Tobias Smollet's humoriſtiſche Romane. Zwölfter Band. Enthält: Peregrine Pickle. V. Stuttgart. Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1841. Peregrine Pickle. Roman von Tobias Smollet. von E. Ortlepp. Fünſter Band. Stuttgart. Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1841. Vierundneunzigſtes Kapitel. Pickle macht dem Miniſter fleißig ſeine Aufwartung, findet von ungefähr die junge Miſtriß Gauntlet, und muß ſich Geſellſchaft von weniger hohem Range wählen. So günſtig die Aufnahme auch war, die Peregrine gefunden batte, ſo wollte ſie ihm doch nicht behagen. Denn er beſaß Einſicht genug, um ſich nicht durch leere Verſprechungen zu einer Zeit ein⸗ wiegen zu laſſen, wo er ſich zu der beſtimmteſten Verſicherung be⸗ rechtigt glaubte. Er äußerte daher ſein Mißvergnügen bei dem Herrn, der ihn eingeführt hatte, und gab ihm zu verſtehen, daß er ſicher darauf gerechnet habe, Repräſentant von einem der Burgflecken zu werden, für die er aufgeopfert worden ſey. Der Lord gab die Recht⸗ mäßigkeit dieſer Erwartungen zu, bemerkte jedoch, daß ſich der Mi⸗ niſter nicht wohl gleich bei dem erſten Beſuch mit ihm in Geſchäfts⸗ ſachen habe einlaſſen können, und daß es bei der nächſten Audienz noch immer Zeit genug ſey, ihm ſeine Wünſche vorzutragen. Ungeachtet dieſer Vorſtellungen verharrte unſer Held in ſeinem Argwohn und Verdruſſe, und drang ſogar bei ſeinem Gönner darauf, daß Se. Lordſchaft den folgenden Tag ſeinetwegen bei dem Miniſter ſich verwenden möchten, damit die beiden Parlamentsſitze nicht unter 6 dem Vorwande weggegeben würden, daß man ſeine Abſichten nicht gewußt hätte. So bedrängt begab ſich Mylord zu der Ercellenz und brachte die Antwort zurück, Se. Herrlichkeit bedauerten es ſehr, daß Sir Pickle ſein Geſuch nicht geäußert hätte, bevor die Repräſen⸗ tantſchaften der beiden in Rede ſtehenden Burgflecken zweien Herren ertheilt worden wären, die man ohne großen Nachtheil für die gute Sache unmöglich jetzt wieder fallen laſſen könnte. Da aber mehrere von den Gewählten alt und kränklich wären, ſo würden binnen Kurzem Stellen genug vakant ſeyn, und dann könne der junge Herr ſicher auf Seiner Erecellenz Freundſchaft zählen. Peregrine ward über dieſe ihn abermals äffende Eröffnung der⸗ maßen entrüſtet, daß er in den erſten Aufwallungen ſeines Verdruſſes die ſeinem hohen Freunde ſchuldige Ehrerbietung aus den Augen ſetzte, und in ſeiner Gegenwart auf den Miniſter als auf einen Mann loszog, der nicht einen Funken Dankbarkeit und Redlichkeit beſäße. Dann ſchwur er, er würde, wenn ſich je eine Gelegenheit dazu darböte, ſein ganzes Vermögen daran ſetzen, deſſen Maßregeln kräftigſt entgegen zu treten. Der Lord ließ dem Ungeſtüm ſeiner Leidenſchaft Zeit, ganz auszubrauſen, ſodann verwies er ihm höchſt gelaſſen ſeine unehrerbietigen Ausdrücke, die eben ſo ungerecht als unbeſonnen wären, verſicherte ihn, ſein Projekt, ſich zu rächen, würde, wenn er es ja zur Ausführung brächte, zu ſeinem eignen Nachtheil und Schande ausſchlagen, und rieth ihm, da er mit dem Miniſter ſchon einmal auf einem guten Fuß ſtände, ſolle er deſſen Gewogenheit auf's Sorgfältigſte zu erhalten ſuchen. unſer Held, von der Wahrheit dieſer Ermahnungen überzeugt, wenn er auch mit deren Anlaß nicht zufrieden war, beurlaubte ſich voll düſtern Mißmuths, und begann über den Verfall ſeiner Finan⸗ zen zu grübeln. Von dem anſehnlichen Vermögen, das er geerbt hatte, war ihm jetzt weiter nichts mehr übrig, als die Summe, die er in die Hände Sr. Lordſchaft niederlegte, die fünfzehnhundert Pfund, die er auf Bodmerei gewagt, und das Caſtell, das er dem 7 Lieutenant zum Nießbrauch überlaſſen hatte Dagegen ſchuldete er zwölfhundert Pfund an den Oberſteuereinnehmer und hatte Bürg⸗ ſchaft für tauſend Pfund geleiſtet, ſo daß er ſich zum erſtenmal in ſeinem Leben in ſehr verworrenen Umſtänden befand. Denn von den erſten halbjährigen Zinſen für ſeine zehntauſend Pfund, die pünktlich bezahlt waren, hatte er nur ſechzig Pfund in Caſſe, und keine andere Ausſicht, eher Geld zu erhalten, als am andern Zah⸗ lungstermin, auf den er noch vier Monate lang warten mußte. Er dachte ernſtlich über die Unzuverläßigkeit menſchlicher Dinge nach. Das Schiff mit ſeinen fünfzehnhundert Pfunden konnte verloren gehen; der Herr, für den er gut geſagt, konnte bei ſeinem gegen⸗ wärtigen Projekt unglücklich ſeyn, wie bei ſeinem vorigen, und der Miniſter konnte ihn heute oder morgen aus Politik oder aus Laune ſeinem Gönner, dem Steuereinnehmer, der ſeine Verſchreibung in den Händen hatte, zur völligen Diſpoſition überlaſſen. Dieſe Betrachtungen wirkten keineswegs zur Beruhigung unſeres Squire's, deſſen Seele bereits durch die fehlgeſchlagenen Erwartungen höchſt düſter geworden war. Er verwünſchte ſeine Thorheit und Haſtgkeit, die ihn in eine ſo troſtloſe Situation verſetzt hatten. Sodann verglich er ſein Betragen mit dem von einigen jungen Leu⸗ ten, ſeinen Bekannten, die, während er den größten Theil ſeiner Erbſchaft verſchwendete, ihre Vermögensumſtände verbeſſert und ihren guten Namen vermehrt hatten. Seine Fröhlichkeit und gute Laune verließen ihn; ſein Geſicht ward allmählig ein lebhaftes Conterfei der Melancholie, er gab alle ſeine Zeitvertreibe und Vergnügens⸗ genoſſen auf, und richtete ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf den Mi⸗ niſter, in deſſen Vorzimmer er regelmäßig erſchien. Indem er ſo auf dieſer Folter der Abhängigkeit ſchmachtete, ein Zuſtand, der einen Jüngling von ſeinem Stolze und ſeiner Empfind⸗ lichkeit auf's Tiefſte beugen, und ihm die unbehaglichſte aller Lagen ſeyn mußte, hörte er ſich eines Tages, als er durch den Park ging, bei Namen rufen. Als er ſich umwandte, erblickte er die Frau des 8 Capitäns Gauntlet mit einer anderen Dame. Kaum hatte er die liebreiche Sophie erkannt, als er ſich ihr mit der gewohnten Höflich⸗ keit näherte. Allein ſein voriges heiteres Weſen hatte ſich in ein ſo mürriſches verwandelt, daß ſie ihren Augen kaum trauen konnte. Sie ſagte voller Erſtaunen zu ihm:„Iſt es möglich, daß der heitere Sir Peregrine ſich in ſo kurzer Zeit ſo ſehr verändert haben kann?“ Dieſen Ausruf beantwortete er nur durch ein mattes Lächeln und fragte dann, ob ſie ſchon lange in der Stadt verweilte. Er fügte die Verſicherung hinzu er würde ihr längſt ſeine Aufwartung ge⸗ macht haben, wenn er nur mit dem entfernteſten Wink von ihrer Ankunft beglückt worden wäre. Die junge Dame dankte ihm fur ſeine Höflichkeit, und ſagte, daß ſie nicht wegen Abnahme ihrer Freundſchaft und Achtung gegen ihn unterlaſſen habe, ihn von ihrem Hierſeyn zu benachrichtigen; ſeine plötzliche Abreiſe von Windſor und die Art, wie er Gauntlet verlaſſen, hätte ſie auf die nicht unbillige Vermuthung gebracht, daß ſie ſich ſein Mißfallen zugezogen hätten, eine Vermuthung, die durch ſein langes Stillſchweigen und durch die Vernachläßigung ihrer Freundſchaft bis jetzt gerechtfertigt worden wäre. Auch jetzt noch hätte ſich der Argwohn dadurch beſtätigt, daß er ſich weder nach Emilien noch deren Bruder erkundigt habe. „Urtheilen Sie nun,“ ſetzte ſie hinzu,„ob ich Urſache hatte zu glau⸗ ben, daß es Sie freuen würde, meine Ankunft in London zu ver⸗ nehmen, doch will ich Sie jetzt nicht länger aufhalten, da Sie drän⸗ gende Geſchäfte zu haben ſcheinen. Wollen Sie mich aber morgen beim Frühſtück beehren, ſo wird mir Ihr Beſuch ſehr angenehm ſeyn.“ Dabei gab ſie ihm ihre Adreſſe, und er nahm mit dem feſten Verſprechen Abſchied, ſich zur anberaumten Zeit bei ihr einzufinden. Peregrine fand in Sophiens Entgegenkommen einen rührenden Beweis ihrer Herzensgüte, und fühlte eine lebhafte Sehnſucht, die Freundſchaft mit Geoffry wieder anzuknüpfen. Dabei ward ſein von Kummer ohnehin ſanft geſtimmtes Herz durch die Erinnerung an Emilien vollends weich gemacht. Am folgenden Tag ſäumte er nicht, 9 ſeine Zuſage zu halten. Er hatte das Vergnügen einer langen Un⸗ tetredung mit der gutherzigen Sophie, die ihm meldete, ihr Mann befinde ſich bei ſeinem Regimente; dann ſtellte ſie ihm einen lieb⸗ lichen Knaben, die erſte Frucht ihrer Liebe, vor, dem ſie zum An⸗ denken der ehemaligen Freundſchaft zwiſchen Geoffry und unſerm Squire in der Taufe den Namen Peregrine gegeben hatten. Dieſer Beweis ihrer Achtung, ungeachtet des unterbrochenen umgangs, machte auf Pickle tiefen Eindruck. Er nahm das Kind in ſeine Arme, erſtickte es faſt mit Küſſen, und gelobte vor Gott, er würde es ſtets mit väterlicher Zärtlichkeit betrachten. Das war das größte Compliment, das er der holden Sophie machen konnte. Sie fing wieder an, ihm freundſchaftliche Verweiſe wegen ſeiner ſo ſchnellen und verächtlichen Abreiſe gleich nach ihrer Vermählung zu geben, und äußerte ein ernſtliches Verlangen, ihn und den Capitäns wieder ausgeſöhnt zu ſehen. Er gab ihr dagegen die Verſicherung, daß ihm nichts in der Welt erfreulicher ſeyn würde, und daß er Alles dazu beitragen wollte, was nur in ſeinem Vermögen ſtände, wiewohl er ſich nicht entbrechen könnte, ſich durch das Betragen des Capitän Gauntlet beleidigt zu finden, durch welches er ſowohl einen Verdacht gegen ſeine Ehre, als auch Verachtung gegen ſeinen Verſtand an den Tag gelegt habe. Die junge Dame übernahm es, dafür zu bürgen, daß ihr Mann ſich ſchuldig bekennen würde.„Seine Hitze,“ ſetzte ſie hinzu,„that ihm ſehr leid, als Sie fort waren, und er würde Ihnen wirklich nachgekommen ſeyn, Sie im Caſtell aufgeſucht und um Ver⸗ zeihung gebeten haben, wenn ihn nicht gewiſſe Bedenklichkeiten über einige bittere Ausdrücke zurückgehalten hätten, die Ihnen im Wirths⸗ hauſe entſchlüpft waren.“ Nachdem ſie ſo dieſes Mißverſtändniß aufgeklärt hatte, gab ſie ihm Nachricht von Emilien, deren Betragen in der damaligen Lage ihre fortdauernde Neigung zu ihrem Liebhaber dentlich bewies. Miſtriß Sophie wünſchte, daß Pickle ihr Vollmacht geben möchte, die Sache zu einem Vergleich zu bringen.„Denn,“ ſagte ſie,„ich bin von 10 meinem Daſeyn nicht gewiſſer, als davon, daß Sie das Herz meiner Schweſter noch beſitzen. Bei dieſer Erklärung traten ihm Thränen in die Augen, allein er ſchüttelte den Kopf, lehnte ihre Vermittlung ab und wünſchte, daß die junge Dame glücklicher ſeyn möchte, als er ſie je zu machen im Stande ſeyn würde. Miſtriß Gauntlet ward durch dieſe Aeußerung beſtürzt und durch die verzweiflungsvolle Art, womit er ſie vorbrachte, gerührt. Sie bat ihn, ſie wiſſen zu laſſen, ob ſeit Kurzem durch eine Veränderung in ſeinen Geſinnungen oder in ſeiner Lage neue Hinderniſſe entſtan⸗ den wären. Um nun einer verdrießlichen Erörterung auszuweichen, ſagte er ihr, er habe ſchon lange die Hoffnung aufgegeben, im Stande zu ſeyn, Emiliens Unwillen zu beſiegen. Aus dieſer Urſache hätte er alle fernere Verſuche hierzu aufgegeben und wolle ſie nie wieder erneuern, ſo ſehr auch ſein Herz bei dieſem Entſchluß leiden möchte. Doch nähme er den Himmel zum Zeugen, daß ſeine Liebe, Hochachtung und Bewunderung gegen ihre Schweſter nicht im Min⸗ deſten abgenommen hätten. Allein der wahre Beweggrund, weßhalb er ſeine Abſichten auf die junge Dame fahren ließ, war der verfallene Zuſtand ſeines Vermögens. Die Empfindlichkeit ſeines Stolzes war dadurch nur noch erhöht und der Abſcheu vor einer abſchlägigen Ant⸗ wort vermehrt worden. Miſtriß Sophie äußerte ihr Leidweſen über dieſen Entſchluß ſowohl ſeinet- als Emiliens wegen, deren Glück, wie ſie meinte, von ſeiner Beſtändigkeit und Zuneigung abhinge. Sie würde ſich genauer nach der Beſchaffenheit ſeiner Angelegenhei⸗ ten erkundigt haben, wenn er ihr nicht die Luſt dazu benommen hätte, daß er ein anderes Thema auf die Bahn zu bringen ſuchte. Nach gegenſeitigen Betheurungen der Freundſchaft und Achtung verſprach er, ſie während ihres Aufenthaltes in London oft zu be⸗ ſuchen, und nahm in gar ſeltſamer Verwirrung von ihr Abſchied. Die Bilder der Liebe verurſachten ihm dieſe Stimmung, und nagende Sorgen geſellten ſich dazu. Seit einiger Zeit hatte er die Vergnügensgenoſſen verlaſſen, mit 11 denen er in glücklichen Tagen geſchwärmt hatte, und fing an, ſich zu einer ernſteren und mäßigeren Claſſe von ſeinen Bekannten zu halten. Allein jetzt fand er ſich außer Stande, auch mit dieſen fernern Um⸗ gang zu pflegen, weil es Leute von anſehnlichem Vermögen und liberalen Neigungen waren, ſo daß ihre Bankette zu koſtſpielig für ſeine ſchwindenden Finanzen wurden, und er ſich dabei genöthigt ſah, noch eine Stufe hinunter zu ſteigen, und mit allen Junggeſellen und jüngern Brüdern? zu verkehren, die kleine Leibrenten, oder nur ihr nothdürftiges Auskommen von Geldern hatten, die bei öffent⸗ lichen Caſſen angelegt waren. 8 Dieſe Geſellſchaft beſtand aus Politikern untergeordneten Ranges, aus unmündigen Kritikern, die den Vormittag im Mall“' herum⸗ ſchlendern, oder Gemälde in Augenſchein nehmen, die zum Verkauf ausgeſtellt ſind, ſich ein- oder zweimal die Woche in einem Geſell⸗ ſchaftsſaal zeigen, zu Mittage in einem ordinären Speiſehauſe eſſen, in Caffeehäuſern mit der Miene höherer Einſichten disputiren, das Parterre in den Schauſpielhäuſern fleißig beſuchen und einmal des Monats einen Abend mit einem berühmten Schauſpieler zubringen, deſſen denkwürdige Reden ſie zur Beluſtigung ihrer alltäglichen Be⸗ kannten wiederholen. Peregrine kam mit dieſen Leuten inſofern wohl zurecht, als ſie niemals ſeine Leidenſchaften zu heftigen Ausbrüchen reizten, und ihn auch nicht über ſeine Privatangelegenheiten ausfragten. Denn wie⸗ wohl manche von ihnen ſchon ſeit langer Zeit auf vertrautem Fuß mit einander umgegangen waren, ſo ward dieß doch nicht unter ihnen Mode. Und wenn man einen von Zweien, die in der genauſten Ver⸗ bindung ſtanden, gefragt hätte, wovon der Andere lebe, ſo würde er, der ſtrengſten Wahrheit gemäß, geantwortet haben:„Das fann ich wirklich nicht ſagen.“ Ungeachiet dieſer phlegmatiſchen Gleichgültig⸗ *Hierunter verſteht man die jungern Söhne Adeliger und Unadeliger von Stande. ** Mall, die Hauptpromenade in St. Jamespark. 12 keit, die ein echt engliſches Produkt iſt, waren es insgeſammt Leute, die keine Seele beleidigten, ein gutes Herz hatten, einen Spaß und ein Lied liebten, gern luſtige Geſchichten erzählten und hauptſächlich auf die Kunſt ſtolz waren, gute Lebensmittel anzuſchaffen, beſonders friſches Wildpret und Geflügel. Unſer Held ward von ihnen nicht als Genoß angeſehen, ſondern man huldigte ihm wie einer Art von höherem Weſen, deſſen Theil⸗ nahme ihrer Geſellſchaft gleichſam zur Ehre gereichte. Dieſe vorge⸗ faßte Idee wurde durch ſeine Converſation unterſtützt, die ſich edler und gelehrter zeigte, als ſie dieſelbe gewohnt waren. Er hatte einen leichten Anflug von Anmaßung, die aber ſtatt Widerwillen Ehrer⸗ bietigkeit einflößte. Bei allen Zweifeln, die auswärtige Länder be⸗ trafen, worin alle mit einander Fremdlinge waren, wandte man ſich einzig und allein an ihn. Auch ſeine Kenntniſſe in der Geſchichte und der Theologie, worüber ſie öfters disputirten, wurden zu Rathe gezogen. In allen Arten der Dichtkunſt entſchied er in ſo gebiete⸗ riſchem Tone, daß er ſogar ſelbſt die Meinungen der Schauſpieler überwog. Die manchfaltigen Charaktere, die er geſehen und beob⸗ achtet, und die höheren Sphären des Lebens, in denen er ſich noch vor Kurzem bewegt hatte, verſahen ihn mit tanſend unterhaltenden Anekdoten. Sobald er ſich an das Fehlſchlagen ſeiner Erwartungen etwas gewöhnt hatte, fing ſeine natürliche Lebhaftigkeit wieder an aufzuleben. Er glänzte mit ſo ſchimmernden Einfällen unter ihnen, daß ihn der ganze Clubb mit Bewunderung betrachtete, und ihn als claſſiſchen witzigen Kopf anerkannte. Deßhalb begannen ſie verſchie⸗ dene ſeiner Einfälle nachzubeten, und luden ſogar einige genaue Freunde ein, zu kommen und ihn anzuhören. Ein Schauſpieler, der ſich manche Jahre in den Weinhäuſern um Coventgarden als der Großſultan des Witzes und der Laune aufgethürmt hatte“, ſah alle ſeine Bewunderer hinwegſchmelzen; und ein gewiſſer muthwilliger * Wahrſcheinlich kein anderer als Quin. 13 Arzt, der in dieſem Theile faſt in allen Portweingelagen geglänzt hatte, war genöthigt, mit ſeinen Talenten in die City zu wandern. Ueber ſeinen Succeß hierin darf man ſich gar nicht wundern, wenn man bedenkt, daß unſer abenteuernder Ritter außer einem natürlichen Genie und ſeiner Erziehung Gelegenheit hatte, Alles und Jedes, was ſich bei den Großen zutrug, durch ſeinen Freund Cadwallader zu er⸗ fahren. Er unterhielt noch immer die vorige intime Freundſchaft mit ihm, wiewohl ſie jetzt gelegentlich durch einige Verdrießlichkeiten erſchüttert wurde. Dies rührte von den ſarkaſtiſchen Verweiſen des Miſanthropen her, der alle die Plane, die Peregrine mißlungen wa⸗ ren, nicht gebilligt hatte und nun auf eine unſchickliche Weiſe mit ſeiner Vorherſehungsgabe prahlte. Ja, bisweilen machte er den krächzenden Raben und verkündigte von dem Betruge des Miniſters, von der Verſtellungskunſt des Gönners unſeres Peregrine, von der Albernheit des Projektmachers, für den er ſich verbürgt, von der Unſicherheit der See und von der Schurkerei Derer, denen er ſein Geld anvertraut hatte, noch mehr Unglück vorher. Denn Crabtree betrachtete alle Dinge durch das Medium des Spleens, das ihm immer die ſchlimmſte Seite der menſchlichen Natur zeigte. Aus dieſen Urſachen begann unſer junger Herr zu gewiſſen Zei⸗ ten an dem Charakter des alten Mannes Mißbehagen zu finden. Er ſah ihn für einen alten moroſen Cyniker an, der weniger gegen die Thorheiten und Laſter der Menſchen aufgebracht ſey, als daß er ſich an den Unfällen ſeiner Nebenmenſchen ergötze. So machte er die un⸗ günſtigſte Deutung von den Grundſätzen ſeines Freundes, weil er ſich ſelbſt unter deſſen Strafruthe gefallen fand. Dergleichen Selbſt⸗ anklage löst ſehr oft die engſten Freundſchaftsbündniſſe auf. Ein Mann, der ſich ſeiner Unbedachtſamkeit bewußt iſt, wird durch das tadelloſe Betragen ſeines Freundes unverſöhnlich beleidigt. Er ſieht es als beleidigende Verhöhnung ſeiner Vergehungen an, die nie ver⸗ ziehen werden kann, ſelbſt wenn er nicht die bittern Vorwürfe erdul⸗ det hat, die kein Sünder gut zu verdauen im Stande iſt. Aus dieſen 14 urſachen hatte die Freundſchaft zwiſchen Crabtree und Pickle verſchie⸗ dene Erſchütterungen von beiden Seiten erlitten, die eine gänzliche Auflöſung zu prophezeihen ſchienen. In ihren geheimen Unterre⸗ dungen war mancher ſcharfe Wortwechſel vorgefallen, und es fing den Alten an zu reuen, daß er ſein Vertrauen einem ſo unbedachtſamen, halsſtarrigen und undankbaren jungen Menſchen geſchenkt habe. In ſolchen Parorysmen des Mißvergnügens prophezeihte er Pe⸗ regrine Unglück. Ja, er erzählte ihm ſogar eines Morgens, ihm hätte geträumt, daß die beiden Oſtindienfahrer, auf die er ſein Geld gewagt, Schiffbruch gelitten hätten. Allein dieß war ein falſches Geſicht. Denn in wenigen Wochen kam eins davon in der Themſe vor Anker, und Pickle erhielt tauſend Pfund ſtatt achthundert, die er auf die Handſchrift eines der Rheder hingegeben hatte. Zugleich bekam er die Nachricht, das andere Schiff, an dem er Theil hatte, würde nach aller Wahrſcheinlichkeit bei dieſer Jahreszeit nicht ein⸗ treffen, weil es das Cap nicht umſegeln könnte. Dieſe Nachricht war ihm gar nicht unlieb, denn er wußte, daß, je länger er ſein Geld auslieh, es ihm deſto mehr Zinſen trug. Durch dieſe Hülfe war ſeine gegenwärtige Noth gehoben. Sein Herz erweiterte ſich wieder und ſein Geſicht nahm die frühere Heiterkeit an. Dieſe lebhafte Freude wurde durch einen geringfügigen Vorfull unterbrochen, den er nicht vorausgeſehen hatte. Eines Morgens be⸗ ſuchte ihn der Mann, der auf ſeine Verſchreibung ſeinem Freunde tauſend Pfund geliehen hatte, und meldete ihm, daß der Schuldner ſich unſichtbar gemacht habe, weil ſein Projekt geſcheitert und er um die ganze Summe gekommen ſey, ohne alle Hoffnung, ſie je wieder zu erhalten. Auf dieſe Art haftete nunmehr unſer Held für die Summe, und der Gläubiger bat ihn, ſie ihm ſeiner Bürgſchaft ge⸗ mäß auszuzahlen.„Denn es iſt nicht billig,“ ſetzte er hinzu,„daß ich für meine menſchenfreundlichen Geſinnungen leide.“ Daß Pere⸗ grine dieſe Nachricht nicht mit kaltem Blute aufnahm, kann man ſich leicht denken. Er verfluchte ſeine Unvorſichtigkeit, ſich in ſolche Ver⸗ 15 bindungen mit einem ihn nur oberflächlich bekannten Avantürier ein⸗ gelaſſen zu haben. Sie declamirten Beide gegen die Betrügerei des Projektmachers; und nachdem Erſterer durch Drohungen und Ver⸗ wünſchungen eine Zeitlang ſeinem Unwillen Luft gemacht hatte, er⸗ kundigte er ſich nach der Beſchaffenheit der verunglückten Spekulation. Der Darleiher, der von der ganzen Sache genau unterrichtet war, befriedigte Pickle's Neugier über dieſen Punkt. Er erzählte ihm, daß ſich ein gewiſſer Induſtrieritter bei jenem eingeſchmeichelt und es über ſich genommen habe, von den tauſend Pfunden einen ſolchen Gebrauch zu machen, daß er in Kurzem völlig unabhängig ſeyn ſolle. Er legte ihm ſolchergeſtalt ſeinen Plan vor. „Die eine Hälfte der Summe,“ ſagte er,„ſoll zu Juwelen ver⸗ wendet werden; dieſe will ich bei gewiſſen angeſehenen und begüterten Perſonen verſetzen, die auf ſolche Pfänder gegen übertriebene Zinſen Geld leihen. Die andere Hälfte wollen wir dazu aufbewahren, dieſe Edelgeſteine wieder einzulöſen, um ſie wieder an eine andere Bande ſolcher ehrenfeſten Wucherer zu verſetzen, und wenn ſie nun auf dieſe Art durch verſchiedene Hände gegangen ſind, wollen wir von allen dieſen Pfänderleihern durch die Drohung Geld erpreſſen, daß wir ſie wegen der unerlaubten Zinſen, die ſie genommen haben, verklagen wollen. Ehe ſie ſich der Schande, die mit einer ſolchen Anklage verknüpft iſt, ausſetzen, weiß ich beſtimmt, bluten ſie lieber freiwillig.“ Das Projekt ließ ſich ausführen, und wiewohl es nicht allzu rechtſchaffen war, ſo machte es dennoch bei dem Borger, der in der Noth ſteckte, ſolchen Eindruck, daß er in den Vorſchlag willigte. Auf den Credit unſeres Helden ward das Geld herbeigeſchafft. Die Ju⸗ welen wurden dem Plane gemäß eingekauft, verſetzt, eingelöst und wieder verſetzt. Dieß that der Agent, der die ganze Sache über⸗ nommen hatte. Das Projekt war ſo klug entworfen worden, daß die Klage gegen jeden der Darleiher leicht zu beweiſen geweſen wäre. Nachdem dies Geſchäft glücklich bis dahin gediehen war, ging der treue Agent in ſeinem eigenen Namen zu jedem von deuen, die auf 16 jene Pfänder geliehen hatten, und gab ihnen zu verſtehen, derjenige, der ihn zum Verſatz gebraucht habe, ſey geſonnen, ſie wegen ihres Wucherzinſes zu verklagen. Sie beſtachen daher insgeſammt den Menſchen, der ihnen die Nachricht brachte, damit er, durch den ſie nur allein überwieſen werden konnten, nicht gegen ſie zeugen möchte. Er nahm dieſe Geſchenke an, und fand es für gut, ſich mit der gan⸗ zen Beute, die erſten tauſend Pfund mit eingeſchloſſen, welche die ganze Sache in Gang brachten, nach Frankreich zu begeben. Dieſer Aufbruch hatte den Freund, der das Geld aufgenommen hatte, gens⸗ thigt, ebenfalls flüchtig zu werden, mithin war der Leiher gezwungen ſich an ſeinen Bürgen zu halten. Dieß war für unſern jungen Herrn eine ſehr kränkende Nach⸗ richt. Vergebens erinnerte er den Hinterbringer derſelben an ſein Verſprechen, das Geld nicht eher als zur Zeit der Volljährigkeit ſeiner Mündel zurückzufordern; vergebens führte er an, daß der Flüchtiggewordene noch lange vor Ablauf dieſer Zeit erſcheinen und ſeine Schuld abtragen könnte. Für alle dieſe Vorſtellungen hatte der Mann mit der Forderung kein Ohr. Sein Verſprechen, ſagte er, hätte nur in ſofern Gültigkeit gehabt, als er glaubte, der Entlehner wäre ein ehrlicher Mann. Nun aber habe er durch den ſchändlichen Plan, in den er ſich eingelaſſen, alle Anſprüche auf ſeine Freundſchaft und auf ſein Vertrauen verſcherzt; und ſeine betrügeriſche Flucht, wodurh er ſeinen Bürgen im Stich gelaſſen, wäre kein Beweis, daß er ein ehrlicher Mann und Willens ſey, wieder zurückzukommen, viel⸗ mehr ſey es für ihn, den Leiher, eine Warnung, ſich vorzuſehen. Er drang daher auf unverzügliche Schadloshaltung, wobei er drohte, widrigenfalls dem Geſetz freien Lauf zu laſſen. Peregrine ſah ſich demnach gezwungen, die vor Kurzem erſt erhaltene Summe ganz hinzugeben. Doch that er dieß nicht ohne außerordentliches Sträuben, ohne den heftigſten Unwillen und Ankündigung eines ewigen Krieges gegen den entwichenen Schuldner und den harten Gläubiger, von welchen Beiden er glaubte, daß ſie unter einer Decke ſtäcken. 17 Fünfundneunzigſtes Kapitel. Cadwallader macht bei ſeinem Freund den Tröſter und dieſer bei ihm. Letz⸗ terer fängt an einzuſehen, daß man ihn gewaltig übers Ohr gehauen hat. Dieſes neue Mißgeſchick, das er nur als eine Folge ſeiner eige⸗ nen Thorheit anſehen konnte, rief ſeinen Verdruß wieder zurück. Ob er gleich ſein Möglichſtes that, um dieſen vor Cadwallader zu ver⸗ bergen, ſo bemerkte der falkenäugige Beobachter doch, daß ſich ſein Geſicht bisweilen bewölkte, und des Projektmachers plötzliches Ver⸗ ſchwinden machte ſeinen Argwohn rege. Er forſchte mit ſo vieler Liſt nach, daß er bald den ganzen Hergang wußte. Jetzt beſchloß er, auf Koſten des Betrogenen ſeinen Spleen zu befriedigen. In dieſer Abſicht nahte er ſich mit einer ſehr ernſthaften Miene unſerem Squire, und ſagte:„Einer meiner Freunde bedarf ſogleich tauſend Pfund, und da Sie gerade ſo viel liegen haben, ſo würde er es für eine große Gefälligkeit änſehen, wenn Sie ihm dieſe Summe gegen hinlängliche Sicherheit leihen wollten.“ Hätte Pickle das wahre Motiv dieſes Antrags gekannt, ſo würde et ihm aller Wahrſcheinlichkeit nach eine ſehr unangenehme Antwort gegeben haben; allein Crabtree wußte ſich in Worten und Mienen ſo ſehr zu verſtellen, daß der junge Herr ſeine Abſicht unmöglich durchſchauen konnte, und daher in ſehr peinlicher Verlegenheit und mit verbiſſenem Aerger dem Alten zur Antwort gab, daß ſein Geld ſchon anderwärts untergebracht wäre. Daran hatte der Miſanthrop noch nicht genug. Unter dem Vorrechte eines Freundes erkundigte er ſich nach der Art, wie dieſes Geld untergebracht ſey, ſo umſtänd⸗ lich, daß Peregrine nach unzähligen Ausflüchten, deren Erfindung ihm unendlich ſauer geworden war, ſeinen Verdruß nicht länger zurück⸗ halten konnte, ſondern in voller Wuth ausrief:„Hol' Sie der Henker mit Ihren Fragen! Es iſt zum Teufel, und damit Punktum!“— „Eben weil das der Fall ſeyn kann,“ verſetzte ſein Quäler mit einem ſo Smollets Romane. KIl. 2 18 gleichgültigen Geſicht, daß man darüber hätte außer ſich gerathen mögen,„möchte ich gern wiſſen, auf was für eine Art es zum Teufel ging; denn ich will hoffen, daß Ihnen der Satan ganz beſondere Vortheile dafür ſicherte.“—„Tod und Verdammniß, Sir!“ rief der ungeduldige Jüngling,„hätte ich einige Erwartungen von der Hölle, ſo würde ich deßhalb mit Ihnen unterhandeln, denn bei meiner Seele⸗ Sie ſind einer ihrer Lieblingsdiener auf Erden.“ Mit dieſen Worten rannte er aus dem Zimmer, und verließ Cadwallader, ſehr zufrieden, ihn ſo gezüchtigt zu haben. Peregrine ſuchte durch einen einſamen Spaziergang ſein Blut abzukühlen. Die Heftigkeit ſeines Zorns verdampfte allgemach wäh⸗ rend deſſelben, worauf er anfing, ernſthafteren Betrachtungen Raum zu geben. Er beſchloß, bei ſeinem Patron und dem Miniſter immer dringender zu werden, um auf eine oder die andere Art eine Sine⸗ eure zu erhalten, die ihn für den ihretwegen erlittenen Verluſt ent⸗ ſchädigte. Er begab ſich zu Mylord und wiederholte ihm ſein Geſuch, nachdem er ihm geſagt hatte, daß er wieder von Neuem einen Ver⸗ luſt erlitten habe, der ſowohl wegen ſeiner Ehre als wegen ſeines Credits eine unverzügliche Verſorgung nothwendig mache. Sein hochgeborner Freund lobte ſeinen Eifer für ſein Fortkom⸗ men, welcher, wie er ſagte, bewieſe, daß er ſich endlich von der ſorg⸗ loſen Unbedachtſamkeit der Jugend losgeriſſen habe. Er billigte ſein Geſuch, und verſicherte, es ſolle treulich dem Miniſter hinterbracht und durch ſeinen ganzen Einfluß unterſtützt werden. Zugleich er⸗ munterte er ſeine Hoffnungen durch die Bemerkung, daß jetzt vet⸗ ſchiedene einträgliche Stellen vakant und ſeines Wiſſens noch nicht vergeben wären. Durch dieſe Unterredung ward die Zufriedenheit in Pickle's Bruſt wieder hergeſtellt, ob er gleich noch immer einen ſolchen Uuwillen gegen Cadwallader's Bosheit hegte, daß er augenblicklich einen Racht⸗ plan gegen ihn erſann. Er wußte, daß die Gelder des Menſchen⸗ haſſers von deſſen Ländereien ſeit einiger Zeit ſehr ſparſam eingingen, 19 weil daſelbſt verſchiedentliche Reparaturen erforderlich geweſen waren und einige ſeiner Pächter Bankerott gemacht hatten, ſo daß er, trotz ſeiner ungemein frugalen Lebensweiſe, nur ſo eben ſeinen Credit auf⸗ recht erhalten konnte, und daß dieſer auf dem pünktlichen Eintreffen ſeiner jetzt fälligen Einkünfte beruhte. Da er nun genau von des Alten Vermögensumſtänden unterrichtet war, ſo ſchrieb er im Namen der Frau des Hauptpächters von Erabtree einen Brief an ihn, ihr Mann ſey kürzlich geſtorben und ihr Vieh größtentheils durch an⸗ ſteckende Seuchen fortgerafft; daher falle es ihr unmöglich, die ihm ſchuldige Summe zu bezahlen oder den Pacht ferner zu behalten, wofern er nicht die große Güte hätte, ihr ein wenig unter die Arme zu greifen und zu verſtatten, daß ſie auf die kommenden zwölf Mo⸗ nate frei ſitzen dürfe. Pickle fand Mittel, dieſe Nachricht durch die Poſt von einem Marktflecken nahe bei dem verpachteten Gute beſtel⸗ len zu laſſen. Da ſie nun in dem gewöhnlichen Styl an den alten Cyniker abgefaßt war, und da er das bekannte Siegel auf dem Briefe erblickte, ſo konnte er gar keinen Betrug ahnen. So ſehr er auch an alle Ereigniſſe des menſchlichen Lebens ge⸗ wöhnt, und ſo mächtig er auch durch ſeinen hochgeprieſenen Stoicis⸗ mus geſtählt war, ſo verurſachte ihm dennoch dieſes Schreiben tödt⸗ lichen Verdruß. Der Verfaſſer des Briefes hatte auf den Poſtbotkh gelauert, war ihm in einiger Entfernung gefolgt und trat kurz nach ihm in Crabtree's Zimmer. Man konnte die Stimmung ſeiner Seele deutlich auf ſeinem Geſichte leſen. Er ſah doppelt ſo ſauer aus als gewöhnlich. Unſer junger Squire leitete das Geſpräch auf ſeine fehlgeſchlagenen Erwartungen, und ſagte ihm unter anderm:„Sehen Sie nur, wie unglücklich es mir immer geht! Der Haushofmeiſter meines Patrons, des Lords, entſchuldigt ſich, daß er mir das letztere Quartal von ſeinen Zinſen nicht zur beſtimmten Zeit zahlen kann. Ich bin dann ganz von Gelde entblößt, deßhalb erſuche ich Sie, mir mit hundert Pfund von Ihren nächſtfälligen Einkünften von Ihrem Gute auszuhelfen.“ 20 Dieſes Begehren machte den alten Mann ſo ärgerlich und ver⸗ legen, daß ſeine Geſichtsmuskeln ſich zu außerordentlich mißmuthigen Geberden zuſammenzogen und den Charakter des Diogenes ganz nach dem Leben darſtellten. Er wußte, daß ein treuherziges Bekenntniß ſeiner gegenwärtigen Lage Pickle die bequemſte Gelegenheit geben würde, mit unleidlichſtem Triumph Repreſſalien gegen ihn zu brau⸗ chen, und ſchlug er es ihm rund ab, ihm im gegenwärtigen Drange zu helfen, ſo konnte er ſeine Freundſchaft und Achtung auf immer verſcherzen, ja es konnte jenen ſogar reizen, ſich für ſein ſchmutziges Betragen dadurch auf das Vollſtändigſte zu rächen, daß er ihn in ſeinen natürlichen Farben dem Unwillen derjenigen blosſtellte, die er ſo lange angeführt hatte. Dieſe Betrachtungen ſtürzten ihn in den ſehr peinigenden Zu⸗ ſtand der Unſchlüſſigkeit. Peregrine ſiellte ſich, als legte er dieß anders aus.„Reden Sie frei von der Leber weg,“ ſagte er zu dem Alten.„Halten Sie mich nicht für ſicher genug, um mir meine Bitte zu gewähren, ſo ſagen Sie mir's gerade heraus, und ich will mich bemühen, wo anders Rath zu ſchaffen.“ Durch dieſe anſcheinende Mißdeutung wurde die Qual des Men⸗ ſchenhaſſers nur noch vermehrt, ſo daß er mit den zornigſten Mienen ausrief:„Verdammt! Haben Sie je eine Bosheit in meinem Betra⸗ gen bemerkt, daß Sie mir wie einem bübiſchen Wucherer begegnen?“ Peregrine erwiederte ſehr ernſthaft:„Dieſe Frage bedarf keiner Ant⸗ wort. Hätte ich Sie für einen Wucherer angeſehen, ſo würde ich ſogleich ein Pfand mitgebracht haben. Doch alles Nebengeſchwatz bei Seite! Wollen Sie mir dienen, oder nicht? Soll ich das Geld haben?“ „Ich wollte, Ihr hättet es im Leibe und ein Faß Pulver da⸗ zu!“ ſchrie der Miſanthrop.„Weil ich denn einmal auf's Hölliſchſte gepeinigt ſeyn muß, ſo nehmt das verfluchte Papier und leſet!—— Ha! warum gab mir nicht die Natur ein Paar lange Ohren und einen Schwanz, damit ich ein wirklicher Eſel ſeyn und auf der Ge⸗ meintrift Diſteln freſſen könnte, ohne von meinen Nebengeſchöpfen 21 abzuhangen? Wär' ich ein Wurm, daß ich mich in die Erde ver⸗ kriechen und meine Wohnung mit einem einzelnen Strohhalm ver⸗ zieren könnte! Oder warum machte die Natur mich nicht lieber zur Weſpe oder Natter, damit ich die ſchurkiſche Welt meinen Unwillen fühlen laſſen könnte? Doch, was ſprech' ich von Schurkerei? Thor⸗ heit, Thorheit iſt die Geißel des menſchlichen Lebens! Gebt mir einen ausgemachten Schuft her, wenn er nur etwas Kopf hat, und ich will ihn in das Innerſte meines Herzens ſchließen. Allein der Thor iſt weit verderblicher, als Hunger, Krieg und Peſtilenz. Das gänſe⸗ köpſige Menſch von Hexe, die dieſen Brief geſchrieben oder ſchreiben laſſen, hat aus Unvernunft und ſchlechter Wirthſchaft ihre Familie zu Grunde gerichtet und ihrem Mann das Herz gebrochen. Und nun ſchiebt ſie ihr Unglück auf die Vorſehung! Prellt mich um drei⸗ hundert Pfund, das Rindvieh, die ich größtentheils Kaufleuten ſchuldig bin, denen ich gerade dieſes Quartal zu bezahlen verſprochen. Die Peſt über das Weib! Ich wollte, ſie wäre ein Hornvieh und die Seuche hätte ſie mit ergriffen! Die alte Vettel iſt noch ſo unver⸗ ſchämt, nachdem ſie mich in eine ſolche Klemme gebracht, mich um Vorſchuß zu bitten, um ſich wieder Vieh anzuſchaffen. Bei Gott, ich bin nicht übel Willens, ihr einen Strick zu ſchicken, und vielleicht mir ſelbſt einen zu kaufen. Doch nein, ich will den Schurken und Haſenfüßen nicht Stoff zum Gelächter geben!“ Nachdem Peregrine den Brief geleſen und die Ausbrüche ſeines Zorns mit angehört hatte, ſagte er mit großer Gelaſſenheit:„Ich ſchäme mich in Ihre Seele, daß ein Mann von Ihren Jahren, der ſich ſo mit Philoſophie brüſtet, durch eine Kleinigkeit ſo aufgebracht werden kann. Wozu nützen Ihnen nun alle die Widerwärtigkeiten, die Sie überſtanden zu haben ſich rühmen? Wozu alle die feinen Bemerkungen, die Sie über die menſchliche Natur gemacht zu haben vorgeben? Wo iſt nun jene ſtviſche Gleichgültigkeit hin, die Sie ſich eigen gemacht zu haben behaupten, wenn ſo eine armſelige, fehl⸗ geſchlagene Erwartung Sie ſo ganz außer ſich bringen kann? Was 22 iſt der Verluſt von dreihundert Pfund gegen alle die Unglücksfälle, die ich ſeit zwei Jahren erlebt häbe? Und doch wollen Sie ſich zum Cenſor aufwerfen und gegen die Ungeduld und den Ungeſtüm der Jugend deklamiren, als wenn Sie über alle Leidenſchaften des Her⸗ zens eine unumſchränkte Herrſchaft erlangt hätten? Sie waren ſo lieb⸗ reich, mich vor ein Paar Tagen in meiner Betrübniß durch Vorwürfe über meine Unbeſonnenheit und über mein unregelmäßiges Verfahren zu beleidigen. Geſetzt, ich wollte nun dieſe Beſchuldigung umkehren, und fragen:„Wie kann ein Mann von Ihrer großen Klugheit ſein ganzes Vermögen der Verwaltung unwiſſender Bauern anvertrauen? Wie kann er ſo blind ſeyn, und die Nothwendigkeit von Reparaturen, Ameliorationen, wie auch die Gefahr von Bankerotten, Viehſterben und Mißwachs nicht vorausſehen? Weßhalb verwandelten Sie Ihre Ländereien nicht in baares Geld und kauften ſich dafür, da Sie doch keine Verwandten am Leben haben, eine Leibrente, wovon Sie ganz bequem hätten leben können, ohne üble Folgen zu beſorgen? Können Sie nicht in dem ganzen Bündel Ihrer Philoſophie irgend eine Sentenz finden, um ſich bei dieſem alltäglichen Unglück zu tröſten?“ „Hole der Teufel Eure ſchnelle Zunge!“ rief der Cyniker, vor Galle halb erſtickt.„Ich wollte, Ihr hättet die Bräune oder den Kreböfraß im Halſe, ſo würdet Ihr mich nicht mit Eurem Geſchnat⸗ ter ſo placken und trillen. Eine Elſter würde weit vernünftiger über dieſe Sache ſchwatzen, als Ihr. Wißt denn, Herr Superklug, daß mein Fall gar nicht in das Gebiet der Philoſophie gehört. Wäre ich an allen meinen Gliedern verſtümmelt, vom Zipperlein oder Stein geplagt, hätte ich meine Freiheit, mein einziges Kind oder meinen theuerſten Freund, Euch etwa, verloren, dann hätte die Philoſophie zu meinem Troſte etwas beitragen können. Aber kann wohl die Phi⸗ loſophie meine Schulden bezahlen oder mich von der Laſt der Ver⸗ bindlichkeit gegen einen Pack von Kerlen befreien, die ich verachte? So redet!... Heraus mit der Sprache!.. Bewieſen! oder der Himmel ſtopfe Euch den Mund auf ewig!“ 23 „Das ſind alſo die ſchönen Früchte Ihrer Menſchenfeindſchaft,“ entgegnete der junge Mann,„Ihres lobenswerthen Planes, ſich von allen Banden der Geſellſchaft loszumachen und ſich in einer höheren Sphäre zu bewegen, als die Ihrige iſt. Wären Sie nicht ſo ausge⸗ zeichnet weiſe und ſo geneigt geweſen, die Menſchen zu verlaſſen, ſo würde eine ſo lumpige Unannehmlichkeit Sie nie außer Faſſung ge⸗ ſetzt haben. Jeder Freund hätte Ihnen mit der Summe von drei⸗ hundert Pfund ausgeholfen. Nun aber kann die Welt Ihr Lachen erwiedern. Denn Sie ſtehen mit Ihren Bekannten auf ſo gutem Fuß, daß denſelben nichts mehr Behagen ſchaffen kann, als die Nach⸗ richt, daß Sie mittelſt einer wohlbefeſtigten Schlinge ſich dem Ver⸗ druß über Ihre fehlgeſchlagene Erwartung entzogen haben. Ich erwähne dieß nicht ohne Abſicht. Es verdient Ueberlegung. Sollte es dazu kommen, ſo will ich mein Möglichſtes bei bem Leichenbeſich⸗ tiger anwenden, daß er in ſeinem Bericht der Tollheit nicht vergeſſe, damit Ihr Leichnam ein chriſtliches Begräbniß erhält.“ Nach dieſen Worten erhob er ſich, zufrieden mit der an ihm genommenen Rache, die auf Crabtree ſo heftig wirkte, daß er aller Wahrſcheinlichkeit nach zu dem vorgeſchlagenen Auskunftsmittel ſeine Zuflucht genommen haben würde, wenn ihn nicht die einzige, vorhin gedachte Betrachtung zurückgehalten hätte. Seine Abgeneigtheit je⸗ doch, ſeine Nebenmenſchen zu verpflichten und zu unterhalten, ver⸗ hinderte ihn, jenen Ausweg einzuſchlagen, bis ihm zum Glück durch die Poſt ſein Irrthum wegen der Lage ſeiner Angelegenheiten be⸗ nommen wurde. Dieſe Nachricht wirkte ſo auf ihn, daß er nicht nur unſerm Helden die Liſt vergab(denn er ſchrieb ſie ſogleich ihrem rechten Urheber zu), ſondern ihm auch ſeine Börſe anbot, auf welche Weiſe ſich denn das freundſchaftliche Verhältniß wieder herſtellte. Mittlerweile war Peregrine nicht ſaumſelig, den Großen ſeine Aufwartung zu machen. Er unterließ es nie, bei jedem Lever zu erſcheinen, wandte alle ſeine Betriebſamkeit und ſeinen ganzen Scharf⸗ ſinn an, von vakant gewordenen Stellen Nachricht einzuziehen, und 24 empfahl ſich täglich dem Einfluſſe ſeines Patrons, der ſein Intereſſe mit großer Zuneigung wahrzunehmen ſchien. Dennoch fam er mit ſeinem Anliegen jedesmal zu ſpät, oder der Miniſter hatte die Stelle, um die er ſich bewarb, gar nicht zu vergeben. Dieſe Eröffnungen, wiewohl ſie ſtets mit den wärmſten Aeuße⸗ rungen der Freundſchaft und Achtung gemacht wurden, verſtimmten dennoch den jungen Squire ſehr, weil er ſie für Ausflüchte und Win⸗ kelzüge eines aufrichtigen Hofmanns anſah, was er auch ohne Um⸗ ſchweife ſeinem Freunde, dem Lord, zu verſtehen gab. Zugleich äuſ⸗ ſerte er auch die Abſicht, ſeine hypothekariſche Verſchreibung für baares Geld zu verkaufen und Alles bis auf den letzten Schilling daran zu wenden, um die Abſichten des Minſters bei der erſten Wahl, die er begünſtigen würde, zu hintertreiben. Seiner Lordſchaft fehlte es bei ſolchen Gelegenheiten nie an geziemenden Ermahnungen. Er verſuchte es jetzt nicht, ihn durch Verſicherungen von der Gewo⸗ genheit Seiner Ercellenz zu beſchwichtigen, weil er merkte, daß dieſe Arznei nach dem wiederholten Gebrauch bei unſerm abenteuernden Ritter nicht mehr anſchlagen wollte. Er bekämpfte ſeine Drohungen nur durch die Vorſtellung, daß des Miniſters Börſe weit größer ſey, als die Sir Peregrine's, und daß folglich der junge Herr nothwendig den Kürzern ziehen müßte, wenn er ſich's einfallen ließe, dem Intereſſe von Seiner Gnaden entgegen zu arbeiten; daß er in dieſem Fall ſich aller Mittel des Unterhalts gänzlich beraubt ſehen und ihm auch alle Hoffnung benommen ſeyn würde, je eine Verſorgung zu erhalten. An der Richtigkeit dieſer Bemerkung konnte der Squire nicht zweifeln, wiewohl ſie eben nicht dazu diente, das Betragen des Miniſters zu rechtfertigen. Pickle fing wirklich an, die Aufrichtigkeit ſeines Patrons zu beargwöhnen, der, ſeiner Meiuung nach, mit ſeiner Ungeduld nur ein Spiel trieb, und war ſogar ſeinem Verlangen, bei dem Miniſter noch eine Privataudienz zu haben, durch elende Gründe ausgewichen. Auch begann Mylord minder zugänglich zu 25 ſeyn, und mehrmals mußte Peregrine den Haushofmeiſter mahnen, ehe er das letzte Quartal von ſeinen Zinſen erhalten konnte. Beunruhigt durch dieſe Vernehmungen wandte er ſich an den Lord, um deſſen Sohn er ſich das bekannte Verdienſt erworben hatte, und fragte ihn um Rath. Er erfuhr jetzt zu ſeiner größten Krän⸗ kung, daß jener Herr, auf den er ſo lange ſein Vertrauen geſetzt hatte, ein Mann von ſehr unbedeutendem Credit ſey. Der neue Rathgeber, der zwar auch Hofmann, aber ein Nebenbuhler von jenem war, deutete unſerm abenteuernden Ritter an, daß er ſich ſeither auf ein zerbrochenes Rohr geſtützt habe. Sein vorgeblicher Patron ſey ein Mann von zerrütteten Vermögensumſtänden und geſunkener Hof⸗ gunſt, die ihm höchſtens noch ein Flüſtern oder Lächeln gönnte. „Ich meiner Seits,“ fuhr dieſer Herr fort,„würde ſtolz darauf geweſen ſeyn, meinen Einfluß beim Miniſter für Sie geltend gemacht zu haben. Da Sie ſich jedoch unter den Schutz eines andern Peers begeben haben, deſſen Intereſſe mit dem meinigen collidirt, ſo kann ich mich Ihrer Sache nicht annehmen, ohne mir den Vorwurf zuzuziehen, als ob ich Mylords Anhänger verführen wollte. Eine ſolche Beſchul⸗ digung ſuche ich vor allen auf das Sorgfältigſte zu vermeiden. Doch ſteht Ihnen mein guter Rath ſtets zu Dienſten. Zum Beweiſe hier⸗ von rathe ich Ihnen, jetzt ſchlechterdings auf noch eine Unterredung mit Sir Steady Steerwell zu dringen, um ihm ſelbſt Ihr Geſuch klar vorzulegen, damit Sie nicht riskiren, daß daſſelbe falſch vorge⸗ tragen wird. Ich würde mich in dieſer Unterredung bemühen, wo möglich ein ſpecielles Verſprechen zu erlangen, das er, wenn er ſeinem Rufe nicht ſchaden will, nicht wohl umhin können wird, erfüllen zu müſſen.“ Dieſer Rath ſtimmte ſo ſehr mit den Geſinnungen unſeres Abenteurers überein, daß er die erſte Gelegenheit wahrnahm, Au⸗ dienz zu verlangen. Er erklärte ſeinem Gönner rund heraus, daß, wenn Seine Lordſchaft ihm dieſe Gunſt nicht bewirkten, er Ihren Einfluß für ſehr unbedeutend halten und alle ſeine Hoffnungen 26 aufgeben müßte, in welchem Fall er entſchloſſen ſey, über das Seiner Herrlichkeit geliehene Geld zu verfitgen, ſich eine Leibrente dafür zu kaufen und unabhängig zu leben. Sechsundneunzigſtes Kapitel. Peregrine überzeugt ſich von den aufrichtigen Geſinnungen des Miniſters. Sein Stolz und Ehrgeiz leben wieder auf und werden abermals gedemüthigt. Wenn ſich Pickle's Geld in andern Händen befunden hätte, ſo würde es den Peer wahrſcheinlich wenig bekümmert haben, entweder ſeine Bitte zu gewähren, oder ſich ſeiner Rache zu widerſetzen. Allein da er wußte, daß der Verkauf der hypothekariſchen Verſchreibnng nicht ohne Unterſuchung geſchehen, der er ſich nicht gern ausſetzen wollte, ſo bot er ſeine Vermittlung auf, um die ungeſtüm verlangte Andienz auszuwirken. Als dieſe geſtattet ward, trug Peregrine mit großer Wärme und Lebhaftigkeit Seiner Herrlichkeit den Stoß vor, den ſein Vermögen bei jener Wahlgeſchichte erhalten hatte, er ge⸗ dachte ſeiner Täuſchung bei der zweiten Wahl, erinnerte ihn an die Verſprechungen, mit welchen man ihn bisher hingehalten, und ſchloß endlich mit der Bitte, ihm zu ſagen, was er von der Gunſt Seiner Herrlichkeit zu erwarten habe. Nachdem ihn der Miniſter ruhig bis zu Ende angehört hatte, verſetzte er mit ſehr huldvollem Weſen, daß er von ſeinen Verdienſten und ſeiner Anhänglichkeit genau unterrichtet und vollkommen geneigt wäre, ihn von der Hochſchätzung zu überzengen, die er für ihn und ſeine Vorzüge hegte. Allein er habe bisher nicht recht eigentlich gewußt, worauf er ſich Rechnung machte; auch ſtände es außer ſeinen Kräften, Aemter für alle Diejenigen zu verſchaffen, denen er gern dienen möchte. Allein Sir Peregrine ſolle ihm Mittel und Wege andeuten, ſeine freundſchaftlichen Geſinnungen zu bethätigen, und er 27 würde nicht ermangeln, ihm zur Erreichung ſeines Zwecks behülflich zu ſeyn. Peregrine hielt ihn bei dieſer letzten Aeußerung feſt, und er⸗ wähnte mehrere Stellen, die wie er wußte, noch unerledigt waren. Der Miniſter ſuchte wieder die alten Ausflüchte hervor. Eine der⸗ ſelben gehörte nicht in ſein Departement, die andere war dem dritten Sohn eines gewiſſen Grafen vor dem Tode des letzten Beſitzers ver⸗ ſprochen worden, die dritte hatte die Laſt einer Penſion zu tragen, die faſt die Hälfte des Gehalts wegnahm; kurz, gegen alle ſeine Vor⸗ ſchläge wurden ſolche Einwürfe gemacht, die er unmöglich beſeitigen konnte. Er ſah deutlich ein, daß dieß Alles nur ſchlaue Vorwände waren, um das Kränkende einer abſchlägigen Antwort zu bemänteln. Ueber dieſen Mangel an Aufrichtigkeit und Dankbarkeit aufgebracht, ſagte er:„Ich kann leicht vorausſehen, daß es an ſolchen Schwie⸗ rigkeiten nie fehlen wird, wenn ich mich wegen irgend einer Stelle melden werde. Deßhalb will ich mir nur die Mühe erſparen, weiter darum anzuſuchen.“ Nach dieſen Worten entfernte er ſich haſtig, und athmete nichts als Groll und Rache. Allein ſein Patron, der es nicht für rathſam hielt, ihn auf das Aeußerſte zu treiben, fand Mittel, Seine Herr⸗ lichkeit zu überreden, etwas zu thun, um den Zorn des jungen Man⸗ nes zu beſänftigen, und noch denſelben Abend erhielt unſer aben⸗ teuernder Ritter eine Einladung von dem Lord, daß er unverzüglich zu ihm kommen möchte. Pickle eilte ſogleich nach deſſen Hotel und erſchien vor ihm mit ſehr bewölktem Geſicht, welches jedem, dem daran gelegen war, zu erkennen gab, er ſey zu ſehr voller Galle, um gegenwärtig Verweiſe anzuhören. Der einſichtsvolle Peer nahm ſich daher in Acht, ihn wegen ſeines Betragens bei der Audienz zu Rede zu ſtellen, erklärte ihm aber, der Miniſter habe ihm in Betracht ſeiner Dienſte einen Bankzettel auf dreihundert Pfund geſchickt, mit dem Verſprechen, ihm jährlich ſo lange eine gleiche Summe zu zahlen, bis anderwärtig für 28 den Erpectanten geſorgt wäre. Durch dieſe Eröffnung war Peregrine einigermaßen beſänftigt. Er ließ es ſich gefallen, dieſes Geſchenk an⸗ zunehmen, und ſtattete folgenden Tages beim Lever des Miniſters dem Geber ſeinen verbindlichſten Dank ab. Dieſer beehrte ihn mit einem ungemein gefälligen Lächeln, das alle Ueberreſte ſeines Un⸗ willens gänzlich verbannte. Denn da er den wahren Grund nicht errathen konnte, weßhalb man ihn mit ſolcher Schonung behandelte, ſo ſah er dieſe Herablaſſung als einen unbezweifelten Beweis von Sir Steady's Aufrichtigkeit an, und glaubte feſt, er würde ihm bei erſter Gelegenheit lieber eine Stelle geben, als ihm länger dieſen Gehalt aus ſeiner eigenen Taſche zahlen. Aller Wahrſcheinlichkeit nach würde dieſe Weiſſagung eingetroffen ſeyn, wenn nicht ein un⸗ vorhergeſehener Zufall ſeinen Credit bei Hofe in einem Augenblick ganz zu Grunde gerichtet hätte. Mittlerweile rief dieſer kurze Strahl des Glücks die Ideen von Stolz und Ehrgeiz, ſeine alten Lieblinge, in ihm zurück. Sein Ge⸗ ſicht erheiterte ſich wieder, ſeine gute Laune ſprudelte, und aus ſeinem ganzen Weſen leuchtete die lebhafteſte Freude hervor. Wirklich be⸗ trachteten ihn ſeine Mitelienten als einen Steigenden, und mehrere von ihnen buhlten aus dieſem Grunde eifrig um ſeine Gunſt. Er mied jetzt nicht mehr frühere Bekannte, mit denen er einen anſehn⸗ lichen Theil ſeines Vermögens durchgebracht hatte, ſondern traf mit ihnen mit der gewohnten vorigen Gemüthsruhe und Vertraulichkeit an öffentlichen Vergnügsorten wieder zuſammen, ja er ließ ſich ſogar auf Rechnung, daß ſeine feurigen Erwartungen erfüllt werden würden, wieder in einige ihre Erceſſe ein. Cadwallader und er erneuerten ihre Arbeiten im Departement des Lächerlichen, und führten verſchie⸗ dene Unternehmungen gegen Leute aus, die ihre Unzufriedenheit rege gemacht hatten. Allein dieſe Zeit des Frohſinns wurde bald durch ein eben ſo unerwartetes als verhängnißvolles Mißgeſchick unterbrochen. Seinen hochgebornen Patron traf ein Schlagfluß. Die Aerzte ſtellten ihn 29 davon ſo weit wieder her, als es nöthig war, um ihn regelrecht aus der Welt hinaus zu ſpediren. Sonach ging er denn zwei Monate, nachdem ſie herbeigerufen worden waren, den Weg alles Fleiſches Peregrine war über dieſen Todesfall ſehr betrübt, und zwar nicht blos aus Freundſchaft gegen den Verſtorbenen, dem er in manchem Betracht hoch verpflichtet zu ſeyn glaubte, ſondern auch, weil er be⸗ ſorgte, ſein Intereſſe würde durch den Abgang dieſes Peers, den er für ſeine Hauptſtütze anſah, einen heftigen Stoß erleiden. Daher legte er aus Achtung für das Andenken ſeines verſtorbenen Freundes Trauer an, und ließ Zeichen ächter Betrübniß und Theilnahme an ſich wahrnehmen, wiewohl er in Wahrheit noch weit mehr zu be⸗ trauern haben ſollte, als er ſich bis jetzt vorgeſtellt hatte. Als der Quartaltag kam, wandte er ſich wegen ſeiner Zinſen wie gewöhnlich an den Haushofmeiſter von dem Erben des Lords, und der Leſer wird gern zugeben, daß er einige Urſache hatte, be⸗ ſtürzt zu ſeyn, als ihm dieſer Mann ſagte, daß er weder auf Kapital, noch Zinſen Anſpruch machen könne. Zwar muß man geſtehen, daß der Haushofmeiſter ſowohl höflich, als auch ſehr vernünftig über dieſe Sache ſprach. „Ihre Miene, Sir,“ ſagte er zu Pickle,„ſpricht Sie von allem Verdacht los, daß Sie einen Betrug im Sinne haben; aber die Hy⸗ pothek auf die Grundſtücke, deren Sie erwähnen, hat ſchon lange vor der Zeit, ehe Sie das Geld geliehen zu haben vorgeben, ein Anderer bekommen. Erſt heute morgen habe ich ein Quartal von dieſen Zin⸗ ſen ausgezahlt, wie dieſe Quittung es beweist.“ Peregrine war über dieſe Nachricht, die ihm Alles raubte, wie vom Donner gerührt. Er konnte kein Wort hervorbringen. Ein Umſtand, der ihm bei dem Haushofmeiſter nicht ſonderlich das Wort redete, ſo daß dieſer wirklich alles Ernſtes anfing, einige Zweifel wegen der Redlichkeit des Fordernden zu hegen; denn unter den Pa⸗ pieren des Verſtorbenen, die er genau unterſucht hatte, befand ſich keine Schrift, kein Zettel, keine Quittung, die auf dieſe Schuld Be⸗ 30 zug gehabt hätte. Nach einer langen Pauſe der Betäubung ſammelte ſich Peregrine ſo weit, daß er ihm ſagen konnte:„Sie irren ſich ent⸗ weder ganz über die Maßen, oder der verſtorbene Lord iſt der größte Schuft auf Erden geweſen. Allein, mein Herr Haushofmeiſter, er⸗ lauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß Ihre bloße Verſicherung hier⸗ über mich nicht wird bewegen können, den Verluſt von zehntauſend Pfund ruhig zu ertragen.“ Nach dieſen Worten ging er ſo entrüſtet fort, daß er kaum wußte, wohin er ſeine Schritte wandte. Da der Park auf ſeinem Wege lag, ſo ſchlenderte er in demſelben umher, und brach in einen Monvlog zum Lobe ſeines verſtorbenen Freundes aus. Der Refrain deſſelben war allemal eine Reihe unzuſammenhängender Flüche gegen ſich ſelbſt, bis ſich endlich ſeine Aufregung ſo weit legte, daß er Be⸗ trachtungen anſtellen konnte. Er erwog nun ernſtlich und voll Küm⸗ merniß ſein Mißgeſchick und beſchloß, ohne Zeitverluſt Rechtsgelehrte zu Rathe zu ziehen. Doch vor allen Dingen nahm er ſich vor, ſich ſelbſt an den Erben zu wenden; vielleicht iſt dieſer, dachte er, durch eine ganz ungeſchminkte Darſtellung der Sache zu bewegen, daß er mir Gerechtigkeit wiederfahren läßt. Dieſem Entſchluß zufolge ſteckte er am folgenden Morgen ſeine Schriften zu ſich, und begab ſich in einer Sänfte nach dem Hauſe des jungen Lords. Sein gutes Anſehen und ein kleines Trinkgeld an den Thürſteher verſchafften ihm Zutritt zu demſelben. Er legte dem jungen Edelmann die ganze Sache umſtändlich vor, beglaubigte ſeine Behauptungen durch die mitgebrachten Dokumente, und ſchil⸗ derte den Schimpf, den er auf das Andenken des Verſtorbenen brin⸗ gen würde, wenn er ſich genöthigt ſehen ſollte, ſich wegen der Sache an ein öffentliches Juſtizkollegium zu wenden. Der Teſtamentsvollſtrecker, ein Mann von feiner Erziehung, be⸗ klagte ihn mit dem gutherzigſten Weſen, wiewohl er ſich über die Sache ſelbſt nicht ſehr zu verwundern ſchien; allein er wünſchte, daß, wenn der Betrug einmal begangen werden ſollte, der Schaden den 31 erſten hypothekariſchen Gläubiger betroffen haben möchte. Es wäre dieß ein diebiſcher Wucherer, ſetzte er hinzu, der durch das Elend ſeiner Nebenmenſchen reich geworden ſey. Zur Antwort auf dieſe Vorſtellungen unſers Helden bemerkte er, daß er ſich nicht für ver⸗ pflichtet hielte, die mindeſte Achtung gegen den guten Namen ſeines Vorgängers zu bezeigen. Dieſer habe ihn ſehr barbariſch und unge⸗ recht behandelt, und ihm nicht nur ſeinen Schutz und Beiſtand gänz⸗ lich verſagt, ſondern auch ſeine Erbſchaft um ſo viel verkümmert, als nur in ſeiner Macht geſtanden. Auf dieſe Art könne kein Billig⸗ denkender erwarten, daß er zehntauſend Pfund von ſeinen Schulden bezahlen würde, wofür er keinen Werth erhalten habe. Ungeachtet ſeines Verdruſſes konnte ſich Peregrine nicht enthal⸗ ten, in ſeinem Innern zu geſtehen, daß dieſe abſchlägige Antwort ſo unbillig eben nicht ſey. Nachdem er ſeinem Unwillen in den hef⸗ tigſten Anzüglichkeiten gegen den Verſtorbenen Luft gemacht hatte, nahm er von deſſen gefälligem Erben Abſchied, und ging ſogleich zu einem Rechtskonſulenten, dem er ſeine Sache vorlegte. Dieſer ver⸗ ſicherte ihm, der Prozeß konne nicht verloren gehen. Dem zufolge wurde ihm dieſe Rechtsſache übergeben. Allein dieſe Maßregeln traf Peregrine in der erſten Hitze, wo ſeine Lebensgeiſter durch die verſchiedenen Leidenſchaften, die ſein Un⸗ glücksfall bei ihm aufregte in ſo heftiger Wallung waren, daß er, was Berauſchung war, für Gleichmuth nahm, und zwei ganze Tage verſtrichen, ehe er zum rechten Gefühl ſeines Unglücks kam. Hier⸗ auf nahm er eine ſchmerzvolle Selbſtprüfung vor. Jeder Umſtand der Unterſuchung erzeugte neue folternde Betrachtungen. Das End⸗ reſultat war die Entdeckung, daß ſein Vermögen dahin und er in den Zuſtand kläglichſter Abhängigkeit verſetzt worden war. Dieſe troſtleſe Vorſtellung allein würde ihn zu einem verzweiflungsvollen Schritte getrieben haben, wenn ihn nicht das Vertrauen auf ſeinen Anwalt und die Verſicherung des Miniſters einigermaßen beruhigt hätten. 32 Das menſchliche Gemüth iſt von Natur biegſam und ſchmiegt ſich, wenn ihm nur die geringſte Hoffnung übrig bleibt, auf eine bewunderungswürdige Art in alle Fügungen des Glücks, zumal wenn es mit einer lebhaften und heitern Einbildungskraft verbrüdert iſt. Dieß war der Fall mit unſerm abenteuernden Ritter. Statt ſich der Schwermuth hinzugeben, die ſein Verluſt in ihm erzeugte, nahm er ſeine Zuflucht zu den ſchmeichleriſchen Täuſchungen der Hoffnung, beſchwichtigte ſich durch weſenloſe Pläne künftiger Größe und bemühte ſich, Vergangenes mit dem Schleier der Vergeſſenheit zu bedecken. Nach einigem Zaudern entſchloß er ſich, Crabtree mit ſeinem Unglück befannt zu machen, damit er ein für allemal die Feuerprobe ſeiner Satyre aushalten möchte, ohne ſich einer langen Reihe ſar⸗ kaſtiſcher Winke und peinvoller Anſpielungen auszuſetzen, die ihm unerträglich waren. Demnach nahm er die erſte Gelegenheit wahr, ihm zu erzählen, wie er durch die Treuloſigkeit ſeines geweſenen Gönners gänzlich zu Grunde gerichtet worden ſey. Zugleich bat er ihn, ſeine Betrübniß nicht noch durch jene beißenden Bemerkungen zu vergrößern, welche Leuten von ſeiner miſanthropiſchen Stimmung eigen wären. Cadwallader hörte dieſe Aeußerung mit innerlicher Verwunderung an, zeigte jedoch in ſeinem Geſichte nicht die geringſte Spur von Umwandlung. Nach einer Pauſe verſicherte er Peregrine, er habe keinen Grund, von ihm neue Bemerkungen über einen Vor⸗ fall zu erwarten, den er ſo lange vorhergeſehen und täglich erwartet habe. Dann ermahnte er ihn mit ironiſchem Lächeln, ſich mit den Verheißungen des Miniſters zu tröſten, der unſtreitig die Schuld ſeines hingeſchiedenen Buſenfreundes bezahlen würde. 33 Siebenundneunzigſtes Kapitel. Peregrine tritt als Schriftſteller auf und wird Mitglied eines Autorenelubbs. Nachdem unſer junger Herr dieſe peinliche Erklärung gethan, begann er Plane zu ſchmieden, um den Mangel ſeines jährlichen Einkommens, welches jetzt ſo fürchterlich geſchmolzen war, zu erſetzen. Endlich beſchloß er, ſeine durch Natur und Erziehung erhaltenen Ta⸗ lente zu benutzen. Zur Zeit ſeines Ueberfluſſes hatte er von meh⸗ reren Schriftſtellern gehört, die, ohne alle Anſprüche auf Genie oder gründliche Kenntniſſe, ſich dadurch ganz leidlich ſtellten, daß ſie für Buchhändler literariſche Arbeiten beſorgten, bei denen der Ruf gar nicht in Betracht kam. Einer zum Beiſpiel überſetzte zu ſo und ſo viel Honorar den Bogen, wozu er fünf bis ſechs Hanslanger hielt, die wie die Schreiber in einem Comptoir vollauf zu thun hatten. Dadurch ward er in den Stand geſetzt, ganz gemächlich zu leben, und ſeines Freundes und einer guten Flaſche Wein zu genießen, ohne nach einem andern Ruf zu geizen, als dem eines ehrlichen Mannes und guten Nachbars. Ein Anderer ließ unter ſeiner Aufſicht neue Lerika durch Tagelöhner ausführen. Das Fach des dritten waren Geſchichte und Reiſebeſchreibungen, die er durch ſubalterne Arbeiter compiliren und kürzen ließ. Pickle hatte, wenn er ſich mit dieſen Federhelden verglich, gegen ſeine Fähigkeiten ſo viel Achtung, daß er alle Zweifel verbannte, ob er im Stande ſeyn würde, es jedem einzelnen dieſer Compilatoren in den verſchiedenen Zweigen ihres Handwerks zuvorzuthun, falls er ſich je genöthigt ſehen ſollte, ſich ihnen anzuſchließen. Inzwiſchen regte ihn ſein Ehrgeiz an, ſeinen Ruhm mit ſeinem Vortheil zu vereinigen. Zu dem Ende verſuchte er einige Produkte, die ihm bei der Welt Ehre machen und zugleich ſeinen Credit bei den Käufern von Handſchriften in London gründen möchten. So huldigte er denn der Muſe, und da er wohl wußte, wie wenig man in unſerm Zeit⸗ Smollet's Romane. AII. 3 34 alter von der Poeſie hält, wenn ſie ſich nicht mit Satyre oder Ob⸗ ſcenitäten beſchäftigt, ſo arbeitete er eine Nachahmung des Juvenal aus, und geißelte darin verſchiedene bekannte und angeſehene Thoren und Böſewichter mit eben ſo vieler Wahrheit als Witz und Strenge. Wiewohl ſein Name nicht auf dem Titelblatte dieſes Produkts ſtand, ſo hatte er es doch ſo einzurichten gewußt, daß das Werk von Je⸗ dermann dem wahren Verfaſſer zugeſchrieben wurde. Auch ſah er ſich in der Erwartung eines glücklichen Erfolgs nicht betrogen; denn die Auflage war ſehr bald vergriffen, und die Broſchüre war das Tags⸗ geſpräch in allen Cirkeln, die auf guten Geſchmack Anſpruch machten. Dieſer glückliche Debüt zog ihm nicht allein die Bekanntſchaft der Buchhändler zu, die ihn in ihr Intereſſe zu ziehen ſuchten, ſon⸗ dern erregte auch die Aufmerkſamkeit einer gewiſſen Geſellſchaft von Autoren, die ſich ſelbſt die Akademie nannten. Sie beehrten ihn mit einer Deputation, welche ihm den Antrag überbrachte, daß ſie ihn mit einmüthiger Bewilligung zu ihrem Mitgliede aufnehmen wollten. Da der Sprecher der Deputation ein Dichter war, der ſich früher der Freigebigkeit unſeres Helden erfreut hatte, ſo wandte derſelbe alle ſeine Beredſamkeit an, um Pickle zur Annahme des Anerbietens ſeiner Collegen zu bewegen, die er auf eine ſolche Art beſchrieb, daß Pickle's Neugier rege gemacht wurde. Er entließ den Deputirten mit einer Dankſagung für die hohe Ehre, die ſie ihm erwieſen und mit der feſten Verſicherung, ſein ganzes Beſtreben dahin zu richten, ſich ihres ferneren Beifalls werth zu machen. Pickle ward hierauf durch eben dieſen Abgeſandten von den in dieſer Akademie üblichen Ceremonien unterrichtet, und machte auf deſſen Angabe eine Ode, die an dem Abend ſeiner Einführung öffent⸗ lich declamirt werden ſollte. Die Geſellſchaft, erfuhr Pickle, beſtand aus einer Bande Autoren, die ſich ihres gemeinſchaftlichen Vortheils und Vergnügens wegen gegen eine andere Autorenclique, die ihre erklärten Feinde und Verläumder waren, einmüthiglich zu Schutz und Trutz verbunden hatten. Kein Wunder alſo, daß ſie ſich durch eine 35 ſo ſchätzbare Acquiſition zu verſtärken trachtete, als ſie in unſerm Helden zu erkennen glaubte. Uebrigens beſtand das Collegium blos aus Autoren, und zwar aus ſolchen, die ſich in vielen, wenn nicht in allen Fächern, mit mehr oder minder glücklichem Erfolge verſucht hatten. Eins von den Mitgliedern hatte ſogar ein Epos in acht Geſängen verfaßt, zu deſſen Herausgabe es Subſcribenten ſammelte. Daß ein ſolches Collegium von Muſenſöhnen einen ganzen Abend in Ordnung und ohne Verletzung des Wohlſtandes hätte hinbringen können, ohne unter dem Stepter eines Obern zu ſtehen, läßt ſich nicht leicht vorausſetzen. Da man dieß vorausſah, ſo hatte man einen Präſidenten erwählt, der mit der vollen Macht bekleidet war, jedes Mitglied, welches die Harmonie oder die Subordinativn des Ganzen zu ſtören verſuchte, zum Stillſchweigen zu verweiſen. Der Weiſe, der jetzt Meiſter vom Stuhle war, hatte ſchon viele Jahre, und ſein Geſicht war ein lebendiges Bild des grollſüchtigen Mißmuths, der auf wiederholte Verwerfung zu erfolgen pflegt. Er war mit ſeinen dra⸗ matiſchen Arbeiten außerordentlich unglücklich geweſen; und mich der Worte eines profanen Spötters zu bedienen, welcher der Verurthei⸗ lung ſeines letzten Stücks beigewohnt hatte, ohne Erlöſung verdammt worden. Trotz dem hielt er ſich noch immer am Rande des Parnaſſes auf, indem er Claſſiker überſetzte, und Miscellen ſchrieb. Durch ein ihm inwohnendes felſenfeſtes Selbſtvertrauen, durch übermüthigen Trotz durch die Giftigkeit einer unbändigen Zunge und einige Men⸗ ſchenkenntniß hatte er ſich den Ruf eines gelehrten und witzigen Man⸗ nes bei Leuten erworben, die keins von beidem waren; das heißt, bei neun und dreißig von Vierzigen unter denen, womit er Umgang oflog. Ja, ſelbſt in der Akademie betrachteten ihn einige Wenige in dieſem Lichte. Indeß der größte Theil von denen, die ſeine Wahl begünſtigt hatten, waren Perſonen, die ſeine Bosheit fürchteten, ſeine Erfahrung und ſein Alter ehrten oder ſeinen Mitbewerber, den Hel⸗ dendichter, haßten. 36 Der Hauptzweck dieſer Geſellſchaft war, wie geſagt, einander bei ihren Produkten beizuſtehen, und ihnen Beifall zu verſchaffen. Sie prieſen daher dieſelben wechſelsweiſe mit aller ihrer Kunſt und ihrem Einfluß, nicht nur in Privatunterredungen, ſondern auch durch ge⸗ legentliche Epigramme, Kritiken und Anzeigen, die ſie in öffentliche Blätter einrücken ließen, zum Verkauf an Dieſe Wiſſenſchaft, die man unter dem Namen der Lobhudelei kennt, trieben ſie mit ſolcher Schlauheit, daß oft ein Autor über ſein eigenes Werk eine Schmäh⸗ kritik ſchrieb, um die Neugier der Leute, die es überſehen hatten, anzuregen. Ungeachtet der allgemeinen Harmonie in dieſer Geſell⸗ ſchaft währte doch ſeit langer Zeit eine Privaterbitterung fort zwiſchen den beiden odgedachten Nebenbuhlern wegen des Vorrangs, ob er wohl durch die Mehrheit der Stimmen dem gegenwärtigen Vorſteher zu⸗ erkannt worden war. Dieſer heimliche Groll äußerte ſich nicht in Schmähungen oder in Herausforderung, ſondern er offenbarte ſich bei jeder Zuſammenkunft durch Verſuche, einander durch beißende Ein⸗ fälle und ſinnreiche Einwürfe zu verdunkeln. Demnach ward jedes⸗ mal gegen Abend ein leckeres Gericht von dieſer Art aufgetiſcht, das zur Unterhaltung und den jüngern Mitgliedern zum Beiſpiel diente. Sie ermangelten nie, ſich bei dieſer Gelegenheit zu theilen und ſich für einen oder den andern der beiden Kämpfenden zu erklären, den ſie durch ihre Blicke, Geberden und Beifall, ſo wie es der Dispüt mit ſich brachte, aufmunterten. Die Sitzungen dieſer ehrenwerthen Soeietät wurden in dem beſten Zimmer eines Alehauſes gehalten. Hier konnte ein Jeder, je nach⸗ dem es ſeiner Borſe oder Neigung convenirte,— denn jedes Mit⸗ glied bezahlte beſonders für das, was es gewählt hatte— Wein, Punſch oder Bier bekommen; und hier ward unſer Held unter zwan⸗ zig ihm ganz unbekannte Leute eingeführt, deren Geſichter und An⸗ zug ein ſehr maleriſches Quodlibet bildeten. Man empfing ihn mit der größten Feierlichkeit auf das Liebreichſte. Ihm ward ſein Platz zur Rechten des Präſidenten angewieſen, ſodann Stillſchweigen ge⸗ — 137 boten, und ſeine Einführungsode laut abgeleſen, die allgemeinen Bei⸗ fall einerntete. Hierauf ward ihm der übliche Eid vorgelegt, der ihn verpflichtete, auf die Ehre und den Vortheil der Geſellſchaft in jedem Stande des Lebens Rückſicht zu nehmen, ſo viel nur in ſeinem Ver⸗ mögen ſtände. Nachdem ihm derſelbe abgenommen war, wurden ſeine Schläfe mit einem Lorbeerkranze umwunden, der zu ſolchen Einwei⸗ hungen heilig aufbewahrt wurde. Nach Vollziehung dieſer Ceremonien warf das neue Mitglied die Blicke rings im Saale umher, und nahm ſeine Collegen in etwas ſchärferen Augenſchein. Er bemerkte an ihnen eine ſeltſame Samm⸗ lung von Perücken in Rückſicht auf Farbe, Form und Umfang, der⸗ gleichen ihm noch nie vorgekommen war. Diejenigen, die zu beiden Seiten dem Präſidenten zunächſt ſaßen, zeichneten ſich durch ehrwür⸗ dige Alongeperücken aus, deren Touppes von bewundernswürdiger Ver⸗ ſchiedenheit waren. Einige ſtiegen abwärts, wie das Glacis in einer Feſtung, andere erhoben ſich mit zwei verſchiedenen Spitzen, gleich den Bergen Helikon und Parnaß; andere aber waren wie die Hörner des Jupiter Ammon gewunden und zurückgebogen. Nächſt dieſen erſchie⸗ nen Beutel⸗, Stutz⸗ und Zopf⸗Perücken; manche davon waren bloße succedanea, künſtlich genug von ihren Eigenthümern ſelbſt fabricirt; an den untern Enden des Tiſches aber zeigten ſich unförmliche Haar⸗ maſſen, die ſich gar nicht beſchreiben ließen. Ihre Kleidungen paßten zu ihren Kopfbedeckungen. Der Anzug der obern Bank war anſtändig und ſauber; der der zweiten Claſſe abgetragen und fleckig, und am untern Ende des Zimmers bemerkte er verſchiedene Verſuche, zerriſſene Beinkleider und ſchmutzige Wäſche zu verbergen. Ja, er konnte aus ihren verſchiedenen Phyſiognomien die verſchiedenen Gattungen der Poeſie erkennen, welchen jedes Indi⸗ viduum ſich widmete. Er ſah ganz deutlich die Tragödie in der gra⸗ vitätiſchen Feierlichkeit des Blicks, die Satyre aus den Stirnrunzeln des Neides und Mißvergnügens hervorlauſchen, die Elegie aus einem Leichengeſichte hervorgreinen, die Idylle aus höchſt fade⸗ſchmachten⸗ 38 den Blicken herausſchauen, die Ode in einem wahnſinnigen Starren ſich abmalen, und das Epigramm aus einem muthwilligen Lächeln her⸗ vorblinzeln. Vielleicht that ſich unſer Held auf ſeinen Scharfblick zu viel zu Gute, wenn er behauptete, daß er außer dieſen Entdeckungen den Zuſtand von den Finanzen eines Jeden deutlich bemerken könnte und ſich anheiſchig machte, die Summe, die Jeder beſäße, bis auf Heller und Pfennig anzugeben. Die Unterhaltung, ſtatt allgemein zu werden, fing an ſich zu zerſplittern. Der epiſche Dichter hatte wirklich die Aufmerkſamkeit eines engern Ausſchuſſes auf ſich gezogen. Der Meiſter vom Stuhle aber miſchte ſich darein und rief laut:„Keine Kabalen, keine Ver⸗ ſchwörungen, meine Herren!“ Sein Nebenbuhler hielt es für ſeine Schuldigkeit, auf dieſen Verweis zu antworten, und verſetzte daher: „Wir haben keine Geheimniſſe; wer Ohren hat zu hören, der höre!“ Dieß wurde als eine Loſung für die Geſellſchaft geſagt, deren Blicke ſich ſogleich durch die Erwartung ihres gewöhnlichen Mahls ſchärften; allein der Präſident ſchien allem Streit ausweichen zu wollen. Denn er nahm nicht ſein Fehdegeſicht an, und antwortete ganz gelaſſen, er habe geſehen, wie Herr Metapher einem ſeiner Conföderirten etwas zugeflüſtert, woraus abzunehmen geweſen wäre, daß etwas Heimliches vorginge. Der Epiker, der ſeinen Gegner für muthlos erachtete, beſchloß hiervon Nutzen zu ziehen, und dem neuen Ankömmling eine hohe Idee von ſich einzuflößen. Er fragte daher mit einer Triumphatormiene, ob es einem Menſchen nicht geſtattet ſey, eine krampfhafte Zuckung des Auges zu haben, ohne eines geheimen Verſtändniſſes beſchuldigt zu werden. Der Präſident merkte ſeine Abſicht, und da ihn dieſe Vermeſſenheit verdroß, ſo ſagte er:„Allerdings kann von einem Schwachkopf wohl vorausgeſetzt werden, daß er Augenconvulſionen bekommt.“ Dieſe Antwort verurſachte ein Triumphgelächter unter den Anhängern des Vorſtehers, und einer von ihnen machte die Be⸗ merkung, daß ſein Nebenbuhler einen ſchmerzlichen Streich auf ſein 39 Haupt bekommen habe.„Ja in dieſer Rückſicht,“ verſetzte der Barde, „hat der Herr Präſident einen Vortheil über mich. Wäre mein Haupt mit einem Hornwerke befeſtigt, ſo würde ich gegen dieſen Streich minder empfindlich geweſen ſeyn.“ Dieſe Antwort, die eine ernſthafte Anſpielung auf des Präſidenten Frau enthielt, klärte die Geſichter der Freunde des angreifenden Theils auf, die ein wenig finſter geworden waren; bei der andern Faktion hatte ſie eine gegen⸗ ſeitige Wirkung. Das Oberhaupt der Letztern nahm alle ſeine Faſ⸗ ſungskraft zuſammen und gab die volle Ladung zurück, indem er ſagte:„Man braucht kein Hornwerk, ſobald der bedeckte Weg der Vertheidigung nicht werth iſt.“ Eine ſolche Repreſſalie gegen Metaphers Ehegeſpons, die nichts weniger als ihrer Schönheit halber berühmt war, mußte nothwendig auf die Zuhörer wirken. Der Barde ſelbſt ward durch dieſe Bemer⸗ kung ein wenig erſchüttert; deſſenungeachtet verſetzte er ohne Beden⸗ fen:„Wahrlich, ich bin der Meinung, daß wenn auch ihr bedeckter Weg offen läge, wenig Leute den Sturm unternehmen möchten.“ „Freilich nicht,“ verſetzte der Vorſteher,„wofern ihre Batterien nicht wirkſamer wären, als das Feuer Ihres Witzes.“„Was das anlangt,“ rief der andere haſtig,„ſo würden Sie nicht nöthig haben, erſt Breſche zu ſchießen. Sie würden den Winkel von dem Bollwerke la pucelle geſchleift vor ſich finden. He, he, he!“„Alein ich glaube, es würde über Ihren Verſtand gehen,“ erwiederte der Vorſteher,„den Graben auszufüllen.“„Das läßt ſich gar nicht bewerkſtelligen,“ verſetzte der Barde„das muß ich geſtehen, denn hier käme ich auf einen hiatus maxime deflendus.“ Durch dieſe Inſinuation in Gegenwart des neuen Mitglieds erbittert, antwortete der Präſident mit Unwillen in den Blicken: „Und gleichwohl würde man, wenn man ein Piket Schanzgräber bei Ihrem Schädel anſtellte, Wuſt genug finden, alle Goſſen in der Stadt damit zu verſtopfen.“ Hier ſtießen die Bewunderer des epi⸗ ſchen Dichters einen tiefen Seufzer aus. Dieſer nahm mit großer 40 Gelaſſenheit eine Priſe Taback und ſagte:„Wenn ein Mann erſt zu Skurrilitäten ſeine Zuflucht nimmt, ſo halte ich das für den ſicher⸗ ſten Beweis, daß er ſich überwältigt fühlt.“„Wenn das der Fall iſt,“ rief der Andere,„ſo müſſen Sie ſelbſt die überwundene Partei⸗ ſeyn, denn Sie fielen zuerſt auf perſönliche Injurien.“„Ich berufe mich auf Diejenigen, die unterſcheiden können,“ verſetzte der Barde. „Meine Herren, ich bitte um ihr Urtheil.“ Bierüber entſtand ein allgemeines Geſchrei, ſo daß das ganze Collegium in Verwirrung gerieth. Jedermann ließ ſich mit ſeinem Nachbar über den Werth und Unwerth der vorgekommenen Einfälle ein. Der Meiſter vom Stuhle legte ſich mit ſeiner Autorität darein, umſonſt! Der Lärmen ward lauter und lauter. Die Diſputirenden wurden warm. Die Ehrentitel Dummkopf, Narr und Schuft flogen hin und her. Peregrine freute dieſer Aufruhr. Er ſprang auf den Tiſch, und gab die Loſung zum Treffen. Es ging ſogleich in zehn verſchiedenen Zweikämpfen los. Die Lichter wurden ausgelöſcht, und die Kämpfenden droſchen ohne Unterſchied auf einander los. Der leichtfertige Pickle theilte manchen derben Schlag im Finſtern aus. Das Getöſe der Püffe und Stöße, das Umwerfen der Stühle, das Geſchrei der Fechtenden machte die Leute unten im Hauſe unruhig. Sie kamen in corpore mit Lichtern hinauf, um wo möglich die Ur⸗ ſache dieſes ſchrecklichen Tumults zu erfahren. Kaum waren die Gegenſtände wieder ſichtbar geworden, als das Schlachtfeld eine ſeltſame Gruppe von Stehenden und Gefallenen darbot. Jedes Auge von Maſter Metapher war mit einem blau und braunen Ringe umgeben. Aus der Naſe des Präſidenten tröpfelte eine Menge geronnenen Bluts. Da einer von den tragiſchen Autv⸗ ren ſich im Finſtern angegriffen gefühlt, hatte er ſtatt eines Dolchs ein Meſſer ergriffen, das, um den Käſe zu ſchneiden, auf dem Tiſche lag, und es gegen die Kehle ſeines Gegners gebraucht. Allein dem Himmel ſey Dank, es war nicht ſcharf genug geweſen, um durch die Haut zu dringen; es hatte dieſelbe nur hie und da aufgeritzt. Ein 41 Satyriker hatte einem lyriſchen Barden faſt das Ohr abgebiſſen. Hemden und Halskrauſen lagen zerriſſen umher; und auf dem Bo⸗ den fanden ſich ſo klägliche Wracks von Perücken, daß die ſchärfſte Unterſuchung den Eigenthümer von einer jeden nicht auszumitteln vermochte. Der größte Theil von ihnen ſah ſich genöthigt, ihre Schnupftücher ſtatt Nachtmützen zu brauchen. Inzwiſchen hörte das Treffen bei Ankunft der Friedensmittler auf. Einige von ihnen waren einer Leibesübung ſatt, wobei ſie nichts denn harte Stöße empfangen hatten, andere hatten ſich durch die Drohung des Wirths und ſeiner Geſellſchaft: nach der Wache zu ſchicken, einſchüchtern laſſen, und einige Wenige ſchämten ſich des Aergerniß gebenden Diſpüts, in welchem man ſie betroffen hatte. Allein wiewohl die Schlacht geendet war, ſo konnte man doch für heute Abend unmöglich Harmonie und Ordnung unter der Geſellſchaft wieder herſtellen. Sie brach mithin auf, nachdem der Präſident eine kurze und verwirrte Schutzrede an unſern abenteuernden Ritter wegen des unanſtändigen Aufruhrs gehalten hatte, der zum Unglück am er⸗ ſten Abend ſeiner Aufnahme vorgefallen ſey. Peregrine ging in der That mit ſich zu Rathe, ob es ihm ſein guter Name erlaube oder nicht, ſich ferner unter dieſer ehrwürdigen Junft zu zeigen. Da er aber einige darunter als Männer von wirk⸗ lichem Genie kannte, ſo lächerlich auch übrigens ihr Betragen ſeyn mechte, und da er zudem von heiterer Gemüthsart war, die allent⸗ halben Stoff zur Luſtigkeit ſucht, wie Horaz vom Philippus bemerkt, „Risus undique quaerit,“*) ſo beſchloß er, die Akademie ungeachtet des Vorfalls wieder zu be⸗ ſuchen, der ſich bei ſeiner Einführung ereignet hatte. Außerdem bewog ihn auch das Verlangen dazu, die Privatgeſchichte der Schau⸗ bühne zu erfahren, womit er einige von den Mitgliedern genau be⸗ fännt glaubte. Auch bekam er noch vor der nächſten Zuſammenkunft *) Er ſucht ſich überall Stoff zum Lachen. 42 einen Beſuch von dem Manne, der ihn eingeführt hatte. Dieſer ver⸗ ſicherte ihm, ſeit dem Stiftungstag ihrer Geſellſchaft ſey nie ein ſolcher Tumult vorgefallen, wie an jenem Abend. Zugleich verſprach er ihm, er ſollte künftig nicht Urſache haben, an ihrem Betragen Anſtoß zu nehmen. Durch dieſe Beweggründe und Verſicherungen ließ Pickle ſich be⸗ wegen, ſich noch einmal in ihre Geſellſchaft zu begeben. Dießmal ward in allen Stücken der ſtrengſte Anſtand beobachtet, aller Zwiſt, alles Diſputiren vermieden, und die Akademiker beſtrebten ſich ernſt⸗ lich, den Zweck ihrer Zuſammenkünfte zu erfüllen, den nämlich, die Beſchwerden einiger Mitglieder anzuhören, und ſie mit heilſamem Rathe zu unterſtützen. Der Erſte, der um Abhülfe anſuchte war ein lärmender Nord⸗ brite, der ſich in einem höchſt wunderlichen Dialekte beklagte, wie er zu Anfang des Herbſtes dem Direktor eines gewiſſen Theaters ein Luſtſpiel eingereicht, wie derſelbe ſolches ſechs Wochen lang behalten, und ihm dann mit der Bemerkung wieder zugeſtellt habe, das Stück enthalte weder Menſchenverſtand, noch gute Diktion. Der Präſident, der daſſelbe durchgeſehen hatte, und alſo ſeine Ehre dabei gefährdet glaubte, erklärte hierauf der Geſellſchaft:„Was den Menſchenverſtand anlangte, ſo will ich Ihr Produkt in dieſer Rückſicht nicht weiter in Schutz nehmen; allein was den Styl be⸗ trifft, ſo kann derſelbe nicht mit Recht getadelt werden.“ „Es liegt klar vor Augen,“ fuhr er fort,„daß der Direktor ſich nicht die Mühe nahm, das Stück durchzuleſen, ſondern aus der Sprache des Autors auf die des Stücks ſchloß, weil er es ſich nicht träumen ließ, daß ein engliſcher Schriftſteller den Styl revidirt habe. Doch dem ſey wie ihm wolle, ſo ſind Sie ihm unenblich dafür ver⸗ bunden, daß er Sie ſo bald abgefertigt hat. Ich werde nun, ſo lange ich lebe, eine beſſere Meinung von ihm hegen. Denn ich habe ganz andere Autoren gekannt als Sie, ich meine Männer von Gewicht und Ruf, die er den größten Theil ihres Lebens mit Winkelzügen 43 und kahlen Ausreden hingehalten hat. Und doch waren ſie am Ende in der Hoffnung getäuſcht, ihre Arbeit auf der Bühne vorgeſtellt zu ſehen.“ Achtundneunzigſtes Kapitel. Wie es ferner in dem Autorelubb hergeht. Nach noch weiterer Verhandlung dieſer Sache brachte ein An⸗ derer ſeine Klage vor, welcher anzeigte, daß er es übernommen habe, einen gewiſſen berühmten Schriftſteller in das Engliſche zu überſetzen, der durch einige vorhergehende Verſuche grauſam verſtümmelt worden wäre. Als ſein Vorhaben bekannt geworden ſey, ſo hätten die Ei⸗ genthümer jener elenden Ueberſetzungen ſich bemüht, ſeinem Werke einen Stoß zu geben. Sie hätten nämlich unter der Hand ausge⸗ ſtreut, er verſtünde kein Wort von der Sprache, aus der er zu über⸗ ſetzen vorgäbe. Da nun dieß ein Fall war, der den größten Theil der Zuhörer nahe anging, ſo ward er ernſtlich berathen. Einige von ihnen bemerkten, es wäre dieß nicht nur ein boshafter Angriff gegen den Kläger, ſondern auch ein feindſeliger Wink für das Publikum, die Fähigkeiten der andern Ueberſetzer zu unterſuchen, von welchen nur wenige, wie man wohl wüßte, ſo beſchaffen wären, daß ſie bei der Unterſuchung probehaltig gefunden werden würden. Andere ſag⸗ ten, daß außer dieſer Betrachtung, welche billig ein gehöriges Ge⸗ wicht bei der Academie haben müßte, es auch nothwendig ſey, Maß⸗ regeln zu verabreden, wodurch die Vermeſſenheit der Buchhändler gedemüthigt würde, die ſeit undenklichen Zeiten alle bequemen Gele⸗ genheiten ergriffen hätten, ihre Autoren zu unterdrücken und zu Skla⸗ ven zu machen, indem ſie nicht allein den Mann von Genie auf das Tagelohn eines Schneidergeſellen einſchränkten, ihm nicht einmal einen 44 Sabbath in der Woche gönnten, ſondern auch ihre Noth auf eine Art benutzten, die aller Billigkeit und Menſchenliebe zuwiderliefe. „Ich ſelbſt zum Beiſpiel,“ ſagte eins der Mitglieder,„wurde, nachdem ich einigen literariſchen Ruf erlangt hatte, von einem dieſer Tyrannen ganz ungemein gehätſchelt; er betheuerte mir ſeine Freund⸗ ſchaft, und verſorgte mich ſogar, da ich in Noth war, mit einigem Gelde, ſo daß ich ihn für ein Muſter der uneigennützigſten Dienſt⸗ fertigkeit halten mußte. Hätte er meine Geſinnungen gekannt, und wäre er mir darnach begegnet, ich hätte für ihn gearbeitet, was für Bedingungen er mir auch hätte vorſchreiben mögen. Nachdem ich auf dieſe Art von ſeiner Freundſchaft Gebrauch gemacht hatte, trug es ſich zu, daß ich einer kleinen Summe Geldes bedurfte. Ich wandte mich nochmals mit großer Zuverſicht an meinen guten Freund. Allein plötzlich hatte ſeine Großmuth ein Ende. Er ſchlug mir dieſe Ge⸗ fälligkeit mit den trotzigſten und kränkendſten Reden ab, und fragte mich rund heraus, auf welche Art ich ihm denn das Geld wieder be⸗ zahlen wollte, das ich ſchon von ihm geborgt hätte, ob ich gleich damals ſchon ziemlich weit in einem Werke für ihn gekommen un das ihm für beide Summen hinlänglich Sicherheit leiſtete.“ Dieſe Darlegung wirkte ſo mächtig auf die Ueberzeugung und den Unwillen des ganzen Collegiums, daß man denen, die den Kläger gekränkt hatten, allgemeine Rache zuſchwor. Nach einigen Debatten ward beſchloſſen, Kläger ſollte von einem Buche, das gut abginge⸗ eine neue Ueberſetzung machen, und ſie der alten entgegenſtellen, die einem von den Verbrechern zugehörte, ſie aber ſo eng drucken laſſen, daß er ſie unter dem Preiſe des Eigenthums von jenen zu verkaufen im Stande wäre; alsdann ſollte dieſe Ueberſetzung mit der ganzen Kunſt und dem ganzen Einfluß der Geſellſchaft in die Welt einge⸗ führt werden. Nachdem dieſe Angelegenheit zur Zufriedenheit aller Anweſenden abgehandelt worden, ſtand ein Autor von einigem Anſehen auf, und bat ſeine Collegen um Rath und Beiſtand, um einen gewiſſen Edel⸗ 45 mann zu ſtrafen, der Anſprüche auf feinen Geſchmack mache und in Folge eines Werkes, das er unter allgemeinem Beifall in die Welt geſchickt, ſeine Bekanntſchaft nicht nur gewünſcht, ſondern auch eifrigſt geſucht habe. „Er bat mich, ihn zu beſuchen,“ ſagte der Autor,„und überhäufte mich mit Artigkeiten und Freundſchaftsbetheurungen, beſtand darauf, ich möchte ihn als vertrauten Freund betrachten, und ohne Umſtände zu allen Stunden zu ihm kommen, und nöthigte mich, ihm zu ver⸗ ſprechen, daß ich wenigſtens dreimal in der Woche bei ihm frühſtücken wollte. Kurz ich hielt mich für ſehr glücklich, daß ein Mann von ſeinem Gewicht und Ruf, in deſſen Macht und Kraft es ſtand, mich auf meiner Bahn zu unterſtützen, daß ein ſolcher Mann mir ſo freund⸗ ſchaftlich entgegen kam. Um ihm nun keinen Anlaß zu der Vermuthung zu geben, daß ich ſeine Freundſchaft vernachläßigte, ging ich zwei Tage nachher zu ihm, um, der Einladung gemäß, Chokolade bei ihm zu trinken. Allein Se. Hochwohlgeboren waren vom geſtrigen Ball ſo ſpät nach Hauſe gekommen, daß ſein Kammerdiener es nicht wa⸗ gen wollte, ihn ſo früh zu wecken. Ich ließ meinen Empfehl an Se. Lordſchaft zurück und auch eins meiner Manuſeripte, nach deſſen Durchſicht er ſich über alle Maßen geſehnt hatte. „Am folgenden Morgen wiederholte ich meinen Beſuch, damit meines hohen Gönners Ungeduld, mich zu ſehen, keine nachtheilige Wirkung auf ſeine Geſundheit haben möchte. Da erfuhr ich von ſeinem Kammerdiener, er habe ſich an meinem zurückgelaſſenen Ma⸗ nuſcripte ſehr delectirt, und einen großen Theil davon durchgeleſen. Im Augenblicke aber hätte er ſo viel zu thun, um ein paſſendes Coſtüm zu einer Privatmaskerade auszuſinnen, die eben den Abend ſtattfinden ſollte, daß er nicht das Vergnügen haben könnte, meine Geſellſchaft beim Frühſtück zu genießen. Dieſe Entſchuldigung paſ⸗ ſirte, und ſo ließ ich ſie gelten. Ich kam in einem oder zwei Tagen wieder. Da hieß es denn, der Lord habe dringende Geſchäfte. Dieß konnte möglich ſeyn und deßhalb kam ich zum viertenmal wieder in 46 der Hoffnung, ihn bei mehr Muße zu finden. Allein er war eine halbe Stunde eher ausgegangen, als ich kam, und hatte dem Kam⸗ merdiener mein Manuſecript zurückgelaſſen, der mich verſicherte, daß es der Lord mit unendlichem Vergnügen geleſen habe. Vielleicht würde ich mich mit dieſer Erklärung ſehr zufrieden wegbegeben haben⸗ hätte ich nicht, als ich durch den Vorſaal ging, einen der Lakeien oben an der Treppe mit vernehmlicher Stimme ſagen hören:„Ji es Ihro Lordſchaft gefällig, zu Hauſe zu ſeyn, wenn er fragt?“ „Man kann ſich denken, daß mir dieſe Entdeckung keineswegs behagte. Kaum hatte ich ſie gemacht, ſo wandte ich mich nach mei⸗ nem Führer, und ſagte: Ich finde, der Lord iſt geſonnen, für mehrere Leute als für mich nicht zu Hauſe zu ſeyn. Der Burſche, wiewohl er nur Kammerdiener war, erröthete über meine Bemerkung. Jh ging fort, über die Falſchheit des abgeſchmackten Peers nicht wenig erbittert, und feſt entſchloſſen, ihn für künftig mit meinen Beſuchen zu verſchonen. „Nicht lange nachher traf ich ihn im Park. Ich der ich von Natur höflich bin, konnte nicht bei ihm vorbeigehen, ohne ihm mein Compliment zu machen. Allein er dankte mir ſehr fremd, wiewohl wir allein waren und uns keine Seele ſah; und als neulich eben das Werk, dem er in der Handſchrift ſo warmen Beifall gegeben, auf Subſeription herauskam, hatte er nicht einmal auf ein Eremplar un⸗ terzeichnet. Ich habe oft mit Verwunderung das lächerlich Wider⸗ ſprechende in dem Betragen dieſes Mannes überdacht; es ſcheint das Reſultat der feſten Abſicht zu ſeyn, ſich verhaßt und verächtlich zu machen. Ich habe nie um ſeine Gönnerſchaft gebuhlt, ja nicht ein⸗ mal an ſeinen Namen gedacht, bis er ſich um meine Bekanntſchaft bewarb; und wofern er durch meine Unterhaltung fand, daß er in Rückſicht meiner hintergangen war, weßhalb drang er ſo in mich, öfters zu ihm zu kommen?“ „Dieſe Sache iſt ganz klar,“ ſagte der Präſident.„Er iſt einer von jenen Kunſtkennern, die für Leute von Geſchmack gelten wollen, 47 die ſich damit brüſten, alle Männer von Genie zu kennen, damit man glauben ſolle, daß ſie ihnen bei ihren Produktionen hülfreiche Hand leiſten. Ich will mit Jedermann wetten, daß Seine Lordſchaft nach der unbedeutenden Unterredung, die er mit Ihnen gehabt, und nach der Handſchrift, die er ſich von Ihnen zu verſchaffen gewußt, ſchon in allen Geſellſchaften, wo er geweſen, den Wink hat fallen laſſen, Sie hätten ihn gebeten, Ihr nunmehr erſchienenes Werk vor dem Druck deſſelben durchzuſehen. Er hätte Ihnen über einige Stellen, die gerade jetzt im Druck den Beifall der City nicht erhalten hätten, ſeinen Rath zukommen laſſen, Sie aber auf Ihrer Meinung zu er⸗ picht gefunden. Was ſeine Liebkoſungen aulangt, ſo liegt in dieſem Betragen gar nichts Außerordentliches. Haben Sie erſt ſo lange in der Welt gelebt, als ich, ſo werden Sie finden, daß Verſprechen und Halten bei einem Hofmann himmelweit verſchiedene Dinge ſind. In⸗ wiſchen wollte ich gern als Ihr Bundesgenoſſe bei der Revanche, die Sie an ihm nehmen wollen, agiren, wenn ich nur die Möglichkeit ſähe, ihn dahin zu bringen, daß ihn ſeine jämmerliche Verſtellung reute; allein, wo ich mich nicht irre, ſo hat die Perſon, die Sie meinen, alles Gefühl von Rechtſchaffenheit und Schaam längſt abge⸗ legt, und iſt daher vor Autorenrache völlig geſichert.“ Dieſe Meinung des Präſidenten ward durch den Beitritt aller Mitglieder bekräftigt, und die Sitzung ſollte aufgehoben werden, als ein plötzliches Geſchrei:„Feuer! Feuer!“ aus der Küche her erſcholl, und das ganze Collegium in Verwirrung ſetzte. Keiner wollte im Herausgehen der Letzte ſeyn; daher war der Ausgang gleich geſperrt; ein jeder ward von dem geſtoßen, der ſich von ungefähr hinter ihm befand. Hader und Exelamationen entſprangen aus dieſen Friktionen; Wolken von Rauch rollten in das Zimmer hinauf, und Schrecken ſaß auf jedem Geſicht. Als Peregrine ſah, daß zur Thüre nicht hinauszukommen war, öffnete er ein Fenſter und ſprang mit beſtem Erfolg hinunter auf die Straße, wo er eine Menge Leute fand, die bereits bemüht waren, 4⁸ das Feuer zu löſchen. Mehrere Mitglieder der Societät folgten ſei⸗ nem Beiſpiel, und retteten ſich glücklich. Der Präſident wollte nicht gern dieſes Mittel ergreifen, und ſtand zitternd und hebend im Be⸗ griff, ſich hinabzulaſſen, weil er an ſeiner Gewandtheit zweifelte und die Folgen dieſes Sprungs fürchtete, als eine Chaiſe vorüberfuhr. Er nahm dieſe Gelegenheit wahr und ſprang mit ſolcher Anſtrengung auf dieſelbe, daß ſie ſogleich in den Rinnſtein geworfen ward, zum größten Schrecken eines darin befindlichen Stutzers, der im größten Staate zum Ball fahren wollte. Als dies Phantom von einem Manne das Getös über ſich hörte und ſich zugleich umgeworfen fühlte, bildete er ſich ein, ein ganzes Haus wäre auf die Chaiſe geſtürzt, und ſtieß vor Furcht, zerſchmet⸗ tert zu werden, ein Gekreiſch aus. Das Volk glaubte, es käme aus einer Weiberkehle, und eilte ihm zu Hülfe. Der Fuhrmann hatte ſich kaum erholt, als er, ſtatt dem Stutzer beizuſtehen, hinter dem her⸗ rannte, der ſie umgeſtürzt hatte. Allein dieſer war gewohnt, Gerichts⸗ dienern zu entwiſchen. Er vertiefte ſich in ein enges Gäßchen, ver⸗ ſchwand in einem Augenblick, und ward von keiner lebendigen Seele mehr geſehen, als bis er ſich des folgenden Tages in Towerhill wieder zeigte. Der menſchenfreundliche Theil des Pöbels, der ſich bemühte, der vermeinten Dame Beiſtand zu leiſten, merkte kaum ſein Verſehen, und gewahrte den Stutzer, der voll Schreck und Furcht um ſich her ſtarrte, als ſich ſein Mitleid in Muthwillen verwandelte. Er hieß die abgeſchmackteſten Späße über des jungen Mannes Unglück ergehen, und bezeigte nunmehr nicht die mindeſte Luſt, es ihm zu erleichtern. Auf dieſe Art befand ſich der Arme in einer unangenehmen Preſſe. Endlich erbarmte ſich Pickle ſeiner Lage, verwandte ſich für ihn, und beredete den Fuhrmann, ihn in das Haus eines Apothekers in der Nachbarſchaft zu bringen Das Unglück von Jenem gereichte Letzterem zu nicht geringem Frommen. Denn die Furcht hatte auf des jungen Herrn Nerven ſo heftig gewirkt, daß er in Wahnſinn verfiel, und vierzehn Tage lang aller ſeiner Sinne beraubt war. Während dieſer 49 Zeit ließ man es ihm weder an Arznei, an Eſſen und Trinken, noch an Aufwartung fehlen; man bediente ihn recht königlich, wie die Rechnungen ſeines Wirths bewieſen. Als unſer abenteuernder Ritter dieſen Unglücklichen wohlbehal⸗ ten unter Dach und Fach ſah, kehrte er wieder nach der andern Scene des Jammers zurück. Das ganze Feuer war nichts anders geweſen, als ein Schornſtein voller Ruß. Die Bemühungen der ganzen Hausgenoſſenſchaft hatten daher den Brand glücklich gedämpft. Er hatte weiter keine üble Folgen gehabt, als daß die Nachbarn waren in Schreck und Unruhe geſetzt, die Akademie geſtört, und das Gehirn eines Stutzers in Unordnung gebracht worden. In dem Verlangen, die beſondern Verordnungen dieſer Geſell⸗ ſchaft, die ſich ihm ſtufenweiſe zu entſchleiern ſchien, näher kennen zu lernen, verſäumte Pickle nicht, der nächſten Verſammlung derſelben wieder beizuwohnen. Dießmal wurden mehrere Bittſchriften zum Be⸗ huf der Mitglieder vorgelegt, die im Fleet, in Marſhalſea und in der Kingsbench Schulden halber in Verhaft ſaßen. Da dieſe un⸗ glücklichen Schriftſteller von ihren Collegen nichts erwarteten, als guten Rath und ſolche Dienſtleiſtungen, die nicht die Börſe betrafen, ſo wurden ihre Memoriale mit großer Sorgfalt und Menſchlichkeit erwogen. Bei dieſer Gelegenheit ſtand es in Peregrine's Macht, dem Collegium zu zeigen, wie viel er in der Welt galt. Denn es traf ſich, daß er mit dem Gläubiger von einem der Verhafteten bekannt war; er wußte, daß die Strenge von Jenem aus Unwillen über das Betragen des Letztern herrührte. Dieſer hatte nemlich den andern in einer Schrift beißend durchgezogen, weil er ſich geweigert, ihm eine neue Forderung zu gewähren, nachdem er ihm eine beträchtliche Summe vorgeſchoſſen hatte. Als unſer Held nun hörte, daß der Autor ſein Vergehen bereute, und geneigt ſey, ſich gehörig zu unter⸗ werfen, verſprach er, bei deſſen Gläubiger ſeinen Credit zur Vermit⸗ telung eines Vergleichs zu verwenden. Er erhielt auch in wenigen Tagen die Freiheit ſeines Collegen. Smollet's Romanc. XII. 4 50 Nachdem auf ſolche Weiſe die ſocialen Pflichten der Verſamm⸗ lung geübt worden waren, nahm die Unterhaltung eine allgemeine Richtung. Es wurden einige neue Produkte freimüthig beurtheilt, zumal ſolche, deren Autoren mit der Akademie in keiner Verbindung ſtanden, oder ihr gänzlich unbekannt waren. Selbſt das Theater ent⸗ ging der Kritik dieſer Verſammlung nicht. Es wurde wöchentlich eine Deputation der einſichtsvollſten Mitglieder in jedes Theater ge⸗ ſchickt, um Bemerkungen über das Spiel der Darſteller zu machen. Mithin jwurden die Cenſoren der vorigen Woche aufgerufen, ihren Rapport abzuſtatten. Das von ihnen beurtheilte Stück hieß:„Die Rache.“„Mr.****, lautete die Kritik über einen der Schau⸗ ſpieler,„iſt unſtreitig der gebildetſte und untadelhafteſte Schauſpieler, der je auf unſerer Bühne erſchien, ungeachtet der blinden Anbetung, die man ſeinem Nebenbuhler zollt. Ich ging zwei Abende in der Abſicht hin, ſein Spiel zu kritifiren, und fand keinen Anlaß, ihn zu tadeln, dagegen aber unendlich viel Stoff zur Bewunderung und zum Beifall. Im Pierre iſt er groß, im Othello vortrefflich, im Zanga aber unnachahmlich. Außer ſeiner deutlichen Ausſprache, ſeinen würdevollen Attitüden, ſeinem ausdrucksvollen Geſichte, waren ſeine Geſten ſo richtig und bedeutungsvoll, daß Jemand, der gänzlich des Gehörs beraubt wäre, dennoch jedes Wort, das er ſpricht, durch das bloße Sehen hätte verſtehen müſſen. Fürwahr, nichts kann vollen⸗ deter ſeyn, als die Art, wie er Iſabelle erzählt, daß Alonzo ſich be⸗ nommen habe, nachdem er den meuteriſchen Brief gefunden, den ſie auf des Mauren Anſtiften hatte fallen laſſen; und wenn er, um ſeine Rache zu krönen, entdeckt, daß er ſelbſt von allem vorgefallenen Unheil der Erfinder geweſen, iſt ſeine Declamation und Spiel in den wenigen, meiſt einſylbigen Worten: So wiſſe denn: die That— that ich! gar meiſterhaft.“ Nachdem Peregrine den Kunſtrichter ein Weilchen in's Auge ge⸗ faßt hatte, ſagte er:„Ich möchte Ihr Lob für Ironie halten; denn 51 bei den Stellen, deren Sie erwähnten, glaube ich geſehen zu haben, daß der Schauſpieler ſeinen Uebertreibungen die Krone aufſetzte. Die Abſicht des Verfaſſers iſt, daß der Mohr ſeinem Vertrauten eine Nachricht in wenigen Zeilen hinterbringen ſoll. Dieſe müſſen freilich mit Eifer und Zufriedenheit geſprochen werden, aber nicht mit den lächerlichen Geberden einer Meerkatze, mit welchen meines Bedünkens ſeine Action vollkommene Aehnlichkeit hatte, als er folgende einfache Verſe vortrug: Er nahm ihn auf; Doch kaum war er vor ſeinem Blic entfaltet, So ſtarrt' er ſchnell, als hätt' ein Pfeil ſein Auge Durchbohrt, und warf ihn zitternd auf den Boden. Bei den erſten beiden Worten bückt ſich dieſer vortreffliche Schau⸗ ſpieler und thut, als ob er etwas von der Erde aufnähme. Wenn er das Folgende ſpricht, macht er es ſo, wie man einen Brief auf⸗ bricht. Wenn er das Gleichniß vom Pfeile vorträgt, der durch das Auge fährt, bewegt er raſch ſeinen Zeigefinger gegen das Auge; ſo⸗ dann ſpringt er mit großer Heftigkeit zurück, wenn er die Worte ſagt: ſo ſtarrt' er ſchnell; und kommt er zu der Stelle: warf ihn zitternd auf den Boden, ſo zittert und bebt er an allen Gliedern, und das Papier, das er in der Einbildung hält, entſinkt der bebenden Hand. Den letzten Theil ſeiner Beſchreibung trägt er mit eben den klein⸗ fügigen Geſtikulationen vor, wenn er ſagt: Bleich und entſetzt ſtand erſt mein Opfer da, Hielt einen Seufzer noch zurück, und ſtieß Ihn dann heraus; rieb ſeine Stirn' und nahm Ihn wieder auf. Der Schauſpieler ſtarrt hier wild, ſeufzt zweimal ſo jämmerlich, als wäre er im Begriff zu erſticken, reibt die Stirne, und macht die Pantomime, etwas von der Erde aufzuheben. Auch fehlt es an eben dieſen Feinheiten im ſtummen Spiele nicht, wenn er ſeine mit t folgenden Worten ſchließt: 52 Er ſtand im Anfang da, als wollt' er leſen. Von Furcht geſchreckt, zerdrückt er ihn, und ſteckt Ihn, einer Natter gleich, in ſeinen Buſen. Denn auch hier ahmte der geiſtvolle Darſteller Alonzo's Betroffenheit und Kummer nach. Er ſcheint ſein Auge auf etwas zu heften, zieht es unmittelbar darauf voll Schrecken und mit größter Schnelligkeit davon zurück, drückt alsdann ſeine Fäuſte mit ſolcher Heftigkeit zu⸗ ſammen, als wollte er ſofort Iſabellens Naſe packen, darauf ſteckt er es mit dem Schreck und der Erſchütterung eines auf der That ertapp⸗ ten Diebes in den Buſen. Wäre der Schanſpieler des Gebrauchs der Sprache beraubt, und ſähe er ſich genöthigt, ſich bloß an die Augen der Zuſchauer zu wenden, ſo möchte alle dieſe Pantomime nöthig ſeyn, ſeine Meinung an den Tag zu legen. Allein, wenn er die Freiheit hat, ſeine Vorſtellungen durch Worte auszudrücken, ſo kann nichts gezwungener und altväteriſcher ſeyn, als dieſes überflüſ⸗ ſige Pantomimiſiren. „Ich für meine Perſon meine, daß der in Rede ſtehende Schau⸗ ſpieler durch alle dieſe Eigenſchaften eine gute Figur in der Poſſe Perſeus und Andromeda als Pantalon's Diener machen würde. Viel⸗ leicht möchte er ſich auch einigen Ruhm erwerben, wenn er Luſt hätte, das Trauerſpiel„die Rache“ in eine Pantomime umzugeſtalten. In dieſem Falle möchte ich ihm rathen, mit einer Hand voll Mehl auf das Theater zu kommen, wenn er die Worte: Beſtürzt und bleich u. ſ. w. zu ſagen hat; auch dünkt mich, ſollte er die Stelle von der Natter durch ſchreckliches Ziſchen lebendiger darzuſtellen ſuchen. Doch laſſen Sie uns auf die Situationen kommen, worin der mo⸗ derne Aeſop ſich ſo ſehr ausgezeichnet haben ſoll. Ich meine die Erklärung, die in den Worten liegt: So wiſſe denn, die That — that ich! Möglich, daß er die Stelle jetzt anders vorträgt. Gewiß iſt es aber, daß, als ich ihn in dieſer kritiſchen Verfaſſung ſah, mir ſein Benehmen ſo ſeltſam vorkam, daß ich mir wirklich einbildete, er bekäme eine Anwandlung von Epilepſie. Denn er ſtand zwei 53 Minuten lang ſchwankend und mit offenem Munde und ſtarren Augen wie ein Menſch da, dem plötzlich die Glieder gelähmt werden; und nach vielen Verdrehungen und Wendungen, als wenn er Flöhe in ſeinem Wamſe gehabt hätte, holte er das Wort:„Ich!“ aus ſeiner Lunge heraus, wie man einen ungeheuer ſchweren Anker aus einem ſchlammichten Grunde emporzuheben pflegt.“ Peregrine's Kritik erhielt die Stimmenmehrheit der Akademie für ſich; denn ſie hielten auf den Schauſpieler nicht ſehr viel, von dem die Rede war. Der Bewunderer dieſes Herrn entgegnete Pickle nichts, ſondern flüſterte ſeinem Nachbar die Frage zu: ob Pickle etwa dem Theater ein Stück angeboten habe, und damit zurückgewieſen worden ſey? Neunundneunzigſtes Kapitel. Der junge Squire wird bei einem Alterthumskenner der erſten Ordnung eingeführt, und beginnt ein Kläffer zu werden. Bisher war Peregrine als Autor erſchienen, ohne weiteren Lohn von dieſer Beſchäftigung einzuernten, als den kleinen Ruf, den ihm ſeine letzte Satyre zuwege gebracht hatte. Jetzt aber hielt er es für hohe Zeit, einen ſoliden Pudding gegen luftiges Lob auf die Wag⸗ ſchnale zu legen. Er machte daher mit einem Buchhändler einen Contract, eine gewiſſe ueberſetzung für zweihundert Pfund zu liefern. Nachdem er dieſen Vergleich geſchloſſen hatte, ging er mit großem Eifer an's Werk, ſtand früh des Morgens auf, arbeitete den ganzen Tag über, flog erſt des Abends mit den Fledermäuſen aus, und er⸗ ſchien dann auf einem Caffeehauſe, wo er ſich mit den öffentlichen Blättern und der dort befindlichen Geſellſchaft bis um neun Uhr unterhielt. Darauf verfügte er ſich wieder auf ſein Zimmer, hielt 54 ein frugales Mal, und begab ſich zur Ruhe, um mit dem Hahne wieder anfſtehen zu können. Dieſe plötzliche Veränderung ſeiner Lebensart wirkte ſo nach⸗ theilig auf ihn, daß er ſich zum erſtenmale in ſeinem Leben von Blähungen und Unterleibsbeſchwerden gequält fühlte, wodurch ſich Aengſtlichkeit und Niedergeſchlagenheit bei ihm erzeugten, ja ſogar ſein Gehirn ward dadurch angegriffen. Kaum hatte er dieſe Ent⸗ deckung gemacht, ſo zog er einen jungen Arzt darüber zu Rathe, der ein Mitglied der Autor⸗Akademie war und zu dieſer Zeit mit unſerm Helden auf ſehr vertrautem Fuße ſtand. Dieſer Sohn des Aesculap ſchrieb ſeine Krankheit, nachdem er den Fall erwogen hatte, der wahren Urſache zu, nämlich dem Mangel an Bewegung. Er rieth Peregrine ſein allzu anhaltendes Studieren ab, bis er ſich nach und nach an die ſitzende Lebensart gewöhnt hätte, gab ihm den Rath, ſich in gehörigem Maß mit einem guten Freunde und einer Flaſche Wein zu ergötzen, ſich ſeine vorige Lebensart nach und nach abzugewöhnen, vor allen Dingen aber gleich nach dem Erwachen aufzuſtehen und ſich durch einen Morgenſpaziergang Bewegung zu machen. um die letzte Verordnung dem jungen Herrn zu erleichtern, ver⸗ ſprach der Arzt, ihn auf dieſen frühen Ausflügen zu begleiten, und ihm ſogar bei einem gewiſſen angeſehenen Mann Zutritt zu ver⸗ ſchaffen, der den geringern Kunſtkennern dieſes Zeitalters ein öffent⸗ liches Frühſtück gäbe und oft ſeinen Credit für diejenigen verwendete, die ſich in ſeinem Schutz und Beifall auf eine geſchickte Art zu er⸗ halten wüßten. Dieſer Vorſchlag war unſerm jungen Squire um ſo willkom⸗ mener, als er glaubte, daß er außer dem Vortheil, der ihm aus einer ſolchen ſchätzbaren Bekanntſchaſt zuwachſen konnte, von der Un⸗ terredung ſo vieler gelehrten Gäſte viel Unterhaltung und Vergnügen haben würde. Ueberdieß trafen die Erforderniſſe ſeiner Geſundheit und ſeines Intereſſes in einem noch andern Punkte zuſammen. Das Lever des Miniſters ward ſchon früh des Morgens gehalten; ſonach konnte er ſeinen Spaziergang abthun, ſeinen Beſuch machen und an jener philoſophiſchen Tafel frühſtücken, ohne daß er dadurch bei ſeinen andern Beſchäftigungen viel verſäumte. Nachdem dieß verabredet war, führte der Arzt unſern aben⸗ teuernden Ritter in das Haus jenes berühmten Weiſen, welchem er ihn als einen Mann von Genie und Geſchmack empfohlen hatte, den ſehr nach der Ehre ſeiner Bekanntſchaft verlangte. Allein zuvor hatte er ihm durch die Vorſtellung den Zutritt bei ihm gebahnt, daß Peregrine ein junger Mann voller Ehrgeiz, von Verſtand und Talent ſey, der in der Welt nothwendig eine Rolle ſpielen müßte. Daher würde er den übrigen Clienten eines ſolchen Patrons ein be⸗ trächtliches Relief geben, und durch ſeine Geiſteseigenſchaften, durch ſeine Unerſchrockenheit und feurige Gemüthsart ein vollkommener Herold ſeines Ruhmes ſeyn. Aus dieſer Rückſicht ward er ſehr ver⸗ bindlich von dem Wirth aufgenommen, der ein Mann von guter Erziehung und einiger Gelehrſamkeit war, und dabei Edelmuth und Geſchmack beſaß; ſeine Schwäche aber war, daß er in allen dreien für ein unnachahmliches Muſter gelten wollte. Um nun dieſen Ruf zu erlangen und zu unterſtützen, öffnete er ſein Haus Allen, die nur einige Anſprüche auf Gelehrſamkeit machten; mithin umgab ihn ein ſeltſames Gemiſch von Prätendenten. Allein keiner davon ward abgewieſen; weil ſelbſt der unbedeutendſte einiger⸗ maßen zur Ausbreitung ſeines Rufs beitragen konnte. Wiewohl ein Kläffer der Witterung nicht nachgehen kann, ſo iſt er doch wenigſtens im Stande, das Wild aufzujagen und durch ſein Klaffen das Halloh zu vermehren. Kein Wunder alſo, wenn ein fjunger Mann von Pickle's Vollkommenheiten in dieſer Meute aufgenommen, ja ſogar dazu eingeladen ward. Nachdem unſer junger Saquire mit einer kurzen Privataudienz im Cabinette beehrt worden war, wies man ihn in ein anderes Zim⸗ mer, wo ein Halbdutzend ſeiner Mitelienten ihren Mäcen erwarteten. Dieſer erſchien wenig Minuten nachher mit dem huldreichſten Geſichte, 56 nahm den Morgengruß an, und ſetzte ſich ohne weitere Umſtände in ihrer Mitte zum Frühſtück nieder. Die Unterredung fiel zuerſt auf das Wetter. Dieß ward auf eine ſehr philoſophiſche Art von einem aus der Geſellſchaft unter⸗ ſucht, der alle Barometer und Thermometer zu Rathe gezogen zu haben ſchien, bevor er den Ausſpruch wagte, daß der Morgen kalt ſey. Nachdem dieſer Gegenſtand mit größter Genauigkeit erörtert worden war, erkundigte ſich das Haupt der Geſellſchaft nach Neuig⸗ keiten aus der gelehrten Welt. Kaum hatte er dieſes Verlangen geäußert, als Jeder von den Gäſten den Mund öffnete, um deſſen Neugier zu befriedigen. Der Erſte, der die Aufmerkſamkeit des Lords feſſelte, war ein hagerer, zuſammengeſchrumpfter Alterthumsforſcher, der wie eine leben⸗ dige Mumie ausſah, welche der Sand der Wüſte verbrannt hat. Er er⸗ zählte ſeinem hohen Patron, er hätte von ungefähr eine Schaumünze gefunden, die er, wiewohl die Zeit ihr Gepräge verlöſcht habe, den⸗ noch ſowohl nach dem Klange und dem Geſchmack des Metalles als nach der Farbe und den Beſtandtheilen des Roſtes für eine echte Antike zu erklären wagen wolle. Mit dieſen Worten zog er eine Kupfermünze hervor, die durch das Alter ſo verzehrt und unförmlich geworden war, daß man mit genauer Noth Spuren des Gepräges erkennen konnte. Nichts deſto weniger behauptete der Kenner, ein Geſicht im Durchſchnitt zu erblicken, woraus er ſchloß, daß dieß Stück unter den erſten Kaiſern geſchlagen ſey. Auf der Gegenſeite bemühte er ſich, das unterſte Ende eines Speers und einen Theil vom Parazonium, den Attributen der Virtus der Römer, nebſt einem Ueberreſt der Falte des Multicium, worin ſie gekleidet war, anzu⸗ deuten. Auf gleiche Art entdeckte er eine Ecke von dem Buchſtaben N und etwas weiter davon ein ganzes I. Aus dieſen Umſtänden muthmaßte und ſchloß er in der That, daß dieſe Münze vom Severus zu Ehren des Sieges ſey geſchlagen worden, den er nach Einnahme der Päſſe des Gebirges Taurus über ſeinen Mitbewerber Niger davon 7 57 getragen hatte. Dieſe Kritik ſchien dem gütigen Wirthe ſehr befrie⸗ digend. Er beſah das Gepräge mit Hülfe ſeiner Brille auf's Ge⸗ naueſte, entdeckte völlig die angegebenen Kennzeichen, und geruhte, die Erklärung ſehr ſcharfſinnig zu nennen. Dieſe Seltenheit ging durch alle Hände der Anweſenden, und jeder Kunſtkenner beleckte das Kupfer, als die Reihe an ihn kam, warf es auf den Kamin, um deſſen Klang zu hören, und trat dem ausgeſprochenen Urtheile bei. Endlich bekam es auch unſer junger Herr zu Geſicht, der zwar kein Alterthumskenner, doch mit der gang⸗ baren Münze gut bekannt war. Kaum hatte er ſeine Augen auf dieſe ſchätzbare Antike geworfen, als er ohne Bedenken behauptete, daß es nichts anders ſey, als der Ueberreſt eines engliſchen Farthing's, und der Speer, das Parazonium und das Multicium wären Ueber⸗ bleibſel der Attribute und der Tracht, womit und worin Gryßbrit⸗ tanien perſonificirt auf unſerer Kupfermünze vorgeſtellt würde. Dieſe kühne Behauptung ſchien den Patron außer Faſſung zu bringen. Der Münzenkenner ward inzwiſchen ſehr aufgebracht, fletſchte die Zähne wie ein ergrimmter Pavian, und ſagte:„Was ſprechen Sie da von einem kupfernen Farthing? Haben Sie bei neuerem Kupfer ſolchen Geſchmack gefunden? Koſten Sie's nur, junger Herr, und ich bin überzeugt, daß, wo Sie ſich jemals mit ſolchen Sachen abgegeben haben, Sie einen ſo großen Unterſchied im Geſchmack zwiſchen dieſer Münze und einem engliſchen Farthing verſpüren wer⸗ den, als zwiſchen einer Zwiebel und einer Steckrübe iſt. Außerdem hat dieſe Münze den wahren Klang vom korinthiſchen Erze, und dann ſteht die Figur aufrecht; Britannia hingegen iſt gelehnt; und wie iſt es möglich, einen Palmenzweig für ein Parazonium anzuſehen?“ Alle übrigen Perſonen aus der Geſellſchaft ergriffen die Partei des Kunſtkenners, weil ihre Ehre damit auf dem Spiele ſtand. Der Patron fand ſich in derſelben Lage; daher nahm er ein feierliches Geſicht an, worin er etwas Mißvergnügen durchſchimmern ließ, und ſagte zu Peregrine, da er ſich nicht eigentlich auf dieſen Zweig der Gelehrſamkeit gelegt habe, ſo wundere er ſich nicht, daß er darin einen Irkthum begangen hätte. Pickle verſtand dieſen Verweis. Wie⸗ wohl ihn die Eitelkeit und Bethörung des Wirths und ſeiner Mit⸗ gäſte verdroß, ſo bat er doch wegen ſeiner Vermeſſenheit um Verzei⸗ hung. Man entſchuldigte ihn ſonach in Betracht ſeiner Unerfahren⸗ heit, und der engliſche Farthing ward der Benennnng einer echten Antike gewürdigt. Derjenige, der ſich nun an das Oberhaupt wandte, war ein Mathematiker, der hauptſächlich Mechanik ſtudirt hatte und ſich mit den Verbeſſerungen brüſtete, die er bei verſchiedenen Maſchinen zum häuslichen Gebrauch gemacht. Jetzt legte er den Riß einer neuen Erfindung vor, Kopfkohl auf eine ſolche Art abzuſchneiden, daß der Strunk vor dem ihn in Fäulniß ſetzenden Regen geſichert und im Stande wäre, eine reichliche Nachleſe ſchmackhafter Sproſſen hervor⸗ zubringen. In dieſer wichtigen Maſchine hatte er alle Kräfte der Mechanik vereinigt, und ſolche Menge Eiſen und Holzwerk darin verbraucht, daß ohne Pferd und Rad dieſe Maſchine ſich nicht hätte in Bewegung ſetzen laſſen. Dieſe Einwendungen drängten ſich Jedem ſo ſehr auf, daß ſie dem Oberinſpektor beim erſten Anblick einfielen. Er lobte die Erfindung ſehr, und bemerkte, daß man ſie noch zu vielen nützlichen Abſichten brauchen könnte, wenn ſie ſich nur etwas trag⸗ barer und bequemer einrichten ließe. Der Erfinder hatte dieſe Schwierigkeiten nicht vorausgeſehen, war alſo auch nicht gefaßt, ſie aus dem Wege zu räumen. Doch nahm er dieſen Wink gut auf, und verſprach, ſeine Geſchicklichkeit von Neuem dazu anzuwenden, die Einrichtung ſeines Riſſes abzu⸗ ändern. Inzwiſchen mußte er einige ernſthafte Ironieen von den übrigen Kunſtkennern über ſich ergehen laſſen. Sie gratulirten ihm zu der ſo glücklichen Erfindung, durch welche eine Familie in einem Vierteljahr ein Gericht Kopfkohl mehr durch eine ſo geringe Aus⸗ gabe und Mühe gewinnen könnte, als der Ankauf, Gebrauch und die Unterhaltung einer ſo ungeheuern Maſchine betragen würde. Keiner 59 war aber in ſeinen Anmerkungen über dieſes mechaniſche Werkzeug beißender als der Naturforſcher, der nach ihm den Beifall des hohen Gönners für eine merkwürdige Unterſuchung in Betreff der Erzeu⸗ gung der Miſtfliegen zu erlangen ſuchte. Er hatte eine kurioſe Methode ausfindig gemacht, die Eier dieſer Inſekten zu ſammeln, aufzuheben, und ſogar im Winter durch gewiſſe Modifikationen einer künſtlichen Wärme auszubrüten. Kaum war die Beſchaffenheit dieſer Entdeckung der Geſellſchaft mitgetheilt worden, als Peregrine nicht länger an ſich halten konnte. Er brach in ein lautes Gelächter aus, das Alle am Tiſch anſteckte, ſelbſt den Wirth nicht ausgenommen, dem es unmöglich ward, ſeine gewöhnliche Gravität beizubehalten. Dieſe unſchickliche Luſtigkeit mußte den Philoſophen nothwendig kränken. Nach einer Pauſe, während welcher ſich Unwille und Ver⸗ achtung in ſeinem Geſichte malten, verwies er unſerm jungen Herrn ſein unphiloſophiſches Betragen, und übernahm es, ihm zu beweiſen, daß der Gegenſtand ſeiner Unterſuchung für den Fortſchritt und Wachsthum der Naturkunde von unendlichem Belange ſey. Allein der rachevolle Maſchiniſt ließ ihm gar keine Ruhe. Er gab ihm jetzt ſeine ironiſchen Lobeserhebungen mit großem Nachdruck wegen ſeines Miſtbeets zur Erzeugung jenes Ungeziefers zurück, und rieth ihm, ſeinen ganzen Prozeß der königlichen Societät vorzulegen. Sie würde ihm unſtreitig eine Denkmünze ertheilen, und ihn als einen vorzüglichen Beförderer nützlicher Künſte in ihren Memoiren und Abhandlungen einen Platz einräumen. „Hätten Sie,“ ſagte er,„Ihre gelehrten Bemühungen dahin verwandt, ein wirkſames Vertilgungsmittel dieſes Ungeziefers auszu⸗ finden, das den Menſchen eben ſo nachtheilig als beſchwerlich iſt, ſo würden Sie ſich unſtreitig mit der Betrachtung des durch Sie be⸗ wirkten Guten haben begnügen müſſen. Allein das ſonderbare Mittel, die Inſekten zu vervielfältigen, wird Ihnen gewiß einen ehrenvollen Rang unter den einſichtsvollen Philoſophen verſchaffen.“„Mich wundert's gar nicht,“ verſetzte der Naturforſcher,„daß Sie einen 60 ſolchen Abſcheu gegen die Inſekten haben. Aller Wahrſcheinlichkeit nach fürchten Sie ſich, ſie möchten Ihnen nicht einen Kohlkopf abzu⸗ ſchneiden übrig laſſen.“„Sir,“ erwiederte der Mechanikus mit der größten Bitterkeit in Stimme und Geſicht,„wenn der Kopf vom Kohle ſo hohl iſt, als bei gewiſſen Miſtphiloſophen, ſo verlohnt es ſich nicht der Mühe, ihn abzuſchneiden.“„Ich werde nie über Kohl mit dem Sohne einer Gurke ſtreiten,“ verſetzte der Fliegenbrüter, indem er auf die Sippſchaft ſeines Antagoniſten anſpielte. Dieſe Beſchimpfung verdroß Letzteren. Er ſprang mit wüthenden Blicken auf, und rief:„Tod und Hölle, Sir, meinen Sie mich?“ Hier ſchlug ſich der hohe Patron in's Mittel, weil er aus ihren Drohungen abnahm, daß es zwiſchen Beiden zu einem Bruch kommen würde. Er verwies ihnen ihren Mangel an Mäßigung, und empfahl ihnen Freundſchaft und Eintracht gegen die Gothen und Vandalen dieſer Zeit, die jede Gelegenheit ergriffen, die Anhänger der Philo⸗ ſophie und nützlicher Kenntniſſe lächerlich zu machen und ihnen allen Muth zu benehmen. Nach dieſer Ermahung wagten ſie nicht, ihren Streit fortzu⸗ ſetzen. Er war allem Anſchein nach völlig geendet. Allein der Mecha⸗ niker behielt ſeinen Groll bei. Nach dem Frühſtück brach die Geſell⸗ ſchaft auf. Der Maſchiniſt trat auf der Straße ſeinen Gegner an, und verlangte von ihm zu wiſſen: wie er hätte ſo verwegen ſeyn können, eine ſo muthwillige Bemerkung über ſeine Familie zu machen. Der Flügenbrüter beſchuldigte, da er ſo zu Rede geſtellt ward, den Mathematiker, daß er durch das Gleichniß mit dem hohlen Krautkopf der angreifende Theil geweſen ſey. Nun begann die Fehde von Neuem. Der Maſchiniſt ſchritt zu einer mathematiſchen Demonſtrationen, hob ſeine Hand als eine Wage auf, ſtieß ſie wie durch einen Hebel vor⸗ wärts, faßte des Naturforſchers Naſe zwiſchen zweien von ſeinen Fingern, und drehte ſie herum als wie vermittelſt einer Schraube oder eines Schwungrads. 0 Wären ſie genöthigt geweſen, den Streit mit gleichen Waffen 61 zu führen, ſo würde der angreifende Theil einen großen Vortheil über den andern erhalten haben, der ihm an Muskelkraft bei Weitem nicht gleich kam. Allein der Philoſoph, der zum Glück mit einem Rohre verſehen war, hatte ſich kaum aus dieſer ſchimpflichen Klemme gezogen, als er ſeine Waffen mit großer Fertigkeit gegen das Haupt und die Schultern ſeines Antagoniſten handhabte. Dieſer fand großes Mißbehagen an ſolchem Platzregen. Er ſuchte daher ſein Heil in der Flucht. Der ergrimmte Sieger verfolgte ihn und trieb ihn von einem Ende der Straße zum andern. Der verſammelten Menge ſo⸗ wohl als auch unſerem Helden und deſſen Einführer, die bei dem ganzen Auftritt Zuſchauer waren, machte dieß ein unausſprechliches Vergnügen. Auf dieſe Art ward unſer abenteuernder Ritter in die Geſell⸗ ſchaft der Kläffer eingeweiht, wiewohl er noch nicht völlig ſeine neue Berufspflichten einſah. Der junge Arzt aber erklärte ſie ihm und ſchmälte ihn zugleich wegen ſeines unhöflichen Betragens bei Gelegenheit der Schaumünze aus. Er gab ihm zu verſtehen, daß ihres Patrons Gunſt von keinem Menſchen weder zu gewinnen, noch beizubehalten ſey, der ſich erkühne, ihn eines Irrthums zu überführen. Daher rieth er ihm, deſſen Schwäche zu reſpektiren und den alten Herrn mit allem dem Dienſteifer und der Ehrerbietung zu behandeln, die ſeine eigene Würde ihm nur erlaubte. Dieſe Aufgabe war für einen Mann von unſers Helden geſchmeidigem Charakter um ſo leich⸗ ter, da des Virtuoſen Benehmen von der übermüthigen Selbſtſucht ganz frei war, die er ohne den äußerſten Widerwillen nicht ertragen konnte. Der Alte war vielmehr ein milder und gutthätiger Mann, und Pickle behagte ſeine Schwäche mehr, als ſie ihm mißfiel, weil ſie bei ihm eine höhere Einſicht vorausſetzte und daher ſeiner Eitel⸗ keit ſchmeichelte. Peregrine beherzigte dieſe Warnung und bediente ſich ſeiner einſchmeichelnden Eigenſchaften ſo geſchickt, daß er in Kurzem als einer der erſten Lieblinge des hohen Gönners angeſehen ward, dem 62 er ein kleines Gelegenheitsgedicht dedicirte, worauf Jeder glaubte, er würde nunmehr bald die glänzenbſten Beweiſe von der Gunſt des alten Herrn zu empfangen haben. Hundertſtes Kapitel. Peregrine wird das Haus des Miniſters verboten, ſein Gehalt genommen und von ihm ausgeſprengt, daß er wahnſinnig geworden ſey. Dieſe Ausſicht auf glücklichen Erfolg ſammt ſeinen Erwartungen von dem Miniſter, den er keineswegs vernachläßigte, gereichten ihm zum Troſt bei dem ihm zugeſtoßenen Mißgeſchick und bei der Unge⸗ wißheit ſeines Prozeſſes, den er zur Wiedererlangung ſeiner zehn⸗ tauſend Pfund führte. Die Advokaten leerten ihm noch immer den Beutel und füllten ihm das Hirn mit grundloſen Hoffnungen an, ſo daß er ſich wirklich genöthigt ſah, von ſeinem Buchhändler Geld auf Contv ſeiner Ueberſetzung zu entlehnen, um nur die Forderungen jener Blutſauger zu befriedigen, ohne den Menſchenhaſſer zu behelli⸗ gen, oder zu ſeinem Freunde Hatchway ſeine Zuflucht zu nehmen, der, ohne von ſeiner Noth eine Ahnung zu haben, ganz ruhig im Caſtell ſaß. Auch die Ankunft des Oſtindienfahrers, worauf er hun⸗ dert Pfund gewagt hatte, erleichterte ſeine Bedrängniſſe nicht im Mindeſten. Denn er erfuhr, ſein Schuldner hätte zu Bombay ge⸗ fährlich krank gelegen, als das Schiff abgegangen wäre, und es ſey die Frage, ob er ſein Geld wieder bekommen würde. Es läßt ſich nicht annehmen, daß Peregrine in dieſer Lage ein ruhiges Leben führte, obſchon er ſich Mühe gab, gegen alle ſich ihm aufdringenden Schreckbilder des Unglücks kräftig anzukämpfen. Zu⸗ weilen überkam ihm eine ſolche Betrübniß, daß ihm alle Hoffnung verſchwand und er in den Abgrund der Verzweiflung verſenkt wurde. Jeder Wagen, der auf der Straße bei ibm vorbeifuhr, jede Perſon 63 von Rang und Vermögen, die ihm zu Geſicht kam, rief die heitern Bilder ſeiner ehemaligen Lebensweiſe wieder in ſein Gedächtniß zurück. Hierzu geſellten ſich ſo kränkende Betrachtungen, daß ſeine Seele dadurch tödtlich verwundet ward. Daher lebte er beſtändig unter allen Foltern des Neides und der Unruhe. Wenn ich ſage„Neid,“ ſo meine ich nicht jene niederträchtige Leidenſchaft; vermöge deren Jemand ſich über das Glück ſeines Nächſten betrübt, wenn er daſſelbe auch noch ſo ſehr verdient hat, ſondern jenen ſich ſelbſt quälenden Unwillen über die Glückſeligkeit der Thoren, Unwiſſenden und Böſe⸗ wichter. Ohne die Strahlen der Freude, die er noch zuweilen in dem Umgange mit wenigen Freunden empfand, wäre er nicht im Stande geweſen, ſein Daſeyn zu ertragen, oder ſein Gehirn würde wenigſtens in heftige Zerrüttung gerathen ſeyn. Doch man findet immer ſelbſt in der ſchlimmſten Lage irgend einen Umſtand, der einem Erleichterung verſchafft. Dergleichen ausfindig zu machen, war Pickle ſo ſinnreich, daß er gegen ſeine fehlgeſchlagenen Erwar⸗ tungen eine lange dauernden Strauß hielt, bis die Zeit da war, wo ihm ſein Jahrgehalt von dreihundert Pfund gezahlt zu werden pflegte. Da jedoch der Tag vorüberging, ohne daß er den ihm bewillig⸗ ten Schadenerſatz erhielt, ſo ſchrieb er an den Miniſter, erinnerte ihn an ſein Verſprechen, ſchilderte ihm ſeine Lage und gab ihm zu ver⸗ ſtehen, ſeine Umſtände zwängen ihn, um ſeinen Gehalt für das nächſte Jahr anzuſuchen. Am Morgen nach der Abſendung dieſer Zuſchrift ging der Ver⸗ faſſer in die Wohnung Seiner Excellenz, in der Erwartung, auf ausdrücklichen Befehl vorgelaſſen zu werden. Allein er täuſchte ſich in ſeiner Hoffnung; der Miniſter war nicht ſichtbar. Er erſchien ſodann beim Lever, und hoffte, in's Cabinet gerufen zu werden. So fleißig er aber auch auf jeden Blick von Sir Steady lauerte, ſo konnte er doch keinen erlangen, und hatte die Betrübniß, ihn ſich entfernen zu ſehen, ohne der geringſten Aufmerkſamkeit von ihm ge⸗ würdigt zu werden. 64 Dieſe Behandlung erfüllte unſern Helden mit tödtlichem Ver⸗ druß. Voll Unwillen ging er nach Hauſe und ſetzte einen ſehr bit⸗ tern Verweisbrief an Se. Herrlichkeit auf. Die Folge davon war, daß er nicht nur aller Anſprüche auf eine Privataudienz beraubt, ſondern daß ihm auf Sir Steady's eigenen Befehl an einem öffent⸗ lichen Audienztage der Zutritt verſagt wurde. Dieſes Verbot, das ſeinen gänzlichen Untergang ankündigte, er⸗ füllte Peregrine mit Wuth, Schreck und Verzweiflung. Er drohte dem Thürſteher, der ihm den Befehl des Miniſters ankündigte, ihn auf der Stelle für ſeine Vermeſſenheit zu züchtigen, und ſtieß zum äußerſten Erſtaunen Derer, die bei dieſer Unterredung zugegen waren, die giftigſten Verwünſchungen gegen deſſen Herrn aus. Nachdem er ſich in vergeblichen Exclamationen erſchöpft hatte, kehrte er in dem wahnfinnigſten Zuſtande nach ſeinem Logis zurück. Er zerbiß ſeine Lippen, ſo daß das Blut ihm den Mund herabrann, ſchlug den Kopf und die geballten Hände gegen die Ecken ſeines Kamins, und weinte unter den bitterſten Aeußerungen ſeines Schmerzes. Pips, deſſen Begriffsvermögen juſt weit genug reichte, daß er einſehen konnte, wie zwiſchen der gegenwärtigen und der ehemaligen Lage ſeines Herrn ein Unterſchied obwalte, hörte die Ausbrüche ſei⸗ nes Unmuths und verſuchte es, in ſein Zimmer zu kommen, um ihn zu tröſten. Als er die Thüre von innen verſchloſſen fand, verlangte er eingelaſſen zu werden, ſonſt würde er ſich, wie er ihm verſicherte, ehe man eine Hand umwendete, Eintritt verſchaffen. Peregrine be⸗ fahl ihm bei ſeinem Zorn, ſich fortzubegeben, und ſchwur, ihm ſtracks eine Kugel vor den Kopf zu ſchießen, wenn er es wagte, die Thüre aufzubrechen. Ohne ſich an dieſes Gebot im Geringſten zu kehren, legte Tom ſogleich Hand an das Werk. Sein Herr, höchſt erbittert über dieſen Mangel an Gehorſam und Ehrerbietung, der ihm in ſei⸗ nem jetzigen Parorysmus weit größer und zur Beſtrafung auffordern⸗ der ſchien, flog in's Cabinet, ergriff eines ſeiner bereits geladenen Piſtolen und kaum trat ſein Diener, der das Schloß geſprengt hatte, hinein, als er ihm das Piſtol gerade vor das Geſicht hielt, und ab⸗ drückte. Zum Glück fing das Zündkraut nicht, und brannte ſo ab. Mithin blieb Pickle's wüthendes Projekt ohne Erfolg. Der biedere Pips, wiewohl er den Inhalt des Gewehrs kannte, war bei dieſem Angriff ganz ruhig geblieben, und fragte ohne die mindeſte Verände⸗ rung der Miene, ob denn die ganze Reiſe durch ſchlechtes Wetter ſeyn müſſe?. So wüthend Peregrine auch war, ſo reute ihn doch in dem Au⸗ genblick, da er es gethan hatte, ſein boshafter Vorſatz gegen einen ſo treuen Diener. Wäre es unglücklich ausgefallen, ſo hätte er, aller Wahrſcheinlichkeit nach, das andere Piſtol auf ſich ſelbſt abge⸗ feuert. Es gibt gewiſſe Betrachtungen, die auf den Geiſt ſelbſt mit⸗ ten in deſſen Zerrüttung mit unwiderſtehlicher Kraft wirken. Die augenblickliche Erinnerung an einen beſondern Auftritt, welche durch die Züge des zum Tod erkornen Opfers erweckt wird, hat oft den Dolch der Hand des Mörders entriſſen. Ein ſolcher Antrieb ſchützte Pips gegen einen abermaligen Verſuch ſeines ergrimmten Herrn. Die freundſchaftliche Veranlaſſung ſeines jetzigen Ungehorſams wirkte wie ein elektriſcher Schlag auf Peregrine, als er die faltenvolle Stirne ſeines Dieners betrachtete, worin ſowohl ſeine langen und treuen Dienſte, als auch die Empfehlung des verſtorbenen Commodore geſchrieben ſtanden. Ob ſich gleich ſein Zorn alsbald gelegt hatte, und ſein Herz bittere Reue über jene That empfand, ſo blieb ſeine Stirn doch immer ge⸗ runzelt, und er warf den wildeſten Blick auf den, der ſich ihm auf⸗ gedrängt hatte.„Bube,“ ſagte er,„wie könnt Ihr ſo wenig Reſpekt vor mir haben?“ Pips antwortete ganz gelaſſen:„Warum ſollt' ich denn nich Hand anlegen thun,'s Schiff zu erhollen, wenn's mehr Segel als Ballaſt am Bord hat? Un der Steuermann's Ruder aus Deſperazzohn fahren läßt? Was ha'n denn ein oder'n Paar Reiſen zu ſagen, die ſchief ablaufen, ſo lang noch unſer Steven ſtark un's Schiff dicht un gut is? Verliert man uf der einen Fahrt, ſo gewinnt man uf der andern. Ich will verdammt ſin, wo wir nich Smollet's Romane. XII. 5 66 noch nmal günſtigen Wind attrapiren thun. Fehlt's Ihnen etwa an Proviant? Sie ha'n ja'n recht hübſch Cap'tal an Gelde in meinen Kielraum geladen; ſollen fein willkommen ſin, wenn Sie's wieder hrrufhiſſen.“ Hier ward Tom durch Crabtree's Ankunft unterbrochen. Als dieſer Peregrine mit einem Piſtol in der Hand, ſeine Blicke ſo wild, Kopf, Hände und Mund mit Blut beſudelt ſah, und noch überdieß das abgeblitzte Pulver roch, ſo glaubte er wirklich, daß ſein Freund entweder einen Mord begangen habe, oder noch begehen wolle. Dem⸗ nach eilte er in größter Schnelligkeit die Treppe wieder hinunter. So ſehr er ſich aber auch haſtete, ſo holte ihn Pips doch noch auf dem Flur wieder ein. Dieſer treue Kerl brachte ihn wieder nach ſei⸗ nes Herrn Zimmer zurück und machte unterwegs die Bemerkung, jetzt wäre es nicht Zeit, abzuſegeln, da ſein Kamerad in Noth ſtäcke und ſeine Hülfe brauchte. In Cadwallader's Geſicht, der ſich dergeſtalt im Gedränge be⸗ fand, lag etwas ſo wehmüthig Ernſthaftes, daß unſer Held zu einer andern Zeit über ſeine Beſorgniß herzlich gelacht haben würde, allein jetzt war ihm nicht im mindeſten lächerlich zu Muthe. Er hatte unter der Zeit ſein Piſtol weggelegt, und ſich, wiewohl vergebens, bemüht, ſeine innere Unruhe unter einer gelaſſenen Außenſeite zu verbergen. Er konnte keine Sylbe gegen den Menſchenhaſſer hervor⸗ bringen, und ſtarrte ihn ſtillſchweigend mit den wahnſinnigſten Blicken an. Dieß diente eben nicht dazu, die Aengſtlichkeit ſeines Frenndes zu vermindern. Endlich hatte ſich Crabtree ein wenig geſammelt und ſagte:„Ich wundere mich, da Sie ſonſt nie Ihren Mann getödtet haben. Sagen Sie mir doch, ich bitte Sie, wo iſt denn der todte Leichnam von Ihnen hingeſchafft worden?“ Pickle, der jetzt ſeine Sprache wieder hatte, befahl ſeinem Bedienten, das Zimmer zu verlaſſen, und er⸗ zählte ſodann Crabtree ohne den mindeſten Zuſammenhang das treu⸗ loſe Verfahren des Miniſters. 67 Der Vertraute war ſehr froh, als er ſich in ſeiner Furcht be⸗ trogen fand. Denn er hatte wirklich geſchloſſen, daß Einem das Leben müſſe genommen worden ſeyn. Er fand unſern jungen Mann zu ſehr in Wallung, als daß er es gewagt hätte, ihn auf dem gewöhnlichen Fuß zu behandeln. Er geſtand daher, Sir Steady ſey ein Schurke, und belebte Pickle durch die Hoffnung, daß er einſt in den Fall kom⸗ men könnte, Repreſſalien zu gebrauchen. Zugleich bot er ihm in dem jetzigen Drange ſeine Börſe an, und ermahnte ihn, alle ſeine Kräfte anzuwenden, um ſich von ſolchem„Renegatenzeuge“ unabhängig zu machen. Zum Schluß rieth er, das ihm widerfahrene Unrecht dem vornehmen Cavaliere vorzuſtellen, den er ſich ehemals verbindlich ge⸗ macht hatte, um ihn dadurch zu vermögen, ſich für ihn zu verwen⸗ den, oder wenigſtens eine befriedigende Erklärung vom Miniſter zu erlangen, damit er keine übereilte Maßregeln zur Rache ergriffe. Dieſe Ermahnungen waren ſo mild und ſo angenehm, wie unſer Held ſie von dem Menſchenhaſſer nie hätte erwarten können. Sie thaten daher auf ſeinen in Aufruhr geſetzten Geiſt eine ſehr günſtige Wirkung. Die heftige Wallung legte ſich allmählig, und er ward endlich ſo geſchmeidig, daß er ſich ſeinem Rathe zu fügen verſprach. Er machte demnach am folgenden Morgen dem Lord ſeine Aufwar⸗ tung. Dieſer empfing ihn, wie gewöhnlich, ſehr höflich, und hörte ſeine Beſchwerden mit großer Geduld an, wiewohl, beiläufig erwähnt, Zorn und Rache Peregrine verſchiedene Male heftig aufbrauſen machten. Der Peer mißbilligte auf eine ſanfte Art den Verweisbrief an den Miniſter, der ſo unglückliche Folgen hervorgebracht hatte. Er war ſo gefällig, es über ſich zu nehmen, Sir Steady ſeine Sache zu empfehlen. Noch an demſelben Tage erfüllte er ſein Verſprechen. Der Miniſter aber ſagte ihm zu ſeinem äußerſten Erſtaunen, des armen jungen Herrn Gehirn ſey ſo in Zerrüttung gerathen, daß man ihm unmöglich irgend einen Poſten anvertrauen und nur die gering⸗ ſten Dienſte von ihm erwarten könnte. Man könne nicht verlangen, daß er(Sir Steady) die Ausſchweifungen jenes Menſchen aus ſeinem eigenen Beutel unterſtützen ſolle. Er habe ihm auf Anſuchen eines verſtorbenen vornehmen Edelmannes dreihundert Pfund geſchenkt, weil Pickle bei einer gewiſſen Wahl einen Verluſt erlitten zu haben vor⸗ gegeben hätte. Allein ſeit der Zeit habe er ſo untrügliche Beweiſe von ſeiner Verrücktheit aus ſeinen unſinnigen Briefen ſowohl als aus ſeinem perſönlichen Betragen bemerkt, daß er ſich genöthigt ge⸗ ſehen, Ordre zu ſtellen, Pickle nicht mehr vorzulaſſen. Um dieſe Behauptung zu beſtärken, rief der Miniſter ſeinen Thürſteher und einen ſeiner Hausofficiere zu Zeugen, der die Ver⸗ wünſchungen mit angehört hatte, die unſerm Helden entfuhren, als er die Thüre vor ſich verſchloſſen geſehen. Kurz, der Lord ward überzengt, daß Pickle ganz ſicher und bona fide ſo unfinnig ſey wie ein Märzhafe. Auf dieſe Nachricht fing er an, ſich gewiſſer Symp⸗ tome des Wahnſinns zu erinnern, die ſich bei deſſen letztem Beſuche äußerten. Er entſann ſich, daß ſeine Reden nicht recht zuſammen⸗ hängend, ſeine Geberden heftig und ſeine Blicke wild geweſen waren. Dies Alles bewies nun augenſcheinlich, daß Pickle's Verſtand in Un⸗ ordnung ſeh Daher beſchloß er, ſeiner eigenen Ehre und Sicherheit wegen ſich einer ſo gefährlichen Bekanntſchaft zu entziehen. In dieſer Abſicht ahmte er Sir Steady nach, und befahl, daß ſeine Thüre vor unſerm abentenernden Ritter verſchloſſen ſeyn ſollte. Als dieſer nun kam, um den Ausgang von der Unterredung des Lords mit dem Miniſter zu erfahren, ſchlug man ihm die Thüre vor der Naſe zu, und der Thorſteher ſagte ihm durch das eiſerne Thor, daß er nicht nöthig hätte, ſich wieder herzubemühen, da der Lord ihn bäte, ſeine Beſuche nicht zu wiederholen. Auf dieſe Erklärung ſagte Pickle kein Wort. Er ſchrieb ſie ſogleich dem Liebesdienſte des Mi⸗ niſters zu, gegen den er auf ſeinem Wege zu Cadwallader nichts denn Befehdung und Rache ſchnaubte. Als dieſer die Art vernom⸗ men hatte, wie Peregrine empfangen worden war, bat er ihn, alle Plane zur Rache ſo lange aufzugeben, bis er(Crabtree) das ganze Geheimniß zu enthüllen im Stande ſeyn würde. Und er zweifelte 69 nicht, dieß durch ſeine Bekanntſchaft mit einer Familie zu können, mit welcher der Lord öfters den Abend beim Whiſt zubrächte. Es dauerte nicht lange, ſo fand er die gewünſchte Gelegenheit⸗ Der Peer, der weder Vorſchrift noch Verbindlichkeit hatte, die Sache geheim zu halten, erzählte als Neuigkeit in der erſten Geſellſchaft das Unglück des jungen Herrn. Peregrine's Name war in der feinen Welt nicht ſo unbekannt, daß dieſer Vorfall nicht das allgemeine Ge⸗ ſpräch auf einen ganzen Tag hätte abgeben ſollen. Auf dieſe Art kam dieſe Nachricht bald deſſen Freunde zu Ohren. Letzterer fand Mittel, die Angabe des Miniſters ganz umſtändlich zu erfahren, ſo wie ſie oben erzählt worden iſt. Ja, er lief ſogar Gefahr, Sir“ Steady's Meinung beizufallen, wenn er auf alle die Handlungen der Ungeduld und des Ungeſtüms von Pickle ſich beſann, und ſie mit einander verglich. In der That findet nichts ſo leicht Glauben, als die Beſchuldi⸗ gung von Tollheit, wem man ſie auch aufbürden mag. Iſt der Arg⸗ wohn der Welt erſt einmal rege gemacht und ihr Beobachterblick darauf gerichtet worden, ſo wird der Klügſte, der Kälteſte ſich durch das Eine oder das Andere in ſeinem Betragen dieſer Anklage ſchuldig beweiſen. Jedes Sonderbare in ſeiner Kleidung und Aufführung(und bei wem könnte man nicht dergleichen bemerken?), das vorher gar nicht wahrgenommen wurde, wird jetzt mit allen Vergrößerungen der Einbildungskraft des Beobachters gegen ihn aufgeſtellt. Der ſcharf⸗ ſichtige Unterſucher bemerkt in jedem Blick der Augen, jeder Bewe⸗ gung des Fingers oder des Kopfs Verrücktheit. Wenn Jener ſpricht, ſo iſt etwas Seltſames im Räſonnement und im Ausdruck; wenn er ſchweigt, brütet ſeine Einbildungskraft über irgend einer ausſchwei⸗ fenden Grille. Die Gelaſſenheit in ſeinem Betragen iſt nichts, als lichter Augenblick und ſein Affekt lauter Tollheit. Sind nun Leute, die einen ruhigen und alles Aufſehen meiden⸗ den Wandel führen, ſolchem unglückſeligen Verdacht unterworfen, ſo iſt es gar kein Wunder, wenn dieß bei einem Jüngling von Pere⸗ 70 grine's. feurigem Temperament um ſo mehr der Fall war. Er ward ſonach als einer von jenen unternehmenden Wildfängen geſchildert, die, nachdem ſie ihr Vermögen verſchwelgt und vertollt haben, ſo glücklich ſind, ihren Verſtand zu verlieren und mithin den Mangel und die Schande nicht fühlen, die ſie ſich ſelbſt zuzogen. Sogar Cadwallader ward von dieſem Gerücht dermaßen einge⸗ nommen, daß er eine Zeitlang Anſtand nahm, ehe er unſerm Helden das über ihn Vernommene mittheilte, und ihn ſo als einen Menſchen von wirklich geſundem Verſtande behandelte. Endlich aber wagte er es doch, Pickle Alles zu entdecken. Doch geſchah dies mit der Vor⸗ ſicht und den Winkelzügen, die er für nöthig hielt, den jungen Herrn von Ueberſchreitung aller Grenzen der Mäßigung abzuhalten. Allein für dießmal ſah er ſich in ſeinem Prognoſtikon auf eine angenehme Art betrogen. So erbittert unſer Held über das Betragen des Mi⸗ niſters auch war, ſo konnte er ſich doch nicht enthalten, über dieſe poſſirliche Verleumdung zu lachen. „Ich will dieſe Calumnie,“ ſagte er zu ſeinem Freunde,„bald auf eine Art widerlegen, die ihrem Urheber nicht angenehm ſeyn ſoll. Dieſer Staatsmann pflegt alle diejenigen ſo anzuſchwärzen, gegen welche er Verbindlichkeiten hat, deren er ſich nicht entledigen mag. Sein Kniff iſt ihm freilich ſchon mehr denn einmal gelungen. Er hat wirklich ſo manche ſchwachköpfige Leute ſo an den Rand der Ver⸗ zweiflung getrieben, daß ſie in der That wahnſinnig geworden ſind. Dadurch iſt er denn von ihrem Ueberlaufen befreit, und ſein Urtheil zugleich beſtätigt worden. Ich aber habe, dem Himmel ſey Dank, einen ſolchen Grad philoſophiſcher Entſchloſſenheit erlangt, daß ich alle ſeine Machinationen mit ruhigem Gemüth ertragen kann. In Kurzem will ich das Ungeheuer in ſeinen wahren Zügen von Argliſt, Treuloſigkeit und Undankbarkeit vor aller Welt entlarven.“ Dieß war wirklich der Plan, zu deſſen Ausführung ſich Pere⸗ grine während Crabtree's Nachforſchungen entſchloſſen hatte. Jetzt ſchmeichelte derſelbe ſeiner Einbildungskraft ſo ſehr, daß er ſich im 71 Stande glaubte, ſeinen Gegner, trotz aller ſeiner Macht, ganz nach ſeinem Gefallen zu demüthigen und ſich zugleich unter denen aus⸗ zuzeichnen, die zu dieſer Zeit gegen die Regierung ſchrieben. Dies Vorhaben wäre ſo ausſchweifend nicht geweſen, als es wohl ſcheinen mag, hätte er nur nicht einen weſentlichen Umſtand überſehen, der Cadwallader nicht einfiel, als er dieſes Projekt billigte. Während er ſolchergeſtalt auf Rache ſann, war das Gerücht von ſeiner Gemüthskrankheit, das ſeinen gehörigen Umlauf erhielt, auch zu den Ohren jener Dame gelangt, deren unglückliche Schickſale wir früher berührt haben, der Lady V.. Der Umgang, mit dem ſie unſern Helden beehrt, war zwar längſt aus der angeführten Urſache unterbrochen worden, nämlich weil er ihren zaubervollen Reizen zu unterliegen beſorgt hatte. Er war aufrichtig genug geweſen, ihr die Veranlaſſung zu entdecken, weßhalb er ſich aus ihrer Gegenwart ver⸗ bannte, und ſie billigte dieſe weiſe Zurückhaltung, wiewohl ſie mit der Fortdauer ſeiner innigen Freundſchaft und ſeines Umgangs, deren ſich keine Dame im Königreich ſchämen durfte, ſehr zufrieden geweſen ſeyn würde. Ungeachtet dieſes unterbrochenen Umgangs behielt ſie noch immer Freundſchaft und Achtung für ihn bei, und fühlte den ganzen Schmerz, den ein menſchliches Herz empfinden muß, als ſie ſein Unglück und ſeine bejammernswürdige Krankheit erfuhr. Sie hatte geſehen, wie man im Sonnenſchein ſeines Glücks um ſeine Gunſt gebuhlt und ſich bei ihm anzuſchmeicheln geſucht hatte; allein ſie wußte aus eigener Erfahrung, wie das Ungeziefer von Maulfreun⸗ den beim Ungewitter der Trübſal ſich verkriecht. Ihr Mitleid dachte ſich ihn als einen armen unglücklichen Wahnſinnigen, der, aller Nothwendigkeiten des Lebens beraubt, die zerſtörten Ueberreſte der Menſchheit umherſchleppt und der Verachtung und dem Abſchen ſei⸗ ner Mitgeſchöpfe das traurige Schanſpiel einer frühverwelkten Jngend darſtellt. Von dieſen Empfindungen bewegt, forſchte ſie nach des jungen Mannes Wohnung. Als ſie dieſe ausgekundſchaftet hatte, ſetzte ſie 72 alle überflüſſigen Ceremonien bei Seite, und begab ſich in einer Miethskutſche nach ſeinem Logis. Der immertreue Pips öffnete ihr die Thüre. Die Lady erinnerte ſich ſogleich der Züge dieſes ehrlichen Be⸗ dienten, den ſie wegen ſeiner Anhänglichkeit und Treue in ihrem Herzen zu lieben nicht umhin konnte. Sie pries ihn wegen dieſer beiden Eigenſchaften auf's Liebreichſte; dann fragte ſie im mildeſten Tone, wie es mit der Geſundheit ſeines Herrn ſtehe, und ob er in der Verfaſſung wäre, Beſuch anzunehmen. Tom, dem es nicht einfallen konnte, daß der Beſuch einer ſchö⸗ nen Dame einem jungen Mann von Pickle's Temperamente unwill⸗ kommen ſeyn würde, gab keine mündliche Antwort. Er winkte der Lady blos mit einer ſchalkhaften Miene, über die ſie ſich des Lächelns nicht erwehren konnte, und ging leiſe die Treppe hinauf. Dieſem Winke gemäß folgte ſie ihrem ſtummen Führer in das Zimmer unſeres Helden. Sie fand ihn am Schreibtiſch im vollen Begriff, eine Lob⸗ ſchrift an ſeinen Freund Sir Steady zu verfertigen. Die Natur ſeines Werks hatte ſeinem Geſicht einen ungewöhnlichen Grad von Lebhaftigkeit ertheilt. Ein ſauberer Hausanzug gab ihm ein ſehr vortheilhaftes Anſehen in den Augen einer Perſon, die allen Flitter⸗ kram unnützer Zierrathen verachtet. Sie war außerordentlich wohl damit zufrieden, daß ſie ihre Erwartungen auf eine ſo angenehme Art getäuſcht fand. Denn ſtatt der ſchmutzigen Umſtände, der Dürf⸗ tigkeit und des Jammergeſichts, welche den Wahnſinn begleiten, war Alles an ihm anſtändig und edel, und die Miene des Patienten ver⸗ rieth innere Zufriedenheit. Als Letzterer das Rauſchen von ſeidenem Zeuge im Zimmer hörte, hob er die Augen vom Papiere empor, und da er die Lady gewahrte, befiel ihn Erſtaunen und tiefe Ehrfurcht, wie bei dem Anblick eines übernatürlichen Weſens. Ehe er ſich von ſeiner Ueberraſchung, die ihm das Blut in die Wangen trieb, erholen konnte, erzählte ſie ihm, ſie wäre aus alter Bekanntſchaft gekommen, ihn zu beſuchen, wiewohl er ihr längſt An⸗ 73 laß zu der Vermuthung gegeben, daß er die Erxiſtenz einer ſolchen Perſon wie ſie gänzlich vergeſſen hätte. Er ſagte ihr den feurigſten Dank für dieſe ganz unerwartete Ehre ihres Beſuchs, und verſicherte, daß der Anlaß zu ihrem Verweiſe nicht ſeine Schuld ſey, ſondern daß der Grund hiervon bloß in ſeinem großen Unglück läge, und wenn es auch bei ihm geſtanden hätte, ſie ſo leicht zu vergeſſen, als ſie es ſich einzubilden ſchiene, ſo würde er ihr doch nie Grund ge⸗ gegeben haben, ihn einer Vernachläßigung ſeiner ſchuldigen Ehrer⸗ bietung zu zeihen. Noch immer über ſeinen Gemüthszuſtand in Zweifel, ſprach ſie nun von verſchiedenen Gegenſtänden mit ihm, und fand ſich in allen Stücken von ihm ſo befriedigt, daß ſie als gewiß annehmen konnte, er ſey blos durch die Bosheit ſeiner Feinde in ein falſches Licht ge⸗ ſtellt worden. Sie entdeckte ihm daher ganz freimüthig die Veran⸗ laſſung und Abſicht ihres Beſuchs. Es gebrach ihm nicht an Aeuße⸗ rungen der Dankbarkeit für dieſes Beiſpiel von Edelſinn und Freund⸗ ſchaft, das ihm ſogar Thränen aus den Augen lockte. Was die Anſchuldigung von Tollheit betraf, ſo erklärte er ſich darüber ſo ſehr zur Zufriedenheit der Lady, daß ſie augenſcheinlich ſah, man habe ihm gar ſchändlich mitgeſpielt, und jene Beſchuldigung ſey nichts als die niederträchtigſte Verläumdung. Ungeachtet Peregrine's Bemühen, den wahren Zuſtand ſeiner Finanzen zu verbergen, war es ihm doch unmöglich, ihr jene Erzäh⸗ lung zu machen, ohne etwas von den Verlegenheiten zu errathen, die ihn quälten. Das Uebrige errieth die Scharfſicht der Dame. Sie bot ihm daher nicht nur ihren Beiſtand an, ſondern reichte ihm auch eine Banknote auf eine beträchtliche Summe, und bat ihn dringend, dieß als ein geringes Zeichen ihrer Achtung und als einen Beweis von dem anzunehmen, was ſie für ihn zu thun geſonnen ſey. Allein er ſchlug dieſen Beweis ihrer Gewogenheit ſchlechterdings aus, und verſicherte ihr, wiewohl ſeine Angelegenheiten in einer etwas verwor⸗ renen Lage wären, ſo habe ihn doch noch nicht der geringſte Mangel 74 gedrückt, und er bäte ſie, ihm nicht die Bürde ſo unnöthiger Ver⸗ bindlichkeiten aufzuladen. 5 Indem ſie ſeine Ablehnung gelten laſſen mußte, betheuerte ſie ſie würde es ihm nie verzeihen, wenn ſie je erführe, daß er zur Zeit der Verlegenheit ihren Beiſtand ausgeſchlagen hätte, oder wofern er ſich nicht an ihre Freundſchaft wendete, wenn er ſich in Geldbedrängniß fände.„Uebertriebene Delikateſſe in dieſem Punkt,“ ſagte ſie,„werde ich für eine Mißbilligung meines Betragens anſehen, denn ich habe ſelbſt in dringenden Fällen zu meinen Freunden meine Zuflucht ge⸗ nommen.“ Dieſe hochherzigen Aeußerungen und ſeltenen Beweiſe von Freund⸗ ſchaft machten allerdings einen tiefen Eindruck auf das Herz unſeres Helden, dem noch die Wunden ſchmerzten, welche die Reize dieſer Dame ihm ehemals geſchlagen hatten. Er fühlte nicht nur Alles, was ein Mann von Ehre und Gefühl bei ſolchen Gelegenheiten em⸗ pfinden muß, ſondern es erwachten auch die Gefühle einer zärtlichern Leidenſchaft in ſeiner Bruſt. Daher konnte er nicht umhin, ſich ſol⸗ cher Ausdrücke zu bedienen, die den Bewegungen in ſeiner Seele ge⸗ mäß waren, und er ſagte ihr endlich frei heraus, wenn er geſonnen wäre, etwas zu betteln, ſo würde er um ſeiner Ruhe willen etwas von weit mehrerem Belang erflehen, als der ihm angebotene liebreiche Beiſtand ſey. Die Lady beſaß Scharfſinn genug, um den Sinn ſeiner Rede zu faſſen; da ſie jedoch nicht für gut befand, ihn in ſeinen Liebes⸗ bewerbungen aufzumuntern, ſo ſtellte ſie ſich, als nähme ſie dieß als gewöhnliche Galanterie auf, und erſuchte ihn auf eine ſcherzhafte Art, ihr nicht Anlaß zu geben, zu glauben, daß ſeine lichten Angenblicke vorüber wären „In der That, Mylady,“ ſagte er,„ich merke, ich bekomme mei⸗ nen Anfall wieder, und ich ſehe nicht ein, warum ich mich nicht des Vorrechts der mir angedichteten Krankheit in ſo fern bedienen ſoll, daß ich mich für Ihren Bewunderer erkläre.“„Wenn Sie das thun,“ 75 verſetzte die Lady,„ſo werde ich nicht ſo thöricht ſeyn, einem Wahn⸗ ſinnigen Glauben zu ſchenken, wofern Sie mir nicht deutlich bewei⸗ ſen, daß die Liebe Ihr Gehirn zerrüttet hat; und der Beweis möchte Ihnen, meines Bedünkens, ſchwer fallen. Inzwiſchen dürfte es die höchſte Zeit ſeyn, Ihren ungeſtümen Geiſt der Galanterie endlich für immer in Feſſeln zu ſchlagen, und ſich einer aufrichtigen Liebe zu der ſchönen Emilie hinzugeben, die, wie ich von allen Seiten höre, alle Ihre Aufmerkſamkeit und Achtung verdient.“ Bei Nennung dieſes Namens, den er nie ohne heftige Wallung anhören konnte, zuckte es durch alle ſeine Nerven. Ehe er ſich den Folgen einer ſolchen Unterhaltung ausſetzen wollte, brach er lieber das Thema von der Liebe ganz ab, und lenkte das Geſpräch auf an⸗ dere Gegenſtände. Hundertunderſtes Kapitel. Peregrine ſchreibt gegen den Miniſter, auf deſſen Veranlaſſung er verhaftet wird. Er liefert ſich ſelbſt aber in's Fleet. Die Lady, die ihren Beſuch weit über die Dauer einer gewöhn⸗ lichen Viſite ausgedehnt hatte, wiederholte ihre Freundſchaftsbethen⸗ rungen auf die freimüthigſte und verpflichtendſte Art, und nahm darauf von unſerm abenteuernden Ritter Abſchied. Er verſprach, in wenigen Tagen in ihrem Hotel ſeine Aufwartung zu machen, und ihr ſeine Ehrerbietung zu bezeigen. Mittlerweile nahm er ſein Ge⸗ ſchäft wieder vor. Er verfaßte eine Schrift voll der ernſtlichſten Beſchwerden über den Miniſter, nicht nur in Rückſicht ſeiner Undank⸗ barkeit, ſondern auch wegen ſeiner ſchlechten Verwaltung der öffent⸗ lichen Angelegenheiten. Das Manuſeript ſchickte er dem Redacteur 76 eines Wochenblattes zu, der bereits ſeit langer Zeit für einen erklär⸗ ten politiſchen Reformator galt. Wenige Tage darauf erſchien ſein Aufſatz in jenem Blatte mit einer Note des Redacteurs, in welcher derſelbe den Bfſs bat, ihn ferner mit ähnlichen Beiträgen zu beehren. Die in dem atitel enthaltenen Rügen waren ſo geiſtvoll und ſo witzig, und verbreiteten ſo vieles und ſo helles Licht über die Sache, daß ſie die Aufmerkſamkeit des Pubikums auf eine ganz au⸗ ßerordentliche Art in Anſpruch nahmen und dem Rufe der Zeitſchrift, worin ſie eingerückt war, aufzuhelfen begannen. Der Miniſter war nicht der Letzte, der den Aufſatz zu Geſcht bekam. Trotz ſeines geprieſenen Gleichmuths ward er dadurch der⸗ maßen entrüſtet, daß er ſogleich Späher ausſchickte. Mittelſt Be⸗ ſtechung bekam er Peregrine's Manuſeript zu ſehen. Auf den erſten Anblick erkannte er deſſen Hand. Um aber ſeiner Meinung noch mehr Grund zu geben, verglich er dieſes Papier mit zwei Briefen, die er von unſerm abenteuernden Ritter erhalten hatte. Hätte er gewußt, daß der junge Sauire ſo ausgezeichnete Talente zu beißenden Decla⸗ mationen beſaß, ſo würde er ihm vielleicht nie Urſache zum Mißver⸗ gnügen gegeben, ſondern ihn vielmehr zur Rechtfertigung ſeiner Maß⸗ regeln gebraucht haben. Ja er hätte ihn wohl ſogar wie andere Schriftſteller behandelt, die er von der Oppoſitionspartei ab und in ſein Intereſſe gezogen, wenn er nicht durch die Heftigkeit dieſes erſten Angriffs zur Rache gereizt worden wäre. Kaum hatte er alſo jene Entdeckung gemacht, als er ſeiner Creatur, dem Oberſteuereinnehmer, der Pickle's Schuldſchein in den Händen hatte, ſeine befehle ſandte. Am folgenden Tage, als unſer Autor auf einem gemiſen Caffee⸗ hauſe in einem Kreiſe von Bekannten ſtand und mit großer Bered⸗ ſamkeit über die Gebrechen der Staatsverwaltung declamirte, trat ein Gerichtsdiener zu ihm, dem fünf oder ſechs dienſtbare Geiſter folgten. Erſterer ſagte ganz laut, daß er wegen zwölfhundert Pfund 77 einen Verhaftsbefehl auf Anſuchen Maſter Stavage Gleanum wider ihn habe. Die anweſende Geſellſchaft erſtaunte nicht wenig über dieſe Er⸗ öffnung, die auch unſern Helden dermaßen verwirrte, daß er in der erſten Beſtürzung und gleichſam inſtinktmäßig dem Anführer der Gerichtsdiener mit ſeinem Rohr einen tüchtigen Hieb queer über den Kopf verſetzte, worauf ihn das Commando umzingelte, entwaffnete und auf die ſchimpflichſte Art in die nächſte Taverne ſchleppte. Kei⸗ ner der Zuſchauer ſchlug ſich für ihn in's Mittel; keiner von ihnen beſuchte ihn in ſeiner Gefangenſchaft, oder bot ihm nur im Mindeſten ſeine Dienſte an. So ſteht es mit der Caffeehausfreundſchaft! Dieſer Streich traf unſern Helden um ſo ſchwerer, je unerwar⸗ teter er gefallen war. Denn er hatte die Schuld, um derentwillen er verhaftet wurde, total vergeſſen. Inzwiſchen war ſein Unwille jetzt vorzüglich gegen den Häſcherkorporal entbrannt, der ſein Amt auf eine ſo unehrerbietige Art verwaltet hatte. Der erſte Gebrauch, den er von ſeiner Beſinnung in dem Hauſe machte, wohin er war geführt worden, beſtand darin, daß er den Frohn für ſein übermü⸗ thiges und unſchickliches Betragen züchtigte. Er mußte dieſe Arbeit mit bloßen Händen verrichten, weil man alle andern Waffen gar klüglich aus dem Wege geräumt hatte. Der Verbrecher ertrug ſeine Züchtigung mit erſtaunlicher Geduld und Reſignation, bat gar demü⸗ thig um Verzeihung, und betheuerte bei Gott, er wäre nie einem Gentleman mit Wiſſen und Willen übel begegnet; man habe ihm aber bei Verluſt ſeines Dienſtes anbefohlen, unſern abenteuernden Ritter auf ausdrückliche Anweiſung des Gläubigers in Verhaft zu nehmen. Durch dieſe Erklärung ward Peregrine beſänftigt und erwachte aus dem Wahnſinn der Leidenſchaft zu allen Schreckniſſen der Ueber⸗ legung. Alle Glorie ſeiner Jugend war nunmehr verdunkelt, alle Blüthen ſeiner Hoffnung verwelkt, und er ſah ſich zu jedem Elende der Gefangenſchaft verdammt, ohne die mindeſte Ausſicht zur Be⸗ 78 freiung, ausgenommen, wenn ſein Prozeß gut ausſiele. Allein das Zutrauen darauf hatte er die leßte Zeit von Tag zu Tage mehr verloren. Was wird aus einem Unglücklichen wenn ihm ſeine Gemüths⸗ verfaſſung nicht mehr erlaubt, die eine Leidenſchaft gegen die andere in's Feld zu rufen? Leidenſchaften, die in der menſchlichen Bruſt gleich Giften von verſchiedener Art vperiren, erſticken gegenſeitig ihre Wirkung. Die Betrübniß unſeres Helden herrſchte ganz unumſchränkt, bis ſie von der Rachgier abgeſetzt wurde. So lange dieſe die Ober⸗ gewalt behielt, betrachtete er alles Vorgefallene als Mittel und Wege zu deren Befriedigung. Sollte ich auch lebenslänglich gefangen ſeyn, ſollte ich auch allen meinen ſtolzen Erwartungen entſagen müſſen, ſprach er bei ſich ſelbſt, ſo werde ich doch wenigſtens das Vergnügen haben, dermaßen mit meinen Ketten zu klirren, daß die Ruhe meines Gegners dadurch unterbrochen wird; und ich werde in meiner eigenen Bruſt den Frie⸗ den und den frohen Muth aufſuchen, die ich in allen Scenen meines Glücks zu finden nicht vermögend war. Von der Welt losgeriſſen, werde ich von aller Thorheit und Undankbarkeit befreit und zugleich alles Aufwandes überhoben ſeyn, den ich zu erſchwingen ſehr ſchwer, wo nicht unmöglich würde gefunden haben. Ich werde wenig oder gar keine Verſuchung fühlen, meine Zeit übel anzuwenden, und un⸗ geſtörte Gelegenheit finden, mir meinen Unterhalt zu erwerben und meine Rache zu verfolgen. Wenn ich Alles genau bedenke, ſo iſt ein Kerker die beſte Tonne, in die ſich ein chniſcher Philoſoph zurück⸗ ziehen kann. In Folge dieſer tröſtlichen Betrachtungen ſchrieb er an Crabtree einen Brief, in welchem er ihm ſeinen Unſtern und auch ſeinen Ent⸗ ſchluß meldete, ſich unmittelbar in's Fleet zu verfügen. Zugleich bat er ſeinen Freund, ihm einen verſtändigen Advokaten von ſeiner Bekanntſchaft zu ſenden, der ihm Anleitung gäbe, was er zur Er⸗ reichung ſeines Zwecks für Maßregeln zu ergreifen habe. Nach Em⸗ 79 pfang dieſer Nachricht ging der Menſchenhaſſer in eigener Perſon zu einem Rechtskundigen und führte ihn nach dem Hauſe des Schergen, wohin der Gefangene ſich hatte bringen laſſen. Unter Anleitung die⸗ ſes Rathgebers ward Peregrine vor den Richter geführt, wo er dem Gewahrſam eines Gerichtsdieners übergeben wurde. Nachdem er den gerichtlichen Befehl in Bezug auf die Habeas corpus⸗Akte? bezahlt hatte, wurde er von jenem Mann in's Fleet gebracht, und dem Auf⸗ ſeher deſſelben überantwortet. Hier ward er in eine kleine Kammer geführt und war genöthigt, ſich eine ganze halbe Stunde von allen Stockmeiſtern und Thürſtehern in Augenſchein nehmen zu laſſen. Sie beſichtigten ihn auf's Ge⸗ naueſte, um im Stande zu ſeyn, ihn beim erſten Blick wieder zu erkennen. Sodann wurde er frei nach der Herrenſeite geführt, für welches Vorrecht er ein Anſehnliches entrichtet hatte. Dieſe Herrenſeite iſt ein großes weitläufiges Gebäude, das an hundert Logis zur Bequemlichkeit der Gefangenen hat, die dafür wöchentlich eine nicht unbeträchtliche Summe bezahlen. Kurz, dieſer Ort iſt wie eine Stadt, die von aller Gemeinſchaft mit allen benach⸗ barten Oertern abgeſondert iſt, nach eigenen Geſetzen regiert wird, und zum Behuf ihrer Einwohner mit allen nothwendig erforderlichen Gemächlichkeiten des Lebens verſehen iſt. Hier befindet ſich ein Caffee⸗ haus, wo rechtliche Leute ſich beluſtigen können, und wo es alle nur erſinnliche Getränke gibt; und ein öffentliches Speiſehaus, wo man um billigſten Preis alle Gerichte haben kann, ſo viel und welche man nur immer haben will, und wo für die armen Gefangenen alle Arten * Ihr zufolge darf kein Engländer ohne ſattſamen Beweis zur gefäng⸗ lichen Haft gebracht werden. Iſt er wegen eines geringen Verbrechens oder Schulden halber gefänglich eingezogen worden, ſo erhält er dennoch, wenn er ſich auf dieſe Akte beruft, vom Oberrichter die Freiheit, ſich vom engern Arreſt zu entledigen und dagegen in die Gefängniſſe der königlichen Bank zu Southwark oder des ſogenannten Fleet's in London zu gehen. Er muß die Urſache ſeines Verhafts wiſſen, und innerhalb vier und zwanzig Stunden zum vorläufigen Verhör gebracht werden. 80 von Lebensmitteln gekocht und gebraten werden. Ja, es ſind ſogar gewiſſe öffentliche Bediente da, die ohne Bezahlung verbunden ſind, auf den Markt zu gehen, wenn Der oder Jener es verlangt. Auch find die hier befindlichen Gefangenen nicht ſo eingeſperrt, daß ihnen die Wohlthat der freien Luft benommen wäre. An jenes Gebäude ſtößt ein freier Platz von beträchtlicher Größe, wo ſie durch Spazierengehen, Ballſchlagen, Kegelſchieben oder auf irgend eine andere ihnen beliebige Art ſich beluſtigen und eine Bewegung machen können. Als unſer abenteuernder Ritter das Bürgerrecht in dieſer Ge⸗ meinde erlangt hatte, befand er ſich in der Irre mitten unter Wild⸗ fremden, deren Anſehen ihn gar im Geringſten nicht für ſie einnahm. Pickle lief mit ſeinem Freunde Cadwallader allenthalben an dieſem Ort herum, und begab ſich hierauf nach dem Caffeehauſe, um ſich weiter nach den beſondern Gebräuchen zu erkundigen, die er noth⸗ wendig wiſſen mußte. Indem er ſich hier bemühte, von dem Aufwärter hinter dem Schenktiſche Nachrichten einzuziehen, trat ein Mann in geiſtlicher Kleidung zu ihm, und fragte ihn gar höflich, ob er erſt neu ange⸗ kommen ſey? Da ihm dieß beantwortet war, bewillkommnete er ihn in ihrer Geſellſchaft, und übernahm es ſehr gaſtfreundſchaftlich, ihn über die Verfaſſungen dieſer Communität zu inſtruiren. Der lieb⸗ reiche Geiſtliche gab Pickle zu verſtehen, daß ſeine erſte Sorge ſeyn müßte, ſich ein Logis zu verſchaffen. Eine gewiſſe Anzahl⸗Zimmer in dieſem Gefängniſſe, erzählte er ihm, würde um einerlei Preis vermiethet, doch einige davon wären bequemer, als die andern. Wenn die Inhaber der beſſern Logis die⸗ ſelben räumten, ſo hätten diejenigen, die länger in dieſem Hauſe geweſen wären, vor den übrigen Bewohnern den Vorzug, ſie in Be⸗ ſitz zu nehmen, ſo angeſehen Letztere auch immer ſeyn möchten. Zu Zeiten, wenn das Fleet ſehr voll wäre, würde zwei Perſonen nur Eine Stube eingeräumt, doch ſähen die Gefangenen dieß eben nicht als ein großes Ungemach an, weil es in dieſem Falle ſtets Manns⸗ 8¹ „ perſonen genug gäbe, die mit den Frauenzimmern Stube und Bett herzlich gern theilten. Allein es hätte eine Zeit gegeben, wo ſelbſt dieſes Hülfsmittel nicht hinreichend geweſen wäre. Denn nachdem man jedes Zimmer doppelt beſetzt hätte, wäre dennoch eine beträcht⸗ liche Anzahl Perſonen ohne Logis geblieben. Auf dieſe Art hätten die Letztangekommenen ihre Wohnung in Mount Scoundral aufſchla⸗ gen müſſen, eine Reihe kläglich eingerichteter Zimmer, worin ſie ſich wie Kraut und Rüben mitten unter Unflath und Ungeziefer durchein⸗ ander befunden hätten, bis die Reihe ſie getroffen, andere Zimmer zu erhalten. Als Peregrine die Beſchreibung dieſes Orts hörte, ward ihm wegen ſeines Nachtlagers bange. Der Pfarrer merkte ſeine Aengſt⸗ lichkeit, und führte ihn ohne Zeitverluſt zum Aufſeher des Gefäng⸗ niſſes, der ihm ein armſeliges Stübchen einräumte, wofür er wöchentlich eine halbe Krone zahlen mußte. Nachdem dieſe Sache in Richtigkeit war, meldete ihm ſein Führer, wie man hier ſpeiſen könnte, entwe⸗ der für ſich allein oder an der table d'höte, rieth ihm, das Letzte als das Anſtändigſte zu wählen, und erbot ſich, ihnßdes nächſten Ta⸗ ges in die beſte Geſellſchaft vom Fleet zu führen, die ſtets öffentlich zuſammen ſpeiste. Pickle dankte ſeinem neuen Freunde für deſſen wohlgemeinte Rathſchläge, verſprach, ſie zu befolgen, und lud ihn ein, den Abend auf ſeinem Zimmer zuzubringen. Mittlerweile ſchloß er ſich mit Crabtree ein, um über ſeine zerrütteten Angelegenheiten ſich mit ihm zu berathſchlagen. Von ſeinem anſehnlichen Vermögen war ihm nichts weiter übrig geblieben, als ſeine Garderobe die nicht ſehr prächtig war, etwa dreißig Guineen in der Caſſe, und das Caſtell, das der Menſchenhaſſer ihm in baares Geld zu verwandeln rieth, um ſeinen gegenwärtigen Unterhalt davon beſtreiten zu können. Allein dieſen Rath verwarf Peregrine ſchlechterdings, nicht nur weil erjenes Ge⸗ bäude Hatchway auf Zeitlebens eingeräumt hatte, ſondern weil er auch ein Andenken von der Großmuth des Commodores behalten wollte. Daher beſchloß er, die begonnene Ueberſetzung in ſeiner Abgeſchieden⸗ Swmollet's Romane. KII. 6 82 heit zu vollenden und ſich ſeinen künftigen Unterhalt durch dieſe und ähnliche Arbeiten zu verdienen. Er bat Cadwallader, die Auf⸗ ſicht über ſein bewegliches Hab und Gut zu übernehmen, und ihm die für ſeine Gefangenſchaft nöthigen Kleider und Wäſche zu ſchicken. Unter allen ſeinen Bedrängniſſen ging Pickle nichts näher, als ſein treuer Pips, den er nicht länger in Dienſten behalten konnte. Freilich wußte er, daß Tom ſich während ſeiner Dieuſtzeit etwas er⸗ ſpart hatte, allein daraus folgte noch nicht, daß er ſelbſt deſſen Dienſte entbehren konnte, da er ihm nothwendig geworden war wie eins von ſeinen Gliedmaßen; ja, Pips ſelbſt war ſo ſehr an ſeinen Herrn ge⸗ wöhnt, daß dieſer fürchtete, der ehrliche Kerl würde ſich in eine an⸗ dere Lebensart gar nicht finden können. Crabtree erbot ſich, um ihn in dieſem Punkte zu beruhigen, Pips ſtatt ſeines eigenen Bedienten anzunehmen, welchen letzteren er deßhalb verabſchieden wollte; obwohl Pips, wie er bemerkte, im Dienſte unſeres Helden ganz verderbt worden ſey. Allein Peregrine fand es nicht für gut, ſeinem Freunde eine ſolche Laſt aufzubürden. Denn er wußte, daß deſſen jetziger Bedienter alle Sonderheiten von deſſen Humor kannte und ſich darein fügte, und daß Pips dagegen ſie weder ſtudieren, noch ſich im Mindeſten daran kehren würde. Er beſchloß daher, ihn zu ſeinem Schiffskameraden Hatchway zurück⸗ zuſchicken, mit dem er die erſte Hälfte ſeines Lebens zugebracht hatte. Nachdem dieſe Punkte feſtgeſtellt worden waren, gingen die bei⸗ den Freunde nochmals auf das Caffeehaus, um nähere Kunde von dem Rufe und Charakter des Geiſtlichen einzuziehen, der durch ſeine Dienſtfertigkeit unſern Ritter zu ſeinem ſo großen Schuldner gemacht hatte. Sie erfuhren, er ſey ein Pfarrer, der ſich die Ungnade des Biſchofs zugezogen, unter deſſen Sprengel er ſich befunden; und da er an Macht ſeinem Gegner nicht gewachſen geweſen wäre, ſo hätte ihn ſein trotziger Widerſtand hier in's Fleet getrieben. Inzwiſchen habe er immer ein hübſches Einkommen, welches er ſich durch ge⸗ 83 wiſſe, nicht vorſchriftsmäßige Amtsverrichtungen erwürbe, und welches er hauptſächlich an ſeine nothleidenden Mitmenſchen verwendete. Kaum war dieß Lob zu Ende, als der Mann, den es betroffen hatte, laut der mit Peregrine genommenen Abrede ins Zimmer trat. Der Squire beſtellte jetzt Wein und ein Abendeſſen auf ſein Zimmer, wohin ſie ſich alle drei begaben. Cadwallader ging fort, als es ſpät ward, und die beiden Gefangenen brachten den Abend recht geſellig zu. Der Geiſtliche unterhielt unſern Helden mit der Geheimgeſchichte dieſes Orts, die einige ſehr merkwürdige Züge und Anekdoten enthielt. Unter anderm erzählte er, wie der Mann, der ihnen bei Tiſche aufgewartet, der immer ſo ſklaviſch⸗demüthige Bücklinge gemacht, ſo oft er den Mund aufgethan und mit Lordſchaften und Herrlichkeiten um ſich geworfen habe, noch vor wenigen Jahren Hauptmann unter der Leibwache geweſen ſey. Nachdem er ſeine Carriere in der großen Welt gemacht, ſey er jede Stufe in unſerer Gemeinheit durchgegan⸗ gen, von dem Wildfange der erſten Ordnung an, der im beblechten Rock, einen Kerl hinter ſich und eine Dirne am Arme, im Fleet herumſpaziert, bis zum Bierzapfer; ein Amt, worin er ſich jetzt glücklich zur Ruhe geſetzt habe. „Wenn Sie ſich in die Küche bemühen wollen,“ fuhr er fort, „ſo werden Sie daſelbſt einen Stutzer antreffen, der ſich in einen Bratenwender verwandelt hat. Es gibt hier in dieſer kleinen Welt einige Holzhauer und Waſſerträger, die ſonſt eigene Forſten und fiſchbare Seen hatten. Nichts deſto weniger ſind ſie, ungeachtet die⸗ ſes kläglichen Umſturzes ihres Glücks, weder Gegenſtände der Achtung noch des Mitleids, weil ihre Unglücksfälle die Früchte laſterhafter Ausſchweifungen ſind; und ſie ſelbſt ſind gegen das Elend, das ihr Loos iſt, ganz unempfindlich. „Denen von unſeren Leidensgenoſſen hingegen, die durch unver⸗ ſchuldeten Verluſt oder durch Jugendleichtſinn in Dürftigkeit gerathen ſind, wird der brüderliche Beiſtand nicht verſagt, wofern ſie ſich an⸗ ſtändig betragen und Gefühl gegen ihr Elend äußern. Auch fehlt es 84 uns nicht an Macht, die Ausgelaſſenen zu züchtigen, die ſich weigern, den Geſetzen dieſes Ortes zu gehorchen, und die durch Gewaltthätig⸗ keiten und Unordnungen die Ruhe dieſer Gemeine ſtören. Die Ge⸗ rechtigkeit wird hier von einem Billigkeitsgerichte unparteiiſch gehand⸗ habt. Dieſer Gerichtshof beſteht aus einer erleſenen Anzahl der ehrwürdigſten Einwohner, die alle Uebertreter mit gleicher Strenge beſtrafen, wenn ſie der angeſchuldigten Verbrechen gehörig über⸗ wieſen ſind.“ Nachdem der Geiſtliche ihn auf die Art ſowohl mit der innern Einrichtung dieſes Orts als mit der Urſache ſeiner Gefangenſchaft bekannt gemacht hatte, begann er einige Begierde zu äußern, die Lage unſeres Helden zu erfahren. Pickle glaubte, zur Befriedigung eines Mannes, der ihn ſo gaſtfreundlich behandelt hatte, nichts Ge⸗ ringeres thun zu können. Er erzählte ihm daher umſtändlich Alles und Jedes, was ſeine Gefangenſchaft bewirkt. Zugleich befriedigte er ſeinen Unwillen gegen den Miniſter, indem er alles ihm ange⸗ thane Unrecht wiederholte, wobei er ſein Herz ſehr erleichtert fühlte. Der Geiſtliche, der ſchon vom erſten Anblick eine Vorliebe für unſern jungen Mann gefaßt hatte, fühlte ſeine Hochachtung gegen ihn geſteigert, als er vernahm, welche anſehnliche Rolle Jener auf dem Theater des Lebens geſpielt hatte. Es machte ihm Vergnügen, einen Fremden von ſolcher Bedeutung in ihren Clubb einzuführen. Er verließ Pickle, damit er ruhen, oder beſſer geſagt, ernſte Betrachtun⸗ gen über den Vorfall anſtellen könnte, wozu er bis jetzt noch nicht Zeit gehabt hatte. Ich könnte hier nach dem Beiſpiel einiger berühmten Autoren ein oder ein Paar Seiten mit den Betrachtungen anfüllen, die er über die Wandelbarkeit der menſchlichen Angelegenheiten, über die Betrügerei der Welt und über den Uebermuth der Jugend anſtellte, und mich bemühen, dem Leſer durch einige eigene feine Bemerkungen über den weiſen Moraliſten ein Lächeln abzulocken. Allein abgeſehen davon, daß ich dieſe Manier für einen unverſchämten Eingriff in den 85 Gedankengang des Leſers halte, habe ich zu viel Wichtiges mitzu⸗ theilen, als daß ich dem Leſer den mindeſten Anlaß zu dem Gedanken geben ſollte, ich bedürfe ſo armſeliger Kunſtgriffe, um meinem Roman eine weitere Ausdehnung zu geben. Mithin mag es dabei ſein Be⸗ wenden haben, daß unſer abenteuernder Ritter eine ſehr unruhige Nacht hatte. Daran waren nicht nur die dornenvollen Vorſtellungen Schuld, die ihn marterten, ſondern auch die körperlichen Leiden, die ihm theils ſein hartes Lager, theils deſſen eingeborene Bewohner verur⸗ ſachten, die ſein Eindringen in ihre Beſitzthümer nicht gelaſſen erduldeten. Am nächſten Morgen weckte ihn Pips, der ihm auf Cadwalla⸗ der's Vorſchrift einen Mantelſack, mit allem Nothwendigen angefüllt, brachte, ſeine Laſt auf den Fußboden gleiten ließ, und dann ſich ſelbſt mit einem Stück Tabak zum Kauen bewirthete. Im Geſicht und im ganzen Betragen zeigte er keine Spur von Theilnahme. Nach einer Pauſe ſagte der Herr:„Seht Ihr, wohin ich mich ſelbſt gebracht habe?“ „Ei nun,“ antwortete der Diener,„wenu's Gefäß uf'em Strande eenmal feſtſitzen thut, was hilft da all' der Schnack? Man muß Hand anlegen, es zu bugſiren, wenn ſich's nur irgend thun läßt. Will's gar nicht vom Fleck von wegen all' der Anker un Spillen, die am Bord ſin, thut's nir helfen, wenn mir's gelichtet ha'n, die Maſte gekappt un Geſchütz un Ladung über Bord geſchmiſſen; ih nu, ſo kommt noch vielleicht'n friſcher Windſtoß, die Fluth oder'n Strom vom Lande her, un macht's in'nem Pfeifenſtoß wieder flott .. HBier ſind zweihundertundzehn Pfund, richtig gezählt, in dieſem Beutel von Segeltuch; un hier uf dem Schnippel Papier... Potz Kukuk ne! Dat is mein Freizeddel vom Kirchſpiel wegen Moll Trundle . Da is der rechte...»Ne Anweiſung von dreißig Pfund uf Dings da in der City; un zwee Zeddel uf fünfundzwanzig und uf achtzehn. Sehen Sie, die lehnt' ich an Samuel Studing,'ne Ladung Rum inzukofen, wie he's Commodor's Flagge zu St. Cathrine uf⸗ ſtecken thut.“ 86 Indem er dieß ſagte, breitete er ſeine ganze Baarſchaft vor Peregrine aus, damit dieſer ſie annehmen möchte. Unſer Held ward durch den neuen Beweis von Tom's Anhänglichkeit auf's Stärkſte gerührt. Er äußerte ſeine Zufriedenheit, ihn ſo haushälteriſch zu finden, zahlte ihm ſeinen Lohn bis auf den jetzigen Tag aus, dankte ihm für ſeine treuen Dienſte, ſetzte hinzu, er könne ſich keinen Be⸗ dienten mehr halten, und rieth ihm, ſich nach dem Caſtell zu begeben, wo ſein Freund Hatchway, dem er ihn beſtens emfehlen wollte, ihn gewiß freundlich aufnehmen würde. Bei dieſer unerwarteten Nachricht ward Pips blaß, und verſetzte, er verlange weder Lohn noch Koſt, ſondern einzig und allein nur, ihm aufwarten zu dürfen; und er wollte nicht eher nach dem Caſtell ſteuern, als bis ſein Herr all' den Plunder da an Bord genommen hätte. Deſſen ungeachtet ſchlug es ſein Herr ſchlechterdings aus, nur einen Farthing von ſeinem Gelde anzurühren, und befahl ihm, es wieder einzuſtecken. Dieſe Weigerung kränkte den Pips ſo ſehr, daß er die Zettel zuſammenwickelte, ſie in's Feuer warf, und dabei aus⸗ rief:„Verflucht ſey der Quark!“ Der ſegeltuchene Beutel ſammt ſeinem Inhalt würde ein gleiches Schickſal gehabt haben, wenn Peregrine nicht aufgeſprungen wäre, die Papiere aus dem Feuer ge⸗ riſſen, und ſeinem Bedienten befohlen hätte, bei Strafe, ewig aus ſeinem Geſichte verbannt zu werden, davon abzulaſſen. Gegenwärtig, ſagt' er zu ihm, ſähe er ſich genöthigt, ihn abzudanken, und ſo gäbe er ihm ſeinen Abſchied. Er verſpräche ihm aber, wenn er zum Lieu⸗ tenant gehen und ſich dort ruhig verhalten wollte, ihn bei dem erſten günſtigen Glückswechſel wieder ihn ſeine Dienſte zu nehmen. In⸗ zwiſchen gab er ihm zu verſtehen, habe er ſein Geld nicht nöthig und werde nie Gebrauch davon machen. Er befahl ihm, bei Strafe, alle ſeine Gunſt zu verſcherzen, es ſogleich wieder einzuſtecken. Tief bekümmert durch alle dieſe Befehle, auf welche er nichts entgegnete, ſteckte Pips das Geld wieder ein, und ging ſtillſchweigend fort mit einer Miene der Kränkung, die man ſonſt nie in ſeinem 87 Geſichte geſehen hatte. Pickle's ſtolzes Herz blieb bei dieſer Gelegen⸗ heit nicht ungerührt. Kaum konnte er ſeine Betrübniß in Pips Gegenwart unterdrücken, und ſobald Jener fort war, brach er in Thränen aus. Da Peregrine nicht Luſt hatte, ſich mit ſich ſelbſt zu unterhalten, ſo kleidete er ſich in größter Eile an. Ein Menſch, der zuvor ein reicher Krämer in der City geweſen und jetzt hier einer von den Beiläufern geworden war, half ihm dabei. Nachdem Peregrine ſei⸗ nen Anzug vollendet hatte, begab er ſich auf das Caffeehaus, um zu frühſtücken. Dort traf er ſeinen Freund, den Pfarrer, und mehrere andere Perſonen von feinem Anſehen, denen ihn der Doktor als einen neuen Tiſchgenoſſen vorſtellte. Von dieſen Herren ward er an einen Ort geführt, wo ſie den Nachmittag mit Fives“ zubrachten; eine Leibesübung, an welcher unſer Held beſonderes Vergnügen fand. Um ein Uhr hielt der Gerichtshof Verhör über zwei Verbrecher, welche die Geſetze der Rechtſchaffenheit und der guten Ordnung überſchritten hatten. Der Erſte, der vor den Schranken erſcheinen mußte, war ein Advokat, der angeklagt worden war, daß er einem Gentleman das Schnupftuch aus der Taſche geſtohlen hätte. Nachdem die That unwiderleglich erwieſen war, ſo erhielt er ſein Urtheil, in Folge deſſen man ihn ſogleich zu dem öffentlichen Brunnen führte und ein tüchtiges Kühlbad aushalten ließ. Darauf ſchritt man zum Verhör des zweiten Deliquenten. Dieß war ein Lieutenant von einem Kriegsſchiff, der in Geſellſchaft eines Frauenzimmers, deren man ſich noch nicht hatte bemächtigen können, gegen die Geſetze des Orts und die Ruhe der anderen Gefangenen Erceſſe begangen hatte. Der Beklagte hatte ſich ſehr unnütz gemacht, ſich ſchlechterdings geweigert, auf die Ladung zu erſcheinen, und man⸗ chen verächtlichen und trotzigen Ausdruck gegen das Anſehen der Ge⸗ * Eine Art Kegelſpiel. 88 richtskammer ausgeſtoßen. Hierauf wurden die Conſtabel befehligt, ihn vi et armis vor die Schranken zu bringen. Demnach wars er vor die Richter gebracht, nachdem er mit einem Hauer höchſt ver⸗ zweifelten Widerſtand gethan und einen Gerichtsdiener gefährlich verwundet hatte. Dieſe Gewaltthat vergrößerte ſein Verbrechen dermaßen, daß die Kammer keinen Ausſpruch über ihn wagen wollte, ſondern ihn der Sentenz des Oberaufſehers vom Gefängniſſe übergab, der vermittelſt ſeiner unumſchränkten Macht befahl, daß der Tumultuant in Ketten gelegt, und in den Gewahrſam geführt ward; ein abſcheulicher Kerker am Waſſergraben, reichhaltig an Kröten und Ungeziefer, mit ſchäd⸗ lichen Dünſten angefüllt und dem mindeſten Strahle des Lichts un⸗ zugänglich. Nachdem die Gerichtsſitzung ſich aufgelöst hatte, begab ſich unſer Abenteurer mit ſeiner Geſellſchaft auf das Caffeehaus an die table d'höte. Seine Mitgäſte beſtanden, wie er auf ſeine Nachfrage er⸗ fuhr, aus einem Offizier, zwei Aſſecuranten, drei Projektmachern, einem Alchymiſten, einem Advokaten, zwei Dichtern, einem Baronet und einem Ritter des Bathordens. Wiewohl das Eſſen nicht koſtbar war und nicht mit großer Zierlichkeit aufgetragen wurde, ſo war es doch ſchmackhaft zubereitet. Der Wein war leidlich und die Tiſch⸗ geſellſchaft ſo heiter, als ob Elend und Noth ihr ganz fremd wären, ſo daß unſer Held an ſeinen Mitgenoſſen Behagen fand, und ſih mit der ihm eigenen Munterkeit und Ungezwungenheit in's Geſpräch einließ. Als man abgeſpeist hatte, zahlte man die Zeche, und einige von den Herren begaben ſich an den Spieltiſch, oder machten ſich einen andern Zeitvertreib, während die Uebrigen, unter denen ſich auch Pickle befand, einig wurden, den Nachmittag unter Geſprächen bei einer Bowle Punſch hinzubringen. Das Getränk ward ihnen aufge⸗ tragen, und man kürzte die Stunden durch Unterredungen über ver⸗ ſchiedene Gegenſtände. Mitunter kamen auch einige artige Anekdoten 89 vor, die ſie ſelbſt angingen. Keiner von ihnen machte ſich ein Be⸗ denken daraus, die Beſchaffenheit der Schuld einzugeſtehen, wegen welcher er geſetzt worden war, wofern es nicht etwa eine zu große Kleinigkeit betraf. Vielmehr rühmte ſich ein Jeder der Beträchtlich⸗ feit der Summe, weil dieß zu erkennen gab, daß er in der Welt eine anſehnliche Rolle geſpielt hatte; und derjenige, der den Gerichts⸗ dienern öfter auf eine merkwürdige Art entronnen war, wurde als ein Mann von erhabenem Genie und igeindulier Gewandtheit betrachtet. Unter anderen außerordentlichen Begebenheiten dieſer Art war keine romantiſcher, als die letzte Entweichung des Offiziers.„Man zog mich,“ erzählte er,„wegen einer Schuld von zweihundert Pfund zu einer Zeit ein, wo ich nicht über ſo viel Pfennige zu komman⸗ diren hatte. Ich ward in das Haus eines Gerichtsdieners gebracht. Hier blieb ich ganze vierzehn Tage. So wie mein Credit abnahm, rückte ich mit meinem Logis immer höher und höher. Endlich war ich von dem anſtändigſten Parterrezimmer in der gehörigſten Ordnung bis zu der Dachkammer hinaufgeſtiegen. „Hier überlegte ich nun den mir bevorſtehenden Schritt, der nach Marſhalſea würde gegangen ſeyn. Ich ſah unter Hunger und Kälte die Nacht heranrücken. Plötzlich erhob ſich ein mächtiger Wind; die Ziegel auf dem Dache raſſelten von dem Sturme. Stracks ſchoß mir's in die Gedanken, bei der Finſterniß der Nacht und dem Toben des Ungewitters unbemerkt zu entwiſchen, aus dem Fenſter meines Stübchens zu kriechen und über die Dächer der anſtoßenden Häuſer wegzuklettern. „Voll Entzücken über dieſe Ausſicht unterſuchte ich die Paſſage und fand zu meinem größten Leidweſen, daß von Außen eiſerne Stäbe davor waren. Doch dieſe Schwierigkeit ſchreckte mich von meinem Vorhaben nicht ab. De ich meine Stärke kannte, ſo glaubte ich mich hinlänglich im Stande, mir eine Oeffnung im Dache zu verſchaffen, das mir gar elend und ſchadhaft ſchien. In dieſen Ge⸗ 90 danken verrammelte ich meine Thür mit allen den Mobilien meines Zimmers. Sodann machte ich mich mit dem Schüreiſen an's Werk. In wenigen Minuten hatte ich meiner Hand einen Weg gebahnt, und nun riß ich Sparren und Ziegel allmälig los, ſo daß ich für meinen Körper ein Schlupfpförtchen hatte. „Durch dieſen Weg ſetzte ich mich ganz dreiſt in Freiheit, und fing an, nach dem nächſten Hauſe zu tappen. Zum Unglück mußte mir der Wind den Hut abwehen und dieſer von ungefähr in den Hof fallen, gerade als einer von des Gerichtsdieners Gehülfen an die Thüre klopfte. Dieſer treue Handlanger erkannte ihn ſogleich, und benachrichtigte ſeinen Herrn davon. Kaum hatte er den Floh im Ohr, ſo ſtürzte er die Treppen zur Dachſtube hinauf, ſprengte ungeachtet aller meiner Vorſicht die Thür in einem Augenblick, und verfolgte mit ſeinem Begleiter die Fährte, die ich genommen. „Dieſe Jagd,“ fuhr der Offizier fort,„hatte eine Zeitlang zur augenſcheinlichſten Lebensgefahr für uns drei ged mert, als ich mich plötzlich in meinem Laufe durch ein Dachfenſter aufgehalten fand. Ich ward durch ſelbiges ſieben Schneider gewahr, die an einem Tiſche bei ihrer Arbeit ſaßen. Ohne mich im Geringſten zu bedenken oder erſt bei ihnen anzumelden, ſtürzte ich mich rücklings unter ſie. Ehe ſie ſich von der Beſtürzung erholen konnten, die ihnen ein ſo ſeltſamer Beſuch verurſachte, erzählte ich ihnen meine Lage, und wie ich gar keine Zeit zu verlieren hätte. Einer von ihnen verſtand den Wink, führte mich augenblicklich die Treppe hinunter, und ließ mich auf die Straße hinans. Indeß kam der Gerichtsdiener und ſein Gehülfe bei der Breſche an. Allein die Collegen meines Retters ſchreckten ſie ab, hineinzuſteigen. Sie hielten ihre Scheeren wie eine Reihe ſpaniſcher Reiter vor, und befahlen ihnen, ſich zurückzuziehen, wo ſie nicht unmittelbar des Todes ſeyn wollten. „Der Packan ließ ſich's lieber gefallen, die Schuld zu bezahlen, als daß er ſeinen Leib ſo in Gefahr wagte. Denn er tröſtete ſich mit der Hoffnung, mich wieder gefangen zu nehmen. Allein ich 91¹ täuſchte ſeine Erwartung, hielt mich gut verſteckt und lachte über den Verhaftbefehl wegen meiner Flucht. Endlich erhielt ich Ordre, mit dem Regimente außer Landes zu gehen. Ich ließ mich in einem Sarg nach Graveſand bringen, von wo ich mich nach Flandern ein⸗ ſchiſſen ließ. Da ich mich aber genöthigt ſah, werbungshalber wie⸗ der hieher zu kommen, kaperte man mich zum zweitenmale weg. Mein erſter Fänger erhielt jetzt keine andere Genugthuung, als eine Vollmacht, mich in Verwahrung zu behalten. Dadurch iſt mein hie⸗ ſiger Aufenthalt meines Bedünkens ſo lange beſtimmt, bis das Par⸗ lament nach ſeiner großen Güte es für gut erachtet, durch eine neue Akte zum Beſten unvermögender Schuldner meine Bären loszubinden.“ Jedermann geſtand, daß das Glück des Hauptmanns der Kühn⸗ heit ſeines Unternehmens gleich geweſen wäre, das ganz nach Solda⸗ tenart ſey. Allein einer der Kaufleute bemerkte, daß der Gerichts⸗ diener wenig Erfahrung gehabt haben müſſe, weil er einen ſo wichtigen Gefangenen einem ſo ſchlecht verwahrten Orte vertraut habe.„Wäre der Kapitän,“ ſagte er,„einem ſo pfiffigen Buben in die Hände ge⸗ fallen, wie der Kerl iſt, der mich arretirte, ſo würde ihm das Ent⸗ wiſchen nicht ſo leicht geweſen ſeyn. Denn die Art, wie man mich weggenommen hat, iſt vielleicht die außerordentlichſte, deren man ſich in dieſen drei Königreichen bedient hat.“ „Sie müſſen wiſſen, meine Herren,“ fuhr dieſer Mann fort, „ich hatte durch Aſſecurirung von Schiffen während des Kriegs ſo großen Verluſt erlitten, daß ich mich genöthigt ſah, mit der Zahlung einzuhalten. Inzwiſchen wollte ich, da ich noch gute Ausſichten vor mir hatte, Einen Handlungszweig erhalten, und mich nicht unmit⸗ telbar mit meinen Gläubigern in Vergleich einlaſſen. Ich empfing wie gewöhnlich von auswärts her Waaren in Commiſſion. Um nun den Beſuchen der Gerichtsdiener nicht ausgeſetzt zu ſeyn, ging ich nie aus, ſondern verwandelte meinen erſten Stock in eine Niederlage. Mittelſt einer Winde, die ich in meinem oberſten Stockwerk ange⸗ bracht hatte, ließ ich meine Waaren hinaufſchaffen. 92 „Die liſtigen Spürhunde verſuchten manchen Kniff, mich aus meiner Verſchanzung zu locken. Ich erhielt eine Menge Botſchaften von Leuten, die mich wegen beſonderer Geſchäfte in gewiſſen Wirths⸗ häuſern ſprechen wollten. Ein andermal bekam ich Aufforderungen, auf's Land zu kommen, um meine Mutter zu ſehen, die, wie man ſagte, auf den Tod darnieder läge. Eines Abends ward eine recht⸗ liche Frau auf meiner Schwelle von Kindsnöthen ergriffen. Zu einer Zeit ward ich durch ein Geſchrei über Mord auf der Straße beunruhigt. Ein andermal wurde ich durch einen blinden Feuerlär⸗ men in Schrecken geſetzt. „Ich aber, beſtändig auf meiner Huth, äffte fortwährend alle ihre Verſuche, und glaubte mich ſchon völlig ſicher vor ihnen, als einer dieſer Bluthunde, wie mich dünkt, vom Teufel ſelbſt dazu begeiſtert, mir eine Schlinge legte, in welcher ich endlich gefangen ward. Er erkundigte ſich ganz genau nach allen Details meines Handelns, und erfuhr unter anderem, daß verſchiedene Kiſten mit Florenzer Taft für mich auf dem Packhofe ſtünden. Er ließ ſich eine Kiſte von derſelben Größe verfertigen, mit Luftlöchern in dem Boden und N. III. gezeichnet. In dieſe legte er ſich, ward unter andern Gütern vor meine Thüre gebracht und, als ihn die Reihe traf, in mein Waarenlager hinaufgewunden. „Hier ſtand ich mit meinem Hammer, um die Kiſten zu öffnen und deren Inhalt mit der Fraktur zu vergleichen. Sie können ſich mein Erſtaunen und meine Beſtürzung vorſtellen, als ich bei Oeff⸗ nung dieſer Kiſte einen Gerichtsdiener, wie Lazarus aus dem Grabe, mit dem Kopf hervorgehen ſah und ihn erklären hörte, daß er einen Haftbefehl wegen tauſend Pfund gegen mich habe. Ich ſchlug in der That mit dem Hammer nach ſeinem Kopfe, verfehlte ihn aber in der Verwirrung, in der ich mich befand. „Ehe ich noch einmal meinen Streich führen konnte, ſprang der Kerl mit großer Behendigkeit auf, und verrichtete ſein Amt in Ge⸗ genwart verſchiedener Zeugen, die er zu dieſem Ende auf der Straße 93 verſammelt hatte. Sonach konnte ich mich unmöglich aus dem Garne loswickeln, ohne einen Verhaftbefehl, als gegen einen Entlaufenen, für mich zu bewirken, wogegen ich keinen Schutz gehabt haben würde. Hätte ich aber den Inhalt der Kiſte gekannt, ſo würde ich bei Allem, was heilig iſt, meinem Abläder befohlen haben, ſie ſo hoch hinauf⸗ zuziehen, als es nur die Winde zuließe, und dann hätte ich, wie von ungefähr, den Strick durchſchnitten.“ „Ein ſolcher Schnitt,“ verſetzte der Ritter mit dem rothen Bande,„würde dem Burſchen den Muth zu dergleichen gefährlichen Unternehmungen für die Zukunft benommen haben und ein Beiſpiel des Schreckens für ſeine Collegen geweſen ſeyn. Ihre Geſchichte erinnert mich an den Streich, wodurch ſich Tom Hackabout in Frei⸗ heit ſetzte. Es war ein tapferer, ehrlicher Junge, den ich recht wohl kannte. Durch die Verwundungen und Verſtümmlungen der Häſcher hatte er ſich ſo in Ruf geſetzt, daß ein gewiſſer Herr, dem man in einem Schergenhauſe arg mitgeſpielt hatte, gleich nach wiedererlangter Freiheit eine von Hackabout's Schuldverſchreibungen, die mit ſehr großem Disconto verkauft wurden, für fünf Schillinge an ſich brachte, in der Abſicht, ſich an ſeinem theuren Wirth zu rächen. Darauf wirkte er einen Haftbefehl aus, und ſtellte ihn eben dem Gerichts⸗ diener zu, der ihn ſo ſchlecht behandelt hatte. „Nach fleißigem Spüren fand der Häſcher eine Gelegenheit, ſeinen Befehl an dem Beklagten zu vollziehen. Dieſer brach ihm ohne Umſtände ein Bein, zerſchlug ihm den Kopf und bearbeitete ihn ſo, daß er finnlos und ohne Bewegung auf der Stelle liegen blieb. Durch dergleichen Thaten machte ſich dieſer Held ſo furchtbar, daß kein Gerichtsdiener allein es übernehmen wollte, ihn in Verhaft zu bringen. „Auf dieſe Art erſchien er an allen öffentlichen Orten unange⸗ taſtet. Endlich verbanden ſich einige Gerichtsdiener von Marſhalſea gegen ihn, und zwei davon wagten es, in Begleitung von drei deſpe⸗ raten Helfershelfern ihn eines Tages nahe am Strande bei dem 94 Marktflecken Hungerford anzugreifen. Es war ihm unmöglich, Wi⸗ derſtand zu leiſten, weil die ganze Rotte zugleich als eben ſo viel Tiger auf ihn losſtürzte und ihm die Arme ſo feſthielt, daß er keinen Finger rühren konnte. Da er ſich ſo übermannt ſah, bat er, ihn ſogleich in's Gefängniß zu bringen. Man trug ihn zu dem Ende in ein Boot. Als ſie ſich in der Mitte des Waſſers befanden, er⸗ ſah er ſich die Gelegenheit, das Fahrzeug wie von ungefähr umzu⸗ werfen. Ein Jeder von ihnen ſuchte ſich, ſo gut es anging, zu retten, ohne ſich im Mindeſten an den Gefangenen zu kehren. Hacka⸗ bout war mit dieſem Elemente ganz vertraut. Er ſetzte ſich mit ausgeſpreiteten Füßen auf den Kiel des Boots, und ermahnte die Gerichtsdiener, ihr Leben durch's Schwimmen zu retten; ſonſt, be⸗ theuerte er ihnen bei Gott, wären ſie verloren. „Die beiden Kahnführer waren unverzüglich von ihren Freunden herausgeholt worden. Allein dieſe hatten ſo wenig Luſt, den Häſchern beizuſtehen, daß ſie ſich vielmehr fern hielten und über ihren Unfall triumphirten. Kurz, zwei von den Fünfen ſanken zu Grunde, und ſahen die Sonne nie wieder. Die übrigen drei retteten ſich mit vieler Mühe. Der Strom hatte ſie gegen eine Miſtbarke getrieben, an deren Steuerruder ſie ſich anklammerten. Tom ſchwamm indeß mit großer Kaltblütigkeit queerüber nach der Küſte von Surry. „Nach dieſer Heldenthat fürchtete ſich die ganze Brüderſchaft ſo ſehr vor ihm, daß ſie ſchon zitterte, wenn ſie nur ſeinen Namen nennen hörte. Allein eben der Ruf, den vielleicht Einige als vor⸗ theilhaft für einen tief in Schulden ſteckenden Menſchen halten mö⸗ gen, war das größte Unglück, das ihn nur irgend treffen konnte. Denn kein Kaufmann wollte ihm die geringſte Kleinigkeit mehr ere⸗ ditiren, weil er vorausſetzte, daß er nicht durch den ordentlichen Lauf der Geſetze Entſchädigung erlangen können würde.“ Der Pfarrer billigte die Art nicht im Geringſten, auf welche Hackabout entwiſcht war, weil er es als einen ſehr unchriſtlichen Verſuch gegen das Leben ſeiner Nebenmenſchen anſah.„Es iſt ſchon 95 genug,“ ſagte er,„daß wir durch Liſt den Geſetzen unſeres Landes zu entſchlüpfen trachten, ohne dabei die Diener der Gerechtigkeit zu ermorden. Ich meines Theils kann die Hand auf die Bruſt legen und mit Wahrheit bezeugen, daß ich dem Kerl, der mich gefangen nahm, von ganzem Herzen verzeihe, ſo verrätheriſch, ſchändlich und gottlos er auch dabei zu Werke ging. „Sie müſſen wiſſen, Sir Peregrine,“ fuhr er fort,„daß ich eines Tages in meine Kapelle beſchieden ward, um deaſelbſt ein Brautpaar einzuſegnen. Es ſtand damals ſo mit mir, daß ich fürch⸗ ten mußte, verhaftet zu werden. Ich betrachtete gar vorſichtiglich den Menſchen durch ein Gitter, das ich zu dem Ende hatte verfertigen laſſen, ehe ich mich näher wagte. Er hatte ein Schifferwamms und Pumphoſen an, und ſeine Miene war ſo ſimpel, daß ſie mir allen Verdacht benahm. Sonach trug ich weiter kein Bedenken, heraus⸗ zukommen. Ich begann meine Amtspflicht, und war bereits mit der Trauformel zu Ende, als die vermeintliche Frauensperſon ein Papier aus dem Buſen zog und mit männlicher Stimme rief: Sir, Sie ſind mein Arreſtant! Ich habe einen Verhaftsbefehl auf Sie wegen fünfhundert Pfund. „Dieſe Erklärung traf mich wie ein Donnerſchlag, nicht ſowohl wegen meines Unglücks, denn das kann ich, dem Himmel ſey Dank! mit Geduld und Reſignation ertragen, ſondern wegen der Ruchloſig⸗ keit des Buben, der erſtlich eine ſo irdiſche Abſicht unter der Religion verbarg, und dann zweitens eine ſo ehrwürdige Ceremonie ſchändete, was er gar nicht nöthig gehabt hätte, denn ſein Zweck war wirklich ſchon vorher erreicht. Doch ich verzeihe der armen Seele, denn ſie wußte wirklich nicht, was ſie that. Ich hoffe von Ihnen, Sir Sipple, Sie werden dieſelbe chriſtliche Tugend gegen den Menſchen ausüben, der Sie auf eine ähnliche Art hinter das Licht führte.“ „Hol der Satan den Halunken!“ rief der Ritter.„Wenn ich ſein Richter wäre, ſo würde ich ihn zum ewigen Feuer verdammen! Der Schuft der! Mich in einer ſolchen Geſellſchaft ſo zu beſchimpfen, 96 wo faſt Alles, was man beau Monde nennt, zuſammen war!“ Als unſer Held das Verlangen äußerte, das Nähere dieſes Abenteuers zu wiſſen, ſo befriedigte der Ritter ſeinen Wunſch durch folgende Erzählung. „Ich befand mich eines Abends bei einer gewiſſen Lady in großer Spielgeſellſchaft, als mir einer von den Bedienten meldete, ſo eben wäre ein ſehr reich gekleideter Fremder in einer Sänfte und fünf Bedienten mit Fackeln neben ſich angekommen, und wolle nicht eher die Treppe hinauf, als bis er von Sir Sipple heraufgeführt würde. „Aus dieſem Bericht urtheilte ich, es wäre einer von meinen Freunden unter den Standesperſonen, und ging nach erhaltener Er⸗ laubniß von der Lady, ihn heraufbringen zu dürfen, in den Vorſaal hinunter. Hier erblickte ich einen Mann, den ich, ſo viel ich mich auch beſann, noch nie geſehen hatte. Inzwiſchen war ſein ganzes Erſcheinen von der Art, daß ich nicht den mindeſten Verdacht auf ſeinen wahren Stand ſchöpfen konnte. „Als er mich hineinkommen ſah, machte er mir eine ſehr artige Verbeugung und ſagte, er hätte zwar nicht die Ehre meiner Bekannt⸗ ſchaft, dennoch habe er in Anſehung eines Briefes, den ihm ein ſpezieller Freund gegeben, ſich nicht enthalten können, mir ſelbſt hier ſeine Aufwartung zu machen. Mit dieſen Worten ſteckte er mir ein Papier in die Hände, und kündigte mir zugleich an, daß er wegen zehntauſend Pfund einen Verhaftsbefehl auf mich habe. Es würde am zuträglichſten für mich ſeyn, wenn ich mich ohne Widerſtand er⸗ gäbe. Er habe zwanzig Mann Wache bei ſich, die in verſchiedenen Verkleidungen die Thüren beſetzt hielten, um ſich meiner trotz allem Widerſtande zu bemächtigen. „Durch die Liſt dieſes Halunken höchſt erbittert,“ fuhr der Rit⸗ ter fort,„und voller Zutrauen auf die wirklichen Bedienten, die im Saale waren, ſagte ich zu ihm: Ihr ſeyd alſo ein ſchurkiſcher Ge⸗ richtsdiener, der ſich unterſtanden hat, Cavalierkleider anzulegen, um 97 die Geſellſchaft der Lady hier zu ſtören. Nehmt den Burſchen hier, liebe Leute,“ wandte ich mich an die Bedienten,„und wälzt ihn im Rinnſtein herum! Hier ſind zehn Guineen für Eure Mühe. „Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als man mich ergriff, aufhob und in die Sänfte ſetzte. Alles das war das Werk eines Augenblicks. Zwar ſuchten die Bedienten vom Hauſe und einige andere Lakaien mir zu Hülfe zu kommen, und brachten die ganze Geſellſchaft oben in Aufruhr. Da aber der Gerichtsdiener mit der größten Unverſchämtheit behauptete, ich würde wegen einer Staats⸗ ſache eingezogen, und ſich ſo viele Leute zu ſeinem Beiſtande ver⸗ ſammelten, ſo wollte die Gräfin nicht, daß der vorgebliche Staatsbote inſultirt werden ſollte. Auf dieſe Art ward ich ohne weitere Hin⸗ derniſſe und Beunruhigung nach dem Gefängniſſe des Landrichters abgeführt.“ Kaum hatte der Ritter ſeine Erzählung geendet, ſo meldete man unſerem Helden, daß auf dem Caffeezimmer ein Herr wäre, der ihn zu ſprechen wünſchte. Er fand hier ſeinen Freund Crabtree, der alle ſeine Angelegenheiten nach der am Tag zuvor genommenen Abrede beſorgt hatte, und ihm jetzt von den Bemerkungen Bericht abzuſtatten kam, die er übet ſein Unglück hätte machen hören. Denn er war auf eine ſo außerordentliche und öffentliche Art in Verhaft genommen worden, daß die dabei Gegenwärtigen es ſogleich unter ihre Bekannten verbreiteten. Noch denſelben Abend ward an ver⸗ ſchiedenen Thee⸗ und Spieltiſchen davon geſprochen. Nur darin wich man von der Wahrheit ab, daß man ſeine Schuld zwölftauſend Pfund ſtatt zwölfhundert betragen ließ. Aus dieſem Umſtand muthmaßte man, daß Peregrine von An⸗ fang an ein Gauner geweſen ſey, der durch ſeine Unverſchämtheit und ſein Aeußeres Credit erlangt und die Leute beredet habe, daß er ein Gentleman ſey und Vermögen habe. Sie freuten ſich daher über ſeinen Unfall, ſahen es als eine gerechte Strafe ſeines Betrugs und ſeiner Vermeſſenheit an, und begannen, ſich verſchiedener Züge Smollet's Romane. XII. 7 98 aus ſeinem Leben zu erinnern, die ihnen deutlich bewieſen, daß er lange zuvor, ehe er an das Eide ſeiner Laufbahn gekommen war, ein abgefeimter Glücksritter geweſen ſey. Pickle, der ſeinen Ruhm jetzt auf immer untergegangen glaubte, nahm dieſe Mittheilung mit der ſtolzen Verachtung auf, die einen Menſchen in den Stand ſetzt, ſich von der Welt wirklich abzuziehen. Er gab mit großer Gemüthsruhe dem Menſchenhaſſer eine unterhal⸗ tende Beſchreibung von alle dem, was er ſeit ihrer letzten Trennung geſehen und gehört hatte. Während ſie ſich auf dieſe Art bei einer Taſſe Caffee die Zeit vertrieben, kam der Pfarrer zu ihnen. Er wünſchte unſerm Helden Glück, daß er ſein Ungemach mit ſo phi⸗ loſophiſcher Ruhe ertrüge, und unterhielt die beiden Freunde dann mit einigen biographiſchen Notizen aus der Privatgeſchichte mehrerer Gefangenen, ſo wie dieſe nach einander hereintraten. Hundertundzweites Kapitel. Peregrine ſcheint mit ſeinem Kafig ziemlich zufrieden, wird zu ſeinem Er⸗ ſtaunen von zwei alten Bekannten überraſcht, die ſich ganz wider ſeinen Willen in ſeiner Nachbarſchaft einquartieren. aAls Pickle nunmehr in die Geheimniſſe des Fleet's eingeweiht und mit den Sitten und der Lebensart an dieſem Orte einigermaßen ausgeſöhnt war, begann er ſein Mißgeſchick ſonder Murren zu ertragen. Mit Ruhe begab er ſich an ſein Ueberſetzergeſchäft, um ſich die nöthigen Geldmittel zu erwerben, wobei er jedoch nicht unterließ, wöchentlich in jenes Journal einen Artikel gegen den Miniſter zu liefern, dem er ewige Rache geſchworen hatte. 99 Bei dieſen Arbeiten verſchloß er ſich in ſein Zimmer und machte ſicht mit großem Eifer und Anſtrengung an das Werk, als er von einem Stadtpoſtboten unterbrochen ward, der ihm einen Brief in die Hand ſteckte und in einem Augenblick verſchwand, er Zeit hatte, den Inhalt durchzuſehen. Unſer Held öffnete das Billet und erſtaunte nicht wenig, eine Banknote auf fünfzig Pfund in einem weißen Bogen Papier einge⸗ ſchloſſen zu finden. Nachdem ſich ſein Gedächtniß und ſeine Scharf⸗ ſicht an dieſem unerwarteten Glücksfall geübt hatte, machte er endlich den Schluß, dieß könne von Niemand anders herfommen, als von eben der Lady, die ihn einige Tage zuvor zu beſuchen die Freund⸗ ſchaft gehabt hatte. Plötzlich brach in ſeine Ohren der wohlbekannte Schall der Bvotmannspfeife herein, die ſtets um Pips' Hals zum Andenken ſeines ehemaligen Metiers hing. Nach dieſem Tone hörte er ein hölzernes Bein die Treppe heraufpoltern. Er éffnete die Thür, und gewahrte ſeinen alten Freund Hatchway und deſſen ehemaligen Schiffskameraden hinter ihm. Nach einem herzlichen Handſchütteln und dem gewöhnlichen Gruß: „Na, wie ſteht's, Vetter Pickle?“ ſetzte ſich der biedere Jack ohne Umſtände nieder. Er blickte im Zimmer umher, und ſagte mit einem ſchalkhaften Lächeln:„Zerreiß mein Bramſegel! habt endlich'ne ſichre Bucht gefunden, Vetter; ſeyd hier vor Wind und allem Unwetter geborgen; braucht Euch hier nicht h'naus auf die Schildwach zu ſtellen, oder bange zu ſeyn daß's Schiff den Anker lichte! Raum habt Ihr freilich nicht übrig. Hätt' ich gewußt, daß ſie Euch ſo eng zuſammenpacken gethan, i ſo hätte mir Tom mein eegen Hang⸗ bett herſchleppen ſollen, un denn hättet Ihr immer das große unge⸗ ſchlachte Dings von Sturmhaus niederreißen mögen. Doch vielleicht geht Ihr ſelbander zu Bette un mögt Euch mit Eurem Menſche nich Nägeln un Segeltuch anvertrauen.“ Pickle nahm dieſen Scherz mit ſehr guter Laune auf, und ſchraubte ihn dagegen mit der Milchmagd im Caſtell. Sodann er⸗ 100 kundigte er ſich nach ſeinen Freunden in der dortigen Gegend, fragte, ob er kürzlich ſeine Nichte beſucht hätte, und verlangte endlich zu wiſſen, was den Lieutenant nach London geführt habe. Hatchway befriedigte ſeine Neugier in allen Stücken, und gab ihm auf die letzte Frage zur Antwort:„Habe vom Pips gehört, daß Ihr uf'm Ufer feſt ſitzen thut; drum bin ich vom Lande gekommen, um Euch wieder flott zu machen. Ich wees nich, wie eegentlich der Wind ſteht, können Euch aber dreitauſend Pfund wieder in die vffen⸗ bare See h'nausbringen, ſo ſprecht, un eh''ne Seegerſtunde um is, ſollen Euch keene widrige Winde mehr ufhalten thun.“ Dies Anerbieten würden wenig Leute in der Lage unſers Helden gänzlich ausgeſchlagen haben, zumal da er alle Urſache von der Welt hatte, zu glauben, es ſey nicht bloß ein leeres Compliment, ſondern vielmehr ein aufrichtiger Zoll der Freundſchaft, den der Lieutenant willig, ja ſogar mit Vergnügen entrichtet haben würde. Nichtsdeſto⸗ weniger ſchlug Peregrine dieſe Unterſtützung ein⸗zfür allemal aus, doch nicht ohne ſeine Dankbarkeit durch Ausdrücke zu äußern, wie ſie der Veranlaſſung angemeſſen waren. Er gab ihm zu verſtehen, es würde noch Zeit genug ſeyn, ſich ſeiner Großmuth zu bedienen, wenn er aller andern Hülfsquellen beraubt wäre. Jack wandte alle ſeine Beredſamkeit an, ihn dahin zu vermögen, ſich dieſer bequemen Gelegenheit zur Erlangung der Freiheit zu be⸗ dienen. Da er aber ſeine Gründe zu ſchwach fand, ſo beſtand er darauf, doch wenigſtens einen Geldſukkurs zur Beſtreitung ſeiner ge⸗ genwärtigen Bedürfniſſe anzunehmen, und ſchwur mit großer Heftig⸗ keit, nie wieder zum Caſtell zurückzukehren, wenn er ihn nicht auf den Fuß eines jeden andern Pachters ſetzen und ſonach jährlich ſeine Rente annehmen würde. Unſer junger Herr ſchwur dagegen eben ſo kräftig, er würde ihn nie in einem ſolchen Lichte betrachten. Er ſtellte ihm vor, er habe ihm das Schloß ſchon längſt ſowohl als ein Unterpfand ſeiner Ach⸗ tung, als auch um des Commodore's Verlangen zu erfüllen, auf 101 Zeitlebens überlaſſen; er bat ihn, zu ſeinen gewöhnlichen Geſchäften zurückzukehren, und betheuerte, wenn er in die Nothwendigkeit ver⸗ ſetzt würde, von ſeinen Freunden Geld zu borgen, ſollte Hatchway der Erſte ſeyn, den er um Sukkurs bitten wollte. Um den Lieutenant zu überzeugen, daß es gegenwärtig noch nicht ſo weit mit ihm gekommen ſey, zog Pickle die im Briefe ein⸗ geſchloſſen geweſene Banknote nebſt ſeinem baaren Gelde hervor. Zugleich erwähnte er einiger anderer Fonds, die er aus dem Steg⸗ reif erſann, um des Lieutenants Theilnahme zu täuſchen. Hierauf befahl er dem Pips, Hatchway auf das Caffeehaus zu führen, damit er ſich daſelbſt eine halbe Stunde mit den Zeitungen unterhielte. Während der Zeit wollte Pickle ſich anziehen und Mittageſſen für ſie Beide beſtellen, damit, ſo lange als der Lieutenant an dieſem Orte bleiben könnte, Einer des Andern Geſellſchaft zu genießen im Stande ſey. Kaum waren die beiden Seeleute fort, ſo ergriff unſer Held die Feder und ſchrieb an ſeine edelmüthige Wohlthäterin folgenden Brief, worin er die Banknote einſchloß: Gnädige Frau. Ihre Güte iſt nicht ſcharfſinniger als mein Argwohn. Verge⸗ bens ſuchen Sie mich durch eine Handlung des Edelmuths zu hinter⸗ gehen, deren Niemand auf Erden fähig iſt, als Ihro Herrlichkeit. Wiewohl Ihr Name nicht unterzeichnet war, ſo entdeckten ſich doch völlig Ihre Geſinnungen durch den Einſchluß. Ich muß um die Erlaubniß bitten, denſelben mit eben den Regungen der Dankbarkeit und aus eben den Gründen zurückſenden zu dürfen, die ich zu erken⸗ nen gab, als ich das letzte Mal die Ehre hatte, über dieſe Angele⸗ genheit mit Ihnen zu ſprechen. Bin ich gleich durch die Schurkerei und die Undankbarkeit der Menſchen meiner Freiheit beraubt, ſo fehlt mir's doch nicht an den übrigen Gemächlichkeiten des Lebens; daher bitte ich, mich zu entſchuldigen, daß ich nicht ohne Noth das 102 Gewicht der Verbindlichkeiten vermehre, die Sie mir auferlegt haben. Ich bin, gnädige Frau, Ew. Herrlichkeit verbundenſter und ergebenſter Diener Peregrine Pickle. Nachdem er ſich angekleidet hatte, fand er ſich an dem beſtimm⸗ ten Orte ein Er ſandte Pips mit dem Briefe fort, und befahl ihm, denſelben im Hauſe der Lady abzugeben, ohne eine Antwort ab⸗ zuwarten. Mittlerweile beſtellte er das Mittageſſen, das er auf ſei⸗ nem Zimmer mit Freund Hatchway ſehr heiter verzehrte, nachdem er ihm alle Merkwürdigkeiten des Orts gezeigt hatte. Während der Mahlzeit wiederholte Jack ſein gütiges Erbieten gegen unſern abenteuernden Ritter. Dieſer lehnte es nochmals mit der vorigen Hartnäckigkeit ab, und bat, ihn damit nicht weiter zu behelligen.„Beſtehen Sie aber darauf,“ fuhr er fort,„mir neue Beweiſe Ihrer Freundſchaft zu geben, ſo können Sie mir dadurch eine Probe davon ablegen, daß Sie den Pips zu ſich nehmen. Denn nichts geht mir mehr nah, als daß ich nicht im Stande bin, einen ſo treuen Diener zu verſorgen.“ Der Lieutenant bat ihn, deßhalb außer Sorgen zu ſeyn. Er wäre von ſelbſt völlig geſtimmt, ſeinen alten Schiffskameraden auf freundſchaftlichem Fuß zu behandeln und ihn nie Mangel leiden zu laſſen, ſo lange er nur noch einen Schilling habe. Sodann begann er einige Winke von ſeinem Vorhaben fallen zu laſſen, ſein Stand⸗ quartier im Fleet zu nehmen. Die Luft an dieſem Orte, bemerkte er, ſchiene ſehr gut zu ſeyn, und des Landlebens wäre er überdrüſſig. Dieß war aber noch keine plane Erklärung. Deßhalb beant⸗ wortete es Peregrine auch nicht ſo, wiewohl er die Abſicht ſeines Freundes merkte. Er nahm die Gelegenheit wahr, alle Ungemäch⸗ lichkeiten dieſes Orts auf eine ſolche Art zu beſchreiben, daß er ihn don der Ausführung eines ſo thörichten Projekts abzuſchrecken hoffen konnte. 103 Gleichwohl fruchtete dieſes Mittel ſo wenig zu Erreichung ſeines Zwecks, daß es vielmehr eine ganz entgegengeſetzte Wirkung that, und Hatchway einen Grund gegen Pickle's Abgeneigtheit, dieſen un⸗ angenehmen Platz zu verlaſſen, an die Hand gab. Aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach würde ſich Jack über ſeinen Plan deutlicher aus⸗ gelaſſen haben, wenn ſie nicht in ihrem Geſpräch durch Cadwallader unterbrochen worden wären, der ſeinen täglichen Beſuch zu machen nie unterließ. Hatchway muthmaßte, daß der Fremde eine geheime Angelegen⸗ heit mit ſeinem Freunde möchte abzumachen haben; er verließ daher das Zimmer unter dem Vorwande, einen Spaziergang zu machen. Pips begegnete ihm an der Thür; der Lieutenant verlangte ſeine Begleitung nach dem ſogenannten Spielplatze im Fleet. Hier hielten die beiden Cameraden während des Spaziergangs einen Rath über Pickle, worin beſchloſſen ward, daß ſie, weil er hartnäckig darauf beſtand, ihre Hülfe nicht anzunehmen, ihre Wohnung in ſeiner Nach⸗ barſchaft aufſchlagen wollten, damit ſie bei der Hand wären, ſeinen Bedürfniſſen trotz ſeiner falſchen Delikateſſe abzuhelfen, ſo wie ſeine Angelegenheiten es heiſchten. Nachdem ſie dieſen Entſchluß gefaßt hatten, erkundigten ſie ſich bei dem Caffeeſchenken nach einem Logis. Dieſer wies ſie an den Aufſeher des Gefängniſſes. Der Lieutenant ſagte dem Manne mit ſeiner gewöhnlichen Weisheit, er wäre ein Verwandter von Pere⸗ grine, und wolle ihm lieber, ſo lange bis ſeine Sachen wieder in Ordnung wären, ſelbſt Geſellſchaft leiſten, als den jungen Herrn den unvermeidlichen Unannehmlichkeiten des Gefängniſſes überlaſſen. Dieſe Maßregeln, ſetzte er hinzu, wünſchte er um ſo eifriger zu nehmen, weil der Gefangene zuweilen Zerrüttungen der Einbildungs⸗ kraft unterworfen ſey, und in einem ſolchen Fall hätte er außeror⸗ dentliche Wartung nöthig.„Ich bitte Sie deßhalb,“ ſchloß er,„mir'n Loſchi für mich un meinen Kerl anweiſen zu thun; will's Ihnen recht gut bezahlen.“ 104 Der Aufſeher, ein Mann von Gefühl und Menſchlichkeit, konnte ſich nicht enthalten, ſeinen Entſchluß zu loben, und räumte ihm ſo⸗ gleich, weil eben damals verſchiedene Zimmer unbeſetzt waren, ein paar Stuben ein, die unmittelbar für ihn in Bereitſchaft geſetzt wurden. Nachdem Jack dieſes Geſchäft zu ſeinem größten Vergnügen in Ordnung gebracht hatte, ſchickte er den Pips nach ſeinem Mantel⸗ ſack und kehrte wieder nach dem Caffeehauſe zurück. Hier fand er Peregrine, mit dem er den übrigen Theil des Abends zubrachte. Unſer Held hielt es⸗für ausgemacht, daß Hatchway den folgen⸗ den Tag nach der Garniſon zurückkehren würde. Zu dem Ende ſetzte er ein Verzeichniß einiger Bücher auf, die er im Schloſſe zurückge⸗ laſſen hatte, und bat Jack, ihm dieſelben mit der Landkutſche unter Crabtree's Adreſſe nach der Stadt zu ſenden. Er warnte ihn ſodann, ja nicht den geringſten Wink von ſeinem Unglück in ſeiner Nachbar⸗ ſchaft fallen zu laſſen, und daſſelbe ſo lange wie nur immer möglich vor ſeiner Schweſter verborgen zu halten, die, wie er wußte, über dieſe Nachricht ſich unmäßig betrüben würde. Auch wollte er eben ſo wenig, daß ſie ſeinen übrigen Anverwandten zu Ohren käme, denn die, bemerkte er, würden über ſein Unglück frohlocken. Hatchway hörte ſeine Erinnerungen mit großer Aufmerkſamkeit an, und verſprach ſich darnach zu richten. Sodann fingen ſie an, alle die luſtigen Auftritte zu rekapituliren, die ſie ehemals zuſammen gehabt hatten. Als es nun ſchon ziemlich tief am Abend war, ſagte Peregrine mit ſcheinbarem Sträuben zu ihm, in wenig Minuten würden die Thore des Fleet für die Nacht verſchloſſen ſeyn; er müſſe daher unumgänglich in ſein Wirthshaus zurückeilen. Jack verſicherte ihn, er könne nicht daran denken, ihn nach einer ſo langen Trennung ſo bald zu verlaſſen; und er wäre geſonnen, noch ein oder zwei Stun⸗ den länger bei ihm zu bleiben und ſollte er darüber auch auf der Straße kampiren müſſen. Pickle ließ ſich dieſes Begehren lieber gefallen, als daß er ſeinen Gaſt beleidigen wollte, und beſchloß ſein Bett mit ihm zu theilen. „ 105 Es wurden ein paar junge Hühner mit Spargeln zum Abendeſſen beſtellt. Pips wartete ihnen mit innerer Zufriedenheit auf. Die Weinflaſche machte fröhlich die Runde bis zur Mitternacht. Jetzt ſtand der Lieutenant auf, um Abſchied zu nehmen, und bemerkte, er ſey müde vom Reiten und habe Luſt ſich niederzulegen. Auf dieſen Wink brachte Pips eine angezündete Laterne zum Vorſchein. Jack ſchüttelte ſeinem Wirth die Hand und verſprach, ſich morgen bei Zei⸗ ten einzuſtellen. Peregrine, der dieſe Aeußerungen dem Wein zuſchrieb, den Jack reichlich genoſſen hatte, ſagte zu ihm, wenn er ſich zur Ruhe bege⸗ ben wolle, ſo wäre ſein Bett im Nebengemache ſchon in Bereitſchaft, und Pips könnte dort ſeinen jetzigen Herrn bedienen. Hatchway gab ihm hierauf zu verſtehen, daß er ſeinem Freunde nicht beſchwerlich fallen möge; er ſey bereits mit einem Logis verſehen. Da Pere⸗ grine nähere Erklärung hierüber begehrte, geſtand der Lieutenant frei heraus, was er gethan hatte.„Ihr habt mir,“ ſagte er,„den Ort ſo ſchrecklich geſchildert, daß ich Euch unmöglich ohne Geſell⸗ ſchaft laſſen kann.“ Unſer Abenteurer, der ungern Wohlthaten annahm, und der vorausſah, daß dies ungewöhnliche Beiſpiel von Hatchway's Freund⸗ ſchaft den Plan kreuzen würde, ſelbſt für ſeinen Unterhalt zu ſor⸗ gen, nahm des folgenden Tages den Lieutenant allein vor, und zeigte ihm die Thorheit und üblen Folgen, die ſein Schritt haben könnte. Er machte ihn darauf aufmerkſam, daß es die Welt durchgängig für eine Wirkung offenbarer Thorheit erklären würde, und daß ſeine Anverwandten das, wenn ſie ſonſt wollten, zum Grunde brauchen könnten, einen Befehl gegen ihn, als einen Wahnſinnigen, auszu⸗ wirken. Seine Abweſenheit von der Garniſon würde auch ſeinem Hausweſen ſehr nachtheilig ſeyn, und ſein Bleiben im Fleet würde ihm, nämlich Pickle ſelbſt, zum großen Hinderniß gereichen, indem ſeine Hoffnung zur Wiedererlangung der Freiheit gänzlich davon abhänge, daß er von allem Umgange und aller Störung befreit ſey. 106 Auf alle dieſe Vorſtellungen antwortete Jack, aus der Meinung der Welt mache er ſich ſo viel als aus einer verfaulten Netzleine, und im Fall ſeine Angehörigen Luſt hätten, ſeinen Oberlof für ſchadhaft zu erklären, ſo zweifelte er nicht, im Stande zu ſeyn, die Probe zu beſtehen, ohne für unfähig zum Dienſt erklärt zu werden. Was das Caſtell anlangte, ſo würde ihm von den Sachen, die er da abzumachen hätte, nichts davon laufen. Was aber Pickle's Stö⸗ rung durch ſeine Gegenwart beträfe, ſetzte er hinzu, ſo gäbe er ihm ſein Wort, nie eher an Bord zu kommen, als bis er ein Signal von ihm hörte, daß er Willens ſey, mit ihm einen Diskurs zu halten. Zum Schluß ſagte er ihm, er würde auf jeden Fall da bleiben, wo er wäre, ohne davon irgend Jemanden Rechenſchaft zu geben, er möchte auch ſeyn, wer er wollte. Als Peregrine ihn ſo entſchloſſen ſah, ließ er von allem fer⸗ neren Zureden ab, beſchloß jedoch, ihm durch Zurückhaltung und eine hochfahrende geringſchätzige Behandlung ſein Vorhaben zu verleiden. Denn er konnte den Gedanken nicht ertragen, gegen irgend Jemanden auf Erden ſo offenbare Verbindlichkeiten zu haben. In dieſer Ab⸗ ſicht verließ er den Lieutenant unter einem gleichgültigen Vorwande, nachdem er ihm zuvor geſagt hatte, daß er das Vergnügen nicht haben könnte, zu Mittag ſeiner Geſellſchaft zu genießen, indem er bereits zu einem Clubb ſeiner Kerkergenoſſen eingeladen ſey. Jack, dem die feine Sitte ganz fremd war, ſah in dieſer Erklä⸗ rung gar nichts Arges; unmittelbar darauf nahm er ſeine Zuflucht zu dem Gutachten ſeines Geheimenraths, des Maſter Pips. Dieſer that ihm den Vorſchlag, in das Caffeehaus und in die Garküche zu gehen, und den Leuten daſelbſt zu ſagen, er wolle alles das Getränk und die Speiſen bezahlen, die Pickle würde auf ſein Zimmer bringen laſſen. Dieſes Auskunftsmittel wurde ſogleich in's Werk gerichtet, und Hatchway legte, weil an dieſem Orte kein Credit Statt fand, bei dem Koch und dem Weinſchenken eine Summe zur Sicherheit nieder. Dabei ließ er den Wink fallen, man müſſe nothwendig einen 107 ſolchen Weg einſchlagen, um ſeinem Neffen Peregrine beizuſtehen, der oft wunderliche Grillen hätte, derentwegen man ihm unmöglich auf eine andere Art dienen könnte. In Folge dieſer Einſchärfungen lief noch deſſelben Tages im Fleet das Gerücht um, Pickle ſey ein Unglücklicher, deſſen Verſtand in Unordnung gerathen wäre; der Lieutenant aber wäre ein naher Verwandter von ihm, der ſich der Unbequemlichkeit, in einem Kerker zu leben, bloß deßhalb unterzogen hätte, um ein wachſames Auge über ſeine Aufführung haben zu können. Doch dieſes Gerücht kam unſerem Helden nicht eher als den folgenden Tag zu Ohren, als er einen von den Laufburſchen, der ihm aufwartete, in die Garküche ſchickte, um ein paar junge Hühner und noch ſonſt etwas zum Eſſen zu beſtellen und zu bezahlen. Denn er hatte Freund Hatchway zu Mittag gebeten, in der Hoffnung, daß er im Stande ſeyn würde, ihn zu bereden, wieder auf das Land hinauszuziehen, nachdem er die Kränkungen eines ganzen Tages an dieſem Orte ausgeſtanden hatte. Der Bote kam mit der Verſicherung zurück, das Eſſen ſolle nach ſeinem Befehl zu Mittag bereit ſeyn; das Geld aber brachte er wieder zurück, und ſagte, ſein Anverwandter hätte das Beſtellte bereits bezahlt. Peregrine wunderte und ärgerte ſich darüber nicht wenig, und beſchloß, dem Lieutenant wegen ſeiner unzeitigen Dienſtfertigkeit gar ernſtlich den Tert zu leſen, weil er dieß ſeiner Ehre für ſehr nach⸗ theilig hielt. Mittlerweile ſchickte er ſeinen Aufwärter auf das Caffeehaus nach Wein. Als er hier ſeinem Credit auf eben die Art den Pflock vorgeſchoben fand, wurde er über die Anmaßung von Hatchway's Freundſchaft wüthend und quäſtionirte den Aufwärter mit ſolchen Aeußerungen des Mißvergnügens, daß der Burſche, um einen ſo guten Herrn nicht zu beleidigen, Pickle ganz frank und frei das Geſchichtchen mittheilte, das auf ſeine Koſten die Runde machte. Dieſe Nachricht ſetzte den jungen Herrn dermaßen in Zorn, daß er dem Lieutenant einen bittern Vorwurfsbrief ſchrieb. Er nahm 108 darin nicht nur ſeine Einladung zurück, ſondern erklärte auch, daß er nie mit ihm reden wollte, ſo lange er an dieſem Orte verwei⸗ len würde. Nachdem er auf ſolche Weiſe den Eingebungen ſeines Zornes nachgekommen war, deutete er dem Koch an, daß er das nicht brauche, was beſtellt wäre. Sodann ging er auf das Caffeehaus, und ſagte zu dem Wirth:„Ich habe gehört, der Fremde mit dem hölzernen Beine hat Sie und Andere durch lächerliche Vorſtellungen eingenom⸗ men, die dahin abzielen, meinen geſunden Verſtand in Zweifel zu ſetzen. Er hat, um dieſe Anſchuldigungen zu beſtätigen, unter dem Deckmantel der Blutsfreundſchaft ſich unterfangen, für mich alle meine Ausgaben zum Voraus zu bezahlen. „Ich kann deßhalb nicht umhin,“ fuhr er fort,„— dieſe Ge⸗ rechtigkeit bin ich mir ſchuldig— Ihnen die Erklärung abzugeben, daß der lahme Mann wirklich der Unſinnige iſt, der ſeinen Wächtern zu entrinnen wußte. Sie finden ſonach Ihre Rechnung nicht dabei, wenn Sie deſſen Befehlen folgen, und ihn veranlaſſen, Ihr Haus fleißig zu beſuchen. Ich meines Orts werde nie mehr Ihre Schwelle betreten oder Ihnen das Geringſte zuwenden, wenn ich in Zukunft ſinde, daß Sie von dem unglücklichen Wahnſinnigen Vorausbezahlung für mich annehmen.“ Der Schenkwirth wunderte ſich über dieſe zurückgeſchobene Be⸗ ſchuldigung, und kam endlich nach vielem Zweifeln und Ueberlegen auf den gar nicht übeln Gedanken, es möge wohl mit beiden Theilen nicht richtig ſeyn, mit dem Fremden, weil er eines Andern Schulden wider ſeinen Willen bezahlte, und mit Pickle, weil er durch eine ſo voreilige Freundſchaft beleidigt würde. 109 Hundertunddrittes Kapitel. Die Verbündeten thun einen Ausfall auf Crabtree, wegen deſſen ſie aus dem Fleet verbannt werden. Peregrine beginnt die Wirkungen der Gefan⸗ genſchaft zu empfinden. Nachdem unſer Abenteurer an dem allgemeinen Tiſch zu Mit⸗ tag gegeſſen hatte, begab er ſich mit ſeinem Freund Cadwallader wie gewöhnlich auf ſein Zimmer. Hatchway aber und ſein Verbün⸗ deter, die genöthigt geweſen waren, den Mundvorrath, den ſie bezahlt hatten, ſelbſt aufzuzehren, erneuerten ihre Berathſchlagungen. Pips gab dem Lieutenant unter Anderem zu verſtehen, der alte taube Junggeſell, den er den Tag zuvor auf Peregrine's Zimmer geſehen, wäre deſſen Hauptvertrauter. Hatchway entdeckte ſogleich mittelſt ſeines großen Scharfblicks, daß die Halsſtarrigkeit des jungen Herrn bloß von den Einflüſterungen des Menſchenhaſſers herrühre; daher wäre es ihre Sache, dieſen„Burſchen“ dafür zu züchtigen. Dieſer Meinung trat Pips um ſo williger bei, als er ſchon längſt den Alten für eine Art von Herenmeiſter oder böſen Geiſt ge⸗ halten hatte, von deſſen Bekanntſchaft ſich eben nicht viel Gutes verſprechen ließe. Dieſe Begriffe von Crabtree hatte ihm eigentlich Hadji beigebracht. Letzterer hatte ſich ehemals gegen den ehrlichen Tom etwas von Crabtree's tiefen Kenntniſſen in der ſchwarzen Kunſt verlauten laſſen; insbeſondere hatte er erwähnt, daß dieſer Mann im Beſitz des Steins der Weiſen ſey. Dieſer Behauptung hatte Pips unbedingten Glauben geſchenkt, bis ſein Herr wegen Schulden in's Gefängniß gebracht wurde. Jetzt konnte er nicht länger glauben, daß Cadwalla der Beſitzer eines ſo ſchätzbaren Kunſtſtücks wäre, weil er ſonſt zuverläßig die Befreiung ſeines vertrauteſten Freundes be⸗ wirkt haben würde. Mit dieſen Geſinnungen theilte Pips den Groll Hatchway's, und Beide wurden einig, bei erſter Gelegenheit den vermeinten 110 Geiſterbanner, wenn er von ſeinem Beſuch bei Peregrine zurücktäme, zu ergreifen, und ohne Bedenken die Brunnenzüchtigung an ihm zu vollziehen. Dieſen Plan würden ſie noch denſelben Abend ausgeführt haben, wenn der Menſchenhaſſer zum Glück nicht von ungefähr fort⸗ gegangen wäre, ehe es dunkel war und bevor ſie von ſeinem Abzuge Nachricht hatten. Am folgenden Tage erlauerten ſie ihn aber, und Pips, der an ihm vorüberging, ſagte zu ihm, indem er den Hut vor ihm abzog: „Hol' Euch der Deuvel, Ihr ohle Kanallje! Wir müſſen ſtracks zu⸗ ſammen entern; un wahrhaft'gen Gott, ſch will Eurem Oberlof ſo nahe liegen thun, daß Eure Ohrpforten den Schall h'nein laſſen ſollen, un wär'n ſie voch doppelt mit ufgedrehten Tauen gekalfatert.“ Des Menſchenfeinds Ohren waren keineswegs ſo feſt verſtopft, daß ſie dieſe Andeutung nicht hätten vernehmen ſollen. Wiewohl dieſelbe in Ausdrücken vorgetragen wurde, die Cadwallader nicht verſtändlich waren, ſo machte ſie dennoch auf ſeine Furcht ſolchen Eindruck, daß er Peregrine ſeine Beſorgniß durch die Aeußerung er⸗ öffnete, die Miene des Buben mit dem hölzernen Beine gefiele ihm ganz und gar nicht. Pickle verſicherte ihm, er habe von den beiden Seeleuten gar nichts zu befürchten; ſie könnten ja keine Urſache haben, gegen ihn entrüſtet zu ſeyn, oder hätten ſie die ja, ſo würden ſie doch keinen Schritt wagen, der ihnen, wie ſie wohl wüßten, alle Wege zur Ausſöhnung mit ihm, nach welcher ſie ſo ängſtlich ſtrebten, verſperren und überdieß den Oberaufſeher dieſes Orts dermaßen beleidigen würde, daß er ſie unfehlbar aus ſeinem Gebiete verjagte. Ungeachtet dieſer Verſicherung verließ ſich unſer junger Herr nicht ſo ſehr auf des Lieutenants Ueberlegſamkeit, daß er Crabtree's Furcht für ganz ungegründet halten ſollte. Er vermuthete gleich, daß Jack über eine Vertranlichteit ärgerlich geworden ſey, von der er ſich ausgeſchloſſen ſah, und daß er ſein widriges Geſchick End⸗ wallader's Eingebungen zuſchreibe, den er, aller Wahrſcheinlichkeit nach, für ſeinen vermeintlichen Rath zu beſtrafen Willens ſey. Allein 111 er wußte, daß ſeinem Freund von des Lieutenants Rache an einem Orte nicht viel Nachtheil erwachſen konnte, den er ſogleich mit ſei⸗ nem Geſchrei in Allarm zu ſetzen vermochte. Daher wünſchte er, daß Erſterer in dieſe Schlinge gerathen möchte, weil ihm dieß einen Vorwand an die Hand gäbe, ſich zu beſchweren, und weil dieß die Seeleute nöthigen würde, ihren Aufenthalt zu verlaſſen. Auf dieſe Art würde er von ihrer Geſellſchaft befreit werden, an welcher er jetzt kein Vergnügen finden konnte. Alles ging ſo, wie er vorhergeſehen hatte. Der Menſchenhaſſer wurde, als er von Peregrine kam, von Hatchway und Pips ange⸗ fallen. Sie packten ihn ohne Umſtände beim Kragen, und begannen ihn nach dem Brunnen zu ſchleppen. Hier würden ſie ihn zuver⸗ läßig mit einem ſehr unbehaglichen Bade bedient haben, wenn er ſeine Stimme nicht ſo gewaltig erhoben hätte, daß augenblicklich eine Schaar von Einwohnern, ja ſelbſt Peregrine, zu ſeinem Beiſtand herbeieilten. Die Angreifer würden auf ihrem Plan beharrt ſeyn, wenn die Oppoſitionspartei ſo beſchaffen geweſen wäre, daß ſie die Möglichkeit vor ſich geſehen hätten, ihr mit Erfolg die Spitze zu bieten. Auch ließen ſie ihre Beute nicht eher los, als bis ihr wenigſtens noch ein Dutzend Perſonen zu Hülfe gekommen war, und bis Peregrine mit drohender Miene und einem gebieteriſchen Weſen ſeinem alten Be⸗ dienten anbefohlen hatte, davon abzuſtehen. Jetzt fanden es Beide für gerathen, abzuſegeln, und in eine Bucht einzulaufen. Unſer Held hingegen begleitete den erſchrockenen Cadwallader bis an das Thor, und reichte bei dem Aufſeher eine förmliche Klage gegen die Aufrührer ein, auf die er die Beſchuldi⸗ gung des Wahnſinns zurückſchob. Seine Klage wurde durch das Zeugniß von zwanzig Perſonen beſtätigt, die von der Gewaltthätig⸗ keit Augenzeugen geweſen waren, die ſie gegen den alten Herrn ver⸗ übt hatten. Auf dieſe Anzeige ſandte der Aufſeher Hatchway eine Botſchaft, 112 und ließ ihm rathen, den folgenden Tag auszuziehen; widrigenfalls würde man genöthigt ſeyn, ihn mit Gewalt zur Räumung ſeines Logis zu zwingen. Der Lieutenant weigerte ſich hartnäckig, dieſem Wink zu gehorchen. Daher ward er am folgenden Morgen, als er ſich auf dem großen Platze mit Spazierengehen beluſtigte, plötzlich von den Conſtablern des dortigen Gerichtshofes umringt, die ihn und ſeinen ehemaligen Cameraden unverſehens gefangen nahmen und den Stockmeiſtern überlieferten. Dieſe ließen ſie unverzüglich hinaus, und ſtellten ihre Effekten an die Seite des Grabens. Dieſe Vertreibung war nicht ohne hartnäckigen Widerſtand von Seiten der Deliquenten abgelaufen. Wenn man Letztere nicht über⸗ raſcht hätte, ſo würden ſie dem ganzen Fleet Trotz geboten und aller Wahrſcheinlichkeit nach verſchiedene Tragödien aufgeführt haben, ehe ſie überwältigt worden wären. So wie aber die Sache jetzt ſtand, ſchied der Lieutenant nicht von ſeinem Führer, ohne ihn zum Lebe⸗ wohl bei der Naſe zu zupfen. Um einem ſo löblichen Beiſpiele zu folgen, gab Pips ſeinem Begleiter zum Andenken einen Schlag auf ſein einziges Auge. Doch dieſer hielt es für ſchimpflich, ſich in dergleichen Höflichkeitsbezei⸗ gungen übertreffen zu laſſen, und erwiederte das Compliment ſo treu⸗ herzig, daß Tom's Auge die Stelle eines Vervielfältigungsglaſes vertrat. Dieß waren denn gegenſeitige Winke, ſich ſchlagfertig zu machen. Mithin war ein Jeder von ihnen in einem Augenblick bis zum Gurt entblößt. Unverzüglich ward von den Fleiſchern auf dem Markte ein Kreis um ſie her geſchloſſen. Ein Paar von denen ehrwürdigen Prieſtern, die in hdieſem Theile der Stadt in Schlafröcken umher⸗ gehen, um Heirathen zu ſtiften, warfen ſich zu Sekundanten und Schiedsrichtern des bevorſtehenden Kampfes auf. Nunmehr begann das Treffen ohne weitere Vorbereitungen. An Stärke und Behendigkeit waren die ſtreitenden Parteien einander gleich; allein der Kerkermeiſter war ordentlich zur Borkunſt 113 angewieſen worden, hatte ſich mehr denn einmal durch ſeine Tapfer⸗ keit und Geſchicklichkeit in dieſer ritterlichen Uebung im Angeſicht des Publikums ausgezeichnet und im Laufe ſeiner Heldenthaten ein Auge auf dem Kampfplatz eingebüßt. Von dieſem Unglück ermangelte Pips nicht, Nutzen zu ziehen. Er hatte ſchon verſchiedene harte Schläge gegen Schläfe und Kinn⸗ backen bekommen und es unmöglich gefunden, ſeinem Gegner einen Streich auf ſeine Vorrathskammer anzubringen, ſo geſchickt wurde ſie gegen jeden Angriff vertheidigt. Daher änderte er ſeine Batterie und erregte, weil er ſo gut links als rechts war, ein ſolches Geraſſel an der blinden Seite des Stockmeiſters, daß dieſer Held ihn linkhändig glaubte und daher ſeine Aufmerkſamkeit auf dieſe Seite wandte. Sonach kehrte er den unerleuchteten Theil ſeines Geſichts gegen Pips' rechte Hand; dieſer gab ihm, da jener ſich vor derſelben nicht in Acht nahm, liſtiger Weiſe einen ſolchen Stoß unter die fünfte Rippe, daß er augenblicklich ohne Beſinnung zu den Füßen des Siegers auf das Pflaſter hinſtürzte. Pips empfing hierauf Glückwünſche wegen ſeines Siegs nicht allein von Freund Hatchwah, ſondern auch von allen Umſtehenden, hauptſächlich von dem Prieſter, der ſich ſeiner Sache angenommen hatte. Letzterer lud den Fremden in ſein Logis ein, das er in einem benachbarten Alehauſe hatte. Sie wurden hier ſo ſehr nach ihrem Geſchmack bewirthet, daß ſie beſchloßen, ſo lange ſie in der Stadt blieben, keinen andern Wohnplatz zu ſuchen; und ungeachtet aller der Beſchimpfungen und Hinderniſſe die ihnen in ihren Bemühungen, unſerem abenteuernden Ritter zu dienen, aufgeſtoßen waren, gaben ſie ihren Entſchluß dennoch nicht auf, ſich ferner für ihn zu verwen⸗ den, oder, um mich einer gemeinen Redensart zu bedienen, ſo lange zu warten, bis die Pauke ein Loch bekäme. Während ſie da ihren Wohnplatz aufſchlugen und in dem gan⸗ zen Bezirk um den Graben herum ſich freundſchaftliche Verbindungen gemacht hatten, war Peregrine des Umgangs mit Cadwallader beraubt. Smollet's Romane. Xl. 8 114 Dieſer meldete ihm ſchriftlich, daß er es nicht rathſam fände, ſein Leben durch einen Beſuch bei ihm in Gefahr zu ſetzen, ſo lange ſolche Mordgeſellen die Wege beſetzt hielten, die er paſſiren müßte. Denn er hatte ſich bemüht, von den Fahrten der Seeleute Erkundi⸗ gungen einzuziehen, und den Hafen erfahren, wo ſie vor Anker lagen. Unſer Held war an Crabtree's Umgang ſo gewöhnt, da deſſen Charakter ſo gut zu der Sonderbarkeit des ſeinigen ſtimmte, daß er deſſelben in den Umſtänden, wo beinahe jeder andere Quell des Vergnügens für ihn verſtopft war, ſehr ungern entbehrte. Gleichwohl mußte er ſich ſeinem harten Schickſal fügen. Die Charaktere ſeiner Mitgefangenen behagten ihm ganz und gar nicht; er ſah ſich daher genöthigt, ſein Vergnügen in ſich ſelbſt zu ſuchen. Zwar hatte er wohl Gelegenheit, mit einigen Leuten um⸗ zugehen, denen es weder an Verſtand noch an Grundſätzen fehlte, allein aus ihrer Aller Betragen leuchtete ein gewiſſer Mangel an Anſtand, eine gewiſſe Schmutzigkeit der Geſinnungen, eine Art von kerkermäßigem Anſtrich hervor, den ſie durch die Länge der Gefan⸗ genſchaft angenommen hatten, welches Alles dem Zartgefühl unſeres Helden höchſt zuwider war. Daher entzog er ſich, ſo viel nur immer möglich, allen ihren Partieen, ohne diejenigen zu beleidigen, mit denen er leben mußte. Er nahm ſeine Arbeit, mit unglaublichem Eifer und Beharrlichkeit wieder vor, indem ſein Muth durch den Beifall unterſtützt wurde, den einige ſtrenge philippiſche Reden er⸗ hielten, die er gelegentlich gegen den Urheber ſeines Unglücks publi⸗ eirt hatte. Aber auch ſeine Menſchlichkeit blieb in den Zeiten nicht unbe⸗ ſchäftigt, die ihm ſeine Rache frei ließ. Der muß aller Sympathie und alles Mitleids beraubt ſeyn, der unter ſo vielen Gegenſtänden des Elends leben kann, ohne den Trieb zu empfinden, ihre Noth zu erleichtern. Beinahe jeder Tag ſtellte ihm jammervolle Scenen vor Augen, die gar leicht ſeine Aufmerkſamkeit zu ſpannen und ſeine Gutthätigkeit zu beſchäftigen vermochten. Beſtändig wurden ihm 115⁵5 ohne ſeine Nachfragen Umſtürze von Häuſern bekannt, die von den bejammernswürdigſten Umſtänden häuslicher Leiden begleitet waren; in ſeine Ohren tönte das Geſchrei der unglücklichen Gattin, die aus dem Schooße des Ueberfluſſes und Vergnügens ihrem Mann in dieſe Wohnungen des Elends und Mangels zu folgen ſich genöthigt ſah. Alle Minuten empörten die nackten und hageren Geſtalten des Hun⸗ gers und der Kälte ſeine Augen; und ſeine Einbildungskraft ſpie⸗ gelte ihm ihren Jammer noch tauſendfach größer vor. In dieſer Gemüthsſtimmung war ſeine Börſe nie verſchloſſen, weil ſein Herz offen ſtand. Ohne an ſeine geringe Kaſſe zu denken, übte er fein Mitleid gegen alle Kinder des Jammers aus und erhielt die allgemeine Liebe, die zwar ſehr behaglich iſt, ihm aber gar nicht erſprießlich war. Kurz, ſeine Gutthätigkeit hielt mit ſeinen Um⸗ ſtänden nicht Schritt, und es dauerte nicht lange, ſo war er gänzlich erſchöpft. Jetzt nahm er ſeine Zuflucht zu ſeinem Verleger. Mit großer Mühe erhielt er von ihm ſchmale Vorſchüſſe, und unmittelbar darauf ſank er wieder in ſeine Unenthaltſamkeit im Wohlthun zurück. Er kannte ſeine Schwäche hierin und fand ſie unheilbar. Er ſah voraus, daß er trotz allem ſeinem Fleiße nie im Stande ſeyn würde, dergleichen Ausgaben zu erſchwingen. Dieſe Betrachtung machte tiefen Eindruck auf ihn. Der Beifall des Publikums, den er erhalten hatte, oder der noch zu erwerben ſtand, begann, wie eine oft gebrauchte Herzſtärkung, ſeine Wirkung auf ſeine Einbildungskraft zu verlieren. Seine Geſundheit litt durch ſeine ſitzende Lebensart und ſeine zu heftige Anſtrengung. Das Ge⸗ ſicht ward ſchwach, die Eßluſt verlor ſich, ſeine Lebensgeiſter ſchwan⸗ den, ſo daß er melancholiſch, verdroſſen und alſo ganz unfähig ward, von den einzigen Mitteln Gebrauch zu machen, die ihm zu ſeinem Unterhalte übrig waren. Ueberdieß bekam er eine Nachricht, die wahrlich nicht dazu diente, ſeine Lage im Mindeſten zu erleichtern. Sein Sachwalter ließ ihm wiſſen, daß ſein Prozeß verloren und er in die Unkoſten verurtheilt ſey. Dieß war aber nicht die einzige 116 kränkende Neuigkeit, die ihm kund ward; er erfuhr zugleich, daß ſein Buchhändler Bankrott gemacht hätte und daß ſein Freund Crabtree in den letzten Zügen läge. Dieß waren ſo tröſtliche Betrachtungen für einen Jüngling von Peregrine's Charakter, der ſo eigenſinnig war, daß er immer ſtolzer und unbiegſamer ward, je mehr ſein Elend zunahm. Ehe er Hatchway verpflichtet ſeyn wollte, der um die Thore des Gefängniſſes beſtändig herumſchwebte, und eifrig auf eine Gelegenheit lauerte, ihm beizu⸗ ſtehen, unterwarf er ſich viel lieber der Beraubung faſt aller Bequem⸗ lichkeiten des Lebens. Er verſetzte nunmehr ſeine Kleider an einen iriſchen Pfänderleiher im Fleet, um ſich mit dem dafür erhaltenen Gelde die Bedürfniſſe anſchaffen zu können, ohne die er ſchlechterdings hätte umkommen müſſen. Allmählig erzeugte ſein Unglück in ihm den giftigſten Groll gegen alle Menſchen, und ſein Herz ward allen Freuden des Lebens ſo abgeneigt, daß es ihn wenig kümmerte, wie bald er ſein elendes Daſeyn aufgäbe. Wiewohl er täglich auffallende Beiſpiele vom Wechſel des Glücks vor Angen hatte, ſo konnte er doch nie den Ge⸗ danken ertragen lernen, wie ſeine Leidensgenoſſen auf der niedrigſten Stufe der Abhängigkeit zu leben. Wenn er Anerbietungen ſeiner Ver⸗ wandten und vertrauten Freunde zurückgewieſen hatte, denen er doch ehemals Verbindlichkeiten erwieſen, ſo läßt ſich gar nicht vermuthen, daß er Vorſchlägen von der Art Gehör geben ſollte, die ihm von einigen ſeiner Mitgefangenen gethan wurden, mit denen er Be⸗ kanntſchaft gemacht hatte. Er war ſogar vorſichtiger denn je, ſich Verbindlichkeiten aufzuladen; er vermied jetzt ſeine ehemaligen Tiſchgenoſſen, um den unangenehmen Freundſchaftsanerbietungen aus⸗ zuweichen; und da er an dem Geiſtlichen Neigung wahrzunehmen glaubte, den Zuſtand ſeiner Finanzen zu erforſchen, ſo umging er jegliche Erörterung dieſes Punktes, und machte ſich endlich von allem Umgang mit Menſchen los. 117 Hundertundviertes Kapitel. Das Unglücksgewölk fängt an ſich zu zertheilen. Während Peregrine unter ſo vielfacher Bedrückung ſeufzte und dabei, ſo wie die Welt, ſich ſelbſt verabſcheute, langte Hauptmann Gauntlet in London an. Er wollte ſich für ſeine weitere Beförde⸗ rung bei der Armee verwenden, und bemühte ſich auf beſondern Be⸗ trieb ſeiner Frau, Peregrine auszuforſchen. Er ſelbſt fühlte den Drang, ſich mit ihm auszuſöhnen, wenn es ihm auch ſogar eine kleine Demüthigung koſten ſollte. Allein an dem Orte, wo man ihn hingewieſen hatte, konnte er nichts von ihm erfahren. Daraus ſchloß er, unſer Held müſſe ſeinen Sitz auf dem Lande aufgeſchlagen haben, und widmete ſich demnach wieder ſeinen eigenen Angelegenheiten, in der Abſicht, ſeine Nachforſchungen wieder anzufangen, wenn er ſeine Sachen in Richtigkeit gebracht hätte. Er theilte ſein Geſuch ſeinem vermeinten Gönner mit, der ſich das Verdienſt angemaßt hatte, ihn zum Capitain gemacht zu haben, und dem dafür ein anſehnliches Geſchenk zu Theil geworden war. Dieſer Herr ſchmeichelte ihm auch mit der Hoffnung, daß er durch ihn ſeinen Zweck erreichen würde. Mittlerweile machte er Bekanntſchaft mit einem Sekretär des Kriegsdepartements, deſſen Rath und Beiſtand, wie man ihm geſagt, ihm in ſeinem Plane behülflich ſeyn würde. Als er mit dieſem Mann über die Ausſichten ſprach, die ihm eröffnet worden waren, erfuhr er, daß der Lord, auf den er ſich verließ, ein Mann ohne Einfluß und gänzlich außer Stande ſey, ſeine Beförderung zu be⸗ wirken. Zugleich äußerte ihm der Rathgeber ſein Befremden, daß der Hauptmann Gauntlet nicht lieber den Peer um ſeine Fürſprache anſuche, deſſen Verwendung er ſeinen jetzigen Poſten zu verdan⸗ ken habe. 118 Dieſe Bemerkung führte eine Erläuterung herbei, durch welche Geoffry zu ſeinem unendlichen Erſtaunen den Irrthum entdeckte, in welchem er ſo lange wegen ſeines Gönners geſchwebt hatte. Doch konnte er den Beweggrund nicht errathen, der dieſen Cavalier, mit dem er in keiner Bekanntſchaft oder Verbindung ſtand, dahin ver⸗ mocht haben ſollte, ſeinen Einfluß zu ſeinem Behuf zu verwenden. Wie dem aber auch ſeyn mochte, ſo hielt er es für ſeine Schuldig⸗ keit, dieſem Herrn ſeinen Dank dafür abzuſtatten. In dieſer Abſicht verfügte er ſich am folgenden Morgen nach deſſen Wohnung. Er wurde ſehr höflich aufgenommen, und erfuhr, daß Pickle derjenige ſey, deſſen Freundſchaft er ſeine letzte Beförderung zu verdanken hatte. Man kann die Regungen der Dankbarkeit, der Liebe und der Reue nicht beſchreiben, die ſich Gauntlet's Seele bemächtigten, als ſich dieſes Geheimniß vor ihm aufſchloß.„Gütiger Himmel!“ rief er mit emporgehobenen Händen,„habe ich ſo lange mit meinem Wohlthäter in Feindſchaft gelebt? Schon ehe ich wußte, daßhich gegen ihn dieſe Verbindlichkeit hatte, war ich geſonnen, mich mit ihm auszuſöhnen, welches auch die Bedingungen ſeyn möchten. Nun aber werde ich nicht eher einen Augenblick Ruhe haben, als bis ich Gelegenheit gefunden, ihm meinen vollen Dank für ſeine helden⸗ müthige Freundſchaft zu äußern. Ich vermuthe aus der ganzen Art der Gunſtbezeigung, die Ihro Herrlichkeit meinem Pickle haben wie⸗ derfahren laſſen, daß er Ihnen gut bekannt iſt; und ich würde mich für außerordentlich glücklich halten, wenn ich von Ihnen erfahren könnte, wo er wohl eigentlich anzutreffen ſeyn mag. Der Mann, bei dem er vor einiger Zeit logirt hat, weiß mir nicht zu ſagen, wo er hingekommen iſt.“ Der Peer, den ſowohl dieſe edelmüthige Selbſtverleugnung von Peregrine, als auch die Dankbarkeit von deſſen Freunde rührte, bedauerte das Unglück unſeres Helden, und berichtete Gauntlet: Pickle habe über den Verluſt ſeines Vermögens, das er durchgebracht, ſchon längſt den Verſtand verloren, und ſey von ſeinen Gläubigern 119 in's Fleet geſetzt worden. Ob er aber noch in der Gefangenſchaft lebe, oder durch den Tod von ſeinen Widerwärtigkeiten befreit wor⸗ den ſey, könne er nicht ſagen, weil er ſich darnach nicht erkundigt habe. Kaum hatte Geoffry dieſe Nachricht erhalten, als er, deſſen Blut vor Schmerz und Ungeduld aufzuſprudeln begann, um Verzei⸗ hung wegen ſeines plötzlichen Weggehens bat, und den Lord augen⸗ blicklich verließ. Er ſetzte ſich wieder in ſeine Miethkutſche, und befahl, ihn gerade nach dem Fleet zu fahren. Als der Wagen auf der einen Seite des Marktes fortrollte, erſtaunte er über den Anblick von Hatchway und Pips. Beide ſtanden in ſchmutzigen Nachtmützen, die halb mit den Hüten bedeckt waren, und einen kurzen Pfeifen⸗ ſtummel im Munde, an einer Gärtnerbude, und boten auf Blumen⸗ kohl. Gauntlet freute ſich, die beiden Seeleute zu erblicken, denn er hielt es für ein glückliches Omen, ſeinen Freund zu finden. Er ließ den Kutſcher ſtill halten, und rief den Lieutenant bei Namen. Jack erwiederte dieſen Zuruf mit einem Hillvah, blickte um und ſah das Geſicht ſeines alten, guten Bekannten. Mit großem Eifer lief er auf die Kutſche zu, und ſchüttelte dem Hauptmann herzlich die Hand. „Sapperment,“ ſagte er,„'s mir lieb, daß Du uns endlich uf⸗ ſtoßen thuſt Nu werden wir im Stande ſeyn,'s rechte Gewicht vom Schiffe zu finden, um es in'n ander Fahrwaſſer zu bringen. Ich für meinen Part habe zu meiner Zeit manch' ehrliches Bruder⸗ herz von Cam'raden gehabt, un'n zu een oder andern Zeit wieder h'rumſteuern können. Abers die halsſtarrige Kröte da frägt nicht viel nach'm Ruder, noch nach'en Braſſen, und wird, enk' ich, da zu Grunde ſinken, wo er vor Anker liegen thut.“ Gauntlet, der Jack's Meinung zum Theil verſtand, ſtieg ſogleich aus, und ging mit Hatchway und Tom nach dem Logis des See⸗ manns. Hier erfuhr er Alles, was zwiſchen dem Lieutenant und Peregrine vorgefallen war. Dafür theilte er ſeiner Seits Hatchway die Entdeckung mit, die er in Betreff ſeiner Beförderung gemacht hatte. 120 Jack gab keine Zeichen der Verwunderung von ſich, ſondern nahm ſeinen Stummel aus dem Munde und ſagte:„Seht Ihr, Capitain, das is nich das eenz'ge Freundsſtück, dat Ihr'm zu dan⸗ ken habt. Das Geld, was Ihr als'ne ohle Schuld vom Commo⸗ dore kriegtet, war'n bloßer Schneller, den Pickle Euch zu Liebe erſonnen. Er aber's will lieber ohne Segel un Takelage un ohne een Biſſen am Bord in die wilde See h'naustreiben, als von irgend 'nem Menſchen Beiſtand annehmen.“ Dieſer Aufſchluß ſetzte Geoffty nicht nur in Erſtaunen, ſondern kränkte ihn auch. Sein Stolz ward dadurch beleidigt und ſeine Be⸗ gierde angeſpornt, Pickle die vielen Verbindlichkeiten, die er gegen ihn hatte, einigermaßen zu vergelten. Er erkundigte ſich nach der gegenwärtigen Lage des Gefangenen, und vernahm, er ſey unbaß, mit den gemeinſten Nothwendigkeiten des Lebens nur nothdürftig verſehen, und dennoch ſtets taub gegen alle und jede Dienſterbie⸗ tungen. Er fing an, bei dieſer Erzählung von Pickle's rauher Hart⸗ näckigkeit und Stolz äußerſt bekümmert zu werden. Beides, war ihm bange, würde ihm hinderlich ſeyn, ſein Vorrecht, ihn in ſeinen Drang⸗ ſalen zu unterſtützen, auszuüben. Inzwiſchen beſchloß er, kein Mittel unverſucht zu laſſen, das zur Zernichtung eines ſo verderblichen Vor⸗ urtheils dienen konnte. Er ging in den Kerker und ward nach dem Gemach des unglück⸗ lichen Gefangenen gewieſen, an deſſen Thüre er ſanft anklopfte. Voll Schreck und Erſtaunen fuhr er zurück, als ſie geöffnet ward. Die Geſtalt, die ihm vor die Augen trat, war der Ueberreſt ſeines einſt glücklichen Freundes, aber ſo kläglich verunſtaltet, daß ſeine Züge kaum noch zu erkennen waren. Der blühende, muntere, ſchimmernde, hochbrüſtige Jüngling war in ein bleiches, hohläugiges, niedergeſchlage⸗ nes, hageres, ſchmutziges Geſpenſt verwandelt, und das lebendige Bild der Krankheit, des Mangels und der Verzweiflung. Doch hatten ſeine Augen noch eine gewiſſe Wildheit, die durch ſein bewölktes Geſicht einen düſtern Glanz warf. Er ſah ſeinen ehemaligen 121 Gefährten mit einem Blick an, der Verwirrung und Verachtung bezeichnete. Gauntlet konnte einen ſo traurigen Glückswechſel bei einer Per⸗ ſon, für die er die edelſten Empfindungen der Freundſchaft, Dank⸗ barkeit und Achtung hegte, nicht ohne Erſchütterung anſehen. Sein Schmerz war anfänglich zu ſtark, um ſich in Worten zu äußern; er vergoß eine Thränenfluth, ehe er eine Sylbe auszuſprechen vermochte. Peregrine konnte ſich, trotz ſeinem Menſchenhaſſe, nicht entbre⸗ chen, durch dies ungewöhnliche Zeugniß der Achtung gerührt zu wer⸗ den; allein er ſtrebte mit aller Macht, ſeine Empfindungen zu unter⸗ drücken. Seine Stirn zog ſich in die ernſteſten Falten, ſeine Augen funkelten wie glühende Kohlen, und er gab mit der Hand Geoffry einen Wink, zu gehen, und einen ſolchen Elenden, wie er, ſeinem jammervollen Schickſal zu überlaſſen. Allein die ſtärkere Natur ſiegte; er ſtieß einen tiefen Seufzer aus und weinte überlaut. Da der junge Krieger ihn ſo erweicht ſah, konnte er dem hef⸗ tigen Triebe ſeiner Zuneigung nicht widerſtehen; er ſprang hinzu, faßte ihn in ſeine Arme, und ſagte:„Mein theuerſter Freund und mein beſter Wohlthäter, ich komme hierher, um mich vor Ihnen wegen der Beleidigung zu demüthigen, die ich bei unſerer letzten Tren⸗ nung Ihnen zuzufügen das Unglück gehabt. Ich komme, Sie um Ausſöhnung anzuflehen und Ihnen meinen Dank für die Bequem⸗ lichkeit und den Ueberfluß zu ſagen, worin ich jetzt lebe, und die beide Ihr Werk ſind. Endlich komme ich auch, Sie ſelbſt, wider Ihren Willen, aus Ihrer traurigen Lage zu reißen, von der ich noch vor einer Stunde nicht das Mindeſte wußte. Entziehen Sie mir nicht das Vergnügen, mich meiner Pflicht und Verbindlichkeit zu entledigen. Wahrlich, Sie müſſen einige Achtung für einen Men⸗ ſchen gehabt haben, um deſſentwillen Sie ſich ſo viele Mühe gegeben. Iſt noch ein Ueberreſt von dieſer Achtung vorhanden, ſo werden Sie jenem Manne nicht die gute Gelegenheit verkümmern wollen, ſich derſelben einigermaßen würdig zu zeigen. 122 „Laſſen Sie mich,“ fuhr er fort,„nicht die kränkendſte aller Zurückweiſungen erfahren— verſchinähte Freundſchaft. Opfern Sie gütigſt Ihren Unwillen und Ihre Unbiegſamkeit den dringenden Bitten eines Menſchen auf, der allezeit bereit iſt, für Ihre Ehre und für Ihr Beſtes ſein Leben zu laſſen. Wollen Sie meinen angelegentlichen Bitten nicht willfahren, ſo haben Sie wenigſtens einige Achtung für die Wünſche meiner Sophie. Sie hat mir auf's Strengſte eingeſchärft, Sie um Vergebung anzuflehen, noch ehe ſie wußte, wie viel ich Ihrem Edelmuth zu danken habe. Oder ſollte dieſe Rückſicht von keinem Gewicht ſeyn, ſo hoffe ich, werden Sie um der armen Emilie willen etwas von Ihrer Unbiegſamkeit nach⸗ laſſen. Der Unwille des guten Mädchens iſt längſt durch die Nei⸗ gung beſiegt, die ſie für Sie hat, und ſie härmt ſich jetzt insgeheim über Ihre Geringſchätzung.“ Jedes Wort in dieſer Rede, die auf's Rührendſte vorgetragen wurde, machte auf Peregrine Eindruck. Ihn rührte die Unterwürſig⸗ keit ſeines Freundes, der ihm wirklich keinen gerechten Anlaß zu Be⸗ ſchwerden gegeben hatte. Er wußte, daß kein alltäglicher Beweggrund ihn zu einer Herablaſſung vermocht hatte, die bei einem Manne von ſeiner äußerſt delikaten Gemüthsart ſo außerordentlich war. Daher betrachtete er ſie als einen ächten Beweis feuriger Dankbegier und uneigennütziger Liebe. Demnach fing er an, etwas nachgiebiger zu werden. Als er ſich im Namen der holden Sophie beſchwören hörte, ward ſeine Hartnäckigkeit völlig bemeiſtert; und als er an Emilien erinnert wurde, erlitt ſein ganzer Bau eine heftige Erſchütterung. Er nahm ſeinen Freund mit beſänftigtem Blick bei der Hand, und betheuerte, ſobald er nur den Gebrauch der Sprache wieder hatte, die in dem Kampf der in ihm brauſenden Leidenſchaften überwältigt war, er hege nicht mehr das kleinſte Fünkchen Groll, ſondern betrachte ihn in dem Lichte eines ihm zugethanen Kameraden, bei dem kein Wechſel des Glücks die Bande der Freundſchaft zu zerreißen ver⸗ möchte. Er gedachte Sophiens in den achtungsvollſten Ausdrücken, 123 ſprach von Emilie mit der größten Ehrerbietung, als von dem Gegenſtande ſeiner unverletzlichen Liebe und Verehrung; allein er leugnete alle Anſprüche auf die Hoffnung, ſich je wieder ihre Achtung zu erwerben, und entſchuldigte ſich, daß er Geoffry's gütige Abſichten nicht nützte.„Ich habe alle Verbindungen mit den Menſchen ab⸗ gebrochen,“ erklärte er mit der entſchloſſenſten Miene.„Mich ver⸗ langt mit Ungeduld nach der Stunde meiner Auflöſung. Kommt ſie nicht bald nach dem Laufe der Natur, ſo bin ich entſchloſſen, ſie lieber durch meine eigene Hand zu beſchleunigen, als mich der Ver⸗ achtung, ja was noch viel unerträglicher iſt, dem Mitleid einer ſchur⸗ kiſchen Welt preiszugeben.“ Gauntlet wiederlegte dieſen wahnſinnigen Entſchluß mit aller Heftigkeit eines freundſchaftlichen Wortwechſels. Aber dieſe Vorſtel⸗ lungen thaten auf unſern verzweiflungsvollen Helden gar keine Wir⸗ kung. Er ſchlug alle deſſen Gründe ganz kaltblütig nieder, und behauptete die Rechtmäßigkeit ſeines Vorhabens aus angeblichen Marimen der Vernunft und wahren Philoſophie. Indem dieſer Streit von der einen Seite mit großem Eifer und von der andern mit vieler Gelaſſenheit fortgeſetzt wurde, ward Peregrine ein Brief gebracht. Er warf ihn ſorglos unerbrochen hin, wiewohl die Züge der Aufſchrift ihm ganz unbekannt waren. Aller Wahrſcheinlichkeit nach würde deſſen Inhalt nie geleſen worden ſeyn, hätte Gauntlet nicht darauf beſtanden, daß er alle Ceremonien bei Seite ſetzen und ihn ſogleich leſen ſollte. Auf dieſes dringende Bitten erbrach Pickle das Schreiben, das zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen folgende Nachricht enthielt: Sir! Durch Gegenwärtiges habe ich die Ehre, Sir, Ihnen zu melden, daß ich nach manchen Widerwärtigkeiten und fehlgeſchlagenen Erwar⸗ tungen mit Gottes Beiſtand glücklich und wohlbehalten am Bord 124 des„Gombrun“, eines Oſtindienfahrers, in den Dünen?“ angelangt bin und eine leidliche Reiſe gemächt habe, wodurch ich denn hoffe, mich im Stande zu befinden, die ſiebenhundert Pfund, die ich vor meiner Abreiſe aus England von Ihnen entlehnte, ſammt den Zinſen wieder zu erſtatten. Ich ergreife die Gelegenheit, mit unſerem Schiffs⸗ zahlmeiſter zu ſchreiben, der mit Depeſchen für die Compagnie als Expreſſer abgeſchickt iſt, damit Sie ſo bald als möglich dieſe frohe Nachricht in Betreff eines Mannes erhalten, den Sie wahrſcheinlich ſchon längſt aufgegeben haben. Ich habe meinen Brief in ein Schreiben an meinen Mäkler eingeſchloſſen, der, wie ich hoffe, Ihre Adreſſe weiß, und ihn demnach an Sie befördern wird. Hochachtungs⸗ voll und ergebenſt Ihr ganz gehorſamſter Diener Benjamin Chinz. Kaum hatte Pickle dieſes angenehme Schreiben durchflogen, als ſich ſein Geſicht aufheiterte. Er überreichte ihn ſeinem Freunde mit einem Lächeln und den Worten:„Hier iſt ein weit mehr überzeu⸗ gender Beweis für die Sache, die Sie führen, als alle Caſuiſten des ganzen Erdbodens hätten vorbringen können.“ Gauntlet wun⸗ derte ſich über dieſe Bemerkung, nahm das Papier, begierig auf den Inhalt, und wünſchte ihm mit den größten Freudensbezeigungen Glück, nicht, wie er ſagte, zu der Summe, die ich bei meiner Ehre mit Vergnügen dreifach hätte bezahlen wollen, wenn ſie zu Ihrer Bequemlichkeit und Zufriedenheit gedient hätte, ſondern weil es ſcheint, daß dieſer Brief Sie mit dem Leben wieder ausgeſöhnt und Ihre Seele wieder zum Genuß geſelliger Freuden empfänglich gemacht hat. * Eine allen Schiffern bekannte Rhede längs der öſtlichen Küſte von Kent und Suſſer, wo alle durch den Kanal ein- und auslaufende Londoner Schiffe Anker werfen. 125 Die augenblickliche Wirkung, die durch das unerwartete Lächeln der Glücksgöttin auf dem Geſicht unſeres Abenteurers hervorgebracht wurde, iſt ganz denkbar. In einem Moment rötheten ſich ſeine Wan⸗ gen, erheiterten ſich alle Züge ſeines Geſichts, erhob ſich ſein Haupt, das gleichſam zwiſchen die Schultern eingeſunken war, und erhöhte ſich ſeine Stimme aus dem zitternden, kleinmüthigen Tone zu einer feſten, männlichen Sprache. Geoffry nutzte die günſtige Veränderung, und begann, ihm die heiterſten Ausſichten in die Zukunft zu eröffnen. Er erinnerte ihn an ſeine Jugend und an alle ſeine vorzüglichen Eigenſchaften, die zu⸗ verläßig für beſſere Tage beſtimmt wären, als er noch erlebt habe, zeigte ihm verſchiedene Wege, die zum Wohlſtand und der Ruhe führten, drang eifrig in ihn, eine Geldſumme für ſeine unmittelbaren Bedürfniſſe anzunehmen, und bat ihn inſtändigſt um die Erlaubniß, die Schuld bezahlen zu dürfen, wegen derer er in Haft ſäße. 2 „Sophiens Vermögen,“ ſetzte er hinzu,„ſetzt mich in den Stand, Ihnen dieſen Beweis meiner Dankbarkeit zu geben, ohne daß er mir im Geringſten beſchwerlich fällt. Bei Gott! ich kann mich nicht im Beſitz Ihrer Achtung glauben, wenn es mir nicht vergönnt iſt, mei⸗ nen guten Willen auf dieſe Art dem Manne zu beweiſen, der mich nicht nur aus der Dürftigkeit und Verachtung zum Wohlſtand und einem anſehnlichen Rang emporgehoben, ſondern mich auch in den Beſitz eines herrlichen Weibes geſetzt hat, die das Maaß meines Glücks vollendet.“ Peregrine erklärte ſich für alle ſeine Dienſte durch das Vergnü⸗ gen mit Wucher belohnt, das er bei deren Leiſtung empfunden habe, und durch die glücklichen Folgen, die ſie durch die gegenſeitige Zu⸗ friedenheit zweier ihm ſo theuern Perſonen hervorgebracht hätten. Dann verſicherte er ſeinem Freund, er wolle früher oder ſpäter ſein Gewiſſen dadurch beſchwichtigen, daß er die Skrupel ſeines eigenen Ehrgefühls bei Seite ſetzte und Zuflucht zu ſeinem Beiſtand nähme. Allein jetzt könne er von ſeiner Freundſchaft keinen Gebrauch 126 machen, ohne dem wackern Hatchwah wehe zu thun, der ihn zuerſt darum gebeten, und ihm ſeine Anhänglichkeit durch erſtaunliche Hart⸗ näckigkeit und Beharrlichkeit dargethan habe. Hundertundfünftes Kapitel. Peregrine ſöhnt ſich mit dem Lieutenant wieder aus, und erneuert ſeine Verbindungen mit der Societät. Er findet Gelegenheit, einen merkwürdi⸗ gen Beweis von Selbſtverleugnung zu geben. Ungern ſtand in dieſem Stück der Hauptmann dem Lieutenant nach, der ſogleich durch ein von Pickle ſelbſt unterſchriebenes Billet zu einer Conferenz eingeladen ward. Man fand ihn an der Thüre des Gefängniſſes, wo er auf Gauntlet wartete, um den Ausgang von der Verhandlung zu erfahren. Kaum erhielt er dieſe Einladung, ſo ſetzte er alle ſeine Segel auf, und ſteuerte in vollem Laufe nach ſeines Freundes Gemach, das ihm auf Peregrine's vorgängiges Verlangen von dem Schließer geöffnet wurde. Pips folgte unmittelbar dem Strich ſeines Schiffskameraden. Wenige Minuten nach Abſendung des Zettels hörten Peregrine und Gauntlet den Schall des Stelzfußes, der die hölzerne Treppe mit ſolcher Heftigkeit hinaufſtieg, daß die beiden Freunde erſt glaub⸗ ten es würde mit Trommelſtöcken oben auf ein leeres Faß gepaukt. Dieſe ungewöhnliche Haſt wurde inzwiſchen von einem Mißgeſchick begleitet. Jack überſah ein kleines Defekt in einer von den Stufen, und ſeine Leibesſtütze fuhr in die Höhlung hinein. Er ſtürzte rück⸗ wärts und ſein Leben ſchwebte in großer Gefahr. Zum Glück war Tom dicht hinter ihm, und fing ihn in ſeinen Armen auf. Auf dieſe Art kam er noch ohne weiteren Schaden davon, als mit dem Verluſt ſeines Stelzbeins. Das Gewicht ſeines Körpers hatte daſſelbe im Fallen mitten von einander gebrochen. Sein 127 Ungeſtüm war ſo groß, daß er ſich nicht einmal die Mühe geben wollte, ſein gebrochenes Glied zu befreien. Er ſchnallte die ganze Rüſtung los, ließ ſie in der Spalte ſtecken und ſagte:„'n verfaultes Tau is nich werth, daß man's ufhebt.“ Mit dieſen Worten hüpfte er, ganz Krüppel, wie er nun war, mit unendlicher Eile in das Zimmer. Peregrine nahm ihn herzlich bei der Hand, und ſetzte ihn auf die eine Seite ſeines Bettes nieder; ſodann entſchuldigte er ſich bei ihm wegen ſeiner Zurückhaltung, über die der Lieutenant ſich mit ſo vielem Recht beſchwert habe, und fragte, ob er ihm wohl zwanzig Guineen leihen könne, ohne daß es ihm läſtig fiele? Hatchway zog, ohne den Mund aufzuthun, ſeine Börſe hervor. Pips, der dieſes Begehren hörte, ſetzte ſogleich ſeine Pfeife an die Lippen, und ſpielte zur Bezeugung ſeiner Frende eine laute Ouvertüre. Nachdem die Sachen auf dieſe Art beigelegt waren, ſagte unſer Held zu dem Hauptmann, er würde ſich freuen, wenn er ihn und ihren gemein⸗ ſchaftlichen Freund Hatchway zu Mittag bei ſich haben könnte, wo⸗ fern ihm Letzterer ſeinen Pips zur Aufwartung überlaſſen wollte. Der junge Kriegsmann ging hierauf fort, um auf einige Augenblicke ſeinen Oheim zu beſuchen, der gerade ſehr unwohl war, und ver⸗ ſprach, zur feſtgeſetzten Zeit wieder da zu ſeyn. Der Lieutenant konnte ſich, als er den elenden Zuſtand ſeines Freundes betrachtete, bei einem ſolchen Schauſpiel der Rührung nicht enthalten. Er tadelte ſeinen hartnäckigen Stolz, und ſchwur, daß derſelbe nicht beſſer als ein Selbſtmord ſey. Allein der junge Herr unterbrach ihn in ſeinem moraliſchen Vortrag dadurch, daß er ihm ſagte, er hätte Gründe gehabt, ſo und nicht anders zu handeln, und er würde ihm dieſelben vielleicht zu gelegener Zeit entdecken. Jetzt aber ſey er geſonnen, den bisherigen Plan ſeines Benehmens zu ändern, und ſich für das bis jetzt ausgeſtandene Elend ſchadlos zu halten. Hierauf ſchickte er den Pips fort, um ſeine Garderobe vom Pfänderleiher wieder einzulöſen, und ein ſchmackhaftes Mittagseſſen 128 zu beſtellen. Geoffry ward bei ſeiner Zurückkunft ſehr angenehm überraſcht, das Aeußere ſeines Freundes ſo vortheilhaft verändert zu finden. Denn er hatte ſich mit Hülfe ſeines Dieners von dem Schmutze ſeiner kümmerlichen Umſtände geſäubert, und erſchien jetzt in anſtändiger Kleidung, in ſauberer Wäſche und das Geſicht von den Haaren befreit, von denen es überſchattet geweſen war. Auch befand ſich ſein Zimmer zum Empfang der Geſellſchaft in beſter Ordnung. Die Freunde verzehrten ihr Mahl mit großer Behaglichkeit, indem ſie ſich mit allen den Begebenheiten unterhielten, die ſich ehe⸗ mals im Caſtell zugetragen hatten. Nach dem Eſſen beurlaubte ſich Gauntlet, um an ſeine Schweſter zu ſchreiben. Ihr Oheim, der ſei⸗ nem Ende nahe war und ſie gern ohne Zeitverluſt noch einmal ſehen wollte, hatte ihn darum gebeten. Peregrine begab ſich jetzt auf den Spazierplatz, und erhielt Glückwünſche ſowohl von ſeinen ehemaligen Tiſchgeſellſchaftern, die ihn in vielen Wochen nicht geſehen hatten, als auch von einer Menge derjenigen, die von ſeiner Freigebigkeit unterhalten worden waren, ehe ſeine Caſſe erſchöpft war. Hatchway ward durch unſers Helden Verwendung bei dem Auf⸗ ſeher des Gefängniſſes wieder in ſein altes Logis eingeſetzt. Den Pips ſandte Letzterer nach Crabtree's voriger Wohnung, um von ihm Erkundigung einzuziehen. Tom kam mit der Nachricht zurück, der Menſchenhaſſer habe ſich nach einer ſehr ſchweren Krankheit nach Kenſington Gravelpits“ begeben, um dort reinere Luft als in Lon⸗ don, zu genießen. Dieſer Nachricht zufolge bat Peregrine, der die geringen Ein⸗ * Ein ſchöner wegen eines Stahlwaſſerbrunnens bekannter Platz in Ken⸗ ſington, einem anſehnlichen Flecken auf einer kleinen Anhöhe, in einer ſehr geſunden Luft. Dieſer Ort hat ſchöne Straßen und Gebäude beſonders iſt das Viereck auf der Südſeite der großen Straße mit ſo anſehnlichen Gebäuden umgeben, daß es manche in London übertrifft. Das Merkwürdigſte in Kenſington iſt der königliche Palaſt. ₰ 129 künfte des alten Herrn kannte, des folgenden Tages ſeinen Freund Gauntlet, ſich zu Crabtree zu bemühen, um ihm in ſeinem Namen einen Brief zuzuſtellen, worin er ihm über ſeine Krankheit ſein großes Beileid bezeigte, ihm die glückliche Nachricht meldete, die er aus den Dünen erhalten, und ihn beſchwor, ſich ſeiner Börſe zu be⸗ dienen, wofern er ſich nur in der geringſten Geldverlegenheit befände. Der Hauptmann nahm ſogleich einen Wagen und begab ſich zufolge der von Pips erhaltenen Adreſſe auf den Weg. Cadwallader, der ihn zu Bath geſehen hatte, erkannte ihn gleich bet dem erſten Anblick wieder und glaubte, wiewohl er zum Gerippe geworden war, ſich wieder ſo ſehr auf dem Wege der Beſſerung zu befinden, daß er Geoffry unmittelbar würde in's Fleet begleitet haben, wenn er nicht von ſeiner Wärterin zurückgehalten worden wäre. Dieſe hatte von ſeinem Arzte völlig unumſchränkte Gewalt, ſich ſei⸗ nem Willen in Allem zu widerſetzen, was ſie ſeiner Geſundheit für nachtheilig erachten würde. Denn er ward von denen, die ihn ver⸗ pflegten, für einen alten eigenſinnigen Geſellen gehalten, in deſſen Kopfe es nicht ganz richtig ſey. Er erkundigte ſich hauptſächlich nach den beiden Seeleuten.„Dieſe,“ ſagte er,„haben mich abgeſchreckt, meinen Umgang mit Peregrine fortzuſetzen. Sie ſind unmittelbar Urſache an meiner Krankheit. Der Schreck, den Sie mir eingejagt haben, zog mir ein Fieber zu.“ Alß nun Cadwallader hörte, daß zwiſchen Pickle und Hatchway keine Differenzen mehr herrſchten, und er von des Lientenants Zorn keine fernere Gefahr zu beſorgen habe, ſo verſprach er, mit der erſten paſſenden Gelegenheit nach dem Fleet zu kommen. Zugleich ſchrieb er auf Peregrine's Brief eine Antwort des Inhalts, daß er ihm für ſein Anerbieten ſehr verbunden wäre, vor der Band aber ſeines Bei⸗ ſtandes nicht im Mindeſten bedürfe. Nach wenigen Tagen erlangte unſer abenteuernder Ritter ſeine Kräfte, ſeine Farbe und ſeine vorige Munterkeit wieder. Er nahm von Neuem an allen Vergnügungen des Ortes Antheil. Smollet's Romane. XII. 9 130 In Kurzem erhielt er das Geld, das er auf Bodmerei ausgelie⸗ hen hatte, und das ſich ſammt den Zinſen auf eilfhundert Pfund belief. Der Beſitz dieſer Summe exaltirte zwar ſeine Lebensgeiſter wieder, ſetzte ihn aber auch in Verlegenheit. Bisweilen hielt er es für ſeine Pflicht, den größten Theil davon als ein ehrlicher Mann zur Verminderung der Schuld anzuwenden, wegen welcher er ſaß; auf der andern Seite hingegen ſah er ſeine Verbindlichkeit gegen ſeinen Gläubiger deßhalb für erloſchen an, weil er ihn durch ſein treuloſes Betragen zehnfach über den Werth der erhaltenen Summe veleidigt hatte. So geſinnt ging er mit dem Gedanken um, aus dem Gefängniſſe zu entfliehen, und ſich mit den Trümmern ſeines Ver⸗ mögens nach einer andern Gegend der Welt zu retten, wo er davon beſſeren Vortheil ziehen könnte. Beide Plane waren mit ſo vielen Zweifeln und Hinderniſſen umgeben, daß er zwiſchen ihnen hin- und herſchwankte. Er lieh vor der Hand tauſend Pfund auf Zinſen aus, und hoffte dadurch und durch die Früchte ſeines Fleißes vor dem Mangel in ſeinem Gefäng⸗ niſſe ſo lange geſichert zu ſeyn, bis ſich eine Gelegenheit zeigte, einen andern Entſchluß zu faſſen. Gauntlet drang noch immer darauf, ihm die Ehre zu laſſen, durch Einlöſung des Schuldſcheins von Gleanum ſeine Freiheit aus⸗ zuwirken, und ermahnte ihn, mittelſt eines Theils des eingegangenen Geldes eine Offizierſtelle zu kaufen. Der Lieutenant behauptete, er habe ein Näherrecht, ſeines Vetters Pickle's Loslaſſung zu bewirken, indem er von deſſen Baſe eine ganz artige Summe zu genießen hätte, die von Gott und Rechtswegen dem jungen Herrn zugehörte. Ueberdieß wäre er noch wegen der Nutznießung von deſſen Hausge⸗ räth, ja ſogar wegen des Hauſes ſelbſt, das ihm über dem Kopf ſtände, ſein Schuldner. Ob er gleich zu Peregrine's Beſtem bereits ein Teſtament gemacht habe, ſetzte er hinzu, ſo würde er doch niemals zufrieden oder ruhig ſeyn, ſo lange ſein lieber Vetter ſeiner Freiheit beraubt bliebe, oder an den Bequemlichkeiten des Lebens Mangel litte⸗ 131 Cadwallader, der um die Zeit ihren Berathungen beiwohnte und mit dem ſonderbaren und halsſtarrigen Charakter des Jünglings am beſten bekannt war, ſchlug vor, daß Hatchway ihm, weil er ſo abge⸗ neigt wäre, gegen Jemand Verbindlichkeiten zu haben, das Caſtell ſammt allem Zubehör abkaufen ſollte, dieß würde, nur gering ange⸗ ſchlagen, mehr Geld einbringen, als er zur Tilgung ſeiner Schulden brauchte. Stände ihm die ſklaviſche Subordination bei der Armee nicht an, ſo könnte er ſich für ſeine Anwartſchaft auf das Caſtell eine anſehnliche Leibrente kaufen und ſich mit dem Lieutenant auf das Land begeben. Dort würde er in völliger Unabhängigkeit leben, und ſich, wie gewöhnlich, an den lächerlichen Charakteren der Men⸗ ſchen ergötzen. Dieſer Plan war Pickle weniger unbehaglich, als eines der übrigen ihm vorgelegten Projekte. Der Lieutenant erklärte ſich ge⸗ neigt, dieſen Plan, ſo weit es an ihm läge, unverzüglich auszufüh⸗ ren; allein den Hauptmann kränkte der Gedanke, ſeinen Beiſtand unnöthig zu ſehen. Er machte mit vieler Hitze Einwendungen gegen dieſe Abſonderung von der Geſellſchaft. Es wäre ein Projekt, ſtellte er vor, wodurch die ſchönſten Ausſichten zu Ruhm und Glück gänzlich verdammt und ſeine Jugend und Talente in Einſamkeit und Dunkel⸗ heit begraben würden. Der ſo ernſtliche Widerſtand von Seiten Gauntlet's hinderte unſern abenteuernden Ritter unmittelbar, einen Entſchluß zu faſſen; außerdem war ihm noch ſeine Abgeneigtheit im Wege, auf irgend eine Art das Caſtell abzutreten; denn er ſah dies als einen Theil ſeines Erbguts an, über welches er nicht verfügen könnte, ohne dem Andenken des verſtorbenen Commodore zu nahe zu treten. 132 Hundertundſechstes Kapitel. Peregrine geräth in einen außerordentlichen Briefwechſel, der durch einen ganz unerwarteten Vorfall unterbrochen wird. Während über dieſe Sache noch verhandelt wurde, ſagte im Ver⸗ lauf des Geſprächs der Hauptmann zu Peregrine, Emilie wäre in London angekommen, und habe ſich nach ihm ſo ängelegentlich erkun⸗ digt, daß es ſchiene, als ob ſie von ſeinem Unglück einigermaßen unterrichtet wäre. Er wünſchte deßhalb zu wiſſen, ob er ihr ſeine Lage eröffnen dürfe, wenn ſie ihn wieder deßhalb anliegen ſollte; bis jetzt habe er es gefliſſentlich vermieden. Dieſer Beweis, oder vielmehr dieſes Uebermaß von theilnehmen⸗ der Rückſicht Emiliens mußte nothwendig auf Peregrine mit Allge⸗ walt wirken. Er fühlte ſich ſogleich von allen den ſtürmiſchen Re⸗ gungen ergriffen, die von unterdrückter Liebe ſo oft erzeugt werden. Er bemerkte, ſein Unfall ſey ſo beſchaffen, daß er ſich nicht verheim⸗ lichen ließe. Daher ſähe er keinen Grund, weßwegen er auf Emiliens Mitleid verzichten ſollte, wiewohl ihm ihre Gewogenheit auf immer entzogen ſey. Sonach bat er Geoffry, er möchte ſeine Schweſter in ſeinem Namen der tiefſten Hochachtung eines verzweiflungsvollen Liebhabers verſichern. Allein trotz dieſer Erklärung, durch die er aller Hoffnung in dieſem Punkte entſagte, drängten ſich ſeiner Einbildungskraft wider ſeinen Willen angenehmere Vorſtellungen auf. Crabtree's Projekt hatte in ſeiner Seele Wurzel geſchlagen, und er konnte ſich nicht enthalten, Plane idylliſcher Glückſeligkeit zu entwerfen, in den Armen der liebenswürdigen Emilie, fern von den prunkvollen Scenen, die er jetzt verabſcheute und verachtete. Er wiegte ſeine Einbildungskraft mit den Ausſichten ein, daß er im Stande ſeyn würde, die Geliebte ſeiner Seele durch die kleine Leibrente, die er zu kaufen vermögend 133 wäre, und durch die Früchte ſeines Fleißes, von dem er in den Stun⸗ den der Muße ſo vortheilhaften Gebrauch zu machen Willens war, in Unabhängigkeit zu erhalten. In der Freundſchaft des Lieutenants, der ihn bereits zu ſeinem Erben eingeſetzt hatte, ſah er eine Ver⸗ ſorgung für ſeine anwachſende Familie voraus. Schon theilte er ſeine Stunden zwiſchen den nothwendigen Sor⸗ gen für die Welt, den Freuden häuslicher Glückſeligkeit und den Ergötzlichkeiten des Landlebens. Den Abend verbrachte er in Gedan⸗ ken ganz mit ſeiner reizenden Braut. Bald wandelte er mit ihr an dem grasreichen Geſtade eines kryſtallenen Stromes, bald beſchnitt er die üppigen Ranken des Weinſtocks, und bald ſaß er mit ihr im traulichen Geſpräch unter dem Schattendach einer ſelbſtgepflanzten Laube. Doch dieß waren nichts als luftige Gebilde der Phantaſie, die, wie er ſelbſt wohl wußte, ſich nie verwirklichen konnten. Nicht etwa, daß er geglaubt hätte, eine Perſon in ſeinen Umſtänden könne eine ſolche Glückſeligkeit nicht erreichen, ſondern weil er ſich nicht ſo her⸗ ablaſſen wollte, einen Vorſchlag zu thun, der in irgend einem Be⸗ tracht Emiliens Intereſſe nachtheilig ſeyn, oder ihm eine abſchlägige Antwort von einer jungen Dame zuziehen könnte, die ſeine Bewer⸗ bungen verſchmäht hatte, als er auf dem Gipfel des Glücks ſtand. Während er ſich an den angenehmen Träumereien ergötzte, trat ein Vorfall ein, der Emilie und deren Bruder weſentlich betraf. Ihr Oheim, der wegen ſeiner Waſſerſucht angezapft werden mußte, ſtarb wenige Tage nach der Operation, und vermachte in ſeinem Teſtamente dem Neffen fünftauſend Pfund, der Nichte aber, die von jeher am meiſten bei ihm in Gunſt geſtanden, doppelt ſo viel. War unſerem Helden vor dieſem Ereigniß ſeine Liebe zu Emilie als eine Leidenſchaft erſchienen, die er jedenfalls auf alle Art und Weiſe unterdrücken mußte, ſo betrachtete er jetzt den Zuwachs ihres Vermögens als einen Umſtand, der ihn in dieſer Nothwendigkeit be⸗ ſtätigte. Er beſchloß daher, jeden Gedanken zu verbannen, der zur Nährung ſeiner Hoffnung abzielte. 134 Eines Tages überreichte ihm Geoffry mitten in einer Unterre⸗ dung, die er bloß dieſerhalb eingeleitet hatte, einen Brief. Die Auf⸗ ſchrift war an Sir Pickle, die Hand von Emilie. Kaum erkannte unſer junger Herr dieſelbe, ſo bedeckte eine brennende Röthe ſeine Wangen, und er begann heftig zu zittern, denn er errieth ſogleich den Inhalt des Schreibens, das er mit Ehrfurcht und Innigkeit küßte. Er erſtaunte nicht wenig, als er folgende Worte las: Sir! Ich habe meiner Ehre ein genügendes Opfer gebracht, indem ich bisher den Schein eines Grolls beibehielt, den ich längſt aus meinem Herzen verbannte. Da nun die letzte günſtige Veränderung meiner Lage mich in den Stand ſetzt, meine wahren Geſinnungen ohne Furcht vor Tadel oder vor Verdacht eigennütziger Abſichten zu geſte⸗ hen, ſo ergreife ich dieſe willkommene Gelegenheit, Ihnen zu ver⸗ ſichern, daß, wenn ich noch den Platz in Ihrem Herzen habe, in deſſen Beſitz ich mich ehemals zu wähnen eitel genug war, ich geneigt bin, die erſten Schritte zu einem Vergleich zu thun. Ich habe ſonach meinem Bruder unumſchränkte Vollmacht gegeben, denſelben zu ſchließen, im Namen Ihrer ausgeſöhnten Emilie. Pickle küßte mit großer Inbrunſt die Unterſchrift, ſank auf ſeine Kniee, hob die Augen gen Himmel auf, und rief mit Entzücken: „Dem Himmel ſey Dank! ich habe mich in meiner Meinung von dieſem edeln Mädchen nicht betrogen. Ich glaubte, daß die würdig⸗ ſten und heldenmüthigſten Geſinnungen ſie belebten, und ſie gibt mir jetzt einen überzeugenden Beweis von ihrer edeln Seele. Jetzt iſt es meine Pflicht, mich ihrer würdig zu bezeigen. Der Himmel ſchleudere die ſchärfſten Pfeile ſeiner Rache auf mich, wenn ich nicht in dieſem Augenblick Emiliens Charakter mit der vollkommenſten Liebe und Achtung betrachte. Doch bin ich, ſo liebenswürdig und 135 bezaubernd ſie auch iſt, mehr denn je entſchloſſen, meine Leibenſchaft meiner Ehre aufzuopfern, ſollte auch gleich mein Leben in dieſem Kampfe unterliegen, und ſogar ein Anerbieten ausſchlagen, das, unter andern Verhältniſſen, die ganze Welt mich nicht vermögen ſollte, fahren zu laſſen.“ Dieſe Erklärung war ſeinem Freunde Gauntlet nicht ſo uner⸗ wartet, als unwillkommen. Er ſeellte ihm vor, daß ſeine Ehre bei dieſer Sache gar nicht intereſſirt ſey, indem er ſeine großmüthige Denkart bereits hinlänglich durch die wiederholten Anerbietungen gerechtfertigt habe, ſein ganzes Vermögen Emilien zu einer Zeit zu Füßen zu legen, wo es unmöglich geweſen ſey, daß ſich der kleinſte Gran von Eigennutz in ſeinen Vorſchlag hätte miſchen ſollen. Schlüge er aber ihren gegenwärtigen Antrag aus, ſo würde er der Welt Anlaß geben, zu ſagen, ſein Stolz ſey eigenſinnig und ſeine Hartnäckigkeit unüberwindlich. Seiner Schweſter würde er unſtreitig Urſache geben, zu glauben, daß entweder ſeine Leidenſchaft für ſie nur Verſtellung geweſen, oder daß deren Feuer beträchtlich erloſchen ſey. Auf dieſe Vorſtellungen antwortete Pickle, er habe ſich ſchon längſt über das Urtheil der Welt hinweggeſetzt, und was Emilien be⸗ treffe, ſo zweifle er gar nicht, daß ſie in ihrem Herzen ſeinen Ent⸗ ſchluß billigen und der Lauterkeit ſeiner Abſichten Gerechtigkeit wieder⸗ fahren laſſen werde. Es war nie eine leichte Unternehmung, unſern Helden zu irgend einer Zeit ſeines Lebens von ſeinem Vorſatz abzubringen; allein ſeit ſeiner Gefangenſchaft war ſeine Unbiegſamkeit beinahe unüberſteigbar geworden. Nachdem alſo der Hauptmann ſein Gewiſſen dadurch be⸗ freit hatte, daß er Peregrine verſichert, die Glückſeligkeit ſeiner Schweſter hange davon ab, die Mutter billige den Schritt, den die⸗ ſelbe gethan, und ihn ſelbſt würde ſeine Weigerung außerordentlich kränken, ſo hörte er auf, mit weiteren Gründen in ihn zu dringen, die doch nur dazu dienten, ihn in ſeiner Meinung zu befeſtigen, und übernahm es, Emilien auf ihren Brief folgende Antwort zuzuſtellen: 136 Miß! Daß ich vor Ihrer erhabenen Tugend die tiefſte Hochachtung und Ehrfurcht hege, und daß ich Sie unendlich mehr liebe, als das Leben, das bin ich zu allen Zeiten zu beweiſen erbötig. Allein jetzt iſt die Reihe an mir, der Ehre ein Opfer zu bringen, und mein Schickſal iſt ſo ſtreng gegen mich, daß ich, um Ihren Edelmuth zu rechtfertigen, es ausſchlagen muß, von Ihrer Herablaſſung Nutzen zu ziehen. Ich bin dazu verdammt, Miß, ſtets elend zu ſeyn, und un⸗ abläßig nach dem Beſitz eines Kleinods zu ſeufzen, das ich nicht an⸗ nehmen darf, wiewohl es mir jetzt angeboten wird. Nie werde ich es verſuchen, die Qualen zu ſchildern, die mein Herz zerreißen, indem ich dieſe leidige Entſagung Ihnen vorlege; allein ich berufe mich auf die Delikateſſe Ihres eigenen Gefühls. Das nur allein iſt verms⸗ gend, über meine Leiden zu richten, und es wird unſtreitig meiner Selbſtverlengnung Gerechtigkeit wiederfahren laſſen. Ihr höchſt unglücklicher P. Pickle. Emilie, welche die Reizbarkeit des Stolzes unſeres Helden kannte, hatte den Inhalt dieſer Epiſtel vorausgeſehen, bevor ihr dieſe noch zu Händen kam. Sie verzweifelte daher noch nicht an einem glück⸗ lichen Ausgang, auch ließ ſie von der Verfolgung ihres Plans nicht ab. Dieſer beſtand in nichts Anderem, als ihre Glückſeligkeit durch eine Heirath mit dem Manne zu ſichern, dem ſie einmal ihre unver⸗ änderliche Zuneigung zugewendet hatte. Voller Zutrauen auf ſeine Ehre und von der wechſelſeitigen Liebe feſt verſichert, die ſie beſeelte, wußte ſie ihn allmählig in einen Briefwechſel zu verwickeln, in wel⸗ chem ſie die Gründe zu widerlegen ſuchte, auf die er ſeine Weigerung ſtützte. Ohne Zweifel fand unſer junger Herr kein geringes Vergnü⸗ gen an einer ſo angenehmen Unterhaltung, während welcher er mehr denn je Gelegenheit hatte, die Schärfe ihres Witzes und die Feinheit ihres Verſtandes zu bewundern. 137 Während die Betrachtung ſolcher trefflichen Eigenſchaften die Ketten verſtärkte, die ſie ihm angelegt hatte, ſo vermehrte ſie die Beweggründe, die ihn vermochten, den Diſput fortzuſetzen, noch durch Nacheifer. So wurden denn von beiden Seiten viele ſpitzfindige Raiſonnements über dieſe ganz beſondere Streitfrage auf die Bahn gebracht, ohne daß ſie von einer Seite eine Ausſicht zur Ueberzeu⸗ gung eröffnet hätte. Endlich fing ſie an, die Hoffnung aufzugeben, ihn durch Gründe zu ihrer Meinung zu bekehren. Sie beſchloß, ſich künftig hauptſächlich an die unwiderſtehlichen günſtigen Vorurtheile ſeiner Liebe zu wenden, welche durch die Verſuche ihrer Feder nicht im mindeſten verringert oder entkräftet worden waren. In dieſer Rückſicht ſchlug ſie unter dem Vorwand eine Zuſammenkunft vor, daß es unmöglich ſey, alle ihre Reflerionen über dieſe Angelegenheit in einer Reihe von kurzen Briefen vorzutragen. Geoffry übernahm es, ſich auf den Tag für ihn im Fleet zu verbürgen. Pickle kannte ihre Obergewalt zu gut, deßhalb wollte er ſich nicht in ihre Gegen⸗ wart wagen, wiewohl ihm das Herz vor glühender Begier pochte, ihre ſchönen Augen von dem Unwillen befreit zu ſehen, mit dem ſie ſo lange waren gerüſtet geweſen, und der Wonne einer zärtlichen Ausſöhnung zu genießen. So mächtigen Angriffen hätte die Natur nicht widerſtehen kön⸗ nen, wenn nicht der Stolz und der Eigenſinn ſeines Charakters in dem Triumph ſeiner Widerſetzlichkeit vollkommene Befriedigung ge⸗ funden hätten. Er ſah dieſen Streit für ganz vriginell an, und hielt deßhalb ſo hartnäckig aus, weil er ſich vortheilhafter Bedingungen verſichert hielt, ſobald er nur zum Capituliren geneigt wäre. Viel⸗ leicht hätte er bei fernerer Beharrlichkeit am Ziel vorbeigeſchoſſen; eine junge Dame von Emiliens Reizen und Glücksumſtänden mußte ſich nothwendig von Verſuchungen umringt finden, denen wenige Frauenzimmer widerſtehen köunen. Sie konnte leicht einige Stellen in einem Briefe von Peregrine falſch auslegen, oder ſich durch einen unbehutſamen Ausdruck beleidigt halten. Eben ſo möglich war es 138 auch, daß ſie ſeiner hartnäckigen Sonderlichkeit überdrüſſig wurde, oder ſie in der Länge als Unfinn, Verachtung und Gleichgültigkeit auslegte; oder viel lieber, ehe ſie die Blüthe ihrer Jahre in frucht⸗ loſen Bemühungen hinbrachte, den Stolz eines halsſtarrigen Sonder⸗ lings zu überwältigen, der Stimme irgend eines Bewunderers Gehör geben mögen, der hinlängliche Eigonſchaften beſeſſen hätte, ihre Achtung und Liebe zu feſſeln. Allein allen dieſen Möglichkeiten ward durch einen Zufall vorgebengt, der weit wichtigere Folgen hatte, als irgend einer von denen hätte haben können, die wir jetzt aufgezählt haben. Eines Morgens früh wärd Pips durch die Ankunft eines Boten geſtört, den Clover mit einem Paket an den Lieutenant abgeſendet hatte. Dieſer Menſch war ſchon den vorigen Abend in der Stadt eingetroffen, hatte ſich aber genöthigt geſehen, ſich bei Jack's Corre⸗ ſpondenten in der City nach dem Orte ſeines Aufenthalts zu erkun⸗ digen. Als er in's Fleet wollte, war das Thor bereits verſchloſſen und der Stockmeiſter wollte ihm nicht öffnen, wiewohl er ihm ſagte, daß er eine äußerſt wichtige Botſchaft brächte. Sonach ſah er ſich genöthigt, bis zu Tagesanbruch zu warten, wo ihm auf ſein ernſt⸗ liches Anhalten endlich der Eintritt verſtattet wurde. Hatchway öffnete das Paket. Er fand darin einen Brief an Peregrine mit dem inſtändigſten Erſuchen, denſelben in möglichſter Eile dem jungen Herrn zuzuſtellen. Jack, der die Bedeutung dieſes außerordentlichen Auftrags nicht errathen konnte, ſing an, ſich einzu⸗ bilden, Miſtriß Clover ſey ihrem Ende nahe, und wünſchte von ihrem Bruder noch Abſchied zu nehmen Dieſe Vorſtellung wirkte ſo ſtark auf ſeine Einbildungskraft, daß er, als er ſich hurtig in ſeine Klei⸗ der warf, und mit möglichſter Schnelligkeit nach dem Zimmer unſeres Helden eilte, ſich nicht enthalten konnte, auf die Thorheit des Ehe⸗ mannes zu fluchen, daß er ſo unangenehme Nachrichten einem Men⸗ ſchen, wie Peregrine, überbrächte, deſſen von Natur ſo ungeduldige Gemüthsart durch ſeine jetzige unangenehme Lage noch mehr verſänert worden war. 139 Dieſe Betrachtung würde ihn bewogen haben, den Brief zu unterſchlagen, wenn er ſich nicht gefürchtet hätte, mit einem ſo reiz⸗ baren Weſen, wie ſein Freund war, zu thun zu haben. Er übergab ihm daher den Brief, und ſagte:„Ich für meinen Theil habe wohl ſo viel natürliche Liebe, als'n Anderer; aber als mein Weib das Zeitliche geſegnete, trug ich mein Unglück wie'n echter Engliſchmann un wie'n Chriſt. Denn mein Seel! das is'n elender Schäcker von Schiffer, der nich gegen den Strom der Widerwärtigkeiten zu ſegeln wees.“ Pickle, der von einem ſüßen Traum geweckt worden war, welcher hauptſächlich die ſchöne Emilie anging, richtete ſich nach dieſem ſelt⸗ ſamen Eingang im Bette empor, und erbrach, nicht wenig ärgerlich und verdrüßlich, den Brief. Allein wie ſehr ward ſeine Seele er⸗ ſchüttert, als er folgende Nachricht las: Lieber Bruder! Es hat Gott gefallen, Ihren Vater plötzlich durch einen Schlag⸗ fluß zu ſich zu fordern. Er iſt ohne Teſtament geſtorben. Ich melde Ihnen dieß, damit Sie in aller Eile hierher kommen, und trotz Esquire Gam und ſeiner Mutter, denen, wie Sie ſich leicht denken können, bei dieſer unerwarteten Fügung der Vorſicht nicht allzuwohl zu Muthe iſt, ſich in den Beſitz Ihrer Gerechtſame ſetzen. Ich habe als Ftiedensrichter alle Maßregeln getroffen, die ich zu Ihrem Vor⸗ theil für nöthig gefunden habe. Das Begräbniß ſoll ſo lange auf⸗ geſchoben werden, bis man weiß, wie Sie's damit halten wollen. Ihre Schweſter iſt zwar über den Tod ihres Vaters herzlich betrübt, doch unterwirft ſie ſich dem Willen des Himmels mit gehöriger Er⸗ gebung, und bittet Sie, ſich zu uns auf den Weg zu machen. Mit dieſen Bitten vereinigt auch die ſeinigen, mein Herr, Ihr Sie liebender Bruder und ergebener Diener, Charles Clover. Anfänglich hielt Peregrine dieſe Epiſtel für eine bloße Täuſchung ſeines Gehirns und für eine Fortſetzung des Traumes, den er ſo eben 140 gehabt hatte. Er las ihn mehrmals durch, ohne ſich zu überzeugen, daß er wirklich wache. Dann rieb er ſich die Augen und ſchüttelte den Kopf, um die Dünſte des Schlafes abzuſchütteln, die ihn um⸗ gaben. Hierauf räuſperte er ſich dreimal mit großer Heſftigkeit, ſchnippte mit den Fingern, zwickte ſich an der Naſe, ſprang vom Bette auf, öffnete die Fenſter, und überſah die wohlbekannten Gegen⸗ ſtände auf jeder Seite ſeiner Wohnung. Alles ſchien ihm in gehö⸗ riger Ordnung und im gehörigen Zuſammenhange zu ſeyn.„Wahr⸗ lich,“ ſagte er jetzt bei ſich ſelbſt,„das iſt der deutlichſte Traum, den je ein Menſch gehabt hat!“ Hierauf nahm er wieder das Papier vor. So ſorgfältig er es auch durchlas, ſo fand er doch ſeine erſten Vorſtellungen von deſſen Inhalt nicht im mindeſten verändert. Hatchwah, der alle dieſe ausſchweifenden Handlungen und die wilden, irren Blicke ſah, die ſie begleiteten, kam auf den Gedanken, Pickle's Hirn ſey endlich in der That in Unordnung gerathen, und dachte ſchon auf Mittel, ſich vor ihm ſicher zu ſtellen, als Peregrine im Tone des Erſtaunens ausrief:„Gütiger Gott! wache ich, oder träume ich?“—„Ja, mein Seel, Vetter, ſehen Sie,“ ſagte der Lientenant,„das is'ne Frage, die's Bleiloth meines Verſtandes zu ergründen nich lang genug is; aber's, wiewohl ich der Beobachtung nicht trauen darf, die ich gemacht, müßte es doch gar gar ſeyn, wenn ich nicht ſollte ausmitteln thun, wo wir eegentlich hin verſchlagen ſind.“ Mit dieſen Worten hob er einen Krug mit kaltem Waſſer auf, der hinter der äußern Thüre ſtand, und goß ihn ohne Umſtände oder Bedenken Peregrine in's Geſicht. Dieſes Mittel brachte die gewünſchte Wirkung hervor, ſo unbe⸗ haglich es auch war. Unſer junger Herr hatte kaum ſeinen Odem wieder, der durch dieſe raſche Operation außen zu bleiben in Gefahr gerieth, als er ſeinem Freund Hatchway für dieſes ſo ſchicklich appli⸗ eirte Mittel dankte, und da er nun nicht länger mit Fug und Recht an dem zweifeln konnte, was auf ſeine Sinne auf eine ſo überzeu⸗ gende Art appellirte, ſo zog er ſich nicht ohne Haſt und Zittern ein 141 reines Hemde an, warf ſeine Morgenkleider über und lief auf den großen Platz, um mit ſich ſelbſt über die wichtige erhaltene Nachricht zu Rathe zu gehen. Hatchway, von der Geſundheit ſeines Verſtandes noch nicht völlig überzeugt, und nach dem Inhalt des Briefes begierig, der ſo außer⸗ ordentlichen Eindruck auf ihn gemacht hatte, folgte forgfältig ſeinen Fußſtapfen, in der Hoffnung, daß er ihm während des Spaziergangs hierüber Aufſchluß geben würde. Kaum ließ ſich unſer Held an der Thüre nach der Straße zu blicken, ſo grüßte ihn der Bote, der ſich zu dem Ende hierhin poſtirt hatte und ſagte:„Gott ſegne Ihr Gnaden, den geſtrengen Squire Peregrine, und laſſe Sie vergnügt und fröhlich Ihres Herrn Vaters Güter antreten!“ Dieſe Worte waren nicht ſobald über ſeine Lippen, als der Lieutenant mit großer Lebhaftigkeit auf den Landmann los⸗ hinkte, ihm die Hand drückte und ihn fragte:„Is denn der ohle Herr wirklich abgeſegelt?“—„Freilich, Maſter Hatchway,“ verſetzte der Bote,„un zwar ſo über Hals und Kopf, daß er's Teſtament drüber vergeſſen hat.“—„Potz Blitz noch'nmal,“ rief der Seemann, „das is die kap'talſte Zeitung, die ich gehört, ſint ich zuerſt in See geſtochen. Da Junge, nimm meinen Beutel, un lade Dich voll mit 'm beſten Brantewein im ganzen Lande!“ Bei dieſen Worten ſchob er dem Bauer zehn Guineen in die Hand, und unmittelbar darauf erſcholl ein Jubelton aus Toms In⸗ ſtrument. Peregrine begab ſich nach der Promenade und theilte ſeinem Freunde das erhaltene Schreiben mit. Dieſer mußte auf ſein Ver⸗ langen in des Hauptmanns Wohnung gehen. In einer halben Stunde war er mit Gauntlet da, und es braucht nicht hinzugefügt zu werden, daß ſich dieſer herzlich über den plötzlichen Glückswechſel Peregrine's freute. 142 Hundertundſiebentes Kapitel. Peregrine nimmt Abſchied vom Fleet, und ergreift Beſitz von dem väter⸗ lichen Nachlaß. Auch den Menſchenhaſſer ſetzte unſer Held von dieſem frohen Glückswechſel in Kenntniß. Er ſchickte den Pips zu ihm, um ihn in ſeinem Namen zu erſuchen, daß er ſie unverzüglich mit ſeiner Gegenwart beehren möchte. Der Alte erſchien auf dieſe Einladung und brummte mißmuthig, weil man ihm einige Stunden von ſeiner gewöhnlichen Ruhe entzogen hatte. Ihm wurde jedoch der Mund unmittelbar durch Clover's Brief geſtopft. Er grinste gräßlich mit ſchreckgeſpenſtermäßigem Lächeln.* Nach abgelegtem Glückwunſch hielten ſie eine geheime Berathung über die Maßregeln, die bei dieſem Vorfall zu ergreifen wären. Viel Anlaß zu Debatten gab es dabei nicht. Es ward ſogleich einmüthig beſchloſſen, daß ſich Pickle in möglichſter Eile nach der Garniſon aufmachen ſollte, und Gauntlet ſowohl als Hatchway zeigten ſich be⸗ reit, ihn dahin zu begleiten. Pips mußte ſonach ein Paar Poſt⸗ chaiſen beſtellen, während Geoffry hinging, um für ſeinen Freund zu bürgen, und ſie insgeſammt mit nöthigem Reiſegeld zu verſorgen. Vorher hatte ihn Peregrine erſucht, dieſe Nenigkeit ſeiner Schweſter nicht zu melden, damit er Gelegenheit hätte, dieſe junge Dame nach Schlichtung dieſer Angelegenheiten um ſo angenehmer zu überraſchen. Alle dieſe Vorkehrungen waren in weniger denn einer Stunde getroffen. Unſer Held nahm nunmehr vom Fleet Abſchied, und ließ deſſen Aufſeher zwanzig Guineen zur Erleichterung des Schickſals der armen Gefangenen zurück. Eine große Anzahl von ihnen beglei⸗ tete ihn bis an das Thor, und betete für ſein langes Leben und * Ein Milton'ſcher Vers aus ſeinem verlornen Paradieſe in der Be⸗ ſchreibung des Todes. 143 ſein beſtändiges Wohlergehen. Pickle zog den Weg nach der Garniſon in einem Freudentaumel, der nicht im Mindeſten durch Schmerz über den Tod eines Vaters geſtört ward, von deſſen väterl. her Zärtlichkeit er nie etwas erfahren hatte. Seiner Bruſt war die ſo geprieſene Zrogyn oder der Zuneigungstrieb ganz fremd, der, wie man glaubt, die Quelle der älterlichen, kindlichen und geſchwiſterlichen Liebe iſt. Unter allen den Reiſen, die er jemals gemacht hatte, war ihm dieſe die angenehmſte. Er fühlte ganz die Wonne, die natürlicher⸗ weiſe bei einem jungen Mann von ſeiner Imagination ein ſo plötz⸗ licher Uebergang aus ſo betrübten Umſtänden in ſo glänzende erzeugen mußte. Denn er fand ſich von Gefängniß und Schmach befreit, ohne dafür gegen irgend Jemand auf Erden Verbindlichkeiten zu haben. Jetzt ſtand es in ſeiner Macht, die Verachtung der Welt auf eine Weiſe zu erwiedern, die ſeinem glühendſten Verlangen entſprach. Er war mit ſeinem Freunde ausgeſöhnt und im Stande, ſeine Liebe unter Bedingungen zu befriedigen, wie ſie ihm beliebten. Zugleich ſah er ſich im Beſitz eines weit größeren Vermögens, als ſeine erſte Erbſchaft geweſen war, und hatte einen Reichthum an Erfahrung gewonnen, der ihn ſicher vor allen den Sandbänken vorbei zu ſteuern vermochte, auf welchen er zuvor Schiffbruch gelitten hatte. Mitten auf ihrem Wege, als die Reiſenden in einem Wirths⸗ hauſe anhielten, um einige Erfriſchungen zu ſich zu nehmen und die Pferde zu wechſeln, lief ein Poſtillen auf dem Hofe auf Peregrine zu, ſiel ihm zu Füßen, umklammerte ſeine Kniee mit dem heftigſten Affekt, und zeigte ihm das leibhafte Geſicht ſeines ehemaligen Kam⸗ merdieners. Als ihn unſer junger Mann in ſo niedriger Tracht und Stellung erblickte, befahl er ihm, aufzuſtehen und ihm die Urſache eines ſo kläglichen Glückswechſels zu berichten. Hadji erzählte ihm, ſeine Frau hätte ihn gänzlich zu Grunde gerichtet, ihn alles ſeines Geldes und ſeiner werthvollen Effekten be⸗ raubt, und wäre mit einem ſeiner Kunden entlaufen, der ſich für einen 144 franzöſiſchen Grafen ausgegeben habe, im Grunde aber weiter nichts als ein italieniſcher Geigenſpieler geweſen ſey. Durch ihre Flucht, fuhr er fort, wäre er außer Stand geſetzt worden, eine beträchtliche Summe zu bezahlen, die er für ſeinen Weinhändler bei Seite gelegt gehabt hätte. Dieſer Mann habe ihn, weil er in ſeiner Erwartung betrogen worden ſey, auspfänden laſſen, und weil ſeine übrigen Creditoren dem Beiſpiele gefolgt wären, ſey er von Haus und Hof gejagt worden. Da er nun für ſeine Perſon zu London nicht mehr ſicher geweſen wäre, ſo habe er ſich genöthigt geſehen, auf's Land zu flüchten. Er ſey von Dorf zu Dorf gewan⸗ dert, habe ſich immer verborgen gehalten und endlich aus Mangel an Lebensunterhalt ſeinen jetzigen Dienſt angenommen, um nicht Hun⸗ gers zu ſterben. „ eregrine hörte ſeinen kläglichen Zuſtand mit Theilnahme an, nd fand darin hinlänglichen Grund, weßhalb er ſich nicht im Fleet ſehen laſſen und ſeinem nothleidenden Herrn ſeine Dienſte nicht angeboten hatte; ein Umſtand, den Peregrine beſtändig ſeinem Geiz und ſeiner Undankbarkeit zugeſchrieben. Er verſicherte Hadji, weil er ihm die Verſuchung in den Weg gelegt habe, deren Opfer er ge⸗ worden ſey, ſo wolle er es auch über ſich nehmen, ihn wieder in gute Umſtände zu verſetzen. Mittlerweile gab er ihm einen Beweis ſeiner gütigen Geſinnungen. Hierauf verlangte er, er ſolle ſeine gegenwärtige Beſchäftigung ſo lange fortſetzen, bis er von der Gar⸗ niſon zurückkommen würde. Alsdann wolle er ſeine Lage in Ueber⸗ legung ziehen, und ſogleich für ihn Sorge tragen. Hadji verſuchte, ſeine Schuhe zu küſſen, und weinte, oder that wenigſtens ſo, aus Rührung über dieſe huldreiche Aufnahme. Er machte ſich ſogar ein Verdienſt aus ſeinem Widerwillen, ſein jetziges Amt ferner zu bekleiden, und lag flehentlich um die Erlaubniß an, ſeinen theuern Herrn ſogleich wieder bedienen zu dürfen. Denn er könne den Gedanken nicht ertragen, ſich zum Zweitenmal von ihm zu trennen. Dieſe flehentlichen Bitten wurden durch die Fürſprache 145 von Pickle's beiden Freunden verſtärkt. Demzufolge ward dem Schwei⸗ zer erlaubt, ihnen ganz nach ſeiner Gemächlichkeit zu folgen. Sie ſetzten inzwiſchen nach einem leichten Mahle ihren Weg fort, und trafen noch vor zehn Uhr Abends im Orte ihrer Beſtimmung ein. Statt in dem Caſtell abzuſteigen, fuhr Peregrine gerade vor ſeines Vaters Haus. Niemand erſchien, um ihn zu empfangen, auch nicht einmal ein Bedienter, um für ſeine Chaiſe zu ſorgen. Sonach ſtieg er ohne Beihülſe aus, und begab ſich in Begleitung ſeiner beiden Freunde nach dem Vorſaal. Hier erblickte er eine Klingel⸗ ſchnur, die er augenblicklich ſo ſcharf anzog, daß ein Paar Bediente herbeigeeilt kamen. Er verwies ihnen mit einem ernſten Geſicht ihre Nachläßigkeit, und befahl ihnen, ihm ſogleich ein Zimmer an⸗ zuweiſen. Sie ſchienen nicht geneigt, ſeinen Befehlen nachzukoinen. Er fragte ſie deßhalb, ob ſie nicht in's Haus gehörten. Einer von ihnen, der das Amt des Sprechers übernahm, ver ₰ ſetzte mit einem trotzigen Weſen:„Wir ſind in Dienſten des alten Sir Gamaliel geweſen, und jetzt, nach ſeinem Ableben, finden wir uns nicht verbunden, Jemand anders zu gehorchen, als der Frau und dem jungen Herrn, dem Squire Gamaliel.“ Kaum hatten ſie dieß erklärt, ſo gab ihnen unſer Held zu verſtehen, weil ſie keine Luſt hätten, einen andern Herrn als den anzuerkennen, ſo müßten ſie ſo⸗ gleich das Haus räumen, und befahl ihnen, ſich ohne Weiteres zu entfernen. Als ſie ſich aber immer noch halsſtarrig zeigten, jagten der Hauptmann und ſein Freund Hatchway ſie mit Fußſtößen zur Thür hinaus. Squire Gam, der Alles hörte, was vorfiel, und jetzt mehr denn je von dem Groll entflammt war, den er mit der Mut⸗ termilch eingeſogen hatte, flog ſeinen Treuergebenen mit einem Piſtol in jeder Hand zu Hülfe. Dabei brüllte er laut:„Diebe! Diebe!“ als ob er das Geſchäft der Fremden nicht recht verſtände und wirk⸗ lich glaubte, daß man ihn beſtehlen wollte Unter dieſem Vorwande feuerte er ein Piſtol auf ſeinen Bruder ab, der dem Schuß glück⸗ lich auswich, einen Augenblick nachher auf ihn eindrang, ihm das Smollets Romane. RII. 10 146 Piſtol aus der Hand ſchlug, und, zum Troſt ſeiner beiden Diener, ihn gleichfälls auf den Hof hinausſtieß. Mittlerweile hatte Pips und jdie beiden Poſtillone von dem Stallraume Beſitz genommen, ohne daß der Kutſcher und ſeine Knechte im Mindeſten Widerſtand leiſteten. Sie unterwarfen ſich ganz ruhig der Obergewalt ihres neuen Beherrſchers. Miſtriß Pickle war durch den Knall der Piſto⸗ len aufgeſchreckt geworden. Sie ſtürzte in Begleitung zweier Mägde und des Vikars, der noch beſtändig ſeinen Platz als Kapellan und Gewiſſensrath im Hauſe behauptete, die Treppe hinunter, und würde mit ihren Nägeln eine Attake auf unſeren Helden gemacht haben, wenn ſie ihr Gefolge nicht zurückgehalten hätte. Der Gebrauch ihrer Hände war ihr ſonach freilich benommen, aber nicht der der Zunge. Dieſe übte ſie gegen ihn mit der giftigſten Bosheit. Er wäre, ſprudelte ſie, nur hergekommen, um die Leiche ſeines Vaters zu ver⸗ höhnen, ſie zu beſchimpfen, und über ihre Betrübniß zu frohlocken. Sie beehrte ihn mit den feinen Titeln eines Schwelgers, Landſtrei⸗ chers und Galgenvogels, flehte Gott um Vergebung an, ein ſolches Ungeheuer in die Welt geſetzt zu haben, beſchuldigte ihn, er hätte die grauen Haare ſeines Vaters mit Leid in die Grube gebracht, und behauptete, deſſen Leichnam würde bluten, wenn er ſich ihm näherte, und ihn berührte. Er nahm ſich nicht die Mühe, nur Eine von dieſen abgeſchmack⸗ ten Beſchuldigungen zu widerlegen, und ließ die Raſende ruhig aus⸗ toben. Dann ſagte er ihr, ſie möchte ſich in aller Stille auf ihr Zimmer verfügen und ſich betragen, wie es einer Perſon in ihrer gegenwärtigen Lage zukäme; widrigenfalls würde er darauf beſtehen, daß ſie ſich nach einem andern Logis umſehe, denn er wäre feſt ent⸗ ſchloſſen, Herr in ſeinem Hauſe zu ſeyn. Die Dame, die aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach in der Erwartung ſtand, Peregrine würde ſich bemühen, ſie mit aller Zärtlichkeit kindlicher Unterwerfung zu beſänf⸗ tigen, wurde durch ſein cavaliermäßiges Betragen ſo erbittert, daß ihr Körper die heftigen Wallungen ihres Gemüths nicht aushalten 147 konnte: Dame Pickle fiel in Ohnmacht. Ihre Mädchen trugen ſie in dieſem Zuſtande fort. Inzwiſchen war der dienſtfertige Geiſt⸗ liche, ſo wie zuvor ſein Mündel, auf's Allerſchimpflichſte entlaſſen. Nachdem ſich unſer Held auf ſolche Weiſe ein gutes Quartier gemacht hatte, nahm er das beſte Appartement im Hauſe in Beſitz, und ließ ſeinen Schwager Clover ſeine Ankunft unverzüglich wiſſen. In weniger denn einer Stunde beſuchte ihn dieſer mit ſeiner Frau. Er wunderte ſich nicht wenig, daß Peregrine in ſeines Vaters Hauſe ſo ſchnell feſten Fuß gefaßt hatte. Das Zuſammentreffen Juliens mit ihrem Bruder war rührend. Sie hatte ihn ſtets mit der größten Zärtlichkeit geliebt und ihn als eine Zierde der Familie angeſehen, obwohl ſie mit innigem Bedauern von ſeinen Ausſchweifungen gehört hatte. Doch hielt ſie alle die Hiſtörchen, die von ihm zirkulirten, für boshafte Uebertreibungen ſeiner Mutter und des Lieblings derſelben. Indeß war ſie doch in die ängſtlichſten Beſorgniſſe gerathen, als ein Gentleman aus Lon⸗ don, mit dem Pickle zuvor bekannt geweſen war, die Nachricht von ſeiner Gefangenſchaft und ſeinem Ungemach zufälligerweiſe in dieſe Gegend gebracht hatte. Daher konnte ſie ihren Peregrine nicht ohne die zärtlichſten Regungen der Freude in den Beſitz einer rechtmäßigen Erbſchaft eingeſetzt und in dem Stand wiederhergeſtellt ſehen, den er ihres Bedünkens mit Würde und Gewicht behaupten konnte. Nach gegenſeitigen Aeußerungen inniger Geſchwiſterliebe begab ſich Julie zu ihrer Mutter, um ihr ihre Dienſte und Geſellſchaft anzubieten, obwohl dieſelben ſeit Gamaliel's Tode ſchon einmal mit anmütterlichem Hohn zurückgewieſen worden waren. Pickle zog in⸗ deſſen ſeinen Schwager über die Familienangelegenheiten zu Rathe, inſofern dieſelben zu ſeiner Kenntniß gelangt wären und ſo viel er davon habe beobachten können. Clover berichtete ihm, wiewohl er nicht mit dem Vertrauen des Verſtorbenen beehrt worden ſey, ſo kenne er doch einige von deſſen genaueren Freunden, welche Miſtriß Pickle auf ihre Seite zu bringen 148 geſucht, und die ſie ſogar dahin überredet habe, die Vorſtellungen zu unterſtützen, wodurch ſie ſich oft bemüht, ihren Gatten dahin zu vermögen, durch ein förmliches Teſtament ſeine Angelegenheiten zu ordnen. Allein er wäre immer von Zeit zu Zeit ihrem dringenden Anhalten durch bewundernswürdige Entſchuldigungen dieſer Verzöge⸗ rung ausgewichen; Entſchuldigungen, die ganz vffenbar eine Erfin⸗ dungskraft und einen Plan verriethen, welche weit über ſeine ver⸗ meintliche Fähigkeiten hinausgingen. Aus dieſem Umſtande ſchloß Clover, der alte Herr möchte ſich eingebildet haben, er würde ſeines Lebens nicht mehr ſicher ſeyn, wenn er einmal einen ſolchen Schritt gethan, der es zur Unabhängigkeit des Sohnes unnöthig machte. Dieſen Nachrichten zufolge, fuhr er in ſeiner Erzählung fort, wäre er, ſobald er Pickle's Tod vernommen, der ſich in ſeinem ge⸗ wöhnlichen Clubb zugetragen habe, geradewegs mit einem Sachwalter nach deſſen Hauſe gegangen, bevor einige Cabalen oder Verſchwö⸗ rungen gegen den rechtmäßigen Erben hätten angeſtellt werden können. Er habe ſodann in Beiſeyn der zu dem Ende mitgenommenen Zeugen alle Papiere des Verſtorbenen verſiegelt, nachdem die Wittwe in der erſten Aufwallung des Schmerzes und Verdruſſes offenherzig geſtan⸗ den hatte, daß ihr Mann ohne Teſtament geſtorben ſey. Peregrine war bei dieſer Nachricht, die alle ſeine Zweifel ver⸗ ſcheuchte, ungemein vergnügt. Er verſpeiste mit ſeinen Freunden voller Zufriedenheit die kalte Küche, die ſein Schwager in ſeinem Wagen mitgebracht hatte. Sodann begaben ſich Alle in verſchiedenen Zimmern zur Ruhe, nachdem Julie nochmals eine abſchlägige Ant⸗ wort von ihrer eigenſinnigen Mutter bekommen hatte, deren über⸗ ſtrömende Wuth wieder in das vorige Bett eines eingewurzelten ſtillen Grolls zurückgetteten war. Am folgenden Morgen wurden einige Bediente aus dem Caſtell nach Pickle's Hauſe geſchickt, und die Anſtalten zum Begräbniß ge⸗ troffen. Gam aber, der ſeine Wohnung in der Nachbarſchaft auf⸗ geſchlagen hatte, kam in einer Chaiſe und mit einem Rüſtwagen, 149 um ſowohl ſeine Mutter als deren Effekten und ſeine eigene Garde⸗ robe abzuholen. Unſer Held litt zwar nicht, daß das Scheuſal in's Haus trat, geſtattete aber, daß ſein Vorſchlag der Wittwe eröffnet wurde. Sie ergriff begierig dieſe günſtige Gelegenheit, fortzukommen, und wurde mit ihren und ihres geliebten Sohnes Sachen nach dem Orte hin⸗ geſchafft, den er für ſie bereitet hatte. Eben dahin folgte ihr das Kammérmädchen, dem Peregrine auftrug, ihrer Frau zu ſagen, ſo lange, bis für ſie eine ordentliche Verſorgung ausgemacht ſeyn würde, könne ſie ſowohl ihm in Rückſicht auf Geld, als auf alle andere Gemächlichkeiten, die er ihr zu verſchaffen vermöchte, frei befehlen. Hundertundachtes Kapitel. Pickle leiſtet ſeinem Vater den letzten Liebesdienſt, und kehrt in einer ſehr wichtigen Abſicht nach London zurück. Nachdem Peregrine, ſeine Freunde und Hausleute Trauerkleider gefertigt und alle übrige Zurüſtungen getroffen worden waren, wurde die Leiche ſeines Vaters ohne vieles Gepränge in der Pfarrkirche beigeſetzt. Hierauf wurden deſſen Papiere im Beiſeyn vieler recht⸗ lichen und redlichen Leute, die zu dem Ende eingeladen waren, un⸗ terſucht. Es fand ſich weder Teſtament, noch ſonſt eine Schrift zum Beſten des zweiten Sohnes vor, obſchon ſich aus dem Ehekontrakte ergab, daß die Wittwe einen Jahrgehalt von fünfhundert Pfund zu genießen haben ſollte. Die übrigen Papiere beſtanden aus Südſee⸗ Oſtindien⸗Scheinen, Pfänderverſchreibungen, hypothekariſchen Bank⸗ noten und Staatsanweiſungen, bis zu dem Betrag von achtzigtauſend 15⁵5⁰ ſiebenhundertundſechszig Pfund, Haus, Silbergeſchirr, Möbeln, Kutſche und Pferde, Viehſtand, Garten und den daran ſtoßenden Park unge⸗ rechnet. Letztere waren von ſehr beträchtlichem Umfange. Dieſe Summe überſtieg ſeine kühnſte Erwartung und mußte ſeine Phantaſie nothwendig mit den angenehmſten Bildern erfüllen. Er wurde von ſeinen Nachbarn auf dem Lande als ein Mann von großer Bedeutenheit angeſehen. Sie beſuchten ihn, um ihm zu gratuliren, und begegneten ihm mit ſolcher Ehrerbietung, daß ſie wirklich einen jungen Mann von ſeiner Gemüthsbeſchaffenheit, der nicht die Vor⸗ theile der Erfahrung gehabt, die er für einen ſo unmäßig hohen Preis erlangt hatte, ganz zu Grunde gerichtet haben würde. Da⸗ durch ward er nun behutſam geworden, und ertrug ſein Glück mit erſtaunlicher Mäßigung. Seine Leutſeligkeit und Beſcheidenheit ent⸗ zückte Jedermann. Als er Umfahrt hielt, um ſeinen Gutsnachbarn den ſchuldigen Gegenbeſuch zu machen, ward er von ihnen ungewöhnlich liebreich und zuvorkommend aufgenommen und gebeten, ſich als Candidat bei der nächſten Wahl eines Parlamentsglieds für ihre Grafſchaft anzu⸗ geben, indem ihr jetziger Repräſentant an einer gefährlichen Krank⸗ heit darniederliege. Auch blieb ſeine Geſtalt und ſein einnehmendes Betragen von den Damen nicht unbemerkt; manche von ihnen trugen kein Bedenken, ihre Reize vor ihm zu entfalten, in der Abſicht, einen reichen Fang an ihm zu thun. Ja, auf einen gewiſſen Peer, der in dieſem Theile des Landes reſidirte, machte dieſe Erbſchaft einen ſol⸗ chen Eindruck, daß er Pickle's Bekanntſchaft auf's Eifrigſte ſuchte und ihm ohne alle Winkelzüge ſeine einzige Tochter mit einer ſehr beträchtlichen Ausſteuer zur Frau anbot. Bei dieſer Gelegenheit benahm ſich unſer Held, wie es einem Mann von Ehre, Bildung und Gefühl geziemt. Er gab dem Lord mit großer Freimüthigkeit zu verſtehen, daß ſein Herz bereits ver⸗ ſagt ſey. Es war ihm lieb, eine Gelegenheit zu haben, ſeiner Lei⸗ denſchaft für Emilien ein ſolches Opfer zu bringen. Seine Liebe 151 entflammte ihn jetzt zu ſo heftiger Ungeduld, daß er in möglichſter Eile nach London abzureiſen beſchloß. Zu dem Ende wandte er jetzt beinahe jede Stunde zu Ordnung ſeiner häuslichen Angelegenheiten an. Er dankte die Bedienten ſeines Vaters ſämmtlich ab, miethete andere auf Empfehlung ſeiner Schwe⸗ ſter, welche die Verwaltung ſeines Hauſes während ſeiner Abweſen⸗ heit zu übernehmen ihm verſprach. Er bezahlte das erſte halbe Jahr des Wittwengehalts ſeiner Mutter voraus, und ſeinem Bruder Gam gab er mehrere Gelegenheiten, ſeine Vergehungen gegen ihn zu er⸗ kennen, ſo daß er es wohl vor ſeinem Gewiſſen hätte verantworten dürfen, wenn er einen Schritt zu ſeiner Ausſöhnung gethan. Allein den jungen Herrn hatte das Unglück noch nicht genug gedemüthigt, und er unterließ nicht nur, Friedensvorſchläge zu thun, ſondern er ergriff auch jede Gelegenheit, über die Aufführung unſeres Helden zu läſtern, und ſeine Perſon herabzuſetzen. In dieſem Verfahren beſtärkte ihn ſeine billigdenkende Mama, ja ſie reizte ihn ſogar dazu auf. Nachdem nun ſolchergeſtalt vor der Hand Alles regulirt war, machte ſich das Triumvirat wieder auf den Rückweg nach London, auf eben die Weiſe, wie es dorther gekommen war. Nur eine kleine Abänderung fand Statt, nämlich die, daß Hatchway ſtatt des Pips, der ſie mit noch einem andern Bedienten zu Pferde begleitete, den neu ausſtaffirten Kammerdiener bei ſich in der Chaiſe hatte. Sie mochten etwa zwei Drittheile ihrer Reiſe zurückgelegt haben, als ſie von ungefähr auf einen Landjunker ſtießen, der von dem Beſuch bei einem ſeiner Nachbarn zurückkam. Dieſer hatte ihn ſo gaſtfrei bewirthet, daß er, wie der Lieutenant bemerkte, bei jeder Bewegung ſeines Pferdes, das ein trefflicher Renner war, wie die Kanonenläufe rollte, wenn die See hoch geht. Als die Chaiſen in voller Eile bei ihm vorbeifuhren, erhob er das Jagdgeſchrei mit einer Stimme, die wie ein Waldhorn klang, und gab zugleich ſeinem Rothfuchſe die Sporen, um mit dem Wagen gleichen Schritt zu halten. 152 Von einem ungewöhnlichen Zufluß von Lebensgeiſtern beſeelt, befahl Peregrine ſeinem Poſtillon, langſam zu fahren, und ließ ſich mit dem Fremden in ein Geſpräch über den Bau und das Feuer ſeines Pferdes ein. Er urtheilte darüber mit ſolcher Sachkenntniß und Ausführlichkeit, daß der Junker über ſeine tiefe Wiſſenſchaft erſtaunte. Sein Diskurs hatte ihn ſo erbaut, daß er, als ſie ſeiner Wohnung nahe waren, unſern Helden und ſeine Geſellſchaft erſuchte, zu raſten, und eine Flaſche von ſeinem Bier zu trinken. Er drang, er ſtürmte ſo ſehr in ſie, daß ſie ihm endlich ſeine Bitte gewährten. Demzufolge führte er ſie durch eine weite Allee, die bis auf die Heerſtraße ging, an die Thore eines großes Schloſſes. Das Anſehen dieſes Gebäudes war ſo edel und ehrwürdig, daß ſie bewogen wurden, abzuſteigen, und die Zimmer in Augenſchein zu neh⸗ men, da ſie zuvor nur Willens geweſen waren, ein Glas von des Junkers Oktoberbier vor der Thür zu trinken. Sie fanden die Gemächer der vrachtvollen Außenſeite ganz ent⸗ ſprechend. Unſer Held glaubte nunmehr das ganze Schloß durch⸗ gangen zu haben, als ihnen der Wirth zu verſtehen gab, ſie hätten das beſte Zimmer in ſeinem Hauſe noch nicht geſehen. Sogleich führte er ſie in einen geräumigen Speiſeſaal. Peregrine trat in denſelben nicht ohne deutliche Aeußerungen eines ungemeinen Er⸗ ſtaunens. Das Getäfel war ringsum mit Gemälden in Lebensgröße von Van Dyck bedeckt. Ein jedes hatte eine lächerliche Knotenperücke auf, vom Schlage derjenigen, die an den Buden der Zweipenny⸗ Barbiere zu hängen pflegen. Die engen Stiefeln, worin die Figuren anfänglich gemalt waren, und verſchiedenes Andere in ihren Attitüden und in ihrer Drapperie, das zu ihrem ungeheuren Hauptſchmuck ganz und gar nicht paßte, ſah ſo komiſch aus, daß Pickle's Verwun⸗ derung in Kurzem ſeiner Luſtigkeit wich. Er bekam eine ſo heftige Anwandlung von Lachen, daß ihm der Odem beinahe darüber ausblieb. 153 Der Landjunker, dem dieß halb behagte und halb verdroß, ſagte: „Ich wees, warum Sie ſo entſetzlich lachen thun. Es kömmt Ihnen ſchnackiſch vor, meine Vorfahren in Stiefeln un Sporen mit ſo großmächt'gen Allongeperücken zu ſehen. Hören Sie nur, wie das Ding zuſammenhängt. S war mir'n Dorn im Auge daß meinen Familjengemälden'ne Partie loſe Haare um die Augen hing, wie bei'en Füllen. Ich kriege alſo'nen Malerburſchen aus London her, ihnen ganz ſchmucke Perücken ufzuſetzen, das Stück zu fünf Schilling. Doch verakkordirt ich mit'em, ſie all' mit'nander mit'nem feinen Paar Schuh und Strümpfen zu verſehen, das Stück zu drei Schil⸗ ling. Abers der Schuft dachte, wie er die Kopfdeckels fertig hatte, ich müßte mir jeden Preis gefallen laſſen, un wollte vor ſo'ne Ge⸗ malnes vier Schillinge von mir'raustrecken. Eh' ich mich nun ſo über's Ohr wollte hauen laſſen, ließ ich den Kerl lieber lvofen un will ſie ſtehen laſſen, bis mal'n anderer Bruder Schmierpinſel heraußer kommt, der räſonabler is.“ Pickle lobte ſein Thun, obwohl er ſich im Stillen über einen ſo erzbarbariſchen Gothen kreuzigte und ſegnete. Nachdem ſie zwei oder drei Flaſchen von ſeinem Oktoberbier geleert hatten, ſetzten ſie die Reiſe fort, und kamen Abends um eilf Uhr in London an. 154 Hundertundneuntes Kapitel. Pickle verſchafft ſich die reichlichſte Schadloshaltung für alle ihm bisher widerfahrene Kränkungen. Geoffry, der von ſeiner Schweſter unter dem Vorwande Abſchied genommen hatte, daß er mit Peregrine einen kleinen Ausflug machen müſſe, weil ſeine Geſundheit nach einer ſo langen Gefangenſchaft einer Erholung bedürfte, ließ ihr noch an demſelben Abend ſeine Ankunft melden und zugleich ſagen, daß er am folgenden Morgen bei ihr frühſtücken würde. Der Hauptmann und unſer Held kleideten ſich zu dem Ende gehörig an, nahmen einen Miethwagen und fuhren nach der Woh⸗ nung der jungen Dame. Dort führte man ſie in ein Vifitenzimmer⸗ das an ein anderes ſtieß, wo der Theetiſch in Bereitſchaft ſtand. Die beiden Freunde hatten hier nur wenige Minuten gewartet, als ſie Mädchentritte kommen hörten. Unſerem Helden fing das Herz nicht wenig an zu klopfen, und er verbarg ſich auf ſeines Freundes Anrathen hinter einer ſpaniſchen Wand. Als des Letztern Ohren von Sophiens Stimme aus dem nächſten Zimmer begrüßt wurden, ſtürzte er mit vielem Feuer in daſſelbe und genoß auf ihren Lippen die Wonne einer ſo unerwarteten Zuſammenkunft; denn er hatte das liebe Weibchen in ihres Vaters Hauſe zu Windſor gelaſſen. In ſeinem Entzücken hätte er beinahe Peregrine's Lage vergeſ⸗ ſen, als Emilie ein bezauberndes Weſen annahm und zu ihm ſagte: „Iſt dergleichen Treiben nun wohl ein Anblick für ein junges Mäd⸗ chen, wie ich, die durch den wunderlichen Eigenſinn ihres Liebhabers dazu verdammt iſt, ledig zu bleiben? Lieber Bruder, du haſt mir einen recht üblen Streich geſpielt, daß du jenen Abſtecher mit mei⸗ nem hartnäckigen Correſpondenten begünſtigteſt. Ich vermuthe, dieſer vorüberſchießende Strahl von Freiheit wird ihn ſo bezaubert haben, daß er ſich nicht wird überreden laſſen, für die Zukunft unnöthige Feſſeln zu tragen.“ 155⁵ „Liebe Schweſter,“ verſetzte der Hauptmann ſpöttiſch,„dein Stolz ſtellt ihm ein Beiſpiel vor Augen; daher mußt du dir die Folgen von ſeiner Nachahmung gefallen laſſen.“ „Gleichwohl iſt es hart,“ entgegnete die ſchöne Beleidigerin, „wegen eines verzeihlichen Vergehens Zeitlebens zu leiden! Wer ſollte ſich's vorſtellen, daß ein munteres Mädchen, wie⸗ich, mit zehn⸗ tauſend Pfund betteln gehen ſollte? Ich habe nicht übel Luſt, den erſten Beſten zu nehmen, der mich verlangt, um mich an dem ſtarr⸗ föpfigen Grillenfänger zu rächen. Ließ denn der theure Junge die ganze Zeit über, daß er auf freiem Fuß iſt, keine Neigung ſpüren, mich zu ſehen? Nun gut, haſche ich den Flüchtling je wieder, ſo ſoll er mir Zeitlebens in ſeinem Käfig ſingen müſſen!“ Es iſt unmöglich, dem geneigten Leſer einen deutlichen Begriff von Peregrine's Entzücken zu machen, als er dieſe Scherzrede Emi⸗ liens mit anhörte. Kaum war dieſe geſprochen, ſo konnte er den Ungeſtüm ſeiner Leidenſchaft nicht länger zügeln. Er flog aus ſeinem Verſteck hervor, und rief:„Hiermit ergeb' ich mich!“ Allein als er Emilien erblickte, ward er von ihrer Schönheit ſo geblendet, daß ihm die Sprache verſagte. Er blieb unbeweglich, wie eine Bildſäule, ſtehen; Bewunderung hatte alle Kräfte ſeines Körpers und ſeiner Seele verſchlungen. In der That ſtand ſie jetzt in der vollen Blüthe ihrer Reize, und es war faſt unmöglich, ſie ohne Bewegung zu be⸗ trachten. Wie groß mag nun das Entzücken Peregrine's geweſen ſeyn, deſſen Leidenſchaft durch Alles das auf's Höchſte entflammt wurde, was nur ein Menſchenherz zu reizen vermag! Sophie und Emilie ſchrieen laut auf bei ſeinem Erſcheinen. Emilie gerieth durch daſſelbe ſo in Wallung, daß jeglicher Reiz an ihr mit unwiderſtehlicher Kraft aufblühte; ihre Wangen erglühten vom zarteſten Roth und ihr lilienweiſer Buſen wogte ſich ſo zaube⸗ riſch auf und nieder, daß der Flor ihn nicht verbergen oder zurück⸗ halten konnte. Für Pickle war dieß eine paradieſiſche Viſion. Indem unſer Held vor unausſprechlicher Wonne faſt ohnmächtig 156 wurde, ſchien ſie bei dem Aufruhr in ihrem Innern, den Zärtlichkeit und Schaam ihr verurſachten, beinah' zu Boden zu ſinken. Als Peregrine ſie in dieſem Zuſtande erblickte, gehorchte er dem Triebe ſeiner Leidenſchaft, und ſchloß die Zauberin in ſeine Arme, ohne da⸗ für im Mindeſten durch einen finſteren Blick oder eine andere Aeuſ⸗ ſerung des Mißvergnügens beſtraft zu werden. Alle Vergnügungen ſeines Lebens waren mit der unausſprechlichen Freude, die er in dieſer Umarmung genoß, nicht zu vergleichen Er war einige Minuten lang ganz außer ſich, hing mit aller Trunkenheit der Liebe an ihren ſchwellenden Lippen, ſein Gehirn ſchien im Taumel der Wonne um⸗ herzukreiſen, und er rief im Wahnſinn des Entzückens:„Himmel und Erde! dieß iſt zu viel!“ Sophie ſchlug ſich deßhalb in's Mittel, theilte ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit, und ſpannte ſeine Imagination einigermaßen durch den freundlichen Verweis herunter, daß er ſeine alten Freunde ganz überſähe. Auf dieſe Anrede ließ er den holden Gegenſtand fah⸗ ren, den er umarmt hielt, machte der Miſtriß Gauntlet ſein Compliment, und bat wegen dieſer Vernachläßigung um Verzeihung. „Meine Unart,“ ſetzte er hinzu,„iſt zu entſchuldigen, wenn Sie die lange und unglückliche Verbannung von dem Kleinod meiner Seele zu erwägen belieben.“ Sodann wandte er ſich zu Emilien, und ſagte zu ihr:„Ich bin gekommen, Miß, um die Erfüllung des Verſprechens zu verlangen, das ich von ihrer eigenen ſchönen Hand aufzeigen kann. Setzen Sie daher nur alle überflüſſigen Ceremonien und alle unnöthige Schüchternheit bei Seite! Krönen Sie ohne ferne⸗ ren Aufſchub meine Wünſche! Denn bei Gott, alle meine Gedanken ſchweben auf dem äußerſten Gipfel der Erwartung, und ich werde zuverläßig wahnſinnig, wenn ich zu einer Probezeit verdammt werde.“ Indeß hatte ſich ſeine Gebieterin wieder geſammelt, und verſetzte mit einem ſehr aufmunternden Lächeln:„Ich ſollte Sie für Ihre Hartnäckigkeit billig mit einer Probezeit von zwölf Monaten be⸗ ſtrafen. Allein bei einem Bewunderer von Ihrem Charakter iſt ein ſolcher Verſuch gefährlich. Daher, denke ich, muß ich mich Ihrer verſichern, ſo lange es in meiner Macht ſteht.“ „So ſind Sie denn geneigt, im Angeſicht des Himmels und dieſer Zeugen, Glück und Unglück mit mir zu theilen?“ rief Pere⸗ grine, indem er vor ihr niederknieete und ihre Hand an ſeine Lippen drückte. Auf dieſe Frage bildeten ihre ſanfter gewordenen Züge zum Bewundern die Aeußerung willfähriger Liebe. Sie warf von der Seite einen Blick auf ihn, der ihm durch Mark und Beine fuhr, ſtieß einen Seufzer aus, der ſanfter war als die balſamiſchen Fittiche des Weſtes, und verſetzte:„Nun wohl denn— ja; aber der Him⸗ mel verleihe mir die Geduld, die Laune eines ſolchen Lebensgefährten zu ertragen.“—„Und mir verleihen eben die Mächte Leben und Gelegenheit, meine unermeßliche Liebe zu beweiſen! Inzwiſchen habe ich achtzigtauſend Pfund, die ſogleich in Ihren Schvoß gelegt werden ſollen!“ Kaum hatte er dieß geſagt, ſo verſiegelte er den Vergleich auf ihren Lippen, und erklärte das Geheimniß der letzten Worte, welche die beiden Schweſtern in Verwunderung zu ſetzen begonnen hatten. Sophie war durch dieſe Nachricht von ſeinem Glück gar angenehm überraſcht worden; und aller Wahrſcheinlichkeit nach war ſie auch der liebenswürdigen Emilie nicht zuwider. Doch nahm ſie aus die⸗ ſem Bericht Gelegenheit, ihrem Bewunderer ſeinen unbiegſamen Stolz vorzuhalten, der(ſie trug kein Bedenken, dieß zu ſagen) alle Zuredungen ihrer Liebe vereitelt haben würde, wenn er nicht durch dieſes von der Vorſicht bewirkte Ereigniß zufrieden geſtellt worden wäre. Da nun Alles zu einer ſo glücklichen Reife gediehen war, bat der Liebhaber, daß man ſich ſofort nach der Kirche verfügen und ſein Glück noch vor dem Abend beſtätigen möchte. Allein die Braut machte gegen ſolche Eile mit großem Eifer Einwendungen, indem ſie ihre Mutter bei der Trauung gegenwärtig wünſchte. Ihre Schwä⸗ gerin unterſtützte ſie in dieſer Meinung. Peregrine, ganz außer ſich vor Begierde, ſetzte ihr mit den an⸗ 158 gelegentlichſten Bitten zu, und ſtellte ihr vor, da man die Einwilli⸗ gung der Mutter bereits habe, ſy könne gar kein Aufſchub nöthig ſeyn, der auf ſein Gehirn und ſeine Geſundheit unfehlbar einen gefährlichen Eindruck machen müßte. Er ſiel ihr in der Todesangſt der Ungeduld zu Füßen, und ſchwur, daß ſein Leben und ſein Ver⸗ ſtand durch ihre Weigerung in Gefahr ſchwebe; und da ſie ihn durch Gründe von ſeinem Begehren abzubringen ſuchte, begann er ſolche Erceſſe zu begehen, daß Sophie aus Schreck ſich von ihm überzeugen ließ; und die liebenswürdige Emilie wurde, da Geoffry die Vorſtel⸗ lungen ſeines Freundes verſtärkte, aus Ueherdruß des vielen Beſtür⸗ mens zur Nachgiebigkeit vermocht. Nach dem Frühſtück fuhr der Bräutigam mit ſeinem Freunde nach der Kammer der Gemeinen, um einen Trauſchein auszuwirken, nachdem ſie zuvor wegen des Hauſes einig geworden waren, wo die Ceremonie vollzogen werden ſollte. Als ſie den Erlaubnißſchein hat⸗ ten, fanden ſie Mittel, einen Geiſtlichen dahin zu vermögen, daß er ihnen zur beliebigen Zeit und am beliebigen Orte zu Dienſten zu ſtehen verſprach. Darauf ward ein Ring gekauft und der Lieutenant aufgeſucht. Sie ſpeisten mit Hatchway zu Mittage in einer Taverne, und machten ihn nicht nur mit jedem Schritt bekannt, den ſie gethan hatten, ſondern baten ihn auch, die Braut zum Altare zu führen. Jack zeigte ſich mit beſonderen Aeußerungen der Freude bereit, dieſes Ehrenamt zu übernehmen. Als er aber von ungefähr zum Fenſter hinausblickte, ſah er Cadwallader kommen, den Peregrine durch den Pips hatte nach dem Wirthshauſe beſcheiden laſſen. Sogleich lehnte er dieß Geſchäft zu Gunſten des Alten ab. Mithin beſtimmte man Crabtree zu dieſem Werke, in der Vorausſetzung, daß dieſes Zeichen der Hochachtung dazu dienen würde, um ſo leichter ſeinen Beifall zu einer Heirath zu erlangen, der er ſich ſonſt zuverläßig widerſetzen würde, weil er ein erklärter Feind des Eheſtandes war, und von Peregrine's Vorhaben noch nicht das Geringſte wußte. 159 Nachdem der Menſchenfeind Pickle zu ſeiner Erbſchaft gratulirt und ſeinen beiden Freunden die Hand geſchüttelt hatte, fragte er grämlich, weſſen Mähre denn krepirt wäre, daß man ihn in ſo ver⸗ dammter Haſt von ſeinem Mittagsmahle aufgeſchreckt hätte.„Wir haben,“ ſagte unſer Held zu ihm,„uns verbindlich gemacht, mit zwei liebenswürdigen Damen Thee zu trinken, und es ſollte uns nahe gegangen ſeyn, wenn wir die Gelegenheit verloren hätten, Ihnen eine Freude zu machen.“ Bei dieſer Nachricht ſchrumpfte Crabtree's Ge⸗ ſicht zuſammen wie ein Herbſtblatt; er verfluchte ſeine Willfährigkeit und ſchwur, ſie ſollten ohne ihn in die Theegeſellſchaft gehen; denn Leichtfertigkeit und er hätten ſchon ſeit langen Jahren einander Valet geſagt. Da ihn inzwiſchen der Bräutigam mit einem alten Fuhrmann verglich, der noch immer gern klatſchen hörte, und einige ſchmeichel⸗ hafte Winke von ſeiner Mannheit ſelbſt noch in den jetzigen Jahren fallen ließ, ſo vermochte er ihn allmählig dahin, ſie zu begleiten. Sie wurden in den Speiſeſaal geführt und hatten noch nicht drei Minuten gewartet, als auch der beſtellte Geiſtliche erſchien, der die Stunde genau eingehalten hatte. Kaum erblickte Cadwallader den Schwarzrock, ſo fragte er den Hauptmann, ob das der Hauptgelegenheitsmacher wäre? Ehe ihm Gauntlet antworten konnte, fuhr er fort:„Was für ein lockerer Zeiſig doch der Pickle iſt! Kaum iſt er aus dem Kerkerloche her⸗ aus, und hat ein wenig friſche Luft geſchöpft, ſo hält er ſich ſchon einen Kuppler in Prieſterkleidung.“ Die Thüre öffnete ſich jetzt abermals, und Emilie trat herein. Ihr Weſen war ſo voller Würde und ihr Anblick ſo göttlich, daß ſie jeden Anweſenden mit Erſtaunen und Bewunderung erfüllte. Der Lieutenant, der ſie ſeit der Zeit nicht geſehen hatte, da ihre Reize zu ſolcher Vollkommenheit gereift waren, zeigte ſeine Bewunderung und ſeinen Beifall durch den Ausruf:„Wetter noch'nmal, was für 'ne prächtige Galeere!“ Das Geſicht des Menſchenfeindes verwan⸗ delte ſich in das Antlitz eines Gebirgsbockes. Er leckte inſtinktmäßig ſeine Lippen, ſchnappte nach Luft, und blinzelte auf eine ſcheußliche Weiſe nach Emilien. Die Braut ſetzte ſich indeß mit ihrer Schwägerin; Hatchway erneuerte ſeine Bekanntſchaft mit der erſten, die ſich ſeiner mit be⸗ ſonderer Höflichkeit erinnerte. Peregrine zog ſodann ſeinen Freund Crabtree in ein anderes Zimmer, und eröffnete ihm die eigentliche Abſicht ihrer Zuſammenkunft. Kaum hatte Letzterer ſie vernommen, als er zu entrinnen verſuchte und keine andere Antwort gab, als die: „Verflucht über Eure Heirath! Pfui Teufel! Könnt Ihr denn Euren Hals nicht in die Schlinge ſtecken, ohne mich zum Zeugen Eurer Tollheit zu machen?“ Um den Widerwillen Crabtree's zu beſeitigen, eilte unſer jun⸗ ger Herr an die Thüre des nächſten Zimmers, und bat um die Er⸗ laubniß, Emilien ſprechen zu dürfen. Er ſtellte ihr den alten Murr⸗ kopf von Hageſtolz als einen ſeiner vertrauteſten Freunde vor, der die Ehre zu haben wünſchte, ſie ihm bei der Trauung zum Altar zu führen. Das bezaubernde Lächeln, womit die Braut ſein Compli⸗ ment hinnahm, und ihm ſein Geſuch gewährte, überwältigte mit Einem Male die Abneigung des Miſanthropen. Sein Geſicht nahm den Ausdruck einer noch nie an ihm geſehenen Milde an, und er dankte ihr auf's Höflichſte für dieſen ſo angenehmen Beweis ausge⸗ zeichneter Achtung. Er führte die junge Dame in den Speiſeſaal, wo die Feierlichkeit ohne Verzug vor ſich ging. Der Ehemann be⸗ hauptete darauf ſein Vorrecht auf ihren Lippen, und die ganze Ge⸗ ſellſchaft begrüßte ſie nun mit dem Namen Miſtriß Pickle. Ich überlaſſe es dem gefühlvollen Leſer, ſich vorzuſtellen, was jetzt in der Bruſt der Neuvermählten vorging. Peregrine erglühte von unausſprechlicher Sehnſucht und Ungeduld, während ſich in das Entzücken der Braut holdes Schaamgefühl miſchte. Gauntlet ſah ein, daß es für Beide zu viel ſeyn würde, die gegenwärtige tantaliſche Situation bis auf den Abend ohne einen Zeitvertreib zu ertragen, der ſie zu zerſtreuen im Stande wäre. Er ſchlug ihnen daher vor, einen Theil des Abends im Marybonegarten* hinzubringen, der da⸗ mals von der beſten Geſellſchaft aus der Stadt beſucht wurde. Dieſer Plan fand bei der klugen Sophie Beifall, denn ſie merkte die Abſicht ihres Mannes; und die Braut ließ ſich von ihrer Schwägerin überreden. Mithin wurden nach dem Thee zwei Chaiſen beſtellt, und Peregrine ward auf der Hinfahrt mit Gewalt von ſeiner Geliebten getrennt. Als ſie vor dem Orcheſter ſtanden und einer engliſchen Ballade aufmerkſam zuhörten, die vortrefflich vorgetragen wurde, gewahrte Peregrine einen eomödiantiſch⸗flimmernden Franzoſen, der ſich an einen Pfeiler gelehnt hatte und einen Monolog über die barbariſche Geſchmackloſigkeit in England hielt, die ſich durch den Beifall bei einem ſo elenden Produkte deutlich zeigte. Da die Bemerkungen des Stutzers mit übermüthigen Reflerionen in Betreff der ganzen Nationen durchwebt waren, ſo zeichnete ihn Pickle als einen taug⸗ lichen Gegenſtand der Verſpottung aus, und ſann darauf, ihn vor der ganzen Geſellſchaft lächerlich zu machen. Denn er hielt ihn für einen unverſchämten Kammerdiener, der bei Nacht den Cavalier ſpie⸗ len wollte. Allein der Fremde überhob ihn der Mühe, ſeine Erſin⸗ dungskraft in Koſten zu ſetzen. Einer von den Aufwärtern des Hauſes hatte die Zeche der Geſellſchaft, die er bediente, gerade an den Pfeiler geſchrieben, den der Franzmann einzunehmen für gut befunden hatte. Als er ſich nun entfernte, nahm er natürlich den größten Theil der Rechnung auf ſeinem Haarbeutel und Schultern mit ſich. Der Aufwärter kam, um noch eine Flaſche zur Zeche zu ſchreiben, und fand die Rechnung beinahe ganz ausgelöſcht. Hierüber fing er mit den Umſtehenden einen gewaltigen Lärm an. Unſer Held erzählte dieſem Menſchen, auf welche Art ſich das * Ein öffentlicher Vergnügungsort. Smollet's Romanc. XIMI. 11 162 Unglück begeben hatte, und zeigte ihm die Perſon, die den Abdruck der Zeche mit ſich herumtrug. Kaum hatte der Burſche dicſe Nach⸗ richt erhalten, als er einige ſeiner Collegen zu Hülfe rief, und dem Schuldigen nachſetzte. Peregrine bat indeß ſeine Geſellſchaft, auf dieſe Scene Acht zu haben. Der Aufwärter ſagte zum Stutzer, er habe ihm einen Theil ſeiner Rechnung mitgenommen, und er erſuche ihn, wieder umzukehren, damit er die Zeichen auf ſeinem Haarbeutel mit den Fragmenten auf dem Pfeiler vergleichen könne. Der Franzos, der gar kein Engliſch verſtand, glaubte anfangs, da er ſich von dieſem Burſchen auf eine ſehr muthwillige Art ange⸗ redet ſah, ſowohl dieſer als ſeine Cameraden wären in der Abſicht gekommen, ihn zu beſchimpfen, weil er ein Fremder ſey. Daher hielt er es für ſeine Schuldigkeit, die Würde ſeiner Nation zu be⸗ haupten; er fing an, in ſeiner Mutterſprache den Ton hoch zu ſtimmen, und legte, um ſeinen Worten Nachdruck zu geben, in ſehr drohender Stellung Hand an den Degen. Allein die Verbündeten ſtürzten auf ihn zu, verſicherten ſich ſeiner Arme und führten ihn durch eine Reihe Volks zurück, das ſich auf beide Seiten geſtellt hatte und über ſeine Gefangenſchaft herzlich lachte. Der Fremde glaubte jetzt, er habe gegen die engliſchen Ge⸗ ſetze verſtoßen, und ſey deßhalb verklagt und in Haft genommen wor⸗ den. Er betheuerte unter den poſſierlichſten Aeußerungen der Furcht, daß er von dem Verbrechen, um deſſentwillen man ihn feſtgenom⸗ men hätte, ganz und gar nichts wüßte, und daß er ganz unſchul⸗ dig wäre. Nachdem man ihn zu ſeinem vorigen Platz zurückgeführt hatte, ſtellte man ihn mit dem Rücken an den Pfeiler. Die getrennten Theile der Zeche paßten ſo genau in einander wie ein Paar Kerb⸗ hölzer. Auf dieſe Weiſe gelang es, die Rechnung zuſammenzufügen. Als dieß geſchehen war, ließen ſie ihren Gegner wieder los, der ſich mit dem Angſt⸗ und Jammergeſicht der Erwartung unter ihren Hän⸗ den befunden und allen Zuſchauern viel Vergnügen gemacht hatte. 163 Ein großer Theil von den Letzteren begleitete ihn noch bis zur Thüre, aus der er mit der größten Eile ſeinen Rückzug nahm. Nachdem die Neuvermählten mit ihrer Geſellſchaft den Abend auf's Beſte hinzubringen ſich bemüht und in einem von den kleinen Gemächern ein einfaches Abendeſſen zu ſich genommen hatten, war Peregrine's Geduld erſchöpft. Er zog Geoffry bei Seite, und ent⸗ deckte ihm ſeine Abſicht, ſich dem Seewitz ſeines Freundes Hatchway heimlich zu entziehen, der ſonſt ſeinem Glück unzeitige Hinderniſſe in den Weg legen möchte, die er jetzt unmöglich ertragen könnte. Gauntlet, der mit ſeiner Ungeduld Mitleiden hatte, übernahm es, den Lieutenant mit vollen Gläſern auf das Wohlſeyn der Braut⸗ zu berauſchen. Mittlerweile erſuchte er Sophie, ſich mit ſeiner Schweſter unter Cadwallader's Führung fortzubegeben, der ſie nach Hauſe zu bringen verſprach. Die Frauenzimmer wurden demzufolge nach den Wagen geführt, und Jack ſchlug dem Hauptmann vor, dem Bräutigam zum Spaß ſo mit Trinken zuzuſetzen, daß er wenigſtens noch Eine Nacht nicht im Stande wäre, die Früchte ſeines Glücks zu genießen. Gauntlet ſchien an dieſem Plan Behagen zu finden. Sie beredeten Pickle, ihnen in eine gewiſſe Taverne zu folgen, wo ſie auf den Abſchied vom Junggeſellenſtande ein Gläschen zuſammentrinken wollten. Hier machte die Flaſche ſo lange die Runde, bis Hatchway eine Verän⸗ derung in ſeinem Gehirn verſpürte. Weil er ſich aber des Huts und Degens von unſerem Helden verſichert hatte, ſo war ihm gar nicht mehr bange, daß er entwiſchen würde. Gleichwohl geſchah es, und der junge Mann eilte auf den Fittichen der Liebe in die Arme ſeiner bezaubernden Braut. Er fand Crabtree im Beſuchzimmer, der auf ſeine Wiederkehr harrte, und ganz dazu geſtimmt war, ihm eine Vorleſung über die Mäßigkeit zu halten. Allein er achtete wenig darauf, klingelte nach Emiliens Kammermädchen, und fragte ſie, ob ihre Herrſchaft ſchon zu Bette ſey? Als die Zofe dieß bejaht hatte, ſchickte er ſie 164 hinauf, ſeine Ankunft zu melden, zog ſich bis auf Wams und Pan⸗ toffeln aus, und wünſchte dem Miſanthropen gute Nacht, nachdem er ihm zuvor geäußert hatte, daß er ihn morgen wieder ſehen möchte. Jetzt eilte er nach dem wonnevollen Schauplatz, wo er die ſchönſte Tochter der Keuſchheit und Liebe in dem zierlichſten Nacht⸗ kleide fand. Als er ſich näherte, drückte Schaam und Verwirrung ſie zu Boden, und ſie verbarg ihr liebenswürdiges Geſicht vor dem ſeinigen, aus dem lauter Entzücken ſprach. Als Miſtriß Gauntlet ſeine fun⸗ kelnden Augen erblickte, küßte ſie ihre reizende Schweſter, um zu gehen. Dieſe ſchlang ihre ſchneeweißen Arme um ihren Nacken, und würde ſie noch gern länger im Zimmer behalten haben, hätte Peregrine ihre Vertraute nicht ſanft aus ihren Umarmungen los⸗ gewunden und ſie mit Zittern an die Thüre geführt. Nachdem er dieſe verſchloſſen und verriegelt hatte, benutzte er ſein gutes Glück, und ſeine Seligkeit war grenzenlos. Als er am folgenden Tage gegen Mittag aufſtand, fand er ſeine drei Freunde verſammelt. Er hörte jetzt, daß Jack ſelbſt in die Grube gefallen ſey, die er ihm gegraben, und daß er habe in der Taverne bleiben müſſen, wo ihn das Getränk überwältigt hatte, ein Umſtand, wovor er ſich ſo ſchämte, daß Peregrine und deſſen Frau vielen Scherzreden entgingen, die er zuverläßig ausgeſchüttet haben würde, wenn er ſich frei von jeder Schande gewußt hätte. Eine halbe Stunde nachdem unſer Held gekommen war, erſchien Miſtriß Pickle mit Sophie. Sie glühte wie die Aurora oder wie die Göttin der Geſundheit, und ſtrahlte in unvergleichlicher Schön⸗ heit. Alle Anweſende wünſchten ihr zu der Veränderung ihres Standes Glück, Niemand aber feuriger als Crabtree. Dieſer alte Mann erklärte, er wäre mit ſeines Freundes Glück ſo ſehr zufrieden, daß er beinahe mit einer Inſtitution ausgeſöhnt ſey, gegen die er den größten Theil ſeines Lebens losgezogen habe. An Miſtriß Gauntlet ward ſofort ein Eilbote abgeſchickt, um 165 ihr die Nachricht von der Verehelichung ihrer Tochter zu melden. Man miethete ein Landhaus, ſchaffte Wagen und Pferde an, und das neue Paar zeigte ſich nun zum Erſtaunen aller Gutwetterfreunde unſeres Ritters und zur Verwunderung des ganzen Publikums an allen öffentlichen Orten. Denn was die Wohlgeſtalt betraf, ſo war ein ſolches Paar im ganzen Königreiche nicht mehr zu finden. Der Neid verzweifelte und die Läſterzungen verſtummten, als dieſer neue Zuwachs der Glückſeligkeit unſeres Helden durch das öffentliche Ge⸗ rücht bekannt wurde. Emilie zog die Aufmerkſamkeit aller Männer auf ſich, die ſie ſahen, von dem muthwilligen jungen Rechtsbefliſſe⸗ nen an bis zum Regenten des Landes ſelbſt, der ihre ausnehmende Schönheit mit Lobſprüchen zu belegen geruhte. Viele Perſonen von Range, die mit Peregrine bei dem Ver⸗ fall ſeines Glücks gebrochen hatten, bemühten ſich jetzt, ſeine Freund⸗ ſchaft wieder zu erlangen; allein er wies alle dieſe Annäherungen mit der kränkendſten Verachtung ab. Eines Tags näherte ſich ihm in der königlichen Gemäldegallerie der Edelmann, dem er früher einen ſo wichtigen Dienſt erwieſen hatte, verbeugte ſich gegen ihn, und ſagte:„Ihr Diener, Sir Peregrine!“ Dieſer warf ihm einen Blick voll unausſprechlicher Verachtung zu, indem er erwiederte: „Wie mich dünkt, Mylord, ſo irren Sie ſich in der Perſon!“ Und ſo wandte er ſich zu nicht geringer Verwunderung aller Anweſenden nach einer andern Seite! Nachdem Peregrine nun zur äußerſten Beſchämung aller derer, gegen die ſein Unwille entbrannt war, die öffentlichen Orte, wo ſich die feine Welt verſammelte, beſucht, alle ſeine Schulden bezahlt, und ſeine Geldangelegenheiten in der Stadt geordnet hatte, ſo ward Hatchwah vorausgeſchickt, um alle Anſtalten zum Empfang der ſchö⸗ nen Emilie zu treffen. Wenige Tage nach ſeiner Abreiſe folgten ihm alle Uebrigen, ſelbſt Cadwallader nicht ausgenommen, auf dem Weg nach Pickle's väterlichem Hauſe. Sie machten einen Abſtecher zu Miſtriß Gauntlet, der Mutter, die ſich herzlich freute, in unſe⸗ 166 rem Helden ihren nunmehrigen Schwiegerſohn zu ſehen, und ſie nahmen ſie mit ſich. Von da ſetzten ſie ihre Reiſe nach der Hei⸗ math Peregrine's fort. Dort langten ſie unter dem allgemeinen Jubel des Kirchſpiels an. Emilie ward daſelbſt von Clover's Gat⸗ tin auf's Herzlichſte empfangen. Das brave Weibchen war auf Alles bedacht geweſen, was zu deren Vergnügen und Gemächlichkeit beitragen konnte, und legte nunmehr das Scepter der Haushaltung iu die Hände der liebenswürdigen Emilie. ———— In unſerem Verlage ſind erſchienen und in allen Buchhand⸗ lungen zu haben: Das tolle Jahr. Hiſtoriſch⸗romantiſches Gemälde aus dem ſechs⸗ zehnten Jahrhundert von LTudwig Pechſtein. 3 Bände. 8. geh. 4 Thlr. oder 7 fl. 12 kr. Der Schauplatz dieſes Romans iſt eine vaterländiſche Gegend, die ein tragiſches Geſchick heimſuchte. Man wird dem Verfaſſer zu ſeiner Wahl nur Glück wünſchen können. Seine lebensvolle Dar⸗ ſtellung zeugt eben ſo ſehr für geiſtreiches Studium der Quellen, als die Kunſt, mit der er die Materialien beſeelt, für ſeine Dich⸗ tungs⸗ und Erzählungsgabe ſpricht. Wir übergeben dem Publikum dieſes Werk in der Zuverſicht, daß es zahlreiche Freunde finden werde, und machen zugleich auf die früher in unſerem Verlag erſchienenen Schriften von Ludwig Bechſtein: Die Weiſſagung der Libuſſa, 2 Bände, und Phantaſieſtücke und Erzählungen, 4 Bände, aufmerkſam. Der Enthuſinſt J. L. Bührlen. 2 Bände. 3. br. 3 Thlr. oder 6 fl. Es iſt keine undankbare Aufgabe, ſich einen vom Kunſt⸗Enthu⸗ ſiasmus Aufgeregten zu denken und ihn zu ſchildern, wie er mit ſeiner Exaltation die begegnenden Klippen bald umſchifft, bald daran ſcheitert; und indem der Verfaſſer hier dieſelbe glücklich löst, haben die vielen Empfänglichen, die das freundlich aufnahmen, was er als Novellendichter und im Gebiete der Kunſt und Lebensphiloſophie ſeit ſo manchem Jahre der Leſewelt ſpendete, ihn gern in dieſem neuen Genre erblickt und ſich um den Erzählenden geſammelt. Denn es verdient das Werk von Künſtlern und Kunftfreunden geleſen zu wer⸗ den, die nicht ohne gewonnenes Intereſſe und ohne Befriedigung es aus der Hand legen dürften. Stuttgart. Hallberger'ſche Verlagshandlung. —————————— S— — ſſſſſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 9 6 ullllllllill