5 Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen., 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 2 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für Schentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: „„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 8 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſt Erſatz des Ganzen verpflichtet. . 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ————— auf 1 Monat; TW 1 W Pf 2 W. Pf⸗ — er Sudianet · Fhiuytling —,— Eine Erzaͤhlung aus dem letzten amerikaniſchen Kriege von 3 Mrs. Seba Snmith. „ In's Deutſche uͤbertragen 1 S und die Gefangene des Weſtens. von F. Gerſtäcker. Fweiter Theil. —————— — Grimma, Druck und Verlag des Verlags⸗Comptoirs. 1847. Der Indianer-Häuptling und die Gefangene des Weſtens. . 3weiter Theil. Der Indianer⸗Häuptling. I⸗ 1 I. Du glaubſt, ich liebe ſie noch? nein, nein. Nur Haß bewegt mein Herz allein. Wordsworth. Ban nach Tecumſeh's Ankunft, kehrte auch die Streifparthie unverrichteter Sache zuruͤck, die Jener ab⸗ geſandt hatte, um Winnemac und die andern verrätheri⸗ ſchen Haͤuptlinge von den Ihrigen abzuſchneiden und wo möglich gefangen zu nehmen. Die ſchlauen Wilden wußten zu gut, welche Gefahren ſie umgaben, um irgend eine Vorſichts⸗Maaßregel unangewendet zu laſſen; es be⸗ durfte aber auch des Auges eines Indianers, um der faſt unbemerklichen Spur zu folgen; aber ſie fanden und folgten den Faͤhrten mit der Sicherheit und Schnelle eines Schweißhundes, in die Fußſtapfen ſeines Feindes. Die zerdruͤckten Blumen, die niedergetretenen 1 Grashalme und wenn ſie wieder in ihre alte Lage zuruͤck⸗ gebracht waren, entgingen ihrer Aufmerkſamkeit nichtz der kaum gebogene Zweig, das Moos, kaum beruͤhrt, waren ihnen eben ſo viele Fuͤhrer, ihre Schritte zu leiten. Als ſie ſich dem Feinde naͤherten, verrieth das Reb⸗ huhn, das ſchwirrend ſein Lager verließ, der Waldvogel, der ſein Heil in ſchneller Flucht ſuchte, ihre Nachbar⸗ ſchaft. Beide Partheien lebten von den trockenen Proviſio⸗ nen, die ſie mitgenommen hatten, ohne zu wagen ein Feuer anzuzuͤnden, damit der Rauch ſie nicht verrathen moͤchte. Nachts fanden die Verfolger ihre Feinde ſchlafend, aber mit den Waffen in der Hand, und Wachtpoſten ihre Feuer umlagernd; doch hatte Tecumſeh den ſtrengen Befehl gegeben, kein Blut zu vergießen, damit ſeine Handlungsweiſe nicht mißverſtanden wuͤrde. Er wollte ſie vor eine große Rathsverſammlung der Häuptlinge ſtellen; dort, im Beiſein derer, die ſie verrathen hatten, ihr urtheil ſprechen und ſie auf dem Altare des indiani⸗ ſchen Patriotismus opfern. Um dieſen großen Rath zu veranſtalten, ſchlug Tecumſeh vor, die verſchiedenen Haͤuptlinge alle zum —— —— Ufer des Wabaſch einzuladen, und ermahnte die Seini⸗ gen ernſtlich, ſich friedlich zu verhalten, und nicht ihr Ohr jenen brittiſchen Agenten zu leihen, welche den wach⸗ ſenden Haß der beiden Laͤnder benutzend, ſich eifrig be⸗ muͤhten die Hilfe der noͤrdlichen Indianer, als maͤchtige Bundes⸗Genoſſen in einem Grenzkrieg zu erhalten. Er ſchilderte ihnen mit gluͤhenden Farben die Ge⸗ fahren, denen ſie ſich ausſetzten, und den geringen Vor⸗ theil, den es ihnen bringen konnte, ſich irgend einer der feindlichen Maͤchte anzuſchließen. Sie waren ſelbſt eine Nation, die ihre eigenen Intereſſen zu beachten, ihre eigenen Rechte zu bewahren hatte, und er beſchwor ſie, nichts, bei einer thoͤrigten Theilnahme der kommenden Streitigkeiten, auf's Spiel zu ſetzen. Klar und deutlich ſtellte er ihnen vor Augen, daß fuͤr ihre Verhaͤltniſſe eine ruhige Neutralität das Beſte ſei, und verſuchte ſie davon zu uͤberzeugen, daß nur in der eigenen Liebe zu ihrem Vaterlande ihr Gluͤck liege.„ 8 Eliskwatawa bekraͤftigte die Ermahnungen ſeines Bruders durch heilige Gebräuche und Geſaͤnge, denn die Stimme des großen Geiſtes hatte zu ihm in der Nacht geſprochen und den Ruhm der Staͤmme verkuͤndet. der Weißen wetteiferten, und nach und nach das große, fruchtbare Thal des Miſſiſippi mit einem glucklichen, zu⸗ friedenen Volke fullten, die ſich gleicher Geſetze erfreuten und die Laſter des weißen Mannes nicht kannten. . Er hatte Doͤrfer und Staͤdte geſehn, die mit denen Er hatte die Sterne beobachtet, und ſie fochten in ihren Bahnen gegen die bleichen Geſichter. Die Stuͤrme und Winterfroſte ſollten ſchwinden, und die Staͤmme ſich von ihrem langen Schlaf, mit der Stärke und Kraft vergangener Jahre erholen. Die Maſſaſauga*) lag nicht länger mehr aufge⸗ rollt in den Spalten der Berge, ſchwach und theilnahm⸗ los, nein! mit feurigen Augen und wechſelnden Farben ſprang ſie hervor, den Nacken erhoben und die Faͤnge mit dem tödtlichen Gifte, fuͤr die Adern der Feinde be⸗ ſtimmt, gefuͤllt. Fumſhaka lauſchte ſchweigend der gluͤhenden Be⸗ redtſumkeit ſeiner Bruͤder; neue, wilde Leidenſchaften durchbebten ſein Inneres und er beſchloß in ſeinem In⸗ nern, daß n wenigſtens von ſeiner ſtolzen Höhe ) Klapperſchlange. . ling erblickte, und die Haare zuruͤckſtreichend, üͤberließ herabgeſchleudert werden ſolle, moͤchten die Folgen ſein wie ſie wollten. Was galten ihm die ehrgeizigen Träume und Plaͤne, was der einſtige Ruhm ſeines Volkes, da er ſelbſt in wilder Wuth, mit zerſtoͤrten Hoffnungen uͤber ſeinen eigenen Racheplaͤnen bruͤtete— Er war Tecumſeh bei ſeiner Ruͤckkehr nach dem Lager vorausgeeilt, und hatte, halb aus Mangel an Beſchaͤftigung, halb in ſtei⸗ gendem Intereſſe fuͤr das ſchoͤne Maͤdchen, Ackoree auf⸗ geſucht. Er fand ſie am ufer des Fluſſes, beſchaͤftigt ein Netz an's Land zu ziehen, waͤhrend ihre kleinen zarten Finger ſelbſt in die Maſchen griffen, und ihre langen, ſchwarzen Haare vorwaͤrts fielen, und einen glaͤnzenden Nacken und zum Kuß einladende Schultern zeigten, auf denen die, von Kumſhaka ſelbſt dort hingehangenen Ko⸗ rallen glaͤnzten. Der Schall ſeiner Tritte machte ſie aufmerkſam, und ſie wandte, das Netz noch in den Haͤnden, in dem eben die ſchuppigen Gefangenen ſichtbar wurden, das Koͤpfchen lauſchend zur Seite, aber mit mehr als ge⸗ wohlichem Feuer glaͤnzten ihre Augen, als ſie den Haͤupt⸗ — 8— ie lchelnd demſelben das Netz, das er an's Ufer zog und ſich dann mit ihren langen, dunkelen Locken ſpielend, 3 neben ſie, auf einen, aus dem Ufer des Fluſſes hervor⸗ ſpringenden Stein ſetzte. Ackoree war heiterer als je; ihr helles, froͤhliches Gelaͤchter ſcholl uͤber die ſtille Waſſerflaͤche und ſtorte ſ das ſchlummernde Echo, und endlich verlangte ſie gar, trotz ihrer unbegrenzten Munterkeit und frohen Laune, genaue Nachrichten uͤber den letztgehaltenen Rath und uͤber das, was die Haͤuptlinge nun zu beginnen ge⸗ daͤchten. Waͤhrend Kumſhaka ihr aber die Einzelheiten er⸗ 6 zaͤhlte, ſchien plotzlich all der frohe, leichte Sinn, der wenige Minuten vorher noch ihr ganzes Weſen belebte, ſie plotzlich zu verlaſſen und ſie lauſchte mit ſtiller, mehr und mehr erweckter Aufmerkſamkeit. Als er ſchwieg, antwortete ſie langſam, ohne ihre Augen vom Boden aufzuſchlagen: „So? alſo die Faͤnge ſollen der Maſſaſauga aus⸗ gebrochen werden, daß ſie ihre Klappern ſchuͤtteln, aber nicht beißen kann? Tecumſeh moͤchte den Tomahawk begraben, damit die Schaͤrfe deſſelben ſein weißes Lieb⸗ chen nicht erſchrecke.“ 2 8 —— „Das weiße Maͤdchen, das eben die Stadt betre⸗ ten hat, uͤbt keine Gewalt uber ihn aus, es iſt die Schwe⸗ ſter„des ſchwankenden Rohres“; entgegnete Kumſhaka. „Sehr wahr! aber Tecumſeh gilt viel, ſehr viel, bei dem ſchwankenden Rohr,“ und ſie heftete ihre Augen feſt auf das Antlitz des Haͤuptlings, den Eindruck zu 6 bemerken, den ihre Worte hervorbringen wuͤrden. 4 Dieſer zog den Athem an, und ſeine Augen glaͤnz⸗ eeen wie die der ſpringfertigen Schlange, waͤhrend er die Locken, mit denen er ſpielte, ſo krampfhaft faßte, daß die gekraͤnkte Schoͤne unwillig empor fuhr; aber mit dumpfer, drohender Stimme frug er ſie was ſie meinte, ob Jene gewagt haͤtten zu lieben. Ackoree befreite ihre Haare von ſeiner Hand, und ſtieß ein leiſes, boshaftes Gelächter aus; Zorn und Eifer⸗ ſucht wutheten beide in ihrem Buſen. „Wagen? warum ſollten ſie das nicht wagen was Kumſhaka vor ihnen gewagt hat? der Indianer ſoll Seite bei Seite mit ſeinem weißen Bruder leben, daß die weiße Braut ruhig in ihrem Wigwam ſchlafen kann.“ „Und die Stimme des großen Geiſtes, wie die Sprache der Sterne, ſollen nur ihrer Liebe foͤrderlich — .— ſein?“ ſagte der Haͤuptling in bitterm Unmuth,„aber ich will ihre Gaukeleien aufdecken. Der Indianer wird durch ſeine eigenen Fuͤhrer bethoͤrt; dieſe Verbindung ſoll blos eine Maske ſein, ihn ganz machtlos zu machen und die Weißen zu beſchuͤtzen!“ Seine Lippen zitterten, aber ſelbſt waͤhrend er noch ſprach, ſtroͤmte das Blut in ſeine Schlaͤfe;— er wußte daß er log. Ackoree ſah, daß ihr Gift gewirkt hatte, und eine ruhige und gefaßte. Miene annehmend, legte ſie ihre Hand auf die des Haͤuptlings und ſagte leiſe:„Tecum⸗ ſeh iſt klug und maͤchtig! wuͤrde der Haͤuptling unbe⸗ waffnet in die Faͤnge des Panthers rennen, wuͤrde er die Höhle betreten wollen, waͤhrend das Weibchen die Jungen beſchuͤtzt? Sicherlich waͤre es beſſer zu warten, bis es ausgeht, um Beute aufzuſuchen.“ Kumſhaka begriff ſchnell ihre Meinung, und folgte ihr gern; er ſchaute das ſchone Maͤdchen bewundernd an, und das gleiche Ziel ihrer Leidenſchaften ſchien eine Art Sympathie auf ſie auszuuͤben. Ihre nicht widerſtrebende Hand in die ſeinige nehmend, antwortete er: „Du biſt ſehr ſchoͤn, Ackoree, und haſt weiſe rathen; Tecumſeh wird das Lager verlaſſen, um den großen Rath zu verſammeln, dann iſt die Zeit zum Handeln gekommen. Wird das weiße Madchen ſeine Braut, ſo ſollen die Scalpe ihres Volkes den Eingang ihres Wigwams zieren.“ Ackoree entzog ihm ihre Hand„Kumſhaka folgt einem Schatten, der verſchwindet, wenn er ſich naͤhert.“ „Ich will ihm nicht mehr folgen;“ rief trotzig der Haͤuptling;„wenn ich noch irgend etwas fuͤr das ſchwankende Rohr fuͤhle, ſo iſt es Rache; aber ſage mir, Ackoree, woher Du von ihrer Liebe weißt?“ „Wir ſtanden zuſammen, als Eure Leute zur Stadt zuruͤckkehrten; Tecumſeh war nicht dabei. Ich ſchaute in das Antlitz des weißen Maͤdchens, und ſie wußte es nicht; das Herz des bleichen Geſichts lag in ihren Wangen; denn das Blut kam und ſchwand und ihr Auge flog von Haͤuptling zu Haͤuptling und heftete ſich dann lange auf den Saum des Waldes, um zu ſehen, ob er von dorther kaͤme. „Tuumſih iſt nicht zurückgekehrt! ſagtei ſie verſuchte zu laͤcheln, zu ſprechen— aber mein Auge haftete auf ihr und ſie fuhlte, daß ich Alles wußte. Sie wandte ſich ab und ſchwieg.“ Kaum hatte ſie ihre Erzaͤhlung beendet, als eine rauhe Stimme mehre Mal ſchnell hinter einander ihren Namen ausrief, und Ackoree, dem Rufe gehorſam, nahm ihr Netz vom Boden auf und entfloh. IM. O nie kann ich den Wald vergeſſen WMit ſeiner wilden Herrlichkeit, Und was ich dorten einſt beſeſſen, Fuͤllt jetzt mein Herz mit tiefem Leid. Colton. S Am naͤchſten Morgen, nach Alicens Ankunft, er⸗ hob ſich Margareth, waͤhrend die Sonne noch nicht uͤber den Horizont emporgeſtiegen war, leiſe von ihrem Lager.— Minaree hatte ſchon die Huͤtte verlaſſen, und Nie⸗ mand war da, der Gefuͤhle beobachten konnte, die ſie ſonſt wohl verborgen haben wuͤrde. Sie beugte ſich lange und ſchweigend uͤber die ſchlummernde Geſtalt ihrer Schweſter, als ob ſie ſich feſt und treu jeden Zug des liebenden Geſichts einpraͤgen wollte, um zu ſehn, in wie weit dieß mit den Erinnerungen ihrer fruͤhen Jugendzeit uͤbereinſtimmte. Als ſie laͤnger und laͤnger in ihren Anblick ver⸗ ſank, hob ſich ihr Buſen von tiefen Seufzern, und Thraͤnen ſtahlen ſich uͤber ihre Wangen. Faſt ent⸗ ſchwundene Erinnerungen erwachten zu neuem Leben, und noch einmal durchlebte ſie die Zeit, die ſie in der Mitte von Liebe und Gluͤck, in jener trauten Heimath, weit, weit im ſtillen Walde, zugebracht hatte. Die Stimmen der Kindheit klangen wieder in ihrem Ohr und ſie ver⸗ nahm die leiſen, bruͤnſtigen Gebete; ihre Haͤnde faltend, gab ſie ſich ganz dem heiligen Gefuhle hin.— Es war ein herrlicher Anblick, das ſtolze, ſchoͤne Maͤdchen in dem ſonderbaren fremdartigen Anzug ſich hinuͤberbeugen zu ſehn uͤber die ſchlafende Schweſter, deren Gegenwart all die zarten Saiten ihres inneren Le⸗ bens wieder beruͤhrt und erweckt hatte. Eine ungewohnte Sanftmuth erfaßte ſie, und zer⸗ ſtreute einen Theil jener Kaͤlte und jenes Stolzes, der ihr nicht allein die Bewunderung, ſondern auch die Ehr⸗ furcht des wilden Volkes gewonnen hatte, in deſſen Mitte ſie geſchleudert war.— Sie nahm die Gewänder und unterſuchte ihre fremde Zuſammenſtellung, denn obgleich ſie nie ganz die Tracht fruͤherer Tage ver⸗ geſſen und ſelbſt theilweiſe ihre eigene danach gebildet hatte, ſo war doch die Erinnerung ſelbſt daran, undeut⸗ lich und verwiſcht worden. Sie ſteckte ihren kleinen Fuß in den Pantoffel und ſchritt vor- und ruͤckwärts — darin und ſchien ſich der zarten Form, die er enthuͤllte, zu erfreuen. Alice bewegte ſich auf ihrem Lager; Margareth legte ſchnell die Kleider wieder auf ihren gehorigen Platz zuruͤck und ſich neben die Schweſter ſetzend, ordnete ſie ihr wallendes, uͤppiges Haar, zu welchem Zweck ſie einen von Fiſchgraͤten verfertigten Kamm gebrauchte, deſſen Zinken kuͤnſtlich und zierlich in einem Stuͤck Holz befeſtigt waren. Die Buͤrſte war von den ſtarren Haa⸗ ren des Buͤffels verfertigt, und reich mit Stachelſchwein⸗ borſten verziert. Alice oͤffnete die Augen und breitete ihre Arme aus, ſie zu umfaſſen, Margareth begrußte ſie aber nur mit einem Laͤcheln. Minaree trat bald darauf mit Fiſchen zu ihrem Fruͤhſtuͤck herein, die ſie zwiſchen zwei flachen, mit Koh⸗ len bedeckten Steinen, zu roͤſten begann. Alice ſelbſt bereitete einen Maiskuchen, um auf dieſelbe Art gebacken zu werden, waͤhrend Margareth Fruͤchte und zwei Ge⸗ fäße brachte, eines mit Waſſer und ein anderes mit einem aus Ahornſaft bereiteten Trank gefuͤllt. Das Fruͤhſtuͤck wurde auf einem rohen, niederen Tiſch ausgebreitet, an welchem die beiden Schweſtern ſa⸗ Der Indianer⸗Häuptling.. 2 — ßen, waͤhrend Minaree vorzog, das ihrige auf den Schoos zu nehmenz freilich nicht ganz ſo wie Damen mit dem Thee zu thun pflegen, wenn er herumgereicht wird, aber doch uuf eine ähnliche Art, dadurch beweiſend, daß ſich, ſo— wohl in dieſen als allen andern Verhaͤltniſſen des Lebens, die Extreme beruͤhren. Margareth ſchaute jetzt ſchuͤchtern in das Antlitz ihrer Schweſter; ſie hatte die Gebraͤuche des fruͤheren Lebens nicht vergeſſen und beobachtete genau Alice, als dieſe ihre Haͤnde faltete, die Augen ſchloß und mit halb⸗ lauter Stimme betete.— Alice fand die Bequemlichkeit der Huͤtte viel gro⸗ ßer, als ſie eigentlich erwartete; denn Margareth mochte Minaree in manchen Sachen, die ihr Volk nicht kannte, unterrichtet haben, und die gute Frau, mit einer naturli⸗ chen Anlage zu Geduld und Regſamkeit begabt, hatte es ſich freudig angelegen ſein laſſen, vieles Nuͤtzliche und Angenehme fur den langen Winter zu ſammeln. Unter dieſem waren wilde, getrocknete Weintrauben, ſorgſam in der Sonne gedörrt, Honig von wilden Bie⸗ nen, in Kuͤrbisflaſchen aufbewahrt, die mit einem paſ⸗ ſenden Deckel von duͤnner Birkenrinde verſchloſſen wa⸗ ren; Zucker, aus dem Saft des Ahorn⸗Baumes gewon⸗ 2— nen, und verſchiedene Arten von eingekochten Beeren; getrockneter Fiſch und gedoͤrrtes Hirſchfleiſch, wie beſon⸗ ders eine feine Art Forellen, die man als eine große Delicateſſe betrachtete. Dieſe wurden zuerſt, wenn noch friſch, in Baͤrenfett gelegt und dann einige Tage darau in wohlverſchloſſene Flaſchenkuͤrbiſſe gepackt, die in Lehm⸗ erde eingeſchlagen und in der Sonne getrocknet werden mußten. Ferner hatte ſie Huͤlſenfruͤchte, Mais, wilden Reis, eingeſammelt, auch eine Art wilden Waizen, aus dem, wenn geſtoßen und zwiſchen flachen Steinen gerieben, eine ſehr ſchmackhafte Art Kuchen bereitet werden konnte. Alice half ihrer Schweſter bald, die Huͤtte ſowoh freundlicher als bequemer herzurichten, und nicht allein Heinrich Mansfeld, ſondern ſelbſt die jungen Männer des Stammes beeiferten ſich, ihnen Geſtelle fuͤr ihre Stuͤhle und viele andere Kleinigkeiten anzufertigen; denn ſo lieb und freundlich waren die Schweſtern, daß es Allen ein Vergnuͤgen gewaͤhrte, etwas zu ihrer Bequem⸗ lichkeit beitragen zu können, noch dazu, da Manches dann auch wieder ihnen ſelbſt zu Gute kam; die kleinen ſchmackhaften Kuchen gar nicht zu erwaͤhnen, die oft, von den niedlichen Haͤnden der Maͤdchen gebacken, und von 2. — der treuen Minaree beſorgt, den Weg in den Wigwam manches jungen Haͤuptlings fanden. Die gute Frau war ſchwer zu bewegen, Verbeſſe⸗ rungen fuͤr ſich ſelbſt zu benutzen, that aber Alles, was in ihren Kraͤften ſtand, um ihrem Pflegekinde eine Freude zu machen, und wenn ſie nach manchem Tage harter Ar⸗ beit, die eine Seite der Huͤtte mit großen Matten be⸗ hangen, und Stuͤhle und einen Tiſch ſah, auf dem Ali⸗ cens Bibel lag, wie eine Kiſte, in denen Kleider, Guͤr⸗ tel und Moccaſins ſorgfältig zuſammengepackt waren, kannte ihre Freude keine Grenzen. Margareth ſelbſt ſchloß und öffnete den Deckel, ſette ſich auf die Stuͤhle, beſah ſich in dem kleinen Spie⸗ gel, ordnete wieder und wieder ihre Kaͤmme und Buͤr⸗ ſten, ſchritt uͤber die Matte, und ſchauete dann mit freundlichem, liebevollem Laͤcheln in die Augen Alicens. Plötzlich aber brach ſie in ihren kindlichen Spielen ab, und ihr Antlitz ward ernſt und traurig; ſchwere Seufzer hoben ihre Bruſt, und ſie ſtand ſtill und be⸗ wegungslos; Alice hatte ſie umarmt, aber ſie winkte ihr zuruͤck und floh, Bogen und Pfeil ergreifend, hinaus in den Wald. Traurig folgte Alice mit den Blicken der leichten — lieben Geſtalt der Schweſter, als dieſe in dem gruͤnen Dickicht verſchwand, und ihr Geſicht dann mit den Haͤn⸗ den bedeckend, brach ſie in Thraͤnen aus. All die kleinen Bequemlichkeiten, mit denen ſie ihre Schwe ſter umgab, um ihr nach und nach das Gedaͤcht⸗ niß an fruͤhere Zeiten in der Seele zu erwecken und ſie faſt unbemerkt wieder fur ein civiliſirtes Leben zu gewin⸗ nen, hatten, wie ſie nun wohl fuhlte, nur dazu gedient, ſie fuͤr den Augenblick zu zerſtreuen und zu erheitern, und mehr Bewunderung als Theilnahme in ihr erregt; Alice fuͤhlte wohl, daß Margareth von ihrem wilden Le⸗ ben unzertrennlich war. Auch noch ein anderer Ver⸗ dacht bemaͤchtigte ſich ihrer Seele, denn die eigene Ein⸗ ſamkeit und Verlaſſenheit erweckte truͤbe Gedanken und Befuͤrchtungen.— Eben hatten die Schweſtern eines Morgens ihr Fruͤhſtuͤck beendet, als Tecumſeh und Heinrich Mansfeld in die Hutte traten. Alice reichte freundlich ihre Hand dem Häuptling, waͤhrend Margareth die ihrige kalt in die des jungen Mansfeld legte. Beide erroͤtheten und ſchienen verlegen; Tecumſeh aber konnte nicht lange verweilen, denn er wollte ſeine Reiſe antreten, um jenen Plan in Ausfuͤhrung zu bringen, die rothen Maͤnner der verſchiedenen Staͤmme zu verſammeln; ſeine Zeit war koſtbar. Sich zu den Schweſtern wendend, ſprach er mit leiſer, faſt zitternder, aber klangvoller Stimme: „Wenn Tecumſeh zuruͤckkehrt, werden die weißen Mäd⸗ chen bei den Ihrigen ſein, aber laß ſie es nie vergeſſen, daß der arme Indianer ſeine Matten ausbreitete, ihnen Schutz zu geben und ihnen Wild brachte, ihr Leben zu friſten. Tecumſeh hatte mit dem weißen Manne Brot gebrochen, und er konnte es nie vergeſſen.“ Margareth ward leichenblaß; Alice aber ſtand auf, und waͤhrend ſich die Thranen in ihren Augen ſammel⸗ ten, nahm ſie des Haͤuptlings Hand in ihre beiden und antwortete:„Wir werden uns ſtets Eurer Großmuth er⸗ innern, und uns Tecumſeh nur der Name deſſen ſein, was edel und gut iſt. „Wir wollen beten, daß Euch der wop Geiſt ſengen und beſchutzen, und fuͤr Alles das belohnen moͤge, was Ihr an Margareth gethan habt.“ Tecumſeh neigte ſein Haupt, und die Federn ſeines Helmes verbargen ſein Geſicht; als er ſich aber wandte, um Abſchied von Margareth zu nehmen, war ſie aus der Hutte verſchwunden. Alice gruͤßend ſchlug er ſeinen Weg nach der Laube, am Ufer des Fluſſes ein. Margareth hatte das Antlitz in ihren Häͤnden ver⸗ borgen, und ausgeſtreckt auf dem Mooſe ſchluchzte ſie laut. Tecumſeh hob ſie vom Boden und betrachtete ſie traurig und ſchweigend. Hätte er geſprochen, ſie haͤtte fortgeweint, denn ihr Herz war jetzt in weicheren Em⸗ pfindungen geoͤffnet und fremdartige Gefuͤhle beſtuͤrmten ihre Bruſt; ſo aber erweckte ſein Schweigen ihren einge⸗ borenen Stolz und ſie erhob ſich und ſtrich die Locken aus ihrem Antlitz, die Thraͤnen aus ihren Augen, als ob ihrem Herzen Schwaͤche und das zarte Gefuhl der Weiblichkeit fremd waͤre. Tecumſehs Auge leuchtete vor Bewunderung. „Sage dem weißen Manne,“ rief er aus,„daß das „ſchwankende Rohr“ ſeinen Stolz in den wilden Wäl⸗ dern unter dem klaren Himmel und neben den rauſchen⸗ den Waſſern des rothen Mannes gelernt hat. Sage ihm auch, daß Tecumſeh fuͤr das Gluͤck des ſchwanken⸗ den Rohres wachen wird, und daß er fuͤr jede Thrane, die aus ihrem Auge faͤllt, einen Tropfen ſeines Herzblutes zahlen muß. „Wenn Dein Auge ſich truͤbt, Dein Schritt wan⸗ kend wird, ſoll Tecumſeh da ſein, Dich zu rächen. Sage ihm auch, daß das ſchwankende Rohr fuͤr Tecum⸗ ſch der Regen war, der die Erde erfriſcht, daß es das war, was die Sonne den Bluͤthen, oder der Vogel der Waldung iſt. Es iſt ihm der eine Stern in einer Nacht voll Stuͤrme geweſen und wenn es geht, wird das Licht auf ſeinem Pfade verloſcht ſein.“ Margareth zitterte heftig. „Tecumſeh, ich werde nie zu meinem Volke zuruͤck⸗ kehren; ich will hier leben; ich wollte, Alice haͤtte nie von meinem Daſein gehoͤrt, dieſer Schmerz waͤre ihr jetzt erſpart.“ Tecumſeh ſchuttelte das Haupt. „Nein, nein, das weiße Maͤdchen ſehnt ſich nach Geſelligkeit. Sie wird wie der Vogel ſein, der allein, im Neſte ſitzt, und wird dem Geſang der Liebe lauſchen. Sie wuͤrde den rothen Mann von ſich ſtoßen, denn er kann ſich nicht bittend um ſie bewerben, wie wohl Einer ihres eigenen Volkes thut, mit gebogenem Knie und mit ſußen Worten.“ Als er ſprach, war ſeine Stimme leiſe und ſeine Augen feſt auf Margareths Antlitz ge⸗ heftet. Dieſe erroͤthete und hob ihre ſeelenvollen Augen zu ihm empor. Tecumſeh ſprang, mit einem wilden Aus⸗ ruf der Freude auf ſie zu, nahm ihre zitternde Hand in —2 die ſeinige und ſchaute tief, tief in die dunkelen Augen des ſchoͤnen Mädchens, fuͤr einen Augenblick ſchien ſeine Bruſt ein neues, nie gehofftes Gefuͤhl von Gluͤckfeligkeit zu erfullen; ſich aber ploͤtzlich ermannend, fuhr er fort: „Nein, nein! Tecumſeh ſoll nicht der Mann ſein, der einen Schatten auf die reine Stirn des weißen Maͤdchens bringt. Der Vogel wird ſich nach dem Rau⸗ ſchen ſeiner eigenen Waͤlder ſehnen, nach dem Schaukeln derſelben Zweige, in denen er einſt ſein Neſt baute. „Tecumſeh will nicht die Bluͤthe aus ihrer Heimath, aus dem milden Sonnenlicht nehmen, und ſie allein und freundlos in ſeiner Huͤtte welken ſehn. Boͤſes bedroht Tecumſeh; der Schwarzvogel iſt ſtets uͤber ſeinem Haupt, und als er zum Lager kam, lag die Maſſaſauga todt auf ſeinem Pfad. Sorgen nahen ſich ihm, denn der Geiſter⸗ vogel ſang die ganze Nacht auf dem Dach ſeines Wig⸗ wam.“ Er druͤckte Margareths Hand an ſein Herz und verließ die Laube. Margareth harrte noch lange in derſelben Stellung, in welcher er ſie verlaſſen hatte; ſie gab ſich keinem wil⸗ den Ausbruch der Verzweiflung hin, ja ſie weinte nicht einmal; ein ſchweres, vruͤckendes Gefuͤhl des Elends ſchien — 26 3 Alles, deſſen ſie ſich bewußt war; ein kalter Schmerz tag auf ihrem jungen Herzen, als ob Hoffnung plötzlich 1 und wohl fuͤr immer es verlaſſen habe. Da hoͤrte ſie Stimmen von außen und naͤher kom⸗ mende Schritte und ſich zu ihrer ganzen Hoͤhe aufrich⸗ tend, ging ſie Alice und Heinrich Mansfeld mit einem Antlitz entgegen, aus dem jede Bewegung gaͤnzlich ver⸗ bannt war; dennoch fühlte ſie ſich nicht wohl in der Gegenwart anderer Menſchen, und wenn auch unter dieſen ihre Schweſter war, ſie zog ſich, ihren dunkelen, freudloſen Gedanken nachhaͤngend, in ſich ſelbſt zuruͤck. Mit Alicen und Mansfeld am Ufer des Fluſſes hinwandernd, hatten ſie ſich endlich auf einem einladen⸗ den Raſenfleck niedergelaſſen, und ſchauten ſinnend und ſchweigend auf die Ruhe und Schoͤnheit der Natur, die ſie umgab, und wohl eigenthuͤmlich war der Anblick, dieſe beiden Schweſtern in all ihrer Lieblichkeit neben einander ſizen zu ſehen, waͤhrend Beide ſich umſonſt bemuͤhten, das ſtille Band der Geſchwiſterliebe wieder ſo feſt und unzerreißbar zu knuͤpfen, als es fruͤher geweſen war, ehe 7 es auf ſo ſchreckliche, grauſame Art zerriſſen wurde. Alicens Antlitz war blgß, aber ruhig, in ſtiller, trauriger Schwermuth, und eine Thraͤne zitterte an den langen Wimpern, die ihre blauen Augen beſchatteten. Margareths Wangen gluͤhten, und ihr dunkeles, kuͤh⸗ nes Auge flog von Gegenſtand zu Gegenſtand, als ob ſie ungeduldigen Zwang fuͤhlte, den ſie ſich ſelbſt hier auf⸗ legte, und wieder hinaus moͤchte in den freien, wilden Wald. Sie fuͤhlte ſelbſt, daß Alice anfing ſie zu bemit⸗ leiden und der Gedanke ſchon empoͤrte ſie; als ihr die Schweſter daher mit wehmuͤthiger Freundlichkeit in die Augen ſah, und die langen dunkelen Locken aus ihrer Stirn ſtrich, roͤthete ſich ihre Wange hoͤher und ſie er⸗ hob ſich ſchnell und wendete ſich, halb aͤrgerlich, ab. Sie fuͤhlte, daß ihr Alice in ſo Vielem uͤberlegen ſei, aber der ſtolze Geiſt der Waldestochter konnte es nicht ertragen, als ein leidendes Kind betrachtet zu wer⸗ den. Sie erhob ſich und ging ſchnellen Schrittes der Hütte zu, kehrte aber bald wieder mit Minaree, ein Canoe und ein paar Ruder tragend, zuruͤck. Sie ſtiegen die Uferbank hinab, und ließen es auf den Fluß, waͤhrend es Minaree hielt. Margareth bat jetzt Alice, zu ihr einzuſteigen, und furchtſam gehorchte dieſe, jene aber war jetzt ganz wieder ſie ſelbſt geworden; ihre Augen gluͤhten hell und freudig und ſie ergriff mit ſtarker, feſter Hand das Ruder; ihr Stolz fuhlte ſich bei — dem Gedanken befriedigt, der Fuͤhrer ihrer Schweſter zu Mansfeld, der noch immer die zitternde Geſtalt Alicens unterſtuͤtzte, die ſich mit wahrer Furcht im Ca⸗ noe niederließ, als ſie das Bewegen des Waſſers durch die duͤnne Rinde fuͤhlte, frug, ob auch er das Fahrzeug beſteigen durfe, und mit Margareths Zuſtimmung ergriff er eins der Ruder und half die leichte Barke uͤber die Waſſer dahintreiben. Leicht wie ein dem Elemente ſelbſt angehöriges We⸗ ſen, flog ſie den Fluß entlang, und ein Schauer von Diamanten ſchien bei jedesmaligem Ruderſchlag von die⸗ ſen abzuſpruͤhen. Margareths fröhliches Lachen ſchallte über die ru⸗ hige Waſſerfläͤche hin, als ſie ihren Mitruderer zu immer erneuerter Anſtrengung aufforderte, und ſelbſt Alice ver⸗ lor ihre Furcht, da ſie die Ruhe und Heiterkeit ihrer Gefaͤhrten bemerkte. Sie hatten die indianiſche Stadt weit hinter ſich gelaſſen, und der Fluß, der immer ſchmaler und ſchma⸗ ler geworden worden, beſchrieb jetzt plöblich einen Bogen, und bildete in ſeiner Mitte eine kleine Inſel, die mit bis zum Rande des Waſſers herabhaͤngenden Bäumen be⸗ — 26 wachſen und auf einer Seite durch die Haupt⸗Stroͤmung ſelbſt, die ein ruhiges, breites Baſſin bildete, auf der an⸗ deren nur durch einen kleinen ſchmalen Streifen Waſ⸗ ſers, der rauſchend und plaͤtſchernd uͤber ſein felſiges Bett dahin brauſ'te, von dem feſten Lande getrennt wat. Sie befanden ſich noch im Schatten der kleinen Inſel und wollten eben wieder hinaus in die offene Breite des Fluſſes, als Margareth plötzlich ihr Ruder niederlegte und ihren Gefaͤhrten zuwinkte ſich ruhig zu verhalten. Mansfeld laͤchelte, als er bemerkte, wie ſie einen Pfeil auf den Bogen legte, und der Richtung ihres giels folgend, ſah er einen Hirſch, der zum Trinken an den Rand des Waſſers hinabgeſtiegen war und in auf⸗ merkſam lauſchender Stellung, und mit zur Seite geboge⸗ nem Kopf umherblickte, um zu ſehen, ob wirklich Etwas die ſtille Ruhe geſtoͤrt habe. Der Pfeil ſchwirrte und vorwaͤrts ſpringend warf ſich das todtlich getroffene Thier in den Fluß, die klare Fluch mit ſeinem Blute faͤrbend. Einen ſchwachen Schrei ſtieß Alice aus, und blickte faſt mit Entſetzen auf Margareth, als dieſe mit freudig zuſammengepreßten Lippen, und einem Läͤcheln ihren — 30 Mund umſpielend, daſaß, waͤhrend ſie die letzten An⸗ ſtrengungen des ſterbenden Thieres beobachtete. Im Todeskampf war der Hirſch ans andere Ufer geſchwommen und verſuchte jetzt mit geſenktem Kopf die 1 ſteile Bank empor zu klimmen, aber ſeine Kraͤfte ließen nach, er taumelte vorwaͤrts und ſtuͤrzte zu Boden, mit dem warmen Herzblut ſein Leben ausſtroͤmend. „Ein herrlicher Schuß,“ rief Mansfeld, als das kuͤhne Maͤdchen das Canoe über das Waſſer trieb, ſich ihrem Opfer zu naͤhern. Alice aber bedeckte mit beiden Haͤnden ihr Antlitz, wie ſie das ſterbende Thier erblickte, das roͤchelnd die im Tode matt werdenden Augen noch faſt bittend zu ihr aufhob.„O es war grauſam, recht grauſam!“ rief ſie aus,„ach liebe, liebe Margareth, ver⸗ ſprich mir, daß Du nie wieder einen anderen toͤdten willſt.“ Margareth ſchaute mißvergnuͤgt und getäuſcht zu ihr nieder und faſt veraͤchtlich wandte ſie ſich von der Schweſter, waͤhrend ſie ans Ufer ſprang und den Pfeil aus der Seite des Wildes zog, das ſich noch einmal em⸗ porzuheben verſuchte, wieder zuruͤckfiel und verendete. „O Margareth,“ rief das zitternde Mädchen,„Du mußt dies wilde Leben verlaſſen, mußt ſanft und weiblich werden, Du wirſt naͤhen und leſen lernen, und bei mir im Hauſe ſitzen, und wir werden ſo gluͤcklich ſein, o, nicht wahr, Margareth, wir werden?“ und ſie ſuchte der Schweſter Hand zu faſſen; dieſe aber entzog ſie ihr und lächelte zornig, ſprach aber nicht. „Antworte mir, theuere Margareth, willſt Du nicht mit uns gehen?“ „Den ganzen Tag im Hauſe zu ſitzen und nutzloſe Arbeit zu thun? Worte von Leuten zu leſen, die keine Meinung ha⸗ ben Nie! nie!“ rief Margareth mit ſich roͤthenden Wangen. „Du wirſt aber lernen, was die Großen und Guten vor uns gedacht haben, und Vergnuͤgen daran finden.“ Margareth ſchuͤttelte das Köpfchen.„Sie waren Menſchen wie wir, hatten dieſelben S le und Gedan⸗ ken, wie kann es uns freuen ihre Worte zu leſen? Nein, Alice, es iſt Thorheit; laß uns hier frei in dieſer gro⸗ ßen, ſchoͤnen Wildniß leben, und freudig die herrliche Natur genießen, aber nicht uns durch die Meinungen Anderer binden. Ich kann nicht mit Dir zu Deinem armſeligen Leben zuruckkehren„aber bleibe bei mir, und wir werden gluͤcklich ſein.“ Alice fuͤhlte, daß Manfeld's Augen auf ihr hafte⸗ 3 ten und ſie errothete; warum auch ſollte ſie nicht hier in der herrlichen Einſamkeit der Wälder, weit, weit von allen Sorgen, allem Zwang der Civiliſation, bei der Schweſter bleiben? ſie zoͤgerte zu antworten. „Nein, Margareth,“ fluͤſterte ſie endlich,„s waͤre ſelbſtiſch, ſich hier fern von allen Pflichten, allen Ban⸗ den der menſchlichen Geſellſchaft zuruckzuziehen“— ſie errothete, als ſie die letzten Worte geſprochen und ſchwieg, wuͤnſchte faſt ſie nicht geſagt zu haben, fuhr aber nach einigen Augenblicken fort:„Nein, wir wuͤrden hier blei⸗ ben und nicht weiſer und beſſer werden, und das darf nicht ſein!“ „Aber auch ſchlimmer, Alice,“ fiel ihr Margareth in die Rede,„uͤberdieß kann ich nicht einſehen, warum wir nicht auch den ebenſo wie den Weißen, Gutes thun köken,“ und ſie klopfte ungeduldig mit dem Pfeil auf den zierlichen Morccaſin, der ihren Fuß um⸗ ſchloß. „Denke an unſere Mutter, Margareth; wie ſie ſich gegraͤmt haben wuͤrde, wenn ſie uns hier im wilden Waolde lebend gewußt hätte.“ Margareths Wangen roͤtheten ſich in Unzufrie⸗ denheit. —— „Sage Nichts mehr, Alice; ich kann nicht gehen, ich bin feſt entſchloſſen; Du willſt mich blos zu Zwang und Elend zuruͤck rufen; Elend, das ſo viel unertraͤgli⸗ cher iſt, weil es ſo viele Augen zu Zeugen hat; Du er⸗ weckſt zu ſchmerzliche Erinnerungen in mir, und glaubſt Du, daß, wenn Thraͤnen in meinen Augen, Sorge, die nur der große Geiſt kennt, in meinem Herzen iſt, ich es dulden konnte, daß mich fremde Augen beobachteten, und fremde Lippen mich fruͤgen?“ „Wenn Schmerz die Bruſt eines Freundes erfaßt, ſo ſitzt der Freund den ganzen Tag an ſeiner Seite, aber er ſpricht nicht; er weint und ſchweigt; aber der weiße Mann ſpricht; ſpricht mit einer kalten, gefuͤhlloſen Zunge und mit trockenem Auge. Ich verlange keine Worte, ich muß allein ſein.— Unſere Mutter? o ich habe ſie weinen, weinen ſehn im bitterſten Kummer und doch war ſie ſanft und liebreich wie Du, Alice; darf ich glauben, daß mich Anderes erwarte? Nein, nein, die Welt iſt voll Thraͤnen, ich will ſie hier vergießen. Was liegt daran, ob das Grab einmal mit vielen gemurmel⸗ ten Gebeten bereitet oder in den wilden Waͤldern gegra⸗ ben wird; der Geiſt kehrt zu dem zuruͤck, der ihn gege⸗ ben hat, und Leben und Schmetz iſt zu Ende.“ Der Indianer⸗Häuptling. I. 3 — Sie ſprach in einem Tone tiefen Gefuhls, und Alice empfand, daß die Schweſter tieferer Gram druͤcke, als der Verluſt von Freunden oder die Trennung von menſchlicher Geſellſchaft hervorbringen konnte. Sie folgte dem ernſt voranſchreitenden Maͤdchen ſchweigend zum Canoe zuruck und laͤchelte durch ihre Thränen, als ihr Mansfeld, der ſie unterſtutzte, leiſe zufluſterte:„Alice, nicht allein Thraͤnen„es bluͤhen uns auch Freuden auf dieſer Erde, auch Sonnenlicht, es könnte ja ſonſt keinen Schatten geben!“ Sie fuͤhlte, daß es doch noch was im Leben geben muſſe, fur das man wuͤnſchen moͤchte, es zu genießen, und daß manche unſerer reinſten Freuden nur aus fruͤherem Schmerz und Gram hervorgingen. Und Hoffnung verdunkelt ſich mehr und mehr. Das unheil naht ſich gewitterſchwer. Hoffmann. Der erſte Sonntag, den Alice mit der Schweſter in der indianiſchen Stadt verlebte, war klar und mild; die Morgenſonne vergoldete das thaufunkelnde Gras und die feuchten Blaͤtter der Baͤume ſchimmerten in tauſend⸗ farbigen Tinten; denn ein leiſer Herbſthauch war uͤber ſie hinweggegangen und hatte, wenn ſie auch noch feſt an den Zweigen ſaßen, doch ſchon ihre Farben veraͤndert. Die fernen Huͤgel und Abdachungen des Flußtha⸗ les ſahen aus, als ob reiche, buntfarbige Teppiche uber die ſchoͤne Erde gebreitet waͤren, und der ſchrille Laut der Heuſchrecke zirpte aus dem dunklen Laub der Baͤume und zitterte im Ohr. Eine Gruppe von Jaͤgern hatte ſich am Ufer des Fluſſes verſammelt, einen Jagdzug nach den Seren an⸗ zutreten, und das frohliche Lachen der Kinder, das aus den Huͤtten heraus ſchallte, gaben Kunde, daß dieſen Be⸗ wohnern der freien Natur alle Tage gleich wären. Alice nahm ihre Bibel vom Tiſch und begann, Margareth an ihre Seite niederziehend, dieſer die heili⸗ gen Worte unſeres Heilands vorzuleſen, die er in der Bergpredigt an das Volk gerichtet hatte. Margareth folgte den Klängen mit leiſer Stimme und geſchloſſenen Augen, ihr Haupt an die Schulter Alicens lehnend, und waͤhrend dem Leſen fielen Thraͤnen auf die heilige Schrift. Alice ſah auf und kuͤßte ihrer Schweſter Wange. „Margareth, ich hätte nicht geglaubt, daß Du Dich noch deſſen erinnern wuͤrdeſt.“ „Ach Alice, wie oft haben wir nicht dies Alles, in unſerer Kindheit, am Knie unſerer Mutter wiederholt; es iſt, ſeit ich hier im Walde bin, friſch in meinem Ge⸗ dächtniß geblieben, und ich habe danach gehandelt.“ „und dennoch,“ ſagte Alice,„haſt Du viel, wrecht viel von unſerer Religion vergeſſen.“ Margareth trocknete ihre Augen.„Ich erinnere mich alles Deſſen, was fuͤr uns Werth hat, die Liebe zu Gott, der Wunſch recht zu handeln, und die Hoffnung 9— auf ein beſſeres Leben; mach mich nicht irr', Alice, mit dem, was ich nicht verſtehen kann. Der Heiland ſelbſt, der gelehrt hat, wie noch nie ein Menſch lehrte, ging in die Wuͤſte um zu beten, liebte die Berge und Wälder, und wir können gewiß den großen Geiſt auch hier an⸗ beten!“ „Ja, Margareth, aber der Heiland kehrte auch zu den Wohnungen der Menſchen zuruͤck, um die Leidenden zu troͤſten, die Schwachen zu ſtärken; Johannes, der ihn verkundete, blieb in der Wuͤſte, aber Chriſtus floh die Verſuchungen und Verfolgungen des Lebens nicht.“ „Sage nichts weiter!“ rief Margareth.„Ich weiß, Du glaubſt, daß ich meinen Pflichten, die ich dem Leben ſchuldig bin, entfliehe, waͤhrend ich hier verweile, aber iſt nicht der Indianer ſo gut wie wir ſelbſt, ein Geſchoͤpf Gottes? ſind wir nicht ihm ſo gut wie den an⸗ dern Menſchen, Pflichten ſchuldig?—“ Sie ſtand von ihrem Sitz auf und war, ihren Bogen ergreifend, eben im Begriff die Huͤtte zu verlaſſen, als Alice ihre Hand erfaßte und ſie flehend bat: „O Margareth, entheilige nicht, ſo lange ich hier bin, den Sabbath; laß uns wenigſtens einen Tag zu⸗ — c ſammen zubringen, wie wir in unſerer Kindheit thaten, es iſt vielleicht der letzte auf Erden!“ Margareth war ſchnell beſaͤnftigt und ließ ſich wie⸗ der an Alicens Seite nieder, während ſie ihrer lieben Rede mit einem freundlichen Laͤcheln horchte. Selbſt Minaree ſchloß ihre Augen, und lauſchte, auf der Decke ſitzend, den ſanften Lauten der Maͤdchen. Als ſie zu leſen aufgehoͤrt hatten, ſchwiegen Beide eine kleine Weile, endlich ſagte Margareth: „Alice, warum wollteſt Du nicht bei mir bleiben, warum koͤnnte dies nicht Deine Heimath ſein?“ Alice ſchwieg, und ſie lispelte leiſe ihr in's Ohr:„Du wuͤr⸗ deſt bleiben, Alice, ich weiß Du wuͤrdeſt, wäre nicht jener weiße junge Mann.“ Margareth hob ihr Haupt nicht von der Schulter Alicens, aber ſie fuͤhlte an ihrem kurzen, ſchnellen Athem⸗ holen das Erroͤthen, das der Schweſter Antlitz und Na⸗ cken uͤberzog. Zweimal verſuchte Alice zu ſprechen, die Beſchul⸗ digung von ſich abzulehnen, aber die Worte wollten nicht über ihre Lippen; endlich wandte ſie ſich zu Margareth und ſagte: „Margareth, mir bangt, daß ich daran denken ſoll, aber ich fuͤrchte auch, Du haſt einen geheimen Grund, der Dich hier in den Waͤldern, fern von Deinem Volk und der Anbetung des wahren Gottes zuruͤckhaͤlt. Sprich, theure Margareth, ſag, iſt es nicht ſo?“ fuhr ſie lang⸗ ſam und leiſe fort. Margareth fuhr von Alicens Schulter empor, als ob ein Pfeil ihre Bruſt durchbohrt haͤtte, das Blut ſchoß in Stroͤmen zu ihren Schlaͤfen und ihre Augen gluͤhten im wilden Feuer. Einen Augenblick ſchaute ſie in der Schweſter Antlitz, dann verließ ſie die Huͤtte; kaum aber war das Fell, das ſie bei ihrem Ausgang gehoben hatte, hinter ihr herabgefallen, als es auch ſchon wieder zuruckgeſchlagen wurde, und Margareth ſchaute herein; feſt aber ihr Auge auf die Schweſter geheftet, ſagte ſie: „Verſprich mir, Alice, daß Du nie, nie dieſen Na⸗ men wieder nennen willſt, oder wir ſcheiden fuͤr immer; verſprich es mir!“ fuhr ſie dringender fort, als ſie ſah, daß Alice zogerte. Alice wußte jetzt, daß ihr Verdacht nur zu S det, daß Margareth ihr von nun an entfremdet ſei, und leiſe, mit ſchwimmenden Augen ſprach ſie:„Ich ver⸗ ſpreche es, theuere Margareth.“ — „ Der Eingang ſchloß ſich wieder, und Alice begrub ihr Geſicht in ihren Haͤnden, und weinte bitterlich. Die ſchonen Hoffnungen, die ſie Margareth's wegen genaͤhrt, ſchwanden auf einmal, und ein dunkler Schatten legte ſich uber ihre liebſten Träume. Die Schweſter, deren Andenken ſie ſo lang und treu bewahrt hatte, wies kalt und ſtolz die ihr angebotene Liebe zuruͤck und verſchmaͤhte jede Theilnahme, jedes Mitgefuhl, und dennoch ſeh ſie ein, daß ſie nicht einmal der Erzählung einer ſolchen Liebe lauſchen könne; ihr Inneres wuͤrde ſich dagegen empoͤrt haben. Wochen ſchwanden dahin und das freundliche Laub fiel von den Baͤumen; die gelben Blaͤtter bedeckten den Boden oder wurden von den rauhen Herbſtwinden weit hinaus in die Ebene gejagt und das Gras verdorrte un⸗ ter den ſchneidend kalten Morgenwinden. Oft ſchon hatte Mansfeld die Abreiſe betrieben, nichts aber konnte Margareths feſten Vorſatz bei dem Volk zu bleiben das ſie einſt adoptirte, wankend machen. Alice verſuchte alle möglichen Bitten und Vorſtellungen vergebens, und der junge Mann bat dieſe jetzt ernſtlich, ſelbſt zu ihrer Heimath zuruckzukehren und die Schweſter —— dem einmal beſchloſſenen Lebenslauf zu uͤberlaſſen; aber Alice gab die Hoffnung nicht auf, Margareth dennoch zu bewegen, und wollte bei ihr bleiben. Mit weiblicher Zuruͤckhaltung bangte ihr auch vor einer langen Reiſe durch die Wildniß, mit Niemandem als Mansfeld zu ihrem Begleiter. Alle dieſe Gruͤnde bewogen ſie endlich, den Winter hindurch bei der Schweſter auszuharren. Mansfeld hatte uͤbrigens ſchon die ihm geſtattete Zeit uͤberſchritten, und mußte jetzt nothgedrungen ſeinen Heimweg antreten. Er bat Alice mit ihm zuruͤckzukehren, ſie machte ihn aber in wenigen Worten mit ihrem Ent⸗ ſchluß bekannt und der junge Mann trat, als er ihn ver⸗ nahm, entſetzt vor Schreck und Angſt einen Schritt zu⸗ ruͤck. Flehend bat er ſie, wohl zu bedenken was ſie wage, welchen Beſchwerden und Gefahren ſie ſich ausſetze und erinnerte ſie daran, wie oft die Indianer Mangel an Proviſionen leiden, an all die Zufaͤlle, denen ſie durch Kaͤlte oder Krankheit ausgeſetzt ſein koͤnnte, unzaͤhlige andere Gefahren nicht einmal zu erwaͤhnen. „Aber,“ ſagte Aliee laͤchelnd,„wird nicht meine Schweſter ebenfalls alle dieſem ausgeſetzt ſein, wenn ich ſie verlaſſe?“ — „O nein, ſie iſt daran gewohnt;— faſt Eine des Stammes ſelbſt!“ entgegnete Mansfeld. „Dringt nicht in mich,“ bat ihn Alice flehend, „Ich fuͤhle, daß ich Margareth nicht verlaſſen kann; Alles was ſie erdulden muß, will ich mit ihr tragen, uͤbrigens ſehe ich nicht die mindeſte Gefahr; die India⸗ ner ſind freundlich und ſtets bereit uns jede Bequemlich⸗ keit zu bieten, die in ihren Kraften ſteht.“ „Alice,“ ſagte der junge Mann, waͤhrend er mit zuſammengezogenen Augenbraunen die dichten Locken aus ſeiner Stirn ſtrich,„verzeiht mir, aber ich kann Euch hier nicht ſo allein laſſen— Ihr— Ihr ſeid mir theuerer als mein Leben ſelbſt und ich kann den Gedan⸗ ken dieſer grauſamen Trennung nicht ertragen.“* Alice zitterte heftig und ihre Wangen uͤberzog bald Purputröthe, bald Leichenblaſſe, ſie ſchwieg langer als eine Minute, endlich antwortete ſie leiſe: „Es iſt meine Schweſter, und ich darf ſie nicht verlaſſen;“ dann von ihrem Sitz aufſtehend, bot ſie dem jungen Mann ohne Zuruͤckhaltung ihre Hand und ſprach: „Bis wir uns wiederſehen, ſollen meine Gedanken, meine Gebete Euer ſein.“ Ihre Stimme zitterte und als ſie die Augen wochtan zu ihm aufſchlug⸗ hin eine Thraͤne an ihren Wimpern. Mansfeld zog die ſchlanke Geſtalt an ſeine Bruſt und preßte einen Kuß in Liebe und Ehrfurcht auf ihre reine Stirn. Fuͤr einen Augenblick gab ſich Alice der Umarmung hin, dann aber das innige„Gott ſegne Euch“ des jungen Mannes erwidernd, verſchwand ſie hinter dem Vorhang, der ihr und Margarethens Lager verbarg. Wohl kreuzten ſich in ihrer Bruſt ſchnell und heftig die verſchiedenſten Gefuͤhle und ſie mochte dann wuͤnſchen, daß ihr Vorſatz ruͤckgaͤngig gemacht werden, und ſie zu dem haͤuslichen Stillleben ihrer Freunde zuruͤckkehren könne, es war aber nur ein Augenblick, und ſie fiel auf ihre Kniee, und dankte betend Gott, daß er ihr Kraft gegeben hatte die Stimme der Pflicht zu hoͤren und der Verſuchung zu widerſtehen, ehe ſie ſich vielleicht zu ſchwach gefuͤhlt. Als Margareth eintrat, ging ſie ihr freundlich gruͤßend entgegen, und ſagte ihr, daß ſie ſich entſchloſſen habe, bei ihr zu bleiben und alle die kleinen Fertigkeiten und Kuͤnſte zu lernen, die das Waldleben mit ſich braͤchte, als Koͤrbe und Wampumguͤrtel flechten, — 46— das Canoe rudern u. ſ. w. Dagegen verſprach ihr Margareth recht fleißig das Naͤhen und Leſen zu betrei⸗ ben, und ſo ruhig wie ein weißes Maͤdchen zu leben. Als der Winter ſich zu ſeinem Ende neigte, zeigten ſich Spuren ernſtlicher Feindſeligkeiten gegen die Weißen im Lager. Vorbereitungen zu einem Kriegszug wurden täglich getroffen und der Gegenſtand deſſelben oͤffentlich und in Rathsverſammlungen behandelt. Die Zahl der Kampfluſtigen wuchs dazu von Tag zu Tage, und der Prophet, von Tecumſeh nicht mehr unterſtutzt, fand es eine ſchwierige Aufgabe, die hitzigen Gemuͤther, die ſich um ihn verſammelten, in Ruhe und Ordnung zu halten. Hierzu kam noch die große Ueber⸗ zahl des Stammes und gar oft Mangel an Proviſionen⸗ der einzelne Abtheilungen zwang, auszugehn und Beute zu ſuchen, was nur zu oft die vertheidigungsloſen Grenz⸗ bewohner der Beutegier und dem Haß der wilden Hor⸗ den Preis gab. Bei ihrer Ruͤckkehr brachten ſie Pferde, Rindvieh und Kleidungsſtuͤcke mit, die auf jeden Fall den Weißen abgenommen waren, und mehr als einmal erbleichte Alice, wenn ſie friſche Scalpe an dem Guͤrtel irgend eines ge⸗ ſetzloſen Haͤuptlings prangen ſah. Jeder Tag machte ihre Lage truͤber und unfreundlicher; der Schnee lag Monate lang tief auf der ſchlummernden Erde; der Winterſturm heulte ſeine traurigen Klagelieder durch die laubloſen Zweige und um die Huͤtte der armen, verlaſſenen Maͤd⸗ chen; er klang wie der Klagelaut Sterbender. Marga⸗ reth ſelbſt verlor ihre Heiterkeit und ward blaß und nach⸗ denkend, und Alice bemerkte wohl nicht mit Unrecht, daß ſie, obgleich augenſcheinlich frei, doch ſtets als ein Gegenſtand des Verdachts behandelt, und ſtreng beobach⸗ tet wurde und ſelbſt nicht, im Fall ſie es wuͤnſchte, haͤtte entfliehen koͤnnen, denn ſelten verließen die Maͤdchen die Huͤtte, ohne irgendwo den finſtern Blicken Kumſhaka's oder denen der wachſamen Ackoree zu begegnen.— Es war ein langer, ſchrecklicher Winter, und Alice, zart und ſchuͤchtern, mußte ſich ganz unter den Schutz ihrer ſtaͤrkeren und kuͤhneren Schweſter begeben. Minaree half dabei die Zeit mit alten Legenden und Sagen verkuͤrzen, und gern lauſchten die Maͤdchen den wilden, romantiſchen Erzaͤhlungen; aber ſie halfen auch den Armen und Kranken, wo es in ihrer Macht ſtand, beſuchten die Huͤtten der Leidenden und brachten entwe⸗ —— der Troſt und Stärkung, oder beweinten mit den Trau⸗ ernden den Verluſt eines theuern Anverwandten. Margareth, waͤhrend ihres Aufenthalts unter den Indianern, hatte oft Gelegenheit gefunden, dieſen rei⸗ nern und beſtimmtern Begriffe uͤber die Gottheit beizu⸗ bringen als ihnen ihre oft verworrene Anbetung des gro⸗ ßen Geiſtes und der guten und boſen Weſen lehrte, und die Wilden, natürliche Enthuſiaſten, lauſchten dann mit beſonderer Aufmerkſamkeit, faſt Ehrfurcht, den ſchönen Lippen des jungen Mädchens, die mit feuriger Beredt⸗ ſamkeit ihnen, oft in die bildliche Sprache der heiligen Schrift gekleidet, von dem Leben und Wirken des Hei⸗ lands erzaͤhlte. Von ihrem Vater hatte ſie einige Kennt⸗ niß uͤber die himmliſchen Geſtirne erlangt, und ſie pflegte in ihrer Rede haͤufige Anſpielungen auf dieſelben einzu⸗ flechten, und kein Wunder war es, daß der, in ſolchen Sachen hochſt unerfahrene Indianer, ſie als einen beſon⸗ deren Guͤnſtling des großen Geiſtes und mit uͤbernatuͤr⸗ lichen Kraͤften begabt betrachtete. Ganz und gar auf ihre eigenen Hilfsmittel ange⸗ wieſen, und wohl fühlend, daß nichts dem Volke, in deſſen Haͤnden ſie ſich doch nun einmal befand, ſo ver⸗ —— ächtlich waͤre als Zeichen von Schwachheit und Furcht, verbannte ſie ſchnell aus ihren Mienen und Geberden Alles, was ſie in ſolchen Verdacht haͤtte bringen koͤnnen, und betrug ſich, wenn in deren Nähe, ſtolz und in ſich zurüͤckgezogen; verſchmähte jede Hilfe, und erſchien ſtets, als ob ſie ſich ihrer Ueberlegenheit bewußt waͤre. Die Indianer fanden großes Wohlgefallen daran und Alle beiferten ſich, ſie nicht allein in ihren Kuͤnſten zu unterrich⸗ ten, ſondern auch zugleich von jeder harten Arbeit oder Abhaͤngigkeit frei zu ſprechen. Tecumſeh beſonders gewaͤhrte es ein unendliches Vergnügen, ſie mit alle Dem, was zu dem wilden Wald⸗ leben gehoͤrte, bekannt und vertraut zu machen; dabei wurde das beſte Fleiſch fuͤr ihre Huͤtte bewahrt und die ſchoͤnſten Blumen des Waldes ſchmuͤckten dieſelbe. Gern und oft lauſchte er aber auch wieder in ſtillen Abenden, wenn die Sterne am dunklen Himmel funkelten, und Nacht ſich auf die ſchlummernde Erde lagerte, den ſanf⸗ ten Worten des Maädchens, die ihm von dem gottlichen Weſen und ſeiner Kraft und Milde erzählte. Nicht ſo erſtaunenswerth iſt es daher auch, daß, da die Erinnerungen an ein fruheres Leben nach und Der Indianer⸗Häuptling. M, E. 4 nach ſchwaͤcher in der Bruſt Margareths wurden und ſie ſich mehr und mehr zu dem edeldenkenden Haͤuptling hin⸗ gezogen fuͤhlte, ſie den Abſcheu nicht begreifen konnte, mit dem Alice ihr Gefuͤhl betrachtete. Verſchiedene Gruͤnde bewogen unterdeß den ſchlauen und liſtigen Kumſhaka, gegen Tecumſeh zu wirken. Er ſelbſt hatte nie viel Luſt und Liebe zu der allgemeinen Vereinigung der Staͤmme gehabt, und war mehr durch ſeines Bruders Beiſpiel dazu gezwungen woden ihr bei⸗ zutreten; auch uͤbte Tecumſeh's ſtarker Geiſt eine Ge⸗ walt uͤber ihn aus, der er ſich umſonſt zu entziehen ſuchte. Kumſhaka ſah ſich aber bei jeder uͤberflugelt; auf dem Schlachtfeld, bei der Rathsver lung und zuletzt in ſeiner Liebe; jetzt hatte er einen Sporn, der ihn zum Handeln trieb, und ſeine Sinne wurden ſchaͤrfer, ſeine Plaͤne kuͤhner, als er ſich mehr und mehr der Befriedigung ſeiner Rache naͤherte. Er fand in Ackoree einen verwandten Geiſt, deſſen Rathſchlaͤge ihn uͤberall anfeuerten. Suͤnde wuͤrde es ſein behaupten zu wollen, daß ſie ſich liebten, es waͤre eine Entheigun des Namens geweſen; nein, das Band i he ihnen knuͤpfte ſich nicht an jene heiligen Attri⸗ bute der Liebe, Achtung und Tugend, ſondern nur an die gemeinſame Befriedigung und Erfullung ihrer bos⸗ haften, rachſuͤchtigen Plaͤne und Leidenſchaften. Ackoree erkannte bald, mit der Scharfſichtigkeit eines Weibes, das Verhaͤltniß in dem ſie zuſammen ſtanden, und fand ein tuͤckiſches Vergnuͤgen darin, oft ſeinen Plänen zu nuͤtzen, oft ſie zu vereiteln. Waͤhrend ſie ihn peinigte, ſchmeichelte ſie ihrem eigenen verwundeten Stolz; wenn ſie ihm beiſtand, geſchah es, eine Nebenbuhlerin elend zu machen. Kumſhaka war es, der die zahlreichen Einfälle in das Gebiet der Weißen leitete, und dadurch nicht ohne Grund Feindſeligkeiten herbeizufuhren wuͤnſchte, die fuͤr immer jene Vereinigung unmoglich machen mußten. Er gab vor, die Ausfuͤhrung eines ſolchen Planes fuͤr unmoͤglich zu finden, und behauptete, je eher der rothe Mann ſein Joch abwuͤrfe, deſto beſſer ſei es. Wie haͤtte ein Volk, das ſtets in eigenen Kriegen begriffen war, durch jetzt noch ungerächte Beleidigungen aufge⸗ regt, alles dieß vergeſſen, und die Friedenspfeife an einem großen Berathungsfeuer rauchen eönnen? Er hielt das nicht fuͤr moglich. Das Blut der Erſchlagenen 4* 5— mußte nach Rache ſchreien und der Tomahawk aus ſei⸗ nem Grabe herausſtreben. Oder ſollte es dennoch moͤg⸗ lich ſein die rothen Maͤnner zu vereinigen, ein Volk aus ihnen zu machen, ſollte das denn des Friedens we⸗ gen geſchehen? Nein, viel lieber ſollten ſie ihre Staͤrke be⸗ nutzen und die bleichen Geſichter von der Erde vertilgen! Auf dieſe Art erregte Kumſhaka die Gemuͤther der Haͤuptlinge; zuerſt gelegentlich, auf der Jagd oder beim Lagerfeuer, dann offener und lauter, zuletzt oͤffentlich. Vorſichtig verdächtigte er zugleich die Beweggründe Te⸗ cumſeh's und Wenige waren großmuͤthig genug, den Abweſenden zu vertheidigen. Weiter gehend, begann er ſogar auf ein Verſtaͤndniß Tecumſeh's mit den Weißen anzuſpielen und bemerkte boshaft, daß ein ſchwaches Maädchen allein hinreichend ſei, die Streitigkeiten zwi⸗ ſchen den Indianern und den Weißen beizulegen. Zuerſt hoͤrte man ihm unglaͤubig zu, aber nach und nach gewohnten ſich die Gemuͤther, die uͤberdieß nie aus ſich ſelber dachten, daran etwas fuͤr moͤglich zu finden, was theilweiſe mit ihren eigenen Wuͤnſchen uͤberein⸗ ſtimmte. Vergebens ſtellte ihnen der Prophet die Macht und Hilfsmittel der Weißen vor, deren Kriegskunſt und Waffenkunde ihnen fuͤrchterliche Vortheile uͤber ſie ſelbſt bot; vergebens bemuͤhte er ſich, ſie davon zu überzeu⸗ gen, daß ihr einziger Schutz, ihre einzige Sicherheit, ſelbſt als ein Volk, gerade in dieſem Buͤndniß, in die⸗ ſer Vereinigung beſtäͤnde, daß Frieden und Eintracht allein ihre Erhaltung befeſtigen koͤnne. Die Stämme konnten ihre Lage nicht von dieſer ruhigen, vernuͤnfti⸗ gen Seite erkennen. Sie fuͤhlten das ihnen gethane unrecht wie die gegenwaͤrtige Bedruͤckung und ſahen nicht hinaus in die Zukunft, was ihnen da als Schutz oder Vertheidigung dienen mochte. Es fehlte ihnen die Einſicht zu begreifen, daß ſie nur durch Eintracht und Zuſammenhalten die jetzt auf einander eiferſuchtigen und einander haſſenden und ver⸗ folgenden Glieder ihres Volkes ſtark und kräftig machen konnten; ſie waren wie der Wahnſinnige, der ſich nackt, waffenlos einem gewappneten Rieſen entgegenwirft. Margareth ſah den nahenden Sturm und trieb den Propheten oft an Laͤufer an, Tecumſeh zu ſenden, ſeine Ruckkehr zu beſchleunigen, und ihn vor den Ge⸗ fahren zu warnen, die der ihm ſo ſchr am Herzen lie⸗ genden Sache drohten, aber Eliskwatawa wollte ſelbſt nicht gern eingeſtehn, daß ſein Bruder mehr als er ſelbſt uͤber das Volk vermoͤge. Moͤglich iſt es auch, daß er gar auf die große Macht und den gewaltigen Einfluß, den Tecumſeh uͤber die Staͤmme ausuͤbte, eiferſuchtig war und daß ihm daran lag, ſich dieſem etwas entgegen zu ſtemmen; denn wenn hat je derl es am treueſten meinende Patriot ſich durch ſolche, die ſeine Gefuͤhle theilen, unterſtuͤtzt gefunden? oder Maͤnner ihm bei⸗ ſtehn ſehn, die, alle egoiſtiſchen Abſichten bei Seite ſchleudernd, ſich nur mit reinem freiem Hezen der Sache ſelbſt, fuͤr die ſie kämpften, widmeten? Was uͤbrigens auch immer die Beweggründ⸗ Elisk⸗ watawa's geweſen ſein moͤgen, ob Eiferſucht oder Un⸗ thätigkeit, er ließ ſich zuletzt von dem allgemeinen Strome, den er nicht mehr beherrſchen konnte, mit fort⸗ reißen, und duldete ſchweigend die Zertrümmerung der fruͤher beſtimmten Plaͤne. Margareth vergoß bittere Thaͤnen üͤber den Sturm, der der indianiſchen Sicherheit drohte, und wuͤnſchte ſich oft, ſelbſt den Hinprüns auffinden und ihn zur Ruck⸗ kehr bewegen zu koͤn Wohin aber ſue ſe ihre Shi unken, wo ihn — 65—— in den Wildniſſen der weſtlichen Thäler aufſuchen, der allein jenen Sturm beſchworen, jenem Unheil begegnen konnte? 10t Selbſt ihr Glaube an das moͤgliche Beſtehen einer Vereinigung der Staͤmme, begann zu wanken, da nur bis jetzt ein einziger Mann das Ganze zuſammen hielt, ohne den es ſich in Nichts aufloͤſen wuͤrde. Angefeuert durch einen gleich kuͤhnen Geiſt, als ihn Tecumſeh beſaß, wuͤnſchte ſie ſich oft die Macht den feierlichen Rathsver⸗ ſammlungen beiwohnen, und die ſtrafen zu durfen, die der guten Sache abtruͤnnig waren. Ihr edles Herz be⸗ griff Alles das, was Tecumſeh bei ſeiner Ruͤckkunft fuͤh⸗ len und leiden mußte, und erinnerte ſich jetzt der prophe⸗ tiſchen Worte des Haͤuptlings, als er von ihr ſchied: „Sorge naht ſich Tecumſeh, warum ſollte er die Bluͤthe aus dem Sonnenſchein nehmen, ſie in ſeiner eigenen Huͤtte welken ſehen?“ Sie wußte, daß er ſie liebte, daß auf all ſeinen Wanderungen, ſeine Gedanken ihr gehoͤrten, und fuͤhlte, wie in ſtiller Mitternacht ſich ihre Seelen in heiliger Sympathie vereinigten. Es iſt wahr, ſie hatten nie mit einander von Liebe geſprochen, keine Betheuerungen von ewiger Treue waren ſeinen Lippen entflohn, was bekuͤm⸗ 0 merte das aber einen Geiſt wie den ihrigen; ſie fuͤhlte, daß ſie ſich einander gehoͤrten, ſeine Sorge war die ihre geworden, und ſie faltete in ſtillem Gebet die Haͤnde auf der Bruſt und vergoß Thränen— Thraͤnen heiliger, ſchmerzlicher Seligkeit. IV. Glaubſt Du, Liebe konne zagen? Liebe koͤnne trug'riſch ſein? Liebe muß das Hochſte wagen, Sonſt iſt ſie nicht treu und rein. Mellen. Alice war mehre Tage krank, ſehr krank geweſen und hatte oft in ihrer ſtillen Einſamkeit geglaubt, daß ſie hier, mit Niemandem als Margareth an ihrer Seite zu wachen, ſterben wuͤrde. Margareths Charakter war ſo ganz verſchieden von dem, was ſie in ihr zu finden gehofft hatte, und mit dem ſie gewohnt war umzugehen, daß ſie ihn weder wuͤr⸗ digen noch verſtehen konnte. Schuͤchtern und ſanft in ihrem eigenen Weſen, und gewöhnt an das Gefüͤhl der Abhaͤngigkeit von Andern, ſchrack ſie vor dem kuͤhnen Selbſtbewußtſein zuruͤck, mit dem ſich die Schweſter in den ſchwierigſten Lagen bewegte. Selbſt ihre Liebe bedurfte mehr der als die helle Leidenſchaft in Margareths Bruſt. Sie ſah ihre Schweſter feſt und unerſchuttert in ihrem Glau⸗ ben an den Geliebten, Nichts verlangend, Nichts beduͤr⸗ — fend als die eigene Kraft, ja faſt ohne die Hoffnung, den zu beſitzen, dem ſie ſich ergeben, waͤhrend ſie ſelbſt, von Zweifel und Angſt bewegt, nicht begreifen konnte, wie Jemand, der doch zu ihr von Liebe geſprochen hatte, ſie ſo verlaſſen und vernachlaͤſſigen moͤchte. In allen Hoffnungen getaͤuſcht, hatte ihre Geſund⸗ heit den ewigen Gemuͤthserſchuͤtterungen weichen müſſen und nun war es ihr, als ob in dieſem Leben wenig mehr fuͤr ſie zu hoffen, fuͤr ſie zu wuͤnſchen bliebe. Aber nicht furchtbar dachte ſie ſich den Tod in der Wildniß, nein, ſie ſchmuͤckte mit bluͤhenden, ſanften Far⸗ ben ein Grab unter den rauſchenden Baͤumen des Ur⸗ waldes aus, mit Waldblumen daruͤber ſchaukelnd und den breiten, glaͤnzenden Strom vorbeiplaͤtſchernd; der Tod hatte nichts Fuͤrchterliches mehr fuͤr ſie. Margareth war unermuͤdlich, die kranke Schweſter zu pflegen, und auch Minaree bot all ihre Geſchicklichkeit auf, durch ihre Bekannſchaft mit heilſamen Pflanzen, die von jahrelanger Erfahrung erprobt, nicht gering war, das arme Mädchen wieder herzuſtellen. Kräuter ünd Wurzeln wurden gekocht und zu kuhlenden und ſtärken⸗ den Traͤnken verwandt und Alles hervorgeſucht was die Kranke erfriſchen oder auch nur erfteuen konnte. Unter den vereinten Bemuͤhungen Margareths und Minaree's erholte ſie ſich auch nach und nach wieder und war im Stande, auf der Schweſter Arm geſtuͤtzt, die ſchattige Laube, an dem Ufer des vorbeiſtrömenden Fluſ⸗ ſes, zu erreichen. Sie ließ ſich auf der geflochtenen Bank nieder und ſchaute zum reinen, blauen Firmamente empor, waͤhrend Margareth ihr einige Fruͤhlingsblumen brachte, und ſich neben ſie ſetzte.— Es lag ihr etwas ſchwer auf dem Herzen, zweimal verſuchte ſie zu ſprechen, aber ſie brachte die Worte nicht uber die Lippen, und brach endlich in Thraͤnen aus. Margareth war geruͤhrt, und zärtlich den Arm um den Nacken der Schweſter ſchlingend, zog ſie dieſelbe an ihre Bruſt.„Sprich, theuere Alice,“ ſagte ſie freundlich zu ihr,„ſprich! Margareth iſt nicht mehr ſo ſtolz wie ſie fruͤher war, und fuͤhlt und leidet mit dem Schwa⸗ chen. Alice moͤchte von ihrem weißen Geliebten erzäh⸗ len, o laß ſie reden, denn Margareth wird ihren Wor⸗ ten lauſchen, wie der Vogel dem Geſange ſeines Weib⸗ chens horcht.“ Ein leichtes Roth überzog Alicens Wange,. es ſchwand, als ſie erwiderte:„Ich furchte, Margareth, ich — 66— „ werde ihn nie wiederſehn,— er hat mich vergeſſenz ſollet er aber zuruͤckkehren, ſo zeige ihm mein Grab; vielleicht weint er daruͤber.— Du magſt ihm auch ſagen, daß ich bis zum letzten Augenblick fuͤr ihn gebetet habe.“ Ihre Stimme ward von heftigem Schluchzen un⸗ terbrochen und ſie ſchwieg. Margareth ſchaute ihr erſtaunt ins Antlitz, als ob ſie ungewiß waͤre ſie recht verſtanden zu haben. „Was meinſt Du, Alice, daß er Dich vergeſſen habe,— hat er Dir nicht geſagt, Du waͤrſt ihm theue⸗ rer als ſein eigenes Leben?“ Alice erroͤthete bei dem Vorwurf.„Ja Margareth — aber es iſt lange her, ſeit er mich geſehen hat, und . mag ſeine Geſinnung geaͤndert haben.“ „Und das nennſt Du Liebe, Alice?“ erwiderte ihr WMargareth mit vorwurfsvollem Tone. lagt der Ge⸗ ſang der Voͤgel um die Untreue des Grtiebten? trauert die Blume, daß der Sonnenſchein ſie ſo lang verlaͤßt? Faltet ſie nicht ihre Blatter ſchuͤchtern zuſammen und wartet bis die Schatten ſchwinden? Alice, Alice, das iſt nicht Liebe; Liebe iſt das Verlaſſen des eigenen Selbſt und das Uebergehen in einen anderen Gegenſtand; und dem anderen duͤrfen wir dann nicht mißtrauen, denn * ——————— — 68— das ſind wir ja ſelbſt; dem haben wir uns ja ver⸗ einigt.“ „Iſt es in der That ſo?“ ſagte Alice, nachdenkend, „o erhalte mir den Glauben, Margareth, denn ich bin ſchwach und mißtrauiſch; aber muͤſſen wir hier, meine theuere Schweſter, umgeben von Stroͤmen und Waͤldern, im Schatten maͤchtiger Berge, fern von den Unſeren leben, um unſere eigenen Naturen unverdorben zu erhalten? Fuͤhlſt Du noch, Margareth, ſo rein und keuſch wie Du fruͤher thateſt oder haben ſich Deine Sitten denen der Halb⸗Wilden angeſchloſſen, wel⸗ che die Verfeinerungen des geſitteten Lebens fuͤr eine Schwachheit und einen Zwang halten?“ „Schau in Dein eigenes Herz, Alice,“ entgegnete Margareth freundlich,„ſieh dort wie rein, wie gut ſeine Abſichten, ſeine Grundſaͤtze ſind, und dann ſchließe von dem auf das meinige. Der Unſchul⸗ dige ſoll nicht Mißtrauen hegen! Haſt Du aufgehoͤrt Mansfeld zu lieben, ſeit er fort iſt? alſo warum fuͤrch⸗ teſt Du, daß er Dich vergeſſen habe? daß er lange ent⸗ fernt bleibt, mag tauſend andern urſachen als denen der Vergeſſenheit zuzuſchreiben ſein. Die Entfernung iſt groß und manche Zufaͤlle moͤglich; uͤbrigens glaube ich — nicht einmal, daß es ihm jetzt erlaubt werden wuͤrde, die Stadt zu betreten. Es iſt augenſcheinlich, daß irgend ein Kampf bevorſteht und die Maaßregeln unſeres Vol⸗ kes werden ſtets geheim gehalten!— Kein ferneres Zu⸗ ſammenkommen wird dem rothen und weißen Manne ge⸗ ſtattet ſein.“ Alice ward leichenblaß, denn jett erſt ſchien ſie ganz das Gefäͤhrliche ihrer Lage einzuſchen. 31 „O Margareth,“ rief ſie aus:„koͤnnen wir nicht entfliehen?“ Sie erfaßte entſetzt Margareths Arm, denn ein leiſes, unterdruͤcktes Lachen tönte an ihr Ohr. „Komm herein, Ackoree,“ ſagte Margareth unbe⸗ fangen, und das Mädchen trat in die Laube zu den Schweſtern, waͤhrend ihre Augen in wilder Freude glänzten. „Das ſchwankende Rohr ſpricht alſo von Flucht? — Kann der Vogel, auf dem der Schlange Blick ruht, entfliehen? kann das Wild, deſſen Spur der Jaͤger Tag fuͤr Tag gefolgt iſt, hoffen zu entflichen? Ebenſo wenig entflieht das ſchwankende Rohr Ackoree. Tecumſeh iſt lange Zeit fort— er muß todt ſein; Kumſhaka wird der Häuptling des Stammes und Ackoree ſeine Braut.“ Sie trat jetzt einen Schritt naͤher zu Margareth und ſich zu ihr niederbeugend und ihr in die Augen ſchauend fuhr ſie mit leiſer, dumpfer Stimme fort:„Auch das ſchwankende Rohr ſoll ihm gehoͤren, und es wird Ackoree's Magd ſein.“ Alice ſchrack zuſammen und fiel ohnmaͤchtig an der Schweſter Bruſt. Margareth ließ ſie leiſe auf das Moos nieder, dann aber, ſich gegen das Maͤdchen wendend, hob ſie ſich zu ihrer vollen Höhe empor, daß ſelbſt die wilden Augen Ackoree's ſich vor ihrem ernſten, durchdringenden Blick ſenkten. „Ackoree iſt eine paſſende Gefaͤhrtin fuͤr Kum⸗ ſhaka, denn er iſt prahleriſch und boshaft, aber ſie darf nicht ihren Finger auf das ſchwankende Rohr legen; der große Geiſt hat ihm ein geheiligtes Leben gegeben, das nicht genommen werden kann. Sag' Kumſhaka, daß er nicht wagen durfe, ihm in's Auge zu ſehn— es wäre ſein Tod! Laß den Schatten Ackoree's hinwegziehen!“ Eingeſchuchtert durch den ſtolzen, gebieteriſchen Ton Margareths und ein Opfer des Aberglaubens, auf den dieſe anſpielte, wandte ſich das Maͤdchen langſam ab und entfernte ſich, wie auf den Befehl eines hoͤheren Weſens. Der Indianer⸗Häuptling. II. 5 Margareth fuhrte Alice in die Hutte, zu ihrem La⸗ ger zuruͤck· und verſuchte ihr begreiflich zu machen, daß ſie jetzt alle ihre Seelenſtaͤrke zuſammen nehmen muͤſſe, um auch nicht die geringſte Schwachheit zu verrathen, es waͤre das das ſicherſte Mittel, ſie gegen die Bosheit Ackoree's zu ſchutzen, denn dieſe wuͤrde auf keinen Fall Mitleiden mit der Schwachen, aber Furcht vor denen haben, die ihr an Geiſtesgröße uͤberlegen waͤren. Sie bat Alice Alles zu thun, ihre Geſundheit wie⸗ der zu erlangen, und verſprach ihr dann, mit ihr zu den Anſiedlungen der Weißen zuruͤckzukehren. Alice umarmte ſie zaͤrtlich und verbarg weder ihre Freude noch ihr Erſtaunen uber dieſen Entſchluß. Wah⸗ rend ſie noch zuſammen daruber ſprachen, hob ein junger ſchlanker Indianiſcher Krieger die Felle, die den Ein⸗ gang verhingen, empor und ſtand, laͤchelnd umherblickend, und faſt wie unentſchloſſen, an wen er ſich wenden ſolle, da.— Margareth winkte ihm mit der Hand, naͤher zu treten und er gehorchte dem Befehl, blieb aber immer noch, ſeine rechte Hand unter dem Ueberwurf verbergend, mit verſchmitter Miene, in ſeiner vorigen Stellung, als wenn er ſich an ihrer Neugierde weiden wolle „Der Brave mag ſeine Botſchaft nschun agte Margareth⸗ Der ſchmeichelnde Zuname ſchien die ghoffte Wir⸗ kung nicht zu verfehlen, denn ſein Blick wurde ernſthaft, ſeine Geſtalt hob ſich, und ein kleines Paket, das er bis jetzt verborgen gehalten hatte, hervornehmend und zu Margareths Fuͤßen niederlegend, preßte er, nicht ohne Anſtand, die Hand aufs Herz und zog ſich zuruͤck. Margareth nahm das Paket vom Boden auf, und die Baͤnder, die es zuſammenhielten, loſend, enthullte ſie einige der feinſten gegerbten Felle nebſt einem Pfeil, an dem eine Klapperſchlange im Moment des Springens und vier Monde gezeichnet waren. Das Mädchen errothete tief und betrachtete, ohne zur Schweſter aufzublicken, ſinnend das Geſchenk. Alice beobachtete ſie und war erſtaunt ſich auf einmal ſoviel mehr zu Margareth hingezogen zu fuͤhlen, als es bisher der Fall geweſen war; aber Liebe macht Alles gich und ſie fuhlte jetzt nichts als Theilnahme. Sie druͤckte Margareths Hand und fragte zaͤrt⸗ lich„Sage mir, Schweſter, was das bedeutet?“ Margareth fuhr bei den ſanften Lauten empor, 53 — 5„ antwortete aber freimuͤthig:„Es bedeutet, daß er mich liebt, und daß er in vier Monden hier ſein wird.“ „Iſt es von Tecumſeh?“ Margareth nickte ſtumm ihre Bejahung, wendete ſich aber ab, weil ſie furchtete, Alice möchte mehr ſagen. Das Paket war durch eine der Rotten gebracht, die an dieſem Tage in der Stadt angelangt waren; wahr⸗ ſcheinlich hatte Tecumſeh einem ſeiner neuen Freunde, der ſich ſeinen Plaͤnen anſchließen wollte, dieſen Auftrag anvertraut. Nach dem Verſprechen Margareths, die weißen Anſiedlungen wieder aufzuſuchen, erholte ſich Alice aus⸗ nehmend ſchnell und begann ſchon ihre kleinen Vorberei⸗ tungen zur Reiſe zu treffen. Beſonders leid that ihr Minaree, die, wie ſie nicht ohne Grund vermuthete, ihr Pflegekind gar ſchmerzlich vermiſſen wuͤrde; ſie bereitete dieſer daher, ſoweit es in ihren Kraͤften ſtand, eine Menge kleiner Bequemlichkeiten, um ihr wenigſtens in etwas fuͤr die Liebe und Güte zu danken, die ſie gegen ſie und die Schweſter gezeigt hatte. Dann malte ſie ſich auch die Freude, die Madame Maſon bei ihrer Ruͤckkehr fuͤhlen, und wie ſich dieſe wohl uͤber ihre lange Abweſenheit ge⸗ gramt haben wuͤrde, und mit Herzklopfen dachte ſie an den erſten Anblick des kleinen, freundlichen Hauſes. 3 S.— Er ſchwieg! ihr Auge haftete auf ihm, das Blut Das ihr ins Antlitz aber ſchoß, verließ Das ſeinige und ſeine Wang' erblich.— S Eines Abends, wenige Wochen nach den, im vori⸗ gen Kapitel beſchriebenen Vorfällen, hatten die Schwe⸗ ſtern ihr Lager geſucht und ſich noch uͤber das lange Aus⸗ bleiben Minaree's gewundert, die ſonſt ſtets ſich zuerſt zur Ruhe begab.— Das Geräuſch und Treiben des Lagers war endlich verſtummt, die Kinder zur Ruhe gebracht, und Alles ſtill und ſchweigſam, nur die Fuͤhrer hatten ſich noch um das große Berathungsfeuer verſammelt, Sachen der oͤffentlichen Wohlfahrt beredend. Margareth lag im erſten Schlummer und ihr träͤumte, ſie wolle plötzlich die Stadt verlaſſen, um Te⸗ cumſeh aufzuſuchen und ihm den Stand der Dinge ſo⸗ wohl als die Verraͤtherei Kumſhaka's zu entdecken, uls ſich die Hand Ackoree's auf ihre Schulter legte und ſie, ſo oft ſie entfliehen wollte, zuruͤckhielt. Aber erſchrocken fuhr ſie empor, als ſie jetzt in der That die Beruͤhrung einer Hand auf ihrer Achſel füͤhlte. Es war die Minaree's. Sie legte zum Zeichen des Schweigens, den Finger an ihre Lippen und deutete ihr an, das Lager zu verlaſſen. Margareth folgte zur an⸗ dern Seite der Huͤtte, und Minaree ſchaute ihr traurig ins Antlitz. „Der Pfeil wird das Herz Minaree's durch den Körper ihres Kindes treffen,“ ſagte ſie mit thraͤnenfeuch⸗ ten Augen. Margareth ſchwieg, waͤhrend Jene fortfuhr:„Te⸗ cumſeh iſt ein großer Haͤuptling! ſie ſagen, daß er aus Liebe zum ſchwankenden Rohr, Frieden mit dem weißen Mann ſuche.“ Sie haͤtte mehr geſprochen, aber Margareth verbot es ihr durch eine raſche Handbewegung, huͤllte ſich in einen, reich mit Federn geſchmuͤckten Ueberwurf, band den Wampum um ihre Huͤften, befeſtigte die Moccaſins an ihren Fuͤßen und ſteckte ſich einen Buͤſchel Federn in ihr uͤppiges Haar. So geſchmuͤckt, wie ein ſtolzes Maͤdchen des India⸗ niſchen Volkes verließ ſie die Huͤtte. Minaree wachte, — bis ſie ihren Anzug ganz vollendet hatte, und legte ſich dann ruhig zu ſchlafen nieder. Kumſhaka war in der Mitte einer leidenſchaftlichen Rede, in der er faſt einen Theil von ſeines Bruders Bered⸗ ſamkeit entwickelte; dieſelbe Kraft in der Anrede, dieſelbe uͤberzeugende Sprache ſtand ihm zu Gebote, aber der Geiſt fehlte, der in ſeiner prophetiſchen Erhebung einen eeeigenen Zauber uͤber jedes Wort ausgoß, das Tecumſeh's Lippen entfloh. Er ſprach kraͤftig, denn Eiferſucht und Rache liehen ihm ihre Farben und von dieſen zeugte ſeine ganze bren⸗ nende Leidenſchaft, doch verſtanden wenige ſeiner Hörer die Natur dieſer Begeiſterung, ihnen genuͤgte der Inhalt: das Wohl ihres Volkes und Haß gegen die Weißen. In der Mitte ſeiner gluͤhendſten Redeſatze aber, waͤhrend ſeine Hand ſtolz und kuͤhn erhoben war, und ſein Auge Feuer blitzend im Kreis umherſchaute, ſtock⸗ ten ploͤtzlich ſeine Worte, er begann zu ſtammeln und⸗ ſtarrte vor ſich, auf den Boden nieder, denn dort, ihm gerade gegenuͤber, auf der Schwelle, ſtand das ſchwankende Rohr in ſchweigſamer Wuͤrde und ſchien ihn mit ihrem kalten, ſtolzen Auge zu durchbohren. Drei⸗ mal verſuchte er ſich zu ermannen, aber der todtende Blick — des wunderbaren Maͤdchens ruhte auf ihm und er konnte ſeinem Einfluß nicht widerſtehen. Mit unterdruͤckter Wuth aber zeigte er mit ſeinem zitternden Finger nach dem Eingang der Huͤtte und ſtieß zwiſchen ſeinen zuſammengepreßten Zaͤhnen heraus:„Seht! das iſt die Lockung, fuͤr die Tecumſeh ſein Volk verkau⸗ fen wollte— ſeht! die Schlange iſt in die Huͤtte gekro⸗ chen, ihre Opfer zu ſtechen!— Aller Augen wandten ſich jetzt dem Mädchen zu, das hoch aufgerichtet, den Kopf zuruͤckgeworfen, die fei⸗ nen Lippen hart an einander gedruͤckt, mit einer Hand die Falten ihres Mantels zuſammenhaltend, daſtand und fuͤr einen Augenblick ruhig dem ſtarren Blick der Menge begegnete, dann trat es langſam in ihre Mitte. Seibſt Kumſhaka wich zurück, als ſie ſich ihm in ernſter Majeſtät nahte, denn ſie zitterte nicht vor dem dunkelen, drohenden Blick, den er auf ſie richtete; als ſie aber beginnen wollte zu ſprechen und die dunkele, um ſie verſammelte Gruppe uͤberſah, ſtieg ihr ſchnell und heiß das Blut zu Wangen und Buſen, doch war ihre Stimme klar und laut. „Die Schawaneſen haben die Klapperſchlange als das Sinnbild ihres⸗Stammes gewaͤhlt. Es iſt ein edles * —— Thier, das ſein Opfer warnt und es dann erſt angreift; es verkuͤndet die Gefahr. Wer wuͤrde nun einen Scha⸗ waneſen fuͤr einen Verräther halten; wer wuͤrde einen heimlichen Streich auf einen Wehrloſen, von der Hand eines Schawaneſen gefuͤhrt, fuͤr moͤglich halten? und der Wehrloſe ein Bruder?“ „Der Schatten Tecumſehs wird nicht im Lager ge⸗ funden. Die Monde wachſen am Himmel und ſchwin⸗ den wieder, er aber kommt nicht. Folgt Tecumſeh dem Wild? feiert er Feſte mit den jungen Maͤnnern ſeines Stammes? ruht er ſich aus, und hat er die Beduͤrfniſſe, die Leiden ſeines Volkes vergeſſen? Wann hat je Tecum⸗ ſeh unter Beluſtigungen die Seinigen vergeſſen? Laßt nicht jenen Haͤuptling mit luͤgenden Lippen von der Ver⸗ rätherei Tecumſeh's reden, daß er Frieden mit dem wei⸗ ßen Manne ſchließen, und das Wohl ſeines Volkes dem Lächeln irgend eines Madchens opfern wolle; der Häupt⸗ ling weiß daß er luͤgt.“ „Kumſhaka nahte ſich dem ſchwankenden Rohr und fuhlte ſeine Verachtung. Ehe dieſe ſein Herz vergiftet hatte, unterſtutte er Tecumſeh's Pläne— kalt! ja! denn wer wuͤrde in Kumſhaka die Tapferkeit eines Kriegers — 76— oder die Weisheit eines Redners ſuchen— aber er un⸗ terſtuͤtzte ſie.“ Auf dieſe Art die Beweggrunde Kumſhaka's blos⸗ ſtellend, errothete ſie in madchenhafter Schaam, aber ein ſpottiſches Lachen durchflog die Verſammlung, wah⸗ rend ſich der in ſeinen Hoffnungen getaͤuſchte Haͤuptling entfernte.. „Leget Tecumſeh keine unwuͤrdigen Beweggruͤnde zur Laſt. Waͤhrend die jungen Maͤnner des Stammes ruhen, iſt er den ganzen Tag auf dem Marſch; ſeine Fuͤße ſchmerzen ihn vom vielen Wandern, und ſeine Augen ſind müde vom Wachen; der Nachtthau liegt auf ſeinen Kleidern, und die Sterne lauſchen den Schlägen ſeines Ruders, wie er den reißenden Strom hinabfährt. Er ſchlaͤft im Rauſchen des Waſſerſturzes, und der große Geiſt naht ſich ihm in Traͤumen. In ſpaͤteren Jahren, wenn die Indianer ein großes Volk geworden ſind, werden ſich die alten Manner von ſeiner Weisheit, die Kinder von ſeinen Leiden und Muͤhſeligkeiten erzäh⸗ len. Der große Geiſt iſt mit ihm. Er kam zu ihm, als er noch ein Kind war, und beruͤhrte ſeine Lippen 6 mit einer feurigen Kohle; daher ſtammt die Weisheit und Beredſamkeit ſeiner Zunge. Tecumſeh iſt nicht todt; er ruft die große Rathsverſammlung der Männer zuſam⸗ men, ein Urtheil uͤber das verrätheriſche Betragen von Winnemac und ſeinen Freunden zu faͤllen und das Beſte ſeines eigenen Volkes zu berathen. Er iſt nicht todt und der große Geiſt will Euch ein Zeichen geben, an dem Ihr erkennen ſollt, daß er lebt. In vier Monden wird er hier ſein; zum Beweis ſeht dort das Licht des Him⸗ mels. Keine Wolke iſt am blauen Firmament, dennoch ſcheucht der große Geiſt ſeinen Schatten daruͤber hinweg, und ſowie der Schatten von dem Monde ſchwin⸗ den wird und ihn klar und rein wie je laſſen, ſo ſollen alle Schatten von dem Rufe Tecumſeh's ſchwinden!“ Jedes Auge folgte der Richtung, die ihnen das Maͤdchen anzeigte und da— am unteren Theil des Mondes, lag eine dunkele, ſchwere Maſſe, ſelbſt wie der Schatten des Ewigen, und die Menge blickte mit Furcht und Schrecken darauf hin.— Margareth hatte den An⸗ fang der Finſterniß bemerkt, als ſie zur Berathung ging, und mit dem Aberglauben ihres Volkes bekannt, glaubte ſie ſich berechtigt, ihn zu ihrem Vortheil zu benutzen. Als ſie ſtill und geraͤuſchlos aus der Verſammlung ſchied, ging der junge Mann, den wir ſchon fruher er⸗ wähnt haben, an ihrer Seite und ehrfurchtsvoll von dem — 78— umnachteten Mond auf das liebe Geſicht des Maͤdchens blickend, ſagte er: „Der große Geiſt hat die Lippen des ſchwankenden Rohres beruͤhrt. Es hat das Herz eines rothen Mäd chens und Weisheit, wie vom Lande der Geiſter.“ Kumſhaka verſuchte keinen weiteren oͤffentlichen Angriff auf ſeinen Bruder, aber das einmal ausgeſpritzte Gift verfehlte nicht, zu wirken und weiter zu freſſen. Der ſo dringend von Tecumſeh anempfohlene Frie⸗ den mit den Weißen, war ganz unbeachtet geblieben und die große Ueberzahl von Seelen, die ſich taͤglich mehr in der Stadt einfand, ließ auch die Ausfuͤhrung und Be⸗ obachtung friedlicher Maaßregeln, faſt eine Unmöglichkeit ſcheinen. Jede neue Sonne war Zeuge neuer Uebertretungen, und die myſtiſchen Gebräuche des Propheten vermochten nicht mehr das Volk zu vaͤndigen und es ſowohl zur Ordnung an⸗, oder von Ungerechtigkeiten gegen die Wei⸗ ßen zuruͤck zu halten. Der Prophet hatte uͤbrigens, wie die Andern mit Erſtaunen und Bewunderung, die ſcheinbare Beſchwö⸗ rung Margareths geſehn; zu ſchlau jedoch, irgend ein Zeichen von Erſtaunen blicken zu laſſen, beobachtete er die Erfuͤllung ihres Anrufs an den großen Geiſt wie Einer, der gewohnt iſt, mit der Leichtglaͤubigkeit der Menge zu ſpielen und weiß, daß, wie wunderbar auch immer der Schein einer Sache ſein mag, die Aufloͤſung fuͤr den Eingeweihten nichts weniger als uͤbernatuͤrlich iſt.— In der Nacht, als ſich das Lager beruhigt hatte, kam er zur Huͤtte Minaree's und winkte Margareth, ihm zu folgen. Sie ſtand neben ihm am Flußufer, und der Mond beſchien hell ihre ſchlanke Geſtalt, und ihre freie, weiße Stirn, waͤhrend ein leiſer Zephyr die Locken auf ihren Schultern bewegte. Ihre Haͤnde waren auf der Bruſt gefaltet, und furchtlos ſchaute ſie in die feſt auf ſie ge⸗ richteten Blicke des Haͤuptlings, der, nachlaͤſſig auf eine Keule gelehnt, ſie mit forſchendem Auge betrachtete. „Der Zauber des Maͤdchens war nicht gut, war⸗ um ſchob ſie die Zuruͤckkunft Tecumſeh's ſo lange hinaus? er ſollte ſchon hier ſein. Das ſchwankende Rohr wird es jetzt thun, und ſeine Ruͤckkehr beſchleunigen!“ Margareths Auge flammte, denn ſie fuͤhlte die Aufforderung einem Befehl gleich. Zu jeder andern Zeit — 80— wuͤrde ſie ubrigens aufrichtig die Quelle bekannt haben, aus der ſie ihre Nachrichten geſchoͤpft, wie es auch mehr mit ihrem offenen Weſen uͤbereinſtimmte, jetzt aber be⸗ griff ſie zu gut das Gefährliche ihrer Lage, um irgend etwas aufs Spiel zu ſetzen, das ihren eigenen Einfluß ſchmaͤlern koͤnnte. Sie ſchaute ihm daher eine Zeitlang mit einem ru⸗ higen, faſt verächtlichen Blick ins Auge, und dann zu dem ſtillen Mond emporſehend entgegnete ſie: „Möge der Prophet die Ruhe und Schoͤnheit jenes blaſſen Geſtirnes betrachten und die Prophezeihungen le⸗ ſen, die er enthaͤlt— moge er die Sterne erforſchen und ihre Meinung erfahren. Sie ſprechen eine Sprache, aber nur fur den, der ſie verſteht. Fluth und Stuͤrme, der Orkan und das Erdbeben, Tod und Ungluck— Al⸗ les enthuͤllen ſie in ihren fuͤrchterlichen Lehren. Weiſe Maͤnner haben ſie verſtanden und das Schickſal von Na⸗ tionen vorherbeſtimmt, haben ſeit tauſenden von Jahren ihre Sprache erlernt und das vorhergeſagt, was da ſein wuͤrde; und was ſie geſagt haben, war die Eingebung des großen Geiſtes. Die Menſchen haben es gehoͤrt und haben gezittert, denn was ſie vorherſagen, kann nicht verändert werden. Es iſt Schickſal. Der Haͤuptling —— braucht nicht nach den Geheimniſſen der Beſchwörungen zu forſchen. Das ſchwankende Rohr hat keine. Sie lieſ't und verſteht— ſie hört und ſchweigt.“ Waͤhrend ſie dieſe Worte ausſtieß, wurde ihre Stimme feſt und energiſch; ſie ſuchte durch eine ange⸗ nommene Heftigkeit das Unrecht, das ſie that, zu betaͤu⸗ ben, indem ſie ſich mit einer Kraft ſchmuckte, die ſie nicht beſaß. Des Propheten durchdringendes Auge haf⸗ tete ſo feſt auf ihr als ob es in das Innere ihrer Seele dringen wollte, aber das furchtloſe Maͤdchen erbebte nicht vor dieſem Blick, und begegnete ihm ruhig. Da war es als ob ein ſonderbarer Schauder, eine Art Ehrfurcht ſein ganzes Weſen erfaßte, wie ſie ſo, vom ſilbernen Lichte des Mondes umgoſſen, daſtand, und er ſprach mit leiſer, freundlicher Stimme: „Der Prophet will zu den Fuͤßen des ſchwankenden Rohrs ſitzen und die Geheimniſſe der Sterne lernen. Wenn ſie ihre Mitternachtgeſpraͤche halten, will er auf⸗ merkſam lauſchen und ſie bewahren. Laß das ſchwan⸗ kende Rohr die Geheimniſſe ihres Weſens enthuͤllen. Eliskwatawa moͤchte des Mondes helles Licht verdunkeln laſſen und die Sterne mit Nebel uͤberziehen, bis ſie aufs Neue, auf ſeinen Befehl hervorträten. Er moͤchte das Der Indianer⸗Häuptling M. — 82— Volk mit wunderbaren Vorherſagungen im Zaume hal⸗ ten. Er wollte ſprechen, und der große Geiſt ſollte dann ſein Schild uͤber den Mond legen. Sprich, Maͤdchen, denn die Weisheit des Geiſterlandes liegt auf Deiner Zunge.“ Margareth heftete ihre Augen wehmuͤthig auf die Zuge des Haͤuptlings; es war ihr ſchmerzlich, eine einzige Unwahrheit, und wenn auch nur zu ihrem eigenen Schutze, geſagt zu haben, jedoch hatte ihr Vater ihnen fruͤher faſt ſo viel von Aſtrologie als dem reineren Wiſ⸗ ſen der Aſtronomie gelehrt, und dies, vereinigt mit dem romantiſchen, in den wilden Laͤndern genaͤhrten Enthu⸗ ſiasmus oͤffnete in der That ihr Gemuͤth einem geheim⸗ nißvolleren Glauben. Ihre Antwort war feierlich, denn ſie ſprach aus tiefſter Seele. „Das ſchwankende Rohr kann dem Propheten nicht die Weisheit verkeihen, ſich folche Macht zuzueignen. Die Sterne in ihrer Stille und Schoͤnheit haben nur eine Stimme fuͤr den, der ſich in Demuth und in Er⸗ kenntniß der Wahrheit dem großen Geiſte beugt. So haben die alten Maͤnner fruͤherer Zeiten ihre grauen Locken dem Winde der Mitternacht preisgegeben, haben gefaſtet, bis das Fleiſch ſie nicht mehr an der Erhebung des Gei⸗ ſtes hinderte, gebetet, bis der große Geiſt ſelbſt in ihr Gebet uͤberging, und dann waren die Himmel geoͤffnet, dann lauſchten ſie der Melodie der Sterne, jener geheim⸗ nißvollen, entzuͤckenden Melodie, die das Schickſal von Menſchen und die Beſtimmung von Nationen ver⸗ kuͤndet.“ „Die Monde und Sonnen enthuͤllten vor ihnen ihre ewigen Freudenbahnen.“ „Laß den Propheten, wie Jene, faſten und beten, und dann lernen, daß ſein Wille weder ihre Bahn aͤn⸗ dern, noch aufhalten kann.“ „Die Stimme des Allmaͤchtigen redet allein, und dieſer gehorchen ſie.“ „Laß ihn, wenn er ihre Sprache lernen will, ſeine Blicke mit Ehrfurcht umhuͤllen, und er wird ſie in ihrer Majeſtat erblicken.“ „Der Sturm raſet unter ihnen, und ſie ſcheinen ruhig und ſtill darauf hernieder.“ „Kann der Prophet den Wirbelwind die alte tau⸗ ſendjaͤhrige Eiche aus dem Boden reißen, kann er die Sonne erſcheinen laſſen, waͤhrend ſchwarze Wolken das Firmament umhuͤllen? Kann er auf die Erde ſchauen und die Blumen emporkeimen, oder die Lilie auf dem Strom ob ihrer eigenen Blaͤſſe erroͤthen machen? Siehe es iſt der Allmaͤchtige, der mit dem Suͤdwind den Sturm beruhigt, wie kann der Prophet hoffen zu ſpre⸗ chen, daß ihm der Mond und die Sterne gehorchen?“ Sie entfernte ſich ſtill und leiſe und lange noch ſtarrte der ſtaunende Prophet hinauf zu den dunkelen Tiefen des wunderbaren Himmels. Er ahnte die Nahe eines hoͤheren Weſens und dämmernd fuͤhlte er in ſich ein neues Licht, neue, nicht gekannte, nicht geahnte Ge⸗ danken und Gefuhle entſtehn, die ſein Herz in der heili⸗ gen, ſchweigſamen Stunde der Mitternacht erfullten. Neben dem Heerde, ſo alt und grau, Kauert die alte, trauernde Frau. Manch eine Furche grub wohl die Zeit Ihrer Stirn ein— manche das Herteleid. S. S. Cheſter⸗ Waͤhrend die Grenzbewohner täglich von den Ein⸗ fällen der wilden Verſammlung am Tipperande zu dul⸗ den hatten, fanden die vertriebenen und hausloſen Fluͤchtlinge eine Heimath in der kleinen Stadt Vincen⸗ nes, das der Centralpunkt von allen Denen wurde, die durch Indianiſche Grauſamkeit auf das Aeußerſte ge⸗ bracht, Rache und Vergeltung ſuchten. Aller Augen woandten ſich auf Harriſon, den Weſten zu beſchuͤtzen; ſein allbekannter Einfluß, den er auf die Wilden aus⸗ ubte, erfullte die Herzen mit Hoffnung und mit unbe⸗ grenztem Vertrauen zu ihm. Er verſuchte uͤbrigens vergebens den Wilden Vor⸗ ſtellungen zu machen; keinem Boten ward der Zutritt zum Lager geſtattet. Da ſandte endlich die Regierung Truppen aus, um die Grenzen zu beſchuͤtzen und das ganze Territorium wurde auf ein Mal der Tummelplatz militaitiſcher Streitmächte. Mansfeld war ſtets mit oͤffentlichen Geſchaͤften beauftragt und fand nur darin Troſt, daß er dann und wann von einzelnen Indianiſchen Streifparthieen hoͤren konnte, die Schweſtern befaͤnden ſich wohl. Verſchiedene Botſchaften, die er an Alice ſandte, er⸗ reichten ſie nie, und in der Ausuͤbung ſeiner Pflicht hatte er ſogar nach Washington gemußt, was in damaliger Zeit, wo faſt gar keine Straßen exiſtirten und wenn ſie wirklich vorhanden, kaum zu paſſiren waren, eine be⸗ deutende Reiſe genannt werden konnte, und ihn einige Monate entfernt hielt. Bei ſeiner Ruͤckkehr fand er die Sachen noch ſchlimmer ſtehn, als er ſie verlaſſen hatte, und die Ge⸗ fahr fuͤr die Sicherheit der Schweſtern wuchs mit je⸗ dem Tage. Die Streitfrage mußte uͤbrigens jetzt felbſt fuͤr das Land entſcheidend ſein; das Ganze naͤherte ſich einer Kri⸗ ſis, denn entweder die Weißen oder die Indianer waren gezwungen ihre Stellung aufzugeben. Sollten ernſtliche Feindſeligkeiten ausbrechen, ſo wußte er recht gut, daß die erſten Opfer des Krieges alle Weißen ſein wuͤrden, die ſich innerhalb der Indianiſchen Grenzen befaͤnden; dieſe wuͤrden den Manen der Erſchlagenen geopfert wer⸗ den, und in der That machten ſich ſchon einige Truppen⸗ abtheilungen fertig, nach Tippecanoe vorzuruͤcken. Mans⸗ feld zitterte fuͤr die Schweſtern, und nicht im Stande laͤnger die Ungewißheit ihres Schickſals zu ertragen, be⸗ ſchloß er ihre Flucht vor dem Ausbruch der Feindſe⸗ ligkeiten zu bewirken, gab zu dieſem Zweck ſeine Stelle auf und bereitete ſich vor, ſie im Indianiſchen Dorfe auf⸗ zuſuchen.— Es ſchien ihm leichter auf dieſe Art ſeinen Wunſch zu erreichen, als die Auslieferung der Maͤdchen durch die Regierung verlangen zu laſſen; zwar zeigten ſich ihm in beiden Faͤllen Schwierigkeiten genug, dieſe glaubte er aber am leichteſten uͤberwinden zu koͤnnen. Auch Mr. Maſon hatte ſchon Mehreres verſucht den Mädchen nuͤtzlich zu ſein, aber Alles ohne Erfolg; als er daher den Entſchluß Mansfelds erfuhr, ſagte er augenblicklich zu ſeiner Frau:„Anna, ich muß mit dem jungen Manne gehen und der Herr wird uns be⸗ ſchuͤtzen. Dies ſind gefaͤhrliche Zeiten, Anna, und den Madchen darf kein Uebel geſchehen. Was ſagt die heilige Schrift? Iſt es nicht, daß Der, welcher hundert Schaafe — hatte, die neun und neunzig verließ und in die Wild⸗ niß zog das verlorene zu ſuchen? Fragte der Schaͤfer, wer die neun und neunzig beſchutzen ſollte? Wahrlich der Hert war ihr Schutz; eben ſo wird er das Haus Deſſen bewahren, der ihm vertraut.“ Anna ward leichenblaß und preßte ihr Kind an die Bruſt, denn ihr Haus war eins der am wenigſten be⸗ ſchuͤtzten in der Stadt; aber ſo feſt vertraute ſie ihrem Gatten, ſo gehorſam zeigte ſie ſich ſtets ſeinen Wuͤn⸗ ſchen, daß ſie auch nicht einen Augenblick das Noͤthige eines ſolchen Schrittes bezweifelte. Mr. Maſon verließ uͤbrigens gerade jetzt ſein Haus mit weniger Furcht, als vielleicht zu jeder andern Zeit, denn erſtens war die Stadt unter dem Schutz des Mili⸗ tairs, und dann hatte man jedes einzelne in eine Feſtung verwandelt. Waffen und Munition waren uberall vertheilt, und die Maͤnner ſchliefen mit den geladenen Buͤchſen an ihrer Seite, auf jeden Ueberfall gefaßt und vorbereitet. Angſt und Beſorgniß aber erfullten die Herzen der Frauen und wohl manche druͤckte Abends den Saug⸗ ling mit klopfendem Herzen an die Bruſt und bange Traͤume von geſchwungenen Tomahawks und blutigen Scalpen ſtoͤrten ihre Ruhe. Madame Maſon hatte aus Angſt um Alice ſchon ſehr viel gelitten, indem ſie ſich die Entbehrungen und Gefahren, denen dieſe ausgeſetzt ſein mußte, in ihrer Einbildungskraft noch bedeutend vergroͤßerte. Ihr Wi⸗ derwille gegen den Indianiſchen Volksſtamm, durch Er⸗ ziehung eingepraͤgt und durch die Kenntniß der hier und da von ihnen veruͤbten Grauſamkeiten noch vergroͤßert, belud dieſen mit Allem was graͤßlich und entſetzlich iſt und machte ſie unfaͤhig ein nur einigermaßen unparteiiſches vernunftiges Urtheil uͤber ihren wahren Charakter zu⸗ fällen, und oft, wenn Mr. Maſon das entfernte Maͤd⸗ chen Abends in ſein Gebet ſchloß und fuͤr die„einſame Waiſe“ fuͤr„das Lamm unter den Woͤlfen“ zum Throne des Hoͤchſten flehte, mußte die geaͤngſtigte Freundin ihrem Herzen in einer Fluth von Thraͤnen Luft machen. Sie entbehrte das liebe, freundliche Kind uͤberall— in ihren Freuden, dieſe mit ihr zu theilen— in ihren Schmerzen, ſie durch den ſanften, theilnehmenden Blick ihres treuen Auges zu troſten. Die alte Frau litt faſt ſo viel als die Uebrigen, ihr hu das ſorgende, herzlich gute Mädchen uͤber⸗ — all, um ſie ihre Schwächen und Gebrechlichkeit vergeſſen zu machen und in den Sonnenſchein des Lebens zu fuͤhren. Sie wurde taͤglich hinfälliger und eine ihr ſonſt nicht eigene Milde breitete ſich uber ihr ganzes Weſen aus. Oft traten ihr Thraͤnen in die vom Alter truͤben Augen, und mit zitternder, faltiger Hand trocknete ſie ſeufzend dieſelben wieder ab. Es iſt etwas ſchmerzlich Ergreifendes in dem Gram des Alters. Das Zittern der magern Hand mit der eingeſchrumpften Haut und den weit vorliegenden Adern, der Seufzer, der nicht mehr der Bruſt als ein Troſt entſteigt, der in der That ein Bote des tiefgefuhlteſten Grams geworden iſt, hat etwas ungemein Ruͤhrendes; dabei preſſen ſich die Finger nicht mehr auf die Augen⸗ lider, als ob das Weinen an ſich ſelber ein eigner Troſt waͤre, nein, die bebenden Haͤnde wandern unruhig am Gewande auf und ab, glätten die Falten deſſelben und haften zuletzt, wie durch den Schmerz angezogen, am nur matt und langſam ſchlagenden Herzen. Madame Maſon hatte, ohne ihre eigenen Sorgen, genug zu thun, die alte Frau in ihren Schwaͤchen und Gebrechlichkeiten zu unterſtutzen. Der Winter war un⸗ gewoͤhnlich ſtreng geweſen, und ſie litt an den gewohn⸗ lichen Folgen der Alterſchwaͤche; ſeit Alicehs Abreiſe war auch eine Art geiſtiger Unthaͤtigkeit uͤber ſie gekommen, 3 die es nicht bezweifeln ließ, daß die Abweſenheit des lie⸗ ben Maͤdchens ihr ſchwer und druͤckend am Herzen lag. Stunden lang konnte ſie ſitzen und den Schneeflocken zuſchauen, wie ſie langſam zur Erde ſegelten und dort ihre Diamantſpitzen dem Lichte zukehrten, oder vom Winde getrieben, in wilden Kreiſen das Haus umzogen. Bei dem geringſten Geraͤuſch wiſchte ſie ſchnell ihre Brillengläſer ab, und ſchaute ernſthaft nach der Thuͤr, als muͤßte die Erwartete da herein treten. Im Anfang wandte ſie ſich unmuthig von den an⸗ gebotenen Dienſten und der liebenden Sorgfalt Anna's ab, als aber ihre Schwaͤche mehr und mehr zunahm, begann ſie ſich ihr ruhig und geduldig hinzugeben; ja ſie wurde endlich ſo milde und freundlich geſtimmt, daß ſie ſie„Anna“ nannte, und kleine Gefaͤlligkeiten von ihr, nach Art eines ungeduldigen Kindes verlangte. Das erſte Mal als ſie Madame Maſon mit dem freundlichen, traulichen Vornamen anredete, war die gute Frau ſo geruͤhrt, daß ſie in Thraͤnen ausbrach und leiſe ihre Lippen auf die runzeligen Wangen der alten Frau preſſend, fluſterte: „Danke Dir, Großmutter; ich wußte wohl, daß Du mich noch liehen wuͤrdeſt.“ Die Großmutter ſchob ſie ſanft von ſich und ſigie „Geh weg Kind,“ aber ſie wiſchte ſich eine Thrane aus — 94— dem Auge und die duͤnnen Lippen zitterten, obgleich ſie ſie feſt zuſammenpreßte, ihre Bewegung zu verbergen. Nach Hrn. Maſons Abreiſe wurde ſie immer un⸗ ruhiger, aber es war, als ob ihre Sinneswerkzeuge ordent⸗ lich auf's Neue geſtaͤrkt und gekraͤftigt waͤren. Klaͤnge⸗ die noch vor kurzer Zeit ihr Ohr nicht erreicht hatten, vernahm ſie jetzt mit wunderbarer Deutlichkeit, und ſogar ihre Sehorgane ſchienen ſich zu ſchaͤrfen und neue, wie jugendliche Kraft zu gewinnen. Die gute Anna gab ſich dabei viele Muͤhe, die alte Frau aufzuheitern und zu zerſtreuen, begann Steppde⸗ cken zu verfertigen und viele andere kleine Gegonſtände, ja las ihr ſogar vor und Großmutter ſaß dann lauſchend vorgebeugt mit gefalteten Haͤnden und horchte den freund⸗ lichen Toͤnen in ſtiller Aufmerkſamkeit. Selbſt das Jungſte begann ſich an die alte Frau zu gewoͤhnen, éroch uͤber die Diele zu ihr hin und hob ſich, ihre Schuͤrze ergreifend, an ihr in die Hoͤhe, wo es dann, ſchwankend an der ſchwachen Stutze und laͤchelnd und jauchzend daſtand, bis es ihre Aufmerkſamkeit erregt hatte. Anna rief in ſolchen Augenblicken das Kind nicht hinweg, obgleich die alte Frau es ſelten beachtete, manch⸗ mal aber ſchien ſie Gefallen an dem Kleinen zu finden und nahm es zu ſich in die Hoͤhe. Die Greiſin und der Saͤug⸗ ling ſpielten zuſammen. VII. und Beſchwoͤrungsformeln rief er In die finſtre Nacht hinaus, In der Woͤlfe tolles Heulen, In des Wirbelwinds Gebraus. P. Soffmann. Die Lehre, daß ohne Blutvergießen keine Vergebung der Suͤnden ſtatt finden könne, hat, wie es ſcheint, ſich uͤber alle Nationen, ſo wild und ungebildet ſie auch ſein moͤchten, verbreitet. Wie das geſchah, ob durch Offen⸗ barung, Ueberlieferung oder aus dem uns inwohnenden Gerechtigkeitsgefuͤhl, das uns ſagt, wie jedes Unrechte ſeine Strafe finden muͤſſe, wiſſen wir nicht. Der Wilde, der durch Hungersnoth, Peſt oder Krieg leidet, fuͤhlt augen⸗ blicklich die Urſache und glaubt, daß die aufgehaͤuften und gemehrten Suͤnden ſeines Volkes den Zorn der unſicht⸗ baren Maͤchte erregt und gereizt haͤtten, und daß ein ihnen wohlgefaͤlliges Opfer ſie wieder verſoͤhnen muͤſſe. Er wählt ein der Gelegenheit angemeſſenes Thier aus; iſt aber der Fall ſehr dringend, will er gern zu großes Uebel von ſich abwenden, ſo nimmt er zu einem feierlichen Dyfer ein menſchliches Weſen; meiſt einen Kriegsgefan⸗ Der Indianer⸗Häuptling. IM.„ genen, deſſen Tod die Manen der Erſchlagenen ſuͤhnen und ihm die Gunſt der Unſichtbaren wieder gewinnen ſoll!— Es war Tecumſehs Wunſch geweſen, dieſe Opfer zu verbannen, aber das Volk betrachtete ſie als einen weſent⸗ lichen Theil ihrer Religion, der nur eine Zeitlang konnte vernachläͤſſigt werden, ſo lange kein dringendes Beduͤrfniß ihn in ſeine alte Kraft zuruͤckrief. Der Prophet, der zur Prieſterſchaft gehoͤrte, wuͤnſchte ebenſowenig etwas aus ihrer Religion zu verbannen, das zu den geheimnißvollen Myſterien derſelben gehoͤrte. Der Gebrauch war uͤbrigens faſt in Vergeſſenheit gerathen; wie ihn jedoch Kumſhaka auf's Neue vorſchlug und ſogar in einem außergewoͤhnlich religioͤſen Eifer als unumgaͤnglich nothwendig darſtellte, ſowohl die Hungers⸗ noth, als die ſie bedrohenden Kriegsunruhen von ſich ab⸗ zuwenden, da ſtimmte ihm auch der Prophet bei und fuhlte ſich augenblicklich geneigt den Vorſchlag des Bru⸗ ders zu unterſtuͤtzen. Es ſchien aber, als ob die beiden Maͤnner ebenfalls unter ſich einig geweſen waͤren, wer das Opfer ſein ſollte, denn es wurden, ohne auch nur einen Namen zu nennen, alle nöthigen Vorbereitungen, ſowohl zu einem Feſte als zu der fuͤhnenden Feierlichkeit getroffen. Am naͤchſten Tage empfing Margareth ein kleines Rohr, mit geheimnißvollen, ihr aber verſtaͤndlichen Zeichen, das ſie zu einer heiligen Feſtlichkeit einlud. Alice ſah, wie ſie ſich mit ungewohnter Sorgfalt ſchmuͤckte, und ihren Weg dann nach der großen Rathöshalle einſchlug. Ein ungeheures Feuer war in dem Mittelpunkt der Huͤtte angezuͤndet, und geheiligte Kraͤuter erfullten die Luft mit Wohlgeruͤchen. Der Prophet in ſeinem vollen geiſt⸗ lichen Anzug wandelte im Kreiſe umher, mit leiſer Stimme ein eintoͤniges Lied ſingend, waͤhrend er eine ungeheure Klapperſchlange, die von den Jägern im Walde gefunden war, in die Hoͤhe hielt. Die alten Maͤnner und Haͤuptlinge des Stammes ſaßen um die Flamme herum und den uͤbrigen Raum fullte das Volk aus. Beim Eintritt Margareths theilte ſich die Menge, und der Prophet zeigte auf einen Platz zwiſchen den Ael⸗ teſten des Stammes. Seine beiden Haͤnde dann mit der Schlange zwiſchen ihnen ausbreitend, begann er foi⸗ gendermaßen: „Biſt du geſtorben, o Manitou, als Zeichen des 7 nahen Unterganges der Schawanees? Die Jäger ſahen mit Zagen den Kampf. Die ſchwarze Schlange hatte ſich erhoben und Du ließeſt Deine warnenden Klappern klingen. Fuͤrchterlich war das Ringen; Ihr ſchlugt die Erde mit Euren Schwänzen und Eure Schuppen klan⸗ gen wie die Lanzen der Krieger; aber Deine Feinde hat⸗ ten Dich umwunden— feſt wie die Baͤnder des Canoe umwunden.— Du biſt todt. Dies iſt das Schickſal des rothen Mannes. Der weiße Mann ſchlaͤgt ihn in Ket⸗ ten, und er iſt machtlos. Er liegt wie der Manitou der Schawanees, todt auf der Erde. Wird er wieder erſtehn? Wird Loben in den Körper der Maſſaſauga zuruͤckkehren?“ „Leben wird zuruͤckkehren!“ ſchrie eine Stimme auf der Schwelle, und Margareth bedeckte ihre Augen vor der ſchrecklichen Erſcheinung. Es war Ingarara. Hundert Jahre hatten das Licht ihrer Augen verlöſcht und ihre Haare gebleicht. Ihre Haut lag lederfarben, voll tauſend Runzeln auf den ſcharf hervortretenden Knochen und die Nägel ſtanden krallenartig von ihren Fingern ab. Sie ſchien mit ihren erloſchenen Augen uͤber die Verſammlung pinzublicken und ſpreitzte dann ihre knochigen Finger uͤber dieſelbe aus. „Leben ſoll zuruͤckkehren,“ fuhr ſie ſie fort, ſich dem Feuer naͤhernd und die Schlange mit dem Fuße berührend. „Leben ſoll zuruͤckkehren, ſo gut es zur zu⸗ ruckgekehrt.“ Kaum hatte ſie die Worte ausgeſtoßen, als ſich die Schlange zuſammenrollte und leiſe ihr Klappern ertoͤnen ließ, waͤhrend ſie den weiten Schlund oͤffnete und die Zunge daraus hervorſpielen ließ.* Einen Zweig, den die alte Seherin in§ Hand hielt, hin⸗ und herbewegend, zog ſich dieſe nach der freien Luft zuruͤck, und die Schlange folgte ihren Bewegungen wie durch Zauberkraft angetrieben. Ingarara kehrte zuruͤck und ihre weißen, langen Haare im Luftzug ſtroͤmend, umzog ſie dreimal, mit faſt uͤbernatuͤrlicher Schnelle das Feuer und warf maͤchtigg Zaubermittel hinein; dann hielt ſie plötzlich an und ſchwankte hin und her, ihre Bruſt hob ſich, ihr ganzer Koͤrperbau zitterte, von der ungewohnten Anſtrengung er⸗ regt, und ihr Geſicht veraͤnderte ſich Schauder erregend. Zuerſt waren ihre Worte, die ſie dabei ausſtieß, unver⸗ ſtändlich, endlich aber fanden ſie ſich in wilder, faſt ſchreiend ausgeſtoßener Sprache zuſammen: „Wehe! Wehe dem rothen Mann. Er hat die 2n⸗ betung, die Gebräuche ſeiner Väter vergeſſen. Seine — 102— Felder ſind duͤrr und das Wild flieht aus ſeiner Nähe. Seine jungen Leute ſind ſchwach im Kampf und der Pfeil geht ſchrag auf der Jagd. Ein ſchwarzes Zeichen ruht auf ihm— er iſt dem Tode verfallen. Wehe! Wehe! Des Adlers Neſt war auf den Felſen— hoch oben, wo es der Blitz umzuckte, wo die Stuͤrme kaͤmpften. Er ſah nieder auf die Prairieen und nieder auf die großen Seeen, denn das Wild war ſeine Beute auf beiden Sei⸗ ten. Die Fluͤgel der Jungen waren ſtark und ihre Stimme laut wie der Sturm. Ein Feind kroch auf den Felſen und ſchleuderte die Jungen in die Tiefe hinab. Der Schrei des alten Adlers ſtieg zu den Wolken empor, und wurde gehoͤrt— wie der Donner, der durch die Wol⸗ ken brauſ't. Es war ein furchterliches Zuſammentreffen und das Kriegsgeſchrei ſcholl durch die Jagdgrunde!“ Ihre Stimme ging jetzt in wilde, unartikulirte Aus⸗ rufungen über, weißer Schaum trat auf ihre Lippen, ſie ſchwankte und taumelte und lag, ſich windend, auf der Erde. Elikswatawa fuhr in prophetiſchem Tone fort: „Des Adlers Neſt ſoll wieder auf dem Felſen ge⸗ — baut werden; die Knochen ſeiner Beute ſollen ſich unter ihm aufhäufen und er ſoll in ſeiner Macht umherſchauen. Die Altaͤre des Unſichtbaren ſind vernachläͤſſigt worden, — 3— es iſt kein Blut auf den Steinen, das Feuer iſt verlöſcht und Moos waͤchſt da, wo das junge Opfer bluten ſollte. Der Schawaneſe will zu den Gebraͤuchen ſeiner Väter zuruͤckkehren. Hoͤrt! der große Geiſt hat das Opfer aus⸗ erſehen; er wird mit ſeinen Kindern zufrieden ſein, und ihr Ruhm zuruͤckkehren.“ Margareths Wangen uͤberzog echenbliſe denn ſie war feſt uberzeugt, daß Alice fur das Opfer beſtimmt war. In wilder Eile uͤberdachte ſie die Möglichkeit einer Flucht, aber wie, mit der wachſamen Ackoree und dem ſchlauen Kumſhaka ſtets auf ihren Ferſen? Wie, da beſonders jetzt der Aberglaube des Stammes Alle zu verdoppelter Wach⸗ ſamkeit auffordern wuͤrde? Kaum wiſſend was ſie that, hob ſie ſich von ihrem Sitz und ſchaute mit truͤben Augen über die Verſammlung. Sie horte ein leiſes Lachen und wußte, es war das Ackorec's. Der Prophet ſprach:„Laß keine Furcht ſich dem Herzen des ſchwankenden Rohres nahen; die Sonne wird noch lange auf ihren Pfad ſcheinen und ſie wird wie die Stimme des rothen Geiſtes zu ſeinen rothen Kindern ſein.“— Margareth war es, als ob ſich ein bichter Webel ͤber ihre Augen legte, der ganze Platz ſchien um ſie her — 104— zu ſchwanken und die Geſichter der Umſtehenden verän⸗ derten ſich in furchtbar ſchreckliche Geſtalten. Ihre Kehle war trocken und ein ſonderbares Brauſen erfullte ihre Ohren. Endlich, ihre Hand auf das Herz preſſend, fand ſie die Stimme wieder und ſagte „Es iſt gut! Das weiße Maͤdchen muß ſterben.“ Kumſhaka ſtand von ſeinem Sitz auf und ſchaute ſie forſchend an:„Laß das ſchwankende Rohr nicht hoffen, daß das weiße Maͤdchen entflihen moͤge— ſie iſt dem großen Geiſt verfallen!“ Weiß wie Marmor, mit gebrochenem Herzen, ſtand ſie da, doch kehrte bei den Lauten des verhaßten Mannes, ein Theil des früͤheten Geiſtes in ihre Augen zuruͤck und ſie ſprach mit ſtolz emporgehobenem Haupt: „Das ſchwankende Rohr hofft weder, noch wuͤnſcht es zu entfliehen; ſeit wann aber hat den ſchwachen Haͤupt⸗ er einem armen hilfloſen Mädchen den Tod bereite? Er will Ungluck uͤber die Häupter ſeines Volkes bringen, nur um ſeinen eigenen Haß zu befriedigen. Das weiße Mad⸗ chen muß ſterben! Hat der Prophet den Sternen gelauſcht? Iſt der große Geiſt in ſeinen Traͤumen zu ihm gekom⸗ men, und hat verlangt, daß Einer fur ſein Volk blute? ling dieſe neue Heiligkeit erfaßt? Iſt es nur darum, daß — 495— Gut! So ſei es. Laßt das Opfer zum Altar bringen; aber nicht mit thranenden Augen; Hilferuf und Wehkla⸗ gen darf nicht ertönen, wenn Ihr dem großen Geiſt opfert.“ „Ihr wollt ein Opfer!“ Todtenſtille lag auf der Verſammlung; Margareth verließ den Kreis der Haͤuptlinge und ſtand in dem mitt⸗ leren freien Raum. Jeder Tropfen Blutes war aus ihrem Antlitz gewichen, die kleinen zuſammengepreßten Haͤnde wie aus weißem Marmor gehauen und ihr Athem ſo leiſe, daß er ihre Bruſt nicht bewegte. Schauerlich ſtachen die rabenſchwarzen Locken gegen die Leichenfarbe der Haut ab; aber ihre Stimme war ſuͤß und zart. „Ihr wollt ein Opfer! Seht— ich komme!“ und ſie hob ihre Augen mit einem Ausdruck heiliger Ergeben⸗ heit empor.„Laßt mich auf Eurem Altar liegen! Wollt Ihr dem großen Geiſt ein willkommenes Opfer bringen, ſo muß es auch ein williges ſein. Nicht mit Angſt und Thraͤnen, nein, eines das gern fuͤr das Beſte des Stam⸗ mes ſterben wuͤrde. Seht mich an! Was iſt da. das das „ſchwankende Rohr“ noch an dieß Leben feſſelte? Es ſehnt ſich nach dem Lande der Geiſter. Es iſt kein Licht auf ihrem Pfad. Sie hat das Volk der Indianer geliebt, warum ſollte ſie nicht fuͤr daſſelbe ſterben? Aber das ſchwache, furchtſame Madchen muß leben; ihr darf kein Uebles geſchehen. Sie muß wie das wenige Monden alte Kind bewahrt werden. Laßt mich mit ihr zu unſe⸗ rem Volke gehen und das ſchwankende Rohr wird zuruck⸗ kehren und fur ſie ſterben.“ Ein Murmeln des Beifalls ward von Kumſhaka unterbrochen. „Denkt Ihr, der der Falle entflohene Vogel wurde dahin zuruͤckkehren? Das weiße Mädchen darf nicht ent⸗ liehen!“ Margareths Oberlippe warf ſich in bitterm Stolz empor.„Im Herzen des Haͤuptlings iſt keine Wahrheit und er kann dieſe auch nicht in den Herzen Anderer leſen. Ehe ein Mond ſchwindet, will ich zuruͤckkehren, wenn mich der große Geiſt nicht fruͤher zu ſich nimmt.“ und ſie nahm den angezundeten Calumet ihre Hand auf das Herz, blies den heiligen Rauch empor n dem Kraut in die Flamme zu , legte und warf dann etwas vo ihren Fußen. „Es iſt genug,“ ſagte der Prophet;„das ſchwankende ——————— 2 Friedenspfeife. — 2— — Rohr ſoll mit dem ſchwachen Maͤdchen gehen! Sie darf einen, dem großen Geiſt geleiſteten Schwur nicht brechen; ſie wird in einem Monde hier ſein!“ „Sollte ſie nicht!“ erwiderte Kumſhaka,„ſo moge ſie meinem Pfeile in jedem Saͤuſeln des Windes lauſchen, in jedem Schatten Kumſhaka's Arm erblicken, und jede Nacht ſich mit dem Gedanken niederlegen, daß er nahebei, den ſichern Tod in Haͤnden, lauert.“ Margareth lauſchte mit einem matten Lacheln den drohenden Worten und verließ dann mit langſamen Schrit⸗ ten das Feſt, denn noch viele und geheimnißvolle Gebraͤuche mußten beobachtet werden. Sie ſollte jetzt Alice auf ihre nahe Flucht vorbereiten, und dennoch vor ihr das ſchreck⸗ liche Opfer verheimlichen, fuͤr das dieſe erlangt war. Ihr Fuß hatte ſeine Elaſtizitaͤt verloren, und langſam und traͤumeriſch bewegte ſie ſich der Huͤtte zu. Ihre Sinne waren umnachtet, und ſie mußte ſich oft die Vorfälle des Abends zuruͤck ins Gedaͤchtniß rufen, um gewiß zu ſein, daß nicht ein ſchwerer Traum ſie necke und quale und daß alles das Schreckliche wirklich und wahrhaft ge⸗ ſchehen ſei.— Blatt und Blume ruhten und die Sterne ſchauten ruhig herab auf das wilde unruhige Treiben der Menſchen, 4 — aber ſelbſt dieſe Ruhe war ihrem gequälten Herzen druͤ⸗ ckend ſo hoffnungslos, ſo elend fuhlte ſich die Arme.— Sie lehnte am Eingang ihrer Huͤtte und bemerkte es nicht; bewußtlos ſtarrte ſie hinein in die Dunkelheit des Waldes. Der Mond ruhte fuͤr wenige Minuten auf den Gipfeln der Baͤume und verſchwand dann hinter finſteren Wolkenmaſſen— ſie bemerkte die Veraͤnderung nicht, als Tongatou ihre Hand beruͤhrte. „Das Feſt wird lange währen— Kumſhaka hat ein falſches Herz; die Mädchen muͤſſen fliehen, ehe die Häuptlinge nach Blut verlangen. Tongatou wird mit ihnen gehen.“ Margareth trat in die Hütte. Alice ſchlief ſanft, und als ſie den Vorhang zuruͤckſchlug und das truͤbe Licht der Fackel auf ihr ſußes Antlit fiel, lag ſie mit den roſigen Wangen auf dem blendend weißen, runden Arm, und das braune, lange Haar ſtromte uͤppig uber ihre Schultern. Margareth lauſchte den leiſen regelmäßigen Athemzůgen, faſt wie es ſchien in Wunder, daß etwas Irdiſches ſo ganz wie dem Himmel angehörig ausſchauen konnte. Alieet“ ſagte ſie endlich, und ſchauderte ſelbſt vor dem unheimlichen Tone ihrer eigenen Stimme zuſammen⸗ — 405— „ Alice erhob ſich und ſchaute mit Erſtaunen die Leichen⸗ blaͤſſe auf der Schweſter Wangen. „Wir muͤſſen fort, Alice, ich gehe mit Dir zu Dei⸗ nem Volk!“ Alice ſah, daß ſie in todtlicher Gefahr ſchwebten, denn Stimme und Ausſehen Margareths verrieth es, aber ſie that keine Frage, umarmte die Schweſter und bereitete ſich ſchweigend zur Abreiſe vor. Als ſie ihre Hand an die Bibel legte, fuͤhlte ſie Margareths kalte Finger auf den ihrigen und ſie fluͤſterte:„Laß ſie hier!“ Lange noch erinnerte ſich Alice an die todtenahnliche Beruͤhrung und das bleiche, traurige Geſicht der Schweſter. Sie verließen ſchweigend die Huͤtte, denn ſelbſt Mi⸗ naree weilte noch beim Feſt, wenig die ſo ſchnelle Abreiſe ihres Pflegekindes vermuthend. Der Fluß, durch haͤufige Regen angeſchwellt, waͤlzte ſich mit ſeinen truͤben, wilden Fluthen zwiſchen den dunkeln Ufern hin, und wehmuͤthig klagend ſchwankten die Birken und Weiden, von ſeinen ſtarken Wellen bewegt. In dem Augenblick ſprang ein Fiſch aus der Fluth empor und fiel aufſchlagend in ſein Element zuruͤck; krampfhaft und zum Tode erſchreckt, er⸗ faßte das ſchuͤchterne Maͤdchen den Arm des Haͤupt⸗ lings. — 110— Tongatou machte ſich unwillig von ihr los.„Das weiße Maͤdchen hat nichts zu fuͤrchten, ſo lange das ſchwankende Rohr es beſchuͤtzt!“ Margareths naturliche Energie kam ihr zu Hilfe, denn ſie ſah, daß der edle Krieger in ſeinem Herzen die ſchuch⸗ terne Schwäche des armen Maͤdchens, ſo natuͤrlich ſie war, verachtete und verdammte, weil ſie, wenn auch be⸗ wußtlos, ihren eigenen Untergang herbeifuͤhren konnte; ſie ſchlang daher den Arm um der Schweſter Huͤfte und bereitete ihren Platz im Canoe mit der Sorgfalt einer Mutter; dann nahm ſie ſelbſt ein Ruder, um die Schnelle des Bootes zu vergroßern. Alice ſchauderte als ſie bei dem ſchwachen Sternen⸗ licht in das finſtere, drohende Antlitz des jungen Häupt⸗ lings ſchaute, und auch in der Schweſter Mienen lag etwas Entſetzliches. Stunde nach Stunde hielt ſie ihre Augen auf Margareth geheftet, und ſie veraͤnderte keine Miene; ſtumpf und gleichgiltig, faſt ihrer Umgebung un⸗ bewußt, ſaß dieſe da, ein wehmuͤthig ernſter Zug den lieben Mund umſpielend, und ſenkte und hob ihre ſchlanke Ge⸗ ſtalt mechaniſch nach der Bewegung des Ruders. Endlich nahm ihr Tongatou dieſes aus der Hand; ſie uͤberließ es ihm wilexla und ſetzte ſich, als er ihr — 111— zuwinkte, an Alicens Seite nieder. Der Schmerz ſchien ihr bis ans Herz gedrungen zu ſein, ſie ſprach nicht und athmete kaum. Alice war auch uͤberzeugt, daß ſie in der Nacht nicht geſchlafen haben konnte, denn als der Morgen leiſe uͤber die Gipfel der Bäume heraufdaͤmmerte, und die Saͤnger des Waldes dem freudigen Rufe antworteten, blieb ſie in derſelben Stellung, kalt und bewegungslos. Den ganzen Tag ſchoß das Canoe vorwaͤrts. Jetzt im Schatten des dunkelen Waldes, jetzt am Rande einer blumigen, weit ſich hinausdehnenden Prairie hin, wo Bluͤthe und Rebe niederhingen in den vorbeibrauſenden Strom. Oft, wenn es ſich dem Ufer naͤherte, flohen Hirſche und wilde Truthuͤhner, aufgeſcheucht in die gruͤne, wo⸗ gende Steppe. Das geuͤbte Auge des Kriegers erſah uͤbrigens bald die Natur des Bodens, zwiſchen dem er ſich bewegte, und mit den Windungen des Fluſſes bekannt, ſchnitt er oͤfters lange Strecken ihrer Waſſerbahn ab, indem er das Canoe uͤber ſchmale Streifen Landes, wo der Fluß eine ploͤtzliche Biegung machte, trug und dadurch bedeu⸗ tend ihre Reiſe foͤrderte. Es war ein weiter, ſchrecklicher Weg, beſonders fur — 112— ein Weſen wie Alice, auf welche die erhabene Groͤße der Walder und Berge nur einen ängſtlichen, ſchauerlichen Eindruck machte. Tongatou dazu, der nationellen Schweigſamkeit getreu, ruderte lautlos, ſein großes dun⸗ keles Auge ſtets aufmerkſam nach Wild oder verborgenen Feinden, an dem ihm gerade am naͤchſten liegenden Ufer umherſpaͤhend. Auch Margareth ſprach nicht; eine freundliche, wehmüthige Milde umgab aber ihr ganzes Weſen, und mehr als einmal, wenn Alice zu ihr aufſah, fand ſich die Augen der Schweſter mit ernſt traurigem Blick auf ſie geheftet; wollte ſie dann aber dieſe um die urſache ihres geheimen Grames fragen, ſo laͤchelte ſie nur ſchmerzlich und winkte ihr zu ſchweigen. —— VIII. O laß uns fliehn, ich kenn' ein Land, Wo Frieden herrſcht und Gluͤck. O komm' mit mir, ich weiß, Dein Herz Sehnt nimmer ſich zurück.— Webſter. 1 Der Indianer⸗Häuptling. u. 8 — — Es war die dritte Nacht ihrer Reiſe, und ſie hatten noch kein menſchliches Weſen geſehen. Mehr als einmal zeigte ihnen eine duͤnne Rauchſaͤule das Lager eines Jaͤ⸗ gers oder die Wohnung eines Pioniers an, dann aber ſchwammen ſie ſo geraͤuſchlos als moglich vorbei; kein Feuer wurde angezundet, kein Pfeil abgeſchoſſen, bis ſie jene Zeichen menſchlicher Bewohner der Wildniß weit, weit hinter ſich gelaſſen hatten. Es war eine jener ruhigen, lieblichen Naͤchte, wo das Herz unwillkuͤrlich die Näͤhe des Höchſten empfindet, und nachdenkt uͤber ſein eigentliches Sein und Weſen; wo die Seele hinaufzieht zu jenen unendlichen, ſchonen Raͤu⸗ men, und Ahnungen eines beſſeren, heiligeren Seins un⸗ ſere Bruſt durchziehen. Alice, ſchwach unb entkraͤftet wie ſie war, hatte ſich, ſobald die Felle Abends ausgebreitet waren, niedergelegt, S — und war ſanft entſchlummert, Margareth aber, in truͤ⸗ bem Nachdenken zum Monde aufblickend, uͤber den ſich ein duͤnner, ſchleierartiger Nebel gelagert, lehnte zuruck, an den Stamm einer Eiche, an dem ſie ruhte, und Ton⸗ gatou, der ſie lange ſchweigend betrachtet hatte, ließ ſich endlich an ihrer Seite nieder und redete ſie an. „Will das ſchwankende Rohr bei ihrem Volke blei⸗ bleiben? ſie wird Licht in jede Hütte bringen!“ Margareth richtete ihre Augen feſt auf ihn. „Glaubt der Haͤuptling, daß keine Wahrheit in dem Herzen eines weißen Maͤdchens iſt? Das ſchwan⸗ kende Rohr gehoͤrt jetzt weder dem weißen noch dem ro⸗ then Manne; ſie iſt dem großen Geiſt gegeben.“ „Tongatou will das Ohr des Maͤdchens nicht mit ſeinen Rathſchlaͤgen betaͤuben, er weiß, ſie iſt weiſe. Wenn Tecumſeh zuruͤckkehtt, wird ſeine Huͤtte einſam daſtehn; iſt es aber der Wunſch des ſchwankenden Roh⸗ res, ſo will ihr rother Bruder ſie nach den Thaͤlern des großen Fluſſes fuͤhren und dort ihren Wigwam bauen, den Niemand als Tecumſeh finden ſoll! Kein Uebles ſoll ihr geſchehen, denn Tongatou wird Tag und Nacht wa⸗ chen und ſie ſoll in Frieden ruhen. Warum ſollte Blut die liebliche Melodie des ſchwankenden Rohres erſticken, — 117— mögen ſich die Blumen um ihr Lager verſammeln und der Sonnenſchein darauf ruhn!“ Margareth lauſchte, wehmuͤthig lächelnd, der freund⸗ lichen Beredtſamkeit des jungen Kriegers, und als ihr Auge uͤber die ſchoͤne Erde und den heiteren blauen Him⸗ mel dahinflog, durchſtrömte ſie eine neue, heiße Liebe fuͤr das, was ſie verlaſſen wollte. Die Waldeshuͤtte mit ih⸗ rer Sicherheit und Heimlichkeit, ſtellte ſich ihr lockend vor die Seele und ſchien ſie flehend, bittend einzuladen. Dazu kam jenes am Leben Haͤngen, das ſelbſt den alter⸗ ſchwachen Greis nicht verlaͤßt und ihn vor dem nahen, gewiſſen Tode erbeben macht, wie viel mehr denn die noch freudige, hoffnungsvolle Jugend. Aber beſſere, heiligere Gefuͤhle ſiegten bald in dem Herzen des allein daſtehenden Maͤdchens, die ſie lehrten, daß Wahrheit heiliger und göttlicher iſt als das Leben ſelbſt. Wie ſie nach einiger Zeit dem jungen Manne antwortete, geſchah es mit beſtimmter herzfreudiger Fe⸗ ſtigkeit. „Das ſchwankende Rohr hat gelernt von dem Son⸗ nenſchein der Erde hinweg zu ſehn und Freude an den Gedanken des Landes der Geiſter gefunden. Viele — 118— Stimmen umbrauſen ſein Ohr und ſie alle erzaͤhlen von Ruhe und Seligkeit, da, wohin kein Sturm und Schat⸗ ten des Lebens dringt. Sie erzäͤhlen von Myriaden Sternen und unbegrenzten Himmeln in ewiger, unver⸗ ganglicher Blaͤue. Ich fliege in einem lichten Aether⸗ meere hinan und Seligkeit ſelbſt athmet die Bewegung, denn nichts, nichts hindert dieſe Flucht der bedraͤngten Seele.“ „Dieſelbe Stimme, die zu Tecumſeh von Krieg und Blutvergießen ſprach, ſprach auch zum Ohre des ſchwan⸗ kenden Rohres. Der Geiſtervogel, der auf dem Dache des Hauſes ſang, war geſandt, es vor ſeinem Schickſal zu warnen. Warum ſollte es ſuchen ihm zu entgehen?“ „Es waͤre auch jetzt unmöglich! ſein Wort iſt dem Almaͤchtigen verpfaͤndet und ich bin bereit zu ſcheiden. Es iſt ja nur der Tod! komme er auf eine noch ſo ſchreckliche Art, warum ſollte ich ihn fuͤrchten? Das ſchwankende Rohr muß ſterben. Es wuͤrde nicht fliehen wollen, um wenig Monde laͤnger zu athmen und als eine lebende Luge umherzuwandeln! Nein! es ware taͤg⸗ ticher Tod!“ 3 Sie wandte ſich zur ſchlummernden Alice, und wuͤnſchte vielleicht in dem Augenblick, daß auch ihr Ge⸗ — 119— ſchick haͤtte ſo ſanft dahin fließen moͤgen, wie das der milden, ſchuͤchternen Schweſter, daß auch ſie, mehr von Anderen abhaͤngig, nicht noͤthig gehabt haͤtte ſich ihre eigene Bahn zu brechen; bald aber wendete ſie ſich wieder ruhig und gefaßt zu ihrem Gefaͤhrten und ſagte: „Tongatou! ich fuͤhle die Schatten einer andern Welt auf mir; ich fuͤhle ihre Unendlichkeit und ihr laut⸗ loſes Schweigen; waͤhrend ich aber mit ſchaudernder Ehr⸗ furcht der heiligen Ruhe lauſche, beruͤhrt ferne, liebe Muſik mein Ohr, jetzt deutlich, jetzt wie die fernen Toͤne des Nachtvogels. „Alice redet von Geiſtern in jener Schattenwelt, von Wiederfinden und Liebe; was mich betrifft, ſo habe ich faſt in Verzweiflung die Geheimniſſe derſelben zu er⸗ gruͤnden geſucht. Ich kann nicht glauben nur weil An⸗ dere glauben; ich muß es in meinet eigenen Seele fuͤhlen. Die Bluͤthe waͤchſt empor und ſtirbt— eine andere er⸗ ſteht an ihrem Platz, aber dieſelbe kommt nie wieder. Iſt es auch mit uns ſo? Andere kommen, wo wir ge⸗ weſen ſind, werden wir aber wieder in einem anderen Lande erſcheinen? O Tongatou— das ſind große Ge⸗ heimniſſe und ich will gerne ſterben, nur um dieſe zu verſtehen. — 120— „Alice lieſ't das Buch unſeres Glaubens, das uns ſagt, wir werden ewig leben; ſie zweifelt nie.— Ich bin von ſeinem Inhalt entfernt geweſen und muß die Ver⸗ ſicherung, die es enthaͤlt, irgendwo anders ſuchen. Un⸗ ſer ganzes Volk glaubt an einen großen Geiſt und an ein einſtiges Leben. Tongatou, das Sprechen im Her⸗ zen ruͤhrt ebenfalls von jenem hochſten Weſen her, es iſt der Geiſt, der da zum Geiſt redet. Waͤre wirklich nichts weiter nach dem Tode, wuͤrde unſere Seele ſo danach verlangen? Wir glauben, weil man es uns geſagt hat; es liegt in unſerer Natur. Tongatou, ich furchte nicht durch Dein Volk zu ſterben; moͤglich, daß es ein gutes Werk iſt, denn es rettet Alice und verſohnt vielleicht den zurnenden Geiſt mit den Staͤmmen. Es iſt nichts; zu ſterben und wieder zu leben— es iſt ein Einſchlafen und wieder Aufwachen.“ Der junge Krieger ſchaute dem begeiſterten Mad⸗ chen ins Antlitz, und obgleich er nur dunkel das begriff, was ſie ſagte, fuhlte er doch ſein Innerſtes wehmuͤthig dadurch beruͤhrt und die Thraͤnen kamen in ſeine Augen. „Tongatou fuͤhlt, daß der große Geiſt mit dem ſchwankenden Rohre geſprochen und ihr vom Lande der Schatten erzaͤhlt hat. S wird oft daran denken! Wird — 1— es nicht auch, wenn es einſt dort iſt, zur Huͤtte Tonga⸗ tous kommen und auf dem Dache derſelben ihm von dorther erzählen? Er wird ſtets die Stimme des ſchwan⸗ kenden Rohres erkennen und die Muſik deſſelben wird in ſein Herz dringen; denn ſelbſt im Geiſtervogel wird ihm die ſanfte Stimme bekannt ſein.“ „Ach!“ ſeufzte Margareth—„es iſt dunkel im Jenſeit, und wir wiſſen nicht, was da werden wird, aber nie kann ich aufhoͤren das zu lieben, was groß und gut in dem Herzen meines rothen Bruders iſt. Doch mich dunkt, ich hore die Stimme des großen Gei⸗ ſtes in meinem Herzen— laß mich ihr lauſchen.“ Sie faltete die Haͤnde auf der Bruſt und beobach⸗ tete lange ein tiefes, in ſich verſunkenes Stillſchweigen. Tongatou hielt ſeine Augen auf ſie geheftet, als ob er die Geheimniſſe, von denen ſie geſprochen, durchdringen wollte. Margareth ſchlief furchtlos an Alicens Seite und der junge Krieger wachte, bis die Dämmerung des jungen Morgens ſie zur Fortſetzung ihrer Reiſe ein⸗ lud.— Sie hatten die Nacht anf einer, in den Fluß hin⸗ ausragenden Landſpitze zugebracht, die mit Birken, Pla⸗ —— tanen und anderen hartholzigen Baͤumen bedeckt war und Aurora erweckte auf allen Gebuͤſchen die Saͤnger des Waldes, daß ihre tauſendſtimmige Melodie zum blauen, klaren Himmel emporjubelte. Am Ufer des Fluſſes ſtand der geduldige Reiher und erwartete, mit ernſthaf⸗ tem Blicke, ſeine Beute, während buntfarbige Enten ſpielend und plaͤtſchernd ihre Nahrung fingen und ſich in dem kuͤhlen Elemente badeten. Die Luft war mild und warm, und heiter ſchim⸗ merte durch das gruͤne Blaͤttermeer die Sonne hindurch und ſpielte in bunten Schatten auf dem gelben Laube, das noch vom Winter her die Erde bedeckte. Es war ein liebes, freundliches Plaͤtzchen, und das Erwachen der herrlichen Natur wie das Erſchließen eines Kindesauges, um deſſen Lippen noch das Laͤcheln ſeines Engels ſpielt. Tongatou fluͤſterte einige Worte in das Ohr Mar⸗ gareths, denen ſie beizuſtimmen ſchien, denn ſie verbar⸗ gen das Canoe im Dickicht und ſchlugen eine, von ihrem Gours etwas abweichende Richtung ein. Alice bemerkte es und fragte um die Urſache. „Der rothe Mann muß die Gräber ſeiner Väter ehren!“ erwiderte Margareth⸗ „— Alice hätte Einwendungen gemacht, aber ſchon der Blick Margareths war fur ſie ein Befehl geworden, und bald hatte ſich die Schuͤchterne an Gehorſam gewoͤhnt. Sie ging an der Seite ihrer Gefaͤhrten, bis jen anhielten, um einige Erfriſchungen zu bereiten, und ſie ermuͤdet unter einen Baum ſank; hier aber bemerkte ſie, wie der Häuptling ſorgfaͤltig und aufmerkſam den Boden unterſuchte, und erſchreckt fragte ſie die Schweſter um die Urſache. Margareth erwiderte ihr:„Wir ſind auf eine Faͤhrte gekommen, und Tongatou ſucht zu erfahren, wer ſie hinterlaſſen hat!“ Tongatou kehrte jetzt zuruͤck und ſagte ihnen, daß derſelbe Pfad von zwei Maͤnnern zu Pferde beritten ſei, von denen Jeder eines der Thiere gefuͤhrt habe. „Indianer oder Weiße?“ fragte Margareth. „Einer iſt weiß!“ „Aber wie habt Ihr das Alles erfahren?“ frug Aliee, uͤber die Genauigkeit dieſer Mittheilung erſtaunt. „Ich weiß, daß zwei der Pferde ungezaͤumt gingen, denn ſie haben bei ihrem Fortſchreiten das Gras abge⸗ biſſen. Einer der Maͤnner iſt weiß, denn wo er abſtieg, — 424— iſt ſein Fuß auswärts geſetzt— er iſt jung, denn ſein Schritt iſt lang und ſicher.“ Das Blut ſtieg in Alicens Wangen, als ſie ſich die Moͤglichkeit dachte, daß Heinrich Mansfeld hier vor⸗ bei gekommen ſei, um ſie zu den Ihrigen zuruͤckzuholen. Von dieſem Gedanken ergriffen, folgte ſie der Schweſter mit ſchnelleren Schritten und faſt der fruͤheren Lebhaf⸗ tigkeit. Hoffnung malte ihr tauſend liebliche Bilder vor und lieh den ſie umgebenden Gegenſtaͤnden eine friſchere, lebendigere Farbe. Der grune Wald wurde gräner, und freundlicher die Blume auf ihrem Pfad. Sie ſchlummern da drunten ſo tief und feſt, Der Tod ſie nicht mehr aus den Armen läßt. Colton. Den ganzen Tag ſetzten ſie ihre Wanderung fort, oft in derſelben Richtung der Fäͤhrten, oft von dieſen etwas abweichend, bis ſie dieſelben, bei Anbruch der Daͤmmerung faſt in einem rechten Winkel verließen. Der Mond ſandte ſeine blaſſen Strahlen auf die in ſeinem Glanze ſchimmernden Waͤlder, als ihr Fuͤhrer in der Naͤhe eines, mitten im Walde rohaufgeworfenen Erdhuͤgels, Halt machte. Er war faſt kreisfoͤrmig und von ziemlich bedeutendem Umfang, an manchen Stellen ſogar mit großen, gewaltigen Baͤumen bewachſen. Der Raſen darauf war glatt und gruͤn, und der Huͤgel, in der Mitte einer weiten Flaͤche mit keiner an⸗ deren Erhoͤhung wohl Meilenweit, in der Naͤhe, von dem finſteren, ſchweigſamen Walde umgeben, erweckte Gefuͤhle der Ehrfurcht und eines heiligen Schauders. Der Geiſt der Einſamkeit ſchien dieſe Reliquie —128— einer alten, laͤngſt verfloſſenen Zeit zu umſchweben. Der Mond beſchien ſeinen Gipfel und die Schatten der Nacht umlagerten ſeinen Fuß. Die drei Wanderer ſtanden in ſtummer Befangen⸗ heit beiſammen, und ſchauten auf die Ueberreſte mahnen⸗ der Vergangenheit, als plotzlich, gerade aus den Zweigen uͤber ihnen, eine ſo ſanfte und doch laute Melodie, ſo zum Herzen ſprechend und die Seele mit heiliger Ruͤh⸗ rung erfuͤllend heraustoͤnte, daß es faſt war, als ſei es die Stimme alles Deſſen, was hier, unter dem aufgeworfe⸗ nen Erdhuͤgel, ſeit langen, langen Jahren ſchlummerte. Eine kurze Zeit ſchwieg der Sang— Frieden und Schweigen herrſchte wie vorher, der Mond ſchien hernie⸗ der in all ſeiner ſtillen Herrlichkeit, dann aber brachen auf's Neue die milden, klagenden Laute in all' ihrem geheimnißvollen Zauber und Schmerz hervor. Alice erfaßte Margareths Arm, denn die Stille der Nacht, die Einſamkeit und vor Allem dieſe eigen⸗ thuͤmlich ergreifende Melodie erfullte ihr Herz mit Sagen ja mit Angſt und Beben. „Es iſt der Geiſter⸗Vogel,“ fluͤſterte feierlich der Schweſter in's Ohr,„er ſingt ſtets bei den — 129— Begraͤbnißplaͤtzen des Stammes. Er ſang drei Naͤchte auf unſerm Dache; ich kannte ſeine warnende Stimme.“ Alice ſchauderte, denn auch die Weißen huldigten zum Theil demſelben Aberglauben, und hielten die Stimme des Vogels fuͤr Tod bedeutend. In dieſem Augenblick hob Tongatou ſeine Haͤnde empor und ſich mit trauernder Geberde vor dem Grab⸗ mal neigend, fing er an in langſam abgemeſſenen Tönen zu ſingen. Margareth trat an ſeine Seite und begleitete ſein Trauer⸗Lied. „Die Gebeine des rothen Mannes liegen auf bei⸗ den Seiten, ſie ruhen in den tiefen Waͤldern, ſie ſchla⸗ fen bei dem Brauſen der großen Waſſer. Die im Kampfe zuſammen fallen, ſchlafen zuſammen; ſie vergeſſen den Kampf. Das Gras gruͤnt auf ihren Huͤgeln und Hun⸗ derte von Sonnen machen die Bäume auf denſelben ge⸗ deihen. Das Land iſt mit ihrem S geduͤngt, es iſt gefuͤllt mit ihren Knochen. Wo ſollen wir hingehen, wo unſere Vaͤter nicht mit uns ſchlafen? Der Baum, der dem zum Kampfe ziehenden Krieger Schatten giebt, chat daſſelbe ſchon den alten Maͤnnern, die vor ihm leb⸗ ten. Der Jäger tritt auf der Jagd in vor von Jahren gemachte Spuren. Der Indianer⸗Häuptling. 1I. 9 „Wehe, wehe, die Todten!—“ „Die, die zum Lande der Geiſter gehen—“ „Kennen ſie die Thaten der Tapferen?— „Freuen ſie ſich des Ruhms ihrer Kinder?— „Wiſſen ſie, wenn wir über ihren Gebeinen klagen?—“ Die letzten Strophen wurden zu einem Klageruf verlangert, der ſich mit der Muſik des Vogels miſchte und vald hoch, bald tief in der Nachtluft dahin ſtroͤmte. Endlich verhallte er ſchwächer und ſchwaͤcher werdend, und wurde in anderen, lauter und klagender ſchwellenden Toͤnen erneut. „Wir klagen über Die, die zum Lande der Geiſter gehn.“ „Sie kuͤmmern ſich nicht um den Ruhm ihrer Kinder.“ „Sorgen kommen über ſie und ſie wiſſen es nicht.“ „Wir kommen zu ihnen und ſie wiſſen es nicht“ „Wir rufen ſie und ſie antworten nicht.“ „Kommt! kommt! wir rufen Euch, Geiſter der Todten.“ e Alice bedeckte ihr Geſicht mit den Haͤnden, denn es trat jetzt eine lange Pauſe ein und in ihrer aufgeregten — 131— Phantaſie glaubte ſie oben in dem nebligen Raume, der im daͤmmernden Mondeslichte auf den Gipfeln der Bäume lag, die Geiſter der gebliebenen Krieger aus alten Zeiten erſcheinen zu ſehn, wie ſie Speer und Streitart ſchwan⸗ gen, mit dem Schilde gedeckt und mit Federn und Helm⸗ buſch geſchmuͤckt. Undeutlich und ſchauerlich drängten ſie ſich oben in dem ungewiß leuchtenden Raum zuſam⸗ men und durchfochten noch ein Mal die vor Tauſenden von Jahren gelieferten Schlachten. Von Schauder durchbebt, ſchlang ſie ihre Arme um Margareths Nacken„und flehte ſie an, einen ſo ſchau⸗ derhaft ſchrecklichen Ort zu verlaſſen. „Siehe, es iſt Mitternacht,“ ſagte Margareth mit dumpfem Tone—„ſprich nicht, denn wir ſind von Gei⸗ ſtern umgeben.“ Dann, als ob ſie den Geſang fortfuhre, begann ſie auf's Neue: „Horch der Stimme der Todten!“ „Den Lauten vom Lande der Geiſter;“ „Sie kommen aus dem dunkelen Grabz“ „Aus dem alten, ſchattigen Wald;“ „Sie kommen von den blaſſen Sternen;“ „Auf den wolkigen Sturmwagen kommen ſie.“ „Wir ſehen die Todten von einem Jahrtauſend.“ 9* „Sie kommen wie der von der Windsbraut zuſam⸗ mengetriebene Nebel!“ „Seht Ihr, wie der Ruhm von Euern Kindern gewichen iſt? Wie der Fremde hier, ſelbſt zwiſchen Euren Graͤbern ſteht? Wie die jungen Maͤnner Eure Grabmaͤler vergeſſen haben. Wir weinen, und Ihr kennt unſere Sorgen. Wir weinen, und Ihr zeigt hinauf nach dem Lande der Geiſter. Wir kommen, denn hier iſt nicht Ruhe fuͤr den rothen Mann; wir kommen zum Lande der Geiſter.“ Während der Fortſetung des Geſanges, begannen ſie langſam den Huͤgel zu umziehen⸗ und Alice folgte ihnen, denn die ſchauerlichen Toͤne des Vogels, die noch immer klagend und wehmuthig durch die ſtille Nacht ſchallten, erfullten ihr Herz mit einem unbeſchreiblichen Grauen. Als ſich die Gruppe vorwaͤrts bewegte, hörte Alice plötzich, nicht gar weit von ihnen entfernt, das Bellen eines Hundes und fuͤhlte ihr angſterfuͤlltes Herz unbe⸗ ſchreiblich dadurch erleichtert⸗ Es war eine Stimme, die ihr die Verſicherung der Naͤhe menſchlicher Weſen gab und die ſchauerlichen Bilder ihrer Einbildungskraft flohen⸗ raſch hinweggeſcheucht. Tongatou legte ſeinen Finger auf die Lippen und ſchlich leiſe dem Orte des Geräuſches zu; ſo ſicher aber war Alice, ſo feſt uͤberzeugt von der nahenden Rettung aus Allem was ihr bis jetzt fuͤrchterlich geweſen war, daß ſie, obgleich Margareth wuͤnſchte, da, wo ſie ſich befan⸗ den, ſtehn zu bleiben, bis der Haͤuptling erforſcht habe, von wannen das Geraͤuſch herruͤhre, darauf beſtand zu folgen. Ein raſches, lautes Klappern, faſt wie ein Ziſchen toͤnend, ſchreckte ſie jedoch zuruͤck und vor ihnen, noch erleuchtet durch ihr eben verlaſſenes Feuer, lag aufgerollt eine ungeheuere Klapperſchlange, hob, mit gebogenem Nacken, den flachen Kopf in unruhiger Bewegung und ſpielte drohend mit der ſcharfen, geſpaltenen Zunge. Den entſetzten Augen Alicens ſchien es, als ob dies gefaͤhrliche Thier mit jeder Bewegung ſeine ſchillernden Farben veraͤndere. Tongatou aber begann, es mit großem Ernſte anzu⸗ reden, indem er ihm verſicherte, daß ein Shawaneſe nie die Abſicht gehabt haben koͤnne, ihm ein Leides zu thun und daß, wenn wirklich Böſes es bedroht habe, ihnen daſſelbe unbekannt geblieben waͤre. Sie wären voll Ehrfurcht für den Manikou des Stammes und Alles zu thun pereit was in ihren Kraͤf⸗ ten ſtaͤnde, um ſeinen Aerger zu beſaͤnftigen. Waͤhrend der Beſchwörung ſah Alice, wie die ge⸗ waltige Schlange ſich mehr und mehr in ſich zuſammenzog und endlich ganz wieder niederlegte; die graue Farbe kehrte zuruͤck; aber an ihrer Seite lag noch eine andere, derſelben Gattung, todt! Sie umgingen jetzt die gefaͤhrliche Nähe des zur⸗ nenden Thieres und eine plotzliche Lucke im Walde ver⸗ rieth ihnen, in nicht gar großer Entfernung eine feurige Wolke von Funken, die zwiſchen den Zweigen kniſterten und pfeilſchnell aufſtiegen, bis ſie oben in der dichten Finſterniß verlöſchten. Dich hab' ich wieder, und ganz biſt Du mein, Liebchen, wie biſt Du ſo ſchön! Aber ſo ſtill und ſo blaß ſchauſt Du drein, Lieb', iſt Dir etwas geſchehn? S. Werner. Tongatou kroch mit dem leiſen, geraͤuſchloſen Schritt eines Panthers dem Feuer zu; Margareth hatte die Ruͤckkehr des Häuptlings erwartet, aber Alice folgte in, ihr ſelbſt nicht erklärbarer Aufregung. Den halben Weg mochten ſie etwa zuruͤckgelegt ha⸗ ben, ohne daß auch nur ein raſchelndes Blatt ihre An⸗ naͤherung verrathen haͤtte, als unter Alicens unvorſichti⸗ gem Fuß, ein duͤrrer Zweig krachte und die Wachſamkeit des Hundes erregte, der wuthend bellend aufſprang und ſich ihnen entgegen warf. Wenige Secunden darauf er⸗ ſchienen zwei Maͤnner mit vorgehaltenen Buͤchſen, und ſuchten, durch die dichte Finſterniß hindurch, die Art der Gefahr zu erforſchen. Alice ſtieß einen lauten Schrei aus und fiel ohnmaͤchtig in die Arme ihrer Schweſter. Die Fremden ſprangen jetzt näher herzu und Hein⸗ rich Mansfeld preßte die lebloſe Alice an ſein Herz. Sie — 138— zum Feuer er jedoch ſchmerzlich be⸗ trubt die Veraͤnderung, die Sorgen und Gram in ihrem lieben Geſichte hervorgebracht hatten; Mr. Maſon aber fiel auf die Kniee nieder und dankte dem Hoͤchſten mit Thraͤnen fur ſeine Huld und Gnade; dann ſich zu Mar⸗ gareth wendend, wollte er ſeine Hände auf ihre Stirn legen, im vaͤterlichen Segen, ſie zog ſich aber ſtolz zuruck und er ſagte nur milde:„Geſegnet ſei der Herr, o Maͤdchen, daß Du aus dem ſchrecklichen Abgrund und aus dem Sumpfe der Böſen erlößt biſt.“ Kaum hatte uͤbrigens Tongatou gefunden, daß die Fremden Freunde ſeines Schuͤtzlings ſeien, als er ſich auf die Erde warf, und bald in tiefen Schlaf verſunken lag. Es war die erſte Ruhe, der er ſich uͤberließ, ſeit ſie die indianiſche Stadt verlaſſen hatten. Viele, viele Fragen that jetzt Alice nach dem Wohlergehn der kleinen Familie und lauſchte mit Laͤcheln und Thränen der Erzaͤhlung von Sorge und Gram, den ſie ihretwegen ausgeſtandn hatte. Noch lange Stunden aber, als die Uebrigen ſchon ſanft entſchlafen waren, tönte ihre leiſe, liebe Stimme durch die ſtille Nacht; auch zuͤrnte ſie nicht, als Heinrich, die warmen Decken um ſie herumſchlagend, die ſie vor dem Nachtthau ſchuͤtzen — 4189— * ſolten, ſeinen Arm um ihre Huͤften legte und ihr Koͤpf⸗ chen an ſeine Schulter lehnte. Obgleich muͤde vom Wandern, fuͤhlte ſie ſich doch zu glucklich, wieder einmal den Tonen der Liebe und Zaͤrtlichkeit lauſchen zu koͤnnen, um nicht den Schlummer von ihren Augenlidern ent⸗ fernt zu halten. Sie weinte, als ihr der junge Mann von all der Sorge und dem Schmerz erzaͤhlte, der ſein Herz zerriſſen, als er immer umſonſt ſich bemuͤhte zu ihr zu dringen und ſie zuruͤck zu den Ihrigen zu fuͤhren, als er ihr von den langen, faſt in Verzweiflung hinge⸗ brachten Monaten ſagte, und wie er nur dann und wann, von einzelnen, herumſtreifenden Indianern den ſuͤ⸗ ßen Troſt erhalten habe, daß ſie lebe und geſund ſei. und wieder floſſen ihre Thraͤnen, als ſie dem Ge⸗ liebten die eigenen Sorgen, die eigenen Schmerzen er⸗ zaͤhlte, aber er kuͤßte die heiligen Perlen von ihrer Wange und barg ihr Haupt an ſeinem klopfenden Herzen. Als ſie ſich endlich an Wargareths Seite zum Schlummer niederlegte, preßte er, als er wehmuͤthig die zarten, bleichen Wangen des ſchlummernden Maͤdchens betrachtete, noch einen leiſen Kuß auf ihre reine Stirn, und lehnte dann, traͤumend von kunftigem Gluͤck und — 140— 3 kuͤnftiger Wonne, an einem der ungeheuern Stämme des Waldes. Ihm war fuͤr dieſe Nacht die Bewachung der kleinen Geſellſchaft anheim gefallen. Tongatous Pfeil erlegte am naͤchſten Morgen ein Fruͤhſtuͤck fuͤr ſie, und als es eingenommen, betete Mr. Maſon, nach eingefuͤhrter Gewohnheit, lang und bruͤn⸗ ſtig. Es lag etwas Ruͤhrendes in dieſem Gebet, das in der Mitte des noch unentweihten Waldes ſich mit dem Preis⸗ und Dankopfer der Vögel vermiſchend, zum Hoͤch⸗ ſten emporſtieg; ſelbſt Tongatou horchte ehrfurchtsvoll ſchweigend zu, hoͤrte aber kaum, nach Beendigung deſſel⸗ ben, daß Alle beſchloſſen hatten, noch einen Tag und eine Nacht an dieſer Stelle zu verweilen, um die ermat⸗ teten Glieder zu neuen Anſtrengungen zu ſtaͤrken, als er ſich augenblickich wieder zum Schlafen niederlegte. Das wechſelnde Leben des Wilden, das ihn oft zu langen Maͤrſchen und Nachtwachen noͤthigt, ihm aber dagegen wieder dann und wann eine lange Zeit der Ruhe ver⸗ ſtattet, erlaudt ihm auch die Letztere im vollen Maaße zu genießen, um dadurch das Gleichgewicht wieder in et⸗ was herzuſtellen. Mr. Maſon ſah uͤbrigens das kalte, zuruckgezogene Benehmen Margareths mit ſchmerzlichem Mißvergnuͤgen. Auch ihr halbwilder Anzug war ihm th 2 d „— — 14 theils als etwas Heidniſches, theils als, ſeiner Meinung nach, den Anſtand verletzend, zuwider. Das gleichgiltige Welen, mit dem ſich das ſchöne Maͤdchen, in ihre eigenen truben Gedanken vertieft, an den Stamm einer alten Eiche lehnte, ohne auch nur im Mindeſten die ſie umgebenden zu beachten, ſchien nur geringen Dank fuͤr die, um ſie erfahrene Noth und Gefahr auszudruͤcken. Mehr als einmal verſuchte er, ſie daruͤber zu Rede zu ſtellen, aber auch er konnte nicht die unwillkuͤrliche Scheu bemeiſtern, die ſie ihm ein⸗ flößte; jemehr er ſie aber betrachtete, deſto nothwendiger ſchien es ihm auch zu ſein, ſie ſo bald als moöglich mit den Lehren bekannt zu machen, uͤber die ſie, wie er glaubte, noch in Unwiſſenheit ſchwebte. Dazu konnte er in ſeinem eigenen Herzen Alice nicht ganz von aller Schuld frei ſprechen, daß ſie Margareth ſo gelaſſen hatte, und beſchloß, ihr uͤber dieſen Punkt, ſobald ſie nach Hauſe zuruͤckgekehrt waͤren, ſeine Meinung ernſtlich zu ſagen, denn obgleich er ſonſt in allen Stuͤcken freund⸗ lich und milde, ja auf das Aeußerſte nachſichtig war, ſo geſtattete er doch in religiòſ Vergehen oder nur di in dieſer Hinſicht Sich neben Margareth ſetzend, wartete er umſonſt auf ein Zeichen von ihrer Seite, daß ſie ſich ſeiner An⸗ weſenheit bewußt waͤre, ſie gab ihm aber weder durch Miene noch Blick den geringſten Anlaß, eine Unterredung anzuknuͤpfen. „Tochter,“ brach er endlich das ihm peinliche Schweigen,„ich bemerke mit Schmerzen, daß Du noch in den Banden des Unglaubens und der Suͤnde liegſt.“ Margareth heftete ihr durchdringendes Auge voll auf ihn, und einige Secunden lang ſchwieg er, leiſe er⸗ roͤthend, ſtill, aber von dem Wege der Pflicht nicht ſo leicht zuruͤckgeſchreckt, fuhr er in ſeinem Eifer fort, ob⸗ gleich ſeine Stimme wohl etwas lauter und beſtimmter klang, als eigentlich bei dieſer Gelegenheit noͤthig gewe⸗ ſen wäre. „Tochter! wehe Dir, daß Du Dich in Meſchak aufgehalten haſt, daß Du lebteſt in den Zelten von Keeleſch; Du haſt Weihrauch unter jedem gruͤnen Baum und auf jedem hohen Huͤgel angezuͤndet und haſt das Erbtheil Iſraels vergeſſen. Du haſt Deine Kniee nd dem Herrn, dem Ge⸗ — 113— ten Waſſern gefuͤhrt haben wurde. Kehre zuruͤck, ver⸗ lorene Tochter Zions, denn ſiehe, der Geiſt ſagt:„Laſſet ihn der durſtig iſt und jeden Andern kommen und von dem Waſſer des Lebens trinken.“ Waͤhrend er ſie auf dieſe Art, in der begeiſterten Sprache der Schrift anredete, lauſchte Margareth den Tönen, wie einer halb vergeſſenen Muſik, als er aber hinzufuͤgte:„Ich kenne Deinen Stolz und den Hoch⸗ muth Deines Herzens und daß Du lieber Spreu mit den Schweinen eſſen willſt, als zu Deines Vaters Hauſe zuruckkehren, wo Wein und Oel und Brot im Ueber⸗ fluß iſt,“ da ſpruhten ihre Augen Feuer, und ſie hob ſich halb von ihrem Sitz empor; wahrſcheinlich aber durch erwachte Neugierde beruhigt, ließ ſie ſich wieder auf das aufgehaͤufte Blaͤtterlager nieder, und Mr. Maſon fuhr fort: „Laß mich Dich horen rufen:„Herr! Du biſt der Fuͤhrer meiner Jugend,“ laß mich Dich Deine Goten⸗ bilder den Maulwuͤrfen und Fledermaͤuſen hinſchleudern ſehn, eben ſo wie dieſe erbaͤrmlichen Heidniſchen Kleider, vertauſche ſie mit den paſſenderen Gewändern einer chriſtlichen Jungfrau. Laß mich Dich aber noch beſſer in die Gewaͤnder der Gerechtigkeit gekleidet ſehen, ge⸗ — 144— ſchmuͤckt mit dem ſanften und hingebenden Geiſte, der Dir ziemt, zu den Fuͤßen des Kreuzes hingeſtreckt und maͤch⸗ tig den Herrn anrufen hoͤren, Deinen Heiland. Ja, wirf Dich nieder, denn ich bemerke, daß Dein Geiſt noch voll von Hochmuth, Zorn und Bitterkeit iſt.“ Margareth erhob ſich bei den letzten Worten ſtolz von ihrem Sitz, und den Andern zuruͤckwinkend, daß ihr Niemand folgen ſolle, war ſie bald im Dickicht ver⸗ ſchwunden. Es dauerte einige Stunden, ehe ſie zuruͤckkehrte, und da ſie wieder kam, waren ihre Wangen bleich und ihre Augen vom vielen Weinen geſchwollen. Am nächſten Morgen, als ſich im fernen Oſten die erſten hellen Streifen blicken ließen, ehe der Vogel den Nachtthau von ſeinen Fluͤgeln geſchuͤttelt hatte, weckte Tongatou, der die Nacht gewacht, Margareth aus ihrem unruhigen Schlummer. Sie erhob ſich und ſchaute lange mit gefaltenen Haͤnden und naſſen Augen ernſtwehmuͤthig in das Ant⸗ litz Alicens. Alte, alte Erinnerungen wurden wach; ihre Kind⸗ heit, ihre grauſame Trennung, ihre letzte Zuſammen⸗ kunft, al' die heimlichen Sorgen, der Gram, Kummer, — 145— Hoffnungen und Gefahren, Alles ſchwand mit Gedanken⸗ ſchnelle an ihrem innern Geiſt voruͤber. Alice ſollte nie das Entſetzliche ihres Todes, nie das erfahren, dem ſie ſelbſt entgangen war; dieſer Entſchluß gab ihr endlich ihre ganze Feſtigkeit wieder und ſie wandte ſich, ſie zu verlaſſen, verſagte ſich ſelber einen letzten Kuß, eine letzte umarmung; aber nur wenige Schritte war ſie gegan⸗ gen, als ſie wieder zurůckkehrte und noch ein Malein ſtummer Zaͤrtlichkeit das liebe Antlitz betrachtete, das ſie auf dieſer Erde nie, nie wieder ſehen ſollte. Alice bewegte ſich in ihrem Schlummer und ſie bog ſich wieder zu ihr, beruͤhrte mit ihren Lippen die Wange der Schweſter und fluſterte ihrer faſt unbewußt:„Theure, theure Schweſter! moͤge Dich der Allmaͤchtige troͤſten.“ Alice fuͤhlte eine Thraͤne auf ihrer Wange und fuhr wild empor; die ſchreckliche Wahrheit durchzuckte ſie wie ein jäher Strahl, ſie umſchlang der Schweſter Nacken und bat ſie flehend bei ihr zu bleiben! „Alice, es kann nicht ſein; beſſer wäre es geweſen, unſere Wege haͤtten ſich nie wieder auf dieſer Erde ge⸗ kreuzt, doch das iſt vorbei— wir ſehen uns jetzt zum letzten Mal; es muß ſein; wir muſſen ſcheiden; aber Alice, wenn Du mein gedenkſt, ſo thue es nicht mit Der Indianer⸗Häuptling. M⸗ 10 — 146— Aerger dder Vorwurfen, denke nicht daß mein Herz kalt und hart war und daß ich ein wildes Leben mehr als Freunde und Schweſter liebte, daß ich Dich eines wilden Geliebten wegen verließ, um in Ruhe in einem indiani⸗ ſchen Wigwam zu leben; nein, denke an mich als Eine, die einen großen Kummer im Herzen trug und doch nichts, ſolbſt nicht das Schrecklichſte furchtete; denke an mich, Alice, als an Eine die Dich mehr als ihr eigenes Leben liebte.“ Der Zaͤrtlichkeit dieſer Worte konnten die ſchon erſchoͤpften Kraͤfte Alicens nicht mehr widerſtehn und ſie ward an ihrer Bruſt ohnmaͤchtig. Margareth ließ ſie leiſe auf das Moos nieder, kußte ihre Lippen, Wange und Stirn, ſtrich ihr das lange, dunkele Haar aus dem lieben Antlitz und ſchaute wehmuͤthig auf die ſanften, bleichen Zuͤge, preßte noch einen letzten Kuß auf die kal⸗ ten Lippen und erhob ſich dann trauernd ernſt, breitete die Haͤnde noch einmal wie ſegnend uͤber ſie, winkte mit ihnen gegen die erſtaunt daſtehenden Maͤnner und ver⸗ ſchwand im nachſten Augenblick in dem dichten Walde. Mr. Maſon's erſtes Gefuͤhl war, ihr zu folgen, aber ein warnender Pfeil Tongatous machte ihn auf die Gefahr aufmerkſam, der er ſich ausſetze. — 147— „Dem Herrn ſei gedankt, daß ich ſie geſtern warnte,“ rief er aus,„haͤtte ich es nicht gethan, ich waͤte ein ungetreuer Waͤchter auf den Zinnen Zions ge⸗ weſen und wahrlich das Blut ihrer Seele wuͤrde an meinem Gewande gehaftet haben. Wie die Iſraeliten in alten Zeiten, erinnert ſie ſich an die Fleiſchtoͤpfe Aegyptens und wendet ſich hinweg von dem geiſtigen Manna.“ Mit der Hilfe von Zweigen, die mit Fellen und Blaͤttern bedeckt wurden, ward fuͤr den, faſt lebloſen Koͤrper Alicens eine ziemlich behagliche Saͤnfte hergerich⸗ tet und zwiſchen die beiden Leit⸗Pferde gehangen⸗ Dem armen Madchen aber war es jetzt, als ob all' ihre freundliche Mühe, ihre hingebende Aufopferung um⸗ ſonſt geweſen waͤre und nur erſt dann, als ſie an die wachſende Zaͤrtlichkeit Margareths und an ihr ſanfte⸗ res, frommeres Benehmen zuruckdachte, fand ſie einigen Troſt. Jetzt fiel es ihr auch auf, daß Margareth die Bibel zuruͤckbehalten wollte, und ſie wunderte ſich, den wahren Grund nicht fruͤher erkannt zu haben; ihre Thraͤnen aber floſſen auf's Neue, wenn ſich ihr die Ueberzeugung aufdraͤngte, daß ſie die Schweſter nie, nie wiederſehen wuͤrde. Jetzt da ſie fort war, fuͤhrte ihr 10* die Erinnerung wie bei einer Todten, Alles das wieder im's Gedächtniß, was in Margareths Charakter gut, edel und liebenswurdig war; ihre ſchwachen Seiten tra⸗ ten in dem Herzen der zaͤrtlichen Schweſter in Nacht zuruͤck und verſchwanden. Selbſt wenn ſie ſich bemuͤhte ihre Geſichtszuge wieder in's Gedaͤchtniß zuruͤckzurufen, traten ihr nur das liebe Antlitz mit dem Ausdruck von Zärtlichkeit, die ſchönen, in Thranen ſchwimmenden Augen, wie ſie dieſelben beim Abſchied geſehen hatte, vor die Seele. Als ſie aber dns ernſte Geſicht des Herrn Maſon betrachtete, kam ihr die Furcht, daß ſie vielleicht doch nicht bemuͤht genug geweſen waͤre, waͤhrend ihres Aufent⸗ halts bei der Schweſter, dieſe von ihren Irrthuͤmern zuruͤck und dem wahren Gotte wieder zuzufuͤhren; mit niedergeſchlagenen Augen gab ſie ihm das zu verſtehen. „Auch ich fuͤrchte das,“ ſagte Mr. Maſon mit einer ihm faſt ungewöhnlichen Strenge, die Mansfelds Stirn in Falten zog,„auch ich furchte das, denn ich fand wenig der Demuth in ihr, die einem Glaͤubigen des ſanften und einfachen Jeſus geziemen moͤchte. Haſt Du ihr aber klar und deutlich den rechten Weg gezeigt und ſie weigert ſich ihm zu folgen, dann muͤſſen die — 149— Folgen auf ihr Haupt fallen, Du biſt von aller Verant⸗ wortung frei, wenn aber—“ „Ach,“ ſagte Alice,„ſie war ſo erfullt von ihren ſtolzen, kuhnen Gedanken, von ihren eigenen religiöſen Gebraͤuchen, daß ich eigentlich nie recht mit ihr reden konnte; ſie war der Lehrer, nicht ich.“ Mr. Maſon betrachtete das ſchüchterne Mädchen mit erregtem Verdacht:—„Es ſollte mich ſchmerzen, Alice, wenn ich glauben muͤßte, daß auch Du Dich von der Heerde entfernteſt; Du biſt nur ein zartes Lamm und mußt an die Bruſt des guten Hirten zuruͤckgetragen werr den. Denke daran, daß der, der ſeine Hand an den Pflug legt und zurückſchaut, untauglich iſt fuͤr das Ko⸗ nigreich des Himmels.“ Mr. Maſon beſtand darauf, ſeine Warnungen zu beendigen, trotz allem ärgerlichen Kopfſchuͤtteln von Sei⸗ ten Mansfelds; Alice konnte nur mit Thraͤnen antwor⸗ ten, denn er redete in ſo bilderreicher Sprache, daß ſie nur ſelten die rechte Meinung von dem was er ſagte, verſtand. Von Margareth hatte ſie die mehr verſtändlichen Anſichten unſerer menſchlichen Pflichten, unſeres Glau⸗ bens gelernt, jetzt aber fuͤrchtete ſie faſt, daß Alles das, — 106— was ihr in der Wildniß als Wahrheit und Freiheit der Seele erſchienen, doch am Ende nichts weiter als Taͤu⸗ ſchung geweſen ſein moͤchte.— Als die kleine Geſellſchaft, den ſchmalen ausgehaue⸗ nen Holzweg erreichend, der zum Hauſe fuͤhrte, um eine Biegung deſſelben trat, ſahen ſie Mr. Maſons Haus, und in der Thuͤre deſſelben Anna, die, mit wenig Hoff⸗ nung die Erſehnten kommen zu ſehn, auf dem Wege hinausſchaute, der zu ihnen fuͤhrte. ilein Tim brach in vollem Rennen ſeinem Vater entgegen und Anna riß den Säugling von dem Schooß der alten Frau, der ſie zurief:„Sie kommen,“ und flog zur Thuͤr und wieder zuruͤck und wußte in aller Freude kaum was zuerſt thun, wohin zuerſt fliegen, endlich ſetzte ſie das Kind auf die Dielen nieder, lief den Geliebten entgegen und ihre Arme um die faſt bewußtloſe Alice ſchlingend, trug ſie dieſelbe wie ein Kind in das Haus und legte ſie dort auf ihr eigenes Bett. Die weißen Haͤnde Alicens waren uͤber ihren Na⸗ cken gefaltet und ſie weinten zuſammen. Auch die alte Frau ſtand mit zitternden Gliedern daneben und hob nur manchmal ihre Brille empor, ſich die naſſen Augen zu trocknen. Der kleine Tim aber begann ſehr laut zu ſchreien und das Kleinſte ſtimmte mit ein. Ein erfriſchender Trank ward jetzt ſchnell fuͤr Alice bereitet, und das arme Mädchen dann der ihr ſo ſehr be⸗ durftigen Ruhe uͤberlaſſen. „Wo iſt Margareth?“ fragte eben ſowohl Anna als die alte Frau, ſobald ihnen ein Augenblick der Ruhe ward. Mr. Maſon erzaͤhlte ihnen nun die ganzen Beges venheiten ihrer Reiſe, wie auch das, was er uͤber Mar⸗ gareth von den Lippen Alicens erfahren hatte; worguf die Großmutter wieder ganz ausfuhrlich die Geſchichte von Sam Shaw, mit den dazu gehörigen Bemerkungen vor⸗ trug, der Alle mit der größten Freundlichkeit und ſchein⸗ harem Intereſſe horchten, obgleich ſie dieſelbe Geſchichte, von denſelben Lippen, mit all denſelben Bemerkungen, ſchon wenigſtens fuͤnfsig Mal gehort hatten. Wenn ſind je Worte einem guͤtigen Ohre ermuͤdend, ob ſie nun von dem lallenden Kinde oder der kindiſchen Greiſin herruͤhren? Die Großmutter richtete aber ihre Augen von Einen auf den Andern, deren Theilnahme gewiß zu ſein, und als ihre Erzählung erſchöpft war und die Nichtigkeit menſchlicher Hoffnungen ihr an's Herz griff, lehnte ſie — 152— ſich in den Stuhl zurück, ſchloß die Augen und ſang die erſten Strophen eines alten Kirchenliedes. Lange, lange Wochen lag Alice, nach ihrer Ruͤckkehr krank, recht gefaͤhrlich krank; oft phantaſierte ſie, und ihre ruͤhrenden, zaͤrtlichen Bitten mit denen ſie die Schwe⸗ ſter bat ſie nicht wieder zu verlaſſen, nicht in die Ein⸗ ſamkeit der wilden, unermeßlichen Waͤlder zuruͤckzukehren, trieben Thraͤnen in die Augen der Anweſenden. Dann durchflog ſie noch einmal all die Schreckniſſe und Gefah⸗ ren, die, ſeit ſie von der indianiſchen Stadt flohen, ihren Pfad bedroht hatten, die Muͤhſeligkeiten und Anſtrengun⸗ gen der langen Reiſe, beklagte ihre eigene Schwäche, ih⸗ ren eigenen Mangel an Feſtigkeit und Ausdauer und wuͤnſchte oft, ſo unermuͤdet, ſo unerſchrocken, wie ihre ſtaͤrkere Schweſter zu ſein.— Endlich wich ihre Krankheit der uetin Sorg⸗ falt Anna's, und groß war die Freude, als ſie erſt wieder in Großmutters Lehnſtuhl, mit Kiſſen umſteckt, auf⸗ ſitzen konnte. Die Erwaͤhnung Margareth's rief aber je⸗ desmal zu ſchmerzliche Erinnerungen in ihr Herz zuruͤck, und ward von der Familie zuletzt ganz vermieden. . XI. Die Locken ſchmiegen leiſe nur um Hals und Bruſt ſich an, Der Tod, der ſtille Senſenmann, Hat ihr nicht weh gethan. Werner. S. Margareth, von Tongatou begleitet, wanderte ſchweigend ihre lange einſame Bahn. Ihre Haͤnde hingen, zuſammengefaltet, herab, und ihre ſchlanke, zarte Geſtalt entſprach ſchmerzlich dem Indianiſchen Beinamen,„das ſchwankende Rohr!“ denn ihre Schritte waren unbeſtimmt und unregelmaͤßig, und ſie bewegte ſich faſt mechaniſch vorwaͤrts, ohne den Ge⸗ genſtaͤnden in und neben ihrem Pfad die geringſte Auf⸗ merkſamkeit zu ſchenken. Einmal, als ſie zu einer kleinen, uͤber hellglaͤnzende Kieſel, klar und munter hinwegſprudelnden Quelle ka⸗ men, bog ſie ſich nieder, badete die heißen Schlaͤfe und kuͤhlte die brennenden Lippen; da ſie aber ihre eigenen bleichen, abgefallenen Wangen ſich im Bache ſpiegeln ſah, ſagte ſie traurig zu ihrem Gefährten — 156— „Das ſchwankende Rohr iſt ſehr muͤde; koͤnnte es doch tief unter der lieben Erde ruhen und dann zum Lande der Geiſter uͤbergehen. Sein Herz iſt traurig und kein Licht iſt auf ſeinem einſamen Pfad.“ Der Indianer ſprach mit ſchmerzerſtſckter Stimme: „Soll Tongatou ſein Canoe den Fluß hinunter rudern, zu den weißen Anſiedlungen? Er will die Moccaſins von ſeinen Fußen heruntergehen, will der Sonne hinter die Berge des Weſtens folgen und zu eſſen und zu ſchlafen vergeſſen, wenn er dem Herzen des ſchwankenden Rohrs Freude bringen kann!“ Margareth ſchaute in ſein Antlitz und Thränen wa⸗ ren in ihren Augen. „Tongatou hat ein freundliches Herz— und der große Geiſt liebt es, aber der Sonnenſchein iſt aus dem Pfade des ſchwankenden Rohres gewichen— es iſt muͤde — ſehr muͤde.“ Tongatou bereitete ihre Mahlzeit, aber Margareth war zu krank um eſſen zu koͤnnen. Sie tegte ſich auf die Erde und ſchwerer bleierner Schlaf lagerte ſich auf ihre Augenlider. Er aber breitete die Felle über aufge⸗ häufte Blaͤtter und flocht Baumzweige zu einem Wig⸗ wam zuſammen, hob das ſchlummernde Mädchen dann —„ in ſeine Arme, und trug es in die ſchnell erbaute Huͤtte. Margareth öffnete ihre Augen und laͤchelte matt, aber ſie hatte keine Kraft mehr, ihrem Dank Worte zu geben. Es war ein ruͤhrender Anblick den rohen Sohn der Wildniß zu ſehen, wie er das kranke Mädchen in der duͤſteren Einöde mit der Zaͤrtlichkeit eines Bruders pflegte. Er kuͤhlte mit Waſſer ihre brennende Stirn, und hielt den Becher aus Birkenrinde an ihre duͤrſtenden Lippen. Wenn ſie, in ihrem unruhigen Schlaf klagte, beruhigte er ſie, wie eine Mutter ein krankes Kind be⸗ ruhigen wuͤrde. Aus den vielen Wurzeln und Pflanzen, die er, durch Erfahrung belehrt, kannte, bereitete er ſtaͤrkende und er⸗ quickende Traͤnke und geheimnißvolle Zaubermittel, die er in ſtiller Mitternacht, beim Lichte des Vollmonds auf den Boden ausgoß, damit, ſobald ſie von der trockenen Erde eingeſogen worden, dieſe auch zugleich mit ihnen, den Krankheitsſtoff des leidenden Maͤdchens einziehe. Am dritten Tag lag ſie bewegungslos mit halöge⸗ ſchloſſenen Augen und leichenblaſſem Geſichte, und ath⸗ mete ſchnell und ſchwer. Tongatou glaubte ihre Todes⸗ ſtunde nahe und ſank neben ihr auf die Kniee nieder und weinte laut:„Schoͤn, ſehr ſchoͤn warſt Du, Du Maͤd⸗ — 158— chen mit der ſonnigen Stirn,“ murmelte er,„aber der Schatten des großen Geiſtes iſt auf Dir,“ und durch irgend ein ihm unerklaͤrliches Gefuhl, deſſen er nicht Herr werden konnte, angetrieben, wandte er ſich im bruͤnſtigen Gebete zum Gotte des weißen Maͤdchens. Margareth oͤffnete ihre Augen und ſah ihn knieend an ihrer Seite, horte ſein heißes Flehen, und durch die ruhrende Einfachheit ergriffen, floſſen auch ihre Thraͤnen: als er ſchwieg, legte ſie ihre zarte Hand auf die ſeinige und ſagte: „Tongatou iſt iſt ſehr gut, der große Geiſt hat ſein Gebet gehort, aber eine ſchwere, betaͤubende Laſt hat mich bedruͤckt, mir iſt, als ob ich durch das Thal des Todes gegangen wäre.“ „ Tongatou war entzuckt, als er die lieben ſanften Toͤne ihrer Stimme wieder hoͤrte, und bereitete mit einer Zartheit und Aufmerkſamkeit, die einem gebildeteren Geiſt zur Ehre gereicht haben wuͤrde, Alles was nur irgend zu ihrer Bequemlichkeit dienen konnte. Er kaͤmmte die langen verworrenen Maſſen ihres ſchoͤnen Haares aus, glättete die Felle unter ihrem Haupt und pfluckte friſche Blumen fuͤr ihr Kiſſen. Während der Nacht legte er ſich an den Eingang ihrer Huͤtte und wachie, waͤhrend ſie ſchlief. Margareth war von dieſer zärtlichen Aufmerk⸗ ſamkeit und Sorgfalt ſo geruͤhrt, daß ſie ihn„Bruder“ nannte, und Tongaton fuͤhlte ſich reichlich belohnt, denn auch Tecumſeh hatte ihn Bruder genannt. Einſt ward Margareth in der Nacht durch ein lau⸗ tes, furchterliches Praſſeln, vor dem die Erde faſt zu erbeben ſchien, aus ihrem Schlummer erweckt. Die Elemente waren in furchtbarer Aufregung und ein jaͤher Blisſtrahl hatte einen Baum an ihrer Seite zerſchmet⸗ tert; der Regen goß in Stroͤmen herab und die undurch⸗ dringliche Finſterniß der Nacht lag wie ein dichter Schleier auf der Erde, nur dann und wann durch die gluͤhend blendenden Blitze unterbrochen, die das wilde Hin⸗ und Herſchwanken der vom Sturm geſchaukelten Aeſte verriethen. Das arme Maͤdchen, durch Krankheit abgeſpannt und geſchwaͤcht, fuhlte eine ſonderbare Angſt ihrem Her⸗ zen nahn und rief laut Tongatous Namen. „Bruder, ich wilt neben Dir ſiten, denn dieſer Sturm und dieſe Finſterniß iſt ſchrecklich.“ Tongatou huͤllte die Felle um ſie herum und ſetzte ſich an ihre Seite.„Kennt das ſchwankende Rohr Furcht? Tongatou glaubte, ſie wiſſe nicht was das ſei?“ — 160— „Bruder, ich bin wie ein Blatt im Herbſtſturme, der mich bald mit ſich hinwegnehmen wird.“ „Tongatou will ſich hinwegſetzen,“ ſagte der junge Mann mit zitternder Stimme,„denn die Worte des ſchwankenden Rohres ſinken zu tief in ſein Herz!“ Ein Blitzſtrahl zeigte das betruͤbte, angſtliche Ant⸗ litz des Indianers, und Margareth, den Grund dieſes Wunſches mißverſtehend, hielt ihn zuruck und entgegnete „Sage mir, Bruder, was meinſt Du? Iſt Sorge in dem Herzen Tongatou's?“ Er ſeufzte tief auf und ſchwieg lange;— ein ſchrecklicher Verdacht durchzuckte Margareths Bruſt und ſie ließ die Hand los, die ſie erfaßt hatte. „Tongatou iſt ſehr traurig„ nahm endlich der In⸗ dianer das Wort,„er liebt das ſchwankende Rohr, aber es licbt ihn nur wie einen Bruder. Tecumſeh und das ſchwankende Rohr haben ihn Beide Bruder genannt. Er iſt ihrer Liebe werth, aber laß die Stimme des weißen Mädchens nicht wie der Wind ſein, der durch die Fich⸗ ten ſuͤuſelt, denn es geht zu dem Herzen Tongatou's.“ Margareth fuͤhlte, nach dieſem freien Bekenntniß, keine Angſt in der Nähe des jungen Wilden, denn ſie war ſich nicht allein ihrer eigenen Unſchuld und Reinheit —— bewußt, ſondern kannte auch den ehrenwerthen, edlen Charakter des Mannes, dem ſie ihr Schickſal anver⸗ traut hatte. Sie bat mit leiſem Ton den jungen Mann, an ihrer Seite zu bleiben, bis der Sturm ausgetobt habe, und Tongatou gehorchte. Laͤnger als eine Stunde be⸗ obachteten ſie ſchweigend das uͤber ihnen hinwegrollende Gewitter. „Das weiße Maͤdchen iſt wie eine aus dem Lande der Geiſter Herabgekommene, will ſie nicht ihren rothen Bruder von dieſem erzaͤhlen?“ bat ſie endlich der Haͤupt⸗ ling, und gern und willig willfahrte Margareth ſeinen Bitten. Sie ſprach zu ihm von den Bluͤthen des Lebens⸗ baumes, die weder welken noch abfallen, von den klaren Waſſern und den nie verſtuͤmmelten Melodieen; von je⸗ nem heiligen, hehren Licht, das den Schein der Sonne und der Geſtirne verdunkeln, von der Kraft, die fuͤr immer und immerdar ungetruͤbt, unerſchuͤttert durch Sturm und Orkan oder menſchliche Leidenſchaften, regieren wird. Als ſie, von dem heiligen Thema ſelbſt begeiſtert, fortfuhr, wurde ihre Stimme lebhafter und melodiſcher, und der junge Krieger ſagte leiſe: „Die Stimme des ſchwankendeu Rohres iſt wie Der Indianer⸗Häuptling. U. 11 —— die des Geiſtervogels. Wenn Tongatou in den weiten Waͤldern allein ſein wird, ſoll ſie ihn noch mit Freude fuͤllen; er mag vielleicht das weiße Maͤdchen einſt in dem Himmel ſehn, von dem ſie ihm geſagt hat, denn ſein Herz iſt ſehr traurig!“ „Bruder,“ ſagte Margareth,„der große Geiſt hat ſeine Hand auf das ſchwankende Rohr gelegt, und es wird dahin ſchwinden, wie der Nebel von den Bergen; aber Toncatou moͤge glauben, daß es ſeine Liebe bedauerte und beweinte.“ Am naͤchſten Morgen ſpiegelte ſich die Sonne in den, von den Baumen tropfenden Perlen; die Voögel, die in ihren ſchwankenden Wohnungen, die ganze Nacht umhergeſchleudert worden waren, ſchuͤttelten den Spruͤh⸗ duft aus den Fluͤgeln und jubelten, wie ob der uͤber⸗ ſtandenen Gefahr, laut auf, die Eichhoͤrnchen ſprangen bellend von Zweig zu Zweig und die mäͤchtigen Bäume ſchwankten noch leiſe hin und her, wie um die alte Kraft ihrer Wurzeln zu erproben, waͤhrend die aus dem Mutterboden herausgetiſſenen faſt wie Huͤlfe ſuchend, an ihren Kameraden lehnten, oder in hoffnungsloſer Ver⸗ zweiflung, zu Boden geſchmettert lagen. — 163— Margareth hatte ſich wieder ſoweit erholt, daß ſie Tongatou, in der Richtung zum Fluß, eine bedeutende Strecke folgen konnte, aber ihre Schritte waren lang⸗ ſam, und vor einbrechender Dunkelheit mußte ſie ſchon wieder Ruhe und Schlaf unter dem Schutz der dichten Bäume des Waldes ſuchen. Als ſie endlich das Ufer des Fluſſes erreichten, krauſelte ein leichter Suͤdwind ſeine ſonſt glatte Flaͤche, und der Anblick des frohlich plät⸗ ſchernden Waſſers gab ihr wieder einen Theil ihrer fruͤhe⸗ ren Kraft und Staͤrke zuruͤck, daß ſie mit leuchtendem Auge das Ruder zu fuͤhren verſuchte; nur zu bald aber ward ſie genothigt, die Arbeit dem ſtaͤrkeren Tongatou zu uͤberlaſſen, und ſich ſelbſt, auf die ſorgfaͤltig fuͤr ſie ausgebreiteten Decken, im Canoe niederzulegen. Sie waren bis jetzt immer durch die dichten Waͤl⸗ der, unter dem Schatten der rieſigen, uͤber das Ufer weit hinaus hangenden Baͤume hingefahren, bis ſie zu⸗ letzt die Grenze der Prairie erreichten und ſich ihnen eine weite, hinausgedehnte Ausſicht bot. Tongatou riß ſein Ruder aus dem Waſſer und er⸗ hob ſich ſchnell, denn in der Richtung des Lagers hing ein ſchwere, dunkele Rauchſaͤule uͤber der Steppe. I1* — 164— Mit erneuerter Anſtrengung, jetzt von Margareth unterſtutzt, naͤherten ſie ſich ſchnell und geraͤuſchlos der Gegend, wo ihre alten Wohnungen geſtanden hatten. Langſam, in gewaltigen Säulen, ſtieg der ſchwarze Qualm empor, rollte und waͤlzte ſich hoͤher und hoͤher, wie eine ungeheure Pyramide und ſegelte dann, die hoͤ⸗ heren Regionen erreichend, einem maͤchtigen flatternden Banner gleich, hinaus in die blaue Weite. Als ſie ſich naͤherten, ſahen ſie einzelne Banden von Wilden, zer⸗ ſtreut und entkraͤftet, an den Ufern der Baͤche und in den Suͤmpfen gelagert; die Kinder jammerten vor Hun⸗ ger und die Weiber heulten ihre Todtenſaͤnge uͤber die Gebliebenen. Zu jeder anderen Zeit wuͤrde ſich ihnen Margareth genaͤhert haben, ſie wußte aber, daß hier ein Gefecht zwi⸗ ſchen ihrem Volk und den Indianern mußte geliefert ſein, und ihr eigenes Schickſal, ſeiner Erfullung ſo nahe, verlangte Eile. Als das Canoe in der kleinen Biegung, nahe der Weinrebenlaube anlegte, ſah Margareth, wie die Flam⸗ me gerade Minarees Huͤtte ergriffen. — 165— Der Brand war von einem der noch umherſtrei⸗ fenden Soldaten, deren Aufmerkſamkeit die einſam ge⸗ legene Huͤtte im Anfang entgangen war, hineingewor⸗ fen. Sie ſprang vor und erreichte das brennende Ge⸗ baͤude noch zur rechten Zeit, Alicens Bibel den Flammen zu entreißen und Zeuge zu ſein, wie der letzte Zufluchts⸗ ort, der ihr auf Erden geblieben war, in Schutt und Aſche zuſammenſank. In der Ferne ſah ſie die ſich zu⸗ ruͤckziehenden Nachzuͤgler des Feindes und hörte ihre Triumphmaͤrſche, wie ſie den Platz verließen, auf dem ihnen an tauſend Weiber und Kinder, vertheidigungslos und verhungernd zuruͤckgelaſſen, zwiſchen der Aſche ihres Wigwams fluchten. Die Sterbenden und Todten waren zuſammen auf⸗ gehaͤuft, und der rothe Feuerſchein ſpielte fuͤrchterlich auf den im Todeskampf verzerrten Antlitzen! Die Schlacht von Tippecanoe war gekaͤmpft, und ſie ſtand zwiſchen den Ruinen ihrer Heimath. Die Flammen theilten ſich jetzt den benachbarten Baäumen mit, und ſchauerlich ſah es aus, wie bei heranbrechender Dunkelheit die Gluth an irgend einem alten Monarchen der Waͤlder emporzungelte in rother Feuerſäule, und ſpruͤ⸗ *— 166— hend einen duͤnnen Regen von leuchtenden Funken hin⸗ ausſandte in die ſtille Nacht. Langſam und vorſichtig, als die Klänge der ſich ent⸗ fernenden Soldaten verhallten, krochen nun die zerſtreu⸗ ten Indianer aus ihren Schlupfwinkeln hervor und ſammelten ſich in Haufen um die rauchenden Ruinen. Jede Familie erwaͤhlte den Heerdſtein, den ſie einſt den ihrigen nannte, und ein wilder Trauergeſang beglei⸗ tete das klagende Geheul der Wölfe, die von dem Ge⸗ ruch der Leichen herbeigelockt, das Lager in Maſſen um⸗ ſchwaͤrmten. Schrecklich und herzzerreißend aber waren die Grup⸗ pen der Ueberwundenen, die ſich bei dem flackernden Licht ihrer eigenen Wohnungen verſammelt hatten. Hier war ein Weib, die vergebens das ſtrömende Herz⸗ blut ihres Gatten zu ſtillen verſuchte, waͤhrend das bre⸗ chende Auge und die ſich ſchwer hebende Bruſt nur zu ſehr das nahe Ende des Verwundeten vertiethen; dort ſammelten ſich Kinder um ihre Mutter, die ſich nur her⸗ vorgeſchleppt hatte, um in der Mitte ihrer Lieben ſterben zu koͤnnen; während ein Saͤugling ſie mit den kleinen Aermchen jammernd umſchloß und Leben da einſaugen wollte, wo ſchon der Tod ſein Recht geltend gemacht hatte; an den Ruinen jenes Wigwams lag eine junge Mutter, die jammernd den kleinen Leichnam ihres Erſt⸗ geborenen, durch eine verirrte Kugel getoͤdtet, umſchlun⸗ gen hielt, und nicht glauben konnte, nicht glauben wollte, daß ihn das Leben wirklich ſchon verlaſſen habe, und ſie ihn nie, nie wieder die kleinen, dunkelen Augen ſolle aufſchlagen ſehn; ſie jammerte und wehklagte um das Kind und dachte nicht daran, daß jetzt Hunger, Kalte und Tod ihr eigenes Loos ſeien. 8 Margareth ſchritt auf die ueberbleibſel ihrer eigenen Huͤtte zu; die Figur einer alten„halbnackten Frau war zwiſchen den gluͤhenden Balken zuſammengekauert, ihre Hände an denſelben wärmend. Sie hatte einige Körner Mais zum Roͤſten unter den Kohlen verborgen, und als ſich Margareth ihr naͤherte, haſchte ſie ſchnell, mit einem 4 wilden, triumphirenden Laͤcheln nach denſelben, das mehr wie das Knurren eines wilden Thieres als die Laute eines menſchlichen Weſens klang.— Es war Minaree.— Margareth ſchaute ihr ins Geſicht, aber ein halb wahnſinniger, ſtierer Blick, war das einzige 1 Erkennungszeichen, das ihr wurde. — 168— Tongatou hatte unterdeſſen die Laube am Flußufer zu einem Ruheplat für Margareth hergerichtet, und ſie theilte ihr Lager mit Minaree. Als ſie dieſelbe zur Ruhe fuhrte, ſchien eine dunkele Erinnerung an ihr Pflegekind in ihr aufzudaͤmmern, denn ſie glaͤttete ihr oft das Haar, wie ſie in früheren Zeiten gethan hatte, ja ſie ſchien Vergnuͤgen daran zu finden, und laͤchelte und weinte zu derſelben Zeit; dann legte ſie ſich wohl einen Augenblick nieder, richtete ſich aber bald wieder empor, und ſchaute Margareth wehmuͤ⸗ thig und trauernd an, waͤhrend ſie leiſe ſingend die zar⸗ ten, faſt durchſichtig gewordenen Haͤnde derſelben ſtrei⸗ chelte. Fuͤrchterlich war der Einfluß, den Krankheit und Hunger auf den Koͤrper der armen Frau ausge⸗ uͤbt hatte, ſie glich einem lebenden und ſich bewegenden Stelett. Am nächſten Morgen, als Tongatou ein Stuͤck Hirſchfleiſch an die Thuͤre der Huͤtte legte, bereitete es Margareth heimlich und geraͤuſchlos, damit Mi⸗ naree nicht erwachen ſollte, und ſchuttelte, als es zum Eſſen fertig war, ſanft ihren Arm, um ſie aufzuwecken; er war ſtarr und kalt, die arme Minaree war todt. WMargareth legte das Hirſchfleiſch bei Seite und begnuͤgte ſich mit einem Trunk kalten Waſſers, denn ſo nahe ſchien ſie ſelbſt ihrer Aufloͤſung zu ſein, daß ſie die Beduͤrfniſſe des eigenen Koͤrpers faſt gar nicht mehr fuͤhlte. Es machte ihr Freude, das kalte ſtille Antlitz der Todten anzuſchauen und ſich dabei zu denken, daß auch ſie bald daſſelbe Schickſal theilen werde. Ihre Gedan⸗ ken folgten dem entkoͤrperten Geiſt der Entſchlafenenz aber ſie weinte nicht mehr; ſo nahe den, ihr nun bald enthuͤllten Geheimniſſen jener Schattenwelt, fuhlte ſie ſich uͤber alles Andere erhaben; ſie gehoͤrte, noch auf der Erde, ſchon einem beſſeren Leben an. Mit den eigenen Haͤnden huͤllte ſie ihre Pflege⸗ mutter in die, fuͤr ſie beſtimmten Felle und umwand ihre grauen Locken mit einem Tuch. Sie erbebte auch nicht vor der kalten, marmorartigen Beruͤhrung der Leiche, denn ſie fand Troſt in dem Gedanken, daß die arme Minaree nun nicht Zeuge ihres eigenen, bald erfolgenden Todes zu ſein brauchte; ebenſo half ſie Ton⸗ — 170— gatou das Grab in der Mitte der von Minaree ſelbſt angelegten Laube graben und wölbte den gruͤnen Raſen daruͤber her; dann aber legte ſie ſelbſt ihr mudes Haupt darauf, als den einzigen ihr noch gebliebenen Ruheort. XII. Was ich verſprach, ich hab's gehalten, Das ſtrenge Schickſal moͤge walten! Bryant. Den ganzen Tag blieb Margareth, faſt regungslos an dem Grabhuͤgel, in tiefes, bruͤtendes Nachdenken ver⸗ ſunken, liegen. Die Schatten der Geiſterwelt umſchweb⸗ ten ihre ſchwer geprufte und gemarterte Seele. „Werden wir auch nach dem Tode wieder leben?“ fragte ſie ſich immer auf's Neue und ein Echo aus ihrer innerſten Bruſt ſchien zu antworten:„Der Tod iſt nur das Zerteißen eines Schleiers; es iſt nur die Entfernung des Bewohners, der das modernde Haus verlaͤßt.“ Alicens Bibel lag neben ihr, aber geſchloſſen, un⸗ bekannt mit den Beweiſen ihrer Aechtheit, mißtraute ſie in dieſer, mit Ungluck und Noth auf ſie einſtürmen⸗ den Zeit, Jedem, was nicht aus der eigenen, ſichtbaren Welt herruͤhrte, die ſie umgab. Heilige Ruhe ſenkte ſich endlich auf ſie nieder, ſ — 174— ſchloß ihre Augen und empfahl ihren Geiſt dem Ewigen. Die Schatten der Nacht ſenkten ſich mehr und mehr hernieder, als ſie ihre Augen aufſchlug und den Neumond anſchaute, der wieder, wie an jenem Abend, da ſie mit der theuern Schweſter fluͤchtete, in ſilberner Sichel uͤber den Gipfeln der Baͤume hing. Sie erhob ſich und verließ die Laube, aber Tongaton begegnete ihr am Eingang derſelben und redete ſie an: „Der Ruhm der Schawaneſen iſt von ihnen ge⸗ wichen; warum ſollte das ſchwankende Rohr fuͤr ein todtes Volk ſterben? Es moͤge in Frieden weiter ziehn!“ „Das Wort des weißen Maͤdchens muß geloſ't werden!“ erwiderte ſie feierlich, und ſchritt von ihm ge⸗ folgt dem Ueberreſt des Stammes zu.— Ein ungeheueres Feuer war im Mitpuntt des zerſtörten Dorfes angezundet worden„ und Gruppen von, dem Gefecht entflohenen Maͤnnern, Weibern und Kindern, lagerten zerſtreut umher, als das bleiche Maͤd⸗ chen plötzlich in ihre Mitte trat und ein Gemurmel zu⸗ erſt des Beifalls, dann des Triumphes, die ganze Ver⸗ ſammlung durchflog; denn hier bot ſich ihnen ein Opfer, eines deſſelben Geſchlechts, das alle dieſe Leiden uͤber ſie — gebracht hatte, und deſſen Tod die Gefallenen verſuͤhnen und ihre Schmach raͤchen koͤnnte. Margareth ſtand nicht ſtill, bis ſie eine Gruppe er⸗ reichte, in deren Mitte ſie Kumſhaka und den Propheten er⸗ blickte. Ihnen gegenuͤber, zeigte ſie mit ihrer weißen Hand nach dem eben verſinkenden, ſchmalen Streifen des Mondes und ſagte leiſe, aber feſt: „Der Mond hat ſein Horn gefuͤllt und iſt ver⸗ ſchwunden— ſeht, er iſt wieder erſchienen und das weiße Maͤdchen hat ihr Verſprechen geloͤſ't!“ Sie ſtand mit gekreuzten Armen, und zu Boden geſchlagenen Augen und ſchwieg. Zu jeder andern Zeit wuͤrde ſolch edles Betragen ſelbſt hier, in der Mitte dieſer zuͤgelloſen Wilden, die hoͤchſte Theilnahme erregt, den groͤßten Beifall geerntet haben; jetzt aber, durch die eben erlittene Niederlage er⸗ bittert, ſchien ihr Verluſt und ihre Leiden mehr als je ein Opfer zu verlangen. Langſam ſtieg hie und da der Todesruf in die Höhe, ſich ſammelnd und ſchauerlich ſchnell zu einem Ganzen anwachſend, bis ein furchtbarer Schrei das tauſend⸗ ſtimmige Echo erweckte, daß der Wolf ſelbſt entſetzt wei⸗ — 176— ttr hinein in das Dickicht fluͤchtete und die Eule klagend ihren Ruf dazwiſchen hineinſchallen ließ. Margareth blieb unbeweglich, ihre Haͤnde auf der Bruſt gefaltet und ihr Antlitz ruhig, aber farblos. Der Prophet fuͤhrte ſie in die Mitte der Verſammlung, band ihre nicht widerſtrebenden Haͤnde an den Pfahl und be⸗ gann die uͤblichen, geheimnißvollen Gebräuche.— Da entſtand, am aͤußeren Rande der dicht gedraͤngt ſtehenden Maſſe, eine Bewegung, und verwirrte Stim⸗ men klangen von dort her; ein Krieger theilte die Menge und trennte mit einem Streich ſeines Tomahawks die Banden, die das ſchwankende Rohr an den Marter⸗ pfahl gefeſſelt hielten. Ein ſchwacher Schrei entfuhr den Lippen Margareth's und ſie ſank ohnmaächtig in die Arme Tecumſeh's. Es war aber nur ein Augenblick der Schwaͤche und faſt in demſelben Momente erholte ſie ſich wieder und richtete ſich empor!— Wild durchliefen die Blicke des Häuptlings die Gruppe der kleinmuͤthigen, verraͤtheriſchen Krieger, ſelbſt der Prophet ſenkte die Augen und Kumſhaka verſuchte, ſich tiefer in den Haufen zuruͤckzuziehen; Tecumſeh be⸗ merkte es aber, und drohend ſeine Finger gegen den ab⸗ truͤnnigen Haͤuptling ſchuͤttelnd, befahl er ihm zu bleiben. — 177— Nach einer langen, peinlichen Pauſe, in der das Kni⸗ ſtern der Flamme der einzige Laut war, der in der kaum Athemholenden Verſammlung gehoͤrt wurde, ſprach er endlich mit ruhiger, aber die innere Benihns verra⸗ thender Stimme: „Ich weiß Alles! Ihr habt das Band zerriſſen, das unſer Volk vereinigt haben ſollte, Ihr habt die Rache eines Volkes auf Eure Haͤupter herabgezogen, das ſtaͤr⸗ ker iſt als wir und mit Euren eigenen Händen die Graͤ⸗ ber Eurer Kinder gegraben. Aber ſagt mir hier, mit Euren eigenen Lippen— wer, wer hat Euch dieſe Rath⸗ ſchlaͤge gegeben? wer war der Verraͤther an ſeinem Volke?“ „Kumſhaka,“ lispelten die bleicen Lippen Mar⸗ gareth's. „Kumſhaka,“ riefen Alle; kaum aber war das Wort vethallt, als der Tomahawk Tecumſeh's uͤber ſei⸗ nem Haupte glaͤnzte, und der verrätheriſche Bruder ſich ſterbend in ſeinem Blute waͤlzte. Margareth's Auge folgte der blitzenden Waffe und ſie verharrte, ſtarr vor Schrecken, in derſelben Stellung, feſt auf das ſo ſchnell dahin geraffte Opfer ſeines Ver⸗ raths blickend; ihr Antlitz bleich, wie das einer Leiche, Der Indianer⸗Häuptling. II. — 178— ihre ganze Figur, zwar bebend und athmend, aber, wie eine Statue, der willkuͤrlichen Bewegung beraubt. Tecumſeh blickte traurig uͤber die verwuͤſteten Wig⸗ wams und die wenigen Ueberreſte ſeines Stammes. Wo waren jetzt die kuͤhnen Hoffnungen, die ſein Volk groß und maͤchtig machen ſollten, jene weitausſehende Poli⸗ tik, die beabſichtigte, ſie einſt allen Voͤlkern der Erde gleich zu ſtellen? jene Einigkeit und jener Friede, die ihnen Kraft und Unuͤberwindlichkeit verleihen ſollte? wo waren ſeine eigenen Traͤume von Ruhm und Gluͤck? Verloren! Alles verloren! Als er umherblicte⸗ kam ein propheti⸗ ſcher Geiſt uͤber ihn. „Das Schickſal des rothen Mannes iſt entſchieden; der Jaͤger wird die Jagd, der Krieger das Schlachtfeld meiden; die Huͤgel der Todten werden der ebenen Erde gleich werden, und wir die Graͤber unſerer Vaͤter vergeſ⸗ ſen. Den Wigwam wird ſich der Fuchs zur Höhle wäh⸗ len und Moos das faulende Canoe uberziehen. Der Weg zum Lande der Geiſter iſt gedraͤngt voll von unſerem Volk. Sie kommen von den großen Seeen, den Thaͤlern des Oſtens und Weſtens und aus den warmen Suͤmpfen des Suͤdens. Sie neigen traurig d Haͤupter, als ſie ſich langſam vorwaͤrts bewegen, und zeigen hernieder auf das — —— v Land, das ihren Kindern verloren gegangen iſt. Der In⸗ dianer hat auf der Erde keine Heimath mehr. Wehe, er iſt verſchwunden und ſein Name vergeſſen.“ Er faltete ſeinen Ueberwurf uͤber der Bruſt zuſam⸗ men und ſtand lange in tiefen Gedanken verſunken. End⸗ lich wandte er ſich zu Margareth und nahm ihre kalte Hand in die ſeinige; ſie bewegte ſich nicht; er legte ſeine Finger auf ihre Stirn; ſie war kalt und ſtarr, wie aus Marmor gehauen; der ſtarke Mann ſtoͤhnte tief auf; einen Augenblick preßte er die ſchlanke, zarte Geſtalt an ſein Herz, dann legte er ſie auf das Gras nieder, ſchnitt von ihren Schlaͤfen eine ihrer langen, ſchoͤnen Locken herab und wandte ſich, die Einſamkeit des Waldes auf⸗ zuſuchen⸗ Ackoree hatte ſich waͤhrend der letzten blutigen Sce⸗ nen zuruͤckgezogen gehalten, jetzt aber kam ſie näher, bog ſich zu Margareth hinab und legte die Hand auf das Herz des bewußtloſen Maͤdchens; es ſchlug ſchwach und eine wilde Freude gluͤhte aus ihren dunklen Augen⸗ „Ackoree freut ſich, daß das weiße Maͤdchen lebt, ſie moͤchte, daß ſie lang leide!“ Sie ſchaute in das offene, ſtarre Auge und beugte ihre Wange an die Lippen der Ohnmachtigen, den ſchwa⸗ chen Athem zu fuͤhlen. 12* — 180— „Das weiße Maͤdchen iſt ſo lange ungluͤcklich, ſo elend als Ackoree geweſen und das thut ihrem Herzen gut,“ fluͤſterte ſie mit dumpfer, unheimlicher Stimme.— Die Schlacht von Tippecanoe vernichtete den großen Plan einer allgemeinen indianiſchen Vereinigung, der ſo lange die einzige Hoffnung des edlen Tecumſeh geweſen war; ſo aber, nur durch dies einzige Herz emporgehalten und gefoͤrdert, war er ſchon dem unerbittlichen Schickſal verfallen, ehe er nur recht zur Reife gedieh. Wäre Te⸗ umſeh der Feind irgend eines anderen Volkes geweſen, ſo wuͤrden die Amerikaner ſein Andenken geehrt haben; aber die Zeit wird die Vorurtheile hinwegwiſchen, die ſtets den Ruf eines Reformers umſchatten und ihm nicht in ſeinem Zeitalter Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Die Namen von Metacom, Pontiac und Tecumſeh aber werden einſt mit denen zuſammen genannt wer⸗ den, die ihr Blut und Leben daran ſetzten, Freiheit fuͤr ihre Weiber und Kinder, Freiheit fuͤr ihr Land zu er⸗ kaͤmpfen, und das ungluͤckliche Mißlingen ihrer Pläne wird ſpaͤter kein Hinderniß mehr ſein, ihnen gerechte und verdiente Anerkennung fuͤr ihre patriotiſchen Geſinnun⸗ gen, fuͤr ihren Heldenmuth zu verſchaffen. — XIII. Sie kaͤmpften die lange, die blutige Schlacht, Der Stamm der Oſagen blieb Sieger, Doch unter dem Raſen, in Grabesnacht, Da ſchlummert die Maid und der Krieger! Fulton. —— . 1. Vier Jahre waren ſeit dem Verlauf der Begeben⸗ heiten, die wir in den vorigen Kapiteln erzaͤhlt haben, verfloſſen; das Gefecht an der„Thames“ hatte die Staͤrke der nordiſchen Staͤmme gebrochen und der Tod Tecumſeh's die Bande der Conföderation aufgelöſtt. Nach der Schlacht am Tippecanoe hatte dieſer Held noch einen Verſuch gemacht, wieder Frieden und Eintracht herzuſtellen, aber vergebens; ſeine eigene, faſt zauberhafte Beredtſamkeit, Tapferkeit und ſein perſoͤnlicher Einfluß, verſprachen wohl fuͤr eine kurze Zeit der Unternehmung einen guͤnſtigen Erfolg, er ſchwand aber wieder in Nichts dahin. Seinem Volke fehlten Herzen, das Alles zu fühlen, wie er es fühlte, Augen, das Alles zu ſehen, wie er es ſah, und Weisheit, den Zuſammenhang von umſtan⸗ den zu vergleichen und daraus ihre Schluͤſſe auf die Zukunft zu ziehn. — 184— Er hatte wie ein kräftiger Leuchtthurm in dem aufgeregten, bedrohten Meere indianiſcher Sicherheit geſtanden; da er fiel, verloſchte das leitende Licht fuͤr immer. Mit den uͤbrigen Charakteren unſerer Erzählung war wenig Veraͤnderung vorgegangen; die alte Madame Jones ſaß noch immer in ihrem großen, behaglichen Armſtuhl, an der waͤrmſten Seite des Heerdes, ihre Finger langſam und mechaniſch mit den Stricknadeln veſchaͤftigt, die einzige Arbeit, zu der ſie ihre Augen nicht gebrauchte und die ganz den, durch das Alter abgeſtumpf⸗ ten Kraͤften ihres Geiſtes entſprach. Wenn durch die liebevolle Stimme Anna's aus ihrem unbewußten Bruͤ⸗ ten aufgeweckt, hob ſie ihre truͤben Augen empor und laͤchelte, faſt erſtaunt uͤber die freundliche Unterbrechung. Sie ſprach ſehr wenig und beachtete das, was um ſie her vorging, faſt gar nicht, doch nannte ſie Madame Maſon ſtets„Anna“ und oft, wenn dunkele, liebe Er⸗ innerungen in ihr aufſtiegen, auch wohl„Tochter,“ was nie verfehlte, der guten Frau Thraͤnen zu entlocken!— Mr. Maſons Familie hatte ſich etwas vergroͤßert, aber ſeine weltlichen Guͤter hielten Schritt mit ihr, und Friede und heitere Ruhe mit einem Anſtrich recht freund⸗ — 3165— licher Gemuͤthlichkeit herrſchte in dem Kreiſe dieſer guten Menſchen. Auf beſonders freundlichem Fuß ſtand Madame Maſon mit Alicepejetzt Madame Mansfeld) und weder Freude noch Schmerz fiel in den Familien vor, die die 5 E4 beiden Frauen nicht redlich mit einander getheilt hätten. Alicens Heimath war ein kleines, wohnliches Häus⸗ chen an den Ufern des Wabaſh und, wie ſie es gewuͤnſcht hatte, ganz nahe bei ihrer treuen Freundin Anna. Ihre Wangen hatten wohl die fruhere Friſche und Lieblichkeit wieder erhalten, aber immer noch lagerte ein wehmuͤthiger Zug um die feinen Mundwinkel, obgleich ſie ſich in ihren jetzigen Verhaͤltniſſen gluͤcklich und zu⸗ frieden fuhlte. Ueber Margareths Schickſal war ſie noch immer in Ungewißheit, und der Gedanke an ſie erfuͤllte ihr Herz oft mit bitterem Gram. Es war der eine Dorn, der ſich in ihren Lebenskrans eingeflochten hatte. Einſt, in der freundlichen Daͤmmerungsſtunde, wo die Seele am empfänglichſten fuͤr alle heiligen und erha⸗ benen Eindruͤcke iſt und gern und willig uͤber das nach⸗ denkt, wozu ihr in den geſchaftigen Stunden des Ta⸗ ges nicht Zeit, nicht Ruhe bleibt, ſaß Alice im ſtillen, — 186— traulichen Wohnſtuͤbchen, und ein wunderliebliches Kind, etwa zwei Jahr alt, in einen leichten Nachtanzug geklei⸗ det, lehnte an ihrem Knie, während es die kleinen ro⸗ ſigen Finger zuſammenfaltete und ſein Abendgebet herfluͤ⸗ ſterte. Nur vergebens bemuͤhte es ſich aber dabei, die großen, klaren Augen andächtig fromm geſenkt zu hal⸗ ten, immer wieder blitzten die unruhigen unter den lan⸗ gen, dunkelen Wimpern lachend und ſchelmiſch hervor. Klein Margareth, denn das war ihr Name, hatte ganz die lebhaften geiſtreichen Geſichtszuge ihrer Tante, und die dunkelen, vollen Locken fielen ebenſo über ihre* Schultern, als ſie in der Kindheit über die der Schwe⸗ ſter Alicens gerollt waren; ſelbſt das Wenden ihres Ko⸗ pfes, das trotzige Aufwerfen der Oberlippe, dieſelbe ſtatt⸗ liche Haltung des Körpers, fand ſich hier bei der Klei⸗⸗ 3 nen wieder.— Die Thuͤre wurde leiſe geöffnet und ein Moecaſin betrat die Schwelle. Alice ſetzte das Kind nieder und eilte ihm entgegen— es war Tongatou. Er hatte ſich ſehr verändert, aber die edle, ſtolze, 6 ſich ſelbſt bewußte Haltung war dieſelbe geblieben, und Alice begrußte ihn als ihren Freund und Retter; unru⸗ hig aber ſchaute ſie ihn an, waͤhrend das Kind mit den Federn ſeines Hauptſchmuckes zu ſpielen begann; ſie wuͤnſchte nach Margareth zu fragen, und dennoch fuͤrch⸗ tete ſie den theueren Namen zu nennen. Der Häuptling nahm das unerſchrockene Maͤdchen in ſeine Arme und ſchaute lange und ernſt in ſein Antlitz. „Es iſt der Geiſt des ſchwankenden Rohres!“ ſagte er endlich und wandte ſich ab, die Thraͤnen zu verbergen, die in ſeine Augen traten. Alice weinte, aber es waren ſowohl Thränen des Troſtes als des Schmerzes; endlich ſetzte ſie ſich an ſeine Seite und bat ihn ihr Alles zu erzaͤhlen, waͤhrend klein Margareth ihr Antlitz an der Mutter Herzen verbarg und ebenfalls weinte; denn eine ſchmerzlich bewegte Stimme, ein trauriges, thranenfeuchtes Antlitz erwecken auch in der Bruſt eines Kindes Mitgefühl. Als er ihr aber das Geheimniß ihrer Flucht aus dem Indianiſchen Lager und die heilige Wahrheit ent⸗ hůllte, die Margareth bewogen hatte zurückzukehren, ſchluchzte ſie laut. „Edles, großmuͤthiges Madchen, wie habe ich Dir ſo ſehr, ſehr Unrecht thun koͤnnen! Aber ſage mir, Ton⸗ gatou, wuͤrde ſie, waͤre es anders geweſen, wieder bei unſerem Volke gelebt haben?“ Der Haͤuptling umging die Frage und fuhr fort, ihr von der Zerſtoͤrung und Verwuͤſtung zu erzaͤhlen, der ſie, bei ihrer Ruͤckkehr, begegneten, von dem Wieder⸗ erſcheinen Tecumſeh's und dem wunberbar langen Schlaf des ſchwankenden Rohres. „Gott ſei gedankt,“ rief Alice,„ſie entging doch dem Martertod; und fuͤr mich litt und duldete ſie alles dieß, verlangte keinen Lohn, geheimnißvoller, lieber Geiſt! o, wie ganz unaͤhnlich Du Deiner ſchwachen Schweſters“ Der Haͤuptling fuhr fort.„Viele, viele Tage lag das ſchwankende Rohr bewegungslos und ſchweigend, aber es war Waͤrme in der Gegend ihres Herzens, und wir wußten, der Geiſt konnte noch nicht geſchieden ſein. Un⸗ heimliche Furcht beſchlich uns, denn ſie war uns ſtets wie ein Weſen aus dem Lande der Schatten erſchienen; endlich war Alles kalt und ſtill; Tongatou wußte damals nicht, daß ſich ihr Geiſt vorbereitete, den Körper des weißen Kindes zu beleben,“ und er beugte ſich wieder uͤber das jetzt Schlummernde, in deſſen ſanften Zuͤgen aufs Neue den Beweis ſeiner Rede zu finden und fuhr fort: ————— — ———— „Unſer Volk wird nie glauben, daß ſie todt iſt, und ſie reden von ihr„ wie von Einer, die aus Liebe zu dem armen Indianer auf der Erde weilte. Tongatou hatte ihre Stimme in der Nacht gehört und ſie fuͤhlen zu ſeinem Herzen ſprechen. Tecumſeh ſchlief die ganze Nacht auf dem Grabhugel des ſchwankenden Rohres und er fuͤhlte, daß es, ihn zu troͤſten, kam; aber er lͤchelte nimmer. Sein Herz war lange geſtorben. Der Kum⸗ mer uͤber ſein Volk und der Tod des ſchwankenden Roh⸗ res, brach die Kraft des ſtarken Mannes. Tongatou trug b. vom Schlachtfeld und legte ſeinen Korper ne⸗ ben den) des ſe Rohres. Tongatou wird dort, nach 2 Willen des gro e Gah, ſeit Age Grab graben und an ihrer Seite ruhn; er Huͤtte dort gebaut und der Geiſtervogel ſingt die ganze Nacht auf ſeinem Dach.“ Seinen Mantel von einander ſchlagend, nahm er ein kleines Kaͤſtchen hervor, das Alice augenblicklich er⸗ kannte; es war einſt Margarethen geweſen, aus dieſem hob er eine lange, dunkele Locke und hielt ſie an das Licht.„Das fand ich auf der Bruſt Tecumſehs; die Haͤlfte begrub ich mit ihm, dieß ſoll mit Tongatou ſchlafen. Das Buch des weißen Mädchens iſt hier; er — 190— N gebraucht es nicht,“ und er uͤberreichte Alicen die Reli⸗ quie. Sie preßte das Buch an ihre Bruſt und weinte laut; das Andenken und die einfache Erzählung des Haͤuptlings hatte ihr das ganze Weſen der theueren Schweſter, wie ihr trauriges, freudloſes Daſein zu leb⸗ haft ins Gedächtniß zuruͤckgerufen. Als ſie ihr Antlitz wieder erhob, war ſie allein. . 5 7 ſiſſſ 12 13 14 15 16 1 . 9 6„ uleli