— —— * Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gleßen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bipliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. „— E e 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher an ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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In einer gewiſſen Grafſchaft Englands, deren eine Seite das Meer begrenzte, etwa hundert Meilen weit von der Hauptſtadt, lebte Esquire Gamaliel Pickle, der Vater des Helden, deſſen Abenteuer wir in dieſem Buche zu erzählen gedenken. Gamaliel war der Sohn eines Londoner Kaufmanns, der ſich, wie weiland die weltberühmte Stadt Roma, von kleinen Anfängen zu dem höchſten Gipfel der Ehre emporgeſchwungen, und dabei ſein Schäfchen in's Trockene gebracht hatte. Leider indeß machte ihm Freund Hain ſeinen unvermutheten Beſuch, bevor er noch ſagen konnte:„Jetzt bin ich ein Millionär!“ Als er nun bereits in den letzten Zügen lag, ließ er ſeinen Sohn vor ſich kommen, gegen welchen er folgendermaßen zu peroriren anhob: Mein Sohn, wenn Dir der letzte Wille Deines Vaters heilig iſt, ſo laß Dir ſein Vorbild für Dein ganzes Leben zur Richtſchnur Deines Denkens und Handelns dienen! Halte feſt an ſeinen Grund⸗ ſätzen! Ahme ſeinen Fleiß nach! Ruhe und raſte nicht, bis der letzte Kreuzer, der an der Million noch fehlt, errungen iſt!“ Das Pathos, welches in dieſer Apoſtrophe des ſterbenden Vaters lag, verfehlte nicht die Wirkung auf ſeinen künftigen Repräſentanten, welcher ſich aus allen Kräften anſtrengte, dem letzten Willen des Verſcheidenden nachzukommen. Indeß wollte es ihm trotz aller An⸗ ſtrengungen doch nicht gelingen, das ihm vorgeſteckte Ziel zu erreichen. Fünfzehn lange Jahre ſchund und plagte er ſich herum, und ſah ſich nach Verlauf dieſer Zeit um fünfzehntauſend Pfund ärmer, als in dem Moment, wo er die Erbſchaft ſeines Vaters angetreten hatte. Dieſen Umſtand zog er ſich dermaßen zu Gemüthe, daß er am Ende gar keine rechte Luſt mehr zu Handelsgeſchäften fühlte, ſondern die Neigung empfand, ſich ganz von der Welt zurückzuziehen, um irgend ein ſtilles Aſyl zu fuchen, wo er in Muße ſeine Unglücksfälle beweinen, und ſich durch ſtrenge Diät vor Mangel und Kerker ſichern könnte. Unter den mancherlei Schreckbildern, welche ſeiner Phantaſie täglich zuſetzten, ſpielte das Gefängniß die erſte Rolle. Oft ſprach er davon, daß er wohl am Ende gar noch dem Kirchſpiel zur Laſt fallen würde, wobei er jedoch dem Himmel dankte, daß er durch ſeine gute Haushaltung auf eine ſolche Unterſtützung die gerechteſten An⸗ ſprüche habe. Kurz, er beſaß eigentlich von Natur kein rechtes Talent zur Thätigkeit, wobei es ihm zugleich auch an Unternehmungsgeiſt fehlte; und noch außerdem hatte ſein ganzer Charakter keine feſte Conſiſtenz. Denn bei allem Verlangen, ſo viel als möglich Schätze zuſammenzuſcharren, laſtete doch eine gewiſſe Trägheit und Verdroſſen⸗ heit auf ihm, über welcher er ſtets die beſten Spekulationen vergaß. Der geſcheidte Kopf nützt den rechten Augenblick. Gamaliel beſaß Eigenſchaften, aus denen das Genie die größten Vortheile gezogen haben würde. Aber er wußte immer des Ueberlegens kein Ende zu ſinden, und vor lauter Bedachtſamkeit, Angſt und Furchtſamkeit konnte er in keiner Sache zu einem Entſchluß kommen Dumm war alſo unſer Held keineswegs; aber aller Wahrſcheinlichkeit nach hatte die Natur ſeinem Temperamente wenig oder gar keinen Zündſtoff beigegeben; oder hatte ſie ihn mit einem guten Funken bedacht, ſo war doch 7 derſelbe durch die Künſte der Erziehung völlig in ihm erſtickt worden. Die Vergnügungen ſeiner Jugend waren ſo wenig regellos und ausſchweifend geweſen, daß ſie niemals die Gränzen jener an⸗ ſtändigen Heiterkeit überſchritten hatten, welche in einem Kreiſe von Buchhaltern herrſcht, wo vielleicht auch einmal nach vielfachen Be⸗ rathungen und Abſtimmungen eine außerordentliche Flaſche Wein getrunken wird, die man aber ganz piano, mit Verſtand, tropfen⸗ weiſe, wie durch einen Strohhalm, hinunterſchlürft. Dabei bleibt Alles ſolid, und es wird nicht phantaſirt und gefaſelt. Feinere Gefühle waren unſerm Helden ziemlich unbekannt, weßhalb er ſich ſel⸗ ten heftigen Gemüthsbewegungen unterworfen ſah. Kein Affekt von einer Liebesanwandlung ſtörte ſeine Seelenruhe. Horaz ſagt: Mil admirari!„Bewundere nichts, und du wirſt glücklich ſeyn!“ Und wenn in dieſem Spruche des alten Poeten die ganze Kunſt des Glücklichſeyns und Glücklichbleibens verborgen ſteckt, ſo hatte unſer Pickle ohne Zweifel dieſen Stein der Weiſen ausgefunden. Wenig⸗ ſtens äußerte er niemals über irgend Etwas irgend eine Art von Entzücken, ein einziges Mal ausgenommen, an einem Abend, wo er im gewohnten Clubb mit einer Art von Begeiſterung erzählte, was er heute Mittag für einen delikaten Kalbsbraten gegeſſen hätte. Trotz dieſem Anſchein von Phlegma war ihm doch ſein Unglück in Handelsgeſchäften nicht gleichgültig. Als er durch den Bankerott eines Aſſekuranten jetzt abermals einen Verluſt von fünfhundert Pfund erlitten hatte, ließ er in die Zeitungen ſetzen, daß er geſonnen ſey, ſein Geſchäft aufzugeben und ſich auf das Land zurückzuziehen. In dieſem Vorſatz beſtärkte ihn ſeine einzige Schweſter, Miſtriß Grizzle, welche ſeit des Vaters Tode das Hausweſen geleitet und kürzlich bei einem Vermögen von fünftauſend Pfund und einem beträchtli⸗ chen Kapital von Wirthſchaftlichkeit und Gottesfurcht das dreißigſte Jahr ihres jungfräulichen Standes zurückgelegt hatte. Man hätte denken ſollen, daß ihr dieſe Eigenſchaften dazu 8 verholfen haben würden, ihrer Eheloſigkeit ein Ziel zu ſetzen, und dieß um ſo mehr, inſofern ſie nie eine Averſion gegen das Heirathen zu erkennen gegeben. Doch, wie es ſcheint, ſo war ſie ein wenig zu delikat in ihrer Wahl, um eine Partie nach ihrem Geſchmack in der Cith zu finden; denn ich kann mir nicht vorſtellen, daß es ihr an Bewerbungen gefehlt hätte, obwohl die Reize ihrer Perſon eben nicht bezaubernd und ihr Betragen und Weſen eben nicht ſon⸗ derlich angenehm waren. Außer einer bleichen(ich will nicht ſagen fahlen) Geſichtsfarbe, die vielleicht von ihrem Jungfrauenſtande und von ihrem Kaſteien herrührte, hatte ſie einen gewiſſen traverſen oder obliquen Wurf oder Fall in ihren Augen, der gerade nicht die einnehmendſte Wirkung hervorbrachte. Auch war ihr Mund von ſo erſtaunlichem Umfang, daß weder Künſte noch Zwangmittel aus⸗ reichten, ihn zu einer proportionirlichen Ausdehnung zuſammenzu⸗ ziehen. Uebrigens war ihre ganze Natur eigentlich mehr ſtörriſcher und grämlicher als hingebender Complerion, und ihre ſcheinbare Demuth hinderte ſie nicht, in Reden und Geberden ein gewiſſes hochfahrendes Weſen zu äußern, und gegen Andere mit ſichtlicher Selbſtgefälligkeit das Anſehen und die Ehrenhaftigkeit ihrer Familie herauszuſtreichen, welche ſich, beiläufig bemerkt, mit aller Hülfe der Heraldik und Ueberlieferung nicht weiter als auf zwei Generationen zurückführen ließ. Allen Ideen, die ſie gehabt hatte, ehe ihr Vater die Sherifs⸗ würde erlangte, ſchien ſie völlig entfagt zu haben; und der große Moment, von dem ſie alle ihre Bemerkungen datirte, war die Lord⸗ mayorſchaft ihres Vaters. Dabei war das ehrenhafte Fräulein für die Aufrechthaltung und Fortpflanzung ihres Familiennamens der⸗ geſtalt beſorgt, daß ſie mit Unterdrückung aller eigenſüchtigen Mo⸗ tive ihren Bruder überredete, ſeine angebornen Neigungen zu bekämpfen und dermaßen zu beſiegen, daß er ſich wirklich in die Perſon, die er ſpäter heirathete, verliebt ſtellte, wovon wir ſpäter ausführlicher hören werden. 9 Miſtriß Grizzle war wirklich das Triebrad aller ſeiner beſon⸗ dern Unterrehmungen, und ich zweifle, ob er ſich aus dem Gleiſe ſeines mechaniſchen Lebens ohne die unabläßigen Mahnungen und Anſpornungen ſeiner Schweſter jemals heraus bewegt haben würde. „London,“ pflegte ſie zu ſagen,„iſt ein wahres Receptaculum aller Iniquität, wo ein ehrbarer, harmloſer Menſch täglich in Gefahr ſteht, das Opfer der Argliſt zu werden. Der Unſchuld drohen dort tauſend Netze; die Tugend hat keine Ruhe vor Medi⸗ ſance und Läſterzungen; Lanne und Sittenverderbniß führen das Scepter, und das Verdienſt iſt der Verachtung ausgeſetzt.“ Dieſe letztere Beſchuldigung ſprach ſie mit ſolcher Emphaſe und innern Entrüſtung aus, als ob ſie in dieſem Punkte aus eigener Erfahrung reden und ſich als warnendes Muſter aufſtellen könnte. Und in der That wurde ihre Beſchuldigung durch die Interpreta⸗ tionen gerechtfertigt, welche ihre Freundinnen über ihre Furcht vor der böſen Welt machten. Denn, weit entfernt, dieſe auf Rechnung der löblichen Beweggründe zu bringen, welche ſie vorſchützte, gaben ihr dieſe vielmehr durch verzuckerte Pillen zu verſtehen, ſie möchte wohl ihre guten Urſachen gehabt haben, mit einem Orte unzufrie⸗ den zu ſeyn, wo man ſo lange Zeit von ihr keine Notiz genommen, und es ſey das Geſcheidteſte von ihr geweſen, auf's Land zu gehen und dort ihre letzten Verſuche zu machen, weil dort ihre Talente weniger verdunkelt wurden und die magnetiſche Kraft ihres Vermö⸗ gens beſſer wirken könnte. Sey dem nun, wie ihm wolle, ſo würden die Ermahnungen der Miſtriß Grizzle trotz aller ihrer überzeugenden Kraft doch nicht im Stande geweſen ſeyn, den trägen Bruder aus dem Schlafe aufzurütteln, wenn ſie ihren Gründen nicht dadurch ein beſonderes Gewicht zu geben gewußt hätte, daß ſie den Credit einiger Kauf⸗ leute, mit denen er Geſchäfte hatte, arg in Zweifel ſtellte. Durch dieſen weiſen Wink in Allarm geſetzt, erhob er ſich auf einmal bis zum Handeln. Er zog ſeine Gelder aus den Handelsge⸗ 10 ſchäften zurück, deßgleichen auch die Summen, welche er bei der Bank und der voſtindiſchen Compagnie untergebracht hatte, und wandte ſich nach einem Landhaus, welches ſein Vater an der Seite des Meeresufers hatte bauen laſſen, um ein gewiſſes Gewerbe deſto bequemer betreiben zu können, mit welchem er ſich damals eifrig beſchäftigte(den Schleichhandel). Hier alſo faßte Maſter Pickle im ſechs und dreißigſten Jahre ſeines Alters Poſto für ſein ganzes künftiges Leben. Und obwohl der Schmerz, den er bei dem Abſchied von ſeinen bisherigen Geſell⸗ ſchaftern und Freunden empfand, eben nicht ſo heftig war, daß ſeine Geſundheit dabei gelitten hätte, ſo konnte es doch nicht fehlen, daß er bei ſeinem Antritt einer neuen Lebensbahn, deren Scenen ihm völlig fremd entgegentraten, in einige Verlegenheit geſetzt wurde. Nicht, daß es ihm etwa auf dem Lande an Umgang gefehlt hätte; denn es gab dort eine Menge Leute, welche ſich aus Rück⸗ ſicht auf ſein Vermögen um ſeine Freundſchaft bewarben und von Gaſtfreundſchaft gegen ihn überfloßen; aber eben die Mühe, dieſe Höflichkeiten anzunehmen und zu erwiedern, verurſachte einem Manne ſeines Schlages die nnerträglichſte Beſchwerde. Er überließ daher die Sorge für das Ceremoniel ſeiner Schweſter, welche einen Genuß darin fand, in Formalitäten zu ſchwelgen; während er in der Nachbarſchaft ein Wirthshaus entdeckt hatte, wohin er jeden Abend ging, um ſich an einer Pfeife Taback und an einer Flaſche Bier zu erlaben, da ihm das ganze Betragen und Weſen des Wirthes ſehr behagte, deſſen mittheilſames Temperament ſeiner eigenen Schweigſamkeit ſehr convenirte. Denn er vermied jedes überflüſſige Wort eben ſo ſehr als eine unnütze Ausgabe. 11 Zweites Kapitel. Er wird mit den Charakteren des Commodore's Trunnion und ſeiner Spießgeſellen bekannt, trifft mit ihnen zuſammen und es bildet ſich ein intimes Verhältniß. Dieſer geſchwätzige Wirth lieferte ihm ſogleich Skizzen von allen nur möglichen Leuten in der Grafſchaft. Unter andern ſchil⸗ derte er ihm auch ſeinen nächſten Nachbar, den Commodore Trun⸗ nion, ein ganz abſonderliches Eremplar. „Der Commodore und Ew. Geſtrengen,“ ſagte er,„werden in Kurzem Ein Herz und Eine Seele ſeyn. Er hat Geld wie Heu und iſt ſpendabel wie ein Fürſt, das heißt aber ſo ganz auf ſeine eigene Manier. Denn er iſt, wie man's zu nennen pflegt, ſo ein bischen ein wunderlicher Kauz, der das Blaue vom Himmel herunter⸗ flucht; aber ich wollte einen heiligen Eid darauf ſchwören, daß er ſich dabei ſo wenig Arges denkt, wie ein Kind an der Mutter Bruſt. Es würde eine veritable Herzſtärkung ſeyn, wenn ihn Ew. Geſtrengen einmal die Hiſtorie erzählen hörten, wie er ein Rencontre mit einem Franzoſen hatte, Raa an Raa und Bord an Bord, und wie er ihm— daß Gott erbarm!— Kartätſchen, Stinktöpfe Krä⸗ henfüße, Drathkugeln und Enterhaken in's Schiff hineinwarf. Er war zu ſeiner Zeit ein Soldat comme il faut, und hat auch in dem Dienſte ſeiner Majeſtät ein Auge und eine Ferſe eingebüßt.— Dann lebt er nicht wie irgend eine andere Chriſtenſeele von uns Landratten, wie er uns zu nennen pflegt, ſondern er hat Beſatzung im Hauſe, als wäre er mitten in Feindes Land, und ſeine Leute müſſen des Nachts heraus, und Jahr aus Jahr ein Schildwache ſtehen, wie er's nennt. Um ſein Haus rum geht ein Graben, über welchen eine Zugbrücke führt, und auf ſeinem Hofe ſtehen ein paar Böller, die beſtändig mit Blei geladen ſind. Die Aufſicht darüber 12 führt ein gewiſſer Maſter Hatchway, welchem als Lieutenant auf des Commodore's Schiff ein Bein weggeſchoſſen wurde, und der jetzt auf halbem Sold als Kamerad bei dem alten Herrn wohnt. Ein kreuzbraver Kerl, der Lieutenant, und'n Erzſpaßvogel, der ſich ganz kapital in die Laune des Herrn Commodore zu ſchicken weiß. Doch außerdem hat er noch einen andern Favoriten, Namens Tom Pips, im Hauſe, der Gehülfe ſeines Hochbvotmanns war, und jetzt Inſpektor über ſeine Leute iſt. Tom iſt'n Mann von wenig Worten, aber ein prächtiger Kerl, wenn's ein Liedchen oder die Bootmanns⸗ pfeife, eine Prügelei oder ein Dreipfennigſpiel gilt. Kurz es gibt keinen beſſern Pips als ihn in der ganzen Grafſchaft. In dieſer Weiſe lebt der Commodore auf ſeine eigene Art recht angenehm; aber zu Zeiten geräth er Ihnen gar gewaltig in Harniſch und iſt ganz verteufelt in der Flucht, wenn ihm ſeine Anverwandten in's Haus kommen, die er nicht leiden kann, weil einige von ihnen hauptſächlich daran Schuld ſind, daß er zur See ging. Und ſobald er einen Advokaten anſichtig wird, bricht ihm ſogleich der helle Todesſchweiß aus. Es geht ihm da juſt ſo wie einigen Leuten mit den Katzen; denn es ſcheint, er hat einmäl, weil er einen ſeiner Officiere ſchlug, einen Prozeß gehabt, der ihn ein Heidengeld koſtete. Zudem ſcheeren ihn auch noch die Poltergeiſter, welche ihn in ſeiner Ruhe ſtören, und einen ſolchen Lärm in ſeinem Hauſe machen, daß man denken ſollte— Gott ſey bei uns!— alle Teufel in der Hölle wären losgelaſſen. Noch im vorigen Jahre, juſt um dieſe Zeit, trillten ihn'n paar böſe Geiſter die ganze liebe lange Nacht. Sie kamen in ſeine Schlafkammer und trieben allerlei Teufelsſpuck um ſeine Hängematte,(denn ein Bette iſt in ſeinen vier Pfählen nicht anzutreffen). Er ſchellte, ſchrie alle ſeine Leute heraus und ſuchte überall mit Licht herum. Aber da war kein Poltergeiſt oder Tufel zu hören und zu ſehen! Kaum aber war er mit ſeinen Leuten wieder im Bette, ſo ging die Komödie von neuem los. Jetzt ſprang nun der Commodore im Dunkeln auf, zog ſeinen 13 Sarras und griff die beiden Unholde— denn er glaubte deren zwei zu treffen— ſo tüchtig an, daß in fünf Minuten in ſeinem Zim⸗ mer Alles in Krautkochſtücken war. Der Lieutenant, der den Spek⸗ takel hörte, kam ihm zu Hülfe; und Tom Pips, der mittlerweile vernahm, was auf dem Würfel ſtand, zündete eine Lunte an, ging hinunter in den Hof und brannte aus allen Feldſtücken Nothſchüſſe ab. Ihr könnt Euch denken, daß dadurch das ganze Kirchſpiel in Allarm gerieth. Einige meinten, die Franzoſen wären gelandet; Andere glaubten, das Haus des Commodore wäre von Dieben über⸗ fallen worden. Ich für mein Theil rief zwei Dragoner aus dem Schlaf, die bei mir einquartirt waren, und dieſe ſchwuren denn Stein und Bein, es müßte eine Rotte von Schmugglern ſeyn, die wären mit einer Partie von ihrem Regimente in's Handgemenge gerathen, das im nächſten Dorfe lag. Und als Kerle, denen das Herz auf dem rechten Flecke ſaß, waren ſie gleich auf ihren Gäulen und ritten landeinwärts, was nur das Zeug hielt. Ach, Herr, es ſind gar harte Zeiten, wenn ein arbeitſamer Mann fein Stückchen Brod verdienen kann, ohne immer den Gal⸗ gen fürchten zu müſſen. Ew. Geſtrengen Vater— Gott tröſte ſeine Seele!— war ein gar wackerer Herr und ſo wohl im Kirchſpiele angeſehen, als irgend eine Chriſtenſeele, die jemals auf Sohlenleder einherging. Und wenn Ew. Geſtrengen Verlangen nach einem kleinen Vorrath von feinem Thee oder ein paar Ankern von veritabeln Nantesſchen tragen, ſo ſteh' ich dafür, daß Sie nach Herzensluſt vamit bedient werden ſollen.— Doch, wie ich ſagen wollte, der Zeterſpektakel im Hauſe dauerte bis an den hellen, lichten Morgen fort, bis man nach dem Pfarrer ſchickte, der die Geiſter beſchwor und ſie in's rothe Meer bannte; und ſeitdem iſt Ruh und Fried' im Hauſe. Freilich macht Maſter Hatchway'nen Spaß aus der ganzen Geſchichte. Hier auf dieſer Stelle— Gott ſegne ſie!— hat er zum Commodore wohl hundertmal geſagt, die beiden Spuk⸗ geiſter wären nichts anders geweſen als'n paar Dohlen, die ſich 1 durch den Kamin in's Zimmer verflogen und mit den Flügeln an⸗ geſchlagen hätten. Aber der Commodore, der ſehr choleriſch iſt und ſich nicht gern zum Beſten haben läßt, wurde wild darüber wie'n Donnerwetter und fluchte bei allen Schock Schwernothen, daß er ſo gut wie irgend Einer in den drei Königreichen den Teufel von'ner Dohle unterſcheiden könnte. Allerdings gibt er es zu, daß die Vögel gefunden worden wären, aber das will er nicht Wort haben, daß ſie an dem ganzen Söllenſpektakel Schuld geweſen wären. Ich für meinen Part, Herr, glaube, es läßt ſich von beiden Seiten viel über die Sache ſagen; gleichwohl halte ich dafür, daß der Gottſeybeiuns, wie's dort heißt, umhergeht, wie'n brüllender Löwe, und ſucht, welchen er verſchlinge.“ So außerordentlich dieſe umſtändliche Erzählung auch war, ſo änderte ſich doch dabei kein Zug in dem Geſicht des Herrn Pickle, der, nachdem er die Geſchichte bis zu Ende angehört hatte, die Pfeife aus dem Munde nahm, und mit einem Blicke voll unendlicher Scharf⸗ ſicht und Ueberlegung ſagte:„Ich vermuthe, er iſt Einer von den Trunnions aus Cornwallis. Was für eine Art von Frau iſt denn ſeine Gemahlin?“—„Gemahlin?“ rief der Andere.„Beim Blitz, ich glaube, der würde nicht einmal die Königin von Saba heirathen. Alle Wetter, Herr, nicht einmal ſeine Mägde dürfen im Caſtell übernachten, ſondern jedesmal, bevor die Poſten ausgeſtellt werden, treibt er ſie in ein Nebenhäuschen vor dem Graben. Gott ſey Ew. Geſtrengen Seele gnädig, er iſt wahrhaftig'n erzwun⸗ derlicher Heiliger von'nem Kavalier! Ew. Geſtrengen würden ihn bereits hier geſehen haben; denn wenn er wohl iſt, ſo pflegt er mit meinem guten Maſter Hatchway jeden Abend hieher zu kommen, und ſeine paar Kannen Rum mit ihm auszuſtechen. Aber er hat ſeit vierzehn Tagen wegen nes vertrackten Anfalls von Podagra das Zimmer hüten müſſen. Dadurch entgeht mir'n hübſcher Batzen Geld, das kann ich Ew. Geſtrengen verſichern.“ In dieſem Augenblicke wurden Maſter Pickle's Ohren von 15 einem ſo ſeltſamlichen Geräuſch begrüßt, daß ſich wirklich einmal ſeine Geſichtsmuskeln veränderten, ein deutliches Anzeichen, daß eine Erſchütterung in ihm vorgegangen war⸗ Dieſe Zuſammenſetzung von Tönen glich anfänglich dem Wachtelſchlage und Froſchgequacke; doch als es näher kam, konnte man deutlich artikulirte Töne unter⸗ ſcheiden, die mit ſolcher Heftigkeit und in ſolchen Cadenzen ausge⸗ ſtoßen wurden, daß man hätte meinen ſollen, man hörte ein menſch⸗ liches Weſen, welches vermittelſt der Organe eines Eſels tobte. Es war weder Menſchenſprache noch Eſelsgeſchrei, ſondern wie eine wunderſame Mirtur von Beidem. Die Ausdrücke, die man vernahm, waren unſerm verwunderten Kaufmann ſchlechterdings unverſtändlich. So eben ſtand er nun im Begriff, den Mund zu öffnen und ſeine Neugier laut werden zu laſſen, als der Wirth bei den ihm wohlbe⸗ kannten Tönen auffuhr und rief:„Potz Fiſchchen! das iſt, ſo wahr ich lebe, der Commodore mit ſeiner Geſellſchaft!“ Dabei wiſchte er ſogleich mit ſeiner Schürze den Staub von einem Lehnſtuhl, der neben dem Kamine ſtand und zur Bequemlichkeit und Behaglichkeit des kränklichen Commodore's heilig gehalten wurde. Während er ſo beſchäftigt war, fing eine noch ſcheußlichere Stimme, als die von vorhin, an zu brüllen:„Holla! Heda! Wirths⸗ haus!“ Worauf der Wirth beide Hände gegen den Kopf ſtemmte, die Daumen in die Ohren ſteckte, und in demſelben von ihm erlern⸗ ten Tone die Antwort brüllte:„Hilloah!“ Dann fragte die Stimme wieder:„Keine Advokaten an Bord?“ und als der Wirth„Nein! nein!“ erwiedert, trat der Mann der ſeltſamen Erwartung, auf ſeine beiden Begleiter geſtützt, herein, und entwickelte eine Figur, die in jeder Hinſicht der Sonderbarkeit ſeines Weſens entſprach. Seine Statur maß mindeſtens ſechs Fuß, ob er ſich gleich durch das lange am Bord Seyn gebückt zu gehen gewöhnt hatte; ſeine Geſichtsfarbe war gebräunt, und eine große quer über die Naſe hinlaufende Schramme und ein ſchwarzes Pflaſter an der Stelle des einen Auges machten ſeinen Anblick wahrhaft fürchterlich.— Als er auf dem 16 Stuhle Platz genommen, gratulirie ihm der Wirth mit großen Formalitäten zu ſeinem Wiederausgehen, flüſterte ihm den Namen ſeines Mitgaſtes zu, von dem der Commodore bereits gehört hatte, und ging dann, um mit möglichſter Eile den erſten Gang des Lieb⸗ lingsgetränks in drei beſondern Kannen herbeizuſchaffen; denn Jeder erhielt ſeine Portion für ſich. In dieſer Zeit ſetzte ſich der Lieute⸗ nant neben die blinde Seite ſeines Kommandanten; Tom Pips aber, der den Abſtand kannte, nahm mit großer Beſcheidenheit hinter den Beiden Platz. Nach einer Pauſe von etlichen Minuten wurde die Unterhaltung von dem grimmigen Chef begonnen, welcher ſein Auge mit einem Ausdruck von Starrheit, die ſich nicht beſchreiben läßt, auf den Lieutenant heftete und denſelben dann mit den Worten anfuhr:„Gott verdamm' mich. Hatchway, ich hab' Euch immer für einen beſſern Seemann gehalten! Bei ſo'nem Kapitalwetter unſere Chaiſe kippen zu laſſen! Mordelement! hab' ich Euch nicht geſagt, wir würden auf den Strand gerathen, und befahl ich Euch nicht, einzubraſſen, um beim Winde zu ſegeln?“ „Ja,“ erwiederte der Andere mit einem ſchelmiſchen Lächeln, „ich geb's zu, daß Sie alſo befohlen, nachdem Sie uns an einen Pfoſten hatten anrennen laſſen, ſo daß der Wagen da lag, ſo lang er war, und nicht mehr aufgerichtet werden konnte.“—„Was? Ich hätte an'nem Pfoſten anrennen laſſen?“ rief der Commodore. „Eleient! Ihr ſeyd'n rechter Hund, mir ſo was ohne Scham und Scheu in die Augen nein zu ſagen! Dirigirt' ich den Cours der Chaiſe? Stand ich am Steuer?“ „Das allerdings nicht,“ verſetzte Hatchway;„ich gebe zu, daß Sie nicht am Steuer ſtanden; aber den ganzen Weg über zeigten Sie die Richtung an, und da Sie nicht ſehen konnten, wo das Land lag, weil Sie auf Ihrem Backbordsauge blind ſind, ſo wurden wir auf den Strand getrieben, ehe Sie das Geringſte davon bemerkten. Pips, der hinten aufſtand, kann die Wahrheit meiner Ausſage be⸗ zengen.“. 17 „Der Teubel ſoll mich holen,“ hob der Commodore wieder an, „wenn ich mir aus Eurem und Pips Geſchwätz mehr machte, als aus'nem aufgedrieſelten Tau! Rebeller ſeyd r Mehr will ich nich ſagen; aber uf der Naſe laſſt ich mir nich von euch'rum trommeln, ſoll mich Gott verdammen! Ich bin der Mann, von dem Ihr, Jack Hatchway, gelernt habt, wie man'n Tau zu ſplitzen und'ne Perpendikularlinie ufzurichten hat.“ Der Lieutenant, der den Tick ſeines Kapitäns ſchon kannte, fand es nicht gut, den Disput weiter zu verfolgen, ſondern langte nach ſeiner Kanne, und ließ den Fremden hoch leben. Derſelbe that höflich Beſcheid, wobei er jedoch nicht wagte, ſich in die Unter⸗ haltung einzumiſchen; dadurch entſtand eine beträchtliche Pauſe. Während des Interregnums verſelben übte ſich Maſter Hatchway's Ingenium in allerlei handgreiflichen verblümten Redensarten gegen den Commodore, weil er wohl wußte, daß dieß die einzige Art war, auf welche man ihn ohne Gefahr necken konnte. Da er ſich außer dem Geſichtskreiſe des Einäugigen befand, ſo plünderte er in aller Sicher⸗ heit deſſen Schnupftabacksdoſe, trank ihm ſein Glas aus, ſchnitt ihm Geſichter und blinzelte ihn mit Einem Auge an, zu nicht gerin⸗ ger Beluſtigung der Zuſchauer, ſelbſt Maſter Pickle nicht ausge⸗ nommen, welcher ganz deutlich ungewöhnliche Zeichen über dieſe Geſchicklichkeit in ſeemänniſchen Pantominen blicken ließ. Mittlerweile legte ſich der choleriſche Anfall des Chefs. Er wurde ſo gnädig, Hatchway'n mit dem vertraulichen und freund⸗ ſchaftlichen Diminutivnamen Jack anzureden, und ihn zu erſuchen, daß er doch ſo gut ſeyn möchte, die auf dem Tiſche liegende Zeitung vorzuleſen. Dieſes Geſchäft wurde ſogleich von dem lahmen Lieute⸗ nant unternommen. Unter andern Artikeln las er auch folgenden, mit einem Tone. der etwas Außerordentliches anzufünden ſchien: „Wie verlautet, ſo wird der Admiral Bower wegen ſeiner ausge⸗ zeichneten Kriegsdienſte, vornämlich aber wegen des letzten Treffens mit der franzöſiſchen Flotte, nächſtens zum britiſchen Peer erhoben werden.“ Smollet's Romane. VIII. 2 18 Dieſe Notiz war für Trunnion ein Donnerſchlag. Die Kanne ſank ihm aus der Hand und zerbrach am Boden in tauſend Scher⸗ ben; ſein Auge funkelte wie das Auge einer Klapperſchlange, und es vergingen mehrere Minuten, bevor er in die Worte ausbrechen konnte:„Halt! Den Artikel noch'nmal!“— Er war nicht ſobald zum zweiten Mal geleſen, als der Commodore mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlug, vom Stuhle emporſprang und mit der violenteſten Emphaſe von Wuth und Indignation ausrief:„Gott verdamm' mich und der Teufel hole meine Seele, wenn das nicht erſtunken und er⸗ logen iſt! Und daß es eine ganz erbärmliche Lüge iſt, das will ich vom Bogſprietraa an bis zum Beſansraa defendiren! Blut und Donner! Der Will Bower, ein Peer des Königreichs! Ein Kerl von geſtern, der mit knapper Noth den Schiedunter zwiſchen'nem Maſt und'nem Sautrog weiß! Ein Gelbſchnabel, den ich zur Kanone kommandirte, weil er Eier aus den Hühnerkörben geſtohlen hatte! Und ich, Hawſer Trunnion, der ich ein Schiff kommandirte, ehe er noch das Rechnen gelernt hatte, werde auf die Seite geworfen, ſeht'r's, und vergeſſen! Wenn's ſo in der Welt hergeht, ſo iſt in unſerer Conſtitution'ne verfaulte Planke, die muß niedergehauen und ausgebeſſert werden, oder Gott ſoll meine Augen verdammen! Ich für meinen Part, ſeht'r, ich war kein's von euren indiſchen Ferkeln! Ich bin nicht durch Parlamentsvorſchub oder durch'ne ſchöne Frau'n Mann geworden! Ich wurde nich über die Leiber beſſerer Kerle hinüber gehißt; ich ſtolzirte nich uf'm Hinterdeck in bordirter Weſte un mit Blumengebummel an den Aermeln herum. Gott verdamm' mich! Ich habe mir's immer ehrlich ſauer werden laſſen un habe alle Schulen durchgemacht, vom Küchenjungen an bis zum Schiffskapitän. Da, hier habt'r die Hand'nes See⸗ manns, Ihr Hund, Ihr!“ Bei dieſen Worten erpackte er die Hand des Gaſtwirths, und beehrte ſie mit einem ſolchen Druck, daß derſelbige in eine laute Vociferation ausbrach, zu großer Befriedigung des Commodore's, 19 deſſen Geſichtszüge ſich bei dieſer Anerkennung ſeiner Mannhaftigkeit ein wenig milderten; worauf er in etwas minder geſteigertem Tone fortfuhr: „Da machen ſie nun ſo ein gottſträfliches Aufhebens von der lumpigen Affa ire mit den Franzoſen, und der ganze Dreck is doch nir als'n elendes Bootsgefecht geweſen! Da waren der alte Rook un Jennings un noch Einer, den ich nich nenne— und ich will verdammt ſeyn, thu' ich's— die wußten, was Fechten heißt! Ich für mein Theil, ſeht'r, ich gehöre nicht zu den Leuten, die ſich ſelber herausſtreichen; aber wär's meine Sache, mein eignes Lob auszupoſaunen, ſo würden ſich dergleichen Burſche, die jetzt die Naſe ſo hoch tragen, alle verkriechen müſſen; ſie würden, wie das Sprüch⸗ wort ſagt, ſich ſchämen, ihre Flagge aufzuſtecken, oder ich will ver⸗ dammt ſeyn! Schlug ich mich doch'mal acht Halbſtundengläſer lang mit dem Flour de Louſe, nem franzöſiſchen Kriegsſchiffe'rum, ob's gleich ſchweres Geſchütz un hundert Hände mehr Mannſchaft hatte, als die meinige. Zum Teufel, was habt Ihr da zu grinſen, Jack Hatchway? Denkt'r etwa, daß ich Euch'ne Fabel ufheften will, weil'r noch nir dervon gehört habt?“ „Na, ſehn Sie,“ verſetzte der Lieutenant,„es gaudirt mich, daß Sie doch, wenn's darauf ankommt, ihren eigenen Ruhm auspo⸗ ſaunen machen können; ob ich gleich wünſchte, daß Sie einen andern Ton anſtimmen möchten; denn dieſes Liedchen haben Sie uns die letzten zehn Monate alle Tage vorgepfiffen. Tunley ſelbſt wird Ihnen ſagen müſſen, daß er's ſchon fünfhundertmal gehört hat.“— „Gott verzeih's Ihnen, Maſter Hatchway,“ verſetzte der Wirth, „aber ſo wahr ich'n ehrlicher Kerl un'n Gaſtwirth obendrein bin, ich habe all mein Lebstag noch keine ſterbende Sylbe davon gehört.“ Obgleich dieſe Erklärung nicht mit der Wahrheit harmonirte, ſo war ſie doch dem Squire Trunnion außerordentlich angenehm, ſo daß er ſich mit einer triumphirenden Miene gegen den Lieutenant wandte und ſagte:„Aha, Jock, dacht' ich's doch, was von Eurem * — 20 Geſchnatter un Sticheleien rufzupumpen! Un geſetzt nun auch, Ihr hättet ſchon ſonſt was dervon gehört, is denn das ein Grund, weß⸗ halb man's andern Leuten nich auch erzählen ſollte? Da ſitzt hier der Fremde; vielleicht hat der's auch fünfhundertmal gehört? Habt retwa, Bruder?“ wandte er ſich an Herrn Pickle, der mit dem ſprechendſten Blick der Neugier erwiederte:„Noch niemals,“ wor⸗ auf Trunnion fortfuhr: „Na, Ihr ſcheint mir'ne ehrliche, ſtille Sorte von'nem Mann zu ſin. So müßt Ihr denn wiſſen, ich gerieth mit'nem franzöſi⸗ ſchen Orlogſchiff an einander, wie ich ſchon geſagt habe. Cap Finis Terrä war ſechs Meilen von uns über Wind, und das Schiff, uf das wir Jagd machten, drei Meilen unterm Winde von uns, un ſegelte vorm Winde; worauf ich denn Beiſatzſegel aufhiſſete, den Feind einholte, meine Flagge un Wimpel ufzog, und ihm die volle Ladung gab, eh' Einer die Zugleinen im Beeſansſegel hätte zählen können. Denn ich hab' immer ein wachſames Auge, un gebe gern zuerſt Feuer.“ „Das will ich beſchwören,“ üel Hatchway ein;„denn am Tage, wo wir ſiegten, geboten Sie, Feuer zu geben, als das Schiff auf dem Bauche lag. Auf dieſes Signal trafen wir'nen Flug wilder Gänſe, und ich gewann von dem Conſtabler'ne Kanne Punſch, weil ich den erſten Vogel herunterſchoß.“ Der Commodore, den dieſe Spötterei verdroß, erwiederte mit großer Heftigkeit:„Das lügſt Du in Deinen Hals hinein, Du Hallunke! Daß der Donner in Euren Rumpf ſchlüge! Was habt'r nu dervon, mir immer ſo quer in den Fahrſtrich zu kommen? He, Pips! Du warſt uf'm Deck, un kannſt bezeugen, ob ich zu bald feuern ließ, oder nich! Sprich, Du Sapperment! un ſag' uf See⸗ mannsparole, wie weit war das feindliche Schiff, auf das wir Jagd machten, von uns, als ich„Feuer!“ kommandirte?“ Bei dieſer Aufforderung öffnete Pips, der bisher ganz ſtill im Hintergrunde geſeſſen, nach etlichen ſeltſamen Geberden den Mund 21 wie ein nach Luft ſchnappender Stockfiſch, und ſagte mit einem Tone, wie wenn der Oſtwind durch eine Ritze heult:„Ne halbe Viertel⸗ meile unterm Wind.“„Näher, Du Meerſchweinsfratze von'nem Schifswiſch, näher, um zwölf Klafter näher! Doch, wie dem auch ſey,'s is nu handgreiflich g'nug, daß Hatchway, das Schandmaul, in ſeinen Rachen h'reingelogen! Und ſo, Herr Bruder, ſieht Er, war ich mit dem Flour de Louſe zuſammen, Raa an Raa, Bord an Bord⸗ ließ unſer Schwer- un Leichtgeſchütz ſpielen, un Stinktöpfe, Pulver⸗ ſäcke un Handgranaten h'neinwerfen, bis unſer Metall verſchoſſen war, Drathkugeln, Schrot un Traubenkugeln. Drauf luden wir eiſerne Krähfüße, Taunadeln und ohle Nägel. Wie ich abers fand, daß der Franzmann noch tüchtige Püffe vertragen konnte un unſre Takelage weggeſchoſſen, un'ne große Menge von unſern Leuten ge⸗ tödtet oder verwundet hatte, ſieht Er, da reſolvirt ich mich kurz, un gab Ordre, die Enterhaken parat halten. Der Mosjeh merkte abers, was w'r im Schilde führten, holte Wind in ſeine Toppſegel, ſtrich davon, un ließ uns wie'nen Treibklotz uf dem Waſſer un unſre Speigatten voller Blut.“ Pickle und Tunley hörten der Erzählung von dieſer Heldenthat mit ſo geſpannter Aufmerkſamkeit zu, daß Trunnion dadurch aufge⸗ muntert wurde, ſie mit mehreren dergleichen Geſchichten zu unter⸗ halten. Dann aber macht' er zum Lobe der Regierung die Bemer⸗ kung, daß ein lahmer Fuß und ein Auge weniger Alles ſey, was er im Flottendienſte davon getragen habe. Der Lieutenant, der es nicht über ſich bringen konnte, eine Gelegenheit, auf Koſten des Commandeurs ſeinen Witz zu üben, vorüber zu laſſen, fiel ihm jetzt wieder mit den Worten in die Rede:„Ich habe wollen hören, wie Sie zu dem lahmen Fuße kamen. Sie hatten Ihr Oberlof mit Likör angefüllt; die Ladung war zu ſchwer; Sie ſchlugen um, kol⸗ lerten das Schiff h'nunter, und klemmten Ihre Steuerbordshaken in eine von den Speigatten. Und das Aug, na, das ward Ihnen von Ihrem eigenen Schiffsvolk ausgeſchlagen, als Sie ihm die letzte 22 Löhnung zahlten. Der arme Pips dort wurde ſo durchgehauen, daß alle Farben des Regenbogens auf ſeinem Buckel ſpielten, weil er Ihre Partie nahm, und Ihnen Zeit ließ, zu entſchlüpfen. Ich finde aber nicht, daß Sie dieſe Aufopferungen nach Verdienſt belohnt hätten.“ Da der Commodore die Wahrheit dieſer Anekdoten, ſo unſchick⸗ lich ſie auch angebracht waren, doch nicht läugnen konnte, ſo ſtellte er ſich, als nähme er ſie für Späße von des Lieutenants eigener Erfin⸗ dung, und verſetzte bloß:„Na, Freund Jack, alle Welt weiß, daß rne verwetterte Läſterzunge im Maul habt, un dafür will ich Euch auch zu Brei ſchlagen, Ihr Hund, Ihr!“ Bei dieſen Worten hob er eine ſeiner Krücken auf, um ſie ſanft quer über Hatchway's Schädel gleiten zu laſſen; allein Jack hatte bereits mit großer Behendigkeit ſein hölzernes Bein losgeſchnallt und wehrte den Hieb damit ab, zu Sir Pickle's nicht geringer Verwunderung und zu höchlichſtem Er⸗ ſtaunen des Wirths, der, nebenbei geſagt, dieſelbe tiefe Verwunde⸗ rung über dieſelbe Handlung zu derſelben Stunde ſeit einem Viertel⸗ jahre alle Abende gezeigt hatte. Dann heftete Trunnion ſein eines Auge auf den Bootsmann und ſagte:„Wie ſo nun, Pips? So läufſt Du alſo umher un ſchwätzeſt den Leuten vor, ich hätte Dir keinen räſonabeln Recom⸗ pens gegeben, un thäte gar nichts weiter für Dich, daß Du mir zum Sukkurſch kamſt, wie das rebelliſche Rakalienzeug mir Eins auswiſchte? Hol Dich der Teubel! Hab' ich Dich, verdammter Hallunke, nicht beſtändig frei gehalten?“— Tom, der äußerſt wortkarg war, rauchte mit großer Gleichgültigkeit ſein Pfeifchen, und ließ ſich's nicht im Geringſten einfallen, auf alle dieſe Fragen nur eine Sylbe zu antworten. Sie wurden wiederholt und mit manchem Fluch verſtärkt. Als auch das nicht verfing, zog der Commodore ſeine Börſe heraus, und warf ſie ſeinem ſtummen Retter mit den Worten zu:„Da, Du Hurenſohn! haſt Du was, das wohl etwas beſſer is, als'n Wundzettel.“ Ohne die geringſte Aeußerung der 23 ueberraſchung oder der Zufriedenheit nahm Pips dieſe Gabe an, und ſteckte ſie in die Taſche. Hierauf wandte ſich der Commodore zu Pickle und ſagte:„Da ſieht Er, Herr Bruder, wie ich das alte Sprichwort wahr mache:„Die Seeleute verdienen ihr Geld wie die Pferde un verthun es wie die Eſel. Halloh, Pips⸗ laß uns die Bootmanspfeife hören und luſtig ſin!“ Der aufgeforderte Muſiker ſetzte jetzt das ſilberne Inſtrument, das an einem Kettchen von eben dem Metall in einem Knopfloch an ſeinem Wamſe hing, an den Mund. Wiewohl es bei weitem nicht ſo entzückend klang wie die Pfeife des Hermes, ſo gab es doch einen ſo lauten ſchrillenden Ton, daß ſich der fremde Herr, gleichſam in⸗ ſtinktmäßig, die Ohren zuhielt, um ſeine Gehörorgane vor einem ſo gewaltſamen und gefährlichen Eindruck zu ſchützen. Als das Präludium vorbei war, fing Pips, die Augen feſt auf ein Straußenei gerichtet, das oben an der Decke hing(ein Gegenſtand, von dem er ſie nicht ein einziges Mal wieder wegwandte), ſein Seemannslied in einem Tone an, der zu gleicher Zeit aus einer irländiſchen Sackpfeife und einem Schweinſchneiderhorne hervorzugehen ſchien. Der Com⸗ modore, der Lieutenant und der Wirth aber machten Chorus und wiederholten nach jeder einzelnen Strophe den zierlichen Schluß: Lärmet, lärmet, brave Jungen, Nach der Arbeit ſey geſungen! Nie laßt uns vom Becher ſcheiden, Arbeit mehret unſre Freuden. Kaum war dieſe letzte Verszeile aus den Kehlen, ſo ſetzten ſie alle in bewunderungswürdig gleichem Tempo die Kanne an den Mund, und wie Jeder ſeinen Zug gethan, ward die folgende Strophe gleich ausdrucksvoll und harmoniſch von ihnen hergekreiſcht. Kurz, die Geſellſchaft ſing an, ſich unter einander zu verſtehen. Herrn Pickle ſchien die Unterhaltung zu behagen, und es begann zwiſchen ihm und dem Commodore ein trauliches Bündniß. Letzterer ſchüttelte ihm die Hand, trank auf fernere nähere Bekanntſchaft, und lud ihn 24 ſogar zu ſich in's Caſtell auf ein Gericht Schweinefleiſch und Erbſen ein. Dieſe Artigkeit ward von Pickle ſo erwiedert, daß ſich eine gute Kameradſchaft bildete, und die Nacht war ſchon ziemlich weit vorgerückt, als der Bediente des Kaufmanns mit der Laterne erſchien, um ſeinem Herrn nach Hauſe zu leuchten. Hierauf ſchieden die neuen Freunde von einander, mit der gegenſeitigen Verſicherung, am nächſten Abend an demſelben Orte wieder zuſammenzutreffen. Drittes Kapitel. Miſtriß Grizzle verheirathet ihren Bruder. Ich bin um ſo umſtändlicher in der Schilderung von dem Cha⸗ rakter des Commodore Trunnion geweſen, weil derſelbe im Laufe dieſer Geſchichte eine ſo beträchtliche Rolle ſpielt. Doch jetzt iſt es hohe Zeit, uns wieder zu Miſtriß Grizzle zurückzuwenden, welcher ſeit ihrer Ankunft auf dem Lande eine doppelte Sorge volle Be⸗ ſchäftigung gegeben hatte, die Sorge nämlich, für ihren Bruder eine paſſende Partie und für ſich einen ihr zuſagenden Gatten zu finden. Dieß geſchah nicht etwa aus einer argen Abſicht oder weiblichen ſchwachen Regung, ſondern ihr reines Motiv war ein löblicher Ehr⸗ geiz, der ſie zur Erhaltung ihres Familiennamens antrieb. Ja, die ehrſame Jungfrau war bei der Verfolgung ihres Zwecks ſo uneigen⸗ nützig, daß ſie ihr eigenes Intereſſe hintanſetzte, oder wenigſtens ihr Geſchick der ſtillen Wirkung ihrer Reize überließ und ſich mit ſo unermüdlichem Eifer zn Gunſten ihres Bruders anſtrengte, daß, ehe ſie noch ein Vierteljahr auf dem Lande gewohnt hatte, das allge⸗ meine Geſpräch der geſammten Nachbarſchaft die Heirath war, die zwiſchen dem reichen Sir Pickle und der ſchönen Miß Appleby im Gange ſey. Dieſe junge Dame war die Tochter eines Gentlemanns 25 aus dem nächſten Kirchſpiele, der ſeinen Kindern zwar nur geringes Vermögen mitgeben konnte, dafür aber, um mich ſeines eigenen Ausdrucks zu bedienen, ihre Adern mit dem beſten Geblüte des Landes angefüllt hatte. Dieſes junge Frauenzimmer, deſſen Charakter und Neigung Miſtriß Grizzle erforſcht und ganz nach Wunſch gefunden hatte, ward demnach zur Gattin des Herrn Pickle auserſehen. Der Vater nahm den Antrag, der ihm dieſerhalb gemacht wurde, mit Freuden an, gab ohne Anſtand ſeine Einwilligung und betrieb die unmittel⸗ bare Ausführung des Projektes mit ſolchem Eifer, daß es ſchien, er habe entweder Argwohn gegen Sir Pickle's Beſtändigkeit oder ein Mißtrauen gegen das Temperament ſeiner Tochter, welches vielleicht zu feurig war, um ſich länger kalt halten zu laſſen. Nachdem die vorläufigen Punkte in's Reine gebracht waren, ſtattete unſer Kaufmann, auf Antrieb der Miſtriß Grizzle, einen Beſuch bei ſeinem künftigen Schwiegervater ab, und ward der Tochter vorgeſtellt, mit der er noch denſelben Nachmittag Gelegen⸗ heit hatte, allein zu ſeyn. Was bei der Unterredung geſchah, dar⸗ über habe ich nie etwas Näheres erfahren. Doch aus dem Charakter des Freiwerbers wird der Leſer ganz richtig abnehmen können, daß er die Dame nicht mit vielem Geſchwätz beläſtigte. Er war deßhalb, glaub' ich, um ſo willkommener. So viel iſt ausgemacht, daß ſie gegen ſeine Wortkargheit nichts einzuwenden hatte, ſondern, als der Vater ihr ſeinen Entſchluß mittheilte, ſich ſogleich mit der frömm⸗ ſten Ergebung in ihr Schickſal fügte. Um der jungen Dame einen vortheilhaftern Begriff von ſeinem Verſtande beizubringen, als ſeine Unterredung ihr vielleicht gewährt hatte, war Miſtriß Grizzle geſonnen, einen Brief aufzuſetzen, den ihr Bruder abſchreiben und ſeiner Gebieterin als ſein eigenes Geiſtesprodukt überſenden ſollte. Auch hatte ſie bereits wirklich zu dem Ende ein ſehr zärtliches Billet entworfen. Allein der Liebhaber verdarb ihren Plan gänzlich. Wegen ihrer wiederholten Erinnerungen 26 war er ihrem Entwurfe zuvorgekommen, hatte ſelbſt geſchrieben und den Brief an einem Nachmittage weggeſandt, wo Miſtriß Grizzle im Pfarrhauſe zum Beſuch war. Dieſer Schritt war keineswegs Wir⸗ kung ſeiner Eitelkeit oder Folge der Uebereilung. Seine Schweſter hatte ihn oft verſichert, er müſſe ſeine Liebeserklärung durchaus ſchriftlich machen, weßhalb er denn ſeine Gelegenheit wahrnahm und dem Rathe der Schweſter zu einer Zeit folgte, wo ſeine Gedanken durch nichts Anderes geſtört oder abgelenkt wurden, ohne dabei im Geringſten zu vermuthen, daß die Schweſter geſonnen ſey, ihm die Mühe zu erſparen, ſein Gehirn anzuſtrengen. Seiner Meinung nach alſo ſeiner eigenen Erfindungskraft überlaſſen, ſetzte er ſich hin und brachte folgendes Stück Arbeit zuwege, das er an Miß Appleby beförderte, ehe ſeine Rathgeberin und Schweſter das Geringſte ahnte. An Miß Sally Appleby. Inſonders hochgeehrtes Fräulein! G. E haben laut Avis eine Partie Herz vorräthig, ſo von guter Qualität ſeyn ſoll; bin dannenhero nicht abgeneigt, beſagten Artikel unter billigen Conditionen an mich zu bringen, nicht zwei⸗ felnd, darüber mit einander Handels einig zu werden, und bin E. E. fernerweitigen Avis erwartend, wenn und wo E. E. gelieben wollen. Dieß das Nöthige von Ihrem dienſtwilligen Gamaliel Pickle. Dieſe lakoniſche Epiſtel, ſo einfach und ungekünſtelt ſie war, wurde von der Perſon, an die ſie adreſſirt war, ſo herzlich aufge⸗ nommen, als wenn ſie in den zierlichſten Ausdrücken abgefaßt ge⸗ weſen wäre, die eine zärtliche Leidenſchaft und ein fein gebildeter Geiſt einflößen können. Ja, ich ſollte meinen, daß das Briefchen ſeiner kaufmänniſchen Klarheit wegen um ſo willkommener war; denn, wenn es ſich um eine vortheilhafte Partie handelt, ſo betrachtet ein gefühlvolles Frauenzimmer die blumenreichen Erklärungen und ver⸗ zückten Erklamationen der Liebe als verſtrickende Zweideutigkeiten, oder im beſſern Falle als unnöthige Präliminarien, die den Traktat 27 nur verzögern, zu deſſen Beförderung ſie dienen ſollen. Sir Pickle aber, der ſogleich auf den Hauptpunkt losging, räumte alle unange⸗ nehme Zweifel aus dem Wege. Nicht ſobald hatte ſie als ein gehorſames Kind das Liebes⸗ briefchen ihrem Vater mitgetheilt, als auch er, als ein ſorgſamer Vater, Herrn Pickle beſuchte und in Gegenwart der Miſtriß Grizzle eine förmliche Erklärung von deſſen Geſinnungen gegen ſeine Tochter Sally verlangte. Sir Pickle erwiederte ihm ohne allen Umſchweif, wie er Zuneigung zu dem jungen Frauenzimmer fühle, und mit ihr, wenn er nichts dawider hätte, fortan Freud und Leid theilen wolle. Herr Appleby äußerte hierauf ſeine Zufriedenheit darüber, daß er ein günſtiges Auge auf ſeine Familie geworfen habe, und tröſtete den Liebhaber mit der Verſicherung, daß ſein Antrag der jungen Dame angenehm ſeyn würde; worauf man zur Abfaſſung des Hei⸗ rathskontraktes ſchritt. Nachdem Alles verabredet war, wurde ein Notar berufen, um es in's Reine zu bringen; die Hochzeitkleider wurden eingekauft, und mit Einem Worte der Tag zur Trauung feſtgeſetzt. Jeder aus der Nachbarſchaft, der nur einigermaßen rechtlich war, ward zur Hochzeit eingeladen. Unter dieſen wurden Commodore Trunnion und Maſter Hatchway nicht vergeſſen, als die einzigen Geſellſchafter des Bräutigams, mit denen er bei ihren abendlichen Zuſammen⸗ künften in eine Art von engem Freundſchaftsbündniß getreten war. Die beiden Seehelden hatten bereits durch den Wirth einen vorläu⸗ figen Wink von dem, was ſich auf dem Tapete befand, erhalten, bevor Sir Pickle es für gerathen fand, es ihnen zu entdecken. Deß⸗ halb hatte einige Abende zuvor bei ihren Zuſammenkünften der einäugige Commodore beſtändig von nichts Anderem geſprochen, als von der Thorheit des Heirathens und den Plagen des Eheſtandes, wogegen er in den ſchrecklichſten Ausfällen loszog, auch dabei des ſchönen Geſchlechts nicht im Mindeſten ſchonte, indem er die Weibs⸗ bilder als eingefleiſchte Teufel ſchilderte, die aus der Hölle heraus⸗ 28 geſchickt würden, um die Männer zu peinigen. Vor Allem zog er gegen die alten Jungfern los, die ihm vollends ein Gräuel zu ſeyn ſchienen. Sein Freund Jack bekräftigte die Richtigkeit aller dieſer Ausſprüche, und ließ zugleich ſeine eigene ſatyriſche Ader ſich er⸗ gießen, wobei er jeden Ausfall auf den Eheſtand mit einem Bon⸗ mot ſchloß, das aus einer Anſpielung auf das Seefahrerleben her⸗ genommen war. Er verglich ein Weib mit einer großen mit Feuer, Schwefel, Donner und Blitz geladenen Kanone, die, wenn ihr ein Funke in's Zündloch fährt, von einander platzt und einen Teufels⸗ lärmen anrichtet, wenn man nicht beſondere Sorgfalt mit ihren Schwanzſchrauben hat. Ein andermal verglich er die Frauenzimmer mit einem Orkan, der nie aus einer Gegend kommt, ſondern um alle Punkte des Compaſſes herumfährt. Sie ähneln, ſagte er, einer gut angemalten und wohlaufgetakelten Galeere, die aber im Boden ein Leck hat, das der Mann zuzuſtopfen niemals im Stande iſt. Ihre Neigungen, bemerkte er, wären wie die Bay von Biskaja; den Grund träfe man da nie, ſo tief man auch das Senkblei hinunter ließe. Jeder, der an einem Weibe ankerte, würde finden, daß er in einem verdammt faulen Grunde vor Anker läge, und am Ende das Kabeltau nicht lichten könnte, wenn es ihm auch das Leben koſten ſollte. Er für ſeinen Theil mache wohl zuweilen zum Zeit⸗ vertreib einen kleinen Abſtecher, würde ſich aber nie zur Lebensreiſe mit einem Weibe einſchiffen, weil er fürchten müßte, beim erſten Unwetter zu Grunde zu gehen. Allem Vermuthen nach machten dieſe Gloſſen einigen Eindruck auf Herrn Pickle, der nicht ſehr geneigt war, ſich großen Gefahren auszuſetzen. Allein die Vorſchriften und Ermahnungen ſeiner Schweſter, der dieſe Heirath nun einmal im Kopfe ſteckte, überwo⸗ gen die Anſichten ſeiner Seefreunde. Als dieſe ſahen, daß er tros ihrer Winke, ſich vorzuſehen, doch zum Heirathen feſt entſchloſſen ſey, ſo wurden ſie einig, ſeine Einladung anzunehmen und ſein Hochzeitfeſt mit ihrer perſönlichen Erſcheinung zu beehren. 29 Viertes Kapitel. Das Benehmen der Miſtriß Grizzle bei der Hochzeit. Auskunft über die Gäſte. Man wird mich hoffentlich nicht für lieblos halten, wenn ich vermuthe, daß ſich Miſtriß Grizzle bei dieſer außerordentlichen Ge⸗ legenheit über die Maßen anſtrengte, und alle Batterieen ihrer Reize gegen die Herren ſpielen ließ, die ſich zur Hochzeit eingefunden hatten. So viel weiß ich gewiß, daß ſie all' die einnehmenden Eigenſchaften, die ſie beſaß, in das vortheilhafteſte Licht zu ſtellen ſuchte. Ihre Geſprächigkeit beim Eſſen war ungemein, ſie bediente ihre Gäſte mit faſt überflüſſiger Aufmerkſamkeit, ſchmückte ihre Sprache durch ein ſehr angenehmes kindiſches Liſpeln, und da ſie den übermäßigen Umfang ihres Mundes zu gut kannte, ſo wagte ſie nicht ein einziges Mal zu lachen, ſondern formte ihre Lippen nur zu einem bezaubernden Lächeln, das den ganzen Tag auf ihrem Angeſichte ſchwebte. Ja, ſie wußte ſogar Nutzen zu ziehen aus dem uns bereits bekannten Fehler ihres Geſichts, inſoferne ſie die Ge⸗ ſichter der ihr am meiſten zuſagenden Perſonen von der Seite be⸗ trachtete, während ihre Augen nach einem entgegengeſetzten Gegen⸗ ſtand gerichtet ſchienen. Mit welcher anmuthigen Beſcheidenheit nahm ſie nicht die Complimente derer auf, die nicht umhin konnten, die feine Anord⸗ nung des Gaſtmahls zu loben; und mit welcher kindlichen Zärtlichkeit benützte ſie jede Gelegenheit, der Ehrenſtellen ihres Vaters zu er⸗ wähnen, indem ſie bemerkte: wenn ſie etwas von Bewirthung ver⸗ ſtände, ſo wäre dieß kein beſonderes Verdienſt für ſie, da ſie während der Lordmayorſchaft ihres Vaters ſo manches große Gaſtmahl habe veranſtalten helfen. Als dann die Unterredung auf die Wohlhaben⸗ heit ihrer Familie kam, verrieth ſie nicht im Mindeſten Stolz oder 30 triumphirendes Weſen, ſondern ſie nahm eine ernſte Miene an, und erklärte, nachdem ſie einige Sittenſprüche über die Eitelkeit der Reichthümer ausgeſchüttet hatte, daß diejenigen, die großes Vermö⸗ gen bei ihr vermutheten, ſich gar heftig täuſchten. Ihr Vater habe ihr nichts als armſelige fünftauſend Pfund hinterlaſſen, welches mit dem Wenigen, was ſie ſeit ſeinem Tode von den Zinſen erübrigt, Alles ſey, worüber ſie zu diſponiren habe. Ja, wenn ſie, wie ſie ſagte, ihre größte Glückſeligkeit im Gelde ſuchte, ſo würde ſie nicht ſo raſch geweſen ſeyn, ihre eigenen Erwartungen durch Veranlaſſung und Einleitung der Begebenheit zu zerſtören, die ſie jetzt ſo glücklich verſammelt habe. Sie hoffte jedoch, ſie würde ſtets innern Werth genug beſitzen, alle eigennützige Rückſicht von ſich zu entfernen, ſo⸗ bald ſie dem Wohlergehen ihrer Freunde zuwider laufen könnte. Endlich ging ihre Beſcheidenheit und Selbſtverläugnung ſo weit, daß ſie denjenigen, denen daran lag, davon zu hören, auf eine geſchickte Weiſe kund that, daß ſie nur drei Jahre mehr als die Braut zählte. Wenn ſte noch zehn hinzugeſetzt hätte, ſo würde ſie keinen Rechnungs⸗ verſtoß begangen haben. Um ſo viel, als nur in ihren Kräften ſtand, zur Unterhaltung der Anweſenden beizutragen, ſang ſie noch nach dem Eſſen ein Lied zur Harfe, welches Stück zwar nicht übermelodiſch klang, doch, das darf ich ſagen, der Geſellſchaft eben ſo gut würde zu Dienſten ge⸗ ſtanden haben, wenn ſie auch mit Philomelen hätte wetteifern kön⸗ nen. Zum äußerſten Beweiſe ihrer Gefälligkeit ließ ſie ſich durch ihre neue Schweſter bereden, den Ball in eigener Perſon zu eröffnen. Mit einem Worte, Miſtriß Grizzle war die Krone des Feſtes und verdunkelte beinahe die Braut ſelbſt, welche, weit entfernt, ihr den Vorrang ſtreitig machen zu wollen, ihr mit vieler Weisheit ge⸗ ſtattete, alle ihre Talente in's glänzendſte Licht zu ſtellen, ſich ſelbſt aber mit dem Looſe begnügte, das Fortuna ihr zugetheilt hatte, indem ſie glaubte, es würde noch behaglicher ſeyn, wenn ihre Schwä⸗ gerin von ihrem Familienkörper abgelöst würde. 31 Ich brauche wohl dem Leſer nicht erſt zu berichten, daß ſich während dieſes ganzen Feſtes der Commodore und ſein Lieutenant ganz außer ihrem Elemente befanden. Dieß war auch der Fall bei dem Bräutigam. Er war völlig Fremdling in jeder Art des feinen Umgangs, daher befand er ſich, ſo lange dieſer Auftritt dauerte, auf der allerſchmerzlichſten Folter. Trunnion, der, bevor er abge⸗ dankt wurde, kaum ein einziges Mal am Lande geweſen war, und der ſich in ſeinem ganzen Leben in keiner vornehmern Geſellſchaft von Frauenzimmern befunden hatte, als die ſind, die auf der Spitze von Portsmouth heerdenweiſe umherſchweifen, wußte ſich hier in ſeinem Thun und Laſſen weniger zu helfen, als wenn er auf der See von der ganzen franzöſiſchen Flotte umringt geweſen wäre. Von ſeiner Geburt an hatte er nie das Wort„Madam“ über ſeine Lippen gehen laſſen. Er war ſo weit davon entfernt, ſich mit den Frauenzimmern in ein Geſpräch einzulaſſen, daß er nicht einmal ihre Höflichkeiten erwiederte, ja ſelbſt nicht durch das leichteſte Kopfnicken ihnen dankte, wenn ſie ſeine Geſundheit tranken. Lieber, glaube ich, wäre er erſtickt, als daß er nur den ſchlichten Ausdruck: gehorſamer Diener! über ſeine Lippen gebracht hätte. Eben ſo unbeweglich war er in Rückſicht ſeines Körpers. Denn er ſaß, ſey es nun aus Halsſtarrigkeit oder Blödigkeit, baumſteif, ohne ſich im Mindeſten zu regen. Dieß reizte den Humor eines Spaßvogels, ſich an den Lieutenant zu wenden und ihn zu fragen: ob dieß der Commodore ſelbſt wäre oder der hölzerne Löwe, der ſonſt vor deſſen Garten⸗ thüre zu ſtehen pflege? Ein Bild, das, wie man geſtehen muß, keine geringe Aehnlichkeit mit ihm hatte. Maſter Hatchway, der nicht ſo unpolirt war wie der Commodore, und einigermaßen Begriffe vom geſellſchaftlichen Leben hatte, ſpielte eine weniger barokke Figur. Dann aber war er ein Witzbold, und befand ſich als ſolcher nur dann wohl, wenn man ihm diejenige Auszeichnung angedeihen ließ, die er ſeiner Meinung nach eben vollauf verdiente. 32 Rach dieſen Bemerkungen wird es den Leſer nicht befremden, wenn dieſe Beiden nichts dagegen einzuwenden hatten, als einige gravitätiſche Männer aus der Geſellſchaft eine Motion machten, ſich in einem Nebenzimmer mit Pfeifen und Flaſchen gütlich zu thun, indeß die jungen Leute ihren Lieblingszeitvertreib fortſetzten. So aus ihrem ſo zu nennenden Stande der Vernichtung erlöst, beſtand der erſte Gebrauch, den die beiden Junggeſellen aus dem Kaſtelle von ihrer Exiſtenz machten, darin, daß ſie dem Bräutigam mit vollen Glaſern ſo ſtark zuſetzten, daß er nach kurzer Friſt ver⸗ ſchiedene Anſtrengungen zum Singen machte, und bald darauf beſin⸗ nungslos in's Bett geſchafft werden mußte. Die Brautdiener und Mägde verdroß dieß nicht wenig, weil ihnen durch dieſen Vorfall die Gelegenheit benommen wurde, ihm die Strümpfe auszuziehen und andere bei dergleichen Anläſſen übliche Ceremonien zu beobachten. Was aber die Braut betraf, ſo wußte ſie ſich in dieſen böſen Caſus mit leidlichem Humor zu finden. Wie ſie ſich denn überhaupt als eine kluge Frau bezeigte, welche jede Lage des Lebens aus dem rechten Geſichtspunkte zu beurtheilen verſtand. Fünftes Kapitel. Miſtriß Pickle bemächtigt ſich des Hausregiments; ihre Schwägerin ent⸗ wirft deßhalb einen wichtigen Plan, an deſſen Ausführung ſie aber auf eine Zeitlang verhindert wird. Welche Nachgiebigkeit, um nicht zu ſagen Unterwürfigkeit, auch Sally gegen Miſtriß Grizzle bezeigt hatte, bevor ſie mit deren Hauſe in ſo naher Verbindung ſtand, ſo war ſie doch kaum Frau geworden, als ſie es auch ſchon für Pflicht hielt, ihrem Stande nichts zu vergeben. Sie wagte es ſogar bereits, den Tag nach der 33 Hochzeit mit ihrer Schweſter über ihre Familie zu ſtreiten, indem ſie behauptete: die ihrige ſey in jedem Betracht anſehnlicher, als die Familie ihres Mannes, wobei ſie bemerkte, daß mehrere jüngere Brüder aus ihrem Hauſe die Lordmayors⸗Würde von London beklei⸗ det hätten, welches doch die höchſte Ehrenſtelle ſey, zu der ſich je einer von Sir Pickle's Voreltern aufgeſchwungen habe. Dieſe vermeſſene Aeußerung war ein Donnerſchlag für Miſtriß Grizzle, die jetzt zu ahnen begann, ihre Erwartungen dürften wohl nicht ganz nach Wunſche in Erfüllung gehen. Sie hatte darauf gerechnet, ihrem Bruder eine ſanfte und nachgebende Gattin zu ver⸗ ſchaffen, die ihr ſtets mit der tiefen Ehrerbietung begegnen würde, welche ihres Erachtens ihrem überlegenen Verſtande gebührte, und die es nicht wagen würde, ohne ihren Rath oder ihre Leitung den geringſten Schritt zu thun. Richts deſto weniger lenkte ſie noch immer die Zügel des Hausregiments wie zuvor, und zankte nach altem Brauch mit dem Geſinde; ein Amt, das ſie mit ungemeiner Fähigkeit verwaltete, und woran ſie ein ausnehmendes Vergnügen zu finden ſchien. Endlich erklärte ihr Miſtriß Pickle eines Tages unter dem Vorwande der Beſorgtheit für die Ruhe und Bequem⸗ lichkeit ihrer lieben Schwägerin, ſie wolle dieſe Mühe ſelbſt über ſich nehmen und künftig die Leitung ihres Hausweſens in Perſon beſorgen. Eine kränkendere Erklärung hätte der Miſtriß Grizzle nicht können gethan werden. Nach einer ziemlich langen Pauſe und nach einer ſeltſamen Augenverdrehung verſetzte ſte:„Es wird mich nie eine Unruhe oder Mühe verdrießen, die meinem Bruder zum Beſten ge⸗ reicht.“—„Verehrte Jungfer Schwägerin,“ erwiederte die Frau des Hauſes,„ich bin Ihnen für Ihre freundliche Sorgfalt, für das Wohl meines Mannes, das ich als das meinige betrachte, unendlich verbunden. Jedoch, ich kann es nicht mit anſehen, daß Sie aus Freund⸗ ſchaft ſo viele Beſchwerden erdulden, und beſtehe demnach darauf, daß Sie ſich einer Bürde, die Sie ſo lange getragen haben, entledigen.“ Smollet's Romane. VIII. 3 34 Vergebens betheuerte die Andere dagegen, daß ſie wahres Vergnügen an der Aufſicht über das Geſinde fände. Miſtriß Pickle ſchrieb dieſe Verſicherung einer zu weit getriebenen Dienſtfertigkeit zu, und äußerte ſo zarte Beſorgniß für die Geſundheit und Ruhe ihrer Jungfer Schwägerin, daß dieſe ſich genöthigt ſah, obgleich mit ſträubendem Herzen, ihr bisher geführtes Amt niederzulegen, ohne einen Vor⸗ wand auffinden zu können, ſich über ihre Abſetzung zu beklagen. Dieſer fatale Caſus zog einen gräulichen Andachtsſchauer von dret bis vier Wochen nach ſich, während welcher Zeit ihr Verdruß noch dadurch vermehrt wurde, daß ſie ſehen mußte, wie die junge Frau eine abſolute Gewalt über das Gemüth ihres Bruders erlangte. Er ließ ſich durch ſie dahin bringen, eine ſtattliche Equipage anzuſchaffen, und ſeinen Aufwand dermaßen zu erhöhen, daß er jährlich wenigſtens tauſend Pfund mehr brauchte. Doch bewirkte dieſe Veränderung in ſeiner Haushaltung nie eine Aenderung ſeiner Neigungen oder ſeiner Lebensweiſe; denn, ſobald die peinliche Ceremonie des Beſuch⸗Anneh⸗ mens oder Erwiederns vorüber war, nahm er ſeine Zuflucht wieder zu ſeinen ſeemänniſchen Freunden, mit denen er den größten Theil ſeiner Zeit hinbrachte. Doch, wenn ſich Herr Pickle mit ſeinem Zuſtande zufrieden fühlte, ſo war dieß bei Miſtriß Grizzle gar nicht der Fall. Als ſie bemerkte, daß ihr Anſehen im Hauſe bedeutend abgenommen hatte, daß ihre Reize von allen Mannsperſonen in der Nachbarſchaft vernachläßigt wurden, und daß die allwelkende Hand der Zeit dro⸗ hend über ihrem Haupte hing, durchbebte ſie der Schauer vor einer ewigen Jungferſchaft, und ſie beſchloß in einem Anfall von Ver⸗ zweiflung, ſich um jeden Preis dieſer ſchmachvollen und unerfreu⸗ lichen Situation zu entreißen. Nachdem ſie darüber im Reinen war, entwarf ſie ſich einen Plan, der jedem weniger unternehmenden und ſelbſtgenügſamen Geiſte als dem ihrigen ganz unausführbar würde geſchienen haben. Dieſer war kein anderer, als der, das Herz des Commodore zu 35 erobern, welches der Leſer als nicht ſonderlich empfänglich für zartere Gefühle bereits kennen lernte, da ſich daſſelbe mit Unempfindlichkeit und Vorurtheil gegen die Reize des weiblichen Geſchlechts förmlich verbollwerkt hatte. Beſonders empfand er eine große Averſion gegen die Mädchenklaſſe, die man mit dem Namen: alte Jungfern, be⸗ zeichnet, zu denen unglücklicherweiſe Miſtriß Grizzle damals ſchon gehörte. Nichts deſto weniger eröffnete ſie den Feldzug, und nach⸗ dem ſie dieſe anſcheinlich unüberwindliche Feſtung berannt hatte, drang ſie eines Tages, als Trunnion bei ihrem Bruder zu Mittag ſpeiste, über die Laufgräben. Sie ließ gewiſſe umgarnende Lobeser⸗ bungen über die Biederkeit und Aufrichtigkeit der Seeleute fallen, beſorgte ſeinen Teller mit beſonderer Aufmerkſamkeit, und erzwang ein beifälliges Lächeln zu allen ſeinen Reden, wenn man ſie nur einigermaßen ſcherzhaft wenden oder ohne Verletzung der Sittſamkeit anhören konnte. Ja ſelbſt, wenn er den Wohlſtand beiſeit ließ (was mehrmals vorkam), wagte ſie es mit einem graziöſen Grinſen, ihm ſeine Freiheit zu verweiſen, indem ſie ſagte:„In der That, ihr Herren Seeleute habt doch eure ganz beſondere Art, euch aus⸗ zudrücken. Euer Element macht euch mitunter ein bischen gar zu wild.“ Indeß ſcheiterten alle dergleichen Zuvorkommenheiten dermaßen an dem Commodore, daß dieſer, weit entfernt, die eigentliche Urſache derſelben auch nur im Entfernteſten zu ahnen, noch denſelben Abend in Beiſeyn des Bruders, gegen den er ſich ſchon aller möglichen Freiheit bediente, ohne alles Bedenken ſagte: ſie ſey eine verdammte ſchielige, glozaugige, klatſchmaulige, böſe Sieben, worauf er ein Pereat auf alle alte Jungfern ausbrachte. Sir Pickle that ihm ohne allen Anſtand Beſcheid, und erzählte dieß am nächſten Tage ſeiner Schweſter. Sie ertrug dieſe unwürdige Behandlung mit be⸗ wunderungswürdiger Faſſung und gab deßhalb ihren Plan, ſo wenig verſprechend auch ſich deſſen Ausführung anließ, doch nicht auf. Jedoch die Fortſetzung ihrer Beſtrebungen wurde auf eine Zeit lang 36 unterbrochen, weil ihre Aufmerkſamkeit eine andere Richtung und eine andere Beſchäftigung bekam. Ihre Schwägerin war erſt wenige Monate verheirathet geweſen, als ſich erſichtliche Symptome der Schwangerſchaft bei ihr offen⸗ barten. Die Freude aller Theilnehmenden hierüber war allgemein, und die Zufriedenheit der Miſtriß Grizzle fand keine Worte; denn wir wiſſen bereits von ihr, daß die Erhaltung ihres Familien⸗ Namens bei ihr jede andere Rückſicht überwog. Kaum alſo gewahrte ſie einen Anſchein, auf den ſie zu Hoffnungen berechtigt werden konnte, ſo ſchob ſie jeden andern Vorſatz vor der Hand auf, verlor allen Groll über die Abnahme des Hausregiments gegen Miſtriß Pickle und beſchloß, ihre Schwägerin als das Vehikel, durch welches ihres Bruders Leibeserbe an das Tageslicht gebracht werden ſollte, nach allen ihren Kräften zu hegen und zu pflegen, ſo lange dieſelbe ihre Bürde zu tragen haben ſollte. In dieſer Abſicht ſchaffte ſie ſich Culpeppers Hebammenkunſt und das ſinnreiche Werk an, das unter Ariſtoteles Namen prangt. Beide ſtudirte ſie mit unermüdeter Sorg⸗ falt. Auch las ſie mit großem Bedacht in der vollkommenen Hausfrau und Quiney's Dispenſatorium, und verfertigte nach deren Vorſchrift zur Stärkung ihrer Schwägerin während ihrer Schwangerſchaft jedes Gelee, jede Marmelade und Conſerve, welche dieſe Schriftſteller als geſund und ſchmackhaft anpreiſen. Sie ver⸗ bot ihr demzufolge den Genuß von Wurzeln, Küchenkräutern, Obſt und alle Arten von Vegetabilien. Eines Tages hatte ſich Miſtriß Pickle eine Pfirſiche gepflückt, und war eben im Begriff, ſie zu Munde zu führen, als Miſtriß Grizzle dieſes raſche Unterfangen merkte, hinzulief, mitten im Garten auf ihre Knie fiel und ſie mit Thränen in den Augen beſchwor, dieſem ſchädlichen Gelüſt zu widerſtehen. Kaum aber hatte ſich die Schwägerin dieſer Bitte gefügt, als jene ſich beſann, daß das Kind, wenn ihre Schwägerin in ihrer Lüſternheit getäuſcht würde, ein Muttermal oder ſonſt ein Erbübel davon tragen könnte. Sie bat 37 daher Sally eben ſo vringend, die Frucht aufzueſſen, zu gleicher Zeit aber eilte ſie, ein ſelbſt verfertigtes herzſtärkendes Waſſer zu holen, das ſie ihrer Schwägerin als ein wirkſames Mittel gegen das eben zu ſich genommene Gift aufzwang. Dieſe übermäßige Fürſorge und Zärtlichkeit wurde der Miſtriß Pickle bald ſehr läſtig. Sie entwarf daher verſchiedene Plane, um wieder zu ihrer Freiheit zu gelangen. Endlich beſchloß ſie, der Miſtriß Grizzle eine ſolche Beſchäftigung zu geben, daß ſie des ihr ſo beſchwerlichen ſtrengen Arreſtes eine Zeit lang überhoben wäre. Es dauerte nicht lange, als ſich ihr eine ſchickliche Gelegenheit dar⸗ bot, dieſen Eutſchluß auszuführen. Den folgenden Tag fügte es ſich bereits, daß ein Gentleman, der bei Sir Pickle zu Mittag ſpeiste, von einer Ananas ſprach, von welcher er die Woche zuvor bei einem Edelmann gegeſſen, deſſen Ritterſitz wenigſtens hundert Meilen von ihnen in einem andern Theile der Grafſchaft ent⸗ fernt lag. Kaum war der Name dieſer verhängnißvollen Frucht einige Male genannt worden, als Miſtriß Grizzle, die fortwährend ihre Schwägerin im Auge hatte, unruhig ward. Sie glaubte bei ihr deutliche Aeußerungen von Gelüſten wahrgenommen zu haben. So⸗ gleich äußerte ſie, daß ſie für ihre Perſon nie hätte Ananas eſſen können, weil es eine unnatürliche Frucht wäre, die durch künſtliche Wärme gewaltſam aus garſtigem Dünger emporgetrieben wütde. Mit bebender Stimme fragte ſie ihre Schwägerin:„Sie ſind doch wohl auch meiner Meinung?“ Dieſe, der es nicht an Schlauheit und Scharfblick fehlte, errieth ſogleich ihre Abſicht, und verſetzte mit anſcheinender Gleichgültigkeit:„Wenn ich die Früchte meines Landes nach Gefallen genießen kann, kümmert's mich wenig, ob es Ananaſſe in der Welt gibt oder nicht.“ Dieſe Antwort aber gab ſie nur, um den Gaſt gegen den Groll ihrer Schwägerin zu ſchützen, denn dieſen würde er ſicherlich bitter haben empfinden müſſen, wenn ſie, die Schwangere, das geringſte 38 Gelüſt nach Ananas hätte blicken laſſen. Dieß hatte dann den er⸗ wünſchten Erfolg, und die Ruhe der Geſellſchaft, welche durch das beträchtliche Verſehen des Gentlemans in keiner geringen Gefahr geſchwebt hatte, wurde völlig wieder hergeſtellt. Am folgenden Mor⸗ gen nach dem Frühſtück gähnte die ſchwangere Dame(wie von un⸗ gefähr, es geſchah aber, um ihren Plan durchzuſetzen) ihrer Schwä⸗ gerin mächtig in's Geſicht. Durch dieſes konvulſiviſche Gähnen ungemein beunruhigt, war die Letztere überzeugt, es ſey ein An⸗ zeichen von Gelüſt, und beſtand darauf, zu wiſſen, wonach ſie eigent⸗ lich ein Verlangen trüge. Mit einem erzwungenen Lächeln erzählte ihr Miſtriß Pickle, ſie habe im Traume von einer ganz vortrefflichen Ananas gegeſſen. Unmittelbar auf dieſe Erklärung ſtieß Miſtriß Grizzle einen lauten Schrei aus, und da ſie ſogleich merkte, daß ihre Schwägerin ſich darüber wunderte, ſchloß ſie dieſelbe in ihre Arme und verſicherte ſie mit einer Art von krampfhaftem Lachen, es ſey ein Freudengeſchrei geweſen, weil es in ihrem Belieben ſtände, das Gelüſt ihrer theuren Schwägerin zu befriedigen, indem eine Dame aus der Nachbarſchaft ihr verſprochen hätte, ihr unverzüglich ein Paar exquiſite Ananaſſe zu ſchicken, und ſie wolle auch heute darnach ausgehen. Miſtriß Pickle that, als könnte ſie dieß nicht zugeben, und ſagte, ſie wolle ihr dieſe unnöthige Bemühung erſparen; deßhalb wandte ſie vor, und verſicherte, wofern ſie auch einiges Verlangen hätte, eine Ananas zu verzehren, ſo wäre es doch nicht ſo heftig, daß böſe Folgen daraus entſtehen könnten, wenn es nicht geſtillt würde. Doch brachte ſie die Verſicherung auf eine Weiſe vor(und in ſo etwas war ſie Meiſterin), daß Miſtriß Grizzle, ſtatt dadurch abgehalten zu werden, vielmehr angeſpornt ward, ſich ſogleich auf den Weg zu machen. Doch nicht nach der Lady, denn dieſe und ihr Verſprechen hatte ſie nur erdichtet, um ihre Schwägerin zu beruhi⸗ gen, ſondern ſie trat eine Reiſe durch die ganze Grafſchaft auf gutes Glück an, ob ſie die Unglücksfrucht finden möchte, die ihr und 39 ihres Vaters Hauſe gar leicht ſehr vielen Nachtheil und Verdruß verurſachen konnte. Drei Tage und Nächte hindurch rannte, von einem Diener be⸗ gleitet, Miſtriß Grizzle von Ort zu Ort, ohne auf ihre Geſundheit zu achten und ihren guten Ruf zu bedenken, welcher letztere bei dieſen Nachforſchungen manchen argen Stoß zu erleiden hatte; denn ſie ging dabei mit ſo beſonderem Eifer und mit ſolcher Zerſtreuung zu Werke, daß Jedermann, mit dem ſie ſprach, ſie für eine unglück⸗ liche Perſon anſah, deren Verſtand in nicht geringe Unordnung ge⸗ rathen ſey. Da alle ihre Nachforſchungen durch die ganze Graf⸗ ſchaft vergeblich geweſen, ſo blieb ihr endlich nichts weiter übrig, als zu dem Edelmann zu reiſen, in deſſen Hauſe der allzudienſtfertige Fremde unglücklicherweiſe für ſie geſchmaust hatte. Sie kam in einer Poſtchaiſe vor dem Landgut dieſes Herrn an, dem ſie ihr An⸗ liegen als eine Sache vorſtellte, von der das Wohlergehen einer ganzen Familie abhinge. Leider kam ſie zu ſpät. Se. Lordſchaft bedauerten in ſehr höf⸗ lichen und gerührten Ausdrücken, daß Sie außer Stand geſetzt wären, Ihre Menſchenliebe zu äußern und des Vergnügens theil⸗ haftig zu werden, auf eine ſo leichte Art zur Glückſeligkeit Ihrer Nebengeſchöpfe beizutragen. Unglücklicherweiſe, fügte er hinzu, hab' ich geſtern einer Dame in der Nachbarſchaft mit den beiden letzten Ananaſſen in meinem Garten ein Präſent gemacht. Bei dieſer Er⸗ klärung ſank die arme Miſtriß Grizzle in Ohnmacht. Man brachte ſie ſogleich in das Gaſthaus, wo ſie ihre Pferde gelaſſen hatte, und ſie war über ihre fehlgeſchlagene Erwartung untröſtlich. Wahrſchein⸗ lich würde dieſer Vorfall für ſie nachtheiliger ausgeſchlagen ſeyn, als für die Perſon, für deren Wohlfahrt ſie ſo ernſtlich ſorgte, hätte ſie nicht an eben dem Abend durch ihren Bedienten einen Wink von dem Gärtner des Edelmanns bekommen, daß er ihr für fünf Pfund zwei der ſchönſten Ananaſſe liefern wolle, die man je in England geſehen habe, welche Bedingung, wie ich wohl kaum erſt 40 zu ekwähnen brauche, begierig angenommen ward. Die beiden Ananaſſe wurden ihr zu treuen Händen überliefert; und ſie kehrte noch den⸗ ſelben Abend nach ihres Bruders Hauſe zurück, wo ſie mit ihrer heſperiſchen Frucht in vollem Triumphe eintraf. Ihre Schwägerin, die ihretwegen in einiger Angſt geweſen war, empfing ſie mit großer Herzlichkeit. Dennoch ward Se. Lordſchaft von Miſtriß Grizzle in ihrem Morgen⸗ und Abendſegen nicht vergeſſen, wie ſie von dem Bedienten, ihrem Reiſebegleiter, vernommen hatte, daß er am Abend eben des Tages, wo ihr der gnädige Herr verſicherte: er habe keine einzige Ananas mehr, mit ſeinen eigenen Augen mehr denn hundert, zum Abſchneiden völlig reif, geſehen habe. Sechstes Kapitel. Miſtriß Grizzle iſt unermüdlich in Befriedigung der Gelüſte ihrer Schwä⸗ gerin. Peregrine wird geboren und ganz gegen die Vorſchriften der Baſe behandelt, die darüber disguſtirt, ihren früher entworfenen Plan wieder aufnimmt. Der glückliche Erfolg dieſer Diverſion würde Miſtriß Pickle ermuthigt haben, ihrer Schwägerin noch mehr dergleichen Ränke zu ſpielen, wenn ſie nicht in Folge der auf ihrer Hin⸗ und Herfahrt erlittenen Strapazen und Gemüthsbewegungen in ein heftiges Fieber verfallen wäre, welcher Umſtand während ſeiner Dauer der Schwan⸗ gern eben ſo viele Ruhe vor der Allzudienſtfertigen gewährte, als irgend eine Liſt es hätte bewirken können. Kaum jedoch war Miſtriß Grizzle wieder hergeſtellt, als die andere, von ihr mehr denn je be⸗ läſtigt, ſich genöthigt ſah, ihrer Vertheidigung halber zu andern Er⸗ findungen ihre Zuflucht zu nehmen, welches ſie ſo fein anzuſtellen wußte, daß es zweifelhaft blieb, ob ſie wirklich ſo wunderlich und 41¹ eigenſinnig in thren Gelüſten war, als ſie vorgab. Dieſe beſchränk⸗ ten ſich nicht bloß auf Forderungen des Genuſſes oder des Magens, ſondern ſie erſtreckten ſich auch auf alle übrigen Sinnesorgane, ja ſie ergriffen ſogar ihre Einbildungskraft, die zu der Zeit in ſeltſame Unordnung gerathen ſchien. So wandelte ſie eines Tages das Gelüſt an, ihren Mann in's Ohr zu kneipen, und nur mit größter Schwierigkeit brachte ſeine Schweſter ihn ſo weit, ſich dieſer Operation zu unterwerfen. Doch war dieß ein Leichtes gegen ein anderes Unternehmen, dem ſie ſich zur Befriedigung der gar ſeltſamen Begierden der Miſtriß Pickle unterzog. Es beſtand in nichts Geringerem, als den Commodore zu bereden, daß er ſein Kinn der ſchwangeren Dame völlig Preis gebe, weil dieſe das Gelüſt plagte, ihm drei ſchwarze Barthaare auszuraufen. Als dieſer Antrag dem Commodore zum erſten Male von dem Mann gethan wurde, antwortete er bloß durch einen Schwall ſchreck⸗ licher Flüche, die von ſo ſtarren Blicken begleitet und mit ſolcher Donnerſtimme ausgeſtoßen wurden, daß der arme Supplikant ſogleich vor Schrecken zum Stillſchweigen eingeſchüchtert wurde. Nun war Miſtriß Grizzle genöthigt, in dieſer Sache ſelbſt Hand anzulegen. Sie ging demnach den folgenden Tag nach dem Kaſtell, woſelbſt ihr durch Vermittlung des Lieutenants der Eintritt verſtattet wurde. Denn, während ſein Chef ſchlief, befahl er Spaßes halber, daß man ſie einlaſſen ſollte. Sie wartete ſonach geduldig auf dem Hofe, wo Trunnion ſeinen Morgenſpaziergang zu halten pflegte. Sobald er ſich blicken ließ, nahte ſie ſich ihm. Er war bei dem Anblick einer Weibsperſon an einem Orte, den er bisher heilig und unberührt vor dem ganzen Geſchlechte erhalten hatte, wie vom Donner gerührt, und brach ſofort in eine gewaltige Apoſtrophe gegen Tom Pips aus, der zur Stunde die Wache hatte, als Miſtriß Grizzle vor ihm auf die Knie niederſiel und ihn auf das Herzbrechendſte anflehte, ihre Bitte ſich vortragen zu laſſen, und ſir ihr zu gewähren. Kaum 42 hatte er ſie vernommen, ſo brüllte er ſo heftig, daß alle Winkel des Hofes den ſchimpflichen Ansdruck: Hexe! und das Wort: Ver⸗ dammt! wiederhallten. Er wiederholte dieſelben mit erſtaunlicher Schnellzüngigkeit, doch ohne allen Sinn und Zuſammenhang, worauf er in ſein Haus zurückeilte und die betrogene Betſchweſter in der demüthigen Stellung ließ, die ſie zur Erweichung ſeines harten Herzens ſo erfolglos gewählt hatte. So kränkend auch eine ſolche Behandlung einem ſo hochherzigen Frauenzimmer ſeyn mußte, ſo verfolgte ſie doch raſtlos ihr Ziel, indem ſie des Commodore's Rathgeber und Anhänger in ihr Intereſſe zu ziehen ſuchte. Sie wandte ſich zuerſt demüthig an Maſter Hatchway. Dieſer, höchlich über einen Jur erfreut, der ſo viel Vergnügen und Zeitvertreib verſprach, trat ihren Abſichten gänzlich bei, und ver⸗ ſprach ihr, von ſeinem ganzen Einfluß auf den Commodore zu ihrem Beſten Gebrauch zu machen. Was dann den Bootsmann anbelangte, ſo wußte ſie ihn durch eine Guinee, die ſie ihm in die Hand drückte, völlig für ſich zu gewinnen. Miſtriß Grizzle hatte in dieſer Ange⸗ legenheit zehn Tage lang alle Hände voll zu thun, während welcher Zeit der Commodore mit dem Antrag der Dame und durch die Er⸗ mahnungen ihrer Verbündeten ſo arg gepeinigt wurde, daß er ſchwur: ſeine Leute hätten einen Anſchlag auf ſein Leben im Sinne. Um dieſe unerträgliche Laſt los zu werden, gab er endlich nach, und ließ ſich nach dem Orte der Handlung hinführen, wie ein Opfer zum Altar, oder, noch beſſer geſagt, wie ein widerſpenſtiger Bär, der unter dem Jauchzen und Geſchrei der Metzger und ihrer Doggen zur Hatz geſchleppt wird. Bei alldem war der Sieg nicht ſo entſcheidend, als die, welche ihn davon getragen hatten, ſich einbildeten. Denn als das Schlacht⸗ opfer ſich geſetzt und der Operateur, mit einem Zänglein bewaffnet, ſi chihm genähert hatte, zeigte ſich eine kleine Schwierigkeit. Näm⸗ 3 lich in der ganzen Oberfläche von Sir Trunnions Geſicht ließ ſich kein ſchwarzes Haar entdecken. Höchſt beunruhigt und betreten über 43 dieſen Umſtand, nahm Miſtriß Grizzle ihre Zuflucht zu einem Ver⸗ größerungsglaſe, das ſich auf ihrem Nachttiſche befand. Nach einer ſehr ſcharfen Unterſuchung machte man endlich ein dunkelfarbiges Fäſerchen ausfindig. Hier ſetzte alſo Miſtriß Pickle ihr Inſtrument an, und zog das Haar mit der Wurzel aus. Der ehemalige Eigner davon ward darüber nicht wenig wild, denn es ſchmerzte ihn weit ernſtlicher, als er gedacht hatte. Er ſprang auf und ſchwur bei allen Teufeln der Hölle, daß er kein einziges Haar mehr laſſen wollte. Dagegen ermahnte ihn Maſter Hatchway zur Geduld und zur Erge⸗ bung in ſein Schickſal; vergebens wiederholte Miſtriß Grizzle de⸗ und wehmüthig ihre Bitten. Da ſie ihn ganz taub und feſt ent⸗ ſchloſſen fand, das Haus zu verlaſſen, ſo umfaßte ſie endlich ſeine Kniee, und bat ihn um Gottes willen, ſich einer höchſtbetrübten Familie zu erbarmen, und um des armen Kindes willen nur noch ein wenig zu dulden, weil es ſonſt mit einem grauen Barte zur Welt kommen müßte. Weit entfernt, dadurch erweicht zu werden, wurde er durch dieſe Bemerkung nur noch mehr in Harniſch gebracht, und verſetzte mit heftiger Entrüſtung:„Hol' Dich der Teufel, Du breitmaulige Here! Der Hallunke wird längſt am Galgen hängen, bevor'r'nen Bart kriegt.“ Mit dieſen Worten riß er ſich aus ihren Armen los, ſtürzte zur Thüre hinaus, und hinkte in ſolcher Haſt nach Hauſe, daß der Lieutenant ihn erſt am Thore des Kaſtells wieder einholte; Miſtriß Grizzle aber wurde durch dieſe Flucht dermaßen erſchüttert, daß ihre Schwägerin ſie aus bloßem Mitleid bat, ſich zu beruhigen. Sie betheuerte: ſie hätte ihren Wunſch vollkommen befriedigt. Denn, da ſie gleich Anfangs an des Commodore's Geduld gezweifelt hätte, ſo habe ſie die drei Haare auf ein Mal ausgeriſſen. Doch hatten die Bemühungen der fürſorgenden Verwandtin nach dieſem Abenteuer noch kein Ende, ſondern ihre Beredſamkeit und Betriebſamkeit wur⸗ den unaufhörlich zur Vollziehung anderer Aufträge gebraucht, welche die erfindungsreiche Verſchlagenheit ihrer Schwägerin auf die Bahn 44 brachte. So hatte dieſe z. B. zu einer andern Zeit ein unüber⸗ windliches Gelüſt nach Froſchſchenkeln, die bekanntlich in Frankreich am Beſten zu haben ſind, ſo daß mithin ein expreſſer Bote nach dieſem Königreiche geſendet werden mußte. Da man ſich auf die Ehrlichkeit eines gemeinen Bedienten nicht verlaſſen konnte, ſo nahm Miſtriß Grizzle dieſes Geſchäft über ſich und ſegelte wirklich in einem Kutter nach Boulogne, von wo ſie in acht und vierzig Stun⸗ den mit einer Tonne lebendiger Fröſche zurückkehrte. Als dieſe nach allen Regeln der Kochkunſt zubereitet waren, wollte die Schwägerin nicht davon eſſen; das Gelüſte darnach ſey ihr vergangen, ſchützte ſie vor; ihre Begierde hatte eine andere Richtung genommen und ſich auf ein kurivſes Geräth gewendet, das einer vornehmen Dame in der Nachbarſchaft gehörte und für eine ungemeine Seltenheit galt. Dieß war nichts anders als ein porcellanener Nachttopf von vor⸗ trefflicher Arbeit, den die hochgeborne Beſitzerin eigens für ſich be⸗ ſtellt hatte und als ein Möbel überaus hochſchätzte. WMiſtriß Grizzle ſchauerte, als ſie von dem Verlangen ihrer Schwägerin nach dieſem Gefäß den erſten Wink bekam. Denn zu kaufen war es nicht, und was Menſchlichkeit und Willfahrung an⸗ belangt, ſo war die Beſitzerin in beiden eben nicht von der vortheil⸗ hafteſten Seite bekannt; ſonach war der Miſtriß auch alle Hoffnung benommen, es auf eine Zeit lang von ihr borgen zu können. Sie verſuchte daher, ihr dieſe eigenſinnige Begierde als eine ausſchwei⸗ fende Grille, die man bekämpfen müſſe, wegzudisputiren. Allem Anſchein nach war Miſtriß Pickle durch ihre Gründe und ihren guten Rath überzeugt und befriedigt; demungeachtet konnte ſie ſich keines andern Geſchirrs bedienen und war zugleich von einer ſehr gefährlichen Zurückhaltung bedroht. Durch die Gefahr bewogen, in welcher, wie ſie vMit ihre Schwägerin ſich befand, eilte Miſtriß Grizzle nach dem Hauſe der Lady, erhielt bei ihr eine Privataudienz, entdeckte ihr die höchſt traurige Lage ihrer Schwägerin und flehte ihr Wohlwollen an. 4⁵ Gegen alles Erwarten empfing dieſe Dame ſie ſehr freundlich und war gar nicht abgeneigt, die Lüſternheit der Miſtriß Pickle zu be⸗ friedigen. Die vielen Ausgaben, die Herr Pickle in Folge der viel⸗ fachen Gelüſte ſeiner Frau hette, brachten ihn ganz außer gutem Humor, ſo daß Letztere endlich ihre Launen einigermaßen zügelte und wenigſtens keine übertriebenen Forderungen mehr machte. Auch erntete Miſtriß Grizzle die ſo lang gewünſchten Früchte ihres Har⸗ rens in einem hübſchen Jungen ein, mit dem ihre Schwägerin nach wenigen Monaten niederkam. Ich übergehe die deren es bei dieſem wich⸗ tigen Anlaß unendlich viele gab, und erwähne bloß, daß die Mutter der Miſtriß Pickle, ihre Schwägerin Grizzle und der Commodore bei dem Kinde zu Gevatter ſtanden, das einem verſtorbenen Oheim zu Ehren Peregrine getauft wurde. So lange die Wöchnerin Bett oder Zimmer hüten mußte und ihre Autorität nicht ausüben konnte, unterzog ſich Miſtriß Grizzle der Aufſicht über das Kind, wozu ſie ſich doppelt verpflichtet fühlte. Sie führte mit erſtaunlicher Wach⸗ ſamkeit die Oberaufſicht über die Amme und Wehemutter bei jeder ihrer beiderſeitigen Verrichtungen, und keine davon geſchah ohne ihre ausdrückliche Anordnung. Kaum aber war Miſtriß Pickle wieder im Stande, ſelbſt ihre Angelegenheiten zu beſorgen, ſo hielt ſie es für nöthig, gewiſſe Anordnungen, die ihre Schwägerin wegen des Kindes hatte treffen laſſen, gänzlich umzuwandeln. So verbot ſie unter Anderem die Windeln, womit das Kind ſo umwickelt war wie eine ägyptiſche Mumie, damit die Natur ohne allen Zwang wirken und das Blut frei circuliren könne. Gleichzeitig tauchte ſie das Kind an jedem Morgen mit eigener Hand in einen Kübel voll kalten Waſſers. Dieſe Operation kam jedoch der zartfühlenden Miſtriß Grizzle ſo barbariſch vor, daß ſie ſich derſelben nicht nur mit aller ihrer Beredſamkeit widerſetzte, und jedes Mal, wenn dies Opfer geſchah, eine Thränenfluth vergoß, ſondern endlich auch zu Pferde ſtieg und 46 nach der Wohnung eines berühmten Landarztes eilte, den ſie mit folgenden Worten zu Rathe zog:„Sagen Sie mir doch, Herr Doktor, iſt es nicht eben ſo grauſam als gefährlich, zu dem Tode eines armen Kindes dadurch Veranlaſſung zu geben, daß man es in eiskaltem Waſſer abſpült?“—„Offenbarer Todtſchlag iſt's,“ verſetzte der Arzt.—„Sie ſind, wie ich ſehe, ein Mann von großen Kennt⸗ niſſen und Einſichten,“ fuhr jene fort.„Ich bitte Sie daher, haben Sie doch die Gewogenheit, Ihre Meinung ſchriftlich, mit Ihrer eigenen Hand, von ſich zu geben.„Der Arzt erfüllte ohne Weiteres ihr Verlangen, und drückte ſich auf einem Blatt Papier folgender⸗ maßen aus: „Mit dieſen Zeilen atteſtire ich Jedem, dem daran gelegen, daß „ich feſt glaube und es meine unveränderliche Meinung iſt, daß der⸗ „jenige, der ein Kind durch Eintauchen in kaltes Waſſer, wenn auch „das Waſſer eben nicht eiskalt ſeyn ſollte, umkommen läßt, ſich „ohne allen Zweifel des Mordes dieſes Kindes ſchuldig macht. „Dieß bezeuge ich mit meiner Namensunterſchrift Comſit Coloquinth.“ Dieſes Certificat in Händen, für welches der Arzt handgreifliche Erkenntlichkeit empfing, kehrte ſie triumphirend und in der Hoff⸗ nung nach Hauſe zurück, mit dieſer Autorität jeder Art von Oppoſitivn Trotz bieten zu können. Demnach brachte ſie den folgenden Morgen, gerade als ihr Reffe ſeine tägliche Taufe wieder erleiden ſollte, ihre Vollmacht zum Vorſchein, vermittelſt welcher ſie ſich ermächtigt glaubte, dieſe inhumane Procedur zu verhindern. Doch wurde ſie in ihrer Erwartung, ſo zuverſichtlich ſie auch war, ſehr betrogen. Kein Gedanke davon, daß Miſtriß Pickle es gewagt hätte, anderer Meinung zu ſeyn als Doktor Coloquinth.„Ich hege,“ ſagte ſie, „gegen den Charakter und die Kenntniſſe dieſes Mannes ſo viel Ehrfurcht, daß ich die Warnung, die in dieſem Certificate enthalten iſt, ſorgfältig beachten werde. Weit entfernt, meine praktiſchen Ge⸗ danken zu verbannen ſagt er darin bloß, daß Tödten eine Mordthat 47 ſey; eine Behauptung, deren Wahrheit ich hoffentlich nie in Abrede ſtellen werde. Miſtriß Grizzle, welche, die Wahrheit zu ſagen, die Clauſel, durch die ſie ſich zu einer gewiſſen Vollmacht berechtigt glaubte, nur flüchtig überblickt hatte, betrachtete das Certifirat jetzt genauer, und ärgerte ſich dabei über ihr ſchlechtes Auffaſſungsvermögen. Doch trotz ihrer Beſtürzung ward ſie keineswegs davon frei, daß ihre Ein⸗ wendungen gegen das kalte Bad nicht völlig rationell wären, ſie beehrte vielmehr im Gegentheil den Arzt mit verſchiedenen ſchimpf⸗ lichen Benennungen wegen ſeiner Unwiſſenheit und Unredlichkeit; und proteſtirte in dem ernſteſten und feierlichſten Tone gegen den ſchädlichen Gebrauch, ein Kind in kaltem Waſſer zu baden; eine Barbarei, die ſie, ſo Gott ihr helfe, nie an ihrer eigenen etwaigen Nachkommenſchaft dulden würde. Hierauf wuſch ſie ihre Hände in Unſchuld wegen der tragiſchen Folgen, die daraus gewiß entſtehen würden, und ſchloß ſich in ihr Bondoir ein, um ihren Grillen weiter nachzuhängen. Doch ſie hatte ſich in ihrem Prognoſtikon geirrt. Der Knabe, ſtatt an Geſundheit abzunehmen, ſchien nach jeder Un⸗ tertauchung an Kräften zu gewinnen, gleichſam als ob derſelbe es darauf angelegt hätte, die Weisheit und Vorſicht der Baſe zu Schanden zu machen. Dieſen Mangel an Chrerbietung und Achtung konnte ſie ihm höchſt wahrſcheinlich nie vergeben. Ich begründe dieſe Conjektur auf ihr Benehmen gegen Peregrine während ſeiner Kindheit, wo ſie ihn, wie man weiß, wenn es gerade Niemand ſah, mit Nadelſtichen peinigte. Kurz ihre Zuneigung war bald von dieſer Hoffnung ihrer Familie völlig abgewandt. Sie überließ den Kna⸗ ben ganz der Leitung der Mutter, welcher es unſtreitig oblag, für die Erziehung ihres Kindes Sorge zu tragen. Nebenbei nahm ſie ihre Operationen gegen den Commodore wieder auf, den ſie à tout prix in ihre Gefangenſchaft und Sklaverei bringen wollte; und man muß geſtehen, Miſtriß Grizzle zeigte ihre Kenntniß des menſchlichen Herzens nie in einem helleren Lichte, als in der Art, auf welche ſie nach Erreichung ihres wichtigen Zieles ſtrebte. 48 Durch die rauhe und unpolirte Schale, welche Trunnions Seele umgab, gewahrte ſie leichtlich eine reichliche Doſis von Selbſtgefällig⸗ keit und Eigendünkel, die gemeiniglich in der wildeſten Bruſt vor⸗ herrſchen, und an dieſe wandte ſie ſich unaufhörlich. Wenn der Commodore anweſend war, ſo deklamirte ſie allemal gegen die Arg⸗ liſt und unredliche Verſtellung der gottloſen Welt. Auch ließ ſie es nicht an Ausfällen gegen gewiſſe Künſte der Chikane fehlen, in denen die Juriſten zum Nachtheil und Ruin ihrer Mitmenſchen ſo ſehr bewandert ſind, wobei ſie die Bemerkung einfließen ließ, daß in dem Seeleben, ſo weit ſie Gelegenheit gehabt, es ſelbſt zu beurthei⸗ len, oder ſich über daſſelbe unterrichten zu laſſen, nichts als Freund⸗ ſchaft, Biederkeit und eine herzliche Verachtung alles deſſen vorherrſche, was nur im Geringſten nach Niederträchtigkeit oder Selbſtſucht rieche. Dieſe Aeußerungen machten im Bunde mit gewiſſen beſondern Höflichkeitsbezeugungen unvermerkt auf das Gemüth des Commo⸗ dore Eindruck, und zwar einen deſto tiefern, je ſchwächer der Grund war, auf welchen ſeine frühern Aprehenſionen gebaut waren. Seine Apathie gegen die alten Jungfern, die er nur vom Hörenſagen ſich angeeignet, verminderte ſich allmälig, da er fand, daß ſie doch nicht ganz die hölliſchen Thiere waren, als welche man ſie ihm ge⸗ ſchildert hatte. Und es dauerte nicht lange, ſo hörte man ihn in einer Abendgeſellſchaft ſagen: Pickle's Schweſter habe nicht ſo viel Herenhaftes an ſich, als er ſich anfänglich vorgeſtellt hätte. Als dieſes negative Compliment der Miſtriß Grizzle durch ihren Bruder wieder zu Ohren kam, gewann ſie dadurch Muth, und verdoppelte all' ihre Künſte und Aufmerkſamkeiten, ſo daß der Commodore drei Monate nachher in eben jenem Clubb ſie mit dem Namen einer verdammt ſentimentalen Schindmähre bezeichnete. Hatchway, den dieſe Erklärung allarmirte, weil ſie ihm etwas ſeinem perſonlichen Intereſſe Nachtheiliges zu prophezeihen ſchien, ſagte mit Hohnlächeln zu ſeinem Chef:„Dieſes abgeſchlagene Sub⸗ jekt wäre pfiffig genug, auch wohl ihn ſogar unter ihren Spiegel zu 49 bringen, und er zweifle nicht, daß ſo ein altes baufälliges Gefäß, wie er, beſſer fortkommen würde, wenn man es in's Schlepptau nähme. Doch wollt' ich Ihnen wohl rathen,“ ſetzte der ſchalkiſche Warner hinzu,„auf Ihre Takelung wohl zu achten; denn, ſind Sie einmal an ihrem Spiegel feſt gemacht, wutſch! ſegelt ſie vom Winde, und macht, daß jeder Balken in Ihrem Rumpfe von dieſer An⸗ ſtrengung kracht.“ Dieſer boshafte Wink hätte beinahe den ganzen Plan unſerer Projektmacherin bei Trunnion vereitelt; denn Trunnion gerieth über dieſelbe dermaßen in Wuth, daß ſich erſt das Braun ſeiner Geſichts⸗ farbe in Leichenbläſſe umwandelte, ſodann ihn ein tiefes Dunkelroth überfiel, dergleichen bisweilen bei donnerſchwangern Wolken zu be⸗ merken iſt. Nach dem gewöhnlichen Vortrag bedeutungsloſer Flüche gab der Commodore folgende Antwort:„Gott verdamme Dich! Du nothmaſtbeiniger Hund: Würdeſt Du doch gern all' Deine Stauung in Deinem Kielraum d'rum geben, wenn Du noch ſo dicht und feſt wäreſt wie ich. Und was das in's Schlepptau nehmen anlangt, ſieht er, ſo bin ich nicht ſo abgetakelt, daß ich nich' unter Segel bleiben un⸗ meine Fahrt ohne Beiſtand vollenden könnte. Straf mich Gott! keine Menſchenſeele ſoll je ſehen, wie ſich Hawſer Trunnion hinter irgend'ner Peze in der Chriſtenheit am Schlepptau nachtreibt.“ Miſtriß Grizzle, die an jedem Morgen ihren Bruder über den Inhalt der Abendunterhaltungen mit ſeinen Freunden befragte, er⸗ hielt ſogleich brühwarm die unwillkommene Nachricht von des Com⸗ modore's Abneigung gegen den ECheſtand. Sie ſchrieb dieſelbe mit vielem Rechte größtentheils den boshaften Anmerfungen des Lieutenants zu, und beſchloß daher, dieſes Hinderniß eines guten Erfolgs zu beſeitigen. Auch wußte ſie wirklich Mittel, dieſen Mann für ihren Plan zu intereſſiren. Sie hatte in der That bei manchen Gelegen⸗ heiten einen ganz eigenen Kniff, Proſelhten zu machen. Aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach war ſie mit dem großen Uebertedungsſyſtem nicht unbekannt, das einige hohe Perſonen unſers Zeitalters angenommen Smollet's Romane. VMI. 4 50 haben, weil es voller Marimen iſt, die viel wirkſamer ſind als die Beredſamkeit des Tullius und Demoſthenes, wenn ſie ſelbſt durch wahre Beweisgründe unterſtützt wird. Außerdem ward Maſter Hatchway's Treue gegen ſeine neue Bundesgenoſſin auch dadurch befeſtigt, daß er in ſeines Kapitäns Verheirathung unendlichen Stoff zur Befriedigung ſeiner menſchenfeindlichen Stimmung fand. So belehrt und unterrichtet unterdrückte er für die Zukunft ſeinen giftigen Spott gegen den Eheſtand; und da er nicht im Stande war, irgend Jemanden wirkliches Lob zu ertheilen, ſo ergriff er jede Gelegenheit, Miſtriß Grizzle namentlich von den Kritiken auszunehmen, die er über den übrigen Theil dieſes Geſchlechts in reichem Maße ergehen ließ.„Sie iſt keine Saufſchweſter,“ ſagte er, „wie Nan Caſtik von Deptford, keine alberne Gans wie Peg Simper von Wolwich, keine ſolche Vettel wie Cate Coddle von Chatam und kein Brummeiſen wie Nell Griffin auf der Spitze von Portsmouth (lauter Damen, denen ſie zu verſchiedenen Zeiten die Cvur gemacht hatten), ſondern ein nettes, aufgeräumtes Mädel, die ihren Compaß vortrefflich verſteht, oben gut getakelt und unten wohl beplankt iſt, auch eine ſtattliche Ladung im Kielraum hat. Anfänglich hielt der Commodore dieſe Lobeserhebungen für Ironie; da er jedoch dieſelben ſo oft wiederholen hörte, ſo erſtaunte er über die auffallende Ver⸗ änderung des Lieutenants. Nach langem Nachdenken ſchlöß er end⸗ lich, Hatchway hege ſelbſt Heirathsgedanken und eine Abſicht auf Miſtriß Grizzle. Dieſe Muthmaßung behagte ihm, und nun kam er an die Reihe, Jak aufzuziehen. Eines Abends trank er ihm Grizzle's Geſundheit zu. Dieſen Umſtand erfuhr Letztere den fol⸗ genden Tag durch den gewöhnlichen Kanal wieder, und da ſie das als eine Aeußerung ſeiner eigenen Zärtlichkeit für ſie auslegte, ſo wünſchte ſie ſich zu ihrem Siege Glück. Jetzt hielt ſie die bisher gefliſſentlich beobachtete Zurückhaltung für unnöthig, und ſie beſchloß von dem Tage an, ihrem Benehmen gegen ihn einen ſo liebevollen Anſtrich zu geben, daß er ſich unfehlbar überzeugen müßte: er 51 in ihr eine gegenſeitige Flamme erweckt. In Folge dieſes Ent⸗ ſchluſſes ward Trunnion zum Mittageſſen eingeladen, und bei dieſer Gelegenheit gab ſie ihm ſo überzählige Beweiſe ihrer Achtung und Zärtlichkeit, daß nicht bloß die übrige Geſellſchaft, ſondern ſelbſt Trunnion ihre Abſicht merkten, und Letzterer, den dieſe Erſcheinung natürlich beunruhigen mußte, konnte ſich des Ausrufs nicht ent⸗ halten:„Hoho! ich ſehe wohl, wie's Land liegt, aber ich will ver⸗ dammt ſin, wenn ich nicht um's Cap herum ſegle.“ Nach dieſer Aeußerung gegen ſeine dadurch äußerſt gekränkte Inamorata begab er ſich, ſobald er irgend konnte, nach ſeinem Kaſtell zurück. Dort hielt er ſich zehn Tage lang eingeſchloſſen, und pflog mit ſeinen Freunden und Hausgenoſſen keinen andern Verkehr als durch Blicke und Gebärden, die ein Maler ſogleich aufgezeichnet haben würde. Siebentes Kapitel. Es werden diverſe Strategien ausgeſonnen und in's Werk geſetzt, um Trunnions Hartnäckigkeit zu beſiegen, der dadurch doch am Ende in das Ehejoch hineingeängſtigt wird. Der haſtige Aufbruch des Commodore und dieſe unfreundliche Erklärung afficirten Miſtriß Grizzle dermaßen, daß ſie vor Kummer und Aerger erkrankte. Nachdem ſie bereits drei Tage im Bett gele⸗ gen hatte, ließ ſie ihren Bruder rufen und ſagte ihm, daß ſie ihr Ende herannahen ſehe, weßhalb ſie ihn bitte einen Rechtsconſulenten kommen zu laſſen, um ihr Teſtament zu machen. Herr Pickle, den dieſes Benehmen überraſchte, fing an, den Tröſter zu ſpielen und ſie zu verſichern, daß ihre Unpäßlichkeit nichts zu bedeuten habe. Er wolle jedoch ſogleich nach einem Arzte ſchicken, der ſie überzeugen — 52 würde, daß ſie in gar keiner Gefahr ſchwebe, und es folglich ganz unnöthig ſey, einen dienſtfertigen Anwalt zu einer ſo melancholiſchen Procedur zu gebrauchen.. In der That war ihr wohlaffectionirter Bruder durchaus der Meinung, daß es der Aufſetzung eines Teſtaments keineswegs be⸗ dürfe, da er von Gott und Rechts wegen alleiniger Erbe aller lie⸗ genden und fahrenden Habe ſeiner Schweſter ſey. Doch beharrte ſie ſo feſt auf ihrem Verlangen, daß er ihr endlich nachgeben mußte. Der Notar erſchien alſo, und ſie vermachte in ihrem Teſtamente dem Commodore Trunnion tauſend Pfund, um ſich einen Trauer⸗ ring anzuſchaffen, welchen er, wie ſie zu Gott hoffe, als ein Unter⸗ pfand ihrer Freundſchaft und Liebe tragen würde. Wiewohl nun dieſe Verfügung ihrem Bruder keineswegs be⸗ hagte, ſo theilte ſie dieſer doch noch an demſelben Abend dem Lieutenant mit, der, wie Herr Pickle beiher verſicherte, ebenfalls großmüthig in dem Teſtamente bedacht worden ſey. Mit dieſen Nachrichten befrachtet, lauerte der Lieutenant einer bequemen Gelegenheit, um ſie abzuſetzen; und kaum gewahrte er, daß die Minen des Commodore in ihrer ſo lange gezeigten grim⸗ migen Verzerrung ein wenig nachließen, ſo wagte er, ihm zu hinter⸗ bringen, daß Pickle's Schweſter auf den Tod darnieder liege und ihm tauſend Pfund vermacht habe. Dieſe Nachricht verſetzte Trun⸗ nion in Beſtürzung, und Hatchway, der ſein Stillſchweigen für Reuegefühl hielt, beſchloß, den günſtigen Moment zu benützen, und rieth ihm, dem armen jungen Frauenzimmer, das aus Liebe für ihn ſtürbe, einen Beſuch abzuſtatten. Allein dieſe Erinneruug kam, wie ſich's auswies, zur Unzeit; denn kaum hörte Trunnion die Urſache ihrer Krankheit nennen, ſo brach er in einen Strom von Flüchen aus, und begab ſich ſogleich wieder in ſeine Hängematte, wo faſt ohne Aufhören ſeine Verwün⸗ ſchungen mit dumpfem Brummen wiederhallten. Dieß war dem Lientenant ein wahres Feſt, der, um ſich den Genuß zu erhöhen und 53 zugleich die Angelegenheit, welcher er ſich mit unterzogen hatte, zu fördern, eine Liſt erſann, die ſo gut gelang, als er nur wünſchen konnte. Er wußte den ihm ganz ergebenen Pips dahin zu bringen, um Mitternacht auf die Feuereße zu ſteigen, die in des Commodore's Kamin hinunter führte, der in ſeinem Schlafzimmer war, und ein Bündel angezündeten Stinkholzes hinabzulaſſen. Sodann nahm Pips ein Sprachrohr und brüllte mit einer Donnerſtimme den Kamin hinunter:„Trunnion, Trunnion, ſteh' uf un' laß' Dich ſpleiſen, oder bleib' liegen un' ſey verdammt!“— Dieſer fürchterliche Zuruf, deſſen ſchauervoller Eindruck durch die Dunkelheit und Stille der Nacht ſowohl, als durch das Echo der Paſſage, aus welcher er her⸗ nieder kam, erhöht wurde, gelangte dem erſchrockenen Commodore nicht ſo bald zu Ohren, als er nach dem Orte hinſtierte, von woher dieſe feierliche Anrede zu kommen ſchien. Er gewahrte ein glän⸗ zendes Object, das aber augenblicklich verſchwand. Trunnions aber⸗ glaubiſche Furcht hatte dieſe Erſcheinung kaum als einen übernatür⸗ lichen Boten in glänzendem Gewande umgeſtaltet, als ihm dieſe Meinung durch einen plötzlichen Knall beſtärkt wurde, den er für einen Donnerſchlag hielt, obwohl derſelbe nichts anders als ein Piſtolenſchuß war, den Pips zufolge der ihm gewordenen Weiſung den Kamin hinabfeuerte. Tom hatte Muße genug, ſich wieder davon zu machen, ohne von ſeinem Herrn entdeckt zu werden; denn dieſer konnte ſich eine ganze Stunde lang von dem Entſetzen und der Beſtürzung nicht erholen, die ſeiner Lebensgeiſter ſich bemächtigt hatten. Endlich raffte er ſich auf und ſchellte gar mächtig zu mehreren Malen, und da ſeine lärmende Aufforderung nicht beachtet zu wer⸗ den ſchien, kehrte ſeine Furcht mit doppeltem Grauſen zurück. Ein kalter Schweiß trof von ſeinen Gliedern, ſeine Knie ſchlotterten, ſein Haar ſträubte ſich und die Rudera ſeiner Zähne klapperten kläglich bei dem Wackeln ſeiner Kinnbacken. Inmitten dieſer Agonie machte er einen deſperaten Verſuch, ſprengte die Thüre ſeiner Kammer 54 auf und rannte in Hatchway's Zimmer, das glücklicherweiſe in der⸗ ſelben Etage befindlich war. Er fand den Lieutenant in einer ver⸗ ſtellten Ohnmacht, aus welcher zu erwachen er ſich den Anſchein gab und kläglich ſtöhnte:„Gott erbarme ſich unſer!“ Der entſetzte Commodore fragte ihn, was ihm begegnet ſey, und Hatchway ver⸗ ſicherte ihn, er habe eben die Stimme und eben den Donnerſchlag gehört, die Trunnion ſo in Schrecken geſetzt hätten. Pips, der eben die Wache hatte, beſtätigte gleichermaßen das Vorgefallene, ſo daß der Commodore nicht nur eingeſtand, daß auch er jene Stimme gehört habe, ſondern die gehabte Erſcheinung mit all' den Vergrößerungen, die ihm ſeine aufgeregte Phantaſie vor⸗ malte, erzählte. Es folgte jetzt ſogleich eine Unterſuchung, bei welcher Hatchway gravitätiſch bemerkte, daß ſich Gottes Finger ſehr handgreiflich durch dieſe Signale offenbart habe, und daß es ſo ſündlich als thöricht ſeyn würde, ſein Commando nicht zu regardiren, zumal da die vorgeſchlagene Partie jedenfalls weit vortheilhafter ſey, als ſie ein Mann von ſeinen Jahren und Gebrechen vernünf⸗ tigerweiſe erwarten könne. Dabei erklärte er:„Er ſeiner Seits wolle ſeinen Leib und Seele nicht auf's Spiel ſetzen, und nur einen Tag länger mit einem Menſchen unter einem Dache leben, der Gottes heiligen Willen verachte.“— Tom Pips ſtimmte in dieſe fromme Entſchluſſesäußerung völlig ein. So vielen und verſchiedenen Angriffen konnte Trunnions Be⸗ harrlichkeit endlich nicht länger widerſtehen. Schweigend erwog er alle Gründe für und wider, und nachdem er ſich nun allem Anſchein nach ganz und gar in dem Labyrinthe ſeiner Gedanken verirrt hatte, wiſchte er ſich den Schweiß von der Stirne und gab, ſchwer auf⸗ ſeufzend, ihren Vorſtellungen folgendermaßen nach:„Nun, wenn's denn partvut ſo ſeyn ſoll, denk' ich, müſſen wir entern. Aber's Himmelſakerment,'s iſt ein verdammt herber Caſus, wenn ein Kerl von meinen Jahren, ſeht'r, gezwungen wird, den Reſt ſeines Lebens durch windwärts gegen den Strom ſeiner Neigungen zu ſchiffen.“ 55 Nach der Disenſſion dieſes wichtigen Artikels ſtattete Hatchway am nächſten Morgen einen Beſuch bei der verzweifelnden Schäferin ab, und wurde von ihr für die angenehme Zeitung, mit welcher er ihr Ohr erquickte, höchſt artig aufgenommen. So krank ſie auch war, konnte ſie doch nicht umhin, über den luſtigen Anſchlag herzlich zu lachen, durch welchen ihr Dämon war zur Einwilligung gebracht worden. Für den Tom Pips, weil er in dieſer Comödie eine wichtige Rolle geſpielt hatte, händigte ſie dem Lieutenant zehn Guineen ein. Nach dem Mittageſſen ließ es ſich der Commodore gefallen, daß man ihn, wie einen Delinquenten zum Schaffott, nach ihrem Zimmer führte. Sie empfing ihm mit einem ſchmachtenden Weſen und in einem reizenden Neglige in Beiſeyn ihrer Schwägerin, die aus ſehr begreiflichen Gründen um einen glücklichen Erfolg ſehr beſorgt war. Ob ihm gleich der Lieutenant ſattſam eingeſchärft hatte, wie er ſich bei dieſer Zuſammenkunft zu benehmen habe, ſo ſchnitt er doch tauſenderlei ſaure Geſichter, ehe er die einfache Gruß⸗ frage:„Wie befinden Sie ſich?“ herausbringen konnte. Sein Geheimerrath ſpornte ihn zum Reden an, wiſperte ihm wohl zwanzig bis dreißig Mal etwas zu, er aber antwortete immer überlaut: „Straf' mich Gott, ich thu's nicht.“ Endlich ſtand er auf, hinkte nach dem Sopha, in deſſen Kiſſen die Dame voll ſeltſamer Erwar⸗ tung ſich hingeſenkt hatte, ergriff deren Hand und drückte ſie an ſeine Lippen. Dieſes Galanterieſtückchen führte er aber mit einem ſo ſträubenden, plumpen und unwilligen Weſen aus, daß die Donna all' ihrer Entſchloſſenheit bedurfte, um nicht davor zurückzuſchaudern. Er ſelbſt ward über ſein eigenes Thun ſo betreten, daß er ſich ſo⸗ gleich an das andere Ende des Zimmers zurückzog. Hier ſaß er ganz ſtill und ſprachlos, und glühte vor Scham und Unmuth. Miſtriß Pickle, als eine verſtändige Frau, verließ unter dem Vorwande, in die Kinderſtube zu gehen, das Zimmer, und Hatchway, der dieſen Wink verſtand, erinnerte ſich, ſeine Tabaksdoſe im Vor⸗ 56 zimmer gelaſſen zu haben, in welches er ſich begab, um ſie zu holen, im Grunde aber, um die beiden Liebenden ſich ihren gegenſeitigen Zärtlichkeiten zu überlaſſen. In einer kritiſcheren Lage hatte der Commodore ſich noch nie befunden. Vor Unſchlüſſigkeit war er in Todesängſten, ſaß da, als ob er jeden Angenblick die Auflöſung der Natur erwartete, und wo möglich wurde ſeine Angſt und Pein durch die um Hülfe flehenden Seußzer ſeiner Duleinea noch vermehrt. Ungeduldig über ſeinen eigenen Zuſtand rollte er ſein Auge, als ſuche er nach Erleichterung ſpähend umher. Endlich konnte er es nicht länger aushalten, und rief:„Hol' der Teufel den Kerl mit ſammt ſeiner Doſe! Ich glaube, er is abgeſegelt un' hat mich uf der Sandbank ſitzen laſſen.“ Miſtriß Grizzle, die Trunnions Aeußerungen ſeines Verdruſſes nicht länger unbemerkt laſſen konnte, klagte über ihr trauriges Schickſal, bedauerte, daß ſie ihm ſo zuwider wäre, daß er nicht ein⸗ mal wenige Minuten in ihrer Geſellſchaft ohne Mißvergnügen zu⸗ bringen könnte, und fing an, in höchſtzärtlichen Ausdrücken ihm ſeine Grauſamkeit und Gleichgültigkeit vorzuwerfen. Auf dieſe Vorwürfe antwortete er:„Alle Wetter! was will denn das Weibsbild haben? Mag der Pfaff ſein Amt thun, ſo bald er will! Ich bin ja völlig bereit, mich an den Eheſtandsblock anſchmieden zu laſſen. Das ſeht Ihr ja! Verflucht über all' das dumme Geſchwätz!“ Mit dieſen Worten machte er ſich von dannen, und ließ ſeine Charmante mit ſeiner Treuherzigkeit nicht ganz unzufrieden zurück. Denſelben Abend ward der Heirathskontrakt noch einmal auf's Tapet gebracht und durch Vermittlung des Lieutenants und Sir Pickle's zur Zufriedenheit der Theilnehmenden völlig abgeſchloſſen, jedoch ohne Einmiſchung von Rechtsgelehrten, von denen Trunnion ein für allemal nichts wiſſen wollte, wenn überhaupt aus der ganzen Sache etwas werden ſollte. Als es ſo weit gediehen war, ſchwellte Freude das Herz der Miſtriß Grizzle. Ihre Geſundheit, die, beiläufig geſagt, eben nicht 57 ſo gefaͤhrlich angegriffen geweſen war, erlangte ſie, wie durch einen Zauber, plötzlich wieder, und, nachdem der Tag zur Hochzeit feſtge⸗ ſetzt war, ſo wandte ſie die noch kurze Zeit ihrer Eheloſigkeit dazu an, Schmuck und Kleidungsſtücke auszuwählen, um den Eintritt in den Stand der heiligen Ehe auf's Feſtlichſte zu begehen. Achtes Kapitel. Die Hochzeit wird aufgeſchoben, weil der Commodore durch einen Zufall, der Himmel weiß wohin? verſchlagen wird. Das Gerücht dieſer außerordentlichen Heirath verbreitete ſich. durch die ganze Grafſchaft, und an dem zur Hochzeit anberaumten Tage war die Kirche von einer unüberſehbaren Menſchenmaſſe um⸗ ringt. Um eine Probe von ſeiner Galanterie zu geben, hatte der Commodore auf Anrathen ſeines Freundes Hatchway beſchloſſen, ſich an dieſem feſtlichen Tage an der Spitze ſeiner geſammten männ⸗ lichen Dienerſchaft zu Pferde zu zeigen, wozu er jene mit weißen Kütteln und den ſchwarzen Kappen ſeiner ehemaligen Bvotsmann⸗ ſchaft herausgeputzt, auch für ſich und ſeinen Lieutenant zwei Jagd⸗ klepper gekauft hatte. In dieſem Aufzuge rückte er von dem Caſtell nach der Kirche aus, nachdem er zuvor durch einen Boten ſeiner Braut hatte melden laſſen: er und ſeine Geſellſchaft habe ſich nun zu Pferde geſetzt. Sogleich ſtieg Miſtriß Grizzle mit ihrer Schwägerin und ihrem Bruder in die Kutſche und fuhr geraden Wegs nach dem beſtimmten Verſammlungsorte. Durch die andringende Volksmenge, welche dar⸗ nach brannte, das Schauſpiel mit anzuſehen, waren verſchiedene Stühle zu Grunde gerichtet und etliche Perſonen beinahe zu Tode 58 gequetſcht worden. Kaum konnten ſie bis zu dem Altar gelangen. Dort mußte der Prieſter eine lange halbe Stunde auf den Com⸗ modore warten, deſſen Ausbleiben am Ende allerlei Beſorgniſſe erregte, ſo daß man ihm zur Beſchleunigung ſeines Kommens einen Bedienten entgegenſchickte, um ihm zu ſagen, er möchte ſeinen Ritt beſchleunigen. Als dieſer etwa eine halbe Meile weit geritten ſeyn mochte, gewahrte er den ganzen Haufen, der in ſchräger Richtung über das Brachfeld zog. Voran ritten der Bräutigam und deſſen Freund Hatchway. Erſterer fand ſich durch einen Zaun verhindert, ſeine Richtung zu verfolgen, daher er mit ſeiner Piſtole einen Signalſchuß gab und dann abſchwenkte. Nunmehr bildete er mit der Linie ſeines erſten Rittes einen ſtumpfen Winkel, wobei ihm ſein Geſchwader wie ein Flug wilder Gänſe folgte. Der Bote, der ſich über dieſe ſonderbare Art zu reiſen nicht wenig verwunderte, näherte ſich und berichtete dem Commodore, daß die Braut und deren Begleiter ſchon gegen eine Stunde in der Kirche auf ihn gewartet hätten und über ſein langes Ausbleiben ganz außer ſich wären, daher ſie ihn bitten ließen, ſeine Proeeſſion zu beſchleunigen. Trunnion antwortete auf dieſe Botſchaft:„Hört, Bruder, ſeht Ihr denn nicht, daß wir uns ſputen, als ob der Teufel hinter uns wäre? So kehrt denn zurück und ſagt denen, die Euch geſchickt haben: der Wind hätte ſich gedreht, ſeit wir die Anker gelichtet. Wir könnten nur'nen ſehr kurzen Strich fort⸗ laviren, weil der Kanal eng is. Sie müſſen uns Zeit laſſen, da w'r nur ſechs Punkte vom Winde haben.“ „Herr des Lebens,“ verſetzte der Bediente,„welchen Grund haben denn Ihr' Gnaden, ſo im Zikzak zu reiten? Setzen doch Ihr' Gna⸗ den den Pferden die Sporen ein un reiten Sie gerad aus, ſo will ich wetten, daß Sie in einer halben Stunde die Kirchthür erreichen.“ „Was? Gerade gegen den Wind?“ ſchrie der Commodore.„Zum Teufel, Bruder, wo habt Ihr Eure Steuermannskunſt gelernt? Hawſer Trunnion braucht nicht erſt heute zu lernen, wie er ſeinen 59 Cours anzulegen, oder ſein Schiffsregiſter zu führen hat. Wie tief aber Eure eigene Fregatte im Waſſer geht, Bruder, das müßt Ihr am Beſten wiſſen.“ Da der Courier merkte, daß er es mit Leuten zu thun habe, die ſich in ihrer Meinung ſo leicht nicht irre machen ließen, ſo kehrte er nach der Kirche zurück und berichtete treulich, was er geſehen und gehört hatte, zu nicht geringem Troſte der Braut, die bereits einige Zeichen von Beſorgniß hatte blicken laſſen. Durch die erhaltene Nachricht wieder einigermaßen beruhigt, übte ſie ihre Geduld noch eine halbe Stunde. Als aber nach Verlauf der⸗ ſelben noch kein Bräutigam erſchien, gerieth ſie aus aller Faſſung, ſo daß die Zuſchauer ihre Unruhe bemerkten, die ſich durch Zittern, Seufzer, Wechſel der Geſichtsfarbe, trotz des Riechfläſchchens, zu dem ſie alle Augenblicke ihre Zuflucht nahm, offenbarte. Die Begleitung der Braut ſtellte über dieſen Vorfall allerlei Muthmaßungen an. Einige glaubten, der Bräutigam müſſe ſich in dem Orte des Zuſammentreffens geirrt haben, weil er ſeit ſeiner Niederlaſſung in dem Kirchſpiele noch nicht in die Kirche gekommen wäre. Andere meinten, es müſſe ihm irgend etwas zugeſtoßen ſeyn, weßhalb ihn ſeine Leute nach Hauſe gebracht hätten. Ein dritter Theil, zu welchem auch die Braut gehörte, konnte ſich nicht des Argwohns erwehren, daß der Commodore ſich eines Andern beſonnen habe. So ſinnreich aber auch alle dieſe Conjekturen waren, ſo traf dennoch keine den wahren Grund ſeines Ausbleibens. Der Commodore und ſein Geſchwader waren nämlich durch viele Wendungen des Pfarrers Haus beinahe vorbeilavirt, das wind⸗ wärts von der Kirche ſtand, als unglücklicherweiſe das Gebell eines Rudels Jagdhunde die Ohren der beiden Pferde erreichte, die von Trunnion und dem Lieutenant geritten wurden. Kaum hörten dieſe raſchen Thiere den beſeelenden Schall, ſo griffen ſie, von brennender Jagdbegierde befallen, plötzlich aus und ſtrengten jeden Nerv an, um an der Hetze Theil zu nehmen. Mit unglaublicher Schnelligkeit ſetzten ſie querfeldein über Zäune, Gräben und Alles, was ihnen 60 vorlag, ohne die geringſte Rückſicht auf ihre unglücklichen Reiter zu nehmen. Der Lieutenant, deſſen Gaul dem des Commodore zuvorgekom⸗ men war, hielt es für ſehr thöricht und vermeſſen, mit ſeinem hölzernen Beine länger ſattelfeſt bleiben zu wollen, ergriff daher weislich die Gelegenheit, ſich in ein dichtes Kleefeld hinabzuwerfen, durch welches der Weg ſeines Thiers ging. Behaglich blieb er hier im Grünen liegen, und als er ſeinen Kapitän in vollem Galopp anſprengen ſah, ſo rief er ihm zu:„Wie ſteht's? He?“ Der Commodore, der in unbeſchreiblichen Aengſten war, ſchielte ihn im Vorbeiſauſen von der Seite an, und verſetzte ſtotternd:„Hol Euch der Teufel! Ihr liegt ja da ganz wohlbehalten vor Anker. Wollte Gott, ich hätte eben ſo feſten Grund.“ Doch, eingedenk ſeiner untauglichen Ferſe, wollte er das Erperiment nicht wagen, das ſeinem Lieutenant ſo wohl geglückt war. Dennoch hielt er ſich nach Möglichkeit ſo lange im Sattel feſt, bis ſich die Vorſehung in's Mittel ſchlagen würde. Demzufolge ließ er die Peitſche fallen und klammerte ſich mit der rechten Hand feſt an den Sattelknopf. Um ſich im Sattel zu er⸗ halten, ſpannte er alle ſeine Muskeln an, wozu er fürchterliche Ge⸗ ſichter ſchnitt. In dieſer Stellung ward er noch ein weites Stück Weges fort⸗ geſprengt, als plötzlich ein Gartenthor, das er vor ſich erblickte, ſeinen Muth erneuerte. Hier zweifelte er nicht, würde der Lauf ſeines Pferdes ſich nothwendigerweiſe enden müſſen. Aber, leider hatte er die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Weit entfernt, ſich durch das Hinderniß aufhalten zu laſſen, ſetzte der Gaul mit bewunderungswürdiger Behendigkeit darüber weg. Das Erſtaunen und die Verwirrung ſeines Beſitzers war gränzenlos. Bei dieſem Sprunge verlor er Hut und Perücke, und fing nun an, im Ernſte zu glauben, daß er dem Teufel auf dem Rücken ſäße. Er empfahl Gott ſeine Seele; Ueberlegung, Geſicht und alle ſeine Sinne ſchwanden ihm. Darauf ließ er den Zügel fallen und hielt ſich aus Inſtinkt an den „ 61 Mähnen feſt. In dieſem Zuſtande langte er mitten unter der Jagd⸗ geſellſchaft an. Sie war über eine ſolche Erſcheinung außer ſich vor Erſtaunen. Kein Wunder, ſobald wir uns die Figur vorſtellen, die Trunnion machte. Seine Perſon war ſtets ſo beſchaffen, daß ſie Bewunderung erregte; wie viel höher mußte dieſe jetzt nicht ſteigen, da ſein diesmaliger Anzug und ſein Unglück jede Sonderbarkeit an ihm erhöhte. Zu Ehren ſeiner Hochzeit hatte er ſeinen heſten blauen Tuchrock angelegt, von einem Schneider aus Ramsgate verfertigt und mit fünf Duzend feinen, langen und ſchmalen, meſfingenen Knöpfen be⸗ ſetzt. Seine Beinkleider waren von eben dem Stoff und an den Knieen mit breiten Büſcheln Zwirnband befeſtigt. Seine Weſte beſtand aus rothem Plüſch mit grünem Sammt eingefaßt, und hatte goldbordirte Knopflöcher. Seine Stiefeln glichen an Farbe und Geſtalt ganz genau einem Paar ledernen Waſſereimern. Seine Schultern ſchmückte ein büffelledernes Gehänge, an welchem ein großer Hirſchfänger hing, mit einem Gefäß wie an einem Schlacht⸗ ſchwerte. Zu beiden Seiten des Sattelknopfes ſah ein verroſtetes Piſtol aus einem Holfter von Bärenfell hervor. Der Verluſt ſeiner Zipfelperücke und ſeines Treſſenhuts, die an und für ſich wirkliche Cabinetsſtücke waren, trugen zur Verſchönerung des Gemäldes keines⸗ wegs bei, ſondern bewirkten das Gegentheil; denn ſeine kahle Glatze und die natürliche Länge ſeiner laternenartigen Backen vermehrten noch das Beſondere und Phantaſtiſche der ganzen Figur. Ein ſolches Schauſpiel hätte die ganze Jagdgeſellſchaft noth⸗ wendig von ihrer Luſtbarkeit abziehen müſſen, wenn es nur Trun⸗ nions Gaul beliebt hätte, einen andern Weg einzuſchlagen. Allein das Thier war ein zu feuriger Jäger, um einen andern Weg als den des verfolgten Hirſches zu wählen. Daher lief es, ohne anzu⸗ halten und die Neugierde der Zuſchauer zu befriedigen, in wenigen Minuten jedem andern Jagdpferde voraus. Zwiſchen dem Gaule und den Rüden lag ein tiefer Hohlweg. Statt eines Feldweges 62 weiter den Fußſteig zu nehmen, der quer über die Heerſtraße ging ſetzte es mit einem Sprunge über den Hohlweg. Ein Kärner, der gerade dieſen Weg fuhr und dies Phänomen über ſeinen Wagen wegfliegen ſah, verwunderte und entſetzte ſich darüber über die Maßen. Dies war jedoch nicht das einzige Abenteuer, welches dem Commo⸗ dore begegnete; denn als der verfolgte Hirſch ſich in ein quer über ſeine Fluchtlinie laufendes Gewäſſer geſtürzt hatte, plumpte Trun⸗ nions Pferd ihm nach, während alle übrigen Jäger den Weg über ine nahe befindliche Brücke nahmen, indeß unſers Bräutigams Renner, ſolche Nothbehelfe verachtend, dem Hirſche an das jenſeitige ufer nachſchwamm. Das plötzliche Eintauchen in ein Element, worin Trunnion eigentlich zu Hauſe war, gab demſelben einen Theil ſeines Bewußt⸗ ſeyns zurück; denn bei ſeiner Landung an der Gegenſeite gab er Zeichen der Empfindung von ſich. Er ſchrie laut um Hülfe, die ihm doch nicht wohl werden konnte, weil ſein Gaul noch immer die bereits erhaltenen Vortheile behauptete und ſich von keinem ſeiner Mitrenner einholen laſſen wollte. Kurz und gut: nach einer langen Hatze, die mehrere Stunden gedauert hatte, und auf welcher wenig⸗ ſtens ein Duzend engliſcher Meilen war zurückgelegt worden, ſah er ſich zuerſt auf dem Flatze. Des Lieutenants Wallach, von gleichem Jagdeifer beſeelt, war ohne Reiter dem Beiſpiel Gefährten gefolgt und mit ihm zugleich eingetroffen. Als unſer Bräutigam ſich auf dieſe Art nun endlich im Geſicht des Hafens, oder mit andern Worten, am Ende ſeiner Laufbahn befand, ſo nützte er dieſe erſte Pauſe, die Jäger zu bitten, daß ſie ihm doch vom Pferde herunter helfen möchten. Dieſe gefälligen Leute ſetzten ihn friſch und wohlbehalten in's Gras nieder. Hier ſaß er und ſtarrte die hinzukommende Jagdgeſellſchaft mit ſo wilden verwunderungsvollen Blicken an; als wenn er ein aus den Wolken herabgefallenes Geſchöpf anderer Weltregionen geweſen wäre. Er kam jedoch wieder zur Beſinnung, bevor die Hunde mit den 63 erſten Stücken ihres Fanges fertig waren. Als einer von der Jagd⸗ geſellſchaft ein ſchmales Fläſchchen aus der Taſche zog und an den Mund ſetzte, ſo folgerte Trunnion ganz richtig, dieſe Herzſtärkung könne nichts anders ſeyn als ächter Cognac, was es denn auch wirklich war; deßhalb äußerte er ſein Verlangen, etwas davon ab⸗ zubekommen. Man gab ihm ſogleich eine mäßige Doſis des Heil⸗ trankes, wodurch ſein völliges Wohlſeyn wieder hergeſtellt wurde. Mittlerweile hatten er und ſeine beiden Gäule die Aufmerk⸗ ſamkeit der ganzen Geſellſchaft in Anſpruch genommen. Einige be⸗ wunderten das ſchöne Ebenmaß des Baues und den ungewöhnlichen Jagdmuth der beiden Thiere; Andere betrachteten den wunderba⸗ ren Aufzug ihres Herrn, den ſie vorher nur im Vorüberfluge ge⸗ ſehen hatten. Endlich trat einer von den Cavalieren zu Trunnion und redete ihn höflich an, indem er ſeine Verwunderung über deſſen Aufzug äußerte, und ihn fragte, ob er vielleicht unterwegs ſeinen Gefährten verloren habe. „Seh't Ihr, Bruder,“ verſetzte der Commodore,„Ihr müßt mich für'ne ganz kurioſe Priſe halten, da Ihr mich ſo närriſch ausſtaffirt ſeht, zumal, da ich'nen Theil von meiner Takelage ein⸗ gebüßt habe. Aber's ſeht nur, das Dings geht eigentlich ſo zu. Heut' früh um zehn Uhr licht' ich von Hauſe Anker bei ſchönem Wetter und günſtigem Südoſt, um zur nächſten Kirche auf die Ehe⸗ ſtandsfahrt zu ſteuern. Kaum hatten wir'ne Viertelmeile zurückge⸗ legt, wutſch ſprang der Wind um und blies uns grad in die Zähne; un' ſo mußten wir den ganzen Weg durch laviren. Wir waren demungeacht' ſchon ſo weit, daß wir den Hafen im Geſichte hatten, als dieſe Höllenbrut von Pferden, die ich erſt vor zwei Tagen ge⸗ kauft habe(ich für meinen Part halte ſie für eingefleiſchte Teufel), in'nem Moment h'rum fuhren, ſich an den Wind hielten, das Steuer nicht mehr achteten, un' wie'n Blitz mit mir und dem Lieutenant forttrieben. Er kam bald auf'nem ausnehmend guten Grund vor Anler. Ich meines Theils bin über Klippen und Sand⸗ 64 bänke hingeſegelt. Durch die gewaltigen Stöße hab' ich nun'ne gar ſtattliche Zipfel⸗Perücke, un'nen goldenen Treſſenhut eingebüßt. Endlich bin ich, Gott ſey Dank! in ein ſtilles Fahrwaſſer gekommen. Aber ich will nicht Hawſer Trunnion heißen, wenn ich jemals wie⸗ der meinen Leichnam auf ſolch' verwetterte Höllenbrut wage.“ Einer der Jäger, dem dieſer oft von ihm gehörte Ausdruck auf⸗ fiel, ergriff ſogleich die letzte Mittheilung in der ſonderbaren Erzäh⸗ lung, und bemerkte, daß ſeine Pferde große Fehler hatten. Dann fragte er ihn, auf welche Art er wieder nach Hauſe zu kommen ge⸗ dächte.„Je nun, ich miethe mir'nen Schlitten, oder'nen Wagen, oder ſo'n Ding wie'n Eſel. Denn ich will verdammt ſin, wenn ich mein Lebtage wieder einen Gaul beſteige.“—„Und was denken Sie denn mit dieſen Thieren da anzufangen?“ fragte der Andere. Sie ſcheinen zwar Feuer zu haben, ſind aber noch bloße rohe Füllen, und können noch all' den Teufel ſeine Krankheiten an den Hals kriegen. Das eine Thier iſt ſogar, wie mir däucht, buglahm.“—„Hol' der Satan die Beſtien,“ ſchrie der Commodore.„Ich wollte nur, ſie hätten Beide den Hals gebrochen, ob mich gleich die Schwernoths⸗ gäule beide zuſammen vierzig blanke Goldſiſche gekoſtet haben.“— „Vierzig Guineen!“ rief der Fremde aus(der ein Squire, ein Jokey und zugleich der Eigner der Jagdkuppel war):„O Herr des Him⸗ mels und der Erde! wie man doch in der Welt betrogen werden kann. Die beiden Beſtien ſind ſo, daß man ſie kaum vor den Pflug ſpannen kann. Bemerken Sie nur'nmal, wie eingefallen die Flan⸗ ken bei beiden ſind; und wie wenig ſcharf der Widderriſt bei ihnen iſt; über dieſes hat das eine den Grind ſchon gehabt. Sehen Sie nur, der Büſchel an der Ferſe dort iſt weggeſengt.“ Kurz dieſer Pferdekenner nahm an den beiden Gäulen alle die Fehler wahr, die möglicher Weiſe an einem ſolchen Thiere nur eriſtiren können. Er bot ihm für beide zehn Guineen, indem er ſagte, er wolle ſie zu Karrengäulen verwenden. Der Eigenthümer, der, nach dem, was ſich zugetragen hatte, nur zu geneigt war, Alles 65 anzuhören, was nur zu ihrem Nachtheil geſagt wurde, nahm die Behauptungen des Fremden blindlings für wahr an. Er ſtieß eine wüthende Ladung von Flüchen gegen den Schurken aus, von dem er ſie gekauft hatte, und ſchloß auf der Stelle den Handel mit dem Squire ab, der ihm ſogleich die beiden Gäule bezahlte, und durch ſie bald nach her auf dem Rennen zu Canterburh den Preis gewann. Nachdem dieſe Angelegenheit zu wechſelſeitiger Zufriedenheit der beiden Parteien und zu nicht geringer Beluſtigung der ganzen Ge⸗ ſellſchaft(die über die Schlauheit ihres Freundes im Stillen lachte) abgemacht war, ward Trunnion auf des Squire's Pferd geſetzt, und von deſſen Bedienung mitten in der Kavalkade geleitet. In dieſem Aufzuge trabte man einem benachbarten Dorfe zu, wo ein Mittageſſen beſtellt worden war. Hier fand unſer Bräutigam Mittel und Wege, ſich einen andern Hut und eine andere Perücke zu ver⸗ ſchaffen. Was ſeine Trauung anlangt, ſo ertrug er die Vereitelung derſelben mit der Reſignation eines wahren Philoſophen, und da die gehabte ſtarke Bewegung ſeine Eßluſt geſchärft hatte, ſo ſetzte er ſich mit ſeinen neuen Bekannten zur Tafel, hielt eine tüchtige Mahl⸗ zeit, und feuchtete jeden Biſſen mit einem Trunk Doppelbier an, das ihm vortrefflich mundete. Neuntes Kapitel. Trunnion wird von dem Lieutenant aufgefunden und verheirathet. Abenteuer in der Hochzeitnacht. Revolutionen in des Commodore's Hauſe. Mittlerweile war der Lieutenant Hatchway mit vieler Anſtren⸗ gung in die Kirche gehinkt, wo er der dortigen Verſammlung von Dem Bericht erſtattete, was ihm und dem Commodore begegnet Smollet's Romane. VI. 5 66 war. Bei dieſer Gelegenheit benahm ſich die Braut mit vielem Anſtande; denn kaum hatte ſie die Gefahr vernommen, in welcher ihr künftiger Gemahl ſchwebte, ſo ſank ſie ohnmächtig ihrer Schwä⸗ gerin in die Arme, zu großem Erſtaunen der Zuſchauer, die mit der Veranlaſſung unbekannt waren. Als man durch eine Menge Riechfläſchchen die Braut endlich wieder zu ſich gebracht hatte, bat ſie inſtändig Hatchway'n und Tom Pips, ſie möchten doch in ihres Bruders Kutſche ihren Chef aufſuchen. Sie zeigten ſich höchſt bereitwillig zu Vollziehung dieſes Auftrags, wobei ſie die übrige männliche Hausgenoſſenſchaft zu Pferde begleitete. Die Braut aber nebſt ihren Freunden wurde in das Pfarrhaus eingeladen und die Trauung auf einen andern Tag verſchoben. Der Lieutenant verfolgte ſo viel als möglich die Richtung, welche Trunnion genommen hatte. Er erkundigte ſich von einem Meierhofe zum andern, in was für einem Strich er vorbeigekommen ſey; denn eine Erſcheinung wie die des Commodore mußte noth⸗ wendigerweiſe, wo ſie geſehen wurde, Senſation erregen. Einer von den Mitreitenden fand an einer Hecke den Hut und die Perücke wieder. Endlich erreichte der ganze Trupp Nachmittags um vier Uhr das Dorf, wo Trunnion Raſt hielt. Als ſie erfuhren, daß er im Könige Georg gar wohlbehalten vor Anker liege, zogen ſie in hellen Haufen vor die Thür, und äußerten ihre Zufriedenheit nach Seemannsbrauch durch ein dreifaches Freudengeſchrei, welches von der Geſellſchaft im Hauſe erwiedert wurde. Sie war von Sir Trunnion in dieſer Begrüßungsart unterrichtet worden. Er hatte ſich indeß ganz in die Luſtigkeit ſeiner neuen Freunde hineingeſtimmt, und ſeine volle Ladung bekommen. Der Lieutenant ward allen Tiſchgenoſſen als ſein Kamerad vorgeſtellt, und mußte miteſſen und nachtrinken. Tom Pips und ſeine übrigen Leute wurden in der Küche bewirthet. Dann ſpannte man friſche Pferde vor die Kutſche⸗ Der Commodore ſchüttelte nun Jedem im Hauſe die Hände, und reiste mit ſeinem Gefolge um ſechs Uhr des Abends nach ſeinem —— 8 — 67 Caſtell ab, wo er wohlbehalten und ohne weitere Abenteuer gegen neun Uhr anlangte, und Tom Pips Fürforge überantwortet wurde, der ihn augenblicklich in ſeine Hängmatte beförderte. Während die⸗ ſer Zeit begab ſich der Lieutenant an den Ort, wo die Braut und ihre Freunde in größter Beſorgniß harrten, die jedoch durch Hatchwah verſcheucht wurde, indem er verſicherte, daß der Com⸗ modore ſich wohl befinde, wobei er zugleich durch die Erzählung von Trunnions Abenteuer allgemeine Heiterkeit erregte. Es ward ein anderer Tag zur Trauung angeſetzt, und um die Neugier der Gaffer zu äffen, welche neulich ein großes Aergerniß verurſacht hatte, wurde der Pfarrer dahin vermocht, die Trauung im Caſtell zu vollziehen. Flaggen und Wimpel ſchmückten an die⸗ ſem Tage dieſes Gebäude, und zur Nachtzeit wurde es unter Auf⸗ ſicht des Maſter Hatchway erleuchtet, der auch Weiſung gegeben hatte, die Böller donnern zu laſſen, ſobald der Eheſtandsknoten ge⸗ ſchürzt ſeyn würde. Dieſer ſinnreiche erfinderiſche Kopf vergaß nicht das Mindeſte, was zur Unterhaltung der Gäſte und zum Glanz dieſes Feſtes beitragen konnte. Von dem hochzeitlichen Abendſchmauſe, deſſen ganze Anordnung ihm anheimgeſtellt war, legte er unläugbare Beweiſe ſeines feinen Taktes und ſeiner Geſchicklichkeit ab; denn das geiſtreiche Hochzeitmahl beſtand aus lauter Seegerichten. Auf der Mitte der Tafel dampfte ein halbes Maas Reis mit einem ſtarken Stück Rindfleiſch in dünne Scheibchen geſchnitten, und einem Paar Hühnchen. An jedem Ende des Tiſches zeigte ſich eine Schüſſel in Oel ſchwimmender Fiſche, der ein Gericht von der ſchmackhaften Compoſition, welche unter dem Namen Landmanns⸗Allerlei bekannt iſt, und eine Schüſſel Salmigondi zur Seite ſtand. Der zweite Gang beſtand aus einer mächtigen Gans, welcher ein Paar Guinea⸗ Hühner, ein nach weſtindiſcher Art gebratenes ganzes Spanferkel, ein geſalzener Schweinſchinken mitten in einem Erbs⸗Pudding, eine gebratene Hammelskeule mit Patatten und eine andere, ebenfalls ge⸗ braten, mit einem Obſtcompott zur Seite lagen. Den dritten Gang 68 bildete eine friſche Schweinskeule mit Apfelmus, ein mit Zwiebeln geſchmortes Böckchen, und eine in der Schaale gebratene Schild⸗ kröte. Zum Schluſſe erſchien eine ganz ungeheure Seepaſtete mit einem unendlichen Gefolge von Pfann- und Käſekuchen. Damit Alles und Jedes der Pracht dieſes ſinnreichen Schmau⸗ ſes entſprechen möchte, hatte Hatchway für einen mächtigen Vor⸗ rath von ſtarkem Biere, Flipp, Rum, Branntwein und einem Ueber⸗ fluß von eau de Barbade für die Damen geſorgt, und auch alle Fiedler auf ſechs Meilen in der Runde gedungen, und da dieſe noch durch eine Pauke, einen Dudelſack und eine Wales'ſche Harfe ver⸗ ſtärkt wurden, ſo konnte er die Gäſte mit einem überaus melodieen⸗ reichen Concert ergötzen. Die Geſellſchaft, die eben nicht ſchwer zu befriedigen war, ſchien gar großes Behagen an dieſer Bewirthung zu finden, und der Abend wurde in größter geſelliger Heiterkeit hingebracht. Endlich führte man die Braut in ihr Zimmer, wo ein kleiner Umſtand beinahe die bis dahin geherrſchte Harmonie geſtört hätte. Ich bemerkte bereits, daß ſich innerhalb des Caſtells kein ſtehen⸗ des Bett befand. Der geneigte Leſer mag ſich daher nicht wundern, daß Miſtriß Trunnion ganz außer Humor gerieth, als ſie ſich ge⸗ zwungen ſah, hier mit ihrem Gemahl in einem Hängebette zu ſchla⸗ fen. Zwar war daſſelbe für den beſondern Fall mit einem doppelten Stück Segeltuch verſehen und auch erweitert worden, aber es blieb doch, trotz dem, noch immer ein unbequemes, ja ſogar gefährliches Lager. Sie beklagte ſich mit vieler Lebhaftigkeit über dieſen Uebel⸗ ſtand, ſchrieb ihn auf Rechnung ſeiner Geringſchätzung und weigerte ſich im erſten Momente ſchlechterdings, mit dieſer Schlafvorrichtung ſich zu behelfen. Doch Miſtriß Pikle brachte ſie bald zur Raiſon, und ſie ergab ſich in ihr Schickſal, nach der Bemerkung, daß ja Eine Nacht bald vorüber ſey, und ſie am nächſten Tage ihr ganzes Haus⸗ weſen reguliren könne. Nach ſolchen Zuſprüchen wagte ſie ſich in das Schaukelbett, 69 und wurde noch vor Ablauf einer Stunde, nachdem ſich die Geſell⸗ ſchaft wegbegeben hatte und das Caſtell der Aufſicht des Lieutenants und des Bootsmanns überlaſſen waren, daſelbſt von ihrem Gemahle beſucht. Doch war die Stärke der Haken, welche dies Schaukelbett trugen, wahrſcheinlich auf das hinzukommende weitere Gewicht, das ſie tragen ſollten, nicht berechnet, daher es ſich denn um Mitternacht, zu nicht geringem Schreck der Miſtriß Trunnion, begab, daß ſie aus einander rißen. Bei dem Fallen ſchrie ſie laut auf, und Hatch⸗ way, der den Schrei hörte, eilte mit Licht in das Zimmer. Obgleich ſie der Fall nicht verletzt hatte, ſo war ſie doch äußerſt mißmuthig und ärgerlich über dieſen Caſus, den ſie offenbar dem Starrſinn und der poſſirlichen Grillenhaftigkeit des Commodore zuſchreiben zu müſſen glaubte. Dieß that ſie mit ſo anzüglichen Worten, daß man klar einſah, ſie glaube ihre Abſicht vollkommen erreicht und ihre Macht⸗ gewalt gegen alle Stürme des Glücks geſichert zu haben. In der That ſchien ihr Bettgeſelle, nach ſeinem Stillſchweigen und ſeiner Reſignation, derſelben Meinung zu ſeyn. Auf alle ihre Beſchuldi⸗ gungen antwortete er nicht anders als durch ein eſſigſaures Geſicht. Er kroch aus ſeinem Neſte und verfügte ſich in ein anderes Zimmer, um daſelbſt die Nacht zuzubringen, während ſeine erzürnte Gemahlin den Lieutenant entließ und ſich aus dem Wrack des Hängebettes eine Art von Lager auf dem Fußboden bereitete, mit dem feſten Entſchluſſe, ſich für das Ruhebett auf die folgende Nacht beſſer vor⸗ zuſehen. Da ſie nicht ſchlafen konnte, ſo beſchäftigte ſie ſich den ganzen übrigen Theil der Nacht mit den Reformen ihres Hausweſens. Kaum hatte die erſte Lerche dem Morgen ihren Gruß geboten, ſo fuhr ſie von ihrem niedrigen Lager auf, warf ſich in ihre Kleider, und that einen Ausfall. Sie forſchte ihren Weg durch ihr nie vorher bekannt geweſene Gänge aus. Im Laufe ihrer Exeurſion gewahrte ſie eine große Glocke, von welcher ſie einen ſo heftigen Gebrauch machte, daß jede im Hauſe lebende Seele davon aufgerüttelt ward. In 70 einem Momente war ſie von Hatchwah, Pips und allen den übrigen Dienern umringt, die nur halb angezogen waren. Da ſie jedoch keine weibliche Geſtalt erblickte, ſo erhob ſie ein Zetergeſchrei über die Langſamkeit und Faulheit der Mägde. Die Dirnen, ſchrie ſie, hätten ſchon eine Stunde wenigſtens, eh' ſie gerufen, an der Arbeit ſeyn müſſen. Jetzt erfuhr ſie, daß es keiner Weibsperſon geſtattet wäre, in den Ringmauern des Caſtells zu ſchlafen. Natürlich unter⸗ ließ ſie nicht, gegen dieſe Einrichtung zu eifern. Als ſie erfuhr, daß die Köchin und das Stubenmädchen in einem kleinen Gebäude vor den Thoren des Schloſſes wohnten, gebot ſie, die Brücke nieder⸗ zulaſſen, und verfügte ſich in höchſteigener Perſon in deren Logis. Sie befahl ihnen, ſogleich alle Zimmer, die ſich bisher eben nicht in dem reinlichſten Zuſtande befunden hatten, auszuſcheuern. In⸗ zwiſchen mußten zwei Männer das Bette, deſſen ſie ſich bisher be⸗ dient hatte, aus ihres Bruders Behauſung in ihre neue Wohnung ſchaffen. Binnen weniger denn zwei Stunden wurde die Haushal⸗ tung in dem Caſtell, unter entſetzlichem Lärm und Geräuſch, kopſ⸗ unter kopfüber gekehrt. Trunnion, durch dieſen Spektakel ganz außer Faſſung geſetzt, ſtürmte wie ein Beſeſſener, im bloßen Hemde, aus ſeinem Zimmer, bewaffnete ſich mit einem holzapfelbaumenen Knittel und drang in das Gemach ſeiner Frau; dort ſtieß er auf ein paar Schreiner, welche ſo eben mit Zuſammenfügung einer Bettſtelle beſchäftigt waren. Unter entſetzlichen Flüchen und abſcheulichen Schimpfreden fiel der Seewolf über die Beiden her, gebot ihnen, von ihrem verwegenen Thun abzulaſſen, und ſchwur und fluchte, er wolle da, wo er Kapi⸗ tain und Steuermann zugleich ſey, keine Kajüten und keine Orkan⸗ häuſer leiden. Da ſich indeſſen die Handwerksleute nicht an ſeine Vorſtellungen kehrten, weil ſie ihn für einen irrſinnigen, zur Familie gehörenden Menſchen hielten, der ſich aus ſeinem Gewahrſam los⸗ gebrochen habe, fiel Trunnion über Beide mit großer Wuth und Entrüſtung her, ward jedoch bei dieſem Gefecht dermaßen nitge⸗ 71 nommen, daß er bald der Länge nach auf dem Boden lag. Durch einen Schlag mit dem Hammer war die Sehkraft ſeines übrig gebliebenen Auges ſehr gefährdet worden. Nachdem er ſolchergeſtalt in den Zuſtand der Unterwürſigkeit gebracht worden war, beſchloßen die Handwerksleute, ihn mit Stricken zu binden, um ſich völlig vor ihm zu ſichern. Sie waren gerade im Begriffe, ihm ihre Feſſeln anzulegen, als die ungefähre Dazwi⸗ ſchenkunft ſeiner Gemahlin ihn von dieſer Schande rettete. Sie befreite ihn ſogleich aus den Händen ſeiner Widerſacher. Doch mitten unter den Aeußerungen ihres Bedauerns rechnete ſie dieſes Mißgeſchick ſeiner unbändigen Gemüthsart zu. Hawſer Trunnion aber athmete Rache, und verſuchte die Unverſchämtheit der Hand⸗ werker zu beſtrafen, welche jedoch, als ſie vernahmen, wer er eigent⸗ lich war, mit großer Demuth um Verzeihung baten, und betheuer⸗ ten, daß ſie ihn nicht gekannt hätten. Weit entfernt, ſich dadurch beruhigen zu laſſen, tappte er nach der Klingel herum, indem die Entzündung ſeines Auges ihn aller Sehkraft beraubte. Die Miſſe⸗ thäter hatten jedoch aus Vorſicht die Schnur der Klingel ſeinen Nachforſchungen entzogen. Deßhalb begann er mit unglaublich ſtarker Stimme zu brüllen, wie ein im Garne verſtrickter Löwe. Er ſtieß unzählige Flüche und Verwünſchungen aus, und rief Hatchway'n und Pips bei Namen. Da ſie nahe genug waren, um ihn hören zu können, ſo gehorſamten ſie dieſer außerordentlichen Aufforderung. Trunnion gab ihnen Befehl, die Schreiner in Ketten und Banden zu legen, weil ſie ihn in ſeinem eigenen Hauſe auf unerhörte frevel⸗ hafte Weiſe angefallen hätten. Als ſeine Myrmidonen die üble Be⸗ handlung fahen, die man ihm hatte angedeihen laſſen, wurden ſie über die thätlichen Beleidigungen, die er erlitten, entrüſtet. Sie nahmen dieß für eine Beſchimpfung, die der wohllöblichen Garniſon geworden wäre, und das um ſo mehr, weil die Rebellen ſich in Vertheidigungsſtand zu ſetzen und ihrem Anſehen zu trotzen ſchienen. Sie zogen daher ihre Säbel, die ſie gemeiniglich als Abzeichen ihrer 72 Dienſtſtellung trugen, und es würde, aller Wahrſcheinlichkeit nach, einen verzweifelten Kampf gegeben haben, wenn die Dame von dem Caſtell nicht vermittelnd dazwiſchen getreten wäre und den Folgen ihrer Erbitterung vorgebeugt hätte. Sie verſicherte den Lieutenant, der Commodore ſey der angreifende Theil geweſen, und die Hand⸗ werksleute, da ſie ſich von einer unbekannten Perſon ſo außer⸗ ordentlich behandelt geſehen hätten, wären dadurch genöthigt worden, ſich zu vertheidigen. Dieß ſey denn auch die Veranlaſſung zu der unglücklichen Contuſion. Hatchway hatte kaum dieſe Auseinander⸗ ſetzung der Herrin vernommen, ſo ſteckte er ſein Schwert in die Scheide und ſagte zum Commodore: er ſey immer bereit, ſeine rechtmäßigen Befehle zu vollziehen, allein ſein Gewiſſen erlaube es ihm nicht, an der Unterdrückung armer Leute Theil zu nehmen, die im Grunde Niemand beleidigt hätten. Dieſe unerwartete Erklärung und das Benehmen ſeiner Frau, die in ſeiner Gegenwart den Schreinergeſellen befahl, ihre Arbeit fortzuſetzen, füllte Trunnions Bruſt mit Wuth und Schmerz. Er riß ſeine wollene Nachtkappe herunter, ſchlug ſein kahles Haupt mit den Fäuſten, ſtampfte mit den Füßen, ſchwur gottesläſterlich, ſeine Leute hätten ihn verrathen und verkauft, und vermaledeite ſich ſelbſt bis in den tiefſten Abgrund der Hölle, daß er einen ſolchen Baſilisken von Weib in ſein Haus genommen habe. Alle dieſe Raſereien halfen jedoch nichts. Sie waren vielmehr ſeine letzten Verſuche, dem Willen ſeiner Gemahlin Widerſtand zu leiſten. Ihr Einfluß auf ſeine Anhänger hatte den ſeinigen wirklich ganz verdrängt. Sie demonſtrirte ihm jetzt ein⸗ für allemal vor, wie er die innere häusliche Einrichtung einzig und allein ihr zu überlaſſen hätte, da ſie am beſten verſtehe, was ihm zur Ehre und zum Vortheil gereiche. Darauf befahl ſie, daß ein Kräuterkißchen für ſein krankes Auge zurecht gemacht würde. Als es aufgelegt war, wurde er der Pflege des Pips überantwortet. Dieſer leitete ihn im Hauſe herum wie einen blinden, nach Atzung knurrenden 73 Bären. In der Zeit führte ſeine betriebſame Frau ihren Plan auf's Vollſtändigſte aus, ſo daß er ſich, als er ſein Geſicht wieder bekommen hatte, ganz fremd in ſeinem Hauſe fand. Zehntes Kapitel. Miſtriß Trunnion wendet alle Künſte an, ihren Gemahl unter den Pan⸗ toffel zu bringen. Sie ſtellt ſich ſchwanger zu unausſprechlicher Freude des Commodore, der jedoch in ſeinen Erwartungen getäuſcht wird. Dieſe Neuerungen wurden nicht ohne manchen lauten Wider⸗ ſpruch von ſeiner Seite bewerkſtelligt, und es gab dabei zwiſchen ihm und ſeiner Ehehälfte mancherlei kurioſe Zwiegeſpräche. Jedoch behauptete ſie in allen dieſen Kämpfen das Schlachtfeld. Sein Anſehen ſank immer mehr und mehr. Er würgte ſeinen Aerger ſo gut als möglich hinunter. Der Reſpekt vor einer ihm überlegenen Macht malte ſich in allen ſeinen Zügen, und in weniger denn drei Monaten war er der nachgiebigſte Ehemann, den man ſich nur denken konnte. Indeß war ſein Starrſinn nicht vernichtet, ſondern nur überwältigt. In manchen Dingen war er noch ſo unbiegſam und widerſpenſtig als je; nur durfte er in ſeinem Grimme nicht mehr hintenausſchlagen, ſondern mußte ſich trotz aller ſeiner inner⸗ lich knirſchenden Wuth leidend verhalten. Zum Beiſpiel, Miſtriß Trunnion machte die Propoſition, eine Kutſche mit ſechs Pferden anzuſchaffen, weil ſie nicht reiten könnte, und weil die alte Ball⸗Chaiſe für eine Dame von ihrem Stande ein ſehr erbärmliches Fuhrwerk ſey. Der Commodore, der ſich wohl bewußt war, daß er zum Diſputiren weit geringere Fähigkeit beſaß, hielt es nicht für gut, dieſen Antrag zu beſtreiten, ſondern ſtellte ſich taub gegen ihre wiederholten Vorſtellungen. Umſonſt unter⸗ 74 ſtützte ſie dieſes Geſuch mit allen den Gründen, womit ſie ihm ſeine Einwilligung abzukoſen, abzuſchrecken, abzuliſten oder abzuſchämen verhoffte. Umſonſt berief ſie ſich auf ihre grenzenloſe Liebe zu ihm, die wohl durch Zärtlichkeit und Nachgiebigkeit erwiedert zu werden verdiente. Sogar gegen einige drohende Winke, die ſie von der Rache eines beleidigten Weibes fallen ließ, blieb er bombenfeſt. Gegen alle Vorſtellungen von Ehre und Schande zeigte er ſich un⸗ beweglich wie ein ehernes Bollwerk. Auch ließ er ſich nicht einmal zu unſchicklichen oder unfreundlichen Ausdrücken des Widerſpruchs reizen, wenn ſie ihm ſeinen ſchmutzigen Geiz vorrückte, und ihm das Glück und die Ehre vorſtellte, die er durch die Vermählung mit ihr erlangt habe. Er ſchien ſich in ſich ſelbſt zurück zu ziehen, wie eine Schildkröte in ihr Gehäuſe, wenn man ſie angreift, und litt ſchweigend die Geißel ihrer Vorwürfe, ohne ſich im Geringſten merken zu laſſen, daß es ihm wehe thue. Dieß war das einzige Mal ſeit ihrer Hochzeit, daß ihr etwas fehlgeſchlagen war. Dieſen üblen Erfolg konnte ſie nicht verſchmer⸗ zen; ſie ſpannte ihre Einbildungskraft auf die Folter, um einen neuen Plan auszubeuten, wodurch ſie ihren Einfluß und ihre Macht⸗ gewalt vermehren könnte. Was ihrem Genie nicht glücken wollte, dazu war ihr der Zufall behülflich. Sie hatte noch nicht vier Monate im Caſtell zugebracht, als ſich häufiges Erbrechen und Uebelkeiten bei ihr einſtellten; ihr Buſen begann hart zu werden und ihr Unterleib bekam eine merkliche Erhöhung. Kurz, ſie wünſchte ſich ſelbſt zu dieſen Symptomen der Fruchtbarkeit Glück, und der Commodore war außer ſich vor Freude bei der Ausſicht, Leibes⸗ erben zu bekommen. Die Dame Trunnion wußte, daß es jetzt an der Zeit war, ihre Oberherrſchaft völlig zu ſichern, und benützte die Mittel, die ihr von der Natur geboten wurden. Es gab kein ſel⸗ tenes Geräth und keinen Schmuck, wonach ſie nicht ein Gelüſte ge⸗ fühlt hätte, und als ſie eines Tages auf dem Weg nach der Kirche die Kutſche und die Pferde der Lady Statley erblickte, ſiel ſie plötz⸗ 75 lich in Ohnmacht. Ihr Gemahl, deſſen Eitelkeit noch nichts ſo ſehr geſchmeichelt hatte, als die verhoffte Ernte ſeiner eigenen Aus⸗ ſaat, gerieth darüber in große Beſorgniß. Um Rückfällen dieſer Art vorzubeugen, die für ſeine Hoffnung gefährliche Folgen haben konnten, erlaubte er ſeiner ſchlauen Ehehälfte, ſich nach ihrem Belieben eine gleiche Equipage anzuſchaffen. Auf ſolche Weiſe dazu ermächtigt, legte ſie in Kurzem ſolche Beweiſe ihres Geſchmacks und ihrer Prachtliebe ab, daß die ganze Grafſchaft ſich die Köpfe darüber zerbrach und Trunnions Herz darüber mächtig erbebte, weil er vor⸗ ausſah, daß ihre ausſchweifende Phantaſie gar keine Gränzen mehr einhalten würde, was ſich auch bei den überaus koſtbaren Anſtalten für ihre Niederkunft zeigte. Ihr Stolz, mit welchem ſie bisher nur immer auf den Reprä⸗ ſentanten ihres väterlichen Hauſes geblickt hatte, ſchien jetzt allen angeerbten Reſpekt davor verloren zu haben, und faſt darauf aus⸗ zugehen, den ältern Zweig ihres Hauſes zu überſtrahlen und herab⸗ zuwürdigen. Gegen Miſtriß Pikle zeigte ſie eine Art von höflicher Zurückhaltung, welche ein Bewußtſeyn ihres höhern Ranges verrieth. Von dieſer Zeit an wetteiferten die beiden Schwägerinnen darin, es an Pracht einander zuvor zu thun. Unter dem Vorwande, friſche Luft zu ſchöpfen, ſtellte die Trunnion alle Tage dem ganzen Kirch⸗ ſpiel ihre glänzende Equipage zur Schau, wobei ſie zugleich darauf bedacht war, ihre Bekanntſchaft mit Leuten von Diſtinktion zu er⸗ weitern. Das hatte eben keine großen Schwierigkeiten; denn wer nur ſeine Rolle zu ſpielen weiß, der findet ſtets in den Zirkeln Zutritt, welche man die gute Geſellſchaft nennt, und man nimmt ihn ohne Bedenken auf, und ohne lange zu unterſuchen, was hinter ihm ſtecken mag. Bei allen Beſuchen und Luſtpartien benützte ſie jede ſchickliche Gelegenheit, um ihres gegenwärtigen Zuſtandes zu erwähnen:„Die Doktoren haben mir den Genuß pikanter Saucen verboten, und manche Gerichte ſind für eine Frau von meinen Umſtänden ein 76 wahres Gift.“ Ja an Orten, wo ſie ſich wen iger zu geniren brauchte, bekam ſie ſogar öfter Convulſionen, und ſeufzte darüber, was einem doch ſo ein kleiner Satan von einem noch ungeborenen Kinde im Mutterleibe zu ſchaffen machen könne. Dabei krümmte und wand ſie ſich, als ob ſie Gott weiß, welche innere Qualen von der Luſtig⸗ keit des künftigen Trunnion auszuſtehen hätte. Ihr Gemahl benahm ſich mit aller Mäßigung, die man nur von ihm erwarten könne. Im Clubb gedachte er dieſes Umſtandes öfters als eines Beweiſes von ſeiner Rüſtigkeit, und als einer glänzenden Heldenthat für einen Knaben von fünf und fünfzig Jahren, wobei er die gute Meinung von ſeiner Stärke dadurch be⸗ kräftigte, daß er dem Wirthe alle Augenblicke aus Leibeskräften die Hände drückte. Dadurch preßte er jedesmal ein befriedigendes Certifikat für ſeine Manneskraft heraus. Wenn ſeine Geſell⸗ ſchafter:„Hänschen im Keller!“ tranken, ſo verzog ſich ſein Geſicht in außerordentlich freundliche Falten.„Sobald der junge Hund nur'ne Patrontaſche tragen kann,“ ließ er ſich dann aus,„muß'r mir in die See! Vor meinem Tode noch hoff' ich ihn als Offizier zu ſehen.“ Dieſe Hoffnung trug denn auch, bei der Verſchwendungsſucht ſeiner Frau, zumal wenn er dabei erwog, daß ſeine Gefälligkeit gegen ihren ungeheuern Aufwand nach neun Monaten, von denen der größte Theil bereits verſtrichen war, ein Ende nehmen würde, viel zu ſeiner Beruhigung bei. Doch, trotz aller dieſer philoſophi⸗ ſchen Reflerionen erhoben ſich zuweilen ihre Launen zu einer ſo lächerlichen und unerträglichen Höhe von Uebermuth und Abge⸗ ſchmacktheit, daß er die Geduld verlor, und ſich des heimlichen Wunſches nicht erwehren konnte, ihr Stolz möchte durch Vereite⸗ lung ihrer ſchmeichelhafteſten Hoffnungen zu nichte gemacht werden, obſchon er ſelbſt dadurch mit zu leiden haben würde. Dieß war jedoch bei ihm nur Aufwallung des Unwillens, der gemeiniglich ſo ſchnell verging als er entſtand, und wodurch die Perſon, die daran 77 Schuld war, nicht im Geringſten beunruhigt ward, da ſich nichts davon merken zu laſſen ſeine größte Sorgfalt blieb. Mittlerweile ſchritt Miſtriß Trunnion in ihrer Rechnung fort, und hoffte den beſten Erfolg; denn als ihre Zeit um war, bekam ſie in der Nacht gewiſſe Anwandlungen, welche den kritiſchen Au⸗ genblick anzudeuten ſchienen. Der Commodore ſprang ſogleich aus dem Bette und rief die Hebamme, die man bereits vor einigen Tagen in's Haus genommen hatte. Man ließ zugleich einige der älteſten Matronen des Kirchſpiels aufbieten, und ſchwebte in den vortheilhafteſten Erwartungen. Allein dieſe Symptome verſchwan⸗ den. Die alten Weiber erklärten, die ganze Sache wäre nichts als ein blinder Lärm. Zwei Nächte ſpäter erging ein zweites Aufgebot. Man glaubte die Niederkunft ſehr nahe, weil die Geſchwulſt in den Seiten ſehr abgenommen hatte. Inzwiſchen fruchtete dieſe Vorkommenheit ſo wenig als die erſte. Die Wehen verloren ſich ungeachtet aller Be⸗ mühungen, womit man dieſelben zu reizen ſuchte. Die guten Weiber kehrten jede wieder in ihr Haus zurück, in der Erwartung, daß die dritte Attake den Ausſchlag geben würde, da es ja im Sprichwort heiße:„Aller guten Dinge ſind drei.“ Dießmal aber hielt daſſelbe nicht Stich; denn auch die nächſte Aufforderung war ſo erfolglos als die vorigen, und es trug ſich noch überdieß ein Phänomen dabei zu, das ihnen eben ſo fremd als räthſelhaft war. Dame Trunnion zeigte nämlich plötzlich eine Taille, wie ſie nur eine Frau haben kann, welche gerade niedergekommen iſt, nicht aber wie eine, die nächſtens gebären ſoll. Verwundert über dieſen Caſus hielten die Frauen Rath mit einander, und machten am Ende den Schluß, daß in einem ſo unnatürlichen und verwunderlichen Falle eine Heb⸗ amme nicht ausreiche, ſondern daß man einen in der Geburtshülfe erfahrenen Arzt konſultiren müſſe. Ohne die eigentliche Urſache ihrer Verlegenheit zu vermuthen, trug der Commodore dem Pips das Geſchäft, einen ſolchen zu holen, augenblicklich auf. In weniger 78 denn zwei Stunden hatten ſie einen Wundarzt aus der Nachbar⸗ ſchaft mit ſeinem Rathe zur Seite, welcher ganz ausdrücklich er⸗ klärte, daß die Patientin nie geſegneten Leibes geweſen ſey. Dieſe Behauptung war wie ein Donnerſchlag für Sir Trunnion, der volle acht Tage und Nächte in der beſtändigen Erwartung gelebt hatte, mit dem Namen„Vater,“ begrüßt zu werden. Nachdem er ſich einigermaßen erholt hatte, that er einen Schwur darauf, daß der Wundarzt ein unwiſſender Burſche ſey, und man ſeinen Worten nichts glauben könne. In dieſem Wahn beſtärkten ihn die Behaup⸗ tungen der Hebamme, die noch immer fortfuhr, die Miſtriß Trun⸗ nion mit der Hoffnung einer ſchleunigen und glücklichen Nieder⸗ kunft zu tröſten. Es wäre ſchon mehrmals gerade eben ſo geweſen, ſagte ſie, alle Zeichen der Schwangerſchaft ſeyen bei der Mutter verſchwunden, und doch hätte ſich noch ein feines Kind eingeſtellt. Jeder Hoffnungszweig, er möge ſo ſchwach ſeyn als er wolle, wird begierig von Leuten erfaßt, die befürchten, daß ihre Erwartung fehlſchlagen möchte. Auf jede Frage, die die Hebamme mit den Worten:„Haben Sie nicht?“ oder:„Fühlen Sie nicht?“ an Miſtriß Trunnion richtete, ward mit einem„Ja“ geantwortet; denn der antwortende Theil konnte es unmöglich über ſein Herz bringen, irgend ein Symptom zu verneinen, durch welches eine ſo lang ge⸗ hegte Hoffnung begünſtigt ward. Die erfahrene Meiſterin in der Entbindungskunſt mußte demnach noch volle drei Wochen im Caſtell bleiben, während welcher Zeit die Patientin noch mehrmals An⸗ wandlungen von dem bekam, was ſie für Wehen zu halten beliebte; bis endlich ſie und ihr Gemahl die Fabel des Kirchſpiels wurden. Ja, dieſes verblendete Ehepaar konnte nur mit Mühe und Noth dahin gebracht werden, ſeine Hoffnung aufzugeben, als die Miſtriß bereits ſo ſchlank geworden war, wie ein Windſpiel, und als ihnen manche andere unſtreitige Beweiſe vor Augen lagen, daß ſie ſich getäuſcht hatten. Doch der Einfluß dieſer ſüßen Täuſchung konnte nicht ewig dauern. Er verſchwand endlich, und nun trat an ſeine b 79 Stelle ein ſtarker Parorismus von Scham und Verwirrung, ſo daß der Mann ſich vierzehn Tage lang vor keinem Menſchen ſehen ließ, während die Dame das Bett hütete. Sie ſtand während dieſer Zeit die heftigſten Qualen der empfindlichſten Kränkung aus; doch wußte die lindernde Hand der Zeit auch hier ihre ſiegreiche Macht zu offenbaren. Die erſte Friſt, die der Kummer ihr geſtattete, wurde von ihr zur pünktlichſten Ausübung deſſen verwendet, was man Religions⸗ pflichten nennt. Sie lebte derſelben mit der erbittertſten Strenge nach, und ließ über ihre Hausgenoſſenſchaft eine ſolche Verfolgung ergehen, daß dieſer insgeſammt das Haus zu heiß und zu enge ward. Selbſt Tom Pips faſt unüberwindliche Gleichgültigkeit fühlte ſich erſchüttert; der Commodore ward aus ſeinem Reſt von Geduld ganz herausgehetzt und keine Seele verſchont, als der Lieutenant Hatchway, den ſie nie in üble Stimmung zu verſetzen ſich erkühnte. Eilftes Kapitel. Miſtriß Trunnion ſpielt in der Garniſon die Thrannin. Ihr Gemahl gewinnt zu ſeinem Neffen Peregrine eine große Zuneigung. Nachdem Dame Trunnion drei Monate lang ihr frömmelndes Zankweſen getrieben hatte, zeigte ſie ſich wieder in der Welt. Doch hatte ihr Mißgeſchick ſolchen Eindruck auf ihr Gemüth her⸗ vorgebracht, daß ſie den Anblick eines Kindes nicht ertragen konnte, und daß ſie von Krämpfen befallen wurde, ſobald die Rede auf Kindtaufen kam. Ihr Temperament, welches von Natur keines von den ſanfteſten war, ſchien ſich ſeit ihrer fehlgeſchlagenen Erwartung mit einer doppelten Portion Säure verſetzt zu haben, weßhalb ihr umgang nicht ſehr geſucht wurde und ſie ſelten auf Leute ſtieß, die 80 ſich bemühten, ihr mit den Merkmalen von Achtung zu begegnen, welche in Anſpruch zu nehmen ſie ſich berechtigt glaubte. Durch dieſe Vernachläßigung ward ſie bewogen, ſich ganz von der Verbin⸗ dung mit der unartigen Welt zurück zu ziehen. Sie ſchränkte dem⸗ nach die Energie aller ihrer Talente auf die Regierung ihrer Haus⸗ genoſſenſchaft ein, die unter ihrem despotiſchen Scepter heftig ſeufzte. Was ſie betraf, ſo fand ſie reichſtrömenden Troſt für alle die Widerwärtigkeiten, die ſie bisher erlitten hatte— in der Branntweinflaſche. Der Commodore, der vom Lieutenant mancherlei Spottreden hatte aushalten müſſen, ſegelte in Kurzem über ſeine Schande hinaus. Entfernung aus ſeinem Hauſe, ſo lange als nur immer möglich, war ihm jetzt das Liebſte. Er beſuchte die Schenke mehr als je⸗ mals und kultivirte mit Hebelkraft ſeinen Schwager, Sir Pickle, und als ſie auf einem recht vertrauten Fuße ſtanden, faßte er zu ſeinem Neffen Peregrine eine Neigung, die erſt mit ſeinem Leben endete. Man muß in der That geſtehen, daß es unſerm Trunnion nicht an geſelligen Tugenden fehlte; durch ſeine rauhe Erziehung und geräuſchvolle Lebensart waren ſie nur ſeltſam gelenkt, verun⸗ ſtaltet und überwältigt; dem ungeachtet aber offenbarten ſie ſich ge⸗ legentlich in ſeinem ganzen Betragen. Da alle Hoffnnngen zur Fortpflanzung ſeines Namens ver⸗ ſchwunden waren, und ſeine Anverwandten unter dem Bannfluch ſeines Haſſes lagen, ſo kann es nicht Wunder nehmen, wenn er bei ſeinem freundſchaftlichen und vertraulichen Umgange mit Gamaliel den Knaben Peregrine immer mehr lieben lernte. Dieſer hatte ſeinen dritten Geburtstag gefeiert und war in der That ein recht hübſches, geſundes, vielverſprechendes Kind. Was ihn aber bei ſeinem Oheim noch mehr in Gunſt zu ſetzen ſchien, war eine ge⸗ wiſſe wunderliche Gemüthsart, durch die er ſich ſchon von der Wiege an bei ſeinem Oheim einzuſchmeicheln wußte. Man ſagt von ihm, daß er, als er noch nicht ein Jahr alt 81 geweſen ſey, ſehr oft beim Anziehen, mitten unter den Liebkoſungen ſeiner Mutter, wenn dieſe ſich in Betrachtungen ihrer Glückſeligkeit einwiegte, das gute Weib durch ein lautes Geſchrei erſchreckt, und es ſo lange fortgeſetzt habe, bis er auf Befehl ſeiner geängſteten Mutter in größter Eile ganz nackt ausgezogen war, weil ſie ſich einbildete, daß ſein böſer Nabel an ſeiner Marter Schuld ſey. Nachdem er ihnen nun alle dieſe unnöthige Angſt und Mühe ge⸗ macht, hab' er ſich der Länge nach ausgeſtreckt, und ihnen in's Ge⸗ ſicht gelacht, gleichſam als ob er ihrer vergeblichen Theilnahme ſpottete. Ja eines Tages ſoll er, wie ein altes Weib, das in der Kindsſtube aufwartete, verſtohlenerweiſe eine Flaſche Kordialwaſſer an den Mund ſetzte, die Amme beim Aermel gezupft, durch einen leichten Hinblick den Diebſtahl verrathen und mit einer beſonders ſchlauen Miene der Letztern den Wink gegeben haben, als wenn e höhnend hätte ſagen wollen:„Ei, ei, davon müßt Ihr Alle Euren Theil nehmen.“ Solche Beiſpiele von Nachdenken ſind jedoch für ein Kind von neun Monaten ſo unglaublich, daß ich ſie für Bemerkungen ex post kacto halte, die ſich auf eingebildete Rückerinnerungen ſtützten, als er in einem reiferen Alter war und ſeine Temperamentseigenthüm⸗ lichkeiten ſich mehr auszeichneten, die mit den ſinnreichen Entdeckun⸗ gen jener ſcharfſichtigen Beobachter zuſammentreffen, welche in den Zügen einer Perſon, deren Charakter ſie zuvor haben beſchreiben hören, ihn ganz deutlich wieder finden. So viel iſt jedoch gewiß, ohne die Periode ſeiner Kindheit genau angeben zu wollen, worin ſeine Sonderbarkeit ſich zuerſt zeigte, daß dieſelbe ſich damals ganz deutlich offenbarte, wie er ſeines Oheims Aufmerkſamkeit und Zu⸗ neigung erwarb. Man hätte denken ſollen, er habe den Commodore für den tauglichſten Gegenſtand des Foppens gehalten, weil ſeine kleinen kindiſchen Neckereien faſt immer gegen ihn gerichtet waren; indeſſen will ich nicht in Abrede ſtellen, daß hierin hauptſächlich Hatchway's Beiſpiel und ſeine Anweiſungen gewirkt haben, der ein Smollet's Romane. VIII. 6 82 Vergnügen daran fand, über die erſten Verſuche ſeines Witzes die Oberaufſicht zu führen. Als das Zipperlein in Sir Trunnions großer Fußzehe Poſto gefaßt hatte, und ſich nie auch nur einen einzigen Tag daraus ent⸗ fernte, machte es dem kleinen Peregrine den größten Spaß, auf dies kranke Glied, wie von ungefähr, zu treten. Und wenn dann ſein Oheim im Zorn über den Schmerz ihn als einen Teufelsbraten neun und neunzigmal verfluchte, wußte er ihn augenblicklich dadurch zu beſchwichtigen, daß er den Fluch mit gleichem Nachdruck zurück⸗ gab, und fragte:„Was fehlt denn dem alten Hannibal Sauertopf?“ bei welchem Spitznamen der Lieutenant den mürriſchen Kapitain zu nennen gelehrt hatte. Dies war jedoch nicht das einzige Erperiment, durch welches Peregrine des Commodore's Geduld prüfte, gegen deſſen Naſe er ſelbſt dann, wenn er auf deſſen Kniee von ihm geliebkost wurde, er ſich unanſtändige Freiheiten herausnahm. In einem Monate brachte er ihn zu einer Ausgabe von zwei Guineen für Seehundsfelle, in⸗ dem er ihm verſchiedene Tabaksbeutel aus der Taſche zog und ſie insgeheim den Flammen überantwortete. Sogar Trunnions Lieb⸗ lingsgetränk verſchonte ſeine Schalkslaune nicht. Der Commodore that mehr denn Einmal einen ganzen Zug aus der Kanne, worein ſeines Schwagers Schnupftabaksdoſe ausgeleert war, ehe er dieſe unangenehme Miſchung merkte. Eines Tages, als der Oheim dem kleinen Pickle mit ſeinem Rohr ein paar gelinde Schläge zur Züch⸗ tigung gegeben hatte, fiel der Bube, ſo lang er war, auf den Boden nieder, als wenn er aller Sinne und Bewegung beraubt wäre. Der Schläge⸗Austheiler war hierüber nicht wenig erſchrocken und ent⸗ ſetzt. Als nun der kleine Schabernack das ganze Haus in Allarm geſetzt hatte, ſchlug er ſeine Augen wieder auf, und lachte aus vollem Halſe, daß ihm ſein Betrug ſo gut gelungen war. Es würde eine endloſe und unangenehme Arbeit ſeyn, wenn man alle die argen Tücke erzählen wollte, die er ſeinem Oheim 83 und Andern ſpielte, bevor er das vierte Jahr erreicht hatte. In dieſem Alter ward er täglich mit einem Bedienten in eine benach⸗ barte Schule geſandt, um allen Verdrießlichkeiten unter den Füßen wegzukommen, wie ſeine gute Mutter ſich ſelbſt ausdrückte. Dort machte er indeſſen keine großen Fortſchritte, außer in Schelmereien, die er ungeſtraft ausübte; denn die Schulvorſteher wagten es nicht, eine reiche Dame durch unnöthige Strenge gegen ihr Kind zu erbit⸗ tern. Doch Miſtriß Pickle war nicht verblendet genug, um an dieſer unzeitigen Nachſicht Wohlgefallen zu finden. Peregrine ward dieſen rückſichtsvollen Lehrern entzogen und einem Schulmeiſter übergeben, der den gemeſſenen Befehl erhielt, ihn ſo zu züchtigen, als der Knabe es nach ſeiner pädagogiſchen Anſicht verdienen würde. Von dieſer Vollmacht machte er den beſten Gebrauch. Alle Tage peitſchte er ihn regelmäßig zweimal, und nachdem er achtzehn Monate unter dieſem Zuchtmeiſter geſtanden hatte, erklärte dieſer ſeinen Eltern: es ſey der hartnäckigſte, ungelehrigſté, leichtfertigſte Bube, den er jemals zu erziehen gehabt hätte. Statt ſich zu beſſern, ſchien es, als würde er in ſeinen laſterhaften Neigungen nur noch mehr be⸗ ſtärkt und verhärtet, und gegen jedes Gefühl von Furcht ſowohl als von Scham werde er immer tauber. Dieſe Symptome von Stupidität kränkten ſeine Mutter außer⸗ ordentlich. Sie hielt ſie für ein Erbſtück von ſeinem Vater, und glaubte, keine menſchlichen Bemühungen würden dies Familienge⸗ brechen entfernen können. Allein der Commodore freute ſich über ſein rauhes Betragen und es machte ihm ungemein viel Vergnügen, wenn man ihm auf ſeine Nachfrage erzählte: Peregrine habe alle Knaben in der Schule durchgeprügelt; denn er ſtellte hieraus dem Jungen das Prognoſtikon ihm würde fortan Alles und Jedes glücken, und machte die Bemerkung, daß er in demſelben Alter gerade eben ſo geweſen ſey.. Peregrine zählte nunmehr ſechs Jahre, und hatte unter dem birkenen Scepter des nicht kargen Lehrers ſo wenig profitirt, daß 84 man der Mutter den Rath ertheilte, ihn in eine Koſtgängerſchule nicht weit von London zu ſenden, die ein in der Erziehungskunſt außerordentlich geſchickter Mann hielte. Dieſer Vorſchlag ward um ſo williger von ihr angenommen, da ſie zu der Zeit ſchon mit einem andern Kinde in ihrer Schwangerſchaft ziemlich weit vorgerückt war und die Hoffnung hatte, dies würde ſie für die fehlgeſchlagene Er⸗ wartung mit dem wenig verſprechenden Peregrine entſchädigen, oder wenigſtens ihre mütterliche Liebe einigermaßen theilen und ſie in den Stand ſetzen, die Abweſenheit des Einen gar nicht zu achten. * Zwölftes Kapitel. Peregrine wird in eine Koſtgängerſchule gebracht und thut ſich dort durch Genie und Ambition hervor. Als der Commodore hinter dieſen Entſchluß kam, gegen den Gamaliel Pickle nicht das Geringſte einzuwenden wagte, nahm er ſo vielen Antheil an dem weiteren Schickſal ſeines Lieblings, daß er ihn ganz auf ſeine Koſten mit allem Nöthigen ausſtattete und ihn ſogar in eigener Perſon nach dem Orte ſeiner Beſtimmung brachte. Er bezahlte daſelbſt das übliche Eintrittsgeld, und empfahl ihn der beſondern Fürſorge und Aufſicht des Unterlehrers, der ihm als ein Mann von Talenten und Redlichkeit angeprieſen worden war, und dem er für ſeine Mühwaltung ein recht hübſches Gratial Praenumerando verabreichte. Nichts hätte beſſer berechnet ſeyn können als dieſe Probe von Liberalität. Der Hülfslehrer war in der That ein kenntnißreicher, braver und verſtändiger Mann. Ob er gleich durch die ſcandalöſe Adminiſtration der Fortuna zum Hülfs⸗ lehrer verdammt worden war, ſo hatte doch die Schule lediglich durch ſeinen Fleiß und Anſtrengung einen Ruf gewonnen, welchen 85 ſie durch die untergeordneten Fähigkeiten ihres eigentlichen Direk⸗ tors nie erlangt haben würde. Er hatte eine Schulordnung eingeführt, die zwar geregelt, aber keineswegs ſtreng war, und die eingeführten Geſetze waren dem Alter und dem Begriffsvermögen eines jeden Knaben völlig angemeſſen. Jeder Uebertreter ward von ſeinen Pairs gehörig vor Gericht gezo⸗ gen und nach dem Ausſpruch der Geſchwornen beſtraft. Wegen ſei⸗ nes Unfleißes wurde keiner beſtraft; wohl aber wurde der gegenſeitige Wetteifer durch Lob zu rechter Zeit und durch treffende Vergleichun⸗ gen entflammt, auch durch Austheilung geeigneter Preiſe genährt. Letztere wurden denjenigen zuerkannt, die ſich durch Fleiß, Tugend oder Talent hervorgethan hatten. Dieſer Hülfslehrer, Namens Jennings, recognoscirte zuerſt bei Peregrine, ſeiner Maxime gemäß, das Terrain. Er ſtudierte ſeine Gemüthsart, um ſeine Talente und Geſinnungen kennen zu lernen, die bei der bisherigen ungeregelten Erziehung eine verkehrte Rich⸗ tung genommen hatten. Er fand in ihm einen ſtörriſchen Knaben, deſſen Unempfindlichkeit allmählig, durch die lange Reihe Geiſt und Körper abſtumpfender Züchtigungen, bis auf den höchſten Gipfel geſtiegen war. Anfänglich machten die Lobeserhebungen, welche alle übrigen Mitſchüler anſprachen, auf ihn nicht den geringſten Eindruck, und eben ſo wenig vermochten Verweiſe ſeine Ehrbegierde anzu⸗ fachen, die gleichſam in der Gruft der Schande bei ihm begraben lag. Deßwegen nahm der Lehrer ſeine Zuflucht zu einer verächt⸗ lichen Geringſchätzung, mit der er dieſen widerſpenſtigen Geiſt zu dreſſiren gedachte, indem er glaubte, daß der Knabe, wofern er noch einen Funken von Gefühl in ſich hätte, durch dieſe Behandlung Feuer und Flamme werden müßte. Sein Urtheil wurde durch den Erfolg beſtätigt. Der Knabe gerieth bald auf eigene Gedanken. Als er bemerkte, mit welcher Auszeichnung die fleißigen und beſcheidenen Schüler beehrt wurden, fing er an, ſich der verächtlichen Rolle zu ſchämen, die er unter 86 ſeinen Kameraden ſpielte. Er ſah, daß man ſeinen Umgang mied, und das wurmte ihm. Jennings bemerkte dieß, und freute ſich, daß es ihn kränke. Er ließ dieſen Kummer ſo weit bei ihm Platz greifen, als er ſeiner Geſundheit nicht ſchaden konnte. Der Knabe verlor alle Luſt an Speiſe und Trank und ſelbſt am Spielz er ward nachdenkend und blieb immer für ſich, ja man fand ihn oft in Thränen. Dieſe Symptome waren der deutlichſte Beweis, daß er ſein Gefühl wieder erlangt hatte, und der Lehrer hielt es jetzt für gerathen, davon Ge⸗ brauch zu machen. Er änderte ſtufenweiſe ſein Benehmen gegen ihnz ſeine angenommene Gleichgültigkeit wich allmählig, und mehr Ach⸗ tung und Aufmerkſamkeit traten an die Stelle der erſtern. Dieß brachte bei dem Knaben eine vortheilhafte Veränderung hervor. Seine Augen leuchteten von innigem Vergnügen, als ſein Lehrer eines Tages ſich gegen ihn, mit anſcheinendem Erſtaunen, in die Worte auslies:„So recht, Peregrine! Es fehlt Ihm, wie ich wohl ſehe, nicht an guten Talenten, wenn Er ſie nur anwenden will.“ Solche Anfeuerungen entzündeten den Geiſt des Wetteifers in ſeiner klei⸗ nen Bruſt. Er raffte ſich mit einer überraſchenden Munterkeit auf, durch welche er bald den Vorwurf der Trägheit von ſich abwälzte, und zum Zeichen ſeiner guten Applikation diperſe Ehrenpfennige erhielt. Seine Schulkameraden ſuchten ihn jetzt in demſelben Grade, in welchem ſie ihn vorher vermieden hatten, und in weniger denn zwölf Monaten nach ſeiner Ankunft war dieſer ſupponirte Duns ein Sirius, der alle andern Sterne überſtrahlte. Er hatte in dieſer kurzen Zeit engliſch leſen lernen, große Progreſſe im Schreiben gemacht, kam mit dem Franzöſiſchſprechen ohne alles Hä⸗ ſitiren fort, und hatte ſich gute Kenntniſſe in den Elementen der lateiniſchen Sprache erworben. Der Lehrer ermangelte nicht, dem Commodore von den Fortſchritten ſeines Reffen Nachricht zu geben, welcher ſolche mit großer Freude aufnahm und nicht unterließ, dieſe gute Zeitung den Eltern mitzutheilen. 87 Sir Gamaliel Pickle, der nie heftigen Gemüthsbewegungen un⸗ terworfen war, vernahm dieſe Nachricht mit einer Art von phlegma⸗ tiſcher Befriedigung, die ſich kaum in ſeinen Geberden oder Worten offenbarte. Selbſt die Mutter des Kindes brach nicht in jene ent⸗ zückte Verwunderung aus, die man von ihr hätte erwarten ſollen, als ſie hörte, wie weit die Talente ihres Erſtgebornen alle Hoffnun⸗ gen ihrer glühendſten Einbildungskraft übertroffen hätten. Aller⸗ dings bezeugte ſie über Peregrine's reputirliche Aufführung ihre Zufriedenheit, wobei ſie jedoch zugleich bemerkte, die Herren Schul⸗ lehrer übertrieben auch in eigenem Intereſſe in dergleichen Fällen die Wahrheit, und hinzufügte, ſie wundere ſich, daß Jennings ſeinen Lobeserhebungen keinen größern Schein von Wahrſcheinlichkeit bei⸗ gemiſcht hätte. Ihre Indifferenz und ihr Mißtrauen verdroßen Trunnion, und indem er glaubte, daß ſie zu ſehr die Krittlerin ſpiele, ſchwur er, daß Jennings die reine Wahrheit geſagt habe. Er ſelbſt hätte ja von Anfang an prophezeiht, der Junge würde noch der Stolz ſeiner Familie werden. Doch mittlerweile war Miſtriß Pickle mit einer Tochter geſeg⸗ net worden, die ſie etwa ein halbes Jahr vor dem Eintreffen des bereits gedachten Schulzeugniſſes zur Welt geboren hatte, ſo daß Peregrine's Lob, da ihre Sorge und Neigung ſchon anderweitig in Anſpruch genommen war, weniger Eindruck auf ſie machte. Die Abnahme ihrer mütterlichen Zärtlichkeit wirkte inzwiſchen ſehr vor⸗ theilhaft auf ſeine Erziehung; denn durch Nachſicht und unzeitige Einmiſchung würde dieſelbe vielleicht gehemmt oder wohl gar ver⸗ derbt worden ſeyn, wenn ihre Liebe ihn als ihr einziges Kind be⸗ trachtet hätte. Jetzt hingegen, da ſie ein anderer Gegenſtand be⸗ ſchäftigte, der wenigſtens die eine Hälfte ihrer Zuneigung beſaß, war Peregrine dem Lehrer völlig überlaſſen, der ohne Hinderniſſe und Unterbrechung ganz nach ſeinem Plane mit ihm verfuhr. Wirklich mußte Jennings alle Ein⸗ und Umſicht aufbieten, 88 um den Knaben im Zaum zu halten. Denn als er ſeinen Neben⸗ buhlern in den Wiſſenſchaften die Palme entriſſen hatte, ging ſein Ehrgeiz weiter. Es befiel ihn ein mächtiger Drang, die ganze Schule der Tapferkeit ſeines Armes zu unterwerfen. Ehe ihm dieß gelang, wurden unzählige Schlachten mit verſchiedenem Kriegsglück durchgefochten. Es gab jeden Tag blutige Naſen, und von allen Seiten wurden Klagen gegen ihn erhoben; und gemeiniglich trug ſeine eigene Viſage einige liquide Merkzeichen eines obſtinaten Kampfes. Endlich gelangte er doch an das gewünſchte Ziel. Seine Gegner wurden unterſucht, ſeine Tapferkeit anerkannt, und er erhielt den Lorbeer der Tapferkeit und des Witzes. Dieſer Triumph be⸗ rauſchte ihn. Sein Stolz thürmte ſich auf im Verhältniß zu ſeiner Macht, und trotz aller Anſtrengungen des Maſter Jennings, der jede Methode prakticirte, um ſeine ercentriſche Aufführung zu bän⸗ digen, ohne dabei ſeinen Spiritus zu deprimiren, erwarb er ſich eine ſolche Doſis von Uebermuth, daß eine lange Kette von Widerwär⸗ tigkeiten, die ihn nachher trafen, denſelben in der That kaum zu zähmen vermochte. Demungeachtet lag ein Fundament von Edel⸗ muth und Generoſität in ſeinem ganzen Weſen, und wiewohl er über ſeine Kameraden eine unumſchränkte, oft tyranniſche Gewalt übte, ſo ward dennoch die Tranquillität ſeines Reichs mehr durch die Liebe, als durch die Furcht ſeiner Unterthanen erhalten. Mitten in dem Genuß ſeines Dominiums verletzte er nie die Ehrerbietung, welche ihm der Unterlehrer einzuflößen gewußt hatte. Doch vor dem Oberlehrer und Direktor konnte er nicht die geringſte Achtung haben. Der Letztere war ein alter, ungelehrter, niederlän⸗ diſcher Quackſalber, der zuvor Standesperſonen die Hühneraugen operirte, und den Damen kosmetiſche Waſſer, allerhand Zahnpulver, Tinkturen, um die Haare zu färben, fruchtbar machende Eliriere, und Latwergen, dem Athem Odorescenz zu Wege zu bringen, ver⸗ kauft hatte. Vermittelſt dieſer Arkana und der von ihm wohl erlernten Kunſt der Speichelleckerei hatte er ſich bei Leuten von Ton 89 ſo beliebt zu machen gewußt, daß es ihm glückte, eine Schule von fünf und zwanzig Knaben aus den beſten Häuſern zu errichten. Er beköſtigte ſie für einen beliebigen Preis, und übernahm es, ſie im Franzöſiſchen und Lateiniſchen ſo weit zu bringen, daß ſie ſich für die Schulen in Weſtminſter und Eaton qualificirten. Während ſein Plan noch in der Kindheit lag, hatte er das Glück, mit Jennings bekannt zu werden, welcher, nothgedrungen, für das Spottgeld von dreißig Pfund jährlich, die ganze Laſt des Inſtituts auf ſeine Schultern nahm. Dieſer entwarf zu dem Ende einen vortrefflichen Plan, und führte ihn mittelſt ſeiner Betriebſam⸗ keit und Kenntniſſe bis in die kleinſten Theile zur größten Befriedi⸗ gung aller Betheiligten aus, obwohl, beiläufig zu bemerken, ſeiner dabei weiter nicht gedacht ward, ſondern ein Anderer die Früchte ſeiner Arbeitſamkeit und ſeines Geiſtes ungeſtört genoß. Außer einer ſtarken Doſis Geiz, Unwiſſenheit und Eitelkeit hatte dieſer Oberlehrer auch gewiſſe körperliche Eigenſchaften, die ihn gleichfalls lächerlich machten, exempli gratia einen Buckel und diverſe ver⸗ drehte Gliedmaßen. Jenes, ſo wie dieſe reizten Peregrine's ſaty⸗ riſche Ader, da ihn, ſo jung er war, des Charlatans Unehrerbietigkeit gegen den Unterlehrer ſehr verdroß. Jenes lächerliche Geſchöpf haſchte bisweilen nach Gelegenheiten, ſeine Autorität über dieſen Mann an den Tag zu legen, damit die Zöglinge ihre Ehrerbietung nicht etwa am unrechten Orte anbringen möchten. Dadurch zog ſich Maſter Keypſtick, wie er ſo eben beſchriehen wurde, die Verachtung und das Mißbehagen des Schülers Peregrine Pickle zu, der jetzt zehn Jahre zählte und Fähigkeiten genug hatte, ihn weidlich zu plagen. 90 Dreizehntes Kapitel. Peregrine übt ſeine Talente auf Kehpſticks Koſten. Da deſſen Ruf und Anſtält zu ſinken anfangen, bittet er, von ihm genommen zu werden. Da ſich der Niederländer für einen gelehrten Mann ausgab und bei allen möglichen Gelegenheiten mit ſeinen Kenntniſſen prun⸗ ken wollte, indem er die jungen Knaben in den Rudimenten der Grammatik examinirte, die er ſelbſt mühſam eingelernt hatte, ſo pflegte Peregrine, der ſchon bis zum Cornelius Nepos gekommen war, ihn durch öftere Fragen zu martern und ganz in die Enge zu treiben. Er bat ihn oft um Erklärung gewiſſer Stellen in dieſem Autor, wenn der Unterlehrer andere Geſchäfte hatte. In ſolchen Fällen machte er tauſenderlei Ausflüchte, um ſeine Blöße zu bergen; bisweilen ſchimpfte er auf den Knaben, daß er ihn in ſeinen tiefen Meditationen geſtört habe. Ein anderes Mal klagte er über ſeine Kurzſichtigkeit, welche es ihm erſchwere, die be⸗ treffende Stelle genau zu unterſuchen; und bisweilen verwies er ihn zum Lerikon, zur Strafe, daß er auf die Conſtruktion nicht beſſer Acht gegeben habe. Trotz allen dieſen Ausflüchten wurde er jedoch von ſeinem Peiniger mit ſolcher Beharrlichkeit verfolgt, daß er kein anderes Mittel mehr fand, ihm auszuweichen, als daß er ein drin⸗ gendes Geſchäft vorſchützte, und plötzlich das Zimmer verließ. Wenn nun Peregrine und ſeinen Kameraden Keypſticks Gegenwart läſtig war, nahmen ſie zu dieſem Hülfsmittel ihre Zuflucht. Dieß erman⸗ gelte nie, ihn augenblicklich zu vertreiben. Nicht damit zufrieden, ihn vor ſeinen Schülern auf dieſe Art lächerlich gemacht zu haben, übte der durchtriebene Schalk ſeine Er⸗ findungsgabe in mancherlei Ränken, um ihn zu plagen, zu beun⸗ ruhigen und dem Spott preiszugeben, aus. Der Schulpedant war ſich ſeiner unſcheinlichen Geſtalt und der Mißverhältniſſe ſeines Körpers bewußt, und darum brauchte er alle 9¹ Hülfsmittel der Kunſt und der Geſchicklichkeit, um ſeiner Statur nachzuhelfen und ſich ſo gut als möglich zu dem gewöhnlichen Maß⸗ ſtabe der Natur zu erheben. Er trug zu dem Ende Schuhe mit drei Zoll hohen Abſätzen, ſtolzirte wie ein Pfau umher und hielt ſeinen Kopf mit ſolcher Muskelanſtreigung empor, daß es ihm wegen der unnatürlichen Erhöhung der unmöglich fiel, auf die Erde zu ſehen. Dieſe Geckerei benützte Peregrine und ſtreute ihm Pyuenſchchen in den Weg. Trat er nun von ungefähr darauf, ſo glitſchten ſeine Abſätze unter ihm aus, ſein Hügel berührte den Boden, und ſein Hauptſchmuck fiel durch dieſe Erſchütterung ab. Dieß gab denn den Zuſchauern ein gar poſſirliches Schauſpiel. Pickle ergriff überdieß alle paſſende Gelegenheiten, Keypſticken große Nadeln in die Bein⸗ kleider zu ſtecken. Wenn er ſich nun in voller Haſt des Aergers niederſetzte, ſo drangen die Nadeln in ſeine Poſtériora und nöthig⸗ ten ihn, alsbald wieder aufzuſpringen und vor Schmerz laut auf⸗ zuſchreien. Ja, da unſer junger Herr bemerkte, daß ſein Alter in der Haushaltung ſchrecklich knickerte, ſo verdarb er ihm manche treff⸗ liche Bouillon, indem er Hände voll Salz oder Ruß hineinwarf. Er ſchlug ſogar verſchiedenen Hühnern Nadeln in die Köpfe, damit Keypſtick durch ihr plötzliches Sterben auf den Gedanken geriethe, es graſſire eine Seuche unter ſeinem Federvieh, und es daher unter der Hälfte ſeines Werthes verkaufte. Die Erinnerung an verſchiedene kränkende Späße, die man ni ihm getrieben hatte, flößte Keypſticken einen unedelmüthigen Ver⸗ dacht gegen Maſter Jennings ein. Er kam auf den Argwohn, dieſer Mann ſey der Urheber aller ihm bisher geſpielten Stückchen gewe⸗ ſen und habe den Geiſt der Rebellion in der Schule angefacht, um ſich ſelbſt unabhängig zu machen. Von dieſer Chimäre ergriffen, ließ der Niederländer ſich ſo weit herab, daß er insgeheim die Kna⸗ ben auf ſeine Seite zu bringen ſuchte, durch die er manche wichtige Mittheilung zu bekommen hoffte. Allein hierin täuſchte er ſich; 92 und da ſein unwürdiges Verfahren dem Hülfslehrer zu Ohren kam, ſo entſagte dieſer ſeinem Amte freiwillig, und fand es für gut, ſich ordiniren zu laſſen. Bald nachher verließ er England, in der Hoff⸗ nung, auf irgend einer amerikaniſchen Pflanzung ein Unterkommen zu finden. Der Abgang dieſes Mannes brachte in Keypſtiks Erziehungs⸗ anſtalt die größte Verwirrung hervor. Sie nahm von dem Augen⸗ blick an ab, weil er weder Autorität genug beſaß, Gehorſam zu erzwingen, noch Umſicht genug, ſeine Zöglinge im Zaum zu halten. Auf dieſe Art entſtand Anarchie und Unordnung in der Schule. Keypſtik verlor das Zutrauen der Eltern; ſie nahmen die Zöglinge aus ſeiner Aufſicht weg, weil ſie meinten, der Mann ſey zum Er⸗ ziehungsgeſchäft zu alt geworden. Als Peregrine ſah, daß ſich die ganze Geſellſchaft auflöſen würde, und er ſich täglich des einen oder andern ſeiner Kameraden beraubt fand, ſo ward ihm allgemach ſeine Lage unleidlich, und er beſchloß, wo möglich ſich von der Gerichtsbarkeit eines Mannes zu befreien, den er eben ſo ſehr verabſcheute als verachtete. In dieſer Abſicht legte er Hand an das Werk, und verfaßte an den Commodore, als erſte Probe ſeines Briefſtyls, folgendes Billet: Hochzuverehrender und werthgeſchätzter Herr Oheim! In der Hoffnung, daß Sie ſich wohl befinden werden, diene Ihnen hiemit zur Nachricht, daß Maſter Jennings abgegangen iſt, und daß es bei Maſter Keypſtik Niemand aushalten kann. Die Schule hat ſich faſt gänzlich aufgelöst, denn von dem Reſte der Schüler gehen täglich mehrere ab. Um aller Ihrer Liebe willen zu mir bitte ich Sie, mich auch wegzunehmen, denn ich kann nicht länger bei einem Manne bleiben, ven ich für einen der größten Ignoranten halten muß, weil er nicht einmal mensa decliniren kann. Er würde weit beſſer zu einer Vogelſcheuche als zum Vorſteher einer Erziehungsanſtalt paſſen. Ich hoffe, Sie werden mich bald abholen laſſen. So viel für diesmal, lieber Herr Onkel! Mit Verſicherung 93 meiner größten Hochachtung gegen meine Tante und meiner tiefſten Verehrung gegen meine Eltern, die ich, ſo wie Sie, und meine Tante um Ihren Segen bitte, bin ich Hochzuverehrender Herr Onkel Ihr ganz gehorſamſter Neffe und Pathe, und bis in den Tod ergebener Diener, Peregrine Pickle. Trunnion hatte über dieſen Brief die größte Freude, weil er ihn für einen der größten Beweiſe des menſchlichen Genie's anſah. Als einen ſolchen theilte er ihn ſeiner Gemahlin mit, die er dadurch mitten in ihrer Andacht ſtörte, indem er einen Boten in ihr Kabinet ſchickte, in welches ſie ſich öfters zurückzuziehen pflegte. Sie war wegen dieſer Unterbrechung übel zu ſprechen, und nahm daher dieſen Beweis von ihres Neffen Verſtande nicht mit allem dem Behagen auf, das der Commodore daran gefunden hatte. Vielmehr machte ſie, nach einigen paralitiſchen Verſuchen zu reden(denn ihre Zunge verſagte ihr bisweilen den Dienſt), die Bemerkung, der Junge müſſe ein un⸗ verſchämter Bengel ſeyn, welcher derbe Züchtigung dafür verdiene, daß er ſo wenig Hochachtung gegen ſeine Vorgeſetzten zeige. Der Commodore vertheidigte ſeinen Pathen, indem er mit großer Wärme vorſtellte, wie er den Keypſtik als einen nichtsnutzigen, kuppleriſchen, alten Buben kenne, und Peregrine ſo viel Kopf und geſunden Ver⸗ ſtand verriethe, daß er nicht länger unter ſeinem Commando ſtehen wolle. Dabei erklärte er: Peregrine ſolle nicht eine Woche länger bei dem hundsföttiſchen Kratzfüßler bleiben, welche Erklärung er durch eine Menge von Schwüren ſanktivnirte. Madame Trunnion zog ihr Geſicht in heilig ehrbare Falten, verwies ihm ſeine Läſterreden, und fragte in gebieteriſchem Tone, ob er denn nie ſein brutales Weſen ablegen würde? Erzürnt über dieſen Vorwurf, antwortete er voll Unwillens: er wüßte ſich eben ſo gut zu benehmen, als irgend ein Weib, das mit einem Kopf zwiſchen den Schultern einherginge; ſie möchte ſich nur um ihre eigenen An⸗ 94 gelegenheiten bekünmern, und gab ihr mit wiederholten Flüchen und Schwüren zu verſtehen, daß er Herr im Hauſe ſey. Dieſe Andeutung wirkte auf das Gemüth der Dame, wie das Reiben an einer Glaskugel. Ihr Geſicht glühte vor Aerger, und aus allen ihren Poren ſchienen Feuerfunken zu ſprühen. Sie ergoß ſich in eine unglaubliche Fluth der bitterſten Ausdrücke. Der Herr Gemahl ließ dagegen ſeinen Grimm in abgebrochenen Winken und unzuſammenhängenden Flüchen und Schwüren aus. Sie hob darauf wieder mit verdoppelter Wuth an, ihm den Text zu leſen. Endlich ſah er ſich genöthigt, die Flucht zu ergreifen, indem er eine Ladung Flüche ausſtieß, und etwas von Branntweinflaſche murmelte, doch ſich ſehr in Acht nahm, daß es ihre Ohren nicht erreichte. Sofort begab ſich der Commodore zu Miſtriß Pickle, welcher er Peregrine's Brief mit vielen Lobeserhebungen über die vielver⸗ ſprechenden Talente des Knaben vorlegte; und wie er ſah, daß dieſes Alles kalt aufgenommen wurde, bat er ſie um die Erlaubniß, für ſeinen Neffen ſelbſt ſorgen zu dürfen. Die Familie der Dame hatte ſich indeſſen um einen Sohn ver⸗ mehrt, der jetzt ihre ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. Un⸗ ſern Peregrine hatte ſie in vollen vier Jahren nicht geſehen, und war hinſichtlich deſſelben von der Schwachheit vollkommen geheilt worden, die man mütterliche Zärtlichkeit zu nennen pflegt. Sie bewilligte daher mit der größten Herablaſſung das Geſuch des Com⸗ modore, indem ſie ihm zugleich ein feines Kompliment über den Eifer machte, den er ſtets für die Wohlfahrt des Knaben bewieſen hatte. 95 Vierzehntes Kapitel. Der Commodore nimmt Peregrine unter ſeine eigene Obhut. Wie es in dieſer Situation mit ihm weiter geht. Nachdem Trunnion dieſe Erlaubniß erhalten hatte, ſendete er noch an demſelben Nachmittag den Lieutenant in einer Poſtchaiſe nach Keypſtiks Hauſe, von wo dieſer ſchon nach zwei Tagen mit dem jungen Helden zurückkehrte. Er ſtand gerade im eilften Lebens⸗ jahre, hatte die Erwartung ſeiner ganzen Familie übertroffen und war remarkabel durch die Schönheit und Artigkeit ſeiner äußern Perſon. Sein Pathe war bei ſeiner Ankunft ſo entzückt über ihn, als wäre dieſer Junge ein Produkt ſeiner eigenen Lenden geweſen. Er ſchüttelte ihm herzlich die Hand, drehte ihn rund um, beſah ihn vom Kiel bis zum Maſt, machte Hatchway auf ſeinen ſtattlichen Körperbau aufmerkſam, drückte ihm wieder die Hand und rief aus: „Ich denke, Du verdammter Hund, machſt Dir aus ſo'nem bau⸗ fälligen Pezenſohn ſo wenig als aus'nem Stück Tau. Du haſt vergeſſen, wie ich Dich auf meinen Knieen ſchaukelte un' mit Dir dahlte, als Du noch ſo'n kleiner Pips warſt, wie David; wie Du mir tauſenderlei Poſſen ſpielteſt, mir meinen Tabaksbeutel in's Kamin warfſt un' meinen Rum vergifteteſt. Du Wetterbube, lachſt Du noch darüber? Gelt, Du haſt doch mehr gelernt als Buchſtaben machen, un' lateiniſch plappern?“ Sogar Tom Pips äußerte bei dieſer freudigen Gelegenheit ungewöhnliches Behagen, ſo daß er auf Pere⸗ grinen losging, ihm ſeine Vordertatze hinſtreckte, und ihn mit den Worten begrüßte:„Nu' wie geht's, Junkerchen? Es freut mich herzlich, Dich wieder zu ſehen!“— Als dieſe Complimente vorüber waren, hinkte der Oheim nach dem Zimmer ſeiner Frau, und ſchrie in daſſelbe hinein:„Hier is Euer Vetter Peregrine, ich glaube, Ihr wollt nicht nmal kommen, um'n willkommen zu heißen.“—„Mein Gott! 96 Sir Trunnion,“ ſagte ſie,„wollen Sie mich denn beſtändig quälen? Sich mir immer ſo zur Unzeit aufdringen?“—„Ich Euch quälen?“ verſetzte der Commodore:„Ich globe, es ſpuckt in Eurem Oberlof. Wollt Euch nur melden, daß Euer Vetter hier iſt, den Ihr ſeit vier lieben langen Jahren nicht geſehen habt. Ich will ewig ver⸗ dammt ſin, wo's in all' den Beſitzungen des Königs, ſeht Ihr,'nen Knaben von ſeinem Alter gibt, der ſo ſchmuck oder ſo'n muthiger Hund wäre. Er macht ſeinem Namen Ehre, ſeht'r. Ich will ver⸗ flucht ſin, wo ich nur noch En Wort drüber verliere. Wollt'r kommen, ſo is es gut, wo nich', ſo laßt's bleiben!“—„Nun gut, ſo will ich nicht,“ erwiederte ſeine Gemahlin.„Ich habe jetzt ange⸗ nehmere Beſchäftigungen.“—„Hoho! habt Ihr? Ich kann mir's wohl denken!“ rief der Commodore, verzerrte dabei das Geſicht und machte dabei die Geberde eines Branntweintrinkenden. Sodann wandte er ſich zu Hatchway und ſagte:„Ich bitt' Dich, Jack, ver⸗ ſuch'nmal Deine Kunſt an dem hartnäckigen alten Rumpf! wenn ihn Jemand fortbringen kann, ſo biſt Du's.“ Der Lieutenant nahm demzufolge ſeine Station an der Thüre, und ſuchte ſie auf folgende Art zu überreden:„Wie? wollen Sie nicht herauskommen und den kleinen Peregrine uf gut ſeemänniſch begrüßen? Es wird Ihrem Herzen recht wohl thun, ſo'nen ſchmucken jungen Kerl zu ſehen. Ich bin überzengt, er iſt Ihr wahres Eben⸗ bild an Zucht und Ehrbarkeit und Gottſeligkeit; und er ſieht ſo aus, als wär' er Ihnen aus den Augen geſchnitten, wie man zu ſagen pflegt. Bezeigen Sie doch ein wenig Achtung gegen Ihren Anverwandten! Können Sie nicht?“ Auf dieſe Vorſtellung verſetzte ſie mit ſanftem Tone:„Theurer Maſter Hatchway, Sie wiſſen einen immer bei der ſchwachen Seite zu faſſen. Gewiß kann Niemand mich der Unfreundlichkeit oder des Mangels an natürlicher Zuneigung zeihen.“ Bei dieſen Worten öffnete ſie die Thür, trat in den Saal, in welchem ihr Neffe ſtand, empfing ihn freundlich, und be⸗ merkte, daß er das leibhafte Ebenbild ihres Vaters ſey. 97 Nachmittags ward er von dem Commodore in ſein elterliches Haus geführt, und, ſeltſam! kaum erblickte ihn ſeine Mutter, ſo verwandelte ſich ihr Geſicht; ſie ſah ihn mit Anzeichen der Beküm⸗ merniß und des Erſtaunens an, brach in Thränen aus, und rief: „Mein älteſter Sohn iſt todt, und dieſer hier iſt ein untergeſcho⸗ bener Knabe, mit welchem man meinen Schmerz betrügen will.“ Den Trunnion ſetzte dieſe unerklärbare Leidenſchaft, die bloßen Eigenſinn und eine ſeltſame Grille zum Grunde hatte, ganz außer ſich; und Gamaliel ſelbſt ward ſo unſicher in ſeinem jetzt wankenden Glauben, daß er nicht wußte, wie er ſich gegen den Knaben beneh⸗ men ſollte, den ſein Oheim ſofort wieder mit in's Caſtell nahm, und Stein und Bein darauf ſchwor, wenn's nach ſeinem Kopfe ginge, ſo ſolle der Knabe nie wieder über ſeine Schwelle kommen. Ja, ſein Zorn über dieſe unnatürliche und abgeſchmackte Verleugnung ging ſo weit, daß er keinen weitern Umgang mit Pickle mehr haben wollte. Endlich beſänftigte ihn dieſer wieder durch anhaltendes Bitten, durch Devotion und dadurch, daß er Peregrine für ſeinen Sohn und Erben erkannte. Doch geſchah dieß heimlich ohne Mit⸗ wiſſen ſeiner Frau; denn er mußte ſich ſtellen, als ob er ihre ver⸗ dammenswerthe Abneigung theilte. So aus ſeinem väterlichen Hauſe verbannt, ſah ſich der junge Pickle ganz der Willkür des Commodore überlaſſen, deſſen Liebe zu ihm täglich in ſolchem Grade wuchs, daß er ſich kaum in ſo weit von dem Jungen trennen konnte, als ſeine Etziehung es ſchlechterdings erforderte, daß andere Verfügungen mit ihm getroffen wurden. Wahrſcheinlich wurde dieſe außerordentliche Anhänglichkeit an ihn durch Peregrine's beſondere Geiſtesrichtung wo nicht erzengt, doch mindeſtens geſteigert. Wir haben derſelben bereits gedacht; und während ſeines Aufenthalts in der Garniſon zeigte ſie ſich in verſchiedenen Ränken, die er unter Hatchway's Beihülfe in das Werk ſetzte. Dieſer ſtand ihm in Erfindung und Ausführung aller ſeiner Plane zur Seite. Auch Pips hatte an dieſen Unternehmun⸗ Smollet's Romane. VII. 7 98 gen ſeinen Antheil; denn als ein anhänglicher, in ſolchen Fällen nicht ungewandter, ihnen ergebener Burſche qualificirte er ſich für ſie zu einem trefflichen Werkzeuge. Pips beſaß von Natur ein un⸗ gemeines Genie, Mißtöne hervorzubringen. Exempli gratia konnte er auf's Haar die Töne nachahmen, welche das Herumdrehen eines Bratſpießes, das Geräuſch einer Säge und das Klappern der Gebeine eines in Ketten aufgehängten Miſſethäters erzengt. Er konnte Yah ſchreien wie ein Eſel, konnte krächzen wie eine Nachteule, miauen wie ein Kater in der Begattungszeit, heulen wie ein Hund, quicken wie ein Spanferkel, krähen wie ein Hahn, und den Indiern in Nordamerika hatte er ihr gewohntes Kriegsgeheul abgelernt. Von allen dieſen Fertigkeiten machte er nach und nach zu verſchiedenen Zeiten und an verſchiedenen Orten Gebrauch. Miſtriß Trunnion entſetzte ſich darüber nicht wenig, ſelbſt der Commodore ſtutzte, und alle Domeſtiken im Schloſſe geriethen in Angſt. Peregrine tummelte ſich, mit einem Hemde über ſeinen Kleidern, unterdeſſen in der Dämmerung vor ſeiner Baſe herum, wenn ihre Sehwerkzeuge durch zu fleißiges Nippen aus der Cognarflaſche etwas geſchwächt waren; und der Bootsmann lehrte ihn Katzen mit Wall⸗ nußſchaalen beſchuhen, die dann bei ihren nächtlichen Streifereien einen Teufelslärm verurſachten. Miſtriß Trunnion ward durch alle dieſe Beunruhigungen nicht wenig in Verlegenheit geſetzt. Sie hielt ſie für Vorboten des Todes von einer der Hauptperſonen aus der Familis; deßhalb verdoppelte ſie ihre Religionsübungen und ſtärkte ihre Lebensgeiſter mit friſchen Gnadenſtrömen. Ja, ſie fing an zu bemerken, daß Sir Trunnions Leibeskonſtitution bedeutend abnehme, und ſchien es ungern zu vernehmen, wenn die Leute ſagten, er habe in ſeinem ganzen Leben noch nie beſſer ausgeſehen. Nach dieſen Huſarenkriegen formirte des Triumvirats Geſchick⸗ lichkeit eine förmliche Attake auf Miſtriß Trunnion. Peregrine entwandte aus deren Schlafzimmer ein gewiſſes Hausgeräth, und der dienſtbare Geiſt, Tom, bohrte in den Boden dieſes Gefäßes ver⸗ 4* 99 ſchiedene Löcher. Pickle ſetzte es ſodann wieder in ein beſonderes Behältniß neben dem Bette, worin es zu mitternächtigem Gebrauch aufbewahrt wurde. Die gute Dame hatte gerade dieſen Abend ihrem Kabinette einige außerordentliche Beſuche abgelegt. Dieſe Andachtsübungen pflegten jederzeit in ihrem Körper eine treibende Kraft zu bewirken. Kaum war ſie daher mit ihrem Gemahl im Bette warm geworden, als ſie es für rathſam fand, ihre Hand aus⸗ zuſtrecken, und das beſagte Geſchirr unter die Bettdecke zu nehmen. Jetzt that Peregrine's Schelmerei ſeine Wirkung. Der Commodore, der ſich eben zum Schlafen zurecht gelegt hatte, ward ſogleich durch eine ſeltſame Empfindung auf ſeiner rechten Schulter beunruhigt. Es ſchien etwas Warmes in verſchiedenen Strömen von ihr herab⸗ zufließen. Er hatte nicht ſobald bemerkt, was es für ein Schauer war, der ihn in einem Augenblick vom Kopf bis zu Fuß benetzt hatte, als er ausrief:„Alle Wetter! ich bin flott!“ Er ſprang aus dem Bett und fragte mit großer Bitterfeit: ob ſie durch eine Gießkanne gepißt hätte? Eben ſo beſtürzt als beleidigt durch dieſe unanſtändige Frage, begann ſie, ihm eine Vorleſung über ſeinen großen Mangel an Ehr⸗ erbietung, wofür ſie es hielt, aufzutiſchen, als ſie den Quell ſeines Mißvergnügens gewahrte. Sie verſtummte mitten in dem erſten Redeſatz, und erhob nach einer kurzen Pauſe des Erſtaunens ein lautes Angſtgeheul. Das Bett zu überziehen war äußerſt nothwendig. Sie ſtand daher mit großem Widerwillen auf, und riß heftig an der Klingel. Als die Magd hereintrat, zeigte ihr die Miſtriß den neumodiſchen Durchſchlag, und drohte mit manchen zornigen Ausdrücken, ihr den⸗ ſelben auf dem Kopfe in tauſend Stücke zu zerſchlagen. Die Dirne war von dieſem Phänomen wie vom Donner gerührt. Sie konnte eine ganze Zeit lang ihren Mund zu ihrer Vertheidigung nicht öffnen. Endlich betheuerte ſie: ſie ſey ſo unſchuldig wie ein Kind im Mutterleibe; das Geſchirr ſey ganz unverſehrt geweſen, wie ſie — 100 es Nachmittags ausgeſpült habe.— Folglich fiel Miſtriß Trunnions Verdacht auf Peregrine, gegen den ſie manche Drohungen und An⸗ züglichkeiten ausſtieß. Doch ſchämte ſie ſich nachher, ihren Zorn darüber zu äußern. Inzwiſchen ſah ſie ſich genöthigt, ihr Nachtlager in einem andern Zimmer aufzuſchlagen. Trunnion indeß, dem der gegenwärtige unangenehme Fall zuerſt ein anſehnliches Rudel von Flüchen und Schwüren abgepreßt hatte, konnte ſich nachher des Lachens über dieſes Abenteuer nicht erwehren. Peregrine und ſeine Verbündeten frohlockten insgeheim, daß ſie die beiden Leutchen in eine ſo lächerliche Verlegenheit geſetzt und ihnen einen ſo poſſirlichen Schreck eingejagt hatten. Da dieſer Streich den Verbündeten ſo ungeſtraft hingegangen war, vollführten ſie einen andern, der bei einem Haar ſehr tragiſche Folgen hätte haben können. Die öfteren Beſuche, welche Miſtriß Trunnion ihrem Kabinette abſtattete, worin ihr einziger Troſt hie⸗ nieden befindlich war, veranlaßten dies Triumvirat mit dazu. Sie fanden eine Gelegenheit aus, in eine ihrer wohlverwahrten Flaſchen eine Portion Jalappe zu ſchütten, und da die Dame von dieſer Arznei eine ſo reichliche Doſis zu ſich nahm, daß ihr Körper der Heftigkeit der Wirkung derſelben beinahe erlag, ſo erfolgte Ohn⸗ macht, und ſie wankte dicht am Rande des Grabes, trotz all' der Rezepte, welche ein Doktor vorgeſchrieben hatte, den man gleich beim Beginn ihrer Unpäßlichkeit zu Rathe gezogen. Nachdem dieſer die Symptome unterſucht hatte, erklärte er, die Patientin ſey mit Arſenik vergiftet worden. Er verſchrieb deß⸗ halb ölige Mittel und ſchmeidigmachende Einſpritzungen, um die innern Magenhäute und die Eingeweide von den ätzenden Pattikeln jenes verderblichen Minerals rein zu waſchen, indem er zugleich mit einem unendlichen Scharfblick den Wink fallen ließ, es ſey gar nicht ſchwer, das ganze Geheimniß zu durchſchauen. Er ſtellte ſich, als beklagte er die gute Dame, daß ſie mehreren Angriffen der Art ausgeſetzt ſey. Hiebei ſchielte der dienſtfertige Sohn Aeskulaps auf den Commodore, 101 den er für den Urheber dieſer That hielt, um eine Frau los zu werden, für die er bekanntermaßen keine ſonderliche Zuneigung ge⸗ hegt hatte. Dieſe freche und boshafte Andeutung machte auf die Umſtehenden einigen Eindruck und öffnete der Verläumdung ein weites Feld. Trunnions Charakter ward durch deren Gift beſpritzt und er in der ganzen umliegenden Gegend als ein Ungeheuer von Unmenſchlichkeit dargeſtellt. Die Patientin ſelbſt, ſo klug, ſo ſehr dem Wohlſtande gemäß ſie ſich auch bei der Sache benahm, konnte ſich doch eines kleinen Mißtrauens gegen ihren Gemahl nicht erweh⸗ ren; nicht, daß ſie ſich etwa einbildete, er habe es auf ihr Leben abgeſehen, ſondern ſie glaubte, er habe ſich die Mühe genommen, ihren Branntwein zu verfälſchen, in der Abſicht, ihr dieſen zuwider zu machen, weil er ihr Lieblingsgetränk war. In dieſer Voraus⸗ ſetzung beſchloß ſie, ferner vorſichtiger zu Werke zu gehen, ohne die Sache weiter zu unterſuchen. Der Commodore ſchrieb indeß dieſe Unpäßlichkeit einem natürlichen Grunde zu, und dachte gar nicht weiter daran, als die Gefahr vorüber war. Auf dieſe Art kamen die Thäter dießmal mit der bloßen Furcht davon. Der ganze Her⸗ gang wirkte aber ſo kräftig auf ſie, daß ſie einen ähnlichen kurz⸗ weiligen Streich nie wieder wagen wollten. Fünfzehntes Kapitel. Das Triumvirat lenkt den Strom ſeines Witzes gegen den Com⸗ modore. Jetzt lenkten ſie die Pfeile ihres Witzes auf den Commodore ſelbſt, welchen ſie plagten und ſchreckten, daß ihm faſt die Sinne 102 vergingen. Eines Tags, als er bei Tiſche ſaß, kam Pips und ſagte ihm, es wäre Jemand unten, der ihn ſogleich zu ſprechen wünſchte, weil er in einer höchſt dringenden Angelegenheit gekommen ſey. Trunnion ließ dem Fremden hinunter ſagen, er habe zu thun; er ſolle ihm nur ſeinen Namen und ſein Anliegen zu wiſſen thun. Der Name der Perſon, bekam er zur Antwort, wäre ihm unbekannt, ſein Gewerbe aber von ſolcher Art, daß er es Niemanden als dem Commodore mittheilen könne, daher ihm an iuelit Audienz im höchſten Grade gelegen ſey. Ueber dieſe Zudringlichkeit erſtaunt, ſtund Trunnion ſehr ungern in der Mitte ſeiner Mahlzeit auf, und ging in den Saal hinunter, wo der Fremde ſich befand. Mit mürriſchem Tone fragte er ihn, was er denn ſo verflucht Eiliges vorzubringen habe, daß er ſich nicht einmal bis zum Ende der Mahlzeit gedulden könne. Dieſe rauhe Anrede ſetzte den Andern nicht im Geringſten außer Faſſung; er ſchlich auf den Zehen dicht an Trunnion, legte mit einem Blick voll Zuverſicht und hoher Einbildung ſeinen Mund gegen deſſen Ohr, und liſpelte ihm ganz leiſe zu:„Sir, ich bin der Anwald, den Sie insgeheim haben ſprechen wollen.“—„Der Anwald!“ rief Trunnion mit ſtarrem Blick und halb vor Zorn erſtickt.„Ja, Sir, zu Ihrem Befehl,“ erwiederte der Mann der Juſtiz,„und mit Ihrem gütigen Wohlnehmen, je eher wir die Sache abmachen, deſto beſſer wird es ſeyn; denn ein älter Spruch ſagt: periculum in mora(Zögerung bringt Gefahr).“—„Wahrhaftig, Kerl,“ ſagte der Commodore, der nicht länger an ſich halten konnte,„ich denke juſtement wie Ihr, un deßhalb will ich Euch auf der Stelle abfertigen.“ Mit dieſen Worten hob er ſeinen Stock, ein Mittelding zwiſchen Krücke und Knittel, auf, und ließ ihn mit ſolchem Nachdruck dem Anwald auf den Sitz ſeines Verſtandes fallen, daß, wenn etwas anders als dichte Knochen da geweſen wären, der ganze Inhalt ſeines Schädels an den Tag gekommen ſeyn würde. So befeſtigt es aber auch von der Natur gegen alle ſolche Angriffe war, ſo konnte er dennoch dieſem „ 103 ſchlagenden Momente, welches ihn ſinnlos und ohne Bewegung zu Boden ſtreckte, nicht widerſtehen. Trunnion humpelte ſchnell die Treppe zu ſeinem Mittageſſen hinauf und applaudirte ſich ſelbſt mit kurz abgebrochenen Reden und Ausrufungen wegen der Rache, die er an dem ſo unverſchämten Rabuliſten genommen hatte. Der Notar hatte ſich kaum von der Betäubung aufgerafft, in welche er verſenkt worden, als er ſeine Augen rings umher nach einem Zeugen wandern ließ, mit dem er die ihm angethane Beleidi⸗ gung deſto leichter zu erhärten vermöchte. Da er aber keine Seele gewahrte, ſo bemühte er ſich, wieder auf die Beine zu kommen, und folgte einem Bedienten in's Speiſezimmer nach, mit dem Entſchluß, von dem angreifenden Theile eine Erörterung zu erhalten, und ent⸗ weder zur Entſchädigung Geld von ihm zu erpreſſen, oder ihn vor Zeugen nochmals zur Thätlichkeit zu reizen. In dieſer Abſicht trat er mit großem Wortgetös in das Zimmer, zum Erſtaunen aller Ge⸗ genwärtigen und zum Schreck der Miſtriß Trunnion, die über den Anblick dieſes Scheuſals(denn noch immer ſchoß ihm das Blut über das Geſicht) laut aufkreiſchte. Der Anwald wandte ſich darauf an den Commodore, und begann:„Herr! ſo lange es noch Geſetze in England gibt, ſollen Sie mir für Ihren meuchelmörderiſchen Anfall büßen. Sie glauben ſich dadurch, daß Sie alle Ihre Be⸗ dienten bei Seite geſchafft haben, vor jeder gerichtlichen Procedur geſichert, allein eben dieſer Umſtand wird bei der Unterſuchung einen vollſtändigen Beweis der Bosheit abgeben, mit welcher die That von Ihnen verübt ward, und beſonders wird ſie ganz augenſcheinlich durch das Billet von ihrer eigenen Hand erhärtet, durch welches Sie mich in Ihr Haus kommen laſſen, um eine wichtige Angelegenheit mit Ihnen abzumachen.“ Dabei zog er das Schreiben aus ſeiner Taſche hervor und verlas daſſelbe, wie folgt: „Herr Roger Ravine! Da ich gewiſſermaßen in meinem eigenen Hauſe ein Gefangener bin, ſo ich Sie, heute Nachmittag um drei Uhr präciſe bei 104 mir einzuſprechen, und auf meine eigene Perſon zu dringen, indem ich wichtige Sache mit Ihnen zu verhandeln habe. Ihr ergebener Diener Hawſer Trunnion.“ Der einäugige Seeheld hatte bereits durch die an dem Kläger ſelbſt vollzogene Strafe völlige Satisfaction erlangt; doch, als er dieſe audaciöſe und falſche Urkunde vorleſen hörte, die er für eine Frucht der Schelmerei dieſes Menſchen hielt, ſprang er von ſeinem Sitze auf, ergriff einen vor ihm ſtehenden großen kalekutiſchen Hahn, und würde ihn ſammt Sauce und Allem ſtatt eines Pflaſters auf die Wunde des Juriſten gelegt haben, wenn ihn nicht Hatchway zu⸗ rückgehalten hätte. Dieſer faßte ihn bei beiden Armen, und drückte ihn feſt auf ſeinen Stuhl nieder, Ravine aber rieth er, mit der er⸗ haltenen Ladung abzuſegeln. Weit entfernt, dieſem heilſamen Rath Gehör zu ſchenken, verdoppelte der Anwald ſeine Drohungen, und forderte Trunnion durch die Behauptung heraus: er ſey kein Mann, der wahre Courage habe, ob er gleich Commandeur eines Kriegs⸗ ſchiffs geweſen ſey, ſonſt würde er nicht ſo memmenhaft und ſo heimtückiſch Jemand angegriffen haben. Durch dieſe Aufforderung hätte er ſeinen Endzweck ſicher erreicht, wenn die Entrüſtung ſeines Gegners nicht durch den Lieutenant gedämpft worden wäre. Der Letztere bat ſeinen Freund leiſe, er möchte nur ruhig ſeyn; er wolle ſchon dafür ſorgen, daß der Anwald für ſeine Vermeſſenheit in einer Decke geprellt werden ſollte. Dieſer Vorſchlag beſänftigte ihn ſogleich, und er war augenblicklich damit einverſtanden; er trocknete den Schweiß von der Stirne, und die Falten ſeines Geſichts lösten ſich auf in ein mürriſches Lächeln. Hatchway verſchwand, und Ravine fuhr fort, ſeine Zunge mit großer Geläufigkeit zu mißbrauchen, bis er durch Pips' Ankunft un⸗ terbrochen wurde. Dieſer nahm ihn ohne alles Weitere am Arm, und führte ihn hinunter in den Hofraum, wo man ihn auf einen großen Teppich legte und in einem Augenblicke durch die Stärke 105 und Geſchicklichkeit von fünf dienſtbaren Geiſtern in die Lüfte ſchnellte. Es waren gar rüſtige Burſche, die der Lieutenant aus⸗ drücklich zu dieſem ſonderbaren Geſchäft aus den Domeſtiken er⸗ koren hatte. Vergebens flehte der erſtaunte Luftſpringer, daß man um Got⸗ tes und der Wunden Chriſti willen Mitleid mit ihm haben und ſeiner unfreiwilligen Springerei ein Ende machen möchte. Sie waren taub gegen ſeine Bitten und Betheuerungen, ſelbſt, wie er ihnen auf das Feierlichſte zuſchwor: wenn ſie aufhören wollten, ihn zu peinigen, ſo wollte er alles Vorgefallene vergeſſen und vergeben, und ruhig nach Hauſe gehen. Die gottloſen Vögel trieben ihr Spiel mit ihm fort; bis es ihnen die Ermüdung nicht mehr ge⸗ ſtattete. Ravine, der in einem kläglichen Zuſtande abziehen mußte, ver⸗ fehlte nicht, gegen den Commodore eine Klage einzubringen, worin er ſich beſchwerte, von demſelben überfallen und geprügelt worden zu ſeyn, und rief bei Strafe alle Bedienten als Zeugen auf. Da aber Niemand von dieſen Leuten genau geſehen hatte, was eigentlich vorgefallen war, ſo fand er ſeine Rechnung nicht bei dieſer Klage, ob er wohl ſelbſt alle die Zeugen vernahm, und ihnen unter andern die Frage vorlegte:„Ob ſie ihn nicht wie einen andern geſunden Menſchen kommen geſehen, und ob ſie jemals einen Menſchen in einem ſo erbarmungswürdigen Zuſtande erblickt hätten, als der ge⸗ weſen ſey, in welchem er habe wegkriechen müſſen.“ Die Gefragten fühlten ſich nicht verbunden, auf die letztere Frage zu antworten, indem ſich dieſe auf die zweite Prellung bezog, die er zu erleiden hatte, und die ſie nur allein vollzogen. Auch iſt Niemand verpflich⸗ tet, gegen ſich ſelbſt Zeugniß abzulegen. So mußte denn der Notar, zur höchſten Zufriedenheit Aller, die ihn kannten, ſeine Klage zurück⸗ nehmen, und ſah ſich genöthigt, zu beweiſen, daß er das Billlet, welches für ein falſches und verläumderiſches Pasquill erklärt wurde, mit der Poſt empfangen habe, um der Klage zu entgehen, mit 106 welcher der Commodore ihn bedrohte. Denn daß die ganze Sache durch Peregrinen und ſeine Verbündeten angezettelt und ausgeführt worden ſey, ließ der ehrliche Trunnion ſich nicht im Geringſten träumen. Die nächſte Unternehmung, welche das Triumvirat begann, war der Plan, dem Commodore durch eine Viſion Schreck einzu⸗ jagen. Dieß ſtellten ſie auf folgende Art in's Werk: Pips befeſtigte an einer mächtig großen Ochſenhaut eine höchſt ſcheusliche lederne Larve, die er über den Rachen eines von ſeinen Fahrten mitge⸗ brachten Seehundes zog. Statt der Augen ſtattete er dieſes Mon⸗ ſtrum mit einem Paar hellen Gläſern aus, hinter welche er zwei Wachslichter ſtellte. Er machte ſodann eine ziemlich dichte Miſchung aus Schwefel und Salpeter, mit welcher er die beiden Zähnereihen beſchmierte. Als dieſe Geſpenſtertracht fertig war, legte er ſie in einer ſtock⸗ dunkeln Nacht, die man dazu gewählt hatte, an, und folgte auf einem langen Gange dem Commodore nach, vor dem der junge Peregrine, mit einem Lichte in der Hand, herging. Jetzt zündete er mit einer Lunte ſein Feuerwerk an, und hob an gerade ſo wie ein Ochſe zu brüllen. Der Knabe ſchaute, der getroffenen Verab⸗ redung nach, hinter ſich, ſchrie laut auf, und ließ das Licht fallen, ſo daß es auslöſchte. Trunnion, über die Beſtürzung ſeines Neffen betreten, rief ihm zu:„Was zum Teufel iſt denn los?“ Und um der Urſache dieſer Erſchrockenheit auf den Grund zu kommen, wandte er ſich gleichfalls um. Da erſchaute er dann ein gräuliches Phan⸗ tom, das blaue Flammen von ſich ſpie und dadurch ein noch gräß⸗ licheres Ausſehen gewann. Plötzlich beſiel ihn die Todesangſt der Furcht und er fühlte ſich von ſeiner Beſinnungskraft verlaſſen. Trotz dem erhob er, rein mechaniſch, ſeine treue Stütze zu ſeiner Vertheidigung, und als ſich ihm die Erſcheinung gehörig genähert hatte, ſchlug er auf dieſen furchtbaren Unhold mit ſo konvulſiviſcher Anſtrengung ſeiner Kräfte los, daß Maſter Pips nicht würde Urſache 107 gehabt haben, ſich ſeiner Erfindung zu rühmen, wenn nicht der Schlag zufällig nur eines der Hörner getroffen hätte. Obgleich dieſer Streich fehltraf, ſo taumelte Tom davon dennoch, und aus Be⸗ ſorgniß einer wiederholten ähnlichen Begrüßung packte er den Com⸗ modore, ſtellte ihm ein Bein, und entfernte ſich eiligſt. Jetzt ſtellte ſich Peregrine, als ob er wieder zu ſich gekommen wäre, und lief mit allen Aeußerungen der Verwirrung und Furcht fort, um das Geſinde zum Beiſtand ihres Herrn herbeizurufen. Dieſer lag in kaltem Todesſchweiß auf dem Boden. Schreck und Geiſteszerrüttung malten ſich in ſeinem Geſichte. Hatchway hob ihn auf und ſtärkte ihn mit einem Glaſe Nancher, worauf er anfing, ihn nach der Ur⸗ ſache dieſes Schrecks zu fragen. Allein er war nicht im Stande, nur ein Wort aus ſeinem Freunde hervorzubringen. Nach einer längeren Pauſe, während welcher er ganz in tiefe Betrachtungen verſunken ſchien, rief er endlich laut aus:„Bei Gott, Jack! Ihr mögt nun ſagen was Ihr wollt, ich will verdammt ſin, wenn's nicht der Davy Jones* ſelbſt war. Ich kenn' ihn an ſeinen Ochſenaugen, ſeinen drei Reihen Zähnen, ſeinen Hörnern un Zottel⸗ ſchwanz un den blauen Dampf, der aus ſeinen Nüſtern fährt. Was hat aber der ſchwarze Troßbube, die Höllenbrut mit mir zu ſchaffen? Habe doch, mein Sir, keinen Menſchen todt geſchlagen, außer wenn's mein Metier mit ſich brachte, noch hab' ich irgend'ner Seele Böſes zugefügt, ſeit ich zuerſt in See ſtach.“ Davy Jones iſt nach der Mythologie der Seefahrer der Teufel, der über alle böſe Geiſter der Tiefe das Kommando hat. Er läßt ſich oft in verſchiedenen Geſtalten ſehen, ſitzt des Abends vor Orkanen, Schiff⸗ brüchen und andern Unfällen, denen Seefahrer unterworfen ſind, im Ta⸗ kelwerke, und warnt die zu Opfern beſtimmten Unglücklichen vor Tod und Verderben. Kein Wunder alſo, daß Trunnion über den vermeinten Beſuch eines Dämons ſo erſchrack, der nach ſeiner Meinung der Vorbote fürchterlichen Unglücks ſeyn mußte. 108 Sechszehntes Kapitel. Trunnion hat auf Anſtiften des Triumvirats mit dem Acciseinnehmer ein Abenteuer. Letzterer findet bei dem Spaß nicht ſeine Rechnung. Wie widerſinnig und unerklärbar die Leidenſchaft auch ſeyn möge, welche raſche und ſonſt edle, gefühlvolle Menſchen antreibt, ihre Nebengeſchöpfe zu kränken und in Angſt zu ſetzen, ſo bleibt es doch gewiß, daß unſere Conföderirten eine ſo reiche Doſis davon beſaßen, daß ſie ſich mit den dem Commodore angethanen Schaber⸗ nacken nicht begnügten, ſondern dem guten Mann noch weiter das Leben ſchwer machten. Im Verlauf ſeiner Jugendgeſchichten, deren Trunnion mit be⸗ ſonderer Freude gedachte, hatte er öfters von einem Wilddiebſtahl erzählt, an welchem er aus jugendlichem Uebermuth unglücklicher Weiſe Theil genommen hatte. Die Sache war übel ausgefallen, und er und ſeine Geſellen(wie es ſchien) nach einer hartnäckigen Schlägerei mit den Wildhütern ergriffen und zu einem benachbarten Friedensrichter gebracht worden, der den jungen Trunnion ſehr hart anließ, und ihn ſammt ſeinen Gefährten in's Gefängniß warf. Während dieſer Haft behandelten ihn ſeine Anverwandten, haupt⸗ ſächlich ein Oheim, von dem er ganz abhing, mit großer Strenge und Grauſamkeit. Letzterer hatte ſich durchaus geweigert, ſeinen Credit für ihn zu verwenden, wenn er nicht eine Erklärung unter⸗ ſchreiben wollte, durch die er ſich anheiſchig machte, binnen Monats⸗ friſt nach ſeiner Loslaſſung in See zu gehen, oder ſich als Wild⸗ dieb der ganzen Strenge der Geſetze zu unterwerfen. Es blieb ihm alſo keine andere Wahl, als ſich entweder freiwillig zu eriliren, oder von Jedermann verlaſſen und verworfen im Gefängniſſe zu bleiben, und nach alle dem ein ſchimpfliches Verhör auszuſtehen, das ſich vielleicht mit der Sentenz, auf Lebens lang nach unſern 109 weſtindiſchen Beſitzungen transportirt zu werden, enden konnte. Daher nahm er ohne vieles Schwanken den Vorſchlag ſeines Oheims an, und in weniger denn einem Monat war er, wie er ſelbſt ſagte, Wind und Wellen preisgegeben. Von jener Zeit an hatte er nie wieder mit ſeinen Anverwand⸗ ten verkehrt, da alle an ſeiner Verbannung gearbeitet hatten. Jetzt, nachdem er Glück im Flottendienſt gemacht, waren verſchiedene von ihnen gar de- und wehmüthig vor ihm gekrochen, allein er hatte keinen derſelben ſehen oder hören wollen. Den eingewurzeltſten Widerwillen aber hegte er gegen jenen Oheim, der immer noch, wiewohl ſehr alt und kümmerlich, lebte. Er nannte öfters deſſen Namen mit aller Bitterkeit unverſöhnlichen Rachegefühls. Da Peregrine durch öftere Erzählung mit jedem Umſtand aus dieſer Geſchichte genau bekannt war, ſo ſchlug er Hatchway'n vor, irgend einen Menſchen zu dingen, der dem Commodore ein erdich⸗ tetes Empfehlungsſchreiben von ſeinem verhaßten Oheim überreichte, ein Schwank, der ihnen, aller Wahrſcheinlichkeit nach, unendlich viel Spaß bereiten würde. Dem Lieutenant behagte der Plan; der junge Pickle entwarf das zum Zwecke dienende Schreiben, und der Acciseinnehmer des Kirchſpiels, ein Menſch von vieler Unverſchämtheit und zu loſen Streichen aufgelegt, welchem Hatchway vertrauen konnte, ſchrieb nicht nur den Brief ab, ſondern übernahm es auch, ihn zu über⸗ bringen, ja ſogar denjenigen ſelbſt zu repräſentiren, zu deſſen Gunſten dieſer Brief angeblich geſchrieben war. So kam denn der Einnehmer eines Morgens wenigſtens zwei Stunden früher, als Trunnion aufzuſtehen pflegte, in der Garniſon an, und gab dem Pips, der ihn einließ, zu verſtehen, er habe einen Brief für ſeinen Herrn und den gemeſſenen Befehl, ihn keinem Andern als dem Commodore ſelbſt zu übergeben. Kaum war dieſes dem Hausherrn gemeldet(den man zu die⸗ ſem Ende hatte wecken müſſen), als er voller Entrüſtung auf den 110 Boten zu fluchen begann, daß er ſeine Ruhe unterbräche, und ſchwur:„er wolle nicht eine Sekunde früher aufſtehen als gewöhn⸗ lich.“ Dieſer Entſchluß wurde dem Fremden hinterbracht, der den Ueberbringer bat, zurück zu melden:„er habe dem Commodore ſo erfreuliche Nachrichten mitzutheilen, daß er gewiß ſey, Sir Trunnion würde ſich für dieſe Störung reichlich entſchädigt halten, wenn er auch aus dem Grabe geweckt worden wäre, um ſie anzuhören.“ So ſchmeichelhaft dieſe Behauptung auch war, ſo würde ſie doch nicht wichtig genug geweſen ſeyn, ihn zum Aufſtehen zu bewe⸗ gen, wenn ſie nicht durch die Ermahnungen ſeiner Gemahlin wäre unterſtützt worden, die nicht aufhörte, ihren Einfluß auf ihn gel⸗ tend zu machen. Er kroch daher, wiewohl mit großem Widerwillen, aus dem Bette, wickelte ſich in ſeine Morgenkleidung, und ließ ſich die Treppe hinunter führen. Auf dem ganzen Wege rieb er ſich die Augen, gähnte, und brummte dann grimmig. Sobald Trunnion den Kopf in das Beſuchzimmer hineingeſteckt hatte, trat der angebliche Fremde unter verſchiedenen linkiſchen Ver⸗ beugungen und mit Grinſen ihm entgegen, und redete ihn mit den Worten an:„Ganz gehorſamſter Diener, geſtrenger Herr Commo⸗ dore! Ich hoffe, daß Sie ſich fein wohl befinden. Sie ſehen ja ganz prächtig aus; und wenn Sie nicht das Malheur mit Ihrem Auge hätten, ſo würde man ſich an dem ſchönſten Sommertage kein herrlicheres Geſicht zu ſehen wünſchen, als das Ihrige. So wahr ich lebe, man möchte Sie für einen Vierziger halten. So wahr der Herr lebt, ich würde in Ihnen einen Trunnion erkennen, und wenn ich auch, wie man zu ſagen pflegt, mitten auf der Ebene von Salisbury auf Sie geſtoßen wäre.“ Der Commodore, der gar nicht bei beſonders guter Lanne war und an einer ſo unverſchämten Aprſtrophe gar keinen Geſchmack fand, unterbrach ihn mit einem mürriſchen Accent:„Kikelkakel, Herr Bruder! Gar nich' nöthig, gar nich' nöthig, ſo viel unnützes Wiſchiwaſchi von Bord laufen zu laſſen! Könnt Ihr nich' flugs 111 auf die Hanptſache losſteuern, ſo thätet Ihr beſſer,'nen Pflok vor die Zunge zu ſtecken und abzuſegeln. Seht'r! Es hieß ja, Er habe mir etwas einzuhändigen!“—„Einzuhändigen?“ rief der ſchel⸗ miſche Betrüger.„Allerdings habe ich was für Sie bei mir, wor⸗ über Ihnen das Herz im Leibe lachen wird. Hier iſt ein Brief von einem Ihrer liebſten und beſten Freunde. Da, nehmen Sie, leſen Sie und erquicken Sie ſich daran! Gott ſegne Sie alten Burſchen! Sollte man doch von Ihnen ſagen, Sie hätten ſich ver⸗ jüngt.“ Da Trunnions Neugier auf dieſe Art erregt worden war, ſo forderte er ſeine Brille, ſetzte ſie auf die Naſe, nahm den Brief zur Hand, und beſah die Unterſchrift. Kaum gewahrte er den Na⸗ men ſeines Oheims, als er zurückfuhr, mit den Lippen zuckte und vor Zorn und Erſtaunen an allen Gliedern bebte. Trotz dem plagte ihn das Verlangen, den Inhalt des Briefs von einem Mann zu wiſſen, der ihn ſonſt nie mit Zuſchriften oder Botſchaften behelligt hatte. Er beſtrebte ſich, ſeine Faſſung wieder zu erlangen und durchlas das Schreiben, welches folgendermaßen lautete: „Geliebter Neffe! Ich zweifle nicht, daß Er ſich freuen wird, von meinem Wohl⸗ befinden zu hören. Auch hat Er's Urſach, wenn Er erwägt, was für ein gütiger Oheim ich in Seinen jüngern Jahren gegen Ihn geweſen bin, und wie wenig Er eigentlich ſolches verdiente. Denn Er war immer ein heilloſer Bube von läſterlichem Treiben, und hielt ſich zu ſchlechten Geſellen und loſem Geſindel. Deßhalb würde Er auch ein Ende mit Schrecken genommen haben, wenn ich nicht dafür geſorgt hätte, Ihn dem Verderben aus den Zähnen zu rücken, und Ihn aus dem Lande zu bringen. Dieß iſt jedoch nicht die Veranlaſſung meines gegenwärtigen Schreibens. Der Ueber⸗ bringer deſſelben, Sir Timothy Trikle, iſt ein weitläufiger Anver⸗ wandter von Ihm, der Sohn von dem Vetter ſeiner Baſe Margery, und befindet ſich eben nicht in den beſten Umſtänden. Er denkt . 112 nach London zu gehen, um dort bei der Acciſe oder dem Zollamte eine Anſtellung zu erhalten. Rekommandir' Er ihn doch daſelbſt bei einem und dem andern Großen von Seiner Bekanntſchaft, und werf Er ihm doch ſo lang einen ſchmalen Gehalt aus, bis er ver⸗ ſorgt iſt. Ich zweifle nicht, geliebter Neffe, daß Er ſich das größte Vergnügen daraus machen wird, dem jungen Mann zu dienen, wenn es auch nur aus Achtung gegen mich geſchehen ſollte. Ich bin, lieber Neffe, Sein wohlaffektionirter Onkel Tobias Trunnion.“ Es möchte wohl ſelbſt dem unnachahmlichen Hogarth ſchwer gefallen ſeyn, die poſſirlichen Geberden abzukonterfeien, die der Commodore bei Leſung dieſes Briefes machte. Es war nicht das Starren des Erſtaunens, nicht das Zucken der Wuth, oder das ſchreckliche Grinſen der Rachgier, ſondern alle drei in Eins ver⸗ ſchmolzen, was ſich in ſeinen Zügen malte. Endlich ſtieß er, unter unglaublicher Anſtrengung, die Interjektion„Ach!“ heraus, welche die ganze Zeit über in ſeiner Luftröhre geſteckt zu haben ſchien, worauf er ſeiner Indignation folgendermaßen freien Lauf ließ.„Komm' ich doch endlich mit Euch zuſammen, Ihr alter ſtinkender Filz! Ihr lügt, Ihr lumpigter Hulker! Ihr thatet Alles, was in Eurem Vermögen ſtand, mich in den Grund zu bohren, als ich noch eine kleine Krabbe war. Un was das Unverſchämte, den gottloſen Wan⸗ del un den Umgang mit lockerm Geſindel anlangt, ſo ſagt Ihr da wieder'ne verdammte Lüge, Ihr Diebsgeſicht! In der ganzen Graf⸗ ſchaft gab's keinen ordentlicheren, friedlicheren Burſchen, wie ich: un' ſeht Ihr, ich hatte mein Lebtage keine ſchlechtere Geſellſchaft, als die Eurige. Alſo Trikle, oder wie Ihr heißen möget, ſagt dem alten Schurken, der Euch hergeſendet hat, ich ſpuckte ihm in's Ge⸗ ſicht, un' nennte ihn'nen alten Karrengaul Seinen Brief zerriß ich zu Fetzen, ſo, ſo! Seht'r! Und trampelte d'rauf h'rum, ſo wie ich uf ſeinem ſchändlichen Cadaver h'rum zu trampeln wünſchte.“ 113 Mit dieſen Worten tanzte er in einer Art von Wahnſinn auf den Fragmenten des Briefes herum, die er in der Stube umher geſtreut hatte. Dieſe Scene machte dem dabei gegenwärtigen Triumvirate einen königlichen Spaß. Der Acciseinnehmer, der ſich zwiſchen Trunnion und die Thüre geſtellt hatte, die für den Nothfall offen gelaſſen worden war, nahm über des Commodore's Betragen eine ſehr verwirrte und beſtürzte Miene an; und rief mit der Geberde eines Gekränkten:„Gott erbarme ſich meiner! Pflegen Sie ſo mit Ihren Anverwandten um⸗ zugehen und die Empfehlungen Ihres beſten Freundes nicht höher anzuſchlagen? Wahrlich! alle Dankbarkeit und Tugend iſt aus dieſer ſündigen Welt verſchwunden! Was wird Vetter Tim und Dick und Tom ſagen, und die gute Mutter Pipkin, und ihre Töchter, Bäschen, Sue und Prue und Peg und die ganze übrige Sippſchaft, wenn ſie hören werden, wie gewiſſenlos Sie mich aufgenommen haben! Bedenken Sie, Sir, daß Undankbarkeit ärger iſt als die Sünde der Zauberei, wie der Apoſtel weislich bemerkt. Schicken Sie mich nicht nach einer ſo unchriſtlichen Aufnahme fort; ſonſt wird Ihre arme, elende Seele mit ſchwerer Schuld beladen werden!“—„Was, kreuzt' Ihr nich nach'nem Poſten h'rum, Bruder Trikle? War's nich ſo?“ fiel Trunnion ihm ein.„Wart', guter Burſche! Will Euch gleich 'nen Poſten anweiſen laſſen! Du Pips, nimm'mal dieſen pätzigen Hundejungen un ſchließ ihn an'n Kaak unten im Hofe! Will'n lehren, mich ſo früh Morgens mit ſo unverſchämten Botſchaften aus dem Bett'raus zu jagen.“ Pips, der längſt im Sinne gehabt hatte, den Spaß weiter zu treiben, als der Acciseinnehmer ſich es träumen ließ, legte flugs Hand an ihn, und vollzog ſeines Herrn Befehl. Jener mochte ihm noch ſo viel zuwinken, nicken und Zeichen geben, der Bootsmann ſtellte ſich, als ob er nichts davon verſtünde. Der Acciseinnehmer fing es nunmehr zu bereuen an daß er die Rolle in dieſer Tragi⸗ komödie übernommen hatte, da ſie einen ſo übeln Ausgang zu ge⸗ Smollet's Romane. VIII. 8 114 winnen ſchien. Voll der unangenehmſten Erwartung ſtand er, an einen Poſten angeſchnallt, und warf manchen wehevollen Blick über ſeine Schultern, indeß daß Pips fort war, um einen Willkommen zu holen. Noch hoffte der Einnehmer durch des Lieutenants Ver⸗ wendung befreit zu werden, aber wer ſich nicht ſehen ließ, war Jack Hatchway. Tom kam mit dem Strafwerkzeug zurück, entkleidete den Delinquenten in einem Augenblick, und wisperte ihm zu:„Es thäte ihm herzlich leid, daß er das Amt über ſich nehmen müſſe; allein ſo lieb ihm ſein Leben wäre, müſſe er ſeines Herrn Willen voll⸗ ziehen.“ Und nun ſchwenkte er die Geißel über deſſen Kopf und machte mit bewunderungswürdiger Behendigkeit auf des Beleidigers Rücken und Schultern ſo ſchmerzhafte Experimente, daß der beſtürzte Viſirer, zum unendlichen Vergnügen der Zuſchauer, mit den Füßen abſonderliche Triller tanzte und vor Schmerz gräßlich brüllte. End⸗ lich, nachdem er vom Nacken bis zu den Hüften gar jämmerlich zerfleiſcht war, ſprach Hatchway, der ſich bis daher abſichtlich zurück⸗ gezogen hatte, für ihn, und vermochte den Commodore, den Folter⸗ knecht abzurufen und zu befehlen, daß der Delinquent auf freien Fuß geſtellt würde. Beinahe toll über dieſe für ihn ſo unglücklich abgelaufene Ka⸗ taſtrophe drohte der Aceiseinnehmer, ſich durch ein aufrichtiges Ge⸗ ſtändniß des ganzen Handels an denen zu rächen, die ihn dazu gebraucht hatten. Allein der Lieutenant bedeutete ihm, daß er da⸗ durch ſich ſelbſt, als einen Betrüger und Schriftverfälſcher, den Gerichten in die Hände ſpielte. Dieß bewog ihn denn, ſeinen Schaden und Spott ruhig zu tragen, und er ſchlich ſich aus dem Caſtell, unter einer ganzen Ladung von Flüchen, die der in ſeiner Ruhe geſtörte und in ſeiner Erwartung getäuſchte Commodore ihm in äußerſter Wuth nachſandte. 115⁵5 Siebenzehntes Kapitel. Der Commodore entdeckt die Machinatienen der Verſchworenen. Er nimmt für Peregrinen einen Hofmeiſter an und ſchickt ihn auf die Schule zu Wincheſter. Dieß war nicht der ſchlimmſte Verdruß, den Trunnion von den raſtloſen Bemühungen und der unerſchöpflichen Erfindungsgabe ſeiner Peiniger auszuſtehen hatte, die ihm durch eine unendliche Menge Teufeleien ſo arg mitſpielten, daß er ſich einzubilden begann, alle böſe Höllengeiſter hätten ſich gegen ſeine Lebensfreuden verſchworen. Er ward hierüber nicht wenig ernſthaft und nachdenkend. Bei dieſen Grübeleien konnte er, wenn er alle Umſtände jeder ihm ſeit Kurzem zugefügten Kränkung erwog und zuſammen hielt, ſich des Argwohns nicht erwehren, daß einige davon, bloß um ihn zu ärgern, müßten erfunden worden ſeyn; und da er des Lieutenants Stimmung und Peregrinens Talent kannte, ſo beſchloß er, Beide wohl auf das Korn zu nehmen, und ihr Thun ſorgfältig zu über⸗ wachen. Das unbedachte Benehmen der Conſpiranten, die der glückliche Erfolg ihrer Streiche zu der Zeit ſicher gemacht hatte, erleichterte ihm die Erreichung ſeiner Abſicht, und hatte die erwartete Wirkung. In Kurzem ertappte er ſeinen Neffen über einem neuen Complotte und preßte ihm durch eine leichte Züchtigung und eine große Menge Drohungen ein Bekenntniß aller der Ränke und Schwänke ab, an welchen er Theil genommen hatte. Trunnion war bei dieſer Entdeckung wie vom Donner gerührt, und er ward gegen Hatchway'n wegen der Rolle, die er in allen dieſen Schelmenſtreichen mitgeſpielt, ſo aufgebracht, daß er mit ſich ſelbſt zu Rathe ging, ob er mit Degen oder Piſtol Genugthuung fordern, oder ihn aus dem Caſtell wegjagen und ganz und gar mit ihm brechen ſollte. Allein der gute Alte war an Jacks Umgang ſo * 116 gewöhnt, daß er ohne ihn gar nicht mehr leben konnte; und da er bei kühlem Nachdenken einſah, daß Jack mehr aus Muthwillen als aus Bosheit alle dieſe Stückchen verübt hatte, über welche er, wenn ſie einem Andern geſpielt worden wären, ſelbſt gelacht haben würde, ſo beſchloß er, ſeinen Verdruß in ſich hinein zu zwängen, ja ſogar dem Pips, den er in der erſten Hitze in einem noch ſtrafbarern Lichte, als in dem eines bloßen Aufrührers erblickt hatte, Ver⸗ zeihung angedeihen zu laſſen. Dieſer Entſchluß ward durch einen andern unterſtützt, den er ſeiner Ruhe wegen für unumgänglich nothwendig hielt, und wobei ſein Intereſſe ſich mit dem ſeines Neffen verknüpfte.. Der nunmehr zwölfjährige Peregrine hatte unter Jennings Anleitung ſolche Fortſchritte gemacht, daß er oft über Grammatik disputirte, und manchmal in ſeinen Streitgeſprächen mit dem Pfarrer des Orts, wie man glaubte, die Oberhand gewann. Dennoch ließ Letzterer ſeinem Antagoniſten, ſo ſehr überlegen er ihm auch war, wegen ſeines Kopfs volle Gerechtigkeit widerfahren, und verſicherte den Commvodore, ſeine Talente würden aus Mangel an gehöriger Bearbeitung gänzlich verroſten, wenn man ihn nicht unverzüglich auf eine gute Schule ſchickte, um daſelbſt ſeine Studien fortzuſetzen. Dieſen Ausweg hatte auch Miſtriß Trunnion ihrem Gemahle öfters vorgeſchlagen; denn außer der Unterwürfigkeit, die ſie gegen des Pfarrers Meinung hegte, hatte ſie ihre eigenen Gründe, das Haus von Peregrinen zu befreien, deſſen Schalkslaune ihr anfing, unbehag⸗ lich zu werden. Dieſe Beweggründe, wozu noch die dringenden Bitten des jungen Menſchen ſelbſt kamen, der die Welt etwas mehr zu ſehen brannte, vermochten den Oheim zu dem Entſchluß, ihn unter der unmittelbaren Fürſorge und Obhut eines Hofmeiſters, dem er einen ganz artigen Gehalt ausſetzte, unverzüglich nach Wincheſter zu ſenden. Dieſer Mann hieß Jakob Jolter, war ein ehemaliger Schulkamerad des Pfarrers auf dem Kirchſpiel, und von dieſem als ein Mann von vielen Verdienſten und Kenntniſſen, und in jedem 117 Betracht einem Hofmeiſter-Poſten gewachſen, der Miſtriß Trunnion empfohlen worden.„Und noch dazu iſt Jolter von eremplariſcher Frömmigkeit,“ fügte der Pfarrer als Lobſpruch bei,„und ſehr eifrig für die Ehre der Kirche beſorgt, von der er ein Glied iſt, indem er ſeit vielen Jahren ordinirt iſt, wiewohl er bis jetzt kein prie⸗ ſterliches Amt verwaltet.“ In der That war Jolter's Eifer dermaßen hitzig, daß er in manchen Stücken die Schranken überſtieg. Er war ein Biſchö⸗ fiſchgeſinnter, folglich ein Mißvergnügter; mithin war ſein Wider⸗ wille zu einem unüberwindlichen Vorurtheile gediehen. Dieß ver⸗ leitete ihn bisweilen, indem er die Nation mit dem Miniſterium verwechſelte, zu irrigen, ich will nicht ſagen, ungereimten Anſichten. Im Uebrigen war er ein Mann von den beſten Grundſätzen, wohl bewandert in der Mathematik und Schultheologie; Wiſſenſchaften, welche die natürliche Säure und Strenge ſeines Charakters zu ver⸗ ſüßen und herabzuſtimmen eben nicht vermögend waren. Nachdem dieſer Mann zum Hofmeiſter Peregrine's angenom⸗ men worden war, bereitete man Alles zur Abreiſe dieſer Beiden. Tom Pips wurde auf ſeinen eigenen Betrieb in Livree geſteckt und zum Bedienten des jungen Saquire's ernannt. Bevor ſie abreisten, war der Commodore artig genug, Sir Pickle'n ſeine Abſicht mitzu⸗ theilen, der den Plan billigte, obgleich er es nicht wagen durfte, ſeinen Sohn zu ſehen. So ſehr hatten ihn die Vorſtellungen ſeiner Frau eingeſchüchtert, deren Widerwille gegen ihren Erſtgebornen täglich mehr Wurzel faßte. Dieſe unnatürliche Laune ſchien durch eine Rückſicht genährt zu werden, durch die, wie man hätte glauben ſollen, ihre Abneigung eher hätte beſiegt werden müſſen. Ihr zwei⸗ ter Sohn Gam, der jetzt in's vierte Jahr ging, war von der Wiege an mit der ſogenannten engliſchen Krankheit behaftet geweſen, und ſein Aeußeres verſprach ſehr wenig, während Peregrine's Figur ihm ſchon zum Empfehlungsbriefe diente. Je mehr die Ungeſtaltheit von jenem zunahm, je ſtärker ward die Zärtlichkeit der Mutter für 118 ihn; und ihr Haß gegen den Aelteſten ſchien in eben dem Grade giftiger zu werden. Weit entfernt, Peregrinen die allgemeinſten Rechte eines Kindes einzuräumen, wollte ſie nicht einmal zugeben, daß er ſich ſeinem väterlichen Hauſe näherte. Wurde ſein Name nur von ungefähr genannt, oder gedachte man ſeiner mit Ruhm, ſo wurde ſie unruhig, oder äußerte ihr Mißbehagen; kurz, ſie bewies ſich gegen ihn als die härteſte Stiefmutter. Obgleich ſie den lächerlichen Gedanken, er ſey ein untergeſchobener Wechſelbalg, nicht mehr hegte, ſo fuhr ſie doch fort, ihn eben ſo zu verabſcheuen, als wenn ſie ihn wirklich noch immer dafür hielte, und wenn Jemand nach der Urſache dieſer befremdenden Abneigung forſchte, ſo wurde ſie ſtets übel aufgeräumt und antwortete in mürriſchem Tone:„Sie hätte ihre Gründe dazu, die ſie eben nicht Jedermann zu offenbaren verbunden ſey.“ Ja, ihre höchſt tadelnswürdige Parteilichkeit ging ſo weit, daß ſie allen Um⸗ gang mit ihrer Schwägerin und dem Commodore abbrach, weil dieſe den armen Knaben durch Schutz und Unterſtützung begünſtigten. Ihre Bosheit ward inzwiſchen durch Trunnions Liebe und Groß⸗ muth getäuſcht. Er hatte Peregrinen an Sohnes Statt angenom⸗ men, und dem gemäß ausgerüſtet. In ſeinem eigenen Wagen brachte ihn der gute Oheim nebſt ſeinem Hofmeiſter nach dem Ort ihrer Beſtimmung, wo er Beide auf einen recht anſtändigen Fuß ſetzte, und Alles nach ihrem Wunſche einrichtete. Miſtriß Trunnion be⸗ nahm ſich bei der Abreiſe ihres Neffen ſehr gut. Unter einer großen Menge frommer Rathſchläge und der Ermahnung, ſich gegen ſeinen Hofmeiſter folgſam und ehrerbietig zu zeigen, beſchenkte ſie ihn mit einem Diamantenring von geringem Werth, und mit einer goldenen Denkmünze als Zeichen ihrer Liebe und Werthſchätzung. Der Lieu⸗ tenant begleitete die Reiſenden in der Kutſche, und ſeine Anhäng⸗ lichkeit an Peregrinen war ſo groß, daß er, als der Commodore ihm nach erreichtem Ziele ihrer Reiſe vorſchlug, wieder umzukehren, ſich geradezu weigerte und ſich entſchloſſen erklärte, bei Peregrinen zu bleiben. 119 Trunnion erſchrack über dieſe Erklärung um ſo mehr, als Hatchway ihm faſt zu allen ſeinen Lebenszwecken ſo nothwendig ge⸗ worden war, daß er vorherſah, er würde es ohne ihn nicht aushal⸗ ten. Nicht wenig ergriffen von dieſer Betrachtung, heftete er einen ſtechenden Blick auf Hatchway und ſagte in jämmerlichem Tone zu ihm:„Wie, Du willſt mich verlaſſen, Jack?— Sind wir nicht durch manchen rauhen Wind, durch manchen ſchweren Sturm zu⸗ ſammengeſegelt! O, verdammt! Ich dachte doch, Du hätteſt'n beſſer Herz. Hab' Dich für meinen Fockmaſt angeſehen, un Tom Pips für'n Beſanmaſt. Dieſer iſt nun hin! Verlaßt Ihr mich auch, ſo liegt all' meine Takelage darnieder, un der erſte Windſtoß ſenkt mich in den Grund. Hol' Euch der Kukuk! Könnt ja frei von der Leber wegſprechen, wenn ich Euch etwas zu Leide gethan habe. Will's ja gern wieder gut machen.“ Jock, der ſich ſchämte, ſeine wahren Gedanken laut werden zu laſſen, antwortete nach einigem Bedenken mit Verlegenheit und ohne Zuſammenhang:„Nein, Gott verdamm' mich! Das iſt der Caſus nicht. Ihr ſeyd mir immer offiziersmäßig begegnet, das muß ich geſtehen. Auch dem Teufel muß man ſein Recht laſſen, wie man zu ſagen pflegt. Aber's ſeht nur, die Sache iſt hier eigentlich die: Ich bin Willens, ſelbſt noch in die Schule zu gehen und ein bischen lateiniſchen Wiſchiwaſchi zu lernen; denn, wie man zu ſagen pflegt: Beſſer ſpät, als gar nicht; und von dergleichen ſoll hier mehr für's Geld zu kriegen ſeyn, als anderswo.“ Vergebens bemühte ſich Trunnion, ihn zu überführen, wie thöricht es wäre, in ſeinem Alter noch die Schule beſuchen zu wollen. Er ſtellte ihm vor: die Buben würden ihn zum Narren haben, und er würde aller Welt zum Spott werden. Jack verharrte auf ſeinem Entſchluß und der Commodore ſah ſich genöthigt, zur Vermittelung des Pips und Peregrine's ſeine Zuflucht zu nehmen. Dieſe wandten denn allen den Einfluß an, den ſie über den Lieutenant hatten, und brachten ihn endlich dahin, in das Caſtell zurückzukehren. Doch mußte Trunnion ihm zuvor 120 verſprechen, daß es ihm frei ſtehen ſollte, Peregrinen einmal des Monats zu beſuchen. Dieß abgemacht, nahmen er und ſein Freund von Peregrinen deſſen Hofmeiſter und dem Bedienten Abſchied, tra⸗ ten am nächſten Morgen ihre Rückreiſe an, und langten noch den⸗ ſelben Abend wohlbehalten zu Hauſe an. Hatchway war ſo voll Kummer, Peregrinen zu verlaſſen, daß er, wie man erzählt, zum erſten Mal in ſeinem Leben bei einem Abſchiede mißlaunig ausſah. So viel iſt gewiß, daß er auf der Rückreiſe, nach einem langen Stillſchweigen, welches der Commodore zu unterbrechen ſich nicht einfallen ließ, plötzlich ausrief:„Ich will verdammt ſeyn, wo mir's der Hund nicht angethan hat.“ Wirklich hatte die Gemüthsart der beiden Freunde verſchiedene verwandt⸗ ſchaftliche Züge, die ſich in der Folge zu offenbaren nicht ermangel⸗ ten, ſo verſchieden auch ihre Erziehung, Verhältniſſe und Verbin⸗ dungen waren. Achtzehntes Kapitel. Peregrine zeichnet ſich unter ſeinen Schulkameraden aus, macht ſeinen Hofmeiſter lächerlich und zieht die beſondere Aufmerkſamkeit des Rektors auf ſich. So der Fortſetzung ſeiner Studien überlaſſen, zeichnete Pere⸗ grine ſich in Kurzem aus, nicht nur ſeine leichte Faſſungskraft, ſon⸗ dern auch durch ſein fruchtbares Genie an loſen Streichen, wovon wir bereits ſo auffallende Beiſpiele mitgetheilt haben. Hier in dieſer neuen Sphäre gab es eine beträchtliche Anzahl ſolcher großen Lichter; deßhalb konnten ſich jetzt ſeine Talente, da ſie die Strahlen des ganzen Sternbildes concentrirten und reflektirten, in einem helleren Glanze zeigen, als ehemals, wo ſie nur allein wirkten. 12¹ Anfangs begnügte er ſich mit kleinen Neckereien, indem er ſein Genie bloß an ſeinem Hofmeiſter übte, der des Knaben Aufmerk⸗ ſamkeit dadurch rege machte, daß er demſelben gewiſſe politiſche Marimen einzuflößen ſich bemühte, deren Unhaltbarkeit einzuſehen unſer Held Scharfſinn genug hatte. Es verging kaum ein Tag, wo er nicht Mittel fand, Jolter'n in ein komiſches Licht zu ſtellen. Die albernen Vorurtheile, die poſſirliche Eitelkeit, das feierliche Weſen und der gänzliche Mangel an Menſchenkenntniß bei dieſem Manne, boten ſeinem Eleven immerwährenden Stoff zu Satyren, muthwilli⸗ gen Streichen und Neckereien, und er verſäumte keine Gelegenheit, ſelbſt über ihn zu lachen, oder ihn vor Andern lächerlich zu machen. Bisweilen miſchte er dem Hofmeiſter bei ihren Luſtpartieen Branntwein unter ſeinen Wein und verlockte ihn dadurch zur De⸗ bauche. Seine Klugheit verließ ihn alsdann, und er ſetzte ſich der Cenſur der Geſellſchaft aus. Andere Male bediente ſich Peregrine, wenn intrikate Materien auf's Tapet kamen, der ſokratiſchen Methode der Widerlegung gegen ihn, und durch eine künſtliche Reihenfolge irre machender Fragen, die er unter dem Vorwande, ſich zu unter⸗ richten, that, trieb er ihn unvermerkt ſo weit, daß er ſich ſelbſt widerſprach. S Einmal veranlaßte er auch auf eine geſchickte Manier einen Liebeshandel zwiſchen Jolter'n und dem Stubenmädchen im Hauſe, der zur äußerſten Beſchämung und Verwirrung für denſelben aus⸗ fiel. Das Mädchen war hübſch und Jolter ſchwach. Eines Abends, als er zu tief in's Glas geguckt hatte, betrachtete er ſie mit lüſternem Blicke. Peregrine, der ihm immer auflauerte, bemerkte ſeine Be⸗ gierde, und vermochte den Gegenſtand ſeiner Flamme dahin, dieſelbe ſo lange mit unbedeutenden Gunſtbezeugungen zu nähren, bis ſie zu heftig geworden war, um ſich unterdrücken zu laſſen. Jolter ſetzte ihr mit doppeltem Eifer zu; betheuerte, gelobte, machte Präſente, bat und flehte. Die Amata ſchien nachzugeben, und beſeligte ihn 122 mit der Erklärung, daß ihre Kammerthüre um Mitternacht offen ſeyn ſolle. Dieſer Abrede gemäß ſtand er zur anberaumten Stunde auf, und voll der froheſten Erwartungen forſchte er im Hemde und im Stockdunkel den Weg aus, der ihn zum Tummelplatz führte. Sein Herz prochte ungeſtüm vor Freude, als er die Thüre, wie verſpro⸗ chen, nur angelehnt fand. Er gewahrte die Nachthaube ſeiner Dul⸗ einea, die in tiefem Schlaf zu liegen ſchien; er ſprang in das Bette und ſchlang ſeine Arme— v Himmel! um den Verräther Pips, der nach Inſtruktion ſeines Herrn die Rolle des Mädchens ſpielte. Tom erwiederte die Umarmung mit ſo ſtraffer Anſpannung ſeiner Muskeln, daß der unglückliche Liebhaber den Betrug und die Un⸗ möglichkeit, ſich loszuwinden, zugleich inne ward. Unmittelbar dar⸗ auf trat ſein boshafter Untergebener nebſt noch einem Schüler, der im Hauſe wohnte, und dem ſchlauen Geſchöpfe, das an dieſem Un⸗ fall Schuld war, mit Lichtern in die Kammer, wo ſie den unglück⸗ lichen Hofmeiſter entdeckten, den dieſe Beſchimpfung tief darnieder beugte. Durch dieſe Begebenheit verſchwand nun völlig der Ueberreſt von Autorität, den er bisher noch über Peregrinen erhalten hatte. Von da an gingen ſie ohne alle Ceremonie mit einander um. Jol⸗ ter's Lehren verwandelten ſich in freundſchaftliche Winke, die der Andere nach Gefallen befolgen konnte oder nicht. Kein Wunder daß Peregrine ſeinen Neigungen den Zügel ſchießen ließ und durch ſeinen offenen Kopf und unternehmenden Geiſt unter der jüngern Klaſſe der Helden eine Rolle ſpielte. Bevor er ein volles Jahr in Wincheſter geweſen war, hatte er ſich, trotz der Geſetze und Verordnungen, durch ſo manche Helden⸗ denthaten dermaßen hervorgethan, daß ein großer Theil ſeiner Ka⸗ meraden ihn anſtaunte, und ihn zu ihrem Dux oder Anführer er⸗ nannte. Nicht lange darauf trug dieß die Fama dem Rektor zu Ohren, der Jolter'n rufen ließ, ihm eröffnete, was er gehört hatte, 123 und von ihm verlangte, die Lebhaftigkeit ſeines Pfleglings im Zaum zu halten und ſeine Wachſamkeit zu verdoppeln, weil er ſich ſonſt genöthigt ſähe, um des Beſten der Schule willen an ſeinem Mün⸗ del ein öffentliches Beiſpiel zu ſtatuiren. Der Hofmeiſter, ſich ſeines Mangels an Autorität ſehr wohl bewußt, war über dieſe gemeſſene Vorſchrift nicht wenig betroffen. Ihr durch Zwangsmaßregeln nachzukommen, ſtand nicht in ſeinen Kräften. Sinnend ging er demnach heim und beſchloß, nach reifer Ueberlegung, Peregrinen in dem freundſchaftlichſten Ton und Aus⸗ drücken Vorſtellungen zu machen, und ſich zu bemühen, ihm dieſe uebungen abzurathen, die ſeinem Charakter ſowohl als ſeinem In⸗ tereſſe nachtheilig werden könnten. Demzufolge theilte er ihm ganz offen mit, was der Rektor ihm geſagt hatte, ſtellte ihm die Be⸗ ſchimpfung vor, die er ſich zuziehen würde, wenn er ſeine Warnung in den Wind ſchlüge, erinnerte ihn an ſeine Lage, und ließ Winke fallen, wie es gehen könnte, wenn der Commodore über ſein Betra⸗ gen aufgebracht würde. Dieſe Vorſtellungen machten um ſo ſtärkern Eindruck, da ſie mit ſo manchen Ausdrücken der Freundſchaft und innigen Theilnahme durchwebt waren. Der junge Herr war nicht ſo roh und flatterhaft, um die Gründlichkeit von Jolter's Rath nicht einzuſehen. Er verſprach, ihn zu befolgen, weil ſein Stolz dabei intereſſirt war; und er ſah ſeine Beſſerung als einziges Mittel an, der Schande zu entgehen, deren Vorſtellung er nicht einmal ertragen konnte. Da der Hofmeiſter ihn ſo vernünftig fand, benützte er dieſe Augenblicke der Beſonnenheit, und machte, um ihn vor Rückfällen zu bewahren, den Vorſchlag: Peregrine möchte ſich auf irgend ein angenehmes Studium legen, wodurch ſeine Einbildungskraft beſchäf⸗ tigt, und er ſo allmählig von Verbindungen abgelenkt würde, die ihn in ſo manches unruhvolle Abenteuer verwickelt hatten Zu die⸗ ſem Ende empfahl er ihm mit großen Lobeserhebungen die Mathe⸗ matik, indem dieſelbe einer jugendlichen Einbildungskraft ein ver⸗ 124 nünftigeres und dauernderes Vergnügen gewährte, als irgend eine andere Wiſſenſchaft, begann auch wirklich noch an eben demſelben Nachmittage, den Euklides mit ihm vorzunehmen. Peregrine ergriff dieſen Zweig der Gelehrſamkeit mit aller der Wärme, womit junge Leute gewöhnlich neue Gegenſtände des Wiſſens erfaſſen. Allein kaum war er über die Pons asinorum hinaus, als ſein Cifer nach⸗ ließ. Die ſcharfen Demonſtrationen erfüllten ihn nicht mit dem hohen Entzücken, das ihm ſein Lehrer vorgemalt hatte, und ehe er bis zum ſieben und vierzigſten Satz kam, begann er jämmerlich zu gähnen, ſchnitt eine Menge ſaurer Geſichter und glaubte für ſeine angewandte Mühe dadurch nur kümmerlich belohnt zu ſeyn, daß man ihn in der großen Entdeckung des Pythagoras Theil nehmen ließ, der zufolge er einſah, daß das Quadrat der Hypotenuſe gleich ſey den Quadraten der beiden Katheten. Indeſſen ſchämte er ſich, ſein Unternehmen ſo ſchnell aufzuge⸗ ben und beharrte in Erlernung dieſer Wiſſenſchaft, bis er die vier erſten Bücher beendet, die ebene Trigonometrie und den algebraiſchen Kalkul begriffen, und ſich mit den Grundſätzen der Felbineßkunſt bekannt gemacht hatte. Doch konnte ihn keine Rückſicht dahin bringen, dieſes Studium weiter zu verfolgen. Mit doppeltem Behagen kehrte er wieder zu ſeinen frühern Vergnügungen zurück, gleich einem Strome, der ab⸗ gedammt um ſo größere Kraft gewinnt, und, ſeine Wälle durchbre⸗ chend, mit doppeltem Ungeſtüm einherbraust. Mit Erſtaunen und Kümmerniß ſah Jolter, daß er den Strom nicht zurückhalten konnte. Peregrine's Betragen war von nun an nichts als eine Kette von Zügellofigkeiten und tollen Streichen. Mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit folgte jetzt Schwank auf Schwank, Frevel auf Frevel. Tagtäglich wurden Klagen gegen ihn erhoben. Vergebens wies ihn unter Lier Augen der Hofmeiſter zurecht, vergebens drohten ihm öffentlich die Lehrer der Schule. An jenen kehrte er ſich nicht, und dieſe verachtete er. Er entkleidete ſich alles Zwanges, ſchritt in der 125 begonnenen Laufbahn fort und erreichte zuletzt eine ſolche Höhe der Verwegenheit, daß die Vorſteher der Schule eine Berathſchlagung anſtellten und beſchloßen, daß dieſer ungeſtüme Geiſt bei dem erſten Vergehen, das er ſich wieder zu Schulden kommen ließe, durch eine ſchwere und beſchimpfende Geißelung ſollte gedemüthigt werden. Zugleich müſſe man Jolter'n auftragen, im Namen des Rektors an den Commodore zu ſchreiben und ihn zu erſuchen, den Tom Pips von ſeinem Neffen wegzunehmen, weil dieſer Pips Stifter und Hauptperſon von all deſſen Unfug ſey. Auch müſſe man dem Oheim anliegen, den monatlichen Beſuchen des verſtümmelten Lieutenants Einhalt zu thun. Dieſer ermangelte nie, ſich der erhaltenen Er⸗ laubniß zu bedienen, und traf pünktlich auf den Tag ein, allemal mit neuen Erfindungen befrachtet. In der That war Hatchway zu der Zeit dort ſo wohl bekannt und bei jedem der jungen Leute be⸗ liebter, als der Lehrer, der ſie unterrichtete. Er ward immer von einem Trupp Schüler empfangen, die Peregrinen zu begleiten pfleg⸗ ten, wenn er ſeinem Freunde entgegen zog. Im Triumph und unter lautem Jubel führten ſie ihn in ſein Quartier. Was Tom Pips betraf, ſo war er nicht ſowohl der Helfer Pe⸗ regrine's, als vielmehr der Anführer bei allen tollen Streichen der Scholaren. Er nahm Antheil an allen ihren Luſtpartieen, leitete ihre Streifereien und entſchied die Streitigkeiten zwiſchen den Kna⸗ ben ſo, als ob er königliche Vollmacht hätte. Zu allen ihren Tän⸗ zen ſpielte er mit ſeiner Pfeife auf. Die jüngern Knaben unter⸗ wies er im Grübchenſpiel, in Schüttelhut und Hüpfefroſchs; die * Grübchenſpiel, Schüttelhut und Hüpfefroſch. Erſteres, ein gemeines Spiel wie die übrigen, beſteht darin, daß man mit Geldſtücken nach einer kleinen Grube wirft. Im zweiten wird Geld in einem Hut durch einan⸗ der geſchuttelt, die Spielenden ſtehen in einem Kreiſe; nach weſſen Seite die Geldſtücke mit dem Bildniſſe obenauf hinfallen, der hat ſit gewonnen. Im Letztern ſpringt ein Knabe über den andern weg. Cribbidge und All⸗ fours ſind zwei Arten von Kartenſpielen nur für den gemeinen Mann. Letzteres hat ſeinen Namen: Allfours, Allevier, von den vier Haupttrumpfen. 126 etwas Erwachſenen lehrt er Cribbidge und Allfours, wie nicht weni⸗ ger die Art und Weiſe, ein Caſtell zu ſtürmen und den Prinz Arthur und andere Pantominen ſo aufzuführen, wie ſie auf der See gegeben werden. Die älteſten von dieſen jungen Leuten aber, die man durch die Benennung fidele Jungen auszeichnete, un⸗ terrichtete er in der Kunſt, mit Knitteln zu fechten, St. Giles⸗ Hornpipe zu tanzen, Flipp zu trinken und Tabak zu rauchen. Durch dieſe Eigenſchaften hatte er ſich bei den Schülern ſo unentbehrlich und beliebt gemacht, daß, wenn auch Peregrine hiebei gar nicht intereſſirt geweſen wäre, dennoch ſeine Entfernung von der Schule ſicherlich gefährliche Gährungen unter der geſammten Schuljugend erzeugt haben würde. Jolter, der Pips' Wichtigkeit wohl kannte, gab deßhalb ſeinem Zögling von dem ihm zu Theil gewordenen Auftrage Nachricht, und fragte ihn ganz offenherzig, wie er ſich hiebei benehmen ſollte, da er es nicht wagen durfte, an den Commodore ohne Peregrine's Vorwiſſen zu ſchreiben, weil er fürch⸗ tete, der junge Herr möchte, wenn er davon Wind bekäme, dem Oheim gewiſſe Anekdötchen erzählen, an deren gänzlicher Unter⸗ drückung dem Hofmeiſter ſehr viel gelegen war. Peregrine entgegnete ihm, er ſolle ſich die Mühe erſparen, bei dem Commodore Klagen zu erheben, und dem Rektor auf etwaiges Befragen verſichern, daß er die Weiſung erfüllt habe. Zugleich gab er ihm ſein Ehrenwort, er wolle ſich künftig ſo vorſichtig benehmen, daß die Lehrer nicht bewogen werden ſollten, ihre Unterſuchungen zu erneuern. Allein der Entſchluß, der dieß abgedrungene Ver⸗ ſprechen begleitete, war zu ſchwach, als daß er hätte von Beſtand ſeyn können, und ſchon in weniger denn vierzehn Tagen ſah ſich unſer junger Held wieder in ein Abenteuer verwickelt, aus welchem ſein gewöhnliches gutes Glück ihm nicht heraushelfen konnte. Das Erſtere, das man auch Cribbage nennt, wird von zwei Perſonen ge⸗ ſpielt. Adelung⸗Johnſon. 127 Neunzehntes Kapitel. Peregrine's Abenteuer mit einem Gärtner. Peregrine ging eines Tages mit einigen ſeiner Kameraden in einen Obſtgarten in der Vorſtadt. Als ſie dort ihrem Appetit nach⸗ gehangen, verlangten ſie zu wiſſen, was ſie für die abgepflückten Früchte zu vergüten hätten. Der Gärtner forderte dafür eine, nach ihrer Meinung, unmäßige Summe, welche ſie, unter manchen ſchmä⸗ henden Ausdrücken, zu bezahlen ſich weigerten. Der Gärtner, ein roher und trotziger Mann, beſtand auf ſeinem guten Recht, auch ſparte er dabei die Ausdrücke nicht, welche ſich die Beredſamkeit des Pöbels bei ſolchen Anläſſen zu bedienen pflegt. Seine Gäſte verſuchten einen Rückzug. Es entſtanden Handgreiflichkeiten, wobei Peregrine ſeine Käppe verlor. Durch die große Anzahl ſeiner Feinde kam der Gärtner ſtark in's Gedränge; deßhalb rief er ſeinem Weibe zu, den Kettenhund loszulaſſen. Dieſer ſprang unverzüglich ſeinem Herrn zu Hülfe, biß den Einen in das Bein, den Andern in die Schulter, und jagte das ganze feindliche Heer in die Flucht. Voll Wuth über die ihnen widerfahrene Unbill ſammelten ſie Hülfstruppen und kehrten mit Tom Pips auf das Schlachtfeld zurück. Bei Erblickung ihres An⸗ marſches rief ihr Widerpart ſeinen am andern Ende des Gartens arbeitenden Knecht zu Hülfe. Er bewaffnete ihn mit einem Grab⸗ ſcheit und ſich ſelbſt mit einem Karſt, verriegelte ſeine Thüre von innen, und erwartete, ſeinen Kerl und Bullenbeißer auf den Flanken, feſten Fußes den Angriff. Kaum hatte er drei Minuten in dieſer Poſitur geſtanden, als Pips, der gleichſam die Freipartie des Fein⸗ des vorſtellte, mit großer Unerſchrockenheit gegen den Eingang des Hauſes anrückte und den Fuß gegen die Thüre ſtemmte, die eben nicht die haltbarſte war. Dieß wirkte ſo ſchnell und kräftig wie eine Petarde. Die Thüre zerſplitterte in zahlloſe Stücke. 128 Dieſer plötzliche Einbruch machte großen Effekt auf den Gärtner⸗ burſchen, der ſich eiligſt zurückzog und durch die Hinterthüre ent⸗ floh. Der Herr aber ſtellte ſich gleich einem andern Herkules in die Breſche, und wie Pips mit geſchwungenem Knüppel vorwärts drang, um mit ihm anzubinden, richtete er ſeine Waffe mit ſolcher Stärke und Gewandtheit nach deſſen Haupt, daß, wenn Pips Schä⸗ del von durchdringlichem Stoffe geweſen wäre, dieſes eiſerne Werk⸗ zeug ſeinen Kopf in zwei Stücke hätte zerſpalten müſſen. Kaſe⸗ mattet jedoch, wie dieſer war, glitſchte das Eiſen am Knochen ab, that es indeß mit ſo erſtaunlicher Vehemenz, daß durch die Berüh⸗ rung wirklich Feuerfunken herausſprangen. Der ungläubige Leſer möge ſich nicht einfallen laſſen, die Wahrheit dieſes Phänomens zu bezweifeln, bevor er des finnreichen Peter Kolbe's Naturgeſchichte vom Vorgebirge der guten Hoffnung geleſen, wonach die Eingebor⸗ nen mittelſt der Schienbeine der in dieſem Theile von Afrika getöd⸗ teten Löwen Feuer anzuſchlagen pflegen. Ein wenig betäubt war Pips freilich durch dieſen Schlag, doch nicht in dem Grade, daß er nicht im nöchſten Augenblicke dieſe Höflichkeit mit ſeinem Prügel hätte erwiedern ſollen. Wenn ſein Gegner nicht ſeinen Kopf weggewendet hätte, ſo würde ihn jener athemlos auf ſeine eigene Schwelle hingeſtreckt haben. Zum Glück aber empfing dieſen Gruß nur die rechte Schulter, die unter dem Streich erdröhnte, und die Hacke entſtürzte ſogleich der betäubten Hand. Tom nahm den erlangten Vortheil wahr, und beſchloß ihn zu benützen. Er rannte mit dem Kopf gegen die Bruſt dieſes Sohnes der Erde, und warf ihn zu Boden. In demſelben Augenblicke ſtürzte der Bullenbeißer auf den Bootsmann zu und packte ihn von außen bei dem Schenkel. Da ihm in ſeinem Hinterhalte dieſer An⸗ griff zu läſtig fiel, ſo überließ er den zu Boden geworfenen Gärtner der Rache ſeiner Conſpiranten, deren Heerſchaar auf denſelben los⸗ ſtürmte. Er wandte ſich um, packte das wilde Thier mit beiden Händen an der Gurgel, und drückte dieſe mit ſolcher Kraft und Be⸗ 129 harrlichkeit zuſammen, daß die Beſtie ihren Raub fahren ließ. Die Zunge hing ihr aus dem Rachen, das Blut ſchoß ihr aus Naſe und Augen und in den Händen des Siegers ſchwebte eine lebloſe Maſſe. Es war ein Glück für den Herrn des Hundes, daß dieſer nicht mehr lebte; denn er war jetzt von einer ſolchen Menge von Feinden umringt, daß ſich auf ſeinem ganzen Körper kaum noch einiger Raum für die Fäuſte fand, die auf ihm herum trommelten, mithin pfiff er, um mich einer Volksredensart zu bedienen, beinahe auf dem letzten Loche, bevor es Pips vermochte, einzuſchreiten. Er ſuchte die Mißhändler dieſes Mannes durch die Vorſtellung von ihm abzuziehen, daß ſein Weib in der Nachbarſchaft Lärm gemacht hätte, und daß jetzt die Nachbarn wahrſcheinlich beim Rückmarſch über die Siegreichen herfallen würden. Dieß ſchlug an; der Trupp zog triumphirend heim, und ließ den Gärtner in der Umarmung ſeiner Mutter Erde. Er konnte ſich aus derſelben noch nicht los⸗ winden, als ſeine untröſtliche Ehehälfte und einige Freunde kamen, welche ſie zu ſeinem Beiſtande verſammelt hatte. unter dieſen befand ſich auch ein Hufſchmied und Pferdedoktor. Dieſer beſichtigte des Gärtners Körper, und nachdem er jedes Glied genau unterſucht hatte, erklärte er, es ſey kein Bein zerbrochen. Sodann zog er ſeine Flitte hervor und ließ ihm, ſo wie er da lag, reichlich zur Ader. Der Gärtner ward nunmehr zu Bette gebracht, von welchem er erſt nach Monatsfriſt ſich wieder erheben konnte. Seine Familie aber kam nach dem Kirchſpiel, und reichte bei dem Schulaufſeher eine förmliche Klage ein. Peregrine war darin als Rädelsführer derjenigen bezeichnet, die den barbariſchen Ueber⸗ fall unternommen hätten. Alsbald wurden Unterſuchungen ange⸗ ſtellt, und nachdem alle Punkte der Anklage vollkommen erhoben und erwieſen worden waren, fiel die Sentenz dahin aus, daß unſer Held Angeſichts der ganzen Schule hart beſtraft werden ſollte. Ein Schimpf, deſſen Gedanke ſeinem Ehrgeize unerträglich war, daher er ſich kurz dahin reſolvirte, lieber zu entfliehen, als die Smollet's Romane. VIII. 9 130 über ihn verhängte Strafe zu erleiden. Dieſe ſeine Herzensmei⸗ nung eröffnete er ſeinen Conſpiranten, und ſie verſprachen ihm ins⸗ geſammt, ihm beiſtehen, und ihn entweder von der Züchtigung be⸗ freien, oder ſein Schickſal theilen zu wollen. Auf dieſe freundſchaftlichen Betheuerungen bauend, erſchien er ganz unbekümmert an dem Tage, der zu ſeiner Beſtrafung anbe⸗ raumt war. Als er nun vorgefordert wurde, näherte er ſich der Seene des Gerichts unter dem Gefolge des größten Theils ſeiner Mitſchüler. Dieſe eröffneten dem Lehrer ihren Entſchluß, und trugen auf Peregrine's Begnadigung an. Der Lehrer benahm ſich hiebei mit der ſeinem Poſten angemeſſenen Würde. Er ſtellte ihnen die Thorheit und Vermeſſenheit ihres Begehrens vor, verwies ihnen ihren verwegenen Schritt, und befahl einem jeden dieſer Jünglinge, ſich an ſeinen Ort zu begeben. Sie waren aber bereits zu weit gegangen, um einlenken zu können. Statt alſo dem erhaltenen Befehle zu gehorchen, zogen ſie, ihren Hauptmann in der Mitte, gerade zum Schulhauſe hinaus. Eine halbe Stunde vor der Stadt, auf einem kleinen Hügel, machten ſie Halt, um ſich über weitere Unternehmungen zu berathſchlagen. Dieſe Berathſchlagung war jedoch zu ſtürmiſch, als daß ſie zu einem einſtimmigen Beſchluß hätte führen können Pickle ſtellte ſich daher an die Spitze ſeiner Genoſſen und zog mit ihnen ſo lange weiter, bis die unter ihnen herrſchende Unordnung und Verwirrung ſich würde gelegt haben. Tom Pips war unter der Zeit zu ihnen geſtoßen und brachte den Nachtrab in aller Stille weiter, ohne eine einzige Frage wegen dieſer außerordentlichen Wanderung zu thun. So ſetzten ſie ihren unbeſtimmten Marſch noch weitere ſechs Meilen fort. Jetzt zeigte ſich ihnen ein Wirthshaus, woſelbſt ſie Raſt zu halten beſchloßen. Sie erfriſchten ſich hier ſo gut, als der Ort es nur immer geſtattete. Nachdem ſie ein recht tüchtiges Frühſtück von Butter, Käſe und Brod zu ſich genommen, das ſie mit einer angémeſſenen Quantität 131 Ale zu befeuchten nicht ermangelten, ward eine Motion gemacht, noch einen Rath zu halten. Doch wurden die kleinen Knaben hie⸗ von ausgeſchloſſen, um von der Berathſchlagung ſo viel als möglich Geſchrei und Verwirrung zu entfernen. Peregrine ward nunmehr mit dem oberſten Commando bekleidet. Darauf hielt er eine Rede an die, welche ihn gewählt hatten. Er dankte ihnen darin, daß ſie ſich ſo edelmüthig für ihn verwendet und ihm jetzt einen ſo ehren⸗ vollen Poſten zugetheilt hätten. Wahrſcheinlich, bemerkte er, wür⸗ den ſie baldigſt die Früchte ihrer Entſchloſſenheit einernten und mit Ehren zu den von ihnen verlaſſenen Studien zurückgerufen werden. Weil es aber nöthig ſeyn würde, ein wenig länger auszuharren, damit die Lehrer einſähen, daß ſie nicht bloßen Jungen übel begeg⸗ net wären, ſo ſchlug er vor, die Kleinen unter ihnen, die nicht im Stande wären, einige Strapazen auszudauern, zu entlaſſen und eine treue Perſon zu wählen, der ſie ihr Geld anvertrauen könnten, und die ihre Ausgaben unterwegs davon beſtritte. Sie wollten indeß weiter in's Land vorrücken und die Vergleichspunkte ruhig ab⸗ warten, die man ihnen unſtreitig antragen würde. Dieſer Vorſchlag ward allgemein genehmigt, die ſämmtliche Baarſchaft, die ſich auf zehn Guineen belief, zu Einer Maſſe ge⸗ ſchlagen und dem Pips überliefert, den man zum Kaſſierer und Ein⸗ käufer ereirt hatte. Man ermahnte die jungen Knaben, ihren Rück⸗ marſch anzutreten, und die Uebrigen, fünf und zwanzig an der Zahl, zogen unter Peregrine's Commando weiter. Er führte ſie noch zehn Meilen bis an ein gewiſſes Dorf. Daſelbſt ſchlugen ſie im Wirthshauſe ihr Nachtauartier auf, und forderten etwas zu eſſen. Sodann ließen ſie ſich Punſch und ſtarkes Bier geben, und thaten ſich dabei ſo ſehr gütlich, daß in Kurzem Ausgelaſſenheit und Unordnung die Oberhand gewannen. Sie machten Streifzüge, um gutwillige Nymphen aufzufinden, welche die Freuden dieſes Tages krönen möchten, und begingen manchen andern Exceß, dem weder Peregrine's Klugheit noch Anſehen Einhalt thun konnte. 132 Des Morgens ſparte ihnen der Wirth die Mühe, ihre Rechnung zu fordern, und ſie wurden zu ihrem großen Mißvergnügen inne, daß ihre nächtlichen Schwärmereien die eine Hälfte ihres Kapitals aufzehrten. Sie bezahlten ihre Zeche, und da nur Wenige, oder vielmehr Keiner von ihnen Luſt fühlte, zu frühſtücken, ſo brachen ſie wieder auf, und legten abermals ſieben Meilen zurück, ehe ſie Halt machten. Dieß geſchah an der Ecke eines Gemeindeſtücks, wo ſie ein Haus mit dem Zeichen Georgs erblickten. Solches gereichte einigen von ihnen, denen wegen der Schwelgereien von voriger Nacht die Zungen an den Gaumen klebten, zu keinem geringen Troſt und Vergnügen. Hier raſteten ſie ein wenig, und nachdem ſie ihre Kehlen mit reichlichen Strömen von Ale angefeuchtet hat⸗ ten, begannen ſie an ihrer dermaligen Lage Behagen zu finden, und befahlen ihrem Haushofmeiſter, für das Mittageſſen Sorge zu tragen. Die Wirthsleute wären dieſes Beſuchs gern überhoben geweſen. Sie hatten zu den Finanzen und Grundſätzen ihrer Gäſte kein ſon⸗ derliches Vertrauen. Sie ſchienen ihnen zu jung, um viel Geld oder Ueberlegung zu haben. Da ſie ſich aber an einem abgelegenen Orte befanden, und nicht vermochten, ſich gegen thätliche Beleidi⸗ gungen zu ſchützen, denen die Entrüſtung eines ſo unordentlichen Haufens ſie ausſetzen konnte, ſo wagten ſie es nicht, ſich ihr Miß⸗ trauen merken zu laſſen, und bedauerten nur, daß ſie nichts im Hauſe hätten, um ihre Gäſte zu bewirthen. Tom Pips, der auf der Gemeindetrift eine Heerde Gänſe und auf dem Hofe eine Menge Hühner erblickt hatte, kehrte ſich nicht an die Erklärung des Wirths. Er ging fort und kam in weniger denn fünf Minuten mit einem ſolchen Vorrath von Lebensmitteln zurück, daß man zweimal ſo viel Leute, als ſeine Bundesgenoſſen waren, damit hätte ſättigen können. Die Wirthin wagte es nicht, ſeine That zu mißbilligen, verſicherte ihn aber, daß dieſes Geflügel nicht ihr gehöre. Darauf machte ſie ſich ganz friedlich mit allen —, 133 ihren Leuten an deſſen Zubereitung. Auch fügte ſie noch etwas Schinken und Grünes zu dieſem Mahle. Unſere Geſellſchaft vertheilte ſich in verſchiedene Gruppen auf das Gras, und ſpeiste voller Zufriedenheit und Fröhlichkeit, ohne ſich's einmal einfallen zu laſſen, daß noch ein ſolches Mahl ihren gemeinſchaftlichen Fonds ganz erſchöpfen würde. Doch dieſe ſüße Betäubung war von kurzer Dauer. Um vier Uhr wollten ſie be⸗ zahlen, und ſtutzten höchlich, als ſie erfuhren, daß ſie für das, was ſie genoſſen hatten, nicht weniger als zwei Pfund eilf Schillinge und ſir Penee ſchuldig ſeyen. Sie ſahen dieſe Rechnung für unge⸗ wiſſenhaft an, und beſtritten demnach jeden Artikel derſelben. Die Wirthin aber betheuerte ganz feierlich, daß die Rechnung wirklich ſo viel ausmache, und verſicherte, daß die unnöthige Anzahl von Gänſen und Hühnern, die ohne ihr Wiſſen und ohne ihre Genehmigung geſchlachtet worden wären, größtentheils ſchuld ſey. Pips, der in gewiſſen Stücken ein ſehr weites Gewiſſen hatte, machte die Propoſition, die Wirthin für ihre Forderung dadurch zu beſtrafen, daß man den Marſch wieder anträte, ohne ihr einen Kreuzer zu bezahlen. Allein Peregrine verwarf dieſe Meinung mit edlem Unwillen. Er hielt dieſen Ausweg tief unter der Würde des Corps, das zu commandiren er die Ehre hatte, und befahl, die Rechnung ſogleich zu berichtigen. Nachdem die Sache zum Vergnü⸗ gen aller dabei intereſſirten Theile beigelegt war, begaben ſich die Verbündeten auf den Weg. Gegen Abend kamen ſie in einem gewiſſen Marktflecken an, wo ſie ſo lange Standquartier zu halten beſchloßen, bis ſie von ihrer Schule Nachrichten erhalten hätten. In dieſer Abſicht wählten ſie das beſte Wirthshaus und nahmen ſich vor, mit den Keberbleibſeln ihres Vermögens ſo ökonomiſch als möglich umzugehen. Da aber durch die Strapazen ihrer Reiſe die Lebensgeiſter bei Einigen zu ermatten begannen, und nunmehr eigene ruhige Ueberlegung ihnen die Thorheit ihres Vorhabens, und die unbehagliche Situation, in 134 welcher ſie ſich wenige Stunden nach Verzehrung ihres Kapitals be⸗ finden mußten, hätte vor Augen führen ſollen, ſo ſcheiterte dieſer wirthſchaftliche Plan an dem Drange nach Erfriſchung. Es ward eine große Bowle Punſch bereitet, und dem Pips anbefohlen, die Geſellſchaft durch ein Lied aufzumuntern. In Kurzem waren die Sorgen weggeſchwemmt, und der größte Theil der Nacht verging unter lauter Jubel. Am Morgen aber erwachten ſie mit Schrecken, und Kleinmüthigkeit nahm durchgängig Platz, als ſie erfuhren, daß ihre Bank kaum hinlänglich ſey, ihre Rechnung abzutragen, die man ihnen zu ihrem höchſten Mißvergnügen einhändigte und die zu be⸗ zahlen ſie ſich genöthigt ſahen. Jetzt waren ſie in der äußerſten Klemme, und dieß veranlaßte eine abermalige allgemeine Berathſchlagung. Sie wurden dahin einig, im gegenwärtigen Drange ihre Schaumünzen und ſilbernen Schnallen herzugeben und ihre Lage allerſeits ihren Anverwandten zu melden. Der üblen Begegnung auf der Schule wollten ſie den Schritt zu⸗ ſchreiben, der ſie in ſolche Verlegenheit geſtürzt habe. Bei dieſer Gelegenheit brachte Peregrine den Ring und die Schaumünze zum Vorſchein, die ihm Miſtriß Trunnion geſchenkt hatte. Pips bot nicht nur ſeine wohlangefüllte Börſe an, ſondern auch ſeine ſilberne Pfeife nebſt der Kette, woran ſie ſo manche Jahre an ſeinem Halſe gehangen hatte. Die jungen Herren dankten ihm für ſeine uneigennützige Zueignung; allein ſeine dringenden Bitten konnten ſie nicht dahin vermögen, dieſen Beweis ſeiner guten Kameradſchaft anzunehmen. Sie ſahen ihn für eine Perſon an, deren Beiſtand in ſolchem Fall zu benutzen weder ſchicklich noch billig ſey. Zwanzigſtes Kapitel. Die Hofmeiſter ſuchen ihre Untergebenen zu gewinnen. Peregrine wird verlaſſen. Man beredet ihn, umzukehren und ſich der Strafe zu unter⸗ werfen. Seine Ideen nehmen einen höhern Aufſchwung, er wird Stutzer und mit Miß Emilia Gauntlet bekannt. Mittlerweile beriefen die Lehrer zu Wincheſter, die über dieſe unvorhergeſehene Entweichung ganz in Erſtaunen und völlig außer Faſſung geſetzt waren, alle Hofmeiſter von denen zuſammen, die an dieſem gefährlichen Complott Theil genommen hatten. Sie wollten mit ihnen die paſſendſten Maßregeln verabreden, um die jungen Leute wieder zurückzubringen. Nach reifer Ueberlegung waren ſie insgeſammt der Meinung, daß eine ſolche Anzahl roher, brausköpfiger Knaben ohne Geld, Erfahrung, Anführer und Plan unmöglich lange beiſammen bleiben könnte. Sie beſchloßen daher, ſie den Wirkungen ihrer Leidenſchaften zu überlaſſen, indem ſie nicht zweifelten, daß, wenn die erſte Hitze ſich gelegt hätte, Einer nach dem Andern ab⸗ fallen und ſo die ganze Conföderation zuſammenſchmelzen und wieder kommen würde. Die Rückkehr der jungen Knaben rechtfertigte dieſes Prognoſti⸗ kon. Allein die Lehrer geriethen in nicht geringe Unruhe, als ſie erfuhren, daß der Reſt einen General gewählt, ſich gewiſſen Statu⸗ ten unterworfen und einen kühnen Anſchlag gefaßt habe. Trotz dem beſchloßen ſie, ihnen noch eine kleine Freiheit zu laſſen. Sie warteten noch vier und zwanzig Stunden, was ihre Nachſicht für Wirkungen hervorbringen würde. Als ſie aber von den Flüchtlingen keine weitere Nachrichten erhielten, fingen ſie an, dieſe Revolution von einer ernſtlichen Seite zu betrachten. Ihrem Rath und ihrer Vor⸗ ſchrift gemäß mußten die Hofmeiſter ihre verlaufenen Untergebenen aufſuchen. Es hielt nicht ſchwer, ihnen auf die Spur zu kommen. Eine ſo merkwürdige Karavane hatte unbemerkt nicht vorüber wandern können. Sie erfuhren deren Zug von Ort zu Ort. Endlich trafen ſie zu Abend in einem Wirthshauſe an der Landſtraße ein, das zwei Meilen von dem Flecken ablag, woſelbſt die fahrenden Ritter ihr Hauptquartier genommen hatten. Von da begaben jene ſich insge⸗ ſammt zu einem benachbarten Friedensrichter, und wirkten durch ihre Vorſtellungen einen Verhaftsbefehl gegen Tom Pips aus, den ſie ihm als einen Vagabunden und Verführer der Jugend ſchil⸗ derten. Mit dieſer Vollmacht ritten ſie den Morgen darauf in aller Frühe nach dem Flecken und ſtellten ihre Pferde in ein anderes Wirthshaus, wo ſie ſich ſo lange incognito aufhielten, bis ſie einen Konſtable mit einer hinreichenden Anzahl von Gehülfen an der Hand hatten. Sodann ſchickte man Jemanden an Maſter Pips, der ihm meldete, man wünſche ihn im weißen Hirſch zu ſprechen. Tom erhielt dieſe Botſchaft unmittelbar nach der vorbeſagten Effektenſteuer. Er ſagte dieß ſeinem Herrn, der richtig muthmaßte, daß es die gemeinſchaftliche Sache betreffe, und ihm daher befahl, der Aufforderung Gehorſam zu leiſten. Er folgte daher dem Boten. Kaum war er in das Zimmer getreten, das man ihm zeigte, ſo ſprangen der Konſtable und ſeine bewaffnete Schaar auf ihn zu, ehe er den geringſten Wink von ihrem Anſchlag hatte, oder Gele⸗ genheit fand, ſich zur Wehr zu ſetzen. Als man ihn ſo überwältigt hatte, machte man ihn mit der Urſache ſeiner Verhaftung bekannt, worüber er ſich wenig zu beküm⸗ mern ſchien. Er ward ſodann insgeheim in ein Gefängniß gebracht und daſelbſt ſeinen Betrachtungen überlaſſen. Nachdem dieſe Maßregeln mit gutem Erfolge genommen waren, begaben ſich die Hofmeiſter auf beſondere Zimmer und ſchickten nach ihren Untergebenen. Ein jeder bediente ſich gegen das ihm anver⸗ traute Pfand aller der Gründe, die er für die triftigſten hielt, um es von der Beharrung auf einem unvorſichtigen Plane abzubringen, 137 der ſchon mehr als zu weit verfolgt worden war. Zur Erreichung dieſes Zwecks bedurfte es eben allzugroßer Beredſamkeit nicht, da eigene Ueberlegung hiezu bereits den halben Weg gebahnt hatte. Der größte Theil der jungen Leute ergab ſich auf ſo vernünftige Vorſtellungen und willigte ein, wieder in die Schule zurückzu⸗ kehren, wofern für alles Vorgefallene Generalamneſtie zugeſtanden würde. Die Hofmeiſter hatten Vollmacht, ihnen dieſe zuzuſichern. Peregrine war hievon allein ausgenommen. Der Vorſteher der Schule hatte beſchloſſen, ein öffentliches Beiſpiel an ihm zu ſtatuiren, weil er der erſte Anlaß dieſer Unruhen und der Rädelsführer ge⸗ weſen ſey. Aus dieſer Urſache blieb er auch gegen alle Ermahnun⸗ gen des Maſter Jolter unbeweglich. Vergebens beſchwor ihn dieſer, ſich lieber einer kleinen Züchtigung zu unterwerfen, als ſich der Gefahr auszuſetzen, mit Schimpf und Schande von der Schule ge⸗ jagt zu werden und die Freundſchaft ſeines Oheims zu verſcherzen, der, wie er wüßte, ſeine Hauptſtütze ſey. Als endlich Pickle ſah, daß alle ſeine Anhänger aus ihrer Pflicht herausgeſchwatzt waren, daß man ihm allen Beiſtand und alle Mittel fortzukommen geraubt hatte, ergab er ſich mit großem Sträuben in ſein Schickſal, nachdem er zuvor dem Pips ſeine Freilaſſung ausgewirkt hatte. Er wurde in das Collegium zurückgeführt, und mußte, ungeachtet der Verwendung des Hofmeiſters, der ſehr ernſtlich um Milderung ſeiner Strafe an⸗ ſuchte, öffentlich, zum Schrecken aller, die daran Theil gehabt hatten, auf einem hölzernen Eſel reiten. Dieſe Schmach hatte eine tief kränfende Wirkung auf Peregrine gemacht, der um dieſe Zeit ſein vierzehntes Jahr zurückgelegt hatte, und den Stolz und die Geſin⸗ nungen eines Mannes anzunehmen begann. Er ſchämte ſich, nach dieſer Brandmarkung öffentlich, wie gewöhnlich, zu erſcheinen, war voller Erbitterung gegen ſeine Kameraden über ihren Unbeſtand und Abfall, und verſank in ein tiefes Nachdenken, das einige Wochen dauerte, während deren er ſich von allen ſeinen knabenhaften Ver⸗ 138 bindungen losriß und ſeinen Blick auf Gegenſtände lenkte, die ſeiner Aufmerkſamkeit würdiger erſchienen. Im Verlauf ſeiner gymnaſtiſchen Uebungen, in denen er es ſehr weit gebracht hatte, ward er ſehr vertraut mit verſchiedenen jungen Leuten, die ihn an Alter weit übertrafen. Dieſe fanden an ſeinem Genie und ſeinen Geſchicklichkeiten großes Behagen. Sie zogen ihn deßhalb zu allen Aſſambleen und Partien, wobei ſich ſeine Galan⸗ terie entwickeln konnte, woran auch ſeine Neigung bald ſehr ge⸗ feſſelt wurde. Er war von Natur aus dazu gemacht, in dergleichen Unternehmungen gut zu beſtehen. Außer einem ſehr einnehmenden Aeußern und ſchönem kräftig ſchlanken Wuchſe beſaß er eine noble Hardieſſe, eine angenehme Wildheit, welche die Eroberung der Schönen erhöhte, die das Glück hatte, ihn zum Sklaven zu machen; über dieſes ſchrankenloſe Freigebigkeit und eine nicht karge Doſis froher Laune, die zu gefallen nie verfehlte. Dabei mangelte es ihm nicht an den ſolideren Vorzügen der Jugend. Er war über alle Erwar⸗ tung in den Wiſſenſchaften fortgeſchritten, und außer der feinen Urtheilskraft, welche die Grundlage des guten Geſchmacks iſt, und vermöge deren er die Schönheiten der claſſiſchen Schriftſteller aufzufinden und ſich ihrer zu erfreuen wußte, hatte er bereits verſchiedene Be⸗ weiſe ſeines wirklich viel verſprechenden poetiſchen Talentes abgelegt. Bei dieſen Eigenſchaften und ſeinem Temperamente war es ſo⸗ nach kein Wunder, daß unſer Held die Aufmerkſamkeit und Neigung der jungen Delia's in der Stadt auf ſich zog, deren Herzen gerade um ein, ſie wußten ſelbſt nicht was, zu pochen begannen. Man erkundigte ſich nach ſeinen Verhältniſſen, und kaum hatte man von ſeinen Ausſichten gehört, als er von allen Eltern eingeladen und mit Höflichkeiten überhäuft wurde, während die Töchter wetteiferten, ihm auf das Zuvorkommendſte zu begegnen. Wo er ſich nur zeigte, erweckte er Liebe und Wetteifer; alle Frauenzimmer rißen ſich, ſo zu ſagen, um ihn, ſo daß er ein zwar ſehr wünſchenswerther, aber auch gefährlicher Geſellſchafter wurde. 139 Seine Mäßigung war nicht ſo groß wie ſein Glück; ſeine Eitelkeit übernahm die Leitung ſeiner Leidenſchaften und zerſtreute ſeine Aufmerkſamkeit, die er ſonſt auf einen einzigen Gegenſtand möchte gerichtet haben. Es ergriff ihn eine wahre Wuth, die Zahl ſeiner Eroberungen zu vermehren. In dieſer Abſicht frequentirte er alle öffentlichen Promenaden, Concerte und Aſſembleen, trug ſich immer nach der neueſten Mode, gab den Damen Soirée's und gerieth in die größte Gefahr, ein ausgemachter Modelöwe zu werden. Während nun ſein Ruf zwiſchen der Verſpottung Einiger und der Achtung Anderer mitten inne ſchwebte, ereignete ſich ein Vorfall, der ſeine Aufmerkſamkeit auf Einen Gegenſtand hinlenkte, und ihn dadurch von jenem nichtigen Treiben abzog, welches ihn mit der Zeit in einen Abgrund von Thorheit und Verachtung geſtürzt haben würde. Als er ſich eines Abends auf dem Balle befand, der zur Zeit der Wettrennen den Damen gegeben wird, trat der Ceremonien⸗ meiſter bei dem Feſte, welcher wußte, wie begierig Pickle nach jeder Gelegenheit haſchte, ſich zeigen zu können, zu ihm, und ſagte ihm: „Am andern Ende des Saales ſäße eine ſchöne junge Dame, die große Luſt zu haben ſchiene, eine Menuett zu tanzen; es fehle ihr jedoch an einem Tänzer, indem der Herr, der ſie begleitet habe, in Stiefeln wäre.“ Durch dieſen Wink ward Peregrine's Eitelkeit rege gemacht. Er ging hin, die junge Dame in Augenſchein zu nehmen, und fühlte ſich von ihrer Schönheit hingeriſſen. Sie ſchien in gleichem Alter mit ihm zu ſtehen. Ihr Wuchs war ſchlank, ihr Bau zwar ſchwach, dennoch aber vortrefflich; ihr Haar dunkelbraun und in ſo reichlicher Fülle, daß die unbarmherzige Hand der Kunſt es nicht hatte hindern können, von beiden Seiten ihre hohe und zierliche Stirne zu be⸗ ſchatten. Ihr Geſicht war länglich-rund und die Naſe ein wenig adlerförmig gebogen, was das Geiſt- und Würdevolle ihres Aus⸗ ſehens erhöhte. Ihr Mund war klein, die Lippen völlig, friſch, wolluſt⸗ athmend, die Zähne regelmäßig geordnet und weiß wie friſchge⸗ 140 fallener Schnee; ihre Geſichtsfarbe unglaublich zart und von Ge⸗ ſundheit glühend. Lebhaftigkeit und Liebe ſtrahlten aus ihren blauen Augen; gebieteriſch und zugleich einladend war ihre Miene, und unge⸗ mein einnehmend ihr ganzes Weſen. Kurz das Aeußere dieſer Dame war ſo bezaubernd, daß unſer junger Adonis kam, ſah und beſiegt war. Er hatte ſich nicht ſobald von ſeinem Erſtaunen etwas erholt, als er ſich ihr mit den Zeichen der Hochachtung näherte und ſie bat, ihm die Ehre zu erzeigen, eine Menuett mit ihm zu tanzen. Sie ſchien an ſeiner Aufmerkſamkeit ſo viel Vergnügen zu finden, daß ſie ihm ſeine Bitte ſogleich gewährte. Dieß Paar war zu auffallend, als daß es der Aufmerkſamkeit der Geſellſchaft hätte entgehen können. Pickle war Jedermann im Saale wohl bekannt; allein ſeine Tänzerin ein neues Geſicht, und demnach der Kritik aller übrigen Damen ausgeſetzt.„Sie hat ein recht hübſches Geſicht,“ wisperte die Eine,„aber ſind Sie nicht auch der Meinung, daß ſie ein wenig ſchielt?“ Eine Andere be⸗ dauerte ſie wegen ihrer männlichen Naſe. Eine Dritte bemerkte, ſie ſey linkiſch in ihrem Betragen, weil ſie wahrſcheinlich wenig unter die Leute käme. Eine Vierte fand ſehr viel Freches in ihrem Blick. Kurz jeder ihrer Vorzüge wurde, durch die Brille des Neides be⸗ trachtet, in einen Mangel verwandelt. Die Männer ſahen ſie indeß mit ganz andern Augen. Bei ihrem Erſcheinen entſtand unter ihnen ein allgemeines Murmeln des Beifalls; ſie umkreisten den Platz, wo ſie tanzte, und waren über ihre anmuthigen Bewegungen ent⸗ zückt. Während ſie ſich aber in Lobeserhebungen der Dame ergoßen, äußerten ſie zugleich ihr Mißvergnügen über das Glück ihres Tän⸗ zers, den ſie einen zierbenglichen kleinen Geck nannten, der für ſein eigenes werthes Selbſt ſo eingenommen ſey, daß er ſein günſtiges Schickſal weder erkenne, noch verdiene. Er hörte dieſe Anzüglich⸗ keiten nicht, mithin konnten ſie ihn auch nicht erbittern; allein während jene wähnten, daß er ſich der Eitelkeit hingebe, hatte eine edlere Leidenſchaft ſich ſeines Herzens bemächtigt. 7 141 Statt der ausgelaſſenen Fröhlichkeit, durch die er ſich ſonſt bei öffentlichen Gelegenheiten hervorzuthun pflegte, ließ er jetzt offenbare Merkmale der Betroffenheit und der Unruhe an ſich wahrnehmen. Er tanzte mit einer ſolchen Aengſtlichkeit, daß er oft aus dem Takt kam und bei jedem Fehltritt, den er that, ward er bis an die Augen roth. Obwohl dieſe ſeine außerordentliche Stimmung von den Männern nicht wahrgenommen wurde, konnte dieſelbe doch dem Scharfblick der Damen nicht entgehen. Sie bemerkten es mit eben ſo viel Erſtaunen als Unwillen, und als Peregrine die ſchöne Un⸗ bekannte zu ihrem Sitze führte, äußerten ſie ihren Groll durch ein affektirtes Kichern, in welches ſie alle in Einem Momente aus⸗ brachen, gleichſam als wenn ſie alle von Einem Geiſte wären getrie⸗ ben worden. Dieſe unanſtändigen Aeußerungen des Mißvergnügens ärgerten Peregrine ungemein, und um den Verdruß der Frauenzim⸗ mer zu vermehren, ließ er ſich mit ihrer ſchönen Nebenbuhlerin in ein vertrauliches Geſpräch ein. Die junge Dame, der es an ſchar⸗ fem Blick ſo wenig als an dem Bewußtſeyn ihrer Vollkommenheiten fehlte, nahm den Spott der Damen ebenfalls übel, obgleich ſie im Herzen über die Urſache deſſelben triumphirte. Sie bezeigte ſich gegen ihren Tänzer ſo artig, als er ſich nur immer wünſchen konnte. Ihre Mutter, welche gegenwärtig war, dankte unſerm Helden für ſeine Höflichkeit und Aufmerkſamkeit gegen eine Fremde. Ein gleiches Compli⸗ ment erhielt er von dem jungen Herrn in Stiefeln, der ihr Bruder war. Hatte ihn ihr Aeußeres ſchon entzückt, ſo riß ihn ihre Unter⸗ haltung voll Verſtand, Witz und Geiſt ganz dahin. Ihr ungezwun⸗ genes lebhaftes Weſen erweckte ſein Vertrauen und ſeinen ſonſt heiteren Humor ſo in ihm, daß er ihr die Charaktere jener Damen, die ſie mit ſo ſpöttiſcher Auszeichnung beehrt hatten, in ſo launigen ſathriſchen Zügen vormalte, daß ſie mit beſonderem Wohlgefallen ihm zuzuhören ſchien. Sie unterſchied bei dieſen Gemälden jedes der perfiflirten Frauenzimmer mit einem ſo prüfenden Blicke, daß dieſe vor Galle faſt hätten berſten mögen. Kurz, ſie ſchienen beide 142 an der Unterhaltung viel Behagen zu finden. Unſer junger Held beobachtete während derſelben mit vieler Feinheit jede Pflicht der Galanterie; er ließ keine ſchickliche Gelegenheit vorbei, ſeine Bewun⸗ derung ihrer Reize zu äußern, nahm zur ſtummen Beredſamkeit zärtlicher Blicke ſeine Zuflucht, ſtieß verſchiedene verrätheriſche Seufzer aus und hielt ſich den ganzen Ueberreſt dieſer Luſtbarkeit hindurch bloß an ſie. Als man aufbrach, begleitete er ſie nach Hauſe und nahm mit einem zärtlichen Händedruck von ihr Abſchied, nachdem er die Er⸗ laubniß erhalten, ſie am nächſten Morgen beſuchen zu dürfen, und von der Mutter erfahren hatte, daß ſie Miß Emilia Gauntlet heiße. Die ganze Nacht ſchloß er kein Auge, ſondern beſchäftigte ſich im Geiſte mit der Wonne, die ihm, ſeiner Einbildung nach, wegen dieſer neuen Bekanntſchaft zu Theil werden mußte. Er ſtand mit dem erſten Schwirren der Lerche auf, warf ſein Haar in angemeſſen nachläßige Locken, zog einen modiſchen grauen Frack mit Silber⸗ ſchnüren an, und lauerte mit brennender Ungeduld auf den Schlag der zehnten Stunde. Kaum hatte er dieſen gehört, ſo fand er ſich an dem beſtimmten Orte ein. Er fragte nach Miß Gauntlet, und man führte ihn in's Beſuchzimmer. Er hatte noch nicht volle zehn Minuten hier gewartet, als Emilie eintrat. Sie erſchien in ein⸗ facher reizender Hauskleidung, um ſie her gaukelten alle Liebesgötter, und ein Augenblick hatte Pickle's Sklavenkette ſo feſt zuſammenge⸗ zogen, daß er ſich nicht mehr aus derſelben loszuwinden vermochte. Ihre Mutter war nicht aufgeſtanden und der Bruder ausge⸗ gangen, um den Wagen zu beſtellen, in welchem ſie noch denſelben Tag nach Hauſe zu reiſen gedachten; und ſo genoß er eine volle Stunde lang ihre Geſellſchaft unter vier Augen. Während dieſer Zeit erklärte er ihr ſeine Liebe in den leidenſchaftlichſten Ausdrücken, und bat ſie, ihn unter die Zahl der Bewunderer aufzunehmen, denen ſie geſtattete, ſie zu beſuchen und anzubeten. Sie ſtellte ſich, als ob ſie in dieſen Betheuerungen nichts weiter 143 als die gewöhnliche Sprache der Galanterie ſähe, und verſicherte ihn ſehr verbindlich, daß es ihr, wenn ſie hier in dieſem Orte lebte, ſehr angenehm ſeyn würde, ihn öfters bei ſich zu ſehen. Da aber ihr Aufenthalt ſo weit von hier entfernt ſey, ſo könne ſie es nicht erwarten, daß er um eines ſo unbedeutenden Anlaſſes willen ſo weit reiſen, oder ſich um die Einwilligung ihrer Mutter bemühen ſollte. Auf dieſen günſtigen Wink bezeugte er mit der vollen Heftig⸗ keit der brünſtigſten Leidenſchaft, daß jetzt lediglich ſein Herz ſich ergoſſen habe, daß er nichts ſehnlicher wünſche, als eine Gelegenheit, ſie von der Aufrichtigkeit ſeines Geſtändniſſes zu überzeugen, und daß er, wenn ſie auch gleich am äußerſten Ende des Königreichs wohnte, Mittel und Wege finden würde, ſich ihr zu Füßen zu werfen, wofern er ſie mit Erlaubniß der Mutter beſuchen könnte, um die er nachzuſuchen nicht ermangeln würde. Sie gab ihm hierauf zu verſtehen, ſie wohne ungefähr ſechszehn Meilen von Wincheſter in einem Dorfe, das ſie ihm nannte, wo er (wie er aus ihren Reden leicht ſchließen konnte) kein unwillkommener Gaſt ſeyn würde. i Im Verlauf dieſer zärtlichen Unterhaltung trat Madame Gauntlet zu dem jungen Paare ein, empfing unſern Helden mit Artigkeit, dankte ihm nochmals für ſeine Achtung gegen ihre Emy auf dem Balle, und kam ſeinem Geſuch dadurch zuvor, daß ſie äußerte, es würde ihr ſehr angenehm ſeyn, ihn in ihrem Hauſe zu ſehen, falls er Gelegenheit haben ſollte, dort einzuſprechen. 144 Einundzwanzigſtes Kapitel. Pickle entläuft aus ſeinem Collegium. S Weiterer Verlauf ſeines Liebes⸗ handels mit Miß Gauntlet. Peregrine war entzückt über dieſe Einladung, welche er nicht aus der Acht zu laſſen verſicherte. Nach einer kurzen Unterhaltung über alltägliche Gegenſtände nahm er Abſchied von der reizenden Emilie und ihrer klugen Mutter. Letztere hatte die erſten Aufwal⸗ lungen von Pickle's Leidenſchaft für ihre Tochter bemerkt und von deſſen Verwandtſchaft und Vermögensumſtänden ſorgfältig Nachricht eingezogen. Auch Peregrine hatte nicht geſäumt, ſich nach ſeiner neuen Herzenskönigin zu erkundigen. Sie war, ſo viel er heraus⸗ bringen konnte, die einzige Tochter eines Stabsoffiziers, der zu früh geſtorben war, um ſeine Kinder ſtandesmäßig verſorgen zu können. Seine Wittwe, hieß es, lebe kärglich, doch anſtändig von ihrer Penſion und der Wohlthätigkeit einiger Anverwandten. Der Sohn diene als Volontair unter der Compagnie, die der Vater comman⸗ dirt habe, und Emilie ſey in London auf Koſten eines reichen Oheims erzogen worden, den in ſeinem fünf und fünfzigſten Jahre die Grille angewandelt, ſich zu verheirathen. Deßhalb war ſeine Nichte wieder zu ihrer Mutter zurückgekehrt, und ſie konnte, allem Anſchein nach, ſich jetzt auf weiter nichts als auf ihr Betragen und auf ihre perſönlichen Eigenſchaften verlaſſen. Obgleich dieſe Nachricht nicht vermochte, ſeine Zuneigung zu vermindern, ſo beunruhigte ſie dennoch ſeinen Stolz. Denn ſeine lebhafte Phantaſie hatte ſeine Ausſichten mächtig vergrößert, und er fing an, zu fürchten, man möchte der Meinung ſeyn, daß ſeine Leidenſchaft für Emilien ſeinen anſehnlichen Umſtänden nicht ange⸗ meſſen ſey. Der Kampf zwiſchen ſeinem Intereſſe und ſeiner Neigung * 145 ſetzte ihn in eine Verwirrung, die einen auffallenden Einfluß auf ſein Betragen äußerte. Er ward nachdenkend, mürriſch, blieb immer für ſich allein, mied alle öffentlichen Luſtbarkeiten, und ward in ſeiner Kleidung ſo nachläßig, daß ihn ſelbſt oft ſeine beſten Freunde kaum wieder erkannten. Dieſer Gedankenſtreit währte mehrere Wochen hindurch. Nach deren Verfluß behielten Emiliens Reize die Oberhand. Er hatte in der Zeit vom Commodore, der ſich ſehr freigebig gegen ihn zeigte, einen Zuſchuß an Geld erhalten, und deßhalb befahl er dem Pips, einige Wäſche und andere nothwendige Eyforderniſſe in eine Art von Schnappſack zu ſtecken, den dieſer ſehr bequem tragen konnte. Als dieß geſchehen war, machte er ſich eines Morgens früh zu Fuße mit ſeinem Bedienten nach dem Dorfe auf, wo ſeine Geliebte weilte, und langte daſelbſt um zwei Uhr Nachmittags an. Er hatte dieſe Art zu reiſen deßhalb erwählt, damit man ſeine Route nicht ſo leicht entdecken möchte, als es geſchehen konnte, wenn er ſich eines Pferdes oder der Landkutſche bedient hätte. Sein erſtes Geſchäft war jetzt, ſich in dem Wirthshauſe, wo er zu Mittag ſpeiste, ein bequemes Logis auszumachen; dann kleidete er ſich um, und begab ſich, der erhaltenen Weiſung gemäß, nach dem Hauſe der Miſtriß Gauntlet. Auf dem Wege ſchwelgte er in den ſüßeſten Hoffnungen. Als er ſich ihrer Wohnung näherte, wuchs der Aufruhr in ſeinem Innern. Mit Ungeduld und Kümmerniß klopfte er an; die Thüre ward geöffnet. Er hatte ſchon haſtig gefragt, ob Miſtriß Gauntlet zu Hauſe ſey, noch ehe er bemerkte, daß die Pförtnerin Niemand anders war, als ſeine theure Emilie. Sie blieb bei dem unerwar⸗ teten Anblick ihres Geliebten nicht unerſchüttert. Kaum hatte er ſie erkannt, ſo folgte er dem unwiderſtehlichen Triebe ſeiner Leidenſchaft, und ſchloß das zauberiſche Geſchöpf in ſeine Arme. Dieſer kühne Schritt ſchien ſie nicht zu beleidigen. Ein Mädchen von mehr Zurückhaltung oder von mehr ſteifer Er⸗ ziehung würde darüber zornig geworden ſeyn. Aber der zwangloſe Smollet's Romane. VIII. 10 146 und vertrauliche Ton, worin man ſie erzogen, hatte ihre natürliche Offenheit verſtärkt. Statt dieſe Freiheit alſo mit einem ſtrengen Blicke zu beſtrafen, ſpöttelte ſie mit vieler Laune über ſeine Zuver⸗ ſichtlichkeit, die ſie auf Rechnung des Bewußtſeyns ſeiner Verdienſte ſetzte. Sodann führte ſie ihn in das Viſitenzimmer, wo er die Mutter traf, welche ihm in den höflichſten Ausdrücken ihr Vergnü⸗ gen zu erkennen gab, ihn bei ſich zu Tiſch zu ſehen. Nach dem Thee ſchlug Miß Emy einen Spaziergang vor. Sie durchſtreiften eine Gegend, wo Gebüſche und ebene Plätze auf's Manchfaltigſte abwechſelten und die durch einen ſehr romantiſchen Strom bewäſſert wurde. Peregrine's Einbildungskraft ward dadurch ganz bezaubert. Es war bereits ſpät, als ſie von dieſem anmuthigen Streifzug zurückkehrten. Unſer Liebhaber wünſchte jetzt den Damen gute Nacht; allein Miß Gauntlet drang darauf, daß er zum Abendeſſen bliebe, und behandelte ihn mit beſondern Beweiſen ihrer Achtung und Ge⸗ wogenheit. Da ſie mit keiner unnöthigen Menge von Bedienten beladen war, ſo wurde ſie öfters bald da⸗, bald dorthin gerufen. Sonach erhielt der junge Herr mehrfache Gelegenheit, mittelſt der zärtlichſten Schwüre und Liebkoſungen, die ſeine Leidenſchaft ihm nur einflößen konnte, ſeine Abſicht gegen Emy zu verfolgen. Ihr Bild, betheuerte er, habe von ſeinem Herzen ſo ganz Beſitz genom⸗ men, daß er ihre Abweſenheit nicht einen Tag länger hätte ertragen können. Er habe deßhalb Schul- und Hofmeiſter verlaſſen, um den Gegenſtand ſeiner Anbetung zu ſehen und in deſſen Umgang einige wenige Tage glücklich zu ſeyn. Sie hörte dieſe Reden mit einer Leutſeligkeit an, die Beifall und Wohlbehagen zeigte, und gab ihm einen kleinen Verweis als einem unbedachtſamen Menſchen, der die Schule verſäume. Allein das Geſtändniß gegenſeitiger Liebe vermied ſie ſorgfältigſt. Denn mitten unter aller ſeiner Zärtlichkeit hatte ſie an ihm einen leicht⸗ ſinnigen Stolz entdeckt, dem ſie eine ſolche Erklärung anzuvertrauen 147 nicht wagen durfte. Vielleicht war ſie in dieſer Vorſicht von ihrer Mutter beſtätigt worden, die bei allen ihren Höflichkeiten gegen ihn wohlweislich eine gewiſſe ceremoniöſe Entfernung beobachtete. Sie hielt ſolche ſowohl für das Beſte der Ehre ihres Hauſes, als auch wegen ihrer Rechtfertigung nöthig, wenn man ihr je einmal den Vorwurf machen ſollte, daß ſie ihm in ſeinen unbedächtigen jugend⸗ lichen Aufwallungen Ermunterung oder Vorſchub geleiſtet habe. Aber ungeachtet dieſer verſtellten Zurückhaltung begegneten ihm Beide mit ſolcher Aufmerkſamkeit, daß er über ſeine Lage entzückt und von Tag zu Tag verliebter ward. Während er ſich unter dem Einfluß dieſes ſüßen Zaubers befand, veranlaßte ſeine Abweſenheit zu Wincheſter große Unruhe. Jolter war über ſeine plötzliche Ab⸗ weſenheit ſehr beſorgt. Er ängſtigte ſich darüber um ſo mehr, als er lange vor derſelben eine mächtige Anwandlung von Trübſinn an ſeinem Pflegbefohlenen wahrgenommen hatte. Er entdeckte dieſe Beſorgniſſe dem Rektor der Schule. Dieſer gab ihm den Rath, dem Commodore das Verſchwinden ſeines Neffen zu melden, und zugleich in allen Wirthshäuſern der Stadt nachfragen zu laſſen, ob er Pferde, oder irgend ein Fuhrwerk zum Fortkommen gemiethet habe, oder ob ihm unterwegs Niemand begegnet ſey, der über ſeine Reiſetour Auskunft geben könnte. So ſtreng man auch bei dieſen Nachforſchungen zu Werke ging, ſo waren ſie doch insgeſammt vergeblich. Nirgends ſtieß man auf eine Nachricht von dem Flüchtling. Sir Trunnion ward über die⸗ ſes Davonlaufen nicht wenig erbittert. Er tobte mit großer Wuth über Peregrine's Unbedachtſamkeit, den eèr in der erſten Hitze als einen undankbaren Ausreißer verdammte. Dann fluchte er auf Hatchway'n und Pips, die durch ihre verderblichen Rathſchläge den Jungen in den Grund geſenkt hätten. Endlich ſchüttete er alle Flüche über Joltern aus, daß er nicht beſſer Achtung gegeben habe, und zuletzt ſchimpfte er über ſein vermaledeites Zipperlein, das ihn ietzt unfähig mache, den Reffen in Perſon aufzuſuchen. 148 Um aber nichts von Dem zu vernachläßigen, was in ſeiner Macht ſtand, fertigte er unverzüglich nach allen Seeſtädten Eilboten ab, um ſeiner Entfernung aus dem Königreich zuvorzukommen; und der Lieutenant ward auf ſein eigenes Begehren ausgeſandt, um das Land zu durchkreuzen und den jungen Flüchtling aufzuſuchen. Vier Tage lang hatte er ohne allen Erfolg ſeine Nachforſchun⸗ gen mit größter Sorgfalt betrieben, als er den Entſchluß faßte, nach Wincheſter zurückzukehren. Hier hoffte er, einige, wenn auch noch ſo ferne, Winke zu bekommen, die ihn bei ſeinem künftigen Erkundigungen nützlich ſeyn könnten. Er ſchlug ſich von der Land⸗ ſtraße ab, um einen nähern Weg zu nehmen. Dicht vor einem Dorfe überfiel ihn die Nacht. Deßhalb kehrte er in dem erſten Wirthshauſe ein, wohin ihn ſein Pferd führte. Nachdem er ſein Eſſen beſtellt hatte, begab er ſich auf ſein Zimmer, wo er ſich die Zeit mit einem Pfeiſchen Tabak vertrieb. Hier vernahm er ein verwirrtes Geräuſch bäuriſcher Fröhlichkeit, das aber plötzlich auf⸗ hörte, und wurde nach einer kurzen Pauſe von Pips' Stimme be⸗ grüßt, der auf Anſuchen der Geſellſchaft ſie mit einem Liedchen zu unterhalten begann. Hatchway erkannte ſogleich die wohlbekannten Töne. Auch war es unmöglich, ſich darin zu irren, denn nichts in der ganzen Natur hatte hiemit die mindeſte Aehnlichkeit. Er warf ſtracks ſeine Pfeife in den Kamin, ergriff eines von ſeinen Piſtolen, und rannte un⸗ mittelbar in die Stube, aus der die Stimme hertönte. Kaum war er hineingetreten, als er ſeinen alten Schiffskameraden unter einer Heerde von Bauern erblickte. Er ſprang ſogleich auf ihn zu, ſetzte ihm das Piſtol auf die Bruſt, und rief:„Hol' Euch der Teufel, Pips! Ihr ſeyd ein todter Mann, wenn Ihr mir nicht ſtracks un⸗ ſern jungen Herrn ſchafft!“ Dieſe Drohung machte auf die Umſitzenden eine größere Wir⸗ kung, als auf Tom. Er ſah den Lieutenant ganz gelaſſen an, und ſagte:„Das kann ich wohl, Maſter Hatchway.“—„Was? geſund 149 und friſch?“ rief der Andere.—„Wie'n Roche,“ antwortete Pips. Dieß machte ſeinem Freund Jack ſo vergnügt, daß er ihm die Hand ſchüttelte, und ihn bat, in ſeinem Liedchen fortzufahren. Als dieß zu Ende und die Rechnung bezahlt war, begaben ſich die beiden Freunde auf das andere Zimmer. Hier erfuhr der Lieutenant die Art und Weiſe, wie Peregrine aus dem Collegium entwichen war, wie nicht weniger Alles von der gegenwärtigen Lage, was Tom davon hatte einſehen können. Während ſie ſo ſprachen, kam Pere⸗ grine nach Hauſe, der für die Nacht von ſeiner Gebieterin Abſchied genommen hatte. Er ward nicht wenig beſtürzt, als Hachtway in ſeiner Seeattitüde zu ihm hineintrat und ihm die Hand zum Gruße entgegenſtreckte. Sein ehemaliger Mündel empfing ihn, wie gewöhnlich, mit großer Herzlichkeit, und bezeigte ihm ſein Erſtau⸗ nen, ihn hier anzutreffen. Als er aber die Veranlaſſung und den Zweck ſeiner Reiſe erfahren hatte, ward er ſtarr vor Verdruß; ſein Geſicht glühte vor Unwillen.„Ich bin alt genug, um mein eigener Führer ſeyn zu können,“ ſagte er:„Ich werde von ſelbſt zurückkehren, wenn ich es für dienlich erachte. Diejenigen ſollen ſich gar mächtig irren, die ſich einbilden, man könne mich durch Zwang zu meiner Pflicht treiben.“ Der Lieutenant verſicherte ihm, er ſeinerſeits ſey nicht geſonnen, ihm die mindeſte Gewalt anzuthun; zu gleicher Zeit aber ſtellte er ihm vor, wie gefährlich es ſeyn würde, den Commodore in Feuer und Flamme zu ſetzen, der ſchon jetzt über die Nachricht von ſeiner Entfernung höchſt erbittert ſey. Kurz, er durchwebte und begleitete dieſe eben ſo faßlichen als kräftigen Gründe mit ſo freundſchaft⸗ lichen und achtungsvollen Aeußerungen, daß Peregrine ſeinen Vor⸗ ſtellungen nachgab und ihm gelobte, ihn den folgenden Tag nach Wincheſter zu begleiten. Hatchway war über den glücklichen Erfolg ſeiner Unterhandlung voller Freude. Er ging unverzüglich zum Wirth, beſtellte für Pickle und deſſen Bedienten eine Poſſchaiſe, und dann that er ſich mit ihnen bei einer Doppelkanne Rum etwas zu 150 Gute. Es war ſchon ziemlich tief in der Nacht, als er den Lieb⸗ haber der Ruhe, oder vielmehr den ſcharfſtechenden Dornen der Ueberlegung überließ. Schlafen konnte Letzterer nicht einen Augen⸗ blick; denn die Vorſtellung, die göttliche Emilie verlaſſen zu müſſen, die jetzt unumſchränkte Herrſchaft über ſein Herz erlangt hatte, mar⸗ terte ihn unaufhörlich. Eine Minute lang nahm er ſich vor, mit dem früheſten Morgen aufzubrechen, ohne dieſe Zauberin zu ſehen, in deren magiſchem Kreiſe er ſeinem gefaßten Entſchluß nicht trauen durfte. Dann trat der Gedanke, ſie auf eine ſo plötzliche und ge⸗ ringſchätzende Art zu verlaſſen, zu Gunſten ſeiner Liebe und Ehre in's Mittel. Dieſer Kampf hielt ihn die ganze Nacht auf der Folter, und es war Zeit, aufzuſtehen, bevor er ſich entſchloſſen hatte, ſeine Geliebte zu beſuchen, und ihr offenherzig die Beweggründe vorzule⸗ gen, die ihn nöthigten, ſie zu verlaſſen. Mit ſchwerem Herzen ging er mithin nach ihrer Mutter Hauſe. Hatchway, der es nicht für gut fand, ihn allein gehen zu laſſen, begleitete ihn bis zur Thüre. Als Peregrine eingelaſſen war, fand er Emilien eben aufgeſtanden, und nach ſeiner Meinung ſchöner als jemals. Dieſer frühe Beſuch und die Düſterheit, die über ſeinem Geſichte verbreitet war, beun⸗ ruhigte ſie. Sie ſtand in ſtillſchweigender Erwartung irgend einer traurigen Nachricht. Nach einer ziemlichen Pauſe hatte er ſich erſt genug geſammelt, um ihr zu ſagen, er ſey gekommen, um Abſchied von ihr zu nehmen. So ſehr ſie ſich auch beſtrebte, ihren Kummer zu verbergen, ſo ließ ſich die Natur doch nicht bezwingen. In einem Augenblicke lag Traurigkeit in jedem ihrer Züge, und nur mit äußer⸗ ſter Mühe konnte ſie ihren liebenswürdigen Augen das Ueberfließen verwehren. Er ſah die Lage ihrer Seele, und um ihren Harm zu lindern, verſicherte er, er würde Mittel finden, ſie in wenigen Wochen wieder zu ſehen. Sodann eröffnete er ihr die Gründe zu ſeiner Abreiſe, wobei ſie ſich denn beruhigte. Nachdem ſie ſich wechſelſeitig getröſtet hatten, legten ſich die Ausbrüche ihres Schmerzes, und noch ehe Miſtriß Gauntlet herunterkam, waren ſie bereits in ſolcher Ver⸗ 151 faſſung, daß ſie ſich mit vielem Anſtande und mit vieler Reſignation betragen konnten. Die gute Dame zeigte ſich gerührt, als ſie Pick⸗ le's Entſchluß vernommen hatte, und ſagte: ſie hoffe, ſeine Umſtände und ſeine Neigung würden es ihm erlauben, ſie auf ein anderes Mal mit ſeiner angenehmen Gegenwart zu beehren. Der Lieutenant wurde über Peregrine's Ausbleiben etwas ver⸗ drießlich, und klopfte an die Thüre. Sein Freund ſtellte ihn den Damen vor, und er hatte die Ehre, mit ihnen zu frühſtücken. Bei dieſer Gelegenheit bekam ſein Herz durch Emiliens Reize eine ſo heftige Erſchütterung, daß er nachher bei ſeinem Freunde ſich ein Verdienſt daraus machte, ſich ſo bemeiſtert und ſich nicht augenblick⸗ lich für ſeinen Nebenbuhler erklärt zu haben. Endlich ſagten ſie ihren gütigen Wirthinnen das Lebewohl, und in weniger denn Einer Stunde verließen ſie das Wirthshaus. Sie langten ungefähr um zwei Uhr in Wincheſter an. Jolter war über ihre Ankunft höchlich erfreut. Da die eigentliche Veranlaſſung der Flucht Peregrine's allen unbekannt war, die ausgenommen, auf die man ſich verlaſſen konnte, ſo beredete man Jeden, der ſich nach der Urſache ſeiner Abweſenheit erkundigte, er habe ſich bei einem Anverwandten auf dem Lande aufgehalten; und der Rektor war ſo nachſichtig, dieſe Unbeſonnen⸗ heit zu überſehen Nachdem Hatchway Alles zur Zufriedenheit ſeines Freundes in's Reine gebracht hatte, kehrte er nach der Garniſon zurück und ſtattete dem Commodore von ſeiner Erpedition Rap⸗ port ab. Der alte Herr ſtutzte nicht wenig, als er vernahm, daß ein Frauenzimmer mit im Spiele ſey. Er bemerkte in ſehr nachdrück⸗ lichem Tone: es ſey für einen Mann viel beſſer, in den Meerbuſen von Florida zu gerathen, als in die Bucht eines Weibsbildes. Im erſten Fall könne er doch noch durch Hülfe guter Lootſen ſein Schiff zwiſchen der Straße von Bahama und den indiſchen Küſten durch⸗ bringen, im letztern Fall aber ſey gar kein Ausweg. Es ſey ver⸗ 152 gebens, gegen den Strom zu ſteuern. Man werde in die Bucht hineingezogen und müſſe leiwärts auf die Küſte ſtoßen. Er beſchloß daher, dem Saquire Gamaliel Pickle den ganzen Fall vorzulegen und die tauglichſten Maßregeln mit ihm zu verab⸗ reden, ſeinen Sohn von einer nichtigen Leidenſchaft abzuziehen, die nothwendig ſeinem Erziehungsplan einen unfehlbaren Eintrag thun würde. Inzwiſchen waren Peregrine's Ideen und Gedanken ſtets nur mit ſeiner liebenswürdigen Gebieterin beſchäftigt. Schlafend oder wachend ſchwebte ihr Bild immer ſeiner Einbildungskraft vor. Dieß erzeugte denn folgende Strophen: Leb' wohl! Du Strom, Du holder Murmelquell, Du Frühlingsluft, ſo mild und ſonnenhell!— Leb' wohl, Du holdes Wieſenthal! Lebt wohl, ihr Vöglein allzumal! Euch flieh' ich ſonder Harm und Schmerz, Kein Seufzer drückt um euch mein Herz; Doch fern muß ich der Holden ſeyn, Drum iſt kein Tröpfchen Freude mein. Du, ſchöner als Aurora iſt, Wenn ſie den Thau des Feldes küßt; So lauter als das Sonnenlicht, Das durch den Maienhimmel bricht; Dein Reiz— ſo ſchön ſind Engel nur— Gibt neuen Glanz der holden Flur. Der Tag wird ſchön durch Dich gemacht, Und freuderfüllt von Dir die Nacht. Dieſe Jugendarbeit ſchloß er in ein ſehr zärtliches Billet an Emilien ein. Er vertraute es dem Pips an, und befahl ihm, ſich mit demſelben, einem Geſchenk von Wildbrät und einer Empfehlung an die Damen, zu Miſtriß Gauntlet zu begeben, und eine bequeme 153 Gelegenheit auszuſpähen, wo er dieſen Brief der Miß, unbemerkt von der Mutter, überreichen könnte. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Dem Boten begegnet ein Unfall, dem er gar ſinnreich abzuhelfen weiß. Seltſame Folgen hievon. Da die Landkutſche bis auf zwei Meilen von dem Dorfe zu gehen pflegte, wo die alte Gauntlet wohnte, ſo bedung ſich Tom einen Platz auf derſelben aus und reiste ab, um ſeine Botſchaft zu beſtellen, wiewohl er zu Aufträgen der Art nur wenig taugte. Der Brief war ihm auf die Seele gebunden worden; deßhalb beſchloß er, ihn zum Hauptgegenſtand ſeiner Sorgen zu machen. Er verbarg ihn ſehr ſcharfſinnig zwiſchen Strumpf und Fußſohle, und glaubte ihn ſo vor aller Beſchädigung und jedem Unfall völlig geſichert zu haben. Er ließ ihn hier ganz ruhig ſtecken, bis er in dem Wirths⸗ hauſe angekommen war, wo er vorher logirt hatte. Kaum hatte er ſich mit einem Trunke Bier erlabt, ſo zog er ſeinen Schuh ab, und fand das arme Briefchen mit Staub überzogen und durch die Bewe⸗ gung ſeines Fußes auf der Wanderſchaft in den beiden letzten Mei⸗ len ſeiner Reiſe in tauſend Stücke zerriſſen. Dieſer Anblick war für ihn ein Donnerſchlag. Er ſtieß ein langes und lautes: O weh! aus, und rief ſodann: die Schwerenoths alten Schuhe! Er ſtützte ſeine Ellenbogen ſodann auf den Tiſch und die Stirn auf ſeine bei⸗ den Fäuſte. In dieſer Stellung ging er mit ſich ſelbſt über die Mittel zu Rathe, wie dieſem Unglück wohl abzuhelfen ſeyn möchte. Da ihn keine übergroße Anzahl von Ideen verwirrte, ſo ſchloß er ſo⸗ fort: es würde das beſte Mittel ſeyn, wenn er den Küſter des Dorfs, den er als einen großen Gelehrten kannte, einen andern Brief 154 ſchreiben ließe, wozu er ihm einige Anleitung geben wollte. Daß das verſtümmelte Original ihm ſein Projekt im mindeſten erleichtern könnte, ließ er ſich gar nicht träumen, und deßhalb überantwortete er es gar weislich den Flammen, damit es nie wider ihn zu ſeiner Verurtheilung aufſtehen könne. Nachdem er dieſen klugen Schritt gethan hatte, ging er aus, um den Schreiber aufzuſuchen. Er theilte ihm ſein Anliegen mit, und verſprach ihm als Erkenntlichkeit eine volle Kanne Bier. Der Küſter, der auch den Schulmeiſter vorſtellte und auf eine Gelegen⸗ heit ſtolz war, ſeine Talente leuchten zu laſſen, übernahm ſogleich dieß Stück Arbeit. Er ging mit ſeinem Patron in die Schenke und brachte in weniger denn einer Viertelſtunde ein ſolches Meiſter⸗ ſtück von Beredſamkeit zu Stande, daß Pips darüber die größte Zufriedenheit bezeigte. Er ſchüttelte ihm dankbar die Hand, und verdoppelte die ihm beſtimmte Portion Bier. Sobald dieß abgemacht war, begab ſich unſer Eilbote mit der Wildbrätskeule und dem untergeſchobenen Briefe zur Miſtriß Gaunt⸗ let. Hier richtete er ſeinen Auftrag bei der Mutter aus, die ihn ſehr liebreich aufnahm und manche gütige Frage wegen ſeines Herrn Wohlbefinden that. Sie wollte dem Boten eine Krone in die Hand drücken, die er aber ſchlechterdings nicht annahm, denn ſein Herr hatte ihn wiederholt davor gewarnt. Die alte Dame wandte ſich ſodann weg, um einem Bedienten wegen des erhaltenen Geſchenks ihre Befehle zu ertheilen. Dieß ſah Pips für eine günſtige Gele⸗ genheit an, ſein Geſchäft mit Emilien abzumachen. Er drückte daher das eine Auge zu, und winkte mit einem Ruck ſeines Daumens gegen die linke Schulter und mit einer ſehr bedeutenden Wendung ſeines Geſichts der jungen Dame, in ein anderes Zimmer zu kom⸗ men, als wäre er mit einer andern Sache von Belang befrachtet, die er ihr mittheilen müßte. Emilie verſtand dieſen Wink, ſo ſeltſam er auch gegeben war. Sie ging an die andere Seite des Zimmers, und verſchaffte auf 155 dieſe Art dem Pips Gelegenheit, ihr den Brief in die Hand zu ſtecken, die er zum Zeichen ſeiner Achtung ſanft drückte. Dann warf er einen Seitenblick auf die Mutter, die ihm noch den Rücken zu⸗ gekehrt hatte, und legte den Finger an die eine Seite der Naſe, um ihr Verſchwiegenheit und Vorſicht anzuempfehlen. Emilie ſteckte den Brief in den Buſen, und konnte ſich eines Lächelns über Tom's Geſchicklichkeit und Feinheit im Betragen nicht erwehren. Damit ihn aber ihre Mutter in ſeiner Pantomine nicht ertappen möchte, ſo unterbrach ſie ſolche durch die laute Frage: „Wenn er nach Wincheſter zurückzukehren geſonnen ſey?“.—„Mor⸗ gen mit dem Früheſten,“ gab er zur Antwort. Miſtriß Gauntlet empfahl ihn der Fürſorge ihres Bedienten, dem ſie einſchärfte, Maſter Pips ja recht höflich zu begegnen. Man behielt ihn dem⸗ nach zum Abendeſſen und behandelte ihn recht herzlich. Unſere junge Heldin glühte indeß vor Ungeduld, den Brief ihres Geliebten zu leſen. Ihr Herz ſchlug vor entzückender Erwartung. Sobald ihr's nur möglich war, eilte ſie in ihr Zimmer und durchflog das Schreiben, welches folgendermaßen lautete: Göttliche Selbſtherrſcherin meiner Seele! Wofern die hellſcheinenden Strahlen von Dero Schönheit die Partikuln meines verzückten Gehirnes nicht in Dämpfe aufgelöst und meinen Verſtand zur Löſchkohle der Thorheit verbrannt hätten, ſo möchte vielleicht der Glanz meiner Liebe durch den Vorhang mei⸗ ner Tinte hell durchſcheinen, und ſelbſt über die Milchſtraße ſich noch hinausſchwingen, obwohl ſie nur auf den Fittichen eines grauen Gänſekiels getragen wird. Aber ach, himmliſche Zauberin! die Ne⸗ kromantie Deiner tyranniſchen Reizungen hat alle Kräfte meines Gemüths mit diamantenen Ketten gebunden, und wofern Dein Mit⸗ leid dieſelbigen nicht zerſchmilzt, ſo muß ich ewiglich in dem tarta⸗ riſchen Schlunde ſchrecklicher Verzweiflung beharren. Geruhe dem⸗ nach, Du, o hellſtes Licht dieſer Sphäre! ebenſowohl zu erwärmen, 156 als zu leuchten; und laß die frohbelebenden Strahlen Deiner Milde die eiſigen Ausflüſſe Deines Widerwillens zerſchmelzen, wodurch alle Lebensgeiſter zugefroren ſind, o engliſche Vortrefflichkeit Deinem ausgemachten Bewunderer und Sklaven im Superlativo Peregrine Pickle. Nie war wohl Jemand erſtaunter und betroffener zugleich ge⸗ weſen, als Emilie, als ſie dieſen ſeltſamen Aufſatz geleſen hatte. Dreimal wiederholte ſie ihn von Wort zu Wort, ehe ſie dem Zeug⸗ niß ihrer Sinne trauen wollte. Sie begann in Ernſt zu glauben, die Liebe habe den Verſtand ihres Liebhabers zerrüttet. Allein nach tauſenderlei Muthmaßungen, wodurch ſie ſich dieſen außerordentlich hochtrabenden Styl zu erklären verſuchte, ſchloß ſie endlich, er wäre die Frucht bloßen Leichtſinns und habe die Abſicht, die Liebe lächer⸗ lich zu machen, die er ihr zuvor geſtanden hatte. Dieſe Voraus⸗ ſetzung brachte ſie auf; ſie beſchloß, ihm ſeinen Triumph durch ver⸗ ſtellte Gleichgültigkeit gänzlich zu verkümmern, und ſich zugleich Mühe zu geben, ihn aus dem Platze zu vertreiben, den er in ihrem Herzen beſaß. Und ſie war in der That mehr denn irgend Jemand fähig, dieſen Sieg über ihre Neigungen ohne große Schwierigkeit zu erhalten. Sie beſaß das glückliche Temperament, ſich in jeden Vorfall zu finden, und ihre Lebhaftigkeit und Munterkeit, die ihre Einbildungskraft ſtets unterhielt, ſchützten ſie vor heftigem Gram. So entſchloſſen und geſtimmt, ſandte ſie Peregrinen weder die ge⸗ ringſte Antwort, noch ſelbſt das mindeſte Zeichen der Erinnerung. Pips reiste mit einem allgemeinen Complimente von der Mutter ab, und kam den folgenden Tag zu Wincheſter an. Peregrine's Augen funkelten, als er den Boten hereintreten ſah, und in der vollſten Zuverſicht, ein beſonderes Merkmal von Emiliens Gewogen⸗ heit zu erhalten, ſtreckte er ſeine Hand nach ihm aus. Allein wie betroffen, wie beſchämt war er nicht, als er ſich in ſeiner Hoffnung 157 ſo grauſam getäuſcht fand! In einem Angenblick war Muth und Farbe weg. Er ſtand einige Zeit lang ſtumm und ſtarr. Endlich wiederholte er dreimal die Frage: Wie? NRicht einmal ein Wort von Emilien? Und da er an Pips Vorſicht zu zweifeln anfing, be⸗ fragte er ihn auf's Aengſtlichſte nach dem ganzen Hergang der Sache. Er erkundigte ſich bei ihm, ob er die junge Dame geſehen habe, ob ſie ſich wohl befinde, ob er eine Gelegenheit ausgeſpäht, ihr den Brief zukommen zu laſſen, und was ſie dazu für eine Miene gemacht habe? Pips antwortete: Er habe ſie nie geſunder und munterer geſehen, und habe es ſo einzurichten gewußt, daß er ihr nicht nur das Billet zugeſtellt, ſondern auch beim Weggehen ſie insgeheim befragt habe, ob ſie nichts zu beſtellen hätte. Darauf habe ſie verſetzt: Der Brief bedürfe keiner Antwort. Dieſen letzten Umſtand ſah Peregrine als ein offenbares Zeichen der Verachtung an, und biß ſich deßhalb vor Unwillen in die Lippen. Bei fernerer Ueberlegung vermuthete er gleichwohl, ſie habe ihm nur nicht füglich durch den Boten ſchreiben können, und würde ihn unfehlbar durch die Poſt mit einer Antwort begünſtigen. Dieſe Vorſtellung tröſtete ihn für jetzt, und er erwartete mit Ungeduld die Früchte ſeiner Hoffnung. Allein, als acht Tage vergangen waren, ohne daß er die Freude eingeerntet, mit welcher er ſich ge⸗ ſchmeichelt hatte, wich ſeine Mäßigung. Er tobte gegen das ganze weibliche Geſchlecht, und gerieth in einen Anfall von Trübſinn. Allein in Kurzem kam ihm ſein Stolz zu Hülfe, und rettete ihn von den Schreckniſſen des melancholiſchen Feindes. Er entſchloß ſich, ſeiner undankbaren Gebieterin ihre Geringſchätzung wett zu machen. Sein Geſicht nahm allmählig die vorige Heiterkeit wieder an, und, wiewohl er noch nicht völlig von ſeiner Geckhaftigkeit ge⸗ heilt war, ſo erſchien er doch wieder in den öffentlichen Luſtbarkeiten mit einem fröhlichen, ganz unbefangenen Weſen, damit Emilie durch einen Zufall erführe, wie wenig er ſich, aller Wahrſcheinlichkeit nach, aus ihrer Verſchmähung mache. Es fehlt nie an gewiſſen dienſtfertigen Leuten, die Behagen daran finden, dergleichen Nachrichten an die Behörde zu fördern. Sein Betragen kam mithin der Miß Gauntlet zu Ohren, und be⸗ ſtärkte ſie in der Meinung, die ſie durch ſeinen Brief gefaßt hatte; ſie befeſtigte ſich ſonach in ihren vorigen Geſinnungen und ertrug ſeine Gleichgültigkeit ſehr philoſophiſch. Auf dieſe Art ward ein Umgang, der mit aller Zärtlichkeit und Aufrichtigkeit der Liebe begonnen hatte, und ſonach lange Dauer verſprach, durch ein Miß⸗ verſtändniß unterbrochen, das durch Pips' Einfalt entſtanden war, der an die Folgen ſeiner Betrügerei nicht einmal gedacht hatte. Für jetzt ward ſonach ihre gegenſeitige Leidenſchaft unterdrückt, doch aber nicht gänzlich vertilgt. Ohne Beider Bewußtſehn glomm ſie insgeheim fort, bis ſie in der Folge durch einen gewiſſen Anlaß zur offenen Flamme empor geblaſen wurde, und die Liebe wieder ihren Sieg in Beider Bruſt gewann. Während ſich nun Beide außer der Sphäre ihrer anziehenden Kraft befanden, beſchloß der Commodore aus Beſorgniß, daß Pere⸗ grine in Gefahr ſchwebe, ſich in eine ſehr ſchädliche L Verbindung ein⸗ zulaſſen, auf Anrathen Jolter's und ſeines Freundes, des Pfarrers vom Kirchſpiel, ihn von jenem Orte zu entfernen, wo er ſo un⸗ kluge Bekanntſchaften angeknüpft hatte, und ihn auf die Univerſität zu ſchicken, wo ſeine Erziehung vollendet, und ſeine Phantaſte von allen kindiſchen Beluſtigungen entwöhnt werden ſollte. Dieſer Plan war bereits ſeinem Vater vorgelegt worden; indeß dieſer blieb, wie ſchon erwähnt worden, in Allem, was ſeinen älte⸗ ſten Sohn betraf, völlig neutral. Und was Miſtriß Pickle anging, ſo hatte ſie ſeit ſeiner Abreiſe ſeinen Namen nie mit einiger Mäßi⸗ gung oder Ruhe nennen hören, als zu der Zeit, wo ſie von ihrem Manne erfuhr, daß er auf dem beſten Wege ſey, ſich durch eine tolle Liebſchaft zu Grunde zu richten. Damals fing ſie an, ihre Scharfſichtigkeit zu erheben, vermöge deren ſie ſogleich an dieſem laſterhaften Buben den Stempel der Verworfenheit entdeckt habe, 159 und ſchweifte in Vergleichungen zwiſchen ihm und Gammy aus. Es iſt, fuhr ſie fort, ein Kind von nicht gemeinen Gaben und ausnehmend geſetzt, und wird mit Gottes Hülfe ein Troſt ſeiner Eltern und eine Zierde ſeiner Familie werden. Behauptete ich nun, daß dieſer Liebling der Madame Pickle in jeder Hinſicht die Kehrſeite des von ihr aufgeſtellten Gemäldes war, behauptete ich, daß er ein Knabe von geringen Fähigkeiten, und daß, ſo merklich verdreht auch ſein Körper war, man ſeine Seele doch noch verſchobener fand, und daß ſie ihren Gatten überredet hatte, ihre Meinung anzunehmen, die dem gemeinen Menſchenver⸗ ſtande eben ſo zuwider war, als ſeiner eigenen Empfindung, ſo fürchte ich, der Leſer möchte denken, ich ſchilderte ihm ein Unge⸗ heuer, welches nie exiſtirt hätte, und er faßte einen höchſt übeln Begriff von meiner Erfindungsgabe; und doch iſt nichts wahrer als jeder Umſtand, den ich bisher erzählt habe, und ich wünſche, daß mein Gemälde, ſo ſeltſam oder grell es auch iſt, nicht mehr denn Einem Originale gleichen möchte