uogh uohot n an n uodonob azu uog u9)o a ueb n avc uogup in png a u342])aen se e punb un Invava Laocuaog w aun 350obzlo obv F Anv ozon c u Soa olah) un aolog a00 1 ol g9 uagaß Sn 14 u n 9l a e . dhnurplog ouolaa g S— uaagat 3651½0 sacuoavz aa Unu(ot üascnzy 3u uspjol 1 puuu apn 2oloc aun vuoagſaoa duplaao nuil ang srouopeiog 9 uobaal n gol a aun uo1og uouob ach nv ah a0g bunguolpnang qun u16 ant uogh uo oSanAsnV e 1— 5 2 09 I G I wuo Fanv oMond 9 oond 7 oong z puopga an bpa3 aun uogaa Hatog snvaca gnut 7glvG n 5 0 ubeae S acaueur Uonaaog uuvzogun nopnr 8 uh dvuuoß uoututouobup uga nc e n sob gu ne e 1dv9 9 bvF uocol Tobias Fmollet's humvoriſtiſche Romane. S Yreizehnter Band. Enthält: Humphry Klinkers Fahrten. J. Stuttgart. Hallberger'ſche Verlagshandlung. — Zumphry Rlinkers Fahrten. Roman von Tobias Smollet. T d n 6 n g ü 5 eſ von 6. Fink. Sr ſter Band. Stuttgart. Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1841. An Dortor Ludwig. Mein lieber Doctor! Die Pillen find keinen rothen Heller werth; ich könnte eben ſo gut Schneeballen hinunterſchlucken, um mir die Nieren abzukühlen. Ich habe es Ihnen ja ſchon zwanzigmal geſagt, daß ich ſtarke Do⸗ ſen brauche, und ich bin doch, weiß Gott, alt genug, um meine Konſtitution zu kennen. Warum beſtehen Sie auch ſo hartnäckig auf Ihrem Syſtem? Ich bitte Sie um Alles, ſchicken Sie mir eine neue und ſtärkere Portivn. Ich bin ſo lahm und alle Glieder thun mir ſo weh, wie wenn man mich gerädert hätte. Aber wahr⸗ haftig, mein Gemüth iſt ſo krank, wie mein Leib. Als ob ich nicht für mich ſelbſt ſchon genug zu dauen hätte, liegen mir auch noch die Kinder meiner Schweſter auf dem Hals, ſo daß ich keine ruhige Minute habe. Was brauchen die Leute Kinder in die Welt zu ſetzen, um ihre Nebenmenſchen zu quälen? Ein lächerlicher Zufall, der geſtern meiner Nichte Liddy begegnete, hat mich der⸗ maßen angegriffen, daß ſich ohne allen Zweifel mein Podagra aufs Neue einſtellen wird. Vielleicht ſchreibe ich in meinem Nächſten ausführlicher davon. Morgen mache ich mich anf den Weg nach Briſtol, wo ich leider länger werde bleiben müſſen, als mir lieb iſt. Schicken Sie bei Empfang dieſes William mit meinem Reit⸗ pferde dorthin. Barns ſagen Sie, er ſolle die beiden alten Lagen 6 ausdreſchen, das Korn auf den Markt ſchicken und den Armen an jedem Simri neun Batzen nachlaſſen. Griffin hat mir einen de⸗ und wehmuthsvollen Brief geſchrieben, worin er ſich zur öffent⸗ lichen Abbitte und Bezahlung ſämmtlicher Koſten erbietet. Was frage ich aber nach ſeiner Abbitte, und ſein Geld mag ich ihm auch nicht aus der Taſche nehmen. Der Kerl iſt ein böſer Nachbar, und ich mag Nichts mit ihm zu thun haben; da er ſich indeß ſo viel auf ſeinen Mammon einbildet, ſo ſoll er mir ſeine Unart bezahlen. Ich nehme meine Klage zurück, ſobald er den Armen des Kirchſpiels fünf Guineen gibt. Sagen Sie inzwiſchen meinem Ad⸗ vokaten, daß er nicht weiter gehen ſoll. Der Wittwe Morgans ſchicken Sie die ſcheckigte Kuh und vierzig Schillinge zu Kleidern für ihre Kinder, ſagen Sie aber keiner lebendigen Seele davon: ſie ſoll mir ſchon bezahlen, wenn ſie wieder bei Kaſſe iſt. Noch Eins: ſchließen Sie alle meine Schubladen zu und behalten Sie die Schlüſſel, bis wir wieder zuſammenkommen, beſonders nehmen Sie den eiſernen Kaſten mit meinen Papieren in Ihre Verwahrung. Verzeihen Sie, daß ich Ihnen ſo beſchwerlich falle. Glouceſter, den 2. April. Ihr treuergebenſter M. Bramble. An Jungfer Gwillim, Haushälterin in Vrambletonhall. Liebe Jungfer Gwillim! Sobald dieſer Brief in ihre hant kömmt, ſo pake ſie in Mei⸗ nen koffer, was ſie, hinter der Thiere in mein Gabinet alles, was Ich ihr jetzt ſagen wil, und ſchik ſie mirs Umgehent mit dem Wagen nach Briſtol: mein Roſanegleſche mit den grünen Fall⸗ belahs, mein gelb Damaſtkleid und mein ſchwarzes Sametkleid, meinen blau ausgenehten Atlasrock und Kantuſche. Meine Spizen⸗ ſchürze, meine franzöſche Kommode und mein ſchmuckkäſichen, Wil⸗ liam kann mir mein Seifenſpiritusglas und das Bruſtelikſir von 7 Dokter Hill mitbringen, auch ſoll er das Lakſitif für unſer Jolite nicht vergeſſen. Das gute Thierchen iſt ganz Hartleibig, ſeit wir von Hauſe fort ſind. Geb ſie mir mir recht Achtung auf die Haus⸗ haldung, ſo lang die Herrſchaften verreist ſind. Laß ſie alle Tage einheizen in meines Herrn Bruders Stube und in der Meinen. Die Mädchen ſollen fleißig ſpinnen, haben ja doch ſonſt nichts zu chaffen. An den Keller hänge ſie ein materſchloß, damit die nannsleute nicht hinder das gute Bir gehen; vergeß ſie nicht, daß ie alle hausthieren Schließen läßt, ehe es abend wird, den Gärd⸗ ner und Jäger laß ſie Unten ins waſchhaus ſchlafen, daß ſie das daus bewachen mit Flinten und den großen Hund; ich hoffe, daß ie ein wachſames Auge auf die mädchen hat, daß ſie Sich ehrſam aufführen. Marie Jones dieſe ſchlunte hat immer So viel mit den knechten zu Schaffen. Schreib ſie Mir, ob das kalb von der Scheckichten kuh ſchon verkauft iſt, und wers kriegt hat, ob die elte Ganz ſchon ſizt und ob der Schuhmacher den Jungen ſtier chon geſchnitten hat, und wie das arme Thier die Oberation Unterſtanden hat. Vor heute ſchließe und bin Gloſtar, den 2. April. Ihre getreue Herrſchaft Tabitha Bramble. An Jungfer Marie Jones in Vrambletonhall. Mein liebes Miekchen! Ich ſchreibe ihr mit dieſer Gelegenheit und laſſe ſie und ſalo⸗ meh Vieltauſendmal grüſen. Was mich anblangt, ſo bin ich wohl und gſund und hoffe, daß ihr es auch ſent, und daß ſie oder ſalo⸗ meh mein Minettle in ihr Bett nehmen werdet, Weil es ſo kalt iſt— aber Wir haben Schene gſchichte ghabt da in Gloſtar. Um ein Haar wäre Miß Liddy mit einem Komödianten davon gelaufen und unſer junger Hr. Junker und er hätten ſich bald ein Leit an⸗ getan, aber der Skweier hats dem Bürgermeiſter geſagt, und der 8 hat der Haue einen andern Stiehl gedreht. Unſere alte Vrähle hat verboten, keiner Chriſtenſele ein Wort davon zu ſagen, und aus meinem Munde ſoll es auch nicht kommen, denn Mägde dürfen alles ſehen, aber nichts ſagen; aber das allergrößte Unglück iß noch, daß unſer guter Scholi von einem Mezgerhunde angepakt und ganz jämmerlich zugerichtet worden iſt. Das gnädige Vrähl⸗ hat ihre hiſtoriſchen Anfälle bekommen, ſie find aber bald wiede⸗ vorübergegangen. Man hat nach dem Dokter geſchickt, der ha dem Scholi ein Rezept eingegeben, und es iſt ihm ganz gut be kommen. Gott ſey Lob und Dank, er iſt wieder auf dem beſter Wege zur Beſſerung. Seh ſie doch nach meinem Nähpuld un ſtelle es unter ihr Bett, denn ich glaube, Frau Gwllim hat Luſt ein Bischen in meine Karten zu gucken, ſo lange ich den Rücker gedreht habe. John Thoms iſt wohl auf, hinkt aber ein ſehr ſchiefes Geſicht. Der gnädige Herr hat einem armen Mann einer abgelegten Rock geſchenckt, und John ſagt, das ſey gerade, wi⸗ wenn man ihm ſein Eigenthum ſtählen würde. Ich hab ihm ge⸗ ſagt, daß es ja in ſeinem Lohn bedungen iſt, daß er ſich ſeine neuen Kleider anſchaffen muß, er ſagt aber, es ſey ein Unterſchied zwiſchen neuen Kleidern und alten, und daran mag er wohl recht haben. Wir gehen alle mit einander an den Bronnen und da vill ich ihre Geſundheit in ein Glas Waſſer trinken und verbleibe ewig Gloſtar, den 2. April. ihre getreue Freundin und Dienerin M. Jenkins. An Sir Watkin Philipps, Varonet, im Zeſuitenkollegium zu Orford. Mein lieber Philipps! Es liegt mir nichts ſo ſehr am Herzen, als Sie zu über⸗ zeugen, daß es mir unmöglich wäre, unſere im Kollegium geſchloſſene Freundſchaft zu vergeſſen oder zu vernachläßigen; ich beginne ſomit die Korreſpondenz, die wir beim Abſchied einander zugeſagt haben. Ich fange damit früher an, als ich eigentlich im Sinne hatte, damit Sie im Stande ſind, gewiſſe Gerüchte zu zer⸗ ſtreuen, die man in Orford vielleicht zu meinem Nachtheile verbreiten könnte. Es handelt ſich nämlich um eine Ehrenſache, in welche ich wegen meiner Schweſter, die hier eine Zeit lang in Penſion war, verwickelt worden bin. Als ich mit meinem Oheim und meiner Tante(die unſere Vormünder ſind) hier anlangte, fand ich in meiner Schweſter ein hübſches, ſchön gewachſenes Mädchen von ſiebenzehn Jahren, ſehr angenehm von Perſon, aber ungemein treu⸗ herzig und ohne alle Welterfahrung. Dadurch hatte ſie ſich den Liebeserklärungen eines Menſchen— ich weiß nicht, wie ich ihn nennen ſoll— ausgeſezt, der ſie im Theater geſehen hatte und mit ſeltener Gewandtheit und Zuverſichtlichkeit Mittel fand, ihre Be⸗ kanntſchaft zu machen. Durch einen ganz unvermutheten Zufall be⸗ kam ich einen ſeiner Briefe in die Hände Ich hielt es für meine Pflicht, eine Korreſpondenz dieſer Art im Keime zu erſticken und machte mir alſo ſogleich ein Geſchäft daraus, den Liebhaber auf⸗ zuſuchen und ihm frei und unumwunden meine Meinung zu er⸗ klären. Das Männchen fand meine Redeweiſe nicht nach ſeinem Geſchmack und machte ziemlich viel Umſtände. Ob ihm nun freilich ſeine Stellung im Leben(im Vorbeigehen geſagt, ich ſchäme mich, ſeinen Stand zu nennen) kein Recht auf ſonderliche Achtung verlieh, ſo geſtand ich ihm doch, da ſein Betragen Muth verrieth, die Rechte eines Gentlemans zu, und es hätte leicht etwas ge⸗ ſchehen können, wären wir nicht verhindert worden. Kurz und gut, die Sache wurde, ich weiß ſelbſt nicht wie, ruchbar, und machte gewaltiges Aufſehen. Man wandte ſich an den Richter, ich wurde genöthigt, mein Ehrenwort zu geben u. ſ. w., und morgen früh reiſen wir nach Briſtol ab, allwo ich mit umgehender Poſt einen BVrief von Ihnen zu empfangen hoffe. Ich bin hier in eine Familie 10 von lauter Originalen gerathen, die ich Ihnen vielleicht einmal zur Beluſtigung zu beſchreiben verſuchen werde. Meine Tante, Miß Tabitha Bramble, iſt eine Jungfer von fünfundvierzig Jahren, außerordentlich geziert, eitel und lächerlich. Mein Onkel iſt ein ganz eigenthümlicher Kauz, auffahrend und ſo ungefällig, daß ich lieber alle Anſprüche auf ſeine Erbſchaft aufgeben, als lange in ſeiner Geſellſchaft zubringen möchte. Vielleicht mag ihn aber auch blos ſein Podagra ſo ſauer ſtimmen, und wohl möglich, daß er mir bei näherer Bekanntſchaft beſſer gefällt. So viel iſt gewiß, daß ſeine ganze Dienerſchaft und alle ſeine Nachbarn auf dem Lande eigentlich in ihn verliebt ſind, und dieß geht ſogar bis zu einem gewiſſen Grad von Enthuſiasmus, deſſen Grund ich aber vor der Hand nicht begreifen kann. Empfehlen Sie mich den Herren Griffy Price, Gwin, Manſel, Baſſet und allen meinen übrigen Orforder Freunden. Grüßen Sie in meinem Namen die Aufwärterin, deßgleichen die Köchin, und halten Sie meinen armen Ponto gut aus Liebe zu ſeinem alten Herrn, welcher iſt und bleibt Glouceſter, den 2. April. Ihr aufrichtiger Freund und ergebenſter Diener Hieronimus Melford. An Madame Jermyn in Gloureſter. Theuerſte Madame! Da ich keine Mutter mehr habe, ſo hoffe ich, Sie werden mir erlauben, daß ich mein armes Herz gegen Sie ausſchütte, denn Sie find mir ja von dem Aungenblick, da ich unter Ihre Aufſicht geſtellt wurde, beſtändig eine gütige Mutter geweſen. Gewiß, ja gewiß wird meine theuerſte Pflegemama mir glauben, wenn ich Sie verſichere, daß ich niemals einen Gedanken gehegt habe, der anders als tugendhaft geweſen wäre, und wenn Gott mir Gnade ver⸗ leihen will, ſo werde ich mich niemals ſo aufführen, daß die Sorgfalt, die Sie auf meine Erziehung verwendet haben, dem — 11 geringſten Tadel ausgeſezt ſeyn könnte. Ich geſtehe es, aus Mangel an Vorſicht und Erfahrung habe ich gerechte Urſache gegeben, mir böſe zu ſeyn. Ich hätte nicht auf das hören ſollen, was der junge Mann ſagte, und es wäre meine FPflicht geweſen, Ihnen Alles mitzutheilen, was zwiſchen uns vorging; allein ich war zu ſcham⸗ haft, es zu erwähnen, und dann betrug er ſich ſo beſcheiden und ehrerbietig, und ſah ſo melancholiſch und blöde aus, daß ich es nicht über's Herz bringen konnte, etwas zu thun, was ihn unglück⸗ lich machen und in Verzweiflung ſtürzen könnte. Was unſern Um⸗ gang betrifft, ſo betheuere ich Ihnen, daß ich ihm niemals auch nur einen Kuß geſtattet habe; die paar Briefe, die wir gewechſelt, ſind alle in meines Oheims Händen, und ich hoffe, es ſteht nichts darin, was gegen die Unſchuld und Ehre iſt. Ich bin noch immer der feſten Ueberzeugung, daß er nicht iſt, was er zu ſeyn ſcheint; aber die Zeit wird es ſchon lehren. Mittlerweile will ich mich beſtreben, eine Verbindung zu vergeſſen, die meiner Familie ſo höchlich mißfällt. Ich habe noch nicht aufgehört zu weinen und noch nichts genoſſen als Thee, ſeit man mich aus Ihrem Hauſe weggebracht hat; auch habe ich auf dieſer Reiſe in drei Tagen und Nächten kein Auge zugethan. Meine Tante fährt noch immer fort, mich mit vieler Strenge auszuſchelten, ſobald wir allein ſind; ich hoffe ſie jedoch mit der Zeit durch meinen Gehorſam und meine Demuth zu beſänftigen. Der Oheim, der im Anfang fürchterlich zornig war, iſt durch meine Betrübniß und Thränen gerührt wor⸗ den und jetzt voll Zärtlichkeit und Mitleid; auch mein Bruder iſt mir wieder gut, da ich ihm verſprochen habe, allen Briefwechſel mit dem armen jungen Menſchen abzubrechen: aber bei aller ihrer Freund⸗ lichkeit kann ich keinen Frieden finden, bis ich weiß, daß auch Sie, meine theuerſte und verehrteſte Frau Pflegemama, verziehen haben Clifton, den 6. April. Ihrer armen, traurigen, unglücklichen und bis in den Tod treugehorſamſten Dienerin Lydia Melford. 12 An Miß Lätitin Willis in Glouceſter. Meine liebſte Lätty! Ich bin ſo ängßtlich, vb der Vote Jarvis Ihnen mein Schreiben auch richtig überbringt, daß ich Sie ſehr bitte, mir den Empfang deſſelben umgehend zu wiſſen zu thun. Machen Sie Ihre Adreſſe an Jungfer Winifred Jenkins, Kammerjungfer meiner Tante, ein ſeelengutes Mädchen, das mir in meinem Kummer ſo herzliche Theilnahme bewieſen hat, daß ich es zu meiner Vertrauten gemacht habe. Jarvis, der Bote, übernahm den Brief und das Päckchen ſehr ungern, weil ſeine Schweſter Sally meinetwegen beinahe aus dem Dienſte geſchickt worden wäre. Ich kann dem Mann ſeine Vorſicht nicht verübeln, ich habe es aber auch nicht umſonſt von ihm verlangt.— Meine theuerſte Freundin und Geſpielin, es iſt ein ſehr bitterer Zuſatz zu meinem übrigen Unglück, daß ich Ihres angenehmen Umgangs und Ihres freundſchaftlichen Geſprächs zu einer Zeit entbehren muß, da ich des Troſtes Ihrer Munterkeit und Ihres guten Rathes ſo ſehr bedürftig bin; ich hoffe indeß, daß unſere Freundſchaft, die wir in der Schule geſchloſſen, Zeitlebens beſtehen ſoll. Von meiner Seite wenigſtens ſoll ſie mit jedem Tage wachſen und zunehmen, und je mehr ich Erfahrung bekomme, um ſo beſſer werde ich den Werth einer wahren Freundin ſchätzen können. O meine theuerſte Lätty, was ſoll ich Ihnen von dem armen Wilſon ſagen? ich habe verſprochen, allen Verkehr mit ihm abzubrechen und wo möglich ihn zu vergeſſen; allein leider fange ich bereits an, einzuſehen, daß dieß nicht in meinen Kräften ſtehen wird. Da es im höchſten Grade unpaſſend wäre, wenn ich ſein Portrait in Händen behalten wollte, indem noch größeres Unglück daraus entſtehen könnte, ſo ſende ich es Ihnen mit dieſer Gelegen⸗ heit, und bitte Sie, es entweder auf beſſere Zeiten aufzubewahren oder Herrn Wilſon ſelbſt zurückzugeben; denn ich bilde mir wohl ein, daß er ſich alle mögliche Mühe geben wird, Sie an dem 13 gewöhnlichen Ort zu ſprechen. Sollte es ihn betrüben, daß ich ſein Bild zurückſchicke, ſo können Sie ihm ſagen, ich bedürfe keines Portraits, ſo lange das Original noch ſo tief in meiner Seele— aber nicht doch; nein, Sie dürfen es ihm nicht ſagen, weil ich ja allen Verkehr mit ihm abbrechen muß. Seiner eigenen Ruhe wegen wünſche ich, daß er mich vergeſſe; doch nein, er müßte ein Barbar ſeyn, wenn er dieß könnte.— Aber es iſt auch un⸗ möglich, der arme Wilſon kann keinen Augenblick falſch oder unbe⸗ ſtändig ſeyn. Sagen Sie ihm, daß ich ihn bitte, er ſolle mir nicht ſchreiben und ſich auch keine Mühe geben, mich zu ſehen, denn wenn ich den Zorn und die Leidenſchaftlichkeit meines Bruders Hieronimus bedenke, ſo könnte ein ſolcher Verſuch die grauſamſten Folgen haben, die uns alle auf Zeitlebens unglücklich machten. Laſſen Sie uns auf beſſere Zeiten hoffen und was der Zufall oder vielmehr die göttliche Vorſehung thun wird, die gewiß früh oder ſpät dielenigen glücklich macht, welche auf den Pfaden der Ehre und Tugend wandeln.— Ich möchte gern die übrigen Fräuleins meiner Liebe verſichern laſſen, allein es iſt beſſer, wenn ſie gar nicht erfahren, daß ich Ihnen geſchrieben habe.— Wenn wir nach Bath gehen, ſo werde ich Ihnen meine kunſtloſen Bemerkungen über dieſen berühmten Mittelpunkt der Vergnügungen für alles, was feine Lebensart hat, mittheilen, und überhaupt von jedem an⸗ dern Orte aus, den wir beſuchen, ſchreiben. Ich ſchmeichle mir, meine theure Miß Willis wird keinen Brief unbeantwortet laſſen von Clifton, den 6. April. Ihrer aufrichtigen Freundin Lydia Melford. An Vortor Ludwig. Liebſter Ludwig! Ich habe Ihre Arzneien genommen und es geht ziemlich gut; 14 ich könnte am Ende bereits wieder auf den Beinen ſeyn, wenn mir das Wetter erlaubt hätte, mein Reitpferd zu gebrauchen. Letzten Dienſtag Vormittag ritt ich ein Bischen aus auf die Dünen, und die Luft war, ſo weit man ſehen konnte, heiter und wolkenlos aber ich war kaum eine Meile geritten, ſo überfiel mich plötzlich ein Regenſchauer, der mich in drei Minuten bis auf's Hemd durch⸗ näßte. Woher er kam, weiß der Teufel, aber ich glaube, ich werde zwölf Tage lang das Bett hüten müſſen. Die Galle lauft mir über, wenn ich die Leute rühmen höre, was für eine heitere Luft auf den Dünen von Clifton wehe. Wie kann die Luft ange⸗ nehm oder geſund ſeyn, wenn ein verdammter Dunſt den ganzen Tag auf einen herabregnet. Was mir mein Gefangenſeyn noch unerträglicher macht', iſt häuslicher Kummer, der mich von allen Seiten beſtürmt. Meine Nichte hat einen gefährlichen Krankheits⸗ anfall gehabt, den ihr die verdammte Begebenheit in Glouceſter an den Hals gezogen, welcher ich in meinem letzten Schreiben erwähnte. Sie iſt ein gutherziges Ding von einem Mädchen, ſo weich und ſchmelzend wie Butter, aber dabei nichts weniger als dumm; ſie hat im Gegentheil viel Kopf und auch ihre Erziehung iſt nicht vernachläßigt; d. h. ſie kann leſen und ſchreiben, ſpricht franzöſiſch und ſpielt Klavier; dabei tanzt ſie mit Anmuth, hat eine ſchöne Geſtalt und ein recht gutes Herz. Dieſes Herzchen aber iſt ſo weich und empfänglich, ja wahrhaftig ſo zärtlich, daß man ſeine Freude daran haben muß; dabei hat ſie ein ſchmachtendes Auge und liest empfindſame Romane.— Dann iſt ihr Bruder da, der Junker Hieronimus, ein naſeweiſer Hanswurſt, der ſich ſo weiſe dünkt wie ein neugebackener Magiſter und frech iſt wie ein zwölf⸗ jähriger Fähndrich; er trägt die Naſe hoch wie ein deutſcher Graf, und iſt hitzig wie ein Bergſchotte.— Meine Schweſter Tabby, dieſes wunderliche Thierchen, kennen Sie, denke ich, ſo ziemlich. So wahr Gott lebt, ſie iſt oft ſo unerträglich, daß ich denke, der Satan hat ſich in ihr Gebein und Fleiſch verkrochen, um mich für 15 meine Sünden zu quälen, und doch bin ich mir keiner ſo ſchweren Sünden bewußt, um ein ſolches Hiob'ſches Hauskreuz zu verdienen. Bin ich nicht ein Narr, daß ich mir nicht alle dieſe Plagen auf einmal vom Halſe ſchaffe? ich bin ja, Gott ſey Dank, mit Tabby nicht verheirathet und die andern zwei ſind auch nicht meine leib⸗ lichen Kinder. Sie ſollen einen andern Vormund ſuchen; ich für meine Perſon bin nicht im Stand, für mich ſelbſt zu ſorgen, ge⸗ ſchweige denn mich mit ſchwindelköpfigen Knaben oder Mädchen herumzuſchlagen. Sie wünſchen alſo ſehr, zu erfahren, welche Be⸗ wandtniß es mit unſerem Abenteuer zu Glouceſter hat: ich will kurze Worte machen, denn ich hoffe, der Spaß iſt zu Ende. Liddy war ſo lang in einer Penſion eingeſperrt(was nächſt einem Nonnen⸗ kloſter die elendeſte Erziehungsanſtalt iſt, die man für junge Mäd⸗ chen hat erdenken können), daß ſie ſo entzündbar geworden iſt, wie Feuerſchwamm, und als ſie an einem Feiertag im Theater war — bei meiner Seele, ich ſchäme mich, es auszuſchreiben— ver⸗ liebte ſie ſich in einen der Schauſpieler, einen hübſchen jungen Burſchen, der ſich Wilſon nennt. Der Bube merkte bald, daß er Eindruck gemacht hatte, und wußte es ſo einzuleiten, daß er ſie in einem Hauſe, wohin ſie mit ihrer Hofmeiſterin auf eine Taſſe Thee gegangen war, zu ſprechen bekam. So begann eine Bekanntſchaft, die ſie durch Vermittlung einer Schanddirne von Putzmacherin unterhielten, von welcher die Koſtgängerinnen ihre Hüte u. ſ. w. bezogen. Als wir zu Glouceſter anlangten, kam Liddy zu ihrer Tante in's Logis und Wilſon hatte die Magd beſtochen, daß ſie ihr einen Brief einhändigte; aber wie es ſcheint, hatte Hieronimus ſich bei dieſer Magd(er mag ſelbſt wiſſen, auf welche Art) ſo ſehr in Anſehen geſezt, daß ſie ihm den Brief brachte und auf dieſe Art das ganze Geſchichtchen ans Tageslicht kam. Der tolle Burſche ſagte mir kein Wort, ſondern ſuchte ſogleich Wilſon auf, und ich glaube, daß er nicht viel Komplimente mit ihm gewechſelt hat. Der Theaterheld war viel zu romantiſch, um ſich dieß gefallen zu 16 laſſen; er antwortete wie Ritter Roland, und nun erfolgte eine förmliche Forderung. Sie beſchieden einander auf den folgenden Morgen, um den Streit mit Schwert und Piſtolen zu entſcheiden. Ich wußte nichts von dem ganzen Handel, bis Herr Morley Mor⸗ gens vor mein Beit kam und mir ſagte, er beſorge, mein Neffe habe ein Duell vor, denn er habe ihn am Abend vorher ſehr laut und heftig mit Wilſon in ſeiner Wohnung ſprechen hören und nachher ſey er in einen Kaufladen gegangen, um Pulver und Blei zu kaufen. Ich machte mich ſogleich aus dem Bette und als ich nach ihm ſchickte, hieß es, er ſey ſo eben ausgegangen. Nun bat ich Morley, den Friedensrichter herauszuklopfen, damit er amtlich einſchreiten möchte; einſtweilen aber hinkte ich hinter meinem Jun⸗ ker her, den ich von ferne mit großen Schritten nach dem Thore zueilen ſah. Trotz aller Anſtrengungen konnte ich ihn aber nicht einholen, bis unſere beiden Fechter ihr Schlachtfeld eingenommen hatten, und bereits das Pulver auf die Zündpfanne ſchütteten. Zum Glück verſteckte mich ein altes Haus vor ihren Augen, ſo daß ich auf einmal hervortrat, ehe ſie mich gewahr wurden. Die beiden jungen Herren machten ſchiefe Geſichter und ſuchten auf verſchiede⸗ nen Wegen zu entwiſchen; allein in dieſem Augenblick kam Morley mit Gerichtsdienern an, nahm Wilſon in Verwahrung, und Je⸗ romchen folgte ihm ruhig in's Haus des Richters. Ich wußte noch keine Silbe von Allem, was am vorhergehenden Tage vorgefallen war und keine von beiden Partheien wollte etwas geſtehen. Der Richter bemerkte, es ſey höchſt anmaßend und verwegen von Wilſon, ſich gegen einen Edelmann ſo zu vergehen, während er weiter nichts als ein herumſtreichender Komödiant ſey, und drohte, ihn auf der Stelle einſperren zu laſſen. Der junge Burſche brauste gewgltig auf und erklärte, er ſey ebenfalls ein Mann von Ehre und ver⸗ lange als ſolcher behandelt zu werden; mehr aber konnte man nicht aus ihm herausbringen. Man ſchickte nach dem Direktor der Bande, fragte ihn über Wilſon aus, und dieſer ſagte, der junge 17 Mann habe ſich vor ſechs Monaten in Birmingham bei ihm enga⸗ girt, aber niemals ſeine Gage nehmen wollen; er habe ſich jederzeit ſo aufgeführt, daß er die Liebe und Achtung aller ſeiner Bekannten gewonnen und das Publikum ſchätze ihn als einen vortrefflichen Schauſpieler. Beim Lichte beſehen, denke ich, wird es wohl ſo herauskommen, daß er in London irgend Jemand aus der Lehre entlaufen iſt. Der Direktor wollte ſich für die verlangte Summe verbürgen, wenn er ihm ſein Ehrenwort gebe, keine Händel zu ſuchen; allein der junge Amadis ſaß nun einmal auf ſeinem hohen Pferde, und wollte ſich unter keinen Umſtänden die Hände binden laſſen. Auf der andern Seite war mein Gutedel eben ſo eigenſinnig, bis endlich der Richter erklärte, wofern nicht beide Ruhe angeloben, werde er Wilſon ſogleich an eine Arbeit weiſen, bei der ihm das Duelliren ſchon vergehen ſolle. Ich geſtehe, jetzt gefiel mir ſehr, was Hieronimus that; er ſagte, ehe er Hrn. Wilſon ſo ſchimpflich behandeln laſſe, wolle er lieber ſelbſt ſein Ehrenwort geben, die Sache nicht weiter zu treiben, ſo lange ſie in Glouceſter ſeyen. Wilſon dankte ihm für ſein großmüthiges Benehmen und wurde entlaſſen. Als wir nach Hauſe kamen, löste mir mein Neffe das ganze Räthſel, und ich muß geſtehen, daß ich gewaltig in Hitze gerieth. Liddy ward von der wilden Katze, meiner Schweſter Tabby, verhört und weidlich ausgeſchimpft; ſie fiel zuerſt in Ohnmacht, nachher aber geſtand ſie unter einer Fluth von Thränen alle einzelne Umſtände ihres Liebeshandels und lieſerte zugleich drei Briefe aus, welche Alles waren, was ſie von ihrem Anbeter empfangen hatte. Den letzten, den Hieronimus auffing, lege ich hier bei und wenn Sie ihn geleſen haben, werden Sie ſich nicht mehr wundern, daß der Verfaſſer ſo viel Raum im Herzen eines einfältigen Mädchens gewinnen konnte, das mit den Menſchen und ihren Ränken gänzlich unbekannt iſt. Ich hielt es nun für die höchſte Zeit, ſie von einer ſo gefährlichen Vekanntſchaft zu entfernen und führte ſie gleich am andern Tage nach Briſtol; aber das arme Kind war durch unſer Smollet's Romane. XIII. 2 18 Drohen und Schelten dermaßen erſchreckt und niedergeſchlagen, daß es am vierten Tage nach unſerer Ankunft in Elifton krank wurde und eine ganze Woche ſo übel daran war, daß man an ihrem Aufkommen verzweifelte. Erſt geſtern erklärte Dr. Rigge, daß ſie außer Gefahr ſey. Sie haben keinen Begriff davon, wie mir die Unvorſichtigkeit des armen Mädchens, aber noch vielmehr die Furcht, ſie zu verlieren, zugeſetzt hat. Die Luft iſt hier unerträglich kalt und der Ort nicht viel beſſer als eine Einöde. Jedesmal, ſo oft ich zur Quelle gehe, komme ich mit dem niedergeſchlagenſten Her⸗ zen zurück, denn ich finde da nichts als ein halb Dutzend arme ausgemergelte Geſchöpfe mit geſpenſtiſchen Augen auf der tiefſten Sproſſe der Schwindſucht, die alle ihre Kräfte zuſammenraffen, um den Winter vollends zu überleben, und gerade ausſehen wie manche ausländiſche Gewächſe in einem Treibhauſe; ſie werden indeß aller Wahrſcheinlichkeit nach in ihre Gräber hinabſinken, ehe die Sonne Kraft genug bekommt, die Strenge dieſes unfreundlichen Frühlings zu mildern. Wenn Sie mir das Waſſer zu Bath für zuträglich halten, ſo will ich dahin gehen, ſobald meine Nichte das Fahren ertragen kann. Sagen Sie doch Barns, daß ich ihm für ſeinen Rath danke, denſelben aber nicht befolgen wolle. Wenn Davis den Pacht von ſelbſt aufzugeben Luſt hat, ſo ſoll ihn der andere haben: aber ich bin ſchon zu alt, als daß ich jetzt erſt an⸗ fangen ſollte, meine Pächter deßwegen zu drücken, weil ſie arme Schlucker ſind und ihre Termine nicht regelmäßig einhalten können⸗ Ich wundere mich, wie Barns mir eine ſolche Härte zutrauen konnte. Higgins iſt freilich ein offenbarer Wilddieb und ein frecher, unverſchämter Schlingel, daß er ſich ſogar in meinen eigenen Wild⸗ garten wagt, doch glaubte er ohne Zweifel, zum al während meiner Abweſenheit, einiges Recht auf ſeinen Antheil an dem zu beſitzen, was die Natur zum allgemeinen Gebrauch beſtimmt zu haben ſcheint. Sie mögen ihn in meinem Namen bedrohen, ſo lang Sie wollen, und im Wiederholungsfalle laſſen Sie mich's zuerſt wiſſen, 19 ehe Sie klagend auftreten. Ich weiß, Sie ſind ſelbſt ein großer Jagdliebhaber und möchten gern manchmal Ihren Freunden eine Freude machen; ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, daß meine Wäl⸗ der ganz zu Ihren Dienſten ſtehen; aber es kann nöthig ſeyn, Ihnen den Wink zu geben, daß ich mehr für meine Flinte fürchte, als für mein Wild. Wenn Sie einige Paar Rebhühner erübrigen können, ſo ſchicken Sie mir ſolche mit der nächſten Poſt und ſagen Sie der Gwillim, ſie habe vergeſſen, meine Flanelle und meine weiten Filzſchuhe in den Mantelſack zu packen. Ich werde Sie nach alter Gewohnheit von Zeit zu Zeit mit meinen Briefen heim⸗ ſuchen, bis Sie es endlich, wie ich nicht zweifle, müde werden, länger zu korreſpondiren mit Clifton, den 17. April. Ihrem aufrichtigen Freunde M. Bramble. An Miß Uydia Melford. Miß Willis hat mir das Todesurtheil geſprochen! Sie reiſen hinweg, geliebteſtes Fräulein! Man führt Sie fort von hier und ich weiß nicht wohin! Was ſoll ich anfangen? Wohin ſoll ich mich wenden um Troſt für mein Herz? Ich weiß nicht, was ich ſage.— Die ganze Nacht durch wurde ich in einem Meer von Zweifeln und Befürchtungen, Ungewißheit und Angſt hin und her geworfen, außer Stands, zwei Gedanken hinter einander zu denken, geſchweige denn irgend einen Plan für mein künftiges trauriges Leben zu machen. Ich wäre faſt in Verſuchung, zu wünſchen, daß ich Sie nie geſehen hätte, oder daß Sie weniger liebenswürdig und weni⸗ ger mitleidig mit Ihrem armen Wilſon geweſen ſeyn möchten; und doch wäre es abſcheuliche Undankbarkeit von mir, einen ſolchen Wunſch zu thun; denn wie unendlich viel bin ich nicht Ihrer himm⸗ liſchen Güte ſchuldig! Mit welch unnennbarem Entzücken hat nicht 20 Ihre Engelsmilde mein Herz erfüllt! Gütiger Gott, nie habe ich Ihren Namen ausſprechen gehört, ohne daß mein Herz hoch aufjauchzte vor Freude. Die entfernteſte Hoffnung, Ihrer Geſell⸗ ſchaft gewürdigt zu werden, füllte meine ganze Seele mit wonne⸗ voller Unruhe. Wenn die Zeit herannahte, ſchlug mein Herz mit ver⸗ doppelten Schlägen, und jede Nerve zitterte vor heftiger, freudiger Erwartung: aber wenn ich mich nun wirklich in Ihrer Geſellſchaft befand, wenn ich Sie ſprechen hörte, wenn ich Ihr Lächeln ſah, Ihre zauberiſchen Augen huldreich auf mich gerichtet erblickte, da drängte ſich in meine Bruſt ein ſolcher Tumult von Wonne, daß ich durchaus unvermögend war, meine Empfindungen auszuſprechen, und meine Freude himmliſcher Verzückung glich. Ermuthigt durch Ihre holdſelige Freundlichkeit, wagte ich es, die Gefühle meines Herzens zu ſchildern. Sie haben meine Anmaßung nicht mit Un⸗ willen zurückgewieſen. Sie waren nicht unempfindlich für meine Leiden und gaben mir die Erlaubniß, zu hoffen. Sie dachten günſtig, vielleicht zu günſtig von dem, was ich wirklich ſey— gewiß iſt es, daß ich in der Liebe kein Komödiant bin— ich rede die Sprache meines eigenen Herzens, wie mich ſolche die Natur lehrt, nicht eine vorgeſchriebene Rolle. Aber in dieſem Herzen iſt noch etwas, das ich Ihnen nicht entdeckt habe. Ich ſchmeichelte mir— doch ich will— ich darf nichts weiter ſagen. Theuerſte Miß Liddy! Um des Himmels willen, ſinnen Sie doch wo möglich auf ein Mittel, daß ich Sie noch einmal ſprechen kann, bevor Sie Glouceſter verlaſſen; ſonſt weiß Gott was— doch ich merke, mein Verſtand wird mir ſchon wieder ungetreu.— Ich will mich be⸗ ſtreben, dieſe harte Prüfung mit Standhaftigkeit zu ertragen. So lange mich meine Sinne nicht verlaſſen und ich mir Ihrer Zärt⸗ lichkeit und Treue bewußt bin, habe ich wahrhaftig keine Urſache, zu verzweifeln. Gleichwohl drückt mich ein tiefer Schmerz zu Boden. Es iſt mir, als ob die Sonne mir ihr Licht verweigerte, als ob ein düſteres Gewölke über meinem Haupte hinge, als ob — 21 ein Zentnergewicht auf meiner Bruſt läge. So lange Sie noch hier ſind, werde ich unaufhörlich ſehnſuchtsvoll um Ihre Wohnung herum ſchweifen, wie man ſagt, daß abgeſchiedene Seelen um das Grab ſchweben, worin ihr ſterblicher und geliebter Lebensgefährte verſcharrt liegt. Ich weiß, wenn es Ihnen irgend möglich iſt, werden Sie Ihrer Menſchlichkeit— Ihrem Mitleid— darf ich hinzuſetzen: Ihrem liebevollen Herzen?— Gehör geben und die faſt unerträglichen Qualen zu lindern ſuchen, welche das Herz Ihres tiefbetrübten Wilſon zermartern. Glouceſter, den 31. März. An Sir Watkin Philippo, Varonet, im Jeſuitenkollegium zu Orford. Clifton, den 18. April. Sie dürfen ſich darauf verlaſſen, lieber Philipps, daß ich un⸗ ſerem Manſel ſeine Erfindung und Schwätzerei, als habe ich in Glouceſter mit dem Hanswurſt eines Marktſchreiers Händel gehabt, gehörig ins Wachs drücken werde. Indeſſen habe ich zu viel Re⸗ ſpekt für Alles, was witzig iſt, als daß ich mich auch über die niedrigſte Poſſenreißerei ärgern könnte, und ſo hoffe ich, Manſel und ich werden immerhin gute Freunde bleiben. Gleichwohl kann ich nicht gut dazu ſehen, daß er meinen armen Ponto erſäuft hat, nur um einen Ovidiſchen Pleonasmus in ein witzelndes Epitaphium zu verwandeln: Deerant quoque littora Ponto. Denn daß er ihn blos der Flöhe wegen in die Iſis geworfen hat, als ſie ſo hoch und ſo reißend war, dieſe Entſchuldigung iſt nichts weniger als waſſerdicht. Doch ich überlaſſe den armen Ponto ſeinem Schickſal und hoffe, die Vorſehung hat Manſel für einen trockeneren Tod aufgeſpart. Da hier beim Brunnen ſchlechterdings Nichts iſt, was auf das Prädikat Geſellſchaft Anſpruch machen könnte, ſo fange ich 22 recht eigentlich an zu verbauern. Indeß habe ich wenigſtens Muße genug, die Sonderbarkeiten im Charakter meines Oheims wahrzu⸗ nehmen, die Ihre Neugierde erregt zu haben ſcheinen. So viel kann ich ſagen, daß ſeine Gemüthsart und die meinige, die ſich Anfangs wie Eſſig und Oel gegenſeitig abſtießen, nunmehr durch fleißiges Quirlen ſich zu vermiſchen begonnen haben. Früher war ich geneigt, ihn für einen vollſtändigen Cyniker zu halten, der ſich blos durch ſeine eigenen Bedürfniſſe beſtimmen laſſe, länger in der Geſellſchaft auszudauern. Jetzt bin ich anderer Meinung. Ich denke, ſein mürriſches Weſen rührt theils von körperlichen Schmer⸗ zen, theils von einer ihm angebornen allzugroßen Empfindlichkeit her; denn meiner Anſicht nach können ſowohl Seele als Leib mit gar zu ſcharfer Reizbarkeit ausgeſtattet ſeyn. Vor einigen Tagen hatte ich meine eigene Luſt an einer Unter⸗ redung, die er im Brunnenſaale mit dem weltberühmten Doctor L.führte, welcher jeden Tag herbeiſtürmt und nach Patienten haſcht. Mein Oheim beklagte ſich über den Geſtank in Folge des vielfachen Schlamms und Moders, den der Fluß bei niedrigem Waſſer unter den Fenſtern des Brunnenſaales zurückläßt. Er be⸗ merkte, die Ausdünſtungen von ſolchem Unrath müſſen offenbar nachtheilig auf die Lungen der vielen Schwindſüchtigen wirken, die hieher kommen, um den Brunnen zu brauchen. Der Doctor, der dieſe Aeußerung von Ferne hörte, kam auf ihn zu und verſicherte ihn, er irre ſich. Er ſagte: die Menſchen im Allgemeinen laſſen ſich von ſo vielen Vorurtheilen blenden, daß alle Philoſophie kaum im Stande ſey, ſie zu enttäuſchen. Sofort begann er nach drei⸗ maligem Räuſpern mit der lächerlichſten Ernſthaftigkeit im Geſicht eine gelehrte Abhandlung über die Natur des Geſtanks. „Stinken,“ ſagte er,„bedeute Nichts mehr und Nichts weniger als einen ftarken Eindruck auf die Geruchsnerven, und man könne dies Wort auf Subſtanzen der entgegengeſetzteſten Art anwenden; in der holländiſchen Sprache z. B. ſage man Stinken ſowohl von dem 23 lieblichſten Dufte, als von dem widrigſten Geruche, wie aus der Van Vloudel'ſchen Neberſetzung des Horaz bei der ſchönen Ode Quis multa gracilis etc. zu erſehen, da er die Worte liquidis perfusus odoribus alſp gegeben: van civet et moschata ge- stinken. Ueberdies ſeyen toto coelo die Anſichten vom Geruch verſchieden, und der Begriff davon eben ſo ſchwankend, wie der von Schönheit: die Franzoſen hauchen die Ausdünſtungen des in den Körpern der Thiere deſtillirten Waſſers mit Wolluſt ein, eben ſo die Hottentotten in Afrika und die Wilden in Grönland; die Jeger auf der Küſte von Senegal berühren einen Fiſch nicht eher, als bis er in Fäulniß übergegangen ſey; lauter gewichtige Gründe für das, was man gemeiniglich Geſtank zu nennen pflege, da dieſe Nationen im Stande der Natur leben, nicht verderbt durch Veppigkeit, nicht verführt durch Vorurtheil und Eigendünkel. Er habe Gründe zu glauben, daß der ſterkoriſche Duft, den das Vor⸗ urtheil als Geſtank verabſcheue, in der That und Wahrheit den Geruchsorganen am allerangenehmſten ſey; denn Jedermann, der ſich ſtelle, als eckle es ihm vor dem Geruch des Auswurfs einer andern Perſon, rieche ſeinen eigenen mit ganz beſonderem Wohl⸗ gefallen, und das werden ihm alle die Damen und Herren, die zugegen ſeyen, bezeugen.“ Ferner ſagte er:„Die Einwohner von Madrid und Edinburgh finden ein außerordentliches Vergnügen arin, ihre eigene Atmoſphäre einzuziehen, die beſtändig mit ſter⸗ kwiſchen Ausdünſtungen geſchwängert ſey. Der gelehrte Doctor B.. erkläre in ſeiner Abhandlung von den vier Digeſtionen, auf was Art die volatiliſchen effluvia der intestinorum die Wir⸗ kungn und Thätigkeiten der animaliſchen Oekonomie reizen und beförtern. Ja, der verſtorbene Großherzog von Toscana, aus dem Hauſe Medicis, ein Mann, der mit philoſophiſchem Scharfſinn über di ſinnlichen Lüſte rafſinirt, habe an dieſem Geruch ſo viel Geſchmat gefunden, daß er aus dem Unrath eine Eſſenz ziehen laſſen unt ſich derſelben als des lieblichſtenRiechwaſſers bedient habe; er ſelbſt(der Doctor), wenn er niedergeſchlagen oder von vieler Arbeit erſchöpft ſey, finde unmittelbare Hülfe und ein außer⸗ ordentliches Vergnügen darin, wenn er ſich über den angehäuften Schatz eines Nothſtuhls beuge, und ſeinen Bedienten den Vorrath unter ſeiner Naſe umrühren laſſe, auch dürfe man ſich über dieſe Wirkungen nicht wundern, wenn man bedenke, daß dieſe Subſtanz eine Menge von eben dem volatiliſchen Salze enthalte, welches die allerdelikateſten kranken Damen und Herren, nachdem es von den Chemikern extrahirt und ſublimirt worden, ſo außerordentlich gern riechen.“ Hier fing die Geſellſchaft nachgerade an, ſich die Naſen zuzuhalten, allein der Doctor nahm nicht die mindeſte Notiz von dieſem Signal, ſondern fuhr fort zu demonſtriren, daß manche ſtinkende Subſtanzen nicht nur angenehm, ſondern auch heilſam ſeyen, wie z. B. die assa foetida und andere mediziniſche Gummi, Harze, Wurzeln und Kräuter; der verbrannten Federn, Lohgerber⸗ gruben, Lichtſchneuzen u. ſ. w. gar nicht zu gedenken. Kurz und gut, er brauchte viele gelehrte Argumente, um ſeinem Publikum den Sinn des Geruchs abzuſchwatzen, und vom Geſtank ging er zur Fäulniß über, was nach ſeiner Behauptung ebenfalls eine irrig verſtandene Idee ſey, denn alle Dinge, die man verfault zu nennen pflege, ſeyen nichts anderes als eine gewiſſe Modifikation der Materie, beſtehend aus den Principien, woraus alle erſchaffene Weſen, welche Namen ſie führen mögen, zuſammengeſetzt ſeyer; ein Philoſoph ziehe in den allerverfaulteſten Produkten der Naur nichts anderes in Betracht, als die Erde, das Waſſer, das Salz und die Luft, woraus ſie zuſammengeſetzt ſeyen; er für ſeinen Lheil trinke eben ſo gerne ein Glas faules Pfützenwaſſer, vorausgeſetzt, daß es in concreto nichts Giftiges enthalte, als ein Glas von dem wahren Geſundbrunnen. Sodann wandte er ſich an meinen Oheim: „Sir,“ ſagte er,„Sie ſcheinen einen Anſatz zur Waſſenucht zu haben und vermuthlich werden Sie bald eine förmliche weites be⸗ kommen: ſollte ich dabei ſeyn, wenn man Sie abzapft, o will ich 25 Ihnen einen ſchlagenden Beweis von der Wahrheit meiner Be⸗ hauptung geben, indem ich ohne alles Bedenken das Waſſer trin⸗ ken werde, das aus Ihrem Abdomen kommt.“— Die Damen machten bei dieſer Verſicherung ſehr verzerrte Geſichter, und mein Oheim, der leichenblaß wurde, ſagte ihm, er verlange keinen ſol⸗ chen Beweis von ſeiner Philoſophie.„Uebrigens,“ fügte er hinzu, „möchte ich doch wiſſen, wie Sie auf den Gedanken kommen, ich habe einen Anſatz zur Waſſerſucht 26—„Ich bitte um Verzeihung, Sir,“ erwiederte der Doetor,„ich ſehe, daß Ihre Knöchel geſchwollen ſind, und Sie ſcheinen mir die facies leucophlegmatica zu haben. Ihre Krankheit kann freilich auch ödematiſch, podagriſch oder gar die lues venerea ſeyn; wenn Sie einige Hoffnung haben, daß es die letzte ſey, Sir, ſo übernehme ich die Kur mit drei kleinen Pillen, und ſollte das Uebel noch ſo tief eingewurzelt ſeyn. Es iſt dieß ein arcanum, das ich mit vieler Mühe und Arbeit erfunden und präparirt habe. Erſt kürzlich habe ich in Briſtol ein Weibsbild curirt, eine gemeine Metze, Sir, welche alle die ſchlimmſten Zu⸗ fälle dieſer Seuche am Halſe hatte, nodi, tophi, gummata, ver- rucae, cristae galli und einen ſerpiginöſen Ausſchlag, oder viel⸗ mehr eine Pockenkrätze über den ganzen Leib. Sie hatte kaum die zweite Pille verſchluckt, Sir, ſo war ihre Haut ſchon wieder ſo glatt als meine Hand, und die dritte machte ſie ſo geſund und friſch, wie ein neugebornes Kind.“—„Sir,“ rief mein Oheim ärger⸗ lich,„ich habe keinen Grund mir zu ſchmeicheln, daß mein Uebel und Ihr arcanum für einander gemacht ſind. Allein die Patientin, von der Sie ſprechen, iſt vielleicht noch nicht ſo gründlich curirt, wie Sie ſich einbilden.“—„Ich kann mich unmöglich irren,“ erwie⸗ derte der Philoſoph,„denn ich habe dreimal die Probe mit ihr gemacht. Das iſt immer ſo meine Art, wie ich mich der Gene⸗ ſung verſichere.“ Bei dieſer Bemerkung huſchten ſämmtliche Damen in eine andere Ecke des Saals und einige fingen an zu ſpeien. Mein Onkel dagegen, ſo ſehr er ſich im Anfang über die Behaup⸗ 26 tung des Doctors, daß er waſſerſüchtig ſey, geärgert hatte, konnte ſich doch bei dieſem drolligen Bekenntniſſe eines Lächelns nicht ent⸗ halten, und ſagte zu dem Original, um ihm das Leid heimzu⸗ geben, er habe da eine Warze auf der Naſe, die ein bischen ver⸗ dächtig ausſehe.„Ich kann mich zwar,“ fügte er hinzu, nicht als einen beſondern Kenner rühmen, aber ich habe doch ſchon gehört, daß dieſe Krankheit Warzen treibt, und dieſe Warze da ſcheint gerade vom Schlußſtein der Brücke Beſitz genommen zu haben, von der ich nicht hoffen will, daß ſie in Gefahr iſt, einzuſtürzen.“ L. ſchien über dieſe Bemerkung ein wenig ſtutzig, und ver⸗ ſicherte, es ſey nichts anders als ein ganz gewöhnlicher Auswuchs der cuticula, das Naſenbein darunter aber ſey vollkommen geſund; er könne ſich ſogleich davon überzeugen, wenn er es nur anrühren wolle. Mein Oheim ſagte, es ſey eine kitzliche Sache, Jemanden bei der Naſe zu nehmen, er ſelbſt wenigſtens würde ſich dieſe Ehre verbitten. Nun wendete ſich der Doctor an mich mit der Bitte, ihm den Gefallen zu erzeigen. Ich erfüllte ſeinen Wunſch, und zwar mit einer ſolchen Derbheit, daß er nießen mußte und ihm die hellen Thränen über die Backen liefen, zur nicht geringen Beluſtigung der Geſellſchaft, und beſonders meines Oheims, der zum erſten Mal, ſeit ich bei ihm bin, ein lautes Gelächter auf⸗ ſchlug, und dabei bemerkte, es ſcheine doch, als ob der Theil da beſonders zart ſey.„Sir,“ rief der Doctor,„dieß iſt allerdings von Natur ein ſehr zarter Theil, allein um Ihnen alle Möglichkeit zu einem Zweifel zu benehmen, will ich die Warze noch heute Abend wegſchaffen.“ Mit dieſen Worten verbeugte er ſich ſehr feierlich rund herum gegen Alle, ging nach Hauſe und machte ſich voll Unwillen über die Warze her; allein ſie breitete ſich dergeſtalt aus, daß ſie eine anſehnliche Entzündung hervorbrachte, wozu ſich noch eine ungeheure Geſchwulſt geſellte. Als er ſich nun das nächſte Mal wieder blicken ließ, ſiehe, da war ſein ganzes Angeſicht von dieſer furchtbarſten 27 ⸗ aller Naſen überſchattet, und der jammervolle, leidenſchaftliche Ton, womit er dieſen unglückſeligen Zufall erzählte, machte uns allen tauſend Spaß. Es freute mich ſehr, das Urbild von einem Charakter anzutreffen, über den Sie und ich ſchon ſo oft in der Beſchreibung gelacht haben, und was mich allein wundert, iſt, daß die Farben in dem Gemälde, das man von ihm gemacht, eher zu ſchwach als zu ſtark aufgetragen waren. Da ich noch allerhand zu ſagen habe, dieſer Brief aber be⸗ reits bis zu einer gewiſſenloſen Länge angewachſen iſt, ſo will ich Ihnen jetzt ein Bischen Ruhe vergönnen, und erſt bei der nächſten Poſt wieder beſchwerlich fallen. Sehr freuen ſoll es mich, wenn Sie dieſe doppelten Streiche recht bald wieder heimgeben Ihrem H. Melford. An denſelben. Bei der heißen Quelle, den 20. April. Mein lieber Freund! So eben ſetze ich mich an mein Schreibepult, um die Dro⸗ hung am Schluß meines Letzten auszuführen. Ehrlich geſtanden, ich bin mit einem Geheimniſſe ſchwanger und ſehne mich nach der Entbindung. Es betrifft meinen Vormund, den wir, wie Sie wiſſen, jetzt hauptſächlich im Auge haben. Vor einigen Tagen meinte ich ihn auf einem Nebenwege des ſchwachen Fleiſches ertappt zu haben, der ſich für ſein Alter und ſeinen Charakter durchaus ſchlecht ziemen würde. Es iſt ein ſitt⸗ ſames Weibchen hier, nicht unangenehm von Perſon, die alle Tage nach der Quelle kommt, und ein armes, ausgezehrtes Kind mit ſich bringt, dem die Schwindſucht am Leben nagt. Mehrmals hatte ich meines Onkels Augen mit einem bedeutenden Ausdruck im Blicke auf dieſe Perſon geheftet gefunden, und ſo oft er merkte, daß man ihn beobachtete, wandte er ſich heftig und ſichtlich betre⸗ 28 ten von ihr ab. Ich beſchloß, ihn etwas genauer in's Auge zu faſſen und ſah ihn in einem Winkel auf der Promenade heimlich mit ihr ſprechen. Endlich, als ich eines Tages nach der Quelle ging, begegnete ich ihr auf halbem Weg des Hügels von Cliſton und konnte mich des Verdachts nicht erwehren, ſie werde verab⸗ redeter Maßen nach unſerm Hauſe gehen, denn es war gerade Ein Uhr, die Zeit, wo meine Schweſter und ich gewöhnlich im Brun⸗ nenſaal ſind. Dieſer Gedanke erregte meine Neugier, ich ging auf einem Umweg zurück und gelangte unbemerkt in mein Zimmer, das zunächſt an dem von meinem Oheim iſt. Die Frau war wahrhaftig hereingeführt worden, aber nicht in ſein Schlafgemach; er ertheilte ihr in einem Beſuchszimmer Audienz. Ich mußte alſo meinen Poſten verlaſſen und zum Glück fand ich in der Wand des Verſchlags eine Ritze, durch welche ich ſehen konnte, was vor⸗ ging. Mein Oheim, obgleich ein wenig lahm, ſtand dennoch auf, als ſie hereintrat, bot ihr einen Stuhl und erſuchte ſie, ſich zu ſetzen. Hierauf fragte er ſie, ob ihr eine Taſſe Chocolade beliebe, was ſie aber mit vielem Danke ablehnte. Nach einer kurzen Pauſe ſagte er mit gedämpfter Stimme, die mich nicht wenig beunru⸗ higte„Madame, Ihr Unglück geht mir ſehr zu Herzen; kann ich Ihnen mit dieſer Kleinigkeit einen Dienſt erweiſen, ſo bitte ich Sie, ſie ohne alle Umſtände von mir anzunehmen.“ Mit dieſen Worten ſteckte er ihr ein Stückchen Papier in die Hand, welches ſie ganz zitternd eröffnete und dann wie außer ſich rief:„Zwanzig Pfund, o Herr!“ Hierauf fiel ſie auf ein Kanapee und ward ohn⸗ mächtig. In größter Angſt hierüber wagte es mein Oheim nicht, um Hülfe zu rufen, damit dieſe Situation keine nachtheiligen Muthmaßungen veranlaſſen möchte, ſondern lief wie ein Verzwei⸗ felnder im Zimmer herum und ſchnitt fürchterliche Geſichter. Zu⸗ letzt beſann er ſich doch ſo weit, daß er ihr ein wenig Waſſer in's Geſicht ſpritzte, wodurch ſie wieder zu ſich kam. Nun aber brach ihre Empfindung auf eine andere Art hervor. Sie vergoß einen 29 Strom von Thränen und rief laut:„Ich weiß nicht, wer Sie ſind, aber gewiß— würdiger Herr!— großmüthiger Herr!— mein Jammer und der Jammer meines ſterbenden Kindes!— O wenn die Gebete der Wittwe, wenn die Thränen der Dankbarkeit im Auge der Waiſe einigen Werth haben— barmherziger Grott, gieße deine beſten Segnungen herab auf—“ Hier unterbrach ſie mein Oheim mit einer Stimme, die immer ängſtlicher wurde.— „Um's Himmelswillen, ſeyen Sie doch ruhig, Madame— bedenken Sie doch— die Leute im Hauſe— zum Henker auch, können Sie nicht..“— Sie bemühte ſich, vor ihm auf die Kniee zu fallen, allein er hatte ſie bei den Händen gefaßt und ſuchte ſie auf das Kanapee zu ſetzen, indem er ſagte:„Ich bitte— laſſen Sie doch— machen Sie nicht ſo viel Aufhebens.“— Wer mußte in dieſem Augenblick in's Zimmer ſtürzen? die vortrefflichſte Tante Tabby, die teufliſchſte, eigenfinnigſte von allen alten Jungfern. Sie muß nun einmal in Alles ihre Naſe ſiecken, und da ſie die Frau in's Haus hatte kommen ſehen, ging ſie ihr bis an die Thüre nach, allwo ſie ſich auf's Horchen legte, aber wahrſcheinlich nichts deutlich hörte, als die letzten Ausrufungen meines Oheims, und nun ftürzte ſie in der heftigſten Wuth, die ihre Naſe purpur⸗ roth färbte, in's Zimmer herein und ſchrie:„Pfui, ſchäme Dich, Matthias, was ſind das für Sachen? Wie kannſt Du Deinen guten Namen ſo in die Schanze ſchlagen und deine Familie be⸗ ſchimpfen?«“— Hierauf riß ſie der fremden Frau die Banknote aus der Hand und fuhr fort:„Da ſeh' mir einer, zwanzig Pfund! Ja, das iſt eine teufliſche Verſuchuug.— Gute Frau, gehen Sie immerhin ihres Weges.— Bruder, Bruder, ich weiß nicht, wor⸗ über ich mich mehr wundern ſoll, über Deine laſterhaften Begierden oder über Deine Verſchwendung.“—„Gütiger Gott,“ rief die arme Frau,„ſoll der Name eines vortrefflichen Mannes wegen einer Handlung leiden, die der Menſchheit Ehre macht?“ Nun brach auch der Unwille meines Oheims wirklich los. Sein Geſicht ward 30 bleich, ſeine Zähne klapperten und ſeine Augen funkelten.„Schwe⸗ ſter,“ rief er mit Donnerſtimme,„bei Gott, Du treibſt Deine Unver⸗ ſchämtheit zu weit!“ Mit dieſen Worten nahm er ſie beim Arm, öffnete eine MWittelthüre und ſtieß ſie in die Kammer, wo ich ſtand, ſo gerührt von dem Auftritte, daß mir die Thränen über die Wangen floßen. Als ſie dieſe Zeichen von Gemüthsbewegung er⸗ blickte, ſagte ſie:„Es wundert mich nicht, daß ich Dich über die Schlangenwege eines ſo nahen Verwandten betrübt ſehe; ein Mann von ſeinen Jahren, ſo kränklich und dabei dieſe ſaubere Auffüh⸗ rung; wahrhaftig, ein herrliches Beiſpiel, das der Vormund ſei⸗ nen Mündeln gibt, ſich daran zu ſpiegeln. Abſcheulich! Entſetzlich! Goitverdammt!“ Ich dachte laſſen.„Was willſt Du mir da weiß machen?« ſagte ſie,„willſt Du mir meine fünf Sinne abdisputiren?2 Habe ich ihn nicht flü⸗ ſtern hören: ſie ſolle doch nicht ſo viel Aufhebens machen? Habe ich ſie nicht weinen geſehen; habe ich nicht geſehen, wie er ſie mit Gewalt auf's Kanapee werfen wollte? O der garſtige, ſchändliche, abſcheuliche Menſch! Kind, Kind, ſag mir nur nichts von chrißllicher Liebe. Wer gibt zwanzig Pfund aus chriſtlicher Liebe2 Doch Du biſt noch ein einfältiges Bürſch⸗ chen, was weißt Du, wie es in der Welt zugeht? ueber⸗ dieß fängt die chrißtliche Liebe im eigenen Hauſe an. Für zwanzig Pfund hätte ich ein geblümtes Atlaskleid ſammt Garnitur, Schneiderlohn und allem haben können.“ Kurz, ich ging aus dem Später habe ich erfahren, daß die Frau, die mein Oheim ſo großmüthig unterſtützte, die Wittwe eines Fähndrichs iſt, die auf der ganzen Welt nichts beſitzt, als einen Gnadengehalt von fünfzehn Pfund jährlich. Jedermann in Clifton ſpricht mit der größten 31 Achtung und Theilnahme von ihr. Sie bewohnt ein kleines Dach⸗ kämmerlein und näht ſehr fleißig, um ihr Töchterchen zu unterhalten, das langſam an der Schwindſucht ſtirbt. Ich muß zu meiner Schande geſtehen, ich habe große Luſt, dem Beiſpiele meines Oheims zu folgen, und dieſer armen Wittwe Gutes zu thun; aber, im Ver⸗ trauen geſagt, ich fürchte, man möchte dieſe Schwachheit entdecken, und das könnte bei der Geſellſchaft ſehr lächerlich machen Ihren ergebenſten . H. Belford. P. S. Ihren nächſten Brief an mich addreſſiren Sie nach Bath und grüßen Sie alle Bekannten. An Dortor Ludwig. Bei der heißen Quelle, den 20. April Ich verſtehe Ihren Wink, mein lieber Doctor. Die Arzneikunſt hat ebenfalls ihre Geheimniſſe, wie die Religion, und den Pro⸗ fanen iſt es nicht erlaubt, einen Blick darein zu thun. Man muß nicht verwegenerweiſe ſeiner Vernunft Gehör geben, wenn man nicht alle Kategorien ſtudirt hat und ſeine Logik an den Fingern herſagen kann. Im Vertrauen geſagt, ich bin der Meinung, ein Mann, der nicht gerade auf den Kopf gefallen iſt, ſollte in meinem Alter ſchon ſo viel von der Medizin und dem Rechte wiſſen, als er für ſeine eigene Geſundheit und ſein Eigenthum braucht. Ich meines Theils habe jetzt vierzehn Jahre lang in mir ſelbſt ein Spital gehabt und mit der ängſtlichſten Aufmerkſamkeit meinen Fall ſtudirt; folglich ſollte man mir wohl zutrauen, daß ich etwas von der Sache verſtehen müſſe, obgleich ich kein ordent⸗ liches Kollegium über Phyſiologie u. ſ. w. gehört habe. Kurz und gut(Sie dürfen es mir aber nicht übel nehmen, lieber Doc⸗ tor), ich bin ſeit einiger Zeit auf den Gedanken gekommen, daß die Summe aller mediziniſchen Entdeckungen ſo weit geht, daß, je mehr Ihr Herren ſtudiret, je weniger Ihr wiſſet. Ich habe Alles 32 geleſen, was über die warmen Geſundbrunnen geſchrieben iſt, und das Geſammtreſultat ſcheint mir zu ſeyn, daß das Waſſer nichts Anderes enthält, als ein Bischen Salz, welchem Kalkerde beige⸗ miſcht iſt, aber in einem ſo geringen Verhältniß, daß es nür we⸗ nig oder gar keine Wirkung auf die animaliſche Oekonomie haben kann. Da dieß nun der Fall iſt, ſo verdient meines Erachtens derjenige eine Schellenkappe, der um eines ſo lumpigen Vortheils willen, wie ihm dieſe Quelle bringen kann, ſeine koſtbare Zeit hinopfert, ſtatt ſie zu wirkſameren Mitteln zu gebrauchen, und ſich hier dem Koth, dem Geſtank, ſo wie den ſchneidenden Winden und dem unaufhörlichen Regen ausſetzt, die mir den Aufent⸗ halt unausſtehlich machen. Wenn das hieſige Waſſer wegen des Bischens adſtringirender Kraft, die es hat, in der Diabetes, Diarrhoe und dem Nachtſchweiße, wo die Abſonderungen zu häufig ſind, von einigem Nutzen ſeyn möchte, muß es dann nicht in den Fällen, wo die Säfte verdickt ſind, beim Aſthma, Skorbut, Podagra und bei der Waſſerſucht in demſelben Verhältniß ſchädlich ſeyn! Ad vocem Waſſerſucht, Sie haben hier einen ganz ſonder⸗ baren, eigenthümlichen Kollegen, der alle Tage im Brunnenſaal eine Rede hält, als ob man ihn dafür bezahlte, über alle mög⸗ liche Fälle ein Kollegium zu leſen. Ich weiß nicht, was ich aus ihm machen ſoll— manchmal ſpricht er ganz vernünftig, manch⸗ mal aber wie der ärgßte Schaafskopf auf Gottes Erdboden. Er hat viel geleſen, iſt aber ohne alle Methode und eigenes Urtheil, und verdaut hat er gar nichts. Er glaubt Alles, was er liest, nament⸗ lich wenn es an's Wunderbare ſtreift, und ſein Geſpräch iſt ein närriſches Gemengſel von Gelehrſamkeit und Unſinn. Neulich ſagte er zu mir mit großer Zuverſichtlichkeit, meine Krankheit ſey Waſ⸗ ſerſucht, und wie er es nannte, leukophlegmatiſch; ein deutlicher Beweis, daß ſein Mangel an Erfahrung eben ſo groß iſt, als ſeine Einbildung von ſich ſelbſt, denn Sie wiſſen ja, daß meine Krankheit nicht die mindeſte Verwandtſchaft mit der Waſſerſucht * 33 hat. Solche unverſchämte Burſche mit ihrem wäſſerigen Verſtand ſollen nur ihre Meinung und guten Rath ſo lange bei ſich behal⸗ ten, bis man ſie fragt. Waſſerſüchtig! ei ſeht doch! Wahrhaftig, ich habe mich nicht fünf und fünfzig Jahre auf der Welt herum ge⸗ trieben, ich habe mich nicht ſo genau mit meiner Krankheit bekannt gemacht, habe nicht Sie und andere ausgezeichnete Aerzte ſo oft und ſo lange zu Rathe gezogen, um mich auf einmal von ſolchen Salbadern eines Beſſern belehren zu laſſen. Aber ohne Zweifel iſt der Mann toll, und ſomit darf man kein Gewicht auf ſein Gerede legen.— Geſtern hatte ich einen Beſuch von Higgins; Ihre Dro⸗ hungen haben ihn hergejagt und er hat mir ein paar Haſen in die Küche geſchenkt, zugleich aber auch geſtanden, daß er ſie in mei⸗ nem eigenen Parke gefangen. Ich konnte dem Burſchen um Alles in der Welt nicht begreiflich machen, daß dieß unrecht von ihm ſey, und er wollte durchaus nicht glauben, daß ich ihn wegen Wilderei belangen könne. Ich muß Sie daher bitten, über die Schliche dieſes Gauners beide Augen zuzudrücken, ſonſt plagt er mich unaufhörlich mit ſeinen Geſchenken, die mich mehr koſten, als ſie werth ſind.— Wenn ich mich überhaupt über etwas wun⸗ dern könnte, was Fitzowen thut oder ſpricht, ſo wäre es über ſein zuverſichtliches Verlangen, daß ich ihm bei der nächſten Parlaments⸗ wahl für unſere Grafſchaft meine Stimme geben ſoll, während er doch früher einmal mit mir zugleich als Bewerber aufgetreten und mir auf's Unverſchämteſte begegnet iſt. Sagen Sie ihm doch, aber etwas höflich, er möchte mich entſchuldigen. Ihren nächſten Brief adreſſiren Sie nach Bath, wohin ich morgen früh zu reiſen gedenke, nicht bloß in meinem eigenen Intereſſe, ſondern auch meiner Nichte Liddy zu lieb, die recidiv werden zu wollen ſcheint. Das arme Mädchen fiel geſtern in Ohnmacht, während ich eben von einem hauſirenden Juden ein paar Brillen kaufte. Ich fürchte ſehr, es liegt immer noch etwas in irgend einem Winkel ihres kleinen Herzens, das ſich vielleicht eine Ortsveränderung hinaus⸗ Smollet's Romane. XIII. 3 34 bringen läßt.— Sagen Sie mir doch, was Sie von der unver⸗ ſchämten, lächerlichen und abgeſchmackten Meinung dieſes ſimpel⸗ haften Doctors über meine Krankheit halten. Ich bin nichts we⸗ niger als waſſerfüchtig, ſondern im Gegentheil ſo ſchmächtig wie ein Windhund; meine Knöchel habe ich mit einem Bindfaden ge⸗ meſſen und finde, daß die Geſchwulſt mit jedem Tag abnimmt. Der liebe Gott wolle uns in Gnaden vor ſolchen Doctoren be⸗ wahren!— Ich habe in Bath noch keine Wohnu man jeden Augenblick eine haben kann und i ſelbſt ausſuchen will. Ich brauche meinem lieben Doktor wohl nicht beſonders zu bemerken, daß eine Vorſchrift von Ihnen in Beziehung auf Trinken und Baden ganz beſonders angenehm ſeyn wird S Ihrem ergebenſten Diener Matthias Bramble. P. S. Faſt hätte ich vergeſſen, daß auf meinem rechten Knöchel ein Grübchen ſtehen bleibt, wenn ich mit dem Finger darauf drücke, ohne Zweifel ein Zeichen, daß mein Uebel nicht leukophlegmatiſch, ſondern ödematiſch iſt. An Miß Letty Willis in Glouceſter. Bei der heißen Quelle, den 21. April. Meine liebſte Letty! Ich hatte eigentlich im Sinn, Ihnen nicht eher wieder mit einem Briefe läſtig zu fallen, bis wir in Bath eingerichtet wären; da indeß Jarvis abgeht, ſo kann ich dieſe Gelegenheit nicht vorbei⸗ laſſen, zumal, da ich Ihnen etwas ganz Außerordentliches mitzu⸗ theilen habe. O, meine liebſte Freundin! was habe ich Ihnen nicht zu erzählen? Mehrere Tage lang zeigte ſich ein Mann bei der Quelle, der Brillen feil hatte, und ausſah wie ein Jude; er ſah mich ſo oft und ſo ernſt an, daß ich darüber ganz unruhig wurde. 35 * Zuletzt kam er nach unſerer Wohnung zu Clifton und ging vor der Thüre auf und ab, als wünſchte er Jemand zu ſprechen. Mein thörigtes Herz fing heftig an zu klopfen und ich bat Win, ihm in den Weg zu treten; allein das arme Mädchen iſt ſo ſchwach⸗ nervig und fürchtete ſich vor ſeinem Barte. Mein Oheim, der ein paar neue Brillen kaufen wollte, ließ ihn heraufrufen, und während er ſie probirte, kam der Mann auf mich zu und flüſterte... — O gütiger Gott, was meinen Sie, daß er ſagte?— Ich bin Wilſon! In dieſem Augenblick fiel mir ſein Geſicht auf; es war allerdings Wilſon, aber ſo verſtellt, daß es unmöglich geweſen wäre, ihn zu kennen, wenn mir mein Herz nicht dazu geholfen hätte. Ich war ſo überraſcht und erſchrocken, daß ich in Ohnmacht fiel; doch kam ich bald wieder zu mir und fand, daß ich auf einem Stuhle ſaß und er mich hielt, indeß mein Oheim noch mit der Brille auf der Naſe im Zimmer herum rannte und um Hülfe rief. Ich hatte keine Gelegenheit, ihm etwas zu ſagen, aber unſere Blicke ſprachen deutlich genug. Man gab ihm ſein Geld für die Brillen und dann ging er. Nachher ſagte ich der Win, wer es geweſen ſey und ſchickte ſie ihm in den Brunnenſaal nach; da ſprach ſie mit ihm und bat ihn in meinem Namen, er möchte ſich von hier wegbegeben, damit mein Oheim oder Bruder keinen Arg⸗ wohn ſchöpfen, wenn er mich nicht anders vor Angſt und Ver⸗ druß ſterben ſehen wolle. Der arme junge Menſch betheuerte mit thränenden Augen, er habe mir eine ganz beſondere Nachricht mit⸗ zutheilen, und fragte, ob ſie mir einen Brief einhändigen wolle; dieß ſchlug ſie aber auf meinen Befehl rund ab. Als er fand, daß ſie auf ihrer Weigerung feſt beharrte, bat er ſie, mir zu ſagen, er ſey kein Schauſpieler mehr, ſondern ein Edelmann, und als ſolcher werde er bald offen mit dem Geſtändniß ſeiner Liebe hervortreten, ohne Tadel oder Vorwürfe zu beſorgen. Ja, er ſagte ihr ſogar ſeinen Namen und ſeine Familie, aber zu meinem größten Leidweſen hat es vas einfältige Mädchen in der Angſt 36 . vergeſſen, als ſie merkte, daß mein Bruder ſie mit ihm ſprechen ſah. Er hielt ſie auf dem Wege an und fragte, was ſie mit dem Spitzbuben⸗Juden zu ſchaffen habe. Sie gab vor, ſie habe ein Schnürleibchen kaufen wollen, gerieth aber über die Frage in ſolche Verwirrung, daß ſie den wichtigſten Theil ihrer Botſchaft vergaß, und als ſie nach Hauſe kam, in ein hyſteriſches Lachen verfiel. Dieß iſt nun ſchon fünf Tage her, und er hat ſich in dieſer Zeit nicht wieder blicken laſſen, ich muß alſo glauben, daß er abgereist iſt. Ach, meine theuerſte Letty, Sie ſehen, wie das Schickſal ſich ein Vergnügen daraus macht, Ihre arme Freundin zu quälen. Sollten Sie ihn in Glouceſter ſehen oder geſehen ha⸗ ben, und ſeinen wahren Namen, ſo wie ſeine Familie wiſſen, ſo bitte ich, laſſen Sie mich doch nicht länger in Ungewißheit. Und doch, wenn ihn nichts mehr nöthigt, ſich länger zu verbergen, und er ehrliche Abſichten auf mich hat, ſo kann ich hoffen, daß er ſich in kurzer Zeit gegen meine Verwandten erklären wird. Wenn die Verbindung mit ihm nichts Unanſtändiges hat, ſo werden ſie gewiß nicht ſo grauſam ſeyn, meinem Herzen Zwang anzuthun. O welche Seligkeit würde dann meiner harren! Ich kann mich dieſes Gedankens nicht erwehren und will immerhin meiner Phan⸗ taſie mit ſo angenehmen Ideen ſchmeicheln, die aber am Ende vielleicht niemals verwirklicht werden. Doch warum ſollte ich ver⸗ zweifeln? Wer weiß, was noch geſchehen kann? Morgen reiſen wir nach Bath, und dieß thut mir beinahe leid, denn ich fange an, die Einſamkeit lieb zu gewinnen, und der hieſige Ort iſt ſo reizend und ſo romantiſch, die Luft iſt ſo rein, die Dünen ſo angenehm, die Hagedornen in voller Blüthe, die Wieſen voll Marienblumen, Zeitloſen und Primeln, die Bäume ſchlagen grün aus und die Büſche haben bereits ihr Frühlingsgewand angezogen, die Berge ſind mit Heerden von Schaafen und lieblich blöckenden Lämmern bedeckt, welche hüpfen und ſpringen, die Wälder er⸗ ſchallen von dem Geſang der Droſſeln, der Finken und Dompfaffen, 37 und die ganze Nacht ſingt die Nachtigall ihr entzückendes Lied. Zur Abwechslung gehen wir in den Brunnenſaal, den man die Nymphe am Criſtallquell nennt und wo ſich die Geſellſchaft vor dem Mittageſſen verſammelt; da iſt denn die Unterhaltung ſo gutherzig, ſo ungezwungen und frei, und wir trinken ſo helles, klares, ſanftes und perlendes Waſſer, die Sonne iſt ſo lieblich und belebend, das Wetter ſo mild, der Spaziergang ſo angenehm, die Ausſicht ſo mannigfaltig, und die Schiffe und Boote, welche dicht unter den Fenſtern des Brunnenſaals den Fluß hinauf und herabfahren, liefern ein ſo buntes, lebendiges und zanberiſches Gemälde, daß eine geſchicktere Feder als die meinige dazu gehört, es zu beſchreiben. Dieſer Platz wäre ein vollkommenes Para⸗ dies für mich, wenn ich nur auch eine angenehme Geſellſchafterin und aufrichtige Freundin hätte, eine ſolche, wie meine theure Miß Willis immer geweſen iſt und hoffentlich immer ſeyn wird Ihrer ewig getreuen Lydia Melford. P. S. Adreſſiren Sie Ihre Briefe nur immer an Win und Jarvis wird ſie ſchon richtig beſorgen. Adieu. An Sir Watkin Philipps im Jeſuitenkollegium zu Geford. Bath, den 21. April. Mein liebſter Philipps! Sie haben allerdings ſehr recht, ſich zu wundern, daß ich Ihnen meine Bekanntſchaft mit Miß Blackerby verſchwiegen habe, wäh⸗ rend ich Ihnen doch aus andern Verhältniſſen der Art niemals ein Geheimniß gemacht habe. Ich will Ihnen ſagen, wo der Knoten ſteckt. Ein ſolcher Umgang iſt mir niemals im Schlafe eingefallen, nun ſchreiben Sie auf einmal, die Folgen davon wollen mit Ge⸗ walt an's Tageslicht. Es iſt noch ein Glück für Sie, daß Ihr guter Name keinen Schaden dabei leidet, ſondern bei der Ent⸗ 38 deckung nur gewinnen kann; man ſieht daraus wenigſtens, daß ſie noch kein ſo abgelegenes Stück Waare iſt, wie viele Leute glauben. Ich meines Theils erkläre Ihnen mit aller Aufrichtigkeit der Freundſchaft, daß ich nie die mindeſte Bekanntſchaft, geſchweige ein Liebesverhältniß mit dieſem Weibsbilde gehabt habe; wenn ſie ſich übrigens wirklich in den Umſtänden befindet, wie Sie ſchreiben, ſo denke ich immer, Freund Manſel wird dahinter ſtecken. Seine Beſuche bei dieſem Heiligthum waren eben kein Ge⸗ heimniß, und wenn ich erwäge, daß er mir ſeit meinem Abſchied bon der alma mater ſchon verſchiedene Liebesdienſte erwieſen hat, ſo glaube ich ihm nicht zu nahe zu treten, wenn ich ihn für fähig halte, mir hinterrücks dieſen Skandal anzuhängen. Wenn ihm indeß mein Name irgendwie nützlich ſeyn kann, ſo ſteht er ihm mit Vergnügen zu Dienſten, und wenn die Lucretia es über ihr zartes Gewiſſen bringen kann, das Kind ihrer Liebe mir zuzu⸗ ſchwören, ſo muß ich Sie nur um die Güte erſuchen, die Sache in meinem Namen mit einem Kirchenvorſteher abzumachen; ich will dann ohne Widerſtreben die Strafe bezahlen; ſeyen Sie nur ſo gut und aſſigniren Sie ſogleich den ganzen Betrag auf mich. Ich folge hier nur dem Rathe meines Oheims, welcher meint, ich habe von Glück zu ſagen, wenn mir auf meinem Lebenswege nicht mehrere Geſchichten dieſer Art vorkommen. Der alte Herr hat mir geſtern Abend in ſehr heiterer Laune erzählt, er habe vom zwan⸗ zigſten bis in's vierzigſte Jahr nicht weniger als neun Baſtarde ernähren müſſen, und dieſe alle ſeyen ihm vön Weibsbildern zuge⸗ ſchworen worden, die er in ſeinem Leben nicht geſehen habe. Der Charakter des Herrn Bramble, für den Sie ſich ſehr zu intereſſiren ſcheinen, fängt an, ſich immer klarer zu entwickeln und mir von Tag zu Tag beſſer zu gefallen. Seine Eigenheiten verſprechen eine reiche Fundgrube von Unterhaltung; ſein Verſtand iſt, ſo weit ich beurtheilen kann, wohlgebildet, wenigſtens finde ich ſeine Be⸗ merkungen über die Begebenheiten des Lebens immer gleich tref⸗ 39 fend, ſtichhaltig und nicht im mindeſten trivial. Er ſtellt ſich als ein Menſchenfeind, um die Empfindſamkeit eines Herzens zu ver⸗ bergen, das bis zur Schwäche zärtlich iſt. Dieſe Zartheit des Gefühls oder Wundheit des Gemüths macht ihn furchtſam und ängſtlich; aber nichts in der Welt ſcheut er mehr als Unehre, und ob er gleich außerordentlich behutſam iſt, um ja Niemanden zu nahe zu treten, ſo geräth er doch bei der geringſten Grobheit und Ungezogenheit in Feuer und Flammen. So verehrungswürdig er mir im Ganzen iſt, ſo kann ich doch nicht umhin, mich zuweilen an ſeinen kleinen Verlegenheiten zu ergötzen, wenn ſie ihn ſo reizen, daß er die Pfeile ſeiner Satyre fliegen läßt, ſpitzig und ſcharf wie die Pfeile Teucers. An Tante Tabitha hat er eine allzeit fer⸗ tige Schleiferin. Sie iſt in jeder Beziehung der vollkommenſte Gegenſatz von ihrem Bruder, doch ich verſpreche Ihnen ihr Por⸗ trait auf ein anderes Mal. Vor drei Tagen kamen wir hier an und nahmen Beſitz von einem erſten Stockwerk in einem Hauſe an der Südparade. Der Oheim wählte dieſe Gegend, weil ſie nahe bei den Bädern und fern von dem Gelärme der Kutſchen und Wagen iſt. Kaum war er in ſeinem Zimmer warm geworden, ſo verlangte er ſchon ſeine Schlafmütze, ſeine weiten Filzſchuhe und ſeine Flanelle, und er⸗ klärte, das Podagra ſey ihm in den rechten Fuß getreten, obgleich es nach meiner Anſicht nur in ſeiner Einbildung beſteht. Bald hatte er Urſache, dieſe vorzeitige Erklärung zu bereuen, denn Tante Tabitha wußte einen ſolchen Lärm und ein ſolches Getüm⸗ mel zu machen, bis die Flanelle aus dem Koffer gebracht werden konnten, daß man glaubte, das Haus ſtehe in hellen Flammen. Dieſe ganze Zeit über ſaß mein Oheim kochend vor Ungeduld da, biß ſich in den Finger, warf ſeine Augen in die Höhe und mur⸗ melte Stoßſeufzer in ſeinen Bart; endlich brach er in ein convul⸗ ſiviſches Lachen aus, dann brummte er ein Lied, und als zu guter Letzt der Sturm doch vorüber ging, rief er aus: Gott ſey gelobt 40 für Alles! Dieß war indeß nur der Anfang ſeiner Leiden. Joly, das Schooßhündchen der Jungfer Tabitha, hatte in der Küche den zärtlichen Liebhaber geſpielt und ſich dadurch nicht weniger als fünf Nebenbuhler auf den Hals gezogen, die alle zugleich über ihn herfielen und ihn mit einem ſcheußlichen Geſchrei die Treppe herauf bis an die Thüre des Speiſeſaals verfolgten. Hier griffen Tante Tabitha und ihre Kammerjungfer zu den Waffen, um ihn zu ver⸗ theidigen, und verſtärkten ſomit das Concert, das eine wahre Teufelswuſik wurde. Mit vieler Mühe und nur durch die Dazwi⸗ ſchenkunft unſeres Bedienten ſo wie der Köchin wurde dieſer Tu⸗ mult endlich beſchwichtigt, und der Squire hatte eben den Mund aufgethan, um ſeine Schweſter Tabby ein wenig zurecht zu weiſen, als die Thurmwächter mit ihrer Muſik begannen, wenn man näm⸗ lich ein plötzliches Gelärm und Gedudel Muſik nennen kann, ſo daß der alte Herr mit ſichtbaren Zeichen des Aergers und der Unruhe zuſammenfuhr. Er hatte indeß Geiſtesgegenwart genug, ſeinen Bedienten mit etwas Geld fortzuſchicken, um dieſe unwill⸗ kommenen Lärmmacher zum Schweigen zu bringen, wie ſie denn auch ſogleich abzogen, jedoch nicht ohne einigen Widerſpruch von Seite Tabitha's, welche behauptete, er ſolle ſich für ſein Geld auch noch mehr Muſik machen laſſen. Kaum war dieſer ſchwierige Punkt abgethan, als wir eine ſonderbare Art von Trampeln und Springen über unſern Köpfen im zweiten Stocke hörten, ſo laut und heftig, daß das ganze Haus erbebte. Ich muß geſtehen, daß mich dieſer neue Lärm ſehr genirte, und ehe noch mein Oheim Zeit hatte, ein Wort darüber zu ſagen, rannte ich die Treppen hinauf, um zu ſehen, was es wohl ſeyn möge. Ich fand die Thüre des Zimmers offen, ging ohne Umſtände hinein und bekam dort einen Anblick, an den ich nicht denken kann, ohne mich halb todt zu lachen. Es war ein Tanzmeiſter, der ſo eben Unierricht ertheilte. Der Mann war auf einem Auge blind, an einem Fuße lahm, und zeigte ſeinem Schüler allerhand Sprünge. Dieſer — 41 ſchien ſeine dreißig Jahre auf dem Rücken zu haben, ging ſehr krumm, war ziemlich lang, hatte ſtarke Knochen, ein gelbes Ge⸗ ſicht und eine wollene Nachtmütze auf dem Kopfe; den Rock hatte er abgeworfen, um in der Behendigkeit ſeiner Bewegungen nicht gehindert zu werden. Als er einen wildfremden Menſchen nur ſo ohne alle Anmeldung hereintreten ſah, gürtete er ſchnell ein lan⸗ ges eiſernes Schwert um, trat mit der Entſchloſſenheit eines kale⸗ kutiſchen Hahns auf mich zu und ſagte in ächt irländiſchem Tone zu mir:„Mein Herr, Sie mögen nun heißen wie Sie wollen, auf Ehre und Seligkeit, Sie ſollen mir ſehr lieb ſeyn, wenn Sie als Freund kommen, und ich glaube bei Gott, Sie müſſen mein Freund ſeyn, da ich bis jetzt noch nie das Vergnügen gehabt habe, Sie zu ſehen, und Sie ganz wie ein Freund ohne alle Umſtände und Complimente da herein treten.“ Ich ſagte ihm, die Natur mei⸗ nes Beſuchs laſſe nicht viele Umſtände zu; ich ſey gekommen, um ihn zu bitten, er möchte doch etwas leiſer ſeyn, indem ſich unten ein kranker Herr befinde, den er kein Recht habe, durch ſolch ein unſinniges Getöſe zu beunruhigen.„Ei, ei,“ erwiederte das Ori⸗ ginal,„nehmen Sie ſich in Acht, junger Herr, denn bei einer andern Gelegenheit möchte ich Sie höflichſt erſuchen, mir über das harte Wort unſinnig näher Rede zu ſtehen. Doch Alles hat ſeine Zeit!“ So ſprechend lief er mit großer Behendigkeit an mir vorüber, rannte die Treppe hinab, und verlangte von unſerm Be⸗ dienten, der vor dem Speiſeſaale ſtand, er ſolle ihn bei dem frem⸗ den Herrn einführen. Der Kerl hielt es nicht für rathſam, eine ſolch furchtbare Geſtalt abzuweiſen; der Tanzmeiſter wurde alſo ſogleich eingelaſſen und redete meinen Oheim mit folgenden Wor⸗ ten an:„Gehorſamſter Diener, lieber Herr. Ich bin nicht ſo un⸗ ſinnig, wie Ihr Sohn es nennt, daß ich nicht die Regeln der Höflichkeit wüßte. Ich bin ein armer Edelmann aus Irland; mein Name iſt Sir Ulie Mackilligut, aus der Grafſchaft Galway. Da wir Hausgenoſſen find, ſo komme ich, Ihnen meinen Reſpekt zu vermelden, Sie auf der Südparade zu bewillkommnen und Ihnen, ſo wie Ihrer werthen Frau Gemahlin und Ihrer ſchönen Tochter, meine beſten Dienſte anzubieten, eben ſo auch Ihrem jun⸗ gen Herrn Sohn, obgleich er mich einen unſinnigen Burſchen geſcholten hat. Sie müſſen nur wiſſen, daß ich die Ehre haben werde, morgen mit Lady Macmanus, dicht neben Ihrem Zimmer, einen Ball zu eröffnen, und da ich nimmer recht in der Uebung bin, ſo habe ich mich ein wenig darauf vorbereiten wollen; wenn ich übrigens gewußt hätte, daß eine kranke Perſon hier unten wohnt, bei meiner armen Seele, ich hätte lieber einen Walzer auf meinem eigenen Kopfe getanzt, als die leiſeſte Menuet über dem Ihrigen.“ Mein Oheim, der bei ſeiner erſten Erſcheinung ein wenig erſchrocken war, nahm ſein Compliment mit großer Freundlichkeit auf, bat ihn, ſich zu ſetzen, dankte ihm für die Ehre ſeines Beſuchs, und verwies mir mein barſches, unhöfliches Benehmen gegen einen Herrn von ſeinem Stand und Charakter. Ich ließ mich ruhig hofmeiſtern und bat den Beleidigten um Verzeihung, worauf er plötzlich aufſprang, mich ſo herzlich in ſeine Arme ſchloß, daß ich meinte, der Athem gehe mir aus, und mich einmal über's andere verſicherte, er habe mich ſo lieb, wie ſeine eigene Seele. Endlich fiel ihm ſeine Nachtmütze ein, er zog ſie mit einiger Beſchämung ab und verabſchiedete ſich ſofort mit entblöster Glaze, unter tauſend Entſchuldigungen gegen die Da⸗ men. In dieſem Augenblick fingen die Glocken auf der Abtei ſo gewaltig zu läuten an, daß wir unſer eigenes Wort nicht verſtan⸗ den; wie wir nachher erfuhren, geſchah es dem Herrn Bullock zu Ehren, einem vornehmen Viehhändler von Tottenham, der ſo eben in Bath angekommen war, um wegen Indigeſtion den Brunnen zu trinken. Herr Branble hatte noch nicht Zeit gehabt, über die Lieblichkeit dieſer Serenade ſeine Anmerkungen zu machen, als ſeine Ohren bereits von einem andern Concerte begrüßt wurden, das ihn näher anging. Zwei Neger, die einem reichen Creolen, 43 welcher in demſelben Hauſe wohnte, angehörten, hatten ungefähr zehn Fuß von unſerm Speiſezimmer hinweg, auf dem Vorplatz vor einem Fenſter, Poſto gefaßt, um ſich auf dem Waldhorn zu üben, und als rohe Anfänger brachten ſie ſo unharmoniſche Töne her⸗ vor, daß einem Eſel das Trommelfell hätte ſpringen müſſen. Sie können ſich denken, wie ſie auf die reizbaren Nerven meines Oheims wirken mußten, der mit einem bewundernswürdigen Ausdruck zor⸗ niger Verwunderung alsbald ſeinen Bedienten abſchickte, um die⸗ ſem furchtbaren Geheul ein Ende zu machen, und den Muſikanten zu ſagen, ſie ſollen ſich anderswo üben, indem ſie kein Recht be⸗ ſitzen, dazuſtehen und ſämmtliche Hausbewohner zu ſtören. Die ſchwarzen Virtuoſen bezeugten indeß nicht die mindeſte Luſt, abzu⸗ ziehen, ſondern begegneten dem Abgeſandten mit großer Unver⸗ ſchämtheit und ſagten zu ihm, er ſolle ſich an ihren Herrn, den Oberſten Rigworm, wenden, der ihm die gehörige Antwort und obendrein noch ein paar Ohrfeigen geben werde; zugleich fuhren ſie mit ihrem Gelärme fort, ſuchten es ſogar wo möglich noch unange⸗ nehmer zu machen, und lachten über den Gedanken, anſtändige Leute ungeſtraft quälen zu dürfen. Unſer Squire, dem dieſe neue Belei⸗ digung vollends das Blut in den Kopf trieb, ſchickte ſogleich den Bedienten mit einem Complimente an Oberſt Rigworm, er möchte ſeinen Schwarzen Stillſchweigen befehlen, indem ihr Lärmen durchaus unausſtehlich ſey. Auf dieſe Botſchaft erwiederte der Crevle, ſeine Hörner ſeyen berechtigt, an einem gemeinſchaftlichen Orte zu blaſen, und das ſollen ſie auch zu ſeinem Vergnügen thun; wer kein Liebhaber von ſolcher Muſik ſey, der ſolle ſich ein anderes Quartier ſuchen. Als Herr Bramble dieſe Antwort hörte, da begannen ſeine Augen zu funkeln, ſein Geſicht wurde blaß, ſeine Zähne klapperten. Nach augenblicklichem Bedenken ſchlüpfte er in ſeine Schuhe, ohne ein Wort zu ſprechen oder den gering⸗ ſten podagriſtiſchen Anfall zu verſpüren, griff nach ſeinem Stock, öffnete die Thüre, ging geraden Wegs auf die ſchwarzen Trompeter 44 zu, und fing ohne weitere Anrede ſie dergeſtalt mit ſolch erſtaun⸗ licher Kraft und Gewandtheit zu bearbeiten an, daß in einem Augenblick ihre Köpfe und Hörner voll Beulen waren, und ſie heulend die Treppe hinab nach dem Zimmer ihres Herrn rannten. Der Squire verfolgte ſie halbwegs und rief ihnen ganz laut, ſo daß es der Oberſt hören konnte, nach:„Geht nur, ihr Schlingel, und ſaget Eurem Herrn, was ich gethan habe. Wenn er ſich be⸗ leidigt glaubt, ſo weiß er ja, wo er Satisfaction zu ſuchen hat. Für Euch iſt dieß nur eine vorläufige Ankündigung deſſen, was Ihr bekommen werdet, wenn Ihr Euch jemals unterſtehet, ein Horn an's Maul zu ſetzen, ſo lange ich hier wohne.“ Mit dieſen Worten ging er auf ſein Zimmer zurück und glaubte ſteif und feſt, der Weſtindier werde ſich melden, allein der Oberſt vermied wohlweislich jede weitere Erklärung. Meine Schweſter Liddy fiel vor Schrecken in Ohnmacht und hatte ſich kaum wieder erholt, als Tante Tabitha eine Predigt über die Geduld begann, worin ſie jedoch ihr Bruder unterbrach, indem er mit bedeutſam ſpötti⸗ ſchem Lächeln declamirte:„Wahrhaftig, Schweſterchen, Gott ver⸗ mehre meine Geduld und Deine Klugheit. Ich bin nur begierig, was für eine Sonate wir nach dieſer Ouverture zu gewarten haben, worin uns der Teufel, der Beherrſcher aller ſcheußlichen Töne, eine ſolche Mannigfaltigkeit von MWißklängen preisgegeben hat. Das Getrampel der Laſtträger, das Schnurren und Rut⸗ ſchen mit Koffern, das Knurren und Bellen der Hunde, das Ge⸗ zänke der Weiber, das Gekritzel und Geſcharre verſtimmter Fideln und Schalmeien, das Gepolter des irländiſchen Baronets über unſerm Kopfe, das Quarren und Heulen der Waldhörner auf dem Gange, des harmoniſchen Klingklangs, der noch immer vom Kirchthurme herabſtürmt, gar nicht zu gedenken— alle dieſe Luſt⸗ barkeiten, die ohne Unterbrechung auf einander folgen, wie die verſchiedenen Stücke in einem Concert, haben mit einen ſolchen Begriff von dem beigebracht, was ein armer Invalid in dieſem 45 der Ruhe und Stille geweihten Tempel zu erwarten hat, daß ich unfehlbar morgen ausziehen und aus dem Gedränge zu entkommen ſuchen werde, ehe Sir Ulic ſeinen Ball mit Lady Macmanus er⸗ öffnet: eine Conjunctur, die mir nichts Gutes verſpricht.“ Dieſe Erklärung war der Jungfer Tabitha, die keine ſo zarten Ohren hat wie ihr Bruder, nichts weniger als angenehm. Sie meinte, das wäre doch großer Unſinn, aus ſo angenehmen Zimmern wie⸗ der auszuziehen, nachdem man ſich kaum ein wenig eingerichtet habe. Es wundere ſie, wie er ſo ein Feind von Muſik und Luſtig⸗ keit ſeyn könne; ſie höre keinen Lärmen, als den er ſelbſt mache, und in einer Haushaltung könne es offenbar nicht zugehen wie in einer Pantomime. Er könne auf ihr Schelten ſticheln, ſo lang er wolle, ſie ſchelte doch nie, außer wenn es zu ſeinem Beſten gereiche, allein ſie könne ihm nichts zu Danke machen, und wenn ſie auch Blut und Waſſer in ſeinem Dienſte ſchwitze.— Ich habe ſtarken Verdacht, meine Tante, die dem verzweifeltſten Cölibat ent⸗ gegen ſieht, hegt Abſichten auf das Herz des Sir ulic Mackilligut, und füchtet, unſer urplötzliches Ausziehen könnte ihren Plan verei⸗ teln. Ihr Bruder ſagte, indem er ſie ſeitwärts anſah:„Um Ver⸗ gebung, Schweſter, ich müßte ein wahrer Hottentotte ſeyn, wenn ich das Glück nicht empfände, eine ſo ſanftmüthige, gefällige, aufgeräumte und verſtändige Geſellſchafterin und Haushälterin zu beſitzen; da ich indeß einmal einen ſchwachen Kopf und einen ſo ſchmerzlich ſcharfen Gehörſinn habe, ſo muß ich, bevor ich meine Zuflucht zur Baumwolle nehme, ſehen, ob ſich nicht eine andere Wohnung findet, wo ich mehr Ruhe und weniger Muſik haben kann.“ Sofort ſandte er ſeinen Bedienten auf Kundſchaft aus, und am andern Tag fand er ein kleines Haus in der Milſham⸗ ſtraße, das er wochenweiſe miethete. Hier genießen wir zwiſchen unſern vier Wänden doch wenigſtens ſo viel Beguemlichkeit und Ruhe, als ſich mit Tabitha's Gemüthsart verträgt; aber der Oheim klagt immer noch über fliegende Schmerzen im Magen und Kopf, 46 wofür er Bad und Brunnen gebraucht. Indeß befindet er ſich doch ſp, daß er an den Brunnen, in die Säle und Caffeehäuſer gehen kann, allwo er unaufhörlich Stoff zum Lachen und zur Satyre ſammelt. Kann ich aus ſeinen oder meinen eigenen Be⸗ merkungen etwas zu Ihrer Beluſtigung aufhaſchen, ſo werde ich Ihnen damit aufwarten, wiewohl es Ihnen vielleicht nicht einmal die Mühe vergilt, die Ihnen das Leſen meiner langweiligen und abgeſchmackten Briefe verurſacht. Ihr ergebenſter H. Melford. An Dortor Ludwig. Bath, den 23. April Liebſter Doctor! Wüßte ich nicht, daß Sie als Arzt daran gewöhnt ſind, den ganzen Tag nichts als Klagen und wieder Klagen zu hören, ſo würde ich mir ein Gewiſſen daraus machen, Sie mit meinen Briefen zu behelligen, die man mit Fug und Recht Klaglieder des Matthias Bramble nennen könnte. Indeſſen glaube ich doch auch mit einigem Recht die Ergüſſe meiner trübſeligen Laune Ihnen zuwenden zu dürfen, da es Ihre Pflicht und Schuldigkeit iſt, mir das aus dem Körper zu ſchaffen, was dieſelben veranlaßt, und aufrichtig geſtanden, es iſt keine geringe Erleichterung meiner Beſchwerden, einen vernünftigen Freund zu haben, gegen den ich meine gallenbitteren Säfte ausſchütten kann, die, wenn ich ſie bei mir behalten müßte, eine unerträgliche Schärfe bekommen würden. Vor Allem thue ich Ihnen zu wiſſen, daß ich in Bath Alles anders finde, als ich mir's vorgeſtellt hatte; der Ort iſt ſo verän⸗ dert, daß ich kaum glauben kann, es ſey noch derſelbe, den ich vor etwa dreißig Jahren beſucht habe. Schon höre ich Sie ſagen: „Verändert iſt er allerdings, aber nur zu ſeinem Vortheil, eine 47 Wahrheit, die Sie vielleicht ohne Bedenken zugeſtehen würden, wenn Sie ſich nicht ſelbſt nach der andern Seite zu verändert hätten.“ Dieſe Bemerkung mag ganz wahr und richtig ſeyn. Die Unbequemlichkeiten, die ich in den goldenen Tagen der Geſund⸗ heit überſah, machen natürlich einen unverhältnißmäßig ſtärkeren Eindruck auf die reizbaren Nerven eines Invaliden, den vorzeiti⸗ ges Alter überraſcht und langes Leiden mürbe gemacht hat. Doch werden Sie hoffentlich nicht läugnen, daß dieſer Ort, den Natur und Vorſehung zu einer Freiſtätte der Ruhe und einem Schutzort gegen Krankheiten beſtimmt zu haben ſcheinen, zum wahren Mit⸗ telpunkt der Schmerzen und geſchäftigen Zerſtreuung geworden iſt. Statt der Stille, Ruhe und Gemächlichkeit, welche denen, die einen kränklichen Leib, ſchwache Nerven und eine niedergeſchlagene Seele haben, ſo unentbehrlich ſind, herrſcht hier ein immerwäh⸗ rendes Geräuſch, Getöſe und Getümmel; dabei hat man ſich noch eine Sklaverei auferlegt, die ſteifer, feierlicher und gezwungener iſt als am Hofe eines deutſchen Churfürſten. Man kann Bath ein Landesſpital nennen, aber es ſieht aus, als ob bloß Mond⸗ ſüchtige darin aufgenommen würden, und wahrhaftig, ich ermäch⸗ tige Sie, mich ebenfalls als mondſüchtig auszugeben, wenn ich noch lange hier bleibe. Doch ich werde Ihnen meine Meinung über dieſen Punkt bei einer andern Gelegenheit ausführlicher vor⸗ legen. Ich war voll Ungeduld, die vielgerühmten Verbeſſerun⸗ gen in der Architektur zu ſehen, wegen deſſen der obere Theil der Stadt einen ſo guten Namen bekommen hat, und machte deßhalb vor einigen Tagen den Rundgang um alle neuen Gebäude. Der große Platz iſt trotz ſeiner Unregélmäßigkeit im Ganzen doch ziem⸗ lich gut angelegt, und dabei geräumig, offen und frei; nach mei⸗ ner Meinung iſt dieß bei Weitem die geſundeſte und angenehmſte Lage von ganz Bath, beſonders an der Oberſeite; alle daran ſtoßenden Gaſſen dagegen ſind eng, kothig, krumm und gefährlich. Um nach den Bädern zu gelangen, muß man durch den Hof und 48 Stall eines Wirthshauſes, und der arme, zitternde Kranke fährt in einer Chaiſe durch eine doppelte Reihe von Pferden hindurch, die unter dem Striegel von Stallknechten und Poſtillonen wiehern und vorn und hinten hinausſchlagen, ſo daß er jeden Augenblick Gefahr läuft, einen Hufſchlag zu bekommen, oder von den Fuhr⸗ werken, die in dem Hofe beſtändig ab- und zufahren, über den Haufen geworfen zu werden. Wenn erſt etliche Senftenträger Arme und Beine, oder ein paar Menſchen ihr Leben durch dieſe Zufälle verloren haben, dann wird der hochweiſe Stadtmagiſtrat ohne Zweifel zuſammentreten und im Ernſte darauf denken, einen ſicheren und bequemeren Weg anzulegen. Der Cirkus iſt eine ar⸗ tige Flitter, mehr zur Schau als zum Gebrauch, und ſieht aus wie Veſpaſians Amphitheater, wenn das Inwendige auswärts ge⸗ kehrt worden iſt. Was ſeine Pracht anbelangt, ſo nehmen die Menge kleiner Thürme an den verſchiedenen Häufern, die unver⸗ nünftige Höhe der verſchiedenen Säulenordnungen, die geſuchten, eben ſo kindiſchen als übel angebrachten Zierrathen des Geſimſes, ſo wie die kleinen mit eifernem Gitterwerk eingefaßten Plätze vor den Häuſern dem Eindruck beinahe alles Impoſante. Vielleicht ließen ſich noch mehrere Fehler daran finden, wenn wir das Ge⸗ bäude vom Geſichtspunkt der Bequemlichkeit aus betrachten. Die Figur eines jeden beſonders abgetheilten Wohnhauſes iſt ein Stück von einem Zirkel, und daher muß die Symmetrie der Zimmer ſehr leiden, denn ſie müſſen nach den Gaſſenfenſtern zu eng, hin⸗ ten aber ungleich weiter werden. Hätte man ſtatt der verſchiedenen Vorplätze und der eiſernen Riegel, deren Nutzen ich nicht einſehen kann, um das ganze Gebäude herum eine Begrenzung angelegt, wie im Coventgarden zu London, ſo wäre die ganze Erſcheinung weit prachtvoller und in die Augen fallender geweſen. Dieſe Ar⸗ kaden hätten einen angenehmen trockenen Spaziergang gegeben, und die armen Senftenträger nebſt ihren Chaiſen vor dem Regen geſchützt, welcher hier faſt niemals ein Ende nimmt. Gegenwärtig „ 49 ſtehen die Senften Tag und Nacht auf offener Gaſſe und ſaugen den Regen ſo lange ein, bis es durchweichte lederne Sitze werden, zum Beſten der Podagriſten und Gichtbrüchigen, die ſich darin herumſchleppen laſſen müſſen. Dieſe in der That ſehr ſchlechte Anſtalt erſtreckt ſich über die ganze Stadt, und ich bin feſt über⸗ zeugt, daß ſie auf die armen Kranken und Schwachen höchſt nach⸗ theilig einwirkt. Auch die geſchloſſenen Senften für die Kranken ſtehen den ganzen Tag im Freien, bis ſie kalt und naß werden, wie ein mit Schneewaſſer getränkter Schwamm, und es iſt leicht abzuſehen, wie heilſam dieß für einen ſolchen Kranken iſt, zumal wenn er mit offen ſtehenden Poren noch dampfend aus dem Bade kommt. Wir kehren indeß zum Cireus zurück. Seine Lage iſt dadurch unbequem, daß er ſo weit von allen Märkten, Bädern und andern öffentlichen Zuſammenkunftsorten abliegt. Der einzige Zugang zu demſelben durch Gahſtreet iſt ſo ſchwierig, ſteil und ſchlüpfrig, daß er bei naſſem Wetter ſowohl für die Fahrenden als auch für die Fußgänger ſehr gefährlich ſeyn muß, und wenn vollends Schnee liegt, wie gerade dieſen Winter hindurch vierzehn Tage hinterein⸗ ander der Fall geweſen, ſo ſehe ich nicht ein, wie ein Menſch hinauf oder herunter gehen ſoll, ohne Arme und Beine zu brechen. Bei windigem Wetter, hat man mir geſagt, ſind die Häuſer auf dieſem Hügel voll Rauch, der durch den Wind, welcher von dem dahinter liegenden Berge zurückprallt, in die Schornſteine geſchlagen wird. Eben dieſe Prallwinde ſind es nach meiner Anſicht auch, welche die Luft hier feuchter und ungeſunder machen müſſen als auf dem großen Platze im Thale. Denn der Berg, der dort hin⸗ ter dem Eireus liegt, zieht die Wolken, die ſich von den beſtän⸗ digen Ausdünſtungen der Bäder und Bäche im Grunde bilden, an ſich und hält ſie auf, ſo daß die Luft hier niemals von Feuch⸗ tigkeiten und Dünſten rein wird. Doch darüber kann man durch einen Hygrometer leicht Gewißheit erlangen oder auch durch ein Smollet's Romane. RIII. 4 50 Papier mit Tartarſalz, das man der Wirkung des Dunſtkreiſes blosſtellt. Derſelbe Künſtler, der den Circus gebaut, hat auch ſchon den Plan zu einem Halbmonde entworfen; wenn dieſer fer⸗ tig iſt, werden wir ohne Zweifel einen Stern bekommen, und wer noch dreißig Jahre lebt, ſieht vielleicht in Bath alle zwölf Himmelszeichen von Stein und Holz erbaut. So phantaſtiſch dieß übrigens auch ſeyn mag, ſo verräth es doch wenigſtens einige Einſicht un Kenntniß von der Baukunſt, aber die Bauwuth iſt in eine ſolche Menge von Abenteurern gefahren, daß auf jedem leeren Platze, in jedem Winkel Häuſer hervorwachſen, die eben ſo un⸗ verſtändig angelegt als unſolid ausgeführt, und überhaupt mit ſo wenig Rückſicht auf Plan und Ordnung hingekleckſt ſind, daß die verſchiedenen Linien der neuen Gaſſen und Gebäude ſich in jedem Winkel die Kreuz und die Quere durchſchneiden. Es ſieht aus, als wären es die Trümmer nach einem Erdbeben, welches Gaſſen und große Plätze von einander geriſſen, und in den Boden eine Menge Erhöhungen und Vertiefungen gemacht hätte, oder als hätte irgend ein gothiſcher Teufel ſie alle zuſammen in eine Schachtel geworfen und auf's Ungefähr unter einander geſchüttelt. Was Bath durch dieſe immer häufigeren Auswüchſe in ein paar Jahren für ein Ungeheuer werden muß, iſt leicht vorherzuſehen, und dennoch iſt der Mangel an Schönheit und Ordnung nicht der ärgſte Fehler an dieſen neuen Wohnungen; ſie ſind nämlich von den weichen Sandſteinen, die man hier in der Nachbarſchaft findet, und ſo leicht gebaut, daß ich nicht ruhig darin ſchlafen könnte, wenn(um mich eines Seemanns⸗Ausdrucks zu bedienen) nur eine Mütze voll Wind in der Luft wäre; auch bin ich feſt überzeugt, daß mein Taglöhner Roger Williams oder ſonſt ein etwas hand⸗ feſter Burſche die ſtärkſten Stellen ihrer Wände mit dem Fuße durchtreten könnte, ohne ſeine Muskeln zu ſehr anzuſtrengen. Alle dieſe Abgeſchmacktheiten kommen von der Fluth der Ueppigkeit, welche die ganze Nation überſchwemmt und Alles, ſogar die Hefe * 51 des gemeinen Volks, mit fortgeriſſen hat. Jeder Glückspilz, der es zu einem modiſchen Anzuge gebracht hat, zeigt ſich in Bath, als dem wahren Orte, wo man ihn gewiß bemerken muß. Han⸗ delsdiener und Faktoren aus Oſtindien, mit der Beute von ge⸗ plünderten Provinzen beladen, Pflanzer, Sclaventreiber und Sud⸗ ler, die ſelbſt kaum wiſſen, wie ſie in unſern amerikaniſchen Colonien zu ihrem Gelde gekommen ſind, Kriegskommiſſäre, Zahl⸗ meiſter und Lieferanten, die in den zwei letzten Kriegen der Na⸗ tion Blut und Mark ausgeſogen haben, Wucherer, Trödler und Schacherer von allen Sorten, Menſchen von ſchlechter Geburt und noch ſchlechterer Erziehung haben ſich auf einmal in einen Zu⸗ ſtand von Wohlhabenheit verſetzt gefunden, wovon man in frühe⸗ ren Zeiten keine Ahnung hatte; was Wunder alſo, wenn ihnen die Köpfe von Hochmuth, Eitelkeit und Eigendünkel wirbelig werden. Sie wiſſen kein anderes Kennzeichen von Größe, als das Auskramen ihres Reichthums, und ſo verſchwenden ſie ohne Geſchmack und vernünftige Abſicht ihr Geld auf die einfältigſte Weiſe mit vollen Händen; ſie alle eilen nach Bath, weil man ihnen hier nicht ſo genau auf die Finger ſieht, und ſie ſich unter Prin⸗ zen und die Edlen des Landes miſchen können. Selbſt die Weiber und Töchter der niedrigſten Handwerksleute, welche ſich wie die Meerwölfe von dem Thranſpeck dieſer unausgeſchnittenen Wall⸗ fiſche des Glücks verſtohlenerweiſe mäſten, ſind von derſelben Wuth behaftet, eine bedeutende Figur vorſtellen zu wollen, und die mindeſte Unpäßlichkeit dient ihnen zum Vorwand, unter allen Umſtänden nach Bath reiſen zu wollen, weil ſie hier mit gnädigen Herren, Junkern und Schreibern Cotillon tanzen können. Dieſe zärtlichen Geſchöpfe aus Bedfordburg, Butcher⸗row, Crutched⸗friars und Botolph⸗lane, und wie die engen Gäßchen in London alle heißen mögen, können hier die dicke Luft in der Niederſtadt nicht ertragen oder ſich den gewöhnlichen Regeln eines ordentlichen Gaſt⸗ hofes unterwerfen, und ſo muß denn der gute Ehemann entweder 52 ein ganzes Haus oder elegante Zimmer in den neuen Gebäuden für ſie miethen. Das iſt der große Haufen, den man in Bath feine Geſellſchaft nennt; die im Verhältniß ſehr geringe Anzahl wohlerzogener Leute verliert ſich in einem Haufen unverſchämten Pöbels, der weder Witz, noch Verſtand, noch den geringſten Be⸗ griff von Anſtändigkeit und Lebensart beſitzt, und keine größere Freude zu kennen ſcheint, als wenn er Leuten grob begegnen kann, vor denen er an andern Orten ſchon zehn Schritte vorher den Hut abziehen müßte. Auf dieſe Art nimmt die Menſchen- und Häuſerzahl immer zu, und das wird ſo lange fortdauern, bis die Bäche, welche dieſen unwiderſtehlich reißenden Strom von Thorheit und Aus⸗ ſchweifung anſchwellen, entweder verſiegt ſind, oder durch Zu⸗ fälle und Begebenheiten, welche ich nicht vorauszuſehen behaupten kann, in ein anderes Bett geleitet werden. Ich geſtehe, das iſt ein Gegenſtand, bei dem mir immer die Geduld ſogleich ausreißt, denn der Janhagel iſt ein Ungeheuer, das ich weder in ſeinem Kopf, noch in ſeinem Schwanz, noch in ſeinem Bauch, noch in ſeinen übrigen Gliedern ausſtehen kann; ich verabſcheue ihn als eine Maſſe von Unwiſſenheit, Eigendünkel, Bosheit und Grobheit, und in dieſes Verwerfungsurtheil ſchließe ich ohne Rückſicht auf Stand, Amt oder Geburt alle diejenigen Männer und Weiber ein, welche feine Sitten haben oder ſeine Geſellſchaft ſuchen. Aber ich habe mir bereits die Finger krampfig geſchrieben und meine Uebelkeiten beginnen ſich wieder zu melden. Auf Ihren Rath habe ich vor einigen Tagen nach London geſchickt, um ein halb Pfund Genggang holen zu laſſen, ob ich gleich ſehr zweifle, daß der amerikaniſche eben ſo gut iſt als der oſtindiſche. Vor einigen Jahren kaufte ein Freund von mir zwei Unzen um ſechs⸗ zehn Guineen und ein Halbjahr ſpäter war in demſelben Laden das Pfund zu fuͤnf Schillingen feil. Kurz, wir leben in einer erbärmlichen Welt voll Liſt und Trug, und ich kenne nichts, was 53 der aufrichtigen Freundſchaft eines vernünftigen Mannes an die Seite geſtellt werden dürfte. Ein ſeltener Juwel, den ich indeß zu beſitzen mir ſchmeichle, ſo lange ich die alte Erklärung wieder⸗ holen kann, daß ich wie immer bin Ihr ergebenſter Freund und Diener M. Bramble. P. S. Nachdem ich bei meiner erſten Ankunft dahier einen kurzen Sturm ausgeſtanden, habe ich ein kleines Haus in Mils⸗ hamſtreet gemiethet, wo ich ziemlich gut logirt bin und wöchent⸗ lich fünf Guineen bezahle. Geſtern war ich im Brunnenſaal und trank ungefähr einen Schoppen Waſſer, was gut für meinen Magen zu ſeyn ſcheint; morgen frühe will ich zum erſten Male baden und in ein paar Poſittagen gedenke ich Sie ſchon wieder mit einem Briefe zu beläſtigen. Indeſſen freut es mich, zu ver⸗ nehmen, daß die Inoculation bei dem armen Hannchen ſo gut ab⸗ gelaufen iſt, und ſie nur wenig Blatternarben im Geſicht behalten wird. Wäre mein Freund Sir Thomas noch frei und ledig, ſo möchte ich ihm ein ſo hübſches Mädchen nicht in's Haus geben; da ich ſie aber ſeiner Gemahlin, einer der beſten Frauen unter der Sonne, auf's Angelegentlichſte empfohlen habe, ſo mag ſie, ſobald ſie wieder hergeſtellt und arbeitsfähig iſt, ohne Aufſchub zu ihm ziehen. Geben Sie ihrer Mutter Geld, um Hannchen mit dem Nothwendigen zu verſehen, und ihr Bruder ſoll ſie hinter ſich auf's Pferd nehmen und nach Bucks bringen; Sie müſſen aber dem Burſchen ſtreng auf die Seele binden, daß er den treuen alten Veteranen ſo gut als möglich behandle, denn er hat ſein jetziges bequemes Leben durch frühere Leiſtungen ehrlich verdient. An Miß Willis in Glouceſter. Bath, den 26. April. Theuerſte Freundin! Ich kann Ihnen nicht beſchreiben, wie viel Freude mir Ihr Brief gemacht hat, den ich geſtern erhielt. Gewiß, Liebe und Freundſchaft ſind höchſt angenehme Leidenſchaften, und Abweſen⸗ heit erhöht und verſtärkt ihre Reize. Ihr gütiges Geſchenk, die Granaten⸗Armbänder, werde ich ſo ſorgfältig verwahren, wie meinen Augapfel; ich bitte Sie, beifolgendes Etui und die ſchild⸗ krötene Schreibtafel als ein geringes Zeichen meiner unveränder⸗ lichen Freundſchaft und Treue dagegen anzunehmen. Bath iſt für mich eine ganz neue Welt. Nichts als Fröhlich⸗ keit, gute Laune und Zeitvertreib. Für Augen und Ohren iſt im⸗ mer reichlich geſorgt durch den Glanz und die Pracht der Kleider und Equipagen, ſowie durch das Geraſſel der Kutſchen, Chara⸗ bancs und Wagen aller Arten. Die luſtigen Glocken ertönen vom frühen Morgen bis in die ſpäte Nacht. Da kommen die Thurmmuſikanten bis vor die Stuben und heißen Einen willkom⸗ men; jeden Vormittag iſt Muſik im Curſaal, Nachmittags Cotillon im Aſſembleezimmer, zwei Mal in der Woche Ball und alle andern Abende Concert; außerdem noch Privatunterhaltungen und Luſtpartien ſo viel man nur will. Sobald wir in unſerer Woh⸗ nung eingerichtet waren, beſuchte uns der Ceremonienmeiſter, ein hübſches Herrchen, ſo ſüß, ſo fein, ſo artig und manirlich, daß man ihn auf dem Lande für den Prinzen von Wales halten könnte; er ſpricht ſo köſtlich ſowohl in Proſa als in Verſen, daß es eine wahre Luſt iſt, ihn anzuhören; auch müſſen Sie wiſſen, daß er ein großer Schriftſteller iſt und bereits fünf Trauerſpiele für die Bühne fertig da liegen hat. Er erwies uns die Ehre, auf meines Oheims Einladung mit uns zu MWittag zu ſpeiſen, und Tags darauf führte er meine Tante und mich überall in 55 ganz Bath herum; ich muß ſagen, es iſt ein wahres Paradies. Der große Platz, der Circus und die Paraden erinnern an die prachtvollen Paläſte, die man ſo oft auf Kupferſtichen und Ge⸗ mälden ſieht; die neuen Gebäude, wie die Frinzeſſinnenreihe, Harlekinsreihe, Bladudsreihe und noch ein Dutzend andere Reihen ſehen aus wie lauter Feenſchlöſſer inmitten von hängenden Gärten. um acht Uhr Morgens gehen wir im Negligé nach dem Brunnenſaale, der dann ſchon ſo voll iſt, wie am Jahrmarkt; da ſieht man Perſonen vom vornehmſten Stande und die niedrig⸗ ſten Handwerksleute unter einander herum ſpazieren und einander grüßen, wie wenn es lauter gute Freunde und Bekannte wären. Den erſten Tag bekam ich von dem Getöſe der Muſik, die auf der Galerie ſpielt, ſo wie von der Hitze und den Dünſten einer ſolchen Menſchenmaſſe und dem Geſumſe und Gebrumme, das man durcheinander hört, Kopfſchmerzen und Schwindel; bald aber gewöhnte ich mich ſo daran, daß es mir ſogar angenehm wurde. Gerade unter den Fenſtern des Brunnenſaals iſt das Königsbad, eine großmächtige Ciſterne, worin man die Patienten bis unter die Schultern im warmen Waſſer ſitzen ſieht. Die Damen tragen Leibchen und Röcke von brauner Leinwand und haben große runde Hüte auf, woran ein Taſchentuch feſtgeknüpft iſt, um den Schweiß vom Geſichte zu wiſchen. Aber ich weiß nicht, macht es der Qualm oder die Wärme des Waſſers, oder die Art der Kleidung, oder all dieſe Umſtände zuſammen, ſie ſehen ſo aufgedunſen und häßlich aus, daß ich ſie nicht anſehen kann, ſondern immer die Augen wegwenden muß. Meine Tante, welche behauptet, Per⸗ ſonen von Stand müſſen ſich eben ſo gut im Bade als in der Kirche ſehen laſſen, ſchaffte ſich einen Hut mit kirſchblüthfar⸗ benen Bändern an, die zu ihrer Geſichtsfarbe wirklich nicht übel paßten, und nöthißte Winifred geſtern, mit ihr in's Bad zu gehen. Aber wirklich, ihre Augen waren ſo roth, daß mir die 56 meinigen überliefen, als ich ſie vom Brunnenhaus aus anſah; und die arme Winny, die einen Hut mit blauen Bändern auf hatte, ohnehin blaß iſt, und nun auch noch ängſtlich und furcht⸗ ſam war, ſah aus wie der Geiſt eines bleichen Mädchens, das ſich aus Liebe ertränkt hat. Als ſie aus dem Bade kam, nahm ſie assa foetida Tropfen und zitterte den ganzen Tag ſo, daß wir Wühe hatten, ſie vor hyſteriſchen Zufällen zu ſchützen; allein ihre Gebieterin ſagt, dieß werde ihr wohl bekommen, und die arme Winny nickt dazu, indem ihr die Thränen in den Augen ſtehen. Ich für mein Theil trinke jeden Morgen etwa einen halben Schoppen Waſſer und laſſe es dabei bewenden. Der Brunnendiener wartet mit ſeiner Frau und einer Magd den Gäſten hinter dem Schranke auf. Die Gläſer, von verſchie⸗ dener Größe, ſtehen in Ordnung vor ihnen, ſo daß man nur mit dem Finger auf das deuten darf, welches man wünſcht, und im Augenblick iſt es gefüllt, warm und klar, wie es aus der Röhre fließt. Es iſt das einzige warme Waſſer, das ich jemals trinken konnte, ohne Debelkeiten zu bekommen. Dieß iſt ſogar lieblich von Geſchmack, geſund für den Magen und ſo aufregend, daß man ordentlich munter davon wird. Sie können gar nicht glauben, welche Wunderkuren es verrichtet. Mein Oheim hat vor einigen Tagen damit angefangen, er machte aber ein ſaures Geſicht beim Trinken, und ich fürchte, er wird es bald aufgeben. Am erſten Tag, als wir nach Bath kamen, hatte er einen gewaltigen Aerger, er ſchlug zwei Mohren, und ſchon hatte ich bang, er werde ſich mit ihrem Herrn duelliren müſſen, allein zufällig war der fremde Herr ſehr friedliebender Natur. Ich glaube beinahe, die Gicht iſt ihm in den Kopf geſtiegen, wie die Tante ſagt, doch hat der Aerger ſie wieder vertrieben, denn er iſt ſeitdem immer ganz wohl geweſen. Es iſt Jammerſchade, daß ihn dieſe garſtige Krankheit quälen muß; denn wenn er keine Schmerzen hat, ſo iſt er der gutherzigſte Mann von der Welt, ſo ſanft, ſo großmüthig und freundlich, daß ihn Jedermann lieb hat; insbeſondere iſt er gegen mich ſo gütig, daß ich niemals im Stande ſeyn werde, ihm meine herzliche Dankbarkeit für ſeine Zärtlichkeit und Fürſorge ſo zu beweiſen, wie ich's wünſchte. Dicht am Brunnenſaale iſt ein Kaffeehaus für Damen; meine Tante ſagt aber, junge Mädchen haben dort keinen Zutritt, weil ſich die Unterhaltung um Politik, Skandal, Philoſophie und allerhand der Art Sachen drehe, die für uns zu hoch ſeyen, dagegen dürfen wir mit ihnen nach den Buchläden gehen, wo man immer die köſtlichſte Unterhaltung findet; da können wir Erzählungen, Schau⸗ ſpiele, Flugſchriften, Zeitungen und alle möglichen Sachen leſen, ohne mehr voraus bezahlen zu müſſen, als einen Thaler im Vier⸗ teliahr. In dieſen Adreßkomptoirs, wie mein Bruder ſie nennt, kann man Alles erfahren, was den Tag über in Bath geſagt und gethan worden iſt, und hier wird Alles zuerſt beſprochen. Aus dem Buchladen gehen wir bei den Modehändlerinnen herum, und zuletzt gewöhnlich zu dem Paſtetenbäcker Gill und eſſen dort eine Torte, ein Glas Gallert, oder auch einen kleinen Leller voll Kranznudeln. Es iſt hier auch noch an der andern Seite des Waſſers ein Luſtort, gerade gegenüber von dem Wäldchen, und dahin läßt man ſich häufig in einem Boote überſetzen. Man nennt ihn Springgarten, und es iſt ein angenehmer Ort, voller Spazier⸗ gänge, Fiſchteiche und Blumenbeete; dabei auch ein langer Saal, wo man frühſtückt und tanzt. Da er in einem feuchten Thale liegt und das Wetter hier noch immer ſehr naß war, ſo will mich mein Oheim noch nicht dahin gehen laſſen, damit ich mich nicht erkälten möchte; die Tante aber ſagt, dieß ſey ein einfältiges Vorurtheil, und in der That gehen viele irländiſche Herren und Damen häufig dahin, ohne daß es ihnen im Mindeſten zu ſchaden ſcheint. Sie ſagen, man habe ihnen als ein vortreffliches Mittel gegen den Schnupfen angerathen, bei feuchter Witterung im Springgarten zu tanzen. Ich bin auch ſchon zwei Mal im Theater geweſen; 58 das Haus war voll von wohlgekleideten und gebildeten Zuſchauern, die Dekorationen ſind ſehr ſchön, aber dennoch konnte ich mich nicht enthalten, mit Seufzern an unſere ehemaligen kleinen Vorſtellun⸗ gen in Glouceſter denken. Dieß muß jedoch unter uns bleiben, meine theuerſte Willis; Sie kennen mein Herz und werden ihm ſeine Schwachheit verzeihen. Endlich muß ich Ihnen noch von den Hauptſchauplätzen der Unterhaltung zu Bath erzählen, von den beiden öffentlichen Aſſem⸗ bleeſälen, welche die Geſellſchaft abwechſelnd jeden Abend beſucht. Sie ſind groß, hoch, und wenn ſie erleuchtet ſind, fallen ſie ſehr ſchön in die Augen, gewöhnlich ſind ſie voll von wohlgekleideten Leuten, die an abgeſonderten Tiſchen Thee trinken, Karten ſpielen, ſpaziren gehen oder auch zuſammen ſitzen und ſchwatzen, was ihnen eben in den Mund kommt. Zweimal in der Woche iſt Ball; die Koſten werden vermittelſt einer freiwilligen Subſcription von den Herren zuſammengeſchoſſen und jeder Subſcribent bekommt dafür drei Billets. Mein Bruder, der mit unterſchrieben hat, führte letzten Freitag die Tante und mich dahin, und Sir Ulie Mackilligut empfahl mir ſeinen Neffen, den Kapitän O'Donaghan, zum Tänzer; aber Jerome lehnte dieß ab, unter dem Vorwand, ich habe Kopfſchmerzen, und es verhielt ſich auch wirklich ſo, ob ich gleich nicht begreife, woher er es wiſſen konnte. Es war ſo heiß im Saale, und der Geruch ſo verſchieden von dem, woran wir auf dem Lande gewöhnt ſind, daß mir beim Weggehen ganz fieber⸗ haft zu Muthe war. Die Tante ſagt, dieß komme von der ge⸗ meinen Geſundheit ſolcher Leute her, die zwiſchen Wäldern und Gebirgen aufgefüttert werden; es werde ſich bei mir ſchon geben, ſobald ich mich nach und nach an vornehmere Geſellſchaften gewöhnt habe. Sir Ulic war ungemein gefällig, er ſagte meiner Tante eine Menge hochtrabender Complimente vor, und als wir gehen wollten, führte er ſie mit vielen Ceremonien zu ihrer Senfte. Ich glaube, der Kapitän hatte dieſelbe Ehre mir zugedacht, als 59 aber mein Bruder ſah, daß er auf mich zuging, ſo nahm er mei⸗ nen Arm und wünſchte ihm gute Nacht. Der Kapitän iſt wirklich ein hübſcher Mann, groß und ſchlank; er hat hellgraue Augen und eine römiſche Naſe, dabei aber in ſeinen Blicken und Ma⸗ nieren eine gewiſſe Keckheit, die einen aus der Faſſung bringen kann. Doch ich fürchte, ich habe mit dieſem langen unordentlichen Geſchreibſel Ihre ganze Geduld erſchöpft, will alſo demſelben ein Ende machen, mit der Verſicherung, daß weder Bath, noch London, noch alle Vergnügungen des Lebens im Stande ſeyn ſollen, das Bild meiner vielgeliebten Letty auszulöſchen im Herzen Ihrer ergebenſten Freundin Lydia Melford. An Jungfer Marie Jones in Brambletonhall. Liebes Miekchen! Da ich gerade freie Zeit habe, ſo kann ich nicht unterlaſſen, an Ihr zu ſchreiben, weil ich eine ſo gute Gelegenheit habe und Sie vor die Güte zu danken, daß Sie mich mit Herrn Higgins nach der heißen Quelle geſchrieben hat. Die Strümpfe, die ſie mir geſchickt hat; ſind mir jetzt zu nichts mehr nütze, denn kein Chri⸗ ſtenmenſch trägt hier ſolche Dinger.— O Miekchen, was das vor ein Leben iſt hier im Bade, kann ich Ihr gar nicht verſagen. Den ganzen Tag ein Muſſiziren und Tanzen und Springen und Liebeln. O du Liebſte Zeit, wenn ich nur nicht ganz ſtumm wäre von Verſchwiegenheit, ich könnte einen ganzen Haufen ſachen er⸗ zälen von unſerer jungen Herrſchaft und unſerer alten Herrſchaft. Inden mit gottesallmächtigen Bärten, das keine Juden ſind, ſon⸗ dern ganz hübſche Chriſten und kein Härlein am ganzen Kinn haben, und Brillen in den Häuſern herumtragen, daß ſie nur Miß Liddy zu ſprechen kriegen. Sie iſt aber eine Zukerſüſe Seel und ſo unſchuldig, wie Kind im Mutterleib. Sie hat mir ihr 60 ganzes Herz geoffenbart und daß ſie unſterblich in Herr Wilſon verliebt iſt; das iſt aber nicht Sein rechter Name und wenn er gleich mit den Komödianten geſpielt hat, ſo iſt er doch ganz vor⸗ nehmer Leute Kind, und ſie hat mir ihr gelb Kleid geſchenktt, und Frau Drak, die Puzmacherin, ſagt, Sie wolle es mir ganz ſchar⸗ mant herauspuzen und blaue Bänder dran machen. Sie weiß ja, liebe Miekchen, Gelb und Blau ſteht mir am allerbeſten. Ach du lieber Gott, was werden die Manskerl ihre Hälſe in die höhe Strecken, wenn ſie Mich zum erſten Mal in dieſem Kleid ſehen, und noch ein nagelneues Halstuch dazu, was ich erſt am letzten Freitag von Madam Fripono, der franzöſchen Putzmacherin gekauft habe. Ja, ja, liebe Miekchen, ich habe alle herrlichkeiten von Bath geſehen, die Paraden, die Skweir, die Eirclis, den Hottogon, die neuen Häuſer und König Heinrichs Reihe, und bin zwei Mal mit meinem Fräulein in's Bad geweſen, und hab kei⸗ nen Fetzen von einem Hemd auf dem Leib gehabt. Das erſte Mal war ich fürchterlich verſchrocken und zitterte den ganzen Tag wie ein Eſpeslaub, und that hernach, als hätte ich meine alte Mutter⸗ beſchwerung wieder gekriegt, aber mein Fräulein ſagte, wenn's nicht beſſer werde, ſo ſollte ich Biebergeiltropfen einnehmen, und da iſt mir's eingefallen, was Frau Gwillims für ein Geſicht ſchnitt, als ſie auch einmal dieß einnehmen mußte, und ich ging lieber wieder mit ihr in's Bad; da iſt mir aber eine ganz när⸗ riſche Hiſtorie paſſirt. Ich ließ meinen einzigen Rock hinabfallen und das Waſſer war ſo tief, daß ich ihn nimmer heraufkriegen konnte. Das iſt mir aber ganz einerlei, die Leute lachten mir wohl, ſie konnten doch nichts ſehen, denn ich ſaß bis an's Kinn im Waſſer. Das muß ich aber ſagen, ich war ſo außer mir vor Verſchämtheit, daß ich nicht wußte, was ich ſagte, oder was ich that, und ſie mich in ein Leintuch wickelten, und nach Hauſe tru⸗ gen. Fräulein Tabitha verlas mir den Loviten als wir heimkamen, aber ſie weiß wohl, daß ich auch was weiß. Du liebe Zeit, da 61 iſt ſo ein alter Herr Jury Micligut von Balnagleich in der Grafſchaft Kaloway, ich habe mir den Namen von ſeinem Herrn Kammerdiener, welcher O'Fritzle heißt, aufſchreiben laſſen, und der hat jählich fünfzehnhundert Pfund zu verzehren. Ja, das ſag ich ihr, er iſt recht reich und ſchönörös. Aber ſie weiß ja, Miekchen, daß Mir's Jedermann nachſagen muß, daß ich etwas Geheimes verſchweigen kann, und darum hat er mir auch anvertraut, daß er ein Auge auf das gnädige Fräulein hat, aber ſo war Gott im Himmel lebt, ganz in Ehren. Herr O'Fritzle hat mir's heilig und theuer verſichert, daß er ſich keinen Pfifferling um ihren Brautſchatz bekümmert. Was ſind aber auch ſo lumpige zehntau⸗ ſend Pfund für ſo einen reichen Herrn Baronen. Ich hab's ihm aber auch rund heraus geſagt, daß ſie nicht mehr hat, als ſo viel. Der John Thomas iſt doch ein wüſter Brummbär, er hat beinahe mit Herrn OFritzle Händel angefangen, weil er in Springgarden mit mir tanzen wollte. Aber Gott im Himmel weiß, daß ich an keinen von beiden denke. Was Neues aus dem Hauſe weiß ich eigentlich nicht, das Allerſchlimmſte iſt, daß Scholli gar keinen Appetit hat, er ißt nichts als Wecken und auch das nicht viel und Milch und er ſieht ſo aufgeſchwollen aus. Die Dokter ſagen, er habe einen Anſatz zur Waſſerſucht. Dem Herrn Paſtor Markfett, der auch dieſe Krankheit hat, thut das Waſſer ſehr gut, aber es kommt mir vor, als ob es dem Scholi eben ſo wenig ſchmäcken thäte, wie unſerm Herrn, und das Fräulein ſagt, wenn es nicht bald beſſer mit ihm werde, ſo muß man ihn nach Aberganny bringen, daß er dort Ziegenmolken trinkt. Das gute Thierchen iſt aber auch darum ſo ſchwächlich, weil es gar keine Motion hat, deswegen will ihn auch das Fräulein täglich eine Stunde auf den Dünen ſpazieren führen. Ich habe in dieſer Stadt ſchon manche ſchöne Bekanntſchaft ge⸗ macht, denn es kommen die allerfeinſten Leute hieher. Mamſel Patſcher, die Kammerjungfer der Mylady Kilmaculock, und „ 62 ich ſind ſo vertraut miteinander, wie leibliche Schweſtern. Sie hat mir alle ihre Geheimniſſe geſagt und mir gezeigt, wie man alte Seidenzeuge und Bombaſin waſcht: man muß Weineſſig dazu nehmen und Färberlauge und abgeſtandenes Bier. Mein braunes Halstuch und mein Unterrock ſieht wieder gerade ſo gut aus, wie wenn es vom Schneider käme, und mein Panbadurkleid iſt wieder ſo friſch wie eine Roſe, ich habe aber auch Schildkrotbrühe dazu genommen. Aber gelt Miekchen, das ſind dir lauter böhmiſche Dörfer. Wenn wir nach Aberganny kommen, ſo kann ſie in einem Tag zu uns reiten, und dann ſehen wir uns mündlich, wenn es Gottes Wille iſt. Wenn nicht, ſo denke ſie ja alle Morgen und Abend beim Bettgehen an mich, und ſorge ſie vor mein Minettle und grüße ſie Salome. Veiter weiß ich vor heute nichts zu ſchreiben und verbleibe Ihre geliebte Freundin und Dienerin Winifred Jenkens. An Frau Gwillim, Haushülterin zu Brambletonhall. Ich möchte nur auch wiſſen, wo der Doctor Ludwig ſeinen Kopf hat, daß er ſich heraus nimmt, ohne mein wiſſen und wil⸗ len eine Kuh aus dem Stalle zu verſchenken. Was will das heißen, mein Bruter habe es ihm befohlen. Mein Bruder iſt nicht viel beſſer, als ein gleines Kind, der gäbe das Hemd vom Leibe her und die Zähne aus dem Munde dazu, und wenn ich nicht geweſen wäre und das tuch an allen vier Zipfeln gehalten hätte, er hätte mit ſeiner dummen Wohlthätigkeit ſchon die ganze Familie ruinirt. Sie glaubt gar nicht, wie ſauer er mir mein Leben macht durch ſeine Verſchwendereien und Dummheiten den ganzen Tag, wie wenn ich nur ſein Küchenmenſch wäre. Ach Gott, dieſe ſchöne Kuh, ſie hat täglich vier Häfen voll Milch gegeben, ſobald das Kalb nimmer an ihr ſoff. Ja dieſe Milch wird mir 63 ſchön fehlen und am Butterfaß und Käſebeutel wird man es wohl ſpüren. Sie muß eben jetzt recht ſparen, und wenn die Leute auch keine Butter zu ſehen kriegen. Wenn ſie ja nicht ohne But⸗ ter leben können, ſo mache ſie Schafbutter, aber dann krieg ich auch ſchlechte und ſpröde Wolle, und überall, wo ich hinſehe, muß ich zu kurz kommen. Ich ſage ihr, die Geduld iſt wie ein tüchti⸗ ger welſcher Hengſt, er kann viel tragen und lange ſpringen, aber man kann ihn auch müde reiten. Es wird nimmer lang anſtehen, ſo ſage ich meinem Herrn Bruder, daß ich nicht darum auf der Welt bin, um mich meine ganze Lebenszeit mit ſeiner Haushaltung abzurackern. Gwen ſchreibt mir aus Crickhowel, daß das Flanell um ſechs Pfennige die Elle abgeſchlagen hat, und das koſtet mich manchen ſchönen Batzen. Es iſt eine Sünde und Schande, wenn ich etwas auf den Markt ſchicke, ſo iſt's wohlfeil wie ſtinkende Butter, und wenn ich einmal etwas kaufen will, kann ich's für Geld und gute Worte kaum anftreiben und Niemand meine Sach recht machen. In Brambletonhall wird wohl auch alles überzwerg gehen, daß ich nicht zu Hauſe bin. Der Gansger ſagt Sie hat die Eier entzwei gebrochen; das begreife ich nicht, wie das zugegangen ſeyn ſollte! Denn als vergangenes Frühjahr der Fuchs die alte Gans holte, ſetzte er ſich auf das Neſt und brütete die Eier aus und verfuhr dann mit den Gänschen, wie es einem liebreichen Vater geziemt. Das Donnerwetter hätte auch zwei Tonnen Bier im Keller ſauer gemacht, ſagte ſie! Wie das Donnerwetter in einen Keller mit doppelten Thüren kommen kann, da ſteht mir der Verſtand ganz ſtille, ſie ſoll mir aber das Bier nicht weggießen, ich will es ſelbſt ſehen; es kann ſich wieder umwerfen, zum wenig⸗ ſtens kann man's zum Eſſig für die Leute brauchen. Wann wir wieder nach Hauſe kommen, ſteht noch im weiten Felde, deßwegen laß ſie kein Feuer mehr in meines Herrn Bruders und meinem Zimmer machen. Ich verlaſſe mich auf ſie, Frau Gwillims, daß ſie mir nichts verderben läßt, und gebe ſie auch acht auf die 64 Mädchen und laß ſie ſchön fleißig ſpinnen. Ich denke, ſie brauchen beim heißen Wetter kein Bier zu trinken; das macht ihnen nur hitziges Blut, ſo, daß ſie hinter den Knechten drein laufen. Vom Waſſer werden ſie viel ſchöner und bleiben auch ehrbarer dabei. Vergeß ſies nicht, daß ſie in den Mantelſack, den William mitbringt, auch mein Reitkleid und Federhut packt, dann die Viole mit Perlwaſſer und die Magentinktur, denn ich habe viele Anfälle und Krämpfe. Weiter kann ich vor heute nicht ſchreiben und verbleibe Bath, den 26. April. Ihre gnädige Herrſchaft Tabitha Bramble. An Doctor Tudwig. Liebſter Ludwig! Den Brunnen habe ich bereits aufgegeben, deßwegen kommt Ihr guter Rath um einige Tage zu ſpät. Ich habe ja nicht ge⸗ ſagt, daß Sie die Geheimniſſe in der Medizin gemacht haben. Ich weiß wohl, daß ſie ihrem ganzen Weſen nach ein Geheimniß iſt, und ſo gut wie alle Geheimniſſe einen ſtarken Glauben erfor⸗ dert. Vor einigen Tagen ging ich auf den Rath unſeres Freun⸗ des Ch. in's Königsbad, um mich ein wenig zu ſäubern und durch Reinigung der Poren eine freie Ausdünſtung zu befördern; aber das Erſte, was mir in die Augen fiel, war ein am ganzen Leibe mit ſtrophulöſen Beulen bedecktes Kind, das einer der Badknechte vor den Naſen der Gäſte auf dem Arm vorübertrug. Ich konnte dieſen Anblick nicht ertragen, und lief aus Aerger und Eckel augen⸗ blicklich wieder heim. Was meinen Sie, wenn die Materie dieſer Geſchwüre, die im Waſſer herum ſchwimmt, in Berührung mit meiner Haut kommt, während die Poren alle geöffnet ſind, da könnte ja das größte Unglück daraus entſtehen. O pfui, das Blut gerinnt mir in den Adern, wenn ich nur daran denke. Wir 65 wiſſen nicht, was für Schweinereien ins Waſſer fließen mögen, ſo lange wir baden, und mit was für Materie wir uns leicht an⸗ feuchten: dem Königsübel, Kröpfen, Krätze, Krebs und Franzoſen; überdieß macht die Wärme das Gift noch feiner und durchdrin⸗ gender. Um mich nun von allen derartigen Befleckungen rein zu erhalten, ging ich in das Privatbad des Herzogs von Kingston; aber dort erſtickte ich beinahe aus Mangel an freier Luft, ſo eng und qualmig iſt es. Ich glaube einmal, wenn man weiter nichts als ſeine Haut waſchen will, ſo thut das ſimple Element beſſere Wirkung als jedes andere mit Salz oder Eiſentheilchen geſchwängerte Waſſer. Letzteres iſt adſtringirend, muß daher nothwendig die Poren ver⸗ engen und eine Art Rinde auf der Oberfläche des Körpers zurück⸗ laſſen. Jetzt habe ich aber eben ſo großen Reſpekt vor dem Trinken wie vor dem Baden; denn nach einer langen Unterredung mit dem Doctor über den Bau der Pumpe und Ciſterne iſt mir der Zweifel noch keineswegs gehoben, ob die Gäſte im Brunnenſaale nicht das Spühlig aus den Bäbern trinken müſſen. Es will mir nicht aus dem Kopfe, daß das Waſſer aus dem Bade möglicher⸗ weiſe wieder in die Ciſterne fließen kann. In dieſem Falle haben die Trinker täglich einen köſtlichen Saft hinunter zu ſchlucken, ge⸗ braut aus Schweiß, Schmutz, Schuppen und dem verſchiedenen eckelhaften Auswurfe von zwanzigerlei kranken Körpern, was alles unten im Keſſel kocht und gährt. Um dieſer Schandmixtur auszu⸗ weichen, nahm ich meine Zuflucht zu den Quellen, welche den Privatbädern in Abbey⸗Green das Waſſer liefern, aber ich merkte im Augenblick etwas Sonderbares im Geſchmack und Geruch, und bei genauer Unterſuchung finde ich, daß die römiſchen Bäder an dieſem Orte mit der Erde von dem früheren Kirchhofe der Abtei bedeckt ſind. Aller Wahrſcheinlichkeit nach muß nun das Waſſer ſeinen Weg durch dieſen Boden nehmen, und wie wir im Brun⸗ nenſaale ein Decvet von lebendigen Körpern trinken, ſo genießen wir Smollet's Romane. KII. 5 66 bei der andern Quelle die Zerſetzung von verfaulten Knochen und Gerippen. Bei Gott! das Herz dreht ſich mir im Leibe um, wenn ich nur daran denke. Da ich indeß feſt entſchloſſen bin, keinen weitern Gebrauch von dieſem Mineralwaſſer zu machen, ſo könnte ich mich darüber ſchon wegſetzen, wenn nur irgendwo etwas Rei⸗ neres oder Unſchädlicheres für meinen Durſt aufzutreiben wäre; allein obgleich von den vielen herumliegenden Hügeln auf allen Seiten vortreffliches Waſſer herunterquillt, ſo ſind die Einwohner einmal gewohnt, ihren Bedarf von den Brunnen zu beziehen, und dies Waſſer enthält ſo viel Salpeter, Alaun oder irgend ein ande⸗ res garſtiges Mineral, daß es eben ſo unſchmackhaft als ungeſund iſt. Hier in der Milshamſtraße haben wir zwar die Begünſtigung, zum nothdürftigen Gebrauche aus dem Circus holen laſſen zu können, allwo man es von dem Berge in einem Behälter auf⸗ fängt und ſammelt; aber wer bürgt mir dafür, ob dieſes Lum⸗ penvolk in ſeinem gottloſen Muthwillen nicht todte Hunde, Katzen, Ratzen und ſonſt allen möglichen Unrath hineingeworfen. Es gibt wahrhaftig keine Nation auf der Welt, die ſo ſchwei⸗ niſch trinkt, wie wir Engländer. Was man uns als Wein bietet, iſt kein Traubenſaft, ſondern ein unnatürliches Gemiſche aus eckel⸗ haften Ingredienzien, zuſammengebraut von Dummköpfen, die in der Giftmacherkunſt noch Stümper ſind, und dennoch laſſen wir uns, wie unſere Vorfahren, von dieſem ſaft⸗ und geſchmackloſen Getränke vergiften. Das einzige unverfälſchte und geſunde Ge⸗ tränke in England iſt Londner Porter und Dorcheſter Tafelbier; ihr Ale und ihren Wachholder-Branntwein aber, ihren Aepfel⸗ und Birnmoſt, und wie die gebrauten Weine und Moſte alle heißen mögen, verabſcheue ich als ein hölliſches Geſöffe, erfunden zur Vernichtung des menſchlichen Geſchlechts. Doch was liegt mir an dem menſchlichen Geſchlechte? Ein paar gute Freunde aus⸗ genommen, kann meinetwegen alle andere——— Sie ſehen, Ludwig, meine Miſanthropie wächst mit jedem — — 67 Tag. Je länger ich lebe, je unerträglicher werden mir die Thor⸗ heiten und Vosheiten der Menſchen. Ich wollte, ich wäre in Brambletonhall geblieben; ich habe ſo lange in der Einſamkeit gelebt, daß ich das unverſchämte Gewühle und Gedränge der großen Geſellſchaft nicht ausſtehen kann, und zu allem Andern iſt an dieſen volkreichen Orten Alles noch künſtlich verfälſcht. In Allem, was wir eſſen und trinken, liegen Schlingen für unſer Leben; ſogar die Luft, die man athmet, ſchwimmt voll Seuchen. Ja nicht einmal ſchlafen kann man, ohne Anſteckung befürchten zu müſſen. Ich ſage abſichtlich Anſteckung, denn dieſer Ort iſt ein Sammel⸗ platz für Sieche und Kranke, und Sie werden doch nicht läugnen wollen, daß viele Krankheiten anſteckend ſind, ſogar die Schwind⸗ ſucht iſt ſehr anſteckend. Wenn in Italien Jemand daran ſtirbt, ſo wird ſein Bett ſammt der Betiſtelle verbrannt, der übrige Hausrath, den er gebraucht hat, aber ausgelüftet und das Zimmer geräuchert und friſch geweißt, ehe eine lebendige Seele wieder hinein zieht. Sie werden doch zugeben, daß nichts die Anſteckung leichter annimmt und länger behält, als Federbetten, Matratzen und Bett⸗Tücher. Ei der Teufel, was für kranke Menſchen haben vielleicht in eben dem Bette geſeufzt, in dem ich jetzt liegen muß! Ich wundere mich, Doctor, daß Sie mich nicht daran erinnert haben, meine eigenen Matratzen mitzunehmen. Doch wenn ich nicht ein Eſel geweſen wäre, ſo hätte ich keiner Erinnerung be⸗ durft. Immer kommt mir ein ſolch verwünſchter Gedanke in den Weg, um als Zeuge gegen mich aufzuſteben und meinen Muth niederzuſchlagen. Alſo zu etwas Anderm. Ich habe auch ſonſt noch Gründe, meinen Aufenthalt in Bath abzukürzen. Sie kennen das Temperament meiner vielgeliebten Schweſter Tabby. Wäre dieſe Jungfer Tabitha Bramble das Kind anderer Eltern, wahrhaftig, ich würde ſie keines Blickes würdigen. Nun iſt es ihr aber gelungen, mein Intereſſe zu gewinnen, oder vielmehr, ſie hat es der Macht des Vorurtheils zu verdanken, das 68 man die Bande des Bluts zu nennen pflegt. Kurz und gut, dieſe holdſelige Jungfrau hat wahrhaftig eine Liebelei mit einem fünf⸗ undſechszigjährigen irländiſchen Baronet angezettelt. Der Kerl nennt ſich Ulic Mackilligut. Er muß etwas in Schulden ſtecken und ich glaube, daß er über ihr Vermögen falſch berichtet worden iſt. Dem ſey wie ihm wolle, dieſer Liebeshandel iſt im höchſten Grade lächerlich, und die Leute beginnen bereits, die Köpfe zu⸗ ſammen zu ſtecken. Ich meines Theils bin nicht geſonnen, dem ſfüßen Hange ihres Herzens Zwang anzuthun; doch werde ich ſchon ein Mittel ausfindig machen, ihrem Amadis über den Punkt, der ihm wohl der wichtigſte ſeyn wird, aus dem Traume zu helfen. Allein ich glaube nur, ihre Aufführung iſt kein geeignetes Bei⸗ ſpiel für Liddy, welche bereits die Aufmerkſamkeit verſchiedener junger Lecker rege gemacht hat, und Jerome ſagt mir, der Neffe des Baronets, ein koloſſaler Burſche, ſcheine ihm Abſichten auf das Mädchen zu haben. Ich muß daher ſowohl auf ſie als die Tante ein wachſames Auge haben, und den Schauplatz an einen andern Ort verlegen, im Fall die Sache ernſthafter werden ſollte. Sie ſehen wohl ein, welch ein angenehmes Geſchäft es für einen Mann von meiner Laune ſeyn muß, für ſolche Seelen zu ſorgen; doch genug jetzt, und bis zur nächſten Gelegenheit kein mürri⸗ ſches Wort mehr von Ihrem Mathias Bramble. Bath, den 28. April. An Sir Watkin Philipps, Varonet, im Jeſuitenkollegium zu Orford. Mein liebſter Freund! Die Leute ſind doch höchſt unbillig, welche klagen, Bath ſey ein enger Zirkel, wo ohne alle Abwechslung und Veränderung — 69 immer nur dieſelben langweiligen Auftritte ſich wiederholen. Im Gegentheil kann ich mich nicht genug wundern, auf einem ſo ſchmalen Raume eine ſolche Mannigfaltigkeit von Vergnügungen zu finden. Selbſt London hat kaum irgend eine Ergötzlichkeit aufzu⸗ weiſen, welcher Bath nicht eine andere an die Seite zu ſetzen ver⸗ möchte, ganz abgeſehen von den eigenthümlichen Vorzügen dieſes Ortes. Man hat zum Beiſpiel täglich und ſtündlich Gelegenheit, die allermerkwürdigſten Charaktere zu beobachten. Man ſieht ſie hier in ihren natürlichen Stellungen und wahren Farben; herab⸗ geſtiegen von ihren Fußgeſtellen, entkleidet ihrer prächtigen Drape⸗ rien, unverſtellt von Kunſt und Täuſchung. Wir haben hier Staatsminiſter, Fürſten, Generäle, Biſchöfe, Projektmacher, Philoſophen, Schöngeiſter, Poeten, Komödianten, Chemiker, Muſikanten und Hanswurſte. Wer ſich nur ganz kurz hier auf⸗ hält, kann verſichert ſeyn, daß er irgend einen guten Bekann⸗ ten trifft, an den er nicht gedacht hat, und für mich iſt nichts angenehmer als eine ſolche zufällige Begegnung. Ein anderes Vergnügen, welches man nur in Bath findet, entſpringt aus der allgemeinen Vermiſchung aller Stände in unſern öffentlichen Ge⸗ ſellſchaftszimmern, wo Stand oder Vermögen durchaus keinen Unterſchied begründet. Mein Oheim verdammt dieß als ein un⸗ natürliches Gemenge von widerſprechenden Grundſätzen, als ein elendes Getümmel, ein unverſchämtes Gelärme ohne allen An⸗ ſtand und ohne alle Ordnung. Mir dagegen macht dieſes Chaos tauſend Spaß. Auf dem letzten Ball ward mir der luſtige Anblick zu Theil, daß der Ceremonienmeiſter eine alte Zofe, die ſich mit den abge⸗ legten Kleidern ihrer gnädigen Frau herausgeputzt, in der Mei⸗ nung, es ſey eine ſo eben angelangte vornehme Dame, mit großer Feierlichkeit nach dem obern Ende des Saales führte. Den Ball eröffnete ein ſchottiſcher Lord mit einer mulattiſchen Erbin von der Inſel St. Chriſtoph, und der luſtige Oberſt Tinſel tanzte den 70 ganzen Abend mit der Lochter eines reichen Zinngießers von Southwark. Geſtern morgen ſah ich im Brunnenſaale eine alte Kneipwirthin ſich durch einen Zirkel von engliſchen Pairs durch⸗ drängen, um ihrem Branntweinlieferanten, der ſich mit ſeinen Krücken an's Fenſter gelehnt hatte, eine Patſchhand zu geben, und ein gichtbrüchiger Procurator aus dem Schuſtergäßchen, der ſich nach dem Schenktiſche hinguälte, trat dem Kanzler von England auf die Ferſe, während Seine Excellenz eben in einer kurzen Bootmanns⸗ Perücke ein Glas Waſſer tranken. Ich kann keine Gründe anfüh⸗ ren, warum mir derartige Zufälle ſo viel Vergnügen machen, ich müßte denn nur ſagen, daß ſie ſchon an und für ſich ſehr lächer⸗ lich ſind, und viel dazu beitragen, die muntere Laune im Poſſen⸗ ſpiele des Lebens, das ich ſo lang als möglich zu genießen ent⸗ ſchloſſen bin, rege zu erhalten. Dieſe Thorheiten, über die mein Oheim den Spleen bekommt, machen mich nur lachen. Er iſt empfindlich wie ein ſchaalloſes Ei, und zuckt bei der geringſten Berührung. Was einen Andern kitzelt, macht ihm hölliſche Schmerzen, und dennoch hat er, was wir lichte Augenblicke zu nennen pflegen, wo er dann auffallend witzig und heiter iſt. Wahrhaftig, ich habe noch nie einen Hypo⸗ chonder gefunden, der ſo leicht in die roſenfarbenſte Laune gera— then kann. Er iſt der luſtigſte Miſanthrop, den man unter der Sonne finden kann. Ein glücklicher Scherz oder irgend ein ſpaß⸗ hafter Zufall kann ihn ſelbſt in ſeinen finſterſten Augenblicken zum unmäßigſten Lachen bringen; wenn er dann ausgelacht hat, ſchimpft und flucht er über ſeine Einfalt. Spricht er mit Fremden, ſo läßt er ſich ſeine Unruhe nicht anmerken; nur gegenüber von den Sei⸗ nigen macht ſich ſein Unmuth Luft, aber auch gegen dieſe nicht, ſo lange ſie ſeine Aufmerkſamkeit rege erhalten. Sobald jedoch ſein Geiſt nicht mit äußerlichen Dingen beſchäftigt iſt, ſo ſcheint er in ſich ſelbſt zurückzukehren und an ſich ſelbſt zu nagen. Dem Brunnentrinken hat er mit Flüchen abgeſagt, dagegen ſcheint er 71 ein wirkſameres und ſchmackhafteres Kurmittel in den Vergnügun⸗ gen der Geſellſchaft finden zu wollen. Er hat unter den Invaliden von Bath einige alte Freunde ausfindig gemacht, und namentlich auch ſeine Bekanntſchaft mit dem berühmten James Quin erneuert, der ſicherlich nicht hierher gekommen iſt, um Waſſer zu trinken. Sie können ſich denken, daß ich außerordentlich neugierig war, dieſes Original kennen zu lernen, und mein Oheim kam mir hierin ſehr zu Statten, indem er ihn bis jetzt ſchon zwei Mal zum Mittageſſen eingeladen hat. So weit ich urtheilen kann, verdient Quins Charakter bei weitem mehr Achtung, als man gewöhnlich glaubt. Seine drolli⸗ gen Einfälle ſind im Munde jedes Witzlings, aber manche davon haben einen ranzigen Beigeſchmack, von dem man leicht glauben könnte, er komme von der natürlichen Plumpheit der Idee her. Ich bin übrigens der Meinung, daß die Sammler dieſer Quiniana dem Verfaſſer keine Gerechtigkeit haben widerfahren laſſen; ſie haben die beſten geſtrichen und nur ſolche aufgenommen, die ſie dem Geſchmack und den Organen des großen Haufens angemeſſen fanden. Wie weit er in heitern Stunden ſeiner fröhlichen Laune den Zügel ſchießen ließ, vermag ich nicht zu ſagen; aber im ge⸗ wöhnlichen Umgang ſagt er nichts, was ſich nicht mit den ſtreng⸗ ſten Regeln des Anſtandes vertrüge, und gewiß, Herr James Quin iſt einer der gebildetſten Männer im Königreich; er iſt nicht nur ein höchſt angenehmer Geſellſchafter, ſondern auch, wie man mir aus glaubhafter Quelle verſichert hat, ein durchaus rechtſchaf⸗ fener Mann; ein warmer, zuverläßiger, beſtändiger und ſogar großmüthiger Freund; er haßt die Schmeichelei und iſt unfähig zu einer Niederträchtigkeit oder Verſtellung. Wer indeſſen bloß aus ſeinen Augen urtheilen wollte, könnte ihn leicht für hochmüthig, anmaßend und grauſam halten. Er hat etwas auffallend Strenges und Abſtoßendes in ſeinem Blicke, auch hat man mir geſagt, er ſey gegen ſeine Untergebenen oder ſonſt Leute, die von ihm ab⸗ 72 hängen, immer ſehr hart geweſen. Vielleicht, daß dieſe Nachricht einigen Einfluß auf meine Anſicht über ſeinen Blick gehabt hat, wir ſind bekanntlich ja ſammt und ſonders die Narren des Vorurtheils. Wie dem aber auch ſeyn mag, ſo habe ich doch bis jetzt nichts als Gutes an ihm geſehen, und mein Oheim, der ſich oft mit ihm in eine Ecke ſetzt, um zu ſchwatzen, betheuert hoch und heilig, dieß ſey der geſcheidteſte Mann, der ihm jemals vorgekommen. Quin ſcheint die Hochachtung des guten Hypochonders zu erwiedern; er nennt ihn vertraulich Mathias, und erinnert ihn oft an die alten Wirthshausgeſchichten, die ſie miteinander gehabt; auf der andern Seite funkeln dem alten Mathias ſeine Augen, ſobald ſich Quin nur von weitem blicken läßt. Er mag noch ſo verſtimmt und übel⸗ launiſch ſeyn, Quin hilft ihm wieder zum rechten Tone und dann harmoniren ſie ganz vortrefflich, wie Diskant und Baß in einem wohlgeſetzten Muſikſtück. Vor einigen Tagen, als von Shakeſpeare die Rede war, konnte ich nicht umhin, mit einiger Lebhaftigkeit zu ſagen, ich wollte gerne hundert Guineen darum geben, Herrn Quin als Falſtaff auftreten zu ſehen, worauf er mir lächelnd er⸗ wiederte:„Und ich, mein lieber junger Herr, wollte gern tauſend dafür geben, Ihr Verlangen befriedigen zu können.“ Mein Oheim und er haben durchaus dieſelbe Anſicht über den Werth des Lebens; Quin ſagt, es würde ihn aneckeln, wenn er es nicht in ein gutes Glas Wein tunken könnte. Ich bin begierig, dieſen ſeltenen Mann bei vollen Bechern zu ſehen, und habe meinen Oheim ſchon ſo gut als beredet, die ſer Tage einmal eine kleine Schildkröte zum Beſten zu geben. Einſt⸗ weilen will ich Ihnen ein Geſchichtchen erzählen, das die Anſicht dieſer beiden cyniſchen Philoſophen zu bekräftigen ſcheint. Ich nahm mir die Freiheit, anderer Anſicht als mein Oheim zu ſeyn, als er bemerkte, die Vermiſchung der Stände bei den hieſigen Luſtbarkeiten ſey gegen alle gute Sitte und Lebensart; das ge⸗ meine Volk werde dadurch unausſtehlich anmaßend und aufdring⸗ 73 lich, die vornehmen Stände aber könnten leicht eine gemeine Den⸗ kungsart annehmen. Ein ſolch abgeſchmacktes Zuſammengemiſche, ſagte er, werde uns der Verachtung aller unſerer Nachbarn Preis geben, und ſey wahrhaftig noch ſchlechter, als wenn man das gemünzte Gold der Nation herabſetzte. Ich bemerkte dagegen, daß dieſe Plebejer, die ſo große Begierde an den Tag legen, die Vornehmen in Kleidern und Equipagen nachzuahmen, mit der Zeit gleichfalls die Grundſätze und Manieren derſelben annehmen, durch ihren Umgang gebildet und durch ihr Beiſpiel auf eine höhere Stufe gebracht werden können. Als ich mich aber an Herrn Quin wandte, und fragte, ob eine ſolch uneingeſchränkte Vermiſchung nicht nothwendig die große Maſſe verbeſſern müſſe, ſo ſagte er: „Ja freilich, ſo gut wie ein Schälchen Marmelade einen Krug Syrup verbeſſern würde.“ Ich geſtand, daß ich mit dem Leben der hohen Stände eben nicht ſehr bekannt ſey, wiewohl ich in London und an andern Orten geſehen habe, was man feine Geſellſchaften zu nennen pflege; die zu Bath ſeyen jedenfalls ſo anſtändig, als irgendwo anders, und im Ganzen genommen, werde man den Mitglie⸗ dern derſelben nachrühmen müſſen, daß es ihnen weder an guter Sitte noch an feiner Lebensart fehle.„Jedoch,“ ſagte ich,„wir kön⸗ nen es ja auf eine Probe ankommen laſſen. Hans Holder, der Theologie ſtudirt yat, iſt durch den Tod ſeines ältern Bruders zum Beſitz einer jährlichen Rente von zweitauſend Pfund gelangt. Er befindet ſich gegenwärtig in Bath, kutſchirt in einem vierſpännigen Phaeton herum und läßt zwei Waldhorniſten hinter ſich reiten. Es gibt keinen Gaſthof in Bath und Briſtol, wo er nicht ſeine Gäſie mit Schildkröten und den beſten Weinen bewirthet hätte, bis ſie kaum mehr ſtehen konnten; er hat ſich auf den Rath des Cere⸗ monienmeiſters, unter deſſen beſondere Vormundſchaft er ſich ge⸗ ſtellt, ein Dutzend feine Kleider machen laſſen, hat etliche hundert Pfund an Billardſpieler von Profeſſion verloren, und hält ſich 74 eine Sängerin; da er aber findet, daß alle dieſe Canäle noch nicht tief genug ſind, um ſeine Baarſchaft zu verſchlingen, ſo hat er auf Eingebung ſeines Kammerrathes beſchloſſen, morgen die ganze Geſellſchaft im Wiltſhire-Saale mit Thee zu bewirthen. Um die Sache ſo glänzend als möglich zu machen, ſoll jeder Tiſch mit Confekt und Blumenſträußen verſehen werden; man darf jedoch nichts anrühren, bis mit der Tiſchglocke ein Zeichen gegeben wird, und dann mögen ſich die Damen nach Herzensluſt ſelbſt bedienen; dieß wird keine üble Gelegenheit geben, die feine Lebensart der Geſellſchaft zu erproben.“ „Ganz richtig,“ rief mein Oheim,„wenn ich nur einen Platz wüßte, wo ich vor dem Strudel des Gedränges, das ſicherlich entſtehen wird, frei ſeyn könnte, ſo ging ich auch dahin, um mich an dem Auftritte zu beluſtigen.“ Quin ſchlug uns vor, auf der Muſikgallerie Poſto zu faſſen, und ſein Rath ward angenommen. Holder war ſchon vor uns mit ſeinen Waldhorniſten angelangt, wir wurden aber dennoch eingelaſſen. Das Theetrinken ging wie gewöhnlich vorüber, die Geſellſchaft ſtand von den Tiſchen auf, zerſtreute ſich in verſchiedene Häuflein, und erwartete das Signal zum Angriff; als aber die Glocke ſich endlich hören ließ, da fielen ſie gierig über den Nachtiſch her, und auf einmal war der ganze Saal in Bewegung. Man hörte und ſah nichts als ein Drängen, Zerren, Zugreifen, Haſchen, Wegreißen, Schelten und Schreien. Sie rießen ſich die Blumenſträuße aus den Händen und von den Buſen; Töpfe, Taſſen und Gläſer flogen zur Erde, die Liſche und der Fußboden lagen voll Scherben. Einige ſchrien, Andere fluchten, und die ſchönen Tropen und Figuren der Fiſchweiber wurden ohne Rückhalt ſo heftig und kräftig, wie ſich's gebührt, angewendet; auch fehlte es dieſen Redeblumen nicht an paſſender Begleitung von bedeutſamen Geſtikulationen. Einige ſtreckten drohend die Finger aus, Andere klatſchten in ihre Hände, wieder Andere auf ihren Hintern; zuletzt geriethen ſie einander wirklich in die Haare, und Alles ſchien ein förmliches Handgemenge zu verkünden, als Holder ſeinen Horniſten den Befehl gab, zum Angriff zu blaſen, um die Kämpfenden anzufeuern, und eine recht hitzige Schlacht zu veranlaſſen; allein ſein Manöver hatte gerade die entgegengeſetzte Wirkung. Es war ein lauter Vorwurf, der ihnen plötzlich über ihr unſchickliches Benehmen die Augen öffnete. Sie ſchämten ſich ihrer Abgeſchmacktheit und ließen augenblicklich ab; ſofort wurden Hauben, Manſchetten und Halstücher vom Boden zuſammengerafft, und ein großer Theil der Geſellſchaft zog in ſtillſchweigender Beſchämung davon. Quin lachte über dieſen Auftritt, aber meines Oheims Zart⸗ gefühl war dadurch beleidigt. Er ließ mit ſichtbarem Aerger den Kopf hängen, und es ſchien ihn zu verdrießen, daß ſein Urtheil geſiegt hatte. Sein Sieg war aber auch vollſtändiger, als er ſich hatte einbilden können, denn wie wir nachher erfuhren, ſtammten die beiden Amazonen, die ſich am meiſten ausgezeichnet hatten, nicht aus der Schuſter- oder Schneidergaſſe, ſondern aus der hof⸗ fähigen Nachbarſchaft des St. James⸗Polaſtes. Die Eine war Baroneſſe, die Andere Wittwe eines ſehr reichen Herrn von Adel. Mein Oheim ſprach kein Wort, bis wir uns mit guter Manier ins Kaffeehaus retirirt hatten. Hier nahm er ſeinen Hut ab, wiſchte ſich den Schweiß von der Stirne, und ſagte:„Gott ſey Dank, daß meine Jungfer Tabitha heute nicht auch in's Feld ge⸗ rückt iſ.“—„Baare hundert Guineen,“ ſagte Quin,„hätte ich gegen die beſte Fauſt aus dem ganzen Haufen auf ihre Hand ge⸗ wettet. Wirklich hätte auch nichts in der Welt ſie. zu Hauſe hal⸗ ten können, wäre nicht der unglückſelige Umſtand geweſen, daß ſie, ehe ſie von der Art und Weiſe dieſer Luſtbarkeit etwas erfuhr, ein Laxier eingenommen hatte. Sie hat ſchon ſeit etlichen Tagen an einem alten ſchwarzen Sammtkleid gebürſtet, worin ſie auf dem nächſten Balle mit Sir ulie tanzen will. Ich habe von dieſer liebenswürdig en Tante viel zu erzählen, 76 und will ſie Ihnen daher ausführlicher ſchildern. Gegen Quin iſt ſie äußerſt höflich, denn ſie ſcheint vor ſeiner ſcharfen Zunge Re⸗ ſpekt zu haben, dennoch ſiegt ihre Unbeſonnenheit manchmal über ihre Vorſicht.„Herr Gwynn,“ ſagte ſie neulich,„ich hatte damals eine herzliche Freude, als Sie in Drurylane den Geiſt im Hamlet ſpielten, wie Sie da aus dem Boden herausſtiegen mit einem weißen Geſichte und rothen Augen, und von peinigenden Schwefel⸗ flammen ſprachen. Haben Sie doch die Güte und machen Sie uns den Geiſt im Hamlet ein Bischen vor.“—„Mein Fräulein,“ ſagte Quin mit einem Blick voll unausſprechlicher Verachtung, „der Geiſt iſt aus dem Hamlet gebannt und kann nicht mehr um⸗ gehen.“ Ohne den Hieb zu fühlen, fuhr ſie fort:„Auf meine Ehre, Sie ſahen ſo natürlich aus und ſprachen ſo recht wie ein Geſpenſt; auch hat der Hahn ſo natürlich gekräht. Wie in aller Welt konnten Sie ihn ſo abrichten, daß er auf's Haar hin zur rechten Zeit krähte, aber es war wohl ohne Zweifel ein Fechthahn? War es nicht ein Fechthahn, Herr Gwynn?“—„Nein, ganz ge⸗ meines Vieh, mein Fräulein.“—„Gemein oder nicht gemein, er hatte eine ſo klare Altſtimme, daß ich in Brambletonhall auch ſo einen haben möchte, der mir Morgens die Mädchen wecken müßte. Wiſſen Sie nicht, wo man einen von dieſer Art bekommen kann2“ —„Vermuthlich in irgend einem Zuchthauſe, aber ich verſichere Sie, daß ich nicht weiß, ob ich ihn an den Federn wieder kennen würde.“ Mein Oheim, dem bei dieſer Unterhaltung gar nicht wohl zu Muthe war, rief:„Gütiger Himmel, Schweſter, wie Du her⸗ aus ſchwatzen magſt! Ich habe Dir ſchon zwanzig Mal geſagt, daß dieſer Herr nicht Gwynn heißt.“—„Ei, ei, Herr Bruder,“ ant⸗ wortete ſie,„ich hoffe doch, daß ich darkeinen ſo großen Fehler gemacht habe. Gwynn iſt ein guter ehrlicher und ächt alt⸗engli⸗ ſcher Name. Ich dachte, der Herr ſtamme von Mamſel Helena Gwynn ab, die auch ſeiner Profeſſivn war, und wenn dieß der Fall wäre, ſo könnte er auch von König Karl herkommen und 77 königliches Blut in ſeinen Adern haben.“—„Nein, mein gnädi⸗ ges Fräulein,“ antwortete Quin mit großer Feierlichkeit,„meine Mutter war keine ſo große Hure. Freilich gerathe ich manchmal in Verſuchung, zu glauben, ich ſey von königlichem Geblüte, denn ich bin oft entſetzlich eigenſinnig und auffahrend. Wäre ich in dieſem Augenblick ein ſouveräner Fürſt, ich glaube, ich ſchickte ſogleich hin und ließe mir den Kopf Ihrer Köchin auf einem Prä⸗ ſentirteller bringen. Sie hat einen Todtſchlag verübt an dieſem Johann Hecht allda; er iſt auf eine grauſame Art zugerichtet und dann hat ſie nicht einmal Brühe hinzugegoſſen.— 0 tempora, o mores.“ Dieſer luſtige Einfall gab dem Geſpräch eine weniger unan⸗ genehme Wendung. Damit Sie aber mein Geſchreibſel nicht für eben ſo langweilig halten, wie das Gewäſche der Tante Tabitha, ſo will ich kein Wort mehr hinzufügen— als daß ich wie gewöhn⸗ lich bin Ihr H. Melford. Bath, den 30. April. An Voctor Tudwig. Liebſter Ludwig! Ihre Anweiſung auf Wiltſhire habe ich empfangen und be⸗ richte Ihnen, daß ſie pünktlich honorirt iſt; da ich aber in einem gewöhnlichen Miethhauſe nicht gerne ſo viel baares Geld bei mir habe, ſo habe ich zweihundertfünfzig Pfund in die hieſige Bank gelegt und mir dafür Wechſel auf London geben laſſen, da ich ohnehin entſchloſſen bin, nächſtens von hier abzureiſen. Die beſte Jahreszeit iſt demnächſt vorüber, und da ich mir das Herumziehen im Lande einmal angewöhnt habe, ſo möchte ich Liddy gerne auch einmal nach London hineinſehen laſſen. Das Mädchen iſt eines 78 der gutherzigſten Geſchöpfe, die ich je geſehen, und wird mir mit iedem Tage lieber. Was Tabby betrifft, ſo habe ich dem iriſchen Baronet ſolche Winke in Betreff ihres Vermögens gegeben, daß ſich ohne Zweifel die Glut ſeiner Freiwerbung ſo ziemlich abge⸗ kühlt haben wird. Alsdann wird ihre Eitelkeit Feuer fangen und wenn der Stolz der verſauerten Jungfrauſchaft in Gährung kommt, ſo wird es über den armen Sir Ulic Mackilligut bös hergehen. Ich ſehe im Geiſte voraus, daß dieſer Bruch unſere Abreiſe von Bath ſehr erleichtern wird, allwo ſich Tabby im gegenwärtigen Augenblick ausnehmend zu gefallen ſcheint. Ich für mein Th verabſcheue es ſo ſehr, daß mir jeder längere Aufenthalt dahi r unmöglich geweſen wäre, hätte ich nicht ein paar alte gute Freunde ausfindig gemacht, deren Umgang mich einigermaßen zerſtreut. Als ich eines Morgens nach dem Kaffeehauſe ging, konnte ich nicht umhin, die Geſellſchaft mit eben ſo viel Verwunderung als Mitleid zu betrachten. Wir waren unſer dreizehn beiſammen; ſieben davon waren lahm am Podagra oder der Gicht, drei waren durch Zufall verſtümmelt, und die übrigen alle entweder taub oder blind. Einer hinkte mit einem, der Andere mit beiden Füßen, ein Dritter ſchleppte ſeine Beine hintennach wie eine verwundete Blindſchleiche, ein Vierter holperte zwiſchen zwei langen Krücken einher wie die Mumie eines Diebs, der in Ketten gefangen wor⸗ den iſt, ein Fünfter ſchwebte in horizontaler Haltung wie ein Teleſtop, das ein paar Senftenträger hereinſchleppten, ein Sechster war die Büſte eines Mannes, die man aufrecht in eine Fahr⸗ Maſchine geſetzt hatte, und die der Aufwärter von einer Stelle zur andern ſchob. Ihre Geſichter kamen mir theilweiſe ſo bekannt vor, daß ich das Fremdenbuch zu Rathe zog, und da ich die Namen verſchiede⸗ ner alter Freunde fand, begann ich, die Gruppe etwas aufmerk⸗ ſamer zu betrachten. Endlich erkannte ich den Contreadmiral Bal⸗ derick, einen Jugendfreund, den ich ſeit ſeiner Anſtellung als Lieu⸗ 79 tenant auf der Severne nicht mehr geſehen hatte. Er war jetzt in einen alten Mann umgewandelt, mit einem hölzernen Beine und verwittertem Geſichte, und ſeine grauen aber wahrhaft ehrwürdigen Locken gaben ihm noch ein älteres Ausſehen. Als ich mich an den Tiſch ſetzte, wo er die Zeitungen las, ſah ich ihn einige Minuten mit einer Miſchung von Vergnügen und Bedauern an, ſo, daß mir das Herz ganz weich wurde; darauf nahm ich ihn bei der Hand und ſagte:„Ach, Samuel, wer hätte das vor vierzig Jah⸗ ren gedacht!“ Ich war zu gerührt, um weiter ſprechen zu können. „Ei, ſieh da, ein alter Freund,« rief er, meine Hand drückend, und mich begierig durch die Brille betrachtend;„ich kenne den Kitt an meinem Schiffe, ſo hart es auch ſchon mitgenommen wor⸗ den iſt, aber Euer Name will mir nicht auftauchen.“ Als ich ihm nun ſagte, wer ich ſey, rief er:„Ha, Mathias, mein alter Seekumpan, noch immer flott!« Hiebei raffte er ſich auf und fiel mir um den Hals. Sein Entzücken bedeutete mir indeſſen nichts Gutes, denn als er mich küßte, ſtieß er mir mit der Einfaſſung ſeiner Brille ins Geſicht und trat mir mit ſeinem hölzernen Bein ſp hart auf meine podagriſche Zehe, daß mir in allem Ernſt die Thränen über die Wangen liefen. Als der erſte Sturm der Erkennungsfreude vorüber war, zeigte er mir zwei von unſern gemeinſchaftlichen Freunden im Saale; die Büſte war der Ueber⸗ reſt von dem Oberſten Cockrill, der den Gebrauch ſeiner Glied⸗ maßen in einem amerikaniſchen Feldzuge verloren hatte, und in dem Teleſtop erkannte ich meinen alten Univerſitätsfreund Sir Reginald Bentley. Er hatte ſich durch ſeinen neuen Titel und eine unerwartete Erbſchaft verführen laſſen, ein gewaltiger Fuchs⸗ jäger zu werden, ohne die gehörige Lehrzeit überſtanden zu ha⸗ hen, und ſo zog er ſich, als er einſt hinter ſeinen Hunden her über einen tiefen Vach ſetzte, eine Entzündung der Eingeweide zu, die ihn in ſeine gegenwärtige Geſtalt zuſammen ge⸗ ſchrumpft hat. 80 Unſere alte Bekanntſchaft wurde ſofort auf's Herzlichſte er⸗ neuert, und da wir uns einander zu unerwartet getroffen hatten, ſo beſchloßen wir heute zuſammen in einem Gaſthofe zu Mittag zu ſpeiſen. Mein Freund Quin war glücklicherweiſe nicht verſagt, er that mir den Gefallen, uns Geſellſchaft zu leiſten, und ſo war dieß auf Ehre der glücklichſte Tag, den ich ſeit zwanzig Jahren erlebt hatte. Sie, mein liebſter Ludwig, und ich ſind immer bei einander geweſen, und haben deßwegen dieſen Hochgenuß von Freundſchaft, den nur lange Abweſenheit zu geben vermag, nicht verſchmeckt. Ich kann Ihnen nicht halb beſchreiben, was ich bei dieſer zufälligen Zuſammenkunft von drei oder vier alten Kame⸗ raden fühlte, die ſo lange getrennt und von den Stürmen des Lebens ſo hart mitgenommen waren. Es war eine ordentliche Verjüngung, eine Art Auferſtehung von den Todten, die jene in⸗ tereſſanten Träume verwirklichte, in denen uns alte Freunde aus dem Grabe wieder erſcheinen. Vielleicht war mein Vergnügen durch die Beimiſchung von einiger Melancholie nicht weniger an⸗ genehm, wenn ich an die vergangenen Auftritte zurückdachte, u mir manche theure Perſon heraufbeſchwor, von der die Hand d Todes mich wirklich getrennt hat. Die Lebhaftigkeit und Heiterkeit der Geſellſchaft ſchien i die Schwachheiten ihrer Leiber zu triumphiren. Sie beſaßen ſi Philoſophie genug, über ihre Gebrechen zu ſcherzen, ſo groß iſt die Macht der Freundſchaft, dieſer überſchwänglichen Herzſtärkung des Lebens. Später fand ich jedoch, daß es ihnen nicht an Au⸗ genblicken, ja ſogar Stunden des Unmuthes fehlte. Jeder von ihnen ließ ſich unter vier Augen klagend über ſeine Widerwär⸗ tigkeiten vernehmen, und im Grunde waren ſie alle unzufrieden. Außer ihrem perſönlichen Unglück hielten ſie ſich alle für unbegün⸗ ſtigte Spieler in der Lotterie des Lebens. Balderick klagte, der ganze Lohn für ſeine langen und harten Dienſte beſtehe in dem Sold eines Contreadmirals. Den Oberſten verdroß es, daß junge 81¹ Generale, die zum Theil noch unter ſeinem Commando geſtanden, ihn überſprungen hatten, und da er von jeher an ein flottes Leben gewöhnt war, ſo kann er mit einer mäßigen Leibrente, gegen die er ſein Regiment abgetreten hat, kaum ausreichen. Der Ba⸗ ronet hat ſich bei einer ſtreitigen Parlamentswahl gewaltig in Schulden geſtürzt und genöthigt geſehen, ſeinen Sitz im Parla⸗ ment, ſo wie ſeine Güter, welch letztere mit Beſchlag belegt wurden, zugleich zu verlaſſen; da er jedoch an ſeinen Widerwär⸗ tigkeiten ſelbſt Schuld iſt, ſo rühren ſie mich nicht halb ſo ſehr, als die der beiden andern, welche auf dem großen Welttheater ehren⸗ volle, ja ausgezeichnete Rollen geſpielt haben, und jetzt in dieſer Schmorpfanne des Müßigganges und der Unbedeutenheit ein über⸗ läſtiges Leben friſten müſſen. Das Brunnentrinken haben ſie ſchon längſt aufgegeben, weil ſie einſahen, daß es ihnen doch nichts hilft. An Ergößlichkeiten des Ortes können ſie keinen Antheil nehmen, und wie ſollen ſie ums Himmels willen ihre Zeit zu⸗ bringen? Des Vormittags kriechen ſie nach dem Brunnenſaale oder dem Kaffeehauſe, wo ſie eine Parthie Whiſt machen und über die Zeitungen ſchwatzen; ihre Abende ſchlagen ſie in Privatgeſell⸗ ſchaften todt unter grämlichen Invaliden und abgeſchmackten alten Weibern. Dieß iſt das Schickſal eines manchen Mannes, den die Natur zu weit beſſern Zwecken beſtimmt zu haben ſcheint. Vor etwa zwölf Jahren kamen außer den Badgäſten manche anſtändige Familien, die ein geringes Einkommen hatten, auf den Einfall, ſich in Bath niederzulaſſen, wo ſie damals mit geringen Koſten recht angenehm, ja ſogar vornehm leben konnten; allein der Wahnſinn der Zeiten hat ihnen den Ort zu heiß gemacht, und ſie ſehen ſich nun genöthigt, auf weitere Wanderungen zu denken. Einige ſind bereits nach den Gebirgen von Wales geflohen und andere haben ſich nach Exeter gezogen; ohne Zweifel wird ſie auch dort Ausſchweifung und Verſchwendung einholen, und von Ort zu Ort bis an's Ende des Landes treiben; am Ende ſehen ſie ſich Smollet's Romane. KII. 6 82 gar genöthigt, zu Schiffe zu ſteigen und ein anderes Land zu ſuchen. Bath iſt ein wahrer Sumpf der Verworfenheit und Be⸗ trügerei geworden. Jeder noch ſo geringe Hausartikel koſtet ein ungeheures Geld, und man kann ſich darüber nicht ſehr wundern, wenn man weiß, daß jede armſelige Glückspuppe meint, ſie müſſe eine eigene Taſel halten, und ihre Ehre müſſe darunter leiden, wenn ſie den Betrügereien des Geſindels nicht durch die Finger ſehe, das mit den Bäckern, Mezgern u. ſ. w. unter einer Decke ſteckt und ſomit bezahlt, was ſie verlangen. Wir haben gegenwärtig einen ſolchen Glückspilz hier, der ſeinem Koch wö— chentlich ſiebenzig Guineen für eine tägliche Mahlzeit bezahlt. Dieſe unbegreifliche Raſerei iſt anſteckend geworden und hat ſogar den Auswurf und Auskehricht der Menſchheit angegriffen. Ich habe einen Sklaventreiber aus Jamaika geſehen, der dem Wirthe eines Aſſembleeſaals für einen einzigen Abend, wo er die Geſell⸗ ſchaft mit Thee und Kaffee regalirte, fünfundſechzig Guineen be⸗ zahlte, und am audern Morgen ſo unbekannt wieder abreiste, daß kein einziger Gaſt etwas von ihm wußte oder ſich auch nur im Mindeſten um ſeinen Namen bekümmert hätte. Solche Ge⸗ ſchichten ſind nicht ſelten, jeder Tag bringt hier ſeine eigene Narr⸗ heit zu Markt, Abgeſchmacktheiten, welche zu plump ſind, als daß ein denkender Menſch darüber lachen könnte. Doch ich fühle, daß mein Spleen mit ftarken Schritten wieder anrückt und will Sie daher wieder zu Athem kommen aſſen, damit Sie nicht nöthig haben, zu fluchen über den Briefwechſel mit Ihrem ergebenſten Freund und Diener Mathias Bramble. Bath, den 5. Mai. 83 An Miß Lätitin Willis in Glouceſter. Meine theuerſte Letty! Ich habe Ihnen am 26. April mit der Poſt ein Langes und Breites über unſer Thun und Laſſen zu Bath geſchrieben und erwarte Ihre Antwort mit Ungeduld. Da ich indeß zufällig eine gute Privatgelegenheit habe, ſo überſende ich Ihnen hiemit zwei Dutzend Bathringe. Die ſechs beſten bitte ich für Sie ſelbſt zu behalten und die übrigen nach Gutdünken unter unſere gemein⸗ ſchaftlichen junge Freundinnen zu vertheilen. Ich weiß nicht, wie Ihnen die Deviſen gefallen werden; einige darunter ſind nicht ſehr nach meinem Geſchmacke, allein ich konnte nicht lange wählen, weil keine andere mehr fertig waren. Indeß macht es mich un⸗ ruhig, daß weder Sie noch ich von einer gewiſſen Perſon Nach⸗ richt erhalten. Es kann unmöglich abſichtliche Nachläßigkeit ſeyn. O meine theuerſte Willis, ich fange an, ſonderbare Gedanken zu bekommen und melancholiſche Zweifel zu hegen; übrigens wäre es ungroßmüthig, denſelben ohne weitere Unterſuchungen nachzuge⸗ ben. Mein Oheim, der mir ein ſehr hübſches Granatenkleid geſchenkt hat, ſpricht davon, einen kleinen Ausflug nach London mit uns zu machen, worauf ich mich, wie Sie leicht denken können, unge⸗ mein freue. Uebrigens gefällt es mir in Bath ſo wohl, daß ich hoffe, er ſolle es nicht eher verlaſſen, als bis die Brunnenzeit gänzlich vorüber iſt, obwohl, unter uns geſagt, meiner Tante etwas begegnet iſt, was unſern hieſigen Aufenthalt aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach abkürzen wird. Geſtern Morgen ging ſie ganz allein nach einem der Geſell⸗ ſchaftsſäle zum Frühſtück und eine halbe Stunde darauf kam ſie in großer Aufregung zurück, mit ihrem Joli in der Chaiſe. Ich glaube, dem unglücklichen Thiere muß ein Unfall zugeſtoßen ſeyn, welche die Quelle aller ihrer Unruhen iſt. Ach, liebe Letty, wie Schade iſt es, daß eine Frau von ihren Jahren und ihrem Verſtand 84 ihre ganze Neigung auf eine ſo garſtige Beſtie wirft, die alle Leute anſchnauzt und anfährt. Ich fragte den Bedienten Thomas, der ſie begleitet hatte, was vorgefallen ſey, erhielt aber keine an⸗ dere Antwort als ein verbiſſenes Lachen. Man ſchickte nach einem berühmten Hundedoctor, und dieſer unternahm die Cur unter der Bedingung, daß er den Patienten mit nach Hauſe nehmen dürfe, allein die zärtliche Beſitzerin des Thieres wollte es nicht aus den Augen laſſen, ſie befahl der Köchin, Servietten zu wärmen, und legte ſie ihm mit eigenen Händen auf den Leib. Jetzt verging ihr der Gedanke, Abends auf den Ball zu gehen, und als Sir Ulic zum Thee kam, ließ ſie ſich gar nicht ſehen, ſo daß er wieder forttrollte, um ſich nach einer andern Tänzerin umzuſchauen. Mein Bruder Hieronimus pfeift und tanzt, mein Oheim zuckt bald die Achſeln, bald bricht er in ein ſchallendes Gelächter aus. Die Tante ſeufzt und ſchilt einmal ums andere, und ihr Kam⸗ mermädchen, Win Jenkins, macht große Augen und närriſche, neugierige Geſichter; ich für mein Theil bin wohl eben ſo neu⸗ gierig, als ſie, aber ich ſchäme mich zu fragen. Vielleicht wird die Zeit den Schleier des Geheimniſſes lüften, denn wenn in einem Geſellſchaftsſaale irgend etwas von Bedeu⸗ tung vorgegangen iſt, ſo kann es nicht lange verſchwiegen werden. Für jetzt weiß ich weiter nichts, als daß meine Tante geſtern Abend bei Tiſch mit vieler Verachtung von Sir Ulic Mackilligut ſprach, und ihren Bruder fragte, ob er uns denn den ganzen Sommer in Bath wolle ſchmachten laſſen.„O mein geliebtes Schweſterchen,“ ſagte er mit bedeutſamem Lächeln,„wir wollen noch vor den Hundstagen abziehen, indeß zweifle ich nicht, daß wir mit einiger Mäßigung und Klugheit das ganze Jahr hin⸗ durch auch in Bath unſer Geblüt kühl genug erhalten können.“ Da ich nicht weiß, was er eigentlich damit ſagen wollte, ſo kann ich vor der Hand auch keine Bemerkungen darüber machen, indeß bin ich vielleicht ein ander Mal im Stande, es zu erklären. Bis dahin bitte ich Sie, fleißig zu antworten und auch fernerhin mit Ihrer Liebe zu beglücken Ihre getrene Freundin Lydia Melford. Vath, den 6. Mai. An Sir Wathin Philippo, Varonet, im Irſuitenkollegium zu Orford. So hat ſich denn die Geſchichte mit der Jungfer Blackerby als ein blinder Lärm herausgeſtellt, und ich behalte mein Geld in der Taſche. Es wäre mir indeß doch lieber geweſen, ſie hätte ſich mit ihrer Erklärung nicht ſo übereilt, denn obgleich es mir vielleicht einigen Ruf verſchafft hätte, wenn man mich für fähig gehalten, ſie zur Mutter zu machen, ſo bereitet mir doch das Gerücht von einem Liebeshandel mit einer Dirne dieſes Ca⸗ libers keineswegs Ehre. In meinem Letzten ſagte ich Ihnen, daß ich Hoffnung habe, Quin in den Stunden ſeines höchſten Aufſchwunges im Wirthshauſe, als dem Tempel der Fröhlichkeit und Geſelligkeit, zu erblicken, wo er als Prieſter des Comus die Begeiſterungen des Witzes und der guten Lanne verkündigt. Dies Vergnügen iſt mir wirklich zu Theil geworden. Ich habe mit ſeinem Club in den vrei Tonnen zu Mittag geſpeist und die Ehre gehabt, länger Stich zu halten, als er ſelbſt. um halb neun Uhr Abends ließ er ſich mit ſechs tüchtigen Flaſchen Claret unter dem Knopfloche nach Hauſe tragen, und weil es eben Frei⸗ tag war, ſo befahl er, ihn vor Sonntag Mittag nicht zu ſtören. Sie dürfen ſich indeß nicht vorſtellen, daß dieſe Doſis irgend einen andern Einfluß auf ſein Geſpräch gehabt hätte, als daſſelbe noch weit unterhaltender zu machen. Er hatte zwar ſchon einige Stun⸗ den vor dem Aufbruch den Gebrauch ſeiner Gliedmaßen verloren, 86 aber ſeine Sinne vollkommen erhalten, und da er jeden drolligen Einfall, der ihm auſſtieg, ſogleich heraus ließ, ſo erſtaunte ich wirklich über den ſtrahlenden Reichthum ſeiner Gedanken und die Kraft ſeines Ausdrucks. Er iſt, in Beziehung auf Eſſen und Trinken, ein wahrer Wollüſtling und ein ſo entſchiedener Epikuräer, nach der allgemeinen Bedeutung des Worts, daß er mit gewöhn⸗ licher Hausmannskoſt niemals vorlieb nehmen könnte. Ein Gaſt⸗ mahl iſt für ihn etwas ſo Wichtiges, daß er jedes Mal das Amt des Einkäufers ſelbſt übernimmt, und wen er einmal eingeladen hat, der kann ſich darauf verlaſſen, die delikateſten Gerichte und die ausgeſuchteſten Weine zu bekommen. Er geſteht es ſelbſt, daß er den Vergnügungen des Magens zugethan iſt, und reißt oft Witze über ſeine Sinnlichkeit, obgleich ſie durchaus keinen egoiſti⸗ ſchen Grund hat. Er findet nun einmal, daß ein gutes Mahl gute Geſellſchaft vereinigt, den Geiſt aufheitert, das Herz erwei⸗ tert, allen Zwang im Umgange verbannt und die glücklichſten Zwecke des geſelligen Lebens befördert. Uebrigens iſt Herr James Quin nicht der Mann, der ſich in einem einzigen Briefe ge⸗ hörig beleuchten ließe, deßwegen will ich ihn für dießmal in Ruhe laſſen und zu einem Gegenſtand ganz anderer Art über⸗ gehen. Sie wünſchen mit der Perſon unſerer Tante näher bekannt zu werden, und verſprechen ſich viele Unterhaltung von der Liebes⸗ geſchichte mit Sir Ulie Mackilligut. Leider iſt dieſe Hoffnung be⸗ reits zu Waſſer geworden, und die Liebe hat ein Ende. Der iri⸗ ſche Baronet iſt ein alter Hund, der die Fährte nicht weiter ver⸗ folgt, weil er riecht, daß das Wild zu mager iſt. Ich habe Ihnen bereits geſagt, daß Fräulein Tabitha eine Jungfer von fünfund⸗ vierzig Jahren iſt. Von Perſon iſt ſie lang, knochig, linkiſch, plattbrüſtig und hängt den Kopf nach vorne. Ihr Geſicht iſt blaß und mit Sommerſproſſen überſäet, ihre Augen ſind nicht grau, ſondern grünlich wie Katzenaugen, und meiſtens entzündet, ihr 87 Haar iſt ſand⸗ oder vielmehr ſtaubgelb, ihre Stirne iſt nieder, die Naſe lang, ſpitzig, und gegen das äußerſte Ende hin bei kühlem Wetter immer roth; ihre Lippen ſind hautig, ihr Mund groß und breit, ihre Zähne weit auseinander ſtehend und wackelnd, dabei von verſchiedener Farbe und Bildung; ihr langer Nacken iſt in tauſend kleine Falten geſchrumpft; von Gemüthsart iſt ſie hoch⸗ müthig, eigenſinnig, eitel, herrſchſüchtig, argwöhniſch, ſchadenfroh, heftig und gefühllos. Aller Wahrſcheinlichkeit nach hat ſich ihre natürliche Grobheit durch fehlgeſchlagene Abſichten in der Liebe noch vermehrt, denn ihre lange Eheloſigkeit iſt keineswegs einem Abſcheu vor dem Heirathen zuzuſchreiben, im Gegentheil hat ſie Himmel und Erde in Bewegung geſetzt, um dem verhaßten Namen einer alten Jungfer auszuweichen. Noch vor meiner Geburt hatte ſie ſchon ſolche Strecken auf dem Liebeswege mit einem Werbeoffizier zurückgelegt, daß ihr guter Name ein Bischen darunter litt. Später kam ſie einem Pfarrvifar ſo freundlich entgegen, daß er einige entfernte Winke über die Pfarrei fallen ließ, die ihr Bruder bei der nächſten Er⸗ ledigung zu vergeben hatte, da er aber fand, daß ſie bereits einem Andern zugeſagt war, ſo prallte er jählings ab, und Fräulein Tabby fand Mittel, ihn aus Rache um ſeine Stelle zu bringen. Ihr nächſter Liebhaber war Lieutenant auf einem Kriegsſchiffe, ein Verwandter der Familie, der ſich auf die Feinheiten der Leiden⸗ ſchaft nicht verſtand und nichts Arges darin ſah, mit ſeiner leib⸗ lichen Baſe Tabby in den Hafen der Ehe einzuſchiffen; ehe jedoch die Sache in's Reine gebracht werden konnte, mußte er auf's Kreuzen ausgehen und blieb in einem Gefecht mit einer franzöſi⸗ ſchen Fregatte. Trotz dieſer vielfachen harten Schläge des Schick⸗ ſals gab meine Lante die Hoffnung immer nicht auf; ſie legte ihre Schlingen nunmehr dem Doctor Ludwig, welcher der Kdus Achates meines Oheims iſt. Sie wußte ſogar bei dieſer Gelegen⸗ heit zur rechten Zeit krank zu werden, und vermochte ihren Bruder, 88 die Sache bei ſeinem Freunde zu vermitteln, allein der Doctor, ein ſchenes Vögelein, wollte ſich nicht locken laſſen, und ſchlug den Vorſchlag rund ab, ſo daß Jungfer Tabitha ſich noch einmal in Geduld faſſen mußte, nachdem ſie vergeblichs Verſuche gemacht, die beiden Freunde zu entzweien; jetzt hält ſie es für rathſam, ſo höflich als möglich gegen den Doctor zu ſeyn, weil er ihr als Arzt unentbehrlich geworden iſt. Dieß ſind indeß nicht die einzigen Anſtrengungen, die ſie Behufs einer näheren Vereinigung mit unſerm Geſchlechte gemacht hat. Ihr urſprüngliches Vermögen beſtand aus nicht mehr als tauſend Pfund Sterling, allein der Tod einer Schweſter machte ſie um fünfhundert Pfund reicher, und der Lieutenant vermachte ihr in ſei— nem Teſtamente dreihundert. Dieſes Capital hat ſie dadurch mehr als verdoppelt, daß ſie ganz koſtenfrei in ihres Bruders Hauſe. lebt, und mit den Produkten von ſeinen Kühen und Schaafen, mit Käſe und Wolle, einen Handel treibt. Gegenwärtig mag ſich ihr Beſitzthum auf etwa viertauſend Pfund belaufen, und ihr Geiz ſcheint mit jedem Tage raubgieriger zu werden, aber auch dieß iſt immer noch nicht ſo unerträglich als ihre hämiſche Gemüthsart, die nichts als Unfrieden im Hauſe zu ſtiften ſucht. Sie gehört jenen Geiſtern an, welche ein diaboliſches Vergnügen daran finden, von ihren Mitgeſchöpfen gehaßt und gefürchtet zu werden. Ich ſagte einmal zu meinem Oheim, es nehme mich Wunder, wie ein Mann von ſeiner Gemüthsart ein ſolches Hauskreuz ertragen könne, da es ſich doch ſo leicht aus dem Wege ſchaffen laſſe. Dieſe Bemerkung verdroß ihn, weil ſie ihm Mangel an Entſchloſſenheit vorzuwerfen ſchien. Er rümpfte die Naſe, zog ſeine Augenbraunen herunter, und ſagte:„Wenn ein junges Bürſchchen zum erſten Mal ſeinen Schnabel in die Welt ſtreckt, ſo iſt es geneigt, ſich über manche Sachen zu wundern, die ein Mann von Erfahrung als gewöhnlich und unvermeidlich erkennt. Dieſe Deine liebwertheſte Tante iſt unvermerkt ein Theil meines eigenen Ichs geworden. * 89 Freilich wollte ich lieber— doch ſie iſt nun einmal ein Dorn in meinem Fleiſche, und ich kann nicht leiden, daß man ihn an⸗ rührt oder ausreißen will.“ Ich gab keine Antwort darauf, ſon⸗ dern lenkte das Geſpräch auf einen andern Gegenſtand. Er hat wirklich eine Zuneigung für dieſes Original von einer Schweſter, die aller geſunden Vernunft zum Trotze, und trotz der Verachtung, die er nothwendig für ihren Charakter und ihre Verſtandesgaben haben muß, ihren Platz in ſeinem Herzen behauptet. Ja, ich bin überzeugt, daß ſie ebenfalls eine gewaltige Anhänglichkeit an ſeine Perſon hat, obgleich ihre Liebe niemals anders als unter der Geſtalt des Mißvergnügens erſcheint, und ſie ihn aus lauter Zärtlichkeit unaufhörlich quält. Der einzige Gegenſtand im Hauſe, gegen welchen ſie einige Zeichen von Wohlwollen im gewöhnlichen Sinne des Wortes blicken läßt, iſt ihr Hund Joli, ein garſtiger Köter aus Neufoundland, den ſie von der Frau eines Bootsknechts in Swanſey zum Geſchenk bekommen hat. Man ſollte meinen, ſie habe dieſe Beſtie bloß wegen ihrer Häßlichkeit und Bösartigkeit ſo lieb gewonnen, oder aber geſchah es aus inſtinktartiger Sympa⸗ thie beider Charaktere. So viel iſt gewiß, daß ſie ihn unaufhör⸗ lich liebkost und dem Geſinde viel Mühe und Arbeit mit dieſem verwünſchten Thiere macht, das nun auch die nächſte Urſache zu dem Bruch mit Sir Ulic Mackilligut geworden iſt. Sie müſſen nämlich wiſſen, daß ſie geſtern der armen Liddy einen Gang abgewinnen wollte, und ohne alle Geſellſchaft, außer ihrem Schvoshunde, zum Frühſtück in den Aſſembleeſaal ging, in der Hoffnung, daſelbſt den Baronet anzutreffen, mit dem ſie auf den Abend zu tanzen verabredet hatte. Kaum ließ ſich Joli im Saale blicken, als der Ceremonienmeiſter, entrüſtet über dieſe Verwegenheit, herbeiſtürzte, um ihn fortzujagen, und ihn mit dem Fuße bedrohte; allein die Beſtie ſchien ſein Anſehen zu ver⸗ achten, zeigte ihm einen furchtbaren Rachen voll langer, weißer, ſcharfer Zähne, und pielt ſich das Badköniglein drei Schritte vom 90 * Leibe. Während er nun mit einigem Beben da ſtand, ſeinem Gegner Front machte, und nach dem Aufwärter ſchrie, kam ihm Sir Ulic Mackilligut zu Hülfe, und als ob er von der Freund⸗ ſchaft zwiſchen dieſem ungebetenen Gaſte und ſeiner Einführerin nicht wüßte, gab er dem erſten einen ſolchen Stoß auf das Maul, daß er heulend nach der Thüre ſprang. Fräulein Tabitha, voll Wuth über dieſe Beleidigung, rannte hinter ihm her, und ſchrie in einem eben ſo unangenehmen Tone, indeß ihr auf der einen Seite der Baronet folgte, um ſein Vergehen zu entſchuldigen, auf der andern aber Derrick die Geſetze und Verordnungen der Badeanſtalt zu Gemüthe führte. Allein ſie ließ ſich durch die Entſchuldigungen des Baronets nicht beſchwichtigen, ſondern ſagte, ſie wolle darauf ſchwören, daß er kein Edelmann ſey, und als der Ceremonienmeiſter ihr die Hand bot, um ſie nach der Senfte zu führen, ſo ſchlug ſie ihm mit ihrem Fächer auf die Knöchel. Der Bediente meines Oheims war noch an der Thüre, Tante Tabitha und ihr Joli ſetzten ſich in eine und dieſelbe Senfte und ließen ſich unter dem Geſpötte der Senftenträger ſo wie anderweitigen Pöbels nach Hauſe tragen. Ich war nach Clerkendown ausgeritten, und kam gerade in den Saal, als der Spektakel vorüber war. Der Baronet ging mit affektirter Verdrießlichkeit auf mich zu und erzählte mir die Bege⸗ benheit; ich lachte herzlich darüber und da erheiterte ſich auch ſein Geſicht.„Sehen Sie, mein Lieber,“ ſagte er,„als ich ſo eine wilde Beſtie den Ceremonienmeiſter mit offenem Rachen anſchnar⸗ chen ſah, wie der Lindwurm den heiligen Ritter Georg, ſo war es doch offenbar meine Chriſtenpflicht, dem Menſchen zu Hülfe zu kommen; aber ich hätte mir nie im Schlafe einfallen laſſen, daß das Vieh zum Gefolge des Fräulein Tabitha Bramble ge⸗ hören würde. O hätte ich das gewußt, meinetwegen hätte er Derrick zum Frühſtück freſſen mögen, ich hätte noch Proſit Mahlzeit dazu gerufen. Aber Sie wiſſen, mein lieber Freund, wir Irländer 9¹ ſchießen manchmal ſo einen Bock und faſſen die unrechte Sau bei den Ohren. Doch ich will mich ſchuldig bekennen, will ihre Gnade anrufen, und hoffentlich wird ein bußfertiger Sünder Ver⸗ gebung finden.“ Ich ſagte ihm, da die Beleidigung ſeinerſeits nicht abſichtlich geweſen ſey, ſo ſtehe zu erwarten, daß er meine Tante nicht unverſöhnlich finden werde. Beim Lichte beſehen, war indeß all ſeine Reue bloße Ver⸗ ſtellung. Bei ſeinen galanten Angriffen auf Jungfer Tabitha's Herz⸗ chen hatte er in Beziehung auf ihr Vermögen einen Rechnungsfehler von wenigſtens ſechstauſend Pfund gemacht, und über dieſen Punkt hatte man ihm ſo eben die Augen geöffnet. Er ergriff ſomit die erſte beſte Gelegenheit, ſich auf eine anſtändige Art ihre Ungnade zuzuziehen, ſo daß die Unterhandlungen rückgängig werden muß⸗ ten; dazu hätte er keine ſicherere Methode wählen können, als daß er ihren Hund mit dem Fuße ſtieß. Als er nach unſerm Hauſe kam, um der beleidigten Schönen ſeine Ehrfurcht zu bezei⸗ gen, wurde er nicht vorgelaſſen, und man gab ihm zu verſtehen, daß er ſie künftig nie zu Hauſe finden werde. Weniger unzugäng⸗ lich war ſie für Derrick, welcher kam, um Genugthuung für die Beſchimpfung zu verlangen, die ſie ihm mitten in ſeinem amtlichen Wirkungskreiſe zugefügt hatte. Sie wußte, daß es wohlgethan iſt, ſich mit dem Ceremonienmeiſter gut zu ſtellen, ſo lange man die Aſſembleeſäle beſuchen will, und da ſie noch überdieß gehört hatte, daß er ein Poet iſt, ſo fürchtete ſie, er möchte über den ganzen Auftritt eine Ballade oder ein Pasquill machen. Sie entſchuldigte ſich alſo höflich und ſchrieb ihr Benehmen dem Schreck zu, den ſie gehabt habe, zugleich ſubſeribirte ſie mit guter Art auf ſeine Gedichte, ſo daß er vollkommen ausgeſöhnt wurde, und ſie mit ſeinen Complimenten beinahe erſtickte. Er äußerte ſogar den Wunſch, ſich mit Joli wieder zu verſöhnen, was aber der letztere ablehnte, worauf der Ceremonienmeiſter verſicherte, wenn er in den Annglen von Bath, die er zu dieſem Behufe ſorgfältig ſtudi⸗ 92 ren wolle, ein ähnliches Beiſpiel finde, ſo ſolle ihr Liebling bei dem nächſten öffentlichen Frühſtücke zugelaſſen werden. Ich glaube jedoch, ſie wird weder ſich noch ihn der Gefahr eines neuen Un⸗ glücks ausſetzen. Wer nun Mackilliguts Nachfolger in ihrer Liebe ſeyn wird, vermag ich nicht vorauszuſehen; indeß wird Niemand fehl gehen, wer einem Manne ähnlich ſieht. So eine heftige und unduldſame Anhängerin der anglikaniſchen Kirche ſie auch iſt, ſo glaube ich doch bei meinem Gewiſſen, ſie würde ſich im jetzigen Augenblick nicht lange befinnen, mit einem Wiedertäufer, Quäker oder Juden einen Heirathskontrakt zu ſchließen, und ſogar die Klauſel unterſchreiben, daß ſie ſelbſt die Religion des Mannes anzunehmen habe. Doch vielleicht denke ich zu hart von meiner lieben Baſe, denn ich muß geſtehen, ſie iſt nichts weniger als gut angeſchrieben bei Ihrem Hieronimus Melford. Bath, den 6. Mai. An Vortor Ludwig. Sie fragen mich, warum ich bei dieſem ſchönen Wetter nicht ſpazieren reite?— In welcher von den Vorhallen dieſes Para⸗ dieſes meinen Sie, daß ich dieſe Bewegung machen ſoll? Soll ich mich auf die Heerſtraße nach London oder Briſtol begeben und vom Staube erſticken, oder zwiſchen den Poſtwagen, Phaetons, Frachtkarren und Pferden mit Kohlenſäcken zu Tode drücken laſſen? Der Schwadronen von jungen Herrlein will ich gar nicht gedenken, welche die Heerſtraße in Beſchlag nehmen, um ihre Reiterkünſte zu zeigen, und vollends der vielen Kutſchen, worin die vornehmen Damen ausfahren, um ihren Putz ſehen zu laſſen. Soll ich mich auf den Dünen verſuchen und zum Tode abmatten, indem ich be⸗ 93 ſtändig bergan reiten muß, ohne Hoffnung, jemals die Spitze zu erreichen? So wiſſen Sie denn, daß ich ſchon verſchiedene ver⸗ zweifelte Ritte auf dieſe Höhen gemacht habe, aber jedes Mal erſchöpft und abgemattet von den fruchtloſen Bemühungen in dieſen Dunſtkeſſel zurückgefallen bin, und hier ſchmachten und rennen wir armen Brunnengäſte wie chineſiſche Gründlinge, die auf dem Boden einer Punſchbowle nach Luft ſchnappen. Beim Himmel, ich muß auf irgend eine Art behext ſeyn. Wenn ich nicht ſchleunigſt den Zauber brechen laſſe und fortwiſche, ſo könnte ich leicht in dieſem eckelhaften Schmorkeſſel von faulen Dünſten meinen Geiſt aufgeben. Erſt vor zwei Rächten ſtand ich auf dem Punkte, ohne alle vorgängige Warnung von der Lebens⸗ bühne abtreten zu müſſen. Eine meiner größten Schwachheiten iſt die, daß ich mich von der Meinung ſolcher Leute beherrſchen laſſe, deren Urtheil ich verachte; ich geſtehe es mit Beſchämung im Herzen und Schamröthe im Geſicht, daß ich keinem Bitten oder Zureden widerſtehen kann. Dieſer Mangel an Muth und Stand⸗ haftigkeit iſt ein Erbfehler meiner Natur, den Sie oft mit Mit⸗ leid, wo nicht gar mit Verachtung, müſſen bemerkt haben. Ich fürchte, einige von unſern gerühmten Tugenden können von dieſer Schwäche hergeleitet werden. Doch jetzt zur Sache. Ich ließ mich überreden, auf einen Ball zu gehen, um Liddy eine Menuet tanzen zu ſehen mit einem leichtfüßigen jungen Zieraffen, dem einzigen Sohn eines reichen Häuſerbauers in London, deſſen Mutter in unſerer Nachbarſchaft wohnt, und mit Tabby Bekanntſchaft hat. Ich ſaß ein paar töd⸗ lich lange Stunden da, und erſtickte ſchier in dem qualmigten Gedränge; ich wunderte mich, daß ſo viele hundert Leute, die ſich vernünftige Geſchöpfe ſchelten laſſen, ein Vergnügen daran finden können, nach und nach eine Anzahl beweglicher Maſchinen vor ſich herumwandeln zu ſehen, die den ganzen Abend einerlei unbe⸗ deutende Figuren beſchreiben, auf einem Platze, der nicht breiter 94 iſt als der Arbeitswinkel eines Schneiders. Wäre noch wenigſtens Schönheit, Anmuth, lebhafte Bewegung, prächtige Kleidung oder irgend eine andere, wenn auch noch ſo abgeſchmackte Veränderung dabei geweſen, welche die Aufmerkſamkeit beſchäftigt und die Phantaſie unterhalten hätte, ſo hätte ich mich nicht gewundert; aber nichts von allem dem, ſondern nur eine langweilige Wieder⸗ holung einer und eben derſelben ſchleichenden ſinnloſen Vorſtellung, ausgeführt von Schauſpielern, die bei allen ihren Bewegungen zu ſchlafen ſchienen. Das ewige im Kreiſe Herumgehen dieſer Ge— ſtalten vor meinen Augen machte endlich, daß es mir im Kopfe ebenfalls wie ein Mühlrad herum ging, zumal, da mir die ver⸗ dorbene Luft bedeutend zugeſetzt hatte, welche durch ſo viele un⸗ reine menſchliche Blasbälge circuliren mußte. Ich zog mich daher nach der Thüre zurück und ſtand im Gange nach dem Nebenzimmer, wo ich mich mit meinem Freunde Quin unterhielt, als auf ein⸗ mal das Menuet aufhörte, und Bänke und Stühle weggeſchafft wurden, um für den Contretanz Platz zu machen. Durch dieſes plötzliche Aufſtehen des ganzen Haufens wurde nun auch die ganze Atmoſphäre in Bewegung geſetzt, und auf einmal fam ein äghp⸗ tiſcher Wind auf mich los, ſo ſchwanger von peſtilenzialiſchen Dünſten, daß meine Nerven überwältigt wurden und ich ohne Sinnen zu Boden fiel. Sie können ſich leicht denken, welchen Lärmen und Tumult dieſer Zufall in einer ſolchen Geſellſchaft machen mußte. Ich kam indeſſen bald wieder zu mir, und befand mich in einem behag⸗ lichen Lehnſtuhl, umringt von meinen eigenen Leuten. Schweſter Tabby hatte mich in ihrer großen Zärtlichkeit auf die Folter' ge⸗ ſpannt, indem ſie meinen Kopf unter ihren Arm drückte, und mir die Naſe ſo voll mit Hirſchbornſpiritus ſtopfte, daß ſie mir inwendig ganz wund wurde. Sobald ich nach Hauſe kam, ſchickte ich nach dem Doctor Ch., der mich verſicherte, ich könne außer aller Sorge ſeyn, denn meine Ohnmacht ſey nur von einem zufälligen Ein⸗ — . 9⁵ druck der durchdringenden widrigen Gerüche auf meine allzu em⸗ pfindlichen Nerven entſtanden. Ich weiß nicht, wie die Nerven anderer Leute beſchaffen ſeyn müſſen, aber man könnte glauben, ſie ſeyen von den gröbſten Stoffen, wenn ſie ſolch abſcheuliche An⸗ griffe beſtehen können. Es war wahrhaftig ein Gemenge von heilloſen Gerüchen, wo der heftigſte Geſtank und die ſtärkſten Parfümerien um die Oberhand ſtritten. Denken Sie ſich einmal eine ſublimirte Eſſenz von vermiſchten Düften, entſtehend von ſcorbutiſchem Zahnfleiſch, eiternden Lungen, ſauren Dünſten aus dem Magen, alten Fontanellen, ſchwitzenden Füßen, offenen Schä⸗ den, Fflaſtern, Salben, Balſam, Lavendelſpiritus, assa foetida Tropfen, Biſam, Hirſchhorngeiſt und sal volatite, der tauſenderlei andern widerlichen Dünſte, die ich nicht analyſiren konnte, ganz zu geſchweigen. So, mein beſter Doctor, iſt der liebliche Athem beſchaffen, den wir in den feinen Geſellſchaften zu Bath einhauchen müſſen; das iſt der Dunſtkreis, gegen den ich die reine, elaſtiſche, belebende Luft der waliſchen Berge ausgetauſcht habe— o rus, quando te adspiciam!— Ich kann nicht begreifen, welcher Satan in mich gefahren war. Doch will ich nicht lange Worte machen: mein Entſchluß iſt gefaßt. Sie können mir glauben, daß ich nicht geſonnen bin, der Geſellſchaft eine zweite Komödie dieſer Art zum Beſten zu geben. Ich habe in einer böſen Stunde verſprochen, nach London zu gehen, und Wort muß ich halten, aber mein Aufenthalt daſelbſt ſoll kurz genng ſeyn. Meiner Geſundheit wegen gedenke ich eine kleine Reiſe nach den nördlichen Gegenden zu machen, wo ich hoffentlich allerhand angenehmen Zeitvertreib finden werde. Ich bin auf die⸗ ſem Wege in meinem Leben noch nicht weiter gekommen, als bis Searborough, und es dünkt mich beinahe, es ſey eine Schande für einen britiſchen Grundbeſitzer wie ich, ſchon ſo lange im Lande herumgeſtrichen zu ſeyn, ohne mich nur ein einziges Mal über die Tweed gewagt zu haben. Uebrigens habe ich in Yorkſhire 96 ⸗ einige anſäßige Verwandte, und halte es nicht für unpaſſend, meinen Neffen und ſeine Schweſter mit ihnen bekannt zu machen. — Für jeht habe ich weiter nichts hinzuzufügen, als daß Tabby den Stricken des iriſchen Baronets glücklich entgangen iſt, und daß ich nicht ermangeln werde, von Zeit zu Zeit mitzutheilen, was uns weiter zuſtößt: ein Beweis von Hochachtung, den Sie vielleicht gerne erließen Ihrem ergebenſten Diener Matthias Bramble. Bath, den 6. Mai. An Sir Watkin Philipps im Jeſuitenkollegium zu Gzford. Mein liebſter Philipps! Vor einigen Tagen hatten wir einen großen Schreck, indem mein Oheim auf dem Balle in Ohnmacht fiel. Er flucht ſeitdem beſtändig über ſeine eigene Thorheit, daß er auf das Zureden eines einfältigen und aufdringlichen Weibes dahin gegangen ſey. Lieber, ſagte er, wolle er in ein von der Peſt angeſtecktes Haus gehen, als daß er ſich noch einmal in ein ſolch unfläthiges Spital wage, denn er ſchwöre darauf, ſein Unfall ſey nur vom Geſtank der Menge hergekommen, auch verlange er keinen ſtärkeren Beweis dafür, daß wir aus ganz grobem Stoffe geſchnitzt ſeyn müſſen, als die Thatſache, daß wir den unausſtehlichen Geruch, der ihm ſo gewaltig zugeſetzt, haben aushalten können. Ich meines Theils danke dem Himmel für meine groben Organe, weil ich dadurch nicht in Gefahr komme, ein Opfer der Zartheit meiner Raſe zu werden. Oheim Bramble iſt übertrieben empfindlich, und zwar ſowohl dem Leib als der Seele nach. Doector Ludwig hat mir erzählt, daß er ſich einſt mit einem Oſffizier der Garde zu Pferde geſchlagen habe, weil ſich dieſer, von einem natürlichen Bedürfniſſe 97 getrieben, an die Mauer des Parks ſtellte, als mein Oheim mit einer Dame am Arme vorbei ging. Bei der geringſten Unanſtän⸗ digkeit oder Rohheit, ſelbſt wenn ſie ihn von Haut und Haar nichts angeht, ſteigt ihm das Blut zu Geſichte, und wenn er von Undankbarkeit hört, klappern ihm die Zähne. Auf der andern Seite ermangelt die Erzählung von einer großmüthigen, menſchen⸗ freundlichen oder dankbaren Handlung niemals, ihm Thränen des Beifalls abzulocken, die er gerne verbergen möchte, aber zu ſeiner großen Verlegenheit vft nicht verbergen kann. Geſtern gab ein gewiſſer Paunceford eine Theegeſellſchaft. Dieſer Mann war, nachdem ihn lange allerlei Widerwärtigkeiten verfolgt hatten, in fremde Lande gereist, und Frau Fortuna hatte ihn, um ihre frühere Sprödigkeit wieder gut zu machen, auf ein⸗ mal bis über die Ohren in Wohlſtand verſetzt. Nun hat er ſich aus der Dunkelheit hervorgearbeitet, und glänzt in aller Pracht und Herrlichkeit der reichen Männer unſerer Tage. Ich habe nicht gehört, daß ihm Jemand etwas zur Laſt gelegt hätte, was nach den Geſetzen für unehrlich gehalten wird, auch finde ich nicht, daß ihn ſein Reichthum aufgeblaſen oder hochmüthig gemacht hätte; im Gegentheil gibt er ſich alle Mühe, umgänglich und angenehm zu erſcheinen. Nur das ſagt man, daß er ſich von ſeinen früheren Freunden auffallend zurückzieht, weil dieſe größtentheils zu ein⸗ fache und hausbackene Leute ſind, um ſich unter ſeinen jetzigen vornehmen Bekannten ſehen zu laſſen, und daß es ihm nicht wohl zu Muthe zu ſeyn ſcheint, wenn er einen von ſeinen alten Wohl⸗ thätern erblickt, was doch einem rechtſchaffenen Manne die größte Freude machen ſollte. Dem ſey wie ihm wolle, er hat die Geſellſchaft in Bath dergeſtalt für ſich gewonnen, daß mein Oheim und ich, als wir Abends nach dem Kaffeehauſe gingen, nur einen einzigen, ſcheinbar ziemlich bejahrten Mann dort fanden, der beim Feuer ſaß und eine Zeitung las. Mein Oheim, der ſich unmittelbar neben ihm niederſetzte, ſagte zu ihm:„Das iſt ein Smollet's Romane. XIII. 7 98 ſolches Fahren und Senftetragen auf dem Wege nach Simſons Hauſe, daß wir kaum durchdringen konnten. Ich wollte, dieſe Glückspilze verfielen auf löblichere Wege, ihr Geld unter die Leute zu bringen. Wie es ſcheint, ſind Sie, mein Herr, eben ſo wenig Liebhaber von dergleichen Luſtbarkeiten, als ich.“—„Ich kann eben nicht ſagen, daß ich großes Gefallen daran finde,“ ant⸗ wortete der Angeredete, ohne von ſeinem Blatte aufzuſehen.— „Herr Serle,“ fuhr mein Oheim fort,„ich bitte um Verzeihung, daß ich Sie unterbrochen habe, aber ich möchte für mein Leben gerne wiſſen, ob Sie bei dieſer Gelegenheit eine Karte bekommen haben.“ Der Mann ſchien über die Anrede zu ſtutzen und hielt einen Augenblick inne, wie wenn er zweifelhaft wäre, was er antworten ſollte.„Ich weiß, daß meine Neugierde unſchicklich iſt,“ begann mein Oheim auf's Neue,„aber ich habe meine beſonderen Urſachen, Sie um eine geneigte Antwort zu bitten.“—„Wenn das iſt,“ erwiederte Herr Serle,„ſo will ich Sie ohne Umſchweif befriedigen, und geſtehen, daß ich keine Karte erhalten habe. Aber, mein Herr, erlauben Sie mir auch die Frage, warum glauben Sie, daß ich Urſache habe, von dem Herrn, der heute den Thee gibt, eine Einladung zu erwarten?“—„Ich habe meine eigenen Gründe,“ ſagle Oheim Bramble mit einer Aufwallung,„und bin jetzt mehr als überzeugt, daß dieſer Paunceford ein ſchlechter Kerl iſt.“ —„Mein Herr,“ ſagte der Andere, indem er das Blatt weglegte, „ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen, aber Ihre Worte ſind etwas räthſelhaft und ſcheinen einer Erklärung zu bedürfen. Die Perſon, von der Sie da ſo ſchlechtweg ſagen, iſt ein Herr, der in der Geſellſchaft etwas gilt, und Sie können ja nicht wiſſen, ob ich nicht meine beſondern Gründe habe, ſeinen guten Namen zu vertheidigen.“—„Wenn ich nicht vom Gegentheil überzeugt wäre,“ bemerkte mein Oheim,„ſo würde ich nicht ſo weit gegan⸗ gen ſeyn.“—„Nun, ſo erlauben Sie mir,“ ſagte der Fremde mit 99 lauterer Stimme,„daß ich Ihnen ſage, Sie ſind wirklich zu weit gegangen, indem Sie ſolche Reden wagten.“— Hier unterbrach ihn mein Oheim mit der ſpöttiſchen Frage, ob er noch Don Quipote genug ſey, in dieſem Alter ſeinen Handſchuh für einen Mann hinzuwerfen, der ihm mit ſo undankbarer Vernachläßigung begegne. „Ich meines Theils,“ fügte er hinzu,„will niemals wieder über dieſe Sache ein Wort gegen Sie verlieren, und was ich vorhin geſagt habe, wurde mir ebenſowohl von Hochachtung für Sie als von Verachtung gegen ihn eingegeben.“ Jetzt nahm Herr Serle ſeine Brille ab, ſah meinen Oheim ſehr ernſthaft an und ſagte in begütigtem Tone zu ihm:„Ich bin Ihnen allerdings ſehr ver⸗ bunden— ha, Herr Bramble! jetzt erkenne ich Ihr Geſicht wie⸗ der, ob ich Sie gleich in vielen Jahren nicht geſehen habe.“— „Wir würden weniger fremd gegen einander geworden ſeyn,“ ant⸗ wortete mein Oheim,„wäre unſer freundſchaftliches Verhältniß nicht durch ein Mißverſtändniß unterbrochen worden, woran aber dieſer— doch gleichviel, Herr Serle, ich ſchätze Sie hoch als einen rechtſchaffenen Mann und biete Ihnen meine ganze Freundſchaft an.“—„Das Anerbieten iſt zu werthvoll, als daß ich es aus⸗ ſchlagen könnte,“ erwiederte dieſer,»ich nehme alſo Ihre Freund⸗ ſchaft von Herzen an, und als erſte Probe derſelben erſuche ich Sie, nicht mehr von dieſer Sache zu ſprechen, die meine Verhält⸗ niſſe auf's Innigſte berührt.“ Mein Oheim gab zu, daß er Recht habe, und das Geſpräch nahm eine allgemeinere Wendung. Herr Serle brachte den Abend in unſerm Hauſe zu, und ſchien mir ein ſehr verſtändiger und unterhaltender Mann zu ſeyn; gleichwohl war einiger Hang zur Melancholie nicht zu verkennen. Mein Oheim ſagt, er ſey ein Mann von ungewöhnlichen Geiſtesgaben und unbezweifelter Recht⸗ ſchaffenheit; ſein Vermögen, das niemals beträchtlich geweſen, ſey durch eine romantiſche Freigebigkeit, die er oft ſogar auf Koſten ſeiner Klugheit an unwürdige Menſchen ausgeübt, gewaltig geſchmolzen. 100 Er habe Paunceford aus der niedrigſten Dürftigkeit geriſſen, als er ſowohl mit ſeinen Mitteln als ſeinem guten Namen Bankerott gemacht; er habe ſich ſeiner mit einem gewiſſen Enthuſiasmus angenommen, ſey um ſeinetwillen mit verſchiedenen Freunden zerfallen und habe ſogar den Degen gegen meinen Oheim gezogen, als dieſer wohlbegründete Zweifel an dem moraliſchen Charakter des beſagten Paunceford ausgeſprochen; ohne Serle's Beiſtand und Hülfe hätte der Andere nie die Gelegenheit benützen können, die ihm den Weg zu dieſem großen Reichthum gebahnt; auch habe Paunceford im erſten Entzücken über ſein gutes Glück aus der Fremde an verſchiedene Correſpondenten Briefe geſchrieben, worin er ſeine Verbindlichkeiten gegen Herrn Serle in Ausdrücken der wärmſten Dankbarkeit anerkenne, und erkläre, daß er fich bloß als Geſchäftsführer ſeines beſten Freundes betrachte; ohne Zweifel habe er dieſelben Erklärungen auch ſeinem Wohlthäter gegeben, obgleich Letzterer über dieſen Punkt immer ſtillgeſchwiegen und zu⸗ rückgehalten habe; ſeit einigen Jahren ſeyen jedoch dieſe redneri⸗ ſchen Figuren bei Seite geſetzt worden; bei ſeiner Zurückkunft nach England ſey er gegen Serle ungeheuer verſchwenderiſch mit Lieb⸗ koſungen geweſen, habe ihn zu ſich genöthigt und in ihn gedrun⸗ gen, ſein Haus als ſein eigenes anzuſehen, dann habe er ihn mit allgemeinen Verſprechungen und Redensarten übertänbt, und in Geſellſchaft ihrer gemeinſchaftlichen Bekannten die größte Hochach⸗ tung gegen ihn ausgekramt, ſo daß Jedermann habe glauben müſſen, ſeine Dankbarkeit ſey eben ſo groß als ſein Reichthum, und Einige ſo weit gegangen ſeyen, Herrn Serle zu Beidem Glück zu wünſchen. Dieſe ganze Zeit über wußte Paunceford mit vieler Kunſt allen nähern Erörterungen mit ſeinem alten Gönner auszuweichen, der zu hochherzig war, auch nur den entfernteſten Wink von Abrechnungen und Verbindlichkeiten fallen zu laſſen. Indeß mußte einem Mann von ſeiner Denkungsart eine ſolch ſchändliche Vergeltung aller ſeiner 101 Wohlthaten im höchſten Grade empfindlich werden, und er entzog ſich daher ſeinem Umgang, ohne zu der geringſten Erklärung gekommen zu ſeyn oder gegen eine lebendige Seele irgend etwas von der Sache merken zu laſſen, ſo daß ihre ganze Bekanntſchaft dahin reducirt iſt, daß ſie die Hüte vor einander abziehen, wenn ſie ſich zufälli⸗ ger Weiſe an einem öffentlichen Orte treffen, was aber ſelten vorkommt, weil ihre Wege weit von einander liegen. Herr Paunce⸗ ford lebk in einem Palaſte, führt eine leckere Tafel, iſt prachtvoll gekleidet, macht einen großen Aufwand mit Wagen und Pferden, und bringt ſeine Zeit mit dem vornehmen Adel des Landes zu. Serle wohnt in einem engen Gäßchen in einem Hinterhauſe, drei Treppen hoch, geht zu Fuß, ißt für zwölf Schillinge wöchentlich zu Mittag, und trinkt Waſſer, das ihm der Doctor gegen das Podögra und den Stein verordnet hat— Sehen Sie, wie es in der Welt zugeht. Vordem wohnte Paunceford in einem Dach⸗ täm merchen, lebte von Schaafs⸗ und Kuhfüßen, und dann wurde er an Serle's Tiſch gezogen, der immer mit guten Speiſen beſetzt war, bis der Mangel an haushälteriſcher Sparſamkeit und Rück⸗ haltung ihn am Abend ſeiner Tage zu einem ſo geringen jähr⸗ lichen Einkommen herab brachte, daß er kaum die nothwendigſten Bedürfniſſe beſtreiten kann. Indeß erweist ihm Paunceford die Ehre noch immer, mit ungemeiner Hochachtung von ihm zu ſprechen, und hoch und heilig zu betheuern, daß es ihm das größte Vergnügen ſeyn würde, wenn er ihm auf irgend eine Weiſe etwas zu Gefallen thun könnte.„Allein,“ ſetzte er jedesmal hinzu,„Sie wiſſen ja, er iſt ein eigener Kauz, dem man nicht wohl beikom⸗ men kann, und dabei ein ſolcher Philoſoph, daß er mit unend⸗ licher Verachtung auf allen Ueberfluß herabſieht.“ Nachdem ich Ihnen nun eine Skizze von Sgquire Paunceford gegeben habe, brauche ich weiter keine Anmerkung über ſeinen Charakter zu machen, ſondern überlaſſe ihn auf Gnade und Ungnade Ihrer eigenen Beurtheilung; übrigens bin ich überzeugt, 102 daß er in Ihren Augen eben ſo wenig Gnade finden wird, als in denen Ihres allzeit ergebenen H. Melford. Bath, den 16. Mai. An Jungfer Marie Jones zn Brambletonhall. Liebes Miekchen! Wir ſtehen jetzt alle auf dem Sprung— heiſa es geht Lon⸗ don zu, Mädchen— wir ſind nun lange genug hier geweſen und es geht da alles drunter und drüber. Das Fräulein hat dem Sir Ulic den Abſchied gegeben, weil er ihren Scholli geſtoßen hat und ich habe OFrizle heimgeſchickt und ihm eine Floh ins Ohr geſetzt — ich habe ihm gezeigt, daß ich mich den Teufel um ſeinen lum⸗ pigten Staat und ſeinen langen Haarbeutel bekümmere. Denk ſie ſich nur, dieſer Schweinekerl hat ſich nicht geſchämt, unter meiner Naſe ſich mit einer dreckigten Hausmagd herumzureißen. Ich habe ihm auf die Ferſe getreten als er eben aus ihrer Kammer kam, aber ich habe dieſer Ganaille den Kopf tüchtig gewaſchen. O MWiekchen, die Mägde in Bath ſind ihr keine Bohne nütz. Sie wollen das Licht an beiden Enden anzünden und da kokettiren ſie und ſchmeißen das Geld hinaus und mauſen und betrügen, daß es eine wahre Schande iſt. Sie können niemals genug kriegen. Un⸗ ſere Herrſchaft iſt ihnen ſchon viel zu lange hier; weil wir ſchon ſo zu ſagen fünf Wochen im Hauſe ſind und da paſſen ſie wie Hechelnmacher jedes auf ein paar Guineen Dringgelt. Sie mei⸗ nen, das müſſen ſie alle vier Wochen haben, als ob keine Herrſchaft länger als vier Wochen in einem Hauſe bleiben dürfte, und jetzt flucht und ſchwört die Köchin, ſie wolle dem gnädigen Fräulein das Tiſchtuch um den Kopf werfen und die Hausmagd hat ſich verſchworen, ſie wolle dem Herrn ſtaub ins Bett ſtreuen, wenn 103 er nicht bald ausziehe.— Ich kann es ihnen nicht übel nehmen, daß ſie überall zugreifen, wo ſie ein Trinkgeld bekommen können und mich ſoll der Teufel und ſeine Großmutter holen, wenn ich einmal den Fuchsſchwanz ſtreiche oder einem armen Dienſtboten nichts gönne. Sie ſollen aber auch ein chriſtliches Gewiſſen haben und andern Leuten auch was gönnen, die es ſich um ihren Lohn ſo gut müſſen ſauer werden laſſen als ſie. Sie muß wiſſen, Miekchen, daß Mir dreiviertel Ellen Blondenſpitzen weggekommen ſind und ein Stück Muſſelin und mein ſilberner Vingerhut, den mir mein erſter Schatz geſchenkt hat. Das war alles in einem RNähkiſſen und ich hatte es in der Geſindeſtube auf dem Tiſch ſtehen laſſen, als das Fräulein klingelte, aber wäre es Auch unter Schloß und Riegel geweſen, ſo hätte es mir doch nichts geholfen denn ſie haben hier in Bath zu allen Schlöſſern doppelte Schlüſſeln und man iſt ſeiner Zähne nicht ſicher, wenn man mit offenem Maule ſchläft. Und da dachte ich, was keine Flügel hat, kann auch nicht fliegen und ich will einmal hinter den Ofen leuchten und das habe ich geſcheidt gemacht und fand das Lieschen mit O'Fritzle beiſammen. Und weil die Köchin mir nicht grün iſt, weil ich Schollis ſeine Par⸗ thei genommen, als er mit dem Bratenwenderhunde Spektakel hatte, ſo dachte ich, ich will mir mal einen reinen Schornſtein machen und ein Bischen von ihrem Fett ins geuer werfen. Ich paßte dem guten Weibchen auf, als ſie mit ihrer Ladung fortgehen wollte, da ſie dachte ich ſchliefe noch, und huſch führte ich ſie mit der ganzen Herrlichkeit zum Fräulein. Um Gottes willen, was meint ſie wohl, daß ſie alles aufgeladen hatte? Ein paar Krüge, die waren geſtrichen voll von unſerm beſten Bier, in ihrem Schurz hatte ſie eine kalte Ochſenzunge, ein Stück Rendfleiſch vom Lenden⸗ braten, einen wälſchen Hahn, ein großmächtiges Stück Butter und zehn Lichtſtümpchen, die bereits noch ſo groß waren als ganze Lichter. Die Köchin war ein verwegenes Menſch, ſie wollte noch ſtreiten und ſagte, das komme ihr von Gott und Rechtswegen zu, 104 die Speiſekammer aufzuräumen und ſie gehe ſogleich vor den Rich⸗ ter, der habe ihr ſchon viele Jahre lang Gutes gethan und werde einen armen Dienſtboten deßwegen nicht plagen, daß er den Ab⸗ fall von der Küche armen Leuten ſchenke. Mit Mamſel Lieschen habe ich es noch ganz anders angegriffen, denn ſie war naſeweiß gegen mich geweſen und hatte mich ausgeläſtert und hatte geſagt, der O'Frizle könne mich nicht riechen und ſo eine Menge lauter verſtunkene Lügen. Ich kriegte mir einen Befehl von dem Richter und als der Polizeidiener ihre Lade viſitirte, da kamen alle meine Sachen heraus und noch ein ganzes Pfund neue Wachslichter dazu und eine Nachthaube, wo ich einen körperlichen Eid darauf ſchwö⸗ ren will, daß ſie meinem Fräulein gehört. O ſie hätte ſehen ſollen, wie das Lumpenmenſch ſich jetzt auf gute Worte verlegte unv weil der Richter ſie nicht einſperren wollte, ſo iſt ſie diesmal noch dem Zuchthauſe entgangen, aber ſie wird ihrer Lebtag an mich denken und vergeß ſie nicht Ihre gehorſamen Dienerin Winifred Jenkins. Bath, den 15. Mai. NS. Wenn der Bote noch einmal hierher kommt, ehe wir fort ſind, ſo ſey ſie ſo gut und ſchick mir das Hemde und den Schurz mit den weißen ſaffian Schuhen, ſie ſind unter meinem Kopftiſſen und bitte Salome ſchön zu grüßen. An Sir Watkin Philipps im Jeſuitenkollegium zu Oeford. Sie haben Recht, lieber Philipps, ich erwarte von Ihnen keine regelmäßige Antwort auf jeden Brief, ich weiß, das Leben in einem Collegium iſt zu eingeſchränkt, als daß es Stoff zu einem ſo lebhaften brieflichen Verkehr liefern könnte. Ich dagegen verän⸗ dere jeden Augenblick meinen Schauplatz und bin ſtets mit neuen — ——— 105 Gegenſtänden umgeben, von denen einige merkwürdig genug ſind. Ich will alſo mein Tagebuch zu Ihrem Vergnügen fortſetzen, und ob es gleich aller Wahrſcheinlichkeit nach nicht von ſehr intereſſan⸗ ten und wichtigen Dingen handeln dürfte, ſo iſt es vielleicht nicht ganz ohne allen Nutzen, wenn es auch nur den Zweck erreicht, Ihnen ein paar müßige Stunden auszufüllen. Die muſikaliſchen Unterhaltungen, Bälle und andere Geſell⸗ ſchaften in Bath ſind für dieſen Frühling jetzt vorüber, alle unſere luſtigen Strichvögel haben bereits ihren Flug nach Briſtolwell, Tunbridge, Brighthelmſtone, Scarborough, Harrowgate u. ſ. w. begonnen. Man ſieht keine Seele mehr hier, außer ein paar kurz⸗ athmige Prediger, die wie Krähen auf der Nordparade herum⸗ wackeln. Ueberhaupt iſt die Geiſtlichkeit hier das ganze Jahr durch gut repräfentirt, aber keine von jenen dünnen bleichen hektiſchen Figuren, die durch Enthaltſamkeit und Studiren abgemagert ſind, und mit den gelehrten Krankheiten zu thun haben, ſondern große fette Würdeträger und Pfründenbeſitzer mit kupfernen Naſen und poda⸗ griſchen Schenkeln, mit aufgedunſenen breiten Geſichtern und groß⸗ mächtigen Hängebäuchen, den Kennzeichen eines müßigen Lebens und durch allzu große Anſtrengung geſchwächten Magens. Da wir nun einmal auf dem Kapitel der Pfarrer ſind, ſo muß ich Ihnen ein luſtiges Abenteuer erzählen, welches vor einigen Tagen Tom Eaſtgate beſtand, deſſen Sie ſich noch von der Klaſſe her erinnern werden. Er hatte ſich ſehr um die Freundſchaft eines gewiſſen Georg Prankley bemüht, der im Criſtchurcheollegium in Penſion war und von dem er wußte, daß er einmal große Güter erben und eine einträgliche Pfründe zu vergeben haben werde, deren dermaliger Beſitzer bereits alt und kränklich war. Er ſtu⸗ dirte ſeine Leidenſchaften aus und wußte ihn mit ſolchem Erfolg zu ſchmeicheln, daß er bald ſein Kamerad und Rathgeber wurde und zuletzt das Verſprechen erhielt, er werde ihm bei der nächſten Erledigung präſentiren. Nach ſeines Vaters Tod verließ Prankley 106 Orford und zeigte ſich zum erſten Mal in der großen Welt zu London; von da kam er neulich nach Bath, wo man ihn jederzeit unter den Zierbengeln und Spielern von Profeſſion ſehen konnte. Eaſtgate folgte ihm hieher, allein er hätte ihn von ſeinem erſten Schritte in die Welt an nicht verlaſſen ſollen. Er mußte doch wiſſen, daß Prankley ein abgeſchmackter, widriger und unzuver⸗ läßiger Burſche iſt, der ſeine Univerſitätsfreunde vergißt, ſobald er ſie nicht mehr vor den Augen hat. Tom wurde alſo von ſeinem alten Freunde kühl empfangen, und erfuhr überdieß, die Pfründe ſey einem andern Manne zugeſagt, der eine Stimme bei der näch⸗ ſten Parlamentswahl habe, wo Prankley als Candidat aufzutreten gedenke. Er erinnerte ſich von Eaſtgate nichts weiter als die Freiheiten, die er ſich gegen ihn herauszunehmen gewohnt war, und die Tom, mit einem Auge auf die Pfründe, ganz geduldig ſich hatte gefallen laſſen. Dieſe Freiheiten nun fing er an zu wie⸗ derholen, indem er zur Beluſtigung der Gäſte auf dem öffentlichen Kaffeehauſe die alltäglichſten ſchlechteſten Witze über ſeinen Stand und ſeine Kleidung zu Markte brachte. Allein er hatte ſich gröb⸗ lich geirrt, indem Eaſtgate's zahme Geduld ſeinem eigenen Witze zuſchrieb, während ſie nur von Klugheitsrückſichten hergekommen war. Da dieſe nun wegfielen, ſo gab er ihm ſeine witzigen Ein⸗ fälle mit guten Intereſſen zurück, und fand es nicht ſchwer, die Lacher auf ſeine Seite zu bringen, ſo daß ſein vornehmer Wider⸗ part die Geduld verlor, ihm Grobheiten ſagte und endlich fragte, ob er auch wiſſe, mit wem er ſpreche? Nach vielen Neckereien hob Prankley endlich den Stock auf und befahl ihm, ſein Maul zu halten, ſonſt werde er ihm den Prieſterrock ausklopfen.„Ich ver⸗ lange keinen ſolchen Diener,“ verſetzte Eaſtgate,„wenn Sie aber ja den Dienſt verrichten wollen, und ſich dabei erhitzen ſollten, ſo habe ich ein gutes eichenes Handtuch, um Ihnen den Schweiß ab⸗ zutrocknen.“ Prankley gerieth über dieſe Antwort in den größten Aerger. 107 Nach einem Augenblick Bedenken zog er ihn bei Seite an's Fen⸗ ſter, zeigte ihm ein Tannengebüſch in Clerkentown, und fragte ihn leiſe, ob er wohl den Muth habe, morgen früh um ſechs Uhr mit ein paar Piſtolen ihn dort aufzuſuchen. Eaſtgate bejahte die Frage, und verſicherte ihn mit feſtem Blick, er werde nicht erman⸗ geln, ſich zur beſtimmten Stunde einzufinden. Mit dieſen Worten verließ er ihn, und der Ausforderer blieb einige Zeit in ſichtlicher Unruhe ſtehen. Am andern Morgen ging Eaſtgate, der ſeinen Mann kannte und ſeinen Entſchluß gefaßt hatte, auf Prankley's Zimmer und weckte ihn ſchon um fünf Uhr auf. Der Squire verfluchte ohne allen Zweifel in ſeinem Herzen dieſe Pünktlichkeit, nahm aber dennoch einen vornehmen Ton an, und da er ſein Feuergewehr ſchon den Abend vorher in Bereit⸗ ſchaft geſetzt hatte, ſo ließen ſich beide am Ende der Südparade über's Waſſer ſetzen. Als ſie den Hügel hinanſtiegen, ſah Prank⸗ ley dem Candidaten oft in's Geſicht, in der Hoffnung, einige Merkmale von Muthloſigkeit zu entdecken, da ſich aber keines zei⸗ gen wollte, ſo dachte er, ihn mit Worten einzuſchüchtern und ſagte:„Wenn dieſe Steine ihre Schuldigkeit thun, ſo wird Dein Geſchäft auf Erden in ein paar Minuten zu Ende ſeyn.“— „Thun Sie Ihr Beſtes,“ verſetzte der Andere,„ich komme auch nicht, um zu ſcherzen. Unſer Leben iſt in Gottes Hand, und Einer von uns Beiden ſteht bereits am Rande der Ewigkeit.“ Dieſe Bemerkung ſchien auf den Squire einigen Eindruck zu machen. Er veränderte die Farbe und bemerkte mit ſtotternder Stimme: Es ſtehe einem Geißtlichen ſchlecht an, ſich in Händel und Blutvergießen einzulaſſen.—„Ihre Grobheiten gegen mich allein,“ ſagte Eaſtgate,„wütde ich geduldig hingenommen haben, aber Sie haben auf das Schamloſeſte meinen ganzen Orden be⸗ ſchimpft, und ich halte mich für verpflichtet, ſeine Ehre zu ver⸗ theidigen, ſollte es mich auch mein Herzblut koſten; offenbar kann es keine Sünde ſeyn, einen elenden Wicht aus der Welt zu ſchaffen, 108 der nicht das geringſte Gefühl für Ehre, Moral oder Religion beſitzt.“—„Mein Leben kannſt Du mir nehmen,“ rief Prankley in großer Beängſtigung,„aber raube mir nur nicht auch meinen guten Namen. Wie? haſt Du denn gar kein Gewiſſen mehr 2“— „Mein Gewiſſen iſt vollkommen ruhig,“ verſetzte der Andere,„und nun, mein Herr, ſind wir an Ort und Stelle. Nehmen Sie ihren Platz ſo nahe als Sie wollen, zielen Sie gut und Gott ſey nach ſeiner unendlichen Barmherzigkeit Ihrer elenden Seele gnädig.“ Dieſes Stoßgebet ſagte er in einem lauten feierlichen Tone, mit abgezogenem Hute und aufgeſchlagenen Augen; ſodann zog er eine große Reiterpiſtole hervor, ſpannte ſie und hielt ſich bereit zu ſchießen. Prankley nahm ſeine Diſtanz und wollte ebenfalls ſpannen, allein ſeine Hand zitterte ſo heftig, daß es ihm unmög⸗ lich war. Sein Gegner, der dieſes Elend mit anſah, erbot ſich, ihm zu helfen, und ging deßhalb zu ihm, worauf der arme Squire voll Herzensangſt über das, was er gehört und geſehen, den Wunſch ausdrückte, das Duell bis auf den folgenden Tag zu ver⸗ ſchieben, weil er ſeine Angelegenheiten noch nicht in Ordnung ge⸗ bracht habe.„Ich habe noch kein Teſtament gemacht,“ ſagte er, „meine Schweſtern ſind noch nicht verſorgt, und eben fällt mir ein altes Verſprechen ein, deſſen Erfüllung mir mein Gewiſſen gebietet. Zuerſt will ich Dich überführen, daß ich kein elender Menſch ohne alle Grundſätze bin, und ei will ich Dir Gelegen⸗ heit geben, mein Leben zu nehmen, wornach Du ſo gewaltig zu dürſten ſcheinſt.“ Eaſtgate verſtand den Wink und ſagte, es komme ihm auf einen Tag gerade nicht an.„Gott bewahre mich,“ fügte er hinzu, „daß ich Sie verhindern ſollte, die Pflichten eines ehrlichen Man⸗ nes und treuen Bruders zu erfüllen.“ In Folge dieſes Waffen⸗ ſtillſtandes gingen ſie fröhlich zuſammen nach Hauſe. Prankley fertigte alsbald die Präſentation zur Pfründe aus, ſtellte ſie Eaſt⸗ gate zu und ſagte zu ihm, er habe ſeine Angelegenheiten nunmehr 109 in Ordnung gebracht, und ſey bereit, ihn nach dem Tannenbuſche zu begleiten. Allein Tom erklärte, es könne ihm nicht einfallen, ſeine Hand wider einen ſo großen Wohlthäter zu erheben. Er ging noch weiter: als ſie ſich einander das nächſte Mal im Kaffee⸗ hauſe wieder ſahen, bat er Herrn Prankley um Verzeihung, wenn er in der Hitze etwas Beleidigendes geſagt haben ſollte, und der Sauire war ſo gütig, ihm zum Zeichen der Vergebung herzlich die Hand zu ſchütteln, mit der Verſicherung, er möchte nicht gerne mit einem alten Univerſitätsfreunde in Uneinigkeit leben. Indeſſen machteh er ſich am nächſten Tage ſchleunigſt von Bath weg, und alsdann erzählte mir Eaſtgate alle dieſe Umſtände mit nicht gerin⸗ ger Freude über ſeine eigene Klugheit, die ihm zu einem jähr⸗ lichen Einkommen von hundertſechszig Pfund verholfen hatte. Von meinem Oheim habe ich dießmal nicht viel zu ſagen, als daß wir morgen alle zuſammen nach London abreiſen. Er und die Damen nebſt dem Kammermädchen und Joli zu Wagen, ich und der Bediente zu Pferde. Was uns auf der Reiſe begeg⸗ net, ſollen Sie in meinem nächſten Briefe erfahren, vorausgeſetzt, daß kein ſchlimmer Zufall daran verhindert Ihren H. Melford. Bath, den 17. Mai. An Doctor Ludmig. Mein liebſter Doctor! Morgen reiſe ich nach London, allwo ich bei Frau Norton in Goldenſquare bereits Zimmer beſtellt habe. Obgleich ich nichts weniger als ein Bewunderer von Bath bin, ſo verlaſſe ich es doch ungern, weil ich mich von einigen alten Freunden trennen muß, die ich aller Wahrſcheinlichkeit nach nie wieder zu ſehen bekomme. Auf dem Kaffeehauſe habe ich oft mit ausgezeichnetem Lobe der 110 Arbeiten eines gewiſſen Herrn S. erwähnen gehört, welcher eben⸗ falls hier wohnt und zu ſeinem Zeitvertreib Landſchaften malt. Da ich dem Geſchmack und Urtheil der Kaffeehauskenner nicht un⸗ bedingt vertraue, und dieſer Zweig der Kunſt mir niemals beſon⸗ deres Vergnügen gewährt hat, ſo machten dieſe allgemeinen Lob⸗ ſprüche nicht den geringſten Eindruck auf meine Neugierde. Doch ging ich auf das Zureden eines ſpeciellen Freundes geſtern hin, um die Stücke zu beſehen, die ich mit ſo vieler Wärme hatte rühmen hören. Ich muß geſtehen, daß ich nicht über Malerei urtheilen kann, obgleich ich gerne Gemälde ſehe. Ich glaube zwar nicht, daß meine Sinne ſo falſch ſeyn ſollten, um mich zur Be⸗ wunderung einer durchaus ſchlechten Sache zu verleiten, aber das iſt gewiß, daß ich bei Stücken von ganz vorzüglichem Werthe manchmal ſchon Hauptſchönheiteu überſehen habe. Wenn ich nicht ganz ohne Geſchmack bin, ſo iſt der junge Mann hier in Bath der beſte lebende Landſchaftsmaler. Seine Werke haben mich mehr überraſcht, als jemals irgend eine Malerei. Seine Bäume haben nicht nur einen Reichthum an Laub und eine Wärme des Colorits, welche das Auge entzückt, ſondern auch eine ge⸗ wiſſe Pracht in der Anordnung und eine Kühnheit im Ausdruck, die ich nicht beſchreiben kann. Seine Behandlung des chiaro oscuro oder des Lichts und Schattens, beſonders die plötzlichen Sonnen⸗ blicke, ſind ſowohl der Erfindung als Ausführung nach wunder⸗ ſchön; auch iſt er ſehr glücklich in der Perſpektive und weiß die Ent⸗ fernung zur See durch eine fortſchreitende Verkettung von Schiffen, Booten, Vorgebirgen ꝛc. ſo hübſch anzudeuten, daß ich nicht um⸗ hin konnte zu glauben, ich ſehe im Hintergrunde des Gemäldes in eine Ferne von acht bis zehn Meilen. Wenn in unſerm entar⸗ teten Zeitalter, das demnächſt in gänzliche Barbarei zurückſinken zu wollen ſcheint, noch einiger Sinn für ſchöne Künſte übrig ge⸗ blieben iſt, ſo wird dieſer Künſtler gewiß großes Aufſehen machen, ſobald nur ſeine Arbeiten bekannt ſind. . 111 Vor zwei Tagen beehrte mich Herr Fitzowen mit einem Be⸗ ſuche und bat mich unter vielen Complimenten um meine Stimme und meinen Einfluß bei der nächſten Parlamentswahl. Ich hätte mich über die Zuverſichtlichkeit dieſes Mannes nicht ärgern ſollen, ob dieß gleich eine unverſchämte Forderung war, wenn man be⸗ denkt, was bei einer ähnlichen Gelegenheit zwiſchen ihm und mir vorgegangen iſt. Dergleichen Beſuche ſind bloße äußerliche Höf⸗ lichkeiten, die ein Candidat jedem Wahlmann erweist, ſogar wenn er weiß, daß er für ſeinen Nebenbuhler ſtimmt, bloß damit man ihn nicht für ſtolz halten ſoll, zu einer Zeit, wo man einige De⸗ muth von ihm verlangen kann. Wahrhaftig, ich kenne nichts Niederträchtigeres auf der Welt, als das Betragen eines Mannes, den es nach einem Parlamentsſitze gelüſtet. Dieſe niedrige Kriecherei (beſonders gegen Wahlmänner in kleinen Flecken) hat nach meiner Meinung viel dazu beigetragen, die Anmaßung des Pöbels zu ſteigern, deſſen Bändigung man wohl nicht leichter finden wird, als die des Teufels. Dem ſey wie ihm wolle, Fitzowens Unver⸗ ſchämtheit ärgerte mich ein wenig, doch faßte ich mich bald wieder und ſagte zu ihm, ich ſey noch nicht entſchloſſen, wem ich meine Stimme geben wolle, oder ob ich überhaupt ſtimmen werde. Auf⸗ richtig geſtanden, von den beiden Candidaten iſt mir der eine ſo lieb als der andere, und ich müßte mich für einen Verräther an der Verfaſſung meines Vaterlandes anſehen, wenn ich Einem von ihnen meine Stimme geben wollte. Wollte jeder Wahlmann dieß gewiſſenhaft bedenken, ſo hätten wir nicht ſo viele Gründe, über die feile Beſtechlichkeit unſerer Parlamentsmitglieder loszuziehen. Allein wir ſind nun einmal alle zuſammen ein käufliches elendes Lumpenpack, ſo abgeſtorben für alles Ehrgefühl und alle Charak⸗ terfeſtigkeit, daß ich vollkommen überzeugt bin, man wird dem⸗ nächſt nichts mehr für ſchimpflich halten, als Tugend und Vater⸗ landsliebe. G. H., der wirklich ein enthuſiaſtiſcher Patriot iſt und die Hauptſtadt in verſchiedenen Parlamenten hintereinander 112 vertreten hat, verſicherte mich vor einigen Tagen mit Thränen in den Augen, er habe mehr als dreißig Jahre in London gelebt, auch mit allen angeſehenen Bürgern Geſchäfte gehabt, aber er bezeuge vor Gott, daß er in ſeinem ganzen Leben nicht mehr als drei oder vier gefunden habe, die er durchaus ehrlich nennen könne; eine Verſicherung, die mich mehr niederbeugte als überraſchte, da ich ſelbſt unter meinen vielen Bekanntſchaften ſo wenig würdige Män⸗ ner gefunden habe, daß ſolche bloß eine Ausnahme bilden können, und Ausnahmen können nach den Grammatikern die Regeln nur beſtätigen. Ich weiß, Sie können mir ſagen, G. H. habe durch den Nebel des Vorurtheils nicht deutlich genng geſehen, und ich ſelbſt ſtehe unter der Herrſchaft meines Spleens. Vielleicht, daß dieß nicht ganz ohne iſt, denn ich habe die Bemerkung gemacht, daß meine Anſicht von den Menſchen, wie der Merkur in einem Ther⸗ mometer mit der Veränderung des Wetters, jedes Mal ſteigt und fällt. Rechnen Sie doch gefälligſt mit Barnes ab; nehmen Sie das Geld, das er für mich in Händen hat, und quittiren Sie ihn dafür. Wenn Sie glauben, Davis habe Geld oder Credit genug, t um ſich auf dem Pachthofe durchzuſchlagen, ſo geben Sie ihm eine Quittung über den verfallenen Zins. Dieß wird ſeinen Fleiß auf's Neue beleben, denn ich weiß, daß einen Pächter nichts mehr niederdrückt als der Gedanke, gegen ſeinen Gutsherrn im Rück⸗ ſtande zu ſeyn. Er wird muthlos, vernachläßigt ſeine Arbeit, und ſo geht die ganze Wirthſchaft zu Grunde. Tabby hat ſich einige Tage lang ungeberdig geſtellt wegen des Lammfells, um das mich der Taglöhner Williams anſprach, als er neulich in Bath war. Ich bitte Sie, laſſen Sie es ſich von ihm herausgeben und bezahlen Sie ihm den vollen Werth, damit ich nur einiger⸗ maßen Frieden im Hauſe habe. O ich werde es mir nie einfallen laſſen, über einen armen Mann zu ſpotten oder loszuziehen, der unter dem Pantoffel ſteht; mein Gewiſſen wird mir immer ſagen 113 daß ich ſelbſt vor einem Hausteufel kriechen muß, während ich doch, Gott ſey Dank, nicht Zeitlebens an das Ehſtandsjoch mit ihr gezwängt bin. Sie hat mit dem Geſinde wegen Trinkgelder und Küchenabfälle einen Streit angefangen, der ein ſo abſcheu⸗ liches Gezänke von beiden Seiten herbeiführte, daß ich Gott dankte, als es mir gelang, die Köchin und Hausmagd heimlicher Weiſe zu beſänftigen. Kennen Sie denn keinen armen Landjunker in ganz Wales, der dieſes koſtbare Frauenmöbel abnähme Ihrem ergebenſten M. Bramble. Bath den 19. Mai. An Doctor Tudwig. Hochgelahrter Herr Doctor! Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen ſage, ich meine immer, Sie könnten ihre gaben beſſer anwenden als daß Sie den Dienſt⸗ boten den Kopf halten, wenn ſie die Herrſchaften beſtehlen. Ich habe von der Quillim gehört, daß Williams mein Fell in die Hande gekriegt hat und deßwegen iſt er ein unverſchämter Spitz⸗ bube und Schurke. Er iſt aber nicht nur über mein Fell gegan⸗ gen, ſondern auch über meine Buttermilch, womit er ſeine ferkel mäſtet, und ich glaube, nächſter Tage wird er auch mein Pferd holen, daß ſeine Mamſel Tochter darauf in die Kirche und auf den Markt reiten kann. Den ganzen Tag heißt es, Williams hat diß und Williams hat diß bekommen, aber ich ſage Ihnen, ich will mich nicht alle Augenblicke von jedem Spitzbuben william⸗ ſen laſſen. Es nimmt mich ſehr wunder Herr Doctor, wie Sie ſich in meine Sachen miſchen wegen der Schaafwolle und dem Felle. für was glauben Sie dann, daß ich mir in meines Bru⸗ ders Haushaltung immer habe ſo ſauer werden laſſen, wenn ich Smollet's Romane. RIII. 8 114 mir nicht einmal Wolle zu einem Unterrock auf die Seite ſchaffen kann. Und in die Buttermilch, das ſage ich Ihnen, das ſoll mit meiner Erlaubniß im ganzen Kirchſpiel keines wieder die Schnauze hinein ſtecken. Es iſt ein berühmter Baddoctor hier, der verſchreibt ſie ſeinen Patienten, wenn die Krankheit ſchwindſüchtig iſt und die Schottländer und die Irländer haben ſchon ſo viel getrunken, daß in der ganzen Nachbarſchaft von Briſtol kein Tropfen mehr für die Säue zu haben iſt. Man ſoll mir unſere Buttermilch in Tonnen faſſen und zweimal in der Woche nach Aberganny ſchicken, wo man den Schoppen um einen halben Pfennig verkaufen kann, der Williams aber ſoll zuſehen, woher er Buttermilch für ſeine ferkel erhält. Ich hoffe Doctor, daß Sie meinem Bruder künftig keine ſolche Mucken mehr in den Kopf ſetzen, wodurch meinem Beutel ſo großer Schaden geſchieht, ſondern vielmehr, daß Sie mir Gelegenheit geben(was Sie bis jetzt nicht gethan haben), mich zu unterzeichnen Ihre ergebenſte Dienerin Tabitha Bramble. Bath, den 19. Mai. An Hir Watkin Philipps im Jeſuitenkollegium zu Orford. Mein liebſter Philipps! Ohne Ihre Antwort auf mein Letztes abzuwarten, fange ich an, Ihnen von unſerer Reiſe nach London zu berichten, welche nicht ganz ohne Abenteuer abgelaufen iſt. Letzten Dienſtag ſetzte ſich mein Oheim in eine vierſpännige Miethkutſche mit ſeiner und meiner Schweſter und der Jungfer Tabitha Kammermädchen, Wi⸗ nifred Jenkins, welcher das Amt zu Theil wurde, Joli auf einem Kiſſen auf dem Schooße zu halten. Ich konnte mich kaum des Lachens enthalten, als ich in den Wagen blickte und das Thier 115* wie einen ordentlichen Paſſagier gegenüber von meinem Oheim ſitzen ſah. Der Squire ſchämte ſich über ſeine Situation und wurde bis an die Ohren roth; er befahl dem Poſtillon fortzufah⸗ ren und zog das Glas vor meiner Naſe auf. Ich und ſein Be⸗ dienter John Thomas begleiteten ſie zu Pferde. Es fiel nichts Erhebliches vor, bis wir auf die Dünen von Marlborvugh kamen. Hier ſtürzte eines von den Vorder⸗ pferden, als man gerade in einem ſtarken Trab den Hügel hinab fuhr. Der Poſtillon gab ſich alle Mühe, den Wagen auf⸗ zuhalten und führte ihn auf der einen Seite an ein tiefes Geleiſe, aber patſch, da lag er. Ich war ein paar hundert Schritte vor⸗ aus geritten, und als ich ein lautes Geſchrei hörte, jagte ich zurück und ſprang herab, um zu helfen, wo es möglich wäre. Als ich in den Wagen ſah, konnte ich nichts deutlich unterſcheiden, als den untern Theil der Jenkins, welche mit den Füßen in der Luft focht und dabei erbärmlich ſchrie. Auf einmal ſtreckte mein Oheim ſeine geſchvrene Platte hervor und ſprang ſo leicht wie ein Heupferd aus dem Wagen, indem er den Hintertheil der armen Win als Fußſchemel gebraucht hatte, um ſich empor zu arbeiten. Thomas, der gleichfalls abgeſeſſen war, zog dieſe betrübte Nymphe mehr todt als lebendig durch eben dieſelbe Oeffnung an's Tageslicht. Jetzt nahm mein Oheim haſtig die Thüre aus den Angeln, faßte Liddy beim Arm, und brachte ſie ſehr erſchrocken aber wenig be⸗ ſchädigt hervor. Mir wurde das Loos zu Theil, Tante Tabitha zu befreien, die im Gedränge ihre Haube verloren hatte; ſie war mehr als halb außer ſich vor Angſt und Wuth, und hätte ganz prächtig eine der Furien vorſtellen können, welche die Höllenpforte bewachen. Sie drückte nicht die mindeſte Beſorgniß um ihren Bru⸗ der aus, der ohne Perücke in der kalten Luft herumlief und mit erſtaunlicher Gewandtheit die Pferde losmachen half, ſondern ſie ſchrie und heulte wie wahnſinnig: Joli, Joli, mein Herzensjoli, mein armer Joli iſt gewiß todt gedrückt worden! 116 Dieß war indeß nicht der Fall; Joli hatte ſich, nachdem er in dem Geſchüttel des Umfallens meinen Oheim in's Bein ge⸗ biſſen, unter den Sitz verkrochen, und von da zog ihn der Be⸗ diente beim Nacken hervor; für dieſen Liebesdienſt biß er ihm die Finger bis auf die Knochen durch. Der Burſche, der indeß nicht von der freundlichſten Gemüthsart iſt, ergrimmte über dieſen An⸗ griff dermaßen, daß er ihm einen derben Stoß in die Rippen verſetzte, und rief: Hol der Teufel dieſes garſtige Sauvieh, ſammt dem, dem es gehört! ein Segenswunſch, der von der geſtrengen Jungfrau, ſeiner Beſitzerin, keineswegs überhört wurde. Doch ließ ſie ſich von ihrem Bruder überreden, nach einem Bauernhauſe zu gehen, das nicht weit von dem Unglücksplatze lag, allwo er und ſie ihre Häupter bedeckten und die arme ZJenkins in Ohn⸗ macht fiel. Unſere nächſte Sorge war, ein Heftpflaſter auf die Wunde an ſeinem Bein zu legen, welche deutlich den Eindruck von Jolis Zähnen verrieth, doch öffnete er ſeine Lippen nicht gegen den Verbrecher. Der Jungfer Tabitha mochte bei dieſer Scene nicht wohl zu Muth werden.„Du ſprichſt kein Wort, Matthias,“ ſagte ſie,„aber ich weiß, was Du denkſt, ich weiß, wie Du dem armen unglücklichen Thiere von jeher ſo aufſäßig geweſen biſt; Du gehſt gewiß mit dem Plane um, ihm das Leben zu nehmen!“—„Auf meine Ehre, Du irrſt Dich,“ erwiederte der Sauire mit ſarkaſtiſchem rächeln,„es fällt mir nicht im Schlafe ein, gegen ein ſo harmloſes, liebenswürdiges Geſchöpf ſo grau⸗ ſame Plane zu hegen, wenn es auch nicht das Glück hätte, Dein Liebling zu ſeyn.“ John Thomas war nicht ſo delikat. Dieſer Burſche, ſey es nun, daß er wirklich für ſein Leben beſorgt war, oder daß ihn bloß Rachſucht antrieb, kam herein und verlangte geradezu, der Hund müſſe todtgeſchlagen werden, denn wenn er ſpäter einmal wüthend werden ſollte, ſo müßte er es auch werden, da er ihn gebiſſen habe. Mein Oheim ſiellte ihm ganz gelaſſen die Abge⸗ 117 ſchmacktheit dieſes Beweiſes vor und bemerkte, er ſelbſt ſey ja auch gebiſſen worden und würde gewiß dieſe vorgeſchlagene Vor⸗ ſicht gebrauchen, wenn er nicht mit Beſtimmtheit wüßte, daß keine Anſteckung zu befürchten ſey. Allein Thomas blieb hartnäckig bei ſeiner Sache und erklärte zuletzt, wenn der Hund nicht augen⸗ blicklich todtgeſchoſſen werde, ſo werde er ſelbſt ihn aus der Welt ſchaffen. Dieſe Drohung öffnete die Schleußen von Tabby's Be⸗ redtſamkeit, gegen welche die zungenfertigſte Rednerin unter den Fiſchweibern von Billingsgate Hunde führen müßte. Der Be⸗ diente vpponirte in demſelben Tone und mein Oheim entließ ihn aus ſeinen Dienſten, nachdem er mich abgehalten hatte, ihn für ſeine Unverſchämtheit tüchtig durchzukarpatſchen. Endlich war die Kutſche wieder in den Stand geſetzt, allein nun erhob ſich eine andere Schwierigkeit. Tante Tabitha weigerte ſich durchaus, wieder einzuſitzen, wenn man nicht einen andern Fuhrmann finde, denn ſie behauptete, der Poſtillon habe abſichtlich und aus bloßer Bosheit umgeworfen. Nach langem Wortwechſel überließ dieſer endlich ſeinen Platz einem zerlumpten Bauernbur⸗ ſchen, der es übernahm, uns nach Marlborongh zu fahren, wo wir dann ſchon einen beſſern bekommen könnten, und dort kamen wir auch ohne weitere Umſtände glücklich um ein Uhr an. Meine liebwertheſte Tante fand indeß auch hier neuen Grund zu Be⸗ ſchwerden, und ich muß fagen, daß ſie eine ganz beſondere Gabe hat, aus allen Begegniſſen des Lebens welche herauszufiſchen. Kaum waren wir in Marlborough in das Wirthshaus getreten, wo wir zu Mittag ſpeiſen wollten, als ſie gegen den armen Bur⸗ ſchen, der den Platz des Poſtillons eingenommen hatte, förmliche Klage erhob. Sie ſagte, er ſey ſo ein zerlumpter Schlingel, daß er nicht einmal ein Hemd auf dem Leibe habe, auch ſey er ſo unverſchämt geweſen, ihre Augen gegen alle Zucht und Ehrbar⸗ keit mit ſeinen nackten Hintertheilen zu beleidigen, und dafür ver— diene er in's Hundeloch geworfen zu werden. Jungfer Winifred 118 Jenkins beſtätigte die Anklage in Betreff ſeiner Nacktheit, be⸗ merkte aber dabei, ſeine Haut ſey ſo ſchön wie Alabaſter. „Dieß iſt allerdings ein ſcheußliches Verbrechen,“ rief mein Oheim,„laßt hören, was der Kerl zu ſeiner Vertheidigung vor⸗ zubringen hat.“ Er wurde alſo vorgefordert und erſchien in einem Aufzuge, der eben ſo leicht Lachen erregen als zu Thränen rühren konnte. Er mochte etwa zwanzig Jahre zählen, war von mittlerer Statur, hatte gedrungene Waden, breite Schultern, eine hohe Stirne, blonde Locken, durchdringende Augen, eine Stumpfnaſe und ein langes Kinn; allein ſeine Geſichtsfarbe war krankhaft gelb, ſeine Blicke verriethen Hunger, und die Lumpen, die er auf dem Leibe trug, vermochten kaum zu verbergen, was der Anſtand zu bedecken gebietet. Mein Oheim betrachtete ihn eine Zeit lang aufmerkſam, und ſagte dann mit einem ironiſchen Aus⸗ drucke im Geſichte:„Schämt Ihr Euch nicht, Burſche, daß Ihr Poſtillon ſeyn wollt, und nicht einmal ein Hemde anhabt, um Euer Hintertheil vor den Damen in der Kutſche zu verbergen 2“— „Gnädiger Herr,“ antwortete der Mann,„ich ſchäme mich freilich, aber Noth hat kein Gebot, wie das Sprüchwort ſagt. Und dann kann ich auch nichts dafür, daß mir zufällig meine Hoſen hinten platzen mußten, als ich eben in den Sattel ſtieg.“—„Er iſt ein unverſchämter Schurke,“ rief Jungfer Tabitha,„daß Er ohne ein Hemd auf dem Leib vor vornehmen Leuten herreitet das bin ich freilich,“ erwiederte er,„Euer Gnaden müſſen mir's zu gut halten, denn ich bin ein armer Burſche aus Wiltſhire. Ich habe auf der ganzen lieben Gottes Welt kein eigenes Hemd, noch einen andern Fetzen Kleider, als was Euer Gnaden an meinem Leibe ſehen. Ich habe weder Freunde noch Verwandte, die mir aus der Noth helfen könnten, und dann habe ich ſchon ein halbes Jahr das kalte Fieber gehabt und Alles, was ich hatte, mußte ich dem Doctor und Apotheker geben, um Leib und Seele zuſammen zu halten; auch habe ich, mit Reſpekt zu vermelden vor Euer — 119 Gnaden, in vierundzwanzig Stunden keinen Biſſen Brod über den Mund gebracht.“ Tante Tabitha wandte ſich von ihm ab und ſagte, ſie habe ihrer Lebtage keinen ſolchen Lumpenhund geſehen, er ſolle ſich wegpacken, denn er würde nur das Zimmer mit Ungeziefer an⸗ füllen. Ihr Bruder warf ihr einen bedeutungsvollen Blick zu, als ſie mit Liddy in ein anderes Zimmer ging, und dann fragte er den Mann, ob er in Marlborough mit Jemand bekannt ſey, worauf dieſer antwortete:„Den Wirth hier im Hauſe habe ich von Kindesbeinen an gekannt.“ Der Wirth wurde ſogleich herbei beſchieden, ausgefragt und ſagte, der junge Burſche heiße Humphry Klinker. Er ſey ein Liebeskind, im Waiſenhauſe erzogen und dann zu einem Grobſchmied auf dem Lande in die Lehre gegeben worden, der aber geſtorben ſey, ehe der Burſche ausgelernt habe; hierauf habe er eine Zeit lang ſeinem Stallknecht die Arbeit verrichten helfen und zuweilen Extrapoſten geführt, bis er das kalte Fieber bekommen habe, und dadurch untüchtig ge⸗ worden ſey, ſein Brod zu verdienen. Er habe zuletzt alle ſeine Habſeligkeiten verkaufen und verſetzen müſſen, nur um zu leben und ſich kuriren zu laſſen, und dadurch ſey er ſo elend und zer⸗ lumpt geworden, daß er ihm und ſeinem Stalle Schande gemacht und er ihn habe fortſchicken müſſen; im Uebrigen habe er niemals in ſeinem Leben etwas Schlimmes von ihm gehört.„Alſo,“ ſagte mein Oheim,„weil der Burſche krank und von aller Welt verlaſſen wurde, ſo haben Sie ihn weggejagt, damit er auf der Straße ſter⸗ ben ſolle.“—„Ei,“ ſagte der Wirth,»ich bezahle wöchentlich mein Armengeld und habe kein Recht, faule Müßiggänger zu er⸗ nähren, ſie mögen nun krank oder geſund ſeyn, und überdieß würde ein Knecht in einem ſo lumpigten Aufzuge mein Haus in ſchlechten Ruf verſetzt haben.“ „Du ſiehſt, Neffe, ſagte mein Oheim, indem er ſich zu mir wandte,„unſer Wirth iſt ein Muſter von chriſtlicher Barmherzigkeit. 120 Wer darf ſich vermeſſen, die Sitten unſerer Zeit zu tadeln, wenn ſelbſt öffentliche Zöllner ſolche Beiſpiele von Menſchenliebe liefern? Hört Ihr, Klinker, Ihr ſeyd ein überwieſener Sünder. Man kann Euch Vieles nachweiſen, Krankheit, Hunger, Elend und Dürftig⸗ keit. Da es mir indeſſen nicht zukommt, Verbrecher zu beſtrafen, ſo will ich Euch nur einen heilſamen Rath geben. Schafft Euch ſo geſchwind als möglich ein Hemde an, damit Eure Nacktheit reiſende Damen nicht mehr ärgert, beſonders, wenn es alte Jung⸗ fern ſind.“. Mit dieſen Worten drückte er dem armen Burſchen eine Gui⸗ nee in die Hand, und dieſer ſtarrte ihn eine Zeit lang mit weit geöffnetem Munde an, bis ihn der Wirth aus dem Zimmer ſtieß. Des Nachmittags, als unſere Tante wieder in den Wagen ſtieg, bemerkte ſie mit einigen Zeichen von Zufriedenheit, daß der Poſtillon, der gerade vor ihren Augen herritt, kein ſo lumpigter Schuft ſey, wie der Lotterbube, der ſie nach Marlborough ge⸗ bracht habe. Der Unterſchied war allerdings in die Augen fallend: dieß war ein gewandter Burſche mit einer ſchmalen goldenen Treſſe um den Hut und Troddeln dran, einer kurzen Perücke, einer hübſchen blauen Jacke, ledernen Beinkleidern und einem weißen leinenen Hemde, das zwiſchen der Jacke und dem Gürtel ein wenig hervorſah. Als wir im Caſtell zu Spinhil anlangten, wo wir übernachten wollten, entwickelte der Poſtillon außerordent⸗ liche Thätigkeit und Gewandtheit beim Auspacken und Herein⸗ tragen der Sachen, die nicht im Wagen bleiben ſollten, und am Ende zeigte ſich's, daß es eben derſelbe Humphry Klinker war, der mit dem Geſchenke meines Oheims einen Theil ſeiner Sachen ausgelöst und ſich auf dieſe Art verwandelt hatte. So vergnügt nun auch die übrige Geſellſchaft über dieſe vor⸗ theilhafte Veränderung im Aufzuge des armen Burſchen war, ſo wollte ſich doch Tante Tabby keineswegs damit zufrieden geben, da ſie das Aergerniß an ſeiner nackten Haut noch nicht verdaut 121 hatte. Sie warf höhniſch die Naſe in die Höhe und ſagte, ſie glaube, ihr Bruder habe ihn nur deßwegen liebgewonnen, weil er ſie durch ſeine Unehrbarkeit beleidigt habe. Narren wiſſen nie, was ſie mit ihrem Gelde anzufangen haben, wenn übrigens Herr Matbias geſonnen ſey, den Burſchen nach London mitzunehmen, ſo werde ſie ſich nicht mit zehn Pferden dahin ziehen laſſen. Mein Oheim ſagte kein Wort, obgleich ſeine Blicke deutlich genug ſprachen, und am andern Morgen erſchien kein Klinker, ſo daß wir ohne ferneres Gezänke nach Salthill gelangten, wo wir zu MWittag ſpeiſen wollten. Hier war die erſte Perſon, die an den Wagen kam und den Fußtritt niederließ, niemand anders als Humphry Klinker. Als ich meine gnädige Tante heraushob, warf ſie ihm einen wüthenden Blick zu und ging in's Haus. Mein Oheim war in Verlegenheit und fragte ihn etwas unfreundlich, was er hier zu ſchaffen habe?„Euer Gnaden,“ antwortete der Burſche,„ſind ſo gütig gegen mich geweſen, daß ich es nicht über's Herz bringen konnte, Sie zu verlaſſen. Ich werde Ihnen bis an's Ende der Welt folgen, und mein ganzes Leben lang ohne Lohn dienen.“ Mein Oheim wußte nicht, ſollte er über dieſe Erklärung ſchelten oder lachen. Er ſah von Tabby's Seite heftigen Wider⸗ ſpruch voraus, auf der andern Seite aber mußte ihm ſowohl die Dankbarkeit Klinkers als auch die Einfalt ſeines Herzens gefal⸗ len.„Geſetzt den Fall, ich ſollte Euch in meinen Dienſt nehmen, was verſtehet Ihr denn? wozu kann ich Euch brauchen 26 „Eller Gnaden erlauben,“ antwortete das Original,„ich kann leſen und ſchreiben und weiß gut mit Pferden umzugehen. Ich kann ſie aufſchirren, beſchlagen, zur Ader laſſen und zureiten, und was das Sauſchneiden betrifft, ſo gebe ich hier Keinem in der ganzen Grafſchaft Wilts etwas nach. Ferner kann ich Würſte machen und Schuhnägel, Keſſel flicken und Pfannen verzinnen.“ Hier brach mein Oheim in ein lautes Lachen aus und fragte, 122 was er ſonſt noch für Künſte wiſſe.„Ich kann ein wenig Klopf⸗ fechten und Pſalmen ſingen,“ fuhr Klinker fort;„kann auf der Maultrommel ſpielen und weiß die Lieder alle von der ſchwarz⸗ äugigen Suſanne, vom König Arthur und noch eine Menge an⸗ dere; ich kann Menuet und engliſch tanzen; im Ringen ſoll mir keiner ſo leicht einen Fuß von der Erde bringen, wenn ich erſt wieder bei Kräften bin, und dann weiß ich, wo der Haaſe ſein Neſt hat, wenn Euer Gnaden Appetit zu einem Stück Wildprät bekommen.“—„Wahrhaftig, Du biſt ein Tauſendkünſtler,“ rief mein Oheim, der immer noch nicht aufhören konnte zu lachen. „Ich hätte gute Luſt, Dich zu mir zu nehmen, nur muß ich Dich bitten, daß Du meine Schweſter vorher mit Dir ausſöhnſt. Du haſt ſie ſehr geärgert, indem Du ihr Dein bloßes Sitzfleiſch ge⸗ zeigt haſt.“ Klinker folgte uns alſo, mit dem Hut in der Hand, in's Zimmer nach, allwo er Jungfer Tabitha folgendermaßen anredete: „Mit Vergunſt, Euer Gnaden, bitte ich, Sie wollen mir mein Vergehen zu Gute halten und vergeben, und mit Gottes Hülfe werde ich Sorge tragen, mein Leben zu beſſern, daß mein Steiß ſich nicht mehr als Zeuge gegen mich erhebt und Euer Gnaden ſich daran ärgern. Ich bitte, ich flehe, gütige, ſüße, ſchöne, gnã⸗ dige Frau, haben Sie Mitleid mit einem armen Sünder. Gott ſegne Ihr edles Geſicht; gewiß, Sie ſind zu ſchön und zu groß⸗ müthig, um haſſen zu können. Auf meinen Knieen will ich Sie bedienen, bei Nacht und bei Tag, zu Land und zu Waſſer, und dieß Alles bloß aus Liebe und Freude, daß ich einer ſo vortreff⸗ lichen und gütigen Dame diene.“ Dieß Compliment und dieß demüthige Weſen thaten einige Wirkung auf Tabby, und Klinker, welcher dachte, wer ſtillſchweigt ſagt ja, erſchien bei der Mittagstafel, um aufzuwarten. Sein von Natur etwas tölpiſches Weſen und ſeine übermäßige Freude waren Urſache, daß er Vieles verkehrt machte. Endlich ſchüttete er der 123 Tante eine Portion Eierkäſe über die rechte Schulter, und indem er zurückbebte, trat er ihren Joli, der ein klägliches Geheul auf⸗ ſchlug. Der arme Humphry war über dieß Unglück ſo außer ſich, daß er die Porzellanplatte fallen ließ, die in tauſend Stücke zerbrach; ſodann fiel er auf ſeine Kniee und blieb in dieſer Stel⸗ lung mit offenem Maule und einer Betrübniß, die wirklich luſtig anzuſehen war. Fräulein Tabby flog nach ihrem Hunde, raffte ihn auf in ihre Arme, brachte ihn ihrem Bruder und ſagte:„Ich ſehe ſchon, es iſt eine abgeredete Sache, es gilt dieſem armen Thiere, das in der Welt nichts verbrochen hat, als daß es mir ſo zugethan iſt. Da iſt es, macht es lieber auf einmal todt, eher gebt ihr Euch doch nicht zufrieden.“ Klinker, der dieſe Worte hörte und im buchſtäblichen Sinne nahm, ſprang ſchnell auf, nahm ein Meſſer vom Schenktiſch und rief:„Nicht hier, Euer Gnaden, nicht hier, es würde die Stube blutig machen. Geben Sie ihn mir, gnädige Frau, ich will mit ihm an einen Graben an der Heerſtraße gehen.“ Auf dieſen Vor⸗ ſchlag erhielt er keine Antwort als eine tüchtige Ohrfeige, von der er bis an die andere Seite des Zimmers taumelte.„Wie,“ ſagte ſie zu ihrem Bruder,„ſoll jeder ausgehungerte Hund, den Du von der Straße auflieſeſt, mir auf der Naſe ſpielen dürfen?2 Ich beſtehe darauf, daß Du dieſen bettelhaften Schuft auf der Stelle fortjagſt.“—»Um's Himmelswillen, Schweſter,“ erwiederte mein Oheim,„beruhige Dich und bedenke, daß der arme Kerl unſchuldig iſt und nicht die Abſicht gehabt hat, Dich zu beleidigen.“ —„Unſchuldig, wie ein neugebornes Kind,“ ſtotterte Humphry.— „Ja, ja, ich ſehe es wohl,“ ſchrie die unverſöhnliche Jungfrau, „Du haſt es ihn angewieſen und willſt ihm bei ſeiner Unverſchämt⸗ heit noch helfen. Ein ſauberer Dank für all das, was ich an Dir gethan habe, daß ich Dich in Deiner Krankheit pflege, Dein Haus in Ordnung halte und dafür ſorge, daß Du nicht durch Deine eigene Unbeſonnenheit an den Bettelſtab geräthſt. Aber 124 jetzt mußt Du entweder dieſen Schurken oder mich fahren laſſen, auf der Stelle, ohne langes Beſinnen; die Welt ſoll ſehen, ob Du mehr auf Dein eigen Blut und Fleiſch hältſt, oder auf einen nackten Fremdling, den Du vom Miſt aufgerafft haſt.“ Meines Oheims Augen fingen an zu funkeln und ſeine Zähne zu klappern.„Wenn ich die Sache recht beim Lichte betrachte,“ ſagte er mit erhobener Stimme,„ſo handelt es ſich davon, ob ich den Muth habe, durch einen einzigen kräftigen Entſchluß ein unerträgliches Joch abzuſchütteln, oder ob ich niederträchtig genug bin, eine Grauſamkeit und Ungerechtigkeit zu begehen, nur um die Rachgier eines eigenſinnigen Weibes zu befriedigen. Hören Sie, Jungfer Tabitha Bramble, ich will Ihnen nun auch einmal etwas vorſchlagen: entweder ſchaffen Sie Ihren vierfüßigen Liebling ab, oder erlauben Sie mir, Ihnen ein ewiges Lebewohl zu ſagen, denn ich bin feſt entſchloſſen, daß er und ich nicht länger unter einem Dache wohnen wollen, und jetzt greifen Sie zu, was Ihnen am Beſten behagt.“ Sie ſetzte ſich, wie vom Donner ge⸗ rührt, in einen Winkel, und nach einer Pauſe von etlichen Mi⸗ nuten ſagte ſie:„Wahrhaftig, Bruder Mathias, ich verſtehe Dich nicht.“—„Und doch habe ich deutlich genug geſprochen,“ antwor⸗ tete der Squire mit ſtrengem, herriſchen Blicke.—„Herr Bru⸗ der,“ verſetzte die merklich gedemüthigte Jungfrau,„Du haſt das Recht, zu befehlen, und meine Fflicht iſt's, zu gehorchen. Ich weiß hier nur nicht, was ich mit dem Hunde anfangen ſoll, wenn Du mir aber erlauben willſt, ihn in der Kutſche mit nach London zu nehmen, ſo gebe ich Dir mein Wort, daß er Dich nie mehr beläſtigen ſoll.“ Ihr Bruder, den dieſe ſanfte Antwort gänzlich entwaffnete⸗ verſicherte ſie, er werde ihr niemals etwas Vernünftiges abſchla⸗ gen und ſetzte hinzu:„Ich hoffe, Schweſter, Du haſt nie gefun⸗ den, daß es mir an brüderlicher Liebe fehlt.“ Jungfer Tabitha ſtand ſchnell auf, warf ihre Arme um ſeinen Hals und küßte ihn 125 auf die Wangen. Er erwiederte die Umarmung mit großer Ge⸗ müthsbewegung. Liddy ſeufzte, Winifred Jenkins ſchluchzte, Joli wedelte, Klinker hüpfte auf einem Beine herum und rieb ſich voll Freude über dieſe Ausſöhnung die Hände.“ Nachdem alſo der Friede wieder hergeſtellt war, beendigten wir unſere Mahlzeit in guter Ruhe und kamen Abends in London an, ohne daß uns ſonſt etwas Merkwürdiges begegnet wäre. Meine Tante ſcheint ſich den Wink ihres Bruders ſehr zu Herzen genommen zu haben und auf ernſtliche Beſſerung zu denken. Es hat ihr in Gnaden gefallen, Klinker von der Laſt ihres Unwillens zu befreien, der nun als Diener angenommen iſt und in den nächſten Tagen in einer neuen Livree erſcheinen wird; da er aber in London wenig Beſcheid weiß, ſo haben wir einen Miethbedien⸗ ten angenommen, den ich ſpäter für mich zu behalten gedenke. Wir wohnen in Goldenſquare, im Hauſe einer gewiſſen Madame Norton, einer artigen, anſtändigen Frau, die es ſich ſehr angele⸗ gen ſeyn läßt, für unſere Bequemlichkeiten zu ſorgen. Mein Oheim iſt geſonnen, zur Unterhaltung ſeiner Mündel alle Merk⸗ würdigkeiten der Hauptſtadt zu beſehen, da indeſſen wir Beide, Sie und ich, mit dem Meiſten, was er uns zeigen kann, ſo wie mit einigen andern Orten, an die er wohl nicht denkt, bereits bekannt ſind, ſo werde ich Ihnen nur das mittheilen, was Ihren Beobachtungen etwa entgangen ſeyn mag. Empfehlen Sie mich unſern jeſuitiſchen Freunden und glauben Sie mir, liebſter Phi⸗ lipps, daß ich immer bin und ſeyn werde Ihr ergebenſter H. Melford. London, 24. Mai. 126 An Voctor Ludwig. Mein lieber Doctor! London iſt mir im eigentlichen Sinne des Wortes neu ge⸗ worden; neu in ſeinen Gaſſen, Häuſern und ſelbſt in ſeiner Lage; der Irländer würde ſagen: London iſt zum Thore hinaus gegangen. Was ich als freies Feld verlaſſen habe, wo man Heu und Korn erntete, das finde ich jetzt mit Straßen, großen Gebäuden, Palä⸗ ſten und Kirchen bedeckt. Man hat mich aus guter Hand verſichert, in dem einzigen Viertel Weſtminſter ſeyen in Zeit von ſieben Jahren eilftauſend neue Häuſer erbaut worden, abgeſehen von allem dem, was dieſer geſchäftigen Hauptſtadt in andern Theilen täglich zuwächst. Pimlico und Knightsbridge hängen nunmehr beinahe ganz mit Chelſea und Kenſington zuſammen, und wenn dieſe Bauwuth noch ein halbes Jahrhundert fortwährt, ſo wird wohl bald die ganze Grafſchaft Middleſer mit Mauerſteinen bedeckt ſeyn. Zur Ehre unſeres Zeitalters muß man zugeſtehen, daß Lon⸗ don und Weſtminſter jetzt weit beſſer gepflaſtert und beleuchtet ſind, als vordem. Auch ſind die neuangelegten Gaſſen breit, regelmäßig und luftig, die meiſten Häuſer bequem eingerichtet. Die Blackfriarsbrücke iſt ein edles Denkmal des Geſchmacks und der öffentlichen Prachtliebe; es wundert mich nur, wie die Leute auf ein Werk von ſolcher Schönheit und zugleich Nützlichkeit ge⸗ rathen ſind. Allein ungeachtet dieſer Verſchönerung iſt die Haupt⸗ ſtadt dennoch ein ungeheures Monſtrum geworden, das gleich einem Waſſerkopf mit der Zeit den Körper und die äußeren Theile auszehren und ihnen alle Nahrung entziehen wird. Die Abge⸗ ſchmacktheit wird ſich in ihrem vollen Lichte herausſtellen, wenn wir bedenken, daß ein Sechstel von ſämmtlichen Bewohnern die⸗ ſes ganzen großen Königreichs ſich in den Bezirk dieſes Todten⸗ Ackers drängt. Was Wunder, daß unſere Dörfer entvölkert ſind, — 127 und daß es dem Landbau an Händen fehlt. Die Abſchaffung der kleinen Pachtgüter iſt nur eine Urſache der verminderten Bevölke⸗ rung. Freilich erfordert die unglaubliche Vermehrung an Wagen und Reitpferden, welche der gegenwärtige Lurus erheiſcht, eine erſtaunliche Menge Gras und Heu, das ohne viele Mühe gewon⸗ nen wird; allein zu den verſchiedenen andern Zweigen der Land⸗ wirthſchaft wird immer noch eine Menge Hände nöthig bleiben, die Pachtungen mögen nun groß oder klein ſeyn. Der Strom der Ueppigkeit hat alle Einwohner von dem offenen Lande wegge⸗ ſchwemmt. Der ärmſte Landjunker muß wie der reichſte Graf oder Herzog ſein Haus in der Stadt haben, und mit einer Unzahl von Bedienten den großen Herrn zu ſpielen ſuchen. Die Pflugknechte, die Hirten und die Taglöhner laſſen ſich von dem Glanze und den Reden der in Livreen ſteckenden Maulaffen, wenn ſie ihre Som⸗ merausflüge unternehmen, beſchwatzen und verführen. Sie ver⸗ laſſen nun ihre ſchmutzige und ſaure Arbeit und ziehen ſchaaren⸗ weiſe nach London, in der Hoffnung, einen Dienſt zu bekommen, in dem ſie üppig leben, ſchöne Kleider tragen können und nichts zu thun haben. Müßiggang iſt und bleibt einmal eines jeden ihrer Erwartung getäuſcht und werden alsdann Diebe und Spitz⸗ buben; London iſt eine große Wildniß, wo weder an hinlängliche Wache, noch Aufſicht, noch ſonſt an irgend eine Polizeiordnung zu denken iſt, und ſo finden ſie dahier ſowohl ihre Höhlen als ihren Raub. Es gibt mancherlei Urſachen, die zur täglichen Vermehrung dieſer ungeheuren Maſſe das Ihrige beitragen; ſie laſſen ſich indeß alle auf ihre einzige wahre Quelle, nämlich Luxus und Sitten⸗ verdorbenheit, zurückführen. Vor etwa fünfundzwanzig Jahren hiel⸗ ten nur die allerreichſten Bürger in London, und auch dieſe bei Weitem nicht alle, Kutſchen und Pferde, geſchweige denn Livree⸗ Bedienten. Auf ihre Tiſche kam nichts als gewöhnliches Fleiſch, 128 gekocht oder gebraten, eine Flaſche Portwein und eine Kanne Bier. Jetzt hält jeder Geſchäftsmann, der von irgend einer Be⸗ deutung ſeyn will, jeder Mäckler und Advokat ein paar Bedienten⸗ einen Kutſcher und einen Pferdeknecht. Er hat ſein Haus in der Stadt, ſein Landhaus, ſeine Kutſche und ſeine Poſtchaiſe. Seine Frau und Töchter kleiden ſich in die reichſten Stoffe und funkeln von Diamanten. Sie gehen nach Hofe, in's Opernhaus, in die Komödie und auf die Maskerade. Sie halten Geſellſchaften in ihren eigenen Häuſern und geben Gaſtmahle, wobei die köſtlich⸗ ſten Weine aus Bordeaur, Burgund und der Champagne fließen. Der wohlhabende Geſchäftsmann, der ſonſt Abends in ſein Bier⸗ haus ging und fünfthalb Pfennige verzehrte, verbraucht jetzt in einem Gaſthofe drei Shillinge, während ſein Weib zu Haus ihre Spielgeſellſchaft hat; auch ſie muß ihre feinen Kleider, ihre Chaiſe oder ihr Reitpferd haben, damit ſie nach ihrem Häuschen auf dem Lande kommen und drei Mal in der Woche an öffentlichen Orten ſich zeigen kann. Jeder Ladenſchwengel, ſogar jeder Kellner und Margqueur aus einem größern Wein⸗ oder Kaffeehauſe hält ſich ent⸗ weder allein oder mit ein paar Andern ſein Pferd, und ſtolziert umher wie ein Pariſer Stutzer. An den beſten öffentlichen Orten findet man eine Menge wohlgekleideter Geſtalten, und wenn man ſich genau erkundigt, wer iſt's? Schneidergeſellen, Schuhputzer und Stubenmägde, vermummt in die Kleider ihrer Herrſchaften. Kurz und gut, es iſt gar kein Unterſchied, gar keine Subordina⸗ tion mehr, die verſchiedenen Stände ſind unter einander geworfen wie Heu und Stroh. Der Handlanger, der Handwerksmann, der Kellner, der Gaſtwirth, der Krämer, der Winkeladvokat, der Handels⸗ herr, der Hofmann, alle treten einander auf die Ferſe. Der Teufel der Ueppigkeit und Liederlichkeit iſt über ſie los gelaſſen und überall ſieht man ſie reitend, fahrend, ſpazierend, tanzend, hüpfend, fingend und ſpringend, alle unter einander ein gemeines Gebräu von Dummheit und Verdorbenheit, den ganzen Tag ein Gewimmel 129 und Getümmel, man ſollte glauben, es brenne ihnen im Gehirn, weil ſie keinen Augenblick Ruhe haben können. Die Fußgänger rennen auf den Straßen, als ob ſie von Häſchern verfolgt würden. Die Senftenträger traben mit ihren Laſten ſchnell dahin; Leute, die ihre eigene Equipage haben, jagen durch die Gaſſen, als ob das Vaterland in Gefahr wäre, ſelbſt Rathsherren, und nament⸗ lich Doctoren und Apotheker, fahren dahin wie der Blitz. Die Pferde der Miethkutſcher dampfen und das Pflaſter erbebt unter ihren Hufen; ja ich habe ſogar einen beladenen Frachtwagen im Galopp durch Piecadilly rennen ſehen. Mit einem Worte, die ganze Nation ſcheint ihrem Verſtande entlaufen zu wollen. Die gewöhnlichen Luſtbarkeiten paſſen gar nicht übel zum Genie dieſes unbeugſamen Unthiers, das ſie Publikum nennen. Man gebe nur Lärmen, Gewühl, Schimmer und Klingklang, von Ordnung oder Anſtand hat es keinen Begriff. Wie ergötzt man ſich z. B. in Ranelagh! Die eine Hälfte der Geſellſchaft geht in einem ewigen Zirkel hintereinander herum, wie die blinden Eſel in einer Oelmühle, ſie können weder miteinander ſprechen, noch einander ſehen oder geſehen werden; die andere Hälfte ſitzt einſt⸗ weilen bis neun oder zehn Uhr da und trinkt Waſſer, dem man den Namen Thee gibt, um den ganzen Abend vollends wach zu bleiben. Für das Muſikchor, beſonders aber für die Sänger, iſt es ein wahres Glück, daß man ſie nicht deutlich hören kann. Vauxhall iſt eine Compoſition von Puppenwerken, beladen mit armſeligen Zierrathen von ſchlechter Erfindung und kahler Aus⸗ führung, ohne Einheit im Plane, ohne Schönheit, ohne Ordnung. Es iſt ein unnatürliches Zuſammengehäufe von Dingen, die nur in gebrochenen Maſſen phantaſtiſch erleuchtet werden, und die offenbar nur herbeigezogen ſind, um die Augen des gemeinen Haufens zu blenden und ſeine Phantaſie zu ergötzen. Hier ſieht ein hölzerner Löwe, dort eine ſteinerne Vildſäule, an einem Ort findet man Logen mit einem Dache, wie kleine Kaffeehaus⸗ Smollet's Romane. XIII. 9 130 Kabinette, an einem andern ſtehen etliche Reihen Bänke, wie in einem Bierhauſe, an einem dritten erblickt man einen zinnernen Waſſerfall, prächtig genug für eine Marionettenbude, am vierten eine dunkle, runde Höhle, halb erleuchtet, wie ein Todtengewölbe; am fünften ein elendes Fleckchen von einem Grasplatz, worauf ſich das Füllen einer Eſelin nicht ſatt weiden könnte. Die Spazier⸗ gänge, welche die Natur für Einſamkeit, Stille und Schatten be— ſtimmt zu haben ſcheint, wimmeln von ſchwatzhaftem Volke, wel⸗ ches von der an Schnupfen und Fieber ſo reichhaltigen Abendluft nicht genug bekommen kann, und dieſe anmuthigen Scenen werden von ein paar Lampen erleuchtet, die ſo hell brennen, wie die dünnſten Nachtlichter. Wenn ich ſo eine Anzahl wohlgekleideter Perſonen beiderlei Geſchlechts auf den bedeckten Bänken ſitzen ſehe, den Augen des Pöbels, und was noch ärger iſt, der kalten rauhen Nachtluft aus⸗ geſetzt, wie ſie ihre dünnen Schnittchen Rindfleiſch verzehren und Portwein, Punſch oder Aepfelmoſt darauf ſetzen, ſo kann ich nicht umhin, ihre Tollkühnheit zu bedauern, obgleich ich ihren Mangel an Geſchmack und Anſtand verachte; wenn ſie aber gar dieſe trü⸗ ben, dumpfigen Spaziergänge auf und ab laufen oder ſich haufen⸗ weiſe auf dem feuchten Sande verſammeln, unter dem freien Himmel ſtehen und auf eine Arie horchen, wovon jedenfalls nur die eine Hälfte etwas hören kann, da muß ich denken, ſie ſeyen wirklich von einem noch abgeſchmackteren und verderblicheren Geiſte beſeſſen, als man im ganzen Bereich von Bedlam irgend einen finden kann. Und allem Anſcheine nach ſtehen die Eigenthümer dieſer ſo wie der andern geringeren öffentlichen Luſtorte im Umfange der Hauptſtadt in gewiſſem Einverſtändniſſe mit den Aerzten, Leichenbeſorgern und Todtengräbern; denn wenn ich die Gierigkeit bedenke, womit alle Stände und Klaſſen nach den ſo⸗ genannten Ergötzungen haſchen, ſo bin ich überzeugt, daß mehr Schnupfen, Rheumatismen, Catharre, Schwindſuchts- und 131 Podagra⸗Anſätze bei dieſem nächtlichen Zeitvertreib unter freiem Himmel aufgeſammelt werden, als bei allen Gefahren und Zu⸗ fällen, denen eine mühevolle Lebensart ausgeſetzt ſeoyn mag. Dieſe und andere Bemerkungen, die ich bei meinem Ausflug gemacht habe, werden meinen Aufenthalt in London abkürzen und mich mit doppeltem Vergnügen in die Einſamkeit meiner Gebirge zurückſchicken. Auf einem andern Wege, als auf dem ich hierher gekommen bin, werde ich wieder in mein Land ziehen. Ich habe einige alte Bekannten beſucht, die beſtändig in dieſer tugend⸗ reichen Metropolis reſidirt haben, aber ſie haben ſich in ihren Sitten und Geſinnungen ſo ſehr verändert, daß wir uns kaum noch kennen oder um einander etwas bekümmern. Auf unſerer Herreiſe von Bath brachte mich meine Schweſter zu einem heftigen Ausbruche von Zorn, ſo daß ich, gleich einem Manne, der ſich weinmuthig getrunken, einen äußerſt herviſchen und entſchloſſenen Ton gegen ſie annehmen mußte, der von dem weſentlichſten Erfolge war. Seit dieſem Wortwechſel haben ſie und ihr Hund ſich beſtändig in größter Ruhe verhalten. Der Himmel weiß, wie lange dieſe angenehme Stille dauern wird. — Ich ſchmeichle mir, daß die Motion auf dieſer Reiſe meiner Geſundheit höchſt zuträglich war, ein Umſtand, der mir Luſt macht, meine beabſichtigte Reiſe in den Norden auszuführen. In⸗ deſſen werde ich doch, meinen Mündeln zu Gefallen, die Tiefen dieſes Chaos, dieſe ungeſtalte und ungeheure Hauptſtadt, ohne Kopf und Schwanz, Gliedmaßen und Verhältniß, durchkriechen und unterſuchen müſſen. Thoms war auf der Reiſe dermaßen unverſchämt gegen meine Schweſler, daß ich ihn urplötzlich zwiſchen Chippenham und Marlborvugh, wo wir mit der Kutſche umgeworfen wurden, aus meinen Dienſten entlaſſen mußte. Der Burſche war von jeher eigenſinnig und hat mich wohl auch ein wenig über die Ohren gehauen; ſollte er übrigens in die dortige Gegend kommen, ſo dürfen 132 Sie ihm das Zeugniß geben, daß er ehrlich und nüchtern iſt; und äußert er ſich unverſchämt über die Familie, ſo geben Sie ihm noch ein paar Guineen auf Rechnung Ihres ſtets ergebenen Dieners Matthias Bramble. London, den 29. Mai. An Mliß Lätitia Willis in Gloureſter. Meine liebſte Letty! Ihr Schreiben vom 25ſten, das ich geſtern Abend durch die Putzmacherin Brenntwood von Glouceſter erhielt, hat mir unbe⸗ ſchreiblich viel Vergnügen gemacht. Es freut mich herzlich, daß meine würdige Pflegmama ſich wohl befindet, noch mehr aber, daß ſie ihrer armen Liddy nicht mehr böſe iſt. Es thut mir Leid, daß Sie die Geſellſchaft der angenehmen Miß Vaughan verloren haben, doch werden Sie hoffentlich die Abreiſe Ihrer Schul⸗ freundinnen nicht lange mehr zu bedauern haben, denn ich zweifle nicht, daß Ihre Eltern Sie demnächſt in die große Welt einführen werden, wo Sie vermöge Ihrer hervorragenden Eigenſchaften eine ausgezeichnete Rolle zu ſpielen berufen ſind. Wenn dieß geſchieht, ſo hoffe ich, daß wir wieder zuſammenkommen, bei einander glücklich ſeyn, und das Band der Freundſchaft, die wir in unſern zarten Jahren geſchloſſen, noch mehr befeſtigen werden. Ich für meine Perſon kann es wenigſtens verſprechen; ich werde meine Kräfte dafür aufbieten, daß unſere Vertraulichkeit ſo lange währt als unſer Leben. Seit fünf Tagen ſind wir nun in London und haben von Bath her eine angenehme Reiſe gehabt. Zwar ſind wir einmal umgeworfen worden, auch ſind einige andere Kleinigkeiten vorge⸗ fallen, die beinahe ein Mißverſtändniß zwiſchen Oheim und Tante „ 133 herbeigeführt hätten, doch ſind die alten Leutchen, Gott ſey Dank! wieder vollkommen ausgeſöhnt. Wir leben in der ſchönſten Har⸗ monie bei einander und fahren alle Tage aus, um die Wunder dieſer unermeßlichen Hauptſtadt zu beſchauen, auf deren Beſchreibung ich mich indeß vor der Hand nicht einlaſſen kann, denn ich habe noch nicht den hundertſten Theil von den Merkwürdigkeiten allen geſehen, und komme gar nicht aus meiner Verwunderung heraus. London und Weſtminſter haben einen unglaublich weiten Um⸗ fang. Die Straßen, die eingefaßten Plätze, die ſogenannten Rei⸗ hen, Lanen und Alleen ſind nicht zu zählen. An allen Ecken und Enden erheben ſich Paläſte, öffentliche Gebäude und Kirchen; letz⸗ tere alle überragt die St. Paulskirche durch eine wahrhaft ſtau⸗ nenswerthe Pracht. Sie ſoll zwar nicht ſo groß ſeyn, wie vie Peterskirche in Rom, aber ich für meinen Theil kann mir keinen Begriff von einem größeren oder prachtvolleren Tempel auf Erden machen. Doch ſelbſt der Anblick dieſer majeſtätiſchen Gegenſtände iſt nicht ſo intereſſant, als das Gewimmel und Gedränge auf den Straßen. Im Anfang meinte ich, es müſſe ſo eben eine große Verſammlung auseinander gegangen ſeyn, und wäre beinahe ſtehen geblieben, um die Menge ſich verlaufen zu laſſen; allein dieſe Menſchenfluth wälzt ſich ohne Unterbrechung oder Verringe⸗ rung vom Morgen bis zum Abend dahin. Dabei gibt es hier eine ſolch unendliche Menge von glänzenden Equipagen, Kutſchen, Phaetons, Chaiſen und tauſenderlei andern Fuhrwerken, die Einem beſtändig vor den Augen vorüber rollen und brauſen, daß man vom bloßen Anſehen Schwindel bekommt und die Einbildungskraft durch dieſen Glanz und dieſe Mannigfaltigkeit eigentlich verwirrt wird. Nicht minder groß und ſtaunenswerth iſt die Ausſicht nach der Waſſerſeite als die nach dem Land. Sie ſehen hier drei un⸗ ermeßlich große Brücken, welche die Ufer eines breiten, tiefen und reißenden Stromes mit einander verbinden; ſie ſind ſo groß, ſo 134 prachtvoll und ſo elegant, daß man denken ſollte, ſie wären von Rieſen aufgeführt. Zwiſchen dieſen Brücken iſt die ganze Ober⸗ fläche der Themſe mit kleinen Schiffen, Barken, Böten und Nachen bedeckt, die beſtändig ab⸗ und zufahren, und unter der Brücke erblickt man einen meilenlangen Wald von Maſtbäumen, ſo daß man meinen könnte, es ſeyen hier alle Schiffe des Weltalls auf Einem Flecke beiſammen. Alles, was Sie von Größe, Reich⸗ thum und Schätzen in Tauſend und eine Nacht und den perſiſchen Erzählungen von Bagdad, Diarbekir, Damaskus, Iſpahan und Samarkand geleſen haben, ſchauen Sie hier mit Ihren eigenen Augen.. Das Ranelagh gleicht einem bezauberten Feenpalaſt; es iſt mit den herrlichſten Gebilden der Malerei, Bildhauerei und Ver⸗ goldungskunſt geſchmückt, und wird von tauſend goldenen Lampen erleuchtet, die mit dem glänzendſten Sonnenlichte wetteifern.— Innen wimmelt es von den Großen, den Reichen, den Fröhlichen, den Glücklichen und den Schönen dieſer Erde, die goldene und ſilberne Stoffe, geſtickte und mit Treſſen beſetzte Kleider tragen und von Edelgeſteinen blitzen. Während nun dieſe jubelnden Söhne und Töchter des Glücks hier ihren Vergnügungen nach⸗ ziehen oder in verſchiedenen kleinen Häuflein und abgeſonderten Logen ſitzen und feinen Kaiſerthee oder andere köſtliche Erfriſchun⸗ gen zu ſich nehmen, iſt zugleich auch durch eine treffliche Vocal⸗ und Inſtrumentalmuſik für den herrlichſten Ohrenſchmaus geſorgt. Ich habe hier den berühmten Tenducci gehört, ein Geſchöpf aus Italien. Es ſieht aus, wie ein Mann, und doch ſagt man, es ſey keiner. Seine Stimme iſt freilich weder männlich noch weib⸗ lich, ſondern melodiſcher als beide, und ſie trillerte ſo göttlich, daß ich mich während der ganzen Vorſtellung im Paradies glaubte. An einem reizenden mondhellen Abend, um neun Uhr, ſtiegen wir zu Ranelagh in ein Fahrzeug, und ließen uns nach Vauxhall 135 rudern. Das Schiffchen war ſo leicht und behend, daß wir uns vorkamen wie Feen, die in einer Nußſchale ſegelten. Mein Oheim wollte ſich aus Furcht vor Erkältung nicht auf's Waſſer wagen, ſondern fuhr in einer Chaiſe dahin. Meine Tante wäre gern bei ihm geblieben, aber er wollte mich nicht allein auf dem Waſſer laſſen, und ſo hatte ſie denn die Güte, mich zu begleiten, weil ſie merkte, daß ich mich auf dieſe angenehme Fahrt ſehr freute. Ueberdieß war das Schiffchen voll genug, denn außer dem Fähr⸗ mann befand ſich noch mein Bruder Hieronimus darin und ein guter Freund von ihm, Namens Barton, ein ziemlich reicher Landedelmann, der mit uns zu Mittag geſpeist hatte. Das Ver⸗ gnügen dieſer kleinen Seereiſe wäre mir indeß beinahe ein wenig verſalzen worden durch einen Schreck, den ich beim Ausſteigen hatte; denn da war ein entſetzliches Gedränge von Schiffen und ſchreiendem, fluchendem und zankendem Volke; ja, ein Paar gar⸗ ſtige Burſche kamen ſogar mitten in's Waſſer auf uns zugerannt, faßten unſer Boot mit Gewalt, und wollten es an's Land ziehen; ſie ließen es auch nicht eher wieder los, bis mein Bruder einen von ihnen mit dem Stock über den Kopf ſchlug. Doch wurde mir dieſe Angſt reichlich durch das Vergnügen erſetzt, das meiner in Vauxhall wartete; denn ſo wie ich den Fuß hineinſetzte, fielen mir ſo viele und tauſenderlei Schönheiten in die Augen, daß ich nicht wußte, wohin zuerſt ſehen. Denken Sie ſich, theuerſte Letty, einen großen Garten mit vielen anmuthigen Spaziergängen darin, voll hoher Hecken und Bäume und belegt mit Kiesſand. Dazwi⸗ ſchen eine bewundernswürdige Menge überraſchender Schönheiten, Pavillone, Logen, Buſchwäldchen, Grotten, Blumenwieſen, Tem⸗ pelchen und Waſſerfälle; Portäle, Kolonnaden und Rotunden, ge⸗ ziert mit Pfeilern, Bildſäulen und Gemälden; das Ganze beleuch⸗ tet von einer Unmaſſe Lampen, die ſo geordnet ſind, daß ſie allerlei Sonnen, Sterne und Sternbilder vorſtellen; der ganze Platz gedrängt voll von der luſtigſten Geſellſchaft, die theils unter dieſen lieblichen . 136 Schatten hinſchlendert, theils da und dort in einer Loge kalte Küche genießt; Scherze, Freiheit und gute Laune, und um dieſe immer rege zu erhalten, ein vortreffliches Muſikchor. Unter An⸗ dern hatte ich das Vergnügen, die berühmte Signora“** zu hören, die eine ſo helle und laute Stimme hat, daß ich vor lauter Ver⸗ gnügen Kopfweh bekam. Als wir ungefähr eine halbe Stunde da waren, kam mein Oheim auch zu uns, ſchien aber nicht den mindeſten Gefallen an dem Orte zu finden. Leute, die kränklich ſind und ſchon viel ge⸗ ſehen haben, betrachten die Dinge mit ganz andern Augen, als Sie, meine liebſte Letty, und ich. Unſere Freude wurde durch einen widerwärtigen Umſtand geſtört. In einem der entlegenſten Spaziergänge überfiel uns plötzlich ein Regenſchauer, ſo daß die ganze Geſellſchaft nicht ſchnell genug aufpacken konnte und wir haufenweiſe durcheinander uns nach der Rotonde drängten. Mein Oheim, der naß geworden war, fing nun an ſeinen Spleen zu be⸗ kommen und nach Hauſe zu verlangen. Mein Bruder ging, um nach dem Wagen zu ſehen, den er aber nur mit vieler Mühe ausfindig machte; da wir indeß nicht alle darin Platz hatten, ſo blieb Herr Barton zurück. Es dauerte eine gute Weile, bis ſich der Wagen durch das Gedränge durcharbeiten konnte, ungeachtet ſich unſer neuer Bediente Humphry Klinker alle erdenkliche Mühe gab, ſo daß er ſogar ſeine Perücke verlor und ein paar Löcher in den Kopf bekam. Sobald wir uns in den Wagen geſetzt hatten, zog meine Tante dem Oheim die Schuhe ab und wickelte ihm ſeine Füße ſehr ſorgfältig in ihre Schürze, gab ihm ſodann ein paar Tropfen Herzſtärkung, die ſie beſtändig mit ſich führt, und als wir nach Haus kamen, ſorgte ſie ihm für trockene Kleider, ſo daß er, Gott ſey Dank, ohne den Schnupfen davon kam, den er gewaltig fürchtete. Von Herrn Barton muß ich Ihnen im Vertrauen ſagen, daß er ſich mir ein wenig zu nähern ſuchte; doch lege ich ſeine Gefäl⸗ 137 ligkeit vielleicht unrecht aus, und ich wünſche das ſeinetwegen. Sie kennen ja den Zuſtand meines armen Herzens, das trotz aller Vernachläßigung— und doch ſollte ich nicht klagen und will auch nicht, bis ich weitere Nachrichten habe. Außer Ranelagh und Vauxhall bin ich auch in der Aſſemblee bei Madame Cornely geweſen. Die Zimmer in dieſem Hauſe, die Geſellſchaft, die Kleidungen und Dekorationen ſind über alle Beſchreibung ſchön; da ich indeß keine ſonderliche Freude an dem Kartenſpielen habe, ſo kann ich mich in das eigentliche Weſen dieſes Ortes nicht ganz zurecht finden; wahrhaftig, ich bin noch eine ſolche Landpomeranze, daß ich kaum Geduld genug hatte, bis meine Toilette fertig war, um gehörig erſcheinen zu können, und dennoch ſaß ich nicht über ſechs Stunden unter den Händen des Friſeurs, der mir ſo viel ſchwarze Wolle unter mein Haar ſtopfte, als zu einem ausgenähten Unterrocke hinreichend geweſen wäre; deßungeachtet war mein Kopf der kleinſte in der ganzen Ge⸗ ſellſchaft, der meiner Tante ausgenommen. Sie hatte etwas ſo Abſonderliches mit ihrem aufgeſteckten Kleide, ihren kleinen Locken, ihren dreifachen Manſchetten und ihrer engen Schnürbruſt, daß Jedermann ſie mit Verwunderung anſah; Einige flüſterten, An⸗ dere kicherten, und Lady Griskin, die uns einführte, ſagte ihr geradezu, ſie ſey wenigſtens volle zwanzig Jahre in der Mode zurück. Lady Griskin, mit der wir verwandt zu ſeyn die Ehre haben, iſt eine Frau aus der großen Welt. Sie hält in ihrem eigenen Hauſe eine kleine Spielgeſellſchaft, die aber niemals über zehn oder zwölf Tiſche geht. Dagegen findet ſich die beſte Geſellſchaft von der ganzen Stadt bei ihr ein. Sie iſt ſo gütig geweſen, meine Tante und mich einigen ihrer beſten Freunde vom hohen Adel vorzuſtellen, und dieſe begegnen uns mit der vertraulichſten Zuvorkommenheit. Wir ſind ſchon einmal Mittags bei ihr zu Gaſte geweſen, und ſie gibt ſich die Mühe, alle unſere Schritte und Tritte zu leiten. Ich bin ſo glücklich, dermaßen bei ihr in 138 Gunſt zu ſtehen, daß ſie mir zuweilen mit eigenen Händen den Kopfputz in Ordnung bringt, auch hat ſie mich auf's Freundlichſte eingeladen, den ganzen Winter bei ihr zu bleiben. Dieß hat jedoch mein Oheim unbarmherzig abgelehnt, und überhaupt ſcheint er mir(ich weiß nicht warum) ein Vorurtheil gegen die gute Dame zu haben; denn ſo oft meine Tante etwas zu ihrem Lobe vorbringt, ſchneidet er ſchiefe Geſichter, ſpricht aber kein Wort dabei. Dieſe Grimaſſen können indeß wohl auch von ſeinen Gicht⸗ und Podagraſchmerzett herkommen, womit er jämmerlich geplagt iſt. Gegen mich iſt er im Uebrigen beſtändig freundlich und frei⸗ gebig, ſogar mehr als ich wünſche. Seitdem wir hier ſind, hat er mir ein neues Kleid und Spitzen geſchenkt, die ſo hoch kommen, daß ich's gar nicht ſagen mag, und Hieronimus hat mir auf ſei— nen Wunſch meiner Mutter diamantene Ohrringe zugeſtellt, die nun in der Arbeit ſind und neu gefaßt werden; es iſt alſo nicht ſeine Schuld, wenn ich nicht unter den Sternen, wenigſtens der vierten oder fünften Größe, glänze. Ich wünſche nur, daß mir unter all den Luſtbarkeiten und Zerſtreuungen mein ſchwacher Kopf nicht ſchwindlicht werde, wiewohl ich bis jetzt betheuern kann, daß ich alle dieſe lärmenden Vergnügungen gerne mit der ländlichen Einſamkeit und dem ſeligen Umgang mit denen, die ich liebe, ver⸗ tauſchen möchte. Und unter dieſen wird meine theuerſte Willis immer den erſten Platz beſitzen im Herzen Ihrer bis in den Tod getreuen Lydia Melford. London, den 31. Mai. An Sir Watkin Philipps im Jeſuitenkollegium zu Orford. Mein theuerſter Philipps! Ich ſende Ihnen dieſen Brief unter Einſchluß unſeres alten Freundes Barton, der ſich ſo ſehr verändert hat, als es einem 139 Mann von ſeinem Schrot und Korn nur immer möglich iſt; in Orford war er ein ſorgloſer, träger Schmutzmichel, und jetzt finde ich in ihm einen geſchäftigen, redſeligen Politiker, einen petit maitre in der Kleidung, und einen in der Complimentirkunſt wohl er⸗ fahrnen Hofmann in ſeinen Manieren. Er hat nicht Galle genug, um ſich ſo weit vom Parteihaß entflammen zu laſſen, daß er mit Schmach und Schimpfworten um ſich werfen ſollte, allein ſeit er eine Stelle erhalten hat, iſt er ein warmer Anhänger des Mi⸗ niſteriums geworden, und ſieht alles durch eine ſo ſonderbare Vergrößerungsbrille, daß mir, da ich zum Glück keiner Partei angeböre, oft der Verſtand ſtille ſteht. Unſtreitig müſſen die Parteidünſte nicht nur die Vernunft benebeln, ſondern auch die Sinnenorgane verkehren, und ich wette hundert Guineen gegen zehn, daß wenn Barton auf der einen und der gewiſſenhafteſte Patriot von der Gegenpartei auf der andern Seite ein Gemälde vom König und dem Miniſterium entwerfen müßten, ſo würden Sie und ich, die wir noch nicht angeſteckt oder beſtochen ſind, finden, daß beide Maler gleich weit die Wahrheit verfehlt haben. Eines muß man jedoch Barton zur Ehre nachſagen: er läßt ſich niemals in pöbelhaftes Schimpfen ein, geſchweige denn, daß er ſich dazu hergäbe, durch ſchamloſe Verläumdungen den moraliſchen Charakter irgend eines Mannes von der Gegenpartei anzuſchwärzen. So lange wir hier ſind, leiſtet er uns ſehr fleißig Geſellſchaft, eine Aufmerkſamkeit, die mir bei einem Manne von ſeinen Ge⸗ ſchäften und ſeinem natürlichen Hange zur Trägheit wunderbar, ja ſogar unnatürlich erſchienen wäre, hätte ich nicht bemerkt, daß meine Schweſter Liddy einigen Eindruck auf ſein Herz gemacht hat. Ich kann durchaus nicht ſagen, daß ich etwas dagegen ein⸗ zuwenden hätte, wenn er ſein Heil bei ihr verſuchen will; wenn ein anſehnliches Vermögen und ein nicht geringer Vorrath von Gutherzigkeit von Seite des Mannes die einzigen Bedingungen zu einem vergnügten Eheſtande ſind, ſo kann ſie mit Barton 140 glücklich werden; allein mich däucht, es gehört noch etwas mehr dazu, um ſich die Liebe einer Dame von Verſtand und zar⸗ tem Gefühl zu gewinnen und zu erhalten, ein Etwas, das die Natur unſerm Freunde verſagt hat, und Liddy ſcheint auch dieſer Anſicht zu ſeyn. Wenn er ſich im Geſpräche an ſie wendet, ſcheint ſie nur mit Widerwillen auf ihn zu hören und vermeidet gefliſſent⸗ lich jede Gelegenheit zu einer Unterhaltung unter vier Augen. Allein ſo ſcheu ſie iſt, ſo zuvorkommend und ſogar zudringlich iſt unſere Tante. Fräulein Tabitha geht ihm mehr als bloß halb— wegs entgegen. Sie verſteht den wahren Sinn ſeiner abgemeſſen höf lichen und widerlich ſüßen Complimente falſch, oder gibt ſich wenigſtens den Anſchein ſo. Sie zahlt ihm ſeine Höflichkeiten mit ungeheuren Zinſen heim, verfolgt ihn bei Tiſche mit ihrer Freundlich⸗ keit, alle ihre Reden ſind nur an ihn gerichtet, ſie ſeufzt, tändelt, liebäugelt und treibt mit ihrer abſcheulichen Affektation und Unver⸗ ſchämtheit den armen Hofſchranzen auf die höchſte Spitze ſeiner Gefälligkeit. Kurz, ſie ſcheint es darauf angelegt zu haben, Bar⸗ tons Herz förmlich zu belagern, und läßt ihre Artillerie mit ſo verzweifelter Hitze ſpielen, daß er am Ende wohl capituliren muß. Mittlerweile verſetzt ihn ſeine Abneigung gegen dieſe Amoroſa, zumal da er von Natur furchtſam iſt, er möchte Jemand beleidi⸗ gen, in eine Art Verlegenheit, die höchſt luſtig anzuſehen iſt. Vor zwei Tagen beredete er meinen Oheim und mich, mit ihm nach St. James an den Hof zu gehen, und verſprach, uns da⸗ ſelbſt mit allen großen Männern des Königreichs bekannt zu machen; wirklich trafen wir dort auch eine anſehnliche Verſammlung von ausgezeichneten Charaktern, denn es war gerade große Gala. Unſer Wegweiſer erfüllte ſein Verſprechen mit anerkennungswerther Pünktlichkeit. Er zeigte uns beinahe alle wichtigeren Perſonen beiderlei Geſchlechts, wobei er ihren Namen gewöhnlich einige panegyriſche Redeblumen voranſchickte. Als er den König heran⸗ nahen ſah, ſagte er:„Da kommt er, der liebenswürdigſte Regent, 141 der jemals das Scepter über England geführt hat, die deliciae humani generis, ein Auguſt in Beſchützung des wahren Verdien⸗ ſtes, ein Titus Veſpaſianus an Großmuth, ein Trajan an Wohl⸗ thätigkeit, ein Marc Aurel an Philoſophie.“—„Ein Herr von vortrefflichem, durchaus redlichem Herzen,“ fügte mein Oheim hinzu;„er iſt nur zu gut für unſere Zeiten; ein König von Eng⸗ land ſollte Etwas von einem Teufel im Leibe haben.“ Hierauf zeigte Barton auf den Herzog von C. und fuhr fort:„Sie kennen den Herzog, dieſen erlauchten Helden, welcher der Rebellion den Kopf zertrat, und uns den Beſitz alles deſſen ſicherte, was uns als Engländern und Chriſten das Theuerſte ſeyn muß. Sehen Sie nur dieſes Auge, wie durchdringend und doch ſo ſanft! Welche Würde in ſeiner Miene! Welche Menſchenfreundlichkeit in ſeinem Blick. Selbſt der leibhaftige Neid muß zugeſtehen, daß er einer der größ⸗ ten Feldherrn in der ganzen Chriſtenheit iſt.“—„Ich zweifle nicht daran,“ ſagte mein Oheim,„aber wer ſind die jungen Her⸗ ren, die neben ihm ſtehen 2.—„Dieß,“ rief unſer Freund,„dieß find ſeine königlichen Neffen; die Prinzen von Geblüte. Allerliebſte junge Prinzen! Die geheiligten Pfänder der proteſtantiſchen Thron⸗ folge; ſo munter, ſo verſtändig, ſo prinzlich!«—„Ja, ſehr ver⸗ ſtändig! ſehr munter!“ ſagte mein Oheim, ihm in die Rede fal⸗ lend.„Aber ſeht da, die Königin! Ha, die Königin! Laßt mich ſie ſehen!— Laßt mich ſie ſehen!— Wo iſt meine Brille? Ha! in dieſen Augen liegt Geiſt!— In dieſen Augen liegt Empfindung! — In dieſen Augen liegt Ausdruck. Nun, Herr Barton, mit wem machen Sie uns jetzt bekannt?« Die nächſte Perſon, die er auserſah, war der Günſtling Graf*, der einſam an einem Fenſter ſtand.„Sehen Sie dort jenen Nordſtern,“ ſagte er,„ſei⸗ nes Glanzes beraubt.“—„Wie, das große caledoniſche Licht, das erſt neuerlich noch ſo hell in unſerer Hemiſphäre leuchtete! Mich däucht, jetzt ſchimmert es durch einen Nebel, wie Saturn ohne feinen Ring, bleich, dunkel und in weiter Ferne. Ha! dort iſt 142 das andere große Luftzeichen, der Hauptmann aller Penſionäre, der patriotiſche Wetterhahn, der alle Windſtriche des politiſchen Compaſſes durchlaufen hat und ſich noch immer vom Wind des großen Haufens treiben läßt. Auch er iſt gleich einem drohenden Kometen am Horizont des Hofes wieder emporgeſtiegen; wie lang aber ſeine Aſcenſion dauern wird, iſt wegen der gänzlichen Regel⸗ loſigkeit ſeines Laufes ſchwer zu beſtimmen. Wer ſind die zwei Satelliten, die ſeiner Bewegung folgen?“ Als Barton ihre Na⸗ men nannte, ſagte mein Oheim:„Ihr Charakter iſt mir gar wohl bekannt. Der eine von ihnen hat keinen rothen Tropfen Blut in ſeinen Adern, dagegen einen kalten⸗ berauſchenden Dunſt im Kopfe, und Bosheit und Rachgier genug in ſeinem Herzen, um eine ganze Nation damit zu inveuliren und anzuſtecken. Der Andere iſt, wie ich höre, zu einer Stelle bei der Adminiſtration berufen, und der Penſionär bürgt für ſeine gehörige Fähigkeit. Der ein⸗ zige Beweis, den ich jemals von ſeiner politiſchen Klugheit gehört habe, iſt, daß er ſeinem vormaligen Beſchützer den Rücken zu⸗ wandte, als er merkte, daß es mit ihm abwärts ging und er die Gunſt des Volkes verloren hatte. Ohne Grundſätze, ohne Talent und ohne Einſicht iſt er undankbar wie ein Schwein, gierig wie ein Geier und diebiſch wie eine Dohle; doch muß man ihm zuge⸗ ſtehen, ein Heuchler iſt er nicht. Er prahlt mit keiner Tugend und gibt ſich keine Mühe, ſeinen Charakter zu verbergen. Sein Miniſterium wird wenigſtens das einzige Gute haben, daß kein Menſch durch ſeine Wortbrüchigkeit hintergangen wird, weil ſich noch kein Sterblicher auf ſein Wort verlaſſen hat. Ich wundere mich nur, wie Lord** dieſes glückliche Genie erſt entdeckt und zu was Ende Lord* ihn jetzt adoptirt hat; indeß ſollte man denken, wie der Bernſtein die Kraft hat, Staub, Stroh und Pa⸗ pierſchnitzel anzuziehen, ſo ſey auch ein Miniſterium mit der Gabe ausgeſtattet, jeden Schuft und Dummkopf, der ihm in den Weg kommt, aufzulecken.“ Seine Lobrede wurde durch die Ankunft des 143 alten Herzogs von N. unterbrochen, der ſich mit einer wichtigen und geſchäftigen Miene in den Kreis drängte, und ſeinen Kopf in jedes Geſicht ſtreckte, gleich als ſuchte er Jemand, dem er etwas höchſt Wichtiges mitzutheilen hätte. Mein Oheim, der ihn früher gekannt hatte, bückte ſich, als er vorüberging, und der Herzog, als er einen wohlgekleideten Mann ſo ehrerbietig grüßen ſah, ſäumte nicht, das Compliment zu erwiedern. Er kam ſogar auf ihn zu, nahm ihn vertraulich bei der Hand und ſagte:„Mein lieber Freund A..., es freut mich, Sie zu ſehen. Wie lange iſt's, daß Sie von Ihren Reiſen zurückgekommen ſind? Wie haben Sie unſere guten Freunde, die Holländer, verlaſſen? Der König von Preußen denkt doch nicht ſchon wieder auf Krieg? Bei Gott! ein großer König! ein großer Eroberer! ein ſehr großer Eroberer! Alle Alexander und Hannibal ſind Nichts gegen ihn, Sir— nichts als Korporale, Trommelſchäger, Packknechte, lauter Troß — lumpige Troßbuben.“ Seine Excellenz hatte ſich nun außer Athem geredet, und mein Oheim nahm die Gelegenheit wahr, demſelben zu ſagen, daß er nicht über England hinausgekommen ſey, Bramble heiße und die Ehre gehabt habe, im letzten Parla⸗ ment des hochſeligen Königs das Städtchen Dymkymraig zu ver⸗ treten.„Aha,“ rief der Herzog,„ich entſinne mich Ihrer recht wohl, mein lieber Herr Bramble. Sie waren immer ein guter und getreuer Unterthan, ein zuverläßiger Freund des Miniſteriums. Ich habe Ihren Bruder zum Biſchof in Irland gemacht.“—„Ver⸗ zeihen Sie, Mylord,“ ſagte mein Oheim,„ich habe allerdings einen Bruder gehabt, aber der war Hauptmann unter der Armee.“ —„Richtig,“ ſagte die Ercellenz,„das war er, ja, ja. Aber wer war denn der Biſchof! Biſchof Blackberry— ei freilich, Biſchof Blackberry. Vermuthlich ein Verwandter von Ihnen 26— »Sehr wahrſcheinlich, Mylord,« erwiederte mein Oheim,„die Blackberry wächst auf der Bramble.“ Allein ich glaube, der * Bramble heißt die Brombeerſtaude, Blackberrh die Frucht derſelben. Anm. des Ueberſ. 144 Biſchof iſt nicht auf unſerm Buſche gewachſen.“—„Das iſt er auch nicht, das iſt er auch nicht, ha, ha, ha!“ lachte der Herzog, „da haben Sie mich Ihren Dorn fühlen laſſen, mein lieber Herr Bramble— ha, ha, ha! Aber thut nichts; es ſoll mich freuen, wenn Sie mich einmal in meinem Hauſe beſuchen wollen— Sie wiſſen ja wohl den Weg?—— Die Zeiten haben ſich geändert. Ob ich gleich nicht mehr die Macht habe, ſo habe ich doch noch den guten Willen.—— Ihr ganz gehorſamſter Diener, mein lieber Herr Blackberry.“ Mit dieſen Worten ſchob er ſich nach einer andern Ecke des Saals.„Was das für ein lieber alter Herr iſt!“ ſagte Herr Barton,„wie lebhaft! welch ein Gedächt⸗ niß! Er vergißt ſeine alten Freunde niemals.“—„Gar zu viel Ehre für mich,“ bemerkte unſer Squire,„daß er mich auch zu ihnen rechnet. So lang ich im Parlament ſaß, habe ich im Gan⸗ zen nur dreimal mit dem Miniſterium geſtimmt; als mein Ge⸗ wiſſen mir ſagte, daß es Recht hatte. Indeſſen wenn er noch Morgenbeſuche annimmt, ſo will ich meinen Neffen einmal dahin führen, damit er ſolche Auftritte ſehe und vermeiden lerne; denn meines Erachtens macht ein freier Britte nirgends eine ſchlechtere Figur, als im Vorzimmer eines Miniſters. Von dieſem Lord will ich hier jetzt weiter nichts erwähnen, als daß er vor dreißig Jah⸗ ren der gewöhnliche und alltägliche Gegenſtand des Spottes und Haſſes war. Man verlachte ihn allgemein als einen politiſchen Affen, deſſen Thorheiten durch ſeinen Rang und ſein Anſehen nur noch mehr an's Licht gebracht wurden; die Dppoſition ver⸗ wünſchte ihn als den unermüdeten Helfershelfer eines Rädels⸗ führers, den man mit Recht als Vater aller Corruption brand⸗ markte; allein dieſer lächerliche Affe, dieſer feile Knecht hatte nicht ſobald den Poſten, wozu er ſo ſchlecht befähigt war, ver⸗ loren und die Parteifahne aufgeſteckt, ſo ward er auf einmal in ein Muſter von vaterländiſcher Tugend verwandelt; dieſelben Leute, die ihn vorher mit Koth beworfen, erhoben ihn jetzt bis an die 145 Wolken als einen weiſen, erfahrnen Staatsmann, als einen Hauptpfeiler der proteſtantiſchen Thronfolge, als einen Eckſtein der britiſchen Freiheit. Ich wäre ſehr begierig zu erfahren, wie Herr Barton dieſe Widerſprüche verſöhnt, ohne uns zu nöthigen, alle Anſprüche auf das Privilegium des geſunden Menſchenverſtan⸗ des aufzugeben.“—„Mein werther Herr,“ antwortete Barton, vich unterfange mich nicht, die Thorheiten des großen Haufens zu rechtfertigen, der meines Erachtens bei ſeinem vormaligen Tadel eben ſo toll zu Werke ging wie bei ſeinem jetzigen Lobe; doch werde ich mir das Vergnügen machen, Sie nächſten Donnerſtag in die Antichambre Sr. Execellenz zu begleiten, wo Sie, wie ich fürchte, keine allzu zahlreiche Verſammlung finden werden; denn Sie wiſſen, es iſt ein gewaltiger Unterſchied zwiſchen ſeinem gegen⸗ wärtigen Poſten als Geheimerathspräſident und ſeinem vormaligen als erſter Lordſchatzmeiſter.“ Nachdem dieſer redſelige Freund uns alle merkwürdigen Per⸗ ſonen beiderlei Geſchlechts, die bei Hof erſchienen waren, beſchrie⸗ ben hatte, beſchloßen wir, uns für dießmal nach Hauſe zu begeben. Unten an der Treppe ſtand ein großer Haufe Lakaien und Senften⸗ Träger, und mitten unter ihnen ragte Humphry Klinker auf einem Stuhle ſtehend hervor, mit ſeinem Hut in der einen Hand, und in der andern ein Papier, das er den Umſtehenden vorhielt. Ehe wir erfahren konnten, was dieſe Vorſtellung bedeuten ſollte, be⸗ merkte er ſeinen Herrn, ſteckte ſchnell das Papier in die Taſche, ſtieg von ſeiner Höhe herab, machte ſich Luft durch das Gedränge und ſchaffte den Wagen vor die Thüre. Mein Oheim ſagte kein Wort, bis wir im Wagen ſaßen. Hier ſah er mich eine Zeit lang ernſthaft an, brach dann in ein Gelächter aus und fragte mich, ob ich wiſſe, was Klinker den Burſchen da vorgepredigt habe.„Wenn der Kerl ein Marktſchreier geworden iſt,“ ſagte er,„ſo muß ich ihn abſchaffen, ſonſt werden wir alle noch luſtige Perſonen.“ Ich erwiederte, er habe aller Swmollet's Romane. KIII. 10 146 Wayrſcheinlichkeit nach bei ſeinem Meiſter, dem Hufſchmid, Me⸗ dizin ſtudirt. Beim Mittageſſen fragte ihn mein Oheim, ob er ſich jemals mit der Medizinerei abgegeben habe.„O ja,“ ſagte er,„mit Ehren zu vermelden vor Euer Gnaden, bei unvernünftigen Thie⸗ ren wohl, aber mit vernünftigen Geſchöpfen gebe ich mich nicht ab.—„Ich weiß zwar nicht, ob Du Deine Zuhörer, denen Du in St. James vorpredigteſt, unter dieſe Klaſſe rechneſt, aber ich möchte gerne erfahren, was für eine Art Pulver Du ausgetheilt, und ob Du viel davon verkauft haſt.“—„Verkauft, gnädiger Herr!“ rief Klinker;„ich hoffe, ich werde nie ſo niederträchtig werden, für Gold und Silber das zu verkaufen, was eine freie Gabe der Gnade Gottes iſt. Ich habe, erlauben's Euer Gnaden, nichts ausgetheilt, als ein Wort der Ermahnung an meine Brüder im Dienſt und in der Sünde.“—„Ermahnung! und über was?“ —„Ueber das gottverdammte Fluchen, mit Reſpekt zu vermelden, das ſo abſcheulich und gräßlich iſt, daß mir die Haare zu Berge ſtehen.“—„Ja, wenn Du ſie von dieſer Krankheit kuriren kannſt, ſo will ich Dich für einen wahren Wunderdoctor halten.“— „Warum nicht kuriren können, liebſter Herr? Die Herzen dieſer armen Leute ſind nicht ſo verſtockt, als Euer Gnaden zu denken ſcheinen. Wenn man ihnen nur begreiflich macht, daß man bloß ihr eigenes Beſte will, ſo werden ſie ſchon geduldig zuhören, und dann kann man ſie leicht überzeugen, daß es eine ſündliche, när⸗ riſche Angewöhnung iſt, die ihnen weder Nutzen noch Freude bringt.“ Bei dieſer Bemerkung wechſelte mein Oheim die Farbe, und ſah ſich in der Geſellſchaft um, weil er wußte, daß es in dieſem Punkt bei ihm ſelbſt nicht ganz ſauber ausſah.„Aber, Klin⸗ ker,“ ſagte er,„wenn Du Beredtſamkeit genug beſitzeſt, den ge⸗ meinen Leuten dieſe rhetoriſchen Tropen und Figuren abzugewöh⸗ nen, ſo wird wenig oder nichts mehr übrig bleiben, woran man die Sprache des Geſindes von der Sprache der Vornehmen unter⸗ 147 ſcheiden kann.“—„Erlauben's, Euer Gnaden, ſo wird doch die Sprache der gemeinen Leute frei von Sünde, und am Tage des Gerichts wird kein Anſehen der Perſon ſtattfinden.“ Als Humphry hinabging, um eine Flaſche Wein zu holen, wünſchte mein Oheim ſeiner Schweſter Glück, daß ſie einen ſolchen Reformator im Hauſe habe, worauf Tante Tabitha erklärte, es ſey ein artiger, geſitteter Burſche, ſehr ehrerbietig und ſehr fleißig, und, wie ſie glaube, obendrein auch ein guter Chriſt. Man ſollte faſt glauben, Klinker beſitze ganz außerordentliche Talente, daß er ſich bei einer alten Jungfer von ihrer Gemüthsart, die ohnehin durch Vorurtheil und Rachſucht gegen ihn eingenommen war, dermaßen einzuſchmeicheln wußte; allein im Grunde kommt dieß wohl daher, daß Fräulein Tabitha ſeit dem Auftritt in Salthill wie ein umgekehrter Handſchuh iſt. Sie ſchilt das Geſinde nicht mehr aus, während dieſe Leibesbewegung ihr doch zur Gewohnheit geworden war, und ſogar zu ihrer Geſundheit nothwendig ſchien; auch iſt ſie gegen ihren Joly ſo gleichgültig geworden, daß ſie ihn der Lady Griskin geſchenkt hat, welche dieſe Race in die Mode bringen will. Dieſe gnädige Dame iſt die Wittwe des Sir Timotheus Griskin, eines weitläufigen Verwandten von uns. Sie beſitzt eine jährliche Rente von fünfhundert Pfund, weiß es aber ſo einzurichten, daß ſie dreimal ſo viel verbraucht. Vor ihrer Verheirathung war ihr Ruf etwas zweideutig; jetzt aber gibt ſie den guten Ton an, hält Spielgeſellſchaften, ladet auserwählte Freunde Abends zum Eſſen ein, und empfängt Beſuche von den vornehmſten Leuten. Gegen uns Alle war ſie immer außerordent⸗ lich höflich, und beſonders meinem Oheim begegnet ſie mit aus⸗ gezeichneter Achtung; allein je mehr ſie ihn ſtreichelt, je ſtarrer ſcheint er ſeine Borſten emporzuſtrecken; er antwortet auf ihre Complimente immer ſehr lakoniſch und trocken. Vor einigen Tagen ſchickte ſie uns einen Korb ſehr ſchöne Erdbeeren, den er nicht ohne Zeichen des Widerwillens annahm und dabei die Worte * 148 aus der Aeneis murmelte: Timeo Danaos et dona ferentes. Sie iſt ſchon zweimal Morgens gekommen, um Liddy zu einer Spazier⸗ fahrt abzuholen, allein Miß Tabby war— ohne Zweifel auf ſeine Veranſtaltung— jedesmal bei der Hand, ſo daß ſie die Nichte niemals ohne die Tante bekommen konnte. Ich habe mir Mühe gegeben, den Alten über dieſen Punkt ein wenig auszuholen, allein er vermeidet ſorgfältig jede Erklärung. Ich habe Ihnen jetzt, mein liebſter Philipps, einen ganzen Bogen voll geſchrieben, und wenn Sie ihn bis zu Ende geleſen haben, werden Sie wohl eben ſo müde ſeyn als Ihr ergebenſter H. Melford. London, 2. Juni. An Doctor Ludwig. Ja, Doctor, ich hab' es geſehen, das britiſche Mnſeum; es iſt eine ſchöne, ja ſogar ſtaunenswerthe Sammlung, zumal wenn man bedenkt, daß ſie von einem Privatmann veranſtaltet wurde, einem Arzt, der zu gleicher Zeit für ſein eigenes Glück zu ſorgen hatte. So groß ſie aber auch iſt, ſo würde ſie doch ungleich beſſer in's Auge fallen, wenn ſie in einem geräumigen Saal aufgeſtellt wäre, ſtatt daß ſie jetzt in verſchiedene Zimmer vertheilt iſt, die ſie nicht ganz ausfüllt. Ich wünſchte, die Reihenfolge der Mün⸗ zen wäre ununterbrochen, und die drei Naturreiche würden da⸗ durch ergänzt, daß man die fehlenden Artikel auf öffentliche Koſten herbeiſchaffte. Deßgleichen würde es eine große Verbeſſerung der Bibliothek ſeyn, wenn man alle noch mangelnden wichtigen Werke zuſammenkaufte. Man könnte ſie nach dem Alter der Ausgaben in Centurien aufſtellen und ſowohl darüber als über die Manuſeripte gute Kataloge drucken laſſen, damit derjenige, der etwas nach⸗ 149 ſchlagen oder abſchreiben wollte, auch wüßte, wo er es zu ſuchen hätte. Ferner wünſche ich zur Ehre der Nation, daß ein voll⸗ ſtändiger Apparat Behufs der Vorleſungen über Mathematik, Wechanik und Eyperimentalphiloſophie vorhanden und für einen tüchtigen Profeſſor, der regelmäßige Vorträge über dieſe Wiſſen⸗ ſchaften hielte, eine gute Beſoldung ausgeſetzt wäre. Doch das ſind alles fromme Wünſche, die wohl niemals in Erfüllung gehen. Bei dieſem Geiſt der Zeit iſt es ſchon ein Wun⸗ der, wenn irgend ein gemeinnütziges Inſtitut zu Stande kommt. Die Parteiſucht iſt eine Art Raſerei geworden, wovon man früher keinen Begriff hatte, ja ſie iſt dermaßen ausgeartet, daß alle Ehr⸗ lichkeit und Aufrichtigkeit verſchwunden iſt. Sie erinnern ſich, daß ich vor einiger Zeit gegen Sie äußerte, die öffentlichen Blätter ſeyen die ſchamloſen Werkzeuge der hämiſchſten und boshafteſten Ver⸗ läumdungen geworden; jeder heimtückiſche Bube, jeder verzweifelte Mordbrenner, der eine halbe Krone oder drei Schillinge Ein⸗ rückungsgebühr aufzubringen vermag, verkriecht ſich hinter die Preſſe eines Neuigkeitenkrämers und drückt von da aus dem beſten Leumund im Königreich den Dolch in den Rücken, ohne im Min⸗ deſten Entdeckung oder Beſtrafung fürchten zu müſſen. Ich habe mit einem gewiſſen Herrn Barton Bekanntſchaft ge⸗ macht, den Jerom von Opford her kennt; ein braver Mann, nur daß er im Politiſchen lächerlich ſchiefe Grundſätze hat. Seine Parteilichkeit iſt indeß eine ſehr harmloſe, da er ſie niemals durch Läſtern und Schimpfen an den Tag legt. Er iſt Parlamentsmit⸗ glied und Anhänger des Hofes; ſein ganzes Geſpräch dreht ſich um die Tugenden und Vollkommenheiten der Miniſter, die ſeine Gönner ſind. Vor einigen Tagen, als er ſein volles Salbhorn des ſtinkendſten Lobes über einen dieſer Ehrenmänner ausgegoſſen batte, ſagte ich ihm, ich habe dieſen ſelben Herrn in einer Zeitung mit ganz andern Farben abgemalt gefunden, und zwar ſey er dermaßen gebrandmarkt, daß, wenn man ſich nur die Häfte des 15⁰ Geſagten als wahr denke, er nicht nur nicht die mindeſte Fähigkeit zu einem Staatsmann habe, ſondern auch nicht einmal verdiene, daß ihn die Sonne beſcheine. Dieſe Anſchuldigungen werden mit immer neuen Zuſätzen einmal über's andere wiederholt, und da er keinen Schritt zu ſeiner Rechtfertigung gethan, ſo fange ich an zu glauben, daß ſie doch einige Begründung haben müſſen.„Aber,“ ſagte Herr Barton,„ich bitte Sie, welche Schritte hätte er thun ſollen? Geſetzt den Fall, er belange den Verleger des Blattes, hinter welchen ſich der anonyme Verläumder verſteckt, und bringe ihn als Verläumder an den Pranger, ſo wäre dieß nichts weniger als eine abſchreckende Strafe, ſondern würde ſogar wahrſcheinlich das Glück des Mannes machen. Im Augenblick würde ihn der große Haufen in ſeinen Schutz nehmen als einen Märtyrer der Verläumdung, deren er ſich von jeher mit ganzem Herzen ange⸗ nommen hat. Er bezahlt ihm ſeine Strafe, macht ihm anſehnliche Geſchenke, ſein Laden wimmelt von Kunden, und ſein Blatt geht immer beſſer, je ſchamloſere Lügen und Läſterungen es preisgibt. In dieſer ganzen Zeit fährt man über den Ankläger her und ver⸗ ſchreit ihn als Tyrannen und Unterdrücker, daß er ſich an's Ge⸗ richt gewendet hat, was man immer für etwas Schmähliches hält. Stellt er aber eine Klage auf Schadenserſatz an, ſo muß er den Schaden nachweiſen, und nun urtheilen Sie ſelbſt, ob man nicht den ehrlichen Namen eines⸗Mannes in Schimpf und Verachtung bringen und alle ſeine Abſichten für ſein ganzes Leben durch Ver⸗ läumdungen vereiteln kann, ohne daß er im Stande iſt, alle Einzelnheiten des Schadens, den er erlitten, in ein Verzeichniß zu bringen. „Dieſer Hang zur Verläumdung iſt eine Art Ketzerei, die durch Verfolgung immer mehr Raum gewinnt. Preßfreiheit iſt ein gewaltiges Schlagwort und hat wie die proteſtantiſche Religion den Aufrührern oft zum Vorwand gedient. Deßhalb muß ſich ein Miniſter mit Geduld wappnen, und durch dergleichen 151 Ausfälle auf ſeine Perſon nicht irre machen laſſen. Welches Un⸗ heil ſie auch in anderen Beziehungen ſtiften mögen, ſo ſind ſie doch nicht ohne allen Vortheil für die Regierung, denn dieſe ver⸗ leumderiſchen Artikel haben die Zahl der öffentlichen Blätter der⸗ geſtalt vermehrt, und ihren Abſatz ſo in die Höhe getrieben, daß die Stempelgefälle und die Gebühren für die Ankündigungen der Krone jährlich eine hübſche Summe abwerfen.— So viel bleibt gewiß, die Ehre eines rechtſchaffenen Mannes iſt ein gar zu zartes Ding, um vor einem Geſchwornengericht abgehandelt zu werden, bei deſſen Mitgliedern man nicht immer die tiefſte Einſicht oder die reinſte Unparteilichkeit ſuchen darf. In einem ſolchen Fall wird der Beklagte nicht allein von Seinesgleichen, ſondern auch von ſeiner eigenen Partei gerichtet, und meines Dafürhaltens iſt derjenige der entſchloſſenſte aller Patrioten, der ſich aus Liebe zum Vaterland den Bosheiten ſolcher Ehrabſchneider ausſetzt. Wenn ein ehrlicher Mann, ſey es nun aus Unwiſſenheit oder Parteilich⸗ keit der Geſchwornen, auf dem Weg Rechtens keine Genugthuung dafür erhalten kann, daß man ihn in einer Flugſchrift oder Zei⸗ tung verunglimpft hat, ſo weiß ich nur noch ein einziges Mittel, das gegen den Herausgeber anwendbar wäre; es iſt zwar nicht ohne alles Riſiko, aber ſo lang ich mir denken kann, doch ſchon mehr als einmal mit gutem Erfolg verſucht worden. In irgend einer Zeitung hieß es von einem Kavallerieregiment, es habe in der Schlacht bei Dettingen ſeine Schuldigkeit nicht gethan; ein Rittmeiſter von dieſem Regiment prügelte den Herausgeber weid⸗ lich durch und gab ihm zugleich die Verſicherung, wenn er ihn gerichtlich belange, ſo habe er von ſämmtlichen Offizieren des Regiments eine ähnliche Behandlung zu gewarten. Der Gouver— neur** nahm ſich dieſelbe Genugthuung an den Rippen eines Schriftſtellers, der ihn mit ausgeſchriebenem Namen in einer periodiſchen Zeitſchrift mißhandelte. Ich kenne einen elenden Kerl dieſes Gelichters, der wegen ſchamloſer Verläumdungen aus Ve⸗ 152 nedig gejagt wurde; von da begab er ſich nach Lugano, einem Städtchen im Kanton LTeſſin(und dort wohnen gewiß freie Leute), und hier fand er eine Preſſe, aus welcher er ſeinen Koth auf einige ehrwürdige Namen der Republik ſpritzte, die zu verlaſſen man ihn gezwungen hatte. Einige unter ihnen, als ſie ſahen, daß ihm auf dem Wege Rechtens nicht beizukommen war, bedienten ſich gewiſſer nützlicher Werkzeuge, die man allenthalben finden kann, um ihm die Baſtonade zu geben, eine Kur, die durch mehr⸗ fache Wiederholung den Fluß ſeines böſen Maules endlich glücklich vertrocknete. „Was die Preffreiheit betrifft, ſo muß ſie, wie jedes andere Privilegium, in gewiſſe Schranken eingeſchloſſen ſeyn; denn läßt man es ſo weit kommen, daß ſie den Geſetzen, der Religion oder dem guten Leumund der Bürger zu nahe tritt, ſo wird ſie eines der größten Uebel, das die bürgerliche Geſellſchaft nur heimſuchen kann. Wenn in England der elendeſte Lotterbube uns unge⸗ ſtraft die Ehre abſchneiden kann, was für ein Recht haben wir dann, gegen Italien zu eifern, weil dort der Meuchelmord zur ordentlichen Tagesgeſchichte gehört? Was hilft uns der Schutz, den unſer Eigenthum genießt, wenn unſere bürgerliche Ehre jedem Räuber bloßgeſtellt iſt? Leute, die auf ſolche Art gequält wer⸗ den, gerathen zuletzt in Verzweiflung, und die Verzweiflung an der Möglichkeit, ſeinen guten Ruf vor der Befleckung ſolchen Un— geziefers zu bewahren, erzeugt eine gänzliche Nachläßigkeit in Be⸗ ziehung auf die Meinung der Mitwelt, wodurch einer der haupt⸗ ſächlichſten Reize zur Ausübung bürgerlicher Tugend gänzlich wegfällt.“ Herrn Bartons letzte Bemerkung in Betreff der Stempel⸗ Gebühren iſt eben ſo weiſe und löblich, als eine andere von un— ſern Finanzmännern längſt angenommene Maxime, nämlich der Trunkenheit, Völlerei und Schwelgerei durch die Finger zu ſehen, weil ſie den Ertrag der Acciſe vermehren; ſie bedenken aber dabei 153 nicht, daß durch Erhaltung dieſes elenden Vortheils die Sitten, die Geſundheit und der Fleiß der Nation untergraben werden.— So herzlich ich auch diejenigen verachte, die einem Miniſter ſchmeicheln, ſo halte ich es doch für weit verächtlicher, dem Pöbel gute Worte zu geben. Wenn ich einen Mann von Geburt, Erzie⸗ hung und Vermögen ſehe, wie er ſich mit der Hefe des Volks auf eine und dieſelbe Stufe ſtellt, wie er ſich mit den geringſten Handwerkern einläßt, mit ihnen in dieſelbe Schüſſel taucht und aus demſelben Becher trinkt, wie er ihren Vorurtheilen ſchmeichelt, Lobreden auf ihre Tugenden hält und ſich ihrem Gerülpſe vom Biertrinken, dem qualmenden Dampfe ihres Tabaks, ihrer plum⸗ pen Vertraulichkeit und dem Unſinn ihres Geſchwätzes bloßſtellt, ſo kann ich nicht umhin, ihn als einen Mann zu verachten, der ſich, um einen eben ſo eigennützigen als unrühmlichen Zweck zu erreichen, der niedrigſten Selbſtentehrung ſchuldig macht. Ich würde meine politiſche Abhandlung mit der größten Be⸗ reitwilligkeit abbrechen, könnte ich nur andere Gegenſtände des Geſprächs finden, bei deren Erörterung man mit mehr Beſcheiden⸗ heit und Aufrichtigkeit zu Werke ginge; allein es ſcheint, der Parteiteufel habe ſich die Herrſchaft über alle Fächer des Lebens angemaßt. Selbſt die Republik der Gelehrten und Schöngeiſter ſt in die erbittertſten Faktionen geſpalten, die einander ihre Werke gegenſeitig herabſetzen, verſchreien und verketzern. Geſtern machte ich einem Bekannten den Gegenbeſuch und traf bei ihm einen Schriftſteller aus der gegenwärtigen Zeit, der ſich bereits einigen Beifall erworben hat. Da ich ein paar Sachen von ihm mit Ver⸗ gnügen geleſen hatte, ſo war mir die Gelegenheit erwünſcht, ihn von Perſon kennen zu lernen, allein ſein ganzes Geſpräch und Benehmen zerſtörte die vortheilhaften Eindrücke, die ſeine Schriften auf mich gemacht hatten. Er nahm es ſich heraus, in profeſſori⸗ ſchem Tone über Alles zu entſcheiden, ohne den mindeſten Grund für ſein Abweichen von der gewöhnlichen Meinung der Leute an⸗ 154 zugeben, gleich als wäre es unſere Pflicht geweſen, uns mit dem ipse dixit dieſes neugebackenen Pythagoras zu begnügen. Er zog den Charakter der angeſehenſten Schriftſteller, die in den letzten hundert Jahren geſtorben ſind, auf's Neue vor ſeinen Richterſtuhl und nahm bei dieſer Reviſion nicht die geringſte Rückſicht auf ihren erworbenen Nachruhm. Milton war holprigt und proſaiſch, Dryden ein matter Wortmacher, Butler und Swift ermangelten allen Humors, Congreve hatte kein Fünkchen von Witz, und Pope fehlte es an allem und jedem poetiſchen Verdienſte. Ueber ſeine Zeit⸗ genoſſen vollends konnte er durchaus kein günſtiges Urtheil an⸗ hören. Das waren alle Dummköpfe, Pedanten, Abſchreiber, Quackſalber und Betrüger; man mochte ein Stück nennen, welches man wollte, es war platt, dumm und abgeſchmackt. Man muß geſtehen, dieſer Schriftſteller iſt wenigſtens vom Vorwurf der Schmeichelei freizuſprechen, denn, wie ich höre, hat er in ſeinem Leben noch nie eine Zeile gelobt, auch wenn ſie vön ſeinem beſten Freunde kam. Dieſe anmaßende Aufgeblaſenheit, Schriftſteller herabzuſetzen, für deren Ruhm ſich die ganze Geſellſchaft intereſ⸗ ſirt, iſt eine ſolche Beleidigung gegen den Verſtand daß ich unmöglich geduldig zuhören konnte. Ich fragte ihn um ſeine Gründe, Werke zu verachten, die mir ungemeines Vergnügen gemacht haben, und da er eben nicht viel dialektiſche Schärfe zu beſitzen ſchien, ſo gab ich ihm mit vieler Freimüthigkeit zu erkennen, daß ich anderer Meinung ſey als er. Verwöhnt durch die Nachgiebigkeit und Demuth ſei⸗ ner gewöhnlichen Zuhörer, konnte er einen Widerſpruch nicht mit Gelaſſenheit ertragen, und vielleicht wäre das Männchen hitzig geworden, wäre nicht auf einmal ein Bruder in Apoll dazu ge⸗ kommen, bei deſſen Erſcheinung er jedesmal das Feld räumt. Dieſe zwei Nebenbuhler gehören verſchiedenen Cliquen an und leben ſchon ſeit zwanzig Jahren in offener Fehde. War der Erſte dogmatiſch, ſo war Dieſer ein declamatoriſches Genie; er ſprach 155 nicht, ſondern haranguirte, und ſeine Reden waren eben ſo lang⸗ weilig als ſchwulſtig. Auch er entſcheidet vom Katheder herab über den Werth ſeiner Zeitgenoſſen, und obgleich er ſich kein Gewiſſen daraus macht, mit vollen Händen an die elendeſten Schmierer in Grubſtreet Lob auszuſpenden, wenn ſie ihm nur mündlich ſchmei⸗ cheln oder zu ſeinem Ruhm und Preis in die Zeitungspoſaune ſtoßen, ſo verdammt er doch auf's Unverſchämteſte und Bösartigſte alle übrigen noch lebenden Schriftſteller. Der Eine iſt ein Tölpel, denn er ſtammt ja aus Irland; der Andere iſt eine halb ausge⸗ hungerte literariſche Laus, denn er kommt von den Ufern der Tweed; ein Dritter ein Eſel, weil er vom Hof eine Penſion be⸗ kommt; der Vierte iſt ein wahrer Engel der Dummheit, weil es ihm mit einer Art zu ſchreiben geglückt iſt, die dieſem Ariſtarch nicht gelingen wollte; einen Fünften, der ſich unterfing, eines ſeiner Werke zu kritiſiren, nennt er eine kritiſche Wanze, die noch ärger ſtinkt als ſticht; furz, außer ihm und ſeinen Mpyrmidonen gibt es in den drei vereinigten Königreichen keinen einzigen Mann von Geiſt und Gelehrſamkeit. Was den Beifall betrifft, den Schrift⸗ ſteller gefunden haben, welche nicht zu ſeinem Panier gehören, ſo ſchreibt er ihm dem Umſtande zu, daß das Publikum durchaus keinen Geſchmack beſitzt; dabei vergißt er freilich, daß er ſelbſt eben dieſem geſchmackloſen Publikum das bischen Anſehen zu verdanken hat, womit er ſich ſo gewaltig aufbläht. Solche Burſche taugen ſchlechterdings nicht in die Geſellſchaft. Wenn ſie den Vortheil behaupten wollen, den ſie durch ihre Schriften erworben haben, ſo ſollten ſie ſich niemals anders als auf dem Papier zeigen. Mir wenigſtens läuft die Galle immer über, ſo oft ich ſehe, daß ein Menſch ſo erhabene Ideen im Kopf und ſo armſelige Empfindungen im Herzen haben kann. Ueber⸗ haupt wird man finden, daß es mit der menſchlichen Seele in Beziehung auf Offenherzigkeit am Schlechteſten ausſieht. Ich möchte faſt glauben, es gäbe überhaupt kein Herz, das von allem Neide 156 frei ſey, und vielleicht iſt derſelbe ein weſenklicher Beſtandtheil unſerer Natur. Ich beſorge, wir bemänteln dieſes Laſter zuweilen unter dem ſcheinbaren Namen Nacheiferung. So habe ich einmal einen wahrhaft großmüthigen, menſchenfreundlichen und geſetzten Mann gekannt, der ſogar Selbſtverläugnung zu beſitzen ſchien, aber nicht einmal ſeinen Freund loben hören konnte, ohne Zeichen der Unbe⸗ haglichkeit blicken zu laſſen; gerade als ob das Lob eine gehäſſige Vergleichung zu ſeinem Nachtheile in ſich gefaßt hätte, und als ob jeder Lorbeer des Ruhms, den man in den Kranz des Andern flocht, ihm von ſeinen eigenen Schläfen geriſſen würde. Es iſt dieß eine häßliche Art von Eiferſucht, wovon mich, Gott ſey Dank, mein Gewiſſen frei ſpricht. Soll man es Laſter oder Schwachheit nennen, das laſſe ich Ihnen zu unterſuchen. Es gibt noch einen andern Punkt, den ich viel lieber entſchie⸗ den ſehen möchte, ob nämlich die Welt von jeher ein ſo verächt⸗ liches Ding geweſen iſt, wie ſie mir im gegenwärtigen Augenblick vorkommt. Wenn die Sitten der Menfchen ſich in den letzten dreißig Jahren nicht außerordentlich verſchlechtert haben, ſo hat mich offenbar der gewöhnliche Fehler des Alters angewandelt: „difficilis, queruius, laudator temporis acti,“ oder was wohl wahrſcheinlicher iſt, die ſtürmiſchen Beſtrebungen und Beſchäfti⸗ gungen der Jugend haben mich damals verhindert, dieſe verderbte Seite der menſchlichen Natur zu bemerken, die meinen Augen jetzt ſo eckelhaft erſcheint. Wir ſind bei Hofe, an der Börſe und überalt geweſen; allent⸗ halben finden wir Nahrung für den Spleen, aber auch Manches zum Lachen. Mein neuer Bedienter Humphry Klinker erweist ſich als ein großes Original, und Tabby iſt eine ganz andere Kreatur geworden. Sie hat ihren Joli weggeſchenkt und lächelt beſtändig, wie Malvoglio in der Komödie. Ich will mich hängen laſſen, wenn ſie nicht eine Rolle ſpielt, die ihr nicht vom Herzen geht, aber warum und weßwegen, habe ich noch nichſt ausfindig gemacht. 157 In Beziehung auf den Charakter der Menſchen iſt meine Neugierde vollkommen geſättigt. Meine Studien über den Wenſchen habe ich vollendet, und muß mich jetzt bemühen, aus der Neuheit der Dinge etwas Beluſtigendes für mich herauszufinden. Für den Augenblick bin ich durch eine gewaltige Gemüthsbewegung aus meiner natürlichen Richtung getrieben, wenn aber dieſe Kraft auf⸗ hört zu wirken, ſo werde ich mit verdoppelter Schnelligkeit nach meiner Einſamkeit zurückkehren. Alles was ich in dieſem großen Behälter der Narrheit, Falſchheit und Büberei ſehe, höre und fühle, trägt nur dazu bei, den Werth des Landlebens zu erhöhen in den Augen Ihres ergebenſten M. Bramble. London, den 2. Juni. An Jungfer Marir Jones zu Brambletonhall. Mein liepes Wigchen! Moſiöh Kromb, der bei der Vrau von Kriskin Dafeldecker iß, hat den Herrn Barton gebeten, daß er meinen Brief frei in den ſeinigen einſchließen ſoll, und ſo kann ich nicht underlaſſen, Ihr zu ſchreiben uud thu Ihr zu wißen, daß ich und die ganze lieb⸗ werthe Familie geſund bin. Ich konnte Ihr den Brief nicht mit Thomas ſchicken, denn er war ſchon weg, er hat Knall und Fall ſeinen Abſchied gekriegt, Er und Scholli hatten eine Pike auf einander und ſo geriethen in den Weg geſchickt, der heißt Humfry Klinker, und iſt die beſte Seele, ſo weit man Brod ißt. Bei ihm iſt das Sprüchwort wahr, eine hungrige Katze kann gut Mäuſe fangen, und man ſieht einem Menſchen oft nicht an, was in ihm ſteckt, aber ich glaub es wohl, wenn man lang krank geweſen iſt, kann man nicht gut ausſehen, und wenn man nichts verdient, ſo muß man Hunger leiden. O Migchen, was ſoll ich Ihr von London erzählen? Alle Städte, die ich meiner Lebtage geſehen habe, ſind nur elende Bauern⸗Neſter gegen dieſe wundervolle Stadt. Sogar Bath, das ſchöne Bath, iſt nur ein ſchlechtes Dorf dagegen. Man könnte glauben, die Straßen hätten gar kein Ende, ſo lang ſind ſie. Und dann ſind ſo allmächtig viel Leute darauf, die immer einer ſchneller gehen, als der andere. Den ganzen Tag ein Gefahre mit Kutſchen, ein Geſchrei und ein Gewimmel von Leuten, die etwas zu kaufen haben, und dann iſt hier ſo viel Wunderbares zu ſehen, daß man Naſe und Ohr aufſperren möchte. Ach du libſte Zeit, ſo lange ich jetzt hier bin, geht es in meinem armen wäli⸗ ſchen Gehirn herum, wie ein Mühlrad; ich habe hier den Park geſehen und den Palläſt St. Schemſes und des Königs und der Königin großen Kaningtongarten, und die ſüßen kleinen Prinzen und die großmächtigen Elephanten und den bunten Eſel und die ganze königliche Familie. In der vorigen Woche fuhr ich mit dem jungen Vräulein nach dem Tauer und Wir beſahen da die Krone und die wilden Thiere und ich ſage Ihr, da war ein reißender Löwe, der hatte Zähne, ſo lange, als eine halbe Elle, und da war ein Herr, ver ſagte zu mir, ich ſolle ja der Beſtie nicht nahe kommen, wenn ich keine Jungver mehr ſey, denn ſonſt würde er brüllen und mich in tau⸗ ſend Stücke zerreißen. Es war mir auch gar nicht darum zu thun, nahe heran zu gehen, denn ich kann ſo gefährliche Thiere gar nicht leiden. Aber das Vräulein ging ganz dreiſt auf ihn zu und 159 das Thier fieng hier an zu brüllen und Sprünge zu machen, daß ich glaubte, es werde ſeinen Käſich zerreißen und uns Alle mit Haud und Haar auffreſſen, und der Herr, von dem ich geſagt habe, lachte überlaut, aber ich will mir den Kopf abſchlagen laſſen, daß das Vräulein eine ſo gute Jungver iſt, wie ein un⸗ gebornes Kind, und deßwegen hat entweder der Herr gelogen, oder der Löwe muß in's Gefängniß, weil er falſch Zeugniß gegen ſeinen Nächſten geredet hat, denn das achte Gebot heißt: Du ſollſt nicht falſch Zéugniß reden wider deinen Nächſten. Hernach bin ich auch mit einer großen Geſellſchaft in Sau⸗ terswell geweſen, und da habe ich eine ſolche Menge Hokuspokus⸗ Tänze und Sprünge auf Seilern und Drähten geſehen, daß es mir ganz grün und gelb vor den Augen wurde, und ich um ein Haar in Ohnmacht gefallen wäre. Ich glaubte, es ſey Alles Hexerei, und da dachte ich, ſie haben mich auch ſchon behert und fing an, laut zu ſchreien. Sie weiß ja wohl, daß die Herxen bei uns in der Walpurgisnacht auf Beſenſtielen in der Luft reiten. Aber hier ritten ſie und hatten nicht einmal einen Beſenſtiel oder ſonſt nichts in der Welt, und ſchoſſen ihre Piſtole in der Luft ab. Und ſie muſizirten mit Trompeten und Trommeln, ſchwenkten ſich und fuhren mit Schubkarren auf einem eiſernen Draht, der nicht dicker war, als ein Spinnfaden, ſo daß es nicht anders ſeyn kann, es muß mit dem Gottſeybeiuns zugehen. Ein hübſcher Herr mit einer Zopſperrücke und einem goldenen Degen an der Seite ſetzte ſich zu mich, ſprach mir ganz höflich Muth zu und wollte mich mit einem Glas Wein traktiren, aber ich wollte nicht da bleiben, und ſo, als wir durch den finſtern Gang gingen, fieng er an, ſeinen Pferdefuß zu zeigen, und wollte meine arme Seele mit 160 nen Spazierrohre den Staub aus dem KFleide, und kehrte ſich nichts an ſein goldenes Käſemeſſer, und da packte er mich unter ſeinen Arm und brachte mich nach Hauſe; wenn man mich geſtochen hätte, ich hätte kein Blut gegeben, ſo verſchrocken war ich Aber. Gott ſey Lob und Dank, ich habe allen dieſen Eitelkeiten Adieh geſagt; denn was ſind dieſe Raritäten und Lumpereien gegen die Herrlichkeit Gottes droben? O Migchen, laß ſie ja Ihr armes Herz nicht von den Eitelkeiten dieſer Welt beſtricken. Beinahe hätte ich's vergeſſen, Ihr zu ſagen, daß man mir die Haare geſchnitten und aufgewickelt und gebrannt und gepudert hat, ganz nach der allerneuſten Mode von einem franzöſiſchen Friſör, Par le wu fraſchä, wui madmva Sell. Ich trage jetzt meinen Kopf höher, als die vornehmſten Edelvrauen in unſerer Gegend. Geſtern Nacht, als ich aus der Andachtsübung nach Hauſe ging, hat man mich beim Lampenſcheine für die Tochter eines vornehmen Kochs gehalten, was eine große Schönheit iſt. Aber ich ſag's noch einmal, das ſind lauter Eitelkeiten und Ver⸗ ſuchungen des böſen Geiſtes.— Die Ergötzlichkeiten in London ſind nicht beſſer, als ſaure Molken und abgeſtandener Moſt, wenn man ſie mit den Freuden des neuen Jeruſalems vergleichen thut. Meine liebſte Migchen Jones, wenn ich, wills Gott, wieder nach Hauſe kommen, will ich Ihr eine neue Haube mitbringen und einen ſchildkrotenen Kamm, und ein Gebetbuch, aus dem man in der Verſammlung der Frommen gepredigt hat; und ich bitte Sie, ſo lieb Sie mich hat, geb Sie ſich ein bischen Mühe mit Schreiben und Buchſtabiren, denn nehm's ſie mir's nicht übel, liebe Migchen, ich habe ſchwitzen müßen, wie ein Magiſter, bis ich Ihr letztes Geſchmier herausgekriegt habe, was mir der Bote nach Bath gebracht hat. O Mädchen, Mädchen, wenn du nur den geringſten Begriff davon hätteſt, was wir gelehrte Leute vor ein Vergnügen haben, wenn wir das ſchwerſte Buch ſo von der Hand wegleſen und allerlei fremde Wörter hinſchreiben können⸗ 161 und nicht brauchen, das Abebuch erſt nachzuleſen, und Moſiöh Klinker der iſt Ihr ſo geſchickt, daß man ihn zum Küſter an einer großen Kirche brauchen könnte.— Aber ich will jetzt nichts mehr ſagen, und viele ſchöne Grüße an Salome, die gute Seele, das Herz thut mir im Leibe weh, wenn ich daran denke, daß ſie noch nicht einmal alle Buchſtaben auswendig weis. Aber kommt Zeit, kommt Rath. Sie wird wohl etwas hartlernig ſeyn, aber ich will Ihr das ganze Abc in Pfefferkuchen mitbringen, und da poll ſie keinen Buchſtaben eher zu eſſen kriegen, bis ſie weiß, wie er heißt. Das Vräulein hat geſagt, wir ſollen ein lange Reiß nach dem Norden machen, aber wir mögen hinreißen wo wir wollen, ich bin immer und überall Ihre herzlich geliebte Winifred Jenkens. London, den 3. Juni. An Sir Watkin Philipps im Irſuitenkollegium zu Orford. Mein liebſter Wat! In meinem Letzten meldete ich Ihnen, daß mein Oheim im Sinne habe, die Antichambre des Herzogs von N. zu beſuchen. Dieſer Vorſatz iſt nun wirklich auch ausgeführt worden. Seine Ercellenz iſt ſchon ſo lange an dieſe Art von Huldigung gewöhnt, daß er, ob er gleich auf ſeinem jetzigen Poſten nicht den zehnten Theil ſeiner früheren Gewalt in Händen hat, doch zu wiederholten Malen ſeinen Freunden zu verſtehen gab, ſie können ihm keinen größeren Gefallen thun, als wenn ſie dazu beitragen, den Schat⸗ ten dieſer Gewalt, deren Weſen und Wirklichkeit dahin iſt, zu unterhalten. Aus dieſem Grunde nun hat er immer ſeine gewiſſen Tage, an denen er Audienz ertheilt. Mein Oheim und ich gingen mit Herrn Barton zu ihm, der Smollet's Romane. KIII. 11 162 als ein Anhänger des Herzogs es über ſich nahm, uns vorzuſtellen. Das Zimmer war beinahe ganz voll von Leuten in allerlei Klei⸗ dung; doch war nur ein einziger Prieſterrock darunter, obgleich man mir geſagt hat, daß Seine Excellenz während der Amtsfüh⸗ rung als Miniſter beinahe alle Biſchöfe gemacht habe, welche jetzt im Oberhauſe die geiſtlichen Bänke anfüllen; doch es verhält ſich mit der Dankbarkeit der geiſtlichen Herren wie mit ihrer Mild⸗ thätigkeit, ſie ſcheut das Licht und Niemand erfährt davon. Herr Barton wurde gleich bei ſeinem Eintritte von einem Manne an⸗ geredet, der ſchon ziemlich bei Jahren, dabei lang und dürr war, eine Habichtsnaſe und in ſeinem Blick ein gewiſſes Etwas hatte, das eben ſo viel Schlauheit als Verſtand andeutete. Unſer Führer grüßte ihn als Capitain C. und ſagte uns nachher, es ſey dieß ein Mann von ſehr verſchlagenem Kopfe, den die Regierung gele⸗ gentlich zu geheimen Dienſten verwende. Doch ich habe ſeine Ge⸗ ſchichte ausführlich von einer andern Hand bekommen. Er hatte ſich ſchon vor vielen Jahren als Kaufmann in Frankreich in meh⸗ rere Betrügereien verwickelt, und als man ihn einiger davon über⸗ führte, wurde er auf die Galeeren geſchickt, aber durch Fürſprache des verſtorbenen Herzogs von Oromond, dem er ſich ſchriftlich als Namensvetter und Verwandter empfohlen hatte, wieder in Freiheit geſetzt. Später brauchte ihn unſer Miniſterium als Spion, und in dem Kriege von 1740 durchwanderte er, als Kapuziner verklei⸗ det, ſowohl ganz Spanien als Frankreich mit der größten Lebens⸗ gefahr, da der ſpaniſche Hof ihm wirklich auf die Spur gekommen war, und Befehl gegeben hatte, ihn zu St. Sebaſtian zu verhaf⸗ ten. Glücklicher Weiſe aber war er ſchon einige Stunden aus dem Orte, als der Befehl ankam. Dieß und noch ein anderes hals⸗ brechendes Unternehmen hat er bei dem engliſchen Miniſterium ſo nachdrücklich als etwas Verdienſtliches geltend zu machen gewußt, daß ihm eine recht anſtändige Penſion bewilligt wurde, die er nunmehr in ſeinen alten Tagen verzehrt. Er hat noch immer bei 163 allen Miniſtern Zutritt, und man ſagt, ſie ziehen ihn, als einen Mann von ungewöhnlichem Verſtand und großer Erfahrung, bei manchen Dingen zu Rathe. Er iſt aber auch in der That ein Burſche von vielem Kopf und unerſchütterlicher Zuverſichtlichkeit bei Allem, was er ſpricht; er weiß ſich ein ſo wichtiges Anſehen zu geben; daß ihn einige von den hohlköpfigen Staatsmännern, die ſich gegenwärtig am Ruder der Regierung halb zu Tode quä⸗ len, wohl für Wunder was halten können. Allein wenn nur die Hälfte von dem wahr iſt, was man von ihm ſagt, ſo iſt dieß nicht der einzige Betrug, deſſen er ſich ſchuldig gemacht hat. Man ſagt ihm nach, daß er nicht nur katholiſch, ſondern wirklicher Prieſter ſey, und unter dem Vorwand, als ob er unſern Staats⸗ männern am Staatsruder alle Springfedern entdeckte, welche den Hof von Verſailles in Bewegung ſetzten, ſoll er dem franzöſiſchen Miniſter geheime Nachrichten mittheilen, ſo viel er nur bekommen kann. Dem ſey, wie ihm wolle, Capitain C. ließ ſich mit uns in ein äußerſt freundſchaftliches Geſpräch ein, und äußerte ſich höchſt unumwunden über den Herzog.„Der alte Narr,“ ſagte er, „iſt noch im Bette, und meiner Anſicht nach könnte er nichts Beſ⸗ ſeres thun, als bis Weihnachten fortſchlafen, denn ſo bald er auf⸗ ſteht, ſtellt er ja doch nur ſeine Dummheit an den Pranger. Seit Granville abgegangen iſt, hat die Nation keinen Miniſter mehr gehabt, der ſo viel werth wäre, als das weiße Mehl in ſeiner Perrücke. Sie ſind ſo unwiſſend, daß ſie den Mond für einen holländiſchen Käs anſehen, und dabei ſo ſchafsköpfig, daß man ihnen kaum begreiflich machen kann, warum zweimal zwei vier iſt. Im Anfang des Kriegs ſagte dieſes halbgeborne Rindvieh in großer Angſt zu mir, dreißigtauſend Franzoſen ſeyen von Acadie nach Cap Breton marſchirt.— Und wo haben ſie denn die Trans⸗ portſchiffe hergenommen? ſagte ich.— Transportſchiffe, rief er, ich ſage Ihnen ja, daß ſie zu Lande marſchirt ſind.— Zu Lande nach der Inſel Cap Breton?— Was„iſt denn Cap Breton eine 164 Inſel?— Ganz gewiß.— Im Ernſte, iſt das wahr?— Als ich es ihm auf der Karte nachwies, unterſuchte er es ſorgfältig mit der Brille auf der Naſe, drauf ſchloß er mich in ſeine Arme rief: Mein liebſter C., Sie bringen uns doch immer gute Neuig⸗ keiten. Ich will ſogleich hingehen und dem König ſagen, daß Cap Breton eine Inſel iſt.“ Er ſchien gute Luſt zu haben, uns noch mehrere ſolche Anek⸗ doten auf Koſten Seiner Excellenz zum Beſten zu geben, als er durch die Ankunft des algieriſchen Geſandten unterbrochen wurde. Es war dieß ein ehrwürdiger Türke mit langem weißem Barte, er hatte einen Dragoman oder Dolmetſcher und noch einen andern Hausoffizianten bei ſich, der keine Strümpfe an den Füßen hatte. Capitain C. ſprach ſogleich in gebieteriſchem Tone mit einem Aufwärter und befahl ihm, dem Herzog zu ſagen, daß er auf⸗ ſtehen ſolle, indem bereits eine große Verſammlung da ſey und unter Andern der Geſandte von Algier. Sodann wandte er ſich wieder zu uns und fuhr fort:„Dieſer ehrliche Türke iſt trotz ſeines langen Bartes doch nur ein gewöhnlicher Einfaltspinſel. Er weilt jetzt ſchon viele Jahre als Reſident in London, und weiß immer noch nichts von unſern Staatsveränderungen. Sein Beſuch gilt dem Premierminiſter von England, allein Sie werden ſehen, wie der hochweiſe Herzog ihn als Zeichen der Ergebenheit gegen ſeine eigene Perſon auslegen wird.“ Und wirklich ſchien der Herzog ſehr geneigt, dieſe Höflichkeit anzuerkennen. In dieſem Augen⸗ blick öffnete ſich eine Thüre, er ſtürzte heraus mit einem Bart⸗ Tuche unter dem Kinn, ſein Geſicht bis unter die Augen zum Raſiren eingeſeift, lief auf den Geſandten los, grinste ihm dumm in's Geſicht und ſagte!„Mein liebſter Mohamed, Gott ſegne Ihren langen Bart! Ich hoffe, der Dey wird Sie bei der näch⸗ ſten Beförderung zum Roßſchweif machen, ha, ha, ha! Haben Sie nur einen Augenblick Geduld, ich werde ſogleich wieder zu Ihnen ſenden.“ Mit dieſen Worten rannte er in ſein Zimmer * — 165 zurück und ließ den Türken in ſichtbarer Verlegenheit ſtehen. Nach einer kurzen Pauſe ſagte er indeß zu ſeinem Dollmetſcher etwas, deſſen Sinn ich zu erfahren ſehr neugierig war, weil er dabei mit Verwunderung und Andacht die Augen emporhob. Der redſelige Capitain, der ſich mit dem Dolmetſcher wie mit einem alten Be⸗ kannten unterhielt, befriedigte unſere Neugierde.„Ibrahim, der Geſandte, hat Seine Excellenz für Dero luſtigen Rath angeſehen, und kaum war er durch den Dollmetſcher aus ſeinem Irrthum ge⸗ bracht, als er ungefähr folgenden Seufzer ausſtieß: Heiliger Prophet, nun wundert's mich nimmer, daß es dieſer Nation ſo wohl ergeht, da ich ſehe, daß ſie nach dem Rathe der Blödſinni⸗ gen regiert wird! eine Art Menſchen, die jeder rechtgläubige Muſelmann als Organe der unmittelbaren göttlichen Eingebung verehrt.“ Ibrahim wurde mit einer beſondern Audienz beglückt, die nicht lange dauerte, worauf ihn der Herzog bis an die Thüre begleitete und dann zurückkehrte, um ſeine gnädigen Blicke über den Haufen ſeiner Verehrer ſchweifen zu laſſen. Als Herr Barton vortrat, um mich Seiner Excellenz vorzu⸗ ſtellen, hatte ich das Glück, ſeinen Blick auf mich zu ziehen, noch ehe ich genannt war. Er kam mir alsald mehr als halbwegs entgegen, faßte mich bei der Hand und rief:„Mein wertheſter Sir Francis, das iſt ſehr gütig von Ihnen! Bei meiner Ehre, ich bin Ihnen im höchſten Grade verbunden— ſolche Aufmerkſamkeit gegen einen armen geſtürzten Miniſter— nun gut, wann gedenken Euer Excellenz unter Segel zu gehen? Haben Sie um Gottes⸗ willen recht Acht auf Ihre Geſundheit, und eſſen Sie unterwegs brav gekochte Pflaumen. Nach Ihrer köſtlichen Geſundheit aber bitte ich Sie, meine liebe Excellenz, auch für die fünf Nationen zu ſorgen— unſere guten Freunde, die fünf Nationen— die Toryrories, die Maccolmacks, die Auto'theways, die Crickets, die Kieſhaws.— Nehmen Sie ihnen brav viel Matrazen mit, und Branntwein und Wampum. Unterlaſſen Eure Excellenz ja nicht, 166 warm zu trinken, kalt zu eſſen, den Baum zu vergraben und die Axt zu pflanzen, ha, ha, ha!“— Als er dieſe Rhapſodie mit ſei⸗ ner gewöhnlichen Schnellzüngigkeit vorgebracht hatte, gab ihm Herr Barton zu verſtehen, daß ich weder Sir Francis noch der heilige Franziskus ſey, ſondern nichts mehr und nichts weniger als Herr Melford, Neffe des Herrn Bramble, der inzwiſchen vor— trat und ſeine Reverenz machte.„Ei, ſeht doch, es iſt doch nicht Sir Francis,“ ſagte dieſer weiſe Staatsmann;„Herr Melford, es freut mich, Sie zu ſehen. Ich habe Ihnen einen Ingenieur ge⸗ ſchickt, daß er Ihre Docke befeſtigt.— Herr Bramble— gehor⸗ ſamſter Diener, Herr Bramble— wie befinden Sie ſich, Herr Bramble? Ihr Neffe iſt ein artiger junger Menſch! Auf Ehre und Seligkeit, ein recht artiger junger Menſch.— Sein Vater iſt ein alter Freund von mir, was macht doch der gute Mann, hat er noch immer mit der verdammten Krankheit zu ſchaffen?“— „Nein, Mylord,“ antwortete mein Oheim,„alle ſeine Krankheiten haben aufgehört, er iſt ſchon fünfzehn Jahre todt.“—„Todt! Wie? Doch ja, jetzt entſinne ich mich. Ja, leider! er iſt todt. Nun gut, wohin geht die Reiſe des jungen Herrn, etwa nach Haverford⸗Weſt oder— ja, mein lieber Herr Milford Haver, ich will gerne Alles für Sie thun, was in meinen Kräften ſteht. Ich hoffe, einigen Kredit beſitze ich immer noch.“— Mein Oheim gab ihm jetzt zu verſtehen, daß ich noch minderjährig ſey, und wir für den Augenblick nicht im Sinne haben, ihn mit irgend einem Geſuche zu beläſtigen.„Mylord,“ fügte er hinzu,„ich bin mit meinem Neffen hieher gekommen, um Euer Gnaden unſern Reſpekt zu bezeugen, und ich darf wohl ſagen, daß ſeine und meine Ab⸗ ſichten dabei wenigſtens eben ſo uneigennützig ſind, als die Abſich⸗ ten irgend einer Perſon in dieſer ganzen Verſammlung.“—„Mein lieber Herr Brambleberry, Sie erweiſen mir unendlich viel Ehre. Es wird mich immer ſehr freuen, Sie und Ihren hoffnungsvollen Neffen, Herrn Milfordhaven, bei mir zu ſehen. Ich ſtehe Ihnen 167 mit meinem ganzen Kredit, wie er iſt, zu Dienſten. Wollte Gott, wir hätten noch mehr Freunde von Ihrem Schrot und Korn.“ Sodann wandte er ſich zu Capitain C. und ſagte:„Ha, C., was gibt's Neues, C.? Wie wackelt die Welt, ha, ha, ha 2«— „Die Welt wackelt immer noch nach ihrer alten Mode, Mylord,“ antwortete der Capitain;„die Staatsmänner von London und Weſtminſter beginnen wieder gegen die Einrichtung von Euer Excellenz mit den Zungen zu wackeln und ihre kurze Popularität wackelt, wie eine Feder, welche der nächſte beſte Windſtoß einer antiminiſteriellen Verläumdung wegblaſen wird.“—„Ein Lum⸗ venpack,“ rief der Herzog;„Tories, Jakobiten und Rebellen; die Hälfte von ihnen müßte ſchon lange nach dem Galgen gewackelt ſeyn, wenn Jeder den gebührenden Lohn für ſeine Thaten empfinge.“ Mit dieſen Worten drehte er ſich um, ging den ganzen Kreis durch, und redete alle Anweſenden mit der höflichſten Vertraulichkeit an; ſelten aber öffnete er den Mund, ohne mit irgend einer Perſon, oder den Sachen, die er ihr zu ſagen gedachte, eine Verwechs⸗ lung zu machen, ſo daß man ihn leicht für einen Komödianten hätte halten können, der gegen gute Bezahlung die Rolle eines Miniſters traveſtirte. Endlich kam ein Herr von ſehr einnehmen⸗ dem Aeußern hereingetreten, der Lord rannte ihm entgegen, drückte ihn in ſeine Arme und führte ihn mit der Bewillkommnung: „Mein liebſter Ch.,“ alsbald in das innere Kabinet, oder das Allerheiligſte dieſes politiſchen Tempels.„Dieß,“ ſagte Capitain C.,„iſt mein Freund C. T., beinahe der einzige geſcheidte Mann, der bei der gegenwärtigen Regierung etwas zu ſagen hat. Er würde übrigens auch nichts zu ſagen haben, wenn es die Miniſter nicht unumgänglich nothwendig fänden, bei gewiſſen beſonderen Veranlaſſungen ſeine Talente zu gebrauchen. Die ge⸗ wöhnlichen Reichsgeſchäfte werden von den Schreibern und Kanz⸗ liſten der verſchiedenen Departements nach dem alten Schlendrian 16 beſorgt; ſonſt würden bei den ſchnellen Miniſterwechſeln, wo der Nachfolger gewöhnlich ein ärgerer Ignorant iſt, als ſein Vorgänger, die Rä der der Regierungsmaſchine ſtille ſtehen. Da würden wir in einer ſchönen Verlegenheit ſitzen, wenn alle Kanzliſten bei der Schatzkammer, der Staats⸗ und Kriegskanzlei, ſo wie der Admi⸗ ralität, ſich's auf einmal in den Kopf ſetzen würden, ihre Stellen aufzugeben, wie ein großer Penſionär. Um indeſſen auf C. T. zurückzukommen, er verſteht gewiß mehr, als das ganze Miniſte⸗ rium und die Oppoſition zuſammen, wenn ſie auch aus allen ihren Köpfen einen einzigen machen wollten, und dann ſpricht er über die verſchiedenſten Gegenſtände wie ein Engel. Er wäre wirklich ein großer Mann, wenn er nur im Entfernteſten etwas Geſetztes oder Zuverläßiges in ſeinem Charakter hätte. Freilich muß man zugeben, daß er auch keinen Muth beſitzt, ſonſt würde er ſich nicht von dem großen politiſchen Eiſenfreſſer, den er in Beziehung auf Verſtand mit Recht im Innern verachtet, dermaßen in's Bockshorn jagen laſſen. Ich habe ihn vor dieſem herrſchſüch⸗ tigen Hektor in Angſt geſehen, wie einen Knaben vor ſeinem Schulmonarchen, und doch habe ich gegründeten Verdacht, daß eben dieſer Hektor im Grunde nichts iſt als eine Memme. Außer die⸗ ſem Fehler hat C. T. noch einen andern, den er ſorgfältiger verbergen ſollte. Man darf ihm kein Wort glanben, und ſich auf keine ſeiner Verſprechungen verlaſſen. Gleichwohl iſt er, um auch dem Teufel Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, äußerſt gutherzig und ſogar freundſchaftlich, wenn man ihn dringend genug darum angeht. Nach Grundſätzen aber darf man bei ihm nicht fragen; mit einem Wort, er iſt ein witziger Kopf und ein äußerſt unter⸗ haltender Redner, der aber ſehr häufig auf Koſten derſelben Mi⸗ niſter zu glänzen ſucht, von deren Solde er lebt. Es iſt dieß ein Beweis von ſehr großer Unvorſichtigkeit, wodurch er ſich auch die⸗ ſelben alle zu Feinden gemacht hat; ſie mögen nun Geſichter gegen ihn ſchneiden, welche ſie wollen, früher oder ſpäter wird er „ 169 Urſache haben, zu wünſchen, daß er ſeine Zunge beſſer im Zaume gehalten hätte. Ich habe ihn über dieſen Punkt mehrmals gewarnt, allein meine Stimme verhallt jedes Mal wie die des Predigers in der Wüſte, denn ſeine Eitelkeit rennt mit ſeinem Verſtande davon.“ Hier mußte ich auf den Gedanken kommen, dem Capitain ſelbſt würden vielleicht einige ähnliche Warnungen auch nicht ſchaden. Seine Lobrede, die weder von Grundſätzen noch von Wahrheitsliebe wiſſen will, erinnert mich an einen Streit zweier Obſthändlerinnen, die ich einmal im Springgarden belauſcht habe. Eine der Heldinnen hatte einige nachtheilige Winke über den mo⸗ raliſchen Charakter der Andern fallen laſſen, worauf ihre Wider⸗ ſacherin die Hände in die Seite ſtemmte und erwiederte:„Sag's nur heraus, Du Vettel, ich verachte Dich und Deine Bosheit. Es iſt wahr, ich habe gehurt und geſtohlen; was kannſt Du mehr von mir ſagen? Der Teufel hole Dich, was kannſt Du mehr von mir ſagen? Halt's Maul von dem, was die ganze Stadt weiß, und ſage jetzt auch einmal etwas Anderes.“ Wir blieben nicht ſo lange, bis Herr C. T. wieder zum Vorſchein kam, ſondern als Capitain C. uns alle anweſenden Originale beſchrieben hatte, brachen wir auf und gingen nach einem Kaffeehauſe, allwo wir Thee und warme Wecken mit Butter frühſtückten, und der Capitain uns noch immer Geſellſchaft leiſtete; ja, mein Oheim hatte eine ſolche Freude an ſeinen Anekdoten, daß er ihn zum Mittageſſen bat, wo er ſich dann eine ſchöne Steinbutte trefflich ſchmecken ließ..Den Abend brachte ich mit ein paar Freunden im Wirthshauſe zu; einer davon gab mir mehrere Aufſchlüſſe über den Charakter des Capitains, und als mein Oheim erfuhr, wie es ſich damit verhielt, erklärte er ſogleich, es thue ihm leid, ſich ſo weit mit ihm eingelaſſen zu haben, und er werde jedes Verhältniß mit ihm ohne Umſtände abbrechen. Wir ſind Mitglieder der Geſellſchaft zur Beförderung der 170 Künſte geworden, und haben auch einigen ihrer Berathungen ange⸗ wohnt, wobei viel Geiſt und geſunder Sinn an den Tag gelegt wurde. Mein Oheim iſt dieſem Inſtitut mit Leib und Seele zu⸗ gethan, und gewiß wird es ſehr viel Gutes ſtiften, wenn es nicht zufolge ſeiner demokratiſchen Form in eigennützige und ehrgeizige Kabalen ausartet. Sie kennen ja bereits ſeinen Abſcheu vor dem Einfluß und ver Mitregierung des großen Haufens, der, wie er behauptet, nichts Vortreffliches emporkommen läßt, und alle gute Ordnung untergräbt. Sein Widerwille gegen den Pöbel iſt neuer⸗ dings noch geſteigert worden durch die Furcht, ſeitdem er in Bath in Ohnmacht gefallen, und ſeine Aengſtlichkeit geht ſo weit, daß er niemals das kleine Theater in Haymarket oder andere öffentliche Vergnügungsorte beſucht, wohin ich indeß die Damen zu begleiten die Ehre hatte. Es wurmt dem Alten ſehr, wenn er bedenkt, daß es ihm rein unmöglich iſt, auch die ſchönſten Ergötzlichkeiten der Hauptſtadt zu genießen, ohne den Pöbel daran Theil nehmen zu laſſen; denn dieſer drängt ſich jetzt allenthalben ein, von der Maskerade in St. James an bis zu den Tanzgelagen in Rotherhithe. Neulich habe ich auch unſern alten Freund Dick Jvy geſehen, von dem wir glaubten, er habe ſich zu Tode geſchnapst. Er iſt erſt kürzlich aus der Fleet— dem Quartier der zahlungsunfähigen Schuldner— wieder hervorgetaucht, Dank einer Schrift, die er gegen das Miniſterium geſchrieben hat, und die gut abgegangen iſt. Der Gewinnſt von dieſem Werkchen ſetzte ihn in den Stand, mit reiner Wäſche zu erſcheinen, und er geht jetzt damit um, eine Subſcription auf ſeine Gedichte zu Stande zu bringen; ſeine Beinkleider ſind indeß noch keineswegs im wünſchenswertheſten Zuſtande. Dick verdient offenbar Unterſtützung wegen ſeiner Kaltblütig⸗ keit und Beharrlichkeit. Keine fehlgeſchlagene Hoffnung, ja ſelbſt die unmittelbarſte Ausſicht auf den Höllenpfuhl nicht, kann ihn 171 zur Verzweiflung bringen. Nach einigen unglücklichen Verſuchen auf dem Felde der Poeſie fing er eine Branntweinſchenke an, und ich glaube, ſein ganzes Lager floß durch ſeine eigene Gurgel; hierauf quartirte er ſich bei einer Milchfrau ein, die in Kleinfrank⸗ reich einen Keller bewohnte, allein nun konnte er den Miethzins nicht bezahlen, ein Corporal vom zweiten Regiment der Garde zu Fuß ſtach ihn aus, und trieb ihn wieder an's Tageslicht, auf die Gaſſe. Nachdem machte er den Leiermann auf der Blackfriars⸗ Brücke, und von da war der Uebergang in die Fleet ſehr natür⸗ lich. Da es ihm früher mit Lobſchriften nicht geglückt iſt, ſo wen⸗ det er jetzt ſeine Geiſteskräfte der Satyre zu, und ſcheint wirk⸗ lich auch einige Anlagen zum Spotten zu beſitzen. Wenn er ſich bis zur Zuſammenkunft des nächſten Parlaments durchhelfen und zu einem neuen Schlag bereit halten kann, ſo wird Dick aller Wahrſcheinlichkeit nach entweder den Pranger beſteigen, oder eine Penſion erhalten, und in beiden Fällen iſt ſein Glück gemacht. MWittlerweile hat er ſich unter den ehrenwerthen Schriftſtellern un⸗ ſerer Zeit ein gewiſſes Anſehen erworben, und da ich auf ſeine übrigens äußerſt ſteif und znrückhaltend. Sie ſchienen einander zu fürchten und zu beneiden, und ſo ſaßen ſie beiſammen, ſteif und langweilig, als bangte es ihnen vor jeder gegenſeitigen Verüh⸗ rung, wie Dunſttheilchen, von denen jedes mit ſeiner eigenen elektriſirten Atmoſphäre umgeben iſt. Dick, der mehr Lebhaftigkeit als Klugheit beſitzt, machte verſchiedene Verſuche, das Geſpräch in den Gang zu bringen; er ſtrengte ſeinen Witz an Wortſpiel um's andere vom Stapel laufen; 172 die Pveſie der Alten, und einer von ihnen, ein ehemaliger Schul⸗ Proviſor, kramte ſeinen ganzen Schatz proſodiſcher Kenntniſſe aus, den er in Diſputer und Ruddimann zuſammengeſtoppelt hatte. Endlich wagte ich die Bemerkung, ich ſehe nicht ein, wie der fragliche Gegenſtand auf irgend eine Weiſe durch die Praxis der Alten beleuchtet werden könne, da dieſelben offenbar weder Reime noch reimloſe Verſe im angedeuteten Sinne gehabt, ſondern ihre Verſe nach Klangfüßen gemeſſen haben, während wir die unſrigen nach Sylben abzählen. Dieſe Einwendung ſchien dem Schulfuchs verdächtig; er hüllte ſich alsbald in eine Wolke von griechiſchen und lateiniſchen Citaten, welche Niemand zu zertheilen verſuchte. Sofort folgte ein verworrenes Gemurmel von abgeſchmackten Be⸗ merkungen und Erklärungen; überhaupt habe ich in meinem gan⸗ zen Leben keinen ſo langweiligen Abend zugebracht. Und dennoch waren ohne allen Zweifel einige gelehrte, witzige und ſogar geiſtreiche Köpfe in der Geſellſchaft. Da indeß keiner den andern anrühren mag, ſo ſollte zur Unterhaltung der Geſellſchaft jeder ſeine eigene Scheibe mitbringen und ſeine Pfeile nach derſelben abſchießen. Mein Oheim ſagt, er wünſche niemals mit mehr als Einem Genie zu gleicher Zeit in Geſellſchaft zu ſeyn. Ein einziger Schöngeiſt iſt wie ein Hammelsknochen in der Suppe, ſie bekommt einen guten Geſchmack davon; ſobald es aber mehrere ſind, ſo wird ſie verderbt. Und jetzt fürchte ich nur, ich habe Ihnen in dieſem gewiſſenlos langen Brief ein ſchales Gericht vor⸗ geſetzt, das gar keinen Geſchmack hat. Werfen Sie immerhin die Schüſſel an den Kopf Ihrem ergebenſten H. Melford. London, den 5. Juni. In unſerm Verla lungen zu beziehen: Der deutſche Pilger durch die Welt. Palender und Wolis buch für alle Länder deutſcher Zunge auf das Jahr 1842. Herausgegeben von einer Geſellſchaft von Gelehrten und Schriftſtellern 8 mit Beiträgen von Teupold Schefer, Dr. Stern in Göttingen, Heholder, Ml. Boneck, Tudwig Storch, Dr. J. M. Duttenhofer, Dr. J. Schmidt in Zittau, R. v. Rreling, Dr. Ofterdinger, A. Lewald und Andern. Mit Lithographien und vielen in den Text eingedruckten Holzſchnitten. Druck⸗Velin„Papier. 15 Bogen groß Lexicon⸗Format. In eleganten Umſchlag geheftet. Preis 1 oder 54 kr. rhein. ge iſt erſchienen und durch alle Buchhand⸗ d 2 gGr.(= 13 Sgr.) Inhalt: Der eigentliche Kalender für Proteſtanten, Katholiken, Griechen, n und Muhamedaner, mit unterhaltender Jude Anekdoten, Lebens⸗ 1 c0 de— Regeln und Sprüchen untermiſcht.— Der Marktkalender, ein Verzeichniß der bedeutenderen Jahrmärkte und Meſſen.— Voll⸗ ſtändige Münz⸗, Maß⸗ und Gewichtstabellen.— Die Genealogie der hohen regierenden Häuſer.— Belehrendes und Unterhaltendes, und zwar in folgender Neihenfolge: Europa. Das Abendmahl von Levnardo da Vinei, mit Abbildung. Das Bettelkind, Gedicht von Leopold Schefer. Schön Aennchen von Ludwig Züllich. ueber die neuen Entdeckungen am Firſternhimmel und beſonders über die Doppelſterne von Dr. Stern. Mit Vignette. Dem Lenz, Gedicht. Der neue Trinmphbogen in Paris, mit Abbildung. Ein Kinderlied. Blas Wiſel, eine Schmugglergeſchichte von Seholder, mit vielen Vignetten. Die Viſion von Grillparzer. Die Jungfrau von Orleans, mit Abbildung. Sprüche. Die neue Sdemaſchine, nach Berliner Blättern, mit Vignette. Gedanken und Sprüche von Leopold Schefer. Zur Warnung, mit Abbildung. In der Abenddämmerung, von Guidv. Die beiden ſchiefen Thürme in Bologna, mit Abbildung. Wandern und Fechten. Waldlied von Vogl. Der blinde Bettler von M. Honeck, mit lithographirter Abbildung. Trinklied von Storch, mit Vignette. Das Augenpaar. Die Gondeln Venedigs, mit Abbildung der Rialtobrüke. ueber die Mängel der Pferde in Beziehung auf den Handel. Von Dr. Duttenhofer, reſ. Profeſſor an der k. Thierarzneiſchule in Stuttgart. Mit vielen Abbildungen. Guſtav Abolphs Pſalm vor der Schlacht bei Lützen. Gedichte in baier'ſcher Mundart. Niſhneinowgorod mit Vignette. Der Knabe mit der Zither. Genicht. S c de— Ueber die gegenwartige Auswanderung aus Deutſchland, von Dr. F. Schmidt, mit Vignette. Auswanderung nach der öſtlichen und weſtlichen Erde, mit Vignette. Gedichte in pfälziſcher Mundart. Die Bergwerke von Franiont in den Vogeſen. Tafellied von L. Storch. Patentfleiſch, oder über ein in England patentirtes Verfahren, Vieh zu tödten. Spaniſche Sprüchwörter und Sinnſprüche. Erzählung eines Soldaten von M. Honeck, mit dem Bildniſſe des Herzogs von Braunſchweig⸗Oels. Die neue Schafwäſche. Die Gefängniſſe, mit Vignette. Napolcons Wiegenlied, mit Vignette. Der Herzog von Reichſtadt, mit Bildniß. Aſten. Der Königstiger, mit Abbildung.* Der ſibiriſche Tiger. Die ſilberhaarige Angora⸗Ziege. Der Kautſchukbaum in Aſſa. Das Feſt Siin im ruſſiſchen Gouvernement Wiätka. Die geheimen Geſellſchaften in China, mit Vignette. Der Handel der Holländer mit Japan. Das chineſiſche Militär, mit Abbildung. Die Kokos⸗ oder Kreling⸗Inſeln. Der wandernde Sand von Kabul. Der ſingende Sandberg in Tangut. Die Pferde in China. Der Tabak in Chino, mit Vignette. Ein Pferderennen in einem Kalmükendorfe, mit Vignette. Rundſchit Singh. Afriku. Zucht der arabiſchen Pferde, mit Vignette. Der Mord der Mameluken. Der Schädelthurm. Ein Abend bei den Negern von Weſtafrika. Sitten und Gerichtsverfahren der neuen Egyptier. 2. Amerika. Der Goldadler, mit Abbildung. Der Holzhauer von Florida. Der Verirrte. Der Waldbrand, Der Schildkrötenfang, mit Vignette. * Auſtralien. Auszug aus dem Schreiben eines deutſchen Naturforſchers in Süd⸗ Auſtralien. Rieſenſchlangenjagd auf Timor. Die Neuſeeländer. Das Kneten der Glieder auf der Inſel Tonga. Die Königin von Taheiti.