Tobias Smollet'* nmorifiſche Nomane. Pierzehnter Band. Enthält: Humphry Klinkers Fahrten. Stuttgart. Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1841. Humphry Rlinkers Fahrten. Roman von Tobias Smollet. Aus dem Engliſchen 1 5 ſ von G. Fink. 3 weiter Band. Stuttgart. pit ſche Verlagshandlung. 1841. An Dortor Ludwig. Wein lieber Ludwig! Ihre Fabel vom Affen und Spanferkel iſt, wie es die Italiener nennen, ben trovata; doch werde ich ſie meinem Apotheker nicht erzählen, weil er ein ſtolzer, ſehr kitzlicher Schottländer iſt und, wer weiß? vielleicht gar ein Doctors⸗Diplom in der Taſche hat. Ein ächter Schotte hat immer zwei Sehnen an ſeinem Bogen und iſt ſtets in utrumque Paratus. Gewiß iſt, daß ich das Ausfegen nicht verhindern konnte; allein ich glaube, daß ich durch dieſes Laxir einem größern Uebel entgangen bin, vielleicht gar einem langweiligen Anfall von Podagra oder Gicht, denn ich verlor be⸗ reits den Appetit, und es rumpelte zuweilen dermaßen in meinen Eingeweiden, daß es mir gar nicht zu Muthe war, wie dem Pfaffen am Oſtertag. Noch jetzt bin ich dieſer widerwärtigen Mahner nicht ganz los; ſie rufen mir beſtändig zu, ich ſolle mich von dieſem Mittelpunkt aller Anſtrengungen wegmachen. Was für Verſuchungen kann auch ein Mann von meiner Ge⸗ müths⸗ und Leibesbeſchaffenheit haben, ſich länger an einem Orte zu verweilen, wo jeder Winkel mit neuen Gegenſtänden des Ab⸗ ſcheus und Eckels ſchwanger geht? Was für Sinne und Geſchmack müſſen die Leute haben, welche die erkünſtelten Genüſſe der Stadt den ächten, natürlichen Freuden einer ruhigen Wohnung auf dem 6 Lande vorziehen können? Ich weiß, die meiſten Menſchen laſſen ſich durch Eitelkeit, Ehrgeiz und kindiſche Neugierde verführen, die nur unter rührigem Gewimmel befriedigt werden können; allein indeß ſie dieſe kleinlichen Bedürfniſſe befriedigen, ſtumpfen ſich ihre Sinnenorgane ab, ſo daß ſie in der Regel an nichts mehr Ge⸗ ſchmack finden, was ächt und in ſeiner wahren Natur vortreff⸗ lich iſt. Soll ich Ihnen einmal meine Leiden in der Stadt und meine Freuden auf dem Lande vorrechnen? In Brambletonhall habe ich vor Allem die Ellenbogen frei in meinem Hauſe und athme eine eigene, elaſtiſche, geſunde Luft. Ich genieße einen leichten, er⸗ friſchenden Schlaf, der durch kein ſcheußliches Gelärme geſtört und durch Nichts unterbrochen wird, als durch das liebliche Morgen⸗ gezwitſcher der Schwalben vor meinem Fenſter. Ich trinke von der jungfräulichen Quelle, die ſo rein und kriſtallhell iſt, wie ſie aus dem Felſen hervorſtürzt, oder laſſe ich mir das goldfarbene Getränke munden, das von meinem eigenen Malze in mei⸗ nem eigenen Hauſe gebraut iſt; dann und wann koſte ich auch ein Glas Apfelmoſt, den mir mein eigener Obſtgarten liefert, oder ein Glas Claret von der beſten Sorte, den ich zu meinem eigenen Gebrauche von einem Correſpondenten ver⸗ ſchreibe, auf deſſen Ehrlichkeit ich mich verlaſſen kann. Mein Brod iſt ſchmackhaft und kräftig, von meinem eigenen Weizen, der in meiner eigenen Mühle gemahlen wird, in meinem eigenen Ofen gebacken. Mein Tiſch wird größtentheils mit Speiſen beſetzt, die mir in die Hand wachſen. Meine fünfjährigen Hämmel, die ſich von den duftigen Kräutern der Berge nähren, ſind ſo ſaftig und kräftig, wie das beſte Wildpret. Mein delikates Kalbfleiſch⸗ das nach nichts als der Muttermilch ſchmecken kann, füllt die Schüſſel mit Saſt, wenn es angeſchnitten wird. Mein Geflügel wird unmittelbar von der Scheune weggefangen, und niemals eingeſperrt, als wenn es Abends aufgeſeſſen iſt. Meine Kaninchen 7 kommen friſch aus dem Gehäge; meine Schnepfen und Rebhühner laſſe ich ſchießen, wenn ich gerade Appetit dazu habe; meine Forellen und Salmen ſehe ich zappelnd aus dem Fluſſe tragen; die Auſtern laſſe ich von dem Ufer holen, wo ſie gewachſen ſind; Häringe und andere Seefiſche kann ich eſſen, nachdem ſie vier Stunden zuvor gefangen worden ſind. Meinen Salat, Wurzeln und Gemüſe gibt mir mein eigener Garten vortrefflich und in Fülle. Der Boden iſt von Natur ſo gut, daß ſeine Nutzung nur mäßige Arbeit erfordert. Eben dieſer Boden ſichert auch all die verſchiedenen Früchte, welche England ſein eigen nennen kann, ſo daß ich meinen Nachtiſch tagtäglich friſch von den Bäumen herab beziehe; in meiner Meierei fließen nektariſche Ströme von Milch und Rahm, woraus vortreffliche Butter, Käſe und Lak gemacht werden; vom Abfall mäſte ich meine jungen Schweine, die zu Speck und Schinken beſtimmt ſind. Ich gehe zeitig zu Bette und ſtehe mit der Sonne wieder auf. Meine Stunden gehen mir ohne Langweile oder Verdrießlichkeiten irgend einer Art vorüber, auch fehlt es mir nicht an Zeitvertreib zu Hauſe, wenn das Wetter kei⸗ nen Ausgang erlaubt. Dann leſe ich oder plaudere, ſpiele Billard, Karten oder Bret. Außer dem Hauſe überwache ich meine Land⸗ wirthſchaft und führe allerhand Verbeſſerungsentwürfe aus, deren Gelingen mir jederzeit unausſprechliches Vergnügen macht. Nicht weniger Freude gewährt es mir, wenn ich ſehe, daß meine Leute und Pächter ſich gut durchſchlagen, und der Arme durch die Beſchäftigung, die ich ihm gebe, einen erquicklichen Unterhalt ge⸗ winnt. Sie wiſſem, ich habe ein paar vernünftige Freunde da, denen ich mein ganzes Herz erſchließen kann, ein Glück, das ich auf den gedrängvollen Schauplätzen des Lebens vielleicht vergebens geſucht hätte; dann ſind noch Einige da, vie ſich zwar minder glän⸗ zender Geiſtesgaben erfreuen, aber wegen ihrer Rechtſchaffenheit meine ganze Hochachtung beſitzen; ihr Umgang iſt zwar nicht ſehr unterhaltend, aber auch durchaus nicht unangenehm. Endlich lebe 8 ich mitten unter ehrlichen Leuten und zuverläßigen Hausgenoſſen, von denen ich mir ſchmeichle, daß ſie eine uneigennützige Liebe für meine Perſon hegen. Sie ſelbſt, mein lieber Doctor, können für die Wahrheit dieſer Behauptungen bürgen. Wie ganz anders iſt das Alles in London! Da bin ich in enge Zimmer eingezwängt, wo ich kaum Platz genug habe, einen Hund tanzen zu laſſen; ich athme den Oualm von endloſer Fäul⸗ niß, der ſicherlich eine Peſt herbeiführen würde, wäre er nicht noch von der groben Säure der Steinkohlen geſchwängert, die aber ebenfalls für einigermaßen zarte Lungen im höchſten Grade ſchäd⸗ lich iſt. Aber ſelbſt dieſes ſo geprieſene Gegenmittel kann die Ein⸗ wohner Londons nicht vor dem ſchmachtenden, bleichen Ausſehen bewahren, das ſie von den vollblütigen, kräftigen Jünglingen un⸗ terſcheidet, die auf dem Lande leben. Hier gehe ich erſt nach Mit⸗ ternacht zu Bette, abgemattet und entkräftet von den Zerſtreuungen des Tags. Alle Stunden werde ich aus dem Schlafe aufgeſchreckt durch das ſcheußliche Gelärme der Rachtwächter, die in der ganzen Stadt ausſchreien, was die Glocke geſchlagen, und mit ihren Stangen an alle Hausthüren donnern: ein Corps von nichtsnutzi⸗ gen Schlingeln, die keine andere Beſtimmung zu haben ſcheinen, als die Leute in ihrer Ruhe zu ſtören; um fünf Uhr werde ich von dem noch abſcheulichern Tumult aus dem Bette gejagt, welchen die Bauernkarren und Gemüſehändlerinnen verführen, die unter meinen Fenſtern mit kreiſchenden Stimmen grüne Erbſen, Kohl⸗ raben und was weiß ich Alles ausrufen. Will ich Waſſer trinken, ſo muß ich mit dem eckelhaften Zeug aus einer offenen Waſſer⸗ leitung vorlieb nehmen, die auf jede mögliche Art verunreinigt werden kann, oder muß ich gar Flußwaſſer aus der Themſe ſchlucken, worin ſich aller Unrath von London und Weſtminſter anhäuft; menſchlicher Auswurf iſt bei weitem nicht das Schlimmſte in dieſer Maſſe, die aus allerlei Kehrigt, Mineralien und Giften, welche die Handwerker und Fabrikanten zu ihren Geſchäften brauchen, 9 zuſammengeſetzt iſt, bereichert mit den faulenden Leichnamen von Menſchen und Thieren, und vermiſcht mit dem Spühlig aus allen Waſchhäuſern, Göſſen und Siedereien in der ganzen Stadt. Dieß iſt das liebliche Getränke, das die Londoner als das herrlichſte von der Welt ausſchreien. Was das berauſchende Ge⸗ bräu betrifft, das man für Wein verkauft, ſo iſt dieß ein garſti⸗ ger, ungeſunder und unſchmackhafter MWiſchmaſch von Apſfelmoſt, Fruchtbranntwein und Schleenſaft. Bei einer gerichtlichen Klage, die ein Weinhändler gegen einen Karrenbauern erhob, der einem Faß Wein den Boden ausgeſtoßen hatte, ergab ſich aus dem Zeug⸗ niſſe des Küfers, daß in der ganzen Tonne, die über hundert Maß enthielt, nicht mehr als fünf Maß wirklicher Wein waren, und auch dieſer war ſchon von dem Kaufmann in Oporto getauft und verfälſcht. Das Brod, das ich in London zu eſſen bekomme, iſt ein unverdauliches Gemenge von Mergel, Alaun und Knochen⸗ mehl, unſchmackhaft wie Hobelſpäne und zerſtörend für die Geſund⸗ heit. Die guten Leutchen wiſſen wohl, daß es verfälſcht iſt, aber ſie ziehen es doch dem geſunden Brode vor, weil es weißer iſt als das von Weizenmehl. So opfern ſie Geſchmack, Geſundheit und das Leben ihrer zarten Kinder der höchſt einfältigen Befriedigung eines unverſtändigen Auges; der Müller ſowohl als der Bäcker muß ſie und ihre Familien vergiften, wenn er von ſeinem Hand⸗ werk leben will. Dieſelbe ſchauerliche Dummheit entwickeln ſie bei ihrem Rindvieh, das durch wiederholte Aderläße und andere derartige Spitzbubenkniffe ſo zugerichtet wird, daß kein Tröpfchen Saft mehr im Körper übrig bleibt, und das arme Thier an der Schwindſucht ſterben muß; dadurch geht dann alle Schmackhaftig⸗ keit, Nahrhaftigkeit und aller Saft ſo gründlich zum Teufel, daß man eben ſo gut ein Ragout von weißgegerbten Handſchuhen oder italieniſchen Strohhüten eſſen könnte. Wie ſie von ihrem Brod, Schlachtvieh, Geflügel, von ihren Cotelettes, Ragouts, Fricaſſeen und allen möglichen Brühen die natürliche Farbe verbannt haben, ſo ſetzen ſie auch ihren Kopf darauf, die Farbe ihrer Gemüſe zu verbeſſern, und ſollte es ſie das Leben koſten. Sie glauben mir vielleicht nicht einmal, daß die Leute hier wahnſinnig genug ſind, in die Töpfe, worin ſie dieſelben kochen, Kupfermünzen zu werfen, um ſie hübſch grün zu machen, und dennoch iſt es nur zu wahr. Freilich haben ſie dann außer dieſer ſchöneren Farbe gar nichts Gutes mehr. Sie werden auf künſtlichem Boden erzeugt und ſchmecken nach dem Miſtbeet, worauf ſie gewachſen ſind. Mein Blumenkohl, mein Kopfkraut und meine Spargeln auf dem Lande übertreffen diejenigen, die man im Conventgarden kaufen kann eben ſo ſehr an Schmackhaf⸗ tigkeit, als meine Haideſchaafe die Hämmel von St. Jamesmarkte; denn dieſe ſind eigentlich weder Lamm noch Schaaf, ſondern ein Mittelding zwiſchen beiden, das in den ſtinkenden Moräſten von Lincoln und Eſſex vollgepfropft wird, und bleich, rauh und ſchmie⸗ rig iſt. Das Schwein iſt ein abſcheuliches Thier, das hier mit Pferdefleiſch und Branntweintrebern gemäſtet wird. Das Geflügel iſt alles ſtinkend, und zwar in Folge eines Fiebers, das man den armen Geſchöpfen durch den Gebrauch zuzieht, ihnen die Gedärme zu vernähen, damit ſie durch dieſe grauſame Verhaltung deſto eher im Hühnerbauer fett werden ſollen. Von den Fiſchen brauche ich bei dieſem heißen Wetter nichts zu ſagen, als daß man ſie zu Lande dreißig bis vierzig Stunden weit herfährt, ein Umſtand, dem man keine weitere Erörterung beizufügen braucht, um einem Holländer bis zum Erbrechen übel zu machen, würde ſeine Naſe auch nicht in jedem Gange von dem lieblichen Dufte der friſchen Makrelen begrüßt, die zum Ver⸗ kauf herumgetragen werden. Es iſt zwar gegenwärtig nicht die Auſternzeit, doch mag die Bemerkung hier Platz finden, daß die ächten Colcheſter in Schlammkiſten aufbewahrt werden, über welche zuweilen die See wegfließt, und daß die grüne Farbe, welche die Feinſchmecker unſerer Reſidenzſtadt ſo hochſchätzen, von dem vitrio⸗ —— 11 liſchen Schaume entſteht, der ſich auf der Oberfläche dieſes faulen, ſtinkenden Pfüzenwaſſers ſetzt. Unſere Kaninchen werden in den Kellern der Hühnerhändler gemäſtet, wo ſie weder friſche Luft noch Bewegung haben, und alſo recht feſt von Fleiſch und lecker von Geſchmack werden müſſen; Wildpret aber kann man weder für Geld noch gute Worte bekommen. Indeß muß man geſtehen, daß im Conventgarden einige gute Früchte zu erhaſchen ſind, die aber beſtändig von ein paar reichen Nabobs zu ungeheuren Preiſen aufgekauft werden, ſo daß dem gewöhnlichen Mann beinahe nichts zu Theil wird, als was die Andern nicht gewollt haben, und zwar wird dieß von ſo ſchmieri⸗ gen Händen ausgetheilt, daß ich nicht ohne Eckel daran denken kann. Erſt geſtern ſah ich auf der Straße eine mit Dreck überzo⸗ gene Obſthändlerin ihre beſtaubten Früchte mit Speichel abwaſchen, und wer weiß, ob nicht eine ſchöne Hofdame dieſelben Kirſchen zu ihrem zarten Munde führt, die in den ſchmutzigen, vielleicht geſchwürbedeckten Fäuſten eines eckelhaften Höckerweibes herumge⸗ ballt und angefeuchtet worden ſind. Bei dem bleichen, ſandigen Zeuge, das ſie hier Erdbeeren nennen, mag ich mich gar nicht auf— halten; ſie werden mit den ſchmutzigſten Fäuſten aus einem kothigen Korbe in den andern geworfen, und dann in einer elenden Milch, die mit dem ſchlechteſten Mehl zu einer entfernten äußern Aehn⸗ lichkeit von Rahm aufgedickt iſt, zu Tiſche gebracht. Doch die Milch ſelbſt verdient wahrhaftig eine Analyſe. Sie iſt eine De⸗ ſtillativn von welken Kohlblättern und ſaurem Spülicht, verdünnt mit warmem Waſſer; ſie ſchäumt von zuſammengequetſchten Schnecken und wird in offenen Gelten durch die Straßen getragen, wo ſie allen Auswürfen von Spülwaſſer, das man aus den Thü⸗ ren und Fenſtern gießt, dem Speichel und Unrath der Fußgänger, dem Abfluß der Schlammkarren, dem Geſpritze der Kutſchenräder ausgeſetzt iſt; wo muthwillige Gaſſenbuben zur Kurzweil allerlei Schweinereien hineinwerfen, wo geifernde Kinder an dem zinnernen 12 Maße ſchlozen, das in dieſem ſaubern Zuſtand wieder in die Milch geworfen wird, um den Appetit des nächſten Kunden zu reizen, wo endlich noch das Ungeziefer aus den Lumpen der garſtigen Dirnen hineinfällt, die unter dem ehrenwerthen Titel Milchmädchen dieſe köſtliche Mirtur zum Verkauf herumtragen. Ich beſchließe dieſes Verzeichniß von Londoner Leckerbiſſen mit dem Tafelbier, das weder nach Malz noch nach Hopfen ſchmeckt, eben ſo dünn als eckelhaft iſt, und weit geeigneter, die Stelle eines Brechmittels zu vertreten, als den Durſt zu löſchen und die Verdauung zu befördern; mit dem talgigen, ranzigen Geſchmiere, das ſie Butter nennen, und aus Unſchlitt und Bratenfett fabri⸗ ziren; zuletzt mit ihren friſchen Eiern, die ihnen aus Frankreich und Schottland zugeführt werden. Allen dieſen Abſcheulichkeiten könnte durch ein klein wenig Achtſamkeit von Seiten der Polizei oder durch einige Stadtgeſetze abgeholfen werden; allein die mei⸗ ſten Patrioten von London haben ſich in den Kopf geſetzt, Polizei⸗ Verordnungen und Freiheit ſeyen Begriffe, die einander aus⸗ ſchließen, und Jeder müſſe ganz nach eigenem Belieben leben dür⸗ fen, ohne daß ihm Jemand etwas in den Weg zu legen habe. Da nun ihre Sinne viel zu ſehr abgeſtumpft ſind, als daß ſie ſich durch die ſo eben hergezählten Uebelſtände aus dem Coneept bringen ließen, ſo mögen ſie meinethalben immerhin in ihrem eigenen Kothe fortwaten, ſo lange ſie wollen. Ein geſellſchaftlicher Mann wird freilich, einem angenehmen Umgang zu Liebe, über manche Widerwärtigkeiten wegſehen. Ich hatte einen witzigen Freund, der zu ſagen pflegte, der Wein könne nicht ſchlecht ſeyn, wenn die Geſellſchaft gut ſey, eine Maxime, die jedenfalls cum grano salis verſtanden werden muß; allein was iſt denn die Geſellſchaft in London, daß ich ihretwegen ver⸗ ſucht werden könnte, meinen Sinn zu kreuzigen und mich mit Un⸗ flätigkeiten zu verſöhnen, die meine Seele verabſcheut? Alle Menſchen, die ich hier ſehe, ſind zu ſehr mit Planen des Ehrgeizes 13 oder Eigennutzes beſchäftigt, als daß ein Gefühl für Freundſchaft oder ſonſt etwas Höheres bei ihnen aufkommen könnte. Selbſt bei einigen von meinen alten Bekannten haben dieſe Entwürfe und Beſtrebungen alle Spuren unſerer vormaligen Verbindung verwiſcht. Das Geſpräch in Geſellſchaften iſt faſt nichts mehr als ein hämiſches Geſtichel und unduldſames Parteigezänke; der ge⸗ ſellige Umgang beſteht aus Höflichkeitsbeſuchen und Trinkgela⸗ gen. Finden Sie einmal zufällig ein unterhaltendes Original, ſo kann es gefährlich ſeyn, an ſeinen Eigenheiten Gefallen zu finden: in der Regel ſieht es bei ihm nicht ganz geheuer aus; er iſt entweder ein Betrüger, oder ein Spion, oder mondſüchtig. Jeder, mit dem Sie zu thun haben, ſucht Sie zu übervortheilen; dort machen müßige Bettler auf Sie Jagd, und ſchwatzen Ihnen unter der Form einer Anleihe Almoſen ab, denn ſie leben vom Raub der Fremden. Dort machen Ihnen gewiſſenloſe Handwerks⸗ leute das Leben ſauer; Freunde, die nichts von wahrer Zunei⸗ gung, und Hausgenoſſen, die nichts von Treue und Ehrlichkeit wiſſen. Mein Brief würde zu einer Abhandlung anwachſen, wenn ich Ihnen alle Urſachen des Verdruſſes auseinander ſetzen wollte, welcher das Maß meines Widerwillens gegen dieſe und jede an⸗ dere volkreiche Stadt erfüllt. Gott ſey Dank! ich bin noch nicht ſo weit in den Strudel hineingerathen, daß ich mich nicht ohne Aufbietung aller meiner Philoſophie wieder herausreißen könnte. Aus dieſem tobenden Getümmel von Schurkerei, Tollheit und Ausgelaſſenheit fliehe ich wieder mit doppelter Luſt zu der heitern Ruhe des Landlebens, den ſeelenvollen Ergießungen ungeheuchelter Freundſchaft, zu der Gafffreiheit und unter den Schutz der länd⸗ lichen Götter; mit Einem Wort, zu den jucunda oplivia vitae, welche gehörig zu genießen Horaz ſelbſt nicht Geſchmack genug beſaß. Ich habe eine gute vierſpännige Reiſekutſche auf drei Monate, 14 den Tag zu einer Guinee, gemiethet; in der nächſten Woche ge⸗ denken wir unſere Reiſe nach Schottland anzutreten, hoffen aber immer, gegen Ende Oktobers wieder bei Ihnen zu ſeyn. Ich werde Ihnen, wie bisher, von jedem Orte, wo wir uns einiger⸗ maßen aufhalten, ſchreiben, ſo oft mir etwas aufſtößt, das Sie vielleicht irgendwie intereſſiren kann. Mittlerweile muß ich Sie bitten, Freund Barns in Beziehung auf meine Heu—⸗ und Korn⸗ Ernte ein Bischen auf die Finger zu ſehen und meiner Verſiche⸗ rung zu glauben, daß mein Grund und Boden nichts hervor⸗ bringt, was Sie nicht ganz nach Belieben Ihr Eigenthum nennen dürften. Wäre dem nicht ſo, ſo würde ich mich ſchämen zu unter⸗ zeichnen als Ihr unveränderlicher Freund M. Bramble. London, den 8. Juli. An Sir Watkin Philipps, Varonet, im Jeſuitenkollegium zu Orford. Mein lieber Philipps! In meinem Letzten erzählte ich Ihnen, daß ich einen Abend in der Geſellſchaft von Schriftſtellern zugebracht habe, die einan⸗ der mit eiferſüchtiger Angſt zu betrachten ſchienen. Mein Oheim wunderte ſich nicht im Geringſten, als ich ihm ſagte, daß ich mir durchaus andere Begriffe von ihrer Unterhaltung gemacht habe. „Es kann Einer,“ ſagte er,„auf dem Papier ſehr unterhaltend und lehrreich ſeyn, und im gewöhnlichen Umgang der langwei⸗ ligſte Zipfel von der Welt. Auf der andern Seite habe ich die Bemerkung gemacht, daß diejenigen, die im Umgang am meiſten glänzen, im Sternbild des Genies gewöhnlich nur Sterne zweiter Größe find. Ein kleines Magazin von Ideen wird leichter in 15 Ordnung gehalten und ausgekramt, als ein großes, das vollge⸗ packt iſt. Sehr ſelten findet man in den Geſprächen und der äußeren Erſcheinung eines guten Schriftſtellers etwas Außerordent⸗ liches, während ein ſchlechter Autor ſich meiſtens durch irgend eine Eigenheit oder Lächerlichkeit auffallend macht. Aus dieſem Grunde glaube ich, es müßte nichts Unterhaltenderes geben, als eine Ge⸗ ſellſchaft Autoren aus dem vierten und fünften Stockwerk.“ Meine Neugierde wurde durch dieſen Wink gewaltig angeregt, und als ich meinen Freund Dyck Joy zu Rathe zog, unternahm er es, mir gleich am folgenden Tage, d. h. am letzten Samſtag, darüber Gewißheit zu verſchaffen. Er führte mich zum Mittag⸗ eſſen zu Herrn S., den wir Beide längſt aus ſeinen Schriften ken⸗ nen. Er wohnt an einem äußern Ende der Stadt und jeden Sonntag ſteht ſein Haus allen unglücklichen Brüdern vom Gänſe— kiel offen, die er dann mit Ochſenfleiſch, Pudding und Kartoffeln, mit Portwein, Punſch und dem beſten Biere aus Calverts Keller bewirthet. Er hat den erſten Tag der Woche zur Ausübung ſeiner Gaſtfreundlichkeit feſtgeſetzt, weil einige ſeiner Gäſte aus Gründen, die ich nicht näher zu entwickeln brauche, an andern Tagen keinen Gebrauch davon machen könnten. Ich wurde höflich empfangen in einer zwar einfachen, aber anſtändigen Wohnung, die hinten hinaus in einen Garten ging, welcher in vortrefflicher Ordnung gehalten war; und in der That erblickte ich keine äußern Zeichen der Autorſchaft weder im Hauſe noch an unſerm Wirth, einem der wenigen Schriftſteller, die auf eigenen Füßen ſtehen, und weder vom Winke eines eigenfinnigen Mäcen, noch von der Grille eines hochweiſen Buchhändlers abhängen. Wenn indeß der Gaſtgeber nichts Auffallendes an ſich hatte, ſo machten ſeine Gäſte dieſen Mangel mehr als zur Genüge wieder gut. Um zwei Uhr Nachmittags ſaßen wir zu zehn bei Tiſche, und ich glaube, das ganze Königreich könnte keine ſolche Sammlung von Originalen mehr aufbringen. Ihre Art, ſich zu kleiden, will 16 ich nicht unter ihre auffallenden Eigenheiten rechnen, da dieſe auch zufällig ſeyn konnte. Was mir hauptſächlich in die Augen ſtach⸗ waren Narrheiten, die ihren Urſprung in der Affectation gehabt hatten und ihnen jetzt durch Gewohnheit zur andern Natur gewor⸗ den waren. Einer von ihnen hatte beim Eſſen die Brille auf der Naſe, ein Anderer den Hut bis über die Augen hereingedrückt, obgleich der Erſtere, wie Jvy mir geſagt hat, dafür bekannt iſt, daß er ein wahres Falkenauge beſitzt, wenn ſich ein Gläubiger in der Nähe blicken läßt; und vom Andern weiß man, daß er nie⸗ mals eine Schwäche oder einen Schaden an ſeinen Augen gefühlt hat, außer vor etwa fünf Jahren, als ſie ihm ein Komödiant, mit dem er beim Trunk Händel bekam, blau malte. Ein Dritter trug Schnürſtiefel und ging an Krücken, weil er vor langen Jahren einmal das Bein gebrochen hatte; jetzt aber konnte nicht leicht Jemand mit größerer Behendigkeit über einen Stuhl wegſpringen, als er. Ein Vierter affektirte einen ſolchen Widerwillen gegen das Land, daß er darauf beſtand, mit dem Rücken gegen die Fenſter zu ſitzen, die nach dem Garten gingen, und als Blumenkohl auf den Tiſch kam, fuhr er ſchnell mit ſeinem Riechfläſchchen an die Naſe, um nicht ohnmächtig zu werden; und doch war dieſes zarte Herrchen der Sohn eines Taglöhners in einem Dorfe, war an einer Hecke geboren und manches Jahr auf dem Felde wild unter den Eſeln herumgelaufen. Ein Fünfter ſpielte den Zerſtreuten; wenn man ihn anredete, antwortete er immer verkehrt. Zuweilen fuhr er plötzlich in die Höhe und ſtieß einen ſchrecklichen Schwur aus, zu⸗ weilen fing er an, aus vollem Halſe zu lachen, dann faltete er auf einmal die Arme und ſeufzte, dann ziſchte er wieder wie fünf⸗ zig Schlangen. Anfangs hielt ich ihn wirklich für verrückt, und da er dicht neben mir ſaß, fing ich an, für meine Sicherheit einigermaßen zu bangen; allein unſer Gaſtgeber, der dieß bemerkte, verſicherte mich laut, ich habe durchaus nichts zu befürchten.„Der liebe Herr,“ 17 ſagte er,„quält ſich, eine Rolle zu ſpielen, wozu er nicht die mindeſte Befähigung beſitzt: wenn er auch noch ſo gerne möchte, ſo bleibt es ihm einmal ſchlechterdings unmöglich, ſich wahnſinnig zu ſtellen; ſeine Phantaſie iſt viel zu flach, um bis zur Raſerei ent⸗ zündet werden zu können.“—„Se— ſe— ſehr richtig bem— bemerkt,“ ſagte ein Mann in abgetragenem Rock mit verſchoſſenen Treſſen;„unter zwa— zwa— zwanzig meinen neunz— neun⸗ zehn, aff— affektirter Wahnſinn ep Wi Witz.“—„Und affektirtes Stottern,“ verſetzte unſer Gaſtgeber,„ein Beweis von köſtlichem Humor, obſchon, weiß Gott, nicht die entfernteſte Ver⸗ wandtſchaft zwiſchen beiden beſteht.“ Dieſer Spaßvogel hatte, wie es ſcheint, einige mißlungene Verſuche gemacht, als Redner zu glänzen, und dann ſeine Zuflucht zu dieſem Fehler genommen, vermittelſt deſſen er ohne den geringſten Aufwand von Genie die Geſellſchaft manchmal zum Lachen brachte; und nun war ihm die⸗ ſes urſprünglich affektirte Gebrechen ſo zur Gewohnheit geworden, daß er es nicht mehr ablegen konnte. Ein gewiſſes ſchielendes Genie, das beim Eſſen gelbe Hand⸗ ſchuhe trug, hatte ſich bei ſeiner erſten Bekanntſchaft mit S. der⸗ maßen geärgert, weil er ganz wie andere Leute ausſah und ſprach, aß und trank, daß er ſich nie ohne Verachtung über ihn äußerte, und ihn nie wieder beſuchen wollte, bis er endlich nachſtehenden Beweis für ſeine Sonderlingsnatur geliefert hatte. Ein Poet, Namens Wat Wyvil, hatte. mehrere unglückliche Verſuche gemacht, in den nähern Umgang mit S. aufgenommen zu werden, und gab ihm endlich durch einen Dritten zu verſtehen, er habe ein Lobgedicht und eine Satyre auf ihn geſchrieben; wenn er ihm Zutritt in ſei⸗ nem Hauſe geſtatten wolle, ſo ſolle das erſte alsbald in die Preſſe wandern; wenn er aber beharrlich ſeine Freundſchaft ausſchlage, ſo werde er unverzüglich die Sathre herausgeben. S. gab zur Antwort, er betrachte Wyvils Lobgedicht als ein Pasquill und werde es demgemäß mit der Hundspeitſche ahnden; wenn er aber Smollet's Romane. XIV. 2 18 die Satyre drucken laſſe, ſo verdiene er vielleicht ſein Mitleid und habe dann nichts von ſeiner Rache zu fürchten. Wyvil überlegte ſich die Alternative und beſchloß, zu Herrn S. Kränkung das Lob⸗ gedicht drucken zu laſſen, wofüt er dann wirklich eine tüchtige Tracht Prügel empfing. Er erhob alſo eine Injurienklage gegen ſeinen Beleidiger, und dieſer nahm ihn nun, um einem verdrieß⸗ lichen Prozeſſe auszuweichen, zu ſeinen Gunſten auf. Dieſes ſon⸗ derbare Venehmen gewann Herrn S. die Ausſöhnung des gelb⸗ behandſchuhten Philoſophen, der ihm nunmehr einiges Genie zu⸗ erkannte, und von der Zeit an freundſchaftlichen Umgang mit ihm pflog. Begierig zu erfahren, welchen Zweigen der Wiſſenſchaft meine Mitgäſte ihre verſchiedenen Talente zuwenden, hielt ich mich an meinen mittheilſamen Freund Dick Joy, der mir zu verſtehen gab, die meiſten von ihnen ſeyen entweder wirkliche oder wenigſtens ge⸗ weſene Buchmachergeſellen, oder Taglöhner bei angeſehenen Auto⸗ ren, für welche ſie überſetzt, verglichen und compilirt haben; alle zuſammen ſeyen zu verſchiedenen Zeiten bei unſerm Wirth in Lohn und Brod geſtanden, obſchon ſie jetzt in den verſchiedenen Zweigen der Literatur ihre eigenen Werkſtätten aufgeſchlagen haben. Nicht nur ihre Talente, ſondern auch ihre Dialekte waren ſo verſchieden, daß unſer Geſpräch nicht undeutlich an die babilo⸗ niſche Sprachverwirrung erinnerte. Wir hatten den iriſchen und ſchottiſchen Dialekt, nebſt einer Menge Fremdwörter, die mit dem mißtönendſten Geſchrei hervorgeſchnauft wurden; denn da alle zu⸗ gleich ſprachen, ſo hatte Niemand Ausſicht, gehört zu werden⸗ wenn er nicht noch lauter ſchrie, als die Andern. Das muß ich indeß geſtehen, daß ihre Geſpräche nichts weniger als pedantiſch waren; alle gelehrten Forſchungen wurden ſorgfältig vermieden, und man bemühte ſich nur, witzig zu ſeyn; auch gelang dieß wirk⸗ lich manchmal, es kamen mehrere drollige Einfälle zum Vorſchein⸗ die viel zu lachen gaben; wenn einer den Beleidigten ſpielen und 19 die Schranken des Anſtandes aus den Augen laſſen wollte, ſo wurde er nachdrücklich von dem Gaſtgeber zurechtgewieſen, der eine Art väterliche Gewalt über dieſe reizbaren Leutchen ausübte. Der gelehrteſte Philoſoph von der ganzen Verſammlung, der wegen Atheismus von der Univerſität ausgeſtoßen wurde, iſt be⸗ reits ziemlich weit mit ſeiner Widerlegung von Lord Bolingbroke's metaphyſiſchen Werken, und ſeine Schrift ſoll eben ſo geiſtreich als orthodor ſeyn; zu gleicher Zeit aber ſchwebt ein Prozeß wegen öffentlicher Friedensſtörung gegen ihn ob, weil er an einem Sonn⸗ tag in einem Bierhaus gottesläſterliche Reden geführt hat. Der Schotte ertheilt Unterricht über die Ausſprache des Engliſchen und gibt ſeine Lectionen jetzt auf Subſeription heraus. Der Irländer iſt ein politiſcher Schriftſteller und bekannt unter dem Namen Mylord Potatoe. Er hat eine Flugſchrift zur Vertheidigung eines Miniſters herausgegeben, in der Hoffnung, ſein Eifer werde ihm mit einer guten Stelle oder Penſion belohnt werden; als er aber ſah, daß man ihn ganz und gar vernach⸗ läßigte, ſo ſprengte er aus, die Schrift ſey von dem Miniſter ſelbſt, und ſchrieb eine Antwort auf ſein eigenes Machwerk. In dieſer redete er den Verfaſſer mit Mylord an, und zwar mit ſolcher Ernſthaftigkeit, daß das Publikum den Betrug hinunterſchluckte, und die ganze Auflage wegfaufte. Die weiſen Politiker der Haupt⸗ ſtadt erklärten, beide Werke ſeyen meiſterhaft geſchrieben, und freuten ſich über die läppiſchen Träumereien eines unwiſſenden Dach⸗ ſübchenſchmierers, als wären es die tiefſinnigſten Speculationen eines ergrauten, in alle Kabinetsgeheimniſſe eingeweihten Staats⸗ mannes. In der Folge ward dieſer Betrug entdeckt, und unſer irländiſcher Pamphletiſt hat von ſeiner angemaßten Wichtigkeit nichts mehr aufzuweiſen, als den Spottnamen Mylord und den oberſten Sitz am Tiſche in ſeiner Garküche im Schuſtergäßchen. Mir gegenüber ſaß ein Piemonteſe, der das Publikum mit einer launigen Satyre, betitelt: Waage der engliſchen 20 Dichter, beſchenkt hat: ein Werkchen, das für die große Beſchei⸗ denheit und den Geſchmack ſeines Verfaſſers, beſonders aber auch für ſeine genaue Bekanntſchaft mit den Schönheiten der engliſchen Sprache das günſtigſte Zeugniß ablegt. Der weiſe Mann, der an der dhopoßla oder Feldundgartenſcheu krank iſt, hat ſo eben eine Abhandlung über praktiſche Landwirthſchaft vollendet, obgleich er in ſeinem Leben niemals geſehen hat, wie das Korn wächst, und den Unterſchied unter den Feldfrüchten ſo wenig kennt, daß ihn unſer Wirth vor der ganzen Geſellſchaft zu der Erklärung trieb, ein Gerſtenpudding ſey der beſte Reispudding, den er jemals ge⸗ geſſen habe. Der Stotterer war mit ſeinen Reiſen durch Europa und einen Theil von Aſien beinahe zu Ende, ohne jemals über die Freiheiten der Kingsbench hinausgekommen zu ſeyn, ausgenommen zu Zeiten der Ouartalgerichte, wo ihn ein Gerichtsdiener begleitete. Was den kleinen Tim Cropdale, das witzigſte Mitglied der ganzen Geſell⸗ ſchaft, betrifft, ſo hatte er glücklich eine jungfräuliche Tragödie bis zur Kataſtrophe durchgeführt, und verſpricht ſich von ihrer Auf⸗ führung eine reiche Ernte an Geld und Ruhm. Tim hatte ſichs ein manches Jahr mit Romanſchreiben ſauer werden laſſen, und für jeden Band fünf Pfund bekommen; allein dieſen Zweig des literariſchen Erwerbs haben jetzt die weiblichen Schriftſteller an ſich geriſſen, die bloß im Intereſſe der Verbreitung tugendhafter Grundſätze ſchreiben, und zwar mit ſo viel Anmuth, Geiſt, Deli⸗ kateſſe und Kenntniß des menſchlichen Herzens, zugleich auch ſo ganz mit der heitern Ruhe des vornehmen Lebens, daß der Leſer nicht nur von ihrem Genie entzückt, ſondern auch durch ihre Moral gebeſſert und bekehrt wird. Nach Tiſch verfügten wir uns in den Garten, wo ich bemerkte, daß Herr S. in einer abgelegenen kleinen Allee von Nußbäumen Allen nacheinander beſonders Audienz gab, worauf ſie ſich ohne weitere Ceremonien wegſchlichen; indeß wurden ſie bald von friſchen 21 Rekruten aus derſelben Race wieder erſetzt, die kamen, um einen Nachmittagsbeſuch abzuſtatten; unter dieſen ein ſtattlich gekleideter Buchhändler, Namens Birkin, der ſeinen eigenen Wallachen ritt und in hübſchen neuen Stiefeln mit dicken, ſilbernen Sporen er⸗ ſchien. Es hatte ſeinen eigenen Grund, daß ſich dieſe Hebamme der Muſen die Bewegung zu Pferd machte, denn er war zu fett zum Gehen, und mußte von Tim Cropdale mehrere Hiebe über ſeine unbehülfliche Dicke und ſeine Unbrauchbarkeit zum Fußgänger aushalten. Birkin, den es in die Naſe ſtach, daß ein armer Autor ſo ausgelaſſen ſeyn ſollte, über einen tauſend Mal reichern Mann Witze zu reißen, ſagte ihm, er ſey nicht ſo unbehülflich, um ſich nicht vom Gericht zu Marshalſea einen Befehl auswirken und ihn ſelbſt damit einholen zu können, wofern er nicht nächſter Tage zu ihm komme, und die Druckkoſten von ſeiner letzten Ode auf den König von Preußen bezahle, wovon er nur drei Exemplare abgeſetzt habe, und zwar eines davon an den Methodiſten White⸗ field. Tim ſtellte ſich, als ob er dieſe Pille ohne Widerwillen verſchluckte, und gab zur Antwort, er erwarte tagtäglich aus Potsdam ein Dankgedicht von Seiner preußiſchen Majeſtät, welche recht wohl wiſſe, daß man Poeten mit ihrer eigenen Münze be⸗ zahlen müſſe; indeß wette er mit ihm um eine Bowle Punſch⸗ Abends bei Afhlevy zu trinken, wer von ihnen beiden zuerſt um den Garten herum laufe, und zwar wolle er in Stiefeln laufen, und Birkin nur in Strümpfen. Der Buchhändler, der ſich auf ſeine Behendigkeit etwas zu Gut that, ließ ſich überreden, die Wette anzunehmen, und übergab Cropdale alsbald ſeine Stiefel, worin dieſer große Aehnlichkeit mit Eapitain Piſtol in Heinrich dem Vierten hatte. Nachdem Alles in Ordnung gebracht war, jagten ſie mit großer Heftigkeit dahin, und bei der zweiten Runde hatte Birkin fichtbarlich einen Vorſprung,„mit ſeinem Fette die magere Erde beträufelnd, als er dahinſchnaubte.“ Cropdale bezeigte keine Luſt, 22 ihm den Sieg länger ſtreitig zu machen, ſondern ſchlüpfte durch die Hinterthüre des Gartens, die nach einer Wieſe und von da auf die Heerſtraße führte. Die Zuſchauer fingen an zu hallohen: „Er iſt entſprungen!“ und Birkin ſetzte ihm eiligſt nach; kaum war er aber zwanzig Schritte auf der Wieſe gelaufen, ſo trat er ſich einen Dorn in den Fuß und hinkte ächzend vor Schmerz und fluchend vor Aerger nach dem Garten zurück. Nachdem ihn nun der Schottländer, der ſeine Lehrjahre als Chirurg beſtanden hatte, von dem Dorn befreit, blickte er wild um ſich und rief:„Wahr⸗ haftig, der Kerl wird doch kein ſolcher Spitzbube ſeyn, daß er mit meinen Stieſeln geradezu davon läuft!“ Als unſer Wirth die zurückgelaſſenen Schuhe beſichtigt hatte, die indeß dieſen Namen kaum verdienten, ſagte er:„Nicht wahr, Her Birkin, Ihre Stie⸗ fel waren von Kalbsleder?“—„Kalbsleder oder Kuhleder,“ er⸗ wiederte dieſer,„ich werde ihm ſchon ein Stückchen Schaafleder ausfindig machen, das ihm Drangſal genug bereiten ſoll. Ich habe zwanzig Pfund an ſeinem Poſſenſpiele verloren, das ich auf Ihr Zureden in meinen Verlag nahm. Seine verdammte Ode, hat mich um fünf weitere Pfund gebracht, und nun noch dieſes paar Stiefel dazu, die mich dreißig Schillinge koſten und noch nagelneu ſind. Allein dieſe Stiefelgeſchichte iſt der helle Betrug, und Zuchthaus- oder Landesverweiſungsarbeit. Ich will ihn in Old⸗Bailey verklagen; ja Herr S., ich will... Ich will mich rächen, und ſollte ich in Folge des Prozeſſes mein ganzes Gut— haben an ihn verlieren.“ Herr S. ſagte für den Augenblick kein Wort, ſondern ließ ihm ein paar andere Schuhe bringen; ſodann befahl er dem Be⸗ dienten, ſeine Kleider auszubürſten, und ihm ein Glas Rumpunſch zur Stärkung zu bringen, das denn auch die Flammenglut ſeines Zorns einigermaßen abzukühlen ſchien.„Am Ende,“ ſagte jetzt unſer Wirth,„iſt die Sache weiter nichts als ein luſtiger Schwank, ob ſie gleich einen viel ernſteren Namen verdient, wenn man die 23 Abſicht in Betracht zieht. Ohne Zweifel hat Cropdale bei keinem Schuhmacher mehr Kredit, und nun iſt er auf dieſes ſinnreiche MWittel verfallen, zu neuen Schuhen zu kommen, in der Ueberzeu⸗ gung, Herr Birkin, den man als Freund heiterer Scherze kennt, werde über die Schnurre lachen, ſobald ſein erſter Zorn verraucht ſey. Cropdale lebt im buchſtäblichen Sinn des Wortes von ſeinem Witz und hat ihn ſchon an allen ſeinen Freunden hinter einander geübt. Von mir borgte er einmal meinen Klepper, um auf fünf oder ſechs Tage nach Salisbury zu reiſen, und äuf dem Rückwege verkaufte er ihn in Smithfield. Dieß war ein Spaß ſo ernſthafter Natur, daß ich in der erſten Aufwallung meines Zorns daran dachte, ihn wegen Pferdediebſtahls zu belangen, und als meine Hitze einigermaßen verbraust war, gelobte ich ihm, weil er mir abſichtlich überall aus dem Wege ging, bei der nächſten Gelegen⸗ heit wenigſtens von ſeinem Rücken Genugthuung zu nehmen. Eines Tages, als ich ihn von ferne in einer Gaſſe auf mich zukommen ſah, begann ich, mein ſpaniſches Rohr in Bereitſchaft zu ſetzen, und lief im Schatten eines Laſtträgers, damit er mich nicht früh genug entdecken möchte, um Reißaus nehmen zu können; aber ſiehe da, in dem Augenblick, als ich das Werkzeug der Züchtigung in der Luft ſchwingen wollte, war mein Tim Cropdale in einen armen blinden Mann verwandelt, der ſeinen Weg mit einem langen Stock von Haus zu Haus ſuchte, und ſtatt der Augen ein paar lichtloſe Kugeln im Kopf herumdrehte. Es fiel mir ſehr auf's Herz, daß ich im Begriff geweſen war, meine Rache ſo unvorſich— tiger Weiſe an einem unſchuldigen Mann zu üben; aber am andern Tage überredet Tim einen meiner Freunde, zu mir zu gehen und ihm Verzeihung auszuwirken, zugleich aber ſollte er mir einen in ſechs Wochen fälligen Wechſel an Zahlungsſtatt für meinen Klep⸗ per anbieten. Dieſer Herr gab mir zu verſtehen, der blinde Mann ſey Niemand anders geweſen, als Cropdale, der, als er die Un⸗ möglichkeit, mir auszuweichen, geſehen, und meine Abſicht gemerkt, 24 ſich ſogleich in die vorbeſagte Geſtalt verwandelt habe. Dieſe ſinnreiche Liſt gefiel mir ſo gut, daß ich meine Verzeihung zu⸗ ſicherte; den Wechſel aber ſchlug ich wohlweislich aus, um immer eine Kapitalklage gegen ihn und damit eine Bürgſchaft für ſein künftiges Wohlverhalten in Händen zu haben. Allein mein ſchlauer Timotheus wollte ſich mir unter keinen Umſtänden anvertrauen, bis der Wechſel angenommen wäre. Dann erſt erſchien er vor meiner Thüre als blinder Bettler, und wußte meinen Bedienten, der ein alter Bekannter und Saufbruder von ihm war, ſo ſchön hinters Licht zu führen, daß ihm der Kerl die Thüre vor der Naſe zuſchlug, und ſogar mit einer Tracht Prügel drohte. Als ich das Gezänke auf dem Gang hörte, ging ich hinaus, und da mir ſogleich die Figur von der Gaſſe wieder einfiel, redete ich ihn mit ſeinem eigenen Namen an, ſo daß mein Bedienter vor Ver⸗ wunderung Maul und Naſe weit aufſperrte.“ Birkin erklärte, er laſſe ſich einen Scherz ſo gerne gefallen als ein Anderer, fragte aber zugleich, ob ihm Niemand von der Geſellſchaft Cropdale's Wohnung ſagen könne, weil er ihm Vor⸗ ſchläge zur Auslieferung ſeiner Stiefel machen wolle, ehe ſie in ganz fremde Hände gerathen.„Ich will ihm,“ ſagte er,„gern ein paar neue Schuhe geben und eine halbe Guinee dazu, wenn ich nur meine Stiefel wieder bekomme, die mir ſo gut paſſen, wie Handſchuhe; ich bekomme meiner Lebtage keine beſſeren mehr.“ Das ſtotternde Genie erklärte, das einzige Geheimniß, das Cropdale immer bei ſich verwahrt habe, ſey der Ort ſeiner Wohnung, er glaube übrigens, daß er während der Sonnenhitze ſein Nachtlager auf einem Schuſterladen nehme, oder zähme er ſich auch wohl eine herumziehende Nymphe al fresco unter dem Portal der Martins⸗ kirche.„Der Teufel ſoll ihn holen!“ rief der Buchhändler;„ich wollte, er hätte meine Peitſche und Sporen auch mitgenommen, ſo könnte er doch in Verſuchung gerathen, wieder einmal ein Pferd zu ſtehlen, das ihn bei ſchöner Gelegenheit an den Galgen trüge.“ 25 Nach dem Kaffee verabſchiedete ich mich von Herrn S. unter ſchuldigen Dankſagungen für alles Genoſſene. Ich war mit dem ganzen Tage ſehr wohl zufrieden, nur blieb mir immer unklar, wie ein in der literariſchen Welt angeſehener Mann auf dieſe Art mit einem Rudel Tintenkleckſer in Verbindung treten mochte, die aller Wahrſcheinlichkeit nach niemals im Stande ſeyn werden, ſich durch eigene Arbeiten die mindeſte Bedeutung zu erwerben. Ich fragte hierüber meinen Begleiter Dick Jvy, der mir folgende Antwort gab:„Man ſollte wohl denken,“ ſagte er,„S. habe ſeine eigenen Abſichten dabei, wenn er dieſen Leuten, von denen er weiß, daß ſie eben ſo ſchlechte Menſchen als ſchlechte Schriftſteller ſind, ſeine Hülfe und ſeinen Schutz angedeihen läßt; allein wenn er irgend eine Abſicht für ſich ſelbſt dabei hat, ſo wird er ſich ſehr betrogen finden; denn ſollte er ſo eitel ſeyn, zu glauben, er könne ſie zur Ausführung ſeiner auf Nutzen oder Ehrgeiz berechneten Entwürfe benützen, ſo ſind ſie hinwiederum ſchlau genug, ihn während die⸗ ſer Zeit gehörig auszubeuten. Unter der ganzen Geſellſchaft, die Sie heute geſehen haben, iſt mit Ausnahme von mir kein einziger, der nicht allerlei Verbindlichkeiten gegen ihn hätte. Den Einen hat er aus den Klauen der Gerichtsdiener erlöst und hernach ſeine Schulden bezahlt; einen Andern hat er in ſein Haus aufgenommen und von Kopf zu Fuß gekleidet, als er in Folge einer Parlaments⸗ Akte zum Beſten zahlungsunfähiger Schuldner halbnackt aus dem Gefängniß entlaſſen wurde; einen Dritten, der nichts mehr als eine wollene Nachtmütze beſaß, in einem Dachſtübchen hinten hinaus im Mezgergäßchen wohnen und von Schaafsfüßen leben mußte, nahm er in ſeinen Sold, gab ihm freies Quartier und ſetzte ihn in den Stand, als anſtändiger Menſch aufzutreten, ohne die Furcht vor den Häſchern beſtändig im Auge haben zu müſſen. Iſt einer in Verlegenheit, ſo hilft er ihm mit Geld aus, wenn er ſelbſt welches hat, oder mit ſeinem Kredit, wenn er nicht bei Kaſſe iſt. Fehlt es ihnen an Arbeit, ſo gibt er ihnen entweder 26 in ſeinen eigenen Dienſten etwas zu thun, oder empfiehlt er ſie Buchhändlern zur Ausführung des einen oder andern Entwurfs, den er in ihrem Intereſſe ausgeſonnen hat. An ſeinem Tiſche, der zwar einfach, aber doch hinlänglich beſetzt iſt, ſind ſie immer willkommen und er erweist ihnen alle möglichen Gefälligkeiten; dafür aber bedienen ſie ſich mit der muthwilligſten Vertraulichkeit ſeines Namens; ja ſie tragen kein Bedenken, ſich das Verdienſt von einigen ſeiner Schriften anzumaßen, auch weiß man, daß ſie ſchon hie und da die Ausgeburten ihres eigenen Gehirns für Ar⸗ beiten aus ſeiner Feder verkauft haben. Der Schotte, den Sie bei Tiſch ſahen, gab ſich einmal in einem Bierhaus in Weſtſmith⸗ field für Herrn S. aus, und ein Kuhmelker ſchlug ihm ein paar Löcher in den Kopf, weil er unehrerbietig von der chriſtlichen Re⸗ ligion ſprach; nun belangte er ihn unter ſeinem eigenen Namen, und der Beklagte war froh, als er gegen Erlegung von zehn Pfund Schmerzengeld die Klage zurücknahm.“ Ich bemerkte, all dieſe ſcheinbare Freigebigkeit des Herrn S. laſſe ſich leicht erklären, wenn man annehme, daß ſie ihm unter vier Augen ſchmeicheln, und öffentlich ſeine Gegner bekämpfen; und doch müſſe ich mich wundern, wenn ich daran denke, daß ich die⸗ ſen Schriftſteller ſchon oft in Zeitungen, Gedichten und fliegenden Blättern auf's Giftigſte angegriffen gefunden habe, während keine einzige Feder zu ſeiner Vertheidigung eingetaucht worden ſey⸗ „Sie werden ſich,“ antwortete er,„noch mehr wundern, daß dieſe giftigen Angriffe größtentheils von eben dieſen Schriftſtellern her⸗ rühren, die Sie heute an ſeinem Tiſche geſehen haben, und daß er die Liebesdienſte, die ſie ihm erweiſen, recht gut kennt, denn es lauert immer Einer dem Andern auf und verräth ihn.“— „Aber,“ rief ich,„das heißt ja dem Teufel die Feuergabel umſonſt nachtragen. Was können ſie für Gründe haben, ih⸗ ren Wohlthäter zu begeifern, wenn er ihnen gar nichts in den Weg legt?“—„Neid,“ antwortete Dyck,„Neid iſt die Quelle 27 dieſes Uebels. Im Uebrigen wird ihre Galle auch durch ſeine kritiſche Geißel aufgerührt. S. redigirt ein literariſches Journal, in dem ihre Produkte nothwendig vor den Richterſtuhl kommen müſſen, und obgleich manche von ihnen mit wirklich unverdienter Glimpflichkeit und Gunſt behandelt worden ſind, ſo hat doch die leiſeſte Erinnerung, die ſchlechterdings nicht zu vermeiden war, wenn der Recenſent ſeine Anſprüche auf Einſicht und Unparteilich⸗ keit einigermaßen behaupten wollte, die Herzen dieſer Autoren mit ſolchem Groll angefüllt, daß ſie ſogleich in anonymen Briefen, Satyren und Schmähſchriften Rache genommen haben. Dieß geht ſo weit, daß mit Ausnahme einiger weniger Freunde, welche wiſſen, daß ſie von ſeinem kritiſchen Meſſer nichts zu beſorgen haben, alle übrigen noch lebenden Schriftſteller, gute, ſchlechte und mittelmäßige, ſeine Feinde geworden ſind, und Sie müſſen einen geſcheidteren Mann als ich bin fragen, welchen Vortheil oder welches Vergnügen er davon hat, ein ſolches Horniſſenneſt gegen ſich aufgehetzt zu haben.“ Ich geſtand, dieß erfordere allerdings einiges Nachdenken, drückte aber dennoch den Wunſch aus, die wahren Gründe zu er⸗ fahren, warum er ſein freundſchaftliches Verhältniß mit ſolchen Buben fortſetze, die eben ſo undankbar als unbedeutend ſeyen. Dyck erwiederte mir, er könne ſelbſt keinen vernünftigen Grund dafür anführen: die Wayrheit zu ſagen, ſey Hr. S. im Leben der allerunverbeſſerlichſte Thor, den man finden könne; denn ob er gleich Wunder was von ſeiner feinen Menſchenkenntniß glaube, ſo gehe er doch höchſt abgeſchmackt mit ſeinen Gunſtbezeugungen um und verſchwende ſie gewöhnlich an die unwürdigſten unter denen, die ihn darum anſuchen. Dieſe unbillige Bevorzugung Einzelner ſey indeß nicht ſowohl ſeinem Mangel an Einſicht als an Entſchloſſenheit zuzuſchreiben, denn er beſitze nicht Kraft genug, die Aufdringlichkeit des elendeſten Kerls abzuweiſen, und da er den Werth des Geldes gar nicht kenne, ſo ſey es weiter kein 28 großes Verdienſt, daß er es ſo leicht wegſchenke; im Uebrigen kitzle es ſeine Eitelkeit, ſich fortwährend von einer ſolchen Schaar literariſcher Handlanger umſchmeichelt zu ſehen, auch mache es ihm ohne Zweifel Vergnügen, wenn ſie einander beſtändig in den Haaren liegen, und endlich erfahre er durch ihre Angebereien Alles, was im Quartier der Buchmacher vorgehe, auch ſey er halb und halb entſchloſſen, zur Beluſtigung des Publikums einige Geſchichtchen darüber herauszugeben. Bei dieſer Erklärung konnte ich mich des Verdachts nicht er⸗ wehren, Dick ſelbſt müſſe auch Einiges gegen Herrn S. auf dem Herzen haben, weil er ſein Benehmen der allerſchlechteſten Deu⸗ tung unterwarf, deren es überhaupt fähig war, und vermittelſt einiger Querfragen kam ich zu der Entdeckung, daß er mit der Recenſion ſeines letzten Werkes im Review nicht ganz zufrieden war, obgleich es in Folge der Fürbitte des Verfaſſers bei dem Kunſtrichter eine höchſt glimpfliche Behandlung erfahren hatte. So viel bleibt jedenfalls gewiß, daß Herr S. auch ſeine Schwächen und Launen hat, im hebrigen iſt er, man mag fagen was man will, ein gebildeter Mann, der ſich auf heitere Scherze verſteht; auch finde ich nicht im Geringſten, daß er herrſchſüchtig, grauſam oder unverſöhnlich wäre. Ich habe mich nun ſo lange mit Schriftſtellern aufgehalten, daß Sie vielleicht auf den Argwohn gerathen, ich gedenke mich ſelbſt in die geehrte Brüderſchaft aufnehmen zu laſſen; allein wenn ich auch wirklich einige Befähignng zu dieſem Berufe in mir ver⸗ ſpürte, ſo iſt es doch jedenfalls nur ein verzweifeltes Hülfsmittel gegen das Hungerſterben, und für Alter oder Krankheiten iſt nicht im Mindeſten geſorgt. Salomon, ein Mann von achtzig Jahren, ſitzt gegenwärtig in einem Dachſtübchen und trägt für einen modernen Geſchichtſchreiber, der ſein Enkel ſeyn könnte, Materialien zuſam⸗ men, den Bogen für eine Guinee, und Pſalmonazar, der ſich mit aller Einfachheit und Enthaltſamkeit eines Morgenländers ein halbes 29 Jahrhundert lang in der literariſchen Mühle abgequält hat, lebt jetzt von der Mildthätigkeit einiger weniger Buchhändler, ſo daß er ſich nothdürftig durchſchlägt, ohne der Gemeinde zur Laſt zu fallen. Ich dächte, Guy, der ſelbſt Buchhändler war, hätte we⸗ nigſtens einen Flügel ſeines Spitals für herabgekommene Schrift⸗ ſteller beſtimmen ſollen; aber freilich gibt es im ganzen Königreich kein Spital, Collegium oder Arbeitshaus, das groß genug wäre, alle Armen von dieſer Gilde in ſich zu faſſen, indem ſie aus dem Auswurfe aller übrigen Profeſſionen beſteht. Ich weiß nicht, ob Sie einiges Ergötzen finden werden an dieſem Berichte über eine närriſche Race von Sterblichen, deren ganzes Seyn und Weſen indeß, ich kann es nicht läugnen, höch⸗ lichſt intereſſirt hat Ihren ergebenſten H. Melford. London, den 10. Juni. An Mliß Lätitin Willis in Gloureſter. Meine liebſte Letty! Ich habe Etwas auf dem Herzen, das ich mir nicht getrauen würde mit der Poſt zu ſchreiben; da aber Frau Brentwood wie⸗ der nach Hauſe reist, ſo ergreife ich dieſe Gelegenheit, mein armes, unter Furcht und Kummer erliegendes Herz gegen Sie auszuſchütten. O Letty! was für ein erbarmungswürdiger Zuſtand iſt es, keine Freundin zu haben, der man ſeinen Kummer klagen, bei der man ſich Raths erholen kann! Ich habe Ihnen in meinem letzten Briefe angedeutet, daß ein gewiſſer Herr Barton eine ganz auf⸗ fallende Höflichkeit gegen mich gezeigt habe. Ich kann jetzt ſeine wahre Meinung nicht länger verkennen, er hat ſich in aller Form als meinen Verehrer erklärt, und als er nach tauſend Liebes⸗ 30 beweiſen merkte, daß ich ſeiner Leidenſchaft Kälte entgegenſetze, ſo hat er Lady Griskin um ihre Vermittelung angegangen, und dieſe hat ſich ſeiner Sache als warmer Advokat angenommen. Aber, meine theuerſte Willis, die gute Frau überſchreitet offenbar ihre Befugniß. Sie nimmt nicht nur über das große Vérmögen, die gewichtigen Verbindungen und den unbeſcholtenen Charakter des Herrn Barton den Mund zu voll, ſondern gibt ſich auch die Mühe, mich förmlich ins Gebet zu nehmen, und vor zwei Tagen erklärte ſie mir rund heraus, ein Mädchen von meinen Jahren könne un⸗ möglich ſo vielen Rückſichten widerſtehen, wenn ihr Herz nicht zum Voraus vergeben ſey. Dieſer Vorwurf trieb mir eine ſolche Röthe ins Geſict, daß ſie nothwendig meine Verwirrung bemerken mußte, und pochend auf dieſe Entdeckung beſtand ſie darauf, ich ſolle ihr die Neigung meines Herzens offenbaren. Allein ob ich gleich nicht Selbſtbeherr⸗ ſchung genug hatte, um meine Bewegung zu verhehlen, ſo bin ich doch kein ſolches Kind mehr, um Geheimniſſe der Art einer Per⸗ ſon mitzutheilen, die ſie ganz gewiß zu meinem Nachtheil anwen⸗ den würde. Ich ſagte ihr, es ſey kein Wunder, wenn ich aus der Faſſung komme, da ſie ein Geſpräch auf die Bahn gebracht, das ſich für meine Jahre und meine wenige Erfahrung durchaus nicht zieme; ich wolle gern glauben, daß Herr Barton ein ſehr ehrenwerther Mann ſey, auch ſey ich ihm für ſeine gute Meinung von mir ſehr verbunden, allein die Neigungen des Herzens ſeyen etwas Unwillkürliches und das meinige habe bis jetzt noch nichts für ihn empfunden. Sie ſchüttelte den Kopf mit einer ſo miß⸗ trauiſchen Miene, daß ich davor zitterte; dann bemerkte ſie, wenn mein Herz noch frei wäre, ſo würde es ſich dem Ausſpruch der Klugheit unterwerfen, zumal, wenn derſelbe von denjenigen be⸗ ſtätigt werde, welche das Recht haben, über mein Betragen zu wachen. In dieſer Bemerkung iſt offenbar die Abſicht ausgeſprochen, meinen Oheim oder meine Tante, vielleicht auch meinen Bruder 31 für Herrn Bartons Intereſſe zu gewinnen, und ich fürchte ſehr, meine Tante iſt bereits gewonnen. Geſtern Vormittag ging er mit uns im Park ſpazieren, und auf dem Heimweg führte er uns in einen Galanterieladen, wo er ihr eine ſehr hübſche Schnupf⸗ tabacksdoſe und mir ein goldenes Etui ſchenkte, was ich aber be⸗ harrlich ausſchlug, bis ſie mir bei Strafe ihres Mißfallens befahl, es anzunehmen. Da es ſich indeſſen mit meinen Begriffen von Schicklichkeit durchaus nicht vereinigen wollte, ein ſolches Geſchenk anzunehmen, ſo äußerte ich mein Bedenken darüber meinem Bru⸗ der, und dieſer ſagte, er wolle den Oheim darum fragen, denn offenbar iſt er der Anſicht, Herr Barton ſey mit ſeinen Geſchenken etwas voreilig geweſen. Der Himmel weiß, was das Reſultat dieſer Berathſchlagung ſeyn mag; ich fürchte nur, ſie wird eine Erklärung mit Herrn Barton herbeiführen, der ohne Zweifel ſeine Abſicht geſtehen und ihre Einwilligung zu einer Verbindung nachſuchen wird, die meine Seele verabſcheut. Denn, meine theuerſte Letty, es ſteht nicht in meiner Macht, Herrn Barton zu lieben, ſelbſt wenn mein Herz von jeder andern Neigung unberührt wäre. Nicht als ob ich etwas Unangenehmes an ſeiner Perſon bemerkt hätte, allein es fehlt ihm ganz und gar an jenem unnennbaren Zauber, der das entzückte Gemüth feſſelt und beherrſcht; mir wenigſtens kommt es durchaus ſo vor. Wenn er aber auch alle einnehmenden Eigen— ſchaften hätte, die ein Mann beſitzen kann, ſo würde er doch durch⸗ aus nichts gegen die Beſtändigkeit vermögen, die, wie ich mir ſchmeichle, ein charakteriſtiſcher Theil meiner Natur iſt. Nein, meine geliebte Willis, mag mir auch, woran ich nicht zweifle, die Zu⸗ dringlichkeit dieſes Herrn und ein Gewaltſpruch von Seiten meiner neue Stürme zuziehen, mein Herz iſt keines Tauſches Sie wiſſen, daß ich nicht an Träume glaube, und dennoch hat mich einer, den ich in der letzten Nacht hatte, ſehr beun⸗ 32 ruhigt. Es war wir, als ſey ich in einer Kirche, wo eine gewiſſe Perſon, die Sie wohl kennen, im Begriff ſtand, mit meiner Tante getraut zu werden; Herr Barton war der Prieſter, und ich armes Mädchen ſtand halbnackt, ohne Schuhe und Strümpfe, in einem Winkel und weinte. Ich weiß zwar wohl, daß es höchſt kindiſch iſt, ſolche eitle Trugbilder zu Herzen zu nehmen; aber dennoch hat dieſer Traum, meiner ganzen Vernunft zum Trotz, einen ſolchen Eindruck auf mein Gemüth gemacht, daß ich anfange, ſehr traurig zu werden. Freilich habe ich noch eine andere weſentliche urſache zur Betrübniß, denn, meine geliebte Freundin, ich habe einige religiöſe Skrupel, die mir ſchwer auf dem Gewiſſen liegen. Ich bin auf vielfaches Zureden in eine Methodiſten⸗Verſammlung gegangen, wo ich eine Rede hörte, die mich in der innerſten Seele ergriff. Ich habe recht herzlich um Erleuchtung gebetet, allein ich verſpüre immer noch nichts von jenen innerlichen Bewegungen, jenen Gnadenwirkungen, welche die Merkmale eines wiedergebor⸗ nen Geiſtes ſind, und deßwegen fange ich an, eine erſchreckliche Angſt über den Zuſtand meiner armen Seele zu empfinden. Einige Perſonen aus meiner Familie ſind vorzüglicher Gnaden gewürdigt worden, namentlich meine Tante und ihre Kammerjungfer Wini⸗ fred Jenkins; beide reden manchmal, wie wenn ſie wirkliche Ein⸗ gebungen hätten. Und ſo wird es mir wohl weder an Ermah⸗ nungen noch an Beiſpielen fehlen, um meine Gedanken zu reinigen und von den Eitelkeiten dieſer Welt abzuziehen, die ich auch gerne fahren laſſen wollte, wenn es in meiner Macht ſtände; allein um dieſes Opfer zu bringen, muß ich zuvor durch den Beiſtand von Oben dazu geſchickt gemacht werden, und dieſer iſt vor der Hand noch nicht verliehen Ihrer unglücklichen Freundin Lydia Melford. London, 10. Juni. 33 An Hir Watkin Philippo, Baronet, im Jeſuitenkollegium zu Orford. Mein liebſter Philipps! Kaum hatte ich Ihren Brief in Händen, ſo ging ich an die Beſorgung Ihres Auftrags. Mit Hülfe meines Wirths zum gol⸗ denen Ochſen machte ich den Aufenthaltsort Ihres entlaufenen Be⸗ dienten ausfindig und wuſch ihm gehörig den Kopf wegen ſeiner Untreue. Der Kerl gerieth in ſichtliche Verwirrung, als er mich erblickte, läugnete aber mit vieler Dreiſtigkeit Alles rund ab, bis ich ihm ſagte, wenn er die Uhr, welche ein Familienſtück ſey, heraus⸗ gäbe, ſo könne er das Geld und die Kleider behalten und damit zum Teufel gehen, ohne daß man ihm etwas in den Weg lege; wo⸗ fern er aber dieſen Vorſchlag nicht annehme, ſo werde ich ihn un⸗ verzüglich dem Conſtabler übergeben, den ich zu dieſem Ende mit⸗ gebracht, und dann werde er ohne Gnade vor Gericht geſtellt. Nach einigem Bedenken verlangte er im Nebenzimmer ein paar Worte mit mir allein zu ſprechen. Hier zog er nun die Uhr nebſt Zugehör heraus, und ich habe ſie unſerm Wirth eingehändigt, der ſie Ihnen mit der erſten ſichern Gelegenheit übermachen wird. So viel von Geſchäften. Ihre Behauptung, daß Sie meine Briefe mit Vergnügen leſen, könnte mich beinahe eitel machen, denn ich weiß nur zu gut, daß ſie nichts von Bedeutung und Intereſſe enthalten, und alſo muß Ihr Vergnügen nicht ſowohl aus dem Inhalt als aus der Darftellung entſpringen, die allerdings ganz mein eigen iſt. Indem ich nun durch den Beifall einer Perſon, deren feinen Ge⸗ ſchmack und vollendetes Urtheil ich nicht länger in Zweifel ziehen kann, dergeſtalt aufgemuntert werde, will ich getroſt zur Fort⸗ ſetzung unſerer Memviren ſchreiten. Da es beſchloſſen iſt, daß wir in der nächſten Woche nach Yorkſhire abreiſen, ſo ging ich Smollet's Romane. XIV. 3 34 heute früh mit meinem Oheim aus, um einen Wagen zu beſehen, den ein Sattler in der Nachbarſchaft zu verkaufen hat. Als wir ein ſchmales Gäßchen hinter Longaere hinabgingen, ſahen wir einen Haufen Volks vor einer Thüre ſtehen, die, wie es ſcheint, zu einer Methodiſtenverſammlung führte, und man ſagte uns, ein Livree⸗ Bedienter predige gegenwärtig der Verſammlung vor. Neugierig, dieſe Erſcheinung mit anzuſehen, drängten wir uns mit vieler Mühe hinein, und wer meinen Sie wohl, daß der Prediger ge⸗ weſen ſeo? Niemand anders als Humphry Klinker in leibhaftiger Geſtalt. Er war eben mit ſeinem Vortrag zu Ende und hatte einen Pſalm angegeben, deſſen erſte Strophe er mit ganz beſon⸗ derer Anmuth vorſang. Aber hatten wir uns verwundert, Klinker auf der Kanzel zu ſehen, ſo war unſer Erſtaunen noch weit größer, als wir das ganze weibliche Perſonal aus unſerer Familie unter der Zuhörerſchaft erblickten. Unſere Augen ſchauten Lady Griskin, Jungfer Tabitha Bramble, Jungfer Winifred Jenkins, meine Schweſter Liddy und Herrn Barton, welche ſämmtlich in größter Andacht mitſangen. Ich konnte bei dieſem ſpaßhaften Anblick kaum das Lachen halten, aber der alte Herr betrachtete die Sache von einem ganz andern Geſichtspunkt. Für's Erſte ärgerte er ſich über die Verwe⸗ genheit ſeines Lakaien, dem er mit ſo gebieteriſcher Stimme zu⸗ herrſchte, er ſolle herabkommen, daß Humphry es nicht für rathſam hielt, Gehorſam zu verweigern. Er ſtieg augenblicklich herab und die ganze Verſammlung gerieth in Bewegung. Barton machte ein erbärmliches Schaafsgeſicht, Lady Griskin flatterte mit ihrem Fächer, Fräulein Tabby ergrimmte im Geiſt, Liddy wurde bald roth, bald bleich, und Jungfer Jenkins ſchluchzte, als ob ihr das Herz zerſpringen wollte. Mein Oheim bat die Damen ziemlich ſpöttiſch um Verzeihung, daß er ſie in ihrer Andacht geſtört, und ſagte, er brauche den Prediger ſehr nothwendig, dem er ſofort befahl, einen Miethwagen herbeizuſchaffen. Sobald dieſer am 35 Ende des Gäßchens vorfuhr, hob er Liddy hinein, meine Tante und ich folgten, und ſo fuhren wir nach Hauſe, ohne weitere Notiz von der übrigen Geſellſchaft zu nehmen, die in ſtiller Ver⸗ wunderung zurückblieb. Da Herr Bramble bemerkte, daß Liddy in großen Aengſten war, nahm er eine ſanftere Mime an und ſagte ihr, ſie ſolle un⸗ beſorgt ſeyn, denn er hege nicht den mindeſten Groll über das, was ſie gethan habe.„Ich habe,“ ſagte er, nichts dagegen ein⸗ zuwenden, wenn Du Luſt an der Gottesfurcht haſt; nur glaube ich, daß mein Bedienter für eine andächtige Seele von Deinem Geſchlecht und Stand kein paſſender Gewiſſensrath iſt, wenn nicht anders, wie ich gerne glaube, Deine Tante allein dieſe Maſchine in Bewegung geſetzt hat.“ Jungfer Tabitha antwortete nichts, ſondern warf das Weiße ihrer Augen in die Höhe, als ob ihr Herz gegen Himmel ſeufzte. Die arme Liddy ſagte, ſie mache keinen Anſpruch auf das Prädikat einer andächtigen Seele; ſie habe gedacht, es ſey nichts Schlimmes, eine fromme Rede anzu⸗ hören, wenn ſie auch von einem Bedienten gehalten werde, zumal da ihre Tante zugegen geweſen ſey; wenn ſie nun aber aus Un⸗ wiſſenheit gefehlt habe, ſo hoffe ſie, er werde es ihr verzeihen, da ſie den Gedanken nicht ertragen könne, ſeinen Unwillen auf ſich gezogen zu haben. Der alte Herr drückte ihr mit einem ſehr gü⸗ tigen Lächeln die Hand, ſagte, ſie ſey ein gutes Kind, und er halte ſie nicht für fähig, irgend etwas zu thun, worüber er im Mindeſten Urſache haben könnte, argwöhniſch oder böſe zu ſeyn⸗ Als wir nach Hauſe kamen', befahl er Klinker, ihm auf ſein Zimmer zu folgen, und redete ihn daſelbſt folgendermaßen an: „Da Du vom Geiſte getrieben wirſt, zu predigen und zu lehren, ſo iſt es die höchſte Zeit, daß Du die Livree eines irdiſchen Herrn und Meiſters ablegſt; ich wenigſtens halte mich für unwürdig, einen Apoſtel in meinem Dienſte zu haben.“—„Ich hoffe,“ ſagte Humphry,„ich habe es in meiner Schuldigkeit gegen Ew. Gnaden 36 nicht fehlen laſſen. Ich müßte ja ſonſt der heilloſeſte Kerl ſeyn, wenn ich das Elend bedenke, aus dem mich Ew. Gnaden Mild⸗ thätigkeit und Barmherzigkeit befreit haben. Da ich aber eine innere Mahnung vom Geiſte“—„Eine Mahnung vom Teufel!“ ſchrie mein Oheim zornig.„Was Mahnung, Du Dummkopf? Wie kann ein Kerl wie Du das Recht haben, ſich zum Reforma⸗ tor aufzuwerfen?“—„Ich bitte Ew. Gnaden um Vergebung,“ erwiederte Klinker;„mag nicht das neue Licht der Gnade Gottes den Armen und Einfältigen in ihrer Demuth eben ſo gut ſcheinen, als den Reichen und Weiſen in all ihrem Stolz auf menſchliches Wiſſen 2«—„Was Du für das neue Licht der Gnade hältſt,“ ſag e ſein Herr,„halte ich für ein betrügliches Irrlicht, das einen ſchwachen Schein durch eine Ritze in Deinen Hirnkaſten fallen läßt. Kurz und gut, Meiſter Klinker, ich will kein Licht in mei⸗ nem Hauſe haben, als was durch die Fenſter fällt, wofür ich dem König die Steuer bezahle; es müßte denn das Licht der Vernunft ſeyn, dem Du nach Deiner eigenen nicht folgen magſt. 6 „Ach, gnädiger Herr,“ rief Klinker,„das Licht der Vernunft iſt im Vergleich mit dem Licht, das ich meine, nichts als ein Pfenniglicht gegen die helle Mittagsſonne.“—„Sehr wahr,“ ſagte mein Oheim,„das eine kann Dir den Weg zeigen, den Du zu wandeln haſt, das andere aber Dein ſchwaches Gehirn blenden und verwirren. Hör' einmal, Klinker, entweder biſt Du ein heuchleriſcher Schurke oder ein wahnſinniger Enthuſiaſt, und in dieſen beiden Fällen zu meinem Dienſt untauglich. Biſt Du ein heiliger, frömmelnder Quackſalber, ſo wird es Dir ein Leichtes ſeyn, einfältigen Weibern und andern Leuten von verbranntem Gehirn etwas weiß zu machen, ſo daß ſie mit Vergnügen für Dein Fortkommen ſorgen werden. Biſt Du aber wirklich von den Ausgeburten einer verſchrobenen Einbildungskraft ſelbſt ver⸗ führt, ſo iſt es für Dich ſelbſt und für das allgemeine Beſte gut 37 und nützlich, wenn Du je cher je lieber vollends ganz von Sinnen kommſt. In dieſem Fall mag irgend ein mitleidiges Herz dafür ſorgen, daß Du ein dunkles Stübchen und friſches Stroh in Bed⸗ lam bekommſt, allwo es nicht mehr in Deiner Macht ſtehen wird, andere ehrliche Leute mit Deinem fanatiſchen Unfinn anzuſtecken; denn wenn Du noch gerade ſo viel Verſtand übrig behältſt, um den Charakter eines auserwählten Werkzeugs in den Verſamm⸗ lungen der Gläubigen zu behaupten, ſo wirſt Du ſammt Deinen Zuhörern Dich ſo lange von einem Irrwiſch herumführen laſſen, bis ihr Alle zuſammen bis über die Ohren in einen Moraſt fröm⸗ melnder Raſerei verſinket, und dann wirſt Du Dich vielleicht aus Verzweiflung erhenken.“—„Ach, davor wolle mich der liebe Gott aus Barmherzigkeit bewahren,“ rief der erſchreckte Klinker.„Es kann wohl ſeyn, daß ich in den Stricken der Verſuchung des Satans liege, der mich gerne an eine Klippe des geiſtlichen Hoch⸗ muths werfen möchte, damit ich daran Schiffbruch leide. Ew. Gnaden ſagen, ich ſey entweder ein heuchleriſcher Schurke oder ein Tollhäusler; da ich nun Ew. Gnaden heilig verſichern kann, daß ich kein Schurke bin, ſo folgt daraus, daß ich ein Narr ſeyn muß, und deßwegen bitte ich Ew. Gnaden auf den Knieen, meinen Zuſtand wohl zu überlegen, damit man Mittel zu meiner Heilung anwenden kann.“ Der Squire konnte nicht umhin, die Einfalt des armen Burſchen zu belächeln, und verſprach, für ihn zu ſorgen, wenn er ſich ſein Geſchäft recht angelegen ſeyn laſſe, und nicht mehr dem neuen Lichte der Methodiſten nachrenne. Allein Jungfer Tabitha ärgerte ſich über ſeine Demuth, die ſie als Armuth des Geiſtes und weltliche Geſinnung erklärte. Sie machte ihm herbe Vorwürfe, daß er nicht Muth genug habe, für ſein Gewiſſen zu leiden. Wenn er auch, meinte ſie, wegen Zeugſchaft für die Wahrheit ſeinen Platz verlieren ſollte, ſo würde die Vorſehung nicht erman⸗ geln, ihm einen andern, vielleicht noch einträglicheren, anzu⸗ — 38 weiſen; und nun zog ſie ſich mit der Erklärung, es ſey nicht ſehr angenehm, in einem Hauſe zu wohnen, wo eine Ingniſition be⸗ ſtehe, in großer Aufregung in ein anderes Zimmer zurück. Mein Oheim ſandte ihr einen bedeutungsvollen Blick nach und fuhr dann alſo gegen den Prediger fort:„Du hörſt, was meine Schweſter ſagt. Kannſt Du bei mir nicht unter den Be⸗ dingungen leben, die ich vorgeſchrieben habe, ſo liegt der Wein⸗ berg des Methodismus offen vor Dir, und ſie ſcheint große Luſt zu beſitzen, Dir des Tages Laſt und Hitze zu bezahlen.“—„Ich möchte,“ antwortete Humphry,„mit Wiſſen und Willen nicht gern eine Seele auf Gottes Erdboden beleidigen; das gnädige Fräulein iſt immer ſehr gütig gegen mich geweſen, ſeit wir nach London kamen, und ſicherlich iſt ihr Herz zu andächtigen Uebungen auserwählt; und ſie und Lady Griskin fingen Pſalmen und geiſt⸗ liche Lieder ſo ſchön, wie zwei Cherubin. Indeß bin ich auch Ew. Gnaden zu Liebe und Gehorſam verbunden. Es würde ſich für einen armen unwiſſenden Burſchen, wie ich bin, nicht ſchicken, mit Herren von Stand und Gelehrſamkeit diſputiren zu wollen. Wenn es auf Weisheit ankommt, ſo bin ich gegen Ew. Gnaden nur ein dummes Vieh, und gebe mich alſo gefangen. Mit Gottes Hülfe will ich Ihnen bis an's Ende der Welt folgen, wenn Ew. Gnaden nicht glauben, es ſey ſchon ſo weit mit mir, daß man mich nicht mehr frei herumlaufen laſſen könne.“ Sein Herr verſprach, ihn noch einige Zeit auf Probe zu be⸗ halten, dann verlangte er zu wiſſen, wie Lady Griskin und Herr Barton dazu gekommen ſeyen, die fromme Geſellſchaft zu verſtär⸗ ken. Humphry erzählte, die Lady ſey es eben geweſen, die meine Tante und Schweſter zuerſt zur Andachtsübung mitgenommen habe, er habe ſie dahin begleitet, und ſeine eigene Andacht ſey durch eine Predigt des Herrn W. entzündet worden; auf dieſem neuen Pfade ſey er durch die Poſtille des Predigers, die er ge⸗ kauft und mit vielem Eifer ſtudirt habe, beftärkt worden; ſeine 39 Reden und Gebete haben auch Jungfer Jenkins und die Hausmagd zu derſelben Denkungsart gebracht; was aber Herrn Barton be⸗ treffe, ſo habe er ihn heute zum erſten Mal in der Verſammlung geſehen, und er ſey mit Lady Griskin gekommen. Humphry ge⸗ ſtand ferner, er ſey durch das Beiſpiel und den Erfolg eines Leine⸗ webers, der ein gewaltiger Prediger vor dem Herrn ſey, ermu⸗ thigt worden, gleichfalls die Rednerbühne zu beſteigen; gleich bei ſeinem erſten Verſuche habe er einen ſo mächtigen Trieb in ſich verſpürt, daß er wirklich geglaubt habe, der Geiſt des Herrn ſey über ihn gekommen; ſofort habe er ſowohl bei Lady Griskin als auch in verſchiedenen andern Privathäuſern den Andachtsübungen beigewohnt. Als mein Oheim hörte, daß die gnädige Frau die erſte Trieb⸗ feder in dieſem Uhrwerk war, ſo dachte er ſich ſogleich, ſie habe Klinker nur als untergeordnetes Werkzeug zur Ausführung irgend eines Planes benützt, mit deſſen wahrem, geheimem Zweck er gänzlich unbekannt ſey. Er bemerkte, Ihro Gnaden Gehirn ſey weiter nichts als eine vollſtändige Projektenmühle, und ſie und Tabby hätten ohne Zweifel einen geheimen Vertrag abgeſchloſſen, deſſen eigentlichen Endzweck er nicht ergründen könne. Ich ſagte ihm, meiner Anſicht nach ſey der Anſchlag der Tante Tabitha nicht ſo ſchwer zu merken: ſie wolle offenbar das Herz des Herrn Barton in ihren Schlingen fangen, und aller Wahrſcheinlichkeit nach leihe ihr hiebei Lady Griskin jeden erdenklichen Vorſchub; aus dieſer Vorausſetzung laſſe ſich auch ihre Bemühung erklären, ihn zum Methodismus zu bekehren, denn dadurch werde eine gei⸗ ſtige Annäherung herbeigeführt, die man am Ende leicht mit einer ehelichen Verbindung krönen könne. Mein Oheim ſchien mit großem Behagen dieſen Plan in ſei⸗ nen Gedanken weiter auszuſpinnen, allein ich gab ihm zu ver⸗ ſtehen, Herr Barton habe ſein Herz bereits vergeben und erſt ge⸗ ſtern meiner Schweſter Liddy ein Etui geſchenkt, zu deſſen An⸗ 40 nahme die Jungfer Tante ſie genöthigt, ohne Zweifel, damit ſie ſich nicht zu genieren brauche, zu gleicher Zeit eine Schnupftabaks⸗ Doſe einzuſacken; meine Schweſter habe mir die Sache erzählt, worauf ich Herrn Barton zu einer Erklärung aufgefordert und dieſer ſich ausgeſprochen habe, er hege ganz ehrliche Abſichten und hoffe, ich werde dieſer Verbindung nichts in den Weg legen; ſo⸗ fort habe ich ihm für die Ehre, die er unſerer Familie zudenke, gedankt, übrigens mit dem Bemerken, man müſſe darüber noth⸗ wendig ihren Oheim und ihre Tante zu Rathe ziehen, da dieſe die Vormünder ſeyen. Wenn ſie ihre Einwilligung geben, ſo habe ich für meine Perſon nichts gegen ſeinen Vorſchlag einzuwenden; im Uebrigen ſey ich überzeugt, daß man meiner Schweſter in einer Sache, von der das ganze Glück ihres Lebens abhänge, nicht den mindeſten Zwang anthun werde; darauf habe er mich verſichert, daß es ihm niemals einfallen werde, ſich das Anſehen eines Vor⸗ munds zu Nutzen zu machen, wenn ſeine Bewerbungen der jungen Dame ſelbſt nicht angenehm ſeyn ſollten, und er werde ſtehenden Fußes Herrn und Fräulein Bramble um Erlaubniß bitten, meiner Schweſter Liddy Hand und Vermögen anzubieten. Der Saquire war gegen die Vortheile einer ſolchen Verbin⸗ dung nicht unempfindlich, und erklärte, er werde ſeinen ganzen Einfluß aufbieten, um ſie zu Stande zu bringen; als ich ihm aber bemerkte, von Liddy's Seite ſcheine einige Abneigung ſtatt⸗ zufinden, ſo ſagte er, er wolle ſie ſelbſt darüber ausholen, und wenn ihr Widerwille der Art ſey, daß er ſich nicht leicht beſeiti⸗ gen laſſe, ſo gedenke er Herrn Bartons Antrag in aller Höflich⸗ keit abzulehnen, denn ſeiner Anſicht nach dürfe ein Mädchen bei der Wahl eines Gatten die Gefühle ihres Herzens ſchlechterdings keiner Rückſicht aufopfern.„Liddy,“ ſagte er,„iſt nicht in ſo ſchlechten Umſtänden, daß ſie um einen ſolchen Preis ihre Kniee vor dem Mammon beugen ſollte.“ Ich halte es für ſo gut als aus⸗ gemacht, daß die ganze Sache in Rauch aufgehen wird, obgleich 41 von den Regionen der Jungfer Tabby her ein Sturm im Anzug zu ſeyn ſcheint, denn ſie ſaß in mürriſch würdevollem Schweigen bei Tiſche und geht offenbar mit Beſchwerden und Zänkereien ſchwanger. Da ſie Herrn Barton gewiß zu ihrer eigenen Beute auserſehen hat, ſo kann ſie ſeine Bewerbung um Liddy unmög⸗ lich begünſtigen, und deßhalb erwarte ich, daß ſeine Liebeserklä⸗ rung gegen meine Schweſter ganz außerordentliche Folgen haben wird. Dieſe Erklärung wird ohne Zweifel in aller Form abgege⸗ ben werden, ſobald der Liebhaber Entſchloſſenheit genug geſam⸗ melt haben wird, dem Sturm, den Fräulein Tabby's Enttäuſchung nach ſich ziehen muß, die Stirne zu bieten; denn ihre Abſichten auf ſeine Perſon können ihm unmöglich entgangen ſeyn. Die nä⸗ heren Umſtände der Entwickelung ſollen Ihnen zur gehörigen Zeit berichtet werden; einſtweilen verbleibe ich wie immer Ihr ergebenſter H. Melford. London, den 10. Juni. An Vortor Ludwig. Mein liebſter Ludwig! Die betrügliche Windſtille war von kurzer Dauer. Ich bin abermals in ein Meer von Widerwärtigkeiten geſtürzt, und meine Schmerzen im Magen und den Eingeweiden haben ſich auf's Neue eingeftellt, ſo, daß ich am Ende vielleicht nicht einmal im Stande bin, meinen beabſichtigten Ausflug zu machen. Was für ein Satan hat mich auch beſeſſen, daß ich mit einer Koppel Weibsbilder auf dieſe Hetzjagd gehen mußte? Geſtern kam meine köſtliche Schwe⸗ ſter, die, beiläufig geſagt, ſeit einiger Zeit eine erklärte Metho⸗ diſlin iſt, in Begleitung des Herrn Barton auf mein Zimmer und verlangte in gar vornehmem Tone geneigtes Gehör.„Bruder,“ 42 ſagte ſie,„dieſer Herr hat Dir einen Vorſchlag zu machen, den Du, wie ich mir ſchmeichle, um ſo annehmbarer finden wirſt, als er Dich von einer überläſtigen Geſellſchafterin befreit.“ So⸗ dann nahm Herr Barton ungefähr folgendermaßen das Wort: „Allerdings, Herr Bramble, trage ich herzliches Verlangen, mit Ihrer Familie in nähere Verbindung zu treten, und ich hoffe, Sie werden keine Urſache finden, mit Ihrem Anſehen dazwiſchen zu treten.“—„Anſehen! Anſehen!“ unterbrach ihn Tabby mit einiger Wärme;„ich weiß durchaus von keinem Anſehen, das er bei dieſer Gelegenheit geltend zu machen berechtigt wäre. Wenn ich ihm die Höflichkeit erweiſe, ihn von dem Schritte zu benach⸗ richtigen, den ich zu thun geſonnen bin, ſo iſt dieß Alles, was er vernünftiger Weiſe erwarten kann. Er würde, denke ich, gegen mich auch nicht mehr thun, wenn er Luſt hätte, eine Verbindung einzugehen. Kurz und gut, Bruder, ich weiß die ausgezeichneten Vorzüge des Herrn Barton ſo wohl zu ſchätzen, daß ich mich habe überreden laſſen, meinen Entſchluß, Jungfer zu bleiben, aufzu⸗ geben und mein Lebensglück in ſeine Hände zu legen, indem ich ihm ein geſetzmäßiges Recht über meine Perſon und mein Ver⸗ mögen übertrage. Man braucht weiter nichts mehr, als den Ehe⸗ Contract ausfertigen zu laſſen, und Du wirſt mir einen Gefallen erweiſen, wenn Du mir hiezu einen Rechtsgelehrten vorſchlägſt.“ Sie können ſich denken, welche Wirkung dieſe Ouverture auf mich hervorbrachte, da ich den Erklärungen meines Neffen zufolge erwartete, Barton werde in aller Form als Liddy's Liebhaber auf⸗ treten. Ich konnte nicht umhin, in ſtiller Verwunderung bald Tabby, bald ihren vorgeblichen Bräutigam anzugaffen, welcher letztere mehrere Minuten lang daſtand, wie die Butter in der Sonne, und in blödſinnig tölpiſcher Verwirrung den Kopf hängen ließ, dann aber auf einmal, unter dem Vorwand eines plötzlichen Schwindels, fortrannte. Fräulein Tabitha zeigte ſich ſehr zärt⸗ lich beſorgt, und verlangte, er ſolle ſich eines Bettes im Hauſe * 43 bedienen; allein er beſtand darauf, heimzugehen, um gewiſſe Tropfen zu ſich zu nehmen, die er für dergleiche Fälle beſitze, und damit beruhigte ſich endlich ſeine Amoroſa. Inzwiſchen war ich ſehr in der Klemme, denn obſchon ich die Wahrheit vermuthete, wußte ich doch nicht, wie ich mich gegen Tabby benehmen ſollte, als Hieronimus hereintrat und mir ſagte, er habe ſo eben Herrn Barton bei Lady Griskin vorfahren geſehen. Dieſer Umſtand ſchien einen Beſuch von Ihrer Herrlichkeit vorzubedeuten, womit wir denn auch in weniger als einer halben Stunde beehrt wurden. »Ihr lieben Leutchen,“ ſagte ſie,„wie ich ſehe, ſind hier recht artige Irrungen vor ſich gegangen, und ich komme, um Ihnen auf die wahre Bahn zu helfen.“ Mit dieſen Worten überreichte ſie mir folgendes Billet: „Verehrteſter Herr! Sobald ich mich von der äußerſten Verwirrung, in welche der unglückſelige Irrthum Ihrer Fräulein Schweſter mich geſtürzt, einigermaßen erholt hatte, hielt ich es für Schuldigkeit, Sie zu verſichern, daß meine Pflichtbezeugungen gegen Fräulein Bramble niemals die Schranken der gewöhnlichen Höflichkeit überſchritten haben, und daß mein Herz unveränderlich an Miß Liddy Mel⸗ ford hängt, wie ich die Ehre hatte, ihrem Bruder zu erklären, der mich darüber befragte. Lady Griskin iſt ſo gütig geweſen, nicht nur die Beſorgung dieſes Billets, ſondern auch die unange⸗ nehme Mühwaltung zu übernehmen, Fräulein Bramble die Augen zu öffnen, und ſie zu verſichern, daß ich zwar die tiefſte Ehrerbie⸗ tung und Verehrung für ſie hege, daß aber mein Herz nicht mehr in meiner Gewalt ſteht. Ihr ganz ergebenſter Diener Ralph Barton.“ Als ich dieſes Billet durchlaufen hatte, ſagte ich der gnädigen Frau, ich wolle ſie nicht länger abhalten, den Freundſchaftsdienſt, den ſie über ſich genommen, zu erfüllen, und ging mit Jerom in ein 44 anderes Zimmer. Hier vernahmen wir nun bald, daß die Unter⸗ redung zwiſchen den beiden Damen ſehr lebhaft wurde, und zu⸗ letzt hörten wir ganz deutlich gewiſſe zärtliche Ausdrücke, deren ſchleunige Unterbrechung uns die Rückſicht auf den Anſtand zur Pflicht machte. Als wir in das Diſputirzimmer traten, fanden wir, daß Liddy ſich unter die Streitenden gemiſcht hatte und zit⸗ ternd zwiſchen ihnen ſtand, als fürchtete ſie, dieſelben möchten es nicht bei bloßen Worten bewenden laſſen, ſondern zu handgreif⸗ lichen Demonſtrationen ſchreiten. Lady Griskins Geſicht glich dem Vollmond in einem Sturmwind, es war funkelnd, feurig und unheilverkündend; Tabby dagegen war bleich vor Grimm, und ihr Geſicht drohte Unglück und Zwietracht. Unſere Ankunft machte dem gegenſeitigen Schimpfen ein Ende; die gnädige Frau wandte ſich zu mir und ſagte:„Herr Vetter, ich kann die Bemerkung nicht unterdrücken, daß Ihre Fräulein Schweſter die Mühe, die ich mir gegeben habe, Ihrer Familie zu dienen, mit großem Un⸗ dank belohnt.“—„Meine Familie,“ rief Tabby mit einer Art hyſteriſchen Gelächters,„meine Familie iſt Ihnen äußerſt verbun⸗ den, Mylady, allein wir haben keinen Anſpruch auf die Dienſte einer ſo vornehmen Zwiſchenträgerin.“—„Bei all' dem, mein gutes Fräulein Tabitha Bramble,“ erwiederte Lady Griskin,„werde ich mich mit dem Gedanken beruhigen, daß die Tugend ihr eigener Lohn iſt, und es ſoll nicht meine Schuld ſeyn, wenn Sie fort⸗ fahren, ſich lächerlich zu machen. Herr Bramble, dem die Sache unmöglich gleichgültig ſeyn kann, wird ohne Zweifel all ſeinen Einfluß aufbieten, um eine eben ſo ehrenvolle als vortheilhafte Verbindung zwiſchen Herrn Barton und ſeiner Nichte zu beför⸗ dern; auch werde ich wohl behaupten dürfen, daß Miß Liddy gegen einen Vorſchlag nichts einzuwenden hat, der in jeder Be⸗ ziehung darauf berechnet iſt, ſie glücklich zu machen?“—„Ich bitte ſehr um Verzeihung,“ rief Liddy mit großer Lebhaftigkeit, „ich kann von dieſem Vorſchlag nur Elend erwarten, und ich hoffe, 4⁵ meine Vormünder werden zu viel Mitleid mit mir haben, um den Frieden meiner Seele irgend einer andern Rückſicht auf Rang oder Vermögen aufzuopfern.“—„Auf Ehre, Miß Liddy!“ ſagte Lady Griskin,„Sie haben ſich das Beiſpiel Ihrer lieben Tante ſehr zu Herzen genommen. Ich verſtehe Sie recht gut und werde mich zur gehörigen Zeit darüber erklären. Inzwiſchen will ich mich Ihnen Allen beſtens empfehlen. Gnädiges Fräulein, Ihre ganz unterthänigſte und ergebenſte Dienerin!“ ſagte ſie, indem ſie ſich dicht vor meine Schwefter ſtellte, und einen ſo tiefen Knicks machte, daß ich glaubte, ſie wolle ſich niederkauern. Tabby erwie⸗ derte dieſe Ehrenbezeugung mit der gleichen Feierlichkeit, und der Ausdruck der beiden Geſichter, während ſie in dieſer Stellung wa⸗ ren, hätte einen recht artigen Gegenſtand für den unvergleichlichen Pinſel eines Hogarth gegeben, wenn in dieſen Zeiten des entar⸗ teten Geſchmacks jemals ein ſolcher Künſtler wieder aufſtehen könnte. Hieronimus begleitete die Dame nach Hauſe, um Herrn Bar⸗ ton gelegentlich ſein Etui wieder zuzuſtellen, und ihm den guten Rath zu geben, er möchte von ſeiner Bewerbung abſtehen, da ſie ſeiner Schweſter durchaus unangenehm ſey. Gegen dieſe war er jedoch bei ſeiner Zurückkunft äußerſt aufgebracht. Lady Griskin hat ihn verſichert, Liddy habe ihr Herz bereits einem Andern ge⸗ ſchenkt, und da ihm hiebei unwillkürlich Wilſons Bild vor die Seele trat, ſo gerieth ſein Familienſtolz in Bewegung. Er ſchwur, Rache an dem Landſtreicher zu nehmen, und ſchien ſehr geneigt, in vornehmem gebieteriſchem Tone mit ſeiner Schweſter zu ſprechen, allein ich verlangte, er ſolle ſeinen Zorn unterdrücken, bis ich ſelbſt ſie unter vier Augen darüber befragt hätte. Das arme Kind geſtand, als ich ihr ernſthaft zuſetzte, unter einer Fluth von Thränen, Wilſon ſey wirklich nach Briſtol ge⸗ kommen, und habe als verkleideter Schacherjude ſogar unſere Wohnung betreten; indeß ſey unter ihnen weiter nichts vorgefallen, 46 als daß ſie ihn gebeten habe, er möchte ſich ſogleich entfernen, wenn ihm an ihrer Ruhe irgend gelegen ſey; darauf habe er ſich auch unſichtbar gemacht, nachdem er die Kammerjungfer meiner Schweſter zu überreden geſucht, ihr einen Brief zuzuſtellen; dieſe habe ſich indeß beharrlich geweigert, und ſich bloß zu der Botſchaft verſtanden, vaß er ein Edelmann von guter Familie ſey, und unter ſeinem wahren Namen demnächſt als Brautwerber auftreten werde. Sie geſtand, obgleich er in dieſem Punkte ſein Wort nicht gehalten habe, ſo ſey er ihrem Herzen doch nicht gleichgültig; dabei aber verſprach ſie auf's Feierlichſte, ſich künftig weder mit ihm noch mit irgend einem andern Liebhaber im Mindeſten ein⸗ zulaſſen, ohne mein und ihres Bruders Wiſſen und Genehmigung. Durch dieſe Verſicherung hat ſie ihren Bruder wieder ausge⸗ ſöhnt, allein der hitzköpfige Knabe iſt mehr als je gegen Wilſon in Feuer und Flammen, denn er betrachtet ihn jetzt als einen Betrüger, der ſchamloſe Abſichten auf die Ehre ſeiner Familie hege. Was Barton betrifft, ſo fühlte er ſich ſehr beleidigt, als man ihm ſein Geſchenk wieder zuſtellte, und ihn mit ſeinen Bewer⸗ bungsverſuchen dermaßen abfahren ließ; doch iſt er nicht der Mann, der ſich über ein ſolches Mißgeſchick zu Tode grämen würde, und ich weiß nicht, ob es ihm nicht eben ſo lieb ſeyn wird, von Liddy einen Korb bekommen zu haben, als wenn man ihm erlaubt hätte, ſeine Bewerbungen auf die Gefahr hin fortzuſetzen, täglich und ſtündlich die Rache und Heimtücke von Fräulein Tabitha befürchten zu müſſen, welche ſich nicht ungeſtraft hintanſetzen läßt. Ich hatte nicht viel Zeit, über dieſe Vorfälle moraliſche Betrachtungen anzuſtellen, denn auf einmal kam ein Conſtabler nebſt einem Häſcher in's Haus, und zeigte mir eine Vollmacht vom Richter Buzzard, den Koffer meines Bedienten Humphry Klinker zu durchſuchen, den man ſo eben als Straßenräuber feſt⸗ geſetzt hatte. Dieſer Umſtand brachte das ganze Haus in Verwir⸗ rung. Meine Schweſter ſchalt den Conſtabler aus, wie er ſich er⸗ 47 frechen könne, in einem ſolchen Auftrag die Wohnung eines Edel⸗ manns zu betreten, ohne zuvor um Erlaubniß nachgeſucht und ſie erhalten zu haben; ihre Zofe fiel vor Schreck in Ohnmacht, und Liddy vergoß Thränen des Mitleids über den unglücklichen Klinker, in deſſen Koffer ſich jedoch nichts vorfand, was den Verdacht des Diebſtahls beſtätigt hätte. Ich für meinen Theil zweifelte keinen Augenblick daran, man müſſe den Burſchen mit einem Andern verwechſelt haben, und ging auf der Stelle zum Richter, um ſeine Loslaſſung auszuwir⸗ ken, allein ich fand die Sache weit ernſthafter, als ich vermuthet hatte. Der arme Klinker ſtand, umringt von Diebsfängern, zit⸗ ternd vor den Schranken, und nicht weit von ihm ein dicker, vier⸗ ſchrötiger Kerl von Poſtillon, ſein Ankläger, der ihn auf der Straße gepackt hatte und eidlich verſicherte, beſagter Klinker habe am 15. März dieſes Jahrs auf der ſchwarzen Haide einen Herrn in einer Poſſchaiſe beraubt, welche er, der Poſtillon, gefahren habe. Dieſe eidliche Ausſage reichte hin, um den Haftbefehl zu rechtfertigen, und alſo wurde er in das Clerkenwell⸗Gefängniß geſchickt, wohin ihn Hieronimus in einer Chaiſe begleitete, um ihn dem Gefangenwärter beſſer zu empfehlen, damit er es ihm nicht an denjenigen Bequemlichkeiten mangeln läßt, die der Ort geſtattet. Die Zuſchauer, die ſich verſammelt hatten, um den Straßen⸗ räuber zu ſehen, waren ſcharfäugig genug, etwas höchſt Spitzbü⸗ biſches in ſeinem Geſichte zu entdecken, das— mit ihrer gütigen Erlaubniß— das ächte und gerechte Bild der Einfalt iſt; auch der Richter legte ihm einige Antworten ſehr nachtheilig aus und ſagte, ſie ſchmecken nach der zweideutigen Ausdrucksweiſe eines ge⸗ übten Sünders, während es nach meiner Anſicht weit gerechter und menſchlicher geweſen wäre, ſie der Verwirrung zuzuſchreiben, in die ein armer Burſche vom Land in einem ſolchen Falle noth⸗ wendig gerathen muß. Ich vin noch immer von ſeiner Unſchuld 48 überzeugt, und in dieſem feſten Glauben kann ich nicht umhin, meine äußerſten Kräfte aufzuwenden, damit kein Juſtizmord an ihm verübt wird. Morgen werde ich meinen Neffen zu dem Herrn ſchicken, der beſtohlen worden ſeyn ſoll, und ihn um die Menſchen⸗ freundlichkeit bitten, den Gefangenen perſönlich zu beſuchen; im Fall er dann den Räuber nicht in ihm erkennt, ſo wird er wohl ſo billig ſeyn, als Zeuge für ihn aufzutreten. Indeß mag es mit Klinker gehen, wie es will, die verdammte Geſchichte wird mir jedenfalls unerträglichen Verdruß bereiten. Ich habe mir bereits dadurch, daß ich aus dem Gerichtszimmer, wo ich im Gedränge ſtark geſchwitzt hatte, ſchnell an die freie Luft ging, einen abſcheu⸗ lichen Schnupfen zugezogen, und ob ich gleich vom Podogra bis jetzt frei bin, was ich leider Gottes nicht auf die Dauer hoffen kann, ſo muß ich doch noch einige Wochen in London bleiben, bis in Rocheſter über den armen Teufel erkannt wird, ſo daß meine be⸗ abſichtigte Expedition nach dem Nörden höchſt wahrſcheinlich zerplatzt wie eine Saifenblaſe. Wenn Sie in Ihrer philoſophiſchen Brieftaſche irgend etwas auffinden, was mich inmitten dieſer meiner Bedrängniſſe und Be⸗ ängſtigungen einigermaßen zu vermag, ſo theilen Sie es doch gefälligſt mit Ihrem unglücklichen Freund M. Bramble. London, den 12. Juni. An KSir Watkin Philipps, Varonet, im Zeſuitenollehiun zu Oaford. Mein lieber Wat! Das Poſſenſpiel iſt zu Ende, es wird jetzt ein anderes Stück von ernſterem Gepräge aufgeführt. Unſere Tante hat einen ver⸗ 49 zweifelten Angriff auf Barton gemacht, ſo daß ihm nichts übrig blieb, als ſie im Beſitz des Schlachtfeldes zu laſſen und mit ſeinen Abſichten auf Liddy hervorzurücken, die aber mit vieler Entſchie⸗ denheit Nein ſagte. Lady Griskin war hiebei mit ſolchem Eifer als ſein Advokat und Agent aufgetreten, daß ſie der Jungfer Ta⸗ bitha in die Haare gerieth, und die beiden frommen Seelen ein⸗ ander auf eine Art ausſchimpften, die ohne das Dazwiſchentreten meines Oheims leicht zu Thätlichkeiten hätte führen können. Ein Zufall, der uns Alle in Sorgen und Unruhe geſetzt, hat ſie indeß wieder zu Freundinnen gemacht. Sie müſſen nämlich wiſſen, daß der arme Prediger Humphry Klinker ſeinem geiſtlichen Berufe ge⸗ genwärtig bei den Miſſethätern im Clerkenwell⸗Gefängniſſe nach⸗ kommt. Ein Poſtillon hat ihn eidlich eines Raubes bezüchtigt, deßwegen konnte keine Bürgſchaft für ihn angenommen werden, und er mußte, trotz aller Vorſtellungen meines Oheims, in den Kerker wandern. Wenn man Alles überlegt, kann der arme Kerl unmöglich ſchuldig ſeyn, und doch iſt er, fürchte ich, nicht ganz ſicher vor dem Galgen. Bei dem erſten Verhör antwortete er mit ſolcher Zögerung, Verwirrung und Zurückhaltung, daß die Meiſten von der zuſammengelaufenen Volksmaſſe ihn wirklich für einen Spitz⸗ buben hielten, und die Bemerkungen des Richters beſtätigten ihre Meinung. Außer meinem Oheim und mir war nur noch ein ein⸗ ziger Menſch da, der von dem Angeklagten günſtig zu denken ſchien. Es war dieß ein wohlgekleideter junger Mann, den wir, nach den verfänglichen Fragen, die er an den Kläger ſtellte, zu urtheilen, für einen Studenten aus irgend einem Juriſtenkollegium hielten. Er gab dem Richter freimüthige Erinnerungen wegen einiger liebloſen Folgerungen, die er ohne gehörigen Grund zu Ungunſten des Gefangenen gezogen, und wagte es ſogar, mit ſeiner hochrichterlichen Weisheit über gewiſſe Rechtspunkte zu diſputiren. Smollet's Romane. AlV 4 50 Mein Oheim ärgerte ſich über die zuſammenhangsloſen und ſchwankenden Antworten Klinkers, der in Gefahr ſchien, ein Opfer ſeiner eigenen Einfalt zu werden, dermaßen, daß er ihm zurief: „In Gottes Namen, wenn Du unſchuldig biſt, ſo ſag's.“— „Nein!“ erwiederte Klinker,„Gott bewahre mich davor, daß ich mich unſchuldig nennen ſollte, da doch mein Gewiſſen mit Sünden beſchwert iſt.“—„Wie? Du haſt alſo den Raub begangen?“— „Nein gewiß nicht; Gott ſey Lob und Dank, von dieſer Sünde bin ich frei.“ Hier bemerkte der Richter, der Mann ſcheine geneigt, ein Geſtändniß zu machen, und befahl dem Aktuar, ſeine Beichte ſo⸗ gleich zu Protokoll zu nehmen; allein Humphry erklärte, er halte die Beichte für einen papiſtiſchen Kunſtgriff, den die babiloniſche Hure erfunden habe. Der Rechtskandidat verſicherte, der arme Kerl ſey non compos, und ſprach dem Richter zu, ihn als geiſteskrank freizulaſſen.„Sie wiſſen ſehr gut,“ ſetzte er hin⸗ zu,„daß der Gefangene den fraglichen Raub nicht begangen hat.“ Die Häſcher, die ihn eingebracht hatten, grinsten einander an, und der Richter Buzzard verſetzte in ſehr unwilligem Tone:„Herr Martin, ſeyen Sie ſo gut, und bekümmern Sie ſich um Ihre eigenen Angelegenheiten. Ich werde Sie dieſer Tage zu überfüh⸗ ren wiſſen, daß ich mich auf die meinigen verſtehe.“ Kurz, es half Alles nichts: der Haftbefehl wurde ausgefertigt, und der arme Klinker unter Aufſicht des Conſtablers in einer Miethkutſche nach dem Gefängniſſe geſchafft, wohin ihn Ihr gehorſamer Diener begleitete. Unterwegs wunderte ich mich nicht wenig, dieſen Handlanger der Gerechtigkeit zu dem Gefangenen ſagen zu hören, er ſolle nur guten Muthes ſeyn, denn er werde ohne allen Zweifel mit ein paar Wochen Gefängniß davonkommen. Er ſagte, Seine Ge⸗ ſtrengen wiſſen recht gut, daß Klinker unſchuldig, und daß der wahre Straßenräuber, der die Chaiſe beſtohlen, niemand Anders 51 ſey, als derſelbe Herr Martin, der ſo wacker für den ehrlichen Humphry geſprochen. Stutzig über dieſe Kunde fragte ich:„Warum aber läßt man ihn dann ſo frei herumgehen, und behandelt dieſen armen unſchuldigen Burſchen als Verbrecher?“—„Wir kennen,“ ſagte er,„alle Schritte und Tritte des Herrn Martin ganz genau; allein wir haben noch nicht genug Beweiſe in der Hand, um ihn zu über⸗ führen, und der Richter mußte wohl oder übel dieſen jungen Mann feſtſetzen laſſen, weil der Poſtillon geſchworen hat, er ſey der Räuber.“—„Wenn alſo,“ entgegnete ich,„dieſer Schuft von einem Poſtillon auf ſeinem Meineid beharrt, ſo kann er einen unſchuldigen Burſchen an den Galgen bringen?“ Der Conſtabler meinte, er würde Zeit genug haben, ſich auf das hochnothpeinliche Verhör vorzubereiten, und könne dann unſchwer ein Alibi nachweiſen; vielleicht würde aber auch Martin über einer andern Schlechtigkeit ertappt und überwieſen, und in dieſem Falle könne man ihn dazu bringen, daß er ſich ſelbſt zu dem Raube bekenne; oder endlich, wenn Alles fehlſchlagen und der Zeuge bei ſeiner Ausſage gegen Klinker bleiben ſollte, ſo könne ihn das Ge⸗ richt der Gnade des Königs empfehlen, was in Betreff ſeiner Ju⸗ gend und des Umſtandes, daß er zum erſten Mal eines Ver⸗ brechens ſchuldig geworden ſey, wohl ſeine guten Folgen haben werde. Humphry gab zu, er wiſſe ſich nicht zu erinnern, wo er am Tage des Raubs geweſen ſey, und noch viel weniger ſey er im Stande, von ſechs Monaten her dergleichen Sachen mit Beweiſen zu belegen; er könne nur ſo viel ſagen, daß er damals das Fie⸗ ber gehabt habe, aber dennoch dabei ausgegangen ſey. Darauf ſeufzte er mit gen Himmel gerichteten Augen:„Herr, Dein Wille geſchehe! Wenn dieſes Leiden über mich ergehen ſoll, ſo hoffe ich dem Glauben keine Schande zu machen, den ich trotz aller Unwür⸗ digkeit öffentlich bekenne.“ 52 Als ich meine Verwunderung zu erkennen gab, wie der An⸗ kläger auf ſeiner Ausſage gegen Klinker beharren könne, ohne von dem wahren Räuber, der ihm vor den Augen geſtanden und in der That nicht die mindeſte Aehnlichkeit mit Humphry hatte, irgend Notiz zu nehmen, ſo gab mir der Conſtabler, der ſelbſt ein Diebsfänger war, zu verſtehen, Herr Martin verſtehe unter allen Heerſtraßenrittern, die er jemals gekannt, ſeine Sache am allerbeſten; er habe von jeher auf eigene Fauſt gehandelt, ohne Gehülfen oder Bundesgenoſſen anzunehmen, auch gehe er immer nur mit kühlem Blute und nüchternem Muthe an's Werk; ſeine Herzhaftigkeit und Geiſtesgegenwart haben ihn nie verlaſſen; ſein ganzes Auftreten ſey das eines feingebildeten Mannes, und ſein Benehmen ſey frei von aller Grauſamkeit oder Rohheit; auch behänge er ſich niemals mit Uhren, Ringen und dergleichen Koſtbarkeiten, ſtecke keine Bank⸗ noten zu ſich, ſondern habe immer klingende Münze in der Taſche, und zwar nur ſolche, die im Königreich gäng und gebe ſeyz über⸗ dieß wiſſe er ſich ſelbſt und ſein Pferd ſo vortrefflich zu verſtellen, daß es nach der That rein unmöglich ſey, den Einen oder das Andere wieder zu erkennen.„Dieſer große Mann,“ ſagte er,„hat ſeit nicht mehr als fünfviertel Jahren auf etwa zehn Meilen um London herum ſämmtliche Heerſtraßen beherrſcht, und in dieſer Zeit mehr gethan, als alle ſeine Zunftgenoſſen zuſammen; er ver⸗ fährt mit denen, die ihm in die Hände fallen, ſo ſäuberlich, daß ſie keine Luſt haben, ihn im Geringſten zu beunruhigen, aber bei all' dem iſt er doch nahe am Ende ſeiner Laufbahn. Er flattert jetzt um den Richter herum, wie eine Mücke um das Licht. Es ſind ihm ſo viele Leimruthen gelegt, daß ich baare hundert Pfund wetten will, er baumelt noch vor Weihnachten.“ Soll ich Ihnen geſtehen, daß dieſe Schilderung eines Spitz⸗ buben, deſſen Benehmen vor Gericht ich mit eigenen Augen ge⸗ ſchaut hatte, mir eine warme Theilnahme ai Schickſal des armen Martin einflößte, den die Natur zu einem brauchbaren und ehren⸗ 53 haften Mitglied der Geſellſchaft beſtimmt zu haben ſcheint, die er jetzt ausplündert, um ſich ſeinen Lebensunterhalt zu verſchaffen? Wie es ſcheint, war Martin einige Zeit als Commis bei einem Holzhändler, und hatte deſſen Tochter ſinnlich geheirathet, weß⸗ wegen er verabſchiedet und ſeine Frau aus dem Hauſe geſtoßen wurde. Sie überlebte dieß nicht lange, Martin aber wurde Glückzjäger und wußte ſeine Bedürfniſſe auf keine andere Art zu befriedigen, als daß er die Heerſtraße wählte, auf welcher er bis jetzt mit ungemeinem Erfolge gearbeitet hat. Er macht dem Herrn Richter Buzzard, dem Obergeneral der Diebsfänger unſerer Haupt⸗ ſtadt, regelmäßig ſeine Aufwartung, und zuweilen ſchmauchen ſie ganz freundſchaftlich ein Pfeifchen zuſammen, wobei ſich die Unter⸗ haltung gewöhnlich um die Erforderniſſe zu gerichtlich gültigen Beweiſen dreht. Der Richter hat ihn treuherzig gewarnt, auf ſeiner Hut zu ſeyn, und Martin hatte ſich's geſagt ſeyn laſſen. Er hat bis jetzt mit einer Gewandtheit, die dem Genie eines Cäſar oder Turenne Ehre machen würde, alle Bemühungen und Künſte Buzzards und ſeiner Spürhunde vereitelt; allein er hat eine Schwachheit an ſich, die beinahe alle Helden ſeiner Gattung an's Meſſer geliefert hat, nämlich eine unbändige Verehrung für das ſchöne Geſchlecht, und aller Wahrſcheinlichkeit nach wird er an dieſer leicht verwundbaren Seite gefaßt werden. Dem ſey, wie ihm wolle, ich ſah den armen Klinker dem Kerkermeiſter von Clerkenwell überliefern, deſſen Wohlwollen ich ihm ſo nachdrücklich empfahl, daß er ihn auf's Gaſtfreundlichſte auf⸗ nahm, obgleich die Natur der Umſtände gebot, ihm ein eiſernes Kleid anzuziehen, worin er eine höchſt klägliche Erſcheinung bildete. Dem armen Teufel ſchien die Güte meines Oheims eben ſo nahe zu Herzen zu gehen, als ſein eigenes Unglück. Als ich ihn ver⸗ ſicherte, daß man Alles thun werde, um ſeine Befreiung auszu⸗ wirken, und inzwiſchen ſeine Gefangenſchaft erträglich zu machen, * 54 fiel er auf die Kniee, küßte meine Hand, badete ſie mit ſeinen Thränen und ſagte ſchluchzend:„O gnädigſter Herr, was ſoll ich ſagen!— Ich kann— kein— ich kann nicht ſprechen! Mein armes Herz will mir zerſpringen vor Dankbarkeit gegen Sie und meinen lieben— großmüthigen und edlen Wohlthäter.“ Ich verſichere Sie, der Auftritt war ſo rührend, daß ich froh war, als ich mich losgeriſſen hatte, um zu meinem Oheim zurück⸗ zukehren, der mich Nachmittags mit einem Briefe zu einem ge⸗ wiſſen Herrn Mead ſandte, demſelben, der auf der ſchwarzen Haide beſtohlen worden war. Da ich ihn nicht zu Hauſe traf, ließ ich eine Karte zurück, worauf er heute früh zu uns kam und ſehr gern auf unſern Wunſch einging, daß er den Gefangenen beſuchen möchte. Inzwiſchen war Lady Griskin gekommen, um Fräulein Tabitha ihr feierliches Beileid wegen dieſer häuslichen Widerwärtigkeit zu bezeugen, und die kluge Jungfrau, deren Zorn ſich nunmehr abgekühlt hatte, hielt es für rathſam, Ihro Gnaden ſo höflich zu begegnen, daß auf der Stelle eine Verſöhnung zu Stande kam. Die beiden Damen beſchloßen, den armen Gefan⸗ genen perſönlich zu tröſten, und Herr Mead und ich begleiteten ſie nach Clerkenwell, indeß mein Oheim wegen einiger unbedeu⸗ tender Schmerzen im Magen und in den Eingeweiden zu Hauſe bleiben mußte. Der Gefängnißwärter, der uns zu Clerkenwell die Thüren öffnete, ſah auffallend mürriſch aus, und als wir nach Klinker fragten, ſagte er: ich wollte, er wäre beim Teufel; daß iſt nichts als ein Singen und Beten, ſo lange der Kerl im Hauſe iſt. Hol ihn der Satan! Auf dieſe Art muß unſere Wirthſchaft zu Grunde gehen. Wir haben kein Fäßchen Bier und keine zwölf Flaſchen Wein verkauft, ſeitdem er ſein Willkomm bezahlt hat. Die Her⸗ ren berauſchen ſich jetzt mit nichts mehr, als mit ihrer verfluchten Religion. Ich für mein Theil glaube, daß Ihr Burſche einen Bund mit dem Teufel hat. Zwei oder drei alte Buſchklepper, die 55 ſo viel Courage haben, als irgend Einer, der jemals auf der Heerſtraße herumgeritten iſt, haben die ganze Nacht durchgeheult. Wenn wir den Kerl nicht bald durch ein habeas corpus oder ſonſt auf eine Art los werden, ſo will ich mich hängen laſſen, wenn noch ein Fünkchen ächten Muths zwiſchen unſern vier Wänden bleibt. Dann haben wir keine Seele mehr, die unſerer Geſellſchaft Ehre machen, oder wie ein Engländer von ächtem Schrot und Korn aus der Welt gehen wird. Der Teufel ſoll's holen, ſie werden dann auf dem Karren nichts als winſeln, wie die Weiber, und wir alle werden am Ende ſterben, wie langweilige Leineweber die Pſalmen ableiern.“ Kurz, wir fanden, daß Humphry eben jetzt den Verbrechern im Gewölbe eine Predigt hielt, und daß die Frau und Tochter des Kerkermeiſters nebſt der Kammerjungfer meiner Tante, Wini⸗ fred Jenkins, und unſere Hausmagd unter den Zuhörern waren, deren Zahl wir ſofort verſtärkten. Ich habe in meinem Leben nichts Maleriſcheres geſehen, als dieſe Verſammlung von Spitzbuben, die mit ihren Ketten raſſelten, in ihrer Mitte den Redner Klinker, der mit inbrünſtigem Eifer die Qualen der Hölle ſchilderte, mit denen in der Schrift die Miſſethäter bedroht ſind, nämlich die WMörder, die Räuber, die Diebe, die Hurer und Ehebrecher. Die verſchiedenartigſte Aufmerkſamkeit ſpiegelte ſich auf den Geſichtern dieſes Geſindels, und bildete eine Gruppe, an der ſich der Pinſel eines Raphael nicht hätte ſchämen dürfen. Auf dem einen las man Bewunderung, auf dem andern Zweifel, auf einem dritten Leichtſinn, auf einem vierten. Verachtung, das fünfte verrieth Angſt, das ſechste Spott, das ſiebente bittern Unwillen. Jungfer Winifred Jenkins ſchwamm in Thränen, und wollte der Laſt ihrer Betrübniß beinahe erliegen, ob über ihre eigenen Sünden oder über Klinkers Unglück vermag ich nicht zu ſagen. Die übrigen Damen ſchienen mit einem Gemiſch von Verwunderung und An⸗ dacht zuzuhören. Die Frau des Kerkermeiſters erklärte, er ſey ein 56 Heiliger, der im Feuer der Trübſal geläutert werde, und ſagte, ſie wünſche von ganzem Herzen, daß in allen Gefängniſſen von England eine ſo gute Seele ſeyn möchte, wie er. Als Herr Mead den Prediger ſehr aufmerkſam betrachtet hatte, erklärte er, derſelbe habe ſo wenig Aehnlichkeit mit ſeinem Räu⸗ ber auf der ſchwarzen Haide, daß er mit gutem Gewiſſen auf ſeine Unſchuld ſchwören könne. Indeſſen hatte Humphry ſelbſt ſeine Furcht vor dem Galgen ſo ziemlich verloren, denn ſeine Mitgefangenen hatten ihn am Abend vorher auf's Feierlichſte ver⸗ hört und freigeſprochen, auch er einige von ihnen bereits zum Methodismus bekehrt. Er ſtattete uns nun den gehörigen Dank für die Ehre unſeres Beſuchs ab, und erhielt die Erlaubniß, den Damen die Hände zu küſſen, die ihn verſicherten, er könne ſich auf ihre Freundſchaft und ihren Schutz verlaſſen. Lady Griskin ermahnte in ihrem frommen Eifer ſeine Mitgefangenen, ſie möch⸗ ten ſich die theure Gelegenheit zu Nutzen machen, ſo lange ſich ein ſolcher Heiliger mitten unter ihnen in Banden befinde, und ein neues Leben beginnen, wenn ihnen am Heil ihrer armen Seelen gelegen ſey; dieſer Vermahnung ſuchte ſie denn auch durch ein Geſchenk größere Wirkſamkeit zu verſchaffen.. Während ſie, Tante Tabby und die zwei Mädchen im Wagen zurückfuhren, begleitete ich Herrn Mead zum Richter Buzzard, der nach Vernehmung ſeiner Erklärung ſagte, ſein Eid ſey gegenwär⸗ tig von keinem Nutzen, aber beim Hauptverhör könne er einen ſehr weſentlichen Zeugen für den Gefangenen abgeben. Es ſcheint ſomit dem guten Klinker nichts übrig zu bleiben, als Geduld, und in der That wird dieſe Tugend als Medizin uns allen ſehr nöthig ſeyn, beſonders dem alten Oheim, der nun einmal ſeinen Kopf auf die Reiſe nach Schottland geſetzt hat. Während wir den ehrlichen Humphry in Elerkenwell beſuchten, empfing mein Oheim einen noch weit außerordentlicheren Beſuch zu Hauſe. Herr Martin, deſſen ich bereits ſo ehrenvolle Erwäh⸗ 57 nung gethan habe, bat um Erlaubniß, ſeine Aufwartung machen zu dürfen, und wurde eingelaſſen. Er ſagte ihm, da er bei Herrn Buzzard bemerkt habe, daß ihm die Geſchichte mit ſeinem Bevien⸗ ten nahe zu Herzen gehe, ſo wolle er ihn nur verſichern, daß er für Klinkers Leben nicht das Mindeſte zu fürchten habe, denn falls ſich möglicher Weiſe auch Geſchworne finden könnten, die ihn auf ſolche Zeugniſſe hin für ſchuldig erklärten, ſo wolle er, Martin, einen Menſchen vor's Gericht fiellen, deſſen Ausſage ihn ſo rein machen ſolle, wie die Sonne am hellen Mittage. Ich will doch nicht hoffen, daß der Kerl romanhaft genug iſt, ſich ſelbſt zum Raube zu bekennen. Er ſagte, der Poſtillon ſey ein heilloſer Kerl, der früher ſelbſt in des Diebeshandwerk gepfuſcht, und zu Old⸗Balei ſein Leben nur dadurch gerettet habe, daß er ſeine Kameraden verrathen; jetzt habe er nur aus Armutb den verzwei⸗ felten Streich gewagt, das Leben eines unſchuldigen Menſchen wegzuſchwören, in der Hoffnung, im Fall ſeiner Verurtheilung den Angeberlohn davon zu tragen; allein er werde ſich elendiglich getäuſcht finden, denn der Richter und ſeine Mirmidonen ſeyen entſchloſſen, in dieſem Erwerbszweig keine Schmuggler zuzulaſſen; er zweifle durchaus nicht, daß ſie Stoff genug finden werden, den Kläger ſelbſt in die Falle zu locken, ehe man das nächſte Mal die Gefängniſſe leere. All' dieſe Umſtände, ſagte er, ſeyen dem Richter ſehr wohl bekannt, und ſeine Strenge gegen Klinker ſey nichts anders geweſen, als ein Wink an ſeinen Herrn, ihm als Anerken⸗ nung ſeiner Rechtſchaffenheit und Menſchenfreundlichkeit heimlich ein Geſchenk in die Hand zu vrücken. Dieſer Wink ſagte indeß dem Geſchmack des Herrn Bramble ſo ganz und gar nicht zu, daß er mit großer Hitze erklärte, er wolle ſich lieber Zeitlebens in London aufhalten laſſen, ſo ſehr er verabſcheue, als ſich dadurch, daß er der Beſtechung der Richter durch ſein eigenes Beiſpiel das Wort rede, die Möglichkeit ver⸗ ſchaffen, morgen früh abzureiſen. Da er indeß gehört hatte, wie 358 günſtig Herrn Meads Ausſage für den Gefangenen ausgefallen iſt, ſo hatte er ſich entſchloſſen, einen Rechtsgelehrten um Rath zu fragen, auf welche Art ſich ſeine baldige Befreiung bewerkſtelligen laſſe. Ich zweifle nicht, daß die unangenehme Geſchichte nächſter Tage abgehandelt werden wird, und in dieſer Hoffnung treffen wir bereits Anſtalten zu unſerer Reiſe. Wenn unſere Bemühungen nicht fehl ſchlagen, ſo werden wir das Feld geräumt haben, ehe Sie etwas Weiteres hören von Ihrem ergebenſten Freund H. Melford. London, den 12. Juni. An Doctor Ludwig. Gott ſey Dank, liebſter Ludwig, die Wolken haben ſich ver⸗ zogen und es blüht mir jetzt die heiterſte Ausſicht auf meinen Sommerfeldzug, den ich hoffentlich morgen werde beginnen können. Ich habe in Klinkers Sache einen Advokaten angenommen, und inzwiſchen iſt ein für ihn ſehr günſtiger Umſtand eingetreten. Der Kerl, der ihn angeklagt, iſt in ſeine eigene Grube gefallen. Vor zwei Tagen wurde er wegen Straßenraubs ergriffen und auf die Ausſage eines Mitſchuldigen hin eingeſetzt. Klinker wurde auf ſein Anſuchen um die Rechtswohlthat des habeas corpus vor den Lord Oberrichter gebracht, der auf das Zeugniß des beraubten Herrn, daß Klinker nicht der Mann ſey, der ihn auf der Heerſtraße an⸗ gehalten, ſo wie in Betracht des Charakters und der gegenwärti⸗ gen Umſtände des Poſtillons, Befehl gab, meinen Bedienten gegen Bürgſchaft loszulaſſen, und ſo iſt er denn wieder frei, zur unaus⸗ ſprechlichen Freude aller meiner Hausgenoſſen, bei denen er ſich außerordentlich beliebt gemacht hat, nicht allein durch ſeine Willig⸗ keit und Dienſtfertigkeit, ſondern auch durch ſein Talent zu predi⸗ gen, zu beten und zu ſingen; denn dieſes hat er ſo vorzüglich an 59 den Mann zu bringen gewußt, daß ſelbſt Tabby in ihm ein aus⸗ erwähltes Rüſtzeug verehrt. Wäre bei ſeiner übermäßigen Fröm⸗ migkeit im Mindeſten etwas von Affektation oder Heuchelei, ſo würde ich ihn nicht in meinen Dienſten behalten; allein ſo weit ich urtheilen kann, iſt der Charakter des Burſchen ſchlichte, ehrliche Einfalt, angefeuert von einer Art Enthufiasmus, der ihn zu außerordentlicher Dankbarkeit und Treue gegen ſeine Wohlthäter ſtimmt. Da er ein vortrefflicher Reiter iſt, und ſich auf die Roßarznei⸗ kunde verſteht, ſo habe ich einen tüchtigen Wallachen für ihn ge⸗ kauft, auf dem er uns begleiten und unterwegs ein Auge auf das Zugvieh haben ſoll, im Fall der Fuhrmann nachläßig iſt. Mein Neffe, der ſein eigenes Pferd reiten wird, hat einen Bedienten auf Probe angenommen, der ſo eben mit ſeinem vorigen Herrn Sir William Strollop von Reiſen gekommen iſt, und für deſſen Ehrlichkeit dieſer bürgt. Der Kerl heißt Dutton, ſcheint aber ein Petitmaitre zu ſeyn. Er parlirt franzöſiſch, weiß ſeine Kratzfüße zu machen, lächelt mit grace, zuckt die Achſeln, und nimmt ſeine Priſe Tabak à la mode de France, am meiſten aber thut er ſich auf ſeine Kunſt und Fertigkeit im Friſiren zu Gute. Wenn mich der Anſchein nicht ſehr trügt, ſo iſt er in jeder Beziehung das wahre Widerſpiel von meinem Humphry Klinker. Meine Schweſter hat ſich mit Lady Griskin wieder auf einen freundſchaftlichen Fuß geſtelit, obgleich ich ehrlich geſtehen muß, daß es mir nicht ſehr leid gethan hätte, wenn alle weitere Ver⸗ bindung mit dieſer Dame untetblieben wäre; allein Herr Barton, der, wie ich höre, auf die Sommermonate nach ſeinem Landſitz in Berkſhire abgereist iſt, wird Tabby nie und nimmermehr ver⸗ zeihen. Ich kann mich der Vermuthung nicht erwehren, daß in dem Friedensvertrag, den die beiden Damen neulich ratifizirt haben, ein Artikel aufgenommen iſt, vermöge deſſen die Lady alles Mög⸗ liche aufzubieten hat, um meiner Schweſter Tabitha zu einem 60 angenehmen Lebensgefährten zu verhelfen, da ſie bis jetzt mit ihren ehelichen Abſichten immer ſo übel gefahren iſt, und an ihrem Glück in dieſem Punkt verzweifeln zu wollen ſcheint. Vielleicht iſt der freundlichen Vermittlerin ein ſchöner Kuppelpelz zugeſagt, den ſie aber auch ehrlich verdient hat, wenn ſie einen Mann finden kann, der ſeine fünf Sinne hat, und ſich aus Liebe oder Eigennutz mit Jungfrau Tabitha ins Joch der Ehe ſpannen läßt. Ich ſpüre, daß mein Gemüth und meine Geſundheit in Wech⸗ ſelwirkung zu einander ſtehen, d. h. Alles, was meine Seele be⸗ unruhigt, bringt auch eine ſchmerzhafte Empfindung in meinem Körper hervor, und meine phyſiſchen Leiden werden auffallend durch ſolche Veranlaſſungen gemildert, welche die Wolken des finſtern Unmuths zerſtreuen. Die Gefangennehmung Klinkers brachte die Symptome hervor, deren ich mich in meinem Letzten erwähnte, und ſeit ſeiner Freilaſſung ſind ſie wieder verſchwunden. Ich muß freilich geſtehen, daß ich einige Mal von der Ginſengtinktur, die ich nach Ihrer Vorſchrift bereiten ließ, genommen und dieſelbe dem Magen ungemein zuträglich gefunden habe; allein die Schmer⸗ zen und Uebelkeiten ſtellten ſich nach kurzen Unterbrechungen immer wieder ein, bis die Angſt meiner Seele gänzlich entfernt war, und nun erſt befinde ich mich wieder vollkommen wohl und geſund. Wir haben hier ſeit zehn Tagen ſo ſchönes Wetter, daß die Lon⸗ doner darüber erſtaunen und fürchten, es bedeute etwas. Wenn Sie in Wales daſſelbe Glück haben, ſo hoffe ich, daß Barns mein Heu bereits getrocknet und eingeheimst hat.— Da wir mehrere Wochen lang unterwegs ſeyn werden, ſo kann ich nicht hoffen, wie gewöhnlich Briefe von Ihnen zu erhalten; indeß werde ich Ihnen wie bisher von jedem Orte ſchreiben, wo wir uns einiger⸗ maßen aufhalten, damit Sie unſere Spur nicht verlieren, im Fall es nothwendig ſeyn ſollte, irgend Mittheilungen zu machen Ihrem ſtets getreuen Freunde M. Bramble. London, den 14. Juni. 61 An Jungfer Marie Jones zu Brambletonhall. Mein liebſtes Miekchen! Da meine Baſe Jenkins Gerathe zu euch Reiſet, So ſchüke ich Ihr zum Angedengen einen Schildkrotenenkamm, ein paar Ellen Grünes band und eine Bredigt von Der nichtigkeit der guten Werge, die in Unſerer häutigen verſamlung gebredigt worden Iſt; auch Iſt dabei noch ein Abebuch vor Salomeh, daß Sie das leſen Lernen kan, denn Ich bin Ganz in angſt und Sorgen vor den Zuſtand ihrer Armen Seele und Was ſent die Beſchäftigungen dieſes lebens Gegen den ſorgen vor den Unſterblichen theil des Menſchen2 Was iſt das leben anders als ein Jammerthal? O Miekchen, die Ganze Vamilie hat eine harte Prüfungsſtunde aushalten müſſen. Der Mosjöh Klinker iſt in eine harte anfechtung Gefallen, aber die Pfor⸗ ten der Helle haben Ihn doch nicht überwältigen können. Seine Du⸗ gend iſt wie Klares gold, das ſiebemal im Feuer Geläutert wor⸗ den iſt. Sie hatten Ihn eingeſperrt als Einen Müſſetäther, der geſtohlen hätte, und ward vor den Richter Bußhard geführt, und Der ließ ihn Ins gefängniß ſchleppen, und der arme liebe Menſch mußte Ihr ketten und Bande Tragen wegen des falſchen Aids, den ein Weltkind geſchworen, der ihm um Kainslohn das Leben ab⸗ ſchwören wollte. Der Skweir that was Er aus Allen kreften konnte, aber es half Nixr, man Legte ihm ketten an Hende und Füſe, und mußte Sizen unter den gemeinen Uebelthätern, als ein frommes Lamm under Wölfen und Tygern. Der liebe Gott weis, wie es dem Frommen jüngling Gegangen ſeyn möchte, wenn ſich unſer herr nicht. An einen Mann gewendet hette, der ſchon fenfhundert Jahre bei dem alten herrn Old Bailey Gedient hat, und Apias Korkus haißt, und Gott ſey bei Uns! ein Zauberer ſeyn Soll. Aber wenn er auch einer Iſt, das wais ich gewiß, daß er es Nicht mit dem böſen Feinde hält, denn ſunſt hätte er gewiß nicht 62 den Mosjöh Klinker herausgefochten, wie er that, Troz den ſtai⸗ nernen Mauern, den eiſernen Riegeln und den Doppelten ſchleſſern, die Ihr aufſprangen, als er nur ein Wort Sagte, denn der alte böſe Widerſacher hat kainen greßern Feind auf Erden, als unſern Mosjöh Klinker, der wahrlich ein recht gewaltiger arbeiter im Wein⸗ berge des herrn iſt. Ich ſage hier nur, was Meine liebe Frälen ge⸗ wöhnlich Sagt, bei der Es auch ſchon bereits zum Durchbruch gekommen iſt; und ich hoffe, daß ich, ſo Unreine ich bin, durch Kämpfen und Ringen auch noch werde auserwählt werden. Miß Liddy hat ein Paar große Erweckungen gehabt, iſt aber noch zu verſchrocken; doch glaube ich ſteif und feſt, daß ſie und wir alle mit einander durch Klinkers bearbaitung dereinſt Geſegnete früchte der Beſſerung und Reue tragen werden. Der Alte herr aber und der junge Skweir oh die haben noch kein Füngchen von dem neuen Lichte geſehen. Ich fürchte immer, Ihre herzen ſind verhärtet durch weltliche Weisheit, die Doch, wie die Hailige bübel ſagt, vor Gottes Augen ſtinkende Thorheit iſt. O Maria Jones, bete Sie ohne Unterlaß und bereite Sie ſich vor, daß das wunderthätige Werkzeug nicht vergebens an Ihr arbeite, das, wie ich hoffe, dieſen Wenter an ihr und an Uns allen In Brambletonhall Geſchäftig ſeyn ſoll. Morgen Sollen wir in einer vierſpännigen Schäſe nach Rorkſhair abfahren, und ich glaube, wir werden noch immer weiter raiſen, ſo weit, daß ichs gar nicht verſagen kann. aber laß es ſo weit ſeyn als es will, ich werde doch nie meine freunde Vergeſſen, und an Sie, liebe Miekchen, an Sie will ich immer denken als Ihre liebe Freundin Winifred ʒri ien London, den 14. Juni. 63 An Frau Gwillim, Haushülterin zu Vrambletonhall. Meine liebe Frau Gwillim! Ich muß es Ihr nur Sagen, daß es Mir ſähr ſonderbar vor⸗ kommt, daß ich auf meinen Brief, den ich Ihr vor einigen Wochen von Bath aus geſchrieben habe, gar keine antwort Erhalten, wo ich Ihr wegen dem ſaupen Bier Geſchrieben habe, wegen dem Genſerich und wegen den Mädchens, daß ſie den Butter nicht eſſen und daß er nicht weggegoſſen Werden ſoll. Wir werden jetzt eine Lange raiſe nach dem Nordpool antreten, deßwegen will Ich ſie ernſtlich vermahnt Haben, daß ſie Ihre beiden Augen in die hant nimmt, damit es in unſerer Abweſſenheit fein ordentlich zu⸗ geht im hauſe. Denn Sie muß wiſſen, daß Sie von Ihrem haushalten nicht nur Ihrem irdiſchen herrn Rechenſchaft geben muß, ſondern auch dem herrn, der oben im Himmel iſt; und wann Sie als eine gute und getreue Magd erfunden wird, ſo wird Ihr Lohn im himmel Groß ſeyn. Ich hoffe, wenn wir wieder Zu hauſe kommen, ſo ſollen vierhundert Pfund Käße für den Markt fertig ſeyn, und ſo viel Geſponnene wolle, daß ein Halb Duzend Ma⸗ trazen daraus gemacht werden Können, und daß ich bis zur Martinimeſſe einen hübſchen pfennig Buttermilchsgeld beiſammen habe, denn die Zwei Ferkel ſoll man jetzt anfangen Buchelen und Eichelen freſſen Laſſen. Ich habe deßwegen auch an den herrn Dokter geſchrieben, aber der iſt nicht ſo höflich geweſen zu thun, als ob er meinen Brief empfangen hette, und deßwegen will ich ihn meiner lebtag Mit keinem mehr beehren, und wenn er mich auf den knieen darum bäte. Sie wird wohl Thun, wenn Sie ein wachſames Auge auf den Taglöhner Williams hat; der iſt ſo einer von Seinen kreatu⸗ ren und ich glaube, im Grund nicht viel beſſer als er ſelbſt. Gott bewahre mich, daß ich ein unchriſtliches Herz haben Sollte! Nein, das gewiß nicht, allein die Chriſtenliebe fängt im eigenen hauſe 64 an, und es gibt wahrhaftig kein chriſtlicheres Werk, als wenn man Seine Familie von Solchem ohngeziefer reinigt. Ich will hoffen, daß die geſcheckete Kuh jetzt bei dem Pfarrhagen ge⸗ weſen iſt, daß die alte Koſel wieder geworfen hat, und daß Dick ſchon gut mauſen kann. Sei Sie ja ſo gut, Frau Gwillim, und richte Sie alles auf's Beſte ein, ſey Sie ſo ſparſam als möglich, und Halte Sie die Mägde fleißig zur arbeit an. Wenn ich ein⸗ mal gute Gelegenheit hette, ſo wollte ich ihnen ſchöne geiſtliche lieder zum ſingen ſchicken, ſtatt der Gottloſen weltlichen; ſo dieß aber nicht möglich iſt, ſo müſſet ihr euch begnügen mit dem Gebet und der Fürbitte Ihrer aufrichtigen Freundin Tabitha Bramble. London, den 14. Juni. An Hir Watkin Philipps, Baronet, im Jeſuitenkollegium zu Gaford. Mein beſter Philipps! Vierundzwanzig Stunden nach Abgang meines letzten Schrei⸗ bens an Sie wurde Klinker wieder freigegeben und ſein Ankläger, wie Martin vorhergeſagt hatte, auf die Erklärung unverwerflicher Zeugen hin wegen Straßenraubs in Verhaft genommen. Er war ſchon einige Zeit in den Stricken der Diebsfänger⸗Geſellſchaft, die ihn jetzt für ſeine Vermeſſenheit, ihr in's Handwerk pfuſchen zu wollen, gezüchtigt und auf die Ausſage eines Mitſchuldigen nach Newgate in's Gefängniß überantwortet hat. Da der Poſtillon längſt im ſchwarzen Regiſter ſtand, ſo nahm der Lord Oberrichter keinen Anſtand, Klinker gegen Bürgſchaft zu entlaſſen, zumal, da Herr Mead ſeine Erklärung, daß beſagter Klinker nicht die Perſon ſey, die ihn auf der ſchwarzen Haide beraubt, eidlich erhärtete. 65 Als der ehrliche Kerl nach Hauſe kam, äußerte er ein ſehnliches Verlangen, ſeinem Herrn die Aufwartung machen zu dürfen. Hier aber verließ ihn ſeine Suada, jedoch ſein Schweigen war äußerſt pathetiſch; er fiel ihm zu Füßen, umfaßte ſeine Kniee und vergoß eine Fluth von Thränen, ſo daß meinem Oheim ſelbſt das Waſſer in die Augen trat. Er nahm in ſichtlicher Verwirrung eine Priſe, dann griff er in die Taſche und gratulirte ihm etwas ge⸗ haltvoller als mit bloßen Worten zu ſeiner wiedererlangten Frei⸗ heit.„Klinker,“ ſagte er,„ich bin ſo feſt von Deiner Ehrlichkeit und Deinem Muth überzeugt, daß ich im Sinn habe, Dich zu meiner Leibwache auf der Heerſtraße zu ernennen.“ Demgemäß bekam er ein Paar Piſtolen nebſt einem Karabiner, den er über die Schulter hing, und nachdem alle Vorbereitungen im Reinen waren, machten wir uns am letzten Donnerſtag, Morgens ſieben Uhr, auf den Weg. Der alte Herr und die drei Frauen⸗ zimmer fuhren; Humphry ritt einen tüchtigen ſchwarzen Wallachen, den man für ihn gekauft hatte; ich ſelbſt war— ebenfalls zu Pferde, deßgleichen mein neuer Bediente, den ich auf Probe angenommen habe. Er nennt ſich Herr Dutton, iſt ſo eben von Reiſen zurück⸗ gekommen, und der geckenhafteſte Kerl, den ich je geſehen habe. Er, trägt einen Solitair, ſchminkt ſich und ſchnupft mit allen Grimaſſen eines franzöſiſchen Marquis. Gegenwärtig trägt er in⸗ deß einen Reitrock, Kanonen, Lederhoſen, eine Scharlachweſte mit goldenen Litzen, einen Treſſenhut, einen Hirſchfänger, eine fran⸗ zöſiſche Courierpeitſche und eine Zopfperücke. Wir waren noch keine drei Meilen gekommen, als mein Pferd ein Eiſen verlor, ſo daß ich in Barnet anhalten und ein anderes aufſchlagen laſſen mußte, indeß die Kutſche langſam wei⸗ ter fuhr. Etwa eine Viertelmeile vor Hatfield hielt der Poſtillon auf einmal an und benachrichtigte Klinker, hinter einem ſchmalen Wegchen erblicke er zwei verdächtige Burſchen zu Pferd, die einen Anfall auf die Kutſche zu beabſichtigen ſcheinen. Humphry meldete Smollet's Romane. XIV. 5 66 dieß ſogleich meinem Oheim, mit der Verſicherung, daß er bis auf den letzten Blutstropfen ihm zur Seite ſtehen werde; zugleich nahm er ſeinen Karabiner von der Schulter, und machte ſich fertig zum Kampfe. Der Squire hatte Piſtolen in den Kutſchetaſchen und traf alsbald Anſtalten, ſie zu brauchen; allein ſeine Beglei⸗ terinnen ließen dieß nicht zu, denn ſie fielen ihm alle Drei um den Hals und erhoben ein jammervolles Klagegeſchrei. In dieſem Augenblick erſchien— wer meinen Sie wohl?— der Haideritter Martin. Er ritt auf den Wagen zu und bat die Damen, ſich nur einen Augenblick zu faſſen, ſodann zog er ein Piſtol aus dem Buſen und forderte Klinker auf, ihm zu folgen. Sie zogen gegen die Gaudiebe los, um ihnen eine Schlacht zu liefern, allein dieſe“ nahmen querfeldein Reißaus, nachdem ſie noch in großer Entfer⸗ nung ihre Piſtolen abgefeuert hatten. Während Martin und Klin⸗ ker noch auf ihrer Verfolgung begriffen waren, kam ich dazu und erſchrack nicht wenig über das Geſchrei in der Kutſche, wo ich mei⸗ nen Oheim in der heftigſten Wuth fand, ohne Perücke und mit Händen und Füßen beſchäftigt, ſich von Tabby und den beiden andern Mädchen loszuwickeln, Bemühungen, die er mit den kräf⸗ tigſten Flüchen unterſtützte. Ehe ich noch Zeit hatte, mich in's Mittel zu ſchlagen, kamen die Verfolger von ihrer Jagd zurück, und Martin, der ſich als ein Muſter von Höflichkeit zeigte, mel⸗ dete uns, die Gauner ſeyen entronnen, und er halte ſie für lieder⸗ liche Lehrburſche aus London. Er lobte Klinkers Muth und ſagte, wenn wir es ihm erlauben wollen, ſo werde er ſich die Ehre geben, uns nach Stevenage zu begleiten, allwo er Geſchäfte habe. Der Squire war, als er ſich wieder gefaßt und in eine halbwegs erquicklichere Lage gebracht hatte, der Erſte, der über ſeine Situation lachte; allein es hielt ſchwer, bis man Tab⸗ by's Arme von ſeinem Hals losflechten konnte; Liddy zitterte, ſo daß ihr die Zähne klapperten, und die Jenkins war mit ihrem gewöhnlichen Zufall bedroht. Ich hatte meinem Oheim erzählt, 67 was mir der Conſtabler von Martins Charakter geſagt hatte, und die Eigenthümlichkeit deſſelben hatte ihn ſehr ſtutzig gemacht. Er konnte dem Burſchen nicht wohl einen Anſchlag auf unſere ſo zahlreiche und wohlbewaffnete Geſellſchaft zutrauen, dankte ihm daher für den ſo eben erwieſenen Dienſt und ſagte, ſeine Geſell⸗ ſchaft werde ihm ſehr angenehm ſeyn, wenn er in Hatfield bei uns vorlieb nehmen wolle. Dieſe Einladung wäre den Damen ich waren im Beſitz dieſes Geheimniſſes. Tante Tabitha war in⸗ deß auf keinerlei Weiſe von der Stelle zu bringen, ſo lang gela⸗ dene Piſtolen in der Kutſche waren; ſie wurden alſo aus Gefällig⸗ keit gegen ſie und die beiden andern Mädchen losgeſchoſſen. Nachdem man ihr hierin zu Willen gelebt, ward ſie ſehr auf⸗ geräumt, und benahm ſich bei Tiſche äußerſt höflich und gefällig gegen Herrn Martin, deſſen feine Lebensart und angenehme Un⸗ terhaltung ihr ausnehmend zu behagen ſchien. Nach dem Eſſen kam der Wirth im Hofe zu mir und fragte mich mit einem be⸗ deutſamen Blicke, ob der Herr, der den Fuchſen reite, zu unſerer Geſellſchaft höre. Ich verſtand, was er ſagen wollte, und ant⸗ wortete: Nein, er ſey auf der Haide zu uns geſtoßen und habe uns zwei Burſche fortfagen helfen, die ausgeſehen haben, wie Straßenräuber. Er nickte dreimal ganz deutlich mit dem Kopfe, als wollte er ſagen, er kenne den Vogel. Sodann erkundigte er ſich, ob nicht einer von den Gauünern eine falbe Stute und der Andere einen kaſtanienbraunen Wallachen mit einer weißen Bläſſe verſicherte er mich: dieſe haben erſt heute früh einen Poſtwagen ausgeplündert. Ich fragte meinerſeits, ob er Herrn Martin kenne, worauf er wiederum dreimal nickte und zur Antwort gab, er habe den edlen Herrn ſchon geſehen. Ehe wir Hatfield verließen, frirte mein Oheim den Freund 68 Martin mit einem Ausdruck im Blick, der ſich leichter denken als beſchreiben läßt, und fragte ihn, ob er oft dieſe Straße wandere, worauf dieſer mit einem Blick, welcher das vollkommenſte Verſtändniß der Bedeutung dieſer Frage verrieth, erwiederte, er habe in dieſer Gegend des Landes nur ſehr ſelten zu thun. Kurz, der Glücks⸗ ritter beehrte uns mit ſeiner Geſellſchaft bis in die Nähe von Stevenage, woſelbſt er ſich von der Geſellſchaft im Wagen und mir ſehr höflich verabſchiedete, und auf einem Querwege gegen ein Dorf linker Hand zuritt. Beim Abendeſſen ergoß ſich Tante Tabby in Lobeserhebungen über Martins Verſtand und feine Le⸗ bensart; ja ſie ſchien es ſehr zu bedauern, daß ſie keine weiteren Gelegenheiten hatte, mit ſeinem Herzen einige Pröbchen anzu⸗ ſtellen. Am andern Morgen war mein Oheim nicht wenig über⸗ raſcht, als ihm der Hausknecht ein Billet folgenden Inhalts zu⸗ ſtellte: „Hochzuverehrender Herr! „Als ich die Ehre hatte, Sie in Hatfield zu ſprechen, konnte ich aus Ihren Blicken leicht erfehen, daß mein Stand Ihnen nicht unbekannt iſt, und ich bin gewiß, Sie werden die Verſicherung nicht befremdend finden, daß ich meine gegenwärtige Lebensweiſe herzlich gern gegen jede ehrliche Beſchäftigung ver⸗ tauſchen würde, ſie mag ſo niedrig ſeyn, als ſie will, wenn ich mich nur dabei mäßig ſatt eſſen und ſicher ſchlafen kann. Viel⸗ leicht denken Sie, ich wolle Ihnen ſchmeicheln, wenn ich ſage, daß ich von dem Angenblick an, da ich Zeuge Ihrer großmüthigen Verwendung für Ihren Bedienten war, eine ganz ausnehmende Hochachtung und Verehrung für Ihre Perſon empfunden habe, und doch iſt es die reinſte Wahrheit. Ich würde mich höchſt glück⸗ lich ſchätzen, wenn Sie mich in Ihren Dienſt und Schutz nehmen wollten, ſey es nun als Hausvogt, Schreiber oder Geſindeaufſeher: Stellen, für die ich alle die nöthigen Fähigkeiten zu beſitzen glaube; an Dankbarkeit und Treue würde ich es gewiß niemals fehlen 69 laſſen. Ich ſehe zwar recht wohl ein, wie weit Sie von den ge⸗ wöhnlichen Regeln der Klugheit abweichen müſſen, wenn Sie meine Verſicherungen auch nur einer Probe werth erachten wollen; allein ich betrachte Sie auch nicht als einen Mann von gewöhn⸗ licher Denkungsart, und der höchſt kitzliche Stand meiner Verhält⸗ niſſe wird mich gewiß entſchuldigen, wenn ich mich an ein von Wohlwollen und Mitgefühl durchwärmtes Herz wende. Da ich vernommen habe, daß Sie ziemlich weit gegen Norden zu reiſen gedenken, ſo werde ich eine Gelegenheit ſuchen, Ihnen wieder zu begegnen, bevor Sie die ſchottiſche Gränze erreichen; ich hoffe, Sie werden bis dahin einiger Erwägung gewürdigt haben die höchſt unglücklichen Umſtände Ihres ganz gehorſamſten und ergebenſten Dieners Eduard Martin.“ Als der alte Herr dieſen Brief geleſen hatte, übergab er ihn mir, ohne eine Silbe zu ſprechen, und als ich ebenfalls damit fertig war, ſahen wir beide einander ſtillſchweigend an. Aus einem gewiſſen Funkeln in ſeinen Augen erſah ich, daß ſein Herz lauter für den armen Martin ſprach, als er mit ſeiner Zunge ausdrücken wollte, und dieß war auch durchaus meine Empfindung, wie er ſich durch dieſelbe Art gegenſeitiger Mittheilung überzeugte.„Was ſollen wir thun,“ ſagte er,„um den armen Sünder vom Galgen zu retten, und in ein nützliches Mitglied der Geſellſchaft zu ver⸗ wandeln? Und doch ſagt das Sprüchwort: Hilf einem Dieb vom Galgen, ſo wird er dir die Gurgel abſchneiden.“ Ich ſagte ihm, meiner Ueberzeugung nach ſey Martin der Mann, das Sprüchwort Lügen zu ſtrafen, und ich für mein Theil wolle gern bei jedem Schritt zu ſeinen Gunſten mitwirken. Wir beſchloßen nun, die Sache noch näher zu überlegen, und ſetzten indeß unſere Reiſe fort. Die Wege waren von dem vielen Regen das Frühjahr hindurch ſo ſchlecht geworden, daß trotz unſeres langſamen Fahrens das Stoßen und Schütteln des Wagens meinem Oheim gewaltige 70 Schmerzen verurſachte, und ihn in eine äußerſt ſchlechte Stimmung verſetzte, bis wir endlich hier in Harrigate anlangten. Dieſer Ort liegt etwa drei kleine Meilen von der Poſtſtraße ab, zwiſchen Wetherby und Boroughbridge. Das Harrigater Waſſer, das wegen ſeiner Wirkſamkeit gegen den Scharbock und andere Krankheiten ſo geprieſen wird, ent⸗ ſpringt einer reichen Quelle in der Vertiefung einer brachliegen⸗ den Allmand, um welche herum zur Bequemlichkeit der Brunnen⸗ gäſte eine Menge Häuſer gebaut, aber nur wenige davon bewohnt ſind. Der größere Theil der Geſellſchaft quartirt ſich in den fünf Wirthshäuſern ein, die in den verſchiedenen Gegenden des Angers liegen, und von wo aus ſie jeden Morgen in ihren eigenen Wa⸗ gen nach der Quelle fahren. Die Gäſte in jedem Wirthshaus bilden eine beſondere Geſellſchaft für ſich und ſpeiſen zuſammen; ſie haben ein geräumiges, gemeinſchaftliches Zimmer, wo ſie im bequemen Morgenkleide an abgeſonderten Tiſchen von acht bis eilf Uhr frühſtücken, wie es jedem Einzelnen genehm iſt. Hier trinkt man auch Nachmittags ſeinen Thee und Abends wird Karten ge⸗ ſpielt oder auch wohl getanzt. Uebrigens herrſcht hier ein Brauch, den ich nicht anders als einen Verſtoß gegen die gute Sitte nen⸗ nen kann. Nämlich die Damen haben der Reihe nach Theegeſell⸗ ſchaften zu geben, und ſelbſt Mädchen von ſechszehn Jahren ſind von dieſer ſchändlichen Auflage nicht frei. Jeden Abend iſt in einem der fünf Gaſthöfe ein Subſcriptionsball, wobei die ganze Geſellſchaft aus den übrigen gegen Einlaßkarten erſcheinen kann, und in der That, was Luſtbarkeiten und Zerſtreuungen anbelangt, ſo ſtebt Harrigate dem weltberühmten Bath ſehr nahe, nur mit dem Unterſchiede, daß hier ein weit geſelligerer und zutraulicherer Ton herrſcht. Eines der Wirthshäuſer iſt bereits voll bis ans Dach und zählt nicht weniger als fünfzig Gäſte, von denen jeder ſeine eigene Bedienung mitgebracht hat. Im unſrigen wohnen erſt ſechsunddreißig Fremde, und es würde mir leid thun, wenn 71 die Zahl ſehr zunähme, da ſich ein ſtarker Zuwachs mit unſerer Bequemlichkeit ſchlecht vertrüge. Gegenwärtig iſt die Geſellſchaft angenehmer, als man von einem zufälligen Zuſammentreffen von Leuten, die einander wild⸗ fremd ſind, eigentlich erwarten kann. Es ſcheint jedem Einzelnen daran gelegen zu ſeyn, gute Nachbarſchaft mit den Uebrigen zu zu halten, und die Pflichten der Geſelligkeit gegen diejenigen aus⸗ zuüben, die ihrer Geſundheit wegen hieher kommen. Ich ſehe mehrere Geſichter, die wir in Bath verlaſſen haben, obgleich die meiſten aus den nördlichen Gegenden kommen, und die Heilkraft dieſer Waſſer namentlich aus Schottland Viele herüberlockt. Bei einer ſo reichen Auswahl muß es nothwendig auch Originale ge⸗ ben, unter denen Tante Tabby nicht das unanſehnlichſte iſt. Einer Dame von ihren Abſichten und ihrem Temperament kann ein Ort, wo beide Geſchlechter ſo frei mit einander verkehren, nicht unan⸗ genehm ſeyn. Sie hat ſich ſchon über Tiſch mehrere Male mit einem lahmen Pfarrer von Northumberland über die Wiedergeburt und die Nichtigkeit der guten Werke herumgezankt, und wurde dabe von einem alten ſchottiſchen Juriſten in einer Knotenperücke unter⸗ ſtützt, der zwar keine Zähne mehr hat, auch ſeine Gliedmaßen nicht mehr rühren kann, aber gleichwohl eine große Geläufigkeit der Zunge entwickelt. Er hat ihr ſo dicke Complimente über ihre Frömmigkeit und Gelehrſamkeit gemacht, daß er ihr Herz erobert zu haben ſcheint, und ſie behandelt ihn ihrerſeits mit einer Auf⸗ merkſamkeit, die einen Plan auf ſeine Perſon vermuthen läßt; allein beim Lichte beſehen iſt er ein zu alter Fuchs, als daß er nicht jede Schlinge, die ſie ihm etwa legen wird, ſchon von Wei⸗ tem riechen ſollte. Wir ſind nicht Willens, uns lang in Harrigate aufzuhalten, obgleich es vor der Hand unſer Hauptquartier iſt, von wo aus wir einige Ausflüge zu zwei oder drei reichen Verwand⸗ ten machen werden, die in dieſer Grafſchaft wohnen. Grüßen 72 Sie mir alle Freunde im Collegium und erlauben Sie mir ſtets zu ſeyn Ihr ergebenſter . H. Melford. Harrigate, den 23. Juni. An Dortor Tudwig. Mein lieber Doctor! Wenn wir die Weg⸗ und Brücken⸗Gelder in Betracht ziehen, die wir jeden Augenblick bezahlen müſſen, ſo haben wir hier zu Lande große Urſache, uns über ſchlechte Heerſtraßen zu beklagen. Zwiſchen Newark und Wetherby hat mir das Stoßen und Herum⸗ werfen des Wagens mehr zugeſetzt, als in meinem ganzen übri⸗ gen Leben zuſammen genommen, und doch habe ich ein ganz be⸗ quemes, gut hängendes Fuhrwerk, und meine Poſtillone ſind im⸗ mer ſehr behutſam gefahren. Ich bin nunmehr im Neuen Wirths⸗ hauſe zu Harrigate glücklich unter Dach und Fach gekommen, und muß ſagen, daß mich nicht ſowohl Geſundheitsrückſichten hieher geführt haben, als bloße Neugierde. Nachdem ich aber alle Schön⸗ heiten und Merkwürdigkeiten dieſes Ortes gehörig in's Auge ge⸗ faßt, kann ich mir keinen vernünftigen Grund denken, warum im⸗ mer ſo viele Leute hieher kommen, außer es geſchieht aus eigen⸗ ſinniger Laune, einer Tugend, die zu den weſentlichſten Beſtand⸗ theilen unſeres Nationalcharakters zu gehören ſcheint. Harrigate iſt ein wilder Anger, wüſte und leer, ohne Buſch und Baum, ohne alle Spuren von Kultur; die Leute, die hier die Waſſerkur brauchen wollen, werden in elende Wirthshäuſer zu⸗ ſammengedrängt, wo die paar halbwegs erträglichen Zimmer von den alliährlichen Gäſten und Hausfreunden in Beſchlag genommen ſind, die übrigen Alle aber mit ſchmutzigen Löchern vorlieb nehmen ——— 73 müſſen, wo ſie weder Raum, noch Luft, noch irgend Bequemlich⸗ keiten haben. Mein Zimmer hat etwa zehn Quadratſchuhe, und wenn mein Feldbett aufgeſchlagen iſt, ſo bleibt gerade ſo viel Raum übrig, daß man zwiſchen ihm und dem Feuer hindurch gehen kann. Man ſollte freilich denken, um Johannis brauche man kein Feuer mehr, allein das Klima iſt hier ſo rauh und ſo weit gegen andere zurück, daß eine Eſche, die unſer Wirth vor mei⸗ nem Fenſter gepflanzt hat, eben erſt anfängt, Blätter zu treiben, und ich mir jeden Abend noch recht gern eine Bettflaſche gefallen laſſe. Was das Waſſer betrifft, dem man ſo viele Wunderkuren zu⸗ ſchreibt, ſo habe ich einmal davon getrunken, und der erſte Schluck hat mich auf immer von dem Wunſche geheilt, dieſe Medizin zu wiederholen. Die Einen ſagen, es rieche nach faulen Eiern, An⸗ dere vergleichen es mit dem Spülicht einer ſchmutzigen Flinte. Im Allgemeinen hält man dafür, daß es ſtark mit Schwefel ge⸗ ſchwängert ſey, und Doctor Shaw ſagt in ſeinem Buch über mi⸗ neraliſche Waſſer, er habe Schwefelflocken in der Ouelle ſchwim⸗ men ſehen. Allen Reſpekt vor dem gelehrten Herrn, aber ich für mein Theil habe noch nie weder in noch neben der Ouelle etwas Schwefelähnliches geſehen, und eben ſo wenig davon gehört, daß man jemals Schwefelſalz aus dem Waſſer ertrahirt hätte. Was den Geruch betrifft, ſo riecht es, wenn mir ein Urtheil nach mei⸗ nen eigenen Sinnen erlaubt iſt, durchaus wie Seewaſſer, und ſein Salzgeſchmack ſcheint deutlich genug zu erklären, daß es nichts Anderes iſt, als im Eingeweide der Erde verfaultes Salzwaſſer. Ich mußte mit der einen Hand die Naſe zuhalten, indeß ich mit der andern das Glas zum Munde führte, und nachdem ich es mit Mühe und Noth hinuntergewürgt, kam es meinem Magen ſehr hart an, die Ladung bei ſich zu behalten. Die einzigen Wirkun⸗ gen, die es für mich hatte, waren Uebelkeit, Bauchgrimmen und ein unüberwindlicher Eckel. Mein Magen kehrt ſich noch um, wenn ich nur daran denke. Die Welt läßt ſich in ihrer 74 närriſchen Sucht nach Sonderbarkeiten jämmerlich an der Naſe herumführen. Ich glaube einmal nicht anders, als daß dieſes Waſſer ſeinen Ruf großentheils ſeinem abſcheulichen Geſchmack ver⸗ dankt. Nach derſelben Analogie hat ein deutſcher Arzt Schierling und andere Gifte als Specifica in die Materia Medica eingeführt. Ich bin überzeugt, daß alle Kuren, die man dem Harrigater Waſ⸗ ſer zuſchreibt, eben ſo gut und unendlich angenehmer durch inner⸗ lichen und äußerlichen Gebrauch des Seewaſſers zu Stande gebracht worden wären. So viel weiß ich mit Beſtimmtheit, daß dieſes den Geſchmacks⸗ und Geruchs⸗Organen bei weitem nicht ſo zuwider, als Larier weniger heftig und an andern mediziniſchen Eigenſchaf⸗ ten reichhaltiger iſt. Vor zwei Tagen machten wir einen kleinen Ausflug zu dem Sauire Burdock, der ein Geſchwiſterkind von meinem Vater zur Frau hat, eine Erbin, die ihm eine jährliche Rente von tauſend Pfund zubrachte. Dieſer Herr iſt im Parlament ein erklärter Gegner des Miniſteriums, und da er ein großes Vermögen beſitzt, ſo ſetzt er eine Ehre darein, auf dem Lande zu leben und die alte engliſche Gaſtfreundſchaft aufrecht zu erhalten. Beiläufig geſagt, dieß iſt eine Redensart, deren ſich die Engländer ſelbſt ſowohl in Wort als Schrift häufig bedienen; außerhalb der Inſel aber habe ich ſie nie anders, als im ironiſchen oder ſatyriſchen Sinn gehört. Es ſollte mich weit mehr freuen, in den Memoiren von Auslän⸗ dern, die unſer Land beſucht haben, und alſo wirklich Gegenſtände und competente Richter dieſer Tugend waren, aufgezeichnet zu finden, worin die Gaftfreundlichkeit unſerer Voreltern eigentlich beſtanden, als in den Reden und Schriften moderner Engländer, welche dieſelbe nur nach Theorien und Muthmaßungen darzuſtellen ſcheinen. So viel iſt gewiß, daß wir im Ausland im Allgemeinen für Leute gelten, denen dieſer Vorzug ganz und gar abgeht, und ich bin auf meinen Reiſen noch nie in ein Land gekommen, wo ich nicht bedeutende Perſonen getroffen hätte, die ſich über ungaſtliche Be⸗ handlung in Großbritannien beklagten. Ein Franzoſe, Italiener oder Deutſcher kann einen Engländer auf's Freundſchaftlichſte auf⸗ nehmen und Monate lang beherbergen; wenn er dann ſpäter ein⸗ mal ſeinen Gaſt in London antrifft, ſo wird er von ihm in irgend ein Wirthshaus zu Tiſch gebeten, bekommt Roſtbeef und Butter zu eſſen, einen abſcheulichen Portwein zu trinken, und darf ſeinen Antheil an der Zeche ſo gut bezahlen, wie ein Anderer. Um jedoch von dieſer Digreſſion, welche mir das Gefühl für die Ehre meines Vaterlandes eingegeben, zurückzukommen, ſo war mein Vetter in Forkſhire ehedem ein gewaltiger Fuchsjäger vor dem Herrn; jetzt aber iſt er zu fett und unbehülflich geworden, um über Gräben und Schlagbäume zu ſetzen, deſſenungeachtet hält er ſich immer noch ein Rudel Hunde, die ſämmtlich ſehr gut dreſſirt ſind, und ſein Jäger muß ihm alle Abende die Jagdgeſchichte des Tags erzählen, die er ihm in einem höchſt wichtigen Tone und in den närriſchſten Ausdrücken vorträgt. Während er ſich die⸗ ſer Ohrenweide erfreut, läßt er ſich von einem Stallknecht den breiten Rücken kratzen. Dieſer Kerl verſpürt, wie es ſcheint, wenig Luſt, anderes Vieh, als das in ſeinem Stalle zu ſtriegeln, und hat deßhalb ſeine Nägel ſo ſpitzig eingekerbt, daß auf jeden Strich Blut nachfolgte. Er hoffte, auf dieſe Art den unangenehmen Dienſt los zu werden, allein der Erfolg widerſprach gänzlich ſeiner Er⸗ wartung. Sein Herr erklärte, er ſey der beſte Kratzer im ganzen Hauſe, und ſeitdem darf keiner von der übrigen Dienerſchaft mehr einen Nagel an ſeinen Leichnam ſetzen. Die gnävige Frau Baſe iſt ſehr ſtolz, aber nicht gerade ſteif oder unzugänglich. Im Gegentheil empfängt ſie ſogar Leute, die ihr an Reichthum nachſtehen, mit einer gewiſſen vornehmen Höf⸗ lichkeit; dafür glaubt ſie aber auch ein Recht zu haben, ſich die beleidigendſten Freiheiten gegen ſie zu erlauben, und ſie ermangelt niemals, ihr Bewußtſeyn größeren Mammons empfindlich genug hervorzukehren. Kurz, ſie ſpricht von keiner lebendigen Seele 76 etwas Gutes und hat auf der ganzen Gotteswelt keinen einzigen Freund. Ihr Eheherr haßt ſie wie Gift und Popperment, allein obgleich zuweilen die Beſtialität ſo gewaltig bei ihm vorſchlägt, daß er ſeinen Willen durchſetzt, ſo ſchmiegt er ſich doch gewöhnlich in ihr Joch und fürchtet ſich wie ein Schulbube vor der Geißel ihrer Zunge. Auf der andern Seite ſcheut ſie ſich, ihn zu weit zu treiben, damit er nicht einen verzweifelten Verſuch macht, ihr Joch gänzlich abzuſchütteln. Deßhalb ſieht ſie ganz gelaſſenßzu, wenn er ſein Feſthalten an der Freiheit eines engliſchen Grund⸗ beſitzers täglich und ſtündlich dadurch beweist, daß er bei Tiſch Alles ſagt und thut, was ſeiner viehiſchen Laune irgend Befriedi⸗ gung gewähren oder ſeine körperliche Bequemlichkeit befördern kann. Das Haus iſt groß, aber weder geſchmackvoll noch gemäch⸗ lich eingerichtet. Es ſieht aus, wie ein großer Gaſthof voller Fremden, welche an dem reichlich mit Speiſen und Getränken beſetzten Wirthstiſche eſſen und wo bloß der Wirth entbehrlich wäre; denn ich möchte heber bei einem Einſiedler mit Kräutern und Wurzeln vorlieb nehmen, als mir bei einem ſolchen Schweine mit dem feinſten Wildpret gütlich thun. Seine Bedienten könnte man füglich mit den Kellnern und Hausknechten in einem Gaſthof vergleichen, wenn ſie nur dienſtwilliger und weniger raubgierig wären; allein ſie ſind größtentheils unverſchämt, nachläßig und ſo hungrig, daß ich im vornehmſten Gaſthof zu London wohlfeiler wegkomme, als auf dem Schloſſe meines Vetters in Yorkſhire. Der Squire iſt indeß nicht bloß mit einem Weibe beglückt, ſon⸗ dern auch mit einem einzigen Sohne geſegnet, der zweiundzwanzig Jahre alt, erſt kürzlich als Geigenvirtuos aus Italien zurückge⸗ kommen iſt, und keine Gelegenheit vorüberläßt, die vollſtändigſte Verachtung gegen ſeinen eigenen Vater an den Tag zu legen. Als wir anlangten, war eben eine fremde Familie auf dem Schloß, um beſagten Virtuoſen zu beſuchen, mit dem ſie zu Spaa Bekanntſchaft gemacht hatte. Es war der Graf Melville mit ſeinet 77 Gemahlin, beide im Begriff, nach Schottland zu reiſen. Herrn Burdock war ein Anfall zugeſtoßen, der ſowohl den Grafen als mich vermocht haben würde, alsbald wieder umzukehren, allein der junge Herr und ſeine Mutter beſtanden darauf, wir ſollen über Mittag bleiben, und ihre Heiterkeit ſchien durch dieſe Bege⸗ benheit ſo wenig gelitten zu haben, daß wir die Einladung an⸗ nahmen. Der alte Squire war nämlich Nachts vorher in einer Poſichaiſe nach Hauſe gebracht worden, und zwar mit ſo übel zu⸗ gerichtetem Kopfe, daß man glaubte, er habe alle ſeine Sinne verloren, und er bis jetzt kein Wort geſprochen hatte. Ein Apo⸗ theker vom Lande, Namens Grieve, der in einem benachbarten Dorfe wohnte, war zu Hülfe gerufen worden, hatte ihm zur Ader gelaſſen, warme Umſchläge um den Kopf gelegt, und erklärt, es ſey weder Fieber, noch ſonſt ein ſchlimmes Symptom vorhanden, außer dem Verluſt der Sprache, wofern er anders dieſes Vermö⸗ gen wirklich verloren habe. Der junge Squire aber erklärte, der Doctor ſey ein Ignorantaccio, der Hirnſchädel habe einen Sprung und man müſſe unverzüglich zum Trepaniren ſchreiten. Seine Mutter, die derſelben Meinung war, hatte einen Expreſſen nach Jork zu einem Wundarzt geſchickt, um die Operation vorzu⸗ nehmen, und dieſer war mit ſeinen Lehrjungen und Inſtrumenten bereits angelangt. Nachdem er den Kopf des Patienten befühlt, hob er an, ſeine Bandagen auszukramen; allein Grieve blieb be⸗ harrlich bei ſeiner Erklärung, daß kein Sprung vorhanden ſey, und führte als Hauptbeweis für ſeine Anſicht den Uinſtand an, daß der Squire die Nacht durch tief geſchlafen hatte, ohne durch Verwirrungen oder Zuckungen unterbrochen zu werden. Der Yorker Wundarzt ſagte, er könne nicht eher wiſſen, ob der Schädel wirk⸗ lich zerſprungen ſey, bis er die Haut vom Kopf abgelöst habe; übrigens ſey die Operation für alle Fälle gut, indem ſie das Blut wegſchaffe, das entweder über oder unter der dura mater aus den Gefäſſen getreten ſeyn müſſe. Die Lady und ihr Sohn waren 78 vollkommen damit einverſtanden, man ſolle das Experiment machen, und Grieve wurde mit nicht undeutlichen Zeichen der Verachtung entlaſſen, die er vielleicht ſeinem ſchlichten Aufzug zuzuſchreiben hatte. Er ſchien von mittlerem Alter zu ſeyn, und trug ſeine eigenen ſchwarzen Haare, ohne irgend eine künſtliche Beihülfe. Seiner Kleidung nach hätte man ihn für einen Quäker halten können, allein er hatte nichts von der Steiſheit dieſer Sekte an ſich; im Gegentheil war er beſcheiden, ehrerbietig und außerordent⸗ lich ſchweigſam. Wir ließen die Damen allein und begaben uns in's Zimmer des Patienten, allwo die Inſtrumente und Bandagen auf einer großen zinnernen Platte in Ordnung ausgebreitet lagen. Der Operateur warf Rock und Perücke ab, und rüſtete ſich mit einer Schlafmütze, Schürze und Arbeitsärmeln aus, indeß der Lehrjunge und der Bediente den Squire beim Kopfe nahmen, um ihn in die gehörige Lage zu verſetzen. Allein was geſchah? Der Patient ſprang plötzlich in ſeinem Bette auf, packte mit herkuliſchen Fäu⸗ ſten jeden der Gehülfen bei der Kehle, und ſchrie mit bellender Stimme:„Habe ich ſo lang in Forkſhire gelebt, um mich von Lumpenkerls, wie Ihr ſeyd, trepaniren zu laſſen?« Sodann ſprang er auf den Boden, und zog zum Erſtaunen von uns Allen ganz ruhig ſeine Beinkleider an. Der Chirurg beſtand noch immer auf ſeiner Operation und behauptete, es liege jetzt zu klar am Tage, daß das Gehirn verletzt ſey, die Bedienten ſollen ihn nur wieder in's Bett ſchaffen; allein Niemand wollte es wagen, dieſen Befehl zu vollziehen, oder ſich auch nur einzumiſchen, bis endlich der Squire ihn ſammt ſeinen Gehülfen aus der Thüre ſtieß und den ganzen Apparat zum Fenſter hinauswarf. Nachdem er ſolcher⸗ geſtalt ſein hausherrliches Anſehen wieder befeſtigt, und ſich mit Hülfe eines Bedienten vollends angekleidet hatte, ſtellte ihm ſein Sohn den Grafen, meinen Neffen und mich vor, und er empfing uns mit ſeiner gewöhnlichen bäueriſchen Höflichkeit. Sodann 79 wandte er ſich mit ſarkaſtiſcher Gebände an Signor Macaroni und ſagte zu ihm:„Ich will Dir etwas ſagen, Dick, man muß Einem nicht gleich den Schädel anbohren, wenn er ein paar Löcher im Kopfe hat, und ich werde jetzt Dich ſammt Deiner Mutter überführen, daß ich ſo viele Schliche kenne, als irgend ein alter Fuchs in ſeinem Holze.“ Wir erfuhren nachher, er habe im Wirthshaus mit einem Aceciſer Streit bekommen, denſelben auf ein Stockduell gefordert, aber dabei den Kürzern gezogen, und die Schaam über dieſe Niederlage habe ihm die Zunge gebunden. Seine Gemahlin, die über ſeinen Unfall keinen Kummer empfunden hatte, äußerte auch keine Freude, als ſie von dieſer plötzlichen Geneſung hörte. Sie hatte ſich mit meiner Schweſter und Nichte ein wenig in's Ge⸗ ſpräch eingelaſſen, aber mehr in der Abſicht, ihrem Muthwillen freien Lauf zu gönnen, als aus irgend einer Rückſicht der Hoch⸗ achtung für unſere Familie. Sie ſagte, Liddy ſehe aus wie eine Dere, und befahl ihrer Kammerfrau, ſie noch vor Tiſch anders zu friſiren; mit Tabby dagegen wollte ſie ſich nicht abgeben, da ſie bald merkte, daß ſie ſich nicht ungeſtraft zum Zorn reizen ließ. Ueber Tiſch erkannte ſie mich inſofern an, daß ſie ſagte, ſie habe von meinem Vater gehört, doch konnte ſie eine Andeutung nicht unter⸗ drücken, daß er mit ihrer Familie zerfallen ſey, weil er ein Mädchen in Wales ohne Vermögen geheirathet habe. Sie wurde etwas un⸗ angenehm in ihren genauen Erkundigungen über unſere häuslichen Umſtände, und fragte auch unter Anderem, ob ich meinen Neffen zum Juriſten zu machen denke. Ich ſagte ihr, da er ſo viel habe, um als unabhängiger Mann leben zu können, ſo ſolle er weiter kein Geſchäft treiben, ſondern auf ſeinen Gütern wirthſchaften; überdieß beſitze ich gegründete Hoffnung, ihm dereinſt einen Sitz im Parlament zu verſchaffen.„So ſagen Sie mir doch, Vetter,“ fuhr ſie fort,„wie hoch mögen ſich ſeine jährlichen Renten belau⸗ fen?“ Als ich ihr antwortete, mit dem, was ich ihm geben könne, 80 mögen ſie vielleicht mehr als zweitauſend Pfund betragen, ſo er⸗ wiederte ſie mit einem höhniſchen Kopfſchütteln:„Bei einem ſo armſeligen Einkommen dürfte es ihm wohl unmöglich ſeyn, ſeine Unabhängigkeit zu behaupten.“ Bei dieſer anmaßenden Bemerkung ſtieg mir das Blut in's Geſicht, und ich entgegnete ihr, ich habe die Ehre gehabt, mit ihrem Herrn Vater im Parlament zu ſitzen, während er wenig mehr als die Hälfte dieſes Einkommens ſein genannt habe; deß⸗ ungeachtet habe ſich im ganzen Hauſe kein unabhängigeres und der Beſtechung weniger zugängliches Mitglied gefunden.„Das mag wohl ſeyn,“ rief der Squire,„aber die Zeiten haben ſich geändert. Wir Landedelleute leben heut zu Tage auf einem ganz andern Fuße. Mein Tiſch allein kommt mich jedes Quartal auf volle tauſend Pfund, obſchon mir faſt Alles im Hauſe wächst, obſchon ich meine Weine ſelbſt verſchreibe und Alles von der erſten Hand beziehe. Freilich thue ich auch etwas für die Ehre von Altengland, und mein Haus ſteht Jedermann offen, der mich mit ſeinem Be⸗ ſuch beehren will.“—„Wenn das der Fall iſt,“ ſagte ich,„ſo wundert es mich, daß Sie mit ſo Wenigem ausreichen; allein man kann nicht jedem Edelmann zumuthen, daß er zur Bequem⸗ lichkeit der Reiſenden eine Art Herberge eingerichtet haben ſoll; auch iſt das wahr, wenn Jedermann ebenſo wirthſchaften wollte, ſo würden Sie keine ſolche Menge Gäſte an Ihrem Tiſche haben, und ſomit könnte auch Ihre Gaſtfreundſchaft nicht ſo hell zur Ehre der ganzen Geſellſchaft hervorleuchten.“ Der junge Squire, den dieſe ironiſche Bemerkung kitzelte, rief:„O che burla!“ Seine Mutter maß mich ſtillſchweigend mit trotzigem Blicke, der Herr des Hauſes ſelbſt aber ergriff einen Humpen und ſagte zu mir: „Ihr gutes Wohlſeyn, Vetter Bramble, ich habe immer gehört, die Luft in den wäliſchen Gebirgen ſey ein Bischen ſcharf und ſchneidend.“ Der Graf von Melville gefiel mir ſehr gutz er iſt ein geſcheidter, 81 gebildeter Mann, der ſich mit vielem Anſtand zu benehmen weiß, und die Gräfin iſt die liebenswürdigſte Dame, die ich je geſehen habe. Nachmittags verabſchiedeten ſie ſich, und der junge Herr ſtieg zu Pferde, um ihren Wagen durch den Park zu begleiten, indeß einer von ihren Bedienten nach dem Wirthshauſe ritt, um ihre übrigen Leute, die ſie dort zurückgelaſſen hatten, auf⸗ brechen zu heißen. Kaum hatten ſie den Rücken gekehrt, als der Läſterungsteufel in unſere Wirthin und meine Schweſter Tabby fuhr. Die Erſte meinte, die Gräfin ſey zwar ein hübſches Stück Fleiſch, ermangle aber gänzlich aller feinen Bildung und benehme ſich deßwegen immer höchſt einfültig. Der Squire ſagte, er gebe ſich zwar in der Regel mit keiner andern Zucht ab, als der Fül⸗ lenzucht; allein die Dirne wäre doch recht ſchön, wenn ſie nur ein Bischen mehr Leib hätte.„Schön!“ rief Tabby,„ja ſie hat allerdings ein paar ſchwarze Augen im Kopf, aber dieſen fehlt aller Ausdruck, und außerdem hat ſie keinen einzigen regelmäßigen Zug im Geſichte.“—„ch weiß nicht,“ verſetzte unſer Wirth, „was man in Wales ein regelmäßiges Geſicht nennt, aber in Yorkſhire könnte ſie ſich ſchon ſehen laſſen“ Sodann wandte er ſich an Liddy:„Und was ſagen Sie dazu, mein hübſches Gelb⸗ ſchnäbelchen? Was iſt Ihre Anſicht von der Gräfin?«“—„Ich,“ erwiederte Liddy, bis über die Ohren roth werdend,„ich halte ſie für einen Engel.“ Tabby gab ihr einen derben Verweis, daß ſie ſich in Geſellſchaft ſo frei ausdrücke, und die Dame vom Hauſe ſagte in einem höhniſchen Tone, das Fräulein ſcheine ihr in einer Penſion auf dem Lande erzogen worden zu ſeyn. Unſere Unterredung wurde ſchnell durch den jungen Squire unterbrochen, der geiſterbleich in den Hof hereingeſprengt kam, und rief, der Wagen ſey von einer großen Anzahl Straßenräuber angefallen worden. Mein Neffe und ich ftürzten hinaus, und fanden ſein eigenes und ſeines Bedienten Pferd geſattelt im Stalle, mit Piſtolen in den Halftern. Wir ſaßen ſogleich auf und befahlen Smollet's Romane. KIII. 6 82 Klinker und Dution, ſchleunigſt nachzufolgen, allein trotz aller unſerer Eile war das Gefecht bereits zu Ende, als wir ankamen, und der Graf befand ſi ſich nebſt ſeiner Gemahlin ſicher und wohl⸗ behalten in Grieve's Haus, der ſich bei dieſer Gelegenheit außer⸗ ordentlich hervorgethan hatte. Beim Herumfahren um eine Wieſe gegen das Dorf zu, wo die Dienerſchaft des Grafen geblieben war, erſchienen plötzlich zwei Räuber zu Pferde mit geſpannten Piſtolen; der Eine hielt den Kutſcher in Reſpekt und der An⸗ dere forderte dem Grafen ſein Geld ab, indeß der junge Squire ſpornſtreichs davon jagte, ohne ſich auch nür umzuſechen. Der Graf bat den Dieb, ſein Piſtol wegzuhalten, weil es ſeiner Ge⸗ mahlin ſo viel Angſt mache, und händigte ihm ohne den gering⸗ ſten Widerſtand ſeine Börſe ein; allein der Schurke wollte ſich mit dieſer obwohl anſehnlichen Beute nicht zufrieden geben, und verlangte auch noch die Ohrringe und das Halsband der Gräfin, worüber dieſe ein heftiges Angſtgeſchrei erhob. Zetzt gerieth ihr Gemahl in Wuth, rang dem Kerl ſein Piſtol aus der Hand, hielt es ihm in's Geſicht, und drückte los; allein der Räuber, der wohl wußte, daß es nicht gelaven war; zog ein anderes aus dem Bu⸗ ſen, und würde ihn aller Wahrſcheinlichkeit nach auf der Stelle erſchoſſen haben, wäre ſein Leben nicht durch eine wunderbare Fü⸗ gung gerettet worden. Zufälliger Weiſe kam in dieſem Augenblick der Apotheker Grieve des Wegs gegangen, lief auf die Kutſche zu, und ſchlug mit einem Knotenſtock, der einzigen Waffe, die er beſaß, den Räuber auf den erſten Schlag zu Boden; ſodann ergrif er ſein Piſtol, und ging damit auf den Andern zu, der auf's Gerathewohl ſchoß, und dann ohne weitere Gegenwehr davonjagte. Der zu Boden Geworfene wurde mit Hülfe des Grafen und des Kutſchers in Verwahrſam genommen, man band ihm die Füße unter dem Bauch ſeines eigenen Pferdes zuſammen, und ſo führte ihn Grieve nach dem Dorfe, wohin auch der Wagen nachfolgte. Es koſtete viele Mühe, die Gräfin von einer Ohnmacht zu retten, 83 doch brachte man ſie endlich glücklich in's Haus des Apothekers, der in ſeinen Laden ging, um ihr ein Tränkchen zu bereiten, in⸗ deß ſeine Frau und Tochter ihr in einem andern Zimmer Bei⸗ ſtand leiſteten. Ich fand den Grafen in der Küche, wo er ſich mit dem Pfar⸗ rer vom Dorfe unterhielt, und ihm ein großes Verlangen be⸗ zengte, ſeinen Retter zu ſehen, denn er hatte bis jetzt kaum Zeit gefunden, ihm für den wichtigen Dienſt zu danken, den er ihm und ſeiner Gemahlin geleiſtet. Als eben die Tochter mit einem Glas Waſſer vorüberging, konnte Herr von Melville nicht umhin, ihre wirklich höchſt reizende Geſtalt zu bewundern.„Ja,“ ſagte der Pfarrer,„das iſt das ſchönſte und zugleich brävſte Mädchen in meinem ganzen Kirchſpiel, und wenn ich meinem Sohn eine jähr⸗ liche Rente von zehntauſend Pfund geben könnte, ſo würde ich ihm auf der Stelle erlauben, dieſelbe zu ihren Füßen zu legen. Hätte Herr Grieve ſich eben ſo viel Mühe gegeben, Geld zu erwerben, rie er alle Pflichten eines ächten Chriſten erfüllt hat, ſo wäre das gute Kind längſt verheirathet“—„Vie heißt ſie 2« fragte ich.— »Vor ſechszehn Jahren,“ antwortete der Pfarrer,„habe ich ſie Seraphine Melvilia getauft“ »He!— Was!— Wie!“ rief der Graf feurig.„Seraphine Melvilia? Haben Sie wirklich ſo geſagt?—„Nicht anders,“ erwiederte der Pfarrer,„Herr Grieve ſagte mir damals, er nenne ſie ſo nach zwei vornehmen Perſonen, die ſich im Aus⸗ land befinden, und denen er noch mehr als ſein Leben ver⸗ danke.“ 6 Der Graf ſtürzte, ohne eine Sylbe weiter zu ſprechen, in's Zimmer und rief:„Hier meine Theuerſte, iſt Deine Pathin.“ Frau Grieve nahm jetzt die Gräfin bei der Hand und ſagte mit großer Gemüthsbewegung:„O gnädige Frau!— O Herr!— I bin— ich bin Ihre arme Eleonore.— Dies iſt meine Se⸗ raphine Melvilia. O Kind, dieß iſt der Graf und die Gräfin X 84 von Melville, die edlen, die großmüthigen Wohlthäter Deiner ehedem ſo unglücklichen Eltern.“ Die Gräfin ſtand von ihrem Sitze auf, ſchlug ihre Arme um den Hals der liebenswürdigen Seraphine, und drückte ſie mit großer Zärtlichkeit an ihre Bruſt, indeß ſie ſich ſelbſt in den Ar⸗ men der weinenden Mutter befand. Dieſe rührende Scene erhielt ihre Vollendung durch die Dazwiſchenkunft Grieve's, der ſich vor dem Grafen auf die Kniee niederwarf und zu ihm ſagte:„Sehen Sie hier einen bußfertigen Sünder, der endlich ohne Schaudern zu ſeinem Herrn aufſchauen darf.“—„Ach, Ferdinand!“ rief die⸗ ſer, indem er ihn aufhob und in ſeine Arme ſchloß,„Spielgefährte meiner Kindheit— Genoſſe meiner Jugend! Ihnen alſo habe ich mein Leben zu verdanken?“—„Der Himmel hat mein Fle⸗ hen erhört,“ erwiederte der Andere,„und mir eine Gelegenheit geboten, mich Ihrer Güte und Ihres Schutzes nicht gänzlich un⸗ würdig zu zeigen.“ Sodann küßte er der Gräfin die Hand, indeß Herr von Melville ſeine Frau und liebenswürdige Tochter auf die Stirne küßte; wir andern Alle waren ſehr ergriffen von dieſer rührenden Erkennungsſcene. Kurz und gut, Grieve war niemand Anders als der Graf Ferdinand Fathom, deſſen Abenteuer ſchon vor mehreren Jahren gedruckt worden ſind. Er hatte ſich aufrichtig zur Tugend bekehrt und einen andern Namen angenommen, um den Nachforſchungen des Grafen zu entgehen, deſſen großmüthige Hülfe er für die Zukunft abzulehnen entſchloſſen war, weil er ſich nur noch auf ſeine eigene Thätigkeit und Rechtſchaffenheit verlaſſen wollte. Dem⸗ zufolge hatte er ſich in dieſem Dorfe als Wundarzt und Apotheker niedergelaſſen, und mehrere Jahre hindurch mit allem Elend des Mangels kämpfen müſſen, das jedoch ſowohl er als ſeine Frau mit der muſterhafteſten Ergebung ertrug. Durch unermüdlichen Fleiß in ſeinem Berufsgeſchäfte, das er mit vielem Erfolg treibt, hat er ſich endlich eine ziemlich gute Praxis unter den Pächtern 85 und Bauern erworben, ſo daß er anſtändig davon leben kann. Man hat ihn kaum einmal lachen ſehen; er iſt fromm, ohne es zur Schau zu tragen, und alle Zeit, die er von ſeinen Berufs⸗ Arbeiten erübrigen kann, verwendet er auf die Erziehung ſeiner Tochter, ſo wie auch auf eigene weitere Studien. Mit Einem Wort, der Abenteurer Fathom wird unter dem Namen Grieve in der ganzen Gegend als ein Wunder von Gelehrſamkeit und Recht⸗ ſchaffenheit verehrt. Dieſe Einzelheiten erfuhr ich von dem Pfarrer, als wir das Zimmer verließen, um ſie in ihren gegenſeitigen Herzensergießungen nicht zu ſtören. Ohne Zweifel wird man Grieve dringend zuſprechen, ſein Geſchäft aufzugeben und ſich wie⸗ der mit der Familie des Grafen zu vereinigen, und da die Gräfin in die Tochter eigentlich verliebt zu ſeyn ſcheint, ſo wird ſie ver⸗ muthlich darauf beſtehen, daß Seraphine ſie nach Schottland be⸗ gleiten ſoll. Nachdem wir dieſen würdigen Perſonen unſern Glückwunſch abgeſtattet, kehrten wir zu unſerem Squire zurück, in der Erwar⸗ tung, er werde uns, da es naß und ſtürmiſch war, einladen, die Nacht bei ihm zuzubringen. Allein es ſchien, als ob ſich Burdocks Gaſtfreundlichkeit zur Ehre von Yorkſhire nicht ſo weit erſtreckte, und ſo reisten wir noch am Abend ab und kehrten in einem Wirths⸗ hauſe ein, wo ich mir eine Erkältung holte. Um dieſe vielleicht wieder los zu werden, ehe ſie ſich mir irgendwo im Leibe feſtſetzen möchte, beſchloß ich, einen andern Verwandten zu beſuchen, einen gewiſſen Herrn Pimpernel, der etwa vier Meilen von dem Orte wohnte, wo wir uns gerade auf⸗ hielten. Pimpernel war als der jüngſte unter vier Brüdern an⸗ fänglich zum Advokaten beſtimmt geweſen; da aber ſeine älteren Brüder alle ſtarben, erwarb er ſich zur Ehre ſeiner Familie ein Richteramt, und bald nach dieſer Erhöhung erbte er die ſehr an⸗ ſehnlichen Güter ſeines Vaters. Er brachte alle Ränke und Kniffe des elendeſten Winkeladvokaten mit nach Hauſe, und überdieß eine 86 Frau, die er von einem Karrenbauern um zwanzig Pfund gekauft hatte; auch fand er bald Gelegenheit, ſich das Patent eines wirk⸗ lichen Friedensrichters zu verſchaffen. Er iſt nicht bloß ein Geiz⸗ hals von Haus aus, ſondern er verbindet mit ſeiner Filzigkeit auch einen wahrhaft teufliſchen Deſpotismus. Er iſt ein roher Ehemann, ein unnatürlicher Vater, ein harter Hausherr, ein un⸗ barmherziger Grundbeſitzer, ein prozeßſüchtiger Nachbar und ein parteiiſcher Richter. Freunde hat er keine, und was Lebensart und Gaſtfreundſchaft betrifft, ſo iſt mein Vetter Burdock ein Engel gegen dieſen ungefälligen Knicker, deſſen Haus ein lebendiges Bild von einem Gefängniſſe abgibt. Unſere Aufnahme war, wie ſich nach dieſer Schilderung erwarten läßt. Hätte ſeine Frau etwas gegolten, ſo wären wir freundſchaftlich behandelt worden. Sie iſt trotz ihrer niedrigen Herkunft wirklich ein artiges Weib, und in der ganzen Gegend geachtet; aber in ihrem eigenen Hauſe hat ſie nicht Anſehen genug, um einen Trunk Tafelbier fordern zu kön⸗ nen, geſchweige denn, daß ſie ihren Kindern, die wie ungeſtrie⸗ gelte Füllen im Naturzuſtande herumſpringen, einige Erziehung angedeihen laſſen dürfte. Der Teufel hole ihn, er iſt ein ſo ſchmutziger Kerl, daß ich nicht die Geduld habe, mich länger mit ihm zu befaſſen. Als wir wieder in die Nähe von Harrigate kamen, kündigten ſich rheumatiſche Schmerzen bei mir an. Ein ſchottiſcher Advokat, Namens Micklewhimmen, rieth mir ſo dringend zu einem heißen Bade von dieſem Waſſer, daß ich mich bereden ließ, eine Probe zu machen. Er hatte es oft mit gutem Erfolg gebraucht, und blieb jedes Mal eine Stunde im Bad, d. h. in einem mit heißgemach⸗ tem Harrigater Waſſer angefüllten Zuver. Da ich nicht einmal den Geruch von einem Glas dieſes Waſſers, ſo lang es kalt war, ertragen konnte, ſo werden Sie ſich einbilden können, was meine Naſe von dem Qualm eines heißen Bades davon auszuſtehen hatte. Ich wurde Abends in ein finſteres Loch unten im Hauſe 87 gebracht; hier ſtand der Kübel in einer Ecke und dampfte und ſtank, als wäre er aus dem Acheron gefüllt; in einer andern war ein ſchmutziges Bett mit dicken wollenen Decken, worin ich ſchwitzen ſollte, wenn ich aus dem Bade käme. Das Herz drehte ſich mir im Leibe um, als ich in dieſe ſcheußliche Badſtube trat, und ich fühlte, daß die unerträglichen Ausdünſtungen meinem Gehirn heftig zuſetzten. Ich fluchte auf Micklewhimmen, der nicht bedacht, daß meine Organe dieſſeits der Tweed gebildet worden; allein ich ſchämte mich, auf der Schwelle wieder umzukehren und unterwarf mich dem Prozeſſe. Nachdem ich über eine Viertelſtunde lang in dem Kübel Alles ausgeſtanden hatte, um nur nicht gerade wirklich zu erſticken, wurde ich in's Bett gebracht und in die Decken gewickelt. Hier lag ich eine volle Stunde und verſchmachtete beinahe vor der un⸗ erträglichen Hitze; da ſich aber nicht die geringſte Feuchtigkeit auf meiner Haut zeigen wollte, ſo ſchaffte man mich in meine Kam— mer, und hier brachte ich, ohne ein Auge zu ſchließen, die Nacht in einer Herzensangſt zu, die mich zum elendeſten Wicht von der Welt machte. Ich wäre ſicherlich verrückt geworden, hätte nicht mein durch dieſes ſiygiſche Bad verdünntes Blut einige Gefäſſe ge⸗ ſprengt, und einen heftigen Blutfluß herbeigeführt, der, ſo fürch⸗ terlich und drohend er war, doch die entſetzlichſten Wallungen dämpfte. Ich verlor bei dieſer Gelegenheit über zwei Pfund und befinde mich noch immer matt und ſchwach; indeß glaube ich, eine kleine Bewegung wird mir wieder auf die Beine helfen, und deß⸗ halb bin ich entſchloſſen, morgen über Jork nach Scarborvug) abzureiſen, allwo ich durch Seebäder, auf die Sie meines Wiſſens ſo große Stücke halten, meine Fibern wieder zu ſtählen gedenke. Indeß gibt es eine Krankheit, für die Sie noch immer kein Speci⸗ ficum aufgefunden haben: ich meine das Alter, wovon Sie in die⸗ ſer langweiligen, zuſammenhangsloſen Cpiſtel ein untrügliches Kennzeichen erblicken; allein unheilbare Schaden müſſen wir 88 nun einmal mit Geduld tragen, und dieß gilt ſowohl Ihnen als Ihrem ergebenſten M. Bramble. Harrigate, den 26. Juli. An Sir Watkin Philipps, Baronet, im Jeſuitenkollegium zu Ooford. Lieber Freund! Das Leben in Harrigate hat mir ſo wohl zugeſagt, daß ich den Ort nur ungern verließ. Wayhrſcheinlich hätte auch Tante Tabby gegen unſere baldige Abreiſe Einwendungen gemacht, wäre nicht zwiſchen ihr und dem ſchottiſchen Advokaten Micklewhimmen, auf deſſen Herz ſie gleich am zweiten Tag nach unſerer Ankunft zu operiren anfing, zufälliger Weiſe eine Spannung eingetreten. Dieſes Original, das ſcheinbar weder Hände noch Füße mehr gebrauchen kann, hatte ſeinen anſchlägereichen Kopf nicht umſonſt mitgebracht. Er wußte ſo jämmerlich zu ächzen und zu ſtöhnen, daß er das Mitleid der ganzen Geſellſchaft im höchſten Grad rege machte, und eine alte Dame, die das beſte Zimmer im Hauſe inne hatte, es ihm zu ſeiner Bequemlichkeit und Erleichterung abtrat. Wenn ſein Bedienter ihn in den Saal führte, rührten ſich ſogleich alle weiblichen Hände; die Eine ſetzte ihm einen Lehnſtuhl zurecht, eine Andere klopfte ihm das Stuhlkiſſen auf, eine Dritte brachte ihm einen Schemel und eine Vierte ein Kiſſen, worauf er die Füße legen konnte. Zwei Damen, unter denen ſich immer Tabby befand, führten ihn in den Speiſeſaal, ſetzten ihn ſanft an den Tiſch, und alle Leckerbiſſen, wozu er Luſt blicken ließ, wurden ihm von ihren ſchönen Händen vorgelegt. Dieſe Aufmerkſamkeiten vezahlte er mit einer Fluth von Complimenten und Segenswün⸗ 89 ſchen, die durch ſeinen ſchottiſchen Dialekt nichts von ihrer Lieb⸗ lichkeit verloren. Ganz beſonders richtete er ſeine Huldigungen an Fräulein Tabitha, und wußte ſeinen Geſprächen immer reli⸗ giöſe Betrachtungen über die unbedingte Gnade u. ſ. w. einzu⸗ verleiben, denn er hatte bald ihre Neigung zum Methodismus bemerkt, wozu er ſich gleichfalls in calviniſtiſcher Manier bekannte. Ich für meine Perſon konnte nicht umhin, den Rechtsverdreher für weniger gebrechlich zu halten, als er ſich das Anſehen gab. Ich bemerkte, daß er es ſich dreimal des Tags herzlich wohl ſchmecken ließ, und obgleich ſeine Flaſche die Etikette: Magen⸗ Tinctur führte, ſo ſprach er ihr doch ſo fleißig zu, und ſchien mit ſo abſonderlichem Wohlgefallen davon zu koſten, daß ich auf den Gedanken kam, dieſer Trank könne unmöglich in einer Apotheke oder dem Laboratorium eines Chemikers bereitet worden ſeyn. Eines Tags, als er ſich mit Tabitha in ein tiefes Geſpräch verwickelt hatte, und ſein Bedienter herausgegangen war, verwechſelte ich ſchnell die Schilde und Plätze unſerer beiden Flaſchen, koſtete ſeine Tinktur und ſiehe da, es war ein vortrefflicher Bordeaux. Ich reichte die Flaſche alsbald einem meiner Nachbarn, und ſie war ganz leer, bis Herr Micklewhimmen wieder ans Trinken dachte. Endlich kehrte er ſich um, ergriff meine Flaſche ſtatt der ſeinigen, füllte ein großes Glas und trank die Geſundheit der Jungfer Tabitha. Kaum hatte er jedoch den Trank an ſeine Lippen gebracht, ſo merkte er, daß man ihm einen Streich geſpielt hatte, und gerieth Anfangs ein wenig in Verlegenheit. Er ſchien in der Stille mit ſich ſelbſt zu Rathe zu gehen, und in einer halben Minute war ſein Entſchluß gefaßt. Er wandte ſich gegen uns um und ſagte: „Ich muß geſtehen, der Witz des Herrn iſt nicht übel, es iſt ein hübſcher drolliger Spaß, aber zuweilen heißt es: hi joci in seria ducunt mala. Ich will in ſeinem Intereſſe hoffen, daß er nicht den ganzen Trank zu ſich genommen hat, denn dieſer Bordeaur iſt ſehr ſtark über Jalappe abgezogen, und wenn er zu viel ge⸗ 90 trunken hat, ſo könnte es leicht eine Kataſtrophe in ſei⸗ nen Eingeweiden geben.“ Bei weitem den größten Theil hatte ſc ein junger Tuch⸗ macher von Leeds zu Gemüthe geführt, der nach Harrigate ge⸗ kommen war, um hier eine Rolle zu ſpielen; im Uebrigen ein abgeſchmackter Haſenfuß. Er hatte, ſowohl um ſeine Mitgäſte auslachen, als um dem Juriſten einen Poſſen anthun zu können, die Flaſche geleert, als die Reihe an ihn gekommen war, und dann ein lautes Gelächter aufgeſchlagen: aber jetzt verwandelte ſich ſeine Luſtigkeit auf einmal in Angſt und Kummer. Er fing an zu ſpeien, ſeine Augen zu verdrehen, und ſein Geſicht zu ver⸗ zerren.„Das verdammte Zeug!“ rief er,„ich dachte doch ſogleich, daß es einen garſtigen Beigeſchmac haben werde. Pah! das Sprüchwort hat wohl recht: wer einen Schottländer zum Narren halten will, muß früh aufſtehen und des Teufels Großmutter mit⸗ nehmen!“—„In allem Ernſt, mein lieber Herr,“ verſetzte der Advokat,„Ihr Witz hat Ihnen einen ſehr böſen Streich geſpielt. Es thut mir wahrhaftig leid um Sie, denn die Sache könnte Ihnen übel bekommen. Ich kann Ihnen in dieſer Gefahr keinen beſſern Rath geben, als daß Sie unverzüglich einen Expreſſen nach Rippon zum Doctor Waugh ſchicken, inzwiſchen aber alles Oel und alle Butter, die im Hauſe aufzutreiben iſt, zu ſich neh⸗ men, um Ihren armen Magen und Ihre Gedärme vor den Fol⸗ gen der Jalappe zu verwahren, die auch mäßig genoſſen ſehr heftig wirkt.“ Der naſeweiſe Tuchfabrikant fing bereits an, Schmerzen zu empfinden, und begab ſich, über Bauchgrimmen klagend, auf ſein Zimmer. Das Oel wurde verſchlungen und der Doctor geholt, aber bevor er ankam, hatte der Unglückliche bereits ſolche Aus⸗ leerungen nach Oben und Unten gehabt, daß nichts zurückgeblieben war, was ihm hätte ſchaden können; gleichwohl war dieß lediglich die Wirkung ſeiner Einbildungskraft, denn er hatte nichts als 91 ächten Bordeaux getrunken, den der Advokat für ſeinen eigenen Gaumen aus Schottland mitgebracht. Als der Tuchmacher fand, daß ihm der Spaß ſo theuer zu ſlehen kam, und ſo gänzlich zu ſeinen Ungunſten ausfiel, reiste er am andern Morgen ab und überließ Herrn Micklewhimmen den Sieg, der indeß die Freude ſeines Herzens durch kein übermüthiges Frohlocken an den Tag legte. Im Gegentheil ſtellte er ſich, als thue es ihm leid, daß der junge Mann ſo viel habe leiden müſſen, und durch dieſe affek⸗ tirte Mäßigung erwarb er ſich neues Lob. Etwa mitten in der Nacht, die nach dieſem Auftritt folgte, geſchah es, daß der Ruß in einem Kamin, das lange nicht mehr geputzt ſeyn mochte, Feuer fing und auf eine ſchreckliche Art Lärm geſchlagen wurde. Alles ſprang nackt aus dem Bette und in einer Minute war das Haus mit Wehgeſchrei und Tumult erfüllt. Es hatte zwei Treppen, und auf dieſe rannten wir natürlich zu; allein ſie waren beide ſo verrammelt von Leuten, die einander drängten und ſtießen, daß es unmöglich ſchien, durchzukommen, ohne die Damen niederzuwerfen und mit Füßen zu treten. Mitten in dieſer Anarchie kam Herr Micklewhimmen, mit einem ledernen Mantelſack auf dem Rücken, ſo flink wie ein Ziegenbock über den Gang gerannt, und Tabby in ihrem Unterröckchen gab ſich alle Mühe, ihn unter dem Arme zu faſſen, um mittelſt ſeines Schutzes möglicher Weiſe zu entrinnen; allein er warf ſie zu Boden und rief:„Nein, nein, wahrhaftig, Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte.“ Ohne ſich im mindeſten an das Schreien und Flehen ſeiner Freun⸗ dinnen zu kehren, drängte er ſich mitten durch das Getümmel, warf Alles, was ihm im Wege ſtand, über den Haufen, und focht ſich glücklich die Treppe hinab. Inzwiſchen hatte Klinker eine Leiter gefunden, auf welcher er in's Fenſter von meines Oheims Zimmer ſtieg, wo wir uns Alle verſammelt hatten, und machte uns den Vorſchlag, wir möchten Alle nacheinander auf derſelben hinabſtei⸗ gen. Der Squire redete ſeiner Schweſter zu, ſie ſolle den Anfang 92 machen; allein ehe ſich dieſe entſchließen konnte, warf ſich ihr Kam⸗ mermädchen, Jungfer Winifred Jenkins, in einem Anfall von Angſt und Schreck, zum Fenſter hinaus auf die Leiter, und Klin⸗ ker ſprang hinab, um ſie aufzufangen. Dieſe Nymphe war noch gerade, wie ſie aus dem Bett gehüpft war; der Mond ſchien glänzend hell, und da eben ein friſches Lüftchen wehte, ſo konnte den Augen des glücklichen Klinker unmöglich irgend eine von Jungfer Winifreds Schönheiten entgehen, und ſein Herz vermochte ſicherlich der vereinigten Macht ſo vieler Reize nicht zu wider⸗ ſtehen; wenigſtens müßte ich mich ſehr täuſchen, wenn er nicht von dieſem Augenblick an ihr unterwürfiger Diener geworden wäre. Er fing ſie in ſeinen Armen auf, gab ihr ſeinen Rock, um ſie vor der Kälte zu ſchützen, und kletterte mit bewunvernswürdi⸗ ger Schnelligkeit wieder die Leiter hinauf. In dieſem Augenblick rief der Wirih mit vernehmbarer Stimme, das Feuer ſey gelöſcht und die Damen haben nichts mehr zu fürch⸗ ten. Dieß war eine willkommene Botſchaft und that augenblickliche Wirkung: das Wehgeſchrei hörte auf und ſtatt deſſelben ertönte ein verworrenes Gebrumme und Gezänke. Ich führte Jungfer Tabitha und meine Schweſter auf ihr Zimmer, wo Liddy in Ohn⸗ macht ſiel, aber bald wieder zu ſich gebracht wurde. Nun ging ich weiter, um auch den übrigen Damen meine Dienſte anzubieten, im Fall ſie eines Beiſtandes bedürftig ſeyn ſollten. Sie huſchten alle nach ihren verſchiedenen Zimmern über den Gang, und da dieſer von zwei Lampen erleuchtet war, ſo hatten meine Augen eine ziemlich hübſche Weide; allein da ſie größtentheils bis auf's Hemd nackt waren und große Nachthauben auf den Köpfen hatten, ſo konnte ich kein Geſicht vom andern unterſcheiden, und nur ein paar Wenige vermochte ich an den Stimmen zu erkennen. Dieſe waren im Allgemeinen höchſt kläglicher Natur: die Einen weinten, die Andern ſchalten und Etliche beteten ſogar. Ich hob eine alte Dame vom Boden auf, die niedergeworfen und jämmerlich zer⸗ 93 treten worden war; dem lahmen Paſtor von Northumberland war es ebenfalls nicht beſſer gegangen; Micklewhimmen hatte ihn nie⸗ dergerannt, aber auch den wohlverdienten Lohn dafür empfangen, denn der Krüppel hatte ihm im Fallen mit ſeiner Krücke einen ſo derben Schlag auf den Kopf verſetzt, daß alsbald Blut herab⸗ rann. Was den Juriſten betrifft, ſo wartete er unten, bis das Ge⸗ tümmel vorüber war, und dann ſtahl er ſich ganz leiſe auf ſein Zimmer, von wo aus er keinen neuen Ausfall wagte, bis Mor⸗ gens um eilf Uhr, da er ſich jämmerlich ſtöhnend und mit einer blutigen Serviette um den Kopf gebunden von ſeinem Bedienten und einem andern Gehülfen ins Geſellſchaftszimmer führen ließ. Hier war indeß Alles ganz anders geworden. Die ſelbſtſüchtige viehiſche Roheit ſeines Benehmens auf der Treppe hatte Aller Her⸗ zen gegen ſeine Künſte und Liſten zu Stahl und Eiſen gehärtet. Da war keine Seele, die ihm einen Stuhl, ein Kiſſen oder einen Fußſchemel angeboten hätte, ſo daß er ſich zuletzt genöthigt ſah, auf einer harten hölzernen Bank Platz zu nehmen. Unter dieſen Umſtänden blickte er mit einem jammervollen Geſichte umher, verbeugte ſich ſehr tief und begann in winſelndem Tone:„Ihr gehorſamſter Diener, meine Damen. Feuer iſt ein entſetzliches Unglück.“—„Das Feuer läutert das Gold und prüft die Freund⸗ ſchaft,“ rief Tante Tabby, die Naſe in die Höhe werfend.— „Allerdings,“ erwiederte Micklewhimmen,„es prüſt auch den Ver⸗ ſtand.“—„Wenn der Verſtand darin beſteht, ſeine Freunde in der Noth ſtecken zu laſſen, ſo beſitzen Sie dieſe vortreffliche Eigen⸗ ſchaft in ausgezeichnetem Grade,“ entgegnete meine Tante.—„O nein, mein gnädiges Fräulein,“ ſagte der Advokat,„ich weiß wohl, daß ich mir wegen der Art und Weiſe meiner Flucht durch⸗ aus kein Verdienſt anmaßen kann. Sie werden die Güte haben, zu bemerken, meine Damen, daß es zwei verſchiedene Grundfätze gibt, nach denen unſere Natur handelt: der eine heißt Inſtinkt, 94 und dieſen haben wir mit den unvernünftigen Thieren gemein, und der andere heißt Vernunft. Nun ſehen Sie, in gewiſſen großen Nothfällen, wenn die Vernunft betäubt iſt, ergreift der Inſtinkt das Ruder, und wenn dieſer die Oberhand hat, ſo be⸗ kümmert er ſich nichts um die Berechnungen der Vernunft, mit der er überhaupt gar nicht verwandt iſt; er arbeitet für nichts als für die Erhaltung der eigenen Perſon, und zwar greift er immer zu dem Mittel, das am ſicherſten und ſchnellſten zum Ziele führt; deßhalb, meine gnädigen Damen, bin ich, mit Ihrer gütigen Er⸗ laubniß, über das, was ich unter der Herrſchaft dieſer unwider⸗ ſtehlichen Gewalt e habe, in foro conscientiae nicht zu be⸗ langen.“ Hier fiel ihm mein Oheim in die Rede:„Ich möchte doch wohl wiſſen, ob es der Inſtinkt war, der Sie antrieb, mit Sack und Pack zu fliehen, denn wenn ich mich recht erinnere, hatten Sie einen Mantelſack auf der Schulter.“ Der Advokat erwiederte ohne langes Bedenken:„Wenn ich meine Meinung offen ſagen darf, ohne in den Verdacht der Anmaßung zu gerathen, ſo dächte ich, es war etwas Höheres als Vernunft oder Inſtinkt, was mich antrieb, dieſe Vorſicht zu gebrauchen, und zwar aus einer dop⸗ velten Urſache. Für's Erſte enthielt der Mantelſack die Urkunden über die Güter eines würdigen Edelmanns, und wenn ſie ver⸗ brannt wären, ſo hätte dieß einen unerſetzlichen Verluſt verurſacht. Zweitens ſcheint mir mein guter Engel dieſes Felleiſen als einen Panzer auf die Schulter gelegt zu haben, um mich gegen einen höchſt unmenſchlichen Schlag zu ſchützen, den ich von der Krücke eines hochwürdigen Geiſtlichen erhielt, einen Schlag, der mich trotz dieſer Schutzwehr bis auf die äußere Schädelhaut gefährlich verwundet hat.“—„Ihren eigenen Lehrſätzen zufolge,“ rief der Prieſter, der zufällig anweſend war,„bin ich für dieſen Schlag nicht verantwortlich, denn er war Wirkung des Inſtinkts.“—„Bitte ſehr um Verzeihung, hochwürdiger Herr,“ erwiederte der Andere, 95 »der Inſtinkt iſt bloß für die Erhaltung der Perfon geſchäftig, und von Ihrer Erhaltung war ganz und gar nicht die Rede; Sie hat⸗ ten bereits den Schaden erlitten, und deßhalb iſt der Schlag auf Rechnung der Rachgier zu ſchreiben, die eine ſündhafte Leidenſchaft iſt und jedem Chriſten ſchlecht anſteht, am ſchlechteſten aber einem proteſtantiſchen Geiſtlichen. Ich will Ihnen nur ſagen, verehrte⸗ ſter Herr Doctor, wenn ich einen Prozeß anfangen wollte, ſo würde ich mit meiner Klage wohl nicht zurückgewieſen werden.“ —„Wie ſo2“ rief der Pfarrer,„der Schaden iſt auf beiden Sei⸗ ten ſo ziemlich gleich: Sie haben ein Loch in den Kopf bekommen, und mir iſt die Krücke in der Mitte entzwei geſprungen. Wenn Sie den Einen wieder gut machen, ſo mache ich mich anheiſchig, die Kurkoſten für den Andern zu bezahlen.“ Dieſer witzige Einfall erregte ein allgemeines Gelächter auf Micklewhimmens Koſten, der ſehr ernſthaft zu werden begann, als mein Oheim, um dem Geſpräch eine ändere Wendung zu ge⸗ ben, bemerkte, der Inſtinkt ſey auch in anderer Beziehung ſehr gütig gegen ihn geweſen, denn er habe ihm wieder zum Gebrauch ſeiner Gliedmaßen verholfen, die er bei ſeinem Auszug mit ſo er⸗ ſtaunlicher Behendigkeit bewegt habe. Darauf erwiederte der Ad⸗ vokat, die Natur der Angſt bringe es mit ſich, daß ſie die Nerven zu ſtärken pflege, und führte einige höchſt auffallende Beiſpiele an, wo die Leute in der höchſten Angſt eine ganz außerordentliche Stärke und Gewandtheit an den Tag gelegt haben, übrigens beklage er nur, daß in ſeinem eigenen Falle mit der Urſache auch die Wir⸗ kung wieder verſchwunden ſey. Der Squire ſagte, er wette einen Thee für die ganze Geſellſchaft, daß er einen ſchottiſchen Walzer tanzen könne, ohne einen falſchen Tritt zu thun, worauf der Ad⸗ vokat mit lachendem Munde nach einem Spielmann verlangte. Zufällig war ein Menſch mit einer Geige in der Nähe, und nun ſprang dieſes Original mit der blutigen Serviette um ſeine ſchwarze Knotenperücke von der Bank auf in den Saal und tanzte 96 dermaßen herum, daß die ganze Geſellſchaft herzlich lachen mußte. Allein Tabby's Gewogenheit hatte er ein für alle Mal verſcherzt: ſie wollte von keinem Inſtinkt hören, und der Juriſt hielt es auch nicht der Mühe werth, ſich mit weitläufigeren Erklärungen aufzu⸗ halten. Von Harrigate ſind wir über Jork hieher gereist und geden⸗ ken uns einige Tage zu verweilen, weil beide, Oheim und Tante, geſonnen ſind, das Waſſer zu brauchen. Scarborough iſt ein höchſt unbedeutendes Städtchen, liegt aber ſehr romantiſch der Länge nach auf einem Felſen, welcher über der See hängt. Den Hafen bildet eine ſchmale Landzunge, die in gerader Richtung gegenüber von der Stadt als ein natürlicher Damm fortläuft, und auf dieſer Seite liegt das Kaſtell, das ſehr hoch und umfangreich iſt, und vor der Erfindung des Pulvers für uneinnehmbar galt. Am an⸗ dern Ende von Scarborough findet man zwei öffentliche Säle zum Gebrauch der Gäſte, die im Sommer hieher kommen, um den Brunnen zu trinken und in der See zu baden; die Luſtbarkeiten dahier haben ungefähr neben denen zu Bath feil. Der Geſund⸗ brunnen oder ſogenannte Spaa liegt ein wenig dieſſeits der Stadt unter einem Felſen, wenige Schritte von der See, und hieher kommen die Gäſte Morgens im Negligé; man muß indeß viele Treppen hinabſteigen, was Invaliden höchſt unbequem finden. Zwiſchen der Quelle und dem Hafen ſtehen längs dem Strande der Reihe nach die Bademaſchinen nebſt Zubehör und Bedienung in Ordnung. Sie haben ohne Zweifel noch nie eine Maſchine von dieſem Kaliber geſehen. Denken Sie ſich einmal eine kleine, wohlverwahrte, hölzerne Kammer, die auf Rädern ſteht, an jedem Ende eine Thüre hat, und auf jeder Seite oben ein Fenſter, unten eine Bank. Der Badgaſt ſteigt auf einigen hölzernen Tritten in dieß Zimmerchen hinauf, verſchließt ſich und beginnt ſich auszuklei⸗ den, indeß der Aufwärter nach der Seeſeite zu ein Pferd vor⸗ ſpannt und das Fuhrwerk ſo lange fortziehen läßt, bis das Waſſer 97 gleiche Höhe mit dem Boden der Kammer hat; dann nimmt er das Pferd und ſpannt es am andern Ende vor. Die Perſon, die darinnen iſt, öffnet, wenn ſie ſich ausgekleidet hat, die Thüre nach dem Waſſer zu, allwo ſie den Führer bereit findet, und ſich kopfüber in's Waſ⸗ ſer ſtürzt. Wenn ſie genug gebadet hat, ſo ſteigt ſie auf den Tritten, die man zu dieſem Ende angebracht hat, in die Kammer zurück und kleidet ſich allmälig wieder an, indeß das Fuhrwerk auf den trockenen Strand zurückgezogen wird. Man hat alſo wei⸗ ter nichts mehr zu thun, als die Thüre zu öffnen und herauszu⸗ gehen, wie man hineingegangen. Iſt Jemand ſo kränklich, daß er zum Aus⸗ und Ankleiden einer Bedienung bedarf, ſo iſt die Kammer nöthigenfalls groß genug für ein halb Dutzend Leute. Die Damen werden von Perſonen ihres Geſchlechts in's Waſſer geführt und bedient; dieſelben haben, wie die Badenden, ein flanellenes Seekleid, und auch für andere Erforderniſſe im Intereſſe des An⸗ ſtandes iſt wohl geſorgt. Eine gewiſſe Anzahl dieſer Maſchinen hat Wände von Segeltuch, die in die See hineingehen, ſo daß die badende Perſon von Niemand geſehen werden kann. Das Ufer eignet ſich vortrefflich zu dieſem Gebrauche, denn es iſt ſanft ab⸗ ſchüſſig und der Sand ſo eben und glatt wie Sammt; allein we⸗ gen der Ebbe und Fluth kann man ſich dieſer Maſchinen nur zu gewiſſen Tageszeiten bedienen und muß ſich hiebei nach der Fluth bequemen. Somit ſind die Badgäſte genöthigt, Morgens ſehr früh aufzuſtehen. Ich für meine Perſon liebe das Schwimmen als eine Leibesübung und kann mir dieſes Vergnügen trotz Ebbe und Fluth zu jeder Tagszeit machen, ohne ſolcher Weitläufigkeiten zu bedürfen. Wie manches Mal haben wir uns nicht beide mit einander in die Iſis geſtürzt! Aber die See iſt ein weit herrliche⸗ res Bad, ſowohl in Beziehung auf Geſundheit als auf Vergnügen. Sie können nicht glauben, wie munter und friſch man heraus⸗ kommt, wie jede Nerve des Körpers geſtärkt wird. Vollle ich Ihnen die Gebrechen, die tagtäglich durch das Seebad geheilt Smollet's Romane. KIV. 7 98 werden, nur zur Hälfte aufzählen, ſo könnten Sie mit Recht ſagen, Sie haben eine Abhandlung, aber keinen Brief erhalten von Ihrem ergebenſten Freund und Diener H. Melford. Scarborough, den 1. Juli. An Dortor Ludwig. Mein lieber Doctor! Ich habe von Scarborough, wo ich die letzten acht Tage zu⸗ brachte, nicht halb den Nutzen gehabt, den ich erwartete. Wir kamen von Harrigate über Rork hieher und verweilten uns in letz⸗ terer Stadt nur einen Tag, um das Caſtell, das Münſter und den Aſſembleeſaal in Augenſchein zu nehmen. Erſteres war ehedem eine Feſtung; jetzt aber hat man ein Gefängniß daraus gemacht, und zwar in jeder Beziehung das beſte, das ich im In⸗ und Aus⸗ land geſehen habe. Es liegt auf einer bedeutenden Anhöhe, hat gute friſche Luft und innerhalb ſeiner Mauern einen geräumigen freien Platz, wo ſich alle diejenigen Gefangenen, bei denen man nicht enge Verwahrung nöthig gefunden hat, im Intereſſe ihrer Grſundheit ergehen dürfen. Aber auch Letztere haben alle Bequem⸗ lichkeiten, die ſich mit der Natur ihrer Lage vertragen. Hier wer⸗ den in einer eigens dazu erbauten Häuſerreihe die Aſſiſen gehalten. Den Münſter weiß ich von andern alten Kirchen in verſchie⸗ denen Theilen des Königreichs, die man Denkmäler der gothiſchen Bauart zu nennen pflegt, durch Nichts zu unterſcheiden, als durch ſeinen außerordentlichen Umfang und die Höhe ſeiner Thurmſpitzen. Man iſt indeß jetzt dahin übereingekommen, daß dieſer Styl nicht ſowohl gothiſch als ſarazeniſch iſt, und nach meinem Dafürhalten wurde er von Spanien aus, das großentheils unter mauriſcher Herrſchaft ſtand, nach England übergepflanzt. Die britiſchen Bau⸗ 99 meiſter, die ihn annahmen, ſcheinen nicht alles Nöthige in gehö⸗ rige Erwägung gezogen zu haben. Das Klima der Länder, welche die Mauren oder Sarazenen ſowohl in Afrika als in Europa be⸗ ſaßen, iſt ſo außerordentlich heiß und trocken, daß Diejenigen, welche Andachtshäuſer für die große Maſſe bauten, alle ihre Ta⸗ lente aufboten, um kühle Häuſer zu Stande zu bringen; und zu dieſem Zwecke ſchien ſich nichts beſſer zu eignen, als lange, ſchmale, hohe und finſtre Tempel, wohin keine Sonnenſtrahlen dringen kön⸗ nen, und die mit der ſengenden äußern Luft wenig in Verbindung ſtehen, ſondern im Gegentheil während der Sonnenhitze friſch und kühl ſind wie tiefe Keller oder natürliche Höhlen in hohen Bergen. Ich kann mir nichts Verkehrteres denken, als dieſe Bauart in einem Lande wie England einzuführen, wo das Klima kalt und die Luft beſtändig voll Feuchtigkeiten iſt, der Baumeiſter alſo vor Allem darauf denken ſollte, die Leute trocken und warm zu halten. Ich war zwar nur ein einziges Mal in der Abteikirche zu Bath, aber im Augenblick, wo ich über die Schwelle trat, überlief es mich eiskalt bis ins Mark meiner Knochen. Wenn wir bedenken, daß wir in unſern Kirchen meiſtentheils eine dicke, faule Luft athmen, überladen mit den Ausdunſtungen von Gewölben, Gräbern und Beinhäuſern, ſollten wir ſie nicht vielmehr Magazine für rheuma⸗ tiſche Krankheiten nennen, errichtet zum Beſten der mediziniſchen Fakultät? Und ließe es ſich nicht mit Leichtigkeit nachweiſen, daß durch das Kirchgehen mehr Körper zu Schanden gerichtet, als Seelen gerettet werden, zumal im Winter, auf den man eigent⸗ lich acht Monate im Jahr rechnen muß? Ich möchte doch wiſſen, wie ſich zarte Gewiſſen daran ſtoßen könnten, wenn die Gottes⸗ häuſer bequemer oder ungefährlicher für ſchwache Körper eingerich⸗ tet wären, und ob es nicht ebenſowohl zur Beförderung der An⸗ dacht, als zur Erhaltung manches Menſchenlebens gereichen müßte, wenn man die der öffentlichen Andacht gewidmeten Orte mit guten Fußböden belegte, vertäfelte, heizte, auslüftete und den dazu ge⸗ 100 hörigen freien Platz von der Verunreinigung durch Leichname ſau⸗ ber erhielte? Der Gebrauch, die Todten in der Kirche zu begraben, ſchreibt ſich aus den Zeiten des dummen Aberglaubens her und wurde von ſpitzbübiſchen Pfaffen eingeführt, welche behanpteten, der Teufel könne dem Verſtorbenen nichts anhaben, wenn er in heiliger Erde begraben ſey, ſonſt läßt ſich ſchlechterdings kein Grund anführen, warum die Begräbnißplätze bis auf den heutigen Tag durch Gottesdienſt eingeweiht werden. Das Aeußere einer alten Domkirche muß dem Auge jedes Mannes mißfallen, der nur die geringſte Idee von Schönheit und Verhältniß hat, wenn er auch von den Regeln der Baukunſt ſelbſt nichts verſteht; der lange, ſchlanke Thurm erinnert offenbar an einen geſpießten Miſſethäter, dem ein ſpitziger Pfahl durch die Schultern heraus ſteckt. Dieſe Kirchthürme ſind gleichfalls von den Mohammedanern entlehnt, die in Ermangelung von Glocken ſolche Rieſenſchlöſſer brauchten, um das Volk zum Gebet zuſammenzu⸗ rufen. Sie haben indeß auch noch einen andern Nuhen: man kann darauf Beobachtungen anſtellen und Signale geben; allein ich wäre dafür, daß ſie nicht mit der Kirche ein Ganzes bilden ſollten, weil ſie ſonſt das Gebäude nur noch barbariſcher oder ſarazeniſcher machen. Am Aſſembleeſaale iſt nichts von dieſer arabiſchen Architektur zu ſehen, er ſcheint mir nach einer Zeichnung von Palladio ge— baut zu ſeyn und ließe ſich leicht in einen eleganten Kirchenſaal verwandeln; für die Art von Götzendienſt, die gegenwärtig darin getrieben wird, will er nicht beſonders gut taugen. Die Größe der Dachfahne verkleinert nur noch mehr die kleinen gemalten Gott⸗ heiten, die darin angebetet werden, und bei einem Balle muß die Geſellſchaft ausſehen, wie eine Schaar phantaſtiſcher Feen, die beim Mondenſchein zwiſchen den Säulen eines griechiſchen Tem⸗ pels herumſchwärmen. Scarborough's großer Ruf ſcheint ſich zu Ende zu neigen. Aber ſolche Orte, Bath allein ausgenommen, haben ihre Zeit, wo 101 ſie häufig beſucht werden, und dann hören ſie auf einmal auf, in der Mode zu ſeyn. Ich bin feſt überzeugt, daß es in England wenigſtens noch fünfzig eben ſo wirkſame Geſundbrunnen gibt, wie der von Scarborough; allein ſie ſind einmal noch nicht in Auf⸗ nahme gekommen und werden es vielleicht auch nicht ſo bald, wenn nicht ein berühmter Mediziner, der mit ihren Heilkräften zu ſpekuliren ſucht, in die große Lobpoſaune flößt. Dem ſey wie ihm wolle, hieher werden dem angenehmen Seebade zu Liebe immer noch Leute genug reiſen, ſo lange das Seebaden überhaupt noch im Brauche iſt; indeß wäre ſehr zu wünſchen, daß im Intereſſe der alten und gebrechlichen Gäſte ein bequemerer Weg nach dem Strande gemacht würde. Ich habe hier meinen alten Bekannten H—t wieder ange⸗ troffen, von dem ich Ihnen ſchon oft als einem der originellſten Menſchenkinder erzählt habe. Ich lernte ihn in Venedig kennen, und ſah ihn hernach in verſchiedenen Gegenden Italiens, wo er unter dem Spitznamen il cavallo bianco ſehr bekannt war, weil er immer ein Pferd ritt, ſo blaß, wie der Tod in der Offenba⸗ rung. Ich habe Ihnen ja erzählt, wie er einmal in Conſtanti⸗ nopel auf den närriſchen Einfall gerieth, gegen ein paar Türken die chriſtliche Religion zu vertheidigen: ein Diſput, wodurch er ſich den Zunamen: der Demonſtrator, verdiente. H. erkennt zwar ſchlechterdings keine Religion an, als die der Natur; allein bei dieſer Gelegenheit meinte er, die Ehre ſeines Vaterlandes mache ihm zur Pflicht, zu zeigen, daß er etwas wiſſe. Vor einigen Jah⸗ ren ging er auf dem Kapitol in Rom auf die Büſte Jupiters zu, verbeugte ſich ſehr tief und ſagte auf Italieniſch:„Ich hoffe, Signor, wenn Sie einmal Ihr Haupt wieder über das Waſſer hervorbrin⸗ gen, ſo werden Sie es mir gedenken, daß ich Ihnen in Ihrer Er⸗ niedrigung meine Verehrung bezeigt habe.“ Dieſer närriſche Ein⸗ fall wurde dem Cardinal Kämmerling hinterbracht, der ihn dem Pabſt Benedikt XIV. erzählte, worauf Se. Heiligkeit lachend ſagte: ⸗ 102 „Dieſe engliſchen Ketzer meinen, ſie haben ein Recht, auf ihrem eignen Weg zum Teufel zu fahren.“ In der That war H. unter allen Engländern, die ich kennen gelernt habe, der Einzige, der Entſchloſſenheit genug beſaß, mit⸗ ten unter Fremden auf ſeine eigene Weiſe zu leben, denn weder in der Kleidung, noch in der Diät, noch in der Art ſich gegen Andere auszudrücken und zu benehmen, wich er auch nur um ein Tüpfelchen von der Manier ab, die er ſich von Jugend auf ange⸗ wöhnt hatte. Vor mehr als zwölf Jahren begann er ſeine Rund⸗ reiſen, die er folgendermaßen ausführte. In Neapel, wo er ſein Hauptquartier aufgeſchlagen hatte, ſchiffte er ſich nach Marſeille ein, und von da fuhr er mit einem Vetturino nach Antibes. Hier ſetzte er über nach Genua und Lerici, von Lerici reiste er über Cambratina nach Piſa und Florenz. Nachdem er ſich einige Zeit in dieſer Hauptſtadt aufgehalten, ging er mit einem Vetturino nach Rom, wo er einige Wochen ausruhte und dann ſeinen Weg nach Neapel fortſetzte, um daſelbſt die nächſte beſte Schiffsgelegen⸗ heit abzuwarten. Als er dieſen Zirkel zwölfmal beſchrieben, flog er neulich ab wie ein Pfeil, um auf ſeinem Landhaus in England nach einigen Bäumen zu ſehen, die er vor mehr als zwanzig Jahren nach dem Plan der doppelten Kolonnade auf dem St. Petersplatz zu Rom gepflanzt hatte. So kam er nach Scar⸗ borough, um ſeinem edlen Freunde und ehemaligen Pflegling, dem Herrn Marquis von G., einen Beſuch abzuſtatten, und ohne an dierſiebenzig Jahre zu denken, die er auf dem Rücken hatte, brachte er dem Gott Bacchus ein ſo ſtarkes Opfer, daß er am an⸗ dern Tag einen Schlaganfall bekam, der ſein Gedächtniß ein wenig beſchädigt hat; gleichwohl hat er alle ſeine Eigenheiten im vollſten Maße beibehalten und iſt jetzt im Begriff, über Genf, wo er mit ſeinem Freund Voltaire mündlich Rückſprache nehmen will, wie man dem chriſtlichen Aberglauben den letzten Stoß beizubringen habe, nach Italien zurückzureiſen. Er gedenkt ſich hier nach Hol⸗ 103 land oder Hamburg einzuſchiffen, denn es iſt ihm höchſt gleich⸗ gültig, an welchem Ende der Erde er das feßte Land zuerſt betritt. Als er das letzte Mal auf Reiſen gehen wollte, nahm er ſei⸗ nen Platz auf einem Schiff, das nach Livorno ſegelfertig lag, und ſein Gepäck war bereits an Bord gebracht. Wie er nun in einem Boot die Themſe hinabfuhr, brachte man ihn aus Verſehen auf ein anderes Schiff, das bereits ſegelte und, wie man ihm auf ſeine Fragen ſagte, nach Petersburg beſtimmt war.„Petersburg,“ ſagte er,„Petersburg, meinethalben, ich reiſe auch dahin.“ Er accordirte ſogleich mit dem Kapitän, kaufte von dem Steuermann ein paar Hemden und gelangte glücklich in die Hauptſtadt der Moscowiten, von wo aus er zu Land nach Livorno reiste, um ſein Gepäck in Empfang zu nehmen. Er ſieht mehr als je darnach aus, als ob er wieder einen ähnlichen Schwank im Schilde führte, und ich will wetten, was man will, daß er, da er nach den Ge⸗ ſetzen der Natur unmöglich mehr lange leben kann, auf eine ebenſo närriſche Art aus der Welt gehen wird, wie er ſich närriſch in derſelben herumgetrieben hat.“ Dieſer Ehrenmann ſegelte nach Frankreich, beſuchte Herrn von Vol⸗ taire in Fernah, fing in Genua ſeine alte Rundreiſe wieder an und ſtarb 1767 zu Florenz im Hauſe der Vanini. Da er eine Urinverhaltung be⸗ kommen hatte, beſchloß er nach dem Beiſpiel des Pomponius Attieus den Hungertod zu ſterben, und führte dieſen Vorſatz gleich einem alten Römer aus. Er hatte bis auf den letzten Augenblick Geſellſchaft bei ſich, riß ſeine Witze, ſprach unbefangen über Alles, was man wollte, und gab ſei⸗ nen Gcäſten muſikaliſche Unterhaltungen. Am dritten Tage ſeines Faſtens waren ſeine Beſchwerden gänzlich verſchwunden, allein er weigerte ſich, etwas zu genießen. Er ſagte, den unangenehmſten Theil der Reiſe habe er zurückgelegt, und er müßte doch wahrhaftig ein verfluchter Narr ſehn, wenn er in dem Augenblicke, da er in den Hafen einlaufen könne, ſein Schiff wieder umlenken wollte. Bei dieſem Grundſatze beharrte er auch ohne die mindeſte Affektation und endigte auf dieſe Art ſeinen Lebenslauf mit einer Freudigkeit und Heiterkeit, die dem größten Stoiker des Alter⸗ thums Ehre gemacht hätte. 104 um indeß von einem Sonderling auf den andern zu kommen, ſo muß ich Ihnen ſagen, daß mir das Stahlwaſſer ſowohl als das Seebad überaus gut bekam und ich länger da geblieben ſeyn würde, hätte mich nicht ein höchſt lächerlicher Zufall zum Stadt⸗ gerede gemacht und dadurch von hier vertrieben, denn es iſt mir nichts unausſtehlicher, als mich vom großen Haufen angaffen laſſen zu müſſen. Geſtern früh um ſechs Uhr ging ich in Begleitung meines Bedienten Klinker, der wie gewöhnlich auf dem Strande ſtehen blieb, nach dem Badplatz. Der Wind blies aus Norden, das Wetter war nebligt und das Waſſer ſo kalt, daß ich nach dem erſten Untertauchen mich nicht enthalten konnte, vor Froſt laut zu ſeufzen und zu ſchaudern. Klinker, der dies hörte und mich ziem⸗ lich weit von dem Führer hinweg im Waſſer platſchen ſah, glaubte nicht anders, als ich ſey im Begriff zu ertrinken, ſprang ange⸗ kleidet wie er war hinein und warf in der Haſt den Führer über den Haufen, um ſeinen Herrn zu retten. Ich war ein paar Schritte hinaus geſchwommen, als ich mich über dem Geräuſch umwandte und Klinker bereits bis über den Hals im Waſſer mit aller Wildheit der Angſt im Geſichte auf mich zukommen ſah. Aus Beſorgniß, er möchte zu weit in die Tiefe kommen, eilte ich ihm entgegen, als er mich auf einmal beim Ohre ergriff und heulend vor Schmerz auf den trockenen Sand ſchleppte, zum höchlichen Er⸗ ſtaunen der verſammelten Menge, die aus Männern, Weibern und Kindern beſtand. 8 Ich war über den Schmerz an meinem Ohr, ſo wie über den Schimpf, in einer ſolchen Lage zur Schau geſtellt worden zu ſeyn⸗ ſo aufgebracht, daß ich ihn in der erſten Hitze zu Boden ſchlug, dann in die See zurücklief und mich in der Maſchine verbarg, wo meine Kleider aufbewahrt lagen. Bald faßte ich mich jedoch wie⸗ der ſo weit, daß ich dem armen Teufel Gerechtigkeit widerfahren ließ, der in der Einfalt ſeines Herzens, aus Treue und Ergeben⸗ heit ſo gehandelt hatte. Als ich die Thüre der Maſchine öffnete, 105 die ſofort an's Ufer gezogen wurde, ſah ich ihn am Strande ſtehen, träufelnd wie ein Springbrunnen und von Kopf zu Fuß zitternd, theils vor Kälte, theils vor Angſt, er habe ſeinen Herrn beleidigt. Ich bat ihn um Verzeihung wegen des Schlags, den ich ihm verſetzt, verſicherte ihn, ich ſey nicht böſe, und beſtand darauf, er ſolle ſogleich nach Hauſe gehen, um ſeine Kleider zu wechſeln. Er konnte es kaum über's Herz bringen, dieſem Befehl nachzukommen, ſo geneigt war er, dem Janhagel auf meine Koſten noch länger etwas zu gaffen zu geben. Klinkers Abſicht war un⸗ ſtreitig löblich, aber nichtsdeſtoweniger leide ich durch ſeine Ein⸗ falt. Ich habe eine brennende Hitze und ein ſehr heftiges Sauſen und Brauſen im Ohr, ſeitdem er ſo unbarmherzig damit umge⸗ gangen iſt, auch kann ich mich nicht auf der Straße ſehen laſſen, ohne daß man mit Fingern auf mich deutet, als auf das Meer⸗ wunder, welches nackt an's Ufer geſchleppt worden. Die Dumm⸗ heit, behaupte ich, kann oft mehr Aerger bereiten, als die Bosheit, und größeres Unheil ſtiften. Ob man deßwegen nicht lieber einen geſcheidten Spitzbuben als einen ehrlichen Einfaltspinſel zum Be⸗ dienten wählen ſoll, darüber iſt längſt im Reinen Ihr ergebenſter M. Bramble. Scarborough, den 4. Juli. An Sir Watkin Philipps, Baronet, im Jeſuitenkollegium zu Oaford. Mein liebſter Wat! Wir ſind über Hals und Kopf von Scarborough abgereist, und zwar in Folge des übertriebenen Zartgefühls meines Oheims, dem der Gedanke unausſtehlich iſt, praetereuntium digito mon- stratus zu ſeyn. 106 Eines Morgens, als er in der See badete, ſetzte es ſich ſein Bedienter Klinker in den Kopf, der gute Herr ſey im Begriff zu ertrinken, und in dieſer Einbildung ſtürzte er in's Waſſer, ſchleppte ihn nackt ans Ufer und riß ihm bei dieſer Operation beinahe ein Ohr aus dem Kopfe. Sie können ſich denken, wie dieſes Helden⸗ ſtück einem ſo hitzigen, jähzornigen Manne, wie mein Oheim, ge⸗ fallen haben muß, der noch überdieß die übertriebenſten Begriffe von Zichtigkeit und Schamhaftigkeit hat. In der erſten Aufwal⸗ lung ſeines Zorns ſchlug er Klinker mit der Fauſt zur Erde, nach⸗ her aber vergütete er ihm dieſen Schimpf, und um dem Gerede und Nachgaffen der Leute, denen er durch dieſe Geſchichte merk⸗ würdig geworden iſt, auf einmal zu entgehen, hat er ſich ent⸗ ſchloſſen, Scarborough Tags darauf zu verlaſſen. Dies geſchah alſo. Wir wählten den Weg durch die Moor⸗ haide über Whitby und reisten früh ab, um noch am erſten Abend Stockton zu erreichen; allein in dieſer Hoffnung ſahen wir uns be⸗ trogen. Nachmittags, als man über eine tiefe, durch einen Re⸗ genbach entſtandene Aushöhlung fuhr, wurde der Wagen ſo hart angezogen, daß eines von den Eiſen, die das Ganze zuſammen⸗ halten müſſen, brach und der lederne Riemen an derſelben Seite mitten entzwei riß. Der Stoß war ſehr heftig, denn meine Schweſter Livdy flog mit ihrem Kopfe ſo derb an Tante Tabby's Naſe, daß ſogleich das Blut herabfloß, und Winifred Jenkins wurde durch das kleine Fenſter an der Rückſeite des Wagens ge⸗ worfen, ſo daß ſie darin feſt ſtack, wie eine Maquerelle im Hals⸗ eiſen, bis endlich mein Oheim ſie erlöste. Wir hatten noch dritt⸗ halb Meilen zum nächſten Orte, wo wir ein anderes Fuhrwerk hätten bekommen können; mit der Kutſche konnte man unmöglich weiter fahren, bis der Schaden ausgebeſſert war. In dieſer Ver⸗ legenheit entdeckten wir an der Ecke eines kleinen Dorfes, unge⸗ fähr eine Viertelmeile von dem Orte, wo das Unglück geſchehen war, eine Schmiede. Der Poſtillon führte mit vieler Mühe den 107 Wagen langſam dahin, indeß die Geſellſchaft den Weg unter die Füße nahm. Im Dorfe angekommen ſagte man uns, der Schmied ſey vor einigen Tagen geſtorben, und ſeine Frau, die erſt kürzlich entbunden worden war, lag wahnſinnig darnieder unter der Pflege einer von der Gemeinde gedungenen Wärterin. Dieſe neue Wi⸗ derwärtigkeit ärgerte uns ſehr, wurde indeß bald durch Humphry Klinker beſeitigt, der wirklich ein erſtaunliches Gemiſch von Ge⸗ ſchicklichkeit und Einfalt iſt. Als er die Werkzeuge des Verſtorbe⸗ nen und einige Kohlen in der Küche gefunden hatte, ſchraubte er ſchnell das zerbrochene Eiſen los, zündete in der Eſſe Feuer an und ſchweißte die Enden eben ſo geſchickt als geſchwind wieder zu⸗ ſammen. Während er daran arbeitete, ſprang die arme kranke Frau, welcher der wohlbekannte Klang vom Hammer und Ambos in die Ohren fiel, von ihrem Strohlager auf und kam, trotz aller Bemühungen ihrer Wärterin, in die Werkſtatt gerannt, wo ſie die Arme um Klinkers Hals warf und weinend rief:„Ach, lieber Jakob, konnteſt Du mich in ſolchen Umſtänden verlaſſen!“ Dieſer Auftritt war zu rührend, als daß wir darüber hätten lachen können; im Gegentheil lockte er Thränen in Aller Augen. Die arme Wittwe wurde wieder auf ihr Lager gebracht, und wir verließen das Dörfchen nicht, ohne etwas für ſie zu thun. Sogar Tabitha's chriſtliche Liebe wurde diesmal rege. Der weichherzige Humphry Klinker weinte, daß ihm das Waſſer beide Backen hin⸗ ablief, hämmerte aber immer darauf los. Seine Geſchicklichkeit beſchränkte ſich indeß nicht blos auf das Schmiedehandwerk; der Schwungriemen, der geriſſen war, mußte wieder zuſammengeflickt werden, und auch hiefür wußte Klinker Rath zu ſchaffen. Er fand eine zerbrochene Ahle, die er wieder anſpitzte und ſchliff; dann ſpann er ein wenig Hanf, machte eine Schnur daraus, ſchmiedete einige kleine Nägel und brachte auf dieſe Art das Werk zu Stande. Im Ganzen dauerte es nicht viel mehr als eine Stunde, bis wie weiter reiſen konnten, aber ſchon dieſer kurze Aufenthalt nöthigte 108 uns, in Gisborough zu übernachten. Am andern Tag kamen wir über die Tees nach Stockton, einem artigen, angenehmen Städt⸗ chen. Hier beſchloßen wir Mittag zu machen und dann in Dur⸗ ham zu übernachten. Wen meinen Sie wohl, daß wir beim Ausſteigen auf dem Hofe getroffen haben? Der Glücksritter Martin war es, der die Damen aus dem Wagen hob und in ein Zimmer führte, wo er mit ſeiner gewöhnlichen Gewandtheit Fräulein Tabitha ſeine Com⸗ plimente machte und dann um Erlaubniß bat, mit meinem Oheim in einem andern Zimmer ein Wort zu ſprechen. Hier entſchul⸗ digte er ſich nun mit einiger Verwirrung, daß er ſich die Freiheit genommen habe, ihn zu Stevenage mit einem Briefe zu beläſtigen. Er hoffe, ſagte er, daß Herr Bramble die Güte gehabt haben werde, ſeine traurigen Umſtände in Erwägung zu ziehen; zugleich wiederholte er den Wunſch, in ſeine Dienſte aufgenommen zu werden. Mein Oheim rief mich herzu und ſagte ihm dann, wir beide wären ſehr geneigt, ihn aus einer eben ſo gefährlichen als unehren⸗ vollen Lebensart zu reißen, und er würde kein Bedenken tragen, ſich auf ſeine Dankbarkeit und Treue zu verlaſſen, wofern er nur einen ſeinen Fähigkeiten und Umſtänden angemeſſenen Platz für ihn wüßte; allein alle die Stellen, deren er in ſeinem Briefe ge⸗ dacht, ſeyen von Leuten beſetzt, über die er keinen Grund zu klagen habe, und ſomit könne er ohne Ungerechtigkeit keinen davon um ſein Brod bringen. Uebrigens ſey er mit Vergnügen bereit, ihn bei jedem ausführbaren Projekt ſowohl mit ſeiner Börſe als mit ſeinem Einfluß zu unterſtützen. Martin ſchien durch dieſe Erklärung im Innerſten gerührt. Thränen drängten ſich ihm ins Auge, als er mit ſtammelnder Zunge ſagte:„Edelgeſinnter Mann, Ihre Großmuth überwältigt mich. Es iſt mir nie im Schlaf eingefallen, Sie wegen einer Geldunterſtützung zu beläſtigen. Ich bedarf ſolcher keineswegs. 109 Ich war an verſchiedenen Orten, in Buxton, Harrigate, Scar⸗ borongh und Neweaſtle ſo glücklich auf dem Billard und im Wet⸗ ten, daß ſich meine Baarſchaft auf dreihundert Pfund beläuft, die ich herzlich gern dazu anwenden möchte, irgend ein ehrliches Ge⸗ ſchäft anzufangen; allein mein Freund, der Richter Buzzard, trachtet mir auf ſo vielfache Arten nach dem Leben, daß ich genöthigt bin, mich alsbald entweder in eine entfernte Gegend des Landes zu begeben, wo ich den Schutz eines großmüthigen Herrn genießen kann, oder das ganze Königreich zu verlaſſen. Ueber dieſe einzige Wahl nun erlaube ich mir Ihren gütigen Rath zu erbitten. Ich war immer über Ihre Reiſe unterrichtet, ſeit ich die Ehre hatte, Sie in Stevenage zu ſehen, und da ich dachte, Sie würden von Scarborough dieſe Route nehmen, ſo kam ich geſtern Abend von Darlington hier an, um Ihnen meine Ehrfurcht zu bezeugen.“ „Es würde,“ erwiederte mein Oheim, icht ſchwer halten, Ihnen auf dem Land einen ſichern Aufenthalt zu verſchaffen, allein ein müßiges, thatenloſes Leben möchte Ihrer lebhaften und unter⸗ nehmenden Gemüthsart nicht angemeſſen ſeyn. Deßhalb wäre mein Rath, Sie verſuchten Ihr Glück in Oſtindien. Ich will Ihnen ein Schreiben an einen Freund in London mitgeben, der Sie der Direktion der Geſellſchaft zu einer Ofſiziersſtelle empfehlen ſoll, und kann er dies nicht auswirken, ſo wird man Sie wenigſtens als Freiwilligen annehmen. In dieſem Fall haben Sie ja Geld genug, um die Reiſe zu beſtreiten, und ich will es auf mich nehmen, Ihnen ſolche Empfehlungsſchreiben zu verſchaffen, daß Sie nicht lange ohne Beförderung bleiben ſollen.« Martin nahm den Vorſchlag mit großer Begierde an, und es wurde beſchloſſen, er ſolle ſein Pferd verkaufen und zu Waſſer nach London zurückreiſen, um unverzüglich zur Ausführung dieſes neuen Lebensplanes zu ſchreiten. Inzwiſchen begleitete er uns nach Durham, wo wir unſer Nachtquartier nahmen. Hier nahm er, nachdem ihm mein Oheim einige Briefe zugeſtellt, mit allen 110 Zeichen der dankbarſten Rührung Abſchied von uns und ging nach Sunderland, um ſich auf's nächſte beſte Kohlenſchiff zu ſetzen, das nach der Themſe laufen würde. Kaum war er eine halbe Stunde fort, als uns ein anderer Burſche aufſtieß, der etwas Außeror⸗ dentliches verſprach. Eine lange, hagere Geſtalt, die mit ihrem Pferde der Beſchreibung des Don Quirote auf ſeiner Rozinante vollkommen entſprach, erſchien während der Dämmerung vor der Wirthshausthüre, als meine Tante und Liddy eben im Speiſe⸗ zimmer am Fenſter ſtanden. Er trug einen neberrock, deſſen Tuch ehedem Scharlach geweſen, beſetzt mit Brandenburger Treſſen, die aber jetzt alles Metalls beraubt waren; ſeine Schabracke und Halftertaſchen waren von demſelben Stoff und eben ſo alt. Da er oben am Fenſter Damen bemerkte, ſo wollte er ein Uebriges thun und mit möglichſt ritterlichem Anſtand abſitzen; allein der Haus⸗ knecht vergaß, den Steigbügel feſtzuhalten, als er den rechten Fuß herausſchwenkte und mit ſeinem ganzen Gewicht im andern ſtand, und ſo gab die Bauchgurt nach, der Sattel ſchob ſich hinab, und in einem Nu lag mein Cavalier auf dem Boden; zugleich verlor er Hut und Perücke, ſo daß man ein Kopfſtück von allerlei Farben erblicken konnte, ganz jämmerlich beſtrichen und bepflaſtert. Die Damen am Fenſter oben ſtießen einen Angſtſchrei aus, weil ſie meinten, der Fremde ſey durch den Fall bedeutend zu Schaden gekommen. Allein der größte Schmerz, den er fühlte, war über das ſchimpfliche Abſitzen, wozu noch die Schmach kam, ſeinen übel zugerichteten Schädel zur Schau geſtellt zu haben; denn einige Leute aus dem gemeinen Volk, die herumſtanden, lachten überlaut und meinten, der Capitän habe entweder einen grindigen oder zerprügelten Kopf, jedenfalls Eines ſo ſchmählich als das Andere. Er ſprang alsbald wüthend wieder auf, haſchte nach einem Piſtol, und drohte, den Hausknecht zu erſchießen, als ein neues Geſchrei von Seiten der Damen ſeinem Gepolter Einhalt that. Nun verbeugte er ſich gegen das Fenſter, küßte das Ende ſeines 111 Piſtols und ſteckte es wieder ein; ſodann machte er in großer Ver⸗ legenheit ſeine Perücke wieder zurecht und führte ſein Pferd in den Stall. Um dieſe Zeit war ich an die Thüre gekommen und konnte nicht umhin, die ſonderbare Geſtalt, die mir hier vor's Geſicht trat, mit großen Augen zu betrachten. Der Kerl würde mehr als ſechs Fuß gemeſſen haben, wenn er ſich aufrecht getragen hätte; allein er ging ſehr gebückt und hatte ſehr ſchmale Schultern, aber deſto breitere Waden, die in ſchwarze Stiefelchen gezwängt waren. Seine Schenkel dagegen waren lang und dünn, wie die eines Heupferds; ſein Geſicht hatte ſeine guten achtzehn Zoll Länge, war braun und eingeſchrumpft, mit hervorragenden Backenknochen, grauen, in's Grüne ſpielenden Sauaugen, einer breiten Habichts⸗ naſe, ſpitzem Kinn, einem Mund, der von einem Ohr zum andern reichte und ſehr ſchlecht mit Zähnen beſtellt war; das Ganze aber zierte eine lange ſchmale Stirn voll Falten und Runzeln. Sein Roß war in demſelben Style abgefaßt wie der Reiter: eine Auf⸗ erſtehung von dürren Knochen, die er, wie wir nachher erfuhren, ſehr hoch in Werth hält, als das einzige Geſchenk, das ihm in ſeinem Leben gemacht wurde. Als er ſein Leibroß im Stall gehörig verſorgt ſah, ließ er ſich den Damen empfehlen und ſie um Erlaubniß bitten, ihnen für den Antheil, den ſie an ſeinem Unfall im Hofe genommen, perſönlich ſeinen Dank abzuſtatten. Mein Oheim ſagte, ſie könn⸗ ten ſeinen Beſuch anſtändiger Weiſe nicht wohl ablehnen; ſomit wurde er heraufgeführt und machte ſein Compliment im ſchottiſchen Dialekt und mit vieler Förmlichkeit.„Meine hochverehrten Damen,“ ſagte er,„Sie könnten ſich an dem Ausſehen meines Kopfes, als er durch einen Zufall entblößt wurde, vielleicht geſtoßen haben, allein ich verſichere Sie, daß er in den Zuſtand, worin ſie ihn geſehen, weder vurch Krankheit noch durch Trunkenheit verſetzt worden iſt, ſondern es ſind lauter ehrliche Narben, die ich im Dienſte meines Vaterlandes davongetragen habe.“ 112 Hierauf gab er uns zu verſtehen, er ſey bei Ticonderago in Amerika verwundet und von einem Haufen Indianer ausgeplün⸗ dert worden; dieſe haben ihm ſofort die Kopfhaut abgezögen, mit einer Tomahawk den Schädel geſpalten und ihn für todt auf dem Wahlplatze liegen laſſen; da man indeß nachher noch einige Le⸗ benszeichen an ihm wahrgenommen, ſo ſey er in einem franzöſi⸗ ſchen Spital wieder kurirt worden, allein den ſubſtantiellen Ver⸗ luſt haben die Aerzte nicht gutmachen können; und ſo ſey denn der Schädel an verſchiedenen Stellen ohne Haut geblieben, weßwegen er ihn mit Pflaſtern belege. Für nichts in der Welt iſt ein Engländer leichter zugänglich als für Mitleid. Augenblicklich waren wir Alle für den Vetera⸗ nen eingenommen. Sogar Tabby's Herz ſchmolz. Allein unſer Mitgefühl wurde noch geſteigert durch Entrüſtung, als wir hörten, daß er im Laufe zweier blutigen Kriege verwundet, verſtümmelt, zerhauen, gefangen genommen und zum Sklaven gemacht worden war, ohne es mit all' dem weiter bringen zu können, als zum einfachen Lieutenant. Meines Oheims Augen funkelten vor Wuth, ſeine Unterlippe bebte:„Beim Himmel, Sir,“ rief er,„Ihre Um⸗ ſtände machen der Regierung keine Ehre. Die Ungerechtigkeit, die Ihnen widerfahren, iſt ſo himmelſchreiend—„Ich muß ſehr um Verzeihung bitten, Sir,“ fiel ihm der Andere in's Wort, „ich beklage mich über keine ungerechtigkeit. Ich habe vor dreißig Jahren eine Fähndrichsſtelle gekauft und bin während meines Dien⸗ ſtes zum Lieutenant vorgerückt, als die Reihe an mich kam.“— „Aber,“ meinte der Squire,„in einer ſo unendlichen Zeit iſt Ihnen wohl mancher junge Offizier über den Kopf gewachſen.“—„Bri all dem,“ ſagte der Kriegsmann,„habe ich keine Urſache zu kla⸗ gen. Dieſe haben ihre Beförderung für baares Geld gekauft. Ich hatte kein Geld aufzuwenden; das war mein Unglück und deßwe⸗ gen fällt Niemanden etwas zur Laſt!“—„Wie! hatten Sie denn keinen Freund, der ein bischen Geld vorgeſchoſſen hätte?“ fragte 113 Herr Bramble.—„Vielleicht,“ antwortete der Andere,„hätte ich ſo viel Geld borgen können, um eine Compagnie zu kaufen, allein ich hätte das Anlehen wieder heimbezahlen müſſen, und ich wollte mir keine Schuld von tauſend Pfund auf den Hals bürden, die ich mit einem täglichen Einkommen von zehn Schillingen abzu⸗ tragen gehabt hätte.“—„Alſo,“ rief Herr Bramble,„haben Sie den beſten Theil Ihres Lebens, Ihre Jugend, Ihr Blut und Ihre Geſundheit unter den Gefahren, Beſchwerden, Strapazen und Schreckniſſen des Kriegs vergeudet gegen einen Sold von drei oder vier Schillingen des Tags; einen Sold..«—„Sir,“ erwiederte der Schotte mit großer Wärme,„Sie thun mir ſehr Unrecht, wenn Sie ſagen oder glauben, ich habe mich durch die Rückſicht auf einen ſolch' armſeligen Sold beſtimmen laſſen. Ich bin aus guter Familie und habe, wie andere Edelleute, Dienſte genom⸗ men mit den Hoffnungen und Gefühlen, welche eine erlaubte Ehr⸗ liebe einflößt. Habe ich auch kein glänzendes Lvos gezogen in der Lotterie des Lebens, ſo halte ich mich dennoch nicht für unglücklich. Ich bin keinem Menſchen einen Pfenning ſchuldig, kann immer noch über ein weißes Hemd gebieten, und einen Schöpſenbraten, ſowie eine Schütte Stroh bezahlen; und wenn ich ſterbe, ſo hin⸗ terlaſſe ich immer noch ſo viel, daß die Begräbnißkoſten davon beſtritten werden können.“ Mein Oheim verſicherte ihn, er habe durchaus nicht die Ab⸗ ſicht gehabt, ihn durch ſeine Bemerkungen im Mindeſten zu belei⸗ digen, ſondern im Gegentheil aus freundſchaftlicher Achtung gegen ihn ſo geſprochen. Der Lieutenant dankte ihm mit ſo ſteifer Höf⸗ lichkeit, daß es den alten Herrn wirklich verdroß, zumal da er merkte, daß dieſe Mäßigung nur erkünſtelt war; denn ſeine Zunge mochte ſagen, was ſie wollte, ſein ganzes Weſen und Benehmen verrieth einmal Mißſtimmung. Kurz und gut, ohne mich zum Richter über ſeine militairiſchen Verdienſte aufwerfen zu wollen, glaube ich doch behaupten zu können, daß dieſer Kaledonier ein Smollet's Romane. XIV. 8 114 eingebildeter, ungeſchliffener, roher und diſputirſüchtiger Pedant iſt. Er hat die Univerſitätserziehung genoſſen, ſcheint eine Menge Bücher geleſen zu haben, ſein Gedächtniß behält Alles, auch be⸗ hauptet er, mehrere lebende Sprachen zu reden; dafür iſt er aber auch ſo rechthaberiſch und ſtreitſüchtig, daß er an den offen⸗ kundigſten Wahrheiten etwas auszuſetzen findet, und voll Stolz auf ſeine Deſputirkunſt die auffallendſten Widerſprüche reimen will. Ob nun ſein Benehmen und ſeine Eigenſchaften wirklich von dem Schlag ſind, der in den Augen unſerer Tante Tabitha beſondere Gnade findet, oder ob dieſe unermüdliche Jungfrau ein für alle Mal beſchloſſen hat, kein Wild unangeſchoſſen vorüberzu⸗ laſſen, ſo viel iſt gewiß, daß ſie dem Herzen des Lieutenants, der uns beim Abendeſſen die Ehre ſeiner Geſellſchaft ſchenkte, bereits Fallen legt. Ich habe über dieſen Sohn des Mars noch allerhand au dem Herzen, und will es Ihnen mit der nächſten oder übernächſten Poſt mittheilen. Bis dahin können Sie mit Recht verlangen, mit ſolchen langweiligen Abhandlungen ein wenig verſchont zu werden von Ihrem ergebenſten H. Melford. Neweaſtle an der Tyne, den 10. Juli. An Sir Watkin Philippo, Baronet, im Jeſuitenkollegium zu Orford. Mein liebſter Philipps! In meinem Letzten habe ich Ihnen ein wohlgewürztes Gericht in dem Charakter eines ſchottiſchen Lieutenants aufgetiſcht, und heute muß ich Sie noch einmal mit demſelben bewirthen. Unſer Glück wollte es, daß wir beinahe drei volle Tage lang an ihm 11⁵ geſchmaust haben, und ich zweifle nicht, daß er uns noch einmal ins Gehege kommen wird, ehe wir mit unſerm nordiſchen Streif⸗ zug zu Ende ſind. Der Tag nach unſerem Zuſammentreffen in Durham war ſo ſtürmiſch, daß wir keine Luſt hatten, unſere Reiſe fortzuſetzen, und mein Oheim beredete ihn, ſo lange zu bleiben, bis ſich das Wetter aufklären würde; zugleich lud er ihn ein für allemal ein, mit uns vorlieb zu nehmen. Der Mann hat zwar allerdings einen ganzen Pack intereſſanter Beobachtungen geſam⸗ melt, trägt ſie aber auf eine höchſt ungefällige Art vor, die ſo— gar eckelhaft wäre, wenn ſie nicht jenes charakteriſtiſche Gepräge eines Sonderlings an ſich trüge, das jederzeit wenigſtens die Auf⸗ merkſamkeit feſſelt. Er und Oheim Bramble unterhielten ſich und diſputirten ſogar über verſchiedene Gegenſtände des Kriegsweſens, der Politik, der ſchönen Wiſſenſchaften, des Rechts und der Me⸗ taphyſik, und zuweilen wurden ſie ſo warm, daß man jeden Au⸗ genblick ein plötzliches Ende des freundſchaftlichen Verhältniſſes gewärtigen mußte. Allein mein Oheim ſtellte eine Schildwache vor ſeine eigene Pulverkammer, die um ſo wachſamer ſeyn mußte, weil der Offizier ſein Gaſt war, und wenn er trotz alles Anſich⸗ haltens in Flammen zu gerathen anfing, ſo kühlte ihn letztere Rückſicht jedesmal wieder ab. Unter Anderm begab es ſich einmal, daß Tante Tabitha ihren Bruder mit dem vertraulich abgekürzten Namen Matt anredete. »Mit Ihrer gütigen Erlaubniß,“ fragte der Lieutenant,„heißen Sie Matthias?« Nun müſſen Sie aber wiſſen, daß es eine von meines Oheims Schwachheiten iſt, ſich des Namens Matthäus zu ſchämen, weil er bei den Puritanern ſehr gäng und gäbe iſt, und dieſe Frage ärgerte ihn dermaßen, daß er in einem barſchen und erzürnten Ton antwortete:„Warum nicht gar?“ Dem Schotten wurmte die Art, wie man mit ihm ſprach; er warf den Kopf in die Höhe und ſagte:„Wenn ich hätte denken können, daß Sie Ihren Namen nicht gerne ſagen, ſo würde ich Sie nicht gefragt 116 haben. Das gnädige Fräulein nannte Sie Matt, und nun dachte ich natürlich, das heiße Matthias. Meinetwegen kann es auch Methuſalah heißen, oder Metrodorus, oder Metellus, oder Mathu⸗ rius, oder Matthinnus, oder Matamoros, oder“—„Nein,“ rief mein Oheim lachend,„es iſt nichts von all' dem, Capitain: mein Name heißt Matthäus Bramble, Ihnen zu dienen. Das Ganze an der Sa che iſt, ich kann dummer Weiſe den Namen Matthäus nicht ausſtehen, weil er zu ſehr nach jenen heuchleriſchen Kopf⸗ hängern ſchmeckt, die zu Cromwells Zeiten allen ihren Kindern bibliſche Namen gaben.“—„Thöricht genug,“ rief Jungfer Ta⸗ bitha,„und zugleich ſündlich, Deinen eigenen Namen zu haſſen, weil er aus der heiligen Schrift genommen iſt. Du ſollteſt doch nicht vergeſſen, daß Du nach Deinem Großonkel getauft biſt, nach Matthäus ap Madoc ap Meredith, Esquire von Llanwyſthin in Montgomeryſhire, erſtem Friedensrichter und Landesälteſten, ein Mann von großem Verdienſt und Vermögen, der mütterlicher Seits in gerader Linie von Llewellyn, Prinzen von Wales, ab⸗ ſtammt.“ Dieſe genealogiſche Anekdote ſchien einigen Eindruck auf den Nordbriten zu machen, der ſich tief gegen die Nachkommen Ae⸗ wellyns verbeugte, mit der Bemerkung, er ſelbſt habe auch die Ehre, einen Namen aus der Schrift zu führen. Da nun die Dame den Wunſch bezeugte, ſeine Adreſſe zu erfahren, ſo ſagte er, er nenne ſich Lieutenant Obadiah Lismahago, und um ihrem Gedächt⸗ niß zu Hülfe zu kommen, reichte er ihr ein Stückchen Papier, das mit dieſen drei Worten beſchrieben war; ſie wiederholte die⸗ ſelben mit großem Nachdruck und ſagte, ſie gehören zu den edel⸗ ſten und wohlklingendſten Namen, von denen ſie jemals vernommen habe. Darauf erwiederte er, Obadiah ſey ein Name, der ihm nach ſeinem Urgroßvater beigelegt worden ſey, welcher einer von den Erſten geweſen, die an der Kirchenvereinigung von Schottland gearbeitet; Lismahago aber ſey der Familien⸗Name, und von einem 117 Ort in Schottland entlehnt. Deßgleichen ließ er einige Winke über das Alter ſeines Stammbaums fallen, indem er mit einem Lächeln der Selbſtverleugnung hinzuſetzte: Sed genus et proavos, et duae non fecimus ipsi, Vix ea nostra voco, welche Stelle er den Damen zu Liebe überſetzte. Jungfer Tabitha ermangelte nicht, ihn wegen ſeiner Beſcheidenheit zu rühmen, daß er ſich das Verdienſt ſeiner Vorfahren nicht anmaße, was übrigens um ſo unnöthiger wäre, da er ſelbſt vortreffliche Eigenſchaften die Hülle und die Fülle beſitze. Sie fing nun an, ſich mit den plump⸗ ſten Schmeicheleien an ſeine Gewogenheit feſtzuklammern. Sie ſprach ein Langes und Breites über das Alter und die Tugenden der ſchottiſchen Nation, über ihre Tapferkeit, Ehrlichkeit, Gelehr⸗ ſamkeit und feine Sitten. Ja, ſie ließ ſich ſo weit herab, daß ſie ihm insbeſondere über ſeine perſönlichen Vollkommenheiten, ſeine Galanterie, ſeinen Verſtand und ſeine wiſſenſchaftliche Bildung Lobſprüche in's Geſicht ſagte. Dabei rief ſie ihren Bruder auf, ob der Capitain nicht das leibhaftige Ebenbild unſeres Vetters, des Gouverneurs Griffith ſey. Vor allem aber war ſie ſehr begierig, die einzelnen näheren Umſtände aus ſeinem Leben zu vernehmen, und richtete wohl tauſend Fragen an ihn über ſeine Kriegsthaten; allein Herr Lismahago beantwortete ſie alleſammt mit jeſuitiſcher Zurückhaltung und ſtellte ſich, als wäre es ihm zuwider, ihre Neugierde über ſolche Gegenſtände zu befriedigen, die ſeine eige⸗ nen Thaten betreffen. Indeſſen erfuhren wir durch mehreres Fragen doch, daß er und der Fähndrich Murphy aus dem franzöſiſchen Spital in Montreal entwiſcht, und in der Hoffnung, eine engliſche Pflan⸗ zung zu erreichen, nach den Wäldern geflohen ſeyen. Da ſie aber in der Gegend verirrten, ſo fielen ſie einem Haufen von den Mia⸗ mis in die Hände, die ſie gefangen mit ſich ſchleppten. Die Ab⸗ ſicht der Indianer war, einen von ihnen einem ehrwürdigen 118 Sachem als Adoptivſohn zu ſchenken, weil er ſeinen eigenen im Laufe des Kriegs verloren hatte, und den andern nach Landesbrauch zu opfern. Murphy, als der jüngere und ſchönere, wurde auser⸗ ſehen, die Stelle des Verſtorbenen zu erſetzen, und zwar nicht bloß als Sohn des Sachems, ſondern auch als Ehegemahl einer ſchönen Squaw, mit der ſein Vorgänger verlobt geweſen war. Allein auf dem Wege durch die verſchiedenen Whigwams, oder Dörfer der Miamis, wurde der arme Murphy von den Weibern und Kindern, welche das Recht haben, alle durchziehenden Gefan⸗ gene nach Herzensluſt zu peinigen, ſo übel zugerichtet) daß er bei ſeiner Ankunft in der Reſidenz des Sachems zu den Zwecken des Eheſtands gänzlich untauglich war, und deßhalb ward in der Krie⸗ gerverſammlung beſchloſſen, Fähndrich Murphy ſolle am Pfahl ſterben, die Dame aber dem Lieutenant Lismahago gegeben werden, der zwar auch gehörig gequält, aber doch nicht entmannt worden war. Man hatte ihm ein Fingergelenk abgeſchnitten, oder viel⸗ mehr mit einem verroſteten, ſchartigen Meſſer abgeſägt, einen von ſeinen großen Zehen zu Brei zerquetſcht, ein paar Zähne waren ihm ausgezogen oder, um es recht zu ſagen, mit einem krummen Nagel ausgegraben worden. In die Naſenlöcher und andere empfindliche Theile hatte man ihm geſplittertes Rohr ge⸗ ſtoßen, in die Waden mit der ſcharfen Spitze des Tomahawks Minen gegraben, Schießpulver hineingethan, und das Fleiſch in die Luft geſprengt. Die Indianer ſelbſt mußten geſtehen, daß Murphy als Held ſtarb, denn er ſang als ſein Todtenlied das ſchottiſche Drimmendo zweiſtimmig mit Lismahago, welcher bei der Feierlichkeit zugegen war. Nachdem die Helden und Matronen ſich das dicke Fleiſch, das ſie dem Schlachtopfer abrießen, wohl hatten ſchmecken laſſen⸗ und ihm alle die Qualen angethan, die er ertrug, ohne eine Miene zu verziehen, kam eine alte Dame mit einem ſcharfen Meſſer, nahm ihm damit ein Auge aus, und legte dafür eine 119 glühende Kohle in die Höhle. Dieſe Operation war ſo ausge⸗ ſucht ſchmerzhaft, daß er ſich eines Brüllens nicht enthalten konnte, worauf die Verſammlung ein großes Jubelgeſchrei erhob, einer von den Kriegern ſich hinter ihn ſchlich und ihm mit einer Art den Gnadenſtoß verſetzte. Lismahago's Braut, die Squaw Squinkinacvoſta, that ſich bei dieſer Gelegenheit ganz beſonders hervor. Sie bewies ein überlegenes Talent, Qualen zu erſinnen und mit eigener Hand auszuführen. Sie aß von dem Opferfleiſch mit dem tapferſten Krieger in die Wette, und als längſt alle übrigen Damen von dem Branntwein taumelten, war ſie noch nicht ſo berauſcht, daß ſie nicht noch mit dem Sachem die große Bundesſchale hätte leeren können, und hernach machte ſie noch alle Ceremonieu ihres Bei⸗ lagers mit, das noch an demſelben Abend vollzogen wurde. Der Capitain hatte mit dieſer tugendbegabten Squaw zwei Jahre lang ſehr glücklich gelebt, und ſie hatte ihm einen Sohn geboren, welcher jetzt Häuptling des Stammes ſeiner Mutter iſt; endlich aber war ſie zu ſeiner unausſprechlichen Betrübniß an einem Fieber geſtor⸗ ben, das ſie ſich dadurch zugezogen, daß ſie zu viel rohes Fleiſch von einem Bären gegeſſen, den ſie auf einer großen Jagd erlegt hatte. Um dieſe Zeit war Lismahagv zum Sachem erwählt, als vornehmſter Krieger des Stammes Budger ausgerufen und ihm der Ehrennamen Occaca naſtaogarora beigelegt worden, welcher ſo viel bedeutet, als„behende wie ein Wieſel.“ Indeß mußte er allen dieſen Vortheilen und Ehren entſagen, weil er gegen den Redner des Stamms, welcher von den mit den Engländern verbündeten Indianern gefangen worden war, ausgewechſelt wurde. Nach dem Friedensſchluſſe wurde er auf halben Sold geſetzt und kehrte nach Großbritannien zurück, in der Abſicht, den Reſt ſeiner Tage in ſeiner Heimath zuzubringen, wo er irgend ein Plätzchen zu finden hoffte, da er ſein kleines Einkommen mit Anſtand verzehren könnte. 120 Dieß ſind die Außenlinien von Herrn Lismahago's Geſchichte, welcher Tabitha ſehr ernſthaft ihr Ohr neigte; in der That ſchien ſie von demſelben Zauber ergriffen zu ſeyn, welcher das Herz Desdemona's feſſelte, die den Mohren wegen ſeiner ausgeſtandenen Gefahren liebgewonnen. Die Schilderung der Leiden des armen Murphy, worüber meine Schweſter Liddy in Ohnmacht ſank, entlockte der jungfräu⸗ lichen Bruſt Tabby's einige Seufzer; als ſie hörte, daß er zum ehelichen Leben untüchtig gemacht worden ſey, ſpuckte ſie aus und ſagte mit tiefem Athemholen:„Gott im Himmel, welche grauſame Unmenſchen!“ Bei dem Brautmahle der Dame verzerrte ſie das Geſicht, war indeß ſehr begierig zu erfahren, wie die Braut an⸗ gekleidet geweſen ſey, ob ſie eine hohe Schnürbruſt oder nur ein Korſett getragen, ein ſeidenes oder ein ſammtnes Kleid, und ob ihre Spitzen von Mechlin oder Minognett geweſen ſeyen. Sie meinte, da ſie doch mit den Franzoſen verbündet geweſen, ſo werde ſie ſich wohl auch geſchminkt und ihre Haare nach der Pariſer Mode friſirt gehabt haben. Der Capitain wäre gerne einer aus⸗ führlichen Antwort über alle dieſe Einzelheiten ausgewichen, und bemerkte im Allgemeinen, die Indianer halten viel zu ſteif und feſt an ihren eigenen Gebräuchen, um von irgend einer andern Nation Moden anzunehmen; ohnehin würde ſich weder die Einfalt ihrer Sitten noch der Handel ihres Landes mit dieſen Luxusartikeln vertragen, die man in Europa für das Prachtvollſte halte; auch ſeyen ſie viel zu tugendhaft und zu klug, um die Einführung ſolcher Moden zu begünſtigen, die dazu beitragen könnten, ihre Sitten zu verderben und zu verweichlichen. Dieſe Bemerkungen entflammten ihre Neugierde nur um ſo mehr, und ſie wollte durchaus die Einzelheiten alle wiſſen, nach denen ſie ſich erkundigt hatte, ſo daß der Capitain nicht länger ausweichen konnte und noch folgende Geſtändniſſe ablegte: Seine Prinzeſſin habe weder Schuhe, noch Strümpfe, noch ein Hemd, 121 noch irgend andere Wäſche gehabt; ihr Brautſchmuck ſey in einem Röckchen von rothem Fries und einer wollenen Decke beſtanden, die mit einem kupfernen Hacken um ihre Schulter befeſtigt geweſen; andere Zierrathen aber beſaß ſie in großem Ueberfluß. Ihr Haar war auf eine eigenthümliche Art geflochten und mit Nadeln von Men⸗ ſchenknochen geſchmückt; das eine Augenkied war grün, das andere gelb bemalt, ihre Wangen waren blau, die Lippen weiß, die Zähne roth gefärbt; von der Stirn bis auf die Spitze der Naſe war ein ſchwarzer Strich gemalt und ein Paar bunte, glänzende Papagaienfedern durch die Naſenwand gezogen; in ihr Kinn war ein blauer Stein gefaßt, ihre Ohrringe beſtanden aus einem Paar ausgeſchnitzelten Knochen, in der Größe und Geſtalt von Trommel⸗ ſchlägeln; ihre Arme und Beine waren mit Spangen von dünnen in Knoten geſchürzten Ringen geziert; ihre Bruſt glänzte von einer Menge Reihen Glaskorallen; ſie trug eine ſchöne Jagdtaſche von geflochtenem Gras, das mit verſchiedenen Farben elegant bemalt war; um ihren Nacken hing die friſche Schädelhaut eines mohaws⸗ kiſchen Kriegers, den ihr verſtorbener Bräutigam in der letzten Schlacht erlegt hatte; endlich und zuletzt war ſie von Kopf bis zu Fuß mit Bärenſchmalz geſalbt, das einen äußerſt lieblichen Geruch verbreitete. Man ſollte glauben, eine vornehme Dame unſerer Zeit hätte dieſen Brautſchmuck nicht ſehr bewundern können; allein Jungfer Tabitha war nun einmal entſchloſſen, Alles, was den Capitain betraf, für ſchön zu halten. Sie wünſchte zwar freilich, daß die Squaw beſſer mit Weißzeug verſehen geweſen wäre, geſtand aber dennoch, der Putz ſey mit vielem Geſchmack und Phantaſie ge⸗ wählt; auch zweifelte ſie nicht im mindeſten daran, daß Madame Squinkinakooſta eine junge Dame von viel Verſtand und ſeltenen guten Eigenſchaften, auch im Grunde des Herzens eine fromme Chriſtin geweſen ſey. Hierauf fragte ſie, ob ſeine Gemahlin der hohen oder niedern Kirche zugethan, lutheriſch oder reformirt oder gar 122 eine Mennonitin geweſen, oder ob ihr vielleicht ein Funken von dem neuen Lichte des Evangeliums geworden ſey. Als er geſtand, daß ſowohl ſie als ihre ganze Nation nicht den geringſten Begriff vom chriſtlichen Glauben haben, ſah ſie ihm voll Verwunde⸗ rung ſtarr in's Geſicht, und Humphry Klinker, der zufällig im Zimmer war, holte aus dem tiefſten Herzen einen ſchweren Seufzer. Nach einer kleinen Pauſe rief ſie:„Um Gotteswillen, Herr Capitain Lismahago, was für eine Religion haben denn dieſe Leute?—„Die Religion, gnädiges Fräulein,“ antwortete der Lieutenant,„iſt bei dieſen Leuten eine höchſt einfache Sache. Sie haben niemals von einer Verbindung zwiſchen Kirche und Staat gehört. In der Regel verehren ſie zwei Weſen, die mit einander im Streite liegen; das eine iſt die Quelle alles Guten, das andere die Quelle alles Böſen. Der große Haufen iſt dort, wie auch in andern Ländern, in dem abgeſchmackteſten Aberglau⸗ ben befangen, die Vernünftigen aber verehren ein höchſtes We⸗ ſen, welches die Welt erſchaffen hat und erhält.“—„Ei wie Schade,“ rief die andächtige Tabby,„daß noch kein heiliger Mann den Trieb des Geiſtes gehabt hat, zu dieſen armen Heiden zu reiſen und ſie zu bekehren!“ Der Lieutenant ſagte ihr, während ſeines Aufenthalts unter ihnen ſeyen zwei franzöſiſche Miſſionäre gekommen, um ſie zur katholiſchen Religion zu bekehren, allein als dieſe von den Myſte⸗ rien und Offenbarungen geſprochen, welche ſie weder zu erklären noch zu beweiſen vermocht, und zum Beweiſe dafür Wunder an⸗ geführt haben, die ſie ſelbſt auf Hörenſagen glauben; als ſie unter Anderm gelehrt, der höchſte Schöpfer des Himmels und der Erde habe ſeinem eigenen Sohn, der ihm an Macht und Herrlichkeit gleiche, erlaubt, in den Leib eines Weibes zu gehen, als Menſch geboren, gehöhnt, gegeißelt und ſogar als Miſſethäter ermordet zu werden; als ſie behaupteten, ſie ſeyen im Stande, Gott ſelbſt 123 zu erſchaffen, zu eſſen, zu verdauen, wieder lebendig zu machen und mit ein bischen Mehl und Waſſer ihn in's Unendliche zu ver⸗ vielfältigen, da entſetzten ſich die Indianer über die Gottloſigkeit einer ſolchen Anmaßung. Sie wurden von der Verſammlung der Sachems in's Verhör genommen, und dieſe verlangten von ihnen, ſie ſollen die Göttlichkeit ihrer Sendung durch ein Wunder bewei⸗ ſen. Sie antworteten, das ſtehe nicht in ihrer Gewalt. Wenn Ihr,“ ſagte darauf einer der Sachems, wirklich vom Himmel zu unſerer Bekehrung geſandt wurdet, ſo wäret Ihr gewiß mit einigen übernatürlichen Gaben ausgeſtattet. Wenigſtens hättet Ihr die Gabe der Sprachen, um Eure Lehre den verſchiedenen Nationen predigen zu können, unter welche Ihr Euch begebet. Nun aber ſeyd Ihr in unſerer Sprache ſo unwiſſend, daß Ihr Euch nicht einmal über die gemeinſten Dinge auszuvrücken vermöget.“ Kurz und gut, die Verſammlung war vollkommen überzeugt, daß ſie Betrüger ſeyen, und hielt ſie ſogar für Spione. Sie be⸗ fahl daher, Jedem einen Beutel mit indianiſchem Korn zu geben, und beſtellte einen Führer, der ſie bis an die Gränze bringen ſollte; allein die Miſſionäre beſaßen mehr Eifer als Klugheit, und wollten den Weinberg nicht verlaſſen. Sie fuhren fort; Meſſe zu leſen, zu predigen, zu taufen und ſich mit den Zauberern oder Prieſtern des Landes herumzuzanken, bis ſie die ganze Gegend in Aufruhr gebracht hatten. Da trat die Verſammlung abermals zu⸗ ſammen und verhörten ſie als gottloſe Betrüger, welche den All— mächtigen als ein geringfügiges, ſchwaches, eigenſinniges Weſen dargeſtellt und ſich vermeſſen haben, ihn zu machen, zu vertilgen und nach Gefallen wieder hervorzubringen; ſie wurden daher als Gottesläſterer und Rebellen überwieſen und zum Pfahle verur⸗ theilt, wo ſie mit freudigem Entzücken über die Märtyrerkrone, die ihnen zu TDheil geworden, unter dem Geſang: salve regina ſtarben. Während dieſet Unterredung entfielen dem Lieutenant Lisma⸗ 124 hago einige Winke, aus welchen hervorging, daß er ſelbſt ein Freigeiſt war. Unſere Tante ſchien bei mehreren Ausfällen, die er gegen die Glaubenslehre des heiligen Athanaſius that, ſtutzig zu werden. Er legte großes Gewicht auf die Worte: Vernunft, Philoſophie und Widerſprüche, wollte von der Ewig⸗ keit des hölliſchen Feuers nichts wiſſen, und warf ſogar auf die Unſterblichkeit der Seele einige Raketen, die den Glauben der Jungfer Tabitha am Rande ein wenig verſengten; denn ſie fing nachgerade an, Herrn Lismahago als ein Wunder von Einſicht und Gelehrſamkeit zu betrachten. Kurz, ſie war ſo zuvorkommend, daß er ihre Neigung nothwendig merken mußte, und obgleich er in ſeinem ganzen Weſen etwas Abſtoßendes hat, ſo war er doch in ſo weit Meiſter über ſich, daß er ihre Höflichkeit nicht ganz unerwiedert ließ. Vielleicht dachte er, es ſey für einen abgelebten, auf halben Sold geſetzten Lieutenant ſo übel nicht, ſich mit einer alten Jungfer zu verbinden, die aller Wahrſcheinlichkeit nach Geld genug habe, ihm das letzte Reſtchen ſeiner Tage angenehm und ruhig zu machen. So entſpann ſich denn ſchnell eine verliebte Augenſprache zwiſchen dieſem liebenswürdigen, originellen Pärchen. Er befließ ſich, die natürliche Grobheit in ſeinen Reden durch einen Theriak von Lob und Complimenten zu verſüßen. Er prä⸗ ſentirte ihr von Zeit zu Zeit ſeine Doſe, der er ſelbſt fleißig zu⸗ ſprach, und ſchenkte ihr ſogar einen Beutel von Seidengras, den ſeine vielgeliebte Squinkinakvoſta mit eigenen Händen gewoben und als Jagdtaſche benützt hatte. Von Doncaſter nordwärts ſind in allen Wirthshäuſern die Scheiben mit elenden Spöttereien auf die ſchottiſche Nation bekritzelt, und was mich ſehr Wunder nahm, ich fand keine einzige Zeile, die den Schimpf zurückgegeben hätte. Neugierig, Lismahago's Anſicht darüber zu vernehmen, zeigte ich ihm ein ſehr plumpes Epigramm auf ſeine Landsleute, das in dem Zimmer, wo wir waren, in einer Fenſterſcheibe eingegraben war. Er las es mit der ſteifſten 125 Gelaſſenheit, und als ich ihn um ſeine Meinung über dieſe Art von Poeſie fragte, ſagte er:„Es iſt ſehr dunkel und ſehr ſpitzig, aber mit einem naſſen Tiſchtuche könnte man es klarer und heller machen. Es wundert mich ſehr, daß dieſer witzige Dichter keine Sammlung von dergleichen Verſuchen drucken läßt, er könnte ihr den Titel geben: Des Glaſers Triumph über Sawney, den Schotten. Ich bin überzeugt, ſie würde von den Patrioten in London und Weſtminſter ſehr gut aufgenommen werden.“ Als ich ihm meine Verwunderung äußerte, warum die Schotten, die die⸗ ſes Wegs gereist, nicht alle dieſe Fenſterſcheiben zuſammengeſchla⸗ gen haben, erwiederte der Lieutenant:„Das wäre, mit Ihrer gü⸗ tigen Erlaubniß, nicht die beſte Politik; es würde die Satyre nur um ſo ſpitziger und ſchneidender machen, und ich halte es für viel beſſer, man läßt ſie im genſter ſtehen, als daß ſie der Wirth in der Rechnung aufführt.“ Meinem Oheim begannen vor Unwillen die Kinnbacken zu beben.„Die Kritzler ſolch ſchändlichen Zengs,“ meinte er,„ver⸗ dienten an einen Karren gebunden und durch die Straßen geſtäupt u werden, weil ſie ihr Vaterland durch ſolche handgreifliche Be⸗ weiſe von Bosheit und Dummheit verunehren. Solches Geſchmeis,“ fuhr er fort,„überlegt nicht, daß es ſeinen Mitunterthanen, die es beſchimpfen will, beſtändig Stoff in die Hand gibt, ſich Glück zu wünſchen, und ſolch elende, niederträchtige Angriffe auf männliche Art zu rächen. Ich für meinen Theil bewundere die philoſophiſche Gelaſſenheit der Schottländer eben ſo ſehr, als ich die Dumm⸗ dreiſtigkeit dieſer im Finſtern ſchleichenden Pasquillanten verachte, eine Dreiſtigkeit, welche ſich nur mit der Keckheit des Dorfhahns vergleichen läßt, der niemals kräht, als auf ſeinem eigenen Miſte“ Der Capitain bemerkte mit affektirter Gelaſſenheit:„Nie⸗ derträchtige Seelen gebe es in jedem Lande; wenn er übrigens annehmen wollte, daß alle Engländer ſo denken, ſo würde er ſei⸗ nem eigenen Vaterlande ein zu großes Compliment machen; denn 126 es ſey bei weitem nicht bedeutend genug, um ſich den Neid eines ſo blühenden und mächtigen Volkes zuzuziehen.“ Jungfer Tabby brach von Neuem in 4 Lobeserhebungen über ſeine Beſcheidenheit aus, und betheuerte, Schottland ſey derjenige Boden, welcher jegliche Tugend unter der Sonne hervorbringe. Als Lismahago für heute gute Nacht geſagt hatte, fragte ſie ihren Bruder, ob der Capitän nicht der hübſcheſte Mann ſey, den er jemals geſehen, und ob er nicht etwas ungemein Anziehendes und Einnehmendes im Geſichte habe. Herr Bramble ſah ſie einige Augenblicke ſchweigend an und ſagte dann:„So viel ich urtheilen kann, Schweſter, ſo iſt der Lieutenant ein ehrlicher Mann und ein guter Offizier. Er beſitzt viel Verſtand und hätte eine beſſere Unterſtützung verdient, als ihm in ſeinem Leben zu Theil gewor⸗ den zu ſeyn ſcheint, allein das kann ich mit gutem Gewiſſen nicht bejahen, daß er der hübſcheſte Mann ſey, den ich jemals geſehen; auch vermag ich das Anziehende und Einnehmende in ſeinem Ge⸗ ſichte nicht ausfindig zu machen; denn er iſt bei Gott im Gegen⸗ theil von der Natur ſtiefmütterlich behandelt und abſtoßend.“ Ich habe mir Mühe gegeben, mich bei dieſem Nordbriten, der wirklich eine Merkwürdigkeit iſt, ein wenig in Gunſt zu ſetzen; allein er war immer ſehr zurückhaltend gegen mich, weil ich über ſeine Behauptung, in Edinburgh werde beſſer Engliſch geſprochen als in London, gelacht habe. Da ſah er mich mit doppelter Säure im Geſicht an und ſagte:„Wenn man der alten Definition trauen darf, daß die Fähigkeit zu lachen das unterſcheidende Kenn⸗ zeichen eines vernünftigen Geſchöpfes iſt, ſo haben die Engländer unter allen Völkern, die ich kennen gelernt, die entſchiedenſte An⸗ lage zur Vernünftigkeit.“ Ich gab zu, die Engländer wiſſen allerdings ſehr leicht und ſchnell das Poſſierliche an einer Sache herauszufinden, und ſeyen ſehr geneigt, darüber zu lachen, aus dieſem häufigeren Lachen aber folge noch nicht, daß ſie mehr Ver⸗ nunft haben, als ihre Nachbarn. Ein ſolcher Schluß, ſagte ich, 127 wäre eine Beleidigung gegen die Schotten, denen man gewiß die Vernunft nicht abſprechen könne, obgleich ſie im Allgemeinen weit weniger Sinn und Empfänglichkeit für muntere Einfälle haben. Der Capitain erwiederte, das ſey eine Vorausſetzung, die man entweder auf ihre Geſpräche oder auf ihre Schriften gründen müſſe, und darüber könne den Engländern unmöglich ein gültiges Urtheil zuerkannt werden, weil ſie den Dialekt nicht verſtehen, deſſen ſich die Schottländer ſowohl im Leben, als in ihren humo⸗ riſtiſchen Schriften bedienen. Als ich zu wiſſen verlangte, welche humoriſtiſche Schriftſteller er meine, führte er eine ganze Maſſe Bücher auf, von denen er behauptete, ſie ſeyen ſo voll Salz und Laune, daß kein anderes Werk weder in einer lebenden noch einer todten Sprache ihnen die Spitze bieten könne. Ganz beſonders empfahl er eine Gedichtſammlung in zwei kleinen Bänden unter dem Titel„Immergrün,“ und die Werke des Allan Ramſay, die ich mir in Edinburgh kaufen werde Er bemerkte, ein Schottlän⸗ der ſey in Geſellſchaft von Engländern immer im Nachtheil, weil er in einem Dialekt ſpreche, dem dieſe keinen Geſchmack abzuge⸗ winnen vermögen, und ſich ſolcher Redensarten und Ausdrücke be⸗ diene, die ſie nicht verſtehen. Somit befinde er ſich immer unter einem gewiſſen Zwang, der ein gewaltiges Hinderniß des Witzes und der Laune ſey. Dieſe Talente nämlich können ſich niemals in ihrem vollen Glanze zeigen, außer wenn das Gemüth ſich in behaglicher Stimmung befinde, und wie ein vortrefflicher Schrift⸗ ſteller ſage, die Ellbogen frei habe. Er führte ſofort ſeine Behauptung, daß man in Edinburgh beſſer Engliſch ſpreche als in London, weiter aus.„Was wir in der Regel den ſchottiſchen Dialekt zu nennen pflegen,“ ſagte er, vey im Grunde wahres, ächtes, altes Engliſch, mit der Beimi⸗ ſchung einiger franzöſiſchen Worte und Ausdrücke, die durch den langjährigen Verkehr der Schotten mit der franzöſiſchen Nation eingeführt worden ſind. Die neuern Engländer haben durch Affek⸗ 128 tation und verunglückte Künſteleien ihre Sprache verweichlicht und dadurch ſogar verderbt, daß ſie die Gutturalen herausgeworfen, die Pronunciation und Quantität verändert und manchen kräftigen Ausdruck, der ſeine gute Bedeutung gehabt, aus dem Brauche haben kommen laſſen. In Folge dieſer Meinungen ſeyen auch die Werke unſerer beſten Dichter, wie Chaucer, Spencer und ſogar Shakespeare an verſchiedenen Stellen für die eingebornen Englän⸗ der unverſtändlich geworden, während die Schotten, welche die alte Sprache beibehalten, dieſelbe ohne Beihülfe eines Commen⸗ tars verſtehen.„Wie, zum Exempel,“ ſagte er,„haben ſich Ihre feinnäfigen Gloſſenmacher nur über den Ausdruck: He is gentle and not fearkur im Sturm den Kopf zerbrochen? Sie meinten, es ſey ein Paralogismus zu ſagen, wer gentle ſey, müſſe nothwen⸗ dig auch courageous ſeyn. Das Wahre an der Sache aber iſt: Eine der urſprünglichen Bedeutungen, wo nicht die einzige des Worts gentle war edel, hochherzig, und noch bis auf den heu⸗ tigen Tag würde ſich eine Schottländerin unter den Umſtänden der jungen Dame im Sturm nahezu derſelben Worte bedienen: Reize ihn nicht, denn er iſt gentle, d. h. hochherzig, er wird keine Beleidigung geduldig hinnehmen. Spencer ſagt gleich in der erſten Strophe ſeiner Feenkönigin: A gentle knight was pricking on the plain, welcher Knight nichts weniger als zahm und ſchüchtern, ſondern ſo unerſchrocken und tapfer war, daß er„„den Teufel in der Hölle ſelbſt““ nicht ſcheute.“ Zum Beweis, daß wir die Energie unſerer Sprache durch fal⸗ ſches Raffiniren geſchwächt haben, führte er folgende Worte an, deren Bedeutung himmelweit von einander verſchieden iſt, die aber dennoch ganz gleich ausgeſprochen werden: wright, writ⸗ right⸗ rit. Bei den Schotten aber haben dieſe Worte eine eben ſo ver⸗ ſchiedene Pronunciation, als ſie nach Bedeutung und Orthographie verſchieden ſind. Eben dieß iſt auch der Fall mit manchen andern, 129 die er zur Erklärung ſeines Satzes anführte. Er bemerkte ferner, daß wir(den Grund habe er ſich niemals klar machen können) unſern Vokalen einen ganz andern Laut gegeben haben, als den⸗ ienigen, welche älle übrige Nationen Europa's beibehalten: eine Veränderung, welche die Sprache für die Fremden äußerſt ſchwer und es beinahe unmöglich mache, allgemeine Regeln für Orthographie und Ausſprache aufzuſtellen. gerner ſeyen die Vokale im Munde eines Engländers keine einfachen Laute mehr; denn er ſpreche das J und U als Doppellaute aus. Endlich behauptete er, wir mur⸗ meln unſere Sprache mit den Lippen und Zähnen und jagen die Worte ohne Pauſe oder Abſatz dergeſtalt hintereinander her, daß ein Ausländer, wenn er auch ziemlich gut engliſch verſtehe, oft ge⸗ nöthigt ſey, ſich an einen Schottländer zu wenden, um zu erfah⸗ ren, was ein geborner Engländer in ſeiner eigenen Sprache ge⸗ ſagt habe. Mein Oheim beſtätigte die Wahrheit dieſer Bemerkung aus eigener Erfahrung, ſchrieb ſie jedoch einem andern Grunde zu. Er ſagte, man könne dieß bei allen Sprachen wahrnehmen. Ein Fremder in Paris, welcher der Sprache noch nicht ganz mächtig ſey, werde einen Schweizer, der Franzöſiſch verſtehe, leichter ver⸗ ſiehen, als einen Pariſer, indem jede Sprache ihr eigenes Recita⸗ tiv habe, und es immer mehr Mühe, Aufmerkſamkeit und Uebung erfordere, ſich beides, ſowohl die Worte als ihren Klang, geläufig zu machen, als bloß die Worte zu lernen. Gleichwohl werde Nie⸗ mand läugnen wollen, daß das Eine ohne das Andere unvollkom⸗ men ſey, daher glaube er auch, daß ein Anfänger einen Schott⸗ länder und Schweizer deßwegen beſſer verſtehe, weil dieſe bloß die Worte ſprechen, das Muſikaliſche aber nicht auszudrücken vermögen. Man ſollte glauben, dieſer Hieb werde den Nordbriten ein wenig abgekühlt haben, allein er gab bloß ſeiner Diſputirſucht neue Nahrung.„Wenn jede Nation,“ fagte der Mann,„ihr eigenes Recitativ oder ihre eigene Muſik für die Sprache habe, ſo fehle Smollet's Romane. XIV. 9 130 es den Schotten gewiß auch nicht daran, und der Schottländer, dem die Tonfälle des Engliſchen noch nicht geläufig ſeyen, werde natürlicher Weiſe ſeine eigenen brauchen, wenn er dieſe Sprache rede; wenn man ihn alſo beſſer verſtehe, als den gebornen Eng⸗ länder, ſo müſſe offenbar ſein Recitativ verſtändlicher ſeyn, als das engliſche, und folglich habe der Dialekt der Schotten einen Vorzug vor dem ihrer Mitunterthanen. Dieß ſey ein neuer, feſter Beleg für die Behauptung, daß die Engländer in der neueſten Zeit ihre Sprache in Beziehung auf Pronunciation verderbt haben.“ Der Lieutenant war nunmehr ſo polemiſch geworden, daß ihm eine Paradoxie aus dem Munde floß, ſobald er ihn aufthat, und er ſie auch mit dem ganzen Eifer eines hirnwüthigen Diſputators bis auf's Blut vertheidigte. Indeß ſchmeckte ſeine Paradoxie gar zu parteiiſch für ſein Vaterland. Er unterfing ſich ſogar, zu be⸗ weiſen, die Armuth ſey ein Glück für die Nation, das Hafermehl beſſer als das Waizenmehl, und der Gottesdienſt der Cloacina in Tempeln, wo beide Geſchlechter und alle Anbeter ohne Unterſchied des Alters und Standes zugleich zugelaſſen werden, ſey eine ein⸗ fältige Art von Abgötterei, die jedem Begriff von Zucht und Ehr⸗ barkeit Hohn ſpreche. Ich wunderte mich indeß nicht ſowohl dar⸗ über, daß er dieſe Grundſätze zu Markte brachte, als über die eben ſo närriſchen wie ſinnreichen Gründe, die er zu ihrer Unter⸗ ſtützung anführte. Mit Einem Wort, Lieutenant Lismahago iſt eine Merkwür⸗ digkeit, die ich noch lange nicht genug angeguckt habe, und deß⸗ halb wird es mir leid thun, wenn wir ſeine Geſellſchaft perlieren, ob er gleich, weiß Gott, weder in ſeinen Manieren noch in ſeinem Charakter etwas ſehr Liebenswürdiges hat. Da er geraden Wegs nach dem ſüdweſtlichen Theile von Schottland geht, und wir un⸗ ſern Weg über Berwik nehmen, ſo werden wir uns morgen an einem Orte, Feltonbridge genannt, trennen, und ich glaube nicht zu viel zu behaupten, wenn ich ſage, daß die Trennung unſere 131 Tante Tabitha ſehr ſchmerzhaft berühren wird, wenn ſie nicht an⸗ ders bereits höchſt ſchmeichelhafte Verſicherungen des baldigen Wie⸗ derſehens empfangen hat. Verfehle ich auch meinen Hauptzweck, Ihnen mit dieſen unwichtigen Geſchichtchen einige Unterhaltung zu verſchaffen, ſo ſehen Sie dieſelben in Gottesnamen für Geduld⸗ übungen an, die Sie zu verdanken haben Ihrem allzeit getreuen H. Melford. Morpeth, den 13. Juli. An Dortor Tudwig. Lieber Doctor! Ich habe nunmehr den äußerſten Norden von England erreicht und ſehe dicht unter meinem Kammerfenſter die Tweed unter dem Bogen der Brücke hinfließen, welche dieſe Neuſtadt mit Berwik verbindet. In Yorkſhire ſind Sienſelbſt ſchon geweſen und deßhalb will ich von dieſer reichlich geſegneten Provinz nichts ſagen. Die Stadt Durham ſieht von weitem aus wie ein ungeordneter Stein⸗ und Ziegelhaufen, welchen man zuſammengeſetzt hat, um einen Berg zu bedecken, um den ein Strom ſeinen geräuſchvollen Lauf nimmt. Die Straßen ſind im Allgemeinen eng, finſter, unfreund⸗ lich und einige davon ſo ſteil, daß man kaum darauf wandeln kann. Die Domkirche iſt ein ungeheures, düſteres Gebäude, die Geiſtlichen dagegen haben gute Wohnungen. Der Biſchof lebt wie ein Fürſt, die goldenen Präbenden werden auf leckere Tafeln verwendet, auch ſoll man, wie ich mir habe ſagen laſſen, recht angenehme Geſellſchaften in der Stadt finden; allein das Land ſelbſt gewährt von der Spitze des Gateſhead⸗Fell, welcher ſich bis Neweaſtle erſtreckt, den Anblick einer der ſchönſten angebauten Ge⸗ genden, die ich jemals geſehen habe. Neweaſtle an ſich liegt 132 größtentheils in einer Tiefe am Ufer der Tyne und fällt noch un⸗ angenehmer in die Augen als Durham; indeſſen iſt es in Folge großer Induſtrie und ſtarken Verkehrs reich geworden und hat viele Einwohner. Das Land, das an beiden Seiten des Fluſſes über der Stadt liegt, gewährt einem Freunde von Land⸗ und Garten⸗ bau reichliche Augenweiden. Morpeth und Alnwick ſind hübſche, artige Städtchen, letzteres berühmt wegen des Kaſtells, das ſo manche Jahrhunderte hindurch dem edlen Hauſe der Pierch, Gra⸗ fen von Northumberland, angehört hat. Es iſt eine geräumige Veſte, die eine große Anzahl Wohnungen enthält, und liegt auf einer Höhe, von wo aus ſie die Gegend weit und breit beherrſchen kann; ihre Hauptſtärke ſcheint indeß nicht ſowohl in der Lage oder in der Art, wie ſie beſetzt iſt, beſtanden zu haben, als vielm ehr in der Tapferkeit ihrer Vertheidiger. Seit wir Scarborough verlaſſen haben, iſt uns wenig au fge⸗ ſtoßen, was Erwähnung verdiente; doch muß ich Sie mit dem guten Fortgang bekannt machen, den meine Schweſter Tabby ſeit ihren verunglückten Verſuchen in Bath und London in ihren Ehe⸗ mannsjagden gemacht hat. Sie hatte wirklich angefangen, ihre Netze einem gewiſſen Glücksritter zu legen, der weiter nichts war als ein Straßenräuber von Profeſſion; allein er war ſchon mit weit gefährlicheren Schlingen bekannt, als ſie aufzuwenden ver⸗ mochte, und ſo entkam er glücklich. Hiernach öffnete ſie ihre Batte⸗ rie gegen einen alten verwitterten ſchottiſchen Lieutenant, Namens Lismahago, der in Durham zu uns kam und einer der ſonderbar⸗ ſten Käuze iſt, die mir je in den Weg gekommen. Seine Manie⸗ ren ſind eben ſo ungeſchlacht wie ſein Geſicht, aber ſeine höchſ eigenthümliche Weiſe, und ſein Pack von Kenntniſſen, aus Lappen von Seltenheiten zuſammengeſchnürt, machte, daß ich, trotz ſeiner Pevanterie und ſeines ungefälligen Benehmens, gern mit ihm in Geſellſchaft war. Ich habe ſchon oft in einem Gebüſche einen ſauren Holzapfel gefunden, und Luſt verſpürt, ihn zu eſſen, eben 133 weil er ſo herb war, daß er mir den Mund zuſammenzog. Lis⸗ mahago iſt dermaßen vom Widerſpruchsgeiſte beſeſſen, daß ich in allem Ernſte glaube, er hat mit unermüdeter Aufmerkſamkeit Bü⸗ cher durchwühlt, geleſen und ſtudirt, nur um ſich in den Stand zu ſetzen, allgemein angenommene Grundſätze über den Haufen zu ſtoßen, auf dieſe Art ſeinen polemiſchen Stolz zu befriedigen und ihm Trophäen zu errichten. Er iſt ſo widrig⸗dünkelhaft, daß er nicht einmal ein Compliment unangetaſtet laſſen kann, das man im Vorbeigehen ſeiner eigenen Perſon insbeſondere, oder ſeinem Vaterlande im Allgemeinen macht. Als ich bemerkte, er müſſe eine Unmaſſe Bücher geleſen haben, da er über ſo mancherlei Gegenſtände zu ſprechen verſtehe, ſo be⸗ theuerte er, er habe wenig oder nichts geleſen, und ſagte, wie er denn in den Urwäldern von Amerika, wo er den größten Theil ſeines Lebens zugebracht, Bücher hätte auftreiben ſollen. Als mein Neffe ſagte, die Schotten ſeyen im Allgemeinen durch ihre Gelehr⸗ ſamkeit berühmt, ſo leugnete er es geradezu ab und forderte ihn auf, es aus ihren Schriften zu beweiſen.„Die Schotten,“ ſagte er,„haben von Allem ein bischen geleſen, womit ſie dann bei Leuten, die noch unwiſſenſchaftlicher ſind als ſie ſelbſt, ſich breit machen; man kann von ihnen ſagen, ſie ſchwimmen auf der Ober⸗ fläche der Gelehrſamkeit herum und haben in den nützlichen Kün⸗ ſten noch ſehr geringe Fortſchritte gemacht.“—„Das aber,“ rief Tabby,„gibt doch alle Welt zu, daß die Schotten im Kriege gegen die Wilden von Amerika ruhmvoll gekämpft haben.“— »Gnädiges Fräulein,“ erwiederte der Lieute nant,„ich kann Sie verſichern, daß man Sie falſch berichtet hat. Die Schotten haben in dieſem Lande nur ihre Schuldigkeit gethan und bei der ganzen Armee des Königs war kein einziges Regiment, das ſich vor dem andern ausgezeichnet hätte. Diejenigen, die ſich ein Ge⸗ ſchäft daraus machten, den Schotten beſondere Verdienſte anzu⸗ dichten, waren keine Freunde dieſer Nation.“ 134 So viele Freiheiten er ſich indeß ſelbſt gegen ſeine Landsleute herausnimmt, ſo läßt er ſich doch von einem Andern nicht den leiſeſten Spott über ſie gefallen. Als einer aus der Geſellſchaft ⸗ zufällig den unrühmlichen Frieden des Lords B. erwähnte, ergriff der Lieutenant augenblicklich die Partie Sr. Lordſchaft und bot alle ſeine Kräfte auf, um zu beweiſen, es ſey dies der ruhmvollſte und vortheilhafteſte Frieden geweſen, den England ſeit der Stif⸗ tung ſeiner Monarchie geſchloſſen habe. Unter uns geſagt, er brachte hierbei ſolche Gründe auf's Tapet, daß ich verwirrt, wo nicht ernſtlich überzeugt wurde. Er wollte nicht zugeben, daß bei der Land⸗ und Seemacht Großbritanniens unverhältnißmäßig viele Schotten ſeyen, oder daß die Engländer irgend Grund haben, zu ſagen, ſeine Landsleute ſeyen im Dienſte außerordentlich bevorzugt worden.„Wenn,“ ſagte er,„ein Süd⸗ und ein Nordbrite zu⸗ gleich ſich um eine Stelle bewerben, die ein engliſcher Miniſter oder General zu vergeben hat, ſo wäre es abgeſchmackt, vorauszu⸗ ſetzen, daß er den Vorzug nicht dem eingebornen Engländer zuer⸗ kennen würde, der vor ſeinem Nebenbuhler ohnehin ſchon ſo manches voraus hat. Für's Erſte und hauptſächlich hat er jene lobenswür⸗ dige Parteilichkeit für ſich, die, wie Addiſon ſagt, einem Englän⸗ der beſtändig anklebt; zweitens hat er gewichtige Verbindungen und einen größern Antheil an dem parlamentariſchen Einfluß, wo⸗ durch dergleichen ſtreitige Wahlen in der Regel entſchieden werden; endlich aber hat er über mehr Geld zu gebieten, womit er ſich den Weg zu ſeinem Ziele bahnen kann. Ich für meinen Theil, fuhr er fort, kenne keinen ſchottiſchen Offizier, der es in der Armee höher als bis zum Subalternen gebracht hätte, ohne jeden höhern Grad entweder mit Geld oder mit Rekruten zu erkaufen, dagegen wüßte ich manchen edlen Herrn aus dieſem Lande anzuführen, der aus Mangel an Geld oder Gönnern als Lieutenant alt und grau geworden iſt. In Südbritannien dagegen ſind ſolche Beiſpiele von Mangel an Beförderung etwas höchſt Seltenes. Nicht als ob 135 ich behaupten wollte, meine Landsleute haben im Mindeſten ein Recht ſich zu beklagen. Mit der Beförderung im Dienſt verhält es ſich wie mit dem Glück im Handel oder einem andern Geſchäfte: wer am meiſten Kapital oder Kredit hat, bringt es am weiteſten, wenn man auf beiden Seiten gleiches Verdienſt und gleiche Fähigkeiten vorausſetzt. Die keckſten Sätze dieſes Hriginals waren indeß folgende: Der Handel werde über kurz oder lang den Untergang jeder Na⸗ tion befördern, bei der er eine gewiſſe Ausdehnung und Blüthe erhalten, das Parlament ſey der faule Fleck der britiſchen Conſti⸗ tution, die Preßfreiheit ſey ein Nationalübel, und die ſo gerühmte Inſtitution der Geſchwornengerichte veranläſſe, ſo wie ſie in Eng⸗ land gehandhabt werde, nichts als die ſchändlichſten Meineide und die handgreiflichſten Ungerechtigkeiten. Der Handel, meinte er, ſey an und für ſich ein Feind aller edlern Empfindungen, denn er gründe ſich auf den Durſt nach Gewinn und auf das niederträch⸗ tige Verlangen, aus der Noth unſerer Nebenmenſchen Vortheil zu ziehen. Ueberdieß ſey die Natur des Handels von der Art, daß er ſich durchaus nicht feſt beſtimmen laſſe, ſondern wenn er bis zu einer gewiſſen Höhe angefloſſen, ſo ſtelle ſich ſogleich die Ebbe ein, und dieſe dauere ſo lange, bis die Kanäle faſt gänzlich aus⸗ trocknen; in der ganzen Geſchichte finde ſich kein einziges Beiſpiel, daß bei einer und derſelben Nation die Fluth wieder bis zu einer bedeutenden Höhe geſtiegen ſey. Indeſſen erbreche der durch den Handel erwachſene Ueberfluß an Mitteln alle Schleußen des Luxus, und überſchwemme das Land mit Schlechtigkeiten und Lüderlich⸗ keiten aller Art, daraus könne nichts als gänzliche Sittemloſigkeit entſtehen, und dieſe habe zur nothwendigen Folge Bankerott und Ruin. In Beziehung auf's Parlament ſagte er, der Kunßgriff, Flecken zu kaufen und um Stimmen zu markten, gründe ſich auf ein öffentlich anerkanntes Beſtechungsſyſtem, gebaut auf den Un⸗ tergang aller Grundſätze, aller guten Ordnung, aller Treue und 136 Redlichkeit, und daraus folge, daß ſowohl die Wähler als die Gewählten, und mit Einem Wort der geſammte Staatskörper durch und durch angeſteckt und verdorben ſey. Bei einem auf ſolche Weiſe conſtituirten Parlamente könne die Krone immer Einfluß genug behalten, um ſich einer Stimmenmehrheit zu verſichern, we⸗ gen der vielen Stellen und Penſionen, die ſie zu vergeben habe; ein ſolches Parlament werde auch(wie es bereits gethan) die Dauer ſeiner Sitzungen und ſeiner Macht verlängern, ſo oft es der Fürſt vortheilhaft finde, die gleichen Mitglieder in demſelben zu haben, denn ohne Zweifel haben ſie eben ſo gut das Recht, ihre Macht in infinitum beizubehalten, als ſie das Recht gehabt haben, ſie von drei auf ſieben Jahre zu verlängern. Mit einem von der Krone abhängigen, dem Fürſten ergebenen Parlamente alſo, zu⸗ mal wenn es von einem, zu dieſem Zwecke auserleſenen und her⸗ angebildeten ſtehenden Heere unterſtützt werde, könne ein König von England ſämmtliche Bollwerke der Verfaſſung gänzlich um⸗ werfen, und ohne Zweifel werde dieß irgend ein ehrſüchtiger Sou⸗ verän einmal thun. Man konne doch nicht vorausſetzen, daß ein Fürſt von einigem Selbſtgefühl oder Uebermuth geduldig zuſehen werde, wie man allen ſeinen Anordnungen widerſpreche, und ein unbändiger, zügelloſer Volkshaufe ihn ſelbſt ſchmähe und höhne. Im Gegentheil werde er dann ganz gewiß von der ihm zuſtehen⸗ den Gewalt Gebrauch machen, und mit Beiſtimmung der geſetz⸗ gebenden Macht jede Oppoſition zu Boden treten. Die Preßfreiheit, ſagte er, werde er jederzeit für ein Nationalunglück erklären, ſo lange ſie dem elendeſten Wurme die Macht laſſe, den Glanz des leuchtendſten Verdienſtes zu beſchmutzen, und den infamſten Mord⸗ brennern die Mittel in die Hand gebe, den Frieden zu ſtören, und alle Ordnung im Staate zu vernichten. Gleichwohl geſtand er zu, daß ſie bei gehörigen Beſchränkungen ein ſehr köſtliches Privile⸗ gium wäre, aber in England beſtehe nun einmal kein Geſetz welches dieſelbe in gehörigen Schranken zu halten vermöchte. 137 Ueber die Geſchwornen drückte er ſich folgendermaßen aus: Die Geſchwornen werden gewöhnlich aus dem ungebildeten Hau⸗ fen genommen, können leicht irren, leicht mißleitet werden und ſind allen möglichen ſchädlichen Einflüſſen zugänglich. Kann der Kläger oder der Beklagte nur einen von den zwölf gewinnen oder beſtechen, ſo iſt er eines günſtigen Urtheils gewiß. Dieſer erkaufte Richter beſteht dann, den ſonnenhellſten Beweiſen zum Trotze, auf ſeinem eigenen Kopf, bis ſeine Kollegen der Plackerei müde ſind und endlich gar aus Hunger zu ſeiner Meinung übertreten, und dann iſt der Spruch ungerecht, die Richter alle meineidig. Oft kommen aber auch Fälle vor, wo die Geſchwornen wirklich ver⸗ ſchiedener Meinung ſind, und keine Partei ſich von der andern eines Beſſern belehren laſſen will. Nun können ſie aber kein Ur⸗ theil ſprechen, außer einſtimmig, und doch ſind Alle bei ihrem Ge⸗ wiſſen, ſo wie durch einen feierlichen Eid verbunden, nach beſter Ueberzeugung zu urtheilen und Recht zu ſprechen. Was folgt nun daraus? Sie müſſen entweder Alle mit einander verhungern und verdurſten, oder die eine Partei muß ihr Gewiſſen dem Magen opfern und zu einem Spruche ſtimmen, den ſie für ungerecht hält. Dieſer Abgeſchmacktheit iſt in Schweden dadurch vorgebeugt, daß dort einfache Stimmenmehrheit entſcheidet, und in Schottland da⸗ durch, daß zwei Drittheile der Stimmen ein Urtheil ungültig machen. Sie dürfen indeſſen nicht glauben, daß er alles dies ruhig vortragen durfte, ohne von meiner Seite gewaltigen Widerſpruch zu erfahren. Nein, denn ich glaubte wirklich, meine Ehre leide darunter, wenn der Kerl ſich um ſo viel weiſer glaube, als ſeine Nachbarn. Deßwegen zweifelte ich alle ſeine Sätze an, brachte unzählige Einwendungen vor, diſputirte und balgte mich mit hel⸗ denmüthiger Hartnäckigkeit mit ihm herum, ſo daß ich bei dem Streite warm, ſogar heftig wurde. Er kam hie und da in's Ge⸗ dränge, ein- oder zweimal glaubte ich ſogar, ich habe ihn ganz 138 zu Boden geſchlagen, allein er richtete ſich von ſolchen Fällen, wie ein zweiter Antäus, mit verdoppelten Kräften wieder auf, bis ich zuletzt vor Erſchöpfung und Mattigkeit nicht mehr wußte, was ich anfangen ſollte, als ihm glücklicherweiſe ein paar Worte entfielen, woraus hervorging, daß er Jurisprudenz ſtudirt habe, ein Ge⸗ ſtändniß, woraus ich Gelegenheit nahm, mich mit guter Art aus dem Handel zu ziehen, da man offenbar nicht verlangen konnte, daß ein Mann wie ich, der gar nicht ſtudirt hat, im Stande ſeyn ſoll, ſich mit einem Meiſter in ſeiner Kunſt herumzutummeln. In⸗ deſſen glaube ich doch, daß ich mit beiden Backen noch lange an den Nüſſen zu knacken haben werde, die mir dieſer ſonderbarſte Koſtgänger unſers Herrgotts gegeben hat. Ob nun unſere Schweſter Tabitha ſich von ſeinem ungu wirklich hingeriſſen findet, oder ob ſie entſchloſſen iſt, nach jedem Ding, das wie ein Mann ausſieht, ihre Schlingen zu werfen, bis ſie endlich im Stande iſt, den Eheſtandsknoten zu knüpfen,— ſo viel iſt gewiß, daß ſie verzweifelte Schritte gethan hat, um Lismahago's Herz zu gewinnen, der zwar nicht ganz unempfäng⸗ lich für ihre Höflichkeiten war, aber ihr dennoch nicht auf dem halben Weg entgegengekommen iſt. Sie gab mehr als einmal zu verſtehen, wie glücklich wir ſeyn würden, ſeine Geſellſchaft in dem Theile Schottlands zu genießen, den wir bereiſen wollten, bis er mir endlich ganz deutlich ſagte, ſein Weg ſey dem unſri⸗ gen geradezu entgegengeſetzt, und ohnehin würde er uns ſehr wenig nützen, da er das Land ſchon in der früheſten Jugend verlaſſen habe und ſomit gar nicht kenne. Er wäre alſo weder im Stande, uns im betreffenden Falle Auskunft zu geben, noch bei angeſehenen Familien einzuführen. Ueberdieß, ſagte er, fühle er einen unwi⸗ derſtehlichen Hang in ſich, ſeinen väterlichen Herd, ſeinen pater- num larem, wiederzuſehen, ob er ſich gleich wenig Vergnügen zu verſprechen habe, da man ihm bereits geſagt, daß ſein Neffe, der gegenwärtige Beſitzer, eben nicht der Mann ſey, die Ehre der 139 Familie zu behaupten. Da wir indeß geſonnen find, unſern Rück⸗ weg durch den Weſten zu nehmen, ſo verſicherte er uns, er werde ſich gehörig nach uns erkundigen, und ſich bemühen, uns in Dum⸗ fries ſein Kompliment zu machen. Sofort verabſchiedete er ſich von uns halbwegs zwiſchen Morpeth und Alnwick, und trabte in vollem Glanze dahin auf ſeinem hohen, maägern, ſpitzknochigen, grauen Mezgersgaul, der keinen Zahn mehr im Maule hat und das ächte Gegenbild ſeines Reiters iſt. Wirklich war auch der Aufzug Beider ſo maleriſch, daß ich gern zwanzig Guineen gäbe, ſie wohlgetroffen auf Leinwand zu ſehen. Northumberland iſt eine ſchöne Gegend, die ſich bis an die Tweed, einen lieblichen arkadiſchen Strom, erſtreckt; Sie werden ſich übrigens ſehr wundern, wenn ich Ihnen ſage, daß die eng⸗ liſche Seite dieſes Ufers weder ſo gut angebaut, noch ſo gut be⸗ völkert iſt, als die andere. Die Pachthöfe ſind dünn geſäet, die Felder nicht einmal umfriedigt, und einen Edelhof ſieht man kaum auf einige Meilen von der Tweed. Auf der ſchottiſchen Seite da⸗ gegen ſtehen ſie haufenweiſe bis ans ufer des Fluſſes, ſo daß Sie in einem Umfang von wenigen Meilen mehr als dreißig ſchöne Häuſer zählen, Leuten angehörig, deren Vorfahren in derſelben Gegend feſte Schlöſſer beſeſſen, ein deutlicher Beweis, was für gefährliche Nachbarn die Schotten früher für die nördlichen Lord⸗ ſchaften Englands abgegeben haben müſſen. Unſere Haushaltung geht noch immer ihren alten Gang. Meine Schweſter Tabby iſt immer noch dem Methodismus zugethan, und hat in Neweaſtle das Glück gehabt, in der Wesley'ſchen Verſamm⸗ lung eine Predigt zu hören; indeß glaube ich, daß die Leidenſchaft der Liebe dem andächtigen Eifer bedeutend Abbruch gethan hat, ſowohl bei ihr, als bei ihrem Kammermädchen, der Jungfer Jen⸗ kins, um deren Gunſt ſich ein gewaltiger Streit zwiſchen dem Be⸗ dienten meines Neffen, dem Herrn Dutton, und zwiſchen meinem Humphry Klinker entſtanden iſt. Hieronymus hat ſich genöthigt 140 geſehen, im Intereſſe des Friedens ſein ganzes Anſehen zu brau⸗ chen, und ich habe ihm die Entſcheidung dieſer hochwichtigen An⸗ gelegenheit überlaſſen, welche beinahe die Flamme der Zwietracht entzündet hätte unter den Angehörigen Ihres allzeit getreuen M. Bramble. Tweedmonth, den 15. Juli. An Sir Watkin Philipps im Jeſuitenkollegium zu Oeford. Liebſter Wat! In meinen beiden letzten Schreiben habe ich Ihnen ſo viel von Lismahago erzählt, daß Sie ohne Zweifel froh ſeyn werden, wenn er einmal vom Schauplatz abgetreten iſt. Jetzt muß ich Ihnen etwas aus meiner Familie berichten. Gott Amor ſcheint ſich in den Kopf geſetzt zu haben, ſeine Gewalt über das ganze weibliche Perſonal derſelben zu behaupten. Nachdem er ſich um das Herz der armen Liddy herumgeſchlichen und mit unſerer Tante Tabitha ſeltſame Sprünge gemacht, fing er auch im Buſen ihres Kammermädchens, der Jungfer Winifred Jenkins, deren ich ſchon öfters Erwähnung zu thun Gelegenheit hatte, heftig zu rumoren an. Die Natur hat Jungfer Jenkins zu etwas ganz Anderem be⸗ ſtimmt, als ihre Gebieterin, Gewohnheit und Nachahmung aber haben in manchen Stücken eine bewunderungswürdige Gleichheit zwiſchen beiden hervorgebracht. Win iſt viel jünger und weit an⸗ genehmer von Perſon, dabei weichherzig und mitfühlend, Eigen⸗ ſchaften, die man bei ihrer Gebieterin eben nicht hervorſtechen ſieht, ſo wenig als letztere furchtſam oder von Mutterbeſchwerden geplagt iſt, wie die arme Jenkins, die aber dagegen die Manieren der Jungfer Tabitha mit ihren abgelegten Kleidern angezogen zu haben 141 ſcheint. Sie kleidet ſich wie ihre Gebieterin, und bemüht ſich, ein gleich würdevolles Geſicht zu ſchneiden, obſchon ihr natürliches Geſicht ungleich einnehmender iſt. Sie geht mit Leib und Seel auf ihr ökonomiſches Soſtem ein, lernt ihre Redensarten, wieder⸗ holt ihre Bemerkungen, ahmt ihren Styl nach, wenn ſie das nie⸗ drigere Geſinde ausſchilt, und iſt eine eben ſo blinde Methodiſtin wie dieſe. Dieß wurde ihr freilich um ſo leichter, weil es großen⸗ theils durch Klinkers Hülfe und Dienſt beſtätigt und eingeführt wurde, und iht die perſönlichen Vorzüge dieſes Mannes von dem Tage an, da er ſie bei Marlborough ein Müſterchen von ſeiner ala⸗ baſterweißen Haut ſehen ließ, gewaltig in die Augen geſtochen zu haben ſcheint. 1 Obſchon indeß Humphry ihr Herz an dieſen beiden Seiten ge⸗ faßt hatte und alle ſeine Kräfte aufbot, um die Eroberung zu be⸗ haupten, ſo fand er es doch unmöglich, daſſelbe gegen die Eitel⸗ keit zu bewachen, woran die arme Win ebenſo leidet, wie irgend ein weibliches Geſchöpf auf der Welt. Kurz, mein Schurke von einem Bedienten, Dutton, warf ſich zu ihrem Anbeter auf und hob vermöge ſeiner vielen im Auslande erlangten Kunſtgriffe ſei⸗ nen Nebenbuhler Klinker aus dem Sattel ihres Herzens. Man könnte Humphry mit einem engliſchen Pudding vergleichen, der aus gutem, geſundem Mehl und Fett beſteht, und Dutton mit einem Sillabub oder mit einem gefrornen Schaum, der auf der Zunge zwar angenehm iſt, aber durchaus nichts Nahrhaftes und Solides hat. Der Verräther blendete ihre Augen nicht nur durch ſeinen auf dem Vorkaufe erſtandenen Flitterſtaat, ſondern ſchmei⸗ chelte ihr auch, ſeufzte und kroch um ſie herum, lehrte ſie ein Prischen nehmen, ſchenkte ihr eine Doſe von Papiermachs, ver⸗ ſchaffte ihr ein Zahnpulver, half der Farbe ihrer Wangen nach, frifirte ſie nach Pariſer Mode, bot ihr ſeine Dienſte als franzö⸗ ſiſcher Sprachlehrer, als Tanzmeiſter und als Friſeur an, und ſchlich ſich auf dieſe Art unvermerkt in ihre Gunſt ein. Klinker 142 ſah, welche Fortſchritte ſein Gegner gemacht, und härmte ſich dar⸗ über im Stillen. Er verſuchte es, ihr durch Ermahnungen die Augen zu öffnen, als er aber fand, daß dies nichts fruchtete, nahm er ſeine Zuflucht zum Gebet. Während er in Neweaſtle Tante Tabby in die Methodiſtenverſammlung begleitete, führte ſein Ne⸗ benbuhler die Jungfer Jenkins in die Komödie. Er hatte einen ſeidenen Rock angezogen, der zu Paris für ſeinen frühern Herrn gemacht worden war, und darunter eine verſchoſſene Weſte von dunklem Brokat. Er trug einen großen Haarbeutel, eine breite Halsbinde und hatte ein langes Schwert an die Hüften gebunden. Seine Dame ſtrotzte in verbleichtem Taffet, gewaſchener Gaze und dreimal neugemachten Bändern. Am auffallendſten aber war ihre Friſur, die ſich, gleich einer Pyramide, bis zu einer Höhe von 7 guten Zoll über dem Hirnkaſten erhob, und ihr Geſicht war vom Kinn bis über die Augen bemahlt und bepfläſtert. Auch der Herr Galan ſelbſt hatte es weder an rother noch weißer Schminke fehlen laſſen, um ſeine Geſichtsfarbe ins möglichſt vortheilhafteſte Licht zu heben. In dieſem Aufzuge wandelten ſie mit einander die hohe Straße hinab nach dem Theater, und da man ſie für Komödian⸗ ten hielt, die ſich zu Hauſe ſchon für ihre Rollen angekleidet hätten, ſo ließ man ſie ungehindert ihres Weges gehen; da es aber bei ihrer Zurückkunft noch helle war, und man während der Komödie ihren wahren Stand geſehen hatte, ſo wurden ſie auf dem ganzen Heimwege ausgeziſcht und ausgepfiffen. Jungfer Jenkins wurde ſogar mit Koth beworfen und eine„geſchminkte Iſebel⸗ geſchimpft, ſo daß ſie aus Furcht und Schaam in dem Augenblicke, wo ſie in's Haus trat, ihre hyſteriſchen Zufälle bekam. Klinker war ſo aufgebracht über Dutton, dem er dieſes ganze Unglück Schuld gab, daß er ihm die bitterſten Vorwürfe machte, er habe dem armen Mädchen den Kopf verrückt. Der Andere wollte ihm mit Verachtung begegnen, und da er ſeine Gelaſſenheit als Feigheit deutete, ſo dachte er ihn tüchtig durchzukarpatſchen. 143 Humphry kam alſo zu mir und bat mich ſehr demüthig, ich möchte ihm doch erlauben, meinen Bedienten für ſeinen Uebermuth zu züchtigen.„Er hat mich,“ ſagte er,„auf den Degen herausge⸗ fordert, aber dieß wäre gerade ſo viel, wie wenn ich ihn heraus⸗ fordern wollte, er ſolle ein Hufeiſen oder eine Pflugſchar ſchmieden, denn ich verſtehe vom erſtern ſo wenig als er vom letztern. Ueber⸗ dieß ſchickt es ſich auch nicht für Bediente, dieſe Waffen zu brau⸗ chen oder ſich das Vorrecht der vornehmen Herren anzumaßen, die einander todtſtechen, wenn ſie Streit bekommen; auch möchte ich ſein Blut nicht auf meiner Seele haben, und wenn ich durch ſei⸗ nen Tod zehntauſendmal glücklicher und vergnügter werden könnte; aber wenn Euer Gnaden es nicht übel nehmen wollten, ſo möchte ich ihn gern ein wenig durchwalken, dieß könnte ihm vielleicht gut thun, und ich will ſchon dafür ſorgen, daß er keinen bleibenden Schaden nimmt.“ Ich ſagte ihm, ich habe nichts dagegen einzu⸗ wenden, allein er müſſe die Sache ſo einleiten, daß man ihn nicht für den angreifenden Theil halten könne, im Falle Dutton ihn nachher gerichtlich belangen wolle. Mit dieſer Erlaubniß zog er ab und reizte noch am ſelben Abend ſeinen Nebenbuhler dermaßen, daß er den erſten Schlag that, den Klinker mit guten Intereſſen zurückbezahlte, ſo daß ſein Gegner ſich genöthigt ſah, um Gnade zu bitten, zugleich aber fluchte, er werde grauſame und blutige Rache nehmen und ihm, ſobald wie er über die Grenze ſey, ohne Furcht vor den Folgen, ſeinen Degen durch den Leib rennen. Dieſer ganze Auftritt fiel in Gegenwart des Lieutenants Lismahago vor, der Flinker zu⸗ ſprach, er ſolle mit ſeinem Gegner einen Gang auf kaltes Eiſen wagen. Kaltes Eiſen,“ ſagte Humphry,„werde ich niemals gegen das Leben eines Menſchen brauchen, aber ich fürchte mich ſo wenig vor ſeinem kalten Eiſen, daß er immerhin damit kommen kann, ich will mich nur mit einem guten Stock wehren, der ſteht ihm jeden Augenblick zu Dienſten.“ Inzwiſchen ſchien die ſchöne Ur⸗ 144 ſache dieſes Zwiſtes, Jungfer Winifred Jenkins, unter der Laſt ihrer Betrübniß zu erliegen, und Klinker war ziemlich kalt gegen ſie, obgleich er es nicht wagte, ihr Vorwürfe zu machen. Der Streit zwiſchen den beiden Nebenbuhlern erreichte bald auf eine ſehr unerwartete Art ſeine Endſchaft. Unter Denjenigen, die mit uns in demſelben Wirthshauſe logirten, befand ſich ein Paar aus London, das nach Edinburgh reiſen wollte, um ſich zu verheirathen. Die Dame war die Tochter und Erbin eines ver⸗ ſtorbenen Pfänderleihers; ſie hatte ihren Vormündern den Rücken zugekehrt und ſich unter den Schutz eines ſchlanken Irländers be⸗ geben, der ſie bis hierher geführt hatte, um einen Geiſtlichen zu ſuchen, welcher es auf ſich nehmen wollte, ohne die vielen in England erforderlichen Förmlichkeiten den Segen über ſie auszu⸗ ſprechen. Ich weiß nicht, wie es der Herr Bräutigam unterwegs angefangen haben mußte, daß er in dem zärtlichen Herzen ſeiner Dulcinea ſo viel Raum verloren hatte, allein aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach muß Dutton eine gewiſſe Kälte von ihrer Seite be⸗ merkt haben, wodurch er Muth bekam, ganz leiſe zu ſagen, es ſey doch Schade, daß ſie ihre Neigung auf einen Schneider ge⸗ worfen habe, denn der Frländer ſey offenbar nichts Anderes. Dieſe Entdeckung vollendete ihren Widerwillen und mein Purſch machte es ſich zu Nutze und fing an, ſich ihrer Gunſt beſtens zu empfehlen⸗ Auch wurde es dem glattzüngigen Buben nicht ſchwer, ſich in ihr Herz einzudrängen, aus welchem er den Andern bereits vertrieben hatte. Ihr Entſchluß war ſchnell gefaßt. Morgens in aller Frühe, als der arme Irländer noch in ſeinem Bette ſchnarchte, hatte ſein unermüdlicher Nebenbuhler eine Poſcchaiſe beſtellt und fuhr mit der Dame nach Coldſtream, ein paar Stunden jenſeits der Tweid⸗ wo ein Geiſtlicher wohnte, der den koſtbaren Eheſegen feil hatte, ſo daß der Bund bereits geſchloſſen war, ehe ſich der Irländer nur davon träumen ließ. Als er aber Morgens um 6 Uhr aufſtand und fand, daß der Vogel weggeflogen war, machte er einen ſolchen 145 Lärm, daß das ganze Haus in Aufruhr kam. Die erſte Perſon, die ihm in den Weg kam, war der Poſtillon, der bereits von Coldſtream zurückgefahren, Zeunge der Trauung geweſen war und, außer einem guten Trinkgeld einen Hochzeitſtrauß bekommen hatte, den er an ſeinem Hute trug. Als der verlaſſene Amadis vernahm, daß ſie wirklich getraut ſeyen, ſich auf den Weg nach London ge⸗ macht, und daß Dutton der Schönen entdeckt habe, er(der Irländer) ſey ein Schneider, ſo wäre er beinahe von Sinnen gekommen. Er riß dem Kerl ſein Band vom Hute und ſchlug es ihm um die Ohren. Dabei ſchwur er, er werde ſeine Ungetreue bis an die Thore der Hölle verfolgen, und befahl, augenblicklich eine vier⸗ ſpännige Poſſchaiſe vorfahren zu laſſen; als er ſich indeß beſann, daß ſeine Finanzen ſich mit dieſer Art zu reiſen nicht vertragen wollten, ſo ſah er ſich genöthigt, dieſelbe wieder abzubeſtellen. Ich wußte von Allem, was vorging, kein Wort, bis mir der Poſtillon die Schlüſſel zu meinem Koffer und Mantelſack brachte, die ihm Dutton übergeben hatte. Zugleich ließ er mir ſeinen Re⸗ ſpekt vermelden und ſagen, er hoffe, ich werde ſeine ſchleunige Ab⸗ reiſe entſchuldigen, da dieß ein Schritt ſey, von welchem ſein ganzes Lebensglück abbänge. Ehe ich noch Zeit hatte, meinem Oheim die Geſchichte zu erzählen, ſtürzte der Irländer unangemel⸗ det in mein Zimmer und rief:„Auf Ehre und Seligkeit, Ihr Be⸗ dienter hat mir fünftauſend Pfund geſtohlen und ich will Satis⸗ faktion haben, ſollte ich auch morgen deßwegen gehängt werden.“ Als ich ihn fragte, wer er ſey, ſagte er:„Mein Name iſt Meiſter Macloughlin, ſollte aber eigentlich Leighlin Oneale heißen, denn ich ſtamme von dem großen Twer Owen ab, und bin ein ſo guter Edelmann als irgend einer in Irland, und dieſer Spitzbube von Ihrem Bedienten hat geſagt, ich ſey ein Schneider, was eine ſo niederträchtige Lüge iſt, als wenn er geſagt hätte, ich ſey der Pabſt. Ich bin ein Mann von Vermögen, habe aber Alles durchgebracht, und da ich nun in Verlegenheit war, ſo zog ich zu Herrn Cosgrave, Smollet's Romane. XIV. 1⁰ 146 dem Leibſchneider des Königs, in Huffolkſtreet ins Haus, und dieſer machte mich zu ſeinem Privatſekretär. Ja, ich war der Letzte, den er durch ſeine Bürgſchaft losmachte, denn ſeine Freunde gingen ſo mit ihm um, daß er ſich betheuerte, er werde für keinen einzigen mehr gutſprechen, ſobald es über zehn Pfund ſeyen, denn, ſehen Sie, er war ſo gut, er konnte Niemand was abſchlagen, und ſo hätte er bald um ſein ganzes Vermögen kommen müſſen; wenn das Leben noch länger ſo fortgedauert hätte, ſo wäre er bald als Gantmann geſtorben. Und ſo verliebte ich mich in Miß Skinner, eine junge Dame von fünftauſend Pfund Vermögen, welche mir verſprach, mich zu heirathen, wie ich ging und ſtand. Heute noch wäre ich zu ihrem Beſitze gelangt, wäre nicht dieſer Spitzbube, Ihr Bedienter, wie ein Dieb gekommen und hätte mir das Meinige geſtohlen, nachdem er ihr weißgemacht, ich ſey ein Schneider und ſie werde doch nicht einen ſolchen Neuntelsmann heirathen wollen. Allein der Teufel verbrenne meine arme Seele, wenn ich ihn in den Gebirgen von Tulloghobegly erwiſche, und ihm dann nicht weiſen will, daß ich ein neunmal beſſerer Mann bin als er oder ſonſt eine Wandlaus aus ſeinem Lande.“ Als er ſeinen erſten Kummer vom Herzen weggeſprochen hatte, ſagte ich ihm, es thue mir leid, daß er ſich ſo habe übertölpeln laſſen, indeß gehe die Sache mich nichts an, und der Kerl, der ihm ſeine Braut geſtohlen, habe auch mir meinen Bedienten ge⸗ ſtohlen.„Habe ich Ihnen nicht geſagt, daß man ihn eigentlich hätte Schurke taufen ſollen. O, wenn ich ihn einmal vor meine Klinge bekommen könnte, ſo wollte ich ihm für ſeine Lebtage ſein Prahlen vertreiben.“ Mein Oheim, der das Schreien hörte, kam herein, und als man ihm die Sache erzählte, fing er an, den Herrn Oneale über die Flucht ſeiner Braut zu tröſten. Er ſagte, er könne noch von Glück ſagen, denn offenbar ſey es viel beſſer, daß ſie vor der Hochzeit davon gelaufen ſey, als wenn ſie es nachher gethan hätte. 147 Der Hibernier war indeß ganz anderer Meinung.„Wäre ſie nur erſt mein Weib geweſen,“ ſagte er,„ſo hätte ſie davon laufen können, ſobald es ihr eingefallen wäre, ich wollte ſchon dafür ge⸗ ſorgt haben, daß ſie ihr Geld mir dagelaſſen hätte. Ach, ja,“ fuhr er ſeufzend fort,„ſie iſt ein Judas Iſcharioth und hat mich ver⸗ rathen mit einem Kuß. Gerade wie Judas hat ſie auch den Beu⸗ tel mitgenommen und mir nicht ſo viel Geld zurückgelaſſen, daß ich nach London zurückreiſen kann. Da ich nun einmal ſo herab⸗ gekommen bin und der Spitzbube, der daran Schuld iſt, Sie ohne Bedienten gelaſſen hat, ſo können Sie mir wohl ſeine Stelle ge⸗ ben; ſo wahr Gott lebt, Sie können kein beſſeres Werk thun.“ Ich bat ihn, er möchte mich entſchuldigen, und verſicherte, ich wolle mir lieber alle Unbequemlichkeiten gefallen laſſen, als einen Nach⸗ kommen des großen Twer Owen wie einen Bedienten behandeln. Zugleich rieth ich ihm, zu ſeinem Freunde Cosgrave zurückzukeh⸗ ren und von Neweaſtle aus zu Waſſer zu reiſen, wozu ich ihm einen kleinen Reiſepfennig ſchenkte, worauf er mit ſcheinbarer Er⸗ gebung in ſein Schickſal abzog. Ich habe jetzt einen Schottländer, Namens Archy M'Alpin, auf die Probe genommen, einen alten Soldaten, deſſen letzter Herr, ein Oberſt, erſt vor Kurzem in Berwick geſtorben iſt. Der Kerl iſt ſchon grau und verwittert, wurde mir aber wegen ſeiner Treue von Frau Humphry empfoh⸗ len, unſerer Wirthin in Tweedmouth, einem recht guten Weibchen, von der alle Reiſende, die dieſes Weges kommen, mit vielem Lobe ſprechen. Klinker ſchätzt ſich ohne Zweifel glücklich, daß er ſeinen ge⸗ fährlichen Nebenbuhler losgeworden, und er iſt ein zu guter Chriſt, um Dutton ſein Glück nicht zu gönnen. Auch Jungfer ZJenkins wird Urſache haben, ſich zu dieſem Ausgang der Sache zu gratu⸗ liren, wenn ſie mit kaltem Blute darüber nachdenkt. Denn ob ſie gleich auf einige Zeit in die Netze fallen mußte, die ihrer Ei⸗ telkeit gelegt waren, ſo iſt doch Humphry gewiß der Polarſtern, 148 zu welchem ſich die Nadel ihrer Gewogenheit über kurz oder lang wieder gekehrt haben würde. Für den Augenblick iſt aber dieſe Eitelkeit entſetzlich gedemüthigt, da ſie ſich von ihrem neuen An⸗ beter einer andern Geliebten wegen verlaſſen ſieht. Sie hörte die Nachricht mit einem heftigen Gelächter, worauf bald ein Weh⸗ geſchrei und ein Thränenſchauer folgte, was der Geduld ihrer Ge⸗ bieterin, die bis dahin über alle Erwartung groß geweſen war, vollends den Boden ausſtieß. Sie öffnete nunmehr alle Schleußeh der Vorwürfe, die ſo lange verſchloſſen geweſen waren. Sie ſchalt ſie nicht nur wegen ihres Leichtſinns und ihrer Unbeſonnenheit, ſondern griff ſie ſogar im Punkte der Religion an, und erklärte ſie rundweg für eine aus der Gnade gefallene gottloſe Sünderin. Schließlich drohte ſie ihr, ſie von dieſer äußerſten Grenze des Reichs hinweg nach Hauſe zu ſchicken. Die ganze Familie verwandte ſich für die arme Winifred, ſelbſt ihren verſchmähten Liebhaber Hum⸗ phry Klinker nicht ausgenommen, der auf den Knieen um ihre Begnadigung bat und ſie auch auswirkte. Es kam noch eine andere Betrachtung ins Spiel, welche die gute Jungfer Tabitha beunruhigte. In Neweaſtle hatte irgend ein loſer Vogel den Bedienten weißgemacht, es gebe in Schottland nichts zu eſſen, als Hafergrütze und Hammelsköpfe; und Lieute⸗ nant Lismahago, den man darüber um Rath gefragt, hatte es eher beſtätigt, als widerlegt. Als meine Tante dieſen Umſtand erfuhr, rieth ſie ihrem Bruder ſehr ernſthaft, er ſolle ſich ein Pack⸗ pferd anſchaffen, damit man Schinken, geräucherte Zungen, Brod, Zwieback und dergleichen genießbare Sachen mit auf die Reiſe nehmen könne, und Herr Bramble antwortete eben ſo ernſthaft, er wolle ſich die Sache in Ueberlegung ziehen. Als ſie aber fand, daß an einen ſolchen Einkauf nicht gedacht wurde, ſo rückte ſie auf's Neue mit ihrem Vorſchlag hervor und bemerkte, in Berwick ſey ein ziemlich guter Markt, ſomit könne man ja hier einkaufen und das Pferd meines Bedienten damit bepacken. Der Sauire 149 zuckte die Achſel, ſah ſie eine Zeitlang mit einem Blick voll un⸗ ſäglicher Verachtung ſeitwärts an und ſagte nach einigem Still⸗ ſchweigen:„Schweſter, ſoll ich denn wirklich glauben, daß es Dein Ernſt iſt?“ Sie war mit der Geographie unſerer Inſel ſo ſchlecht bekannt, daß ſie meinte, man könne nach Schottland nur zur See gelangen, und als wir durch Berwick gefahren waren, wollte ſie eben durchaus nicht glauben, daß wir nunmehr auf ſchottiſchem Grund und Boden ſeyen. Aufrichtig geſtanden, die meiſten Süd⸗ briten ſind in dieſem Punkte ſchmerzlich unwiſſend. Sie meinen, es ſey nicht der Mühe werth, Schottland zu ſehen, und außer einigen Spöttereien, die ſich noch von dem alten Haſſe herſchrei⸗ ben, wiſſen ſie von dieſem Reiche ſo wenig als von Japan. Wäre ich niemals in Wales geweſen, ſo würde mir der in die Augen ſpringende Unterſchied zwiſchen den Bauern und den gemeinen Landleuten an den entgegengeſetzten Ufern der Tweed noch mehr aufgefallen ſeyn. Die Bauern von Northumberland ſind ſtarke, vierſchrötige Burſche, haben eine friſche Geſichtsfarbe und in der Regel gute reinliche Kleider auf dem Leibe. Die ſchot⸗ tiſchen Landleute dagegen ſind größtentheils hager, bleich, haben hervorſtehende Backenknochen, tragen ſich ſchmutzig und zerlumpt, und ihre kleinen, aufgeſtülpten blauen Kappen geben ihnen ein bettelhaftes Ausſehen. Das Zugvieh entſpricht der Geſtalt ſeiner Treiber; es iſt mager, klein, und ſchlecht aufgeſchirrt. Als ich mich gegen meinen Oheim darüber äußerte, ſagte er:„Die ſchottiſchen Feldtaglöhner können zwar allerdings mit den Bauern in den rei⸗ chen Grafſchaften Englands keine Vergleichung aushalten, allein gegenüber von den Landleuten in Frankreich, Italien und Savoyen dürfen ſie ſich wohl ſehen laſſen, der Bergbewohner in Wales und der irländiſchen Barfüßler gar nicht zu gedenken.“ Wir fuhren an der ſchottiſchen Grenze über eine abſcheuliche Haide von beinahe ſechs deutſchen Meilen, welche für die inneren Theile des Königreichs ſehr wenig verſpricht, doch wurden die Aus⸗ 150 ſichten beſſer, als wir weiter kamen. Durch Dunbar, ein hübſches Städtchen an der Seeſeite, fuhren wir blos durch und blieben in einem Wirthshauſe auf dem Lande, wo wir über alle Erwartung gut traktirt wurden; übrigens kann man dieß nicht wohl den Schottländern zugute ſchreiben, indem der Wirth ein geborner Engländer iſt. Geſtern Mittag ſpeisten wir zu Haddington, was früher ein anſehnlicher Ort war, jetzt aber bedeutend in Verfall gerathen iſt, und Abends langten wir hier in der Hauptſtadt an, von der ich jedoch bis jetzt nur ſehr wenig ſagen kann. Sie liegt ſehr romantiſch am Abhange eines Hügels, auf deſſen Spitze ein be⸗ feſtigtes Kaſtell ſteht und unten ein königlicher Palaſt. Was einem Fremden zuerſt in die Naſe ſticht, will ich hier nicht erwähnen; was ihm aber zuerſt in die Augen fällt, iſt die unmäßige Höhe der Häuſer. Die meiſten haben fünf, ſechs, auch ſieben und acht Stockwerke, in einigen Gaſſen, hat man mich verſichert, ſogar zwölf. Dieſe Bauart, die mit ſo zahlloſen Unannehmlichkeiten verbunden iſt, muß ihren urſprünglichen Grund im Mangel an Raum gehabt haben. So viel iſt gewiß, die Stadt ſcheint voller Leute zu ſeyn, aber ihre Geſichter, ihre Sprache und ihre Gebräuche ſind ſo verſchieden von den unſrigen, daß ich kaum glauben kann, ich ſey noch in Großbritannien. Der Gaſthof(wofern man ihn nämlich dieſes Namens wür⸗ digen will), wo wir abſtiegen, war ſo unreinlich und in jeder Be⸗ ziehung ſo unangenehm, daß mein Oheim zu brummen anfing und ſeine podagriſchen Anfälle ſich wieder einſtellten. Indeß beſann er ſich, daß er ein Empfehlungsſchreiben an einen Advokaten, Na⸗ mens Mitchelſon, bei ſich hatte, und ſchickte es durch ſeinen Be⸗ dienten hin mit dem Bemerken, daß er ihm morgen perſönlich ſeine Aufwartung machen werde; dieſer Ehrenmann aber beſuchte uns augenblicklich und drang darauf, wir ſollten nach ſeinem Hauſe kommen, bis er bequemere Zimmer für uns ausfindig gemacht hätte. Wir nahmen die Einladung mit Vergnügen an, und be⸗ 151 gaben uns in ſein Haus, wo wir auf's Höflichſte und Flotteſte bewirthet wurden, zur großen Beſchämung unſerer Tante, deren Vorurtheile zwar allmählig zu ſchwinden anfingen, aber gleich⸗ wohl noch nicht völlig weggeräumt waren. Heute haben wir durch Vermittlung unſeres Freundes einige recht artige Zimmer bezogen, vier Treppen hoch in der Hauptſtraße; der vierte Stock wird hier nämlich für weit vornehmer gehalten als der erſte. Wahrſcheinlich iſt die Luft beſſer, allein es gehören auch gute Lungen dazu, um ſie ſo weit über der Oberfläche der Erde einzuathmen. So lange ich nun über derſelben bleibe, ſey es nun höher oder niedriger, werde ich, wenn ich überhaupt noch athme, beſtändig bleiben Ihr ergebenſter Freund H. Melford. Edinburgh, den 18. Juli. An Vortor Ludwig. Lieber Doctor! Der Theil von Schottland, der die Umgegend von Berwick bildet, ſcheint von der Natur zu einer Schranke zwiſchen zwei feindlichen Nationen beſtimmt zu ſeyn. Es iſt eine öde Wüſte von anſehnlichem Umfange, die nichts hervorbringt als Heide⸗ und Farrenkraut, und was ſie bei unſerer Durchreiſe noch grauenvoller machte, war ein dicker Nebel, vor dem wir kaum zwanzig Schritte weit ſehen konnten. Meine Schweſter begann ein ſchiefes Geſicht⸗ chen zu ſchneiden und ihr Riechfläſchchen zu gebrauchen; Liddy ſah ganz weiß und Jungfer Jenkins verzweiflungsvoll aus, allein nach ein paar Stunden hatten ſich dieſe Wolken verzogen. Zu unſerer Rechten erſchien die See und zur Linken traten die Gebirge ein wenig zurück und ließen eine angenehme Fläche zwiſchen ſich und 152 dem Ufer; worüber wir uns aber am meiſten wunderten— die Fläche ſtand, ſo weit man abſehen konnte, voll Waizen, und dieſer war ſo ſchön, wie ich ihn nur in den fruchtbarſten Gegenden Südbri⸗ tanniens jemals geſehen habe. Dieſe ſchöne Ernte ſteht im offenen Felde ohne alle Umfriedigung, und bekommt keinen andern Dünger als alga marina oder Meergras, das an der Küſte ſehr häufig wächst, ein Beweis, daß Boden und Klima günſtig ſind, die Land⸗ wirthſchaft dahier aber noch nicht denſelben Grad von Vollkom⸗ menheit erreicht hat, wie in England. Eine Umfriedigung von Gräben und Hecken würde nicht allein den Boden warm halten und die verſchiedenen Felder von einander unterſcheiden, ſondern auch die Saat vor den ſcharfen Winden ſchützen, die in dieſer Gegend der Inſel ſo häufig wehen. Dunbar liegt ſehr vortheilhaft für den Handel und hat einen artigen Hafen, wo Schiffe, die nicht gar zu ſchwer beladen find, ſicher liegen können. Indeſſen ſcheint die Stadt doch nicht viele Geſchäfte zu machen. Von hier aus ſieht man auf dem ganzen Wege bis Edinburgh eine fortlaufende Kette von ſchönen Land⸗ ſitzen, die dem Adel oder andern begüterten Leuten angehören, und da jedes davon mit ſeinem eigenem Wäldchen und Pflanzungen umgeben iſt, ſo gewähren ſie einen äußerſt anziehenden Anblick in einem Lande, das im Uebrigen offen und frei daliegt. In Dunbar iſt ein ſchöner Thiergarten mit einem Jagdhauſe, wo Olivier Cromwell ſein Hauptquartier hatte, als Lesley an der Spitze der ſchottiſchen Armee die benachbarten Gebirge beſetzte und ihn der⸗ geſtalt ängſtigte, daß er ſich hätte einſchiffen und zu Waſſer zurück⸗ kehren müſſen, hätte nicht der Fanatismus der Feinde die Vortheile vernichtet, welche ſie durch die kluge Führung ihres Generals ge⸗ wonnen hatten. Ihre Geiſtlichen reizten ſie durch Ermahnungen, Bitten, Verſicherungen und Prophezeihungen, herabzukommen und die Philiſter in Gilgal zu erſchlagen, und ſo verließen ſie ihre Stellung, trotz aller Bemühungen Lesley's, der Raſerei ihres En⸗ 153 thuſiasmus Einhalt zu thun. Als Olivier ſie in Bewegung ſah, rief er:„Gelobt ſey Gott, er hat ſie in die Hand ſeines Knechtes überliefert,“ und befahl ſeinen Truppen, einen Dankpſalm abzu⸗ ſingen, indeß ſie in guter Ordnung auf die Ebenen vorrückten, wo die Schottländer wirklich mit großem Verluſte geſchlagen wurden. In der Nähe von Haddington iſt ein Edelgut, wo das Haus, ſo wie die Anlagen um daſſelbe, den Eigenthümer nicht weniger als 40,000 Pfund gekoſtet hat, und bei all' dem muß ich ſagen, daß mir weder die Bauart noch die Lage ſonderlich gefiel, ob es gleich vorn einen kleinen, hellen Bach hat, deſſen Ufer einen recht hübſchen Anblick darbietet. Ich wollte dem Lord Elibank meine Aufwartung machen, den ich vor vielen Jahren in London kennen zu lernen die Ehre hatte. Er hat ſeine Güter in dieſer Gegend von Lothian, war aber nicht zu Hauſe. Sie haben mich oft von dieſem Herrn ſprechen gehört, den ich wegen ſeiner Huma⸗ nität und ſeiner univerſellen Kenntniſſe lange verehrt habe, noch mehr aber wegen der Unterhaltungsgabe, die dieſem voriginellen Charakter verliehen iſt. In Muſſelburgh hatte ich das Glück, mit meinem alten Freunde Cardonel Thee zu trinken, und bei ihm traf ich den Doctor C., den Pfarrer des Kirchſpiels, deſſen lau⸗ niges Geſpräch mir große Luſt machte, nähere Bekanntſchaft mit ihm zu ſuchen. Ich wundere mich nicht im Geringſten, daß dieſe Schottländer in allen Theilen des Erdbodens gut fortkommen. Dieſer Ort iſt nur zwei Stunden von Edinburgh entfernt, wohin wir unſern Weg am Ufer der See hin machten, auf einem ebenen, feſten Sande, welchen die Ebbe trocken gelaſſen hatte. Von ferne präſentirt ſich Edinburgh eben nicht ſehr zu ſeinem Vortheile. Das Kaſtell und die obern Theile der Stadt konnten wir nur ſehr undeutlich ſehen. Die Stadt ſelbſt ſchien ſich bei jeder neuen Krümmung des Weges zu verändern, und ließ nur einzelne Thurm⸗ ſpitzen und ſtumpfe Kuppeln ſehen, die zu irgend einem zerfallenen großen Gebäude gehörten. Der königliche Palaſt, Holyrvodhouſe, 154 ſteht zur Linken, wenn man durch Canongate einfährt. Dieſe Straße geht von hier an bis an das Thor Nether⸗Bow, welches jetzt abgebrochen iſt, und zieht ſich ununterbrochen eine volle eng⸗ liſche Meile vom Fuß an bis zur Spitze des Berges hin, auf welchem das Kaſtell in einer prachtvollen Lage zu ſehen iſt. In Beziehung auf ſchönes Pflaſter, auf die Breite und Höhe der Häu⸗ ſer an beiden Seiten wäre dieß unſtreitig eine der ſchönſten Stra⸗ ßen in Europa, wenn nicht, der Himmel weiß warum, ein garſtiger Klumpen kleiner Gebäude mitten im Wege läge, wie etwa Middle Row in Holborn. Die Stadt liegt auf, zwei Hügeln, zwiſchen beiden das Thal, und mit allen ihren Mängeln kann ſie als Haupt⸗ ſtadt eines mäßigen Königreichs wohl noch angehen. Sie iſt ſehr bevölkert und ertönt unaufhörlich vom Geraſſel der Kutſchen und anderer Fuhrwerke, die theils dem Luxus, theils dem gewerblichen Verkehr dienen. So viel ich bemerken kann, fehlt es hier durch⸗ aus nicht an Lebensmitteln. Das Ochſen- und Hammelfleiſch iſt ſo ſchön als in Wales, die See liefert gute Fiſche in Menge,das Brod iſt außerordentlich fein und das Waſſer vortrefflich, aber, wie ich beſorge, nicht in hinreichender Menge vorhanden, um allen Erforderniſſen der Reinlichkeit und Küche zu genügen, zwei Artikel, worin es unſere Nachbarn, die Schottländer, offenbar nicht gar zu genau nehmen. Das Waſſer wird von einem Berge in der Nachbarſchaft durch bleierne Röhren in eine Eiſterne auf den Hügel des Kaſtells gebracht, und von da durch andere Waſſerleitungen an die öffentlichen Brunnen in den verſchiedenen Theilen der Stadt abgegeben. Hier holen es männliche und weibliche Waſſerträger, und tragen es in kleinen Tonnen auf dem Rücken zwei, drei, vier, fünf, ja ſogar acht Treppen hoch. Jedes Stockwerk iſt ein voll⸗ ſtändiges Haus, wo eine beſondere Familie wohnt, und die für Alle gemeinſame Treppe wird in der Regel äußerſt ſchmutzig ge⸗ laſſen. Man muß wohl zuſehen, wohin man tritt, wenn man mit reinen Schuhen zu ſeiner Wohnung gelangen will. Nichts bildet 155 einen ſtärkern Kontraſt als der Unterſchied innerhalb und außer⸗ halb der Thüren, denn die guten Weibchen in der Hauptſtadt ha⸗ ben in Beziehung auf Vergnügungen und Reinlichkeit ihrer Zim⸗ mer ihre eigene Grillen, gleich als ob ſie den Vorwurf von den einzelnen Perſonen ab auf das Publikum wälzen wollten. Sie kennen ihre Methode, wie ſie zu einer gewiſſen Stunde der Nacht ihre Unſauberkeiten aus den Fenſtern hinaus befördern: um kein Haar anders als in Spanien, Portugal und in einigen Gegenden von Frankreich und Italien, eine Gewohnheit, mit der ich mich ſchlechterdings nicht verſöhnen kann; denn die Karrenbauern, die ieden Morgen mit Tagesanbruch den Unrath wegzuſchaffen haben, mögen ſo ſorgfältig ſeyn als ſie wollen, ſo bleibt doch immer genug liegen, was ſowohl die Augen als andere Organe desjenigen be⸗ leidigt, deſſen Sinne durch Gewohnheit noch nicht vollſtändig ab⸗ geſtumpft ſind. Die Einwohner ſelbſt machen ſich nichts mehr daraus und ſind geneigt, ſich einzubilden, der Eckel, den wir dagegen blicken laſſen, ſey nicht viel mehr als Affektation. Allein ſie ſollten doch einiges Witleid mit den Fremden haben, die an ſolche Qualen nicht ge⸗ wöhnt ſind, und wohl bedenken, daß ſie ſich's kecklich einige Mühe koſten laſſen dürften, um des Vorwurfs überhoben zu werden, den ihnen ihre ganze Nachbarſchaft deßwegen macht. Die erſtaun⸗ liche Höhe der Häuſer iſt in manchen Beziehungen abgeſchmackt, in Einer aber kann ich nicht ohne Schauder daran denken: ich meine die verzweiflungsvolle Lage aller Familien oben im Hauſe, im Fall durch eine Feuersbrunſt die Treppe unbrauchbar gemacht würde. Um den entſetzlichen Folgen, die ein ſolches Unglück nach ſich ziehen müßte, vorzubeugen, wäre es nicht übel, wenn man in jedem Stock, von einem Haus in's andere, eine Noththüre an⸗ brächte, wodurch ſich die Leute bei einer ſo furchtbaren Heimſuchung retten könnten. Ueberall in der Welt drängt ſich uns doch die Be⸗ merkung auf, daß die Macht der Gewohnheit ſtärker iſt, als alle 156 Vorſchriften der Klugheit und Convenienz. Sämmtliche Geſchäfts⸗ Leute, ja ſelbſt die feinſte Geſellſchaft, ſieht man tagtäglich von eins bis zwei Uhr auf einer offenen Gaſſe ſtehen, auf dem Platz, wo ehedem ein Marktkreuz ſtand, das, im Vorbeigehen geſagt, ein hübſches Stück von gothiſcher Architektur war, und ganz in der Nähe, im Garten des Lord Sommerville noch zu ſehen iſt,— dieſe Menſchen, ſage ich, ſtehen aus bloßer Gewohnheit lieber auf der freien Gaſſe, als daß ſie ein paar Schritte weiter nach der Börſe gingen, die leer an der einen Seite ſteht, oder dicht an der andern nach dem Parlament, das ein prachtvoller viereckigter Platz iſt, mit einer ſchönen Reiterſtatue Königs Karl des Zweiten. Die hier verſammelte Geſellſchaft hört eine Reihe von Stücken an, die ihr auf einem Glockenſpiel in einem nahe dabei ſtehenden Thurme vorgeſpielt werden. Die Glocken ſind rein von Ton und Stim⸗ mung, und der Muſikus, der ſie gegen einen Gehalt von der Stadt ſpielt, iſt ſo geſchickt, daß es ein wahres Vergnügen iſt, ihn anzuhören, beſonders für Fremde, denen ſolche muſikaliſche Glockenſpiele etwas Neues ſind. Die öffentlichen Gaſthöfe ſind in Edinburgh noch ſchlechter als in London, doch haben wir durch Verwendung eines würdigen Herrn, an den ich empfohlen war, ſehr anſtändige Zimmer be⸗ kommen, im Hauſe einer vornehmen Wittwe, Namens Lockhart, und hier will ich bleiben, bis ich alle Merkwürdigkeiten in der Stadt und Umgegend geſehen habe. Ich fange bereits an, die guten Folgen häufiger Bewegung zu verſpüren. Ich eſſe, wie ein Dreſcher, ſchlafe ununterbrochen von Mitternacht bis Morgens, und meine Lebensgeiſter ſind beſtändig in einer gemäßigten Höhe, gleich weit entfernt vom Kriechen wie vom Fliegen. Welche Ebbe und Fluth indeß auch über meine Conſtitution kommen mag, mein Herz wird jederzeit erklären, daß ich bin Ihr ergebenſter Freund und Diener M. Bramble. Edinburgh, den 18. Juli. 157 An Jungfer Marie Jones in Brambletonhall. Liebe Marie! Der Squeir iſt ſo Gut geweſet, und hat meinen Unſinn, den ich ihr Schreibe, auch mit in Seinen brief genommen. O Marie Jones! O Marie Jones! Ich habe viel Triebſal und Anfechtung gehabt. Gott ſtehe mir bei, ich wäre beinahe dem Teufel lebendig in Rachen gefahren. Der Böſe Satan hat ſein Spiel mir mir ge⸗ trieben, und hat mich verſucht in den Kleidern des Ditton, des Waleh der Schambres von meinem jungen Herrn; aber Gott ſey Lob und Dank, er hat mich nicht ganz in Seine Gewalt bekom⸗ men. Ja ich meinte, es wäre keine groſſe Sinde, wenn ich in Neweaſtle in die Komedie ginge, und mein Hahr nach der neuſten pariſſer Mode friſirt hätte und das Bißchen Schminke, da ſagte er, ich ſehe ſo blaß aus, und ſo ließ ich ihn meine Backen mit ſpaniſcher Kreide rother färben. Aber dieſer heilloſe Pöbel von Matroſen und andern ſolcher Ragaillienlumpenvolk, die meinen, andere ehrliche Leite müſſen eben ſo ſchmierig daher kommen, wie ſie, fielen auf der Straſſe über uns her und ſchalden mir eine Hurre und eine geſchminkte Iſebelle, warfen mich mit Treck und verdarben mir ein ganzes Schmisle mit blonden Spitzen, die noch gar nicht ſehr abgetragen waren. Sie hatten mich ſieben gute Schillinge gekoſtet von der Kammerjungfer der Lady Griskin in London. Als ich den Mosje Klinker fragte, was die Leute mit ihrer Iſebelle gemeint hätten, da gab er mir die Bibel in die Hand, ſchlug mir das Buch der Könige auf, und ließ mich leſen von einer Iſebelle, die ſich geſchminkt und ihr Haubt geſchmückt, und wurde zum Finſter hinausgeſtürzt, und die Hunde leckten ihr Blut auf. Aber ich bin keine Hurre, und mit Gottes Hilfe wird kein Hund! kommen und mein armes Blut auflecken. Davor bewahre mich der barmherzige Himmel in ſeiner Gnade. Aber Ditton, der hat 158 mir ſo viel verliebtes geſagt und ſo ſchön gethan, und nun iſt er auf einmal mit der Braut eines Irländers davon gelaufen, und hat mich und ſeinen Herrn ſitzen laſſen, ohne ein ſterbendes Wört⸗ lein zu ſagen. Meinetwegen mag er hingehen wo der Pfeffer wächst, aber ich habe groſſen Verdruß wegen ihm gehabt. Das gnädige Fräulein hat mich ausgeſcholten, wie wenn ſie vom Teuf⸗ fel beſeſſen wäre, ich habe aber doch den Troſt gehabt, daß die ganze Familie ſich auf meine Seite geſchlagen, und ſogar der Mosje Klinker auf beiden Knieen für mich gebeten hat, obſchon er, Gott weiß es, Urſache genug hatte, über mich böſe zu ſeyn. Aber er iſt eine gute Seele und ſehr demüthigen Geiſtes, und dafür wird er eines Tages auch einmal ſeinen Löhn empfangen. Und nun, liebe Marie, ſind wir in Heddenbreg angekommen, unter die Schottländer, und die find für unſer Geld höflich genug, wenn ich auch gleich keinen Pfifferling von ihnen verſtehen kann. Aber ſie ſollten auch den Fremden nicht ſo an der Naſe herum⸗ führen, denn da hängen ſie ihre groſſe Zettel an die Häuſer, wor⸗ auf ſteht: kommode Zimmer zu vermiethen, und ſeh ſie, in der ganzen Stadt iſt keine einzige echte Kommodität, und das arme Geſinde hat in der Welt nichts anders, als ſeine Tonne mit ein paar Latten darüber, und alle Nachtſtühle aus allen Kammern werden am Abend in dieſe Tonne ausgelert, und am Abend, wenns zehn Uhr geſchlagen hat, wird es aus dem Fenſter ge⸗ ſchüttet, das hinten hinaus auf ein kleines Gäßchen geht, und die Magd ſchreit: aufgepaßt, das heißt ſo viel als: Gott ſey dir gnã⸗ dig, wenns dir auf den Kopf fällt. Und ſo geht es alle Abende, die Gott gibt, in Heddenbreg zu. Sie kann ſich alſo denken, was das vor ein herrlicher Geruch aus ſo vielen Rauchfäſſern ſeyn muß, aber ſie ſagen, es ſey geſund, und ich glaube es wahrhaftig guch, denn es iſt mir recht wohl bekommen, als ich ſo daſas und an Iſebelle und Mosje Klinker dachte, und es war mir ſo ſchlimm zu Muthe, daß ich glaubte, ich kriege meine Hiſtorie wieder, als 159 ſie auf einmal, mit Reſpekt zu vermelden, dieſen Unflath aus⸗ goſſen, der mich ſo heftig in die Naſe ſtach, daß ich dreimal niste und mich wieder ganz munter und friſch befand. Davon muß es auch kommen, daß kein Menſch in Heddenbreg etwas von hiſtori⸗ ſchen Zufällen weiß. Sie hatten mir auch weis gemacht, es gebe da gar nichts zu kriegen als Habergrütze und Hammelsköpfe, aber ich war eine einfältige Gans, daß ich das glaubte, denn ich hätte mir wohl denken können, daß wo Hammelsköpfe ſind, auch Ham⸗ melskeulen und Hammelsſchultern ſeyn müſſen. Erſt heute Mittag habe ich eine ganz ſchöne Keule von einem wäliſchen Hammel und Blumenkohl dazu gegeſſen, die Habergrütze aber überlaſſe ich dem Bolke auf dem Lande, das ſind arme Tropfen, und viele von ihnen haben nicht einmal Schuhe oder Strümpfe. Mosje Klinker ſagte mir, daß hier eine groſſe Verſammlung von Frommen iſt, aber ich hoffe, ich hoffe, jemand aus der Familie wird doch nicht von dem wahren Wege abgefallen ſeyn. O, wenn ich ſchwätzen wollte, da könnte ich ſchöne Geſchichten erzählen, das iſt ihr ein Geliebäugel und ein Geſchmunzel geweſen zwiſchen unſerm Fräu⸗ lein und einem alten ſchottiſchen Offizier, der Kismikago heißt. Er ſieht aus, als ob er dem Kerl aus den Augen geſchnitten wäre, den unſer Gärtner hingeſtellt hat, um die Spatzen zu ver⸗ ſcheuchen, und was noch daraus entſtehen wird, das weiß der liebe Gott. Aber mag kommen, was da will, mir ſoll kein Menſch nachſagen, daß ich aus der Schule geſchwatzt habe. Grüſſe mir ſchönſtens Salme und meine Katze. Ich hoffe, ſie wird das Abebuch gefriegt haben und hübſch fleißig darin lernen, das iſt mein Beten Tag und Nacht und verbleibe Ihre geliebte Freundin Winifred Jenkins. Heddenbreg, den 18. Juli. 160 An Sir Watkin Philipps im Jeſuitenkollegium zu Orford. Mein lieber Philipps! Wenn ich noch länger in Edinburgh bleibe, ſo verwandle ic mich von Kopf bis zu Fuß in einen Caledonier. Mein Oheim meint, ich habe bereits etwas vom hieſigen Accent angenommen. Die Leute ſind hier ſo gefällig und ſo zuvorkommend höflich gegen Fremde, daß ich unmerklich in den Strom ihrer Sitten und Ge⸗ bräuche hineingerathen bin, obgleich dieſe in der That von den unſrigen weit mehr verſchieden ſind, als Sie ſich nur einbilden können. Dieſen Unterſchied indeß, der mir bei unſerer erſten An⸗ kunft ſo ſehr auffiel, werde ich jetzt kaum mehr gewahr, und mein Ohr iſt vollkommen mit dem ſchottiſchen Accent ausgeſöhnt, ja im Munde eines hübſchen Mädchens finde ich ihn ſogar lieblich. Es iſt eine Art doriſcher Dialekt und gibt eine Idee von liebenswür⸗ diger Einfachheit. Sie können kaum glauben, wie wir in dieſer guten Stadt Edinburgh geliebkost und fetirt werden. Durch beſondere Gunſt des Magiſtrats ſind wir ſogar zu Freibürgern und Gildebrüdern aufgenommen worden. In Bath habe ich einen drolligen Auftrag an einen Bewohner dieſer Hauptſtadt erhalten. Als Quin hörte, daß wir auch Edin⸗ burgh zu beſuchen gedenken, zog er eine Guinee aus dem Sacke und bat mich um die Gefälligkeit, dieſelbe hier in einem Wirths⸗ hauſe mit einem ſeiner beſten Freunde und Zechbrüder, dem Ad⸗ vokaten R., zu vertrinken. Ich nahm den Auftrag an und ſagte, indem ich die Guinee zu mir ſteckte:„Sie ſehen, Ihr Trinkgeld habe ich im Sacke.“—„Ja, ja,“ erwiederte Quin mit Lachen, „und ein Kopfweh in den Kauf, wenn Sie ehrlich trinken.“ Ich führte mich alſo mit dieſem Auftrag bei Herrn R. ein, der mich mit offenen Armen empfing, die Ausforderung annahm und den Kampfplatz beſtimmte. Er hatte eine Geſellſchaft luſtiger Kamera⸗ den zuſammengebracht, unter denen ich mich ſehr wohl befand und 161 Herrn C., ſo wie Herrn Quin nach beſten Kräften Beſcheid that. Aber o weh! ich war ein Rekrute unter einer Schaar von Vetera⸗ nern, die ſich meiner Jugend erbarmten, und mich am andern Morgen— wie, weiß ich nicht— nach Hauſe ſchafften. Quin hatte ſich indeß in Beziehung auf das Kopfweh geirrt; der rothe Franzwein war zu aufrichtig, um mir ſo grauſam mitzu⸗ pielen. Während mein Oheim mit den angeſehenen Gelehrten der Stadt ſeine Konferenzen hält, und unſere Frauenzimmer ſich mit Beſuchen bei den ſchottiſchen Damen zu ſchaffen machen, welches die beſten und gefälligſten Geſchöpfe von der Welt ſind, vertreibe ich mir die Zeit mit den jungen Wildfängen von Edinburgh, die mit einer großen Portion Witz und Lebhaftigkeit eine gewiſſe Klugheit und Behutſamkeit verbinden, wie man ſie bei ihren Nachbarn in den Tagen jugendlich frohen Uebermuths nur ſelten findet. Einem Schottländer entfällt nie eine Anſpielung, die zum Nachtheile irgend eines Mitgliedes der Geſellſchaft ausgelegt werden könnte, und von nationalen Sticheleien hört man niemals ſprechen. Ich muß geſtehen, in dieſem Punkt ſind wir gegen die Schotten ſowohl ungerecht als undankbar. Denn ſo weit ich urtheilen kann, hegen ſie eine wahre Hochachtung gegen die Einwohner von Südbritan⸗ nien, und ſprechen von unſerm Lande immer in den anſtändigſten Ausdrücken. Nichtsdeſtoweniger ſind ſie weit entfernt, unſere Mo⸗ den und modiſchen Laſter knechtiſch nachzuahmen. Alle ihre Ge⸗ bräuche, alle ihre öffentlichen und privatökonomiſchen Einrichtungen — ſey's nun zum Behufe von Geſchäften oder von Luſtbarkeiten— haben ihren eigenen Styl. Dieß zeigt ſich hauptſächlich in ihrem perſönlichen Benehmen, in ihrer Art und Weiſe, ſich zu kleiden, in ihrer Mufik und ſogar in ihrer Kocherei. Unſer Squire ver⸗ ſichert, er kenne kein Volk auf Erden, deſſen Nationalcharakter ſo ſcharf ausgeprägt wäre. Weil wir doch einmal auf den Artikel der Kochkunſt gekommen find, ſo muß ich geſtehen, daß einige ihrer Smollet's Romane. XV. 11 162 Gerichte ſehr ſchmackhaft und ſogar delikat ſind; indeß bin ich noch nicht Schotte genug, um ihren geröſteten Hammelsköpfen und Schafsleberwürſten, die man uns einmal bei Herrn Mitchelſon auf unſer Bitten vorſetzte, Geſchmack abgewinnen zu können. Die erſten erinnerten mich an die Geſchichte Kongo's, worin ich geleſen habe, daß man Mohrenköpfe öffentlich auf dem Markte verkaufte, letztere aber find ein Gemengſel von gehackter Lunge, Leber, Fell, Habergrütze, Zwiebeln und Pfeffer, alles in einen Schafsmagen gefüllt. Auf meinen Magen that es eine ſehr ſchnelle Wirkung, und da die zarte Tante Tabby ihre Farbe wechſelte, ſo wurde der Gegenſtand unſeres Eckels alsbald auf einen Wink unſeres Wirthes vom Tiſche geſchafft. Die Schotten dagegen ſind im All⸗ gemeinen dieſer Kompoſition ſowohl als dem Haberbrode mit einer Art von Nationalliebe zugethan. Das Haberbrod wird an jedem Tiſche herumgegeben in dünnen, dreieckigen Kuchen, die auf einer eiſernen Platte gebacken werden, welche ſie Gürtel nennen, und viele Schottländer, ſelbſt aus den höchſten Ständen, ziehen dieſe Kuchen dem Waizenbrod vor, das hier ausgezeichnet gut iſt. Sie erinnern ſich, wie wir den armen Murray im Kollegium immer aufzogen und fragten, ob denn in Schottland wirklich gar keine andere Früchte wachſen, als Rüben. Und wahrhaftig, ich habe geſehen, daß dieſe Rüben auf dem Tiſche wirklich ihre Aufwartung gemacht haben, nicht etwa zum Nachtiſche, ſondern als Zugemiſe, wie man in Frankreich und Italien Radischen zwiſchen nahrhafteren Speiſen aufſtellt; indeſſen muß ich auch bemerken, daß die Rüben hier zu Lande die engliſchen an Süßigkeit, Saftigkeit und Schmack⸗ haftigkeit eben ſo ſehr übertreffen, wie eine Muskatmelone einen gewöhnlichen Krautſtengel. Sie ſind klein, kegelförmig, gelblich von Farbe, haben eine ſehr dünne Haut und außer ihrem ange⸗ nehmen Geſchmacke noch die gute Eigenſchaft, daß ſie gegen den Scorbut dienen. An Früchten, wie ſie die jetzige Jahreszeit mit ſich bringrt, als Kirſchen, Johannisbeeren und Himbeeren, fehlt es 163 hier zu Lande nicht, und in den Gärten einiger Edelleute in der Nachbarſchaft zeigen ſich bereits angenehme Ausſichten auf Aprikoſen, Pfirſiche, Adamsfeigen und ſogar Trauben; ja ich habe einige Meilen von der Stadt ſogar recht hübſche Ananas der Reife nahe geſehen. Man darf ſich indeß über dieß Alles nicht wundern, wenn man bedenkt, wie wenig das hieſige Klima von dem Londoner verſchieden iſt. Wir haben nunmehr alle merkwürdigen Plätze in der Stadt und mehrere Meilen in der Runde mit vielem Vergnügen in Augenſchein genommen. Im Kaſtell ſind einige königliche Ge⸗ mächer, wo der Souverain gelegentlich reſidirt hat, und hier wer⸗ den auch die Reichsinſignien ſorgfältig aufbewahrt, beſtehend in einer Krone, die von großem Werth ſeyn ſoll, einem Scepter und einem mit Juwelen verzierten Staatsſchwerdt. Dieſe Symbole der Souverainetät bewacht das Volk mit äußerſt eiferſüchtigen Augen. Als ſich einmal während der Sitzung des Unionsparla⸗ ments das Gerücht verbreitete, dieſelben ſollen nach London ge⸗ bracht werden, entſtand ein ſolcher Tumult, daß der Lordcommiſſär in Stücke geriſſen worden wäre, wenn er ſie nicht dem Pöbel vor⸗ gezeigt und ihn daduſch beſchwichtigt hätte. Der Palaſt Holyroodhouſe iſt ein ſchönes architektoniſches Kunſt⸗ werk, aber auf einen dunkeln und wenigſtens nach meinem Dafür⸗ halten ungeſunden Grund gebaut, wie wenn man es darauf angelegt hätte, daß er nicht in die Augen fallen ſolle. Die Zimmer ſind geräu⸗ mig und hoch, aber unmöblirt, und was die Portraits der ſchot⸗ tiſchen Könige, von Feargus dem Erſten bis auf König William, anbelangt, ſo ſind dieß elende Schmieralien, meiſtens von einer und derſelben Hand; auch müſſen ſie entweder aus dem Kopf ge⸗ macht worden ſeyn, oder hat man Karrenbauern zum Sitzen ge⸗ miethet. Die Vergnügungen von London genießen wir in Edin⸗ burgh alle, nur in kleineren Zirkeln. Es iſt hier ein wohlbeſtelltes Concert, wo ſich verſchiedene Liebhaber auf allerlei Inſtrumenten 164 hören laſſen. Die Schotten ſind alle muſikaliſch. Wem Sie begeg⸗ nen, der ſpielt ſeine Flöte, ſeine Violine oder ſein Violoncell; es iſt ein Herr vom erſten Range hier, deſſen Virtuoſität allgemein bewundert wird. Ihre Schauſpieler ſpielen recht leidlich, und man läßt gegenwärtig eine Subſeription umgehen, um ein neues Theater bauen zu können; was mir aber am allerbeſten gefällt, das ſind die öffentlichen Geſellſchaften. Wir waren auf dem Jägerballe, wo ich über die Maſſe ſchö⸗ ner Damen wirklich erſtaunen mußte. Die Engländer, die nie⸗ mals über die Tweed gekommen ſind, ſind ſehr im Irrthum, wenn ſie meinen, den Schottländerinnen fehle es an perſönlichen Reizen; ich kann Sie mit gutem Gewiſſen verſichern, daß ich in meinem Leben noch nie ſo viele Schönheiten beiſammen geſehen habe, wie bei dieſer Gelegenheit. Bei dem Leither Wettrennen kommt die beſte Geſellſchaft aus den entfernteren Provinzen hier zuſammen, ſo daß wir, glaube ich, alle Schönheiten des Landes gleichſam unter Einem Brennpunkt hatten; dieſer war aber auch wirklich ſo ſtark, daß mein Herz kaum ſeiner Gewalt widerſtehen konnte. Unter uns geſagt, es iſt von den ſtrahlenden Augen der reizenden Miß R., mit welcher ich auf dieſem Balle zu tanzen die Ehre hatte, ein Bischen verſengt worden. Die Gräfin von Mel⸗ ville hat die Aufmerkſamkeit und Bewunderung aller Anweſenden auf ſich gezogen. Sie hatte die liebenswürdige Miß Grieve bei ſich, die manche Eroberung machte; und auch meine Schweſter Liddy blieb nicht unbemerkt. Die jungen Herren nennen ſie nur die ſchöne Cambricrin, bringen in allen Geſellſchaften Toaſte auf ſie aus und haben ihr zu Liebe ſchon manches Glas Wein getrun⸗ ken; indeß iſt dem armen Mädchen auf dem Balle etwas zugeſtoßen, was uns Alle ſehr beſorgt machte. Ein artiger junger Mann, das treue Ebenbild von dem Schur⸗ ken Wilſon, näherte ſich ihr, um ſie zu einer Menuette aufzufor⸗ dern, und dieſe plötzliche Erſcheinung verſetzte ſie in einen ſolchen 165 Schreck, daß ſie in Ohnmacht ſank. Ich nenne Wilſon einen Schurken, denn wenn er wirklich ein Edelmann wäre und ehrliche Abſichten hätte, ſo müßte er ſich offenbar ſchon längſt in ſeiner wahren Geſtalt gezeigt haben. Ich kann es nicht läugnen, das Blut kocht mir in den Adern vor Zorn, wenn ich an die Verwe⸗ genheit des Burſchen denke, und Gott verdamme mich, wofern ich nicht— doch ich will nicht fluchen, die Zeit wird ſchon Rath ſchaffen. Ich bin nur froh, daß Niemand weiß, woher die plötz⸗ liche Unpäßlichkeit meiner Schweſter gerührt hat. Die Dame, welche den Ball dirigirte, meinte, die Hitze habe ihr ſo zugeſetzt, und führte ſie deßhalb in ein anderes Zimmer, wo ſie ſich bald wieder ſo weit erholte, daß ſie zurücktam und einige Contretänze mitmachen konnte, bei welchen die ſchottiſchen Jünglinge eine ſolche Lebhaftigkeit und Gewandtheit entwickeln, daß ihre Tän⸗ zerinnen alle Kräfte aufbieten müſſen, um es ihnen gleich zu thun. Tante Tabitha hatte ſich— glaube ich— mit der Hoffnung geſchmeichelt, unter den Cavalieren in der Geſellſchaft eine kleine Niederlage anzurichten. Sie war mehrere Tage lang mit Putz⸗ macherinnen und Schneiderinnen zu Rathe gegangen, um ſich auf dieſe Gelegenheit vorzubereiten, und erſchien dabei in einem rau⸗ ſchenden Damaſtkleid, ſo dick und ſchwer, daß einem Men⸗ ſchen von der gewöhnlichſten Einbildungskraft der Schweiß aus⸗ brechen mußte, wenn er es bei dieſer Jahreszeit nur anſah. Sie tanzte eine Menuette mit unſerem Freunde Herrn Mitchelſon, der ſeiner Gaſtfreundlichkeit und Höflichkeit offenbar dadurch die Krone aufſetzte, und zum zweiten Male wurde ſie von einem jungen Lord von Ballymawhmaple, der gerade herein kam und im Au⸗ genblick keine andere Tänzerin finden konnte, engagirt. Da indeß Erſterer verheirathet war, und Letzterer ihren Reizen keine abſon⸗ derliche Huldigung darbrachte, dieſe auch von der übrigen Geſell⸗ ſchaft nicht minder überſehen wurden, ſo war ſie äußerſt unzufrie⸗ den und biſſig. Beim Abendeſſen machte ſie die Bemerkung, die 166 ſchottiſchen Herren wären ſo übel nicht, wenn ſie ſich durch Reiſen ein wenig abſchleifen würden, und es ſey Schade, daß ſie die Gele⸗ genheit nicht benützen, in's Ausland zu gehen. Die Damen— meinte ſie— ſeyen linkiſch und haben viel zu viel Männliches, beim Tanzen ſchlendern ſie die Beine in die Höhe, wie junge Füllen, von einer anmuthigen Bewegung ſey bei ihnen keine Spur vorhanden, und dann kleiden ſie ſich ganz abſcheulich. Wenn ich indeß klaren Wein einſchenken ſoll, ſo war Tabby ſelbſt die lächerlichſte Figur auf dem ganzen Balle und bei weitem am Ab⸗ geſchmackteſten angezogen. Die Vernachläßigung, die ihr von Sei⸗ ten des männlichen Geſchlechts widerfahren war, hatte ſie mißver⸗ gnügt und mürriſch gemacht, und nun wollte ihr in Edinburgh nichts mehr gefallen, ſie lag ihrem Bruder beſtändig in den Ohren, er ſolle doch auf die Abreiſe denken, als ſie ſich auf einmal aus religiöſen Gründen wieder mit dem Orte ausſöhnte. Es gibt hier eine Sekte von Fanatikern, die ſich unter dem Namen Seceders von der beſtehen den Kirche getrennt haben. Sie erkennen kein irdi⸗ ſches Kirchenhaupt, keinen weltlichen Kirchenpatron an, und be⸗ kennen ſich zu den methodiſtiſchen Lehren von der Wiedergeburt, dem neuen Lichte, den Gnadenwirkungen, der Unzulänglichkeit der guten Werke und den Wirkungen des Geiſtes. Tabby wurde unter Klinkers Begleitung in einen von ihren Konventikeln zugelaſſen, wo ſie ſich beide höchlich erbauten; auch hat ſie das Glück gehabt, die Bekanntſchaft eines frommen Chriſten, Namens Maffat, zu machen, der ein gewaltiger Beter i und ihr oft in ihren Privat⸗ Andachtsübungen beiſteht. Ich habe noch bei keinem Wettrennen in England ein ſolches Zuſammenſtrömen der vornehmen Welt geſehen, wie bei dem in Leith. Dicht dabei auf einem Felde, das ſie„Links“ nennen, er⸗ götzen ſich die Einwohner von Edinburgh mit einem Spiele, Golf genannt; hiebei bedienen ſie ſich artiger Stöcke, die mit Horn ein⸗ gefaßt, und kleiner elaſtiſchen Bälle von Leder, die mit Federn 167 ausgeſtopft ſind, von derſelben Größe, wie die Fangbälle, aber weit härter; dieſe ſchlagen ſie mit ſolcher Gewalt und Geſchick⸗ lichkeit von einem Platz zum andern, daß ſie unglaublich weit fort⸗ fliegen. Die Schotten ſind ſo in dieſes Spiel vernarrt, daß Sie, ſobald es das Wetter erlaubt, eine Menge Leute von allen Stän⸗ den, vom vornehmſten Richter an bis zum geringſten Handwerker herab, unter einander, hemdärmelig, mit ſolchem Eifer hinter ihren Bällen herlaufen ſehen können, daß es eine wahre Luſt iſt, zuzuſchauen. Man zeigte mir unter andern eine eigene Geſellſchaft ſolcher Golfers, von denen der Jüngſte ſein achtzigſtes Jahr auf dem Rücken hatte. Es waren tauter Männer, die von ihren eige⸗ nen Mitteln lebten und ſich den größten Theil eines Seculums hindurch mit dieſem Spiele beluſtigt hatten, ohne deſſelben jemals überdrüſſig oder krank zu werden; auch gingen ſie niemals zu Bette, ohne einen Schlaftrunk von wenigſtens vier Flaſchen Franz⸗ wein in ſich hineingeſchlagen zu haben. Eine ſolche tägliche Be⸗ wegung muß, verbunden mit der friſchen Seeluft, offenbar den Appetit rege halten und den Körper gegen alle gewöhnliche Krank⸗ heitsanfälle ſtählen. Das Leither Rennen gab Anlaß zu einer andern Luſtbarkeit von ganz beſonderer Art. Es gibt in Edinburgh eine Geſellſchaft oder Gilde von Laufburſchen, die man Cawdies nennt, und die des Abends mit papiernen Laternen auf den Gaſſen ſtehen, um ſich da zu allerlei Aufträgen brauchen zu laſſen. Dieſe Burſche ſind zwar äußerſt zerlumpt und ſprechen ſo plump und roh, als man ſich nur denken kann, ſtehen indeß in dem Rufe außerordentlicher Schlauheit und zugleich einer Ehrlichkeit ſondergleichen, ſo daß man kein Beiſpiel von einem Cawdy weiß, der etwas veruntreut hätte. Dabei ſind ſie ſo eifrig auf ihr Amt verpicht, daß ſie nicht nur jeden gewöhnlichen Bewohner der Stadt, ſondern auch alle Fremde kennen, die nur vierundzwanzig Stunden in Edinburgh ſind; nichts, was vorgeht, und wenn man glaubt, es ſey in der größten Heimlich⸗ 168 lichkeit geſchehen, bleibt ihnen verborgen. Beſonders berühmt ſind ſie durch die Gewandheit, womit ſie die Funktionen Mercurs voll⸗ ziehen, obgleich ich ſie noch niemals zu einem derartigen Geſchäfte gebraucht habe. Bedürfte ich nämlich eines ſolchen Dienſtes, ſo eignet ſich mein eigner Kammerdiener Archy M'Alpine ſo gut dazu, daß ich mir von einem Edinburgher Cawdy nichts Beſſeres ver⸗ ſprechen könnte, und ich müßte mich ſehr irren, wenn er nicht früher einmal zu der Brüderſchaft gehört hat. Dem ſey, wie ihm wolle, ſie hatten den Einfall, in Leith ein Mittageſſen und einen Ball zu geben, wozu ſie förmlich alle junge Herren vom Adel und andere, die beim Wettrennen zugegen waren, einluden; um dieſer Einladung gehörigen Nachdruck zu verſchaffen, gaben ſie die Ver⸗ ſicherung, daß alle berühmte Damen, welche das Kloſter und den Eheſtand, aber die Männer nicht haſſen, die Güte haben werden, das Feſt mit ihrer Geſellſchaft zu ſchmücken und zu zieren. Ich empfing gleichfalls eine Karte und ging mit einem halben Dutzend von meinen Bekannten dahin. Man deckte in einem großen Saake auf einer langen Reihe zuſammengeſchobener Tiſche, und hier ſetzte ſich die Geſellſchaft, etwa achtzig Perſonen ſtark, Lords, Land⸗ junker und andere junge Herrn, Freudenmädchen und Cawdies untereinander, wie bei den Saturnalien im alten Rom die Scla⸗ ven und ihre Herren. Der Ceremonienmeiſter, der am obern Ende des Tiſches ſaß, war ein Cawdy, Namens Fraſer, ein alter Mädchenzuführer, ausgezeichnet durch ſeine drolligen Einfälle und ſeine Schlauheit, und in ſeiner Profeſſion allen Gäſten beiderlei Geſchlechts wohlbekannt und von allen verehrt. Er hatte die Mahlzeit und den Wein beſtellt, auch dafür Sorge getragen, daß alle ſeine Zunftbrüder in anſtändiger Kleidung und reiner Wäſche erſchienen; er ſelbſt trug zur Ehre des Feſtes eine dreiknotige Perücke. Ich verſichere Sie, das Banket war äußerſt elegant, alle Tafeln reichlich mit Speiſen und Getränken beſetzt, welche mit tauſend drolligen Einfällen, den Erzeugniſſen allgemeiner Heiter⸗ 169 keit und guter Laune, auf's Angenehmſte gewürzt wurden. Nach dem Deſſert brachte Herr Fraſer folgende Toaſte aus, die ich hier nicht erklären kann:„Das Beſte in der Chriſtenheit!“—„Gibbs Contract!“—„Des Bettlers Wunſch!“—„König und Kirche!“— „Gryßbritannien und Irland!“ Sodann füllte er einen Humpen und wandte ſich gegen mich mit den Worten:„Herr Melford, auf daß alle Unfreundlichkeit aufhöre zwiſchen John Bull und ſeiner Schweſter Moggy!“ Die nächſte Perſon, die er ſich auserſah, war ein Edelmann, der lang auf Reiſen geweſen war.„Mylord,“ rief Fraſer,„dieſen Humpen auf's Wohl aller hochadeligen Herren, welche tugendhaft und patriotiſch genug ſind, ihr Geld zu Hauſe zu verzehren!“ Sofort wandte er ſich an ein Parlamentsmitglied „Mein Herr, ich weiß, Sie werden ſich nicht weigern, auf folgen⸗ den Toaſt zu trinken: Schmach und Schande über das Haupt jedes Schotten, der ſein Gewiſſen und ſeine Stimme verkauft!“ Nach einiger Pauſe ließ er ſeinen Witß an einem reich gekleideten Menſchen aus, der mit geringen Mitteln angefangen und ſich im Spiel ein bedeutendes Vermögen erworben hatte. Er füllte ſein Glas, nannte ihn beim Namen, und rief:„Lang lebe der Soldat, der mit leerem Torniſter in's Feld zieht und mit einem Sack voll Silber in die Winterquartiere kommt!“ Nachdem alle dieſe Toaſte mit rauſchendem Beifall aufgenommen worden waren, verlangte Herr Fraſer ein größeres Glas, füllte es bis an den Rand, ſtand auf, und nachdem alle ſeine Mitbrüder ſeinem Beiſpiel gefolgt, rief er:„Meine Lords und meine gnädigen Herren! dieſen Becher zur ſchuldigen Dankſagung für die große und unverdiente Ehre, die Sie heute Ihren armen Laufburſchen erwieſen haben!“ Nach⸗ dem er ſo geſprochen, tranken er und alle Uebrigen ihre Gläſer in einem Nu leer, verließen ihre Sitze, ſtellten ſich Jeder hinter einem der Gäſte auf und riefen:„Jetzt ſind wir wieder die Caw⸗ dies unſerer gnädigen Herren!“ 170 Der Lord, dem Fraſers Satyre den erſten Hieb verſetzt hatte, machte Einwendungen gegen ſeine Abdankung. Er ſagte, da die Geſellſchaft auf Einladung der Cawdies erſchienen ſey, ſo erwarte er auch, daß ſie auf ihre Koſten bewirthet werde.„Ganz und gar nicht, Mylord!“ rief Fraſer,„ich möchte mich um Alles in der Welt keiner ſolchen Unverſchämtheit ſchuldig machen. Ich habe noch nie in meinem Leben einen Herrn beleidigt, und bin nun viel zu alt, um einer ſo ehrenwerthen Geſellſchaft eine ſolche Grobheit zu bieten.“—„Nun gut,“ ſagte der Lord,„da Du Deinen Witz aufgewendet haſt, ſo haſt Du ein Recht, Dein Geld zu ſparen. Du haſt mir einen guten Rath gegeben und ich will ihn in Gutem annehmen. Da Du Deinen Sitz freiwillig verlaſ⸗ ſen haſt, ſo will ich mit Erlaubniß der Geſellſchaft ihn einnehmen, und werde mich glücklich ſchätzen, als Bonifacius begrüßt zu werden.“ Er wurde ſofort zum Meiſter vom Stuhl erwählt und mit einem Humpen in ſeinem neuen Amte bekomplimentirt. Die Gläſer gingen ohne Unterlaß ſo lange herum, bis ſie auf dem Tiſche zu tanzen ſchienen, und dieß war vielleicht ein Wink für die Damen, Muſik zu fordern. Abends acht Uhr be⸗ gann der Ball in einem andern Zimmer; um Mitternacht wurde wieder geſpeist, allein es war ſchon heller Tag, ehe ich meinen Weg nach Hauſe fand, und Seine Herrlichkeit hatte ohne Zweifel eine recht artige Rechnung abzumachen. Kurz und gut, ich habe ſeit einigen Wochen dermaßen ge⸗ ſchwärmt, daß mein Oheim anfängt, um meine Geſundheit be⸗ ſorgt zu werden, und ſehr ernſthaft bemerkt, alle ſeine Leiden und Gebrechlichkeiten kommen von eben ſolchen Ausſchweifungen her, die er ſich in ſeiner Jugend erlaubt habe. Tante Tabby ſagte, es würde ſowohl für meine Seele als für meinen Leib un⸗ gleich heilſamer ſeyn, wenn ich, ſtatt ſolche liederliche Gelage zu beſuchen, Herrn Maffat und ſie begleiten würde, um eine Predigt 17¹ von dem hochehrwürdigen Herrn M'Corkindale anzuhören. Klinker ermahnt mich oft mit einem herzlichen Seufzer, ich ſolle doch für meine theure Geſundheit Sorge tragen, und ſelbſt Archy MAlpine hält mir, wenn er zu tief in's Glas geſehen hat, was öfter vor⸗ kommt, als mir lieb iſt, lange Predigten über Nüchternheit und Mäßigkeit; dabei iſt er ſo überweiſe und ſentenzenreich, daß ich ihn gerne als Lehrer und Bedienten fahren laſſen wollte, wenn ich ihm nur irgendwo einen Profeſſorsſtuhl zu verſchaffen wüßte; denn das Hofmeiſtern habe ich ſchon auf der Alma mater bis zum Eckel ſatt bekommen. Indeſſen habe ich mich doch nicht ſo tief in das wilde Leben zu Edinburgh hineingeſtürzt, um meine Familie darüber zu ver⸗ nachläßigen. Wir haben nicht nur alle Dörfer und Schlöſſer auf vier Meilen in der Runde miteinander beſucht, ſondern ſind auch über den Frith gefahren, einen mehrere Meilen breiten Arm der See, der Lothian von Shire, oder, wie es die Schottländer nen⸗ nen, von dem Kingdom of Fife trennt. Es liegt immer eine Anzahl großer offener Seeboote bereit, von Leith nach Kinghorn, einen Flecken an der andern Seite, überzuſetzen. In eines derſel⸗ ben ſetzte ſich vor drei Tagen unſere ganze Haushaltung, mit Ausnahme meiner Schweſter, die ſich auf dem Waſſer ſehr fürch⸗ tet, und deßhalb bei Frau Mitchelſon zu Hauſe gelaſſen wurde. Wir hatten eine angenehme und ſchnelle Fahrt nach Fife, und be⸗ ſuchten dort eine Menge trübſeliger Städte längs der Küſte, wer⸗ unter auch Sanct Andrews, das Skelet von einer ehrwürdigen Stadt. Weit beſſer gefielen wir uns auf einigen prachtvollen Land⸗ ſitzen und Schlöſſern, deren es in dieſem Theil von Schottland eine große Menge gibt. Geſtern ſetzten wir uns bei gutem Wind und Wetter abermals in ein Boot, um nach Leith zurückzufahren, waren aber noch nicht halbwegs, als der Himmel ſich auf einmal überzog, der Wind ſich drehte und uns geradezu in's Geſicht blies, 172 ſo daß wir genöthigt waren, entweder umzukehren oder zu laviren. Mit einem Wort, die Kühlung, wie es die Bootsleute nannten, wuchs zu einem Sturm mit Wind und Regen, und zugleich kam ein ſolcher Nebel, daß wir die Stadt Leith, wohin wir ſegeln wollten, nicht einmal ſehen konnten, ja ſelbſt das Edinburgher Schloß, das doch gewiß hoch liegt. Man kann ſich leicht vor⸗ ſtellen, daß uns Allen bei dieſer Gelegenheit nicht wohl zu Muthe war, zumal da die meiſten Paſſagiere eine Uebelkeit anwandelte, die ein heftiges Erbrechen zur Folge hatte. Meine Tante bat ihren Bruder, er möchte doch den Schiffern befehlen, nach Kinghorn zu⸗ rückzufahren, und er machte auch wirklich den Vorſchlag, allein ſie verſicherten ihn, es habe keine Gefahr. Als Jungfer Tabitha ſah, daß ſie ſich nichts einreden laſſen wollten, fing ſie an zu ſchelten und forderte meinen Oheim auf, er ſolle ſein Anſehen als Friedensrichter brauchen. Krank und übellauniſch, wie er war, konnte er ſich doch bei dieſem weiſen Verlangen eines Lachens nicht erwehren, und ſagte zu ihr, ſein Amt erſtrecke ſich nicht ſo weit, allein er würde auch im andern Fall den Leuten ihren Willen laſſen, denn er ſey nicht ſo naſeweis, einen alten Hahn lehren zu wollen, wie er zu krähen habe. Jungfer Winifred Jenkins er⸗ leichterte ſich mit Hülfe Humphry Klinkers, der ſich in Gebet und in Ergießungen mit ihr vereinigte. Da er es für eine ausge⸗ machte Sache hielt, daß wir nicht mehr lange zu leben haben, ſo wollte er dem Fräulein Tabitha geiſtlichen Troſt zuſprechen, den dieſe aber ſehr höhniſch von ſich wies, mit dem Bedeuten, er ſolle ſeine Predigten an ſolche Leute richten, die Muße genug haben, einen ſolchen Unſfinn anzuhören. Mein Oheim ſaß wir in Ge— danken da, ohne ein Wort zu ſprechen; mein Bedienter Archy ſuchte Troſt bei einer Branntweinflaſche, mit der er ſo vertraut that, daß ich glaubte, er habe einen Schwur gethan, an einem andern Getränke, als am Seewaſſer zu ſterben; allein der Branntwein 173 machte ihn ſo wenig betrunken, als wenn es wirklich Seewaſſer geweſen wäre. Ich für meinen Theil hatte ſolche Magenübelkeiten, daß ich ſonſt an nichts denken konnte. Inzwiſchen ſchlugen die Wellen berghoch, das Boot krachte ſo gewaltig, als wollte es in Stücke brechen, das Tauwerk raſſelte, der Wind heulte, der Blitz knitterte, der Donner rollte und der Regen ſtürzte wie ein Wolkenbruch herab; ſo oft ſich das Boot drehte, ſchlug ſo viel Waſſer herein, daß wir bis auf die Haut naß wurden. Als wir nach langem Laviren dachten, wir müſſen endlich nahe am Ufer ſeyn, waren wir ſo weit ſeewärts getrieben, daß die Bootsleute ſelbſt zu fürchten anfingen, es möchte zu tief ebben, ehe wir in Sicherheit wären. Doch brachte uns der nächſte Gang, den wir lavirten, in glattes Waſſer, und um ein Uhr Nachmittags ſtiegen wir glücklich an's Land.„Ganz gewiß,“ rief Tabby, ſobald ſie feſten Boden unter ihren Füßen ſpürte,„gewiß wären wir alle zuſammen umgekommen, wenn der Himmel nicht ganz beſonders über uns gewacht hätte.“—„Ja wohl,“ verſetzte mein Oheim, „aber es geht mir hier ganz wie dem ehrlichen Hochländer, dem man nach einer ähnlichen Fahrt ſagte, er ſey dem Himmel Dank für ſeine Rettung ſchuldig.— Sehr wahr, erwiederte Donald, aber ich will ein Schurke ſeyn, wenn ich dem Himmel wieder dieſe Mühe mache, ſo lange noch die Brücke zu Stirling ſteht.“ Sie miſſen nämlich wiſſen, daß dieſe Brücke mehr als zwanzig engliſche Meilen oberhalb des Fluſſes Frith liegt, der hier ſeine Mündung hat. Ich finde nicht, daß meines Oheims Geſundheit durch den Sturm gelitten hätte, aber die arme Liddy fängt an zu kränkeln. Ich fürchte, das gute Kind hat irgend einen Stein auf dem Herzen, und dieſe Beſorgniß könnte mich wahnſinnig machen, denn ſie iſt wirklich ein liebenswürdiges Geſchöpf. Morgen oder übermorgen gehen wir nach Stirling und Glasgow, und gedenken uns in den Hochlanden ein wenig um⸗ 174 zuſehen, ehe wir unſern Lauf ſüdwärts richten. Indeſſen empfehlen Sie mich allen unſern Freunden um Carfax herum, und ſeyen Sie überzeugt, daß ich beſtändig ſeyn werde Ihr ergebenſter H. Melford. Edinburgh, den 1. Auguft.