Tobias Fmollet's humvriſtiſche Romane. Eilſter Band. Enthält: Peregrine Pickle. IV. Stuttgart. Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1841. — Peregrine Pickle. Roman von i Tobias Smvollet. Aus dem Engliſchen ü 5 von E. Ortlepp. Stuttgart. Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1841. Siebenundſiebenzigſtes Kapitel. Cadwallader ſchließt mit unſerem Helden ein Bündniß, das verſchiedene luſtige Scenen nach ſich zieht. Eine wichtige Veranlaſſung ruft Letztern nach der Garniſon zurück. Hier ſchwieg der Miſanthrop, denn ihn verlangte zu hören, was ihm unſer Held entgegnen würde. Dieſer nahm voll Ueberraſchung und Freude das angetragene Bündniß an, und kaum war der Vertrag geſchloſſen, als Crabtree deſſen Artikel dadurch zu erfüllen begann, daß er Pickle tauſend luſtige Geheimniſſe mittheilte, durch deren Beſitz Letzterer ſich unzählige muntere und ſehr ſpaßhafte Auf⸗ tritte verſprach. Er ſah voraus, daß er vermöge dieſes Bundesge⸗ noſſen den er als Gyge's Ring betrachtete, im Stande ſeyn würde, nicht nur in die Cabinette, ſondern auch in die innerſten Gedanken der Frauenzimmer zu dringen. um allen Verdacht zu vermeiden, beſchloßen er und Crabtree, auf einander öffentlich zu ſchmähen und zu läſtern, und insgeheim zu gewiſſen Zeiten und an gewiſſen Orten zuſammen zu kommen, ſich ihre wechſelſeitigen Entdeckungen mitzutheilen und ihre künftigen Operationen zu verabreden Peregrine hielt ſeinen Schatz ſo koſtbar, daß er nicht einmal ſeinem Freunde Geoffry von dieſem glücklichen 6 Funde etwas anvertraute. Doch geſchah der erſte Gebrauch, den er von Crabtree's Beiſtand machte, zum Behuf Gauntlet's, dem er in zwei wichtigen Angelegenheiten aus dem Irrthum half.. Der junge Krieger machte zu dieſer Zeit zwei Frauenzimmern den Hof. Sie nahmen ihn mit einer ſehr verſchiedenen Art auf. Die Eine von ihnen liebkoste ihn durch Zeichen beſonderer Achtung, und ſchmeichelte ihm durch kleine Gunſtbezenugungen mit der Erwar⸗ tung des höchſten Glücks. Die Andere dagegen behandelte ihn ſtets mit ſolcher Strenge und Zurückhaltung, daß er nie Gelegenheit noch Entſchloſſenheit genug fand, ihr ſeine Flamme frank und frei zu erklären. Da jedes Frauenzimmer eine Vertraute hat, gegen die ſie ihr Herz bei ſolchen Gelegenheiten ausſchüttet, ſo traf ſich's auch, daß Crabtree gerade zugegen war, als jede von ihnen ſich ihrer Geſin⸗ nungen in Rückſicht auf ihren Liebhaber entlud. Er erfuhr aus ihrem eigenen Geſtändniſſe, daß die unzurückhaltende Dame ihn nur wegen des Geldes liebkoste, das er mit Fleiß im Kartenſpiel an ſie verlor, und daß ſie nicht im Mindeſten geſonnen war, ihre Gefällig⸗ keit über die Grenzen gewöhnlicher Höflichkeiten auszudehnen. Die Spröde hingegen war wirklich in ſeine Perſon verliebt, und vermied aus Ueberreſt von Beſcheidenheit ihn bloß deßhalb, weil ſie ſich un⸗ vermögend fühlte, ſeinen dringenden Bitten zu widerſtehen. Gauntlet nutzte dieſe Entdeckungen, die durch den Kanal ſeines Freundes an ihn gelangt waren. Er verließ die geldſüchtige Buhlerin, und fand Mittel, die Zurückhaltung der Andern zu überwinden. Peregrine ſelbſt ward auf gleiche Art in gewiſſen Meinungen, die er von ſeinem Einfluß auf dieſe oder jene Dame hegte, zurecht gewieſen. Da er ſich nie ungeſtraft beleidigen ließ, ſo entwarf er einen Plan der Rache gegen eine Dame von Stande, der er ſeine gefliſſentlichen Aufwartungen gemacht hatte, und die einen ſtarken muskulöſen Burſchen ihm vorzog. Dieſer war gemeiner Reiter unter der Leibwache zu Pferd geweſen, und mittelſt der Verwendung einer 7 fürzlich verſtorbenen Wittwe von Stande bis zum Lieutenant geſtie⸗ gen. Jene Dame hatte mit ihrem Liebhaber eine Zuſammenkunft verabredet, und Cadwallader hatte dieß gehört. Er ſagte unſerem Helden, der neugebackene Lieutenant würde im Dunkeln, wenn alles Geſinde zur Ruhe wäre, von dem Kammermädchen der Dame an der Thüre eines Beſuchzimmers empfangen werden, das nach einem klei⸗ nen Garten hinausginge, über deſſen Mauer man leicht wegſpringen könnte. Mit dieſer Nachricht verſehen, beſchloß Peregrine, ſeinem Neben⸗ buhler zuvorzukommen. Zu dem Ende dung er durch Vermittelung ſeines Reiſegefährten ein paar rüſtige Sänftenträger. Dieſe mußten ſich an die Gartenmauer poſtiren, den Liebhaber ergreifen, als er im Begriff war, überzuſteigen, und ihn unter dem Vorwande, daß ſie ihn für einen Dieb hielten, an einen ihnen wohlbekannten Ort in Verwahrung bringen. Kaum war er auf dieſe Art in Sicherheit, als Peregrine in dem feſten Entſchluß, das Abenteuer zu verfolgen, ſich ſelbſt über die Gartenmauer verfügte, an die Thüre des Beſuch⸗ zimmmers eilte, und die verabredete Loſung gab. Das Kammermädchen ließ ihn ein, weil er die Rolle des Lieutenants ſpielte, und führte ihn in das Zimmer ihrer Gebieterin, das zu ſeinem Empfange ver⸗ dunkelt war. Er trieb ſeine Rache ſo weit, als er nur konnte. Vor Tage begab er ſich fort, unentdeckt und mit einem Ringe von Werth, den ihm die Dame als ein Zeichen ihrer Gewogenheit verehrt hatte. Der arme in ſeiner Erwartung getäuſchte Gefangene fand in⸗ zwiſchen, daß er in eine höchſt unangenehme Sache verwickelt ſey, deren Ausgang entweder für ihn oder für ſeine Geliebte beſchimpfend war. Dieſe konnte er, wenn er als Mann von Ehre handeln wollte, nicht mit in's Spiel ziehen. Er wandte demnach alle ſeine Kunſt an, die Leute, die ihn bewachten, auf ſeine Seite zu bringen. Letztere gaben vor, ſie hätten ihn, als ſie von ungefähr des Weges gekommen wären, ſo gut wie auf der That ertappt, und wollten auf die Be⸗ dingungen, die er zu ſeiner Befreiung vorſchlug, gar nicht hören. Als 8 es endlich beinahe Tag war, ſetzten ſie ihn in Betracht der fünf Guineen, die er unter ſie vertheilte, mit Erlaubniß derer, die ſie gedungen hatten, wieder auf freien Fuß. Nach ſeiner Loslaſſung er⸗ wartete er mit äußerſter Ungeduld die Stunde des Frühſtücks. Als dieſe geſchlagen hatte, begab er ſich nach dem Hauſe ſeiner Duleinea, um ſich bei ihr zu entſchuldigen, daß er ſein Wort zu brechen ge⸗ zwungen worden wäre. Die Miene der Zufriedenheit und Behaglichkeit, die ſich im Ge⸗ ſicht der Lady zeigte, machten ihn ſtutzig. Doch er hielt es für nichts anderes, als für Affektation, um den innern Unmuth und Aerger zu bemänteln. Zu dem Ende nahm er ein ſehr niedergeſchlagenes Weſen an, und erzählte unter manchen Aeußerungen der Kränkung den ver⸗ dammten Zufall, der ihn außer Stand geſetzt habe, die wonnigen Früchte ſeiner Erwartungen einzuernten. Die Inamorata, die über die Symptome der Schaam hinaus war,— ſo etwas überläßt man bloß dem gemeinen Haufen— rich⸗ tete bei dieſer umſtändlichen Erzählung ein feſtes Auge auf den Of⸗ fizier, und ſah ihn noch einige Minuten nachher aufmerkſam an. Endlich ſagte ſie:„Wofern dieſe Erklärung von Ihrer Delikateſſe herrührt, ſo können Sie künftig ſolche lächerliche Zurückhaltung ſpa⸗ ren. Wenn man einmal auf einem gewiſſen Fuß iſt, ſind ſolche Ceremonien überflüſſig und unangenehm. Doch vielleicht ſehen Sie jetzt auf Ihr gutes Glück mit Reue hin; vielleicht wünſchen Sie gegenwärtig lieber das Abenteuer gehabt zu haben, das Ihnen zu erfinden ſo viele Mühe gekoſtet hat, als eine Eroberung, die Ihnen ſo leicht geworden iſt. Sie waren in der That ſo ungeduldig, vor Tagesanbruch hinwegzugehen, daß es mehr ſchien, Sie wären Ihres Aufenthalts überdrüſſig, als um meinen guten Namen beſorgt.“ Dieſe ganze unerwartete Antwort machte den Cavalleriſten ſtutzig und unruhig. Er ſchwur mit manchem pöbelhaften Fluch: er könne beweiſen, daß er von zwölf Uhr Mitternachts bis um ſechs Uhr Mor⸗ gens in ſicherer Verwahrung geſeſſen habe, und er begänne einzuſehen, 9 daß irgend ein Schuft ihm dieſen ſaubern Streich geſpielt, und ſie ſtatt ſeiner beſucht habe. Er äußerte ſogar von fern den Verdacht, daß ſie um die ganze Sache gewußt habe, und ward in ſeinen Vor⸗ würfen ſehr rauh und ungezogen. Ueber dieſes ausgelaſſene Betragen höchlich erbittert,— denn die Dame hatte mehr Tiger- als Lamm⸗ artiges in ihrem Charakter— befahl ſie ihm, ihr Haus ſogleich zu verlaſſen, und zwar auf immer. Er begab ſich ſonach fort, nicht ohne manche Schmähung und Drohung, die er beim Weggehen mit vollem Halſe ausſtieß. Seine höchſt ergrimmte Gönnerin hatte jetzt über die Sache nachgedacht und beſorgte, durch irgend eine Liſt angeführt zu ſeyn. Ihre Angſt, ihre Kränkung hierüber war unausſprechlich. Da ſie aber eine große Doſis Scharfſinn hatte, ſo machte ſie gegenwärtig davon Gebrauch. Nach einigem Nachdenken und Gegeneinanderhalten verſchiedener Umſtände ſchloß ſie, der Subſtitut des Lieutenants könne kein anderer ſeyn, als Peregrine, der entweder alle Umſtände ihres Rendezvous von ihrem Mädchen erfahren hätte, oder ſie durch die Eitelkeit und Plauderhaftigkeit ihres Galans ſelbſt herausgebracht habe. Jetzt, da ſie Gelegenheit gehabt hatte, mit allen Eigenſchaften unſeres jungen Herrn bekannt zu werden, reute ſie das ihr geſpielte Quidproquv nicht. Sie beſchloß, ohne Zurückhaltung auf Peregrine ihre Gewogenheit überzutragen. In dieſer Abſicht kam ſie ihm auf's Gütigſte und Merklichſte entgegen, und machte ſehr deutliche Anſpie⸗ lungen. Allein er wollte ſie nicht verſtehen, vielmehr ſchickte er ihr den Ring in einem Briefe zurück, worin er die Hand verſtellt und den Namen in der Unterſchrift erdichtet hatte. Der Inhalt war folgender: Er habe alle Urſache, zu glauben, daß man ihn mit einem Andern verwechſelt habe; ſein Gewiſſen erlaube es ihm daher nicht jenes Geſchenk für ſich zu behalten. Und um den Verdruß der Dame auf das Höchſte zu ſteigern, ſorgte er auf eine ſinnreiche Art dafür, daß die Hiſtorie mit allen Umſtänden unter die Leute 10 kam; doch der Name desjenigen, der den Liebhaber geſpielt hatte, wurde aus dem Spiele gelaſſen. Während unſer abenteuernder Ritter ſeiner Laune ſo gütlich that, ward er durch einen Schnellboten von ſeinem Freund Hatchway aufgefordert, im Caſtell zu erſcheinen. Letzterer berichtete ihm, daß der Commodore in den letzten Zügen läge. Eine Stunde nach Em⸗ pfang dieſer betrübten Zeitung ſaß Pickle ſchon auf der Poſt, um nach ſeines Oheims Wohnung zu eilen. Zuvor hatte er ſich von ſeinem Bundesgenoſſen Crabtree beurlaubt, und von dieſem das Ver⸗ ſprechen erhalten, daß er ihn in einem Vierteljahre in London finden wollte. Mit Gauntlet, der den Ueberreſt der Saiſon zu Bath zu bleiben beſchloſſen, hatte er einen Briefwechſel feſtgeſetzt. Achtundſiebenzigſtes Kapitel. Pickle trifft in der Garniſon ein. Der Commodore Trunnion ſtirbt den Tas darauf. Er wird ganz nach ſeiner Anordnung begraben. Einige Gentlemen aus der Nachbarſchaft bemühen ſich vergeblich, zwiſchen Gamaliel Pickle und ſeinem älteſten Sohne ein friedliches Vernehmen herzuſtellen. Gegen vier Uhr Morgens langte unſer Held im Caſtell an, wo er ſeinen großmüthigen Oheim in den letzten Zügen fand. Auf der einen Seite des Bettes hielt ihn Julie, auf der andern Hatchway aufrecht, während Jolter ſeiner Seele geiſtlichen Troſt zufließen ließ, bisweilen auch der Dame Trunnion zuſprach, welche mit ihrer Magd beim Feuer ſaß, und mit vielem Anſtand weinte. Der Arzt hatte eben ſein letztes Honorar empfangen, und ſich entfernt, nachdem er zuvor eine trübſelige Prophezeihung ausgeſprochen hatte, worin er ſich nicht betrogen zu haben ängſtlich wünſchte. Obgleich ein heftiges Huſten dem Commodore die Sprache raubte, 11 ſo war er dennoch völlig bei Verſtande. Als Peregrine ſich ihm nahte, ſtreckte er ihm ſeine Hände mit offenbaren Zeichen des Wohl⸗ gefallens entgegen. Der junge Herr, deſſen Herz von Dankbarkeit und Liebe überfloß, konnte dieſes Schauſpiel nicht ohne Rührung anſehen. Doch bemühte er ſich, ſeine Weichherzigkeit zu verbergen; denn in der Unbändigkeit ſeiner Jugend und bei dem Stolz ſeiner Gemüthsart ſah er ſie für eine Herabwürdigung ſeiner männlichen Würde an. Allein trotz allen ſeinen Bemühungen ſchoßen ihm Thrä⸗ nen aus den Augen, als er die Hand des alten Mannes küßte; und ſeine Betrübniß brachte ihn ſo außer Faſſung, daß ihm, als er zu ſprechen verſuchte, die Zunge ihren Dienſt verſagte. Als der Commodore des Jünglings Traurigkeit bemerkte, bot er ſeine letzten Kräfte auf und tröſtete ihn mit folgenden Worten: „Säubere dein Bogſpriet vom Sprützwaſſer, mein guter Junge, und winde all' deine Courage uf! Mußt nich die Stängetaue von dei⸗ nem Herzen ſinken laſſen, weil du mich uf'm Punkt ſiehſt, in'en Grund zu ſinken. Bin dazu ja ahld ſatt! Mancher weit beſſere Kerl is unnergangen, un hat von meinem Weg nich die Hälfte ge⸗ macht; ob ſchon ich zur göttlichen Barmherzigkeit das Vertrauen habe, in wenig Seegerſtunden im Hafen zu ſin un in enem guten Ankergrunde feſt zu liegen. Freund Jolter hat's Tagebuch meiner Sünden von neuem durchgeloffen un ihre Liſte ſummirt, un nach den Beobachtungen, die er vom Zuſtand meiner Seele gemacht hat, hoff' ſch meine Reiſe glücklich enden zu thun, un in der Breete des Himmels ufgebracht zu werden. Sis'n Dokter hier geweſt, der wollte mich bis oben an mit Arznei voll laden. Was ſoll man abers mit'nem completten Apothekerladen im Kielraum abſegeln thun, wenn's Menſchen Zeit un Stunde da is? Dieſe Burſchen kommen den Sterbenden an Bord, wie die Admiralitätsboten mit em Befehl, unter Segel zu gehn. Ich ſagt' ihm aber's, ich könnte mein Kabeltau ohne ſeine ufſicht un Beihülfe lichten thun, un ſo patſchte er denn voller Aerger ab. Der vermaledeite Huſten macht 12 ſo'n verteufeltes Geſaus un Gebraus in meinem Maulſtrom, daß daß'rmich vielleicht nich mal verſtehn thut. „Jetzunder, da die Klappe an meiner Pumpe noch im Stand is, möcht''ch Euch gern Eens un's Annere ſagen thun, un ſeht r, ch will hoffen,'r werdet's in Eur Logbuch ſchreiben, um Euch dran zu erinnern, wenn ich ſteif bin. Da ſitzt Eure Baſe beim Feuer und flennt. Ich bitte Dich, halt' ſie dicht warm un bequem in ihrem Alter. S is'n recht ehrliche brave Seele ſo uf ihre Manier; hat zwar oft'n Biſſel geſchwankt, un is ziemlich brumm'ſch geweſt, wenn ſie von Schnaps un Religion'ne zu volle Ladung hatte; aber's doch war ſie für mich'n treuer Schifskumpan; hat, ſo lang wir in eenem Fahrwaſſer geweſt ſind, keinen annern Kerl an Bord kommen laſſen, dat kann'ch wohl ſagen. Jok Hatchway,'r kennt ihr ganzes Gewicht beſſer, als irgend'n Menſch in England, und ch globe, ſie hat'n Ooge uf Euch. Wollt'r nu durch Heirath bei ihr entern, wenn ch nach der andern Welt abgeſegelt bin, ſo, denk' ſch, wird mein Pathe, aus Freundſchaft für mich, Euch verloben, daß'r all' Euer Lebstage im Caſtell könnt' wohnen thun.“ Peregrine verſicherte hier den Commodore, er wolle gern Alles thun, was er zum Beſten zweier Perſonen von ihm wünſchte, die er ſo ſehr ſchätzte. Der Lieutenant dankte ihnen Beiden für ihren guten Willen mit einer ſchalkhaften Spötterei, welche ſelbſt die gegenwär⸗ tige ernſthafte Lage nicht hemmen konnte. Er ſagte zum Commodore: „Sehr obligirt, daß Sie ſo freundſchaftlich ſind, und mir zum Com⸗ mando'nes Schiffs verhelfen wollen, das Sie ſelbſt in Ihren Dien⸗ ſten abgenützt haben; demungeachtet laſſe ich mir's gefallen, es unter meine Aufſicht zu nehmen. Aber ſchüchtern bin ich dabei, wie's doch nicht anders ſeyn kann, da ich ſo'nen tüchtigen Seemann zum Vor⸗ fahr habe.“ So erſchöpft Trunnion auch war, ſo lächelte er dennoch über dieſen Einfall. Nach einer Pauſe ſetzte er ſeine Ermahnungen fol⸗ gendermaßen fort:„Vom Pips hab' ch nich nöthig, zu ſprechen. 13 Ich wees,'r werdet für ihn ſorgen ohn' meine Recvmmandation. Der wackre Burſche is in manchem lieben tüchtigen Sturm un Un⸗ wetter mit mir geſegelt. N ſo ſtattlicher Seemann, wie je einer Wind und Wetter Trotz geboten, dafür ſteh''ch! Aber's für mein übriges Volk, hoff' ich, werdet'r doch Sorge tragen thun, und ſie nich um neuer Leute willen ablohnen. „Was die junge Perſon, Ned Gauntlet's Tochter anlangt, ſo hab''ch mir ſa'n laſſen, daß ſie'ne treffliche Dirne un Dir nich gram is. Willſt Du'r aber's uf'ne unerlobte Art an Bord, ſo hinterlaſſe ſch Dir meinen Fluch un bin verſichert, daß's Dir uf der ganzen Reeſe deines Lebens nich wohl gehn wird. Doch ch globe, Du biſt dazu zu'n ehrlicher Schlag, um Dich ſo ſeeräuber⸗ mäßig ufzuführen. Nimm,'ch bitte Dich, ſo lieb Du mich haſt, deine Geſundheit fein in Acht. Hüte Dich, uf deinem Cours an Huren anzulaufen. Sie ſind nicht beſſer als die Seejungfern, die uf Felſen ſitzen un zum Untergang der Vorbeifahrenden'n ſchmuckes Geſicht aushängen. Doch muß ſch ſagen, ich für meinen Part habe nie'nen eenzigen von dieſen netten Singvögeln angetroffen, ob ch ſchons'n paar Mandel Jahre zur See gelegen. Wie dem aber's voch ſin mag, ſteure immer dein Schiff bei ſolchen hölliſchen Beeſten vorbei. Vor Prozeſſen fürchte Dich wie vorm lebendigen Satan, un ſieh alle Anwälte un Sachwalter für heishungrige Seehunde un Raubfiſche an. „Sobald der Odem aus meinem Körper is, laß die kleenen Stücke abfeuern, bis'ch wohlbehalten in'n Grund geſenkt bin! Ich will in dem rothen Wams begraben werden, dat ch anhatte, wie'ch den Renumée erſtieg un wegnahm. Laß meine Piſtolen, meinen Hauer un meinen Taſchenkompaß mir zur Seite in die Kiſte legen, un meine eignen Leute ſollen mich in den ſchwarzen Kappen un weißen Hemden, die mein Schiffsvolk anzuhaben pflegte, zu Grabe tragen. Und daß ſie nur ja recht Paß geben, daß keiner von Eurem mauſe⸗ köpfigen Rakalienzeuge kömmt, un mich wegen des Proſits, den ſie 14 dabei erſchnappen können, ufhebt, ehr in Stein uf meinen Leichnam gewälzt is. Was nu dat Epithaphchen anlangt, oder wie'r dat Dings nennt, ſo überlaſſ' ſch dat Dir un Jolter.'r ſeyd beide Ge⸗ ſtudirte. Aber's hört mal, laßt mir ja nir Griech'ſches oder Latein'⸗ ſches inhauen, oder vollends gar was Franzöſ'ſches. Dem Zeugs bin 'ch von Herzen gram. Setzt was planes Engliſches d'ruf, damit der Engel an jenem Tage, wenn he in alle vier Enden der Welt hinpo⸗ ſaunt, weiß, daß'ch'n ehrlicher Britte bin, un meine Mutterſprache mit mir ſpricht. Nun hab' ich weiter nir mehr zu ſagen, als: Gott im Himmel ſey meiner Seele gnädig und barmherzig, un verleih' Euch allen guten Wind und Wetter, wohin'r voch ſegeln mögt!“ Indem er dieß ſagte, ſah er jeden der Umſtehenden mit dem Blick des Wohlgefallens an, ſchloß das Auge zu und legte ſich zur Ruhe. Alles, was im Zimmer war, ſelbſt Pips nicht ausgenommen, ſchmolz in Wehmuth. Miſtriß Trunnion willigte in den Vorſchlag, das Zimmer zu verlaſſen, um nicht der unausſprechlichſten Angſt aus⸗ geſetzt zu ſeyn, ihren Mann ſterben zu ſehen. Doch waren ſeine letzten Augenblicke noch nicht ſo nahe, als man ſich vorſtellte. Er fing an einzuſchlummern, und hatte bis zum Nachmittage des folgenden Tages einige Stunden leidlichen Befin⸗ dens. Während dieſer Zwiſchenzeiten hörte man ihn manche fromme Stoßgebete verrichten, worin er die Hoffnung äußerte, daß er, trotz ſeiner ſchweren Sündenfracht, im Stande ſeyn würde, die Wand der Verzweiflung zu erſteigen und zum Mars der göttlichen Barmherzig⸗ keit hinaufzuklimmen. Endlich ſank ſeine Stimme zu einem ſo leiſen Ton herab, daß man ihn nicht mehr verſtehen konnte. Er lag dar⸗ auf beinahe eine Stunde lang, faſt ohne das mindeſte Lebenszeichen von ſich zu geben. Endlich gab er mit einem tiefen Seufzer, der ſein Abſcheiden verkündigte, den Geiſt auf. Kaum war Julie von dieſem traurigen Todesfall überzeugt, ſo lief ſie laut weinend in das Zimmer ihrer Tante. Unmittelbar dar⸗ auf ſtimmte die gute Wittwe mit allen Anweſenden ein ſehr anſtän⸗ 15 diges Concert an. Peregrine und Hatchway verfügten ſich auf ihre Zimmer, bis die Leiche ausgeſtellt war. Pips ſah den entſeelten Körper mit jammervollem Blick an, und ſagte:„Deine Seele fahre wohl, ohler Hawſer Trunnion! Hab' als Mann un als Junge Dich ganzer ſiebenunddreißig Jahr gekannt, un mein Seel! nie hat'n ehrlichers Blut' Zwieback gekaut! Haſt Dir manchen ſauern Wind unter die Naſe gehn laſſen. Für Dich is nu kein Sturm und Wetter mehr. Biſt ufgelegt. Ne'nen beſſern Commandör hab''ch mir all' mein Lebstage nich gewünſcht; nu wer weiß, ob'ch nich noch in der annern Welt Dir dein Takelwerk werd' ufſetzen helfen.“ Alle Diener des Hauſes trauerten über das Hinſcheiden ihres alten Herrn, und die Armen aus der Nachbarſchaft verſammelten ſich vor dem Thore, und äußerten durch wiederholtes Geheul ihre Be⸗ trübniß über den Tod ihres mitleidigen Wohlthäters. Wiewohl Peregrine Alles empfand, was Liebe und Dankbarkeit bei einer ſolchen Gelegenheit einflößen können, ſo hatte ihn dennoch die Traurigkeit nicht ſo weit überwältigt, daß er außer Stand geweſen wäre, die Beſorgung der häuslichen Angelegenheiten zu übernehmen. Mit großer Klugheit traf er Anſtalten zum Leichenbegängniß, nachdem er ſeiner Tante ſein innigſtes Beileid bezeigt und ſie durch Verſicherung ſeiner unverletzlichen Achtung und Zuneigung getröſtet hatte. Er beſtellte für Alle und Jede, die in der Garniſon waren, Trauer, und lud alle Gentlemen aus der Nachbarſchaft zum Begräbniß ein. Selbſt ſeinen Vater und ſeinen Bruder Gam ſchloß er davon nicht aus. Allein Beide fanden ſich nicht ein. Auch Miſtriß Pickle war nicht liebreich genug, ihre Schwägerin in ihrer Betrübniß zu beſuchen. Was das Begräbniß betrifft, ſo wurden des Commodores Vor⸗ ſchriften auf das Pünktlichſte erfüllt. Zugleich theilte unſer Held fünfzig Pfund unter die Armen des Kirchſpiels aus; eine Wohlthat, welche ſein Oheim im letzten Willen zu verordnen vergeſſen hatte. Nachdem Peregrine alle dieſe Leichenceremonien mit der frömm⸗ ſten Gewiſſenhaftigkeit vollzogen hatte, ließ er zu Eröffnung des 16 Teſtamentes ſchreiten, welches ſeit ſeiner erſten Verfertigung keinen Zuſatz erhalten hatte. Er zahlte alle Vermächtniſſe aus, und als einziger Teſtamentsvollſtrecker unterſuchte er den Zuſtand der auf ihn gefallenen Erbſchaft. Sie belief ſich, wie er nach allem Abzug fand, auf dreißigtauſend Pfund. Der Beſitz eines ſo bedeutenden Vermögens, über welches er unumſchränkt zu gebieten hatte, trug denn nichts weniger als dazů bei, ſeinen hochfahrenden Sinn herabzuſtimmen, ſondern flößte ihm vielmehr neue Ideen von Größe und Pracht ein, und erhob ſeine Hoffnung auf den höchſten Gipfel der Erwartung. Als ſeine häuslichen Angelegenheiten geordnet waren, ward er faſt von allen Gentlemen in der Grafſchaft beſucht. Sie ſtatteten ihm ihre Glückwünſche wegen ſeiner Erbſchaft ab. Einige von ihnen erboten ſich, eine Verſöhnung zwiſchen ihm und ſeinem Vater zu Stande zu bringen. Der allgemeine Haß, den ſich ſein Bruder Gam zugezogen hatte, war Anlaß davon. Alle Nachbarn des Letztern be⸗ trachteten ihn zu dieſer Zeit als ein Ungeheuer von Uebermuth und Bosheit. Unſer junger Squire dankte den Freunden für den gütigen Vor⸗ ſchlag. Der alte Gamaliel ſchien, als jene Herren ihn angingen, einem Vergleiche nicht abgeneigt. Doch wollte er es nicht eher wagen, ſich hierüber zu erklären, als bis er ſich deßhalb mit ſeinem Weibe beſprochen hätte. Daher kam es denn, daß dieſe günſtige Stimmung fruchtlos blieb. Sein Weib, das unverſöhnliche Geſchöpf, hetzte ihn ſo lange. Nunmehr that unſer Held völlig auf die Er⸗ wartung Verzicht, mit ſeines Vaters Hauſe wieder ausgeſöhnt zu werden. Wie gewöhnlich nahm Pickle's Bruder jede bequeme Gelegenheit wahr, Peregrine's Ehre durch allerhand Verläumdungen und ausge⸗ ſtreute falſche Gerüchte zu kränken, und ſeinen guten Ruf in Schat⸗ ten zu ſtellen. Auch ſeiner Schweſter Julie gönnte man es nicht, ihres Glücks in Ruhe zu genießen. Hätte Pickle ſolche Anfeindungen 17 von Jemand anders als von einem Blutsverwandten erfahren, ſo würde die Welt gewiß bald von ſeiner Rache gehört haben. Er hatte jedoch, trotz ſeinem Unwillen, zu viel Achtung für Blutsfreund⸗ ſchaft, um ſeinen Arm gegen den Sohn ſeiner Eltern zur Beſtrafung zu erheben. Dieſe Betrachtung verkürzte den Zeitraum ſeines Auf⸗ enthalts im Caſtell, wo er einige Monate zu verweilen ſich erſt vor⸗ genommen hatte. Neunundſiebenzigſtes Kapitel. Unſer Squire reist, nachdem er alle ſeine häuslichen Angelegenheiten geordnet hat, nach London ab. Hier trifft er Emilie, und weiß ſich Eingang bei ihrem Oheim zu verſchaffen. Dame Trunnion zog auf das dringendſte Anrathen Julies und ihres Mannes zu dieſer liebevollen Anverwandtin, die es ſich ange⸗ legen ſeyn ließ, die betrübte Wittwe zu tröſten und aufzuheitern. Jolter blieb in Erwartung der noch nicht vakanten Pfründe auf dem Caſtelle, und ſtellte einſtweilen den Haushofmeiſter unſeres Helden vor. Was den Lieutenant betraf, ſo hatte Pickle wegen des Vor⸗ ſchlags vom Commodore, Miſtriß Trunnion zur Frau zu nehmen, eine ernſthafte Unterredung mit ihm. Jack war des einſamen Zuſtandes eines Hageſtolzen längſt über⸗ drüſſig. Nur die Geſellſchaft ſeines ehemaligen Commandeurs hatte ihn vermögen können, denſelben ſo lange zu ertragen. Weit entfernt daher, gegen dieſe Partie Abneigung zu zeigen, bemerkte er mit einem ſchalkhaften Lächeln, daß er ſchon oft in Abweſenheit des Ca⸗ pitän Trunnion ein Schiff kommandirt habe. Wenn alſo die Wittwe nicht abgeneigt wäre, ſo wolle er in der Erwartung, daß ſein Amt von nicht langer Dauer ſeyn ſollte, mit Freuden ihr Steuerrad in Smollet's Romane. XI. 2 18 die Hand nehmen, und ſich bemühen, ſie ſicher und wohlbehalten in den Hafen zu ſteuern, wo der Commodore an Bord kommen und ſie von Neuem unter ſeine Obhut nehmen könnte. In Folge dieſer Erklärung ward beſchloſſen, daß der Lieutenant der Wittwe den Hof machen ſollte, ſobald der Anſtand es ihr nur erlauben würde, dieß zu geſtatten. Clover und ſeine Gattin verſpra⸗ chen, ihren Einfluß bei der Tante für ihn geltend zu machen. In⸗ zwiſchen bat man Jock, wieder auf ſeinen alten Fuß in dem Caſtell zu leben, und verſicherte ihn, er könne es völlig in Beſitz nehmen, wenn er im Stande wäre, den Heirathsplan durchzuſetzen. Nachdem Peregrine zu ſeiner Befriedigung alle dieſe Punkte ge⸗ ſchlichtet hatte, nahm er von ſeinen Freunden Abſchied, und erſchien wieder in der Hauptſtadt. Hier kaufte er einen neuen Wagen und Pferde, gab dem Pips und einem andern Lakaien reiche Livreen, mie⸗ thete in Pall-mall ein nettes Logis, und ſpielte unter den Leuten von Ton eine ſehr anſehnliche Rolle. Wegen ſeiner prächtigen Equi⸗ page und wegen ſeines glänzenden Aufzuges ſtellte Fama, die Aller⸗ weltslügnerin, ihn als einen jungen Gentleman dar, der durch den Tod eines Oheims Güter geerbt habe, die jährlich fünftauſend Pfund eintrügen; der, wenn ſein Vater ſtürbe, noch eben ſo viel zu erwar⸗ ten hätte, und dem noch überdieß nach dem Abſterben ſeiner Mutter und Tante zwei anſehnliche Witthümer zufielen. So falſch und lächerlich dieſer Bericht über ihn auch war, ſo konnte er es doch nicht über das Herz bringen, ihm zu widerſprechen. Nicht etwa, daß es ihm nicht unangenehm geweſen wäre, ſich ſo falſch geſchildert zu finden; allein ſein Stolz wollte ihm nicht erlau⸗ ben, einen Schritt zu thun, durch welchen ſein Anſehen in den Augen derjenigen vermindert werden konnte, die um ſeine Bekanntſchaft in der Vorausſetzung buhlten, daß ſeine Permniusnnſähh wirklich ſo beträchtlich wären, als das Gerücht verkündete. Ja, er war ſchwach und thöricht genug, den Entſchluß zu faſſen, dieſen Irrthum dadurch zu unterſtützen, daß er jenem Gerüchte gemäß lebte. Zu dieſem Ende 19 nahm er an allen Luſtpartieen Theil, die den meiſten Aufwand er⸗ forderten. Er glaubte, daß er, bevor ſeine gegenwärtigen Finanzen erſchöpft wären, durch ſeine perſönlichen Eigenſchaften, die er in der ſchönen Welt während ſeiner Ausſchweifungen zu entwickeln Gelegen⸗ heit hatte, wirklich ſein Glück gemacht haben würde. Mit Einem Worte, Eitelkeit und Stolz waren die herrſchenden Schwachheiten unſeres abenteuernden Ritters, der ſich mit hinläng⸗ lichen Eigenſchaften verſehen glaubte, ſein Vermögen auf mancherlei Arten wieder herzuſtellen, bevor er eine Idee von Mangel oder Noth haben könnte. Er hielt dafür, es ſtünde jeder Zeit in ſeiner Macht, eine reiche Erbin oder eine wohlbegüterte Wittwe zur Priſe zu machen. Sein Ehrgeiz ſtrebte bereits nach dem Herzen einer jungen ſchönen verwittweten Herzogin, zu deren Bekanntſchaft zu gelangen er Mittel ausfindig zu machen gewußt hatte. Oder, wenn etwa ja das Heirathen zu ſeinen Neigungen nicht paſſen ſollte, ſo zweifelte er gar nicht, da er unter dem höhern Adel ſo wohl angeſchrieben ſtand, irgend einen einträglichen Poſten zu bekommen, der ihn für ſeine Freigebigkeiten reichlich entſchädigte. Es gibt manchen jungen Mann, der mit der Hälfte von den Gründen, die Pickle hatte, ſo eingebildet zu ſeyn, dieſelben Erwartungen hegt. Mitten in dieſen chimäriſchen Berechnungen entſchlummerte die Leidenſchaft ſür Emilie keineswegs, ſondern fing vielmehr an, ſeine Begierden mit ſolcher Glut zu entflammen, daß ihr Bild ſich jeder andern Vorſtellung unterſchob und ihn ſchlechterdings untauglich machte, die andern hochfliegenden Plane zu verfolgen, die ſeine Ein⸗ bildungskraft entworfen hatte. Daher faßte er den Entſchluß, Emilie in allem ſeinem gegenwärtigen Glanz zu beſuchen, und mit aller ſeiner Kunſt und Geſchicklichkeit Angriffe auf ihre Tugend zu wagen, ſo weit nur ſein Einfluß und ſein Vermögen hinreichten. Ja, ſeine ſtrafbare Leidenſchaft hatte wirklich ſeine Grundſätze von Ehre ſo zerſtört, ſein Gewiſſen, ſeine Menſchlichkeit, ſeine Achtung gegen die letzten Worte des Commodores ſo betäubt, daß er ſchlecht genug war, 20 über die Abweſenheit ſeines Freundes Geoffry zu frohlocken, der ſich mit ſeinem Regimente in Irland befand, folglich nicht in ſein Vor⸗ haben eindringen oder Maßregeln nehmen konnte, ſeine laſterhafte Abſicht fehlſchlagen zu machen. In dieſen heldenmüthigen Geſinnun⸗ gen beſchloß er, in ſeinem Wagen mit Sechſen in Begleitung ſeines Kammerdieners und zweier Lakaien nach Suſſer abzureiſen. Er ſah jetzt ein, daß er bei ſeinem letzten Verſuche die Sache ganz verkehrt angegriffen hatte; daher beſchloß er, die Batterie zu verändern, und die Feſtung durch das unterthänigſte, ſanfteſte und einſchmeichelndſte Betragen zu unterminiren. Am Abend vor der Ausführung dieſes Beſuches ging er, wie gewöhnlich, in das Schauſpielhaus, um ſich den Damen zu zeigen. Als er in die Loge trat, muſterte er die Verſammlung durch ſein Glas, aus keiner andern Urſache, als weil es Ton iſt, kurzſichtig zu ſeyn. Da erblickte er ſeine Gebieterin auf einem Sitze über dem Theater in einem ſehr einfachen Anzuge. Sie ſprach mit einem jungen Frauenzimmer von nicht beſonders gefälligem Aeußeren. Wiewohl ſein Herz mit der heftigſten Ungeduld beim Anblick ſeiner Emilie zu pochen begann, ſo ward er doch auf einige Minuten zu⸗ rückgeſchreckt, dem Antriebe ſeiner Liebe zu folgen. Er beſorgte, einige vornehme Damen, die gegenwärtig waren, möchten eine ſchlechte Meinung von ihm bekommen, wenn ſie ſähen, daß er einer Perſon von ihrem Anſehen Achtung bewieſe. Auch ſelbſt ſeine heftige Nei⸗ gung würde ſeinen Stolz nicht ſo weit überwältigt haben, daß er zu Emilie hinauf gegangen wäre, wenn er ſich nicht beſonnen hätte, daß ſeine vornehmen Freundinnen ſie für eine hübſche Abigail an⸗ ſehen würden, mit der er in einem Liebesverſtändniſſe wäre, und ihm auf dieſe Art die Sache würden hingehen laſſen. Durch dieſe letztere Vermuthung angeregt, folgte er den Ein⸗ gebungen der Liebe und flog nach dem Platz, wo ſeine Schöne ſaß. Sein Benehmen ſowohl als ſeine Kleidung waren ſo auffallend, daß es ihm beinahe unmöglich war, den Augen aufmerkſamer Beobachter 21 zu entgehen, zumal er zur Hereinkunft gerade eine Zeit gewählt hatte, wo Jedermann ſeinen Eintritt bemerken mußte; ich meine, wo das ganze Haus in ſtiller Aufmerkſamkeit auf die Vorſtellung lauſchte. Emilie nahm daher unſern Helden ſogleich wahr, errieth aus der Richtung ſeines Guckers, daß er ſie entdeckt habe, und ſein plötz⸗ liches Verſchwinden aus der Loge ließ ſie ſeine Abſicht muthmaßen.“ Sie raffte daher alle ihre Standhaftigkeit zuſammen, und bereitete ſich, ihn zu empfangen. Er nahte ſich ihr mit einem lebhaften und frohen Weſen, das er aber durch Beſcheidenheit und Ehrerbietung mäßigte. Mit einer dem Schein nach achtungsvollen Verbeugung äußerte er ſein Entzücken, ſie wieder zu ſehen. Wiewohl ſie an die⸗ ſem unerwarteten Benehmen ungemeines Behagen fand, ſo unter⸗ drückte ſie dennoch die Regungen ihres Herzens, und beantwortete ſeine Artigkeiten mit erheuchelter Ruhe und Unbefangenheit; ſie zeigte den heitern Blick, den man wohl zu haben pflegt, wenn man von ungefähr mit einem gleichgültigen Bekannten zuſammentrifft. Nachdem Pickle nach ihrem Geſundheitszuſtand gefragt hatte, erkundigte er ſich angelegentlich nach dem Befinden ihrer Mutter und der Miß Sophie. Er gab ihr zu verſtehen, er wäre kürzlich mit einem Briefe von Geoffry beehrt worden, und ſey wirklich ge⸗ ſonnen geweſen, morgenden Tages abzureiſen und Miſtriß Gauntlet zu beſuchen. Da er aber jetzt das Glück habe, ſie anzutreffen, ſo wolle er dieſe Reiſe aufſchieben, bis er das Vergnügen haben würde, ſie auf das Land zu begleiten. Nachdem ſie für dieſes höfliche Aner⸗ bieten gedankt hatte, erzählte ſie ihm, daß ihre Mutter in wenigen Tagen in der Stadt erwartet würde, und daß ſie ſelbſt vor einigen Wochen nach London gekommen ſey, um ihre Tante zu pflegen, die gefährlich darnieder gelegen habe, jetzt aber ziemlich wieder herge⸗ ſtellt ſey. Wenn ſich nun auch das Geſpräch während des Stücks auf ver⸗ ſchiedene allgemeine Gegenſtände richtete, ſo nahm Pickle doch jeden 22 günſtigen Augenblick wahr, durch Blicke zu reden, und ihr ſo die zärtlichſten Betheurungen zuzuſenden. Sie ſah dieß, und freute ſich innerlich darüber. Doch war ſie ſo weit davon entfernt, ihn nur durch einen flüchtigen Beifallsblick zu belohnen, daß ſie ſeinem Augen⸗ geſpräch auswich, und lieber mit einem jungen Gentleman kokettirte, der aus der Loge gegenüber mit ihr liebäugelte. Peregrine war zu ſcharfſichtig, um ihre Abſichten nicht einzuſehen. Ihre Verſtellung verdroß ihn, und beſtärkte ihn in ſeinen unverantwortlichen Abſichten auf ihre Perſon. Er beharrte inzwiſchen bei ſeiner einmal angefan⸗ genen Rolle. Nach Endigung des Stücks führte er ſie und ihre Gefährtin in einen Miethwagen. Es hielt ſchwer, daß er die Er⸗ laubniß bekam, ſie nach dem Hauſe eines Oheims von Emilie zu bringen. Die junge Dame ſtellte Letzterem unſern Helden als einen vertrauten Freund ihres Bruders Geoffry vor. Der alte Herr, dem es gar nicht unbekannt war, auf welchem Fuß Peregrine mit dem Hauſe ſeiner Schweſter ſtand, bat ihn, zum Abendeſſen zu bleiben, und ſchien mit ſeiner Unterhaltung und mit ſeinem Betragen außerordentlich zufrieden. Der junge Mann beſaß Gewandtheit genug, um Beides zum Verwundern genau nach der Laune ſeines Wirths einzurichten. Nach dem Abendeſſen, als die Frauenzimmer weggegangen waren, ſtopfte der Citybewohner ſeine Pfeife, und unſer ſchlauer Held folgte ſeinem Beiſpiel. Wiewohl er das Kraut, von dem ſie ſchmausten, verabſcheute, ſo rauchte er dennoch mit der Miene ungemeinen Wohl⸗ behagens, und ließ ſich über die Eigenſchaften dieſes Krauts ſo weit⸗ läufig aus, als wenn er einen großen Handel mit demſelben in Vir⸗ ginien gehabt hätie. Im Verlauf des Geſprächs kamen die National⸗ ſchulden auf das Tapet. Pickle, der immer des Kaufmanns Stim⸗ mung vor Augen hatte, ſprach von Capitalien wie ein Mäkler von Profeſſion. Als hierauf der Aldermann über die Einſchränkungen und ſchlechte Aufmunterung beim Handel klagte, zog ſein Gaſt gegen die ungeheuern Auflagen los. Er ſchien mit deren Beſchaffenheit ſo 23 zZut bekannt zu ſeyn, wie ein Zollbeamter. Der Oheim erſtaunte demnach nicht wenig über ſeine ausgebreiteten Kenntniſſe, und äußerte ſeine Verwunderung, wie ein ſo munterer junger Mann ſowohl Muße als Neigung genug gehabt hätte, Gegenſtände ſo ſcharf in's Auge zu faſſen, die von den modiſchen Zeitvertreiben der jungen Herren ſo weit abſeits lägen. Peregrine ergriff den günſtigen Moment, um dem Alten zu er⸗ zählen, wie er von einer Reihe von Kaufherren abſtammte, und wie er ſich ſchon von früher Jugend an darauf gelegt habe, von den ver⸗ ſchiedenen Zweigen des Handels Unterricht zu erlangen, und denſel⸗ ben nicht nur als das Metier ſeiner Familie, ſondern auch als die Quelle der Nationalreichthümer und der Macht angeſehen. Darauf brach er in Lobeserhebungen des Handels und aller Beförderer deſſel⸗ ben aus; und zum Gegengemälde ſtellte er vermöge ſeines ganzen Spöttertalents die Manieren und die Erziehungsart der Vornehmen mit ſo poſſierlichen Zügen auf, daß des Kaufmanns Wanſt mächtig vor Lachen erſchüttert wurde, und er ſogar in Lebensgefahr gerieth. Der Alte ſah nunmehr unſern Helden als ein Wunder von Mäßig⸗ keit und geſundem Verſtande an. Nachdem ſich Peregrine ſolchergeſtalt bei dem Herrn Onkel ein⸗ geſchmeichelt hatte, beurlaubte er ſich. Am folgenden Vormittag be⸗ ſuchte er die Nichte in ſeinem Wagen. Dieſe hatte von ihren An⸗ verwandten die Ermahnung erhalten, ſich gegen den jungen Herrn behutſam zu benehmen, und ſich wohl zu hüten, den Huldigungen eines ſo reſpektabeln Anbeters die nöthige Aufmunterung zu verſagen. 24 Achtzigſtes Kapitel. Er verfolgt ſeinen Plan auf Emilie mit großer Kunſt und Ausdauer. Nachdem ſich unſer Abenteurer durch ſeine Heuchelei Zutritt bei ſeiner Gebieterin zu verſchaffen gewußt hatte, begann er die Belage⸗ rung damit, daß er die aufrichtigſte Zerknirſchung über ſeine vorige Leichtfertigkeit zeigte, und ſo flehentlich um ihre Verzeihung bat, daß ſie, wie ſehr ſie auch gegen ſeine Schmeichelkünſte auf der Hut ſeyn mochte, dennoch ſeinen ſogar mit Thränen begleiteten Betheurungen Glauben zu ſchenken anfing. Sie ließ daher bedeutend in jener Strenge und Zurückhaltung nach, die ſie gegen ihn beizubehalten ſich vorgenommen hatte. Inzwiſchen verſagte ſie ihm doch jegliches Ein⸗ geſtändniß von Gegenliebe, weil er mitten unter ſeinen Betheuerun⸗ gen ewiger Standhaftigkeit und Treue mit keiner Sylbe des Hei⸗ rathens gedachte, ſo ſehr er jetzt auch unumſchränkter Herr ſeiner Handlungen war. Dieſer Umſtand erweckte in Emilie einen Argwohn, der ſie gegen alle ſeine Angriffe befeſtigte. Doch was ihre Klugheit gern verbor⸗ gen hätte, entdeckten ihre Augen, die trotz allen ihren Beſtrebungen Liebe und Wohlgefallen ſtrahlten. Denn ihrer Neigung ward durch ihre Selbſtgenügſamkeit geſchmeichelt, die das Stillſchweigen ihres Bewunderers über den Punkt der Zerrüttung ſeines Gemüths zu⸗ ſchrieb und ſie überredete, daß er keine andere, als rechtſchaffene Ab⸗ ſichten auf ſie haben könne. Der hinterliſtige Liebhaber ſchwelgte in der Zärtlichkeit ihrer Blicke, aus denen er ſich einen vollſtändigen Sieg prophezeihte. Da⸗ mit er aber nicht durch Voreiligkeit ſein Ziel verfehlen möchte, wollte er ſich nicht eher in die Gefahr einer Erklärung wagen, als bis er ihr Herz ſo feſt beſtrickt hätte, daß weder die Eingebungen der Ehre noch der Klugheit oder des Stolzes vermögend wären, es loszumachen. 25 Mit dieſem Entſchluß bewaffnet, hielt er ſein ungeduldiges Tempera⸗ ment in den Grenzen des delikateſten Betragens zurück. Nachdem er nun um die Erlaubniß, ſie in die nächſte Oper begleiten zu dürfen, angeſucht und ſie erhalten hatte, ergriff er ihre Hand, drückte ſie auf's Ehrerbietigſte an ſeine Lippen, ging fort und verließ ſie in dem höchſt ſonderbaren Zuſtande der Ungewißheit. Mächtige Hoff⸗ nung wechſelte mit eben ſo mächtiger Furcht in ihrer Seele. An dem verabredeten Tage erſchien er um fünf Uhr Nachmittags. Er fand ihre natürlichen Reize durch einen höchſt geſchmackvollen Anzug ſo gehoben, daß er ſich von Bewunderung und Entzücken ganz hingeriſſen fühlte. Kaum konnte er, als er ſie nach dem Haymarket führte, ſeine ungeſtüme Leidenſchaft ſo im Zügel halten, daß er nach den einmal angenommenen Maximen zu handeln im Stande war. Als er in das Schauſpielhaus trat, bekam ſeine Eitelkeit befriedigende Nahrung in Ueberfluß. Denn in einem Augenblick verdunkelte ſie den weiblichen Theil der Zuhörerſchaft. Jede davon geſtand in ihrem Herzen, daß die Fremde bei Weitem die Schönſte in der Verſamm⸗ lung ſey, ſie ſelbſt ausgenommen. Unſer Held genoß hier eines doppelten Triumphs. Er war ſtolz auf dieſe bequeme Gelegenheit, ſeinen Ruf in der Galanterie unter den Ladies zu erhöhen, mit denen er bekannt war, und brüſtete ſich damit, im Stande zu ſeyn, Emilie ſeine Bekanntſchaft mit Stan⸗ desperſonen auf einmal zeigen zu können. Dadurch ſollte ſie ſich von ihrer Eroberung an ihm höhere Begriffe machen, und gegen eine ſo wichtige Perſon in der Folge mehr Nachgiebigkeit beweiſen. Um aus ſeiner gegenwärtigen Lage den möglichſten Nutzen zu ziehen, ging er hin, redete Jeden an, mit dem er nur die mindeſte Bekanntſchaft hatte, und lachte und flüſterte ihm mit einem vertraulichen Weſen etwas zu. Er verbeugte ſich ſogar von Weitem gegen Einige vom hohen Adel, mit denen er auf keinem nähern Fuß ſtand, als daß er bei Hofe einmal ihr Nachbar geweſen, oder ihnen in White's Caffeehauſe eine Priſe Tabak angeboten hatte. 26 Dieſer lächerlichen Großthuerei bediente er ſich jetzt zwar zur Erreichung ſeiner Abſicht; ſie war aber in der That eine ſtarke Schwachheit an ihm, die auf ſein ganzes Betragen Einfluß hatte. Denn nichts machte ihm in der Converſation ſo viel Freude, als wenn er Gelegenheit hatte, der Geſellſchaft zu verſtehen zu geben, daß er mit Perſonen von angeſehenem Range und Charakter ſehr vertraut ſtünde. Bei ſeiner Rückkehr mit Emilie aus der Oper beobachtete er zwar noch immer den ſtrengſten Anſtand in ſeinem Betragen, doch ſetzte er ihr mit den leidenſchaftlichen Ausdrücken der Liebe zu, drückte ihr mit der größten Inbrunſt die Hand, betheuerte, daß ihr Bild ſeine ganze Seele erfülle, und daß er ohne ihre Gewogenheit nicht leben könne. So ſehr ihr dieſe warmen und pathetiſchen Aeußerungen behag⸗ ten, und ſo ehrerbietig ſie auch vorgetragen wurden, ſo war ſie doch klug und beſonnen genug, ihre Zärtlichkeit zurückzuhalten. Der Ge⸗ danke, daß es jetzt Pflicht für ihn ſey, ſich gegen ſie zu erklären, wenn ſeine Abſichten rechtſchaffen wären, ſchützte ſie gegen ſeine Künſte. Aus dieſer Urſache weigerte ſie ſich denn, ſeine heftigen Klagen ernſtlich zu beantworten. Sie ſtellte ſich, als ſähe ſie dieſel⸗ ben für zweckloſe Ergüſſe der Galanterie und für Früchte ſeiner Er⸗ ziehung an. Obſchon die erheuchelte Heiterkeit und frohe Laune unſern Hel⸗ den in ſeiner Hoffnung täuſchte, von ihr ein Geſtändniß zu erhalten, woraus er unmittelbar Nutzen gezogen haben würde, ſo munterte ihn dieſes deſſen ungeachtet auf, als der Wagen längs dem Strand“ vorbei kam, zu bemerken, es ſey ſchon ſpät, und folglich das Abend⸗ eſſen gewiß ſchon vorüber, wenn ſie bei ihrem Oheim ankäme. Unter dieſem Vorwande that er ihr den Vorſchlag, ihr an einem oder dem andern Orte mit einer kleinen Erfriſchung aufwarten zu dürfen. * Eine längs der Themſe fortlaufende Hauptſtraße. 27 Emilie fühlte ſich zwar durch dieſen freien Vorſchlag beleidigt, nahm ihn jedoch als Scherz auf, dankte ihm für ſein höfliches An⸗ erbieten und verſicherte ihn, wenn ſie je auf den Einfall käme, in einer Taverne ein Traktament einzunehmen, ſo ſollte er allein die Ehre haben, ſie zu bewirthen. Da ſich der Oheim außer Hauſe in einer Abentgeſelſſchaft be⸗ fand, und ihre Tante ſich bereits zur Ruhe begeben hatte, ſo ward unſerem Helden das Glück zu Theil, eine ganze Stunde lang mit Emilie unter vier Angen zu ſprechen. Dieſe Zeit wußte er mit ſo ungemeiner Geſchicklichkeit anzuwenden, daß ihre Behutſamkeit bei⸗ nahe überwältigt wurde. Nicht nur mit dem ſchweren Geſchütze, mit Seufzern, Gelübden, Bitten und Thränen rückte er gegen ſie an, ſondern ſetzte auch ſeine Ehre für die Aufrichtigkeit ſeiner Liebe zum Pfande. Er ſchwur mit manchen Verwünſchungen, daß, wenn ſich ihr Herz ihm ohne alle Bedingung ergäbe, er Grundſätze hege, die ihm nie erlauben würden, eine ſolche Unſchuld und Schönheit frevent⸗ lich zu beleidigen. Ja, er hätte in den heftigen Aufwallungen ſeiner Leidenſchaft über ſein ſich ſelbſt geſetztes Ziel ſo weit hinweggeſchoſſen, daß er, wenn ſie jetzt in dieſem Drang und Sturm ſeiner Seele eine Erklärung verlangt hätte, ſich durch ſolche Bande an ſie gefeſſelt ha⸗ ben würde, die er nicht hätte zerreißen können, ohne ſeinen guten Namen aufzuopfern. Doch davon ſchreckte ſie theils Stolz, theils die Beſorgniß ab, ſie möchte finden, daß ſie ſich in einer Muth⸗ maßung von ſolchem Belange geirrt hätte. Sie genoß daher des gegenwärtigen ſchmeichelhaften Anſcheins ihres Schickſals, und ließ ſich zur Annahme des Schmucks bereden, den er von einem Theile ſeines Spielgewinnſtes zu Bath gekauft hatte. Mit der bezauberndſten Herablaſſung verſtattete ſie ihm beim Abſchiednehmen eine feurige Umarmung. Zuvor hatte ſie ihm die Erlaubniß ertheilt, ſie ſo oft beſuchen zu dürfen, als Neigung und Umſtände es ihm geſtatten würden. Bei ſeiner Heimkehr ſchwellte ſein glücklicher Erfolg ſeine Bruſt 28 mit den kühnſten Hoffnungen an. Er wünſchte ſich bereits Glück zu ſeinem Siege über Emiliens Tugend, und begann Pläne zu künftigen Eroberungen unter den angeſehenſten Fraueuzimmern zu ſchmieden. Doch dieſe eiteln Betrachtungen zerſtreuten ſeine Aufmerkſamkeit nicht im mindeſten. Er beſchloß vielmehr, alle Kräfte ſeiner Seele auf die Ausführung ſeines gegenwärtigen Vorhabens zu concentriren. Mittlerweile ließ er alle übrigen Plane des Vergnügens, des Eigen⸗ nutzes und des Ehrgeizes liegen. Er miethete ein Logis in der City, um ſeinen Zweck bequemer erreichen zu können. Während die Phantaſie unſeres Liebhabers ſo angenehme Unter⸗ haltung hatte, erfreute ſich deſſen Geliebte ihrer Erwartung nicht ohne eine Beimiſchung von Zweifeln und Beſorgniſſen. Sein gänz⸗ liches Schweigen über das letzte Ziel ſeiner Bewerbungen um ſie war ihr ein Räthſel, an dem ſie ihren Scharfſinn zu üben ſich ſcheute. Ihr Oheim quälte ſie indeß beſtändig mit Erkundigungen über Peregrine's Benehmen und Erklärungen gegen ſie. Ehe ſie nun dieſem Manne den mindeſten Anlaß zum Verdacht geben wollte, wo⸗ durch aller Umganz mit ihrem Verehrer ſein Ende gefunden haben würde, wagte ſie lieber Alles, was ſie für dienlich hielt, ſeine Sorge für ihre Wohlfahrt zu befriedigen. Mittelſt dieſer Vorſtellung genoß ſie täglich ohne Zwang das Vergnügen, ihren Geliebten zu ſehen, der ſeinen Plan mit erſtaunlicher Hitze und Ausdauer ver⸗ folgte. 29 Einundachtzigſtes Kapitel. Er beredet Emilie, ihn auf eine Maskerade zu begleiten, wagt einen ver⸗ rätheriſchen Ausfall auf ihre Tugend, und wird nach Verdienſt zurückge⸗ ſchlagen. Es verging kaum Ein Abend, wo Peregrine Emilie nicht zu irgend einer oder der andern öffentlichen Luſtbarkeit führte. Als er eines Tages Emilie im Geſpräch bemerken hörte, daß ſie noch nie auf einer Maskerade geweſen ſey, bat er ſie um Erlaubniß, ſie auf den nächſten Ball dieſer Art führen zu dürfen. Dieſelbe Einladung ließ er auch an die junge Dame ergehen, in deren Geſellſchaft er Enilie zuerſt im Theater gefunden hatte, und in deren Gegenwart jetzt dieſes Geſpräch auf die Bahn gebracht worden war. Er ſchmeichelte ſich mit der Hoffnung, daß Letztere dieſen An⸗ trag ablehnen würde, da ſie eine Perſon von ziemlich geſetztem Cha⸗ rakter war, auch an ähnlichen Vergnügungen ſchon mehrmals Theil genommen hatte. Peregrine machte jedoch hier die Rechnung ohne den Wirth; denn kaum hatte Emilie die Einladung angenommen, ſo wollte auch ihre Freundin gern von der Partie ſeyn, und Peregrine ſah ſich genöthigt, ihr noch für dieſe Gefälligkeit zu danken, die ihn unendlich verdroß. Er ſtrengte nun allen ſeinen Scharfſinn an ſich der Aufdringlichen zu entledigen. Hätte ſich eine günſtige Gelegen⸗ heit gezeigt, ſo würde er ihren Arzt gemacht und ihr eine Medizin verſchrieben haben, daß ſie wohl hätte zu Hauſe bleiben müſſen. Doch ſeine Bekanntſchaft mit ihr war viel zu neu, um ihm Mittel an die Hand zu geben, dieſen Anſchlag auszuführen. Endlich ſiel ihm ein anderer ein, den er auch mit dem beſten Erfolg in's Werk ſetzte. Er hatte nemlich in Erfahrung gebracht, daß jenem Frauenzimmer von einer Großmutter eine Summe Geldes vermacht worden ſey, wodurch ſie in Stand geſetzt war, wenn ſie wollte, unabhängig zu leben. Er 30 ſchrieb daher an ihre Mutter einen Brief, in welchem er ihr andeu⸗ tete, daß ihre Tochter, unter dem Vorwande, auf die Maskerade zu gehen, geſonnen ſey, ſich mit einem gewiſſen Menſchen zu verheira⸗ then. In wenig Tagen ſoll ſie die ganze Intrigue umſtändlicher erfahren, wofern ſie dieſe Nachricht ganz geheim hielte, und eine Entſchuldigung ausfindig machte, das junge Frauenzimmer zu Hauſe zu behalten, ohne daß man ihr Anlaß gäbe, zu glauben, daß man hinter die Abſicht gekommen ſey. Dieſes Billet, welches die Unterſchrift hatte:„Ihr gutmeinen⸗ der unbekannter Freund und ergebenſter Diener“ that bei der ängſt⸗ lichen Matrone die gewünſchte Wirkung. Sie ward am Tage des Balls ſo krank, daß die Miß das Zimmer ihrer Mama nicht ver⸗ laſſen konnte, ohne offenbar den Wohlſtand zu verletzen. Sie ließ ſich daher den Nachmittag bei Emilie unmittelbar nach Peregrine's Ankunft entſchuldigen. Dieſer gab ſich die Miene, als ob ihn dieſe fehlgeſchlagene Erwartung ſehr betrübte, wiewohl ſein Herz vor lau⸗ ter Entzücken heftig pochte. Um zehn Uhr fuhren die beiden Liebenden, er als Pantalon und ſie als Colombine gekleidet, nach dem Haymarket. Kaum waren ſie in das Haus getreten, ſo begann die Muſik, der Vorhang rollte auf, und es ſtellte ſich der erſtaunten Emilie nun mit Einem Male das ganze Schauſpiel dar. Sie fand es weit über ihre Erwartung. Nach⸗ dem unſer Held ſie durch alle verſchiedene Zimmer geführt und ihr die ganze Einrichtung daſelbſt beſchrieben hatte, brachte er ſie in den Kreis der Tanzenden. Als die Reihe an ſie kam, tanzten ſie einige Menuets. Hierauf führte er ſie zu dem Büffet, und bewog ſie dazu, einige Confitüren und ein Glas Champagner zu ſich zu nehmen. Als ſie wieder zur Geſellſchaft kamen, nahmen ſie an Contretänzen Theil, und ſetzten dieß ſo lange fort, bis unſer abenteuernder Ritter das Blut ſeiner Tänzerin zur Ausführung ſeines Planes hinlänglich erhitzt glaubte. In dieſer Vorausſetzung, zu der er durch Emiliens Aeußerung geleitet 31 ward, daß ſie ſich durſtig und erſchöpft fühle, führte er ſie in das Speiſezimmer hinunter, brachte ihr einen Stuhl und reichte ihr ein Glas Wein und Waſſer. Als ſie über Mattigkeit ſich zu beklagen fortfuhr, verſetzte er ihr Getränk mit einigen Tropfen von einem Elirir, das er ihr als ein vortreffliches Stärkungsmittel anpries, wiewohl es nichts Anderes als ein ſtimulirendes Mittel war, womit er ſich verrätheriſcher Weiſe zu dieſem Behuf verſehen hatte. Nachdem Emilie dieſes Geträuk zu ſich genommen hatte, ſetzte man ſich zur Tafel, verzehrte einiges Fleiſch und Geflügel und be⸗ ſchloß die Mahlzeit mit einem Glaſe Burgunder, weil ihr Bewun⸗ derer deßhalb ſo ſtark in ſie drang. Dieſe außerordentlichen Reiz⸗ mittel wirkten zugleich mit der Wallung ihres Blutes, das ſich durch die heftige Bewegung erhitzt befand, und machten unausbleiblich den ſtärkſten Eindruck auf den zarten Bau eines jungen Frauenzimmers, die von Natur lebhaft und flüchtig war. Ihre Augen begannen von einem ungewöhnlichen Feuer und Leben zu funkeln, tauſend witzige Einfälle ſtrömten ihr von den Lippen, und jede ſie anredende Maske erhielt von ihr eine treffende Antwort. Peregrine war voller Freude, daß ſeine Anſtalten ſo glücklichen Erfolg gehabt hatten. Er that den Vorſchlag, daß ſie wieder ihren Platz bei den Contretänzen einnehmen wollten, in der Abſicht, die Wirkung ſeines Elixirs zu befördern und zu unterſtützen. Als er nun dachte, daß ſie zu einem ſolchen Terte hinlänglich geſtimmt ſey, begann er ihr mit aller Beredſamkeit der Liebe zuzuſetzen. Um ſeine eigenen Lebensgeiſter zu dem Grade von Entſchloſſenheit zu ermun⸗ tern, den ſein Plan erforderte, trank er zwei ganze Flaſchen Burgun⸗ der aus, die ſeine Leidenſchaft ſo entflammten, daß er ſich fähig fühlte, jeden Anſchlag zur Befriedigung ſeines Verlangens zu unter⸗ nehmen und auszuführen. Emilie, die durch ſo manche ſich Antriebe zum Beſten des Mannes, den ſie liebte, warm geworden war, ſtimmte ihre ge⸗ wohnte Zurückhaltung beträchtlich herunter. Sie hörte mit unver⸗ 32 ſtelltem Vergnügen auf ſeine Betheuerungen, und geſtand in der Offenheit, welche aus ihrer Zufriedenheit entſprang, daß er über ihre Neigungen unumſchränkt zu gebieten habe. Dieſes Geſtändniß entzückte ihn. Er glaubte ſich nun dem Punkte nahe, die wonnigen Früchte ſeiner Geſchicklichkeit und Unver⸗ droſſenheit einzuernten. Da nun der Morgen ſchon ziemlich ſtark herannahte, ſo willigte er mit Entzücken in den erſten Vorſchlag, den ſie that, ſich nach Hauſe zu begeben. Als die Blenden des Wagens heruntergelaſſen worden waren, zog er aus ihrer günſtigen Stimmung gegen ihn Nutzen; unter dem Vorwande, daß ihn der reichlich genoſ⸗ ſene Wein in Laune geſetzt habe, ſchloß er ſie in ſeine Arme und drückte tauſend feurige Küſſe auf ihre Lippen, eine Freiheit, die ſie als ein Vorrecht des Rauſches hingehen ließ. Nachdem er ſo unge⸗ ſtraft ſeiner Leidenſchaft nachgehangen hatte, hielt der Wagen ſtill. Pips öffnete den Schlag, und ſein Herr führte Emilie ſo ſchnell in das Haus, daß ſie nicht Zeit hatte, wahrzunehmen, es ſey nicht ihres Oheims Wohnung, wo ſie abgeſtiegen wären. Als ſie dieſe Entdeckung gemacht hatte, wurde ſie ängſtlich und fragte ihn mit einiger Betroffenheit, aus welcher Urſache er ſie um dieſe Zeit an einen fremden Ort führte. Allein er antwortete ihr nicht eher, als bis er ſie in ein Zimmer gebracht hatte. Hier gab er ihr zu verſtehen, es würde ihren Oheim und ſein Haus nur ſehr beunruhigen, wenn ſie ſo ſpät in der Nacht zurückkäme; überdieß wären die Straßen bei Temple⸗bar durch eine Menge Räuber und Kehlabſchneider belagert; daher habe er ſeinem Kutſcher befohlen, vor dieſem Hauſe zu halten. Die Eignerin davon wäre ſeine Anver⸗ wandtin, eine recht wackere Frau. Sie würde ſtolz auf die Gelegen⸗ heit ſeyn, eine Dame bei ſich aufnehmen und bewirthen zu können, gegen die er, wie bekannt, ſo viel Zärtlichkeit und Achtung hege. Emilie war zu ſcharfſichtig, um ſich von dieſem ſcheinbaren Vor⸗ wande hintergehen zu laſſen. Trotz ihrer Parteilichkeit für Peregrine, die nie zuvor zu einem ſo hohen Grade von Gefälligkeit erglüht war, 33 begriff ſie in einem Augenblick ſeinen ganzen Plan. Wiewohl ihr Blut vor Unwillen kochte, ſo dankte ſie ihm doch mit angenommener Heiterkeit für ſeine gütige Fürſorge. Zugleich beſtand ſie aber doch darauf, nach Häuſe zu fahren, damit ihr Außenbleiben ihrem Oheim und ihrer Tante keine Angſt verurfachen möchte, weil ſie wohl wüßte, daß ſich dieſe nicht eher zur Ruhe begeben würden, als bis ſie heim⸗ gekommen wäre. Peregrine machte tauſend Gegenvorſtellungen, und drang in ſie, auf ihre Bequemlichkeit und Sicherheit Rückſicht zu nehmen; auch verſprach er, den Pips in die City zu ſchicken, um ihre Anverwandten zu beruhigen. Da er ſie aber gegen alle ſeine Bitten taub fand, verſicherte er ſie, in wenig Minuten ihr Verlangen zu erfüllen. Mitt⸗ lerweile erſuchte er ſie, ſich durch eine Herzſtärkung, die er in ihrer Gegenwart aus der Taſche zog, gegen die Kälte zu ſchützen. Sie aber, deren Verdacht nun einmal rege war, weigerte ſich, trotz ſeines heftigen Anhaltens, etwas davon zu nehmen. Jetzt ſiel er vor ihr auf die Kniee nieder und ſchwur ihr, wobet Thränen über ihre Wangen ſchoßen, ſeine Leidenſchaft habe jetzt einen ſo hohen Grad von Ungeduld erreicht, daß er nicht länger von der unweſentlichen Nahrung der Erwartungen leben könnte, und daß er, wenn ſie ihn nicht würdigte, ſeine Glückſeligkeit zu krönen, ſich vor ihren Augen ſogleich aufopfern würde; denn ihre Verſchmähung zu ertragen ſey er nicht im Stande. Dieſer unerwartete Antrag, den verſchiedene Symptome der heftigſten Verzweiflung begleiteten, mußte die ſanfte Emilie nothwendig betroffen machen und in Furcht ſetzen. Als ſie ſich etwas erholt hatte, verſetzte ſie in einem entſchloſſenen Tone, ſie könne nicht einſehen, was für Urſache er habe, ſich über ihre Zurückhaltung zu beklagen. So lange er ſeine Abſichten nicht förmlich erklärt, und ſo lange er von denen, welchen zu gehorchen ihre Pflicht ſey, nicht Genehmigung erlangt hätte, könne ſie ſich ſchlechterdings nicht anders als wie jetzt gegen ihn benehmen. „Himmliſches Geſchöpf!“ rief er, indem er ihre Hand ergriff Smollet's Romane. Rl. 3 34 und ſie an ſeine Lippe drückte,„von Ihnen allein hoffe ich jene huldvolle Nachgiebigkeit, die mich mit Strömen himmliſcher Wonne beſeligen würde. Sagen Sie mir nichts von Eltern und Anverwand⸗ ten! Die denken immer ſchmutzig, albern und bornirt. Suchen Sie, ich beſchwöre Sie, meine Leidenſchaft nicht ſolchen niedrigen Feſſeln zu unterwerfen, die nur um des gemeinen Haufens willen vorhanden ſind! Meine Liebe iſt viel zu edel und zart, um dieſe Bande des Pöbels zu ertragen, die nur dazu dienen, das Verdienſt einer frei⸗ willigen Neigung zu zernichten, und einen Mann unaufhörlich an die harten Geſetze der Nothwendigkeit zu erinnern, unter denen er ſchmach⸗ tet. Theuerſter Engel, erſparen Sie mir die Kränkung, Sie aus Zwang lieben zu müſſen, und ſeyen Sie die einzige Beherrſcherin meines Herzens und Vermögens! Ich will Sie nicht ſo beleidigen, und von Feſtſetzung eines Jahrgehalts mit Ihnen ſprechen. All' mein Hab' und Gut ſteht zu Ihrem Befehl. In dieſem Taſchen⸗ buche ſind Banknoten auf zweitauſend Pfund. Machen Sie mir das Vergnügen, ſie anzunehmen. Morgen lege ich noch zehntauſend in Ihre Hand! Mit Einem Worte, Sie ſollen Gebieterin von allem dem ſeyn, was ich beſitze, und ich werde mich glücklich ſchätzen, bloß von Ihrer Güte abzuhängen.“ O Himmel! wie ward der tugendhaften, der gefühlvollen, der zärtlichen, der feindenkenden Emilie zu Muthe, als ſie dieſe freche Rede aus dem Munde eines Mannes hörte, den ſie mit ihrer Nei⸗ gung und Achtung beehrt hatte! Es war nicht bloß Schreck, Be⸗ trübniß oder Unwille, was ſie über dieſe unwürdige Behandlung empfand, ſondern die vereinten Martern von allen dreien zugleich. Dieß erzeugte eine Art von hyſteriſchem Lachen, als ſie ihm ſagte, ſie könne nicht umhin, ſeine beiſpielloſe Hochherzigkeit zu bewundern. Dieſes convulſiviſche Lachen und das ironiſche Compliment, wo⸗ von es begleitet war, täuſchten den Liebhaber. Er glaubte in ſeinen Operationen bereits ſo große Fortſchritte gemacht zu haben, daß es jetzt nur auf einen muthigen Angriff der Feſtung ankäme, damit er 35 ihr die Verwirrung erſparte, ſich ohne Widerſtand zu ergeben. In dieſer falſchen Einbildung ſtürzte er auf ſie los, faßte ſie in ſeine Arme und begann den wüthenden Eingebungen einer unregelmäßigen und ungroßmüthigen Begierde zu gehorchen. Sie verlangte jetzt mit kalter Entſchloſſenheit eine Unterredung mit ihm. Nach wiederholtem Anſuchen geſtand er ſie ihr zu. Nunmehr hielt ſie folgende Anrede an ihn, wobei eben ſo viele Würde als tiefe Ehrfurcht einflößender Unwille aus ihren Augen ſtrahlten. „Sir, ich verſchmähe es, Ihnen Ihre ehemaligen Gelübde und Betheuerungen vorzuhalten. Auch mag ich die elenden Kunſtgriffe nicht wiederholen, deren Sie ſich bedient haben, um mein Herz zu beſtricken. Denn obgleich Ihre anhaltende, treuloſe Verſtellung Sie Mittel hat ausfindig machen laſſen, meine Meinung zu hintergehen, ſo ſind doch alle Ihre Bemühungen nie vermögend geweſen, meine Wachſamleit einzuſchläfern, oder meine Neigung ſo weit zu feſſeln, daß es nicht in meiner Macht ſtände, Sie ohne Thränen von mir zu entfernen, wenn meine Ehre ein ſolches Opfer verlangen ſollte. Sir, Sie ſind meiner Theilnahme oder meines Bedauerns gleich unwerth, und der Seufzer, der ſich jetzt aus meiner Bruſt drängt, entſpringt bloß aus Unwillen gegen mich, daß ich ſo wenig ſcharfſichtig geweſen bin. Was Ihren gegenwärtigen Angriff auf meine Tugend betrifft, ſo verachte ich Ihre Macht eben ſo ſehr, als ich Ihre Abſicht ver⸗ abſcheue. Wiewohl Sie mich unter der Maske der zärtlichſten Ehr⸗ erbietung aus dem unmittelbaren Schutze meiner Freunde hinwegge⸗ lockt und andere gottloſe Ränke erſonnen haben, meine Ruhe und meinen guten Namen zu Grunde zu richten, ſo habe ich dennoch ein zu großes Zutrauen zu meiner Unſchuld und zu der Macht der Ge⸗ ſetze, als daß mich nur die allermindeſte Furcht anwandelte, geſchweige daß ich in der gräßlichen Situation erliegen ſollte, in die mich Ihre Verſicherungen geſtürzt haben. Ihr Betragen, Sir, bei dieſer Gele⸗ genheit iſt in jedem Betracht niederträchtig und verächtlich. Denn, ſo ein ſchändlicher Bube Sie auch ſind, ſo durften Sie dennoch nicht 36 den mindeſten. Gedanken zur Ausführung dieſes abſcheulichen Planes hegen, ſo lange Sie meinen Bruder nahe genug wußten, dieſer Be⸗ ſchimpfung zuvorzukommen oder ſie zu rächen. Mithin müſſen Sie nicht nur ein verrätheriſcher Böſewicht, ſondern auch eine nichts⸗ würdige Memme ſeyn.“ Nach dieſer Erklärung öffnete Sie mit majeſtätiſchem Anſtande die Thüre, und ging mit der erſtaunlichſten Entſchloſſenheit die Treppe hinunter. Sie vertraute ſich der Fürſorge eines Watchmanns,“ der ſie mit einem Miethswagen verſorgte, worin ſie wohlbehalten in ihres Oheims Hauſe anlangte. Ihre beißenden Vorwürfe und ihr herzhaftes Betragen ſetzten inzwiſchen den Liebhaber in eine ſolche Beſtürzung und in eine ſolche ehrerbietige Furcht, daß ihn alle ſeine Entſchloſſenheit verließ, und er nicht vermögend war, ihr weder den Rückzug zu verwehren, noch ſelbſt eine Sylbe hervorzubringen, um ihren Zorn zu beſänftigen oder ſeinem ſtrafbaren Schritt einen mildernden Anſtrich zu geben. Die Beſchaffenheit des mißlungenen Streichs und die nagende Reue, die ihn überſiel, als er bedachte, in was für einem entehrenden Lichte Emilien ſein Charakter erſchienen war, brachte in ſeiner Seele eine ſolche Zerrüttung hervor, daß auf ſein Stillſchweigen ein heftiger Anfall von Wahnſinn folgte. Er tobte während deſſelben wie ein Bedlamit, und beging tauſenderlei Exceſſe, welche die Lente im Hauſe (es war ein Bagno) überzeugten, daß er wirklich ſeinen Verſtand verloren habe. Pips trat mit vieler Theilnahme dieſer Meinung bei. Durch Hülfe der Aufwärter hinderte er ſeinen Herrn, mit auf die Straße zu rennen, und den ſchönen Flüchtling zu verfolgen, den er in ſeiner Raſerei wechſelsweiſe bald verfluchte, bald erhob, ihn bald mit den gräßlichſten Verwünſchungen, bald mit den höchſten Lobſprü⸗ chen belegte. Sein treuer Diener wartete zwei Stunden, in der Hoffnung, daß * Ein Nachtwächter. dieſer Sturm der Leidenſchaft bei ihm vorüberbrauſen ſollte; als er aber wahrnahm, daß der Paroxismus mehr zuzunehmen ſchien, ſandte er ſehr weislich nach einem Arzte, der mit ſeinem Herrn bekannt war. Derſelbe verordnete nach Erwägung der Umſtände und der Symptome, ihm ohne Zeitverluſt reichlich zu Ader zu laſſen, und verſchrieb ihm einen Trank, um den Aufruhr ſeiner Lebensgeiſter zu ſtillen. Dieſe Verordnungen wurden pünktlich vollzogen. Peregrine ward ruhiger und folgſamer. Er erlangte ſeine Beſinnungskraft ſo weit wieder, daß er ſich ſeiner Ausſchweifungen ſchämte, ſich ruhig auskleiden und zu Bette bringen ließ. Seine heftigen Bewegungen auf dem Maskenball, wozu noch die gegenwärtige Zerrüttung ſeiner Lebensgeiſter kam, hatten ihn ſo müde gemacht, daß er bald in einen tiefen Schlaf verſank. Dieß trug viel zur Erhaltung ſeines Ver⸗ ſtandes bei. Dennoch war ſein Gemüth noch nicht ganz beruhigt, als er gegen Mittag erwachte. Bei Erinnerung deſſen, was vorge⸗ fallen war, übermannte ihn der ſtärkſte Unwille. Emiliens Vorwürfe klangen ihm fortwährend im Ohre, und während ihn ihre Verach⸗ tung tief ſchmerzte, konnte er nicht umhin, ihren Muth zu bewun⸗ dern und im Herzen den Reizen des ſchönen Mädchens zu huldigen. Zweiundachtzigſtes Kapitel. Peregrine bietet Alles auf, um ſich mit ſeiner Geliebten wieder auszuſöhnen⸗ Er hat mit ihrem Oheim einen Wortwechſel. Dieſer verbietet ihm ſein Haus. 5 In dieſem Zuſtande der Herzzerriſſenheit ließ ſich Peregrine mit⸗ telſt einer Sänfte nach ſeinem Logis ſchaffen. Eben, da er mit ſich zu Rathe ging, ob er Emiliens Verfolgung aufgeben, und ihr Bild 38 aus ſeinem Herzen zu verbannen ſuchen, oder ob er ſogleich zu ſeiner erbitterten Gebieterin hingehen, und ihr voll Demuth zur Abbüßung ſeines Verbrechens ſeine Hand antragen ſollte, überreichte ihm ſein Vedienter ein Paket, das der Briefträger an der Thüre abgegeben hatte. Peregrine ſah kaum, daß die Aufſchrift von Emiliens Hand war, ſo errieth er auch ſchon den Inhalt. Voller Haſt öffnete er das Siegel, und erblickte die Juwelen, die er ihr geſchenkt, in ein Billet eingeſchloſſen, das folgendermaßen lautete: „Damit ich nicht Urſache haben möge, mir den Vorwurf zu machen, auch nur das geringſte Andenken an einen Elenden zu be⸗ halten, den ich eben ſo ſehr verachte, als verabſcheue, ſende ich die fruchtloſen Werkzeuge ſeiner niederträchtigen Abſichten auf meine Ehre wieder zurück. Emilie.“ Die Bitterkeit dieſer verächtlichen Botſchaft reizte und ent⸗ flammte ſeinen Aerger ſo ſehr, daß er ſich in die Finger biß, ſo, daß das Blut die Nägel hinunter floß, ja er weinte ſogar vor Ver⸗ druß. Bald wollte er ſich an ihrer ſtolzen Tugend rächen; bald be⸗ trachtete er wieder ihr Benehmen mit Ehrerbietung und Achtung, und beugte ſich tief vor der unwiderſtehlichen Macht ihrer Reize. Kurz, ſeine Bruſt wurde von widerſtreitenden Leidenſchaften zerriſſen. Liebe, Schaam und Gewiſſensbiſſe kämpften mit Eitelkeit, Ehrgeiz und Rachbegier. Es war zweifelhaft, wer die Oberhand behalten würde. Endlich ſchlug ſich die hartnäckige Begierde, Emilien zu be⸗ ſiegen, in's Mittel, und entſchied zum Beſten eines Verſuchs, ſich mit der beleidigten Schönen auszuſohnen. Zu dieſem Ende begab er ſich Nachmittags nach der Wohnung des Oheims, nicht ohne Hoffnung, jenes ſüße Vergnügen zu ſchmecken, das die Ausſöhnung zweier zärtlichen und feinempfindenden Liebenden ſtets zu bewirken pflegt. Wiewohl das Bewußtſeyn ſeiner Schuld ihm ein gewiſſes linkiſches verlegenes Weſen gab, ſo hatte er den⸗ noch zu ſeinen perſönlichen Eigenſchaften und zu ſeiner Geſchicklich⸗ keit Zutrauen genug, um an ſeiner Verzeihung zu verzweifeln. 39 So hatte er, ehe er noch die Wohnung des Kaufherrn erreichte, ſich eine ſehr künſtliche und pathetiſche Rede ausgeſonnen, die er zu ſeiner Vertheidigung vortragen wollte. Er ſchob darin alles Tadelns⸗ würdige ſeines Betragens auf die Heftigkeit ſeiner Liebe, und auf das Uebermaß des genoſſenen Burgunders. Doch fand er keine Ge⸗ legenheit, ſeine Studien an den Mann zu bringen. Emilie, die wohl vermuthete, daß Pickle einen ſolchen Schritt thun würde, ihre Gewogenheit wieder zu erlangen, war unter dem Vorwande, einen Beſuch zu machen, ausgegangen. Zuvor hatte ſie ihren Anverwandten ihren Entſchluß mitgetheilt, Peregrine's Geſell⸗ ſchaft wegen einiger zweideutigen Züge zu vermeiden, wie ſie es nannte, die ſich verwichene Nacht auf der Maskerade ganz deutlich in ſeinem Betragen offenbart hätten. Sie wollte ihren Verdacht lieber in dieſe Winke verhüllt vortragen, als die ſchändlichen Kunſt⸗ griffe des jungen Mannes umſtändlich erzählen. Denn ſie glaubte, dadurch die Familie zur höchſten Erbitterung und Rache zu reizen. Da ſich unſer abenteuernder Ritter in ſeiner Erwartung, ſie zu ſehen, betrogen fand, ſo erkundigte er ſich nach dem Oheim. Er glaubte, Einfluß genug auf ihn zu haben, um ſich mit Glück bei ihm rechtfertigen zu können, falls er ihn durch den Bericht der jun⸗ gen Dame gegen ſich zum Voraus eingenommen finden ſollte. Aber auch das ſchlug ihm fehl. Der Oheim ſpeiste zu Mittag auf dem Lande, und ſeine Frau war unwohl. Mithin hatte Pickle keinen Vorwand, bis zur Zurückkunft ſeiner Geliebten im Hauſe zu bleiben. An Auskunftsmitteln ſtets fruchtbar, ließ er ſeinen Wagen fortfah⸗ ren und nahm Beſitz von dem Zimmer eines Weinhauſes, deſſen Fenſter nach dem Hauſe des Kaufmanns hinaus gingen. Hier be⸗ ſchloß er, Emiliens Ankunft abzuwarten. Er führte dieſen Plan mit unermüdeter Geduld aus. Allein der Erfolg entſprach nicht ſei⸗ ner Erwartung. Emilie, die in ihrer lobenswerthen Vorſicht überzeugt war, daß ſie ſich der Fruchtbarkeit ſeiner Einbildungskraft nicht ausſetzen dürfe, 4⁰ begab ſich durch einen geheimen Weg nach Hauſe, und ging zu einer Hinterthür hinein, die ihrem Bewunderer ganz unbekannt war. Was den Oheim anbelangt, ſo kam er nicht eher zurück, als bis es ſo ſpät war, daß Pickle keine Unterredung mit ihm verlangen konnte, ohne offenbar den Wohlſtand zu verletzen. Am folgenden Morgen unterließ er nicht, ſich vor der Thür zu zeigen. Seine Gebieterin ward auf ihr ausdrückliches Verlangen verläugnet. Nunmehr beſtand unſer Held darauf, den Herrn vom Hauſe zu ſprechen. Dieſer empfing ihn mit einer ſolchen kalten Höflichkeit, die ihm offenbar zu verſtehen gab, daß er mit der Ur⸗ ſache des Mißvergnügens ſeiner Nichte vollkommen befannt ſey. Daher ſagte er mit der Miene der Redlichkeit zu dem Citybewohner: Er nähme gar leicht aus ſeinem ganzen Betragen ab, daß er ein Vertrauter von Miß Emilien ſey. Er ſey gekommen, dieſelbe wegen einer gewiſſen Beleidigung um Verzeihung zu bitten, und er zweifle nicht, wenn er vor ſie gelaſſen würde, im Stande zu ſeyn, ſie zu überzeugen, daß er nicht mit Abſicht gefehlt habe, oder wenigſtens eine ſolche Genugthuung vorzuſchlagen, die ſein Vergehen wirklich abzubüßen vermögend ſey. Auf dieſe Vorſtellung antwortete der Kaufmann ohne Umſtände und Winkelzüge: Zwar wiſſe er nicht, worin ſeine Beleidigung gegen ſeine Nichte eigentlich beſtände, aber er ſey überzeugt, daß ſie ſehr ſtark müſſe geweſen ſeyn, weil ſeine Emy gegen eine Perſon ſo ſehr erbittert worden ſey, vor der ſie ſonſt beſondere Achtung gehegt hätte. Er geſtand, ſie habe gegen ihn erklärt, daß ſie geſonnen ſey, ſeiner Bekanntſchaft auf immer zu entſagen. Sie hätte dazu unſtreitig ihre guten Gründe. Er ſeiner Seits wolle keine Ausſöhnung zwiſchen ihnen zu ſtiften übernehmen, wofern er ihm nicht unumſchränkte Vollmacht gäbe, wegen der Heirath Unterhandlung zu pflegen; dieß allein, vermuthete er, ſey das einzige Mittel, ſeine Aufrichtigkeit zu beweiſen und Emiliens Verzeihung zu erlangen. Dieſe plumpe Erklärung entflammte Peregrine's Stolz. Er 41 fonnte ſich nicht enthalten, ſie als das Reſultat eines zwiſchen der ſüngen Dame und ihrem Oheim abgeredeten Planes anzuſehen, um aus ſeiner Hitze Nutzen zu ziehen. Daher verſetzte er mit offenbaren Zeichen des Widerwillens, daß er nicht einſehen könne, wozu ein Nittler nöthig ſey, die Mißhelligkeit zwiſchen Emilie und ihm bei⸗ zulegen. Er verlange weiter nichts als eine Gelegenheit, ſeine Sache ſelbſt zu vertheidigen. Der Citybewohner ſagte ihm rund heraus: Seine Nichte habe das ernſtliche Verlangen geäußert, ſeine Geſellſchaft zu vermeiden, und er ſey nicht geſonnen, ihrer Neigung den mindeſten Zwang an⸗ zuthun. Zugleich gab er ihm zu verſtehen, daß er Geſchäfte abzu⸗ machen habe. Bei dieſer hochmüthigen Begegnung glühte unſer Held vor Un⸗ willen.„Ich habe Unrecht gehabt,“ ſagte er,„ſo weit dieſſeits Tem⸗ ple⸗bar feine Sitten zu ſuchen. Allein Sie müſſen mir erlauben, Sir, Ihnen zu ſagen, daß, wenn mir keine Unterredung mit Miß Gauntlet vergönnt wird, ich ſchließen muß, Sie thun ihrer Neigung Zwang an, weil Sie ſelbſt nicht erlaubte Abſichten mit ihr haben.“— „Sir,“ verſetzte der alte Herr,„Sie mögen in Gottes Namen daraus folgern, was Ihnen gut dünkt. Aber ich bitte Sie, ſo gut zu ſeyn, und mir das Vorrecht nicht zu nehmen, in meinem eigenen Hauſe Herr zu ſeyn.“ Mit dieſen Worten wies er ihm ſehr höflich die Thüre. Unſer Held der ſowohl ſeiner Mäßigung nicht traute, als auch beſorgte, noch unwürdiger behandelt zu werden, ohne hier durch ſeine perſönliche Tapferkeit etwas ausrichten zu können, verließ in größter Wuth das Haus. Ganz konnte er dieſelbe nicht unterdrücken. Er ſagte demnach beim Weggehen zum Hausherrn: Wofern ſein Alter ihn nicht ſchützte, ſo würde er ihn wegen ſeines übermüthigen Be⸗ tragens gebührend gezüchtigt haben. 42 Dreiundachtzigſtes Kapitel. Pickle entwirft den Plan zu einem Gewaltſtreich, der ihm mancherlei Be⸗ ſchwerden verurſacht und ſeinen Verdruß erhöht. Auf ſolche Weiſe allen perſönlichen Umgangs mit ſeiner Gelieb⸗ ten beraubt, verſuchte Peregrine durch die unterwürfigſten und rüh⸗ rendſten Briefe, die er ihr auf allerlei Wegen in die Hände zu ſpielen wußte, ihre Gewogenheit wieder zu erlangen. Da jedoch alle dieſe Bemühungen fruchtlos blieben, erreichte ſeine Leidenſchaft einen ſolchen Gipfel von an Wahnſinn ſtreifender Ungeduld, daß er be⸗ ſchloß, lieber Leib, Vermögen und guten Namen auf das Spiel zu ſetzen, als von ſeinem unzurechtfertigenden Vorhaben abzulaſſen. Wirklich war ſein Groll eben ſo groß als ſeine Liebe, und dieſe beiden Leidenſchaften forderten mit gleichem Ungeſtüm Befriedigung. Er hielt fortwährend Aufpaſſer in Sold, die Emiliens Gänge be⸗ lauern mußten, ob er vielleicht eine günſtige Gelegenheit fände, ſie zu entführen. Allein ihre Vorſicht machte immer alle ſeine Abſich⸗ ten zu Schanden. Von einem Mann ſeines Charakters durfte ſie mit gutem Grund Alles argwöhnen, und ſie nahm darnach ihre Maßregeln. Durch ihre Behutſamkeit und Scharfſicht in ſeiner Erwartung geäfft, änderte Peregrine ſeinen Plan. Unter dem Vorgeben, ſich in wichtigen Angelegenheiten auf ſein Landhaus begeben zu müſſen, reiste er von London ab, miethete ſich aber ein Logis in dem Hauſe eines Landmanns, das nahe an der Straße lag, welche Emilie auf der Rückreiſe zu ihrer Mutter nothwendig paſſiren mußte. Hier entzog er ſich Aller Blicken und behielt nur ſeinen Kam⸗ merdiener und Pips bei ſich. Dieſe hatten Ordre, die Gegend ringsum zu durchſtreifen, jedes Pferd, jeden Wagen und jedes Fuhr⸗ 43 werk auszukundſchaften, die ſich auf der Heerſtraße ſehen ließen, um ſeine Duleinea unterwegs wegzukapern. Schon eine ganze Woche hatte er in dieſem Verſteck gelegen, als ihm ſein Kammerdiener meldete, er und ſein Mitkundſchafter hätten eine Chaiſe mit Sechſen entdeckt, die in vollem Trabe auf ſie zukam. um nicht erkannt zu werden, hätten ſie ihre Hüte über das Geſicht heruntergekrämpt, und ſich hinter einer Hecke verſteckt gehabt. Von hier aus hätten ſie in dem Wagen, wie er vorbeige⸗ kommen wäre, einen jungen Mann erblickt, in ganz ſchlechter Klei⸗ dung, und ein Frauenzimmer mit einer Maske vor, die Emilien an Wuchs, Miene und Weſen auf ein Haar ähnlich wäre. Pips wäre ihnen in einiger Entfernung gefolgt, und er ſey nur hierher ge⸗ ſprengt, ihm dieſe Zeitung zu bringen. 3 Peregrine ließ ihm kaum Zeit, ſeinen Bericht zu enden. Er rannte hinunter in den Stall, wo zu dieſem Behuf immer ein Pferd geſattelt ſtand. Feſt überzeugt, daß die in Rede ſtehende Dame ſeine Geliebte, und ihr Begleiter einer der Schreiber ihres Oheims ſey, ſtieg er ſogleich auf, und jagte in vollem Gallopp der Chaiſe nach. Als er ungefähr zwei Meilen zurückgelegt hatte, erfuhr er vom Pips, daß ſie in einem benachbarten Wirthshauſe eingekehrt ſey. Wiewohl ihn ſeine Neigung ſpornte, ohne weiteres Säumen in ihr Zimmer zu dringen, ſo ließ er ſich doch von ſeinem Geheimerath von dieſem übereilten Schritt ablenken. Dieſer ſtellte ihm vor, daß es ihm unmöglich fallen würde, ſein Vorhaben auszuführen, und ſie wider ihren Willen aus einem öffentlichen Wirthshauſe wegzubringen. Daſſelbe läge mitten in einem volkreichen Dorfe, das ſich unfehlbar zu ihrer Vertheidigung aufmachen würde. Er rieth ihm daher, an einem entfernten und abgelegenen Orte auf der Landſtraße dem Wa⸗ gen abzulauern. Da ließe ſich ihr Plan ohne Schwierigkeit und Gefahr ausführen. Dieſem Anſchlage zufolge befahl unſer abenteuernder Ritter dem Pips, das Wirthshaus genau im Auge zu behalten, damit Emilie 44 mit dem jungen Menſchen ihn auf keinem andern Wege entwiſchen konnte. Er ſelbſt aber und ſein Kammerdiener nahmen einen Um⸗ weg durch einen wenig betretenen Fußſteig, und poſtirten ſich an dem Orte in Hinterhalt, den ſie zur Scene ihrer Unternehmung aus⸗ erkoren hatten. Hier warteten ſie eine volle Stunde, ohne weder den Wagen zu ſehen, noch von ihrer ausgeſtellten Schildwache etwas zu hören. Der junge Mann war jetzt nicht im Stande, ſich noch einen Augenblick länger zu gedulden. Er ließ daher den Schweizer auf ſeiner Station, und ritt zu ſeinem treuen Tom zu⸗ rück. Dieſer verſicherte ihn, daß die Reiſenden den Anker noch nicht gelichtet hätten. Dieſer Nachricht ungeachtet begann Peregrine einen ſolchen quälenden Verdacht zu faſſen, daß er nicht umhin konnte, ſich dem Wirthshauſe zu nähern, und ſich nach der Geſellſchaft zu erkundigen, die zuletzt in einer Chaiſe mit Sechſen angekommen ſey. Der Wirth, der mit dem Betragen dieſer Paſſagiere nicht im Mindeſten zufrieden war, fand es nicht für gut, ſich nach ihren ihm ertheilten Inſtruk⸗ tionen zu richten. Er that vielmehr das Gegentheil und erzählte ganz treuherzig, die Chaiſe habe gar nicht angehalten, ſondern wäre zu dem einen Thor hinein und zu dem andern wieder hinaus ge⸗ fahren, in der Abſicht, ihren Verfolgern einen blauen Dunſt vorzu⸗ machen. So viel habe er wohl aus dem Diskurs des jungen Herrn gemerkt. Dieſer hätte ihn gar dringend gebeten, Allen und Jeden, die ſich nach der Route erkundigen möchten, die ſie genommen hät⸗ ten, dieſelbe zu verſchweigen. „Ich für meinen Theil,“ fuhr dieſer mitleidige Wirth fort, „glaube, daß ſie's nicht beſſer verdienen, als ſie's haben, denn ſonſt würde ihnen nicht ſo hölliſch angſt und bange vor dem Einholen ſeyn.“ Aller Wahrſcheinlichkeit nach würde der geſchwätzige Wirth den Reiſenden einen wirklichen Dienſt geleiſtet haben, wenn Peregrine ſein weiteres Geſpräch bis zu Ende angehört hatte. 45 Allein der ungeſtüme Jüngling hemmte den Strom ſeiner Rede gleich im Anfange, indem er ihn mit Heftigkeit fragte:„Wel⸗ chen Weg haben ſie genommen?“ Kaum hatte ihm der Wirth dieß beſchrieben, ſo gab er ſeinem Pferde die Sporen und befahl Pips, dem Kammerdiener zu melden, welche Richtung er genommen habe, damit ſie ihm in möglichſter Eile nachkämen. Die Erzählung des Wirths von dem Betragen des flüchtigen Paares beſtätigte Pickle vollkommen in ſeiner erſten Meinung. Er nöthigte ſein Pferd, alle ſeine Kräfte und Schnelligkeit anzuſpannen. Was ihn anlangte, ſo war ſeine Phantaſie von der Hoffnung, Emi⸗ lie in ſeiner Gewalt zu haben, ſo ſehr erfüllt, daß er nicht bemerkte, wie der Weg, den er nahm, von demjenigen ganz abwich, der nach der Wohnung der Miſtriß Gauntlet führte. Der Kammerdiener war in dieſer Gegend des Landes völlig unbekannt, und was Maſter Pips anlangte, ſo lagen dergleichen Betrachtungen völlig außer ſeinem Geſichtskreis. Unſer Held hatte zehn ſtarke Meilen zurückgelegt, als der An⸗ blick der Chaiſe Jubel in ſeine Augen und Seele goß. Sie fuhr in einiger Eutfernung den Hügel hinauf. Jetzt verdoppelte Peregrine ſeine Eile ſo ſehr, daß er jede Minute dem Wagen näher kam. Endlich war er ſo dicht vor ihm, daß er das Frauenzimmer und ihren Führer unterſcheiden und ſehen konnte, wie ſie die Köpfe aus dem Schlage ſteckten, rückwärts blickten, und wechſelsweiſe mit dem Kutſcher ſprachen, als wenn ſie ihn ernſtlich bäten, noch ſchneller zu fahren. Als er nun gleichſam im Angeſichte ſeines Hafens war, fiel ſein Pferd, indem er über den Weg ritt, mit ſolcher Heftigkeit in ein tiefes Wagengeleiſe, daß er einige Klafter weit über deſſen Kopf hinweggeſchleudert wurde. Das Thier hatte ſich beim Stürzen das Schulterblatt ausgefallen, folglich befand ſich deſſen Herr außer Stande, die Frucht zu pflücken, die er zu erreichen ſo nahe war. Denn ſeine Bedienten hatte er in einer beträchtlichen Entfernung 46 hinter ſich gelaſſen; und hätte er ſie auch bei ſich gehabt, und von ihnen ein anderes Pferd erhalten, ſo waren ſie doch ſo mittel⸗ mäßig beritten, daß er vernünftigerweiſe nicht erwarten konnte, die Flüchtlinge einzuholen. Dieſe machten ſich inzwiſchen ſein Unglück zu Nutze, und die Chaiſe verſchwand in einem Augenblick. Wie ein junger Mann von ſeiner Gemüthsart in einer ſo Tan⸗ talus ⸗ähnlichen Lage die Zeit zugebracht habe, kann man ſich leicht vorſtellen. Er ſtieß mit der größten Inbrunſt Stoßſeufzer aus; allein dieſe Gebete waren nichts weniger als Früchte von Reſignation. Mit unglaublicher Geſchwindigkeit rannte er zurück, um ſeinen Kammer⸗ diener anzutreffen, dem er ſogleich das Pferd abnahm. Er ſetzte ſich auf, und begann Peitſche und Sporen zu brauchen; dem Schweizer befahl er, ihm auf dem andern Pferde zu folgen, und den lahmen Renner übergab er der Fürſorge des Pips. Nachdem dieſe Einrichtungen getroffen waren verfolgte unſer abenteuernder Ritter ſeinen Lauf aus aller Macht. Er hatte bereits eine ziemliche Strecke zurückgelegt, als er von einem Landmanne er⸗ fuhr, daß die Chaiſe einen andern Weg genommen habe. Sie müſſe jetzt, nach ſeiner Meinung, etwa drei Meilen voraus ſeyn. Allein höchſt wahrſcheinlicher Weiſe würden es die Pferde nicht mehr länger aushalten können. Durch dieſe Nachricht ermuntert, ſprengte Pickle mit großer Heftigkeit weiter. Dennoch konnte er den Gegenſtand ſeiner eifrigen Wünſche nicht eher wieder zu Geſicht bekommen, als bis die Nacht ihr finſteres Gewand über die Erde auszubreiten be— gann. Selbſt jetzt erblickte er nur einen vorüberſchwebenden Schim⸗ mer. Kaum ließ ſich der Wagen ſehen, als er ſich auch ſchon wieder ſeinen Blicken entzog. Dieſe verdrüßlichen Umſtände machten ihn im Nachſetzen nur hitziger und feuerten ſeinen Unwillen noch mehr an. Kurz, er fuhr in ſeiner Verfolgung ſo lange fort, bis es ſchon tief in die Nacht, und er wegen des Gegenſtandes ſeiner Beſtrebung ſo ungewiß war, daß er in ein abgelegenes Wirthshaus einkehrte, um daſelbſt Nachrichten einzuziehen. Zu ſeinem unausſprechlichen Vergnügen ſah er hier die Chaiſe ausgeſpannt ſtehen und die Pferde im Hofe keuchen. In voller Zu⸗ verſicht, endlich das Ziel ſeiner Wünſche erreicht zu haben, ſprang er augenblicklich von ſeinem Gaul herunter, rannte mit dem Piſtol in der Hand auf den Kutſcher los, und befahl ihm in gebieteriſchem Tone, ihn in das Zimmer der jungen Dame zu führen, oder er wäre des Todes. Dieſe drohende Anrede ſetzte den armen Pferde⸗ bändiger in einen gewaltigen Schreck. Er betheuerte ganz de- und wehmüthig, er wüßte nicht, wo die Leute ſich hinbegeben hätten, die er gefahren habe. Sie hätten ihn abgelohnt, weil er ſie nicht des Nachts in der Kreuz und in der Quere hätte durch das Land fahren wollen, ohne einmal anzuhalten und ſeinen Pferden ein Futter geben zů laſſen. Er verſprach aber, hinzugehen und den Hausknecht zu holen, der ihm das Zimmer nachzuweiſen im Stande ſeyn würde. Dieſe Botſchaft mußte er denn über ſich nehmen. Inzwiſchen ſtand unſer Held ſo lange vor der Thüre Schildwache, bis ſein Kammer⸗ diener eintraf. Weil dieſer zufällig eher kam, als der Kutſcher zurück war, mußte er den jungen Herrn von ſeinem Poſten ab⸗ löſen. Höchſt erbittert über das Zaudern ſeines Boten lief nun Pere⸗ grine mit Augen voller Wuth aus einem Zimmer in das andere, und drohte dem ganzen Hauſe Rache an. Allein er fand keine leben⸗ dige Seele, als bis er in die Dachkammer kam. Hier traf er den Wirth und deſſen Frau im Bette an. Dies haaſenherzige Paar ſah bei dem Schein einer Nachtlampe, die auf dem Herde brannte, einen Fremden in einer fürchterlichen Attitüde in ihre Kammer hin⸗ einſtürzen. Das heftigſte Entſetzen bemeiſterte ſich ihrer und ſie baten mit lauter Stimme im kläglichſten Tone, er möchte um Jeſu Wun⸗ den willen nur ihr Leben ſchonen, und all ihr Hab' und Gut hin⸗ nehmen. Aus dieſem Geſchrei und aus dem Umſtande, ſie im Bette zu finden, muthmaßte Peregrine, daß ſie ihn für einen Räuber hielten, 48 und von dem nichts wüßten, was er zu erfahren ſuchte. Er benahm ihnen deßhalb ihren Schreck, indem er ſie mit der Veranlaſſung ſei⸗ nes Beſuchs bekannt machte. Sodann verlangte er von dem Wirthe, daß er in möglichſter Eile aufſtünde und ihm ſuchen helfe. In Begleitung des Wirthes durchſtöberte er alle Winkel des Wirthshauſes. Von dieſem erfuhr er zu ſeiner unausſprechlichen Betrübniß, daß der Herr und die Dame, die mit der Chaiſe gekom⸗ men wären, ſogleich Poſtpferde nach einem Dorfe genommen hätten, das fünfzehn Meilen von hier läge, und ſogleich wieder abgereist wä⸗ ren, ohne etwas über die Zunge zu bringen. Ganz unſinnig über dieſe fehlgeſchlagene Erwartung ſchwang ſich unſer abenteuernder Ritter augenblicklich wieder auf ſein Pferd, und nahm mit ſeinem Bedienten denſelben Weg, feſt entſchloſſen, eher ſein Leben als ſein Vorhaben aufzugeben. Er hatte jetzt ſeit drei Uhr Nachmittags bereits dreißig Meilen zurückgelegt. Seine Pferde waren daher ganz abgearbeitet, und mach⸗ ten den Weg ſo langſam, daß es Morgen war, bevor ſie den Ort ihrer Beſtimmung erreichten. Weit entfernt, die Flüchtlinge hier anzutreffen, erfuhr er, daß keine ſolche Perſonen, wie er ſie beſchrieb, des Weges gekommen waren. Aller Wahrſcheinlichkeit nach hatten ſie eine ganz andere Richtung genommen und dem Hausknecht eine falſche Nachricht von ihrer Reiſervute aufgeheftet, um ihre Verfolger irre zu leiten. In dieſer Vermuthung ward er beſtärkt, als er be⸗ merkte, daß er von der Straße, die ſie verfolgen mußten, um nach der Wohnung der Miſtriß Gauntlet zu kommen, um ein Beträcht⸗ liches abgekommen war. Dieſe Entdeckung raubte ihm nun vollends den kleinen Ueberreſt von Beſinnung, den er noch behalten hatte. Seine umherrollenden Augen verriethen Wuth und Geiſteszerrüttung; dicker Schaum ſtand ihm vor dem Munde; er ſtampfte mit großer Heftigkeit auf den Boden und ſtieß Verwünſchungen ohne Zuſammenhang gegen ſich und alle Menſchen aus. Er würde, ohne zu wiſſen wohin, ſogleich 49 auf dem Pferde wieder fortgejagt ſeyn, das er faſt zu Schanden ge⸗ ritten hatte, wenn ſein Vertrauter nicht Mittel ausgefunden hätte, den Tumult in ſeinem Innern dadurch zu beſänftigen und ihn wieder zu ſich zu bringen, daß er ihm den Zuſtand dieſer armen Thiere vor⸗ ſtellte, und ihm den Rath gab, friſche Pferde zu miethen, und quer durch das Land nach dem Dorfe Poſt zu reiten, das in der Nach⸗ barſchaft von Miſtriß Gauntlet Wohnſitz lag. Hier würden ſie die Tochter unfehlbar auffangen, wenn ſie den Vorſprung bekommen könnten. Dieſer gute Rath behagte Peregrine nicht nur, ſondern er ſetzte ihn auch ſogleich in's Werk. Er vertraute ſeine Pferde der Fürſorge des Wirths an, dem er auch Anweiſungen wegen Pips gab, wenn dieſer etwa hieher käme, um ſeinen Herrn zu ſuchen. Er bekam ein paar ſtolze Wallachen, worauf er und ſein Kammerdiener ſich ſogleich weiter verfügten. Sie lenkten ihren Lauf nach den Bewegungen des Poſtjungens, der ſich zu ihrem Wegweiſer entboten hatte. Bei⸗ nahe hatten ſie die erſte Station zurückgelegt, als ſie eine Poſcchaiſe entdeckten, die gerade vor dem Wirthshauſe hielt, wo ſie die Pferde zu wechſeln geſonnen waren. Jetzt entglühte die lebhafteſte Ahnung in der Bruſt unſeres abenteuernden Ritters; er ſetzte ſein Pferd in den ſtärkſten Gallop, und kam nahe genug, um zu unterſcheiden(die Reiſenden verließen Lben ihr Fuhrwerk), daß er gerade mik den Leuten zugleich eingetroffen ſey, die er ſo lange verfolgt hatte. Durch die Entdeckung angefeuert, jagte er ſo ſchnell in den Hof, daß die Dame und ihr Führer kaum Zeit hatten, ſich in ein Zim⸗ mer eitzuſchließen, wohin ſie in größter Eile geflüchtet waren. Nun⸗ mehr war der Verfolger völlig gewiß, ſeine Beute unter Dach und Fach zu haben. Um aber dem Glück nichts zu überlaſſen, ſtellte er ſich auf die Treppe, die ſie hinauf gegangen waren, ließ dem jungen Frauenzimmer ſeine Empfehlung vermelden, und ſie um die Gewo⸗ genheit bitten, vorgelaſſen zu werden, ſonſt würde er alle Ceremo⸗ nien bei Seite ſetzen, und ſich die Freiheit nehmen, die man ihm Smollet's Romane. Kl. 4 N 50 nicht geben wollte. Der Aufwärter richtete ſeine Botſchaft durch das Schlüſſelloch aus, und kehrte mit der Nachricht zurück: Daß ſie bei ihrem einmal gefaßten Entſchluß bleiben und lieber umkommen, als ſich ſeinem Verlangen fügen wollten. Ohne ſich weiter aufzuhalten und darauf das Geringſte zu er⸗ wiedern, rannte unſer Held die Treppe hinauf, und donnerte an die Thüre, um eingelaſſen zu werden. Der Begleiter des Mädchens aber gab ihm zu verſtehen, er habe eine Muskete zu ſeinem Empfange in Bereitſchaft geſetzt, und er würde wohl thun, wenn er ihn nicht in die Nothwendigkeit brächte, Blut zur Vertheidigung einer Perſon zu vergießen, die ſich unter ſeinen Schutz begeben habe. Alle Ge⸗ ſetze des Landes, ſagte er, können jetzt das Band nicht zerreißen, das wir geknüpft haben. Ich werde ſie daher als mein Eigenthum ver⸗ theidigen, und Sie würden ſonach am Beſten thun, von Ihrem frucht⸗ loſen Verſuche abzuſtehen und Ihr eigenes Wohl dabei zu Rathe zu ziehen. Denn bei dem Gott, der mich geſchaffen hat, ich feure mein Gewehr auf Sie ab, ſobald Sie nur die Naſe zur Thür hereinſtecken. Ihr Blut komme auf Ihren Kopf! Dieſe Drohungen von einem Comptvirſchreiber würden für Pere⸗ grihe hinlänglicher Beweggrund geweſen ſeyn, den Mauerbruch zu ſtürmen, wenn ſie auch nicht durch jene Erklärung verſtärkt worden wären, die ihn unterrichtete, daß Emilie einen ſo verächtlichen Neben⸗ buhler geheirathet habe. Dieſe einzige Betrachtung gab ſeinem Un⸗ geſtüm Flügel. Er ſetzte den Fuß mit ſo unwiderſtehlicher Gewalt gegen die Thüre, daß ſie in einem Augenblick aufſprang. Zugleich ſtürzte er mit einem aufgeſpannten Piſtol in der Hand hinein⸗ Statt ſein Gewehr auf ihn abzubrennen, fuhr ſein Gegner, als er ihn ſich nähern ſah, mit offenbaren Zeichen des Erſtaunens und der Beſtürzung zurück, und ſagte:„Herr Jeſus! Sir, Sie ſind der Mann nicht, den ich meine! Ohne Zweifel irren Sie Sich auch in anſgſhe unſerer.“ Fhe Peregrine Zeit gewinnen konnte, auf dieſe Begrüßung zu ant⸗ worten, hatte die Dame ihre Maske abgenommen, und zeigte ihm ein Geſicht, das er nie vorher geſehen hatte. Das Haupt der Gorgone hat, den Fabeln des Alterthums zufolge, nie eine plötzlichere oder mehr verſteinernde Wirkung gehabt, als dieſes Geſicht bei dem er⸗ ſtaunten Jünglinge. Seine Augen ſchienen wie durch einen Zauber auf den unbekannten Gegenſtand feſt geheftet, ſeine Füße waren an dem Boden wie angenagelt; er ſtand einige Minuten ohne alle Be⸗ wegung da; endlich ſtürzte er nieder, als hätte ihn vor fehlgeſchla⸗ gener Erwartung und Verzweiflung der Schlag getroffen. Als der Schweizer, der ſeinem Herrn gefolgt war, ihn in dieſem Zuſtand erblickte, hob er ihn auf und legte ihn in dem nächſten Zimmer auf ein Bett. Sodann ließ er ihm ohne Weiteres zur Ader, denn er war immer auf Reiſen für alle Fälle mit einem anatomiſchen Etui verſehen. Dieſer Vorſichtsmaßregel verdankte unſer Held unſtreitig ſein Leben. Mittelſt eines ſehr reichlichen Aderlaſſes bekam er den Ge⸗ brauch ſeiner Sinne wieder. Jedoch die gehabte körperliche Anſtren⸗ gung und die ſtürmiſchen Gemüthsbewegungen, von denen er ergriffen geweſen war, zogen ihm ein ſo heftiges Fieber zu, daß mehrere Tage vergingen, ehe der Arzt, den man aus dem nächſten Markt⸗ ſlecken herbeigerufen hatte, ſein Leben außer Gefahr erklärte. 52 Vierundachtzigſtes Kapitel. Peregrine ſendet eine Botſchaft an Miſtriß Gauntlet. Sie verwirft ſeinen Antrag. Er kehrt wieder nach dem Caſtell zurück. Endlich trug Peregrine's gute Conſtitution über ſeine Krankheit den Sieg davon, doch nicht eher, als bis ſie ſeine tobenden Begiet⸗ den größtentheils gezähmt und ihn zu ernſten Betrachtungen über ſeine Aufführung gebracht hatte. In den Stunden ſeiner Mattig⸗ kei tdachte er mit Schaam und Gewiſſensbiſſen an die Verrätherei, die er gegen die ſchöne unſchuldige Emilie begangen hatte. Er er⸗ innerte ſich jetzt ſeiner früheren redlichen Abſichten auf ſie, der Er⸗ mahnung ſeines ſterbenden Oheims, ſeiner Freundſchaft mit Emi⸗ liens Bruder, gegen den er ſich ſo niederträchtig vergangen hatte; und als er dieß Alles, ſo wie Emiliens ganzes Benehmen gegen ihn, auf's Genaueſte erwog, fand er es in allen Stücken ſo lobenswürdig, ſo muthig und edel, daß ſie ihm ein Gegenſtand däuchte, der es hin⸗ länglich verdiene, daß er in allen Ehren um ſie würbe, auch ſelbſt, wenn ſeine Schuldigkeit ihn hierzu nicht angetrieben hätte. Allein da er verpflichtet war, einer würdigen Familie Genugthuung zu geben, die er ſo ſchwer verletzt hatte, ſo glaubte er ſeine Bekehrung über dieſen Punkt nicht zu bald an den Tag legen zu können. So⸗ bald er daher nur im Stande war, die Feder zu halten, ſchrieb er an Miſtriß Gauntlet. Er geſtand in dieſem Briefe, daß er gegen Emilie eine Rolle geſpielt habe, die eines Mannes von Ehre völlig unwürdig ſey, und verſicherte, daß er nie wieder ruhigen Gemüthes werden würde, als bis er ihre Verzeihung verdient hätte. Er betheuerte, daß er, wie⸗ wohl ſeine ganze Glückſeligkeit von Emiliens Entſchluſſe abhinge, dennoch auf immer aller Hoffnung entſagen wolle, mit ihrer Gewo⸗ genheit beglückt zu werden, wenn er ein anderes Mittel wüßte, der 53 liebenswürdigen jungen Dame Genugthuung zu geben, als daß er ſein Herz und ſein Vermögen ihr zu Füßen legte, und ſich für den Ueberreſt ſeines Lebens ihrer unumſchränkten Herrſchaft unterwürfe. Er beſchwor demnach die Miſtriß auf das Rührendſte, ihm in Be⸗ tracht ſeiner aufrichtigen Reue zu verzeihen und ihr mütterliches Anſehen ſo kräftig zu verwenden, daß es ihm erlaubt ſeyn möchte, der Tochter mit einem Brautringe aufzuwarten, ſobald ſeine Geſund⸗ heit ihm die Reiſe verſtatten würde. Mit dieſer Erklärung fertigte er den Pips ab, der um dieſe Zeit ſeinen Herrn gefunden hatte. Darauf erkundigte er ſich nach dem jungen Paare, deſſen Verfolger er ſo unglücklicher Weiſe gewor⸗ den war. Sein Kammerdiener, der die Geſchichte aus ihrem eigenen Munde gehört hatte, meldete ihm, das Frauenzimmer ſey die einzige Tochter eines reichen Juden, und ihr Begleiter kein anderer, als deſſen Lehrburſche, der ſie zum Chriſtenthum bekehrt und zugleich geheirathet habe. Wie dieſes Geheimniß ausgebrochen ſey, habe der alte Iſraelit auf einen Plan geſonnen, ſie auf immer von einander zu trennen. Hinter dieſe Abſicht wären die jungen Leutchen gekom⸗ men und hätten Mittel gefunden, ihm zu entlaufen, mit dem Vor⸗ ſatz, ihrer Sicherheit wegen ſo lange nach Frankreich zu flüchten, bis ihre Sache beigelegt wäre. Als ſie drei Leute mit ſolchem Eifer und Schnelligkeit hätten hinter ſich herjagen ſehen, wären ſie feſt überzeugt geweſen, dieſe Verfolger müßten ihr Vater und einige ſeiner Freunde oder Leute ſeyn. In dieſer Meinung wären ſie in der großen Angſt und Eile geflohen, bis ſie in eben dem Augenblick glücklich aus ihrer Täuſchung geriſſen worden wären, da ſie nichts als Unglück und Jammer befürchtet hätten. Sie bezeigten ihr Leidweſen über Ihren bedauernswürdigen Zu⸗ ſtand, ſchloß der Schweizer ſeine Erzählung, und nachdem ſie nur etwas Weniges zu ihrer Stärkung zu ſich genommen hatten, reisten ſie nach Dover. Aller Wahrſcheinlichkeit nach ſind ſie wohlbehalten in Paris angelangt. 54 Vierundzwanzig Stunden nach erhaltenem Auftrage brachte Pips eine Antwort von Emiliens Mutter zurück, die folgendermaßen lautete: „Sir! Ich habe Ihre werthe Zuſchrift erhalten und freue mich um Ihretwillen, daß Sie zu der gehörigen Einſicht und Ueberzeugung von Ihrem unfreundlichen und unchriſtlichen Betragen gegen die die arme Emy gekommen ſind. Dem Himmel ſey Dank, daß bisher noch keines meiner Kinder ſo gröblich beleidigt worden iſt. Erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, Sir, daß meine Tochter kein erziehung⸗ und freundeloſes Geſchöpf, ſondern ein Mädchen von den reinſten Sitten und der beſten Bildung iſt. Hätten Sie auch gegen ihre Perſon keine Achtung gehabt, ſo hätten Sie doch aus jener Rückſicht Ehrerbietung gegen deren Familie haben ſollen, die ohne Sie, Sir, verachten zn wollen, anſehnlicher iſt, als die Ihrige. Was nun Ih⸗ ren Vorſchlag anbelangt, ſo will Miß Gauntlet davon nichts hören. Sie meint, es zieme ihrer Ehre nicht, irgend einem Antrage zur Ausſöhnung Gehör zu geben; und noch iſt ſie nicht ſo verlaſſen, ein Anerbieten anzunehmen, wogegen ſie nur das Geringſte einzuwenden hat. Sie befindet ſich jetzt überdieß ſo unwohl, daß ſie unmöglich Beſuch annehmen kann. Ich bitte Sie alſo, ſich nicht vergebens hieher zu bemühen. Vielleicht verdienen Sie durch Ihr künftiges Betragen ihre Verzeihung. Dieß wünſche ich von ganzem Herzen. Denn ich nehme Theil an Ihrem Glück, das, wie Sie betheuern, von Emy's Nachgiebigkeit abhängt. Ungeachtet alles Vorgefallenen nenne ich mich Ihre aufrichtige Freundin Cäcilie Gauntlet.“ Durch dieſen Brief und durch den ferneren Bericht ſeines Boten erfuhr unſer Held, daß ſich ſeine Geliebte wirklich ſeine Wildegänſe⸗ jagd zu Nutzen gemacht und ſolchergeſtalt ſicher in die mütterliche Wohnung zurückgekehrt ſey. Zwar that es ihm leid, zu vernehmen, 55 daß ſie kränkelte, allein ihre Unverſöhnlichkeit ſowohl als einige hoch⸗ müthige Stellen in dem Briefe der Miſtriß verdroſſen ihn. Er glaubte, die gute Frau habe dabei mehr ihre Eitelkeit als ihren Verſtand zu Rathe gezogen. Dieſe Beweggründe zum Unwillen halfen ihm ſeine fehlgeſchlagene Erwartung wie ein Philoſoph ertragen; zumal, da er durch das Erbieten, ſeine angethane Beleidigung wieder gut zu machen, ſein Gewiſſen befriedigt hatte, und ſich überdieß in Rückſicht auf ſeine Liebe in den ruhigen Zuſtand der Hoffnung nnd Reſigna⸗ tion befand. Eine Krankheit zur rechten Zeit iſt eine treffliche Medizin gegen den Sturm der Leidenſchaften. Das Fieber hatte in der Denkart unſeres Helden eine ſo große Veränderung hervorgebracht, daß er wie ein Apoſtel moraliſirte und verſchiedene herrliche Plane wegen ſeines künftigen Verhaltens entwarf. Sobald ſeine Geſundheit wieder hergeſtellt war, machte er einen Abſtecher nach dem Caſtell, um ſeine Freunde zu beſuchen. Hier er⸗ fuhr er aus Hatchway's eigenem Munde, daß er das Eis hei ſeiner Tante mit ſeinen Bewerbungen gebrochen, und ſobald er flott gewe⸗ ſen wäre, mit einem Heirathsantrag bei ihr geentert habe; inzwi⸗ ſchen hätte die Wittwe bei ſeiner erſten Erklärung, wozu ſie von ihrer Nichte und ihren übrigen Freunden gehörig vorbereitet geweſen wäre, ſeinen Antrag mit gehöriger Zurückhaltung angenommen, über den Tod ihres Mannes ein paar fromme Thränen vergoſſen, und die Bemerkung gemacht: Seinesgleichen würde ſie nie wieder be⸗ kommen. Peregrine unterſtützte des Lieutenants Geſuch mit ſeinem ganzen Einfluß. Alle Einwürfe der Miſtriß Trunnion gegen dieſe Partei wurden glücklich beſeitigt. Man beſchloß aber, den Vermählungstag noch auf drei Monate hinauszuſchieben, damit ihr guter Name durch eine übereilte Verbindung nicht leiden möchte. Seine nächſte Be⸗ ſchäftigung war ſodann, Anſtalten zu treffen, daß ſeinem Oheim ein ſchlichtes marmornes Denkmal errichtet würde. Folgende Inſchrift, die der Bräutigam erfunden hatte Lettern: 56 Hier liegt anderthalb Klafter tief die Hülle von 3 prangte darauf in goldenen 5 A W S 6 R 2 R u N N 3 D N, 68 3. weiland Befehlshaber eines Schiffsgeſchwaders in Seiner Majeſtät Dienſten, der um fünf Uhr Nachmittags den 10. Oktober im neunundſiebenzigſten Jahre ſeines Alters verſchied. Er hielt ſein Geſchütz ſtets geladen, ſein Takelwerk immer aufgeſtellt, und zeigte ſeinen Spiegel niemals dem feindlichen Schiffe, außer wenn er daſſelbe hinter ſich bugſiren ließ⸗ Als aber ſein Pulver verſchoſſen, ſeine Lunte ausgebrannt, und ſein Talbord abgenutzt war, wurde er durch das ſtärkere Geſchütz des Todes in den Grund geſenkt. Nichtsdeſtoweniger wird an dem großen Tage ſein Anker wiederum gelichtet werden, ſein Schiff wieder neu zugetakelt ſeyn, friſche Planken bekommen und mit einer vollen Ladung ſeinen Feind wieder zwingen, die Flagge zu ſtreichen. 57 Fünfundachtzigſtes Kapitel. Peregrine kehrt nach London zurück. Dort beſucht ihn Crabtree. Dieſer ſondirt die Herzogin. Pickle wird durch einen außerordentlichen Zufall mit einer andern vornehmen Dame bekannt. Nachdem unſer junger Herr ſeinem verſtorbenen Wohlthäter dieſe letzte Ehre erwieſen und Jolter die langerſehnte Pfründe, die mittlerweile vakant geworden war, übertragen hatte, kehrte er wieder nach London und zu ſeinem vorigen Leben zurück. Freilich war er nicht im Stande, den Gedanken an Emilie ganz aus ſeiner Seele zu verbannen, oder ſich ihrer nur ohne heftige Gemüthsbewegung zu erinnern. Denn mit ſeiner wiedererlangten Geſundheit kehrte auch ſeine vorige Ungeduld wieder, ſo daß er beſchloß, ſich blindlings in irgend ein Liebesabenteuer zu ſtürzen, das ſeine Phantaſie zu zer⸗ ſtreuen vermöchte. Einem Manne von ſeinen Vorzügen konnte es nicht an Gegen⸗ ſtänden fehlen, die ſeiner Galanterie würdig waren. Aber eben dieſer Ueberftuß machte ihm die Wahl ſchwer, obwohl er ſich ſonſt gern von ſeinen Launen und Grillen beſtimmen ließ. Ich habe bereits bemerkt, daß er bei ſeinen Heirathsprojekten ſelbſt bis zu einer Dame vom erſten Range hinaufblickte. Jetzt, da er von Miß Gaunt⸗ let abgewieſen worden war, und einige Ruhe von den Qualen der Flamme genoß, erneuerte er ſeine gefliſſentlichen Bewerbungen um die Gewogenheit jener vornehmen Dame. Wiewohl er keine Erklä⸗ rung wagen durfte, ſo hatte er doch das Vergnügen, ſich als einen berückſichtigten Bekannten aufgenommen zu ſehen, und ſchmeichelte ſich mit dem Gedanken, einige Fortſchritte auf dem Wege zu ihrem Herzen gethan zu haben. In dieſer ſtolzen Einbildung beſtätigten ihn die Verſicherungen ihrer Kammerfrau, die er durch die freigebigſten Geſchenke in ſeinem 58 Intereſſe erhielt, weil ſie Mittel gefunden hatte, ihn zu bereden, ſie ſey die Vertraute ihrer Gebieterin. Illein trotz dieſer Aufmunte⸗ rungen und den feurigen Eingebungen ſeiner Eitelkeit fürchtete er ſich vor dem Gedanken, ſich durch eine unzeitige Erklärung ihrem Spott und ihrer Rache auszuſetzen. Daher beſchloß er, mit ſeinem Antrage nicht eher hervorzurücken, als bis er von der Wahrſchein⸗ lichkeit, in ſeinem Verſuche zu reuſſiren, mehr vergewiſſert wäre. Während er ſo in Zögerung und Ungewißheit lebte, ward er eines Morgens ſehr angenehm durch das unvermuthete Erſcheinen ſeines Freundes Crabtree überraſcht. Er war mit Pips Erlaubniß, der ihn ſehr gut kannte, in Peregrine's Schlafgemach getreten, ehe er erwacht war, und hatte ihn durch heftiges Rütteln an der Schul⸗ ter den Armen des Schlummers entriſſen. Als die erſten Begrüßun⸗ gen vorüber waren, ſagte ihm Cadwallader, er ſey über Nacht in der Landkutſche von Bath zu London angelangt. Zugleich tiſchte er ihm eine ſo luſtige Geſchichte von ſeinen Reiſegefährten auf, daß Peregrine zum erſten Mal ſeit ihrer Trennung in die heiterſte Laune verſetzt wurde. Crabtree erzählte die Schnurren auf eine ſo vriginelle Weiſe, daß jeder lächerliche Umſtand darin noch erhöhet wurde. Sodann meldete er Peregrine alle die Läſtergerüchte, die nach deſſen Abreiſe von Bath in Umlauf gekommen waren. Nun eroffnete ihm der junge Mann, wie er Abſichten auf eine gewiſſe Herzogin habe, und allem Anſchein nach keine Urſache habe, ſich über deren Aufnahme zu beklagen; allein er wolle nicht eher eine Erklärung wagen, als bis er ihre Geſinnungen näher kennen gelernt habe. Er bäte daher, daß Freund Cadwallader, von dem er wußte, daß er bei allen ihren Aſſembleen und Partieen Zutritt hatte, ihm hierüber nähere Auf⸗ ſchlüſſe ertheilen möchte. Ehe der Miſanthrop ſeinen Beiſtand hierin verſprechen wollte, verlangte er zu wiſſen, ob ſeine Abſichten auf die Ehe gingen. Unſer abenteuernder Ritter, der den wahren Sinn dieſer Frage errieth, 59 verneinte dieß. Jetzt erbot ſich Crabtree, ſich dem Geſchäft zu unter⸗ ziehen, die Neigung der Dame auszuforſchen. Zugleich verſicherte er, daß er nie an einem Plane Theil nehmen würde, der nicht auf die Beſchimpfung und Hintergehung des ganzen weiblichen Geſchlechtes gerichtet ſey. Unter dieſen Bedingungen nahm er ſich, wie geſagt, des Intereſſes von unſerm Squire an. Sie verabredeten hierauf ihren Plan. Demzufolge kamen ſie wie von ungefähr an der Tafel der Herzogin zuſammen. Peregrine blieb den größten Theil des Abends da, und wartete, bis alle Geſellſchaft fort war, außer dem Menſchen⸗ feind und einer gewiſſen verwittweten Lady, die, wie man ſagte, das Vertrauen der Dame beſaß. Dann bediente er ſich des Vorwandes, ſich irgendwo verſagt zu haben, wo er nicht wegbleiben könne, und ging fort, um Crabtree eine bequeme Gelegenheit zu verſchaffen, das Geſpräch auf ihn zu lenken. Kaum hatte er demnach das Zimmer verlaſſen, als der Cyniker ihn mit dem Blick mürriſcher Verachtung bis an die Thüre verfolgte, und ſich ſo über ihn ausließ:„Wäre ich ein unumſchränkter Fürſt, und der Burſche da einer meiner Unterthanen, ſo ließ ich ihn in Sacktuch kleiden, und er müßte mir meine Eſel zur Tränke führen, damit ſein hochfahrender Geiſt ſo herabgebeugt würde, wie er es verdient. Der Stolz eines Pfaus iſt die ſtärkſte Selbſtverleugnung, wenn man die Eitelkeit dieſes Haſenfußes dagegen hält. Er, der ſchon von Natur übermüthig war, iſt durch den Ruf, den er ſich zu Bath erworben, weil er einen Bramarbas geſchlagen, ein Raubneſt von Beutelſchneidern überliſtet, und verſchiedene andere Stückchen mit mehr Glück, als Verſtand ausgeführt hat, ganz unerträglich ge⸗ worden. Doch nichts hat ſo ſehr zur Vermehrung ſeiner Unver⸗ ſchämtheit und Selbſtgenügſamkeit beigetragen, als ſein Glück bei den Damen. „Ja, ja, Madame, bei den Damen; ich kümmere mich wenig darum, wer es erfährt; bei den Damen, ſag' ich, die(zu ihrer Ehre ſey's geſagt!) Albernheit und Thorheit in ihren Schutz nehmen, 60 wofern nur dieſe um ihre Gewogenheit buhlen. Und doch war die⸗ ſer Hund nicht auf dem Fuß jener zwitterhaften Thiere, die man unter Eure Kammerzofen rechnen kann; die Euch Eure Hemden lüf⸗ ten oder wärmen, Eure Schvoshündchen kämmen, Eure Naſen mit Vergrößerungsgläſern unterſuchen, um die Würmer herauszudrücken, die Eure Zahnbürſten rein machen, Eure Schnupftücher mit wohl⸗ riechenden Waſſer einſprengen und Euch zu gewiſſem Behuf das Pa⸗ pier weich reiben. Den Burſchen, den Pickle, aber hat man zu wich⸗ tigeren Endzwecken aufgehoben. Wo jene aufzuhören pflegen, fing er erſt recht an. Mittelſt der Strickleiter ſtieg er in die Fenſter über die Gartenmauern, und Miſtriß Betty ließ ihn im Finſtern ein. Ja, der Magiſtrat zu Bath trug ihm mit der höflichſten Art das Bürgerrecht bloß deßhalb an, weil durch ihn und ſein Treiben der dortige Geſundbrunnen in außerordentliche Aufnahme gekommen war. Denn ſo lange er in Bath verweilte, ward jedes weibliche Geſchöpf von leidlicher Bildung, das Unfruchtbarkeit halber hinge⸗ kommen war, von ihrer Beſchwerde geheilt. Nun denkt der Burſche, daß ihm kein Frauenzimmer widerſtehen könne. Er war noch nicht drei Minuten hier geweſen, als ich mit halbem Auge bemerkte, daß er Ihre Durchlaucht zu ſeiner Eroberung erſehen hat. Ich meine in ehrlicher Abſicht, wiewohl der Bube unverſchämt genug iſt, Alles und Jedes zu verſuchen.“ Bei dieſen Worten heftete Crabtree ſeinen Blick auf die Her⸗ zogin, die ſich mit einem Geſicht, das vor Unmuth glühte, an ihre Vertraute wandte und zu ihr ſagte:„So wahr ich lebe, ich glaube, es iſt etwas Wahres an dem, was dieſer alte Kauz ſpricht. Ich habe ſelbſt bemerkt, daß jener junge Menſch mich mit ganz beſondern Blicken anſtarrte.“—„Kein Wunder,“ verſetzte ihre Freundin,„wenn ein junger galanter Mann, wie er, bei Ew. Durchlaucht Reizen nicht unempfindlich bleibt; wiewohl ich mir zu ſagen getraue, daß er nie andere als die geziemendſten und ehrerbietigſten Geſinnungen zu hegen ſich unterſtehen wird.“—„Ehrerbietige Geſinnungen!“ rief 61 Mylady mit einem Blick voll unausſprechlicher Verachtung;„wofern ich mir vorſtellen könnte, daß der Burſche dreiſt genug wäre, auf irgend eine Weiſe an mich zu denken, bei Gott! ich verböte ihm mein Haus. Auf Ehre! dergleichen Beiſpiele von Verwegenheit ſollten Perſonen vom Range vermögen, die vom niedern Adel in größerer Entfernung von ſich zu halten. Denn ſie ſind ſéhr geneigt, unverſchämt zu werden, ſobald man ihnen nur im Mindeſten Unter⸗ ſtützung oder Aufmunterung angedeihen läßt.“ Mit dieſer Erklärung zufrieden, brachte Cadwallader das Ge⸗ ſpräch auf andere Gegenſtände. Am andern Tage theilte er ſeine Entdeckung Freund Pickle mit. Dieſer empfand hierüber die ſchmerz⸗ haften Regungen des gebeugten Stolzes, und beſchloß, mit guter Art jene Abſichten aufzugeben. Auch koſtete es ihm keinen Augenblick Unruhe, dieſes Projekt der Selbſtverleugnung auszuführen; denn ſein Herz war nie bei der Sache intereſſirt geweſen, und ſein Stolz triumphirte bei dem Gedanken, ſeine Gleichgültigkeit an den Tag legen zu können. Mithin war das nächſte Mal, daß er die Herzogin beſuchte, ſein Betragen merklich frei, lebhaft und ungezwungen; und als die Wittwe, die den Auftrag hatte, ſeine Geſinnungen auszu⸗ forſchen, das Geſpräch künſtlich auf die Liebe lenkte, ſpottete er mit großer Unbefangenheit und Strenge über dieſe Leidenſchaft, und machte ſich kein Bedenken zu erklären, daß ſein Herz in dieſem Punkte durchaus verſteinert wäre. Wiewohl die Herzogin über ſeine vermeinte Zuneigung ſehr empfindlich geworden war, ſo beleidigte ſie jetzt ſeine Unempfindlich⸗ keit, und ſie gab ihre Unzufriedenheit durch die Bemerkung zu er⸗ kennen: Seine Aufmerkſamkeit auf ſeine eigenen Vorzüge ſchütze ihn vielleicht gegen den Eindruck von allen andern Gegenſtänden. Während ſich Peregrine über dieſe Spötterei vergnügte, deren Sinn er recht wohl erkannte, trat ein gewiſſer Schmarotzer in den Saal, der durch ſein großes Talent, Poſſen zu reißen und Bankette anzuordnen, zu den größten Familien im Lande Zutritt erlangt hatte. * 62 Er ſtand jetzt bereits im fünfundſiebenzigſten Lebensjahre. Seine Geburt war ſo dunkel, daß er kaum den Namen ſeines Vaters wußte, und ſeine Erziehung war einer ſo vortrefflichen Herkunft vollkommen angemeſſen geweſen. Mord, Unzucht und Wortbrüchigkeit brand⸗ markten, wie allgemein bekannt war, ſeinen Charakter. Trotzdem hatte dieſer Mann durch ein glückliches Erbſtück, durch unerſchütter⸗ liche Frechheit, und durch eine heilſame Schändung aller Grundſätze, wenn es darauf ankam, den Lüſten der Großen zu fröhnen, ſich ſo⸗ wohl ein Vermögen erworben, das ihn unabhängig machte, als ſich beſonders in die Gunſt verſchiedener Perſonen vom höchſten Range eingeſchmeichelt. Wiewohl Jedermann wußte, daß er für drei Gene⸗ rationen des hohen Adels gekuppelt hatte, ſo war doch keine Lady von Ton im ganzen Königreiche, die ſich ein Bedenken gemacht hätte, ihn an ihre Toilette zu laſſen, oder ſogar ihn zum Führer nach irgend einem Orte der öffentlichen Beluſtigung zu gebrauchen. Inzwi⸗ ſchen war dieſer Mann, durch ſeine Verbindungen mit Vornehmen, ſeinen Nebengeſchöpfen gelegentlich nützlich. Denn er ging öfters die Mildthätigkeit von jenen für bedrängte Perſonen an, in der Ab⸗ ſicht, die Hälfte der erhaltenen Almoſen für ſich zu unterſchlagen. Ein Geſchäft dieſer Art führte ihn in das Haus der Herzogin. Nachdem er ein Weilchen geſeſſen hatte, eröffnete er der Geſell⸗ ſchaft, er wolle ihnen eine ſehr gute Gelegenheit verſchaffen, ihren Wohlthätigkeitstrieben zu folgen. Es beträfe die Frau eines Gentle⸗ mans, die durch den Tod ihres Mannes in das tiefſte Elend gera⸗ then wäre, und die eben von ein paar feinen Knaben entbunden worden ſey. Er meldete ihnen ferner, dieſe arme Wittwe ſey von ſehr guter Familie, die ſich aber von ihr gänzlich losgeſagt, weil ſie einen Fähndrich ohne Vermögen geheirathet habe. Ihre Anverwand⸗ ten hätten ſogar durch ihren mächtigen Einfluß ſein Avancement im Dienſt verhindert. Dieſer barbariſche Zug habe auf ſein Gemüth einen ſolchen Eindruck gemacht, daß ſein Gehirn in Unordnung ge⸗ rathen ſey, und Verzweiflung ſich ſeiner bemächtigt hätte. In einem 63 Anfall von Wuth, ſetzte der Erzähler hinzu, hab' er ſich umgebracht, und ſein der Niederkunft nahes Weib allen Schreckniſſen der Dürf⸗ tigkeit und des Kummers überlaſſen. Nach Anhörung dieſer Geſchichte ſammelte man halbe Kronen als Almoſen, die Peregrine für ſo kärglich hielt, daß er die Geſell⸗ ſchaft und die Herzogin für immer verließ, und ſich nach der Woh⸗ nung der armen hülfloſen Wöchnerin begab. Als er ſich nach ihr unter dem Hauſe erkundigte, erfuhr er, daß ſie eben Beſuch von einer mitleidigen Dame habe, die nach einer Amme geſchickt hätte, und auf die Zurückkunft des Boten wartete. Pickle ließ ſeine Em⸗ pfehlung hinauf ſagen und um die Erlaubniß bitten, vorgelaſſen zu werden, indem er ein genauer Freund von ihrem verſtorbenen Mann geweſen ſey. Wiewohl die arme Frau ſeinen Namen nie hatte nennen hören, ſo hielt ſie es es doch nicht für rathſam, ihm ſein Begehren abzu⸗ ſchlagen. Er ward in eine armſelige Kammer im dritten Stock ge⸗ führt; hier fand er die unglückliche Wittwe auf einem ärmlichen Lager ſitzend. In ihren Geſichtszügen, die von Natur regelmäßig und ſanft waren, lag der rührendſte Ausdruck des Jammers und der Angſt. Sie ſäugte eins von ihren Kindern, ein anderes ward auf den Knieen eines Frauenzimmers geſchaukelt, deſſen Aufmerkſamkeit auf dieſe kleine Bürde ſo groß war, daß ſie gegenwärtig an nichts Anderes zu denken vermochte. Nicht eher, als bis die erſten Com⸗ plimente zwiſchen der hülfloſen Mutter und unſerem Helden vorbei waren, richtete er ſeine Blicke auf die Fremde. Ihre Bildung flößte ihm die tiefſte Achtung und die höchſte Bewunderung ein. Er fand an ihr alle Annehmlichkeiten der Eleganz und Schönheit. Alle ihre Züge athmeten Empfindung und Wohlthätigkeit. Thränen des in⸗ nigſten Mitgefühls trübten ihr ſchönes Auge und gaben ihm den be⸗ zauberndſten Reiz. Als Pickle den Anlaß ſeines Beſuchs erklärt hatte, der kein anderer war, als der unglücklichen Frau zu helfen, der er eine Bank⸗ 64 note von zwanzig Pfund reichte, ſo begünſtigte ihn jene liebenswür⸗ dige Erſcheinung, die man füglich für einen Engel hätte halten mögen, der aus den ſeligen Wohnungen herabgeſtiegen war, die Bedürfniſſe der Sterblichen zu erleichtern, mit einem ſolchen Blick des Wohlgefallens, daß ſeine ganze Seele von Liebe und Ehrfurcht hingeriſſen wurde. Dieſes günſtige Vorurtheil ward durch die Erzäh⸗ lung der Wittwe nicht vermindert, die, nachdem ſie durch eine Fluth von Thränen ihre Dankbarkeit geäußert hatte, ihm meldete, der un⸗ bekannte Gegenſtand ſeiner Verehrung ſey eine Dame von hohem Range, die von ungefähr ihre bedauernswürdige Lage erfahren habe. Sie hätte ſogleich den Eingebungen der Menſchlichkeit Gehör gegeben, ſey in Perſon hergekommen, ihr Elend zu erleichtern, und habe ſie nicht nur in ihren gegenwärtigen Bedrängniſſen auf das Großmüthigſte mit Pflege und Wartung verſorgt, ſondern es auch über ſich genom⸗ men, ihr eine Amme für ihre Kinder zu verſchaffen. Sogar ihren ferneren Schutz hätte ſie ihr verſprochen, wenn ſie ihre gegenwärtige jammervolle Lage überleben ſollte. Zu dieſen Nachrichten ſetzte ſie noch den Namen ihrer Wohl⸗ thäterin hinzu. Es iſt, ſagte ſie, die berühmte Lady Ves. Der Name und der Charakter dieſer Dame waren unſerm jungen Squire nicht unbekannt; allein perſönlich hatte er ſie zuvor noch nie geſehen. Zeit⸗ und Glücksumſtände hatten zwar ihre Reize vermindert; deſſen ungeachtet aber konnte noch jetzt kein Mann von Gefühl und Ein⸗ bildungskraft, deſſen Nerven der Froſt des Alters nicht gänzlich ge⸗ lähmt hatte, ſie ungeſtraft anſehen. Und da Peregrine ihre Reize durch den zärtlichen Liebesdienſt erhöht ſah, mit dem ſie beſchäftigt war, ſo wurde er von ihrer Schönheit ſo bezaubert und von ihrem Mitleiden ſo entzückt, daß er ſeine Gemüthsbewegungen nicht unter⸗ drücken konnte, ſondern ihr wohlthätiges Herz mit der höchſten Wärme pries. Die Lady nahm ſeine Complimente mit der größten Höflichkeit und Leutſeligkeit an; und da die Gelegenheit, die ſie zuſammenbrachte, 65⁵ Beiden gleich intereſſant war, ſo begann eine Bekanntſchaft zwiſchen ihnen, und ſie fingen an, Maßregeln zu verabreden, wie man die Wittwe und deren Kinder am Beſten unterſtützen könne. Pickle be⸗ dung es ſich ſogleich, bei einem der Knaben Pathe zu ſeyn. Er war in der ſchönen Welt nicht ſo unbekannt, daß der Ruf von ihm nicht bis zu den Ohren dieſer Lady hätte gelangen ſollen. Sie wies da⸗ her ſeine Bemühungen, ſich ihre Freundſchaft und Achtung zu er⸗ werben, nicht zurück. Nachdem Alles in Richtigkeit gebracht war, was ihr übernom⸗ menes Amt anging, brachte er die Lady nach Hauſe, und hatte das Vergnügen, zu finden, daß ihr Verſtand ihren übrigen Vollkommen⸗ heiten nicht nachſtand. Auch ſie hatte keine Urſache zu denken, daß das allgemeine Gerücht die Eigenſchaften unſeres Helden vergrößert habe. Eins ihrer angenommenen Kinder ſtarb, ehe es getauft worden war. Daher verwandten ſie alle ihre Theilnahme auf das andere, bei dem ſie beide Gevatter ſtanden. Als ſie erfuhren, daß der alte Collekteur der Mutter mit ſeinen Beſuchen beſchwerlich zu werden und ihr ſolchen Rath zu geben anfing, der ihrer delikaten, recht⸗ ſchaffenen Denkart zuwider ſeyn mußte, ſo verſchafften ſie ihr eine andere Wohnung, wo ſie ſeinen Machinationen nicht ausgeſetzt war. In weniger denn einem Monat erfuhr unſer Held von einem ſeiner Bekannten unter dem hohen Adel, daß jener grauköpfige Kupp⸗ ler ſich anheiſchig gemacht habe, ihm die arme Betrübte zu ver⸗ ſchaffen; und da ihm ſein Vorhaben mißlungen wäre, hätte er an ihre Stelle eine Nymphe aus dem Bezirk von Coventgarden geſetzt, die Seiner Lordſchaft für die von ihr genoſſenen Gunſtbezeigungen die heftigſten Nachwehen verurſacht hätte. Mittlerweile bemühte ſich Peregrine, ſeine neue Bekanntſchaft durch alle ſeine Geſchicklichkeit und durch die ſorgfältigſte Aufmerk⸗ ſamkeit zu erhalten. Denn er muthmaßte ſowohl aus den Umſtän⸗ den ihres Rufs und Schickſals, als auch wegen des großen Gewichts Smollet's Romane. Kl. 5 66 ſeiner Vollkommenheiten, daß er im Stande ſeyn würde, der Leiden⸗ ſchaft den Zügel zu laſſen, die in ſeinér Bruſt zu entglühen begann. Da die Lady mancherlei Schickſale und mancherlei Glückswechſel erlebt hatte, die Pickle nur verworren und mit unzähligen Erdichtun⸗ gen hatte erzählen hören, ſo bat er ſie inſtändigſt— ſobald ein ver⸗ trauter Umgang ihn dazu berechtigte— ihn mit den Ergebniſſen ihres Lebens umſtändlicher bekannt zu machen. Durch ſein dringen⸗ des Anhalten brachte er ſie endlich dahin, daß ſie in einem auserle⸗ ſenen Freundeskreiſe ſeine Neugier befriedigte. Sechsundachtzigſtes Kapitel. Peregrine macht zu ſeinem Plaiſir leichte Streifereien in das Gebiet des Laſters und der Thorheit. Er beredet Cadwallader, die Rolle eines Wahr⸗ ſagers zu ſpielen. Die Geſchichte der Lady— ein Labyrinth von Unglücksfällen, in welche Unbedachtſamkeit und Verirrungen des Herzens ſie ſtürzten, hatte alle Anweſenden ſehr intereſſirt und Peregrine mit Bewunde⸗ rung erfüllt. Letzterer drückte ſein Erſtaunen über die Manchfaltig⸗ keit der von ihr beſtandenen Abenteuer aus, die, wie er meinte, hin⸗ reichten, auch den kühnſten und ſtärkſten Mann zu Grunde zu richten, geſchweige denn eine Dame von ſo zarter Conſtitution. Allein ein Herr aus der Geſellſchaft warf ihr gerade heraus Mangel an Auf⸗ richtigkeit vor, da ſie einige Lebensumſtände verheimlicht habe, die er in Betracht ihres Charakters für weſentliche Stücke halte. Sie erröthete über die kecke Anſchuldigung, welche auf die Ge⸗ ſichter der ganzen Geſellſchaft die augenſcheinlichſte Wirkung äußerte. Der Ankläger fing jetzt an, ſeine Beſchuldigung zu erörtern. Er bemerkte, ſie habe in ihrer Erzählung unendlich viele Werke unge⸗ 67 wöhnlicher Milde übergangen, deren er ſelbſt ſie ſchuldig wüßte, und eine Menge vortheilhafter Heirathsvorſchläge unerwähnt gelaſſen, die ſie vor ihrer Verbindung hätte annehmen können. Dieſe Erklärung riß die Geſellſchaft auf eine angenehme Art aus dem Irrthum. Die Lady erkannte es in ſehr höflichen Aus⸗ vrücken für ein eben ſo feines als unerwartetes Compliment. Unſer Held bezeigte ihr hierauf, wie ſehr er ihr verbindlich wäre, daß ſie ihm ſo huldreich gewillfahret, und ihn mit ſolchen Zeichen des Ver⸗ trauens und der Achtung beehrt habe. Sodann beurlaubte er ſich, und ging voll Verwirrung und Betroffenheit nach Hauſe. Aus der eben gehörten Erzählung konnte er deutlich erſehen, wie das Herz der Lady viel zu fein empfindend war, als daß ſie eine ſolche Huldigung annehmen würde, wie er ihr, als ihr Bewunderer, gegenwärtig an⸗ bieten konnte. Denn wiewohl er Emiliens Herrſchaft in ſeiner Bruſt einigermaßen beſchränkt hatte, ſo ſtand es doch nicht in ſeiner Macht, ſie ſo kräftig zu dämpfen, daß ſie ihm nicht hätte entgegen ſeyn ſollen, wenn er ſich eine andere Beherrſcherin ſeiner Gedanken wählte, und er ſah voraus, daß, wofern Lady V““ nicht alle ſeine Liebe, Zeit und Aufmerkſamkeit ausfüllen könnte, es ihm unmöglich ſeyn würde, ſich die Zuneigung zu erhalten, die er einzuflößen vielleicht ſo glücklich ſeyn möchte. Ueberdieß ſchreckte ihn das Schickſal ihrer erſten Bewunderer von einer Erklärung ſeiner Liebe ab. Dieſe waren zu einem ſolchen Grade von Enthuſiasmus dahin geriſſen worden, daß es mehr das Anſehen gewann, als ſey es die Wirkung eines Zaubers, und nicht bloß menſchliche Reize. Er durfte es nicht wa⸗ gen, zu einer ſolchen Erxtaſe von Leidenſchaft zu kommen; daher be⸗ ſchloß er, den Eindruck, den jene Dame auf ihn bereits gemacht hatte, zu bekämpfen und wo möglich ihre Freundſchaft zu erhalten, ohne ſich weiter um ihre Zuneigung zu bewerben. Doch bevor er dieſen Entſchluß faßte, verlangte ihn zu hören, wie er wohl bei ihr angeſchrieben ſey. Durch Crabtree erfuhr er auf die gewöhnliche Art, daß ſie wirklich ſehr günſtig von ihm denke, 68 daß aber auch nicht der geringſte Funke von Liebe in ihrer Bruſt gegen ihn glimme. Er würde vor Freude außer ſich geweſen ſeyn, wenn ihre Geſinnungen gegen ihn von zarterem Gewebe geweſen wären; doch ſeine Vernunft fand an der jetzt erhaltenen Nachricht mehr Be⸗ hagen. Demzufolge durchmuſterte er die Bilder ſeiner erſten Liebe, und ſtellte ſie denen von dieſer neuen und gefährlichen Anhänglichkeit entgegen. Auf dieſe Art erhielt er die Schaale im Gleichgewicht und den Frieden in ſeiner Bruſt. Während nun Peregrine ſo zwiſchen zwei holden Gegenſtänden ſchwankte, deren einer die anziehende Kraft des andern ſchwächte, gönnte er ſich einige Erholung und beſchloß, vor der Hand ſeine Ge⸗ danken von beiden abzulenken. Er nahm ſich vor, ſich mit thätigen Neckereien zu beluſtigen, die ſeiner Gemüthsbeſchaffenheit ſo ange⸗ meſſen und ſo eigen waren. In dieſem Entſchluſſe beſtärkte ihn ſein Freund Cadwallader durch wiederholte Vorſtellungen. Er machte ihm Vorwürfe, daß er ſeine Talente ſo verſauern ließe, und ſpornte ſeine natürliche muntere Laune durch eine Menge neuer Entdeckun⸗ gen, die er in der Welt der Lüſtlinge und Gecken gemacht hatte. Peregrine ward jetzt von einer ſonderbaren Grille ergriffen, und kaum theilte er dieſe dem Freunde Cadwallader mit, ſo erhielt ſie auch ſogleich deſſen Beifall. Der Vorſchlag, den ihm Pickle that, beſtand nemlich darin, die Einwohner der Stadt durch Antworten zum Beſten zu haben, die ein Geiſterbanner von Profeſſion ertheilen müßte. Der alte Timon ſollte dieſen Zauberer vorſtellen, weil ſein Aeußeres zu einer ſolchen Rolle ganz ausnehmend paßte. Sofort ſchritt man zur Ausführung dieſes Planes. Man miethete ein Logis in einem Hauſe, das einen öffentlichen Durchgang hatte, ſo daß die Leute frei aus- und eingehen konnten, ohne der Unannehmlichkeit ausgeſetzt zu ſeyn, genau bemerkt zu werden. Crabtree's Zimmer ward mit allen Geräthſchaften eines Zauberers verſehen; mit Globen, Ferngläſern, einer Zauberlaterne, einem Beingerippe, einer aufge⸗ trockneten Meerkatze, und den Bälgen eines Alligators, einer Otter 69 und einer Schlange. Sodann nahm der Beſchwörer von dieſer ſeiner feſten Burg Beſitz, nachdem er zuvor gedruckte Anzeigen hatte aus⸗ ſtreuen laſſen, in denen er von ſeinem Unternehmen umſtändliche Rechenſchaft ablegte. Das Programm wirkte gar bald völlig nach dem Wunſch der Unternehmer. Da jeder Orakelſpruch mit einer halben Guinee be⸗ zahlt werden mußte, ſchloß ganz natürlich das Publikum, dieſer Mann müſſe kein gemeiner Wahrſager ſeyn. Am folgenden Tage fand Pe⸗ regrine einige Frauenziwmer von ſeinen vornehmen Bekannten außer⸗ ordentlich neugierig, einen Verſuch mit der Geſchicklichkeit dieſes neuen Wahrſagers zu machen, der, wie er vorgab, ſo eben aus den Staaten des großen Moguls käme, wo er von einem Braminen ſeine Kunſt erlernt hätte. Unſer junger Sauſewind ſtellte ſich, als müßte er von den An⸗ ſprüchen des weiſen Mannes mit Spott und Verachtung ſprechen. Er ſchien nur mit Widerwillen ſie in das Logis des Wahrſagers zu begleiten. Es würde Kinderſpiel ſeyn, bemerkte er, die Unwiſſenheit dieſes alten Burſchen zu entlarven, und nicht mehr denn gewöhnliche Gerechtigkeit, ihn für ſeine Anmaßung zu züchtigen. Obwohl Peregrine eine große Doſis Leichtgläubigkeit bei der Geſellſchaft wahrnehmen konnte, ſo ſtellten ſie ſich doch insgeſammt, als wären ſie ſeiner Meinung, und wurden unter dem Vorwande, einen Spaß zu haben, einig, daß eine gewiſſe Lady ſich bemühen ſollte, ſeine Kunſt zu Schanden zu machen. Sie ſollte nemlich in der Kleidung ihrer Kammerfrau vor ihm erſcheinen, und dieſe zu gleicher Zeit die Rolle ihrer Gebieterin ſpielen, und als ſolche von unſerem abenteuernden Ritter hingeführt werden. Nachdem dieſe Maßregeln verabredet, und die Zeit des Hinganges auf den nächſten Tag feſtgeſetzt war, ertheilte Peregrine ſeinem Freunde die nöthigen Nachrichten und begleitete zur verabredeten Stunde ſeine Geſellſchaft zu dem Seher. Der Kammerdiener unſeres Helden ließ ſie ein. Sein von Natur 70 mageres und ſchwarzbraunes Geſicht war durch einen künſtlichen Knebelbart unkenntlich gemacht worden. Auf dieſe Art paßte es ſehr gut zu dem perſiſchen Kleide, das er trug, und er ſchien ein ſehr guter Ceremonienmeiſter für einen orientaliſchen Schwarzkünſtler zu ſeyn. Er legte ſeine Arme kreuzweiſe auf die Bruſt und ging mit einer Kopfverbeugung in feierlichem Stillſchweigen vor ihnen her in das Innere des Tempels. Hier ſaß der Magus an einem Tiſch, der mit Federn, Tinte, Papier und mathematiſchen Inſtrumen⸗ ten bedeckt war; quer über dieß alles lag ein langer weißer Zauber⸗ ſtab. Er ſelbſt trug einen langen ſchwarzen Talar und eine Pelz⸗ müze. Sein Geſicht, das er in die ausdruckvollſten Falten philoſo⸗ phiſchen Ernſtes verzog, ward durch einen dichten ſchneeweißen Bart hervorgehoben, der ihm bis zu dem Gürtel hinab reichte. Auf jeder ſeiner Schultern ſaß ein ungeheurer, ſchwarzer, zu dieſem Zwecke be⸗ ſonders abgerichteter Kater. Eine ſolche Figur, die ſelbſt Peregrine erſchreckt haben würde, wenn er nicht in das Geheimniß eingeweiht geweſen wäre, mußte nothwendig auf die Eindruck machen, die er begleitete. Das angeb⸗ liche Kammermädchen wechſelte, trotz aller ihrer angeborenen Dreiſtig⸗ keit, die Farbe, als ſie in das Zimmer trat, und die vermeintliche Lady, deren Geiſteskräfte bei weitem ſchwächer waren, begann an allen Gliedern zu zittern und Stoßſeufzer zum Himmel für ihre Rettung zu thun. Ihr Führer näherte ſich dem Tiſch, zahlte die Gebühr, und ſagte zu dem Zauberer, dieſe Lady da, wobei er auf das Mädchen deutete, wünſche ihr Schickſal in Betreff des Heirathens zu vernehmen. Ohne die Augen nach der Perſon zu erheben, um deretwillen er befragt wurde, wendete der Philoſoph ſein Ohr nach einem der Spiritus familiares, die auf ſeinen Schultern ſchnurrten. Er nahm ſodann eine Feder und ſchrieb auf ein abgeriſſenes Stück Papier folgende Worte, die Peregrine auf Verlangen der Frauenzimmer laut ablas: „Ihr Geſchick wird ſich in hohem Maße nach dem beſtimmen, was 71 ihr an jüngſt verwichenem dritten December früh um neun Uhr begegnete.“ Kaum war dieß geleſen worden, ſo ſchrie die verkappte Zofe laut auf, und rannte mit den Worten in's Vorzimmer:„Herr des Lebens, erbarme dich meiner! Der Alte hat gewiß den Teufel im Leibe!“ Ihre Gebieterin, die ihr in großer Beſtürzung folgte, be⸗ ſtand darauf, die Verhandlung zu wiſſen, auf welche dieſe Antwort anſpielte. Die Zofe meldete ihr, nachdem ſie ſich etwas geſammelt hatte, ſie habe einen Bewunderer, der an eben dem Tage und zu eben der Zeit, die der kluge Mann erwähnt, mit einem ernſthaften Heirathsantrag zu ihr gekommen ſey. Dieſe Erklärung war mehr ſinnreich als aufrichtig; denn dieſer Bewunderer war kein anderer, als Pickle ſelbſt, der unter den Kammermädchen ein wahrer Drache war, und der ſeinen Bundgenoſſen unter den vorläufigen Berichten, die er ihm mitgetheilt, auch von der Zuſammenkunft benachrichtigt hette, die ihm dieſes Zöſchen zugeſtanden. Da unſer Held ſah, daß dieſer Beweis von des Wahrſagers Talent ſehr tiefen Eindruck auf die Lady wie auf die Zofe gemacht hatie, und daß ſie vor Furcht hyſteriſchen Anfällen nahe waren, be⸗ mühte er ſich, ihre Angſt hinwegzulachen, und bemerkte, in dieſer Probe von der Wiſſenſchaft des Alten liege eben nichts Außerordent⸗ liches Er könnte dieß wohl durch einige geheime Kundſchafter er⸗ fahren haben, die ſolche Betrüger immer unterhielten, um geheime Nachrichten zu erlangen; auch könne er es vom Liebhaber ſelbſt wiſſen, der vielleicht zu ihm gekommen wäre, um ihn wegen des Erfolgs ſeines Lebeshandels zu Rathe zu ziehen. Durch dieſe Bemerkung ermuntert, oder vielmehr durch eine unbe⸗ zwingliche Neugier angeſpornt, die gegen alle Art von Furcht probe⸗ feſt war, jehrte die verkleidete Lady wieder in das Zimmer des Zau⸗ berers zurick. Sie nahm die Miene eines ſchnippiſchen Kammer⸗ mädchens mn, und ſagte:„Herr Schwarzkünſtler, nun Sie meine Gebieterin befriedigt haben, wollen Sie wohl ſo gut ſeyn und mir 72 ſagen, ob ich je heirathen werde?“ Der Weiſe ertheilte ihr ohne Bedenken folgenden Beſcheid:„Ihr könnt nicht heirathen, als bis Ihr Wittwe ſeyd, und ob das je geſchehen wird oder nicht, iſt eine Frage, die meine Kunſt nicht auflöſen kann, weil meine Kenntniß künftiger Dinge ſich nicht über dreißig Jahre hinaus erſtreckt.“ Dieſe Antwort, die ihr mit Einem Male die behägliche Ausſicht verſchloß, ſich im Genuß der Jugend und eines anſehnlichen Ver⸗ mögens völlig unabhängig zu ſehen, bewölkte augenblicklich ihr Ge⸗ ſicht und trübte ihren guten Humor. Sie ging fort, ohne eine wei⸗ tere Frage zu thun, und murmelte in der Erbitterung und im Aer⸗ ger:„Der Doktor iſt ein alberner unverſchämter Burſche und nichts weiter, als ein bloßer Charlatan.“ Ungeachtet dieſes Vorurtheils, das der Zorn in ihr bewirkte, kehrte ihre Ueberzeugung von ſeiner Kenntniß bald wieder zurück. Als ſie ſeine Antworten den Verbündeten vorgelegt hatte, von deren ſie abgeſchickt worden war, die Geſchicklichkeit des Zauberers zu prü⸗ fen, ſo waren ſie insgeſammt überzeugt, daß ſeine Kunſt übernatürlich ſey. Gleichwohl ſprach Jede davon höchſt geringſchätzig, mit dem feſten Entſchluß in ihrem Herzen, insgeheim ihre Zuflucht zu ihm zu nehmen. Inzwiſchen war das Kammermädchen, obwohl man ihr das ſtengſte Stillſchweigen zur Pflicht gemacht hatte, ſo voll von dem Unſtande, der ſie betroffen, daß ſie Crabtree's große Wahrſagerkünſte allen ihren Bekannten in's Ohr ſagte, und ihnen verſicherte, er habe ihr haar⸗ klein ihr ganzes Leben erzählt. Auf dieſe Art verbreitete ich Cad⸗ wallader's Ruf durch tauſend verſchiedene Kanäle in aller Theilen der Stadt. Am folgenden Sitztage hielt das neugierige Volk von allen Sekten und Ständen ſeine Thüre belagert. Crabtree, der ein alter Pfiffikus war, ſah wohl ein, wie es ihm unmöglich ſeyn würde, ſeinen guten Ruf zu behalten, wenn er Allen und Jeden wahrſagen wollte. Denn Jeder, der zu ihm kam, erwar⸗ tete eine Probe ſeiner Geſchicklichleit in Betreff vergangener Dinge; 73 und es ließ ſich nicht annehmen, daß ihm die Privatangelegenheiten jedes Menſchen bekannt ſeyn ſollten, der ſich in ſolcher Rückſicht an ihn wandte. Daher befahl er ſeinem Diener, den er Hadji Kurk nannte, allen denjenigen, die vorgelaſſen ſeyn wollten, zu ſagen, der Preis ſey eine halbe Guinee; wer dieſe nicht aufzuwenden geſonnen wäre, könne keinen Zutritt erhalten. Dieſes Verfahren hatte den gewünſchten Erfolg. Denn die Ver⸗ ſammlung vor ſeiner Thüre beſtand hauptſächlich aus Lakaien, Kam⸗ mermädchen, Lehrjungen und der niedrigen Klaſſe von Handelsleuten, die für Vorauskündigungen einen ſolchen Preis nicht geben können. Nachdem ſie ſich vergebens zu Schillingen und halben Kronen erbo⸗ ten hatten, zogen einer nach dem andern ab, und ließen das Feld Kundleuten von höherem Range frei. Die erſte Perſon von dieſer Art, die ſich ſehen ließ, war wie eine wohlhabende Kaufmannsfrau gekleidet. Dem Scharfblick des Zauberers entging ſie trotz dieſer Verkleidung nicht. Er erkannte ſie beim erſten Anblick für eine von jenen Lady's, von deren Ankunft ihn Peregrine unterrichtet hatte, deren Neugier durch die Nachricht, die ſie von Cadwallader's erſten Kunden erhalten hatte, mehr ange⸗ flammt, als gedämpft war. Dieſe Lady nahte ſich dem Phil oſophen mit jenem unerſchrockenen Weſen, das an Matronen aus ihrer hoch⸗ anſehnlichen Sphäre ſo erſichtlich iſt. Sie fragte ihn mit ſanfter Stimme und mit einem Lächeln: Wie ihr nächſtes Kind ausſehen würde? Der Nekromant, der mit ihrer geheimen Geſchichte ausneh⸗ mend wohl bekannt war, antwortete ihr unverzüglich durch folgende Frage, die in der gewöhnlichen Form niedergeſchrieben war:„Wie lange iſt Pompejus, der Neger, aus Ew. Gnaden Dienſten?“ Wiewohl ſie mit einer großen Doſis von jener Seelenſtärke be⸗ gabt war, die man gemeinhin Unverſchämtheit nennt, ſo zeigten ſich dennoch in ihrem Geſicht einige Merfmale von Schaam und Ver⸗ wirrung, als ſie dieſe vrakelmäßige Frage erhielt. Sie ward dadurch von der außerordentlichen Einſicht des Mannes überführt, und redete 74 ihn folgendergeſtalt in einem ſehr ernſthaften Tone an:„Ich ſehe wohl, Doktor, Sie beſitzen in Ihrem Fache große Geſchicklichkeit; ich will mich deßhalb nicht gegen Sie verſtellen, ſondern Ihnen offen geſtehen, daß Sie den wahren Grund meiner Beſorgniß getroffen haben. Ich bin verſichert, daß ich nicht genauer nachforſchen darf. Hier iſt eine volle Börſe; nehmen Sie ſie, und befreien Sie mich von der quälendſten, läſtigſten Ungewißheit.“ Mit dieſen Worten legte ſie die Geldbörſe auf den Tiſch, und harrte mit dem Geſicht der beſorgnißvollſten Erwartung ſeiner Ant⸗ wort. Crabtree ſchrieb ſeinen Ausſpruch auf die gewöhnliche Art nieder. Er lautete folgendermaßen:„Wiewohl ich hinter den Vor⸗ hang der Zeit ſehe, ſo iſt mir dennoch die Anſicht dießmal nicht ganz klar, die Saaten der künftigen Begebenheiten ſtehen verwirrt durch⸗ einander, ſo daß ich in manchen Fällen in die Nothwendigkeit ver⸗ ſetzt werde, meine Divinationsgabe durch Analogie und menſchliche Einſichten zu unterſtützen. Ich kann daher Ihre gegenwärtigen Zweifel nicht löſen, wofern Sie nicht geruhen, mich genau mit allen den Specialitäten bekannt zu machen, die zu Ihren derzeitigen Beſorg⸗ niſſen Anlaß gegeben haben könnten.“ Nachdem die Lady dieſe Erklärung geleſen, heuchelte ſie ein wenig Scheu und Zurückhaltung, ſetzte ſich ſodann auf ein Tabouret neben dem Tiſche, und ertheilte ihm, nachdem ſie vorſichtiger Weiſe Erkundigung eingezogen hatte, ob man in dieſem Zimmer auch vor Behorchern ſicher ſey, von der ganzen Reihe ihrer Liebhaber ſo aus⸗ führliche Nachrichten, daß es zum Erſtaunen war. Der Zauberer ſo⸗ wohl, als ſein Freund Pickle, der in einem anſtoßenden Cabinete verſteckt war, und dem keine Sylbe von dieſer Beichte entging, fand darin die angenehmſte Unterhaltung. Cadwallader hörte ihrer Geſchichte mit dem Blick unendlicher Wichtigkeit und Scharfſinnes zu. Nach einer kurzen Pauſe ſagte er zu ihr: Er wolle ſich nicht unterſtehen, ihr eine kategoriſche Ant⸗ wort zu geben, als bis er die mannigfaltigen Umſtände bei dieſer 75 Sache in reife Erwägung gezogen hätte. Wenn ſie aber ſich die Mühe nehmen wollte, ihn bei ſeinem nächſten Sitztage nochmals mit einem Beſuche zu beehren, ſo hoffe er, im Stande zu ſeyn, ihr vollkommen Genüge zu leiſten. Der Wichtigkeit ihrer Zweifel ſich bewußt, konnte ſie ſich nicht enthalten, ihm äußerſte Behutſamkeit anzuempfehlen. Sie nahm darauf mit dem Verſprechen Abſchied⸗ ſich zur feſtgeſetzten Zeit wieder einzuſtellen.. Jetzt ſtellte ſich Pickle bei dem Beſchwörer ein, und beide mach⸗ ten ſich herzlich luſtig. Nachdem ſie ſich ſatt gelacht hatten, verab⸗ redeten ſie die Maßregeln zur Züchtigung der ſchaamloſen böſen Sie⸗ ben, die ſo frech ihre eigene Schande ausgeplaudert hatte. In dieſer Conferenz wurden ſie jedoch bald durch Hadji unter⸗ brochen, der ihnen einen neuen Gaſt anmeldete. Unſer Held ſchlüpfte ins Cabinet, und Cadwallader nahm ſein feierliches Weſen wieder an. Dieſe neue Clientin hatte zwar eine Larve vor dem Geſicht, allein dennoch blieb ſie dem ſcharfſpähenden Zauberer nicht verborgen. Er erkannte ſie an der Stimme für eine unverheirathete Lady von ſeiner Bekanntſchaft. Sie hatte ſich in einem kurzen Zeitraum durch zwei Begebenheiten ausgezeichnet, die nicht nach ihrer Erwartung ausgeſchlagen waren. Dem Spiele äußerſt ergeben, hatte ſie dieſer Leidenſchaft in einer Aſſemblee in der Stadt den Zügel ſo ſehr ſchießen laſſen, daß nicht nur ihre Gerechtigkeitsliebe, ſondern auch ihre Vorſicht davon über⸗ wältigt worden war. Auf dieſe Art hatte man ſie unglücklicher Weiſe in ihren Bemühungen, ſich zuzueignen, was ihr geſetzmäßiger Weiſe nicht zugehörte, entdeckt. Dieſem kleinen Fehltritt war eine andere kleine Unbedachtſamkeit gefolgt, die ebenfalls für ihren guten Namen übel ausſchlug. Sie hatte nämlich auf einem ländlichen Ausfluge einem jungen Gecken allzufreigebig eine Gunſt erlaubt, ſo daß ſie ſich in doppelter Klemme fühlte, indem alle ihre Bekannten ſie jetzt wie eine Ausſätzige mieden. Da ſie nun nicht wußte, ob ſie dieß Unglück der Spielpartie oder 76 dem letztern Fehltritt zuſchreiben ſollte, kam ſie zu dem Wahrſager, um ihn zu conſultiren. Sie fragte dieſen, ob ſie ihr gegenwärtiges Herzweh der Stadt oder dem Lande zu verdanken habe. Cadwallader, der die Anſpielung ſogleich verſtand, ertheilte auf ihre Frage folgende Antwort:„Die Welt verzeiht wohl einer jungen Dame eine Unbe⸗ dachtſamkeit im Spiele, allein die Gunſt, die man einem plauderhaf⸗ ten Haſenfuß gewährt, iſt ein unverzeihliches Verbrechen.“ Dieſer Spruch erfüllte ſie mit eben ſo vielem Erſtaunen als Verdruß. Von des Schwarzkünſtlers Allwiſſenheit vollkommen über⸗ zeugt, bat ſie ihn um guten Rath, wie ſie wohl ihren guten Ruf wieder herſtellen könnte.„Durch eine Heirath,“ verſetzte er,„und das je eher, je beſſer.“ Sie ſchien an dieſem Rathe ſo viel Wohlbehagen zu finden, daß ſie Crabtree eine doppelte Belohnung gab und mit hurtiger Verbeu⸗ gung ſich entfernte. Unſere Unternehmer hielten es nun für hohe Zeit, das Orakel für dieſen Tag ſchweigen zu laſſen. Dem zu Folge erhielt Hadji den Auftrag, alle, die ſich meldeten, abzuweiſen. Peregrine und Cadwallader aber kehrten zu ihren abgebrochenen Berathſchlagungen zurück, und entwarfen einen Operationsplan für das nächſte Mal. Es ward beſchloſſen, daß Hadji nicht nur mit eigenen Talenten wir⸗ ken, ſondern auch Unteragenten in Sold nehmen ſollte, um die zu ihrem Plane erforderlichen Erkundigungen einzuziehen; daß ferner der nöthige Aufwand von dem aus ihrem Gewerbe gewonnenen Gelde zu beſtreiten, die übrigen Sporteln aber an bedürftige Familien zu ver⸗ theilen wären. 77 Siebenundachtzigſtes Kapitel. Cadwallader ſpielt ſeine Wahrſagerrolle weiter. Nach getroffenen Vorkehrungen verfügte ſich unſer Held unver⸗ züglich in eine Spielgeſellſchaft, die von den ärgſten Klatſchgevat⸗ terinnen der Stadt beſucht zu werden pflegte. Hier wußte er ſchlau das Geſpräch auf den Nekromanten zu bringen, und bemühte ſich, deſſen Talente lächerlich zu machen. Dadurch machte er ihr Verlan⸗ gen, hinter Geheimniſſe zu kommen, in einem ſo hohen Grade rege, daß ihre Neugier in lichten Flammen loderte, und er es für völlig entſchieden annahm, daß Alle oder wenigſtens Einige von ihnen zu Albumazar an ſeinem Beſuchtage gehen würden. Während Peregrine auf ſolche Weiſe beſchäftigt war, erſchien der Nekromant in einer andern Verſammlung von Leuten von gutem Tone. Er hatte in Kurzem das Vergnügen, daß das Geſpräch auf den Zauberer kam. Eine ältliche Frau von rechtlichem Herkommen, die wegen ihrer Fragſucht ſehr bekannt war, wandte ſich an Cadwal⸗ lader und fragte ihn mittelſt des Fingeralphabets, ob er von dem Magus nichts gehört habe, der ſo viel Aufſehen in der Stadt mache. Der Menſchenfeind verſetzte in ſeinem gewöhnlichen mürriſchen Tone:„Ihrer Frage nach müſſen Sie mich entweder für einen Kuppler, oder für einen unwiſſenden Knaben anſehen. Was, im Namen alles Unſinns, ſoll ich von einem ſolchen Halunken wiſſen, wofern ich nicht in der Abſicht ſeine Bekanntſchaft machte, um mei⸗ nem Humor dadurch Nahrung zu verſchaffen, daß ich ihn die ganze Nation für ihr Geld zu Narren haben ſehe? Gleichwohl glaube ich, daß das Kuppeln ihm das Meiſte einträgt. Alle Wahrſager ſind Gelegenheitsmacher. Darum beſuchen die Vornehmen ſie ſo fleißig. Dieſer Burſche hat, ich wollte darauf wetten, ſich zum Beſten des Fortpflanzungsgeſchäfts verſchiedene bequeme Zimmer gemiethet. Denn 78 es läßt ſich nicht annehmen, daß alle diejenigen, die ihn unter dem Vorwand beſuchen, ſeine übernatürliche Kunſt zu Rathe zu ziehen, ſo thöricht oder einfältig ſeyn ſollten, zu glauben, er könnte wirklich künftige Begebenheiten vorausſagen.“ Die Geſellſchaft ſchrieb, wie er's erwartet hatte, dieſe Anmer⸗ kungen ſeiner feindſeligen Gemüthsart zu, die den Gedanken nicht ertragen konnte, daß es irgend einen weiſern Mann gäbe, als ihn. Man tiſchte ſeinen Ohren tauſend Beiſpiele von der wunderbaren Vorherſagungsgabe des Zauberers auf, die er insgeſammt der Fiktion zu verdanken hatte. Einige davon wurden ihm mitgetheilt, um ſeine Meinung darüber zu vernehmen. „Es ſind,“ ſagte er,„nichts als Phantome der Unwiſſenheit und Leichtgläubigkeit, die durch die Wiederholung aufſchwellen, wie jene unweſentlichen Blaſen, welche die Kinder aus Seifenſchaum aufhau⸗ chen. So wird es ſtets bei der Verbreitung ſolcher außerordentlichen Nachrichten ergehen. Die Imagination vergrößert natürlicher Weiſe jeden Gegenſtand, der zu ihrer Kenntniß gelangt, ſonderlich alle die⸗ jenigen Dinge, die ins Gebiet der Furcht und der Bewunderung ge⸗ hören. Fügt ſich's nun, daß dieſe Nachrichten von Neuem erzählt werden, ſo vergrößert die Eitelkeit des Erzählers jeden Umſtand um die Wichtigkeit ſeiner Mittheilung zu erheben. So erhält oft ein bloß ungewöhnlicher Zufall, wenn er durch die Imagination und den Mund derer geht, die ihn vortragen, ſolche Zuſätze, daß man das Originalfaktum gar nicht mehr herauszufinden vermag. Dieſe Bemerkung läßt ſich durch tauſend unläugbare Bei⸗ ſpiele erläutern und erhärten. Zur Unterhaltung und Erbauung der Geſellſchaft will ich nur ein einziges anführen. Ein wegen ſeines ernſten Betragens bekannter, ſehr ehrenwerther Herr ward eines Tages auf White's Caffeehauſe von einem vertrau⸗ ten Freunde angeredet, der ihn bei der Hand faßte, und gegen ihn ungemeines Vergnügen äußerte, ihn nach einer ſo ſchweren gefähr⸗ lichen Krankheit, wie er gehabt, ſo wohlauf zu finden. Den Gentle⸗ 79 man beſtürzte dieſe Anrede, und er verſetzte, er habe ſich zwar ver⸗ gangene Nacht nicht recht befunden, allein bei dieſer Unpäßlichkeit ſey gar nichts Außerordentliches.„Himmel, nichts Außerordentliches?“ rief der Andere,„und ſie haben doch drei ſchwarze Krähen ausgeſpieen?“ Anfänglich hielt der erſte Herr dieſe ſeltſame Exelamation für einen Scherz, wiewohl ſein Freund ſonſt eben kein Spaßmacher war. Da er aber an ihm alle Merkmale der Aufrichtigkeit und des Erſtaunens wahrnahm, ſo änderte er plötzlich ſeine Meinung, nahm nach einem kurzen Nachdenken ſeinen Freund bei Seite und ſagte zu ihm:„Sie wiſſen, Sir, daß ich jetzt in Heirathstraktaten ſtehe, die ſchon längſt zu Stande gebracht wären, wenn die Machination einer gewiſſen Per⸗ ſon ſie nicht verzögerten, die ſich für meinen Nebenbuhler ausgibt. Nun bin ich völlig überzeugt, daß die Geſchichte von den drei Krähen ſeine Erfindung iſt, die er in der Abſicht ausgebrütet hat, mich bei dem Frauenzimmer in Mißeredit zu bringen, die zu einem Manne nicht Luſt haben wird, der eine Krähenhecke in ſeinen Eingeweiden hat. Deßhalb muß ich darauf beſtehen, den Urheber dieſer ſcandals⸗ ſen Erzählung zu erfahren, um im Stande zu ſeyn, meinen Leumund gegen eine ſo boshafte Anſchuldigung zu rechtfertigen.“ Sein Freund, dem dieſe Forderung einleuchtete, ſagte ihm ohne alles Bedenken, ihm wäre der Vorfall von dem und dem, ihrem ge⸗ meinſchaftlichen Bekannten erzählt worden. Hierauf ging der Mann, der ſich für beleidigt hielt, ſogleich fort, um den angeblichen Ehren⸗ ſchänder aufzuſuchen. Als er ihn gefunden, ſagte er zu ihm in einem gebietenden Tone:„Sagen Sie mir, Sir, wer hat Ihnen erzählt, daß ich drei ſchwarze Krähen ausgeſpieen habe?“—„Drei?“ ver⸗ ſetzte der Gentleman;„ich habe nur von zweien geſprochen.“—„Potz Kukuk!“ rief der Andere, den die Gleichgültigkeit von Jenem verdroß, „Sie ſollen finden, daß die Zwei zu viel find, wenn Sie ſich weigern, mir die ſchändliche Quelle einer ſolchen Verläumdung zu entdecken!“ Dieſe Hitze ſetzte den Erſtern in Beſtürzung, und er gab ihm zur Antwort: es thäte ihm leid, zufälliger Weiſe das Werkzeug zu 80 ſeyn, ihn zu beleidigen. Zugleich ſchob er die Schuld, wenn ja eine dabei wäre, auf einen Dritten, von dem er dieſe Geſchichte habe. Der Beklagte, als er ihn ſo aufgebracht ſah, leugnete ſchlechterdings, daß er eines Paars erwähnt habe.„Von Einer habe ich freilich geſprochen,“ verſetzte er,„und das auf glaubwürdigen Bericht. Ihr Arzt hat mir's heute früh erzählt.“—„Bei Gott!“ rief der arme Leidträger voll Wuth, die er nicht länger zurückhalten konnte,„der Halunke iſt von meinem Nebenbuhler angeſtiftet worden, mich ſo zu verfleinern. Aber ich will Revanche nehmen, wenn es noch in Eng⸗ land irgend Geſetze oder Billigkeit gibt.“ Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, als der Arzt von ungefähr in das Zimmer trat. Sein höchſt erbitterter Patient lief mit aufgehobenem Rohre auf ihn zu und ſagte:„Wofern ich lebe, du Bube, will ich die ſchwarze Krähe zu der ſchwärzeſten Begeben⸗ heit in deinem ganzen Leben machen.“ Der Medikus, den dieſe An⸗ rede äußerſt beſtürzte, verſicherte ihn, er verſtände gar nicht, was er wolle. Als der andere Gentleman es ihm erklärt hatte, leugnete er ſchlechterdings die Beſchuldigung und betheuerte, er habe weiter nichts geſagt, als jener Herr habe etwas ausgeworfen, das ſo ſchwarz wie eine Krähe geweſen ſey. Der Herr vom Hauſe geſtand ein, er könne falſch gehört haben, und ſo endete dieſes Geſchichtchen.“ Die Geſellſchaft ſchien ſich an dieſer Schnurre zu ergötzen, die ſie für eine bloße Erfindung Cadwallader's anſah. Aber, erklärten ſie einmüthig, wenn man ſie auch für wahr annähme, ſo könnte ſie doch kein Gewicht haben, das Zeugniß verſchiedener Perſonen von Stande zu entkräften, die Ohrenzeugen von den übernatürlichen Kenntniſſen des Magiers geweſen wären. Am folgenden Vormittage hatte der Schwarzkünſtler kaum auf ſeinem Stuhle Platz genommen, ſein Freund ſich in ſeinen Lauſch⸗ winkel verſteckt und Hadji die äußere Thüre geöffnet, ſo trat ein weiblicher Beſuch herein. Der Magus entdeckte in deſſen Zügen eine von jenen fragſüchtigen Ladies, deren Neugier ſein Verbündeter auf — 81 die oben geſchilderte Art rege gemacht hatte. Mit einem vertraulichen Weſen wandte ſie ſich an ihn, und ſagte: ſie hätte viel von ſeinen großen Kenntniſſen gehört, und käme her, um eine Zeugin ſeiner Kunſt zu ſeyn. Sie bäte ihn ſehr, ihr dieſelbe dadurch zu bewähren, daß er ihr ſage, was er für ihre herrſchende Leidenſchaft hielte. Cadwallader, dem ihr Charakter gar nicht unbekannt war, ergriff ohne Bedenken die Feder, und ſchrieb folgende Antwort nieder:„Liebe zum Gelde hätte bei ihr die Oberhand, und Sucht zu läſtern beſäße den nächſten Platz in ihrem Herzen.“ Weit entfernt, durch dieſe Freimüthigkeit verletzt zu werden, pries ſie vielmehr ſeine Offenher⸗ zigkeit mit einem Lächeln, und äußerte, voller Zufriedenheit mit ſeinen ungewöhnlichen Talenten, das Verlangen, näher mit ihm be⸗ kannt zu werden. Ja, ſie katecheſirte ihn ſogar über die Geheim⸗ geſchichte verſchiedener großer Familien, worin er von ungefähr wohl bewandert war. Er gab ihr auf eine geheimnißvolle Art ſo künſt⸗ liche Winke ſeiner Wiſſenſchaft hiervon, daß ſie über ſeine Fähig⸗ keiten erſtaunte und wirklich die Frage an ihn that: ob ſeine Kunſt zu erlernen ſey? Der Geiſterbeſchwörer bejahte dieß; doch gab er ihr zu gleicher Zeit zu verſtehen, nur allein diejenigen könnten den Gipfel dieſer Wiſſenſchaft erreichen, die im Betreff der Keuſchheit und Ehre rein und ohne allen Makel daſtünden; oder ſolche, die durch lange Buße ſich von allen fleiſchlichen Begierden gereinigt hätten. Sie mißbilligte nicht nur dieſe Behauptung, ſondern ſie ſchien auch an deren Wahrheit zu zweifeln, und ſagte mit einem Blick voller Verachtung zu ihm, ſeine Kunſt ſey nicht werth, daß man ſie beſitze, wenn man ſie nicht zu ſeinen Vergnügungen brauchen könnte. Ja, ſie war ſogar ſcharfſichtig genug, einen Widerſpruch in ſeiner Behauptung zu entdecken. Sie fragte ihn daher, weßhalb er ſeine Kunſt für Geld triebe, wenn er ſich von allem Irdiſchen losgemacht habe.„Laſſen Sie's gut ſeyn, Doktor, laſſen Sie's immer gut ſeyn,“ ſetzte ſie hinzu.„Sie haben recht, vor unzeitiger Neubegierde auf Smollet's Romane. Kl. 6 82 der Hut zu ſtehen; aber gegen mich frei mit der Sprache herauszu⸗ gehen, lohnt ſich vielleicht der Mühe.“ Dieſer Vorſchlag wurde durch einen Schlag an die Thüre unter⸗ brochen, der die Ankunft eines andern Clienten ankündigte. Die Lady erkundigte ſich nach einem geheimen Ausgang, damit ſie ohne Gefahr, entdeckt zu werden, entſchlüpfen könnte. Als ſie vernahm, daß es an einer ſolchen Bequemlichkeit fehlte, begab ſie ſich in ein leeres Ge⸗ mach, das an das Audienzzimmer ſtieß, damit ſie von dem Neuan⸗ kommenden nicht geſehen werden möchte. Dieß war Niemand anders, als die Inamorata, welche, der Abrede gemäß, ſich einfand, um die Auflöſung ihrer Zweifel zu vernehmen. Der Miſanthrop freute ſich über die günſtige Gelegenheit, dieſes Weib der Kritik einer ſo unermüdeten Prieſterin der Fama unter⸗ werſen zu können, als das Frauenzimmer in dem nächſten Zimmer war die, wie er wußte, ſie behorchen würde. Deßhalb nöthigte er die Meſſaline, ſein Gedächtniß durch eine Recapitulation ihres vori⸗ gen Bekenntniſſes wieder aufzufriſchen. Es war beinahe zu Ende, als ein Geräuſch an der Thüre ſie beunruhigte. Zwei Gentlemen veranlaßten es, die mit Gewalt in's Zimmer zu dringen verſuchten. Dieſer Tumult erſchreckte die Dame, ja er brachte den Zauberer ſelbſt etwas aus der Contenance. Sie ſuchte Zuflucht an dem Orte, den die andere Lady ſchon zuvor eingenommen hatte. Dieſe hörte kaum Jemand hereinrauſchen, ſo ſchob ſie die Fenſterladen zu, um ſo unerkannter zu bleiben. Hier verbargen ſich die beiden Frauenzimmer in äußerſter Beſtürzung. Cadwallader hatte ſich indeß etwas geſam⸗ melt und befahl Hadji, die Thüre zu öffnen und die Lärmer einzu⸗ laſſen. Er hoffte, ſein feierliches Anſehen würde ihnen Reſpekt ein⸗ flößen. Kaum hatte der Pförtner ſeinem Befehle gehorcht, als ein junger Wildfang, der ſeit einiger Zeit außer der Stadt geweſen war, mit ſeinem Lehrer in Ausſchweifungen hereingebraust kam. Letzterer war ein invalider Schwelger und dem Zauberer wohl bekannt. Sie waren Beide in dem Grade berauſcht, der nöthig iſt, die Gemüther 83 zu dem zu ſtimmen, was ſolche Leute Fröhlichkeit nennen, was aber der mäßige Theil der Menſchen für ſtarke Eingriffe in die Geſetze und in die Ruhe ihrer Mitbürger anſieht. Sie taumelten an Crabtree's Tiſch, und der Aeltere von ihnen übernahm das Amt des Sprechers.„Wie geht's, alter Sündenbock?“ rief er Cadwallader an.„Du ſcheinſt ein rechter ehrwürdiger Kuppler zu ſeyn, und ich zweifle nicht, daß Du recht ſehr verſchwiegen biſt. Hier iſt dieſer junge H**jäger, das leibhafte Ebenbild von dem alten geilen Aaſe, ſeinem Vater, und ich. Wir verlangen ein tröſt⸗ liches Pröbchen von deiner Handthierung. Ich meine nicht deinen pfiffigen Deckmantel, dein Geiſterbeſchwören. Hol der Teufel die Zukunft! Laß uns für den gegenwärtigen Augenblick leben, alter Burſch! Zaubere ein Paar geſunde Menſcher her, und ich ſteh' Dir dafür, wir gehen augenblicklich in deinen magiſchen Zirkel. Was ſagt Galiläi? Was ſpricht der ehrwürdige Brahe? Hier iſt eine Börſe, Ihr Kuppler, Ihr! Horch, wie das klingt! Ein weit lieb⸗ licherer Schall, als Sphärenmuſik!“ Den Nekromanten machte dieſer Vorfall verlegen. Er gab keine Antwort, ſondern nahm ſeinen Stab und ſchwenkte ihn in ſehr my⸗ ſtiſchen Bewegungen um ſein Haupt, in der Abſicht, den beiden ſtür⸗ miſchen Beſuchern Furcht einzujagen. Allein dieſer Kunſtgriff half nichts. Sie machten vielmehr noch immer ſtärkeres Geräuſch und drohten ſogar, Cadwallader beim Barte zu zupfen, wenn er nicht unmittelbar ihr Verlangen erfüllte. Er wußte, daß er ihrem Ge⸗ braus leicht ein Ende machen konnte, wenn er ſeinen Bundesgenoſſen oder auch nur Hadji zur Hülfe gerufen hätte. Allein er wollte nicht gern Gefahr laufen, entdeckt zu werden, oder auch nur einen Auf⸗ ſtand zu veranlaſſen. Daher kam er auf den Einfall, ihren Ueber⸗ muth auf eine andere, weniger gefährliche und nachdrücklichere Art zu züchtigen. Dem zu Folge deutete er mit ſeinem Stabe auf die Thüre des Zimmers, das die beiden Damen zu ihrem Heiligthume erkoren hatten. Die beiden Wollüſtlinge verſtanden den Wink und 84 ſtürzten ohne alles Bedenken hinein. Da die Frauenzimmer fanden, daß ihr Zufluchtsort mit Sturm eingenommen war, rannten ſie in der äußerſten Beſtürzung im Zimmer umher. Sie wurden unver⸗ züglich von den Stürmenden gefangen genommen. Dieſe zogen ſie augenblicklich nach den Fenſtern, rißen zu gleicher Zeit die Laden auf und entdeckten, o Wunder! der Eine in ſeiner gemachten Beute das Weib ſeines Buſens und der Andere ſeine Mutter. Einen ſolchen Streich hatte ihnen die im Zimmer herrſchende Finſterniß geſpielt. Ihr wechſelſeitiges Erſtaunen über dieſe Entdeckung läßt ſich nicht beſchreiben. Einige Minuten lang herrſchte ein allgemeines Still⸗ ſchweigen. Während dieſer Pauſe hatten ſich die Damen wieder ge⸗ ſammelt. Die Aeltere von ihnen begann eine derbe Predigt gegen ihren Sohn wegen ſeines unordentlichen Wandels, der ſie, wie ſie ganz keck behauptete, in die unangenehme Nothwendigkeit ſetzte, alle ſeine Gänge zu beobachten und ihn an einem ſo ſchändlichen Orte aufzuſuchen. Während die zärtlich beſorgte Mutter ſo ihr Straftalent übte, ſtand der hoffnungsvolle junge Herr da, beide Hände in die Taſche geſteckt und pfiff eine Opernarie, ohne auf die Verweiſe ſeiner Mut⸗ ter, wie es ſchien, viel Acht zu haben. Das andere Frauenzimmer ahmte das vollkommene Muſter nach, das ihr aufgeſtellt wurde, und begann gegen ihren Mann loszubrechen. Sie warf ihm ſeine Schwel⸗ gerei, ſeine Unmäßigkeit ſehr bitter vor, und fragte ihn, was er zur Beſchönigung ſeines jetzigen unordentlichen Betragens vorbringen könnte. Das Erſtaunen, das eine ſo unerwartete Zuſammenkunft er⸗ zeugte, hatte die Wirkungen des reichlich genoſſenen Weins bereits größtentheils bei dem älteren Herrn vertrieben. Der erſte Gebrauch, den er von ſeiner Nüchternheit machte, beſtand darin, daß er bei ſich überlegte, was für Beweggründe wohl möglicher Weiſe ſein Weib hätten antreiben können, auf eine ſolche Art mit ihm zuſammen zu kommen. Da er guten Grund hatte, zu glauben, ſie ſey frei von 85 aller Eiferſucht, ſo ſetzte er natürlicher Weiſe die Veranlaſſung, daß ſie ſich hier fanden, auf die Rechnung einer andern Leidenſchaft; und die Unverſchämtheit, womit ſie ſich jetzt ihm Verweiſe zu geben unter⸗ ſtand, diente eben nicht dazu, ſeinen Verdruß zu vermindern. Daher hörte er ſie mit ernſtem oder vielmehr finſterem Geſichte an, und antwortete auf die Frage, mit welcher ſie ihre Strafpredigt ſchloß, mit großer Kaltblütigkeit:„Ich habe weiter nichts anzuführen, Madame, als daß der alte Gelegenheitsmacher ſich verſehen hat; daher haben wir uns in unſerer beiderſeitigen Erwartung betrogen. Und ſo, meine Damen, bin ich Ihr ergebener Diener.“ Mit dieſen Worten begab er ſich fort, voll offenbarer Verwir⸗ rung in ſeinen Blicken. Als er durch das Audienzzimmer ging, ſah er den Zauberer mit ſchrägem Blick an und ſprach die Worte:„Theu⸗ rer Schurke!“ mit vielem Nachdruck. Mittlerweile führte ſein Ge⸗ fährte, als ein pflichtliebendes Kind, ſeine Mama in ihre Sänfte, und die andere Clientin ſchmähte den Nekromanten aus, daß er die⸗ ſen Zufall nicht vorhergeſehen hatte, und ging ſehr gekränkt hinweg. Als der Sturm ganz vorüber und die Paſſage frei war, kam Peregrine aus ſeiner Bucht hervor, und wünſchte ſeinem Freunde Glück zu dem friedlichen Ausgange dieſes Abenteners. Um aber für künftig ſolchen Unannehmlichkeiten zu entgehen, beſchloßen ſie, daß in der Mitte der äußern Thüre ein Gitter angebracht werden ſollte, durch welches der Beſchwörer ſelbſt alle die Leute, die kämen, in Augenſchein nehmen könnte, bevor ſie eingelaſſen würden. Wen er alſo nicht ſehen mochte, dem ſollte Hadji, ohne die Thüre zu öffnen, den Beſcheid ertheilen, ſein Herr habe jetzt zu thun. Durch dieſes Auskunftsmittel beugten ſie auch den Schwierigkeiten vor, die Cad⸗ wallader würde gefunden haben, wenn er Fremden, die er gar nicht kannte, hätte befriedigende Antwort geben ſollen. Denn die erſte Abſicht der Stifter war, ihre Kunſt bloß vor Leuten von Stande zu treiben, mit welchen der verſtellte Zauberer und ſeine Helfershelfer bekannt waren. 86 In der That hatten dieſe Verbündeten, zumal Cadwallader, trotz der Menſchenkenntniß, womit er prahlte, ſich nie eingebildet, daß ſeine vorgebliche Wiſſenſchaft von Jemand anders als von dem ſchwachgeiſtigern Theile des weiblichen Geſchlechts auf Antrieb des Geiſtes der Neugier würde zu Rathe gezogen werden, der, wie er wußte, ihrer Natur eingepflanzt iſt. Allein bei Fortſetzung ſeines Gewerbes fand er, daß Leute von jedem Geſchlecht, Rang und Tem⸗ perament ſeine übernatürlichen Fähigkeiten aufſuchten, und er hatte Gelegenheit, zu bemerken, daß, wenn Leidenſchaften in's Spiel kom⸗ men, ſo kalt, behutſam und bedächtig auch die Leute immer ſeyn mögen, nichts ſo eitel, ſo tändelhaft, ſo ungereimt iſt, das ſie nicht ergreifen ſollten, um ſich Muth oder Befriedigung zu verſchaffen. Die letztere Begebenheit ward, der Erwartung und den Wün⸗ ſchen der Verbündeten gemäß, von den Damen, die daran Theil gehabt hatten, ihren Freundinnen und Bekannten auf eine ſolche Art in's Ohr geflüſtert, daß die ganze Sache in wenigen Tagen die allgemeine Ma⸗ terie des Geſprächs geworden war. Sie wurde mit unzähligen Aus⸗ ſchmückungen erzählt, welche von den beiden Parteien ſelbſt erfunden waren; denn ſie hatten ſchon längſt einen Groll gegen einander ge⸗ hegt, und ergriffen dieſe bequeme Gelegenheit, ihre Rachgier zu be⸗ friedigen. Dieſe Vorfälle, die dem Spleen des Geiſterbanners eine ſtatt⸗ liche Weide verſchafften, vermehrten zu gleicher Zeit ſeinen Ruf. Beide Theile beſchrieben ihn als einen außerordentlichen Mann in ſeinem Fache; und die Veränderung an ſeiner Thüre war kaum zu Stande, als er Gelegenhekt hatte, ſie gegen das Zudrängen einer großen Menge Leute zu benutzen, bei denen er ſchwerlich ſeinen er— langten Ruf würde haben erhalten können. Unter denen, die an ſeinem Gitter erſchienen, erblickte er einen gewiſſen Geiſtlichen, den er lange ſchon als einen demüthigen Schran⸗ zen der⸗Großen gekannt hatte, und der im Ruf ſtand, bei einigen von ihnen der Handlanger ihrer Lüſte zu ſeyn. Dieſer Levit hatte 87 * ſich in einen großen Reitrock gehüllt, trug Stiefeln und überhaupt einen Anzug, der völlig von der gewöhnlichen Tracht ſeines Standes verſchieden war. Als man ihn hereingelaſſen hatte, verſuchte er, ſich bei dem Zauberer für einen Landjunker auszugeben. Allein Letzterer nannte ihn bei Namen, und bat ihn, ſich niederzulaſſen. Dieſe Aufnahme entſprach völlig dem Gerücht, das er von des Geiſterbanners Kunſt gehört hatte. Daher ſagte der Doktor:„Ich will nur alle Verſtellung ablegen. Ich glaube ganz ausgemacht, daß Ihre übernatürlichen Kenntniſſe von keiner Gemeinſchaft mit böſen Geiſtern herrühren, ſondern eine unmittelbare Gabe des Himmels ſind. Die eigentliche Abſicht meines Beſuchs bei Ihnen geht dahin, mich nach der Geſundheit eines meiner guten Freunde und Collegen zu erfundigen, der eine Pfründe hat. Dieſer wackere Mann iſt ſchon alt und ſchwächlich; ich möchte daher gern die Zeit wiſſen, die ihm in dieſem elenden Jammerthale noch zuzubringen beſtimmt iſt; damit ich das traurige Vergnügen haben kann, ihm in ſeinen letzten Augen⸗ blicken an die Hand zu gehen und in ſeinen Vorbereitungen zur Ewigkeit beizuſtehen.“ Der Zauberer ſah ſogleich den Zweck dieſer Frage ein, und er⸗ theilte dem Rathfragenden nach einer feierlichen Pauſe, während welcher er ganz in Betrachtungen verſenkt ſchien, folgende Antwort: „Wiewohl ich manche Fälle vorausſehe, ſo behaupte ich doch nicht, allwiſſend zu ſeyn. Ich weiß zwar nicht, wie weit hinaus ſich das Leben jenes Geiſtlichen erſtrecken wird; ſo viel mir aber in die Zu⸗ kunft zu ſchauen vergönnt iſt, nehme ich wahr, daß der jetzige Be⸗ ſitzer der Pfründe den ihm beſtimmten Nachfolger überleben wird.“ Dieſe fürchterliche Sentenz verbannte in Einem Augenblick das Blut aus den Wangen des erſchrockenen Rathfragenden. Er begann an jedem Gliede zu zittern, als er ſeinen Urtelsſpruch vernahm; in der Todesangſt der Furcht richtete er die Augen gen Himmel und begab ſich mit den Worten fort:„Der Wille Gottes geſchehe!“ Mehr konnte er vor Verzweiflung nicht hervorbringen. Die Zähne 88 klapperten ihm vor Schreck und Entſetzen, und er ſchwankte fort. Nachdem dieſer Client fort war, ſtellte ſich bei dem Zauberer einer von jenen würdigen Männern ein, welche die Römer unter dem Namen Heredipetes, Erbſchleicher, kannten. Er war durch eine genaue Aufmerkſamkeit auf die unmittelbaren Bedürfniſſe und die Schwächen roher, unerfahrener Erben zu einem anſehnlichen Ver⸗ mögen gelangt. Dieſer ehrwürdige Wucherer hatte einem jungen Verſchwender eine Annuität auf Zeitlebens verkauft. Dazu war er durch die Beſtätigung von deſſen Arzt vermocht worden, der ihm die Verſicherung gegeben: der Körper ſeines Patienten ſey ſo verdorben, daß er kein Jahr mehr leben könne. Nichts deſto weniger hatte er ſchon achtzehn Monate überſtanden, und ſchien munterer und geſün⸗ der denn je; denn man vermuthete, daß er von der Wiege an die Luſtſeuche als eine Erbkrankheit gehabt habe. Dieſe Veränderung beunruhigte den Verkäufer, und er kam zu Cadwallader, um ihn nicht nur zu fragen, wie lange der Annuitant noch leben würde, ſondern auch, wie deſſen Geſundheit zu der Zeit ſey beſchaffen geweſen, da er dieſe Leibrente gekauft habe; denn er war Willens, den Arzt zu verklagen, wenn der Zauberer erklärte, daß der junge Menſch damals geſund geweſen ſey, als der Doktor ihn für krank ausgegeben hatte. Allein darin willfahrte ihm der Menſchenhaſſer nicht. Um den Elenden für ſeinen ſchmutzigen Geiz zu beſtrafen, gab er ihm zu verſtehen, daß der Arzt ihm nicht mehr, als die Wahrheit geſagt habe; allein der junge Mann ſey jetzt auf dem beſten Wege, ein gar artiges hohes Alter zu erreichen. „Das will ſagen,“ rief der Client voll bittern Verdruſſes über dieſe Antwort,„alle Zufälle ausgenommen. Denn der Annuitant führt, Gott ſey Dank, nicht das regelmäßigſte Leben. Ueberdieß iſt er, wie ich aus ſicherer Hand weiß, choleriſch und raſch. Das kann ihn leicht in ein Duell verwickeln. Ferner gibt's Nachtſchwärmereien⸗ wobei leichtlich durch einen Zufall einem wilden Burſchen das Hirn eingeſchlagen werden kann. Er kann auch mit dem Wagen umge⸗ 89 worfen, oder im Fluſſe umgeſtürzt werden; es kann ihn ein böſes Pferd herunterwerfen, ein faltes Fieber überfallen, oder eine Ueber⸗ ladung des Magens in Lebensgefahr bringen. Worauf ich aber mein hauptſächlichſtes Vertrauen ſetze, das iſt eine heftige Luſtſeuche, eine Krankheit, die ſeiner ganzen Familie arg mitgeſpielt und ihr den Garaus gemacht hat. Gleichwohl muß ich geſtehen, der Ausgang von alle dem iſt ungewiß, und es laſſen ſich Mittel finden, ſeine Ab⸗ ſicht kräftiger durchzuſetzen. In Indien, weiß ich, gibt es Künſte, wodurch man ſein Intereſſe ſichern kann. Durch ein freundſchaftliches Handſchütteln iſt die Sache abgemacht. Ich zweifle gar nicht daran, daß Sie dieſes Geheimniß beſitzen, da Sie ſich in jenen Gegenden ſo lange aufgehalten haben. Ich bin überzeugt, daß, wenn Sie ge⸗ neigt wären, dieſes Kunſtſtück mitzutheilen, ſich Leute in Menge finden würden, es um einen ſehr hohen Preis zu kaufen.“ Cadwallader verſtand dieſen Wink und gerieth in Verſuchung, ihn auf ſolche Art zum beſten zu haben, die zu ſeiner Beſchimpfung und Verwirrung gereichte. Bei näherer Erwägung fand er die Sache aber zu ſtrafbar, um ſich damit zu befaſſen, und er widerſtand der Begierde, dieſen ungeheuern Vielfraß auf eine andere Art zu beſtra⸗ fen, als daß er ihm ſagte: er theile ihm ſein Geheimniß nicht mit, und wenn er ihm auch zehnfach ſein Vermögen gäbe. Auf dieſe Art entfernte ſich der Wucherer, ſehr übel erbaut über den Ausgang ſeiner Conſultation. Der Nächſte, der nach ihm ſich zu dem Altar der Erkundigun⸗ gen ſtellte, war ein Schriftſteller, der Albumaſar's Rath durch die Vorſtellung gratis zu erlangen ſuchte, daß die Alten Poet und Pro⸗ phet mit einerlei Benennung belegt hätten, und daß beide bis auf dieſen Tag durch Begeiſterung getrieben ſprächen. Allein der Be⸗ ſchwörer weigerte ſich dieſer nahen Verwandtſchaft. Ehemals ſagte er, hätte ſie wohl beſtanden, weil heide Gattungen von Vates Kin⸗ der der Fiktion geweſen wären. Da er aber nicht zu der Claſſe ge⸗ hörte, bäte er um Erlaubniß, allen Verbindungen mit der Race der 90 Poeten entſagen zu dürfen. Der arme Schriftſteller würde unver⸗ richteter Sachen haben abziehen müſſen, wiewohl er ſich anbot, zur Sicherheit bei dem Zauberer eine Ode niederzulegen, bis er ihn durch die dritte Einnahme von ſeinem Stück, die für ihn war, bezahlt habe, wenn Cadwallader's Neugier ihn nicht angetrieben hätte, das Begehren dieſes Mannes zu wiſſen. Daher ſagte er ihm, er wolle in Betracht ſeines Genies keine Bezahlung von ihm nehmen. Er möchte ihm nur die Zweifel vorlegen, deren Löſung er wünſchte. Der Sohn des Helikons erzählte nun dem Zauberer Folgendes: „Ich habe vor einiger Zeit einem gewiſſen großen Manne, der an der Spitze der Kenner ſteht, ein Luſtſpiel im Manuſeript zugeſtellt. Er hat es nicht nur geleſen und mit ſeinem Beifall beehrt, ſondern es auch über ſich genommen, es auf das Theater zu bringen, und es zu unterſtützen. Ich bin von meinem Gönner verſichert worden, daß mein Stück auf ſeine Empfehlung von einem Schauſpieldirektor an⸗ genommen wäre, und daß dieſer ihm feierlich verſprochen habe, es aufführen zu laſſen. Als ich aber dieſen Unternehmer beſuchte, und ihn fragte, wenn er mein Werk aufzuführen gedächte, verſicherte er mich, er habe es nie gehört noch geſehen. Nun, Herr Beſchwörer, möchte ich gern wiſſen, ob mein Stück wirklich übergeben worden iſt, oder nicht; und ob ich einigé Bofnung habe, es dieſen Winter auf⸗ führen zu ſehen?“ Cadwallader, der ſich in ſeinen jüngern Jahren mit den thea⸗ traliſchen Muſen beluſtigt hatte, kam bei dieſer Frage aus ſeiner Kaltblütigkeit, weil ſie ihn an eine Menge fehlgeſchlagener Erwar⸗ tungen erinnerte. Er fertigte daher den Autor ganz kurz mit der Antwort ab: Theaterangelegenheiten lägen nicht in der Sphäre ſeiner Divination, weil ſie gänzlich von den Dämonen der Verſtellung, Un⸗ wiſſenheit und des Eigenſinns beherrſcht würden. Wir würden kein Ende finden, wenn wir jede einzelne Antwort anführen wollten, die unſer Zauberer die Zeit ſeiner Beſchwörung über ertheilte. Er ward, außer den gewöhnlichen Materien der Ehe 9¹ und der Galanterie, in allen juriſtiſchen, mediciniſchen und com⸗ merzialen Angelegenheiten um Rath gefragt. Er wurde von Gau⸗ nern conſultirt, die eine unfehlbare Methode zu wiſſen verlangten, ſicher zu ſtehlen; von Brautſchatzjägern, die einer reichen Beute von Wittwen und Erbinnen bedurften; von Wollüſtlingen, die bei an⸗ derer Männer Weibern ſchlafen wollten; von Gecken, die ſich nach dem Tode ihrer Väter ſehnten; von ſchwangern Frauenzimmern, die ihrer Bürde entledigt zu ſeyn wünſchten; von Kaufleuten, die ihre Schiffe über den Werth hatten aſſecuriren laſſen und nach der Zei⸗ tung eines Schiffbruchs ſchmachteten; von Aſſecuranten, die um die Gabe der Vorſehung baten, damit ſie ihr Geld nur bloß auf ſolche Schiffe wagten, die wohlbehalten ankämen; von Juden, welche die Ebben und Fluthen der Stocks vorauszuſehen wünſchten; von Wuche⸗ rern, die auf unentſchiedene Fülle Geld vorſtreckten; von Clienten, die poſitive Auskunft über die Ehrlichkeit ihrer Conſulenten nach⸗ ſuchten; kurz, in allen Sachen von ungewiſſem Ausgang wandte man ſich an das Tribunal des hochberühmten Nekromanten Albu⸗ mazar. Achtundachtzigſtes Kapitel. Der Magus und ſein Bundesbruder rächen ſich an gewiſſen Ungläubigen und Verächtern ihrer Kunſt. Peregrine hat Verdruß mit einem jungen Cavalier. Auf dieſe Art paſſirten die verſchiedenartigſten Charaktere vor un⸗ ſern Verbündeten gleichſam die Revue. Sie beſtraften durch mehrfache ingeniöſe Erfindungen offenbare Frevler ſo ernſtlich, als die Natur ihres Plans es nur erlauben wollte. Endlich beſchloſſen ſie, ſich an einer Menge von ihren Bekannten zu rächen, welche beſtändig die Talente des Nekromanten in Zweifel gezogen und darauf ausgegangen waren, ihn 92 in allen den Geſellſchaften lächerlich zu machen, wo von ſeiner er⸗ ſtaunenswürdigen Kunſt geſprochen wurde. Aus guten Gründen hatte Peregrine in dergleichen Fällen ihrem Urtheile beigeſtimmt, und den Ruf ſeines Freundes öffentlich verklei⸗ nert; um ſo heftiger war aber ſein geheimer Groll gegen ſie, und es ſollte daher Rache an ihnen genommen werden. Der Plan dazu ward fein angelegt. Zunächſt wurde durch die Kundſchafter des Letztern das Gerücht ausgeſprengt: Der Zauberer habe ſich anheiſchig gemacht, ſeinen Kunden jede Perſon erſcheinen zu laſſen, die ſie nur ſehen wollten, ſie möchte nun todt oder tauſend Meilen entfernt ſeyn. Die Auf⸗ klärer redeten darüber nach ihrer gewöhnlichen Art, und einige von ihnen ſchwuren, man müßte den alten Knaben für ſeine Vermeſſen⸗ heit an den Pranger ſtellen. Unſer Held ergriff dieſe Gelegenheit, pflichtete ihren Anſichten bei, und erinnerte mit großem Eifer: Es würde ein verdienſtliches Werk ſeyn, den Schurken auf die Probe zu ſtellen und ihn, wenn er nichts leiſten könnte, zu prellen. Dieſer Einfall gefiel ihnen über die Maßen, und ſie beſchloßen ſogleich, den Verſuch zu machen. In⸗ zwiſchen konnten ſie, da ſie vernahmen, die Erſcheinung würde nur immer einer Perſon zu Einer Zeit vorgeſtellt, nicht über die Wahl desjenigen einig werden, der den erſten Sturm von des Magiers Geſchicklichkeit aushalten ſollte. Da jeder von ihnen ſich unter mancherlei Vorwand verſchiedentlich entſchuldigte, ſo übernahm Pere⸗ grine dieſen Poſten, und äußerte mit großer Zuverſicht, daß der Zau⸗ berernicht im Stande ſey, ihm den mindeſten Anlaß zur Furcht zu verurſachen. Nachdem dieſer Punkt feſtgeſetzt war, fertigten ſie einen aus ihrer Mitte an Crabtree ab, die Stunde und die Bedingungen wegen dieſer Operation zu verabreden. Der Schwarzkünſtler beſtand darauf, daß ſie in ſeinem Logis vor ſich gehen ſollte, wo Alles dazu in Bereitſchaft wäre. Zur beſtimmten Zeit begaben ſich die vereinten 93 Brauſeköpfe, ſieben an der Zahl, zu dem Nekromanten, feſt ent⸗ ſchloſſen, den Betrüger zu entlarven. Sie wurden mit den bei ſol⸗ chen Veranlaſſungen üblichen ſchauerlichen Formalitäten empfangen, was auf die Geſichter von Etlichen Eindruck zu machen ſchien. Doch Pickle's Lebhaftigkeit gab ihnen wieder Muth. Er affektirte eine doppelte Doſis Muthwillen, um ſein Vorhaben nur um ſo kräftiger durchzuſetzen. Cadwallader antwortete auf keine der Fragen, die ſie gleich nach ihrem Eintreten aus Leichtſinn und Uebermuth an ihn richteten, ſondern befahl Hadji, ſie in das nächſte Zimmer zu führen, damit ſie ſehen möchten, daß keine vorläufigen Anſtalten getroffen wären, ihren Abgeordneten durch Dinge zu erſchrecken, die nicht zur Sache gehörten. Sie fanden nichts äls einen Tiſch mitten im Gemach, worauf ein paar Wachslichter brannten, und daneben einen Stuhl. Sie kehrten darauf in das Audienzzimmer zurück und ließen Pere⸗ grine dort, um daſelbſt den Geiſt zu erwarten, den ihn ihm der Zauberer ohne ſein Wiſſen auf ihr Erſuchen vorſtellen ſollte. Alle Thüren wurden nunmehr verſchloſſen, und die ganze Ge⸗ ſellſchaft ſaß in tiefem Stillſchweigen. Aus ihren Geſichtern ſprach bange Erwartung. Die blaue Farbe der Lichter, die zu dieſem Ende mit Schwefel verſtrichen waren, verſtärkten dieſelbe, und der grau⸗ ſende Ton einer großen Glocke, die Hadji im Vorgemach läutete, erhöhte ſie noch mehr. Nachdem Cadwallader auf dieſe Art ihre Furchtſamkeit und Unwiſſenheit gehandhabt hatte, verlangte er zu wiſſen, wen er heraufbringen ſollte. Nach einigem Geflüſter unter⸗ einander, ergriff einer von ihnen die Feder, ſchrieb den Namen des Commodore Trunnion auf einen Streif Papier, und überreichte die⸗ ſen Zettel dem Zauberer. Dieſer ſtand von ſeinem Sitz auf und öffnete die Thüre ſeines Cabinets. Hier zeigte ſich ihren Blicken ein Todtenkopf mit kreuzweis übereinander liegenden Schenkelbeinen auf einem ſchwarz behangenen Tiſche. Dieſer traurige Anblick machte auf die Phantaſie der jungen 94 Herren, die durch die vorläufigen Ceremonien bereits angeregt war, einen merklichen Eindruck. Sie ſahen einander voller Beſtürzung an. Cadwallader ſchloß ſich inzwiſchen in das Cabinet ein, das an das Zimmer ſtieß, wo ſein Freund Peregrine Poſto gefaßt hatte. Er ſteckte der Abrede gemäß das Stückchen Papier mit dem Namen von ſeinem Oheim durch eine ſchmale Spalte in der Scheidewand; zugleich murmelte er eine Art von Rothwelſch her, welche das paniſche Schrecken ſeiner Zuhörer vermehrte; dann kehrte er zu ſei⸗ nem erſten Sitzplatz wieder zurück, und die Sterbeglocke ertönte abermals. Jetzt hörte man Pickle laut rufen:„Verdammt mit Eurer Mummerei! Macht doch einmal fort!“ Dieß war für Crabtree das Loſungswort, daß er den Zettel erhalten hatte. Er ſtand daher auf und zeichnete mit ſeinem Stabe die Figur eines S. an die Wand. Nachdem dieß dreimal geſchehen war, brach in ihren Ohren ein fürchterliches Geräuſch aus dem nächſten Zimmer, von Peregrine's Stimme begleitet, der im Tone des Schreckens und der Verwunderung ausrief:„Herr des Lebens! Mein Onkel Trunnion!“ Dieſer Ausruf hatte auf die Zuhörer ſolche Wirkung, daß zwei davon vor Furcht in Ohnmacht ſielen und der dritte auf ſeine Kniee niederſtürzte und betete, indeß die drei Andern in einem Anfall von Schreck und Geiſteszerrüttung die Thür aufſprengten und in das Spukeabinet ſtürmten. Hier fanden ſie Tiſch und Stuhl umgeſtürzt und Peregrine ausgeſtreckt auf dem dem Boden liegen, allem Anſehen nach ohne Sinn und Bewegung. Sie rieben und beſtrichen ſogleich ſeine Schläfe, und das erſte Zeichen ſeiner Erholung war ein tiefer Seufzer, worauf er folgende Worte ausſprach:„O ihr himmliſchen Mächte! ſo wahr ich lebe, ich habe den Commodore geſehen mit ſeinem ſchwarzen Taftpflaſter, in den Kleidern, die er auf meiner Schweſter Hochzeit trug!“ Dieſe Erklä⸗ rung machte das Erſtaunen und den Schreck der Anweſenden voll⸗ ſtändig. Sie bemerkten das Wilde in ſeinen Blicken, die er auf etwas zu heften ſchien, das ihren Augen verborgen war. Dieſer 9⁵5 Anblick ſteckte ſie mit einem ſolchen Aberglauben an, daß es ein Leichtes geweſen ſeyn würde, ſie zu überreden, der Tiſch und der Stuhl wären Erſcheinungen ihrer Ahnen. Sie führten hierauf Peregrine in das Conſultationszimmer, wo der Beſchwörer und Hadji mit den in Ohnmacht Geſunkenen be⸗ ſchäftigt waren. Als beide den Gebrauch ihrer Sinne wieder erlangt hatten, nahm Cadwallader ein doppelt ernſthaftes Geſicht an und fragte ſie, ob ſie ſich ihrer vorigen Ungläubigkeit nicht ſchämten; zugleich erklärte er, er ſey bereit, ihnen ſogleich noch mehr über⸗ zengende Beweiſe ſeiner Kunſt zu geben, und er wolle ſogleich drei Generationen ihrer Voreltern vom Tode erwecken, wenn ſie in der Stimmung wären, an ſolcher Geſellſchaft Behagen zu finden. So⸗ dann wandte er ſich an einen von ihnen, deſſen Urgroßvater gehängt worden war, und ſagte:„Sind Sie begierig, die erſte merkwürdige Perſon Ihrer Familie zu ſehen? Sprechen Sie ein Wort und ſie ſoll erſcheinen!“ Dieſer junge Mann, bisher der übermüthigſte und brauſendſte von der ganzen Geſellſchaft, war durch die allgemeine Furcht ganz niedergeſchlagen worden. Der Vorſchlag beunruhigte ihn, und er verſicherte dem Zauberer, es gelüſte ihn gar nicht nach einer ſolchen Erſcheinung. Was er bereits geſehen habe, würde, wie er hoffte, auf ſeinen künftigen Wandel und auf alle ſeine Reden den beſten und heilſamſten Einfluß haben. Jeder von dieſen Helden that ein ähnliches Geſtändniß; bei einigen von ihnen war es ſogar mit Thränen begleitet. Hadji hatte Sänften für die ganze Geſellſchaft beſorgt, und ſie zogen insgeſammt mit außerordentlich geſenktem Kamme ab. Zwei von ihnen wurden von der heftigen Erſchütterung, die ſie gehabt hatten, wirklich krank. Unſer Held und ſein Verbündeter machten ſich inzwiſchen über den glücklichen Ausgang ihrer Unternehmung luſtig. Doch der Plan der Wahrſagereien beſchäftigte nicht Peregrine's ganze Aufmerkſamkeit; er fuhr ſtets fort, in der ſchönen Welt eine 96 Rolle zu ſpielen; und da ſeine Ausgaben ſeine Einnahme überſtiegen, ſtrebte er genaue Freundſchaft mit Léuten von Anſehen und Gewicht anzuknüpfen. Er erſchien regelmäßig bei Hofe, äußerte gegen ſeine Gönner an allen öffentlichen Vergnügungsorten ſeine Ehrerbietung, und ließ ſich häufig ſowohl in ihre Luſtpartieen als in ihre Spiel⸗ geſellſchaften ein. Während dieſer eifrigen Beſchäftigung fügte es ſich einmal, daß er auf einem gewiſſen Kaffeehauſe einer Partie Piket zuſah, bei welcher, wie er bemerkte, zwei Gauner einen jungen Herrn von hohem Adel rupften, der weder Mäßigung noch Geſchick⸗ lichteit genug beſaß, ſolchen Gegnern die Spitze zu bieten. Unſer Held, der ein erklärter Feind aller Glücksritter war, konnte es nicht ertragen, ſie ſo öffentlich und dreiſt betrügen zu ſehen. Unter dem Vorwande, daß er dem jungen Herrn etwas Wich⸗ tiges mitzutheilen habe, bat er ihn um die Erlaubniß, ihn in einer andern Ecke des Zimmers ſprechen zu dürfen. Er warnte ihn ſodann auf eine freundſchaftliche Art gegen die Künſte von ſeinen Gegnern. Das brausköpfige Parlamentsglied, weit entfernt, Pickle für ſeinen guten Rath zu danken, oder ſich dafür verpflichtet zu erklären, ſah dieſen Rath für eine Beleidigung ſeines Verſtandes an, und ant⸗ wortete mit einer Miene voll trotzigen Unwillens, er wiſſe ſchon, wie er ſein Intereſſe zu wahren hätte, und würde es nicht zugeben, daß weder er noch jene ihn um Einen Schilling ſchnellen ſollten. Peregrine, den dieſer ganze Hergang nicht wenig ärgerte, meinte dagegen, der junge Herr hätte ſich eher bei ihm zu bedanken, als gut gemeinten Rath ſo ſchnöde zu verwerfen, worauf Eitelkeit und Un⸗ beſonnenheit ſich ſo ſehr des jungen Cavaliers bemächtigten, daß er mit manchen ſchmachvollen, wenigſtens verächtlichen Ausdrücken ihn aufforderte, um fünfhundert Pfund mit ihm zu ſpielen. Unſer ge⸗ reizter Held nahm dieſe Einladung an. Der Andere machte ſich von den alten beiden Schlauköpfen los, welche dieſe Invaſion außeror⸗ dentlich kränkte. Jetzt rückten die beiden jungen Kämpfer in's Feld⸗ und da das Glück mit ungewöhnlicher Unparteilichkeit verfuhr, ge⸗ 97 wann Pickle durch ſeine überlegenern Talente binnen zwei Stunden zweitauſend Pfund. Er ſah ſich genöthigt, von ſeinem Gegner eine Handſchrift anzunehmen, denn die Gauner hatten zuvor deſſen baares Geld in Sicherheit gebracht. Raſend über dieſen Verluſt, würde der raſche junge Mann das Spiel fortgeſetzt und zu gleicher Zeit den Einſatz verdoppelt haben, ſo daß Peregrine im Stande geweſen ſeyn würde, die gewonnene Summe zehnfach zu vermehren. Allein Letzterer dachte, der Aus⸗ forderer ſey für ſeinen nebermuth genug geſtraft, und war nicht ge⸗ neigt, dem Glück die Macht einzuräumen, ihm die Früchte ſeines Sieges zu rauben. Deßhalb lehnte er den Vorſchlag des Lords ab, wofern er nicht um baares Geld ſpielen wollte. Umſonſt ſuchten Seine Lordſchaft bei der Geſellſchaft auf Credit Geld zu bekommen; unſer abenteuernder Ritter ging fort und hinterließ ihn in einem Anfall von Wuth wegen ſeiner fehlgeſchlagenen Erwartung. Sein übermüthiges Betragen hatte mit ſeinem Unglück zuge⸗ nommen, und er ſich verſchiedener Ausdrücke bedient, die Pickle ver⸗ droßen. Dieſer beſchloß daher, ſeine Züchtigung dadurch noch zu ver⸗ mehren, daß er ihn mit ſeinen Forderungen quälte, die jener, wie er wußte, nicht unmittelbar befriedigen konnte. Am folgenden Tage ſandte er zu dem Ende den Pips mit der Handſchrift, die auf Sicht zahlbar war, in das väterliche Haus des jungen Cavaliers. Der Schuldner war halb wahnſinnig über ſeinen Verluſt zu Bette gegangen, und verlor alle Geduld, als er durch einen ſo be⸗ ſchwerlichen, ungeſtümen Mahner geweckt wurde. Er fluchte Pere⸗ grine, drohte dem Boten, ſtieß die größten läſterlichſten Verwün⸗ ſchungen aus und machte einen ſolchen Lärm, daß es der Vater hörte. Dieſer befahl, daß ſein Sohn zu ihm gerufen würde, und er verhörte ihn ſodann über die Veranlaſſung des Tumults, wodurch er das ganze Haus aufgeſtört hätte. Der junge Cavalier verſuchte durch mancherlei auf Schrauben geſtellte Reden zu entwiſchen. Allein dieß vermehrte gerade den Argwohn des Vaters, und er beſtand — Smollet's Romane. Kl. 98 darauf, die Wahrheit zu erfahren. Mithin geſtand jener, er hätte vergangene Nacht eine unbedeutende Summe Geldes an einen Spie⸗ ler verloren, der die Unverſchämtheit habe, heute Morgen zu ihm zu ſchicken und ihn darum zu mahnen, wiewohl er dem Burſchen geſagt, daß es ſeiner Convenienz nicht gemäß ſey, unmittelbar zu bezahlen. Der Vater, ein Mann von Ehre, warf ihm mit großer Strenge ſeine ſchlechte Lebensart überhaupt, und zumal ſeine ſchimpfliche Schuld vor. Da er dieſelbe für eine Kleinigkeit hielt, gab er ihm eine Banknote auf fünfhundert Pfund, und befahl ihm, ſie ohne Zeitverluſt zu tilgen. Der Sohn, ein Mann von trefflichen Grund⸗ ſätzen, nahm das Geld und begab ſich, ſtatt ſeinen Gläubiger da⸗ von zu bezahlen, ſogleich nach dem Spielhauſe, in der Hoffnung, ſeinen Verluſt wieder einzubringen; sllein ehe er vom Tiſche auf⸗ ſtand, ſah er ſeinen Bankzettel für ſieben Achtel ſeines Werths ver⸗ pfändet. Mittlerweile beſchloß Pickle, der über die, ſeinem Diener wi⸗ derfahrene Begegnung erbittert war, und den die Nachricht von dem zweiten Verluſt Seiner Lordſchaft noch mehr zum Unwillen gereizt hatte, keine weitere Schonung zu beobachten. Er ließ ſich an dem nämlichen Tage einen Verhaftsbefehl geben, und ihn an ſeinem Schuldner vollziehen, gerade als er an der Thüre vor White's Caffeehauſe in ſeine Sänfte ſteigen wollte. Der Gefangene, der von Natur ungeſtüm und hochmüthig war, verſuchte gegen die Gerichts⸗ diener den Degen zu ziehen. Allein er war im Augenblick entwaff⸗ net, und jene Beſtrebungen dienten nur zur Vermehrung ſeiner Be⸗ ſchimpfung, von der er tauſend Zeugen hatte, die über das Aben⸗ teuer, daß ein Lord in Haft genommen wurde, gar herzlich lachten. Dieſer öffentliche Vorgang konnte dem Vater des jungen Lords nicht lange verborgen bleiben. Er erfuhr noch an eben dem Tage,— zu ſeinem großen Vergnügen, wie man wohl denken kann,— daß ſein Sohn verhaftet wäre. Dieſer Nachricht zufolge ſandte er ſeinen 99 Haushofmeiſter fort, um das Nähere dieſer Verhaftnehmung zu er⸗ fahren. Als er die Beſchaffenheit der Schuld vernahm, die er von ſeinem Sohne ſchon getilgt glaubte, ward er eben ſo ſehr entrüſtet, als erſtaunt und bekümmert. Höchſt abgeneigt, eine ſo große Summe für einen Verſchwender zu geben, dem er bereits lange nur zu viel durch die Finger geſehen hatte, und der in weniger denn einer Woche in eine gleich kritiſche Lage verwickelt ſeyn konnte, ſchrieb der alte Herr einen Brief an Peregrine, worin er ihm vorſtellte, wie hart es ihm fiele, ſo große Summen um der Unbedachtſamkeit ſeines Sohnes willen zu verlieren, deſſen Verbindlichkeiten zu er⸗ füllen ihn kein Richter nöthigen könne. Er bat ihn daher, ſeine Forderung zu mindern, da es doch keine Schuld für empfangenen Werth ſey, ſondern eine ſolche, die gemacht worden wäre, ohne ihm den geringſten Schaden oder die mindeſte Verlegenheit zu verur⸗ ſachen. Kaum hatte unſer Ritter dieſen Brief erhalten, ſo machte er deſſen Verfaſſer ſeine Aufwartung. Er erzählte ihm in aller Auf⸗ richtigkeit den Zuſammenhang von dieſer Spielpartie und zugleich die Undankbarkeit und Keckheit ſeines Sohnes, und geſtand, daß dieſer ihn gereizt habe, Maßregeln zu ergreifen, die er ſonſt verach⸗ tet haben würde. Der alte Cavalier erkannte, daß die Sache der Aufforderung kaum angemeſſen ſey, und verurtheilte die Aufführung ſeines Sohnes mit ſolcher Unparteilichkeit und Redlichkeit, daß er Peregrine's Zorn entwaffnete und ihn in die Stimmung ſetzte, einen unbezweifelten Beweis von ſeiner Uneigennützigkeit zu geben. Dieſen legte er unmittelbar an den Tag, indem er die Handſchrift hervor⸗ zog und ſie in Stücke zerriß. Zugleich verſicherte er Seine Lordſchaft, daß noch vor Abend der Verhaftungsbefehl aufgehoben werden und der Gefangene frei ſeyn ſollte. Der Graf, der den Werth des Geldes ſehr gut kannte und in der Menſchenkunde kein Fremdling war, verwunderte ſich über dies Opfer höchlich, das Peregrine, wie er betheuerte, bloß aus Achtung 100 für Seine Lordſchaft brachte. Erſterer machte Letzterem über ſeine Großmuth Lobſprüche und Complimente, aber nicht nach dem ge⸗ wöhnlichen Münzfuß; er bat ihn mit ſeiner Bekanntſchaft zu beeh⸗ ren, und drang darauf, daß er den folgenden Tag bei ihm ſpeiſen möchte. Der junge Mann, der ſtolz war, eine Gelegenheit gefun⸗ den zu haben, ſich auszuzeichnen, erfüllte in weniger denn einer Stunde jeden Artikel ſeiner Verſprechungen. Den Morgen darauf kam ſein Schuldner, auf ausdrücklichen Befehl des Vaters, um ihm wegen der Verbindlichkeiten zu danken, die er ihm auferlegt hätte, und ihn wegen der zugefügten Beleidigung um Verzeihung zu bitten. Dieſe Seene ſchmeichelte der Eigenliebe unſeres Helden in hohem Grade. Er nahm die Unterwürfigkeit des jungen Cavaliers mit vieler Artigkeit auf und begleitete ihn zum Mittageſſen. Der alte Graf beehrte ihn während deſſelben und nachher mit den Zeichen beſonderer Zuneigung und Achtung. Seine Dankbarkeit ſchränkte ſich nicht bloß auf die äußere Höflichkeit ein, ſondern er bot ihm auch ſeinen ganzen Kredit bei Hofe an, wo er viel vermochte, und wiederholte ſeinen Wunſch, ihm zu dienen, ſo dringend, daß Peregrine nicht umhin konnte, die günſtige Gelegenheit zu ergreifen, ſeinem abweſenden Freunde Geoffry zu helfen. Daher bat er Seine Herr⸗ lichkeit, Ihren Einfluß zu deſſen Beſten zu verwenden. Der Graf, dem dieſe Bitte um ſo mehr behagte, als ſie einen neuen Beweis von der guten Denkungsart des jungen Mannes lie⸗ ferte, verſprach ſein Möglichſtes zu thun, und wirklich war nach ſechs Wochen das Capitainspatent für Emiliens Bruder ausgefertigt. Dieſe Nachricht, die er durch die Kriegskammer erhielt, überraſchte ihn auf's Angenehmſte, obwohl er durchaus nicht in Erfahrung bringen konnte, auf welchem Wege man dieſes ſein unverhofftes Avancement in's Werk geſtellt hatte. 101 Neunundachtzigſtes Kapitel. Peregrine erlangt den Ruhm eines Witzlings und Mäcens. Mittlerweile glänzte Peregrine in den bunten ſchimmernden Sce⸗ nen des Lebens, und hatte verſchiedene Gelegenheiten, ſein Glück zu machen, wenn ſein Ehrgeiz nicht ein wenig übertrieben geweſen und ſein Herz nicht ſtets von einer Leidenſchaft gelenkt worden wäre, die aller Leichtſinn der Jugend nicht überwiegen und aller Stolz ſeiner Eitelkeit nicht überwältigen konnte. Auch in der Welt der Wiſſen⸗ ſchaften und der Künſte war unſer Held nicht unbemerkt geblieben. Er hatte ſich durch verſchiedene pvetiſche Erzeugniſſe hervorgethan, und dadurch einen ziemlichen Ruf erworben.— Nicht etwa, daß ſeine Arbeiten ſeinem Genie zu beſonderer Ehre gereicht hätten; ſondern das leidliche Machwerk eines Mannes von ſeiner Figur und ſeinem vermeinten Vermögen wird von der Maſſe der Leſer ſtets für einen Beweis erſtaunlicher Fähigkeiten gehalten. Kommt hingegen daſſelbe Produkt unter dem Namen eines Schriftſtellers in einer weniger glänzenden Lage in das Publikum, ſo wird es mit allem Recht gering geſchätzt und verächtlich behandelt. So vielen Einfluß haben die lächerlichſten Rückſichten auf die Meinung der meiſten Menſchen. Dem mochte nun ſeyhn, wie ihm wolle, ſo hatte ſich unſer junger Squire kaum als Autor ausgezeichnet, als alle die verhun⸗ gerten Anhänger der Poeſite ihn als Patron betrachteten. Sie feier⸗ ten ihn in Oden, prieſen ihn in Epigrammen, und fütterten ihn mit der ſüßen Milch der Zueignungsſchriften. Peregrine's Eitelkeit behagte dieſer Weihrauch; und wiewohl ſein Verſtand ſich nicht er⸗ wehren konnte, ſeine Lober zu verachten, ſo entließ er doch keinen von ihnen, ohne ihm einen Beweis von ſeiner Freigebigkeit ertheilt zu haben. Er begann ſich ſelbſt für das große Genie zu halten, 102 wofür ihn die Schmeichelei dieſer Leutchen ausgeprägt hatte; er unter⸗ hielt Bekanntſchaft mit witzigen Köpfen von Stande und verfertigte ſogar insgeheim eine Menge Bonmots, die er als augenblickliche Impromptus in Geſellſchaften vorbrachte. Hierin ahmte er in der That einigen der berühmteſten Genies unſeres Zeitalters nach, die, wenn die Wahrheit bekannt würde, insgeheim im Schweiß ihres Angeſichts manche jener witzigen Gegenantworten ausarbeiten, die ſie für unmittelbare Produkte ihrer Phantaſie und ihrer Gabe, ſich aus⸗ zudrücken, verkaufen. Er war in Ausübung dieſer Talente ſo glücklich, daß ſein Ruf mit dem eines großen Mannes in Paralelle geſtellt wurde, der lange am Ruder des Witzes geſeſſen hatte; und in einem Geſpräch, das zwiſchen ihnen Beiden über einen Korkzieher entſtand, worin der Wettſtreit um den Lorbeer Streich für Spreich Schlag für Schlag fiel, thaten einige der kleinern Trabanten, die ſolche große Lichter gemeiniglich umgeben und ihre Strahlen reflektiren, den Ausſpruch: Sauire Pickle hat über Seine Lordſchaft den Sieg davon getragen. Mit einem Worte, er vertiefte ſich in dieſe literariſchen Zeit⸗ vertreibe ſo ſehr, daß er die Direktion über das Parterre übernahm und ſich an die Spitze jener Kunſtrichter ſtellte, die ſich ſelbſt das Publikum nannten. In dieſem Poſten züchtigte er verſchiedene Schauſpieler, die durch unverdienten Beifall übermüthig und hals⸗ ſtarrig geworden waren. Was die neuen Theaterprodukte anlangte, ſo genoßen ſie, wiewohl ſie durchgängig ohne Leben und Geſchmack waren, dennoch ſtets ſeines Schutzes und ſeiner Unterſtützung. Denn dieſe Stücke verurſachten ihm nie ſo großes Mißbehagen, als er Mitleid mit dem armen Autor hatte, der in der fürchterlichſten Er⸗ wartung hinter der Seene ſtand, und ſo zitterte und bebte, als ob er wirklich am Rande der Verdammung ſtünde. Allein wiewohl ſich Pickle's Großmuth und Mitleid über die Demüthigen und Noth⸗ leidenden erſtreckte, ſo ließ er doch keine Gelegenheit vorbeigehen, Büberei und Uebermuth zu kränfen. Wäre er mit der ausübenden 103 Gewalt der Geſetze bekleidet geweſen, ſp würde er ohne Zweifel be⸗ ſondere Arten von Strafen für alle Frevler gegen Menſchlichkeit und Dekorum erfunden haben. Doch gebunden, wie er war, wandte er alle ſeine Erfindungskraft an, ſolche Geſchöpfe dem Spott und der Verachtung ihrer Mitbürger preiszugeben. Aus dieſer Abſicht hatte er eben jenen Verſchwörungsplan ent⸗ worfen, deſſen Ausführung noch immer glücklich von ſtatten ging; und er machte von den Nachrichten Gebrauch, die ſein Freund Cad⸗ wallader ihm mittheilte. Wiewohl er aus denſelben manchmal Nutzen für ſeine Liebeshändel zog,— denn daß er ſehr verliebter Complerion war, werden die Leſer ſchon längſt gemerkt haben,— ſo ſpielte er doch den Sittenbeſſerer, oder vielmehr den Zuchtmeiſter nicht bloß unter der feinen und vornehmen Welt, ſondern auch bei der untern Volksklaſſe, wenn ſie ſich ſeine Unzufriedenheit zugezogen hatte. Der nächſte boshafte Plan, den unſeres Helden Phantaſie aus⸗ brütete, entſtand durch zwei Avertiſſements, die in ein und eben dem⸗ ſelben Zeitungsblatte durch Perſonen bekannt gemacht wurden, die gewiſſe Summen borgen wollten, wofür ſie die zuverläßigſte Sicher⸗ heit verſprachen. Aus dem Style dieſer Aufſätze ſchloß Peregrine, daß ſie von Advokaten abgefaßt worden wären, einer Art Leute, gegen die er den Abſcheu ſeines Oheims hegte. Um ſich ſelbſt und einigen ſeiner Freunde einen Zeitvertreib durch Zernichtung ihrer Erwartungen zu machen, ſandte er an jeden von den Verfaſſern der Avertiſſements nach der in der Zeitung befindlichen Adreſſe einen Brief mit A. B. unterzeichnet, des Inhalts: er möchte ſich mit ſei⸗ nen Dokumenten Punkt ſechs Uhr in einem gewiſſen Caffeehauſe nahe bei dem Temple? einfinden. In dem kleinen Verſchlage** „Eine Menge von Gebäuden ſind unter dieſem Namen begriffen. In dieſem Hauſe war ehedem der vornehmſte Sitz der Tempelherren in England. ** Die Sitze in den engliſchen Caffeehäuſern ſind durch bretterne Ver⸗ ſchläge abgetheilt. 104 rechts würde er am Fenſter eine Perſon ſitzen finden, die gern mit ihm über die im Avertiſſement bekannt gemachte Angelegenheit in Unterhandlung treten, und ihm mit der verlangten Summe dienen wollte, wofern ihr ſeine Sicherheit anſtünde. Vor der dieſen beiden Leuten anberaumten Zeit ging Pickle mit ſeinem Freund Cadwalla⸗ der und ein Paar andern Herren, denen er ſeinen Plan mitzutheilen für gut befunden hatte, nach dem Caffeehauſe, und ſie ſetzten ſich dicht an dem Orte, der jenen zur Zuſammenkunft beſtimmt war. Die Hoffnung, Geld zu erhalten, hatte auf ihre Pünktlichkeit eine ſo erſichtliche Wirkung, daß der Eine eine beträchtliche Weile vor der anberaumten Zeit ankam. Nachdem er den Verſchlag genau betrachtet hatte, nahm er der erhaltenen Inſtruktion gemäß Poſto. Er heftete ſein Auge auf die vor ihm ſtehende Uhr, und fragte den Aufwärter, ob ſie nicht zu ſpät ginge. Er war nur erſt wenige Minuten in dieſer Stellung geweſen, als eine männliche ſeltſame Figur hereingewatſchelt kam. Sie hatte einen Bündel Papiere in ihrem Buſen und der Schweiß rann ihr über die Naſe hinab. Als ſie in dem ihr angewieſenen Verſchlage einen Mann erblickte, hielt ſie es für ausgemacht, daß dieß der Dar⸗ leiher ſey. Kaum war ſie wieder ein wenig zu Athem, den ſie durch ihre Eilfertigkeit ſehr erſchöpft hatte, ſo ſagte ſie:„Sir, ich glaube, Sie ſind der Herr, den ich wegen des Darlehens hier treffen ſoll“ Der Andere unterbrach ihn, und that mit großer Begierde die Frage: „A. B. Sir, vermuth' ich?“—„Derſelbe,“ rief der zuletzt Ange⸗ kommene;„mir war ſchon bange, zu ſpät zu kommen. Ich wurde über meine Erwartung von einem Cavalier am andern Ende der Stadt aufgehalten, der für tauſend Pſund jährlich einige von ſeinen Grundſtücken gegen hypothekariſche Sicherheit zinsbar auszuthun ſich bemüht; und meine Uhr iſt gerade beim Stellmacher. Vor ein paar Abenden begegnete ihr ein Zufall, der ſie in Schlaf brachte. Doch dem ſey auch, wie ihm wolle, noch iſt keine Zeit verloren, und ich hoffe, die Sache ſoll zu unſerem beiderſeitigen Vergnügen bald 105 abgemacht ſeyn. Was mich betrifft, ſo diene ich andern Leuten gern, und daher erwarte ich auch von allen Menſchen nichts denn Liebes und Gutes und lauter Rechtſchaffenheit.“ Seinem neuen Freunde gereichte dieſe Erklärung gar ſehr zum Troſte. Er ſah ſie als eine glückliche Vorbedeutung eines guten Erfolgs an, und die Hoffnung, Geld einzuſtreichen, wirkte ſichtbar auf ſein Geſicht, wie er ſeine Zufriedenheit äußerte, eine ſo recht⸗ ſchaffene und liebreiche Perſon anzutreffen. „Das Vergnügen,“ ſagte er,„mit einem willfährigen und ge⸗ wiſſenhaften Manne zu thun zu haben, geht nach meiner Meinung weit über das Vergnügen, alles Geld auf Erden zu beſitzen. Denn welche Freude kommt wohl mit der in Vergleich, die eine edle Seele empfindet, wenn ſie ihren Nebengeſchöpfen dienſtlich und förderlich ſeyn kann? Ich bin in meinem Leben nur ein einziges Mal ſo glücklich geweſen, wie ich einem würdigen Herrn in ſeiner Noth fünf⸗ hundert Pfund lieh, ohne auf ſtrenge Sicherheit zu dringen. Sir, man kann den aufrichtigen Mann leicht am Geſicht unterſcheiden. Zum Beiſpiel, ich glaube jetzt Ihr bloßes Wort für zehntauſend Pfund nehmen zu können.“ Der Andere betheuerte mit großer Freude, daß er in ſeiner Muthmaßung Recht hätte, und gab ihm ſeine Lobſprüche tauſendfältig wieder zurück. Dadurch ſtieg ihre beiderſeitige Erwartung zu einer ſehr intereſſanten Höhe. Beide be⸗ gannen in dem nämlichen Augenblick ihre Papiere auszukramen. Beim Aufbinden zitterten ihre Hände von heftiger Begierde und Ungeduld. Mittlerweile waren ihre Augen auf dieſe Gegenſtände ſo ſtarr gerichtet, daß Keiner des Andern Beſchäftigung bemerkte. Endlich blickte der Eine, wie er dem Andern zuvorgekommen war und verſchiedene verſchimmelte Pergamenthäute aufgerollt hatte, auf ſeinen Freund hin, und da er ihn in ſeinem Bündel herumwüh⸗ len ſah, fragte er ihn, ob das ein Planket und eine Abtretungs⸗ urkunde ſey, die er mitgebracht habe. Der Andere, ohne aufzublicken, noch von ſeinen Beſtrebungen, den Knoten aufzulöſen, abzuſtehen, 106 den er jetzt eben zwiſchen die Zähne genommen hatte, beantwortete die Frage mit„Nein“ und ſagte, die Papiere, die er in Händen habe, wären die Sicherheit, die er für das Geld zu geben gedächte. Dieſe Antwort verwandelte die Blicke des Fragers in ein un⸗ endlich dummköpfiges Anſtarren, von den Worten:„Ei der Daus!“ begleitet, die er mit dem Ton der Furcht und des Erſtaunens aus⸗ ſprach. Den Andern beunruhigte der Anſchlag dieſer Note, er warf ſeine Augen auf den vermeintlichen Ausleiher, und augenblicklich ſteckte ihn deſſen Anſehen ane Alle die entzückende Hoffnung, die vorhin in ihren Augen funkelte, ward nun durch fehlgeſchlagene Erwartung und Kleinmuth verdrängt. Indem ſich Beide voll Be⸗ trübniß angafften, verlängerten ſich ihre Geſichtszüge allmählig, wie die vergänglichen Locken einer Stutzperücke vom Trödelmarkt. Dieſes emphatiſche Stillſchweigen ward endlich von dem zuletzt Angekommenen unterbrochen. Er bat den Andern ſtotternd, ſich des Inhalts von ſeinem Briefe zu erinnern.„Von Ihrem Briefe!“ rief der Erſte, und ſtellte ihm das von Pickle erhaltene Billet zu. Kaum hatte Jener daſſelbe durchgeleſen, ſo zeigte er zur Befriedigung der andern Partie das ſeinige vor. Hierauf erfolgte eine betrübte Pauſe, bei deren Endigung Jeder einen tiefen Seufzer oder vielmehr ein ſtarkes Aechzen hören ließ, aufſtand und ſich ohne weitern Wort⸗ wechſel entfernte. Derjenige von Beiden, der der Betrübteſte ſchien, führte ſich mit den Worten ab:„Wahrhaftig, das heiß ich tüchtig geprellt!“ Dieſes waren die Beluſtigungen unſeres Helden, die aber nicht ſeine ganze Zeit wegnahmen. Einen Theil davon widmete er nächt⸗ lichen Schwärmereien und Ergötzlichkeiten mit einer Bande junger Cavaliere, die der Mäßigkeit, Wirthlichkeit und der geſunden Ver⸗ nunft den Krieg angekündigt hatten, und eifrige Söhne des Tumults, der Verwüſtung und des Verſchwendens waren. Peregrine fand eben nicht Behagen an dieſen Scenen, die eine Kette von tollen Ausſchweifungen bildeten, und alles ächten Witzes, Geſchmacks 107 oder Vergnügens ermangelten. Allein ſeine Eitelkeit trieb ihn an, ſich unter dieſe ſeine Geſellen zu miſchen, die für die ſinnreichſten Köpfe dieſer Zeit galten, und ſein Charakter war geſchmeidig genug, ſich in die Vorſchriften ſeiner Geſellſchaft zu fügen, wenn er nicht Einfluß genug hatte, deren Anführer zu ſeyn. Der Ort ihrer Zu⸗ ſammenkünfte war eine gewiſſe Taverne, die man eher den Tempel der Ausſchweifungen hätte nennen können. Die Anordnung des Küchenzettels überließen ſie dem Gutbefinden des Wirths, um ſich die Mühe zu ſparen, deßhalb ihren Kopf anzuſtrengen. Um des läſtigen Rechnens überhoben zu ſeyn, befahlen ſie dem Aufwärter, jedesmal zu melden, wie viel Jeder für ſich zu zahlen habe, ohne die Artikel ihres Aufwandes zu ſpezificiren. Gemeiniglich machte dieß auf die Perſon für Mittags⸗ und Abendeſſen zwei Guineen, und überſtieg öfters dieſe Summe, von welcher der Wirth nichts herunterlaſſen durfte, wenn er nicht Gefahr laufen wollte, für ſeine mäßige Forderung die Naſe zerquetſcht zu bekommen. Doch dieß waren geringe Ausgaben gegen die, welche ſie häufig ſowohl wegen des Schadens zu machen hatten, den ſie in ihren tollen Räuſchen dem Hausgeräth und den Aufwärtern zufügten, als auch wegen ihres Verluſtes in Hazardſpielen, einem Zeitvertreib, wozu ſie insgeſamt ihre Zuflucht nahmen, wenn ſie eine Zeitlang geſchlemmt hatten. Dieſe edle Beluſtigung war durch ein Rudel raubgieriger Gauner eingeführt und kräftig unterſtützt worden. Ihre Talente, zu kuppeln und Narrenspoſſen zu treiben, hatten ſie dieſer hoffnungs⸗ vollen Jugend unentbehrlich gemacht. Wiewohl Jedermann, ſelbſt die, welche ſie ausplünderten, wußten, daß ſie kein anderes Mittel hatten, ihren Lebensunterhalt zu erwerben, als die ehrloſeſten und betrüglichſten Kniffe, ſo wurden ſie dennoch von dieſen bethörten und und leichtgläubigen Jünglingen reſpektirt, da ſie hingegen einen Mann von Ehre, der nicht ihre Erceſſe theilte, mit der äußerſten Verachtung behandelt haben würden. Wiewohl Peregrine in ſeinem Herzen dieſes äußerſt unmoraliſche 108 Treiben verabſcheute und ein ausgemachter Feind der ganzen Spieler⸗Race war, die er immer als Feinde des menſchlichen Ge⸗ ſchlechts anſah, und denen er auch als ſolchen begegnete, ſo gewöhnte er ſich doch nach und nach an dieſes Schwelgerleben, und ward ſogar unmerklich dahin vermocht, mit dieſen Galgenvögeln zu ſpielen, die durch ihre Kunſt zu betrügen nicht weniger gefährlich ſind, als durch ihre ausnehmende Geſchicklichkeit, die Leidenſchaften unbehutſamer Jünglinge rege zu machen. Durch Wein erhitzt, durch Beiſpiele ver⸗ leitet, von der einen Seite eingeladen, von der andern aufgefordert, vergaß Peregrine alle ſeine Regeln der Vorſicht und Mäßigung, und ſtürzte ſich in die herrſchende Thorheit des Orts, was ihm häufige Gelegenheit gab, am andern Morgen über den Verluſt des vorigen Abends moraliſche Betrachtungen anzuſtellen, welche manchen lobens⸗ werthen Entſchluß in ihm erweckten, ſeine ſo theuer erkaufte Er⸗ fahrung zu nutzen. Allein er gehörte zu denjenigen Philoſophen, die den Anfang ihrer Beſſerung immer auf den folgenden Tag verſchieben. Neunzigſtes Kapitel. Peregrine eilt nach der Garniſon, um ſeiner Tante den letzten Liebesdienſt zu erzeigen. Gauntlet erſcheint und ladet ihn zu ſeiner Hochzeit ein. In dieſem Strudel von Zerſtreuungen trieb ſich unſer Held herum; wenig junge Leute von ſeinem Alter können ihr Leben ſo. genießen. Freilich machte ihm zuweilen ſeine Vernunft Vorwürfe, was aber nur dazu diente, ſeine Begierde zu reizen, die von ihr ſo weislich verdammten Ergötzungen zu wiederholen. Jetzt erhielt er folgenden Brief, der ihn bewog, ſein Landgut zu beſuchen: Vetter Pickle! Ich hoffe, Ihr ſollt'n beſſeres Gleichgewicht haben, als Eure Baſe. Die hat ſieben Wochen in ihrem Bette feſt vor Anker gelegen. Das Waſſer hat etlichemal in ihrem Kielraum gar hochgeſtanden, 109 un ich fürchte, ihre Planken ſind ſo verrottet, daß ſie in Kurzem wird in Stücke fallen müſſen. Ich habe Alles gethan, was in mei⸗ ner Macht ſteht, ſie dicht zu halten, un dafür geſorgt, daß kein plötz⸗ licher Windſtoß ſie verderben möchte. Es ſind zwei Doktors da geweſt. Die haben Speigatter in ihrem untern Verdeck gemacht, un ſechs Maas Waſſer h'rausgepumpt. Ich meines Parts wundre mich, wie zum Deifel das dahingekommen iſt. Das Getränk, wißt Ihr wohl, ließ ſie nicht'nmal gern in die Schuhe lofen, riel weni⸗ ger in'n Hals. Aber die Schäkers, die Dokters, machen's wie die ungeſchickten Zimmerleute; ſtatt ein Leck auszuſtopfen, machen ſie immer'n Paar neue; und ſo ſteckt denn deine Tante immer geſchwind wieder voll. Das Schlimmſte dabei iſt, daß ſie keinen Tropfen Nan⸗ ſcher mehr durch die Zähne laſſen will, un daß das Ruder ihres Verſtandes ganz fort iſt. Sie macht verdeifelte Schwankungen mit ihrer Zunge; ſchnattert da von'nem fremden Lande, das ſie's neue Gruſalehm nennt, un wünſcht im Fluſſe Gorden'nen ſichern Anker⸗ ⸗ grund zu finden. Der Pfarrer, muß ich ſagen, gibt ſich alle Mühe, ihre Seele ſicher durchzuſteuern und ſchweigt ganz geſcheidt von chriſt⸗ licher Liebe un'en Armen. Drum hat ſie denen auch zweihundert Pfund in ihrem Teſtament vermacht. Sir Gamaliel und Euer Bru⸗ der, das Pukkelleinichen, iſt da geweſt; ſie wollten vorgelaſſen werden, und ſie ſehn. Aber's ich wollt's nicht leiden, daß ſie an Bord kämen, drum richtete ich meine Kanonen uf ſie, un ſo ſegelten ſie wieder ab. Eure Schweſter Miſtriß Clover ſteht in Einem fort Schildwache bei Ihrer Muhme, ohne ſich ablöſen zu laſſen. S is'n gutherziges junges Weibsbild. S würde mir lieb ſeyn, Euch in der Garniſon zu ſprechen, Vetter, wenn juſt der Wind Eurer Neigung dahin ſtünde. S wäre vielleicht für Eure Baſe'n Troſt, Euch noch an ihrem Bord zu ſehn, da ihr Anker nicht mehr feſt halten will. So viel für dießmal! Verharre allſtets Euer Freund und ergebenſter Diener, John Hatchway. 110 Am folgenden Morgen nach Empfang dieſer Epiſtel machte ſich Peregrine zu Pferde auf den Weg nach dem Caſtell, ſowohl um ſeine Ehrfurcht gegen ſeine Tante, als auch ſeine Freundſchaft gegen den braven rechtſchaffenen Jack zu beweiſen. Pips, den darnach verlangte, ſeinen alten Schiſſskameraden wieder zu ſehen, begleitete ihn. Ehe jedoch die Beiden eintrafen, hatte Miſtriß Hatchway bereits ihren Geiſt in ihrem fünfundſechszigſten Jahre aufgegeben. Der Wittwer ſchien ſeinen Verluſt mit chriſtlicher Ergebung zu ertragen, und be⸗ nahm ſich bei dieſem Trauerfalle ſehr geſetzt. Er ließ ſich nicht jene heftigen Ausbrüche des Schmerzes zu Schulden kommen, welche einige zärtliche Gatten beim Abſcheiden ihrer Weiber empfunden haben. Der Lieutenant war von Natur Philoſoph, und ſo ſehr geneigt, mit allen Fügungen der Vorſehung zufrieden zu ſeyn, daß er nicht weniger in dieſem, wie in jedem andern Ereigniß in ſeinem Leben feſtiglich glaubte, daß Alles, was ſich zutrüge, ihm zum Beſten diene. Es fiel daher Peregrine nicht ſchwer, ihn zu tröſten. Allein ſeine Schweſter machte es ihm ſauerer. Dieſe jammerte mit dem gerührteſten Herzen über den Tod der einzigen Verwandtin, mit der ſie vertrauten Umgang gepflogen hatte. Denn was ihre Mutter betraf, ſo war dieſe in ihrer Feindſchaft gegen Julie Clover und Peregrine unverſöhnlicher und in ihrem Grolle heftiger als je. Was anfänglich flüchtige Aufwallung des Unwillens geweſen war, hatte ſich um dieſe Zeit zu dem eingewurzeltſten Haſſe feſtgeſetzt. Und was Gam anlangt, der von dem Landvolke jetzt mit dem Namen„der junge Squire“ beehrt wurde, ſo hatte dieſer noch immer den Poſten eines Handlangers der Capricen und der Rachgier der Mutter. Er ergriff jede Gelegenheit, Juliens Ruhe zu ſtören, ihren guten Namen zu verkleinern und gegen die Unterthanen und Domeſtiken ihres Mannes, der von friedſamerem und ſchüchternem Charakter war, Be⸗ leidigung auszuüben. Die Hauptbeluſtigung des jüngern Pickle aber war zeither die 11¹1 Jagd geworden, in der er ſich durch ſeine Unerſchrockenheit und durch ſeine auffallende Figur einigen Ruf erworben hatte. Letztere nahm von Tag zu Tag an Häßlichkeit zu. Dieß brachte einen Herrn aus der Nachbarſchaft, den der Ritter vom Aſte durch ſeinen Uebermuth beleidigt hatte, auf einen luſtigen Einfall, ſich zu rächen. Er klei⸗ dete eines Tages einen großen Pavian, den er hatte, ſo an, wie Gam ſich auf der Jagd zu tragen pflegte, ließ dieß Thier auf einen ſeiner hitzigſten Jagdklepper mit ausgeſpreiteten Beinen ſetzen, es darauf feſtbinden, und ſo hinter die Hunde herſprengen. Da das Pferd bald alle die andern überholte, ſo ſah die ganze Geſellſchaft deſſen Reiter für Gam an, und begrüßte ihn mit einem lauten Halloh, als er bei ihnen vorüberſprengte. Zugleich bemerkten ſie, daß der Squire wieder ſein gewöhnliches gutes Glück habe, in⸗ dem er beſſer beritten ſey, als ſeine Nachbarn. Als Pickle bald nach⸗ her in eigener Perſon erſchien, erregte er das größte Erſtaunen, ſo daß Einer ihn fragte, ob er ein Doppelgänger ſey, und dabei auf ſeinen Repräſentanten deutete, der um dieſe Zeit die Hunde meiſt eingeholt hatte. Hierauf verfolgte der wirkliche Gam den unterge⸗ ſchobenen. Als er ihn erreicht hatte, machte ihn dieſe Conterfeiung ſo raſend, daß er den Pavian mit der Peitſche angriff, und aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach würde er ihn ſeinem Grimme geopfert haben, wenn ihn die andern Fuchsjäger nicht daran verhindert hätten. Um die Uneinigkeit zwiſchen den beiden Jagdkameraden zu ſchlichten, ſchlugen ſie ſich in's Mittel. Sie erſtaunten und ergötzten ſich nicht wenig, als ſie entdeckten, wer eigentlich des Krummbuckels Gegner war. Letzterer ward durch ſie Gam's Wuth entriſſen und wieder zu ſeinem Herrn zurückgeſchickt. Auf Anſuchen ſeines Freundes Jack beſorgte Peregrine das Leichen⸗ begängniß ſeiner Baſe. Er lud dazu ſeine Eltern ein, welche es aber nicht rathſam fanden, zu erſcheinen. Auch achteten ſie nicht auf ſeine eifrige Bitte um die Erlaubniß, ihnen perſönlich aufwarten zu dürfen. Nichts deſto weniger bewirkte der alte Gamaliel, auf An⸗ 112 hetzen ſeiner Frau, einen Befehl von Doktor's Commons,“ der Hatch⸗ way nöthigte, den letzten Willen ſeiner Frau vorzuzeigen, weil zu vermuthen ſtände, daß ſie ihm, als ihrem Bruder, einen Theil des baaren Geldes vermacht haben würde, über das ſie, wie er wohl wußte, disponiren konnte. Allein dieſer Schritt half ihm zu weiter nichts, als daß er das Vergnügen hatte, ſich von der Erblaſſerin völlig übergangen zu ſehen. Sie hatte ihr ganzes Vermögen ihrem Manne hinterlaſſen, ausgenommen tauſend Pfund nebſt ihren Juwe⸗ len für Juliens Tochter, die in des Lieutenants Briefe erwähnte Mildthätigkeit, und einige unbeträchtliche Vermächtniſſe für ihre Lieb⸗ linge unter der Dienerſchaft. Wenige Tage nach der Beerdigung dieſer guten Dame wurde unſer Held ſehr angenehm durch ſeinen Freund Geoffry überraſcht, der in Folge des Avancements nach England gekommen war, welches er Peregrine's Einfluß zu verdanken hatte, das er aber auf die Rech⸗ nung eines gewiſſen Hofmanns ſetzte, der ihm zuvor zu dienen ver⸗ ſprochen hatte, und der ſich jetzt dieß Verdienſt um ihn ſehr beſchei⸗ den zueignete, da er es ſich von Niemand ſtreitig gemacht ſah. Gauntlet theilte Pickle ſein gutes Glück mit, der ihm hierzu als zu einer Begebenheit gratulirte, von welcher er vorher nichts gewußt habe. Gauntlet erzählte ihm zugleich, daß ſein Oheim zu Windſor wegen dieſer Beförderung ſofort in ſeine Verbindung mit ſeiner lie⸗ benswürdigen Sophie gewilligt habe. Der Hochzeittag ſey bereits feſtgeſetzt, und es fehle weiter nichts zu ſeinem Glück, als daß Pere⸗ grine dieſes Feſt mit ſeiner Gegenwart beehre. Unſer Held nahm dieſe Einladung um ſo freudiger an, als er hörte, daß Emilie als Brautjungfer zugegen ſeyn würde. Er wieder⸗ holte jetzt, was er zuvor an ſeinen Freund geſchrieben, nämlich, daß * Das Collegium der Doktoren und Profeſſoren des bürgerlichen und geiſtlichen Rechts, worin ſich der Admiralitätsrichter, der Kanzler des Erzbiſchofs von Canterburh u. ſ. w. befinden. 113 er nicht nur Willens, ſondern auch äußerſt ungeduldig ſey, ſich ſelbſt und ſein ganzes Vermögen der jungen Dame zu Füßen zu legen, und ſo ſein unſinniges Betragen gegen ſie abzubüßen. Geoffry dankte ihm für dieſe redlichen Abſichten, und verſprach, ſich ſeines und So⸗ phiens Einfluſſes zu ſeinem Beſten zu bedienen. Doch war er wegen eines guten Erfolges zweifelhaft, da die Delikateſſe ſeiner Schweſter, wie er wußte, nicht den leiſeſten Anflug von Unehrerbietigkeit er⸗ tragen konnte. Er äußerte ſogar die Meinung, Emilie möchte ſich nicht mit Pickle in Einer Geſellſchaft wiſſen wollen. Da ſie ſich aber deßhalb nicht beſtimmt ausgeſprochen hätte, ſo wollte er ihr Stillſchweigen vortheilhaft denten, und ſie über ſeine Abſicht ſo lange in Ungewißheit laſſen, bis es zu ſpät für ſie ſeyn würde, ſich mit einigem Anſtande zurückzuziehen. Die Hoffnung, Emilien zu ſehen, ſich mit ihr zu unterhalten, vielleicht ſogar auszuſöhnen, nachdem er ſo viel und ſo lange von ihrem Mißfallen gelitten hatte, erregte einen Aufruhr in Pickle's Bruſt, Bilder drängten Bilder in ſeiner Seele, und Freude und Bangigkeit wechſelten in ſeltſamem Gemiſch in ihm ab. Nachdem Gauntlet einige Tage bei ihm zugebracht und ihm dem Tag der Hochzeit genannt hatte, nahm er von ihm Abſchied, um die zu dem Feſte nöthigen Anſtalten zu treffen. Mittlerweile machten Peregrine und ſein Freund Hatchway einen Beſuch bei ihren Bekannten in der Umgegend, in der Abſicht, ihre Geſinnungen wegen eines Projekts auszuforſchen, auf welches Erſterer vor Kurzem ge⸗ fallen war. Er wollte ſich nämlich bei der bevorſtehenden Wahl der neuen Parlamentsglieder als Candidat für einen gewiſſen Burgflecken in der Nachbarſchaft antragen. Dieſer Plan, den ihm einer von ſeinen adelichen Gönnern an die Hand gegeben hatte, würde ganz nach Wunſch ausgeſchlagen ſeyn, wenn die Wahl unverzüglich ſtattgefunden hätte. Allein ehe ſie vor ſich ging, wurde ſein Intereſſe durch verſchiedene kleine Vorfälle über⸗ wogen, deren wir in der Folge gedenken wollen. Mittlerweile erſchien er zu Windſor am Abend vor dem Hochzeittage ſeines Freundes. Smollet's Romane. Kl. 8 114 Geoffry meldete ihm, daß er und Sophie die größte Mühe gehabt hätten, ſeine Schweſter dahin zu vermögen, bei der Hochzeit gegen⸗ wärtig zu ſeyn, als ſie erfahren habe, daß ihr ehemaliger Liebhaber dazu eingeladen ſey; und ſie hätte ihre Einwilligung dazu nicht eher gegeben, als bis ihr Beide in Peregrine's Namen verſprochen, er ſolle das alte Thema nicht wieder auffriſchen, ja ſich nicht einmal auf dem Fuß eines alten Bekannten mit ihr unterhalten. Dieſe Präliminarartikel verdroßen unſern jungen Herrn heftig; gleichwohl verſprach er, ſie pünktlich zu beobachten. Er glaubte durch Stolz und Unwillen ſo gut befeſtigt zu ſeyn, daß er beſchloß, ihr mit ſolcher Gleichgültigkeit zu begegnen, daß, wie er hoffte, ihre Eitelkeit dadurch gekränkt und ſie für ihre Unverſöhnlichkeit beſtraft werden ſollte. Mit dieſen Geſinnungen ausgerüſtet, ward er den folgenden Tag von Geoffry bei der Braut eingeführt. Dieſe empfing ihn mit ihrer gewöhnlichen Sanftheit und Leutſeligkeit. Emilie war zugegen. Pickle machte ihr von Weitem ſeine Verbeugung, die ſie durch einen froſtigen Knir und mit einem eiskalten Geſicht erwie⸗ derte. Wiewohl ihn dieſes Betragen in ſeinem Unwillen beſtärkte, ſo untergrub doch ihre Schönheit ſeinen Entſchluß. Es däuchte ihm, als ob ihre Reize ſeit ihrer letzten Trennung unendlich zugenommen hätten. Tauſend wonnevolle Bilder drängten ſich ſeiner Einbildungs⸗ kraft auf, und er fühlte ſeine ganze Seele in Zärtlichkeit und Liebe aufgelöst. um jene gefährlichen Ideen zu verſcheuchen, bemühte er ſich, mit Sophie ein munteres Geſpräch über die bevorſtehende Feierlichkeit zu untethalten, allein die Zunge verſagte ihm dabei den Dienſt; ſeine Augen wurden, wie durch einen Zauber, nach Emilie hingezo⸗ gen; trotz allem ſeinem Streben entſchlüpfte ihm ein tiefer Seufzer, und ſein ganzes Weſen verrieth Angſt und Verwirrung. Als der Bräutigam ſeinen Zuſtand gewahrte, kürzte er ſeinen Beſuch ab. Auf dem Wege nach dem Logis ſeines Freundes bezeigte er ihm ſeine Bekümmerniß darüber, daß er ihn unſchuldiger Weiſe 115⁵5 mißmuthig gemacht habe, indem er ihn Emiliens Anblick ausgeſetzt, der, wie er bemerkt hätte, ihm läſtig geweſen ſey. Peregrine, der ſich unter dieſer Zeit wieder geſammelt hatte, verſicherte ihn, auf Antrieb ſeines Stolzes, er habe ſich geirrt; die Zerrüttung, die er an ihm bemerkt hätte, rührte von einer Uebelkeit her, von der er ſeit einiger Zeit Anwandlungen bekäme, und um dem Freunde zu zeigen, wie philoſophiſch er Emiliens Verachtung ertrüge, die er bei aller Ehrerbietung gegen ihr Benehmen ein wenig zu hart zu finden nicht umhin könne, bat er den Bräutigam, der Anſtalten zu einem Ball auf den Abend getroffen hatte, ihn mit einer angenehmen Tän⸗ zerin zu bedenken, in welchem Falle er dann unſtreitig Beweiſe von der Ruhe ſeines Herzens geben wollte. „Ich hoffte,“ verſetzte Geoffry,„im Stande zu ſeyn, durch So⸗ phiens Beihülfe die Zwiſtigkeit zwiſchen meiner Schweſter und Ihnen beizulegen; deßhalb hab' ich ſie für heute Abend an Keinen verſagt. Da ſie aber ſo ſtörriſch hartnäckig iſt, will ich Ihnen eine recht ſchöne junge Dame zu verſchaffen ſuchen, die Sie gewiß gern mit Emilien vertauſchen werden.“ Der Gedanke, eine Gelegenheit zu finden, einem andern Frauen⸗ zimmer vor den Augen ſeiner unverſoͤhnlichen Gebieterin den Hof zu machen, hielt Pickle's Lebensgeiſter aufrecht bei der Feierlichkeit, durch welche Gauntlet's feurigſter Wunſch erfüllt wurde. Mittelſt dieſer Herzſtärkung war unſer Held bei der Mittagstafel ſo ruhig, daß er, wiewohl er ſeiner ſchönen Feindin gegenüber ſaß, im Stande war, mit anſcheinender Fröhlichkeit und guter Laune einige gelegent⸗ liche Scherze über das neue Paar hervorzubringen. Auch Emilie ſchien ſich nicht weiter um ſeine Gegenwart zu kümmern, als daß ſie ihn von dem Antheil an den froh belebenden Blicken ausſchloß, die ſie an die Uebrigen von der Geſellſchaft austheilte. Dies ruhige Betragen von ihrer Seite beſtärkte ihn in ſeinem Entſchluß, indem es ihm einen Vorwand an die Hand gab, ihre Fühlbarkeit in Zweifel zu ziehen. Denn er konnte nicht begreifen, wie ein fein empfindendes 116 Frauenzimmer in der Gegenwart eines Mannes ungerührt bleiben könne, mit dem ſie kürzlich in ſo naher Verbindung geſtanden hatte. Er erwog hierbei nicht, daß ſie weit mehr Urſache hatte, ſeine vor⸗ geſpiegelte Unbefangenheit zu verdammen, und daß ihr äußeres Be⸗ tragen, ſo gut wie das ſeinige eine ſaure Frucht des Stolzes und der Entrüſtung ſeyn konnte. Dieſer Wetteifer im Verſtellen dauerte bis zur Mitternacht, wo ſich die Geſellſchaft zum Tanzen paarte. Peregrine eröffnete den Ball durch eine Menuet mit der Braut. Sodann wandte er ſich an die junge Dame, der er von Gauntlet empfohlen war. Es freute ihn ungemein, zu ſehen, daß ihre Figur und Geſichtsbildung im Stande war, ſelbſt Emilien Eiferſucht einzuflößen. Er bemerkte in⸗ zwiſchen zu gleicher Zeit, daß ſeine Gebieterin mit einem jungen muntern Offizier engagirt war, den er, trotz aller gebührenden Achtung gegen ſich ſelbſt, für keinen verächtlichen Nebenbuhler anſehen konnte. Deſſen ungeachtet begann er die Feindſeligkeit zuerſt. Er ließ ſich plötzlich mit ſeiner Tänzerin in eine geheime Unterredung ein, und griff ſie ſogleich mit den ſchmeichelhafteſten Complimenten an, die bald zum Kapitel der Liebe führten. Ueber dieſes ließ er ſich mit großer Kunſt und Beredtſamkeit aus, und bediente ſich dazu nicht bloß ſeiner geläuſigen Zunge, ſondern auch der Augenſprache, auf die er ſich vollkommen verſtand. Dieſes ſein Betragen ward bald von der ganzen Geſellſchaft be⸗ merkt. Der größte Theil davon glaubte, er wäre ernſtlich von den Reizen ſeiner Dame gefeſſelt. Emilie hingegen durchblickte ſeine Abſichten, und kehrte ſeine Waffen gegen ihn. Sie ſchien die Reden ſeines Nebenbuhlers, der in der Kunſt zu lieben kein Neuling war, mit Vergnügen anzuhören. Sie affektirte eine ungemeine Lebhaftig⸗ keit, und kicherte laut bei Allem, was er ihr in's Ohr flüſterte, ſo daß auch ſie ihrerſeits die Aufmerkſamkeit der Geſellſchaft auf ſich zog, die ſich einbildete, der Offlzier habe an des Bräutigams Schwe⸗ ſter eine Eroberung gemacht 117 Peregrine ſelbſt ging auf dieſe Meinung ein, die allmälig ſeine frohe Laune überwältigte und ſeinen Buſen mit Wuth erfüllte. Er rang zwar, ſeinen Unmuth niederzudrücken, und rief jede Veranlaſſung zur Eitelkeit und zur Rache zu Hülfe. Er gab ſich die äußerſte Mühe, ſeine Augen von dem leidigen Gegenſtande abzulenken, der ihn beunruhigte; aber dieſe gehorchten ſeinem Gebote nicht. Er wünſchte aller ſeiner Sinne beraubt zu ſeyn, wenn er ſie lachen hörte oder dem Offizier zulächeln ſah, und als er ihr beim Contretanz die Hand geben mußte, durchbebte dieſe Berührung alle ſeine Nerven und entzündete eine Flamme in ihm, die er kaum zurückhalten konnte. Nit einem Wort, ſeine Bemühungen, die Stimmung ſeiner Seele zu verbergen, waren ſo heftig, daß ſein Körper dieſe Erſchütterung nicht aushalten konnte. Der Schweiß ſtrömte ihm von der Stirne, alle Farbe entſchwand ſeinen Wangen, die Knie fingen an zu ſchlot⸗ tern und die Sehkraft ihn zu verlaſſen. Er wäre ſonach längelang auf den Boden hingeſtürzt, wenn er ſich nicht eiligſt in ein anderes Zimmer begeben hätte, wo er ohnmächtig auf ein Ruhebett niederſank. In dieſem Zuſtand fand ihn ſein Freund, der ihm folgte, als er ihn mit ſolchen Symptomen einer plötzlichen Unpäßlichkeit weg⸗ gehen ſah. Als Pickle den Gebrauch ſeiner Sinne wieder erlangt hatte, bat ihn Gauntlet inſtändig, ſich lieber eines Bettes in ſeinem Hauſe zu bedienen, als ſich der Nachtluft auszuſetzen, wenn er nach ſeiner Wohnung ginge. Allein er konnte ihn nicht vermögen, dieſes Erbieten anzunehmen. Daher wickelte er ihn in einen Mantel, führte ihn nach dem Wirthshauſe, wo er logirte, half ihn entkleiden und brachte ihn in's Bett. Kaum war er darin, ſo bekam er einen heftigen Anfall vom kalten Fieber. Geoffty bezeigte ſich ſehr zärtlich, und wollte wirklich, trotz ſeiner Lage, ihm die ganze Nacht über Ge⸗ ſellſchaft leiſten. Allein ſein Freund beſtand darauf, er ſollte zu ſeinen Gäſten zurückkehren, und ihn bei ſeiner Tänzerin wegen ſeines plötzlichen Aufbruchs entſchuldigen. Dieß war gllerdings nöthig, um die Geſellſchaft zu beruhigen, 118 die er in großer Beſtürzung wegen ſeiner Abweſenheit fand. Denn da einige Frauenzimmer den Bräutigam dem Fremden hatten auf dem Fuß nachfolgen ſehen, ohne zu wiſſen weßhalb, begannen ſie einen Streit zwiſchen ihnen zu beſorgen. Emilie, die ſo erſchüttert war, daß ſie nicht ſtehen konnte, und ſich genöthigt ſah, Zuflucht zum Riechfläſchchen zu nehmen, bediente ſich des Vorwandes, daß ſie gleicher Meinung ſey. Die Braut, welche das ganze Geheimniß verſtand, war die Ein⸗ zige, die mit Faſſung und Beſonnenheit verfuhr. Sie ſchrieb Emi⸗ liens Unwohlſeyn der richtigen Urſache zu, nämlich der Theilnahme an dem Zuſtande ihres Liebhabers, und verſicherte den Frauenzim⸗ mern, daß Pickle's Weggehen nichts Außerordentliches zu bedeuten habe. Er ſey häufig Anwandlungen von Ohnmachten ausgeſetzt, die ihn oft ganz unerwartet überfielen. Gauntlet's Ankunft beſtätigte die Wahrheit dieſer Behauptung. Er entſchuldigte ſeinen Freund in ſeinem Namen bei der Geſellſchaft, und berichtete, daß ihm plötzlich übel geworden ſey. Die Gäſte kehr⸗ ten nun wieder zu ihrer vorigen Vergnügung, zum Tanz zurück, nur mit dem Unterſchied, daß Emilie, die nicht wohl und ſehr müde war, ſie zu entſchuldigen bat, wenn ſie nicht Theil daran nähme. Daher ward Peregrine's Tänzerin, die ſich jetzt unverſagt befand, mit dem Offizier gepaart, der ihr anfänglich zugedacht war. Mittlerweile begab ſich die Braut mit ihrer Schwägerin in ein anderes Zimmer. Erſtere ſchmälte etwas mit Letzterer wegen ihrer Grauſamkeit wegen Pickle, und verſicherte ihr auf Geoffty's Bericht, daß er ihretwegen einen heftigen Fieberanfall bekommen habe, der wahrſcheinlich eine gefährliche Wirkung auf ſeine Geſundheit haben würde. Wiewohl Emilie in ihren Antworten auf die liebreichen Vorſtellungen der ſanften Sophie unbeweglich war, ſo machten doch Mitleid und Liebe auf ihr Herz Eindruck und erweichten es. Sie befand ſich außer Stande, ihr Amt, die Braut zu Bette zu bringen, zu verrichten, und begab ſich auf ihr Zimmer, wo ſie insgeheim mit 119 der Unpäßlichkeit ihres Liebhabers ſympathiſirte. Am folgenden Morgen, ſo früh es nur der Wohlſtand erlaubte, die Arme ſeines theuern Weibes zu verlaſſen, machte der Capitain Gauntlet bei Pe⸗ regrine ſeinen Beſuch. Er hatte eine ſehr verdrüßliche und unruhige Nacht und kurze Anfälle von Wahnſinn gehabt, bei denen es dem Pips ausnehmend ſauer geworden war, ihn zu halten. Er geſtand wirklich Geoffry, daß die Vorſtellungen von Emilie und dem jungen Offizier ihn nicht verließen, daß ſie ihn mit ganz unausſprechlicher Angſt anfüllten, ſeinen Geiſt zerrütteten, kurz ihn ſo marterten, daß er lieber den Tod, als noch einmal ſo quälende Betrachtungen aus⸗ ſtehen wollte.. Sein Freund beruhigte ihn inzwiſchen durch die Verſicherung, daß die Neigung ſeiner Schweſter über alle Bemühungen des Un⸗ willens und des Stolzes die Oberhand behalten würde, und ſtützte dieſe Behauptung auf die Erzählung, wie ſie durch den Bericht von ſeiner Krankheit gerührt worden ſey. Zugleich gab er ihm den Rath, um Sophiens Vermittelung in einem Briefe anzuſuchen, den ſie Emilie mittheilen ſollte. Dieſe Gelegenheit dünkte Peregrine zu günſtig, als daß er ſie hätte verſäumen ſollen. Er forderte Papier, richtete ſich im Bette auf, und verfaßte im erſten Feuer folgendes Bittſchreiben an Geoffry's liebenswürdige Gattin: Werthgeſchätzte Frau! Die Betrübniß eines von Reue gefolterten Herzens kann gewiß bei Ihrem Wohlwollen keine Fehlbitte thun. Daher wage ich es in dieſen Tagen der Wonne, mich Ihnen mit der Sprache der Be⸗ trübniß zu nähern, und Sie zu erſuchen, ſich der Sache eines un⸗ glücklichen Liebhabers anzunehmen, der mit unausſprechlicher Angſt über ſeine vereitelte Hoffnung trauert. Suchen Sie mir Verzeihung von dem göttlichen Geſchöpf auszuwirken, das ich in dem Uebermaaß, in der Zügelloſigkeit meiner Leidenſchaft ſo tödtlich beleidigt habe. Gütiger Himmel! iſt denn meine Schuld gar nicht abzubüßen? Iſt 120 mir alle Hoffnung zur Verzeihung abgeſchnitten? Bin ich auf ewig zum Elend und zur Verzweiflung beſtimmt? Ich habe mich zu allen den Sühnopfern erboten, welche zu leiſten die aufrichtigſte, vollkom⸗ menſte Reue mir nur anrathen konnte, und ſie verwirft meine De⸗ müthigungen und meine Bußfertigkeit. Wofern ihr Unwille mich bis in's Grab verfolgen will, ſo ſoll ſie mir nur ihr Wohlgefallen hieran äußern, und man ſoll mich mit dem Namen Schurke brand⸗ marken, und mein Gedächtniß ſoll allen Nachkommen Schande und Abſcheu ſeyn, wenn ich mich einen Augenblick bedenke, ein Leben auf⸗ zuopfern, das Emilien verhaßt iſt. Ha! Madam, indem ich meinen Schmerz, meine Verzweiflung vor Ihnen ergieße, blicke ich in dem Zimmer, wo ich liege, rings um mich, und jeder wohlbekannte Gegen⸗ ſtand, der mir hier in die Augen fällt, erinnert mich an den wonne⸗ vollen, an den ſeligen Tag, an dem die ſchöne, die gute, die zärtliche Sophie meine Fürſprecherin ward, wiewohl ich ihr ganz fremd war, und eine entzückende Ausſöhnung zwiſchen mir und jener ſchönen Zauberin bewirkte, die jetzt ſo unverſöhnlich aufgebracht iſt. Können die Foltern des Gewiſſens und fehlgeſchlagener Erwartung, können die heftigen Anfälle von Wahnſinn, die ich gehabt, ſie nicht befrie⸗ digen, ſo laſſen Sie ſie vorſchreiben, was ſie für Abbüßungen meint, die ich ferner erdulden ſoll. Erfülle ich ihren Anſpruch nicht pünkt⸗ lich, ſo will ich auf ewig ein Gegenſtand ihrer Verachtung ſehn. Ihrer gütigen Vermittelung, theuerſte Frau, theuerſte Sophie, theuerſte Gattin meines Freundes, überlaſſe ich mich völlig. Ich weiß, Sie werden ſich meiner Sache als einer Angelegenheit annehmen, von der mein ganzes Lebensglück abhängt; und ich hoffe Alles von Ihrem Mitleid und Ihrer Neigung, wohl zu thun, ſo wie ich Alles von der Strenge und der Unmenſchlichket der Miß befürchte. Unmenſch⸗ lichkeit nenne ich es, eine grauſame Art von Delikateſſe, die mit der Zärtlichkeit der menſchlichen Natur nicht beſtehen kann. Die niedrigſte Verachtung ſey mein Lvos, wenn ich je unter einer ſolchen Bürde mein Leben fortſchleppe!—— Doch ich fange an zu raſen. Ich 121 beſchwöre Sie bei Ihrer Leutſeligkeit und ſanftem Charakter, ich be⸗ ſchwöre Sie bei Ihrer Liebe zu dem Manne, den der Himmel zu Ihrem Beſchützer beſtimmt hat, verwenden Sie Ihren Einfluß auf dieſen Engel des Zorns zum Beſten Ihres verpflichteten und ergebenen Dieners P. Pickle. Dieſer Brief gelangte durch Geoffry ſogleich an deſſen Gattin, welche ihn mit der innigſten Theilnahme las, und damit auf das Zimmer ihrer Schweſter eilte.„Hier,“ ſagte ſie, und überreichte ihr das Papier,„iſt etwas, das ich Ihrer ernſteſten Aufmerkſamkeit em⸗ pfehlen muß.“ Emilie, welche ſogleich vermuthete, was es ſey, wei⸗ gerte ſich ſchlechterdings, das Papier anzuſehen, ja ſelbſt leſen zu hören. Jetzt trat der Bruder in's Zimmer und gab ihr ſcharfe Ver⸗ weiſe über ihren Stolz und über ihre Hartnäckigkeit, beſchuldigte ſie der Thorheit und der Verſtellung, und nahm ſich mit ſolcher Wärme ſeines Freundes an, daß ſie ſeine Vorſtellungen unfreundſchaftlich fand, in eine Fluth von Thränen ausbrach, und ihm Parteilichkeit und Mangel an Zuneigung vorwarf. Geoffry, der ſür ſeine Schwe⸗ ſter die vollkommenſte Liebe und Hochachtung hegte, bat um Verzei⸗ hung, daß er ſie beleidigt habe, küßte die Tropfen weg, die ihren ſchönen Augen entquollen, und erſuchte ſie, nur um ſeinetwillen die Erklärung ſeines Freundes anzuhören. Auf ſo vieles dringendes Bitten konnte ſie ſich nicht erwehren, den Brief anzuhören. Nachdem er ihn vorgeleſen hatte, beklagte ſie ihr Schickſal, an ſo vieler Unruhe und Unannehmlichkeit Schuld ſeyn zu müſſen. Sie bat ihren Vruder, Sir Pickle zu verſichern, ſie ſey keine willkürliche Feindin ſeiner Ruhe, vielmehr wünſche ſie ihm alles nur mögliche Glück; doch, hoffe ſie, werde es ihr Niemand ver⸗ denken, daß ſie ihr eigenes Glück zu Rathe zöge, und daher jede fer⸗ nere Erörterung oder jeden weitern Umgang mit einer Perſon ver⸗ miede, mit der ſie ſich genöthigt ſähe, jede Gemeinſchaft aufzuheben. 122 Umſonſt boten die Neuvermählten alle ihre Beredſamkeit auf, um ihr zu beweiſen, daß die von unſerem Helden angebotene Sühne der Beleidigung, die ſie von ihm erlitten, völlig angemeſſen ſey, daß wenn ſie ſich mit einem reuigen Liebhaber ausſöhnte, der ſich dabei allen ihren Bedingungen fügte, die ſtrengſten Sitten- und Anſtands⸗ richter ihre Ehre freiſprechen würden, und ihre Unbiegſamkeit würde mit Recht dem Stolz und der Fühlloſigkeit ihres Herzens zugeſchrie⸗ ben werden. Allein ſie blieb taub gegen alle ihre Gründe, Ermah⸗ nungen und Bitten, und drohte, augenblicklich das Haus zu verlaſſen, wenn man länger über dieſen Gegenſtand ſprechen würde. Höchſt ärgerlich über den ſchlechten Erfolg ſeiner Bemühungen kehrte Geoffry zu ſeinem Freunde zurück, und meldete ihm den gan⸗ zen Verlauf von ſeiner Unterredung mit Emilie mit möglichſter Schonung. Da er aber nicht umhin konnte, ihres zuletzt geäußerten Entſchluſſes zu gedenken, ſo war Peregrine genöthigt, den bittern Kelch fehlgeſchlagener Erwartung zu leeren. Dieß ſetzte ſeine Leiden⸗ ſchaften in eine ſolche Wallung, daß er in einen kurzen Parorismus von Verzweiflung gerieth, während welchem er tauſenderlei Exceſſe beging. Doch dieſer Anfall ging bald in tiefe Verſchloſſenheit und in finſtere Unmuth, dem er insgeheim nachhing, über. Unter dem Vorwande, der Ruhe zu bedürfen, machte er ſich ſobald als möglich von der Geſellſchaft des Offiziers los. Während er ſo über ſeine dermalige Lage nachſann, erſchien ſein Freund Pips, der die Urſache ſeiner Bekümmerniß kannte und feſt glaubte, Emilie liebe im Grunde ſeinen Herrn, ſo ſehr ſie ſich auch bemühe, ihre Geſinnungen zu verheimlichen. Tom kam auf einen Einfall, von dem er glaubte, daß er Alles in Ordnung bringen würde. Daher ſetzte er ihn auch ohne Verzug in's Werk. Ohne Hut lief er gerade nach dem Hauſe von Sophiens Vater und erkün⸗ ſtelte eine Miene des Erſtaunens und der Beſtürzung, die ihm ſonſt gar nicht eigen war. Er donnerte mit ſolcher Heftigkeit an die Thüre, daß er die ganze Familie in einem Augenblick auf den Flur 123 herausbrachte. Als er vorgelaſſen wurde, ſo fing er an, zu gleicher Zeit den Mund aufzuſperren, umher zu ſtarren, zu keuchen, und gab keine Antwort, als Geoffry ihn fragte, was es gäbe, bis Miſtriß Gauntlet ihm ihre Beſorgniſſe wegen ſeines Herrn äußerte. Als Pickle genannt wurde, ſchien Tom einen angeſtrengten Verſuch zum Sprechen zu machen, und verſetzte in einem bellenden Tone:„Sich ſelbſt in die Höh' gebracht, zerreiß meine Bramſegel!“ Dabei deu⸗ tete er auf ſeine eigene Kehle, und ſtellte ſich auf die Zehen, um den Sinn ſeiner Rede noch deutlicher zu machen. Ohne eine weitere Frage zu thun, eilte Geoffry voll Schrecken nach dem Gaſthofe, Sophie inzwiſchen, die des Boten Sprache nicht recht verſtand, wandte ſich nochmals an ihn und ſagte mit großer Lebhaftigkeit:„Ich will hoffen, daß Sir Pickle kein Unfall betroffen hat.“—„Ne, Unfall nich!“ verſetzte Tom.„Er hat ſich bloß vor Liebe aufgehängt.“ Kaum waren dieſe Worte aus ſeinem Munde, als Emilie, die an der Thüre des Beſuchzimmers lauſchte, laut auf⸗ ſchrie und beſinnungslos zu Boden ſank. Ihre Schwägerin, die von dieſer Nachricht beinahe eben ſo erſchüttert war, bediente ſich des Beiſtandes ihres Mädchens, ohne welchen ſie ebenfalls niedergeſtürzt wäre. Als Pips Emiliens Schrei hörte, wünſchte er ſich in der Stille zu dem guten Erfolg ſeiner Liſt Glück. Er ſprang hinzu, der Ohn⸗ mächtigen zu helfen, hob ſie in einen Lehnſeſſel und ſtand ihr bei, bis ſie ſich wieder erholt hatte. Jetzt hörte er ſie den Namen ſeines Herrn mit allem Wahnſinn verzweiflungsvoller Liebe ausrufen. So⸗ dann rannte er in vollem Lauf wieder nach dem Wirthshauſe, voll herzlicher Freude, Peregrine mittheilen zu können, was für ein Ge⸗ ſtändniß er ſeiner Geliebten abgepreßt habe. Er that ſich auf dieſen ſinnreichen Einfall außerordentlich viel zu gute. Mittlerweile langte Geoffry in dem Hauſe an, in welchem ſich, ſeinem Vermuthen nach, die ſchaurige Kataſtrophe ereignet hatte. Ohne erſt unten im Hauſe zu fragen, lief er die Treppe nach Pere⸗ 124 grine's Zimmer hinauf, und da er es verſchloſſen fand, ſprengte er die Thüre durch einen Fußtritt auf. Allein wie groß war ſein Er⸗ ſtaunen, als unſer Held bei ſeinem Hineintritt vom Bette auffuhr, und ihm entgegenſtürmte:„Wer zum Teufel iſt denn da?“ Gauntlet war ſprachlos vor Erſtaunen, und blieb auf dem Ort, wo er ſtand, wie eingewurzelt. Kaum wollte er ſeinen Sinnen trauen. Endlich vertrieb Peregrine mit einer Miene des Mißvergnügens, die deutlich verrieth, wie wenig ihm jenes Hereinbrechen gefallen hatte, durch eine zweite Rede Geoffry's Furcht, indem er zu ihm ſagte:„Ich ſehe, Sie betrachten mich als Ihren Freund, daß Sie ſo ohne alle Cere⸗ monie mit mir umgehen.“ Der Offizier, von der Falſchheit der erhaltenen Nachricht über⸗ zeugt, begann ſich einzubilden, Pickle habe den Plan entworfen, den ſein Bedienter ausgeführt hatte. Er ſah ihn für einen unzurecht⸗ fertigenden Betrug an, der für ſeine Schweſter oder Frau ſehr trau⸗ rige Folgen hätte haben können. Daher antwortete er in einem hoch⸗ fahrenden Tone:„Sir, Sie müſſen dieſe Störung Ihrer Ruhe ſich ſelbſt Schuld geben, und ſie lediglich dem jämmerlichen Spaſſe bei⸗ meſſen, den Sie auf das Tapet gebracht haben.“ Pickle, der ſtets lebhaft und vor dieſem Beſuch aus Ungeduld mehr denn halb wahnſinnig war, trat dicht vor Geoffry hin, wie er ſich ſo eavalieriſch behandelt ſah, nahm eine wilde oder vielmehr wahnſinnige Miene an, und ſagte:„Hören Sie, Sir, Sie irren ſich, wenn Sie denken, daß ich ſpaſſe; es iſt wirklich mein voller, bitterer Ernſt, das verſichere ich Sie!“ Gauntlet war nicht der Mann, dem ein ſinſteres Geſicht Schreck einjagen konnte. Da er Urſache genug zu haben glaubte, ſich zu beklagen, ſo nahm er ſeinen ſoldatiſchen Trotzblick an, warf ſich in die Bruſt, und erwiederte mit erhobener Stimme:„Sir Peregrine, es mag nun Ihr Spaß oder Ihr Ernſt geweſen ſeyn, ſo müſſen Sie mir erlauben, Ihnen zu ſagen, daß Ihr Plan kindiſch, abgeſchmackt und lieblos war, um mich nicht härter auszudrücken.“ 125 „Alle Wetter!“ rief unſer Held,„Sir, Sie treiben Ihren Spott mit meiner Unruhe. Hat Ihre Rede Verſtand und Sinn, ſo erklä⸗ ren Sie ſich deutlicher, damit ich erkenne, was ich darauf zu ant⸗ worten habe.“ „In ganz anderer Stimmung,“ verſetzte Gauntlet,„kam ich hie⸗ her; da Sie mich aber zu Vorwürfen reizen, und mir öhne Grund ſo brüsk begegnen, ſo will ich Ihnen denn ohne alle Umſchweife be⸗ richten, daß Sie die Ruhe meiner Familie auf das Freventlichſte ge⸗ ſtört haben, indem Sie Ihren Diener mit dem Schreckensberichte zu uns ſchicken, daß Sie ſich ein Leid angethan hätten.“ Peregrine, den dieſe Beſchuldigung betroffen machte, ſtand ſtill⸗ ſchweigend da, mit dem wildeſten Blick des Erſtaunens, voll Verlan⸗ gen, den Umſtand zu vernehmen, auf den ſein Ankläger hindeutete, und voll Aerger, weil er fand, daß der ganze Hergang ſeine Faſſungs⸗ kraft überſtieg. Während dieſe beiden aufgebrachten Freunde, voll gegenſeitigen Unwillens in ihren Augen und Stellungen, einander gegenüber ſtan⸗ den, trat Pips herein. Ohne im Geringſten auf ihren Zuſtand zu achten, ſagte er zu ſeinem Herrn:„Können immerhin die Bram⸗ ſegel Ihres Herzens aufſetzen thun, un die Freudenflaggen wehen laſſen! Ich habe Ihr Feinsliebchen, Miſtriß Emilie, h'rumgeſteuert. 's Schiff hat ſich gewend't un nimmt'nen ganz andern Lauf, juſt nach'em Hafen, wo Sie's hinha'n wollen.“ Peregrine, der in der Kunſtſprache ſeines Bedienten nicht ganz bewandert war, befahl ihm bei Strafe ſeiner immerwährenden Un⸗ gnade, ſich deutlicher zu erklären, und brachte durch verſchiedene Fra⸗ gen den ganzen Plan heraus, den Jener zu ſeinem Beſten ausgeführt hatte. Dieſer Bericht ſetzte unſern Squire in keine geringe Verle⸗ genheit. Er würde ſeinen Diener auf der Stelle für ſeine Verwe⸗ genheit beſtraft haben, wenn er nicht deutlich geſehen hätte, daß die Abſicht dieſes Menſchen bloß die geweſen war, ſeine Ruhe und Zu⸗ friedenheit zu befördern. Auf der andern Seite aber wußte er nicht, 126 wie er, ohne ſich zu einer Erklärung herabzulaſſen, die ſeine gegen⸗ wärtige Stimmung nicht ertragen konnte, ſich von dem Verdacht losmachen ſollte, den Geoffry hegte, als ob er dieſes Projekt entwor⸗ fen habe. Nach einer Pauſe wandte er ſich gleichwohl mit einer finſtern und gerunzelten Stirne zu Pips und ſagte:„Das iſt nun das Zweitemal, Schlingel, daß ich durch deine Unwiſſenheit und Tolldrei⸗ ſtigkeit bei der jungen Dame in Mißkredit geſetzt werde. Wofern Du Dich künftig ohne meine gemeſſene Vorſchrift wieder in meine Angelegenheiten miſcheſt, bei Allem, was heilig iſt! dann bringe ich Dich ohne alle Gnade und Barmherzigkeit um! Fort! laß mein Pferd ſatteln!“ Nachdem ſich Pips entfernt hatte, um dieſen Befehl zu vollzie⸗ hen, wandte ſich unſer junger Herr wieder zum Offizier, legte die Hand auf die Bruſt und ſagte mit feierlichem Tone:„Capitain Gauntlet, ich bin auf Ehre an dem erbärmlichen Kunſtgriff unſchul⸗ dig, den Sie für meine Erfindung halten. Sie laſſen weder meinem Verſtande, noch meiner Ehrliebe Gerechtigkeit wiederfahren, wenn Sie mich einer ſo frechen Abgeſchmacktheit fähig halten. Was Ihre Schweſter betrifft, ſo habe ich ſie ein einziges Mal in meinem Leben im ungeſtümen wahnſinnigen Taumel der Begierden beleidigt, doch darüber ſolche Erklärungen gethan und ſolche Sühne angeboten, die wenig Frauenzimmer ihres Ranges ausgeſchlagen haben würden. Jetzt, bei Gott! bin ich entſchloſſen, jede Qual der Täuſchung und der Verzweiflung viel lieber zu erdulden, als mich wieder vor ihrer Grauſamkeit und vor ihrem Stolze zu beugen, die ſich beide ſchlech⸗ terdings nicht rechtfertigen laſſen.“ Nach dieſen Worten ſtieg er ſchweren Trittes die Treppe hin⸗ unter, und ſchwang ſich ſogleich auf ſein Pferd. Seine Lebensgeiſter wurden durch ſeinen Unwillen unterſtützt, der ihn bewog, ſich ſelbſt anzugeloben, für Emiliens ſtolze Verſchmähung in dem Beſitz der erſten gutwilligen Dirne, die ihm unterwegs begegnete, Troſt zu ſuchen. 127 Während er ſich in dieſer Stimmung auf den Weg nach dem Caſtell machte, kehrte Gauntlet, deſſen Seele zwiſchen Aerger, Schaam und Theilnahme ſchwankte, nach ſeines Schwiegervaters Hauſe zurück, wo er ſeine Schweſter über die Nachricht von Peregrine's Tod noch heftig bewegt fand. Er enthüllte ihr ſogleich das Geheimniß, und theilte ihr zugleich ausführlich das Geſpräch mit, das er und Pickle im Wirthshauſe gehabt hatten. Das Benehmen des Letzteren be⸗ ſchrieb er mit einiger Bitterkeit, die weder Emilie angenehm war, noch von der ſanften Sophie gebilligt wurde, die ihn zärtlich ſchalt, daß er Peregrine hätte abreiſen laſſen, ohne ſich vorher mit ihm gehörig verſtändigt zu haben. Einundneunzigſtes Kapitel. Peregrine trifft auf dem Wege nach der Garniſon eine Straßen⸗Nymphe an, die er zu ſich nimmt und zu einer feinen Dame metamorphoſirt. Die Träumereien unſeres Helden, als er auf der Heerſtraße da⸗ hinritt, wurden durch ein Bettelweib mit ihrer Tochter geſtört, die ihn um ein Almoſen anſprachen. Das Mädchen mochte etwa ſechs⸗ zehn Jahre alt ſeyn, und durch ihren elenden Aufzug leuchtete ein Wuchs und eine Geſichtsbildung hervor, die ſehr viel Einnehmendes hatte. Durch ihre geſunde Farbe und ihre Heiterkeit wurden ihre Geſichtszüge noch erhöht. Der oben angeführte Entſchluß beſtand noch in voller Kraft in Peregrine's Seele, und die junge Bettlerin ſchien ihm ein ſehr geeigneter Gegenſtand zur Ausführung ſeines Gelübdes zu ſeyn. Er ließ ſich daher mit der Mutter in Unter⸗ handlung ein, und kaufte ihr das Eigenthumsrecht an die Dirne für eine geringe Summe Geldes ab. Bei der Letztern bedurfte es eben 128 nicht vieler Bewerbungen und Bitten, um ſie zu vermögen, ihn nach jedem Ort zu begleiten, den er iht zur Wohnung beſtimmen würde. Nachdem dieſer Contract in Richtigkeit war, befahl unſer aben⸗ teuernder Ritter dem Pips, die gemachte Acquiſition hinter ſich auf das Pferd zu nehmen. Bei dem erſten Wirthshauſe, das er erreichte, ward abgeſtiegen, und Peregrine ſchrieb daſelbſt einen Brief an Hatchway, worin er ihn bat, dieſe Zaunprinzeſſin bei ſich aufzuneh⸗ men, und ſie gehörig ſäubern und anſtändig kleiden zu laſſen, damit er ſie bei ſeiner Ankunft, die er deßhalb noch einen Tag uvfſchieh wollte, angreifbar fände. Die Epiſtel ſammt der Dirne überlieferte er Pips, dem er den gemeſſenſten Befehl ertheilte, ſich aller Verſuche auf ihre Keuſch⸗ heit zu enthalten, und ſo ſchnell als möglich nach dem Caſtell zu eilen. Er ſelbſt ritt inzwiſchen quer durch das Land nach einem Marktflecken, wo er die Nacht zuzubringen gedachte. So gewarnt eilte Tom mit ſeiner Anvertrauten von dannen, und öffnete, da er von Natur zum Schweigen geneigt war, ſeine Lippen nicht eher, als bis er über die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte. Allein Thomas hatte, ſo eiſenfeſt er auch ausſah, dennoch Fleiſch und Blut. Die Berührung einer rüſtigen Dirne, die beim Reiten ihren rechten Arm mitten um ſeinen Leib ſchlang, reizte ſeine Begierden. Seine Gedanken fingen an, gegen ſeinen Herrn zu rebel⸗ liren, und er fand es beinahe unmöglich, der Verſuchung zur Liebe zu widerſtehen. Nichts deſto weniger rang er gegen dieſe aufrühreriſchen Wal⸗ lungen mit aller der Vernunft, die ihm der Himmel zu ſeinem Ge⸗ brauch verliehen hatte. Da dieſe jedoch gänzlich überwältigt ward⸗ ſo brach ſeine ſiegreiche Leidenſchaft plötzlich in folgende Worte aus: „Meiner Sir! ich glaube, mein Herr denkt, ich habe nicht mehr Blut in meinem Leibe, wie'n gedorrter Kabbeljau! Mich da ſo im Dunkeln mit ſo'ner ſchmucken Hopfenſtange h'rumtreiben zu laſſen! Gelt, Schätzchen?“—„Hopfenſtange?“ ſagte ſeine Reiſe⸗ 129 gefährtin.„Je verflucht! da kommſt Du mir eben recht 0 Ihr Liebhaber fuhr in ſeiner Bewerbung ſo fort:„Blitz noch nmal, wie Ihr meine Steven kitzelt! Da ſchießt was durch meinen ganzen Packraum bis uf'n Kiel! Habt Ihr etwa Queckſilber in den Hän⸗ den?“—„Queckſilber!“ ſagte das Frauenzimmer.„Verflucht ſey's Silber, das dieſen Monat durch meine Hand gegangen is! Denkt Ihr denn, daß ich mir nicht'n Hemde würde gekauft haben, wenn ich Silber hatte?—„Potz alle Hagel! Ihr Schleppſack, Ihr!“ rief der Liebhaber,„'s ſollt' Euch weder an'nem Hemde, noch an'nem Rock fehlen, wenn Ihr gegen nen ehrlichen Schlag von Seemann n biſſel freundlich ſeyn wolltet! Er is Euch ſo geſund und ſtarf, wie'n neunzolliger Kabel, würde über Bord Alles ſauber un unter den Luken Alles dicht halten thun!“—„Verdammt ſey Euer Schnack!“ ſagte die Schöne.„Was ſcheeren mich Eure Gabeln und Luken!“—„Laßt mich immer an Bord,“ rief der Buhler, deſſen Appetit jetzt zu dem höchſten Grade von Heißhunger geſtiegen war. „Ich will Euch den Compaß richten lehren, Herzchen? Ha Du Spitzbube, was Du vor'ne hübſche Petze biſt.“—„Petze!“ ſchrie die neue Dulcinea, über einen ſo ſchimpflichen Ausdruck erbittert; „juſt ſo'ne Petze, wie Eure Mutter, Ihr Hund Ihr! Ich habe große Luſt, Ihr verfluchter Kerl, Euch zu becompaſſen, daß Euch die Ohren gellen ſollen. Ihr müßt wiſſen, daß ich für Euren Herrn bin, Ihr unverſchämter Troßbube, Ihr! Ihr ſeyd ja ärger wie'n Hund, Ihr altes flöhfleckiges Flintenſteingeſicht! Ihr ſtrumplichter Beſen, Ihr! N Hund trägt doch ſeinen eigenen Rock, Ihr aber Eures Herrn ſeinen!“ Dieſer Strom von Schmähworten verwandelte die Liebesregung Toms in Zorn. Er drohte abzuſteigen, ſie an einen Baum zu bin⸗ den und ihr Hinterkaſtell ſeine Peitſche koſten zu laſſen, die gar tüchtig anziehen ſollte. Die Dirne aber, weit entfernt, ſich durch dieſe Drohungen ſchrecken zu laſſen, forderte ihn zu deren Erfüllung auf. Die Fluth ihrer Beredſamkeit war ſo mächtig, daß ſie ſogar Smollet's Romane. Nl. 9 130 unter den Nymphen in Billingsgate“ eine beträchtliche Rolle hätte ſpielen können. Kein Wunder daher, daß ſie in Kurzem einen voll⸗ ſtändigen Sieg über Pips errang, der, wie der Leſer bemerkt haben wird, eher maulfaul als geſchwätzig war. In der That hatte ihn ihre Zungenfertigkeit ganz außer Faſſung gebracht, und da er mit Antworten auf die ſehr deutlichen Perioden ihrer Rede nicht verſehen war, ſo entſchloß er ſich wohlweislich, um die Koſten des Athems und der Ueberzengungsgründe zu erſparen, ihr den Kabel völlig frei zu laſſen, damit ſie ſich ſelbſt aufbringen möchte. Und ſo ritt er denn ſtillſchweigend und mit großer Gelaſſenheit fort, ohne ſich um ſeine Reiſegefährtin mehr zu bekümmern, als wenn ſie ſeines Herrn Mantelſack geweſen wäre. Bei aller ſeiner Eilfertigkeit kam er doch erſt ſpät im Caſtell an, wo er Brief und Dirne dem Lieutenant überlieferte. Dieſer hatte kaum ſeines Freundes Abſicht erſehen, als er den Befehl er⸗ theilte, alle Zuber im ganzen Hauſe in den Vorſaal zu ſchaffen ünd mit Waſſer anzufüllen. Tom, der ſich indeſſen mit Schiffswichſen und Bürſten verſehen hatte, zog jetzt der Dirne ihr buntſchäckiges Gewand aus, überlieferte es ſogleich den Flammen, und vollführte dann an ihrem ſanften und zarten Körper die Ceremonie des Schrub⸗ bens, wie ſie am Bord der königlichen Kriegsſchiffe gebräuchlich iſt. Die Nymphe unterwarf ſich dieſer Säuberung nicht ohne Murren und Sträuben. Sie vermaledeite Hatchway, der dabei zugegen war, und ſtieß viele ſchimpfliche Anſpielungen gegen ſein hölzernes Bein aus. Was den Pips, den Vollſtrecker des Gebots, anlangt, ſo be⸗ diente ſie ſich ihrer Ferſen ſo nachdrücklich gegen ſein Geſicht, daß ihm das Blut in verſchiedenen Strömen aus der Naſe ſchoß; und als am folgenden Morgen dieſe Bächlein eingetrocknet waren, glich ſein Geſicht der rauhen Rinde eines mit Harz bedeckten Pflaumen⸗ baums. Nichts deſto weniger that Tom mit großer Beharrlichkeit *Der beſte Fiſchmarkt in London. 131 ſeine Schuldigkeit. Er ſchnitt ihr das Haar dicht am Schädel ab, handhabte ſeine Bürſten mit vieler Geſchicklichkeit, bediente ſich nach Erforderniß ſeiner Schiffswichſe von verſchiedener Größe und We⸗ bung, und ſpülte zuletzt ihren ganzen Körper mit einem Dutzend Eimern voll kalten Waſſers ab, die er über der Schönen Kopf ausleerte. 105 Nach dieſen kunſtgerechten Abwaſchungen trocknete er ſie mit Handtüchern ſauber ab, verſah ſie mit einem reinen Hemde, über⸗ nahm ſodann das Geſchäft eines Kammerdieners bei ihr und kleidete ſie von Kopf bis zu Fuß in einen ſaubern und anſtändigen Anzug, welcher der Miſtriß Hatchway gehört hatte. Dadurch änderte ſie ſich ſo ſehr zu ihrem Vortheil, daß Peregrine, als er am folgenden Tage ankam, kaum ſeinen Augen trauen wollte. Um ſo mehr gefiel ihm jetzt ſein Einkauf, und er beſchloß eine Grille auszuführen, die ihm bei ſeiner Ankunft durch den Kopf gefahren war. Unſer Held hatte, wie meines Erachtens der Leſer gern einräu⸗ men wird, im Studium der Charaktere vom höchſten Range bis zur niedrigſten Stufe des Lebens beträchtliche Fortſchritte und die durch⸗ gängige Bemerkung gemacht, daß die Verſchiedenheiten bei den un⸗ tern, ſo wie bei den obern Ständen einerlei ſind; ja er hatte ſogar entdeckt, daß der Umgang mit denen, die man mit dem Namen feine und geſittete Geſellſchaft beehrt, nicht mehr Erbauung und Unter⸗ haltung gewährt, als der Umgang mit der niedrigſten Claſſe der Menſchen, und daß der einzige weſentliche Unterſchied in ihrem Benehmen bloß das Aeußere iſt, das die Erziehung gibt, und daß man dieß bei den geringſten Fähigkeiten ohne viel Studium und Anſtrengung erlangen kann. Von dieſer Idee eingenommen, be⸗ ſchloß er, die junge Bettlerin unter ſeine Aufſicht zu nehmen und ſie zu unterrichten. Er hoffte, daß er ſie in wenigen Wochen als ein vollkommenes Frauenzimmer von rechtlicher Herkunft, ungemei⸗ nem Witz und vortrefflichem Verſtande würde in Geſellſchaften auf⸗ führen können. 132 Dieſen überſpannten Plan begann er ſofort mit größtem Eifer und Fleiß auszuführen; und wirklich glückten ſeine Bemühungen über alle Erwartung. Das Hinderniß, das zu überwinden ihm die meiſte Schwierigkeit koſtete, war die eingewurzelte Gewohnheit des Fluchens, die ſie von Jugend auf gehegt hatte, und die durch das Beiſpiel derer, unter denen ſie gelebt, befeſtigt worden war. Inzwi⸗ ſchen hatte ſie von Natur einen geſunden Verſtand, der ſie lehrte, gutem Rathe Gehör zu ſchenken; und ſie faßte ſo leicht, daß ſie alle die Regeln, die ihr Hofmeiſter ihrer Aufmerkſamkeit empfahl, begriff und behielt. So brachte dieſer es denn ſo weit, daß er in wenigen Tagen es wagte, ſie bei Tiſche einer Geſellſchaft von Landedelleuten vorzuſtellen. Er führte ſie als eine Nichte des Lieutenants auf. Unter dieſer Firma ſaß ſie mit dem ungezwungenſten Anſtande bei der Tafel, denn von aller mauvaise honte war fie ſo frei, als irgend eine Herzogin im Lande. Sie erwiederte die Complimente der Herren mit ſehr graziöſen Verbeugungen, und wiewohl ſie wenig oder gar nicht ſprach, weil ſie wegen dieſes Punktes zuvor gewarnt worden war, ſo ließ ſie doch mehr denn einmal dem Lachen freien Lauf, und es traf ſich von ungefähr, daß es nicht als unzeitig erſchien. Mit Einem Worte, ſie zog den Beifall und die Bewunderung der Gäſte auf ſich. Als ſie ſich entfernt hatte, wünſchten Alle Hatchway zu einer ſo ſchönen, wohlerzogenen und muntern Anverwandtin Glück. Was jedoch mehr als jeder andere Umſtand zu ihrem ſchnellen Weiterkommen beitrug, waren einige wenige Kenntniſſe vom A B C, das ſie, als noch ihr Vater, ein Taglöhner in der Gegend, lebte, in einer Abendſchule gelernt hatte. Auf dieſen Grund führte Peregrine ein zierliches Gebäude auf. Er ſammelte auserleſene Sentenzen aus Shakſpeare, Otway und Pope, und lehrte ſie dieſelben mit Emphaſe und Ausdruck herſagen. Sodann unterrichtete er ſie in den Namen und Beinamen der berühmteſten Schauſpieler, und gab ihr die An⸗ weifung, dieſelben gelegentlich mit der Miene ſorgloſer Vertraulichkeit 133 hinzuwerfen; und da er bemerkte, daß ihre Stimme von Natur ſonor war, bereicherte er ſie mit einigen Stücken von Opernarien, um ſie während einer Pauſe in der Converſation anzubringen, die ſonſt wohl durch eine Priſe Schnupftabak ausgefüllt wird. Durch ſolche Cultivirung ihrer natürlichen Talente machte ſie in der an⸗ muthsvollen Politur unſerer Zeiten ganz bewundernswürdige Fort⸗ ſchritte. Sie begriff mit großer Leichtigkeit das Whiſt, obwohl ihr Lieblingsſpiel„ſchwarzer Peter“ blieb, welches ſie in müßigen Stunden von ihrem erſten Eintritt in das Hopfenpflückergewerbe an beluſtigt hatte. So vorbereitet ward ſie zuerſt mit andern Frauenzimmern in Berührung gebracht. Die Tochter des Pfarrers machte ihr vor allen andern den Beſuch. Dieſe Höflichkeit konnte ſie ihr als eine Nichte von Maſter Hatchway nicht verſagen, nachdem jene öffentlich in der Kirche erſchienen war. Miſtriß Clover, die viel Scharfblick hatte, konnte ſich dieſer Verwandtin wegen, deren Namen ſie während ihres langen Aufenthalts im Caſtell von dem Oheim nie hatte ausſprechen hören, einige Zweifel zu hegen nicht enthalten. Da man aber das junge Frauenzimmer einmal in ſolcher Eigenſchaft behandelte, ſo konnte ſie ihren Umgang nicht von der Hand weiſen. Sie lud ſogar Miß Hatchway zu ſich, nachdem ſie dieſelbe im Caſtell geſehen hatte. Kurz, Letztere machte die Runde faſt in allen Familien aus der Nachbarſchaft, und wurde wegen der Citate, die ſie aus Büchern (wiewohl beiläufig geſagt, nicht immer paſſend) anbrachte, für ein munteres, junges Frauenzimmer von ungewöhnlicher Beleſenheit und ungemeinem Geſchmack gehalten. Nachdem Peregrine auf ſolche Weiſe ſeine Novize in die ſchöne Welt auf dem Lande eingeführt hatte, brachte er ſie nach London, wo er ihr ein eigenes Logis und weibliche Bedienung miethete. Un⸗ nittelbar darauf gab er ſie unter die Aufſicht ſeines Kammerdieners, dem er befahl, ſie im Tanzen und im Franzöſiſchen zu unterrichten. Er begleitete ſie wöchentlich drei oder viermal in das Schauſpiel und 134 Concert. Als unſer Held ſie genugſam gewöhnt glaubte, große Ge⸗ ſellſchaft zu ſehen, führte er ſie in eigener Perſon auf einen öffent⸗ lichen Ball und tanzte mit ihr unter den vornehmſten Ladies. Zwar hatte ſie immer noch etwas Derbes und Linkiſches in ihrem Betra⸗ gen; doch betrachtete man dieß als eine angenehme Wildheit, die ſich über die gewöhnlichen Formen hinwegſetzte. Sodann fand er Mittel, ſie mit verſchiedenen vorzüglichen Exem⸗ plaren ihres Geſchlechtes bekannt zu machen, durch welche ſie in die artigſten Geſellſchaften eingeführt wurde. Dabei fuhr ſie fort, ihre Anſprüche auf feine Lebensart mit großer Behutſamkeit zu behaup⸗ ten. Allein eines Abends ertappte unſere Schöne eine gewiſſe Dame, mit der ſie Karte ſpielte, auf friſcher That bei einem nicht allzufei⸗ nen Betrug; ſie warf ihr denſelben mit dürren Worten vor, und zog ſich dadurch einen ſolchen Strom ſarkaſtiſcher Verweiſe zu, daß alle ihre Klugheitsmaximen über den Haufen ſtürzten und die Schleu⸗ ſen ihrer natürlichen Beredtſamkeit hervorbrachen. Sie ließ die Be⸗ nennungen„Petze“ und„Nickel“ ertönen, die ſie mit großer Heftig⸗ keit wiederholte, in einer Attitüde, als ob ſie ihre Gegnerin zum Fauſtkampf herausforderte. Letztere wurde dadurch in ungemeinen Schreck und alle Anweſenden in das höchſte Erſtaunen verſetzt. Miß Hatchway war einmal aufgereizt, und ſo erreichte ihre Unvorſichtig⸗ keit den Culminationspunkt. Sie ſprang auf, ſchlug zum Zeichen der Verachtung Schnippchen, legte, als ſie das Zimmer verließ, ihre Hand auf den Theil, der zuletzt von ihr verſchwand, und lud die Geſellſchaft ein, denſelben zu küſſen, wobei ſie ſich einer ſeiner gröb⸗ ſten Benennungen bediente. Peregrine ward durch dieſes ihr unbedachtſamens Benehmen, welches bald in der ganzen Stadt bekannt wurde, etwas außer Faſ⸗ ſung gebracht. Auf dieſe Art wurde ſie von allem feinen Umgange ausgeſchloſſen, und Pickle fiel vor der Hand bei dem ſittſamen Theile ſeiner Befanntſchaft in Ungnade. Einige von ihnen verboten ihm nicht nur ihr Haus, weil er ſowohl ihrer Ehre als ihrem Verſtande 135 die unverſchämteſte Beleidigung dadurch zugefügt habe, daß er ihnen eine gemeine Trulle als eine junge Dame von Rang und Bildung zugeführt hätte, ſondern ſie brandmarkten auch ſeine Familie, indem ſie behaupteten, die Dirne wäre wirklich ſeine leibliche Baſe, die er aus dem Schlamm der Niedrigkeit und Armuth plötzlich hervorge⸗ zogen habe. Um ſich für dieſe Verläumdung zu rächen, entdeckte unſer junger Herr das ganze Geheimniß, das ihn bewogen hatte, ſie in die Modewelt einzuführen. Auch ermangelte er nicht, ſeinen guten Freunden die ausſchweifenden Lobſprüche zu wiederholen, die ihr von den einſichtsvollſten Damen ertheilt worden waren. Mittlerweile verſprach die Schöne ſelbſt, die von ihrem Wohl⸗ thäter wegen ihres ſchlechten Benehmens tüchtig ausgeſcholten wurde, künftig beſſer auf ſich Acht zu haben, und widmete ſich mit großem Fleiß den Studien, welche ſie mit dem Schweizer, dem Kammerdiener, zu betreiben hatte. Doch indem ſie bei ſeinem Unterricht zunahm, nahm die Freiheit ſeines Herzens ſtufenweiſe ab. Mit andern Wor⸗ ten, ſie machte eine Eroberung an ihrem Lehrmeiſter, der den Re⸗ gungen des Fleiſches Gehör gab, und eine bequeme Gelegenheit er⸗ griff, ihr ſeine Leidenſchaft zu erklären. Seine perſönlichen Eigen⸗ ſchaften unterſtützten ſeinen Antrag gar mächtig. Da ſeine Abſichten rechtſchaffen waren, ſo gab ſie ſeinem Vorſchlage, ſie heimlich zu hei⸗ rathen, Gehör. Sie entliefen zuſammen, ſobald er ihre Einwilligung hatte, zund ließen ſich in Fleet trauen. Die Hochzeit vollzogen ſie in ihrem eigenen Logis, das ſie in den ſieben Sonnenzeigern gemie⸗ thet hatten. Von dort aus ſandte der Ehemann den folgenden Tag einen Brief an unſern Helden ab, in welchem er ihn wegen des ohne ſein Wiſſen gethanen Schrittes um Verzeihung bat. Er betheuerte feierlich, daß hieran nicht die mindeſte Abnahme der unverbrüchlich⸗ ſten Achtung gegen ſeinen Herrn Schuld ſey, den er bis zu ſeinem letzten Athemzug ehren und ſchätzen werde; ſondern daß dieß ledig⸗ lich den unwiderſtehlichen Reizen des jungen Frauenzimmers zuzu⸗ ſchreiben ſey, mit der er nun durch das„Blumenband“ der Che 136 vereinigt zu ſeyn das Glück habe. Anfänglich verdroß Peregrine die Vermeſſenheit ſeines Kammerdieners; bei näherer Ueberlegung ſöhnte er ſich aber mit einer Begebenheit aus, die ihn von einer beſchwer⸗ lichen Bürde befreite. Denn er hatte jetzt ſeine Luſt gebüßt, und fing an, ſeiner Acquiſition überdrüſſig zu werden. Er beſann ſich, wie treu ihm der Schweizer ſo lange Jahre gedient, und wie viel Anhänglichkeit er gegen ihn bezeigt hatte. Er hielt es daher für grauſame Strenge, ihn wegen eines verzeihlichen Fehltritts der Ar⸗ muth und Noth preiszugeben. Deßhalb beſchloß er, ihm ſeinen ge⸗ wagten Schritt zu verzeihen, und ihn einigermaßen in den Stand zu ſetzen, die Haushaltung zu beſtreiten, die er ſich auf den Hals gela⸗ den hatte. In dieſer Geſinnung ſchrieb er dem Verbrecher eine günſtige Antwort, und wünſchte, ihn ſobald zu ſehen, als ſeine Leidenſchaft ihm vergönnen würde, die Arme ſeiner Gattin auf eine oder ein paar Stunden zu verlaſſen. Dieſem Winke gehorſam, verfügte ſich Hadji ſofort nach der Wohnung ſeines Gebieters, und erſchien vor ihm mit der bußfertigſten Miene. Wiewohl Peregrine ſich bei ſeiner Armen⸗ ſündermiene kaum des Lachens erwehren konnte, ſo unterließ er den⸗ noch nicht, ihm einen ſcharfen Verweis zu geben, und ihm zu ſagen, er hätte das durch Bitten erhalten können, was er ſich verſtohlener Weiſe genommen habe. Der Schuldige verſicherte ihn, daß nächſt dem Zorn Gottes unter allen Uebeln, die er ſich zuzuziehen am mei⸗ ſten fürchtete, das Mißfallen ſeines Herrn das größte wäre. Die Liebe habe ſein Gehirn ſo zerrüttet gehabt, daß ſie alle andere Vor⸗ ſtellungen, außer die, ſeine Begierde zu befriedigen, daraus verbannt hätte. Er geſtand, daß er nicht vermögend geweſen ſeyn würde, ſei⸗ nem leiblichen Vater Liebe und Gehorſam zu zeigen, wenn ſich dieſer ſeiner Leidenſchaft widerſetzt hätte. Dann appellirte er an das Herz ſeines Herrn, indem er auf gewiſſe Vorfälle in dem Leben unſeres Helden anſpielte, welche die verzweiflungsvollen Wirkungen der Liebe augenſcheinlich bewieſen. Kurz, er hielt ſich eine ſolche Schutzrede, 137 daß er ſeinem beleidigten Richter ein Lächeln entlockte. Letzterer verzieh ihm nicht nur ſein Verbrechen, ſondern verſprach auch, ihn in eine ſolche Lage zu ſetzen, daß er im Stande wäre, ſein hinläng⸗ liches Auskommen zu finden. Der Schweizer ward von dieſer Großmuth dermaßen gerührt, daß er vor ihm niederknieete, ihm die Hand küßte und mit großer Inbrunſt zum Himmel flehte, ihn ſo großer Güte und Milde würdig zu machen. Sein Plan, ſagte er, wäre, in einer beſuchten Gegend der Stadt ein Caffee- und Weinhaus zu etabliren. Er hoffte von der zahlreichen Bekanntſchaft, die er mit Handwerkern und rechtlichen Krämern hätte, viele Kundſchaft zu bekommen. Seine Frau, zwei⸗ felte er nicht, würde eine Zierde ſeines Zahltiſches und eine ſorg⸗ ſame Haushälterin ſeyn. Peregrine billigte dieſes Vorhaben, zu deſſen Ausführung er ihm und ſeinem Weibe fünfhundert Pfund ſchenkte. Zugleich verſprach er ihm, zur Aufnahme ſeines Hauſes einen wöchentlichen Clubb von ſeinen Freunden bei ihm zu ſtiften. Hadji war über dieſes Glück ſo außer ſich vor Freude, daß er zu Pips rannte, der ſich im Zimmer befand, und ihn herzte und küßte. Er empfahl ſich ſedann ſeinem Gebieter, und eilte mit Tom in beſtändigem Selbſtgeſpräch und unter allerlei Capriolen zu ſeiner Ehehälfte, um ihr ſeine frohen Ausſichten mitzutheilen. Zweiundneunzigſtes Kapitel. Peregrine wird von Pallet beſucht. geräth in eine genaue Bekanntſchaft mit einem der edlen Newmarketsritter, und wird durch Kunſtverſtändige angeführt. Nachdem unſer abenteuernder Ritter dieſe Sache abgemacht und ſich von allen weiblichen Verbindlichkeiten befreit hatte, kehrte er wieder zu ſeiner vorigen ſchwärmenden Lebensweiſe zurück, und ver⸗ 138 übte unter Dirnen, Raufbolden, Gaunern, Conſtablern und Friedens⸗ richtern unzählige Heldenthaten. Inmitten dieſes Treibens erhielt er eines Morgens einen Beſuch von ſeinem ehemaligen Reiſegefährten Pallet, deſſen Ausſehen unſe⸗ rem Squire Verwunderung und Mitleid einflößte. Trotz der Winter⸗ kälte trug der Maler noch die dünne Sommerkleidung, die er in Paris angehabt hatte. Dieſe war jetzt nicht nur ganz abgetragen, ſondern auch an manchen Stellen ſogar geflickt. Seine Strümpfe hingen durch wiederholtes Herunterziehen und vorn im Schuhumſchla⸗ gen, wie gute Oeconomen es zu machen pflegen, gleich Puddingbeuteln um ſeine Knöchel. Sein Hemde, wiewohl neugewaſchen, war ganz ſaffranfarb und guckte an verſchiedenen Stellen durch die Riſſe in ſeinen Beinkleidern hervor. Sein eigenes Haar hatte er mit einer räucherichten Zopfperücke vertauſcht, die alles Mehl in ſeinem Kaſten weiß zu machen nicht vermögend geweſen war. Seine Augen waren tief eingeſunken, ſeine Kinnbackenknochen hatten ſich über ihre ge⸗ wöhnliche Ausdehnung verlängert, und er ſchien zwanzig Jahre älter geworden zu ſeyn, als damals, wo er mit unſerem Helden von Rot⸗ terdam abreiste. Trotz allen dieſen Beweiſen des Verfalles redete Pallet unſern Squire mit einer kümmerlichen Affektation von Wohlbehagen und froher Laune an, mühte ſich erbärmlich ab, heiter und ſorglos zu erſcheinen, äußerte ſeine Freude, ihn in England wieder zu ſehen, und entſchuldigte ſich, daß er ihm nicht längſt ſeine Aufwartung ge⸗ macht habe. Als Grund davon führte er an, daß er ſeit ſeiner Zu⸗ rückkunft ein Sklav der Launen einiger Perſonen von Stande und Geſchmack geweſen ſey, die darauf gedrungen hätten, daß er in größ⸗ ter Eile einige Gemälde vollenden müſſe. Peregrine nahm ihn mit dem Mitleid und der Artigkeit auf, die ihm eigen waren. Er erkundigte ſich nach dem Befinden der Miſtriß Pallet und ſeiner Familie, und fragte, ob ſich ſein Freund, der Doktor, in der Stadt befinde. Der Maler ſchien ſeine Entrüſtung 139 gegen dieſen Herrn wieder gefunden zu haben, denn er ſprach von ihm in den verächtlichſten Ausdrücken. „Der Doktor,“ ſagte er,„wird durch ſeine Selbſtgenügſamkeit und Ruhmredigkeit ſo ſtark überſchattet, daß ſeine Verdienſte ſich nicht heben, gar nicht hervorſpringen können. In dem Gemälde iſt keine Haltung, mein theurer Sir. Es iſt eben ſo, als wenn ich den Mond unter einer Wolke vorſtellen wollte. Es würde nichts als eine dichte Schattenpartie ſeyn, mit einem kleinen Lichtfleck in der Mitte, der nur bloß dazu diente, die Finſterniß gleichſam ſichtbar zu machen. Sie verſtehen mich. Hätte er meinen Rath befolgt, es wäre vielleicht beſſer für ihn geweſen. Allein er iſt einmal auf ſeine Meinung erpicht. Sie müſſen wiſſen, Sir Peregrine, bei unſerer Zurückkunft rieth ich ihm, eine kleine Ode auf meine Clevpatra zu fertigen. So wahr Gott einſt mein Richter iſt, ich dachte ihm dadurch einen Dienſt zu leiſten, und ihn aus ſeiner Dunkelheit her⸗ vorzuziehen; denn Sie wiſſen, wie Sir Richard bemerkt: Was dein Ruf meinem gibt, ſtirbt bald, mein Freund; Laß mich denn lebend ſeyn, mit einem Werk von Dir vereint. Beiläufig, es iſt ein ſehr maleriſcher Kontraſt in dieſen Zeilen: dein und mein, leben und ſterben, mich und Dir. Doch Schade dafür! Dick war bei alle dem der rechte Mann! Er wußte etwas zu rün⸗ den und zuzuſpitzen. Doch wir wollen wieder zu unſerm unglücklichen jungen Mann zurück. Sollten Sie's wohl glauben, er warf bei mei⸗ nem freundſchaftlichen Vorſchlage die Naſe in die Höhe, und ſchwatzte was Griechiſches her, das nicht wiederholt zu werden verdient. Der Fall war eigentlich der, theurer Sir, er war über die Geringſchätzung der Welt aufgebracht. Er glaubte, die Dichter ſeines Zeitalters wären über ſein Genie eiferſüchtig, und beſtrebten ſich daher, es zu unterdrücken, indeß es dem übrigen Theile der Menſchen an Geſchmack fehlte, es gehörig zu würdigen. Dem ſey nun, wie ihm wolle, genug, er hat ſich in großem 140 Unwillen aus der Stadt begeben, und in Derbyſhire dicht an einem Hügel mit zwei Kuppen niedergelaſſen, der dem Parnaß gleicht, und wo im Grunde ein Quell iſt, den er„Hüpfaufsgrüne“ getauft hat. Ja, bei meiner Seele, wenn er da lange bleibt, kriegt er zuverläßig in Kurzem das Malum Hypp, und wird grün und geel und jämmer⸗ lich. Er wird ſich freuen, wieder zu den Fleiſchtöpfen Egyptens zu⸗ rückzukehren, und der verachteten Königin Cleopatra wieder den Hof zu machen. „Ha! gnt, weil wir juſt davon ſprechen! Sie müſſen wiſſen, lieber Sir, daß dieſe ägyptiſche Fürſtin ſo viel galante Liebhaber von Geſchmack erhalten hat, daß ich, ſo wahr ich zu leben hoffe, mich in keiner geringen Klemme befand, weil ich, wenn ich ſie einem von ihnen überlaſſen hätte, ich alle die übrigen Mitwerber vor den Kopf geſtoßen haben würde. Wer aber möchte wohl ſeine Freunde kränken? Wenigſtens iſt es mein Grundſatz, auch den kleinſten Schein von Undankbarkeit zu vermeiden. Vielleicht habe ich darin Unrecht; doch Jeder hat ſo ſeine Weiſe. Zu dem Ende ſchlug ich allen ihren Bewerbern vor, ſie auszuſpielen. Auf dieſe Art würde Jeder gleichen Antheil an ihrer Gunſt haben und der Preis würde Fortunens Entſcheidung überlaſſen ſeyn. Dieſer Gedanke fand vielen Anklang. Der Einſatz war auf eine lumpige halbe Guinee geſtellt. Die halbe Stadt drängte ſich in mein Haus, um zu unterzeichnen. Allein gehorſamer Diener! Gedulden Sie ſich ein wenig, meine Herren, bis erſt meine ſpe⸗ eiellen Freunde bedient ſind! Unter die Zahl dieſer gebe ich mir die Ehre, auch Sir Peregrine zu rechnen. Hier iſt ein Eremplar des Pro⸗ gramms; und wird die Subſeriptionsliſte durch die Namensunterſchrift Sir Peregrine's verherrlicht, ſo hoffe ich, er werde, unbeſchadet ſeiner wohlverdienten Siege unter den jungen Damen, dennoch dießmäl einer Gegenbezeigung der Allerweltsperſon, Miß Fortuna genannt, quitt gehen. Hähähä!“ Bei dieſen Worten machte er tauſend poſſierliche Verbeugungen und überreichte Pickle die Liſte. Als dieſer ſah, daß die Anzahl der 141 Subſcribenten auf hundert eingeſchränkt war, ſagte er:„Mich däucht, Sie ſind in Ihren Erwartungen allzubeſcheiden. Ich meinerſeits zweifle gar nicht, daß Ihr Gemälde, deſſen Preis Sie nur auf fünfzig Pfund angeſchlagen haben, noch für fünfhundert ein wohlfeiler Kauf ſeyn würde.“ Auf dieſe unerwartete Bemerkung verſetzte Pallet, daß er ſich's nicht unterſtünde, unter Kennern den Preis ſeines Gemäldes zu beſtimmen; allein er ſähe ſich bei Schätzung ſeiner Werke gens⸗ thigt, auf die gothiſche Unwiſſenheit ſeines Zeitalters Rückſicht zu nehmen. Unſer abenteuernder Ritter merkte ſogleich die eigentliche Ab⸗ ſicht dieſer Lotterie. Es war nichts Anderes, als eine feine Bet⸗ telei, um ein armſeliges Stück unterzubringen, das er ſonſt nicht für zwanzig Schillinge losgeworden wäre. Weit entfernt nun, den armen Mann in ſeiner Noth dadurch zu kränken, daß er von ſeißer Ver⸗ muthung den leichteſten Wink fallen ließ, bat ſich Pickle ſechs Looſe aus, wofern er ihm nach ſeinem Plan ſo viel zukommen laſſen könnte. Nach einigem Ueberlegen war der Maler bereit, ihm bloß aus Freund⸗ ſchaft und Ehrerbietung ſein Geſuch zu gewähren. Doch bemerkte er dabei, daß er nunmehr einige ſeiner vertrauten Freunde ausſchließen müſſe. Nachdem er das Geld empfangen hatte, gab er Peregrine ſeine Adreſſe und bat ihn, nach ſeiner Bequemlichkeit die Fürſtin zu beſuchen, welche gewiß alle ihre Reize aufbieten würde, um ſeine Phantaſie zu feſſeln. Hierauf beurlaubte er ſich, hocherfreut über den Erfolg ſeines Anſuchens. Wiewohl Peregrine neugierig war, das Gemälde zu ſehen, das, wie er ſich einbildete, der lächerlichen Seltſamkeit des Malers völlig entſprechen mußte, ſo wollte er ſich dennoch weder in die unange⸗ nehme Lage verſetzen, entweder dieſes Machwerk ſeinem Gewiſſen und der geſunden Vernunft zum Trotz zu loben, oder es zur unausſprech⸗ lichen Kränkung ſeines armſeligen Urhebers zu verdammen. Daher ließ er es ſich nie träumen, dem Maler einen Gegenbeſuch zu machen. Auch hörte er in ſeinem Leben kein Wort davon, daß die projektirte 142 Lotterie ſtattgefunden habe. Um dieſe Zeit erhielt er die Einladung, einige Wochen auf dem Landſitze eines gewiſſen vornehmen Herrn zuzubringen, mit dem er im Verlauf ſeiner ausſchweifenden Beluſti⸗ gungen bekannt geworden war. Se. Lordſchaft zeichneten ſich durch Ihre Geſchicklichkeit und durch Ihr Glück im Pferderennen aus. Daher war Ihre Wohnung ſtets mit Kennern und Verehrern dieſes edeln Zeitvertreibs angefüllt. Die ganze Unterhaltung drehte ſich um dieſes Thema. Nach und nach erlangte Peregrine einige Kennt⸗ niſſe von Pferden und von der Ergötzlichkeit der Wettrennen. Denn die ganze Beſchäftigung bei Tage beſtand, Eſſen und Trinken abge⸗ rechnet, darin, daß ſie die Stuterei von Sr. Lordſchaft beſahen, und die Thiere abrichteten. Unſer Held betrachtete dieſe Beluſtigungen mit eben ſo viel Wohlbehagen als Neugier. Er hielt das Pferd für ein ſchönes und edles Geſchöpf, und empfand bei deſſen erſtaunlicher Schnelligkeit das feinere Wohlbehagen des Kenners. In Kurzem ward er mit jedem Pferde im Stalle des Lords bekannt und intereſſirte ſich für den Ruf eines jeden; zugleich befriedigte er ſeine Wißbegier durch genaue Aufmerkſamkeit, wie dieſe Thiere verpflegt und zu dem Wettrennen dreſſirt wurden. Sein Wirth lobte ſeinen Eifer und munterte den⸗ ſelben auf, weil er ſich davon einigen Vortheil verſprach. Er ſtellte zur Unterhaltung ſeines Freundes verſchiedene Privatrennen an, und ließ ihn, um ſeiner Fähigkeit zu ſchmeicheln, ſeine erſten Wetten gewinnen. Auf dieſe Art hatte der Schlaue ihn in Feuer, in Luſt zu wagen und in die Stimmung geſetzt, ſich gegen das Urtheil von Leuten, die ihr ganzes Leben hindurch ſich bloß auf Pferderennen gelegt hat⸗ ten, auf ſeine eigene Urtheilskraft zu verlaſſen. Er begleitete den Lord nach Newmarket, und da ihn mit Einem Male der Genius dieſes Orts ergriff, ſo zeichneten ihn alle verſammelten Kenner als einen leicht zu rupfenden Vogel aus. Manche von ihnen machten Mittel ausfindig, ihn in's Garn zu locken, trotz allen Ermahnungen 143 und Warnungen des Lords, der ihn zu ſeinem eigenen Behuf auf⸗ ſparen wollte. Es iſt faſt für einen Jeden, ſo furchtſam und phlegmatiſch er auch immer ſeyn mag, unmöglich, einen theilnahmloſen Zuſchauer auf einer Wettrennbahn abzugeben. Der Dämon der Spielwuth ſchwebt gleich einem peſtilenzialiſchen Dunſte in der Luft, und ſteckt mit ſeinen giftigen Ausflüſſen alle Anweſenden ganz unfehlbar an, ſo wie etwa ein elektriſcher Funke des Schreckens ſich plötzlich einer ganzen Maſſe mittheilt. Peregrinen ergriff die epidemiſche Krankheit in einem hohen Grade Nachdem er alle die verſchiedenen Gaunereien dieſes Orts durchgegangen war, und einige wenige elende Hunderte dabei verloren hatte, ließ er ſich mit ſeinem hochgeborenen Freund zugleich in große Rennen ein, und wagte nicht weniger als dreitau⸗ ſend Pfund auf deren Ausgang. In der That würde er eine ſo be⸗ trächtliche Summe nicht auf das Spiel geſetzt haben, wenn die Mei⸗ nung und der Beitritt des Lords ihn nicht beſtärkt hätte, der auf denſelben Erfolg eine gleiche Wette ſetzte. Die beiden Verbündeten machten ſich anheiſchig, auf den Verluſt von ſechstauſend Pfund mit einer vierſpännigen Chaiſe gegen eine andere dreimal die Rennbahn rund zu jagen. Unſer abenteuernder Ritter hatte das Vergnügen, ſeinen Gegner beim erſten und zweiten Rennen hinter ſich bleiben zu ſehen. Allein plötzlich ſtürzte eines ſeiner Pferde. Dieſer fatale Caſus riß ihm die Siegerpalme aus den Händen und brachte ihn in Schimpf und Schaden. Dieſes Mißgeſchick, welches er ſeiner eigenen Verwegenheit zu⸗ ſchrieb, ging ihm tief zu Herzen, doch ließ er ſich hievon äußerlich nichts anmerken, weil ſein edler Verbündeter ſeinen Verluſt mit philoſophi⸗ ſcher Reſignation ertrug, und ſich ſowohl als Peregrine mit der Hoff⸗ nung tröſtete, den Schaden ein andermal wieder einzubringen. Nichts deſto weniger konnte ſich unſer junger Squire nicht enthalten, My⸗ lords Gleichmuth zu bewundern, ja ſogar zu beneiden, denn er wußte nicht, daß Se. Lordſchaft es ſo eingerichtet hatten, daß Sie bei dem * 144 Unglück gewannen. Um dieß wieder gut zu machen, kaufte Peregrine verſchiedene Pferde auf die Empfehlung ſeines Freundes, und machte mit ihm, ſtatt nach London zurückzukehren, eine Tour zu den berühm⸗ teſten Pferderennen in England. Nach verſchiedenem Glückswechſel brachte er es darauf endlich ſo weit, daß er, noch ehe die Zeit der Rennen vorüber war, ſeinen Verluſt verdreifacht hatte. Inzwiſchen ſchien mit ſeinem Mißgeſchick ſeine Hoffnung zu wachſen. Er kam mit Anfang des Winters nach der Stadt, in der feſten Ueberzeugung, daß ſich das Glück nothwendig ändern müßte, und daß er zur künftigen Pferderennzeit die glücklichen Früchte ſeiner Erfahrungen einernten würde. In dieſem Vertrauen ſchien er alle Gedanken an Beſonnenheit und Sparſamkeit von ſich abzuwehren. Sein voriger Aufwand war, gegen den jetzigen gehalten, Knickerei geweſen. Er unterzeichnete auf die Oper und auf ein halbes Duzend Concerte in verſchiedenen Theilen der Stadt; ward der Wohlthäter verſchiedener Hoſpitäler, kaufte eine theure Gemäldeſammlung, mie⸗ thete ſich ein ganzes Haus, das er im prächtigſten Geſchmack möblirte, legte die auserleſenſten franzöſiſchen Weine in ſeinen Keller, und gab ſeinen vornehmen Freunden große Bankette, wofür er mit Compli⸗ menten überſchüttet ward und die grofartigſten Verſicherungen von ihrer Bereitwilligkeit zu Gegendienſten erhielt. Dreiundneunzigſtes Kapitel. Pickle wird von einem großen Mann in Protektion genommen. Letzterer gibt ſich zum Parlamentsgliede an, täuſcht ſich aber in ſeiner Erwartung, und wird gar arg überliſtet. Unter dieſen erklärten Gönnern Pickle's, die er größtentheils durchſchaute, war auch ein hochgeſtellter Herr, der die Sphäre, in 145 welche ihn das Glück geſetzt hatte, mit Würde zu behaupten ſchien. Sein Betragen gegen Pickle war keine Reihe von Artigkeiten in einer faden Wiederholung von allgemeinen Aeußerungen der Freundſchaft und Achtung, ſondern ſeine Zuvorkommenheit gegen Peregrine ſchien das Reſultat reifer Ueberlegung und der Erfahrung zu ſeyn. Er ſchalt den jungen Herrn wegen ſeiner Ausſchweifungen mit dem An⸗ ſehen eines Vorgeſetzten und mit der Aufrichtigkeit eines ſtandhaften Freundes aus, und tadelte, nachdem er durch allmähliges Ausforſchen in ſeine Privatangelegenheiten eingedrungen war ſein Betragen mit der Miene der Redlichkeit und Theilnahme. Der Lord ſtellte ihm die thörichten und gefährlichen Folgen ſei⸗ nes wilden Treibens vor, rieth ihm mit vieler Wärme, ſeine Renn⸗ pferde zu verkaufen, weil ſie ihn ſonſt unmerklich auffreſſen würden, ſeine überftüſſigen Ausgaben einzuſchränken, die nur dazu dienten, ihn dem Spott und der Undankbarkeit derer preiszugeben, die davon Vortheile zögen, ſein Geld auf ſichere Hypotheken mit guten Zinſen auszuleihen, und ſeinen ehemaligen Entſchluß, Candidat für einen Burgflecken bei der bevorſtehenden Wahl eines neuen Parlaments zu werden, auszuführen. In dieſem Falle verſprach ihm der Cavalier mit ſeinem Einfluß und Rath beizuſtehen, und gab ihm die Ver⸗ ſicherung, daß er ſein Glück bereits als gemacht anſehen könne, wenn er einen Sitz im Parlament erhielte. Unſer abenteuernder Ritter erkannte die Weisheit dieſer Rath⸗ ſchläge, dankte ſeinem edelmüthigen Warner dafür und betheuerte, daß er ſich in jedem Stück darnach richten wolle. Unmittelbar dar⸗ auf legte er Hand an eine Reform. Er unterſuchte den Zuſtand ſeiner Finanzen auf's Allerſorgfältigſte, und nach einer genauen Prüfung gab er ſeinem Gönner zu verſtehen, ſein Vermögen belaufe ſich noch bis auf vierzehntauſend dreihundert und dreißig Pfund in Vank⸗Südſeekompagnie⸗Annuitäten, das Caſtell und deſſen Grund⸗ ſtücke nicht inbegriffen, wovon er die jährlichen Einkünfte auf ſechszig Pfund anſchlug. Er wünſchte daher, Se. Lordſchaft möchten ihn mit Smollet's Romane. KI. 10 146 Ihrer Freundſchaft und mit Ihrem Rathe beehren, Ihre Groß⸗ muth weiter ausdehnen und ihm Mittel und Wege angeben, ſein Geld ſo vortheilhaft als möglich unterzubringen. Der Lord erwiederte:„Ich für meine Perſon befaſſe mich nicht mit Geldſachen; doch werden Sie Leute genug finden, die geneigt ſind, auf Grundſtücke Geld aufzunehmen. Allein in Unterhandlungen dieſer Art müſſen Sie äußerſt vorſichtig zu Werke gehen. Ich ver⸗ ſpreche Ihnen, es meinem Haushofmeiſter aufzutragen, daß er Ihnen eine ſichere Hypothek verſchafft.“ Dieſer Agent mußte ſich alſo dieſem Geſchäft unterziehen. Seine Bemühungen blieben einige Tage hindurch vergebens. Unſer junger Squire ſah ſich alſo genöthigt, ſelbſt Hand an das Werk zu legen. Er lernte dadurch eine Menge Leute kennen, die für ſicher gehalten wurden, und die ihm für die ganze Summe Hypotheken anboten. Wenn er aber ſeinem vornehmen Freunde alle Umſtände vorlegte, erregten Se. Lordſchaft ſo viel Zweifel und Einwendungen bei einem Jeden, daß er abgeſchreckt wurde, ſich mit dieſen Leuten einzulaſſen. Inzwiſchen pries er ſich ſehr glücklich, daß ihn ein weiſer Mann mit ſeinem Rath und ſeinen Lehren unterſtützte. Deſſen ungeachtet fing unſer Held an, ungeduldig zu werden nachdem er alle Geldmäkler und Notare in der ganzen Stadt ohne den geringſten Erfolg conſultirt hatte. Er beſchloß daher, ſeine Zu⸗ flucht zu einer öffentlichen Anzeige zu nehmen. Doch der Lord rieth ihm, dieſen Verſuch ſo lange aufzuſchieben, bis alle andere Mittel fehlgeſchlagen wären. Denn alle Zungendreſcher in ganz London würden dadurch aufmerkſam werden, und ihn, wenn ſie ihn gleich nicht„über das Ohr hauen“ könnten, doch ganz unfehlbar ſo plagen und quälen, daß er nicht einen Augenblick Ruhe hätte. Gleich nach dieſem Geſpräche traf Pickle von ungefähr dicht bei des Lords Hotel mit deſſen Haushofmeiſter zuſammen. Er hielt denſelben auf, um ihm den ſchlechten Erfolg ſeiner Bemühungen mit⸗ zutheilen. Der Haushofmeiſter äußerte hierüber ſeine Theilnahme, 147 rieb ſich mit ſinnender Miene das Kinn, und ſagte:„So eben kommt mir ein Gedanke, wie Ihre Angelegenheit vielleicht auf's Reine ge⸗ bracht werden kann.“ Auf dieſen Wink bat unſer junger Herr den Mann, ihn in das nächſte Caffeehaus zu begleiten. Sie wählten ſich ein einſames Zimmer, und der gravitätiſche Haushofmeiſter gab Peregrine zu verſtehen, daß einige von des Lords Gütern wegen einer Schuld, die deſſen Großvater zur Verſorgung der jüngern Kinder aus der Familie gemacht habe, verhypothezirt wären, und daß man dieſe Grundſtücke nicht wieder einlöſen könnte, wofern dieſe Schuld nicht in wenigen Monaten abgetragen würde.„Mylord,“ ſetzte er hinzu, „hat immer auf einem glänzenden Fuß gelebt, und ungeachtet ſeines anſehnlichen Vermögens und der Einkünfte von ſeinen verſchiedenen Ehrenämtern ſo wenig Geld zurückgelegt, daß ich überzeugt bin, er wird ſich genöthigt ſehen, zehntauſend Pfund aufzunehmen, um die Summe voll zu machen, die zur Einlöſung jener Grundſtücke erfor⸗ derlich iſt. Nun bin ich zwar gewiß, daß, wenn ſein Vorhaben be⸗ kannt wäre, Leute von allen Ständen ihn beſtürmen würden, ihr Geld anzunehmen. Denn auf ſo unbezweifelte Sicherheit leiht Jeder⸗ mann gern Geld. Es kann auch wohl ſeyn, daß er ſchon irgend einem ſpeciellen Bekannten den Vorzug verſprochen hat. Inzwiſchen will ich, wenn's Ihnen gefällig iſt, Se. Lordſchaft, da ich weiß, wie ſehr Sie Ihr Intereſſe zu Herzen nehmen, darüber ſondiren, und Ihnen in einem oder ein paar Tagen von dem Erfolg Nachricht geben.“ Peregrine, voll Freude, ſeine Angelegenheit ſo ganz nach Wunſch ordnen zu können, dankte dem Haushofmeiſter für dieſen freundſchaft⸗ lichen Wink und zuvorkommende Bereitwilligkeit, und verſicherte ihn, ſeine Erkenntlichkeit durch die That zu beweiſen, wenn die Sache in Richtigkeit käme. Den Tag darauf brachte ihm der gütige Haushof⸗ meiſter die erfreuliche Nachricht, Se. Lordſchaft wären es zufrieden, zehntauſend Pfund auf Hypothek und fünf Prozent von ihm zu bor⸗ gen. Dieß nahm er als einen Beweis der beſondern Achtung ſeines hohen Gönners an. Die nöthigen Schriften wurden, unmittelbar 148 aufgeſetzt und das Geld dem Lord überliefert, der in Gegenwart des Gläubigers dem Haushofmeiſter auf's Schärſſte anbefahl, die Zinſen genau mit dem Quartaltage abzutragen. Nachdem auf dieſe Art der größte Theil von dem Vermögen unſeres Helden glücklich untergebracht und der Agent mit fünfzig Pfund beſchenkt war, begann Pickle ſeinen Einſchränkungsplan zu vollführen. Alle ſeine Bedienten, den einzigen Pips ausgenommen, wurden entlaſſen, ſein Wagen und ſeine Wettrenner abgeſchafft, ſeine Hausmiethe gekündigt und alle ſeine Möbel verſteigert. Sein hitzi⸗ ges Temperament zeigte ſich hierin ſo gut wie in jeder andern Handlung ſeines Lebens. Denn bei jedem Schritt, den er in Aus⸗ führung dieſes Projekts der Erſparung that, war er ſo eifrig, ja ſo⸗ gar ſo übereilt, daß ihn die meiſten ſeiner Freunde entweder für völlig zu Grunde gerichtet oder für verrückt hielten. Allein er be⸗ antwortete alle ihre Vorſtellungen mit einer Menge weiſer Denk⸗ ſprüche, zum Beiſpiel:„Kurze Thorheiten ſind die beſten;“„beſſer ſich aus Ueberzeugung eingeſchränkt, als aus Nothwendigkeit,“ und mit mehr dergleichen klugen Marimen, die das Reſultat der Erfah⸗ rung und philoſophiſchen Nachdenkens zu ſeyn ſchienen. Ja, ſeine jetzige Liebe zur Wirthſchaftlichteit erſtieg einen ſo hohen Grad des Enthuſiasmus, daß ihn wirklich die Begierde ergriff, Geld zu ſam⸗ meln; und da ihm täglich von den Mäklern, die er gebraucht hatte, Vorſchläge zur Unterbringung ſeines Kapitals gemacht wurden, ſo wagte er endlich fünfzehnhundert Pfund auf Bodmerei, wozu er durch die gebotene hohe Proviſion verleitet ward. Zur Ehre unſeres Abenteurers muß jedoch bemerkt werden, daß dieſe Sucht zu erſparen den guten Eigenſchaften ſeines Herzens gar keinen Eintrag that. Er war noch immer ſo freundſchaftlich und gutthätig, wie ſonſt; nur daß ſeine Freigebigkeit mehr von der Ver⸗ nunft im Zügel gehalten ward. Er hätte zur Vertheidigung ſeiner Freigebigkeit anführen können, daß er das Ueberflüſſige in ſeinen Ausgaben einſchränfte, um im Stande zu ſeyn, ſeinen Nebenmenſchen in Noth beiſtehen zu können. Die Gegenſtände, auf die ſich ſein Mitleid erſtreckte, waren zahllos. Er übte aber dieſe Tugend ganz insgeheim, nicht nur um die Beſchuldigung der Ruhmredigkeit zu vermeiden, ſondern auch, weil er ſich ſchämte, von den tadelſüchtigen Beobachtern der heutigen Generation auf ſo linkiſchen unmodiſchen Handlungen ertappt zu werden. Er ſchien in dieſem Stück die Be⸗ griffe von Tugend und Laſter mit einander zu verwechſeln; denn er that das Gute verſtohlen, wie andere Leute das Böſe. Er hatte die ſonderbare Capriſe, ſich häufig öffentlich in ſpöttiſchen Anmerkungen über die Armuth zu ergießen, die er insgeheim unterſtützte. Gleich⸗ wohl vermied er die Bekanntſchaft derjenigen, die er ſeines Beiſtan⸗ des bedürftig erachtete, ſo'wenig, als er ihnen ihre dringenden Bit⸗ ten abſchlug. Sie hatten vielmehr ſtets Zutritt bei ihm, und er war gegen ſie offen und gefällig, ſelbſt zu der Zeit, wenn ſein hochfahren⸗ der Geiſt Leute, die über ihm waren, in Entfernung hielt. Er er⸗ ſparte dem beſcheidenen Mann öfters die Angſt und Verwirrung eines Geſtändniſſes, indem er ſeine Noth ausforſchte und durch freimüthi⸗ ges Anerbieten ſeiner Börſe und Freundſchaft deſſen Geſuche zuvorfam. Doch übte er dieſe Gutthätigkeit nicht ohne Unterſchied gegen alle Nothleidenden ſeiner Bekanntſchaft aus. Es gibt allenthalben einen Haufen müßiger, ſchwelgeriſcher Geſellen, die, nachdem ſie ihr Vermögen vergendet, und alles Gefühl von Ehre und Schaam beſiegt haben, ſich dadurch ihren Unterhalt erwerben, daß ſie beſtändig von denen borgen, die noch nicht am Ende derſelben Laufbahn ſind, und nicht Entſchloſſenheit genug haben, ihren ungeſtümen Forderungen zu widerſtehen. Gegen dieſe war er ſtets unbeweglich, wiewohl er ſich ſchlechterdings nicht von ihrer Geſellſchaft losmachen konnte, indem ſie durch eine ſtarke Portion Unverſchämtheit und durch die ihrer ehemaligen Bekannten, die ſie noch zu erhalten im Stande geweſen ſind, an allen den Orten Zutritt erlangen, wo rechtliche Leute ſich zu ergötzen pflegen. Bettler von dieſer Klaſſe hatten ohne Erfolg verſchiedene Angriffe auf ſeine Börſe gemacht. Einer der 150 abgefeimteſten von ihnen kam eines Tages auf der Mall zu ihm. Nach den gewöhnlichen Wetterbemerkungen tadelte er die dicken Nebel von London und begann eine Abhandlung von der Verſchiedenheit der Himmelsſtriche. Er zog das Klima der Grafſchaft, worin er geboren war, jedem andern unter der Sonne vor.„Sind Sie jemals in Gloceſterſhire geweſen?“ fragte er Peregrine.„Nein,“ antwor⸗ tete dieſer.„Dort iſt mein Landſitz,“ fuhr jener fort,„und es würde mir ſehr lieb ſeyn, Sie daſelbſt zu ſehen. Laſſen Sie uns in den Oſterfeiertagen hinunterreiſen. Ich kann Ihnen recht gute Land⸗ mannskoſt und vortreffliche Motion verſprechen. Denn es fehlt mir dort an nichts, und ich habe eine ſo gute Meute zur Fuchsjagd, als es nur in den drei Königreichen geben mag. Die nette Bauart des Hauſes kann ich eben nicht herausſtreichen. Es iſt nur ein altes Gebäude; und die ſind, wie Sie wiſſen, gemeiniglich kühl und nicht recht bequem. Aber hol' der Teufel das Haus, die wohlgedüngten Aecker ringsum ſind die Hauptſache. Es iſt, ſo wahr ich lebe, eine wahre Herrlichkeit! Wenn nur meine alte Großmutter erſt todt wäre!— Das andere Jahr kann ſie nicht mehr erleben. Sie iſt ſchon aus den Sechszigen und ganz hin. Was das anbelangt, ſo hab' ich, wie mich dünkt, einen Brief in der Taſche, worin die Nach⸗ richt ſteht, daß die Doktoren ſie bereits aufgegeben haben. Laſſen Sie mich mal ſehen!—— Nein, verdammt! er ſteckt zu Hauſe in meinem andern Rock!“ Pickle hatte von Anfang ſeines Diskurſes an deſſen Zweck durch⸗ ſchaut. Er ſchien auf ſeine Reden die ernſtlichſte Aufmerkſamkeit zu verwenden, und unterbrach ihn nur zuweilen durch ein„Hm!“ oder „Ha!“ oder:„Ei der Kukuk!“ und durch verſchiedene höfliche Fragen, die der Andere für glückliche Vorbedeutungen eines guten Erfolgs hielt. Als ſie am Eingange des Parks von St. James waren, ſiel unſer boshafter Jüngling ihm mit Einem Mal in die Rede und ſagte:„Ich ſehe, Sie wollen noch weiter; mein Weg geht dahin.“ Mit dieſen Worten beurlaubte er ſich von dem Pflaſtertreter, der 151 ihn gern aufhalten wollte, und ihm überlaut nachrief:„Ich habe Ihnen die Lage des Schloſſes noch nicht beſchrieben.“ Allein Pere⸗ grine verſetzte eben ſo laut, ohne ſtill zu ſtehen:„Auf ein andermal! auf ein andermal!“ In einem Augenblick verſchwand er, und ver⸗ ließ den Projektmacher ſehr gekränkt wegen ſeiner fehlgeſchlagenen Erwartung. Denn er war geſonnen, die Beſchreibung mit der Bitte zu ſchließen, ihm zwanzig Pfund vorzuſchießen, die er von der erſten Geldremiſſe, die von ſeinen Gütern einginge, wieder abbezahlen wollte. Es würde für unſern Helden gut geweſen ſeyn, wenn er ſtets ſo bedachtſam verfahren wäre. Allein er hatte Augenblicke, wo er nicht auf ſeiner Hut war, und eine Beute ſeines argloſen, biedern Herzens wurde. Unter ſeinen Bekannten befand ſich einer, deſſen umgang ihm vorzüglich behagte. Dieſer Mann war offen, ein ange⸗ nehmer Geſellſchafter und hatte viele vernünftige Gedanken über die Liſt und Betrügerei der Menſchen. Es war ihm gelungen, auf eine geſchmackvolle und glaͤnzende Art ein recht hübſches Vermögen durch⸗ zubringen. Jetzt ſah er ſich genöthigt, allerlei Ränke zu ſchmieden, um ſeine Familie zu erhalten, die aus einer Frau und einem Kinde beſtand. An den nothwendigſten Lebensbedürfniſſen fehlte es ihm zwar nicht; dieſe erhielt er durch die Mildthätigkeit ſeiner Freunde. Allein eine ſolche Verpflegung war ſeinen Neigungen gar nicht an⸗ gemeſſen. Er hatte durch verſchiedene unglücklich ausgefallene Plane geſucht, ſich wieder in ſeine vorige Unabhängigkeit zu ſetzen. Einſtmals des Abends ſaß Peregrine allein auf dem Caffeehauſe und hörte einem Geſpräch zwiſchem dieſem Projektmacher und einem andern Herrn über eine Sache zu, die ſeine Aufmerkſamkeit feſſelte. Der Fremde war Verwalter einer Summe von fünfzehnhundert Pfund, welche eine Baſe der Tochter des Andern in ihrem letzten Willen vermacht hatte. Der Vater erſuchte dieſen Mann ſehr dringend, ihm das Erbgut auszuzahlen, indem er verſicherte, er habe Gelegenheit, das Geld ſo auszuleihen, daß ſeiner Familie dadurch ein großer Vor⸗ theil erwachſen könnte. Der Vormund ſtellte ihm vor, daß er mittelſt 152 ſeines Amtes für das Geld haften müßte, bis das Kind achtzehn Jahr alt wäre. Zugleich aber gab er ihm zu verſtehen, wofern er ihm ſolche Sicherheit verſchaffte, die ihn für alle Folgen ſchadlos hielte, wolle er ihm ſogleich das Vermächtniß auszahlen. Auf dieſen Vorſchlag antwortete der Vater, es wäre nicht zu vermuthen, daß er das Vermögen ſeines einzigen Kindes auf eine nichtige Spekulation wagen würde. Daher hielte er es für vernünftig, es einſtweilen zu ſeinem Gebrauch zu haben; und was die Sicherheit anlangte, ſo wollte er nicht gern einem ſeiner Freunde mit einer Sache beſchwerlich fallen, die ohne deſſen Beitritt abgeſchloſſen werden könnte. Auch bemerkte er, daß er ſeine Willfährigkeit nicht für einen Freundſchafts⸗ dienſt anſehen würde, wenn er ſie nur gegen Sicherheit erhielte. Auf dem Fnß könne er von jedem Wucherer in der Stadt dieſe Summe geliehen bekommen. Nach manchen dringenden Bitten von der einen und eben ſo vielen Ausflüchten von der andern Seite ſagte der Herr, der das Geld in den Händen hatte, er wolle zwar die zum Behuf der Tochter in ſeine Hände niedergelegte Summe nicht herausgeben, aber ihm doch einſtweilen das Benöthigte leihen; und wenn er die Einwilli⸗ gung der Tochter, ſobald ſie großjährig ſey, zu erhalten im Stande wäre, ſo ſollte das Geld auf deren Rechnung geſetzt werden, wofern er einen Mann von Credit ausfindig machte, der ſich zur Sicherheit des Leihers unterſchriebe. Dieſer Beding war ein Hinderniß, das der Andere ohne große Schwierigkeit aus dem Wege zu räumen nicht würde im Stande geweſen ſeyn, wenn ſich unſer Held ſeiner Sache nicht angenommen hätte. Es jammerte ihn, daß ein Mann von Ehre und Verſtand um einer ſo armſeligen Urſache willen in ſeinen wich⸗ tigſten Angelegenheiten leiden ſollte. Daher miſchte er ſich als guter Bekannter in die Unterredung, und äußerte ſich als ein Freund, der ſich für die Sache intereſſirte. Nachdem er von Allem vollſtändig unterrichtet war, bot er ſich dem Darleiher als Bürgen an. Da dieſer Peregrine gar nicht kannte, ſo ward ihm am folgenden 153 Tage deſſen Vermögenszuſtand dargelegt. Jetzt trug er kein weiteres Bedenken, ſeinem Freunde mit tauſend Pfund zu dienen. Er empfing dafür ihre beiderſeitige Handſchrift auf ſechs Monate zahlbar. Doch betheuerte er dabei, dieß Geld ſolle vor der Großjährigkeit des Kin⸗ des nicht abgefordert werden, wenn ſich nicht etwa ein ganz unvor⸗ hergeſehener Unfall ereignete. Pickle hielt dieſe Erklärung für auf⸗ richtig, weil jener keinen Grund haben konnte, ſich zu verſtellen; allein hauptſächlich verließ er ſich ſeiner Sicherheit wegen auf die Redlichkeit und Zuverſicht des Borgenden. Dieſer verſicherte ihm, es möchte ſich auch zutragen, was da nur wollte, ſo würde er im Stande ſeyn, zwiſchen ihn und alle Gefahr zu treten; denn ſein Plan ſey ſo beſchaffen, daß er in wenig Monaten die Summe unfehlbar dreifach vermehrt haben müßte. Kurz nach dieſer Sache wurde die Wahl eines neuen Parlaments ausgeſchrieben. Auf Anrathen ſeines hohen Gönners begab ſich Pickle auf das Land, und ſuchte die Stimmen für die Wahl zu einem Burgflecken zu gewinnen. Zu dem Ende hatte er ſeine Taſchen mit einer hinlänglichen Anzahl Banknoten gefüttért. Allein unglücklicher Weiſe traf es ſich, daß ſich ſeinem Projekte das Intereſſe einer großen Familie entgegenſetzte, die eine lange Reihe Jahre hindurch Parla⸗ mentsglieder für dieſen Ort gemacht hatte. Dieſe ward durch das Hinzudrängen unſers jungen Herrn ſo beleidigt, daß ſie zur Vereite⸗ lung ſeiner Abſicht zehntauſend Pfund anzuwenden drohte. Dieß war nur ein Sporn mehr für Peregrine, der auf ſeinen Einfluß und auf ſeine Geſchicklichkeit ſo viel Zutrauen hatte, daß er ſich wirklich im Stande glaubte, Se. Gnaden in Dero eigenem Gebiete nieder⸗ zukämpfen, und durch dieſen Sieg ſeinen Ruf und ſein Intereſſe bei dem Miniſter zu befeſtigen, der auf Empfehlung ſeines vornehmen Freundes ſich ſeiner Sache annahm, und der es ſehr gern geſehen, wenn einer ſeiner größten Feinde einen ſo ſchimpflichen Sturz erlitten hätte, wodurch deſſen Credit bei ſeiner Faktivn mächtig erſchüttert worden ſeyn würde. 154 Durch dieſe Ideen des Stolzes und der Ehrſucht berauſcht, bot unſer Held alle ſeine Talente auf, um ſein Vorhaben durchzuſetzen. Er ſparte kein Geld, um die Wähler wohl zu bewirthen. Allein hierin that es ihm ſein kräftig unterſtützter Rival gleich. Pickle nahm daher ſeine Zuflucht zu ſolchen Mitteln, in denen er es jenem zuvorzuthun glaubte. Er gab den Damen Bälle, machte den Ma⸗ tronen ſeine Aufwartung, fügte ſich mit erſtaunlicher Leichtigkeit in die verſchiedenen Temperamente, trank mit denen, die gern in der Stille ein Schlückchen trinken, liebelte mit den Verliebten, andäch⸗ telte mit den Frömmlern, klatſchte trotz einer Frau Baſe mit denen, die an der Mediſance Vergnügen fanden, und erſann mit großem Scharfſinn für Jeden Geſchenke, die ihm behagten. Dieß war die wirkſamſte Methode, diejenigen Wähler für ſich zu gewinnen, die unter dem Pantoffel ihrer Weiber ſtanden. Was die Uebrigen be⸗ trifft, ſo griff er ſie auf die Art an, wie ihnen am beſten beizukom⸗ men war. Er gab große Fäſſer Bier und Wein Allen zum Beſten, die kommen wollten; und zu den habſüchtigen Herzen, welche das Getränk mit ihm nicht öffnen wollten, bahnte er ſich mittelſt eines goldenen Schlüſſels den Zugang. Während er ſo vperirte, blieb ſein Gegner keineswegs müßig. Sein Alter und ſeine Kränklichkeit erlaubten ihm nicht, perſönlich Hof zu machen und an allen Geſellſchaften und Luſtpartieen Theil zu nehmen; allein ſein Hofmeiſter und ſein Anhang waren für ihn mit der größten Sorgfalt und Beharrlichkeit thätig. Durch dieſe Colliſion ſtieg der Preis der Wahlſtimmen ſo hoch, daß den Tag vor der Wahl Peregrine's baares Geld gänzlich erſchöpft war. Er ſah ſich daher genöthigt, an ſeinen hohen Gönner zu ſchreiben, ihm ſeine Verlegenheit zu melden, und ihn dringend zu erſuchen, ſo ſchleunige Maßregeln als nur möglich zu treffen, um ſein ſo glücklich begonne⸗ nes Geſchäft beenden zu können. Der Edelmann legte dem Miniſter den obſchwebenden Fall vor, und in ein paar Tagen hatte unſer Candidat bei dem Oberſteuer⸗ 155⁵5 Einnehmer der Grafſchaft Credit. Dieſer lieh ihm zwölfhundert Pfund auf einen von ihm perſönlich ausgeſtellten Schein, der auf Sicht zahlbar war. Vermittelſt dieſer neuen Hülfstruppen richtete er es ſo geſchickt ein, daß er offenbar einer Mehrheit der Stimmen ver⸗ ſichert war; und nichts würde ihm in ſeiner Wahl im Wege geſtanden haben, wenn nicht der edle Peer, ſein Mitbewerber, um der Schaam und Kränkung zu entgehen, in ſeinem eigenen Burgflecken zu unter⸗ liegen, ſich erboten hätte, dieſe Sache mit Seiner Herrlichkeit in Güte abzumachen und zwei andere Mitglieder an einem andern Orte aufzugeben, wofern er ſich ihm nicht länger in ſeiner eigenen Ge⸗ meinde widerſetzen wollte. Dieſer Vorſchlag ward begierig angenommen. Den Abend vor der⸗Wahl erhielt Peregrine von ſeinem Gönner die Nachricht, ſeine Anſprüche aufzugeben, wenn er ſich nicht ihm und dem Miniſter mißfällig machen wollte; anbei verſprach er ihm, daß er für einen andern Ort gewählt werden ſolle. Keine andere Täuſchung in ſeinem Leben hätte unſerem Helden ſo viel Kummer machen können, als er jetzt beim Empfange dieſes qualvollen Befehls fühlte. Er ſah den Becher des Glückes ſeinen Lippen entriſſen und alle Hoffnungen ſeines Ehrgeizes in den Staub geſtreckt. Jetzt verwünſchte er den ganzen Troß ſeiner Hofbekannt⸗ ſchaften, raſete gegen den bübiſchen Plan der Politik, der er aufge⸗ opfert wurde, und ſchwur endlich, daß er die Früchte ſeiner Betrieb⸗ ſamkeit keinem Miniſter zu Gefallen aufgeben werde. Dieſer Ent⸗ ſchluß ward inzwiſchen durch ſeinen Freund, den Oberſteuereinnehmer, der ihm die Botſchaft brachte, unkräftig gemacht. Denn, nachdem ihn dieſer vergebens zu beſchwichtigen verſucht hatte, ſo ließ er ihn wegen des ihm vorgeſchoſſenen Geldes auf der Stelle verhaften. Dieß geſchah vermöge einer Vollmacht, mit der er ſich zu verſehen ange⸗ wieſen worden war. Anfänglich hatte Erſtaunen und Unwille alle Kräfte ſeiner Seele und ſeines Körpers betäubt, und es vergingen einige Minuten, ehe ſeine Nerven dem Antrieb ſeiner Wuth gehorchen 156 wollten. Letztere offenbarte ſich endlich durch einen ſolchen Schlag an die Schläfe des Klägers, daß er ihn längelang zu Boden ſtreckte. Dieſe Gewaltthätigkeit, die in einer Schenke vorfiel, wohin man ihn mit allem Bedacht gelockt hatte, machte den Gerichtsvogt und ſeine Leute aufmerkſam. Sie ſtürzten, vier an der Zahl, mit Einem Male hinein und auf ihn zu, um ſich ſeiner zu bemächtigen. Doch ſein Zorn verlieh ihm außergewöhnliche Stärke und Behändigkeit. Er riß ſich in Einem Augenblick von ihnen los, ergriff ein Schüreiſen, die erſte Waffe, die ihm in die Hände fiel, und handhabte es mit unglaublicher Schnelligkeit und Kraft gegen ihre Schädel. Der Gerichtsvogt, der ſich unterſtanden hatte, Hand an ihn zu legen, empfand die erſten Wirkungen ſeiner Wuth in einem Streich über die Kinnbacken, der ihn um drei ſeiner Zähne brachte, und ihn quer über den Leib des Steuereinnehmers hinſtürzte, mit dem er ein förmliches Andreaskreuz machte. Da einer ſeiner Untergebenen das Schickſal ſeines Chefs ſah, wollte er es nicht wagen, den Sieger von vorn anzugreifen, ſondern ſuchte ihm in die Flanken zu fallen. Allein unſer Held empfing ihn ſeitwärts mit der linken Hand und dem linken Fuße, die er ſo meiſterlich gegen die rechte Seite von deſſen Bein und die linke Seite von deſſen Hals applieirte, daß er kopfüber in den Kamin ſiel, wo ſein Kinn ſo auf den Roſt traf, daß es in Einem Augenblick bis auf den Knochen verbrannte. Der übrige Theil des Detaſchements hielt es nicht für rathſam, das Scharmützel fortzuſetzen. Sie räumten in größter Schnelligkeit das Zimmer, ſchloßen es von außen zu, brüllten überlaut nach den Bedienten des Steuereinnehmers, und baten ſie, ihrem Herrn zu Hülfe zu kom⸗ men, der ſich in Lebensgefahr befände. Mittlerweile hatte ſich der Einnehmer wieder erholt, und bat um Capitulation, die ihm mit vieler Schwierigkeit endlich von unſerem entrüſteten Candidaten zugeſtanden ward. Nunmehr beklagte er ſich bitterlich über die ungeſtüme Gemüthsart des jungen Herrn, und ſtellte ihm ſehr gelaſſen die Gefahr vor, welcher er ſich durch ſeine 157 Unbedachtſamkeit und raſches Weſen ausſetzte. Er ſagte ihm, daß nichts frevelhafter und fruchtloſer ſey, als der Widerſtand, den er gegen die Geſetze ſeines Landes zeigte. Es würde ihm ſchlechterdings unmöglich ſeyn, der geſammten executiven Gewalt der ganzen Graf⸗ ſchaft Trotz zu bieten, die er leicht auffordern könnte, ihn zu ergrei⸗ fen und in Verwahrung zu bringen. Ferner bemerkte er, außer der Beſchimpfung, die er ſich durch ſein unvorſichtiges Betragen zuzöge, würde er ſein Intereſſe ganz zu Grunde richten, wenn er ſeine Freunde bei der Regierung beleidigte, die ihm jetzt, wie er wüßte, ſehr geneigt wären; daß er ſeinerſeits das, was er gethan, auf ausdrücklichen Befehl ſeines Obern unternommen hätte, und nicht in der Abſicht, ihm Verdruß zu machen; und daß er, weit entfernt, ſein Feind zu ſeyn, trotz der ihm widerfahrenen ſchmachvollen Beleidigung bereit ſey, den Haftbefehl zurückzunehmen, wofern er nur vernünftigen Vor⸗ ſtellungen Gehör geben wollte. Peregrine, den dieſe Vorſtellungen einigermaßen beſänftigten, und der ſich in der Stille die eingetretenen und etwa noch eintreten⸗ den Folgen ſeiner Haſt und ſeines Zornes vorwarf, zeigte ſich fügſam. Die Gerichtsdiener erhielten demnach Befehl, ſich zu entfernen, und er und der Einnehmer hielten eine Conferenz. Das Reſultat der⸗ ſelben war, daß unſer abenteuernder Ritter unmittelbar nach London abreiste. Auf dieſe Art ward den Tag darauf ſein Mitbewerber einmüthig gewählt, weil Niemand erſchien, der ſich ſeiner Wahl wi⸗ ſetzt hätte. Der getäuſchte, mißvergnügte Pickle begab ſich bei ſeiner An⸗ kunft in der Stadt direkt nach dem Hauſe ſeines Gönners. Noch voll Aerger über ſeine fehlgeſchlagene Erwartung beklagte er ſich gegen dieſen Herrn bitterlich über die Art, wie man ihn behandelt hätte, und ſtellte ihm vor, außer dem Schimpfe, unterlegen zu haben, hätte er nicht weniger denn zweitauſend Pfund eingebüßt, die bei dem Einnehmer contrahirte Schuld ungerechnet. Seine Lordſchaft waren auf dieſe Beſchwerden gefaßt; Sie kannten das heiße Blut 158 des jungen Mannes; daher beantworteten Sie jeden Artikel dieſer Beſchuldigungen mit großer Kaltblütigkeit. Sie unterrichteten ihn von den Beweggründen, die den Miniſter veranlaßt hatten, Pickle's Intereſſe aufzugeben, und ſchmeichelten ihm mit der Vorſtellung, daß Se. Herrlichkeit ihm dieſen Verluſt reichlich vergüten würden. Am nächſten Tage ſtellte dieſer Cavalier Peregrine dem Miniſter vor, und empfahl ihn demſelben angelegentlich. Der Miniſter, ein Muſter von Gefälligkeit, empfing unſern Helden mit der größten Leutſeligkeit, und dankte ihm auf das Liebreichſte für ſeine Bemühun⸗ gen, das Wohl des Staates zu unterſtützen und zu erhöhen. Er gab ihm die bündigſten Verſicherungen, die erſte Gelegenheit zu er⸗ greifen, ihm ſeine Erfenntlichkeit für ſeinen Eifer und für ſeine An⸗ hänglichkeit an den Tag zu legen, und bat ihn, ſich öfter des Mor⸗ gens bei ſeinem Lever einzufinden, damit er in dem Drange vielfäl⸗ tiger Geſchäfte nicht etwa ſo unglücklich wäre, ſeine Dienſtwilligkeit und ganz beſondere Meriten zu vergeſſen. In unſerem Verlage ſind erſchienen und durch alle Buchhand⸗ lungen zu beziehen: Porletzter Weltgang von Semilaſſo. Traum und Wachen. Aus den Papieren des Perſtorbenen. Erſter Theil. In Europa. Erſte, zweite und dritte Abtheilung. 8. broſch. 7 Thlr. oder 12 fl. Der geiſtreiche Verfaſſer, ausgezeichnet durch die glänzendſte Dar⸗ ſtellungsgabe, pikanten Witz, Reichthum der ſcharfſinnigſten Be⸗ obachtungen, Freimüthigkeit und hohe Eleganz, hat dieß alles in ſeinem neueſten Werke in ſo reichem Maße vereinigt, daß wir daſſelbe als eine der intereſſanteſten Erſcheinungen in der neueren Literatur zu bezeichnen keinen Anſtand nehmen. Würdig ſchließt ſich Semi⸗ laſſo's Weltgang an die Briefe eines Verſtorbenen, als deren verheißene Fortſetzung Jeder es anerkennen wird. Uachtſtüche aus dem Drama der franzöſiſchen Revolution. Aus dem Franzöſiſchen von Fr. Seybold. 8. broſch. 1 fl. 48 kr. oder 1 Thlr. Das denkwürdigſte und entſetzlichſte Drama unſerer Tage zieht in dieſem Buche in Bildern nach dem Leben vor dem Leſer vorbei, in Bildern, welche eine Meiſterhand entwarf, die es verſteht, jede Saite des Menſchenherzens anzuregen und zu erſchüttern. Die deutſche Bearbeitung theilt die Vorzüge aller Uebertragungen des ausgezeichneten Ueberſetzers. Ballberger'ſche Perlagshandlung.