Tobias Smollet's humoriſtiſche Romane. Zehnter Vand. Enthält: Peregrine Pickle. IIHIH. Stuttgart. Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1841. Peregrine Pickle. Roman von Tobias Smollet. Aus dem Engliſchen von E. Ortlepp. Dritter Band. Stuttgart. Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1841. Fünfundfünfzigſtes Kapitel. Pickle unterhält ſich mit dem Maltheſerritter über das engliſche Theater. Dieß zieht eine Abhandlung des Doktors über die Schaubühnen der Alten nach ſich. Der übrige Theil der Geſellſchaft begab ſich jetzt nach dem Zeug⸗ hauſe. Nachdem ſie dieſes und zugleich einige merkwürdige Kirchen geſehen hatten, beſuchten ſie auf dem Rückwege das Theater, in wel⸗ chem ſie einer recht braven Aufführung von Corneilles Cid beiwohn⸗ ten. Dieß brachte bei dem Abendeſſen das Geſpräch auf dramatiſche Darſtellungen. Alle Einwürfe, die Monſieur de Seutery gegen das Stück gemacht, das ſie geſehen hatten, und die Entſcheidungen der franzöſiſchen Akademie über daſſelbe wurden geprüft und erörtert. Der Chevalier war ein Mann von Geiſt und Geſchmack, der die eng⸗ liſche Bühne genau kannte. Der Maler äußerte ſich gegen das Spiel der Franzoſen, indem er ſich darauf ſtützte, daß er einen Kunſtrichter⸗ Clubb in Conventgarden beſucht habe, und öfters auf gemeſſenen Befehl in's Parterre eingelaſſen worden wäre. Darauf folgte dann eine Vergleichung nicht der Dichter, ſondern der Schauſpieler beider Nationen, welche dem Chevalier und Peregrine nichts weniger denn unbekannt waren. 6 unſer Held, als ein guter Engländer, gab ſeinen Landsleuten ohne Bedenken den Vorzug.„Sie malen,“ ſagte er,„die Leiden⸗ ſchaften ſo naturgetreu, und wiſſen ſich ſo lebhaft in den Geiſt ihrer Rollen zu verſetzen, daß ſie die Helden wirklich zu ſeyn glaubten, die ſie nur vorſtellten. Die Pariſer Schauſpieler dagegen übertreiben in Sprache und Aktion, ſelbſt in ihren wichtigſten Charakteren, der⸗ maßen, daß man beides nirgends anders, als auf dem Theater, an⸗ trifft.“ Um dieſe Behauptung zu beweiſen, bediente er ſich ſeines angebornen Talents, und ahmte Spiel und Sprache der vorzüglichern Darſteller und Darſtellerinnen der Franzoſen zu nicht geringer Ver⸗ wunderung des Chevaliers nach. Dieſer machte ihm über ſeine er⸗ ſtaunliche Fähigkeit, ſo täuſchend nachzuahmen, ſein Compliment, bat ihn aber, zugleich in verſchiedenen Stücken anderer Meinung ſeyn zu dürfen. „Ihnen abzuſtreiten, daß Sie gute Schauſpieler in England haben,“ ſagte er,„würde thöricht und ungereimt von mir ſeyn. Ihr Theater beſitzt eine wahre Zierde an einem Frauenzimmer, das ſo viel Gefühl und eine ſo ſchöne Stimme hat, dergleichen ich noch nie auf irgend einer Bühne gefunden habe. Dazu iſt ihre Figur ſo edel, und ihr Geſicht ſo ausdrucksvoll, daß ſie zu den einnehmendſten Charakteren in Ihren beſten Stücken ganz bewundernswürdig paßt; und ich muß offenherzig bekennen, eine Monimia und Belvidere zu London hat mich eben ſo ergötzt und ſo tief gerührt, als nur je eine Cornelia und Cleopatra zu Paris.“ „Ferner können Sie ſich einiger Komiker rühmen, die vollkom⸗ men Meiſter im Grimaſſiren und außerordentlich gute Buffons ſind. Doch, denk' ich, um frei von der Leber weg zu ſprechen, daß ſie darin den Amſterdamer Schauſpielern noch nachſtehen müſſen⸗ Ihrem Theater fehlt es auch überdieß nicht an Perſonen, die durch angeſtrengten Fleiß einen Grad von Vortrefflichkeit in der Vorſtel⸗ lung tragiſcher Charaktere erlangen können. Allein ich werde nie aufhören, mich darüber zu wundern, daß die Engländer, die unſtreitig 7 eine Nation von Geiſt und Geſchmack ſind, ſich ſo weit bethören laſſen, mit dem ausſchweifendſten Beifall, ich mag nicht ſagen, Hoch⸗ achtung und Anbetung, zweien Lieblingen zu ſchmeicheln, von denen ich kühnlich behaupten will, daß ſie mit ihren Talenten auf jedem andern Theater unter der Sonne ihr Brod mit genaueſter Noth ver⸗ dienen würden. „Ich habe geſehen, wie der Eine von ihnen in der berühmten Rolle Richard des Dritten, der doch gewiß kein lächerlicher Charakter iſt, in dem größten Theil einer Scene, wo der Dichter dieſen Für⸗ ſten als einen Gegenſtand des Abſcheus hinſtellt, um das Gelächter der Zuhörer eifrigſt buhlt und in dieſes ſeinen Triumph ſetzt; habe geſehen, wie eben derſelbe als Hamlet mit allen Aeußerungen des Zorns ohne evidente Urſache gegen ſeine Geliebte die geballte Fauſt ſchüttelt, und ſich gegen ſeine Mutter wie der ungezogenſte Bube be⸗ trägt. So wenig Würde und Beobachtung des Decorums an einem Prinzen zn bemerfen, der der Liebling des Volks zu ſehn ſchien, das ärgerte mich. Ich tadelte das Genie, das dieſen Charakter geſchaffen hatte. Als ich das Stück aber zum Zweitenmale geſehen hatte, traf mein ganzer Tadel den Schauſpieler, der, meiner Einſicht nach, den Dichter total fehlverſtanden haben muß! „In einem andern Stück, wo in einer Scene Schreck' und Er⸗ ſtaunen ſeine ganze Seele ergriffen haben mußten, und wo ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf den furchtbaren Gegenſtand hätte gerichtet ſeyn ſollen, den er vor ſich hatte(ich meine den Freund, den er er⸗ mordet), ließ er keine andere Leidenſchaft blicken, als Unwillen gegen ein Glas, das er mit großer Heftigkeit gegen den Boden und in. Stücke wirft, als wenn er eine Spinne in ſeinem Weine gefunden hätte.* Ein andermal, indem er den Fußboden feſt anſtarrt, fährt Sier iſt Garrick und weiter unten Quin gemeint. ** Es könnte hier Macbeth nach der Ermordung ſeines Freundes Banko gemeint ſeyn. 8 er über die Erblickung eines Dolchs zuſammen, den er über ſeinem Haupte zu ſehen vorgibt, als ob der Boden ein Spiegel wäre, der das Bild des Dolches reflektirte. Einmal ſah ich ihn quer über das Theater gehen, und einem Menſchen, der eine untergeordnete Rolle hatte, eine Ohrfeige geben, und am andern Ende der Bühne die Worte:„das iſt für dich!“ oder ſo etwas mit großem Zorn aus⸗ ſprechen. „Er drückt die Betrübniß eines Helden durch die Thränen und das Geheul eines Schulknaben aus, und verkehrt das geſittete Be⸗ tragen eines feinen Mannes in die unbedeutenden und poſſierlichen Manieren eines elenden Tabakskrämers. Seine ganze Kunſt beſteht in einem wahnſinnigen Schreien, wie ich es in den Zellen von Bed⸗ lam gehört habe, in einer ſchleppenden, ſtockenden und erſtickten Sprache, als wenn er mit Engbrüſtigkeit behaftet wäre, in convul⸗ ſiviſchem Zuſammenfahren, in biegſamen Geſichtsmuskeln uud in den ausſchweifendſten Uebergängen. Mit Einem Worte, er hat ein herr⸗ liches Organ und vieles Leben, aber an Gefühl, Urtheilskraft und Grazie fehlt es ihm völlig. Nicht zu gedenken, daß er ſich nie ſchick⸗ lich zu kleiden weiß. Das geht ſo weit, daß er einen jungen Prin⸗ zen im Kleide eines Leichenbeſorgers und den ſchimmernden, modiſchen Lothario in Marktſchreiertracht ſpielt. „Man verzeihe mir, daß ich dieſen Liebling der engliſchen Nation mit ſo wenig Schonung behandelt habe. Um Sie aber zu überzeu⸗ gen, daß ich ein redlicher Mann bin, geſtehe ich Ihnen ganz offen⸗ herzig, daß er, trotz allem, was ich geſagt habe, Eigenſchaften genng beſitzt, eine anſehnliche Figur in den niedern, humvoriſtiſchen Rollen zu machen, an welchen ein Londoner Auditorium ſo vieles Behagen ſindet, wenn man ihn nur dahin vermögen könnte, ſich das übertrie⸗ bene Burleske abzugewöhnen, das der Natur und allem ſchlichten Verſtand widerſtreitet. „Was ſeinen Nebenbuhler im Ruhm anlangt, ſo ſteht er ihm, bei gleichen Fähigkeiten, an Behendigkeit, Lebhaftigke it und Organ 9 nach. Seine Sprache iſt beſtändiger veſpermäßiger Singſang, und ſeine Artion gleicht dem Hereinheben des Ballaſtes in den Schiffs⸗ boden. In ſeinem Aeußern ſcheint er Würde mit Uebermuth zu ver⸗ wechſeln. Den argliſtigen, bedächtlichen, ränkevollen Richard ſpielt er wie einen ſchreihalſigen, unverſtändigen, brauſenden Hektor. Den wilden Patrioten Brutus gibt er ohne alle“ Mäßigung und Anſtand. Ja, er und Eaſſius benehmen ſich bei ihrer Zuſammenkunft ſo lächer⸗ lich, daß ſie Fuß an Fuß ſetzen, einander Geſichter ſchneiden, wie ein Paar erbitterte Schuhflicker, ſich wiederholte Stöße mit ihren linken Seiten geben, damit ihre Degengefäſſe zur Beluſtigung der Zuhörer klappern; ganz wie ein paar Pickelheringe, die auf einem Brettgerüſte beim Bartholomänsmarkte den Pöbel zum Lachen zu bewegen ſuchen. „Die Verzweiflung eines großen Mannes, der den hölliſchen Ränken eines verſchlagenen Verräthers, der zugleich ſein Vertrauter iſt zum Opfer fällt,* drückt dieſer engliſche Aeſop** durch Stirn⸗ pauken und ſtiermäßiges Gebrüll aus. Faſt in jeder intereſſanten Scene hat er die Gewohnheit, den Kopf ſo ſeltſam zu ſchütteln und andere altväteriſche Geberden zu machen, daß ich, als ich ihn das Erſtemal ſpielen ſah, glaubte, der arme Mann werde von dem Veits⸗ tanz befallen. Kurz, die feineren Empfindungen der Seele ſchienen ihm völlig unbekannt zu ſeyn; deßhalb drückt er ſie auf eine ganz gemeine Art aus, und muß oft tief unter die Idee des Dichters ſinfen. Er nimmt daher ſeine Zuflucht zu ſo gewaltſamen Bewe⸗ gungen, daß er den Zuſchauer ohne Urtheilskraft täuſcht. Der Mann von Geſchmack hingegen ſetzt ihn unter die Claſſe derer, die ihr be⸗ wunderter Shakeſpeare ſehr richtig mit den Handlangern der Natur vergleicht, welche die Leidenſchaften zu Fetzen zerreißen. „Trotz allen dieſen Ungereimtheiten iſt der Mann aber dennoch Wahrſcheinlich Othello. — Aeſop war zu Cäſar's und Auguſi's Zeit ein großer tragiſcher Schau⸗ ſpieler in Rom. ein vortrefflicher Fallſtaf, ſtellt Heinrich den Achten ganz nach dem Leben dar, wird im Plain⸗Dealer mit Grund beklatſcht, glänzt in der Rolle des Sir John Brute, und würde ſich gleichfalls in man⸗ chen humoriſtiſchen Situationen der niedern Komödie auszeichnen, wenn ſein Stolz ihm erlaubte, darin zu ſpielen. Ich würde nicht ſo ſtreng gegen dieſe beiden Männer geweſen ſeyn, hätte ich nicht hören müſſen, daß ihre Anhänger ſie mit den lächerlichſten und ekelhafte⸗ ſten Lobſprüchen gerade in all' den Stücken überhäuft haben, in wel⸗ chen ſie meines Erachtens hauptſächlich gefehlt haben.“ Pickle, den es nicht wenig verdroß, die Fähigkeiten der beiden berühmteſten Schauſpieler ſeines vaterländiſchen Theaters ſo frei und unehrerbietig beurtheilen zu hören, antwortete mit einiger Bitterkeit, der Chevalier ſey ein wahrer Kunſtrichter, der ſich mehr Mühe gebe, die Fehler derjenigen zu bemerken die er eritiſirt, als die Vorzüge dieſer Leute herauszuheben. Es laſſe ſich gar nicht annehmen, daß ein Schauſpieler ſich in allen Charafteren gleich zeigen fönne; und was des Chevaliers Bemerkungen betreffe, ſo zeigten ſie unſtreitig von viel Einſicht; dennoch müſſe es ihn wundern, daß ihm, einem ſo fleißigen Beſucher des Theaters, ſtets einige andere entwiſcht wären. „Die erwähnten beiden Schauſpieler,“ ſagte er,„haben nach Ihrer eigenen Meinung große Verdienſte in komiſchen Rollen; was nun die Darſtellung hoher Perſonen in der Tragödie und die Aeu⸗ ßerung großer Leidenſchaften anlangt, ſo beſorge ich, daß beides nach dem manchfachen Temperamente und der manchfachen Ausbildung der Menſchen auf mancherlei Weiſe behandelt werden kann. Ein Spanier zum Beiſpiel wird, wenn ihn auch gleich mit dem Franzoſen einerlei Leidenſchaft beſeelt, dieſe doch auf eine ganz verſchiedene Art aus⸗ drücken. Was bei dem Einen für angenehme Lebhaftigkeit und Ge⸗ ſchicklichkeit gilt, das würde man bei dem Andern für Unverſchimt⸗ heit und Faſelei eines Gecken anſehen. Ja, ſelbſt das gewöhnlich Betragen in Frankreich iſt dem von einigen andern Nationen ſe 11 entgegengeſetzt, daß einer ihrer eigenen Landsleute in ſeinen Reiſen die Bemerkung macht: die Perſer ſagen noch heut zu Tage, wenn Jemand viele unnöthigen Geberden macht, er iſt entweder ein Narr oder ein Franzoſe. Noch iſt kein Maßſtab aufgeſtellt, wornach man ſich allgemein in ſeinem Betragen richten müßte. Auf dieſe Art kann ein Türke, ein Mohr, ein Indier, oder der Bewohner eines ieden Landes, wo Sitte und Tracht himmelweit von den unſrigen abweichen, alle die Erhabenheit der Geſinnungen edeldenkender Per⸗ ſonen beſitzen, und von den höchſten Leidenſchaften beſeelt ſeyn, die menſchliche Seelen entflammen, und dennoch durch deren Aeußerung mehr das Gelächter als die Theilnahme eines eurvpäiſchen Zuſchauers erregen. „Als ich zuerſt die berühmte Heldin Ihrer Pariſer Bühne“ in einer ihrer Hauptrollen ſah, ſchienen mir ihre Attitüden ſo heftig, und ſie ſchleuderte ihre Arme ſo übertrieben umher, daß ſie mir wie eine Windmühle vorfam, die ein rauher Wind treibt. Ihre Stimme und ihre Geſichtszüge ſtellten eine engliſche Zänkerin aus dem gemei⸗ nen Haufen ganz dem Leben dar. Eben ſo unnatürlich war nach meiner Meinung das Spiel Ihres Lieblings unter den männlichen Darſtellern.** Er trat mit dem affektirten Weſen eines Tanzmei⸗ ſters auf, hob in den beweglichſten Situationen ſeine Hände über den Kopf empor, wie ein Luftſpringer, der voltigiren will, und dann ſprach er, als wenn ſeine Kehle durch eine Haarbürſte verſtopft wäre. Jedoch als ich nachher dieſes Betragen mit dem des Volks verglich, vor dem es vorgeſtellt ward, und die auf allen Theatern der Welt herrſchende Uebertreibung dabei in Anſchlag brachte, ſo ward ich un⸗ vermerkt mit ihrer Vorſtellungsart ausgeſöhnt, und fand unter der ſiltſamen Außenſeite ſehr viel Gutes.“ Da der Chevalier merkte, daß Peregrine durch ſeine vorige Rede . Vermuthlich die Dümesnil. ohl kein Anderer als Lekain. 12 ein wenig beleidigt war, ſo bat er ihn um Verzeihung, daß er ſich die Freiheit genommen habe, die engliſchen Schauſpieler zu tadeln. Er verſicherte ihn, er hege unendliche Hochachtung für die Gelehr⸗ ſamkeit, das Genie und den Geſchmack der Engländer, derentwegen ſie auch in der gelehrten Welt mit Recht ſo geſchätzt würden; und ungeachtet ſeines ſtrengen Urtheils über ihre Schauſpieler glaube er doch, daß das Londner Theater meiſterhaftere Darſteller beſitze, als das Pariſer. Der junge Herr dankte ihm für dieſes höfliche Nachgeben. Pallet frohlockte darüber, und ſagte mit Kopfſchütteln:„Das glaub' ich auch, mein Herr,“ und der Doktor, der über einen Diſpüt, zu welchem er ſeinerſeits nichts beigetragen hatte, ungeduldig war, bemerkte mit einem hochfahrenden Weſen:„Die Schaubühne der Neuern lönne nicht im Mindeſten bei Jemanden in Betracht kommen, der von der Pracht der Bühne der Alten und ihren Vorſtellungen eine Idee habe⸗ Die Schauſpiele müßten auf Koſten des Staats gegeben werden, wie die des Sophokles bei den Athenienſern; auch müſſe man einige Richter anſtellen, die alle die Stücke, welche dem Publikum geboten würden, unterſuchten und ſie entweder annähmen, oder verwürfen.“ Darauf beſchrieb er den Schauplatz der Römer, der achtzigtau⸗ ſend Zuſchauer in ſich faßte, und gab eine gelehrte Unterſuchung von der Perſona, oder der Larve, die auf der römiſchen Bühne getragen wurde. Er ſagte, es ſey eine Maſchine geweſen, die den ganzen Kopf bedeckt und inwendig eine Höhlung von Erz gehabt habe, wodurch der Schall, ſo wie er aus dem Munde gekommen, zurückgeprallt ſey und die Stimme ſo erhöhet habe, daß ſie einem Auditorium von einem ſolchen Umfange vernehmlich geworden. Sodann erklärte der Doktor den Unterſchied zwiſchen dem Saltator und Declamator, wo⸗ von jener die Action gemacht und dieſer die Rolle hergeſagt habe. Davon nahm er Anlaß, der Vollkommenheiten ihrer Pantomimen zu erwähnen. Sie wären, ſagte er, ſo erſtaunend deutlich in ihrem Aus⸗ druck geweſen, daß ein gewiſſer Prinz von Pontus, der an Nero's 13 Hofe, wo er ſich aufhielt, eine Geſchichte durch einen von ihnen vor⸗ ſtellen geſehen, ſich denſelben vom Kaiſer erbeten habe, um ihn als Dolmetſcher bei den barbariſchen Völkern zu brauchen, die er nicht verſtände. Ja, ſogar verſchiedene cyniſche Philoſophen, fuhr er fort, die dieſes Vergnügen verdammten, bevor ſie daſſelbe kennen gelernt hatten, hätten nachher, als ſie Augenzeugen der bewundernswürdigen Geſchicklichkeit dieſer Leute geweſen waren, ihr Bedauern geäußert, ſich eine ſo vernünftige Erheiterung ſo lange verſagt zu haben. Nichts deſto weniger war er anderer Meinung als Peregrine, der zum Beweis der Vortrefflichkeit eines Schauſpielers angeführt hatte, daß einige der Mitglieder des engliſchen Theaters ſich einbil⸗ deten, das zu ſeyhn, was ſie vorſtellten. Zu dem Ende erzählte er eine Geſchichte aus dem Lucian von einem gewiſſen berühmten Pan⸗ tomimen, der, wie er den raſenden Ajar vorgeſtellt, wirklich einen Anfall von Wahnſinn bekommen habe.„Er riß,“ ſagte er,„die Kleider des vor ihm ſtehenden Schauſpielers in Stücke, ſchlug, um das Geräuſch zu vermehren, mit eiſernen Schuhen auf die Bühne, riß einem der Muſikanten ſein Inſtrument aus der Hand, ſchmetterte es dem auf dem Kopf entzwei, der den Ulyß vorſtellte, lief an die Conſularenbank und ſah ein paar Senatoren für die Schafe an, die erwürgt werden ſollten. Die Zuhörer bezeigten ihren lauteſten Bei⸗ fall und erhoben ihn bis in den Himmel. Allein der Pantomime war ſich ſeiner Ausſchweifungen zu gut bewußt, und verfiel aus Ver⸗ druß wirklich in eine Kränkheit. Als er den Gebrauch ſeiner Ver⸗ nunft wieder erlangt hatte, und man die Rolle wieder von ihm zu ſehen wünſchte, ſchlug er es geradezu ab, jemals wieder in einem ſolchen Charakter aufzutreten, indem er ſagte, daß die Thorheit, die am kürzeſten dauere, die beſte ſey, und daß er genug daran habe, Einmal in ſeinem Leben raſend geweſen zu ſeyn.“ Sechsundfünfzigſtes Kapitel. Pips wird wegen ſeiner eiſernen Hartnäckigkeit von Peregrine verabſchiedet. Dieſer lernt auf dem Wege nach Gent in der Diligence ein Frauenzimmer kennen, die ihn ſtark feſſelt. Um näher mit ihr bekannt zu werden, bringt er ihren Seelſorger auf ſeine Seite. Der Doktor würde jetzt, da er einmal in den Gang gebracht war, von den Alten zu reden, noch Gott weiß wie lange fortgefah⸗ ren ſeyn, wenn er nicht durch Jolter's Dazwiſchenkommen unterbro⸗ chen worden wäre, welcher der Geſellſchaft meldete, daß Tom Pips einen Soldaten beſchimpft habe, deßhalb auf der Straße umringt wäre, und gewiß von dem Pöbel erſchlagen werden würde, wenn ſich nicht eine Perſon von Anſehen unverzüglich für ihn in's Mittel ſchlüge. Peregrine hatte kaum von der Gefahr gehört, in welcher ſein treuer Knappe ſchwebte, als er ſeinen Degen zog, und die Treppe hinabſtürzte. Der Chevalier, der ihm folgte, bat ihn, er möchte ihm die ganze Angelegenheit überlaſſen. Etwa zwanzig Schritte von der Thüre des Hauſes ſah man Tom, mit dem Rücken an die Wand ge⸗ lehnt, ſich gar mannlich mit einem Beſenſtiel gegen vier Soldaten vertheidigen. Bei dem Anblick des Maltheſerkreuzes ließen die Letz⸗ teren von ihrem Angriff ab, und wurden auf Befehl des Ritters in Verhaft genommen. Einer der Angreifenden, der ein Irländer war, bat mit großem Ungeſtüm, ihn unzuhören, bevor er nach der Wache geſchickt würde. Durch Pickle's Vermittelung ward er ſonach mit ſeinen Kameraden in's Hotel gebracht. Sie trugen alle drei an den Köpfen und Geſichtern deutliche Merkmale von dem Muthe und der Geſchicklichkeit ihres Gegners. Als nun ihr Sprecher mit Pips confrontirt ward, berichtete Erſterer der Geſellſchaft, er ſey zufällig mit Pips zuſammengetroffen und da er ihn als ſeinen Landsmann betrachtet, wiewohl ſie das 15 Glück in verſchiedene Kriegsdienſte gebracht hätte, ſo habe er ihn eingeladen, ein Glas Wein mit ihm zu trinken. In Folge deſſen hätte er ihn in ein Wirthshaus geführt und ihn daſelbſt ſeinen Ka⸗ meraden vorgeſtellt. Im Verlaufe des Geſprächs wäre man auch auf die Macht und Größe der Könige von Frankreich und England zu ſprechen gekommen, und da hätte ſich denn Pips einfallen laſſen, von Sr. allerchriſtlichſten Majeſtät ſehr deſpektirlich zu reden. Darauf habe er, als ſein Wirth, ihn freundſchaftlich gebeten, ſich artiger zu betragen, und ihm angedeutet, da er jetzt in franzöſiſchen Dienſten ſitehe, würde er ſich genöthigt ſehen, ſeine Schmähungen zu rügen, — wenn er damit nicht nachließe. Bevor ſeine Kameraden Tom's Mei⸗ nung begriffen hätten, habe er ſie alle drei herausgefordert, und ihn beſonders mit dem ſchimpflichen Beinamen eines Rebellen gegen ſei⸗ nen eigenen König und Vaterland belegt. Ja, er habe ſogar in ge⸗ brochenem Franzöſiſch dem König Louis und ſeinen Anhängern ein Pereat ausgebracht. Durch dieſes ſchändliche Betragen ſey er, als derjenige, der ihn in ihre Geſellſchaft eingeführt, in die Nothwendig⸗ keit verſetzt worden, zu ſeiner eigenen Rechtfertigung von dem Thäter Genugthuung zu fordern. Pips ſey unter dem Vorwande, einen Degen zu holen, nach Hauſe gegangen, wäre aber wieder gekommen und hätte ſie plötzlich mit einem Beſenſtiel überfallen, und ihnen, einem wie dem andern, damit ſo arg zugeſetzt, daß ſie genöthigt ge⸗ weſen wären, zu ihrer Vertheidigung vom Leder zu ziehen. Pips, von ſeinem Herrn befragt, ob ſich Alles ſo verhielte, be⸗ ſätigte von Wort zu Wort die Wahrheit dieſer Ausſage;„aber's,“ ſetzte er hinzu,„ich mache mir aus ihren Käſemeſſern nich ſo viel, als aus'nem ufgedrehten ohlen Tau. Hätten ſich die Herren nur nich drin menglirt,'ch hätte ſie ſo zurichten wollen, daß ſie keen Lanzes Raa mehr ſollten ufzuſtellen ha'n.“ Peregrine verwies ihm ſeine dummdreiſten Aeußerungen auf's Nachdrücklichſte, und drang darauf, daß er ſogleich die Beleidigten um Verzeihung bitten ſollte. Dazu war jedoch Pips durchaus nicht zu vermögen, und alle 16 Drohungen ſeines Herrn wirkten bei ihm nicht mehr, als eine Rede zu einer marmornen Bildſäule. Zuletzt ſprang unſer Held, in voller Entrüſtung über dieſe Hartnäckigkeit, auf, und würde ihn mit eige⸗ ner Hand gezüchtigt haben, wenn ihm der Chevalier nicht zuvorge⸗ kommen wäre. Dieſem gelang es, ſeinen Zorn ſo weit zu beſänfti⸗ gen, daß er ſich damit begnügte, den Beleidiger aus ſeinen Dienſten zu entlaſſen. Er bewirkte ſodann die Befreiung der Gefangenen, und gab ihnen für die erlittene Unbill einen Louisd'or zu vertrinken. Da der Ritter bemerkte, daß unſer junger Herr über dieſen Vor⸗ fall ſehr verdrüßlich war, und das ſeltſame Betragen und Weſen dieſes Bedienten erwog, der bereits graue Haare hatte, ſo bildete et ſich ein, daß er ein Liebling unter den Domeſtiken ſey, der in der Familie ſeines Herrn grau geworden wäre, und daß Letzterem das Opfer, das er gebracht habe, ſehr ſauer ankäme. In dieſer Vermu⸗ thung legte er ein Fürwort für Pips ein, konnte jedoch bei Peregrine dadurch weiter nichts als das Verſprechen erlangen, er ſolle wieder unter den bereits feſtgeſetzten Bedingungen zu Gnaden angenommen werden, wenn er wegen ſeiner unehrerbietigen Ausdrücke über den franzöſiſchen Monarchen den Chevalier um Verzeihung gebeten haben würde. Der Schuldige ward jetzt heraufgerufen und von der Mil⸗ derung ſeines Urtheils in Kenntniß geſetzt.„Ufn Knieen,“ verſetzte er,„will ich vor meinem Herrn abbitten thun, aber's ich will ver⸗ dammt ſin, wo ich all' mein Lebstage irgend'nen Franzoſen in der Chriſtenheit um Vergebung bitten thue.“ Höchſt erbittert über dieſe plumpe Erklärung befahl Peregrine, ihm angenblicklich aus den Angen zu gehen, und ſich nie wieder vor ihm ſehen zu laſſen. Der Offizier bediente ſich indeß alles ſeines Einfluſſes und ſeiner Geſchicklichkeit, ſeinen Unwillen zu beſänftigen; allein vergebens. Endlich verließ er ihn gegen Mitternacht mit Zeichen der Kränkung über ſeinen un⸗ glücklichen Erfolg. Am folgenden Tage ward die Geſellſchaft einig, mit der Diligenee weiter zu reiſen. Peregrine hatte dieſes Fuhrwerk vorgeſchlagen, in 17 der Hoffnung, darauf irgend ein Abenteuer oder Zeitvertreib zu finden. Jolter beſorgte alle Plätze. Man beſchloß, daß der Kammerdiener und des Doktors Lakai neben dem Wagen herreiten ſollten, und was den unglücklichen Pips betraf, ſo ward er, ungeachtet der vereinigten Bitten des ganzen Triumvirats, das ihm Vergebung zu bewirken ſuchte, den Früchten ſeiner hartnäckigen Gemüthsart überlaſſen. Nachdem auf dieſe Art alle vorläufige Maßregeln getroffen waren, fuhren ſie um ſechs Uhr Morgens aus Lille ab. Ein weib⸗ licher Glücksritter, eine ſehr hübſche junge Dame, ein Kapuziner und ein Rotterdamer Inde waren ihre Reiſegefährten. Unſer junger Herr, der zuerſt in den Wagen ſtieg, ſondirte die Fremden mit auf⸗ merkſamem Blick, und ſetzte ſich unmittelbar hinter die ſchöne Unbe⸗ kannte, die einzig und allein ſeine Aufmerkſamkeit feſſelte. Pallet, der das andere Frauenzimmer ohne Geſellſchafter ſah, nahm, um ſei⸗ nen Freund zu kopiren, dicht in ihrer Nachbarſchaft ſeinen Platz. Der Dektor geſellte ſich zu dem Kapuziner und Jolter zu dem Juden. Man war noch keine tauſend Schritte gefahren, als Peregrine die ſchöne Unbekannte anredete und ſich glücklich pries, eine ſo liebenswürdige Dame zur Reiſegefährtin zu haben. Sie dankte ihm für dieſes Compliment ohne die mindeſte Zurückhaltung und Ziererei, und ſetzte mit einem muntern Weſen hinzu, ſie müßten ſich insge⸗ ſammt, da ſie jetzt auf einem gemeinſchaftlichen Fuhrwerke wären, angelegen ſeyn laſſen, einander ſo viel Zeitvertreib zu verſchaffen, als es die gegenwärtigen Umſtände nur erlaubten. Dieſe freie Erklärung gab ihm Muth; ihr ſchönes ſchwarzes Auge und ihr ungezwungenes Betragen feſſelten ihn; von dem Augenblick an war er ganz an ſie geheftet. In Kurzem war ihre Unterredung ſo heimlich und ver⸗ traut, daß der Kapuziner für gut befand, ſich auf eine ſolche Art in ihr Geſpräch zu miſchen, daß der junge Herr einſehen konnte, er ſey wohlbeſtallter Aufſeher ihrer Sitten. Dieſe Entdeckung machte Pickle doppeltes Vergnügen. Er glaubte bei ſeinen Bewerbungen nicht nur aus dem Zwang, in welchem die junge Dame gehalten ward, und Smollet's Romane. X. 2 2 18 der immer ganz unfehlbar zu Gunſten des Liebhabers zu wirken pflegt, ſondern auch von der Beſtechbarkeit des Wächters Nutzen zu ziehen, den er auf ſeine Seite zu bringen vermeinte. Durch dieſe Erwartungen aufgeſchwellt, betrng er ſich gegen den Pater mit außerordentlicher Gefälligkeit. Dirſes leutſelige Weſen und das Vertrauen auf des Saquire's Freigebigkeit nahmen den Alten dermaßen ein, daß er in ſeiner Wachſamkeit ein wenig nachgab, und Peregrine ohne weitere Behelligung in ſeiner Liebesbewerbung fort⸗ fahren ließ. Der Maler unterhielt ſich inzwiſchen mit ſeiner Dul⸗ einea, die bereits Mittel gefunden hatte, eine fürchterliche Verwüſtung in ſeinem Herzen anzurichten, durch Zeichen und öſteres lautes Lachen, welche ungekünſtelte Aeußerungen der Zufriedenheit die Dame ſehr gut verſtand. Während ſich ihre Freunde ſo angenehm unterhielten, waren auch der Hofmeiſter und der Doktor nicht müßig. Jolter hatte kaum gemerkt, daß der Holländer ein Jude ſey, ſo vertiefte er ſich mit ihm in Forſchungen über das Hebräiſche, in welcher Sprache er gründ⸗ liche Kenntniſſe beſaß. Mittlerweile griff der Doktor den Bettel⸗ mönch wegen der lächerlichen Regeln ſeines Ordens an, und zog über der Pfaffen Trug und Liſt überhaupt los. Nirgends, behauptete er, hätten dieſe ſo viel Oberhand gewonnen, als unter den Dienern der römiſch-katholiſchen Kirche. So gepaart hatte jede Partie im Wagen ihre eigene angenehme Unterhaltung, ohne daß eine Störung derſelben zu beſorgen geweſen wäre, und alle waren in ihre verſchiedenen Materien ſo vertieft, daß man ſich kaum Zeit ließ, die Verwüſtungen und Ruinen von Menin zu ſehen, als man durch die zerſtörte Grenzfeſtung fuhr. Gegen zwölf Uhr Mittags trafen ſie zu Courtray ein, wo immer die Pferde gewechſelt werden, und wo die Geſellſchaft eine Stunde raſtete. Peregrine führte ſeine Schöne in ein Zimmer, in welches ſich das andere Frauenzimmer auch begab. Unſer Held hingegen überließ ſich, unter dem Vorwande, die Kirchen in Augenſchein zu nehmen, 19 der Führung des Kapuziners, und erfuhr von ihm, die junge Dame wäre die Gemahlin eines franzöſiſchen Edelmannes, erſt ſeit einem Jahre mit ihm verheirathet, und ſie befände ſich auf der Reiſe, um ihre Mutter in Brüſſel zu beſuchen, die an einer Auszehrung dar⸗ nieder läge, und aller Wahrſcheinlichkeit nach bald ſterben würde. Sodann brach er in Lobeserhebungen über die Tugend ihrer Tochter und deren Anhänglichkeit an ihren Mann aus, und gab ihm zuletzt zu verſtehen, er ſey der Beichtvater des Hauſes und zu ihrem Führer auf der Reiſe durch Flandern auserſehen worden, weil beide, Mann ſowohl als Frau, zu ſeiner Einſicht und Rechtſchaffenheit das höchſte Zutrauen hegten. Pickle durchſchaute ſogleich, was dieſer Wink zu bedeuten habe, und beſchloß, davon Nutzen zu ziehen. Er kitzelte die Eitelkeit des Prieſters durch außerordentliche Lobſprüche über die uneigennützigen Grundſätze ſeines Ordens, der ſich von allem Irdiſchen losgemacht und ſich lediglich dem ewigen Heil der Menſchen gewidmet hätte. Er pries die Geduld, die Demuth und die Kenntniſſe ſeiner Ordensbrü⸗ der; auch ſtrich er über die Maßen ihr Predigertalent heraus. Die⸗ ſes habe, verſicherte er, oft ſo mächtig bei ihm gewirkt, daß er, wenn gewiſſe Verhältniſſe ihn nicht ſchlechterdings zurückhielten, den römiſch⸗ katholiſchen Glauben angenommen und um Zutritt in ihren Orden angeſucht haben würde. Da nun aber Verhältniſſe ihm nicht erlaub⸗ ten, einen ſo heilſamen Schritt zu thun, ſo bäte er den frommen Pater, dies kleine Zeichen ſeiner Liebe und Hochſchätzung für ſein Kloſter anzunehmen. Mit dieſen Worten zog er einen Beutel mit zehn Guineen heraus. Als der Kapuziner dieß bemerkte, drehte er den Kopf auf eine andere Seite, hob ſeinen Arm auf und öffnete eine Taſche, die faſt ſo hoch ſaß, als ſein Schlüſſelbein, woſelbſt er das Geld in Verwahrung niederlegte. Ein ſolcher Beweis der Zuneigung für ſeinen Orden mußte auf den Bettelmönch einen überraſchenden Eindruck machen. In der Auf⸗ wallung ſeines Eifers drückte er dem Halbbekehrten die Hand, ſchüttete 20 tauſendfache Segensſprüche über ſein Haupt aus, und ermahnte ihn mit thränenden Augen, das große Werk zu vollenden, das der Finger Gottes in ſeinem Herzen begonnen habe. Und um zu zeigen, wie viel ihm an der Wohlfahrt dieſer koſtbaren Seele lag, verſprach der Pater, ihn den gottſeligen Ermahnungen des ihm anvertrauten Frauenzimmers nachdrücklich zu empfehlen. Sie ſey, ſagte er, eine vollkommene Heilige auf Erden, und beſitze eine ganz beſondere Gabe, die Herzen der verſtockten Sünder zu erweichen. „O mein Vater!“ rief der heuchleriſche junge Abenteurer, der jetzt deutlich merkte, daß ſein Geld nicht weggeworfen war,„wenn mir nur eine halbe Stunde insgeheim der Unterricht dieſer gottbe⸗ geiſterten Andächtigen zu Theil werden könnte, ſo würde— das pro⸗ phezeiht mir mein Herz— ein verirrtes Schaaf wieder zur Heerde zurückgebracht werden und ich durch das Himmelsthor leichtlich Ein⸗ gang finden. In ihrem ganzen Weſen liegt ſo etwas Uebernatürli⸗ ches, daß ich ſie mit der frömmſten Inbrunſt betrachte, und meine mit Hoffnung und Verzweiflung ringende Seele iſt bis in ihr Inner⸗ ſtes erſchüttert.“ Nachdem er dieſe Rhapſodie mit halb natürlicher, halb erkün⸗ ſtelter Ertaſe hervorgebracht hatte, verſicherte ihn der Prieſter, daß dieß Wirkungen von dem Geiſte Gottes wären, denen man nicht ent⸗ gegenſtreben dürfe, tröſtete ihn mit der Hoffnung, der ſeligen Zuſam⸗ menkunft mit der jungen Frommen zu genießen, und betheuerte ihm, ſein ſehnliches Verlangen ſolle, inſofern es in ſeiner Macht ſtünde, noch heute Abend erfüllt werden. Der dankbare Zögling ſchwur dagegen, ſolches Wohlwollen und ſolche Theilnahme ſollten an keinen Undankbaren verſchwendet wer⸗ den. Hier ward das Geſpräch der Beiden durch die Dazwiſchenkunft der übrigen Geſellſchaft unterbrochen. Sie kehrten insgeſammt zum Wirthshauſe zurück, wo ſie zuſammen ſpeisten. Die Damen ließen ſich bereden, Gäſte bei unſerem Helden zu ſeyn. Da die Gegenſtände des Geſprächs, mit dem man ſich vor Tiſche 21 unterhalten hatte, noch nicht erſchöpft waren, ſo nahm man ſie von Neuem vor, als man in die Diligence geſtiegen war. Des Malers Duleinea vollendete ihren Sieg, indem ſie ihre Kunſt, zu liebäugeln, einige bezaubernde Seufzer und einige zärtliche franzöſiſche Liederchen in den Gang brachte. Sie ſang dieſelben mit ſo rührendem Aus⸗ druck, daß des Malers Entſchluß ſchmolz und ſeine Neigung völlig unterlag. Um ſie von der ganzen Wichtigkeit ihres Triumphs zu überzeugen, gab er ihr ein Speeimen von ſeinen Talenten, indem er ſie mit dem berühmten engliſchen Liede unterhielt, das immer deu Refrain hat: „Die Ferkel— ſie liegen mit nacktem Steiß.“ Siebenundfünfzigſtes Kapitel. Peregrine wird, als er einige Fortſchritte in der Zuneigung der Flamlän⸗ derin gemacht, durch den Streit Jolters und des Juden unterbrochen. Er beſänftigt den aufgebrachten Kapuziner, der ihm zu einer Zuſammenkunft mit ſeiner ſchönen Beherrſcherin verhilft. Seine Erwartungen werden getäuſcht. Mittlerweile bot Peregrine all' ſein Schmeichlertalent und ſeine Geſchicklichkeit auf, um das Herz der ſchönen Pflegbefohlenen des Kapuziners zu bewegen. Schon längſt hatte er ihr ſeine Liebe erklärt, und zwar nicht in der oberflächlichen Manier eines franzöſiſchen Ga⸗ lans, ſondern mit aller Inbrunſt eines Enthuſiaſten. Er hatte ge⸗ ſchmachtet, angelobt, geſchmeichelt, ihr verſtohlen die Hand geküßt und keine Urſache gefunden, ſich über die Aufnahme alles deſſen zu beklagen. Einem Manne von minder heißem Blute würde die Gegen⸗ gefälligkeit der Dame etwas zweideutig erſchienen, und er ſie vielleicht für nichts Anderes als für die Wirkung der franzöſiſchen Erziehung und der dieſer Nation natürlichen Lebhaftigkeit gehalten haben, doch Pickle hatte eine zu gute Opinion von ſeinen vorzüglichen Eigenſchaften, 22 als daß er bei ſolchen Gedanken hätte ſtehen bleiben ſollen, und fuhr daher ſo unermüdlich in ſeinen Liebesbewerbungen fort, daß er ſie endlich ſo weit brachte, einen Ring als Zeichen ſeiner Achtung anzunehmen. Genug, es ließ ſich Alles herrlich an, als ſie von dem Hofmei⸗ ſter und dem Iſraeliten unterbrochen wurden, welche in der Hitze des Streits ſo laut wurden, und eine ſolche Fluth von Kehlbuchſtaben ausſtießen, daß unſers Liebhabers Zähne davon ſtumpf wurden. Da ſie eine Sprache mit einander redeten, die Keiner im Poſtwagen, ſie ausgenommen, verſtand, und einander ſo heftige Blicke der Feindſelig⸗ keit und des Grolls zuwarfen, ſo verlangte Peregrine den Grund ihres Haders zu erfahren. Hierauf rief Jolter in einem wüthenden Ton:„Dieſer gelehrte Levit hat wahrlich die Unverſchämtheit, mir zu ſagen, ich verſtände kein Hebräiſch, und behauptet, das Wort Benoni bedeute ein Kind der Frende, da ich doch beweiſen kann, und in der That ſchon hin⸗ längliche Gründe angeführt habe, jeden vernünftigen Mann zu über⸗ zeugen, daß in der Septuaginta dieſer Ausdruck richtig durch„Sohn meines Schmerzens“ überſetzt ſteht.“ Nachdem ſich Jolter ſolchergeſtalt gegen ſeinen Zögling erklärt hatte, wandte er ſich zu dem Prieſter, um an ſeine Entſcheidung zu appelliren. Allein der Jude zupfte ihn am Aermel und flüſterte ihm zu:„Um Gotteswillen, Herr, ſeyn Sie ſtill! der Kapuziner entdeckt ſonſt, wer wir ſind!“ Jolter, erbost über dieſe Conjunction, rief wie ein Echo mit vielem Nachdruck zurück:„Wer wir ſind!“ und ſetzte wiederholt hinzu:„nos poma natamus!“ und fragte den Inden höhniſch“ zu welchem Stamme er denn glaube, daß er, Jolter, gehöre? Der Levit, den der Vergleich mit einem Roßapfel verdroß, antwortete mit einem bedeutenden Lächeln:„Nun, zum Stamme Iſaſchar!“* * Unſtreitig, bemerkt Touſſaint, der franzoſiſche Ueberſetzer des Peregrine Pickle, ſpielt hier der Jude auf die Stelle von Jakob's Teſtament an⸗ worin Iſaſchar ein beinerner Eſel(asinus fortis) genannt wird. 23 Sein Gegner, den die Freiheit, die der Inde ſich gegen ihn her⸗ ausgenommen, zur Rache trieb, nutzte deſſen Widerwillen, dem Ka⸗ puziner bekannt zu werden, und antwortete auf franzöſiſch, daß das Gericht Gottes ſich ganz offenbar an der ganzen Nation zeige, indem ſie nicht nur fern von ihrem Vaterlande in der Verbannung ſchmachte, ſondern auch immerwährende Tücke in ihrem Herzen trüge und ver⸗ kehrte Gemüthsneigungen hege; ein ſattſamer Beweis, daß ſie von denen abſtamme, die den Heiland der Welt kreuzigten. Doch der Hofmeiſter täuſchte ſich in ſeiner Erwartung. Der Prieſter war ſelbſt zu tief im Streit verwickelt, um auf die Fehden Anderer achten zu können. Der Doktor hatte nämlich aus Stolz und Uebermuth auf ſeine Gelehrſamkeit ſich unterfangen, ihm die Ungereimtheit des chriſtlichen Glaubens zu erweiſen. Er hatte ſeiner Meinung nach den Kapuziner bereits in Betreff der Glaubensartikel widerlegt, in welchen die Römiſchkatholiſchen von der ganzen übrigen Welt verſchieden denken. Doch mit dem Siege nicht zufrieden, den er, ſeiner Einbildung nach, davon getragen hatte, fing er an, die Grundpfeiler der chriſtlichen Religion zu erſchüttern. Der Pater ertrug es mit unglaublicher Langmuth, daß er mit der Lehre von der Dreieinigkeit ſehr frei umſprang. Als er aber die Pfeile ſeines Spottes gegen die unbefleckte Empfängniß der Jung⸗ frau Maria richtete, riß dem guten Manne die Geduld. Seine Augen ſchienen vor Unwillen zu funkeln, alle ſeine Glieder zitterten, und er rief mit lauter Stimme:„O, Ihr ſeyd ein abſcheulicher— Ketzer mag ich Euch nicht nennen, denn Ihr ſeyd, wo möglich, ärger als ein Jude! Ihr verdientet in einen feurigen Ofen geworfen zu werden, und ich bin nicht übel Willens, Euch bei dem Statthalter von Gent anzuklagen, damit Ihr als ein ſchandbarer Gottesläſterer arretirt und beſtraft werden möget.“ Dieſe Drohung wirkte wie ein Zauberſchlag auf alle Anweſen⸗ den. Der Doktor war betroffen, der Hofmeiſter wie vom Donner gerührt, dem Leviten klapperten die Zähne, und der Maler verwun⸗ 24 derte ſich über die allgemeine Verwirrung, deren Veranlaſſung er nicht begreifen konnte. Pickle ſelbſt war nicht wenig beunruhigt, und er mußte allen ſeinen Einfluß und ſeine Beharrlichkeit aufbieten, um den Sohn der Kirche wieder zu beſchwichtigen, der endlich in ſeiner für unſern Jüngling gewonnenen Freundſchaft ſich bereit er⸗ klärte, bisher Vorgefallenes zu verzeihen, ſich aber ſchlechterdings weigerte, neben einem ſo eingefleiſchten Weltkinde zu ſitzen, wie der Doktor ſey. Er betrachtete ihn als einen Geiſt der Finſter⸗ niß, den der Widerſacher aller Menſchen auf die Welt geſandt habe, um die Seelen der Schwachen zu verderben. Aus dieſer Urſache be⸗ ſtand er, nachdem er ſich gekreuzt und gewiſſe Beſchwörungsformeln hergemurmelt hatte, darauf, daß der Doktor ſeinen Platz mit dem Juden vertauſchen müſſe. Letzterer nahte ſich dem beleidigten Geiſt⸗ lichen mit der Todesangſt der Furcht. Nachdem auf dieſe Art die Ruhe wieder hergeſtellt war, wendete ſich das Geſpräch auf allgemeine Gegenſtände, und unſere Reiſenden langten, ohne irgend einen andern Zufall oder Streit, um ſieben Uhr Abends in Gent an. Es wurde ein Abendeſſen für die ganze Geſellſchaft beſtellt, und unſer Held ging nebſt ſeinen Freunden aus, um die Stadt flüchtig in Angenſchein zu nehmen. Er überließ unter⸗ deſſen ſeine neue Geliebte den gottſeligen Ermahnungen ihres Veicht⸗ vaters, den er, wie ſchon oben bemerkt worden, ganz in ſein Intereſſe gezogen hatte. Dieſer inbrunſtvolle Mittler ſprach gegen ſeine Pfleg⸗ befohlene ſo warm zu Pickle's Empfehlung, und wußte ihr Gewiſſen ſo geſchickt in dieſe Sache einzuflechten, daß ſie ſich nicht weigern konnte, an das große Werk ſeiner Bekehrung mit hülfreiche Hand zu legen, und ihm das Verſprechen gab, die gewünſchte Zuſammen⸗ kunft zu bewilligen. Dieſe frohe Nachricht, die der Kapuziner Peregrine bei ſeiner Zurücktunft mittheilte, exaltirte deſſen Lebensgeiſter ſo ſehr, daß er beim Abendeſſen ſich durch tauſenderlei witzige Einfälle und Scherze zur Bewunderung und zum Vergnügen aller Anweſenden in unge⸗ 25 wöhnlichem Glanze zeigte. Die ſchöne Flamländerin fand zumal das größte Behagen daran, und ſchien ſich durch ſeine Perſon und ſein Betragen ganz elektriſirt zu fühlen. Nachdem auf dieſe Art der Abend zur Zufriedenheit aller Per⸗ ſonen hingebracht worden war, erhob ſich die Geſellſchaft und Jeder begab ſich auf ſein Zimmer. Unſer Liebhaber erfuhr jetzt zu ſeiner nnausſprechlichen Bekümmerniß, daß ſich die beiden Frauenzimmer genöthigt ſähen, in Einem Gemach zu ſchlafen, weil alle die andern Zimmer des Gaſthauſes bereits vorher beſetzt waren. Als er dieſes Hinderniß dem Prieſter eröffnete, verſicherte ihn dieſer an Hülfsmit⸗ teln fruchtbare Mann, ſeine geiſtlichen Angelegenheiten ſollten durch eine ſo kleine Schwierigkeit nicht im Geringſten geſtört werden. Dem zu Folge bediente er ſich ſeines Vorrechts, ging in das Gemach ſeiner Beichttochter, die bereits halb ausgezogen war, und führte ſie auf ſein Zimmer, unter dem Vorwande, ihrer Seele noch eine heilſame Nahrung zu geben. Nachdem er die beiden andächtigen Seelen zu⸗ ſammengebracht hatte, that er ein Gebet für die geſegneten Wirkun⸗ gen der Gnade, und überließ ſie ihren beiderſeitigen Betrachtungen. Zuvor hatte er ſie auf's Feierlichſte beſchworen, nicht zu verſtatten, daß ſich unlautere Geſinnungen oder Verſuchungen des Fleiſches in die heilige Abſicht ihrer Zuſammenkunft miſchten. Als der ehrwürdige Vermittler fort und die Thüre inwendig Lerriegelt war, warf der Falſchbekehrte, durch ſeine Leidenſchaft hin⸗ geriſſen, ſich zu den Füßen ſeiner Geliebten, bat ſie, ihm die läſti⸗ gen Formalitäten zu erſparen, die ſich unter dieſen Umſtänden gar nicht beobachten ließen, und begann mit allem Ungeſtüm der Liebe die Gelegenheit zu nützen. Allein es ſey nun, daß ihr ſein entſchloſ— ſenes, zuverſichtliches Weſen mißfiel, und daß ſie auf mehr Höflich⸗ keit und Ehrerbietung Anſpruch machen zu können glaubte, oder daß ihre Keuſchheit wirklich beſſer befeſtigt war, als Peregrine und ſein Unterhändler vermeint hatten, genug, ſo viel iſt gewiß, daß ſie Un⸗ willen und Beſtürzung über ſeine Dreiſtigkeit und Vermeſſenheit — 26 äußerte und ihn ausſchalt, die Gutmüthigkeit des geiſtlichen Herrn hintergangen zu haben. Der junge Herr war in der That über dieſen Korb ſo beſtürzt, als die Dame vorgab, es über ſeine Erklärung zu ſeyn. Er bat ſie inſtändigſt, zu erwägen, wie koſtbar die Angenblicke wären, und be⸗ ſchwor ſie, einmal alle überflüſſigen Ceremonien der Glückſeligkeit eines Menſchen aufzuopfern, der ſie mit ſolchem Feuer anbete, daß nothwendig all' ſeine Lebensgeiſter davon verzehrt werden müßten, wofern ſie ihn nicht mit ihrer Gunſt beſeligte. Aber ungeachtet aller ſeiner Thränen, Gelübde und inſtändigen Bitten, ungeachtet aller ſeiner perſönlichen Vorzüge und der verführeriſchen Gelegenheit konnte er dennoch nichts weiter von ihr erlangen, als das Geſtänd⸗ niß, daß er allerdings Eindruck auf ihr Herz gemacht habe, daß ſie jedoch hoffe, ihr Pflichtgefühl werde ihr Kraft geben, denſelben wieder zu vertilgen. Dies Geſtändniß betrachtete Pickle als eine feine Einwilligung. Er folgte daher dem Impulſe ſeiner Empfindungen, und ſchloß ſie in ſeine Arme, in der Abſicht, das mit Gewalt zu nehmen, was ſie ihm nicht freiwillig geben wollte. Dieſe franzöſiſche Lucretia, die kei⸗ nen andern Weg zur Vertheidigung ihrer Tugend ſah, erhob jetzt ein lautes Geſchrei. Der Kapuziner ſprengte die Thüre mit der Schulter auf, und trat, wie es ſchien, mit dem größten Erſtaunen hinein. Mit emporgehobenen Händen und verdrehten Augen erklärte er, über die gemachte Entdeckung wie vom Donner gerührt zu ſeyn. Sodann brach er in Exelamationen aus, bezeugte ſeinen Abſchen gegen das ruchloſe Vorhaben unſeres Helden, der einen ſo hölliſchen Plan mit dem Mantel der Religion bedeckt habe. Kurz, er ſpielte ſeine Rolle ſo gewandt, daß die Dame es für Ernſt nahm und ihn bat, dem Fremden in Betracht ſeiner Jugend und Erziehung zu ver⸗ zeihen, durch welch letztere er mit den Irrthümern der Ketzerei be⸗ fleckt worden ſey. In dieſer Rückſicht allein nahm denn der Pater die demüthige Abbitte unſeres Helden an. Dieſer war trotz der 27 kränkenden Zurückweiſung weit entfernt, ſein Vorhaben aufzugeben, indem er auf die Talente ſeines Körpers und Geiſtes und auf das Geſtändniß, das ſeine Geliebte ihm eben gethan hatte, ein ſo hohes Vertrauen ſetzte, daß er beſchloß, noch einen Verſuch zu wagen, wozu er nur durch den äußerſten Drang ſeiner regelloſen Eigenſchaften vermocht werden konnte. Achtundfünfzigſtes Kapitel. Pickle macht zur Erreichung ſeiner Wünſche einen abermaligen Verſuch, der aber durch einen ſonderbaren Zufall mißlingt. Pickle beorderte ſeinen Kammerdiener, einen Pfiffikus in Liebes⸗ Angelegenheiten, in dem Hofraum einige Bündel Stroh anzuzünden, ſcdann bei dem Zimmer der beiden Damen vorbeizueilen und mit lauter Stimme Feuer! Feuer! zu rufen. Durch dieſen Lärm wurden die beiden Frauenzimmer augenblicklich aufgeſchreckt, ſo daß ſie hin⸗ aus auf den Gang liefen. Peregrine nutzte die Gelegenheit, und während jene nach der Thüre zur Straße eilten, ſchlich er ſich in ihr Zimmer und verbarg ſich unter einem großen Tiſch, der in einem unbemerkten Winkel ſtand. Die Damen hatten nicht ſobald die Urſache des von Pickle's Merkur ihnen vorgeſpiegelten Schrecks vernommen, ſo kehrten ſie wieder in ihr Gemach zurück. Sie verrichteten ihr Abendgebet, klei⸗ deten ſich aus und legten ſich zu Bette. Dieſer Auftritt, den Pere⸗ grine mit anſah, konnte nicht zur Abkühlung ſeiner Begierden bei⸗ tragen, ſondern bewirkte vielmehr das Gegentheil. Er wurde dadurch ſo entflammt, daß er kaum ſeine Ungeduld ſo lange bemeiſtern konnte, bis er aus dem tiefen Athemholen der Stubengenoſſin ſeiner Gelieb⸗ ten folgerte, daß ſie feſt ſchliefe. 28 Sobald ihm dieſe willkommenen Töne zu Ohr gelangten, kroch er nach dem Bette hin, wo ſeine Amanda lag, knieete nieder, faßte ganz ſanft ihre weiße Hand und drückte ſie an ſeine Lippen. Sie hatte eben ihre Augen geſchloſſen und ſich dem holden Ueberwältiger, dem Schlummer überlaſſen, als ſie durch dieſen Raub aufgeweckt ward. Sie fuhr zuſammen, und fragte mit dem Ton der Beſtürzung und Muthloſigkeit:„Mein Gott! wer iſt das?“ Ihr Liebhaber erſuchte ſie mit der einſchmeichelndſten Beſchei⸗ denheit, ihm Gehör zu ſchenken. Er betheuerte, daß er ſich ihr gar nicht in der Abſicht genaht habe, die Geſetze des Wohlſtandes oder die unauslöſchliche Achtung zu verletzen, die ſie ſeinem Herzen ein⸗ geprägt habe. Er käme bloß deßhalb, um ihr ſeinen Kummer und ſeine Zerknirſchung über die vorher verurſachte Unruhe zu bezeigen, vor ihr auszuſtrömen, wovon ſeine Seele überwalle, und ihr zu ſagen, daß er ihre Abneigung zu ihm weder überleben könne noch wolle. Dieſe und manche andere ſehr rührende Betheurungen, die mit Seufzern und Thränen und allen Aeußerungen des Schmerzes beglei⸗ tet waren, welche unſerm Helden in dergleichen Fällen zu Gebote ſtanden, mußten nothwendig das zärtliche Herz der liebenswürdigen Flamländerin erweichen, das bereits für ſeine Vollkommenheiten ein⸗ genommen war. Sie ſympathiſirte mit ſeiner Betrübniß ſo innig, daß ſie auch weinte, indem ſie ihm die Unmöglichkeit vorſtellte, ſeine Liebe belohnen zu können. Dieſen glücklichen Augenblick nutzte er und verſtärkte ſeine angelegentlichen Bitten mit einem ſo unwider⸗ ſtehlichen feurigen Ungeſtüm, daß ihre Vorſätze ſchwanden, ſie ge⸗ ſchwind und tief Athem zu holen begann, ihre Furcht äußerte, von dem andern Frauenzimmer gehört zu werden, und ſich mit dem Stoß⸗ ſeufzer:„O Himmel, ich bin verloren!“ nach einem ſchwachen Kampfe von ihrem Bewunderer überwältigen ließ. Dieſer nahm bereits auf dem bedeckten Wege ihres Bettes unter der Courtine ven der Contreſcarpe Poſto, und würde ſich in wenigen 29 Minuten des Platzes bemeiſtert haben, hätte nicht ein ſonderbares Klopfen an die Vertäfelung auf der andern Seite des Zimmers dicht an dem Bette, worin der weibliche Abenteurer lag, für diesmal ihre Ehre in Sicherheit geſetzt. Beſtürzt über dieſen Vorfall, der auch die Operationen des an⸗ greifenden Theils unterbrach, bat die Dame Peregrine um des Him⸗ mels willen, ſich zu entfernen, oder ihr guter Name ſey auf immer verloren. Allein er ſtellte ihr vor, daß ihr Ruf noch weit größere Gefahr liefe, wenn er auf dem Rückzuge entdeckt würde; ſie willigte demnach zitternd und bebend in ſein Dableiben, und Beide lauſchten in aller Stille auf die Folgen des Geräuſches, das ſie beunruhigte. Es war nichts Anderes, als ein Mittel, das der Maler ergriffen hatte, ſeine Duleinea zu wecken. Er hatte nämlich eine nächtliche Zuſammenkunft mit ihr verabredet, oder wenigſtens ſolche Zeichen mit ihr gewechſelt, die er für ſo gut als die feſteſte Verabredung hielt. Die Nymphe, die aus ihrem erſten Schlaf geſtört ward, ver⸗ ſtand ſogleich den Klang. Um ihren Vertrag treulich zu beobachten, ſprang ſie leiſe auf, riegelte ſo ſacht wie möglich die Thüre auf, ließ ihren Liebhaber hinein und die Thüre offen, damit er ſich um ſo bequemer zurückziehen könnte. Während ſich der glückliche Schäfer damit beſchäftigte, ſich der leichten Kleidung zu entledigen, in welcher er gekommen war, gerieth der Kapuziner auf den Verdacht, daß Peregrine vielleicht noch einen Verſuch gegen den ihm anvertrauten Schatz wagen möchte. Er kroch daher in aller Eile und Stille nach dem Gemach, das Letzteren ver⸗ barg, um Erkundigung einzuziehen, damit das Abenteuer wenigſtens nicht ohne ſein Wiſſen vollbracht würde; ein Umſtand, der ihn aller der Vortheile beraubt haben würde, die er zu erwarten hatte, wenn er darum wußte und dazu beitrug. Als er die Thüre angelehnt fand, beſtärkte ſich ſein Argwohn, und er trug kein Bedenken, auf allen Vieren in die Kammer zu kriechen. Als nun der Maler, der eben ſein Hemde ausgezogen hatte, nach dein Bette ſeiner Duleinea herumtappte, kam er von ungefähr mit der Hand auf die Glatze des Paters, der ſeinen Kopf unter jenes Fingern wie einen Kugelkreiſel drehte. Der arme Maler ward da⸗ durch höchlich beſtürzt und verwirrt. Er hatte nicht Scharfſicht genug, den Vorfall zu begreifen, noch ſo viel Entſchloſſenheit, ſeine Hand von dem ſeltſamen Gegenſtande wegzuziehen, den er berührt hatte. Er vergoß mächtigen Angſtſchweiß im Dunkeln und that gar andäch⸗ tiglich eine große Menge Stoßgebete. Der Mönch ward endlich jener Bewegung und ſeiner beſchwerlichen Lage überdrüſſig; er richtete ſich daher allmählig auf. Zu gleicher Zeit hob er die Hand des Malers mit in die Höhe. Der Schrecken und die Verwunderung dieſes Man⸗ nes wuchs über dieſe ihm unbegreifliche Erhöhung ſo ſehr, daß er alle Beſinnung verlor. In der Verwirrung der Angſt glitt ſeine Hand die Stirne des Paters herab, und einer ſeiner Finger gerieth dem Geiſtlichen von ungefähr in den Mund. Der Kapuziner hielt ihn gleich mit den Zähnen ſo feſt, als wenn er zwiſchen den Schraub⸗ ſtock eines Hufſchmids gepreßt worden wäre. Dieſer plötzliche Biß, der bis auf den Knochen drang, verwirrte den Maler dermaßen, daß er jede andere Rückſicht vergaß und laut zu brüllen anfing:„Mörder, Feuer, Fußangeln! Fußangeln! Ich bitte Euch, liebe Chriſtenleute, helft doch! um Gotteswillen, helft!“ Dieſe Exclamationen ſetzten unſern Helden in Beſtürzung. Er ſah ein, daß das Zimmer bald mit Zuſchauern angefüllt ſeyn würde. Daher war er genöthigt, ſein köſtliches Mahl unberührt aufzugeben. Voller Aerger, daß ihm ſeine Erwartungen ſo fehlſchlugen, verſetzte er dem Urheber ſeines Unglücks, dem er ſich eben nahte, als deſſen Peiniger für gut befunden hatte, ſeinen Finger loszulaſſen, einen ſo kräftigen Schlag zwiſchen die Schultern, daß er mit gräßlichem Ge⸗ brüll zu Boden ſtürzte. Pickle zog ſich ſodann ganz unbemerkt auf ſein Zimmer zurück und war einer der Erſten, die mit Licht hinzukamen, unter dem Vor⸗ wande, daß ihn das fürchterliche Geſchrei aufgeweckt habe. Der 31 Kapuziner hatte dieſelbe Vorſicht gebraucht; er folgte Peregrine auf dem Fuße nach, ſprach ein Benedicite und kreuzte ſich unter manchen Zeichen des Erſtaunens. Zu gleicher Zeit erſchienen der Doktor und Jolter. Sie fanden den unglücklichen Maler nackt auf dem Boden liegen, in aller Todesangſt des Schrecks und des Kleinmuths, er blies auf ſeine linke Hand, die am Ellbogen baumelte, wie ein kleiner Junge, der beim Verſuch, gebratene Kaſtanien aus dem Feuer zu holen, ſich die Finger verbrannt hat. Der Umſtand, daß man ihn in dieſem Zimmer fand, und ſeine klägliche Poſitur war ſo außerordentlich komiſch, daß der Doktor ſich eines Lächelns nicht erwehren konnte, und daß ſelbſt das ernſthafte Geſicht des Hofmeiſters ſich etwas auf⸗ heiterte. Peregrine bezeigte indeß Erſtaunen und Theilnahme, als er ihn vom Boden aufhob und ſich nach der Urſache ſeiner gegen⸗ wärtigen Lage erkundigte. Nachdem ſich Pallet wieder erholt und nach einigen fruchtloſen Verſuchen, zu ſprechen, den Gebrauch ſeiner Zunge wieder erlangt hatte, ſagte er, es müßten ſicher böſe Geiſter in dieſem Hauſe ihr Weſen treiben. Sie hätten ihn, er wüßte nicht wie, in dieſes Zim⸗ mer gebracht und ihm alle Qualen der Hölle angethan. Einer von ihnen habe ſich ſeinen Fingern in der Geſtalt eines runden Balles bon ſanftem Fleiſch zu erkennen gegeben, und wie ein Globus um⸗ gedreht. Plötzlich ſey er zu einer erſtaunenden Höhe aufgeſchoſſen und in eine Maſchine verwandelt worden, die ſeinen Finger erſchnappt und ihn ſo feſt gehalten habe, daß er wie angenagelt geweſen wäre. So hätte er einige Minuten unter unſäglichen Schmerzen zubringen müſſen. Endlich wäre die Maſchine von ſeinem Finger gleichſam hingeſchmolzen, und er habe plötzlich einen Streich wie von der Vand eines Rieſen auf die Schultern bekommen, wovon er zu Boden geſunken ſey. Als der Prieſter dieſe ſeltſame Erzählung gehört hatte, zog er ein Stück von einer geweihten Kerze aus der Taſche, zündete es 32 * ſogleich an, und murmelte gewiſſe geheimnißvolle Beſchwörungen. Jolter wähnte, Pallet ſey trunken, ſchüttelte den Kopf und ſagte, er glaube, es ſpuke nur in ſeinem Kopfe. Der Doktor ließ ſich ein⸗ mal bis zum Spaßvogel herab und bemerkte, indem er auf eins von den Betten ſah, daß ſeiner Meinung nach Fleiſch und Bein und nicht ein Geiſt den Maler mißgeleitet habe. Die ſchöne Flamländerin lag ganz ſtill voll Erſtaunen und Furcht. Allein ihre Stubengenoſſin, die ſich gern von allem Ver⸗ dacht befreien wollte, declamirte mit unglaublicher Schnellzüngigkeit gegen den Urheber dieſes Aufruhrs. Er habe ſich unſtreitig, ſagte ſie, in der Abſicht hier im Zimmer verſteckt, um einen ruchloſen Ver⸗ ſuch auf ihre unſchätzbare Tugend zu wagen, und ſey durch Gottes Finger daran verhindert und dafür gezüchtigt worden. Auf ihr Verlangen und auf das dringende Anſuchen des andern Frauenzimmers ward Pallet nach ſeinem Bette geſchafft. Als das Zimmer leer war, verriegelte die Franzöſin die Thüre mit dem feſten Vorſatz, dieſe Nacht keine weiteren Beſuche anzunehmen. Peregrine war inzwiſchen faſt unſinnig darüber, ſich einen ſo leckern Biſſen gleichſam vom Munde weggeriſſen zu ſehen. Er ſchlich wie ein Geiſt auf dem Gange umher, in der Hoffnung, irgend eine Gelegenheit zu finden, wieder in das Zimmer hineinzukommen. Endlich brach der Tag an und trieb ihn von ſeinem Poſten. Er verfluchte beim Weg⸗ gehen das unſinnige Benehmen des Malers, der ſich ſo unglücklicher⸗ weiſe in ſeine Freuden gemiſcht hatte. 33 Neunundfünfzigſtes Kapitel. Sie reiſen von Gent ab. Unſer Held verletzt auf der Diligence ſeine Geliebte durch einen politiſchen Diſpüt, beſchwichtigt ſie aber wieder durch Unterwürfigkeit. Mittelſt ſeiner Veranſtaltung bleibt die Kutſche zu Aloſt liegen. Er weiß den Prieſter in ſeinem Intereſſe zu erhalten. Am folgenden Tage reiste die Geſellſchaft um ein Uhr, nachdem ſe noch alle Merfwürdigkeiten der Stadt und die Hinrichtung zweier jungen Leute geſehen hatten, die wegen Schändung einer öffentlichen Weibsperſon gehängt wurden, in eben dem Wagen von Gent ab, mit dem ſie angekommen war. Das Geſpräch drehte ſich zunächſt um die Strafe, deren Vollziehung ſie ſo eben mit angeſehen hatten. Die ſchöne Flamländerin bezeigte das innigſte Mitleid für die De⸗ linquenten, die, wie ſie gehört hatte, als Opfer der Bosheit eines falſchen Anklägers gefallen waren. Die ganze Geſellſchaft theilte ihre Meinung, bis auf die franzöſiſche Converſationsdame. Dieſe hielt die Ehre ihrer ganzen Schweſterſchaft für dabei intereſſirt, weßhalb ſie gar bitterlich gegen die Verderbtheit der jetzigen Zeiten und hauptſächlich gegen die ſchurkiſchen Verſuche der Männer gegen die Keuſchheit des ſchwächeren Geſchlechts declamirte.„Ich für meine Perſon,“ ſetzte ſie mit einem Blick des Unwillens gegen den Maler hinzu,„werde nie im Stande ſeyn, der göttlichen Vorſehung genug zu danken, daß ſie mich die verwichene Nacht vor den gottloſen Ab⸗ ſichten zügelloſer Begierde ſchützte.“ Dieſe Bemerkung veranlaßte eine Reihe von Späſſen über den umen Pallet, der die Ohren hängen ließ und ſchweigend und nieder⸗ geſchlagen da ſaß, weil er beſorgte, daß der ihn haſſende Doktor jenes nächtliche Abenteuer ſeiner Frau erzählen möchte. In der That war der Vorfall, den wir unſern Leſern auseinander zu ſetzen ver⸗ ſucht haben, allen auf der Diligence ein unauflösbares Räthſel. Denn Niemand wußte die Rolle, die der Kapuziner geſpielt hatte, Smollet's Romane. R. 8 34 als er ſelbſt; und ſogar ihm war der Antheil völlig unbekannt, den Pickle an dieſer Sache gehabt hatte. Auf dieſe Art ward der größte Theil der Leiden des Malers für Uebertreibung ſeiner ausſchwei⸗ fenden Imagination angeſehen. Während des Hin- und Herredens über dieſe außerordentliche Sache meldete ihnen der Poſtillon, daß ſie ſich jetzt auf der Stelle befänden, wo ein Detaſchement von den Alliirten durch die Franzoſen aufgefangen und abgeſchnitten worden ſey. Er hielt einige Angen⸗ blicke an und ſchilderte in der Kürze das Treffen bei Melle. Bei dieſer Gelegenheit ertheilte die Flamländerin, die ſeit ihrer Verhei⸗ rathung eine eifrige Anhängerin der Franzoſen geworden war, der Geſellſchaft eine ganz umſtändliche Nachricht hiervon, ſo wie ſie die⸗ ſelbe von dem Bruder ihres Gemahls erhalten, der dieſer Schlacht beigewohnt hatte. Der Bericht, wodurch die Anzahl der Franzoſen auf ſechszehntauſend Mann herabgeſetzt und die der Alliirten auf zwanzigtauſend Mann erhöht wurde, war ſowohl der Wahrheit als Veregrine's löblicher Parteilichkeit ſo wenig gemäß, daß er ihrer Ausſage zu widerſprechen wagte. Hieraus entſpann ſich ein heftiger Streit, der nicht allein den angeregten Punkt betraf, ſondern auch alle die Schlachten berührte, in denen der Herzog von Marlborough gegen Ludwig den Vierzehn⸗ ten das Commando geführt hatte. Im Verlauf dieſes Diſpüts entkleidete die Dame den großen General allen Ruhmes, den er ſich erworben hatte, indem ſie behauptete, die franzöſiſchen Generäle hätten jede Schlacht, die er gewonnen habe, abſichtlich verloren, um die Plane der Madame de Maintenon in Mißeredit zu bringen. Zur Beſtätigung ihrer Behauptung führte ſie an, daß während der Be⸗ lagerung der Citadelle von Lille Louis in Gegenwart des Dauphin's ſagte, er wütde, wenn die Alliirten die Belagerung aufheben müßten, augenblicklich ſeine Vermählung mit dieſer Dame erklären. Darauf habe der Prinz an den Marſchall de Boufflers geheime Ordre ge⸗ ſchickt, den Platz zu übergeben. 5 5 35 DDieſe ſeltſame Beweisführung unterſtützten der Prieſter und die lockere Franzöſin durch feierliche Betheurungen. Auch der Hofmeiſter nahm ſie als wahr an und behauptete, es aus guter Hand bereits zu wiſſen. Der Doktor hingegen blieb neutral, weil er es für ſchimpflich hielt, die Geſchichte neuerer Zeiten zu kennen. Der Iſraelit aber, als ein ächter Holländer, focht unter dem Panier un⸗ ſeres Helden. Als Letzterer ſich bemühte, die Ungereimtheit und Unwahrſcheinlichkeit jener Behauptungen darzuthun, entſtand ein ſolches Geſchrei gegen ihn, und ſeine Geliebte gerieth, da er in dem Streit unvermerkt hitzig ward, in einen ſolchen Zorn, daß ihre lie⸗ benswürdigen Augen vor Wuth funkelten, und er hatte viel Grund, zu glauben, daß ſie, wenn er nicht auf ein Mittel dächte, ihren Zorn abzuwenden, in einem Augenblick alle ihre Achtung gegen ihn ihrem Eifer für die Ehre der franzöſiſchen Nation aufopfern würde. Durch dieſe Furcht bewogen, nahm ſeine Hitze allmählig ab, und er wickelte. ſich unvermerkt aus dem Streite heraus, der nunmehr einzig und allein dem Juden auf den Hals fiel. Da ſich dieſer ganz verlaſſen ſah, ſo ermangelte er nicht, ſich auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Die Franzoſen behielten ſonach das Feld, und ihre junge Heldin erhielt ihre gute Laune wieder. Dieſer Zank mag allen Leſern zur Warnung dienen, ſich ja in keine politiſchen Streitigkeiten mit Frauenzimmern einzulaſſen, wofern ſie ſich nicht ihre Feindſchaft und ihren unverſöhnlichen Haß zuziehen wollen; denn in politiſchen Angelegenheiten ſind ſie alle ohne Aus⸗ nahme Enthuſiaſtinnen. Wer nicht ihrer Meinung iſt, bilden ſie ſich ein, lebt im Stande der Verdammung. Daher hat die Wahrſchein⸗ lichkeit, wie doch von allen Glaubensgenoſſen einer andern Claſſe geſchieht, in ihren Religionsartikeln nicht das mindeſte Gewicht; ſie berwerfen die Evidenz der Vernunft mit Verachtung und trauen nur der Offenbarung ihrer Phantaſie. Nachdem ſich Peregrine ſo klüglich der höheren Einſicht ſeiner ſchönen Zauberin unterworfen hatte, fing ihn an die Furcht zu beun⸗ 36 ruhigen, ſie auf immer bei ihrer Ankunft in Brüſſel zu verlieren. Er ſtrengte daher ſeinen Erfindungsgeiſt an, um ein Mittel auszu⸗ ſinnen, ſich für ſeine Bemühungen, Geſchenke und fehlgeſchlagenen Hoffnungen ſchadlos zu halten. Unter dem Vorwande, friſche Luft zu genießen, ſetzte er ſich neben den Kutſcher auf den Bock. Er wandte gegen ihn ſeine Beredſamkeit und Freigebigkeit mit ſo gutem Erfolg an, daß dieſer Menſch ihm verſprach, die Dili⸗ gence außer Stand zu ſetzen, für heute weiter als bis nach Aloſt zu kommen. Dieſem Verſprechen gemäß warf der Beſtochene etwa noch eine Meile von dem Wirthshauſe die Kutſche ſanft um. Er hatte ſeine Maßregeln ſo geſchickt genommen, daß dieſer Zufall keine weitere Unannehmlichkeit nach ſich zog als eine Anwandlung von Furcht, welche die Frauenzimmer ergriff, und die Nothwendigkeit, zu Fuße gehen zu müſſen. Denn der Poſtillon erklärte nach Beſichtigung des Wagens, die Axe wäre gebrochen, und gab der Geſellſchaft den Rath, voraus nach dem Wirthshauſe zu ſpazieren. Er wolle indeß langſam nachfahren und ſich Mühe geben, den Schaden ſo bald als möglich wieder herſtellen zu laſſen⸗ Peregrine ſchien über den Vorfall ſehr unwillig und fluchte ſogar auf den Poſtillon wegen ſeiner Unvorſichtigkeit. Er bezeigte die äußerſte Ungeduld, in Brüſſel zu ſeyn, und wünſchte, daß dieſes unglück ſie nur nicht noch eine Nacht länger unterwegs aufhalten möchte. Allein ſein getrenes Werkzeug kam, ſeinem geheimen Ver⸗ haltungsbefehl gemäß, nach einiger Zeit in's Wirthshaus und mel⸗ dete ihnen, daß der Wagner in weniger denn ſechs Stunden den Wagen unmöglich repariren könne. Der ſchlaue Jüngling ſchien jetz alle Geduld zu verlieren; er ſtürmte auf ſeinen Abgeordneten los ſtieß die ſchmachvollſten Reden gegen ihn aus, ja drohte ihm ſogar wegen ſeines ſchlechten Fahrens mit Prügeln. Der Kerl betheuerte gar de⸗ und wehmüthig, daß an dem Um⸗ werfen weder ſeine Unvorſichtigkeit noch Ungeſchicklichkeit, ſondern 37 einzig und allein die elende Are Schuld ſey.„Damit ich aber nicht Urſach bin,“ ſetzt' er hinzu,„daß Sie irgend'ne Ungelegenheit haben, will ich mich gleich nach'ner Poſtchaiſe umthun, damit Sie ohne Verzug nach Brüſſel gehn können.“ Dieſen Ausweg verwarf Pickle, wofern die Geſellſchaft nicht eine ähnliche Bequemlichkeit haben könnte. Er hatte ſich aber zuvor ſchon bei dem Pvſtillon erkundigt und gehört, daß die Stadt nicht mehr als Ein ſolches Fuhrwerk hätte. Sein Hofmeiſter, der von ſeinem Plan nicht das Mindeſte ahnte, ſtellte ihm vor, daß eine Nacht bald vorüber ginge, und er⸗ mahnte ihn, dieſe kleine fehlgeſchlagene Erwartung geduldig zn er⸗ tragen, zumal da dies Haus recht gut zu ihrer Bewirthung einge⸗ richtet und ihre Reiſegefährten auf einen ganz geſelligen Ton geſtimmt zu ſeyn ſchienen. Dem Kapuziner, der in dem Umgange mit unſerm jungen Fremden ſeine Rechnung gefunden hatte, war dieſes Ereigniß nicht unlieb. Er hoffte nämlich, wenn er noch länger mit ihm in Geſellſchaft bliebe, eine bequeme Gelegenheit zu haben, von ſeiner Freigebigkeit noch mehr Nutzen zu ziehen. Demnach vereinigte er ſeine Erinnerungen mit denen von Jolter'n und wünſchte ſich ſelbſt Glück zu der Ausſicht, ſeine Unterhaltung noch etwas länger zu genießen, als er erwartet habe. Daſſelbe Compliment machte unſerm jungen Herrn der Hebräer, der den Tag über den Liebhaber bei der franzöſiſchen Buhlerin geſpielt hatte und nicht ohne Hoffnung war, die Früchte ſeiner Aufmerkſamkeit einzuernten; denn ſein Nebenbuhler der Maler, war ſeit dem Abenteuer der letzten Nacht bei ihr völlig in Ungnade gefallen. Was den Doktor betrifft, ſo war er zu ſehr mit Betrachtung ſeiner eigenen Wichtigkeit beſchäftigt, als daß er ſich für die Sache oder für ihre Folgen weiter hätte intereſſiren ſollen. Er bemerkte bloß, daß die eurvpäiſchen Mächte ſolche öffentliche Spiele anſtellen ſollten, wie vor Alters in Griechenland gehalten worden wären. In dieſem Falle würde jeder Staat hinlänglich mit Wagenführern ver⸗ ſchen ſeyn, die Geſchicklichkeit genng hätten, ohne Gefahr des Um⸗ 38 werfens jedes Fuhrwerk in vollem Lauf ein Haarbreit von einer jähen Tiefe zu führen. Peregrine konnte nicht umhin, ſich den vereinigten Vorſtellungen und Artigkeiten ſeiner Reiſegefährten zu ergeben. Er dankte ihnen in den verbindlichſten Ausdrücken, und da ſein Affekt ſich gelegt hatte, that er ihnen den Vorſchlag, zum Zeitvertreib einen Spazier⸗ gang auf den Wällen zu machen, in der Hoffnung, eine geheime Un⸗ terredung mit ſeiner bewunderten Flamländerin zu haben, die ſich den ganzen Tag über mit merklicher Zurückhaltung betragen hatte. Nachdem dieſer Vorſchlag angenommen worden war, führte er ſeine Geliebte wie gewöhnlich und wandte alle nur mögliche Gelegenheit an, ſein Vorhaben durchzuſetzen. Allein der Beichtvater folgte ihnen ſo dicht auf dem Fuße, daß Peregrine vorausſah, er würde ſeinen Zweck nicht erreichen, wofern ihm der Prieſter nicht durch die Finger ſähe. Dieſe Nachſicht mußte er durch noch einen Geldbeutel erkaufen. Er bot ihn dem Mönch an, und hatte das Glück, daß derſelbe als ein mildthätiges Sühnopfer für ſein ſündliches Betragen bei der Zuſammenkunft angenommen wurde, die der Sohn der Kirche für das Heil ſeiner Seele bewirkt hatte. Kaum war dieſes wohlthätige Werk geſchehen, als der gottſelige Mann ſich allmählig entfernte, bis er den übrigen Theil der Geſellſchaft erreichte. Er ließ ſeinem großmüthigen Gönner völlige Freiheit, ſein Vorhaben auszuführen. Man kann leicht denken, daß dieſer eine ſolche Gelegenheit auf das Beſte genutzt haben wird. Er wandte alle Blumen der Redekunſt an und erſchöpfte wirklich ſein ganzes Ueber⸗ redungstalent, um ſie zu bewegen, ſich ſeines Elends zu erbarmen und ihm noch eine geheime Unterredung zuzugeſtehen. Er würde ſonſt noch ganz von Sinnen kommen und ſich ſolcher Ausſchweifungen ſchuldig machen, die ſie bei ihrer menſchlichen Denkart nicht ohne Thränen anſehen können würde. Statt aber ſeinen Bitten Eingang zu verſtatten, gab ſie ihm für ſeine Vermeſſenheit, ſie noch immer mit ſeinen laſterhaften Zumuthungen zu verfolgen, einen ernſtlichen 39 Verweis. Sie verſicherte: wiewohl ſie ein eigenes Schlafzimmer für ſich beſtellt hätte, weil ſie nicht den Ehrgeiz habe, mit dem andern Frauenzimmer bekannter zu werden, ſo würde er Unrecht thun, ſie noch einmal mit einem nächtlichen Beſuche zu ſtören, denn ſie ſey feſt entſchloſſen, ihn nicht einzulaſſen. Dieſer Wink beruhigte den Liebhaber, denn er nahm ihn in ſeinem wahren Sinn. Seine Leidenſchaft wurde durch die Hinderniſſe, auf welche ſie ſtieß, nur noch mehr entftammt; und ſein Herz pochte hoch bei der Ausſicht auf die ſeiner harrenden Freuden. Die Ent⸗ zückungen der Erwartung erzeugten in ihm eine Unruhe, die ihn ganz unfähig machte, ſich dieſen Abend wie gewöhnlich in der Unter⸗ haltung hervorzuthun, ſo daß er bald grübelnd da ſaß, bald wie er⸗ ſchreckt zuſammenfuhr. Der Kapuziner, der dieſe Wallungen einer zweiten abſchläglichen Antwort ſeiner geiſtlichen Pflegetochter zuſchrieb und fürchtete, das Geld wieder herausgeben zu müſſen, flüſterte unſerm Helden zu: Er ſolle ja nicht verzweifeln. Sechszigſtes Kapitel. Die franzöſiſche Buhlerin beſtrickt das Herz des Inden. Dieſer läßt ſich in eine Verſchwörung gegen Pallet ein. Dadurch ſchlagen Peregrine's Abſichten wieder fehl, und des Hebräers Unenthaltſamkeit kommt an den Tag. In ihrem Plan auf den engliſchen Gimpel betrogen, der kläglich die Ohren hing, beſchloß die franzöſiſche Sirene, die nicht Luſt hatte, die Reiſe ganz ohne Vortheil zu machen, ihre Reize gegen den hol⸗ ländiſchen Kaufmann ſpielen zu laſſen. Sie hatte bereits eine ſolche Revolution in ſeinem Herzen hervorgebracht, daß er ihr mit beſon⸗ derer Gefälligkeit an die Hand ging, ſie mit ſehr lüſternen Blicken anſtarrte und ſein Geſicht in ächt iſraelitiſch-freundliche Falten legte. 40⁰ Der Maler, der dieß ſah, ward darüber ärgerlich, weil er es nicht nur als eine heftige Beleidigung nach dem ihm widerfahrenen Unglück, ſondern auch als einen erſichtlichen Vorzug betrachtete, den man ſeinem Nebenbuhler erwies. Seiner ihm inwohnenden Furcht⸗ ſamkeit ſich bewußt, ſtürzte er ein außerordentliches Glas Wein hin⸗ unter, um ſeine Einbildungskraft anzuſpornen und ſeinen Entſchluß, irgend einen Plan der Rache auszuſinnen und zu vollziehen, noch lebendiger zu machen. Allein der Wein that nicht die erwünſchte Wirkung. Statt ihm einen neuen Entwurf einzuflößen, diente er nur dazu, ſeine Rachbegierde noch mehr anzufeuern. Er theilte daher ſein Vorhaben ſeinem Freunde Peregrine mit, und bat ihn um ſeinen Beiſtand. Doch unſer junger Herr war mit ſeiner Sache zu ſehr beſchäftigt, um ſich mit der Angelegenheit eines Andern befaſſen zu können. Er ſchlug es ihm daher ab, an ſeinem Projekte Theil zu nehmen. Pallet nahm nunmehr zu Pickle's Kammerdiener, dem Pfiffikus, ſeine Zuflucht. Dieſer ließ ſich gar gern in das Unter⸗ nehmen ein, und entwarf einen Plan, an deſſen Ausführung ſie beiderſeits arbeiteten. Als es ſchon ziemlich ſpät war, die Geſellſchaft ſich getrennt und ſich Jeder auf ſein Zimmer verfügt hatte, eilte Pickle mit aller Ungeduld der Jugend und der Sehnſucht nach dem Zimmer ſeiner Geliebten. Er fand die Thüre unverriegelt. Voll froher Entzückung ſtürzte er hinein. Der Mond, der durch das Fenſter ſchimmerte, führte ihn bis an ihr Bett. Er nahte ſich ihr in dem größten Auf⸗ ruhr ſeines Innern. Da ſie allem Anſchein nach ſchlief, ſo ſuchte er ſie durch einen ſanften Kuß zu wecken. Dies Mittel ſchlug nicht an. Sie war entſchloſſen, ſich die Verwirrung zu erſparen, Theil⸗ nehmerin ſeines Verbrechens zu ſeyn. Er wiederholte ſeinen Verſuch, murmelte ihr einen ſehr verliebten Gruß in's Ohr und bediente ſich anderer eben ſo glimpflicher Mittel, ſie von ſeiner Gegenwart zu überzeugen. Endlich ſah er, daß ſie entſchloſſen ſey, trotz allen ſeinen Bemühungen fortzuſchlafen. Dieſe ſüße Vermuthung ſchwellte 4¹ ſeine Bruſt mit Freude. Er verſchloß die Thüre, um jedem unan⸗ genehmen Zuſpruch zuvorzukommen und kroch unter die Bettdecke. Jetzt bot er dem Glücke Trotz, da er dieſes ſchöne Geſchöpf mit ſeinen Armen umſchlang. So nahe er auch der glücklichen Erfüllung ſeiner Wünſche zu ſeyn ſchien, ſo ward dennoch ſeine Hoffnung durch ein füchterliches Lärmen vereitelt. Seine Geliebte erwachte davon augenblicklich voller Schreck, und ſeine ganze Aufmerkſamkeit ward dadurch gefeſſelt. Der Kammerdiener von Pickle, den Pallet zum Bundesgenoſſen ſei⸗ ner Rache gegen die Tochter der Freude und ihren jüdiſchen Galan erkoren, hatte von einigen Zigeunern, die zufällig in demſelben Gaſt⸗ hofe eingekehrt waren, einen Eſel mit Schellengeläute gemiethet. Nachdem ſich die ganze Geſellſchaft zur Ruhe begeben und der He⸗ bräer, wie ſie vermutheten, zu ſeiner Liebſchaft gebettet hatte, leiteten ſie den Langohr die Treppen hinauf in einen langen Gang, der die Schlafzimmer auf beiden Seiten von einander trennte. Der Maler, als er die Thüre des Frauenzimmers nur angelehnt erblickte, ſeiner Erwartung gemäß, beſtieg ſein Thier, in der Abſicht, in das Zimmer hinein zu reiten und die Verliebten mitten in ihren Ergötz⸗ lichkeiten zu ſtören. Allein der Eſel ließ nicht von der Art. Da er einen unbekannten Reiter auf ſich fühlte, ging er, ſtatt ſeinem Führer zu gehorchen, trotz allen Bemühungen des Malers rückwärts nach dem Ende des Ganges. Er ſpornte, ſtieß und ſchlug ihn vergebens. Das Geräuſch von dieſem Hader zwiſchen dem Maler und dem Cſel war es, was Peregrine'n und deſſen Geliebten in die Ohren ſel. Keines von beiden konnte irgend einen vernünftigen Grund von der Veranlaſſung dieſes ſeltſamen Getöſes muthmaßen, das noch größer ward, als beide Thiere ſich ihrem Zimmer nahten. Endlich fund der Krebsgang des vierbeinigten Müllergeſellens an ihrer Stu⸗ benthüre ſich gehemmt. Allein im Nu hatte er ſie mit einem einzigen Stoße aufgeſprengt und kam mit ſo ſeltſamem Klingklang hinein, 42 daß die Dame vor Schreck faſt in Ohnmacht ſank und ihr Liebhaber in äußerſte Verlegenheit und Verwirrung gerieth. Der Maler, der ſich ſo gewaltſam in die Schlafkammer, er wußte nicht von wem, hineingedrängt fand, war voller Furcht, der Beſitzer möchte auf ihn als einen Räuber, der in ſein Gemach eingebrochen ſey, eine Piſtole abfeuern. In dieſer großen Angſt und Beſtürzung ſuchte er ſeinen Rückzug auf alle mögliche Art und Weiſe zu beſchleunigen. Er ſchwitzte die ganze Zeit über vor Furcht und betete in Einem fort um Rettung zum Himmel. Sein halsſtarriger Gefährte kümmerte ſich aber nicht um ſeinen Zuſtand, und ſtatt ſich ſeinem Führer zu unterworfen, begann er rundum zu gehen wie ein Mühlſtein. Der vereinigte Schall von ſeinen Tappen und Schellen machte das merk⸗ würdigſte Concert. Der unglückliche Reiter, der auf dieſe Art herumgewirbelt ward, hätte gern ſeinen Sitz fahren und das Thier ſeinen Gang nach Her⸗ zensluſt allein machen laſſen. Allein der Kreislauf ging ſo reißend ſchnell, daß die Furcht vor einem heftigen Fall den Verſuch, abzu⸗ ſteigen, verhinderte. In der Verzweiflung ſeines Herzens ergriff er eins der Ohren des Laſtträgers und klemmte es ſo unbarmherzig, daß das Vieh ſeine Kehle aufſperrte und laut aufbrüllte. Kaum hörte die ſchöne Flamländerin dieſen gräßlichen Ausruf, als ſie, die vor Furcht ſchon kalt und mit abergläubiſchem Wahn angefüllt war, ſich einbildete, der Teufel ſuche ſie heim und habe die Macht erhalten, ſie für ihre Untreue gegen ihr Ehebette zu be⸗ ſtrafen. Ihr Liebhaber, der ſich nunmehr genöthigt ſah, ſie zu ver⸗ laſſen, ſprang auf, und lief in der heftigſten Erbitterung und Wuth, wieder in ſeiner Hoffnung getäuſcht zu ſeyn, gerade nach dem Ort hin, wo der teufliſche Lärm herſcholl. Als er auf den Eſel ſtieß, gab er ihm und ſeinem Reiter eine ſo volle Ladung Schläge, daß das Thier den Letztern in einem runden Trabe wegtrug und beide den ganzen Weg über eine Uniſono brüllten. Nachdem Pickle ſolchergeſtalt das Zimmer von dieſer unange⸗ 43 nehmen Geſellſchaft geſäubert hatte, kehrte er wieder zu ſeiner Ge⸗ liebten zurück und verſicherte ſie, daß der ganze Vorfall weiter nichts als ein Narrenſtreich von Pallet ſey. Sodann nahm er von ihr Abſchied, mit dem Verſprechen, wiederzukommen, ſobald im Wirths⸗ hauſe wieder Alles ruhig ſeyn würde. Mittlerweile hatte das Lärmen des Eſels, das Geſchrei des Malers und das Gekreiſch der Dame das ganze Haus in Allarm ge⸗ bracht. Als der Eſel bei ſeinem übereilten Rückzuge Leute mit Lich⸗ tern vor ſich erblickte, ſuchte er ſeine Zuflucht in eben dem Zimmer, für das er anfänglich beſtimmt war. So eben hatte der Levit, durch das fürchterliche Getös bewegt, ſeine Duleinea verlaſſen, und war im Begriff, in ſeine Kammer zu ſchleichen, als ihm ein ſolches Thier entgegen kam, ſammt einer langen, hagern, laternenböckigen, halb⸗ nackten Figur von Reiter mit einer weißen Schlafmütze, die deſſen natürliche Bläſſe noch erhöhte. Der Inde erſchrack gar heftig und glaubte, es ſey eine Erſcheinung von Bileam und ſeinem Eſel. Er trippelte daher ſchnell zurück und kroch unter das Bett ſeiner Schönen. Jolter und der Prieſter, die mit unter den erſten waren, welche der Lärmen geweckt hatte, blieben nicht unerſchüttert, als ſie ſolches Un⸗ gethüm in dieſe Kammer hineinrauſchen ſahen. Sie hörten unmit⸗ telbar darauf das Mädchen der Freude laut aufkreiſchen. Der Hof⸗ meiſter machte gänzlich Halt und der Kapuziner bezeigte keine Luſt, weiter zu gehen. Allein der ihnen folgende Haufe drängte ſie immer mehr vorwärts nach der Thüre hin, durch welche die Erſcheinung gegangen war. Hier fing Jolter mit großen Ceremonien über den Vortritt mit Sr. Ehrwürden zu complementiren und bat ihn immer, hineinzu⸗ gehen. Der Mönch war zu höflich und zu demüthig, einen ſolchen Vorrang anzunehmen. Es entſtand darüber ein recht ernſtlicher Wort⸗ wechſel zwiſchen ihnen. Während deſſelben erſchien der Eſel bei ſei⸗ nem ferneren Herumſchweifen nebſt ſeinem Ritter, und den Augen⸗ blick war der Streit entſchieden, denn durch dieſe zweite plötzliche 44 Erſcheinung wurden ſie äußerſt beſtürzt, und ſprangen mit ſolcher Heftigkeit zurück, daß ſie die nächſten nach ihnen über den Haufen warfen. Dieſe theilten den empfangenen Stoß ihren Nachbarn mit und dieſe wieder Andern, ſo daß der ganze Gang mit einer langen Reihe von Leuten beſät war, die in einer Linie dalagen, wie der Sequens im Kartenſpiel. Inmitten dieſer allgemeinen Verwirrung kam unſer Held aus ſeinem Zimmer mit einer erheuchelten Miene des Erſtaunens. Da Jolter ihm hierüber ſo viel Auskunft gab, als ihm ſeine Beſtürzung erlaubte, und Peregrinen dieſelbe nicht genügte, ſo riß er ihm das Licht weg und ging ohne das mindeſte Bedenken nach dem geſpen⸗ ſtiſchen Gemach, wohin ihm alle Anweſenden folgten, und in ein langes lautes Gelächter ausbrachen, als ſie die kurzweilige Quelle ihrer Angſt gewahrten. Der Maler ſelbſt ſtrengte ſich an, in den allgemeinen Jubel mit einzuſtimmen. Allein die Furcht hatte ihn ſo abgemattet und die von Peregrine erhaltene Züchtigung machte ihm noch ſolche Schmerzen, daß er mit aller Bemühung die Traurigkeit aus ſeinem Geſicht nicht vertilgen konnte. Seine Verſuche dienten bloß dazu, das Poſſierliche und Widrige ſeiner Lage zu erhöhen. Das letztere wurde durch das Benehmen der Buhlerin eben nicht verbeſſert. Denn wüthend über ihre fehlgeſchlagene Erwartung warf ſie in aller Schnelligkeit Ueber⸗ rock und Nachtkleid an, ſprang wie eine andere Hekuba auf Pallet los riß ihm von der einen Seite der Naſe mit ihren Nägeln die Haut ab, und würde ihm auch nicht ein Ange zum Sehen übrig gelaſſen haben, wenn ihn nicht einige von der Geſellſchaft aus ihren unbarmherzigen Klauen gerettet hätten. Aufgebracht durch dieſe Beleidigung, ſo wie durch der Franzöſin Betragen gegen ihn in der Diligence, erklärte Pallet öffentlich, weß⸗ halb er in einem ſolchen Aufzuge zu ihr in die Kammer gekommen ſey; und da er den Hebräer unter den Zuſchauern vermißte, ſo ver⸗ ſicherte er, er müſſe ſich hier irgendwo im Gemach verſteckt haben. 45 Dieſem Wink zufolge durchſuchte man ſogleich das Zimmer und zog den zitternden Juden bei den Ferſen unter dem Bett hervor, wodurch denn Pallet noch zuletzt die Genugthuung erhielt, daß man nicht mehr über ihn, ſondern auf Koſten der Franzöfin lachte, die nun zum Geſpött der ganzen Geſellſchaft wurde. Einundſechszigſtes Kapitel. Pallet fällt aus der Bratpfanne gar in's Feuer, als er ſich bemüht her⸗ auszukriegen, wer ihn ſo ubel behandelt habe. Nichts deſto weniger blieb Pallet verdrüßlich darüber, daß er ſo über Hals und Kopf in das Zimmer gerathen war, welches, wie er durch Nachfrage herausbrachte, der ſchönen jungen Dame ge⸗ hörte, die unter des Kapuziners Obhut ſtand. Er beſann ſich, daß die Thüre feſt verſchloſſen geweſen war, als ſein Thier ſie aufſprengte, und hatte keinen Grund, anzunehmen, daß ihm Jemand bei ſeinem Einbruch nachgefolgt ſeyo. Auf der andern Seite konnte er ſich nicht denken, daß ein ſo zartes ſchwaches Geſchöpf einen ſd verzweifelten Angriff, als auf ſeinen Leichnam war gethan worden, würde verſucht haben, oder auszuführen im Stande geweſen ſeyn, und ihr Betragen war ſo ſittſam und vor⸗ ſichtig, daß er nicht dem geringſten Verdacht auf ihre Tugend Raum geben konnte. Dieſe Betrachtungen verwickelten ihn in ein Labyrinth von Ge⸗ danken. Er durchwühlte den ganzen Schatz ſeiner Imagination, und bemühte ſich, jene nächtlichen Ereigniſſe herauszubringen. Endlich ſchloß er, daß Peregrine und der Teufel oder Beide zugleich hinter der Sache geſteckt haben müßten. Um nun ſeine Neugier zu befrie⸗ 46 digen, faßte er den Entſchluß, den ganzen übrigen Theil der Nacht hindurch alle Bewegungen unſeres Helden ſo genau zu bewachen⸗ daß ſein Betragen, ſo geheimnißvoll es auch wäre, ſeine Scharfſicht nicht zu täuſchen fähig ſeyn ſollte. Mit dieſem Vorhaben begab er ſich in ſeine Kammer zurück, nach⸗ dem der Eſel ſeinen rechtmäßigen Eigenthümern wieder zugeſtellt worden war. Der Prieſter beſuchte und tröſtete ſeine ſchöne Mündel, welche vor Furcht beinahe außer ſich war. Kaum herrſchte überall Stille, als Pal⸗ let im Finſtern nach der Stubenthüre der Flamländerin kroch und ſich in einen dunkeln Winkel drückte, von wo aus er jedes menſchliche Geſchöpf ein⸗ und auspaſſiren ſehen konnte. Er war noch nicht lange in dieſer Poſition, als ihn, der durch das jüngſte Abenteuer und das in der letzt verfloſſenen Nacht müde war, allmählig ein Schlummer überwältigte. Er fiel in einen ſo tiefen Schlaf, daß er wie eine Verſammlung von Presbyterianern zu ſchnarchen anfing. Die flam⸗ ländiſche Schöne hörte kaum dieſes wunderliche Getös auf dem Gange, als ſie ſich vor einem neuen Lärmen zu fürchten begann, und ſehr klüglich ihre Thüre verriegelte. Als nun ihr Liebhaber kam, um ſeinen Beſuch zu wiederholen, ward er überdieſe disharmoniſche Sere⸗ nade, deren Urheber er nicht kannte, nicht nur beſtürzt, ſondern auch erbittert, daß er ſich zu ſeiner bitterſten Kränkung ausgeſperrt fand. Um des Rufes der Schönen willen durfte er nicht wagen anzuklopfen oder ſonſt ein Zeichen ſeiner Anweſenheit zu geben, da der Schnarcher davon hätte erwachen können. Hätte er gewußt, daß die Perſon, die ſeine Abſichten hinderte, der Maler ſey, ſo würde er ein wirk⸗ ſames Mittel gebraucht haben, ihn fortzuſchaffen. Er konnte aber gar nicht begreifen, was Pallet vermögen ſollte, in dieſem Winkel ſeine Reſidenz aufzuſchlagen; Licht konnte er auch nicht zu Hülfe nehmen, weil keines im Hauſe brannte; und außerdem hätte der Schläfer gerade in dem Augenblick, wo ihn Peregrine entdeckt hätte, die Augen aufſchlagen und einen Verdacht gegen unſern jungen Herrn faſſen können, daß er ſich zu einer ſolchen Stunde in einer 47 Gegend des Wirthshauſes betreffen ließ, die ſo weit von ſeiner Schlaffammer entfernt war. Unmöglich laſſen ſich die Wuth und die Qualen unſeres Helden beſchreiben, der wie ein andrer Tantalus am Ufer der Glückſeligkeit ſchmachten mußte, nachdem ſeine Begierden durch die doppelt fehl⸗ geſchlagene Hoffnung hoöchſt erhitzt waren. Er ſtieß tauſend Flüche gegen ſein Schickſal aus, verwünſchte alle ſeine Reiſegefährten ohne Ausnahme, ſchwur, ſich an dem Maler zu rächen, der ſchon zwei⸗ mal ſeinen intereſſanteſten Plan zernichtet hatte, und gerieth in Ver⸗ ſuchung, an dem unbekannten Urheber ſeines Unglücks unmittelbare Rache zu nehmen. Zwei ganze Stunden lang ſchwitzte er in tödt⸗ licher Verwirrung auf dem Gange, obgleich nicht ohne einige ſchwache Hoffnung, von ſeinem Peiniger befreit zu werden. Denn er meinte, daß jener beim Erwachen unſtreitig ſein Lager räumen und ihm völlig freies Feld laſſen würde. Als er aber den Hahn dem Morgen, der aus dem Schvoße der Nacht empor ſtieg, ſeinen Gruß wiederholt entbieten hörte, konnte er ſeinen Unwillen nicht länger bezähmen. Er ging in ſeine Stube, füllte ein Handbecken mit kaltem Waſſer, blieb in einiger Entfernung ſtehen, und goß es dem mit offenem Maule Schnarchenden gerade in's Geſicht. Außer dem Schreck, den ihm dieſes Bad verurſachte, ward er von dem Waſſer, das ihm in den Hals kam und ihm in die Luftröhre lief, beinahe erſtickt. Da er alſo wie ein Halbtrunkener nach Luft ſchnappte, ohne die wahre Beſchaffenheit ſeines Unfalls zu wiſſen, noch ſich auf die Verfaſſung zu beſinnen, in welcher er eingeſchlafen war, lief Peregrine nach ſeiner Stube zurück. Zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen vernahm er aus dem langen Geheul, das ihm in die Ohren ſiel, daß der Leidende kein anderer war als Pallet, der ihn nun zum dritten⸗ male um ſein gutes Glück gebracht hatte. Höchſt erbittert über die gehäuften Beleidigungen dieſes unglück⸗ lichen Beleidigers ſtürzte Pickle mit einer Hetzpeitſche aus ſeiner Stube, und da er auf den fliehenden Maler ſtieß, rannte er ihn 48 um und handhabte das Werkzeug ſeines Zorns auf's Ernſtlichſte, unter dem Vorwand, daß er ihn für einen unverſchämten Hund hielte, der die Ruhe im Wirthshauſe ſtörte. Ja, als Pallet im demüthigſten Tone laut um Gnade rief, und ſein Züchtiger nicht länger darauf beharren konnte, ihn als ein vierfüßiges Geſchöpf zu behandeln, war die Erbitterung unſers jungen Herrn noch ſo groß, daß er ſich nicht enthalten konnte, ihm ſeine Unzufriedenheit hierüber zu bezeugen.„Sie haben,“ ſagte er,„die eben erlittene Züchtigung reichlich durch Ihren Unſinn und Ihre Unverſchämtheit verdient, lauter unnütze Plane zu erſinnen und auszuführen, die keinen andern Zweck haben können, als Ihre Nebenmenſchen zu plagen.“ Pallet betheuerte mit großer Heftigkeit, er ſey ſo unſchuldig wie ein Kind im Mutterleibe, und habe Niemanden weiter beunruhigen wollen als den Iſraeliten und deſſen Hure, die ſich, ſo viel er wiſſe, ſein Mißfallen zugezogen habe.„Aber, ſo wahr der Erlöſer lebt,“ ſo fuhr er fort,„ich glaube, daß ich durch Zanberei verfolgt werde, und fange an, auf die Vermuthung zu kommen, daß der ver⸗ dammte Prieſter ein Werkzeug des Teufels iſt, denn erſt ſeit zwei Nächten befindet er ſich in unſerer Geſellſchaft und ſeit der Zeit habe ich kein Auge geſchloſſen, wohl aber bin ich von allen hölliſchen Mächten gepeinigt worden.“ Pickle antwortete verdrüßlich, daß bloß ſeine thörichte Einbildungskraft ihm alle dieſe Qualen verurſacht habe, und fragte ihn, wie er in den Winkel hineingekommen ſey, wo er ſo geheult hätte. Der Maler, der die Wahrheit zu ſagen nicht für rathſam er⸗ achtete, ſagte, er ſey durch übernatürliche Mächte dahin verſetzt und durch eine unſichtbare Hand in's Waſſer getaucht worden. Der junge Mann, in der Hoffnung, ſeine Abweſenheit zu benutzen, gab ihm den Rath, daß er ſich unverzüglich zu Bette begeben und durch Schlaf ſein Gehirn zu ſtärken ſuchen möchte, welches aus Mangel dieſer Erquickung nicht wenig gelitten zu haben ſchiene. Pallet ſelbſt fig an, daſſelbe ſehr ſtark zu denken, und um dieſem heilſamen Rathe 49 zu folgen, ging er fort, um ſich zur Ruhe zu begeben. Den ganzen Weg über murmelte er Gebete um die Wiedererlangung ſeines Verſtandes. Pickle begleitete ihn bis an ſein Zimmer, ſchloß ihn ein und ſteckte den Schlüſſel in ſeine Taſche, damit es nicht in Pallets Macht ſtände, ihn zu ſtören. Allein auf dem Rückwege traf er auf Joltern und den Doktor, die zum Zweitenmal durch das Geſchrei des Malers beunruhigt worden waren und Erkundigung einziehen wollten, was es für ein neues Abenteuer gäbe. Halb raſend über dieſe Reihe von Querfällen, die alle ſeine Erwartungen zerſtörten, verfluchte er in ſeinem Herzen ihr unzeitiges Erſcheinen. Als ſie ihn Pallets wegen befragten, erzählte er ihnen, er abe denſelben ganz ſtarr und un⸗ ſinnig, bis auf die Haut naß, in einem Winkel heulend gefunden, und ihn in ſein Zimmer geführt, wo er jetzt im Bette läge. Da der Doktor dieſen Umſtand hörte, wollte er die Sucht, ſeine Geſchicklichkeit auszukramen, ſich zum Verdienſt anrechnen laſſen und verlangte unter vorgeſchützter Theilnahme am Beſten des Patienten, daß man ihm Gelegenheit verſchaffte, die Symptome ſeiner Krank⸗ heit ohne Zeitverluſt zu unterſuchen. Manche Krankheiten, führte er an, können in ihrer Geburt erſtickt werden, die ſpäter allen Be⸗ mühungen der Arzneikunſt Trotz bieten. Der junge Herr gab ihm hierauf den Schlüſſel und ging auf ſein Zimmer zurück, in der Ab⸗ ſicht, bei der erſten Gelegenheit ſeine Verſuche an der Thüre ſeiner Geliebten zu erneuern. Der Doktor eröffnete indeß auf dem Wege nach Pallet's Zimmer dem Hofmeiſter ſeinen Verdacht, daß der Patient wohl mit der ſchreck⸗ lichen Krankheit behaftet ſeyn könne, die man Hydrophobia oder die Waſſerſcheu nenne, die, wie er bemerkte, ſich bisweilen auch bei Leuten ge⸗ äußert habe, welche nicht zuvor von tollen Hunden wären gebiſſen wor⸗ den. Dieſe Vermuthung baute er auf das Geheul, das Pallet ausge⸗ ſtoßen, als man Waſſer über ihn geſchüttet habe. Er begann ſich auf Verſchiedenes aus dem Betragen des Malers zu beſinnen, woraus Smollet's Romane. X. 4 50 man nunmehr offenbar einſehen könnte, daß es ein ſolches Unglück vorher verkündigt hätte; und er ſchrieb dieſe Krankheit der heftigen Furcht und Angſt zu, die er vor Kurzem ausgeſtanden habe. Die Baſtillengeſchichte, behauptete er, habe auf Pallet's Ver⸗ ſtand ſo gewaltſam gewirkt, daß ſeine Denk⸗ und Sprechart ſich ganz verändert hätten. Er erklärte ſodann nach einer ſelbſt erfun⸗ denen Theorie, was die Furcht auf ein ſchlaffes Nervenſyſtem für Wirkungen hervorbringen könne, und demonſtrirte den Modus, wie die Lebensgeiſter auf die Ideen und die Einbildungskraft Ein⸗ fluß hätten. Dieſe Erörterung, die vor Pallet's Thüre ſtatt fand, hätte vielleicht bis zum Frühſtück gedauert, wenn nicht Jolter den Arzt an ſeine eigene Marime: venienti occurrite morbo! erinnert hätte. Sogleich machte Letzterer von dem Schlüſſel Gebrauch, und ſie nahten ſich leiſe dem Bette des Patienten, der lang ausgeſtreckt in den Armen des Schlafes lag. Der Dektor bemerkte, daß er ſchwer Athem holte und den Mund offen hatte.„Dieß ſind, ſagte er, diagnostics, daß das liquidum nervosum und die saliva mit gewiſſen ſcharfen Partikeln des virus geſchwängert iſt, das der Patient irgendwo auf⸗ geſammelt haben muß.“ Dieſer Ausſpruch ward durch den Zuſtand von Pallet's Puls beſtätigt, der voll und langſam war, folglich eine Stockung des Blutsumlaufs anzeigte, die von einem Mangel der bewegenden Kraft in den Pulsadern herrührt. Deßhalb ſchlug der Doktor vor, den Maler zum Zweitenmale mit Waſſer zu beſprengen; dadurch würde nicht allein ſeine Geneſung befördert, ſondern auch ſeine eigentliche Krankheit außer allen Zweifel geſetzt werden, denn aus der Art, wie er dieſe Begießung aufnähme, würde ſich offenbar zeigen, ob ſein Abſcheu vor dem Waſſer bis zu einer ausgemachten Hydrophobia ginge, oder nicht. Dieſem Vorſchlag zufolge begann Jolter eine Flaſche Waſſer, die er im Zimmer fand, in's Handbecken auszuleeren, als ihn der Verordner unterbrach und ihm den Rath gab, ſich vielmehr des Inhalts aus em Kammertopfe 51 zu bedienen, weil dieſes Fluidum mit Salztheilen geſchwängert ſey, und ſich ſogleich wirkſamer erweiſen würde, als das reine Element. Dieſer Anweiſung gemäß lüpfte der Hofmeiſter das Gefäß, das mit dieſer Arznei über und über angefüllt war, und leerte mit einem Schwunge der Hand das ganze heilſame Bad über den übel weiſſagenden Pa⸗ tienten aus. Dieſer fuhr in der äußerſten Beſtürzung voller Schreck auf und brüllte gar gräßlich eben zu der Zeit, da Peregrine ſeine Geliebte zu einer Unterredung bewogen hatte und ſich Hoffunng machte, in ihr Gemach eingelaſſen zu werden. Voll Schreck über das Geſchrei brach ſie ſogleich die Unter⸗ handlung ab, mit der Bitte, ihre Thüre zu verlaſſen, damit ihre Ehre nicht darunter litte, wenn man ihn daſelbſt fände. Peregrine hatte gerade nur ſo viel Beſinnung, die Nothwen digkeit einzuſehen daß er dieſem Befehle gehorchen müſſe. Er ging ſonach fort, beinahe ſeiner Sinne beraubt und faſt überredet, daß eine übernatürliche Ur⸗ ſache alle die unerklärbaren manchfaltigen Querſtriche durch ſeine Er⸗ wartungen gezogen haben müſſe, und daß der alberne Pallet nur ein unwillkürliches Werkzeug geweſen ſey. Mittlerweile hatte ſich der Doktor von des Malers Krankheit völlig überzengt. Er hielt deſſen Geſchrei, das durch häufiges Schluch⸗ zen und Stöhnen unterbrochen ward, für das Bellen eines Hundes. Salzwaſſer war nicht mehr vorhanden; daher beſchloß er, das Bad durch ſolche Materialien zu erneuern, die ihm der Zufall an die Hand geben würde. Er hatte wirklich ſchon Flaſche und Handbecken er⸗ griffen. Allein gerade jetzt war der Maler ſo gut wieder zum Ge⸗ brauch ſeiner Sinne gekommen, daß er ſeine Abſicht merkte. Er ſprang auf wie ein ächter Bedlamite, rannte nach ſeinem Degen und ſchwur unter manchen gräßlichen Flüchen, daß er ſie beide ſogleich umbringen wolle, und ſollte er auch noch vor dem Eſſen aufgehängt werden. Sie fanden es nicht für rathſam, den Ausgang dieſer Dro⸗ hungen abzuwarten, ſondern entfernten ſich mit ſolcher Eile, daß der Arzt ſich beinahe die Schulter ausrenkte, indem er gegen den einen 52 Thürenpfoſten lief. Jolter zog die Thüre hinter ſich zu, drehte den Schlüſſel um, und begab ſich auf die Flucht, indem er laut um Hülfe brüllte. Als ſein College die Thüre wohl verwahrt ſah, rühmte er ſeine Standhaftigkeit und ermahnte jenen, wieder umzukehren.„Ich meines Orts,“ erklärte er,„fürchte mich mehr vor den Zähnen als vor den Waffen des Unſinnigen. Gehen Sie immer hinein und führen Sie das aus, was wir unvollendet gelaſſen haben! Sie kön⸗ nen ohne Furcht und Scheu zu ihm gehen,“ ſetzte er hinzu.„Sollte Ihnen ja durch ſeinen Geifer oder Degen etwa irgend ein Unfall begegnen, ſo will ich Ihnen mit meinem Rathe beiſtehen. Ich kann Ihnen denſelben von hier aus mit mehr kaltem Blut und Deutlich⸗ keit ertheilen, als ich dieß im Stande ſeyn würde, wenn meine Ge⸗ danken geſtört oder meine Aufmerkſamkeit auf mein perſönliches In⸗ tereſſe geheftet wäre.“ Jolter, der gegen die Richtigkeit dieſes Schluſſes nichts einzu⸗ wenden vermochte, geſtand offenherzig, daß er nicht geneigt ſey, dieſen Verſuch anzuſtellen.„Selbſterhaltung,“ bemerkte er,„wäre das erſte Geſetz in der Natur; er ſtände mit dem unglücklichen Mondſüchtigen in ſehr weitläufiger Verbindung, und man könne von ihm vernünf⸗ tigerweiſe nicht erwarten, daß er ſich zu des Patienten Beſten in eine Gefahr begäbe, die Jemand von ſich ablehne, der als deſſen Reiſe⸗ gefährte mit aus England gekommen ſey. Dieſer Fingerzeig leitete einen Streit über die Beſchaffenheit des Wohlwollens und des mo⸗ raliſchen Gefühls ein. Beide, behauptete der Republikaner, könnten ohne alle Privatrückſichten beſtehen, und müßten nie von irgend einem zufälligen Umſtande der Zeit oder des Glücks abhängen. Der Andere hingegen, der dieſe Grundſätze verabſcheute, vertheidigte die Pflichten und die Vortrefflichkeit der Privatfreundſchaft mit erſtaunlicher Er⸗ bitterung. Als der Strauß am hitzigſten war, kam der Kapuziner dazu, den ihr heftiger Wortwechſel an der Thüre nicht wenig befremdete. Als er vollends den Maler in der Stube brüllen hörte, beſchwor er beide 53 um Gotteswillen, ihm die Urſache dieſer Verwirrung zu ſagen, die den größten Theil der Nacht über das Haus in beſtändiger Unruhe gehalten habe und ihm ein unmittelbares Werk des Teufels und ſei⸗ nes Anhanges zu ſeyn ſchien. Als der Hofmeiſter dem Mönche zu verſtehen gab, daß Pallet von einem böſen Geiſte gar baß geplagt würde, murmelte der Geiſtliche ein Gebet an den heiligen Antonius von Padua her und nahm es über ſich, den Kranken zu kuriren, ſo⸗ fern man ihm ſoviel Sicherheit verſchaffen könnte, daß er ohne alle Gefahr ihm etwas von einer gewiſſen Reliquie unter der Naſe zu verbrennen im Stande wäre. Dieſe Reliquie, verſicherte er, gleiche an wunderthätiger Wirkung völlig Eleazar's Ringe. Jolter und der Doktor bezeigten ein großes Verlangen, den Schatz kennen zu lernen, und der Prieſter war dahin vermocht, ihnen im Vertrauen zu eröffnen, es wäre eine Sammlung von den Nägel⸗ abſchnitzeln der beiden Beſeſſenen, aus welchen Chriſtus die Legion Teufel vertrieb, die nachher in die Heerde Säue fuhren. Indem er dieß ſagte, zog er ein Büchschen aus der Taſche, das etwa eine Unze von den Abſchnitzeln eines Pferdehufs enthielt. Bei deren Anblick konnte ſich der Hofmeiſter eines Lächelns über dieſen plumpen Betrug nicht erwehren. Der Doftor fragte ihn mit einem hochmüthigen Grinſen, ob die beiden Beſeſſenen, die Jeſus geheilt habe, Rothfüchſe oder Apfelſchimmel geweſen wären. Denn aus der Tertur dieſer Nägelſchnitzel könne er beweiſen, daß deren urſprüngliche Beſitzer in die Claſſe der vierfüßigen Geſchöpfe gehört hätten; ja er vermöge ſogar zu unterſcheiden, daß ihre Füße mit Hufeiſen wohl verwahrt geweſen wären. Der Bettelmönch, der gegen den Sohn des Aeskulap, ſeit der Zeit, da er ſo frei mit der römiſch⸗katholiſchen Religion umgeſprungen war, den eingewurzeltſten Groll hegte, antwortete mit großer Bitter⸗ keit, er wäre ein Böſewicht, mit dem kein Chriſt Gemeinſchaft haben müßte. Die Rache Gottes werde eines Tags wegen ſeiner Ruch⸗ loſigkeit über ihn hereinbrechen. Sein Herz ſey mit einem Metall 54 umgeben, das härter wie Eiſen wäre, und das, wie er beſorge, nur einzig und allein das hölliſche Feuer wegſchmelzen könne. Es war nunmehr Tag, und alles Geſinde im Hauſe auf den Beinen. Da Peregrine die Unmöglichkeit einſah, irgend eine Art von Entſchädigung für ſeine verlorene Zeit zu erhalten, und da ſeine empörten Lebensgeiſter ihn am Genuß der Ruhe verhinderten, die ohnedieß durch Pallet und Compagnie geſtört wurde, ſo warf er ſich ſchnell in ſeine Kleider, und kam in ausnehmend übler Laune an den Ort, wo unſer Triumvirat über die Mittel debattirte, den wüthenden Maler zu überwältigen. Dieſer ſpielte noch immer fort ſeine alte Leier von Schwüren und Verwünſchungen, und machte verſchiedene Verſuche, die Thüre zu öffnen. So niedergeſchlagen unſer Held auch war, ſo konnte er ſich doch des Lachens nicht erwehren, als er die Art und Weiſe hörte, wie man den Patienten behandelt hatte. Sein Unwille verwandelte ſich in Mitleid. Er rief dem Maler durch das Schlüſſelloch die Bitte zu, ihm die Urſache ſeines wahnwitzigen Betragens zu entdecken. Kaum hatte Pallet Pickle's Stimme vernommen, ſo ließ er die ſeinige in einen wimmernden Ton hinabſinken und ſagte:„Endlich, mein theurer Freund, habe ich die Schandbuben entdeckt, die mich ſo ſehr verfolgt haben. Ich ertappte ſie auf der That, juſt wie ſie mich mit faltem Waſſer zu erſticken im Begriffe ſtanden. Bei Gott! ich will mich an ihnen rächen, und ſollte auch meine Cleopatra nie fertig werden! Machen Sie um's Himmels willen die Thüre auf; ich will den eingebildeten Heiden, den Geſchmacksprahler, den Maulverehrer der Alten, der die Leute mit Sillykikabeis und Teufe lsmiſt vergiftet, ich will ihn, ſag' ich, zum Denkmal meines Zorns und zum Beiſpiel aller Betrüger und Schelme in der mediciniſchen Fakultät machen⸗ Und was den dickköpfigen, übermüthigen Pedanten, ſeinen Bundes⸗ genoſſen, betrifft, der das Nachtgeſchirr während des Schlafs über mich ausleerte, ſo hätte er beſſer gethan, in ſeinem lieben Paris zu bleiben, und da Projekte für ſeinen Freund, den Prätendenten, zu ſchmieden⸗ 55 als ſich die Wirkungen meiner Rache auf den Hals zu ziehen. Bei meiner Seele, ich will ihm keine Luftröhre laſſen, die der Henker nach Endigung einer zweiten Rebellion ihm zuziehen können ſoll!“ Pickle ſagte zu ihm, ſein Betragen wäre ſo ausſchweifend ge⸗ weſen, daß die ganze Geſellſchaft dadurch in dem Glauben beſtärkt worden wäre, er ſey wirklich ſeiner Sinne beraubt. In dieſer Ver⸗ muthung hätten Jolter und der Doktor recht freundſchaftlich gehandelt, indem ſie nur das gethan, was ſie zur Wiederlangung ſeiner Ver⸗ nunft am zweckdienlichſten erachtet hätten. Ihre Theilnahme ver⸗ diente mithin die dankbarſte Erkenntlichkeit und nicht ſo raſende Drohungen. Er für ſeine Perſon wollte der Erſte ſeyn, ihn als toll in Sicherheit bringen zu laſſen, wenn er nicht ſogleich dadurch einen Beweis ſeines geſunden Gehirns gäbe, daß er ruhig würde, ſeinen Degen weglegte und ſeinen heftig beleidigten Freunden wegen ihrer Sorgfalt für ſeine Perſon dankte. Dieſe Wahl beruhigte augenblicklich Pallet's Aufwallungen. Er erſchrack vor dem Gedanken, wie ein Bedlamit behandelt zu werden, indem er über den Zuſtand ſeines Gehirns in Zweifel war. Von der andern Seite hatte er ſolchen Groll und Anthipathie gegen ſeine Quäler gefaßt, daß er, weit entfernt, ſich ihnen für das verpflichtet zu glauben, was ſie gethan hatten, nicht einmal ohne die äußerſte Wuth und Verabſcheuung an ſie zu denken vermochte. Daher be⸗ theuerte er mit der ruhigſten Stimme, die er nur annehmen konnte, er wäre ſeiner Sinne nie mächtiger geweſen, als eben jetzt; er ſtände aber nicht dafür, wie lange er ſie behalten würde, wenn man ihn noch ferner als einen Verrückten betrachtete. Zum Beweiſe, daß er compos mentis ſey, wäre er bereit, die Rache aufzuopfern, welche er gegen diejenigen ſo rechtmäßiger Weiſe hegte, die ihn durch ihre Bosheit in dieſen Zuſtand verſetzt hätten. Doch beſorge er, kein größeres Zeichen von Tollheit an den Tag legen zu können, als wenn er denjenigen dankte, die ſo mancherlei Unfälle über ihn gebracht hätten. Er bäte daher um Entſchuldigung, daß er ſich in dieſe Vor⸗ 56 ſchrift nicht fügte, und ſchwor, lieber Alles erdulden zu wollen, als ſolchen niederträchtigen und ungereimten Schritt zu thun. Peregrine hielt wegen dieſer Antwort eine Berathſchlagung. Der Hofmeiſter und der Arzt ſtritten heftig gegen irgend eine Capitulation mit einem tollen Menſchen. Sie trugen darauf an, Mittel zu er⸗ greifen, ſeiner habhaft zu werden, ihn zu feſſeln und in ein düſteres Gemach zu werfen, wo man ihn nach allen Regeln der Kunſt behan⸗ deln könnte. Da der Kapuziner von dem vorliegenden Fall umſtänd⸗ lich unterrichtet war, ſo nahm er es über ſich, ihn ohne Anwendung ſo gewaltſamer Mittel wieder in ſeinen vorigen Zuſtand zu bringen. Pickle, der die Sache beſſer als irgend einer der Anweſenden beur⸗ theilen konnte, öffnete ohne weiteres Bedenken die Thüre, und ſtellte den armen Maler den Auger Aller zu Schau. Er ſtand da, mit einem Jammergeſicht, zitternd und bebend in ſeinem Hemde, das ſo naß war, als wenn er durch die Dender“ gezogen worden wäre. Dieſes Schauſpiel beleidigte die keuſchen Augen der Geliebten des Hebräers, die ſich eben damals unter den Zuſchauern befand, ſo ſehr, daß ſie den Kopf abwendete und mit der Exclamation:„Pfui über die indecenten Männer!“ in ihr Zimmer ging. Als Pallet unſern jungen Herrn hereintreten ſah, rannte er ihm entgegen, ſchüttelte ihm die Hand, nannte ihn ſeinen beſten Freund und ſagte ihm, daß er ihn von Leuten befreit habe, welche eine Unternehmung gegen ſein Leben im Schilde führten. Der Prieſter wollte ſeine heiligen Nägelſchnitzel hervorholen und ſie ihm unter die Naſe halten; allein Pickle hielt ihn davon ab, indem er dem Patienten rieth, ein reines Hemde und Kleidung anzulegen. Während er nun hierbei ſehr ordentlich und kaltblütig zu Werke ging, begann Jolter, der ſich mit dem Doktor in vorſichtiger Entfernung gehalten, und ſeltſame Wirkungen von des Malers Geiſteszerrüttung zu bemerken erwartet hatte, zu glauben Dender, ein Fluß in den Niederlanden, der in Hennegau entſpringt, und ſich bei Dendermonde in die Schelde ergießt. 57 daß er ſich geirrt haben müſſe, und beſchuldigte den Doktor, ihn durch falſche Diagnoſtica irre geführt zu haben. Der Doktor beharrte indeß auf ſeinem Ausſpruch. Jetzt verſicherte er, hätte Pallet zwar einige lichte Augenblicke; doch ſein Wahnſinn würde ſich bald wieder ein⸗ ſtellen, wofern man nicht dieſe momentane Ruhe benützte und ihm in der erſinnlichſten Eile zur Ader ließe, Veſikatorieen applicirte und ein Laxier eingäbe. Trotz dieſer Warnung wandte ſich der Hofmeiſter zu dem belei⸗ digten Theil und bat ihn um Verzeihung wegen des Antheils, den er an ſeiner Beunruhigung gehabt habe. Er erklärte ihm feierlich, ſeine Abſicht ſey hierbei auf nichts Anderes gerichtet geweſen, als etwas zu ſeinem Wohlſeyn beizutragen. Er habe darin lediglich der Vorſchrift des Arztes nachgelebt, welcher ihm verſichert, daß dieſe Maßregeln ſchlechterdings zu ſeiner Geneſung nothwendig wären. Der Maler, der von Natur ſehr friedliebend war, ließ ſich durch dieſe Rechtfertigung zufrieden ſtellen. Allein ſein bisher ge⸗ theilt geweſener Unwille erglühte jetzt mit verdoppeltem Feuer gegen ſeinen erſten Reiſegefährten. Er ſah ihn für den Urheber aller bis⸗ her erlittenen Unfälle an und erkor ihn demnach zur Zielſcheibe ſeiner Rache. Doch waren die Pforten der Verſöhnung nicht gänzlich für den Doktor verſchloſſen. Dieſer hätte mit gutem Fug die Laſt des Beleidigers nur auf Peregrine wälzen und erklären dürfen, daß dieſer ohne Zweifel allein die Quelle aller Drangſale wäre, welche den Maler betroffen hatten. Doch in dieſem Falle hätte der Herr Doktor ge⸗ ſtehen müſſen, daß er trotz ſeiner großen medieiniſchen Kenntniſſe ſich geirrt habe; und zu Ablegung eines ſolchen Bekenntniſſes war ihm die Freundſchaft des Malers nicht wichtig genug, weßhalb er denn beſchloß, dieſen laufen zu laſſen, und allmählig das gute Vernehmen zu vergeſſen, in welchem er mit einem Menſchen geſtanden hatte, den er ſeiner ferneren Aufmerkſamkeit ſo unwürdig hielt. 58 Zweiundſechszigſtes Kapitel. Peregrine beſchwört die ſchöne Flamländerin, in Brüſſel Beſuche anzu⸗ nehmen. Sie entzieht ſich ſeinen Verfolgungen. Nachdem auf ſolche Weiſe Alles in Ordnung gebracht worden war und die Geſellſchaft ſich angekleidet hatte, fand man ſich früh um fünf Uhr zum Frühſtück ein, und ſaß eine Stunde ſpäter wieder im Eilwagen, in welchem das tiefſte Stillſchweigen herrſchte. Pere⸗ grine, ſonſt die Seele der Geſellſchaft, war wegen ſeines Unglücks außerordentlich ſchwermüthig und tiefſinnig; und der Iſraelit, ſo wie deſſen Dulcinea, ärgerten ſich über die Beſchimpfung, welche ſie erlitten hatten. Der Poet verlor ſich in hochfliegende Phantaſieen, der Maler in Entwürfe zur Rache. Jolter wiegte die Bewegung des Wagens in Schlaf und er hielt ſich für den bisher erlittenen Abgang an Ruhe ſchadlos. Dem Kapuziner und ſeiner ſchönen Pflegetochter ging das bewölkte Geſicht unſers Jünglings ſehr nahe. Beide nahmen an deſſen fehlgeſchlagenen Erwartungen, doch aus ver⸗ ſchiedenen Gründen, keinen unbeträchtlichen Antheil. Die allgemeine Erſchlaffung und der Mangel an körperlicher Bewegung machte Alle geneigt, ſich dem ſanften Joche des Schlummers zu unterwerfen. In einer halben Stunde, nachdem ſie eingeſtiegen waren, war Keiner mehr von ihnen wach, ausgenommen unſer Held und deſſen Gebieterin, wofern es nicht etwa dem Kapuziner beliebte, ſich ſchla⸗ fend zu ſtellen, um Pickle'n eine günſtige Gelegenheit zu einer geheimen Unterredung mit ſeiner ſchönen Pflegbefohlenen zu bahnen. Peregrine ließ ſich dieſe Gelegenheit nicht entgehen, ſondern er⸗ griff vielmehr den erſten Augenblick und beklagte ſich mit ſanftem Murren über ſein hartes Schickſal, das ihn zum Spielball des Glücks machte. Er verſicherte ihr, und zwar mit der größten Aufrichtigkeit, daß ihn alle Widerwärtigkeiten ſeines ganzen Lebens nicht halb ſo 59 viel Verdruß und Pein verurſacht hätten, als das in verwichener Nacht Erlebte, und fügte hinzu, er würde jetzt, wo er im Begriff ſtehe, von der Schönſten aller Schönen ſcheiden zu müſſen, der Ver⸗ zweiflung anheimfallen, wofern ſie, die er ſo namenlos liebe, ihr Mitleid für ihn nicht walten ließe, und ihm eine Gelegenheit ver⸗ ſchaffe, die wenigen Tage, welche häusliche Angelegenheiten ihm in Brüſſel zuzubringen erlaubten, zu ihren Füßen zu verſeufzen. Die junge Dame bezeigte mit einem bekümmerten Geſichte, wie leid es ihr thäte, die unſchuldige Urſache ſeines Schmerzens zu ſeyn. Sie hoffte, ſagte ſie, daß das Abenteuer der letzten Nacht eine heil⸗ ſame Warnung für ihre beiden Seelen ſeyn würde. Was ſie anlangte, ſo wäre ſie überzeugt, daß der Himmel ihre Tugend mittelbar ge⸗ ſchützt habe. Was es auch für Eindruck bei ihm gemacht haben möchte, ſo ſey ſie dadurch geſchickt gemacht worden, ihrer Pflicht getreu zu bieiben, von der ihre Leidenſchaft ſie abzuleiten begonnen hätte. Sie bat ihn, ſie um ſeiner eigenen Ruhe willen zu vergeſſen, und gab ihm zu verſtehen, daß weder der Plan, den ſie wegen ihres Betragens gemacht habe, noch die Vorſchriften der Ehre es ihr er⸗ laubten, ſeine Beſuche anzunehmen, noch in irgend einem Verhält⸗ niſſe mit ihm zu ſtehen, ſo lange ſie ſich durch ihr eheliches Gelübde als gebunden anſehen müßte. Dieſe Erklärung wirkte auf ihren Bewunderer ſo heftig, daß er auf einige Minuten die Sprache verlor. Jedoch kaum hatte er ſie wieder, ſo brach er in Aeußerungen der zügelloſeſten Leidenſchaft aus. Er zieh ſie barbariſcher Grauſamkeit und des äußerſten Kaltſinns, behauptete, ſie habe ihm Vernunft und Seelenruhe ge⸗ raubt, ſagte, er würde ihr bis an das Ende der Welt folgen, würde weit eher ſein Leben laſſen, als ſeine Liebe für ſie, er würde den unſchuldigen Thoren ſeiner Rache opfern, der an alle dieſer Unruhe Schuld ſey, und Jeden ermorden, den er als ein Hinderniß ſeiner Abſichten betrachten müßte. Kurz, ſeine Leidenſchaften, die ſo lange in der höchſten Gährung fortgearbeitet hatten, und der Mangel des 60 Schlafs, der die tobenden Lebensgeiſter zu dämpfen pflegt, hatten ihn faſt bis zu dem Gipfel des Wahnſinns geführt. Indem er dieſe wüthenden Reden ausſtieß, ſchoſſen ihm die Thränen über die Wangen, und ſein Inneres befand ſich in ſolchem Aufruhr, daß das Herz der ſchönen Flamländerin durch ſeinen Zu⸗ ſtand gerührt ward. Ströme der Sympathie bedeckten ihr Antlitz; ſie bat ihn um des Himmels willen, er möge ſich beruhigen, und ver⸗ ſprach, um ihn zufrieden zu ſtellen, von ihrem ſtrengen Entſchluſſe etwas nachzulaſſen. Durch dieſe freundliche Zuſicherung beſänftigt, faßte er ſich wieder. Er zog ſeinen Bleiſtift heraus, und ſchrieb ihr ſeine Adreſſe auf. Sie verſicherte ihn dagegen, daß er längſtens vierund⸗ zwanzig Stunden nach ihrer Trennung von ihr hören ſollte. So geſtärkt bekam er wieder die Herrſchaft über ſich ſelbſt und auch allmählig ſein heiteres Geſicht. Das war nicht der Fall bei ſeiner Ge⸗ liebten. Nach dieſem vollſtändigen Beweiſe ſeines heftigen Tempera⸗ mentes fürchtete ſie ſich vor ſeinem jugendlichen Ungeſtüm und ward in der That völlig abgeſchreckt, ſich in irgend eine Verbindung einzu⸗ laſſen, durch welche ihre Ruhe und ihr Ruf den raſchen Ausbrüchen eines ſo feurigen Geiſtes unterworfen ſeyn würden. So ſehr ſie auch von ſeiner Geſtalt und ſeinen Vollkommenheiten eingenommen war⸗ ſo hatte ſie doch Ueberlegung genug, um vorauszuſehen, je länger ſie ſeine Liebe unterſtützte, je unauflöslicher würde ſich ihr Herz an ihn ketten, und die Ruhe ihres Lebens auf immer verloren ſeyn. Dieſe Betrachtungen und eine Regung gewiſſenhafter Ehre, die ihr den Eingebungen ihres Herzens widerſtehen half, machte ſie ſich zu Nutze, und beſchloß, ihren Liebhaber ſo lange mit falſchen Hoff⸗ nungen hinzuhalten, bis es in ihrer Macht ſtünde, ſeinen Umgang zu meiden, ohne daß ſie Gefahr liefe, durch die unbedachtſamen Aus⸗ brüche ſeiner Liebe an ihrem guten Namen zu leiden. In dieſer Abſicht wünſchte ſie, als die Diligence in Brüſſel angelangt war, daß er ſie nicht bis zu ihrer Mutter Haus begleiten möchte. Durch ihren Kunſtgriff geſchmeichelt, nahm er ſowohl von ihr als von den 61 andern Fremden förmlich Abſchied und begab ſich nach dem Wirths⸗ hauſe, das ihm und ſeinen Reiſefährten empfohlen worden war. Sein Herz klopfte vor ungeduldiger Erwartung, in der beſtimmten Zeit eine freundliche Aufforderung von ihr zu erhalten. Mittlerweile nahm er, um ſich zu zerſtreuen, das Stadthaus, das Arſenal, den Thiergarten, und des berühmten Buchhändlers Kunſtkabinet flüchtig in Augenſchein und brachte den Abend in der italieniſchen Oper zu, die damals zur Unterhaltung des Prinzen Karls von Lothringen, Statthalters der Niederlande, gegeben ward. Kurz die anberaumte Zeit war faſt verfloſſen, als Peregrine folgende Epiſtel erhielt: „Mein Herr! Wenn Sie wüßten, wie viel Ueberwindung es mich koſtet, Ihnen zu eröffnen, daß ich mich auf immer Ihren Bewerbungen entzogen habe, ſo würden Sie ſicherlich das Opfer loben, das ich der Tugend bringe und dieſes Beiſpiel der Selbſtverleugnung nachzuahmen ſtreben. Ja, mein Herr, der Himmel hat mir die Gnade verliehen, meine ſtrafbare Leidenſchaft bekämpfen zu können und hinfort den gefähr⸗ lichen Anblick Desjenigen zu vermeiden, der ſie erregte. Ich beſchwöre Sie demnach, ſowohl bei der Achtung, die Sie für unſer Beider zeitliches und ewiges Wohlergehen hegen müſſen, als bei der Ehrer⸗ bietung und Liebe, die Sie gegen mich äußerten, bezwingen Sie Ihre ſündliche Neigung und ſtehen Sie von allen Verſuchen ab, meinen lobenswürdigen Entſchluß zu vereiteln. Suchen Sie nicht die Ruhe eines Weſens zu untergraben, das Sie liebten, den Frie⸗ den einer Familie zu ſtören, die Ihnen nie etwas zu Leide gethan hat, und die Neigung eines ſchwachen Weibes von einem verdienſt⸗ vollen Manne abzuleiten, der auf den vollen Beſitz ihres Herzens die heiligſten Anſprüche hat.“ Dieſes Brieſchen ohne Datum und Unterſchrift verſcheuchte bei unſerm Helden alle Ueberreſte der Bedachtſamkeit. Er rannte in aller Ertaſe der Tollheit zum Wirth und verlangte den Boten zu 62 ſehen, der den Brief gebracht habe; widrigenfalls würde er das ganze Haus durch die Schärfe ſeines Schwertes aufreiben. Der Wirth, der über ſeine Drohungen und Blicke erſchrack, fiel auf ſeine Kniee, und betheuerte im Angeſicht des Himmels, er wiſſe von alle dem nichts und ſey an allem unſchuldig, was ihn beleidigen könnte. Der Brief wäre von einem ihm ganz unbekannten Me nſche ngebracht worden, der ſich gleich darauf wieder entfernt und geſagt habe, daß keine Antwort nöthig ſey. Peregrine ließ darauf ſeine Wuth durch tauſend Verwünſchungen und Schmähungen gegen die Verfaſſerin des Briefes aus. Er beehrte ſie mit dem Namen einer Buhlſchweſter, Erzbetrügerin und Land⸗ ſtreicherin, und ſagte, ſie hätte ihn durch Hülfe eines kuppleriſchen Prieſters um ſein Geld geprellt. Er verkündigte dem Bettelmönche Rache, und ſchwur, ihn zu kaſtriren, wenn er ihm je zu Geſicht käme. Unglücklicher Weiſe erſchien der Maler während dieſes Parv⸗ rismus von Pickle's Wuth. Letzterer ergriff jenen bei der Gurgel, und ſagte zu ihm, daß er ihn durch ſeine verdammte Narrheit zu Grunde gerichtet habe. Aller Wahrſcheinlichkeit nach würde der arme Pallet erdroſſelt worden ſeyn, hätte Jolter ſich nicht für ihn in's WMittel geſchlagen. Dieſer bat ſeinen Mündel recht ſehr, ſich des armen Leidenden zu erbarmen, und bemühte ſich mit der größten Aengſtlichkeit, die Urſache dieſer gewaltthätigen Behandlung von ihm zu erfahren. Er erhielt hierauf keine andere Antwort, als eine Reihe unzuſammenhängender Flüche. Nachdem der Maler mit unausſprechlichem Erſtaunen Gott zum Zeugen angerufen hatte, daß er nichts gethan habe, was den Squire beleidigen könnte, ſo kam der Hofmeiſter in vollem Ernſte auf den Gedanken, daß Peregrine's Lebhaftigkeit zur wirklichen Raſerei aus⸗ geſchlagen ſey. Dieſe Vorſtellung machte ihn faſt ſelbſt unſinnig. Um beſſer beurtheilen zu können, was für Hülfsmittel anzuwenden wären, bediente er ſich ſeines ganzen Einfluſſes und aller ſeiner Be⸗ redſamkeit bei dem jungen Manne, damit er die unmittelbare urſache 63 ſeines Wahnſinns erführe. Er bat ihn auf's Allerbeweglichſte, ja vergoß ſogar Thränen bei ſeinen inſtändigen Bitten. Das machte, daß Pickle, nachdem der erſte heftigſte Sturm vorübergebraust war, ſich ſeiner Unbe ſonnenheit ſchämte und auf ſein Zimmer ging, um ſeine Gedanken wieder zu ſammeln. Hier verſchloß er ſich, las zum Zweitenmale den unglücklichen Brief und fing an, in ſeinem Urtheile über den Charakter und die Abſicht der Verfaſſerin ſchwankend zu werden. Mehrmals betrachtete er ſie als eine der Nymphen, die unter der Larve der Einfalt und Unſchuld ihre Ränke gegen die Herzen und Geldbeutel unbedächtiger und unerfahrener Jünglinge ausüben. Dieſen Gedanken gab ihm ſein Zorn ein, der durch die öfter fehl⸗ geſchlagenen Erwartungen entflammt worden war. Wenn er ſich aber ihres ganzen Betragens genau wieder erinnerte, und ſich in ſeiner Phantaſie das Bild aller ihrer Reize lebhaft erneuerte, ſo fiel ſein ſtrenger Tadel weg, und ſein Herz erklärte ſich zu Gunſten ihrer Aufrichtigkeit. Allein eben dieſe Erinnerung erſchwerte das Gefühl ſeines Verluſtes und er war in Gefahr, wieder in ſeinen vorigen Wahnfinn zurück zu verfallen, hätte die Hoffnung, entweder zufälliger Weiſe oder durch fleißige und genaue Nachforſchungen, die er ſogleich anzuſtellen beſchloß, ſie wieder zu ſehen, ſeine Leidenſchaft nicht etwas gedämpft. Er hatte Urſache zu glauben, daß ihr Herz, trotz ihrem tugendhaften Entſchluſſe, ſeine Partie nehmen würde; auch verzweifelte er noch nicht, ihren Sittenaufſeher zu finden, der, wie er wußte, immer zu ſeinem Gebote ſtand. Durch dieſe Betrachtungen ward er geſtärkt, und der Sturm in ſeiner Seele legte ſich. In weniger denn zwei Stunden kam er wieder mit einem ganz ruhigen Geſicht zur Geſellſchaft, und bat den Maler wegen der Freiheit, die er ſich gegen ihn genommen hatte, um Verzeihung. Er verſprach ihm, die Veranlaſſung hierzu ein andermal zu erklären. Pallet war erfreut, mit einem Mann wieder ausgeſöhnt zu werden, deſſen Pro⸗ tektion ihn mit ſeinem Antagoniſten, dem Doktor, im Gleichgewicht 64 hielt; in dieſem Betracht war ihm jede Bedingung gleich. Jolter vankte dem Himmel, ſeinen Zögling wieder beruhigt und einem ver⸗ nünftigen Menſchen gleich zu ſehen. Dreiundſechszigſtes Kapitel. Peregrine findet Miſtriß Hornbeck, die ihn wegen des eben erlittenen Ver⸗ luſtes tröſtet. Nachdem Alles wieder in ſein gewöhnliches Gleis gebracht wor⸗ den war, aß man in Frieden und Freundſchaft miteinander. Den Nachmittag blieb Peregrine, unter dem Vorwande, einige Briefe ſchreiben zu müſſen, zu Hauſe. Als ſeine Reiſefährten auf dem Caffeehauſe waren, ließ er einen Wagen kommen, und fuhr mit ſeinem Kammerdiener, dem einzigen Menſchen, der um ſeine gegenwärtige Gemüthsverfaſſung wußte, nach der Promenade. Hier verſammelten ſich alle Frauenzimmer von gutem Ton an ſchönen Sommerabenden, und hier hoffte er unter dem Schwarm ſeinen ſchönen Flüchtling wieder zu finden. Er war eine Zeitlang um die Alleen herumgefahren und hatte jedes Damengeſicht ſcharf in's Auge gefaßt, als er plötzlich einen Lakai gewahrte, der in Hornbeck's Livree hinten auf einem Wagen ſtand. Sogleich befahl er dem Kammerdiener, die Kutſche nicht aus den Augen zu laſſen. Er zog indeſſen die Fenſter auf, um nicht eher entdeckt zu werden, als bis er einige Nachrichten erhalten hätte, wie er ſich bei dieſer unerwarteten Begebenheit zu benehmen habe. Wie⸗ wohl ſich dieſes Ereigniß zwiſchen die eigentliche Abſicht ſeines Hie⸗ herkommens ſchob, ſo war er doch nicht im Stande, ſeiner Aufmerk⸗ — auf ſeine reizende Unbekannte nur den mindeſten Abbruch zu hun. 65 Nachdem ſein Merkur ſeine Beobachtungen angeſtellt hatte, brachte er den Rapport, daß ſich in dem Wagen weiter Niemand be⸗ finde als Miſtriß Hornbeck und ein ältliches Weibsbild, das wie eine Duenna ausſehe, und der Bediente ſey nicht der nämliche, der ſie nach Frankreich begleitet habe. Durch dieſe Nachricht aufgemun⸗ tert, befahl unſer Held ſeinem Kutſcher, dicht an die Seite des Wa⸗ gens zu fahren, wo ſeine ehemalige Geliebte ſaß. Er machte ihr das gewöhnliche Compliment. Kaum hatte ſie ihren Liebhaber erblickt, ſo bedeckte das höchſte Roth ihre Wangen, und ſie rief aus:„Theurer Bruder, ich bin ausnehmend erfreut, Sie zu ſehen! Kommen Sie doch in unſere Kutſche, ich bitte Sie!“ Er nutzte unmittelbar dieſen Wink, erfüllte ihr Verlangen und umarmte ſeine neue Schweſter mit großer Zärtlichkeit. Da Miſtriß Hornbeck merkte, daß ihre Begleiterin über dieſe unerwartete Zuſammenkunft höchſt beſtürzt und unruhig ward, ſo er⸗ zählte ſie Peregrine, um jener den Verdacht zu benehmen und dieſen zu ſeiner Rolle vorzubereiten: ſein Bruder(wodurch ſie ihren Mann meinte) ſey auf Anrathen der Aerzte wegen ſeines ſchlechten Geſund⸗ heitszuſtandes auf einige Wochen nach Spaa gereist, und ſie könne das Vergnügen haben, ihm zu melden, daß die Kur, ſeinem letzten Brief zufolge, recht gut bei ihm anſchlage. Der junge Herr bezeigte über dieſe Nachricht ſeine Zufriedenheit und machte mit der Miene brüderlicher Theilnahme die Bemerkung: Wäre ſein Bruder mit ſeiner Conſtitution nicht ein wenig zu frei umgeſprungen, ſo würden ſeine Freunde in England nicht Urſache haben, ſeine Abweſenheit und ſeinen Mangel an Geſundheit zu beklagen, die ihn nun von ſeinem Vaterlande und ſeinen Anverwandten verbanne. Darauf fragte er nit erkünſteltem Erſtaunen, wie es denn käme, daß ſie ihren Mann nicht begleitet habe?„Er hat zu viel Zärtlichkeit gegen mich,“ ver⸗ ſetzte ſie,„um mich den Beſchwerlichkeiten einer Reiſe auszuſetzen, die über faſt unerſteigliche Felſen geht.“. Nachdem die Zweifel der Duenna durch dieſe Einleitung geho⸗ Smollet's Romane. X. 5 66 ben waren, brachte Peregrine die Ergötzlichkeiten dieſes Orts zur Sprache. Er fragte die junge Dame unter Anderm:„Haben Sie ſchon Verſailles geſehen, Frau Schweſter? Es iſt ein öffentliches Haus an einem Kanale, ungefähr zwei Meilen von der Stadt, hat recht artige Gärten und die beſten Geſellſchaften.“ Als ſie ein Nein darauf verſetzte, ſo ſchlug er vor, ſie ſogleich dahin zu begleiten. Allein gegen dieſen Vorſchlag lehnte ſich die Hofmeiſterin auf, die bis dahin ganz ſtill geſeſſen hatte. Sie antwortete ihm in gebroche⸗ nem Engliſch: dieſes Frauenzimmer ſtehe unter ihrer Aufſicht, und ſie könne es bei Monſieur Hornbeck nicht verantworten, wenn ſie ihr erlaube, einen ſo verdächtigen Ort zu beſuchen. „Seyn Sie deßhalb ganz unbeſorgt, Madame,“ erwiederte der dreiſte Liebhaber,„ich ſtehe für die Folgen auf meine Gefahr, und nehme es über mich, Sie vor dem Unwillen meines Bruders zu ſichern.“ Zugleich befahl er dem Kutſcher, nach Verſailles zu fahren, und ließ ſeinen Wagen unter der Führung ſeines Kammerdieners nachfolgen. Die alte Frau ließ ſich durch ſeine Verſicherung über⸗ wältigen und unterwarf ſich ſeiner Autorität. Als ſie an Ort und Stelle waren, half Peregrine den Frauen⸗ zimmern ausſteigen, und bemerkte dabei, daß die Duenna lahm ſey⸗ ein Umſtand, den er zu benutzen kein Bedenken trug. Denn kaum waren ſie ausgeſtiegen und hatten ein Glas Wein getrunken, ſo ſchlug er ſeiner Schweſter vor, einen Spaziergang in dem Garten zu machen. Die Alte wandte zwar alle Mühe an, ſie faſt immer im Geſichte zu behalten, dennoch aber genoßen ſie einer geheimen Unter⸗ redung. Pickle erfuhr dadurch, daß die wahre Urſache, weßhalb der Mann ſie bei ſeiner Reiſe nach Spaa zu Brüſſel gelaſſen, ſeine Furcht vor den Badegäſten und dem dort herrſchenden vertraulichen Tone geweſen ſey, welchen Gefährlichkeiten ſeine Eiferſucht ſie nicht aus⸗ zuſetzen wagte Ferner vernahm er: daß ſie drei Wochen in einem Kloſter zu Lille gelebt habe und auf ſeinen eigenen Antrieb wieder daraus befreit worden ſey, weil er ohne ihre Geſellſchaft nicht länger 67 habe leben können. Zuletzt ſagte ſie ihm, ihre Aufſeherin ſey ein wahrer Drache, den ihrem Mann ein ſpaniſcher Kaufmann empfohlen habe deſſen Weib ſie bis an ihren Tod bewacht hätte; ob aber die Treue dieſer Alten gegen Geld oder abgezogene Waſſer probefeſt wäre, das ließe ſie ſehr dahin geſtellt ſeyn. Peregrine verſicherte, dieſer Verſuch ſolle noch gemacht werden, ehe ſie von hier abführen, und ſie wurden einig, die Nacht in Verſailles zuzubringen, wenn ihm ſeine Bemühungen gelängen. Nachdem ſie ſich ſolchergeſtalt eine gute Bewegung gemacht hat⸗ ten, bis die Lebensgeiſter der Duenna weidlich erſchöpft waren, und ſie ſich ſomit eher in der Stimmung befand, ſie durch ein Glas Likör wieder zu erſetzen, kehrten ſie nach ihrem Zimmer zurück. Die Herzſtär⸗ kung ward angeprieſen und in einem vollen Glaſe angenommen. Da ſie aber keine ſo ſichtliche Veränderung bewirkte, als Peregrine in ſeinen feurigen Hoffnungen erwartet hatte, und da die Alte erinnerte, es finge bereits an ſpät zu werden und die Thore würden in Kurzem geſchloſſen ſeyn, ſo füllte er zum Abſchiede noch ein Glas und that ihr in einem gleich großen Beſcheid. Ihr Blut war viel zu durch⸗ kältet, um durch dieſe außerordentliche Doſis erwärmt zu werden. Auf das Gehirn unſeres jungen Herrn aber machte ſie unmittelbar Eindruck. In ſeiner Aufgeräumtheit überſtrömte er den weiblichen Argus mit einem ſo reichlichen Erguß von ſchönen Sachen, daß er mehr durch ſeine Reden, als durch den genoſſenen Spiritus, berauſcht ward. Als er nun bei ſeinen weiteren Tändeleien eine Börſe in ihren Buſen fallen ließ, ſchien ſie zu vergeſſen, daß die Nacht her⸗ anrückte und willigte mit Genehmigung ihres Mündels in den Vor⸗ ſchlag, etwas zum Abendeſſen zu fordern. Unſer verliebter Abenteurer hatte dadurch Vieles gewonnen; gleichwohl ſah er ganz deutlich, daß die Aufſeherin ihn ganz unrecht verſtand, und alle bisher geäußerte Liebe auf Rechnung ihrer Reize ſetzte. Dieſer Irrthum konnte auf keine andere Weiſe gut gemacht werden, als daß man ihr mit der Flaſche ſo lange zuſetzte, bis ſie 68 nichts mehr zu unterſcheiden vermochte. Zu dem Ende ließ Pickle die Gläſer fleißig die Runde machen. Sie that ihm in einem fort Beſcheid ohne deutliche Zeichen von Trunkenheit. Endlich begannen Peregrine's Augen in ihren Kreiſen umherzutaumeln, und er fühlte, daß er zu allen Liebesgeſchäften wirklich untauglich ſeyn würde, be⸗ vor er ſeinen Plan ausgeführt hätte. Deßhalb nahm er zu ſeinem Kammerdiener ſeine Zuflucht. Dieſer verſtand ſogleich den erhaltenen Wink, und nahm es gar willig über ſich, die Rolle auszuführen, die ſein Herr angefangen. Nachdem er dieſe Sache zu deſſen großem Ver⸗ gnügen in Richtigkeit gebracht hatte, und es ungleich weiter vom Abend als vom Morgen war, ergriff Peregrine eine bequeme Gele⸗ genheit, ſeiner betagten Duleinea gar holdſelig das Verſprechen in's Ohr zu flüſtern, ſie zu beſuchen, wenn ſeine Schweſter ſich auf ihr Zimmer begeben haben würde. Zugleich bat er ſie inſtändigſt, die Thüre nicht zu verſchließen. Als er ihr dieſen angenehmen Wink gegeben hatte, ertheilte er der Miſtriß Hornbeck, als er ſie in ihr Zimmer führte, einen ähnlichen Bericht. Kaum herrſchte Dunkel und Stille im Hauſe, ſo machten er und ſein treuer Knappe ſich jeder auf ſeine verſchiedene Fahrt. Es würde Alles nach Wunſch abgelaufen ſehn, hätte der Kammerdiener ſich nicht neben ſeiner Ina⸗ morata vom Schlaf befallen und, durch einen fürchterlichen Traum geängſtigt, ein Geſchrei von ſich hören laſſen, deſſen Ton von der Stimme ihres vermeinten Bewunderers himmelweit verſchieden war. Sie weckte ihn deßhalb durch Kneipen und lautes Gekreiſch auf, drohte, ihn der Nothzüchtigung anzuklagen, und belegte ihn mit allen den Ehrentiteln, welche die Wuth getäuſchter Liebe einzugeben vermochte. Da der Franzmann ſich entdeckt ſah, benahm er ſich mit großer Mäßigung und Geſchicklichkeit bei der Sache. Er bat ſie, ſich zu beruhigen um ihres eigenen guten Namens willen, der ihm außer⸗ ordentlich werth ſey. Er betheuerte, daß er die unverbrüchlichſte Achtung gegen ihre Perſon hege, und habe er ihr noch nicht genug 69 überzeugende Beweiſe von ſeiner Liebe gegeben, ſo ſey er bereit, Alles zu thun, was in ſeiner Macht ſtehe, um ſie hierüber zu befriedigen. Dieſe Vorſtellungen, die er mit einigen thätigen Aeußerungen ſeiner Zärtlichkeit untermiſchte, hatten bei der Duenna Gewicht. Sie ſah bei einiger Beſinnung die Sache ein, und hielt es für vortheilhafter, es zu einem Vergleich kommen zu laſſen. Sie nahm daher die Ent⸗ ſchuldigungen ihres Bettkameraden an, wofern er ihr verſpräche, die ihr zugefügte Schmach durch eine Heirath wieder gut zu machen. In dieſem Stücke machte er ihr Herz durch wiederholte Gelübde ſehr leicht, die er mit der größten Geläufigkeit that, doch gar nicht in der Abſicht, nur ein Jota ihres Inhalts zu erfüllen. Peregrine war durch ihr beiderſeitiges Geſchrei beunruhigt wor⸗ den und an die Kammerthüre der Alten gelaufen, um ſich nöthigen⸗ falls in's Mittel zu ſchlagen. Da er aber vernahm, daß die Sache gütlich beigelegt wurde, ſo kehrte er wieder zu ſeiner Gebieterin zurück. Sie ergötzte ſich ungemein an dieſer Geſchichte, weil ſie vorausſah, daß fünftig die Strenge ihrer Hütherin ihr keine Schwierigkeiten oder Hinderniſſe in den Weg legen würde. Vierundſechszigſtes Kapitel. Hornbeck, der Peregrine's Liebſchaft mit ſeiner Frau erfahren, will ſich heimtückiſcher Weiſe an ihm rächen. Pickle kommt dahinter und fordert ihn. Die Folgen davon. Inzwiſchen befand ſich noch Jemand da, den man nicht gewon⸗ nen hatte, und dieß war kein Anderer als der Bediente. Unſer Held berſuchte am folgenden Morgen ſich ſeiner Verſchwiegenheit durch ein ganz artiges Geſchenk zu verſichern. Dieſer Burſche nahm es mit 70 vielen Aeußerungen von Dankbarkeit und. Dienſtergebenheit; allein ſeine Nachgiebigkeit war ein bloßer Deckmantel des feſten Vorſatzes, ſeinem Herrn den ganzen Verlauf zu berichten. Dieſer Menſch war nicht nur dazu gemiethet, Kundſchafter der Frau zu ſeyn, ſondern auch auf das Betragen der Aufſeherin ein wachſames Auge zu haben. Hornbeck hatte ihm eine anſehnliche Belohnung verſprochen, wenn er in deren Aufführung etwas Unrechtes oder Verdächtiges entdecken würde. Den andern Bedienten, den ſie aus England mitgebracht, hatte der Herr bei ſich behalten, weil er deſſen Vertrauen durch den Rath verſcherzte, daß er ſeine Gattin, gegen die er wegen ihrer Aus⸗ ſchweifungen höchſt aufgebracht war, durch gelinde Mittel zu gewin⸗ nen ſuchen möchte. Kraft des ihm obliegenden Amtes ſchrieb alſo der flandriſche Bediente mit der erſten Poſt an Hornbeck. Er meldete ihm das Abenteuer zu Verſailles ganz umſtändlich, und malte ihm den vor⸗ geblichen Bruder ſo genau ab, daß der Mann den erſten Entehrer ſeines Bettes gar nicht verkennen konnte. Dieß machte ihn denn ſo erbittert, daß er beſchloß, dieſem Räuber auflauern zu laſſen und ihn mit Eins außer Stand zu ſetzen, ferner ſeine Ruhe zu ſtören und mit ſeiner Frau weitere Gemeinſchaft zu pflegen. Mittlerweile unterhielten die Liebenden einen Umgang ohne allen Zwang, und Peregrine's Plan, ſeine theure Unbekannte aufzuſuchen, ward vor der Hand noch aufgeſchoben. Seine Reiſegefährten wur⸗ den durch ſeine geheimnißvollen Gänge beunruhigt und Jolter's Herz dadurch mit Angſt und Schrecken erfüllt. Peregrine's beſorgter Füh⸗ rer hatte von ſeines Mündels Charakter bereits ſo viel Erfahrung gewonnen, daß er aus Beſorgniß eines plötzlichen Unfalls für ihn zitterte. Er lebte in beſtändiger Unruhe, wie ein Menſch, der unter der Mauer eines ſchwankenden Thurms geht. Auch ward ſeine Furcht eben nicht verringert, als der junge Herr, da man ihm ſagte der übrige Theil der Geſellſchaft wünſche nach Antwerpen zu gehen, zur Antwort gab: er wolle Niemandem Zwang anthun; aber was ihn 71 betreffe, ſo wolle er noch einige Tage in Brüſſel bleiben. Dieſe Er⸗ klärung beſtätigte dem Hofmeiſter die Vermuthung, daß wieder eine Liebſchaft auf dem Tapet ſehn müſſe. In der Bitterkeit ſeines Kum⸗ mers nahm er ſich die Freiheit, ſeinen Verdacht zu äußern und ihn an die kritiſchen Verlegenheiten zu erinnern, in welche er durch ſeine vorigen Uebereilungen verwickelt worden war. Peregrine nahm ſeine Warnung gut auf und verſprach, ſo be⸗ hutſam zu Werke zu gehen, daß er vor allen unangenehmen Folgen in Zukunft geſichert ſeyn würde. Nichts deſto weniger betrug er ſich noch denſelben Abend ſo, daß man deutlich einſah, ſeine Klugheit ſey nichts als bloße Theorie. Er hatte Abrede genommen, die Nacht, wie gewöhnlich, bei Miſtriß Hornbeck zuzubringen. Er eilte nach ihrer Wohnung, als ihn auf der Straße ſein alter weggejagter Freund Tom Pips anredete. Dieſer ſagte ihm ohne weiteren Eingang, wenn ihn gleich ſein Herr hätte vor Wind und Wellen treiben laſſen, ſo könnte er doch nicht zuſehen, daß er mit vollen Segeln in den feind⸗ lichen Hafen einliefe, ohne ihm bei Zeiten von der bevorſtehenden Gefahr Nachricht zu geben. „Ich will Sie was ſagen thun,“ fuhr er fort,„Sie bilden ſich vielleicht in, ich will mich nur widder bei Sie inſchuſtern, damit Sie mich man ſollen hinter Sich bogſiren laſſen. Ne, mein Seel, da rechnen Sie ohne Wirth! Ich bin alt genug, an Land ufgebracht zu werden, habe gnug, meine Planken waſſerdicht zu hollen. Aber's die Sache iſt die. Ich ha Sie gekannt, als Sie nicht größer waren, wie meine Taunadel, un möcht's nich gern ſehn, wenn Sie noch heuer um Ihre Fracht kommen thäten. Heut nach'm Eſſen ſtieß ich ſchlumpsweiſe uf Hornbeck's Kerl, un der verzählte mir, ſein Herr ſey derhinter gekummen, daß Sie bei ſeiner Frau an Bord liegen thun. Drum hätte er insgeheim mit'em ganzen Deivel von Helfershelfern in dieſen Hafen geſteuert, ſehn Sie, um Sie zu fangen, wenn Sie unter'en Luken ganz ſicher wären, un Ihnen ohne Scheu und Barm⸗ herzigkeit Ihr Takelwerk wegzuſchneiden. Sind Sie nun geſonnen⸗ 72 nen Aal recht aus'em Salz ihm zum Abendbrod ufzutiſchen, ſo bin ich hier völlig parat un willig, Ihnen beizuſtehn, ſo lange meine Steven, Inhölzer und Querbalken zuſammenhollen thun, un rechne uf keen Drankgeld oder ſunſt irgend'ne Belohnung. Wenn ich mich uf'en Rekumpens dafür ſpitzen thu, ſo will ich all' mein Lebstage nir wie Schiffsfaden freſſen und Grundbrühe trinken thun.“ Betroffen über dieſe Nachricht erkundigte ſich Peregrine um⸗ ſtändlicher nach der Unterredung, die Pips mit dem Bedienten gehabt hatte. Als er nun vernahm, daß Hornbeck durch den flamländiſchen Lakaien Kunde erhalten habe, glaubte er jeden Umſtand von Tom's Bericht. Er dankte ihm für ſeine Warnung, gab ihm einen Ver⸗ weis wegen ſeines üblen Benehmens zu Lille, und verſicherte ihn dann, es würde bloß an ihm liegen, wenn ſie ſich jemals wieder von einander trennten. Hierauf ging er mit ſich ſelbſt zu Rathe, ob er Hornbeck widerſtreben ſollte, oder nicht. Als er aber ermaß, daß Hornbeck nicht der angreifende Theil ſey, und ſich ſelbſt in die Lage des armen Hahnreis ſetzte, konnte er nicht umhin, es zu billigen⸗ daß dieſer gegen ihn auf Rache ſann. Doch war er der Meinung, dieß hätte auf eine ehrenvollere Art geſchehen ſollen, und deßhalb beſchloß er, ihn wegen ſeiner Feigheit gebührend zu züchtigen. In der That konnte nichts frecher und ungerechter ſeyn, als der Ent⸗ ſchluß Peregrine's, Jemand deßhalb zu ſtrafen, weil er nicht Muth genug hat, die Schmach zu tilgen, die man ſeinem guten Namen und ſeiner Ruhe zugefügt hat. Und doch iſt dieſe barbariſche Hand⸗ lung durch Wahn und Gewohnheit bei den Menſchen geheiligt worden. Pickle kehrte nach dem Wirthshauſe zurück, ſteckte ein paar Pi⸗ ſtolen zu ſich, befahl ſeinem Kammerdiener und Pips, ihm in einer kleinen Entfernung zu folgen, damit er ſie nöthigenfalls leicht erru⸗ fen könnte, und poſtirte ſich dann etwa dreißig Schritte weit von der Thüre ſeiner Duleinea. Hier mochte er ungefähr eine halbe Stunde gewartet haben, als er ſich viele Männer auf der andern Seite auf die Lauer ſtellen ſah. Ihre Abſicht war, wie er vermuthete, ihn 73 hineinſchlüpfen zu laſſen, um ihn dann drinnen um ſo ſicherer zu überfallen. Nachdem ſie jedoch eine Zeitlang in ihrem Winkel gelegen hat⸗ ten, ohne die Früchte ihrer Erwartungen einzuernten, gerieth ihr An⸗ führer auf den Gedanken, daß Peregrine durch irgend einen geheimen Weg hineingelangt ſeyn müſſe. Er nahte ſich daher mit ſeinen Leuten der Thüre. Kaum ſahen dieſe ſie offen, ſo ſtürzten ſie, ihrer Ordre gemäß, hinein, und ließen ihren Prinzipal auf der Straße, wo er ſeine Perſon am wenigſten gefährdet glaubte. Als unſer Abenteurer ihn allein ſah, ging er ſchnell auf ihn los, ſetzte ihm das Piſtol auf die Bruſt, und befahl ihm, ohne alles Geräuſch ihm zu folgen, wenn er nicht auf der Stelle ein Kind des Todes ſeyn wolle. Erſchreckt durch dieſe plötzliche Erſcheinung, gehorchte Hornbeck ſchweigend, und nach Minuten langten Beide auf dem Quai an, wo Pickle Halt machte, ihm zu verſtehen gab, ſein ſchwarzes Vorhaben ſey ihm nicht unbekannt, und hinzuſetzte: wenn ihn irgend etwas in ſeinem Betragen beleidigt hätte, ſo wolle er ihm jetzt Gelegenheit verſchaffen, ſich wegen dieſes Unbills zu rächen, wie es einem Mann von Ehre zukomme.„Sie haben einen Degen an der Seite,“ fuhr er fort,„oder wollen Sie lieber Piſtolen? Hier iſt ein Paar; wählen Sie von beiden, was Ihnen beliebt!“ Eine ſolche Anrede mußte einen Mann von Hornbeck's Charakter ganz außer Faſſung bringen. Nach einigem Zaudern läugnete er ſtammelnd, daß er die Abſicht gehabt habe, Herrn Pickle zu verſtüm⸗ meln. Er ſey bloß darauf ausgegangen, ganz offenbare Beweiſe von der Untreue ſeines Weibes zu erhalten, die ihn berechtigten, die Scheidung zu verlangen. In dieſer Abſicht nur habe er Leute ge⸗ dungen, um auszuſagen, was ſie geſehen hätten. Was aber die vor⸗ geſchlagene Wahl anlangte, ſo lehnte er ſie gänzlich von ſich ab. Er ſähe nicht ein, ſetzte er hinzu, welche Satisfaction er dadurch erhielte, wenn er ſich von Jemanden durch den Kopf ſchießen oder durch die Lunge rennen ließe, der ihn auf eine nie zu vergütende Art beleidigt 74 hätte. Endlich bewog ihn die Furcht zu dem Vorſchlage, die ſtreitige Sache dem Urtheil von zwei unbetheiligten Biedermännern zu über⸗ laſſen. Auf dieſe Vorſtellungen antwortete Peregrine als junger Brauſe⸗ kopf, der ſich ſeines Unrechts wohl bewußt iſt, und nun ſeine Schuld hinter einem Anſtrich von gerechtem Zorne verbergen möchte: Jeder Gentleman müſſe über ſeine Ehre ſelbſt Richter ſeyn. Er würde daher ſich nicht dem Urtheile eines Schiedsmannes unterwerfen, wer er auch ſeyn möchte. Seine Feigheit wolle er ihm zu Gute halten, dieſe könne ein Naturgebrechen ſeyn; aber ſeine abſcheuliche Hinterliſt könne er ihm jedoch nicht verzeihen. Von ſeinem ſchurkiſchen Plane, von der ihm gelegten Falle ſey er vollkommen und auf das Zuver⸗ läßigſte unterrichtet. Er wolle ihm für ſein Verrätherſtück nicht mit gleicher Münze lohnen, ſondern ihn nur ſchnöde behandeln, wie ein ſolcher Schuft es verdiene, wofern er ſich nicht bemühe, den Charak⸗ ter zu behaupten, den er in der Geſellſchaft trage. Nach dieſen Wor⸗ ten bot er ihm wieder ein paar Piſtolen an. Hornbeck ſchlug ſie abermals aus. Jetzt rief Pickle ſeine Bedienten, und befahl ihnen: dieſen Buben in den Kanal zu tauchen. Faſt in demſelben Athemzug, in welchem dieſer Befehl erſcholl⸗ ward er auch vollzogen, und zwar zum unausſprechlichen Schreck des armen zitternden und bebenden Dulders. Nachdem die Taufe vor⸗ über war, lief er wie ein begoſſener Hund umher, und ſchrie nach Hülfe und Rache. Die Schaarwache, die von ungefähr des Weges zog, hörte ſein Geſchrei, und nahm ihn unter ihren Schutz. Auf ſeine Klage und Anzeige verfolgte ſie unſern abenteuernden Ritter und ſein Gefolge. In Kurzem waren ſie eingeholt und umringt. Wie vorſchnell und unbeſonnen unſer Held auch ſeyn mochte, ſo wagte er es doch nicht, ſich gegen ein ganzes Piket Soldaten zur Wehr zu ſetzen, obgleich Pips bei ihrem Anrücken ſeinen Kurzdegen gezogen hatte. Ohne allen Widerſtand ergab ſich Pickle, und ließ ſich nach der Hauptwache abführen. 3 75 Fünfundſechszigſtes Kapitel. Peregrine wird wieder aus der Haft entlaſſen. Jolter geräth durch deſſen geheimnißvolles Betragen in keine geringe Verlegenheit. Zwiſchen dem Dichter und Maler entſpinnt ſich ein Streit, der durch ihre Reiſegefährten wieder beigelegt wird. Als Peregrine aus einigen Reden, welche der Prinz⸗Regent hatte fallen laſſen, entnahm, daß ihn dieſer für einen Schwindelkopf und Meuchelmörder halte, bat er, daß man ihm geſtatten möchte, einige Zeugen aufzurufen, die über ſeinen Namen, Stand und Charakter eine Ausſage leiſten würden, welche gewiß die boshaften Ausſpren⸗ gungen ſeines Anklägers zu nichte machten. Peregrine's Bitte ward erfüllt, und unſer Held ſchrieb nun an ſeinen Hofmeiſter, damit die⸗ ſer die Empfehlungsbriefe, die Peregrine von dem britiſchen Ge⸗ ſandten zu Paris erhalten hatte, und andere Papiere vorlegte, die zu ſeiner Rechtfertigung beitragen konnten. Dieſes Billet ward zur Beſorgung einem der wachthabenden Un⸗ teroffiziere gegeben. Derſelbe eilte damit in den Gaſthof und ver⸗ langte Herrn Jolter zu ſprechen. Pallet, der von ungefähr an der Thüre ſtand, als dieſer Bote ankam, und ihn nach dem Hofmeiſter fragen hörte, rannte gerade in deſſen Zimmer, und ſagte zu ihm mit offenbarer Verwirrung: ein baumlanger Kerl von Soldaten mit einem ungeheuern Schnurrbart und einer Pelzmütze, ſo groß wie ein Schef⸗ fel, erkundige ſich nach ihm. Der arme Hofmeiſter zitterte und bebte bei dieſer Nachricht, wiewohl er ſich keiner Handlung bewußt war, welche die Aufmerkſamkeit des Staats verdient hätte. Als ſich der Unteroffizier an der Thüre des Zimmers zeigte, nahm Jolter's Ver⸗ wirrung dermaßen zu, daß ihm Hören und Sehen verging. Der Unteroffizier wiederholte ſeine Botſchaft dreimal, ehe jener ihn ver⸗ ſtand, oder es wagte, den ihm dargebotenen Brief anzunehmen. End⸗ lich raffte er alle ſeine Courage zuſammen und las den Brief, wor⸗ 76 auf ſich ſein Schreck in Angſt verwandelte. Seine ſinnreiche Furcht erzeugte in ihm unmittelbar den Gedanken, daß Peregrine wegen irgend eines begangenen Verbrechens in einem tiefen Kerker ſäße. Haſtig öffnete er ſeinen Koffer, zog einen Bündel Papiere heraus und folgte ſeinem Führer, während der Maler, dem er ſeine Beſorgniß mitgetheilt hatte, ihn begleitete. Als ſie durch die im Palaſte befindlichen Wachen gingen, erſtarb Beiden das Herz im Leibe; und da ſie vor dem Statthalter erſchie⸗ nen, malte ſich in Jolter's Geſicht und ganzer Haltung ſo viel Angſt und Schreck, daß der Prinz bewogen ward, ihn durch die Verſicherung aufzurichten, daß er nichts zu befürchten habe. Vermöge dieſer Herz⸗ ſtärkung ſammelte er ſich wieder ſo weit, daß er ſeinen Mündel ver⸗ ſtand, als dieſer ihn erſuchte, die Briefe des Geſandten vorzuzeigen. Da ſie offen waren, ſo laſen Se. Hoheit ſie ſogleich. Der Statt⸗ halter kannte ſowohl den Schreiber als verſchiedene der vornehmen Herrn, an welche dieſe Briefe gerichtet waren. Alle dieſe Empfeh⸗ lungen athmeten ſolche Wärme und ſtellten unſern jungen Herrn in ein ſo vortheilhaftes Licht, daß der Prinz, überzeugt, deſſen Charak⸗ ter ſey durch Hornbeck's falſche Angabe Unrecht geſchehen, Pickle bei der Hand nahm, und ihn wegen der Zweifel um Verzeihung bat, die er gegen ſeine Rechtſchaffenheit gehegt habe. Von dieſem Augenblick an erklärte er ihn auch für frei, befahl ſeinen Leuten, ihn loszulaſſen, und bot ihm ſeinen Schutz an, ſo lange er ſich in den öſterreichiſchen Niederlanden aufhalten würde. Zugleich aber gab er ihm den Rath⸗ in ſeinen Liebeshändeln vorſichtiger zu Werke zu gehen, und ließ ſich von ihm ſein Ehrenwort geben, während ſeines hieſigen Aufenthalts an Hornbeck's Perſon auf keinerlei Weiſe Rache zu nehmen. So ehrenvoll entlaſſen, dankte der Thäter dem Prinzen in den ehrerbietigſten Ausdrücken für ſeinen Edelmuth, ſeine Milde und Leutſeligkeit, und beurlaubte ſich mit ſeinen Freunden. Dieſe waren über Alles, was ſie geſehen und gehört hatten, in nicht geringer Ver⸗ wunderung und Beſtürzung. Die ganze Sache lag noch immer außer 77 ihrem Faſſungskreiſe, und ward demſelben durch die unerklärbare Erſcheinung des Pips, der mit dem Kammerdiener am Schloßthore zu ihnen ſtieß, nicht im mindeſten näher gerückt. Wäre Jolter ein Mann von ausſchweifender Phantaſie geweſen, ſo würde ſein Gehirn unſtreitig den Unterſuchungen erlegen ſeyn, die er wegen des ge⸗ heimnißvollen Betragens ſeines Untergebenen anſtellte, das er trotz ſeinen eifrigen Beſtrebungen nicht zu entwickeln vermochte. Allein ſein Verſtand war zu gründlich, um durch die Fehlgeburten ſeiner Erfindungskraft angegriffen zu werden; und als Peregrine es nicht für rathſam fand, ihm die Urſache ſeiner Verhaftung zu entdecken, begnügte er ſich mit der Muthmaßung, es müſſe eine Frauenzimmer im Spiele geweſen ſeyn. Der Maler, deſſen Einbildungskraft von mehr lockerem Gewebe war, bildete ſich tauſend ſchimäriſche Conjecturen, welche er Pere⸗ grine durch unvollſtändige Winke mittheilte, in der Hoffnung, durch deſſen Antworten und Betragen hinter die Wahrheit zu kommen. Doch um ihn zu quälen, wich unſer junger Mann allen ſeinen Nach⸗ forſchungen mit einem ſolchen Anſchein von Gefliſſenheit und Liſt aus, daß Pallets Neugier, als ſeine Abſicht ihm fehlſchlug, nur vergrößert und zu einem ſo hohen Grade von Ungeduld entflammt wurde, daß ſein Verſtand einer Zerrüttung nahe war. Peregrine ſah ſich deßhalb genöthigt, ſein Gehirn dadurch wieder in Ordnung zu bringen, daß er ihm im Vertrauen entdeckte, er ſey als ein Spion verhaftet worden. Pallet fand dieſes Geheimniß noch weit unerträglicher als ſeine vorige Ungewißheit. Er rannte aus einem Zimmer in das andere, wie eine Gans, die ſich in der Angſt befindet, ein Ei zu legen. Seine Abſicht war, ſich einer ſo drückenden Laſt zu entledigen; allein Jolter war in Unterredung mit ſeinem Untergebenen befangen, und von allen den übrigen Leuten im Haufe verſtand keiner die einzige Sprache, die er zu ſprechen wußte. Daher ſah er ſich genöthigt, ſo höchſt ſauer es ihm auch ankam, ſich an den Doktor zu wenden. Dieſer 78 hatte ſich um dieſe Zeit gerade eingeſchloſſen. Pallet klopfte an, doch vergebens! Er guckte durch das Schlüſſelloch, und ſah den Doktor an einem Tiſche ſitzen. Letzterer hatte die Feder in der Hand, Papier vor ſich, den Kopf auf die andere Hand geſtützt und die Augen ſtarr gegen die Decke gerichtet, als ob er in Ertaſe wäre. Der Maler glaubte, daß ſich der Arzt in gichteriſchen oder epileptiſchen Zuckungen befände, und ſuchte die Thüren aufzuſprengen. Dieſes Beſtreben war mit ſo viel Geräuſch verbunden daß der Doktor aus ſeinem Staunen erwachte. Entrüſtet über die unangenehme Unterbrechung ſprang der ppetiſche Republikaner auf und öffnete die Thüre. Kaum erblickte er den, der ihn geſtört hatte, ſo ſchlug er ihm mit großem Ungeſtüm die Thüre vor der Naſe zu, und verfluchte ſeine unverſchämte Zu⸗ dringlichkeit. Ich bin dadurch, verſicherte er, des wonnevollſten Ge⸗ ſichts beraubt worden, welches jemals eine menſchliche Phantaſie beglückte. Ihm wäre es nämlich vorgekommen,(ſo erzählte er nachher Peregrine,) als hätte er ſich in den blumenreichen Geſilden am Fuße des Parnaſſes ergangen. Da ſey ihm denn ein ehrwürdiger Weiſer erſchienen, den er an dem göttlichen Feuer, welches aus ſeinen Augen geleuchtet, ſogleich für den unſterblichen Pindar erfannt hätte. Ehr⸗ furcht und Schreck habe ſich ſeiner in dieſem Augenblick bemeiſtert ſo daß er ſich vor dieſem Phantom in den Stanb niedergeworfen habe. Der göttliche Barde habe ihn bei der Hand gefaßt, ſanft auf⸗ gehoben, und ihm mit Worten, ſüßer als der Honig von Hybla, zu verſtehen gegeben, daß unter allen Neueren ihn allein die himmliſche Glut beſeele, welche ihn bei Dichtung ſeiner bewundertſten Oden begeiſtert habe. Nach dieſen Worten habe er ihn auf den heiligen Hügel geführt, ihn überredet, aus dem Quell der Hippokrene einen reichlichen Zug zu thun und ihn dann den harmonievollen neun Schweſtern vorgeſtellt, die ſeine Schläfe mit Lorbeerzweigen bekränzt hätten. Kein Wunder alſo, daß er ganz außer ſich war ſich einer ſo er⸗ 79 habenen Geſellſchaft plötzlich entriſſen zu ſehen. Er tobte in grie⸗ chiſchen Schmähungen gegen den überläſtigen Zudringlichen. Dieſer war aber von ſeinem Vorhaben dermaßen erfüllt, daß er die er⸗ littene Beſchimpfung nicht achtete, ſich an die Symptome von dem Mißvergnügen des Doktors nicht kehrte, ſeinen Mund an die Thüre legte und ihm mit heller Stimme zurief:„Ich will jede Wette halten, daß ich die wahre Urſache von Sir Pickle's Gefangennehmung errathe.“ Dieſe Aufforderung blieb unbeantwortet. Pallet wieder⸗ holte ſie nochmals und ſetzte hinzu:„Ich vermuthe, Sie bilden ſich ein, er ſey etwa wegen eines Zweikampfs, oder einer Beleidigung gegen einen vornehmen Herrn, oder weil er bei eines andern Mannes Weibe gelegen, oder wegen ſo etwas in Verhaft genommen worden. Aerger haben Sie ſich aber wahrlich in Ihrem Leben nicht geirrt! Ich ſetze meine Cleopatra gegen Ihren Homeruskopf, daß Sie in vierundzwanzig Stunden nicht die wahre Urſache herausbringen ſollen!“ Den Liebling der Muſen verdroß die läſtige Beharrlichkeit des Nalers. Er bildete ſich ein, dieſer ſey gekommen, um ihn zu fop⸗ ven und zu beleidigen.„Ich wollte dem Aeskulap einen Hahn opfern,“ ſagte er,„wenn ich nur verſichert wäre, daß man Jemanden darum hingeſetzt, weil er einen ſo überläſtigen Gothen, wie Ihr, von der Oberfläche des Erdbodens vertilgt hätte. Was nun Eure Cleopatra betrifft, die, wie Ihr ſagt, nach Eurem eigenen Weibe gemalt iſt, ſo glaube ich, daß die Kopie grade ſo viel vom ré naRéy an ſich hat, als das Original. Wäre ſie mein, ſo hinge ich ſie im Tempel der Clvacina als Abbild dieſer Göttin auf; denn jedes andere Gemach würde durch dieſes Bild entwürdigt werden.“ „Donnerwetter, Sir,“ verſetzte Pallet, der durch die Herabſetzung ſeines Lieblingsſtücks auch in Wuth gerieth,„von meinem Weibe mögen Sie ſo frei ſprechen als es ihnen beliebt, aber meine Werke ſollen Sie nicht antaſten. Sie ſind die Kinder meiner Phantaſie, mit glühender Imagination empfangen und durch die Kunſt meiner 80 Hände gebildet. Und was Euch anlangt, ſo ſeyd Ihr, Sir, ſelbſt ein Gothe, ein Türke, ein Tartar und noch dazu ein unverſchämter großſprecheriſcher Maulaffe, ſo unehrerbietig von einem Produkt zu reden, das, wenn es beendet iſt, nach dem Ausſpruch aller jetzt leben⸗ den Kenner ein Meiſterſtück in ſeiner Art ſeyn und dem menſchlichen Geiſt und der Kunſt zur Ehre gereichen wird. Ich ſage Euch aber⸗ mals, Ihr habt nicht mehr Geſchmack als ein Kärrnerpferd, und Eure thörichten Begriffe von den Alten ſollten Euch mit einem tüchtigen Prügel ausgetrieben werden, damit Ihr Männern von Ta⸗ lenten mit Hochachtung begegnen lerntet! Vielleicht werdet Ihr Euch nicht immer bei Leuten befinden, die um Beiſtand für Euch ſchreien, wenn Ihr für Euren Uebermuth ſollt gezüchtigt werden, wie ich that, als Ihr den Unwillen des Schottländers gegen Euch reiztet, der Euch bei Gott! tüchtig gepfeffert haben würde, wie Falſtaff ſagt, wenn ihn der franzöſiſche Offizier nicht in Arreſt geſchickt hätte.“ Auf dieſe Declamation, die zum Schlüſſelloch hinein gehalten wurde, erwiederte der Doktor: Er, der Maler, ſtehe zu unendlich tief unter ihm, als daß er ihn der mindeſten Rückſicht würdigen könnte. Sein Gewiſſen werfe ihm keine Handlung in ſeinem ganzen Leben vor, als die, daß er einen ſo elenden Burſchen zu ſeinem Geſell⸗ ſchafter und Reiſegefährten gewählt habe. Er hätte Pallet's Cha⸗ rakter durch das Medium der Güte und des Mitleids betrachtet. Beide hätten ihn angetrieben, dieſem Menſchen eine bequeme Ge⸗ legenheit zu verſchaffen, ſich unter ſeiner unmittelbaren Anweiſung neue Ideen zu erwerben. Allein er habe ſeine Gutmüthigkeit und Nachſicht auf eine ſo abſcheuliche Art gemißbraucht, daß er jetzt feſt entſchloſſen ſey, ihn gänzlich aus ſeiner Bekanntſchaft zu verbannen, und er bäte ihn, ſich jetzt fortzupacken, ſonſt würde er ſeinen Ueber⸗ muth mit Fußtritten an den Hintern züchtigen. Pallet war zu entrüſtet, um ſich durch dieſe Drohung in Furcht jagen zu laſſen. Er erwiederte ſie mit großer Bitterkeit, und for⸗ derte ihn auf, herauszukommen, damit man ſehen könnte, wer in — 81 Fußkämpfen die meiſte Gewandheit habe. Darauf begann er ſogleich ſeine Uebungen der Art mit ſo donnerndem Getöſe gegen die Thür, daß es Pickle und deſſen Hofmeiſter zu Ohren drang. Beide eilten auf den Gang hinaus, und da Peregrine Pallet ſo beſchäftigt ſah, fragte er ihn, ob er den Kammertopf zu Aloſt ſchon vergeſſen habe? Er betrage ſich wenigſtens ſo, daß es ſcheine, als ob ihn wieder nach dieſer Arznei gelüſte. Da der Doktor vernahm, daß es draußen Rückhalt für ihn gab, öffnete er augenblicklich die Thüre und ſprang wie ein Tiger auf ſeinen Gegner los. Zum unendlichen Vergnügen unſers Helden würde es eine heftige Schlägerei gegeben haben, hätte ſich nicht Jol⸗ tet mit augenſcheinlicher Gefahr ſeiner Perſon dazwiſchen gelegt und theils durch Gewalt, theils durch Ermahnungen das Treffen ver⸗ hindert, bevor es ſeinen Anfang genommen hatte. Nachdem er ihnen vordemonſtrirt, wie unanſtändig es für Landsleute ſey, ſich auf eine ſo pöbelhafte Art in einem fremden Lande herumzuſchlagen, ſo bat er ſie, ihn die Urſache ihres Zwiſtes wiſſen zu laſſen, und trug ihnen ſeine Dienſte zur Vermittlung an. Da Peregrine nun ſah, daß die Fehde ein Ende hatte, that er ähnliche Anerbietungen. Aus leicht begreiflichen Gründen lehnte der Maler eine Auseinanderſetzung des Falls von ſich ab. Sein Anta⸗ goniſt ſagte dem jungen Mann, wie er durch Pallet's unverſchämtes Zudrängen auf eine höchſt kränkende Weiſe geſtört worden ſey, und etzählte ihm das Geſicht, das er gehabt, ausführlich, ſo wie wir es oben bereits gemeldet haben. Der Schiedsmann gab zu, daß man eine ſolche Aufforderung nicht ſo ruhig einſtecken könne, und that den Ausſpruch: der Beleidiger müſſe ſeine Begünſtigung auf eine oder die andere Art wieder gut zu machen ſuchen. Dagegen wandte der Maler ein, daß er geneigt geweſen ſeyn würde, Genug⸗ thuung zu geben, wenn der Doktor ſein Mißvergnügen auf eine ſolche Art zu erkennen gegeben hätte, wie es einem Gentleman gezieme. Jetzt aber habe Kläger durch die pöbelhafte Art, wie er ihn und ſeine Smollet's Romane. IX. 6 82 Arbeiten heruntergemacht, alle Anſprüche. auf ſolche Willfährigkeit verſcherzt. Und hätte ich Luſt gehabt, ſetzte er hinzu, ſeine Calum⸗ nien zu erwiedern, ſo würde ich in den Werken des Republikaners hinlänglichen Stoff gefunden zu haben, ihn zu kritiſiren und lächer⸗ lich zu machen. Nach vielem Diſpüt und manchen Vorſtellungen ward endlich unter der Bedingung Friede geſchloſſen, daß der Doktor in Zukunft die Cleopatra nicht mehr erwähnen ſollte, wofern er nichts zu dem Lobe derſelben zu ſagen wüßte, und daß der Maler, weil er angrei⸗ fender Theil geweſen, den Doktor malen ſolle, damit man dieſes Bildniß in Kupfer ſtechen und der nächſten Ausgabe ſeiner Oden als Titelverzierung beigeben könne. Sechsundſechszigſtes Kapitel. Unſere Reiſenden gehen nach Antwerpen ab, woſelbſt der Maler ſeinen ganzen Enthuſiasmus ausbrechen läßt. Da alle Bemühungen unſeres Abenteurers, den Gegenſtand ſeiner Leidenſchaft aufzufinden, ſcheiterten, ſo gab er endlich den Vorſtel⸗ lungen ſeines Hofmeiſters und ſeiner Reiſegefährten nach, die ihren Aufenthalt in Brüſſel bloß aus Gefälligkeit für ihn wenigſtens um ſechs Tage verlängert hatten. Sie beſtellten ein Paar Poſtſchaiſen und drei Reitpferde, reisten in der Frühe ab, ſpeisten zu Mittag in Mecheln, und langten gegen acht Uhr Abends in der ehrwürdigen Stadt Antwerpen an. Während dieſer Tagreiſe zeigte Pallet eine ganz ungewöhnliche 83 Lebendigkeit, weil er die Zeit nicht abwarten konnte, den Geburtsort des berühmten Rubens zu ſehen, für welchen Künſtler er eine enthu⸗ ſiaſtiſche Bewunderung hegte. Er ſchwur, das Vergnügen, das er empfände, gliche dem eines Muſelmanns am letzten Tage auf ſeiner Pilgerſchaft nach Mekka, und er betrachte ſich wirklich als einen gebornen Antwerper, da er ihren Landsmann, auf den ſie mit Fug und Recht ſtolz wären, ſo genau kenne, und ſogar Gründe habe, ſeine Abſtammung von ihm herzuleiten, denn ſein Pinſel treffe die Manier dieſes großen Mannes mit erſtaunlicher Leichtigkeit, und ſeinem Ge⸗ ſichte fehle nichts als ein Schnauz⸗ und Kinnbart, um das leibhafte Ebenbild des Flamländers vorzuſtellen. Auf dieſe Aehnlichkeit, verſicherte er, bilde er ſich ſo viel ein, daß er, um ſie noch auffallen⸗ der zu machen, ſchon vor längerer Zeit einmal beſchloſſen gehabt hitte, ſich keines Scheermeſſers mehr zu bedienen, bei welchem Vor⸗ ſatz er auch feſt beharrt ſeyn würde, wenn nicht Miſtriß Pallet, die eben damals ſchwanger geweſen ſey, ihm dieſerhalb beſtändig Vor⸗ ſellungen gemacht und erklärt hatte, er ſähe unraſirt ſo ſcheußlich aus, daß ſie bei ſeinem ferneren Anblicke Gefahr liefe, ſtatt eines Menſchen einen jungen Bären zur Welt zu bringen. Dieß habe er ſo lange getrieben, bis ſie ihm mit dürren Worten geſagt hätte, ſie würde bei dem Karzler um eine Unterſuchungskommiſſion anhalten, ob er noch ſeine geſunde Vernunft habe, was ſie ganz läugne. Der Doktor bemerkte bei dieſer Gelegenheit, daß ein Mann, der den Bitten eines Weibes nicht widerſtehen könne, nie hoffen dürfte, eine große Rolle in der Welt zu ſpielen. Poeten und Maler, ſagte en müßten ſich zu keinen andern Frauengebilden, als zu den Muſen halten, oder wenn ſie ja durch Schickſalsfügung mit Familie über⸗ laden wären, ſo müßten ſie ſich wenigſtens ſorgfältig vor der ver⸗ derhlichen Schwachheit hüten, die man fülſchlich mit dem Namen der natürlichen Zuneigung beehre. Und was die albernen Gebräuche der Welt anlange, ſo müßten ſie nie im mindeſten darauf Rückſicht nehmen. 84 Zugegeben, ſagte er, daß Sie auch auf eine kurze Zeit für wahn⸗ ſinnig gehalten worden wären, ſo hätten Sie ſich doch von dieſer Be⸗ ſchuldigung gar ehrenvoll durch irgend ein Produkt Ihrer Phantaſie oder Ihres Pinſels reinigen können, das Ihren Ruf gegen alle Ver⸗ läſterung gerettet haben würde. Selbſt Sophokles, der berühmte tragiſche Dichter, den man wegen ſeiner ſüßen Verſification die Biene nannte, mußte in ſeinem Greiſenalter dieſelbe Beſchuldigung von ſeinen eigenen Kindern erdulden. Denn da ſie ſahen, daß er ſeine häuslichen Angelegenheiten vernachläßigte und ſich gänzlich der Poeſie hingab, klagten ſie ihn bei der Obrigkeit als einen Mann an, deſſen Seelenkräfte durch die Schwachheiten des Alters ſo ſehr gelitten hätten, daß er nicht länger im Stande wäre, ſeinem Hausweſen vor⸗ zuſtehen. Der ehrwürdige Dichter legte hierauf den Richtern ſeine ſo eben vollendete Tragödie„Oedipus“ vor, ließ ſeine Richter dieſelbe leſen, und wurde, ſtatt, wie man es beabſichtigt hatte, für ſchwachen Verſtandes erklärt zu werden, mit Bewunderung und Beifallsjubel entlaſſen. Ich wollte, daß Ihr Schnauz⸗ und Kinnbart durch gleiche Autorität ſanctionirt worden wäre, wiewohl ich beſorge, Sie möchten ſich in Einer Klaſſe mit den Schülern eines gewiſſen Philoſophen befunden haben, welche Decoete von Kümmelſamen tranken, damit ſie im Geſicht ſo bleich würden als ihr Meiſter; denn ſie hofften, wenn ſie das erſt wären, ſo würden ſie ihm auch an Gelehrſamkeit gleichen. Der Maler, den dieſer Sarkasmus verdroß, entgegnete:„Ihnen mag es wohl gehen, wie jenen gelehrten Stubenhockern, die, wenn ſie nur etwas griechiſch herdeclamiren, Sillikikabey's eſſen und Vi⸗ ſionen ſehen, ſich einbilden, den Griechen an Geſchmack und Genie zu gleichen.“ Der Arzt replicirte, Pallet duplicirte. Dieſe Fehde dauerte ſo lange, bis ſie in die Thore von Antwerpen kamen. Hier brach der Bewunderer von Rubens in eine entzückungsvolle Er⸗ elamation aus; dieß machte denn dem Streite ein Ende, und zo die Aufmerkſamkeit der Einwohner auf ſich. Viele davon zuckten die Achſeln, deuteten auf die Stirne und gaben dadurch auf eine feine 85 Art zu verſtehen, daß ſie ihn für ein unglückliches Geſchöpf hielten, in deſſen Gehirn es nicht richtig ausſehe. Kaum war die Geſellſchaft im Gaſthauſe abgeſtiegen, ſo ſchlug unſer Pſeudoenthuſtaſt vor, die große Kirche in Augenſchein zu neh⸗ men, wo ſich, wie er gehört habe, einige von Rubens Meiſterſtücken befänden. Er war nicht wenig verdrießlich, als er vernahm, daß ſie dieſen Ort nicht eher als den folgenden Tag beſuchen könnten. Am nächſten Morgen ſtand er mit Tagesanbruch auf und verführte ein ſolches Geſchrei und Toben, daß er alle ſeine Reiſegefährten in ihrer Ruhe ſtörte. Das bewog Peregrine zu dem Entſchluß, ihm von Neuem zu einer Züchtigung zu verhelfen, und während er ſich anzog, entwarf er den Plan, einen Zweikampf zwiſchen ihm und dem Doktor einzuleiten. Er verſprach ſich von ihrem beiderſeitigen Benehmen dabei nicht geringes Vergnügen. Nachdem ſie einen von jenen Bedienten angenommen hatten, die immer auflauern, den Fremden gleich bei ihrer Ankunft ihre Dienſte anzubieten, wurden ſie in das Haus eines vornehmen Mannes ein⸗ geführt, der eine vortreffliche Gemäldeſammlung hatte. Der größte Theil derſelben war von Pallets Lieblingen gemalt; trotz dem ver⸗ warf er ſie insgeſammt, weil ihm Pickle vorher geſagt hatte, daß kein Stück von Rubens darunter wäre. 8 Das nächſte Haus, welches ſie beſuchten, war die ſogenannte Nalerakademie, die eine große Menge armſeliger Stücke enthält, worin Pallet auf den vorläufigen Bericht ſeines Freundes Peregrine unter manchen Aeußerungen von Bewunderung Peter Pauls Styl erkannte. Von da gingen ſie nach der großen Kirche. Als ſie zu Rubens Grab geführt worden waren, fiel der närriſche Kauz von Maler auf die Kniee nieder, und betete es mit ſo ſcheinbarer Andacht an, daß der Lohnbediente an ſeinem Aberglauben ein Aergerniß nahm und ihn in die Höhe riß. Die Perſon, ſagte er mit groſer Wärme, die hier begraben liegt, iſt kein Heiliger, ſondern ſo'n großer Sünder, wie Sie 86 ſelbſt. Haben Sie ja Luſt, andächtig zu ſeyn, ſo gehen Sie drei Schritte weiter rechts, da iſt'ne Kapelle der heiligen Jungfrau, da können Sie Ihrem Triebe folgen. Pallet hielt es aber für Pflicht, einige außerordentliche Begei⸗ ſterung zu offenbaren, weil er ſich in Rubens Geburtsorte befand. Sein ganzes Betragen war daher eine affektirte Verzückung, die er durch wahnſinnige Erclamationen, convulſiviſches Zuſammenfahren und allerlei ungewöhnliche Geberden ausdrückte. Mitten in ſeinem tollen Betragen ſah er einen alten Kapuziner mit einem weißen Bart auf die Kanzel ſteigen und der Verſammlung mit ſolcher Emphaſe und ſo heftigen Geſten predigen, daß ſeine Ein⸗ bildungskraft dadurch überwältigt ward, und er laut ausrief:„Sap⸗ perlot! was für ein vortrefflicher Paulus predigt da den Athenern!“ und bei dieſen Worten zog er einen Bleiſtift und ſeine Brieftafel aus der Taſche, begann den Redner mit großem Eifer und Affekt zu ſeizziren, und ſagte:„Wohlan, Freund Raphael, wir wollen mal ſehen, wem von uns beiden es am fixeſten von den Fingern geht, einen Apoſtel hervorzubringen!“ Dieſe anſcheinende Unehrerbietigkeit verdroß die verſammelte Gemeinde, welche gegen den ketzeriſchen Freigeiſt zu murren begann. um den üblen Folgen ihres Mißvergnügens vorzubeugen, ging einer der Geiſtlichen, die zum Chor gehörten, zu Pallet, und ſagte auf Franzöſiſch zu ihm, dergleichen Freiheiten wären in ihrer Religion nicht geſtattet. Zugleich rieth er ihm, ſeinen Zeichnenapparat weg⸗ zulegen, damit das Volk ſein Vorhaben nicht falſch deutete und ge⸗ reizt würde, ihn als einen Religionsſpötter zu beſtrafen. Als Pallet ſich von einem Mönch angeredet ſah, der ſich wäh⸗ rend des Redens ſehr höflich gegen ihn verbeugte, bildete er ſich ein⸗ es ſey ein Bettelbruder, der ſeine Barmherzigkeit rege machen wolle; deßhalb ſchlug er, weil ſeine Aufmerkſamkeit ganz mit der vorhaben⸗ den Skizze beſchäftigt war, dem Geiſtlichen ſanft mit der Hand auf ſeine Glatze und ſagte: oter tems! oter tems! worauf er mit großem 87 Eifer in ſeinem Zeichnen fortfuhr. Als der Ordensmann merkte, daß ihn der Fremde nicht verſtand, zupfte er ihn beim Aermel und ver⸗ ſuchte ſich auf Lateiniſch deutlich zu machen. Ueber dieſe Zudring⸗ lichkeit ward Pallet entrüſtet, fluchte laut auf ihn als auf einen un⸗ verſchämten bettleriſchen H* ſohn, zog ein Silberſtück aus der Taſche, und warf daſſelbe mit offenbaren Zeichen des Unwillens auf die Erde. Einige vom Volke wurden wüthend, als ſie ihre Religion ver⸗ achtet und ihre Prieſter ſelbſt am Altar beſchimpft ſahen. Sie ſprangen von ihren Sitzen auf, umringten den erſtaunten Maler, und einer von ihnen riß ihm das Buch aus den Händen und in tanſend Stücke. So erſchrocken er auch war, ſo konnte er ſich doch nicht enthalten, zu ſchreien:„Potz Feuer und Schwefel! alle meine Lieb⸗ lingsgedanken ſind zum Teufel.“ Es würde ihm arg vom Pöbel mitgeſpielt worden ſeyn, wenn nicht Peregrine hinzugetreten und das Volk verſichert hätte, es ſey ein armer unglücklicher Mann, deſſen Gehirn an häufigen Erſchütterungen leide. Diejenigen, die Franzöſiſch verſtanden, theilten dieſe Auskunft den Uebrigen mit. Auf dieſe Art entkam Pallet aller weitern Züch⸗ tigung, außer daß er ſich genöthigt ſah, fortzugehen. Weil aber unſere Reiſenden die berühmte Kreuzabnehmung nicht vor Ende des Gottesdienſtes ſehen zu können glaubten, ſo führte ſie der Lohnbe⸗ diente in die Wohnung eines Malers. Sie fanden auf ſeiner Staf⸗ felei das Bild eines Bettlers, und der Künſtler ſtand ſo eben im Begriff eine koloſſale Laus zu verfertigen, die dem Bettler auf der Schulter kriechen ſollte. Pallet gefiel dieſe Idee ganz ungemein. Es iſt ein ganz origineller Einfall, ſagte er, und eine Andeutung, die ich mir zu Nutzen machen werde. Bei weiterer Muſterung der Ge⸗ mälde des Flamländers bemerkte der engliſche Maler ein Stück, wo zwei Fliegen auf dem Aaſe eines ſchon halbzerfreſſenen Hundes in voller Thätigkeit waren. Pallet rannte auf ſeinen theuren Col⸗ legen, den Meiſter Klecks, zu, und ſchwor ihm zu, daß er ein würdiger 88 Mitbürger des unſterblichen Rubens ſey. Darauf beklagte er mit manchen Aeußerungen des Schmerzens und Unwillens daß ihm ſein Collektaneenbuch verloren gegangen wäre. Er habe darin tauſenderlei ähnliche Ideen niedergelegt, die durch zufällige Eindrücke auf die Sinne oder die Phantaſie entſtanden wären. Zugleich nahm er Ver⸗ anlaſſung, ſeinen Reiſegefährten mitzutheilen, daß er ein Stück ver⸗ fertigt habe, bei welchem er an lebendiger Darſtellung die beiden alten Maler erreicht oder gar übertroffen habe, die in der Schilde⸗ rung einer Weintraube und eines Vorhangs einen Wettſtreit veran⸗ ſtaltet hätten; denn er habe einen gewiſſen Gegenſtand ſo naturgetreu wiedergegeben, daß bei ſeinem bloßen Anblick ein ganzer Schweineſtall in Allarm verſetzt worden ſey. Nachdem er alle Produkte dieſes winzigen Künſtlers genau be⸗ ſehen und aus vollen Backen gelobt hatte, gingen ſie ſämmtlich wie⸗ der nach dem Dom zurück. Dort ergötzten ſie ſich an dem Anblick des berühmten Meiſterſtücks von Rubens, worin er ſich ſelbſt und ſeine Familie abgeſchildert hat. Die Thüren des Behältniſſes, in welchem dieſes ſo vorzügliche Gemälde aufbehalten wird, waren kaum geöffnet, als unſer Enthuſiaſt, vermöge einem zuvor mit ſeinem Freunde Pickle getroffenen Uebereinkommen, plötzlich den Gebrauch der Sprache verlor, Hände und Augen verdrehte und völlig in der Attitüde Hamlet's, wo ihm ſeines Vaters Geiſt erſcheint, und in ſtiller Ertaſe und in voller Ehrfurcht anbetete. Er machte aus der Noth ſogar noch eine Tugend, und betheuerte, nachdem ſie den Ort verlaſſen hatten, daß alle ſeine Seelenkräfte in Liebe und Bewunde⸗ rung verſunken geweſen wären. Er geſtand, jetzt mehr denn jemals in die flamländiſche Schule verliebt zu ſeyn, raste die ausſchweifend⸗ ſten Lobſprüche daher, und that der Geſellſchaft den Vorſchlag, ohne Verzug das Haus zu beſuchen, in welchem der göttliche Rubens ge⸗ wohnt habe, und ſeinem Gedächtniß dadurch die Huldigung darzu⸗ bringen daß ſie ſich in dem Zimmer, wo er gemalt hatte, zur Erde niederwürfen. 89 Da ſich in dem Hauſe, das ſeit dem Tode dieſes großen Man⸗ nes mehr denn Einmal wieder aufgebaut worden war, gar nichts Merkwürdiges befand, ſo entſchuldigte ſich Peregrine mit dem Vor⸗ wande, daß er von dem vielen Herumlaufen ermüdet ſey. Aus dem⸗ ſelben Grunde ſchlug auch Jolter jenen Antrag aus, und da die Frage dem Doktor vorgelegt wurde, weigerte ſich dieſer mit verächtlich ſtolzer Miene, dem Maler Geſellſchaft zu leiſten. Pallet, den dieſe geringſchätzige Behandlung verdroß, fragte ihn, ob er nicht Pindar's Wohnung beſehen würde, wenn er ſich in der Stadt befände, wo dieſer Dichter gelebt habe? Der Arzt bemerkte: Zwiſchen dieſen Männern ſey ein unendlich großer Unterſchied.„Gewiß,“ verſetzte Pallet;„denn in ganz Griechenland oder Troja hat es nie einen Poeten gegeben, der würdig wäre, unſerem hochgeprieſenen Rubens nur die Pinſel auszuwaſchen.“ Dieſe höchſt beleidigende Läſterung konnte der Doktor nicht mit Gelaſſenheit und kaltem Blute ertragen. Er entgegnete daher, Pallet verdiene, daß ihm die Eulen dafür die Augen aushackten. Der Streit zwiſchen Beiden gedieh wie gewöhnlich zu ſo groben Sottiſen und Unanſtändigkeiten im Betragen, daß die Vorübergehenden auf dieſen Strauß aufmerkſam wurden; Peregrine ſah ſich daher ge⸗ nöthigt, ſich ſeines eigenen guten Namens wegen in's Mittel zn ſchlagen. Siebenundſechszigſtes Kapitel. Pallet fordert den Arzt heraus durch Zuthun Peregrine's, der den Zank unter ihnen noch mehr angeſchürt hat. Sie ſchlagen ſich auf dem Walle. Der Maler begab ſich jetzt in die Wohnung des flamländiſchen Raphaels, und die Geſellſchaft kehrte in ihren Gaſthof zurück. Jetzt nutzte der junge Herr die vortheilhafte Gelegenheit, mit dem Doktor 90 allein zu ſeyn, recapitulirte alle die gröblichen Beleidigungen, die ihm der Maler zugefügt hatte, verſtärkte jeden Umſtand, der ihm zum Schimpf gereichte, und rieth ihm ſodann als Freund, auf ſeine Ehre Bedacht zu nehmen. Sie muß, endete er, nothwendig in den Augen der Welt leiden, wenn Sie ſich ſo unbeſtraft von einem Menſchen beleidigen laſſen, der in jeder Abſicht ſo unendlich tief unter Ihnen ſteht. Der Arzt verſicherte ihn, daß Pallet ſeiner Züchtigung bisher nur dadurch entgangen ſey weil er ihn für ſeiner Ahndung zu un⸗ würdig gehalten, auf die Familie des elenden Wichtes Rückſicht ge⸗ nommen und mit dieſer Mitleid gehabt habe; indeß wiederholte Be⸗ leidigungen entflammten auch das ſanfteſte Gemüth, und wiewohl er kein Beiſpiel des Zweikampfs bei den Griechen und Römern fände, die er als Muſter des Betragens anſähe, ſo ſollte dennoch Pallet von ſeiner Achtung gegen die Alten nicht länger Nutzen ziehen, ſondern für die erſte beſte Beleidigung, die er ihm zufügen würde, beſtraft werden. Nachdem unſer Held den Doktor zu einem Entſchluſſe angefenert, den er anſtändiger Weiſe nicht wohl aufgeben konnte, ſo ging er zur andern Partei, und fing da an, das Feuer auf folgende Art anzu⸗ ſchüren. Er gab Pallet zu verſtehen, der Arzt behandle ſeinen guten Namen ſo verächtlich und begegne ihm mit ſolchem Uebermuthe, daß kein Gentleman dieß ertragen müſſe. Jeden Tag würde er durch ihre gegenſeitige Erbitterung höchlich empört, die ſich in nichts als in pöbelhaften Ausdrücken äußerte, welche mehr für Schulknaben und Auſterweiber, als für Männer von Ehre und guter Erziehung vaßten. Er ſuͤhe ſich daher gegen ſeine Neigung genöthigt allen Umgang mit ihnen abzubrechen, wofern ſie nicht auf Mittel bedacht wären, ihre Ehre herzuſtellen. Dieſe Vorſtellungen würden auf die Furchtſamkeit des Malers wenig Eindruck gemacht haben, der gleichfalls zu viel Grieche war⸗ um einen andern Zweifampf, als den auf Fäuſte zu billigen(er war ein 91 gar geübter Vorer), hätte Peregrine nicht dabei den Fingerzeig ge⸗ geben, ſein Gegner ſey nichts weniger als ein Hektor, und er könne denſelben, ohne die geringſte perſönliche Gefahr zu laufen, demüthigen und ihn zu mehrerer Willfährigkeit ſtimmen. Durch dieſe Verſiche⸗ rung angefeuert, ſetzte unſer zweiter Rubens die Trompete zur Be⸗ fehdung an den Mund, ſchwor, er mache ſich nicht einen Pfifferking aus ſeinem Leben, ſo bald es ſeiner Ehre gelte, und bat Pickle, dem Doktor eine Ausforderung zuzuſtellen, die er ſogleich aufſetzen wollte. Dieſer offenbare Beweis ſeiner Courage erhielt von dem bos⸗ haften Anhetzer vollen Beifall. Nun, ſagte er, wäre er im Stande, ſeiner fernern Freundſchaft und ſeines weitern Umgangs zu genießen; das Geſchäft, das Kartel zu überbringen, lehnte er jedoch von ſich ab damit man ſeine zärtliche Beſorgniß für Pallet's guten Namen nicht fälſchlich als unzeitige Dienſtfertigkeit und Händelſucht aus⸗ legen möchte. Zu gleicher Zeit empfahl er ihm den Tom Pips nicht nur als einen gar tauglichen Boten in dieſem Falle, ſondern auch als einen Sekundanten auf dem Kampfplatz. Der tapfere Maler nahm dieſen Rath an, begab ſich auf ſein Zimmer und ſchrieb fol⸗ genden Ausforderungsbrief: Sir! Wenn ich heftig gereizt werde, ſo fürchte ich den Teufel ſelbſt nicht; um ſo weniger—— Ich will Sie nicht einen pedantiſchen Haſenfuß, einen ungeſchliffenen Burſchen nennen, denn das ſind Ehrentitel des Pöbels, ſondern nur erinnern, daß ich einen ſolchen Menſchen wie Sie weder liebe, noch fürchte; daß ich vielmehr wegen Ihres dummdreiſten Betragens bei verſchiedenen Gelegenheiten Ge⸗ nugthuung von Ihnen verlange, und ich will Sie heute Abend im Zwielicht auf dem Wall mit Degen und Piſtol erwarten. Gott ſey der Seele eines von uns beiden gnädig! Denn Ihr Körper ſoll nicht die mindeſte Gnade finden bei Ihrem erbitterten Ausforderer bis in den Tod Layman Pallet. „ 92 Dieſer kühne Fehdebrief wurde der Prüfung unſeres jungen Herrn überliefert und mit deſſen Beifall beehrt; ſodann händigte ihn der Maler dem Pips ein, der ihn ſeiner Ordre gemäß den Nach⸗ mittag ablieferte, und die Antwort zurückbrachte, der Arzt wolle ihn zur beſtimmten Zeit und an dem beſtimmten Orte erwarten. Der Ausforderer wurde durch die unvermuthete Nachricht, daß ſein Ab⸗ ſagebrief angenommen worden ſey, in die erſichtlichſte Verlegenheit geſetzt. Er lief ganz außer aller Faſſung im Hauſe herum und ſuchte Peregrine, um ſich deſſen fernern Rath und Beiſtand zu er⸗ bitten. Als er aber vernahm, daß dieſer eine geheime Unterredung mit ſeinem Gegner hielte, begann er ein heimliches Verſtändniß zu argwohnen, und verfluchte ſeine Thorheit und Voreiligkeit. Er kam ſogar einigemal auf den Gedanken, ſeine Einladung zurückzunehmen und ſich dem Triumph ſeines Gegners zu unterwerfen; doch ehe er ſich zu dieſer ſchimpflichen Herablaſſung verſtehen wollte, beſchloß er, ein anderes Auskunftsmittel zu verſuchen. Vielleicht, dachte er, bin ich dadurch im Stande, meine Ehre ſowohl als mein Leben zu retten. In dieſer Abſicht ging er zu Jolter und bat ihn ſehr angelegentlich, bei dem Duell, das er heute Abend mit dem Arzt vorhätte, den Sekundanten abzugeben. Statt aber, daß der Hofmeiſter ſeiner Erwartung entſprechen, Furcht und einige Theilnahme bezeigen, und in die Exclamationen ausbrechen ſollte:„Gütiger Gott! was haben Sie vor, meine Herren? Ermorden ſollen Sie ſich einander gewiß nicht, ſo lange es in meiner Macht ſtehen, Sie davon abzuhalten; ich will geradewegs zum Statt⸗ halter gehen, damit ſich dieſer dazwiſchen legt!“— ſtatt dieſer und anderer Drohungen, die Sache zu hindern, hörte Jolter den Vorſchlag mit dem größten Phlegma an, und entſchuldigte ſich, daß er die ihm zugedachte Ehre nicht annehmen könnte. Stand und Lage erlaubten es ihm nicht, an ſolchen Schlägereien Theil zu haben. Dieſe krän⸗ kende Aufnahme rührte aber von einem vorläufigen Wink unſers Peregrine her. Dieſer hatte, aus Beſorgniß, daß ihm ſein Hofmeiſter 93 den Spaß auf eine oder die andere Art verderben möchte, ihn mit ſeinem Vorhaben bekannt gemacht, und ihn verſichert, der ganze Handel ſolle ohne alle Gefahr ablaufen. So in ſeiner Erwartung betrogen, wurde der zu Boden geſchla⸗ gene Herausforderer von Beſtürzung und Kleinmuth völlig überwältigt. Er beſchloß aus heftiger Furcht vor dem Tod oder Verſtümmelung den Zorn ſeines Gegners durch Abbitte zu beſänftigen, und ſich zu jeder Demüthigung zu verſtehen, die er ihm vorſchlagen würde. Jetzt eben begegnete ihm von ungefähr unſer Held, der ihm mit Aeuße⸗ rungen unendlicher Zufriedenheit im Vertrauen erzählte, ſein Brief habe den Doktor vor Beſtürzung in Todesangſt verſetzt. Seine An⸗ nahme des Abſagebriefs wäre eine bloße Wirkung ſeiner Verzweiflung, und ziele darauf ab, dem Herausforderer den Muth zu benehmen, und ihn zu einem Vergleich zu vermögen. Er habe ihm dieſen Brief mit Furcht und Zittern mitgetheilt, unter dem Vorwande, ihn zum Sekundanten anzunehmen, eigentlich aber, um durch ihn eine Aus⸗ ſöhnung zu bewirken. Da ich aber ſeine Stimmung merkte, ſetzte Peregrine hinzu, ſo hielt ich es Ihrer Ehre für zuträglicher, ihn in ſeiner Erwartung zu betrügen. Deßhalb nahm ich es willig über mich, ihn auf den Kampfplatz zu begleiten, in der feſten Zuverſicht, daß er ſich vor Ihnen demüthigen, bis zum Fufßfall demüthigen wird. Weil Sie ſo ſicher ſind, können Sie nur immer Ihr Gewehr in Ordnung bringen, und mit Pips verabreden, daß er Sie nach dem Ort des Zweikampfs begleite. Ich ſelbſt will mich von Ihnen ent⸗ fernen, damit der Doktor unſer Verſtändniß nicht argwöhnen kann. Pallet's Geiſt, der bis zur tiefſten Kleinmnth herabgeſunken war, erhob ſich durch dieſe Aufmunterung zu allem Uebermuth des Siegers. Er erklärte noch einmal, daß er alle Gefahr verachte, und nachdem ſeine Piſtolen durch ſeinen getreuen Waffenträger geladen und mit neuen Flintenſteinen verſehen waren, erwartete er uner⸗ ſchrocken die Stunde des Treffens. Sobald nur der Abend zu dämmern begann, klopfte Jemand an 94 Pallet's Thür. Pips mußte ſie auf ſein Verlangen öffnen, und nun hörte Erſterer die Stimme ſeines Gegners, der hineinrief:„Sagt Maſter Pallet, daß ich an den beſtimmten Ort gehe.“ Dies Zuvor⸗ eilen, das ſich mit der von Pickle erhaltenen Nachricht ſo übel reimte, machte den armen Maler nicht wenig beſtürzt. Seine Beſorgniſſe fingen wieder an ſich einzuſtellen; doch munterte er ſich mit einem großen Glaſe Branntwein auf. Dennoch konnte er ſeine Angſt nicht bewältigen. Nichts deſte weniger machte er ſich mit ſeinem Sekun⸗ danten auf den Weg. Unterwegs ſiel folgendes Geſpräch unter ihnen vor: Pallet(mit ſchwankender Stimme). Mich däucht, Maſter Pips, der Doktor war ganz verteufelt eilig bei ſeiner Botſchaft. Tom. I nu, ch denke, er hat Luſt, Sie in'en Grund zu ſegeln. Pallet. Was? meint Ihr wirklich, daß er nach meinem Blute dürſtet? Tom(mit vieler Kaltblütigkeit ein großes Stück Taback in die Backen ſtopfend). Dat duht he, dat bin'ch gewies. Pallet(über und über zitternd). Wenn dem ſo iſt, ſo iſt er ja nicht beſſer als ein Cannibale; und kein Chriſt muß mit ihm auf gleichem Fuß fechten. Tom(ſeine Erſchütterung bemerkend, ſieht ihn mit verächtlichen und zornigen Blicken an). Sind doch wohl nicht furchtſam? Sind Sie? He? Pallet(vor Furcht ſtammelnd). Gott behüte mich! Weßhalb ſoll ich furchtſam ſeyn? Das Aergſte, was er mir thun kann, iſt: er nimmt mir das Leben; und dann wird er ſowohl vor Gott als vor Menſchen wegen einer Mordthat Rechenſchaft zu geben haben. Denkt Ihr das nicht auch? Tom. Dat denk'ch nich. Jägt er Ihnen'n paar Kugeln durch 'n Brägen und bringt Sie uf'ne ehrliche Art um, ſo is dat eben ſo wenig'n Mord, als wenn'ch'n bärenhäuter'ſchen Schuft von der grooten Marsraa hrunterſchmeißen duh. 95 Pallet(dem die Zähne ſo heftig klappern, daß er kaum ſprechen kann). Maſter Thomas, Ihr ſcheint Euch aus dem Leben eines Menſchen ſehr wenig zu machen. Ich hoffe aber zum Allmächtigen, ſobald ſoll er mich noch nicht zu Boden ſtrecken. Es hat ſich ja ſchon Mancher duellirt, und das Leben nicht eingebüßt. Glaubt Ihr, daß ich große Gefahr laufe, unter den Händen meines Gegners zu fallen? Tom(ohne alle Theilnahme). Kann ſin, kann och nich ſin, wie's nu ſo trifft. Un wat is't denn nu mehr! Der Tod is'ne Schuld, die jedes Mutterkind zahlen muß, wie wir ſingen thun. Un wenn Sie Fuß an Fuß ſetzen, ſo geht gewiß Einer von Beiden zum Deivel. Pallet(voller Schreck). Fuß an Fuß? das heißt ja einander ordentlich abſchlachten. Ich will verdammt ſeyn, wo ich mit irgend einem Menſchen auf der Welt auf eine ſo barbariſche Art mich ſchlage! Wie? haltet Ihr mich für ein wildes Thier? Bei dieſer Erklärung ſtieg Pallet den Wall hinan. Sein Be⸗ gleiter gewahrte den Doktor und deſſen Sekundanten in einer Ent⸗ fernung von etwa hundert Schritten. Er meldete dieß dem Maler, und rieth ihm, ſich bereit zu halten und als einen Mann zu bewähren. Vergeblich ſuchte Pallet ſeinen paniſchen Schrecken zu verbergen, der ſich aus dem Zittern aller ſeiner Glieder und dem kläglichen Tone offenbarte, in welchem er Pips Ermahnung beantwortete.„Als einen Mann,“ ſagte er,„ſo bewähre ich mich auch; aber Ihr wollt, ich ſoll mich wie'n wildes Thier benehmen. Kommen ſie dieſes Weges?“ Als Tom ihm geſagt hatte, daß ſie ſich umgeſehen und ihn erinnert hätten, ſich zu nähern, verſagten ihm die Nerven ſeines Arms ihre Dienſte; er konnte das Piſtol nicht halten, und ſtatt vorwärts ging er unvermerkt hinter ſich, bis ſich Pips in den Hinterhalt ſtellte, ſeinen Rücken gegen den ſeines Prinzipals ſtemmte, und ihm zuſchwor, er würde nicht zugeben, daß er nur einen Zoll breit von dieſer Rich⸗ tung wiche. 96 Während der Bediente auf dieſe Art den Maler ſchulte, weidete ſich ſein Herr an der Zaghaftigkeit des Doktors, die noch lächerlicher war als die des Malers, weil der Sohn Aeskulaps ſie zu verbergen ſuchte. Die Erklärung, die er am Morgen gegen Pickle gethan, wollte ihm nicht erlauben, einige Einwürfe zu machen, als er die Ausfor⸗ derung erhielt; und da er ſah, daß der junge Herr ſich nicht zum Vermittler in dieſer Sache erbot, ſondern ihm vielmehr zu einer ſo günſtigen Gelegenheit Glück wünſchte, als er das Schreiben von Pallet geleſen hatte, ſo beſtanden alle ſeine Verſuche in umſchweif⸗ vollen Winken und allgemeinen Betrachtungen über die Ungereimt⸗ heit der Zweikämpfe, welche erſt durch die barbariſchen Hunnen und Longobarden unter civiliſirten Nationen eingeführt worden wären. Auf gleiche Weiſe bemühte er ſich, den Gebrauch der Feuerwaffen lächerlich zu machen, durch welche, wie er ſagte, aller Unterſchied von Bravvur und Geſchicklichkeit mit einander verwechſelt und einem Streitenden die Gelegenheit benommen würde, ſich durch perſönliche Tapferkeit hervorzuthun. Pickle räumte ihm die Richtigkeit ſeiner Bemerkungen ein; zu gleicher Zeit aber ſtellte er ihm die Nothwendigkeit vor, ſich nach den eingeführten Gebräuchen der Welt, ſo lächerlich ſie auch wären, zu richten, da einmal Ehre und guter Name eines Mannes davon abhingen. Als der Republikaner ſah, daß er aus dieſem Kunſtgriff keinen Vortheil ziehen könnte, ward ſeine Erſchütterung immer merk⸗ licher, und er ſchlug mit dürren Worten vor, daß ſie, wie die Käm⸗ pfer der alten Zeit, in Rüſtung kämpfen möchten.„Da wir einmal,“ ſetzte er hinzu,„die Geſinnungen des eiſernen Zeitalters angenommen haben, ſo iſt es nicht mehr als billig, auch ihre Art zu fechten bei⸗ zubehalten.“ Nichts würde unſerm Helden mehr Beluſtigung gewährt haben, als der Anblick zweier ſolcher Kämpfer in eiſernen Futteralen. Er wünſchte, daß er ſie in Brüſſel zu einem Strauße gereizt hätte, weil er daſelbſt die Rüſtung Karl des Fünften und des tapfern Herzogs 97 von Parma zu ihrem Behuf hätte miethen können. Da es aber zu Antwerpen nicht möglich war, ſie von Kopf bis zu Fuß auszurüſten, ſo beredete er den Arzt, ſich in die Sitte der heutigen Tage zu fügen, und ſich dem Maler auf die von ihm vorgeſchlagenen Bedingungen zu ſtellen. Da er zugleich argwöhnte, daß die Furcht dieſes Mannes ihm andere Entſchuldigung an die Hand geben möchte, dem Kampfe auszuweichen, ſo ſtärkte er ihn durch einige dunkle Inſinuationen zum Nachtheil der Herzhaftigkeit ſeines Gegners, die aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach verdampfen würde, ehe irgend ein Unheil entſtehen könnte. Ungeachtet dieſer Aufmunterung konnte er doch den Widerwillen nicht unterdrücken, mit dem er auf den Kampfplatz ging, und er warf manchen angſtvollen Blick über die linke Schulter, um zu ſehen, ob ſein Gegner ihm auf den Ferſen wäre. Als er auf Anrathen ſeines Sekundanten Poſto faßte und ſeinem Feinde das Geſicht zukehrte, war es nicht ſo finſter, daß Peregrine ſeine ungewöhnliche Bläſſe und die dicken Schweißtropfen auf ſeiner Stirne nicht hätte bemerken ſollen. Ja ſogar ſeine Sprache war in offenbarer Unordnung, als er den Abgang der Pila und Parma bedauerte, womit er ein raſſeln⸗ des Getös würde gemacht haben, um ſeinen Feind in Erſtaunen zu ſetzen. Zugleich, äußerte er mit gleichem Stammeln, würde er auf denſelben losgeſprungen ſeyn, und nach Art und Weiſe der Alten eine Schlachthymne geſungen haben. Mittlerweile bemerkte er das Zaudern ſeines Gegners. Statt ſich zu nähern, ſchien dieſer ſich zurückzuziehen und ſogar mit ſeinem Sekundanten zu ringen. Er muthmaßte die Lage der Geſinnungen des Malers, ſammelte alle die Mannhaftigkeit, die er beſaß, und er⸗ griff die bequeme Gelegenheit, aus der Beſtürzung ſeines Feindes Vortheil zu ziehen. Er zog Degen und Piſtol zugleich, näherte ſich ihm in einer Art von Trott, und erhob dabei ein lautes Geheul, worin er ſtatt des ſpartaniſchen Kriegslieds einen Theil einer Strophe aus der phthiſchen Ode Pindars recitirte, die folgendermaßen anhebt: Smollet's Romane. X. 7 98 Tu 6v yco Ucuwul noat ßeortais coeraĩg ete. 2 Dieſe Nachahmung der Griechen that bei dem Maler die er⸗ wünſchte Wirkung. Denn da er den Doktor wie eine Furie mit der Piſtole in der ausgeſtreckten Rechten auf ſich losſtürzen ſah, und das fürchterliche Geſchrei und die ausländiſchen Worte hörte, wurde er von einer allgemeinen Erſtarrung der Glieder befallen. Er würde auf die Erde hingeſtürzt ſeyn, wenn ihn Pips nicht gehalten und zur Vertheidigung aufgemuntert hätté. Der Doktor fand gegen ſeine Erwartung, daß Jener ſich nicht von der Stelle gerührt, wiewohl er bereits den halben Weg zurückgelegt hatte; daher wandte er ſeine letzten Kräfte an, und feuerte ſein Piſtol ab. Kaum hatte der Knall davon das Ohr des erſchrockenen Malers erreicht, ſo empfahl er ſeine Seele Gott, und bat mit lautem Geſchrei um Gnade. Der Republikaner, den dieſer Ausruf vor Freude ganz außer ſich ſetzte, befahl ihm, ſich zu ergeben und ſeine Waffen zu ſtrecken, wo⸗ fern er nicht unmittelbar des Todes ſeyn wollte. Hierauf warf Pallet, trotz allen Ermahnungen, ja ſogar Drohungen ſeines Sekun⸗ danten, Piſtolen und Degen weg. Nun überließ ihn Pips ſeinem Schickſal und ging zu ſeinem Herrn, indem er mit deutlichen Zeichen des Abſcheus und Ekels ſich die Naſe zuhielt. Als der Sieger die Spolia opima erhalten hatte, ſchenkte et dem Maler unter der Bedingung das Leben, daß er ihn auf den Knieen um Verzeihung bäte, das Geſtändniß ablegte, er ſtehe an Verdienſten, körperlichen ſowohl als geiſtigen, ſeinem Sieger weit nach, und ihm zuletzt verſpräche, ſich künftig deſſen Gewogenheit durch Unterwürſigkeit und tiefe Ehrerbietung zu erwerben. Der un⸗ glückliche Ausforderer ergriff die übermüthigen Bedingungen mit der größten Bereitwilligkeit; er geſtand gar treuherzig, daß er zu krie⸗ geriſchen Unternehmungen gar im Geringſten nicht gemacht ſey, und daß er hinfort mit keiner andern Waffe, als ſeinem Pinſel ſtreiten „Von den Göttern nur kommt jede Kraft den Tugenden der Sterblichen. 99 wolle. Er bat Sir Pickle gar demüthiglich, darum nicht ſchlechter von ſeinen Grundſätzen zu denken, weil es ihm an Herzhaftigkeit fehle; dieß ſey ein Naturfehler bei ihm, ein Erbſtück von ſeinem Vater. Er möchte ja nicht eher ein Urtheil über ſeine Talente fällen, als bis er die Reize ſeiner Cleopatra geſehen hätte, die er in weni⸗ ger denn drei Monaten vollenden wollte. Unſer Held bemerkte mit der angenommenen Miene des Miß⸗ vergnügens, kein Menſch könne mit Fug und Recht darüber getadelt werden, daß er den Eindrücken der Furcht unterworfen ſey, und deß⸗ halb wäre ihm ſeine Feigheit gar leicht zu verzeihen. Daß er aber ſo vermeſſen, ſo unrechtſchaffen, ſo unredlich gehandelt habe, ſich eine Eigenſchaft anzumaßen, auf die er, wie er ſelbſt wüßte, nicht die mindeſten Anſprüche zu machen habe, dieſes ſchlechte Betragen könnte er ihm nicht verzeihen. Doch wolle er ſich ſo weit herablaſſen, ferner mit ihm umzugehen, in der Hoffnung, daß er ſich in ſeinem Betra⸗ gen beſſern würde. Pallet betheuerte, er ſey bei dieſer Sache ganz ohne Verſtellung zu Werke gegangen, und er habe ſeine Schwäche nicht eher gewußt, als bis ſeine Entſchloſſenheit auf die Probe ge⸗ ſtellt worden ſey. Er verſprach ihm auf's Heiligſte, ſich den noch übrigen Theil ihrer Reiſe mit der Beſcheidenheit und Reue zu be⸗ tragen, die, wie er wohl wüßte, einem Manne in ſeiner Verfaſſung gebührte. Vor der Hand aber flehe er des Maſter Pips Beiſtand an, ihn von den unangenehmen Folgen ſeiner Furcht zu entledigen. Dem zu Folge erhielt Thomas Befehl, dem Maler in ſeinen Bedürf⸗ niſſen an die Hand zu gehen. 100 Achtundſechszigſtes Kapitel. Ankunft in Rotterdam. Abenteuer auf der Maas, wobei des Malers Leben in Gefahr kommt. Ein hollandiſches Kunſtkabinet. Der Sieger war durch ſein. Glück aufgeſchwellt worden. Er ſchrieb es großentheils der Art feines Angriffs und der Hymne zu⸗ die er hergeheult hatte.„Nunmehr,“ ſagte er zu Peregrine,„bin ich von der Wahrheit überzeugt, die Pindar in den Worten vorträgt: Oooa u) n6ihnus Zec, drökoprot Bock Nsoiòop Glopra.* Denn kaum hatte ich die honigtriefenden Strophen des göttlichen Barden herdeclamirt, als den elenden Wicht, meinen An⸗ tagoniſten, Schaam und Beſtürzung traf und ſeine Nerven ſogleich abgeſpannt wurden.“ Auf dem Rückwege nach dem Wirthshauſe ließ er ſich weikläufig über ſein Benehmen bei dem Zweikampfe aus, wie ruhig und klug das geweſen ſey. Pallet's Beſtürzung ſchrieb er der Erinnerung irgend eines Verbrechens zu, das ſein Gewiſſen ſchwer drückte; weil der tugendhafte und verſtändige Mann, ſagte er, unmöglich den Tod fürchten kann. Denn dieſer iſt nicht nur der friedliche Hafen, der ihn aufnimmt, wenn er auf der ſtürmiſchen See des Lebens geſchei⸗ tert iſt, ſondern auch das ewige Siegel ſeines guten Namens und Ruhms, den zu verſcherzen oder zu verlieren nun nicht mehr in ſei⸗ ner Macht ſteht. Er klagte ſodann über ſein Schickſal, das ihn Ner⸗ dammt habe, in ſo entarteten Zeiten zu leben, wo der Krieg ein Miethlingshandwerk geworden ſey, und wünſchte ſehnlich, daß der Tag kommen möchte, an dem er ſolche Gelegenheit fände, ſeinen Muth für die Sache der Freiheit zu bewähren, wie bei Marathon, „Was aber Zeus nicht liebt, bleibt zurück vor dem hallenden Liede der Muſen.“ 101 wo eine Handvoll Athener, die für ihre Freiheit fochten, die ganze Macht des perſiſchen Reichs ſchlugen. „Wollte der Himmel,“ rief er,„meine Muſe würde mit der Gelegenheit beglückt, dem glorreichen Zeugniſſe auf der Trophäe in Cypern nachzueifern, die Cimon wegen zweier großen Siege errichtete, welche er an Einem Tage zu Waſſer und zu Lande über die Perſer davon trug, wobei es höchſt merkwürdig bleibt, daß das Rieſenhafte dieſes Ereigniſſes die Art des Ausdrucks über die gewöhnliche Schlicht⸗ heit und Beſcheidenheit alter Inſchriften erhoben hat.“ Nachdem er nun dieſe Aufſchrift mit allem ihm nur möglichen Pathos recitirt hatte, äußerte er die Hoffnung, daß die Franzoſen dereinſt mit einem ſolchen Heere in England eindringen würden, wie Kerres nach Griechenland führte, damit es in ſeiner Macht ſtünde, ſich, wie Leonidas, für die Freiheit ſeines Geburtslandes aufzuopfern. Da dieſer merkwürdige Kampf auf dieſe Art geendet war, und ſie alle Merkwürdigkeiten Antwerpens geſehen hatten, ſo ſchickten ſie ihr Gepäck die Schelde hinab nach Rotterdam, und reisten nach der⸗ ſelben Stadt auf einem Poſtwagen, der ſie noch denſelben Abend wohlbehalten an das Ufer der Maas beförderte. Hier ſtiegen ſie in einem Gaſthofe ab, deſſen Eigenthümer, ein Engländer, wegen ſeiner Artigkeit und Billigkeit berühmt war. Am folgenden Morgen ging der Doktor aus, um die Empfehlungsſchreiben von einem ſeiner Be⸗ kannten in Paris an zwei angeſehene Holländer in eigener Perſon abzugeben. Da er jedoch keinen von Beiden zu Hauſe traf, ſo ließ er ſeinen Namen und ſeine Adreſſe zurück. Nachmittags beſuch⸗ ten Beide die Geſellſchaft, und nach manchen gaſtfreundſchaftlichen Aeußerungen lud Einer davon ſie auf den Abend in ſein Haus ein. Mittlerweile hatten ſie ein Luſtſchiff gemiethet, um den Frem⸗ den das Vergnügen einer Fahrt auf der Maas zu gewähren, welcher Vorſchlag denn auch von unſerm jungen Herrn und deſſen Begleitern angenommen worden war, obwohl Jolter ſich lebhaft gegen die Fahrt erklärte, auch ſich weigerte, an derſelben Theil zu nehmen, 102 weil ihm die Witterung zu rauh dazu ſchien. Demungeachtet begab man ſich zu Schiffe, wo man in der Kajüte eine wohlbeſetzte Tafel vorfand. Während man bei einer Kühlung, wie ſie zum Makrelen⸗ fange nöthig iſt, am Ufer hin- und herlavirte, äußerte der Arzt ſein beſonderes Behagen hierüber, und Pallet war voller Entzücken über die Ergötzlichteit. Als aber der Wind zum unausſprechlichen Ver⸗ gnügen der Holländer zunahm, die nun eine Gelegenheit vor ſich ſahen, ihre Gewandtheit im Mänövriren eines Schiffs zu zeigen, ſo fanden ihre Gäſte es nicht rathſam, auf dem Verdeck zu bleiben; unten aber zu ſitzen fiel ihnen wegen der Tabakswolken unmöglich, die ſich in ſo dicken Wirbeln aus den Pfeifen ihrer gütigen Bewir⸗ ther hervorwälzten, daß ſie in Gefahr ſchwebten, davon zu erſticken. Dieſer Dampf und die außerordentliche Bewegung des Schiffs begann den Kopf und den Magen des Malers anzugreifen. Er bat daher inſtändigſt, ihn an das Land zu ſetzen. Allein die beiden Hol⸗ länder, die ſich von ſeinen Leiden keinen Begriff machen konnten, weil ſie dergleichen nie erlebt, beſtanden mit erſtaunlich-hartnäckiger Höflichkeit darauf, daß er ſo lange an Bord bleiben müſſe, bis er ein Pröbchen von der Gewandtheit ihrer Schiffer geſehen habe. S brachten ihn auf's Verdeck und befahlen ihren Leuten, das Schiff leiwärts bis über die Stückpforten unter Waſſer zu ſetzen. Dieſes große Kunſtſtück in der Schifffahrt ward augenblicklich in's Werk ge⸗ richtet zur Verwunderung Sir Pickle's, zur äußerſten Beſtürzung des Doktors und zu Pallet's höchſtem Schreck, der ſich vor der Höflich⸗ keit eines Holländers kreuzte und ſegnete, und den Himmel um ſeine Rettung anflehte. Während ſich die Holländer an dieſem famöſen Manöver und zugleich an des Malers Angſt beluſtigten, packte ein heftiger Wirbel⸗ wind vom Lande her die Jacht. Sie war im Augenblick umgeſtürzt und Mann und Maus flog über Bord in den Fluß, ehe ſie die ge⸗ ringſte Warnung von ihrem Schickſal, geſchweige Zeit bekommen konnten, dieſem Zufalle vorzubeugen. Peregrine, der ein erfahrener 103 Schwimmer war, erreichte wohlbehalten das Ufer. Der Arzt hielt ſich in der Todesangſt der Verzweiflung an den Pumphoſen eines der Schiffsleute feſt, der ihn an der andern Seite hinaufzog. Die beiden holländiſchen Herren landeten am Kai, und rauchten den gan⸗ zen Weg im Waſſer über mit größter Kaltblütigkeit. Der arme Maler würde zu Grunde gegangen ſehn, wenn ihm nicht der Kabeltau eines Schiffs aufgeſtoßen wäre, das dicht an dem Schauplatz ihres Unfalls vor Anker lag. Seine Sinne hatten ihn zwar verlaſſen, allein ſeine Hände ergriffen aus Inſtinkt dieſes Hülfs⸗ mittel, das der Zufall ihm in den Weg führte. Er klammerte ſich ſo convulſiviſch daran feſt, daß man, als ihm ein Boot zu ſeiner Rettung geſandt wurde, ſeine Finger nur mit äußerſter Schwierig⸗ keit davon losmachen konnte. Man ſchaffte ihn, der Sprache und aller Empfindungen beraubt, in ein benachbartes Gebäude, hing ihn bei den Ferſen auf, und eine ungeheure Menge Waſſer ſtürzte aus ſeinem Munde. Nachdem dieſe Ausleerung geſchehen war, begann er ein fürchterliches Stöhnen, das allmählig zu einem unaufhörlichen Gebrüll wurde. Nachdem er ſeine Sinne wieder bekommen hatte, erſiel er in eine Raſerei, die einige Stunden anhielt. Was ihre Wirthe anbelangte, ſo ließen ſie es ſich nicht einmal träumen, Pickle oder dem Doktor wegen des Vorgefallenen ihr Leidweſen zu bezeigen. Es iſt dieß daſelbſt ein ſo gewöhnlicher Zufall, daß man darauf gar nicht achtet. Sie erſtaunten aber nicht wenig, als ſie auf ihre Nach⸗ frage fanden, daß Pallet nicht ſchwimmen konnte; denn einem Hol⸗ länder iſt es eben ſo natürlich, als einem Tannenbrette, oben auf dem Waſſer zu treiben. Die Sorge für die Jacht überließen ſie den Schiffsleuten, und ein Jeder von der Geſellſchaft begab ſich in ſein Logis, um ſich um⸗ zukleiden. Des Abends wurden unſere Freunde in das Haus ihres neuen Freundes geführt, der, um ſeine Einladung ihnen behaglicher zu machen, zwanzig bis dreißig Engländer bei ſich verſammelt hatte. Sie waren aus allen Ständen, vom Kaufmann an bis zum Perücken⸗ 104 macherlehrling herab. Mitten unter ihnen ſtand ein glühendes Koh⸗ lenbecken, um ihre Pfeifen anzuzünden, und Jeder aus der Geſell⸗ ſchaft hatte ſein Spucknäpfchen neben ſich. Imlganzen Zimmer war kein Mund, aus dem nicht eine Dampfröhre hervorging. Sie glichen einer Sammlung von Chimären, die Feuer und Rauch von ſich ſprühten. Unſere Herren ſahen ſich der Vertheidigung wegen genö⸗ thigt, das Beiſpiel der Uebrigen nachzuahmen. Daß die Unterhaltung ſehr munter oder voll Politeſſe geweſen ſeyn ſollte, läßt ſich gar nicht annehmen; ſie war ganz auf holländiſchem Fuß— froſtig und phlegmatiſch. Unſer Held, der am Kopfweh jämmerlich ausſtand, als er nach Hauſe kam, und dem das ganze Traktament ſehr zuwider ge⸗ weſen war, verfluchte die Stunde, wo der Doktor ihnen ſo läſtige Geſellſchafter aufgebürdet hatte. Am nächſten Morgen um acht Uhr ſtatteten die höflichen Herren Holländer ihren Gegenbeſuch ab, und nach dem Frühſtück begleiteten ſie ihre engliſchen Freunde in das Haus eines Mannes, der ein ſehr merkwürdiges Kunſtkabinet beſaß, obſchon er eigentlich ein Käſehänd⸗ ler war. Er empfing ſie in einer wollenen Nachtmütze, die mit leder⸗ nen Riemen unter dem Kinn zugeknüpft war. Da dieſer bloß ſein Mutterſprache verſtand, ſo ließ er ihnen durch Hülfe eines ihrer Füh⸗ rer zu verſtehen geben, daß er eigentlich Niemand ſein Kabinet zu zeigen pflege; da ſie jedoch Engländer und ſeinen Freunden empfoh⸗ len wären, ſo wolle er bei ihnen eine Ausnahme machen. Mit dieſen Worten führte er ſie eine dunkle Treppe hinauf in ein kleines Zimmer, welches mit einigen armſeligen Gipsfiguren, mit zwei oder drei jämmerlichen Landſchaften, dem Balg einer Otter, dem Felle eines Seekalbes und einigen ausgeſtopften Fiſchen ausge⸗ ſchmückt war. In der einen Ecke ſtand ein Glasſchrank, darin be⸗ fanden ſich verſchiedene Gattungen von Eivechſen, Fröſchen und Schlangen in Weingeiſt, ein ungeborenes Kind, ein Kalb mit zwei Köpfen und ungefähr zwei Dutzend Schmetterlinge auf Papier genadelt. Nachdem der Naturalienſammler dieſe Merkwürdigkeiten vorge⸗ 105 zeigt hatte, heftete er auf die Fremden einen Blick, der Bewunderung und Beifall heiſchte. Da er aber kein Symptom von Beiden weder in ihren Geſichtern noch Geberden wahrnahm, zog er einen Vorhang weg, hinter welchem ſich ein zierlicher Wandſchrank mit Schiebkäſtchen befand. Hierin, gab er ihnen zu verſtehen, wären Dinge enthalten, die ſie auf höchſt angenehme Weiſe intereſſiren würden. Unſere Rei⸗ ſenden bildeten ſich auf die Nachricht ein, durch ſeltene Münzen oder andere Kunſtwerke des Alterthums eine herrliche Augenweide zu er⸗ halten; allein wie ward ihre Erwartung betrogen, als ſie in jeder Schieblade nichts weiter als allerlei Muſcheln fanden, die in wunder⸗ liche Figuren gelegt waren. Als er ſie zwei volle Stunden mit einem höchſt langweiligen Commentar über die Geſtalt, Größe und Farbe des Inhalts von jedem Fache unterhalten hatte, bat er mit hochmüthigem Lächeln die Herren Engländer, ſie möchten ſich doch ganz frei und offenherzig erklären: ob ſein Cabinet, oder das von Mynheer Sloane zu London mehr Werth habe. Als Pallet dieſe Bitte vernahm, rief er aus:„Der Teufel ſoll mich holen, wenn der ganze Plunder mehr als dritthalb engliſche Schillinge werth iſt!“ eregrine, welcher nicht gern Jemand kränkte, der ſich ihm gefällig gezeigt hatte, verſetzte, was ſie geſehen hätten, wären zwar große Seltenheiten und bewundernswürdige Sachen; allein keine Privat⸗ ſammlung in Europa gliche dem Cabinet des Sir Hans Sloane, das, die ihm gewordenen Geſchenke ungerechnet, mindeſtens hundert⸗ tauſend Pfund Sterling gekoſtet habe. Die beiden Führer ſtutzten bei dieſer Verſicherung, und als ſie dem Käſekrämer verdolmetſcht war ſchüttelte er mit einem bedeutungsvollen Grinſen den Kopf. Zwar fand er es nicht für rathſam, ſeinen Unglauben hieran durch Worte an den Tag zu legen; dennoch gab er unſerem Helden zu ver⸗ ſtehen, daß er kein ſonderliches Vertrauen zu ſeiner Wahrheitsliebe hege. Aus dem Hauſe des holländiſchen Naturalienſammlers ſchleppte die läſtige Höflichkeit ihrer beiden Begleiter ſie in der ganzen Stadt 106 herum. Erſtere verließen ſie auch nicht eher, als bis es bereits ſpät Abends war, und bis ſie ihnen verſprochen hatten, ſich von ihnen nach einem Landhauſe führen zu laſſen, das in einem anmuthigen Dorfe auf der andern Seite des Fluſſes lag. Pickle hatte ihre Gaſtfreundſchaft bereits ſo ſehr ermüdet, daß ihn zum Erſtenmal in ſeinem Leben eine Art von Melancholie an⸗ wandelte. Er beſchloß daher, ſich jedenfalls der für morgen ange⸗ vrohten Verfolgung zu entziehen. In dieſer Abſicht ließ er ſich ein Felleiſen mit Kleidungsſtücken und Wäſche packen, und ſtieg am Morgen mit ſeinem Hofmeiſter in eine Trekſchuyte, die nach dem Haag ging, unter dem Vorwande, daß ihn dringende Angelegenheiten dahin riefen. Er überließ es ſeinen Reiſegefährten, ihn bei ihren Freunden zu entſchuldigen, indem er Erſteren die Verſicherung gab, ſich ohne ihre Geſellſchaft nicht nach Amſterdam zu begeben. In Haag langte er Vormittags an, und ſpeiste zu Mittag in einem Hotel, welches Offiziere und Männer von Stande zu beſuchen pflegten. Als er hier erfuhr, daß die Prinzeſſin den Abend Geſell⸗ ſchaft annehmen würde, legte er ein reiches Kleid nach Pariſer Schnitt an, und begab ſich ohne die mindeſte Einführung an den Hof. Ein junger Mann von ſeinem Aeußern mußte nothwendig die Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich ziehen. Als der Prinz hörte daß er ein Fremder und ein Engländer wäre, ging er ſelbſt ohne Ceremonie auf ihn zu bewillkommte ihn und unterhielt ſich einige Minuten lang mit ihm über Gegenſtände die gerade das Tagesgeſpräch bildeten. 107 Neunundſechszigſtes Kapitel. Die Geſellſchaft geht von Haag nach Amſterdam, ſieht daſelbſt ein hvog⸗ duetſches Trauerſpeel aufführen, beſucht ein Speelhuys, woſelbſt Peregrine mit dem Kapitän eines Kriegsſchiffs Händel bekommt. Auf ihrem Wege nach Leyden paſſieren ſie Harlem, von wo ſie nach Rotterdam zurückkehren. Hier trennt ſich die Geſellſchaft und unſer Held langt mit ſeinen Reiſe⸗ gefährten wohlbehalten zu Harwich an. Mit den früheren Reiſegefährten am folgenden Tage wieder vereinigt, beſuchten Peregrine und Jolter mit jenen alle merkwürdigen Gebäude der Stadt, als das Gießhaus, das Stadthaus, das Spinn⸗ haus und des Grafen Bentink's Gärten, worauf ſie ſich Abends nach dem franzöſiſchen Theater wandten. Der Direktor war ein famöſer Harlekin, welcher Mittel gefunden hatte, dem Geſchmack der Hollän⸗ der ſo kräftig zu ſchmeicheln, daß ſie ihn als den größten Schau⸗ ſpieler prieſen, welcher ſich jemals in den Staaten von Holland hätte blicken laſſen. Die Geſellſchaft, an deren Spitze dieſer Komiker ſtand, führte keine regelmäßigen Stücke, ſondern nur eine Art von Im⸗ promptüs auf, in welchen der Spaßmacher immer die Hauptrolle ſpielte. Unter allen den witzigen Einfällen, die dieſer Mann losgab, war ein Zug, der zu der Gemüthsſtimmung und dem Genius ſeiner Zuhörerſchaft ſo ausnehmend paßte, daß es Schade wäre, ihn mit Stillſchweigen zu übergehen. Es ſtand eine Windmühle auf dem Theater. Harlekin beſichtigte ſie voller Neugier und Bewunderung, und fragte einen von den Mühlknappen, wozu dieſe Maſchine diene. Da man ihm ſagte, daß es eine Windmühle ſey, bemerkte er mit trüber Miene, daß er nicht das Vergnügen haben würde, ſie rund gehen zu ſehen, weil nicht das geringſte Lüftchen wehte. Durch dieſe Betrachtung mißmuthig gemacht, nahm er die Attitüde eines Men⸗ ſchen an, der in tiefes Nachdenken verſenkt iſt. Er verharrte einige 108 Sekunden in dieſer Poſitur, dann rannte er mit großem Eifer und mit vieler Freude auf den Müller zu, und ſagte ihm, er habe ein Mittel ausgefunden, ſeine Mühle in Gang zu bringen. Hierauf knüpfte er ganz frank und frei ſeine Beinkleider auf, und präſentirte ſein Hintergeſicht den Flügeln der Maſchine. Unmittelbar darnach hörte man gewiſſe Erploſionen, und die Flügel der Windmühle be⸗ gannen ſich herumzudrehen, zum unendlichen Vergnügen der Zuſchauer, die dieſen feinen Spaß durch lautes Bravorufen billigten. Unſere Reiſenden verweilten einige Tage in Hagg. Während der Zeit machte unſer Held dem engliſchen Geſandten ſeine Aufwar⸗ tung, an den er von Sr. Excellenz zu Paris Empfehlungsſchreiben hatte. Er verlor an dieſem Orte ungefähr dreißig Guineen im Bil⸗ lardſpiel an einen franzöſiſchen Abenteurer, der ihn dadurch in die Schlinge lockte, daß er ſein Spiel verdeckt hielt. Sodann reisten ſie in einem Poſtwagen nach Amſterdam ab. Sie hatten Empfeh⸗ lungsſchreiben an einen dortigen Kaufmann, der von Geburt ein Engländer war Dieſer zeigte ihnen alle Sehenswürdigkeiten. Unter andern Ereurſionen kamen ſie auch in's Schauſpielhaus und ſahen eine holländiſche Tragödie aufführen. Eine Beluſtigung, die mehr denn irgend eine andere auf die Organe unſeres Helden eine ſeltſame Wirkung hervorbrachte. Der Anzug ihrer Hauptperſonen war ſo altväteriſch, ihr Benehmen ſo linkiſch, ſo abgeſchmackt und ihre Sprache ſo poſſierlich, ſo ungeſchickt, Empfindungen der Liebe und Ehre auszudrücken, daß dieſe Zuſammenhäufung von Ungereimtheiten bei Peregrine eine austreibende Kraft bewirkte, und ihn nöthigte, wohl zwanzigmal herauszugehen, ehe das Stück zu Ende war. Das Thema dieſes Dramas war die berühmte Geſchichte von Seipio's Enthaltſamkeit und Tugend bei Zurückgabe ſeiner ſchönen Gefangenen an deren Liebhaber. Den jungen Römerhelden ſtellte ein rundköpfiger Holländer in einem Burgermeiſtertalar und einer Pelz⸗ mütze dar. Er ſaß an einem Tiſche, auf welchem eine Kanne Bier, ein Glas und ein Teller mit Tabak ſtand, und ſchmauchte ſein Pipken. „ 109 Die Heldin des Stücks war ſo beſchaffen, daß Seipio ſie weggeben konnte, ohne daß ihm dieſe Großmuth ſehr ſauer ankam. Dieſer Meinung ſchien wirklich der eeltiberiſche Prinz zu ſeyn. Denn als er ſeine Geliebte von der Hand des Siegers empfing, äußerte er nichts von jenen Entzückungen der Liebe und Dankbarkeit, deren Livius bei Erzählung dieſer Begebenheit gedenkt. Inzwiſchen war der hol⸗ ländiſche Scipio nach ſeiner Art artig genug. Er nöthigte ſie mit der Benennung„Mefrauw“ ſich zu ſeiner Rechten niederzulaſſen, füllte mit eigener Hand eine neue Pfeife und überreichte ſie nebſt einem Schwefelhölzchen dem Liebhaber mit der Anrede„Mynheer.“ Alles Uebrige in der Tragödie war nach gleichem Geſchmack und ſo nach dem Gaumen der Zuhörerſchaft zuſammengeſtellt, daß dieſe ihr gewohntes Phlegma abgelegt zu haben ſchien, um der Vorſtellung nach Herzensluſt zu applaudiren. Nach dem Stück begab ſich unſere Geſellſchaft in dgs Haus ihres Freundes, wo ſie den Abend zubrachten. Das Geſpräch kam auf die Poeſie. Es war ein Holländer zugegen, der Engliſch ver⸗ ſtand. Dieſer hatte der Unterredung ſehr aufmerkſam zugehört; end⸗ lich nahm er mit beiden Händen die größte Hälfte eines der Cheſter⸗ käſe auf, der vor ihm lag und ſagte:„Ick weet, wat Poeterei is. Myn Brver is een grooter Poet und heeft nen Boek geſchreeven, ſo dick as dat.“ Pickle, den dieſe Art und Weiſe, einen Schriftſteller nach der Quantität ſeiner Werke abzuſchätzen, beluſtigte, erkundigte ſich nach dem Inhalt der Schriften dieſes Dichters. Allein davon konnte ihm deſſen Bruder keine Nachricht geben, und wußte ihm weiter nichts zu ſagen, als daß er einen ſchlechten Markt machte; er wünſchte deßhalb, daß er ein anderes Handwerk gewählt haben möchte. Die einzigen merkwürdigen Orte, die unſere Geſellſchaft in Amſterdam noch nicht geſehen hatte, waren die Speelhuizen oder Muſikhäuſer, welche aus Nachſicht der Obrigkeit zur Erholung der⸗ jenigen gehalten werden, die ſonſt auf die Keuſchheit rechtſchaffener 110 Frauenzimmer Angriffe thun würden, wenn ſie nicht mit dergleichen Bequemlichkeiten verſorgt wären. Unter der Führung des engliſchen Kaufmanns begaben ſich unſere Reiſenden in eines dieſer öffentlichen Häuſer. Er brachte ſie an einen ſolchen Ort, wie das ewig berühmte Kaffeehaus von Moll King iſt, und wo nur der Unterſchied war, daß die Geſellſchaft hier nicht ſo lärmte, als die Schwärmbrüder in Co⸗ ventgarden. Sie bildete hier einen Kreis, woraus einige nach der Muſik einer lumpichten Drehorgel und einiger andern Inſtrumente tanzten, welche ſolche Töne hervorbrachten, wie ſie zum Charakter der Zuhörer vollkommen paßten. Das ganze Zimmer war mit ſo dichten Tabakswolken angefüllt; daß man nichts davor ſehen konnte. Als Peregrine mit ſeinen Begleitern hineintrat, waren gerade zwei Frauen⸗ zimmer mit ihren Galanen auf dem Tanzplatz. Letztere hoben die Füße gerade ſo empor, wie die Ochſen beim Pfluge; und als einer von dieſen Herumhüpfern mitten in einer Sarabande ſeine Tabaks⸗ pfeife ausgeraucht merkte, zog er ſeinen Tabaksbeutel heraus, füllte ſie und ſteckte ſie wieder an, ohne den Tanz im mindeſten zu unter⸗ brechen. Da Peregrine die Gegenwart ſeines Hofmeiſters nicht zurück⸗ hielt, der für ſeinen Leumund zu zärtlich beſorgt war, um ihn auf ſolchem Streifzuge zu begleiten, ſo machte er ſich an eine muntere franzöſiſche Dirne, die da ſaß und auf einen Kundmann zu warten ſchien. Er forderte ſie zu einer Menuet auf, führte ſie in den Cir⸗ kel, und als die Muſik begann, bediente er ſich der Gelegenheit zur Verwunderung aller Anweſenden, mit ihr zu tanzen. Eben war er Willens, noch eine andere Probe ſeiner Geſchicklichkeit in dieſer Kunſt abzulegen, als der Capitän eines holländiſchen Kriegsſchiffs herein⸗ trat. Da dieſer einen Fremden mit dem Frauenzimmer engagirt ſah, die er, wie es ſchien, ſich zu ſeiner Bettgenoſſin bedungen hatte, nahte er ſich ohne weitere Ceremonie, ergriff ſie beim Arm und ſchleppte ſie nach einer andern Seite des Zimmers. Unſer abenteuernder Ritter, der nicht der Mann war, eine ſo gröbliche Beſchimpfung geduldig zu ertragen, folgte dem Räuber mit entrüſteten Blicken. Er ſtieß ihn 111 bei Seite, bemächtigte ſich des Gegenſtandes ihres Streits, und führte ihn wieder auf den Platz zurück, von dem er weggeſchleppt worden war. Ueber die Kühnheit des jungen Mannes voller Wuth, gehorchte der Holländer den erſten Eingebungen des Zorns, und gab ſeinem Nebenbuhler eine derbe Ohrfeige. Sie ward ihm ſogleich mit Zinſen zurück bezahlt, bevor ſich unſer Held ſo weit ſammeln konnte, Hand an den Degen zu legen und den angreifenden Theil nach der Thüre hinauszuwinken. Ungeachtet der Verwirrung und der Unordnung, welche dieſe Streitſache in dem Zimmer verurſachte, und trotz der Bemühungen, die Pickle's Geſellſchaft anwandte, Blutvergießen zu verhindern, kamen die beiden Gegner dennoch auf die Straße hinaus. Peregrine, der ſeinen Degen zog, ſtutzte nicht wenig, als er den Capitän mit einem langen Meſſer auf ſich losgehen ſah, das er neben dem Schwerte an ſeiner Seite vorzog. Dieſes widerſinnige Betragen machte den jun⸗ gen Mann betroffen, und er bat ihn auf Franzöſiſch, dieſes pöbelhafte Werkzeug bei Seite zu legen und ſich ihm als Cavalier zu nähern. Allein der Holländer, der ſein Geſuch weder verſtand, noch darein gewilligt haben würde, wenn er auch ſeine Meinung begriffen hätte, rannte wie ein Menſch voller Verzweiflung auf ſeinen Gegner los, ehe ſich dieſer in Poſitur ſtellen konnte. Wäre Pickle nicht mit er⸗ ſtaunlicher Behendigkeit begabt geweſen, ſo würde ſeine Naſe ein Opfer der Wuth des angreifenden Theils geworden ſeyn. Da er ſich in drohender Gefahr befand, ſprang er auf die eine Seite. Der Holländer ſchoß in ſeinem ſtarken Anlauf bei ihm vorüber, und Jener gab ihm einen ſo ſchnellen und nachdrücklichen Stoß an die Ferſen, daß er pfeilſchnell in den Kanal flog. Er hätte da beinahe ſeinen Untergang gefunden, indem er auf einen von den Pfählen ſchlug, die vor demſelben ſtanden. Nachdem Peregrine dieſe That vollbracht hatte, wartete er nicht, bis der Capitän wieder an das Land kam, ſondern begab ſich auf Anrathen ſeines Führers in aller Eile nach Hauſe. Am folgenden 112 Tage ſtieg er mit ſeinen Reiſegefährten in eine Trekſchuyte, die nach Harlem ging. Sie ſpeisten daſelbſt zu Mittag, und kamen. gegen Abend in der alten Stadt Leyden an, wo ſie einige engliſche Studenten trafen. Dieſe nahmen ſie mit großer Gaſtfreundſchaft auf. Doch noch an eben dem Abend wurde die Einigkeit zwiſchen ihnen unterbrochen. Es erhob ſich zwiſchen einem dieſer jungen Herren und dem Doktor ein Streit über die beſte Heilmethode des Zipper⸗ leins und der Rheumatismen. Er gedieh endlich von beiden Seiten zu ſo groben Schmähworten, daß Pickle, der ſich der Uungeſchliffenheit ſeines Reiſegefährten ſchämte und darüber ſehr erbittert ward, die Partei des Andern ergriff. Er verwies dem Doktor mit dürren Wor⸗ ten ſein unartiges Betragen, und ſagte zu ihm, daß er ſich des Zwecks der bürgerlichen Geſellſchaft unfähig und ihrer Vortheile unwürdig machte. Dieſe unerwartete Erklärung ſetzte den Arzt in die höchſte. Ver⸗ wunderung und Betroffenheit; er war von dem Augenblick an der Sprache beraubt, und ſaß die übrige Zeit hindurch, wo die Geſell⸗ ſchaft bei einander war, voll ſtummen Aergers. Aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach ging er mit ſich ſelbſt zu Rathe, ob er dem jungen Herrn die Freiheit, die er ſich im Beiſeyn von Fremden gegen ihn herausgenommen hatte, vorhalten ſollte oder nicht. Als er aber erwog, daß er mit keinem Pallet zu thun haben würde, unterdrückte er ſehr klüglich dieſe Eingebungen und würgte ſeinen Grimm insge⸗ heim hinunter. Nachdem ſie den botaniſchen Garten, die Univerſität und alle andere merkwürdige Gegenſtände in Augenſchein genommen hatten, kehrten ſie wieder nach Rotterdam zurück und beriethen über die Art, wie ſie nach England überſchiffen wollten. Der Doktor, deſſen Groll gegen Peregrine durch unſeres Helden Gleichgültigkeit und Vernach⸗ läßigung mehr geſtiegen als gefallen war, hatte das ſchlichte argloſe Geſchöpf von Maler wieder ganz auf ſeine Seite gebracht, der ſich auf deſſen erſte Schritte zu einer vollkommenen Ausſöhnung nicht 113 wenig zu Gute that, und nun die bequeme Gelegenheit ergriff, ſich von unſerem abenteuernden Ritter zu trennen. Erſterer erklärte ſich, daß er und ſein Freund Pallet entſchloſſen ſeyen, mit einem Kauffah⸗ rer überzuſchiffen, nachdem er gehört, daß Peregrine gegen eine ſo langweilige, unangenehme und unſichere Art zu fahren Einwendungen gemacht hatte. Pickle durchſchaute ſogleich die Abſicht des Doktors, und daher führte er auch nicht den mindeſten Grund an, ſie von ihrem Vorhaben abzuhalten, noch äußerte er das geringſte Bedauern über ihre Trennung, ſondern wünſchte ihnen mit ganz kühlen Worten glückliche Reiſe. Er ließ darauf ſein Gepäck nach Helvvetſluys ſchaf⸗ fen, ſtieg daſelbſt des folgenden Tages nebſt ſeinem Gefolge in ein Packetbvot und langte mit Hülfe eines günſtigen Windes in achtzehn Stunden zu Harwich an. Siebenzigſtes Kapitel. Peregrine gibt ſeine Empfehlungsbriefe in London ab, und kehrt zum un⸗ ausſprechlichen Vergnügen des Commodore's und ſeines ganzen Hauſes in die Garniſon zuruck. Jetzt, da ſich unſer Held wieder auf engliſchem Grund und Bo⸗ den befand, erweiterte ſich ſein Herz bei der ſtolzen Erinnerung an die Ausbildung, die er ſich ſeit Verlaſſung ſeines Geburtslandes an⸗ geeignet hatte. Die intereſſanten Ideen ſeines Knabenalters kehrten ihm wieder, und er genoß ſchon im Voraus des Vergnügens, ſeine Freunde in der Garniſon nach einer Abweſenheit von achtzehn Mo⸗ naten wieder zu ſehen. Das Bild ſeiner reizenden Emilie, welches bisher andere minder würdige Gegenſtände verdrängt hatten, erfüllte von Neuem ſein ganzes Herz. Mit Schaam gedachte er daran, daß Smollet's Romane. RX. 8 6 114 er den von ihm ſelbſt erbetenen Briefwechſel mit ihrem Bruder ver⸗ nachläßigt hatte, der ihm während ſeines Aufenthaltes in Paris ſchrieb. Trotz dieſem Bewußtſeyn von Schuld hatte er ſo viel Selbſt⸗ genügſamkeit, ſich einzubilden, wegen dieſer Unterlaſſungsſünden ohne große Schwierigkeiten Verzeihung zu erhalten. Er gerieth auf den Gedanken, daß ſeine Leidenſchaft ſeiner glänzenden Lage nachtheilig ſeyn würde, wenn er ſie nicht unter ſolchen Bedingungen erfüllen könnte, die er ſich vorher nicht einmal einfallen laſſen durfte. So leid es mir auch thut, ſehe ich mich doch genöthigt— mein Amt als Geſchichtſchreiber erheiſcht es— zu berichten, daß die Ge⸗ ſinnungen des übermüthigen Jünglings ſo ſehr ausgeartet waren. Sein Blut befand ſich jetzt gerade in der heftigſten Wallung. Das Bewußtſeyn ſeiner perſönlichen Eigenſchaften ſchwellte ihn auf. Er war ſtolz auf ſeine Glücksumſtände, und ſchwebte auf den Fittichen chimäriſcher Erwartungen hoch daher. Wiewohl er Miß Gauntlet ſehr ernſtlich liebte, ſo war er doch weit von dem Gedanken entfernt, daß ihr Herz das letzte Ziel ſeiner Galanterien ſeyn ſollte. Er zwei⸗ felte gar nicht, über die angeſehenſten Frauenzimmer ſeines Vater⸗ landes zu triumphiren, und dadurch ſeine Lüſternheit und ſeinen Ehr⸗ geiz zugleich zu befriedigen. Mittlerweile war er geſonnen, ſein Erſcheinen in der Garniſon eben ſo überraſchend als angenehm zu machen. Er unterſagte daher Jolter, an den Commodore zu ſchreiben, der ſeit ihrer Abreiſe von Paris nichts von ihnen gehört hatte, und miethete einen Poſtwagen und Pferde nach London. Der Hofmeiſter ging aus, um wegen ihrer Fuhre Anſtalten zu treffen, und ließ unbedachtſametweiſe auf dem Tiſch ein dickes geſchriebenes Heft offen liegen. Sein Untergebener warf einen Blick auf die eine Seite, und ward von ungefähr dieſe Worte gewahr:„Den 15. September. Unter Gottes Segen in dem unglücklichen Königreiche England wohlbehalten angelangt. Und ſo ſchließt ſich das Tagbuch meiner letzten Reiſe.“ Dieſer außerordent⸗ liche Schluß entflammte Peregrine's Neugier. Er ſchlug es von 115 vorn auf und las verſchiedene Bogen eines Diariums, wie es gemei⸗ niglich die Klaſſe von Leuten, die unter dem Namen Gouverneurs befannt ſind, zu ihrem eigenen Vergnügen, zur Gemüthsergötzung der Eltern oder Vormünder ihrer Untergebenen und zur Erbauung und zur Beluſtigung ihrer Freunde zu halten pflegt. Damit ſich der Leſer von Jolter's Arbeit einen klaren Begrif machen könne, wollen wir die Vorfälle eines Tages ſo herſetzen, wie er ſie aufgezeichnet hat. Dadurch wird man ſich denn von dem Plan und der Ausführung dieſes Werkes eine genügende Vorſtellung machen können. „Am dritten Mai um acht Uhr in einer Poſichaiſe von Bou⸗ logne abgefahren. Der Morgen neblig und kalt. Ich ſtärkte meinen Magen mit einem Cordiale. Empfahl ditto an Sir P. als ein Ana⸗ lepticum gegen den Nebel. Mem. Er ſchlug es aus. Das hinterſte Pferd ward an der hinterſten Feſſel ſeines hintern Schenkels Keif. Zu angekommen. Mem. Die letzte Station betrug andert⸗ halb, d. i. drei franzöſiſche oder neun engliſche Meilen. Das Wetter lärte auf. Eine ſchöne ländliche Gegend, ſtark mit Korn be⸗ wachſen. Der Poſtillon verrichtete ſein Gebet, als er bei einem höl⸗ zernen Crucifir auf der Landſtraße vorbeikam. Mem. Die Pferde ſtallen in einen kleinen Bach, der in einem Thal zwiſchen zwei Hügeln fließt. Zu Carmont angekommen. Poſtſtativn. Zwiſt mit einem Untergebenen, der ſeine Mucken hat und in einem unglücklichen Vorurtheile befangen iſt. Reiſen weiter nach Montreuil, wo wir zu Mittage außerordentlich gute Trauben aßen. Die Rechnung ſehr billig. Aus Nochläßigkeit der Magd kein Kammergeſchirr im Zimmer. Eine gewöhnliche Station. Gehn nach Nampont ab. Von Blähun⸗ gen und Unverdaulichkeit incommodirt. Sir P. iſt verdrüßlich und ſcheint ein Aufſtoßen aus dem Magen für einen Wind von hinten zu nehmen. Gehen von Nampont nach Bernay ab, kommen daſelbſt den Abend an, und beſchließen, dort zu übernachten. NB. Die zwei letzten Se waren doppelt und Vieh ſehr willig, aber 116 nicht ſtark. Speiſen zu Abend ein delikates Ragout und ercellente Rebhühner in Geſellſchaft eines Herrn Namens H. und ſeiner Ge⸗ mahlin. Mem. Beſagter H. tritt mir aus Verſehen auf meinen Leichdorn. Bezahle die Rechnung, die nichts weniger als billig iſt. Diſputire mit Sir P. wegen des Geldes, das die Magd erhalten ſoll. Er beſteht darauf, ich ſoll ihr vierundzwanzig Sous geben, welches nach Recht und Gewiſſen um zwei Drittel zu viel iſt. NB. Sie war eine naſeweiſe Dirne und keinen Liard werth.“ Gewiſſe Stellen in dieſem amüſanten und inſtruktiven Diarium beleidigten unſern Helden dermaßen, daß er, um den Autor dafür zu beſtrafen, zwiſchen zwei Abſätzen mit einer Hand, die der des Hof⸗ meiſters genau glich, folgendes hineinſchrieb:„Mem. Hatte das Ver⸗ gnügen, auf das Wohlergehen unſeres rechtmäßigen Königs und des königlichen Hauſes in Geſellſchaft einiger würdigen Väter von der Societät Jeſu, meinen Landsleuten, mir einen lieblichen Rauſch zu trinken.“ Nachdem er dieſe kleine Rache genommen hatte, fuhr er nach London ab, wo er denjenigen vornehmen Herren ſeine Aufwartung machte, an die er von Paris aus erpfohlen worden war. Dieſe nahmen ihn nicht nur ſehr liebreich auf, ſondern überluden ihn auch mit Höflichkeiten und Anerbietungen, weil ſie vernahmen, daß er ein junger Herr von Vermögen ſeyh, der ihrer Unterſtützung und Bei⸗ ſtandes ſo wenig bedürfte, daß er vielmehr unter der Zahl ihrer Anhänger eine eben ſo anſehnliche Rolle ſpielen, als ihnen nützlich ſeyn würde. Er hatte die Ehre, auf ihre dringendſten Einladungen bei ihnen zu diniren, und verſchiedene Abende mit vornehmen Ladies zuzubringen, denen er in Rückſicht ſeiner Perſon, ſeines Betragens und ſeines freiwilligen reichlichen Verlierens beim Spiel außerordent⸗ lich angenehm war. Nachdem er ſo in die vornehme Welt eingeweiht worden war⸗ hielt er es für hohe Zeit, ſeinem großmüthigen Wohlthäter, dem Commodvre, ſeine Aufwartung zu machen. Demzufolge reiste er —— 117 eines Morgens nach der Garniſon ab, und langte am Abend deſſel⸗ bigen Tages wohlbehalten in dem Caſtell an. Als er in das Thor hineintrat, welches ihm ein neuer Bediente öffnete, den er nicht kannte, erblickte er ſeinen alten Freund Hatchway, der mit einer Nachtmütze auf dem Kopfe und einer Pfeife im Munde auf dem Hofe herumſpazierte. Pickle eilte auf ihn zu und nahm ihn bei der Hand, ehe er das Geringſte von ſeiner Annäherung wußte. Der Lieutenant, der ſich auf dieſe Art von einem Fremden begrüßt ſah, ſtarrte ihn mit ſtillſchweigendem Erſtaunen an, bis er ſich ſeiner Züge wieder erinnerte. Kaum hatte er ihn erkannt, ſo warf er ſeine Pfeife wider das Pflaſter und rief aus:„Zerſchmeiße meinen Stengenmars! Sey willkommen im Hafen!“ Und ſo umarmte er ihn mit der wärmſten Zuneigung. Sodann äußerte er durch ein herzliches Händeſchütteln ſein Vergnügen, ſeinen alten Schiffsgenoſſen Tom wieder zu ſehen. Dieſer ſetzte ſeine Pfeife an den Mund, und blies ſo darauf, daß das ganze Caſtell davon hätte erdröhnen mögen. Da die Bedienten dieſen wohlbekannten Schall hörten, ſtürzten ſie in frohem Gewühl hervor, und da ſie vernahmen, daß ihr junger Herr zurückgekehrt ſey, ſo erhoben ſie ein lautes Freudengeſchrei, ſo daß der Commodore und deſſen Gemahlin in Erſtaunen geriethen, und Julie mit einer ſo zärtlichen Ahnung erfüllt ward, daß ihr das Herz heftig zu pochen begann. Sie eilte im vollen Drang und Sturm der Hoffnung hinaus, und ward beim Anblick ihres Bruders ſo überwältigt, daß ſie ohnmächtig in ſeine Arme ſank. Doch erholte ſie ſich bald wieder. Peregrine äußerte ihr darauf ſein Vergnügen und ſeine Zuneigung, worauf er die Treppe hinauf eilte, und ſeinem Pathen und ſeiner Tante ſeine Aufwartung machte. Miſtriß Trunion ſtand auf und empfing ihn mit einer huldreichen Umarmung. Sie dankte Gott für ſeine glückliche Rückkehr aus dem Lande der Ruchloſigkeit und der Laſter. Sie hoffe, ſetzte ſie hinzu, daß daſelbſt weder ſeine Sitten, noch ſeine Grundſätze in der Religion gelitten haben würden. Der alte Herr, der ſich auf ſeinem 118 Großvaterſtuhl angefeſſelt befand, war vor Vergnügen über die Er⸗ ſcheinung ſeines Neffen ganz ſprachlos. Nach verſchiedenen frucht⸗ loſen Verſuchen, aufzuſtehen, ſtieß er eine Ladung von Flüchen gegen ſeine Füße aus, und hielt ſeinem Pathen die Hand hin, welcher ſie ehrerbietigſt küßte. Nachdem er ſeine Apoſtrophe an das Zipperlein geendet hatte, das er täglich, ja ſtündlich verfluchte, ſo ſagte er:„Na, lieber Junge, 's is mir nu gleich viel, wenn'ch zu Grunde gehn thu. Hab ich dich doch nu geſund un glücklich im Hafen geſehn!—„S is'ne Schwerenothslüge, die'ſch da ſagte. Möchte noch gern ſo lange flott bleiben, bis ch'nen tüchtigen Jungen von deinem Machwerk ſehn thäte. Bei all' meinen Steven! ich bin dir ſo herzlich gut, daß ich immer denke, du biſt aus meinem Rumpf gezimmert, ob ich gleich nicht Rede und Antwort geben kann, wie du uf'en Stapel geſetzt worden biſt!“ Hierauf warf er ſeine Augen auf Pips, der nun auch in ſein Zimmer eingedrungen war, und ihn mit dem üblichen Seegruß: Wie ſteht's? anredete.„Hee! ſeyd'r voch da,'r heeringsköpfiger Sohn von'nem Seekalbe? Habt Eurem alten Commandär'nen gar ſau⸗ bern Poſſen geſpielt! Doch kommt her,'r Hund! da is meine Fauſt! Soll Euch vergeben un vergeſſen ſin, weil'r meinen Pathen ſo herz⸗ lich lieb haben thut. Geht, ſtellt man Eure Takelage uf, und hiſſt n Fas ſtark Bier uf en Hof! Schlagt'en Spund'raus un ſteckt ne Pumpe nein, damit all' meine Leute und Nachbarn ſich was zu Gute thun können! Un hört'r, laßt die Stücke abfeuern un* Caſtell illuminiren, als Freudenzeichen, daß Eur Herr friſch un ge⸗ ſund gelandet is! Sapperlot! wenn ich meine Schwerenothsſtummels von Beenen brauchen könnte, wollt' ich mit dem Beſten von Euch ne Hornpipe tanzen thun!“ Der nächſte Gegenſtand der Aufmerkſamkeit Trunions war Jol⸗ ter. Er beehrte ihn mit vorzüglichen Merkmalen der ausgezeichnet⸗ ſten Achtung, und wiederholte das Verſprechen, ihm zur Erkenntlich⸗ 119 keit für die Sorgfalt und Klugheit, die er bei der Erziehung und Sittenaufſicht unſeres Helden bewieſen habe, die Pfründe zu erthei⸗ len, die er zu vergeben hätte. Den Hofmeiſter rührte die Freigebig⸗ keit ſeines Patrons ſo ſehr, daß ihm Thränen entſtürzten, indem er ſeine Dankbarkeit und das unausſprechliche Vergnügen zu erkennen gab, das er empfände, wenn er die Vollkommenheiten ſeines Pfleg⸗ befohlenen betrachtete. Pips vollzog indeſſen die erhaltenen Befehle. Das Bier wurde heraufgeſchafft, das Thor für Jedermann geoffnet, das ganze Haus erleuchtet und das Geſchütz zu wiederholtenmalen abgebrannt. Ein ſolches Phänomen mußte nothwendig die Aufmerkſamkeit der Nach⸗ barn auf ſich ziehen. Der Clubb bei Tunley, dem Gaſtwirthe, er⸗ ſtaunte über den Donner der Kanonen. Die Mitglieder dieſer weiſen Geſellſchaft brachten verſchiedene Conjecturen auf's Tapet. Der Wirth ſagte, der Commodore würde wahrſcheinlicherweiſe von Poltergeiſtern heimgeſucht und ließe die Stücke zum Zeichen der Noth abfeuern, wie er's vor zwanzig Jahren gemacht habe, als ihn eben die argen Schabernacks incommodirt hätten. Der Acciseinneh⸗ mer äußerte mit einem ſchalkhaften Lächeln ſeine Beſorgniß, daß Trunion geſtorben ſeyn möchte, weßwegen denn die Stücke in doppel⸗ ter Abſicht losgebrannt würden, entweder um die Betrübniß, oder die Freude ſeiner Gemahlin anzuzeigen. Der Anwalt rückte mit der Vermuthung heraus, daß Hatchway Miß Pickle heirathete, und daß das Abbrennen der Kanonen und die Schloßerleuchtung zu Ehren des Hochzeitfeſtes geſchähen. Darauf äußerte endlich Gamaliel einige ſchwache Zeichen der Theilnahme, nahm ſeine Pfeife aus dem Mund, und gab ſeine Meinung dahin von ſich, daß ſeine Schweſter wohl niedergekommen ſeyn würde. Während die Clubbgenoſſen ſo in dem Labyrinthe ihrer Einbil⸗ dungen umherſchwankten, ſprang eine Geſellſchaft von Landleuten auf die in der Küche ſaß und trank, und denen ihre Beine beſſer zu Gebote ſtanden, als ihre Erfindungskraft, und ſtürzte hinaus, um zu 120 erfahren, was dieſe Zeichen zu bedenten hätten. Als ſie vernahmen, daß eine Tonne ſtarkes Bier auf dem Hofe angeſtochen ſey, zu welcher ſie das Hausgeſinde des Commodores einlud, ſo erſparten ſie ſich die Mühe und die Koſten, den Abend in dem Wirthshauſe zuzubringen, und begaben ſich unter Pips Fahne, der den Ceremonienmeiſter vorſtellte. Als die Neuigkeit von Peregrine's Rückkehr in dem Kirchſpiel bekannt geworden war, begaben ſich ſogleich der Pfarrer und drei oder vier Gentlemen aus der Nachbarſchaft, die unſerem Helden ſehr ge⸗ wogen waren, auf das Schloß, um ihren Glückwunſch zu dieſem er⸗ freulichen Vorfall abzuſtatten. Sie wurden zum Abendeſſen eingeladen. Die Mahlzeit ließ nichts zu wünſchen übrig. Miß Julie, die ſich vor⸗ trefflich auf die Wirthſchaft verſtand, hatte dafür geſorgt, daß es an nichts fehlte. Der Commodore war dabei vor Freude ſo munter, daß es ſchien, als ob er ſich um dreißig Jahre verjüngt hätte. Unter denen, welche dieſes Feſt mit ihrer Gegenwart beehrten, befand ſich auch der junge Herr, der um Peregrine's Schweſter warb. Sein Herz war von ſeiner Leidenſchaft ſo erfüllt, daß er, während die Uebrigen von der Geſellſchaft mit ihren Gläſern beſchäftigt waren, die Gelegenheit ergriff, mit unſerem Helden zu ſprechen, der ſich gerade auf ein Weilchen von der Geſellſchaft losgemacht hatte. Er beſchwor ihn in der Ungeduld ſeiner Leidenſchaft, in ſein Glück zu willigen, und betheuerte, daß er ſich allen Bedingungen der Eheſtif⸗ tung unterwerfen wollte, die ein Mann von ſeinem Vermögen zu Gunſten eines jungen Frauenzimmers annehmen könnte, das ſich ſeiner Zuneigung unumſchränkt bemeiſtert habe. Unſer junger Mann dankte Clover verbindlichſt für ſeine gütigen Geſinnungen und rechtſchaffenen Abſichten auf ſeine Schweſter, und ſagte ihm, daß er vor der Hand keinen Grund ſähe, ſeinem Verlan⸗ gen hinderlich zu ſeyn. Er wolle Juliens Neigung erforſchen und ſich dann mit ihm wegen der Mittel zur Erfüllung ſeiner Wünſche beſprechen. Inzwiſchen bat er ihn, zu entſchuldigen, daß er eine Sache 121 von ſolchem Belang nicht gleich auf der Stelle mit ihm auf's Reine bringe. Er erinnerte ihn hierauf an die frohe Veranlaſſung, die ſie hier ſo glücklich zuſammengeführt habe, und ließ die Flaſche ſo ſchnell die Runde machen, daß ihre Heiterkeit den höchſten Punkt erreichte. Man brach in ein wiederholtes lautes Gelächter aus, ohne dazu andere Anreizung zu haben, als den Wein. Auf dieſe Exploſionen folgten ausgelaſſene Trinklieder, an denen der alte Herr mit Theil zu nehmen verſuchte. Der ſittſame Hofmeiſter ſchlug den Takt durch Schnippchen, und der Pfarrer verſtärkte das Chor mit einer ſauern Mopsphyſiognomie voller Jubel. Vor Mitternacht waren ſie faſt alle auf ihren Stühlen angenagelt, als wenn ein Zauber ſie darauf feſtgeheftet hätte; und was bei dieſer Anbannung noch das Aergſte war, ſo befand ſich jeder von den Domeſtiken in dem Hauſe im näm⸗ lichen Zuſtande. Sie ſahen ſich mithin genöthigt, ſo zu ſchlafen, wie ſie da ſaßen, und nickten einander zu, wie eine Verſammlung von Wiedertäufern. 8 Am folgenden Tage ſprach Peregrine mit ſeiner Schweſter wegen Clovers Antrag. Sie ſagte ihm, er habe ſich erboten, ihr ein Wit⸗ thum von vierhundert Pfund auszuſetzen und ſie ohne Erwartung einer Ausſteuer zu heirathen. Sie erzählte ihm ferner, ihre Mutter habe etlichemal Boten und den Befehl an ſie geſandt, in ihr väter⸗ liches Haus zurückzufehren. Allein auf Anrathen und auf die ge⸗ meſſene Vorſchrift des Commodores und ihrer Baſe habe ſie ſich ge⸗ weigert, dieſem Befehle zu gehorſamen. Sie konne nicht in Abrede ſtellen, daß ihre eigene Neigung dieſen Rath unterſtützt habe, weil ſie alle Urſache von der Welt hätte, zu glauben, daß ihre Mutter lediglich eine Gelegenheit ſuche, allen ihren Groll an ihr auszulaſſen und ſie aufis Strengſte zu behandeln. Der Haß dieſer Frau gegen Julie hatte ſich bereits zu ſo hohem Grade geſteigert, daß ſie, als ſie eines Tages ihre Tochter in der Kirche erblickte, aufſprang, und ſie, bevor der Pfarrer kam, im Angeſicht der ganzen Gemeinde mit den ſchändlichſten Schmähreden traktirte. 122 Einundſiebenzigſtes Kapitel. Peregrine ſieht ſeine Schweſter glücklich verherathet. Er beſucht Emilie, die ihn nach Verdienſt empfängt. Weil Pickle meinte, Clover's Antrag wäre nicht zu verachten, zumal da Juliens Herz für ihn geſtimmt ſey, ſo ſprach er über dieſe Angelegenheit mit dem Commodore, der ſich nach Einwilligung ſeiner Ehehälfte für den Vorſchlag des jungen Mannes ſehr geneigt er⸗ klärte und verlangte, daß die Sache in größter Eile ohne Wiſſen und Zuthun der Eltern abgemacht werden ſollte. Denn dieſe, meinte er, verdienten es ihrer unnatürlichen Härte wegen nicht, daß die Tochter die mindeſte Achtung gegen ſie bezeigte. Wiewohl nun unſer Ritter dieſelbe Anſicht hatte und der Liebhaber aus Furcht vor Hin⸗ derniſſen in Julie drang, einzuwilligen, ſo war ſie doch nicht zu die⸗ ſem wichtigen Schrikt zu bewegen, ohne zuvor um die Erlaubniß des Vaters angehalten zu hahen. Trotz dem war ſie feſt entſchloſſen den Eingebungen ihres Herzens zu folgen, wenn ſeine Einwendungen unhaltbar oder ungerecht ſeyn ſollten. Durch dieſe Erklärung ſah ihr Bewnnderer ſich genöthigt, Sir Gamaliel in der Schenke ſeine Aufwartung zu machen. Er eröffnete demſelben mit vielen Aeußerungen der Ehrerbietung und Achtung ſeine Neigung zu ſeiner Tochter, unterrichtete ihn von ſeinen Ver⸗ mögensumſtänden, ſagte ihm, was er für Miß Julie thun wollte, und ſchloß damit, daß er keine Ausſteuer verlange. Dies letzte An⸗ erbieten ſchien auf den Vater einigen Eindruck zu machen, ſo daß dieſer den Antrag mit Höflichkeit aufnahm und das Verſprechen gab, ihm in einem oder zwei Tagen Beſcheid hierüber zu ertheilen. Die⸗ ſem Verſprechen zufolge ging er noch an demſelben Abend mit ſeiner Frau zu Rathe, welche die Ausſicht von der Unabhängigkeit ihrer Tochter auf's Heftigſte erbitterte. Sie brachte die giftigſten Beſchwer⸗ 123 den gegen dieſes Projekt vor, nannte es einen frechen Plan, den Julie ſelbſt auf die Bahn gebracht habe, bloß in der Abſicht, ihren Eltern Hohn zu ſprechen, gegen die ſie ſich bereits des ſchändlichſten Ungehorſams ſchuldig gemacht hätte. Dabei machte ſie ſo lebhafte Vorſtellungen, daß ſie ihren ſchwachen Mann nicht nur von dieſem Vorſchlag, der ihm zuvor ſo ſehr behagte, abwendig machte, ſondern ihn auch dahin vermochte, um einen Verhaftsbefehl gegen ſeine Toch⸗ ter anzuhalten, unter dem Vorwande, ſie ſtehe im Begriff, ſich ohne ſein Wiſſen und Willen zu verehelichen. Der Friedensrichter, an den er ſich deßhalb wandte, konnte ihm den nachgeſuchten Befehl zwar nicht abſchlagen; doch weil er die bos⸗ haften Geſinnungen der Mutter und Gamaliel's Einfalt kannte, ſo ließ er von dem Vorgefallenen im Caſtell Anzeige machen. Hierauf wurden zwei Schildwachen vor das Thor geſtellt, und auf das drin⸗ gende Anliegen des Liebhabers ſowohl als auf das Verlangen des Commodores, des Bruders und der Baſe, ward Julie ohne weitern Aufſchub verheirathet. Das Paar ward von Maſter Jolter eingeſeg⸗ net, weil der Pfarrer klüglich jeder Gelegenheit auswich, Jemand zu beleidigen, und der Subſtitut es zu ſehr mit den Feinden hielt, als daß man ſich ſeiner bei der Ceremonie hätte bedienen können. Auf dieſe Art ward dieſe Angelegenheit zu völliger Befriedigung unſeres Helden in Ordnung gebracht. Am folgenden Tag begleitete er ſeine Schweſter nach der Wohnung ihres Gatten, der ſofort an den Vater ſchrieb, und ihm die Gründe darlegte, weßhalb man ſeine Einwilli⸗ gung übergangen habe. Der Aerger der Miſtriß Pickle hierüber war unbeſchreiblich. Damit das neue Ehepaar gegen alle Anfeindungen geſthert ſeyn möchte, verweilten unſer junger Herr, ſein Freund Hatchway und deren Genoſſen einige Wochen in Clover's Hauſe. Während dieſer Zeit beſuchten ſie, wie gewöhnlich, ihre Bekannten in der Nachbar⸗ ſchaft. Nachdem die Nuhe in der Familie vollkommen hergeſtellt und der Ehecontract in Gegenwart des alten Commodores und deſſen 124 Gemahlin in's Reine gebracht war, auch Dame Trunnion die junge Frau mit einem Nadelgelde von fünfhundert Pfund beſchenkt hatte, konnte Peregrine ſeine Ungeduld, die ihm ſo theure Emilie wieder zu ſehen, nicht länger zügeln. Er eröffnete daher ſeinem Oheim, daß er geſonnen ſey, des folgenden Tages einen Ritt über Land zu machen, um ſeinen Freund Gauntlet zu beſuchen, von dem er ſo lange nichts gehört hätte. Der alte Seeheld blickte ihm ſtarr in's Geſicht und ſagte:„Mit Euern Schwerenothspfiffen! der Anker hält noch feſt, merk' ich. Der hat ſicher's Kabel gelichtet un'en Ankerplatz verändert, dacht' ich; abers, wie ich ſeh, geht das nich. Wenn emal'n junger Kerl von ner netten Deeren is ufgebracht worden, kann he wohl ſeinen Kabe⸗ ſtan un Windeblock ufſtellen, wenn's'em beliebt, abers den Anker wird he ſo wenig in die Höhe bringen können, wie den Pico von Teneriffa. Blitz un's Wetter! hätt''ch gewußt, daß's Weibſen Ned Gauntlet's Dochter wäre,'ch hätte nich das Signal gegeben, nich länger Jagd druf zu machen!“ Unſer abenteuernder Ritter ſtutzte nicht wenig, als er den Com⸗ modore ſo ſprechen hörte. Er vermuthete ſogleich, daß ſein Freund Geoffry den Oheim von der ganzen Sache unterrichtet habe. Statt die Genehmhaltung ſeiner Liebe mit jenem frohen Entzücken anzu⸗ hören, das er würde empfunden haben, wenn ſeine Geſinnungen noch die früheren geweſen wären, verdroß ihn Trunnions Erklärung, und beleidigte ihn die Verwegenheit des jungen Kriegers, der ſich unter⸗ ſtanden hatte, ein ihm feierlich anvertrautes Geheimniß zu offenbaren. Dieſe Gedanken trieben ihm Röthe in das Geſicht, und er verſicherte den Cor“ odore, daß er nie ernſtlich an das Heirathen gedacht habe. Hätte ihm alſo irgend Jemand geſagt, daß er in eine ſolche Ver⸗ bindung eingegangen ſey, ſo hätte man ihn hintergangen.„Ohne Ihr Wiſſen und ohne Ihre ausdrückliche Einwilligung,“ ſetzte er mit Bethe nerungen hinzu,„werde ich mich nie in dergleichen einlaſſen.“ Trunnion lobte ihn wegen dieſes verſtändigen Entſchluſſes, bemerkte ———— 125 jedoch dabei, daß, wiewohl ihm Niemand geſagt hätte, welche Ver⸗ ſprechungen zwiſchen ihm und ſeinem„Herzliebchen“ vorgefallen wären, es doch klar am Tage läge, daß er mit ihr in einem Ver⸗ ſtändniß ſey. Es ließe ſich daher vermuthen, daß er rechtſchaffene Abſichten auf ſie habe. Denn er könne ſich nicht vorſtellen, daß er ſo niederträchtig denken ſollte, die Tochter eines braven Offiziers ver⸗ führen zu wollen, der ſeinem Vaterlande ſo ehrenvoll, ſo rühmlich gedient habe. Ungeachtet dieſer Vorſtellungen, welche Pickle auf des Commv⸗ dores Mangel an Weltkenntniß ſetzte, begab er ſich nach der Wohnung der Miſtriß Gauntlet mit den unzurechtfertigenden Geſinnungen eines Mannes von Vergnügen, der jede Rückſicht den Begierden ſeines herrſchenden Triebes aufopfert. Da Wincheſter auf ſeinem Wege lag, ſo beſchloß er, einige ſeiner Freunde zu beſuchen, die ſich daſelbſt aufhielten. In dem Hauſe des Einen von ihnen erfuhr er, daß Emilie mit ihrer Mutter ſich in der Stadt befände. Hierauf ent⸗ ſchuldigte er ſich, daß er nicht bleiben könnte, und eilte ſogleich, der erhaltenen Anweiſung zufolge, nach der Wohnung ſeiner Geliebten. Als er vor die Thüre kam, fühlte er, ſtatt des Aufruhrs der Lebensgeiſter, den ein Liebhaber in einer ſo intereſſanten Lage wohl gewöhnlich zu empfinden pflegt, keine andere Regung, als die der Eitelkeit und des Stolzes, wenn ſie eine günſtige Gelegenheit vor ſich ſehen, Nahrung zu erhalten, und er trat in Emiliens Zimmer mehr mit dem Weſen eines eingebildeten Stutzers als dem eines ehr⸗ furchtsvollen Bewunderers, wenn er den Gegenſtand ſeiner Leiden⸗ ſchaft nach einer Abweſenheit von ſiebenzehn Monaten wieder ſieht. Die junge Dame war durch ſeine kränkende Nachläßigkeit gegen das Schreiben von ihrem Bruder ſehr mißvergnügt geworden; ſie hatte daher allen ihren Stolz und ihre Entſchloſſenheit zuſammen genommen, und mittelſt ihrer glücklichen Gemüthsart ihren Verdruß über ſeine Gleichgültigkeit ſo weit bemeiſtert, daß ſie ſich im Stande fühlte, in ſeiner Gegenwart Ruhe und Gelaſſenheit zu zeigen. Es 126 war ihr ſogar angenehm, daß er ſeinen Beſuch gerade zu einer Zeit machte, wo ſie ſich von zwei oder drei jungen Herren umgeben ſah⸗ die ihr den Hof machten. Kaum war unſer Galan angemeldet wor⸗ den, ſo raffte ſie alle ihre Koketterie zuſammen, nahm die heiterſte Miene von der Welt an, und gerade, als er zur Thüre hereintrat, fing ſie laut an zu kichern. Nachdem die üblichen Begrüßungen vor⸗ bei waren, bewillkommte ſie ihn auf eine ſorgloſe Art in England, fragte ihn nach Neuigkeiten aus Paris, und ehe er ihr darauf ant⸗ worten konnte, verlangte ſie von einem der andern jungen Herren die Fortſetzung der komiſchen Geſchichte, in deren Erzählung er unter⸗ brochen worden war. Peregrine lächelte bei ſich über ihr Benehmen, welches Emilie nach ſeiner Meinung nur erheuchelte, um ihn für ſein unfreundliches Stillſchweigen während ſeiner Reiſe zu beſtrafen; denn er war feſt überzeugt, daß ihm ihr Herz immer noch durchaus ergeben wäre. In dieſer Vorausſetzung bediente er ſich aller zu Paris vervollkommneten Geſchicklichkeiten in der Kunſt des Umgangs, und brachte tauſenderlei artige Dinge in Complimentenform mit ſo unglaublicher Zungenfer⸗ tigkeit vor, daß ſeine Nebenbuhler vor Erſtaunen verſtummten, und Emilie aus ihrer Gleichgültigkeit herausgeärgert ward, weil ſie ſich des Vorrechts ihres Geſchlechts beraubt ſah. Deſſen ungeachtet be⸗ harrte er auf ſeiner erſtaunlichen Geſchwätzigkeit, bis die übrige Ge⸗ ſellſchaft es für rathſam fand, aufzubrechen. Jetzt zog Pickle ſein Geſpräch in den Brennpunkt der Liebe zu⸗ ſammen, die nun ein ganz anderes Anſeben gewann, als vorher. Statt der achtungsvollen Verehrung, die ihre Gegenwart ihm einzu⸗ flößen pflegte, ſtatt der keuſchen Geſinnungen und der Delikateſſe im Ausdruck, heftete er jetzt Blicke des Lüſtlings auf das Mädchen, glühte vor ungeduldigem Verlangen, wußte ſeine Reden kaum in den Schranken des Wohlſtands zu erhalten, und ſuchte Gunſtbezeugungen zu erhalten, die ihm Emilie früher im Verhältniß wechſelſeitiger Zärtlichkeit wohl geſtattet haben mochte. 127 So höchlich ſie auch durch dieſe ſehr auffallende Veränderung in ſeinem Betragen beleidigt und gekränkt war, ſo verſchmähte ſie es dennoch, ihn an ſeine vorige edlere Aufführung zu erinnern. Mit angenommener froher Laune ſpöttelte ſie über die Fortſchritte, die er im Tone der Galanterie und im feinen Betragen gemacht habe. Allein ſie war ſo weit entfernt, ſich den Freiheiten zu unterwerfen, die er ſich nehmen wollte, daß ſie ihn vielmehr ganz von ſich abzu⸗ halten wußte, ja ihn nicht einmal einen Handkuß rauben ließ. Mit⸗ hin erhielt er von der Anwendung ſeiner Talente bei dieſer Zuſam⸗ menkunft, die eine ganze Stunde dauerte, keinen andern Vortheil⸗ als daß er die Erfahrung machte, er habe ſeine Vorzüge zu hoch an⸗ geſchlagen, und Emiliens Herz ſey keine ſo leicht zu erobernde Feſtung. Seine galanten Manöver wurden endlich durch Miſtriß Gauntlet unterbrochen, die von einem Beſuch zurückkehrte. Die Unterredung ward nun allgemein, und er erfuhr, Gevffry befände ſich zu London, und hielte um eine bei ſeinem Regimente erledigte Lieutenantsſtelle an; Miß Sophie aber wäre zu Hauſe bei ihrem Vater. Obſchon nun unſer Abenteurer bei ſeinem erſten Beſuche nicht ganz den gehofften Erfolg gehabt hatte, ſo zweifelte er dennoch nicht, daß es ihm gelingen werde, die Feſtung einzunehmen. Die Zeit, glaubte er, würde eine Meuterei zu ſeinen Gunſten bewirken. Er ſetzte demnach die Belagerung einige Tage lang fort, ohne daß ſeine Beharrlichkeit ihm nur etwas frommte. Endlich, als er die Frauen⸗ zimmer nach ihrer ländlichen Wohnung zurückbegleitet hatte und noch keinen Schritt vorwärts rückte, begann er dieſe Unternehmung für einen Zeitverluſt anzuſehen und beſchloß, in der Hoffnung, günſtigere Gelegenheiten zu finden, die Belagerung aufzuheben, zumal da ihn der Ehrgeiz ſpornte, alle ſeine Vollkommenheiten, die, wie ſeine Eitelkeit ihm zuflüſterte, hier übel angebracht waren, in einer höhern Sphäre leuchten zu laſſen. 128 Zweiundſiebenzigſtes Kapitel. Peregrine pflegt ſeinen Oheim bei einem heftigen Anfall von ſeiner Krank⸗ heit, und reist nach deſſen Geneſung nach London. Dort trifft er ſeinen Freund Geoffry, den er beredet, mit nach Bath zu kommen. Mit dieſem Entſchluß nahm er von Emilie und deren Mutter unter dem Vorwande Abſchied, daß ihn dringende Geſchäfte nach London riefen, und kehrte nach dem Caſtell zurück. Er ließ die gute * alte Dame in großer Bekümmerniß, und die Tochter höchſt ärgerlich über ſein Betragen zurück, daß ihnen um ſo auffallender ſeyn mußte, da Geoffry ihnen geſagt hatte, der Commodore billige die Leiden⸗ ſchaft ſeines Neffen. Unſer Abenteurer fand ſeinen Oheim heftig an der Gicht lei⸗ dend, die ihm zum Erſtenmal in den Magen getreten war; ſein Leben befand ſich in der augenſcheinlichſten Gefahr und das ganze Haus in äußerſter Verwirrung. Pickle nahm daher das Steuerruder in die Hände. Er ſchickte nach allen Aerzten in der Nachbarſchaft, und pflegte und wartete den alten Herrn ſelbſt mit der größten Sorgfalt während der ganzen Krankheit, die dießmal vierzehn Tage dauerte, worauf ſie endlich der ſtärkern Conſtitution des Commodores weichen mußte. Als der alte Herr wieder hergeſtellt war, äußerte er, wie ſehr ihn Peregrine's Betragen während ſeiner Krankheit gerührt habe. Er war wirklich Willens, ihm ſein ganzes Vermögen zu übergeben und ſein nothwendiges Auskommen von deſſen Güte abhängen zu laſſen. Unſer junger Herr ſah ſich genöthigt, ſein ganzes Anſehen und ſeinen Einfluß zu brauchen, um ihn daran zu verhindern. Er wußte ihn auch dahin zu bringen, daß er ein Teſtament machte, worin ſein Freund Hatchway und alle ſeine Leute reichlich bedacht, und für ſeine Baſe auf eine ihr ſelbſt beliebige Art geſorgt wurde. 129 Als dieſe wichtige Sache abgemacht war, reiste er mit Einwilli⸗ gung ſeines Oheims nach London, nachdem er alle häuslichen Geſchäfte der Führung Jolter's und des Lieutenants übergeben geſehen hatte; denn was Miſtriß Trunnion anlangte, ſo war dieſe jetzt ganz mit geiſtlichen Dingen beſchäftigt. Gleich nach ſeiner Ankunft in London ſandte er, der von der alten Gauntlet erhaltenen Anweiſung gemäß, eine Karte in Geoffry's Logis. Dieſer junge Herr machte ihm den folgenden Morgen die Anfwartung, doch war ſein Geſicht nicht ſo heiter, noch ſein Ton ſo herzlich warm, wie man Beides nach ihrem vorigen innigen Umgang hätte erwarten ſollen. Auch Peregrine empfand nicht jene rückhalt⸗ loſe Zuneigung gegen den Offizier, die er ſonſt gegen ihn fühlte. Gevffry hatte, außer der Beleidigung, die Pickle ihm durch ſein Nichtantworten zugefügt, durch einen Brief ſeiner Mutter erfahren, wie ravaliermäßig Peregrine's Betragen während ſeines letzten Auf⸗ enthalts zu Wincheſter gegen Emilie geweſen wat. Was nun unſern Helden betrifft, ſo fühlte ſich dieſer, wie ſchon geſagt, durch die Ent⸗ deckung entrüſtet, die der junge Kriegsmann dem Commodore ver⸗ meintlich gemacht hatte. Sie merkten beiderſeits bei dieſer Zuſam⸗ menkunft, daß ſie gegen einander wechſelsweiſe Verdacht hegten, daher betrugen ſie ſich mit jener zurückhaltenden Höflichkeit, die bei Freun⸗ den einen bevorſtehenden Bruch anzukündigen pflegt. Gauntlet errieth ſogleich die Urſache von Peregrine's Mißver⸗ gnügen, und um ſeine Ehre zu retten, nahm er, als die erſten Com⸗ plimente geendet waren, Gelegenheit, ſich nach des Commodore's Wohlbefinden zu erkundigen, und aus dieſer Veranlaſſung Pickle zu erzählen, wie bei ſeinem Aufenthalte in dem Caſtell nach ſeiner Rück⸗ reiſe von Dover das Geſpräch eines Abends auf die Leidenſchaft unſeres Helden gefallen ſey, wie der alte Herr ſich über dieſe Sache bekümmert bezeigt und unter Anderem geäußert habe, er vermuthe, die Geliebte ſeines Neffen ſey eine elende Creatur, die er noch als Schulknabe aufgetrieben habe. Hierauf hätte ihm Hatchway verſichert, Smollet's Romane. X. 9 130 es ſey ein junges Frauenzimmer von ſo gutem Hauſe, als nur irgend eins in der Grafſchaft wäre, und nachdem er ihn ſo für ſie einge⸗ nommen gehabt, habe er im Eifer ſeiner Freundſchaft es gewagt, ihm zu ſagen wer ſie ſey. Mithin wäre dieſe Entdeckung keiner andern Veranlaſſung zuzuſchreiben, und er hoſſe, Sir Peregrine werde ihn von allem Antheil an dieſer Sache freiſprechen. Pickle freute ſich herzlich über dieſe Aufklärung, ſein Geſicht heiterte ſich ſogleich auf, ſein feierliches Betragen wandelte ſich in die gewöhnliche Freundlichkeit um, und er bat Geoffry nun um Ver⸗ zeihung, daß er ſo unartiger Weiſe die Beantwortung ſeiner Briefe aus der Acht gelaſſen habe. Es ſey betheuerte er, weder aus Ge⸗ ringſchätzung noch aus Abnahme an Freundſchaft geſchehen, ſondern der Grund davon liege lediglich in dem Saus und Braus der jugend⸗ lichen Beluſtigungen. Ihretwegen habe er die Antwort von Zeit zu Zeit aufgeſchoben, bis er auf dem Punkt geſtanden hätte, in Perſon wieder zu kommen. Der junge Krieger war mit dieſer Entſchuldigung zufrieden, und da Pickle's Abſichten auf ſeine Schweſter noch zweifelhaft und uner⸗ öffnet waren, ſo hielt er es nicht für ſeine Pflicht, für jetzt einigen Unwillen gegen ihn zu äußern. Er war vielmehr klug genug, vor⸗ auszuſehen, daß die Erneuerung des vertrauten Umgangs mit unſerem jungen Herrn das Mittel ſeyn konnte, die Flamme wieder aufzufachen, welche durch die große Menge neuer Bilder unterdrückt worden war. Er ſetzte daher alle Zurückhaltung bei Seite, und ſie waren unmit⸗ telbar wieder auf den alten Ton geſtimmt. Peregrine machte ihn mit allen den Abenteuern bekannt, die ihm ſeit ihrer Trennung be⸗ gegnet waren, und Geoffry erzählte ihm mit eben der Vertraulichkeit alle merkwürdigen Vorfälle, die ſich mit ihm ereignet hatten. Unter Anderem ſagte er ihm, als er einen Poſten in der Armee erhalten, habe der Vater ſeiner theuern Sophie, ohne ſich weiters nach der Urſache dieſes Avancements zu erkundigen, nicht nur weit mehr Ge⸗ wogenheit gegen ihn geäußert, als früher, ſondern ſich auch ſeines 131 Intereſſes angenommen und ihm ſogar ſeinen Beiſtand zur Aus⸗ wirkung der Lieutenantsſtelle verſprochen, die er jetzt mit allen Kräf⸗ ten nachſuche. Er hätte aber allen Grund zu glauben, daß, wenn er nicht durch einen bloßen Glücksfall in die Sphäre eines Offiziers emporgehoben worden wäre, dieſer Herr ſowohl, als ſeine übrigen wohlhabenden Anverwandten ihn in ſeiner Dunkelheit und Noth hätten ſchmachten laſſen, daß ſie ſein Unglück ihm zum Vorwurf gemacht und ihren Mangel an Freigebigkeit und Freundſchaft dadurch gerechtfertigt haben würden. Peregrine, der de ganze Lage des Freundes mit einem einzigen Blicke durchſchaute, würde dieſem gern ſogleich die zur Erreichung ſeiner Abſicht erforderliche Summe gegeben haben; da er aber gar zu gut wußte, wie ſerupulös Geoffry war, um auf. die Art ihm ſeine gütigen Geſinnungen zu erkennen zu geben, ſo fand er Mittel, bei einem der Beamten des Kriegsdepartements Zutritt zu erlangen. Dieſer war mit den Gründen, die ihm Pickle zum Behuf ſeines Freundes vorlegte, ſo zufrieden, daß Gauntlet's Geſchäft in ſehr wenigen Tagen abgemacht wurde, doch ohne daß dieſer im Geringſten erfuhr, wie kräftig ſein Intereſſe unterſtützt worden war. Um dieſe Zeit nahm die Saiſon zu Bath ihren Anfang. Unſer Held glühte vor Verlangen, ſich an einem Orte auszuzeichnen, wo die faſhionable Welt zuſammenſtrömte. Er theilte ſein Vorhaben, dorthin zu gehen, ſeinem Freund Geoffry mit, und drang mit vielem Ungeſtüm in ihn, ihn auf dieſer Ereurſion zu begleiten. Als derſelbe durch Peregrine's Einfluß bei ſeinen neuen Freunden von Stande Urlaub vom Regi⸗ mente erhalten hatte, reisten die beiden Freunde in einer Poſtchaiſe von London ab. Wie gewöhnlich begleiteten ſie der Kammerdiener und Pips, die unſerem abenteuernden Ritter faſt ſo nothwendig ge⸗ worden waren, als Hände und Füße. In dem Wirthshauſe, wo ſie zu Mittag ſpeisten, bemerkte Gauntlet einen Mann, der ganz tiefſinnig auf dem Hoſe herumging. Als er ihn näher in die Augen faßte, erkannte er in ihm einen — 132 Spieler von Profeſſion, den er ehemals in Tunbridge öfter geſehen hatte. Wegen dieſer alten Bekanntſchaft redete er den Peripatetiker an. Dieſer erkannte ihn ſogleich und erzählte ihm in der Fülle ſei⸗ ner Betrübniß und ſeines Verdruſſes, daß er eben von Bath käme, wo eine Partie Gauner, die es übel genommen, daß er auf ihrem Gründ und Boden Gewerbe zu treiben ſich unterſtehen wollen, ihn rattenkahl gerupft habe. Peregrine, der außerordentlich ſorgfältig in ſeinen Nachforſchun⸗ gen war, vildete ſich ein, von dieſem Meiſter in ſeiner Kunſt ver⸗ ſchiedene luſtige und nützliche Anekdoten in Erfahrung bringen zu können. Er bat ihn daher zum Eſſen, und ward auf dieſe Art völlig von allen politiſchen Syſtemen zu Bath unterrichtet. Er erfuhr, daß ſich zu London eine große Geſellſchaft Abenteurer befände, die durch das ganze Königreich England Perſonen vertheilt habe, welche alle die verſchiedenen Zweige der Kunſt, Leute anzuführen, bearbeiteten. Dieſen ihren Agenten geſtänden ſie einen gewiſſen Antheil an dem Gewinnſt zu, den ſie durch ihre Induſtrie und Geſchicklichkeit mach⸗ ten, den größten Theil aber ſchlügen ſie zu einem gemeinſchaftlichen Kapitale, wovon ſie die Koſten beſtritten, ſowohl zu verſchiedenen Abſichten Perſonen equipiren zu können, als um den Verluſt zu er⸗ ſetzen, der ſie bei manchen Spekulationen träfe. Einige davon, deren Figur und Eigenſchaften von der Geſellſchaft für tüchtig dazu erkannt würden, bedienten ſich ihrer Talente, reiche Damen in ſich verliebt zu machen. Sie würden zu dem Ende mit Geld und Kleidern ver⸗ ſehen, und ſtellten dafür Scheine auf gewiſſe Summen von ſich, die ſich nach der Ausſteuer richteten, welche ſie durch ihre Frauen beki⸗ men, und die am Hochzeitstage an einen oder den andern der Direk⸗ toren ausgezahlt werden müßten.„Andere,“ fuhr er fort,„die im Kapitel der Glücksfälle und gewiſſer geheimer Kunſtgriffe wohl be⸗ wandert ſind, beſuchen alle Orte, wo große Hazardſpiele erlaubt werden, und diejenigen, die im Billard⸗, Ball- und Kegelſpiel Meiſter ſind, lauern beſtändig auf dieſen Scenen des Zeitvertreibs, 133 um unwiſſende und unbehutſame Geſchöpfe in ihr Garn zu locken. Die vierte Klaſſe beſucht alle Pferderennen, weil ſie in allen geheim⸗ nißvollen Praktiken wohl erfahren iſt, wodurch die Kenner gefangen werden. Auch fehlt es der Geſellſchaft nicht an ſolchen Leuten, die verbuhlte Weiber und alte reiche Wittwen brandſchatzen, noch an ſolchen, die dadurch Geld erpreſſen, daß ſie ſich den Umarmungen ihres eigenen Geſchlechts preisgeben und dann ihre Bewunderer ge⸗ richtlich zu verfolgen drohen. Doch erhält die edle Compagnie ihre wichtigſten Einkünfte durch diejenigen von ihren Mitgliedern, die ihren Verſtand in den zahlloſen Künſten der Kartentiſche üben. Der ehrloſeſte Gauner findet an denſelben ſeinen Zutritt, und ſogar Per⸗ ſonen vom höchſten Range überhäufen ihn mit Liebkoſungen. Unſer Held erfuhr außer dieſem auch, daß eben die Agenten, von welchen ihr Gaſt in Bath ausgezogen und von da vertrieben worden war, eine Bank gegen alle Spieler aufgerichtet hatten, und in allen Arten des Spiels das Monopol des Gewinnſtes trieben. Sodann gab er zu verſtehen, wenn ſie beiderſeits geneigt wären, ſich ganz ſeiner Leitung zu überlaſſen, ſo wollte er wieder mit ihnen umkehren und einen ſolchen Plan anlegen, der die ganze Geſellſchaft auf dem Billard unfehlbar zu Grunde richten müßte; denn es ſey ihm bekannt, wie ſtark Geoffry in dieſem Spiele wäre. Der junge Kriegsmann entſchuldigte ſich jedoch, daß er ſich in eine ſolche Partie nicht einlaſſen könnte. Nach dem Eſſen machten ſich unſere Reiſenden auf den Weg. Unterwegs kam die Rede auf die Nachrichten, die ſie erhalten hatten, und Peregrine entwarf zur Vertilgung dieſer Peſtgeſchwüre der menſchlichen Geſellſchaft einen Plan den Gauntlet folgendermaßen ausführte: 134 Dreiundſiebenzigſtes Kapitel. Gauntlet ruinirt zu Bath eine ganze Compagnie von Gaunern. Am Abend nach ihrer Ankunft in Bath ging Geoffry, der ſich den Tag über zu dem Ende zu Hauſe gehalten hatte, in das Billard⸗ zimmer. Er fand daſelbſt zwei Herren im Spiel begriffen, und be⸗ gann mit ſo geringem Anſchein von Kenntniß des Spieles zu wetten, daß in einem der eben gegenwärtigen Glücksritter das Verlangen rege ward, aus ſeiner Unerfahrenheit Vortheil zu ziehen. Als das Billard unbeſetzt war, ſchlug er ihm zum Zeitvertreib eine Partie vor. Der Kriegsmann affektirte die Miene eines ſelbſtgenügſamen Gimpels, und gab ihm zur Antwort, er habe keine Luſt, für nichts und wieder nichts ſeine Zeit zu vergenden; wenn's ihm aber gefällig wäre, ſo wolle er die Partie zu einer Krone ſpielen. Dieſe Erklärung behagte Jenem und beſtärkte ihn vollends in ſeiner Meinung, die er von dem Fremden gefaßt hatte, und deren er recht gewiß ſeyn wollte, bevor er um etwas Beträchtliches mit ihm ſpielte. Die Partie ward angenommen. Gauntlet zog ſein Kleid aus, und fing, wie es ſchien, an mit großer Hitze zu ſpielen. Er gewann das erſte Spiel, denn ſein Gegner verbarg ſeine Geſchicklich⸗ keit, in der Abſicht, ihn dadurch zu reizen, daß er eine größere Summe wagte. Der junge Krieger biß an dieſen Köder, der Satz ward verdoppelt, und Jener ſiegte nochmals durch Zulaſſung ſeines Gegenparts. Letzterer fing nun an zu gähnen und machte die Be⸗ merkung, es ſey gar nicht der Mühe werth, um eine ſolche Lumperei weiter zu ſpielen. Gauntlet ſchwur im Affekt, wie es ſchien, er wolle um zwanzig Guineen mit ihm ſpielen. Der Vorſchlag ward ange⸗ nommen und der Gauner gewann, durch Geoffry's Nachſicht, das Geld. Er hatte ſeine äußerſte Geſchicklichkeit dabei angewendet, weil er befürchtete, ſein Gegner möchte es ſonſt ablehnen, weiter zu ſpielen. 135 Als Geoffry ſolchergeſtalt überwunden war, ſchien er alle ſeine Gelaſſenheit zu verlieren, fluchte auf ſein Unglück, ſchwur, die Tafel hinge auf die eine Seite und die Bälle liefen nicht recht. Er wech⸗ ſelte die Queue und forderte ſeinen Gegenpart lebhaft auf, die Summe zu verdoppeln. Der Spieler machte zum Schein Einwen⸗ dungen, endlich willigte er in ſein Verlangen. Nachdem er die bei⸗ den erſten Bälle gemacht hatte, erbot er ſich, hundert Guineen gegen fünfzig auf die Partie zu ſetzen. Die Wette ward eingegangen. Geoffry, der ſich mit Fleiß hatte unter den Fuß bringen laſſen, begann jetzt mit der größten Heftig⸗ keit zu toben. Er zerbrach ſein Queue, warf die Bälle zum Fenſter hinaus, und forderte im Ungeſtüm ſeines Zorns ſeinen Antagoniſten auf, morgen, wenn er ſich von den Strapazen der Reiſe erholt hätte, wieder hier zu erſcheinen. Eine ſehr willkommene Einladung für den Spieler, der ſich einbildete, der Offizier würde eine ſehr einträg⸗ liche Beute für ihn ſeyn. Daher verſicherte er ihn, daß er nicht er⸗ mangeln würde, ſich morgen Vormittag einzuſtellen, um ihm Re⸗ vanche zu geben. Gauntlet ging mit der völligen Ueberzeugung nach Hauſe, daß er Jenem überlegen wäre. Hier beſprach er ſich mit Peregrine wegen der Maßregeln, die ſie zur Verfolgung ihres Plans zu ergreifen hät⸗ ten. Sein Gegner rapportirte indeß der Gaunergeſellſchaft ſeinen errungenen Sieg, worauf ſeine Collegen beſchloßen, ſich bei der Ent⸗ ſcheidung des Spiels einzufinden, um von der leidenſchaftlichen Ge⸗ müthsart des Fremden Vortheil zu ziehen. Nachdem auf dieſe Art von beiden Seiten Alles feſtgeſetzt war, ſtellten ſich die Spieler verabredetermaßen ein. Das Zimmer ward ſogleich mit Zuſchauern angefüllt, die theils Zufall, theils Neugier, theils auch Abſicht herbeiführte. Die Partie ward zu hundert Pfund angenommen, die beiden Hauptperſonen wählten ſich ihre Queues und legten ihre Röcke ab. Einer von den Rittern des ſaubern Or⸗ dens erbot ſich, noch hundert Pfund auf die Hand ſeines Verbündeten 136 zu halten. Gevffry nahm dieſen Vorſchlag augenblicklich an. Ein zweiter Biedermann von eben der Claſſe forderte ihn, da er ihn ſo hitzig ſah, auf, die Summe dreifach zu ſetzen. Sein Vorſchlag ward gleichfalls angenommen zum größten Erſtaunen der Geſellſchaft, deren Erwartungen ſich jetzt auf den höchſten Gipfel ſteigerten. Das Spiel begann, der Kriegsmann verlor den erſten Ball. Jetzt boten die Conföderirten mit lauter Stimme Wetten an. Doch Niemand wollte ſich um eines ganz Unbekannten willen in ein ſolches Riſiko einlaſſen. Der Gauner gewann den zweiten Ball. Nunmehr ward man ganz erſtaunlich laut, nicht nur von Seiten der Bande, ſondern auch von Seiten aller Zuſchauer, die Zwei gegen Eins wider Emiliens Bruder halten wollten. Als Peregrine, der gleichfalls zugegen war, merkte, daß die Be⸗ gierde der Aſſpeirten genugſam angeflammt war, that er plotzlich den Mund auf und hielt ihre Wetten bis auf zwölfhundert Pfund. Dieſe wurden unmittelbar von beiden Seiten in Geld und Scheinen nieder⸗ gelegt, ſo daß dieß vielleicht das höchſte Spiel war, das man je auf einem Billard geſpielt hatte. Sobald Gauntlet dieſe Wette in Richtigkeit ſah, machte er den Ball ſeines Gegners, ſo ſicher er auch zu ſtehen ſchien. Dieſer Vor⸗ fall brachte die Wetter etwas außer Faſſung, doch tröſteten ſie ſich wieder damit, daß es Zufall geweſen ſeyn könne. Als der Ofſizier aber bei dem nächſten Stoße den Ball ſprengte, verzogen ſich ihre Geſichter auf einen Augenblick, und erwarteten mit der ängſtlichſten Ungewißheit den nächſten Ball. Da dieſer durch den jungen Krieger gleichfalls mit unendlicher Leichtigkeit gemacht wurde, entwich das Blut aus ihren Wangen, und der Ausruf:„Donnerwetter!“ erſcholl zugleich aus jedem Munde. Sie riefen ihn mit dem Tone der Ver⸗ zweiflung und dem Blick äußerſter Beſtürzung. Schrecken und Erſtaunen bemächtigten ſich ihrer, als ſie drei Biälle hintereinander gegen einen ſo gewandten Spieler, wie ihren Freund, gewinnen ſahen. Die Schlauköpfe kamen jetzt auf die Ver⸗ 137 muthung, daß die ganze Sache ein zu ihrem Untergange abgekarteter Handel ſey. In dieſer Meinung wollten ſie das Blatt umwenden, und ſuchten durch den Vorſchlag, auf Gauntlet's Hand zu halten, wieder zu ihrem Schaden zu kommen. Allein die Meinung der Ge⸗ ſellſchaft hatte ſich durch den glücklichen Erfolg, den dieſer junge Herr gehabt hatte, ſo ſehr geändert, daß Niemand es wagen wollte, ſich mit der Sache ſeines Gegners zu befaſſen. Dieſer verbeſſerte zwar ſein Spiel durch einen glücklichen Stoß, der die Beſorgtheit ſeiner Anhänger verringerte und ihre Hoffnung wieder anfachte; doch dieſer Glücksſchimmer war nicht von langer Dauer. Geoffry nahm alle ſeine Kunſt und Geſchicklichkeit zuſammen und machte ſeinen Ball, ſo daß er nun zehn Points hatte, worauf er ſich an dem An⸗ blick der ganzen Brüderſchaft weidete. Die Geſichter dieſer Profeſſoren im Spiel hatten bei jedem Ball, den Gauntlet gemacht, die Farbe gewechſelt, waren aus ihrer natür⸗ lichen Farbe in's Aſchgraue, vom Aſchgrauen in's Todtenbleiche, vom Todtenbleichen in's Gelbe, und dieß war in Mahagonyfarbe überge⸗ gangen. Jetzt, da ſie ſahen, daß ſiebenzehnhundert Pfund ihres Kapitals von einem einzigen Stoße abhingen, ſtanden ſie da wie eben ſo viele ſchwarzbraune Mohren, die vor Schreck und Angſt gelb⸗ ſüchtig geworden waren. Das Feuer, das von Natur in den Wan⸗ gen und der Naſe von Gauntlet's Gegenſpieler glühte, ſchien gänzlich erloſchen zu ſeyn, und die Finnen deſſelben ſahen gelbbraun aus, als wenn der Krebs in ſeinem Geſicht bereits um ſich gefreſſen hätte. Seine Hand begann zu zittern und ſeinen ganzen Körper befiel ein ſolches Beben, daß er ſich genöthigt ſah, ein volles Glas Likör aus⸗ zutrinken, um ſeine Nerven wo möglich wieder zur Ruhe zu bringen. Allein dieſes Mittel ſchlug nicht an. Er ſtieß mit ſolcher Verwir⸗ rung auf den ausgeſetzten Boll, daß der ſeinige unrecht anſchlug und in einem Winkel abprallte, wodurch er ſich in's Mittelloch verlief. Dieſer fatale Caſus zog ein ſo allgemeines Aechzen nach ſich, als wenn das ganze Weltall zuſammenbräche; und ungeachtet der 138 Gelaſſenheit, durch welche die Spieler ſo berühmt ſind, machte dieſer Verluſt auf ſie insgeſammt einen ſolchen Eindruck, daß jeder von ihnen die heftigſten Aeußerungen des Verdruſſes von ſich gab. Der eine verdrehte die Augen, blickte gen Himmel und zerbiß die Unter⸗ lippe; der andere lief die Kreuz und Quere im Zimmer herum und nagte an den Fingern; ein Dritter ſtieß die ungeheuerſten Gottes⸗ läſterungen und Verwünſchungen aus; und derjenige, der mit dem jungen Kriegsmann geſpielt hatte, ſchlich fort und knirſchte mit den Zähnen. Sein Blick war jeder Beſchreibung unerreichbar. Indem er über die Schwelle ging, rief er aus:„Bei Gott! ein verdammter Schneller!“ Die Sieger verhöhnten ſie noch mit der Frage: ob ihnen noch eine Partie gefällig wäre? Darüber trugen ſie mit der größten Kaltblütigkeit, wie es ſchien, ihren Gewinnſt fort. Allein ihre Her⸗ zen wallten vor unausſprechlicher Freude über, nicht ſowohl in Be⸗ tracht der Beute, die ſie gemacht, ſondern vielmehr deßhalb, weil ſie ein ſolches Neſt vom ſchädlichſten Ungeziefer in der Natur vertilgt hatten. Peregrine glaubte nun eine günſtige Gelegenheit gefunden zu haben, ſeinem Freunde dienen zu können, ohne deſſen zartem Ehrge⸗ fühle nahe zu treten. Daher ſagte er zu ihm, als ſie in ihrem Logis waren, das Glück habe ihn endlich in den Stand geſetzt, mittelſt des gewonnenen Geldes einigermaßen unabhängig zu leben, oder wenig⸗ ſtens durch Erkaufung einer Compagnie in eine behaglichere Lage zu kommen. Bei dieſen Worten legte er ſeinen Theil vom Gewinnſte in Gauntlet's Hand, als eine Summe, die ihm von Rechts wegen zukomme. Zugleich verſprach er, ſeinethalben an einen vornehmen Herrn zu ſchreiben, der Anſehen genug hätte, eine ſo ſchnelle Dienſt⸗ erhöhung durchzuſetzen. Geoffry dankte ihm für ſeine gütigen Geſinnungen, ſchlug es aber mit hochfahrendem Weſen aus, ſich nur irgend einen Theil von Pick⸗ le's Gewinnſte zuzueignen, und ſchien beleidigt, daß der Andere Ge⸗ 139 ſinnungen von ihm hegte, die ſeiner Denkart ſo unwürdig wären. Er wollte nicht einmal als Darlehen ſo viel Zuſchuß zu ſeinem Kapital annehmen, daß es den Kaufpreis einer Compagnie betragen hätte, ſondern äußerte ein großes Vertrauen auf die künftige An⸗ wendung des Talents, das mit einem ſolchen glücklichen Anfange ge⸗ ſegnet war. Da unſer Held ſeinen Freund gegen ſeinen eigenen Vortheil ſo taub fand, beſchloß er, ſich bei ſeinen fernern freundſchaftlichen Be⸗ mühungen nach dieſer Erfahrung zu richten und künftig Gauntlet's außerordentliche Delikateſſe zu ſchonen. Mittlerweile verſchenkte er von dieſen erſten Früchten ſeines Spielglücks einen beträchtlichen Theil an das Hoſpital, und behielt nur zweihundert Pfund zurück, um Miß Emilie ein diamantnes Ohrgehänge und einen prächtigen Ring überreichen zu können. Vierundſiebenzigſtes Kapitel. Die beiden Freunde verdunkeln alle ihre Nebenbuhler bei den Damen, und rächen ſich auf eine beluſtigende Weiſe an den Doktoren in Bath. Das Gerücht von dem Streich, den ſie den Gaunern geſpielt hatten, verbreitete ſich ſogleich durch alle Geſellſchaften zu Bath, ſo, daß wenn unſere Abenteurer ſich zeigten, hundert Finger auf ſie deuteten, und man ſie für die vollkommenſten Meiſter in allen nur erſinnlichen Streichen der Feinheit hielt, die ſie unfehlbar bei erſter Gelegenheit von Neuem bewähren würden. Uebrigens war dieſe Meinung von ihrem Charakter kein Hinderniß ihrer Aufnahme in jede Modegeſellſchaft, ſondern diente ihnen vielmehr zu einer ſolchen Empfehlung, die immer zum Vortheil des Beſitzers wirkt. 140 Daher verſchaffte ihnen ihr erſtes Abenteuer den Zutritt in die Geſellſchaften dieſes Orts, obwohl ſich dieſe nicht wenig wunderten, als ſie ihre Erwartungen von den beiden Helden getäuſcht ſahen, denn ſie ließen ſich gar nicht weiter in's Spielen ein, vermieden viel⸗ mehr jede Gelegenheit dazu, und richteten ihre Aufmerkſamkeit bloß auf die Künſte der Galanterie, in denen unſer Held keinen Neben⸗ buhler fand. Schon ſein Aeußeres war, abgeſehen von ſeinen übrigen Voll⸗ kommenheiten, geeignet genug, die gewöhnliche weibliche Welt anzu⸗ ziehen; da es nun noch durch Lebhaftigkeit im Umgange und das einſchmeichelndſte Weſen verſtärkt wurde, ſo konnten ihm ſogar die⸗ jenigen nicht widerſtehen, die ſich mit Stolz, Vorſicht oder Gleich⸗ gültigkeit verbollwerkt hatten. Doch unter allen den Nymphen in dieſem muntern Orte war keine einzige, die Emilie die Herrſchaft über ſein Herz hätte ſtreitig machen können. Daher heftete er ſich bald an dieſe, bald an jene, ſo wie die Eitelkeit und Laune es ihm eingaben, woher es kam, daß, nachdem er noch nicht volle vierzehn Tage in Bath verweilt hatte, alle Frauenzimmer bis zum Schlagen gegen einander erbittert waren, und hundert Zungen der Läſterung vollauf zu khun hatten. Sein glänzender Aufzug reizte den Neid, die genaueſten Erkundigungen ſeinetwegen einzuziehen. Statt aber den mindeſten Umſtand zu ent⸗ decken, der Peregrine zum Nachtheil gereicht hätte, hatte dieſer Neid die harte Pein, zu erfahren, es ſey ein junger Mann von gutem Hauſe und der Erbe eines unermeßlichen Vermögens. Die Gewogenheitsbezeigungen einiger ſeiner Freunde von Stande, die nach Bath kamen, beſtätigten dieſe Nachricht. Man ſuchte jetzt ſeine Bekanntſchaft mit großem Eifer, und machte ihm den Hof. Sogar einige Damen machten ihm ſo viele Avancen, daß er in Lieb⸗ ſchaften außerordentliches Glück hatte. Auch ſeinem Freunde Geoffrh gebrach es nicht an ähnlichen Abenteuern, denn Weſen und Takt des jungen Lieutenants waren genau dem Geſchmack der Damen 141 angemeſſen. Bei einigen Individuen des ſchönen Geſchlechts hatten ſeine ſtärkern muskulöſen Gliedmaßen mehr anziehende Kraft, als der zartere Körperbau ſeines Reiſegefährten. Er herrſchte ſonach unum⸗ ſchränkt unter dieſen Schönen, die ſich auf dreißig beliefen, ohne ſich in der Nothwendigkeit zu befinden, ihnen eine verdrüßliche langweilige Cour zu machen. Man glaubte, daß er ſo gut wie das Waſſer dazu beigetragen habe, die Unfruchtbarkeit gewiſſer Frauen zu vertreiben, die den Vorwürfen und der Uebellaune ihrer Männer lange Zeit ausgeſetzt geweſen waren. Peregrine ſchlug indeß ſeinen Thron unter denen auf, die unter der unbehaglichen Bürde der Eheloſigkeit ſeufzten, von der muntern fünfzehnjährigen Miß an, die mit flatterndem Herzen ihr Köpfchen umherwirft, ſich brüſtet, und bei dem Anblick eines hübſchen jungen Mannes unwillkürlich aufkichert, bis zu der ernſten Jungfrau von achtundzwanzig Jahren, die mit ſittſamem Blick über die Eitelkeit der Schönheit, über die Thorheit der Jugend, über die Leichtgläubig⸗ keit der Weiber moraliſirt, und ganz im Tone eines Platonikers ſich über Freundſchaft, Wohlwollen und Verſtand ausläßt. Unter den böſen Zungen, die ſeine Liebesabentener zum Thema machten, fand Peregrine keine ſo geſchäftig, als die der Aerzte, einer Art von Creaturen, die ſich, wie die Raben um ein Aas, in dieſem Kurort verſammelten. Die meiſten von ihnen hatten ihre Correſpondenten in London, die ſich's angelegen ſeyn ließen, ſich nach der Geſchichte, dem Charak⸗ ter und der Krankheit derjenigen auf's Genaueſte zu erkundigen, welche die Brunnenkur zu Bath gebrauchen wollen. Wofern ſie nun nicht im Stande waren, den Patienten vor ihrer Abreiſe ihre medi⸗ ciniſchen Freunde an dieſem Orte zu empfehlen, ſo verſahen ſie die⸗ ſelben wenigſtens vorläufig mit allen den Rachrichten, die ſie nur hatten aufſammeln können, damit Jene daraus zu ihrem Vortheil anzuwenden vermögend wären, was ihnen nur gut dünkte. Durch dieſe Mittel und unter dem Beiſtand der Schmeichelei und Dreiſtig⸗ 142 keit ſchmeichelten ſie ſich oft in die Bekanntſchaft der Fremden ein, für deren Hauptleidenſchaften ſiez unentbehrlich und beförderlich waren, weil ſie deren Neigungen immer zu Rathe zogen. Durch ihre Ver⸗ bindung mit den Apothekern und Krankenwärterinnen wurden ſie von allen und jeden geheimen Familienvorfällen unterrichtet, und daher in Stand geſetzt, hämiſche Grollſucht zu befriedigen, dem Spleen bei einer verdrüßlichen Krankheit angenehme Unterhaltung zu verſchaffen und den Durſt unverſchämter Neugier zu ſtillen. Bei dieſen Beſchäftigungen litt denn auch öfters der gute Name unſerer beiden Helden, und daher kam es, daß die ganze Zunft ſich Sir Pickle's Unwillen zuzog. Nach verſchiedenen Berathſchlagungen mit ſeinem Freunde kam endlich ein Plan zu Stande, der auf fol⸗ gende Art gegen die dortige medieiniſche Fakultät in's Werk geſetzt wurde. Unter denen, die den Kurſaal beſuchten, befand ſich auch ein alter Offizier, deſſen ſchon von Natur ungeduldiges Temperament öftere Anfälle der Gicht, durch welche er faſt gänzlich des Gebrauchs ſeiner Glieder beraubt war, zu einer außerordentlichen Höhe von Giftigkeit und Wunderlichkeit emporgetrieben hatten. Er ſchrieb ſein hartnäckiges Uebel der verkehrten Behandlung eines Wundarztes zu, den er gebraucht hatte, jals er an den Folgen eines unglücklichen Liebeshandels erkrankt war. Dieſe Vermuthung hatte ihn mit einem unüberwindlichen Widerwillen gegen alle Söhne Aeseculaps erfüllt, ein Widerwille, in dem er durch den Bericht eines Londoner Freun⸗ des noch mehr beſtärkt wurde, der ihn verſicherte, es ſey bei den Aerzten zu Bath allgemeiner Brauch, den Patienten von dem Brun⸗ nentrinken abzurathen, damit die Kur und folglich ihr Beiſtand von ſo längerer Dauer ſeyn möchte. So gegen Aerzte und Heilkunſt eingenommen, langte er in Bath an, wo er, nachdem er ſich einige wenige allgemeine Regeln ertheilen laſſen, ohne weitere Anleitung den Brunnen trank. Er ergriff jede Gelegenheit, durch Worte und Geberden ſeinen Haß und ſeine Ver⸗ 143 achtung gegen die Söhne des Aesculap zu zeigen, und that dieß ſo⸗ gar in ſeiner Diät, inſofern er eine ganz entgegengeſetzte von der beobachtete, die ſie, wie er wußte, Leuten vorgeſchrieben hatten, die mit ihm genau in denſelben Umſtänden zu ſeyn ſchienen. Allein dieß brachte ihm wenig Heil, wiewohl es in manchen Fällen glücklich ausgefallen ſeyn mag. Statt daß ſich ſein Uebel hätte vermindern ſollen, nahm es vielmehr von Tag zu Tage an Heftigkeit zu, ſo daß es ihn endlich in das Bett bannte, wo er vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen ſchimpfte und fluchte, jedoch dabei feſt entſchloſſen blieb, bei ſeinen alten Marimen zu verharren. Seine Krankheit war durch die eifrigen Bemühungen der Aerzte, die über ſein Mißgeſchick triumphirten, in der ganzen Stadt auspo⸗ ſaunt worden und diente Jedermann zur Beluſtigung. In einem ſeiner heftigſten Anfälle bediente ſich Peregrine durch Beihülfe des Pips eines jungen Bauernburſchen, der zu Markte hereingefommen war, eines Morgens früh in größter Haſt in die Wohnung aller Aerzte zu eilen, und ſie zu bitten, in aller möglichen Geſchwindigkeit zu dem Obriſten zu kommen. Kein Wunder, daß ſich die ganze Fakultät eiligſt in Bewegung ſetzte. Drei von den am nächſten Wohnenden kamen in demſelben Moment an. Weit entfernt, einander an der Thüre zu begrüßen, verſuchte Jeder insbeſondere hineinzukommen, und der ganze Trium⸗ virat blieb im Eingange ſtecken. Indem ſie in dieſer Klemme ſaßen, gewahrten ſie von weitem zwei ihrer Collegen, die mit aller der Eil⸗ fertigkeit, womit der Himmel ihre Füße ausgerüſtet hatte, demſelben zurannten. Dieß war Urſache, daß Jene eine Unterredung begannen und Eins wurden, einander beizuſtehen. Nachdem dieſer Vergleich geſchloſſen war, wickelten ſie ſich von einander los und erkundigten ſich nach dem Patienten. Der Bediente ſagte ihnen, er ſey ſo eben in Schlaf gefallen. Auf dieſe Nachricht nahmen ſie von dem Vorzimmer Beſitz und rerſchloßen deſſen Thüre. Mittlerweile poſtirte ſich der Ueberreſt der 144 reſpektablen Zunft, als er ankam, auswärts davor. Auf dieſe Art war der ganze Weg oben von der Treppe an bis zur Straßenthüre vollgepfropft zum Erſtaunen aller Hausgenoſſen und Bedienten. Kaum hatten ſich die drei Aesculape im Vorzimmer gegen den Andrang ihrer Herren Confratres durch Schloß und Riegel geſichert, ſo begannen ſie über die Krankheit des Patienten zu conſultiren, wobei jeder von ihnen vorgab, dieſelbe mit größter Sorgfalt und Bedachtſamkeit unterſucht zu haben. Der Erſte von den Dreien meinte, es ſey nichts anders, als eine hartnäckige Gicht. Der Zweite behauptete, es ſey nichts anders, als ein Reſiduum von einer Luſt⸗ ſeuche. Es iſt eine eingewurzelte Krätze, ſchwur der Dritte. Dieſe verſchiedenen Meinungen wurden mit einer großen Menge von Cita⸗ ten aus alten ſowohl als aus neuen Aerzten unterſtützt. Doch waren dieſe nicht von hinreichendem Gewicht, oder wenigſtens nicht klar genug, um den Hader zu ſchlichten. Denn in der Mediein gibt es ſo gut wie in der Religion Spaltungen, und jede Sekte kann zur Unterſtützung der Sätze, die ſie behauptet, ihre Patres anführen. Der gelehrte Streit ward endlich ſo laut, daß nicht nur die Collegen an und auf der Treppe dadurch beunruhigt wurden, ſondern daß ſogar der Patient aus dem erſten Schlummer erwachte, der ſeit zehn Tagen in ſeine Augen gefommen war. Wäre er bloß ſchlecht⸗ hin geweckt worden, ſo würde er ihnen für das Getöſe, durch welches ſie ihn geſtört hatten, verbunden geweſen ſeyn. Denn in dieſem Falle wäre er von den Qualen des hölliſchen Feuers erlöst worden, womit ihn der Traum beängſtigt hatte. Allein eben dieſe fürchterliche Viſton war durch den Eindruck entſtanden, den die unerträglichſten Gliederſchmerzen auf ſein Gehirn bewirkten; anſtatt alſo beim Er⸗ wachen weniger Pein zu fühlen, ward ſie vielmehr durch die größere Lebhaftigkeit der Empfindungen vermehrt; und da zu gleicher Zeit das verwirrte Geſchrei im nächſten Zimmer ihm zu Ohren drang, ſo glaubte er nichts anderes, als ſein Traum ſey in Erfüllung gegangen. Voll banger Verzweiflung hierüber griff er nach der Glocke, die auf 145⁵ einem Tiſche bei ſeinem Bette ſtand, und läutete mit großer Heftig⸗ keit und ohne nachzulaſſen. Dieß gegebene Zeichen machte der Diſputation der drei Aerzte unmittelbar ein Ende, denn ſie wußten jetzt den Patienten wach, und ſtürzten daher ohne Umſtände in deſſen Gemach. Zwei von ihnen bemächtigten ſich ſeiner Arme, und der Dritte befühlte ſeine Schläfe. Noch ehe ſich der Patient von dem Erſtaunen erholen konnte, das ihn bei dieſem unerwarteten Einbruch gefeſſelt hatte, war ſein Zim⸗ mer bereits mit den übrigen Mitgliedern der Fakultät angefüllt. Sie waren dem Bedienten auf dem Fuße gefolgt, der ſeines Herrn Auf⸗ forderung gemäß in ſein Schlafzimmer eilte. In einem Augenblick war das Bette von dieſen hagern Handlangern des Todes umringt. Als ſich der Obriſt von einer ſolchen Schaar feierlicher Geſichter und Figuren belagert ſah, die er ſtets mit dem äußerſten Abſchen und Entſetzen betrachtet hatte, gerieth er in einen Zorn, der ſich nicht beſchreiben läßt. Seine Wuth war ſo groß, daß ihm ſeine Zunge den Dienſt verſagte; da er jedoch die übrigen Gliedmaßen zu ihren Verrichtungen deſto tauglicher fühlte, ſo machte er ſich von dem Triumvirate los, das ſich ſeines Leibes bemächtigt hatte, ſprang mit unglaublicher Schnelligkeit aus dem Bette, ergriff eine ſeiner Krücken, und ſchlug damit auf einen von den Dreien, der eben im Begriff war, des Patienten Waſſer zu unterſuchen, ſo heftig los, daß die Alongenperücke des Getroffenen in das Kammergeſchirr, und dieſer ſelbſt wie leblos auf den Boden ſtürzte. Dieſe handgreifliche Erklärung ſetzte die ganze Doktorgilde außer Faſſung. Jeder von ihnen wandte gleichſam aus Inſtinkt ſein Ge⸗ ſicht nach der Thüre, und da durch das Beſtreben jedes einzelnen Gliedes der ganzen Fakultät der Rückzug gehemmt ward, ſo entſtand Unordnung und tobender Aufruhr. Der Obriſt ſchränkte nemlich ſeine Tapferkeit nicht auf die erſte Heldenthat ein, ſondern handhabte ſeine Waffe ohne Anſehen der Perſon mit erſtaunlicher Stärke und Behendigkeit. Daher waren wenige oder keine von der gelehrten Smollet's Romane. X. 10 —— —— 2 146 Zunft ohne Merkmale ſeines Unwillens davon gekommen. Plötzlich verließen ihn ſeine Lebensgeiſter, und er ſank ganz erſchöpft auf ſein Bett zurück. Dieſe günſtige Pauſe nutzte die geſchlagene Fakultät. Sie ſuchte ihre Hüte und Perücken wieder, die ihr im Kampfe ent⸗ fallen waren. Als ſie gewahr wurden, daß der angreifende Theil zu ſchwach ſey, ſeine Attake zu erneuern, ſperrten ſie alle zugleich ihre Kehlen auf und drohten mit großem Getöſe, ihn wegen dieſer ſchmach⸗ vollen Behandlung gerichtlich zu belangen. Mittlerweile war der Hausherr herbeigeeilt, und hatte auf ſeine Erkundigung nach der urſache dieſer Ruheſtörung von den Klägern den ganzen Vorfall erfahren. Sie gaben ihm zu verſtehen, wie der Oberſt Jeden von ihnen beſonders hätte zu ſich beſcheiden laſſen, wor⸗ auf jedoch der Wirth ihnen entgegnete, irgend ein Spaßvogel müſſe ſie insgeſamt angeführt haben; denn ſeinem Miethsmanne ſey es nicht im Traume eingefallen, irgend einen ihres Gewerbes zu Rathe ziehen zu wollen. Dieſe Auskunft war ihnen ein Donnerſchlag. Das allgemeine Geſchrei hörte ſogleich auf, und da ein Jeder von ihnen den Zu⸗ ſammenhang des Spaſſes auf der Stelle errieth, ſo zogen ſie mit ihrem erlittenen Verluſte in aller Stilie ab. Ihre Beſchämung und Kränkung war unbeſchreiblich. Inzwiſchen hatten Peregrine und ſein Freund es ſo eingerichtet, daß ſie dieſes Weges wie zufällig vorbei⸗ kamen. Bei dem Anblick eines ſo ungewöhnlichen Zufluſſes von Doktoren blieben ſie ſtehen und beluſtigten ſich über das Geſicht und den Aufzug eines Jeden, der erſchien. Ja, ſie machten ſich ſogar an einige von ihnen, die durch den Vorfall am meiſten angegriffen ſchie⸗ nen, und quälten ſie boshafter Weiſe mit Fragen in Betreff dieſer ungewöhnlichen Verſammlung. Sodann bedienten ſie ſich der Erkun⸗ digungen, die ſie von dem Hauswirthe und dem Bedienten des Obri⸗ ſten eingezogen hatten, und machten die armen Kreuzträger in allen Geſellſchaften der Stadt lächerlich. Da es aber den Urhebern dieſer Schalksſtreiche unmöglich geweſen ſeyn würde, ſich den unermüdeten Nachforſchungen der Aerzte zu entziehen, ſo machten ſie kein Ge⸗ 147 heimniß daraus, daß ſie die ganze Sache angeſtiftet hätten, wobei ſie jedoch ſo behutſam waren, dieß auf eine ſo zweidentige Art zu thun, daß darüber keine Klage gegen ſie angeſtellt werden konnte. Fünfundſiebenzigſtes Kapitel. Peregrine und Gauntlet ſpielen den Einwohnern von Bath einen boshaf⸗ ten Streich. Erſterer demüthigt einen bekannten Hektor, und trifft einen Mann von ſeltſamem Charakter bei einer gewiſſen Lady. Unter den jährlich regelmäßig nach Bath reiſenden Kurgäſten befand ſich auch ein gewiſſes Individuum, welches in dem verworfen⸗ ſten, elendeſten Zuſtande geweſen war, und durch Induſtrie im Spiel ungefähr fünfzehntauſend Pfund zuſammengebracht hatte. Wiewohl dieſer Menſch als Spieler von Profeſſion bekannt war, ſo hatte er ſich dennoch in die Gunſt derjenigen, die man beſte Geſellſchaft nennt, ſo ſehr einzuſchmeicheln gewußt, daß keine Luſtpartie angeſtellt wurde, zu der man ihn nicht eingeladen hätte. Er war von rieſigem Körper⸗ bau und verwegenem Geſichtsausdrucke, und dabei durch den glück⸗ lichen Erfolg, den er bisher gehabt hatte, in dem unleidlichſten Grade dreiſt und eitel. Wegen ſeiner grimmigen Phyſiognomie und ſeines kecken Betragens hatte er den Ruf der unerſchütterlichſten Herzhaftig⸗ keit erlangt. Bei verſchiedenen Gelegenheiten, wo er die ruhmredig⸗ ſten Helden ſeiner eigenen Brüderſchaft gedemüthigt, hatte er dieſen Ruf beſtätigt. Demnach galt er jetzt für den erſten Eiſenfreſſer in ganz Bath. Mit dieſem Glücksjäger ſpielte Peregrine eines Abends, und zwar mit ſolchem Glücke, daß er nicht umhin konnte, ſeinen Freund davon zu benachrichtigen. Als Geoffry den Verlierer in's Auge faßte, erfannte er ihn ſogleich für die Perſon, mit der er in Tunbridge zuſammengetroffen war, und ſagte Pickle, es ſey ein Gauner der erſten Größe, vor dem man ſich in Acht nehmen müſſe. Er hat Sie, be⸗ — 148 theuerte er, bloß deßhalb eine kleine Summe gewinnen laſſen, um Sie anzureizen, ein anderesmal eine deſto größere zu verlieren. Unſer junger Herr nutzte dieſen heilſamen Rath. Am folgenden Tage verlangte der Spieler Revanche. Pickle nahm gar keinen An⸗ ſtand, ſie ihm zu geben. Als aber Jener das neulich Verlorene wie⸗ der hatte, weigerte ſich unſer Held, weiter zu ſpielen. Der Andere, der ihn für einen hitzköpfigen unbedachtſamen Jüngling anſah, be⸗ mühte ſich, ſeinen Stolz zur Fortſetzung des Spiels dadurch zu reizen, daß er mit bitterem Hohn und mit Geringſchätzung von deſſen Geſchicklichkeit ſprach. Unter andern ſarkaſtiſchen Ausdrücken gab er ihm den Rath, er ſolle erſt wieder in die Schule gehen, ehe er ſich unterſtände, ſich mit Meiſtern in der Kunſt einzulaſſen. Dieſer Ueber⸗ muth entflammte den Zorn unſeres Helden, und er entgegnete ihm mit großer Aufwallung, er wüßte, daß er fähig genug wäre, mit Männern von Ehre zu ſpielen, denen Kniffe unbekannt wären; er hoffe es aber ſtets für ehrlos zu halten, die Pfiffe der Spieler von Profeſſion entweder zu erlernen oder auszuüben. „Blitz und Donner! meinen Sie etwa mich, Sir?“ rief der Kartenkünſtler, indem er ſeine Stirne in die fürchterlichſten Falten legte.„Hol' mich der Teufel, ich breche jedem Schuft den Hals, der ſich anmaßen möchte, zu meinen, ich ſpielte nicht ſo ehrlich, als irgend einer der größten Cavaliere im Königreich! Ich verlange ſchlechter⸗ dings Erklärung von Ihnen, Sir; oder Tod und Hölle! Sie müſſen mir auf andere Art Satisfaction geben!“ Peregrine, dem jetzt das Blut ſchon kochte, antwortete ohne weitern Anſtand:„Ihre Forderung ſcheint mir nichts weniger denn unbillig. Ich will mich unverzüglich ohne alle Zurückhaltung erklä⸗ ren. So wiſſen Sie denn, daß ich Sie nach unverwerflichen Zeug⸗ niſſen für einen unverſchämten Schurken und gemeinen Betrüger halte!“ Dieſe freimüthige Erklärung, die nach des Hektor's Meinung kein Menſch auf Erden in ſeiner Gegenwart zu äußern hätte die Kühnheit haben ſollen, ſetzte ihn in ſo große Verwunderung und Beſtürzung, daß er ſich einige Minuten lang nicht ſammeln konnte. 149 Endlich aber wiſperte er unſerem Helden eine Ausforderung in's Ohr, die denn ſogleich angenommen wurde. Als ſie ſich am nächſten Morgen auf dem Kampfplatz einfanden, bewaffnete der Spieler ſein Geſicht mit allen deſſen Schrecklichkeiten, zog einen Degen von ungeheurer Länge, ſtellte ſich in Poſitur, und rief gar laut mit einer Donnerſtimme:„Zieht, in's Teufels Namen! ſo zieht doch! Ich will Euch den Augenblick zu Euern Vätern ſen⸗ den.“ Unſer junge Mann erfüllte ungeſäumt deſſen Begehren. Sein Seitengewehr war in einem Nu entblößt, und ſein Angriff zeigte ſo unerwartete Bravour und Gewandtheit, daß ſein Gegner, der den erſten Stoß mit vieler Mühe abgelenkt hatte, um einige Schritte zurücktrat und mit ihm zu ſprechen verlangte. Er bemühte ſich, darin unſern jungen Herrn zu überreden, es ſey der raſcheſte und unbe⸗ dachtſamſte Schritt, den er je habe thun können, einen Mann von ſeiner Herzhaftigkeit dahin zu vermögen, ſeinen Uebermuth zu züchtigen. Doch fühle er Mitleid mit ſeiner Jugend, und ſey geneigt, ihm das Leben zu ſchenken, wenn er ihm ſeinen Degen überantworten und ver⸗ ſprechen wollte, ihm die angethanene Beleidigung öffentlich abzubitten. Eine ſo beiſpielloſe Unverſchämtheit erbitterte Pickle dermaßen, daß er den Menſchen, der dieſen Vorſchlag gethan hatte, nicht der mindeſten Antwort würdigte, ſondern ihm ſeinen Hut in's Geſicht warf. Sodann erneuerte er ſeinen Angriff mit ſolcher Unverzagtheit und Gewandtheit, daß der Spieler, der ſich in offenbarer Lebens⸗ gefahr befand, Ferſengeld gab und mit unglaublicher Eile nach Hauſe ſlog. Peregrine, der ſeinen Degen eingeſteckt hatte, verfolgte ihn auf dem Fuße, und warf ihm mit Steinen nach. Dadurch ward Jener genöthigt, ſich noch denſelben Tag von Bath zu flüchten, wo er ſo lange geherrſcht hatte. Durch dieſe That, die alle Badgäſte in Erſtaunen ſetzte, weil ſie den Flüchtling als eine Perſon von größtem Heldenmuthe ange⸗ ſehen hatten, ward der Ruf unſeres Helden in allem und jedem Be⸗ trachte fürchterlich. Doch hatte er dadurch eine große Menge Leute von Ton beleidigt, die mit dem Exilirten in genauer Freundſchaft 150 geſtanden hatten, und die ſeine Beſchimpfung ſo hoch aufnahmen, als wenn das Unglück einen würdigen Mann betroffen hätte. Allein die Anzahl dieſer edelmüthigen Patrone war gegen diejenigen ſehr gering, die an dem Ausgange dieſes Zweikampfs Vergnügen fanden, weil ſie von dem Ausforderer während ſeines Aufenthalts zu Bath entweder übermüthig behandelt oder betrogen worden waren. Auch den Frauen⸗ zimmern war dieſer Beweis von dem Muthe unſeres Helden nicht unwillkommen. Nur wenige von ihnen konnten der vereinten Macht ſo vieler Vollkommenheiten widerſtehen. In der That würde es weder ihm noch ſeinem Freunde Geoffry viel Schwierigkeiten gekoſtet haben, ſich hier eine angenehme Gefährtin des Lebens auszuwählen. Allein Gauntlet's Herz war von Sophie bereits eingenommen, und Pickle beſaß, außer ſeiner Anhänglichkeit an Emilie, die ſtärker war, als er ſelbſt dachte, eine ſolche Doſis Ehrgeiz, daß er durch die Er⸗ oberung keiner der Frauenzimmer befriedigt werden konnte, die er in Bath ſah. Daher machte er bald da, bald dort Beſuche aus keiner andern Abſicht, als um ſich die Zeit zu vertreiben. Zwar ſchmeichelte es ſeinem Ehrgeiz, wenn die Schönen, die er gefeſſelt hatte, ihm ent⸗ gegen kamen; dennoch hegte er keinen Gedanken, über die Grenzen der gewöhnlichen Galanterie zu ſchreiten, und vermied alle Erklärun⸗ gen unter vier Augen auf's Sorgfältigſte. Unter allen Beluſtigun⸗ gen aber, die ihm die angenehmſte Unterhaltung gewährten, ging ihm nichts über die geheime Geſchichte der Einwohner und Badegäſte, die er durch eine ſehr außerordentliche Perſon erfuhr, mit der er auf folgende Art bekannt wurde. Als er ſich an einem Beſuchtage in dem Hauſe einer gewiſſen Lady befand, fiel ihm das Ausſehen eines alten Mannes auf, der in das Zimmer trat. Kaum war er über die Schwelle, ſo erſuchte die Frau vom Hauſe einen der anweſenden Witzlinge in ſehr freundlichem Tone, den alten Gimpel aufzuziehen. Stolz auf dieſes Geſchäft, ging der Petitmaitre auf dieſen Mann los, der etwas außerordentlich Eigenes und Bedeutſames in ſeiner Geſichtsbildung hatte Er machte ——— 151 ihm verſchiedene Modebücklinge und redete ihn dann folgendermaßen an:„Euer Diener, Ihr alter Schurke! Ich hoffe, die Ehre zu haben, Euch bald an dem Galgen zu ſehen. Ich ſchwör's Euch bei Gott zu, Ihr ſeht mit Euern gummivollen Augen, Euern laternen⸗ artigen Backen und Euerm zahnloſen Maule wie ein wahrer Popanz aus! Wie, Ihr ſchielt nach den Frauenzimmern, Ihr alte verfaulte Mispel? Ja, ja, ich verſtehe Euer Geblinzel; allein Ihr müßt, hol mich, ſtraf mich! mit einer Küchenmagd vorlieb nehmen! Ihr möch⸗ tet Euch gern ſetzen, merk' ich. Eure verwelkten Schenkel ſchlottern unter ihrer Bürde; aber Ihr müßt Euch noch ein wenig gedulden, Ihr alter Satyr Ihr! In der That, Ihr müßt! Ich will verdammt ſeyn, wo ich nicht Willens bin, Euch noch ein wenig länger zu hudeln!“ Dieſe Anrede, die mit vielen Grimaſſen und Geſtikulationen gehalten wurde, kitzelte die Geſellſchaft ſo ſehr, daß ſie in ein lautes ſchallendes Gelächter ausbrach. Sie ſchoben die Schuld davon auf einen Affen, der im Zimmer an einer Kette lag. Als ſich das Ge⸗ lächter gelegt hatte, erneuerte der Witzbold ſeinen Angriff mit fol⸗ genden Worten:„Ich glaube, Ihr ſeyd thöricht genug, Euch ein⸗ zubilden, der Affe ſey Urſache an der allgemeinen Luſtigkeit geweſen. Ihr thätet am beſten, Ihr würdet ſein Hüter und Wärter. Er ge⸗ hört zu Eurer Familie, das könnt Ihr mir glauben! Das Lachen aber gehörte auf Eure Rechnung. Ihr ſolltet billig dem Himmel danken, daß er Euch ſo ridikül gemacht hat.“ Während er dieſe ſinnreichen Einfälle hervorſprudelte, bückte ſich der alte Herr wechſelsweiſe gegen ihn und den Affen, der dem Stutzer nachgrimaſſirte und ihm auch nachzuplaudern ſchien, und ſagte mit einem ſchalkhaft⸗feierlichen Geſichte:„Meine Herren, da ich nicht die Ehre habe, Ihre Complimente zu verſtehen, ſo werden ſie bei jedem Andern beſſer angebracht ſeyn.“ Indem er dieß ſagte, ſetzte er ſich nieder, und hatte das Vergnügen, das Gelächter auf ſeinen Gegner zurückfallen zu ſehen. Dieſer ward betreten und beſchämt, und verließ in wenigen Minuten das Zimmer. Beim Weggehen mur⸗ chhhcee 152 melte er:„Der alte Burſche wird, ſo wahr ich lebe, ordentlich muthwillig.“ Peregrine hatte dieſen außerordentlichen Auftritt mit ſtillſchwei⸗ gender Verwunderung angeſehen. Die Frau vom Hauſe bemerkte ſein Erſtaunen und ſagte ihm:„Der alte Mann dort iſt des Gehörs gänzlich beraubt. Er heißt Cadwallader Crabtree, und iſt ganz mi⸗ ſanthrop. Wegen ſeiner ſarkaſtiſchen Ausfälle und der lächerlichen Mißverſtändniſſe, die ſein Naturfehler veranlaßt, iſt er ſehr amüſant und deßhalb in allen Geſellſchaften wohl gelitten.“ Unſer Held durfte nicht lange auf die Beſtätigung dieſer Schilderung warten. Jeder Ausſpruch, den er that, war voller Galle. Seine Satyre beſtand nicht bloß in allgemeinen Reflerionen, ſondern in einer Reihe von Beobachtungen, die er durch das Medium einer ſehr launigen, ſonderbaren Denkungsart gemacht hatte. Unter denen, die ſich in dieſer Aſſemblee befanden, war auch ein junger Offizier, der durch mächtigen Credit eine Stelle im Unter⸗ hauſe erhalten hatte. Daher hielt er es für ſeine Pflicht, von Staats⸗ angelegenheiten zu ſprechen. Demnach tiſchte er der Geſellſchaft die Nachricht von einer geheimen Expedition auf, mit der die Franzoſen im Werke wären. Er verſicherte, er habe es aus dem Munde des Miniſters, dem ſeine auswärtigen Agenten es berichtet hätten. Er ließ ſich ſodann in eine umſtändliche Beſchreibung dieſer Ausrüſtung ein, erzählte, daß ſie zwanzig Linienſchiffe hätte, die in Breſt, mit Lebensmitteln und Mannſchaft verſehen, zum Auslaufen fertig lägen. Sie wären nach Toulon beſtimmt, wo noch eben ſo viele zu ihnen ſtoßen würden. Von da würden ſie weiter gehen, um das Projekt auszuführen, das, wie er zu verſtehen gab, ein Geheimniß ſey, von welchem man nicht plaudern dürfe. Die ganze Geſellſchaft hatte dieſe Neuigkeit vernommen, nur Crabtree ausgenommen, der durch den Verluſt ſeines Gehörs auf ſo etwas Vetzicht thun mußte. Nicht lange darauf wandte ſich eine Dame an den Cyniker, und fragte ihn mittelſt des Fingeralphabets, ob er vor Kurzem etwas Neues von beſonderem Belang gehört habe? 153 Cadwallader verſetzte mit ſeiner gewöhnlichen Höflichkeit, ob ſie ihn für einen Courier oder für einen Spion hielte, daß ſie ihn ewig mit dieſer Frage quäle. Sodann ließ er ſich weitläufig über die thörichte Neugier der Menſchen aus, die, wie er ſagte, entweder aus Müßiggang oder aus Mangel an Ideen entſpränge. Hierauf wieder⸗ holte er faſt wörtlich den Bericht des Offiziers als eine unſtatthafte lächerliche Erzählung, die ein unwiſſender Haſenfuß erfunden hätte, der ſich dadurch eine wichtige Miene geben wollte, und die nur Leute glauben könnten, welche mit dem politiſchen Syſteme der Franzoſen und ihrer Macht gänzlich unbekannt wären. Zur Beſtätigung dieſer Behauptungen bemühte er ſich, zu be⸗ weiſen, daß es dieſem Volke ſo bald nach den häufigen Verluſten im Kriege unmöglich ſey, nur den dritten Theil einer ſolchen Flotte auszurüſten. Dieſen Beweis beſtätigte er durch die feſte Verſicherung, daß die Häfen von Breſt und Toulon, wie er zuverläßig wüßte, gegenwärtig nicht ein Geſchwader von acht Linienſchiffen zuſammen⸗ bringen könnten. Als das Parlamentsglied, der den Miſanthropen gar nicht kannte, ſeine feierlichen Verſicherungen ſo verächtlich behandeln hörte, glühte es vor Schaam und Unwillen. Es erhob ſeine Stimme und begann, an jedem Gliede zitternd, ſeine Wahrhaftigkeit mit großem Eifer zu vertheidigen. Unter ſeine Beweisgründe miſchte es manche un⸗ geſtüme Schmähung gegen den Uebermuth und die ungeſittetheit ſeines vermeintlichen Gegners. Dieſer ſaß mit dem ruhigſten Geſichte da, bis des Offiziers Geduld gänzlich erſchöpft war. Jetzt vernahm er erſt zu noch größerem Aerger, wie ſein Widerpart ſo taub ſey, daß nach aller Wahrſcheinlichkeit auch ſogar die letzte Poſaune keinen Eindruck auf ſeine Gehörwerkzeuge machen würde, wenn dieſelben nicht zuvor erneuert würden. 154 Sechsundſiebenzigſtes Kapitel. Peregrine eultivirt die Bekanntſchaft mit dem Miſanthropen. Er gewinnt ſeine Gunſt und erhält zugleich auch eine flüchtige Stizze ſeiner Geſchichte. Peregrine fand an der treffenden Replik des wunderlichen Alten ſo viel Behagen, daß er dieſelbe kaum für eine zufällige halten konnte. Er betrachtete dieſen Cadwallader als die größte Merkwür⸗ digkeit, die ihm zu Geſicht gekommen war, und bewarb ſich um die Bekanntſchaft des Alten mit einem ſo einſchmeichelnden Weſen, daß er in weniger denn vierzehn Tagen deſſen Vertrauen gewonnen hatte. Als ſie eines Morgens beide auf dem Felde ſpazieren gingen, ließ ſich der Menſchenhaſſer folgendermaßen gegen ihn aus:„Obwohl wir erſt ſeit Kurzem mit einander bekannt ſind, ſo müſſen Sie doch bereits bemerkt haben, daß ich Ihnen ungewöhnliche Zeichen der Werthſchätzung gab. Ich geſtehe, das haben Sie weder Ihren per⸗ ſönlichen Vollkommenheiten noch Ihren Bemühungen zu verdanken, ſich mir gefällig zu erweiſen. Die erſten überſehe ich, und die letz⸗ tern durchſchaue ich. Allein es liegt in Ihrer Gemüthsart ein Etwas, das auf eingewurzelte Verachtung der Welt ſchließen läßt, und wie ich vernehme, ſo haben Sie ſchon viele glückliche Verſuche gemacht, den einen Theil der Menſchen dem andern zum Gelächter auszuſetzen. In dieſer Zuverſicht biete ich Ihnen meinen Rath und Beiſtand an, damit Sie noch mehrere Plane dieſer Art ausführen können. Um Sie zu überführen, daß eine ſolche Verbindung nicht zu verſchmähen iſt, gebe ich Ihnen gegenwärtig eine kurze Skizze meiner Biographie, die nach meinem Tode in ſieben und vierzig Bänden von meiner eigenen Hand erſcheinen wird. „Ich bin ungefähr vierzig Meilen weit von dieſem Orte geboren. Meine Eltern gaben meinem ältern Bruder das ganze Vermögen, weil ſie einen ſehr alten Familiennamen behaupten mußten. Daher erbte ich von meinem Vater wenig mehr, als einen anſehnlichen Theil Jähzorn, dem ich gar manche Abenteuer zu verdanken habe die eben nicht immer zu meinem Vergnügen ausſchlugen. In meinem 155 achtzehnten Jahre ward ich nach der Hauptſtadt mit einem Empfeh⸗ lungsſchreiben an einen gewiſſen Peer geſchickt. Dieſer machte Mittel ausfindig, mich ganze ſieben Jahre hindurch mit der Verſprechung einer Bedienung hinzuhalten. Doch müßt' es ſchlimm geweſen ſeyn, wenn ich nicht endlich durch meine Beharrlichkeit mein Glück gemacht hätte. Allein mein Wirth ließ mich einziehen und nach Marfhalſes bringen. Er hatte mir drei Jahre lang ereditirt, nachdem ſich mein Vater von mir, als einem faullenzeriſchen Vagabunden, losgeſagt hatte. Ich blieb daher ein halbes Jahr unter den Gefangenen, die teine andere Unterſtützung haben, als zufälliges Mitleid. Hier machte ich eine Bekanntſchaft von ſehr großem Belang, die mir in der Folge von großem Nutzen war. „Kaum war ich durch eine Parlamentsakte zum Behuf unvermö⸗ gender Schuldner auf freien Fuß geſtellt worden, ſo ging ich in die Wohnung meines Gläubigers und prügelte ihn ganz unbarmherzig durch, und, um nichts von dem zu unterlaſſen, was mir zu thun oblag, ging ich nach Weſtminſterhall. Hier wartete ich ſo lange, bis mein Patron aus ſeinem Hauſe kam. Ich begrüßte ihn mit einem Streich, der ihn ſinnlos zu Boden warf. Allein mein Rückzug war nicht ſo glücklich, als ich es wohl gewünſcht hätte. Die daſelbſt wartenden Sänftenträger und Lakaien umringten und entwaffneten mich in einem Augenblick. Ich ward nach Newgate gebracht und mit Ketten beladen. Ein ſehr ſcharfſinniger Gentleman, der nachher gehängt wurde, erklärte mich, als über meine Sache geſprochen ward für des Todes ſchuldig, und verkündigte mein urtheil in der Old⸗Baily vorher. „Sein Prognoſtikon traf aber nicht ein. Da in den nächſten Gerichtsſitzungen kein Kläger gegen mich auftrat, ſo wurde ich von den Richtern wieder freigelaſſen. Ihnen alle die Begebenheiten zu erzählen, von welchen ich ſeit dieſem Tage beträchtlichen Antheil ge⸗ habt, das läßt ſich in dem engen Raum von vier und zwanzig Stun⸗ den nicht bewerkſtelligen. Nur ſo viel: ich habe zu verſchiedenen Zeiten in allen Gefängniſſen in dem Sprengel von London geſeſſen, bin aus allen Rumorhäuſern dieſſeits Temple⸗bar gebrochen. Kein ———— 156 Gerichtsdiener durfte in den Tagen meiner Jugend und Verzweiflung ohne ein Dutzend Helfershelfer es wagen, einen Haftbefehl an mir zu vollziehen. Die Richter zitterten, wenn ich vor ſie gebracht wurde. „Eines Tages wurde ich von einem Kärrner gelähmt, mit dem ich Streit bekam, weil er über mein Lauch“ an einem St. Davids⸗ tage ſich luſtig gemacht hatte. Durch ähnliche Veranlaſſung wurde mein Hirnſchädel durch das Hackmeſſer eines Metzgers aufgeſpalten. Fünfmal bin ich durch den Leib gerannt worden, und mein linkes Ohrläppchen wurde durch eine Piſtolenkugel weggeriſſen. In einer von dergleichen Schlägereien ließ ich meinen Gegner für todt auf dem Platz liegen, und war klug genug, nach Frankreich zu flüchten. „Wenige Tage nach meiner Ankunft in Paris gerieth ich mit einigen Offizieren in ein Geſpräch über politiſche Gegenſtände. Es erhob ſich ein Streit, ich verlor dabei alle Mäßigung, und ſprach ſo unehrerbietig von dem großen Monarchen, daß ich den folgenden Morgen mittelſt eines lettre de cachet nach der Baſtille geſchleppt wurde. Dort blieb ich einige Monate ohne den mindeſten Verkehr mit vernünftigen Geſchöpfen. Ein Umſtand, der mir gar nicht un⸗ lieb war, weil ich dadurch mehr Zeit gewann, Plane der Rache gegen den Tyrannen zu entwerfen, der mich eingeſperrt, und gegen den elenden Buben, der mein Privatgeſpräch verrathen hatte. Endlich aber ward ich dieſer fruchtloſen Spekulation überdrüſſig und ſah mich genöthigt, meine ernſthaften Gedanken durch den Umgang mit einigen fleißigen Spinnen aufzuheitern, die meinen Kerker mit ihren künſtlichen Arbeiten ausſchmückten. „Ich betrachtete ihr Werk mit ſolcher Aufmerkſamkeit, daß ich ein Adept in dem Geheimniſſe des Webens ward, und mir ſo manche nützliche Bemerkungen und Betrachtungen über dieſe Kunſt ſammelte, daß es einen ganz ſonderbaren Traktat ausmachen wird, den ich der königlichen Soeietät zum Behuf unſerer Wollmanufacturen vermachen will, mehr aus der Abſicht, meinen Namen zu verewigen, als mei⸗ * An einem St. Davidstage. In England pflegt man an dieſem Tage etwas Lauch an dem Hute zu tragen. 157 nem Vaterlande zu dienen. Denn dem Himmel ſey Dank, ich habe mich von allen dergleichen Anhänglichkeiten losgemacht, und ſehe mich als einen Menſchen an, der gegen jede Geſellſchaft, wer ſie auch ſeyn mag, ſehr wenig Verbindlichkeiten hat. „Wiewohl ich mit unumſchränkter Gewalt über die langbeinigen Bürger meines Staats herrſchte, und jedem nach Verdienſt entweder Belohnungen oder Strafen austheilte, ſo machte mich endlich doch meine Lage ungeduldig. Eines Tages behielt meine natürliche Ge⸗ müthsbeſchaffenheit die Oberhand, wie ein lange verhaltenes Feuer. Ich ließ meinen ganzen Grimm an meinen unſchuldigen Unterthanen aus, und in einem Augenblick war das ganze Geſchlecht aufgerieben. Gerade als ich mit dieſem allgemeinen Gemetzel beſchäftigt war, öffnete der Kerkermeiſter, der mir das Eſſen brachte, die Thür. Als er dieſe Ausbrüche der Wuth erblickte, zuckte er die Achſeln, ſetzte meine Ration hin und ging mit den Worten hinaus: Le pauvre diable! la téte lui tourne! „Kaum hatte ſich meine Wallung gelegt, als ich die Einbildung des Kerkermeiſters zu nutzen beſchloß. Von dieſem Tage an ſtellte ich mich wahnſinnig, und das mit ſo gutem Erfolg, daß ich binnen einem Vierteljahre aus der Baſtille befreit und auf die Galeere ge⸗ ſchickt wurde. Hier, glaubte man, könne mein noch rüſtiger Körper Dienſte thun, wenn gleich meine Seelenkräfte hinfällig geworden wären. Ehe man mich an das Ruder anſchloß, gab man mir drei⸗ hundert Streiche zum Willkommen, um mich geſchmeidiger zu machen, wiewohl ich mich aller Gründe bediente, die nur in meiner Macht ſtanden, um ſie zu überzeugen, ich ſey nur toll bei Nord oder Nord⸗ weſt. Wenn der Wind aus Süden blieſe, könnte ich einen Falken ſehr wohl von einem Kirchthurm unterſcheiden. Bei unſerer zweiten Kreuzfahrt hatten wir das Glück von einem Sturm überfallen zu werden. Die Ruderſklaven wurden während deſſelben losgeſchloſſen, um zu Erhaltung der Galeere mehr beizutra⸗ gen, und im Fall eines Schiffbruchs ſich durch irgend einen Glücks⸗ fall das Leben retten zu können. Kaum waren wir in Freiheit, als — 158 wir uns des Schiffs bemeiſterten, die Offiziere plünderten, und es zwiſchen Felſen an der Küſte von Portugal ſtranden ließen. Von da eilte ich nach Liſſabon, in der Abſicht, mit einem Schiffe, das nach England wollte, dahin abzuſegeln. Denn meine Sache daſelbſt, hoffte ich, ſollte vergeſſen ſeyn. „Doch bevor ich dieß bewerkſtelligen konnte, führte mich ein böſer Genius in eine Geſellſchaft, wo ich mich berauſchte, und ſodann Grundſätze über Religionsmaterien auf die Bahn brachte, an denen einige von den Anweſenden ein Aergerniß nahmen, und wodurch ſie ſehr zum Zorn gereizt wurden. Am folgenden Morgen wurde ich von den Beamten der Inquiſition aus dem Bette geholt und in eine Zelle des Gefängniſſes gebracht, das dieſem Richterſtuhl zugehört. „Bei meinem erſten Verhör war meine Erbitterung ſtark genug, mich während der Tortur zu unterſtützen. Ich erduldete ſie ganz unverzagt. Aber meine Entſchloſſenheit ſank, und mein Eifer kühlte ſich ſogleich ab, als ich von einem Mitgefangenen, der auf der andern Seite dieſes Verſchlags ſaß, vernahm, daß in Kurzem ein Autodafé ſtattfinden und ich aller Wahrſcheinlichkeit nach zum Feuer verdammt werden würde, wenn ich meinen ketzeriſchen Irrthümern nicht entſagte, und mich nicht einer ſolchen Strafe unterwürfe, als die Kirche mir vorzuſchreiben für gut finden würde. „Dieſer unglückliche Menſch war überführt worden, daß er heim⸗ lich dem jüdiſchen Glauben gehuldigt hätte. Man ſah ihm manche Jahre dabei durch die Finger, bis er ein Vermögen zuſammengebracht hatte, das hinlänglich war, die Aufmerkſamkeit der Kirche auf ſich zu ziehen. Jetzt ſollte er als ihr Schlachtopfer fallen. Er bereitete ſich demnach zum Holzſtoß; ich aber, den nach der Märtyrerkrone nicht im Geringſten gelüſtete, beſchloß, mich in die Zeit zu ſchicken. Folg⸗ lich widerrief ich, als ich zum zweiten Verhör gebracht wurde, feier⸗ lichſt. Da ich kein anſehnliches Vermögen hatte, das meiner Rettung entgegen geweſen wäre, ſo ward ich wieder in den Schvoß der Kirche aufgenommen, und es wurde mir zur Buße auferlegt, baarfuß in Pilgerkleidern nach Rom zu pilgern. 159 „Auf meiner Wanderung durch Spanien wurde ich als Spivn angehalten, bis ich von der Inquiſition zu Liſſabon Beglaubigungs⸗ ſchreiben erhalten hatte. Während der Zeit betrug ich mich mit ſolcher Entſchloſſenheit und Bedachtſamkeit, daß man mich, als ich wieder auf freiem Fuße war, für geſchickt hielt, an einem gewiſſen Hofe einen geheimen Kundſchafter abzugeben. Dieſen Poſten nahm ich ohne alles Bedenken an. Man verſah mich mit Geld und Kredit⸗ briefen. Ich ging über die Pyrenäen in der Abſicht, mich an den Spaniern für die Strenge zu rächen, womit ſie mich während meiner Gefangenſchaft behandelt hatten. „Zu dem Ende verkleidete ich mich, legte einen andern Anzug an und ein großes Taftpflaſter auf das eine Auge. Ich miethete mir eine Equipage und erſchien in Bologna als ein reiſender Arzt. Es gelang mir damit leidlich, bis meine Leute in einer Nacht mit allen meinen Sachen durchgingen und mich in Adams Zuſtand hinterließen. „Mit Einem Worte, ich bin den größten Theil von Europa als Bettler, Pilgrim, Prieſter, Soldat, Spieler und Quackſalber durch⸗ reist, habe mich auf den beiden äußerſten Stufen des Elendes und des Ueberfluſſes befunden, habe alle Unfreundlichkeiten, allen Wechſel des Wetters ausgeſtanden und die Erfahrung gemacht, daß die Men⸗ ſchen ſich überall gleich ſind, daß über gemeinen Menſchenverſtand und Tugend Thorheit und Laſter ein unendliches Uebergewicht behal⸗ ten, und daß es mit dem Leben, ſey es auch noch ſo gut, ein arm⸗ ſeliges Ding iſt. „Nachdem ich unzählige Bedrückungen, Gefahren und Wider⸗ wärtigkeiten ausgeſtanden hatte, kehrte ich nach London zurück, wo ich einige Jahre in einem Dachſtübchen wohnte, und mir einen Unter⸗ halt ſo gut als möglich dadurch erwarb, daß ich auf einer Schecke durch die Straßen zog und Purganzen verkaufte. In dieſer Situation hielt ich an den Pöbel Anreden in gebrochenem Engliſch, unter dem Vorwande, daß ich ein deutſcher Arzt ſey. „Endlich ſtarb ein Oheim, von dem ich dreihundert Pfund jähr⸗ licher Einkünfte erbte. Bei ſeinem Leben würde er nicht einen Sir⸗ 160 pence ausgegeben haben, um meine Seele oder meinen Leib vom Untergang zu retten. 5 „Nunmehr erſcheine ich in der Welt nicht als Mitglied irgend einer Gemeinde, oder was man ein geſelliges Geſchöpf nennt, ſondern bloß als Zuſchauer, der ſich an den Fratzengeſichtern eines Pickel⸗ herings beluſtigt und ſeinem Spleen ein köſtliches Mahl auftiſcht, wenn er ſeine Feinde ſich herumbalgen ſieht. Damit ich nun ohne alle Störung, Gefahr und Theilnahme mich an dieſem Schauſpiel weiden kann, ſtelle ich mich taub. Ein Mittel, wodurch ich nicht nur allen Streitigkeiten und deren Folgen entgehe, ſondern auch zu dem Beſitz von tauſend kleinen Geheimniſſen gelange, die man einander täglich in meiner Gegenwart ſich zuwiſpert, ohne daß man auf den mindeſten Verdacht geräth, behorcht zu werden. Sie wiſſen, wie ich neulich den ſeichten Politiker bei Lady Plauſible handhabte. Auf gleiche Art verfahre ich mit dem verrückten Tory, dem bigotten Whig, dem mürriſchen und ſtolzen Pedanten, dem muthwilligen Kunſtrichter, der großprahleriſchen Memme, dem kriechenden Scharwenzel, dem un⸗ verſchämten Zierbengel, dem pfifſigen Spieler und mit allen den andern Arten von Schurken und Thoren, an welchen unſer Königreich einen Ueberfluß hat. „Vermöge meines Ranges und Charakters habe ich bei allen Frauenzimmern freien Zutritt. Sie haben mir den Namen„ſkanda⸗ löſe Chronik“ gegeben. Da ſie mich, ſo lange ich ſtillſchweige, nicht anders betrachten, als einen Fußſchemel oder Lehnſtuhl, ſo legen ſie in ihren Unterredungen alle Zurückhaltung gegen mich ab, und mein Gehörſinn wird mit gar ſeltſamen Dingen bewirthet. Könnte ich's über mich gewinnen, der Welt das Vergnügen zu machen, ſo würde ſie ein gar ſeltenes Werk von Geheimgeſchichte erhalten, und gewiſſe Perſonen aus einem andern Geſichtspunkte kennen lernen, als ſie ihr jetzt gemeiniglich erſcheinen. „Hieraus werden Sie zur Genüge abnehmen können, junger Herr, daß es in meiner Macht ſteht, ein ſchätzbarer Zuträger zu ſeyn, und duß es nur zu Ihrem Vortheil gereichen kann, mein Vertrauen zu verdienen.“