ein Capital von ſiebenhun⸗ dert Pfund zu, womit er die Zinſen und nach und nach etwas von der Schuld ſelbſt abtragen kann. Auch glaube ich es nicht zu hoch anzuſchlagen, wenn ich die bisher unverpachteten Maiereien, ſobald ſie wieder in den Stand geſetzt ſind, zu dreihundert Pfund berechne. Auf dieſe Art muß in einigen Jahren jährlich ein Kapi⸗ tal von mehr als tauſend Pfund einlaufen, womit er eine Schuld von ſechszehntauſend Pfund zu liquidiren hat. Wir begannen alsbald, die zum Verkauf beſtimmten Artikel auf die Seite zu ſtellen, und mit Hülfe eines Möbelhändlers aus London in ein Verzeichniß zu bringen. Damit aber Niemand in dem Hauſe die Hände in den Schooß legen durfte, fingen wir auch außerhalb deſſelben mit unſerer Reformation an. Auf Bay⸗ nards Gutheißen befahl ich dem Gärtner, den Bach wieder in ſein altes Bett zu leiten, um die dürſtenden Najaden zu erfriſchen, die ſo lange unter vermoderten Baumwurzeln, verwelkten Blät⸗ tern und trockenen Steinen geſchmachtet hatten. Die Haage⸗ büſche ſind zum Ausreuten verdammt und der Luſtgarten ſoll ſeiner urſprünglichen nützlichen Beſtimmung zurückgegeben, d. h. in Korn⸗ felder und Wieſen verwandelt werden. Es iſt bereits Befehl gege⸗ ben, hinter dem Hauſe die Gartenmauer wieder herzuſtellen, und gegen die Oſtſeite Tannenwäldchen mit Birken und Kaſtanien zu pflanzen. Dieſe Seite iſt nämlich gegenwärtig den ſtürmiſchen Winden gänzlich bloßgeſtellt. Nachdem ich alles dieß eingeleitet und die Sorge für das Haus ſo wie die Auktion einem ehrlichen Advokaten übertragen hatte, nahm ich Baynard in einer Chaiſe mit hieher, und machte ihn mit Herrn Denniſon bekannt, deſſen Herzensgüte ihm ſehr bald ſeine Hochachtung und Liebe gewinnen mußte. Er iſt ganz entzückt über unſere Geſellſchaft, und erklärt, er habe die Theorie 171 des wahren Vergnügens noch niemals in der Praxis ſo ausgeübt geſehen. Ich glaube aber auch in vollem Ernſte, daß man nicht leicht eine ſolche Anzahl Perſonen unter einem Dach verſammeln könnte, die glücklicher wären, als wir uns gegenwärtig fühlen. Inzwiſchen muß ich Ihnen doch im Vertrauen ſagen, Tabby ſcheint Umſtände machen zu wollen. Ich kenne dieſe eigenthümliche Perſon ſchon ſo lange, daß ich alle Schlupfwinkel ihres Herzens auf's Genaueſte weiß und ihre Plänchen oft ſchon von Weitem merke, wenn ſie ſelbſt erſt im Entſtehen ſind. Sie hat aus keinem andern Grunde ihre Neigung auf Lismahago geworfen, als weil ſie an der Möglichkeit einer beſſeren Eroberung verzweifelte. Jetzt aber möchte ſie, wenn mich nicht alles täuſcht, ſehr gerne den Wittwenſtand des Herrn Baynard für ſich benutzen. Seit ſeiner Ankunft iſt ſie dem Lieutenant äußerſt froſtig begegnet, und ſucht ſich durch die übertriebenſte Höflichkeit im Herzen des Andern feſt⸗ zuangeln. Es müſſen dieß mehr inſtinktartige Naturtriebe ſeyn, die aus ihrer Conſtitution entſtehen, als Wirkungen einer deutlich bewußten Abſicht, denn die Unterhandlungen mit dem Lieutenant ſind ſchon ſo weit gediehen, daß ſie ſich weder mit gutem Gewiſſen noch mit gutem Namen zurückziehen könnte. Ueberdieß hat ſie von Baynard nichts Anderes als Gleichgültigkeit oder Abneigung zu erwarten, weil er viel zu geſcheidt iſt, um ſich je mit einer ſolchen Perſon einzulaſſen, und viel zu zärtlich, um im gegenwärtigen Augenblick überhaupt an eine neue Verbindung zu denken. In⸗ zwiſchen habe ich ſie vermocht, ihm gegen Hypothek viertauſend Pfund zu vier Prozent zu geben. Der junge Denniſon läßt es ſich gefallen, daß Liddy's Brautſchatz auf eben dieſe Art und in derſelben Abſicht angelegt wird. Auch ſein Vater will zu dieſem Zwecke eine Aktie von dreitauſend Pfund verkaufen. Der Pächter Bland hat ſich auf Wilſons Anſuchen zu zweitauſend Pfund anhei⸗ ſchig gemacht, und ſo muß ich ſelbſt wohl auch in meine Kaſſe greifen und das Fehlende herbeiſchaffen, um meinen Freund aus 172 den Händen der Philiſter zu befreien. Der vortreffliche Zuſtand des Landguts, wo wir uns befinden, das aber auch wirklich angebaut iſt wie ein Garten, gefällt ihm ſo gut, daß er ſich bei Herrn Denniſon in die Lehre gegeben hat, und entſchloſſen iſt, ſeine ganze Zeit auf die Landwirthſchaft zu verwenden. Zu unſerer Doppelheirath ſind bereits alle Anſtalten getroffen. Die Ehekontrakte ſind aufgeſetzt und unterſchrieben, und die Trau⸗ ung wird vor ſich gehen, ſobald die Verlobten ſich die geſetzlich vorgeſchriebene Zeit im Kirchſpiel aufgehalten haben. Der junge Denniſon läßt zuweilen einige Ungeduld blicken, allein Lismahago erträgt dieſen nothwendigen Aufſchub mit philoſophiſcher Gemüths⸗ ruhe. Sie müſſen übrigens wiſſen, daß der Lieutenant nicht bloß ſein perſönliches Verdienſt in's Haus mitbringt. Außer ſeinem halben Solde, der jährlich zweiundvierzig Pfund beträgt, hat dieſer unverdroſſene Oekonom achthundert Pfund auf die Seite geſchafft, die bei der Bank angelegt ſind. Dieſe Summe iſt theils daraus erwachſen, daß ſein Gehalt fortlief, ſo lange er unter den India⸗ nern war, theils aus dem Gratial, das man ihm aus Rückſicht auf den großen Abſtand zwiſchen dem ganzen und halben Solde, worauf er jetzt geſetzt iſt, ausgeworfen hat, theils aber auch aus dem Gewinn von einem kleinen Handel, den er während ſeiner Sachemſchaft unter den Miamis mit Pelzwerk trieb. Liddy's jungfräuliche Furcht und Aengßtlichkeit hat ſich durch die Geſellſchaft einer gewiſſen Miß Willis, die in der Penſion ihre vertrauteſte Freundin war, um ein Gutes gebeſſert. Man hatte ihre Eltern angelegentlich gebeten, ihr bei einer ſo außerordent⸗ lichen Gelegenheit dieſen freundſchaftlichen Beſuch zu erlauben, und vor zwei Tagen langte ſie mit ihrer Mutter, die ſie nicht ohne gehörige Aufficht reiſen laſſen wollte, hier an. Die junge Dame iſt ſehr lebhaft, hübſch und angenehm, und ihre Mutter eine recht gutartige Frau, ſo daß ihre Anweſenheit ein neuer Duell von Vergnügen ür uns iſt. Wir werden indeß noch ein 173 drittes Paar in die Kette des Eheſtandes ſchmieden, Meiſter Klin⸗ ker Loyd hat durch meinen Neffen ſein de⸗ und wehmüthiges Ge⸗ ſuch anbringen laſſen, wasmaßen zwiſchen ihm und der Jungfer Winifred Jenkins eine gegenſeitige tugendhafte Liebe und eine auf⸗ richtige Gemüthsneigung obwalte, daher er um eine Einwilligung bitte, ſich mit beſagter Jungfer ehelich zu verbinden. Ich hätte nun freilich gewünſcht, daß der gute Klinker ſeinen Kopf noch nicht in dieſe Schlinge ſteckte, allein da die Glückſeligkeit der Nymphe auf dem Spiele ſteht, und ſie aus Schwermuth bereits einige An⸗ fälle gehabt hat, ſo habe ich ihm, um einer tragiſchen Cataſtrophe vorzubeugen, die Erlaubniß gegeben, wie die Andern auch den Narren zu machen. Ohne Zweifel werden wir in Brambletonhall ein ganzes Neſt voll von ihnen bekommen. Der Burſche iſt kräf⸗ tig, gedrungen, voll von guten Säften, ſehr mäßig und gewiſſen⸗ haft, und die Dirne ſcheint mir in der Liebe eben ſo enthuſiaſtiſch zu ſeyn, wie in der Religivn. Ich wünſchte, Sie ſorgten ihm für ein anderes Unterkommen, damit das Kirchſpiel nicht gar zu ſehr überladen wird. Sie wiſ⸗ ſen, daß er bei einem Hufſchmied in der Lehre war, und ſomit bereits zur mediziniſchen Fakultät gehört; überdieß iſt er ſo geleh⸗ rig, daß er unter Ihrer guten Anleitung in kurzer Zeit im Stande ſeyn könnte, auch unſere Bauern in Wales zu kuriren. Tabby, die noch nie einem Menſchen ohne lange Umſtände eine Gefällig⸗ keit erwieſen, hat nach manchfachen Einwendungen endlich ihre Einwilligung gegeben. Vielleicht fühlt ſich ihre Eitelkeit beleidigt, weil ſie Klinker jetzt als einen Verwandten betrachtet, allein ich glaube beinahe, ihr Widerwille entſpringt einer eigennützigen Quelle. Sie verſichert, es wäre ihr unmöglich, die Frau des Matthias Loyd als Aufwärterin in ihrem Dienſte zu behalten, auch ſieht ſie voraus, daß das Mädchen bei dieſer Gelegenheit ein Geſchenk für geleiſtete Dienſte erwarten wird. Was Klinker be⸗ trifft, ſo iſt er, abgeſehen von allen andern Rückſichten, ſo tren, 174 ſo brav, ſo anhänglich, ſo geſchickt, und überdieß habe ich ſo viele perſönliche Verbindlichkeiten gegen ihn, daß er weit mehr verdient, als alle Gefälligkeiten, die ihm möglicher Weiſe erzei⸗ gen kann Ihr Den 24. October. M. Bramble. An Sir Watkin Philipps, Baronet, im Jeſuitenköllegium zu Orford. Liebſter Wat! Die verhängnißvollen Knoten ſind nun geknüpft. Die Co⸗ mödie neigt ſich ihrem Ende zu und der Vorhang wird demnächſt fallen. Ich will Ihnen nur noch die letzten Scenen dieſes Auf⸗ zugs in beſter Ordnung erzählen. Vor etwa vierzehn Tagen machte mein Oheim einen kleinen Abſtecher in's Land hinein, und brachte einen vertrauten Freund, Namens Baynard, mit, der ſo eben ſeine Frau verloren hatte und ſich eine Zeitlang ganz troſtlos geberdete, obſchon er weit mehr Urſache hätte, dieſen Todesfall als ein Glück zu betrachten. In⸗ zwiſchen heitert ſich ſein Geſicht beinahe zuſehends wieder auf und er ſcheint ein Mann von ſeltenen Vorzügen zu ſeyn. Unſere Ge⸗ ſellſchaft hat aber noch eine andere und angenehmere Verſtärkung erhalten in der Perſon der Miß Willis von Glouceſter. Sie war Liddy's Buſenfreundin in der Penſion, und nachdem man ſie drin— gend gebeten hat, ihr an ihrem Hochzeitstage zur Seite zu ſtehen, ſo war ihre Mutter ſo gefällig, meiner Schweſter ihren ſehnlichen Wunſch zu gewähren, und ihre Tochter ſelbſt hieher zu bringen. Liddy, Georg Denniſon und ich gingen ihr halbwegs entgegen, und brachten ſie am folgenden Tage glücklich hierher. Miß Willis iſt ein reizendes Mädchen, und in Beziehung auf ihre Gemüthsart ein angenehmer Contraſt gegen meine Schweſter, die für mich beinahe zu ernſthaft und zu weich iſt. Die Andere 175 iſt luſtig, offen und frei, ein bischen ſchwindelköpfig und allzeit vergnügt. Sie beſitzt überdieß ein hübſches Vermögen, ſtammt von guter Familie und iſt ausgezeichnet ſchön. Ach, Philipps, wenn dieſe Eigenſchaften nicht vergänglich wären, wenn dieſe gute Laune unveränderlich wäre, wenn ihre Schönheiten nicht mit der Zeit verfielen, wie viel Mühe wollte ich mir nicht geben!— Allein das ſind eitle Betrachtungen. Mein Schickſal wird mich am Ende doch ereilen. Gegenwärtig bringen wir unſere Zeit ſo angenehm als nur möglich zu. Wir haben verſchiedene Poſſenſpiele auswendig ge⸗ lernt, die uns unbeſchreiblich viel Vergnügen machen, weil ſich die Landleute, die wir zu unſern Vorſtellungen einladen, höchſt ſpaßhaft dabei gebärden. Vor zwei Nächten erwarb ſich Jacob Wilſon im Harlekin als Skelet Beifall, und Lismahago verdiente unſere Bewunderung als Pierot. Seine lange, hagere Figur und ſeine markirten Geſichtszüge paßten vortrefflich zu dieſer Rolle. Er trat mit einem drolligen, gaffenden Geſichte auf, worin keine Spur von einem Gedanken zu leſen war; die Eindrücke der Furcht und des Erſtaunens wußte er ſo natürlich nachzuahmen, daß meh⸗ rere Zuſchauer von ſeinen Blicken angeſteckt wurden; als aber das Skelet hinter ihm herjagte, da war ſein Grauſen ſo ergötzlich maleriſch und ſchien ihm eine ſo übernatürliche Schnelligkeit zu verleihen, daß das ganze Publikum nicht genug ſtaunen konnte. Es war eine lebendige Vorſtellung des Todes, der die Schwind⸗ ſucht erhaſchen will, und ſie machte einen ſolchen Eindruck auf die ganze Dorfſchaft, daß Einige laut zu ſchreien anfingen und An⸗ dere in der größten Beſtürzung aus dem Hauſe liefen. Dieß iſt indeß nicht die einzige Gelegenheit, bei welcher der Lieutenant uns neuerdings in Staunen geſetzt hat. Sein Gemüth, das durch allerlei Widerwärtigkeit und Verdruß ſauer geworden und ſo zu ſagen zuſammengeſchrumpft war, hat ſich wieder aus⸗ gedehnt und iſt ſüß geworden wie eine Roſine im Reispudding. 176 Aus dem zurückhaltenden, empfindlichen Rauſchebauſch iſt ein ge⸗ fälliger, umgänglicher Mann geworden. Er reißt ſeine Witze, lacht und ſchäkert mit der drolligſten Art von der Welt, und will bei allen unſeren Luſtbarkeiten und Zeitvertreiben auch die Hand im Spiel haben. Vor einigen Tagen langte ſein Gepäck mit dem Frachtwagen von London an, beſtehend aus zwei großen Koffern und einer langen Paſſagierkiſte, die große Aehnlichkeit mit einem Sarge hatte. Die Koffer waren mit ſeinen Kleideru angefüllt, die er zur Beluſtigung der Geſellſchaft auskramte und dabei ehrlich geſtand, es ſeyen größtentheils spolia opima, die er in Schlachten erbeutet habe. Zu ſeinem Hochzeitsſtaate wählte er ſich eine ſchon etwas getragene weiße Uniform mit gelbem Sammt ausgeſchlagen und mit Silber geſtickt; am meiſten aber that er ſich auf eine dreiknotige Perrücke zu gut, in welcher er vor mehr als dreißig Jahren zum erſten Mal als Advokat aufgetreten war. Dieſe Maſchine lag ſeitdem in aufgewickelten Locken da, und nun wur⸗ den ſämmtliche Bedienten im Haus in Bewegung geſetzt, um ſie zur Hochzeit zurecht zu machen, deren Feier geſtern ſtatt hatte. Georg Denniſon und ſeine Braut hatten nichts Außerordentliches in ihren Kleidern. Die Augen des Bräutigams leuchteten vor Verlangen und Freude, und fie zitterte in ſchaamhafter Verwir⸗ rung. Mein Oheim führte ſie an den Altar, und ihre Freundin Willis ſtand ihr als Brautjungfer zur Seite. Meine Tante mit ihrem Seladon aber ließ ſich den Vorrang nicht nehmen, und dieſe Beiden bildeten in der That ein ſolches Paar von Originalen, daß ich glaube, ganz England iſt nicht im Stande, ein zweites aufzuweiſen. Sie war nach der Mode von 1737 gekleidet, und da es ein kalter Tag war, ſo hatte ſie einen grünen Sammtmantel mit goldenen Spitzen beſetzt umge⸗ worfen; dieſer wurde ihr indeß von dem Bräutigam abgenommen⸗ der ihr dagegen einen langen, amerikaniſchen Zobelpelz umhing⸗ welcher ſeine achtzig Guineen werth war; ein eben ſo angenehmes als unerwartetes Geſchenk. So aufgeputzt, wurde ſie von Herrn Denniſon, welcher Vaterſtelle vertrat, an den Altar geführt. Lisma⸗ hago avan cirte in militäriſchem Schritt, in ſeiner erbeuteten fran⸗ zöſiſchen Uniform, die ihm auf eine ganze Spanne nicht bis ans Knie reichte, in ſeiner Gelehrten⸗Perücke, die jeder Beſchreibung ſpottet, und mit einem ſchmachtenden Ausdruck im Geſicht, worin etwas Schalkhaftes und Jroniſches zu liegen ſchien. Den Ring, den er ihr an den Finger ſteckte, hatte er bis zum Augenblick, da er gebraucht wurde, verborgen gehalten. Jetzt brachte er ihn mit ſichtbarer Selbſtzufriedenheit an's Tageslicht. Es war eine ſchöne Antike mit Roſetten eingefaßt. Er hat uns nachher erzählt, daß er ſchon zweihundert Jahre ſeiner Familie angehöre, und er ſelbſt habe ihn von ſeiner Großmutter zum Geſchenk erhalten. Dieſe Umſtände waren äußerſt ſchmeichelhaft für die Eitelkeit unſerer Tante Tabby, welche in der Freigebigkeit des Lieutenants bereits eine ungemeine Befriedigung erhalten hatte, denn er hatte am Morgen meinem Oheim einen feinen Bärenpelz und eine ſpa⸗ niſche Vogelflinte geſchenkt, mir ſelbſt aber ein paar Piſtolen, die hübſch gearbeitet und mit Silber ausgelegt ſind. Zugleich gab er der Jungfer Jenkins einen indianiſchen Geldbeutel von Seidengras geſtickt, mit zwanzig Kronenthalern darin. Sie müſſen nämlich wiſſen, daß dieſes Dämchen und Herr Loyd das dritte Paar aus⸗ machten, das geſtern dem Hymen ſeine Opfer gebracht hat. Ich ſchrieb Ihnen in meinem letzten Briefe, daß er mich um meine Ver⸗ mittlung bat, die bei meinem Oheim wirklich den gewünſchten Erfolg hatte. Tante Tabby aber ſperrte ſich ſo lange, bis die liebeſieche Jenkins hyſteriſche Anfälle bekam, dann gab ſie nach und die zwei girrenden Turteltauben wurden eingekäfigt. Auch die Tante ließ das Licht ihrer Großmuth hell ſtrahlen, und ſchenkte der Braut ihren geſammten Ueberfluß an Kleidern und Leinwand, meine Schweſter that das Gleiche und Herr Bramble und ich ver⸗ gaßen ſie ebenfalls nicht. Es war ein wahrer Tag der Sühnopfer. Smollet's Romane. XV. 12 —. — Herr Denniſon drang meiner Schweſter zwei Banknoten von je hundert Pfund auf, und ſeine Frau ſchenkte ihr einen diamantenen Halsſchmuck von doppeltem Werth. Ueberhaupt wurden unter den Perſonen der beiden Familien, die ſich ſo glücklich beiſammen fan⸗ den, freundſchaftliche Geſchenke zum Andenken gewechſelt. Da man Georg Denniſon und ſeine Braut für ein Paar hal⸗ ten mußte, bei dem ein Spaß übel angebracht geweſen wäre, ſo hatte Jacob Wilſon ſich vorgenommen, ſeinen Witz an Lismahago zu zeigen, und begann nach Tiſche, als die Damen aufgeſtanden waren, ihm tüchtig zuzutrinken. Allein der Capitain durchſchaute ſeinen Plan und bat um Gnade, denn er behauptete, das Aben⸗ teuer, auf welches er ſich eingelaſſen, ſey ſehr ernſter Natur, und jeder guter Chriſt ſollte ihm eher Kraft wünſchen, als Hinderniſſe in den Weg legen, es glücklich zu beſtehen. Er wurde alſo ge⸗ ſchont und bekam Erlaubniß, das Brautbett mit ſeinen vollen fünf Sinnen zu beſteigen. Er ſaß mit ſeiner Herzgeliebten im vollſten Prunke da, wie Saturn und Cybele, bis die ſegensvolle Hochzeits⸗ kaltſchaale getrunken wurde, und nachdem man über dem Haupte der Frau Tabitha Lismahago einen Kuchen zerbrochen, wurden die Stücke unter die Anweſenden vertheilt, nach dem Gebrauch der alten Briten, welche glauben, jeder Perſon, die von dieſem ge⸗ weihten Kuchen eſſe, erſcheine in der nächſten Nacht ihr künftiger Bräutigam oder ihre künftige Braut. Das ganze Gewicht von Wilſons neckiſcher Bosheit fiel jetzt auf den ehrlichen Humphry und ſeine Angetraute, die mit der gewöhn⸗ lichen Eeremonie des Strumpfwerfens in eine Kammer oben im Hauſe gebettet wurden. Nachdem dieß geſchehen und die Geſell⸗ ſchaft fortgegangen war, entſtand auf einmal ein Katzengeheul, und Wilſon fand Gelegenheit, eine wirkliche Katze in die Kammer zu ſchaffen. Er hatte ihr Wallnußſchalen unter die Füße gepicht, die auf dem bretternen Boden ein ſo furchtbares Getöſe mach⸗ ten, daß unſere Liebenden in nicht geringen Schrecken verſetzt wur⸗ 179 den. Winifred erhob ein lautes Geſchrei und fuhr mit dem Kopf unter die Decke. Herr Loyd meinte, der böſe Feind ſey in leib⸗ haftiger Geſtalt erſchienen, um ihn mit Fäuſten zu ſchlagen; er vergaß alle fleiſchlichen Gedanken und fing an mit großer Inbrunſt laut zu beten. Endlich aber ſprang das arme Thier, das die größte Angſt ſelbſt hatte, auf's Bett und miaute ganz jämmerlich. Als nun Loyd das wahre Weſen ſeines Freudeſtörers ſah, ſtand er auf und öffnete die Thüre, worauf der unangenehme Gaſt in größter Eile ſeinen Abſchied nahm. Als er ſich ſofort durch einen doppelten Riegel vor einem zweiten Ueberfall geſchützt hatte, wurde er an ſeinem Thun und Laſſen nicht weiter gehindert. Wenn man aus den Blicken der guten Leutchen einen Schluß ziehen darf, ſo ſind alle ſehr wohl mit ihrem Schickſal zufrieden. Georg Denniſon und ſeine Frau ſind zu delikat, um ihr gegenſeitiges Ver⸗ gnügen zu ſtark merken zu laſſen, allein ihre Augen ſagen genug. Tabitha Lismahago dagegen gibt ihre Freude über die Liebe ihres ſüßen Mannes bis zum Eckel erkennen, und ſein Betragen iſt ein wahrer Spiegel von Galanterie. Er ſeufzt, äugelt und wirft dem liebens⸗ würdigen Weſen ſchmachtende Blicke zu; er küßt ihr die Hand, flüſtert ihr entzückte Worte in's Ohr und ſingt verliebte Lieder. Ohne alle Zweifel aber lacht er in's Fäuſichen über ihre Narrheit, ihn für aufrichtig zu halten. Um zu zeigen, daß die Anſtrengun⸗ gen der letzten Nacht ihn nicht entkräftet, tanzte er heute früh eine hochländiſche Sarabande über ein bloßes Schwerdt und ſprang ſo hoch, daß er meiner Anſicht nach ſein Brod als Luftſpringer ver⸗ dienen könnte. Fragt man Herrn Matthias Loyd, wie er mit ſeinem Kaufe zufrieden ſey, ſo hebt er die Augen in die Höhe und ſpricht:„Der Herr laſſe uns mit Dank genießen. Amen.“ Seine Chehälfte kichert und hält die Hand vor die Augen, als ob ſie ſich ſchämte, daß ſie mit einem Mann in einem Bette geſchlafen. Da ſehen Sie, wie den guten Hänflingen ihr neuer Käfigt behagt, doch vielleicht werden Sie bald ein anderes Liedchen ſingen, wenn 180 ſie einm al einſehen gelernt haben, wohin ſie verlockt worden ſind. Da ſich Ma dame Willis nicht bereden laſſen will, länger zu blei⸗ ben, und Liddy durch ihr Verſprechen verbunden iſt, ihre Tochter nach Glouceſter zurück zu begleiten, ſo ſtelle ich mir eine allgemeine Auswanderung als nahe bevorſtehend vor, und die Meiſten von uns werden die Weihnachten in Bath zubringen. Geſchieht dieß wirklich, ſo werde ich ohne Zweifel eine Gelegenheit finden, Sie zu überfallen. Ich denke, Sie werden bis dahin der ahma mater herzlich überdrüſſig ſeyn und ſich fertig gemacht haben, den Reiſe⸗ plan auszuführen, der voriges Jahr verabredet worden iſt zwiſchen Ihnen und Ihrem getreuen H. Melford. Den 8. November. An Vortor Ludwig. Liebſter Doctor! Meine Nichte Liddy iſt nunmehr auf Lebenszeit glücklich ge⸗ macht, und der Lieutenant Lismahago hat mir meine Schweſter Tabby vom Halſe genommenz ich habe alſo weiter nichts mehr zu thun, als meinen Freund Baynard zu tröſten und für meinen Sohn Loyd zu ſorgen, der ſich ebenfalls hübſch ordentlich mit der Jungfer Winifred Jenkins hat trauen laſſen. Sie ſind doch ein herrlicher Mann im Pläneſchmieden; Doctor Arbuthnoth muß gegen Sie Hunde führen. Ihr Gedanke wegen der Kirchſpiel⸗ ſchreiberſtelle verdient alle Ueberlegung. Ich zweifle nicht daran, daß Matthias Loyd alle Fähigkeiten zu dieſem Amte beſitzt; vor Allem aber müſſen Sie im Hauſe ein Plätzchen für ihn ausfindig machen. Seine makelloſe Ehrlichkeit und ſein unermüdlicher Fleiß werden mir bei der Aufſicht über meine Haus⸗ und Landwirth⸗ ſchaft ſehr zu Statten kommen; indeß ſoll er Barns keinen Abbruch thun, da ich keine Urſache habe, über ihn zu klagen. 181 Ich bin ſo eben mit Baynard von einem zweiten Ausflug nach ſeinem Landgut zurückgekommen, wo jetzt Alles zu ſeiner Zufrie⸗ denheit eingerichtet iſt. Es war ihm indeß nicht möglich, ſein Zimmer ohne Thränen und Wehklagen wiederzuſehen, und man kann ihn immer noch nicht allein laſſen. Deßwegen muß er auch bis auf den Frühling bei mir bleiben, und dann iſt er ge⸗ ſonnen, ſich mitten in die Geſchäfte der Landwirthſchaft hineinzu⸗ ſtürzen, die ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch nehmen und ihm einen angenehmen Zeitvertreib gewähren werden. Karl Den⸗ niſon hat verſprochen, auf ein paar Wochen zu ihm zu kommen, und ihm bei ſeinen neuen Einrichtungen mit Rath und That an die Hand zu gehen. Auch Jacob Wilſon will fleißig nach ihm ſehen, und überdieß beſitzt er in ſeiner Nachbarſchaft einige Freunde, die ſein neuer Lebensplan nicht von ſeinem Umgang ausſchließen wird. Ehe ein Jahr vergeht, ſoll er ſich, denke ich, an Leib und Seele wieder ſehr wohl befinden, denn ſeine Gemüthskrankheit hat auch ſehr nachtheilig auf ſeinen körperlichen Zuſtand gewirkt, und dann wird mir das unendliche Vergnügen zu Theil werden, mei⸗ nen Freund vor Elend und Schande bewahrt zu haben. Da Madame Willis auf ihrem Entſchluſſe beharrt, in einigen Tagen mit ihrer Tochter nach Glouceſter zurückzugehen, ſo hat auch unſer Plan dadurch einige Aenderungen erlitten. Jerome hat ſeinen Schwager überredet, ſeine Frau nach Bath zu bringen, und ich glaube, ſeine Eltern werden ihn dahin begleiten. Ich meines Theils bin nicht geſonnen, dieſen Weg zu nehmen. Es müßte etwas ganz Außerordentliches ſeyn, was mich zu einem neuen Beſuch in Bath oder London veranlaſſen könnte. Meine Schweſter und ihr Mann, Bahnard und ich wollen ihnen in Glouceſter Lebewohl ſagen, und den geradeſten Weg nach Bramble⸗ tonhall nehmen, wo Sie die Güte haben werden, für uns einen guten Rehbraten und einen Truthahn bereit zu halten, damit wir auf das Feſt auch etwas zu eſſen haben. Auch Ihre mediziniſche 182 Wiſſenſchaft müſſen Sie aufbieten, um mich vor den Anfällen des Podagras zu ſchützen, damit ich brav auf den Beinen ſeyn und die übrige Geſellſchaſt empfangen kann, welche verſprochen hat, uns auf dem Rückweg von Bath zu beſuchen. Da ich einen be⸗ deutenden Vorrath von Geſundheit eingeſammelt habe, ſo ſteht zu hoffen, daß Sie als Arzt nicht viel mit mir zu ſchaffen haben wer⸗ den, um ſo mehr aber werde ich Sie zu meinen Spaziergängen und Jagden in Anſpruch nehmen. Ich habe eine vortreffliche Vogelflinte von Lismahago bekommen, der ein gieriger Jäger iſt, und wir wollen trotz Sturm und Wind die Haide beſtreichen. Um die⸗ ſen Plan gehörig auszuführen, bin ich geſonnen, allen ſitzenden Beſchäftigungen zu entſagen, beſonders aber nie mehr lange Briefe zu ſchreiben. Sie denken vielleicht, ich hätte ſchon früher ſo ge⸗ ſcheidt ſeyn können, dann wäre Ihnen wenigſtens die Mühe erſpart geweſen, die langweiligen Epiſteln zu leſen Ihres M. Bramble. Den 20. November. An Frau Gwillim, Haushälterin zu Vrambletonhall. Liebe Frau Gwyllin! Der Himmel hat es aus weiſen Abſichten gefügt, daß ich meinen Namen und meinen Jungfernſtand habe verändern müſſen und jetzt bin ich eigentlich nicht mehr als die Hausfrau meines Herrn Bruders anzuſehen, da ich aber meinem Herrn Bruder das Hausweſen nicht eher in die Hände geben kann, als bis ich mit ihr und Williams in richtiger Rechnung ſtehe, ſo ſey ſie ſo gut und halte ſie ihre Rechnungen fertig, damit ich ſie einſehen kann, denn wir können jetzt alle Tage nach Hauſe kommen. Mein Herr Gemahl, der Herr Kapitain, ſind ein wenig zu Rumatismen ge⸗ neigt, deßwegen ſey ſie ſo gut und laß ſie das blaue Zimmer, 183 zwei Stegen hoch, hübſch heizen und für ihn zubereiten. Laß ſie die Fenſterrahmen dicht machen, die Riſſe zugleben, die Deppiche hinlegen und die Betten tüchtig ausklopfen. Meine ehemalige Jenkins heißt jetzt Frau Loyd und da ſie einen Mann geheirathet hat, der mit der Familie verwandt iſt, ſo kann ſie nicht länger bei mir im Dienſte bleiben. Deßhalb wäre es mir lieb, wenn ſie ſich um eine brave Perſon umthäte, die an ihrem Platze zu mir ziehen könnte. Wenn ſie ſpinnen kann und weiß nähen, ſo iſt es mir nur um ſo lieber. Aber ſie darf keinen ſo greulichen Lohn erwarten, denn ich habe jetzt meine eigene Familie und muß viel ökonomiſcher ſeyn als vorher. Mündlich Mehreres und verbleibe ihre geneigte Freundin Tabitha Lismahagv. Den 20. November. An Jungfer Maria Jones in Brambletonhall. Jungfer Jones! Der Fürſehung hat es gefallen, daß ſie eine großmächtige Veränderung in unſeren Stand gemacht hat. Wir ſind geſtern mit Gottes Gnade unſer drei Paar in den heiligen Stand der Oehe getreten und ich heiße jetzt ihre gehorſame Dienerin Loyd. Das ganze Kirchſpiel mußte geſtehen, daß der junge Squeir Del⸗ liſon und ſeine Braut ein ſo ſchönes Paar ſind, als man nur ſehen kann. Die Madame Lismahago, das weiß ſie ja, hat immer ſo was Abbartes. Ihr Kopf der war ganz abſcheulich ausſtaffiert und ihr Bräutigam hatte ihr einen langen Mantel umgehängt von marokiſchem Pelzwerk, den er von den wilden Menſchenfreſſern geholt hat, und ſie ſagen, er ſoll erſchrecklich viel koſten. Der Capitain hatte einen dicken Wulſt von Haaren auf dem Kopfe, woran drei kleine Schwänze hingen und ein kurzes Röckchen mit 184 Silber geſtickt. Der eine ſagte, er ſehe aus wie ein Affenführer, der alte Tafeldecker aber ſchwor, wo dieſer Kerl hinkomme, da fliegen alle Vögel vom Hauſe. Ich aber will nichts geſagt haben, weil der Herr Capitain mir etwas ganz Schönes geſchenkt hat. Mein Bräutigam, der Herr Loyd, hatte einen ſchönen braunen Rock an mit goldenen Lützen bordirt und obſchon er nicht ſo reich iſt, als die vornehmen Edelleute und Grafen, ſo iſt er doch von ſo guter Familie als der beſte Squeir in England, und hat auch etwas in die Milch zu brocken. Ihre ergebenſte Dienerin hatte einen ſeladongrünen geſprengelten Rock an und einen Romelockhut und großes Tupe und ſchöne Locken. Die Leute ſagten, ich ſey das rechte Muſter von der Lady Tikmanſtone, nur nicht ſo blaß; das glaube ich wohl, denn die Lady iſt ihre guten ſieben Jahre älter als ich; jetzt Jungfer Marie kommen unſere Leute nächſtens auseinander. Der Herr Milfart geht mit Dalliſons in's Bad und wir andern reiſen wieder nach Wales zurück, daß wir das heilige Chriſtfeſt in Brambletonhall feiern können. Wir werden die Zim⸗ mer mit den gelben Tabeten im dritten Stocke bewohnen, deßwegen ſey ſie ſo gut und laß ſie meine Sachen hinaufbringen. Der Frau Gwillin ſag ſie meinen ſchönen Gruß und hoffe, daß wir in Zu⸗ kunft auf einem höflichen Fuß mit einander leben. Da ich mit Hülfe des lieben Gottes höher zu Ehren gekommen bin, ſo wird ſie mir's nicht übel nehmen, wenn ich mich mit dem gemeinen Geſinde im Hauſe nicht mehr abgeben. Sie aber, Jungfer Jones, das weiß ich, wird immer höflich ſeyn und ſich in ihren Schran⸗ ken halten und ſo kann ſie ſich drauf verlaſſen, daß ich. ihr allzeit gewogen ſein werde und verbleibe ihre geneigte Freundin W. Loyd. Den 20. November. — 7 7 Farbkarte 113 S6 6 F—.