Tobias Smollet's 4 humvriſtiſche Nomane. Meunter Pand. Enthält: Peregrine Pickle. IM. . Stuttgart. Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1841. Peregrine Pickle. Roman von Tobias Smvllet. Aus dem Engliſchen ü berſetzt von E. Ortlepp. e d Stuttgart. Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1841. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Peregrine wird von ſeinem Oheim zurückgerufen. Fortdauernder Haß ſeiner Mutter. Gamaliel Pickle's Schwäche. Laſſen wir jedoch dieſe Reflerionen und kehren wieder zu unſerem Peregrine zurück, welcher von ſeinem Oheim die Einladung erhielt, zu ihm zu kommen, in deren Folge er, ſchon nach wenig Tagen, mit Joltern und Pips im Caſtell erſchien, das durch ſeine Ankunft mit Freude und Jubel erfüllt wurde. Die Veränderung, die ſich während ſeiner Abweſenheit mit ſeiner Perſon zugetragen, war ſeinem. Aeußern ſehr vortheilhaft geweſen. Aus dem hübſchen Knaben war ein ſehr reizender Jüngling gewor⸗ den. Er war ſchon länger, als ein Mann von nittlerer Größe zu ſeyn pflegt; ſein Wuchs hatte ſich geſetzt, ſeine Miene verbeſſert; er war muskulös und ſeine ganze Figur ſo elegant und graziös, als ob er mit dem Apoll von Belvedere in Einer Form geweſen wäre. Eine ſolche Außenſeite mußte nothwendig die Leute zu ſeinem Vortheile einnehmen. So günſtige Nachrichten der Commodore auch in Betreff von Peregrine's Perſon erhalten hatte, ſo fand er dennoch ſeine Erwartung bei weitem übertroffen, und er gab dieß durch die lebhafteſten Ausdrücke zu verſtehen. Peregrine's artiges Betragen 6 machte auf Miſtriß Truunion Eindruck. Sie empfing ihn mit nicht gewöhnlichen Zeichen des Wohlgefallens und der Gewogenheit. Alle Nachbarn überhäuften ihn mit Liebköſungen. Indem ſie aber ſeine Vollkommenheiten bewunderten, konnten ſie ſich nicht erwehren, ſeine bethörte Mutter zu bemitleiden, die ſich ſelbſt des unausſprechlichen Vergnügens beraubte, das jede andere Mutter in dem Anſchauen eines ſo liebenswürdigen Sohnes würde gefunden haben. Mehrere Wohlgeſinnte gaben ſich die wiederholte Mühe, dieſes unnatürliche Vorurtheil, wo nur irgend möglich, zu bekämpfen. Statt aber dies Uebel zu heilen, entzündeten ſie es nur noch mehr, und Miſtriß Pickle konnte nie dahin gebracht werden, ihm das geringſte Merkmal mütterlicher Zärtlichkeit zu erkennen zu geben. Vielmehr artete ihr urſprünglicher Widerwille zu einem ſo eingewurzelten Haſſe aus, daß ſie nichts in der Welt unverſucht ließ, ihrem unſchuldigen Kinde die Neigung des Commodore zu entziehen. Zu dem Ende ſprengte ſie die boshafteſten Verläumdungen gegen daſſelbe aus. Tag⸗ täglich mißhandelte ſie die Ohren ihres Gatten mit einen ſelbſtge⸗ ſchmiedeten Beiſpiel von Peregrine's Undankbarkeit gegen ſeinen Oheim; denn ſie wußte, daß der Commodore es noch an demſelben Abend wieder erfahren würde. ₰ Demnach pflegte der alte Pickle ihm in ihrem Clubb zu erzählen, wie ſein hoffnungsvoller Liebling ihn in der oder jener Geſellſchaft lächerlich gemacht, und bei einer andern Gelegenheit ſeiner Gemahlin einen Schandfleck angehängt habe. Kurz, er kramte alle die Schänd⸗ lichkeiten aus, die der erfinderiſche Geiſt ſeiner Gattin ausgebrütet hatte. Zum Glück für Peregrine gab der Commodore nicht viel auf dieſe Eröffnungen, weil er den Kanal zu gut kannte, aus welchem dieſe Nachrichten floſſen. Ueberdieß hatte unſer Jüngling einen treuen Freund in dem Lieutenant Hatchway, der ihn gegen jede un⸗ rechtmäßige Anklage vertheidigte, und immer Gründe genug fand, die Behauptungen ſeiner Widerſacher glorreich zu widerlegen. Allein wenn auch Trunnion gegen die Grundſätze des jungen 7 Herrn Verdacht gehabt hätte, und gegen die Gründe des Lieutenants taub geweſen wäre, ſo hatte Peregrine dennoch ein Bollwerk, ſtark genug, ihn gegen alle dergleichen Anfälle zu vertheidigen. Dieß war ſeine Tante ſelbſt. Man hatte bemerkt, daß deren Achtung gegen ihn in eben dem Maaße ſtieg, als die Achtung der Mutter ſank; und höchſt wahrſcheinlich hatte man die Zunahme der einen der Ab⸗ nahme der andern zu danken. Denn die beiden Damen beobachteten mit größter Höflichkeit die Pflichten der Nachbarſchaft gegen einander, und im Herzen haßten ſie ſich ganz chriſtlich. Miſtriß Pickle hatte der Glanz der neuen Equipage ihrer Schwä⸗ gerin äußerſt verdroſſen, und ſeit der Zeit gab ſie ſich die äußerſte Mühe, wo ſie nur hinkam, die Geſellſchaft mit beſonderen Spöttereien über die Schwachheiten der armen Frau zu beluſtigen. Miſtriß Trun⸗ nion ergriff die erſte beſte Gelegenheit zu Repreſſalien, und zog über das unnatürliche Betragen ihrer Schwägerin gegen ihr leibliches Kind los. Dieſes Streites wegen ward Peregrine von der einen Seite eben ſo ſehr geliebt, als von der andern verabſcheut, und es wäre das ſicherſte Mittel geweſen, ihn um alle Vortheile beim Commodore zu bringen, wenn man ſich im väterlichen Hauſe geſtellt hätte, als wollte man ſich ſeiner annehmen. Dieſe Muthmaßung, ſey ſie nun gegründet oder nicht, ſo iſt doch inſoweit gewiß, als dieſes Experiment nicht verſucht wurde, und Peregrine daher nicht Gefahr lief, in Un⸗ gnade zu fallen. Der Commodore, der ſich(und das mit Recht) das ganze Verdienſt der Erziehung des jungen Menſchen zuſchrieb, war über die von ihm gemachten Fortſchritte ſo vergnügt, als wenn er wirklich ſein Sprößling geweſen wäre; ja bisweilen erſtieg ſeine Neigung zu ihm ſolche Höhe von Begeiſterung, daß er ſich einbildete, Peregrine ſey in der That eine Kraft ſeiner Lenden. So gut aber auch unſer Held bei ſeinem Oheim und bei ſeiner Baſe angeſchrieben war, ſo fühlte er doch das Unrecht, das er durch die wunderliche Grille ſeiner Mutter erlitt, höchſt ſchmerzlich; und wenn ihn gleich ſein heiteres Temperament hinderte, ſich mit dieſen Gedanken herum⸗ 8 zuſchlagen, ſo mußte er doch nothwendig einſehen, daß er ſich in einer ſehr unangenehmen Lage beſinden würde, wenn ein plötzlicher Zufall ihm den Commodore raubte. Durch dieſe Betrachtung be⸗ gleitete er eines Tages ſeinen Oheim in den Clubb und wurde ſeinem Vater vorgeſtellt, ohne daß der würdige alte Herr von ſeiner Ankunft den geringſten Wink erhalten gehabt hätte. Nie war Gamaliel durch irgend einen Vorfall ſo außer aller Faſſung geſetzt worden, als durch dieſen. Seine Gemüthsverfaſſung erlaubte es ihm nicht, etwas zu thun, das ſeine Ruhe im mindeſten hätte ſtören, oder ihn um ſeine Abendluſt bringen können, und die Furcht vor ſeiner Frau war bei ihm ſo mächtig, daß er es nicht wagte, ſich ſeinem friedlichen Humor zu überlaſſen, und ſeine Nei⸗ gung hielt ſich, wie ſchon bemerkt worden, völlig neutral. Zwiſchen ſo verſchiedenen Beweggründen ſchwankte er, als Peregrine ihm vor⸗ geſtellt wurde; er ſaß daher ſtill und in tiefen Gedanken, als wenn er die Anrede nicht verſtanden hätte, oder nicht hätte verſtehen wollen. Und als der junge Mann ihn auf's Rührendſte bat, ihn wiſſen zu laſſen, wodurch er ſich ſein Mißfallen zugezogen habe, und wegen einer Erklärung in ihn drang, ſo antwortete er ihm in einem mür⸗ riſchen Tone:„Ja, Kind, was wollt ihr denn, daß ich thun ſoll? Eure Mutter kann euch nicht leiden.“—„Wenn meine Mutter ſo un⸗ gütig, ich will nicht ſagen unnatürlich iſt,“ verſetzte Peregrine, dem Thränen des Unwillens in den Augen ſtanden,„mir ihren Anblick und ihre Gewogenheit zu entziehen, ohne eine Urſache anzugeben, ſo hoffe ich, werden Sie nicht ſo ungerecht ſeyn, dieſes barbariſche Vorurtheil mit ihr zu theilen.“ Ehe Pickle Zeit hatte, auf dieſen Vorwurf, auf den er gar nicht gefaßt war, zu antworten, legte ſich der Commodore dazwiſchen und verſtärkte die Vorſtellungen ſeines Lieblings dadurch, daß er zu Sir Gamaliel ſagte: er ſchäme ſich, wenn er einen Mann ſich ſo jämmer⸗ lich hinter den Unterrock ſeiner Frau verkriechen ſehe.„Ich, meines Theils,“ fuhr er mit ſtärkerer Stimme fort, und nahm einen wichtigen, 9 gebieteriſchen Blick an,„ehe ich leiden wollte, daß irgend ein Weibs⸗ bild in der ganzen Chriſtenheit mich vor allem Wind und Wetter h'rum ſteuerte, eh'r wollt ich ja'nen ſolchen Orkan vor ihren Ohren erregen, daß——“ Hier unterbrach ihn Hatchway, der ſeinen Kopf lauſchend an der Thüre hielt.„Aha!“ rief er aus,„da kommt Ihre Frau Gemahlin, um uns zu beſuchen.“ Sogleich änderten ſich Trun⸗ nions Geſichtszüge. Furcht und Betroffenheit nahmen im Geſichte Platz, ſeine Stimme ſank aus dem Poſaunenton in ein leiſes Flü⸗ ſtern herab.„Wahrlich, Ihr müßt Euch irren, Jack!“ wiſperte er, und in größter Verlegenheit wiſchte er ſich den Schweiß ab, der bei dieſem blinden Lärmen aus ſeiner Stirne hervorgebrochen war. Nach⸗ dem ihn der Lieutenant ſolchergeſtalt für ſeine Großprahlerei beſtraft hatte, ſagte er zu ihm mit ſchalkhaftem Lächeln:„Der Ton der äußern Thüre, die auf ihren Angeln geknarrt habe, hätte ihn ge⸗ täuſcht, und er habe ihn aus Verſehen für Miſtriß Trunnions Stimme gehalten, und er wünſche, daß er in ſeinen Ermahnungen gegen Sir Pickle fortführe.“ Es iſt nicht in Abrede zu ſtellen, daß des Commodore's Uebermuth ein wenig übel angebracht war; denn er war in der That in allem Betracht der Herrſchaft ſeines Weibes ſo ſehr unterthan, als der Mann, deſſen Unterwürſigkeit er zu verdammen wagte. Doch war ein Unterſchied zwiſchen ihnen, der aus ihrem Charakter entſprang. Trunnion war unterwürfig wie ein Bär, mit untermiſchten Anfällen von Trotz und Wuth; Pickle hingegen trug ſein Joch wie ein Ochs ohne Murren. Sonach war es kein Wunder, wenn Gamaliel bei ſeiner Indolenz, Schläfrigkeit und ſtockendem Temperamente unfähig war, den Gründen und Nöthigungen ſeiner Freunde zu widerſtehen. Er ergab ſich endlich, fand ihre Erinnerung billig, nahm ſeinen Sohn bei der Hand, und verſprach ihm für die Zukunft ſeine väterliche Liebe und ſeinen väterlichen Schutz. Doch von langem Beſtand war dieſer löbliche Entſchluß nicht. Miſtriß Pickle, die ſtets an ſeiner Standhaftigkeit zweifelte und über 10 ſeinen Umgang mit dem Commodore eiferſüchtig war, unterließ nie, ſich jede Nacht nach den Geſprächen zu erkundigen, die im Clubb vorgefallen waren, und den Nachrichten gemäß, die ſie einzog, ihre Ermahnungen einzurichten. Er war daher kaum wohlbehalten in's Bett gekommen(den gewöhnlichen Ort zu den Vorleſungen der Ehefrauen über den Pöbel), als ſie ihn zu katechiſiren begann, und ſie bemerkte ſogleich etwas Widerſpenſtiges und Zweideutiges in den Antworten ihres Mannes. Durch dieſe Entdeckung angeſpornt, be⸗ diente ſie ſich ihrer Macht und ihrer Erfahrenheit mit ſolchem Er⸗ folg, daß ſie die geſtrige Begebenheit mit allen Umſtänden von ihm herausholte. Sie las ihm hierauf ſehr ſcharf den Tert wegen ſeiner Einfalt und Unbedachtſamkeit, und brachte ihn dann ſo weit, daß er verſprach, den folgenden Tag Alles, was er aus Milde bewilligt ge⸗ habt habe, zu widerrufen, und dem ruchloſen Gegenſtande ihres Miß⸗ fallens auf ewig zu entſagen. Dieß wurde dann pünktlich in einem Brief an den Commodore erfüllt, den die Miſtriß ihrem Manne diktirte, und der folgendermaßen lautete: Sir! 2 Da geſtern Abend meine Gutherzigkeit gemißbraucht ward, ſo, daß ich mich überreden ließ, dem laſterhaften jungen Menſchen, deſſen Vater ich zu ſeyn das Unglück habe, meinen Schutz, und, ich weiß nicht mehr was noch ſonſt zu verſprechen, ſo bitte ich Sie; zu beachten, daß ich meinen Schutz und alle meine Verſprechungen zurück nehme, und denjenigen künftig nicht für meinen Freund an⸗ ſehen werde, der mich weiter mit dieſer Angelegenheit beläſtigt. Ich bin, Sir, der Ihrige Gamaliel Pickle. 11 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Trunnion wird über Gamaliel Pickle's Betragen wüthend. Peregrine'n geht die Ungerechtigkeit ſeiner Mutter ſehr nahe. Er ſchreibt ihr darüber ganz unumwunden ſeine Meinung. Man ſchickt ihn auf die Univerſität Orford, wo er ſich als einen unternehmenden Kopf auszeichnet. Unbeſchreiblich waren die Ausbrüche der Wuth, in welche Trun⸗ nion über dieſe ungereimte Entſagung Pickle's gerieth; er zerriß den Brief mit ſeinen Kinnladen(Zähne hatte er nicht mehr) und ſpuckte unter grimmigen Geberden aus, zum Zeichen der Verachtung gegen den Schreiber deſſelben. Er verfluchte ihn nicht nur als einen lau⸗ ſigen, ſchäbigen, krätzigen, heimtückiſchen, tölpeligen Schmutzbart, ſondern beſchloß noch, ihn auf Kraut und Loth, oder auf den Degen herauszufordern. Von dieſer heftigen Maßregel ward er jedoch durch den Lieutenant und Jolter'n abgebracht, die ihn durch die Vorſtellung beſchwichtigten, daß dieſe Botſchaft nur ein Beweis von der Schwäche des armen Mannes ſey, und daß er deßhalb mehr Mitleid als Strafe verdiene. So leiteten ſie den Strom ſeines Unwillens gegen Gamaliels Frau, auf die er dann nach Herzensluſt ſchimpfte. Auch Peregrine ſelbſt konnte dieſe ſchmachvolle Erklärung nicht mit Geduld ertragen. Kaum hatte Hatchway ihn hievon völlig unterrichtet, als er eben ſo beſtürzt als erbittert auf ſein Zimmer eilte, und in der erſten Hitze folgende Epiſtel abfaßte, die er ſofort abſchickte: Madame! Wenn die Natur einen Popanz aus mir gemacht, und mir eine eben ſo laſterhafte Seele eingehaucht hätte, als ſcheußlich mein Körper dann ſeyn würde, ſo möchte ich mich vielleicht beſonderer Beweiſe Ihrer Gewogenheit und Ihres Beifalls zu erfreuen haben. Denn Sie verfolgen mich, wie ich ſehe, aus keinem andern Grunde mit ſo 12 unnatürlichem Abſchéu, als weil ich am Körper ſowohl als an der Seele ſo ſehr von jenem mißgeſtalteten Zwerge verſchieden bin, welcher der alleinige Gegenſtand Ihrer Zärtlichkeit und Fürſorge iſt. Kann ich nur unter dieſer Bedingung ihre Gunſt erlangen, ſo bitte ich Gott, daß Sie nie aufhören mögen zu haſſen Madame Ihren ſchwer gekränkten Sohn Peregrine Pickle. Dieſer Brief, der ſich durch nichts als durch die Leidenſchaft und Unerfahrenheit des Jünglings entſchuldigen ließ, verfehlte natür⸗ lich nicht, ſeine Wirkung auf die Mutter zu äußern. Sie raste, ſie ſchäumte vor Wuth gegen deſſen Verfaſſer, obwohl ſie zu gleicher Zeit das Ganze für eine Frucht von dem Privathaſſe der Miſtriß Trunnion anſah. Sie ſtellte es ihrem Gemahl als eine Beſchimpfung vor, die er ſeiner Ehre wegen ahnden, und wegen deren er allen Umgang mit dem Commodore und deſſen Familie abbrechen müſſe. Eine bittere Pille für den armen Gamaliel. Eine lange Reihe von Jahren hatte ihn dermaßen an Trunnions Geſellſchaft gewöhnt, daß er ſich eben ſo gern hätte ein Glied abnehmen laſſen, als er mit Einemmal dem Clubb entſagt hätte. Er nahm ſich daher das Herz, ihr vorzuſtellen, er ſey nicht im Stande, ihren Rath zu befolgen, und bat ſie, ihm wenigſtens zu erlauben, den Umgang nach und nach aufzugeben. Dabei betheuerte er, daß er ſich beſtreben wolle, ihr in allen Stücken genug zn thun. Mittlerweilen waren die Anſtalten zu Peregrine's Abreiſe nach der Univerſität getroffen worden. In wenig Wochen reiste er dahin ab, im ſiebenzehnten Jahre ſeines Alters und in Begleitung derſel⸗ ben Perſonen, die mit ihm in Wincheſter geweſen waren. Sein Oheim hatte es ihm auf die Seele gebunden, die Geſellſchaft un⸗ züchtiger Frauenzimmer zu meiden, mit allem Fleiß ſeine Studien zu verfolgen, und ihm, ſo oft er nur Zeit hätte, von ſeinem Wohl⸗ 13 befinden Nachricht zu geben. Er hatte ihm jährlich fünfhundert Pfund ausgeſetzt. Das Honorar des Hofmeiſters, welches den fünften Theil der Summe betrug, war hierunter mit einbegriffen. Die Vorſtellung, was für eine Figur er mit einer ſo artigen Summe ſpielen könnte, deren Verwendung und Eintheilung ſeiner Willkür anheimgeſtellt war, hatte das Herz unſeres jungen Herrn mit Freude erfüllt. Während der Reiſe, die er in zwei Tagen zurück⸗ gelegt hatte, unterhielt ihn ſeine Einbildungskraft mit den angenehm⸗ ſten Bildern. Er ward in Oxford dem Oberhaupte des Collegiums vorgeſtellt, mit feinen Zimmern verſehen, als Gentleman Commoner eingeſchrieben, und ihm ein einſichtsvoller Lehrer beigegeben. Statt zum Studium der griechiſchen und lateiniſchen Sprache zurück zu kehren, in welchem er ſich ſchon hinlänglich feſt glaubte, erneuerte er ſeine Bekanntſchaft mit einigen alten Schulkameraden, die er in gleicher Lage fand, und ließ ſich von dieſen in alle Modevergnügungen des Ortes einweihen. Sehr bald zeichnete er ſich durch ſeinen Witz und guten Humor aus, mit welchem er den luſtigen Brüdern auf der Univerſität ſo willkommen war, daß ſie ihn in ihr Collegium aufnahmen. Es dauerte nicht lange, ſo war er der Angeſehenſte unter ihnen; nicht etwa daß er auf das Talent ſtolz geweſen wäre, der ſtärkſte Tabak⸗ raucher und der größte Biertrinker zu ſeyn. Dieſe Eigenſchaften waren zu plumper Art, um ſeinen verfeinerten Ehrgeiz zu feſſeln. Auf ſein Talent zu Spöttereien, auf ſein Genie, auf ſeinen Geſchmack, auf ſeine perſönlichen Vollkommenheiten und auf ſein Glück in In⸗ triken, bloß darauf bildete er ſich etwas ein. Seine Ereurſionen beſchränkten ſich nicht auf die kleinen Dörfer in der Nachbarſchaft, welche die Studenten gewöhnlich in der Woche einmal aus ſinnlicher Ergötzung zu beſuchen pflegten. Er hielt ſich ſeine eigenen Pferde, durchſtreifte die ganze umliegende Gegend nach Luſtpartieen, wohnte allen Wettrennen bei, die in einem Bezirk von fünfzig Meilen um Orford gehalten wurden, und machte häufige 14 Ausflüchte nach London, wo er in manchem Vierteljahre die meiſte Zeit über gar ſehr incognito lebte. Die Geſetze der Univerſität waren viel zu ſtreng, als daß ſich ein Jüngling von ſeinem lebhaften Temperamente an dieſelben hätte binden ſollen. Dieß machte ihn denn gar bald mit dem Prorektor bekannt. Doch alle die Verweiſe, die er bekam, vermochten nicht, ihn in ſeiner Laufbahn zurückzuhalten. Er beſuchte Weinhäuſer und Caffeeſchenken, durchjubelte um Mitternacht die Straßen, und verſpottete und beſchimpfte die ganze ſittſame und friedfertige Klaſſe der Studenten; ſelbſt die Lehrer waren ihm nicht heilig und entgingen den Geißel⸗ hieben ſeiner Satyre nicht. Er verlachte ſeine Obrigkeit und ver⸗ nachläßigte alle akademiſchen Geſetze. 62 Vergebens ſuchte man durch Geldſtrafen ſeinen Ausſchweifun⸗ gen Einhalt zu thun; freigebig bis zur Verſchwendung, wie er war, bezahlte er ſie ohne Widerrede. Dreimal ſtieg er mittelſt einer Leiter bei einem Kaufmann in's Fenſter, mit deſſen Tochter er eine Lieb⸗ ſchaft hatte; eben ſo oft ſah er ſich genöthigt, ſeine Sicherheit durch einen jähen Sprung zu ſuchen; und in einer Nacht wäre er höchſt wahrſcheinlich als Opfer eines Hinterhalts gefallen, den ein Vater ihm gelegt hatte, wäre ſein treuer Knappe Pips ihm nicht männlich zu Hülfe gekommen, und hätte ihn aus den Händen ſeiner Feinde erlöst. Mitten unter dieſen Erceſſen verſuchte Jolter, der ſeine Ermah⸗ nungen verachtet und ſein Anſehen gänzlich vernichtet ſah, ſeinem Mündel dieſe ausſchweifende Lebensart dadurch abzugewöhnen, daß er deſſen Aufmerkſamkeit auf löblichere Beſchäftigungen lenkte. Zu dieſem Ende führte er ihn in einen politiſchen Clubb ein, worin auch verſchiedene Lehrer und Hofmeiſter waren. Man nähm Pere⸗ grine'n hier mit großen Achtungsbezeugungen auf, richtete ſich mehr, als zu erwarten ſtand, nach ſeiner jovtalen Gemüthsart; und indeß man an Verbeſſerungsplanen des Staats arbeitete, drang man mit ſolchem Eifer auf die Erfüllung dieſer Entwürfe, daß, ehe man „ 15 auseinander ging, die patriotiſchen Sorgen ganz vom Weine wegge⸗ ſchwemmt waren. Obgleich Peregrine die Grundſätze dieſer Herren nicht billigte, ſo beſchloß er dennoch, eine Zeitlang ſich zu dieſer Geſellſchaft zu halten, denn er fand in den Charakteren dieſer enthuſiaſtiſchen Quer⸗ köpfe ein reiches Feld für ſeine Mediſance. Es war ihr täglicher Brauch, in ihren mitternächtlichen feierlichen Verſammlungen ſo volle Züge aus dem Quell der Begeiſterung zu ſchöpfen, daß ſich ihre Myſterien gewöhnlich mit Bacchanalien endeten. Sehr ſelten waren ſie im Stande, das feierliche Dekorum zu behaupten, das die Meiſten von ihnen amtshalber beobachten mußten. Nun fand Peregrine's ſatyriſche Laune nie beſſere Befriedigung, als wenn er Gelegenheit hatte, gravitätiſche Perſonen in lächerliche Attütiden zu verſetzen. Demzufolge legte er ſeinen neuen Verbündeten einen boshaften Fall⸗ ſtrick, in den ſie glücklich hinein geriethen. In einer ihrer mitternächtlichen Verſammlungen fachte er durch ſeine angenehmen launigen Einfälle, die ausdrücklich gegen ihre poli⸗ tiſchen Gegner gerichtet waren, einen ſolchen Geiſt zu jubeln unter ihnen an, daß ſie ſchon um zehn Uhr insgeſammt bereit waren, den ausſchweifendſten Vorſchlägen beizutreten, die man ihnen nur thun konnte. Auf ſein Angeben zerſchmiſſen ſie die Gläſer, und tranken aus ihren Schuhen, Kappen und aus Böden der vor ihnen ſtehenden Leuchter Geſundheiten, bisweilen mit einem Fuße auf dem Stuhl und einem Knie auf der Ecke des Tiſches; und wenn ſie dieſe Stel⸗ lung nicht länger aushalten konnten, ſo ſetzten ſie ſich mit blankem Hintern auf den kalten Fußboden. Sie ſchrieen hurrah, hallohten, tanzten und ſangen, kurz, ihr Rauſch war ſo hoch geſtiegen, daß, als Peregrine ihnen vorſchlug, ihre Perrücken zu verbrennen, ſie augenblicklich dazu bereit waren und den Spaß ausführten. In die⸗ ſem Zuſtande führte er ſie auf die Straße. Hier nahmen ſie ſich vor, Jeden, der ihnen begegne, zu zwingen, ihr politiſches Glaubensbe⸗ 4 16 kenntniß zu unterſchreiben und das Schiboleth ihrer Partei auszu⸗ ſprechen. Sie fanden bei der Ausführung dieſes Entwurfs mehr Widerſtand, als ſie geglaubt hatten. Es wurden ihnen Gründe ent⸗ gegen gehalten, denen ſie nicht widerſtehen konnten; die Naſen von Einigen und die Augen von Andern trugen in kurzer Zeit Merkmale des hartnäckigſten Widerſpruchs. Ihr Führer brachte ſie endlich mit einem andern Trupp der ſich in einem ähnlichen Zuſtande befand, in ein Treffen. Er zog ſich ganz ſäuberlich heraus, und begab ſich liſtigerweiſe in ſein Logis; denn er ſah voraus, daß die Obern gar bald Nachricht davon haben würden, worin er ſich auch nicht irrte. Der Prorektor, der ſeine Runde ging, ſtieß von ungefähr auf dieſe Tumultuanten. Durch ſeine Autvrität fand er Mittel, dieſen wilden Aufruhr zu dämpfen. Er erkundigte ſich nach den Namen dieſer Schwärmgeiſter, und ließ ſie nach Hauſe gehen. Doch nahm er an der Aufführung Einiger von ihnen, deren Amt und Pflicht es war, den unter ihrer Aufſicht befindlichen jungen Leuten mit beſſern Bei⸗ ſpielen vorzugehen, kein geringes Aergerniß. Um Mitternacht brachte Pips, der Befehl hatte, in einiger Ent⸗ fernung zu warten und auf Jolter'n Acht zu haben, dieſen unglück⸗ lichen Hofmeiſter auf dem Rücken nach Hauſe getragen.(Peregrine hatte dafür geſorgt, daß er in's Collegium eingelaſſen wurde.) Es fand ſich, daß er unter andern Leuten auch ein paar Quetſchungen im Geſicht bekommen hatte, die ſich den folgenden Morgen in einem blauen Kreiſe unter jedem Auge zeigten. Dieß war ein kränkender Umſtand für einen Mann von ſeinem Charakter und Betragen, zu⸗ mal da er vom Prorektor? eine Einladung erhalten hatte, ſogleich vor ihm zu erſcheinen. Mit großer Reue und Demuth fragte er ſeinen Untergebenen um Rath. Dieſer, der zum Zeitvertreib malte, verſicherte ihm, er wolle die Zeichen ſeiner Schande ſo geſchickt mit Fleiſchfarbe bedecken, daß es beinahe unmöglich ſeyn ſollte, die künſt⸗ liche Farbe von der wahren zu unterſcheiden. Der höchſt betrübte Hofmeiſter ließ ſich dieſes Auskunftsmittel viel lieber gefallen, als daß 17 er dieſe ſchimpflichen Merkmale den Anmerkungen und der Rüge jener obrigkeitlichen Perſon ausſetzen wollte; und obgleich ſein Rathgeber ſeine Kunſt zu ſehr geprieſen hatte, ſo ließ er ſich doch überreden, dieſer Vertuſchung zu trauen, und ging zum Prorektor, mit einem ſo ſchimmernden Zuſatz der natürlichen Todtenbläſſe ſeiner Phyſiv⸗ gnomie, daß ſein Geſicht völlig jenen grimmigen Bildniſſen glich, die über den Thüren gewiſſer Wein- und Alehäuſer, unter der Be⸗ nennung von Sarazenenköpfen, hängen. Dieſe merkliche Veränderung ſeiner Phyſtognomie konnte nicht einmal dem allerſtumpfſten Auge entgehen, geſchweige dem Falkenblick ſeines ſtrengen Richters, der durch das, was er die Nacht zuvor geſehen hatte, noch ſchärfer ge⸗ worden war. Demnach hielt er ihm ſeinen lächerlichen und plumpen Kunſtgriff vor, und gab ihm und ſeinen Schwelggenoſſen wegen ihrer anſtößigen und unregelmäßigen Aufführung einen ſo ſtrengen Ver⸗ weis, daß ſie insgeſammt allen Muth verloren und ſich viele Wochen hindurch ſchämten, ihre Amtspflichten öffentlich zu verrichten. Peregrine war auf ſeinen Streich zu ſtolz, um die Rolle zu verbergen, die er in dieſer Komödie geſpielt hatte. Seine Kamera⸗ den erfuhren den ganzen Hergang der Sache auf's Umſtändlichſte von ihm. Dadurch zog er ſich den Haß und die Rachgier des Clubbs zu, hinter deren Marimen und Gebräuche er gekommen war. Sie be⸗ trachteten ihn als einen Spion, der ſich in ihre Verſammlung ein⸗ geſchlichen habe, um ſie zu verrathen, oder wenigſtens als einen Apo⸗ ſtaten und Renegaten von dem Glauben und den Grundſätzen, zu welchen er ſich von Anfang her bekannt hatte. 1 Smollet's Romane. IK. 18 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Peregrine wird von ſeinem Lehrer empfindlich beleidigt. Er macht ein Pasquill auf ihn. Seine Fortſchritte in der eleganten Literatur. Auf einem Abſtecher nach Windſor trifft er zufällig Emilien. Er wird von ihr ſehr kalt aufgenommen. Unter denen, die durch Peregrine's Liſt und Untreue gelitten hatten, befand ſich auch einer ſeiner Lehrer, Namens Maſter Jumble. Dieſer konnte die ihm widerfahrene ſchwere Kränkung nicht verſchmer⸗ zen, und war entſchloſſen, ſich an dem Urheber dieſer Beleidigung zu rächen. In dieſer Abſicht beobachtete er Peregrine's Aufführung mit der feindſeligſten Wachſamkeit, und ließ keine Gelegenheit vorbei, ihn geringſchätzig zu behandeln; denn er wußte, daß dieß ſeinen Un⸗ tergebenen weit mehr angriff, als jede Strenge, die er gegen ihn ausüben konnte. Peregrine hatte mehrmals die Morgen⸗Andacht in der Kapelle verſäumt. Maſter Jumble unterließ nie, ihn in ſehr ſcharfem Tone wegen dieſer Nachläßigkeit zur Rede zu ſtellen. Jener hatte ſtets ſehr ſcheinbare Entſchuldigungen in Bereitſchaft; endlich jedoch er⸗ ſchöpfte ſich hierin ſein Scharfſinn, und nun erhielt er von Jumble'n einen ſehr gallevollen Vorwurf wegen ſeiner Sittenverderbtheit, und damit er denſelben deſto tiefer fühlen möchte, gab er ihm, gleichſam als zur Uebung, eine engliſche Umſchreibung folgender zwei Verſe aus dem Virgil auf: Vane Ligur, frustraque animis elate superbis, Necquicquam patrias tentasti, lubricus artes. (Thörichter Sohn Liguriens, aufgeblaſen von Stolze, Ahmteſt, ſtrauchelnd, umſonſt du nach die Künſte des Vaters). Aeneis XI. 715. Die Aufgabe dieſes verhaßten Thema's verfehlte bei Peregrine'n nicht, in ihm ein kränkendes Gefühl hervorzurufen; indem er dieſelbe nicht nur als eine unziemliche Bekrittelung ſeines Wandels, ſondern 19 auch als eine ſchimpfliche Schmähung des Andenkens ſeines Groß⸗ vaters anſah, der(wie er gehört hatte) bei ſeinen Lebzeiten mehr wegen ſeiner Verſchlagenheit als wegen ſeiner Redlichkeit im Han⸗ deln bekannt war. Höchſt erzürnt über eine ſolche Frechheit dieſes Pedanten hätte er in der erſten Hitze beinahe auf der Stelle kör⸗ perliche Genugthuung an ihm genommen. Da er aber die verdrieß⸗ lichen Folgen überlegte, die eine ſo ungeheuere Verletzung der Uni⸗ verſitätsgeſetze nach ſich ziehen konnte, ſo erſtickte er ſeinen Unwillen, und beſchloß, dieſe Beleidigung auf eine kältere und verächtlichere Art zu rächen. So entſchloſſen, zog er umſtändliche Erkundigungen von Jumble's Sippſchaft und Erziehung ein. Er erfuhr, daß der Vater dieſes übermüthigen Lehrers ein Maurer und die Mutter eine Paſte⸗ tenkrämerin geweſen ſey; und der Sohn ſelbſt habe, bevor er ſich auf die Studien gelegt, zu verſchiedenen Zeiten in ſeiner Jugend beide Beſchäftigungen getrieben. Mit dieſen Nachrichten verſehen, verfer⸗ tigte er nachfolgendes Spottgedicht in Knittelverſen, welches er am näͤchſten Tage dem Herrn Jumble ſtatt der Umſchreibung des Textes übergab, den ihm der Lehrer aufgetragen hatte: 1. Hört an mein Lied vom Schulmeiſterlein, Ach je! Das wollt' ein Genie und Protektor ſehn, Ach je! Ein tiefer, ein großer Politikus, Und oben drein ein Kritikus; Au weh! au weh! au weh! 2 Doch wär' er auch das— o Ungelück! Ach je! So hatt' er doch nie der Eltern Geſchick; Ach je! Sein Vater wollt' machen einen Maurer aus ihm, Der Sohn war zu dumm, ihn dazu zu zieh'n, Au weh! au weh! au weh! 20 6 Es buck die Frau Mutter Paſteten. Der Sohn Sollt' auch ſie backen wohl lernen verſtehn, ch je Sie ſchmeckten ihm gut: drum wollt' er's auch gern; Doch fehlt' es auch dazu an Kopfe dem Herrn, Au weh! au weh! au weh! Nun konnt er keines von beiden recht ſehn, Ach je! Ein Haus wie Paſtete, Paſtete wie Stein, Ach je! So macht' er ſie immer. D'rum Meiſterlein klein, D'rum ſollt er ein wenig beſcheidener ſehn! Au weh! au weh! au weh! Dieſes Pasquill war die kräftigſte Rache, die er an dieſem Lehrer hatte nehmen können, der völlig den trotzigen Uebermuth und den lächerlichen Stolz eines Pedanten von niederer Geburt beſaß. Statt dieſes Spottgedicht mit der Gelaſſenheit und der würdevollen Ver⸗ achtung aufzunehmen, die ſich für einen Mann von ſeiner Gravität und von ſeinem Poſten ſchickte, ſchoß ihm, ſobald er dieſes Pasquill anſichtig ward, das Blut in's Geſicht, welches ſogleich darauf leichen⸗ blaß ward. Mit bebenden Lippen ſagte er zu ſeinem Untergebenen er ſey ein unverſchämter Maulaffe, und er wolle dafür ſorgen, daß er von der hohen Schule entfernt werde, weil er ſo vermeſſen geweſen ſeh, eine ſo freche und leichtſinnige Schmähſchrift zu verfertigen und zu überreichen. Peregrine antwortete mit größter Entſchloſſenheit, er ſey überzeugt, daß, wenn man erführe, wie er gereizt worden, jeder Unparteiiſche ihn freiſprechen würde, und daß er bereit ſey, die ganze Sache der Entſcheidung des Prorektors anheimzuſtellen. Dieß ſchlug er deßhalb vor, weil er wußte, daß Letzterer und Jumble geſpannt waren, und aus dieſem Grunde durfte dieſer es nicht wagen, die Sache auf deſſen Ausſchlag ankommen zu laſſen. 21 Ja, als Peregrine ſich auf dieſe Entſcheidung berief, glaubte der von Natur ſehr argwöhniſche Jumble, Pickle habe, ehe er die ſo ſchmähliche Beſchimpfung gegen ihn unternommen, das Verſprechen erhalten, vom Prorektor geſchützt zu werden. Dieſe Meinung wirkte bei ihm dahin, daß er beſchloß, ſeinen Aerger hinunterzuwürgen, und eine paſſende Gelegenheit abzuſehen, ſeinen Haß zu befriedigen. Mitt⸗ lerweile waren Copieen von dieſem Pasquill unter den Studenten ausgetheilt worden, die es Maſter Jumble'n nach der Weiſe: „Es war einmal ein Schuhflicker fein zc.“ unter die Naſe ſangen. Auf dieſe Art gewann unſer Held einen vollſtändigen Sieg. Er widmete aber nicht ſeine ganze Zeit den zügelloſen Ausſchweifungen der Jugend, ſondern er hatte manche lichte Augenblicke, in welchen er eine vertraute Bekanntſchaft mit den alten Claſſikern machte, Ge⸗ ſchichte ſtudirte, ſich im Malen und der Tonkunſt, worin er ſchon guten Grund gelegt hatte, vervollkommnete, und vor allem die Vor⸗ leſungen über Phyſik eifrig vernahm. Wenn er aber eine Zeit lang eine oder die andere von dieſen Künſten und Wiſſenſchaften gefliſſent⸗ lich geübt hatte; brach gemeiniglich ſein Naturtrieb in die Unregel⸗ mäßigkeiten und wilden Sprünge einer ſchwelgeriſchen Phantaſie aus, wodurch er ſich ſo ſehr auszeichnete. Vielleicht war er der einzige junge Mann in ganz Orford, der den innigſten und freundſchaftlich⸗ ſten Umgang mit den unbeſonnenſten ſowohl, als mit den ſtillſten und ſittſamſten Studenten unterhielt. Es läßt ſich nicht vermuthen, daß ein junger Mann, der ſo eitel, unerfahren und verſchwenderiſch war wie Peregrine, ſeine Aus⸗ gaben nach ſeiner Einnahme ſollte abgemeſſen haben, ſo anſehnlich letztere auch ſeyn mochte. Er war keiner von den glücklichen Men⸗ ſchen, die geborene Oekonomen ſind, und verſtand nicht die Kunſt, ſeine Börſe zu verweigern, wenn ein Freund in's Gedränge kam. Da er von Natur aus großmüthig und zu Aufwand geneigt war, ſo ſchüttete er mit vollen Händen Geld aus und machte eine ſehr 22 ſchimmernde Erſcheinung, wenn ſein Vierteljahrswechſel eingekommen war. Doch lange vor Ahlauf der drei Monate waren ſeine Finanzen ſchon erſchöpft, und da er ſich nicht ſo herablaſſen konnte, um außer⸗ ordentliche Zulage zu bitten, weil er zum Borgen zu ſtolz und Geld bei Wechslern aufzunehmen zu hochherzig war, ſo widmete er dieſe Perioden der Armuth der Fortſetzung ſeiner Studien, und erſchien, wenn das Vierteljahr verfloſſen war, wieder in neuem Glanze. In einer der Perioden des Wohllebens machte er mit einigen Freunden einen Abſtecher nach Windſor, um das königliche Schloß zu ſehen. Sie gingen des Nachmittags hinauf. Peregrine betrachtete ſo eben ein Gemälde von Herkules und Omphale, als ihm ein Stu⸗ dent in's Ohr raunte: Verdammt, Pickle, da ſind zwei artige Mädchen! Sogleich drehte ſich dieſer um, und erkannte in der einen ſeine faſt ganz vergeſſene Emilie. Ihr Anblick wirkte auf ſeine Einbildungskraft wie ein Feuer⸗ funke, der zwiſchen Schießpulver fällt; ſeine Leidenſchaft, die zwei Jahre lang geſchlummert hatte, blitzte auf, und ihn befiel ein Zittern an jedem Gliede. Sie bemerkte und theilte ſeine Erſchütterung; denn ihre Seelen waren wie gleichgeſtimmte Saiten, die von einerlei Be⸗ rührung erklingen; aber ſie fand ſich entſchloſſen genug dieſen ge⸗ fährlichen Schauplatz zu verlaſſen. Durch ihre Entfernung beunru⸗ higt, raffte er alle ſeine Kühnheit zuſammen, und durch ſeine un⸗ widerſtehliche Liebe getrieben, verfolgte er ſie in's nächſte Zimmer. wo er mit vieler Verlegenheit: Ergebenſter Diener, Miß Gauntlet! zu ihr ſagte. Mit verſtellter Gleichgültigkeit, die aber die heftigſte Bewegung in ihrem Innern nicht verbarg, erwiederte ſie dieſes Com⸗ pliment durch ein: Ihre Dienerin, mein Herr! Unmittelbar zeigte ſie auf das Bild von Duns Scotus, das über einer der Thüren hing, und fragte ihre Gefährtin in einem kichernden Tone, ob ſie nicht meinte, daß er einem Zauberer gleich ſähe? Dieſe Aufnahme verdroß Peregrine'n gewaltig, und er antwor⸗ tete ſtatt der jungen Dame: Zu der Zeit war es leicht, Zauberer 23 zu ſeyn, da die Einfalt der Leute die Wahrſagereien begünſtigte; jetzt aber würde weder er noch Merlin, wenn ſie von den Todten auf⸗ erſtünden, im Stande ſeyn, mit ihrem Gewerbe Brod zu verdienen, da Betrug und Verſtellung ſo ſehr überhand genommen hätten.“— „O, mein Herr!“ ſagte ſie, und drehte ſich ganz gegen ihn um, „ohne Zweifel würden Sie neue Grundſätze annehmen; denn in unſern erleuchteten Zeiten iſt es keine Schande mehr für Jemand, ſeine Geſinnungen zu ändern.“—„Nein, gewiß nicht, Miß,“ erwie⸗ derte unſer junger Held mit einiger Uebereilung,„wofern man nur bei dem Wechſel gewinnt.“—„Und wenn auch der Fall anders wäre,“ ſagte das junge Frauenzimmer, indem ſie ſchnell mit dem Fächer auf⸗ und zurauſchte,„ſo wird die Welt es der Unbeſtändigkeit nie an Stoff zur Vertheidigung fehlen laſſen.“—„Freilich, Miß,“ verſetzte Pere⸗ grine, indem er ſie ſtarr anſah,„Beiſpiele des Leichtſinns trifft man allenthalben.“—„O mein Himmel, Sir!“ rief Emilie, indem ſie den Kopf ſchüttelte,„ohne dieſe Tugend findet man ſelten einen Geck.“ Da ſein Gefährte ihn jetzt in Unterredung mit einer der Damen ſah, ſo ließ er ſich mit der andern in ein Geſpräch ein, und um der Galanterie ſeines Freundes förderlich zu ſeyn, führte er dieß Frauen⸗ zimmer in ein anderes Gemach unter dem Vorwande, ihr ein merk⸗ würdiges Gemälde zu zeigen. 6 Peregrine ließ die Gelegenheit, wo er mit dem Gegenſtande ſeiner Liebe allein war, nicht ungenützt vorüber. Er nahm einen zärtlichen verführeriſchen Blick an, holte einen tiefen Seufzer und fragte: „Haben Sie mich denn ganz aus Ihrem Andenken verbannt?“ Sie erröthete bei dieſer rührenden Frage, die ſie wieder an die vermeinte Geringſchätzung erinnerte, womit er ihr hegegnet war, und antwortete mit großer Verwirrung:„Ich glaube, mein Herr! ich habe einmal das Vergnügen gehabt, Sie auf dem Ball in Wincheſter zu ſehen.“ „Miß Emilie,“ ſagte er in ſehr ernſtem Tone,„wollen Sie ſo aufrichtig ſeyn, mir zu entdecken, was für einen Fehltritt in meinem Betragen gegen Sie Ihnen dadurch zu beſtrafen beliebt, daß Sie 24 Ihr Andenken bloß auf dieſe Gelegenheit einſchränken?“—„Sir Pickle!“ verſetzte ſie,„ich habe weder Beruf noch Hang, Ihr Betra⸗ gen zu beurtheilen. Ihre Frage iſt daher am unrechten Orte ange⸗ bracht, wenn Sie eine ſolche Erklärung von mir verlangen.“ „Machen Sie mir wenigſtens das traurige Vergnügen,“ hob unſer Liebhaber wieder an,„mich wiſſen zu laſſen, wegen welcher Be⸗ leidigung von meiner Seite Sie mir die mindeſte Antwort auf den Brief verſagt haben, den ich, mit Ihrer gütigen Erlaubniß, Ihnen von Weſtminſter aus zu ſchreiben die Ehre hatte.“—„Ihr Brief,“ verſetzte die Miß mit großer Lebhaftigkeit,„erforderte und verdiente nach meiner Meinung keine Antwort. Und, um es Ihnen ganz rund herauszufagen, Sir Pickle, es war ein ſeichter Kunſtgriff, eine Corre⸗ ſpondenz aufzuheben, um die Sie dringend anzuſuchen geruht haben.“ ueber dieſe Antwort beſtürzt, erwiederte Perigrine:„Er könne vielleicht eine Wendung, einen Ausdruck gebraucht haben, der nicht elegant oder diskret genug geweſen wäre; allein er ſey verſichert, daß er es an Aeußerungen der Achtung und Ergebenheit gegen Reize, die anzubeten ſein Stolz ſey, nicht habe fehlen laſſen. Was die Verſe anlangt,“ ſetzte er hinzu,„ſo muß ich geſtehen, daß ſie freilich ihres Gegenſtandes nicht werth waren; allein ich ſchmeichelte mir, daß ſie, wo nicht Beifall, doch geneigte Aufnahme verdienten, und nicht ſowohl für Beweiſe meines Talents, als der redlichen Ergießung meines Herzens würden angeſehen werden.“ „Verſe!“ rief Emilie mit der Miene des Erſtaunens.„Was für Verſe? Ich verſtehe Sie in der That nicht.“ Dieſer Ausruf war unſerem jungen Herrn ein Donnerſchlag. Nach einer langen Pauſe antwortete er:„Ich beginne zu argwöhnen, und ich wünſche von Herzen, daß dem ſo ſeyn möge, daß von Anfang an ein Miß⸗ verſtändniß unter uns obgewaltet habe. Sagen Sie mir doch, Miß Gauntlet, ich bitte Sie, war nicht eine Abſchrift von Verſen in dem unglücklichen Briefe eingeſchloſſen?“—„In der That, mein Herr!“ erwiederte die Dame,„ich bin nicht ſo ſehr Kennerin, um zu unter⸗ ſcheiden, ob der ſcherzhafte Aufſatz den Sie aus Schäkerei einen unglücklichen Brief zu nennen belieben, in Verſen oder in Proſa ab⸗ gefaßt war. Doch der Spaß dünkt mich zu alt, um wieder auf's Tapet gebracht zu werden.“ Mit dieſen Worten trippelte ſie zu ihrer Gefährtin und ließ ihren Liebhaber in der peinlichſten Ungewißheit ſtehen. Er ſah nunmehr ein, daß der Geringſchätzung ſeines Schreibens aus Wincheſter ein Geheimniß zu Grunde liegen müſſe, das ihm unbegreiflich war; und ſie fing an, zu muthmaßen und zu hoffen, daß der Brief, den ſie erhalten hatte, ein unterſchobener ſey; wie⸗ wohl ſie die Möglichkeit nicht begreifen konnte, da ſein eigener Be⸗ dienter ihr ihn eingehändigt hatte. Indeß beſchloß ſie, es ihm zu überlaſſen, die Sache an's Licht zu ziehen; denn ſie wußte, daß er, ſowohl zu ſeiner als zu ihrer Befriedigung, ſich deßhalb die erſinn⸗ lichſte Mühe geben würde. Sie betrog ſich in ihrer Erwartung nicht. Er kam an der Treppe wieder zu ihr und bat dringend um Erlaubniß, die Damen nach Hauſe bringen zu dürfen, da ſie keinen Begleiter hätten. Emilie merkte ſeine Abſicht, die keine andere war, als ihre Wohnung zu erfahren; und obgleich ſie ſeine Liſt billigte, ſo hielt ſie es doch zur Aufrechthaltung ihrer Würde für Pflicht dieſe Höflichkeit abzulehnen. Sie dankte ihm demnach für ſein höfliches Anerbieten, wollte aber ſchlechterdings nicht geſtatten, daß er ſich ſo unnöthige Mühe mache, zumal da ſie nur einen ſehr kurzen Weg zu gehen hätten. Er ließ ſich jedoch durch dieſe Weigerung nicht abweiſen, weil er deren Veranlaſſung wohl einſah, und ihr war es nicht zuwider, daß er auf ſeinem Entſchluß beharrte. Mithin begleitete er ſie nach Hauſe, und machte unterwegs verſchiedene Verſuche, mit Emilien insgeheim zu ſprechen; allein ſie, die eine kleine Anlage zur Kokette hatte, und entſchloſſen war, ſeine Ungeduld noch mehr zu ſtacheln, wich ſchlau ſeinen Bemühungen aus, indem ſie ihre Gefährtin be⸗ ſtändig in die Unterredung zog, die das ehrwürdige Anſehen und die 26 königliche Lage des Orts betraf. So tantaliſirt kam er mit ihnen vor die Thüre des Hauſes, wo ſie wohnten. Seine Gebieterin merkte an dem Geſicht ihrer Geſpielin, daß ſie im Begriff ſtehe, Peregrinen hinein zu nöthigen. Mit einem finſtern Blick hintertrieb ſie dieß; darauf wandte ſie ſich gegen Pickle'n, machte ihm eine ſehr ceremo⸗ niöſe Verbeugung, ergriff die andere junge Dame beim Arm, und verſchwand in einem Augenblick mit den Worten:„Komm doch, liebes Bäschen! Komm, traute Sophie!“ Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Nach verſchiedenen fruchtloſen Bemühungen findet Peregrine Mittel, mit ſeiner Geliebten zur Erklärung zu kommen, worauf die Ausſohnung erfolgt. Peregrine, durch das plötzliche Verſchwinden außer Faſſung geſetzt, ſtand mit ſtarrem Auge und offenem Munde einige Minuten auf der Straße, ehe er ſich von ſeinem Erſtaunen wieder erholen konnte. Dann erwog er, ob er augenblicklich Zutritt zu ſeiner Gebieterin verlangen, oder eine andere Art wählen ſollte, mit ihr zu ſprechen. Ihr ſchnelles Benehmen verdroß ihn, obgleich ihr Muth ihm gefiel. Er ſann jetzt auf Mittel, ſie zu ſehen, und kam voll Nachdenken in das Wirthshaus, wo ſeine Gefährten, die er am Schloßthore verlaſſen hatte, ſeiner harrten. Dieſe hatten ſich bereits nach den Damen erkundigt, und ſo er⸗ fuhr er, daß Miß Sophie die Tochter eines daſigen Gentlemans ſey, mit dem ſeine Gebieterin verwandt war; daß unter den beiden jungen Damen die innigſte Freundſchaft herrſche; daß Emilie ungefähr einen Monat ſich bei ihrer Verwandtin aufhielte, und auf der letzten Aſſem⸗ blee geweſen ſey, wo ſie allgemein wäre bewundert worden; und daß 3 27 ſeit der Zeit verſchiedene junge Herren von Rang und Vermögen ſie mit ihren Aufwartungen behelligten. Dieſe Nachricht ſchmeichelte dem Ehrgeiz unſeres Helden, und entflammte ſeine Leidenſchaft. Er that bei ſich ſelbſt das Gelübde, nicht eher von hier zu weichen, als bis er einen totalen Sieg über ſeine Nebenbuhler davon getragen hätte. Noch an demſelben Abend verfaßte er einen äußerſt beredten Brief, in welchem er inſtändigſt bat, ihm Gelegenheit zu geben, ſein Betragen zu rechtfertigen. Allein ſie wollte weder ſeinen Brief an⸗ nehmen, noch ſeinen Boten ſehen. Da dieſer Verſuch fehlſchlug, ſo machte er um den Brief ein anderes Couvert, bediente ſich einer fremden Hand zu der Adreſſe, und befahl dem Pips, den folgenden Morgen nach London zu reiten, und ihn auf dem Poſtamte abzu⸗ geben. Wenn er durch dieſes durchkam, ſo konnte ſie den wahren Verfaſſer nicht errathen, und öffnete ihn ſicher, ehe ſie den Betrug bemerkte. Drei Tage lang wartete er die Wirkung ſeiner Liſt ruhig ab, doch am vierten wagte er unter der Firma eines Bekannten einen förmlichen Beſuch. Auch dieſer Schritt war fruchtlos; ſie war un⸗ wohl und konnte ſeinen Beſuch nicht annehmen. Dieſe Hinderniſſe vermehrten nur ſeine Leidenſchaft. Er beharrte feſt auf ſeinem Ent⸗ ſchluſſe, und da ſeine Gefährten ſahen, daß er nicht mit wollte, ſo verließen ſie ihn am folgenden Tage. Ganz nun ſeinem eigenen Genius preisgegeben, verdoppelte er ſeine Unverdroſſenheit und wandte alle Mittel und Wege an, die ihm ſeine Phantaſie zur Beförderung ſeines Planes an die Hand gab. Pips wurde nicht weit von dem Hauſe poſtirt und durfte den ganzen Tag über ihre Thüre mit keinem Auge verlaſſen, um von jeder ihrer Bewegungen ſeinen Herrn zu avertiren. Sie ging aber gar nicht weiter aus, als in der Nachbarſchaft zum Beſuch, und war immer wieder zu Hauſe, ehe Peregrine erfahren hatte, daß ſie aus⸗ gegangen ſey. Er ging in die Kirche in der Abſicht, ihre Blicke auf 28 ſich zu lenken, und⸗ bezeigte ſich ſehr demüthig gegen ſie; allein ſie war ſo boshaftandächtig, daß ſie nichts als ihr Buch anſah und ihn keines Blickes würdigte. Er beſuchte fleißig das Caffeehaus, und bemühte ſich mit Miß Sophiens Vater Bekanntſchaft zu machen, um von ihm in ſein Haus genöthigt zu werden. Auch dieſe Erwartung ſchlug fehl. Der vorſichtige alte Herr ſah ihn für einen von jenen Gvehementen) Brautſchatzjägern an, die im Lande umhergehen und ſuchen, wen ſie verſchlingen; daher wies er alle ſeine Zuvorkommen⸗ heiten mit Wohlbedacht von ſich ab. Voll Verdruß über ſo manche vergebliche Bemühung, begann er an der Erreichung ſeines Zweckes zu verzweifeln. Der letzte Angriff, den er erſann, beſtand darin, daß er ſein Logis bezahlte zu Mittag ein Pferd nahm, und allem Anſchein nach dahin reiste, von woher er gekommen war. Er ritt indeß nur einige Meilen weit, kam in der Dämmerung wieder un⸗ bemerkt zurück, ſtieg in einem andern Wirthshauſe ab, befahl dem Pips, nicht über die Thürſchwelle zu gehen, hielt ſich ſelbſt inkognito, und bediente ſich eines andern Menſchen zur Schildwache bei Emiliens Wohnung. Es dauerte nicht lange, ſo erntete er die Früchte ſeines fein angelegten Planes ein. Am folgenden Nachmittag berichtete ihm ſein Späher, die beiden jungen Damen wären in den Park ſpazieren ge⸗ gangen. Er folgte ihnen augenblicklich, mit dem feſten Entſchluß, mit ſeiner Gebieterin, ſelbſt in Gegenwart ihrer Freundin, zu einer Erklärung zu kommen, indem Letztere vielleicht im Stande wäre, ſich für ihn zu verwenden. Als er ſie von der Stadt ſo weit entfernt ſah, daß ſie nicht zurückkehren konnten, ehe er Gelegenheit gehabt hatte, ſeinen Ent⸗ ſchluß auszuführen, verdoppelte er ſeine Schritte und erſchien ſo plötz⸗ lich vor ihnen, daß Emilie nicht umhin konnte, ihr Erſtaunen durch einen Schrei zu erkennen zu geben. Unſer Liebhaber nahte ſich ihr mit einer demüthigen und unterwürfigen Miene, und hat, ihm zu ſagen, ob ihr Widerwille unverſöhnlich ſey?„Weßhalb verweigern 29 Sie mir ſo grauſam das Vorrecht, das ſelbſt dem ärgſten Miſſethäter zu Gute kommt? Theure Miß Sophie“(hiermit wandte er ſich an ihre Gefährtin),„erlauben Sie, daß ich Sie um Ihre Fürſprache bei Ihrer Coufine bitte. Ich bin überzeugt, Sie ſind ſo gütig, ſich meiner Sache anzunehmen, ſobald Sie ſich von der Gerechtigkeit der⸗ ſelben überzengen Ich ſchmeichle mir, durch Ihre Vermittelung das leidige Mißverſtändniß zu beſeitigen, das mich ſo unglücklich gemacht hat.“—„Mein Herr,“ antwortete Sophie,„Sie haben das Anſehen eines feinen Mannes, und ich zweifle nicht, daß Ihr Betragen Ihrem Aeußern ſtets entſprochen haben wird. Sie müſſen mich aber ent⸗ ſchuldigen, daß ich das mir aufgetragene Geſchäft für Jemand nicht übernehmen kann, den ich nicht die Ehre habe, zu kennen.“—„Miß,“ verſetzte Peregrine,„ich hoffe, Miß Emy ſoll meine Anſprüche auf einen ſolchen Charakter rechtfertigen ungeachtet ihres Mißvergnügens über mich, deſſen Geheimniß ich mir auf Ehre nicht zu erklären weiß, und wenn auch mein Leben auf dem Spiele ſtünde.“ „Mein Gott! Sir Pickle,“ ſagte Emilie, die ſich mittlerweile wieder geſammelt hatte,„ich habe nie Ihre feine Lebensart und Ihren guten Geſchmack in Zweifel gezogen; allein ich bin entſchloſſen, Ihnen nie Veranlaſſung zu geben, Ihre Talente auf meine Koſten zu üben. Beunruhigen Sie daher nicht ferner ſich ſelbſt und mich! Kommen Sie, Sophie, laſſen Sie uns nach Hauſe gehen!“—„Gütiger Gott! Miß,“ rief unſer Liebhaber mit großer Aufwallung,„warum wollen Sie mich durch ſolche unmenſchliche Gleichgültigkeit um meinen Ver⸗ ſtand bringen? Bleiben Sie, theure Enilie! Auf meinen Knieen be⸗ ſchwöre ich Sie, hören Sie mich an! Bei Allem, was Ihnen heilig iſt, ich bin völlig ſchuldlos. Irgend ein Schuft, der mir mein Glück nicht gönnt, muß ſie hintergangen haben, um meiner Liebe den Todes⸗ ſtreich zu verſetzen.“ Da Miß Sophie, die eine ſtarke Doſis von Gutherzigkeit beſaß, und durch ihre Baſe den Grund ihrer Zurückhaltung kannte, den jungen Mann von einem Unwillen gerührt ſah, der, wie ſie wußte, 30 bloß verſtellt war, ſo hielt ſie Emilien beim Arme zurück und ſagte lächelnd zu ihr:„Eilen Sie nicht ſo ſehr, Bäschen! Jetzt merk' ich, daß es ein Liebeszwiſt iſt, und ſo iſt vielleicht Hoffnung zur Ausſöhnung; denn beide Parteien, hoff' ich, werden überzeugende Beweiſe nicht verſchmähen.“ „Was mich betrifft,“ rief Peregrine äußerſt lebhaft,„ſo berufe ich mich auf Miß Sophiens Entſcheidung. Doch was ſag' ich„be⸗ rufe?“ Ob ich gleich von keiner Beleidigung weiß, ſo bin ich doch bereit, mich jeder Strafe zu unterziehen, ſo ſtreng ſie auch ſeyn mag, die meine ſchöne Tyrannin mir ſelbſt auferlegt, wofern ſie mir nur zuletzt ein Recht auf ihre Gewogenheit und Vergebung verſchafft.“ Durch dieſe Erklärung war Emilie faſt überwunden. Sie ſagte ihm, daß ſie ihn keines Verbrechens beſchuldige, keine Vergütigung erwarte. Darauf drang ſie in ihre Gefährtin, wieder in die Stadt zurückzukehren. Doch Sophie, die mit der Neigung ihrer Freundin zu viel Nachſicht hatte, um ihr Verlangen zu erfüllen, bemerkte: da da der Herr ſo billig in ſeinen Forderungen ſchiene, ſo fange ſie an zu vermuthen, daß ihre Couſine Unrecht habe, und ſie wäre nicht abgeneigt, die Schiedsrichterin in dieſem Streite abzugeben. Höchſt erfreut durch dieſe Willfährigkeit, dankte Pickle in den entzückteſten Ausdrücken, und küßte der gütigen Vermittlerin im Tau⸗ mel froher Erwartung feurig die Hand. Ein Umſtand, der auf Emiliens Geſicht einen merklichen Eindruck machte. Sie ſchien an ſo lebhafter Erkenntlichkeit eben kein großes Behagen zu finden. Nach vielem inſtändigen Flehen von der einen, und vielen drin⸗ genden Vorſtellungen von der andern Seite, gab ſie endlich nach. Die Wangen mit Schamröthe übergoſſen, wandte ſie ſich zu ihrem Liebhaber und ſagte:„Nun wohl, mein Herr, geſetzt, ich wäre ge⸗ neigt, die Sache auf dieſen Ausſchlag ankommen zu laſſen, wie wären Sie wohl im Stande, den Brief zu entſchuldigen, den Sie mir von Wincheſter aus geſchrieben haben?“ Dieſe Aufforderung veranlaßte eine Auseinanderſetzung der ganzen 31 Sache, wobei jeder Umſtand genau in Unterſuchung gezogen wurde. Emilie behauptete immer mit großer Hitze, daß dieſer Brief nur ge⸗ ſchrieben worden ſey, um ſie auf's Aeußerſte zu beleidigen; denn ſie konnte ſich nicht vorſtellen, daß der Verfaſſer ſo ſchwachſinnig geweſen ſey, etwas Anderes dadurch bezwecken zu wollen. Peregrine, der den Hauptinhalt des unglücklichen Briefes ſowohl als die eingeſchloſſenen Verſe noch im Gedächtniß hatte, konnte ſich keines einzigen Ausdrucks erinnern aus welchem ſie mit Recht hätte Verdacht ſchöpfen können. In der tödtlichſten Verlegenheit hierüber bat er ſie, daß die ganze Sache dem Ausſpruch der Miß Sophie möchte anheim geſtellt, und die Annahme ihres Urtheils treulich und ſonder Gefährde verſprochen werden. Endlich ward dieſer Vorſchlag mit ſcheinbarem Widerſtreben von Emilien angenommen, und die Abrede getroffen, den folgenden Tag an demſelben Orte wieder zuſammen zu kommen. Beide Parteien ſollten ſich mit ihren Beweisſchriften einfinden, und dieſen gemäß ſollte der Spruch ausfallen. Unſer Liebhaber, der ſo weit Fortüne gemacht hatte, überhäufte die Miß Sophie mit Dankſagungen für ihre großmüthige Vermittelung, und während des Spaziergangs, den Emilie zu enden nicht eilte, wisperte er ihr manche zärtliche Be⸗ theuerung zu. Nichts deſto weniger behielt ſie ihre Zurückhaltung bei, die ſie nicht eher ablegen wollte, als bis alle ihre Zweifel völlig auf⸗ gelöst wären. Pickle, welcher Mittel gefunden, ihnen bis zur Däm⸗ merung in dieſer ländlichen Gegend die Zeit zu vertreiben, ſah ſich nnn genöthigt, ihnen einen guten Abend zu wünſchen, nachdem er noch zuvor die Wiederholung des feierlichen Verſprechens erhalten, daß er ſie am anberaumten Ort und zur anberaumten Stunde finden würde. Hierauf begab er ſich nach ſeinem Zimmer, wo er die ganze Nacht mit mannigfachen Muthmaßungen in Betreff des Briefes zu⸗ brachte. Er war aber nicht vermögend, dieſen gordiſchen Knoten zu zerhauen. Eine kurze Zeit lang glaubtc er, irgend ein Spaßvogel habe 32 ſeinem Boten einen Streich geſpielt, und Emilie dadurch einen unter⸗ geſchobenen Brief erhalten. Allein bei fernerem Nachdenken war es ihm wieder unerklärlich, wie dieſer Betrug hätte vorgehen können. Darauf begann er an der Aufrichtigkeit ſeiner Geliebten Zweifel zu hegen. Sie habe vielleicht, dachte er, die Karten auf Anſuchen eines begünſtigten Nebenbuhlers ſo gemiſcht, um ihn zu beſeitigen. Doch ſeine eigene Redlichkeit verbot ihm, dieſen niedern Argwohn um ſich greifen zu laſſen. Und ſo ſtürzte er wieder in ein Labyrinth von Conjekturen. Anm folgenden Tage ſtand er wie auf glühenden Kohlen, bis die Glocke Fünfe ſchlug. Kaum war es ſo hoch an der Zeit, ſo befahl er dem Pips, ihm zu folgen, im Fall er etwa ſeines Zengniſſes be⸗ dürfen ſollte. Nicht volle fünf Minuten hatte er an dem verabredeten Orte gewartet, als die Damen erſchienen. Nachdem die gegenſeitigen Complimente geendet waren, und der Bediente ſeinen Platz in der Entfernung angewieſen bekommen hatte, beredete Peregrine die Frauen⸗ zimmer, ſich auf das Gras unter den Schatten einer breiten Eiche zu lagern. Er ſetzte ſich zu ihren Füßen, und bat nun um Unter⸗ ſuchung des Papiers, von welchem ſein Urtheil abhing. Sonach ward es ſeiner ſchönen Schiedsrichterin überliefert, die es unmittelbar dar⸗ auf mit vernehmlicher Stimme ablas. Kaum hatte Peregrine die beiden erſten Worte gehört, ſo fuhr er heftig zuſammen, und ſtützte ſich auf ſeine Hand und ſeine Kniee. In dieſer Stellung lauſchte er bis zu Ende der erſten Periode, dann ſprang er in dem äußerſten Erſtaunen auf und rief glühend vor Zorn:„Höll' und Teufel, was iſt das? Sie treiben Ihren Spott mit mir, Miß!“—„Ich bitte Sie, mein Herr!“ hob Sophie an, „mir auf wenige Minuten Gehör zu geben, und dann vorzubringen, was Sie zu Ihrer Vertheidigung nöthig erachten.“ Nach dieſer Warnung fuhr ſie fort zu leſen; kaum aber war ſie mit der Hälfte des Briefes fertig, ſo verließ ſie ihr Ernſt, und ſie bekam einen ſo heftigen Anfall von Lachen, daß die beiden Liebenden ſich 33 nicht enthalten konnten, mit einzuſtimmen, trotz dem Unmuth, der in dieſem Augenblick in ihrer Bruſt die Oberhand hatte. Doch die Richterin nahm in Kurzem die feierliche Miene wieder an, und las den Schluß dieſes ſeltſamen Briefes. Jetzt ſtarrten ſie ſich alle drei eine halbe Minute lang an, und dann brachen ſie zugleich in einen neuen Parorismus von Luſtigkeit aus. Aus dieſen einſtimmigen convulſiviſchen Bewegungen hätte man ſchließen ſollen, daß beide Theile mit dem Spaße ſehr zufrieden geweſen wären; das war aber ganz und gar nicht der Fall. Emilie glaubte nämlich, daß ihr Liebhaber, ungeachtet ſeines Erſtaunens(denn das hielt ſie für Maske) von neuem, doch wider ſeinen Willen, auf ihre Koſten gelacht, und ſo über eine unartige Spötterei ſeinen Beifall an den Tag gelegt habe. Durch dieſe Ver⸗ muthung erhielt ihr Unwille einen neuen Aufſchwung. Peregrine war indeß über die unwürdige Begegnung höchlich erbittert, die ſie ihm ſeiner Meinung nach dadurch widerfahren ließ, daß ſie ſich eines ſo plumpen und komiſchen Kunſtgriffes bediente, um ihn zu hintergehen. In dieſer Gemüthsverfaſſung folgten auf ihre Fröhlichkeit von beiden Seiten finſtere Geſichter. Die Richterin wandte ſich an Pickle und fragte ihn, ob er etwas vorzubringen habe, weßhalb die Sentenz noch nicht geſprochen werden könne.„Es thut mir leid, Miß,“ ver⸗ ſetzte der Beklagte,„daß Ihre Conſine mich für ein ſo elendes Ge⸗ ſchöpf hält, das fähig iſt, ſich durch eine ſo ſeichte Erfindung täuſchen zu laſſen.“—„Die Erfindung iſt von Ihnen, mein Herr,“ erwie⸗ derte Emilie,„und ich kann Ihre Keckheit nicht genug bewundern, ſie mir zuzuſchreiben.“—„Auf meine Ehre, Miß Emilie,“ entgeg⸗ nete unſer Held,„Sie thun ſowohl meinem Verſtande als meiner Liebe durch die Beſchuldigung ſehr unrecht, ein ſo albernes, unge⸗ reimtes Stück Arbeit verfertigt zu haben. Das bloße Anſehen und die Aufſchrift davon iſt dem Briefe, den ich die Ehre gehabt, Ihnen zu ſchreiben, ſo unähnlich, daß ich ſagen darf, mein Kerl ſogar wird Smollet's Romane M. 8 34 ſich noch dieſes Unterſchiedes erinnern, ſo lange auch die Sache her iſt.“ Nach dieſen Worten rief er mit lauter Stimme den Pips, der ſich unverzüglich einſtellte. Peregrine's Gebieterin ſchien deſſen Zeugniß nicht vollgültig zu finden, indem ſie bemerkte, daß ſie über⸗ zeugt ſey, Maſter Pips hätte hierüber bereits ſeine Anweiſung; allein Pickle bat ſie, ihm die Kränkung zu erſparen, ihn in einem ſo entehrenden Lichte zu betrachten; ſodann befahl er ſeinem Bedien⸗ ten, die Außenſeite des Briefes zu betrachten und ſich zu beſinnen, ob es derſelbe ſey, den er etwa vor zwei Jahren der Miß Gauntlet gegeben hätte. „Wohl möglich,“ verſetzte Pips, indem er ihn nur obenhin be⸗ trachtete und die Beinkleider emporzog,„wir han aber's ſint der Zeit ſo manchen Abſtecher gmacht, und ſind in ſo manchen Buchten un' Winkeln g'weſt, daß ich's nicht für gewiß behaupten mag. Ich hielt noch all mein Lebstag kein Tagebuch über unſere Kreuzzüge.“ Emilie lobte ihn wegen ſeiner Aufrichtigkeit, zugleich ließ ſie einen Baſilisken⸗ blick auf den Herrn fallen, als wenn ſie dächte, daß er die Recht⸗ ſchaffenheit ſeines Bedienten zu beſtechen ſich vergeblich bemüht habe. Peregrine war jetzt außer ſich, und verfluchte ſein Schickſal, das ihn einem ſo niedrigen Verdacht blosſtellte. Er rief auf's Feierlichſte Himmel und Erde zu Zeugen, daß er, weit entfernt, das alberne Schreiben verfertigt und abgeſandt zu haben, es zuvor nie geſehen, noch im mindeſten um dieſen Plan gewußt habe. Jetzt erſt merkte Pips, welches Unheil er angerichtet hatte. Ihn rührte die Wallung, worin ſich ſein Herr befand, für den er die größte Zuneigung hegte, und er erklärte mit aller Treuherzig⸗ keit: er ſey bereit, einen Eid abzulegen, daß Sir Pickle an dem beſagten Briefe keinen Theil habe. Ueber dieſes Bekenntniß deſſen Sinn ſie nicht einſehen konnten, waren ſie alle drei voller Staunen. Nach einer Pauſe ſtürzte Peregrine auf Pips los, packte ihn bei der Kehle und ſchrie im heftigſten Ausbruch der Wuth:„Spitz⸗ . 35 bube, ſag mir den Augenblick, wo iſt der Brief hingekommen, den ich Dir zu beſtellen gab?“ Der geduldige Bediente ſprützte, halb er⸗ droſſelt, wie er war, eine anſehnliche Portion Tabaksſaft aus dem einen Winkel des Mundes, und antwortete mit vielem Phlegma: „In's Feuer! Sie wollten doch wohl etwa nicht, daß ich dem jungen Frauenzimmer da ein Ding geben ſollte, welches der Wind in Fetzen fortwehte? Oder wollten Sie?“ Die Damen ſchlugen ſich für den bedrängten Knappen in's Mittel, und durch eine Menge Fragen, denen er auszuweichen weder Geſchicklichteit noch Neigung hatte, erpreßten ſie von ihm eine Erklärung der ganzen Sache. Aus Pips' getroffenem Auskunftsmittel ſchimmerte eine ſolche lächerliche Einfalt und eine ſo unſchuldige Abſicht hervor, daß ſelbſt die Erinnerung alles des Verdruſſes, den es verurſacht hatte, ihren Unwillen nicht erregen, noch ſie abhalten konnte, zum dritten Male ein herzliches Gelächter aufzuſchlagen. Pips ward mit mancher drohenden Warnung entlaſſen, ſich künftig anders zu betragen. Emilie ſtand mit einem Geſichte da, in welchem die Beſtürzung der Freude und Zärtlichkeit ſich malten. Peregrine's Augen funkelten vor Entzücken, und als Miß Sophie das Urtheil zur Sühne ausſprach, nahte er ſich ſeiner Gebieterin, und ſagte:„Die Wahrheit iſt mächtig, und ſiegt immer!“ Darauf ſchloß er ſie in ſeine Arme, und raubte ihr ſehr kühn einen Kuß, den ſie zu weigern nicht die Macht hatte. Ja, ſeine Freude war ſo groß, daß er ſich dieſelbe Freiheit auf Sophiens Lippen nahm, die er ſeine gütige Vermittlerin und ſeinen Schutzengel nannte. Kurz ſein Betragen war ſo ercentriſch, daß er durch daſſelbe die Gluth und Aufrichtigkeit ſeiner Leidenſchaft außer Zweifel ſetzte. Ich will die zärtlichen Betheurungen nicht wiederholen, die von der einen Seite gegeben, noch die zaubervollen Blicke des Beifalls malen, mit welchen ſie von der andern Seite aufgenommen wurden. Es ſey genug, wenn ich ſage, daß die reizende Vertraulichkeit des erſten Umgangs ſich augenblicklich wieder erneuerte. Sophie, die ihnen 36 zu der erwünſchten Beendigung ihres Zwiſtes Glück wünſchte, ward mit ihrem gegenſeitigen Vertrauen begünſtigt. Dieſer glücklichen Ausſöhnung zufolge berathſchlagten ſie über die Mittel, einander öfters wieder zu ſehen. Da er ſie im Hauſe ihrer Verwandten nicht direkt, ohne einen paſſenden Vorwand, ſich aufzu⸗ führen, öffentlich beſuchen konnte, wurde ausgemacht, daß man ſich jeden Nachmittag bis zur nächſten Aſſemblee im Park treffen ſollte. Dann möchte er ſie engagiren, und ſie wollte in Erwartung dieſes Geſuchs unverſagt bleiben. Auf dieſe Art erlangte er das Recht, ſie am folgenden Tage zu beſuchen; und ſo würde ſich, ſagte er, von ſelbſt ein Umgang zwiſchen ihnen bilden, gegen den keine Seele etwas haben würde. Dieſer Plan wurde wirklich ausgeführt. Indeß begab ſich dabei ein Umſtand, der beinahe üble Folgen gehabt hätte, wenn Peregrine nicht mehr Glück als Verſtand gehabt hätte. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Peregrine beſteht ein Abenteuer auf dem Ball und hat darauf einen Diſput mit ſeinem Hofmeiſter. Auf der Aſſemblee figurirten nicht weniger denn hundert reiche Herren, die unſers Helden Nebenbuhler bei Emilie waren, und deren Jeder ſich bei dem Tanz um ihre Hand bewarb. Sie entſchuldigte ſich gegen Jeden derſelben mit einer kleinen Unpäßlichteit, welche ſie wahrſcheinlich vom Balle abhalten würde, weßhalb ſie ſie bat, ſich nach einer andern Tänzerin umzuſehen. Sie mußten dieſe Entſchul⸗ digung gelten laſſen, und befolgten daher ihren Rath. Jetzt, da ſie ihr Wort nicht wieder zurücknehmen konnten, hatten ſie den Verdruß, Emilie unverſagt zu finden. 37 Sie kamen nach der Reihe zu ihr, und bezeigten ihr ihr Er⸗ ſtaunen und Bedauern, ſie ohne Geſellſchafter auf dem Ball zu finden, nachdem ſie ihre Einladung ausgeſchlagen habe. Ihr Fieber, ſagte ſie, habe ſie verlaſſen, ſeitdem ſie die Ehre gehabt hätte, ſie, zu ſehen, und ſie rechnete jetzt auf's Ungefähr, ſie zu verſorgen. Eben wie ſie dieſe Worte dem Letzten von den Dreien ſagte, nahte ſich Peregrine als ein ganz Fremder, verbengte ſich ſehr ehrerbietig gegen ſie, und ſagte, er habe vernommen, ſie ſey unverſagt, und er würde es für eine große Ehre anſehen, wenn ſie ſich von ihm für heute Abend engagiren laſſen wollte. Dieß und der allgemeine Beifall, den das ſchöne Paar im Tanze erregte, weckte die Aufmerkſamkeit und Bewunderung der Zu⸗ ſchauer, wodurch die Eiferſucht der drei Mitbewerber in Flammen gerieth. Sie verſchworen ſich ſogleich gegen den ſtolzen Fremden, und beſchloßen, ihn, als ihren Nebenbuhler, öffentlich zu beſchimpfen. Kaum war der erſte Contretanz aus, als einer von ihnen, ihrem Plane gemäß, mit ſeiner Tänzerin, ganz gegen das Reglement, den Platz für Peregrine und ſeine Gebieterin einnahm. Unſer Liebhaber, der dieß einer Unachtſamkeit zurechnete, ſagte dem Herrn, daß er ſich geirrt habe, und bat ihn ganz höflich, ſein Verſehen wieder gut zu machen. Der Andere verſetzte in einem gebieteriſchen Tone, er bedürfe ſeines Raths nicht, und er bäte ihn, ſich nur um ſich ſelbſt zu bekümmern. Peregrine antwortete mit einiger Hitze und beſtand auf ſeinem Rechte. Es entwickelte ſich daraus ein Streit, bei welchem ſchlimme Worte fielen. Uuſer ungeſtümer Jüngling hörte, daß man ihn mit dem Namen eines nichtswürdigen Kerls belegte. Sogleich riß er ſeinem Gegner die Perücke ab, und warf ſie ihm in das Geſicht. Die Damen ſchrien laut auf, die Mannsperſonen ſchlugen ſich in's Mittel, und Emilie, von einem Zittern befallen, wurde von ihrem jugendlich-brauſenden Bewunderer an ihren Platz geführt. Er bat ſie um Verzeihung, daß er ſie erſchreckt habe, rechtfertigte aber ſein 38 Betragen durch die Vorſtellung, daß es unvermeidlich geweſen ſey, die erhaltene Aufforderung zu beantworten. 8 Wiewohl ſie gegen dieſe Vertheidigung nichts einwenden konnte, ſo war ſie doch wegen der gefährlichen Lage, in welche er ſich ver⸗ wickelt hatte, nicht wenig bekümmert, und beharrte in der äußerſten Beſtürzung und Angſt darauf, ſogleich nach Hauſe zu gehen. Er mußte ihrem dringenden Verlangen nachgeben, und da ihre Baſe entſchloſſen war, ſie zu begleiten, ſo brachte er ſie beide nach ihrer Wohnung. Ehe er ſich von ihnen verabſchiedete, gab er ihnen, um ſie zu beruhigen, die Verſicherung, daß er, wenn ſein Gegner zufrie⸗ den wäre, keinen Schritt zu weiterer Verfolgung des Streits thun würde.. Mittlerweile war der Tanzſaal ein Schauplatz des Tumults und Aufruhrs geworden. Als der Herr, der ſich von Peregrine für beleidigt hielt, ihn ſich wegbegeben ſah, bemühte er ſich, von ſeinen ihn zurückhaltenden Freunden loszukommen, und unſerem Helden den er mit Schmähungen überhäufte und auf Piſtolen forderte, nachzufolgen, um von ihm Satisfaktion zu verlangen. Der Unternehmer des Balls hielt mit anweſenden Mitgliedern des Caſino Rath, und es ward mit Stimmenmehrheit beſchloſſen, die beiden Herren, welche die Unordnung veranlaßt hatten, zu er⸗ ſuchen, daß ſie ſich entfernen möchten. Da dieſer Entſchluß dem Einen von ihnen hinterbracht wurde, der gegenwärtig war, ſo machte er einige Schwierigkeiten, ſich darein zu ergeben; allein ſeine beiden Verbündeten brachten ihn ſo weit, und begleiteten ihn bis zur Haus⸗ thüre. Hier ſtieß er auf Peregrine, der zum Ball zurückkehrte. Der choleriſche Herr, der ein Landjunker war, wurde kaum ſeines Nebenbuhlers anſichtig, als er in einer drohenden Stellung ſeinen Knotenſtock ſchwang. Unſer abentenuerlicher Held trat mit einem Fuß zurück, legte die Hand an den Degen, und zog ihn über die Hälfte aus der Scheide. Dieſe Poſitur, und der Anblick der ihm beim Mondſchein in's 39 Geſicht blitzenden Klinge, dämpfte einigermaßen die Hitze ſeines Angreifers. Dieſer verlangte, daß er ſeinen Bratſpieß ablegen, und ſich auf gleiche Waffen mit ihm ſchlagen ſolle.— Peregrine, der ein erfahrner Klopffechter war, nahm die Einladung an. Er wechſelte mit dem hinter ihm befindlichen Pips die Waffen, ſetzte ſich in eine defenſive Poſitur, und erwartete den Angrif ſeines Gegners, der ohne Kunſt und ohne alle Ueberlegung blind um ſich ſchlug. Pickle hätte ihm ſchon beim erſten Streiche ſeinen Knittel aus der Hand ſchlagen können; weil er ihm aber alsdann ehrenhalber ſogleich hätte Pardon geben müſſen, ſo beſchloß er, ſeinen Feind zu züchti⸗ gen, ohne ihn außer Vertheidigungsſtand zu ſetzen, und nicht eher aufzuhören, als bis er mit der an ihm genommenen Rache vollkom⸗ men zufrieden ſeyn würde. In dieſer Abſicht erwiederte er ſeinen Gruß, und erregte auf des Squire's Kopf ein ſolches Gepraſſel, daß, wer es gehört und den Schlag nicht fallen ſehen hätte, es für den Schall einer Salzmäſte gehalten haben müßte, die ein geſchickter Pickelhering aus einer der Buden auf dem Bartholomäusmarkte handhabte. Doch bei dieſer Begrüßung des Hauptes von ſeinem Gegner ließ es Pickle nicht bewenden; er heimſuchte auch deſſen Schultern, Arme, Schenkel, Hüften und Rippen mit erſtaunlicher Schnelligkeit. Pips blies mittlerweile durch ſeine hohle Fauſt zum Treffen. Als Peregrine dieſer Uebung müde war, die ſeinem Feinde faſt alle Beſinnung geraubt hatte, gab er ihm den letzten entſcheidenden Streich. Dem Squire flog ſeine Waffe aus der Hand, und er erklärte unſern Helden für den Sieger. Mit dieſer Erklärung zufrieden, ging der Ueberwinder mit ſo ſtolzer Miene und mit ſo triumphirender Haltung die Treppe hin⸗ auf, daß es Niemand wagte, ihm den in ſeiner Abweſenheit gefaßten Entſchluß zu hinterbringen. Er beluſtigte ſich eine Zeit lang damit, den Contretänzen zuzuſehen, und dann verfügte er ſich nach Hauſe, wo er ſich die ganze Nacht hindurch an ſeinem glücklichen Schickſal weidete. Am nächſten Vormittag beſuchte er ſeine geſtrige Tänzerin, und 40 da der Gentleman, bei dem ſie wohnte, ſeine Familie und Ver⸗ mögensumſtände erfahren hatte, ſo nahm er ihn als einen Bekannten ſeiner Baſe Gauntlet ſehr höflich auf, und lud ihn zum Mittags⸗ eſſen ein. Emilie war hocherfreut, als ſie den Ausgang dieſer Begebenheit erfuhr, die einiges Aufſehen in der Stadt zu machen begann, wie⸗ wohl ſie dadurch einen reichen Bewunderer verlor. Denn der Squire hatte einen Rechtsgelehrten wegen ſeines gehabten Streits conſultirt, in der Hoffnung, Peregrine wegen eines Ueberfalls gerichtlich belan⸗ gen zu können. Allein der Mann des Geſetzes hatte ihn nicht dazu aufgemuntert, daher er beſchloß, die erlittene Beſchimpfung einzu⸗ ſtecken, und der Dame, die an beidem Schuld war, nicht weiter zu huldigen. Da unſer Liebhaber von ſeiner Herzenskönigin vernahm, daß ſie noch vierzehn Tage in Windſor bleiben würde, ſo beſchloß er, dieſe ganze Zeit hindurch ihre Geſellſchaft zu genießen, und ſie dann nach dem Hauſe ihrer Mutter zu begleiten, die er gern ſehen wollte. Dieſem Plane gemäß erſann er täglich eine neue Luſtpartie für die Damen, zu denen er jetzt freien Zutritt hatte. Er verwickelte ſich endlich ſo ſehr in den Stricken der Liebe, daß er von Emiliens Reizen ganz bezaubert ſchien, die in der That jetzt beinahe unwider⸗ ſtehlich waren. Während er ſo ſorglos die Blumenpfade des Vergnügens durch⸗ wandelte, ward ſein Hofmeiſter zu Orford durch ſein ungewöhnlich langes Außenbleiben beunruhigt. Er ging zu den Herren, die ſeinen Mündel auf ſeinem Streifzuge begleitet hatten, und hat ſie inſtän⸗ digſt, ihm Alles zu ſagen, was ſie von Peregrine wußten. Sie be⸗ richteten ihm ſonach, Pickle habe Miß Emilie Gauntlet auf dem Schloſſe angetroffen, und entdeckten ihm Umſtände genug, aus denen er ſchließen konnte, daß ſich ſein anvertrautes Pfand nicht in den ſicherſten Händen befände. Jolter hatte nicht die geringſte Autorität bei Peregrine, ja, er 41 durfte es nicht einmal wagen, ihm mißfällig zu werden; daher nahm er, ſtatt dem Commodore zu ſchreiben, ſogleich ein Pferd, und kam noch denſelben Abend zu Windſor an. Hier fand er ſein verlornes Schäſchen, das über ſeine unerwartete Ankunft nicht wenig ſtutzte. Der Hofmeiſter wünſchte eine ernſtliche Unterredung mit ihm zu halten; zu dieſem Zweck ſchloßen ſie ſich in ein Zimmer ein. Jolter eröffnete ihm mit großer Feierlichkeit die Veranlaſſung ſeiner Reiſe. Sie ſey lediglich Theilnahme an dem Wohl ſeines Zöglings, ſagte er; und mit großem Ernſte übernahm er es, einen mathema⸗ tiſchen Beweis zu führen, daß dieſe Liebesgeſchichte, wenn ſie weiter getrieben würde, zu Peregrine's Verderben und Schande ausſchlagen müßte. Dieſer ſonderbare Vorſchlag reizte Pickle's Reugier. Er ver⸗ ſprach ihm, alle nur erſinnliche Aufmerkſamkeit zu ſchenken, und bat ihn, ohne weitere Präliminarien anzufangen. Dieſer anſcheinende Ernſt munterte den Hofmeiſter auf. Er bezeigte ſeine Zufriedenheit, ihn ſo geneigt zur Ueberzeugung zu ſinden, und ſagte ihm, er wolle nach mathematiſchen Grundſätzen verfahren. Sodann huſtete er dreimal, und machte die Bemerkung, daß keine mathematiſchen Unterſuchungen angeſtellt werden könnten, wenn nicht gewiſſe Sätze als evidente Wahrheiten zugeſtanden wür⸗ den. Daher müſſe er ihn bitten, ihm einige Ariome zuzugeben, die Sir Pickle zu beſtreiten gewiß keine Urſach haben würde. Zuerſt alſo,“ ſagte er,„werden Sie hoffentlich zugeſtehen, daß Jugend und Verſtand, in Beziehung auf einander, zwei Parallel⸗ linien ſind, die, bis in's Unendliche verlängert, immer gleich weit von einander abſtehen, und nie cvincidiren. Dann müſſen Sie zu⸗ geben, daß die Leidenſchaften in einem aus dem Verſtande und der temperamentsmäßigen Hitze zuſammengeſetzten Verhältniſſe auf die menſchliche Seele wirken. Drittens werden Sie nicht läugnen, daß der Winkel der Reue dem Winkel der Unüberlegtheit gleich ſey. Wenn dieſe Poſtulata zugeſtanden ſind,(ſetzte er hinzu, nahm Feder, 42 Dinte und Papier, und zeichnete ein Parellelogramm), ſo ſoll die grade Linie a b die Iugend vorſtellen, und eine andere, mit jener varallel graden Linie c d den Verſtand. Man ergänze das Parallelo⸗ gramm abod, und laſſe den Durchſchnittspunkt p das Verderben bedeuten. Die Leidenſchaft wollen wir uns unter dem Buchſtaben e vorſtellen, und ihr eine Bewegung in der Direction c a geben. Zugleich ſoll ſie eine andere Bewegung in der Direction e d haben, ſo wird ſie in der Diagonallinie c d fortgehen, und dieſe in eben der Zeit beſchreiben, in der ſie bei der erſten Bewegung die Seite e a oder bei der zweiten die Seite dee beſchrieben haben würde. Um die Demonſtration dieſes Corollariums zu verſtehen, müſſen wir den bekannten Lehrſatz vorausſchicken, daß, wenn ein Körper durch eine Kraft getrieben wird, die einer gegebenen geraden Linie in der Richtung parallel iſt, dieſe Kraft oder Bewegung nicht im Stande iſt, zu bewirken, daß der Körper ſich der geraden Linie nähert, oder ſich von ihr entfernt, ſondern nur ſich in einer Parallele mit der geraden Linie zu bewegen, wie dieß aus dem zweiten Geſetz der Bewegung erhellt. Da alſo c a mit dp parallel iſt——. Bis hieher hatte ihm ſein Mündel aufmerkſam zugehört jetzt konnte er nicht länger an ſich halten, ſondern unterbrach die De⸗ monſtration durch ein lautes Gelächter, und ſagte zu ihm: Seine Poſtulate erinnerten ihn an einen gewiſſen geſchickten und einſichts⸗ vollen Mann, der es unternommen hätte, das Daſehn des natür⸗ lichen Uebels zu widerlegen, und der kein anderes Datum gefordert habe, ſeine Demonſtration darauf zu bauen, als das Geſtändniß, daß Alles, was vorhanden iſt, gut ſey.„Sie können ſich ſonach,“ fuhr er in einem gebieteriſchen Tone fort,„die Mühe erſparen, Ihre Einbildungskraft auf die Folter zu ſpannen, denn nach alledem bin ich feſt überzengt, daß es mir an Fähigkeit gebrechen wird, die Er⸗ örterung Ihres Heiſcheſatzes zu begreifen, und ich mich daher ge⸗ nöthigt ſehe, Ihrer Schlußfolge meinen Beifall zu verſagen.“ Dieſe Erklärung brachte Jolter außer aller Faſſung, und 43 Peregrine's Geringſchätzung beleidigte ihn ſo ſehr, daß er ſich nicht enthalten konnte, ſein Mißvergnügen hierüber an den Tag zu legen. Er ſagte ihm geeradzu in's Geſicht, er ſey zu heftig und halsſtarrig um durch Vernunft und gelinde Mittel wieder auf den rechten Weg gebracht werden zu können; daher ſey er als Hofmeiſter verpflichtet, um ſeinem Amt und Gewiſſen zu genügen, die Unbeſonnenheit ſeines Zöglings dem Commodore zu melden. Wofern die Geſetze dieſes Königreichs nur noch einige Kraft hätten, fügte er hinzu, ſo würden ſie die Zigeunerin zu Rede und Antwort ziehen, die ihn ſo in der Irre führte. In Frankreich, bemerkte er, würde bei einem ſo wider⸗ ſinnigen Liebeshandel das Mädchen ſchon vor zwei Jahren in ein Kloſter geſperrt worden ſeyn. Unſers Liebhabers Augen funkelten vor Zorn, als er ſeine Ge⸗ bieterin ſo unehrerbietig behandeln hörte. Kaum konnte er ſo weit an ſich halten, daß er nicht Hand an den Läſterer legte. In ſeinem Grimm warf er ihm vor, er ſey ein übermüthiger Pedant, ohne alles Zartgefühl. Dabei warnte er ihn, ſich nicht ferner ſolcher unverſchämten Freiheiten gegen ihn zu bedienen; ſonſt würde er ſich noch ernſtlichere Wirkungen ſeines Zorns zuziehen. Jolter, der ſehr hohe Begriffe von der Verehrung hegte, zu welcher er ſich durch ſeinen Stand und ſeine Eigenſchaften berechtigt glaubte, hatte den gänzlichen Verluſt ſeines Einfluſſes und Anſehens bei ſeinem Zögling nicht ohne Leidweſen ertragen. Seit dem Abenteuer mit dem bemalten Auge hegte er einen beſondern Groll gegen ihn⸗ Daher hatten die gehäuften Beweggründe ſeiner Unzufriedenheit ſeine bekannte Nachſicht beſiegt. Er würde in der That ſeine Stelle mit Verachtung niedergelegt haben, wenn nicht die Hoffnung auf eine gute Leibrente, die ihm Trunnion ausſetzen könnte, ihn zum Bleiben vermocht, oder er für jetzt S eine vortheilhaftere Verſorgung gewußt hätte. 44 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Pickle bricht mit dem Commodore und auch mit dem Lieutenant, der ſich trotz dem ſeiner Sache annimmt. Mittlerweile verließ Jolter den jungen Mann im äußerſten Aerger. Er ſchrieb noch an demſelben Abend an Miſtriß Trunnion. Der Zorn hatte ihm dieſen Brief diktirt, daher er mit den heftigſten Ausfällen auf die ſchlechte Aufführung ſeines Zöglings angefüllt war. Dieſer Anklage zufolge erhielt Peregrine in Kurzem eine Epiſtel von ſeiner Frau Tante, in welcher ſie ihm haarklein alle von dem Commodore empfangenen Wohlthaten vorrechnete, ihm, der hülflos, verloren und von ſeinen Eltern verlaſſen und gänzlich aufgegeben wäre; warf ihm ſein übles Betragen und ſeine Geringſchätzung der Warnungen und Fingerzeige ſeines Hofmeiſters vor, und beſtand darauf, daß er den Umgang mit dem Mädchen, das ihn verführt habe, gänzlich abbrechen ſolle, wenn ihm an ihrer ferneren Gewogen⸗ heit und an ihres Mannes Achtung etwas gelegen ſey. Da unſers Helden Ideen„von Delikateſſe ſehr fein waren, ſo verletzten ihn die unzarten Aeußerungen der Miſtriß Trunnion nicht wenig, und er fühlte alle die Leiden eines edeln Gemüths, das durch die Verbindlichkeiten gegen eine Perſon niedergedrückt wird, die er verachtet. Weit entfernt, ihren Geboten zu gehorchen, oder durch unterwürfige Beantwortungen ihrer Verweiſe ſich gegen ſie zu demüthigen, hob ihn ſein Mißmuth über jeden ſelbſtiſchen Beweg⸗ grund hinweg. Er beſchloß, wo möglich mehr denn jemals an Emilie feſt zu halten. Zugleich gerieth er in die Verſuchung, Jolters Dienftfertigkeit durch Gegenanklagen über ſeine Lebensart und die Geſellſchaften, die er beſuchte, zu erwiedern; allein er wider⸗ ſtand edelmüthig dem Antriebe ſeiner Leidenſchaft, weil er wußte, daß Jolter keine weitere Stütze hatte, als die gute Meinung, die 45 der Commodore von ihm hegte. Doch die ſtrengen Vorwürfe ſeiner Baſe konnte er nicht ſo ruhig verſchmerzen. Er antwortete ihr durch folgenden Brief, den er an ihren Mann richtete: Mein Herr! Obſchon ich mich wegen meiner Denkart nie habe ſo weit herabwürdigen können, den groben Weihrauch zu ſtreuen, den nur ein Unedelmüthiger erwarten und ein Niederträchtiger darzubringen Herablaſſung genug haben kann, einen Weihrauch, den Sie— wo⸗ fern ich Ihren Charakter anders kenne— nie anzunehmen würden geruht haben; ſo haben dennoch meine Geſinnungen Ihrer Groß⸗ muth und Freigebigkeit immer Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, und ich habe mich auf's Genaueſte an die Vorſchriften meiner Pflicht gehalten. Meiner revlichen Geſinnungen mir bewußt, habe ich Ihrer Frau Gemahlin unfreundliche(ich will nicht ſagen unedelmüthige) Vorrechnung aller von Ihnen erhaltenen Gunſtbezeugungen ſchmerz⸗ lich gefühlt. Da ich vorausſetze, daß dieſer Brief nicht ohne Ihre Bewilligung und Beiſtimmung geſchrieben worden iſt, ſo muß ich um Erlaubniß bitten, Sie zu verſichern, daß ich, weit entfernt, mich durch Drohungen und Vorwürfe irre leiten zu laſſen, entſchloſſen bin, weit lieber eine Hölle aus den Händen des Geſchicks anzuneh⸗ men, als mich ſolchem entehrenden Zwange zu unterwerfen. Wenn man mich mit mehr Zartheit und Achtung behandelt, ſo werde ich mich ſo betragen, wie es demjenigen geziemt, der die Ehre hat, ſich zu nennen Ihren verpflichteten Peregrine Pickle. Der Commodore, der ſich auf ſo feine Unterſchiede im Betragen nicht verſtand, und von Peregrine's Liebe, gegen die er ein ſtarkes Vorurtheil hegte, Folgen beſorgte, ward über den Trotz und über die Hartnäckigkeit ſeines Adoptivſohnes heftig erbittert. Er ſchrieb ihm folgende Antwort, die Hatchway ihm zuſtellte, der Befehl hatte, den Delinquenten nach dem Caſtell zurückzubringen. 46 Höre, Junge, haſt's nicht nöthig, bei mir Deinen glatten Schnickſchnack vom Stapel laufen zu laſſen. Du verſchießeſt Dein Pulver ganz verge⸗ bens. Was Deine Baſe ſagt, das iſt wahr. Denn ſiehe Kerl, frei über Vord wegreden, iſt immer gar fein und brav. Wie ich höre, jagſt Du'ner bemalten Galeere nach. Sie wird Dich auf die Sand⸗ bänke des Verderbens führen, wenn Du nicht beſſer zuſiehſt und richtiger rechneſt, als bis datv. Ich habe Jack Hatchway auslaufen laſſen, um zu ſehen, wie das Land liegt und Dich vor Gefahr zu warnen. Willſt Du nun Dein Schiff wenden, und Dich von ihm in dieſen Hafen ſteuern laſſen, ſo ſollſt Du guten Ankergrund und freundliche Aufnahme finden. Weigerſt Du Dich aber, andern Cours zu nehmen, ſo kannſt Du ferner keinen Beiſtand erwarten von Hawſer Trunnion. Dieſer Brief ärgerte unſern Peregrine eben ſo ſehr, als er ihn außer Faſſung brachte; denn er war ganz wider ſeine Erwartung ausgefallen. Daher erklärte der junge Mann gegen den Lieutenant, der ihn überbracht hatte, in einem entſchloſſenen Tone, daß er zu⸗ rückkehren möchte, ſobald es ihm beliebte, weil er ſeinerſeits ge⸗ ſonnen ſey, nach ſeiner Neigung zu handeln, und noch länger da zu bleiben, wo er ſich befände. Hatchway bemühte ſich mit allen Gründen, die ſein Scharfſinn und ſeine Freundſchaft ihm an die Hand geben konnten, Pickle zu bereden, ſich etwas nachgiebiger gegen den alten Mann zu zeigen. Die Fußgicht, ſagte er, machte ihn jetzt örgerlich und mürriſch, weil ſie ihn von ſeinen gewöhnlichen Ergötzungen abhielte, und er könnte in ſeinem Zorn gar leicht einen oder den andern Schritt zum Nach⸗ theil des jungen Herrn thun, den er bisher als ſeinen Sohn be⸗ handelt hätte. n Unter andern Vorſtellungen, die Jack machte, äußerte er auch, Peregrine ſey vielleicht unter Emiliens Luken gerathen, und wolle ſie nicht gern vor Wind und Wellen treiben laſſen. Wenn das 47 wäre, ſo wolle er ſelbſt für das Gefäß ſorgen und Acht haben, daß die Ladung gut und wohlbehalten abgeliefert würde. Er habe Reſpekt vor den jungen Frauenzimmern, und ſein Compaß ſey auf den Eheſtand gerichtet. Höchſt wahrſcheinlich würde ſie durch die Ladung nicht viel verſchlimmert ſeyn, und ſo wolle er ſich bemühen, unter einem leichten Segel mit ihr durch das Leben durchzukommen. Gegen alle dieſe Erinnerungen war unſer Liebhaber taub; und nachdem er ihm für das letztere Erbieten, dieſen Beweis ſeiner Ge⸗ fälligkeit, gedankt hatte, wiederholte er ſeinen Entſchluß, auf ſeinem erſten Vorſatz zu beharren. Da Hatchway durch milde Vorſtellun⸗ gen ſo wenig ausrichtete, gab er ſich ein mehr gebieteriſches Anſehen, und ſagte ihm gerade heraus, ohne ihn könne er weder, noch wolle er zu Hauſe gehen; er thäte daher am beſten, unverzüglich Anſtalten zur Reiſe zu treffen. Peregrine beantwortete dieſe Erklärung nur mit einem verächt⸗ lichen Lächeln, und ſtand auf, um wegzugehen. Der Lieutenant ſprang auf, poſtirte ſich vor die Thür, und verſicherte mit drohenden Geberden, ihn nicht ſo mit ſeinem tollen Brägen laufen zu laſſen. Dieſe Vermeſſenheit, ihn mit Gewalt zurückhalten zu wollen, erhitzte den Andern; er ſchlug deſſen hölzernem Fuße ein Bein unter, und legte ihn ſo augenblicklich auf den Rücken. Sodann ging er ganz kaltblütig nach dem Park, um den traurigen Vorſtellungen ruhig nachzuhängen, die jetzt ſeinen Geiſt beſchäftigten. Er war noch nicht zweihundert Schritte weit gegangen, als er hinter ſich blaſen und ſtampfen hörte. Als er ſich umſah, ward er den Lieutenant auf ſeinen Ferſen gewahr, aus deſſen Geſicht Wuth und Zorn blitzten. Dieſer erbitterte Seemann, der die erlittene Beſchimpfung nicht ertragen konnte, und ihre vorige innige Freund⸗ ſchaft rein vergeſſen hatte, nahte ſich ſeinem ehemaligen Freunde mit großem Eifer, und ſagte zu ihm:„Seht, Bruder, Ihr ſeyd'n protzig Bürſchlein! Wär't Ihr zur See, ich hätte Eu'r Hinterkaſtell dem David für Euren Ungehorſam Preis gegeben; nun ſind wir 48 aber auf dem Lande da müſſen wir uns mit Piſtolen h'rumknallen. Da iſt'n Paar; nehm't, welche Ihr wollt!“ Peregrine, der ſich jetzt beſonnen hatte, that es wehe, daß er ſich genöthigt geſehen, den ehrlichen Jack zu beleidigen, und er bat ihn gar herzlich um Verzeihung. Allein der Andere nahm dieſe Herablaſſung krumm, und weigerte ſich, eine andere Genugthuung anzunehmen, als die einem Offizier gebühre. Er fragte mit ſehr unehrerbietigen Ausdrücken, ob etwa Perry'n vor ſeiner Haut bange ſey? Dieſe unbillige Beſchuldigung erhitzte den Jüngling. Er warf einen wüthenden Blick auf den Ausforderer, ſagte ihm, er hätte nur zu viel Nachſicht gegen ſeine Schwachheiten gehabt, und bat ihn, weiter mit nach dem Park zu kommen, wo er ihn bald ſeines Irr⸗ thums überführen wolle, wenn er dächte, daß er aus Furcht nach⸗ gegeben habe. Eben jetzt holte Tom Pips ſie ein. Er hatte den Lieutenant fallen gehört, und ihn ſeine Piſtolen zu ſich ſtecken geſehen; dadurch war er auf den Verdacht gerathen, daß ein Zwiſt unter ihnen ob⸗ walten müſſe. Zu dieſem Ende war er ihnen gefolgt, um ſeinen Herrn zu beſchützen. Peregrine merkte ſeine Abſicht, ſobald er ihn nur ſah; deßhalb nahm er eine heitere Miene an, gab vor, er habe ſein Schnupftuch im Wirthshauſe liegen laſſen, und befahl ihm, es zu holen, und nach dem Park zu bringen, wo er ſie bei ſeiner Zu⸗ rückkunft finden würde. Dieſer Befehl ward zweimal wiederholt, ohne daß Tom auf ſeinen erhaltenen Auftrag anders als durch Kopfſchütteln achtete. Als Pickle aber durch Flüche und Drohungen in ihn ſetzte, gab er zu verſtehen, daß er nur zu gut wiſſe, was ſie vor hätten, als daß er ihnen allein trauen ſollte.„Was Euch anlangt, Lieutenant Hatchway,“ ſagte er,„ich bin Euer Schiffsmat geweſt, und weiß, daß Ihr'n Seemann ſeyd, dat is genug; und von meinem Herrn hier weiß ich, daß er ſo gut is, wie irgend Einer, der zwiſchen Bug und Spiegel gegangen. Habt Ihr ihm alſo etwas zu ſagen, ſo bin ich 49 Euer Mann, wie man zu ſagen pflegt. Hier is mein Prügel; Eure Platzer acht' ich ſo viel wie'n Endchen Tau.“ Dieſe Rede, welches die längſte war, die man jemals von Pips gehort hatte, beſchloß er mit einem Schwunge ſeines Prügels, und beſtärkte ſie mit ſo harnäckigen Weigerungen, die Beiden zu ver⸗ laſſen, daß ſie es unmöglich fanden, ihre Sache auf Tod und Leben zu entſcheiden. Sie liefen daher in tiefem Stillſchweigen im Park herum. Indeſſen legte ſich Hatchway's Unwille. Er ſtreckte Pickle ſeine Hand mit einem Male entgegen, als Zeichen der Ausſöhnung. Peregrine ergriff ſie und ſchüttelte ſie herzlich. Hierauf folgte der völlige Friedensſchluß und dann eine allgemeine Berathſchlagung über die Mittel, durch welche man den jungen Mann aus der gegenwärtigen Verlegenheit retten könnte. Wäre ſeine Denkungsart dieſelbe wie die der meiſten jungen Leute geweſen, ſo würde es nicht viel Mühe gekoſtet haben, ſeine Schwierigkeiten zu beſiegen. Allein ſein Stolz war ſo hartnäckig, daß er es ſeiner Ehre zuwider hielt, den erhalte⸗ nen Brief leicht aufzunehmen; und anſtatt ſich dem Verlangen des Commodore zu unterwerfen, verlangte er von ihm Genugthuung; ohne dieſe wollte er von keinen Bedingungen zum Vergleich hören. „Wenn ich ſein Sohn wäre,“ ſagte er,„ſo hätte ich mir ſeine Vorwürfe gefallen laſſen und ihn um Verzeihung angefleht. Da ich aber weiß, daß ich nur auf dem Fuß einer Waiſe bei ihm ſtehe, die ganz von ſeiner Güte abhängt, ſo achte ich ſorgfältig auf Alles, was ſich als Geringſchätzung auslegen läßt, und beſtehe darauf, mit der ſtrengſten Achtung behandelt zu werden. Ich wende mich jetzt an meinen Vater, den ſowohl die Bande der Natur, als die Geſetze des Landes verpflichten, für mich Sorge zu tragen. Weigert er ſich, mir Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, ſo kann es mir nie an Mitteln zum Fortkommen fehlen, ſo lange Ihre Majeſtät noch Leute zu Ihren Dienſten brauchen.“ S Dieſer Fingerzeig beunruhigte den Lieutenant. Er bat ihn, keinen Schritt weiter zu thun, als bis er von ihm hörte. Noch an Smvllet's Romane. IX. 4 50 demſelben Abend reiste er nach dem Caſtell ab, und meldete Trun⸗ nion den ſchlechten Ausgang ſeiner Unterhandlung. Er erzählte ihm, wie ſehr Peregrine ſein Brief beleidigt hätte, wie er geſinnt ſey, und was er für einen Entſchluß gefaßt habe. Zuletzt verſicherte er ihn, daß, wenn er es nicht gut fände, ſeinen Pathen wegen der ihm zugefügten Beleidigung um Verzeihung zu bitten, er aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach deſſen Angeſicht nie wieder ſehen würde. Den alten Commodore beſtürzte dieſe Nachricht ausnehmend. Er hatte von dem jungen Mann den demüthigſten Gehorſam und die wehmüthigſte Reue erwartet; ſtatt deſſen aber traf er auf nichts als Unwillen und Widerſetzlichkeit. Er befand ſich ſogar in der Lage eines Beleidigers, und war genöthigt, entweder Genugthuung zu geben, oder allem Umgang mit ſeinem Lieblinge zu entſagen. Dieſe übermüthigen Bedingungen rißen ihn anfänglich zum unbändigſten Zorn hin. Er ſtieß mit ſolcher Schnelligkeit ſeine Flüche aus, daß er ſich nicht einmal Zeit zum Athemholen ließ, und daß ihn der Grimm beinahe erſtickte. Er ſchalt bitterlich auf Pere⸗ grinens Undankbarkeit, gedachte ſeiner mit manchem feinen Ehren⸗ titel, und ſchwur, er müſſe für ſeine Tolldreiſtigkeit gekiehlholt werden. Als er aber kaltblütiger den Muth des jungen Herrn überlegte, der ſich ſchon bei manchen Gelegenheiten geäußert hatte, und als er dem Zureden Hatchway's ein geneigtes Gehör ver⸗ liehen, den er auf allen ſeinen Fahrten als ſein Orakel angeſehen, ſo legte ſich ſein Zorn, und er beſchloß, Pickle wieder zu Gnaden anzunehmen. Dieſe Verſöhnlichkeit ward großentheils durch Jacks Erzählung von unſers Helden Unerſchrockenheit bei dem Ball ſowohl als bei ſeinem Strauß mit ihm in dem Park mitbewirkt. Allein der ver⸗ maledeite Liebeshandel ſchwebte Trunnions Einbildungskraft noch immer als ein Popanz vor. Denn er hielt es für eine unfehlbare Marime, daß ein Weib die ewige Quelle alles Elends für einen Mann ſey. Seit ſeiner Heirath brachte er freilich dieſen weiſen 51 Spruch ſelten anders vor, als im Beiſeyn einiger wenigen vertrau⸗ ten Freunde, auf deren Verſchwiegenheit er ſich verlaſſen konnte. Da er fand, daß ihm Jack in Emiliens Sache nicht zu rathen wußte, fragte er Miſtriß Trunnion um ihre Meinung. Dieſe war eben ſo beſtürzt als erſtaunt, als ſie vernahm, daß ihr Brief nicht die beabſichtigte Wirkung gehabt habe. Sie maß die Halsſtarrigkeit des Jünglings der unzeitigen Nachſicht des Oheims bei, und nahm ſodann ihre Zuflucht zum Gutachten des Pfarrers. Dieſer, der auf ſeines Freundes Vortheil noch immer ein Auge hatte, gab ihnen den Rath, den jungen Herrn auf Reiſen zu ſenden; darauf würde er höchſt wahrſcheinlich die Zeitvertreibe ſeiner unreifern Jahre ver⸗ geſſen. Der Vorſchlag war vernünftig, und ward ſogleich ange⸗ nommen. Trunnion ging in ſein Kabinet, und brachte nach ver⸗ ſchiedenen Verſuchen folgende Epiſtel zu Stande, mit welcher Hatchway noch an demſelben Nachmittag nach Windſor abging. „Mein guter Junge! Hab ich Dir in meinem letzten Briefe weh gethan, ſo thut's mir herzlich leid. Ich hielt es für das beſte Mittel, Dich aufzu⸗ bringen. Künftig ſollſt Du das Kabeltau länger und freier haben. Kannſt Du Zeit erübrigen, ſo ſoll mir's lieb ſeyn, wenn Du n'en Abſtecher machen thuſt zu Deiner Tante und zu Deinem Dich liebenden Pathe und ergebenſten Diener Hawſer Trunnion.“ Nachſchrift.„Fehlt Dir's an Geld, ſo kannſt Du zahlbar nach Sicht auf mich traſſiren.“ 52 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Die Ausſohnung. So ſehr Peregrinen auch ſein Stolz und ſeine Indignation ſtärkten, ſo fühlte er doch das Peinliche ſeiner gegenwärtigen Lage in ihrem ganzen Umfange. Nachdem er ſo lange Zeit im Ueberfluß und auf einem großen Fuß gelebt hatte, konnte er ſich mit dem Gedanken, ſich den kränkenden Bedürfniſſen des Lebens zu fügen, nicht vertraut machen. Alle die lachenden Träume von Luſt und Herrlichkeit, die ihm ſeine ausſchweifende Phantaſie vorgemalt hatte, zerfloßen in Nebeldunſt. Eine Schaar melancholiſcher Bilder faßte Poſto in ſeinem Geiſte, und Emiliens nah bevorſtehender Verluſt war nicht das geringſte ſeiner Leiden. Wie ſehr er ſich auch bemühte, den ihm am Herzen nagenden Kummer zu unter⸗ drücken, ſo konnte er dennoch ſeine Gemüthsunruhe dem ſcharfen Auge der liebenswürdigen jungen Dame nicht entziehen. Ihr Herz ſympathiſirte mit ihm, wenn ſie gleich ihrer Zunge nicht die Freiheit verſtatten konnte, ihn nach der Urſache ſeiner Verſtörtheit zu fragen. Denn ſo feurig er ſich auch in den Aeu⸗ ßerungen ſeiner Leidenſchaft gegen ſie zeigte, ſo war er doch nie im Stande geweſen, das Geſtändniß gegenſeitiger Zärtlichkeit von ihr herauszubringen. Die Urſache war die: er hatte, ob er ihr gleich bisher mit der äußerſten Ehrfurcht und Achtung begegnet war, noch nicht einziges Mal der Endabſicht ſeiner Leidenſchaft er⸗ wähnt. Für ſo rechtſchaffen ſie auch dieſelbe hielt, ſo hatte ſie doch Einſicht genug, um vorauszuſehen, daß Eitelkeit oder Eigen⸗ nutz, wenn ſich noch der Leichtſinn der Jugend dazu geſellte, ſie dereinſt um ihren Liebhaber bringen könnten, und ſie beſaß zu viel Stolz, um ihm Anlaß zu geben, ſich auf ihre Koſten luſtig zu machen. Mit ſo ausgezeichneter Höflichkeit, mit ſo inniger Freundſchaft 5 ſogar ſie ihn auch aufnahm, ſo konnten ſie doch aus dieſer Urſache ſeine angelegentlichſten Bitten nicht zu einem Liebesgeſtändniß ver⸗ mögen. Im Gegentheil, da ſie von ſehr munterem Temperament war, ſo kokettirte ſie bisweilen mit andern ihrer Anbeter, theils um durch dieſen Sporn ſeine Aufmerkſamkeit immer in Spannung zu erhalten, theils um ihm zu zeigen, daß ſie im Falle der Ab⸗ nahme ſeiner Neigung ſich anderweitig zu verſorgen im Stande wäre. Da Emilie nach dieſem verſtändigen Plane handelte, ſo läßt ſich nicht annehmen, daß ſie ſich ſo hätte herablaſſen ſollen, die— Gedanken Peregrine's erforſchen zu wollen, als ſie ihn ſo bekümmert ſah. Doch trug ſie dieſes Geſchäft ihrer Muhme und Verttauten auf. Bei einem Spaziergange im Park äußerte Letztere, daß er gar nicht bei Laune wäre. Iſt dieß wirklich der Fall, ſo vermehrt gemeiniglich eine ſolche Aeußerung das Uebel; wenigſtens geſchah dieß bei Peregrine. Er verſetzte etwas mürriſch:„Ich verſichere Sie, Miß, Sie haben ſich nie mehr in Ihren Beobachtungen geirrt.“—„Das meine ich auch,“ ſagte Emilie;„denn mich dünkt, ich ſah Herrn Pickle nie aufgeräumter als heute.“ 1 Dieſes ironiſche Lob machte ſeine Verwirrung vollſtändig. Er erkünſtelte ein Lächeln, allein es war ein Lächeln der Angſt, und in ſeinem Herzen verwünſchte er die Munterkeit der beiden Mädchen. Wenn es auch ſein Leben gekoſtet hätte, ſo wäre er nicht im Stande geweſen, irgend etwas Zuſammenhängendes hervorzubringen. Die Vorſtellung, daß man die geringſte ſeiner Handlungen be⸗ lauſchte, hüllte ſeinen Geiſt in einen ſolchen Nebel, daß ſich Scham und Aerger ſeiner bemächtigten, als Sophie nach der Pforte hin⸗ blickte und ſagte:„Dort iſt Ihr Bedienter, Sir Pickle, und ein anderer Mann, der, wie's ſcheint, ein hölzernes Bein hat.“ Ueber dieſe Nachricht ſtutzte Peregrine, und ſeine Farbe änderte ſich ſo⸗ gleich einigemal, denn er wußte, daß ſein Schickſal großentheils von der Botſchaft abhing die ihm ſein Freund, der Lientenant, überbringen würde. 54 Hatchway näherte ſich der Geſellſchaft, machte den Damen ein vaar ſeemänniſche Verbeugungen, zog den jungen Herrn bei Seite und ſchob ihem des Commodore's Brief in die Hand. Peregrine ward dadurch in ſolchen Aufruhr verſetzt, daß er kaum die Worte hervorbringen konnte:„Wollen Sie wohl erlauben, meine Damen?“ Als er ihrer Erlaubniß zu Folge den Brief öffnen wollte, ging er ſo äußerſt verwirrt und mit ſolchem Zittern dabei zu Werke, daß ſeine Geliebte, die auf alle ſeine Bewegungen wachte, auf den Gedanken kam, daß die Botſchaft von großem Belang ſeyn möchte. Sein Kummer rührte ſie ſelbſt ſo ſehr, daß ſie ihr Geſicht abwen⸗ den und Thränen aus ihren ſchönen Augen wiſchen mußte Kaum hatte Peregrine den Anfang des Briefes geleſen, als ſein Geſicht, auf welchem ein mitternächtiges Dunkel lag, ſich zu erheitern begann. Allmählig verſchwand jede Falte, und in jedem Zuge herrſchte wieder die gewöhnliche Heiterkeit. Nachdem er den Brief ganz geleſen hatte, funkelten Freude und Dankbarkeit aus ſeinen Augen. Er drückte den Lieutenant in ſeine Arme, und ſtellte ihn den Damen als einen ſeiner beſten Freunde vor. Jack ward huldreich empfangen. Er ſchüttelte Emilien die Hand, die er ſeine gute alte Bekannte nannte, und ſagte zu ihr, er würde ſich freuen, wenn er bald von einer eben ſo ſchmucken Fregatte, wie ſie eine wäre, Steuermann ſeyn könnte. Die ganze Geſellſchaft nahm an Peregrine's plötzlicher Ge⸗ müthsveränderung den lebhafteſten Antheil. Seine Unterhaltung ward durch einen ſo ungewöhnlichen Strom von Munterkeit und guter Laune beſeelt, daß dieß ſelbſt auf Pips eiſenfeſtes Geſicht Eindruck machte. Er lächelte wirklich höchſt befriedigt, indem er hinter ihnen herging. Da mittlerweile der Abend heranrückte, ſe traten ſie den Rück⸗ weg an. Der Bediente begleitete Hatchwah'n in's Wirthshaus, und Peregrine die Damen bis zu ihrer Wohnung. Hier geſtand er ihnen ein, Sophie habe mit ihrer Bemerkung, daß er übel ge⸗ 55 launt geweſen ſey, vollkommen Recht gehabt. Sodann eröffnete er ihnen, er ſey wegen eines Zwiſtes, der zwiſchen ihm und ſeinem Oheim obgewaltet habe, außerordentlich bekümmert geweſen. Aus dem Briefe, den er, wie ſie ſahen, erhalten, habe er erfahren, daß Alles glücklich beigelegt ſey. Sie wünſchten ihm viel Glück. Er ſchlug die Mahlzeit aus, zu der ſie ihn einluden; denn ſein Verlangen, Freund Jack zu ſprechen, war zu groß. Als er von ihnen Abſchied genommen, eilte er in das Wirthshaus, wo ihm Hatchway Alles und Jedes erzählte, was ſich auf ſeine Vorſtellung im Caſtell zugetragen hatte. Der Plan, ihn außer Landes zu ſchicken, hatte nichts weniger denn etwas Unbehagliches für ihn; Reiſen ſchmeichelte ſeiner Eitel⸗ keit und ſeinem Ehrgeiz, ſtillte ſeinen Durſt nach Kenntniſſen und befriedigte ſeinen Hang zu Beobachtungen, durch den er ſich bereits in ſeinen früheſten Jahren ausgezeichnet hatte. Auch glaubte er nicht, daß eine kurze Abweſenheit ſeiner Liebe nachtheilig ſeyn könnte; vielmehr vermuthete er das Gegentheil, denn ſein Herz mußte im Werthe ſteigen, wenn er mit mehreren Vollkommenheiten zurückkehrte; und ſeine Gebieterin mußte ihn dann nur um mit ſo offeneren Armen aufnehmen. Dieſe Vorſtellungen entzückten ihn und erfüllten ſein Herz mit Freude. Da dieſe glückliche Wendung ſeiner Angelegenheiten die Schleuſen ſeiner natürlichen Güte öffne⸗ ten, ſo ließ er Joltern, mit dem er eine ganze Woche hindurch kein Wort geſprochen hatte, ſeinen Gruß vermelden, und ihn erſuchen, Hatchwah'n und ihm beim Abendeſſen gefälligſt Geſellſchaft zu leiſten. Der Hofmeiſter war nicht ſchwachköpfig genug, dieſe Einladung auszuſchlagen. Er erſchien; ſein beſänftigter Zögling nahm ihn mit großer Herzlichkeit auf, und bezeigte ihm ſein Leidweſen wegen der zwiſchen ihnen vorgekommenen Differenzen. Er gab ihm die Ver⸗ ſicherung, daß er ihm in Zukunft keinen gegründeten Anlaß zu Beſchwerden mehr geben wolle. Jolter, als ein nicht ganz unſen⸗ 56 timentaler Menſch, ward durch dieſes ganz unerwartete Geſtändniß gerührt, und betheuerte ernſtlich, Herrn Pickle's Glück und Wohl⸗ ergehen zu befördern, ſey ſtets ſein Hauptſtudium geweſen und ſolle es auch bleiben. Die Geſellſchaft brach nicht eher auf, als bis ſie den größten Theil der Nacht beim Weinglas verbracht hatte, das immer die Runde machte. Am nächſten Morgen ging Peregrine in der Abſicht aus, ſeiner Gebieterin zu melden, daß ſein Oheim geſonnen ſey, ihn in's Ausland zu ſchicken, um ſich völlig auszubilden. Zugleich beſchloß er, ihr Alles zu ſagen, was er zum Behuf ſeiner Liebe für nöthig erachtete.. Er traf ſie mit ihrer Baſe beim Frühſtück. Ganz voll von der Veranlaſſung ſeines Beſuches hatte er kaum Platz genommen, als er die Sache auf's Tapet brachte. Er fragte nämlich die Damen mit einem Lächeln: ob ſie etwas nach Paris zu beſtellen hätten? Emilie ſtutzte bei dieſer Frage, und ihre Vertraute wünſchte zu wiſſen: wer denn dahin reiſe? Kaum hatte er angedeutet, daß er ſelbſt die Abſicht habe, dieſe Hauptſtadt baldigſt zu beſuchen, als ſeine Gebieterin ihm mit großer Voreiligkeit„glückliche Reiſe“ wünſchte, und mit Gleichgültigkeit von den Vergnügungen zu ſprechen affektirte, die er in Frankreich antreffen würde. Als er aber Sophien auf ihre Frage: ob dieß Ernſt ſey, feierlich verſichert hatte, ſein Oheim beſtände gegen⸗ wärtig darauf, daß er eine kleine Tour machen müſſe, ſo ſtürzten der armen Emilie die Thränen aus den Augen. Sie gab ſich die größte Mühe, ihre Betrübniß zu verbergen und ſchützte vor, der Thee wäre ſo ſiedend heiß, daß ihr die Augen übergingen. Dieſer Vorwand war zu kahl, als daß ihn ihr Liebhaber nicht hätte durch⸗ ſchauen ſollen, oder daß Sophiens Aufmerkſamkeit dadurch hätte können hintergangen werden. Sie ergriff nach dem Frühſtück die erſte beſte Gelegenheit, das Zimmer zu verlaſſen. Als ſie nun allein waren, entdeckte Peregrine Emilien, was er 57 von des Commodore's Geſinnungen vernommen hatte; nur berührte er mit keiner Sylbe, daß er über ihr beiderſeitiges Verſtändniß be⸗ leidigt ſey. Dieſe Eröffnung begleitete er mit ſo feurigen Gelübden ewiger Beſtändigkeit und mit ſo ſtarken Betheurungen baldiger Wie⸗ derkehr, daß Emilien wieder leichter um's Herz wurde, in welches der Verdacht, dieſer Reiſeplan ſey durch ihres Liebhabers Unbeſtän⸗ digkeit erzeugt worden, ſich zu ſchleichen begonnen hatte. Jetzt konnte ſie nicht umhin, dieſem Vorhaben ihren Beifall zu geben. Nachdem dieſe Sache freundſchaftlich beigelegt war, fragte ſie Peregrine, wie bald ſie nach ihrer Mutter Hauſe zurückkehren würde? „In drei Tagen ohne Zweifel; und meine Couſine wird mich in ihres Vaters Wagen begleiten.“ Pickle wiederholte das Anerbieten, ihr Geſellſchaft zu leiſten. Mittlerweile ließ er den Lieutenant und den Hofmeiſter nach dem Caſtell abreiſen, mit einem Gruß an ſeine Baſe ſowohl als an den Commodore, und mit dem feſten Verſpre⸗ chen, höchſtens in ſechs Tagen ſich bei ihnen einzufinden. Nachdem dieſe vorläufigen Maßregeln getroffen waren, machte er ſich mit den Damen und ſeinem Bedienten auf den Weg. So⸗ phiens Vater begleitete ſie noch zwölf Meilen, und empfahl ſie ſodann Peregrine's Fürſorge, mit dem er damals ſchon ſehr gut bekannt war, auf das Angelegentlichſte. Dreißigſtes Kapitel. Pickle rettet ſeiner Gebieterin das Leben, bekommt mit ihrem Bruder Händel, und reist nach dem Caſtell ab. Da man langſam reiste, ſo hatte man kaum etwas mehr als die Hälfte des Weges zurückgelegt, als die Nacht hereinbrach. Es 58 wurde daher in der Nähe eines Wirthshauſes beſchloſſen, einzukeh⸗ ren, wo man ihnen ein recht gutes Abendeſſen vorſetzte Nur erſt das wiederholte Gähnen der Damen erinnerte Peregrine aufzubre⸗ chen. Er führte ſie in ihr Zimmer, wünſchte ihnen gute Nacht, und begab ſich auf ſein Schlafgemach zur Ruhe. Das Haus wimmelte von Landvolk, das auf einem benachbarten Jahrmarkte geweſen war. Sie thaten ſich im Hofe mit Ale und Tabak gütlich. Ihr Nachdenken, das nie ſehr in Betracht kam, ward jetzt durch das Schwelgen gänzlich unterdrückt. Sie taumelten in ihre Buchten, und ließen ein brennendes Licht an einem Pfeiler ſtecken, welche die Gallerie ſtützten. Die Flamme ergriff in Kurzem das Holz, das ſo trocken war wie Zunder, und die Gallerie ſtand ganz in Flammen, als Peregrine plötzlich aufwachte und ſich beinah erſtickt fand. Er ſprang ſogleich auf, ſchlüpfte in ſeine Beinkleider, und ſah, als er ſeine Kammerthür aufſtieß, den ganzen Corridor in Feuer ſtehen. O Himmel! wie ward ihm zu Muthe, als er die Flammen⸗ und Rauchwirbel ſich nach dem Zimmer hinwälzen ſah, in welchem ſeine theure Emilie lag. Seine eigene Gefahr vergeſſend, ſchoß er wie ein Pfeil durch den dickſten Dampf, klopfte heftig an, rief zugleich die Damen, und bat ſie inſtändigſt mit der größten Angſt, ihm auf⸗ zumachen. Emilie öffnete ihm im Hemde die Thüre, und fragte, an allen Gliedern zitternd, was es denn gäbe? Ohne ihr zu antworten, nahm er ſie, gleich einem andern Aeneas, in die Arme und trug ſie durch die Flammen an einen ſichern Ort. Hier verließ er ſie, noch ehe ſie ſich hatte ſammeln, oder ein anderes Wort hervorbringen können, als:„Ach! meine Couſine Sophie!“ Er eilte zur Rettung dieſer Dame wieder zurück, fand ſie aber bereits durch Pips geborgen. Der Brandgeruch hatte dieſen beun⸗ ruhigt; er war aufgeſprungen und unmittelbar nach der Kammer gerannt, in welcher er die beiden Geſpielinnen wußte. Da Emilie bereits von ihrem Liebhaber gerettet war, ſo brachte er Miß So⸗ 59 vhien weg, mit Verluſt ſeines Haarbuſches, den er ſich auf dem Rückwege abſengte. Unterdeſſen war das ganze Wirthshaus in Allarm gerathen. Die Gäſte ſowohl als das Geſinde bemühten ſich, dem Uebel Ein⸗ halt zu thun. Da ſich im Hofe ein wohlgefüllter Pferdeteich be⸗ fand, ſo war das Feuer in weniger denn einer Stunde völlig gelöſcht. Es hatte keinen weitern Schaden gethan, als etwa ſechs Fuß von der hölzernen Gallerie verzehrt. Die ganze Zeit über war unſer Held mit den ihm anvertrauten Pfändern auf's Sorgfältigſte beſchäftigt. Vor Furcht waren ſie ohnmächtig geworden. Da ſie aber eine gute Conſtitution hatten, und ihre Lebensgeiſter ſo leicht nicht verflogen, ſo legte ſich ihre Angſt, ihre Unruhe wieder, als ſie etwas zu ſich kamen, und ſich und ihre Begleiter gerettet und das Feuer glücklich gedämpft fanden. Sie zogen ihre Kleider an, bekamen ihren guten Humor wieder und ſpöttelten gegen einander über den Aufzug, in welchem ſie gerettet worden waren. Sophie bemerkte, Sir Pickle habe nunmehr die unbezweifeltſten Rechte auf die Zuneigung ihrer Couſine; ſie müſſe hinfort alle er⸗ künſtelte Zurückhaltung ablegen und ihre Herzensgeſinnungen frei geſtehen. Emilie gab ihr dieſen Beweis zurück. Sie erinnerte ſie, daß Maſter Pips aus gleichem Grunde gleiche Anſprüche auf ſie machen könnte. Ihre Freundin räumte die Stärfe dieſes Schluſſes ein, doch nur unter dem Beding, wenn ſie keine Mittel fände, ihren Befreier auf eine andere Art zu befriedigen. Hierauf wandte ſie ſich zu dem von ungefähr anweſenden Diener, und fragte ihn, ob ſein Herz bereits verſagt ſey. Tom, der den Sinn dieſer Frage nicht verſtand, ſchwieg wie gewöhnlich. Als ſie wiederholt wurde, antwortete er grinſend:„Verſichert, Miß,'s is noch ſo ganz wie'n Schiffszwiebaf.“—„Wie,“ ſagte Emilie,„ſeyd Ihr niemals ver⸗ liebt geweſen, Thomas?“—„Doch, bisweilen des Morgens,“ ant⸗ wortete der Bediente ohne alles Bedenken. 60 Peregrine konnte ſich des Lachens nicht enthalten, und ſeine Gebieterin war durch dieſe plumpe Antwort etwas außer Faſſung gebracht. Mittlerweile drückte ihm Sophie eine volle Börſe in die Hand und ſagte, hier wäre etwas, um ſich eine Perücke zu kaufen. Tom erholte ſich bei den Augen ſeines Herrn Rath, und lehnte das Geſchenk ab, indem er ſagte:„Danke ſchön;'s is ſo gut wie ge⸗ noſſen.“ Und ob ſie gleich darauf beſtand, dieſe Börſe als ein ge⸗ ringes Merkmal ihrer Dankbarkeit zu ſich zu ſtecken, ſo konnte ſie ihn doch nicht dazu vermögen, ſich ihre Freigebigkeit zu Nutz zu machen. Er folgte ihr bis an das andere Ende des Zimmers nach, ſteckte ihr ohne Umſtände den Beutel in den Aermel und ſagte: „Will ewig verdammt ſin, wo ich's thue!“ Peregrine ſchickte ihn fort, nachdem er ihm einen Verweis wegen ſeines bäuriſchen Betragens gegeben; ſodann bat er Miß Sophien, ſie möchte die guten Grundſätze ſeines Kerls nicht zu verderben ſuchen. So rauh und unabgeſchliffen er auch ſey, ſo habe er doch Sinn genug, um einzuſehen, daß er eine ſolche Erkenntlichkeit nicht ver⸗ diene.„Nicht verdiene?“ fiel Sophie ihm lebhaft in das Wort. „Ha! ich werde nie im Stande ſeyn, den mir geleiſteten Dienſt ihm nach Würden zu vergelten! Mein Herz wird nie ruhig ſchlagen, wenn ſich keine Gelegenheit zeigt, ihm zu beweiſen, wie ſehr ich mich ihm verpflichtet fühle. Den Maſter Pips zu belohnen, iſt gar nicht meine Abſicht; aber ich bin ſchlechterdings unglücklich, wenn man mir nicht verſtattet, ihm wenigſtens ein geringes Zeichen meiner Erkenntlichkeit zu geben.“ Da Peregrine ſich ſo ernſtlich angelegen ſah, ſo erſuchte er ſie, wenn ſie ſich verpflichtet hielte, ihre Freigebigkeit zu zeigen, dem Pips ja kein Geld zu ſchenken, ſondern ihn mit irgend einer Klei⸗ nigkeit als einem Zeichen ihrer Gewogenheit zu beehren. Denn er ſelbſt lege einen vorzüglichen Werth auf dieſen Kerl wegen ſeiner Anhänglichkeit und Treue, ſo daß es ihm leid thun würde, wenn man ihm auf den Fuß eines gewöhnlichen Bedienten begegnete. 61 Die dankbare junge Dame beſaß kein Kleinod, das ſie nicht mit Freuden ihrem Retter zur Belohnung oder zum Zeichen vorzüglicher Achtung geſchenkt hätte. Doch ſein Herr wählte einen Siegelring von geringem Werth, der an ihrer Uhr hing. Pips ward herein⸗ gerufen und erhielt dieſes Zeichen von Miß Sophiens Gewogenheit anzunehmen. Tom empfing es ſonach mit ver ſchiedenen Kratzfüßen, und nachdem er es mit großer Ehrfurcht geküßt hatte, ſteckte er es an ſeinen kleinen Finger, und über die Maßen befrie⸗ digt, ſtolzirte er zur Thüre hinaus. Mit bezanberuder, holder Miene ſagte Emilie zu ihrem Lieb⸗ haber, er hätte ſie g gelehrt, wie ſie ſich gegen ihn zu hiiynn habe. Dabei zog ſie einen Diamantring vom Finger und bat ihn, denſel⸗ ben ihr zum Andenken zu tragen. Er nahm dieſes Unterpfand an, wie ſich's ziemte, und ot ihr dagegen einen andern an. Sie wei⸗ gerte ſich anfangs, ihn anzunehmen und führte an: ihre Abſicht würde dadurch ganz zernichtet; dann ſey es ja kein Zeichen der Er⸗ kenntlichkeit mehr. Peregrine verſicherte ſie aber: er habe es nicht als Beweis ihrer Erkenntlichkeit, ſondern als ein Zeichen ihrer Liebe angenomien, und ſchlüge ſie ein gegenſeitiges Pfand aus, ſo würde er ſich als den Gegenſtand ihrer Verachtung betrachten. Bei dieſer unverſchämten Auslegung glühten ihr Auge und Wange vor Unwillen; ſie nahm dieß für eine ſehr unzeitige Belei⸗ digung auf. Als der junge Mann ſie ſo in Wallung ſah, bemühte ſo er ſich, ſeine Verwegenheit wieder gut zu machen. Er bat ſie wegen ſeiner freien Aeußerung um Verzeihung und ſetzte hinzu: er hoffe, ſie würde dieß Verſehen dem Uebergewicht der Neigung zu⸗ ſchreiben, die zu bekennen jederzeit einzig und allein ſein Stolz ge⸗ weſen ſey. Da Sophie ihn ganz außer Faſſung ſah, ſo ſchlug ſie ſich in das Mittel und ſchmälte ihre Muhme über eine ſo unnöthige Zie⸗ rerei aus. Aus Gefälligkeit ward Emilie wieder beſänftigt und zum Zeichen ihrer Willfahrung ſtreckte ſie ihren Finger aus. Mit vielem 62 Feuer ſteckte ihr Peregrine den Ring an, drückte ihre ſanfte, weiße Hand in einer Art von Ertaſe, die ihm nicht erlaubte, ſich bloß mit dieſem ſchönen Theile ihres Körpers zu begnügen, ſondern ihn an⸗ trieb, ihren Leib zu umſchlingen und ihren liebreichen Lippen einen ſüßen Kuß zu rauben, und damit Sophie nicht Urſache hätte, ſie aufzuziehen, beging er unverzüglich an ihren Lippen eben den Raub. Dieß ſetzte die Freundinnen in gleich muntere Laune; ſie gaben ihm einen ſo gelinden Verweis, daß er faſt in Verſuchung gerieth, die Beleidigung zu wiederholen. Es war nun bereits heller Morgen und das Geſinde im Hauſe ſchon auf den Beinen. Er beſtellte deßhalb Chokolade zum Früh⸗ ſtücke und ſandte auf Verlangen der Damen den Pips hin, um die Pferde füttern und den Wagen zurecht machen zu laſſen; ſodann ging er zum Wirth und bezahlte die Rechnung. Nachdem dieſe Maßregeln genommen waren, fuhren ſie um fünf Uhr ab. Sie erfriſchten ſich nebſt ihren Pferden unterwegs in einem andern Wirthshauſe, reisten ſodann Nachmittags weiter und kamen ohne fernern Anſtoß wohlbehalten an dem Ort ihrer Beſtimmung an. Miſtriß Gauntlet äußerte ihre Freude, ihren alten Freund, Herrn Pickle wiederzuſehen, dem ſie gleichwohl einen gütigen Ver⸗ weis gab, daß er ſie ſo lange vernachläßigt habe. Er betheuerte, ohne die Urſache ſeiner Abhaltung zu erklären, ſeine Liebe und Hochachtung habe ununterbrochen fortgedauert, und er werde in Zu⸗ kunft keine Gelegenheit vorbeilaſſen, ihr zu bezeugen, wie ſehr ihm ihre Freundſchaft am Herzen liege. Sie machte ihn darauf mit ihrem Sohne bekannt, der ſich damals, weil er Urlaub hatte, bei ihr aufhielt. Dieſer junge Mann, der Geoffry hieß und ungefähr zwanzig Jahre alt war, war von mittlerer Größe, von kraftvollem und dabei ſehr zierlichem Bau; und die Blatternarben, deren er nicht wenig zählen konnte, gaben ſeinem Geſicht ein beſonderes männliches An⸗ ſehen. Er hatte Fähigkeiten, und ſein Charakter war von Natur 63 offen und willfährig; allein er war von Jugend auf Soldat gewe⸗ ſen, und daher ganz auf militäriſchem Fuß erzogen. Geſchmack und Wiſſenſchaften ſah er daher für bloße Pedanterie an, die für einen Gentleman in keinen Betracht kämen, und alle Civilbedienung war ihm im Vergleich mit dem Metier der Waffen gleichfalls zu gering. In den gymnaſtiſchen Wiſſenſchaften, Tanzen, Fechten, Reiten, hatte er große Fortſchritte gemacht; die Flöte ſpielte er als Meiſter, und wußte ſich viel mit der genaueſten Beobachtung des ſogenannten Ehrenpunkts. Hätten Peregrine und er ſich auf gleichem Fuß betrachtet, ſo würden ſie höchſt wahrſcheinlich unmittelbar ein enges Freundſchafts⸗ bündniß geſchloſſen haben. So aber ſah der hochmüthige Krieger den Bewunderer ſeiner Schweſter als einen jungen Stndenten an, der ganz friſch von Univerſitäten käme, und in der Welt ganz neu ſey; und Squire Pickle nahm ihn aus dem Geſichtspunkt eines dürftigen Volontairs der ſowohl an Glücksgütern als an jeder an⸗ dern Vollkommenheit ſehr weit unter ihm ſtünde. Dieſes gegenſeitige Mißverſtändniß mußte nothwendig Feindſelig⸗ keiten nach ſich ziehen. Schon am nächſten Tage fielen zwiſchen ihnen ſpitze Reden in Gegenwart der Damen, vor welchen jeder ſeine Ueberlegenheit zu behaupten ſich bemühte. In dieſen Streitigkeiten trug unſer Held, der von Natur mehr Witz beſaß, und deſſen Ta⸗ lente beſſer angebaut waren, über ſeinen Gegner immer den Sieg davon. Dieſer glückliche Erfolg machte Letztern verdrießlich; er ward wegen des Ruhms, den Erſterer einerntete, eiferſüchtig und fing an, Picklen verächtlich und unehrerbietig zu behandeln. Seine Schweſter ſah dieß und ihr ward vor den Folgen ſeiner Wildheit bange. Sie hielt ihm daher nicht nur insgeheim ſein unhöfliches Betragen vor, ſondern bat auch ihren Liebhaber inſtän⸗ digſt, mit der rauhen Erziehung ihres Bruders Nachſicht zu haben. Peregrine verſicherte ihr im gefälligſten Tone: ſo viele Mühe es ihm auch koſten würde, ſo wolle er doch ſein ungeſtümes Tempera⸗ 64 ment beſiegen und ihretwegen alle die Kränkungen erdulden, die der Uebermuth ihres Bruders ihm bereiten würde. Die zwei Tage, daß er da blieb, hatte er mit ihr vetſchibtie geheime Unterredungen, worin er den feurigſten Liebhaber ſpielte. Sodann nahm er des Abends Abſchied von Miſtriß Gauntlet, und ſagte den jungen Damen, daß er morgen früh von ihnen Abſchied nehmen würde. Dieſe Schuldigkeit ließ er nicht aus der Acht. Er fand die beiden Frauenzimmer und das Frühſtück bereits im Beſuchzimmer. Der Gedanke der Trennung hatte ſie alle drei über die Maßen ge⸗ rührt, und ſo herrſchte einige Zeit ein bewegliches Stillſchweigen. Peregrine machte ihm zuletzt ein Ende. Er beklagte ſich über ſein Schickſal, das ihn nöthigte, ſich ſo lange von dem theuern Gegen⸗ ſtande ſeiner eifrigſten Wünſche zu verbannen; und er bat ſie auf's Dringendſte, ihm jetzt, im Betracht der grauſamen Qualen, die er durch dieſe Entfernung würde erdulden müſſen, den Troſt zu gewähren, den ſie ihm bisher immer verſagt hätte, den nämlich, zu wiſſen, daß er in ihrem Herzen einen Platz beſäße. Die Vertraute unterſtützte ſein Geſuch. Sie ſtellte ihr vor, daß es jetzt, da ihr Liebhaber das Königreich zu verlaſſen im Begriff ſtünde, nicht Zeit ſey, mit ihren Geſinnungen zurückzuhalten. Er ſchwebe in Gefahr, andere Verbindun⸗ gen einzugehen, wenn er nicht in ſeiner Beſtändigkeit dadurch geſtärkt würde, daß er wüßte, in wie weit er ſich auf ihre Liebe verlaſſen könne. Kurz, man ſetzte ihr dermaßen zu, daß ſie endlich nicht länger zu widerſtehen vermochte und in äußerſter Verwirrung ſtammelte: „Wiewohl ich jedem buchſtäblichen Bekenntniß ausgewichen bin, ſo ſollte ich doch meinen, daß Sir Pickle mein ganzes Betragen über⸗ zeugt haben müßte, daß ich ihn nicht unter die Alltagsbekannten zähle.“—„Reizende Emilie!“ rief der ungeſtüme, geduldige Liebhaber, indem er ſich ihr zu Füßen warf,„warum wollen Sie mir meine Glückſeligkeit ſo karg zumeſſen? Weßhalb eine Erklärung verküm⸗ mern, die mich mit Vergnügen überſchütten würde, und die in der 65 einſamen Kluft, wo ich fern von Ihnen ſchmachten werde, meine einzige Erquickung ſeyn wird?“ Dieſes Bild erweichte ſeine ſchöne Geliebte. Sie verſetzte, indem Thränen ihren Augen entfloßen:„Ich befürchte, ich werde dieſe Trennung lebhafter fühlen, als Sie es ſich einbilden, Peregrine!“ Ueber dieſes ſchmeichelhafte Geſtändniß entzückt, drückte er ſie an ſeine Bruſt. Ihr Haupt ſank an ſeinen Hals; ſeine Thränen miſchten ſich reichlich mit den ihrigen. Er brach in die zärtlichſten Gelübde ewiger Treue aus. Sophiens ſanftes Herz blieb bei dieſem Auftritt nicht ungerührt. Sie weinte aus Sympathie mit den Liebenden, und ermunterte ſie, ſich in den Willen des Schickſals zu ergeben und ſich mit der Hoffnung eines glücklichen Wiederſehens zu tröſten. Nach vielen gegenſeitigen Verſprechungen, Ermahnungen und Liebkoſungen beurlaubte ſich Peregrine. Sein Herz war ſo voll, daß er kaum die Worte:„Leben Sie wohl!“ hervorbringen konnte. Er beſtieg an der Thüre ſein Pferd und machte ſich mit Pips auf den Weg nach dem Caſtell. Einunddreißigſtes Kapitel. Pickle und Gauntlet ſchlagen ſich, und werden Buſenfreunde. Erſterer trifft in dem Caſtell ein. Er findet ſeine Mutter unverſöhnlicher, denn jemals. Er wird von ſeinem Bruder Gam gröblich beleidigt, und züchtigt deſſen Informator mit der Hetzpeitſche. Um die trüben Bilder zu verſcheuchen, die ſich nach der Tren⸗ nung von der Geliebten ſeiner Phantaſie bemächtigt hatten, rief Peregrine die angenehmen Gedanken an die Vergnügungen hervor, die ſeiner in Frankreich warteten, und ehe er zehn Meilen Weges zurückgelegt hatte, war er wirklich dadurch aufgeheitert. Smollet's Romane. IM. 5 66 Während er ſo ſchon im Vorgenuſſe ſchwelgte, und ſich den ausſchweifendſten Hoffnungen hingab, ward er, als er durch einen engen Weg kam, plötzlich von Emiliens Bruder zu Pferde ein⸗ geholt, der ihm ſagte, daß er denſelben Weg reite, und daß es ihm ſehr angenehm ſeyn würde, wenn er ihm Geſellſchaft leiſten dürfte. Dieſer junge Gentleman hatte ſich entweder durch perſönlichen Haß oder durch Eifer für die Ehre ſeiner Familie beſtimmen laſſen, unſerm Helden zu folgen. Seine Abſicht war, ihn zu nöthigen, ſich über die eigentliche Beſchaffenheit der Verbindung mit ſeiner Schweſter zu erklären. Peregrine erwiederte ſein Compliment mit ſo verächtlicher Höflichkeit, daß jener alle Urſache hatte, zu glauben, er muthmaße die Veranlaſſung ſeines Kreuzzuges, weßhalb er ihm ohne weitere Präliminarien ſein Geſchäft mit dieſen Worten ent⸗ deckte:„Sir Pickle, Sie gingen einige Zeit über mit meiner Schwe⸗ ſter um; es wäre mir lieb, wenn ich erfahren könnte, welche Abſicht Sie dabei gehabt hätten.“ „Ich möchte wohl wiſſen, Sir,“ verſetzte Pickle,„was für ein Recht Sie haben, dieß von mir zu fragen?“ „Herr,“ entgegnete Emiliens Bruder,„das Recht eines Bru⸗ ders, der ſowohl über ſeine eigene Ehre, als über den guten Namen ſeiner Schweſter wacht. Sind Ihre Abſichten redlich, ſo Sie wohl keinen Anſtand nehmen, ſich auszuſprechen.“ „Ich fühle mich gerade eben nicht aufgelegt,“ verſetzte Pere⸗ grine,„Ihre Meinung über die Rechtmäßigkeit oder Unrechtmäßig⸗ keit meiner Abſichten zu vernehmen, und ich denke, Sie ſtimmen einen etwas zu hohen Ton an, wenn Sie ſich anmaßen, ein Urtheil über meine Aufführung zu fällen.“ „Herr,“ erwiederte der junge Soldat,„ich maße mir ein Urtheil über die Aufführung eines Jeden an, der ſich in meine Angelegen⸗ heiten miſcht, und ich werde ihn ſogar züchtigen, wenn ich ihn auf falſcher Fährte finde.“ 67 „Züchtigen?“ rief Peregrine mit funkelndem Auge.„Wahyrlich! Dieſen Ausdruck dürfen Sie nicht auf mich anwenden.“ „Da irren Sie ſich,“ verſetzte Geoffty;„ich darf Alles, was dem Charakter eines Cavaliers entſpricht.“ „Eines Cavaliers?“ verſetzte Peregrine mit einem verächtlichen Blick auf Geoffry's Anzug, der eben nicht der feinſte war.„Gott weiß es, ein gar feiner Cavalier! Ja wahrlich!“ Durch dieſe ironiſche Entgegnung ward des Soldaten Zorn an⸗ geflammt; das Bewußtſeyn ſeiner Armuth machte ihm dieſe Verach⸗ tung noch empfindlicher. Er nannte ſeinen Gegner einen übermü⸗ thigen Buben, einen unverſchämten Glückspilz, und legte ihm noch andere Ehrentitel bei, die Peregrine mit der größten Bitterkeit zu⸗ rückgab. Sie forderten ſich endlich förmlich heraus, ſtiegen im erſten Wirthshauſe ab, und wandten ſich auf das benachbarte Feld, um dort ihre Sache durch den Degen auszumachen. Hier wurden ſie wegen des Platzes einig, halfen einander die Stiefeln ausziehen, und legten Röcke und Weſten ab. Gauntlet ſagte ſodann zu ſeinem Gegner, man ſähe ihn in der ganzen Armee für einen erfahrnen Fechter an; und wenn Sir Pickle dieſe Kunſt nicht perfekt verſtände, ſo wollten ſie Piſtolen nehmen, um einander mehr gewachſen zu ſeyn. Peregrine war zu ſehr aufgebracht, um ihm für dieſe Aufrichtigkeit zu danken, und von ſeiner Geſchicklich⸗ keit zu ſehr eingenommen, um ſich den andern Vorſchlag gefallen zu laſſen. Er verwarf ihn demnach, und gab zu verſtehen, wenn er Gauntlet nach Verdienſt hätte behandeln wollen, ſo würde er ſeinem Kerl befohlen haben, ſeine Unverſchämtheit mit der Hetzpeitſche zu züchtigen. Dieſer Ausdruck erbitterte den jungen Krieger im höchſten Grade; er ſah ihn für einen unauslöſchlichen Schimpf an. Ohne die geringſte Antwort ging er mit eben ſo viel Heftigkeit als Geſchicklichkeit auf ſeinen Gegner los. Den erſten und zweiten Stoß parirte der junge Mann; den dritten aber bekam er oberwärts auf den rechten Arm. 68 Ob es gleich nur eine Streifwunde war, ſo gerieth er doch beim Anblick ſeines Blutes außer ſich, und erwiderte den Angriff mit außerordentlicher Wuth und Uebereilung. Gauntlet wollte dieſe Hitze nicht nutzen, die ihm ſo viele Blößen gab und verhielt ſich nur defenſiv. Bei dem zweiten Ausfall fuhr Peregrine's Degen in eine Art von Netzwerk an Geoffry's Stichblatt, die Klinge ſprang entzwei, und er war dadurch völlig in der Gewalt des Soldaten. Weit entfernt, ſich ſeines erhaltenen Sieges auf eine über⸗ müthige Art zu bedienen, ſteckte Gauntlet ſeine ſpaniſche Klinge mit großer Kaltblütigkeit wieder ein, wie ein Mann, der an der⸗ gleichen Vorfälle gewöhnt iſt, und ließ die Bemerkung fallen: einer ſo ſchwachen Klinge müſſe man das Leben eines Menſchen nicht an⸗ vertrauen. Zugleich rieth er deren Beſitzer, einem Gentleman in bedrängten Umſtänden künftig mit mehr Ehrerbietung zu begegnen. Hierauf zog er ſeine Stiefeln wieder an, und ging mit einem ver⸗ drießlichen, aber würdevollen Weſen in's Wirthshaus zurück. So ſehr auch Pickle durch den für ihn unglücklichen Ausgang dieſer Sache gekränkt war, ſo ſehr fiel ihm dennoch das Benehmen ſeines Gegners auf. Es machte um ſo mehr Eindruck auf ihn, als er fand, daß Geoffry's Stolz von der eiferſüchtigen Empfindlichkeit eines in die Tiefe des Unglücks hinabgeſunkenen Gentlemans her⸗ rührte. Gauntlets Muth und Mäßigung waren Urſache, daß er Alles, was ihm vorher in deſſen Betragen mißfallen hatte, aus dem vortheilhafteſten Geſichtspunkte auffaßte. So gefliſſentlich er auch in jedem andern Fall den mindeſten Anſchein von Demüthigung vermie⸗ den haben würde, ſo folgte er doch jetzt dem Sieger in das Wirths⸗ haus, in der Abſicht, ihm für ſein großmüthiges Verfahren zu dan⸗ ken, und ihn um ſeine Freundſchaft und um ſeinen Briefwechſel dringend zu bitten. Gauntlet hatte ſo eben den Fuß in den Steigbügel geſetzt, als Peregrine zu ihm kam, und ihn bat, ſeine Abreiſe noch eine Viertel⸗ ſtunde aufzuſchieben und ihm eine kurze geheime Unterredung zu 69 verſtatten. Der junge Krieger legte dieſe Bitte falſch aus. Er ließ das Pferd ſogleich ſtehen und folgte Picklen in ein Zimmer, worin er ein paar geladene Piſtolen auf dem Tiſch zu finden glaubte. Er ſah ſich aber auf eine ſehr angenehme Art getänſcht, da unſer Held in den ehrerbietigſten Ausdrücken ſein edles Betragen auf dem Felde erkannte, ihm geſtand, er habe ſich bisher in ſeinem Charakter geirrt, und bat, ihn mit ſeiner innigen Freundſchaft und mit ſeinem Briefwechſel zu beehren. Gauntlet, der von Peregrine's Herzhaftigkeit unläugbare Be⸗ weiſe geſehen hatte, und deſſen Achtung dadurch gegen ihn beden⸗ tend geſtiegen war, der auch Verſtand genug beſaß, um einzuſehen, daß ſeiner Herablaſſung weder NRiederträchtigkeit noch Bosheit zum Grunde lag, nahm ſeine Anerbietungen mit Aeußerungen unge⸗ meiner Zufriedenheit an. Als er erfuhr, auf welchem Fuß er mit ſeiner Schweſter ſtände, bot er ſich ihm zum Geſchäftsträger, Unter⸗ händler oder Vertrauten an. Ja, um ſeinem neuen Freunde einen überzeugenden Beweis von ſeiner Aufrichtigkeit zu geben, entdeckte er ihm die Leidenſchaft, die er ſeit einiger Zeit für ſeine Baſe, Miß Sophie, hege. Er dürfe aber, ſetzte er hinzu, dieſe Leidenſchaft den Vater ſeiner Geliebten nicht merfen laſſen, weil dieſer ſich durch die Vermeſſenheit beleidigt halten und ihrer Familie ſeinen Schutz ent⸗ ziehen möchte. Peregrine's großmüthiges Herz blutete vor Schmerz, als er hörte, daß dieſer junge Herr, der einzige Sohn eines verdienſtvollen Offiziers, fünf Jahre lang gedient hatte, ohne bis zum Poſten eines Subalternen zu gelangen, wiewohl er ſich ſtets ſehr ordentlich und wacker aufgeführt und ſich die Achtung und Freundſchaft der Offi⸗ ziere erworben, unter denen er gedient hatte. Er hätte jetzt mit dem größten Vergnügen ſeine Baarſchaft mit ihm getheilt; allein er mochte ſich mit dem Antrag nicht heraus⸗ wagen, aus Beſorgniß, die Delikateſſe des jungen Mannes durch dieſe zu vorzeitige Freigebigkeit zu beleidigen. Deßhalb beſchloß er, 70 erſt auf vertrautern Fuß mit ihm zu kommen, ehe er ſich ſolcher Freiheiten bediente. Zu dieſem Ende drang er in Gauntlet, ihn nach dem Caſtell zu begleiten, wo er ſich Einfluß genug zutraute, ihm eine gute Aufnahme zu ſichern. Geoffty dankte ihm ſehr höflich für dieſe Einladung. Gegen⸗ wärtig, ſagte er, könne er ſie nicht annehmen; er verſprach ihm aber, wenn er ihn mit einem Brief beehren, und die Zeit ſeiner Abreiſe nach Frankreich feſt beſtimmen wollte, ſo würde er ſich be⸗ mühen, ihn in des Commodore's Wohnung zu beſuchen und von da nach Dover zu begleiten. Nachdem dieſer Vertrag in Richtigkeit gebracht, und auf unſeres Helden Wunde ein Bänſchchen und ein Pflaſter gelegt war, nahm er Abſchied von dem Bruder ſeiner theuern Emilie, und überſandte ſowohl an ſie als an ihre Freundin Sophie die herzlichſten Wünſche. Pickle brachte eine Nacht unterwegs zu, und fam am folgenden Nachmittag in dem Caſtell an, wo er alle ſeine Freunde bei gutem Wohlſeyn und voll Vergnügen über ſeine Rückkunft antraf. Der Commodore, der jetzt die Siebenzig zurückgelegt, und den die Fußgicht ganz zum Krüppel gemacht hatte, ging ſelten aus; und da er nicht unterhaltend war, ſo hatte er auch zu Hauſe wenig Geſellſchaft. Auf dieſe Art würden ſeine Lebensgeiſter ganz in Stockung gerathen ſeyn, wenn ſie nicht der Umgang mit Hatchway'n in Bewegung gehalten und die Zucht ſeiner Gemahlin, die, kraft ihres Stolzes, ihrer Andächtelei und des Coniactrinkens das tyran⸗ niſchſte Regiment aufgerichtet hatte, ihnen bisweilen einen heilſamen Naſenſtüber gegeben hätte. Der Umlauf der Bedienten in dieſem Hauſe war ſo ſchnell, daß eine Livree ſchon von Perſonen von jeglicher Größe und Stärke war getragen worden; Trunnion ſelbſt hatte ſchon lange zuvor, nach verſchiedenen hartnäckigen Verſuchen, ſeine Freiheit zu erhalten, ſich durch den Strom ihrer despotiſchen Macht hinreißen laſſen. Jetzt, da alle ſeine Gliedmaßen untauglich waren, pflegte er öfters, 71 wenn er ſeine Beherrſcherin unten das laute Bachantenlied gegen die Bedienten fingen hörte, dem Lieutenant gewiſſe Winke von Dem zuzuflüſtern, was er thun würde, wenn er nicht des Gebrauchs ſeiner koſtbarſten Gliedmaßen beraubt wäre. Hatchway war die einzige Perſon, die Miſtriß Trunnion's Launen verſchonten; entweder, weil ihr bange war, er möchte ſie lächerlich machen, oder aber, weil ſie ihn mit günſtigen Augen anſah. Da die Sachen in der Garniſon alſo ſtanden, ſo ſich ohne Zweifel der alte Herr höchlich über Peregrine's Ankunft; denn dieſer fand Mittel aus, ſich bei ſeiner Baſe dermaßen in Gunſt zu ſetzen, daß ſie, ſo lange er im Hauſe war, ihre Tigerart in die Art eines zahmen Böckchens verwandelte. Doch ſeine Mutter fand Peregrine noch immer unverſöhnlich und ſeinen Vater noch immer ſo ſehr unter dem Pantoffel wie nur jemals. Gamaliel, der nur ſelten des Umgangs mit ſeinem alten Freunde, dem Commodore, genoß, hatte ſeit einiger Zeit einen neuen freund⸗ ſchaftlichen Zirkel errichtet. Dieſer beſtand aus dem Barbier, dem Apotheker, dem Anwalt und dem Acciseinnehmer des Kirchſpiels. Mit dieſen Leuten pflegte er den Abend bei Tunley hinzubringen, und zu ſeinem großen Troſt und Erbauung ihren philoſophiſchen und politiſchen Fehden zuzuhören. Indeß herrſchte ſeine unum⸗ ſchränkte Gebieterin zu Hauſe wie gewöhnlich, legte mit großem Prunk in der Nachbarſchaft Beſuche ab, und ließ ihr Hauptgeſchäft die Erziehung ihres theuern Sohnes Gam ſeyn. Dieſer war bereits fünfzehn Jahre alt und zeichnete ſich durch ſein verderbtes Gemüth dermaßen aus, daß er trotz dem Einfluſſe und dem Anſehen der Mutter ſowohl in- als außerhalb des Hauſes nicht allein gehaßt, ſondern auch verachtet wurde. Sie hatte ihn einem Vikar zur Aufſicht anvertraut, der bei der Familie wohnte, und der ſich genöthigt ſah, ihm zu all' ſeinen Leibesübungen und auf all' ſeinen Ereurſionen zu begleiten. Dieſer Hofmeiſter war ein Burſche von ſchlechter Herkunft, ohne alle Erfahrung und Talente; allein 72 er beſaß einen großen Fond von Schmeichelei und knechtiſcher Gefälligkeit. Dadurch hatte er ſich die Gewogenheit der Miſtriß Pickle zu erwerben gewußt. Bei allen ihren Berathſchlagungen führte er den Vorſitz, ſo wie ſein Oberer in denen der Miſtriß Trunnion. Eines Tages ritt er mit ſeinem Untergebenen ſpazieren. Dieſer war, wie ſchon geſagt, dem armen Landvolke ſehr verhaßt, weil er ihre Hunde todtſchlug und in ihre Verzäunungen einbrach. Seines Buckels wegen hatte man ihm den Namen: der Ritter vom Aſt oder Mylord Buckeleinichen beigelegt. Beide Leutchen ſtießen in einem ſchmalen Wege zwiſchen Zäunen auf Peregrine, der auch zu Pferde war. Kaum ward der junge Squire ſeinen ältern Bruder gewahr, gegen den er einen ſehr eingewurzelten Haß zu hegen unterwieſen war, ſo beſchloß er, ihn im Vorbeiſprengen zu inſultiren. Er ritt alſo in vollem Gallopp gegen ihn an. Unſer Held, welcher ſeine Abſicht merkte, ſetzte ſich in den Steigbügeln feſt, und wich durch eine geſchickte Lenkung des Zaumes dem Zuſammenſtoßen ſo weit aus, daß nur ihre Füße einander trafen. Buckeleinichen ward aus dem Sattel gehoben, und lag in einem Augenblick ſo lang er war, auf dem Boden. Der Hofmeiſter nahm dieſen Unfall des ihm an⸗ vertrauten Pfandes voll Ingrimm wahr; mit großem Zorn und Uebermuth nahte er ſich Peregrinen und ſchlug mit ſeiner Peitſche nach ihm. Nichts war unſerm jungen Herrn erwünſchter als dieſer Angriff. Er erhielt dadurch eine gute Gelegenheit, einen zur Unzeit dienſt⸗ fertigen Buben zu züchtigen, deſſen Muthwillen und Frechheit er längſt zu beſtrafen gewünſcht hatte. Zu dieſem Ende ſpornte er ſein Pferd gegen ſeinen Gegner an, ſtürzte ihn ab, und über einen Zaun. Bevor er Zeit hatte, ſich von der Betäubung des Falles zu erholen, war Pickle vom Pferde und neben ihm. Er tummelte ſeine Peitſche ſo behend um des Vikars Geſicht und Ohren, daß dieſer ⸗ 73 ſich genöthigt ſah, ſeinem wüthenden Sieger zu Fuße zu fallen und ihn in den kriechendſten Ausdrücken um Pardon anzuflehen. Indeß Peregrine ſo beſchäftigt war, hatte ſein Bruder Gam ſich mit vieler Mühe aufgerafft und griff ihn vom Rücken an. Dieß nöthigte den Ueberwinder, als er den Hofmeiſter bezwungen hatte, ſich umzuwenden, dem Buckeleinichen die Waffe aus der Hand zu reißen und ſie zu zerbrechen. Darauf ſchwang er ſich wieder auf ſein Pferd, ohne ihn der Ehre einer andern Aufmerkſamkeit zu würdigen. Der Zuſtand, in welchem ſie zurückkehrten, gab Anlaß zu hef⸗ tigem Geſchrei gegen Peregrine, der nun als ein meuchelmörderiſcher Bube verſchrieen ward, welcher ſeinem Bruder aufgelauert habe, um ihm das Lebenslicht auszublaſen; und da der Vikar zu des Letzteren Vertheidigung herbeigeeilt ſey, ſo habe er jene unbarmherzige Strie⸗ men empfangen, die ihn drei ganze Wochen verhinderten, ſeine kirch⸗ lichen Amtspflichten zu erfüllen. Man führte Klage über den Vorfall bei dem Commodore, der, als er ſich genauer von der Sache unterrichtet hatte, das Thun ſei⸗ nes Neffen billigte, und unter manchen Flüchen hinzuſetzte: Er wünſchte, daß der Ritter mit dem Pfunde beim Fall den Hals ge⸗ brochen haben möchte. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Peregrine entwirft einen Racheplan gegen den Vikar, der auch zur Ausführung kommt. Unſer Held, aufgebracht durch die Schurkerei des Vikars, mit welcher dieſer das Zuſammentreffen auf dem Wege verdreht hatte, beſchloß eine ſolche Rache an ihm auszuüben, die nicht allein höchſt 74 wirkſam wäre, ſondern auch für den Erfinder keine üblen Folgen haben könnte. Zu dem Ende ging er mit Hatchway'n, dem er ſei⸗ nen Plan anvertraut hatte, eines Abends in das Alehaus. Sie verlangten ein leeres Zimmer, weil ſie wußten, daß kein anderes, als das, da ſey, das ſie zum Schauplatz ihres Poſſenſpiels erkoren hatten. Es war dieß eine Art von Vorſtube, der Küche gegenübet mit einem Fenſter auf den Hof hinaus. Nachdem ſie hier eine Zeit lang geſeſſen hatten, fand der Ller⸗ tenant ein Mittel aus, den Wirth durch ein Geſpräch zu unter⸗ halten. Indeß begab ſich Peregrine in den Hof, und ſtellte durch ſeine Kunſt, die Stimme der Leute nachzuahmen, die er in einem erſtaunenden Grade beſaß, ein Geſpräch zwiſchen dem Vikar und Tunley's Weibe dar. Da dieß dem Wirth, auf den es eben ge⸗ münzt war, in die Ohren fiel, ward ſeine von Natur eiferſüchtige Gemüthsart ſo entflammt, daß er den Aufruhr in ſeinem Innern nicht verbergen konnte. Er machte unzählige Verſuche, aus dem Zimmer zu kommen, allein der Lieutenant, der mit großer Ernſt⸗ haftigkeit ſein Pfeifchen rauchte, und ſich ſtellte, als habe er von jenem Zweiſprach nichts gehört, und als bemerke er des Wirths Unruhe nicht, hielt Tunley'n durch eine ununterbrochene Reihe von Fragen zurück, die er nie unbeantwortet laſſen konnte. Unterdeſſen ſchwitzte Tunley Todesſchweiß, reckte den Hals alle Augenblicke nach dem Fenſter, durch welches die Stimmen ſchallten, kratzte ſich den Kopf, und gab noch verſchiedene andere Symptome der Ungeduld und Unruhe von ſich. Endlich erſtieg die vermeinte Unterredung einen ſolchen Gipfel verliebter Gefälligkeit, daß der Mann, ganz wahnſinnig über die Beſchimpfung, die er vermuthete, mit den Worten aus der Thüre lief:„Ich komme gleich, mein Herr, ich komme!“ Da er aber um das halbe Haus herum laufen mußte, ſo war Peregrine ſchon zum Fenſter wieder hereingeſtiegen, ehe Tunley in den Hof gelangte. Der falſchen Nachricht gemäß, die in ſeine Ohren gefallen war, 75 rannte er geradesweges nach der Scheune, in der Erwartung, da⸗ ſelbſt eine ſehr außerordentliche Entdeckung zu machen. Nachdem er einige Minuten vergeblich das Stroh durchwühlt hatte, kam er in einem ſehr zerſtörten Zuſtande in die Küche, als eben ſeine Frau zu einer andern Thüre hereintrat. Dieſer Umſtand beſtätigte ihn in der Meinung, daß die That geſchehen ſey. Weil aber das Uebel, unter dem Weiberpantoffel zu ſtehen, die allgemeine Seuche“ des Kirchſpiels war, ſo durfte er ſich gegen ſie nicht das Mindeſte von ſeiner Unruhe merken laſſen; daher beſchloß er, ſich an dem wollüſti⸗ gen Prieſter zu rächen, der, ſeinen Gedanken nach, ſeine Frau ver⸗ führt hatte. Die beiden Verbündeten wollten gern gewiß ſeyn, daß ihr Plan gelungen wäre, und das Feuer, das ſie angezündet hatten, zugleich noch mehr aufblaſen; deßhalb riefen ſie Tunley, in deſſen Zügen ſich ſeine Verwirrung leicht erkennen ließ. Auf Peregrine's Verlangen mußte er ſich zu ihnen hinſetzen und ein Glas Ale mit ihnen trinken. Dann fing der Erſtere an, ſich nach ſeiner Familie zu erkundigen, und fragte ihn unter Anderem, ob er das hübſche Weib ſchon lange habe? Dieſe Frage wurde mit einem ſo bedeu⸗ tend leichtfertigen Blick gethan, daß der arme Schenkwirth unruhig ward, und auf die Beſorgniß gerieth, Pickle möchte von ſeiner Schande gehört haben. Dieſer Verdacht verlor ſich nicht im min⸗ deſten, als der Lieutenant mit ſchalkhaftem Blick zu ihm ſagte: „Wurdet Ihr nicht vom Vikar getraut, Tunley?“—„Ja, das wurde ich,“ verſetzte der Wirth mit einer ſolchen Heftigkeit und Aengſtlichkeit des Tones, als wenn er dächte, der Lieutenant wüßte, daß da die Glocken hingen. Hatchwah unterſtützte dieſen Verdacht durch die Antwort:„Je nun, was das anlangt, ſo mag der Vikar wohl n recht tüchtiger Mann in ſeiner Art ſeyn!“ Dieſer Uebergang von ſeiner Frau zum Vikar überzeugte den Wirth völlig, daß ſeine Schande ſeinen Gäſten bekannt ſey; daher rief er im Uebermaß ſeines Unwillens mit großem Nachdruck aus: 76 „Ein tüchtiger Mann? Ein tüchtiger Schlingel! Donnerwetter! Ich denke, die ganze Sippſchaft ſind eitel Wölfe in Schafskleidern! Herr, ich ſage Ihnen, ich wünſchte mir nichts weiter als noch den Tag zu erleben, wo's keinen Pfaffen, Acciseinnehmer und Zollbe⸗ dienten im Königreich mehr gäbe! Was aber den Kerl, den Vikar, anlangt, wenn er mir einmal in die Curre kommt— ich mache nicht gern viele Worte— aber's bei Gott! Ich bin Ihr Diener, meine Herren!“ Mit dieſen abgebrochenen Winken waren die Verbündeten zu⸗ frieden; ſie merkten daraus, daß ihre Abſicht gelungen ſey. Voll Ungeduld warteten ſie zwei, drei Tage in der Vermuthung, daß Tunley auf ein Mittel fallen würde, ſich wegen dieſes vermeinten Unrechts zu rächen. Da ſie aber fanden, daß entweder ſeine Ein⸗ bildungskraft zu ſeicht oder ſeine Neigung zu lau war, ihrem beider⸗ ſeitigen Verlangen ein Genüge zu leiſten, ſo beſchloßen ſie, der Sache eine ſo kritiſche Wendung zu geben, daß er der günſtigen Gelegenheit, ſeine Rache auszuführen, nicht ſollte widerſtehen können. In dieſer Abſicht gaben ſie eines Abends einem Jungen ein Trinkgeld, um nach Sir Pickle's Haus zu laufen und dem Vikar zu ſagen: Tunley's Frau ſey plötzlich erkrankt, und ihr Mann bäte ihn, unverzüglich zu kommen und mit ihr zu beten. Mittlerweile hatten ſie ein Zimmer im Hauſe in Beſchlag genommen, und Hatchway verflocht den Wirth in eine Unterredung. Peregrine, der vom Hofe zurückkam, bemerkte gleichſam im Vorbeigehen, daß er den Pfarrer habe in die Küche gehen ſehen, vermuthlich um Tunley's Weib aus dem Katechismus vorzunehmen. Der Wirth ſtutzte bei dieſer Nachricht, eilte unter dem Vor⸗ wand, eine Geſellſchaft im nächſten Zimmer zu bedienen, nach der Scheune, bewaffnete ſich daſelbſt mit einem Dreſchflegel, und poſtirte ſich in einem ſchmalen Weg zwiſchen Zäunen, den der Vikar noth⸗ wendig paſſiren mußte, wenn er heimging. Hier lag er in blutgie⸗ riger Abſicht auf der Lauer. Als der vermeinte Urheber ſeiner 77 Schande kam, empfing er ihn im Dunkeln mit einem ſolchen Gruße, daß er wenigſtens drei Schritte hinter ſich taumeln mußte. Wenn der zweite Schlag gelungen wäre, ſo würde aller Wahrſcheinlichkeit nach dieſer Ort das letzte Ziel der Wallfahrt des Pfarrers hienie⸗ den geweſen ſeyn. Jedoch zu ſeinem Glück wußte ſich der Gegner ſeiner Waffe nicht gehörig zu bedienen. Statt den Kopf des be⸗ ſtürzten Vikars zu treffen, fiel der Flegel durch die Verdrehung des Mittelbandes in ſchiefer Richtung auf ſeines Führers eigenes Haupt. Der Schwung war ſo ſtark geweſen, daß Tunley's Schädel wie ein Apothekermörſer wiederhallte, und daß tauſend Lichter vor ſeinen Augen zu tanzen ſchienen. Während der Friſt, die dieſer Zufall dem Vikar verſchaffte, erholte er ſich wieder, und da er ſeinen An⸗ greifer für einen Räuber hielt, der hier auf Beute lauerte, ſo be⸗ ſchloß er, fliehend zu fechten, ſo lange, bis ſein Geſchrei ſeine Woh⸗ nung erreicht hätte. In dieſer Abſicht hob er ſeinen Prügel zur Vertheidigung ſeines Kopfs auf, verließ ſich auf die Behendigkeit ſeiner Beine, und fing an, mit einer Stentor-Lunge um Hülfe zu brüllen. Tunley warf ſeinen Flegel weg, dem er als Werkzeng ſeiner Rache nicht länger trauen durfte, und verfolgte den Flücht⸗ ling ſo eilend, als er nur konnte. Der Andere wurde eingeholt, ehe er noch hundert Schritte zurückgelegt hatte, entweder weil er durch Furcht entkräftet, oder weil er über einen Stein geſtolpert war. Kaum fühlte er den Wind von des Schenkwirths Fäuſten um ſeine Ohren pfeifen, als er platt der Länge nach auf die Erde fiel, und der Knittel aus ſeiner unvermögenden Hand flog. Tunley ſprang nun wie ein Tiger auf ſeinen Rücken, und ließ einen ſolchen Platz⸗ regen von Püffen auf den Leichnam fallen, daß er glaubte, er ſey wenigſtens unter der Bearbeitung von zehn paar Fäuſten. Allein der Hahnrei in der Einbildung war noch nicht zufrieden, den Prieſter ſo zerprügelt zu haben, ſondern faßte noch eins von deſſen Ohren zwiſchen die Zähne, und biß ſo unbarmherzig hinein, daß der Vikar halb wahnſinnig vor Schmerzen von ein paar Tagelöhnern gefunden 78 wurde, bei deren Annäherung ſich der angreifende Theil ganz unbe⸗ merkt entfernte. 2 Der Lieutenant hatte ſich an's Fenſter poſtirt, um den Wirth zu ſehen, ſobald er nach Hauſe käme. Kaum ſah er ihn in den Hof treten, ſo rief er ihn in's Zimmer, voll heißer Ungeduld die Wirkungen ihrer Liſt zu erfahren. Tunley gehorchte der Aufforde⸗ rung, und erſchien vor ſeinen Gäſten in all' der Verſtörtheit von Wuth und Ermattung, in der er ſich befand. Seine Naſenlöcher waren um mehr als um die gewöhnliche Weite ausgedehnt; ſeine Augen rollten umher; ſeine Zähne klapperten; er ſchnarchte beim Athemholen, als wäre er vom Alp gedrückt worden, und der Schweiß ſtrömte ihm von beiden Seiten an der Stirne hinunter. Peregrine ſtellte ſich ganz beſtürzt über dieſen ſeltſamen Anblick, und fragte ihn, ob er mit einem Geiſt gekämpft habe. Hierauf verſetzte er mit großer Heftigkeit:„Mit'nem Geiſt? Nein, Herr; mit Fleiſch un' Bein hab' ich mich h'rumgerollt und getummelt. Der Hund, der! Ich will ihn lehren, hier uf die Katerjagd zu geh'n!“ Pickle nahm aus dieſer Antwort ab, daß ſein Zweck erreicht ſey; er war aber neugierig, den ganzen Verlauf zu wiſſen, deßhalb ſagte er: „Nun, ich hoffe doch, Tunley, daß Sie über Fleiſch und Bein die Oberhand behalten haben werden?“—„Das hab' ich,“ antwortete der Wirth,„ich hab' ihm das ſprudelnde Blut ein wenig abgekühlt; hab' ihm ſolch' Stückchen vor ſeinen Ohren geduddelt, daß ihm gewiß uf vier Wochen der Aptit, Muſik zu hören, vergehen ſoll! Das geile Bocksgeſicht von'nem Schuft! So wahr ich's Leben habe s is'n kompletter Kirchſpielsbulle!“ Hatchway ſagte, es ſchiene, als habe er ein tapferes Gefecht ge⸗ halten, und bat ihn, ſich niederzuſetzen und zu verſchnaufen. Nach⸗ dem Tunley ein paar volle Gläſer hinunter geſtürzt hatte, trieb ihn ſeine Eitelkeit an, ſeine Heldenthat ſo weitläufig zu erzählen, daß die Verbündeten genau von jedem Umſtand unterrichtet waren, ohne daß ſie zu wiſſen ſchienen, daß der Vikar ſein Gegner geweſen ſey. 79 Tunley war kaum etwas wieder zu ſich gekommen, als ſeine Frau in's Zimmer trat, und als eine Neuigkeit erzählte, daß irgend ein Schalk Maſter Sackbut, den Vikar, hergeſchickt habe, um mit ihr zu beten. Bei dieſem Namen entbrannte der Zorn des Mannes von Neuem; er vergaß alle Gefälligkeit gegen ſeine Gattin, und antwortete mit einem feindſeligen Grinſen:„Hol ihn der Henker! Ich zweifle nicht, Ihr werdet ſeine Ermahnungen über die Maßen tröſtlich gefunden haben!“ Die Wirthin ſah mit einem Herrſcherblick auf ihren Leibeigenen und ſagte:„Was für Spuck hat Er denn mal wieder in der Krone? Hat er denn nir zu thun, daß er hier ſo ſitzt wie'n großer Herr, die Arme über'nander geſchlagen? Es gibt noch mehr Gäſte im Hauſe die bedient ſeyn wollen!“ Dieſen Wink faßte der unterthänige Ehemann auf, und ſchlich ohne die geringſte Entgegnung aus dem Zimmer. Am folgenden Tage ging das Gerücht, daß Räuber dem Maſter Sackbut aufgelauert und ihn faſt ermordet hätten. An die Kirch⸗ thür wurde ein Zettel angeheftet, worin man dem Entdecker des Meuchelmörders eine Belohnung verſprach. Doch dieſes Mittel blieb fruchtlos, und Sackbut mußte wegen ſeiner Schläge und Beulen vierzehn Tage lang das Zimmer hüten. Dreiunddreiſeigſtes Kapitel. Gamaliels Complott gegen ſeinen Bruder Pickle wird entdeckt. Gauntlets Ankunft im Caſtell. Nachdem Sackbut alle Umſtände des Ueberfalls genauer in Erwägung gezogen hatte, konnte er nicht glauben, daß ein gewöhnlicher Räuber ihn angefallen hätte; denn es ließ ſich nicht wohl annehmen, daß ein 80 Spitzbube ſich lieber mit Durchprügelung, als mit Plünderung ſeiner Beute hätte befaſſen ſollen. Er ſchrieb daher ſein Unglück der ge⸗ heimen Feindſchaft von irgend Jemand zu, der ihm nach dem Leben trachtete. Nach reifer Ueberlegung blieb ſein Argwohn auf unſerem Peregrine haften, als dem einzigen Menſchen auf Erden, von dem er eine ſolche Behandlung verdient hatte. Er theilte dieſe Vermu⸗ thung ſeinem Zögling mit. Dieſer nahm ſeine Meinung ſogleich an, und gab ihm den Rath, durch eine ähnliche Liſt die Gewalt⸗ thätigkeit ſcharf zu ahnden. Nähere Unterſuchungen deßhalb anzu⸗ ſtellen, finde er deßhalb nicht rathſam, weil ſonſt ſein Feind auf der Hut ſeyn möchte. Dieſer Vorſchlag fand Beifall. Sie verabredeten darauf die Mittel, den Ueberfall mit Wucher zu vergelten, und machten einen ſo ſchurkiſchen Entwurf, unſern Helden im Dunkeln zu überfallen, daß, wenn er nach der Anlage wäre ausgeführt worden, Peregrine's Reiſeplan gänzlich geſcheitert wäre. Doch Miß Pickle hatte von ungefähr ihre Machinationen belauſcht. Dieſe junge Dame, welche jetzt ſiebzehn Jahr alt war, hegte trotz des Erziehungsvorurtheils insgeheim eine recht ſchweſterliche Zuneigung für ihren Bruder Perry, ob ſie ihn gleich nie geſehen hatte, und wiewohl die Befehle, Drohungen und die Wachſamkeit ihrer Mutter ſie abſchreckten, Ver⸗ ſuche zu machen, ihn zu ſprechen. Trotz dem war ſie gegen den Ruhm nicht unempfindlich, der in der ganzen Nachbarſchaft überlaut von ihm erſcholl; auch ermangelte ſie nicht, in die Kirche und an andere Orte zu gehen, wo ſie Gelegenheit zu haben glaubte, ihren liebenswürdigen Bruder zu erblicken. Bei dieſen Geſinungen kann man ſich leicht vorſtellen, daß ſie dieſe Verſchwörung nicht ohne Er⸗ ſchütterung anhörte. Ueber Gams unmenſchliche Verräthertücke er⸗ ſtaunte ſie, und ihr ſchanderte beim Anblick der nahen Gefahr, die über Peregrine ſchwebte. Ihrer Mutter durfte ſie dieſes Complott nicht entdecken. Bei dem unbegreiflichen Widerwillen, den dieſe Dame gegen ihren Erſtgebornen hegte, beſorgte die Tochter, möchte 8¹ ſie von ihr gehindert werden, ſich für ihren Bruder zu verwenden, und ſie ſo gewiffermaßen zur Mitſchuldigen dieſer meuchelmörderiſchen That werden. Deßhalb beſchloß ſie, Peregrine vor dieſer Verſchwö⸗ rung zu warnen. Sie ließ ihm deßhalb den ganzen Plan in einem Brief voll Zärtlichkeit durch einen Herrn aus der Nachbarſchaft ein⸗ händigen. Dieſer junge Mann, der ſich damals um ſie bewarb, mußte auch auf ihr Erſuchen unſerem Helden ſeine Dienſte anbieten, um die Projekte ſeiner Gegner zu zernichten. Peregrine ſtutzte, als er dieſen ſchwarzen Entwurf las. Er be⸗ ſtand in nichts Geringerem, als ihn zu überfallen, wenn er ganz wehrlos ſeyn würde, ihm die Ohren abzuſchneiden, und ihn noch überdieß ſo zu verſtümmeln, daß er künftig nicht Urſache haben könnte, ſich auf ſeine Geſtalt etwas einzubilden. So ſehr er auch durch dieſe thieriſch-wilde Gemüthsart von ſeines eigenen Vaters Sohne aufgebracht war, ſo vermochte er es nicht, bei der Redlichkeit und Zärtlichkeit ſeiner Schweſter ungerührt zu bleiben, deren Zuneigung ihm bisher ganz unbekannt geweſen war. Er dankte dem Fremden für ſein edles Anerbieten, und be⸗ zeigte ihm ſein Verlangen, mit einem ſo braven Mann näher bekannt zu werden. Dann ſagte er, er hoffe nicht, daß es nun noch nöthig ſeyn würde, ihn weiter zu bemühen, da er nun gewarnt ſey. An ſeine Schweſter ſchrieb Pickle durch dieſen Herrn ein Dank⸗ ſagungsſchreiben. Er gab in demſelben die äußerſte Liebe und Achtung gegen ſie zu erkennen, und erſuchte ſie, ihm vor ſeiner Abreiſe eine Unterredung zu gönnen, worin er ſeiner brüderlichen Zärtlichkeit freien Lauf laſſen könnte, und wo er durch die Unter⸗ haltung und den Anblick wenigſtens von Einer Perſon aus ſeiner Familie beglückt würde. Dieſe Entdeckung theilte er ſeinem Freunde Hatchway mit, und ſie faßten den Entſchluß, Contreminen anzulegen. Um ſich aber nicht den Gerüchten der Läſterſucht bloszuſtellen, die auf ihre Koſten thätig genug geweſen ſeyn würde, wenn ſie nach den Rechten Smollet's Romane. IX. 6 82 der Wiedervergeltung harte Mittel zu ihrer Vertheidigung gebraucht hätten, ſo erfanden ſie einen Plan, durch den ihre Feinde in ihrer Erwartung getäuſcht wurden, und wodurch ſie ſich Schimpf und Schande zuzogen. Pips mußte unmittelbar die dazu nöthigen An⸗ ſtalten treffen. Miß Pickle hatte ihnen den Platz bezeichnet, den die meuchel⸗ mörderiſchen Buben zum Schauplatz ihrer Rache erkoren hatten. Unſer Triumvirat war Willens, eine Schildwache in das Korn zu ſtellen, die ihnen Nachricht geben ſollte, wenn jene ſich in den Hin⸗ terhalt gelegt hätten. Auf dieſen Wink wollten ſie ſich mit drei, vier Bedienten ganz ſachte nach dem Ort hinſtehlen, und über die Verſchworenen ein großes Netz ausſpreiten. So gefangen ſollten ſie entwaffnet, gebunden und derb ausgepeitſcht in dieſem Garn zwiſchen zwei Bäumen aufgehängt werden, zur Schau aller, die das Ungefähr dieſen Weg führte. Nachdem dieſer Plan völlig durchdacht und dem Commodore die ganze Sache bekannt gemacht worden war, ſchickte man den Spion auf ſeinen Poſten, und jeder im Hauſe hielt ſich bereit, auf den erſten Rapport aufzubrechen. Einen ganzen Abend brachten ſie in der ungeduldigſten Erwartung zu; allein den zweiten kam ihr Kundſchafter in das Caſtell geſchlichen und verſicherte, er habe drei Männer hinter dem Zaun an dem Wege nach der Schenke lauern ſehen, von wo Peregrine und der Lieutenant alle Abende zur be⸗ ſtimmten Stunde zurückzukommen pflegten. Auf dieſen Bericht machten ſich die Verbündeten mit allen ihren Gerächſchaften ſogleich auf den Weg. Indem ſie ſich dem Schau⸗ platz des Blutvergießens mit ſo wenigem Geräuſch als möglich näherten, hörten ſie Schläge fallen, und bemerkten, der düſtern Nacht ungeachtet, eine Art von verworrenem Gefecht an eben dem Orte, den die Verſchworenen beſetzt hielten. Ueber dieſen Vorfall beſtürzt, den ſie ſich nicht erklären konnten, befahl Peregrine ſeinen Leuten Halt zu machen und Kundſchaft einzuziehen. Unnittelbar darauf 83 wurden ſeine Ohren von dem Ausruf begrüßt:„Wart, Bube, Du ſollſt mir nicht entwiſchen!“ Da ihm dieſe Stimme bekannt war, ſo hatte er auf einmal den Anlaß der eben wahrgenommenen Unord⸗ nung errathen. Er eilte, dem Rufenden beizuſtehen, und fand einen Kerl, der knieend um ſein Leben bat, zu Gauntlets Füßen, welcher mit bloßem Hirſchfänger vor ihm ſtand. Pickle gab ſich ſeinem Freunde ſogleich zu erkennen. Dieſer erzählte ihm, er habe ſeinen Gaul bei Tunley ſtehen laſſen, und ſey auf dem Wege nach dem Schloſſe von drei Mordgeſellen angefallen worden. Einer von ihnen, eben der, den er jetzt in ſeiner Gewalt habe, hätte ihm rückwärts einen Schlag mit dem Prügel nach dem Kopf gegeben, der aber abgeglitten ſey und die linke Schulter getroffen habe. Er hätte darauf ſeinen Hirſchfänger gezogen und im Dunkeln auf ihn eingeſtoßen. Die Andern hätten die Flucht ergriffen und ihren Kameraden, den er zum Fechten untüchtig gemacht, im Stich gelaſſen. Peregrine wünſchte ihm Glück, daß er ſo unbeſchädigt davon gekommen ſey, und befahl dem Pips, den Gefangenen in Sicherheit zu bringen. Er ſelbſt führte Gauntlet in das Caſtell, wo er vom Commodore auf's Herzlichſte aufgenommen wurde, dem er als ein vertrauter Freund ſeines Neffen vorgeſtellt worden war. Wahrſchein⸗ lich würde er die Saiten ſeiner Gaſtfreiheit herabgeſtimmt haben, wenn er gewußt hätte, daß dieß der Bruder von Perry's Geliebte ſey. Allein dem alten Herrn war es nie eingefallen, nach ihrem Namen zu fragen, als er ſich nach ſeines Pathen Liebeshandel er⸗ kundigte. Der Gefangene ward im Beiſehn Trunnions und ſeiner Haus⸗ genoſſenſchaft verhört. Er geſtand, daß er in Gam Pickle's Dienſten ſtünde und durch das dringende Anliegen ſeines Herrn und des Vikars vermocht worden ſey, ſie auf ihrer Ritterfahrt zu begleiten und die Rolle zu übernehmen, die er gegen den Fremden geſpielt habe, den ſeine Anführer, ſo wie er, im Dunkeln für Peregrine an⸗ geſehen hätten. In Betracht dieſes offenherzigen Geſtändniſſes und 84 der ſchweren Wunde, die er am rechten Arm bekommen, erließ man dem Miſſethäter die weitere Strafe, und beſchloß, ihn die ganze Nacht in der Garniſon zu behalten und den folgenden Morgen vor den Friedensrichter zu führen. Hier mußte er die Ausſage der vorigen Nacht wiederholen und dieſes Bekenntniß mit eigener Hand unter⸗ ſchreiben. Die Abſchriften hievon ließ man in der ganzen Nachbar⸗ ſchaft herumgehen, zur unausſprechlichen Beſchämung und Be⸗ ſchimpfung des Vikars und ſeines vielverſprechenden Zöglings. Mittlerweile begegnete Trunnion dem jungen Soldaten mit un⸗ gewöhnlichen Zeichen der Achtung. Sowohl ſein nächtliches Abenteuer, das er ſo tapfer ausgeführt, als auch Peregrine's Lobſprüche über ſeinen Muth und ſeine edle Seele hatten den Commodore im Vor⸗ aus für ihn eingenommen. Ihm gefiel ſeine entſchloſſene, kühne Miene, er bewunderte ſeinen herkuliſchen Bau und fand daran, mit ihm über den Dienſt zu ſprechen. Den Tag nach ſeiner Ankunft, als ſich die uastepis eben um die letzte Materie drehte, nahm der Commodore die Pfeife aus dem Munde und ſagte:„Will Euch was erzählen thun, Bruder! So ungefähr vor'n Jahrener fünf un' vierzig war ich dritter Lieute⸗ nant uf dem Kriegsſchiff Warwick, da war auch'n recht ſchmucker ſtattlicher Junge am Bord,'n Subalternofſizier von der Marine. Na, ſeht Ihr, ſein Name hatte mit Eurem viel Aehnliches; Guntlet hieß er mit'nem G. Anfangs konnten wir nander gar nicht ausſteh'n thun, Kn ich mich recht, denn ſeht'r, ich war 'n Seemann un' er'ne Landratze. Endlich aber geriethen wir an'n franzöſiſches Orlogsſchiff; ganzer acht Seegerſtunden knallten un' ſchmißen wir uns h'rum; zuletzt waren wir am Bord un' nah⸗ men's weg. Ich war der erſte uf'm feinlichen Verdeck, un' würde klaatrig weggekommen ſin, ſeht r, wär' mir Guntlet nicht zu Hülfe geſprungen. Wir machten in Kurzem reine Luft, un' trieben ſie in die Enge, ſo daß ſie's Gewehr ſtrecken mußten. Sint der Zeit nu waren Guntlet un' ich geſchworne Brüder, ſo lang er am Bord 85 war. Nachher kam er unter'n Landregiment, das uf dem Marſch war. Was denn aus ihm g'worden is, das weiß der liebe Gott. Aher was ich noch von ihm wollte ſagen thun, er mag nu todt oder noch lebendig ſin, er furchte ſich vor keiner Seele uf Gottes Erd⸗ boden, un' war noch obendrein'n recht guter Schiffskumpan.“ Bei dieſen Lobſprüchen glühte die Bruſt des Fremden, und faum hatte der Commodore ſie geendet, ſo fragte er ihn mit vieler Lebhaftigkeit:„War das franzöſiſche Schiff nicht die Diligence?“ Der Commodore ſtutzte und verſetzte:„Ja wohl, lieber Junge.“— „So war der Mann, deſſen Sie ſo ehrenvoll zu gedenken geruht haben, mein eigener Vater,“ erwiederte Gauntlet.„Ei den Teufel!“ ſagte Trunnion und ſchüttelte ihm hetzlich die Hand:„Das freut mich ja über die Maßen, nnen Sohn von Ned Guntlet in meinem Hauſe zu ſehen!“ i Dieſe Entdeckung veranlaßte tauſenderlei Fragen, durch welche der alte Herr die Lage von ſeines Freundes Familie kennen lernte. Dieß bewog ihn, unzählige Flüche über die Ungerechtigkeit und Un⸗ dankbarkeit der Regierung auszuſchütten, welche die Verſorgung des Sohnes von einem ſo braven Soldaten ganz aus der Acht ließe. Doch ſeine Freundſchaft erſtreckte ſich nicht bloß auf leere Worte. Er bezeigte noch an eben dem Abend Peregrine ein Verlangen, etwas für ſeinen Freund zu thun. Dieſe Geſinnung ward von ſeinem Pathen ſo geprieſen, ermuntert und befördert, und durch ſeinen ge⸗ heimen Rath Hatchway ſo unterſtützt, daß unſer Held die Vollmacht erhielt, ihm eine Geldſumme zu ſchenken, dik hinreichte, eine Offi⸗ zierſtelle zu kaufen. So angenehm Peregrine dieſe Erlaubniß ſeyn mußte, ſo war ihm doch bange, Geoffry's Delikateſſe möchte ihn hindern, ſich ſolche Verbindlichkeit auflegen zu laſſen. Deßhalb ſchlug er vor, ihn um ſeines eigenen Beſten willen durch eine Fiction zu hintergehen. Man müſſe ihn vermöge derſelben dahin bereden, das Geld als eine Schuld anzunehmen, die der Commodoré bei ſeinem Vater zur See 86 gemacht habe. Trunnion ſchnitt ſchiefe Geſichter bei dieſem Vor⸗ ſchlag. Er konnte gar nicht begreifen, daß ſo etwas nöthig ſey, ohne Gauntlet allen Menſchenverſtand abzuſprechen. Denn er ſah es für ausgemacht an, daß dergleichen Anerbietungen aus keinerlei Rückſicht verworfen werden könnten. Außerdem könne er einen Kunſt⸗ griff nicht verdauen, wodurch er eingeſtehen müßte, er habe ſo lange Jahre hindurch nicht die geringſte Intention gezeigt, ſeine Schuld abzutragen. Alle dieſe Einwürfe wurden durch Pickle's Eifer und Beredſamkeit gehoben. Er ſtellte ihm vor, es ſey unmöglich, ihm auf eine andere Art dieſen Freundſchaftsdienſt zu erweiſen; Trun⸗ nions bisheriges Stillſchweigen würde man einem Mangel an Nach⸗ richten von der Lage und dem Stande ſeines Freundes zuſchreiben; und ſeine Erinnerung dieſer Verbindlichkeit und ſein Beharren, ſich ihrer nach ſo langen Jahren zu entledigen, da die ganze Sache in Vergeſſenheit gerathen ſey, wäre das größte Compliment, das er ſeiner Ehre und Rechtſchaffenheit machen könnte. Auf dieſe Art überredet, ergriff Trunnion die Gelegenheit, wo er mit Gauntlet allein war, die Sache in den Gang zu bringen. Er erzählte dem jungen Mann, ſein Vater habe ihm, als ſie noch zuſammen am Bord geweſen wären, eine Summe Geldes vorgeſtreckt, ſowohl wegen ſeiner Beköſtigung, als auch um einem Schreihalſe von Gläubiger zu Portsmouth das Maul zu ſtopfen. Beſagte Summe belief ſich ſammt den Zinſen auf viehundert Pfund, und dieſe wolle er ihm jetzt mit dem größten Dank heimzahlen. Geoffry erſtaunte über dieſe Eröffnung, und ſagte nach einer beträchtlichen Pauſe, er habe ſeine Eltern nie etwas von einer ſolchen Schuld erwähnen hören; unter ſeines Vaters Papieren hätte ſich nie ein Aufſatz oder ein Schein darüber vorgefunden. Wahr⸗ ſcheinlich müſſe dieſe Summe längſt getilgt ſeyn, und der Commo⸗ dore habe es nur wegen Länge der Zeit und wegen ſeiner vielen zerſtreuenden Beſchäftigungen vergeſſen. Er möchte ihn daher ent⸗ ſchuldigen, wenn er etwas ausſchlüge, das er mit gutem Gewiſſen 87 nicht als ſein annehmen könne. Zuletzt machte er dem alten Herrn ein Compliment über ſeine Gewiſſenhaftigkeit und Rechtlichkeit. Dieſe Weigerung des Kriegers ſetzte Trunnion von Neuem in Erſtaunen und vermehrte ſeinen Trieb, ihm zu helfen. Unter dem Vorwande, ſeinen guten Namen zu retten, drang er ihm ſeine Wohl⸗ that ſo hartnäckig auf, daß Gauntlet, äns Beſorgniß, ihn zu belei⸗ digen, ſich faſt gezwungen ſah, eine Anweiſung auf das Geld anzu⸗ nehmen. Er ſchrieb dagegen eine weitläufige Quittung und ſchickte die Aſſignation unverzüglich an ſeine Mutter, die er zugleich um⸗ ſtändlich unterrichtete, auf welche Art ihr Vermögen ſo unerwartet einen Zuwachs erhalten habe. Dieſe Nachricht mußte der Miſtriß Gauntlet nothwendig ange⸗ nehm ſeyn. Sie ſchrieb mit der nächſten Poſt einen Brief voller Dankſagung an den Commodore und einen andern an ihren Sohn, welchem ſie meldete, ſie habe die Anweiſung bereits nach London an einen Freund geſchickt, mit dem Auftrag, ſie einem gewiſſen Banfier zuzuſtellen, um die erſte offene Fähndrichsſtelle zu kaufen. Auch erlaubte ſie ſich, an Peregrine einen Brief zu ſchreiben, der in den liebreichſten Ausdrücken abgefaßt war, und der eine freundliche Nachſchrift von Miß Sophie und ſeiner bezaubernden Emilie enthielt. Nachdem dieſe Sache zur Zufriedenheit aller Theilnehmenden abgemacht war, traf man Anſtalten zur Abreiſe unſers Helden. Sein Oheim ſetzte ihm jährlich achthundert Pfund aus, welches nicht viel weniger als die Hälfte ſeines ganzen Einkommens betrug. Zu der Zeit konnte der alte Herr in der That leicht ſo viel von ſeinen Einkünften weggeben, denn er hatte wenig oder gar keine Geſell⸗ ſchaft, wenige Bedienten, und lebte nur ſchlecht und recht. Miſtriß Trunnion ging die Fünßzig bergab, ihre Schwachheiten nahmen daher zu, und obgleich ihr Stolz keine Verminderung erlitt, ſo war doch ihre Eitelkeit von ihrem Geiz ganz unterdrückt worden. Man miethete für Peregrine einen ſchweizeriſchen Kammerdiener, der bereits die Tour durch ganz Europa gemacht hatte; und da 88 Pips das Franzöſiſche nicht verſtand, und ſich auch überdieß nicht zum Bedienten eines Mannes von gutem Tone qualificirte, ſo be⸗ ſchloß man, ihn in dem Caſtell zu behalten. Seine Stelle ward durch einen Pariſer Lakaien erſetzt, den man zu dem Ende aus London kommen ließ. Pips ſchien mit dieſer Einrichtung gar nicht zufrieden zu ſeyn. Zwar machte er dagegen mündlich keine Einwen⸗ dungen, allein er ſah anfangs ſeinen Nachfolger merklich ſauer an. Doch dieſes Schmollen verlor ſich allmälig, und noch lange vor ſeines Herrn Abreiſe hatte er F gewöhnliche Ruhe und Se gültigkeit wieder erlangt. Vierunddreißigſtes Kapitel. Die beiden jungen Herren entwickeln ihre Anlagen zur Galanterie. Sie beſtehen ein lacherliches Abenteuer und rächen ſich an dem Urheber . deſſelben. Mittlerweile machten unſer Held, deſſen neuer Freund und der ehrliche Jack Hatchway täglich Ausflüge in die Umgegend, beſuchten benachbarte Edelleute, und zogen mit dieſen bisweilen auf die Jagd. Sie wurden überall gern geſehen, weil ſie ſich den Launen ihrer Wirthe ſo gut zu akkommodiren verſtanden. Der Lieutenant war in ſeiner Art ein ganz ſpezifikes Exemplar von Humor, Peregrine be⸗ ſaß einen großen Fond von Munterkeit und guter Laune, und Geoffry hatte, außer den bereits angeführten Eigenſchaften, die Gabe, vortrefflich zu ſingen. Daher war unſer Triumvirat bei allen Luſt⸗ barkeiten ſowohl den Herren als auch den Damen höchſt angenehm. Wären die Herzen unſerer jungen Herren nicht ſchon zuvor einge⸗ nommen geweſen, ſo hätten ſie Gelegenheit genng gehabt, ihr Talent 89 zur Galanterie zu entwickeln. Demungeachtet ließen ſie ihrem Hange zur Liebe freien Lauf, ohne daß ihr Herz dabei etwas fühlte. Sie hatten zum Zeitvertreib kleine Intriguen, die, wie ein Liebhaber vom Vergnügen meint, der Treue gegen die anerkannte Beherrſcherin des Herzens nicht nachtheilig ſind. Hätten ſie die Vortheile benützt, die ihnen ihre Talente und änßeren Vorzüge über die feurigen und unerfahrnen Gemüther der jungen Frauenzimmer verſchafften, zu denen ſie Zutritt hatten, ſo möchte faſt jede Familie in der Grafſchaft Urſache gehabt haben, die Bekanntſchaft mit ihnen zu bereuen. Allein unſere abenteuernden Ritter, ſo wild und ausgelaſſen ſie auch waren, richteten ſich in ihren Handlungen nach gewiſſen Begriffen von Ehre, die zu ver⸗ letzen ſie ſich nie unterfingen. Daher kam es, daß aus Be tragen nie häusliche Tragödien entſtanden. Unter der niedrigen Klaſſe des Volks beachteten ſie nicht dieſelbe tugendhafte Zurückhaltung, ſondern ſchloßen um jede heitere und aufgeweckte Landdirne einen dichten Cordon. Denn ſie bildeten ſich ein, ihre Tändeleien mit dergleichen Duleineen könnten von keinen nachtheiligen Folgen ſeyn, und die Vergütung alles Schadens, den ihre Liebſchaften etwa davon möchten, ſtände jedenfalls in ihrem Vermögen. Während dieſer Amüſements konnte Gauntlet ſich nicht erweh⸗ ren, einen beſondern Hang zu verheiratheten Frauenzimmern blicken zu laſſen. Sein Freund ſtellte ihn hierüber zu Rede, und er ver⸗ theidigte ſeinen ſonderbaren Geſchmack durch die Bemerkung, daß dergleichen Bekanntſchaften, wenn man dabei klug und verſchwiegen zu Werke gehe, keine von den üblen Folgen nach ſich ziehe, die Liebesverſtändniſſe mit ledigen Perſonen gemeiniglich haben. Denn verheirathete Frauenzimmer hätten ihr Glück bereits gemacht, und ihr Mann ſtehe als Schutzmauer vor ihrem guten Namen. Wiewohl Peregrine dieſer Marime nicht huldigte, welche der Volontär bei ſeiner militäriſchen Erziehung angenommen hatte, ſo 90 konnte er es doch nicht vermeiden, Sekundant und Vertrauter ſeines Freundes bei einem Liebeshandel zu ſeyn, den dieſer mit einer Pach⸗ tersfrau in der Nachbarſchaft anknüpfte. Geoffry hatte alle ſeine Künſte verſucht, die Keuſchheit dieſer Frau, die ein geſundes, roth⸗ bäckiges Geſchöpf und erſt kürzlich verheirathet war, zu überwältigen. Endlich waren ihm ſeine Bemühungen ſo weit gelungen, daß ſie es ihm zuſagte, ihn einmal in der Nacht in Abweſenheit ihres Mannes, der Geſchäfte halber alle vierzehn Tage einmal nach dem nächſten Marktflecken reiſen müßte, in ihr Haus zu laſſen. Er theilte Perry'n ſein gutes Glück mit, und bat ihn, ihn nach dieſem Ort zu begleiten, wenn ſich ja etwa ein unvorhergeſehener Zufall ereignen ſollte. Unſer junger Herr übernahm es, ſo lange Schildwache zu ſtehen, bis ſein Freund die Früchte ſeiner Eroberung genoſſen hätte. Sie machten ſich zur feſtgeſetzten Stunde auf den Weg. Als ſie vor der Thüre waren, gab der Galan das verabredete Signal, und ward darauf ſogleich eingelaſſen. Er verſprach noch zuvor ſeinem Freunde, ihn ſpäteſtens in zwei Stunden wieder zu treffen. Solchergeſtalt ſeinen eigenen Betrachtungen überlaſſen, begann unſer Held ſeine Patrouille, und betrog die Zeit durch die unter⸗ haltendſten Phantaſteen einer glühenden Einbildungskraft, indem er im Voraus alle die Vergnügungen ſchmeckte, welche Ueberfluß und Jugend erwarten. Endlich ward ſein Staunen durch einen ſtarken Hagelſchauer unterbrochen, der ihn antrieb, ein Obdach unter einer Art von Schuppen zu ſuchen, deſſen Thüre er offen ſtehen ſah. Dahin nahm er alſo ſeine Zuflucht. Indem er ſo im Dunkeln hineintappte, erfaßte er zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen einen buſchigten Bart. Ehe er Zeit gewann, über dieſen curioſen Caſus Betrachtungen anzuſtellen, bekam er einen plötzlichen Stoß gegen ſeine Stirne, der ihn augenblicklich zu Boden warf. Als er ſo da lag, trampelte ein ungeheurer Körper auf ihn herum, und ſtürzte über ihn weg in's Feld hinaus. 91 Pickle verharrte einige Minuten in dieſer liegenden Situation, ehe er den Gebrauch ſeiner Sinne wieder erlangte. Jetzt merkte er, daß Blut in doppelten Strömen von ſeinen Schläfen rann. Die Uurſache ſeines Unglücks war noch immer für ihn ein Geheimniß. Mit vieler Mühe richtete er ſich auf und verfluchte ſein Schickſal, das ihm bei der Verwaltung eines ſo lächerlichen Amtes ſolche er⸗ ſichtliche Zeichen der Schande zutheilte. Indem er herumlief und das Schnupftuch auf ſeine Wunden hielt, ward er an der von ihm abwärts ſtehenden Seite eines Baums ein paar große Augen ge⸗ wahr, die wie feurige Kohlen glänzten. Er zog ſogleich ſeinen Hirſchfänger, in der Meinung, den Urheber ſeines Unglücks gefun⸗ den zu haben, und ſtürmte auf ſeinen Gegner ein. Der wüthende Hieb, den er ihm zugedacht hatte, fuhr in den Stamm des Baums. Das Seitengewehr drang ſo tief hinein, daß Pickle es nicht ohne Schwierigkeit losmachen konnte. Der Gegenſtand ſeines Zorns machte ſich indeß in größter Eile davon, und gab ihm durch einen Ausruf zu verſtehen, daß Niemand anders als ein Ziegenbock den Angriff auf ihn gemacht habe. So höchſt wüthend er auch vor Scham und Aerger war, ſo konnte er ſich doch nicht erwehren, über dieſes poſſierliche Abenteuer herzlich zu lachen. So eben hatte er ſeine Phantaſie in Bewegung geſetzt, um irgend eine wahrſcheinliche Entſchuldigung für die Leute auszuſinnen, weil er merkte, daß er Pflaſter im Geſichte würde tra⸗ gen müſſen, als er ein Fenſter im erſten Stock auffliegen und etwas Weißes mit erſtaunlicher Geſchwindigkeit herabfahren ſah. Er rannte nach dem Orte hin, und fand daſelbſt ſeinen trauten Geoffry im bloßen Hemde. Beſtürzt über dieſen Anblick begann er ſich nach der urſache dieſer Eilfertigkeit zu erkundigen. Der Flüchtling gab ihm nicht eher Antwort, als bis jener ihm an einen Ort gefolgt war, wo man ſie nicht belauſchen konnte. Hier erzählte der Soldat, daß er in eine Falle gerathen ſey, die ihm der Mann geſtellt habe. Unſtreitig auf deſſen Anſtiften ſey 92 er nicht nur in das Haus, ſondern ſogar in das Bett der Frau aufgenommen worden. Als er ſich völlig ausgezogen gehabt, habe die Spitzbübin ihn unter dem Vorwande verlaſſen, die Thüren zuzu⸗ ſchließen. Sie hätte aber im Grunde dem Pächter einen Wink gegeben. Dieſer ſey mit einer Miſtgabel bewaffnet und von ſeinem Kerl unterſtützt, ehe er es bemerkt, in's Zimmer gekommen, und habe ſich ſeines Degens und ſeiner Kleider verſichert. Dadurch ſey er genöthigt worden, in eine kleine Kammer ſeine Zuflucht zu neh⸗ men, aus deren Fenſter er hinabgeſprungen ſey, ſowohl um die Rache des Landmanns, als auch den Schimpf und die Koſten zu vermeiden, wenn er in einem ſolchen Zuſtande wäre ergriffen wor⸗ den. Peregrine war nicht übel Willens, über den poſſierlichen Aus⸗ gang dieſes Abenteuers laut aufzulachen; allein in Rückſicht auf die Gemüthsſtimmung und den Zuſtand ſeines Freundes, die keine tang⸗ lichen Gegenſtände zur Luſtigkeit waren; hielt er an ſich. Er zog ſeinen Rock aus und bedeckte damit Geoffry's nackte Schultern. So⸗ dann beſchloßen ſie, die Beute in des Feindes Händen zu laſſen; denn ſie ſahen zum Voraus, es würde eben ſo unmöglich ſeyn, dieſelbe zu retten, als der Verſuch, das Verlorene wieder zu erlangen, für ihre Perſonen ſowohl, als für ihren guten Ruf, waglich ſeyn würde. Deßhalb begaben ſich die beiden Freunde in ihrem komiſchen Auf⸗ zuge nach dem Caſtell zurück, und der Pächter blieb im Beſitz der Kleider und des Degens und der Baarſchaft des jungen Kriegers, die ſich auf zehn Pfund belief. Damit aber hatte der Unſtern noch kein Ende. Der boshafte Landmann verbreitete die ganze Geſchichte in der Nachbarſchaft und ließ an die Kirchthüre ein Avertiſſement zur Nachricht für das ganze Kirchſpiel anſchlagen, worin er alle die Effekten des Soldaten beſchrieb, den Ort bezeichnete, wo ſie gefun⸗ den worden waren, und ſich erbot, dieſelben Demjenigen auszuliefern, der ſich als rechtmäßiger Eigenthümer ausweiſen könnte. Das war ein niederbeugender Streich für Gauntlet. Er ſchämte ſich eine ganze Woche lang, öffentlich zu erſcheinen. Peregrine war 93 ebenfalls nicht von allem Antheil an dieſem Schimpf ausgeſchloſſen; die Merkmale an ſeiner Stirne ſetzten ihn verſchiedenen Schraube⸗ reien aus. Er mußte ihretwegen das Haus hüten und den Spott des Commodore's erdulden. Als dieſer die Hiſtorie gehört hatte, zog er die beiden abenteuernden Ritter damit auf, und bemerkte, es wäre ein Glück, daß Gauntlet's Maſt nicht ſammt ſeiner Takelage verloren gegangen wäre; auch fragte er, ob des Hahnrei's Hörner in einer falſchen Richtung auf Peregrine's Bug geſtoßen wären. Miſtriß Trunnion, die gerade zugegen war, gab ihrem Manne einen ernſtlichen Verweis über ſeine weltliche Spötterei, und las den jun⸗ gen Herren über ihre ruchloſe Lebensart ſcharf den Tert. Wenn ſie dieſelbe nicht bei Zeiten fahren ließen, ſetzte ſie hinzu, ſo würden ſie in dieſem Leben an ihrem Körper und im Zukünftigen an ihrer Seele geſtraft werden. Da dieſe beiden unglůcgenoſjen ſich zu Hauſe zu pallen ge⸗ zwungen waren, ſo pflogen ſie mit dem Lieufenant häufig Rath wegen der Mittel zu der Rache, die der Volontär zu nehmen feſt beſchloſſen hatte. Denn er konnte ſeiner Geliebten ihre Falſchheit nicht vergeben. Sie hätte ſeiner Meinung nach ſein Anſuchen ab⸗ ſchlagen können, ihn aber nicht in eine ſo unangenehme Lage ver⸗ ſetzen ſollen. Nach vielen Conferenzen beſchloßen ſie, ruhig zu war⸗ ten, und auf die Abweſenheit ihres Mannes zu lauern. Dann wollten ſie durch eine verabredete Liſt ſuchen, eingelaſſen zu werden, und die Treuloſigkeit des Weibes dadurch beſtrafen, daß ſie dieſelbe an den Fenſterrahmen feſt bänden; die Backen der zweiten Ordnung zum Fenſter hinausgekehrt, damit dieß der erſte Gegenſtand wäre, den der Mann bei ſeiner Zurückkunft aus der Stadt gewahrte. Nachdem dieſer Plan entworfen war, fand Peregrine Mittel aus, ſich mit der Stimme und Sprache des Pachters bekannt zu machen, den er einſtmals des Abends bei Tunley behorchte. Auch erfuhr er daſelbſt den Tag, an welchem dieſer Mann, um ſeinen Waizen abzuſetzen, nach einem gewiſſen Marktflecken reiste, der ſo 94 weit von ſeiner Wohnung ablag, daß er ſelten des Nachts wieder nach Hauſe kam. Dieſer Nachricht zufolge machten ſich die Verbün⸗ deten unter Pips' Begleitung eines Ahends um neun Uhr nach dem Hauſe der Verbrecherin auf den Weg. Der Lieutenant und Tom wurden vor verſchiedene Ausgänge poſtirt, damit ſie vor allem Ueberfall geſichert wären. Die beiden jungen Herren näherten ſich der Thüre, die ſie ver⸗ ſchloſſen fanden. Peregrine verlangte in dem bäuriſchen Tone des Pachters, eingelaſſen zu werden. Die Frau zweifelte gar nicht, daß es ihr Mann ſey, der zurückkäme, weil er mit ſeinem Verkauf ſchneller als gewöhnlich fertig geworden ſey. Sie ſchickte deßhalb die Magd hinunter, um aufzumachen. Kaum war aber die Thüre geöffnet, als unſere abenteuernden Ritter in's Haus ſtürmten. Die Frau war außer ſich vor Beſtürzung. Sie hielt ſie für Räuber; denn ſie hatten Larven vor und waren auch ſonſt verkleidet. Die Magd, die eben die Furcht hatte, fiel voller Schreck auf ihre Kniee nieder, und bat, ihr nur das Leben ſchenken; ſonſt möchten ſie ihr Alles nehmen, was ſie beſäße. Gauntlet faßte die Frau bei der Hand, und führte ſie zitternd und bebend in eben die Kammer, welche der Schauplatz ſeines Un⸗ glücks geweſen war. Hier zog er ſeine Larve ab, warf ihr die an ihm begangene Verrätherei vor und gab ihr die Abſicht ſeines gegen⸗ wärtigen Beſuchs zu erkennen. Die Pächterin bat ihn ſo de- und wehmüthig um Verzeihung, daß ſein Zorn ſich legte und ſein Herz ſich mitleidigen Empfindungen öffnete. Er ſchlug Bedingungen zum Vergleich vor. Sie nahm dieſelben mit einigem anſcheinenden Wi⸗ derſtreben an; und ſo genoß er eine weit angenehmere Rache, als die war, die er ſich in ſeinem Zorn ausgeſonnen hatte. Peregrine muthmaßte unterdeſſen das gute Glück ſeines Freun⸗ des; und angelockt durch die Reize des Dienſtmädchens, die ein net⸗ tes Geſchöpf in der Blüthe ihres Alters war, machte er ihr mit ſeiner gewöhnlichen Gewandtheit Anträge auf eine ſo nachdrückliche 95 Art, daß ſie ſich ergab. Er war ſo glücklich, als eine ſolche Erobe⸗ rung ihn machen konnte. Nachdem der Volontär und ſein Gefährte auf dieſe Art alle gewünſchte Satisfaktion erhalten und eine Bekanntſchaft gemacht hatten, die ſie ſpäter nicht verſäumten, gingen ſie voller Zufrieden⸗ heit über einen ſo glücklichen Erfolg ganz ruhig ihres Weges. Sie fanden ihre beiden Schildwachen noch auf ihren Poſten. Dieſen hefteten ſie die erdichtete Geſchichte auf, als wenn ſie durch die Thränen und die flehentlichen Bitten der Verbrecherin dermaßen ge⸗ rührt worden wären, daß ſie ihr Vorhaben, ſie von hinterwärts zur Schau zu ſtellen, aufgegeben, und ſich damit begnügt hätten, ſie zu geißeln. Dagegen hätte keine Fürbitte geholfen. Pips war nicht zufrieden, als er ſeine Erwartung fehlgeſchlagen fand, das Weib in der Stellung zu ſehen, zu welcher ſie im gehei⸗ men Kriegsrath verurtheilt worden war. Was Hatchway'n betraf, ſo ſchien er ſich zwar mit ihrer Erzählung zu beruhigen; allein er durchſah ihren Vorwand und maß ihr langes Außenbleiben dem wahren Beweggrunde bei. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Peregrine hat mit ſeiner Schweſter Julie eine Zuſammenkunft. Folgen davon. Zwei Tage nach der glücklichen Ausführung dieſes Planes wurde unſer Held von ſeiner Schweſter benachrichtigt, daß es ihr ſehr an⸗ genehm ſeyn würde, wenn ſie ihn morgen um fünf Uhr Nachmittags in dem Hauſe ihrer Amme ſprechen könnte, die nicht weit von der Wohnung ihres Vaters in einer Hütte lebte. Denn die ſtrenge 96 Mutter, die ihre Neigung zu ihm muthmaßte, benahm ihr jede Gelegenheit, ihn zu ſehen⸗ Er gehorchte demnach dieſer Aufforderung, und nn ſich zur beſtimmten Zeit an dem bezeichneten Orte ein. Hier fand er die ihm gewogene junge Dame. Als er in's Zimmer trat, ſtürzte ſie ihm ſogleich in die Arme, und ſchüttete eine Thräneufluth in ſeinen Buſen, ehe ſie ein anderes Wort hervorbringen konnte, als das wiederholte: Mein theurer, theurer Bruder! Er umarmte ſie mit der größten brüderlichen Zärtlichkeit, weinte ſeinerſeits über ſie und gab ihr die Verſicherung, daß der jetzige Augenblick einer der glück⸗ lichſten ſeines Lebens ſey. Zugleich dankte er ihr herzlich, daß ſie dem Beiſpiel ihrer Mutter widerſtanden, und ſich an die Gebote ihres unnatürlichen Widerwillens nicht gekehrt habe. Er war entzückt, aus dem Geſpräche mit ſeiner Schweſter ab⸗ zunehmen, daß ſie eine große Doſis von Zartgefühl und kluge Rück⸗ ſicht beſaß. Sie beklagte die Bethörung ihrer Aeltern mit kindlicher Wehmuth, und bezeigte über die ſchändliche Gemüthsart ihres jün⸗ gern Bruders ſolchen Abſcheu und ſolchen Kummer, wie man Bei⸗ des in der Bruſt eines ſo ſanften Geſchöpfs nur erwarten kann. Peregrine machte ſie mit ſeiner ganzen glücklichen Lage bekannt; und da er vorausſetzte, daß ſie bei Leuten, deren Charakter ihr zu⸗ wider ſeyn müßte, ihre Zeit ſehr unangenehm zubrächte, ſo äußerte er gegen ſie das Verlangen, ſie in eine andere Sphäre zu verſetzen, wo ſie ruhiger und zufriedener leben könnte. Sie machte gegen dieſen Vorſchlag Einwendungen, und meinte, dieſer Schritt würde ihr unfehlbar den unverſöhnlichſten Haß von ihrer Mutter zuziehen, deren Gewogenheit und Zuneigung ſie jetzt ſo nur in ſehr geringem Grade beſäße. Sie entwarfen ſo eben ver⸗ ſchiedene Pläne, für die Zukunft ſicherer zu correſpondiren, als die Stimme der Miſtriß Pickle an der Thüre gehört ward. Als Miß Julie(ſo hieß die junge Dame) ſich verrathen fand, wurde ſie von einer violenten Agitation von Furcht überfallen. 97 Kaum hatte Peregrine Zeit, ihr durch Verſprechung ſeines Schutzes Muth einzuflößen, ehe die Stubenthür aufſprang. Die unverſöhn⸗ liche Mutter ſchoß hinein, und flog mit wüthendem Blick gerade auf ihre bebende Tochter los; allein der Sohn warf ſich dazwiſchen, und empfing ſo die erſte Entladung ihrer Wuth. Madame Pickle's Augen funkelten vor Unwillen, die Sprache verſagte ihr den Dienſt, und ihr ganzer Körper zitterte. Sie fuhr ihm mit der linken Hand in das Haar, und ſchlug ihn mit der andern in's Geſicht, bis ihm das Blut aus Mund und Naſe her⸗ ausſtrömte. Er vertheidigte indeß ſeine Schweſter gegen Gam's Grauſamkeit, der ſie von einer andern Seite anfiel, weil er ſeinen Bruder wehrlos glaubte. Dieſer heftige Ueberfall danerte einige Minuten lang, bis Pe⸗ regrine endlich merkte, daß er übermannt werden würde, wenn er ſich noch länger bloß vertheidigungsweiſe verhielte; darum legte er jetzt ſeinen Bruder auf den Rücken, wickelte die Hand ſeiner Mutter aus ſeinen Haaren los, und ſchob ſie ſanft zur Thüre hinaus, die er hinter ihr verriegelte. Hierauf wandte er ſich zu Gam, und warf ihn zum Fenſter hinaus unter eine Heerde Schweine, die dort weidete. Julie war um dieſe Zeit vor Schreck ganz außer ſich gerathen. Sie wußte, ihre Beleidigung war zu groß, als daß ſie jemals Ver⸗ gebung hoffen durfte; und ſie hielt ſich von dieſem Augenblick an aus ihres Vaters Hauſe verbannt. Umſonſt bemühte ſich ihr Bru⸗ der, ſie mit neuen Betheurungen der Liebe und des Schutzes zu beruhigen. Sie fühlte ſich namenlos elend bei dem Gedanken, den ewigen Haß eines Vaters tragen zu müſſen, bei dem ſie bisher gelebt hatte, und weil ſie den Tadel der Welt fürchtete. Es ging ihr nach, daß dieſe ſie auf die falſchen Vorſtellungen ihrer Mutter ungehört verdammen würde. um indeſſen kein in ihrer Macht ſtehendes Mittel zur Abwen⸗ dung dieſes Sturms zu vernachläßigen, beſchloß ſie, wo möglich, den Smollet's Romane. IX. 2 98 Zorn ihrer Mutter durch Demüthigung zu beſänftigen und zugleich ſich an ihren Vater zu wenden, ſo ſchwach ſie auch ſein Anſehen wußte, bevor ſie an ihrer Verzeihung gänzlich verzweifelte. Allein die gute Dame erſparte ihr dieſen fruchtloſen Schritt. Sie rief ihr durch das Schlüſſelloch zu, daß ſie ſich es nimmer einfallen laſſen ſollte, je wieder ihres Vaters Schwelle zu betreten. Sie entſagte ihrer von dieſer Stunde an, als eines unwürdigen Geſchöpfs, das ihre Gunſt und Achtung nicht im Mindeſten verdiene. Julie weinte bitterlich, und that ihr Möglichſtes, um dieſen harten Urtheilsſpruch durch die demüthigſten und vernünftigſten Vor⸗ ſtellungen gemildert zu ſehen. Da ſie ſich aber bei ihrer Recht⸗ fertigung nothwendig der Sache ihres ältern Bruders annehmen mußte, ſo dienten ihre Bemühungen, ſtatt ihre Mutter zu beſänfti⸗ gen, nur dazu, ihren Zorn noch ſtärker zu entzünden. Sie entlud ſich ihres Grimms in Anzüglichkeiten gegen Peregrine, den ſie als einen nichtswürdigen, heilloſen Auswurf der Menſchheit behandelte. Als der Jüngling dieſe ungerechten Schmähungen hörte, zitterte er vor Zorn am ganzen Körper, und verſicherte der Schimpfenden, daß er ſie jetzt nur als einen Gegenſtand des Mitleidens betrachten könne.„Denn,“ ſagte er,„Ihr diaboliſcher Ingrimm muß unſtrei⸗ tig durch die Stacheln Ihres eigenen Gewiſſens ernſtlich beſtraft werden. Es klagt Sie ſicher in eben dieſem Augenblick über Ihre eben ſo boshaften als falſchen Vorwürfe an. Was meine Schweſter betrifft, ſo danke ich Gott, daß ſie von Ihrem unnatürlichen Vor⸗ urtheile nicht angeſteckt worden iſt; weil ſie zu gerecht, zu tugend⸗ haft, zu menſchenfreundlich iſt, ſich es einflößen zu laſſen, ſo verwer⸗ fen Sie die gute Julie als eine Wildfremde, und ſtoßen ſie ganz unverſorgt in eine barbariſche Welt hinaus. Doch ſoll auch hier Ihre boshafte Abſicht vereitelt werden. Eben die Vorſicht, die mich Ihrem grauſamen Haſſe entzog, wird auch über Julie ſo lange ihren Schutz verbreiten, bis ich es für rathſam erachten werde, durch die Geſetze die Rechte zu behaupten, welche die Natur uns vergebens 99 ertheilt zu haben ſcheint. Genießen Sie einſtweilen die Befriedi⸗ gung, eine ganz ungetheilte Aufmerkſamkeit auf Ihr Schooßkind zu 6 verwenden, deſſen liebenswürdige Eigenſchaften Ihre Achtung und Zärtlichkeit ſo lange an ſich gezogen und beſchäftigt haben.“ Durch dieſe freimüthigen Vorſtellungen ward der Zorn ſeiner Mutter bis zum vollen Wahnſinn geſteigert. Sie verwünſchte den Sohn Peregrine in den bitterſten Ausdrücken und tobte wie eine Bedlamitin an der Thüre, die ſie aufzuſprengen verſuchte. Sie ward in ihren Bemühungen durch ihren Lieblingsſohn unterſtützt, der Peregrinen Rache Serhäntsin und wüthend gegen das S5 anlief. Alle dieſe Anfälle waren vergebens. Endlich ward dhe Held ſeinen Freund Gauntlet und Pips anſichtig, die er unfern des Hau⸗ ſes über einen Steg kommen ſah. Er rief ſie zur Hülfe herbei und deutete ihnen an, wie hart er belagert wäre. Er bat ſie, ſeine Mutter zurückzuhalten, damit er ſeine Schweſter deſto leichter in Sicherheit bringen könnte. Der junge Soldat trat demnach in's Haus, poſtirte ſich zwiſchen Miſtriß Pickle und die Thüre, und gab ſeinem Freunde ein Zeichen. Dieſer nahm ſeine Schweſter auf ſeine Arme, und entzog ſie ſo unverletzt den Klauen des weiblichen Dra⸗ chen; Pips gab indeß dem jungen Herrn Gam mit ſeinem Knittel volle ſi Da ſich die Mutter auf dieſe Art ihrer Beute beraubt ſah, ſprang ſie wie eine Löwin, der man die Jungen geraubt, auf Gaunt⸗ let los, der bös gekrallt worden ſeyn würde, wenn er ihrem boshaf⸗ ten Vorſatz nicht dadurch zuvorgekommen wäre, daß er ihre Hände faßte, und ſie ſo in einer gewiſſen Entfernung hielt. Bei dem Be⸗ ſtreben, ſich von ihm loszumachen, griff ſie ſich ſo an, und der Zorn arbeitete zugleich ſo heftig in ihr, daß ſie in eine ſehr ſchwere Ohn⸗ macht fiel. Während derſelben ward ſie zu Bette gebracht und die Conſpiranten zogen ſich zurück, ohne weiter beläſtigt zu werden. Inzwiſchen war Peregrine in nicht geringer Verlegenheit wegen ½ 100 „ des Unterbringens ſeiner durch ihn geretteten Schweſter. Dem Com⸗ modore eine neue Ausgabe aufzubürden, dieſer Gedanke war ihm unerträglich; und ohne ſeines Wohlthäters Wiſſen und Willen ſich mit Juliens Erhaltung zu beladen, wagte er auch nicht. Inzwiſchen brachte er ſie vor der Hand zu einem benachbarten Gentleman, deſſen Gemahlin ſeine Pathe war. Hier ward ſie mit großer Zärtlichkeit und vielem Beileid aufgenommen. Pickle nahm ſich vor, ſie in irgend einem rechtlichen Hauſe während ſeiner Abweſenheit in eine anſtändige Koſt zu bringen, die er von den Erſparniſſen ſeines Ge⸗ halts abtragen wollte. Er glaubte, es ſey hinlänglich, dieſen Abzug zu erleiden. Allein ſeine Abſicht ſchlug ihm fehl; die ganze Sache ward den folgenden Tag bekannt, und kaum war ſie Trunnion zu Ohren gekommen, als er ſeinen Pathen ausſchalt, daß er ihm dieſe Begebenheit verheimlicht hatte. Er befahl ihm, mit Bewilligung ſeiner Frau, Julien in das Caſtell zu bringen. Mit Thränen der Dankbarkeit in den Augen eröffnete ihm der junge Herr ſein Vor⸗ haben, ſie auf ſeine Koſten zu unterhalten, und bat ihn ernſtlich, ihm nicht dieſe Zufriedenheit zu rauben. Allein ſein Oheim war gegen alle ſeine angelegentlichen Bitten taub und beſtand darauf, ſie ſolle in der Garniſon wohnen, doch aus keinem andern Grunde, als um ihrer Baſe Geſellſchaft zu leiſten, die, wie er bemerkte, zu wenig Umgang habe. Demnach ward Julie in dieſes Haus gebracht und kam unter die Aufſicht der Miſtriß Trunnion, die, was ſie auch für eine Miene machte, des Umgangs ihrer Nichte gern überhoben geweſen wäre. Doch war ſie nicht ohne Hoffnung, ihren Groll gegen Miſtriß Pickle durch die Nachrichten zu befriedigen, die ſie durch ihre Tochter von der Oekonomie und dem häuslichen Betragen dieſer Dame bekommen konnte. Die Mutter ſelbſt ſchien den Vortheil zu wiſſen, den ihre Schwägerin über ſie gewonnen hatte, denn die Nachricht von Ju⸗ liens Aufnahme in der Garniſon bekümmerte ſie ſo ſehr, als wenn 101 * ſie den Tod ihres Mannes vernommen gehabt hätte. Sie quälte ihre Einbildungskraft, Verläumdungen gegen den guten Ruf ihrer Tochter auszuſtreuen, die ſie in allen Geſellſchaften läſterte. Sie zog gegen den Commodore los, ſchilderte ihn als einen alten ſchänd⸗ lichen Buben, der den Geiſt der Rebellion unter ihren Kindern an⸗ fachte, und ſchrieb die Gaſtfreiheit von ſeiner Frau, ihnen Schutz zu geben, keiner andern Urſache zu, als der eingewurzelten Feind⸗ ſchaft gegen deren Mutter, die ſie beleidigt habe. Nun beſtand ſie in den gemeſſenſten Ausdrücken darauf, daß ihr Mann allen Umgang mit dem alten Knaben im Schloſſe und deſſen ganzer Kleriſei auf⸗ heben ſollte. Gamaliel, der unter dieſer Zeit neue, ihm wohl zu⸗ ſagende Bekanntſchaften gemacht hatte, fügte ſich gern dem Willen ſeiner Hausehre; ja er weigerte ſich ſogar, als ſie eines Abends von ungefähr in dem Wirthshauſe zuſammenkamen, mit dem Commodore nur ein Wort zu ſprechen. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Trunnion ſchickt dem Gamaliel eine Ausforderung; wird aber durch einen Schalksſtreich des Lieutenants, Peregrine's und Gauntlet's hinter das Licht geführt. Dieſe Beleidigung konnte Trunnion auf keine Weiſe verdauen. Er berathſchlagte darüber mit dem Lieutenant, und ſie kamen dahin überein, daß der alte Commodore Pickle'n eine Herausforderung ſen⸗ den, und darin von ihm verlangen ſollte, ſich an einem beſtimmten Ort mit einem Paar Piſtolen zu Pferde einzuſtellen und für die ihm zugefügte Beleidigung Satisfaktion zu geben. Jack hätte an nichts ein größeres Vergnügen finden können, als an der Annahme dieſer Herausforderung, die er Gamaliel'n münd⸗ „ lich überbrachte, welcher deßhalb aus ſeinem Clubb bei Tunley her⸗ ausgerufen wurde. Die Natur dieſer Botſchaft hatte eine augen⸗ blickliche Wirkung auf die Conſtitution des friedfertigen Pickle. Seine Eingeweide fingen vor Furcht an zu bellen, und er bekam auf der Stelle eine ſo heftige Kolik, daß man hätte meinen ſollen, es wären die Wirkungen von einem ernſthaften Spaße aus der Apotheke, den man in ſein Bier gemiſcht habe. Der Bote; der an einer genügenden Antwort verzweifelte, ver⸗ ließ den Geängſteten in dem bedenklichſten Züſtande. Indeß konnte er eine ſo bequeme Gelegenheit, den Commodore aufzuziehen, un⸗ möglich unbenutzt vorbeigehen laſſen. Er ging unverzüglich zu den jungen Herren, erzählte ihnen die ganze Sache, und bat ſie um Gottes willen, auf Mittel zu denken, auf welche Art man den alten wohl auf den Kampfplatz bringen. könnte. Die beiden Freunde waren mit dem Vorſchlag ganz einverſtan⸗ den, und nach einiger Berathſchlagung ward beſchloſſen, Hatchway ſolle Trunnion hinterbringen, ſeine Einladung ſey von Gamaliel'n angenommen worden; er würde ſich morgen an dem beſtimmten Orte mit ſeinem Sekundanten einfinden, und zwar in der Dämme⸗ rung, damit wenn Einer auf dem Platze bliebe, der Andere in der Dunkelheit die Flucht deſto beſſer ergreifen könnte. Gooffry ſollte bei dieſer Pſe des alten Pickle's Freund ſpielen, und Peregrine ſeinen eigenen Vater; der Lientenant aber bei Ladung der Piſtolen dafür ſorgen, daß keint Kugeln damit aus dieſem Zweikampf kein Unheil entſtünde. Nachdem dieß Alles in's Reine gebracht verfigte ſ ſich der Lieutenant zu ſeinem Prinzipal und brachte ihm eine ſehr fulmi⸗ nante Antwort von ſeinem Gegner zurück. Zwar konnte deſſen muthiges Benehmen den Commodore nicht einſchüchtern, allein in Verwunderung ſetzte es ihn; das konnte nicht fehlen. Er ſchrieb es auf die Rechnung ſeiner S. die ihn, wie er glaubte, dazu anſpornte. 103 Trunnion bat ſogleich ſeinen Rathgeber, ſeine Kartätſchenbüchſe in Stand zu ſeßen, und befahl, das ruhigſte Pferd im Stalle zu dieſer Affaire zu ſatteln. Sein Auge leuchtete vor Munterkeit und Vergnügen über die frohe Ausſicht, noch einmal vor ſeinem Tode Pulver zu riechen. Als ihn Jack daran erinnerte, ſein Teſtament jedenfalls aufzuſetzen, verwarf er dieſe Mahnung mit ſtolzem Wider⸗ willen, und ſagte:„Wo denkſt Du denn hin? Hawſer Trunnion hat's Feuer ſo mancher ſchwimmenden Batterie ausgehalten, und ſollte bei einet lauſigen Platzbüchſe'ner Landratze beben? Sollſt ſehen, ſollſt ſehen, wie ich ihm will die Segel ſtreichen lehren!“ Am folgenden Tage verſahen ſich Peregrine und der Soldat in dem Wirthshaus mit Pferden, und ritten zur beſtimmten Stunde nach dem Schlachtfelde. Sie hatten ſich beide in große Mäntel ein⸗ gehüllt, die ſie, mit Hülfe des Dämmerlichts, dem einäugigen Com⸗ modyre total unkenntlich machten. Dieſer war unter dem Vorwande eines Spazierritts zu Pferde geſtiegen, und erſchien bald darauf mit ſeinem Nachtrabe, mit Hatchway. ti Als die Kämpfer einander anſichtig wurden, ritten die Sekun⸗ danten voraus, um die Diſtanz zu meſſen, und die nöthigen Vor⸗ kehrungen zum Duell zu treffen, wobei von beiden Seiten feſtgeſetzt ward, daß jeder der Duellanten zwei Piſtolen abfeuern ſollte, und wenn dieß nicht entſcheidend wäre, dann ſollte Zuflucht zu dem Degen genommen werden, um zu einem Reſultat zu gelangen. Dieß abgemacht, verfügten ſich die beiden Kämpfer auf ihre angewieſenen Plätze. Peregrine zog den Hahn auf, zielte und bat, indem er ſeines Vaters Stimme nachahmte, den Commodore, ſein ihm noch übriges Auge in Acht zu nehmen. Trunnion, der nicht den wenigen Genuß des Tageslichts auf's Spiel ſetzen wollte, nutzte dieſen Rath, und drehte gar wohl bedächtig die bepflaſterte Seite ſeines Geſichts nach der Mündung des feindlichen Gewehrs, worauf er ihm zurieft er ſolle ohne weitern Schnack thun, was ſich zu thun gehöre. Sonach fenerte der junge Herr ab. 104 Die Entfernung war nicht groß; daher traf der Ladepfropf von ſeiner Piſtole mit einem ſchmerzlichen Stoß auf Trunnions Stirne. Dieſer hielt es für eine Kugel, und da er glaubte, ſie ſtäcke ihm bereits im Gehirn, ſo ſpornte er voller Verzweiflung ſeinen Klepper auf ſeinen Gegner los. Er hielt, ohne auf die Geſetze des Kampfes zu achten, das Piſtol nur ſechs Schuh weit von deſſen Leibe, und feuerte es ab. Als er ſah, daß die Kugel gefehlt hatte, brüllte er voller Erſtaunen und Wuth, in einem ſchrecklichen Tone:„O hol' Euch der Teufel! Ihr habt tüchtig gefüttert! Da mag der Kukuk durchkommen!“ Darauf näherte er ſich, und feuerte ſein zweites Piſtol ſo dicht an ſeines Pathen Kopf ab, daß, wenn ihn ſein Mantel nicht geſchützt hätte, das Pulver ihm das Geſicht verbrannt haben müßte. Da er ſich auf dieſe Art verſchoſſen hatte, war er in Peregrine's Gewalt, der ihm ſein zweites Piſtol auf den Leib hielt und ihm befahl, um ſein Leben und um Verzeihung wegen ſeiner Kühnheit zu bitten. Der Commodore beantwortete dieſes unver⸗ ſchämte Gebot nicht, ſondern warf ſein Piſtol weg, zog wie ein Blitz ſeinen Degen und griff unſern Helden mit ſo unglaublicher Behendigkeit an, daß wenn er nicht den Stoß mit ſeinem Piſtol geſchickt parirt hätte, dieſer Spaß einen ſehr tragiſchen Ausgang gehabt haben würde. Da Peregrine ſah, daß es vergebens ſey, an den Degen ziehen zu denken, oder ſich bloß vertheidigungsweiſe gegen einen ſo wüthen⸗ den Angriff zu verhalten, ſo gab er ſeinem Gaule tüchtig die Spo⸗ ren, und ſuchte ſein Heil in der Flucht. Trunnion verfolgte ihn mit unglaublicher Hitze, und da von beiden ſein Pferd das beſſere war, ſo würde er den Flüchtling zu deſſen Gefahr eingeholt haben, wenn er nicht unglücklicher Weiſe an die Aeſte eines Baums gerannt wäre, der auf ſeiner blinden Seite ſtand. Dieß betänbte ihn der⸗ maßen, daß er ſich genöthigt ſah, ſein Schwert fallen zu laſſen, und ſich an der Mähne ſeines Pferdes feſtzuhalten, um im Sattel zu bleiben. Als Perry ſein Unglück bemerkte, kehrte er um; und da 105 er nun Zeit hatte, ſein Seitengewehr zu ziehen, ſo ritt er auf ſei⸗ nen entwaffneten Gegner los, ſchwang ſeine Klinge, und drohte, ihn um eine Spanne kürzer zu machen, wenn er nicht um Pardon bitten und ſich ergeben wollte. Nichts lag weniger in der Abſicht des alten Haudegens, als eine ſolche Unterwerfung. Er ſchlug ſie ſchlecht⸗ hin aus und führte an, er habe ja ſchon vorher den Feind gezwun⸗ gen, alle ſeine Segel beizuſetzen; ſein jetziges Unglück ſey ein Zufall, den jener nicht nutzen dürfe; ſo wenig als man ein Schiff angreifen würde, das ſich genöthigt geſehen, im Sturme ſein Geſchütz über Bord zu werfen. Ehe Peregrine Zeit hatte, dieſe Vorſtellung zu beantworten, ſchlug ſich der Lieutenant in's Mittel, erkundigte ſich nach dem sta⸗ tum rerum, und drang dann auf einen Waffenſtillſtand, bis er und der andere Sekundant die Sache gehörig unterſucht und entſchieden hätten. Hatchway und Gauntlet entfernten ſich ſonach eine kleine Strecke. Nach einer Berathſchlagung von etlichen Minuten kam Jack zurück und erklärte den Commodore durch das Glück des Krie⸗ ges für überwunden. Nie äußerte ſich wohl die Wuth durch heftigere Aushrüche, als jetzt beim alten Hannibal, nachdem er dieſen Spruch vernommen hatte. Eine ganze Zeit lang konnte er nichts weiter hervorbringen, als den ehrenrührigen Ausdruck:„Ihr lügt!“ den er in einer Art von Parorismus wohl zwanzig⸗ bis dreißigmal wiederholte. Als er aber der Sprache wieder mächtig wurde, mißhandelte er die Schieds⸗ richter durch ſo bittere Anzüglichkeiten, indem er ihren Ausſpruch verwarf und eine anderweitige Unterſuchung verlangte, daß es die Verbündeten reute, den Scherz ſo weit getrieben zu haben. Um nun ſeinen Zorn wieder zu beſänftigen, bekannte ſich Peregrine für überwunden. Dieſes Geſtändniß beſchwichtigte ſeinen tobenden Grimm eini⸗ germaßen; dem Lieutenant konnte er aber dieſe Sentenz in etlichen Tagen nicht verzeihen. Die beiden jungen Herren ritten nach Tunley's Hauſe zurück. Hatchway nahm Trunnion's Pferd beim Zügel und leitete ihn his in ſeine Wohnung. Den ganzen Weg über brummte der Alte über Jacks unbilligen und unfreundſchaftlichen Ausſpruch; doch konnte er dabei nicht umhin, zu bemerken, daß er vollkommen Wort gehalten und ſeinen Feind genöthigt habe, die Segel zu ſtrei⸗ chen.„Und doch bei Gott,“ fuhr er fort,„ich glaube, der Kopf des alten Burſchen iſt aus einem Wollſack gemacht. Mein Schuß prallte ja von ſeinem Geſicht zurück wie'n Propf aus Schiffsfäden von den Seiten eines Schiffs. Wäre mir man aber nicht der Hſohn von'nem Baum windwärts der Quere gekommen, ſeht'r,'ch will. verdammt ſin, wo ich nich ſeine große Raa in en Wurfhaken ge⸗ fangen un noch obendrein ſein Grundwaſſer ausgeſchöpft hätte.“ Trunnion ſchien auf dieſe Heldenthat nicht wenig eitel zu ſeyn, denn ſie wich nicht aus ſeiner Einbildungskraft und ward ihm das liebſte Kind ſeiner alten Tage. Da er ſie aber doch nicht ſchicklich vor den jungen Leuten und ſeiner Gemahlin beim Abendeſſen erzäh⸗ len konnte, ſo ließ er ſchlaue W Winke von der Bravour fallen, die er noch in ſeinem Alter habe, und rief Hatchway'n zum Zeugen ſeines Muths auf, während das Triumvirat an ſeiner Eitelkeit den größten Spaß Siebenunddreißigſtes Kapitel. Veregrinr tt ab und trifft mit in Dover ein Dieſer Streich war inzwiſchen der letzte, den ſe dem Alten ſpielten. Alle Anſtalten zur Abreiſe Peregrine's waren getroffen, und ſo nahm denn der hoffnungsvolle Jüngling in von allen ſeinen Freunden in n der Runde Abſchied. 107 Er befand ſich den letzten Abend über zwei Stunden im Kabi⸗ net ſeiner Tante, die ihn mit mancher gottſeligen Erinnerung aus⸗ ſtattete, ihm alle die Wohlthaten vorrechnete, welche ihm von Kindes⸗ beinen an durch ihre Vermittelung zugeſtrömt waren, ihn vor der Verführung leichtfertiger Weibsbilder warnte, wodurch mancher an den Bettelſtab geriethe, und die ihm ernſtlich einprägte, in der Furcht des Herrn und im reinen proteſtantiſchen Glauben zu behar⸗ ren, Zank und Streit zu vermeiden, Maſter Jolter'n mit Achtung und Ehterbietung zu begegnen, und ſich vor allen Dingen der viehi⸗ ſchen Sünde der Trunkenheit zu enthälten. Denn dieſe, ſagte ſie, gibt den Menſchen der Beſchtmpfunz und Verachtung ſeiner Brüder preis, und macht ihn durch Beraubung der Vernunft und neber⸗ legung zu jeglichem Laſter und jeglicher Ausſchweifung fähig. Sie empfahl ihm auch, gut zu wirthſchaften und für ſeine Geſundheit zu ſorgen, und bat ihn, bei allen ſeinen Handlungen die Ehre ſeiner Familie vor Augen zu haben. Dann, verſicherte ſie ihn, werde er auch jederzeit auf des Commodore's Freundſchaft und Großmuth rechnen können. Zuletzt gab ſie ihm ihr Bildniß, in Gold gefaßt, und hundert Guineen aus ihrer eigenen Börſe; darauf umarmte ſie ihn zärtlich und ihm alle Arten des Glücs und 6 gehens. Nachdem er auf ſolche Veiſe von ai Trunnion emiſen worden war, ſchloß er ſich mit ſeiner Schweſter Julie ein, die er ermahnte, ihrer Tante mit der größten Aufmerkſamkeit und Dienſt⸗ willigkeit zu begegnen, ohne ſich jedoch dabei auch nur zu der klein⸗ ſten Unterwürfigkeit herabzuwürdigen. Er betheuerte ihr, daß er hauptſächlich darauf bedacht ſeyn würde, ſie für die Vorrechte zu entſchädigen, die ſie durch ihre Zuneigung zu ihm eingebüßt habe; er bat ſie inſtändigſt, ſich ohne ſein Wiſſen und ohne ſeine Geneh⸗ migung in keine Verbindung einzulaſſen; er drückte ihr den von ſeiner Tante eben erhaltenen Geldbeutel in die Hand, um damit in ſeiner Abweſenheit ihre Ausgaben zu beſtreiten, und ſchied 108 von ihr nicht ohne Thränen. Sie hatte einige Minuten an ſeinem Halſe in dem rührendſten Stillſchweigen gehangen, ihn geküßt und geweint. Nachdem er dieſe Pflichten der Ehrerbietung und der Bluts⸗ freundſchaft erfüllt hatte, begab er ſich zur Ruhe. Seinem eigenen Befehl gemäß ward er des Morgens um vier Uhr geweckt. Er fand Poſtchaiſe, Kutſche und Reitpferde bereit, wie auch ſeine Freunde Gauntlet und Hatchway, den Commodore ſelbſt halb angezogen, und alle Bedienten in dem Caſtell auf dem Hofe verſammelt, um ihm glückliche Reiſe zu wünſchen. Unſer Held ſchüttelte jedem dieſer demüthigen Freunde die Hand und bezeigte ihnen ſeine Gewogen⸗ heit. Doch wunderte er ſich ſehr, ſeinen alten Bedienten, den Pips, unter ihnen nicht anzutreffen. Als er über Toms unehrerbietiges Wegbleiben ſein Befremden bezeigte, rannten Einige fort, um ihn zu prüfen. Sie fanden aber Hängebette und Kammer leer, und kamen mit der Nachricht zurück, daß ſich Pips aus dem Staube gemacht habe. Peregrine ward über dieſe Nachricht unruhig; er glaubte, der Kerl habe wegen der Ent⸗ laſſung aus ſeinem Dienſte irgend einen verzweifelten Entſchluß ge⸗ faßt, und wünſchte, daß er ſeiner Neigung gefolgt und ihn noch bei ſich behalten haben möchte. Da nun aber jetzt weiter nichts zu machen war, empfahl er ihn, falls er ſich wieder einſtellen ſollte, der beſondern Aufmerkſamkeit ſeines Oheims und Hatchway's aus allen Prädikamenten. Als er aus dem Thore fuhr, grüßte ihn die ganze Hausgenoſſenſchaft mit einem dreimaligen Freudengeſchrei nach Seebrauch. Der Commodore, Gauntlet, der Lieutenant, Peregrine und Jolter ſetzten ſich in den Wagen, um einander noch ſo lange als möglich zu genießen, und beſchloßen, unterwegs in einem Wirths⸗ hauſe zu frühſtücken, wo Trunnion und Hatchway unſerm Reiſenden Lebewohl zu ſagen gedachten. Der Kammerdiener war in die Poſt⸗ chaiſe geſtiegen und der franzöſiſche Bediente ritt, und führte ein X 109 Pferd am Zügel; und einer der Bedienten aus der Garniſon ſtieg hinten auf die Kutſche. Auf dieſe Art ging die Cavalcade nach Dover zu. Da dem Commodore das Rütteln beſchwerlich fiel, ſo legten ſie die erſte Station ſehr langſam zurück, ſo daß dem Alten Muße blieb, ſeinem Pathen gute Lehren wegen ſeiner Aufführung mit auf den Weg zu geben. Er ermahnte ihn jetzt, da er in's Ausland ginge, vor dem ſchönen Wetter der franzöſiſchen Politeſſe auf ſeiner Hut zu ſehn, weil dieſem ſo wenig als einem Waſſerwirbel zu trauen wäre. Er bemerkte, daß mancher junge Mann mit einer guten Ladung Verſtand nach Paris gegangen ſey, aber mit ſehr viel Segel⸗ tuch und gar keinem Ballaſt zurückgekehrt wäre. Dadurch wäre er dann auf all' ſein Lebtage ſchwankend geworden, und hätte ſogar bisweilen ſeinen Kiel über Waſſer gekehrt. Sodann bat er Joltern, ſeinen Zögling nicht in die Klauen der heuchleriſchen Pfaffen fallen zu laſſen, die auf der Lauer liegen, alle junge Fremde zu Neube⸗ kehrten zu machen, und ihn hauptſächlich vor aller fleiſchlichen Gemeinſchaft mit den Pariſer Damen zu bewahren, die, wie er vernommen habe, nicht beſſer wären als prächtige mit Tod und Verwüſtung über und über angefüllte Brander. Peregrine hörte ſeinem Oheim andächtig zu, dankte ihm für ſeine gütigen Ermahnungen, und verſprach ſie treulich im Herzen zu behalten. Auf der erſten Station machten ſie Halt und früh⸗ ſtückten; Jolter verſorgte ſich mit einem Pferde, und der Commo⸗ dore ſetzte die Art des Briefwechſels mit ſeinem Reffen feſt. Als der Augenblick des Scheidens gekommen war, drückte der alte Commodore ſeinem Pathen die Hand und ſagte:„Ich wünſche Dir'ne glückliche Fahrt un'n Leben voll Juchhe un Heiſa, lieber Junge! Meine Steven ſind nu'n biſſel morſch, ſeht'r, und Gott weiß, ob ich noch ſo lange h'rumtreibe, bis ich Dich wieder ſehe. Doch, ſey Dem wie ihm wolle, Du ſollſt immer im Stande ſin, mit'nBeſten von Deinen Kameraden in einer Linie ſegeln zu können.“ 110 Hierauf erinnerte er Gauntlet an ſein Verſprechen, bei ſeiner Zurückkunft von Dover in der Garniſon ein Stillager zu machen, und raunte Joltern etwas zu. In der Zeit ſchüttelte Jack Hatch⸗ way, der nicht zu ſprechen im Stande war, mit tief in die Augen gedrücktem Hute Peregrinen die Hand, und gab ihm zum Andenken ſeiner Freundſchaft ein eiſernes Piſtol von ganz beſonderer Arbeit. Dieſes Unterpfand der Liebe acceptirte unſer Held, der bei dieſer Gelegenheit nicht unerſchüttert blieb, und verehrte ihm dagegen eine ſilberne Tabaksdoſe, die er zu dem Ende gekauft hatte. Die beiden alten Knaben aus dem Caſtell ſtiegen ſodann in die Kutſche, und fuhren ſchweigſam und niedergeſchlagen nach Hauſe. Geoffry und Peregrine nahmen Platz in der Poſtchaiſe, und Jolter, der Kammerdiener und der Lakai beſtiegen ihre Pferde, und ſo reisten ſie nach dem Orte ihrer dießmaligen Beſtimmung. Noch denſelben Abend kamen ſie daſelbſt wohlbehalten an, und ließen ſich auf dem am nächſten Wwits als Paſſagiere einſchreiben. Smeii Kapitel. Peregrine rettet einen Italiener aus den Händen eines aufgebrachten Hier beſprachen ſich die beiden Freunde darüber, wie ſie es mit ihrem Briefwechſel halten wollten. Peregrine entwarf an ſeine Ge⸗ liebte eine Epiſtel, worin er die vorigen Gelübde ewiger Treune wiederholte, die er ihrem Bruder zuſtellte. Jolter beſorgte indeſſen auf Verlangen ſeines Mündels ein gutes Abendeſſen und vortref⸗ lichen Burgunder, um den Abend vor der Abreiſe deſte eihirhet zu verleben. 111 Als dieſe Anſtalten getroffen waren, und ein Bedienter ſo eben den Tiſch deckte, erſcholl plötzlich ein ſeltſames Getös aus dem be⸗ nachbarten Zimmer. Tiſche und Stühle wurden über den Haufen. geworfen, und zerbrechende Gläſer und ſeltſame unverſtändliche Aus⸗ rufungen in gebrochenem Franzöſiſch und kauderwelſche Drohungen auf Walliſiſch ſchallten durch einander. Unſere junen Herren rann⸗ ten ſogleich nach dem Zimmer, aus welchem dieſer Lärm herzukom⸗ men ſchien. Sie fanden hier ein mageres, ſchwarzbraunes Figürlein, welches unter den Händen eines unterſetzten, corpulenten Mannes von ſtrengem Ausſehen in Todesangſt nach Luft ſchnappte. Letzterer hatte jenen mit allen Aeußerungen eines heftigen Zorns an dem Halſe gepackt und ſagte:„Wärt Ihr auch aihn ſo mächtiger Schwatz⸗ künſtler als Owen Glendower oder die Hexe von Endor, ſeht Ihr, oder als Paul Beor ſelbſt, ſo will ich doch ſo trühſt ſain mit Kottes Hilfe, und in ſeiner Mahjeſtät Namen Eich feſt zu nemen, in Fer⸗ wahrung zu pringen und zu confrontiren, pis Ihr fir Eire tii ſche Kinſte nach den Kaſezen ſaid peſtraft worten.“ „Maine Herren,“ ſetzte er hinzu, und wandte ſich zu unſern Reiſenden,„ich neme Sie zu Zeigen, daß dißer Menſch ein ſo arger Zauberer iſt, wie Sie nur zu ſehen winſchen kennen, und ich pitte, erſuche und flehe Szie an, daß er vor die liebe Oberkait kebracht und ankehalten werde, von ſeinem Baktum und Gemainſchaft mit den Keiſtern der Finſterniß Rechenſchaft abzulegen. Tenn ſo wahr ich ein rechtſchafner Kriſt bin, und eine fröhliche Auferſtehung hoffe, ich habe ihn am heitigen Abend ſolche Tinge verrichten ſähn, die ohne Paiſtand, Unterwaiſung und Zulaſung des Taifhels nicht vor ſich kehn kennen.“ Gauntlet ſchien der Znnn vieſes Walliſſchen Reformators beizuſtimmen; er faßte den vermeinten Uebelthäter wirklich bei der Schulter, und rief:„Ein verdammter Schurke! Ich will gleich wetten, daß es ein Jeſuit iſt, denn keiner von den Kerlen reist ohne Spiritus familtaris!“ Allein Peregrine, der die Sache aus einem 112 andern Geſichtspunkte betrachtete, legte ſich in's Mittel, befreite den Fremden von ſeinen Angreifern, und erinnerte, daß es hier nicht nöthig ſey, Gewalt zu brauchen. Darauf wandte er ſich an ſeinen Schützling, und fragte ihn auf Franzöſiſch, wodurch er ſich dergleichen Anſchuldigungen zugezogen habe. Der arme Ausländer, der mehr todt als lebendig war, antwor⸗ tete, er ſey ein praktiſcher Arzt, aus Italien gebürtig, habe in Padua mit beſtem Succeß ſeine Kunſt getrieben, aber endlich das unglück gehabt, die Blicke der Inquiſition auf ſich zu lenken, weil er vermittelſt der natürlichen Magie einige an Hexerei gränzende Stückchen ausgeführt habe. Er ſey deßhalb von dem geiſtlichen Gericht für einen Zauberer angeſehen und verfolgt worden. Weß⸗ halb er ſich über Hals und Kopf retten müſſen und nach Frankreich geflohen ſey. Dort habe er ſeine Rechnung nicht gefunden. Dar⸗ auf ſey er nach England hinübergegangen, und wolle jetzt nach London reiſen, um dort ſeine Talente zu zeigen.-Wegen einer Probe, die er davon unten der Geſellſchaft hier im Hauſe gegeben habe, habe ihn jener hitzige Herr die Treppen hinauf bis in ſein eigenes Zimmer verfolgt, und daſelbſt auf eine ſo ungaſtfreundſchaftliche Art angegriffen. Er bitte daher unſern Helden inſtändigſt, ihn unter ſeinen Schutz zu nehmen, und wofern er ja den mindeſten Verdacht hegte, daß er ſich bei ſeinen Kunſtſtücken übernatürlicher Mittel be⸗ diene, ſo wolle er ihm alle Geheimniſſe ſeiner Kunſt offenherzig entdecken. Peregrine ermuthigte ihn durch die Verſicherung, daß er wegen ſeiner Künſte in England nichts zu beſorgen hätte, und wenn man ihm ja deßhalb etwas anhaben wollte, ſo ſolle er ſich nur an den nächſten Friedensrichter wenden, der ihn von dieſer Beſchuldigung ſogleich losſprechen und ſeine Ankläger für ihre Unbeſcheidenheit und Unvorſichtigkeit beſtrafen würde. Dann machte er Gauntlet und den Mann aus Wallis darauf aufmerkſam, daß der Fremde eine triftige Klage gegen ſie anſtellen 113 könnte. Es exiſtire ein Parlamentsſpruch, vermöge deſſen Jeder, der den Andern der ſchwarzen Kunſt und Hexerei beſchuldige, in Strafe verfalle, weil heutzutage jeder Vernünftige über ſolche Dinge nur lache. Jolter, der unterdeſſen zur Geſellſchaft gekommen war, konnte nicht umhin, der letztern Meinung ſeines Zöglings beizupflichten, und ſuchte dieſelbe durch Citate aus der heiligen Schrift, durch Stellen aus den Kirchenvätern, durch Bekenntniſſe mancher Böſe⸗ wichter, die wegen ihres Verſtändniſſes mit den Geiſtern der Fin⸗ ſterniß hingerichtet worden wären, und durch Stellen aus Satans unſichtbarer Welt und Moretons Geſchichte der Zauberei zu beſtä⸗ tigen. Der junge Soldat unterſtützte dieſe Zeugniſſe durch Thatſachen, die er erlebt hatte, und führte vorzüglich den Fall mit einem alten Weibe aus dem Kirchſpiele an, in welchem er geboren war, die ſich in die Geſtalt verſchiedener Thiere verwandelt habe, und zuletzt als Haſe mit Schrot erſchoſſen worden ſey. So ſtark unterſtützt begann der Walliſer ſeine Verwunderung zu bezeigen, daß er hören müſſe, die Geſetze hätten mit ſo kohlpechrabenſchwarzen Verbrechen ſo viel Nachſicht. Er erbot ſich, durch unwiderlegbare Beiſpiele darzuthun, daß es in ganz Wallis keinen Berg gäbe, auf welchem nicht, ſo lange er denken könne, Hererei und ſchwarze Kunſt getrieben wor⸗ den ſey. „Daher,“ fuhr er fort,„bin ich kanz iber tie Maaſſen petroffen, erſchtaunt und ferwundert, taß tas Parliament von Krosprittannien bei ſeiner kroßen Klukheit, Waisheit und Ainſicht die Werke der Finſterniß und das Raich des Peelzebubs, ſehen Sie, auf die Art bekinſtigen und unterſtizen ſollte. Außer dem klaren Zeignis der hailigen Schrift und der Schriftſchteller, welche dieſe krindliche und kelehrte Herren ankefihrt haben, ſind wir ja noch durch die weltliche Keſchichte von den Tikken und Ränken ter alten Schlange in den Wunderzeichen und Orakeln des Alterthums unterrichtet. Wie Sie Smollet's Romane. IX. 8 114 ſolches finden können in dem vortrefflichen Keſchichtsſchreiber Poly⸗ vius und Titus Liflus, wie nicht minder in den Kommentarien des Julius Zäſar, der, wie die ganze Welt wais, ain ſehr berihmter, ſehr tapferer, ſehr waiſer, ſehr vorſichtiger und ſehr klüklicher Feld⸗ herr und ain ſehr kapitaler Redner, ja ſogar ein ſehr netter Schrift⸗ ſchteller war.“ Peregrine hielt es nicht für gerathen, gegen drei ſo hartnäckige Gegner in die Schranken zu treten, und begnügte ſich mit der Aeuße⸗ rung, daß es ihm nicht ſchwer werden dürfte, alle gegen ihn vorge⸗ brachten Gründe zu widerlegen, daß er ſich jedoch ſeinerſeits nicht dazu aufgelegt fühle, dieſe Arbeit zu übernehmen, weil ſie das um den ganzen vergnügten Abend bringen würde. Hierauf bat er den Italiener zum Abendeſſen und erſuchte ſeinen Ankläger, der ihm etwas Seltſames und ganz Eignes in ſeinem Aeußern und in ſei⸗ nem Charakter zu haben ſchien, um eben die Gefälligkeit, denn er war entſchloſſen, ein Augenzeuge der erſtaunlichen Thaten zu ſehn, durch welche jener den zornmüthigen Britten ſo aufgebracht hatte. Dieſer gewiſſenhafte Mann dankte unſerm Helden für ſeine Höflichkeit, weigerte ſich aber, mit dem Fremden eher Gemeinſchaft zu haben, als bis ſein Charakter völlig in's Klare geſetzt wäre. Nach einer Unterredung mit dem praktiſchen Arzte verſicherte ihn Peregrine, daß er ihm für die Argloſigkeit von deſſen Künſten ſtehe. Dieß vermochte denn den dicken Herrn, ihn mit ſeiner Geſellſchaft zu beehren. Während der Unterredung erfuhr Pickle, daß der Walliſer ein Wundarzt aus Canterbury war, den man zu einer Berathſchlagung nach Dover berufen hatte. Da er hörte, daß er Morgan hieß, ſo nahm er ſich die Freiheit, ihn zu fragen, ob er der Mann ſey, deſſen in den Abenteuern Roderich Randoms ſo ehrenvolle Erwähnung ge⸗ ſchähe. Auf dieſe Frage nahm Maſter Morgan einen gravitätiſchen und wichtigen Blick an, und verſetzte mit verzogenem Munde:„Herr 115 Rantum, lieber Herr, klaub' ich auf Kewiſſen und Seligkeit, iſt main ſehr kutter Freund, der's wohl mit mir maint. Wir find Kammeraden und Schiffsunklickkenoſſen keweſen. Und toch hat er ſich nicht ſo kefällig, artlich und reſchpektuehs gegen mich aufkefihrt, als ich's erwartet habe, ſintemalen er unſre Priffatankelegenheiten offenbaret, tiffvulgiret und pupliziret hat ohne mein Wiſſen, Willen und Kenemigung. Doch ſo wahr Jeſus mein Erlöſer iſt, ich denke, er hat dabei kaine böſe Abſicht kehabt. Es kiebt zwar, wie ich ver⸗ nehme, einige Leite, ſehn Sie, die über ſeine Beſchreibungen von meiner Perſchon, von meinem Betragen und meinen Keſprächen lachen; allain ich ſage und behaupte, und ſetze mein Herz, mein Plut und meine Seele zu Pfande, daß all' dieſe Perſchonen nicht peſſer ſind, als unwiſſende Eſel, und daß ſie das wahre Lächerliche oder das, was Ariſtoteles r6 ysMorov nennt, ſo wenig ainzuſehn, zu unterſcheiden und zu beſchtimmen wiſſen, als aine Heerde Berg⸗ ziegen. Denn ich will ſo traihſt ſain, zu erwehnen, und ich hoffe, daß dieſe kutte Keſellſchaft eben der Mainung ſain wird, daß in dieſem kanzen Werke vo mir nichts keſa't iſt, das einem Kriſten⸗ menſchen und einem artlichen Manne unanſtändig wäre.“ Unſer junger Herr und ſeine Freunde gaben dieſer Bemerkung Beifall. Peregrine beſonders verſicherte, daß er bei Leſung dieſes Buchs die größte Achtung und Verehrung für ſeinen Charakter ge⸗ wonnen habe, und ſich ſehr glücklich ſchätze, daß ihm die günſtige Gelegenheit geworden ſey, ſeines Umgangs zu genießen. Morgan, den die Zuvorkommung eines Mannes, wie Peregrine zu ſeyn ſchien, nicht wenig kitzelte, erwiederte ſein Compliment mit verſchwenderi⸗ ſcher Höflichkeit, und in der Wärme der Dankbarkeit äußerte er ein Verlangen, ihn und ſeine Geſellſchaft in Canterbury in ſeinem Hauſe zu ſehen. „Ich will nicht behaubten oder mir die kroſſe Kurke rauſſer⸗ nehmen, zu ſagen, main küttiger Härr, daß Ihr khorſchamer Diener Sie nach Verdienſt und Würden aufzunehmen und zu empfangen im 116 Schtande wäre; aber Sie ſollen in meiner ſchlechten Hitte mainem Weibel und meinen Kindern ſo willkommen ſain als der Prinz von Wallis ſelbſt. Und es müſſte viel ſain, wenn ich nicht auf aine oder die andere Art Mittel und Wege ſollte ausfintig machen, Sie zu dem Keſtändnis zu pringen, daß ein alter Pritte ain recht kutter Companjon ſain kann. Tenn ob ich glaich weiter nichts bin als ein ploſſer Aptheker, ſo habe ich tennoch ain ſo kuttes Plut in mei⸗ nen Adern als nur ainer in der Krafſchaft, und ich kann maine Sippſchaft zur Befriedigung der kanzen Welt herleiten, beſchraiben und bewaiſen. Und durch Kottes küttige Fürſehung und Baiſtand kann ich es ausſihrlich machen, mainen Freind mit einer kutten Schöpskeule und mit einem Buddelchen vortreflichen Wein zu be⸗ wirten, ohne daß irgend ein Kvofmann mir aine Rechnung unter den Bart raiben ſoll.“ Die Geſellſchaft wünſchte ihm zu ſeiner behaglichen Lage Glück, und Pickle verſprach ihm, bei ſeiner Wiederkehr aus Frankreich ihn zu beſuchen, wenn er über Canterburh käme; und als Letzterer eini⸗ ges Verlangen bezeugte ſeine häusliche Verfaſſung näher kennen zu lernen, ſo genügte Jener mit vieler Höflichkeit ſeiner Neugier. Er meldete ihm ſeine Gattin zeuge nun keine Kinder mehr, nachdem ſie ihn mit zwei Knaben und einem Mädchen beglückt habe, die noch alle wohl und am Leben wären. Er ſtände bei ſeinen Nach⸗ barn in gutem Anſehen und in guter Kundſchaft. Letztere habe ſich gleich nach der Bekanntmachung des Roderich Random um ein An⸗ ſehnliches vermehrt und er ſolchergeſtalt einige tauſend-Pfund er⸗ übrigt. Dadurch ſey er auf die Gedanken gekommen, ſich zu ſeinen Anverwandten nach Glamorganſhire zu begeben. Allein ſeine Frau habe dieſen Entſchluß nicht gebilligt und ſich deſſen Ausführung ſo hartnäckig widerſetzt, daß er unendlich Mühe gehabt, ſein Vorrecht zu behaupten, indem er ihr durch Vernunft und Beiſpiele bewieſen, daß er König und Prieſter in ſeiner Familie ſey, und daß ſie folg⸗ lich ſeinem Willen unterthan ſeyn müſſe. 117 Auch benachrichtigte Morgan die Geſellſchaft, daß er neulich ſeinen Freund Roderich geſehen, der von London gekommen ſey, um ihn zu beſuchen, nachdem er ſeinen Prozeß gegen Topehall'n gewon⸗ nen, der genöthigt geweſen wäre, ihm Nareiſſens Vermögen auszu⸗ zahlen. Aller Wahrſcheinlichkeit nach führe Random in der Geſell⸗ ſchaft ſeines Vaters und ſeiner Ehehälfte, die ihn mit einem Sohn und einer Tochter beſchenkt habe, ein recht glückliches Leben. Er, Morgan, habe von ihm ein Stück recht feine Leinwand, von deſſen Fran ſelbſt gemacht, einige Fäßchen Lachs, Schweinepöckelfleiſch(über deſſen Wohlgeſchmack nichts ginge), und ein Tönnchen trefflicher Heringe zu Salmigondi geſchenkt bekommen, das, wie jener wiſſe, ſein Lieblingseſſen ſey. Nachdem man mit dieſer Materie fertig war, wünſchte man eine Probe von der Kunſt des Italieners zu ſehen. In wenig Mi⸗ nuten führte er die Geſellſchaft in das nächſte Zimmer, wo ſie zu ihrem größten Erſtaunen und Schrecken längs der Decke ſich tauſend Schlangen hinwinden ſahen. Morgan, der etwas der Art noch nie geſehen hatte, war nicht wenig beſtürzt, und hob ſeine Beſchwö⸗ rungsformeln gar andächtiglich an. Jolter rannte voll Schreck aus dem Zimmer. Gauntlet zog ſeinen Degen, und ſelbſt Peregrine gerieth etwas außer Faſſung. Als der Künſtler ihre Verwirrung bemerkte, bat er ſie, ſich zu entfernen, einen Augenblick darauf rief er ſie wieder herein, und da war keine Schlange mehr zu ſehen. Er erwarb noch durch verſchie⸗ dene andere Kunſtſtücke ihre Bewunderung, und der Walliſer war ſchon im Begriff, zu ſeiner alten Meinung und zu ſeinem vorigen Abſcheu gegen den Mann zurückzukehren, als der Italiener in Be⸗ tracht der Höflichkeit, mit der man ihm begegnet war, die ganze Art und Weiſe entdeckte, wie er jene Wunder bewirkt habe. Sie waren nichts anders als Wirkungen natürlicher, auf beſondere Art verknüpfter Urſachen. Nunmehr war Morgan bekehrt, bat den Frem⸗ den wegen des geäußerten Argwohns um Verzeihung, und erſuchte 118 ihn, einige Tage in Canterbury bei ihm zuzubringen. Gevoffry's und Jolter's Bedenklichkeiten waren zu gleicher Zeit gehoben, und Peregrine bezeigte dem Künſtler für das ihnen gemachte Vergnügen durch eine artige Erkenntlichkeit, wie ſehr er zufrieden war. Nachdem ſie den Abend ſo geſellig hingebracht hatten, begab ſich Jeder in ſein Schlafgemach. Am nächſten Morgen frühſtückten ſie zuſammen, und Morgan erklärte, er wolle ſo lange bleiben, bis er unſern Helden glücklich eingeſchifft geſehen habe, damit er Gauntlet's Geſellſchaft bis zu ſeiner Behauſung genießen könnte. Mittlerweile ward den Bedienten befohlen, auf Anrathen des Schiffers einen Vorrath von Wein und Eßwaaren für den Nothfall an Bord zu ſchaffen, und da das Paketbvot vor Ein Uhr Nachmittags nicht ab⸗ gehen konnte, ſtieg die Geſellſchaft den Hügel hinauf, um das Schloß in Augenſchein zu nehmen. Sie fanden hier unter andern Cäſars Schwert und der Königin Eliſabeth Taſchenpiſtol, wiederholten Shakſpeare's Beſchreibung, als ſie die Kreidefelſen an jeder Seite beſchauten, und blickten nach Calais hinüber, das eine dichte Wolke ihren Angen entzog. Der Anblick war eben nicht erfreulich, denn er ſchien ſchlechtes Wetter zu prophezeihen. Nachdem ſie alles Merkwürdige an dieſem Orte geſehen hatten, kehrten ſie zum Hafen zurück. Die beiden jungen Herren wechſelten Abſchiedskomplimente, und umarmten ſich auf's Feurigſte, worauf Peregrine und ſein Hofmeiſter an Bord ſtiegen. Die Segel wurden aufgezogen, und ſie ſtachen mit gutem Winde in die See. Geoffry, Morgan und der Zauberer verfügten ſich wieder in das Wirthshaus, brachen aber noch vor dem Eſſen nach Canterbury auf. 119 Neununddreißigſtes Kapitel. Peregrine ſchifft ſich ein, und hat einen Seeſturm zu erleiden. Pips er⸗ ſcheint plötzlich als Retter. Pickle landet in Calais, und hat Streit mit den Zollbeamten. Kaum hatte das Schiff zwei Meilen zurückgelegt, ſo drehte ſich der Wind und blies den Reiſenden gerade in's Geſicht. Sie ſahen ſich daher genöthigt, zu laviren, und ihren Lauf zu ändern. Zu gleicher Zeit ging die See ſehr hoch; deßhalb ward unſerm Helden unten in der Kajüte ſchon etwas übel. Auf Anrathen des Schiffers begab er ſich auf das Verdeck, um friſche Luft zu ſchöpfen und ſei⸗ nem Magen Erleichterung zu verſchaffen, während der mit dergleichen Unfällen bekannte Hofmeiſter in's Bett ſchlüpfte, wo er ganz bequem lag, und ſich mit einem Traktat über die Cyeloide beluſtigte, der mit algebraiſchen Beweiſen geſpickt war, ein Studium, welches ſeiner anmuthigen Wirkung wegen auch ſeine Imagination nie verfehlte. Der Wind bildete ſich indeſſen zu vollkommenem Sturm aus, das Schiff ſchwankte heftig und die Wellen gingen über das Ver⸗ deck. Der Steuermann ward unruhig, die Mannſchaft gerieth in Verwirrung, die Paſſagiere wollten, von Krankheit und Furcht über⸗ wältigt, den Geiſt aufgeben, und die Unordnung ward allgemein. Mitten in dieſem Tumult, da Peregrine ſich an einem der großen Taue anklammerte und traurig umblickte, fiel ihm zu ſeinem höch⸗ ſten Erſtaunen Pips' Geſtalt in die Augen, die aus dem Kielraume empor zu ſteigen ſchien. Anfangs hielt er die Erſcheinung für eine Ausgeburt ſeines ſchwindelnden Gehirns; doch blieb er nicht lange in dieſem Wahne, er ſah bald ganz deutlich, daß es Tom ſelbſt war. Dieſer ſprang auf den Oberlof, nahm ſich des Steuerruders an und befahl den Bootsknechten mit ſolcher Autorität, als wenn er der Schiffskapitän wäre. 120 Der Schiffer ſah ihn für einen zu ſeiner Rettung herbeige⸗ ſandten Engel an, und das Schiffsvolk, das ihn ungeachtet ſeiner Livrée für einen gebornen Seemann erkannte, gehorchte ſeinen Be⸗ fehlen ſo pünktlich und ſchleunig, daß die Unordnung in Kurzem verſchwand, und alle nöthigen Anſtalten getroffen wurden, über den Wind Vortheile zu gewinnen. Unſer junger Held erklärte ſich ſogleich die Urſache, warum ſich Pips am Bord ſehen ließ. Nachdem ſich der Tumult etwas gelegt hatte, ging er zu ihm heran, und ermahnte ihn, für die Erhaltung des Schiffs ernſtlich zu ſorgen. Er verſprach, ihn wieder in ſeine Dienſte zu nehmen, und ihn ohne ſeinen Willen nie wieder daraus zu entlaſſen. Dieſes S hatte auf Tom eine ganz außerordentliche Wirkung. Ohne darauf zu antworten, ſtieß er dem Schiffer das Steuerruder in die Hand, und ſagte:„Da, alter Nolſinke, da! Pack' das Steuer, un' mach's ſo, Junge, ſo!“ Darauf ſprang er im Schiffe herum, dehnte die Segel niederwärts, um den Wind zu fangen, und handhabte das Tauwerk ſo geſchickt und künſtlich, daß Alle auf dem Verdeck über ſeine Gewandtheit erſtaunten. Jolter war weit davon entfernt, bei der ungewöhnlichen Bewe⸗ gung des Schiffes, bei dem Pfeifen des Windes und dem Gewühl, das er über ſich hörte, in ruhiger Faſſung zu bleiben. Voll der ängſtlichſten Erwartung blickte er ſtarr nach der Cajütenthür, in der Hoffnung, Jemand zu gewahren, der ihm vom Wetter und von dem, was auf dem Verdeck vorging, Nachricht geben könnte. Allein keine Seele ließ ſich ſehen, und er kannte die Beſchaffenheit ſeiner Eingeweide zu gut, um ſeine Lage im mindeſten zu verändern. Nachdem er eine ziemliche Weile in der Todesangſt der Unge⸗ wißheit gelegen hatte, taumelte der Schiffsjunge mit ſolchem Ge⸗ praſſel in ſein Zimmer, daß jener glaubte, der Maſt ſey über Bord geſtürzt. Er fuhr auf ſeinem Bett in die und fragte mit allen Merkmalen des Schreckens, was der Lärm zu bedeuten habe. 121 Der Junge, von ſeinem Fall halb betäubt, verſetzte in einem kläg⸗ lichen Tone:„Ach! Du mein Gott! ich bin des Todes!“ Dem armen Hofmeiſter, der in der Angſt ihn nicht recht verſtand, erſtarrte das Herz. Er gerieth ganz außer ſich; der Schauer der Verzweiflung ergriff ihn; er fiel in ſeinem Bette auf die Knie, heftete ſeine Augen feſt auf das Buch, das er in der Hand hatte, und begann laut mit der größten Inbrunſt zu leſen: Die Zeit einer gänzlichen Oscillation in der Cyelvide verhält ſich zu der Zeit, in welcher ein Körper durch die Arxe der Cyelvide DV fällt, wie die Peripherie eines Cirkels zu ſeinem Diameter. Aller Wahrſcheinlichkeit nach würde er zu dem Beweiſe dieſes Satzes fortgeſchritten ſeyn, wenn ihn nicht eine ſolche Uebelkeit an⸗ gewandelt wäre, daß er das Buch fallen zu laſſen und eine ſeiner Unpäßlichkeit gemäßere Lage zu nehmen genöthigt war. Er ſtreckte ſich der Länge nach aus, ſandte Stoßgebete gen Himmel, und be⸗ reitete ſich völlig zu ſeinem Ende vor, als plötzlich das Getöſe ober⸗ wärts nachließ. Da er ſich die Urſache dieſer furchtbaren Stille nicht erklären konnte, ſo glaubte er, die Leute wären entweder insgeſammt über Bord geſpült worden, oder hätten aufgehört, ſich dem Unge⸗ witter zu widerſetzen, weil ſie an ihrer Rettung verzweifelten. In dieſer peinlichen Ungewißheit, die aber dennoch bisweilen durch einige zerſtreute Strahlen von Hoffnung erhellt wurde, trat der Schiffer in die Cajüte.„Wie ſteht's auf dem Verdeck?“ rief der Hofmeiſter ihm mit einer vor Furcht halb erſtickten Stimme entgegen. Der Schiffer, der eine große Branntweinflaſche vor dem Munde hatte, antwortete in einem hohlen Tone:„Nu iſt Alles vorbei, Herr!“ Bei dieſen Worten hielt ſich Jolter für verloren, und rief im äußerſten Schrecken:„O du mein Gott, Herr! erbarme dich unſer! Chriſte erbarme dich unſer!“ Dieſes Gebet wiederholte er ganz mechaniſch ſo lange, bis der Schiffer ihm ſeinen Irrthum benahm, den wahren Sinn ſeiner Worte erklärte und ihn v daß der Sturm vorüber ſey. 122 Dieſer plötzliche Uebergang von Furcht zur Frende verurſachte ſowohl in ſeiner Seele, als in ſeinem Körper eine heftige Erſchüt⸗ terung. Es dauerte eine gute Viertelſtunde, ehe er ſeiner Sinne und Gliedmaßen wieder mächtig ward. Unterdeſſen klärte ſich das Wetter auf, der Wind begann wieder aus der rechten Ecke zu blaſen und die Kirchthurmſpitzen von Calais zeigten ſich bereits in einer Entfernung von fünf Meilen. Frohe Erwartung heiterte jetzt die Geſichter Aller auf, die ſich am Bord befanden, und Peregrine wagte es, in die Cajüte hinunter zu gehen, und ſeinen Hofmeiſter mit der Nachricht von der glücklichen Wendung zu erfreuen, die ihre Lage genommen hatte. Entzückt durch die Vorſtellung, bald zu landen, begann Jolter in Lobeserhebungen des Landes auszubrechen, nach welchem ſie ſegel⸗ ten.„Frankreich,“ ſagte er,„iſt das Land der Wohlgeſchliffenheit und Gaſtfreiheit. Beides offenbart ſich in dem Betragen jedes Standes, vom Pair an bis zum Bauer herab. Weit entfernt, daß der rechtliche Mann und der Fremde, wie in England, von der nie⸗ deren Klaſſe des Volks gröblich beleidigt oder betrogen werden ſollte, wird er hier mit der größten Achtung, Redlichkeit und Ehrerbietung behandelt. Der dortige Himmelsſtrich iſt rein und geſund, die Felder ſind fruchtbar, die Pächter reich und betriebſam, und die Unterthanen durchgängig die glücklichſten Leute.“ Er würde in dieſer ſeiner Lieblingsmaterie weiter fortgefahren ſeyn, wenn ſein Zögling ſich nicht genöthigt geſehen hätte, auf's Verdeck zu eilen, weil er von ſeinem Magen gewiſſe Warnungen erhielt. Als ihn der Schiffer in dieſem Zuſtande erblickte, erinnerte er ihn gar dienſtfertig an den kalten Schinken, an die Hühner und an den Korb Wein, den er an Bord geſchickt hatte, und fragte ihn, ob er etwa unten ſolle decken laſſen. Er konnte keine ſchicklichere Ge⸗ legenheit wählen, ſeine Uneigennützigkeit an den Tag zu legen. Pe⸗ regrine verzog bei Erwähnung des Eſſens mächtig das Geſicht, und bat ihn, um des Himmels willen davon nicht mehr zu ſprechen. 123 Der Schiffer ſtieg in die Cajüte hinab, und that dieſelbe Frage an Jolter, der dieſen Vorſchlag, wie er wußte, eben ſo ſehr verab⸗ ſcheute. Er ward von dem eben ſo aufgenommen. Deßhalb machte er ſich zwiſchen das Verdeck und wiederholte ſeine höfliche Anerbie⸗ tung gegen den Kammerdiener und den Lakaien, die unter allen Martern doppelter Entledigungen ausgeſtreckt dalagen, und ſeine Höflichkeit mit dem entſetzlichſten Eckel ausſchlugen. Da ihm auf dieſe Art alle ſeine gütigen Bemühungen fehl⸗ ſchlugen, ſo befahl er ſeinem Jungen, nach Schiffsbrauche, dieſen Mundvorrath in eines ſeiner Behältniſſe zu ſchaffen; und er würde eine gar ſtattliche Beute gemacht haben, wenn Pips nicht dazwiſchen getreten wäre. Dieſer theilte alle jene Lebensmittel unter die Boots⸗ knechte aus, die ſeines Bedünkens einer ſolchen Erquickung bedurften. Auf dieſe Art hatte der Schiffer den Verdruß, durch ſein eigenes übereiltes Verfahren ſeinen Plan mißlingen zu ſehen; denn hätte er ſeine Zunge zurückgehalten, ſo würde es Niemanden eingefallen ſeyn, an den Proviant zu denken, und er wäre im ruhigen Beſitz ſeiner Beute geblieben. Als ſie an die franzöſiſche Küſte kamen, war es Ebbe; folglich konnte das Schiff nicht in den Hafen laufen. Sie ſahen ſich daher genöthigt, ein Boot kommen zu laſſen. In weniger denn einer halben Stunde hatte es ſich eingeſtellt. Jetzt ging Jolter auf's Verdeck und ſog mit allen Merkmalen unendlicher Zufriedenheit die franzö⸗ ſiſche Luft ein. Er fragte die Leute im Boot unter der freund⸗ ſchaftlichen Anrede, mes enfans: was ſie verlangten, ſie Beide, ihre Leute und Sachen an's Land zu ſchaffen. Wie ſehr ward er aber nicht betreten, als dieſe höflichen, redlichen, vernünftigen Schiffer einen Louisd'or dafür forderten. Mit einem ſarkaſtiſchen Lächeln verſetzte Peregrine hierauf gegen Jolter: Er ſehe bereits, wie gerecht ſeine Lobeserhebungen von den Franzoſen wären. Der getäuſchte Hofmeiſter konnte zu ſeiner Vertheidigung nichts weiter anführen, als daß ſie durch die Gemein⸗ 124 ſchaft mit den Einwohnern von Dover verderbt worden wären. Dieſe Gelderpreſſung hatte indeſſen ſeinen Zögling ſo beleidigt, daß er die Leute ſchlechterdings nicht brauchen wollte, wenn ſie auch die Hälfte ihrer Forderung nachließen. Er wollte, ſchwur er, viel lieber ſo lange in dem Paketbvot bleiben, bis er in den Hafen kommen könnte, als ſolche Prellereien begünſtigen. Der Schiffer, dem aller Wahrſcheinlichkeit nach die Leute im Boote aus kollegialiſcher Freundſchaft nahe gingen, ſtellte vergebens vor, daß er an einer Küſte unter dem Winde nicht ſicher liegen oder ankern könne. Hierauf antwortete unſer Held, nachdem er zu⸗ vor den Pips zu Rathe gezogen hatte, er habe ihn gedungen, ihn nach Calais zu ſchaffen, und er würde ihn zu nöthigen wiſſen, Wort zu halten. Der Kapitän, welchen dieſe entſcheidende Antwort mächtig ver⸗ droß, an der Jolter übrigens auch kein Behagen fand, ſchickte das Boot trotz aller Einwendungen, die von den Führern deſſelben ge⸗ macht wurden, wieder heim. Der Schiffer lief die Küſte noch ein wenig weiter hinauf, warf ſeinen Anker aus, und wartete, bis Fluth genug da war, um über die Sandbänke zu kommen. Darauf befan⸗ den ſie ſich im Hafen. Unſer Held ward mit ſeinen Leuten und dem Gepäck durch die Matroſen an's Land gebracht, die er ſehr freigebig dafür belohnte. Am Strande wurde er ſogleich von einer großen Menge Packträger umringt, die wie hungrige Wölfe über ſeine Sachen herſielen und ſie ohne ſein Geheiß und Anweiſung ſtückweiſe fortzutragen anfingen. Ueber dieſe unverſchämte Dienſtfertigkeit auf⸗ gebracht, befahl er ihnen mit manchem Fluch und mit mancher Schmähung, die ihm der Zorn eingab, davon abzuſtehen. Als er ſah, daß ſich einer von ihnen an ſeine Reden nicht im Geringſten kehrte und mit ſeiner Bürde davon ging, riß er ſeinem Bedienten den Prügel aus der Hand, holte, ehe man ſich's verſah“ den Kerl ein, und ſtreckte ihn mit Einem Schlag zu Boden. So⸗ gleich umringte ihn der ganze helle Haufen dieſer Canaille, um die 125 ihrem Kameraden zugefügte Beleidigung zu rächen, was ihnen auch gelungen ſeyn würde, wenn nicht Pips, als er ſeinen Herrn ſo be⸗ drängt ſah, das ganze Schiffsvolk zu ſeinem Beiſtand vermocht und ſich ſo mannlich bewieſen hätte, daß der Feind genöthigt ward, ſich mit manchen Zeichen der Niederlage und mit der Drohung zurückzu⸗ ziehen, ſeine Beſchwerde bei bem Commandanten vorzubringen. Jolter, der die Macht des franzöſiſchen Gonverneurs kannte und fürchtete, zitterte vor Angſt, als er ihre wiederholten Drohungen hörte. Doch jenes Geſindel durfte es nicht wagen, ſich an dieſe Magiſtratsperſon zu wenden, denn ſie würde es, nach einem treuen Bericht des ganzen Verlaufs, für ſein räuberiſches und unverſchäm⸗ tes Betragen ernſtlich beſtraft haben. Peregrine bediente ſich nun, ohne weitere Verhinderung, ſeiner eigenen Leute. Sie luden das Gepäck auf ihre Schultern, und folgten ihm bis an's Thor, wo die Schildwache ſie ſo lange anhielt, bis ihre Namen aufgezeichnet wor⸗ den waren. Jolter, der ſchon einmal dieſes Eramen ausgeſtanden hatte, beſchloß, ſeine Erfahrungen zu benützen, und gab ſeinen Mündel liſtigerweiſe für einen jungen engliſchen Lord aus. Dieſer Bericht, der durch ſeinen anſehnlichen Anzug und ſein Gefolge unterſtützt ward, war kaum zu den Ohren des Offiziers gekommen, als er die Wache heraustreten und ſo lange unter Gewehr ſtehen ließ, bis Seine Lordſchaft im größten Prunk in den Lion d'argent Ihren Einzug gehalten hatten. Hier nahm Peregrine ſein Nachtlager, mit dem Entſchluß, am nächſten Morgen in einer Poſtchaiſe nach Paris ab⸗ zureiſen. Der Hofmeiſter triumphirte höchlich über die Höflichkeit und Ehrerbietung, die man ihnen am Thore bewieſen hatte, und nahm wieder ſeinen Lieblingsdiskurs vor. Er zollte der franzöſiſchen Re⸗ gierungsart und der Subordination, die ſie zu erhalten wüßte, ſeinen vollen Beifall. Keine Landesverfaſſung auf Erden, behauptete er, ſey beſſer eingerichtet, Ordnung zu erhalten und das Volk zu be⸗ 126 ſchützen. Von ihrer vorzüglichen Aufmerkamkeit gegen Fremde, meinte er, bedürfe es keines anderen Beweiſes als der ihnen eben widerfahrenen Ehrenbezeigung und der Nachſicht des Gouverneurs, der, gegen die Vorrechte der Einwohner, geſtattet habe, daß Peregrine ſich zur Wegſchaffung ſeines Gepäcks ſeiner eigenen Leute bedienen dürfte. Während ſich Jolter hierüber mit vieler merklichen Selbſtgefäl⸗ ligkeit ganz weitläufig ausließ, ſtürzte der Kammerdiener herein und unterbrach ſeine Lobrede durch die Nachricht, daß ihre Kiſten und Mantelſäcke nach dem Zollhaus gebracht werden müßten, damit ſie dort durchſucht und plombirt würden. Dieſe Plombe, ſetzte er hinzu, dürfte bis zu ihrer Ankunft in Paris nicht angerührt werden. Gegen dieſe an und für ſich ganz vernünftige Einrichtung hatte Peregrine nichts einzuwenden. Als er aber hörte, daß wieder eine Menge von Packträgern die Thüre belagert hätte und auf ihrem Recht beſtände, die Güter hinzuſchaffen und ſich die Bezahlung dafür ſelbſt zu beſtimmen, ſo weigerte er ſich ſchlechterdings, ihre Forde⸗ rung zu bewilligen. Die ärgſten Schreihälſe darunter züchtigte er mit dem Fuß und ſagte ihnen: wenn die Zollbedienten ſeine Sachen durchſuchen wollten, ſo möchten ſie zu ihm in's Wirthshaus kommen. Der Kammerdiener ſchämte ſich vor dem dreiſten Betragen ſeines Herrn, und der Lakai zuckte die Achſeln und konnte ſich der Bemer⸗ kung nicht enthalten:„Voila qui est bien Anglois!“ Umſonſt ſtellte der Hofmeiſter dieß ſeinem Mündel als eine Beſchimpfung der ganzen Nation vor, und vergebens bemühte er ſich, ihn zu be⸗ reden, ſich der Landesſitte zu fügen. Allein Peregrine's angeborner Stolz hielt ihn ab, Jolters heilſamem Rathe Gehör zu ſchenken. In weniger denn Einer Stunde rückte ein Kommando Soldaten vor das Haus. Bei dieſem Anblick bebte der Hofmeiſter, der Kam⸗ merdiener ward blaß und der Lakai ſchlug Kreuze. Unſer Held aber, ohne etwas anderes als Unwillen zu äußern, ging ihnen bis an die Hausthüre entgegen und fragte mit wilden Blicken, was ſie wollten? ———— 127 Der Korporal antwortete ganz kaltblütig, ſie hätten die Ordre, ſein Gepäck nach dem Zollhaus zu ſchaffen; und da er jetzt die Kiſten auf dem Flur erblickte, ſo poſtirte er ſeine Leute zwiſchen dieſelben und dem Eigenthümer. Die Träger, die ihnen folgten, hoben ſie auf und trugen ſie ohne ferneren Widerſtand auf den Packhof. Peregrine war nicht ſo wahnſinnig, die Gültigkeit dieſer Bot⸗ ſchaft zu beſtreiten; um aber deren Ueberbringer zu ärgern und ſie ſeine Verachtung fühlen zu laſſen, rief er ſeinen Kammerdiener und befahl ihm ganz laut auf Franzöſiſch, mitzugehen und Acht zu haben, daß die Leute, welche die Sachen durchſuchten, nichts von ſeiner Wäſche und übrigen Effekten auf die Seite brächten. Der Korporal, den dieſer ſpöttiſche Befehl verdroß, warf auf den Urheber deſſelben einen zornigen Blick, als ob er die Ehre der Nation zu rächen im Sinne hätte, und ſagte, man ſähe wohl, daß er noch fremd in Frankreich wäre, ſonſt würde er eine ſo unnöthige Vorſicht erſpart haben. In der That war unſerem jungen Herrn dieſe Rede kaum entwiſcht, als er ſich ſelbſt ſeines Muthwillens ſchämte; denn nichts lief ſeinen Grundſätzen mehr zuwider, als einen unedelmüthigen Ver⸗ dacht im Geringſten zu beſtärken. Vierzigſtes Kapitel. Ein Liebesabenteuer auf der Reiſe. In Boulogne lernt Peregrine einige ungluckliche Landsleute kennen. Nachdem ſich Peregrine ſolchergeſtalt der gewaffneten Macht hatte beugen müſſen erkundigte er ſich, ob es weiter keine Englän⸗ der hier im Hauſe gäbe, und erfuhr, daß im nächſten Zimmer ein * 128 Herr und eine Dame wohnten, die eine Poſtchaiſe nach Paris be⸗ ſtellt hätten. Er befahl daher ſeinem Pips, ſich bei ihrem Bedien⸗ ten beliebt zu machen, und wo möglich ihren Namen und ihren Stand zu erfahren. Indeß machten er und Jolter, in Begleitung des Bedienten, um die Wälle herum einen Spaziergang, und nah⸗ men die Feſtungswerke in Augenſchein. Tom war in ſeinem Nachforſchen ſo glücklich, daß er, als ſein Herr wieder nach Hauſe kam, ihm von ſeinen jetzigen Hausgenoſſen die vollſtändigſte Nachricht geben konnte. Eine Bouteille Wein, die er ſeinem Kollegen vorgeſetzt, hatte ſie ihm verſchafft. Das Paar quaestionis war Mann und Frau, kürzlich erſt aus England ange⸗ kommen, und im Begriff nach Paris abzureiſen. Der Mann beſaß ein artiges Vermögen, hatte in ſeiner Jugend locker gelebt, und eifrig gegen den Eheſtand deklamirt. Es fehlte ihm weder an Ver⸗ ſtand, noch an Erfahrung, und er that ſich hauptſächlich auf die Kunſt etwas zu gute, alle weibliche Fallſtricke zu vermeiden; eine Kunſt, die er aus dem Grunde verſtehen wollte. Aber dieſer Vor⸗ ſicht und Geſchicklichkeit ungeachtet war er vor Kurzem das Opfer eines Auſternmädchens geworden, die das Mittel ausgefunden hatte, ihn in die Bande der Ehe zu locken. Um den Komplimenten und Glückwünſchungen ſeiner Freunde und Bekannten zu entgehen, hatte er den Entſchluß gefaßt, nach Paris zu reiſen, wo er ſeine Gemahlin in die ſchöne Welt einzuweihen geſonnen war. Mittlerweile hatte er beſchloſſen, eingezogen zu leben, weil ihre natürlichen Talente noch wenig Ausbildung hatten, und weil er ſich nicht ſehr auf ihre Tugend und Klugheit verließ, die, wie es ſchien, beinahe den Be⸗ werbungen eines Offiziers zu Canterbury unterlegen waren, welcher Mittel gefunden, ſich in ihre Bekanntſchaft und Gunſt einzuſchleichen. Dieſe Nachricht entflammte Peregrine's Neugier. Er ging lauernd auf dem Hofe umher, in der Hoffnung, die Duleinea zu ſehen, die den alten Hageſtolzen gefeſſelt hatte. Endlich erblickte er ſie an einem Fenſter. Er nahm ſich die Freiheit, ihr eine ſehr 129 ehrerbietige Verbeugung zu machen. Sie erwiederte ſie, und ihr ganzes Betragen war ſo anſtändig als ihr Anzug. Hätte er ihre erſte Lebensart und Geſellſchaft nicht zuvor gewußt, ſo würde er ſich's nicht haben einfallen laſſen, ihr eine andere Erziehung beizu⸗ legen als andern Frauenzimmern von guter Herkunft. So leicht iſt es, das äußere Betragen anzunehmen, auf welches Leute von Stande ein ſo großes Gewicht zu legen pflegen. Demungeachtet aber wollte Peregrine in ihrem Geſicht eine gewiſſe pöbelhafte Dreiſtigkeit be⸗ merken, die bei einem Frauenzimmer von Geburt und Vermögen für eine angenehme Lebhaftigkeit gegolten haben würde, die ihren An⸗ blick beſeelt und jedem ihrer Züge anziehende Kraft verleiht. Inzwiſchen hatte dieſes Frauenzimmer ein paar ſchöne Augen und eine zarte Geſichtsfarbe, aus welcher Geſundheit hervorglühte. So etwas empfiehlt die Beſitzerin immer. Er konnte demnach nicht umhin, ſie mit Begierde zu betrachten, und den Plan zu ent⸗ werfen, ihr Herz zu erobern. In dieſer Abſicht ließ er ihrem Ge⸗ mahl, der Hornbeck hieß, ſeine Empfehlung vermelden: er ſey geſon⸗ nen, des folgenden Tages nach Paris zu reiſen, und da er vernähme, daß er dieſelbe Reiſe vorhabe, ſo würde es ihm außerordentlich lieb ſeyn, unterwegs ſeine Geſellſchaft zu genießen, falls er nicht bereits beſſer verſagt wäre. Hornbeck, der höchſt wahrſcheinlich ſeiner Frau keinen ſo furcht⸗ baren Geſellſchafter geben mochte, als unſer Held ſchien, ſandte ihm eine ſehr höfliche Antwort zurück, in welcher er ſehr bedauerte, daß er ſein ihn ſo beehrendes gütiges Anerbieten wegen der Unpäßlichkeit ſeiner Frau nicht annehmen könne, die wohl noch in einigen Tagen, wie er beſorgte, die Beſchwerlichkeiten der Reiſe nicht aushalten können werde. Dieſer Korb, den Peregrine auf Rechnung der Eiferſucht des Mannes ſetzte, erſtickte ſeine Projekte in der Geburt. Er befahl demnach ſeinem franzöſiſchen Bedienten, einen Platz auf der Diligence zu nehmen, worauf auch alle ſeine Sachen gepackt wurden, ein Smollet's Romane. M. 9 130 ſchmales Kiſtchen mit einiger Wäſche und andern Nothwendigkeiten ausgenommen, das er hinten auf die vom Wirth gemiethete Poſt⸗ chaiſe binden ließ. Am folgenden Morgen reisten er und Jolter in aller Frühe von Calais ab; Pips und der Kammerdiener begleiteten ſie zu Pferde. Sie kamen ohne allen Anſtoß bis nach Boulogne, wo ſie früh⸗ ſtückten, und einen Bekannten des Hofmeiſters, den Pater Graham, einen alten ſchottiſchen Gentleman, beſuchten. Er hatte hier ſechszig Jahre als Kapuziner gelebt und ſich während dieſer Zeit aller Strenge des Ordens mit der pünktlichſten Genauigkeit unterworfen. Die Freimüthigkeit in ſeinem Umgange, die Leutſeligkeit ſeines Charakters und die edle Einfalt ſeiner Sitten machten ihn gleich merkwürdig. Gegen Mittag verließen ſie Boulogne. Sie befahlen dem Poſtillon, ſo ſchnell als möglich zu fahren, weil ſie die Nacht in Abbeville bleiben wollten. Vielleicht brach zum Glück für ſeine Pferde die Achſe, und die Chaiſe fiel um, bevor ſie den dritten Theil der Station zurückgelegt hatten. Dieſer Zufall nöthigte ſie, dahin zurückzukehren, von woher ſie gekommen waren, und da ſie keine andere Gelegenheit bekommen konnten, ſo ſahen ſie ſich gezwungen, zu warten, bis die Chaiſe wieder ausgebeſſert war. Als ſie hörten, daß ſie dieſe Arbeit einen ganzen Tag aufhalten würde, nahm unſer junger Herr ſeine Zuflucht zur Geduld, und fragte, was ſie zu Mittag haben könnten? Auf dieſe Frage verſchwand der Aufwärter in einem Nu. Unmittelbar darauf ſetzte ſie die Erſcheinung einer ſeltſamen Geſtalt in Erſtau⸗ nen. Peregrine hielt ſie aus einem ſehr verzeihlichen Irrthum wegen ſeines wunderbaren Anzuges und ſeiner poſſierlichen Geberden für einen Wahnſinnigen von franzöſiſchem Geblüt. Dieſes Phantom(im Vorbeigehen geſagt keine andere Perſon als der Koch, wie ſich nachher auswies) war ein langer, ſpillbeiniger, hagerer, mächtig krumm gebückter, ſchwarzbrauner Burſche. Seine Backenknochen ragten merklich hervor, ſeine Naſe war wie ein Pulver⸗ ——————— 131 horn gebogen, und ſeine Augen um ihre Ränder herum ſo roth, als wenn die Haut abgeſchält wäre. Um ſeinen Kopf trug er ein Schnupftuch, das früher einmal weiß geweſen war, und jetzt dazu diente, den obern Theil einer ſchwarzen Perücke zu bedecken, an der ein Haarbeutel hing, der wenigſtens einen Schuh in's Gevierte be⸗ trug. Er war mit einem Solitaire und einer Roſe geſchmückt, die an jeder Seite bis zu ſeinem Ohr hinaufreichte, ſo daß er einem Miſſethäter am Halseiſen nicht unähnlich ſah. Sein Leichnam war mit einer leinenen Weſte angethan, ſeine Hände mit langen Manſchetten von eben dem Zeuche geziert, und ſein Unterleib mit einer Schürze umgürtet, die er aufgeſteckt hatte, damit ſeine weißſeidenen Wickel⸗ ſtrümpfe ſichtbar ſeyn möchten. Beim Eintritt ſchwenkte er ein blutiges Gewehr, das völlig drei Fuß lang war. Peregrine, der ihn zuerſt in dieſer drohenden Stellung ſich nahen ſah, ſtand auf ſeiner Huth. Als er aber ſeinen Stand wußte, ſah er den Küchen⸗ zettel durch, und beſtellte zwei oder drei Gerichte davon zu ihrem Mittagseſſen. Sodann ging er mit Joltern aus, um die beiden Städte in Augenſchein zu nehmen, die ſie vorher genau zu betrach⸗ ten nicht Muße gehabt hatten. Auf ihrem Rückwege vom Hafen begegneten ihnen vier bis fünf Herren, die ſämmtlich ſehr niedergeſchlagen ſchienen. Da ſie an der Kleidung merkten, daß unſer Held und ſein Hofmeiſter Eng⸗ länder wären, ſo bückten ſie ſich im Vorbeigehen ſehr ehrerbietig gegen ſie. Pickle, der von Natur mitleidig war, fühlte eine ſympa⸗ thetiſche Regung, und da er einen Menſchen erblickte, den er der Kleidung nach für einen ihrer Bedienten hielt, ſo'fragte er ihn auf Engliſch:„Wer ſind dieſe Herren?“ Der Bediente gab ihm zu verſtehen, daß es Landsleute von ihm wären, die man aus ihrem Vaterlande vertrieben hätte, weil ſie zu einer unglücklichen, zu Grunde gerichteten Partei gehörten. Sie pflegten täglich nach der Seeſeite zu gehen, um ihre ſehnſuchtsvollen Augen an der Ausſicht nach den weißen Klippen Albions zu laben, denen ſie ſich nie wieder nähern durften. 132 Wiewohl unſer junger Herr in politiſchen Dingen weit von ihren Grundſätzen entfernt war, ſo gehörte er doch nicht zu jenen Enthuſiaſten, die jedes Schisma von den einmal angenommenen Glaubensartikeln für verdammlich anſehen und den Zweifler von allen Wohlthaten der Menſchheit und der chriſtlichen Vergebung ausſchließen. Er konnte ſich leicht vorſtellen, wie Jemand von den unſträflichſten Sitten durch Erziehungsvorurtheile oder unauflösliche Verbindungen in ein ſo tadelnswürdiges und verderbliches Unter⸗ nehmen verwickelt werden kann, und er glaubte, daß ſie für ihre Unbeſonnenheit ſchon hart genug gelitten hätten. Die Erzählung ihrer täglichen Wallfahrt nach der Seeſeite, die er für einen un⸗ trüglichen Beweis ihres Kummers hielt, rührte ihn. Er trug daher Jolter'u das angenehme Geſchäft auf, zu ihnen zu gehen, und ſie in ſeinem Namen auf ein Glas Wein noch denſelben Abend zu ſich einzuladen. Dieſer Antrag ward mit großem Vergnügen und mit ehrfurchts⸗ vollem Dank angenommen. Sie beſuchten Nachmittags den Mann, der ſie ſo gütig eingeladen hatte. Er bewirthete ſie mit Kaffee, und er würde ſie auch zum Abendeſſen behalten haben, wenn ſie ihn nicht angelegentlichſt gebeten hätten, ſie mit ſeiner Geſellſchaft in dem Hauſe zu beehren, welches ſie gemeiniglich zu beſuchen pflegten. Er gab ihren dringenden Bitten nach, und ſie führten ihn und ſeinen Hofmeiſter nach ihrem Speiſehauſe, wo ſie ihm eine artige Mahlzeit und den beſten Claret in Frankreich gaben. Sie konnten gar leicht bemerken, daß ihr Hauptgaſt kein Freund ihrer Staats⸗ marimen ſey; daher vermieden ſie in ihren Geſprächen abſichtlich Alles, was ihn nur im Geringſten hätte beleidigen können. Doch konnten ſie ſich nicht enthalten, über ihre gegenwärtige Situation zu klagen, durch welche ſie von ihren theuerſten Verbindungen losgeriſſen und zu einer ewigen Verbannung von ihren Familien und Freunden verdammt wurden. Demungeachtet aber ließen ſie nicht den ent⸗ fernteſten Wink fallen, das ſie verdammende Urtheil als ungerecht * 133 beſtreiten zu wollen, wiewohl einer von ihnen, der ein Dreißiger zu ſeyn ſchien, bitterlich über ſein Unglück klagte, daß er eine geliebte Gattin und drei Kinder in Noth und Elend geſtürzt habe, und in der Heftigkeit ſeines Schmerzes in wahnſinnige Verwünſchungen über ſein Schickſal ausbrach. Um ihm die Grillen zu verſcheuchen und zugleich ihre Gaftfrei⸗ heit zu bethätigen, fingen ſeine Gefährten ein anderes Geſpräch an, und ließen den Pokal lebhaft die Runde machen. So wurden denn alle Grillen und Sorgen hinweggeſpült. Man ſang verſchiedene franzöſiſche Nundgeſänge, und frohe Laune und Traulichkeit gewan⸗ nen das Scepter. Mitten in dieſer Geiſteserhebung, die gemeiniglich die verbor⸗ genſten Geſinnungen aufſchließt und jede Veranlaſſung zur Vorſicht und zur Zurückhaltung hinwegräumt, brachte einer von den Wirthen, der berauſchter war als die übrigen, einen Toaſt aus, wogegen regrine als gegen eine unmanierliche Beleidigung mit einiger Wärme Einwendungen machte. Der Andere behauptete ſeinen Antrag mit unanſtändiger Hitze. Der Streit begann ſehr ernſthaft zu werden, als die Geſellſchaft ſich ins Mittel legte, und gegen ihren Freund entſchied. Der Herr, von deſſen Empfindlichkeit wir bereits geſprochen haben, machte jedem ſo heftige Vorwürfe, und las ihm den Tert ſo ſcharf, daß er in voller Entrüſtung mit der Drohung wegging, ihre Geſellſchaft zu verlaſſen, und ſie mit der Benennung„Apoſtaten“ brandmarkte, die ihre gemeinſchaftliche Sache aufgegeben hätten. Die Andern, welche blieben und durch dieſes Benehmen von ihrem Gefährten ſehr gekränkt waren, entſchuldigten ſich auf's Leb⸗ hafteſte gegen ihre Gäſte, und baten ſie wegen der Ausſchweifung dieſes Mannes um Verzeihung. Sobald er nur ſeine Beſinnung wieder hätte, verſicherten ſie auf's Zuverſichtlichſte, würde er ſich von ſelbſt bei ihnen einſtellen, und ſie wegen ſeines unziemlichen Betragens um Verzeihung bitten. Peregrine ließ ſich dadurch beru⸗ 134 higen, und nahm ſeine gute Laune wieder an. Da es aber bereits ſehr tief in der Nacht war, ſo widerſtand er allen ihren Nöthigun⸗ gen, nur noch einen Tropfen mitzutrinken, und ward von ihnen mehr als halb benebelt nach Hauſe gebracht. Am folgenden Morgen um acht Uhr weckte ihn ſein Kammer⸗ diener auf, und meldete ihm, es wären zwei von denen Herren, mit denen er den geſtrigen Abend zugebracht, unten im Hauſe, und bäten, vorgelaſſen zu werden. Wiewohl er nicht wußte, was dieſer außer⸗ ordentliche Beſuch bedeutete, ſo befahl er dennoch, ſie in ſein Zim⸗ mer zu führen. Es war der, welcher ihn beleidigt, und der Herr, der dem Letzteren über ſein unartiges Betragen einen Verweis ge⸗ geben hatte. Der Beleidiger entſchuldigte ſich zuerſt gegen Pickle, daß er ihn ſtöre, und erzählte ihm, ſein hier gegenwärtiger Freund ſey heute früh zu ihm gekommen und habe ihm den Vorſchlag gemacht, zwi⸗ ſchen Zweierlei zu wählen, entweder ſich unverzüglich mit ihm zu ſchlagen, oder wegen ſeines geſtrigen ungeſitteten Betragens um Verzeihung zu bitten. Nun habe er zwar Muth genug, ſich wegen einer jeden rechtmäßigen Sache zu ſtellen; doch ſey er nicht ſo un⸗ vernünftig, den Vorſchriften ſeiner Pflicht und ſeiner Ueberlegung nicht zu gehorchen. Nur in Rückſicht auf dieſe, nicht auf jene Drohungen(denn dieſe verachte er), habe er ſich die Freiheit ge⸗ nommen, ſeine Ruhe zu ſtören, um wo mäglich die ihm zugefügte Beleidigung wieder gut zu machen. Sie ſey, betheuerte er, einzig und allein die Wirkung des Rauſches geweſen, und er bäte ihn demnach um Verzeihung. Unſer Held nahm dieſes Geſtändniß mit vieler Feinheit auf, und dankte dem andern Herrn, daß er ſich ſo großmüthig für ihn verwendet habe. Da er wahrnahm, daß deſſen Freund über ſeine dienſtfertige Vermittlung etwas erbittert war, ſo bewirkte er dadurch eine Ausſöhnung, daß er ihn überzeugte, Alles, was jener gethan habe, ſey zur Aufrechthaltung der Ehre der Geſellſchaft geſchehen. 135 Sie mußten darauf bei ihm frühſtücken, und er äußerte gegen ſie den lebhafteſten Wunſch, daß ſich ihre Lage verbeſſern möchte. In⸗ deſſen war der Wagen angeſpannt; und ſo nahm er denn von allen den Herren, die ihn bewirthet hatten, und die gekommen waren, ihm eine glückliche Reiſe zu wünſchen, Abſchied, und verließ mit ſeinem Gefolge Boulogne zum zweiten Male. Einundvierzigſtes Kapitel. Peregrine übernachtet zu Bernay. Hornbeck holt ihn dort ein. Jener hat Luſt, des Letztern Haupt mit einem Hornwerke zu befeſtigen. Während der Fahrt nahm Jolter Gelegenheit, ſeinem Mündel die Bemerkungen mitzutheilen, die er über die Induſtrie der Fran⸗ zoſen angeſtellt hatte, und um ihm hiervon einen unwiderlegbaren Beweis zu geben, bat er ihn, nur rings umher zu blicken und zu ſehen, mit welcher Sorgfalt jeder Fleck urbar gemacht worden ſey; und aus der Fruchtbarkeit dieſer Provinz, die für die ärmſte in Frankreich gehalten wird, auf die Wohlhabenheit und den Ueberfluß der ganzen Nation zu ſchließen. Peregrine wunderte ſich über dieſe Bethörung eben ſo ſehr, als ſie ihn verdroß, und er verſetzte: Was er für Betriebſamkeit aus⸗ gäbe, wäre eine bloße Frucht des Elends. Die armen Bauern ſähen ſich genöthigt, jeden Zollbreit Landes zu bepflügen, um die Unter⸗ drücker, ihre Herren, zu befriedigen. Sie ſelbſt und ihr Vieh wären die lebendigen Ebenbilder des Hungers. Der Anblick des Landes offenbare ſchon deutlich die äußerſte Armuth. Nirgends wäre ein Kamp oder irgend ein anderer Gegenſtand zu erblicken, als einige wenige und ſchlechte Gerſten- und Haberfelder, die nie die ſaure 136 Mühe des Landmanns belohnten. Ihre Wohnungen wären die arm⸗ ſeligſten Hütten. Auf einem Raume von zwanzig Meilen fände man nicht einen Edelſitz. Nichts wäre kläglicher und trübſeliger, als die Tracht der hieſigen Landleute. Das Geſchirr ihrer Reiſe⸗ chaiſe wäre hier unendlich ſchlechter, als bei einem Miſtkarren in England; und der Poſtillon, der ſie fahre, habe weder Strümpfe an den Beinen, noch ein Hemde auf dem Leibe. Da der Hofmeiſter ſeinen Pflegbefohlenen ſo unbiegſam fand, ſo beſchloß er, ihn in ſeiner Unwiſſenheit und in ſeinen Vorurtheilen ſtecken zu laſſen und ſeine Bemerkungen für Leute aufzuheben, die ſich gegen ſeine Mei⸗ nungen gefälliger bezeigten. Ein Vorſatz, den er freilich ſchon oft gefaßt, in der Hitze ſeines Eifers aber eben ſo oft gebrochen hatte; denn nicht ſelten riß ihn dieſer über den Plan des Betragens hin⸗ aus, den er ſich in kühleren Augenblicken gemacht hatte. In Montreuil hielten ſie an, um Erfriſchungen zu nehmen, und des Abends um ſieben Uhr langten ſie in einem Dorfe an, das Bernay heißt. Während ſie hier auf friſche Pferde warteken, erfuh⸗ ren ſie vom Wirthe, daß die Thore in Abbeville Punkt neun Uhr geſchloſſen würden, und ſie alſo unmöglich hinein kommen könnten. Unterwegs, ſetzte er hinzu, wäre kein anderes Wirthshaus, wo ſie die Nacht über unterkommen könnten. Daher rieth er ihnen als ein guter Freund, in ſeinem Hauſe zu bleiben, wo ſie die beſte Be⸗ quemlichkeit und Aufwartung finden würden und morgen bei Zeiten weiter reiſen könnten. Wiewohl Jolter ſchon dieſes Weges gekommen war, ſo konnte er ſich dennoch nicht beſinnen, ob der Wirth die Wahrheit ſagte, oder nicht. Da aber dieſes Vorgeben ſehr wahrſcheinlich klang, ſo beſchloß unſer Held, dem Rathe zu folgen. Er ließ ſich ein Zim⸗ mer geben, und fragte, was es zu eſſen gäbe. Der Wirth nannte ihm Alles, was nur Eßbares im Hauſe war, und Pickle legte auf dieſes Alles für ſich und ſeine Leute Beſchlag. Während dieſes zu⸗ bereitet wurde, vertrieb er ſich die Zeit theils durch Geſpräche mit 137 der Wirthstochter, einem munteren Mädchen von ſiebzehn Jahren, theils durchſtrich er die Gegend um das Haus, das eine ſehr länd⸗ liche Lage hatte. Während er die Zeit ſo verſchwendete, die ihm lang ward, kam ein zweiter Wagen vor dem Wirthshaus an. Als er ſich nach den Neuangekommenen erkundigte, erfuhr er, daß dieß Hornbeck und ſeine Gemahlin ſey. Der Wirth, der zu gut wußte, daß er dieſe zweite Geſellſchaft nicht zu bedienen im Stande war, kam zu Pere⸗ grine und bat ihn gar demüthig, ihm einen Theil der beſtellten Le⸗ bensmittel abzulaſſen. Allein dieſer weigerte ſich, auch nur den Flügel eines Rebhuhns abzutreten, doch ließ er zu gleicher Zeit den Fremden ſeine Empfehlung vermelden, ihnen ſagen, wie ſchlecht es mit ihrer Bewirthung ausſähe und ſie einladen, an ſeinem Abend⸗ eſſen Theil zu nehmen. Hornbeck, dem es an Höflichkeit nicht gebrach, und der außeror⸗ dentliche Luſt hatte, eine wohlſchmeckende Mahlzeit zu halten, welche der liebliche Geruch aus der Küche ihm verſprach, konnte dieſem zweiten Beweiſe von der Lebensart unſeres Helden nicht widerſtehen. Er nahm die Botſchaft mit Dank an, und ließ zurückſagen, er und ſeine Frau würden das Vergnügen haben, ſeiner Einladung Genüge zu leiſten. Peregrine's Wangen glühten vor Vergnügen, daß er mit Miſtriß Hornbeck bald näher bekannt werden ſollte. Ihr Herz hatte er im Geiſte ſchon erobert, und er ſpannte jetzt ſeine Einbildungskraft an, auf Mittel zu ſinnen, um die Wachſamkeit ihres Mannes zu täuſchen. Als das Abendeſſen fertig war, gab er in eigener Perſon ſeinen Gäſten davon Nachricht. Er führte die Frau in das Zimmer, ſetzte ſie in einen Lehnſtuhl oben am Tiſch, drückte ihr die Hand und warf ihr zugleich ſehr verführeriſche Blicke zu. Dieſes unceremo⸗ niöſe Betragen nahm er deßhalb an, weil er vorausſetzte, ein Frauen⸗ zimmer von ihrer Herkunft ſey an alle die eckelhaften Formalitäten nicht gewöhnt, die man in gleichen Fällen bei einem Frauenzimmer von Geburt und feiner Erziehung zu beobachten habe. 138 Aller Wahrſcheinlichkeit nach hatte er richtig calculirt. Miſtriß Hornbeck äußerte über dieſe Behandlung kein Mißvergnügen, viel⸗ mehr ſchien ſie dieſelbe als einen Beweis ſeiner Achtung anzuſehen; und wiewohl ſie während der ganzen Mahlzeit ihren Mund nicht dreimal aufzuthun wagte, ſo ſchien ſie doch an ihrem Wirth ein beſonderes Wohlgefallen zu finden. Dieß gaben verſchiedene ſchlaue und bedeutende Blicke zu erkennen, die ſie ihm zuwarf, wenn ihres Mannes Augen anderswohin gerichtet waren, und die laute, gellende Lache, wodurch ſie verſchiedene Male ihre Zufriedenheit über die Einfälle äußerte, die Pickle während ihrer Unterredung anbrachte. Ihr Gemahl ſchien über ihr freies Betragen ſehr verdrüßlich zu werden, und nahm, um ihrer Lebhaftigkeit Einhalt zu thun, eine ernſthafte Miene an. Allein ſie folgte entweder ihrer angebornen Neigung, die vielleicht fröhlich und ohne alle Zurückhaltung war, oder ſie wollte Hornbeck für ſeine Eiferſucht züchtigen. So viel iſt gewiß, daß ihre Munterkeit einen ſo hohen Grad erreichte, daß der Mann durch ihr Betragen höchlich beunruhigt und ſehr entrüſtet ward. Er nahm ſich vor, ihr ſein Mißvergnügen durch einen un⸗ vermerkten Tritt auf ihren Fuß zu erkennen zu geben. Allein ſein Unwille hatte ihn ſo in Verwirrung geſetzt, daß er ſeinen Zweck verfehlte, und ſich nach Jolters Seite wandte. Er ſetzte den ſcharfen Abſatz von ſeinem Schuh auf deſſen kleine Zehe, die mit einem Hühnerauge bedeckt war. Der plötzliche Angriff auf daſſelbe war ſo heftig, daß Jolter die Marter nicht ſtillſchweigend ertragen konnte⸗ Er ſprang auf, tanzte in der Stube herum, und ſchrie und brüllte fürchterlich zum unausſprechlichen Vergnügen für Peregriue und die Dame, die vor Lachen ſtaſt erſtickten. Hornbeck, ganz beſchämt über ſein Verſehen, bat den beleidigten Hofmeiſter ſehr reuig um Verzeihung. Der Stoß, den er ſo un⸗ glücklicherweiſe bekommen habe, betheuerte er, hätte einem unbeſchei⸗ denen Hunde gegolten, den er unter dem Tiſche zu bemerken geglaubt habe. Zum Glück für ihn befand ſich wirklich ein Hund im Zimmer, 139 um dieſe Entſchuldigung zu rechtfertigen. Jolter nahm ſie gefällig an, indem die Thränen ihm über die Wangen ſtürzten. Auf dieſe Art ward die Ruhe bei Tiſche wieder hergeſtellt. Doch ſobald nur die Fremden mit einiger Schicklichkeit aufbrechen konnten, nahm der argwöhniſche Ehemann, unter dem Vorwande, daß er von der Reiſe ermüdet ſey, von Pickle Abſchied, nachdem er ihm Höflichkeits halber den Vorſchlag gethan hatte, morgen zuſammen zu reiſen. Der junge Herr führte die Dame auf ihr Zimmer, und wünſchte ihr gute Nacht. Dabei gab er ihr einen feurigen Händedruck, welchen ſie erwiederte. Dieſer günſtige Wink ſetzte ſein Herz in die freudigſte Wallung. Er lauerte auf eine Gelegenheit, ſich ihr näher zu erklären. Der Mann ging mit einem Licht in den Hof hinunter. Er, der dieß geſehen hatte, huſchte in ihr Zimmer. Sie war faſt ganz ausgekleidet. Durch die Hitze ſeiner Leidenſchaft angetrieben, welche durch den jetzigen wollüſtigen Anblick noch mehr entflammt wurde, und durch ihre kurz zuvor geäußerte Genehmigung noch kühner gemacht, eilte er mit voller Heftigkeit auf ſie zu, und rief: „Wahrlich, Madame, Ihre Reize ſind unwiderſtehlich!“ Er würde ſie ohne weitere Umſtände in ſeine Arme geſchloſſen haben, wenn ſie ihn nicht beſchworen hätte, ſich wegzubegeben, weil ſie auf ewig unglücklich wäre, wenn Hornbeck zurückkäme und ihn hier fände. So verblendet hatte ihn ſeine Leidenſchaft nicht, daß er nicht hätte einſehen ſollen, ihre Furcht ſey gegründet; und da er nicht verlangen konnte, bei dieſer Zuſammenkunft ſeine Wünſche zu krö⸗ nen, ſo begnügte er ſich damit, ſich für ihren Liebhaber zu erklären und ſie zu verſichern, er wolle ſeine ganze Erfindungskraft erſchöpfen, um eine bequeme Gelegenheit auszumitteln, ſich ihr zu Füßen zu werfen. In dieſer Zeit raubte er ihr einige kleine Gunſtbezeugun⸗ gen, die ſie in ihrer Furcht und Verwirrung ſeiner Zudringlichkeit nicht entziehen konnte. Nachdem er auf dieſe Manier die Prälimi⸗ narien glücklich zu Stande gebracht hatte, verfügte er ſich auf ſein 140 Zimmer, und dachte die ganze Nacht über auf Ränke, der eiferſüch⸗ tigen Wachſamkeit ſeines Reiſegefährten eine Naſe zu drehen. Zweiundvierzigſtes Kapitel. Peregrine führt zu Chantilly einen Plan aus, den er gegen Hornbeck entworfen hatte. Am andern Morgen reiste die Geſellſchaft ab und frühſtückte in Abbeville, wo man hinter die Liſt ihres Wirths zu Bernay kam, und erfuhr: er habe ihnen bloß aufgeheftet, daß ſie nach Thorſchluß nicht eingelaſſen würden. Von da gelangten ſie nach Amiens, wo ſie zu Mittag ſpeisten und mit Bettelmönchen ihre Noth hatten. Weil die Wege ſchlecht waren, traf man erſt um silf Uhr in Chan⸗ tilly ein, wo man jedoch die Abendmahlzeit ſchon bereit fand, weil Peregrine den Kammerdiener zu Pferde vorausgeſchickt hatte. Hornbecks Körper war durch eine regelwidrige Lebensart der⸗ maßen derangirt, daß er von der Reiſe, welche ſie den Tag gemacht und die circa hundert Meilen*) betrug, ſo ermüdet war, daß er ſich, als ſie ſich zu Tiſche ſetzten, kaum aufrecht halten konnte und in weniger denn drei Minuten auf ſeinem Stuhl zu nicken anfing. Peregrine, der dieß vorhergeſehen und für dieſen Fall ſchon geſorgt hatte, rieth ihm, durch ein Glas Wein ſeine Lebensgeiſter zu erquicken, und gab, nachdem der Vorſchlag angenommen worden war, dem Kammerdiener einen Wink, der, ſeiner erhaltenen Inſtruktion gemäß, in den Burgunder dreißig Tropfen Laudanum ſchüttete, die der unglückliche Ehemann in einem Glaſe hinunterſchluckte. Da dieſe *) Hundert Meilen. Verſteht ſich engliſche, von denen fünfthalb auf eine deutſche gehen. 141 Doſis zu ſeiner vorigen Schläfrigkeit mitwirkte, ſo ſank er faſt in dem⸗ ſelben Augenblick in einen ſo tiefen Schlaf, daß man ſich genöthigt ſah, ihn auf ſein Zimmer zu führen, wo ihn ſein Bedienter entkleidete und zu Bette brachte. Auch Jolter, der von Natur ſehr ſchläfrig war, konnte ſeiner Begierde, zu ſchlafen, nicht ohne öfter wiederholtes fürchterliches Gähnen widerſtehen. Dieß bewog ſeinen Mündel, ihm eben die Doſis zukommen zu laſſen, die bei dem andern Argus ſo gut ange⸗ ſchlagen hatte. Doch dieſe Herzſtärkung wirkte auf Jolters zähe Fibern nicht ſo wohlthätig als auf Hornbecks zärtere. Bei jenem offenbarte ſie ſich durch unwillkürliches Zuſammenfahren und durch verſchiedene convulſiviſche Bewegungen ſeiner Geſichtsmuskeln; und als endlich ſeine Natur der ſtärkeren Arznei unterlag, trompetete er durch ſeine Naſe ſo laut, daß unſer Ritter befürchtete, dieſes Ge⸗ räuſch möchte den andern Patienten aufwecken und folglich ſeine Abſicht hintertreiben. Deßhalb ward der Hofmeiſter dem Pips über⸗ antwortet, der ihn in's nächſte Zimmer ſchleppte, die Kleider auszog und ihn in ſein Reſt wälzte. Auf dieſe Art blieben die beiden Verliebten allein und in völliger Freiheit, ihrer gegenſeitigen Leiden⸗ ſchaft Spielraum zu geben. Peregrine würde in ſeiner feurigen Ungeduld Hornbecks Schickſal unmittelbar entſchieden haben, hätte ſeine Inamorata dieſe Abſicht nicht gemißbilligt und ihm vorgeſtellt, daß, wenn ſie einige Zeit allein beiſammen blieben, dieß ihr Bedienter bemerken würde, der angeſtellt ſey, alle ihre Handlungen zu beobachten. Sonach mußten ſie auf einen andern Plan denken, und dieſen führten ſie folgender⸗ maßen aus. Er begleitete ſie in Beiſeyn ihres Bedienten, der ihnen leuchtete, nach ihrem Schlafgemach, wünſchte ihr gute Nacht, und verfügte ſich wieder nach ſeinem Zimmer zurück. Hier wartete er, bis im Hauſe alles ruhig war; dann ſchlich er ganz leiſe nach ihrer Thüre, welche ſie, da es dunkel war, für ihn offen gelaſſen hatte. Er fand den Mann ganz wohlbehalten in 142 den Armen des Schlafs und die Frau in einem flüchtigen Nacht⸗ kleide, bereit, den Stempel nicht zu verſagen. Dieſe Gelegenheit benutzte er unverzüglich. Er trug ſeine Geliebte nach dem Orte hin, von welchem er gekommen war. Sie ward an dem Hahnrei gerächt für das mißvergnügte Leben, welches er ſie zu führen zwang, und unſer Held genoß die lieblichen Früchte ſeines Sieges. Doch ihre ſträflichen Entzückungen wurden gerade in dem Momente, wo ſie auf's Höchſte ſtiegen, unterbrochen. Das Opium und der Wein zuſammen hatten Jolters Ima⸗ gination dermaßen zerrüttet, daß er im Traume die ſchrecklichſten Geſichte ſah, und unter Anderem ſich einbildete, er ſchwebe zwiſchen Flammen, die ſeiner Meinung nach ſein Zimmer ergriffen hatten. Dieſer Traum machte ſolchen Eindruck auf ihn, daß er das ganze Haus durch das wiederholte Geſchrei, Feuer! Feuer! in Allarm ver⸗ ſetzte; zugleich ſprang er aus dem Bette, blieb aber noch immer in feſtem Schlaf. Der fürchterliche Ruf ſtörte unſere Verliebten auf eine höchſt unangenehme Art. Miſtriß Hornbeck eilte in voller Ver⸗ wirrung nach der Thüre, und hatte das Mißvergnügen, den Bedien⸗ ten nach ihres Mannes Zimmer gehen zu ſehen, um ihm dieſen Vorfall zu melden. Sie wußte, daß man ſie ſogleich vermiſſen würde, und konnte die Folgen leicht errathen, wofern ihre Erfin⸗ dungskraft nicht unverzüglich eine ſcheinbare Entſchuldigung ihrer Abweſenheit auftriebe. Frauenzimmer ſind in dergleichen Fällen reſolut. Sie brauchte nur wenige Sekunden, um ſich zu beſinnen, und rannte geradewegs nach dem Zimmer des Hofmeiſters, wo ſie in kreiſchendem Tone rief:„Gott ſteh' uns bei! Wo denn? wo denn?“ Mittlerweile hatten ſich alle Dienſtboten im Hauſe in ſeltſamer Tracht verſammelt. Peregrine fuhr ſchnell in ſeine Beinkleider und ſtürzte in Jol⸗ ters Zimmer. Da er ihn im Hemde mit verſchloſſenen Augen her⸗ umwandern ſah, ſo gab er ihm einen ſolchen Schlag auf die Lenden, daß ſein Traum augenblicklich verſtob und er ſeiner Sinne wieder 143 mächtig ward. Erſtaunt und beſchämt, ſich in einem ſo unſchicklichen Aufzuge zu erblicken, barg ſich der arme Hofmeiſter unter die Bett⸗ tücher. Er bat alle Anweſende um Verzeihung, daß er ſie beun⸗ ruhigt habe, und flehte in tiefer Demuth Vergebung von der Dame, die ganz zum Bewundern ſchön die Rolle der äußerſten Furcht und des höchſten Erſtaunens ſpielte. Mittlerweile war Hornbeck durch die wiederholten Bemühungen ſeines Kerls aufgeweckt worden. Kaum hatte er vernommen, daß ſeine Frau vermißt würde, ſo bemeiſterten ſich alle Hirngeſpinſte der Eiferſucht ſeiner Einbildungskraft. Er ſprang in einer Art von Wahnſinn auf, ergriff ſeinen Degen und flog gerade nach Peregrine's Zimmer. Hier fand er zwar nicht, was er ſuchte; allein zum Unglück bemerkte er einen Unterrock ſeiner Frau, den ſie bei ihrer übereilten Retirade vergeſſen hatte. Dieſe Entdeckung gab der Flamme ſeines Zorns friſche Nahrung. Er nahm den unglücklichen Beweis ſeiner Schande mit ſich, hielt ihn ſeiner Gattin, die ihm auf dem Rück⸗ wege nach ihrem Bette begegnete, vor's Geſicht und ſagte mit be⸗ deutendem Blick:„Madame, Sie haben im nächſten Zimmer Ihren Unterrock verloren!“ Miſtriß Hornbeck, welche die Natur mit bewunderungswürdiger Beſonnenheit ausgeſteuert hatte, ſah dieſen Gegenſtand ernſtlich an, und erwiederte mit unglaublicher Kaltblütigkeit, der Unterrock müſſe Jemand im Hauſe gehören; denn einen ſolchen beſäße ſie gar nicht. Sobald Peregrine, der hinter ihnen ging, dieſe Behauptung hörte, miſchte er ſich unmittelbar in's Spiel, zog Maſter Hornbeck bei dem Aermel in ſeine Stube und ſagte:„Was zum Kukuk haben Sie denn mit dem Unterrocke vor? Können Sie denn nicht einem jungen Kerl eine kleine Liebſchaft mit einer Wirthstochter gönnen, ohne ſeine Schwachheiten Ihrer Frau zu offenbaren? Pfui, das iſt bos⸗ haft, Andern den Spaß zu verderben, weil Sie ſelbſt nicht mehr auf ſolche Abenteuer ausgehen!“ 144 Die Unverſchämtheit ſeines Weibes und die cavaliermäßige Er⸗ klärung des jungen Mannes machten den Armen ſo verdutzt, daß ſein Argwohn zu wanken begann. Er traute ſeiner eigenen Ge⸗ müthsart nicht, die er zu gut kannte; und um ſich nicht Spöttereien auszuſetzen, äußerte er wegen Peregrine's Wahrheitsliebe keinen weiteren Zweifel. Er bat ihn um Verzeihung wegen des vorgefal⸗ lenen Verſehens, und drückte ſich. Dabei war er jedoch mit dem Betragen ſeiner erfindungsreichen Gattin gar nicht zufrieden. Er beſchloß, ſich nach dieſer Begebenheit ganz umſtändlich zu erkundigen. Dieſe Unterſuchung fiel ſo wenig befriedigend für ihn aus, daß er ſeinem Bedienten befahl, mit An⸗ bruch des Tages Alles zu ihrer Abreiſe in Bereitſchaft zu halten. Als unſer Held aufſtand, fand er, daß ſeine Reiſegeſellſchaft ſchon vor drei Stunden fort war, obgleich ſie verabredet hatten, den gan⸗ zen Vormittag da zu bleiben, um Prinz Condé's Palaſt zu ſehen, und erſt den Nachmittag mit einander nach Paris zu fahren. Es war Peregrine gar nicht recht, daß er ſich dieſes leckern und unberührten Biſſens ſo plötzlich beraubt ſah, und Jolter konnte nicht begreifen, was dieſes ſchnelle und unhöfliche Verſchwinden zu bedeu⸗ ten habe. Nach langem tiefen Nachgrübeln erklärte er ſich's auf die Art: Hornbeck müſſe ein Glücksjäger ſeyn, der eine reiche Erbin entführt habe und für nöthig finde, ſie den Nachforſchungen ihrer Freunde zu entziehen. Jolters Zögling, der den wahren Beweggrund genau wußte, ließ den Hofmeiſter unverkümmert den Triumph über ſeine Einſicht genießen, und tröſtete ſich ſelbſt mit der Hoffnung, ſeine Dulcinea auf einem der öffentlichen Plätze oder an einem der Vergnügungs⸗ orte in Paris wieder zu finden, die er fleißig zu beſuchen beſchloß⸗ Auf dieſe Art beruhigt, beſuchte er die prächtigen Gärten, den Pa⸗ laſt von Chantilly und das ausgezeichnete Naturalienkabinet. Un⸗ mittelbar nach dem Eſſen fuhren ſie nach Paris ab. Sie kamen noch denſelben Abend daſelbſt an, und mietheten ſich in der 145 Vorſtadt Saint Germain, unfern dem Schauſpielhauſe, in einem Hotel ein. Dreiundvierzigſtes Kapitel. Peregrine wird zu Paris in ein Abenteuer verwickelt und von der Stadt⸗ wache arretirt.— Er wird mit einem vornehmen franzöſiſchen Cavalier bekannt, der ihn in die feine Welt einführt. Kaum hatte ſich's unſer Held in ſeinem Logis bequem gemacht, ſo meldete er ſeinem Oheim ſeine glückliche Ankunft in Paris und ſchrieb auch an ſeinen Freund Gauntlet, dem er ein ſehr zärtliches Brieſchen an ſeine theure Emilie mit einſchloß, worin er alle die vorigen Gelübde der Treue und Beſtändigkeit wiederholte. Seine nächſte Sorge war jetzt, ſich Kleider nach der neueſten franzöſiſchen Mode zu beſtellen. Unter der Zeit ging er nirgends hin als auf das engliſche Caffeehaus, wo er bald mit einigen ſeiner Landsleute bekannt wurde, die aus gleicher Urſache mit ihm zu Paris verweilten. Den dritten Abend nach ſeiner Ankunft machte er mit einigen jungen Stutzern eine Partie bei einem bekannten Speiſewirth, deſſen Frau recht hübſch und außerdem ungemein geſchickt war, Kunden in's Haus zu locken. Dieſem Weibchen ward unſer junger Herr als ein eben aus England angekommener Fremder vorgeſtellt. Er fand ihre perſönlichen Vollkommenheiten ſowohl als ihre ungezwungene und muntere Un⸗ terhaltung ſehr nach ſeinem Geſchwack. Nachdem ſie wohl eine Stunde bei ihnen geſeſſen hatte, ſtand ſie auf, um fortzugehen. Alle die jungen Herren baten ſie dringend, ihnen ihre Geſellſchaft beim Abendeſſen zu gönnen. Sie verſprach, Smollet's Romane. K. 10 146 ihrem Verlangen Genüge zu leiſten, und ſagte ihnen ohne alle Um⸗ ſtände oder verblümte Wendung, ſie wolle nur in das nächſte Zim⸗ mer gehen, um ihr Waſſer zu laſſen und gleich wieder da ſeyn. Dieſe freimüthige Erklärung klang Peregrine ſo ſeltſam, daß er glaubte, bei einem Frauenzimmer, die ſich ſo wenig um den Wohlſtand und um das Dekorum kümmerte, ſich alles Mögliche herausnehmen zu können. In dieſer Vorausſetzung folgte er ihr ganz cavalier⸗ mäßig in's Cabinet. Hier wandte er ſich mit ſo handgreiflichen Aeußerungen an ſie, als er mittelſt ihres Charakters zu brauchen ſich berechtigt hielt. Sie erſtaunte über ſeine Kühnheit, und begann darüber als über einen Beweis engliſcher Treuherzigkeit zu ſpötteln. Inzwiſchen verrichtete ſie ganz kaltblütig in ſeiner Gegenwart das, weßhalb ſie herausgegangen war. Ihr Betragen ermunterte Pickle nur immer mehr. Er verfolgte ſein Vorhaben mit ſolchem Unge⸗ ſtüm, daß die ſchöne Philiſterin ſich genöthigt ſah, zur Vertheidigung ihrer Tugend überlaut zu ſchreien. Ihr Mann eilte unverzüglich zu ihrer Hülfe herbei, und da er ſie in einer nicht wenig kritiſchen Lage fand, ſo flog er auf den verliebten Freibeuter mit ſolcher Wuth los, daß dieſer ſich genöthigt ſah, ſeinen Raub fahren zu laſſen. Er wandte ſich jetzt gegen den Wirth, und beſtrafte ihn ohne Barmherzigkeit für ſein unverſchäm⸗ tes Zudringen. Da die Frau ihren Bettgenoſſen ſo unehrerbietig behandeln ſah, ſo nahm ſie ſich ſeiner an, grub ihre Nägel in das Geſicht ſeines Gegners, und ſchröpfte die ganze eine Seite ſeiner Naſe. Das Getös dieſes Kampfes zog alle Bedienten aus dem Hauſe zur Rettung ihres Herrn herbei. Peregrine's Geſellſchaft erſchien zu gleicher Zeit und widerſetzte ſich jenen. Es erfolgte ein allge⸗ meines Treffen, worin die Franzoſen gänzlich geſchlagen, die Frau gröblich beleidigt und der Mann die Treppe hinunter geworfen ward. Raſend über den ihm und ſeinem Hauſe widerfahrenen Schimpf rannte der Gaſtwirth auf die Straße, und rief die Stadtwache zu Hülfe. Nachdem dieſelbe ſeine Beſchwerden angehört hatte, umringte ſie, —— 147 zwölf oder vierzehn Mann ſtark, mit aufgepflanzten Bajonetten das Haus. Durch den bisherigen glücklichen Erfolg aufgeblaſen, thaten die jungen Herren, die dieſe Mannſchaft wie die Londoner Conſtabler betrachteten, welche ſie oft in die Flucht getrieben hatten, mit Pere⸗ grine an der Spitze und den Degen in der Fauſt, einen Ausfall. Die Wache hatte Achtung vor ihnen, entweder weil ſie Fremde waren oder weil ſie ſie für unerfahrene und berauſchte Jünglinge hielt. Sie öffnete ſich zur Rechten und Linken, ſo daß ſie ungehindert paſſieren konnten. Dieſe Gefälligkeit, die eine Wirkung ihres Mitleids war, legte der Anführer der Engländer falſch aus, und verſuchte aus bloßem Muthwillen, dem ihm zunächſt ſtehenden Soldaten auf die Füße zu treten. Dieß ſchlug ihm aber fehl, und er bekam mit dem Kolben einen ſolchen Stoß vor die Bruſt, daß er einige Schritte hinter ſich taumelte. Durch dieſen verwegenen Angriff von Zorn entflammt, ſtürzte die ganze Geſellſchaft mit gewaffneter Hand auf die Solda⸗ ten los. Nach einem hartnäckigen Gefecht, worin ſie verſchiedene Wunden theils ausgetheilt, theils bekommen hatten, wurden ſie insgeſammt gefangen genommen und nach der Wache gebracht. Als der commandirende Offizier umſtändlich von dieſer Fehde unterrichtet war, ſetzte er ſie, in Betracht ihrer Jugend und der an⸗ gebornen engliſchen Wildheit, gegen welche die Franzoſen außerordent⸗ lich nachſichtsvoll ſind, insgeſammt wieder in Freiheit. Doch gab er ihnen zuvor wegen ihres unordentlichen und übermüthigen Betra⸗ gens einen gelinden Verweis. Sonach erlangte unſer Held durch ſeine Galanterie und Muth weiter nichts als eine beträchtliche An⸗ zahl ſchimpflicher Merkmale im Geſicht, die ihn eine ganze Woche lang auf ſeine Stube einkerkerten. Jolter'n konnte dieſer Unfall un⸗ möglich verborgen bleiben. Als er ihn haarklein wußte, unterließ er nicht, ihm hierüber als über eine zu raſche That Vorſtellungen zu machen, und bemerkte, es würde für ſie ſehr übel abgelaufen ſeyn, wenn ſie andere Leute als Franzoſen zu Gegnern gehabt hätten, 148 die unter allen Nationen des Erdbodens die Geſetze der Gaſtfreiheit auf's Strengſte beobachteten. Daß des Hofmeiſters Bekanntſchaft hauptſächlich aus iriſchen und engliſchen Prieſtern und jener niederen Gattung von Leuten beſtand, die ſich dadurch den Fremden unentbehrlich machen, daß ſie ſie entweder im Franzöſiſchen unterrichten oder kleine Aufträge für ſie beſorgen, ſo war er eben nicht am Fähigſten, den Geſchmack eines jungen Mannes zu leiten, der ſeiner Bildung halber reist und Willens iſt, dereinſt in ſeinem Vaterlande eine Rolle zu ſpielen. Sich ſeiner Untauglichkeit hiezu bewußt, begnügte er ſich, den Hausverwalter zu machen, und hielt über die häuslichen Ausgaben Tag für Tag treulich Buch. Zwar kannte er alle die Orte genau, die Fremde bei ihrer erſten Ankunft in Paris zu beſuchen pflegen⸗ wußte auf einen Liar, was man gemeiniglich dem Schweizer von jedem ſehenswürdigen Palaſte gibt; allein was Werke der Malerei und Bildnerei anbelangt, wovon überall in dieſer Hauptſtadt Ueber⸗ fluß vorhanden iſt, ſo war er darin unwiſſender, als ein Lohnbedienter. Kurz, Jolter konnte ſehr gute Nachricht von den Stationen geben, und einem die Koſten erſparen, Antonini's umſtändliche Be⸗ ſchreibung der Merkwürdigkeiten von Paris zu kaufen. Er war ein Kenner jeder Table d'hote von zwölf bis fünf und dreißig Livres, wußte den Preis eines Fiaeres und eines Miethwagens, konnte mit dem Schneider oder Speiſewirth über jeden Poſten in ſeiner Rech⸗ nung ſtreiten und die Bedienten in leidlichem Franzöſiſch ausſchelten. Was aber die Geſetze, die Gebräuche und den Genius des Volks, die Charaktere einzelner Individuen und die Scenen der feinen und großen Welt anlangte, ſo waren dieß Gegenſtände, die er zu beob⸗ achten und zu unterſcheiden weder Gelegenheit, noch Luſt, noch Ur⸗ theilskraft gehabt hatte. Alle ſeine Marimen entſprangen aus Pedanterei und Vorurtheilen. Daher waren ſeine Begriffe nicht klar, ſeine Urtheile ſchief, ſein äußeres Betragen linkiſch, und ſeine Unterhaltung abgeſchmackt, ekelhaft und langweilig. Gleichwohl ähn⸗ —— 149 licht der größte Theil der Thiere, die unter der Benennung von Gouverneurs rohe Knaben durch die Welt leiten, dem eben aufge⸗ ſtellten Bilde dieſes Mannes. Peregrine, der den Umfang von Jolters Geſchicklichkeiten genau kannte, ließ es ſich daher gar nicht in den Sinn kommen, ihn wegen der Einrichtung ſeiner Lebensart um Rath zu fragen. Er theilte ſeine Zeit ſo ein, wie ſeine eigene Ueberlegung und die Anweiſung und der Unterricht einiger guten Freunde es ihm an die Hand ga⸗ ben, die länger in Frankreich gelebt hatten, folglich die dortigen Vergnügungen beſſer kannten. Kaum war er im Stande, à la Francaise zu erſcheinen, ſo miethete er ſich monatlich einen niedlichen Wagen, beſah die lurem⸗ bourgiſche Gallerie, das königliche Schloß und alle merkwürdigen Hotels, Kirchen und berühmte Plätze von Paris; fuhr nach St. Clond, Marli, Verſailles, Trianon, St. Germain und Fontainebleau; beſuchte die Oper, die Maskeraden, die italieniſche und franzöſiſche Oper, und fehlte ſelten auf den öffentlichen Spaziergängen, in der Hoffnung, Miſtriß Hornbeck oder ſonſt ein Abenteuer dort anzutreffen, das zu ſeiner romantiſchen Denkart paßte. Er zweifelte gar nicht, daß ſein Bau und ſeine Bildung nicht die Aufmerkſamkeit irgend einer verliebten Dame, ledig oder ver⸗ heirathet, ihm gleichviel, auf ſich ziehen ſollte, und war eitel genug, zu glauben, daß wenige weibliche Herzen im Stande ſeyn würden, allen ſeinen Vollkommenheiten zu widerſtehen, wofern er Gelegenheit hätte, alle ſeine Batterieen vortheilhaft ſpielen zu laſſen. Gleichwohl ließ er ſich viele Wochen bei allen Gelegenheiten ſehen, ohne die Früchte ſeiner Erwartung einzuernten. Er fing bereits an, ſich von der Urtheilskraft der Franzoſen eine ſchlechte Idee zu machen, weil ſie ihn ſo lange überſehen hatten als eines Tages ſein Wagen auf dem Wege nach der Oper durch einen Auflauf in der Straße auf⸗ gehalten wurde, welcher durch zwei Bauern entſtand, die mit ihren Karreten an einander gefahren, darüber in Zank und ſogleich in's 150 Handgemenge gerathen waren. Ein ſolches Gefecht iſt in Frankreich ſo ungewöhnlich, daß die Leute ihre Läden verſchloßen und auf die Kämpfenden kaltes Waſſer hinabſchütteten, um dem Treffen ein Ende zu machen. Allein es dauerte mit vieler Wuth und weniger Ge⸗ ſchicklichkeit fort, bis der Eine von ungefähr fiel. Dieſes Unglück machte ſich der Andere zu Nutzen, packte ihn ſo, wie er da lag, und ſtieß ſeinen Kopf gegen das Pflaſter. Da der Wagen unſers Helden dicht am Wahlplatz hielt, ſo konnte es Pips nicht ruhig mit anſehen, daß die Geſetze des Fauſt⸗ kampfs ſo ſchändlich überſchritten wurden. Er ſprang aus dem Wagen, riß den Beleidiger von ſeinem Gegner weg, richtete Letztern empor, munterte ihn in engliſcher Sprache zu einem zweiten Gange auf und zeigte zugleich, wie er mit geballter Fauſt nach allen Re⸗ geln des Borens ſich ſchlagen müſſe. Auf dieſe Beſtärkung ſprang der raſende Kärner auf ſeinen Feind los, und würde allem Anſchein nach ſein erlittenes Unrecht nachdrücklich gerächt haben, wenn nicht die Dazwiſchenkunft eines Bedienten von einem vornehmen Herrn ihn daran verhindert hätte, deſſen Caroſſe dieſes Straußes wegen anhalten mußte. Der Bediente, der ein ſpaniſches Rohr führte, ſprang von ſeinem Poſten und begann ohne die mindeſten Umſtände oder den kleinſten Wortwechſel ſeine Waffe gegen den Kopf und die Schultern des Bauern zu brauchen, den Pips in Schutz genommen hatte. Dieſes unedelmüthige Betragen ergrimmte den Thomas; er gab dem dienſtfertigen Vermittler einen ſolchen Schlag vor den Magen, daß ſein ganzes Eingeweide in Unordnung gerieth, und er unter Aeußerungen großer Angſt und Beſtürzung ein Ach! herauszu⸗ ſtoßen ſich genöthigt ſah. Die andern beiden Bedienten, die auf der Kutſche ſtanden, flogen, als ſie ihren Kameraden ſo übermüthig angegriffen ſahen, ihm zu Hülfe, und ließen einen höchſt unange⸗ nehmen Platzregen auf das Haupt ſeines Angreifers fallen, der weder ausweichen, noch ſich vertheidigen konnte. Wiewohl Peregrine 151 Pips' Betragen nicht billigte, ſo konnte er ihn doch nicht auf eine ſo rauhe Art mißhandeln ſehen, zumal, da er dachte, daß jetzt ſeine Ehre mit auf dem Spiele ſtünde. Er verließ den Wagen, nahte ſich, ſeinen Bedienten zu retten, und griff deſſen Gegner mit dem Degen in der Fauſt an. Kaum hatten zwei von ihnen dieſe Verſtärkung gemerkt, als ſie die Flucht ergriffen; dem Dritten drehte Pips ſein Rohr aus der Hand und bearbeitete ihn damit ſo unbarmherzig, daß unſer Held es rathſam fand, ſich für ihn mit ſeinem ganzen Anſehen zu verwenden. Der Pöbel ſtand über Pickle's Kühnheit ganz beſtürzt da. Dieſer aber hatte kaum vernommen, daß der Herr, deſſen Bedienten er ge⸗ züchtigt hatte, ein General und ein Prinz von Geblüt ſey, ſo ging er zu deſſen Kutſche, bat ihn um Verzeihung, und erſuchte ihn, ſein Verfahren lediglich der Unwiſſenheit ſeines Standes zuzuſchreiben. Der alte Herr nahm dieſe Rechtfertigung ſehr hoöflich auf, dankte ihm, daß er ſich die Mühe genommen habe, die Sitten ſeiner Leute zu beſſern; und da er aus dem Anzug des jungen Mannes merkte, daß er ein Fremder von Stande ſeyn müſſe, ſo lud er ihn mit vieler Artigkeit ein, neben ihm Platz zu nehmen, in der Voraus⸗ ſetzung, daß ſie Beide nach der Oper wollten. Peregrine nahm dieſe günſtige Gelegenheit, mit einem Manne von ſolchem Range bekannt zu werden, mit Freuden an, befahl ſeinem Wagen, ihnen zu folgen, und begleitete den Prinzen in ſeine Loge, wo er ſich das ganze Stück über mit ihm unterhielt. Dieſer Herr merkte, daß es Peregrine weder an Witz noch an Verſtande fehlte, und ſchien viel Wohlbehagen an ſeinem einnehmen⸗ den Weſen und an der Ungezwungenheit in ſeinem Betragen zu finden, Eigenſchaften, wodurch die engliſche Nation in Frankreich ſich keineswegs auszeichnet, und die deßhalb an unſerem Helden um ſo mehr auffielen und ihn beliebt machten. Der alte Herr nahm ihn daher den Abend mit nach Hauſe und ſtellte ihn ſeiner Gemahlin und verſchiedenen Standesperſonen vor, die bei ihm ſpeisten. Ihr . leutſeliges Betragen und die Lebhaftigkeit in ihren Geſprächen bezauberte Peregrine völlig. Nachdem er mit beſonderen Zeichen ihrer Achtung beehrt worden war, nahm er Abſchied, mit dem Ent⸗ ſchluß, eine Bekanntſchaft von ſolchem Belang auf alle Art und Weiſe zu erhalten zu ſuchen. Seine Eitelkeit flößte ihm den Gedanken ein, daß es nun Zeit ſey, ſeine Talente gegen das ſchöne Geſchlecht zu nützen; er beſchloß, ſeine größte Kunſt und Geſchicklichkeit darauf zu verwenden. In dieſer Abſicht hielt er ſich fleißig zu den Geſellſchaften, in welche ihm ſein vornehmer Freund Eintritt verſchaffte, der keine Gelegen⸗ heit vorbeiließ, ſeinen Ehrgeiz zu befriedigen. Er hatte eine Zeit lang an allen deſſen Ergötzlichkeiten Theil, und ſpeiste in einigen der beſten Häuſer Frankreichs; allein die hochflie⸗ gende Hoffnung, mit welcher er anfangs ſeiner Einbildung geſchmeichelt hatte, ſank bald. Er gewahrte bald, daß es unmöglich ſeyn würde, die anſehnlichen Bekanntſchaften, die er gemacht hatte, zu erhalten, ohne täglich Quadrille zu ſpielen, oder mit andern Worten, ſein Geld zu verlieren. Denn jede Perſon von Rang, weiblichen ſowohl als männlichen Geſchlechts, war ein ausgelernter Spieler, und verſtand und brauchte alle Feinheiten dieſer Kunſt, in welcher er völlig Fremdling war. Außerdem fand er, daß er in der franzöſiſchen Galanterie völlig Neuling ſey. Sie will durch eine bewunderns⸗ würdige Geläufigkeit der Zunge, durch eine nachgiebige und unglaub⸗ liche Aufmerkſamkeit auf Kleinigkeiten, durch die erſtaunliche Fertig⸗ keit, aus bloßer Gefälligkeit zu lachen und durch eine Unterhaltung voller Nichts unterſtützt ſeyn; lauter Künſte, die Pickle nicht errei⸗ chen konnte. Kurz, unſer Held, der unter ſeinen Landsleuten für einen lebhaften, unterhaltenden, jungen Mann gegolten haben würde, ward in den glänzenden Aſſembleen in Frankreich als ein Jüngling von ſehr phlegmatiſchem Temperamente betrachtet. Kein Wunder demnach, daß ſein Stolz ſich gekränkt fand, da es ihm ſo ſchlecht gelang, ſich geltend zu machen. Er rechnete dieß 153 den Franzoſen als Mangel an Urtheilskraft und Geſchmack zu, und ward ſowohl des gewinnſüchtigen Betragens als der ſeichten Ein⸗ ſichten der Damen überdrüſſig. Nachdem er einige Monate mit fruchtloſen Aufwartungen und Bewerbungen hingebracht und eine hübſche runde Summe verklopft hatte, ließ er den Plan gänzlich fahren, und tröſtete ſich durch die Unterhaltung mit einer bloßen ſille de joye, deren Gunſt er ſich durch den monatlichen Preis von zwanzig Louid'ors erwarb. Damit er dieſe Ausgabe deſto leichter beſtreiten könnte, ſchaffte er ſeine Equipage und ſeinen franzöſiſchen Bedienten zu gleicher Zeit ab. um ſeine Leibesübungen vollends zu beenden, ging er auf eine bekannte Akademie; und auf dem Kaffeehaus und an ſeinem Speiſe⸗ tiſch, den er jetzt wieder annahm, machte er mit einigen wenigen verſtändigen Männern Bekanntſchaft, die zur Verbeſſerung ſeiner Kenntniſſe und ſeines Geſchmacks nicht wenig beitrugen. Denn, alle Vorurtheile bei Seite geſetzt, muß man geſtehen, daß Frankreich Männer von der feurigſten Ehrliebe, von den tiefſten Einſichten und von der beſten Erziehung im Ueberfluß hat. Durch den Umgang mit ſolchen Leuten erwarb er ſich klare Begriffe von ihrer Regierung und Reichsverfaſſung, und wiewohl er die vortreffliche Ordnung und die Anſtalten der Polizei zu bewundern nicht umhin konnte, ſo war doch das Reſultat aller ſeiner Nachforſchungen ein Glückwunſch an ſich ſelbſt, daß er auf die Gerechtſame der britiſchen Unterthanen Anſpruch machen dürfte. In der That zeigte ſich dieſes unſchätzbare Vorrecht der Geburt in ſo auffallenden Ereigniſſen, die ihm faſt täglich zu Augen oder Ohren kamen, daß nur das größte Vorurtheil deren Eriſtenz widerſtreiten kann. 154 Vierundvierzigſtes Kapitel. Peregrine bekommt eine deutliche Idee von dem franzöſiſchen Gouverne⸗ ment, hat Streit mit einem Musketär, und ſchlägr ſich in Folge deſſelben mit ihm. Unter den vielen Beiſpielen von Bedrückung und Gewaltthätig⸗ keit, die ſich hier anführen ließen, will ich hier nur einige wenige Fälle ausheben, die ſich während Peregrine's Aufenthalt in Paris daſelbſt ereigneten, und die zum Beweiſe dienen mögen, wie der Staat dort verwaltet wird, damit diejenigen, die nicht ſelbſt Gele⸗ genheit haben, Betrachtungen anzuſtellen, oder welche Gefahr laufen, durch falſche Vorſtellungen hintergangen zu werden, Vergleichungen zwiſchen ihrem Zuſtande und dem der Nachbarn anſtellen, und der Landesverfaſſung unter welcher ſie leben, Gerechtigkeit widerfahren laſſen können. Eine Dame vom vornehmen Stande war von einem im Dun⸗ keln lebenden Skribler durch ein Pasquill angegriffen worden. Man konnte dieſen Wicht nicht ausfindig machen; das Miniſterium befahl daher, nicht weniger denn fünfundzwanzig Abbe's feſt zu nehmen und nach der Baſtille zu bringen, der Marime des Herodes gemäß, der den Mord ſo vieler unſchuldigen Kinder in der Hoffnung gebot, daß der Hauptgegenſtand ſeiner Grauſamkeit dem allgemeinen Blut⸗ bade nicht entrinnen ſollte. Die Freunde jener unglücklichen Gefan⸗ genen wagten es nicht einmal, ſich über dieſe ungerechte Verfolgung zu beklagen, ſondern zuckten nur die Achſeln und beweinten dieſe Wiederwärtigkeit ſtillſchweigend, ohne zu wiſſen, ob ſie Letztere mit ihren Augen je wieder ſehen würden. Ungefähr um dieſelbe Zeit fand ein Herr von gutem Hauſe, der von einem gewiſſen mächtigen Herzog in ſeiner Nachbarſchaft un⸗ terdrückt ward, endlich Mittel, vor den König zu kommen. Dieſer 155 nahm ſein Geſuch ſehr gnädig auf, und fragte ihn, unter welchem Regimente er diene. Als Supplikant hierauf verſetzte, er habe nicht die Ehre, in Sr. Majeſtät Dienſten zu ſeyn, ſo gab ihm der König ſein Papier uneröffnet zurück, und weigerte ſich, den mindeſten umſtand ſeiner Klage anzuhören. Statt alſo im Geringſten gebeſſert zu ſeyn, hatte er es vielmehr weit ſchlimmer; die Hand ſeines tyranniſchen Unterdrückers lag jetzt noch weit härter auf ihm. Daß alle diejenigen, die von Hofgunſt und Hofverbindungen entfernt leben, auf das Geringſchätzigſte behandelt werden, iſt ſo ſtadt⸗ und landkundig, daß einer der Männer, mit denen Peregrine freundſchaftlichen Umgang pflog, ihm offenherzig geſtand, ob er gleich in einer Provinz des Reichs ein ſehr romantiſches Gut habe, und ein ungemeiner Freund des Landlebens ſey, ſo dürfe er dennoch auf dieſem Gute ſeinen Sitz nicht aufſchlagen, um nicht, wenn ſeine Aufwartungen bei den Großen, die ihn mit ihrem Schutz beehrten, ſparſamer würden, die Beute eines raubſüchtigen Intendanten zu werden. Was das gemeine Volk betrifft, ſo iſt daſſelbe an die Geißel und an den Uebermuth der Macht ſo gewöhnt, daß jeder ſchäbige Subalterne, jeder bettelhafte Cadet, jeder niedere Hofbediente ſie ungeſtraft beleidigen und ſchimpfen kann. Einem gewiſſen könig⸗ lichen Stallmeiſter oder Bereiter ſchnitt der Barbier während des Raſirens die Spitze einer Finne von ungefähr weg. Darüber ſprang jener auf, zog den Degen und brachte ihm eine heftige Wunde in der Schulter bei. Der arme Mann bemühte ſich, ſo tief auch der Stoß gegangen war, fortzukommen. Der barbariſche Mörder, mit der an ihm verübten Rache noch nicht zufrieden, verfolgte ihn, ſtieß ihm den Degen noch einmal in den Leib, und tödtete ihn auf der Stelle. Nach dieſer unmenſchlichen Heldenthat zog er ſich ganz kalt⸗ blütig an, und ging nach Verſailles. Hier erhielt er unmittelbar Verzeihung. Voller Triumph über ſeine unmenſchliche Handlung wuchs ſein Uebermuth dermaßen, daß er ſich das nächſte Mal, als 156 er ſich den Bart abnehmen ließ, mit bloßem Degen niederſetzte, um den Mord zu wiederhoken, wenn der Barbier ſich eben ſo verſähe. Gleichwohl ſind die armen Leute in ihrer Unterwürfigkeit ſo zahm, daß, als Peregrine dieſer Mordthat mit Aeußerungen des Entſetzens und des Abſcheues gegen ſeinen Barbier erwähnte, dieſes bethörte armſelige Geſchöpf zur Antwort gab, es wäre unſtreitig ein Unglück, doch es rührte von den feurigen Leidenſchaften jenes Herrn her, und als eine Art Lobſpruchs auf die Regierung hinzufügte: Solche Lebhaftigkeit würde in Frankreich nie beſtraft. Wenige Tage nach dieſer Frevelthat ſah unſer junger Held, der ein erklärter Feind aller Unterdrückung war, als er ſich in einer der erſten Logen des Theaters befand, eine Scene mit an, die ſeine Bruſt mit Unwillen erfüllte. Ein langer wildausſehender Burſch im Parterre griff ohne die mindeſte Anreizung, bloß aus Uebermuth und Aufgeblaſenheit, einem vor ihm ſtehenden ſehr feinen jungen Mann an den Hut und drehte ihm denſelben rund auf dem Kopfe herum. Der beleidigte Theil wendete ſich an den angreifenden, und fragte ihn ſehr höflich um die Urſache dieſer Behandlung; allein er bekam keine Antwort, und als er anderwärts hinſah, war die Be⸗ leidigung wiederholt. Nunmehr äußerte er ſeine Entrüſtung gegen ihn ſo, wie ein Mann von Herz zu thun pflegt, und verlangte von ſeinem Beleidiger, er ſolle mit ihm hinausgehen. Kaum hatte er ſeine Abſicht zu erkennen gegeben, ſo ſchwoll ſein Gegner von Grimm auf, drückte trotzig den Hut in die Augen, ſtemmte die Hände in die Seite, und ſagte in einem ſehr gebieteri⸗ ſchen Tone:„Hört, Monſieur Rundperücke, Ihr müßt wiſſen, daß ich ein Musketär bin!““ Kaum war dieſes furchtbare Wort über ſeine Lippen gegangen, als der arme Herausforderer erblaßte und mit der kriechendſten Unterthänigkeit um Verzeihung für ſeinen ver⸗ wegenen Schritt bat. Er erhielt ſie nur mit vieler Schwierigkeit * Einer von den Haustruppen des Königs. 157 und unter der Bedingung, daß er ſogleich ſeinen Platz verlaſſe. Nachdem jener auf dieſe Art ſeine Autorität ausgeübt hatte, wandte er ſich an einen ſeiner Kameraden, und erzählte ihm mit einem verächtlich⸗poſſierlichen Weſen, er habe beinahe mit einer Bürger⸗ canaille Händel bekommen, und um die Spötterei zu krönen, ſetzte er hinzu:„Ich glaube, mein Seel, es war ein Doktor!“ Dieſes ausgelaſſene Betragen machte auf unſern Helden ſolchen Eindruck, und er ward dadurch ſo aufgebracht, daß er ſeinen Un⸗ willen nicht bergen konnte und ihm gegen dieſen Bramarbas durch die Worte Luft machte:„Mein Herr, ein Arzt kann wohl ein Mann von Ehre ſeyn.“ Auf dieſe Erinnerung, die durch einen ſehr bedeutenden Blick begleitet wurde, gab der Musketär keine andere Antwort, als daß er dieſe Behauptung wie ein Echo wieder⸗ holt und darauf ein lautes Gelächter erhob, in welche ſeine Bundes⸗ genoſſen einſtimmten. Glühend vor Unwillen nannte ihn Peregrine einen Fanfaron und ging hinaus, in der Vorausſetzung, daß er ihm folgen würde. Der Andere verſtand den Wink, und es wäre gewiß ein Duell erfolgt, hätte nicht der wachthabende Offizier, der den Vorfall mit angehört hatte, ihrem Zweikampfe dadurch vorgebeugt, daß er den Musketär ſogleich verhaften ließ. Unſer junger Herr wartete an der Thüre des Parterres ſo lange, bis er von dieſem Hinderniß unterrichtet ward. Wegen dieſer fehlgeſchlagenen Erwartung ging er ärgerlich nach Hauſe, denn er kannte in dergleichen Fällen weder Furcht, noch Mißtrauen, und hatte es ſich nun einmal in den Kopf geſetzt, die Inſolenz des Eiſenfreſſers zu züchtigen, der ihn ſo unehrerbietig behandelt hatte. Dieſe Begebenheit war nicht ſo geheim vorgefallen, daß ſie nicht durch den Kanal einiger Engländer, die von ungefähr anweſend waren, Jolter'n hätte zu Ohren kommen ſollen. Der Hofmeiſter, der von den Musketärs den fürchterlichſten Begriff hatte, ward durch den Zwiſt, den ſein Untergebener gehabt, und von welchem er noch üble Folgen beſorgte, ſo beunruhigt, daß er dem engliſchen Geſandten 158 ſeine Aufwartung machte, und ihn erſuchte, Peregrine unter ſeinen unmittelbaren Schutz zu nehmen. Als Se. Excellenz von dem Streit ganz genau unterrichtet waren, ſchickten Sie einen ihrer Kammerdiener zu dem jungen Mann, und ließen ihn zu Mittag einladen. Nachdem der Miniſter ihn verſichert hatte, daß er ſich auf ſeinen Schutz und auf ſein Anſehen verlaſſen könne, ſellte er ihm das Raſche und Ungeſtüme ſeines Betragens ſo überzeugend vor, daß er verſprach, ſich künftig vorſichtiger zu betragen, und von dieſem Augenblicke an nicht weiter an den Musketär zu denken. Wenige Tage nach dem löblichen Entſchluß meldete ihm Pips, der ſeiner Maitreſſe ein Brieſchen gebracht hatte, er habe auf einem marmornen Tiſch in ihrem Zimmer einen Treſſenhut erblickt, und ſie ſey außerordentlich verſtört aus ihrer Kammer gekommen, um ihm den Brief abzunehmen. Nach dieſen Winken konnte unſer junger Herr die Untreue ſeiner Geliebten muthmaßen, oder vielmehr an derſelben nicht zweifeln; und da er ſich zu der Zeit von ihrem Beſitz faſt völlig geſättigt fand, ſo war es ihm gar nicht unlieb, daß ſie ihm ſelbſt Anlaß gab, ihrem Umgange zu entſagen. Um ſie auf ihrer Pflichtbrüchigkeit zu ertappen, und zugleich den Buhler zu beſtrafen, der die Verwegen⸗ heit hatte, in ſein Gehege zu brechen, entwarf er einen Plan, den er auf folgende Art ausführte. Während des nächſten Rendezvous mit ſeiner Duleinea war er weit entfernt, das geringſte Zeichen von Eiferſucht oder Mißvergnügen blicken zu laſſen; vielmehr ſtellte er ſich außerordentlich zärtlich. Nachdem er den Nachmittag, wie es ſchien, unter ungemeiner Zufriedenheit verbracht hatte, meldete er ihr, er habe ſich zu einer Luſtpartie nach Fontainebleau verſagt, und werde noch denſelben Abend abreiſen. Demnach müſſe er einige Tage auf das Vergnügen verzichten, ſie zu ſehen. Das Dämchen, das in den Künſten ihres Gewerbes wohl be⸗ wandert war, ſchien dieſe Nachricht mit großer Betrübniß aufzuneh⸗ men, und beſchwor ihn mit einem Schwall von zärtlichen Redens⸗ 159 arten, doch ſo bald wie möglich an ihren ſehnſuchtsvollen Buſen zurückzukehren; ſo daß Peregrine, von ihrer Aufrichtigkeit faſt völlig überzeugt, ſich bei ihr beurlaubte. Inzwiſchen wollte er doch ſeinen Plan nicht aufgeben, und reiste alſo wirklich mit zwei oder drei Bekannten von Paris ab, die zu einem Abſtecher nach Verſailles eine Miethkutſche genommen hatten. Er begleitete ſie bis zum Dorfe Paſſe, und kehrte in der Dämmerung zu Fuße wieder zurück. Mit Ungeduld erwartete er die Mitternacht. Er bewaffnete ſich ſodann mit ein paar Sackpiſtolen und ging in Begleitung ſeines treuen Toms, der einen Knittel führte, nach der Wohnung ſeiner beargwohnten Schönen. Er gab dem Pips in aller Kürze Verhal⸗ tungsbefehle, und klopfte darauf fanft an die Thüre. Kaum hatte der Bediente ſie geöffnet, als jener die Beſtürzung des Burſchen über ſeine unerwartete Erſcheinung nützte und hineindrang. Den Pips ſtellte er als Schildwache vor die Thüre, und dem zitternden Bedienten befahl er, ihm die Treppe zu ſeiner Herrſchaft Zimmer hinauf zu leuchten. Das Erſte, was er beim Eintritt in das Vor⸗ zimmer bemerkte, war ein Degen, der auf dem Tiſche lag. Dieſen ergriff er ſogleich, und rief nun mit lauter drohender Stimme, ſeine Geliebte ſey ein falſches Geſchöpf, und habe jetzt einen andern Liebhaber im Bette, dem er dann das Lebenslicht ausblaſen würde. Dieſe Erklärung, welche er durch manche ſchrecklichen Flüche und Schwüre bekräftigte, hatte er ſo eingerichtet, daß ſie ſeinem Nebenbuhler in die Ohren fallen mußte. Kaum hatte dieſer ſein blutdürſtiges Vorhaben vernommen, als er, an allen Gliedern zitternd und bebend, von ſeinem Lager auffuhr, und, ſo nackt wie er war, auf die Gaſſe hinabſprang. Peregrine donnerte indeß an der Thüre, um hineingelaſſen zu werden, und weil er die Abſicht des Galans merkte, ſo ließ er ihm Zeit zu ſeiner übereilten Retirade. Pips, der an der Thüre, wie ſchon geſagt, Schildwache ſtand, empfing den ſich herabſtürzenden Flüchtling mit ſeinem Knittel, prügelte ihn von einem Ende der Straße bis zum andern, und übergab ihn endlich 160 den Schaarwächtern, die ihn in einem ſehr kläglichen und ſchmäh⸗ lichen Zuſtande vor den wachthabenden Offizier führten. Mittlerweile hatte Peregrine die Kammerthüre aufgeſprengt. Er fand das Dämchen in der größten Furcht und Beſtürzung, und die Spolien ihres Lieblings in dem Zimmer umher verzettelt. Jetzt erfuhr er auf ſeine Nachfrage, daß die Perſon, welche er auf eine ſo unangenehme Art geſtört hatte, Niemand anders geweſen ſey, als eben der Musketär, mit dem er im Theater Händel gehabt hatte; und ſo fühlte er ſich doppelt gerächt. Er warf der Nymphe ihre Treuloſigkeit und Undankbarkeit vor, und erklärte ihr, daß ſie fort⸗ hin von ihm weder mehr Achtung, noch monatlichen Gehalt zu er⸗ warten habe. Und ſo ging er voller Freude über den Ausgang dieſer Geſchichte nach Hauſe. Den Kriegsmann hatte ſowohl der widerfahrene Schimpf, als die gewaltthätige und entehrende Behandlung des engliſchen Bedien⸗ ten, den er dazu angeſtellt glaubte, äußerſt erbittert. Kaum hatte er ſich aus ſeiner ſchmachvollen Lage herausgewickelt, als er, nichts als Rache gegen den Urheber dieſes Schimpfs athmend, zu Peregrine auf's Zimmer kam, und von ihm am nächſten Morgen vor Sonnen⸗ aufgang auf dem Walle Genugthuung verlangte. Unſer Held er⸗ klärte ihm, daß er nicht ermangeln würde, ihm zur feſtgeſetzten Zeit und an dem beſtimmten Orte zu Dienſt zu ſtehen. Da er aber im Voraus merkte, daß die unzeitig dienſtfertige Fürſorge ſeines Hof⸗ meiſters, der den Musketär hatte kommen ſehen, ihn verhindern würde, Wort zu halten, ſo machte er dieſem weiß, daß der Franz⸗ mann aufBefehl ſeiner Obern zu ihm gekommen ſey, um ſein un⸗ artiges Betragen gegen ihn im Schauſpielhauſe zu entſchuldigen; und ſie wären als recht gute Freunde aus einander gegangen. Dieſe Verſicherung und Peregrine's ruhiges und unbefangenes Benehmen den ganzen Tag hindurch zerſtreuten die Schreckbilder, die ſich Jolters Einbildungskraft zu bemeiſtern begonnen hatten. Dieß verſchaffte dem jungen Manne Gelegenheit, zu entwiſchen und zu 161 einem guten Freunde zu gehen, den er zum Sekundanten nahm. Um den Nachſuchungen zu entgehen, die der Hofmeiſter zuverläßig anſtellte, ſobald er ihn vermißte, begaben ſie ſich Beide unverzüglich nach dem Wahlplatz. Dieſe Vorſicht war nöthig; denn da er nicht bei dem Abend⸗ eſſen erſchien, und Pips, der ihn bei ſeinen Excurſionen gewöhnlich begleitete, von ſeinem Aufenthalt keine Nachricht geben konnte, ſo ward Jolter durch dieſes Außenbleiben höchlich beängſtigt. Er be⸗ fahl ſeinem Bedienten, Peregrine an allen Orten aufzuſuchen, die er zu frequentiren pflegte. Er ſeinerſeits ging in der Zeit zum Com⸗ miſſär, und entdeckte dieſem ſeinen Verdacht. Man gab ihm einen Theil der reitenden Stadtwache mit, die durch alle umliegende Ge⸗ genden der Stadt patrouillirte, um dieſer Schlägerei vorzubeugen. Pips hätte ſie zwar zu dem Frauenzimmer weiſen können, von der ſie Namen und Logis des Musketärs zu erfahren vermochten, und hätte man dieſen feſt genommen, ſo würde der Zweikampf nicht Statt gefunden haben. Allein Tom wagte es nicht, ſeinem Herrn mißfällig zu werden, wenn er ſich in dieſe Sache miſchte. Ueberdieß war es ihm ſehr lieb, wenn der Franzos gedemüthigt würde; denn er zweifelte gar nicht, daß Peregrine es mit einem paar Franzoſen zugleich aufnehmen könnte. In dieſer Zuverſicht ſuchte er ſeinen Herrn ſorgfältigſt auf, nicht in der Abſicht, ihn von ſeinem Vorha⸗ ben abwendig zu machen, ſondern um ihn in den Kampf zu beglei⸗ ten, ihm beizuſtehen, und zu ſehen, daß Alles nach Recht und Bil⸗ ligkeit zuginge. Während dieſe Nachſuchungen gehalten wurden, hatten unſer Held und ſein Gefährte ſich unter dem Geſtrüpp verborgen, das am Rande der Bruſtwehr ſtand. Es war nur wenig Schritte von dem Orte, wo er den Musketär zu treffen verabredet hatte. Kaum hellte der Morgen die Gegenſtände ringsum auf, ſo wurden ſie ihre Geg⸗ ner gewahr, die ſich kühnlich nahten. Peregrine ſprang bei dieſem Anblick ſogleich vorwärts, um die Ehre zu haben, ſeinem Feinde zu⸗ Smollet's Romane. IN. 11 vorgekommen zu ſeyn. In einem Augenblick waren die Degen blos und alle Viere im Gefecht. Beinahe hätte Pickle'n ſeine Hitze das Leben gekoſtet. Denn ohne zu ſehen, was vor ihm lag, flog er gerade auf ſeinen Gegen⸗ part los, ſtrauchelte über einen Stein, und ward an der einen Seite des Kopfes verwundet, ehe er die gehörige Stellung wieder einnehmen konnte. Weit entfernt, durch dieſen unangenehmen Vor⸗ fall den Muth zu verlieren, ward derſelbe dadurch noch mehr ange⸗ feuert. Da Peregrine ungemeine Gewandtheit beſaß, ſo war er augenblicklich wieder in ſeiner Poſition, wehrte den zweiten Stoß ab, und ſtieß mit ſo unglaublicher Geſchwindigkeit nach, daß der Kriegsmann nicht Zeit hatte, ſich zur Wehr zu ſetzen. Jener rannte ihm unverzüglich durch die Beuge des rechten Arms. Der Degen entſank ihm, und der Sieg unſeres Helden war ein vollſtändiger zu nennen. Nachdem er ſeine Sache abgemacht und von ſeinem Gegner mit dem Blick nnendlicher Kränkung das Geſtändniß erhalten hatte, daß ſich das Glück heute für ihn erkläre, ſo eilte er, die Sekundan⸗ ten aus einander zu bringen, gerade als ſeinem Gefährten der Degen aus der Hand gedreht worden war. Er nahm darauf deſſen Stelle ein, und aller Wahrſcheinlichkeit nach würde ein hartnäckiges Gefecht erfolgt ſeyn, wenn die Wachen ſie nicht geſtört hätten. Bei dem Anblick derſelben liefen die beiden Franzoſen davon. Unſer junger Herr und ſein Freund ließen ſich durch das zu dieſem Zweck beorderte Detaſchement gefangen nehmen. Sie wurden vor die Obrigkeit geführt. Dieſe gab ihnen einen ſcharfen Verweis, daß ſie ſich erdreiſtet hätten, den Geſetzen Hohn zu bieten, und ſetzte ſie darauf wieder in Freiheit, in Betracht, daß ſie Fremde waren, warnte ſie aber zugleich, ſich künftig vor ähnlichen Erceſſen in Acht zu nehmen. Als Peregrine nach Hauſe kam, und Pips von ſeines Herrn Halstuch und Solitaire Blut herunter tröpfeln ſah, gab er ſichtbare 163 Zeichen der Beſtürzung und Theilnahme von ſich. Nicht etwa wegen der Folgen der Wunde, denn dieſe hielt er für unbedeutend, ſondern weil ihm bange war, die Ehre von Alt-England möchte bei dieſem Handel gelitten haben. Er konnte ſich deßhalb, als er dem jungen Mann in ſein Zimmer folgte, nicht erwehren, mit einer kummervollen Miene zu ſagen:„Ich denke doch, Sie werden dem grooten Lulei von Franziſer wieder düchtig zugedrunken ha'n.“ Fünfundvierzigſtes Kapitel. Jolter droht Peregrine, ihn wegen ſeiner ſchlechten Aufführung zu ver⸗ laſſen. Dieſer verſpricht, ſich zu beſſern. Durch ſeine ungeſtümen Leiden⸗ ſchaften wird dieſer Entſchluß bald wieder zu Waſſer. Pickle trifft von ungefähr mit Miſtriß Hornbeck zuſammen. So lieb es auch Jolter war, ſeinen Pflegbefohlenen geſund und wohlbehalten zu ſehen, ſo konnte er ihm doch den Schrecken und die Angſt nicht verzeihen, welche er ſeinetwegen ausgeſtanden hatte. Er ſagte ihm daher rund heraus, daß ungeachtet der Werthſchätzung, die er für ihn hegte, er doch augenblicklich nach England zurückreiſen würde, wofern er vernähme, daß er ſich wieder in Abenteuer dieſer Art eingelaſſen habe. Denn man könne von ihm nicht verlangen, daß er ſeine Ruhe der unvergoltenen Achtung gegen einen Menſchen aufopfern ſolle, der es ſich vorgenommen zu haben ſchiene, ihn in beſtändiger Unruhe und Furcht zu erhalten. Auf dieſe Erklärung entgegnete Pickle, daß Jolter doch nun⸗ mehr von ſeiner Aufmerkſamkeit, ihn in ſeiner Ruhe und Zufrieden⸗ heit nicht zu ſtören, überzeugt ſeyn müßte, indem er ihn, wie er wohl wüßte, mehr als Freund denn als Rathgeber und Hofmeiſter ſeither betrachtet habe; und er hätte ſeine Geſellſchaft nach Frank⸗ 164 reich in der Abſicht verlangt, Jolter's Beſtes zu befördern, nicht um Nutzen aus ſeinem Unterricht zu ſchöpfen. Bei ſolchem Stande der Sachen aber müßte es dem Zögling freiſtehen, nach ſeinem Belieben zu verfahren, zu gehen oder zu bleiben, wie er Luſt dazu hätte, ob er gleich nicht umhin könne, ſich für die lebhaft geäußerte Theilnahme an ſeinem Wohl für verpflichtet zu erkennen, und ſich bemühen würde, ihm künftig keinen Anlaß zu Bekümmerniß oder Aerger zu geben. Kein Menſch hätte über Peregrine's lockern Lebenswandel beſſer moraliſiren können, als er ſelbſt. Seine Betrachtungen hierüber waren außerordentlich richtig und ſcharfſinnig, und hatten weiter keinen Fehler, als daß ſie zu ſpät kamen. Er machte unzählige heilſame Entwürfe, wie er ſich betragen wolle; allein es ging ihm wie allen Projektmachern; er hatte bei dem Miniſterium ſeiner Lei⸗ denſchaften nicht Einfluß genug, einen einzigen zu Stande zu brin⸗ gen. Im frohen Taumel ſeiner Liebſchaften hatte er von ſeinem Freund Gauntlet einen Brief mit einer liebevollen Nachſchrift von ſeiner reizenden Emilie erhalten. Doch war derſelbe ſehr zur Unzeit gekommen. Seine Einbildungskraft war eben mit Eroberungen angefüllt, die ſeinem Ehrgeiz weit angenehmer ſchmeichelten. Von dieſem Tage an hatte er weder Muße noch Luſt, den Briefwechſel fortzuſetzen, um den er ſelbſt ſo dringend angelegen hatte. Seine Eitelkeit ver⸗ warf jetzt eine Verbindung, die er in den Tagen der rohen und er⸗ fahrungsloſen Jugend geſchloſſen hatte. Sie flößte ihm den Gedan⸗ ken ein, daß er dazu geboren ſey, eine ſo glänzende Rolle zu ſpielen, daß er über ſo mittelmäßige Verbindungen weit hinausblicken und ſein Auge auf höhere Gegenſtände heften müſſe. Dieſe Eingebun⸗ gen eines lächerlichen Stolzes hatten das Andenken ſeiner liebens⸗ würdigen Beherrſcherin beinahe in ihm verlöſcht, oder wenigſtens ſeine Rechtſchaffenheit und Tugend ſo ſehr verdorben, daß er in der That anfing, ſich Hoffnungen zu machen, die ſowohl ſeines Charak⸗ ters als ihrer Verdienſte unwürdig waren. 165 Mittlerweile ſtellte er, da es ihm an einem Spielwerk gebrach, ſeine müßigen Stunden froh hinzubringen, verſchiedene Kundſchafter auf, und machte faſt jeden Tag ſelbſt die Runde auf allen öffent⸗ lichen Plätzen, um Nachricht von Hornbeck zu erlangen, mit deſſen Frau noch eine Zuſammenkunft zu haben ſein feurigſtes Beſtreben war. In dieſer Erwartung hatte er ſich volle vierzehn Tage Mühe gegeben, als er, da er ſich von ungefähr mit einem kürzlich aus England angekommenen Herrn im Invalidenhoſpitale befand, beim Eintritt in die Kirche ſogleich jene Dame in Begleitung ihres Mannes erblickte. Dieſer entfärbte ſich bei dem Anblick unſeres Hel⸗ den, und wandte ſein Geſicht weg, um ihm allen Muth zu beneh⸗ men, ſich mit ihm in ein Geſpräch einzulaſſen. Allein ſo leicht ließ ſich unſer junger Herr nicht abſchrecken. Er ging mit großer Zu⸗ verſicht auf ſeinen ehemaligen Reiſegefährten los, nahm ihn bei der Hand, bezeigte ihm ſein Vergnügen, ihn ſo unvermuthet anzutreffen, und machte ihm einen ſanften Vorwurf, daß er ſo ſchnell aus Chan⸗ tilly aufgebrochen ſey. Ehe Hornbeck ihm antworten konnte, wandte er ſich an deſſen Frau, becomplimentirte ſie auf dieſelbe Art, und verſicherte ſie mit einigen bedeutungsvollen Blicken, daß es ihn außerordentlich kränke, daß ſie es ihm unmöglich gemacht habe, ihr gleich bei ſeiner Ankunft in Paris ſeine Aufmerkſamkeit zu bezeigen. Darauf wandte er ſich wieder an ihren Gemahl, der es für gut fand, ihm bei dieſer Unterredung dicht zur Seite zu bleiben, bat ihn, ihn wiſſen zu laſſen, wenn er die Ehre haben könne, ihm aufzuwarten, und meldete ihm zugleich, daß er in der Akademie de Palfrenier wohne. Hornbeck dankte Pickle für ſeine Höflichkeit mit ſehr kaltem und unhöflichem Weſen, ohne ſich im Geringſten wegen ſeines Entlaufens unterwegs zu entſchuldigen. Er ſagte, daß er geſonnen ſey, in ein oder zwei Tagen ſein gegenwärtiges Logis zu ändern, daher könne er nicht das Vergnügen haben, ihn bei ſich zu ſehen. Sobald ſie aber nur wieder eingerichtet wären, wolle er ihn von der Akademie abholen und ihn in ſeine neue Wohnung führen. 166 Pickle, der die eiſerſüchtigen Geſinnungen dieſes Mannes ſehr gut kannte, baute auf dieſes Verſprechen nicht ſehr; deßhalb gab er ſich zu verſchiedenen Malen die erſinnlichſte Mühe, eine kleine ge⸗ heime Unterredung mit ſeiner Frau zu haben. Allein die unermüd⸗ liche Wachſamkeit ihres Hüters machte alle ſeine Verſuche zu Schan⸗ den; und er erntete von dieſer ungefähren Zuſammenkunft kein an⸗ deres Vergnügen, als einen freundlichen Händedruck ein, als er ſie in den Wagen hob. Da er aber von verſchiedenen Proben ihres erſinderiſchen Kopfes Zeuge geweſen war, und die günſtige Stim⸗ mung ihres Herzens für ihn wußte, ſo hegte er einige ſchwache Hoff⸗ nung, daß ihr Verſtand ihm zu Hülfe kommen würde. Er ward in ſeiner Erwartung nicht betrogen. Am folgenden Vormittag kam ein Savoyarde in die Akademie, und ſteckte ihm folgendes Billet in die Hand: Mein liber Här, Da ich daß Verjniechen jehat, ſi in das Hoſchpitthal der Ihn⸗ faliden ahnzutrefen, neme mer di Freihed, Si zu melden, das Ich in daß hotteil de May cong dangle ri Doghouseten loſchiren duh, mit ſwei Feiler an die düre, wofon keiner gans iſht, wo ich ans Pfenſter ſeihn wärde, wen ſi ſo juth ſeien wohlen, um ſer Ur Abens forbeihzukohmen, wo Här Hohrnbäch uf en Kaf hay de Conte jehn duht. ich biete um Jeſuh Wunden wihlen, diz vor meinem Mann gehehm zu halden. ſunſten würd ehr mier enne Hälle uf Ehrden zubereeden. Mer nich for diſmahl. die ich bin, wärder Hehr, Ihre jehorſchamſte Dihnerin Thebohra Hohrnbäck. Dieſe zierliche Epiſtel, die an Musjeh, Musjeh Pikhel à la kadammi de Paul Frenie gerichtet war, verſetzte unſern jungen Herrn in Entzücken. Er ermangelte nicht, ſich zur anberaumten Stunde an dem bezeichneten Orte einzufinden. Die Dame lag, ihrer Ab⸗ rede getren, am Fenſter, winkte ihm, die Treppe hinauf zu kommen, und er hatte das Glück, unbemerkt in ihr Zimmer zu gelangen. 167 Nachdem ſich die erſten Aufwallungen der gegenſeitigen Freude gelegt hatten, erzählte ſie ihm, ihr Mann ſey ſeit dem Abenteuer zu Chantilly, das er noch nicht verdaut habe, ein rechter Brummbär geweſen, habe ihr alle Gemeinſchaft mit Sir Pickle auf's Strengſte verboten, und ſogar gedroht, ſie auf Zeitlebens in's Kloſter zu ſperren, wofern er nur die mindeſte Neigung an ihr entdeckte, dieſe Bekanntſchaft zu erneuern. Seit ihrer Ankunft in Paris habe ſie Zimmerarreſt gehabt, weder die Stadt noch irgend eine Geſellſchaft ſehen dürfen, ausgenommen ihre Wirthin, deren Sprache ſie nicht verſtehe, ſo daß ſie ſich ganz melancholiſch fühle. Dieß hätte ihn denn endlich bewogen, ſie vor wenig Tagen etwas friſche Luft ſchöpfen zu laſſen, und er habe mit ihr die Gärten von Lurembourg, die Tuile⸗ rien und den königlichen Palaſt beſucht, doch bloß zu ſolchen Zeiten, wenn keine Spaziergänger da wären. Bei einer dieſer Luftfahrten ſey ſie denn ſo glücklich geweſen, ihn anzutreffen. Schließlich gab ſie ihm zu verſtehen, daß ſie, ehe ſie länger mit einem Manne, den ſie nicht lieben könnte, ſo eingekerkert lebte, ihm lieber unverzüglich entwiſchen, und ſich unter den Schutz ihres Verehrers begeben wolle. Wie voreilig und unbedachtſam dieſe Erklärung auch ſeyn mochte, ſo war doch unſer junger Herr zu galant, um die Neigung der Dame unbefriedigt zu laſſen, und von ſeiner Leidenſchaft allzuſehr geblendet, um die Folgen eines ſo gefährlichen Schritts voraus zu ſehen. Ohne weiteres Bedenken ging er alſo auf den Vorſchlag der Dame ein, nahm ſie an dem Arm, und rief vor der Thüre einen Fiaker herbei, der ſie nach einer Weinſchenke führen mußte. Da er aber wußte, daß es nicht in ſeiner Macht ſtand, ſie den Nach⸗ forſchungen des Polizeilieutenants zu entziehen, wenn ſie in den Mauern von Paris bliebe, ſo miethete er ein Reiſefuhrwerk, und brachte ſie noch denſelben Abend nach Villejuif, vier Meilen von der Stadt, wo er mit ihr die ganze Nacht zubrachte. Den folgen⸗ den Morgen verdung er ſie auf einen recht anſtändigen Fuß in 168 Koſt, traf wegen ſeiner künftigen Beſuche die gehörigen Vorkehrun⸗ gen, und eilte darauf nach ſeiner Wohnung zurück. Während er ſo ſeines glücklichen Erfolgs genoß, war der Mann allen Qualen eines Verdammten preisgegeben. Denn als er vom Caffeehaus zurück kam, und hörte, daß ſein Weib entlaufen ſei, ohne daß es Jemand im Hauſe bemerkt habe, ſo begann er vor Wuth und Eiferſucht zu raſen und zu ſchäumen. In der Verſtörtheit ſeines Geiſtes und in ſeinem Schmerz beſchuldigte er die Hauswirthin, zur Flucht ſeiner Frau behülflich geweſen zu ſeyn, und drohte, ſie bei dem Commiſſär zu verklagen. Die Wirthin konnte nicht begreifen, wie Miſtriß Hornbeck, die, wie ſie wußte, in der franzöſiſchen Sprache gänzlich unwiſſend und ohne allen Umgang geweſen war, der Vorſicht ihres Mannes hätte ein Näschen drehen und an einem Orte Zuflucht finden können, wo ſie gar keine Bekanntſchaft hatte. Sie gerieth daher auf den Arg⸗ wohn, das Raſen und Toben ihres Miethsmannes ſey ein bloßes Gaukelſpiel, wodurch er bemänteln wolle, was er mit ſeiner Gattin begonnen habe, und ſie ſey vielleicht als ein Opfer ſeiner eiferſüch⸗ tigen Launen gefallen. Deßhalb erſparte ſie ihm die Mühe, ſeine Drohungen in Ausübung zu bringen, und eilte ohne fernere Ueber⸗ legung zu einem Commiſſär. Sie meldete ihm Alles, was ſie von dieſer geheimnißvollen Sache wußte, und ließ einige ferne Winke auf Hornbeck's Charakter fallen, den ſie als einen höchſt mürriſchen und eigenſinnigen Mann ſchilderte. Während ſie auf dieſe Art dem Vorſatz des Klageführenden zuvorkam, ward ſie mitten in ihrer Anzeige durch den Gegenpart ſelbſt unterbrochen. Dieſer trug ſeine Beſchwerden mit ſo deutlichen Merkmalen der Verwirrung, des Aergers und der Ungeduld vor, daß der Commiſſär leicht einſehen konnte, daß er an der Verſchwin⸗ dung ſeiner Frau keinen Antheil habe. Deßhalb verwies er ihn an den Polizeilieutenant, unter deſſen Gerichtsbarkeit alle dergleichen Vorfälle gehörten. Nachdem dieſer Hornbeck's Unglück ganz um⸗ 169 ſtändlich von ihm vernommen hatte, fragte er ihn, ob er irgend Jemanden insbeſondere als den Verführer ſeiner Frau im Verdacht habe. Jener gab Peregrine als den Gegenſtand ſeines Verdachts an, und der Polizeilieutenant bewilligte ihm einen Gewaltzettel und ein Detaſchement Soldaten, den Flüchtling aufzuſuchen und zurückzubringen. Der Ehemann führte ſie unmittelbar nach der Akademie, wo unſer Held wohnte, und durchſtöberte zu Jolter's Erſtaunen das ganze Haus, ohne weder ſeine Frau noch deren vermeintlichen Räu⸗ ber zu finden. Von hier ging er mit ſeinen Leuten in alle öffent⸗ lichen Häuſer der Vorſtadt und durchſuchte ſie, doch ohne allen Er⸗ folg. In voller Verzweiflung kehrte er zur Magiſtratsperſon zurück, und erhielt von ihr das Verſprechen: er wolle ſo eifrige Nachfor⸗ ſchungen anſtellen, daß er in drei Tagen von ihr Nachricht haben ſollte, wofern ſie ſich noch am Leben oder in den Mauern von Paris befände. Unſer verliebter Abenteurer, der alle dieſe Unruhe vorausge⸗ ſehen hatte, wunderte ſich gar nicht, als ihm ſein Hofmeiſter erzählte, was vorgegangen war. Dieſer beſchwor ihn ſodann, die Frau ihrem rechtmäßigen Beſitzer wieder zu geben, ſtellte ihm auf's Beweglichſte die abſcheuliche Sünde des Ehebruchs vor, ſchilderte ihm die Geiſtes⸗ zerrüttung des unglücklichen Mannes, und die Gefahr, ſich den Zorn einer deſpotiſchen Regierung auf den Hals zu laden, die ſich auf ge⸗ thanes Geſuch der Sache des Beleidigten ganz unfehlbar annehmen würde. Peregrine leugnete mit der dreiſteſten Stirn, daß er mit der Sache ſich im mindeſten befaßt habe, betheuerte, Hornbeck's Betra⸗ gen zu ahnden, drohte, ihn für dieſen höchſt beleidigenden Verdacht zu züchtigen, und äußerte ſein Mißvergnügen über Jolter's Leicht⸗ gläubigkeit, der an der Wahrheit ſeiner feierlichen Behauptungen zu zweifeln ſchien. Ungeachtet dieſes zuverſichtlichen Betragens konnte Jolter nicht 170 umhin, gegen ſeine Aufrichtigkeit Zweifel zu hegen. Er ging deß⸗ halb zu dem troſtloſen Schäfer und bat ihn, ſowohl um der Ehre ſeines Vaterlandes, als um ſeines eigenen guten Namens willen, ſich nicht weiter an den Polizeilieutenant zu wenden, ſondern an den engliſchen Geſandten zu gehen. Dieſer würde Peregrine durch die Gewalt freundſchaftlicher Ermahnungen gewiß dahin vermögen, ihm alle die Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, die in ſeiner Macht ſtände, wofern er wirklich der Urheber der erlittenen Beſchimpfung ſey. Der Hofmeiſter drang ihm dieſen Rath mit vielem anſcheinen⸗ den Mitleid und Theilnahme auf, und verſprach ihm hierbei ſeine kräftigſte Mitwirkung, ſo daß Hornbeck den Vorſchlag annahm. Er entdeckte ſeinen Entſchluß der Magiſtratsperſon, die ihn als das an⸗ ſtändigſte und annehmlichſte Mittel pries, deſſen er ſich bedienen könnte. Hornbeck machte Sr. Ercellenz die Aufwartung. Der Ge⸗ ſandte nahm ſich ſeiner Sache auf's Bereitwilligſte an, und ſchickte noch denſelben Abend nach dem jungen Herrn. Dieſem gab er ins⸗ geheim eine ſolche Lektion, daß er ihm das Geſtändniß der ganzen Geſchichte abpreßte. Nicht etwa, daß er ihm mit ſtörriſchen und gebieteriſchen Marimen, oder mit ernſtlichen Verweiſen zuſetzte. Er hatte zu viel Einſicht, um nicht wahrzunehmen, daß Peregrine's Stimmung ihn gegen dergleichen Angriffe eiſenfeſt machte. Daher ſchlug er einen andern Weg ein. Er ſpöttelte zuerſt über ſeinen intriguanten Kopf, beſchrieb ihm ſodann auf eine humoriſtiſche Art die Geiſteszerrüttung des armen Hahnreis, von dem er eingeſtand, daß er für ſein albernes Betragen mit Recht beſtraft worden ſey. Endlich äußerte er die Vermuthung, es würde wohl Peregrine nicht ſehr ſauer werden, eine ſolche Eroberung fahren zu laſſen, zumal da er bereits eine Zeit lang in deren Beſitz geweſen ſey. Darauf ſtellte er ihm vor, daß ihre Zurückgabe ſehr nothwendig und rathſam ſey, nicht allein in Betracht ſeines Charakters und um der Ehre der Nation willen, ſondern auch ſeiner eigenen Ruhe wegen, welche in Kurzem durch eine ſolche Laſt, die ihn in tauſenderlei Schwierigkeiten 171 und Verdrüßlichkeiten verwickeln würde, außerordentlich geſtört werden müßte. Außerdem verſicherte er ihn, er ſey bereits auf Be⸗ fehl des Pvolizeilieutenants ringsum mit Kundſchaftern umgeben, die alle ſeine Bewegungen beobachteten, und den Schlupfwinkel un⸗ mittelbar entdecken würden, wohin er ſeinen Raub gebracht habe. Dieſe Gründe, und der offene, vertraute Ton, in welchem ſie vorgetragen wurden, zumal die letzte Vorſtellung, bewogen den jun⸗ gen Mann, ſein ganzes Verfahren dem Geſandten zu entdecken, und ihm zu verſprechen, ſich durch ihn völlig leiten zu laſſen, wofern nur die Frau wegen des gethanen Schritts keine Verdrüßlichkeiten hätte, und von dem Manne mit gebührender Achtung und Ehrer⸗ bietung aufgenommen würde. Nachdem dieſe Artikel feſtgeſetzt waren, verſprach er, ſie in acht und vierzig Stunden herbeizuſchaffen. Er nahm ſogleich einen Wa⸗ gen, und fuhr nach dem Orte ihres Aufenthalts. Er brachte einen ganzen Tag und eine ganze Nacht zu, um ſie von der Unmöglichkeit zu überzeugen, auf dieſem Fuß länger mit einander leben zu können. Sodann kehrte er nach Paris mit ihr zurück, und überlieferte ſie dem Geſandten, der ihr verſicherte, daß ſie auf ſeine Freundſchaft und ſeinen Beiſtand rechnen könne, wenn ihr Hornbeck etwa wieder mit ſeinen eiferſüchtigen Launen läſtig fallen ſollte. Hierauf ſtellte er ſie ihrem rechtmäßigen Eigner wieder zu, dem er den guten Rath gab, ſie alles Zwanges zu entledigen, der höchſt wahrſcheinlich an ihrem Entlaufen Schuld geweſen ſey, und ſich zu bemühen, ihre Zuneigung durch ein zärtliches und ehrerbietiges Betragen zu ge⸗ winnen. Der Mann bezeigte ſich ſehr demüthig und geſchmeidig, und betheuerte, daß es hinfort ſein Hauptgeſchäft ſeyn würde, Luſtbar⸗ feiten für ſie zu erdenken. Kaum aber hatte er ſein verirrtes Schäflein wieder in ſeinen vier Pfählen, als er es enger denn je einſperrte. Er entwarf verſchiedene Projekte, wie er ſie beſſern wolle; endlich beſchloß er, ſie als Koſtgängerin in ein Kloſter zu geben. 172 Eine kluge Aebtiſſin ſollte die Aufſicht über ſie führen, und auf ihre Sitten Acht geben, um ſie auf den Pfad der Tugend wieder zurückzubringen, den ſie verlaſſen hatte. Zu dem Ende wandte er ſich an einen ſeiner Bekannten, einen engliſchen Prieſter. Dieſer ertheilte ihm den Rath, ſie in ein Klo⸗ ſter zu Lille zu bringen, damit ſie ſo weit als möglich von allen Machinationen ihres Liebhabers entfernt wäre; zu gleicher Zeit gab er ihm ein Empfehlungsſchreiben an die Superiorin eines dortigen Kloſters mit. In wenigen Tagen machte Hornbeck ſich hiermit nebſt ſeiner läſtigen Bürde auf den Weg. Sechsundvierzigſtes Kapitel. Peregrine entſchließt ſich, nach England zurückzukehren. Im Palais rohal macht er mit zwei Landsleuten Bekanntſchaft. Ihr ſonderbarer Charakter beluſtigt ihn im hoͤchſten Grade. Mittlerweile empfing Peregrine einen Brief von ſeiner Baſe, worin ſie ihm meldete, daß der Commodore ſehr hinfällig werde, und großes Verlangen trage, ihn in der Garniſon zu ſehen. Auch erhielt er zu gleicher Zeit ein Schreiben von ſeiner Schweſter, die ihm zu verſtehen gab, daß der junge Herr, der ſich bisher um ſie beworben hätte, mit ſeinem Anliegen ſehr dringend werde, ſo daß ſie nicht wiſſe, wie ſie ſein wiederholtes Anſuchen beantworten ſolle. Dieſe beiden Rückſichten bewogen unſern jungen Herrn zu dem Entſchluß, in ſein Vaterland zurückzukehren, was Jolter gar nicht unlieb war, weil er wußte, daß der jetzige Beſitzer der Pfründe, die Trunnion zu vergeben hatte, ſehr betagt war, und daß es ihm zu⸗ träglich ſeyn würde, ſich bei deſſen Ableben an Ort und Stelle zu befinden. 173 Peregrine, der jetzt bereits fünfzehn Monate in Frankreich ver⸗ weilt hatte, hielt ſich nun für hinlänglich im Stande, die meiſten jungen Leute ſeines Alters in England zu verdunkeln, und traf da⸗ her mit unendlicher Haſt Anſtalten zu ſeiner Abreiſe. Ueberdieß fühlte er eine lebhafte Sehnſucht, ſeine Freunde wieder zu ſehen, und die alten Bekanntſchaften wieder zu erneuern, vor allem die mit Emilie, deren Herz er jetzt unter jeder ihm beliebigen Sinzur zu überwältigen ſich befähigt glaubte. Da er ſich vorgenommen hatte, auf ſeiner Rückreiſe über Flan⸗ dern nach Holland zu gehen, ſo beſchloß er, nachdem er alle ſeine Angelegenheiten geordnet hatte, noch ein oder ein paar Wochen in Paris zu bleiben, in der Hoffnung, einen anſtändigen Reiſegefährten zu finden. Um ſein Gedächtniß aufzufriſchen, machte er eine zweite Runde auf allen den Plätzen dieſer Hauptſtadt, wo irgend vorzügliche Werke der Kunſt zu ſehen waren. Bei dieſen Beſichtigungsfahrten trat er von ungefähr in das königliche Schloß, gerade als zwei Herren vor dem Thore aus einem Fiaker ſtiegen. Da ſie alle drei zugleich herein gelaſſen wurden, ſo konnte er leicht wahrnehmen, daß dieſe Fremden ſeine Landsleute wären. Der eine davon war ein junger Mann, aus deſſen Geſicht und ganzem Weſen alle die poſſierliche Gravität und die hochtra⸗ bende Selbſtgenügſamkeit eines Mediciners hervorleuchtete, der noch ganz warm aus den Hörſälen kommt. Der Andere, den ſein Ge⸗ fährte Maſter Pallet nannte, legte beim erſten Anblick ein ſeltſames Gemiſch von Leichtſinn und Zuverſichtlichkeit an den Tag. In der That bildeten ihre Charaktere, ihr Anzug und ihr Betragen einen gar ſonderbaren Contraſt. Der Doctor trug ein ſchwarzes Kleid und eine ungeheure Alongenperücke, die weder zu ſeinem Alter, noch zu der Sitte des Landes paßte, in welchem er jetzt verweilte. Der Andere dagegen, der über die Fünfzig hinaus zu ſeyn ſchien, ſtolzierte in einer muntern Sommertracht nach pariſiſchem Schnitte, in einem 174 Haarbeutel bei ſeinem grauen Kopfe, und einem Hute mit einer rothen Feder unter dem Arme daher. Dieſe Figuren ſchienen eine ganz behägliche Unterhaltung zu gewähren; deßhalb ließ ſich Pickle ſogleich mit ihnen in's Geſpräch ein. Er hatte bald herausgebracht, daß der alte Herr ein Londner Maler war, der ſeinen Geſchäften vierzehn Tage abgeſtohlen hatte, um die merkwürdigſten Gemälde in Frankreich und Flandern zu ſehen, und daß der Arzt die Gelegenheit, dieſe Reiſe mitzumachen, benutzt habe. Da der Maler ſehr geſchwätzig war, ſo theilte er unſerm Helden in wenigen Minuten ihres Beiſammenſeyns nicht nur dieſe Nachrichten mit, ſondern nahm auch Gelegenheit, ihm zuzuwiſpern, daß ſein Reiſegefährte ein großer Gelehrter, und wohl ohne allen Zweifel der erſte Dichter unſeres Zeitalters ſey. Was ihn ſelbſt anlangte, ſo hatte er nicht nöthig, ſich herauszuſtreichen, denn er gab in Kurzem ſolche Beweiſe von ſeinem Geſchmack und Einſichten, daß Pickle an ſeinen Talenten keinen Zweifel hegen konnte. Als ſie in einem der erſten Gemächer Gemälde beſahen, die nichts weniger denn Meiſterwerke ſind, ſagte der Schweizer, der ſich zum Kenner aufwarf, bei einem gewiſſen Stück, das ſie betrachteten, mit dem Zeichen der Bewunderung:„Magnifique!“ Pallet, der das Franzöſiſche nichts weniger als kritiſch verſtand, verſetzte mit großer Lebhaftigkeit:„Manufac, meint Ihr? Ja wohl iſt es ein herzlich mittelmäßiges Stück Manufakturwaare. Attendiren Sie nur, meine Herren, auf die Haltung der Köpfe im Hintergrunde; auch die Hauptfigur hebt ſich gar nicht hervor! Bemerken Sie ferner, wie äußerſt hart der Schatten iſt! Treten Sie doch einmal etwas näher! — Sehen Sie nur, wie unnatürlich und ungeheuer die vordere Verkürzung dieſes Armes iſt!— Wahrhaftig, das Glied iſt völlig gebrochen!— Sie verſtehen die Anatomie, lieber Doktor; glauben Sie nicht, daß der Muskel offenbar unrecht liegt? Hört doch, guter Freund,“ fuhr er fort, und wandte ſich an den Führer:„Wie nennt ſich denn der Sudler, der das jämmerliche Machwerk zuſammenge⸗ 175 pfuſcht hat?“—— Der Schweizer bildete ſich ein, daß er die ganze Zeit über ſeine Zufriedenheit bezeigt habe, daher ſanktionirte er den vermeintlichen Lobſpruch durch den Ausruf:„Sans prix!“—„Richtig!“ ſchrie Pallet.„Ich konnte mich nur nicht auf den Namen beſinnen, ob mir gleich ſeine Manier ſehr bekannt iſt. Wir haben von eben dem Sangprie einige wenige Stücke in England; doch ſtehen ſie eben nicht in Achtung. Bei uns herrſcht mehr Geſchmack, als daß wir an Produkten in ſo elendem Guſto Behagen finden ſollten. Iſt es nicht ein unwiſſender Haſenfuß, Herr Doktor?“ Der Arzt, der ſich des groben Schnitzers ſeines Gefährten ſchämte, hielt es zur Rettung ſeiner eigenen Ehre für nöthig, es gegen den Fremden merken zu laſſen, und antwortete daher mit fol⸗ gender Zeile aus dem Horaz: ——— Mutato nomine, de te Fabula narratur. (Verändre den Namen, Dann trifft dich die Rede.) Der Maler, der im Lateiniſchen noch unwiſſender war als im Franzöſiſchen, hielt es für ausgemacht, daß die von ſeinem Freunde angeführte Stelle eine Beſtätigung ſeiner Meinung enthielte; daher ſagte er:„Ganz richtig! Eine vernünftige Bemerkung! Es iſt in der That ein ſprachloſes Stück, das einen eiskalt macht, und die Fabel zeigt, daß der Maler von der Gottheit wenig iſt geehrt worden.“ Peregrine erſtaunte über die ſeltſame Verkehrung der Worte und des Sinnes dieſer lateiniſchen Zeile. Anfänglich hielt er es ſchlechterdings für Scherz; bei reiferer Ueberlegung fand er aber keine Urſache, zu zweifeln, daß dieß von ſeiner großen Geſchwätzigkeit, Vorſchnelligkeit und mächtigen Unwiſſenheit herrühre. Er brach da⸗ her in ein unmäßiges Gelächter aus. Pallet glaubte, daß ſeine ſchalkhafte Bemerkung über Sangprie's Werk dieſe Luſtigkeit erzeugt habe; deßhalb ſchlug er eine noch weit lautere Lache auf, und be⸗ mühte ſich, durch noch mehrere Bemerkungen eben des Schlages den . 176 Spaß zu ſteigern. Der Arzt, den ſeine Unverſchämtheit und Un⸗ wiſſenheit ganz betroffen machte, gab ihm durch folgende Worte Homer's einen Verweis: Ziya, u rig dAMog ANalco röror duövon Mö J0v.* Dieſer Verweis war, wie der Leſer leicht einſehen wird, nicht für den Horizont ſeines Freundes eingerichtet, ſondern nur in der Ab⸗ ſicht hervorgebracht, um Pickle eine höhere Meinung von ſich beizu⸗ bringen. Dieſer erwiederte die gelehrte Prahlerei mit drei Verſen aus eben dem Dichter, die einen Theil der Rede des Polydamas an Hektor ausmachen, und des Inhalts ſind, daß es für einen Menſchen unmöglich iſt, in allen Stücken vortrefflich zu ſeyn. Der ſelbſtgenügſame Arzt, der von einem jungen Mann von Pickle's Anſehen eine ſolche Antwort nicht erwartet hatte, ſah dieß für eine förmliche Herausforderung an, und ſagte unverzüglich vierzig bis fünfzig Zeilen aus der Iliade in Einem Odem her. Da er ſah, daß der Fremde ſich nicht die Mühe gab, dieſen Erguß von Gelehr⸗ ſamkeit zu erwiedern, ſo legte er dieſes Stillſchweigen für Unter⸗ werfung aus. Um ſich nun ſeines Sieges zu vergewiſſern, trotzte er ſeinem vermeinten Nebenbuhler mit verſchiedenen Fragmenten von Schriftſtellern, deren Namen dieſer nicht einmal kannte. Pallet ſtand ganz ſtarr vor Verwunderung über die tiefe Ge⸗ lehrſamkeit ſeines Reiſegefährten. Unſer junger Herr aber war weit entfernt, wegen der Ueberlegenheit des Letztern unwillig zu werden, vielmehr lachte er innerlich über den lächerlichen Ehrgeiz des pedan⸗ tiſchen Arztes, dem es unendliche Mühe gekoſtet haben mußte, dieſe Bruchſtücke auswendig zu lernen, um ſie als Belege ſeiner Talente und Kenntniſſe in Geſellſchaften wieder auszukramen. Er rechnete ihn unter die bloßen Regiſterjäger, die den Aal der Wiſſenſchaften * Schweig! damit nicht ein andrer Achaer vernehme Dieſes Wort! 177 bei dem Schwanze halten, und ſah einen reichhaltigen Quell der Beluſtigung in ſeinem feierlichen Weſen und in ſeinem Stolze vor⸗ aus, wenn beide durch die Eitelkeit und das Selbſtvertrauen ſeines Reiſegefährten gehörig in Gang geſetzt würden. Dieß bewog ihn, ſich ſorgfältig um ihre Bekanntſchaft zu be⸗ mühen, um ſich wo möglich bei ſeiner Reiſe durch Flandern auf ihre Koſten zu beluſtigen. Zu dieſem Zweck behandelte er ſie mit der größten Aufmerkſamkeit, und ſchien vor den Bemerkungen des Malers ganz beſondern Reſpekt zu haben. Dieſer fällte mit großer Dreiſtigkeit über jedes Gemälde im Palaſte ſein Urtheil, oder, mit andern Werten, zeigtr ſich bei jedem Ausſpruch, der aus ſeinem Munde kam, in ſeiner ganzen Blöße. Als ſie den Mord der unſchuldigen Kindlein von le Brün be⸗ trachteten, rief der Schweizer:„beau morceau!“—„Ja, ja,“ ver⸗ ſetzte Pallet,„daß dieß Produkt von keinem Andern iſt, ſieht man mit halbem Auge. Bomorſo hat ſeinen ganz eigenen Styl in Colv⸗ rirung ſowohl, als in der Drapperie; ſein Deſſin iſt matt und ſein Ausdruck altväteriſch und natürlich. Doktor, Sie haben mein Ur⸗ theil Salomo's geſehen? Ich denke, daß, ohne mich zu rühmen— —— doch ich bin kein Freund von Vergleichungen. Dieſes ver⸗ haßte Stück Arbeit überlaſſe ich andern Leuten. Meine Werke mö⸗ gen für ſich ſelbſt reden. Frankreich iſt unſtreitig reich an Kunſt⸗ werken. Aber was iſt der Grund davon? Der König muntert Männer von Genie durch Ehrenbezeigungen und Belohnungen auf. Wir in England dagegen müſſen uns ſelbſt auf die Beine helfen, und den Neid und die Bosheit unſerer Collegen bekämpfen. Wahr⸗ lich, ich bin nicht abgeneigt, mich hier in Paris niederzulaſſen. Ich würde in Kurzem ein Zimmer im Louvre, und eine artige Penſion von vier bis fünftauſend Livres erhalten.“ Auf dieſe Art war Pallet's Zunge in ewigem Gange, und er fiel von einem Irrthum in den andern. Jetzt kamen ſie an Pouſ⸗ ſin's ſieben Sakramente. Aus überflüſſigem Dienſteifer äußerte hier Smollet's Romane. Ix. 3 12 178 der Schweizer wieder ſeine Bewunderung und ſagte:„impayable!“ „Um Verzeihung, Frèund,“ ſagte der Maler, indem er ſich mit einem frohlockenden Weſen gegen ihn wandte,„da habt Ihr Euch nun einmal geirrt. Sie ſind nicht von Impayable, ſondern von Nikolas Ponſehn. Ich habe Kupferſtiche davon in England geſehen. Das iſt ſo einer von Euren leichtfertigen Streichen gegen die Rei⸗ ſenden, Maſter Schwizer oder Schwazer, oder wie Ihr heißt.“ Durch dieſen eingebildeten Triumph ſeiner Kenntniſſe ward er aufgeblaſen und angefeuert, ſeine ſonderbaren Bemerkungen über alle die andern Stücke dieſer berühmten Sammlung fortzuſetzen. Da er aber bemerkte, daß der Doktor keine Zeichen des Vergnügens oder der Zufriedenheit hierüber an den Tag legte, ſondern ihn vielmehr ſtillſchweigend mit verächtlichem Auge anſah, ſo konnte er ſeine Gleichgültigkeit nicht verdauen, und antwortete mit einem ſchalkhaf⸗ ten Lächeln, ob er je zuvor eine ſolche Anzahl von Meiſterſtücken geſehen habe? Der Arzt betrachtete ihn mit einem Blick, der aus Mitleid und Verachtung zuſammengeſetzt war, und antwortete ihm:„Nichts von alle dem hier iſt würdig, die Aufmerkſamkeit von Perſonen auf ſich zu ziehen, die mit den Idealen der Alten bekannt ſind. Der Mei⸗ ſter des auserleſenſten Stücks heut zu Tage iſt nicht würdig, den Pinſel der großen Künſtler auszuwaſchen, die von den griechiſchen und römiſchen Schriftſtellern geprieſen werden.“ „O Himmel!“ rief der Maler mit lautem Gelächter aus, „nun, theurer Doktor, ſind Sie endlich in eine gar arge Klemme gekommen! Es iſt mehr denn zu bekannt, daß Ihre alten griechiſchen und römiſchen Künſtler, gegen die neuern Meiſter gehalten, nur ſchwache Lichter ſind, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ſie nur drei bis vier Farben haben, und nichts von Oelmalerei ver⸗ ſtanden. Ueberdem, wen von allen Ihren alten verſchimmelten Grie⸗ chen können Sie wohl dem göttlichen Raphael, dem unübertrefflichen Michael Angelo Buonarotti, dem grazienvollen Guido, dem Zauberer 179 Titian, dem erhabenen Rubens entgegen ſetzen? Wen können Sie wohl mit dem———“ Er würde das zu dem Ende erlernte Namenregiſter von Malern, von deren verſchiedenen Eigenſchaften er nicht den mindeſten Begriff hatte, noch eine ganze Zeitlang hergebetet haben, wenn ihn ſein Freund nicht unterbrochen hätte. Die wenige Ehrerbietung, womit er der Griechen gedachte, hatte des Letztern ganzen Unwillen rege gemacht. Er nannte ihn einen Blasphemiſten, einen Gothen, einen Böotier, und fragte ihn mit großer Heftigkeit: Wen von den elen⸗ den Wichten, den Neuern, er einem Panänus von Athen, und ſeinem Bruder Phidias, dem Polhkletus von Sichon, dem Polygnotus von Thracien, dem Parrhaſius von Epheſus, mit dem Zunamen cßoo- Hicrrog oder der Schöne, und dem Fürſten der Maler, Apelles, entgegenſtellen könne? Er forderte ihn heraus, ihm ein neueres Bild⸗ niß zu zeigen, welches mit der Helena des Zeuris von Heraklea um den Vorzug ringen könnte; oder ein Gemälde, das Iphigenien's Opfer von Thimantes aus Sichon gleich käme. Der zehn Götter des Asklepiadon aus Athen nicht zu gedenken, wofür Mnaſon, der Tyrann von Elatna, ihm das Stück mit dreihundert Pfund bezahlte; oder Homer's Hölle von Nicias nicht zu erwähnen, wofür dieſer ſechszig Talente ausſchlug, die ſich auf eilftauſend Pfund belaufen, und edelmüthigerweiſe ſeinen Landslenten damit ein Geſchenk machte. Er verlangte, daß ihm Pallet eine Sammlung vorzeigte, die der in dem Tempel zu Delphi gleich käme, deren in der Jo des Euripides erwähnt wird; wo HBerkules und ſein Gefährte Jolaus abgebildet waren, wie ſie die lernäiſche Schlange mit goldenen Sicheln, Novotat cdhnaic, tödten; wo Bellerophon auf ſeinem Flügelroß erſcheint, und die feuerſtrömende Chimära, ravnvonvbovou, überwindet, und der Kampf mit den Giganten abgebildet wird. Hier ſteht Jupiter und ſchleudert die glühendrothen Donnerkeile, neov vov duprnvpoð; dort ſchwingt Pallas, furchtbar anzuſehen, Vooycnov ihren Spieß gegen den ungeheuern Enceladus; und 180 Bacchus ſchlägt und tödtet mit kleinen eiſernen Ruthen yũg rön- vov oder den mächtigen Sohn der Erde. Durch dieſes bunte Gemiſch von Namen und Beiſpielen, die mit erſtaunenswürdiger Hitze und Schnelligkeit hervorgebracht wor⸗ den, ward der Maler ganz verwirrt und beſtürzt. Zuerſt hegte er den Verdacht, daß der Arzt das Alles aus ſeinem Gehirn geſponnen habe; da aber Pickle, um der Selbſtliebe des Doktors zu ſchmeicheln, hierin deſſen Partie nahm und beſtätigte, daß jedes Wort, das er geſagt, wahr ſey, ſo änderte Pallet ſeine Meinung, und betete die uuermeßlichen Kenntniſſe ſeines Freundes in dem bedeutendſten Still⸗ ſchweigen an. Peregrine merkte leicht, daß Beide falſche Enthuſiaſten waren, daß ſie nicht die kleinſten Anſprüche auf Geſchmack und Gefühl machen konnten, und daß es Grimaſſe ſey, wenn ſie durch ein, ich weiß nicht was, außer ſich geſetzt ſchienen. Der eine glaubte, es ſchicke ſich nicht anders, als Ausbrüche des Entzückens zu verrathen, wenn er Werke von Leuten betrachtete, die in ſeiner Kunſt hervor⸗ geragt hatten, ſie mochten nun ſeine Bewunderung wirklich erregen oder nicht. Der Andere hielt ſich als ein Gelehrter für verbunden, die Alten mit affektirtem Feuer, das nicht aus genauer Kenntniß ihrer Vortrefflichkeiten entſprang, über Alles zu erheben. Unſer junger Herr hatte ſich in der That in die Gemüthsart von jedem ſo zu fügen gewußt, daß er ſchon lange, ehe die Gemäldemuſterung zu Ende ging, der vorzügliche Liebling von Beiden geworden war. Von dem königlichen Schloſſe begleitete er ſie zu dem Kar⸗ thäuſerkloſter, wo ſie die Geſchichte des heiligen Bruno von le Sueur betrachteten. Der Name dieſes Künſtlers war dem Maler gänzlich unbekannt; daher erklärte er es für ein jämmerliches, klägliches Stück Arbeit, wiewohl es bei allen ächten Kunſtrichtern für ein großes Meiſterſtück gilt. Nachdem ſie auch hier ihre Reugier befriedigt hatten, bat ſie Peregrine, ihn heute Mittag mit ihrer Geſellſchaft zu beehren. 181 Allein ſie ſchlugen ſeine Einladung aus, ſey es nun, daß ſie behutſam gegen den Antrag eines Menſchen ſeyn zu müſſen glaubten, deſſen Charakter ſie noch nicht kannten, oder daß ſie bereits zuvor engagirt waren. Sie entſchuldigten ſich damit, daß ſie mit Jemanden an einem ge⸗ wiſſen öffentlichen Tiſch zuſammen zu kommen verabredet hätten; doch äußerten ſie Verlangen, in fernerer Bekanntſchaft mit ihm zu ſeyn. Pallet nahm ſich die Freiheit, ihn nach ſeinem Namen zu fra⸗ gen. Er ſagte ihnen nicht nur dieſen, ſondern verſprach ihnen auch, weil ſie in Paris fremd wären, ihnen den folgenden Tag vor Tiſche aufzuwarten, und ſie in das Hotel von Toulouſe und in die Häuſer verſchiedener andern Großen zu führen, die durch Malereien oder andere Seltenheiten merkwürdig wären. Sie nahmen dieſen Vor⸗ ſchlag mit vielem Dank an. Noch an demſelben Tag erkundigten ſie ſich bei ihren Landsleuten nach dem Charakter unſers Helden. Da ſie ihn ganz nach ihrem Geſchmack fanden, ſo buhlten ſie bei der zweiten Zuſammenkunft ganz frank und frei um ſeine Gunſt, und da ſie erfahren hatten, daß er bald abreiſen würde, und zugleich, wo er hin wollte, ſo baten ſie ſich inſtändigſt die Ehre aus, ihn durch die Niederlande begleiten zu dürfen. Er verſicherte ſie, daß ihm nichts angenehmer ſeyn würde, als die Ausſicht, ſolche Reiſege⸗ fährten zu erhalten; worauf man denn ſogleich den Tag der Abreiſe beſtimmte. Siebenundvierzigſtes Kapitel. Er führt ſeine neuen Freunde zu Jolter, welcher mit dem Arzt in einen politiſchen Disput geräth, der beinahe mit offenem Krieg endigt. Mittlerweile machte er ſie nicht nur mit allen Sehenswürdig⸗ keiten der Hauptſtadt bekannt, ſondern begleitete ſie auf ihren Aus⸗ 182 flügen nach allen den königlichen Schlöſſern, die nicht weiter als eine Tagreiſe von Paris entfernt ſind. Nachdem ſie einige dieſer Luſtpartien gemacht hatten, gab er ihnen ein vergnügliches Diner auf ſeinem Zimmer, wobei zwiſchen Jolter und dem Doktor ein Streit entſtand, der beinahe eine unverſöhnliche Feindſchaft nach ſich gezogen hätte. Dieſe beiden Herren, die eine gleiche Portion Hoffahrt, Pedan⸗ terie und ſaturniniſche Dispoſition beſaßen, ſtanden durch den Zufall der Erziehung und des Umgangs in politiſchen Grundſätzen einan⸗ der ſchnurſtracks entgegen. Jener war, wie bereis geſagt worden, ein bigotter Biſchöflichgeſinnter, dieſer aber ein eifriger Republikaner. Für den Hofmeiſter war es ein Glaubensartikel, daß das Volk weder glücklich ſeyn, noch die Erde Früchte im Ueberfluß tragen könnte, wo die Macht der Geiſtlichkeit und der Regierung einge⸗ ſchränkt wäre. Nach des Doktors Meinung aber war es eine ewige Wahrheit, daß keine Regierung ſo vollkommen ſey, als die demo⸗ kratiſche, und kein Land blühender, als wo das Volk herrſche. Unter dieſen Prämiſſen konnte es nicht Wunder nehmen, daß Beide, da ganz ſrei geſprochen ward, bald mit einander in Streit geriethen, zumal da der Wirth Alles aufbot, um ihren Zwiſt anzu⸗ ſchüren und aufzublaſen. Die erſte Quelle ihrer Uneinigkeit war eine unglückliche Bemerkung des Malers, der eben ein Rebhuhn verſpeiste. Dieſer Vogel, äußerte er, habe von allen, die er jemals gegeſſen, den feinſten Geſchmack. Dieſes Geflügel, räumte ihm ſein Freund ein, ſey auch das Beſte von der Art, das er in Frankreich geſehen; doch behauptete er zugleich, es wäre weder ſo fleiſchig noch delikat, als das, welches man in England ſinge. Der Hofmeiſter ſah dieſe Bemerkung für eine Frucht des Vor⸗ urtheils und der Unerfahrenheit an, und ſagte mit einem ſarkaſti⸗ ſchen Lächeln:„Ich glaube, mein Herr, daß Sie ſehr geneigt ſind, alle hieſigen Produkte ſchlechter zu finden, als die in Ihrem Vater⸗ lande.“—„Sicher, mein Herr,“ antwortete der Arzt mit einem 183 feierlichen Weſen,„und, wie mich dünkt, nicht ohne guten Grund.“ —„O ich bitte Sie, mein Herr,“ verſetzte der Hofmeiſter,„weßhalb mögen die Rebhühner in Frankreich wohl nicht ſo gut ſeyn, als die in England?“—„Aus einem ſehr einfachen Grunde,“ entgegnete der Andere;„deßhalb, weil ſie nicht ſo gutes Futter haben. Die eiſerne Hand der Unterdrückung erſtreckt ſich in den franzöſiſchen Be⸗ ſitzungen über alle und jede Thiere, ſogar über die Thiere des Feldes und über die Bewohner der Luft; da heißt es: xpsooi ötcovoloi rs do.“ „Gegen die Wahrheit läßt ſich freilich nichts einwenden,“ rief ver Maler aus:„Ich bin doch, ſollte man denken, keiner von Euern Leckerbiſſen, und doch iſt in der engliſchen Complexivn ſo eine ge⸗ wiſſe Friſche, die man, glaub' ich, Scheneſſäkva nennt und die einen hungrigen Franzmann anreizt. Ich habe ſo Manche auf der That ertappt, wie ſie mich im Vorübergehen mit dem Auge des ſehn⸗ ſuchtsvollſten Appetits anſahen. Und was ihre Bauernhunde anlangt oder vielmehr ihre Wölfe, denn den letzteren ſehen ſie eher ähnlich, als den erſteren, ach! gehorſamer Diener, Mosjeh Hund! ſo bin ich ſogleich auf meiner Huth. Der Doktor kann bezeugen, daß ihre Pferde ſogar, oder richtiger geſagt, ihre lebendigen Aeſer, die unſere Wagen ſchleppten, ihre langen Hälſe öfters umdrehten und nach uns ſchnoberten, als nach einem paar rechten Leckerbiſſen.“ Dieſer Ausſpruch Pallets, der mit einem allgemeinen Beifalls⸗ gelächter aufgenommen ward, würde höchſt wahrſcheinlich den Streit in der Geburt erſtickt haben, wenn nicht Jolter mit einem ſelbſtge⸗ falligen Lächeln den Fremden das ſpöttiſche Compliment gemacht hätte, daß ſie ſich als ächte Engländer ausdrückten. Der Doktor, den dieſe ironiſche Andentung verdroß, ſagte mit einiger Wärme zu dem Hofmeiſter, daß er ſich in ſeiner Meinung geirrt habe. Kein beſonderes Land beſchränke ſeine Zuneigung oder modle ſeine Ideen; er betrachte ſich als einen Kosmopoliten. Zwar gab er zu, daß er England mehr zugethan wäre, als irgend einem andern Lande in 184 der Welt, welcher Vorzug aber aus reifem Bedacht, und nicht etwa aus Vorurtheil entſpränge. Die großbrittaniſche Regierungsform nähere ſich nämlich mehr denn irgend eine andere der vollkommenſten Staatsverwaltung der demokratiſchen der Athenienſer, die hoffentlich einſt wieder aufleben werde. Mit den froheſten Ausbrüchen des Beifalls erwähnte er den Tod Karls des Erſten und die Vertreibung ſeines Sohnes, recitirte mit vieler Bitterkeit alle mögliche Stellen gegen die Königswürde, und führte zur Beſtätigung ſeiner Meinung am Ende gar vierzig oder fünfzig Zeilen aus einer der philippiſchen Reden des großen Demoſthenes an. Jolter glühte vor Zorn, als er ihn ſo geringſchätzend von den Landesautoritäten ſprechen hörte. Er ſagte, ſeine Lehren wären abſcheulich und würfen Alles Recht, Ordnung, ja die ganze Geſell⸗ ſchaft über den Haufen. Gott ſelbſt habe die monarchiſche Regie⸗ rungsform eingeſetzt, folglich könne keine menſchliche Gewalt dieſelbe zernichten. Demnach wären die Begebenheiten in der engliſchen Ge⸗ ſchichte, in deren Lob er übergeſtrömt ſey, die auffallendſten Beiſpiele von Gottesläſterung, Anarchie und Unglück. Die athenienſiſche De⸗ mokratie ſey eine alberne Inſtitutivn, aus welcher nichts als Unheil hervorgegangen ſey. Dieß wären allemal die Folgen, wenn das Wohl einer ganzen Nation von den Launen des unwiſſenden, wan⸗ kelmüthigen Pöbels abhinge. Das ſchlechteſte Subjekt aus dem Volke habe, wenn es nur Mundwerkzeng beſitze, die Macht, durch eine deſperate Uebung ſeiner Talente bei dem Pöbel den verdienteſten Mann zu ſtürzen. Der Plebs habe ſich ja oft bereden laſſen, die größten Patrioten, welche ihr Land erzengt hätte, auf die undank⸗ barſte und unbeſonnenſte Art zu behandeln. Zum Schluß behauptete er, daß die ſchönen Künſte und Wiſſenſchaften in einem Freiſtaate nie ſo ſehr geblüht hätten, als unter der Aufmunterung und dem Schutze der unumſchränkten Gewalt. Er führte das goldene Zeit⸗ alter des Kaiſers Auguſtus und Ludwig des Vierzehnten als beſtäti⸗ 185 gende Beiſpiele an. Auch ließe ſich gar nicht annehmen, daß Genie und Verdienſt von einzelnen Perſonen oder von uneinigen Verſamm⸗ lungen des gemeinen Weſens ſo reichlich belohnt werden könne, als von dem Edelmuth und der Prachtliebe eines Einzigen, unter deſſen Gebot der ganze Schatz ſtehe. Peregrine, dem es Spaß machte, den Streit immer lebhafter werden zu ſehen, äußerte: In dem, was Jolter vorgebracht habe, ſcheine ihm ſehr viel Wahres zu liegen. Der Maler, der in ſeiner Meinung zu wanken begann, ſah mit erwartungsvollem Geſicht auf ſeinen Freund. Dieſer legte in ſeine Züge die Aeußerungen froh⸗ lockender Verachtung und fragte ſeinen Gegner, ob er nicht glaubte, daß eben die Macht, Verdienſte zu belohnen, einen unumſchränkt re⸗ gierenden Fürſten in den Stand ſetze, ſich die willkürlichſte Freiheit gegen das Leben und die Glücksgüter ſeines Volks zu erlauben? Ehe der Hofmeiſter noch Zeit hatte, dieſe Frage zu beantworten, rief Pallet aus:„Bei Gott! das iſt eine ausgemachte Thatſache! Recht brav heimgeleuchtet, lieber Doktor! Meiner Seele, recht brav.“ Jolter beſtrafte dieſen ſich aufdringenden ſeichten Schiedsrichter nur mit einem verächtlichen Blick, und behauptete, daß, wenn gleich die höchſte Gewalt einem guten Fürſten Mittel an die Hand gäbe, ſeine Tugenden an den Tag zu legen, ſie einen Tyrannen in der Ausübung ſeiner Grauſamkeit und Unterdrückung nicht unterſtützen würde. Denn die Herrſcher aller Nationen müßten den Genius ihres Volks zu Rathe ziehen, und die Laſten, die ſie auflegten, nach den Schultern abmeſſen, die ſie tragen ſollten.„Was erfolgt ſonſt?“ rief der Arzt.„Das iſt wohl nun ganz klar,“ erwiederte der Hof⸗ meiſter,„Aufſtand, Meuterei und ſein Untergang. Denn es läßt ſich nicht annehmen, daß die Unterthanen irgend eines Regenten ſo niederträchtig und kleinmüthig ſeyn ſollten, die Mittel aus der Acht zu laſſen, die ihnen der Himmel zu ihrer Erhaltung in die Hände gegeben hat.“—„Sapperment! Sie haben recht,“ rief Pallet,„das muß ich geſtehen! Doktor, ich beſorge, wir befinden uns arg in der Klemme!“ 186 Allein dieſer Sohn des Aesculap, weit entfernt, ſeines Freundes Meinung zu theilen, pemerkte mit einer triumphirenden Miene, er wolle nicht nur die Sophiſterei in der letzten Behauptung jenes Herrn durch Argumente und Thatſachen beweiſen, ſondern ihn ſogar mit ſeinen eigenen Worten widerlegen. Bei dieſer ruhmredigen Er⸗ klärung funkelten Jolters Augen, und er ſagte zu ſeinem Gegner mit Lippen, die vor Zorn bebten: Wenn ſeine Beweisgründe nicht beſſer wären, als ſeine Sitten, ſo wäre er überzeugt, daß er nür wenige zu ſeiner Meinung bekehren werde. Der Doktor gab ihm dagegen mit allem Uebermuth des Siegers den Rath, ſich künftig vor gelehrten Streitigkeiten in Acht zu nehmen, wenn er der Materie nicht gewachſener wäre. Peregrine hoffte und wünſchte, daß die beiden Streiter zu ge⸗ wichtigeren Beweisgründen ſchreiten möchten. Der Maler, der eben den Ausgang befürchtete, ſchlug ſich mit ſeinem gewöhnlichen Aus⸗ ruf:„O, um Gottes willen, meine Herren!“ in's Mittel. Der Hofmeiſter ſprang in der höchſten Entrüſtung vom Tiſche auf und verließ das Zimmer, indem er etwas vor ſich her murmelte, wovon nur das einzige Wort„Haſenfuß“ deutlich zu vernehmen war. Dem Atzt, der auf dieſe Art Meiſter des Schlachtfeldes geblie⸗ ben war, wurde von Peregrine zu ſeinem Sieg gratulirt. Sein guter Erfolg ſchwellte ihn ſo auf, daß er eine ganze Stunde hin⸗ durch über die Ungereimtheit von Jolters Sentenzen und über die Vorzüge der demokratiſchen Regierungsform deklamirte. Er entwarf das ganze Schema von Plato's Republik, durchwebte es mit manchen Stellen aus dieſem idealiſchen Schriftſteller, die das Schöne, v0 Kc— A6v, betrafen. Sodann machte er einen Uebergang zu dem Sinn für das Sittlichſchöne des Shaftesbury, und ſchloß ſeine Rede mit einem großen Theil der Rhapſodie dieſes ſchaumvollen Schriftſtellers. Sein Vortrag war dabei ſo enthuſiaſtiſch, daß ſein Wirth unaus⸗ ſprechliches Vergnügen daran fand, und Pallet in eine unbeſchreib⸗ liche Verwunderung gerieth. Letzterer ſah dieſe Begeiſterung für 187 etwas Uebernatürliches und Göttliches an. Der eitle junge Mann aber war von Pickle's ironiſchen Lobeserhebungen ſo ſehr berauſcht, daß er nun alle Zurückhaltung ablegte, und nachdem er ſeine Freundſchaft für unſern Helden bekannt hatte, deſſen Geſchmack und Gelehrſamkeit er zu erheben nicht unterließ, gab er mit dürren Worten zu verſtehen, daß er in dieſen letzten Zeiten der Einzige ſey, der jenen erhabenen Genius, jenen Theil der Gottheit, r6 7op, beſäße, der die Dichter Griechenlands unſterblich machte. So wie Pythagoras behauptete, ſetzte er hinzu, daß der Geiſt des Euphor⸗ bus in ſeinen Körper hinüber gewandert ſey, ſo hege er die feſte Meinung, daß Pindars Geiſt ihn beſeele. Denn, wenn man der Verſchiedenheit der Sprachen, in welchen ſie geſchrieben hätten, etwas zu gute hielte, ſo fände eine frappante Aehnlichkeit zwiſchen ſeinen und jenes berühmten Thebaners Werken ſtatt. Zur Beſtätigung ſeiner Behauptung gab er ſogleich von beiden Proben. Wiewohl ſie nun an Geiſt und Verfifikativn von Pindars Meiſterſtücken ſo weit entfernt waren, als die Produkte unſers jetzigen gekrönten Ppeten von Horazens Oden, ſo trug dennoch Pe⸗ regrine kein Bedenken, ſie für genau mit einander verwandt zu er⸗ klären, ſo ſchwer ihm dieß auch ankam, und ſo mächtig ſich ſein Stolz zu regen anfing, da er ſchwach genug war, ſich durch die lächerliche Eitelkeit und Ruhmredigkeit des Arztes beunruhigen zu laſſen, dieſer begnügte ſich nicht damit, dargethan zu haben, wie viel er im Gebiete der Aeſthetik und der ſchönen Literatur vermöchte, ſondern er maßte ſich ſelbſt— ſo weit riß ihn der Stolz fort— verſchiedene wichtige Entdeckungen im Reiche der Arzneikunde an. Dieſe, äußerte er, verbunden mit allen den andern Talenten, die ihn auszeichneten, und dem anſehnlichen Vermögen, das er von ſeinem Vater erbte, würden ihn unfehlbar auf den höchſten Gipfel ſeiner Kunſt erheben. 188 Achtundvierzigſtes Kapitel. Der Arzt richtet ein Gaſtmahl nach Art der Alten zu. Durch ſein einſchmeichelndes Betragen gewann unſer junger Herr das volle Vertrauen des Arztes, der ihn zu einem Gaſtmahl einlud, das er ganz nach Art und Weiſe der Alten einrichten wollte. Der Gedanke ſiel Peregrine nicht wenig auf; er nahm den Antrag mit großer Begierde an, indem er den Plan höchlich belobte und ihn in jedem Betracht ſeines Genie's und ſeiner Einbildungskraft würdig erklärte. Der Tag zu dieſem feſtlichen Mahle ward etwas weit hinaus⸗ gerückt, damit der Wirth Zeit genug gewänne, gewiſſe Salzbrühen und Latwergen zuzubereiten, die man unter den Küchenvorräthen unſerer entarteten Zeit nicht mehr antrifft. Um den Geſchmack des Arztes in ein noch helleres Licht zu ſetzen, und um ſich noch mehr Luſt zu verſchaffen, that Peregrine den Vorſchlag, einige Freunde zu dem Banfket einzuladen. Da die Auswahl ihm anheimgeſtellt war, ſo bat er einen Marquis, einen italieniſchen Grafen und einen deutſchen Baron, die, wie er wußte, ausgemachte Haſenfüße und alſo um ſo geſchickter waren, die Freuden des Gaſtmahls zu erhöhen. Als nun die anberaumte Stunde gekommen war, führte Pickle die Gäſte in das Haus, wo der Arzt wohnte nachdem er ihnen zu⸗ vor Hoffnung zu einem köſtlichen Mahle nach ächtem altrömiſchem Geſchmack gemacht hatte. Sie wurden daſelbſt von Pallet empfan⸗ gen, der den Ceremonienmeiſter ſpielte, während ſein Freund die Aufſicht über die Küche führte. Durch den geſchwätzigen Maler erfuhren die Gäſte, daß der Doktor bei Ausführung ſeines Vorhabens unzählige Schwierigkeiten vorgefunden habe. Er hätte nicht weniger denn fünf Köche wieder 189 entlaſſen müſſen, weil ſie es nicht über ihr Gewiſſen bringen wollten, ſeinen Anweiſungen in Dingen zu folgen, die der heutigen Küchen⸗ praris ganz entgegen wären. Endlich habe er durch eine außeror⸗ dentliche Belohnung einen Menſchen dahin vermocht, ſich nach allen ſeinen Befehlen zu richten. Allein durch die erhaltenen Anweiſun⸗ gen wäre der arme Burſche ſo in Verwunderung geſetzt, und zugleich ſo gekränkt und aufgebracht worden, daß ihm die Haare auf dem Kopfe zu Berge geſtanden hätten, und daß er den Doktor gebeten habe, ihn ſeiner eingegangenen Verbindlichkeiten zu entledigen. Da er aber gefunden, daß jener auf der Vollziehung ſeines Contraktes beſtanden, und ihn bedroht habe, ihn im Weigerungsfall beim Com⸗ miſſär zu verklagen, ſo hätte er während des Kochens zwei ganze Stunden ohne Unterlaß geweint, geſungen, geflucht und Luftſprünge gemacht. Sein Gehirn ſchien einen harten Stoß erlitten zu haben, und würde aller Wahrſcheinlichkeit nach nicht wieder hergeſtellt werden. Als die Geſellſchaft aufmerkſam dieſe ſonderbare Nachricht an⸗ hörte, die ſie mit ſeltſamen Begriffen von der Mittagsmahlzeit er⸗ füllen mußte, ſo ſiel ihnen eine klägliche Stimme in die Ohren, die auf Franzöſiſch rief:„Theurer Herr, um Gottes und um des Leidens Jeſu Chriſti willen, erſparen Sie mir die Kränkung mit dem Honig und dem Oel!“ Allein dieſe Bitte, ſo rührend und demüthig ſie auch vorgetragen wurde, machte auf den Arzt keinen Eindruck. Er ſchüttete aller Wahrſcheinlichkeit nach eben die Brühe hinein, gegen welche der Koch Einwendungon gemacht hatte. Denn man hörte die nämliche Stimme, ein mächtiges Gekreiſch, und dar⸗ auf ein Rudel Verwünſchungen in franzöſiſcher Sprache ausſtoßen, die allmälig erſtarben, als wenn der Flucher mit Gewalt in ein entfernteres Zimmer wäre geführt worden. Noch zitterte der Schall in ihren Ohren, als der Doktor herein⸗ trat. Peregrine ſtellte ihm die Fremden vor. In der erſten Hitze, in welcher er noch war, konnte er ſich nicht enthalten, ſich gegen ſie über die Ungefälligkeit zu beklagen, die er beim Pariſer Pöbel 190 gefunden habe, und die bei Einem Haar Urſache geweſen ſey, daß er ſein Vorhaben hätte ganz aufgeben müſſen. Der Marquis, der ſich einbildete, der Ehre ſeiner Nation geſchehe bei dieſer Erklärung Ab⸗ bruch, bezeigte ſein Leidweſen über das, was vorgefallen ſey und dem bekannten Charakter ſeines Volks ganz zuwider liefe. Er nahm es über ſich, für die ernſtliche Beſtrafung der Verbrecher zu ſorgen, wofern er nur ihre Namen und Wohnung wüßte. Kaum waren die in dergleichen Fällen gewöhnlichen gegenſeiti⸗ gen Complimente vorüber, ſo trat ein Bedienter herein, und meldete, daß das Eſſen fertig ſey. Der Wirth führte ſie ſonach in ein anderes Zimmer, wo ſie eine lange Tafel, oder vielmehr zwei an einander ge⸗ rückte Tiſche fanden, die mit mancherlei Schüſſeln beſetzt waren. Der ihnen entſteigende Dampf hatte auf die Nerven der Geſellſchaft eine ſo ſichtbare Wirkung, daß der Marquis, unter dem Vorwande, Taback zu nehmen, fürchterliche Grimaſſen ſchnitt, ſo daß dem Italiener die Augen wäſſerten, und der Deutſche ganz gräßliche Geſichter machte. Unſer Held fand Mittel, den Geruch dadurch von ſeiner Naſe abzuhalten, daß er bloß durch den Mund Athem holte. Der arme Maler lief in ein anderes Zimmer, und verſtopfte ſeine Naſen⸗ löcher mit Schnupftaback. Der Doktor, welcher der Einzige unter der Geſellſchaft war, deſſen Geruchswerkzeuge nicht beleidigt wurden, zeigte auf ein paar Ruhebetten, die an jeder Seite der Tafel ſtanden, und erklärte ſeinen Gäſten, daß es ihm leid thäte, ihnen nicht genau die Triclinia der Alten vorlegen zu können, die von dieſen Lagerſtätten etwas ver⸗ ſchieden wären. Inzwiſchen bat er ſie, daß jeder ohne Umſtände nur die Güte haben möchte, ſich hierhin zu lagern. Er und ſein Freund Pallet wollten ſich indeß an beiden Enden des Tiſches auf⸗ recht hinſetzen, um das Vergnügen zu haben, diejenigen zu bedienen, die ſich gelagert hätten. Da die Fremden von dieſer Einrichtung keinen Wink bekom⸗ men hatten, ſo geriethen ſie außer Faſſung und in die allerlächer⸗ 191 lichſte Verlegenheit. Der Marquis und der Baron ſtanden und bückten ſich gegen einander, als wenn ſie um die niedrigſte Stelle ſtritten; ihre eigentliche Abſicht war aber, das Beiſpiel des Andern zu nützen, weil Keiner wußte, wie er ſich legen ſollte. Peregrine, den dieſe Verwirrung freute, führte den Grafen an die andere Seite, und beſtand mit der boshafteſten Höflichkeit darauf, daß er die Ober⸗ ſtelle einnehmen müſſe. In dieſer peinlichen und poſſierlichen Ungewißheit ſpielten ſie ihre Pantomime immer fort, bis der Doktor ſie inſtändigſt bat, alle Complimente und Umſtände bei Seite zu ſetzen, weil ſonſt das Eſſen verdorben ſeyn möchte, ehe ihr Rangſtreit beigelegt wäre. Auf dieſe feierliche Beſchwörung nahm Peregrine die untere Lagerſtätte linker Hand ein. Er legte ſich ſanft nieder, das Geſicht gegen den Tiſch gewandt. Der Marquis richtete ſich nach dieſem Beiſpiel, und ſtreckte ſich auf dem Platz gegenüber hin, wiewohl er lieber drei Tage gefaſtet, als ſich der Gefahr ausgeſetzt hätte, durch eine ſolche Stellung ſeinen Anzug in Unordnung zu bringen. Seine Lage war ſehr peinlich und linkiſch; er hatte den Kopf am Ende des Lagers emporgeſtreckt, damit der künſtliche Bau ſeiner Haare durch das Niederwerfen ſeines Körpers nicht leiden möchte, und ſtützte ſich auf ſeinen Ellbogen. Der Italiener, ein hageres, ge⸗ ſchmeidiges Geſchöpf, pflanzte ſich neben Pickle hin, und hatte kein weiteres Ungemach, als daß er ſeine Strümpfe an einem hervor⸗ ſtehenden Nagel des Ruhebettes zerriß, als er ſeine Füße den übrigen Gliedern gleich bringen wollte. Der Baron aber, der ſteifer und ſchwerfälliger war als ſeine Gefährten, plumpte auf ſeinen Sitz ſo jähling nieder, daß ſeine Füße plötzlich in die Höhe ſchnellten, und des Marquis Kopf ſo heftig berührten, daß im Nu deſſen Locken zu Grunde gerichtet waren. In demſelben Augenblick ſchlug ſein Kopf neben ſeinem Lager mit ſo großer Gewalt gegen die Erde, daß ihm die Perücke vom Kopfe flog und das ganze Zimmer mit Puder an⸗ gefüllt ward. Die poſſterliche Verwirrung, die dieſer Unfall erzeugte, 192 beſiegte die verſtellte Ernſthaftigkeit unſeres jungen Herrn gänzlich. Er ſtopfte das Schnupftuch in den Mund, um nicht laut aufzulachen. Was den baarhäuptigen Deutſchen betraf, ſo bat der in ſo lächer⸗ licher Beſtürzung um Verzeihung, und der Marquis nahm dieſe Entſchuldigung mit einer ſo wehnüthig⸗gefälligen Miene an, daß ſogar ein Pietiſt, der nicht ganz allen Empfindungen abgeſtorben war, zur lauten Lache gereizt werden mußte. Nachdem nun Alles, ſo gut es ſich unter dieſen Umſtänden thun ließ, wieder hergeſtellt war, und jeder vorgeſchriebener Maßen ſeinen Platz eingenommen hatte, übernahm der Doktor gefälligſt das Geſchäft, von allen den vorhandenen Schüſſeln Auskunft zu geben, damit die Geſellſchaft ſich ſodann wählen könnte. „Dieß hier, meine Heren,“ begann er mit unendlich zufriedener Miene,„iſt eine geſottene Gans in einer Brühe von Pfeffer, Lieb⸗ ſtöckel, Koriander, Münz, Raute, Anſchoren und Oel. Ich wünſchte Ihretwegen, meine Herren, daß es eine von den ferrariſchen Gänſen wäre, die bei den Alten wegen der Größe ihrer Lebern berühmt waren, wovon eine zwei Pfund gewogen haben ſoll. So köſtlich dieſe Speiſe auch war, ſo fütterte dennoch der Tyrann Heliagabalus ſeine Hunde damit. Doch Sie verzeihen, ich hätte beinahe die Suppe vergeſſen, die, wie ich höre, bei allen Tafeln in Frankreich ein ſo nothwendiger Artikel iſt. An jedem Ende ſtehen Schüſſeln mit der Salacacabia der Römer. Die eine iſt von Peterſilie, Polei, Tannenzapfen, Käſe, Honig, Weineſſig, Salzwaſſer, Eiern, Gurken, Zwiebeln und Hühnerlebern gemacht; die andere iſt beinahe mit den Feſttagsſuppen hier zu Lande ganz einerlei. Daneben ſteht ein mit Fenchel und Kümmelſamen gekochter Kälberſchlägel in einer Potage von Salz und Eſſig, Oel, Honig und Semmelmehl. Ferner ein herrliches Ragout von Lunge, Leber und Blut eines Haſen nebſt einer Schüſſel mit gebratenen Tauben. Herr Baron, kann ich Ihnen mit einem Teller von dieſer Suppe aufwarten?“ Der Deutſche dem alle dieſe Ingredienzien dazu gar nicht 193 mißbehagten, gab ſeinen Beifall zu dem Vorſchlage, und ſchien an dem Gemengſel Behagen zu finden. Der Maler fragte den Marquis, von welcher Sillikikabei er haben wolle, und bediente ihn auf ſein Verlangen mit einer Portion von der Feſttagsſuppe. Der Graf verſorgte ſich, ſtatt mit der Löffelkoſt, die er, wie er ſagte, nicht liebe, mit einer Taube, und folgte darin dem Beiſpiel unſers jungen Herrn, welchen er bei dem ganzen Gaſtmahl zum Vorbild zu nehmen feſt beſchloſſen hatte. Als der Franzos kaum einen Löffel voll verſchluckt hatte, machte er eine ſtarke Pauſe. Die Kehle ſchwoll ihm auf, als ob ihm ein Hühnerei darin ſtecken geblieben wäre, die Augen rollten ihm im Kopfe, und ſein Mund öffnete ſich bald unwillkürlich, bald zog er ſich zuſammen, welcher Zuſtand einige Minuten dauerte. Pallet ſah dieſen Kenner ſtier an, um ſeinen Geſchmack zu Rathe zu ziehen, bevor er ſich an die Suppe wagen wollte. Jene Bewegungen beun⸗ ruhigten ihn, und er bemerkte mit einiger Beſorgniß, daß den Herrn eine Unpäßlichkeit anzuwandeln ſcheine. Peregrine verſicherte ihn aber, daß dieß Merkmale ſeines Entzückens wären, und zu fernerer Beſtätigung war er boshaft genug, den Marquis mehrmal zu fragen, wie er die Suppe fände? Trotz der ihm inwohnenden Höflichkeit koſtete es dem Franzoſen die größte Anſtrengung, ſeinen Ekel ſo weit zu übermeiſtern, daß er die Antwort hervorzubringen vermochte:„Parole d'honneur! ganz vortrefflich!“ Da den Maler dieſer Beifall völlig beruhigte, ſo führte er ohne Bedenken den Löffel zum Munde; jedoch war er weit entfernt, in das Lob ſeines Vorkoſters einzuſtimmen, ſobald ſich nur ein kleiner Theil der koſtbaren Kompoſition über ſeinen Gaumen ergoſſen hatte. Er ſchien aller Sinne und Bewegung be⸗ raubt zu werden, und ſaß da wie die bleierne Statue eines Fluß⸗ gottes, dem auf beiden Seiten das Waſſer aus dem Munde her⸗ ausquillt. Der Doktor, den dieß zu unanſtändige Phänomen beunruhigte, Smollete Romane IR. 13 194 forſchte ernſtlich nach der Urſache deſſelben. Als Pallet wieder zu ſich kam, ſchwur er, daß er lieber eine Suppe von brennendem Schwefel eſſen wolle, als das hölliſche Gericht, das er eben gekoſtet habe. Der Arzt verſicherte darauf der Geſellſchaft zu ſeiner Recht⸗ fertigung, daß er außer den gewöhnlichen Ingredienzien nichts An⸗ deres in die Suppe gethan habe, als Salmiak ſtatt des Nitrums der Alten, das man jetzt nicht bekommen könne.„Nicht wahr, Herr Marquis,“ wandte er ſich an den Franzoſen,„dieſes Succedaneum gereicht zur Verbeſſerung des Ganzen?“ Der unglückliche Stutzer, deſſen Artigkeit dadurch auf's Höchſte getrieben ward, verſetzte, die Verbeſſerung wäre meiſterhaft, und da er ſich ehrenhalber verbunden hielt, ſeinen Ausſpruch durch die That zu beweiſen, ſo zwang er ſich, noch einige Löffel dieſes abſcheulichen Gebräues hinunter zu würgen. Dadurch wurde jedoch endlich ſein Magen dermaßen belei⸗ digt, daß er ſich genöthigt ſah, aufzuſtehen. Bei dieſem plötzlichen Aufſpringen ſchüttete er ſein Teller dem Baron in den Buſen. Der dringende Fall geſtattete ihm nicht, ſich aufzuhalten und ſich zu entſchuldigen. Er flog in ein anderes Zimmer, wo Peregrine, der ihm nachging, ſah, wie er ſich heftig erbrach und dabei gar an⸗ dächtiglich bekreuzte. Nachdem auf des Margquis Verlangen eine Sänfte gebracht worden war, ſchlüpfte er mehr todt als lebendig in dieſelbe hinein, und beſchwor ſeinen Freund Pickle, ihn mit der Geſellſchaft wieder auszuſöhnen, und ihn hauptſächlich bei dem Baron wegen der Uebel⸗ keit zu entſchuldigen, welche ihn ſo plötzlich angewandelt habe. Er hatte wohl Urſache, ſich nach einem Friedensvermittler umzuſehen; denn als unſer Held wieder in das Speiſezimmer trat, fand er den Deutſchen aufgeſtanden unter den Händen ſeines Bedienten, der ihm von einer reich geſtickten Weſte das Fett abwiſchte. Er war über dieſen widrigen Vorfall ganz raſend, ſtampfte auf den Boden, und fluchte auf Deutſch über das unglückliche Gaſtmahl und den albernen Wirth. Dieſer tröſtete ihn indeß ganz kaltblütig über ſein Unglück, und S 5— 195 verſicherte ihn, daß ſich mit etwas Terpentinöl und einem heißen Eiſen der ganze Schaden wieder gut machen ließe. Peregrine, der ſich kaum enthalten konnte, dem Baron in's Geſicht zu lachen, be⸗ ſänftigte ſeinen Unwillen durch die Vorſtellung, daß die ganze Ge⸗ ſellſchaft und hauptſächlich der Marquis durch dieſen Zufall höchlich gekränkt wäre. Nachdem die unglückliche Salacacabia abgetragen war, erſchienen zwei Paſteten. Die eine war von Haſelmäuſen in einer Brühe von weißem Mohnſyrup. Dieſen hatte der Arzt ſtatt des geröſteten Magſamens untergeſchoben, den man ehemals zum Nachtiſch mit Honig aß. Die andere beſtand aus einem in Honig gebackenen Schinken. Als Pallet die erſte Paſtete beſchreiben hörte, hob er Hände und Augen gen Himmel, und ſagte mit allen Merkmalen des Ekels und Erſtaunens:„Eine Haſelmauspaſtete mit weißem Mohnſyrup! O du lieber Gott im Himmel droben! was für beſtialiſche Ge⸗ ſchöpfe ſind die Römer geweſen!“ Sein Freund verwies ihm durch einen ernſthaften Blick dieſe unehrerbietige Ausrufung, und pries das Kalbfleiſch an, von dem er ſelbſt ſo munter und mit ſo man⸗ chen Lobeserhebungen gegen die Geſellſchaft aß, daß der Baron ſich entſchloß, ſeinem Beiſpiele zu folgen. Zuvor aber ließ er ſich ein Glas Burgunder geben, wobei der Arzt wünſchte, ihm echten Fa⸗ lerner vorſetzen zu können. Da der Maler auf dem ganzen Tiſche nichts erblickte, was er anzurühren wagen wollte, ſo machte er aus der Noth eine Tugend, und nahm gleichfalls zum Kalbfleiſch ſeine Zuflucht. Doch konnte er ſich nicht entbrechen, zu bemerken, daß er für ein Stück Roſtbeef aus Alt-England gern alle Leckerbiſſen von der Tafel eines römiſchen Kaiſers hingeben wollte. Mit allen ſeinen Verſicherungen und Einladungen konnte aber der Doktor ſeine Gäſte nicht bewegen, von dem Hachis und der Gans zu eſſen. Sonach folgte dieſem Aufſatz ein anderer, worunter ſich, wie ihnen der Wirth meldete, verſchiedene von den Schüſſeln befänden, 196 welche von den Alten den Beinamen roMvrsog, oder die Pracht⸗ ſpeiſen, bekommen hätten. „Das, was da in der Mitte dampft,“ ſagte er,„iſt der Magen einer Sau mit kleingehacktem Schweinefleiſch, Schweinegehirn, Eiern, Pfeffer, Gewürznelken, Knoblauch, Anisſamen, Raute, Ingwer, Oel, Wein und Lake gefüllt. Zur Rechten ſtehen die Zitze und der Bauch einer Sau, die eben geworfen hat, mit ſüßem Wein, Oel, Semmel⸗ mehl, Liebſtöckel und Pfeffer gebacken. Zur Linken beſindet ſich eine Frikaſſée von Schnecken, die mit Wilch gefüttert oder vielmehr ge⸗ reinigt ſind. Am Ende bei Maſter Pallet ſtehen Kuchen von Kür⸗ biſſen, Liebſtöckel, Wohlgemuth und Oel. Hier ſind ein Paar junge Hühner, nach der Manier des Apicins gebraten und gefüllt. Der Maler, der ſeinen Abſchen gegen den Saumagen, den er mit einer Sackpfeife verglich, und gegen die Schnecken, welche eine Reinigung ausgeſtanden hatten, durch verſchiedene verzerrte Geſichter zu erkennen gegeben hatte, hörte kaum der gebratenen Hühner er⸗ wähnen, als er begierig um einen Flügel davon bat. Der Doktor erſuchte ihn darauf, ſie vorzulegen, und ſchickte ſie ihm zu. Pallet ſteckte indeß einen Zipfel des Tiſchtuchs unter das Kinn, und ſchwenkte Meſſer und Gabel mit beſonderer Geſchicklichkeit. Kaum aber waren ſie vor ihn hingeſetzt worden, als ihm die Thränen die Wangen herabſtürzten, und er in augenſcheinlicher Verwirrung überlaut aus⸗ rief:„Potzhunderttanſend! darin ſteckt ja die Eſſenz von einem ganzen Beete Knoblauch!“ Um aber den Wirth nicht zu ärgern, ſetzte er ſeine Werkzeuge an eines von den Geflügeln an. Allein ſobald er es aufſchnitt, brachen ſo unerträgliche Gerüche auf ihn los, daß er ohne Weiteres und ohne ſich von dem Tiſchtuche loszu⸗ machen, mit dem Ausruf aufſprang:„Ach! Herr Je!“ Und die ganze Tafel ſtürzte in einen wilden wüſten Klumpen zuſammen. Bevor Pickle eutwiſchen konnte, wurde er mit der Syrupstunke der Haſelmauspaſtete beſchüttet, die bei der allgemeinen Zertrümme⸗ rung in Stücke ging. Der italieniſche Graf ward von dem Sau⸗ 197 magen überſchwemmt, der im Fallen geborſten war.(Der Inhalt davon ergoß ſich über ſeinen Schenkel und Fuß, und verbrühte ihn ſo jämmerlich, daß er vor Angſt brüllte und ſcheußliche Geſichter ſchnitt.) Dem Baron, der außerhalb dem Wirbel der Verwüſtung in voller Sicherheit ſaß, war es nicht unlieb, zu bemerken, daß ſeine Gefährten auch durch das Feuer der Trübſal gehen mußten, welches er bereits paſſirt hatte. Allein der Doktor war vor Scham und Kummer außer ſich. Er verordnete ſogleich einen Umſchlag für das Bein des Grafen, und bezeugte ihm ſodann ſein Beileid über dieſen Unfall, den er mit dürten Worten dem ſchlechten Geſchmack und der Unvorſichtigkeit des Malers zuſchrieb. Dieſer nun fand es nicht für rathſam, wieder zu kommen und ſich in Perſon zu rechtfertigen. In dem Flügelwerke, betheuerte der Arzt, habe ſich nichts be⸗ funden, was eine empfindliche Naſe beleidigen könnte; die Fülle wäre eine Mirtur von Pfeffer, Liebſtöckel und Aſſa fötida, oder ſo⸗ genannten Teufelsdreck geweſen, und die Sauce Wein und Herings⸗ lake, die er ſtatt des berühmten Garum oder der Marinade der Römer gebraucht habe. Dieſe berühmte Tunke, ſagte er, wäre bis⸗ weilen von den Scombris, einer Art von Thunſiſchen, bisweilen auch von dem Silurus, oder dem großen Aſſe zubereitet worden; ia er gedachte ſogar noch einer dritten Gattung, Garum hämation genannt, die von den Ohren, den Gedärmen und dem Blute des Thunfiſches zubereitet geweſen ſey. Da der Arzt ſelbſt ſah, daß es ganz unmöglich war, die Ord⸗ nung des Bankets wieder herzuſtellen, und die Schüſſeln in dem Zuſtande, worin ſie waren, wieder aufzuſetzen, ſo befahl er, Alles wegzunehmen, ein reines Tiſchtuch aufzulegen und den Nachtiſch zu bringen. Mittlerweile bedauerte er, daß er nicht im Stande ſey, ihnen eine Probe von den Halieus oder den Fiſchſpeiſen der Alten zu geben, daß er ihnen nicht die Jus diabaton vorſetzen könne, den Meeraal, 198 der nach Galenus Meinung hart zu verdauen iſt; die Cornuta oder den Knorrhahn, den Plinius in ſeiner Naturgeſchichte beſchreibt, und von dem er ſagt, daß bei manchen die Hörner anderthalb Fuß lang geweſen wären; die Meeräſche und die Lamprete, die bei den Alten ſehr geſchätzt wurden, und von welchen letzteren Julius Cäſar zu einer triumphaliſchen Abendmahlzeit ſechstauſend zuſammenborgte. Hierbei bemerkte er, daß der Art, ſie zuzubereiten, vom Horaz in ſeiner Beſchreibung des Gaſtmahls gedacht würde, wozu Mäcen von dem Epikuräer Naſidien eingeladen war: Aflertur squillas inter muraena natantes etc.* Er belehrte ſie, daß ſie gemeiniglich mit Thus ſyriacum, einem gewiſſen lindernden und adſtringirenden Samen, der die purgative Natur des Fiſches verbeſſert hätte, gegeſſen worden wären. Endlich gab ihnen der gelehrte Arzt zu verſtehen, daß, obgleich dieß unter die ſchwelgeriſchen Gerichte der Römer gehört habe, es doch keines⸗ wegs in Anſehung der Koſten mit einigen andern Speiſen zu ver⸗ gleichen wäre, die zu den Zeiten des ausſchweifend wollüſtigen Helio⸗ gabalus Mode geweſen wären. Dieſer hätte zum Beiſpiel ſechshun⸗ dert Straußengehirne zu Einem Gerichte nehmen laſſen. Jetzt erſchien der Nachtiſch, und die Geſellſchaft freute ſich nicht wenig, bloße Oliven in Waſſer und Salz zu erblicken; was aber der Geber des Gaſtmahls am meiſten pries, war eine Art Gelee, die, wie er behauptete, der Hypotrimena des Heſychius weit vorzu⸗ ziehen ſey, und die aus einer zu einer dichten Subſtanz gekochten Mirtur von Eſſig, Oel und Heringslacke beſtand, und einem Schüſ⸗ ſelchen mit candirter Aſſa fötida, die er trotz dem Widerſpruch von Hummelberg und Liſter für nichts anders als für das Laſer ſyriacum erklärte, das bei den Alten ſo koſtbar war, daß ſie es nach dem Gewicht eines Silberpfennings verkauften. Seine Gäſte glaubten die Vortrefflichkeit dieſes Gummis auf „Unter ſchwimmenden Hummern erſcheint auch eine Muräne. 199 ſein Wort, begnügten ſich aber mit den Oliven, die dem Weine einen ſo angenehmen Geſchmack verliehen, daß ſie ſehr geneigt ſchie⸗ nen, ſich an dieſer Frucht für die bisher erlittenen Unglücksfälle zu erholen. Pickle, der nicht gern den geringſten Umſtand vorbei ließ, der zur Fröhlichkeit der Geſellſchaft beitragen konnte, ging hinaus, um den Maler zu holen. Er fand ihn noch in Bußgedanken, und konnte ihn nicht eher dazu bewegen, wieder in den Speiſeſaal zurückzukehren, als bis er es über ſich zu nehmen verſprochen hatte, ihm von denen Verzeihung auszuwirken, die von ihm beleidigt waren. Nach dieſer Verſicherung führte ihn unſer junger Herr wie einen Miſſethäter in den Saal. Er bückte ſich gegen alle ſehr de⸗ und wehmüthig, zumal gegen den Grafen, welchem er auf Engliſch zuſchwor, daß es gar nicht ſeine Abſicht geweſen ſey, weder Mann noch Weib, weder Kind noch Kegel zu beleidigen. Er habe ſich bloß darum, ſo gut als möglich, fort⸗ gemacht, um die hochachtungswürdige Geſellſchaft nicht zu beleidigen, wenn er in ihrer Gegenwart den Geboten der Natur gehorcht hätte. Nachdem Pickle dieſe Entſchuldigung dem Italiener verdolmetſcht hatte, ließ dieſer dem Pallet in ſehr höflichen Ausdrücken Vergebung angedeihen; auch ſein Freund, der Doktor, nahm ihn durch unſeres Helden Vermittelung wieder zu Gnaden an. Demnach vergaßen die Gäſte insgeſammt ihres Kummers, und bezeigten der Flaſche ſo ſtark ihre andachtsvollen Verehrungen, daß der Champagner ſehr bald auf das Betragen Aller die ſichtlichſten Wirkungen äußerte. 200 Neunundvierzigſtes Kapitel. Pallet und Pickle gehen auf die Maskerade. Unglückliche Folgen hievon. Pickle, der einen Angriff auf die Gehörwertzeuge des Grafen im Schilde führte, erſuchte den Maler, die Geſellſchaft mit dem Liede:„Ein volles, lieber Squire Jones!“ zu erfreuen, welche Bitte dieſer zur grenzenloſen Befriedigung des Barons erfüllte, doch dabei die delikaten Ohren des Italieners dermaßen afficirte, daß ſeine Ge⸗ ſichtszüge das höchſte Erſtaunen und die größte Unruhe ausdrückten, und durch ſeine plötzlichen und wiederholten Ausflüge nach der Thür bewies er offenbar, daß er mit denen in Eine Klaſſe gehörte, welche, wie Shakespeare bemerkt, aus einer beſondern Antipathie beim An⸗ hören eines Dudelſacks ihr Waſſer nicht halten können. Kaum hatte Pallet ſeine Arbeit zu Ende gebracht, ſo beehrte der Graf, um die Muſik für einen ſo barbariſchen Geſchmack zu rächen, die Geſellſchaft mit einigen Lieblingsarien aus ſeinem Vater⸗ lande, die er mit ungemeiner Grazie und Ausdruck hervorwirbelte. Sein Vortrag vermochte jedoch nicht, die Aufmerkſamkeit des Deut⸗ ſchen zu feſſeln, der auf ſeinem Lager in einen feſten Schlaf fiel, und ſo laut ſchnarchte, daß er dieſe entzückende Unterhaltung nicht nur unterbrach, ſondern ganz zernichtete. Sie ſahen ſich daher am Ende genöthigt, ihre Zuflucht wieder zum Wein zu nehmen. Das Gehirn des Arztes wurde dadurch der⸗ maßen reſtaurirt, daß er diverſe Oden aus dem Anakreon nach Me⸗ lodieen von ſeiner eigenen Compoſition ſang, und eine weitläufige Rede über die Muſik und Recitation der Alten mit großer Erudition perorirte. Pallet hatte indeß Mittel ausgefunden, den Italiener mit dem Gegenſtande ſeiner Kunſt bekannt zu machen, und haran⸗ guirte mit bewundernswürdiger Schnellzüngigkeit über die Malerei, in einer Sprache, die(zu ſeinem Vortheil) der Fremde nicht verſtand. 201 Endlich wurde der Doktor ſo benebelt, daß er Peregrine bitten mußte, ihn auf ſein Zimmer zu bringen, wohin auch der Baron ſich begab, nachdem man ihn geweckt hatte. Peregrine, der durch den reichlich genoſſenen Wein luſtig gewor⸗ den war, that dem Maler den Vorſchlag, ihn auf eine eben in der Nacht ſtattfindende Maskerade zu begleiten. Dieſem fehlte es weder an Neugier noch an Luſt dazu, doch äußerte er die Beſorgniß, ihn auf dem Balle zu verlieren; ein Umſtand, der ihm nothwendig höchſt unangenehm ſeyn müſſe, da er in der Sprache ſowohl als in der Stadt gänzlich unbekannt wäre. Dieſem Einwurf zu begegnen, ſchlug die Hauswirthin, die bei dieſer Berathſchlagung zugegen war, ihm vor, Frauenkleider anzuzie⸗ hen. Dieß würde ſeinem Begleiter die Verbindlichkeit auflegen, ſich ſorgfältiger zu ihm zu halten. Von einer Dame, die er auf den Ball geführt, würde er ſich ſchicklicherweiſe nicht trennen können; überdieß würde dieſes vermeintliche Engagement öffentliche Mädchen abhalten, ihre Verführungskünſte an eine ſchon verſagte Perſon z verſchwenden. Unſer junger Herr, der ſich von der Ausführung dieſes Projekts eine reichhaltige Quelle von Vergnügen verſprach, unterſtützte dieſen Vorſchlag ſo lebhaft und gewandt, daß ſich der Maler dazu verſtand, ein Kleid der Wirthin anzuziehen, und auch Maske und Domino anzulegen, während ſich Peregrine mit einer ſpaniſchen Rittertracht ausſtaffirte. In dieſem Aufzuge begaben ſie ſich gegen eilf Uhr in einem Fiaker unter Pips Begleitung nach dem Tanzſaal. Als Pickle mit ſeinem vorgeblichen Frauenzimmer daſelbſt eintrat, gerieth die ganze Verſammlung in Erſtaunen, weil man nie eine ſo unbehülf⸗ liche Figur in Weiberkleidern geſehen hatte. Nachdem ſie alle merkwürdigen Masken in's Auge gefaßt, und den Maler mit einem Gläschen Likör regalirt hatte, entwiſchte ihm ſein ſchalkhafter Gefährte, und verſchwand in einem Augenblick. Er kam aber gleich unter einer andern Maske und einem Domino über 202 ſeinem Kleide wieder zurück, damit er ſich an Pallet's Verlegenheit weiden und ihn nöthigenfalls vor Beleidigungen ſchützen könnte. Als der arme Maler ſeinen Führer verloren hatte, gerieth er vor Angſt faſt außer ſich. Er rannte mit ſo weiten Schritten und ſo ſeltſamen Geberden im Saale umher, um ihn aufzuſuchen, daß ihm eine Menge Masken nachzogen, und ihn als ein Wunderthier betrachteten. Dieſes Gefolge vermehrte ſeine Unruhe dermaßen, daß er ſich nicht enthalten konnte, in ein lautes Selbſtgeſpräch auszu⸗ brechen, in welchem er ſein Geſchick verfluchte, ſich auf das Verſpre⸗ chen eines ſolchen Schalks verlaſſen zu haben, und ſchwur, wenn er nur erſt wieder aus der Klemme wäre, ſich um das ganze Frankreich nicht wieder in ſolche Ungelegenheit zu begeben. Kaum hatten einige der anweſenden Stutzer vernommen, daß die geheimnißvolle Maske ein Fremder ſey, der kein Wort Fran⸗ zöſiſch verſtehe, ſo ſäumten ſie nicht, ihren Witz und ihre Geſchick⸗ lichkeit an ihm zu verſuchen. Sie quälten ihn mit verſchiedenen ſchnurrigen Fragen, auf welche er keine andere Antwort geben konnte, als:„No parly Francy. Verdammt ſey Euer Geſchnatter! Be⸗ kümmert Euch doch um Euch ſelbſt! Könnt Ihr das nicht Was aber ſeine Qual auf Höchſte ſteigerte, war ein dringender Auf⸗ ruf der Natur wegen des an dieſem Nachmittage ſo reichlich zu ſich genommenen Champagners. Als Frauenzimmer wußte er nicht, wo⸗ hin er ſich zu dieſem Behuf wenden ſollte; und hätte er es auch gewußt, ſo durfte er ſich doch nicht in die Gefahr begeben, von Perſonen dieſes Geſchlechts in einer ſolchen Situation entdeckt zu werden. Wollte er ſich aber in ſeinem gegenwärtigen Aufzuge des Vorrechts einer Mannsperſon bedienen, ſo ſah er voraus, daß er ſich dem Gelächter und Geſpötte der ganzen Geſellſchaft bloßſtellen würde. Sonach war er genöthigt, die folterndſten Schmerzen von dieſer Zurückhaltung zu erdulden. Er lief den ganzen Saal rund herum, warf manchen Jammerblick unter die Schaar der Masken nach Pickle, und ſtieß gegen denſelben unzählige Flüche aus. 203 Endlich ſah er ſich aber doch genöihigt, den dringenden Geboten der Noth nachzugeben. Er folgte daher verſchiedenen Herrn in ein kleines Kabinet, das zu dergleichen Bedürfniſſen eingerichtet war. Hier entſchüttete er ſich des Quelles ſeiner Beängſtigungen in ihrer aller Gegenwart, und rief dabei zu ſeiner Entſchuldigung:„Mit Ihrer Erlaubniß! Mit Ihrer Erlaubniß!“ Noth kennt wahrlich kein Gebot! Die Umſtände bei dieſer Handlung waren ſo außer⸗ ordentlich und lächerlich, daß Viele, die davon Augenzeugen waren, die Hände vor Verwunderung in die Höhe hoben, andere aber in⸗ deſſen in den Tanzſaal liefen, ihre Freunde zu holen, um dieſes un⸗ erhörte Schauſpiel anzuſehen. Unter den Masken, die auf dieſe Nachricht herbeieilten, um des Malers Situation anzuſehen, befand ſich unter Anderen auch eine vornehme Standesperſon, die der engliſchen Sprache etwas kundig war. Sie wartete ſo lange, bis Pallet ſich umkehrte; dann ging ſie auf ihn zu, und ſagte:„Madame, ik Sie kratulir ſu Ihr klük⸗ lich Pis. Er ſchein mir, Ihr Waſehr komm ohn kros Müh.“— „Ja, Gott ſey Dank, mein Herr,“ verſetzte der Maler.„Ich habe nie Beſchwerden von Stein gehabt.“—„O um ſo viel beſſer is dat!“ verſetzte die Maske.„Sie libehn ſu aben der Stein ohn Be⸗ ſchwerd, wo ik nik irr.“—„Wahrhaftig und Gott! mein Schatz, Sie haben's auf's Haar getroffen! Das iſt wirklich der Fall, ſo wahr ich hoffe ſelig zu werden!“ rief Pallet und prach in ein hefti⸗ ges Gelächter aus. Dieß war Urſache, daß der Franzos alle Beſcheidenheit und Um⸗ ſtände bei Seite ſetzte, mit dem vorgeblichen Frauenzimmer ſehr frei umzugehen begann, und ſie betaſten wollte. Der Maler war aber zu keuſch, als daß er eine ſo unanſtändige Begegnung geduldet hätte, und da der galante Herr ſeine Verſuche auf eine noch minder deli⸗ kate Art wiederholte, ſo verſetzte er ihm eine ſolche Ohrfeige, daß ſich alle Lichter vor ihm vertauſendfachten und ein ſtarker Verdacht gegen Pallet's Geſchlecht rege ward. Der Cavalier ſchwur darauf, 204 daß er entweder eine Mannsperſon oder ein Zwitter ſeyn müſſe, und beſtand, um ſeiner Ehre willen, mit ſolcher Hartnäckigkeit auf einer Unterſuchung dieſer Streitfrage, daß die arme vorgebliche Nymphe in Gefahr ſchwebte, nicht allein beſchimpft, ſondern auch wegen der Freiheit, die ſie ſich gegen des Prinzen Backen genommen hatte, ernſtlich beſtraft zu werden. Peregrine, der Alles ſah und hörte, was vorging, hielt es jetzt für hohe Zeit, ſich in's Mittel zu ſchlagen, und behauptete demnach ſeine Anſprüche auf dies Frauenzimmer, das ſich über dieſen Beweis ſeiner Fürſorge ſehr freute. Der Beohrfeigte beharrte auf ſeiner Forderung, zu wiſſen, wer ſie ſey, und unſer Held weigerte ſich keck, ihm dieſe Genugthuung zu geben. Dieß führte zu heftigen Worten; und da der Prinz drohte, ihn für ſeinen Uebermuth zu beſtrafen, ſo deutete Peregrine, von dem nicht zu vermuthen war, daß er ſeines Gegners hohen Stand wußte, auf den Ort, wo der Degen zu hängen pflegt, ſchlug ihm ein Schnippchen, nahm den Maler an dem Arm, führte ihn nach einer andern Seite des Saals, und überließ ſeinen Antagoni⸗ ſten ſeinen rachſüchtigen Betrachtungen. Pallet ſchalt ſeinen Führer, daß er ihn in eine ſolche Patſche gebracht hätte, und erzählte ihm ſodann, wie er in der Klemme ge⸗ ſteckt habe, wobei er ihm erklärte, es ſolle dieß nicht zum zweiten⸗ male geſchehen. Auch hielt er ſich in der That, ſo lange die Luſtbarkeit dauerte, feſt an Pickle's Arm angeklammert, zu nicht geringer Beluſtigung aller Anweſenden, die ihre ganze Aufmerk⸗ ſamkeit dieſer linkiſchen, unbehülflichen, hoch daherſchreitenden Figur widmeten. Als es Peregrine endlich langweilte, dieſe ſeltene Sehenswür⸗ digkeit länger zur Schau zu ſtellen, willigte er in die wiederholten Bitten ſeiner Gefährtin und führte ſie in den Wagen. Kaum war er mit ihr eingeſtiegen, als eine Partie Musketiere ihn umringté, und der Polizeibeamte, der ſie anführte, den Schlag zu öffnen be⸗ fahl. Er ſetzte ſich mit großer Kaltblütigkeit in den Wagen, und 205 einer von ſeinen Leuten auf den Bock, um dem Kutſcher die gehörige Anweiſung zu geben. Peregrine durchſchaute ſogleich die Bedeutung dieſer Verhaftung. Zu ſeinem Glück führte er keine Waffen zu ſeiner Vertheidigung bei ſich, denn bei der Heftigkeit ſeines Temperamentes würde er lieber Alles gewagt, als ſich einer noch ſo überlegenen Menge erge⸗ ben haben. Pallet dagegen glaubte, der Polizeibeamte ſey ein Herr, der aus Verſehen ihren Wagen für den ſeinigen genommen habe, und verlangte, daß ſein Freund den Fremden hiervon unterrichten ſollte. Als er aber den eigentlichen Zuſammenhang erfuhr, began⸗ nen ſeine Kniee zu ſchlottern, und ſeine Zähne zu klappern. Er ſtieß die kläglichſten Jammertöne aus, welche die Furcht, in ein ſcheußliches Loch der Baſtille geworfen zu werden, ihm abpreßte. „Da werde ich meine übrigen Lebenstage in Elend und Grauſen zu⸗ bringen müſſen,“ winſelte er,„werde nie die liebe Sonne mehr wie⸗ der ſehen, noch das Angeſicht eines Freundes, und werde in einem ſtockwildfremden Lande umkommen müſſen, fern von meiner Familie und meinen Anverwandten!“ Pickle tadelte ihn wegen ſeiner Kleinmüthigkeit, und der Poli⸗ zeibeamte äußerte, als er eine Dame ſo jämmerlich klagen hörte, er bedauere ungemein, daß er das Werkzeug ihres Mißgeſchicks ſeyn müſſe; er verſuchte ſie dadurch zu tröſten, daß er ihr die Milde der franzöſiſchen Regierung und die Herzensgüte des Prinzen pries, der ſie habe verhaften laſſen. Peregrine, der in dergleichen Gelegenheiten alle Beſonnenheit zu verlieren pflegte, eiferte mit großer Bitterkeit gegen den Despo⸗ tismus der franzöſiſchen Staatsverwaltung, und bediente ſich mancher verächtlichen Ausdrücke gegen den Charakter des beleidigten Prinzen, deſſen Rache nichts weniger denn edelmüthig, ſondern ungerecht, un⸗ großmüthig, erbärmlich⸗klein zu nennen ſey. Der Polizeibeamte be⸗ antwortete dieß mit einem ſtillſchweigenden Achſelzucken, indem er zugleich ſein Erſtaunen über die Dreiſtigkeit des Gefangenen bezeigte. 206 Als der Wagen abfahren wollte, ließ ſich hinter demſelben ein Gezänk und Geprügelhören; auch vernahm man zugleich Tom Pips Stimme, der aus voller Macht ſchrie:„ch will verdammt ſin, wo ich's thu!“ Einer von der Wache hatte von dieſem treuen Bedien⸗ ten verlangt, daß er abſteigen ſollte. Allein er war feſt entſchloſſen, das Schickſal ſeines Herrn zu theilen, weßhalb er von ihrem Geſuch nicht eher Notiz nahm, als bis es durch Gewalt unterſtützt ward. Dieſe ſuchte er mit ſeiner Ferſe zu vertreiben, die er dem Soldaten, der ihn zuerſt anrührte, gar nachdrücklich an die Kinnbacken legte, ſo daß ſie gerade ein ſolches Gekrach von ſich gaben, wie eine tro⸗ ckene welſche Nuß zwiſchen den Backzähnen eines Affen. Durch dieſe Beſchimpfung erbittert, begrüßte ein Anderer Tom's Poſterivra mit ſeinem Bajonet. Dieß ſiel Peregrine's liebem Getreuen ſo läſtig, daß er ſeinen Poſten nicht länger behaupten konnte, ſondern herunterſprang, ſeinen Gegner durch einen Stoß unter das Kinn rücklings niederwarf, über ihn hinwegvoltigirte, und ſich unter dem Gedränge der dort halten⸗ den Kutſchen ſo lange verborgen hielt, bis er den Wagen ſeines Herrn hinten und vorn mit Soldaten beſetzt ſah. Kaum rollte die⸗ ſer fort, ſo lief Tom ihm nach, um den Ort auszukundſchaften, an welchen man Peregrine befördern würde. Der Wagen paſſirte langſam durch mancherlei Umwege nach einem Theile von Paris, wo Pips wildfremd war. Endlich hielt er vor einem hohen Thore, in deſſen Mitte ſich ein niedriges Pfört⸗ chen befand. Bei Annäherung des Wagens that ſich dieſes Pförtchen auf. Die Gefangenen wurden hineingelaſſen, worauf die Wache mit dem Fiaker wieder abfuhr. Tom beſchloß, dieſen Ort die ganze Nacht zu bewachen, um am Morgen die Maßregeln zu treffen, welche zur Befreiung ſeines Herrn die paſſendſten ſeyn möchten. 207 Fünfzigſtes Kapitel. Jolter, von dem Schickſal ſeines Mündels durch den treuen Pips benach⸗ richtigt, berathſchlagt ſich mit dem Arzte, und wendet ſich ſodann an den engliſchen Geſandten, um Pickle's Befreiung zu bewirken. Der Geſandte arbeitet daran. Wie dieß ausfällt. Dieſen Plan führte er aus, trotz den Schmerzen von ſeiner Wunde und den Fragen der Stadtwache zu Pferde und zu Fuß, der er keine andere Antwort geben konnte, als:„Anglois! Anglois!“ Sobald es aber tagte, faßte er das Schloß(denn dafür hielt er das Gebäude, in welches Peregrine und Pallet gebracht worden waren) und deſſen Lage gegen den Fluß genau in's Auge, begab ſich in ſei⸗ nes Herrn Quartier zurück, weckte Jolter und ſtattete ihm Bericht von dem Vorgefallenen ab. Bei dieſer Trauerbotſchaft rang der Hofmeiſter in der äußerſten Betrübniß und Beſtürzung die Hände, indem er nicht zweifelte, daß ſein Zögling auf Zeitlebens eingeſperrt ſey. In der Angſt und Bedrängniß verfluchte er den Tag, wo er die Leitung eines ſo un⸗ beſonnenen Jünglings übernommen hatte, der thätlich ſowohl als wörtlich durch wiederholte Beleidigungen die Ahndung einer ſo mild verfahrenden Regierung herausgefordert habe. um jedoch kein ihm zu Gebote ſtehendes Mittel, ihn aus ſeiner gegenwärtigen Verlegen⸗ heit zu ziehen, zu vernachläßigen, ſchickte er Pips zu dem Doktor, um ihm den Vorfall zu melden, damit derſelbe ſich mit ihm zur Abhülfe des Mißgeſchicks vereinige. Als der Arzt hörte, was geſchehen war, zog er ſich ſogleich an, und erſchien bei Jolter, den er mit den Worten anredete:„Ich will hoffen, daß Sie Ihren Irrthum jetzt einſehen, und künftig nicht mehr behaupten werden, Unterdrückung könne nie die Folge einer despotiſchen Gewalt ſeyn. Eine ſolche Calamität hätte ſich nie unter athenienſiſcher Demokratie ereignen können, ja, ſelbſt als ſich Piſi⸗ 208 ſtratus des Staatsruders bemächtigt hatte, durfte er es nicht einmal wagen, ſo unumſchränkt und ungerecht zu herrſchen. Sie werden ſehen, daß Sir Pickle und mein Freund Pallet jetzt als Opfer der Tyrannei fallen werden. Nach meiner Meinung helfen wir mit den Untergang eines armen Sklavenvolks befördern, wenn wir uns Mühe geben, die Befreiung unſerer unglücklichen Landsleute durch unſer Anſuchen oder Flehen zu bewirken. Denn wir können dadurch ein offenbares Verbrechen verhindern, welches das Maß der Rache des Himmels gegen die Thäter voll machen, und vielleicht das Mittel ſeyn könnte, der ganzen Nation wieder zu dem unausſprechlichen Genuß der Freiheit zu verhelfen. Ich meines Orts könnte mit Ver⸗ gnügen das Blut meines Vaters in einer ſo rühmlichen Sache ver⸗ gießen ſehen, wofern mir dieſes Opfer nur den Weg bahnte, die Ketten der Sklaverei zu zerbrechen, und die Freiheit, dieſes ange⸗ borene Recht des Menſchen, zu vertheidigen. Dann würde mein Name unter den patriotiſchen Helden des Alterthums unſterblich glänzen, und mein Gedächtniß wie das Andenken des Harmodius und Ariſtogiton durch eine auf öffentliche Koſten errichtete Bildſäule geehrt werden.“ Dieſe mit großem Pathos und Affekt vorgetragene Rhapſodie ärgerte Jolter dermaßen, daß er ſich, ohne etwas zu erwiedern, in höchſter Entrüſtung auf ſein Zimmer begab, und der Republikaner ging mit der vollen Hoffnung heim, ſein Prognoſtikon werde ſich durch Pickle's und Pallet's Tod und Untergang erfüllen. Dieß, glaubte er ſollte zu einer gewaltigen Revolution Anlaß geben, in welcher er eine Hauptrolle ſpielen wollte. Der Hofmeiſter aber, deſſen Einbildungskraft nicht ſo feurig und fruchtbar war, begab ſich alsbald zum engliſchen Geſandten, entdeckte ihm die Lage ſeines Zöglings, und erſuchte ihn, es durch ſeine Verwendung bei dem franzöſiſchen Miniſterium dahin zu bringen, daß er und der andere großbritanniſche Unterthan ihre Freiheit wieder erlangten. Se. Ercellenz fragte Jolter, ob er die Urſache dieſer Gefangen⸗ 209 nehmung etwa muthmaßte, um deſto beſſer im Stande zu ſeyn, Pickle's Betragen entweder zu rechtfertigen oder zu entſchuldigen. Allein weder der Hofmeiſter noch Pips konnten ihm über dieſen Punkt die mindeſte Auskunft geben. Inzwiſchen mußte ihm Letzte⸗ rer die Verhaftung ſeines Herrn ſowohl als auch ſein Verhalten dabei, und den ihm bei der Gelegenheit zugeſtoßenen Unfall um⸗ ſtändlich erzählen. Se. Lordſchaft zweifelten nicht, daß Peregrine ſich dieſe Unannehmlichkeit durch irgend einen auf der Maskerade geſpielten muthwilligen Streich zugezogen habe, zumal da er ver⸗ nahm, daß der junge Herr den Nachmittag reichlich gezecht und den tollen Einfall gehabt hatte, eine Mannsperſon in Frauenzimmerklei⸗ dern mit auf den Ball zu nehmen. Noch denſelben Tag machte er dem franzöſiſchen Miniſter ſeine Viſite, in der feſten Zuverſicht, Peregrine's Loslaſſung auszuwirken. Allein er ſtieß auf mehr Schwierigkeiten, als er erwartete. Der franzöſiſche Hof nimmt es in allen Sachen, welche Prinzen von Ge⸗ blüt betreffen, außerordentlich genau. Daher war der Geſandte ge⸗ nöthigt, aus ſehr hohem Ton zu ſprechen, und ob es gleich damals Frankreichs Politik gemäß war, wegen Kleinigkeiten mit den Eng⸗ ländern nicht zu zerfallen, ſo konnte er dennoch von jenem Herrn nichts weiter als das Verſprechen erlangen, daß Pickle losgegeben werden ſollte, wenn er ſich dazu verſtände, den beleidigten Prinzen um Verzeihung zu bitten. Se. Excellenz, die vorausſetzten, daß unſer Held Unrecht habe, hielt dieſe Bedingung für billig. Jolter ward daher zu ihm geſandt, um ihm den Rath Sr. Lordſchaft, die vorgeſchlagenen Bedingungen anzunehmen, zu eröffnen, und demſel⸗ ben Nachdruck zu geben. Der Hofmeiſter, der nicht ohne Furcht und Zittern in dieſes düſtere Schloß ging, fand ſeinen Zögling in einem elenden Gemache, in welchem ſich nichts als ein hölzerner Seſſel und eine Pritſche be⸗ fanden. Als Jolter eintrat, pfiff Peregrine ganz ſorglos ein Liedchen und zeichnete mit einem Bleiſtift auf die bloße Wand, an welche Smollet's Romane. HK. 14 210 er eine lächerliche Figur gemalt, und darunter den Namen des von ihm beleidigten vornehmen Herrn geſetzt hatte. Neben demſelben ſtand ein engliſcher Schäferhund, der ſein Bein aufhob und Waſſer in deſſen Schuhe ließ. Seine Vermeſſenheit war ſo weit gegangen, dies Sinnbild durch ſatyriſche Randgloſſen in franzöſiſcher Sprache zu erläutern. Jolter ſträubte ſich das Haar, als er dieſe Inſchriften geleſen hatte. Selbſt der Schließer wurde durch ſein dreiſtes Betragen in Verwirrung und Furcht geſetzt; ſo etwas war ihm bei keinem der Bewohner dieſes Orts vorgekommen. Er vereinigte ſich jetzt mit Pickle's Freund, ihn zu überreden, des Miniſters leichte Forderung zu erfüllen. Weit entfernt, den Rath dieſes Anwalds anzunehmen, führte ihn unſer Held mit großen Ceremonien an die Thüre, und entließ ihn mit einem Tritt auf den Hintern. Auf Jolter's flehentliche Bitten, ja ſelbſt auf ſeine Thränen gab er keine andere Antwort, als: er würde ſich nie ſo weit demüthigen, da er kein Verbrechen begangen habe; er verlange, daß ſeine Sache dem großbrittanniſchen Hofe zur Entſcheidung übergeben werde, in⸗ dem es deſſen Schuldigkeit ſey, ſeinen Unterthanen zu ihrem guten Recht zu verhelfen. Inzwiſchen bat er, daß Pallet, der in einem andern Gemache eingeſperrt und nachgiebiger Gemüthsart wäre, das Anerbieten annähme. Als der Hofmeiſter hierauf den Mitgefangenen zu ſehen be⸗ gehrte, entgegnete ihm der Schließer, wegen der Dame habe er keine Befehle erhalten, könne ihn alſo nicht in ihr Gemach einlaſſen, ob⸗ wohl er dabei gefällig genug war, ihm zu erzählen, wie die Gefan⸗ gene durch ihre Einkerkerung ſehr gebeugt ſcheine, und ſich manch⸗ mal als eine Wahnſinnige geberde. Jolter, dem auf dieſe Weiſe alle ſeine Bemühungen fehlgeſchla⸗ gen waren, verließ die Baſtille mit ſchwerem Herzen, und berichtete ſeine fruchtloſen Unterhandlungen dem Geſandten, welcher ſich nun nicht enthalten konnte, einige bittere Ausdrücke über die Starrköpfig⸗ 211 keit und den Uebermuth des jungen Mannes auszuſtoßen.„Er ver⸗ dient Züchtigung für ſeine Thorheit,“ ſetzte er hinzu. Deſſen unge⸗ achtet ermangelte er nicht, ſeinetwegen Vorſtellungen bei dem fran⸗ zöſiſchen Miniſterium zu machen. Er fand daſſelbe jedoch ſo unnach⸗ giebig, daß er ſich genöthigt ſah, rund heraus zu erklären, er würde dieſe Sache zur Nativnalangelegenheit machen, und nicht nur ſeinem Hofe um Verhaltungsbefehle ſchreiben, ſondern auch dem dortigen Conſeil anrathen, Repreſſalien zu gebrauchen, und einen oder den andern franzöſiſchen Herrn zu London in den Tower zu ſchicken. Dieſer Schritt that bei dem Miniſterium zu Verſailles ſeine Wirkung. Ehe es ſich in Gefahr ſetzen wollte, ein Volk gegen ſich aufzubringen, das zu beleidigen weder in ſeinem Intereſſe noch in ſeiner Neigung lag, willigte es lieber in die Entlaſſung der Gefan⸗ genen, doch nur unter der Bedingung, daß Beide drei Tage nach erhaltener Freiheit Paris verließen. Dieſen Vorſchlag nahm Pere⸗ grine willig an. Jetzt war er ein wenig biegſamer geworden, denn er war ſeines Zuſtandes von Herzen überdrüſſig, da er nun bereits drei volle Tage ohne die geringſte Geſellſchaft, als die ſeiner eigenen Gedanken, in dieſem nnangenehmen Wohnort zugebracht hatte. Einundfünfzigſtes Kapitel. Peregrine macht ſich auf des Malers Koſten luſtig. Der Letztere bricht mit dem Doktor. 5 Da ſich unſer Held die Lage ſeines Unglücksgefahrten recht wohl vorſtellen konnte, ſo wollte er die Baſtille nicht eher verlaſſen, als bis er mit deſſen Kummer ſich ein wenig luſtig gemacht hätte. Zu dieſem Ende begab er ſich in den Kerker des armen Malers, zu welchem er jetzt freien Zutritt hatte Der erſte Gegenſtand, der ihm 212 bei ſeinem Eintreten in's Auge ſiel, war ſo ungemein lächerlich, daß er kaum die ernſte Miene beibehalten konnte, die er zur Ausführung ſeines beabſichtigten Scherzes angenommen hatte. Der beklagenswerthe Pallet ſaß aufgerichtet in ſeinem Bette in einem ganz außerordentlichen Nachtanzuge. Das ungeheuere Kopf⸗ zeug, die Schnürbruſt, die Robe und den Unterrock hatte er bei Seite gelegt, die Schleppe ſtatt Nachtzeuges um den Kopf gebunden, und ſeinen Domino als Schlafrock angezogen. Sein grauer Bart war bis zu halben Zolles Länge hervorgeſproſſen, und jede ſeiner Mienen deutete auf Bekümmerniß und Verdruß. Sobald er unſern Helden eintreten ſah, ſprang er in einer Art von wahnſinniger Extaſe mit offenen Armen auf ihn los. Kaum aber bemerkte er die wehmüthige Miene, die unſer Held ſeinem Ge⸗ ſicht einzudrücken gewußt hatte, als er plötzlich ſtehen blieb und die traurigſten Ahnungen in Einem Augenblick die Freude verdrängten, die ſich ſeines Herzens zu bemeiſtern begonnen hatte. Er ſtand in einer poſſierlichen Stellung ſo äußerſt niedergeſchlagen da, wie ein nebelthäter in Old⸗Baily, wenn er ſein Urtheil vorleſen hört. Peregrine nahm ihn bei der Hand und betheuerte mit einem Seufzer, es thäte ihm ungemein leid, daß er ſich zu ſolcher Hiobs⸗ botſchaft müſſe gebrauchen laſſen. Sodann meldete er ihm mit einem Geſicht voller Mitleid und unendlicher Theilnahme, der franzöſiſche Hof habe ſein Geſchlecht entdeckt, und in Betracht der ſchnöden Be⸗ ſchimpfung, die er öffentlich gegen einen Prinzen von Geblüt aus⸗ geübt, beſchloſſen, ihn Zeitlebens als Gefangenen in der Baſtille zu behalten. Dieß Urtheil ſey eine gemilderte Sentenz, die der engliſche Geſandte durch ſeine dringende Verwendung ausgewirkt habe. Denn die Geſetze hätten keine geringere Strafe verfügt, als ihn lebendig zu rädern. Durch dieſe üble Nachricht vergrößerte ſich der Schreck des Malers ſo heftig, daß er laut aufbrüllte und wie ein Raſender im Zimmer umherrannte. Er rief Gott und Menſchen zu Zeugen, daß 213 er lieber unmittelbar den Tod leiden, als ein Jahr lang in einem ſo fürchterlichen Kerker gefangen ſitzen wollte. Er verfluchte die Stunde ſeiner Geburt und den Augenblick, wo er ſein Vaterland verlaſſen hatte. „Ich meines Theils,“ verſetzte ſein Quäler in einem heuchleri⸗ ſchen Tone,„ſah' mich genöthigt, die bittere Pille hinunter zu ſchlucken, den Prinzen um Gnade zu bitten. Er iſt damit zufrieden geweſen, weil ich nicht die Vermeſſenheit gehabt habe, ihn zu ſchla⸗ gen, und ich ſehe mich jetzt frei gegeben. Auch für Sie iſt noch ein Mittel, dieſelbe zu erlangen, freilich unter einer widerwärtigen Bedingung; doch iſt es immer beſſer, ein augenblickliches Leiden auszuſtehen, als Jahre lang Pein zu erdulden. Zudem,“ ſchloß er, will mich bedünken daß, um dem Elend eines lebenslänglichen Ge⸗ fängniſſes zu entgehen, Sie gewiß ein kleines Opfer nicht ſcheuen werden, zumal da Sie durch Ihre Nachgiebigkeit wahrſcheinlich Vor⸗ theile erlangen können, die Sie auf eine andere Art ſchwerlich er⸗ langen dürften.“ Pallet beſchwor ihn um Gotteswillen, ihn nicht länger auf der Folter der Ungewißheit zu laſſen, ſondern ihm das Mittel zu nen⸗ nen. Er ſey entſchloſſen, es niederzuwürgen, ſo wenig es ihn auch anlachen möchte. Nachdem ihn Peregrine ſo von Furcht und Hoffnung hin- und herſchleudern hatte laſſen, verſetzte er:„Da die Beleidigung in Weiberkleidern geſchehen, und dieß eine unwürdige Verkleidung für das erſte Geſchlecht wäre, ſo hielt der franzöſiſche Hof dafür: der Verbrecher müſſe der Vorrechte und Unterſcheidungszeichen eines Mannes auf immer beraubt werden. Es hinge nun alſo von ihm ab, ob er im Kerker bleiben, oder die Freiheit unmittelbar wieder erlangen wolle. „Was!“ ſchrie der Maler voller Verzweiflung,„mich der Mann⸗ heit berauben, mich zum Kaſtraten machen laſſen! Höll' und Teufel! lieber will ich immer hier liegen bleiben, und mich vom Ungeziefer 214 freſſen laſſen! Hier iſt meine Kehle,“ fuhr er fort, indem er Pe⸗ regrine den Hals hinſtreckte:„ſeyen Sie ſo gut, theurer Freund, und thun Sie ein paar Schnitte hinein; wo nicht, ſo findet man mich eheſter Tage an meinen Kniebändern baumeln. Unglücklicher Kerl, der ich bin! Was für ein Narr, was für ein Narr, was für ein Rindvieh war ich, mich ſolcher barbariſchen Satansbrut anzuvertrauen! Gott verzeih's Ihnen, Sir Pickle, daß Sie die unmittelbare Urſache meines Unglücks ſind! Wären Sie, Ihrem Verſprechen gemäß, von Anfang an bei mir geblieben, hätten Sie mir einen Ort angewieſen, wo ich unentdeckt mein Waſſer hätte abſchlagen können, ſo hätte mich jener Haſenfuß nicht gequält und ich den Schritt nicht gethan. Warum zog ich denn nur das vermaledeite Unglückskleid an? Ver⸗ flucht ſey die trätſchige Iſabel von Wirthin, die mir ſo eine tolle Verkleidung anrieth! Eine Verkleidung, die mich nicht allein in dieſe Patſche hineingezogen, ſondern mich auch mir ſelbſt abſcheulich und andern Leuten fürchterlich gemacht hat. Als ich heute Morgen dem Stockmeiſter ſagte, daß ich gern raſirt ſeyn möchte, ſo ſah er meinen Bart mit Erſtaunen an, kreuzte und ſegnete ſich, und mur⸗ melte ein Paternoſter her. Ich glaube gewiß und wahrhaftig, er hielt mich für eine Hexe oder für ein noch ärgeres Monſtrum. Cwig vermaledeit ſey der eckelhafte Fraß beim Doktor! Der war ſchuld, daß ich ſo zechte, um nur den Geſchmack von der Teufels⸗Sillikikabei von der Zunge los zu werden.“ Unſer Held hörte ſein Klagelied bis zu Ende an, und ſodann begann er ſein Betragen damit zu entſchuldigen, daß er die daraus entſpringenden unangenehmen Folgen unmöglich habe vorausſehen können. Zu gleicher Zeit rieth er ihm, ſich in die vorgeſchriebenen Bedingungen wegen Erhaltung ſeiner Freiheit zu fügen.„Sie ſind ja,“ fuhr er fort,„jetzt zu dem Alter gekommen, in welchem die Lüſte des Fleiſches gänzlich gedämpft ſeyn müſſen, wo Sie ſich nur mit dem Heil Ihrer Seele beſchäftigen ſollten. Dazu kann nichts beſſer dienen, als jene vorgeſchlagene Verſtümmelung. Ihr Körper 215 ſowohl wie Ihre Seele wird bei dieſer Veränderung gewinnen. Sie werden keine gefährlichen Begierden mehr zu befriedigen haben, keine fleiſchlichen Gedanken werden Sie von Ihren Berufsgeſchäften ab⸗ lenken; und Ihre von Natur ſchon angenehme Stimme wird dadurch einen ſolchen Grad von Vollkommenheit erhalten, daß Sie Jeder⸗ mann von Stande und Geſchmack durch dieſelbe bezaubern, und in Kurzem unter dem Namen des engliſchen Seneſino berühmt ſeyn werden.“ Dieſe Beweisgründe machten nothwendigerweiſe auf den Maler Eindruck. Deſſenungeachtet hatte er dreierlei dagegen einzuwenden, nämlich die Schande der Beſtrafung, die Schmerzen bei der Opera⸗ tion und endlich die Furcht vor ſeiner Frau. Pickle übernahm es, dieſe Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. Die Sentenz, ver⸗ ſicherte er, würde ſo geheim vollſtreckt werden, daß davon nichts unter die Leute kommen ſollte; was die Schmerzen anlangte, ſo thäte das Verſchneiden(wie er von Motecelli erfahren habe) nicht einmal ſo weh als das Ausreißen eines Zahns; und was ſeine Frau an⸗ beträfe, ſo könne die ja nicht ſo ungewiſſenhaft ſeyn, nach ſo vielen Jahren ehelicher Umarmungen gegen ein Mittel etwas einzuwenden, wodurch ſie nicht nur wiederum den Umgang ihres Mannes, ſondern auch die Früchte der Talente genöße, die das Meſſer ſo merklich ver⸗ beſſern würde. Gegen die letzte Vorſtellung ſchüttelte Pallet den Kopf, als wenn er nicht dächte, daß ſich ſeine Frau dadurch würde überzeugen laſſen. Er nahm aber den Vorſchlag an, ſofern man ihre Einwilli⸗ gung dazu erhalten könnte. So eben, als er ſich dieſer Operation unterwerfen wollte, trat der Schließer herein, und äußerte dem ver⸗ meinten Frauenzimmer ſein Vergnügen darüber, daß er ihr melden könne, wie ſie von Stund an nicht länger ſeine Gefangene ſey. Da der Maler kein Wort franzöſiſch verſtand, ſo übernahm Peregrine das Amt eines Dolmetſchers, und beredete ſeinen Freund, der Kerkermeiſter habe ihm berichtet, es ſey auf Befehl der Regie⸗ 216 rung ein Wundarzt da, um den gethanen Vorſchlag zu vollziehen; die nöthigen Inſtrumente und Verbände lägen im Nebenzimmer bereit. Erſchreckt über dieſe plötzliche Anſtalt flog Pallet an das andere Ende des Gemachs, ergriff einen irdenen Kammertopf, die einzige Trutzwaffe, die ſich an dieſem Orte befand, und ſetzte ſich in Ver⸗ theidigungsſtand. Er drohte mit manchen Flüchen, dem Wundarzt den Schädel zu zerſchmettern, wenn er ſich unterſtände, die Naſe in's Zimmer zu ſtecken. Der Schließer, der ſich einen ſolchen Empfang nicht hätte träu⸗ men laſſen, mußte glauben, daß die arme Dame ihren Verſtand ver⸗ loren habe, daher er forteilte und die Thüre offen ſtehen ließ. Jetzt raffte Peregrine alle Stücke von Pallet's Anzug in größter Schnel⸗ ligkeit zuſammen, ſtopfte ſie ihm unter die Arme, gab ihm zu ver⸗ ſtehen, daß jetzt das Feld frei ſey, und ermahnte ihn, ihm auf der Ferſe bis an das Thor zu folgen, wo eine Miethskutſche in Bereit⸗ ſchaft ſtehe, um ſie einzunehmen. Da keine Zeit zu verlieren war, ſo nahm der Maler dieſen Rath an, und ſprang mit ſeinem irdenen Gefäß in der Hand, das er in der Eile wegzuthun vergeſſen hatte, hinter unſerm Helden her. Aus ſeinem ganzen Weſen leuchtete alle die Wildheit des Schrecks und der Ungeduld hervor, die, wie man ſich wohl denken kann, ſich eines Menſchen bemächtigten, welcher der Entmannung oder einer ewigen Gefangenſchaft entflieht. Der Aufruhr in ſeinem Innern war ſo groß, daß er dadurch ſeiner Denkkraft völlig beraubt wurde, und nichts als ſeinen Führer vor ſich ſah, welchem er inſtinktmäßig folgte. Er blickte weder auf Hüter noch auf Schildwachen, die, als er, mit den Kleidern unter dem einen Arme und mit der andern Hand das Kammergeſchirr hoch über dem Kopf geſchwungen, vorüber raste, ihrer Verwunde⸗ rung über eine ſo ſeltſame Erſcheinung kein Ende finden konuten. Als er im Wagen ſaß, ſchrie er in Einem fort mit der laute⸗ ſten Stimme:„Fahr' zu, Kutſcher, um Gotteswillen fahr' zu!“ 217 Er hatte bereits eine ganze Straße zurückgelegt, und noch gab Pallet nicht das geringſte Zeichen von Beſinnung von ſich. Er ſtarrte wie das Haupt der Meduſe, mit weit offenem Munde, und jedes ſeiner Haare krümmte und wand ſich wie eine lebendige Schlange. Endlich kehrte ihm die Vernunft wieder, und er fragte Peregrine, ob er glaubte, daß er jetzt außer aller Gefahr ſey. Unſer durchtriebener Schelm war mit der Angſt, die er dem armen Leidenden verurſacht hatte, noch nicht zufrieden, und antwortete mit zweifelvollem und bekümmertem Geſicht: er hoffte wohl, ſie würden nicht mehr einge⸗ holt werden, und er bäte Gott, daß nicht ein Auflauf oder irgend ein Gedränge von Wagen ſie aufhalten möchte. Pallet ſtimmte in dies flehentliche Gebet gar andächtiglich mit ein. Kaum waren ſie einige Schritte weiter gefahren, als ſie eine Kutſche in voller Eile hinter ſich herraſſeln hörten. Pickle ſteckte den Kopf aus dem Schlage, zog ihn aber in anſcheinender Verwir⸗ rung wieder zurück und rief:„Gott ſey uns gnädig! Ich wünſche, daß man uns nur keine Wache nachſendet. Mich däucht, ich habe die Mündung einer Flinte aus der Kutſche hervorragen ſehen. Der Maler hatte dieſe Nachricht nicht ſobald vernommen, als er ſich ſtracks mit halbem Leibe aus dem Fenſter legte, immer noch mit ſeinem Helm in der Hand und ſo laut er nur konnte, dem Kutſcher zubrüllte:„Zugefahren! in's drei Teufels Namen, zugefahren! bis an die Thore von Jericho, oder bis an's Ende der Welt! So fahr' doch zu, du Halunke, du Galgenſtrick, du Höllenhund! Fahr' uns lieber in den Abgrund der Hölle, als daß wir ergriffen werden, und unſern köſtlichen Schatz, die Mannheit, einbüßen!“ Dieſe ungewöhnliche Erſcheinung konnte nicht vorbeipaſſiren, ohne die Neugier der Leute zu erregen. Alle Welt lief an Thüre und Fenſter, dieſes Wunderthier in Augenſchein zu nehmen. In dieſer Abſicht hielt auch die Kutſche, die ſie vermeintlich verfolgte. Schlag ſtand jetzt gegen Schlag. Pallet blickte hinterwärts und ge⸗ wahrte, daß drei Kerle mit ſpaniſchen Röhren hinten auf ſtanden. 218 Seine Furcht ſchuf dieſelben in Flinten um, und er zweifelte nicht mehr, daß der Verdacht ſeines Freundes gegründet ſey. Allein er ſchwang ſein„Gefäß in Unehren“ gegen die vermeintliche Wache, und ſchwur, eher ſein Leben als ſein koſtbarſtes Gut fahren zu laſſen. Der Eigner des Wagens, der ein Edelmann erſten Ranges war, hielt ihn für ein unglückliches Weibsbild, das ſeinen Verſtand verloren habe. Er befahl daher ſeinem Kutſcher, zuzufahren, und überzeugte dadurch den Flüchtling, daß es nur ein blinder Lärm geweſen war. Bei dem allem hörte ſeine Angſt und das Beben ſeiner Glieder nicht auf. Unſer junger Herr befürchtete, ſein Gehirn möchte die Wiederholung eines ſolchen Spaſſes nicht aushalten, deßhalb ließ er ihn ohne weiteres Quälen in ſeiner Wohnung an⸗ langen. Die Wirthin, die ihm auf der Treppe begegnete, erſchrack über ſeinen Anblick dermaßen, daß ſie laut aufſchrie und die Flucht ergriff. Er fluchte inzwiſchen mit großer Bitterkeit auf ſie, und rannte in das Zimmer des Doktors. Statt ihn mit herzlicher Umarmung zu begrüßen und ihm zu ſeiner Befreiung Glück zu wünſchen, ließ dieſer ſichtliche Zeichen von Mißvergnügen und Unruhe blicken. Ja, er erklärte ſogar mit dürren Worten: er habe zu vernehmen gehofft, daß er und Sir Pickle die glorreiche Rolle eines Cato geſpielt hätten. Dieſe Be⸗ gebenheit würde den Grund zu ſo edeln Unternehmungen gelegt haben, daß ſie nothwendig mit Glückſeligkeit und Freiheit hätte enden müſſen. Auch wäre er ſchon ziemlich weit mit einer Ode gekommen, die ihren Namen unſterblich gemacht und die Flamme der Freiheit in der Bruſt jedes Edeln angeblaſen haben würde. Ich hätte da bewieſen, ſagte er, daß große Talente und hohes Freiheitsgefühl ſich wechſelſeitig erzeugen und unterſtützen. Meine Behauptungen würde ich durch ſolche Citate aus griechiſchen Schrift⸗ ſtellern erläutert haben, daß ſelbſt dem Blindeſten und Gedanken⸗ 219 loſeſten die Augen würden geöffnet und die verſtockteſten Herzen er⸗ weicht worden ſeyn: O Thor, den Mann, deß hocherhab'ner Geiſt Umfaßt, was jene Sterne überſchau'n, Zu denken——— „Ich bitte Sie, lieber Pallet, was halten Sie von dem Geiſte, der das ganze Univerſum umfaßt? Ich für meinen Theil kann mich nicht erwehren, es für die glücklichſte Idee zu halten, die ſich meiner Einbildungskraft je bemächtigt hätte.“ Der Maler, der kein ſo feuriger Freiheitsſchwärmer war, konnte des Doktors Exelamationen nicht allzugut vertragen. Er hielt da⸗ für, daß ſie ein wenig zu ſehr nach Gleichgültigkeit und Mangel an Zuneigung für einzelne Glieder der Geſellſchaft ſchmeckten, weßhalb er die ſich ihm jetzt bietende günſtige Gelegenheit benutzte, ſeinen Stolz zu demüthigen. Er bemerkte, das Bild ſey ohne allen Zweifel edel und erhaben; die Idee deſſelben verdanke jedoch der Doktor unſtreitig dem Maſter Bayes, der ſich in ſeinem Erzähler deſſelben Bildes in den Worten bediene: Doch wenn alle dieſe Wolken das Auge der Vernunft umfaßt. Zu einer andern Zeit würde der Maler über dieſe Entdeckung mächtig triumphirt haben; allein jetzt waren ſeine Lebensgeiſter durch die Furcht, wieder ergriffen zu werden, ſo ſehr in Aufruhr und Verſtörtheit gebracht, daß er in ſein Zimmer eilte, um ſeine eigenen Kleider wieder anzuziehen. Dadurch hoffte er eine ſo ganz andere Geſtalt zu gewinnen, daß alle Nachſuchungen und Ausfor⸗ ſchungen fehlſchlagen müßten. Der Arzt war beſchämt und erſtaunt, durch einen ſolchen litera⸗ riſchen Wicht eines gelehrten Diebſtahls geziehen und überführt zu werden. Dieſe Probe von Pallets Gedächtniß beleidigte ihn ſo ſehr, und die Vermeſſenheit des Mannes, dieß zu äußern, machte ihn ſo erbittert, daß er ihm dieſe Unehrerbietigkeit nie verzeihen konnte. 220 Er ergriff in der Folge jede Gelegenheit, die Unwiſſenheit und Thorheit des Malers in das hellſte Licht zu ſtellen. In der That waren die Bande einer Privatzuneigung zu ſchwach, das Herz dieſes Republikaners zu feſſeln. Sein Eifer für das gemeine Beſte hatte alle Theilnahme für einzelne Gegenſtände verſchlungen. Privatfreundſchaft betrachtete er als eine ſeiner all⸗ umfaſſenden Seele unwürdige Leidenſchaft, und er war ein erklärter Bewunderer des Lucius Manlius, Junius Brutus und des ſpätern Patrioten eben dieſes Namens, die ihre Ohren gegen die Schreie der Natur verſchloßen und allen Geboten der Dankbarkeit und Menſchlichkeit widerſtanden. Zweiundfünfzigſtes Kapitel. Pallet gibt des Doktors Partei auf und ſchließt ſich an Pickle an, welcher trotz dem keine Gelegenheit vorbei läßt, ſeine Schadenfreude an ihm zu befriedigen. Mittlerweile hatte Pallet mehrere Eimer Waſſer gebraucht, um den Schmutz des Kerkers von ſich abzuſpülen; dann hatte er ſein Geſicht dem Barbier übergeben, ſeine Augenbraunen ſchwarz gefärbt, und ſeine Kleider wieder angelegt, worauf er es wagte, Peregrine zu beſuchen. Er fand ihn noch unter den Händen ſeines Kammerdie⸗ ners, und vernahm von ihm, daß man bei ſeiner Flucht durch die Finger geſehen, ihnen unter dem Beding Freiheit zugeſtanden habe, wenn ſie Paris binnen drei Tagen verlaſſen würden. Der Maler war außer ſich vor Freude, als er hörte, daß er nicht mehr Gefahr laufe, wieder eingeſteckt zu werden, und zeigte ſich bereit, noch an demſelben Nachmittage nach England zurückzu⸗ 221 kehren; denn die Baſtille hatte einen ſo ſchrecklichen Eindruck auf ihn gemacht, daß er beim Vorüberrollen jedes Wagens zuſammen⸗ ſchauderte und bei dem Anblick jedes franzöſiſchen Soldaten erblaßte. Da ſein Herz zu voll war, ſo beklagte er ſich über des Doktors Gleichgültigkeit, und erzählte, was ſich bei ihrer Zuſammenkunft ereignet hatte, mit deutlichen Aeußerungen des Widerwillens und der Unehrerbietigkeit. Beide wurden nicht vermindert, als ihm Jolter das Benehmen des Arztes erzählte, da er zu ihm geſandt hatte, um ſich mit ihm über die Mittel zu berathſchlagen, durch welche ihre Gefangenſchaft abgekürzt werden könnte. Selbſt Pickle ärgerte ſich über die Gefühlloſigkeit des Doktors, und da er merkte, wie tief der Doktor in der Meinung ſeines Reiſegefährten geſunken war, ſo beſchloß er, dieſe Unzufriedenheit und Uneinigkeit zu nähren und dieſe Männer bei Gelegenheit in eine offenbare Fehde zu bringen. Er ſah voraus, daß ihm dieß manchen Spaß machen würde, wobei der Charakter des Afterpoeten in ein ſolches Licht geſtellt werden fönnte, daß er dadurch für ſeine Arroganz und Herzloſigkeit nach⸗ drücklich geſtraft würde. Zu dieſem Ende richtete er verſchiedene ſatyriſche Ausfälle gegen des Doktors Pedanterie und Mangel an gutem Geſchmack. Beides zeige ſich, ſagte er, ganz klar durch die auswendig gelernten Citate aus den alten Autoren und aus ſeinem affektirten Widerwillen gegen die ſchönſten Gemälde von der Welt, die er nicht mit ſolcher Unempfindlichkeit würde haben anſehen kön⸗ nen, wenn er nur einen Funken von Einſicht gehabt hätte. Sein lächerliches Banket ſetze allem die Krone auf. Nur ein ganz aus⸗ gemachter Haſenfuß ohne alle feine Empfindung und Sinn hätte vernünftigen Weſen ſo etwas zubereiten oder vorſetzen können. Mit Einem Worte, unſer junger Herr ließ die ganze Artillerie ſeines Witzes mit ſolchem Erfolge gegen den Doktor ſpielen, daß Pallet wie aus einem Traume erwachte und mit herzlicher Verachtung gegen den Mann von dannen ging, für den er zuvor eine abgöttiſche Ver⸗ ehrung gehegt hatte. 222 Statt ſich des Vorrechts eines Freundes zu bedienen, und ge⸗ radezu in des Doktors Zimmer zu gehen, ſchickte Pallet ſeinen Be⸗ dienten zu ihm, und ließ ihm melden, daß er morgen mit Pickle Paris verlaſſen würde, daher der Herr Doktor erklären möchte, ob er zu dieſer Reiſe Geſellſchaft leiſten wolle oder nicht. Der Doktor, ſowohl über die Art, als über den Inhalt dieſer Nachricht ſtutzig, eilte ſogleich aufPallets Zimmer, und fragte nach dem Grunde eines ſo plötzlichen und ohne ſeine Zuſtimmung gefaßten Entſchluſſes. Als er aber vernahm, daß ihre Angelegenheiten ihn nothwendig machten, befahl er lieber, bevor er allein reiſen wollte, ſeine Sachen zuſammenzupacken, und war bereitwillig, ſich in die umſtände zu fügen. Doch gefiel ihm Pallets cavaliermäßiges Be⸗ nehmen nicht ganz. Er ließ gegen ihn einige Winke fallen, was er für eine wichtige Perſon ſey, und wie unendlich tief er ſich herab⸗ ließe, ihm ſo große Zeichen ſeiner Achtung zu geben. Allein jetzt hatten dergleichen Erinnerungen ihre Kraft bei dem Maler verloren. Er gab ihm mit einem boshaften Lächeln zu verſtehen, daß er ſeine Gelehrſamkeit, ſeine Geſchicklichkeiten und zumal ſein Kochtalent in gar keinen Zweifel zöge. Letzteres werde ihm unvergeßlich bleiben, ſo lange ſein Gaumen ſeine Funktion verrichten könne. Dennoch rieth er wohlmeinend, wegen der entarteten Eſſer unſerer Zeit, das Salmiak in der nächſten Sillikikabei, die er muchen würde, zu ſparen, und mit dem Teufelsdreck, den er ſo reichlich in die ge⸗ bratenen Hühner geſtopft habe, ökonomiſcher umzugehen, wofern er nicht Willens wäre, ſeine Gäſte zu Patienten zu machen, um ſich für die Koſten der Mahlzeit hinlänglich zu entſchädigen. Den Doktor verdroß dieſe Spötterei, und er blickte den Maler voll Unwillen und Verachtung an; weil er ſich aber nicht Engliſch ausdrücken wollte, damit Pallet bei fortgeſetzter Fehde dadurch nicht zu ſehr erbittert werden und ohne ihn abreiſen möchte, ſo machte er ſeinem Aerger in griechiſcher Sprache Luft, und deklamirte mit vieler Giftigkeit: 223 Auoirovs, Auyg ns9 6chn cyooyric, JoAeo, u 30eN otog zotkthevct ßaotRsßot.* Wiewohl der Maler aus dem Ton urtheilen konnte, daß die eitirte Stelle griechiſch ſey, ſo becomplementirte er dennoch ſeinen Freund über ſeine Kenntniſſe im Walliſiſchen, und fand Mittel, ihn ganz aus ſeiner Gelaſſenheit herauszuſpötteln. Letzterer ging höchſt entrüſtet und gekränkt in ſein Zimmer, und ließ ſeinen Gegner über den erhaltenen Sieg triumphiren. Während dieß zwiſchen den beiden Originalen vorging, machte Peregrine ſeine Viſite bei dem Geſandten, welchem er für ſeine gütige Vermittlung dankte, indem er das Unbedachtſame in ſeinem Betragen mit ſo ſcheinbarer Ueberzeugung erkannte und ſo feierlich angelobte, ſich zu beſſern, daß Se. Ercellenz ihm alle durch ihn gehabte Unruhe gern verzieh, ihm verſchiedene gute Rathſchläge er⸗ theilte, ſeiner fortdauernden Gewogenheit und Freundſchaft verſicherte, und ihm bei ſeiner Abreiſe einige Empfehlungsbriefe an verſchiedene vornehme Perſonen des großbrittaniſchen Hofes mitgab. Auf ſolche Weiſe ausgezeichnet, nahm unſer junger Herr von ſeinen franzöſiſchen Bekannten Abſchied, und brachte den Abend mit einigen von ihnen zu, an die er ſich bisher am innigſten ange⸗ ſchloſſen hatte. Jolter beſorgte unterdeſſen die häuslichen Angele⸗ genheiten, und beſtellte mit unendlicher Freude Poſtchaiſen, um aus einem Orte zu kommen, wo er wegen der gefährlichen Ge⸗ müthsart ſeines Zöglings in beſtändiger Unruhe und Furcht ſchweben mußte. Nachdem Alles ihrem Plan gemäß arangirt war, ſpeisten ſie und ihre Reiſegefährten am folgenden Tage mit einander, und reis⸗ ten um vier Uhr des Nachmittags in zwei Wagen ab. Pips, der Kammerdiener und der Lakai des Doktors begleiteten ſie zu Pferde, * Sprecher mit ſcharfem Wort, biſt gleich du ein mächtiger Redner, Zahme dich jetzt, und woll' nicht allein mit Königen hadern! 224 mit Gewehr, Pulver und Blei wohl verſehen, falls ſie unterwegs von Räubern angegriffen werden ſollten. Es mochte gegen eilf Uhr in der Nacht ſeyn, als ſie in Senlis eintrafen. Sie waren Willens, hier zu übernachten, und genöthigt, die Leute im Wirthshauſe aufzupochen, ehe ſie ein Abendeſſen be⸗ kommen konnten. Aller Vorrath im Hauſe reichte mit genauer Noth hin, ihnen ein mittelmäßiges Mahl zu bereiten. Pallet tröſtete ſich inzwiſchen über die Quantität der Schüſſeln wegen ihrer Qua⸗ lität. Die eine war ein Kaninchenfrikaſſée, ein Gericht, das er allen den Leckerbiſſen vorzog, die jemals auf der Tafel des Lurus liebenden Heliogabalus erſchienen ſeyn könnten. Kaum hatte er ſich hierüber ausgelaſſen, als Peregrine, der faſt in Einem fort Fallen aufſtellte, ſich auf Koſten ſeiner Nachbarn zu beluſtigen, dieſe Erklärung auffing. Ihm fiel gleich die Geſchichte von Seipio und dem Maulthiertreiber aus dem Gil Blas ein, und er beſchloß, ſich einen Spaß mit Pallets Magen zu machen, der zu einer tüchtigen Abendmahlzeit ungemein aufgelegt ſchien. Er über⸗ dachte ſeinen Plan; und als die Geſellſchaft bei Tiſch Platz genom⸗ men hatte, firirte er den Maler ganz beſonders ſcharf. Dieſer hatte ſich mit einer großen Portion von der Frikaſſée verſorgt, und fing an, mit vielem Wohlbehagen davon zu eſſen⸗ ungeachtet ſeiner ſtarken Eßluſt fiel ihm Pickle's Betragen auf. Er machte eine kurze Pauſe in ſeinem Kinnbackenſcharmützel, und ſagte: „Sie wundern ſich, mich ſo haſtig eſſen zu ſehen; aber ich habe einen beſtialiſchen Hunger, und dieſe iſt eine der beſten Frikaſſéen, die mir jemals vorgekommen ſind. In Dingen der Art ſind doch die Franzoſen Meiſter, das muß ich geſtehen! Auf Ehre und Seligkeit, ich habe noch nie ein delikateres Kaninchen gegeſſen, als das hier in dieſer Schüſſel!“ Peregrine beantwortete dieſen Lobſpruch nicht, ſondern wieder⸗ holte nur das Wort„Kaninchen!“ mit Zeichen der Verwunderung und einem bedenklichen Kopfſchütteln, daß der Maler dadurch wirk⸗ 225 lich unruhig ward. Er ſuſpendirte ſogleich die Arbeit ſeiner Kinn⸗ backen, und mit halbgekautem Biſſen im Munde ſtarrte er mit dem Auge alberner Furcht, die ſich leichter begreifen als beſchreiben läßt, umher, bis ſeine Augen auf das Geſicht des Tom Pips fielen. Dieſer, der ihm abſichtlich gegenübergeſtellt und abgerichtet war, grinste boshaft, wodurch die Verwirrung des Malers den höchſten Gipfel erreichte. Voll Furcht, ſeinen Mund voll niederzuſchlucken, und zu ſchamhaft, ihn auf eine andere Art fortzuſchaffen, ſaß er eine Zeit lang in dem troſtloſen Zuſtand der Ungewißheit da. Und da ihn Jolter fragte, was ihm denn eigentlich fehle, ſo ſtrengte er die Muskeln ſeiner Kehle, die ihr Amt mit vieler Schwierigkeit verrich⸗ teten, auf's Gewaltſamſte an, und fragte Pickle mit großer Verwir⸗ rung und Bekümmerniß, ob er etwa Verdacht habe, daß es mit dieſem Kaninchen nicht richtig wäre. Der junge Herr nahm eine geheimnißvolle Miene an, und ſchützte Unwiſſenheit über dieſen Punkt vor; zugleich aber be⸗ merkte er, ſeitdem er von den Streichen ſey unterrichtet worden, die man in den franzöſiſchen, italieniſchen und ſpaniſchen Gaſthäu⸗ ſern gemeiniglich ſpiele, ſey er geneigt, alle dergleichen Gerichte für verdächtig zu halten. Er erzählte dann die Anekdote aus dem Gil Blas, und ſetzte hinzu, er ſey zwar kein vorzüglicher Kenner des Thierreichs, allein die Füße der Kreatur, aus denen die Frikaſſée beſtände, ſchienen ihm keineswegs denen zu gleichen, die er gemeinig⸗ lich an Kaninchen geſehen habe. Dieſe Bemerkung wirkte ſichtlich auf die Züge des Malers; er rief mit den untrüglichen Zeichen des Ekels und des Erſtaunens: „Ach Herr Je!“ worauf er ſich, um hinter die Wahrheit zu kommen, an Pips wandte, und ihn fragte, ob er von der Sache etwas wüßte? Tom antwortete ihm ſehr ernſthaft: Seines Dafürhaltens wäre die Speiſe geſund genug, denn er habe das friſch abgezogene Fell und die Füße eines tüchtigen Katers an der Thüre eines Speiſekäm⸗ merchens neben der Küche hängen ſehen. Smollet's Romane. IX. 226 Kaum hatte Pips dieſe Erklärung abgegeben, ſo ſchienen Pallets Eingeweide in eine ſolche Bewegung zu gerathen, daß ſie mit ſeinem Rückgrathe zuſammenſtießen. Seine Farbe verwandelte ſich, bloß das Weiße im Auge war noch zu ſehen, er ſenkte den unteren Kinnbacken, ſtemmte die Hände in die Seite, und ſuchte mit ſo con⸗ vulſiviſcher Todesangſt Brechen zu erregen, daß die ganze Geſell⸗ ſchaft außer Faſſung und in die höchſte Verwunderung gerieth. Seine Unpäßlichkeit vermehrte ſich noch dadurch, daß ſein Magen ſo ſtrenge an ſich hielt, und ſeinen Inhalt nicht wollte an des Tages Licht kommen laſſen, ſo mächtig ſein Abſcheu auch war. Dieß preßte ihm kalten Schweiß aus, und brachte ihn einer Ohnmacht nahe. Pickle, den der Zuſtand des Bedrängten ängſtigte, verſicherte ihn, daß es ein veritables Kaninchen geweſen ſey, und daß er aus Spaß den Pips abgerichtet habe anders zu ſagen. Allein Pallet nahm dieſes Geſtändniß für einen freundſchaftlichen Kunſtgriff von von Pickle's Mitleid; deßhalb ſchlug es nicht im mindeſten bei ihm an. Doch verſtärkte er durch den Beiſtand eines tüchtigen Glaſes Branntwein ſeine Lebensgeiſter wieder. Er kam wieder ſo weit zu ſich, daß er unter vielen Verzerrungen des Geſichts ſich erklären konnte, das Gericht habe einen eigenen ranzigen Geſchmack, den er theils auf die Natur der franzöſiſchen Kaninchen, theils auf Rech⸗ nung der hieſigen Saucen geſchrieben habe. Sodann zog er gegen die ſchändlichen Ränke der franzöſiſchen Gaſtwirthe los, ſchrieb ihre Betrügereien dem Druck der Regierung zu, durch welche das Volk ſo weit herabgebracht würde, daß es ſich verſucht fühle, argloſe Fremde und Reiſende auf das Schmählichſte zu betrügen. Jolter, der es nicht über ſich vermochte, ſich irgend eine vor⸗ theilhafte Gelegenheit entgehen zu laſſen, die Partie der Franzoſen zu nehmen, machte dem Maler bemerklich, er wäre ein eraſſer Igno⸗ rant in ihrer Polizei, ſonſt würde er wiſſen, daß, wenn nach gethaner Anzeige bei der Obrigkeit erhelle, ein Gaſtwirth habe einen Paſſagier, ſey er nun Inländer oder Ausländer, betrogen oder übel behandelt, 227 der Schuldige ſogleich genöthigt wäre, ſein Haus zuzuſchließen; und wenn ſein Betragen außerordentlich ſchlecht geweſen ſey, ſo werde er ohne das mindeſte Bedenken ſogar auf die Galeeren geſchickt. „Was nun vollends das Gericht anlangt,“ ſetzte er hinzu,„das Ihre gegenwärtige Unpäßlichkeit veranlaßte, ſo will ich es auf mich nehmen, zu behaupten, daß es von einem wirklichen Kaninchen iſt, dem man in meinem Beiſeyn das Fell abgezogen hat. Und um dieſe Behauptung zu beſtätigen, will ich ohne irgend ein Bedenken davon eſſen, ob ich ſchon von dergleichen Frikaſſéen gerade kein Lieb⸗ haber bin“ Indem er dieß ſagte ſchlang er einige Portionen von dem ver⸗ dächtigen Kaninchen hinunter. Pallet ſchien es nunmehr wieder mit Augen der Liebe anzuſehen. Ja, er ergriff ſogar Gabel und Meſſer, und war eben im Begriff, Beides anzuſetzen, als ihn eine neue Be⸗ denklichkeit anwandelte, und er in die Worte ausbrach:„Aber, lieber Maſter Jolter, wenn es nun bei alle dem doch ein Kater wäre.— — Gott ſtehe uns bei! hier finde ich eine Klaue!“ und dabei zeigte er das Aeußerſte einer Zehe, deren fünfe oder ſechſe Pips von einer Ente, welche gebraten wurde, abgeſchnitten und mit allem Bedacht in die Frikaſſée hineinpractizirt hatte. Der Hofmeiſter konnte dieſe Zeugniſſe nicht ohne einige Symptome von Unzufriedenheit und Reue anſehen. Er und der Maler ſaßen daher ſtillſchweigend und beſchämt da, und zogen einer dem andern ein ſchiefes Maul. Der Doktor, der Beide haßte, frohlockte indeß über ihren Unſtern, ermahnte ſie, guten Muhs zu ſeyn, und ihr Gericht nicht ſtehen zu laſſen. Er ſey bereit, zu beweiſen, ſagte er, daß Katzenfleiſch ſo näh⸗ rend und ſchmackhaft als Kalb⸗ oder Hammelfleiſch ſey, vorausgeſetzt, daß die beſagte Katze nicht in's Schweinegeſchlecht hinüberſpiele, und hauptſächlich mit Vegetabilien, oder Ratten und Mäuſen ge⸗ nährt worden ſey, welche letztere er für die delikateſten Leckerbiſſen erklärte. Es iſt Pöbelwahn, zu glauben, fuhr er fort, daß alle 228 leiſchfreſſende Thiere ungenießbar wären. Einen Beweis hievon gibt der ſtarke Verbrauch von Schweinen und Enten, Thiere, die am Fleiſchfreſſen ſo viel Geſchmack finden als die Fiſche, die einander auffreſſen und von Köder und Aas leben, und das Nachfragen nach den Bären, von welchen die beſten Schinken auf der Welt gemacht werden. Die Neger auf der Küſte von Guinea, bemerkte er ferner, ein geſundes und rüſtiges Volk, zögen Katzen und Hunde aller andern Nahrung vor; und endlich führte er Beiſpiele von verſchiedenen Belagerungen an, wo die blokirten Einwohner von dieſen Thieren gelebt, ja ſogar zu Menſchenfleiſch ihre Zuflucht genommen hätten, das in jedem Betracht, wie er aus Erfahrung wüßte, dem Schweine⸗ fleiſch vorzuziehen wäre. Denn er habe während ſeiner Univerſitäts⸗ ſtudien zur Probe einen Schnitt von dem Hintertheile eines Ge⸗ hängten gegeſſen. Dieſe gelehrte Abhandlung, weit entfernt, die Magenbeſchwerden des Hofmeiſters und des Malers zu ſtillen, vermehrte ſie nur. Als ſie das letzte Beiſpiel hörten, richteten ſie Beide ihre Angen, in de⸗ nen ſich Ekel und Abſchen malte, auf den Redner. Sie ſtanden eilig vom Tiſche auf, indem der eine das Wort„Kannibale“ mur⸗ melte, und der andere„abſcheulich!“ ausrief. Sie rannten nach einem andern Zimmer, und trafen in der Thüre ſo hart auf einan⸗ der, daß ſie Beide niederſtürzten. Dieß half denn die Wirkung ihres Ekels befördern, und als ſie da lagen, fingen ſie an, einander wechſelſeitig zu bombardiren. * Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Selbſt der Doktor iſt vor Pickle's Schalkheit nicht ſicher. Letzterer weiſ in Arras einem paar Gaunern aus dem Netze zu entſchlüpfen. 2 Wiewohl ſich Pickle über ihren Unſtern freute, ſo beſchloß er dennoch gegen den Arzt einen Streich auszuführen, damit dieſet 229 nicht ungeſtraft über die erhaltene Genugthuung triumphiren möchte. Dieſen Entſchluß theilte er Palleten, nachdem ſich dieſer von ſeiner eingebildeten Krankheit erholt hatte, als einem Plan zu Repreſſalien mit, der deſſen Rachbegier auf eine angenehme Art ſchmeichelte. Dieſes Projekt ward auf folgende Art ausgeführt. Da der Maler und der Arzt in Einer Stube, doch jeder in einem beſonderen Bette ſchliefen, wachte Erſterer ſo lange, bis er durch das Schnarchen des Andern überzeugt war, daß er in feſtem Schlafe läge. Nun ſchlich jener leiſe an die Thüre, wo Pips mit dem zu ihrem Vorhaben benöthigten Werkzeuge in Bereitſchaft ſtand. Er nahm demſelben den Theekeſſel mit warmem Waſſer ab, ſteckte mit vieler Vorſicht deſſen Röhre unter die Decke des Doktors, ließ un⸗ vermerkt in deſſen Bette ein paar Kannen hineinlaufen, und legte ſich dann zur Ruhe. Peregrine, der es über ſich genommen hatte, ſeine Reiſegefähr⸗ ten früh zu wecken, trat mit der Dämmerung in des Doktors Zimmer, und weckte Beide mit lautem Hallohrufen. Der Maler ſprang ſogleich aus dem Bette; der Arzt aber war eben ſo beſtürzt als beſchämt, als er ſich von Kopf bis zu Fuß benetzt fand, und zweifelte gar nicht, daß er ſich ſelbſt unglücklicher Weiſe im Schlafe befeuchtet habe. Dieſes Verſehen ſchien ſich ſeiner Meinung nach mit der Würde ſeines Charakters ſo wenig zu vertragen, daß er es nicht wagen durfte, ſeinen Zuſtand zu entdecken, zumal da er wohl wußte, wie begierig die Geſellſchaft eine ſolche Gelegenheit ergreifen würde, ſich auf ſeine Koſten zu beluſtigen. Es war ſchlechterdings unmöglich, ihnen dieſen Vorfall zu verheimlichen, wenn er genöthigt wurde, in ihrer Gegenwart aufzuſtehen; daher lag er in der äußerſten Verlegenheit und Pein ganz ſtill. Seine beiden Freunde, die ſeine Gedanken erriethen, und ſich an ſeiner Angſt weideten, ſetzten ſich inzwiſchen neben ſein Bett, und ermahnten ihn, aufzuſtehen. Er gab ihnen zur Antwort, er habe die ganze Nacht hindurch ſtark geſchwitzt, und könne, ohne ſeine 230 Geſundheit in Gefahr zu ſetzen, nicht eher aufſtehen, als bis er ein friſches Hemde angezogen und ſeine Schweißlöcher ſich wieder gehörig geſchloſſen hätten. Zugleich bat er ſie, die Mühe über ſich zu neh⸗ men, und dafür zu ſorgen, daß angeſpannt und Alles beim Wirth berichtigt würde. Bevor ſie dieſes Geſchäft abgemacht hätten, ver⸗ ſicherte er ſie, würde er ſich völlig in reiſefertigem Stand befinden. Unſer junger Herr verſetzte hierauf, daß es Jolter über ſich genommen habe, die Rechnung zu bezahlen, und daß die Bedienten ſchon bei den Wagen beſchäftigt wären, folglich kein Augenblick zu verlieren ſey. Er klingelte daher dem Lakaien des Doktors, und bat ihn, ſeinem Herrn in möglichſter Eile ein reines Hemd zu bringen. Ehe der Burſche zurückkam, war es heller Tag geworden; und es kam ein Bote vom Hofmeiſter, um ihnen zu melden, daß ange⸗ ſpannt wäre. Des Doktors Verwirrung nahm zu Die Blicke ſeiner Geſellſchafter und deren anhaltende Zunöthigungen folterten ihn nicht wenig. Hierzu kam noch die ſehr unbehagliche Verfaſſung, in welcher er ſich befand, indem er ſich, wie er wähnte, in ſeine eigene Lake gelegt hatte. Endlich bediente ſich Peregrine, dieſes Zögerns überdrüſſig, des Vorrechs eines Kameraden, zog, indem er den Re⸗ publikaner der Faulheit beſchuldigte, plötzlich die Bettdecke ab, und legte ihn von Kopf bis zu Fuß in ſeinem ſchmählichen Zuſtande zur Schau. Als ihn der Maler ſo erblickte, erhob er die Hände gen Him⸗ mel und rief mit erkünſteltem Erſtaunen:„Gott bewahre! der Doktor iſt des Todes! Mein Seel! alle ſeine Säfte ſind aus ſeinem Körper gelaufen. Oder haben Sie etwa eine Schüſſel Sillikikabei im Bette verſchüttet? Es riecht verflucht ſtark nach Salmiak.“ Peregrine, der ſich vorgenommen hatte, den Doktor ganz zu Boden zu ſchlagen, hielt ſeine Naſe mit den Fingern und Daumen zu, und fragte in einem ſchnaubenden Tone: ob er dieſem Zufall oft unterworfen ſey? Die Scham und Kränkung des neuen Pindars war bei dieſer 231 Gelegenheit unausſprechlich. Ihn quälten alle die Schmerzen, die eine gedemüthigte Eitelkeit fühlen kann, und zugleich folterten ihn alle die Furien der Rachgier gegen die Offenbarer und Entdecker ſeiner Schande. Nachdem ihn nun dieſe ſolchergeſtalt in ſeinen Drangſalen verhöhnt hatten, gingen ſie mit lautem Gelächter aus dem Zimmer, und überließen ihn den dornenvollen Betrachtungen ſeines Stolzes. Der Maler inzwiſchen, der wegen ſeiner Mäßigung eben nicht zu rühmen war, konnte ſich nicht enthalten, gewiſſe boshafte An⸗ ſpielungen auf den Unſtern des Doktors zu machen. Auf dieſe Art kam er auch dem Hofmeiſter zu Ohren, vor dem jener es unter allen Menſchen am liebſten verborgen gehalten hätte. Dieß machte ihn denn den ganzen Weg über mürriſch und niedergeſchlagen. Ghe ſie Arras erreichten, waren die Thore dieſer Stadt bereits geſchloſſen worden. Sie ſahen ſich demnach genöthigt, in einem Wittelgaſthof der Vorſtadt zu übernachten. Dort trafen ſie ein paar franzöſiſche Offiziere an, die ſich auf der Reiſe von Paris nach Lille befanden und ſo weit Poſt geritten hatten. Dieſe Herren, welche etwa Dreißiger ſeyn mochten, betrugen ſich ſo übermüthig, daß unſer Held großen Anſtoß daran nahm. Deſſen ungeachtet näherte er ſich ihnen auf dem Hofe mit vieler Artigkeit und ſchlug ihnen vor, zuſammen zu Abend zu eſſen. Dieſe Einladung lehnten ſie jedoch unter dem Vorwande ab, daß ſie ſchon für ſich Eſſen beſtellt hätten, verſprachen aber, gleich nach der Mahlzeit ihm und ſeiner Geſell⸗ ſchaft aufzuwarten. Dieſe Zuſage ward erfüllt. Nachdem ſie einige Gläſer Bur⸗ gunder getrunken hatten ſchlugen ſie unſerem jungen Herrn zum Zeitvertreib eine Partie Quadrille vor. Peregrine durchſchaute ihren Plan ſogleich, und erkannte, daß ſie keine andere Abſicht hätten, als ihn und ſeine Gefährten zu rupfen. Denn ihm war bekannt, zu welchen Ränken ein Subaltern in franzöſiſchen Dienſten ſich ge⸗ nöthigt ſieht, um ſtandesmäßig leben zu fönnen und er hatte gute 232 Gründe, zu glauben, daß die meiſten von ihnen das Gaunerhand⸗ werk von Jugend auf getrieben hätten. Da er ſich aber ſo ziemlich auf ſeine Geſchicklichkeit und Scharfſicht im Spiel verlaſſen konnte, ſo ward augenblicklich eine Partie zu Stande gebracht, welche der Arzt, der Maler, der Vorſchlagthuer und Pickle bildeten. Der andere Offizier hatte ſich des Spiels völlig unkundig geſtellt, trotz dem aber im weiteren Verlauf deſſelben hinter dem Stuhle Pickle's Platz genommen, der deſſen Freunde geradeüber ſaß, unter dem Vorwande, es mache ihm Vergnügen, zu ſehen, wie er ſpiele. Unſer junger Mann war nicht Neuling genug die Abſicht dieſes plumpen Kunſtgriffs nicht zu merken; dennoch überſah er ihn für's Erſte, geſonnen, anfänglich ihrer Hoffnung zu ſchmeicheln, damit ihre Strafe deſto empfindlicher ſeyn möchte, wenn ſie am Ende getäuſcht würden. Kaum hatte das Spiel begonnen, ſo nahm er durch die Re⸗ flerton eines Spiegels wahr, daß der Offizier hinter ihm ſeinem Kameraden gewiſſe Zeichen gab. Da ſie über dieſe Bewegungen vorher übereingekommen waren, ſo wußte jener vollkommen, was Peregrine in der Hand hatte, und war folglich im Spiele glücklich. Es ward ihnen vergönnt, die Früchte ihrer Geſchicklichkeit ſo lange zu genießen, bis ſich ihr Gewinnſt auf einige Louisd'ore belief. Jetzt aber hielt es unſer junger Herr für hohe Zeit, ſich ſelbſt Ge⸗ rechtigkeit wiederfahren zu laſſen. Er deutete daher dem hinter ihm ſtehenden Gentleman in ſehr höflichen Ausdrücken an, daß er nicht mit Richtigkeit und Beſonnenheit ſpielen könne, wenn Jemand hinter ihm ſtände und zuſähe; er bäte ihn daher, er möchte die Güte haben, ſich zu ſetzen. Der Fremde konnte ſich, ohne den guten Ton zu verletzen, ge⸗ gen dieſe Erinnerung nicht auflehnen; er bat alſo um Verzeihung, und zog ſich zum Stuhl des Doktors zurück. Dieſer erklärte ihm frei heraus, daß es bei ihm zu Lande nicht Mode wäre, ſich bei dem Spiel in die Karte gucken zu laſſen. So zurückgewieſen wollte er ſich bei dem Maler einquartiren. Allein dieſer lehnte es durch 233 Kopfſchütteln, durch eine entfernende Bewegung der Hand und den Ausruf ab: Pardonnez-moi! welcher letztere mit ſolchem Nachdruck wiederholt wurde, daß er von ſeiner Unverſchämtheit abſtehen und ſich voller Aerger niederſetzen mußte. Nachdem auf die Art alle Ungleichheit gehoben war, ging das Glück ſeinen gewöhnlichen Gang. Der Franzmann, ſeines Bundes⸗ genoſſen beraubt, bemühte ſich zwar, allerlei kleine Fineſſen anzu⸗ bringen; allein die Geſellſchaft beobachtete ihn mit ſolcher Wach⸗ ſamkeit, daß alle ſeine Verſuche fehlſchlugen und er ſich in ſehr kurzer Zeit genöthigt ſah, ſeinen Gewinnſt wieder herauszugeben. Da er aber in der Abſicht ſich in die Spielpartie eingelaſſen hatte, alle erlaubte und unerlaubte Vortheile anzuwenden, die ihm ſeine überlegenere Wiſſenſchaft an die Hand geben würde, ſo zahlte er das Geld nicht ohne vielen Wortwechſel zurück. Er verſuchte unter Anderem, ſeinen Gegner durch hohe Worte einzuſchüchtern; allein unſer Held erwiederte ſie mit ſolchem Feuer, daß jener die Ueberzengung gewann, er ſey dießmal an den Unrechten gekommen, und ſich bewegen ließ, in Ruhe abzuziehen. In der That ging den beiden Herren der üble Erfolg ihrer Unternehmung nicht ohne Urſache ſo nahe, weil ſie allem Vermuthen nach ſich gegenwärtig auf nichts verlaſſen konnten, als auf ihre Induſtrie, und ſich nur durch dergleichen Erwerbungsmittel ihre Reiſekoſten zu verſchaffen wußten. Am nächſten Morgen ſtanden ſie mit Tagesanbruch auf; und da ſie beabſichtigten, den Andern zuvorzukommen, welche die Nacht mit ihnen zuſammenlogirt hatten, ſo beſtellten ſie Poſtpferde, ſobald ſie nur in die Stadt eingelaſſen wurden. Als unſere Geſellſchaft erſchien, ſtanden die Pferde auf dem Hofe ſchon bereit. Die Offi⸗ ziere erwarteten nur noch die geforderte Rechnung, um ſie zu tilgen. Der Wirth reichte ſie einem von dieſen wilden Cavalieren mit Furcht und Zittern. Kaum hatte derſelbe einen Blick auf die ganze Summe geworfen, als er eine volle Ladung fürchterlicher Flüche 234 ausſtieß, und fragte: ob man ſo mit königlichen Offizieren umgehen dürfe? Der arme Tropf von Wirth betheuerte ſehr demüthiglich, er habe den größten Reſpekt vor Seiner Majeſtät und vor Allem, was Allerhöchſtdenſelben zugehöre. Er hätte nicht im mindeſten auf ſein Intereſſe geſehen, ſondern verlange nur die Auslage für ihre Bewirthung wieder. Dieſe beſcheidene Forderung ſchien jedoch keine andere Wirkung zu thun, als daß ſie ihre Frechheit nur noch erhöhte. Sie ſchwuren, dem Stadtcommandanten ſeine Erpreſſung zu melden, der ihm dann ſchon zeigen würde, wie ſich Gaſtwirthe gegen Männer von Ehre zu benehmen hätten. Sie drohten mit ſolcher Zuverſichtlichkeit und Entrüſtung, daß der arme Teufel von Wirth, der die Folgen ihres Zorns fürchtete, auf die kriechendſte Art um Verzeihung flehte und auf's Demüthigſte zu wiederholten Malen bat, ſie möchten ihm das Vergnügen erzeigen, ſie auf eigene Koſten bewirthet zu haben. Dieß war eine Gunſt, die er nur mit vieler Schwierigkeit erlangte. Sie verwieſen ihm ſeine Betrügerei gar ernſtlich, ermahnten ihn, auf ſein Gewiſſen ſowohl als auf eine gute Behandlung ſeiner Gäſte mehr Rückſicht zu nehmen. Inſonderheit ſchärften ſie ihm ein, ſich gegen die Herren von der Armee gut aufzuführen. Dann ſtiegen ſie zu Pferde und ritten gar ſtattlich davon. Der Wirth dankte Gott von Herzen, daß er ſo glücklich den Zorn zweier Offiziere ge⸗ ſtillt hatte, denen es entweder an Luſt oder an Mittelu fehlte, ihre Rechnung zu bezahlen. Denn die Erfahrung hatte ihn gelehrt, vor allen dergleichen Reiſenden auf der Huth zu ſeyn, die gemeiniglich den Wirth in Contribution ſetzen, unter dem Vorwande, ihn ſeine übertriebenen Forderungen abbüßen zu laſſen, ſelbſt wenn jener ſich bereit und willig erklärt hat, ſie auf einen ihnen ſelbſtbeliebigen Fuß zu beköſtigen. 235 Vierundfünfzigſtes Kapitel. Nach ihrer Ankunft in Lille beſehen ſie die Citadelle. Der Doktor be⸗ kommt Händel mit einem Nordbritten. Dieſer wird verhaftet. Nachdem dieſe ehrenwerthen Abenteurer abgereist waren, erkun⸗ digte ſich Pickle, der den Verlauf der Sache mit angeſehen hatte, nach ihnen bei dem Gaſtwirth. Dieſer ſchwur bei Gott und allen Heiligen, daß er doch noch Verluſt gehabt haben würde, wenn ſie auch ihre Rechnung bezahlt hätten; denn weil er ihre Einwendungen vorausgeſehen, hätte er Alles unter dem Preiſe angeſetzt. Das Anſehen der Offiziere in Frankreich ſey nämlich ſo groß, daß er gegen ihren Willen nicht das Geringſte einwenden dürfte. Wenn die Sache vor die Obrigkeit gebracht worden wäre, ſo hätte er, nach den Marimen ihrer Regierung, welche dieſen Unterdrückungen von Seiten der Herren Militärs immer durch die Finger ſehe, nothwendig leiden und ſich noch dazu ihren Groll auf den Hals laden müſſen, welcher hinreichend wäre, ihn zu Grunde zu richten. Unſer Held kochte vor Unwillen bei dieſen auffallenden Beiſpie⸗ len von Ungerechtigkeit und Willkürlichkeit. Er wandte ſich an ſeinen Hofmeiſter, und fragte ihn, ob dieß ein Beweis von dem glücklichen Zuſtande des franzöſiſchen Volkes ſey. Jolter erwiederte, daß jede menſchliche Inſtitution in manchen Stücken ihre Gebrechen haben müſſe. Er gab zu, daß in dieſem Königreiche der Adel mehr Schutz genieße als der gemeine Mann, weil man vorausſetze, daß die edeln Geſinnungen und höheren Eigenſchaften der Leute von Rang ſie zu dieſem Vorzuge berechtigten; ein Vorzug, wobei man auch noch immer auf die Verdienſte ihrer Ahnen Rückſicht nähme, um deren willen ſie zuerſt geadelt worden wären. Allein die Obrigkeit, be⸗ hauptete Jolter, habe der Wirth falſch geſchildert, da ſie in Frank⸗ reich niemals ermangle, offenbare Beleidigungen, Beſchimpfungen und Mißbräuche ohne Anſehen der Perſon zu beſtrafen. 236 Der Maler fand es ſehr weiſe von der franzöſiſchen Regierung, daß ſie den Uebermuth des gemeinen Mannes im Zaume hielte, von dem er, wie er verſicherte, in England perſönliche Verletzung habe erfahren müſſen. Er ſey öfters in London von Lohnkutſchern be⸗ ſprizt, von Kärnern und Trägern geſtoßen, und von Schiffern auf's Schmählichſte herunter gemacht worden. Einſtmals habe er ſeinen Haarbeutel und einen beträchtlichen Theil ſeiner Haare eingebüßt, die ihm irgend ein böſer Bube bei dem feierlichen Aufzuge des Lordmayors durch Ludgate abgeſchnitten hätte. Von der andern Seite behauptete der Doktor mit großer Wärme, daß dieſe Offiziere nach Recht und Billigkeit mit dem Tode oder wenigſtens mit Verbannung beſtraft werden müßten, weil ſie die Leute ſo geplündert hätten. Sie wären dabei ſo ſchamlos zu Werke gegangen, daß man deutlich ſehe, ſie hätten ſicher darauf rechnen können, ungeſtraft durchzufommen, und daß ſie in dieſem Verbrechen ſchon alte Sünder wären. Er ſagte, der größte Mann in Athen würde auf ewig in's Eril getrieben und ſein Vermögen der Staatskaſſe einverleibt worden ſeyn, wenn er auf eine ſo freche Weiſe die Rechte ſeiner Mitbürger verletzt hätte. Und was die kleinen Beſchimpfungen anlange, denen man durch den Muthwillen der Menge ausgeſetzt ſeyn könnte, ſo ſehe er dieſe als rühmliche Zeichen der Freiheit an, die man nicht unterdrücken müſſe. Es würde ihm recht herzliches Vergnügen machen, ſo oft ihn auch ein übermüthiger Sohn der Freiheit in die Goſſe würfe, wenn es ihn gleich irgend ein Glied koſten ſollte. Hierauf fügte er noch hinzu, nichts in meinem ganzen Leben hat mir mehr Freude gemacht, als wie ich eines Tages Augenzeuge war, daß ein Gaſſenkehrer aus Muthwillen den Wagen eines Gentlemans um⸗ warf und zwei darin befindliche Damen faſt tödtlich beſchädigte. Pallet, den das Uebertriebene in dieſer Erklärung verdroß, entgeg⸗ nete hierauf:„Wenn Sie wirklich dieſer Meinung ſind, ſo wünſche ich Ihnen, daß alle Ihre Gebeine von dem erſten Schuttkärner zer⸗ 237 brochen werden, der Ihnen auf einer Straße in London begegnet.“ — Nachdem man die Sache durchgeſprochen und die Rechnung ohne Abzug bezahlt hatte, wurde die Reiſe von Arras nach Lille ange⸗ treten, woſelbſt man gegen zwei Uhr Nachmittags wohlbehalten eintraf. Kaum hatten unſere Reiſenden ihre Zimmer in einem großen Hotel auf dem Marktplatze bezogen, als ſie der Gaſtgeber zu der table d'hote einlud. Die Geſellſchaft, ſagte er, beſtehe aus mehreren engliſchen Gentlemans, die ſich in der Stadt aufhielten, und das Eſſen ſey bereits aufgetragen. Peregrine, der immer gern jede Ge⸗ legenheit ergriff, neue Charaktere kennen zu lernen, beredete ſeine Geſellſchaft, an der table d'hote Theil zu nehmen. Sie wurden demnach in den Speiſeſaal geführt, wo ſie ein buntes Gemiſch von ſchottiſchen und holländiſchen Offizieren und einigen Herren in fran⸗ zöſiſchen Dienſten antrafen, die in der Citadelle zur Beſatzung lagen. Jene waren aus ihrem Vaterlande herübergekommen, um hier ihre militäriſchen Studien zu vollenden. Unter den Franzoſen befand ſich ein Mann etwa in die Fünfzig, von ausnehmend feinem Ton und Weſen. Er trug ein Maltheſer⸗ kreuz, und genoß einer beſonderen Auszeichnung von Allen, die ihn fannten. Als dieſer hörte, daß Pickle und ſeine Freunde Reiſende wären, redete er unſern Jüngling auf Engliſch an, das er ziemlich fertig ſprach, und erbot ſich, ihnen als Fremden nach dem Eſſen alle Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen. Unſer Held dankte ihm für dieſe außerordentliche Artigkeit, die, wie er ſagte, der fran⸗ zöſiſchen Nation beſonders eigen wäre. Das einladende u d fommende Weſen jenes Herrn hatte Pickle ſo wohl gefallen, daß er ſiich mit ihm in eine Unterhaltung einließ. Aus dieſer entnahm er, daß der Ritter ein opf und reichen Erfahrungen war, daß er einen großen uropa vollkommen kannte, daß er einige Jahre in England gel und ſich von der Landesverfaſſung und dem Genius dieſes Volkes ganz richtige Begriffe erworben hatte. 238 Nachdem man geſpeist und die Geſundheit des Königs von Eng⸗ land und Frankreich getrunken hatte, wurden zwei Fiaker beſtellt. In den einen ſtiegen der Ritter, einer ſeiner Freunde, Peregrine und der Hofmeiſter; in den andern der Doktor, Pallet und zwei ſchottiſche Offiziere, die gewünſcht hatten, ſie auf ihren Kreuzzügen zu begleiten. Der erſte Ort, den ſie in Angenſchein nahmen, war die Citadelle. Sie gingen um die Wälle derſelben, unter Leitung des Ritters, rund herum; und er erklärte ihnen mit der größten Genauigkeit alle und jede Werke dieſer dem Schein nach unüber⸗ windlichen Feſtung. Nachdem ſie hier ihre Neugierde befriedigt hat⸗ ten, wandten ſie ſich nach dem Zeughaus, das in einem andern Viertel der Stadt lag. Als Pickle's Wagen quer über die Prome⸗ nade fuhr, hörte er ſeinen Namen überlaut von dem Maler rufen. Er befahl dem Fiaker zu halten, und ſah Pallet mit halbem Leibe aus dem Schlage der andern Kutſche herausliegen und mit dem Blick der Erſchrockenheit rufen:„Sir Peregrine! Sir Peregrine! halten Sie um Gotteswillen und ſteuern Sie dem Blutvergießen! Hier gibt's ſonſt Mord und Todtſchlag!“ Peregrine, hierüber höchlich erſtaunt, ſprang ſogleich aus dem Wagen, und näherte ſich dem andern Fiaker. Hier fand er einen ihrer militäriſchen Begleiter jenſeits der Kutſche mit bloßem Degen und Wuth im Geſicht. Der Doktor ſträubte ſich im Wagen mit bebenden Lippen und ſtarrem Auge gegen den andern Offſizier, der ſich in den Streit gemiſcht hatte und ihn zurückhielt. unſer junger Herr vernahm, nach geſchehener Nachfrage, daß Erbitterung von einem Wortwechſel herrührte, der auf den Wällen über die Stärke der Befeſtigungswerke entſtanden ſey. Der Doktor hatte dieſelben nach ſeiner beliebten Art herabgeſetzt, weil ſie von neueren Baumeiſtern ange eg Er wollte ſich anheiſchig mack e er geſagt, mit den Kriegsmaſchinen der Alten und mi inigen tauſend Schanzgräbern in weniger denn zehn Tagen dieſe Feſtung einzunehmen. Der Nord⸗ — 239 britte, ein ſo großer Pedant wie der Arzt, hatte ſich auf dieſe Be⸗ feſtigungskunſt gelegt, und ſich Cäſar's Commentare und den Poly⸗ bius mit Folard's Anmerkungen ganz zu eigen gemacht. Er behaup⸗ tete daher, die Belagerungsmethoden der Alten würden gegen eine ſolche Feſtung wie Lille nichts ausrichten. Er begann die Schanzen, die Sturmdächer, die Widder, die Scorpionen und Mauerbrecher der Römer mit den heutzutage üblichen Laufgräben, Minen, Batterien und Feuermörſern zu vergleichen. Der Republikaner, der ſich da angegriffen ſah, wo er ſeine ſtärkſte Seite zu haben glaubte, bot jetzt ſeine ganze Gelehrſamkeit auf. Indem er aber die berühmte Belagerung von Platäa beſchrieb, begegnete ihm das Unglück, daß er eine Stelle aus dem Thuchdides falſch anführte. Jener, der zum geiſtlichen Stande erzogen worden war, und folglich das Griechiſche ſehr gut verſtand, verbeſſerte ſeinen Fehler. Der Doktor, der ſich ärgerte, auf einem Verſtoß ertappt worden zu ſeyn, und dieß noch dazu in Gegenwart Pallet's, der, wie er wohl fürchten mußte, ſeine Schande weiter auspoſaunen würde, ſagte mit vieler Arroganz zu dem Offizier, die Einwendungen deſſelben wollten nichts ſagen, und er ſolle ſich nicht herausnehmen, mit ihm über Dinge zu disputiren, über die er die gründlichſten und ſorgfältigſten Betrachtungen angeſtellt habe. Dieſe hochnaſige Replik erbitterte ſeinen Gegner, und er ant⸗ wortete mit großer Hitze, der Doktor möchte wohl ein geſchickter Apotheker ſeyn, aber in der Kriegskunſt und in der Kenntniß der griechiſchen Sprache wäre er ein unwiſſender Prahler. Die Behaup⸗ tung zog eine äußerſt bittere Antwort nach ſich, die zugleich alle Landsleute des Offiziers verletzte. Die Fehde war ſchon bis zu gegenſeitigen Schmähungen gedie⸗ hen, als ſie durch die Ermahnungen der beiden Andern gedämpft ward. Sie baten ſie, ſich an einem fremden Orte nicht Unannehm⸗ lichkeiten auszuſetzen, ſondern ſich als Mitunterthanen und Freunde in begegnen. Sie ließen ſonach ab, ſich auszuſchmähen, und die 240 ganze Sache ſchien vergeſſen zu ſeyn. Nachdem ſie ſich wieder in den Wagen geſetzt hatten, fragte der Maler unglücklicherweiſe nach der Bedeutung des Wortes: Testudo, das er unter den Kriegs⸗ geräthſchaften der Römer erwähnen hörte. Der Arzt beantwor⸗ tete dieſe Frage. Er beſchrieb aber dieſe Maſchine dem Offizier ſo wenig zu Dank, daß er ihm mitten in ſeiner Erklärung in's Ge⸗ ſicht widerſprach. Dieſer Umſtand reizte den Republikaner dermaßen, daß er in der Unbedachtſamkeit des Affekts die Worte:„Unverſchäm⸗ ter Schlingel!“ ausſtieß. Sie waren kaum heraus, als ihm der Caledonier einen derben Naſenſtieber verſetzte. Zugleich ſprang Er⸗ ſterer aus der Kutſche und erwartete ihn auf feſtem Boden. Der Doktor machte indeß ſchwache Verſuche, ihm nachzukommen, und ließ ſich durch den andern Kriegsmann gar leicht zurückhalten. Pallet dem vor den Folgen bange war, in die er mit verwickelt zu werden fürchtete, brüllte laut um Vermittlung. 5 Unſer Held bemühte ſich, dieſen Aufruhr zu ſtillen, indem er dem Schotten vorſtellte: er habe ſich ja für die ihm wiederfahrene Beſchimpfung bereits Genugthuung genommen; und dem Doktor ſagte er; er hätte die erlittene Züchtigung verdient. Allein der Offizier, den die Betroffenheit ſeines Gegners vielleicht noch mehr ermuthigte, beſtand darauf, dieſer ſolle ihn um Verzeihung bitten. Der Doktor, der ſich nunmehr unter dem Schutz ſeines Freundes Pickle wähnte, alſo weit entfernt war, ſich dazu zu verſtehen, ſpie Gift und Rache. Deßhalb ſah ſich der Ritter, um allem Unheil ugen, genöthigt, dem Kriegsmann Arreſt anzukündigen, und ter der Aufſicht des andern franz en Herrn und ſeines igenen Kamttaden nach ſeiner Wohnun nden. Jolter, ſchon früher alle Merkwürdigkeiten en hatte, beglei ſie alſo, und überließ gern ſeine Doktor.