Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 von Cdnard Oftmann in Gießen,„ Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. . eiß und eſehedingungen. 63 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mf.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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De Vereinigten Staaten von Nord⸗Amerika, das ungeheuere Jagdgebiet eines ſonſt gluͤcklichen, freien Vol⸗ kes, waren, ſelbſt noch in neuern Zeiten, der Schauplatz manches blutigen, verzweiflungsvollen Krieges, in dem die Eingeborenen ihre Vatererde zu beſchoͤtzen und zu ver⸗ theidigen ſuchten; die immer mehr vorruͤckende Civiliſation aber, trieb die machtlos Widerſtrebenden weiter und wei⸗ ter nach dem fernen Weſten zuruͤck, und Uneinigkeit und Haß, die zwiſchen den einzelnen Staͤmmen herrſchten, trugen nicht wenig dazu bei, den weißen„Eindringlingen“ den Sieg uͤber die Soͤhne der Waͤlder zu erleichtern. Zwar warfen ſich einige der weiſeren Haͤuptlinge dem verheerend vordringenden Strome der Anſiedlung mit ſtarker Hand und kuͤhner Btuſt entgegen, und vrſuchten Frieden und Eintracht unter ihren Brudern zu ſtiften, 1* um vereint ſich dem Verderben, das ſie bedrohte, entgegen zu ſtemmen, zu ſchwach aber waren die Einzelnen, und ihre Stimmen verhallten in dem ſie umtobenden Chaos.— Tecumſeh war Einer von dieſen. Wohl ſah er mit Trauern das weitere und weitere Eindringen des weißen Mannes in die Jagdgruͤnde ſeiner rothen Bruͤder, und durchſchaute die Liſt der„bleichen Geſichter,“ die durch ihr „Kaufſyſtem“ wie ſie es nannten, ihnen bald nicht mehr fuͤr ein Grab Raum genug laſſen wuͤrden, waͤhrend zu gleicher Zeit das immermehr um ſich greifende Laſter des Trunks unter den Eingeborenen nur zu ſehr ihren Unter⸗ gang beſchleunigte; daher ergriff ſein thäͤtiger und gewaltiger Geiſt den ungeheuern Plan, Einigkeit und Frieden zwi⸗ ſchen den zahlreichen weſtlichen Staͤmmen, die das große Miſſiſippi⸗Thal bewohnten, zu ſtiften. Er ſchlug vor, alle jene Staͤmme zu einem großen Buͤndniß zu vereinigen, in welchem einer der Hauptartikel ſein ſollte:„Keinen Fuß breit Landes mehr zu verhandeln.“ So großartig das Unternehmen auch war, es übertraf kaum die perſoͤnlichen Opfer und Gefahren, die unumgänglich noͤthig waren, es in Ausfuͤhrung zu bringen. Zur Zeit der großen Rathsverſammlung bei Fort —— — ——— O— Wayne, in welcher mehre Staͤmme ihr Land an die ameri⸗ kaniſche Regierung unter der Agentſchaft des Generals Harriſon abtraten, war Tecumſeh abweſend, auf einer Sendung nach den ſüdlichen Stämmen begriffen, auch ihre Einwilligung zu dem Buͤndniß zu erhalten, das faſt ſchon von allen nördlichen Stämmen anerkannt war. Das Abtreten der Laͤndereien in der Rathsverſamm⸗ lung zu Fort Wayne, war daher die Verletzung einer feier⸗ lichen Uebereinkunft, und nicht allein nicht bindend, ſon⸗ dern gab auch die ſchaͤndlichen, eidbruͤchigen Haͤuptlinge der Rache der uͤbrigen Stämme preis. Die Anhaͤnger Te⸗ cumſeh's und Eliskwatawa's„der offnen Thuͤr“ oder wie er gewöhnlich genannt wurde, des„Propheten,“ blieben in ihrem Lager am Tippecanoe duſter und unthatig, der Ruͤck⸗ kehr ihres großen Haͤuptlings von ſeinem Kreuzzuge har⸗ rend.— Sie hielten wenig Gemeinſchaft mit den Fuͤhrern der abtruͤnnigen Staͤmme, indem ſie ſolche als Verra⸗ ther der allgemeinen Sache betrachteten und ſie nicht wuͤrdig der hohen Beſtimmung hielten, welche ſelbſt jetzt noch den freien Kindern der Walder, geſchwacht und aus⸗ geartet als ſie waren, vorbehalten ſchien. Ungeduldig erwar⸗ teten ſie die Ruͤckkehr jenes merkwuͤrdigen Mannes, der ſeiner Perſon die Tapferkeit und Liſt eines vollkomme⸗ nen Kriegers, den weitſehenden und durchdringenden Blick eines Reformers, mit der Kraft und Ueberredungsgabe eines Redners vereinigte. Die Haͤuptlinge der verſchiedenen Staͤmme hatten ſich durch heilige Schwuͤre und Androhung von ſchweren Strafen verpflichtet, nie auch nur einen Fuß ihres Lan⸗ des an die Weißen zu veraͤußern, die urſpruͤngliche Le⸗ bensart ihres Volkes ſo viel als moͤglich beizubehalten und dadurch das Joch der Abhaͤngigkeit auf die weißen Eindringlinge ſelber zuruͤckzuwerfen. Alle jene Staͤmme an den Ufern der großen Seeen im Norden, jene des Miſſiſippi und an den zahlreichen Stroͤmen die ſich in den„Vater der Waſſer“ ergießen, ja ſelbſt jene weit zuruͤck in den Wildniſſen des fernen Weſten hatten ſich durch einen aͤhnlichen Schwur verpflich⸗ tet, und eben jetzt war dieſer beredtſame Krieger unter den ſuͤdlichen Staͤmmen feſt uͤberzeugt mit gleichem Schwur von dieſem fernen, edlen Volke zuruͤckzukehren. Keine gewandtere Zunge haͤtten die rothen Krieger fin⸗ den koͤnnen eine Sache zu vertheidigen und die Hoff⸗ nungen und Erwartungen eines Patriotismus zu vers —— —— — wirklichen, der ſo rein und erhaben war als je die Bruſt eines Roͤmers in den ſtolzeſten Tagen ſeiner Vaterſtadt ſchwellte, wie die Tecumſeh's.— Ein glucklicher Ausgang konnte ihm nicht fehlen, denn er war ein Shawnee mit faſt mehr als der gewoͤhnlichen Aus⸗ ſtattung von Kuͤhnheit und Talent begabt die dieſem außerordentlichen Volke ſo eigen ſind. Er konnte ihnen die Traditionen ihrer alten Maͤnner vorfuhren, als die Shawnees noch auf den herrlichen Ebenen des Suͤdens wohnten und dort jagten wo die wilde Weinrebe in maleriſchen Guirlanden die Baͤume verband, wo das in langen Streifen herabhaͤngende Moos feierlich im Winde wehte, als ob ein grauer Rebel die Walbung decke, und wo die weiße Magnolia die Luft mit ihrem wuͤrzigen Bluͤthenduft fullte. Er konnte von ſeiner Mutter erzaͤhlen aus dem Stamme der Cherokees und von den wunderbaren Vorfaͤllen bei ſeiner eigenen Ge⸗ burt, wie jede Nacht, wenn ſeine Mutter ſich zur Ruhe niederlegte, ein Manitou in der Geſtalt einer Maſſa⸗ ſauga*) zu der Thuͤr ihres Zeltes glitt und neben ihren Klapperſchlange. Haͤuten ſchlief, und wie der Manitou verſchwand als die junge Mutter todt in ihrem Wigwam lag, und drei Soͤhne hilflos an ihrer Seite lagen, dadurch die große Vereinigung der Staͤmme andeutend, der Bruͤderſchaft des Nordens, des Suͤdens und des Weſtens. Die Knaben wuchſen in ihrer Einſamkeit ſtark und herrlich, die Sonne ihr Vater, die Erde ihre Mutter, und ſie ruhten an ihrem Buſen. Der große Geiſt ſprach mit ihnen in dem Sturm der den Wald durchbrauſ⸗te, in der hehren Ruhe des geſtirnten Himmels, in den Millionen Thauperlen des neuanbrechenden Tages. Er lehrte ſie alle rothen Maͤnner als Bruͤder betrach⸗ ten.— In ſeinem Zorn aber hatte der große Geiſt den Weißen erlaubt, einen Theil ihrer Lande an ſich zu rei⸗ ßen, aber jetzt warnte er ſie ſich zu vereinigen, alle Feind⸗ ſeligkeiten untereinander zu vergeſſen, und zu einem gro⸗ ßen Zweck zuſammen zu wirken: die Weißen öſtlich von jenen Bergen zu halten, die er aufgerichtet hatte, die Waſſer des Miſſiſippi zu bewachen. Sein Wille war, alle Stämme zu vereinigen, und zwar zum Schutz ihrer alten Jagdgruͤnde, der Graͤber ihrer Väter, und der al⸗ ten Steine ihrer Berathungsfeuer. Er wollte die Wei⸗ —————————— ßen fudlich und oſtlich von dem Ohio und den Alleghanies zuruͤckdrängen, denn er fuͤrchtete die Zeit, in der die zu⸗ ruͤckgedraͤngten Staͤmme an den Ufern jener großen Seeen ſtehen dürften, welche die untergehende Sonne in ihrem Schooße aufnehmen, und dort, zur Verzweif⸗ lung getrieben, blos kaͤmpfen muͤſſen, um in den Wel⸗ len derſelben ihr Grab zu finden.— In feierlichem Rathe kamen die Nationen zuſam⸗ men; ihr Schwur, in ein großes Ganze die zahlreichen Staͤmme des Nordens, Suͤdens und Weſtens zu ver⸗ binden, wurde unter geheimnißvollen und wunderbaren Myſterien geleiſtet, und von nun an ſollte der rothe Krieger ſicher in ſeinem Wigwam wohnen, ſicher der Spur des Wildes durch die tiefen Waͤlder und weiten Prairieen folgen oder mit ſeinem Canoe die herrlichen Stroͤme des Weſtens befahren können; die blaſſen Ge⸗ ſichter ſollten ſie nicht mehr belaͤſtigen oder bedrohen.— Der Tomahawk ſollte begraben ſein, und nur wie⸗ der aufgewuͤhlt werden, um das Eindraͤngen der Unter⸗ druͤcker zuruͤck zu weiſen. Der weiße Mann ſollte in Frieden auf der andern Seite der Gebirge wohnen, aber auch nur da— wuͤrden ſeine Spuren auf dem Boden gefunden werden, zu deſſen Vertheidigung ſich jetzt die Staͤmme verbanden, dann ſollte gemeinſchaftliche Gefahr dieſe ſchnell verſammeln, die Beleidigung raͤchen, und die Uebertreter zuruͤcktreiben, um das Erbtheil ihrer Vaͤ⸗ ter rein und ungetheilt zu erhalten.— Sie ſollten jetzt einig im Krieg, einig im Frieden ſein— Stamm ſollte nicht mehr gegen Stamm zu Felde ziehen, denn Alle, Alle waren nun Bruͤder. Der große Zweck war erreicht; wo ſich auch immer jener kluge Redner ſehen ließ, flogen ihm die Herzen der wilden Waldeskinder entgegen, denn ſeine Worte wa⸗ ren Wahrheit, und nie wurde dieſe rein gepredigt, ohne Herzen zu finden, die rein und freudig fuͤr ſie ent⸗ brannten.— Sie lauſchten ſeinen Worten, wie den Mittheilun⸗ gen eines unſichtbaren Geiſtes, deſſen Auge das Ver⸗ gangene und Zukunftige durchſchaut. Die lange Erzaͤh⸗ lung ihrer Wanderungen von Land zu Land, fortwaͤhrend durch den großen Geiſt geleitet, ihr Eindringen in die gewal⸗ tigen Flaͤchen des Weſtens, ihre Vertheilungen, ihre Kriege, ihre tauſend Sonnen des Wachsthums und Gluͤcks, und das endliche Strafgericht der weißen Ein⸗ — dringlinge, die ganze Geſchichte ihrer Nation, alle Furcht und Hoffnung der Zukunft, glitten in lebhaften Bildern ſchnell an ihnen voruͤber. Es war ihnen als ſtaͤnden ſie mit ihm auf einem Berge, hinausſehend auf alle die Staͤmme, wo die Kinder vor den Zelten ſpielten und die weißen Haare der Greiſe in der Abendluft flat⸗ terten; bluͤhende Maisfelder glaͤnzten im Licht, endloſe, mit Wild reichlich gefullte Jagdgruͤnde dehnten ſich in blaue Ferne hinaus ſich entweder in unabſehbaren Ebe⸗ nen oder ſteilen Bergſpitzen verlierend; ſie hoͤrten das Murmeln der vielen Waſſer, und das Rauſchen der tauſendjaͤhrigen Waͤlder, ſie beugten ſich lauſchend vor, Thraͤnen, wenig gekannte Thraͤnen traten in ihre Wim⸗ pern, und waͤhrend ſich ihre Arme ſehnend dem ſchoͤnen Bilde entgegenbreiteten, klopften ihre Herzen hoch auf im ſtolzen Bewußtſein ihrer herrlichen Erbſchaft!— So gewaltig war die Ueberredungsgabe Tecumſeh's, ſo gluͤcklich der Erfolg, und jetzt wandte er ſeine Schritte wieder noͤrdlich mit mancher Hoffnung, doch auch mit mancher Furcht, denn nur zu gut kannte er die Gemuͤ⸗ ther ſeines Volkes, ihre Hingebung fuͤr den Augenblick, und ihre ſorgloſe Verachtung der Zukunft.— — 12— Trotz ſteilen Bergen und reißenden Stroͤmen ver⸗ folgte der Haͤuptling ſeinen einſamen und gefaͤhrlichen Weg in gerader, ununterbrochener Richtung; ſein erha⸗ benes Auge uͤberſah bald die Eigenthuͤmlichkeit eines jeden Landſtrichs durch den er wanderte, und ohne andern Fuͤhrer als ſein eigenes Urtheil und nie irrenden Inſtinkt“ behielt er ſeine gerade Marſchlinie von den Berathungs⸗ feuern der ſudlichſten„Creeks“ bis zu den Quellen des Wabaſh bei. Das einfache Canoe wurde die damals noch einſa⸗ men Fluͤſſe hinaufgerudert, und auf den Schultern ſei⸗ ner jungen Leute um Waſſerfälle und Untiefen herum⸗ getragen. Er wußte wo die verſchiedenen Stroͤme ſich einan⸗ der am meiſten näherten, und dort ward die leichte Barke wieder durch weite Strecken Landes gefuͤhrt, um die kuͤhnen Eingebornen auf Waſſern zu ſchaukeln, die, ſich mit den großen Seeen vermiſchend und den Niagara hinunterſtuͤrzend, durch den St. Lawrence dem Ocean zu⸗ eilen, waͤhrend das Canoe faſt noch von den Waſſern traͤufte, welche in den Ohioſtroͤmen und dem Laufe des Miſſiſippi folgen, der den aufgethauten Schnee der Fel⸗ —— — 18— ſengebirge durch die dreifache Ader des Miſſouri, Ar⸗ kanſas und Rioroxo dem Meikaniſchen Golfe zuwalzt. Es war Mittag, als Tecumſeh die Stadt des Pro⸗ pheten an den Ufern des Tippecanoe erreichte. Sein Schritt war feſt und ſtolz, und der Ausdruck ſeines Blicks verrieth das Bewußtſein eines Mannes, der ſich nahe am Ziele fuhlt, alle, ſelbſt die ſtolzeſten Traͤume ſeiner Ein⸗ bildungskraft verwirklicht zu ſehen. Ungleich ſeiner we⸗ nig zahlreichen Begleitung war er ungeſchmuͤckt. Kamaſchen von gegerbtem Hirſchleder mit einem Jagdhemd deſſelben Stoffes nebſt dem Wampum, bildeten ſeinen Anzug, und ſeinen Kopf ſchmuͤckte eine helmartige Verzierung mitreinigen von den Federn des weißkoͤpfigen Adlers, ſeinen Rang als Krieger anzeigend; einige ſonderbar ge⸗ ſtaltete Muſcheln, auf einer Seite befeſtigt und die Zahl der Wunden andeutend die er im Kriege erhalten, vollen⸗ deten ſeinen Anzug. Seine Leute ſowohl, als die des Propheten hatten die wollenen Decken, als eine Neuerung der Weißen, von ſich geworfen. Die Erſcheinung Tecumſeh's ſtach maͤchtig gegen die ſeines Bruders ab. Wahrend Eliskwatawa in den geheimnißvollen Bildern der Zukunft webte, die ſtrengſt —— Lebensart beobachtete und in der Einſamkeit lebte, gleich⸗ ſam von dem großen Geiſt auserwaͤhlt, deſſen Willen ſeinen rothen Kindern zu offenbaren, ſo miſchte ſich Te⸗ cumſeh dagegen genug unter ſie, um ein gewiſſes Gefuhl der Sympathie und Bruderſchaft zu erhalten, dabei die beſten Kraͤfte ſeiner Seele dem Nutzen ſeines Vaterlands widmend. Patriotismus und Ruhm waren die Idole ſeines Herzens, er knieete vor keiner niederen Gottheit. Ganz ungleich dieſen Beiden, wuͤrde ihr dritter Bruder Kumſhaka, gern das Joch abgeworfen haben, unter dem ihn der kuͤhne Geiſt ſeiner Bruͤder hielt, und ungeachtet der vergangenen Geſchichte, der gegenwaͤrtigen Erniedrigung und der zukuͤnftigen Hoffnung der Stämme, zufrieden die Zuruͤckgezogenheit einer ſtillen Huͤtte geſucht haben, dort mit irgend einer lieblichen Tochter der Wälder den Frieden zu finden, den die ſtolzeſten Traͤume des Ehrgefuhls nie verwirklichen koͤnnen; aber es ſollte nicht ſein, der Zauber ſeiner Geburt und die Macht ſei⸗ ner Bruͤder beherrſchten ihn, und er folgte dem vorge⸗ ſchriebenen Pfade, ohne im Stande zu ſein davon abzu⸗ weichen. Er war nicht ſo groß und muskuloͤs als Tecumſeh, 6 jest die Grenzen der Stadt erreicht, und Tecumſeh, X er beſaß aber dieſelbe Regelmaͤßigkeit der Geſichtszuge und faſt noch mehr ſymmetriſche Schoͤnheit. Die Maͤd⸗ chen die nie dem ſtrengen Antlitz des Einen ein Laͤcheln abgewinnen konnten, waren der liebreichſten Blicke des Andern ſicher, und obgleich Kumſhaka's Stimme wenig Gewicht am Berathungsfeuer hatte, wo die ernſteren Gemuͤther ſeiner Bruͤder vorherrſchten, vermochte doch Keiner im lieblichen Schatten der Wälder, den dunkel⸗ äugigen Maͤdchen der Wildniß holdere Blicke zu ent⸗ locken. Er war ein guter Jäger, und die Soalze an ſei⸗ nem Guͤrtel, die Federn auf ſeinem Helme zeigten den tapfern Krieger an, dennoch konnte Kumſhaka ſich nicht zu der ſtrengen Einfachheit bequemen, die jene beherrſchte. Der buntverzierte Guͤrtel, der geſchmuͤckte Moccaſin und das reichlich mit den Stacheln des Stachelſchweins be⸗ ſette Jagdhemd von weichgegerbten Hirſchfellen, war die Arbeit mancher zarten Finger und die Belohnung man⸗ ches zaͤrtlichen Blicks. Spielereien die Tecumſeh ver⸗ achtete, wurden deſto eifriger von ſeinem juͤngſten Bru⸗ der geſucht. Die zu ihrem Stamme Zuruckkehrenden hatten —— auf einer Anhoͤhe ſtehend, die die ganze umliegende Gegend, die weitgedehnte Prairie, die ſich abdachenden Huͤgel mit uͤppigem Blumenwuchs bekleidet, die großen Seeen wie geſchmolzenes Silber im Sonnenſchein gluͤ⸗ hend, den gliſternden Strom, deſſen fernes Bett duͤnne Nebelſtreifen anzeigten, uͤberſah, konnte leicht fuͤr den guten Geiſt der Staͤmme gehalten werden, der ſeg⸗ nend auf ihr Erbtheil hinunter ſah. Auf ein gewiſſes Zeichen trat der Prophet und die ihm Folgenden aus der Stadt, und Tecumſeh's Stirn verduͤſterte ſich, als Reihe nach Reihe, tauſende von Kriegern mit dunkeln Streifen bemalt und geſenkten Waffen erſchienen, Truͤbſinn und Unmuth jeden Blick umſchattend. Die Frauen und Kinder blieben in ihren Hutten, während ſich feierlich und ſchweigend die Haͤupt⸗ linge um ihn verſammelten. Tecumſeh bewegte ſich nicht. Langſam oͤffneten ſich die Reihen, und der Pro⸗ phet, einen Guͤrtel vor ſich tragend, näherte ſich dem Haͤuptlinge. Den Wampum in die Hoͤhe hebend riß er ihn von einander und warf die Stuͤcken von ſich. Die Augen des wilden Kriegers ſchienen Blitze zu ſpruͤhen als dies Zeichen des Propheten den Bruch des —— Vertrags, das Trennen der vereinigten Staͤmme, an⸗ deutete. „Sie ſollen ſterben,“ rief er heftig aus,„berufe die Haͤuptlinge die von dem Feuerwaſſer der bleichen Geſich⸗ ter getrunken haben, und laß ſie tödten; der Geiſt des rothen Mannes iſt in ihnen geſtorben, laß ſie folgen.“ Boten wurden jetzt an alle abtruͤnnige Stämme geſandt, bei einer Berathung am Tippecanoe zu erſchei⸗ nen, um dort Rechenſchaft zu geben, warum ſie das Buͤndniß gebrochen haͤtten, das ihnen den Verkauf der indianiſchen Laͤnder an die Weißen verbot. Wie groß aber auch das innerliche Leiden Tecum⸗ ſeh's uͤber das Durchkreuzen ſeines ſchoͤnſten Planes, der Einigkeit und dadurch der Sicherheit ſeines Volkes ſein mochte, ſo verrieth er doch durch keine Bewegung den Schmerz der ihn durchzuckte. Seine Geſichtszuͤge nahmen wieder den ruhigen, et⸗ was truͤbſinnigen Ausdruck an, den tiefes Nachdenken faſt ſtets hervorbringt, eine ruhige, liebenswuͤrdige Schwermuth, die aus der Gegenwart weit, weit in die dunkele Zukunft zu blicken ſcheint. Als daher Tecumſeh ſchweigend ſeinem Stamm Der Indianer⸗Häuptling. I. 3 —— voranſchritt, mochten jene umſonſt nach einem ihrer eigenen Wildheit und Wuth entſprechenden Ausdruck in ſeinem Antlitz ſuchen. Sein ſtilles, feſtes Benehmen ſchuchterte ſie ein, und vertrauend folgten ſie dem ern⸗ ſten Fuͤhrer. — 8 8 Der weiße Mann kam einſam aus Dem Schatten jenes dunklen Walds. Seba Smith. As der, fuͤr das Zuſammenkommen der Rathsverſamm⸗ lung beſtimmte Tag erſchien, ſah man, anſtatt des Her⸗ beiſtrömens dunkeler Häuptlinge und der weißen Maͤn⸗ ner der Staͤmme nur einen jungen Mann, der langſam von der Prairie hereinritt, in die einfache Tracht des Weſtens gekleidet, die in wenig mehr als einem Jagd⸗ hemd, einer niederen Mutze mit einer ſchwarzen Feder geſchmuͤckt und einem Guͤrtel, Meſſer, Piſtolen und Pulverhorn enthaltend, beſtand. Heinrich Mansfeld war in Vincennes geboren, wo ſein Vater das erſte Blockhaus aufgerichtet hatte. Der alte Mansfeld, an geſellſchaftliches Leben gewoͤhnt und der Jagd wie einem abenteuerlichen Treiben leidenſchaft⸗ lich ergeben, hatte ſich viel unter die Indianer gemiſcht, ſtets bereit ihrem Mangel abzuhelfen, und oft die Be⸗ ſchwerden ihrer langen Jagdzuge theilend. S 16 einziger Sohn, fuͤhrte dadurch ein halbwildes Leben, oft wochenlang mit den Eingeborenen den wilden Baͤr ja⸗ gend, oder das leichte Canoe durch den reißenden Strom ſteuernd, oder auch ſich mit ihnen im Laufen, Sprin⸗ gen und Bogenſchießen ubend, um dann wieder zu der Huͤtte ſeines Vaters zuruckzukehren, und mit deſto groͤ⸗ ßerem Eifer die Schaͤtze der kleinen Bibliothek zu durch⸗ ſuchen und die wohlthaͤtigen Bequemlichkeiten des haͤus⸗ lichen Lebens zu genießen, die er in den Wäldern entbeh⸗ ren mußte. Er war ein Liebling der jungen Leute un⸗ ter den verſchiedenen Staͤmmen, und keinen Beſſern haͤtte General Harriſon als Geſandten an die Bruͤder am Tippecanoe waͤhlen können. Tecumſeh ſelber fuͤhrte ſeinen jungen Freund in die Stadt, und die vorzuglichſten Krieger zuſammenrufend, horchte er der„Botſchaft“ des weißen Vaters. General Harriſon lud den Propheten und Tecum⸗ ſeh ein, ihn zu Vincennes zu treffen, dort ihre Rechte auf das Land, welches die abtruͤnnigen Indianer in der Verſammlung zu Fort Wayne verkauft hatten, zu be⸗ weiſen, und verlangte ferner, daß jene Haͤuptlinge, die den Handel abgeſchloſſen, nicht angegriffen werden moch⸗ ten, bis der weiße Vater und Tecumſeh ſich zuſammen berathen haben wuͤrden; dann war es noch der Wille des Generals, daß nicht mehr als 40 Krieger die Bruͤder nach Vincennes begleiten ſollten und zum Schluß, daß die Moͤrder der Durandſchen Familie, die ſchon vor langen Jahren von den Indianern uͤberfallen und erſchlagen worden waren, dem Gerichte der Weißen uͤbergeben wer⸗ den ſollten. Ungeduldig warf Tecumſeh den Kopf zuruͤck.„Der weiße Vater iſt ein großer Haͤuptling— ſo ſpricht Tecum⸗ ſeh. Das verkaufte Land, an den Ufern des Wabaſh iſt nicht das Eigenthum jener Staͤmme die es verhandelten, ſondern jeder Indianer hat ein Recht daran. Ein ein⸗ zelner Stamm kann kein Land verkaufen, ohne die Zu⸗ ſtimmung Aller. Ich werde den General am Bera⸗ thungsfeuer treffen. Ich wuͤnſche nicht den Krieg. Die Nägel des rothen Mannes ſind tief in das Fleiſch ge⸗ wachſen, man kann mit ihm umgehen wie mit dem Jun⸗ gen des Panthers, wenn es zwiſchen unſern Kindern ſpielt. Manche Sonne ſank, ſeit die Familie Durands erſchlagen wurde, die Mörder ſind nicht unter uns; ſie gehoͤren zu dem„Krummen Pfad— Winn⸗Mac. Wir werden uns am Berathungsfeuer ſehn.“ Tiefe Kehllaute des Unwillens entfuhren einem der —— juͤngeren Leute des Raths; Maycerah ſprang von ſeinem Sitz. „Waͤhrend wir die Pfeife rauchen am Rathsfeuer des weißen Mannes, werden die Haͤuptlinge ſagen: es iſt keine Vereinigung zwiſchen den Staͤmmen, ſie iſt ge⸗ brochen, und wir wagen nicht es zu raͤchen.“ Wir ſind der Ruhe muͤde— zeig' uns den Rauch ihrer Huͤtten, daß wir die Feuer mit ihrem eigenen Blute daͤmpfen moͤgen.“ Tauſend Tomahawks glaͤnzten im Licht und der Kriegsſchrei ſcholl von jeder Lippe. Tecumſeh ſtand un⸗ bewegt bis ſich die Unruhe gelegt. „Haͤuptlinge, ſie ſind unſere Bruͤder. Der große Geiſt hat ſeinen rothen Kindern allen dieſelben Zuͤge ge⸗ geben. Ich bin dort geweſen, wo unſere Bruͤder den Baͤr auf dem Eis der großen Seeen, den Buͤffel an den Bergen der untergehenden Sonne jagen, und den Alliga⸗ tor herausziehen aus den warmen Waſſern des Suͤdens. Der rothe Mann iſt uͤberall derſelbe. Der große Geiſt gab ihm die Farbe des Landes das er bewohnt, es iſt un⸗ ſer. Die bleichen Geſichter ſollen es uns nicht entrei⸗ ßen. Wir wollen es ihrem großen Haͤuptling ſa zeh und er wird es zuruͤckgeben. Der große Geiſt zuͤrnt un — 3 daß wir einander toͤdten— Haͤuptlinge, hoͤrt mich. Der rothe Fuchs wanderte ſuͤdlich, und ein mildes Klima und Ueberfluß an Wild findend, kehrte er nicht zu ſeinen al⸗ ten Jagdgruͤnden zuruͤck. Nach manchen Sonnen ver⸗ mehrten ſich die Fuͤchſe, daß ſie einander oft, beim Ver⸗ folgen des Wildes, begegneten, und da der rothe Fuchs ſehr geſchickt geworden war, machten ſie ein Buͤndniß, zu⸗ ſammen vereinigt die Wölfe zuruͤckzuweiſen, die alle Tage kuhner und gefaͤhrlicher wurden. Endlich wurde entdeckt, daß die grauen Fuͤchſe ihr Wild verkauften, um in Beſitz eines beſonders guten Fleiſches zu kommen, das nur der Wolf verſchaffen konnte. Die rothen Fuͤchſe dachten auf Rache. Eine große Schlacht fand Statt. Die Wäl⸗ der waren voll von erſchlagenen Fuͤchſen; der Geruch lockte ihre Feinde, die Woͤlfe heran, und diefe fielen uber ſie her, Alle vernichtend— ſie nahmen ſich keine Zeit, nachzuſehen, ob ſie roth oder grau ſeien, es waren Alle Fuͤchſe. Sie vermochten nicht mehr ſich zu vertheidigen. Seit jener Zeit ſind die Fuͤchſe geringer an Zahl und Macht geweſen als die Woͤlfe, aber es lehrte ſie jene Liſt, die ſie ſtets ausgezeichnet hat.“ Ein Laͤcheln erhellte die dunkelen Zuge der Haͤupt⸗ linge, als Jeder die Anwendung machte, und langſam zog ſich Tecumſeh zuruͤck. Die ſchlanke Figur des Propheten trat an ſeiner — Statt auf. In einer Hand trug er ein rohes, irdenes Gefaͤß, durch deſſen Poren einzelne große Tropfen Waſ⸗ ſer ſickerten und in ſchweren Perlen unten dran hingen, kuhl und einladend in der heißen Luft erſcheinend, in der andern hielt er zwei trockene Stuͤcken Holz. Ein langer Ueberwurf von Hirſchfellen mit zahllo⸗ ſen Zeichen verziert, fiel bis auf den Boden und wurde in der Mitte durch den Wampum⸗Guͤrtel zuſammenge⸗ halten. Hirſchhufe hingen zuſammengereiht von ſeinen Nacken herunter, und die Klappern der Maſſaſauga, an den Aermeln ſeines Gewandes befeſtigt, tönten bei jeder Bewegung. Ein ungeheures Fell deſſelben Thieres, mit großer Kunſt ausgeſtopft, die geſpaltene Zunge noch vor⸗ ſtreckend und den warnenden Schwanz mit 16 Klappern hoch emporhaltend, war uͤber die eine ſeiner Schultern ge⸗ worfen, an der anderen hingen Bogen und Pfeile. Langſam in der Verſammlung herumgehend, ſprach er in einförmigem Geſange:„Ein Gift wohnte in den Adern des rothen Mannes, aber es verlaßt ſie; es unter⸗ grub die Staͤrke unſerer Krieger, aber ihre Kraft ſoll zuruͤckkehren. Kinder verſchwanden von unſeren Schwel⸗ len und alte Leute von dem Berathungsfeuer, ſie ſollen wieder ſßielen wie fruͤher, und die mit Schnee bedeckten Köpfe die Berathungspfeife rauchen.“ — 2 Das Leſis mit Waſſer emporhebend, goß er es aus. „Dieß war der Trank unſerer Vorfahren; es S von den Bergen⸗ d Hand des großen Geiſtes goß es aus, es machte ſie ſtark, es war keine gluͤhende Viper die da kam ihr Gehirn zu ſtehlen.“ Mit ungeheuerer Schnelle die trockenen Stoͤcke Holz zuſammenreibend, erzeugte er einen leichten Rauch, und bald brach die helle Flamme vor, dann ſich niederbeugend loderte in kurzer Zeit ein Feuer aus den duͤrren Blaͤt⸗ tern zu ſeinen Fuͤßen empor. „So zuͤndeten unſere Vaͤter die Feuer ihrer Huͤtten an, Feuergewehre, Feuerſtein und Stahl wie das Feuer⸗ waſſer waren ihnen unbekannt, und ſo erlegten ſie das Wild, deſſen ſie bedurften.“ Er nahm den Bogen von ſeiner Schulter, und ein Adler ruhig uͤber ihm den fernen Bergen zu fliegend, zuckte zuſammen, ſchlug ſeine ſchweren Fluͤgel und fiel zu Boden. Ein Schrei der Bewunderung entfuhr der Verſammlung. „Laßt uns wie unſere Vaͤter leben und ihre Staͤrke wird zu uns zuruͤckkehren.“ Elikswata ſtand, als der Pfeil abgeflogen war, auf⸗ recht mit erhobenem Bogen, den Kopf ſtolz zuruͤckgewor⸗ fen und mit ſeinen dunkelen Augen die Gruppe vor ihm — 28— überſchend, da, die ausgeſtopfte Klapperſchlange war von ſeiner Schulter gefallen, und lag, einer lebenden gleich, zu ſeinen Fuͤßen. Ohne ſeine Stellung zu verändern, fuhr er in tieferem Tone, die Zähne zuſammenbeißend ſeine innere Bewegung zu unterdruͤcken, fort:—„Unſere Väter waren ſtarke Maͤnner, wie die Klapperſchlange warnten ſie, aber ihr Schlag war tödtlich.“ Sein Arm ſank, und langſam fortſchreitend ſang er in derſelben leiſen Weiſe:„Der ſtarke Arm ſoll zuruͤck⸗ kehren, und der Rauch unſerer Huͤtten ſoll aus jedem Thale zum großen Geiſt emporſteigen.“ Die Haͤuptlinge erhoben ſich und die Haͤnde der meiſten ruhten auf ihren Tomahawks, waͤhrend ihre Au⸗ gen blitzten, wie Maͤnner, die, einen großen Zweck im Auge haltend, mit Kraft und Vertrauen den zu uͤber⸗ windenden Schwierigkeiten entgegengehen. Als ſich Heinrich Mansfeld von der Berathung der Haͤuptlinge zuruckzog, lagen ſchon die langen Schatten auf der Ebene, und die Sonne, die weſtliche Seite der Baͤume vergoldend, fiel auf den vorbeiplätſchernden Fluß, ihn mit Myriaden Perlen und Diamanten ſchmuͤckend. Die alten Leute hatten ſich vor die Thuͤren ihrer Huͤtten geſetzt um zu rauchen, waͤhrend ſich die junge Bevoͤlkerung zu allerlei Spielen und Uebungen in einzel⸗ nen Gruppen verſammelte, und die Kinder theils ihre Geſchicklichkeit mit dem Bogen, theils ihre Staͤrke im Wurfſpießſchleudern, an vorgeſteckten Zielen verfuchten. Hier und da mochte auch wohl der aufmerkſame Beobach⸗ ter einen der jungen Leute beſchäftigt finden, das leichte und ſchnelle Canoe aus Birkenrinde zu verfertigen oder den befiederten Pfeil mit der ſtarken Stahlſpitze zu ver⸗ ſehen, die zur damaligen Zeit einen bedeutenden Handels⸗ zweig mit den Indianern ausmachten, waͤhrend die Frauen Mais, Bohnen und andere leicht zu ziehende Fruͤchte fuͤr den Winter in Sicherheit brachten, oder Fiſche auf flachen Steinen ausbreiteten, ſie in der Sonne zu trocknen. Obgleich die wollenen Decken und manche andere, durch die Weißen eingefuͤhrte Gegenſtaͤnde bei Seite ge⸗ worfen waren, und die Mehrzahl der Maͤnner ſich wieder in die Urtracht des Stammes kleideten, ſo behielten doch die Frauen noch manche kleine Gegenſtände, als Ringe fur Haͤnde und Arme, eine große Anzahl gefärbter Glas⸗ perlen, bei, und haͤufig ſah man duͤnne Platten Silber oft von der Groͤße einer Untertaſſe, und mit rohen Gra⸗ virungen eines wilden Thieres, ſei es nun Baͤr, Biber oder Klapperſchlange, verſehn, auf ihrer Bruſt haͤngen. Mansfeld hatte ſich vorgenommen, den Marſch Te⸗ cumſeh's und der Seinigen abzuwarten, und ſchlenderte langſam an den Hütten hinunter, bald alte Bekannt⸗ — ſchaften erneuernd, bald den Spielen und Uebungen der jungen Leute zuſehend, dabei ſehr wohl zufrieden, daß er die Unterhaltung des ſtolzen Tecumſeh, mit der weit ge⸗ falligeren ſeines juͤngern Bruders Kumſhaka vertauſchen konnte. Einem der vielen aͤußerſt ſchmalen Fußwege folgend, die uͤberall ſchlaͤngelnd den gruͤnen Boden durchkreuzten, gelangte er bald mit ſeinem Gefaͤhrten an das Ufer des Fluſſes, gerade als die untergehende Sonne noch einmal mit ihren letzten Strahlen den Gipfel einer ungeheueren Fichte vergoldete, deren Nadeln wie Myriaden Pfeilſpi⸗ tzen im leiſen Abendwind zitterten, dann, als das Licht ſank, ihren natuͤrlichen ſanften, gruͤnen Schein annah⸗ men und bald darauf mit dem dunkelen Schatten der Walder bedeckt waren. Kaum hatten die beiden Maͤnner ihren Sitz auf einer hervorſtehenden Landzunge eingenommen, als Kum⸗ ſhaka aufſprang und ſcharf den Fluß hinunterſah; Mans⸗ feld folgte ſeinen Blicken, konnte jedoch nichts erkennen; endlich wurde ein leiſes Plaͤtſchern des Waſſers hörbar, ob von dem Schlage eines Ruders oder dem Fluͤgel einer wilden Ente konnte, er nicht unterſcheiden; die Toͤne naͤ⸗ herten ſich und der abgemeſſene Schlag des Ruders ſchallte klar uͤber das Waſſer; jetzt um eine Biegung im Fluſſe gleitend, wurde auch das Fahrzeug ſichtbar, ein — leichtes Canoe von Birkenrinde, von einer einzigen Hand gefuͤhrt.— Mit Erſtaunen ſprang der junge Mann empor, als er in dem einſamen Ruderer ein junges Maͤdchen von ausnehmender Schoͤnheit entdeckte, ihre ſchlanke Ge⸗ ſtalt ein wenig vorgebeugt, als ſie mit leichtem Schlage die zierliche Barke uͤber den glatten Waſſerſpiegel fliegen ließ. 3 Wie in tiefem Nachdenken waren ihre Lippen leiſe geoͤffnet, und ihre dunklen klaren Augen ſchauten ſinnend den hohen, weißen Wolken nach, die langfam uͤber ihr dahin ſegelten. Es iſt das„ſchwankende Rohr!“ lispelte Kumſhaka. Wenige Ruderſchlaͤge mehr, brachten die leichte Barke unter den dunklen Schatten eines Baumes, faſt zu den Fuͤßen der jungen Leute. Kumſhaka ſprang an ihre Seite, und zog das Canoe aus dem Waſſer auf die gruͤne Bank. Ein freundliches, doch ſtolzes Laͤcheln er⸗ heiterte fuͤr einen Augenblick das Antlitz des Mädchens, das ſich jedoch in tiefes Erroͤthen verwandelte, als ſie ſei⸗ nen Begleiter bemerkte. Einen Augenblick fiel ihr Auge voll auf ihn, und dann, vorbeiſchreitend, zogen ihre zar⸗ ten Finger unwillkuͤrlich das Gewand uͤber ihren Buſen zuſammen. Ihr Anzug war eine Miſchung des Wilden mit einem reichen Anflug civiliſirter Eleganz. Er war aus weichgegerbten Hirſchfellen ſo kuͤnſtlich zuſammen⸗ geſetzt, daß das Ganze aus einem Stuͤck zu beſtehen ſchien, und dem ſchoͤnſten Sammet aͤhnlich war. Der Ueberwurf ging nur wet uͤber das Knie hinunter, und war unten mit einem, in reichen Farben prangenden Beſatz, aus den Borſten des Stachelſchweins beſtehend, verziert. In der Mitte wurde es durch einen eben ſol⸗ chen Guͤrtel zufammengehalten, waͤhrend ein gleicher Be⸗ ſatz vom Guͤrtel aus, auf jede Schulter vorn hinauflief⸗ von dort aus einen breiten Streifen den Arm hinunter bis zum Ellbogen bildend, wo er ſich in Verzierungen von weißen Muſcheln verlor; auf dieſe Art blieb der Na⸗ cken und die Schultern ganz frei, und nur theilweis war der Buſen verdeckt. Ihr Haar war zuruͤckgekaͤmmt, und fiel in langen Flechten herunter, ein kleiner Kranz, von den hochrothen Roſen der Widniß geflochten, umggb wie ein Rubinen⸗Diadem. Sie war ein wenig uͤber gewöhnliche Groͤße, zart und doch ſo vollkommen gebaut um nichts zu wuͤnſchen uͤbrig zu laſſen, und eine Freiheit und Grazie war in ihrem Schritt, die den jungen Mansfeld faſt glauben machte, daß ſie nicht den Boden beruͤhre. Wie von einem inneren Drange getrieben, wollte er ihr folgen, als er die Hand des jungen Haͤuptlings auf ſeinem Arme fuͤhlte. — „Das ſchwankende Rohr iſt ein ſtolzes Maͤdchen und weiſe genug fuͤr die Berathungsfeuer unſeres Volkes.“ „Iſt es möglich, daß ſie zu den Stämmen gehoͤrt? ich glaubte, ſie waͤre ein weißes Maͤdchen, aus den Anſiedlungen, die vielleicht zum Scherz die indianiſche Tracht angezogen habe.“ „Ein weißes Maͤdchen?“ hohnlachte der Haͤupt⸗ ling!„ein weißes Maͤdchen? mit einem Schritt wie der junge Hirſch, in Ruhe oder Flucht, einem Auge, das den Adler aus den Wolken bringt, und einer Hand, die das Canoe uͤber die reißenden Faͤlle, zum wahren Rande des Abgrunds, fuͤhrt!“ „Sicher, ſicher, ſie kann keine Indianerin ſein, dieſe zarten Zuge;— und wo der Wind ihr Haar von der Stirne hob, war es ſo rein und weiß wie— wie—“ in ſeinem Eifer fiel ihm kein Vergleich ein und Kum⸗ ſhaka laͤchelte. „Sie iſt ſchoͤn,“ fuhr der Indianer fort,„denn ſie hat in der Freiheit der Waͤlder und Berge gelebt, die Fruͤhlingsblume hat auf ihrer Wange geſchlafen, und die rothe Waldbeere an ihren Lippen gelegen. Die braune Nuß hat ihr Haar gefaͤrbt und der dunkele Himmel liegt Der Indianer⸗Häuptting. 1. 3 in ihren Augen; der Wind, der die jungen Birken ſchau⸗ kelt, hat ihr ſeine Bewegung geliehn, und die Lilie des ſtillen Seees fand ihre Heimath auf ihrem Buſen; aber der große Geiſt hat ihr ein ſtolzes Herz gegeben, und Weisheit, ſich in die Rathsverſammlungen der alten Maͤnner zu miſchen.“ Mansfeld unterbrach ihn nicht, denn er erkannte die Wahrheit des Geſagten, und obgleich er ſich feſt vor⸗ nahm dem Geheimniſſe dieſer wunderbaren Erſcheinung nachzuforſchen, war er doch ſelber zu viel Indianer, um nicht zu wiſſen, daß er, indem er Neugierde zeigte, nur Alles verdarb. Er warf ſich auf ſein Lager von Fellen, und ſchlief ſanft bis zum naͤchſten Morgen, ermuͤdet von den An⸗ ſtrengungen des verfloſſenen Tages, daß ſelbſt das liebe Bild des„ſchwankenden Rohrs“ nicht den Schlum⸗ mer⸗Gott von ſeinen Augenlidern ſcheuchen konnte. Als der Jager den Platz floh, der vor manchem Jahr Die Heimath der Väter, ihr Grab jetzt war, Und ſchaute wie dann von des Weißen Hand Ein ſtattlicher Baum nach dem andern verſchwand, Da faßte ein grimmiger Schmerz ihn wohl an, Zum Herz fuhr die Hand, und zum Meſſer dann. Kumſhaka und ſeinen Begleiter am ufer des Fluſ⸗ ſes laſſend, wanderte das„ſchwankende Rohr“ zum Zelte des Propheten, wo Tecumſeh und einige der aͤlteren Haͤupt⸗ linge verſammelt waren. An der Schwelle ſtehen blei⸗ bend uͤberſah ſie ruhig die Verſammlung und ſagte mit leiſer, doch deutlicher Stimme: „Die Haͤuptlinge haben es einem Madchen uͤber⸗ laſſen, die Anſchläge ihrer Feinde auszuſpuren. Winne⸗ mac iſt zu klug, in einer Falle gefangen zu werden, oder die Spur nach ſeinem Lager zu verrathen. Sie verfolgte ihren Weg, die Andern zurucklaſſend, ihre Meinung ſo gut als ſie konnten zu verſtehen.“ Unmoöglich waͤr' es, auszudruͤcken, welch' dunkele Er⸗ innerungen die Erſcheinung von Heinrich Mansfeld in ihrer Bruſt erweckte. Als ſie den Wigwam ihrer india⸗ niſchen Mutter Minarie erreichte, antwortete ſie kaum * ich lieben moͤchte. Ich will den klagenden Lauten des „ dem freundlichen Willkommen der alten Frau, ſondern warf ſich auf die Haute, ihr Geſicht in ihren Haͤnden verbergend⸗ 3 Minarie verſuchte ſie zu troͤſten, nannte ſie bei den zartlichſten Namen, deren ihre Sprache fähig war, und fragte, ſich liebevoll uͤber ſie beugend, das holde Maͤdchen in den ſanften Gaumenlauten ihres Stammes:„Sage mir, welcher Schatten auf das Haupt des ſchwankenden Rohres gefallen iſt, und ich will ihn hinwegſcheuchen.“ „Nenne mich Margareth, theuere Minarie,“ bat das weinende Maͤdchen. Minarie ſank auf die Haͤute neben ſie und Thraͤ⸗ nen fuͤllten ihre Augen. „Margareth iſt ihrer indianiſchen Mutter muͤde, ſie verlangt bei ihrem eigenen Volke zu ſein.“ „Nein, nein Mutter, aber ein Gewicht iſt auf mei⸗ ner Bruſt, und die Schatten mancher Jahre draͤngen ſich auf mich zuruͤck.“ Sie hob ſich empor und liebkoſ'te ein weißes Hirſch⸗ kalb, das ſich ſchmeichelnd an ſie draͤngte. „Ich liebe Dich, Minarie, Du biſt mir eine Mut⸗ ter geweſen. Ich habe Niemand unter den Weißen den Nachtvogels lauſchen, und mein Herz wird wieder leicht werden.“ Sie warf eine Schnur des Wampum uͤber den Nacken ihres zahmen Lieblings und verſchwand in dem dichten Buſchwerk, das den Fluß umgab. Die Huͤtte Minaries hatte Manches, das ſie vor den Huͤtten der uͤbrigen Indianer auszeichnete; ſie ſtand faſt unmittelbar am Rande des Fluſſes, und wilde Schlingpflanzen, von Margareth gehegt und geleitet, hat⸗ ten das Ganze mit einer gruͤnen Wand umgeben, ſo daß ſie faſt nicht von dem ſie umgebenden Dickicht zu unter⸗ ſcheiden war; die wilden Blumen des Waldes, die Beide dort gepflanzt und gepflegt hatten, gaben dem Ganzen wieder einen milderen Anſtrich, und nur wenige Schritte davon hatte Minarie ihrem Pflegekinde geholfen, durch das Zuruͤckbiegen und Befeſtigen mancher Winden und wilden Weinreben eine dichte Laube in Stand zu ſetzen, in der weiche Sitze von Moos zur Ruhe einluden. Auch das Innere der Huͤtte zeigte einen Geſchmack und Sinn fuͤr Behaglichkeit, den einzig und allein die dunkelen Erinnerungen Margareths an vergangene Zei⸗ ten hervorrufen konnten. Minarie ſelbſt breitete wohl noch ihre Felle auf der Erde aus, und ſaß auf denſelben, wie die Tuͤrken auf —— ihrer Ottomane; doch Margareths Bett war von Wei⸗ den geflochten, ungefaͤhr einen Fuß vom Boden, und mit Fellen von ſchneeiger Weiße bedeckt. Niedere Sitze von derſelben Arbeit nahmen eine Seite der Huͤtte ein, waͤhrend Bogen und Pfeile, leichte Ruder, Wampum⸗ Streifen, geſtickte Gurtel, Moccaſins und rohe Zierra⸗ then an den Waͤnden hingen. Ein ſchweres Buͤffelfell bedeckte den Eingang bei Nacht, war jedoch bei Tage an einer Seite aufgehoben und befeſtigt. In ihrer kleinen Laube, in ſtiller Einſamkeit, warf ſich Margareth auf das weiche Moos, ſich da recht herz⸗ lich auszuweinen, wo ſie Keiner beobachten, Keiner ver⸗ ſuchen konnte, ſie mit ſchalen Troſtgrunden zu beſchwich⸗ tigen, die nur zu oft, als die wahren Quellen des Schmerzes, die Wunde weiter und bösartiger aufreißen. Sie ſtutzte den Kopf auf ihre Hand und ſchluchzte laut. Der Anblick Eines aus ihrem eigenen Volke hatte wieder alle die ſchlummernden Echos vergangener Jahre erweckt, und brachte die Stimmen der Todten, und lang⸗ begrabene Erinnerungen an ihre froͤhliche Jugendzeit zuruͤck. Ein neues Gefuhl von Einſamkeit druͤckte ſie ſchwer darnieder, und bittere Gedanken kamen uͤber ſie, als ob — ſie aufs Neue, der Liebe und Sorgfalt ihres eigenen Vol⸗ kes entriſſen und dem wilden und fremden Schickſal eines anderen zugeworfen waͤre. Ihr Herz ſehnte ſich nach der freundlichen Stimme der haͤuslichen Toͤne fruͤherer Tage, nach den heiligen Gebraͤuchen ihrer Religion und den Ver⸗ feinerungen und der Ruhe eines civiliſirten Lebens. O wie gern waͤre ſie in dem Augenblicke in die Arme einer liebenden Mutter zuruͤckgeflogen, an ihrem Herzen den Gram und die unſaͤglichen Leiden der langen, langen Trennung auszuweinen. Mlötzlich wurden die dichten Behaͤnge der Reben aufgehoben, und Tecumſeh trat in die Laube. Marga⸗ reth erhob ihr Haupt und ſtand lautlos auf. „Der Nachtthau hat das ſchwankende Rohr zur Erde gebogen, kann Tecumſeh ihn hinwegwiſchen?“ und die Stimme des Haͤuptlings klang leiſe und wohllautend, als er ſeine Stirn uͤber das wunderliebliche Maͤdchen beugte. „Nenne mich Margareth— Haͤuptling, nenne mich bei dem Namen meiner Kindheit,“ und das arme Maͤd⸗ chen ſah bittend und mit einem Ausdruck unendlichen Jammers auf zu dem Antlitz des Kriegers. Ein ſchmerzliches Zucken durchfuhr die Geſichtszuge des Indianers, und er fuͤhrte ſie auf den niederen Sitz, ſich ſelber auf das Moos zu ihren Fuͤßen werfend. „Die Bluͤthe verlangt zuruͤck zu dem Boden der ſie hervorbrachte, nach ihrem eigenen Volke, nach dem lang erſehnten Thau und Sonnenſchein eines anderen Him⸗ mels. Der Wunſch des Maͤdchens iſt Geſetz fuͤr Tecum⸗ ſeh. Sie ſoll zu ihrem Stamm zuruͤckkehren.“ Matgarethens Häͤnde waren feſt zuſammengepreßt, ſie ſtarrte wie der Gegenwart des Haͤuptlings unbewußt vor ſich nieder, und murmelte leiſe:„Ich ſehe ein Haus in dem tiefen Walde, mit Reben und Bluͤthen; ich ſehe einen ernſten Mann beten, beten zu dem wahren Gott, den ich vergeſſen habe, oder unter dem Namen des gro⸗ ßen Geiſtes anbete. Da iſt eine Schweſter mit ihrer ſuͤßen Stimme und ihren ſanften Zuͤgen, ſie druͤckt mich an ihre Bruſt und die Schatten der Nacht lagern uͤber uns. Eine blaſſe, liebe Geſtalt biegt ſich mit einem weh⸗ muͤthigen Laͤcheln hernieder zu uns, und ſie nennt mich „Kind“. Traͤume, lange, lange Traͤume von Sonnen⸗ ſchein, von Frieden und Liebe umſchweben mich; dort iſt ein Bach, wo die munteren Fiſche im Sonnenlicht ſpiel⸗ ten, die Bruͤcke die mir meine Schweſter bauen half, der Rand des gruͤnen Gehölzes, wo der Fuchs herauskam zu — 43— bellen, das Feld, wo wir die reifen Beeren ſammelten— Horch—“ und ſie ſprang wild von ihrem Sitz in der Lebhaftigkeit des Bildes das ihre eigene Phantaſie hervor⸗ gerufen hatte,—„horch— ich hore Geſchrei und Hilfe⸗ ruf— das ſchwache Weib iſt mit ihrem eigenen Blute bedeckt, und die entſetzten Blicke des Kindes begegnen den meinigen als es in der Luft ſchwingt, gegen den Baum geſchmettert zu werden. Der ernſte Mann zurkt in ſei⸗ nem Blute und ich bin machtlos.“— Sie ſank zuruͤck, blaß, entkraͤftet und zitternd, und der Haͤuptling betrach⸗ tete ſie mit der Beklommenheit die wir empfinden, wenn wir Jemand ploͤtzlich ſeiner Vernunft beraubt ſehen, und faſt gezwungen werden zu glauben, daß ſeine Sprache Begeiſterung, und die Eingebung eines Gottes ſelber ſei. Sie fand Erleichterung in einem Strom von Thraͤnen, und der Haͤuptling mit natuͤrlichem Zartgefuͤhl, unter⸗ brach ſie nicht. Nach einer Weile, als ſie ſich etwas geſammelt hatte, fuhr ſie fort: „Das Neſt des Vogels war zerſtoͤrt, aber er ſuchte Schutz an der Bruſt Tecumſehs.“ Einen Augenblick er⸗ hellte ein wehmuͤthiges Lächeln die Zuͤge des Mädchens, aber es machte bald einem ſchnellen Ausdruck von Schmerz Platz, als ſchreckliche Erinnerungen ihr das Blut zum Herzen zuruͤcktrieben, und ſie hauchte ſeufzend:„ein dank⸗ loſes Geſchenk, Tecumſeh, Leben, nur ein Leben, das wir mit dem Gewuͤrm, das unſer Fuß zertritt, gleich genie⸗ ßen. Ein armes Geſchenk, ein Daſein von Einſamkeit und Elend.“ Der Haͤuptling ſprang empor, und ein Tomahawt glaͤnzte im Mondeslicht; Margareth ohne Leben und Be⸗ wegung lag zu ſeinen Fuͤßen. Er warf den Tomahawk fort und hob ſie ſanft in ſeine Arme, während er die dichten Schlingpflanzen zu⸗. ruͤckdraͤngte, bis der Nachtwind wieder die Farbe auf ihre Lippen zuruͤckbrachte.„Margareth? iſt das Leben werth⸗ los? ich ſcherzte blos mit Dir!“ und dann mit innigerer Stimme, wie Einer, deſſen heiligſte Empfindungen an⸗ geregt waren, ſprach er leiſe: „Maͤdchen, ich will Dich Deinem Volke zuruͤckge⸗ ben, ich will Dich denen zuruͤckgeben, die Dir mit hohlen Herzen ſchmeicheln; wo Freundlichkeit nur wie auf die Erde gegoſſenes Waſſer ſein wird, und wo der arme In⸗ dianer nur als ein Thier der Waͤlder geachtet iſt, um ge⸗ jagt und vernichtet zu werden, wie ſie. Geh— geh— es wird nur einen Lichtſtrahl aus den Augen Tecumſehs nehmen.“ 3 — 45— Margareth beugte ihr Haupt wie den Toͤnen einer lieblichen Muſik lauſchend, waͤhrend ihre Haͤnde gefaltet waren, und Thraͤnen an ihren Wimpern zitternd. Die wilden Erinnerungen fruͤherer Tage zuruͤck⸗ draͤngend, erwiderte ſie feierlich:„Nein, Tecumſeh, das ſchwankende Rohr wird nie zu ſeinem Volke zuruͤckkehren; Keiner iſt uͤbrig geblieben der es liebt; ich wollte, dieſer Fremde waͤre nicht zu uns gekommen, er brachte Erinne⸗ rungen zuruͤck, die ich gern vergeſſen haͤtte; es iſt jetzt vorbei, und ich bin wieder Eine des Stammes der In⸗ dianer; das Unrecht das ihnen geſchieht, iſt das meinige, ich will mit ihnen leiden, will mit ihnen ſterben.“ Der Haͤuptling neigte ſich bewundernd.„Die Zunge des ſchwankenden Rohres iſt wie der Geſang des Vogels, es lebt im Ohr, wenn der Flang von den Lip⸗ pen iſt. Tecumſeh hat geweint uͤber den Gram des ſchwankenden Rohres, und ſeine blaſſe, ſtolze Lieblichkeit unter den dunkelen Maͤdchen ſeines Stammes iſt an ſein Herz gedrungen. Es iſt wie ein junges, von ſeiner Mut⸗ ter verlaſſenes Hirſchkalb, das der rothe Mann geſchutzt und ernaͤhrt hat. Auf langen Maͤrſchen hat er es vor Ermuͤdung bewahrt, und von der Jagd heimkehrend, hat er ſeine Leute vor den Wigwam des ſchwankenden Rohrs gelegt. Es iſt Licht, Schönheit und Freude dem Her⸗ zen Tecumſehis geweſen.“ „Er hat geweint wenn die Trauernde weinte, denn ihre Sorgen ſind die ſeinigen geweſen.— Er kennt die todtliche Rache ſeines Volkes, daß ſie nie ſchlummern wird, aber der weiße Mann faͤrbte zuerſt ſein Geſicht mit Blut. Die Unſchuldigen leiden jetzt mit den Schul⸗ digen, aber es iſt ihre eigne Schuld! Die indianiſche Mutter ruderte ihr Canoe den Fluß hinauf, ihr Juͤngſtes ſchlief an ihrer Bruſt, und die Kinder tauchten ihre Fin⸗ ger uͤber den Rand in den Fluß.“ „Die Buͤchſe des bleichen Mannes iſt ſicher und todtlich; das Kind ſaugte Blut ſtatt der Milch, und der Canoe treibt langſam den Fluß hinunter; der alte Mann und das hilfloſe Mädchen werden ruͤckſichtslos mit wil⸗ der Blutgier gemordet, und Keiner iſt da, der da Ge⸗ rechtigkeit uͤbe. Es iſt keine Hilfe fuͤr den armen In⸗ dianer. Ungerechtigkeit und Mißhandlungen werden uͤber ihn ausgeſchuͤttet, und Keiner iſt da, der ihn ſchuͤtze. Der große Geiſt hat eine ſchwarze Wolke um ſich gezo⸗ gen, die Sterne reden von Krieg und Ungluͤck, die Traͤume unſerer alten Maͤnner ſind voll von Schreck⸗ niſſen.“ „Das Feuerwaſſer der bleichen Geſichter ſtiehlt das Hirn des rothen Mannes, und er verkauft die Huͤtten, wo ſeine Kinder geſpielt haben, die Graͤber ſeiner Vater, die alten Jagdgruͤnde und Berathungsplaͤtze, und die al⸗ ten Huͤgel, die unſern Kindern die Schlachtfelder von Kriegern und die Graͤber großer Haͤuptlinge zeigen ſollten. Es giebt keine Heimath mehr fuͤr den rothen Mann, ſeine Feuer ſind in tauſenden von Thaͤlern verloͤſcht, und die Pflugſchaar des weißen Mannes geht uͤber ſeine Gebeine. Wie der Nebel der ſich uͤber die großen Seeen zieht, ſchwindet er hinweg; Stimmen aus dem Lande der Geiſter rufen ihn; der Nachtwind fuͤhrt den Laut der Krieger herab, wie ſie das Wild in den Jagdgruͤnden des Geiſterlandes verfolgen.— Der heilige Vogel ſitzt bei Nacht auf unſeren Huͤtten, und ſingt von dem Geiſterland.“ „Der Indianer muß von der Erde verſchwinden; er muß wie ein Traum ſein der vergeht, und nur noch in der Erinnerung fortlebt.—“ Es war der Ausdruck eines ſo ſchwermuͤthigen Ern⸗ ſtes in der Rede des Haͤuptlings, daß das Ohr noch den Klang derſelben zu vernehmen glaubte, als er ſchon ſchwieg, und noch mit niedergebeugtem Haupte und getheilten Lippen ſtarr auf die mit Thau bedeckten Blumen ſah die zu ſeinen Fuͤßen im Mondlichte ſchwankten. Margaretha war im Begriff zu antworten, als ein leiſes Raſſeln und eine Bewegung in den Blaͤttern ſie erſchreckte, und entſetzt faßte ſie den Arm des Haͤupt⸗ lings. 16= „Fuͤrchte Dich nicht, Maͤdchen,“ beruhigte ſie der Indianer, als die bunten Farben einer Klapperſchlange im Graſe ſichtbar wurden,„ſie iſt der gute Manitou der Shawnees! ſie warnt den unvorſichtigen, und ſtraft nur, wenn man ſie beleidigt; ſie iſt ein edles Thier, der große Geiſt hat ſie geſandt, Hoffnung dem Herzen Te⸗ cumſeh's einzuflößen, aber ach, der Geiſt des rothen Mannes iſt von ihm gewichen.“ „Das ſchwankende Rohr iſt gut und weiſe; wie der Manitou der Shawnees durchſchauete ſie die Rathsver⸗ ſammlung des„krummen Pfads.“ Winnemac iſt mit dem weißen Haͤuptling in Vincennes. Alle Haͤuptlinge haben das Feuerwaſſer mit ihm getrunken.“ Tecumſeh's Stirn umwolkte ſich.„Sagte ich nicht, der Geiſt des rothen Mannes ſei von ihm gewichen?“ Er ſtand einen Augenblick in Nachdenken verſunken, dann, die Hand Margarethens ergreifend fuͤhrte er ſie aus der Laube, an der Klapperſchlange vorbei, die aufgerollt im Mondſcheine lag, ihre bunten Schuppen wechſelnd und blitzend, ſie bewegte ſich nicht als ſie vorbeigingen, doch konnte Margaretha deutlich die ſonderbar ſchimmernden 4 Augen des Thieres, als es ſie zwar ruhig, doch miß⸗ trauiſch anſah, erkennen. IW. Ein junger Mann, ſo ſchlank wie ich, So maͤnnlich, und ſo kräftiglich, Ein Jäger, tapfer und gewandt, Wie je nur einen Pfeil verſandt. Hoßmann. Der Indianer⸗Häuptling.. 4 — Als Minarie am nachſten Morgen das Buͤffelfell, welches den Eingang bedeckte, aufhob, lag ein, in die duͤnnſte Birkenrinde gewickeltes und mit den Streifen des Wampum umwundenes Buͤndel auf der Schwelle, neben einem Strauß von friſchen Waſſerlilien. Sie brachte es zum Lager Margareths. „Tecumſeh moͤchte das Licht meiner Augen hinweg⸗ nehmen.“ Margareth laͤchelte wehmuͤthig, und ein zartes Roth faͤrbte ihre Wange; ſie oͤffnete das Buͤndel.— Es war ein Ueberwurf von den herrlichſten Federn verfer⸗ tigt, ausgezeichnet kuͤnſtlich und geſchmackvoll zuſammen⸗ gefuͤgt. Sie betrachtete es inwendig, und fand auf das Futter eine kleine Schildkroͤte, und eine Klapperſchlange, auf einem Steine ruhend, gemalt; es war das Zeichen 45 — Kumſhaka's, Tecumſeh's Zeichen wuͤrde daſſelbe gewe⸗ ſen ſein, nur im Momente des Vorſpringens. Minarie ſchien zufrieden mit ihrem Irrthum. „Kumſhaka wird das Canve rudern, und Korn einſam⸗ meln helfen; er wird in ſein er Huͤtte laͤcheln, und mit ſeinen Kindern plaudern. Er iſt ein guter Jäger; viel Hirſchfleiſch wird in ſeinem Wigwam gefunden werden.“ Das Maͤdchen band das Buͤndel wieder zuſammen, ſank auf ihr Lager zuruͤck, und bat Minarie es dem Ge⸗ ber zuruͤck zu erſtatten. Die gute Frau fand ſich unan⸗ genehm getaͤuſcht, aber ſo gewoͤhnt war ſie, dem Willen ihres Pflegekindes Folge zu leiſten, daß ſie auch jetzt faſt mechaniſch gehorchte!— Heinrich Mansfeld war der Erſte, der das Buͤndel, nachdem es die Indianerin dem Haͤuptling zuruͤckgebracht hatte, an dem Eingange von Kumſhaka's Thuͤr be⸗ merkte, und da er mit allen Indianiſchen Gebraͤuchen vertraut war, verſtand er ſogleich die Meinung. „Was? Kumſhaka von dem Maͤdchen zuruͤckgewie⸗ ſen? waͤre das Elikwatawa oder Tecumſeh, ja ich ſelber geweſen, es ſollte mich nicht wundern, aber ich glaubte immer, Kumſhaka waͤre das Idol ſeines Stammes.“ Der junge Krieger, obgleich etwas durch das Nes cken ſeines Gefaͤhrten geaͤrgert, konnte doch der Schmei⸗ chelei die es enthielt, nicht widerſtehen, und ging mit un⸗ tergeſchlagenen Armen vor ſeiner Huͤtte auf und ab, wohlgefaͤllig von Zeit zu Zeit ſeine eigene Geſtalt wie den Schmuck, der ſie zierte, betrachtend. „Nenne mir den Namen der Grauſamen, und nie ſoll ſie ein Band oder eine Perle aus den Haͤnden Hein⸗ rich Mansfelds erhalten; ja ſelbſt das„ſchwankende Rohr“, ſo ſtolz wie ſie ſcheint, koͤnnte nicht einer Gabe wie dieſer, und von ſolchem Geber, widerſtehn!“ „Das ſchwankende Rohr, wie meine zwei Bruͤder, leben in der Groͤße ihrer eigenen Gedanken; Wenige wuͤrden es wagen, Geſchenke zu ihrer Huͤtte zu ſenden. Sie iſt zu ſtolz und zu ſchoͤn fuͤr Liebe.“ Er warf einen Koͤcher mit Pfeilen uͤber die Schul⸗ ter, und verſchwand im Walde.— Es war ein unendlich ſchoͤner Tag; die Sonne, in ihrer ſtrahlenden Majeſtaͤt, gab der ganzen gruͤnen Wild⸗ niß einen unbeſchreiblich ſanften, friedlichen Zauber, eine ſabbathaͤhnliche Stille, indem ſie mit ihren goldenen Strahlen durch das uͤppige gruͤne Laub brach, der flei⸗ ßigen Spinne zuſchauend, die mit merkwuͤrdigem Kunſt⸗ ſteiß Erſtaunen erregende lange Faͤden von Strauch zu Strauch und von Baum zu Baum ſpann. Nur die ſchrillen Toͤne der breitgefluͤgelten Heu⸗ ſchrecke unterbrachen die feierliche Ruhe.— Der buntfarbige Schmetterling wieg te ſich auf den Blumen und Bluͤthen, die in großer Menge and Mannig⸗ faltigkeit den Boden bedeckten, und die fluͤchtige Waſ⸗ ſerjungfer, mit ihren gefleckten, durchſichtigen Flugeln, flog pfeilgeſchwind bald da⸗, bald dorthin uͤber die kleinen naſſen Plaͤtze, die der kuͤrzlich gefallene Regen in niedern Stellen hinterlaſſen hatte. Das kecke graue Eichhoͤrn⸗ chen ſaß auf den Aeſten, den buſchigen Schwanz hoch ausgebreitet, mit anmuthiger Geſchicklichkeit die Nuͤſſe zwiſchen den kleinen Vorderpfoten aufknackend, daß die Schalen raſſelnd in das duͤrre Laub hinunterfielen. Es war einer jener lieblichen Tage, wo die Natur nach allen ihren Anſtrengungen zu ruhen ſcheint und dennoch wirkt und webt in all dem geheimnißvollen Zau⸗ ber ihrer wunderſamen Herrlichkeit. 6 Kumſhaka wanderte weiter, der einzige Mißklang in dieſer Harmonie.— Ohne Zweck den Wald durch⸗ ſtreifend, war der Haͤuptling an eine offene Stelle ge⸗ kommen, und als er ſie eben durcheilen wollte, bemerkte —— er auf einem der untern Aeſte einer ungeheuern Eiche, einen Panther, die Klauen eingezogen und dicht ange⸗ ſchmiegt an den Aſt, den runden Kopf vorne auf die Tatzen gelegt, und die feurigen Augen funkelnd umher⸗ ſchauend. Im Momente, als er den Häuptling erblickte, hob er ſich auf dem Aſt empor, ließ den Kopf jedoch faſt in derſelben Lage, während er mit dem langen Schweif die Seiten ſchlug, denn der Inſtinkt zeigte ihm ſeinen Feind. Der Haͤuptling nahm, ſeine Augen feſt auf die der Beſtie geheftet, einen der Pfeile aus ſeinem Kocher, zielte/und der Panther, zum Tode getroffen, ſprang hoch auf/ und ſtuͤrzte faſt neben ihm zur Erde, die Luft mit chrecklichem Klagegeheul erfullend, das die wilden Thiere des Waldes eingeſchuͤchtert in ihre Schlupfwinkel zu⸗ rucktrieb. Kumſhaka ſprang zuruͤck, und beobachtete den ohn⸗ maͤchtigen Grimm und die letzten Zuckungen ſeines ſter⸗ benden Schlachtopfers mit innerlicher Wonne.— In ſeiner eigenen Wuth und fehlgeſchlagenen Hoffnung em⸗ poͤrte ihn die ſtille Ruhe der Natur, aber ſeine Hand hatte ſtatt deſſen ſelbſt einen ähnlichen Zuſtand in der Bruſt eines andern lebenden Weſens, und wenn es auch —— eine wilde Beſtie war, hervorgebracht, und dieſes Be⸗ wußtſein machte ihm Freude. Wenn er auch nie die Liebe des ſchwankenden Rohres gewinnen konnte, ſtand es doch in ſeiner Gewalt, ihr Schmerz zu bereiten; liebte ſie ihn nicht, dann wehe Dem, der ſie lieben wuͤrde; die Rache Kumſhaka's ſollte nie ſchlummern, durch Haß und Verfolgung wollte er ihm das Leben zur Qual ma⸗ chen; auch ſollten ihretwegen andere ihres Geſchlechts die Oualen empfinden, die die Folge unerwiderter Liebe„. ſind, und ſeine Augen ſpruͤheten Feuer, als er auf Eine, die Zierde ihres Stammes, dachte, die ihn lange umſonſt geliebt hatte. Es ergötzte ſein Inneres, alle die Qua⸗ len ſich ſelber vorzumalen, die er jetzt empfand, denn es uͤberzeugte ihn, daß Ackorie daſſelbe empfunde hatte.— In den zwei Tagen, die verfloſſen, ehe die Häupt⸗ linge nach Vincennes aufbrachen, fand Mansfeld genug unterhaltung unter den einfachen Bewohnern der Wild⸗ niß. Ein paar Spielereien und einige Glasperlen, wi einige hellfarbige Baͤnder, machten ihn bald zum allge⸗ meinen Liebling, und offneten ihm jeden Wigwam. Indem er am ufer des Fluſſes hinabging, bemerkte er eine Gruppe von jungen Maͤdchen, eifrig beſchäftigt — 6 zierliche Koͤrbe aus duͤnnen und zarten Weiden zu flech⸗ ten; er ſchloß ſich an ſie an, und ergötzte ſich an der Leichtigkeit und Anmuth ihrer Bewegungen. In kleiner Entfernung ſaßen die aͤlteren Frauen mit einer aͤhnlichen Arbeit beſchaͤftigt, dabei der Kinder wartend, die theils neben ihnen im Graſe herumkrochen, theils mit Jauchzen und Jubeln im Waſſer herum badeten und ſich dabei be⸗ ſpritzten und verfolgten. Mitten durch die Maſſe der kleinen unruhigen Schaar, leitete ein Knabe von 12— 14 Jahren vor⸗ ſichtig und theilnehmend eine ſchwache, blinde Greiſin, die kaum noch ſtark genug war, ſich auf den Fuͤßen zu erhalten. Er fuͤhrte ſie mit freundlicher Aufmerkſamkeit auf einen bequemen Sitz im Schatten, und zog ſich dann, beſcheiden, unter dem Beifallsgemurmel der Menge zuruͤck.„Er wird der Stolz ſeines Stammes werden; Kinder werden Guͤte von ihm lernen, und Weisheit wird auf ſeinem Pfade gefunden werden;“ aͤhnliche Ausrufe toͤnten von jeder Lippe. Mansfeld ſah umher und ſchaͤmte ſich faſt ſeiner eigenen Farbe.„Dies iſt alſo das Volk,“ dachte er,„das unſere Nation ſo ſehr verachtet, und wis die wilden Thiere verfolgt. Sicherlich iſt die Sprache unſeres Hei⸗ — lands auf dieſe Armen anzuwenden. Die Fuͤchſe haben Höhlen und die Vögel der Luft haben Noſter, aber der arme Indianer hat keinen Platz ſein Haupt niederzule⸗ gen. Was iſt der Werth eines Landſtrichs fuͤr uns, wenn wir daneben das Recht betrachten, das wir an⸗ taſten, wie die heilige Anhaͤnglichkeit an die väterliche Erde die wir verehren ſollten. Ein Land, das ſeine Gluͤckſe⸗ ligkeit auf Ungerechtigkeit baut, kann nie gluͤcklich ſein, das Blut des rothen Mannes wird von der Erde ſchreien, wie das des Abel in alten Zeiten, und wehe uns dann, wenn der große Vater fragen wird:„Wo iſt Dein Bru⸗ der?“ Niedergebeugt durch dieſe Gedanken that ihm die Fröhlichkeit der Mädchen, bei ihrer leichten Arbeit, we he, und er betrachtete ſie wohl mit denſelben Gefuͤhlen, die Je⸗ manden erfaſſen muͤſſen, der die gute Laune eines zum Schaffote Gefuͤhrten beobachtet.—„ Margareth hatte gerade ein kleines Krbchen von ausgezeichnet zierlicher Arbeit und praͤchtigen Farben vollendet und reichte es Mansfeld, indem ſie leiſe ſagte: „Laß dieſes den weißen Mann erinnern, daß Frieden auch in einem indianiſchen Wigwam gefunden werden kann.“ Kumſhaka, der an einem Baum, nicht weit davon, lehnte und die ganze Gruppe mit ſtolzem Hochmuth be⸗ trachtet hatte, zuckte zuſammen, als das Geſchenk Mar⸗ gareth's ihn in ſeinen Traͤumereien unterbrach; er drehte ſich halb, und tiefer Haß blitzte aus ſeinen Augen, als er das Maͤdchen betrachtete; ſie jedoch achtete ſeiner nicht, ausgenommen daß ihre Zuge vielleicht einen noch ſtolze⸗ ren Trotz annahmen, als ihre Blicke denen des Haͤupt⸗ lings begegneten. „Schoͤnes, wunderſames Maͤdchen,“ toͤnte, faſt ſei⸗ ner unbewußt von den Lippen des jungen Mansfeld. Margareth erwiderte ſeinen gluͤhenden Blick mit kalter Gleichgiltigkeit, und die Roͤthe die von ihren Wangen wich, machte einer ſchrecklichen Blaͤſſe Platz, waͤhrend ſie ein ſcharfer Schmerz zu durchzucken ſchien. Seines Fehlers ſich bewußt und eingeſchuͤchtert durch die einfache Groͤße dieſes ſonderbaren Maͤdchens, aber dennoch wuͤnſchend ihr ein Zeichen ſeiner Dankbarkeit zu hinterlaſſen, nahm er einen ſchmalen Goldreif von ſeinem Finger, und befangen, bat er ſie, ihn zum Anden⸗ ken an ihn zu tragen. Margareth zog ihre Hand zu⸗ ruͤck, und beugte ihr Haupt uͤber das Flechtwerk in ih⸗ rem Schooße und erwiderte:„Das ſchwankende Rohr es— nimmt von dem großen Geiſt allein Geſchenke, aber ein Tropfen iſt auf die Quelle ihres Herzens gefallen, der da fuͤr immer bleiben wird.“ Mansfeld war bewegt, und ſich von ihr wendend bemerkte er Kumſhaka, wie er, vorgebeugt, der melodi⸗ ſchen Stimme des ſchwankenden Rohres lauſchte; Mar⸗ gareth ſchien daſſelbe bemerkt zu haben, wandte ſich je⸗ doch hinweg und im naͤchſten Augenblicke lehnte Kum⸗ ſhaka wieder theilnahmlos am Baume, den Arbeiten der Madchen zuſchauend; dem jungen Mansfeld ward auf einmal klar, wie Beide zuſammen ſtanden. Als Margareth aufſtand, um zu ihrer Huͤtte zu⸗ ruckzukehren, wandelte er an ihrer Seite, und hoffte nach und nach vielleicht etwas von ihrer Geſchichte zu er⸗ fahren, und ſie, wenn es irgend möglich ſei, dem wilden Leben zu entreißen und der Geſellſchaft, zu welcher ſie doch gehore, zuruck zu geben. Margareth aber ging kalt und ernſthaft an ſeiner Seite, kaum ihren Gefaͤhrten beachtend. Als ſie die Laube erreichten, ſtand ſie ſtill und be⸗ deutete ihn, den Sitz einzunehmen, waͤhrend ſie ſelber ſtehen blieb; der junge Mann jedoch, zu hoͤflich, das zu erlauben, warf ſich auf das Moos, waͤhrend ſie ſelber den — 6 verſchmaͤhten Sitz einnahm. Mehr als ein Mal ver⸗ ſuchte er das tiefe Stillſchweigen zu brechen, aber die großen, dunklen Augen des Maͤdchens waren feſt auf ihn gerichtet, hielten ihn, wie durch einen Zauber, gefeſſelt. Von all' den ſchoͤnen, nichtsſagenden Reden, die ſonſt ſich von ſeinen Lippen draͤngten, wollte keine ihm zu Hilfe eilen. 3„Der weiße Mann hat den Zweck ſeines Kommens vergeſſen,“ ſagte endlich das Maͤdchen. „Nein, nein,“ erwiderte Mansfeld jett lebhaft, „aber ich weiß nicht ihm Worte zu geben! Du gehörſt nicht zu dieſem Stamme, Dein Blick, Dein ganzes Weſen, Alles verraͤth es; kann ich Dir Deine Freiheit nicht verſchaffen? willſt Du nicht zu den Anſiedlungen zuruckkehren? Ich— ich—“ er errothete und zagte, — in demſelben Augenblick durchfuhr ein ſcharfer Ton die Luft, und ein Pfeil zitterte im Stamme des Baumes, gerade uͤber ſeinem Kopfe. Mansfeld ſprang empor und blickte umher, doch konnte er Niemanden ſehen. Be⸗ ſchomt, Unruhe einer Störung wegen gezeigt zu haben, die vielleicht ganz zufällig geweſen war, kehrte er zur Laube zuruͤck. Margareth hatte ihre ruhige Stellung beibehalten, und ein leichtes Läͤcheln ſpielte um ihren Mund. „Der weiße Mann iſt ſicher,“ ſagte das Mädchen, „der Pfeil war ihm blos zur Warnung geſandt; das ſchwankende Rohr wird von dem Stamme geliebt, und Keiner darf wagen ſie hinweg zu nehmen. Sie iſt ihre eigene Herrin, und koͤmmt und geht wie es ihr ſelbſt gefaͤllt.“ „Aber Du gehoͤrſt nicht zu ihnen,“ bat Mansfeld, „ich hoͤrte, daß Du Margareth genannt wurdeſt, und Deine Blicke koͤnnen nicht truͤgen; die weiße Mutter be⸗ wreint ihr verlorenes Kind, und die jungen Madchen ver⸗ miſſen ſie bei ihren Spielen.“ Waͤhrend der junge Mann dieſes in einer tiefen, melodiſchen Stimme ſprach, heftete das ſchoͤne Maͤdchen ihre dunklen Augen feſt auf die ſeinigen, und ein leichtes, ſchmerzhaftes Zucken in ihren Zugen verrieth ihre innere Bewegung; aber ſie unterbrach ihn nicht, noch veraͤnderte ſie ihre ruhige Stellung, dennoch ſchien ſie wohlgefaͤllig der Sprache ihres eigenen Volkes zu lauſchen. „Keiner iſt uͤbrig geblieben das ſchwankende Rohr zu beweinen; Blut hat das Feuer ihrer Huͤtte ausge⸗ loͤſcht; Keiner klagt um ſie; ſie iſt gluͤcklich mit ihrem indianiſchen Volke; der große Geiſt waltet hier, in der Einſamkeit fuͤr ſie zu ſorgen.“ Sie ſtand auf ſich zu entfernen.— Mansfeld erfaßte ehrerbietig ihre Hand.„Aber, Maͤdchen, es lebt eine Stimme, gleich maͤchtig im Walde wie in der Stadt; der Indianer wird ſeine Gaben an die „ — = 63— Thuͤre Deiner Huͤtte legen; wer wird dann dem verlaſſe⸗ nen Madchen rathen? wer ſie beſchuͤtzen?“ Margarethe entzog ihm ihre Hand, einen Augen⸗ blick ſchlug ſie ihre Blicke nieder, und ein tiefes Roth faͤrbte ihr Wangen und Buſen, dann ſah ſie zu dem blauen Firmamente auf, zeigte dort hin und verſchwand. Ein heimliches Lachen gerade hinter dem Juͤngling weckte ihn aus ſeiner Betaͤubung, er wandte ſich und er⸗ blickte die blitzenden Augen Kumſhaka's durch die Wein⸗ reben. „Sinkt der Honig von den Lippen des Weißen in das Herz des Waldmaͤdchens? Das ſchwankende Rohr iſt kein weißes Mädchen, um durch glatte Worte betrogen zu werden, ſie findet an bunten Kleidern und Spielereien keinen Gefallen, und wendet ſich hinweg von der Jagd⸗ beute, ſelbſt die Scalpe der Feinde koͤnnen ſie nicht ge⸗ winnenz ſie hat eine große Seele.— Sie ſchaut Nachts nach den Sternen, und erzaͤhlt uns ihre Sprache; wenn der große Geiſt ſein breites Schild uͤber den Mond legt, nimmt er es, auf ihr Gebet, nach und nach hinweg, bis er wieder ſcheint und uns zur Jagd leuchtet. Als der Stern mit dem langen feurigen Schweife am Himmel er⸗ ſchien, warnte ſie uns, und ſagte daß Krieg und Blut⸗ vergießen folgen wuͤrde. Meine Bruͤder ſelber fragen das Maͤdchen um Rath, denn ſeltene Weisheit iſt auf ihren Lippen, aber Liebe hat keinen Platz in ihrem Herzen.“ Der Haͤuptling lehnte an der glatten Rinde eines Baumes, und ſprach dieſe Worte in einem leiſen, abge⸗ meſſenen Tone, mehr wie Einer der mit ſich ſelber redet, als ſeine Bemerkungen an einen Andern richtet. Mansfeld, wirklich verworren gemacht, und von ſich nicht zu erklaͤrendem Intereſſe fuͤr dieſes fonderbare Maͤdchen, das ſolche Gewalt uͤber ein fremdes Volk aus⸗ uͤbte, welches ſie einſt adoptirte, getrieben, wandte ſich faſt mit Abſcheu von dem Haͤuptling, der durch ſein Prei⸗ ſen, ſeine Liebe fur ein, ihm ſo ungleiches Weſen be⸗ kannte. Ihm war es, als ob ſelbſt dieſer Umſtand, Ge⸗ fuhle der Liebe in ſolchem Gemuͤthe erweckt zu haben, unerwidert als es war, ein Flecken auf ihrer Reinheit waͤre. Alle die Tugenden und Vollkommenheiten des Haͤuptlings waren eben ſo viele Verbrechen, als die Moͤglichkeit ſich ihm aufdrang, daß dieſe einſtmals bei dem weißen Maͤdchen zu ſeinen Gunſten reden koͤnnten.— Menſchliche Leidenſchaften bleiben ſich uͤberall gleich, ſei es in der Pracht und dem Schimmer eines Palaſtes, oder in der Einfachheit eines indianiſchen Wigwams. In dem einen werden ſie durch kalte Hoflichkeit und ceremo⸗ nioͤſe Hofſitten verborgen gehalten, waͤhrend in dem an⸗ dern Stolz, Rache oder Liſt dieſelbe Wirkung hervorbrin⸗ gen. Liebe iſt uberall der Tyrann, und an allen Orten iſt ihre Ueberlegenheit anerkannt. Das zarte Madchen, deſſen Buſen ſich wogend unter dem ſeidenen Ballkleide hebt, deren heimliche Thraänen das geſtickte Kiſſen netzen und deren mit Juwelen umgebenes Herz aͤngſtlich unter der weichen weißen Hand, die es krampfhaft bedeckt, zuckt⸗ iſt von denſelben Gefuhlen bewegt, die die Wilde in ih⸗ rem dunkelgruͤnen Schatten der Waͤlder peinigen und ihre mit Glasperlen und Muſcheln behangene Bruſt ſchneller heben; das Lächeln der Heffnung iſt daſſelbe; 5* — 66— die Furcht, der Zweifel, der bange tiefe Schmerz der Ver⸗ zweiflung ſind die naͤmlichen. Laßt die Geheimniſſe des Herzens, wo ihr wollt, aufgedeckt werden und ihr findet ſeine Luſt oder ſeine Qualen dieſelben. Es moͤchte nicht ſchwer fallen ſich das ganze Weltall als ein einziges, un⸗ geheueres Herz, mit ſeinen raſenden Pulſen, ſeinen athemloſen Pauſen, den wilden Fluthen ſeiner Leiden⸗ ſchaften zu denken und jedes menſchliche Weſen eine voll⸗ kommene verkleinerte Nachbildung des ungeheueren Gan⸗ zen.— Als der Tag, an welchem Mansfeld die Unterre⸗ dung mit Margareth hatte, ſich neigte, ſuchte ſie die Ruhe und Kuͤhle des Flußufers, denn kaum berührte ein leiſes Saͤuſeln die Blaͤtter der Baͤume, die faſt be⸗ wegungslos an den Zweigen hingen. Der Himmel war wolkenlos, und die rothen Strahlen der untergehenden Sonne zoͤgerten noch, wie ein blutrother Talar, im Weſten. Die fernen Huͤgel zergingen faſt in dem blauen duͤnnen Nebel, ausgenommen dort, wo ſie ſich gegen die unter⸗ gehende Sonne ſcharf und dunkel abzeichneten, und ein hoher Felsgipfel hing, wie eine weiße Wolke am Horizont. Der Fluß war glatt und glaͤnzend wie ein Stahlſpiegel, und jeder Gegenſtand an ſeinem Rande treu und ſanft auf ſeiner Flaͤche abgebildet. Ein einſamer Fiſchreiher hatte ſich auf einen der vorſpringenden Felſen poſtirt, und ſo ſtarr und unbeweglich ſaß er da, daß der Schat⸗ ten unter ihm der Zuruͤckglanz eines gemeißelten Vogels ſchien, dort als der Genius des Platzes aufgeſtellt. Margareth ſtieg das gruͤne Ufer hinunter, denn ſo fruchtbar war der Boden, daß die Vegetation bis zum Rande des Waſſers reichte, und jeden Stein und jede un⸗ foͤrmliche Wurzel mit ſolch ſchwerem dichten Mooskleide bedeckt hatte, daß der Fluß wie uͤber eine Sammetdecke zu fließen ſchien. Um den kleinen, ſchon fruͤher beſchrie⸗ benen Vorſprung ſtroͤmend, bildete der Fluß ein kleines, wunderliebliches, durch rieſige Baͤume beſchattetes Baſſin, daß ſelbſt in der heißen Mittagsſonne ein erfriſchender Daͤmmer uͤber dem Waſſer hing. Die wilde Weinrebe wuchs zwiſchen den Felſen hervor, und tauchte ihre Wur⸗ zeln in den Strom, waͤhrend ſie ihre langen, verſchlun⸗ genen Arme ausſtreckte, und die alten Baͤume liebkoſend umarmend ihre freundlichen Blaͤtter und Trauben mit dem dunkelen Gruͤn ihrer Zweige vermiſchte; dann vor⸗ ſpringend von Aſt zu Aſt von der Mitte des Fluſſes aus wohl wie ein gruͤner Dom anzuſchauen war, der ſich faſt uͤber der ganzen Flaͤche des Waſſers woͤlbte, und nur zu Zeiten durch das gruͤne Blaͤtterdach einen Blick nach dem freundlich blauen Himmel geſtattete. Ein weißkoͤpfiger Adler, der lange auf dem abgeſtorbenen Aſte einer alten Eiche geſeſſen hatte, breitete ſeine gewaltigen Flugel aus, flaggte ſie ſchwerfallig, und ſchwebte leiſe fort in die ruhige Luft, als ob auch er nicht gerne den ſtillen S8 ſtörte, der hier herrſchte.— Als Margareth ſich dem Steine naͤherte, auf dem ſie ſich niederlaſſen wollte, bemerkte ſie, daß derſelbe ſchon von Ackorie, der Schoͤnſten des Stammes, eingenommen war, die die Kieſel an ihrer Seite ſammelte, um ſie un⸗ geduldig in den Fluß zu ſchleudern. Sie hatte ihre Mor⸗ caſins abgeſtreift, und tauchte ihre Fuͤße in das kuͤhlende Waſſer, unter deſſen eryſtallheller Flaͤche ſie hervorſchim⸗ merten; ihr langes, ungebundenes Haar floß in dunkelen Streifen herunter, und als ſie ſich uͤber den Strom beugte, blitzten ihr ihre eigenen Augen mit wildem und ſtrahlen⸗ dem Feuer entgegen.— Als Margareth ſich uͤber ſie neigte und ihr Antlitz neben dem Ackorie's im Waſſer ſichtbar wurde, fuhr dieſe empor, und eine Wolke umzog ihre Stirn. Sie trat aus der Fluth, rang ihr Haar aus, und war eben im Begriff zu gehen, als ſie Margareth zuruͤckhielt.— „Das weiße Maͤdchen durchkreuzt meinen pf uͤberall,“ murmelte die Indianerin, als ſie eine Schnur Korallen unter ihrem Gewande zu verbergen ſuchte.— „Nein, Ackorie, verbirg ſie nicht, ſie ſind die Gaben des Juͤnglings aus den Anſiedelungen der Weißen; doch ſete Dich hierher, und ſage mir, warum Du mich das „weiße Mädchen“ nennſt, Du thateſt das ſonſt nicht.“ Ackorie laͤchelte bitter, und zeigte auf die Waſſer⸗ flaͤche unter ihnen, wo die Bilder der beiden Maͤdchen treu, in ihrer wunderbaren Schoͤnheit zuruͤckgeworfen wurden; die Eine ſchlank und lieblich gewachſen, mit der hohen, runden Stirn, den milden und doch feſten Ge⸗ ſichtszuͤgen, den großen, klaren, dunkeln Augen und zart geſchnitzten Naſenloͤchern, ihr dichtes Haar in reichen, ſei⸗ denen Locken herniederfallend, und einem ſo lieblich ernſt⸗ haften Ausdruck in dem ſchwermuͤthigen Geſichte, der ſon⸗ derbar freundlich gegen das ärgerliche, faſt wilde Antlitz ihrer Gefaͤhrtin abſtach; die Andere nicht ſo ſchlank, doch ausgebildeter und voller in ihren Formen, das lange kohlenſchwarze Haar ihr in ſchweren Maſſen faſt bis an die Kniee reichend, die ſich uͤber den Strom beugte, waͤhrend ihre ſchwarzen Augenſterne blitzten und ihre Na⸗ ſenlöcher erweitert, ihre Lippen in Zorn halbgeoͤffnet wa⸗ ren. Einen Augenblick ſtanden ſie ſo da, dann wandte ſich Ackorie halbum und beugte ſich nieder, ihre Mocca⸗ ſins zu befeſtigen. „Ackorie,“ ſagte Margareth, mit leiſer Stimme, „liebſt Du dieſen weißen Fremdling?“ Ackorie hatte ſich auf ein Knie niedergelaſſen, waͤhrend ſie ihre Moc⸗ caſins band; ſie ſprang auf.— — ſ“— „Ihn lieben?— was, ihn, der allen Madchen Ge⸗ ſchenke giebt, und dann das Maͤdchen ſeiner eigenen Farbe ausſucht, ihr die Erzählung ſeiner Liebe ins Ohr zu fluͤ⸗ ſtern, nein wahrlich, Ackorie iſt zu ſtolz!“ „Setze Dich zu mir,“ ſagte Margareth,„und ich will Dir mehr hieruͤber ſagen.“ Sie ſprach ſo leiſe und ruhig, daß das Maͤdchen that wie ſie wunſchte, und ihr mit einem Ausdruck von Erſtaunen in das blaſſe Ant⸗ litz ſchaute. „Jener Juͤngling, Ackorie, iſt von meinem Volke, und ich empfand ein ſonderbares Mitgefuhl, als ich die Sprache meines eigenen Stammes hoͤrte, aber ich liebe ihn nicht! Nenne mich nicht„das weiße Maädchen,“ Ackorie, ſchaue mich nicht ſo kalt und unfreundlich an, denn ich ſtehe unter Deinem Volke allein, allein auf der weiten Erde; da iſt Keiner, nein, nicht Einer, der mich liebte;“ und die Thränen preßten ſich durch ihre langen, zarten Finger, die ſie gegen ihre Augen gedruckt hatte. Ackorie war weicher geſtimmt, und zerzupfte die wil⸗ den Waldblumen, die zu ihren Fuͤßen wuchſen, ohne ſich deſſen bewußt zu ſein, endlich rief ſie:—„Margareth iſt zu ſtolz einen der rothen Maͤnner zu lieben, ſie ver⸗ achtet die Krieger des Stammes.“ Ein dunkeles Roth breitete ſich uͤber das Antlitz Margareths, und ſie wandte ſich von den ſie durchbohrenden Blicken Ackorie's hin⸗ weg. In einem Augenblick waren die wilden Leiden⸗ ſchaften Ackories erweckt. „Ha, ich durchſchaue es Alles; das ſchwankende Rohr liebt, aber ihr ſtolzes Herz emport ſich bei dem Ge⸗ danken, in der Huͤtte eines Jagers zu leben, das Weib eines verachteten Indianers zu ſein.— Waͤre Kumſhaka — ein—“ Margareth legte ihre Hand auf den Arm Ackories und holte einen tiefen Athem, wie Jemand der von einem ſchweren Druck ploötzlich befreit wird.—„Ackorie, hoͤre mich, ich werde nie das Weib eines Anderen werden. Bin ich nicht eine Tochter des Stammes? bin ich nicht mit Nachſicht und Achtung behandelt? warum ſollte ich die verachten, die mein gepflegt haben; Ackorie, Du thuſt mir Unrecht; Du ſchießeſt einen Pfeil auf das arme Hirſchkalb ab, das ſchon verendend, von manchen Pfei⸗ len durchbohrt, am ufer des Fluſſes liegt.“ „Aber Du liebſt den Häuptling Kumſ haka?“ un⸗ terbrach ſie heftig die Andere.— „Nein, nie, Ackorie, nie könnte ich ihn lieben; weiß aber der Haͤuptling, daß er der ſchoͤnen Ackorie nicht gleichguͤltig iſt?“ Das Maͤdchen neigte ihren Kopf auf die Bruſt, und ein Läͤcheln flog uͤber ihre Zuge; ſie antwortete nicht/ die Korallenſchnur war jedoch aus ihrer Verborgenheit —— hervorgeſchluͤpft, und ein Theil derſelben ruhte auf ihrem Buſen. Plotzlich ergriff ſie den Schmuck, und war eben im Begriff ihn in die Fluthen zu werfen, als das letzte Licht noch auf die bunten, angenehmen Farben fiel, und ihre naturliche Liebe fuͤr Putz, in ihrem Geſchlechte ſo vorherrſchend, erwachte; ſie betrachtete die Schnur fuͤr einen Augenblick feſt und unverwandt, und warf ſie dann uͤber Margareths Nacken. Ihre Begleiterin ließ es laͤchelnd geſchehen, und Ackorie's Augen blitzten vor Freude, als das herrliche, tiefe Roth des Zierrathes ſo reizend gegen die weißen Schultern und den ſchneeigen Nacken des ſcho⸗ nen Maͤdchens abſtach; dann aber war es, als ob plotz⸗ lich ein Strahl von Eiferſucht in ihr erwachte, denn ſie wendete ihr Haupt, und lispelte halblaut:„Waͤre Ackorie doch ſo ſchön!—“ Margareth hing die Korallen wieder um den Nacken der Zuͤrnenden, und Beide erhoben ſich mit leichteren Herzen, Ackorie, befreit von dem Verdachte, daß Mar⸗ gareth Kumſhaka liebe, und die Andere erfreut, den Zuſtand von Ackorie's Herzen erforſcht zu haben, da ſie auf dieſe Art hoffte, von den Zudringlichkeiten des Haͤupt⸗ lings befreit zu ſein. Du biſt wie eine Blume So lieb, ſo hold, ſo rein, Ich ſeh' Dich an, und Wehmuth Schleicht mir in's Herz hinein. Heine. Enblich daͤmmerte der Morgen, an welchem die Geſandtſchaft nach Vincennes abreifen ſollte. Der Platz, gerade vor der kleinen indianiſchen Stadt, bildete ein rei⸗ zendes Bild von Thaͤtigkeit und Vorbereitungen. Hier bemalten ſich ſchlanke Krieger, ſo impoſant als moͤglich, mit grellen, ſchimmernden Farben, und ſchmuͤckten ihre Haarbüſchel mit Federn und Muſcheln, wie es ihnen ſelbſt am ſchönſten daͤuchte, oder ihre Auszeichnung im Kriege geſtattete, und ſuchten ihre beſten Gewaͤnder und Kleidungsſtucke fuͤr dieſe Gelegenheit hervor; dort wur⸗ den Kriegskeulen, Tomahawks, Bogen, Pfeile und Speere zuſammengeſtellt, und die lange, heilige Pfeife mit dem wuͤrzigen Kraut, das einzige Friedenszeichen zwiſchen allen dieſen kriegeriſchen Vorbereitungen herbeigebracht. Die Frauen trugen Taſchen mit getrockneten Fruͤchten und Hirſchfleiſch gefuͤllt herzu, um wenigſtens etwas fuͤr die Krieger zum Imbiß zu haben, obgleich ſie ſich meiſt auf das Wild verließen, das ſie unterwegs erlegen wuͤr⸗ den; auch waren die Knaben nicht müſſig bei dieſen Vor⸗ bereitungen, ſie ahmten das Bemalen der aͤlteren nach, ſtellten ſich in Schlachtordnung auf, ſchoſſen ihre kleinen Bogen gegen einander ab, und ſchrieen mit ihren hellen Stimmen den Schlachtruf des Stammes.— Pferde wieherten und ſtampften, und vermehrten dadurch den Tumult dieſer lebendigen Scene. Noch hing der Thau auf den ſchwankenden Blumen und Grashalmen, und beſaͤeten wie mit Diamanten die von Strauch zu Strauch geſpannten Spinnennetze, noch zwitſcherten die Vogel ihre Morgenlieder, als Tecumſeh das Zeichen zum Aufbruch gab. Tecumſeh war mit der Einfachheit gekleidet, die ſo ſehr mit ſeinem ganzen uͤbrigen Weſen uͤbereinſtimmte, er trug weder Scalpe noch farbige Stachelſchweinborſten als Zierrath; doch umhuͤllte ſeine hohe Geſtalt ein Ueber⸗ wurf von Biberfellen, der mit ſeinen ſeidnen Falten nicht unaͤhnlich der romiſchen Toga an ihm herabfiel, und auf ſeinem helmartigen Hauptſchmuck prangten die Adlerfe⸗ dern, und andere Zeichen ſeines Ranges, faſt eben ſo wie in alten Zeiten der wehende Federbuſch, Ordensketten und goldene Sporen den Ritter vor Andern auszeichne⸗ ten, und eben ſolche Verachtung wuͤrde den rohen Sohn der Wälder getroffen haben, der ſich unverdient mit dieſen Zierrathen geſchmuckt haͤtte, als es wohl in alten Zeiten unter den Rittern geſchehen waͤre. Langſam und ſchweigend brachen die Haͤuptlinge auf, während die Strahlen der Morgenſonne den bun⸗ ten Federſchmuck und die glaͤnzenden Lanzenſpitzen ver⸗ goldeten.— Weiber und Kinder hatten ſich verſammelt, um den Abmarſch der Gewaltigen mit anzuſehen, und auf einer kleinen Anhohe ſtand die hohe Geſtalt des Pro⸗ pheten. Er hielt das ausgeſtopfte Fell der Klapper⸗ ſchlange hoch empor, und ſang eine langſame feierliche Weiſe, deren Hauptinhalt die Verwuͤnſchung des Mein⸗ eides zu ſein ſchien.— Die tiefen kraͤftigen Laute tön⸗ ten noch lange in den Ohren des Zuges, als ſie ſchon weit vom Lager entfernt waren, jetzt in den tiefen Gaum⸗ lauten des Schmerzes, jetzt verläͤngert zu den Herzer⸗ greifenden Ausdrucken der Pein, und dann wieder zu den ſchnell freudigen triumphirenden Klaͤngen des Sieges⸗ liedes anſchwellend.— Heinrich Mansfeld blieb noch zuruͤck, um von * Margareth Abſchied zu nehmen, und ſie womoͤglich zur Ruͤckkehr zu den Anſiedlungen zu bewegen. Sie legte ihre Hand in die ſeinigen, indem ſie ſprach. „Moͤge meinem weißen Bruder Friede zu Theil werden,“ und wollte ſich dann entfernen. „O bleib' einen Augenblick!“ rief der junge Mann, „ſage nur, daß ich verſuchen darf, Deine Befreiung von dieſem Manne zu erhalten, ſag' nur, daß Du Dich ent⸗ ſchließen koͤnnteſt, zu Deinen weißen Geſpielen zuruͤckzu⸗ kehren; dieſes Leben muß ja ſchrecklich fur Dich ſein, o, ſage nur, daß Du es verlaſſen willſt.“ „Nein!“ antwktete ſie;—„mein Schickſal iſt entſchieden,“— ſie winkte ihm mit der Hand zum Ab⸗ ſchied, und verſchwand in demſelben Augenblicke in den Buͤſchen, als die glaͤnzenden Augen Ackorie's aus den⸗ ſelben, gerade an ſeiner Seite, hervorſchauten. „Ja!“ ſagte das indianiſche Maͤdchen,„die Tochter der bleichen Geſichter liebt den rothen Haͤuptling, ſie wird nie zu ihrem Volke zuruͤckkehren, ſie wird die Beute des Jägers zubereiten, und ſeine Moccaſins machen; iſt der Gedanke dem weißen Manne lieb?“— und ſie lachte bitter in ſich hinein. Schwer wuͤrde es ſein, die Gefuhle zu beſchreiben, —— die die Bruſt des Juͤnglings beſtuͤrmten, da ihm das ſchoͤne, boshafte Maͤdchen dieſe Miſchung von Lug und Wahrheit, einzig und allein in der Abſicht ihn zu qua⸗ len, vorhielt. Als ſie ſchwieg, warf ſie die von ihm empfangene Korallenſchnur vor ſeine Fuͤße, und entfloh mit demſelben feindſeligen Lachen. Heinrich ſtieß das Spielzeug mit dem Fuße von ſich und folgte dem vorangegangenen Zuge mit einer Herzens⸗ ſchwere und Pein, die er ſich umſonſt zu zerſtreuen be⸗ muͤhte. Er war nicht verliebt, das fuͤhlte er, ſie hatte ſich zu kalt und ſtolz gegen ihn benommen, ſolche Gefuͤhle in ihm zu erwecken; aber gerade dieſes Benehmen gegen Einen, der mehr gewohnt war, das Lächeln junger Maͤdchen zu ſchaun, als ihre Geringſchaͤtzung zu ertragen, erweckte ein ſo viel ſtaͤrkeres Intereſſe in ihm, ſtärker vielleicht, weil es ſeine Selbſtliebe verwundete. Es war noch ein Zuſchauer bei der eben beſchriebe⸗ benen Zuſammenkunft geweſen.— Kaum hatte Mans⸗ feld den Platz verlaſſen, als Kumſhaka die verachteten Perlen aufhob, und dem hinwegeilenden Juͤngling mit einem ſtolzen Laͤcheln nachblickte.— Ackorie war an ſeiner Seite, und ihr Antlitz druckte aͤhnliche Gefuhle aus. Der Indianer⸗Häuptling. I. 6 . —— „Das weiße Maͤdchen liebt ihre eigene Farbe. Sie wird wie der vom Neſt gelockte Vogel zu ihren eigenen Huͤtten zuruͤckkehren, aber ſie thut wohl daran, dem ro⸗ then Krieger zum Frieden zu mahnen, es geſchieht nur, um ihr eigenes Volk zu retten.— „Wahr! wahr!“ rief der Haͤuptling, und zum er⸗ ſten Male betrachtete er das grauſame Maͤdchen, deſſen Gefuhle ſo ganz mit den ſeinigen uͤbereinſtimmten, mit Bewunderung. Ackorie, welche wohl das Intereſſe bemerkte, das ſie erregt hatte, und gern wuͤnſchte, dies Mitgefuͤhl des Haͤuptlings, ſei es auch nur in ihrer Rache, zu erhalten, fuhr fort: „Liebt das weiße Maͤdchen den weißen Juͤngling? oder iſt ihre Liebe auf Einen unſers Stammes gefallen?“ und dann, als ob ſie mit ſich ſelber ſpraͤche, ſprach ſie weiter:„Nein, ſie verachtet den Indianer— es iſt gut— das Hirſchkalb ſucht nicht die Geſellſchaft des Wolfes, noch der Fuchs die des Bibers.“— Ackorie ſchlug ihre dunkeln Augen zum Haͤuptling auf, und ſch mete dann ſinnend vor ſich nieder, waͤhrend ſich ihr Buſen von einem unterdruͤckten Seufter hob. Sei es nun, daß Margareth, als ſie den ſtolzen 3 Indianer verwarf, auch deſſen Liebe vernichtete, oder daß Ackorie's Schönheit Eindruck auf ihn gemacht hatte, oder ob der Inhalt ihrer Worte, die faſt ein halbes Geſtänd⸗ niß ihrer eigenen Gefuͤhle verriethen, zaͤrtlichere in ſeiner Bruſt fuͤr ſie erweckten, wollen wir dahin geſtellt ſein laſſen; gewiß iſt es, daß, als der Haͤuptling ſeine Augen auf die lieblichen Zuͤge Ackorie's heftete, es mit einem Ausdruck geſchah, der nicht mißverſtanden werden konnte, und als er die verſchmahten Korallen um ihren Hals warf, hob Ackorie ihre Blicke zu ſeinem Antlitz, und mit einem Ausdruck der wildeſten Freude und doch maͤdchen⸗ hafter Schuͤchternheit, floh ſie durch den Wald. Der Haͤuptling neigte ſein mit Federn geſchmuͤcktes Haupt, um ihr nachzuſehen.— „Es iſt wahr, Jedes findet blos an ſeiner eige⸗ nen Art Gefallen, laß aber das ſchwankende Rohr wagen einen Andern zu lieben, und ſie ſoll die Rache des In⸗ dianers kennen lernen. Ackorie iſt ſchoͤn, aber ſie hat nicht die ſtolze Haltung noch die Weisheit des ſchwanken⸗ den Rohrs.— Ackorie ſo bringen. das Wild zu der Hutte Kumſhaka's rd ſitzen, und ſich ausruhen, und ihre 6* —— glänzenden Augen betrachten, und das weiße Madchen ſoll die Saͤnge ihres Volkes ſingen, und ihre von Thrä⸗ nen erſtickte Stimme wird wie das Plaͤtſchern des Waſ⸗ ſers in ſtiller Nacht ſein— traurig— doch lieblich dem Ohr.“ VII. Ich ſchaute durch die Blätterwand, und ſah mein holdes Lieb', Wie ſie mit ihren Schweſtern klein, Gar tolle Streiche trieb.— L. B. Als General Harriſon Tecumſeh und den Prophe⸗ ten zu einer Rathsverſammlung nach Vincennes lud, machte er es zu einer ausdruͤcklichen Bedingung, daß ſie ſich nur mit kleinem Gefolge einfinden ſollten; ein Ver⸗ langen, dem Tecumſeh ſicher gewillfahret haͤtte, waͤre ihm nicht zu Ohren gekommen, daß Winnemac und die ande⸗ ren meineidigen Haͤuptlinge Schutz bei den bleichen Ge⸗ ſichtern zu szuusouſg geſucht und gefunden häͤtten.— Unter dieſen Umſtaͤnden aber hielt er es fuͤr nothwendig, hinreichende Krieger zu ſeinem eigenen Schutze mitzuneh⸗ men, und die verraͤtheriſchen Haͤuptlinge einzuſchuͤchtern; wie groß war daher der Schrecken des Landvolks, das ſchon durch mannigfache Graͤuelthaten, die Tecumſeh nicht verhindern konnte und Winnemac beguͤnſtigte, geaͤngſtigt und gewarnt war, als ſie vierhundert bemalte und bewaff⸗ nete Krieger auf ihrem Wege nach der jungen Stadt des Weſtens ſahen. Die das Schlimmſte Befurchtenden ver⸗ — rammelten ihre Häuſer und bewaffneten ſich; Arbeitsleute ließen ihr Werkzeug auf den Feldern und ſuchten ein Aſyl; Kinder, die vielleicht zufaͤllig Fruͤchte am Wege ſuchten, krochen zuſammen, verſteckten ſich, und ſtarrten aus ihren Schlupfwinkeln in ſtummer Angſt den dunk⸗ len Geſtalten nach. Mansfeld ſchlug vor, daß Tecumſeh ſeine Mann⸗ ſchaft in einem kleinen Holze, unfern der Stadt lagern ſolle, waͤhrend er ihre Anweſenheit dem General Harriſon meldete. Er that ſo, und der naͤchſte Tag wurde zur Rathsverſammlung beſtimmt. In derſelben Zeit beſchaͤftigte ſich Mansfeld damit, im Städtchen umher zu ſchlendern, um die Veraͤnde⸗ rungen zu beobachten, die wenige Monate hervorgebracht hatten; gruͤßte hier einen alten Bekannten, ſchuttelte dort einem Freunde die Hand, und wurde mit Manchen be⸗ kannt, die kurzlich in der Stadt Schutz geſucht, denn die Nachrichten von der großen Anzahl indianiſcher Krieger⸗ die ſich in der„Stadt des Propheten“ verſammelten⸗ hatte viele von ihren einſam gelegenen Farmen nach der dicht bewohnten Anſiedlung von Vincennes getrieben, und die beſcheidenen Haͤuſer der Einwohner wurden den Schutzſuchenden gaſtfreundlich geoͤffnet. F —— Als er langſam an einem der aͤußerſten Haͤuſer vor⸗ beiging, machte ihn die außerordentliche Reinheit und Nettig⸗ keit der Umgebungen deſſelben aufmerkſam.— Es war ein großes, maſſives Blockhaus, mit einer Einfriedigung verſehn, in der alle Arten von Kuͤchengewächſen im größten ueberfluß gediehen.— Zarter Frauen geſchmack war übri⸗ gens in den wilden Wein⸗ und den blumigen Schling, pflanzen, die die kleinen Fenſter beſchatteten, nicht zu verken⸗ nen.— Wannen und hoͤlzerne Gefaͤße blinkten rein und weiß geſcheuert, von einem Geſimſe herab; eben ſo ſau⸗ ber ſah das ſchneeige Butterfaß mit gekreuztem Stößer aus. Eine lange Stange, an beiden Enden durch gabel⸗ foͤrmige Hölzer gehalten, war mit weißem und blauem Garne behangen, und eine junge, ruͤſtige Frau beſpren⸗ kelte zum Bleichen ausgebreitetes Leinen mit Waſſer. Heinrich lehnte ſich an das Stacket, und bewunderte dieſes liebliche Bild laͤndlicher Gluckſeligkeit, und war ſchon ziemlich mit ſich einig, daß die junge, ruͤſtige Frau die Mutter jenes kleinen, fetten, lockenkoͤpfigen Kindes ſein mußte, das in der Thuͤre ſaß, jetzt die winzigen, unfoͤrmi⸗ gen Haͤnde zuſammenſchlug, jetzt in Luſt aufjauchzte, als die Huͤhner dicht um ſein kleines Selbſt herumpickten“ —— 360— nun an das aͤußerſte Ende der Schwelle kroch, vorſichtig mit dem Fuͤßchen hinuͤber fuhlte, und es dann leiſe wie⸗ der zuruckzog, mit einer dunkelen Ahnung von Beulen und Quetſchungen, die es bei einem verungluckten Verſuch davon tragen könnte.— Als er noch ſo da ſtand, und laͤchelnd dem kleinen, unbehuͤlflichen Geſchoͤpfe zuſchaute, ſprang ein wilder 6—jähriger Junge, roth uud erhitzt im Geſicht, und mit entſchloſſener Miene aus der Thuͤr; ihm folgte ſchnell ein junges 18— 20 jähriges Mädchen von zarter ſchlan⸗ ker Geſtalt, deſſen freundlich milde Geſichtszuge ihm gar wunderbar bekannt vorkamen. Bad jedoch beſchäftigte und untechielt ihn die kleine Scene, dicht vor ihm, daß er nicht weiter daruͤber nach⸗ dachte.— 3 „Ich ſage Dir, Alice, ich will gehen,“ rief der Kleine, „ſo laß meine Hand los,— hoͤrſt Du? ich will gehn, und die Indianer ſehn, Du kannſt es nicht hindern“ „O geh' nicht, lieber Tim— geh' nicht, ſieh', ich will Dir eine Geſchichte von ihnen erzählen, wenn Du hier bleibſt,— Sieh'mich an, Tim, ich weiß, Du haſt mich lieb.“ Das Kind tobte nicht mehr, und ließ ſie ſeine Hand halten, aber noch war es unruhig, und ſah mit — 51— offenem Munde in ihr Antlitz, das jetzt faſt alle Farbe verloren zu haben ſchien. „Erzaͤhl' mir die Geſchichte, ſchnell, Ally, denn ſobald Du fertig biſt, gehe ich doch, alſo eile Dich, Ally.“ „Nein, Du mußt erſt ins Haus gehn!“ „Aber ich will nicht, ich will nicht,“ rief der kleine Mann in toller Wuth, riß ſeine Hand aus der des Maͤd⸗ chens, und lief, die Augen weit geoͤffnet und nach Alice zuruͤckſchauend fort, indem er aus vollem Halſe ſchrie: „Ich gehe, ich gehe!“ aber er genoß ſeinen Triumph nicht lange. Mitten in ſeiner Laufbahn wurde er von einem ſonnverbrannten, gemuͤthlichen Landmann beim Kragen er⸗ wiſcht, der ihn ruhig aufhob und ſich auf die Schulter ſchwang, wo der Knabe dann, die Beine gerade ausge⸗ ſtreckt, und das Geſicht roth wie ein Puder, hing und umſonſt verſuchte ſich von dem feſten Griffe des Mannes zu befreien. Unter der Zeit waren ſie an die Thür gekommen, wo die junge Frau mit dem Waſſereimer ſtand, und auf ihrem gutmuͤthigen Geſichte ſammelte ſich eine kleine Wolke des Unmuths. „Der Junge aͤrgert uns noch zu Tg Alice hat furchtbar durch ſeine Quaͤlereie „Nicht ſo ganz,“ ſagte der Vater laͤchelnd, indem er ihre Wange ſtreichelte, und nach der komiſchen Figur des Kindes auf ſeiner Schulter hinuberſchielte; er nahm es dann vom Ruͤcken, ſetzte ſich auf die Schwelle und legte den kleinen Schreihals auf ſeine Kniee. Die junge Frau ſah halb laͤchelnd halb aͤrgerlich ihm zu, und ſprach endlich:—„Herr Maſon, waͤre das mein Kind, ſo be⸗ kaͤme es jedesmal wenn es dieſe ungezogenen Einfaͤlle hätte, eine tuͤchtige Tracht Schlaͤge, bis es artig wuͤrde.“ Mr. Maſon legte gar ernſthaft und bedaͤchtig den Knaben uͤber ſein Knie, hielt ihm die Kleider ſtraff, und ſagte, zu ſeiner Frau aufſehend:„Da Anna, jetzt haſt Du ihn, jetzt bezahl' ihn aber auch.“ In demſelben Augenblicke wurde aber das Summen eines Spinnrades im Hauſe unterbrochen, und eine alte, magere Dame, ihre Brille auf der ſcharfen, duͤnnen Naſe, erſchien in der Thuͤre. Sie hielt ihre duͤrre Hand hoch auf, und in einer herausfordernden Stellung rief ſie in grellen, abgebrochenen Tönen: „Laß ſie die Schwere ihrer Hand nur auf das Kind Mary legen, und ſie ſoll den Tag bereuen. Maſon, biſt Du es, der ſobald eines — 58— Vaters Liebe vergeſſen kann?“ und ſie ſprach halb, und ſang halb mit einer hohen, unmelodiſchen Stimme: „Ne Mutter bleibt Mutter, ſo gut und ſo treu. Ein Vater bleibt Vater, bis er freiet auf's Neu.“ Waͤhrend deſſen zog ſie fortwährend an unſerem kleinen Tim, der an ſeines Vaters Knie mit dem Trotze eines jungen Baͤren hing. „Laßt es ſein, Großmutter, laßt es ſein,“ ſagte Anna, die eine Wolke des Unmuths ſich auf ihres Gatten Stirn ſammeln ſah,„Niemand wird dem Kinde etwas zu Leide thun, ſo laßt es nur geh'n.“ „Nein, und Niemand ſoll ihm etwas zu Leide thun, ſo hab' Acht auf das, Ann Spaulding, hab' Acht auf das,“ ziſchte die alte Frau, und zog ſo verzweifelt an dem Kleinen, daß dieſer los ließ, und beide zuſammen auf die Erde fielen. Das Kind war ſchnell wieder auf den Fuͤßen und entfloh, aber doch nicht ſchnell genug, daß ihm nicht die Großmutter, durch den Zufall böſe gemacht, Snoch einen tuͤchtigen Schlag haͤtte geben koönnen, der ihn gerade nicht langſamer laufen machte, bis er an die Thüre kam, wo er ſich nieder kauerte. Anna zog ihn zu ſich und ſtrich leiſe ſein Haar zu⸗ ruck, und dieſe letzte zaͤrtliche Liebkoſung brachte eine jener — ſonderbaren Umwandlungen, denen wir Alle unterworfen ſind, in ihm zum Vorſchein; der kleine Burſche legte ſei⸗ nen Kopf in ihren Schoos und weinte bitterlich. Mr. Maſon ſchlang ſeinen Arm um den Nacken ſeiner jungen Gattin, und ſtreichelte leiſe die Wangen des jungſten Kindes, das ſeine Nahrung an ihrer Bruſt ſog, waͤhrend es ſtrampelte und mit den großen Augen blinzte, den Schlaf fern von ſich zu halten. Kaumerblickte es aber den Halb⸗Bruder neben ſich, als es jauchzend aus ſeiner Lage in die Hohe ſprang und die weiße Fluͤſſigkeit in Tims Geſicht ſandte, der ſich eben mit Schluchzen einſchlaͤfern wollte; ſeine Schmerzen aber waren ſogleich vergeſſen; er begrub ſein Geſicht in dem Schoos des Kleinen, und ſie lachten und balgten ſich zuſammen, waͤhrend die Eltern laͤchelnd zuſchauten.— „Ich wuͤnſchte wahrlich, ſie nennte mich nicht mehr Ann Spaulding,“ ſagte die Frau leiſe zu ihrem Gatten.— War es nun, daß die alte Dame noch ſchaͤrfere Sinneswerkzeuge beſaß, als ſie eigentlich gern geſtehen wollte, oder ob ihre Leidenſchaftlichkeit dieſelben ungewohn⸗ termaßen aufgeregt hatte, oder wirklich ein gewiſſes Be⸗ 6 wußtſein in ihr exiſtirte, daß ſie der Gegenſtand der Un⸗ terhaltung war, wie Viele behaupten wollen, daß es haͤu⸗ — „ N fig der Fall ſei, koͤnnen wir hier nicht unterſuchen, aber kaum hatte Anng dies geaͤußert, als die alte Dame von ihrem Spinnrade aus ſchrie:„Hab' Acht, was Du von mir redeſt, Ann Spaulding. Ich werde Dich bei Dei⸗ nem Namen nennen.— Du haſt zu dem Titel meiner armen Mary kein Recht— vier Monate nachdem ihr Leih in die Gruft gelegt war— vier Monate— ehe ſie kalt war und das Gras uͤber ihrem Sarge Wurzel faſſen konnte— Hab'Acht auf Dich, ſags ich Dirz“ und dann fing ſie an das alte Volkslied von Lady Iſabelle's Tragödie, mit ihrer kraͤchzenden Stimme zu ſingen, und ſuchte be⸗ ſonders, wie es ſchien, die Verſe aus, in denen der Name „Stiefmutter“ vorkam, und betonte dieſe Sylben ſehr ſtark: „Stiefmutter aber war ein boͤs', Recht herzlich boͤſes Weib, Und Tag und Nacht verlangte ſie Zu toͤdten Mary's Leib. Beſtach auch ſpater ihren Koch Die Blutthat zu vollziehn, Und trat dann mit gar frommem Blick Vor ihre Tochter hin!—“ d die dazwiſchen liegenden Verſe uͤberſpringend, ſie mit noch höherer, gellenderer Stimme zu den Stanzen, wo der Lord von der Jagd zuruͤckkehrt, und nach ſeiner ochter fragt, ihm das Mahl aufzutragen, und als dieſe nirgends gefunden werden kann, ſchwört weder eſſen noch trinken zu wollen, bis ſie zum Vorſchein kommt; dann hebt wieder das Lied an: „O dann!“ rief aus der Koch in Haſt, Mit lautem, wildem Schrei, „Den Kuchen, willſt die Tochter ſehn, Den Kuchen ſchneid' entzwei. Ihr Fleiſch iſt klein gehackt darin, Gebraten und geſchmort. Stiefmutter hat das All' beſtellt, 3 Bezahlte auch den Mord.“ Von dieſem ſprang ſie zum Schlußvers tte den ſie mit beſonderer Luſt ſang: „Der Lord, der trauerte gar ſehr um ſein lieb Toͤchterlein, Stiefmutter aber litt darauf Des Scheiterhaufens Pein.“ Während deſſen fielen der armen Anna Thränen auf die Wangen des juͤngſten Kindes und Tims, der durch das Eintönige des Geſanges, den herben Sinn der Worte nicht ahnend, auf ihrem Schooße eingeſchlafen war. Mr. Maſon jedoch machte die Thuͤre zu, und verſuchte Alles, die gekraͤnkten Gefuͤhle ſeines theuern Weibes zu befaͤnf⸗ tigen, die auch, trotz dem Schmerze, den ſie fuͤhlte, zu laͤcheln verſuchte. Mansfeld zog ſich jetzt zuruͤck, und wunderte ſich im Stillen daruͤher, daß Leute Luſt und Zufriedenheit von den Herzen Anderer zu verſcheuchen ſuchen, blos weil ihre eigenen derſelben entbehren. Er bewunderte aber das Betragen der jungen Mutter, die ihre Engelsmilde und Ergebenheit der alten böswilligen Frau entgegenſetzte, und mit grenzenloſer Geduld, ja Freundlichkeit, ihre uͤble Launen trug.— Wir bewaffnen und bereiten uns wohl Alle auf große Käͤmpfe und Gefahren vor, unſeren Muth, oder unſere Tugend recht vorleuchten zu laſſen, dennoch iſt das alltägliche Leben gerade der Platz, wo unſere Charak⸗ terſtaͤrke, wo unſer Herz am haͤufigſten gepruͤft wird. Während der Juͤngling mit dieſen und aͤhnlichen Ideen heimwaͤrts wanderte, dachte er wieder an das lieb⸗ liche Bild der Jungfrau zuruͤck, und unwillkuͤrlich mußte er ſich geſtehen, er habe daſſelbe Geſicht ſchon irgendwo geſehn, obgleich er ſich nicht erinnern konnte wann, und unter welchen Verhaltniſſen. Er wandte ſich daher, und ing wieder der Hutte zu, in der Hoffnun, die Unbe⸗ tannte noch einmal zu erblicken, und dänn ſich vielleicht der Aehnlichkeit wieder zu erinnern. Der Indianer⸗Häuptling. I. — Als er zum zweiten Male vor das Haus kam, ſah er die alte Frau auf der Schwelle allein ſitzen, waͤhrend von innen das Zeter Mordio des juͤngſten Kindes gehoͤrt wurde, das dann und wann einmal einen Augenblick verſtummte, und gleich darauf wieder, als der kleine Schreier friſche Kraͤfte geſammelt hatte, mit erneuerter Kraft ausbrach; die alte Frau aber bekuͤmmerte ſich we⸗ nig um den kleinen Schreihals; ſie hörte mit ſtiller Ruhe, ja faſt mit einer heimlichen Zufriedenheit, denn ein leiſes Laͤcheln ſpielte um ihre Mundwinkel, dem To⸗ ben zu, und ihr Blick ſchien zu ſagen:„Es iſt nicht mein Fleiſch und Blut, laß es ſchreien.“ Bald jedoch kam Mr. Maſon mit ſeiner Frau, jedes von ihnen in ihrer Hand einen bis zum Rande mit Milch gefuͤllten Eimer haltend, auf deren Oberflaͤche der gelbe, fette Schaum trieb.— Alice ging neben der jun⸗ gen Frau, einen kleineren Eimer in der Hand, mit dem, was techniſch„ihe strippings“ genannt wurde oder die letzte Milch des Thieres, wenn das Meiſte ſchon abgemol⸗ ken iſt. Mansfeld, indem er mit jener, in dieſen wilden Ge⸗ bat ſie um einen Trunk Milch, ſeinen Durſt zu loͤſchen. genden ſo gebraͤuchlichen Ungebundenheit zu ihnen trat, — Die junge Frau war eben im Begriff ihm das Ver⸗ langte zu reichen, als ihres Lieblings Stimme in ſolch er⸗ neuertem Lamento ausbrach, daß ſie eilig ihren Milch⸗ eimer niederſetzte, und in vollem Laufen zum Hauſe flog.— 1 n Alice bot dem Fremden, mit einem e i Eimer an, und ſeinem freundlichen Dank zu ant⸗ worten, neigte ſie das Köpfchen mit einer ſolchen Lieblich⸗ keit und einem ſolchen Laͤcheln gegen ihn, daß wieder un⸗ willkuͤrlich der Gedanke in ihm aufſtieg:„wo, um des Himmels willen, haſt Du das Geſicht ſchon geſehen?“— Als ſie ſich von ihm wandte, hatte er Zeit die ſchlanke, gerundete Geſtalt, und beſcheiden ſtolze Haltung des Maͤdchens zu beobachten; ihr weißer Arm war bis zum Eubogen entbloͤßt, und ſie ſelbſt in einen einfachen ſelbſtgewobenen blauen Rock gekleidet, der ſo genau an⸗ ſchloß, daß, trotz dem hohen Beſatz, der Alles, ausgenom⸗ men die weiße Kehle verbarg, doch die Umriſſe ihres Oberkoͤrpers vollkommen erkennbar blieben. Ihr Haar war einfach zuruͤckgekammt, und auf dem Hinterkopf geflochten, von dem nur zwei dunkele Locken pinen den Ohren herunter fielen. Mr. Maſon hatte ſeinen Eien ins Gras geſtellt, — 100— und ſchien bereit in irgend eine Unterhaltung, ſei es uͤber Wetter, Ernte, Indianer oder was es ſonſt ſein mochte, einzugehen. „Alice iſt ein hubſches, liebes Maͤdchen!“ ſagte er, als er den Blicken des Juͤnglings folgte. Heinrich erroͤthete, und geſtand die Urſache ſeiner Bewunderung, als Entſchuldigung, ſie ſo aufmerkſam beobachtet zu haben. „Leicht moglich,“ erwiederte Jener,„es iſt ſonder⸗ bar, und mir oft aufgefallen, wie ſo haͤufig Leute, die ſich nicht im Geringſten verwandt ſind, doch einander ſo aͤhnlich ſehn.“ „Wohl wahr,“ antwortete Heinrich,„und dennoch wie wunderbar, daß unter dieſen Millionen der Erde, mit ein und denſelben Geſtalten, doch wieder ſolche un⸗ endliche Verſchiedenheiten herrſchen, die alle darauf hin⸗ ausgehen, irgend einen bedeutenden Unterſchied in ſich ſonſt ganz aͤhnlichen Zuͤgen hervorzubringen.“ „Der große Meiſter weiß ſich ſtets zu helfen,“ ſagte Maſon.„Seht die Blaͤtter eines Baumes an, nimmer findet ihr zwei, die ſich vollkommen aͤhnlich ſind, nimmer zwei Grashalme, die ſich genau gleichen, und doch ha⸗ ben alle dieſelbe Form, dieſelben Streifen. Wenn der Menſch eine Maſchine macht, um ein und dieſelben Sachen hundert d tauſendfach darauf zu verfertigen, ſo iſt eins der Machwerke auch gerade wie das andere, der Menſch kann nicht wechſeln, und den⸗ noch dieſelbe Sache haben, Gott aber kann!“— „Iſt das junge Maͤdchen, Fraͤulein Alice, eine Ver⸗ wandte von Euch?“ fragte Mansfeld nach einer kleinen Pauſe, dem die Unterhaltung ein wenig zu philoſophiſch wurde. „Nein, nein, ſie iſt eine Waiſe, ſie hat keine Ver⸗ wandte mehr auf dieſer Welt; die wurden alle von den Indianern gemordet; Ihr habt doch wahrſcheinlich von dem Hinſchlachten der ganzen Durandiſchen Familie ge⸗ hoͤrt?“ Im Moment ſchoß ihm alles Blut aus dem Her⸗ zen in die Schläfe,— er gedachte des ſonderbaren Mäd⸗ chens, das er in Tippecanoe gefunden, und die merk⸗ wuͤrdige Aehnlichkeit, und auch wieder Verſchiedenheit derſelben fiel ihm ſchwer aufs Herz, denn nichts konnte einander unähnlicher ſein, als das kalte, ſtolze Beneh⸗ men der Einen, gegen die wunderholde Milde der An⸗ deren, und dennoch hatten ſie dieſelben Geſichtszüge, daſ⸗ ſelbe Läͤcheln, dieſelbe Stimme.„Seid Ihr gewiß, daß —— Keiner gerettet wurde? konnte nicht ein Theil derſilben in die Gefangenſchaft geſchleppt ſein?“ „Nein, ſie wurden alle geſchlachtet, ihr Haus ver⸗ brannt und mit ihm ihre Leichname.“ Sn Mit dieſen Worten nahm der Mann die Eimer von der Erde, und bat den jungen Mansfeld, mit ihm ins Haus zu gehen:„Aber Ihr muͤßt nichts davon gegen Alice aͤußern,“ fuhr er fort,„das arme Maͤdchen hat ſich ſo faſt ſchon zu Tode daruber gegraͤmt, und jetzt ſind dieſe bemalten Teufel wieder da, uns umzubringen, was wenigſtens eher wahrſcheinlich iſt, als daß in abziehen.“ 1324 Mansfold anůig ſich und verließ den Hof, doch nicht ohne vorher verſprochen zu ahit bald 5 B — — ₰ S E 8 — S —= — — S 8 * — — ₰ = — Ihrem Mund den erſten Kuß. Mr. Maſon war erſt vor einigen Jahren aus dem Oſten, von wo er ſeine Frau und deren alte Mutter mitbrachte, in dieſe weſtlichen Regionen eingewandert. Mary hatte ſich auch von ihrer Mutter, deren einziges Kind ſie war, nicht trennen moͤgen. Ueberdies waren die Launen der alten Frau bekannt, und Marp beſonders, von Jugend auf an dieſelben gewoͤhnt, bemerkte ſie wohl weniger, als Andere, noch dazu, da ihre alte Mutter die Zärtlichkeit und Liebe, die ſie der ganzen uͤbrigen Welt vorenthielt, an ſie allein verſchwendete. Noch muͤſſen wir dem kleinen Haushalt des jungen Farmers und ſeiner Frau, ein Madchen von ungefaͤhr 12 Jahren zuzählen, die, als ihre Eltern ſtarben, dem Waiſenhauſe uͤbergeben wurde, da ihre wohlhabenden Verwandten alle meinten, daß ſie ſelber genug Kinder hätten, fuͤr die ſie ſorgen muͤßten, und ſich nicht noch die anderer Leute aufladen wollten. Waͤren die Ver⸗ wandten des verlaſſenen Kindes arm geweſen, ſo haͤtten ſie vielleicht beſſer den Werth freundlicher Theilnahme verſtanden, die elternloſe Waiſe wuͤrde in ihren Herzen ein Aſyl gegen die kalte Unfreundlichkeit der Welt gefun⸗ den, und herzlich die mageren Brotrinden mit ihnen getheilt haben; aber ungluͤcklicher Weiſe war es das Gegentheil, die kleine Anna wurde oͤffentliches Eigenthum, und der guten Frau uͤbergeben, welche die Oberaufſicht dieſes In⸗ ſtitutes füͤhrte. Hier lernte ſie Leſen, Schreiben, Nihen, wie alle Arten von Hausarbeit, und da ſie ſonſt fteund⸗ lich und willig war und ſchnell begriff, wurde ſie bald der allgemeine Liebling; als daher Mr. Maſon ſpäter kam, und vorſchlug, ſie in ſeine eigene Familie zu neh⸗ men, und zu erziehen, vder ſie mit anderen Worten bis zum 18. Jahr wwerpflichtete“(pound over) bei ihm und ſeiner Familie zu leben, und zu arbeiten(was häufig in dieſen Inſtituten vorfaͤllt), kamen der guten alten Frau die Thränen in die Augen, und ſie gab ihr eine Bibel zum Andenken, ſich dabei immer freundlich n. et⸗ innern. Anna wurde bald ebenſo in Mr. Maſons Fumilie der Liebling, als ſie es im Waiſenhauſe geweſen war, und ihnen faſt in allen Sachen unentbehrlich; ſie hatte auch wirklich keine Urſache ſich uͤber irgend etwas zu be⸗ klagen, außer etwa uͤber die boſe Laune der alten Ma⸗ dame Jones, der Mutter von Madame Maſon; aber Anna's Herzensgute ließ ſie auch dies berwinden, und Niemand hatte ſie je boſe geſehen, ausgenommen einmal, als ſie, nachdem ſie Jahrelang die Spottnamen ber alten Frau ruhig ertragen, frierlich erklaͤrte, ſie wuͤrde nie und nimmer irgend etwas thun, wenn es ihr unter dem Na⸗ men„Arbeitshaus⸗ Miädchen,“ wie ſie die Mutter, wenn ſie das Mädchen recht kränken wollte, ku nennen Ft, aufgetragen wuͤrde. 2 i Dieſe wagte nicht ſie zu ſehr zu rin nannte ſie Ann Spaulding woruͤber ſich die Arme nicht beklagen durfte, da es ihr eigener Name war, obhleich ſie viel kie⸗ ber das vettraulichere„Annchen“ von den Lippen der al⸗ ten Frau gehort hätte, wie ſie auch Maſons nannten. Bald nach dieſen kleinen Zwiſtigkeiten zog die ganze Familie nach Weſten, denn der fruchtbare ergiebige Bo⸗ den dieſer Landſtriche war fuͤr den Farmer des Oſtens, der ausgenutztes, duͤrres Land zu bearbeiten gewohnt war, zu lockend, und Anna folgte ihnen; der armen Marie Geſundheit aber unterlag dieſem ungeſunderen — 108— Klima, ſie wurde ſehr krank.— Anna wachte mit ſchwe⸗ ſterlicher Liebe an ihrem Lager, und verſuchte mit freund⸗ licher Theilnahme den Gram von ihrem Herzen zu ver⸗ ſcheuchen, der nur zu oft den weit von den Plätzen ſei⸗ ner Jugendſpiele Entfernten ergreift.— O, wer ſchildert die Pein des armen Menſchen, wenn er weit, weit von der Heimath entfernt, allein unter den kalten Seelen, der Vaterſtadt, des Mutter⸗ herzens, der Jugendfreuden denkt, und ihn die zehrende Sehnſucht erfaßt, noch einmal die gluhende Stirn in den Schooß der Mutter zu legen, noch einmal die leiſe Liebkoſung ihrer Haͤnde auf ſeinem Haupte zu fühlen; wer kann die Staͤrke der Bande, die ihn an die Heimath binden, auch nur ahnen, wenn er nicht ſelbſt den langen Schmerz der Trennung erlitten hat! Marie war ein zu liebes, ſanftes Weſen, die rau⸗ hen Stuͤrme des Lebens lange zu ertragen, ſie welkte und ſchwand in einem unendlichen Sehnen nach der Heimath, das ſie wachend und ſchlafend nicht mehr ver⸗ tieß, dahin. Lange konnte ſie das jedoch nicht ertragen, ihre Kraͤfte wichen taͤglich mehr und mehr, und ſie ver⸗ ſchied, ihr Kind Anna's Pflege empfehlend, und bat dieſe noch ſterbend, dem Verlaſſenen eine Mutter zu ſein.— — Anna verſprach Alles, und that auch wirklich was in ihren Kräften ſtand, ihre Liebe und Dankbarkeit fur die Todte zu beweiſen. Tag und Nacht beſchaͤftigte ſie ſich mit dem Kinde, und half allen ſeinen kleinen Be⸗ durfniſſen mit der Zärtlichkeit einer Mutter ab. Mr. Maſon konnte nicht gegen die Guͤte des treuen und lieben Madchens gleichgiltig bleiben, er fuͤhlte ſich allein und verlaſſen, und fand ſich gar oft an Anna's Seite, das Kind zu liebkoſen, nicht wiſſend, daß eigentlich Anna's Laͤcheln es war, welches ihn auf⸗ heiterte. Anna betrachtete ihn als ihren Beſchuͤtzer, und that in ihrer Herzenseinfalt Alles, was ihm angenehm und lieb war. Sie dachte nie an die Folgen. Er war traurig, und ſie verſuchte ihn zu troͤſten. Sie hatte ſich immet bemuͤht, Alles nach ſeiner Bequemlichkeit einzu⸗ richten, jetzt, da er allein war, that ſie es doppelt. Eines Abends, als ſie den kleinen Tim in ihren Armen eingeſchlaͤfert hatte, und das Kind auf ihrem Schooße ſchlummerte, ließ ſich Mr. Maſon an ihrer Seite nieder, und bat ſie, wie ſie es immer in ihrer Guͤte geweſen ſei, jetzt auch in Wirklichkeit die Mutter des Kleinen zu werden. Die arme Anna ſchaute ihm verſchuchtert in die Augen, und brach in Thraͤnen — 110— aus.— Das erſte Mal in ihrem Leben fuͤhlte ſie, ſie ein Dienſtbote war.— „Nein, ach nein!“ antwortete ſiu.„ich bin Magd, Euch uͤbergeben um zu dienen, ich kann nicht Euer Weib werden,“ und ſie verbarg ihr Geſicht in ih⸗ ren Haͤnden. Mr. Maſon war ſehr geruͤhrt.— Es war ein Contract war abgefaßt und unterzeichnet worden, aber das Papier hatte, faſt vergeſſen, ſchon Jahre lang in der alten eichenen Kiſte gelegen.— Madame Jones hatte uͤbrigens zweifelsohne das Andenken an ihre Ver⸗ bindlichkeiten in dem armen Maͤdchen wach erhalten, doch weder ſie, noch die Hingeſchiedene hatten das Maͤd⸗ chen je in einem anderen Lichte, als zur Familie gehoͤ⸗ rig, betrachtet.— Er ſtand auf, nahm die Papiere aus dem Kaſten, warf ſie in die Flamme, und bat ſie nun, ſich nur als der Verſtorbenen Freundin zu betrachten, und ſein Weib, die Mutter ſeines Kindes zu werden⸗ Anna ſah eine Weile ſtill vor ſich nieder; und alle die tägliche Kraͤnkung und Verfolgung der alten Frau zeigte ſich ihren ſinnenden Blicken, und mit Entſetzen wandte ſie ſich davon und bat ihn, nie, nie das eben genannte wieder zu ewaͤhnen, indem ſie hinzufuͤgte„Nimmer — 111— konnte ich, als Euer Weib, die verachtliche Kraͤnkung, die ich jetzt gern ertrage, dulden.“ Mr. Maſon verſtand ſie und wanderte in peinvol⸗ lem Schweigen im Zimmer auf und ab.„Anna,“ ſagte er endlich, vor ihr ſtehen bleibend,„ich konnte ſagen, daß die alte Frau ſich irgendwo anders eine Heimath ſu⸗ chen ſolle, daß ſie kein Recht habe, dieſelbe hier zu erwar⸗ ten, ſo ſie den Frieden im Hauſe ſtore, aber Anna, ich kann die Witwe nicht verſtoßen, ſie muß bleiben, ich will beten, daß Gott mich ſtark mache, den geraden Weg der Pflicht zu gehen.“ Anna lächelte durch ihre Thraͤnen, reichte ihm die Hand und ſagte:„Alles wird gut gehen, ſo Ihr thut was recht iſt, und ſollte meine Gegenwart Euren Frieden ſto⸗ ren, will ich gern dieſen Platz verlaſſen, wie die Magd in alten Zeiten es gethan!“ Mr. Maſons Stirn zog ſich in duͤſtere Falten. „Theuere Anna, ſprich nicht wieder das Wort Magd“ — und zum erſten Mal bog er ſich zu ihr nieder, preßte ſeine Lippen auf ihre brennende Wange, und verließ dann das Zimmer, da er Madame Jones kommen hoͤrte. Anna's Gruͤnde ihn zuruͤckzuweiſen, waren ſicher auftichtig gemeint, doch mußten ſie h ſeinen fortge⸗ — 112— ſetzten Ueberredungen gewichen ſein, wenn wir wenigſtens nach der Thatſache ſchließen, daß ſie, ſechs Wochen nach der ebenbeſchriebenen Unterredung, die geſetzliche Herrin des Hauſes wurde, und„klein Timmy,“ ſie, zu dem großen Aerger der Alten, die ſie jetzt mehr als vorher Anna Spaulding rief,„Mutter“ nannte. Ja dieſe ging in ihrer erſten Wuth ſo weit, zu drohen, daß ſie das Haus fuͤr immer verlaſſen wolle, und that auch wirklich ſo fuͤr wenige Tage, indem ſie erklaͤrte, daß ſie nun und niemals eine Andere an dem Platz ihrer theueren Marie ſehen koͤnne; es iſt aber moͤglich, daß die Gaſtfreund⸗ ſchaft der Nachbarin, zu der ſie zog, ſo ſtark in Anſpruch genommen, etwas nachließ, denn die alte Dame kam, unzufriedener als je mit der Welt, zuruͤck und erklaͤrte im Hauſe bleiben zu wollen, um den kleinen Tim gegen boͤſe Behandlung zu ſchuͤtzen. Anna war herzlich froh als ſie zuruͤckkehrte, denn es wuͤrde ihren Frieden untergraben haben, haͤtte ſie glauben muͤſſen, die alte, hilflofe Frau waͤre ihretwegen zu Fremden gegangen. Jahre ſchwanden ſo, und Anna war uͤber ihre Erwartungen glücklich. „Klein Tim“ war ein eigenſinniger Burſche, und je mehr er ſah, daß es feine Großmutter aͤrgerte, deſto in⸗ niger ſchloß er ſich an ſeine Stiefmutter an; ſeine kleine — 113— Seele mochte vielleicht ſchon ahnen, daß die arme Anna Vieles unſchuldig und ungerecht von der alten Frau litt, und ſo viel freundlicher liebkoſete er dann mit den kleinen Haͤndchen. Mr. Maſon war in den Lehren der Presbyteriani⸗ ſchen Kirche erzogen, und obgleich wohl ein Schatten von Strenge ſich mit ſeinem religiöſen Glauben miſchte, konnte doch das ſeiner ſonſt ſo herzlichen Gute keinen Abbruch thun. 3 Da er ſeinen Schöpfer nicht mehr in einem von Menſchenhaͤnden gebauten Tempel anbeten konnte, ver⸗ richtete er ſeinen Gottesdienſt in dem herrlichen gruͤnen Dome des Herrn, und fand das blaue azurne Himmels⸗ dach ein ſchoͤneres Gotteshaus, als das von Holz und Steinen aufgefuͤhrte. Er las jeden Sonntag laut einige Stellen aus den wenigen Buͤchern vor, die er beſaß; ſeine ganze Biblio⸗ thek beſtand uͤbrigens in einer gewaltigen, in Schweins⸗ leder eingebundenen Bibel mit geheimnißvollen, faſt nicht zu enträthſelnden Holzſchnitten,„Doddridge's Stei⸗ gen und Fortſchritte“„Maſon uͤber Selbſterkenntniß,“ „Scongals Leben Gottes in der Seele des Menſchen“— ſein Lieblingsbuch:„des Pilgers Fahrten,“ Fops Buch Der Indianer⸗Häuptling. 1. 8 2 — 114— der Maͤrtyrer mit ſchaudererregenden Vin und einem alten Commentar; von anderen Schriften hatte er noch„Washingtons Leben“,„Marions Leben“,„Gold⸗ ſmidt's England“ und„den Feldzug der großen Armee.“ Morgens und Abends war er gewohnt einige Verſe aus der heiligen Schrift laut zu leſen, und dann mußte „klein Timmy“ ſelber ganz ruhig ſizen.— 8 Me blinkte, der Tomahawk flog, Die Erde das Blut in Stroͤmen ſog. Nachdem wir hier nun Herrn Mſons Familie et⸗ eſchrieben haben, muͤſſen wir fuͤr einen Augenblick Gewaltthaten gehoͤrten keineswegs zu den Seltenhei⸗ n, und die Wildheit des Landes, wie die zerſtreuten ohnungen der Landleute, machten es faſt unmoͤglich, ſie zu beſtrafen. Da dieſe abgehaͤrteten Pioniere“), oder„Saquat⸗ *) Pioniere: die weſtlichſten Anſiedler, die ſtets der Be⸗ voͤlkerung vorauseilen, und ſich oft zwiſchen den Indianern niederlaſſen. 5— ters“ wie ſie ſich n nannten, keinen Schutz von den Gerichten erwarten konnten, uͤbten ſie ſelber, nach ihrer Anſicht wenigſtens, Recht und Gerechtigkeit, und es iſt genug Grund vorhanden zu glauben, daß ihr Verfahren oft ſehr grauſam und ungerecht war, 4 man noch bedenken muß, daß der arme Indianer, tuſpnders von dieſen ſeinen Nachbarn nicht hoͤher als das wilde Thier geachtet, und als ſolches verfolgt und umgef wurde. Die Bevoͤlkerung dieſes Landſtrichs beſta Auswanderern von allen Theilen der Vereinigten ten, und einem großen Theile Fremder, die politiſſ oder religiöſer Zwang der alten Welt bewogen ha Schutz und Freiheit in den weſtlichen Staaten zu ſuck Viele von dieſen Fremden waren Franzoſen, d ſich leichter wie die Abkoͤmmlinge irgend einer ande ren Nation, den Sitten und Gebraͤuchen der Eingebore nen anſchloſſen. Die Familie Durand war eine von dieſen. S lebte an der aͤußerſten Grenze der weißen Bevoͤlkerun und ſuchte weder Gemeinſchaft mit ihren weißen Nal —— barn, deren Annäherung ſie ſogar vermied, noch unterhielt ſie irgend eine Verbindung mit den Indianern. Monſieur Durand war ein ernſter, ſtreng bigotter Mann, und faſt, in Hinſicht ſeiner religioͤſen Anſichten, fanatiſch.— Das Mißlingen fruͤherer Hoffnungen und Plaͤne hatte, wie man ſich erzählte, ihn aus dem geſell⸗ ſchaftlichen Leben verſcheucht und ſeinen einſt heiteren Geiſt, wenn nicht ganz verduͤſtert und umnachtet, doch trube beſchattet. Nicht zu verkennen war, daß er ausgezeichnete Bil⸗ dung genoſſen habe, und ſeine kleine Huͤtte enthielt Ge⸗ genſtände der Pracht und des Luxus, die man in 6 Wildniß ſchwerlich vermuthet haͤtte. Seine ganze Bedienung beſtand aus einem einzigen „ Neger, der der Familie mit treuer Anhaͤnglichkeit diente. Madame Durand war eine ſchlanke, zart gebaute Dame, deren Liebe zu ihrem Manne ſo in Furcht vor ihm verſteckt blieb, daß es wirklich zweifelhaft ſchien, ob d Gefuͤhl uͤberhaupt exiſtire; ſigt ſie jedoch in dieſer Hinſicht wenig Herz, ſo brach es um ſo mehr hervor, wenn ſie ſich mit ihren Kindern beſchaͤftigte, dann war ſie ganz Hingebung und Zaͤrtlichkeit, waͤhrend ihre ſanf⸗ ten Augen in Liebe gluͤhten, und ihre Stimme leiſe und lieblich ihnen zulispelte. Die Wenigen, die ſie je ge⸗ ſehen hatten, fuͤhlten, daß ſie ſo ſchoͤn als ungluͤcklich war, und hatten nicht das plötzliche, furchtſame Aufbli⸗ cken zu dem ernſten Gatten, noch ihre ſich dann wieder mit einem leiſen Seufzer ſenkenden Augenlider uͤberſehn Ihre Geſchichte war ein Geheimniß, und Alle fuͤhlten, daß es ein ſchmerzliches ſein mußte.— Sie war Mut⸗ ter dreier Kinder, und obgleich ihre Liebe zu ihnen un⸗ begraͤnzt war, uͤbertraf ſie doch nicht die des Va⸗ ters, der beſonders ſeine zweite Tochter, die mehr von . 6. Blicken und ſeiner ſtolzen und kuͤhnen Haltung, als die uͤbrigen geerbt hatte, abgoͤttiſch verehrte.— Dieſer Art waren die Verhaͤltniſſe der Anſiedler, als eine Bande Wilder, bei hellem Tageslicht und ohne irgend eine gegebene Urſache, das Haus uͤberfielen, und die Bewohner unbarmherzig niedermetzelten.— Alice, die aͤlteſte Tochter entkam, wie? wußte ſie ſelber nicht, ſie erinnerte ſich uͤbrigens einen Theil des ſchrecklichen — Schauſpiels mit angeſehn zu haben, und war dann ohn⸗ mächtig geworden. Als ſie wieder zu ſich kam, fand ſie das Haus niedergebrannt, und mit ihm theilweiſe die Leichen ihrer Lieben. Die Schatten der Abendſonne wurden länger und laͤnger, aber obgleich ſchwach und verwirrt, durch die Schreckensſcene faſt ihrer Vernunft beraubt, wandte ſich doch das arme Kind mechaniſch nach Mr. Maſons Hauſe, da dieſes, wenn auch viele Meilen entfernt, das nächſte war, mit dem ſie einigen Umgang gepflogen hatten.— Wie ſie dort hinkam, weiß nur der Allmaͤchtige, ſie be⸗ hielt einzig und allein dunkele Erinnerungen von Finſter⸗ niß und Hunger, einem langen, langen Marſch, f nicht zu ertragender Muͤdigkeit, wild gluͤhenden Lichter wie Feuerkugeln, und mitternaͤchtigem Stampfen und Heulen, aber der allliebende Vater droben, fuͤhrte das ſchwache Kind durch die faſt unwegſame Wildniß, und ſchutzte ihre zarten Glieder vor dem Nachtthau und dem gefräßigen Zahn wilder Beſtien. Annn war eben im Begriff, ihre Hausthur fur die Nacht zu verriegeln, als ſie ein leiſes Klopfen und Jam⸗ mern draußen vernahm, und athemlos von Schrecken floh ſie zu ihrem Gatten, indem ſie fuͤrchtete, daß es der Panther ſei, von dem geſagt wird, daß er die Stimme des Jammers und Schmerzes annehme, um ſeine Leute deſto ſicherer zu locken. Mr. Maſon legte ſein Buch nieder, ſtand auf und oͤffnete die Thuͤr; in dem Augenblick fiel auch das Kind mit ausgeſtreckten Armen vor ihm nikder. Er nahm es auf, und trug es zum Licht, und lange Zeit glaubten Alle, daß der Lebensfunken in ihm erloſchen ſei. Lang⸗ ſam aber kehrte der Waiſe das Bewußtſein wieder, doch ſo ſchwach war ſie, daß ſie Tagelang wie ein kleinss Kind gefuͤttert werden mußte; dann erfaßte ſie ein hitz⸗ 8 Fieber, und lange lag ſie am Rande des Grabes.— Die Geſchichte des Ungluͤcks breitete ſich bald aus, und erregte großes Mitgefuͤhl, denn die Schoͤnheit der Madame Durand, und der Glaube, daß ſie nicht ſo glucklich ſei, als ſie eigentlich verdiene, erweckte uͤberall das Mitleiden der rauhen Waldſoͤhne. Es war ſchrecklich— Jahre des Grams und inner⸗ lichen, herzergreifenden Kummers auf ſolch fuͤrchterliche Weiſe in Blut und Tod geendet. — 123— Anna wachte am Krankenlager der armen Kleinen mit ihrer ganzen Zaͤrtlichkeit und Liebe, und gab ſie durch ununterbrochene Pflege und Wartung dem Leben wieder. Sie fuͤhlte doppelte Sympathie fuͤr ſie, ſowohl ihres Ungluͤcks, als auch der Erinnerung ihrer eigenen Jugendjahre und der Verlaſſenheit einer Waiſe wegen, deren Schmerz ſie wohl kannte. Die jugendliche Natur des Kindes ſiegte endlich, und das elternloſe Maͤdchen, mit ſeinem wunderlieblichen, blaſſen, traurigen Sk ſchloß ſich eng an ſeine Pflegerin an.— Sie hing an ihr, als ob ſie furchtete, daß ihr auch dieſe letzte Stuͤtze genommen werden koͤnnte, und ſie dann ganz einſam und elend waͤre. Ihre Geſundheit wurde jedoch nach und nach wie⸗ der hergeſtellt, und ihre fruͤhere Munterkeit kehrte wie⸗ der, obgleich ſich noch oft ihre Augen unwillkuͤrlich mit Thraͤnen fuͤllten; ihre Freunde wußten, daß ſie den ge⸗ mordeten Lieben galten. Anna fand in ihr eine Geſellſchafterin und Freundin, und ſelbſt die alte Madame Jones wurde unter dem — Einfluſſe ihrer ſanften Lieblichkeit milder und freundlicher, denn Alle fingen an ihre Launen der Alterſchwaͤche zuzu⸗ ſchreiben, und bemuͤhten ſich daher um ſo mehr, mit verdoppelter Zaͤrtlichkeit und Ruͤckſicht die alte ſchwache Frau zu behandeln. Von der Schwelle weicht zuruͤck! Oder, Gott ſoll mich verdammen, Ihr ſeid todt, im Augenblick. General Harriſon hatte beſtimmt, daß die Bera⸗ thung unter einer kleinen Baumgruppe, nicht weit von den Anſiedlungen, ſtatt finden ſolle, weil erſtlich die Stadt ſelbſt keinen bequemen und paſſenden Platz fur derlei Zuſammenkuͤnfte darbot, und er dann auch die Gemuͤther der Einwohner etwas beruhigen wollte, die keineswegs ohne Verdacht dieſes Zuſammenſtroͤmen der dunkeln Krieger in ihrer Nachbarſchaft bemerkten. Es war ein ruhiger, ſchwüler Tag, im Monat Auguſt, als die Glieder der Berathung auf dem dazu beſtimmten Grund und Boden erſchienen; und zwar General Harriſon in der einfachen Tracht des Weſtens, nur von ſeinen Adjutanten und einer Wache von zwölf Mann begleitet. Einen eigenen Anblick bot es aber, dieſe wenigen Maͤnner ſich in der Mitte von mehren Hunderten von Kriegern niederlaſſen zu ſehen, die alle — bemalt und bewaffnet, ihren Vortheil kennend, und durch ihnen geſchehenes Unrecht beleidigt und gereizt, feſt ent⸗ ſchloſſen waren, Recht zu erhalten. Als ſich Alle verſammelt hatten, ſtellten ſich Winne⸗ mac und ſeine Krieger an General Harriſons Seite.— Die Shawnees zeigten aber weder durch Miene noch Blick Verwunderung, und die verraͤtheriſchen Potowa⸗ tamys verſuchten umſonſt die Geſinnungen derſelben in ihren Augen zu leſen. Nachdem Alles geordnet war, begann der General die Unterhandlungen mit einer Rede, in welcher er Te⸗ cumſeh aufforderte ſeine Rechte auf das abgetretene Land vorzulegen, ſo wie die Urſache, weswegen er feind⸗ liche Geſinnungen gegen den, ihm(General Harriſon) befreundeten Häuptling Winnemac hege, kund zu geben und ſchloß mit einer Andeutung, daß die Gegenwart aller dieſer Krieger ſie von jedem Verdacht reinigen muͤſſe. Tecumſeh horchte alle dieſem, wie es ſchien mit gro⸗ ßem Intereſſe, und ſtand, als der General ſchwieg, auf, um darauf zu antworten. † Seine Stimme war ſanft und melodiſch, und er verfolgte den Faden ſeiner Rede mit einer, des groͤßten Redners würdigen Füſſigkeit und Gewandtheit.— — 129— Seine Sprache und Bewegung waren im Anfang ruhig und wuͤrdevoll, ganz dem gewaltigen Zweck, den er im Auge hatte, entſprechend; aber als ſich ſeine Rede weiter ausbreitete und waͤrmer in der Vertheidigung ſeines Vaterlandes, ſeiner Nation wurde, hob ſich ſeine Stimme, ſelbſt ſeine Geſtalt hoͤher und hoͤher, und je weiter er ſich in die Einzelnheiten der großen Sache, die er ver⸗ theidigte, einließ, deſto kraͤftiger, deſto feuriger wurde ſeine Sprache, wie die Quelle, erſt leiſe und ruhig mur⸗ melnd durch gruͤne Gefilde zieht, je weiter ſie ließt, mehr und mehr Baͤche in ſich aufnimmt, zum Fluß wird und ſich endlich als maͤchtiger brauſender Strom in den Ocean ergießt. „Bruder, der Vogel ſingt den ganzen Tag auf den Zweigen, mit ſeinen eigenen Weiſen zufrieden, die Biene eilt von Bluͤthe zu Bluͤthe, den ſuͤßen Tropfen fur ſich einzuſammeln, auch ſie iſt zufrieden— der Hirſch ſpielt im Mondſcheine und der Biber ſchaut aus ſeiner Woh⸗ nung; ſie ſind alle zufrieden; ſie ſtören Keines das An⸗ dere— ſie wollen auch nicht geſtoͤrt ſein; geht aber zum Neſt des Vogels, ihm die Jungen zu rauben, und der ſonſt Schwache, Hilfloſe wird ſtark; pluͤndert das Haus der Biene, und Ihr fuͤhlt ihren Stachel; nehmt dns Der Indianer⸗Häuptling. 1. 9„ — — 130— Kalb von der Hirſchkuh, und ſie wendet ſich zum Kampf. Der Biber zieht ſich durch geheime Gaͤnge zurück, und haͤlt, wenn er nicht weiter fliehen kann, um kämpfend mit ſeinen Jungen zu ſterben. So iſt es mit dem ro⸗ then Mann. Ich will das Unrecht, das ihm geſchehen iſt, nicht aufzählen, ich will nicht von des weißen Mannes Schwaͤche und Hilfloſigkeit reden, als er ſeine Hände empor hielt und den armen Indianer um Brot bat. Ich will nicht davon reden wie der rothe Mann ſeine Felle fuͤr ihn aus⸗ breitete, und ihm Hirſchfleiſch gab ſich zu ſtärken.— Es iſt vorbei,— aber ſeht um Euch.— Hat der In⸗ dianer ihn nicht unterſtutzt?— Ha— das ganze Land iſt dem rothen Manne entriſſen, von demſelben Flecke iſt er vertrieben, wo der Weiße um ein paar Fuß Erde bettelte, ſeine Todten zu begraben. Der weiße Mann hat ſeinen rothen Bruder uͤber die Alleghanie⸗Berge gejagt, jetzt muß dieſer Stand hal⸗ ten.— Der Schwache wird in Selbſtvertheidigung ſtark werden; er wird die Aſche ſeiner Todten zuſammenteſen, 3 und hier, in ſeinen eigenen Jagdgruͤnden, bei den Feu⸗ ern ſeiner Wigwams, von ſeinen Frauen und Kindern umgeben, wird er ſich zur Wehre ſetzen.— — 131— Der Indianer wird es thun.— Er muß hier leben, oder, wenn er ſterben muß, ſo ſei es hier, auf dieſem Boden, dem Geſchenke des großen Geiſtes, hier, umgeben von den Seinigen.— Unterliegt er hier, ſo wird das Feuer ſeiner Huͤtten die großen Prairieen ent⸗ zuͤnden, und bringt der weiße Mann ſeinen Pflug in dieſe Waͤlder, ſo ſei es uber die Leiche des Letzten unſeres Stammes. Bruͤder! wir ſind des Blutvergießens mude. Der Mais den wir eſſen, iſt von Blut geroͤthet, Blut iſt auf den Bläͤttern der Baͤume; die Blume iſt mit Blut befleckt; wir ſind des Schlachtens muͤde— Gern vergruͤben wir unſern Tomahawk tief in die Erde, der Thau und Regen ſollte ihn roſten, daß er nicht mehr konnte gefunden werden; aber wir wagen es nicht.— Wir tra⸗ gen ihn im Guͤrtel, damit der weiße Mann ſich er⸗ innern mag, daß der Indianer eine Waffe habe, und daß er ſie gebrauchen wird; aber nur um ſein eigenes Land, ſeinen eigenen Heerd zu vertheidigen. Laßt die bleichen Geſichter bleiben wo ſie ſind, und der Tomahawk wird an ſeinem Platze ruhn, laßt aber ihren Fuß nur deſſen Länge vorwaͤrts ſchreiten, und er wird roth von ihrem Blute ſein.— Laßt ſie das bedenken.— Bruͤder! der ſ. Geiſt hat ein Seil genommen, und alle rothen 9* Männer zuſammengebunden.— Sie haben alle die Hände ausgeſtreckt, und jeder die ſeines Bruders erfaßt. Es iſt eine große Kette von rothen Maͤnnern mit in ein⸗ ander geſchloſſenen Haͤnden, von den großen Seeen bis zu den warmen Gewäſſern des Suͤdens. Das ganze Land, weſtlich dieſer großen Gebirge, gehoͤrt dem einen Volk. Kein Stamm ſoll hinfort mehr fagen:„Dies Land iſt mein, ich will es fuͤr Feuerwaſſer, Gewehre oder Decken verkaufen,“ denn es gehoͤrt der ganzen Nation. Der Indianer ſoll nicht von ſeinen Feldern und Jagd⸗ gruͤnden vertrieben werden, weil ein ſtarkes Getraͤnk ſein Herz geſtohlen hat; er iſt, durch die Verpflichtungen un⸗ ſeres Volkes, verbunden ſie zu erhalten und zu verthei⸗ digen.— Wir ſind nicht mehr verſchiedene Staͤmme, wir ſind ein Volk. Bruͤder! Die bleichen Geſichter waren erſt viele Stämme; ſie waren ſchwach!— Schiffe kamen ibht das große Waſſer mit bewaffneten Maͤnnern, ſie zu be⸗ rauben.— Sie vrreinigten ſich zur Vertheidigung, ſie wurden ein ſtarkes Volk, und ihre Feinde flohen. S iſt es mit dem rothen Einſt waren ihrer Biei jebt find ſie Eins.—“ — 133— Sich dann an General Harriſon in's Beſondere wendend, fuhr er fort: „Bruder! Man hat Dir geſagt, daß wit Krieg wollen. Es iſt falſch. Der Indianer will ſich nur ver⸗ theidigen. Unſer großer Vater in Washington muß uns von nun an als ein Volk behandeln, wir werden nur als ein Volk Krieg erklaͤren, oder Frieden ſchließen.— Ich ſelbſt will unſern weißen Vater in Washington beſuchen, und ihm die Verbruͤderung unſerer Staͤmme erzahlen; er wird dieſem Verhandeln von Laͤndereien eine Grenze ſetzen; er muß es thun, denn der Indianer hat ſich ge⸗ ſtellt, er iſt in den Boden gewurzelt. Bruder, wurde er es nicht thun, wuͤrde er ſeine Hand hinter ſich halten, wenn wir ihm die Friedenspfeife bieten, ſo wuͤrde viel Blut fließen.— Er mag wohl ruhig druͤben uͤber den Bergen ſitzen, ſeine Weine trinken, und ſeine Pfeife rauchen, aber Du und ich, n 8 zuſammen ausfechten.§ Bruder, Du fraͤgſt, warum wir die Glieder des Rathes von Fort Wayne n, uͤber ihr Betragen Rechenſchaft zu geben?—“ „Bruder! Sie haben den Eid der Verbindung — 134— geleiſtet, auf deſſen Bruch Todesſtrafe ſteht. Sie ha⸗ ben uns die Hand der Bruͤderſchaft gegeben und dann die Kette gebrochen; der Tod nur kann die gelöſeten Glie⸗ der wieder in einander fuͤgen. Sie haben einen Raub be⸗ gangen, indem ſie etwas verkauften, das nicht ihr eigen war, ſondern der ganzen Bruͤderſchaft gehoͤrte. Der Tod allein kann die Schuld ſuͤhnen. Der„krumme Pfad“ ſieht nur den heutigen Sonnenſchein, er ſchaut nicht auf die geſtrigen Schatten zuruͤck, noch betrachtet er die ſich ſammelnden ſchwarzen Wolken im Oſten. Er ſieht nur den Rauch ſeiner eigenen Pfeife. Er muß ſterben. „Bruder! ich habe geſprochen!“ Als er ſich niederlaſſen wollte, fand er keinen Sitz, welches General Harriſon bemerkte, und ihm augen lich einen ſandte, indem er ſagte: „Der weiße Vater bittet Dich, Dich zu ſetzen.“ Die ſtolze Lippe Tecumſeh's warf ſich im Zorne und er antwortete:*) „Die Sonne iſt mein Vater, die Erde meine Mutter, an ihrem Buſen will ich rühen!“ und er ſete ſich auf die Erde.— Die Antwort des General Harriſon war mild und beruhigend, aber er hatte es mit einem gewaltigen Red⸗ ner, und zwar mit einem auf deſſen Seite Wahrheit und Recht war, zu thun.— Er weigerte ſich, dies neue Buͤndniß anzuerkennen, und ſagte, daß es ihm genuͤge zu wiſſen, die Haͤuptlinge, die der Verſammlung in Fort Wayne beigewohnt, ſeien die rechten Eigenthuͤmer, und daß ſie den vollen Werth fuͤr das verkaufte Land em⸗ pfangen haͤtten. Er wußte nichts von der Vereinigung der Stämme und erklaͤrte, daß der große Vater in Was⸗ hington daſſelbe nie anerkennen wuͤrde. Dieſe Vereini⸗ gung waͤre ein Traum, ſolch ein Ding koͤnne nicht beſtehn, koͤnne nicht anerkannt werden. Ein halb trauriges, halb unglaͤubiges Lächeln ſpielte um die Mundwinkel Tecumſeh's, als dieſe Rede beendigt war. Er ſaß mit auf der Bruſt gekreuzten Armen, in truͤbem Nachdenken vor ſich hinſtarrend, als er plotzlich durch die Stimme Winnemacs, der ſeine Vertheidigung begann, aufgeſtort wurde. Er ſprang empor, und ſtreckte heftig ſeine Hand vor. 3„Laßt den Verraͤther nicht wagen, hier und zu dieſer Verſammlung von ſeinen Verbrechen zu reden.— Er der Rathsverſammlung ſeines eigenen Volkes er⸗ 136 ſcheinen, und ſich dort vertheidigen.— Er hat feinen Eid gebrochen, und muß denen Rechenſchaft geben, de⸗ nen er ihn geleiſtet hat.“ Winnemac wollte zu reden fortfahren, doch Tecum⸗ ſeh's Hand fuhr an den Guͤrtel, ſein Tomahawk glaͤnzte in der Luft, und er ſprang vor als wenn er den Schaͤ⸗ del des verraͤtheriſchen Haͤuptlings ſpalten wollte, im Nu ſchimmerten Hunderte von Tomahawks in der Sonne, doch Tecumſeh bezaͤhmte ſich ſchnell, und faſt in demſel⸗ ben Augenblicke, als Jeder den Todesſtreich auf Winne⸗ macs ſchuldiges Hirn glaubte herabfahren zu ſehn, hielt er ein, und ſteckte die Waffe wieder in den Guͤrtel. General Harriſon zog den Degen und erklaͤrte die Berathung als geendet, indem er zu gleicher Zeit einige Worte des Vorwurfs hinzufuͤgte, die das wilde Blut zu Auge und Wange Tecumſeh's trieben, doch augenblick⸗ lich gewann ſeine ſtolze Geſtalt wieder ihre fruͤhere Ruhe und Wuͤrde. Er gab den Seinigen ein Zeichen, ſtellte ſich an ihre Spitze, und verließ langſam den Berathungs⸗ platz. Die Nachricht von dem unfreundlichen Aufbruch der Verſammlung verbreitete Schrecken und Beſtuͤrzung unter den Einwohnern der kleinen Stadt.— Alle 12 8 — 137— von Waffen wurden aus laͤngſt vergeſſenen und ver⸗ ſtaubten Ecken hervorgeſucht, und zu augenblicklichem Gebrauch zurecht gelegt. Keſſel mit heißem Waſſer nebſt langſtieligen Löffeln und Gießern bereit gehalten, Feuer⸗ zangen und Schaufeln neben die Thuͤren geſetzt, und ſelbſt Beſenſtiele, als eine keineswegs zu verachtende Vertheidigungswaffe, zurecht gelegt. Als die Krieger in langer Linie durch die Stadt zogen, lag Alles wie durch Zauberei in grabaͤhnlicher Ruhe und Stille, doch war kein Auge in der ganzen Stadt, das nicht durch die Spalten der feſtverſchloſſenen Thuͤren und Fenſter einen Blick auf die dunkelen, ge⸗ furchteten Krieger zu werfen ſuchte, als ſie langſam zwi⸗ ſchen den Haͤuſern hinglitten. Als Alle vorbei und verſchwunden waren, krochen die Einwohner vorſichtig aus ihren Verſtecken, und be⸗ trachteten wohl Einer des Andern Scalp, um zu ſehen, ob noch jeder auf dem rechten Flecke waͤre. Uebrigens wurde, als die Nacht anbrach, keines⸗ wegs die nöthige Vorſicht unterlaſſen, denn Viele glaub⸗ ten, daß dieſe Ruhe und Ordnung, mit der die India⸗ ner abzögen, nur eine teufliſche Liſt ſei, um dann deſto leichter die nichts Arges Ahnenden in der Nacht zu uͤber⸗ * fallen und zu morden; einige der Kuͤhnern jedoch beſuch⸗ ten ſie ſelber am Abend in ihrem Lager,(unter dieſen Heinrich Mansfeld), und waren Zeugen der großen Ord⸗ nung und Mannszucht, die in demſelben herrſchte. Es war ein wunderbar ſchoͤner, und doch wilder Anblick, dieſe hellflammenden Feuer in dem grünen Wal⸗ desſchatten, die dunkelen Krieger entweder in Gruppen verſammelt, oder in ihre Felle eingewickelt, an den Feuern hingeſtreckt zu ſehn, während die Wachen ruhig und be⸗ wegungslos, wie die ungeheuern Staͤmme an denen ſie lehnten, da ſtanden. Die Nacht lag in lieblicher Milde auf der ſchlum⸗ mernden Erde, und Nichts unterbrach ihre Ruhe. Xl. „Sie lebt, ſie lebt! was weil' ich denn? Hin, hin, an ihre treue Bruſt!“ Je mehr Mansfeld uber die Aehnlichkeit der beiden Madchen nachdachte, deſto wahrſcheinlicher ſchien es ihm, daß eins dir Durand'ſchen Familie entkommen, und in Gefangenſchaſt gerathen ſein könne, da der Brand des Hauſes es ſchwierig machte zu entſcheiden, ob Alle dabei umgekommen ſeien, indem das Feuer einen Theil der Leichname verzehrt hatte, und wilde Thiere ſich bald in die uͤbrig gebliebenen Reſte theilten. Feſt uͤberzeugt hiervon, und vor Eifer brennend die Wahrheit zu erfahren, furchtete er doch auch wieder Hoffnungen zu erregen, die vielleicht nie verwirklicht werden könnten. Er war unſchluͤſſig was er thun ſollte, als ihm der kleine, von Margareth empfangene Korb einfiel; er beſchloß zu Maſons zu gehen nnd ihn mitzu⸗ nehmen, daß vielleicht durch ihn das Geſpraͤch auf das wunderbare Madchen, und dadurch auf Alicens Ver⸗ — 113 haͤltniſſe gebracht werden könne.— Als er ſich dem Hauſe naͤherte, fand er die Thuͤre offen, und Herrn Ma⸗ ſon beſchaͤftigt, aus der aufgeſchlagenen Bibel vorzuleſen und zu beten; es war nun zu ſpaͤt ſich zuruͤckzuziehen, denn Madame Maſon winkte ihm ſſchon hereinzutreten, und Alice zeigte ſchweigend auf einen Stuhl neben ſich. Madame Maſon ſchien den eben Gekommenen nicht zu bemerken, das Juͤngſte ſprang jedoch ein paar Mal hoch in der Mutter Schooß auf, und Tim ſaß, den Kopf zu⸗ ruͤck, den Mund offen, und ſtarrte den jungen Mann groß an. Als das Kapitel beendigt war, legte Herr Maſon die Bibel zur Seite, und ſagte uns beten.—“ 8 Die ganze Familie ſtand auf und faltete die Hände auf der Ruͤcklehne der Stuͤhle, waͤhrend der Vater ein einfaches, herzliches Gebet ſprach, und man ſah, daß er fuͤhlte um was er bat.— Selbſt der junge, an ein wildes, Le⸗ ben gewoͤhnte Mansfeld, wurde von dieſer einfachen Feier⸗ lichkeit geruͤhrt.— Als das Amen geſprochen war, kam Mr. Maſon auf ihn zu und ſchuttelte ihm herzlich die Hand, und S —— auch der ubrige Theil der Familie hieß ihn freundlich willkommen. Mit der untergehenden Sonne waren auch alle Ar⸗ beiten der Familie beendigt; das Spinnrad der alten Dame kam in die Ecke, hinter die Wiege des Saͤuglings, Anna's Scheere und Zwirn wurden an einen Nagel, der den kleinen Spiegel hielt, gehangen, waͤhrend ſie an einen andern Nadelkiſſen und Fingerhut hing, und der Tiſch darunter war zu einer ſchneeigen Weiße geſcheuert. Ein kleines, aus Birkenrinde verfertigtes, mit Stachel⸗ ſchweinborſten verziertes Kaͤſtchen, enthielt noch einen Fin⸗ gerhut, etwas Baumwolle, Stricknadeln, und den An⸗ fang eines kleinen, winzigen Kinderſtrumpfes. Timmy hatte bald das niedliche Korbchen ausgefun⸗ den, und brachte es Alicen, damit auch dieſe bewundern möge. Die zarte, ſinnige Zuſammenfuͤgung deſſelben zog Aller Augen auf ſich, und als es Tim, auf Bedeuten ſeiner Mutter, zum Eigener zuruͤcktrug, bat ihn Hein⸗ rich es zn Fraͤulein Alice zu bringen und ſie zu bitten, es zu behalten, indem er hinzufuͤgte, daß es das Ge⸗ ſchenk eines jungen Mädchens aus der Indianiſchen Stadt ſei, die ihr ganz außerordentlich ähnlich ſehe.— „Alice ſieht nicht aus wie ein Indianer,“ ſagte Tim, ſich ſchnell herumdrehend. Alice erroͤthete, und ſah etwas verwirrt zu ihm auf. „Oh nein, es war kein Indianer, aber ein—“ (er wollte eben ſagen„ſchoͤnes,“ aber er hielt an und ſprach)„weißes Maͤdchen, das von dem Stamme als Kind angenommen zu ſein ſchien.—“ Alice hob ſich halb von ihrem Stuhl und fragte mit vor Erwartung bebender Stimme:„Sagtet Ihr, ſie ſaͤhe mir aͤhnlich?“ „Außerordentlich, ausgenommen daß ſie ſchlanker und dunkeler iſt.“ 5 „Es iſt Margareth,“ murmelte das arme Maͤdchen, in kaum hoͤrbaren Lauten, und ſank auf ihren Stuhl mit leichenblaſſem Antlitz zuruͤck. Die gute Anna ſprang ihr bei, und Mansfeld ta⸗ delte ſich ſelber, daß er mit der Sache, die er ſo vorſich⸗ tig anbringen wollte, heraus geplatzt waͤre.— Als Alice wieder zu ſich kam, bat ſie ihn, das Wi⸗ chen das er geſehen habe, zu beſchreiben, und mit ge trennten, zitternden Lippen und einem ſehr ſchmerzlich freudigen Ausdruck in den Zuͤgen, lauſchte ſie den ein⸗ zelnen Kleinigkeiten. Als er aber den ſtolzen, falten — 145— Blick ihres Auges erwaͤhnte, ſchuͤttelte ſie leiſe den Kopf— „ach nein, Margareth war ſo leichten Herzens, ſo froͤh⸗ lich, und dennoch, wenn ſie ſich geaͤrgert, ſah ſie ſtolz und finſter darein, und wollte nie, andern Kindern gleich, weinen; ſie muß ſich gar ſehr veraͤndert haben.—“ In tiefem Sinnen legte ſie die Hand an ihre Stirn; endlich begann ſie mit leiſer Stimme und mit der Miene und Geberde Einer, die wider ihren Willen, durch eine unerklaͤrbare Macht gezwungen, alten, ſchmerzlichen Ge⸗ fuhlen und Erinnerungen ſich hingiebt: „Ja, ich ahne wie ſie gerettet wurde.— Ich war ſtets feig und furchtſam, aber Margareth war unverzagt. Ein Gewitter aͤngſtigte mich; Margareth jauchzte, wenn der Donner rollte und die Blitze zuckten; nie konnte ich einen Indianer ſehen, ohne daß ich auch nicht ſchon die Schaͤrfe des Tomahawks in allen Nerven zu fuhlen glaubte. Margareth hingegen lernte deren Taͤnze, ſchmuckte ſich ſmnit ihren Zierrathen, und horchte ihren wilden Er⸗ Fählungen. A„Wir hatten Beeren geſammelt, als Hilferuf und wilder Kriegsſchrei unſere Schritte befluͤgelte. Gerade in dem Augenblick erreichten wir das Haus, als die Varbaren den Saͤugling gegen einen Baum ſchmetterten er Indianer⸗Häuptling. 1. 10 — 146— — und meine Mutter— doch ich kann weiter nichts ſagen.— Halb aus Schwäche, denn meine Glieder ver⸗ ſagten mir den Dienſt, halb aus Angſt, denn jede Fiber in mir zuckte, als ob ich das Meſſer ſchon in meiner Bruſt fuͤhlte, ſank ich bei einem Holzhaufen, nahe am Hauſe, nieder, und blieb verborgen. Bitter, bitter habe ich den Augenblick plötzicher Schwäche und Furcht be⸗ reut, aber die edle, unerſchrockene Margareth ſprang vor, und erfaßte den Wilden, der im Begriff war meinen WVater zu ſcalpiren.— Nimmer werde ich dies teufliſche Lachen des Schrecklichen vergeſſen, als er die grauen Haare meines Vaters losließ, und die langen, dunkelen Locken Margareth's erfaßte.— Ein Nebel ſammelte ſich vor meinen Blicken, und ich fuͤhlte mit peinvoller Ge⸗ nauigkeit die Pulsſchlage in meinem Hirn, doch ich er⸗ mannte mich wieder, und ſah einen großen, gewaltigen Haͤuptling mit gehobenem Tomahawk hervorſpringen, Mars gareth ſtreckte ihre Arme flehend zu ihm aus— ich ſch N nichts weiter, die Sinne vergingen mir und ohnmaͤchtig brach ich zuſammen. Als ich wieder zu mir kam, ſchuͤttelte⸗4 mich der Froſt, das Haus ſtand in Flammen, und die Indianer waren fort.— Ich ſuchte auf dem Flecke, wo 1 ich Margareth zum letzten Male geſehen hatte.— Ich 1 — 147— konnte keine Spur finden, ſie waren Alle fort, nichts war zuruͤck gelaſſen als Blut— dunkeles, ſchreckliches Blut⸗ — und dort war es am Baumſtamm, und Haare von dem lieben, lieben Kinde hingen in der rauhen Rinde. „Ich wuͤnſchte damals, auch ich waͤre todt, und den⸗ noch als mir dieſe ſchreckliche Art der Vernichtung auf's Herz fiel, als ich des kalten, ſchrecklichen Stahles gedachte, floh ich in wilder Eile in den Wald, dem Tode, den ich ben gewuͤnſcht hatte, zu entgehen— Jetzt, da ich mich aller dieſer Umſtaͤnde erinnere, glaube ich faſt, daß Mar⸗ gareths furchtloſes Betragen die Bewunderung der India⸗ ner erregt, und ſie bewogen hat, das muthige Kind zu ſchonen.“ Alice ſchwieg, und Alle hielten die Rettung nicht allein fuͤr moͤglich, ſondern ſogar fuͤr wahrſcheinlich.— Mr. Maſon warnte ſie jedoch, ſich nicht zu freudigen N Hoffnungen oder Befuͤrchtungen hinzugeben, denn es ſeija ein ſehr moglicher Fall, daß jenes Maͤdchen dieſe Margareth gar nicht ſei, und deſto herber wurde dann nur der Schmerz getaͤuſchter Hoffnung ſein. „Ich bin uͤberzeugt, es iſt Margareth,“ ſagte Anna⸗ „ich fühle daß ſie es ſein muß, und wenn ſie es iſt, weiß . wohl wie Alles enden wird—“ und 6 ihren — 148— Arm um Alicens Leib, und legte ihre Wange auf die Schulter derſelben. Alice ſaß leichenblaß vor ſich hinſtarrend da, und athmete kurz und aͤngſtlich; ſie war zu aufgeregt und konnte nicht einmal erleichternde Thraͤnen finden.— „Sei nicht lange,“ ſagte die alte Frau.„Ich weiß gewiß, es iſt klein Margareth; aber denk' nur wie die ſich veraͤndert haben wird— die iſt gewiß wie ein halber Indianer; denn nie wird ſie zuruͤck kommen und wie andere Leute leben, ſondern nur wie eine Art Wilde in den Waͤldern herumlaufen und nicht arbeiten wollen.— Ich erinnere mich noch recht gut eines gewiſſen Samuel Schaw; er wurde von den Indianern fortgeſchleppt, wie er ungefaͤhr zehn Jahr alt war, undlebte unter ihnen bis er wohl an die dreißig ſein mochte; da hoͤren ſeine Leute daß er noch lebt, und ſein Bruder macht ſich auf, ihn wieder zuruͤck zu bringen. Erſt wollte er nicht mit, als ihm aber ſein Bruder den Gram der alten Mutter vor⸗ ſtellte, wie ſie ſich um ihn abgehaͤrmt habe, konnte er es denn doch nicht uͤbers Herz bringen.— Er ging mit ihm nach Hauſe, aber wie ſah er aus; ſeine wollene Decke um, ſeine Leggins an und den Guͤrtel mit dem Stalpit⸗ meſſer und Tomahawk um, dazu den Kopf ganz — 149— Federn geſteckt; ſeine Mutter kannte ihn dennoch; ſie fiel ihm um den Hals und kuͤßte und herzte ihn, und Sam— ja der ſtand ſteif und feſt wie ein Klotz, ruͤhrte ſich weder noch that er das Maul auf, ſah blos ſo ein Bischen dumm drein.— Das haͤtte bald ſeiner armen Mutter das Herz gebrochen. Von Predigen und Beten wollte er gar nichts wiſſen. Leſen wollte er nicht lernen, und in einem Bett konnte er nicht mehr liegen; gewoͤhnlich ſtand er vor Tagslicht noch auf, und ging auf die Jagd. „Gar oft ſchoß er den Nachbarn die Ferkel und Huͤh⸗ ner weg, und wenn die was ſagten, ſchoß er die naͤchſte Nacht mehr; nie arbeitete er„ ſondern ſaß den ganzen Tag und rauchte und rauchte; ſprach aber mit Nie⸗ mandem. „Das konnte naturlich ſo nicht lange fortbeſtehen, ſeine Mutter nahm ſichs zu Herzen, wurde krank und ſtarb— den naͤchſten Tag war Sam fort.— Er ließ alle ſeine Kleider zuruͤck, und nahm nur ſeine Decke und ſein Gewehr, und man glaubt daß er zu den Indianern zuruͤckgegangen iſt. Niemand hat ihn wenigſtens nach⸗ her wieder geſehen.—“ Alle horchten in geſpanntem Schweigen der Erzäh⸗ — 150— lung, und Alice ſah ſtarr und faſt athemlos auf die Lippen der Erzaͤhlenden. „Es mag wohl ſo ſein, Großmutter!“ ſagte Mr. Maſon, als dieſe ſchwieg,„denn ſchwerlich wird Marga⸗ reth ſo ſein, als ob ſie unter Weißen erzogen waͤre, aber dennoch glaube ich nicht, daß ſich Maͤdchen ſo leicht den wilden Sitten anſchließen koͤnnen, als es wohl Knaben thun, Herr Mansfeld ſagt ja auch, daß ſie gar nicht wie eine Indianerin iſt.“ „O, laßt uns nicht davon ſprechen,“ rief Alice,„aber ſie muß rüchfeh werden; ſie darf nicht unter den Wilden bleiben.—“ „Ich will ſelbſt nach der indianiſchen Stadt ² ſagte Mansfeld,„und Alles was in meinen Kräften ſteht, verſuchen es moͤglich zu machen.“ Alice blickte ihn mit ruͤhrender Dankbarkeit an, und ſchwere Tropfen ſammelten ſich in ihren Augen. Der Juͤngling mußte immer wieder in das liebe, blaſſe Ge⸗ ſicht ſchauen, und mit jedem Blick ſah er deutlicher, wie unendlich Alice dem fremden, ſchönen Maͤdchen glich, und wie ihr dennoch jener ſtolze Blick fehlte, der die Zuͤge Margareths intereſſant machte. 5 umſonſt iſt jene Heeresmacht, So lang der Wald die Eb'ne deckt, Schlingpflanz' und Wein hindurch ſich ſtreckt, Und jede Wurzel, jeder Strauch Zu Schutz und Bruſtwehr wird gebraucht. E, Hooper. Da General Harriſon es nicht mit dem maͤchtigen Häuptling zu verderben wuͤnſchte, beſchloß er, ihn im Lager zu beſuchen, in der Hoffnung ihn vielleicht noch dem amerikaniſchen Intereſſe zu gewinnen. Tecumſeh empfing ihn hoͤflich, und zeigte auf einen Sitz neben ſich, waͤhrend er ihm die Friedenspfeife reichte.— General Harriſon, mit den indianiſchen Gebräu⸗ chen vertraut, ließ ſich neben dem Haͤuptling nieder und rauchte lange die dargebotene Pfeife, die Schweigſamkeit der Wilden nachahmend, denn wohl wußte er, daß das Vertrauen, welches er ihnen erwies, mit einem einzigen Begleiter, faſt unbewaffnet, in der Mitte dieſer wilden Krieger zu erſcheinen, von dieſem edelmüthigen großher⸗ zigen Volke geachtet und bewundert wurde. — 154— Zur ſelben Zeit waren Feuer in allen Richtungen angezuͤndet, und die Beute, die die verſchiedenen Jäger ins Lager gebracht hatten, briet und ſchmorte.— Stuͤ⸗ cken duͤnn geſchnittenen Hirſchfleiſches, Rebhuͤhner, Ka⸗ ninchen, Eichhoͤrnchen und Truthuͤhner, ſtacken an hol⸗ zernen Spießen uͤberall um die Gluth herum, oder brie⸗ ten auf den Kohlen, waͤhrend ein Theil der Indianer, die ihre Mahlzeit ſchon beendigt hatten, mit verſchiedenen Spielen ſich die Zeit vertrieben. Nach und nach zogen ſich die jungen Maͤnner von den Haͤuptlingen zuruͤck, die ſich um den General und Tecumſeh verſammelten, und das leiſe Murmeln ihrer Stimmen miſchte ſich mit dem Zwitſchern der Vögel und dem Kniſtern der Feuer. Muntere Eichhoͤrnchen ließen die aufgeknackten Schalen raſchelnd in das duͤrre Laub fallen, und noch hing der Nachtthau in ſchweren Tropfen an den nieder⸗ gebogenen Halmen und Blumen des Waldes. Duͤnne Nebelſtreifen zogen vom Fluſſe auf, und ſegelten hoch hinauf zu dem blauen Azurgewoͤlbe, das ſich, einem un⸗ geheueren Dom gleich, der Sonne gegenüber aufthat. Wie in uͤberirdiſches Licht getaucht, erſchienen die fernen Grenzen der Prairie, und der große Steppenfalke — 155— ſchwebte in langſamen weiten Kreiſen in der blauen Luft.— General Harriſon legte ſeine Pfeife nieder, und Te⸗ cumſeh nahm eine aufmerkſame Stellung an. „Bruder! wir haben Deine Rede geſtern mit tiefem Kummer vernommen, denn wir glaubten die Englaͤnder haͤtten Dich beſtochen, weil Du der Feind unſeres gro⸗ ßen Vaters, des Praſidenten, in Washington gewvorden waͤreſt. „Bruder, man hat uns geſagt, daß der Krieg ver⸗ kuͤndende Wampum an die Staͤmme geſandt waͤre, und daß Ihr blos das Vorruͤcken der Englaͤnder abwartetet, um mit all Eurem Volke uͤber uns herzufallen, unſere Weiber zu tödten, und unſere Haͤuſer niederzubrennen. Tecumſeh iſt ein großer Häuptling, aber er verſucht Rauch in die Augen ſeiner weißen Bruͤder zu blaſen. Er redet von Frieden, während er auf Krieg ſinnt. Er redet von einer Vereinigung der Stämme, waͤhrend er Plaͤne macht, gegen unſeren großen Vater in Washing⸗ ton zu ziehen, und deſſen Feinde zu unterſtutzen.“ Tecumſeh antwortete ruhig, doch glühte ein wildes Feuer in ſeinen Augen, und ſeine Lippe war emporge⸗ worfen. — 156— „Bruder! der Weg des weißen Mannes iſt krumm, wie der der Schlange im Graſe. Der rothe Mann hat denſelben Pfad verſucht, jetzt aber geht er gerade, wie der Pfeil vom Bogen.— Der weiße Mann ſieht das nicht ein. Er bedeckt ſeine Augen mit der Hand und ſagt dann, daß er nicht ſehen koͤnne. „Er ſteckt ſeine Finger in die Ohren, und ſeht⸗ er kann nicht hoͤren. Laß ihn ſeine Augen und Ohren öff⸗ nen, und ſein Herz wird es verſtehen.— „Bruder! Einſt waren dieſe Staͤmme ein großes Volk; der Rauch ihrer Feuer ſtieg von tauſenden von Hügeln auf, ſie waren wie die Blaͤtter auf den Baͤu⸗ men.— Die Zeiten ſind voruͤber.— Der Fuchs iſt in ſeine Hoͤhle gebannt. Das Moos waͤchſt auf den Stei⸗ nen ihrer Berathungsfeuer, die Spinne webt ihr Netz um den Speer des Kriegers, und das Canoe verfault am ufer der Seeen. Wir ſind niedergebeugt und ſchwach. Wir blicken nach den Huͤgeln, und ſehen die Geiſter unſeres Volkes nach dem Lande der Schatten fliehen; wir ſehen ſie hinweg eilen, wie der Vogel dem kommenden Sturme ausweicht.“ „Bruder! der große Geiſt hat ſeinen Kindern ſei⸗ nen Willen kund gethan. Er hat uns in Bruͤder⸗ — 157— ſchaft verbuͤndet.— Er öͤffnete ſeinen Kindern die Au⸗ gen, auf daß ſie ſahen, wie der weiße Mann von der Erde draͤngte. „Der Plan unſeres weißen Vaters, all unſit Land zu kaufen, iſt wie ein mächtiges Waſſer, das alle Rothhaͤute verſchlingen will; die Verbruͤdernng der Stäͤmme iſt ein Damm, der es zuruͤckhalten wird.— Es iſt kein Traum.— Die Staͤmme ſind vereint, wir wollen kein Land meht verkaufen. „Bruder! Du haſt boͤſe Rathgeber. Sie ſagen, daß wir uns mit Deinen Feinden, den Englaͤndern, verbunden haben.— Es iſt falſch.— Kein Buͤndniß eriſtirt, das ausgenommen, welches uns einig macht. Wenn Ihr und die Englaͤnder zuſammen Krieg anfangt, muͤßt Ihr ihn auch zuſfammen beendigen; der Indianer wird fuͤr Keinen von Euch kämpfen, was könnte er dabei gewinnen? Nichts, als noch mehr ge⸗ ſchwaͤcht, nachher deſto leichter die Beute des Siegers zu werden. Nein, der Indianer wird ſeinen eigenen Heerd, ſeine eigenen Graͤber vertheidigen, und blos dem Schall Euerer Kanonen von weitem lauſchen. „Bruder! der Wampum⸗Guͤrtel iſt unter die [Stůmme geſandt, aber es war in Freundſchaft, er iſt — 158— das Zeichen der Treue unter uns, aber er meint auch daß wir gegen die Englaͤnder oder Euch, wer ſich uns zuerſt aufdraͤngt, kaͤmpfen werden.— Achtet unſere Rechte und Ihr habt nichts zu fuͤrchten; pflanzt Euren Fuß auf die Erde des rothen Mannes, und es wird von den großen Seeen bis an die Ufer des Miſſiſippi und den warmen Stroͤmen des Suͤdens gefuͤhlt werden.“— Die anderen Haͤuptlinge folgten der Rede Tecum⸗ ſehs und zaͤhlten alle die vielen Beleidigungen und Un⸗ bilden, die ſie von den Weißen erfahren hatten, auf. Der General, der wohl einſah, daß er dieſe wilden Seelen nie zu ſeinen Plaͤnen umſtimmen konnte, ſtand auf, um ſich zu entfernen. Mansfeld, der ihn begleitet hatte, ſah in diiſem Augenblick Mr. Maſon und Alice ſich der Gruppe nä⸗ hern. Der Erſtere redete ſie freimuͤthig an, waͤhrend Alice ſchuͤchtern ſtehen blieb und aͤngſtlich die dunkelen Krieger betrachtete. „Guten Morgen, General! Ihr ſeid heute fruͤh bei der Hand; dieſe Wilden ſind ja ſehr ſtill heute Morgen, glaubt Ihr nicht, daß ſie irgend einen Plan aushecken, uns abzuſchlachten?“ und dann, ohne eine Antwort ab⸗ zuwarten, fuhr er fort:„Dieß junge Maͤdchen hier, heißt — 159— Durand— ſie gehoört zu der Familie, die von den In⸗ dianern erſchlagen wurde, und jetzt vermuthet ſie, daß ihre Schweſter zwiſchen denſelben lebe, weil Herr Mans, feld dort ein weißes Madchen geſehen hat, das ihr ſehr ähnlich ſehen ſoll; ich denke aber wohl, es wird eine von den franzoſiſchen Dirnen ſein, die ſich g'rad ſo gern bei den Indianern, als bei den Weißen herumtrei⸗ ben; wie's aber auch iſt, es half Alles nichts, als wir mußten hier herausgehen, und ſie will Tecumſeh ſehn und erfahren, was gethan werden kann, die Schweſter zuruͤckzubringen.“ Der General redete ſie freundlich an, und ging mit ihr zu Tecumſeh zuruͤck, der bewegungslos an einem Baume lehnte. In dem Augenblick, als ihn Alice ſah, rief ſie aus: „Es iſt derſelbe Haͤuptling, zu dem meino Schweſter floh!“ und dann alles andere ſie umgebende vergeſſend, wandte ſie ſich flehend gegen den Krieger, und fragte mit leiſer bebender Stimme:„O Häuptling, waret Ihr nicht mit Jenen, die die Durandſche Familie tödteten?“ Der Ausdruck ruhiger Gleichgultigkeit verließ bei dieſen Worten mit Gedankenſchnelle das Antlitz Tecum⸗ ſehs; mit blitzenden Augen fuhr er empor und antwor⸗ — — 160— tete ſtolz:„Tecumſeh roͤthet ſeinen Tomahawk nicht mit dem Blute von Weibern und Kindern; wer kann die Huͤtte nennen, die von ſeiner Hand niedergebrannt iſt, oder den Scalp eines alten Mannes unter ſeinen Sie⸗ geszeichen finden?“ Seine fruͤhere, ruhige Stellung annehmend ſchlug er ſeine Arme unter, und ſchaute auf das blaſſe, liebliche Antlitz Alicens, die mit auf der Bruſt gekreuzten Ar⸗ men ſchuchtern, doch entſchloſſen ihren heiligen Zweck zu erreichen, da ſtand. Ein Laͤcheln ſtahl ſich leiſe uͤber ſeine Züge, ſeine Lippen theilten ſich, und er fragte mit ſanfter, melodi⸗ ſcher Stimme: „Lag das Mädchen nicht bei einem Holzhaufen ver⸗ borgen? ihre Lippen von den wilden Waldbeeren geroͤthet, ihre Wangen bleich?“ „Wahr, wahr!“ rief Alice,„ich war eingeſchuͤchtert und dachte nur auf meine eigene Sicherheit, o bitter und oft habe ich den Augenblick bereut! Margareth war kuͤhn und großherzig, und ſie bat fur die, die ſie liebte, ſie hielt ihre Arme zu Euch empor; ſchontet Ihr ſie? lebt ſie?“ Sie ſprach in leidenſchaftlicher Aufregung und ihr Athem war kurz und ſchnell, während ſie mit aͤngſtlichen Blicken an den Lippen des Haͤuptlings hing, als ob dieſe Antwort uͤber ihr Leben entſcheide.— — 161— Tecumſeh ſchien mit ihrer Gemuͤthsbewegung ſpie⸗ len zu wollen; er ſchaute ihr laͤchelnd und nachdenkend in das, zu ihm flehend empor gehobene Antlitz, und ant⸗ wortete endlich klar und deutlich:—„Tecumſeh kaͤmpft nur mit Maͤnnern; nie faͤrbte das Blut eines Kindes ſeine Waffen.— Er hoͤrte den Hilferuf der Sterben⸗ den, waͤhrend Winnemacs Krieger, des Freundes der Weißen(und er richtete ſeinen Blick bedeutungsvoll auf Harriſon) ihre Tomahawks in den Schaͤdeln ihrer blei⸗ chen Freunde begraben hatten. Ich ſah das Maͤdchen in ihrer Blaͤſſe und Angſt, und das hochherzige Kind, das den Scalp des Vaters retten wollte; Tecumſeh deckte ſein Schild uͤber ſie, und ſie war gerettet.“ Während dieſer Erzählung hatte ihm Alice, mit furchtbarer Spannung in den Zuͤgen, zugehoͤrt; als er endete, athmete ſie tief auf, und waͤre zu Boden geſun⸗ ken, hätte ſie Mansfeld nicht aufgefangen.— Sie preßte aber, ſich gewaltſam ſammelnd, ihre Hand an die Stirn, wies alle weitere Huͤlfe zuruͤck, und wandte ſich wieder an den Haͤuptling. „Kann meine Schweſter uns wiedergegeben wer⸗ den? wird ſie nicht ihr wildes Leben verlaſſen, und bei uns wohnen wollen?— wir ſind Beide einſam, o laßt uns zuſammen leben; ich will mit Euch gehen, ſie wird nicht den Bitten einer Schweſter widerſtehen koͤnnen;“ Der Indianer⸗Häuptling. 1. 11 — 162— als ſie dieſe Worte ſprach, legte ſie ihre Hand auf die des Haͤuptlings, ſchaute mit einem Blicke, aͤhnlich dem ihrer kuͤhneren Schweſter zu ihm empor, und ſagte bit⸗ tend:„Ich gehe mit Euch!“ Noch einmal erheiterte Tecumſehs Zuͤge ein mildes Laͤcheln, als er antwortete: „Da ſprach der Geiſt des ſchwankenden Rohrs! Margareth iſt kuͤhn und ſchoͤn, ihr Schritt iſt leicht wie der des fluͤchtigen Hirſches, ſie hat das Auge des Jaͤgers, und das Herz des Kriegers. Weisheit wohnt auf ihren Lippen— warum ſollte ſie zu des weißen Mannes Scla⸗ verei verdammt ſein? ihre freie Seele wurde den Zwang verachten. Laß ihr, Maͤdchen, die Freiheit und Gluͤck⸗ ſeligkeit die ſie genießt. Warum ſollte der Vogel in einen Kaͤfig geſperrt werden? er ſingt ſo viel ſchoͤner im Freien.— Margareth iſt eine Tochter der Waͤlder, laß ſie bleiben.“ „Laßt mich dennoch mit Euch gehen,“ bat Alice⸗ „Sie kann mirs nicht abſchlagen; ſie wird an die Thraͤ⸗ nen, an die Gebete unſerer Mutter zuruͤckdenken, und wird zuruͤckkehren.“ In ihren eigenen Augen ſtiegen die Thraͤnen auf, und ſie wandte ſich, ſie zu verbergen. „Das Maͤdchen ſoll mit mir gehen,“ ſagte der Häuptling,„und ſie wird ſicher ſein.“ — 163— „Das kann nicht geſchehen,“ rief Heinrich Mans⸗ feld ſchnell dazwiſchen,„doch— wenn ſie geht,“ ſprach er leiſe, ſeine Haſt bereuend,„will ich ihr Beſchuͤtzer ſein.“ Alice ſah auf und erroͤthete.— „Ich fuhle, daß ich unter dem Schutze dieſes braven Häuptlings ſicher ſein werde,“ ſprach ſie mit zitternder Stimme— es wuͤrde ſich nicht fur mich ſchicken, noch weitere Huͤlfe anzunehmen, Herr Mansfeld wird mich daher ſicher entſchuldigen, wenn ich ſein freundliches An⸗ erbieten zuruͤckweiſe.“ Der Juͤngling fuͤhlte die Richtigkeit ihrer Bemer⸗ kung, und dennoch ſchauderte er, als er an alle die Ge⸗ fahren dachte, denen ſie ſich in ſolcher Begleitung, auf einer Reiſe durch die Wildniß, ausſetzte; die Möglich⸗ keit eines Ueberfalls— Gefechte mit wegelagernden Fein⸗ den— die Muͤhſeligkeiten und Beſchwerden eines ſo langen Marſches fur ſolch ein zartes Weſen, des Aufent⸗ halts neben dieſen Wilden gar nicht zu gedenken; denn er hielt es fuͤr mehr als wahrſcheinlich, daß Margareth nicht beredet werden koͤnnte, wieder zuruckzukehren. Alle dieſe Gedanken und Befurchtungen ſtuͤrmten wild auf ihn ein, und in jedem Augenblick vergroßerten und vermehrten ſich in ſeinen Augen die Gefahren des armen Madchens, ſo daß, as Nice ihren Arm in den des Herrn Maſon legte, und ihm ſelbſt einen fteunbli⸗ 11* — 164— chen„guten Morgen“ zuwinkte, er ihrer lichten Geſtalt traurig mit den Augen folgte, denn er betrachtete ſie als eine ihrem boͤſen Geſchick Verfallene. Schweigend kehrte er an des Generals Seite zur Stadt zuruͤck, und nahm ſich feſt vor, den Eingeborenen nach Tippecanoe zu fol⸗ gen und ſoviel wie moͤglich, das arme, ſich fuͤr ihre Schweſter aufopfernde Maͤdchen zu beſchuͤtzen. Der gute General unterſtutzte ihn in dieſem Vorſatz, indem er ihm vorſchlug, den Haͤuptlingen eine Bittſchrift zu uͤberreichen, worin dieſe gebeten wurden, das junge Mädchen vor jeder Gefahr und Beleidigung zu wahren, ihm ſelbſt dabei zugleich die Schicklichkeit vor Augen ſtel⸗ lend, ſeine Abreiſe noch um etwas zu verzögern, nicht allein aus Achtung fuͤr Alicen, ſondern auch vor der ganzen uͤbrigen Welt. Der junge Mann verſprach na⸗ tuͤrlich Alles, konnte jedoch nicht umhin manches harte Wort uͤber das„Urtheil der Welt“ in den Bart zu murmeln, die ſich ſtets da hinein miſchte, wo ſie eigent⸗ lich gar nichts zu ſuchen haͤtte.— Sein Herz wurde aber wieder weich, als er des ſanften lieben Maͤdchens gedachte, ihres wuͤrdigen Be⸗ tragens und ihrer natuͤrlichen Unſchuld und Liebenswuͤr⸗ digkeit. Er rief ſich ihr Laͤcheln, den Klang ihrer Stimme ins Gedaͤchtniß zuruͤck, bis er ſich feſt entſchloß den Weg einzuſchlagen, den ſie ihm ſelbſt befohlen haben wuͤrde. XIII. Wir haben an Einer Bruſt gelegen, Derſelbe Arm hat uns umſchlungen, Derſelbe Mund uns, leiſe, liebend, Das ſanfte Schlaflied vorgeſungen. C. Spragne. Madame Maſon, als ſie Alicens Entſchluß hörte, ſchauete ihr einige Augenblicke, ohne ein Wort zu ſagen, in die Augen, dann nahm ſie ihr leiſe das Bonnet(eine Art Kapuze) ab, half ihr den Shawl ablegen, und glaͤt⸗ tete ihr mit liebender Sorgfalt das Haar auf der Stirn, als ob ſie ein krankes Kind liebkoſote. „Armes, liebes Maͤdchen!“ ſagte ſie,„Du biſt un⸗ wohl, ich will Dir einen Kraͤutertrank kochen und Dich zu Bette bringen, dann wird Dir ſchon beſſer werdenz Deine Haͤnde ſind kalt und Deine Stirne brennt; dieſe Unru hen haben Dich zu ſehr angegriffen— Großmutter, ſei doch ſo gut und wiege das Kind ein wenig, indeſſen ich Alicen zu Bette bringe.“ „Ich muß mit Sonnenaufgang geruͤſtet ſein,“ ſagte Alice, während ſie einen langen, wehmuͤthigen Blick im lieben, wohlbekannten Zimmer umherwarf; möglich, — 168— daß ſie der Gedanke durchfuhr, ſie moͤchte dieſen Raum nie wiederſehen, denn eine Thraͤne glaͤnzte in ihrem Auge und ſie bog ſich nieder, um den kleinen Tim zu kuͤſſen, der ſie mit offenem Munde betrachtete. „Haſt Du den Verſtand verloren, Alice?“ frug das Kind leiſe und ſchuͤchtern, waͤhrend es ſich etwas von ihr zu entfernen ſuchte. „Den Verſtand verloren? nein, wahrhaftig nicht— was macht Dich das glauben?“ „Mutter ſagt, Du haͤtteſt, und ſie wollte aufpaſſen, daß Du nicht zu den Indiſchen lief'ſt.“ „Nein, James, ich will nur meine theuere Schweſter, hierher holen; die Indianer werden mir nichts thun!“ „Doch— doch!“ rief der Knabe, waͤhrend er zu weinen anfing—„ſie werden Dir das Haar vom Kopfe reißen und Dich lebendig röſten— o geh nicht! geh nicht!“ und er ſchlang ſeine Aermchen um ihren Nacken und ſchluchzte laut. „Theuere Anna!“ ſagte Alice, als ſie bemerkte, daß Jene in der That einen Kraͤutertrank fur ſie herrichtete —„bereite nichts fuͤr mich— ich bin vollkommen wohl und brauche nichts; wahrlich, Anna, ich bin bei völligem Verſtande.— Iſt es denn ſo wunderbar, daß — 5„— eine Waiſe, mit keinem Verwandten auf der weiten Erde, eine lange Strecke wandern, und Gefahren beſtehen ſollte um eine Schweſter wiederzufinden? D Anna, fuhlſt Du nicht, wie ſchön, wie unendlich ſchoͤn es ſein muͤſſe, eine Schweſter zu haben?“ Die junge Frau nahm den Säugling aus der Wiege, und warf die Schuͤrze uber den Kopf, ihre Thrä⸗ nen zu verbergen, denn die alte Großmutter ſah ſie mit einem ſtrengen, harten Blick an. „Nein, Anna!“ fluͤſterte Alice, ſich ihr nähernd, „Du mußt nicht weinen, ſieh, Du biſt mir eine Schwe⸗ ſter geweſen, und ich habe Dich gewiß als ſolche zaͤrtlich geliebt; Du haſt Alles gethan, um mich gluͤcklich zu machen, und der Allmächtige wird Dich dafuͤr ſegnenz aber, Anna, Margareths Antlitz ſteht noch, wie in mei⸗ ner Kindheit vor mir, als unſer Vater ſeine Haͤnde auf unſere Haͤupter legte und uns ſegnete und meine gute Mutter ihre Lippen auf die unſern preßte. Ach, Anna, iſt es nicht natuͤrlich, daß ich, die ich vom Schickſal ſo fuͤrchterlich beraubt bin, gehen moͤchte, die einzige Ver⸗ wandte, die mir geblieben iſt, aufzuſuchen?“ Anna druͤckte Alicens Hand, konnte aber vor Schluchzen nicht ſprechen; die alte Dame ſah ſie mit ei⸗ — 170— nem immer feindſeligeren Blicke an.„Nein Kind,“ ſagte dieſe endlich—„das iſt keineswegs wunderbar, daß Du ein Verlangen tragen ſollteſt, Deine Schweſter auf⸗ zuſuchen, und wenn Anna Spaulding nur irgend Ge⸗ fuͤhl haͤtte, wurde ſie es auch gar nicht glauben.— Ich rathe Dir, zu gehen— es wird Dich nie gereuen.“ Die alte Madame Jones hatte ihre Vorwuͤrfe kaum begonnen, als Anna ihre Thraͤnen mit Gewalt unter⸗ druͤckte; ſie trocknete ihre Augen und die Schuͤrze vom Geſicht nehmend ſagte ſie: „Ich bin uͤberzeugt, Alice, daß Du nicht glaubſt, ich könnte Dich tadeln, weil Du in dieſer Abſicht uns verlaſſen willſt; wie Du aber ſo zaͤrtlich liebend von Dei⸗ ner Schweſter ſprachſt, dachte ich an mich ſelbſt“— hier ſtuͤrzten ihr aufs Neue die Thraͤnen in die Augen, wie⸗ der aber bezwang ſie ihren Schmerz, und fuhr fort— „ich dachte daran, wie ich ſelbſt handeln wuͤrde, wenn ich auch nur einen einzigen Verwandten in der weiten, wei⸗ ten Welt haͤtte, wie ich durch Steppen und Waͤlder, Meilen und Meilen weit wandern, nicht Hunger noch Kälte, noch den Zahn wilder Thiere fuͤrchten wuͤrde, nur um ſie aufzuſuchen und mir ihre Liebe zu erringen., Aber ach, Alice, Fremde ſind oft liebevoller gegen uns, — 171— als die eigenen Verwandten, o koͤnnten wir nur durch unſere eigene Liebe, Andern daſſelbe Gefuͤhl gegen uns einfloͤßen,“— und ſie zog bei dieſen Worten den kleinen Tim an ihre Seite und kußte ihn. „Ich liebe Dich gewiß, Mutter!“ rief dieſer,„und Alice, und den Vater und Großmutter und das Kleine,“ und er begann im Zimmer umherzuſpringen, und mit dem letzteren zu ſpielen. „Und wir lieben uns Alle unter einander,“ ſagte Herr Maſon, als er in die Thuͤr trat, und ſeinen Hut hinter dieſelbe hing;„ich wuͤnſchte aber in der That, Alice,“ wandte er ſich an dieſe,„daß Du den Plan aufgeben möchteſt— er iſt wirklich gefaͤhrlich, und Mr. Mansfeld ſagt, daß, wenn Du bei uns bleiben möchteſt, er bereit ſei, zur indianiſchen Stadt zuruͤckzukehren, und Alles was in ſeinen Kräften ſteht, zu verſuchen, Deine Schweſter uns zuruͤckzubringen.“ Alice erröthete.„Ihr wißt daß ſie ihm erklaͤrt hat nie wieder zu den Weißen zuruͤckzukehren! Nein, ich muß gehen, ich muß ſie ſehen, ſie wird mir mit jedem Augenblicke theuerer, und wenn ſie nicht mit mir zuruͤck⸗ kommen will, muß ich bei ihr bleiben.“ „Alice! das iſt grauſam!“ ſagte Madame Maſon in etwas vorwurfsvollem Tone. „Verzeiht mir, ich meinte es nicht boſe, ich fuhle Eure ganze Guͤte, aber— o Ihr koͤnnt nicht ahnen, wie mich mein Herz nach der Gefaͤhrtin meiner Kindheit zieht.“ „Beruhige Dich, Alice,“ ſagte Mr. Maſon— „ich verſtehe ganz was Du fuͤhlſt, und ich weiß daß er, der die Haare unſeres Hauptes zaͤhlt, Alles zum Beſten fuͤhren wird; aber kommt, laßt uns zum Herrn beten— er wird uns erquicken.“ Nachdem er die große Familienbibel vom Fach her⸗ untergenommen hatte, las er die ſchoͤne, herzliche Sprache des Heilandes, wie ſie uns Johannes aufbewahtt hat: „Laſſet Eure Herzen nicht voll Sorge ſein“ u. ſ. w.— und dann, das heilige Buch bei Seite legend, betete er mit ungewoͤhnlicher Andacht zum Herrn, der unſere Ge⸗ danken kennt, und unſere Geſchicke leitet. Als ſich Alice zur Ruhe begab, geſchah es mit hoff⸗ nungsvolleren und glucklicheren Gefuͤhlen, als ſeit Jah⸗ ren; ſie dachte ſich Margareth noch immer als das froͤh⸗ liche, heitere Kind, wie ſie es fruͤher gekannt, und war feſt uͤberzeugt, daß ihr Herz auch jetzt mit gleicher Freude dem Schweſterherzen entgegenſchlagen wuͤrde.— Dann dachte ſie auch des jungen Fremden, der ſich ſo freund⸗ lich ihrer angenommen; ſie verſuchte zu glauben, daß es aus bloßem Mitgefuhl geſchehen ſei, dennoch aber mußte ſie ſich unwillkuͤrlich ſeiner edlen Geſtalt, ſeines maͤnn⸗ lichen, liebevollen Betragens erinnern, bis ſelbſt ſein Bild in den leiſen wirren Traͤumen verſchwamm, die ihr La⸗ ger umgaukelten. Es war ein trauriger Tag, als Alice auf das Pferd ſtieg, das ihr Herr Maſon beſorgt hatte, und von der Familie Abſchied nahm, es war ein trauriger Tag; manche Thraͤne ward vergoſſen, manche zaͤrtliche War⸗ nung und Ermahnung gegeben, und erſt dann, als der Huftritt des Pferdes in der Ferne verhallte, warf ſich Anna auf ihr Bett und ſchluchzte, als 6 ihr das Herz rechen wollte. Sie begriff kaum, wie ſie ſich von Alicen habe trennen können und fuͤhlte erſt jetzt, wie einſam und allein ſie in den langen Sommernaͤchten ſein wuͤrde, wenn ihr Mann im Felde ware, und ſie kein freundli⸗ ches Geſicht um ſich haͤtte, das ſie mit den boͤſen Lau⸗ nen der alten Frau ausſöhnen und Troſt uſprechen konnte. — 174— Selb ſt die alte Großmutter ſaß hin⸗ und herwie⸗ gend im Schaukelſtuhl, und murmelte dann und wann vor ſich hin:„Der Herr hat's gewollt— der Herr hat's gewollt!“ Mr. Maſon nahm erſt dann Abſchied von dem Maͤdchen, als ſich der indianiſche Zug in Bewegung ſetzte; wie es aber bekannt wurde, daß Alice Durand mit den Indianern nach ihrer Vaterſtadt wolle, um eine verlorene Schweſter aufzuſuchen, kamen viele der Einwohner aus Vincennes herbei, um einen letzten An⸗ blick ihres lieben Geſichtes zu haben und einen Segen uͤher ihr unſchuldiges Haupt auszuſprechen. Sie ſelbſt war nur Wenigen bekannt, Jeder aber wußte ihr ungluͤck und kein trockenes Auge folgte dem ſchoͤnen, bleichen Maͤdchen, als ihre ſchlanke Geſtalt neben der des ſtattlichen Haͤuptlings Tecumſeh, in der Ferne verſchwand. Heinrich Mansfeld hatte es nicht gewagt, von ihr Abſchied zu nehmen und Alice hatte wohl mehre Male ihre Augen uͤber den Kreis von Menſchen, ihn zu ſuchen, hinſchweifen laſſen, obgleich ſie es fich eigentlich ſelber nicht geſtehen wollte, daß es ſeinetwegen ſei; als er aber immer nicht kam, ſeufzte ſie endlich leiſe:„Ich haͤtte es — 175— ja nicht erwarten ſollen.—“ Sie hatte ſo vielen Schmerz und Kummer in ihrem Leben erfahren, daß ihr eine getaͤuſchte Erwartung kaum einen Seufzer aus⸗ preßte. Zu derſelben Zeit ſtand Mansfeld, nur wenige Schritte, obgleich von ihr unbeperkt, von dem Platze wo ſie hielt, entfernt, an einen Baum gehhut, ſeine Stirn kalt und weiß wie Marmot, und die Arme auf der Bruſt gekreuzt. Er blickte auf ihre bleichen Waſiß auf die zarte Geſtalt, und ſchauderte wenn er daran dachte, welchen Gefahren und Entbehrungen ſie entge⸗ genging Ats ihr General Huſßn ſeinen vaͤterlichen Segen ertheilte, beneidete er ihn faſt um das Privilegium, das ihm ſein Alter und Charakter gab, dachte aber daran, wie er in ſolchem Falle gezittert und ſtämmilt haben wuͤrde. unʒjmn ſirſtteueſich die Menge und Keiner wohl verließ den Piatz, ohne von banger Furcht i das arme Maͤdchen erfuͤllt zu ſein; Alice war wenig mit ihnen be⸗ kannt geworden, ja Manche hatten ſie fruͤher noch nicht einmal geſehen oder bemerkt; als ſie das zarte wunder⸗ liebliche Weſen aber jetzt erblickten, gerade wie ſie im Begriff war, ſich fuͤr das Wohl ihrer langbeweinten und todtgeglaubten Schweſter aufzuopfern, ſchien ein ganz eigenthuͤmlich geheimnißvoller Glanz, eine geiſtige Schoͤnheit ihr ganzes Weſen zu umſchweben, und faſt Alle ſtimmten darin uͤberein, daß das eben der Vorbote des ſie erwartenden Unheils ſei. Mansfeld ſah und fuhlte dies Alles, aber hoch hob ſich ſeine Bruſt, als er ſich mit Stolz ſagte, daß er der Gluͤckliche wäre, dem es vergonnt ſein wurde ihre Schritte zu bewachen und ſie vor Noth und Ungluͤck zu bewahren. Tecumſeh hatte den Haupttrupp ſeiner Krieger dem kleinen Zuge vorausgeſchickt, der Alicen begleiten ſollte, und er zuͤgelte nun, nach ihrer Bequemlichkeit, ſeine Eile mit einem ſolchen Zartgefuͤhl, das einem hoͤhe⸗ ren Grade von Cultur zur Ehre gereicht haben wuͤrde. Alice, obgleich von Natur furchtſam und mißtiqu⸗ iſch, zeigte, als ſie ſich ſelbſt uͤberlaſſen ſah, ga 3 die Entſchloſſenheit und Staͤrke des Geiſtes, die wir ſo oft in dieſem Falle bei ſchwachen Frauen finden, und wie die Gefahren in der Einſamkeit des Waldes wuch⸗ ſen und ihr in der That großer erſchienen, als ſie wirk⸗ lich waren, fuhlte ſie auch ihren Muth und ihre Kraft — 177— ſich ſteigern, und ihr Geiſt erreichte eine ungewoͤhnliche Sicherheit und Ruhe. Wenn ſie dann ihrem Fuͤhrer in's Antlitz ſchaute und dort ſo viel was edel und gut, erblickte, war ihr doch als ob eine, ihr unerklaͤrliche Theilnahme und Achtung an die Stelle der Furcht treten muͤßte, mit der ſie 6 bisher betrachtet hatte. Sie ſah, wie er die offenſten und bequemſten Wege ausſuchte, daß ſie weder das niederhaͤngende Buſchholz noch die brennende Sonne zu ſehr belaͤſtigte, waͤhrend ſeine Begleiter ſich, ruckſichtslos aller in den Weg ſtehen⸗ den Hinderniſſe, in die Dickichte ſtuͤrzten. Mußten ſie durch Fluͤſſe ſetzen, die ihren Pfad kreuzten, ſo nahm er den Zuͤgel ihres Pferdes, und fuͤhrte es durch die Stroͤmung, zufrieden damit, daß ſie kein gewoͤhnliches, weibiſches Zeichen der Furcht verrieth. Nachmittags breitete er fuͤr ſie Felle im Schatten der Waͤlder aus, und brachte zu ihrer Mahlzeit mit ſeinen eigenen Haͤnden Waſſer aus dem naͤchſten Bach. Er ſprach nur wenig, aber ſeine Worte waren ſanft und melodiſch, ſtets von jenem beſonderen Lächeln begleitet, das ſo ſtark gegen den gewöhnlichen Ernſt und die Schwermuth ſeiner Zuge abſtach. Der Indianer⸗Häuptling. 1. — 178— Sie waren eben aus der Waldung herausgetreten und befanden ſich an den Grenzen einer Prairie, die ſich wellenformig, gegen den Horizont hinaus, wie ein gruͤ⸗ nes, wogendes Meer verlor, als Tecumſeh auf einer der kleinen Anhoͤhen, die ſie erſtiegen hatten, hielt, und ſein Auge uͤber die weite Flaͤche, die ſich vor ihren Blicken aufthat, hingleiten ließ. Ganz im Hintergrunde, faſt in der weiten Entfer⸗ nung mit dem Horizont verſchwimmend, erſchienen die einzelnen Wohnungen der weißen Anſiedler, mit ihren wogenden Kornfeldern und eingezaͤunten Feldernz zu ihrer Rechten dehnte ſich weit hin ein Wald voll gruͤner Baͤume, die die Axt des weißen Mannes noch nicht beruͤhrt hattez die alten Urwaͤlder ruhten noch in der unbefleckten Herr⸗ lichkeit vieler Jahrtauſende. Zur Linken waͤlzte ſich ein breiter, glaͤnzender Strom durch das waldige Land; eine freundliche Strom⸗ fläche, in die der Waſſervogel ſeinen Schnabel tauchte und ſich die Baͤume bis zum wirklichen Rand hinunter neigten, als ob ſie in ihre eigenen Bilder, die ſie da un⸗ ten in der eriſtallhellen Fluth ſchauten, verliebt wären. Der Rauch Indianiſcher Wigwams wirbelte, wie ein kaum bemerkbarer Nebel in die reine Luft empor und —————— — ——— — hinten, in weiter, weiter Ferne waren Heerden ſchnell⸗ fußiger Hirſche, die mit ihren ſtolzen Geweihen, keck und kuͤhn durch das Gras daherbrauſ⸗ten. Vor ihnen lag die große Prairie, die durch eine lange Reihe von Huͤgeln ſcharf am Horizont abgezeich⸗ net war, und uͤber dieſen hing der Nebel der großen Seeen, in wilden, phantaſtiſchen Geſtalten.— Tecumſeh ritt an die Seite des Maͤdchens. „Iſt es nicht eine herrliche Erbſchaft?“ ſagte er, als er ſeinen Arm ausſtreckte und damit, einen Halbkreis be⸗ ſchreibend, am Horizont hinfuhr. „Schoͤn! wunderſchön!“ antwortete Alice, und eine Thraͤne der Ruͤhrung draͤngte ſich in ihr Auge, als ſie zu dem edlen Fuͤhrer emporſchaute. Tecumſeh betrachtete ſie mit einem wehmuͤthigen Laͤcheln und ihr Herz klopfte aͤngſtlich, denn ſie wußte, daß ſich jetzt ſeine Gedanken mit der fruͤhern Kraft und Herrlichkeit ſeines Volkes und ihres jetzigen Verfalls und ihrer Entartung beſchaͤftigten; aber Bewunderung und Mitgefuhl fuͤllten ihre Bruſt und leiſe ſenkte ſie die Augenlieder und ſeufzte. Der Haͤuptling blieb bewegungs⸗ los, aber ſchwer draͤngte ſich auch ihm ein Seufzer aus der tiefbewegten Bruſt. 12* — 180— „Maͤdchen! der weiße Mann wird geſchont, nur weil ſich der Indianer daran erinnert, daß auch Weſen wie Du, bei ihm wohnen; aber das Unrecht das dem „Indianer geſchehen, iſt groß und ſchwer. Schau um Dich! Alles was Du hier ſiehſt, war einſt ſein; es war das Geſchenk des großen Geiſtes. Der rothe Mann zuͤn⸗ dete ſeine Feuer an und folgte dem Wild— Nichts war da, was ſein Herz aͤngſtigen konnte. Es iſt vorbei; der Indianer iſt ein herausge ſtoßener Wanderer, der Weiße nict heran mit Feuer und Schwert— vorwaͤrts, vor⸗ waͤrts— die tödtliche Kugel geht ihm voraus und die Krieger ziehen fich zuruͤck, ihre Weiber und Kinder heuern Wildniß, und die Wenigen die uͤbrig bleiben, wer⸗ den in den großen Waſſern der untergehenden Sonne verſinken.“ Alles dieß ward mit tiefer, feierlicher Stimme, mit langſamer, wehmuͤthiger Bewegung geſprochen, und als er endete, glaubte Alice faſt im Geiſt das Ende jener edlen Staͤmme vor ſich zu ſehen. Sie faltete ihre Haͤnde uͤber dem Sattelknopf, und ſchaute bewundernd zu dem Häuptling empor, der, waͤhrend ſein Auge gluhte und ſein ganzes Weſen ſich belebte, in ſeiner Rede fortfuhr: ſchuͤtzend; ſie fallen nieder um zu ſterben, in der unge⸗ * ————.—— — ——.— ——— —— —— — 181— „Aber, Maͤdchen; der große Geiſt hat beſchloſſen, daß ſeine Kinder nicht mehr, wie das Wild vor dem Jaͤ⸗ ger fliehen ſollen. Er hat ihnen befohlen, die Weißen auf die andere Seite der Berge zu treiben und ſie nicht wieder zuruͤck zu laſſen. Der weiße Mann muß die ſe Seite, als dem Indianer gehoͤrig, anerkennen. Der Indianer hat ſeinen Fuß in den Grund ſeiner Väter ge⸗ pflanzt; er will hier ſeine Feuer anzuͤnden, ſeine Wig⸗ wams bauen, und ſterben— oder Blut— viel Blut wird fließen.“ Alice erblaßte, als ihrer Erinnerung die Bilder von brennenden Haͤuſern und den ermordeten Bewohnern der⸗ ſelben vorbeiflogen, und ſie entgegnete ernſthaft: „Der rothe Haͤuptling iſt großmuͤthig, er iſt menſch⸗ lich, er wird ſeine Haͤnde nicht in Menſchenblut tauchen; er hat Muͤtter, Schweſtern und Kinder in ſeinem eigenen Volk; er wird Mitleiden mit denen ſeines weißen Bru⸗ ders haben.“ „Du haſt recht und gut geſprochen Maͤdchen,“ er⸗ wiederte der Haͤuptling,„Tecumſeh ſindet keine Freude am Krieg; er will unſern weißen Vater in Washington beſuchen, und ihm ſagen, daß er dem Verkauf unſerer Laͤnder ein Ziel ſteckt. Er wird ſein Volk ruhig in die — 182— Grenzen ſeines Landes zuruͤckziehen, und uns das unſere laſſen. Die hohen Berge ſollen eine Scheidewand wer⸗ den, den weißen Mann von dem rothen zu trennen; ſie gehoͤren nicht zu ein und demſelben Volk; ſie koönnen nicht zuſammen leben.“ „Es iſt wahr, Maͤdchen; wir haben Weiber und Toͤchter, aber gerade zu deren Vertheidigung iſt es, daß wir uns vereinigt haben ein Volk zu werden; aber glaubſt Du, daß der weiße Mann, wenn er ſeine Lippe auf die Wange der Schoͤnen preßt, auch daran denkt, daß des Indianers Lippe in gleicher Liebe zu dem Kuſſe der Seinigen gezogen liſt? Nein! Nein! er denkt ſich ihn nur wie das Wild, das in der Wuͤſte lebt, und dem Liebe und Freundſchaft unbekannt ſind.“ Alice ſenkte ihr Koͤpfchen, denn ſie fuͤhlte, ſeine Worte enthielten Wahrheit, ſchreckliche Wahrheit. Tecumſeh beobachtete ein kurzes Stillſchweigen, und bald, ihren Pferden die Sporen gebend, erteichten ſie die Prairie. Alice, dem Geſpraͤch eine andere Wendung zu ge⸗ ben, beſchloß einige, Margareth betreffende Fragen an ihn zu thun, und hob ihre Augen zitternd zu den ſeini⸗ gen empor— Furcht kam, fur einen Augenblick uͤber ——— ———— S —— — 1³— ſie, aber der Gedanke an die Schweſter venſche dieſe ſchnell und ſie ſprach: „Iſt Margareth von den Töchtern der Indianer gern geſehen? iſt ſie frohlich, iſt ſie ſchön, oder hat ſie aufgehort das freundliche und doch ſtolze Maͤdchen zu ſein, das wir einſt liebten? O wenn ich ihrem Blick wie damals begegnen, ihren Worten wie damals lauſchen koͤnnte, als wir Kinder zuſammen waren, es waͤre zu, zu viel Seligkeit.“ Der Haͤuptling hoͤrte ihr mit einem freundlichen Lächeln zu.„Das ſchwankende Rohr iſt ſchön; ihre Schönheit iſt wie die der wilden Blume, ihr Laͤcheln wie der Sonnenſtrahl, der ſich durch das dichte Laub der Baume ſtiehlt und auf der Waſſerflͤche die, vom Winde leicht gekraͤuſelten Wellen vergoldet. Ihre Stimme iſt ſuͤß, wie die des Geiſtervogels, der die ganze Nacht in den Zweigen ſitzt und ſingt. Das Madchen iſt ſtolz und weiſe, denn der große Geiſt ſpricht zu ihr, in ihren Traͤumen.“ „Aber hat ſie vergeſſen, den Gott ihrer Voreltern, den einzigen, wahren Gott, anzubeten und zu verehren?“ fragte Alice ernſthaft, als ſie zum erſten Male fuͤhlte, daß doch wohl die fruͤhern Bande lockerer und weniger bindend zwiſchen ihnen geworden ſein koͤnnten. Ein Schatten ſtahl ſich uͤber das Antlitz des Haͤupt⸗ lings— er ſchwieg faſt eine Minute lang, ehe er ant⸗ wortete: „Das ſchwankende Rohr verehrt den großen Geiſt, aber nicht wie ihre weißen Vaͤter, mit gebogenen Knieen und mit lauten Worten, in Tempeln durch kuͤnſtliche Haͤnde aufgebaut, und mit der Muſik von vielen Stim⸗ men! Nein! ſie faltet die Haͤnde auf der Bruſt und in der Stille ihrer eigenen Gedanken, in der Einſamkeit der maͤchtigen Waͤlder tritt ihr Geiſt hervor und erhebt ſich zu Dem da oben, bis ſie ein Theil alles deſſen iſt, was da rein und gut.“ „Der breite Dom des hohen Himmels, mit dem Licht der unzaͤhlbaren Sterne, die gruͤne Erde mit ihren alten Waͤldern und ihren tauſendfaͤltigen Blumen, die treibenden Wolken, die ſteigenden Nebel ſind ihr Tem⸗ pel; der Schalll der rauſchenden Waſſer, die Melodie der Vogel, und der ſaͤu ſelnden Zweige, ihre Muſik, und ihre Gedanken ſchweben in den Schakten empor, wie das ſuͤße Opfer das die ſchlafende Blume in ſtiller Nacht hinauf zum großen Geiſte ſendet.“ —— Alice lauſchte der ungeahnten Gluth und Beredt⸗ ſamkeit des Haͤuptlings und fur einen Augenblick war ihr's als muͤſſe der eben beſchriebene Tempel, ſo viel herrlicher, ſo viel ſchoͤner ſein, als irgend einer, von Menſchenhaͤnden aufgefuͤhrt; die Andacht vor einem ſol⸗ chen Altar heiliger, reiner als die der feierlichſten und erhabenſten von Menſchen erdacht— es war aber nur ein Augenblick, denn nach und nach fuͤhlte ſie mehr und mehr, als ob die Schweſter ſich vom wahren Glauben abgewandt habe, und ein weiter Abgrund ſich zwiſchen ihnen aufthue. Aengſtlich ſchaute ſie zum Haͤuptling empor; da aber, als ſie ſeine kuͤhne Haltung, ſeine maͤnnliche Schoͤnheit betrachtete, als ſie ſein freundliches Laͤcheln ſah, ſeine melodiſche Stimme hoͤrte, als ſie daran dachte, wie ſeine Beredtſamkeit in den Verſamm⸗ lungen der Stämme, ſein Muth im Kampf, ſeine Menſch⸗ lichkeit im Sieg geruͤhmt wurden, beſchlich ein anderer Gedanke ihr Herz, daß Margareth, das feurige, ſtolze, enthuſiaſtiſche Maͤdchen nicht gleichgiltig gegen ſo viele Vorzuͤge könnte geblieben ſein, und ein ſonderbar weh⸗ muͤthiges Gefuhl beſchlich ſie. Sie dachte ſich ein laͤnd⸗ lich ſtilles Bild— eine Huͤtt, weit im Walde drin, von ſchlingenden Weinreben und plätſchernden Quellen umgeben, und Margareth in der Thuͤr ſtehend, in Felle gekleidet, mit Bogen und Pfeil in den Haͤnden— So lebhaft wurde das Bild, daß ihr Athem ſtockte, und ſie ihre Haͤnde, Hilfe ſuchend, ausſtreckte. Tecumſeh ſah mit Erſtaunen die Veraͤnderung die in ihren Zuͤgen vorging, hob ſie vom Pferde, und ließ ſie leiſe und vorſichtig unter einige Baͤume nieder, die ſie eben erreicht hatten, und die, Haſen gleich, die Ein⸗ foͤrmigkeit der ebenen, blumenloſen Steppe belebten. „Ich hatte einen ſonderbaren Traum,“ ſagte Alice, ſich erholend,„mir war es, als ob Margareth aufgehoͤrt haͤtte, ihr eigenes Volk zu lieben, als ob ſie nicht mehr mit mir zuruͤckkehren wollte, ich ſah ſie weit in den dich⸗ ten Waͤldern, ſtolz und ſchoͤn— aber— ganz wie ein Indianiſches Maͤdchen!“ Tecumſeh's Augen glaͤnzten von einem wilden, un⸗ gewoͤhnlichen Feuer; er ſah hinauf zum blauen Firma⸗ ment, und ein faſt triumphirendes Laͤcheln ſpielte um ſeine Lippen. Moͤglich daß ein neuer Traum ſich auf ihn ſenkte, ein Traum der, in all ſeinen ehrgeizigen und Vaterlandsliebenden Plaͤnen kaum je ſo klar und deutlich hervorgetreten war. Auch er ſah den Weinumgraͤnzten Wigwam, das ſchone Madchen in ihrer Indianiſchen — 6 Kleidung und ihr Auge freudiger bei ſeiner Ankunft er⸗ glaͤnzen. Alice fuhlte, daß ihre ſchlimmſten Ahnungen ge⸗ gruͤndet waͤren, aber die Antwort des Haͤuptlings be⸗ ruhigte ſie wieder in etwas. „Fuͤrchte nicht, Maͤdchen, daß das„ſchwankende Rohr“ gelernt hat zu weinen und zu lieben.— Sie iſt allein, mit ihren eigenen Gedanken—“ Er haͤtte noch mehr geſagt, als Heinrich Mansfeld aus einer kleinen Baumgruppe hervorritt und ſich ihnen anſchloß. Tecumſeh ſchwieg; aber ein freundliches Läͤcheln erheiterte fuͤr einen Augenblick Alicens Zuͤge und tiefes Roth uͤberzog ihr Antlitz und Nacken. Der Haͤuptling gruͤßte den jungen Mann herzlich, und der Zug ſetzte ſich wieder in Bewegung. Es wuͤrde wenig Intereſſe bieten, ihrem Weg durch die rauhe aber ſchoͤne Wildniß zu folgen, ihre nachtlichen Lager und die zaͤrtliche und achtungsvolle Sorgfalt zu beſchreiben, mit der Alice waͤhrend der Reiſe behandelt wurde. Als ſie zur Indianiſchen Stadt kamen, neigte ſich die Sonne ihrem Untergang, und die Gluth der Verſin⸗ kenden lag auf der ruhigen Waſſerflaͤche und ſpielte in den ſchwankenden Zweigen der Baumwipfel. u68— Alice fühlte, als ſie ſich dem Platze näherten, ihr Herz klopfen, daß es ihr faſt die Bruſt zu zerſprengen drohte und ihr Athem ward ſchwer und unregelmaͤßig. So viel böſe Ahnungen ſtuͤrmten unaufhoͤrlich und mit raſender Schnelle auf ſie ein, daß ſie kaum vermochte, ſich im Sattel zu halten. Tecumſeh fuͤhrte ſie jetzt den Flußpfad entlang, zu der ſchon fruher beſchriebenen Huͤtte, wo er vermuthete daß ſich Margareth in dieſer Tageszeit aufhalten wurde und Alice ſah ein Madchen, leicht auf eine Moosbank hingelehnt und uͤber ein großes Hirſch kalb, das ſich an ſie anſchmiegte, hingebeugt, ſah, daß ſie ihre Augen hob und errothend dem Blick des Häupt⸗ lings begegnete; dieſer aber trat zur Seite und fuͤhrte ihr Alice entgegen. Margareths lebhafte Augen hefteten ſich mit for⸗ ſchendem Intereſſe auf die ſich ihr furchtſam nahernde Geſtalt— ihr Buſen hob ſich und ſie wurde leichenblaß; aber ſie bewegte ſich weder, noch ſprach ſie, da ſtuͤrzte Alice vor und knieete neben ihr nieder, ſchlang die Arme um ihren Nacken und lispelte, ihr Antlitz an der Bruſt der Schweſter bergend:„Kennſt Du mich nicht, meine theuere, liebe Margareth?“ 83 Sie fuhlte ſich ſanft zuruͤckgeſtoßen— das Mad⸗ ————˙——————— — 1890— chen ſeufzte ſchwer auf, heftete einen vorwurfsvollen Blick auf den Häuptling, und ſank ohnmaͤchtig zuruͤck. Alicen ward es weh— recht weh ums Herz; alle ihre Hoffnungen von ſchweſterlicher Liebe und Zaͤrtlich⸗ keit, ſchienen weit, in truͤbe Nacht, dahin zu ſchwinden. Ein tiefer Seufzer entrang ſich ihrer Bruſt, und ſie preßte ihre Hand an die kalte Stirn der Schweſter. „Margareth—“ rief ſie,„Margareth— o daß es dahin kommen mußte— 0 Margareth, ſprich nur ein Wort — ſage nur, Du liebſt mich, und ich will durch die weiten Waͤlder zuruͤckkehren und Dich nie mehr ſtoͤren.“ Margareth ſchaute mit mattem Auge zu ihr empor, und kein Zeichen der Erkennung glaͤnzte in ihnen, ihre Haͤnde waren zuſammengepreßt, ihre Stirn gefaltet, doch nicht Strenge oder Aerger lag in dem lieben Ge⸗ ſicht— Nichts als ein langer, langer Blick unendlichen Elends. Alice brach in Thraͤnen aus und ſchwieg, ploͤtzlich aber durchzuckte ein neuer Gedanke ihr Hirn. „O kann es ſein? ſah ich Dich, Margareth, nur als das Opfer von Grauſamkeit und Unterdruͤckung, hat man das arme Maͤdchen ſchlecht und hartherzig behan⸗ delt?“ und wiederum zog ſie die nicht Widerſtrebende — 190— an ihre Bruſt und kuͤßte ihre bleichen Lippen; aber Margareth preßte ſie leiſe an ſich und hob ihre feinen, zarten Haͤnde empor, als ob ſie ſagen wollte:„Sehen dieſe wie Grauſamkeit und Unterdruͤckung aus?“ Alice wandte ſich bittend an den Haͤuptling. „Das ſchwankende Rohr iſt wie die Blume gewe⸗ ſen, die fern vom Sturm im freundlichen Haine ge⸗ ſchuͤtzt lag,“ ſagte Tecumſeh. Margareth ſtand bei dieſen Worten auf, und naͤ⸗ herte ſich mit ſchwankenden Schritten der Huͤtte Mina⸗ ree's, dort aber begegnete ihr Auge dem Ackories, der Schönheit des Stammes, und ihr Schritt wurde feſter, ihre Haltung ſtolzer; Alice folgte aber nur mechaniſch; ihr war es als ob der Becher des Gluͤcks und der Freude fuͤr immer vor ihren Augen zur Erde geſchmettert ſei. Was galt ihr jetzt all die Schoͤnheit und Herrlichkeit der Erde, was war ihr menſchliche Hoffnung und Gluͤck⸗ ſeligkeit, da der einzige Stab, auf den ſie gehofft hatte ſich zu ſtutzen, ihr entriſſen war. Der freundliche Haͤuptling bemerkte mit ſchmerzl i⸗ chem Mittleiden ihren Gram und bot ihr ſeinen Arm an ſie aufrecht zu halten, ſie wandte ſich aber von ihm und ſagte traurig:„Laß mich ſterben— das Leben iſt mir eine Laſt.“ ————— ——,— — 191— Beim Eintritt in die Huͤtte ließ ſie ſich thraͤnen⸗ und wortlos auf die Felle nieder und umſonſt breitete die gutmuͤthige Minares ihren ganzen kleinen Speiſevorrath vor ihnen aus, keine der Maͤdchen konnte eſſen, noch ſprechen. Die Daͤmmerung machte der finſteren Nacht Platz, die Sterne wurden hell und der Voll⸗Mond ſchien durch die offene Thuͤr herein und erleuchtete das Innere der Huͤtte, aber obgleich wachend, doch regungslos, ſaßen die beiden Schweſtern einander gegenuͤber, Jede mit ihren eigenen wilden, ſchmerzlichen Gedanken beſchaͤftigt. Beide waren leichenblaß, und Beide fuͤhlten das ſonderbare Schreckliche, das zwei liebende Schweſtern, nach ſo langer Trennung mit kalter Hand von einander entfernt hielt. Minaree's Fackel war lange verlöſcht und ihr regel⸗ mäßiges Athemholen bezeugte ihren tiefen Schlummer, und noch immer ſaßen die Maͤdchen ſich ſtaunend gegen⸗ über; endlich ſtand Alice auf und naͤherte ſich dem Ein⸗ gang der Huͤtte. Es war ein großartiger, wilder Anblick, der ſich ihr bot, und mit einem beklemmenden Gefuͤhl von Furcht und Anbetung betrachtete ſie den eherte Wald, der ſich bis an die Schwelle der Huͤtte erſtreckte, lauſchte dem — —— ſcharfen Bellen des Fuchſes und dem melancholiſchen Ge⸗ ſchrei der Eule. Nahe zum Ufer des Fluſſes, lehnte bewegungslos im ſanften Mondlicht die ſchlanke Geſtalt eines Kriegers, eine der Wachen der Stadt. Alles ruhte ſchweigend in der duͤſteren Groͤße der Nacht und ihr eigener Schmerz wurde ſchwerer und peinlicher in der ſie umgebenden finſteren Ruhe. Die Thuͤre verhaͤngend, rief ſie aus: „O mein Gott, daß ich Dich in dieſer Stunde der Angſt und Noth vergeſſen konnte,“ und im bruͤnſtigen Gebet ſank ſie auf ihre Kniee, ihr Herz ganz dem hoͤchſten Weſen, in heißem Flehen, ausſchuͤttend. Ihre Stimme zitterte, und wurde oft von heftigem Schluchzen unterbrochen, da fuͤhlte ſie den weichen Arm Margareths ihren Nacken umſchlingen, und leiſe fluͤſterte ihr dieſe in's Ohr:„Alice, meine ſuͤße, ſuͤße Schweſter!“ Ihre Lippen begegneten ſich und ſie weinten lange, Eine an der Andern Herz, und als ſanft und freundlich der Schlummer ſie beſchlich, fand er ſie in der innigen Umarmung fruͤherer, ſchoͤnerer Kindheit. Ende des erſten Bandes. 3 —— —— ſ 8 7 8 9 10 11 2 13 14 18 1 1 6 2 8 F 8 4 — —. 5* *. 6 . S — „ S