2 — 3—————— Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ven angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ernes Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nchenlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mi. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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In ihrem Boudoir wurden die Angelegenheiten des Reiches beſprochen und beſchloſſen, häufig ſogar ohne den Willen des verblendeten Monarchen zu befragen, der ſelten denjenigen Maßregeln ſeine Einwilligung verſagte, welche ſeine Favoritin gut geheißen hatte. Die ſchlaue Frau, deren leidige Schönheit Frankreichs Fluch war, ſaß oder lag vielmehr halb auf ihrem Ruhebett, ihr Morgen⸗Levse abhaltend. Herr von Sartines, der Polizeiminiſter, und der Baron d'Oigny, der Generalintendant der Poſten waren, mit Ausnahme des Coiffeurs der Gräfin, die einzigen anweſenden Perſonen. er Baron hatte eine Anzahl Briefe, die Cor⸗ reſpondenz einiger der hervorragendſten Perſonen in Frankreich, mitgebracht, welche er durch dasſelbe Verfahren geöffnet hatte, in welchem ein gewiſſer engliſcher Miniſter der neueſten Zeit eine ſo große Geſchicklichkeit an den Tag gelegt hat. Die Dame las dieſelben durch und wählte biejenigen W6 mit — 4 welchen ſie den König unterhalten zu können hoffte. Ueber den Inhalt einiger lachte ſie herzlich, wäh⸗ rend ſie bei andern wieder die Stirne runzelte. „O, dieſe Welt! Dieſe Welt!“ rief ſie aus. „Ohne das ſchwarze Cabinet hätte ich nie geglaubt, daß ſie ſo ſchlecht wäre!“ Dieß war der Name des Bureau's, in welchem die Abdrücke der Siegel vorgenommen und die Correſpondenzen geöffnet wurden. „Wie viele Intriguen konnte ich dadurch ver⸗ eiteln!“ ſetzte ſie hinzu.„Wahrhaftig, Monſieur d'Digny, ich und Seine Majeſtät ſind Ihnen un⸗ endlich verbunden.“ Ego et rex mous, dachte der Intendant in Ge⸗. danken die Worte Wolſey's*) citirend, während er ſich tief verbeugte und die ihm dargereichte, rei⸗ zende kleine Hand mit ſeinen Lippen berührte. Einer der Herxen vom Hofſtaate der Favoritin trat in das Boudoir mit einem Billet, das er auf einem goldenen Präſentirteller ſeiner Herrin über⸗ reichte, welche dasſelbe zweimal durchlas. Der Inhalt desſelben erzürnte ſie augenſcheinlich, denn ſie ſtampfte ungeduldig mit dem Fuße auf den Boden. „Sie brauchen nicht zu warten,“ rief die Grä⸗ fin, worauf der hochgeborne Lakai ſich entfernte. „Herr von Sartines,“ fuhr ſie fort, plötzlich an den Herrn ſich wendend, der noch nicht geſpro⸗ S hatte,„was für ein Amt bekleiden Sie im önigreich?“ *) Kardinal und erſter Miniſter Heinrich VIII. von Englanb, den er jahrelang vollſtändig beherrſchte. D. V. — „Ich bin Polizeiminiſter,“ verſetzte dieſer. „Wie kommt es denn, daß Unſere Befehle (die Repräſentantin des Laſters in Verſailles hatte bereits das königliche Vorrecht von„Unſer“ ange⸗ nommen) mißachtet wurden?“ Herr von Sartines ſchien ſchmerzlich erſtaunt. „Ich zürne Ihnen deßhalb nicht,“ fuhr ſie fort; „Sie ſind vielleicht außer Schuld. Die Perſon, deren Namen ich Ihnen bezeichnete, iſt in Frank⸗ reich eingetroſſen, ohne daß ich davon unterrichtet worden wäre.“ „Wahrſcheinlich unter falſchem Namen, Gräfin.“ „Unter ihrem eigenen.“ „Unmöglich! Meine Befehle lauteten ſehr bün⸗ dig. Ich kann es nicht begreifen.“ „Miniſter können dieß ſelten,“ unterbrach ihn die Dame in ihrem gewohnten hochfahrenden Tone. „Ich will es Ihnen erklären: Sie hat ein Aſyl bei den Carmeliterinnen, bei der einfältigen, ver⸗ rückten Louiſe gefunden.“ Einer ſolchen Sprache bediente ſich die laſter⸗ hafte Frau ohne Bedenken, wenn ſie von einer Tochter von Frankreich ſprach. „Das iſt noch nicht Alles,“ fuhr ſie fort;„die lächerliche Perſonage, die Prinzeſſin von Beaufre⸗ mont, hat ihr verſprochen, ſie vorzuſtellen.“ „Das muß verhindert werden, wenn Sie es wünſchen,“ rief der Miniſter aus. „Gewiß muß dieß geſchehen,“ antwor⸗ tete die Favoritin kalt.„Sie müſſen ſogleich nach Paris ſich begeben. Ich werde Ihre Abweſenheit bei Ludwig entſchuldigen. Gehen Sie zu der Prin⸗ —— —— 6 zeſſin und ſagen Sie ihr, daß Sie mich zu ihrer unverföhnlichen Feindin macht, wenn Sie darauf beharrt, ihr Berſprechen der Vorſtellung der Made⸗ moiſelle Mac⸗Mac— mein Gott! Ich kann den ſchwerfälligen irländiſchen Namen nicht behalten!“ Vbgleich Herr von Sartines zum König be⸗ fohlen war, entfernte er ſich mit einer Verbeugung, um die Befehle der Gräfin auszuführen. Die Anlunft ihrer Freundin und Vertrauten, der Marſchallin von Mirepoir und einer Schaar von Höflingen, die gekommen war, um ihre Hul⸗ digungen darzubringen, gaben den Gedanken der Madame du Barry eine andere Richtung. Sie ließ die Sache für den Augenblick beruhen, obgleich die Ereigniſſe es wit ſich brachten, daß ſie noch mehr davon hören ſollte. Die Prinzeſſin von Beaufremont war erſtaunt und nicht wenig beſtürzt, als ſie den Beſuch des Polizeiminiſters erhielt, obgleich ſie als Dame von Takt ihre Empfindung ſorgfältig verbarg. Der Edelmann ließ ſie nicht lange im Zweifel, weßhalb er gekommen war. „Madame kennt eine irländiſche Dame, die kürzlich in Frankreich eingetroffen und eine Toch⸗ ter des ehemaligen Lord Murlongh iſt,“ ſprach er. „Ja, allerdings mein Herr, oberflächlich— ſehr oberflächlich,“ erwiderte die theure Freundin der Miß Macnamara. „Und Sie haben ihr verſprochen, ſie vorzu⸗ ſtellen?“ „Auf den Wunſch Ihrer Hoheit, der Madame Louiſe.“ „Ja, ja,“ unterbrach ſie Herr v. Sartines, „wir wiſſen dieß alles. Eine Indiscretion der Art wird eine Perſon, die Seiner Majeſtät mit Recht theuer iſt, ſehr beleidigen. Madame verſte⸗ hen mich?. Die Dame erwiderte mit einem leiſen„Ja“. „Und werden ablehnen?“. „Iſt dieß ein Befehl?“ „Es gibt Wünſche die Befehle ſind,“ erwiderte ihr Beſucher betonend. Frau v. Beaufremont verſtand ihn vollkommen, ſie ſetzte ſich deßhalb hin und ſchrieb eiligſt fol⸗ gendes Billet an ihre ſüße Freundin: „Ma pelle,— ich bin in Verzweiflung; meine Hand zittert und meine Thränen machen mich faſt vlind. Ich weiß nicht, was ich ſchreibe. Meine Schweſter, die Marſchallin d Aubigny liegt im Sterben auf ihrem Schloſſe in der Picardy. Ich eile, ſie zu tröſten. Bemitleiden Sie mein zerriß⸗ nes Herz. Ewig die Ihrige Beaufremont.“ „Sind Sie zufrieden geſtellt?“ fragte ſie, ihrem Beſucher das Billet einhändigend. „Vollkommen. Es könnte nicht beſſer ſein.“ Ehe die Prinzeſſin ſiegelte, goß ſie einige Tro⸗ pfen Roſenwaſſer auf das Papier. Herr v. Sartines ſah ſie erſtaunt an. „Sie vergeſſen,“ ſprach die Dame lachend,„daß ich während des Schreibens in Thränen zerfloß.“ Der Miniſter entfernte ſich mit einer ſehr ho⸗ gn Meinung von dem ausgezeichneten Takte der rinzeſſin. Nur eine Franzöſin konnte an ſo etwas denken. Als das Billet in das Karmeliterkloſter ge⸗ langte, war die erſte Empfindung der Miß Mac⸗ namara das innigſte Mitleid mit ihrer Freundin. „Arme Julie,“ rief ſie ſeufzend aus,„wie ſchmerzlich mußte ihr liebevolles Herz ergriffen ſein und wie groß iſt ihre Freundſchaft, daß ſie in einem ſochen Augenblick an mich denken konnte.“ Schweſter Louiſe lächelte ungläubig. „Meine Vorſtellung muß natürlich jetzt ver⸗ ſchoben werden,“ fügte ihr Gaſt bei. „Aus dieſem Grunde keineswegs,“ bemerkte die königliche Nonne.„Halten Sie ſich zur feſtgeſetz⸗ ten ei parat. Es wird nicht an einer Freundin fehlen, die Sie dem Könige vorſtellen wird.“ Ludwig XV. hatte ſich jenes Ebenmaaß des Körpers, welches ihn in ſeiner Jugend ausgezeich⸗ net hatte, bis in ſeine ſpäteſte Lebensperiode er⸗ halten. Obgleich aber ſeine Geſtalt keine Spur des Alters verrieth, hatten Zeit und Ausſchweifung arge Verwüſtungen auf ſeinem einſt ſo ſchönen Antlitz angerichtet— Verwüſtungen, welche Seine Majeſtät vergebens durch Anwendung von Schön⸗ heitsmitteln und Schminke aller Art zu verbergen ſuchte, da dieſe nur dazu beitrugen, die Ruine noch auffallender zu machen. Als der königliche Wüſtling in den Jahren vor⸗ rückte, ermüdete ihn die überladene Pracht von Verſailles und ſeit lange ſchon empfing er, außer bei großer Gala und ganz feierlichen Gelegenhei⸗ ten, nicht mehr in den großen Gemächern des Schloſſes, ſondern in den Zimmern, die mit der S großen Gallerie durch das Rathszimmer zuſam⸗ menhingen und welche unter der Benennung„die kleinen Appartements des Königs“ bekannt waren. Frankreich befand ſich in einem traurigen Zu⸗ ſtande. Die Pariſer ſchrieen um Brod, und doch hatte der unwürdige König an eben dieſem Mor⸗ en der Madame du Barrh ein Geſchenk mit dem erühmten Toilette⸗Service in Gold gemacht, das ſeiner Zeit ſo großen Scandal erregte— nicht wegen ſeiner Koſthteit, ſondern weil die Krone Frankreichs, von zwei Liebesgöttern gehalten, ober⸗ halb des Spiegels angebracht war. Nie hatte die königliche Favoritin ſchöner aus⸗ geſehen oder hatte dieſelbe ein größeres Vertrauen auf das Gelingen ihres geheimen ehrgeizigen Pla⸗ nes erfüllt— eine heimliche Ehe mit dem verlieb⸗ ten Monarchen— als am Abende des Tages, an welchen Seine Majeſtät den wöchentlichen Em⸗ pfang hielt. Als vorläufigen Schritt hatte ſie ſich bereits nach Rom, um eine Scheidung von ihrem gefälli⸗ gen Gemahl zu bewirken, gewendet, der ſeinen Namen— das einzige Ding, was ihm eigen ge⸗ hörte, gegen eine Penſion zu verkaufen ſich willig eigte. Wie gewöhnlich, waren die Schweizergarden in der langen Gallerie im Dienſte aufgezogen, an de⸗ ren einem Ende eine Gruppe Offiziere in Unter⸗ haltung beiſammen ſtand, die ſie aber gelegentlich unterbrachen, um ihre Bemerkungen über die Hof⸗ leute, männlichen oder weiblichen Geſchlechts zu machen, die zu dem Empfange vorübergingen. 10 Die Wache war mit ſorgloſer Gleichgültigkeit angetreten, um vor den Mesdames Adelaide und Sophie, den Töchtern von Frankreich das Gewehr zu präſentiren, als dieſe unter dem Vortritte eines einzigen Stabträgers und den Damen ihres be⸗ ſcheiden zuſammengeſetzten Hoſſtaates durch die Gollerie ſchritten. Eine ganz andere Rührigkeit gab ſich kund, als die Gräfin du Barry, ſtrotzend von Juwelen und umgeben von einem Haufen Hof⸗ ſchranzen, ihre Schleppe von ihrem Mohrenpagen Zamori getragen, der ſpäter durch ſeinen Verrath ſie auf das Schaffot brachte, erſchien. Der Herzog von Aiguillon, Capitän der Gar⸗ den, eilte ihr achtungsvoll entgegen; die Offiziere ſtellten ſich in eine Reihe auf und der Huiſſier neigte ſeinen Stab faſt bis auf den Boden, während er die Thüre zu den königlichen Gemächern öffnete. „Iſt die Prinzeſſin von Beaufremont gekom⸗ men?“ fragte die Favoritin. „Seit beinahe einer Stunde ſchon iſt ſie da, 5. Gräfin,“ antwortete der Officiant reſpekts⸗ voll. „Allein?“ „Allein, Frau Gräfin.“ „Ein triumphirendes Lächeln ſpielte um die Lippen der herzloſen Frau; es gewährte ihrem Stolze eine Genugthuung, daß einer der edelſen Namen Frankreichs lieber durch eine Lüge ſich be⸗ fleckt, als ſie zu beleidigen gewagt hatte. „Sie ſehen, ma belle,“ flüſterte die Marſchallin ſ Mirepdir,„daß Niemand Ihnen widerſtehen ann.“ 11 Befriedigt, der ſtolzen Irländerin den Weg zu Ludwig verſperrt zu haben, ging Madame Du Barry weiter. „Die Regierung Unterrocks 11I.(Cotinon II.)“*) wie Friedrich der Große, die Gräfin ſpöttiſch be⸗ zeichnete,„dauert lange,“ bemertte einer der Offi⸗ ziere. „Beide Regierungen werden zugleich endigen,“ verſetzte der Herzog von Aiguillon;„dem König iſt die Unruhe zuwider und er wird nie mehr eine andere Verbindung anknüpfen.“ Zum großen Erſtaunen der Anweſenden er⸗ ſchienen zwei Frauen ohne alle Begleitung. Eine davon war in tiefe Trauer gehüllt, die andere trug das einfache Gewand einer Carmeliternonne mit herabgelaſſenem Schleier. „Wenn Sie dieſe vorüberpaſſiren laſſen,“ flü⸗ ſterte Ulic Blake, der die Ehrenwerthe Miß Mas⸗ namara erkannte,„ſo machen Sie ſich die Favo⸗ ritin auf Ihre ganze Lebenszeit zur Feindin.“ Der Capitän der Garden merkte ſich den Wink; er begriff, daß die Dame in Schwarz eine Faſte war, welche Madame Du Barry von der Perſon des Königs entfernt gehalten wiſſen wollte. „Wen ſ Sie, Schweſter?“ fragte er, an die Nonne ſich wendend. Dieſe deutete auf den Eingang in die könig⸗ lichen Gemächer. „Unmöglich!“ ſagte der Herzog;„meine Befehle ²) Mit Anſpielung auf die drei auf einander folgenden Mai⸗ treſſen des Königs, Monteſpan, Pompadour und du 12 lauten bündig. Ich kann es unter keinen Um⸗ ſtänden wagen, eine ſolche Zudringlichkeit zu ge⸗ ſtatten.“ Die Carmeliterin lüftete ihren Schleier und zeigte zu ſeinem Erſtaunen die Geſichtszüge von Madame Louiſe von Frankreich. Die Beleidigung, ihr den Eintritt zu ihrem Vater zu verweigern, wäre zu groß geweſen, als daß der unterwürfige Höfling ſie auf ſich zu nehmen gewagt hätte. Er verbeugte ſich achtungsvoll und wollte das Zeichen geben, daß die Wache vor der Tochter ſeines Souverains die Gewehre präſentiren ſolle. Die Nonne hielt ihn aber durch eine Bewe⸗ gung mit der Hand von dieſem Vorhaben ab. „Ich habe dieſen Nichtigkeiten entſagt,“ ſprach ſie;„ſeitdem ich mich von der Welt zurückgezogen habe, leiſtete ich auf deren äußere Auszeichnungen Verzicht.“ Zugleich neigte ſie ernſt das Haupt und ging, gefolgt von ihrer Begleiterin, weiter. Ulic Blake verließ aber ſogleich die Gallerie, um ſeinen Vetter aufzuſuchen. Die Prinzeſſin von Beaufremont empfing eben lächelnd den Dank der Favoritin für ihr bereit⸗ williges Eingehen auf ihren Wunſch, als beide Thüren des Salons weit geöffnet wurden und der Obercermonienmeiſter Madame Louiſe von Frank⸗ reich meldete. Wenn ein Blitzſtrahl mitten in den verſam⸗ melten Hof eingeſchlagen hätte, ſo hätte derſelbe keine größere Senſation erwecken können. Ludwig XV. biß ſich verdrießlich auf die Lip⸗ 13 pen; er ahnte, daß eine Scene bevorſtand, welche er als entſchiedener Feind jeder Aufregung um jeden Preis zu vermeiden ſuchte. Mesdames Adelaide und Sophie gingen aber ihrer Schweſter entgegen. Als Frau von Beaufremont ihre theure Freun⸗ din,„die ſchöne Irländerin,“ erblickte, erröthete ſie vor Scham über die unwürdige Rolle, die ſie übernommen hatte, unter ihrer Schminke. „Louiſe,“ ſagte der König, ſeine Tochter mit ernſter Miene auf die Wange küſſend;„dieß iſt eine unerwartete Ueberraſchung.“ „Ich habe die Erlaubniß, Sire, vom heiligen Vater mein Kloſter zu verlaſſen, um Werke der Barmherzigkeit zu üben,“ bemerkte die königliche Nonne. „Ja, allerdings, ich entſinne mich,“ murmelte Seine Majeſtät, inbrünſtig wünſchend, daß Seine Heiligkeit dieſe Güte nur auf geiſtliche Dinge aus⸗ gedehnt hätte. „Ich kam hieher, um Eurer Majeſtät dieſe Dame vorzuſtellen— die Tochter eines Ihrer älte⸗ ſten und würdigſten Dieners, den Sie nicht ver⸗ geſſen haben können, da er für Sie geſtorben iſt.“ So viele alte und treue Dienes waren für Ludwig XV. geſtorben, daß er unmöglich mehr der Namen aller ſich erinnern konnte, und es wa⸗ ren deßhalb ſowohl ſie ſelbſt, als deren Dienſte, ſeinem Gedächtniſſe entſchwunden. In dieſem Punkte war er jeder Zoll ein önig. „Die Veranlaſſung iſt ganz außergewöhnlich,“ 14 bemerkte er:„die Töchter von Frankreich ſtellen nie Perſonen vor, die nicht durch Blut oder Ver⸗ wandtſchaft zu unſerem Hauſe gehören— ſo war es wenigſtens ſonſt.“ Die Gräfin Du Barry machte Miene, ſich der Stelle zu nähern, wo ihr königlicher Verehrer ſtand. Madame Louiſe merkte ihre Abſicht und winkte ihr mit einer Geberde der Verachtung und des Ab⸗ ſcheus ab. „Kennen Sie Ihren Platz, Madame?“ ſagte ſie.„Nur einer Königin von Frankreich ſtünde das Recht zu, ſich in eine Angelegenheit zwiſchen mir und meinem Vater einzumiſchen.“ In ihrer Wuth, auf dieſe Weiſe vor dem Hofe ſich gedemüthigt zu ſehen, vergaß ſich die beleidigte Favoritin ſo ſehr, daß ſie der Prinzeſſin den Rücken zuwandte zum großen Aerger Ludwigs, der bei Gelegenheiten ſe. ſtreng auf Etiquette ielt. „Ich gebrauchte das Wort Vorſtellung, Sire, in ſeinem ſchlichten und einfachen, nicht in dem bei Hofe üblichen Sinn,“ fuhr die Nonne fort.„Dieſe Dame iſt Ihnen wohl bekannt und mit den Stolze⸗ ſten hier zum Eintritte berechtigt, da ſie Ehrenfräu⸗ lein meiner theuren Mutter geweſen iſt. Made⸗ moiſelle Macnamara, Sire,“ fuhr ſie fort, Ellens Tante vorführend,„die Tochter des Generals, Lord Murlough.“ Seine Majeſtät verbeugte ſich gnädig und wünſchte ſich im Stillen Glück, daß die Scene zu Ende ſei. Er irrte ſich; der Vorhang war kaum aufgezogen— ſie hatte jetzt erſt angefangen. 15 „Stehen Sie auf, Fräulein,“ ſprach er mit der ihm eigenen ſanften Silberſtimme.„Wir ſind ſehr glücklich, die Dienſte Ihres Vaters dadurch anzuer⸗ kennen, daß wir Sie in Verſailles empfangen.“ Man ſetze an die Stelle von Verſailles die Tui⸗ lerien, und es ſind genau die Worte, welche Lud⸗ wig XVIII. gegen den Sohn eines engliſchen Edel⸗ manns gebrauchte, der ihm während ſeiner langen Verbannung Hartwell als Wohnſitz abgetreten hatte. Wahrſcheinlich hielt er die Ehre für genügend, daß es ihm vergönnt geweſen, einen Bourbon be⸗ herbergt zu haben. „Ich komme als Bittſtellerin um Gerechtigkeit, Sire,“ erwiderte die Lady.„Ich wurde gekränkt, tiefgekränkt in der Ehre meines Hauſes durch den Gatten meiner Nichte, der Offizier in Eurer Maje⸗ ſtät Dienſt iſt.“ Der König wünſchte ſich im Stillen Glück, daß es ſich um nichts Schlimmeres handle. Das Be⸗ nehmen der Madame Du Barry hatte ihn befürchten laſſen, daß ſie in die Sache verwickelt ſei. „Wie heißt der Edelmann?“ fragte er. „Redmond O Neil,“ erwiderte Miß Macna⸗ mara feſt,„den ich anklage, zuerſt ſchmählich ſeine junge Frau durch eine Bezüchtigung verläumdet zu haben, die zu widernatürlich iſt, als daß man ſie glauben könnte; ſodann, daß er ihr und dem Kinde, das ſie geboren, nach dem Leben getrachtet hat.“ Beim Nennen dieſes Namens ſtieß Ellens Gatte, der wenige Minuten zuvor in das Vorſtellungsge⸗ mach eingetreten war, einen ſchmerzlichen Seufzer aus. Seine Schande war veröffentlicht worden, 16 und außer Stande, die Blicke zu ertragen, die auf ihn gerichtet waren, ſtürzte er in die Gallerie, wo eine Abtheilung ſeines Regiments die Wache hatte. „Die Sache ſoll unterſucht werden,“ ſagte Seine Majeſtät.„Nehmen Sie dafür Unſer königliches Wort. Ich entſinne mich: Die ſchöne Irländerin — ſie war wunderſchön! Wo iſt ſie nun?“ Da wo ſie ihres Gatten Grauſamkeit oder die Ungerechtigkeit der Welt nicht mehr zu fürchten hat,“ erwiderte ihre Tante in Thränen ausbrechend, „dort wo auch wir ihr eines Tages nachfolgen müſſen.“ Ludwig XV. runzelte die Stirne. Wie ſein Vorgänger hatte er eine kindiſche Furcht vor dem Tode und liebte es nicht, wenn in ſeiner Gegen⸗ wart davon geſprochen wurde. „Armes Geſchöpf!“ murmelte er.„Armes Geſchöpf! So jung!“ „Und ſo unſchuldig, Sire,“ ſetzte Miß Mac⸗ namara hinzu. „Ganz gewiß! Ganz gewiß!“ wiederholte der König nachſinnend;„es wird ſich ſo heraus⸗ ſtellen. Wie kommt es aber,“ fügte er hinzu,„daß Unſere Tochter Louiſe ihren Zufluchtsort verlaſſen hat, um Sie vorzuſtellen?“ „Meine theuerſte Freundin, Frau von Beaufre⸗ mont, Sire, hätte mich Eurer Majeſtät vorgeſtellt,“ erwiderte Miß Macnamara, welche die Anweſen⸗ heit der Prinzeſſin noch nicht bemerkt hatte,„wenn nicht die Marſchallin d Aubigny auf ihrem Schloſſe in der Picardy im Sterben läge.“ Da beide Schweſtern anweſend waren, ſo machte ſich im ganzen Hofzirkel ein feines Lächein bemerkbar. Selbſt Ludwig, ſo ſtreng er ſonſt auf Etiquette hielt, vermochte ein Lächeln nicht zu unterdrücken. Die Meiſten am Hofe begriffen, welcher Ein⸗ fluß ſich geltend gemacht hatte, um die Prinzeſſin zu ſti, ihr gegebenes Verſprechen zu rechen. Der König verbeugte ſich ernſt, zum Zeichen, daß die Unterredung zu Ende ſei, und Madame Louiſe ergriff den Arm ihres Schützlings, um ſich aus der königlichen Nähe zurückzuziehen, als der h vortrat und ſeiner Tante ſeine Hand anbot. „Ich danke Ihnen, Ludwig,“ murmelte die Nonne, deren Herz durch die Kälte der Aufnahme ihres Vaters tief verletzt war. Der junge Graf von Artois folgte dem Beiſpiele ſeines ältern Bru⸗ ders und rief mit lauter Stimme: „Platz, meine Damen und Herren, für Madame Louiſe von Frankreich.“ Die Menge der Höflinge gab Raum und von beiden Seiten verbeugten ſich Alle reſpektvoll, als ſie vorüberging. Der Monarch athmete frei auf, als ſeine Toch⸗ ter in der großen Gallerie verſchwand und die Flügelthüren des Salons hinter ihr ſich ſchloſſen. Die arme Frau von Beaufremont mußte ihre Heuchelei ſchwer büßen. Die Nachfragen nach dem Befinden ihrer Smith, Sein u. Schein. II. 18 ſter, der Marſchallin, waren zahllos. Außer Stande, die Demüthigung und, was noch ſchlimmer war, das Lächerliche ihrer Bloßſtellung zu ertragen, ent⸗ fernte ſich die theure Freundin der Miß Macna⸗ mara aus der königlichen Nähe. Um das Maaß voll zu machen, circulirte am jie Tage die Anecdote des Villets und des oſenwaſſers allgemein unter den Hofleuten. Auf dem Wege nach ihren Appartements ſtieß Madame du Barry auf Ulic Blake, den ſie zu ſich heranwinkte, um mit ihm zu ſprechen. „Wo iſt Redmond?“ fragte ſie haſtig. „Wie ein Wahnſinniger geht er an dem großen Canal im Parke auf und ab,“ antwortete deſſen Vetter;„er iſt ganz außer ſich, raſend darüber, daß ſeine Schmach öf entlich preisgegeben worden; ſelbſt ich wage es nicht, mich ihm zu nähern.“ „Er ſoll gerächt werden,“ bemerkte die Favo⸗ ritin.„Auch ich bin beleidigt worden, unglücklicher Weiſe aber von Jemand, dem ich, wenigſtens nicht direct, beikommen kann,“ jetzte ſie bitter hinzu. „Suchen Sie den Polizeiminiſter auf und ſagen Sie ihm, er ſoll morgen Vormittag zu mir kommen.“ ulic Blake verbeugte ſich ſo reſpektsvoll, als ob der Befehl aus königlichem Munde gekommen wäre. „Zu früher Stunde,“ fügte die Gräfin bei. „Darf ich mir wohl erlauben, Frau Gräfin,“ flüſterte der Edelmann,„Sie an meine Bewerbung um die Hand des Fräuleins von Kellern zu er⸗ innern?“ „Es ſoll nicht vergeſſen werden ſagte die Favorit in, indem ſie ſich beeilte, ihre Wohnung zu 19 erreichen.„Ich will mit dem König davon ſpre⸗ chen. Ludwig ſoupirt heute Abend bei mir.“ Mit dieſem Verſprechen ging die ſtolze Frau vorüber, gefolgt von ihrer Schmeichlerin und Be⸗ gleiterin der Marſchallin Mirepoir, welche, trotz ihres hohen Ranges, die Vertraute von drei auf einander folgenden Maitreſſen des Königs war. Sobald die Gräfin in ihr Boudoir eingetreten war, warf ſie ſich auf eines der vergoldeten Ruhe⸗ bette und ließ ihrer Leidenſchaft gänzlich den Zü⸗ gel ſchießen, deren Ausbruch um ſo heftiger war, weil ſie ſich ſo lange hatte Zwang auferlegen müſſen. „Ich muß mich rächen,“ rief ſie, ihre ſchönen Hände krampfhaft zuſammenpreſſend—„empfindlich rächen!“ „An wem?“ fragte ihre Freundin.„An dieſer Mademoiſelle Mac— Mae— ſo und ſo, gleichviel, wie ſie heißt? A la bonheur— aber vergeſſen Sie nicht, was man der Tochter des Königs ſchuldig iſt; die königliche Familie würde ſich nebſt dem Adel gegen Sie vereinigen— Ludwig könnte das Aerger⸗ niß nicht dulden. Klugheit, ma pelle. Klugheit— denn im Ganzen waren Sie es, welche die Scene veranlaßten.“ „Rache,“ murmelte Madame du Barry,„Rache.“ 2* 20 Siebenzehntes Kapitel. Diejenige unter unſern Leſern, welche in Ver⸗ ſailles geweſen ſind, haben gewiß den anmuthigen See in dem grünen Wieſengrunde nicht vergeſſen, der ſich durch den Forſt zieht, an deſſen linkem Ufer Groß⸗ und Klein⸗Trianon ſich erheben, wäh⸗ rend auf dem rechten dagegen der dicht belaubte Wald mit ſeinen Lichtungen und ſchattigen Ruhe⸗ ſitzen ſich befindet.„ Hart am Ufer des See's, da wo die Quelle des Apollo entſpringt, wandelte im hellen Mond⸗ licht, in einem Gemüthszuſtunde der an Raſerei grenzte, ein Mann auf und ab, aus deſſen Geſti⸗ eulationen wenigſtens auf dieſe Stimmung geſchloſ⸗ ſen werden konnte, indem er bei jedem Schritte wild mit den Armen in der Luft herumfocht und abgeriſſene Worte des Schmerzens oder des Wahn⸗ ſinns ſeinen Lippen entſchlüpften. Seine Uniform verrieth, daß er ein Offizier der irländiſchen Brigade im Dienſte von Frankreich war. „Entehrt,“ murmelte er vor ſich hin;„mein Name die Zielſcheibe jedes ärmlichen Wichts, der Witz genug beſitzt, ein Spottgedicht darauf zu ma⸗ chen, oder Muth genug hat, ein ſolches zu wieder⸗ ſe— ein Gegenſtand des Gelächters für meine einde— des itleids für meine Freunde, und noch immer keine Spur des Namens des Schur⸗ ken, der mir das Brandmal der Schande auf die Stirne gedrückt hat! Vielleicht komme ich täglich 21 mit ihm zuſammen,“ fuhr er fort,„und drücke mei⸗ nem Verderber die Hand. Tod und Teufel, daß ich es erleben mußte, durch eines Weibes Falſch⸗ heit und die Verrätherei eines Mannes mich er⸗ niedrigt zu ſehen!“ Aus dieſen leidenſchaftlichen Ausrufungen wer⸗ den unſere Leſer ohne Schwierigkeit den Gemahl der unglücklichen Ellen erkennen; ob derſelbe wirk⸗ lich betrogen worden war oder nur ſich ſelbſt täuſchte, vermag allein die Zeit zu enthüllen. „Ich kann ſie nicht tadeln,“ fuhr er fort in Anſpielung auf die Scene in Gegenwart des Kö⸗ nigs, wo Miß Macnamara ihn als Verläumder und Mörder ihrer Nichte angeklagt hatte.„Sie hält ſie für unſchuldig, wie alle es müſſen, die ſie kannten und wie ich puſ geſchworen hätte, wenn nicht der eigene Augenſchein mich vom Gegentheile überzeugt hätte.“ „Die Leute ſprechen von Qualen— von den Leiden des Verbannten— vom Tode durch Fol⸗ tern; aber ach, welche Schmerzen hat Grauſam⸗ keit erfunden im Vergleich mit denen, welchen ein hintergangener und doch noch immer verliebter Gatte zu erdulden hat, deſſen Vertrauen bis in's innerſte Mark ſeines Lebens vergiftet wurde,— deſſen Herz in ein Grab verwandelt wurde, das aber nicht ie Aſche eines vergangenen Glückes in ſich ſchließt, welches man betrauert und beweint, ſondern das vulkaniſche Feuer, das keine Thränen zu löſchen vermögen!“ Während der unglückliche Mann den Empfin⸗ dungen Worte verlieh, welche an ſeinem ſtolzen 22 und reitzbaren Gemüth nagten, warf er von Zeit zu Zeit verſtohlene Blicke auf das klare, tiefe Waſſer, das ſo einladend zu ſeinen Füßen hinfloß, und mehr als einmal tauchte der Gedanke in ihm auf, daß ein Sprung— ein kurzer Kampf— Schlaf — Vergeſſen mit ſich bringen würde; denn Alles wäre dann vorüber; der Schmerz in ſeinem ſieden⸗ den Gehirn würde aufhören, ſein Jammer ein Ende finden. Aber ſollte er denn das Leben ungerächt verlaſſen? Dieſer Gedanke war es, mit Bedauern müſſen wir es ſagen, der ihn mehr abhielt, als die Furcht, unaufgefordert vor das Antlitz ſeines Schö⸗ pfers zu treten. „Ich muß leben,“ murmelte er, indem er ſeine blutunterlaufenenen Augen vom See wegwandte, deſſen ſanftes Kräuſeln ihm wie ein Lächeln vor⸗ kam, das ihn zur Ruhe einlud.„Ich will nicht ſterben und einen Menſchen hinter mir zurücklaſſen, der auf meinem Grabe ſich rühmen kann, daß er es entehrt habe. Loß mich ihn auffinden, Schick⸗ ſal, führe ihn mir vor's Angeſicht und häufe dann, was Du willſt, auf mein Haupt. Ich will es ohne Murren ertragen und der ärgſten Bosheit Geduld entgegenſetzen.“ Es war dieß ein gottloſes Gebet, in einem Angenblick der Seelenqual und Zerknirſchung vor Scham geſprochen, das in einer ruhigeren Stim⸗ mung gewiß bereut wurde, denn Redmond O'Reil war nichts weniger als ein gottloſer Menſch. Er hatte Kummer kennen geleru, und Kunmer befe⸗ ſtigt den Glauben im Menſchen. Während der junge Mann, wie er meinte, un⸗ Beruhigung, als er ſeinen früheren Freun 23 bemerkt, der Bitterkeit ſeiner Gefühle Ausdruck ver⸗ lieh, war er nicht allein. Ein Mann mit grauen Haaren ſtand unfern von ihm und betete, daß die Verzweiftung, welche ihn ſo ſtark in Verſuchung führte, nicht die Oberhand gewinne. Es gereichte dem Pater Karoolan zu großer und Zögling vom Ufer des See's ſich wegwenden und ſeine Schritte nach dem Walde zu lenken ſah. Ohne einen Augenblick zu zögern, machte er ſich auf, ihm zu folgen. Redmond hatte eine jener abgelegenen Lichtun⸗ gen erreicht, die ſo dicht von überhangenden Bäu⸗ men beſchattet war, daß ſelbſt in der Mittags⸗ ſtunde„ein heiliges Halbdunkel“ daſelbſt ſecch ehe er bemerkte, daß ihm Jemand gefolgt war⸗ So wenig ihm aber auch am Leben lag, veranlaßte ihn doch der Inſtinct der Selbſterhaltung, ſich um⸗ zuwenden und zu fragen, wer da ſei und ſich her⸗ ausnehme, ſich ſo in ſeine Nähe zu ſchleichen. „Jemand, der Anſpruch auf alte Liebe und früheres Vertrauen hat,“ antwortete der Prieſter; „ſteck Deinen Degen ein, denn Du kannſt ihn doch nicht gegen Deinen alten Freund und Vor⸗ mund gebrauchen.“ „Karoolan?“ rief Redmond, ſeine Stimme er⸗ kennend. „Eben der.“ Ellens Gatte ging den Weg zurück, ihm ent⸗ gegen. „Schon ſeit einer Stunde habe ich Dich beob⸗ achtet,“ ſagte der würdige Prieſter, nachdem er 25 welche zuweilen die Freude hindurchlächelt. Ich habe von Deinem Mißgeſchicke gehört, das gleich einer Winterwolke, den Frühling Deines Daſeins verdunkelt hat.“ „Von Ellen's Schuld haben Sie gehört, von meinem Elend, meiner Schande?“ fragte ſein Zög⸗ ling.„Aber wie kann ich darüber erſtaunen; hat nicht ihre Tante vor einer Stunde die Geſchichte des Falls ihrer Nichte vor dem ganzen verſam⸗ melten Hofe auspoſaunt?“ „Die Unſchuld ihrer Nichte,“ bemerkte Pater Karoolan. „Ja, ja; ſie glaubt ohne Zweifel daran,“ fuhr Redmond fort „Ich uhe auch daran,“ ſetzte der Prie⸗ ſe feierlich hinzu.„Nein, ſtutzen Sie nicht; wen⸗ en Sie ſich nicht ungeduldig ab, ſondern hören Sie mich an. Von Kindheit an waren Ellen und Sie mir gleich theuer; jeder Gedanke und Traum ihres jungen Herzens wurde von ihr in mein Ohr egoſſen. Wer kann ihre Reinheit oder Schuld eurtheilen, wenn ich es nicht kann. Auf welchen Grund hin verurtheilen Sie ſie?“ „Wie!“ rief der unglückliche Mann;„ich ſoll auch Ihnen die Geſchichte meiner Entehrung er⸗ l Unmöglich! Meine Zunge würde ver⸗ orren; die Worte würden mir in der Kehle bren⸗ nen und mich erſticken. Nimmermehr! Nimmer⸗ mehr!“ „Und Sie meinen, die Welt würde glauben, das ſo tugendhaft erzogene Mädchen— die junge, Ihnen erſt vor einem Jahr angetraute Frau— 26 welche ihr heimathliches Haus und Vaterland ver⸗ ließ, um Ihnen in ein fremdes Land zu folgen, habe ihr eheliches Gelübde gebrochen, wenn Sie auch nicht Einen Beweis dafür vorbringen können — würde dieß glauben, auf Ihre bloße Behaup⸗ tung hin? Dieß iſt gar nicht denkbar.“ „Ich kümmere mich nichts um die Welt,“ ant⸗ wortete der junge Krieger ſtolz.„Ich beſitze einen Degen, um damit auf deren Anklagen zu ant⸗ „Eine Drohung!“ „Nicht gegen Sie, Vater,“ beeilte ſich Redmond O Neil hinzuzuſetzen;„nicht gegen Sie, den einzi⸗ gen Menſchen, der mich liebt; aber ſelbſt Ihr hei⸗ liges Amt gab Ihnen kein Recht, mich zu quälen.“ „Ich ſprach nicht mit der Stimme prieſterlichen Anſehens,“ antwortete der alte Mann mild;„ſon⸗ dern mit der der Liebe. Das iſt mein Anſpruch, meine Bitte.“ „Dann muß ich darauf antworten,“ erwiderte ſein ehemaliger Zögling mit einem Seufzer,„wenn auch mein Herz darüber noch ſo heftig blutet und Wahnſinn mein Gehirn bedroht. Einen Augenblick, nur einen Angenblick gönnen Sie mir, mich zu ſammeln und Sie ſollen Alles hören. „Sie wiſſen, wie ich Ellen liebte, Vater; aber Worte vermögen nicht, das unausſprechliche Gefühl zu ſchildern, das mein Herz erfüllte, als ich erfuhr, daß ſie Mutter werden ſollte. Wie viele Plane entwarf ich für eine glückliche Zukunft, und wie malte ich mir das Leben aus, das nur ihrem Wohl gewidmet ſein ſollte— Geduld, ich komme zur Sache. 27 Ich war eines Tages auf der Wache in den Tui⸗ lerien, als mir Nechts meine Ordonnanz einen Brief brachte des Inhalts: „Ihre Gattin hintergeht Sie. Wenn Ihnen an Entehrung nichts liegt, ſo nehmen Sie von die⸗ ſer Mittheilung keine Notiz. Wenn Sie aber ein Mann ſind, und Ausſteller Dieß glaubt, daß Sie einer ſind, ſo begeben Sie ſich eiligſt auf den Pont Royal, dort werden Sie einen Wagen ohne Wap⸗ hin und Livree vorbeifahren ſehen. Folgen Sie dieſem.“ „Und Sie gehorchten dieſer ſchlimmen Einflü⸗ ſterung?“ „Ich that es; aber nicht, weil ich zweifelte. Meine Abſicht ging vielmehr dahin, den Verläum⸗ der zu entdecken und zu beſtrafen.“ „Was war der Erfolg?“ „Ich brauchte nicht lange zu warten, ehe das keieicht Gefährt an mir vorüberfuhr. Es ſaß eine Dame in Maske darin.“ Pater Karoolan wiederholte mit Betonung die Worte:„in Maske.“ „Hören Sie mich geduldig an,“ rief Redmond. „Ich folgte ihr nach einem jener Orte, wo das Laſter den Schleier der Sittſamkeit annimmt. Nach einer kleinen Stunde kam der Wagen nebſt der Dame zurück.“ „Noch immer maskirt?“ „Noch immer maskirt,“ wiederholte Redmond, „und eingehüllt in einen Mantel von eigenthüm⸗ lichem Schnitt, mein letztes Geſchenk an meine Gattin. Noch immer zweifelte ich nicht an ihr, 28 ſondern ſtürzte voll Unwillen über einen vermeint⸗ lichen Verſuch, ihren reinen Ruf beflecken zu wol⸗ len, auf den Wagen mit der Abſicht zu, die Be⸗ trügerin herauszuziehen, als ein Schrei, der Ausruf meines Namens, ihren Lippen entſchlüpfte; ihre Hand faßte krampfhaft die Thüre und ich erkannte an ihrer Hand nicht nur den Ring, mein Verlo⸗ bungsgeſchenk, welchen nie abzulegen ſie verſpro⸗ chen hatte, ſondern auch das Bracelet mit ihres Vaters Miniaturbild. Dieſer Schlag raubte mir die Beſinnung. Als ich wieder zu mir kam, waren der Wagen und Ellen verſchwunden. Ich eilte in mein entehrtes Haus. Als ich dort eintrat, ſagte mir die Dienerſchaft, daß ihre Herrin ſo eben heim gekommen ſei. Im Salon fand ich den Mantel nachläſſig auf den Boden geworfen. Meine Gattin befand ſich in ihrem Ankleidezimmer. Ich trat ein und erblickte an ihrer Hand die Beweiſe ihrer Schuld— das Bracelet und den Ring. Ich über⸗ ſchüttete ſie mit Vorwürfen. In meiner Wuth ielte ich mit meinem Degen nach ihrem Leben. ber der Anblick ihres Bluts entwaffnete mich. So ſchuldig ſie war,“ fügte er hinzu,„kann ich jetzt nur dem Himmel danken, daß ſie nicht durch meine Hand ſtarb.“ Es folgte einige Minuten lang Stillſchweigen, während welchem die ſchweren Athemzüge verriethen, wie peinlich die Erzählung für Redmond geweſen war. „Genügt dieß nicht, Vater, ihre Schuld und meine Entehrung zu beweiſen?“ fragte er.„Die Ungläubigkeit ſelbſt ſollte durch einen Beweis die⸗ ſer Art ſich zufrieden geſtellt ſehen.“ 29 „Und Ellen?“ „Spielte die Rolle ihres Geſchlechts, behaup⸗ tete ihre Unſchuld; ja, noch mehr,“ ſagte Redmond mit bitterem Lachen,„ſtellte ſich indignirt über mei⸗ nen Wahnſinn, wie ſie ſich ausdrückte.“ „Sie ſahen aber ihr Geſicht nicht,“ bemerkte Vater Karoolan nachdenklich. „Pahl“ rief der junge Mann.„Jedes Glied der Beweiskette war auch ohne dieß vollſtändig.“ Sein alter Freund gab keine Antwort, ſondern hing fortwährend ſeinen Gedanken nach. „Genügt dieß nicht,“ fuhr O'Neil fort,„den Verfuch zu rechtfertigen, das Kind in meine Ge⸗ walt zu bekommen, dasſelbe in Dunkelheit zu be⸗ graben, meinen Namen gegen ein Geſchöpf, das ein Kind der Schande und Sünde iſt, zu ſchützen.“ „Das Kind gehörte aber Ihnen,“ erwiderte der Prieſter.„Redmond, ich will es Ihnen nicht ver⸗ bergen, daß das, was Sie mir mittheilten, mich zwar ſchmerzlich ergriffen, aber nicht überzeugt hat. Hätten Sie ihr Geſicht geſehen.“ „Frömmigkeit vermag nakürlicher Weiſe nicht an das Laſter zu glauben,“ unterbrach ihn ſein Zögling.„Es iſt dieß die Schwäche des Herzens.“ „In der aber zuweilen mehr Weisheit ſteckt, als in ſeiner Stärke,“ bemerkte Karoolan;„doch davon ſpäter. Nennen Sie mir, wenn Ihnen der Gegenſtand nicht zu ſchmerzlich iſt, den Namen des Mädchens, welche Ellen zu ihrer Flucht nach England behilflich war.“ „Lucille Chomont.“ „Und was iſt aus dieſer geworden?“ 30 „Ich weiß es nicht,“ verſetzte Redmond in leichgültigem Tone.„Ihr konnte ich nicht böſe i es war ihr Metier, ihrer Herrin zu helfen. Sie verließ mein Haus und hat wahrſcheinlich irgend einen andern Dienſt in Paris gefunden. Sind Sie jetzt ihet „Nein— ja; das heißt, ich weiß nicht, was ich davon denken ſoll,“ erwiderte der alte Mann. „Ihre traurige Geſchichte hat mich ganz wirre ge⸗ macht. Ich muß mir Zeit nehmen, die Sache zu verarbeiten und darüber nachzudenken. Es iſt Jam⸗ merſchade,“ ſetzte er hinzu,„daß Sie allein auf den Pont Royal ingen. Warum haben Sie denn Ihren Vetter nicht mitgenommen?“ „Ulic war abweſend,“ ſagte der unglückliche Mann. Sie erzählten ihm aber, was vorgegangen war?“ „Ja, ja,“ antwortete Redmond ungeduldig. „Noch eine Frage, und ich bin zu Ende,“ be⸗ merkte Pater Karoslan.„Was ſagte er?“ „Er zeigte ſich noch viel ungläubiger, wie Sie,“ erwiderte der Erſtere,„und vertheidigte die Metze ſo warm, daß wir faſt darüber in Streit geriethen.“ „Der Himmel verzeihe mir,“ ſprach der Prie⸗ ſi zu ſich,„wenn ich ihm in Gedanken Unrecht that.“ „Aber ſelbſt er,“ fuhr Redmond fort,„wurde zuletzt überzeugt— eben ſo ſchmerzlich überzeugt, wie auch Sie es ſein werden.“ Der Greis ahnte, daß er ſeine Beurtheilung Ulic Blake's zu früh bereut habe. ——————— 31 „Wir wollen für jetzt nicht weiter den trauri⸗ gen Gegenſtand beſprechen,“ bemerkte er.„Die Zeit wird nicht ausbleiben, in welcher es meine Pflicht erheiſcht, wieder darauf zurückzukommen— bis dahin werde ich darüber ſchweigen!“ Da es indeſſen ſchon ziemlich ſpät geworden war und Redmond ſeinen alten Freund durch den Park an die Schloßthore begleitete, theilte ihnen der Wache habende Offizier mit, daß Madame Louiſe bereits nach St. Denis zurückgekehrt ſei. „Sie müſſen für heute Nacht mit dem Quar⸗ tier eines Soldaten vorlieb nehmen, Vater,“ ſagte Redmond.„Sie werden dort zwar wenig Bequem⸗ lichkeit, aber einen herzlichen Willkomm finden. Ich wünſchte nur,“ fügte er ſeufzend hinzu,„daß ich Ihnen eine heiterere Geſellſchaft verſprechen könnte.“ Die Einladung wurde angenommen und der Prieſter folgte dem Offizier in die Kaſerne, ein weitläufiges, an das Schloß ſtoßendes Gebände, das jetzt andern Zwecken dient. Sie waren noch nicht lange dort, als Ulic Blake erſchien, und ſeines Vetters Gaſt bemerkte, daß der⸗ ſeibe über dieſes Zuſammentreffen mehr mißvergnügt, als erſtaunt ſchien. Wenn dieß aber wirklich der Fall war, ſo faßte ſich Ulic ſchnell wieder und ſtellte eine Menge Fragen in Betreff ſeines Onkels, Sir Patrick, und ſeiner alten Freunde in Irland an ihn. Ellen's wurde mit keiner Silbe erwähnt. Am folgenden Morgen verabſchiedete ſich der würdige Prieſter von den jungen Männern und machte ſich auf den Weg nach Paris. Der Polizeiminiſter hatte ein Billet von der 32 Gräfin erhalten und zu früher Stunde in dem Appartement der königlichen Favoritin ſich einge⸗ funden, die er mit ihrer Freundin und Vertrauten, der Marſchallin Mirepoix, in ihrem Boudvir fand, welche ſchon ſeit mehr als einer halben Stunde vergebens ſie von ihrem Vorhaben abzubringen ſich bemüht hatte. „Mein Rath iſt wenigſtens uneigennützig,“ be⸗ merkte die alte Kokette.„Ich kenne dieſe Leute nicht— wünſche nichts von ihnen zu wiſſen und nehme keinen Antheil an ihrem Schickſal.“ „Und doch nahmen Sie ſich ihrer an!“ bemerkte Madame du Barry ärgerlich. „Wie ſollte ich?“ verſetzte die Marſchallin; „durchaus nicht, meine ſchöne Freundin. Ich hatte nur Ihr Intereſſe ihm Auge.“ „Meines!“ „Ja; Sie kennen entweder den König oder Madame Loniſe noch nicht recht. Ludwig hat eine entſetzliche Angſt vor jedem Aergerniß, das ſeine Tochter, trotz ihrer vorgeblichen Religioſität, mit wahrer Wonne herbeizuführen ſich bemühen wird. Sie ſind eine liebenswürdige, kleine Undankbare,“ fuhr ſie fort.„Was Anders, als der Antheil, den ich an Ihrem Wohlergehen nehme, hat mich mitten in der Nacht aus dem Bett hieher geführt, um Sie ein zweites Mal zu warnen.“ Die Pendule auf dem hohen Kamingeſinſe chlug eben zehn Uhr, als die Marſchallin dieſe emerkung machte. Man meldete Herrn v. Sartines. Die Augen der Madame du Barry funkelten — vor boshafter Befriedigung, als ſie ihn erblickte; der Augenblick, ſich endlich rächen zu können, war gekommen. „Mein Herr,“ hub ſie an;„ich wurde geſtern Abend aufs Tiefſte beleidigt.“ Der Polizeiminiſter bemühte ſich, ſehr entrüſtet auszuſehen. „Jene Frau wurde dennoch vorgeſtellt.“ 5 konnte aber auch denken, ſchöne Gräfin, a—⁴ „Schon gut,“ unterbrach ihn die Favoritin; „Wir wiſſen dieß Alles; die Complimente ſind in Berſailles nicht ſo rar, daß ich deßhalb zu dieſer Stunde zu Ihnen ſchickte, um das Vergnügen zu haben, dergleichen anzuhbren.“ Der Maniſter verbeugte ſich tief. Madame du Barry ſprang von dem Ruhebette auf, auf welchem ſie in halb liegender Stellung ſich befand, ging an einen am Fenſter ſtehenden Schrank und nahm daraus eines jener ſchändlichen Wertzeuge der Tyrannei, einen lettre de cachet, und händigte ihm denſelben ein. „Sie werden die Namen der Mademoiſelle Mal— Sie wiſſen ſchon, wen ich meine, und der Perſonen, die mit ihr reiſten, hinein ſetzen,“ fuhr ſie fort. Laſſen Sie dieſelben ſo raſch als möglich arretiren und in die Baſtille abführen.“ Herr v. Sartines zögerte und ſchien ſehr ver⸗ legen zu ſein. „Haben Sie mich verſtanden? fragte die Favo⸗ ritin übermüthig;„oder muß ich meine Bnſtrneonen wiederholen?“ Smith, Sein u. Schein. 1. 3 34 „Ich verſtehe Sie vollkommen, Frau Gräfin,“ verſetzte der Miniſter;„aber—“ „Aber was, Menſch? Ich laſſe weder mit mir ſpaßen, noch mich überreden!“ Das letzte Wort war mit einem Seitenblick auf ihre theure Freun⸗ din, die Marſchallin, begleitet, die da ſaß und ganz gemüthsruhig ihre runzliche Stirne mit einer Eſſen; aus einem der goldenen Flakone ihrer 3 thenren Freundin benetzte. „Wenn Sie irgend etwas vorzubringen haben, was angehört zu werden verdient, ſo ſprechen Sie ſich kurz aus.“ „Die Perſonen, welche das Unglück hatten, die Frau Gräfin zu beleidigen, wohnen bei den Carmeliterinnen.“ „Wir wiſſen es.“ „Unter dem Schutz von Madame Louiſe.“ „Was liegt mir daran, unter weſſen Schutz!“ „Es wird einen furchtbaren Scandal verur⸗ ſachen“ „Das habe ich ihr auch geſagt,“ rief die Mar⸗ ſchallin Mirepoix, den Vorſtellungen des Miniſters beifällig zunickend. „Das iſt meine Sache,“ bemerkte die Gräfin du Borry.„Sie haben nichts zu thun, als den Befehl, den ich Ihnen ertheilte, auszuführen. Viel⸗ leicht zweifeln Sie an der Aechtheit der Unterſchrift,“ fügte ſie ironiſch bei.„Soll ich vielleicht Luowig zum Zeugen herbeirufen?“ „Zugleich deutete ſie auf das Zimmer, das an ihr Boudoir ſtieß, als wenn der König ſich dort 35 befände, worauf Hr. v. Sartines, getäuſcht durch dieſe Zuverſichtlichkeit, ſich verbeugend entfernte. „Ich habe geſiegt!“ rief die in die Hände klatſchend und hell auflachend.„Mit Frank⸗ reich zu meinen Füßen“— Frankreich war der Name, mit welchem ſie häufig ihren königlichen Liebhaber bezeichnete,—„habe ich nicht im Sinn, mich von ſeiner ſcheinheiligen Tochter beleidigen zu laſſen.“ „Genial, meine Liebe— muerßt genial,“ ſagte ihre theure Freundin,„aber gefährlich. Weder die Montespan noch die Pompadour würden einen ſolchen kühnen Griff gewagt haben.“ „Pah! Ludwig war damals noch jung.“ „Und weit weniger geneigt, dem Geſchrei ſei⸗ ner Familie nachzugeben,“ bemerkte Frau v. Mire⸗ poir trocken.„Sie wiſſen dieß aber am beſten. Ich wünſche nur, daß die Sache gut abläuft.“ Das eitle, gedankenloſe Geſchöpf, voll Zu⸗ verſicht auf ihre Gewalt über den König, verlachte der Marſchallin finſtere Andeutung, ſetzte ſich vor ihren goldenen Spiegel, das jüngſte Geſchenk des verliebten Monarchen, und fing an, ihr pracht⸗ volles Haar in die Locken einer Bachantin aufzu⸗ löſen, die ſie in wilder Unordnung um ihren Kopf ſchüttelte. „Frankreich bewundert mich am meiſten auf dieſe Weiſe,“ ſagte ſie.„Sehen Sie nicht ſo ernſthaft d'rein, gutes altes Geſchöpf; ich bin Ih⸗ nen nicht böſe.“ „Bürgersſeele!“ ſprach in Gedanken die hoch⸗ geborne Bame, als ſie liebevoll ihre ſüße Freundin küßte und in ihre Gemächer ſich üczog Die verletzenden Worte kamen ihr nicht aus dem Sinne, und die Frau Marſchallin konnte nicht umhin, heimlich zu wünſchen, daß ihre theure Freundin irgend eine Demüthigung erleiden möchte, die im Verhältniß zu der ihr zugefügten Beleidi⸗ gung ſtand. „Ich würde ſie ſogleich verlaſſen,“ murmelte ſie,„wenn der König nicht zu alt wäre, um noch eine andere Geliebte zu wählen.“ Es iſt nicht zu verwundern, daß bei einer ſolchen Verdorbenheit des Herrſchers und des Adels das dumpfe Rollen des Donners der Revolution ſchon von ferne ſich hören ließ. Daß Ludwig XV. die Kataſtrophe vorausſah, iſt unbeſtreitbar. Sein berühmt gewordener Ausſpruch:„Nach mir die Sündfluth!“ das von neueren Schriftſtellern Tal⸗ leyrand zugeſchrieben wird, beweiſt dieß zur Genüge. Achtzehntes Kapitel. Madame du Barrh war nicht die einzige Per⸗ ſon, die ärgerlich darüber war, daß Miß Pern mara ihre Wohnung im Carmeliterkloſter zu St. Denis genommen hatte. Phelim Caſſiday fand dieß ganz beſonders hart. Es ſei ſchlimm genug geweſen, meinte er, in Irland von ſeiner Frau getrennt zu ſein, aber vollends gar im Auslande, wo die Leute ihn nicht verſtanden und er die Leute nicht verſtand, da war es doppelt hart. 37 In ſeinem Jammer verſicherte er den Pater Karoolan, daß es ihm ganz„öde ums Herz ſei“, eine Behauptung, welche der würdige Prieſter nichts weniger als mißbilligend aufzunehmen ſchien. „Es iſt mein Seel' wahr, fuhr Phelim fort, „ich werde nicht eher wieder der Alte werden, bis ich wieder zu Hauſe bin. Das iſt ein ſchlimmes Land, und ich würde es nicht einmal für ein chriſt⸗ liches Land halten, wenn nicht Eure Ehrwürden behaupteten, daß es ſo ſei „Ueber was haben Sie ſich denn zu beklagen?“ fragte Pater Karvolan;„es geht Ihnen ja nichts ab.“ „Es handelt ſich nicht um's Eſſen und Trinken,“ verſetzte der arme Menſch,„obgleich Beides ſchlecht genug iſt. Ich könnte mich übrigens auch damit zufrieden geben, mit Ausnahme der Fröſche und des Weins, der Einen nicht ſo recht von Innen heraus erwärmt— denn, meiner Treu', mein Magen iſt ganz in Unordnung, ſeit dem erſten Tag, als ich davon trank. Aber die Leute ſind's, und die ge⸗ fallen mir gar nicht; ich verſteh' auch nicht ein Wort von ihrer verdammten Sprache. Verzeihen mir Euer Ehrwürden dieſen Ausdruck.“ „Sie werden ſich mit der Zeit damit bekannt machen,“ bemerkte ſein Landsmann. „Ich ſoll ihre ausländiſche Sprache lernen?“ rief der Bauer mit einer Naivetät, die dem Pater ein Lächeln entlockte.„Das werde ich wohl bleiben laſſen. Ich verlange nichts, als meine Frau, die Katty. Wahrhaftig, Lady Tab muß den Verſtand verloren haben, daß ſie Alt⸗Irland und ihre Leute verlaſſen hat, welche ſie lieben und reſpectiren, und 38 ihr Haus, wo ſie alle Bequemlichkeiten hat, um ſo in Frankreich herumzuwandern. „Ihre Wanderſchaft wird ſich nicht weiter aus⸗ dehnen,“ bemerkte Pater Karoolan in Gedanken verſunken. „Es freut mich zu hören, daß Euer Ehrwürden dieß ſagen. Wird es noch lange dauern, bis ſie aus dem Ort dort wieder herauskommt? Vielleicht ging ſie hinein, um Buße zu thun?“ Auf dieſe Frage 3 der Prieſter keine Ant⸗ wort, ſondern zog ſich bald darauf in ſein Zimmer zurück, indem er Phelim ſich ſelbſt und ſeinem Schmerze überließ. Obgleich der Wirth dieſen ſchon mehrmals auf⸗ merkſam gemacht hatte, indem er auf die ut deutete, den Kopf auf ſeine Hand ſtützte, die Augen ſchloß und ſich ſtellte, wie wenn Er ſchliefe, daß es Zeit ſei, ſich zur Ruhe zu begeben, ſo wollte ſein Gaſt doch dieſe Winke nicht verſtehen, ſondern jog es vor, beim Küchenfeuer ſitzen zu bleiben, ort zu gähnen und in betrübtem Tone vor ſich hin zu brummen. Es wäre der Mühe werth, wenn es überhaupt möglich geweſen, das bunte Zeug, das ihm durch den Kopf ging, aufzunotiren. „Die Maſtzeit wird vorübergehen und nicht Ein Schwein verkauft, um den Pacht damit zu bezah⸗ len,“ das war eine ſeiner erſten Betrachtungen. „Allerdings wird Lady Tab einige Nachſicht haben; aber was wird aus dem kleinen Jungen werden unter der Obhut ſeiner Tante und der alten blin⸗ 39 den Großmutter? Man wird mit dem lieben Kind nicht ſo leicht fertig.“ Der Gedanke, daß die Tante zum mindeſten eben ſo geſchickt in der Pflege ihres Neffen ſein würde, als deſſen Vater, tröſtete ihn einigermaßen und ſeine Gedanken nahmen eine andere Richtung, bald mehr, bald minder lebhaft ihn beſchäftigend, je nachdem der Gegenſtund ihn intereſſirte. Seine Träumereien wurden durch die große Glocke der Carmeliterkirche unterbrochen, welche raſch anſchlug. Phelim hatte ſie ſchon zu oft läu⸗ ten gehört, als daß er ſich hätte irren können, und deßhalb ſprang er in großer Aufregung auf die Beine. Jetzt hörte er auch Fußtritte und laute Stim⸗ men auf der Straße. „Vielleicht brennt es 1 rief er aus, auf die Straße hinab laufend, um ſich zu überzeugen, ob ſeine Befürchtung zutrefſe oder nicht. Wir wollen unſern Leſern die Urſache des Lärms erklären, der Katty's Gatten erſchreckt und die Einwohner des kleinen, ruhigen Städtchens St. Denis vom Schlafe aufgeweckt hatte. Es handelte ſich um eine Angelegenheit der arteſten Art, und der Polizeiminiſter hatte ſich ſebh der Verhaftnung der Miß Macnamara und eren Begleitung unterzogen; ſein Hauptbeſtreben war dahin gerichtet, dieß wo möglich ohne V iſſen von deren königlicher Beſchützerin auszuführen. Ung lücklicher Weiſe hatte es aber Herr v. Sar⸗ tines dießmal mit Jemand zu thun, der eben ſo beſonnen und ſchlau wie er ſelbſt war. Madame 40⁰ Louiſe hatte ihren Gaſt in einem Zimmer unter⸗ gebracht, in welches man nur durch ihre eigene Zelle gelangen konnte. Es war Mitternacht, als ein Wagen, in wel⸗ chem der Miniſter und ein Beamter ſaßen, begleitet von einer Abtheilung Gendarmen, am Thore des Kloſters vorfuhr. Der Beamte ſchellte mehrmals, ehe die Pfört⸗ nerin erſchien, obgleich die Aufforderung nicht un⸗ gehört geblieben war; aber die würdige Schweſter war, ehe ſie Antwort gab, der erhaltenen Inſtruc⸗ tion gemäß, zu der königlichen Bewohnerin geeilt, um dieſer zu melden, daß ihre Befürchtung einge⸗ troffen ſei. „Läuten Sie noch einmal,“ rief der Miniſter ungeduldig. Der Befehl ſollte eben vollzogen werden, als . eti Stimme der Pförtnerin fragte, wer a ſei? „Defſnen Sie im Namen des Königs,“ ſagte der Beamte in gebieteriſchem Tone. „Da muß 3 erſt die Befehle der Superiorin einholen,“ erwiderte die Nonne. „So beeilen Sie ſich,“ ſprach der Beamte. Es entſtans ein abermaliger Verzug, nach deſ⸗ ſen Ablauf die Aebtiſſin, eine Dame aus dem fürſt⸗ lichen Hauſe von Auvergne, perſönlich erſchien und um den Grund der Gewaltthätigkeit gegen ihr fried⸗ liches Aſyl fragte. Befehl des Königs,“ antwortete Herr von Sar⸗ tines, der einzuſehen anfing, daß ſein Auftrag nicht 41 ſo unbemerkt ausgeführt werden könne, wie er gewünſcht hatte. „Dieß iſt nicht die Stunde, um denſelben ent⸗ gegen zu nehmen,“ bemerkte die fromme Frau in unwilligem Tone.„Unſer Haus iſt keine Diebs⸗ herberge. Ich werde es Ihnen nicht öffnen laſſen.“ „Bann müſſen wir den Eingang mit Gewalt erzwingen. Ueberlegen Sie dieß wohl.“ „Der Gewalt muß ich allerdings weichen,“ ver⸗ ſetzte die Oberin,„aber einſchüchtern laß ich mich nicht.“ „Wollen Sie dem Befehle Seiner Majeſtät Trotz bieten?“ „Es iſt der Polizeiminiſter, der mit Ihnen ſpricht!“ rief der Beamte in der Hoffnung, daß dieſer gefürchtete Name ſogleich Unterwürfigkeit zur Folge haben würde. „Ich bin für mein Benehmen nur dem König und dem Erzbiſchof verantwortlich,“ ſagte die Aeb⸗ 2„Damit haben Sie Ihre Antwort, und nun gehen Sie und laſſen Sie das Kloſter in Frieden.“ Herr v. Sortines ſah, daß die Aebtiſſin und Madame Louiſe entſchloſſen waren, das Aergerniß, das die Verletzung ihres Heiligthums hervorrufen mußte, durch ihren Widerſtand möglichſt angenfällig zu machen. Nachdem er aber einmal in das Un⸗ ternehmen ſich eingelaſſen hatte, glaubte er auch dasſelbe durchführen zu müſſen. Er winkte daher einem der Gendarmen, der mit einem Schmied⸗ hammer einen gewaltigen Angriff auf das Thor machte. Sobald der erſte Schlag ertönte, ſchlug die 42 große Glocke des Kloſters an, und das Allarm⸗ läuten dauerte fort, bis das Thor erbrochen war. Dieß war die Glocke, welche Phelim Caſſiday aus dem Wirthshauſe lockte, gerade zur rechten Zeit, um einem Gefreiten zu entgehen, der kam, um ihn und Pater Karoolan feſtzunehmen. Obgleich die Approchen, das heißt, die Thore der Carmeliterinnen, erbrochen waren, ſo war die Citadelle deßhalb doch noch nicht eingenommen. Auf die Nachfrage des Miniſters wollte weder die Aebtiſſin, noch eine der Nonnen ihm auch nur ent⸗ ſunt Auskunft über die Perſon geben, die er auf⸗ uchte. Die Frauen verſchanzten ſich hartnäckig hinter ein würdevolles Schweigen. Herr v. Sartines ſah den Beamten und der Beamte Herrn v. Sartines an. Nach kurzem Ueberlegen kam der Letztere, der von Herzen wünſchte, ohne ausdrücklichen Befehl Seiner Majeſtät ſich nicht in die Sache ein⸗ elaſſen zu haben, zu dem Schluſſe, daß es beſſer 3 vorzugehen als zurückzuweichen. Erfolg konnte ſeinen Irrthum gut machen— wenn ein Irrthum begangen worden war; jedenfalls war es eine Eh⸗ rehe für die Favoritin, ihn zu beſchützen. Mit feſter Stimme fragte er daher nach dem Appartement Ihrer königlichen Hoheit, der Madame Loniſe von Frankreich. „Wir kennen Niemand dieſes Namens inner⸗ halb dieſer Mauern,“ entgegnete die Oberin,„hier hören alle weltlichen Auszeichnungen auf.“ „Alſo Schweſter Louiſe,“ ſetzte er hinzu. 43 Ein halblautes Murren des Unwillens und Entſetzens entſchlüpfte den Lippen der Genoſſenſ chaft, die ſich, gleich einer Heerde ſchüchterner Schafe, um die Aebtiſſin geſammelt hatte. Ein Blick die⸗ ſer muthigen Frau gab aber den Schweſtern den entſinkenden zurück. „Ich werde Ihnen weder Vorſchub leiſten, noch irgend eine Mittheilung machen, die zur Unter⸗ ſtützung einer Gewaltthat dient, gegen welche ich feierlich proteſtire.“ Einer der Männer näherte ſich dem Miniſter und theilte ihm mit, daß er die Zelle der Prin⸗ zeſſin entdeckt habe. Madame Louiſe beſaß zu vielen Takt, als daß ſie eine Gewaltthat provocirt hätte, welche ihre Würde hätte compromittiren können. Deßhalb öffnete ſie auf die erſte Aufforderung die Thüre ihrer Wohnung und erſchien auf der Schwelle. „Was ſuchen Sie?“ fragte ſie. Der Beamte zeigte den verhängnißvollen lettre ge eachet— ſeine Vollmacht, Mademoiſelle de Macnamara und deren Begleiter zur Haft zu brin⸗ gen, vor. „Ich kann nicht zugeben, daß Eure Hoheit um meinetwillen noch mehr beleidigt wird,“ bemerkte die ſtolze Irländerin.„Wenn der König die Schuld der Dankbarkeit vergeſſen hat, welche er dem An⸗ denken des tapfern Mannes ſchuldet, der ihm das Leben rettete, ſo iſt Ehre in Frankreich nur noch ein bloßer Name. „Wohin ſoll ich gehen?“ fügte ſie bei. „In die Baſtille,“ flüſterte ihre Beſchützerin 44 zaber fürchten Sie nichts. Dieſe Handlung der Madame du Barry— ich weiß, woher der Schlag rührt,— wird einen Sturm erwecken, welchen ſelbſt ihr Einfluß über meinen armen bethörten Vater nicht zu beſchwichtigen vermag. Ich gebe Ihnen mein königliches— das Wort der Schweſter Louiſe,“ ſetzte ſie ſich ſelbſt verbeſſernd hinzu,„daß nicht viele Tage verfließen ſollen, ehe ich Ihre Freilaſ⸗ ſung erlange oder Ihre Gefangenſchaft theile.“ Unterdeſſen hatte ſich der Hof des Kloſters mit Einwohnern von St. Denis gefüllt, welche mit Unwillen die an dem friedlichen Wohnſitz der from⸗ men Genoſſenſchaft verübte Gewaltthat mit anfahen, und der Name der Favoritin flog von Munde zu Munde von den ſchimpflichſten Beiworten begleitet. Der arme Phelim Caſſiday, der ſich ebenfalls unter die Menge gemiſcht hatte, ſiund verwundernd da, ohne zu wiſſen, was der Lärm zu bedeuten habe, denn nirgends ſah er eine Spur von Feuer. Zu ſeinem großen Troſte bemerkte er den Pa⸗ ter Karoolan, der ſoeben aus dem Hotel als Ge⸗ fangener herbeigebracht worden war. „Euer Ehrwürden, was heißt denn dieß alles!“ rief er aus.„Ich kann mich nicht verſtändlich machen und nichts erfahren.“ „Es bedeutet,“ antwortete der wohlwollende Prieſter,„daß unſere Herrin, Katty und ich ſelbſt arretirt worden ſind.“ „In St. Patricks Namen, auf weſſen Befehl?“ „Auf des Königs, wie ich fürchte,“ antwortete der Geiſtliche mit einem Lächeln. Der Wagen fuhr vor, und die weiblichen Ge⸗ — 45 fangenen wurden hineingeſetzt. Als Phelim Caſſi⸗ day ſah, daß ſeine Frau vor ſeinem Angeſicht in's Gefängniß geſchleppt werden ſolle, vermochte er nicht mehr an ſich zu halten. Mit einem Schrei, der dem Markt von Donnybrook alle Ehre gemacht hätte, ſchwang er ſeinen Knittel, ſtürzte auf den Gefreiten los und ſchlug ihn zu Boden. Ehe Herr v. Sartines ſich vermittelnd einmi⸗ ſchen konnte, hatte einer der Gendarmen Phelim mit ſeinem Degen ehei Die Aebtiſſin ſchrie über Entweihung; das Volk ſchrie ihr nach, und in Mitten von all Dem wurde Katty, welche ſich wieder frei gemacht hatte, laut wehklagend, in den Wagen getragen, der davon fuhr, gefolgt von den Verwünſchungen des Volkes im Hofe. Herr v. Sartines, der allein von der angrei⸗ fenden Partei zurückblieb, ſah ſich finſter um. e Bürger trugen den ſterbenden Phelim in die Kirche der Etegecnet⸗ „Nicht dorthin,“ rief er barſch,„nicht dorthin!“ „Eben dorthin!“ ſagte Schweſter Louiſe ge⸗ laſſen. „Das iſt ja eine Entweihung.“ „Die Entweihung iſt bereits begangen wor⸗ den,“ verſetzte die königliche Nonne. Der arme Phelim wurde in das heilige Ge⸗ bäude geführt, geſolgt von dem Polizeiminiſter, der bereits nach ärztlicher Hilfe geſchickt hatte; aber das Lebensblut floß unaufhaltſam ab. „Schicken Sie nach einem Prieſter,“ murmelte der Irländer ſchwach;„ganz gewiß, wenn hier ein 46 chriſtliches Land iſt, ſo werdet ihr mich doch nicht ohne einen Geiſtlichen ſterben laſſen.“ Man ſchickte nach dem geiſtlichen Leiter des Kloſters, einem Canonicus von St. Denis, der den Unglücklichen mit den Sterbeſacramenten verſah. Die letzten Worte, die Phelim ſprach, ehe er verſchied, waren, nachdem er Segen für ſeine Frau und ſein Kind erfleht hatte:„Es iſt alſo doch ein chriſtliches Land, in dem ich mich befinde.“ Kaum hatte er den letzten Seufzer ausgehaucht, als der Polizeiminiſter die Stadtbehörden, die un⸗ terdeſſen eingetroffen waren, anwies, die Thore ſchüießen zu laſſen und der Vorſteherin empfahl, den gewohnten ruhigen Dienſt im Hauſe fortzu⸗ ſetzen, wie wenn nichts Außergewöhnliches vorge⸗ fallen wäre. „Unmöglich!“ rief die Aebtiſſin.„Es iſt ein Sacrilegium begangen worden; die Kirche wurde durch Blut befleckt. Es kann weder eine Meſſe darin geleſen, noch eher eine Glocke geläutet wer⸗ den, bis ſie auf's Neue geweiht worden iſt.“ Herr v. Sartines bereute auf's Bitterſte die Unbeſonnenheit, welche er begangen hatte. „Ich habe bereits einen Boten an den Erz⸗ biſchof geſchickt,“ fuhr die Dame fort,„und in ſeine Hände lege ich meine Sache.“ Bei dem Namen des Prälaten, der in dieſem Augenblicke das Bisthum von Paris inne hatte, zog ſich der Miniſter zitternd zurück. Als er das Kloſter verließ, lächelte Schweſter Louiſe ruhig. Ihr Plan war gelungen. „Ehrwürdige Mutter,“ bemerkte ſie,„wir müſ⸗ 47 ſ uns augenblicklich nach Verſailles begeben, ehe as böſe Weib, deren Einfluß Frankreich ins Un⸗ glück ſtürzt und den König entehrt, den Streich abzuwenden im Stande iſt. Ihre Verwandte, die Gräfin von Soiſſons, Frau v. Marſan und die Prinzeſſin von Auvergne ſollen uns begleiten.“ „Allerdigs, Tochter,“ erwiderte die Oberin im Tone tiefen Reſpekts.„Glauben Sie aber nicht, daß wir beſſer daran thun würden, die Ankunft des Biſchofs abzuwarten?“ Madame Louiſe überlegte einen Augenblick, ehe ſie auf den Vorſchlag Antwort gab. „Nein,“ ſprach ſie in entſchiedenem Tone;„un⸗ ſere Anweſenheit wird eine größere Verlegenheit bereiten, als die Seiner Gnaden. Mein unglück⸗ licher Vater kann das Aergerniß, das dieſe berei⸗ tet, nicht ignoriren.— Bedenken Sie, eine gewalt⸗ ſame Eröffnung des Kloſters! Blutvergießen inner⸗ halb der heiligen Mauern deſſelben! Der letzte Zufluchtsort ſeines Kindes entweiht!“ Noch immer ſchien die Aebtiſſin zu zögern. „Es handelt ſich darum, Frankreich zu retten,“ fuhr Schweſter Louiſe fort,„die Stimme im Na⸗ men unſeres Ordens zu erheben.“ Die letzte Rückſicht ſchien für die Oberin der Genoſſenſchaft mehr Gewicht zu haben, als die zu⸗ vor angeführten Gründe, denn ſie gab ſogleich ihre Einwilligung zu dem Vorſchlage und ſchickte Boten an die von der königlichen Nonne bezeichneten Per⸗ ſonen ab. Vach der Schnelligkeit zu ſchließen, mit welcher die Damen ſich einfanden, iſt kaum daran zu zwei⸗ 48 feln, daß dieſelben ein ſolches Reſultat erwartet hatten. Noch vor Mittag waren alle im Re⸗ fectorium des Kloſters verfammelt. Frau v. Mar⸗ ſan erſchien zuletzt. Wer die Memoiren jener Zeit geleſen hat, wird ſich des merkwürdigen Einfluſſes erinnern, den dieſe Dame, obgleich nicht mehr jung und ſchön, nur durch ihre Charakterſtärke auf den Hof von Frankreich ausübte. Ludwig XV. fürchtete ſie entſchieden; ſie war die Freundin ſeiner guten und tugendhaften Königin geweſen, ſeit deren Tode ſie auf eigene Fauſt ſich herausgenommen hatte, deren Töchtern und Enkeln Ermahnungen zukommen zu laſſen. Der Dauphin, nachmals Ludwig XVI., fürchtete ihre Zunge ſo ſehr, daß er einmal frei⸗ willig Abbitte leiſtete, um einem Tadel für eine Unhöflichkeit gegen eine Dame zu entgehen, welche mit ihr entfernt verwandt war. Selbſt Madame Louiſe ſcheute ſich vor ihr⸗ „Allerdings wollen wir uns ſogleich auf den Weg machen,“ rief Frau v. Marſan,„ehe der Kö⸗ nig etwas von der Geſchichte erfährt und Zeit fin⸗ det, die Favoritin durch ein Abkommen mit dem Erzbiſchof zu ſchützen.“ Mit dem Schlag der Mittagsſtunde fuhr eine Reihe von Wägen aus den Thören des Carmeli⸗ terkloſters, in welchem die Aebtiſſin, die Priorin, die königliche Nonne— Madame Louiſe— und meh⸗ rere der edelſten Damen Frankreichs ſaßen. Wie ſchnell aber auch der Entſchluß gefaßt wor⸗ den war, ſo langte doch die Nachricht ihres Abgangs von St. Denis noch vor ihnen in Verſailles an. 49 Die Favoritin war voll Triumph über das Gelingen ihrer Rache, als ihre theure Freundin und Vertraute, die Marſchallin Mirepoix, ohne die Formlichkeit ſich anmelden zu laſſen, in ihren Sa⸗ lon trat. Madame du Barry ſah ſie erſtaunt und er⸗ zürnt an. „Es iſt jetzt keine Zeit, ma belle,“ rief die alte Kokette aus,„das Lächeln von Ihren Lippen zu verbannen; Sie werden es jetzt nöthiger als je haben. Der Hof iſt in höchſter Beſtürzung.“ „Die Krankheit ſcheint anſteckend zu ſein,“ be⸗ merkte die hochmüthige Frau ſorglos. e Sie die Neuigkeit nicht vernommen?“ „Iſt Voltaire in Verſailles eingetroffen?“ „Nein,“ verſetzte die Marſchallin;„aber Ma⸗ dame Louiſe iſt es.“ „Madame Louiſe,“ wiederholte die Gräfin in gleichgültigem Tone. „Und die Aebtiſſin der Carmeliterinnen.“ „Das liebe Geſchöpf.“ „Mit Frau von Marſan,“ ſetzte ihre Beſucherin hinzu, geärgert über die Kälte der Madame du Barrh, welche fortfuhr, mit einem prächtigen, klei⸗ nen Windhund zu ſpielen, der auf einem Kiſſen neben ihr ruhte.„Der Erzbiſchof von Paris wird ihnen auf dem Fuße folgen.“ Die Favoritin ſprang erſchrocken auf. Die letz⸗ tere Nochricht beängſtigte ſie ernſtlich, weil Lud⸗ wig, gleich den meiſten Menſchen, welche die er⸗ ſten Grundſätze der Religion verletzen, nicht frei Smith, Sein u. Schein, II. 4 50 von Aberglauben war, und nichts ſo ſehr fürch⸗ tete, als einen Streit mit dem Clerus. „Was hat ſich denn zugetragen?“ fragte ſie. „Das Kloſter iſt mit Gewalt geöffnet worden,“ entgegnete die Marſchallin. „Iſt dieß Alles?“ „Man iſt in die Wohnung der Prinzeſſin ein⸗ gedrungen.“ „Der Tölpel!“ rief Madame du Barry; mit welchem Worte ſie den Polizeiminiſter bezeichnete. „Und in der Kirche iſt Blut vergoſſen worden,“ ſagte ihre Beſucherin,„wodurch der Erzbiſchof von Paris ſich genöthigt ſieht, ſich einzumiſchen.“ „Sollte dieſer Sartines ſo wahnſinnig gehan⸗ delt haben?“ „Es iſt ärgerlich, aber wahr,“ ſate die Mar⸗ ſerlin„Sie können ſich auf meine Nachricht ver⸗ laſſen.“ „Dann bin ich verloren,“ murmelte die Favo⸗ ritin. „Wahrſcheinlich,“ antwortete ihre Freundin und Rathgeberin kalt.„Es gibt übrigens doch noch einen Ausweg. Kommen Sie Ihren Feinden zuvor; es iſt jetzt die Stunde, in welcher Seine Majeſtät in der Orangerie den gewohnten Spaziergang macht. Suchen Sie ihn auf und geſtehen Sie ihm Alles.“ „Sie haben Recht, noch iſt die Schlacht nicht verloren.“ Mit dieſer Bemerkung verließ die Gräfin, nach⸗ dem ſie ſich durch einen Blick in ihren Spiegel überzeugt hatte, daß ihre Toilette tadellos ſei, das Zimmer, um den von ihr blind eingenommenen 51 König aufzuſuchen. Als ſie der Terraſſe entlang ging, ihren ſchwarzen Pagen Zamori, ihre Schleppe tragend, hinter ſich, begegnete ſie dem Polizeimi⸗ niſter. „Gräfin, ich habe Ihre Befehle ausgeführt,“ ſprach dieſer, ſich tief verbengend. „Sie haben ſich durch Ihren Gehorſam zu Grunde gerichtet,“ bemerkte die Schöne zornig. „Ach Madame—“ „Nicht ein Wort,“ unterbrach ihn die Favori⸗ tin.„Ich ſuche den König auf. Sie müſſen mich begleiten. Hüten Sie ſich, in irgend einem Worte, das ich ſage, mir zu widerſprechen. Von Ihrem Benehmen hängt es ab, ob ich Ihre Freundin oder Feindin für's ganze Leben ſein werde.“ „Gräfin du Barry,“ ſagte Herr v. Sartines, „ich bin Ihr Sclave; verfügen Sie ganz nach Ihrem Belieben über mich.“ Neunzehntes Kapitel. Die Orangerie in Verſailles iſt, wenn auch nicht die berühmteſte, doch unſtreitig die reizendſte Schöpfung Ludwigs XlV. Sie iſt bis auf den heutigen Tag noch wunderſchön; denn wenn auch die Zeit viele von den edelſten Bäumen auf den terraſſirten Spazierwegen entwurzelt und die rauhe Hand der Gewalt viele Statuen und Vaſen, welche dieſelbe einſt zierten, von ihren marmornen Piede⸗ 4 ſtalen herabgeſtürzt hat, ſo iſt doch immerhin noch genug davon erhalten geblieben, um dem Beſucher eine Idee von dem zu geben, was ſie einſt vor der Revolution geweſen war. Louis Philipp hat ſie theilweiſe wieder hergeſtellt; aber wenn auch Gold in Stein und Mörtel Viel zuwege bringen kann, ſo iſt es doch außer Stonde, das Werk der Natur zu beſchleunigen. Die Zeit allein vermag deren Schönheiten zur Vervollkommnung zu bringen. Gegen das Ende der Regierung Ludwigs XV. hatte die Orangerie den Gipfelpunkt ihrer Pracht erreicht, und der König liebte es, an ſchönen Ta⸗ gen unter ihren Wohlgerüchen im Schatten ſpazie⸗ ren zu gehen und ſich in der friſchen Luft und der warmen Sonne zu ſtärken. Die hiezu beſtimmte Stunde gehörte in der Regel der frühern Tages⸗ zeit an, und es war gewiſſermaßen ein ſtillſchwei⸗ gendes Uebereinkommen, daß zu dieſer Zeit Seine Majeſtät von Niemand geſtört werde. Nur eine einzige Perſon genoß hier ein Vorrecht; es war dieß Peter Lafont, der Obergärtner, ein alter Mann, der ſich noch des Gründers von Verſailles erin⸗ nerte. Er hatte oft den„grand monarque“ ſeinen Hut vor dem berühmten, wir möchten faſt ſagen, hiſtoriſchen Orangenbaum abziehen ſehen und ihn mit„bon jour. mon cousin“ begrüßen hören. Sein Nachfolger beobachtete dieſelbe Gewohnheit. Der merkwürdige, auf dieſe Weiſe von zwei nachfolgenden Königen geehrte Baum war zwi⸗ ſchen drei bis biethtnte Jahre alt. Peter La⸗ font kam jedes Mal aus ſeinem kleinen Häus⸗ chen hergewankt, ſtellte ſich in deſſen Nähe auf, 53 um mit ihm die Aufmerkſamkeit des Souverains auf ſich zu ziehen. Die Favoritin und ihr königlicher Liebhaber be⸗ traten faſt in demſelben Augenblicke die Orangerie. „Warten Sie, bis ich Ihnen ein Zeichen gebe, ſich zu nähern,“ ſagte die Gräfin, an den Polizei⸗ miniſter ſich wendend,„und erinnern Sie ſich mei⸗ ner Verhaltungsvorſchriften.“ Herr v. Sartines verbeugte ſich. Die Gräfin nahm ihre Schleppe aus den Hän⸗ den des ſchwarzen Dieners Zamori, dem ſie be⸗ deutete, daß er ihre Rückkehr an der erſten Fon⸗ taine, an der großen Terraſſe, erwarten ſoll, warſ dieſelbe über ihren Arm und ging auf den König zu, der ſie erſtaunt anſah und eben nicht allzu ſehr von einer Zudringlichkeit zu einer Stunde erbaut ſchien, welche die Königin allein mit ihm zu thei⸗ len das Recht hatte. „Was verſchafft Uns dieſes unerwartete Ver⸗ gnügen?“ fragte er im Tone ſteifer Höflichkeit, welche unverkennbar einen Tadel verbarg. „Dieß iſt nicht artig, Frankreich,“ rief Madame du Barry mit ihrem reizendſten Lächeln;„ich komme, um den Zauber zu theilen.“ „Zauber!“ wiederholte Ludwig mit einem Blicke des Erſtaunens. „Ja, den Zauber,“ ſagte die Syrene;„ich bin überzeugt, daß einer vorhanden iſt, und zwar in der Orangerie. Nichts vermag ſonſt das Geheim⸗ niß jener ewigen Jugend zu erklären, das Eure Majeſtät zum gefährlichſten Mann in ganz Frank⸗ reich für unſer ſchwaches Geſchlecht macht,“ 54 Ludwig lächelte: er beſaß einen krankhaften Widerwillen gegen das Altwerden, obgleich er ſich erinnern mußte, daß eine lange Lebenszeit hinter ihm lag. Die Schmeichelei mundete ihm köſtlich und mit ſichtlichem Wohlbehagen ſchlürfte er ſie ein. „Gräfin,“ ſprach er;„Sie ſehen dieſen Mor⸗ gen göttlich aus.“ „Sie haben mir meine Frage noch nicht beant⸗ wortet,“ fuhr die Dame fort;„und ich beſtehe dar⸗ auf— iſt das nicht ein kühnes, an den erhabenen König von Frankreich gerichtetes Wort— ſein Geheimniß theilen zu wollen? Wahrſcheinlich ſoll ich zuerſt alt werden,“ fügte ſie bei,„und das Herz verlieren, das mir hundert Mal mehr werth iſt, als die Krone, die deſſen Eigenthümer trägt.“ „Wenn ein Zauber vorhanden iſt, ſo muß er in Ihrer Liebe liegen,“ bemerkte der alte Monarch, indem er Madame du Barry ſeinen Arm reichte, eine Ehre, die er ihr nie zuvor in Verſailles er⸗ zeigt hatte, wo Alles nach den Regeln der ſtreng⸗ ſten Etiquette geordnet war.„Ich habe es nicht vergeſſen,“ fuhr er fort,„wie ſehr Sie ſich über das Benehmen Louiſens ärgerten bei der Vorſtel⸗ lung der Mademoiſelle Mac— Mac— parbleu! Ich vergaß den Namen— und ich habe dem Groß⸗ almoſenier den Auftrag ertheilt, ihr zu ſchreiben und ihr wegen ihrer Unart mein Mißfallen zu er⸗ kennen zu geben.“ Oüber das Erinnerungsvermögen der Könige! Der Vater der Miß Maecnamara hatte Ludwig das Leben auf Koſten ſeines eigenen gerettet und doch konnte dieſer ſich des Namens der Tochter dieſes Mannes nicht mehr erinnern. „Ich habe dieß bereits ſelbſt ausgedrückt,“ ſagte die Dame. „Perſönlich?“ fragte Ludwig „Nein, durch Sartines,“ erwiderte die Favoritin. „Sie thaten recht daran,“ bemerkte der König, „und ich billige vollkommen Ihre Handlungsweiſe. Ich geſtatte ſelbſt meinen eigenen Kindern nicht, die mir ſchuldige Achtung durch eine Beleidigung gegen Jemand, der mir ſo theuer iſt, aus den Au⸗ gen zu ſetzen.“ Egoiſt, dachte die Favoritin, während ſie ſich, gleichſam gerührt durch den Beweis von Rückſichts⸗ nahme gegen ſie, tief verbeugte. „Der Miniſter iſt in Verzweiflung,“ fuhr ſie ort. „Und weßhalb, ma belle?“ „Weil,“ antwortete die Gräfin,„ſein Unter⸗ gebener die Verbrecher bei den Carmeliterinnen feſinahm und weil er jetzt fürchtet, daß Eure Maje⸗ ſtät ſeinen Eifer in dieſer Sache mißbilligen möchte.“ „Er braucht nichts zu fürchten,“ erwiderte der Monarch. „Und Sie wollen dieß dem armen Manne ſagen?“ „Gewiß.“ Madame du Barry machte dem Werkzeuge ihrer Rache durch einen Wink mit ihrem Fächer ein Zeichen, ſich zu nähern, worauf der Polizeimini⸗ ſter herbeikam, indem er ſich bei jedem Schritte verbeugte und krümmte, gleichſam als wenn er nicht nur die Niedrigkeit ſeiner Natur, ſondern 56 auch die außerordentliche Geſchicklichkeit hätte be⸗ weiſen wollen, ſeinen Rückgrat in die Form einer Kurve bringen zu können. Als er ſich auf einige Schritte ſeinem hohen Gönner genähert hatte, verbeugte er ſich noch tie⸗ fer als zuvor und blieb, die Augen zu Boden ge⸗ ſchlagen, ſtehen. „Wir ſind mit Ihren Dienſtleiſtungen zufrie⸗ den, Herr von Sartines,“ ſagte Ludwig gnädig. „Sie werden ſich nie Unſer Mißfallen durch Ihren Eifer in der Sache dieſer Dame zuziehen.“ Bei den erſten Worten des Königs fing das Wirbelbein des Miniſters an ſich auszudehnen, und als ſein königlicher Herr zu Ende war, ſtand er kerzengerade, gleich einer auf ihren Schweif geſtütz⸗ ten Schlange, die ſich in den Strahlen der Sonne wärmt. „Ihr Erſcheinen bei den Carmeliterinnen muß roßen Schrecken erregt und die fromme Schaar er Nonnen ſehr entſetzt haben,“ bemerkte der Kö⸗ nig lachend.„Hoffentlich haben Sie eine paſſende Stunde hiezu ausgewählt,“ ſetzte er hinzu, wie wenn ihm plötzlich ein Gedanke in den Sinn ge⸗ kommen wäre. „Mitternacht, Sire!“ „Recht,“ erwiderte der König,„ganz recht. Sie müſſen bei Veranlaſſungen dieſer Art jedes Aergerniß zu vermeiden ſuchen.“ Herr v. Sartines fühlte ſich durch dieſe Be⸗ merkung etwas weniger beruhigt und ſein Rückgrat fing wieder an ſich etwas zu krümmen. „Sie ſtießen auf keinen Widerſtand?“ 57 „Nein, Sire, nur von Seiten der Aebtiſſin.“ „Ja, ja,“ unterbrach ihn Ludwig,„Wir begrei⸗ fen dieß. Seit Unſre Tochter bei den Carmelite⸗ rinnen Zuflucht geſucht hat, bildet ſich Madame d'Auvergne ein, die Krone Frankreichs ſei ihrer Obhut anvertraut.“ Unterdeſſen hatten die Sprechenden die Oran⸗ gerie verlaſſen und die große Terraſſe erreicht, wo der Cardinal Richelieu, der Prinz Soubiſe und eine Anzahl Hofcavaliere in einer Gruppe beiſam⸗ men ſtanden und mit lebhaften Geberden irgend eine wichtige Angelegenheit beſprachen. Sie hatten ſich ſo ſehr darin vertieft, daß Seine Majeſtät ſich auf wenige Schritte näherte, ehe ſie deren Anweſenheit gewahr wurden. „Wahrhaftig, meine Herren,“ rief der Monarch gut gelaunt,„Sie machen faſt den Eindruck einer Geſellſchaft von Verſchwörern. Ich weiß in der That nicht, ob es ſich mit der Sicherheit meiner Perſon verträgt, unter Sie zu treten.“ Dieſe Bemerkung, obgleich nur im Scherze ge⸗ ſprochen, gab begreiflicher Weiſe Veranlaſſung zu Betheurungen der unbegrenzteſten Treue und Er⸗ gebenheit für ſeine erhabene Perſon. Mehrere der Herren ſahen Madame du Barry, die noch immer am Arm ihres Beſchützers hing, mit fragenden Blicken an, welche die Favoritin mit einem Lächeln gegen diejenigen, die ſie für ihre Freunde hielt, und mit ſtechenden Blicken der Verachtung und Herausforderung gegen diejenigen, welche ſie als ihre Feinde betrachtete, beantwortete. 58 „Ich, für meinen Theil, bin nicht neugierig,“ fuhr der König fort,„aber die Dame hier nimmt das Vorrecht ihres Geſchlechts in Anſpruch.“ „Und dieß, Sire, beſteht darin, den Gegen⸗ ſtand unſrer Unterredung zu erfahren?“ verſetzte der Herzog von Richelien lächelnd, denn er verab⸗ ſcheute die Gräfin aus Herzensgrund:„Wir ſpra⸗ chen von den Carmeliterinnen.“- „Dachte ich's doch,“ antwortete Ludwig kalt. „Herr v. Sartines,“ ſetzte er, an den Miniſter ſich wendend, hinzu,„Wir ſind mit Ihrem Benehmen ſuten und entheben Sie Ihrer weitern Anwe⸗ ſenheit.“ Der Miniſter, entzückt über die Wendung, welche die Unterredung genommen, entfernte ſich unter tiefen Verbeugungen. „Was Sie betrifft, meine Herren,“ fuhr der König fort,„ſo bemerke ich Ihnen, daß, je weni⸗ ger die Geſchichte bei den Carmeliterinnen beſpro⸗ chen wird, ich um ſo mehr mit Ihren Dienſten zufrieden ſein werde.“ Die Hofcavaliere verbeugten ſich reſpektsvoll. Nichts deſto weniger bemerkte das Auge ihres Herrn, daß der Ausdruck ſeines Willens nicht mit der gewohnten Unterwürfigkeit aufgenommen worden war. Sein Stolz erlaubte ihm jedoch nicht, um den Grund zu fragen, und ſo wandte er ſich weg und verließ die Terraſſe, um vor Allem Madame du Barry an die Pforten des Palaſtes zu führen. „Es fehlt nichts mehr, als daß ſie gekrönt wird,“ murmelte der Herzog von Richelien.„Co⸗ tillon der Dritte regiert in Verſailles.“ 5⁰ „Und hat die Schlüſſel zur Baſtille eben ſo unumſchränkt zur als ſie jemals Ihr großer Oheim hatte,“ bemerkte einer ſeiner Freunde. Der Abkömmling des despotiſchſten Miniſters, welcher jemals Frankreich beherrſchte, biß ſich äuf die Lippen und ſchwieg ſtille. „Seine Majeſtät kann unmöglich Alles wiſ⸗ ſen, was ſich zugetragen hat,“ bemerkte einer der Herren. „Es iſt eine Schändlichkeit!“ rief ein Zweiter. „Eine Gewaltthat und ein Aergerniß für die öffentliche Sittlichkeit!“ ſetzte ein Dritter hinzu. „Was Ludwig alles ſeiner Zeit erfahren wird,“ ſagte Prinz Soubiſe lachend.„Es liegt nicht die entfernteſte Möglichkeit vor, daß ihm die Sache vorenthalten bleibt. Madame Louiſe, die Aebtiſſin der Carmeliterinnen und die vornehmſten unter den frommen Seelen ſind in Verſailles eingetrofſen und befinden ſich in den Gemächern der Dauphine.“ „Es ſollte Jemand Seine Majeſtät in Kennt⸗ niß ſetzen,“ bemerkte der Grof von Soiſſons. Aller Augen wandten ſich auf den Prinzen Soubiſe, als wenn Sie erwarteten, daß dieſer die Aufgabe übernehmen ſollte. „Es wäre vergeblich,“ ſprach dieſer.„Ludwig hat öffentlich Sartines. Benehmen gebilligt und wird ſich durch ſeine Ehre für gebunden halten, ſeinen Ausſpruch nicht zurückzunehmen. Die Gräfin beſitzt mehr Takt als ihre Feinde,“ fuhr er fort, „und hat glücklich die Klippe vermieden, an wel⸗ cher dieſe ihren Einfluß zum Scheitern zu bringen hofften.“ — 60 „Sie denken nicht an Madame Louiſe,“ warf der Herzog von Richelien ein. Der erfahrenere Hofmann ſchüttelte den Kopf. Er wußte, welchen Einfluß ſeine Tochter über den Monarchen beſaß. „An die Vorſtellung bei der Dauphine,“ ſagte der Graf. Seine Durchlaucht zuckte die Achſeln. „An den Zorn der Frau v. Marſan,“ ſetzte einer der übrigen Herren hinzu. „Selbſt deren Zunge wird nichts ausrichten,“ erwiderte Soubiſe,„ſo ſehr auch Seine Majeſtät ſie fürchtet. Glauben Sie mir, meine Herren, das Vernünftigſte, was wir thun können, iſt? der Sache ihren Lluß zu laſſen und uns mit der Rolle der Zuſchauer zu begnügen. Ich prophezeihe Un⸗ heil Jedem, der ſich in die Sache miſcht,“ ſetzte er pathetiſch hinzu. Nachdem er dieſe Bemerkung gemacht, entfernte er ſich raſch und ging auf das Schloß zu. Die Höflinge ſchwiegen ſtille, bis er ihnen ans dem Geſicht war. „Der iſt fort, um den König aufzuſuchen,“ ſagte einer aus der Gruppe.„Soubiſe iſt der einzige Mann in Frankreich, der offen mit ihm zu ſprechen wagt.“ Der Graf von Soiſſons und Richelien richte⸗ ten ſtolz die Köpfe auf, als ob dieſe Bemerkung eine perſönliche Beleidigung für ſie enthalten hätte. „Es gibt noch Andere,“ bemerkte der Herzog, „die eben ſo unabhängig, wie der Prinz, aber dabei 61 etwas feinere Hofleute ſind, als daß ſie nur ſo ohne Weiteres dem Sonverain ihren Rath aufzu⸗ dringen ſich bemüßigt fänden. „Das heißt ſo viel, als: ſie warten zuerſt ab, bis Sie die Anſicht Seiner Majeſtät vernommen haben,“ rief der junge Marquis von Harcourt. Dieſer Stich verurſachte ein allgemeines feines Lächeln, weil der Erbe des Titels des Miniſters eben ſo ſehr wegen ſeiner Unterwürfigkeit, als der große Mann, der ihn früher getragen, wegen ſei⸗ nes unabhängigen Charakters bekannt war. Die Vermuthung erwies ſich als richtig: Sou⸗ biſe hatte ſeine Schritte nach dem Cabinet des Königs gelenkt, welches er, ſeinem Vorrechte als erſter Kammerherr gemäß, ohne zuvor erſt um eine Audienz nachgeſucht zu haben, betreten durfte. So entſchieden der Prinz jede Einmiſchung in die Sache im Allgemeinen verworfen, hatte er doch für ſeine Perſon im Stillen eine Ausnahme ſich vorbehalten. Er hatte ſchon ſo viele Jahre in der Nähe des betagten Monarchen verlebt, daß ihm Ludwig geſtattete, privatim ihm alles zu ſagen was ihm beliebte, ja er hörte ſogar mit Vergnü⸗ gen ſeine bittern und beißenden Bemerkungen an, welche zuweilen ſelbſt die königliche Schwäche trafen. „Jetzt werde ich die Wahrheit erfahren,“ ſagte Seine Majeſtät, als der geriebene Hofmann er⸗ ſchien.„Ich ſtoße auf nichts, als auf zu Boden geſchlagene Blicke und abgewandte Augen, als ob man nie zuvor von einem ſettre de cachet in Frank⸗ reich etwas gehört hätte. Was hat es denn ge⸗ geben?“ — 62 „Nichts, Sire, als was Sie bereits öffentlich gebilligt haben— eine bloße Kleinigkeit, die Ihnen auch nicht im Geringſten Verdruß verurſachen kann.“ Aus jedem andern Munde, als aus dem des Prinzen, würde dieſe Verſicherung den Monarchen beruhigt haben; er kannte aber den ſarkaſtiſchen Humor deſſelben zu genau, als daß er dadurch ſich hätte täuſchen laſſen. „Wollen Sie ſich nicht vielleicht etwas deut⸗ licher ausſprechen?“ bemerkte er;„oder muß ich etwa zweimal um Aufſchluß bitten?“ „Fern ſei von mir ein ſolcher Mangel an Ehr⸗ erbietung,“ verſetzte der Prinz.„Zuerſt muß ich ſagen, daß die Dame, welche Ihre erhabene Toch⸗ ter präſentirte, ſammt ihrem Gefolge in die Baſtille geſetzt worden iſt, obgleich, wenn ich mich recht er⸗ innere, deren Vater das Glück hatte, das geheiligte Leben Eurer Majeſtät auf die unbedeutenden Ko⸗ ſten ſeines eigenen zu retten.“ Ludwig biß ſich auf die Lippen und erröthete ſichtbar. Er fühlte die Jronie um ſo tiefer, weil ſein Gewiſſen ihm zuflüſterte, daß ſie verdient ſei. „Man iſt mit Gewalt in das Kloſter der Car⸗ meliterinnen eingedrungen, hat das Gemach von Madame Louiſe betreten und hat vor deren Au⸗ gen ihren Gaſt gefangen genommen.“ „Unmöglich!“ rief der König.„Sartines kann dieß nimmermehr gewagt haben.“ Unter dem Schutze Ihrer königlichen Autorität würde der Polizeiminiſter Alles wagen,“ bemerkte Sonbiſe kalt.„Einer der Diener der Dame, der 63 ſo unglücklich geweſen iſt, Euerer Majeſtät gerechtes Mißfallen ſich zuzuziehen, wurde erſchlagen— die Kirche durch Blutvergießen entweiht; der Gottes⸗ dienſt kann folglich nicht eher wieder gefeiert wer⸗ den, bis der Erzbiſchof von Paris eingewilligt hat, die Kirche von den Flecken der Entheiligung zu reinigen.“ Der Monarch blieb vor Zorn und Erſtaunen einige Minuten lang ſprachlos. „Haben Sie mir Alles mitgetheilt, Prinz?“ fragte er. „Beinahe, Eure Majeſtät; das Weitere iſt nur die Folge davon. Ihre erlauchte Tochter iſt, nach⸗ dem ſie ihren Zufluchtsort entweiht ſah, in Be⸗ gleitung der Aebtiſſin, der Frau von Marſan, und mehrerer der vornehmſten Damen Frankreichs in Verſailles eingetroffen. Sie ſind alle in dieſem Augenblicke im Appartement der Dauphine— der Erzbiſchof wird ſtündlich erwartet— der Hof iſt in der höchſten Aufregung; Alles erwartet mit fieberi⸗ ſcher Aufregung den Ausgang der Geſchichte.“ „Abſcheulich!“ murmelte Ludwig:„ſchändlich!“ „Die eigenen Worte der Gräfin von Marſan, Sire.“ „O Weiber! Weiber!“ rief der königliche Wüſt⸗ ling bitter;„die beſte und vernünftigſte darunter würde ein Königreich der Befriedigung ihrer Eitel⸗ keit zulieb umſtüͤrzen. Ich will keine davon ſehen. Halten Sie Frau von Marſan von mir fern. Wenn ſie um eine Audienz nachſuchen ſollte, ſo ſagen Sie ihr, daß ich mich zu unwohl fühle, um Jemand vorlaſſen zu können— und ſchicken Sie 64 mir den Kanzler. Nein; dieſen haßt ſie ſeit der ungnädigen Unterdrückung des Parlaments. Laſſen Sie den Groß⸗Almoſenier rufen. Er iſt ein Car⸗ dinal. Louiſe wird von ihm Vernunft annehmen.“ „Sire,“ bemerkte der Prinz Soubiſe.„Seine Eminenz kann hier nicht von Amtswegen einſchrei⸗ tur Die Sache gehört vor den Erzbiſchof von aris.“ Zu der Zeit, welche wir beſchreiben, war Herr von Beaumont Erzbiſchof von Paris. Dieſer Prä⸗ lat war nicht nur ein Mann von großer Sitten⸗ reinheit, ſondern auch von vieler Charakterfeſtig⸗ keit; nur ſelten fand er ſich bei Hof ein, wo ſeine Anweſenheit von dem ausſchweifenden Monarchen faſt noch mehr als die Zunge der Frau v. Mar⸗ ſan gefürchtet wurde, deren Angriffe wohl parirt werden konnten, denn ſie liebte das Spiel und war geldſüchtig, aber dem Primas war auf keine Weiſe beizukommen. „Ouel contre temps!“ ſagte Ludwig in Ver⸗ weiflung.„Was kann ich thun? Wie es abwen⸗ en? Ich habe meine Würde durch die Billigung von Sartines' Handlungsweiſe compromittirt.“ „Die Intrigue wurde ſehr geſchickt geleitet.“ „Sie wollen ſagen, ſchändlich, Prinz.“ „Allerdings, wenn Eure Majeſtät dieſer An⸗ ſicht iſt, antwortete der Höfling, welcher unter der Maske des tiefſten Reſpekts ſich im höchſten über die Verlegenheit ſeines königlichen Herrn reute. „Ich muß Zeit haben, nachzudenken, zu über⸗ legen, ehe ich einen Entſchluß faſſen kann,“ rief 65 Ludwig.„Die Lage, in der ich mich befinde, i entjeßllch; wenn es überhaupt ſe er mit würdevoller Miene ſich aufrichtend hinzu, „würde ich ſogar ſagen, lächerlich.“ „Prinz,“ fuhr er fort, gereizt über das Lächeln, das er auf dem Geſichte Soubiſe's entdeckte,„Sie ſind mein erſter Kammerherr. Mein Befehl geht dahin, daß Sie Niemand den Eintritt in mein Privatcabinet geſtatten. Ich will Niemand ſehen, als den Groß⸗Almoſenier.“ „Schließt dieſer Befehl auch die erlauchten Töch⸗ ter Eurer Majeſtät aus?“ 3„Es ſchließt Jedermann aus,“ verſetzte der önig. „Aber die Gräfin, Sire?“ „Ich mache keine Ausnahme, Prinz,“ unter⸗ brach ihn der König ſtolz.„Ihnen bin ich nicht böſe,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu.„Gehen Sie in die Appartements der Dauphine und berich⸗ ten Sie mir von dort, was ſie Neues erfahren können.“ „Eurer Majeſtät Wille iſt für Ihren treuen Diener Geſetz,“ erwiderte der Prinz ſich verbeugend. „Ich wollte, es wäre ſo,“ ſagte Ludwig düſter; „Sie ſind aber ebenſo, wie meine übrigen Hof⸗ leute und ziehen die Betrachtung der aufgehenden Sonne jener der untergehenden vor. Man wird i vermiſſen, wenn ich nicht mehr bin,“ fügte er bei.. Derjenige, der dieß ſprach, und welcher von Unterthanen den ſchmeichelhaften Beinamen es„Vielgeliebten“ erhalten hatte, ahnte in dieſem Smith. Sein u. Schein. II. 5 66 Augenblick nicht, daß nach wenigen kurzen Tagen das Geſchrei der ſ und des Wider⸗ willens des Volks, das er ſo lange regiert hatte, ſeinem Leichnam nach St. Denis nachfolgen werde. Wir wollen aber den Erxeigniſſen nicht vorgreifen; es iſt beſſer, dieſelben im Verlaufe unſrer Geſchichte ſich entwickeln zu laſſen. „Der Reſpekt allein hält mich ab, meinen Sou⸗ verain zu erinnern, daß er ungerecht iſt,“ bemerkte der alte Edelmann, durch eine Anſchuldigung auf's Tiefſte verletzt, welche, ſo weit ſie ihn betraf, un⸗ egründet war, da keine Gunſt, welche der Nach⸗ auf dem Thron ihm erzeigen konnte, ihn höher heben konnte, als deſſen gegenwärtiger Be⸗ ſitzer ſchon gethan hatte. „Warum ertheilen Sie mir alſo keinen Rath?“ fragte der König verdrießlich. „Verlangt dieſen der König von ſeinem erſten Kammerherrn oder—“ Der Prinz hielt inne, weil er den Satz nicht vollenden wollte; Ludwig ſah ſeine Verlegenheit und ergänzte ihn für ihn. „Ich verlange ihn von meinem Freund,“ ſprach er. „Dann ſoll er ertheilt werden,“ rief der zu⸗ frieden geſtellte Hofmann,„offen und ehyrlich. Schicken Sie die Gräfin du Barry von Verſailles weg und der Scandal wird zu Ende ſein.“ Sein Souverain gab nicht ſogleich eine Ant⸗ wort. Stolz, Unenghloſſenhei und Schwäche kämpften gegen ſeine beſſeren Gefühle und trugen über dieſe den Sieg davon. 67 „Niemals,“ erwiderte er.„Sie iſt zu meiner Exiſtenz unumgänglich nothwendig; ich kann nicht ohne ſie leben; wie tief ſie mich auch beleidigt hat — obgleich vielleicht Sartines, und nicht ſie, e⸗ ſ hut— ſo iſt ſie mir doch unausſprechlich theuer.“ „In dieſem Falle, Sire, müſſen Sie als Herr ſprechen. Drücken Sie Ihren Willen klar aus, und jede Kabale wird aufhören,“ bemerkte ſein Vertrauter.„Genehmigen Sie ohne Umſtände die Audienz, die ganz gewiß verlangt werden wird. Sprechen Sie mit Madame Louiſe mit der Liebe des Vaters, mit Frau von Marſan und dem Erzbiſchof mit der Autorität des Königs.“ „Das will ich,“ rief Ludwig, zu einer augen⸗ blicklichen Feſtigkeit ſich aufrafſend.„Sie haben Recht, ganz Recht. Doch,“ ſetzte er, in ſeine ge⸗ wöhnliche Unſchlüſſigkeit zurückfallend, hinzu,„kann es auch gut ſein, etwas zu temporiſiren. Ich ver⸗ laſſe mich auf Ihre Freundſchaft, durch welche ich einen getreuen Bericht von allem zu erhalten hoffe, was in den Gemächern der Dauphine vorgeht.“ Prinz Soubiſe verbengte ſich tief und verließ das Cabinet ſeines königlichen Herrn. Als die Thüre hinter ihm ſich ſchloß, hörte er, wie Lud⸗ wig dem dienſtthuenden Pagen befahl, ſeinen Kam⸗ merdiener Lebel zu rufen, der die geheime Polizei leitete, welche Seine Majeſtät im Schloſſe unter⸗ hielt und deſſen Einfluß bei mehr als einer Gele⸗ hehit ſich ſtark genug erwieſen hatte, um jedem er Miniſter die Wage zu halten. In den Appartements, welche der Duuphin 5 ————.——— 68 und deſſen Gemahlin, die ſchöne und unglückliche Marie Antoinette, bewohnten, wurde, wenn man ſich ſo ausdrücken darf, von einigen der edelſten Damen Frankreichs eine Art von Geheimerath gehalten. Außer der Dauphine waren die Töchter Ludwigs, Mesdames Victorie, Sophie und Louiſe anweſend. Die letztere nebſt Frau v. Marſan wa⸗ ren die leitenden Geiſter der Verſchwörung, deren Hauptgegenſtand die Ungnade und die Verbannung der Favoritin aus Verſailles war. Als der erſte Kammerherr erſchien, hörte er von der königlichen Nonne die Vermuthung aus⸗ ſprechen, daß ihr Vater die Audienz wahtſcheinlich n werde, um die ſie ſchriftlich angehalten atte. „Im Gegentheil, Eure königliche Hoheit,“ er⸗ widerte der un, im Bewußtſein frei handeln zu können,„Seine Majeſtät bewilligt ſie.“ „Ohne den Grund unſres Verlangens zu wiſ⸗ ſen!“ rief Frau v. Marſan erſtaunt und verdrieß⸗ lich darüber, den König weniger entſetzt über den Scandal zu finden, als ſie erwartet atte. „Es geht am Hofe ſelten etwas vor,“ bemerkte der Prinz,„ohne daß Seine Majeſtät davon un⸗ terrichtet iſt.“ Ein Saerilegium iſt begangen worden,“ ſagte die Oberin der Carmeliterinnen, indem ſie ſich aus frommem Abſcheu bekreuzte. „In der Kirche iſt Blut vergoſſen worden,“ ſetzte die Herzogin von Auvergne hinzu. „Meine Zelle wurde erbrochen und der unter 69 meinem Schutze ſtehende Gaſt fortgeſchleppt!“ rief Madame Louiſe. Auf dieſes folgte ein wirres Durcheinander von Reden, aus welchen ſchwer zu erkennen war, ob der Name der Madame du Barry oder des Erz⸗ biſchofs öfters genannt wurde. „Der König wird ſich durch Vorſtellungen in Betreff dieſes Vorfalls tief verletzt fühlen, dem im Ganzen doch nur eine Ausübung ſeiner Präroga⸗ tive zu Grunde liegt,“ ſagte der Prinz. „Ich werde dieſe Beleidigung meines Großva⸗ ters wagen,“ bemerkte der Dauphin, nachmals Ludwig XVI., gelaſſen. Dieß war faſt noch auffallender, als die Er⸗ klärung des Prinzen, daß ſein Herr gegen alle Erwartung eine Deputation empfangen würde. „Die religiöſe und öffentliche Moral iſt ver⸗ letzt worden,“ fuhr der Dauphin fort;„das iſt eine Staatsangelegenheit, in welche, wie Sie wiſ⸗ ſen, ich mich nie miſche; aber eine Gewaltthätig⸗ keit und Beleidigung gegen meine Tante iſt eine Familienangelegenheit, in welcher ich das Recht habe, meine Anſicht auszuſprechen.“ Die anweſenden königlichen und adeligen Da⸗ men warfen triumphirende Blicke auf den erſten Kammerherrn, den ſie für einen Spion ihres Trei⸗ bens hielten. Sie hatten mit Einem Mal einen wichtigen Allirten für ihre Sache gewonnen— den Dauphin, alſo den Erben der Krone Frankreichs. Der Cardinal von la Roche⸗Aymond, der Groß⸗ Almoſenier, wurde gemeldet. Seine Eminenz kam mit einer Botſchaft des Königs an ſeine Kinder; — 70 und Alle, mit Ausnahme der Mitglieder der könig⸗ lichen Familie, waren durch die Etiquette gezwun⸗ gen, das Gemach der Dauphine zu verlaſſen. Als ſie durch die große Gallerie gingen, blieb Soubiſe abſichtlich mit Frau v. Marſan etwas zu⸗ rück, welche, ſobald ſie ſeine Abſicht merkte, daß er insgeheim mit ihr zu ſprechen ſuche, bereitwillig ſeinem Wunſche entgegen kam. „So wären wir alſo in offener Feindſchaft!“ rief ſie aus. „Mit dem König?“ bemerkte der Vertraute Ludwigs emphatiſch. „Durchaus nicht; mit Madame du Barry.“ „Das kommt auf Eins heraus.“ „Wohl möglich,“ antwortete die Dame. „Das iſt aber höchſt undankbar,“ fuhr der Hof⸗ mann fort, der Frau v. Marſan genau kannte,„im Pi auf die Gnade, die Seine Majeſtät Ihre Hauſe zu erweiſen im Begriffe iſt.“. Frau v. Marſan wiederholte die Worte im Begriffe in einem Tone, welcher andeutete, daß ihre Neutralität durch etwas Poſitiveres erkauft werden müſſe. „Ja, die Uebertragung des Commandos der Schweizergarde an Ihren Enkelſohn.“ Dieſes„Ah“ bedeutete ſo viel, daß es zwar Etwas, aber nicht genug ſei. „Und eine Vermehrung Ihrer Penſion auf hun⸗ dert Tauſend Franken,“ fügte der Prinz bei. „Gut,“ rief die Dame,„das nenne ich der Sache auf den Grund gehen; und wenn ich nur 71 verſichert ſein dürfte, daß die gnädigen Abſichten Seiner Majeſtät, meine ergebenen Bienſte aner⸗ kennen zu wollen, nicht ſich wieder ändern würden—“ „Sie haben mein Wort.“ „Das genügt allerdings; ich möchte aber doch noch lieber das des Königs haben. Seine Majeſtät braucht blos mich von ſeinem Willen ſchriftlich zu unterrichten, und meine Pflicht iſt es dann, dar⸗ nach Sr handeln.“ „Sie ſollen das Gewünſchte in einer Stunde erhaiten,“ rief der Prinz, entzückt darüber, daß er ein ſo wichtiges Mitglied der Verſchwörung ab⸗ trünnig gemacht hatte.„Aber Madame Louiſe—2“ „Muß in ihr Kloſter zurückkehren,“ bemerkte deren zärtliche Buſenfreundin.„Der Groß⸗Almo⸗ ſenier und der Erzbiſchof werden dieß ſchon zu Wege zu bringen wiſſen.“ „Die Gräſin von Marlay und die Herzogin von Auvergne—“ „Unmittelbar nach dem Empfang des Briefes des Königs werden meine beiden Nichten mit mir nach Paris zurückkehren. Ma foi.“ ſetzte ſie hinzu, „ſie ſind beide zu jung, um ſich in ſolche Hof⸗ intriguen zu miſchen. Um ſolche zu leiten bedarf es eines erfahrenen Kopfes.“ Damit trennten ſie ſich, beide mit einander zu⸗ frieden. Ludwig genehmigte, ohne das mindeſte Zögern, das Verſprechen ſeines Unterhändlers und ſchrieb den von Frau v. Marſan verlangten Brief. Eine Stunde ſpäter verließ die vielgefürchtete Dame und deren beide Nichten Verſailles. 72 Die königliche Carmeliterin war mit Recht im höchſten Grade unwillig über dieſe Abtrünnigkeit, 5. ſich aber doch lange nicht für geſchlagen. Noch waren nicht alle Karten ausgeſpielt. Zwanzigſtes Kapitel. Die Tyrannei hat der Nachwelt viele Namen hinterlaſſen, welche von der Menſchheit verwünſcht werden; aber keiner war wohl allgemeiner verhaßt, als der der Baſtille; eine ſtarke Veſte, Jahrhunderte lang der Gegenſtand des Schreckens und der Schmach von Paris, bis die Waffen eines unter⸗ drückten, von Unwillen ergriffenen Volkes deren mit Verbrechern aller Art angefüllte Gebäulichkeiten von Grund aus zerſtörten. Kein Rang, ſelbſt der eines Prinzen von Ge⸗ blüt nicht, ſicherte deſſen Beſitzer vor den ſchändli⸗ chen ſettres de rachet, welche ohne Nachfrage, Unter⸗ ſuchung oder irgend eine gerichtliche Proredur die Dpfer des Despotismus in das Gefängniß brach⸗ ten und in manchen Fällen, je nach der Laune des Souverains, für ihre Lebenszeit darin feſthielten. Die gewöhnliche Formel dieſer hölliſchen In⸗ war:„Aus nur Uns bekannten Grün⸗ en. Es gab aber keine Behörde, welche dieſe Gründe unterſuchte, oder ein Tribunal, vor wel⸗ chem eine Anklage Statt fand. In vielen Fällen wurden ſie auf Verlangen von Perſonen von Ein⸗ 73 fluß ausgeſtellt, um einen dringenden Glüubiger, einen tödtlich beleidigten Vater oder Bruder zum Schweigen zu bringen, oder um das Werkzeug eines Verbrechens zu beſeitigen. Man darf ſich daher kaum verwundern, ſo ſehr man es auch beklagen mag, daß eine Nation, die ein ſolches Syſten ſo lange zu erdulden hatte, in ihrer wahnſinnigen Freude, von einem eiſernen Joch ſich frei gemacht zu haben, ſelbſt den Namen der Menſchlichkeit vergaß, und daß ihr Entzücken über die neu erlangte Freiheit in Saturnalien von Blut und Grauſamkeiten ausartete. Nichts kann die Schrecken der franzöſiſchen Revolution beſchö⸗ nigen, obgleich in deren Geſchichte mancher Mil⸗ derungsgrund liegt. Katty's Wehllagen über die gewaltſame Tren⸗ nung von ihrem Gatten, den ſie verwundet hatte niederſinken ſehen, waren leidenſchaftlich und laut. Die Verſicherungen des Beamten, daß Phelim mehr aus Schrecken, als in Folge ernſtlicher Verletzung, niedergeſunken ſei, vermochten ihr die Ueberzeugung nicht ganz zu nehmen, daß er vor ihren Augen ermordet worden ſei; und weder der Theilnahme der Miß Maenamara, noch den Ermahnungen des Paters Karovlan, gelang es, ihren Schmerz zu mildern. Die Gefangenen wurden, hergebrachter Sitte emäß, bei ihrer Ankunft in der Baſtille durch⸗ ſucht und alles Geld, Juwelen und Papiere ihnen abgenommen, nach welcher Procedur ſie in ihre Zellen geführt wurden, die hart neben einander, und gegen den Hof der Veſte ſich befanden. Als 74 Ausländer hielt es der Gouverneur, Herr von Launy, nicht für nothwendig, ſie au sccret zu bringen,— die nu für Einzelnhaft. Im Laufe des Morgens erhielt dieſer wichtige Be⸗ amte einen Brief von Madame Louiſe, die, obgleich ſie ihre Freundin als ein Werkzeug gegen die Fa⸗ voritin benützt, dieſelbe doch nicht vergeſſen hatte, ſondern bittend man möchte jede Rückſicht gegen ſie beobachten. Dieſer Fürſprache verdank⸗ ten die Gefangenen eine ganz außergewöhnliche Nachſicht. Der Gouverneur trieb ſogar ſeine Ge⸗ fülligkeit ſo weit, daß er einer Gefangenen, die er für eine höchſt unverfängliche Perſon hielt, die Irländerin zu bedienen geſtattete. Dieſe Gefangene war Niemand anders, als Lucille Chomont, die treuloſe Kammerjungfer der unglücklichen Ellen. Pater Karoolan war der Erſte, der die Wahr⸗ heit ahnte. Ein kleines Kreuz von irländiſchem Eichenholz, welches das Mädchen an einem Bande um den Bal hängen hatte, und welches die Be⸗ hörden der Baſtille, wahrſcheinlich weil ſie es für gar zu werthlos hielten, ihr nicht abgenommen hatten, lenkte zuerſt deſſen Aufmerkſamkeit auf ſie. Es war ſein eigenes Abſchiedsgeſchenk an ihre Herrin geweſen, als dieſe, eine glückliche, hoffnungs⸗ volle Braut, Irland verließ. „Die Vorſehung hat die Pfeile der Gottloſen egen ſie ſelbſt gekehrt,“ bemerkte er gegen Miß Macnamara.„Das Zuſammentreffen mit dieſer jungen Perſon hat mich auf die ſchon ſo lange eifrig geſuchte Fährte geführt.“ 75 Nichts deſto weniger war es nöthig, mit höch⸗ ſter Vorſicht zu Werk zu gehen, um Lucille nicht argwöhniſch zu machen. Die Gefangenen begnüg⸗ ten ſich daher vorerſt, in ihrer Gegenwart nur den Namen Redmond ONeil auszuſprechen. Als ſie zum erſten Mal denſelben nennen hörte, erſchrack ſie und erblaßte— die Stimme des er⸗ wachten Gewiſſens fing an in ihrem Innern ſich zu regen. Obgleich ſie nicht im Stande war, mehr als nur einzelne, abgeriſſene Worte der Unterhal⸗ tung zu verſtehen, welche abſichtlich auf engliſch gefüͤhrt wurde, ſo machte ſie ſich doch länger wie gewöhnlich in der Zelle zu ſchaffen, in der Hoff⸗ nung, noch mehr zu vernehmen. „Sprechen wir einmal von ſeinem Vetter,“ jogte Miß Macnamara, deren Verdacht durch den ericht erweckt worden war, den Katty über deſſen Benehmen abgeſtattet hatte, als er ſie zuerſt auf dem Kai von Calais geſehen hatte.„Was halten Sie von ihm?“ ſetzte ſie hinzu. „Ich möchte ihn nicht gern hart beurtheilen,“ er⸗ widerte der würdige Prieſter;„aber ich geſtehe offen, daß ich wenig Vertrauen in die Freundſchaft und Aufrichtigkeit Ulic Blake's ſetze.“ Ein unwillkürlicher Schrei des Entſetzens ent⸗ fuhr den Lippen Lucille Chomont's, als ſie dieſen Namen hörte. Das unglückliche Mädchen drückte ihre Hand an die Seite, wie Jemand, der von einem plötzlichen Krampf ſich ergriffen fühlt, und ſchluchzte bitterlich. „Fühlen Sie ſich unwohl, Tochter?“ fragte Pater Karoolan, ſie auf franzöſiſch anredend. ————— 76 „Ich leide fürchterlich, aber gerecht,“ verſetzte das Mädchen.„Mein Herz iſt gebrochen; aber ich verdiene es nicht beſſer. Ich zog mir Alles ſelbſt durch meine Gottloſigkeit und Leichtgläubig⸗ keit zu. Ich hörte auf die Schmeichelworte deſſen, den Sie ſo eben nannten— glaubte, daß er mich liebe, während er bloß deßhalb meine Neigung zu ewinnen ſuchte, um mich zum Werkzeug ſeiner Plane zu machen; nachdem er aber dieſe durchgeſetzt hatte, war er bald der Betroge⸗ nen müde, und ſo befinde ich mich in der Baſtille. Auf Lebenszeit, ſetzte ſie, ganz außer ſich, hinzu, „auf Lebenszeit abgeſchioſſen von der Welt, von Verwandten, Freunden und der Freiheit beraubt; während das Feuer der Eiferſucht mich verzehrt, bin ich eine Gefangene durch die Ränke Ulic Blake's. Iſt dieß nicht gräßlich? Gab es je eine Beſtra⸗ fung, gleich der meinigen?“ „Ihr Schickſal iſt in der That ſehr traurig, antwortete der Prieſter, durch den Ausbruch ihres Schmerzes von Mitleid bewegt.„Aber ſo grau⸗ ſam ſie auch iſt, ſo kenne ich doch ein Geſchick, das noch fürchterlicher iſt, welches ein edles, ſchö⸗ nes Weſen— ein Weſen Ihres Geſchlechts— betroffen hat, deſſen eheliches Glück durch Läſter⸗ ungen zu Grunde gerichtet, deſſen Ehre durch Verläumdung befleckt worden iſt; welches, gedrängt durch den Inſtinct mütterlicher Liebe, um das Le⸗ ben ihres ungebornen Kindes vor der blinden Wuth ſeines getäuſchten, wahnſinnigen Vaters zu retten, aus ihrem Hauſe entflohen und geſtorben iſt, in⸗ dem es dem unſchuldigen Geſchöpf das Daſein gab 77 deſſe⸗ Leben ſie auf Koſten ihres eigenen erhalten hatte.“ Während der Pater dieß ſprach, verwandelte ſich der Ton des Mitleids, in welchem er begonnen hatte, allmählig in den des Vorwurfs und der Ver⸗ dammung. „Sie iſt nicht todt, Vater,“ rief das Mädchen auf die Kniee ſinkend.„Ach! Sagen Sie doch ict daß ſie todt iſt— daß ich eine Mörderin imbt „Unglückſelige!“ ſagte Miß Macnamara, auf's Tiefſte ergriffen;„Sie waren es alſo, durch deren Beihülfe das Kind meiner Liebe getödtet, die reine und unſchuldige Blume vor der Zeit in8 Grab geſtürzt wurde? Der Arm Gottes hat Sie er⸗ reicht. Der Böſewicht, welcher Sie zur Sünde verführte, verachtet und verwünſcht Sie, zur ge⸗ rechten Strafe Ihres Verbrechens. Ulic late,“ ſetzte ſie hinzu,„ſteht auf dem Punkte, ſich zu vermählen. Verwünſchung,— die Verwünſchung einer alten, verlaſſenen Frau fällt ſchwer auf Ihr Haupt.“ „Die Rache gehört mir, ſagt der Herr,“ mur⸗ melte der Prieſter im Tone der Zurechtweiſung. „Seine Gerechtigkeit hat ihre Beſtrafung feſtge⸗ ſtellt; zweifeln Sie nicht, daß ſie ſich als genügend erweiſen wird.“ Lucille Chomont beſaß, wie die meiſten Men⸗ ſchen, eine Miſchung von Gutem und Böſem in ihrem Weſen. Als ſie den Tod ihrer früheren Herrin vernommen, hatten ſie Gewiſſensbiſſe und Schmerz überwältigt; aber die unwilligen Vorwürfe der Miß Macnamara verwandelten ihre Empfin⸗ in Zorn und Rache, ſo daß ſie die heftigen Anklagen der Dame mit halsſtarriger Gleichgültig⸗ keit anhörte, bis die Nachricht von der Heirath ihres Verführers in ihr Ohr tönte, worauf ſie in Ausdrücken der heftigſten Leidenſchaft und des Schmerzes Verwünſchungen auf ſein Haupt ſchleu⸗ derte und unter dieſelben Rachedrohungen wegen ſeiner Treuloſigkeit miſchte. „Der Schurke!“ rief ſie aus;„der kalte, herz⸗ loſe, undankbare Schurke. Ahe was ich um ſeinetwillen erduldet habe! Was gäbe ich um eine Stunde Freiheit! Sein Brautbett ſollte ſein Grab werden! Wenn ich ein Wort— nur ein Wort in das Ohr des Capitän Redmond flüſtern könnte, ſo wäre ich gerächt.“ „Thun Sie das,“ bemerkte Ellen's Tante,„und ich werde Sie freigebig dafür belohnen.“ Das unglückliche Mädchen lächelte bei dieſem Anerbieten höhniſch. „Und für Sie beten,“ ſetzte die Dame hinzu, „ſo ſchwer Sie auch gegen eine Verwandte, die mir ſo theuer war, ſich vergangen haben.“ Lucille lachte zwar jetzt nicht mehr, gab aber keine Antwort. Der Strom ihrer Geſuhte hatte eine andere Richtung genommen— an die Stelle der Gewiſſensbiſſe war Bitterkeit getreten. „Zu ſpät, ſagte Pater Karoolan;„ihr Herz hat ſich wieder verhärtet. Laſſen Sie die Saat, die geſät worden iſt, aufgehen; ſie wird mit der Zeit Früchte tragen.“ Die Möglichkeit— denn es fällt uns ſo ſchwer, 79 an die völlige Schehiihet derer zu glauben, die wir lieben— daß die Gefangenen Ulic Blake ver⸗ läumdet hätten, daß deſſen Vermählungsproject nichts weiter als eine Liſt ſei, um ſie zu veranlaſ⸗ ſen, ihren Antheil zu geſtehen, den ſie an der Zer⸗ ſtörung des häuslichen Friedens ſeines Vetters enommen hatte, drängte ſich Lucillen unwillkühr⸗ ich auf, und ſie klammerte ſich an dieſen Gedan⸗ ken mit einer Zähigkeit, wie das gebrochene Herz die letzte Hoffnung, und wäre dieſe auch noch ſo ſchwach, feſthält, ehe es ſich gänzlich der Verzweif⸗ lung überläßt. Da Lucille jetzt mit ihrem Geſchäft des Ord⸗ nens des Gefängnißzimmers fertig war, ſo verließ ſie dasſelbe ohne ein Wort zu ſprechen und länger als eine Stunde hörten der Prieſter und Miß Macnamara, wie ſie unſichern Schrittes im Hof der Baſtille auf und ab ging. Zuweilen blieb ſie ſtehen und heftete die Augen feſt auf den Boden; dann aber raffte ſie ſich plötzlich auf und ſetzte ihren Spaziergang fort. „Verhärtet,“ ſagte die Lady,„verhärtet. Es iſt wenig Hoffnung da, daß dieſes Mädchen Beweiſe für dieſe ſchändliche Verſchwörung gegen die Ehre meiner Nichte liefern wird.“ „Der Granit gibt nicht augenblicklich nach,“ bemerkte deren erſihteele Begleiter.„Der Stahl iſt in ihre Seele eingedrungen— die Reue wird mit der Zeit ſchon folgen.“ Miß Maenamara ſchüttelte verzweifelnd den Sz. m Laufe des Tages ſtattete der Prieſter, der 8⁰ Pater Karoolan's Studiengenoſſe und Freund in St. Omer geweſen war, und welcher in der Ba⸗ ſu— dienſtliche Verrichtung hatte, einen Be⸗ uch ab. Er benachrichtigte die Gefangenen, daß die Gewaltthat bei den Carmeliterinnen nicht nur bei Hof, ſondern in gonz Paris den ſobe Unwillen erregt habe. Auc theilte er die Abreiſe der Ma⸗ dame Louiſe und der Aebtiſſin nach Verſailles mit und eröffnete die erfreuliche Ausſicht auf eine als⸗ baldige vermag Ihnen die Aufregung, welche die Geſchichte veranlaßt hat, gar nicht zu beſchreiben,“ ſprach er.„Ein Mord, und zwar auf ſolche Weiſe im Heiligthum verübt—“ „St!“ flüſterte ſein Freund. Die Warnung kam zu ſpät. Katty hatte die Worte gehört, welche ihr Unglück ausdrückten— daß ihr Kind vaterlos und ſie ſelbſt Wittwe ge⸗ worden ſei. Es iſt ſchwer, ſowohl Freude als Schmerz in ihren wahren Farben zu ſchildern. Die Erſtere, länzend wie Sonnenſchein, und, leider! faſt eben ßp vergänglich; der Letztere dunkel wie eine Sturm⸗ wolke, ehe dieſelbe ihre Fluth ergießt, ſpotten beide der Geſchicklichkeit des Malers und Dichters. Jedermann hat ſie ſchon empfunden; Jeder⸗ mann kennt ſie; aber Niemand vermag ſie ganz getreu auf Leinwand oder Popier wiederzugeben. Wir müſſen daher den Schmerz der treuen Milchſchweſter Ellen's über den Verluſt ihres Gat⸗ 8⁴ ten und die vergeblichen Verfuche ihrer Leidensge⸗ fährten, ſie zu tröſten, übergehen. In früher Morgenſtunde des folgenden Tages ſuchte Lucille Chomont die Gefängnißzelle des Pa⸗ ters Karoolan auf. Die Theinahme und das lieb⸗ reiche Weſen des guten alten Mannes hatten nahezu ihr Vertrauen gewonnen. Es war augenſcheinlich, daß auch ſie eine qualvolle Nacht zugebracht hatte; ihre Augen, in welchen keine Thränen der Reue mehr glänzten, zeigten ſich trocken und geſchwollen, und ihre rothen Lippen, ſonſt von Geſundheit und Schönheit ſtrotzend, waren weiß, vertrocknet und feſt zuſammengepreßt. „Ich leide, Vater,“ murmelte ſie,„ich leide un⸗ ausſprechlich— haben Sie Mitleid mit meiner Jugend und Unerfahrenheit. Beten Sie für mich! Wäre auch mein Leben rein und heilig, wie das Ihrige, ſo ſtände ich doch nicht über Ihrer Für⸗ bitte. Wäre es aber auch noch ſchlimmer, als es geweſen iſt, ſo ſtehe ich doch nicht unter derſelben.“ „Gebet vermag viel,“ verſetzte der würdige Prieſter;„aber ſelbſt das Gebet iſt machtlos ohne Reue. Und ſo weit die Umſtände eine Sühne zu⸗ laſſen, ſo wird die edle Dame, deren natürlicher Unwille Sie geſtern ſo ſehr ergriff—“ „Ich denke nicht an ſie,“ unterbrach ihn das betrübte Mädchen heftig;„meine Gedanken ſind nur bei Ulic; ich träume nur von Ulic. Wenn ich ihr ein Unrecht zugefügt habe, ſo iſt ſie gerächt. Die letzten paar Stunden der Qual vermöchten eine ganze Ewigkeit von Verbrechen zu ſühnen. Iſt es denn wahr,“ fügte ſie bei, indem ſie auf Smith, Sein u. Schein. M. 6 82 die Kniee fiel und krampfhaft die Hände faltete „daß er— ich kann ſeinen Namen nicht mehr aus⸗ ſprechen— im Begriff iſt, ſich mit einer andern zu vermählen?“ „Vollkommen wahr,“ verſetzte der ehrwürdige Mann. „Beſchwören Sie es,“ ſtöhnte Lucille,„beſchwö⸗ ren Sie es!“ „Meine Worte bedürfen keines Eides zu ihrer Beſtätigung,“ verſetzte der Prieſter im Tone der Zurechtweiſung. „Sie wollen mich täuſchen,“ rief das Mädchen, indem die Hoffnung auf's Neue in ihrem nieder⸗ geſchlagenen Gemüth die Oberhand gewann. „Hören Sie und urtheilen Sie ſelbſt. So viel mir auch daran liegt, hinter das dunkle Geheimniß u kommen, welches das Glück und den Ruf einer 5 vernichtete, die ich von ihrer Kindheit an liebte, ſo würde ich es doch verſchmähen, mein Gewiſſen mit einer Lüge zu belaſten. Ich brachte kürzlich die Nacht in der Wohnung der Garde du Corps in Verſailles mit Redmond und Ulic Blake zu. In meiner Gegenwart wurde von der Ver⸗ mählung des Letztern, als von einer ausgemachten Sache und ohne daß derſelbe Einwand dagegen erhoben hätte, geſprochen.“ Das Opfer und Werkzeug von Ulic's Verrä⸗ therei verbarg das Geſicht mehrere Minuten lang in der Hand und weinte bitterlich. „Es iſt vorbei!“— rief ſie—„vorbei!— Wann ſoll die Feier ſtattfinden?“ „In drei Tagen, glaube ich.“ 83 „Ah! Dann iſt es noch Zeit. Hören Sie mich an, Vater; ich will Alles bekennen.“ Einundzwanzigſtes Kapitel. Pater Karoolan's Beruf brachte es mit ſich, daß er ſchon manche merkwürdige Geſchichte der Sünde und des Kummers anzuhören, manche vom Ausſatz zerfreſſene Seele zu ſondiren gehabt hatte, aber noch nie war ihm das Loos zugefallen, eine troſtloſere Mittheilung, vermiſcht mit leidenſchaft⸗ lichen Ausbrüchen von Liebe, Gewiſſensbiſſen und Eiferſucht entgegen zu nehmen, als die, welche Lu⸗ cille Chomont in ſein entſetztes Ohr flüſterte— nicht unter dem Siegel der Beichte, ſondern offen, frei und rückhaltslos ertönte der Schrei eines ge⸗ folterten Herzens, das, in ſeinen heiligſten Gefüh⸗ len verletzt, unter den Kämpfen des neu erwachten Gewiſſens ſich krampfhaft wand, den Balſam menſchlicher Theilnahme zur Linderung ſeiner Lei⸗ den ſuchte und auf Mittel ſann, den Mann zu beſtrafen, der ſeine Liebe verrathen hatte, um es zum Werkzeuge ſeines Verbrechens zu machen. „Meine Herrin war unſchuldig 1“ rief das Mäd⸗ chen aus.„Ihre Liebe für ihren nur allzu leicht⸗ gläubigen Gatten, rein, wie eines Engels Traum, war nicht einmal durch einen Gedanken an Sünde befleckt; und ich liebte ſie um ihrer Freundlichkeit und Gutmüthigkeit willen. Wohl mien i mich ———— —— 84 erſtaunt anblicken,“ fuhr ſie fort;„aber ich wie⸗ derhole die Worte. Ich liebte meine Herrin, ſelbſt während ich mit ihren bitterſten Feinden Pläne ſchmiedete, um ſie zu vernichten.“ Pater Karoolan hütete ſich, ſeine Befriedigung über dieſes Geſtändniß laut werden zu laſſen, weil er Beweiſe zu erhalten wünſchte, durch welche Ellen's Name gerechtfertigt werden könnte. Er wußte, wie ungenügend eine bloße Behauptung ſei, um die feſte Ueberzeugung Redmond's zu erſchüttern. „Ich glaube Ihnen,“ erwiderte der Prieſter, „aber die Welt verlangt Beweiſe.“ „Geduld, nur einen Augenblick Geduld,“ ſprach das unglückliche Mädchen,„und Sie ſollen Beweiſe erhalten und zwar bündige, welche die Ungläubig⸗ keit ſelbſt zu überzeugen vermöchten und welche Herz und Gehirn Redmond O Neil's in einen Zuſtand der Raſerei zu verſetzen im Stande ſind. O, er wird mich rächen! Aber vor Allem,“ fuhr ſie fort,„ſind Sie gewiß— gun gewiß, daß Ulic Blake im Begriff iſt, ſich zu verheirathen und daß er mir treulos iſt? Haben Sie mich nicht zum Beſten gehabt?“ „Ich habe Sie bereits verſichert,“ bemerkte der Prieſter gelaſſen.„Wenn Ihr Verführer je eine wahre Zuneigung für Sie gefühlt oder einen Fun⸗ ken Liebe für Sie in ſeiner Bruſt bewahrt hätte— wenn ſeine Leidenſchaft nicht von Anfang an ein beleidigender, herzloſer Scherz geweſen wäre, wie käme es dann, daß Sie als Gefangene in der Ba⸗ ſtille ſitzen?“ Lueille Chomont vermochte ihrem Herzen, wel⸗ 85⁵ ches, nach weiblicher Gewohnheit, gegen die Ver⸗ nunft an die Hoffnung ſich anklammerte, die furcht⸗ bare Ueberzeugung nicht länger mehr zu verbergen, daß ſie auf kaltblütige und ſyſtematiſche Weiſe ge⸗ narrt worden war, und ſie rang die ände, nicht weil Gewiſſensbiſſe allein, ſondern weil Eiferſucht und der Wunſch, ſich zu rächen, ſie ſtachelten. „Der Schurke!“ hob ſie wieder an.„Der be⸗ trügeriſche Schurke! Seine zürtlichen Blicke, ſeine Gelübde und Betheurungen waren nichts weiter, als wohleinſtudierte Lügen; aber jetzt werde ich ihn treffen; vom Grabe aus ſoll das an mir began⸗ ene Unrecht ihn vernichten. Sie haben Freunde,“ ſie leidenſchaftlich fort,„durch welche Sie ſich mit Capitän Redmond in's Vernehmen ſetzen kön⸗ nen. Sagen Sie ihm, daß ſeine Frau unſchuldig ſei; daß Madame du Barry und ſein Vetter ſich ehen ſie verſchworen haben, die Erſtere, um die Gleichgültigkeit zu beſtrafen, mit der er ihr Ent⸗ egenkommen aufgenommen, der Letztere, um ſich ſeen Einfluß bei der Favoritin hinſichtlich ſeiner Stellung bei Hof zu ſichern, um ſein Vorrücken zu befördern und um der Erbe der Güter ſeines Onkels in Irland zu werden.“ „Iſt denn eine ſolche Schlechtigkeit möglich?“ rief Pater Karoolan unwillig.„Ich habe mir oft Vorwürfe darüber gemacht, daß ich Ulie Blake zu hart beurtheile; aber dieſe Schändlichkeit übertrijſt noch meinen ſchlimmſten Verdacht. Vergeſſen Sie aber nicht,“ wiederholte er, an Lucille ſich wendend, „daß, obgleich ich unbedingt jedes Wort glaube, das ſie geſprochen haben, die Welt doch mehr als 86 bloße Behauptungen verlangt, und ehe dieſe ihn verurtheilt, müſſen Beweiſe beigebracht werden.“ „Seien Sie unbeſorgt, die werden zum Vor⸗ ſchein kommen,“ erwiderte das Mädchen.„Ich begreife wohl, daß ich ohne dieſe nicht im Stande wäre, Schmach und Verachtung auf das Haupt meines Verderbers zu bringen. Alle Fäden der ſchändlichen Verſchwörung gegen das Leben meiner ermordeten Herrin ſind in meiner Hand; ich ſn Alles nach Belieben aufdecken.“ „Wer war denn das Frauenzimmer, welchem Redmond nachfolgte?“ fragte der Pater. „Ich wor dieſe Elende,“ antworteté das Mäd⸗ chen.„Sie entſetzen ſich— Sie wenden ſich mit Abſcheu von mir! Ach! Sie kennen den Einflu nicht, welchen der Verführer über mein vertrauens⸗ volles Herz erlangte. Ich war rein und unſchul⸗ dig, wie meine mißhandelte Herrin ſelbſt, ehe ich ihn kennen lernte. Er verſprach mir, mich zu ſei⸗ ner Frau zu machen— ich war wahnſinnig, wahn⸗ ſinnig aus Eiferſucht und Schamgehl es war kein Wunder, daß ich in jenen Gemüthszuſtand verfiel, in welchen Ulic mich verſetzt hat. Ich hätte jede Hoffnung auf Erden und im Himmel darangeſetzt, wenn ich nur dadurch ein geſetzliches Recht auf ſeine Liebe und ſeinen Namen hätte er⸗ werben können.“ „Ich ſehe klar in der Sache,“ ſprach der alte Mann tief bewegt;„im Beſitz des Vertrauens des Opfers war es leicht, auſ einige Stunden ſich Ellen's Kleidung und Juwelen zu verſchaffen, um die Täu⸗ ſchung vollkommen wahrſcheinlich zu machen.“ 87 „Ich trug dieſelben nicht,⸗ bemerkte Lucille. Dieſe Behauptung erfüllte den Prieſter mit rößerem Erſtaunen, als ihr vorangegangenes Ge⸗ ſundniß. Er vermochte nicht zu begreifen, wie in dieſem Punkte hatte getäuſcht werden önnen. „Das Complot war ſehr künſtlich angelegt,“ das Mädchen fort,„und konnte blos von euten durchgeführt werden, welchen die geheime Polizei zu Dienſten ſtand. Mit Beihilfe des Mi⸗ niſters, Herrn von Sartines, wurde der Maler auf Email, Le Noitre, in das Ankleidezimmer mei⸗ ner Herrin eingeführt, um dort das Portrait ihres Vaters auf dem Bracelet zu copiren. Ich erinnere mich noch, daß er die ganze Nacht daran arbeitete; aber wahrſcheinlich wurde er von denen gut bezahlt, welche ihn beſtellt hatten. Gujon modelirte die Faſſung und den Ring, und der Hofjuwelier Lebon beſorgte die Herſtellung. Die Ratahun war dem Driginal ſo ähnlich, das ſelbſt ich den Unter⸗ ſchied nicht erkannte, obgleich ich täglich dieſe Ge⸗ genſtände in den Händen hatte.“ „Ich begreife vollkommen, wie die Fac⸗fimiles des Portraits und Bracelets erlangt werden konn⸗ ten,“ bemerkte Pater Karoolan,„aber nicht, wie es bei dem Ring elint Ich weiß, daß Ellen ihrem Gatten verſprochen hatte, denſelben nie, ſelbſt nur auf einen Augenblick abzulegen.“ „Sie hielt ihr Wort in dieſem Punkte eben ſo treu, wie ihr eheliches Gelübde,⸗ erwiderte Lucille. „Der Ring kam nie von ihrem Finger, bis Capi⸗ 88 tän Redmond in ſeiner wahnſinnigen Eifevſucht ihr denſelben von der Hand riß.“ „Es iſt unbegreiflich,“ murmelte der Pater. „Allerdings muß es der ruhigen, leidenſchafts⸗ loſen Vernunft ſo ſcheinen,“ bemerkte das Mäd⸗ chen reuevoll,„aber keineswegs Jemandem, der ſo wahnſinnig liebt, wie ich liebte— und noch liebe,“ ſetzte ſie mit einem Seufzer hinzu.„Auf Ulic's Anweiſung brachte ich meiner argloſen Herrin einen ſtark wirkenden Schlaftrunk bei. Capitän Red⸗ mond hatte im Schloſſe den Dienſt— eine Stö⸗ rung war faſt unmöglich— und ſo wurde der Ring im Schlafe modelirt.“ „Heilloſe Schlechtigkeit!“ rief der Prieſter un⸗ willkührlich aus. „Dieß war aber nicht die einzige Vorbereitung für die Scene, welche ihren Gatten in Wahnſinn verſetzte,“ bemerkte das Mädchen.„Diejenigen, welche das Verderben ihres Opfers beſchloſſen 5 ten, waren unermüdlich in ihrem Geſchäft. Es wurde ein Muſter von dem reichen indiſchen Sei⸗ denſtoff des Mantels— Capitän Redmond's letz⸗ tes Geſchenk an ſeine Frau— angefertigt und durch einen Courier nach Lyon geſchickt, um daſelbſt von den geſchickteſten Webern nachgefertigt zu wer⸗ den; ſchon ein Monat darauf kam der Stoff voll⸗ kommen nachgebildet zurück.“ „Ein Plan der Sünde und des Verraths,“ be⸗ merkte der Pater Karvolan,„den nur der hölliſche Feind zu erfinnen oder auszuführen im Stande zu ſein ſcheint. Elendes Geſchöpf! Vermochte kein Gefühl des Mitleids, der Augſt vor Gewiſſens⸗ 8⁰ biſſen Sie von der Ausführung Ihres Verbrechens abzuhalten?“ ſetzte er ſtreng inzu. „Ich liebte,“ murmelte Lucille,„und der Ver⸗ führer verſprach mich zu ſeiner Frau zu machen.“ „Und Sie vertrauten dem Verführer blindlings Die Franzöſin lächelte bitter. „Hätte ich dieß gethan,“ rief ſie aus,„ſo wäre mir jetzt jede Hoffnung auf Wiedervergeltung ab⸗ geſchnitten. Nein, obgleich ich glaubte— denn das Herz iſt ſehr leichtgläubig— nahm ich doch meine Vorſichtsmaßregeln, um, wie ich meinte, Ulic an ſein Verſprechen zu binden. Ich verſteckte die Beweisſtücke, den Mantel, das Bracelet und den Ring an einen Ort, den alle ſeine Schlauheit bis jetzt noch nicht aufzufinden vermochte. Nachdem ich ſeinen ſchlechten Zwecken gedient hatte,“ fuhr ſie fort,„erkaltete Ulies Liebe. Ich machte Vor⸗ ſtellungen, erinnerte ihn an ſein gegebenes Wort; zuletzt drohte ich.“ „Und ſeine Antwort darauf?“ ſagte der Prieſter. „War die Boſtille. Sie ſchaudern— Sie wen⸗ den ſich von mir ab, Vater. Aber ſo ſchlecht ich auch bin, ſo verdiene ich doch Ihr Mitleid. Meine Hond hielt Redmond's Degen auf, der bereits den Weg nach dem Buſen ſeines unſchuldigen Weibes gefunden hatte. Durch meine Beihilfe gelang es ihr, nach England zu entkommen.“ „Wo ſie geſtorben iſt,“ ſagte der Prieſter,„nach⸗ dem es ihr noch vergönnt geweſen, ihr jetzt mut⸗ terloſes Kind zu ſegnen. Arme Ellen, ſo jung, ſo gut, ſo vertrauensvoll, die Engel müſſen über Dich und Dein Schickſal geweint 90 „Ich kann ihr keine Thränen widmen,“ bemerkte Lucille Chomont,„denn dieſe würden nur wie ein Hohn auf ihr Grab fallen; aber ich will ihr Blut opfern— das Lebensblut des verrätheriſchen Fein⸗ des, der ihren Tod verſchuldete. Sie haben mäch⸗ tige Freunde. Ich hörte den Lieutenant der Ba⸗ ſtille dem Oberaufſeher mittheilen, als er ihm an⸗ befahl, Sie mit der thunlichſten Nachſicht zu be⸗ handeln, daß Madame von Frankreich um Ihret⸗ willen an den Gouverneur geſchrieben hat. Sie werden Ihre Freiheit wieder erlangen; Sie werden mich rächen.“ „Ich werde wenigſtens die Unſchuld der von Ihnen Geopferten öffentlich verkündigen.“ „Und ich will Ihnen die Mittel verſchaffen, dieß thun zu können,“ fuhr das Mädchen in auf⸗ geregtem Tone fort,„aber Sie müſſen mir zuſchwö⸗ ren, dieſelben Capitän Redmond's Händen zu über⸗ geben. Ihm will ich das an mir begangene Un⸗ recht anheim ſtellen— ſein Degen wird den treu⸗ loſen Ulic treffen— in der Stunde vielleicht, in welcher er als Bräutigam mit einer Andern vor dem Altare ſteht. Ja, ja,“ fuhr ſie wild fort,„ich darf in ſeines Vetters Hand die Ausübung der Gerechtigkeit legen.“ Obgleich Pater Karoolan nicht umhin konnte, ein großes Mitleid zu fühlen über den Anblick der ſchwachen, menſchlichen Leidenſchaft, die ſich hier kund gab,— Lucille's Augen blitzten von jenem Feuer, welches brennt, ohne zu verzehren, ihre Lippen und Wangen, des Schmuckes der Schönheit beraubt, waren kreideweiß geworden, ihr Herz war von den 9¹ Stacheln der Eiferſucht zerriſſen, welche des Opfers ſpottet und deſſen blutende Wunden ſtets offen hält— ſo ließ ſein Gerechtigkeitsſinn doch nicht zu, daß dieſe weiche Stimmung die Oberhand ge⸗ wann. Er machte im Gegentheile in der ſtrengen Sprache des Tadels Lucille bemerklich, daß alles, was ſie erduldet habe, nur die gerechte Beſtrafung ihres Verbrechens ſei und ermahnte ſie eindringlich zur Reue. „Dazu habe ich noch Zeit genug, wenn er todt iſt,“ unterbrach ihn Lucille Chomont.„Zu⸗ erſt Rache, dann Reue.“ Der Pater ſchauderte. Dieß war nicht die Ge⸗ müthsſtimmung, in welche er ſie zu bringen hoffte. „Ich weiß,“ hub ſie wieder an,„daß Sie nur wenig Theilnahme für mich fühlen können; Tugend hat keine Gemeinſchaft mit dem Laſter. Aber Sie liebten meine Herrin— ich ſehe dieß an den Thrä⸗ nen und Seufzern, mit welchen Sie die Geſchichte der an ihr verübten Schändlichkeit anhörten; und dieſe Liebe wird meinem Zwecke dienen. Ich ver⸗ lange keine Eide; Ulic hat mir allen Glauben an dieſelben geraubt. Keine Ausſicht auf irdiſche Würde oder Reichthum,“ fügte ſie hinzu, ihre ſtie⸗ ren Augen forſchend auf den Pater richtend,„würde Sie veranlaſſen können, die Beweiſe von Ellen's Unſchuld geheim zu halten.“ „Keine,“ antwortete der Prieſter gelaſſen. „Ich glaube Ihnen,“ ſagte das Mädchen in ruhigerem Tone—„ja, ich kann Ihnen glauben, obgleich ich mir ſelbſt gelobt habe, niemals wieder Worten zu vertrauen. Alles, was ich auf der ð —— Welt noch zu thun vermag, beſteht darin, Ihnen die Stelle zu bezeichnen, wo ich die Beweisſtücke verborgen habe— treten Sie näher, denn dieſe verfluchten Mauern haben Ohren; das Geheimniß muß glſen werden— näher— noch näher. „Sie ſind in einem Kiſtchen verborgen, das am Fuße des dritten Orangenbaumes, vom Thore an gezählt, im Hofe von Capitän Redmond's Hauſe in Paris eingeſcharrt iſt. Nun habe ich Ihnen Alles geſagt. Die Folter hätte das Geheimniß nicht aus mir herausgebracht; die Hoffnung, meinen Verfüh⸗ rer zu vernichten, hat es mir freiwillig entlockt. „Sie werden keinen Angenblick verlieren, ſobald Sie Ihre Freiheit wieder erlangt haben, den Schur⸗ ken raſch— vor ſeiner Vermählung zu ver⸗ nichten,“ ſetzte ſie eifrig hinzu.„Vergeſſen Sie dieß nicht, ehe er die lange Liſte ſeiner Verbrechen auch noch durch einen Meineid vermehrt hat. Mein Herz fühlt ſich nach dieſer Mittheilung erleichtert; aber doch wird mir jede Stunde zu einer Ewig⸗ keit werden, bis Sie die Baſtille verlaſſen haben.“ „Ich bin in den Fe ſ Vorſehung,“ be⸗ merkte der würdige Prieſter mild,„deren Willen wir uns mit dem blinden Vertrauen von Kindern zu unterwerfen haben.“ „Vergeſſen Sie ja nicht,“ wiederholte Lucille Chomont beim Weggehen,„vor der Vermäh⸗ lung des Verräthers. Ich würde mich nur für halb gerächt halten, wenn Redmond's Degen ſein Herz nicht träfe, ehe er noch eine Andere ge⸗ opfert hätte.“ Weil Pater Karoolan die reizbaren Gemüther 93 der Miß Macnamara und der trenen Katty kannte, beſchloß er weislich, die Mittheilung, die ihm ge⸗ macht worden war, ſo lange, als ſie Gefangene wären, in ſeiner Bruſt zu bewahren. Er wußte nur zu gut, daß keine Rückſicht der Klugheit ſeine Unglücksgefährten abzuhalten vermöchte, ihrem ge⸗ rechten Gefühle der Entrüſtung über Ulic Blake's Verrätherei Ausdruck zu geben und das Frauen⸗ zimmer, welche er dahin gebracht hatte, das Werk⸗ zeug ſeiner Plane zu werden, dieſe Entrüſtung füh⸗ len zu laſſen, was unfehlbar zu Auftritten geführt hätte, die nothwendig einen Argwohn erregen muß⸗ ten, den zu vermeiden im emeinſchaftlichen Inter⸗ eſſe lag. Eine geheime timme ſagte ihm, daß die Haupturheber der Verſchwörung gegen die Ehre und das Glück Ellen's nicht müßig bleiben, ſondern im Gegentheile ihren ganzen Einfluß auf⸗ bieten würden, um die von ihnen veranlaßte Ge⸗ fangenſchaft ewig zu machen, oder, wenn ihnen dieß nicht gelingen ſollte, das Stillſchweigen der Ein⸗ durch noch draſtiſchere Wiel ſich zu ichern. Man flüſterte ſich im Stillen zu, daß der Apo⸗ theker der Baſtille häufig ganz andere Dinge zu miſchen habe als nur Arzneien für die innerhalb ihrer Mauern befindlichen Gefangenen. Wie es ſich häufig trifft, ſo bewährten ſich die Befürchtungen des Gefangenen vollkommen. Der verrätheriſche Vetter wurde unruhig, als er hörte, daß Miß Macnamara und deren Begleiter vermit⸗ telſt eines lettre de cachet in die Baſtille einge⸗ ſperrt worden ſeien. Es fiel ihm ein, daß Lucille 94 Chomont ſich ebenfalls dort befinde, und er zitterte vor dem Gedanken an ein Zuſammentreffen, in welchem Falle eine Erklärung, wenn auch nicht ſ8 unvermeidlich, aber doch höchſt wahrſchein⸗ ich erfolgen mußte. Als er dieſe Befürchtungen Madame du Barry mittheilte, gab ihm dieſe einen Brief an den Gou⸗ verneur der mit Verbrechen befleckten Veſte, die ſo manche ihrer Opfer einſchloß, und mit dieſer Voll⸗ macht verſehen, machte ſich Ulic Blake nach Paris auf den Weg. Herr von Launy ſaß in ſeinem Cabinet, mit Schreiben beſchäftigt, an einem Tiſche, der unbe⸗ wegbar im Mittelpunkte des Bodens eingelaſſen war, als er ankam. Der Bote der ſittenloſen Frau, welche vermöge der Schwäche Ludwig's XV. Frank⸗ reich regierte oder, beſſer geſagt, zu Grunde rich⸗ tete, wurde von dem vielgefürchteten Beamten eben ſo zuvorkommend und wahrſcheinlich eben deßhalb noch weit mehr, als wenn er der Ueberbringer eines von der Hand des Monarchen unterzeichneten Be⸗ fehls geweſen wäre, empfangen. Der Inhalt des in der Eile hingeworfenen Billets war eben ſo befehlshaberiſch, wie der Charakter der Ausſtellerin, und lautete eeni „Der Ueberbringer beſitzt mein volles Vertrauen und wird meinen Willen dem Gouverneur der Ba⸗ ſtille mittheilen.(Unterzeichnet:) Gräfin du Barrh.“ Dieſe eilige Botſchaft, anſtatt den Gouverneur u veranlaſſen, ofſen und ohne Rückſicht zu han⸗ eln, mochte ihn im Gegentheile ſtutzig. Das Ge⸗ rücht von der Unpäßlichkeit des Königs war ihm 9⁵5 u Ohren gekommen, und er beſchloß deßhalb, ſe innerhalb der Grenzen ſeiner Pflicht zu eiben. „Ich erwarte,“ ſprach er, nachdem er es durch⸗ leſen hatte,„zu erfahren, auf welche Weiſe ich ſo glücklich ſein kann, der Gräfin zu dienen.“ „Sie haben eine Gefangene, Namens: Lucille Chomont?“ „So viel ich mich entſinne, ja.“ „Iſt dieſer geſtattet worden, mit Mademoiſelle Maenamara und deren Begleiter zu ſprechen?“ „Gewiß nicht,“ erwiderte der Beamte, der zum Verdruſſe ſeines Beſuchers zu ſchreiben fortfuhr. „Das Frauenzimmer iſt ſeit ihrem Eintreffen in geheimem Gewahrſam gehalten worden.“ Ulic athmete frei auf. „Ich muß ſie ſprechen,“ fügte er bei. „Nichts iſt leichter. Ich will Sie ſelbſt zu ihr führen, antwortete Herr von Launy.„Ich habe nur noch wenige Worte meinem Berichte beizu⸗ fügen. Entſchuldigen Sie— in einem Augenblick werde ich dem Capitän Blake zu Dienſten ſiehen.“ Der Beamte ſchrieb einige Minuten lang eilig ort. „Endlich!“ ſagte er, die Feder wegwerfend. Der Bote der Madame du Barry ſtand raſch von ſeinem Stuhle auf, um ſogleich zu der Gefan⸗ enen ſich zu begeben. Herr von Launy ſchien aber . Ungeduld nicht zu beachten, ſondern legte das Papier, auf welches er geſchrieben hatte, in den Pult, das er ſorgfältig zweimal abſchloß. Wäre Ulic's Aufmerkſamkeit nicht gänzlich von orbirt geweſen, ſo hätte er ein leiſes Klingen, dem Rollen eines Uhr⸗ werks, das aus dem iſche kam, vernehmen müſ⸗ ſen. Es war dieß eine Einrichtung, durch welche der Gouverneur der Baſtille Befehle an ſeine Un⸗ tergebenen in dringenden Fällen, wie dieſer, raſch beförderte. Es befand ſich fortwährend ein Officiant in dem unten gelegenen Zimmer, bereit, dieſelben ent⸗ egen zu nehmen und deren Ausführung zu be⸗ orgen. tErlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß ich warte,“ ſagte Ulie ſtolz. „Ich bitte tauſend Mal um Entſchuldigung,“ verſetzte der Beamte ſanft,„aber wahrſcheinlich iſt dieß ihr erſter Beſuch in der Baſtille.“ „So iſt es.“ „Ich dachte mir's ſogleich, ſonſt hätten Sie bemerken müſſen, daß Förmlichkeiten erforderlich ſind, welche ſelbſt der Gouverneur nicht umgehen tann. Der Greſſier muß einen Befehl ausfertigen, der Sie bevollmächtigt, die Gefangene zu ſrahe den ich zu unterzeichnen habe.“ „Dieß kann doch wohl kaum nöthig ſein, wenn Sie mich begleiten.“ „Man würde ohne dieſen ſelbſt mir den Ein⸗ tritt nicht geſtatten,“ bemerkte Herr von Launy lächelnd. Man ſchickte nach dem Greffier und der Förm⸗ lichteit wurde Genüge geleiſtet. Wahrſcheinlich war dieſelbe nicht unumgänglich nothwendig; aber man gewann dadurch Zeit, die Befehle auszuführen, ſeinen böſen Gedanken abſ 97 welche auf dieſe Weiſe insgeheim an die unterge⸗ ordneten Beamten gelangten. „Verlaſſen Sie mich,“ ſagte Ulic zu ſeinem Führer, als dieſer auf die Thüre der feuchten, dunklen Zelle deutete, in welche Lucille Chomont kaum einige Minuten zuvor gebracht worden war. „Ich habe insgeheim mit ihr zu reden.“ Der Gouverneur zog ſich verbeugend zurück, als ob es für ihn höchſt gleichgültig wäre, ob er den Inhalt dieſes Geſprächs e oder nicht. Er hatte aber ſeine Vorſichtsmaßregeln ergriffen und wußte wohl, daß ihm jedes Wort getreulich hinterbracht werden würde. Obgleich die Gefangene, als ſie den Verräther erblickte, in die heftigſten Schmähworte und die bitterſten Vorwürfe über ſein treuloſes Benehmen ausbrach, bewahrte ſie ſich doch in Mitten der höchſten leidenſchaftlichen Aufregung hinreichende Geiſtesgegenwart, daß ſie jede Anſpielung auf ihre Mitgefangenen vermied. Sie fühlte inſtinctartig, daß ſie nur dann für ſeine Treuloſigkeit an ih. ſich rächen könne, wenn ſie nichts verrathe; und Ulic, der keinen Augenblick an der Angabe des Herrn v. Launy zweifelte, war feſt überzeugt, daß ſie ſeit ihrem Eintritt in die Baſtille fortwährend in ſtrengem Gewahrſam gehalten worden ſei. „Wie thöricht!“ rief er aus, ſobald der beredte Unwillen ſerner Bethörten ihm zu ſprechen geſtat⸗ tete.„Sie thun mir nicht nur dadurch Unrecht, daß Sie an meiner Liebe zweifeln, ſondern auch, daß Sie mich ungerechter Weiſe als die Urſache Ihrer Leiden anklagen.“ Smith, Sein u. Schein. II. 7 —— 98 Lucille wiederholte das Wort„Liebe“ in ſpöt⸗ tiſchem Tone. „Es gibt eine weit mächtigere Perſon, als ich bin, welche Sie durch Ihre hartnäckige Weigerung der Herausgabe der von Ihnen verlangten Beweis⸗ ſtücke beleidigten, welche zurückzuhalten Sie im Grunde durchaus kein Recht haben.“ „Meine Betheiligung an dem. Verbrechen der Metze gab mir hiezu das Recht,“ bemerkte die Gefangene beißend. „Sie vergeſſen, daß Sie von der Favoritin des Königs ſprechen,“ ſagte Ulic betonend. „Sie haben mich auf Eine Stufe mit ihr ver⸗ ſetzt,“ erwiderte die Unglückliche,„und nachdem Sie mich in dieſes düſtere Gefüngniß gebracht ha⸗ ben, kommen Sie, wie ein feiger, kalter Wicht, um i zu verhöhnen, welche Sie zu Grunde gerichtet aben.“ „Sprechen Sie nur Ein Wort, und Sie ſollen in Freiheit geſetzt werden,“ bemerkte Ulie. „Sie können mich nicht länger mehr täuſchen,“ entgegnete das unglückliche Mädchen betrübt;„da⸗ mals war es anders, als ich noch auf Ihre Worte lauſchte mit der Leichtgläubigkeit des Herzens und mit deſſen vertrauensvoller Zärtlichkeit mich feſt darauf verließ; dieſe Zeit iſt aber vorüber; die Schuppen ſind von meinen Augen„sfallen und ich ſehe Sie nun in Ihrem wahren Licht, Ihrer gan⸗ zen abſcheulichen Häßlichkeit, ein eckelhaftes Rep⸗ til, eine lebendige Lüge, in menſchliche Geſtalt ge⸗ hüllt. Ich kenne Sie, Ulic,“ ſchloß ſie,„und ſe ich Sie kenne, verachte ich Sie,“ 99 „Es wäre klüger, wenn Sie mich fürchteten,“ verſetzte der Verräther, durch ihre Vorwürfe ge⸗ reizt.„Sie vergeſſen, daß Sie in der Baſtille ſind, wo es nicht an Mitteln fehlt, ein Geſtändniß von Lippen zu erpreſſen, die eben ſo hartnäckig wie die Ihrigen ſind.“ „Die Folter!“ ſagte Lucille, ihre mit dem Ausdruck des bitterſten Haſſes auf Ulic ge⸗ richtet.„Dieſe Drohung fehlte noch, um Ihrer Niederträchtigkeit die Krone aufzuſetzen. Probiren Sie das Mittel und ſehen Sie zu, ob mein Wille dadurch zu brechen iſt. Ich wäre faſt neugierig zu erfahren, welche weitere Leiden Ulic Blake zu denen hinzufügen kann, welche ich bereits erduldet habe. Beſinnen Sie ſich aber wohl, ehe Sie Ihre Grau⸗ ſamkeit zu weit treiben,“ fuhr ſie fort.„Mein Tod wäre das Signal, die Beweiſe Ihrer Schlechtig⸗ feit in Redmond ONeil's Hände zu bringen.“ Trotz der Dunkelheit der Zelle bemerkte Lucille doch, doß ihr Beſucher erſchrack und bei dieſer Drohung die Farbe wechſelte. „Iſt es möglich,“ fuhr ſie in derſelben heftigen und leidenſchaftlichen Weiſe fort,„daß ich dieſen Mann je geliebt habe? Er hat nicht einmal den Muth, ſein Verbrechen gut zu machen, ſondern, gleich dem Hunde, den ſeine angeborne Bosheit antreibt zu beißen, kriecht er und winſelt, aus Furcht geſchlagen zu werden.“ „Sind Sie verrückt?“ „Ich bin es geweſen, aber meine Vernunft iſt mir wiedergekehrt,“ verſetzte Lucille.„Gehen Sie. Wenn ich Sie nicht haßte und ter ſo 100 könnte ich Sie faſt bemitleiden.— Sie Feigling! Gehen Sie!“ Erſtaunt und erſchreckt über die Stimmung, die er deranlaßt hatte, verließ Ulic die Zelle un ſuchte den Gouverneur der Baſtille auf, der ſeine Rückkehr am Eingang des langen gewölbten Corri⸗ dors erwartete. „Hoffentlich iſt Ihre Unterredung befriedigend ausgefallen,“ bemerkte dieſer. „Im Gegentheil; die wahnſinnige Thörin trotzt mir. Die Zoltee dürfte aber ihren Lippen eine andere Sprache lehren,“ fuhr Ulic pathetiſch fort. „Sie ſehen mich an, als wenn Sie mich nicht ver⸗ ſtänden, und doch muß man es mit dieſer verſuchen.“ „Ganz gewiß,“ ſprach der Beamte,„wenn es Seine Majeſtät befiehlt.“ „Dieß iſt allerdings der Fall.“ „Es muß durch ein Reſcript notifizirt werden,“ fügte Herr v. Launy bei, welches das große Siegel und die eigenhändige Unterſchrift des Königs trägt.“ „Sollte nicht die Unterſchrift der Gräfin ge⸗ nügen?“ fragte der Bote der Madame du Barry mit Betonung. „Unmöglich, Capitän Blake, und ich muß Sie ſogar bitten, wenn Sie nicht förmlich dazu bevoll⸗ mächtigt ſind, nicht weiter mehr mit mir über dieſen zu ſprechen. Ich kann, ich darf Sie nicht anhören.“ Dieß war nicht die einzige Demüthigung, welche der verrätheriſche Vetter Redmond's heute erfahren ſollte. Als er durch den Hof des Gefängniſſes 101 ſchritt, begegnete er Miß Macnamara und deren Mitgefangenen, welche auf ihrem Morgenſpazier⸗ gang begriffen waren. Um von dieſen nicht erkannt zu werden, zog er ſeinen langen Militärmantel vor ſein Geſicht; aber Katty erkannte ihn augen⸗ S lief auf ihn zu und ſchob den Mante bei eite. „Ulic!“ war der unwillkührliche Ausruf, den Pater Karvolan und die Lady ausſtießen. „Jo, ja, Ulie Blake,“ wiederholte die muthige Katty,„und prif iſt dieſer nicht in friedlicher Abſicht hier. Mögen Sie mich auch noch ſo fin⸗ ſter und zornig anſehen,“ ſetzte ſie hinzu,„aber Wahrheit bleibt Wahrheit. Mit Gottes Hilfe wird es ſchon Tag werden trotz all Ihrer Ränke, und Sie werden dann Ihren Lohn empfangen.“ „Miß Macnamara,“ ſprach der Heuchler,„wenn ich verſuchte, an Ihnen und meinem ehrwürdigen Freunde unbemerkt ren ſo geſchah es blos deßhalb, um nicht Ihre Klagen anhören zu müſſen, denen abzuhelfen ich nicht die Macht beſitze.“ „Ihre Mocht iſt eben ſo groß, als Ihr guter Wille,“ bemerkte Ellen's Milchſchweſter, welche ſein ſe in Calais weder vergeben noch vergeſſen atte. Der Prieſter und deſſen Begleiterin ſprachen aus Unwillen kein Wort, ſondern wandten ſich ab, während der Bote der Madame du Barry, gede⸗ müthigt und geärgert über dieſes Zuſammentreffen, eilig den Hof der Baſtille verließ. 102 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Noch immer herrſchte in Verſailles große Ver⸗ wirrung. Zum erſten Mal ſeit ſeiner langen, ruhmloſen Regierung ſtieß Ludwig XV. auf eine ſyſtematiſche Oppoſition gegen ſeinen Willen, und zwar nicht allein unter ſeinen Hofleuten, ſondern ogar in ſeiner eigenen Familie. Madame Louiſe weigerte ſich unter dem Vorwande, daß ihr Zu⸗ fluchtsort entheiligt worden ſei, das Schloß zu verlaſſen, und hatte ihre Wohnung in den Appar⸗ tements der Dauphine genommen, die ihren gan⸗ zen Einfluß auf das Gemüth ihres ſchwachmüthi⸗ gen Gemahls geltend machte, um dieſen au dem Standpunkte feſtzuhalten, den er gegen die Favo⸗ ritin eingenommen hatte, deren Lage täglich kriti⸗ ſcher wurde. u Vermehrüng der Verlegenheit des alten WMonarchen hatte deſſen Enkelſohn, der Dauphin, war achtungsvoll aber feſt, es abgelehnt, durch znh Einfluß ſeine Tante dahin zu bringen, nach ihrem Kloſter in St. Denis zurückzukehren; und die königliche Nonne, in ihrer Oppoſition gegen ihren Vater durch den nächſten Erben der Krone unterſtützt, hatte entſchieden ihre Abſicht ausgeſpro⸗ chen, ſo lange zu bleiben, bis ihrem Verlangen Genüge geleiſtet worden ſei. Außer Stand, den Sturm um ſich herum nie⸗ derzuhalten und geängſtigt durch die Ausſicht eines Beſuchs des Erzbiſchofs von Paris, zog ſich Lud⸗ wig nach Trianon zurück— eine ländliche, mitten 103 im Park gelegene Wohnung, die nur ſu häufig durch Scenen ſeiner Ausſchweifungen bef eckt wor⸗ den war. Madame du Barry wurde nicht eingeladen, ihn dahin zu begleiten. Bei diefem Stande der Dinge hätte die Klug⸗ heit der Favoritin rathen ſollen, aus der Noth eine Tugend zu machen und Seine Majeſtät um Be⸗ freiung der Gefangenen, als erſten Schritt zur Verſöhnung der Familie, zu bitten; aber nein, die Macht ihres Einfluſſes blendete ſie, und ſie blieb fortwährend taub gegen die Rathſchläge ihrer Freunde. „Er kann ohne mich nicht leben“ rief ſie, der Worte Ludwig's ſich bedienend, welche Prinz Sou⸗ biſe unvorſichtiger Weiſe ihr wiederholt hatte,„und mein Triumph iſt geſichert.“ „So lange der König lebt, iſt er es wahrſcheinlich,“ bemerkte die Marſchallin von Mit. trocken,„aber hernach, ma belle, her⸗ na— 7. Pie gedankenloſe Frau ſtutzte zum erſten Male. Es lag etwas ſo Fürchterliches in dieſem einen, kleinen Wort, daß ſie bei dem Gedanken daran ſchauderte, und doch hatte die Phantaſie deſſen Schreckniſſe nicht halb ausgemalt. „Haben Sie heute Morgen ſchon Nachrichten aus Trianon erhalten?“ fragte ſie. „Es iſt nach la Martiniere geſchickt worden,“ erwiderte ihre Beſucherin bedeutungsvoll. Dieſe Mittheilung erregte in der Gräfin ernſt⸗ liche Beſorgniſſe. La Martinidre war der Leibarzt des Königs, der in deſſen Geſchicklichkeit und Treue 104 das at Vertrauen ſetzte. Keine einzige unter den zahlloſen Maitreſſen, welche den König in ihren Banden gehalten hatten, war je im Stande geweſen, den Einftuß dieſes Mannes zu untergraben. „Ludwig kann noch viele Jahre lang leben,“ bemerkte ſie.„Wäre ich nur deſſen ſicher, ſo würde ich mir aus dem Zorne ſeines Nachfolgers nichts machen.“ „Darüber können Sie ſich leicht Gewißheit ver⸗ ſchaffen,“ meinte ihre vertraute Rathgeberin. „Auf welche Weiſe?“ „Befragen Sie Caglioſtro.“ Graf Caglioſtro war der Name eines der merk⸗ würdigſten und glücklichſten Charlatans, welche je auf die Leichtgläubigkeit der Menſchen ſpeculirt haben. Könige und Miniſter conſultirten ihn; und die Quellen ſeiner Aufſchlüſſe waren ſo mannig⸗ faltig, daß ſeine Antworten häufig an das Wunder⸗ bare gränzten. Von ſeiner Geburt jedoch iſt wenig bekannt, und noch weniger von dem Ort und der Zeit ſeines Todes, welche er, wie ſeine ganze Lauf⸗ bahn, obſichtlich in ein Dunkel hüllte. Die An⸗ ſprüche dieſes außerordentlichen Mannes gründeten ſich übrigens nicht allein auf Täuſchung; ſeine Kenntniſſe in der Wiſſenſchaft müſſen ſehr bedeu⸗ tend geweſen ſein, ſo daß ſie ihn in den Stand ſetzten, die Rolle durchzuführen, durch welche er es ſo meiſterlich verſtand, diejenigen, welche ſich von täuſchen ließen, um ihr Geld zu prellen. Der laube an ſeine Macht war zu der Zeit, von wel⸗ cher wir ſchreiben, ſo allgemein verbreitet, daß 105 Madame du Barry augenblicklich auf den ihr ge⸗ machten Vorſchlag einging. „Wie ſoll ich ihm aber mein Anliegen mitthei⸗ len?“ fragte ſie.„Ich darf Verſailles im jetzigen Augenblick nicht verlaſſen.“ „Ich will die Sache beſorgen,⸗ verſetzte ihre Beſucherin.„Wo wollen Sie ihn empfangen— in Ihren Appartements?“ „Nein,“ ſagte die Favoritin nach einem kurzen Ueberlegen;„die Zuſammenkunft muß heimlich ge⸗ ſchehen. Ich hab es; in dem Bosket der Kö⸗ nigin— um Mitternacht.“ Nachdem der Zuſammenkunftsort feſtgeſtellt war, trennten ſich die beiden Damen. Die Gräfin war aber nicht die einzige Perſon am Hofe, welche vor dem Ausgang der Geſchichte zitterte; Herr v. Sartines, der Polizeiminiſter, ſuhlte ſich nichts weriger ais ſicher— nicht hin⸗ ſichtlich ſeiner Stelle, denn längſt hatte er vor⸗ hergeſehen, daß ihm dieſe unvermeidlich genonmen würde, wenn es ihm nicht durch einen unerwarte⸗ ten Zufall gelingen ſollte, ſich dem Dauphin an⸗ Prhn zu machen— ſondern in Betreff ſeiner reiheit. Er wußte zu genau, daß wenige Hand⸗ lungen ſeiner Verwaltung das Licht der Welt er⸗ tragen könnten. Gleich ſeinen übrigen Collegen hatte er ſein Arbeitscabinet im Palaſt, und er dachte eben über ſeine Lage nach, als ein eigenthümliches Signal ſich an der geheimen Thüre vernehmen ließ, welche nur den Eingeweihten bekannt war. Herr v. Sar⸗ tines öffnete ſie raſch und ließ Henriette, die Kam⸗ 106 merfrau der Madame du Barry, ein. Obgleich ihre Herrin ihr vertraute und für ihre vermeint⸗ liche Treue ſie freigebig belohnte, ſtand ſie doch ſchon lange im Solde des Miniſters. „Was haben Sie erlauſcht?“ fragte er haſtig. „Etwas, wofür Manche mir hundert Louisdor bezahlen würden, um es zu erfahren,“ verſetzte ſie; „aber Sie ſollen es für fünfzig haben. Uebrigens wie Sie wollen,“ fuhr ſie als ſie bemerkte, daß der Miniſter zögerte.„Seine königliche Ho⸗ heit, der Dauphin, zahlt mir gern das Doppelte.“ Der verlangte Preis wurde bezahlt und die Kammerfrau übergab Herrn von Sartines ein Pa⸗ pier, das ſie aus dem Buſen zog. „Gut,“ ſagte der Miniſter, nachdem er es durch⸗ leſen hatte.„Ich bin zufrieden. Sie ſprachen ſo eben von dem Dauphin. Wiſſen Sie einen Weg, auf dem Sie Seiner königlichen Hoheit etwas mit⸗ theilen können?“ Henriette zögerte. „Ich ſehe,“ bemerkte der Miniſter,„daß Ihre Treue getheilt iſt.“ „O nein,“ verſetzte die Zofe,„obgleich Chenille, des Prinzen Kammerdiener, mir ſehr derlockende Anerbietungen gemacht hat.“ „Er weiß alſo nichts von dem Inhalte dieſes Papiers?“ „Durchaus nichts.“ Entweder wirklich oder nur angeblich durch dieſe Angabe befriedigt, entließ ſie der Polizeiminiſter. Er war aber nicht lange allein, als dasſelbe Zei⸗ chen an der nächſten Thüre wiederholt wurde. 107 Dießmal war es der Page der Dauphine, der Einlaß begehrte. Auch er erhielt eine Belohnung und entfernte ſich, nachdem er ſeinen Bericht ab⸗ geſtattet hatte. Monche unſrer Leſer werden dieß ohne Zweifel für ein übertriebenes Gemälde halten, obgleich es in Wahrheit nur ein ſchwacher Umriß des Syſtems iſt, welches ſo lange in Frankreich allgemein herrſchte. Herrſchte, ſagten wir?— Es iſt bis auf den heu⸗ tigen Tag noch in vollem Schwunge. Hunderte von Perſonen, männlichen und weiblichen Geſchlechts — viele darunter, welche ſogar hiſtoriſche und edle Namen tragen— ſtehen im Solde der Polizei und beziehen ihren Gehalt eben ſo regelmäßig, als ir⸗ gend ein anderer Beamter der Regierung, mit der Bedingung, einen täglichen oder wöchentlichen Rap⸗ port über alles, was in der Geſellſchaft vorgeht, abzuſtatten. Um die Schmach ihrer Anſtellung zu beſchöni⸗ en, nennen dieſe Leute dieß eine litterariſche Corre⸗ ſponeth mit der Regierung. „Es iſt dieß das Murmeln eines entfernten Sturmes, ſagte der Miniſter nach ſorgfältigem Durchleſen der Papiere.„Caglioſtro und la Mar⸗ tinidre— Aſtrologie und Wiſſenſchaft— zwiſchen dieſe Beiden muß ſich wohl die Wahrheit heraus⸗ inden.“ Durch einen eigenthümlichen Zufall hatte der Dauphin den Leibarzt Seiner Majeſtät eine Stunde ſpäter an denſelben Ort zu einem Rendezvous beſtellt, an welchem das zwiſchen der Gräfin und dem Charlatan ſtattfinden ſollte. — 108 Unter den vielen tauſend Reiſenden, die fähr⸗ lich den prächtigen Park von Verſailles durchpil⸗ ern, kennen nur Wenige den köſtlichen abge⸗ ſchloſſenen Raum, welchen man das Bosket der Königin nennt, und der nur bei ganz beſondern Gelegenheiten dem Publicum geöffnet wird. Er liegt zur Linken des ſogenannten grü⸗ nen Deppichs, und obgleich der Marmor⸗Pa⸗ villon, der ihn einſt zierte, ſeit lange verſchwun⸗ den iſt, enthält der Ort dennoch hinreichende Schön⸗ heiten, daß er das Aufſuchen derer lohnt, welche e oder Geſchmack veranlaſſen, denſelben zu eſuchen. In dem eben genannten Gebäude gelang es dem Polizeiminiſter, insgeheim das Rendezvous der Favoritin und des Grafen Caglioſtro zu belau⸗ ſchen. Trotz des hohen Intereſſes, das Herr v. Sartines fühlte, das Reſultat desſelben zu erfah⸗ ren, ergriff ihn doch ein gewiſſes Gefühl der Ehr⸗ furcht, als er den merkwürdigen Mann betrachtete, der ſo oft ſchon ſelbſt ſeiner Geſchicklichkeit ohn geſprochen hatte. Der Charlatan war kein gewöhnlicher Menſch; die Natur hatte ihn mit der edelſten Geſtalt aus⸗ eſtattet, welche die Zeit— wie wenn ſie ſich ſcn ihre zerſtörende Hand an ihr Meiſterſtück zu legen— noch verſchont hatte, nachdem die Spuren der Schönheit bei beiden Geſchlechtern längſt verſchwunden ſind. Obgleich das Gerücht von ſeinem hohen Alter ſelbſtwerſtändlich für eine Fabel gehalten werden muß, ſo unterliegt es kei⸗ nem Zweifel, daß der Graf noch in ſeinem ſehr 109 vorgerückten Lebensalter nicht allein die Kraft, ſon⸗ dern auch die Friſche der Jugend ſich erhalten atte. Seine Geſichtszüge verriethen deutlich den taliener, und er glich etwas dem Portrait des Cäſars Borgia in Rom, das durch ſeine fürchter⸗ liche Schönheit und ſeinen lebensähnlichen Aus⸗ druck den Beſchauer feſſelt und entſetzt. „Gräfin,“ ſagte der Charlatan, ernſt ihre Hand ergreifend,„kein Name darf zwiſchen uns genannt werden. Ich weiß, was Sie mich befragen wollen, und ich bin bereit, darauf Antwort zu ertheilen.“ Madame du Barry nahm von ihrem Arm ein Diamantenbracelet von beträchtlichem Werthe und bot es ſchweigend zur Annahme dar. „Wir verſchmähen nicht die Gunſt der Sterne,“ bemerkte der Graf galant.„Ich wünſchte nur, die Antwort lautete Ihren Wünſchen günſtig.“ „Sprechen Sie!“ ſtammelte die erſchveckte Frau. „Reißen Sie mich aus der folternden Ungewißheit.“ „Ehe das Jahr abgelaufen iſt,“ ke Cag⸗ lioſtro,„wird ein Thron leer und ein Grab ge⸗ füllt ſein.“ Mit einem convulſiviſchen Seufzer— nicht aus Liebe zu ihrem Anbeter, denn dile hatte ſie nie ekannt, ſondern weil dadurch ihre ehrgeizigen Plane vernichtet wurden, ſank die Favoritin auf einen Stuhl. „Gibt es keine Hoffnung?“ ſtammelte ſie. „Keine.“ Nachdem der angebliche Prophet dieſes Wort ausgeſprochen hatte, entfernte er ſich, und auf ſei⸗ nem Wege durch das Bosket ſchickte er die dort 110 befindliche Marſchallin von Mirepoir ihrer Freun⸗ din zum Beiſtand. „In einem Jahr,“ ſtöhnte die Gräfin, als die Letztere erſchien. „Klugheit! Klugheit! mu belle,“ verſetzte ihre Vertraute philoſophiſch.„Es bleiben Ihnen bloß zwei Dinge— Frieden mit der Dauphine zu ſchlie⸗ ßen, die ihren Gemahl eben ſo vollſtändig lenkt, als Sie deſſen Großvater lenkten, und Ihr Ver⸗ mögen vor jedem Zufalle ſicher zu ſtellen.“ „Ein Jahr,“ wiederholte Madame du Barry, als ſie, auf den Arm der Marſchallin geſtützt, den Pavillon verließ,„nur ein Jahr!“ So viel hat der Graf nicht verſprochen, dachte Herr v. Sartines. Er ſagte: innerhalb des Jahrs, und wir ſind ſchon im Mai— vier Monate ſind bereits davon abgelaufen. Das Rendezvous zwiſchen dem Dauphin und la Martiniere hatte, wie unſere Leſer ſelbſt vor⸗ ausſetzen werden, einen entſchieden anderen Cha⸗ rakter. Der Prinz trug mit männlicher Offenheit dem Arzte ſeinen Wunſch vor, den wahren Stand der Geſundheit ſeines Großvaters zu erfahren. „Glauben Sie mir,“ fügte er bei,„daß mich weder eitle Neugierde, noch der ungeduldige Wunſch, ſun Regierung zu gelangen, leitet denn da ich ge⸗ liſſentlich von allen öffentlichen Angelegenheiten fern gehalten, faſt mehr wie ein Privatmann, als wie der Erbe einer großen Monarchie auferzogen wurde, ſo täuſche ich mich darüber nicht, daß meine Krone voll Dornen ſein wird.“ 56 Der Dauphin dachte in dieſem Angenblicke ent⸗ 111 fernt nicht daran, wie buchſtäblich ſeine Worte in Erfüllung gehen ſollten. Prinz,“ ſagte der Mann der Wiſſenſchaft, „keinem andern Menſchen, als Ihnen, würde ich auf dieſe Frage Auslunft ertheilen; Sie aber ha⸗ ben ein Recht, Aufſchluß zu verlangen. Ich muß jedoch eine Bedingung ſtellen, ſowohl um meiner ſelbſt, als des erhabenen Patienten willen.“ „Nennen Sie ſie.“ „Eure königliche Hoheit müſſen mir Ihr Eh⸗ renwort verpfänden, meine Worte nicht eher zu wiederholen, als bis Sie König ſind.“ „Geſtatten Sie gar keine Ausnahme?“ 8 der Prinz, wahrſcheinlich indem er an ſeine Ge⸗ mahlin, die ſchöne Marie Antoinette dachte, der ſeine Rückſprache mit dem Arzte wohl bekannt war. „Keine.“ „Ich verſpreche es Ihnen,“ ſagte der Dauphin ernſi,„obgleich dieſe Bedingung vlelleicht mir einige Verlegenheit bereiten wird.“ „Ja,“ bemerkte la Martinidre in ſeiner gewohn⸗ ten derben Weiſe,„es iſt das Schickſal Frankreichs, daß deſſen Herrſcher von Frauen regiert werden; dieß geht mich nichts an. Ich bin kein Po⸗ itiker.“ „Sie ſind etwas Beſſeres,“ erwiderte Ludwig. „Sie ſind ein Ehrenmann.“ Mancher würde ſich durch ein ſolches Com⸗ pliment von Seiten des Erbens der Krone geehrt gefühlt haben, aber der Arzt nahm dasſelbe als eine ſelbſtverſtändliche Sache auf. Er war ſein —— 112 ganzes Leben hindurch ein Ehrenmann geweſen, und beabſichtigte nie etwas Anderes zu ſein. „Ihr erlauchter Großvater kann möglicher Weiſe noch Monate lang leben, aber ich zweifle daran. Das Leben, das er geführt hat, hat ſeine Geſund⸗ heit untergraben, und jeder acute Krankheitsfall muß ihm verderblich werden. Für den Augenblick leidet er nur an einer leichten Unpäßlichkeit— es ſind aber Symptome vorhanden, die ich nicht recht zu deuten weiß. Wenn— doch nein, ich muß mich irren; es iſt in ſeinem Alter zu unwahrſcheinlich. Verlaſſen Sie ſich darauf,“ ſetzte er hinzu,„daß beim erſten Zeichen irgend eines ernſtlichen ſels Eure Hoheit bei Zeiten benachrich⸗ tigt werden ſoll.“ „Ach!“ antwortete Ludwig, indem er la Mar⸗ tiniere die Hand drückte,„ich bin noch viel zu jung und unerfahren zum Regieren.“ Erſt lange, nachdem beide ſich entfernt hatten, kroch Herr v. Sartines aus ſeinem Verſteck hervor. „Prophezeihung und Wiſſenſchaft ſtimmen mit einander überein,“ murmelte er,„und ich bin über⸗ zeugt, daß, noch ehe das Jahr abgelaufen iſt, der i von Frankreich ſich Ludwig XVI. nennen wird.“ Seit dieſem Tage fing der Polizeiminiſter an, der Dauphine eifrig den Hof zu machen. 113 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Hätte Madame du Barry etwas von der zwei⸗ ten Zuſammenkunft gewußt, welche in dem Bos⸗ ket der Königin ſtattgefunden, und die Anſicht des Leibarztes des Königs gehört, ſo würde ſie aller Wahrſcheinlichkeit nach den von ihr rojectirten Weg viel früher eingeſchlagen haben. aglioſtro's Prophezeihung hatte ſie zwar erſchreckt, aber durch⸗ aus nicht gänzlich überzeugt; und erſt, nachdem ſie eine Nacht in heftigem Kampfe zwiſchen Stolz, Rachſucht und Angſt hingebracht hatte, gewann die letztere die Oberhand, und die ſtolze Favoritin be⸗ quemte ſich zum Nachgeben. „Wenn Ludwig am Leben bleibt,“ murmelte ſie, „ſo ſollen meine Feinde dieſe Demüthigung mir theuer bezahlen.“ Nachdem ſie ein einfaches Morgengewand ange⸗ legt hatte, verließ ſie ihre Appartements im Schloſſe um ſich nach Trianon zu begeben, wo ihr könig⸗ licher Liebhaber ſeit einigen Tagen ſeine Wohnung hatte. Sie hrite ihn nicht mehr geſe⸗ en ſeit jenem Morgen, an welchem ſie ihn in der Hrangerie getroffen hatte und wo die argliſtige Frau mit der Eitelkeit und Leichtgläubigkeit des alten Monarchen ein ſo verwegenes Spiel mit ſich erlaubt hatte. Als ſie den waldigen Ruheſitz erreichte, der erſt dann Groß⸗Trianon geheißen wurde, nachdem Marie Antoinette während der darauf folgenden Regierung ein Landhaus hatte erbauen laſſen, das im Gegen⸗ 8 Smith, Sein u. Schein. I⸗ 114 ſatze zum Erſteren Klein⸗Trianon genannt wurde, ſe ſie den Prinzen v. Soubiſe, der ihr mittheilte, daß der Monarch, obgleich nicht ernſtlich erkrankt, ſeit drei Tagen ſein Zimmer nicht verlaſſen habe. „Um die Beſuche von Scheinheiligkeit und Klatſchſucht zu vermeiden,“ bemerkte die Fa⸗ voritin lachend, indem ſie damit auf Madame Louiſe und deren ältere Schweſter Madame Vic⸗ toire anſpielte, welche ſie immer mit den eben nicht ſehr ſchmeichelhaften Spottnamen zu bezeichnen pflegte. „Seine Majeſtät iſt in der That leidend,“ ver⸗ ſetzte der Prinz. „Aus langer Weile.“ „Die Ihre Gegenwart verſcheuchen wird,“ ſagte der Prinz galant,„wenn Sie, wie ich vermuthe, mit Ihrem gewohnten Takt in der Abſicht gekom⸗ men ſind, den Frieden zwiſchen Ludwig und ſeiner Familie herzuſtellen.“ „Indem ich Verſailles verlaſſe und das Feld meinen Feinden räume— iſt dieß vielleicht Ihre Meinung?“ „Ganz gewiß nicht,“ verſetzte der Prinz;„an einen ſolchen Schritt iſt gar nicht zu denken. Sie brauchen nur den König zu bitten, die Gefangenen aus der Baſtille zu entlaſſen und die Abſicht aus⸗ zudrücken, der königlichen Carmeliterin öffentliche Abbitte leiſten zu wollen, deren Wuth nahezu eine Revolution im Schloſſe zu Wege gebracht hätte.“ „Wir wollen ſehen,“ murmelte die Dame,„wir wollen ſehen, was zu machen iſt.“ 115 Als Madame du Barry in das köni 6 Ge⸗ mach eingelaſſen war, bemerkte ſie ſogieich, daß Ludwig leidend ſei; ſeine Geſichtszüge waren ſchlaff, und ſeine roth angelaufenen Augen irrten unbe⸗ ſtändig umher. Zur Vermehrung des peinlichen Eindrucks, den dieſe Veränderung auf ſie hervorbrachte, empfing ſie noch überdieß der König kalt. Sein Stolz und ſeine Eigenliebe waren verwundet worden; denn er war 7 nicht ſo blind für ſie eingenommen, daß er nicht die faiſche Stellung gefühlt hätte, in welche ihn ihre Argliſt verſetzt hatte. Die ſchlaue Frau wußte deßhalb nichts Klüge⸗ res zu thun, als ſich ihrem altersſchwachen Bewun⸗ derer zu Füßen zu werfen und deſſen Hand mit wohlgelungenem Schein keidenſchaftlicher Liebe und Betrübniß zu küſſen. „Stehen Sie auf, Madame,“ ſagte Ludwig mit vor Bewegung zitternder Stimme;„es ſchmerzt mich, Sie vor mir auf den Knieen zu ſehen. Ich bitte, ſtehen Sie auf.“ „Nicht eher, als bis Sie meine Bitte erhört und gewährt haben,“ verſetzte die Gräfin mit einer Stimme verſtellter Demuth.„Ihre ritterliche Ver⸗ theidigung meiner Perſon hat Ihnen dieſe Unpäß⸗ lichkeit Pgeſgen Widerrufen Sie daher Ihr könig⸗ liches Wort und laſſen Sie die Gefangenen frei, für welche Madame Louiſe ſich ſo warm intereſſirt, widerrufen Sie es um meinetwillen und erlauben Sie mir, die Verzeihung der Prinzeſſin und des Dauphins wegen des Aergerniſſes, das dieſe Ver⸗ haftung verurſachte, anzuflehen.“ 8 116 Niemals vielleicht in dem langen Laufe ſeiner Regierung war Ludwig XV. ſo gänzlich übertöl⸗ pelt worden. Die ſo ſchlau geelt⸗ Bitte war eben das, was der König am ſehnlichſten wünſchte, weil ſie auch in der That das einzige Mittel ent⸗ hielt, ihn, ohne ſeiner Würde etwas zu vergeben, aus ſeiner Verlegenheit zu ziehen. „Stehen Sie auf, Gräfin,“ ſprach er, indem ſein verwittertes Geſicht einen Augenblick lang in Ausdrucke glänzte;„ich beſtehe darauf, Ihr Wunſch iſt Ihnen gewährt. Ich kann keine Bitte abſchlagen, die aus ſolchen Gründen an mich geſtellt wird. Ich wünſchte nur, daß Ihre Feinde Ihr vortreffliches Herz ſo kennten, wie ich; ſie dann aufhören, Sie zu haſſen,“ fügte er bei. „Das wird nicht eher der Fall ſein, bis Sie aufhören, mich zu lieben,“ entgegnete Madame du Barry.„Sire, das Glück, Ihrs Liebe zu beſitzen, iſt zu groß, zu überſchwänglich, als daß es nicht beneidet werden ſollte.“ „Vielleicht iſt es ſo,“ bemerkte der Monarch erfreut;„vielleicht iſt es ſo, wenigſtens Eine denkt in Folge der Eiferſucht und des Mißvergnügens, as es verurſacht; aber wir müſſen vorſichtig zu Werke gehen, ma belle, und Louiſe und deren 1e keine Zeit laſſen, unſre Abſichten zu er⸗ rathen.“ Es wurde nun zwiſchen Ludwig und deſſen Maitreſſe verabredet, daß Letztere augenblicklich nach Verſailles ſich hegeben, dort ihre verſöhnlichen Schritte in Ausführung bringen, und daß Prinz 117 Soubiſe zu gleicher Zeit einen Brief Seiner Maje⸗ ſtät an den Dauphin übergeben ſolle. Obgleich das Geſicht der Favoritin vom hei⸗ terſten Lächeln ſtrahlte, verabſchiedete ſie ſich doch mit dem geheimen Gefühle bitterer Demüthigung. Sie ſollte ſich vor dem ganzen Hofe erniedrigen, der ohne Zweifel ſeine boshafte Freude an dieſem Anblick haben und ihre Rachegedanken in ihrer Seele leſen würde. Ein ſchwerer Schritt für eine Dame, die bis jetzt ſtets gewöhnt geweſen war, die Menſchen, wie die Ereigniſſe, ganz nach ihrer gebieteriſchen Willkühr zu lenken. Die Demüthigung, welche ihre Eitelkeit erlitt, war übrigens ein wahres Kinderſpiel im Vergleich mit der Erbitterung über Redmond ONeil, der ganz allein die Veranlaſſung des falſchen Schrittes war, zu welchem ſie ſich hatte verleiten laſſen. Ellen's Gemahl hatte ihr Entgegenkommen abge⸗ wieſen, und in ſeiner Zerknirſchung konnte er ſch leicht veranlaßt finden, ihre Schmach zu veröffent⸗ lichen, wenn es ihm gelingen ſollte, hinter die ſchändliche Liſt zu kommen, durch welche Ellen's Glück zerſtört worden war. Dieſem Zwiſchenfalle mußte um jeden Preis vorgebeugt werden. Ludwig's Eiferſucht war, wie ſie wohl wußte, leicht zu erwecken, und auf dieſe Eiferſucht hin baute ſie ihre Hoffnung, Redmond vernichten zu können. Der Beſuch der Madame du Barry in Tria⸗ non hatte zu ſo früher Morgenſtunde ſtattgeſunden, daß bei ihrer Rückkehr in das Schloß die Meſſe noch nicht zu Ende war. Mit dem Muthe der 118 Verzweiflung ſich waffnend, ſtellte ſie ſo in der langen Galerie auf, welche mit jenen Malereien geſchmückt iſt, die in eitler Prahlerei die Triumphe der Regierung ihres Erbauers darſtellen, um dort die Rückkehr der Prozeſſion aus der Kapelle ab⸗ zuwarten. Mit gebieteriſcher Geberde befahl ſie den Thür⸗ ſtehern und Pagen, welche in dieſer Stunde ge⸗ wöhnlich hier ſich zuſammendrängten, ſich wegzu⸗ begeben, um damit alle unnöthigen Zuſchauer ihrer Demüthigung zu entfernen. Die Flügelthüren, welche auf die Galerie führ⸗ ten und durch welche man von den Appartements in die Kapelle gelangte, wurden endlich weit auf⸗ geriſſen, und das Geräuſch von Schritten verkün⸗ digte die Annäherung von Perſonen, welche dem Gottesdienſt beigewohnt hatten. Zuerſt kam der Dauphin, der ſeine älteſte Tante, Madame Victoire führte; ihm folgte der Graf v. Provence mit der Dauphine, und ſein jüngerer Bruder, der nachmals ſo unglückliche Karl der Zehnte, führte Madame Sophie. Die Carmeliternonne war die Letzte unter den königlichen Perſonen; an ihrer Seite ging die Aeb⸗ tiſſin des Kloſters und der Groß⸗Almoſenier von Frankreich, Cardinal de la Roche Aymon; der Meßprieſter, gekleidet in ſeine Sutane, trug die Inſignien ſeines Ranges. Weder der Dauphin, noch Marie Antoinette, ließen ſich herab, die tieſe Verbeugung der Gräfin zu erwidern, ſondern ſchritten, ihre Anweſenheit gänzlich ignorirend, auf ihre Appartements zu. 119 Als Madame Louiſe ſich näherte, ließ ſich die ſchlaue Frau auf dus Knie nieder, während Prinz Soubiſe in demſelben Angenblick Ludwig einen Hrief von ſeinem Großvater überreichte. „Stehen Sie auf,“ ſprach die königliche Nonne; „Sie befinden ſich in einem Irrthum. Ich habe weder über Macht, Reichthum, noch Einfluß zu gebieten. Die Tochter des Königs von Frankreich verdankt der Gaſtfreundſchaft ihres Neffen eine Unterkunft im Schioſſe ihres Vaters.“ Es lag eine Strenge in dem Ton, in welchem dieß geſprochen wurde, aus dem deutlich erſichtlich war, wie ſchmerzlich ſie die ihr zu Theil gewordene Nichtachtung fühlte. „Geſtatten Sie mir,“ erwiderte die Favoritin in demüthigem Tone,„dieſe bittende Stellung, die mir in Ihrer Gegenwart geziemt, beizubehalten, Madame, weil ich ſo unglücklich war, mir Ihr Mißfallen zuzuziehen. Seine Majeſtät hat die Freilaſſung der Freunde angeordnet, für welche Sie ſich gnädigſt intereſſiren, und hat mich be⸗ vollmächtigt, ſeine gnädigen Abſichten zu verkün⸗ digen, in der Hoffnung, Ihr gerechtes Mißfallen zu mildern.“ „Es iſt wahr, Tante,“ ſagte der Dauphin, mit dem Briefe in der Hand ſich nähernd. Modame Louiſe drückte trocken ihre Befriedigung darüber aus, daß ihr erlauchter Vater ſomit ein Unrecht weniger zu verantworten habe. Offenbar wünſchte ſie es zu vermeiden, der Gräfin direct zu antworten, die glühend vor Seſenn und De⸗ müthigung noch immer vor ihr auf den nieen lag. 120 Unterdeſſen flüſterte Prinz Soubiſe, als ein er⸗ fahrener Diplomat, die Anerbietungen ſeines könig⸗ lichen Herrn in das Ohr der Oberin der Carme⸗ literinnen, welcher er noch weitere Stiftungen und Vorrechte für ihr Kloſter verſprechen ließ. Frau v. Auvergne hörte wohlgefällig zu. Sie beſaß zu vielen Takt, als daß ſie ſih nicht klar zu machen gewußt hätte, daß aus einem ernſten Kam⸗ pfe die Krone ſiegreich hervorgehen müſſe. Die Demüthigung des berühmten Boſſuet, der unter der vorhergehenden Regierung ſich gezwun⸗ gen geſehen hatte, die Vertheidigung von vier Ar⸗ tikeln der gallicaniſchen Kirche zu ſchreiben, Artikel, die er auf's Entſchiedenſte mißbilligte, war ein Wink, der nicht zu überſehen war; und überhaupt war es ihr hochſt gleichgültig, weſſen Einfluß in Verſailles vorherrſchte, wenn nur das Wohl ihres Ordens dadurch gefördert wurde. Frau v. Mar⸗ ſe hatte ſich, um uns einer politiſchen Phraſe zu edienen, bereits ralliirt, und deßhalb ſah die ehr⸗ würdige Dame keinen Grund ein, warum ſie nicht einem ſo erlauchten Beiſpiele folgen ſollte. Die Hofdame und die einfache Nonne waren aus dem gleichen Stoffe geformt. Arme Menſchheit! Wie ſehr herrſcht doch eine tgnig Familienähnlichkeit vor! „Seine Majeſtät hat auch dem Erzbiſchof von Paris ſeinen Willen kund gegeben,“ bemerkte der Prinz laut,„daß die Kirche der Carmeliterinnen wieder werden ſolle, und hofft, daß nach dieſen Conceſſionen jeder fernere Widerſtand gegen ſeinen Willen aufhören ſollte.“ 121 „Ganz gewiß,“ verſetzte der Dauphin.„Es iſt dieß unſere Pflicht. Ich habe mir nie angemaßt, mich in Privatangelegenheiten meines Großvaters einzumiſchen— nur wenn die Ehre der könig⸗ lichen Fawilie auf dem Spiele ſtand, ſprach ich meine Anſichten aus. Tante,“ fügte er bei, an die Nonne ſich wendend,„nehmen Sie meine Glück⸗ wünſche an; der theuerſte Wunſch Ihres Herzens wird bald in Erſüllung gehen, und Sie können mit Würde und völliger Befriedigung wieder in Ihre klöſterlichen Mauern zurückkehren.“ Dieſe Bemerkungen von Seiten des nächſten Erben der Krone war der Todesſtreich des gehei⸗ men Plans der Madame Louiſe, die ſich in den Kopf geſetzt hatte, die Favoritin vom Hofe zu vertreiben, weßhalb ſie ihren Neffen vorwurfsvoll anblickte. Dieſe ganze Zeit über hatte man abſichtlich die Gräfin du Barry in der demüthigenden Stellung Fieeh die ſie ſelbſt eingenommen hatte, indem eine der königlichen Damen ſie auch nur eines Blickes gewürdigt hatte. „Stehen Sie auf, Madame,⸗ ſagte Ludwig gut⸗ müthig.„Ich bin durch Ihr Benehmen bei dieſer Veranlaſſung vollkommen zufrieden geſtellt.“ Der junge Herzog von Aylen, Lieutenant in der königlichen Garde, war der erſte unter den Hofleuten, der das Zeichen einer wiederkehreuden Huldigung gab, indem er der Gräfin die Hand reichte und ihr von den Knieen aufhalf. Am folgenden Tage erhielt er als Beförderung eine Compagnie. 122 Frankreichs Adel beſaß zu der Zeit, von der wir ſchreiben, keine reelle Macht im Staate. Riche⸗ lieu hatte ſie gebrochen; in blindem Eifer vielleicht — denn, indem er die Schranke zwiſchen dem Volk und dem Throne niederrieß, ſetzte er den letztern einem Kampfe aus, der ihn endlich umſtürzte. Die Träger der großen hiſtoriſchen Namen waren in den meiſten Fällen tief verſchuldet und durch die ihnen von dem König Ferien Penſionen, welche ihnen die Mittel zur Aufrechthaltung ihres Rangs lieferten, in gänzliche Abhängigkeit verſetzt. In Verſailles waren ſie in Wirklichteit weiter nichts als titulirte Lakaien, wo ſie allerdings gewiſſe Aus⸗ zeichnungen und Vorrechte genoſſen, aber keine eigentliche Machtſtellung beſaßen. Als Stand hat⸗ ten ſie ihre Laſter noch weit mehr zu Grunde ge⸗ richtet, als ſelbſt die Politit des großen Miniſters. Unter ſolchen Umſtänden war es daher nicht zu verwundern, daß die arme Madame Louiſe nach der Erklärung des Dauphins ſich vom ganzen Hofe verlaſſen ſah. Sie hatte, wie ſie einige Minuten zuvor zu der Favoritin geſagt, durchaus nichts zu gewähren. Ein Blick des Prinzen Sonbiſe gab der ſchlauen Frau ihre Sicherheit wieder, die vertrauensvoll auf ihren Triumph um ſich zu blicken anfing. „Vergebung des Unrechts, Tochter,“ bemerkte der Cardinal v. La Roche Aymon,„iſt die erſte Tugend des Chriſten.“ „Gewiß,“ fügte die Oberin der Carmeliterin⸗ nen bei,„und die Pflicht des Kindes.“ Obgleich empfindlich gekränkt über das Fehl⸗ 123 ſchlagen ihres Planes, war die königliche Nonne doch zu ſtolz, als daß ſie auf ihrem Geſichte die leiſeſte Spur ihrer Enttäuſchung hätte ſichtbar wer⸗ den laſſen; ſie wäre lieber geſtorben, als daß ſie ihrer Feindin dieſen Triumph gegönnt hätte. „Auf Reue, ehrwürdige utter,“ erwiderte ſie, ſich an Frau v. Auvergne wendend,„ſollte auch Sühne folgen.“ „Ganz gewiß,“ entgegnete die Dame im Ge⸗ danken an irgend eine weitere Schenkung für ihr Kloſter.„Handlungen beweiſen die Aufrichtigkeit.“ „Und Mademoiſelle Macnamara iſt ſehr ſchwer beleidigt worden—“ „Ihre Hoheit,“ unterbrach ſie ehrfurchtsvoll der erſte Kammerherr,„ſprechen hier nur im Vor⸗ aus die wohlwollenden Abſichten Seiner Majeſtät aus: Es ſoll reichlicher Schadenerſatz geleiſtet werden.“ Die Oberin der Carmeliterinnen, die jetzt kein weiteres Intereſſe an einer Unterredung fand, die ihr keine Vortheile mehr zu bieten ſchien, fing an, Marie Antoinette den Hof zu machen. „Das iſt nicht mehr wie billig,“ bemerkte der Dauphin. „Die Verzeihung, um welche Sie nachgeſucht aben, Modame du Barry,“ ſagte die königliche Konne, ſich mit Würde aufrichtend,„iſt Ihnen ge⸗ währt aus Rückſicht für die Achtung, welche eine Tochter ſelbſt ihres Vaters Schwäche ſchuldet. Es iſt etwas Trauriges darum, wenn Schönheit das einzige Verdienſt iſt. Laſſen Sie mich Ihnen ra⸗ then, Ihr Leben zu beſſern, die Eitelkeit, Falſch⸗ 124 heit und Laſter aus Ihrem Herzen auszureißen und den Reſt Ihres Daſeins der Zurückgezogen⸗ heit und Religion zu widmen. Wenn je einmal Schweſter koug⸗ von Frankreich von einer ſolchen Veränderung hört, ſo dürfen Sie überzeugt ſein, daß ſie für Sie beten wird.“ Die Nonne lächelte höhniſch, als die Favoritin verwirrt und auf's Tiefſte beſchämt, auf ſolche Weiſe bffentlich getadelt worden zu ſein, bis auf den Boden ſich vor ihr verneigte. Es war eine weibliche Rache, die von der andern Seite eben ſo weiblich wieder vergolten wurde; denn noch am ſelben Tage nach der Rückkehr ſeiner Tochter in ihr Kloſter ſchickte Ludwig XV. einen lettre de eachet an die Aebtiſſin, in welchem dieſer anbefoh⸗ len wurde, unter keiner Bedingung der Prinzeſſin zu geſtatten, ihren Zufluchtsort ohne ſeine ausdrück⸗ liche Erlaubniß zu verlaſſen. Glücklicher Veiſe für die ehrgeizige und etwas irignante Nonne dauerte dieſes Verbot nicht ſehr lange. Mesdames Victoire und Sophie erwiderten die Verbeugung der Gräfin. Den königlichen Damen fehlte die Charakterfeſtigkeit ihrer Schwe⸗ ſter, und ſie waren vielleicht in der Stille roh, von den langen Predigten und Einſchränkungen befreit zu ſein, die deren Anweſenheit zu Verſail⸗ les veranlaßte. „Sie iſt genügend gedemüthigt worden,“ flü⸗ ſterte der Dauphin ſeiner Geinahlin zu,„und im Ganzen iſt es nicht ihr Fehler, daß der König kei⸗ nen andern Willen als den ihrigen hat.“ 125 Marie Antoinette, welche in jener Zet ihres ehelichen Lebens ſich eifrig bemühte, dur alle ihr zu Gebot ſtehenden Mittei die Liebe ihres Gemahls zu gewinnen, der mehrere Jahre hindurch ſie nur mit achtungsvoller Kälte behandelt hatte, gab zu⸗ vorkommend ſeinen Wünſchen nach, und als ſie den Arm ihres Schwogers, des Grafen von Pro⸗ vence, ergriff, erwiderte ſie die Verbeugung der Favoritin. Sobald Madame du Barry wieder in ihren Gemächern war, machte ſich ihr heftiges Tempera⸗ ment durch Drohungen und Schmähworte, die ihren Feinden galten, Luft. Der Stahl war ihr in's Herz gedrungen— kein Wunder, daß Galle und Bitterkeit aus der Wunde floß. „Die Heuchlerin,“ murmelte ſie,„die unedel⸗ müthige, rachſüchtige Heuchlerin. Ich hätte mei⸗ nen bitterſten Fein nicht ſo zu demüthigen ver⸗ mocht, wie ſie unter der Maske der Religion mich gedemüthigt hat. Ich werde mit Ludwig brechen und den Hof verlaſſen— ihn in ſeinem Riter auf⸗ geben, wenn er mich nicht rächt. Der ärmſte Bür⸗ Pr von Paris,“ fuhr ſie fort,„würde eine ſolche eſchimpfung ahnden, welche einer Fran widerfah⸗ ren iſt, die er zu lieben behauptet.“ „Sie benahmen ſich wundervoll, ma belle,“ be⸗ merkte die Marſchallin von Mirepoir, welche mit heimlicher Freude die Demüthigung ihrer theuren Freundin in der großen Galerie mit angeſehen hatte.„Die Rolle muß aber etwas ermüdend ge⸗ weſen ſein, und wenn Sie nicht etwa Luſt haben, ſie zu wiederholen, ſo begnügen Sie ſich doch ja 126 mit ihrem Siege. Ein kluger General ſetzt ſeine Lorbeeren nie auf's Spiel.“ „Ich werde mich rächen.“ „Pah! Rächen! An wem? Etwa an der könig⸗ lichen Familie? An die können Sie nicht gelangen. Das Scepter wird die Lilie nicht knicken; und was etwa andere Mittel anbelangt,“ fügte die erfahrene Verbündete hinzu, indem ſie ihre Stimme zu einem leiſen Flüſtern dämpfte,„ſo iſt nicht daran zu den⸗ ken, es wäre denn, daß Sie die chambre ardente wieder in's Leben zu rufen beabſichtigten.“ Madame du Barry ſchauderte. Chambre ar- dente war der Name des Tribunals geweſen, wel⸗ ches die Marquiſin von Broinvilliers zum Flam⸗ mentode verurtheilt hatte wegen Vergiftung ihres Gemahls und ihres Vaters. Es war dieß viel⸗ leicht der einzige unbeſtechliche Gerichtshof in Frank⸗ reich, und niemals griff der König in deſſen Be⸗ ſchlüſſe ein. „Denken Sie lieber daran,“ fuhr die Marſchal⸗ lin fort,„den günſtigen Eindruck zu verſtärken, den Ihr Benehmen auf den Dauphin hervorgebracht hat, der in ſeinem ſchlichten Sinne Ihre Reue für ganz aufrichtig hält, und etwas für Ihre Freunde zu thun, ſo lange es noch Zeit iſt.— Ich zum Bei⸗ ſpiel,“ ſetzte ſie hinzu,„werde von meinen Gläu⸗ bigern auf's Blut gepeinigt.“ „Ach, wenn Ludwig nur zehn Jahre jünger wäre!“ antwortete die Favoritin, die zu ihrer Pein einzuſehen anfing, daß der ihr ertheilte Rath ver⸗ nünftig ſei.—„Nur zehn Jahre; dann wollte ich 227 Alle wie ein Schlangenneſt unter meinen Füßen zertreten.“ „Es iſt beſſer, ſie gehen zu laſſen,“ bemerkte die Marſchallin philoſophiſch;„ſie könnten Sie ſonſt ſtechen. An ihrer Stelle würde ich mich zum Kö⸗ nig begeben.“ Die leidenſchaftlichen Ausrufungen der Madame du Barry verſtummten vor den praktiſchen Anſich⸗ ten ihrer Rathgeberin, welche um ſo mehr Ausſicht auf Erfolg eſprechen, weil ſie das Reſultat ru⸗ higer Ueberlegung waren, und noch ehe der Tag zu Ende war, hatte die Favoritin ihren Wohnſitz in Trianon aufgeſchlagen. Marie Antoinette beſaß, trotz ihres Leichtſinns, der einzige Vorwurf, den man ihr mit Recht ma⸗ chen kann, eine außerordentliche Herzensgüte. Es war etwas Ritterliches von Seiten einer alten Frau, welche, wie Miß Mocnamara, eine entfernte Heimath verlaſſen hatte, um die Ehre ihrer Nichte zu rächen,— ein Vertrauen und eine Hingebung, welche ſie rührte; und deßhalb beſchloß ſe, ihr durch alle in ihrer Macht ſtehenden Mittel behilf⸗ lich zu ſein. Zu dieſem Zwecke veranlaßte ſie den Dauphin, nach dem Polizeiminiſter zu ſchicken, der den Tag nach der Rückkehr der Madune Louiſe nach St. Denis und der Befreiung von deren Freunden aus der Baſtille in Verſailles eintraf. „Herr v. Sartines,⸗ ſprach der Prinz,„ich habe eine Bitte an Sie, welche Sie, wie ich hoffe, mit Ihren Pflichten gegen den König und Ihr Amt nicht unvereinbar finden werden.“ „Sagen Sie lieber einen Befehl, mit welchem . 128 Sie mich beehren wollen,“ verſetzte der gewandte Hofmann, erfreut über die ſich darbietende Gele⸗ genheit, dem Thronerben ſeinen guten Willen zei⸗ en zu können;„der Wunſch Eurer königlichen Pohel iſt mir Geſetz.“ Ludwig ſchien eben ſo erfreut, als erſtaunt; es war ihm noch nicht oft vorgekommen, ſolche Aus⸗ drücke der Unterwürfigkeit von den Miniſtern ſei⸗ nes Großvaters zu hören, die ihn abſichtlich von allen öffentlichen Geſchäften möglichſt entfernt hielten. „Sie kennen die Umſtände, welche kürzlich den Hof in Aufregung verſetzt haben?“ „Es iſt meine Pflicht,“ erwiderte der Beamte, „nicht nur von allem, was in der Stadt, ſondern auch was im Schloſſe vorgeht, unterrichtet zu ſein.“ „In dieſem Falle,“ rief die Dauphine aus, „müſſen Sie in merkwürdige Geheimniſſe einge⸗ weiht ſein. Ich möchte wohl Ihr Vertrauen be⸗ ſitzen. Vielleicht komme ich eines Tages in die Lage, es zu verlangen.“ Ihr Gemahl wies ihre Lebhaftigkeit mit einem Blick in die Schranken, welcher dem Miniſter nicht entging, während er ſich reſpektsvoll verbeugte. „Ich wünſche,“ fuhr der Dauphin fort,„daß Sie ſich ſogleich nach St. Denis begeben und alle Hilfsmittel der Polizei der enn Miß Mac⸗ namara zur Verfügung ſtellen, um dieſe in den Stand zu ſetzen, eine Verſchwörung aufdecken zu können, welche, wie ſie behauptet, den Ruf und das Leben ihrer Nichte zerſtört hat.“ „Die Dame kann über meine Dienſte verfügen,“ ſagte der Höfling, ohne das Geſicht zu verändern, 129 obgleich es ihm insgeheim ſehr unangenehm war, ſo plötzlich in Conflict mit der Favoritin ſich ge⸗ bracht zu ſehen.„Sollte mein Eifer nichts aus⸗ richten,“ ſetzte er bei,„ſo werden Eure königliche Hoheit wenigſtens meinem Eifer Gerechtigkeit wi⸗ derfahren laſſen.“ „Ich meinte, es ſei Ihre Pflicht, von allem, was vorgeht, ſowohl in der Stadt, als am Hofe, unterrichtet zu ſein?“ bemerkte Marie Antoinette, die Worte, deren er ſich ſo eben bediente, wieder⸗ holend. Herr v. Sartines fing an zu vermuthen, daß die Prinzeſſin mehr Scharfſinn beſitze, als er bis⸗ her bei ihr vorausgeſetzt habe. „Seine konigliche Hoheit, der Danphin,“ ent⸗ gegnete er nach einer Pauſe,„kann meine Lage derſtehen. Es wäre möglich, daß ich mit einem Villen in Conflict geriethe, den zu durchkreuzen Ehre und Treue verbieten, und welchen ich ver⸗ möge der eigenthümlichen Natur meines Miniſte⸗ riums mehr als jeder andere Beamte der Krone reſpektiren muß.“ „Ja! ja!“ ſagte der Prinz, dem die ſcheinbare Oſſenheit und Redlichkeit des Miniſters gefiel,„ich begreife es. Merken Sie ſich daher, daß ich nichts verlange, was ſich nicht ſtreng mit Ihrer Pflicht gegen den König verträgt.“ „In allem Uebrigen,“ rief Herr v. Sartines mit wohlgelungener Freimüthigkeit,„fühle ich mich nur zu glücklich, eine Gelegenheit zu finden, Eurer königlichen Hoheit meine Ergebenheit beweiſen zu können.“ Smith, Sein u. Schein. IM. 9 130 Der Dauphin ſann nach dem Weggange des Polizeiminiſters noch eine Weile nach, dem es voll⸗ kommen gelungen war, den von ihm gewünſchten Eindruck hervorgebracht zu haben, daß er ein Mann ſei, dem man ſein Vertrauen ſchenken dürfe. „Wie wenig bin ich im Stande, Charaktere zu errathen!“ bemerkte er.„Ich hielt Sartines für einen Schelm, und finde zu meinem Erſtaunen einen ehrlichen Mann an ihm.“ Marie Antoinette gab keine Antwort; ihr weib⸗ licher Takt ließ ſich nicht ſo leicht täuſchen. „Sie ſchweigen?“ fuhr ihr Gemahl fort. „Ich warte das Reſultat ab, Ludwig,“ ant⸗ wortete ſie.„Meine kaiſerliche Mutter, Maria Thereſia, benützte Kaunitz ein Vierteljahrhundert lang als ihren Miniſter, ohne ihm deßhalb aber je zu trauen.“ „Es muß etwas Schweres um das Regieren ſein,“ rief ihr Gemahl mit einem Seufzer. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Auf dem Wege nach Trianon begegnete Ma⸗ dame du Barry Ulic Blake. Auf ein Zeichen ihrer Gebieterin ſtellten die Träger die vergoldete Sänfte, in welcher die Favoritin ſich befand, auf den Bo⸗ den. Sie winkte den Offizier herbei; denn es zeigte ſich etwas in dem Ausdrucke ſeines Geſichtes, wor⸗ aus zu erſehen war, daß er eine wichtige Nachricht mitzutheilen habe. — 131 Der Verräther reichte ihr gehorſam ſeine Hand und führte ſeine Verbündete ſo weit abſeits von den Livreedienern, daß dieſe von der Unterredung nichts hören konnten. „Sie ſcheinen beunruhigt,“ bemerkte die Gräfin in ihen Tone. „Unſre Feinde ſind in Freiheit geſetzt, lautete die Antwort. „Ich konnte es nicht abwenden,“ ſagte das ſtolze Weib, im höchſten Grade verdrießlich dar⸗ über, daß ſie einem enſchen, den ſie verachtete, einzugeſtehen ſich genöthigt ſah, daß dießmal ihr Einfluß eine Niederlage erlitten habe.„Ludwig war unwohl— aufgebracht und unruhig über den Scandal, den ſeiner Tochter und die unerwartete Oppoſition ſeines nkels veranlaßt hatten. Ich bat deßhalb um deren Freilaſſung.“ „Sie ſind in Freiheit!“ wiederholte Ulic düſter. „Ach, Gräfin, Sie kennen nicht zur Hälfte die Gefahr, die in dieſem einen, kleinen Worte liegt. Der Dauphin hat nach dem Polizeiminiſter ge⸗ ſchickt. Ich habe dieß aus zuverläſſiger Quelle er⸗ fahren. Alle Mittel werden angewendet werden, um ein Geheimniß aufzudecken, das zu verbergen in unſrem gemeinſchaftlichen Intereſſe liegt. Sollte es gelingen—“ „Sartines wird um ſeiner ſelbſt willen ſchwei⸗ gen,“ fiel ihm die Grüfin haſtig in's Wort. „Sartines fängt bereits an, der aufgehenden Sonne zu huldigen,“ bemerkte Ulic finſter. Madame du Barry ſchauderte. Dieſe„Worte 9 132 überzeugten ſie, daß bereits am Hofe auf Ludwig XV. Tod ſpeculirt werde. „Der Entrüſtung können wir Trotz bieten,“ fuhr er fort,„aber nicht Redmond's Wuth; das Geheul des Sturmes iſt nicht wilder, das Zucken des Blitzes nicht ſanfter, als ſeine Rache ſein wird, wenn er einſt die Mittel erfährt, womit wir ihn hintergangen haben. Sie kennen ihn nicht ſo, wie ich. Unter dieſem kalten, ruhigen Aeußern verbirgt er einen eiſernen Willen und einen Muth, alles das auszuführen, was ſein Kopf erſinnt oder wozu das Herz ihn antreibt. Wir können ihm nicht die Stirne bieten; deßhalb müſſen wir ihn vernichten.“ „Iſt denn ſeine Wuth ſo fürchterlich?“ rief die Sün aus, welche anfing beunruhigt zu wer⸗ den.„Er würde gewiß nicht wagen—“ „Redmond O Neil,“ ſagte Ulic Blake, den Satz für ſie vollendend,„würde an den Mördern ſeiner Gattin weder Alter, Rang noch Geſchlecht tiren. Früher oder ſpäter müßten ſie ihr Ver⸗ ehen mit dem Leben bezahlen, ſobald er von deren Bchud überzeugt wäre.“ „Erwarten Sie mich eine Stunde lang in dem Pförtnerhauſe am Parke von Trianon,“ ſagte Ma⸗ dame du Barry in entſchloſſenem Tone.„Dieſer Wahnſinnige muß an einen Ort gebracht werden, wo er weder ſich, noch Andern ein Leid zufügen kann. Warten Sie auf mich, bis ich den König geſprochen habe.“ Der verrätheriſche Vetter wußte genau, was das Sprechen des Königs alles in ſich ſchließe und geleitete die Gräfin nach ihrer Sänfte zurück, neben 133 welcher er einherging, bis ſie unter einem maffiven Gitterthor verſchwand, welches zu dem Ruheſitz des Königs führte. Noch vor völligem Ablaufe der beſtimmten Zeit erſchien Madame du Barry wieder und händigte Ulic Blake den verhängnißvollen lettre de cachet ein. „Vergeſſen Sie aber nicht, daß er nur im äu⸗ ßerſten Nothfalle in Anwendung gebracht werden darf,“ ſie. Ulie kannte den Charakter der Frau zu genau, mit der er zu thun hatte— deren wahnſinnige Leidenſchaft für Redmond— und ſah daher wo 1 ein, daß er eine präciſere Anweiſung von ihr ver⸗ langen müſſe. „Haben Sie die Gewogenheit, Gräfin, mir etwas beſtimmter anzugeben, was Sie unter einem äußerſten Falle verſtehen?“ ſprach er. „Die Entdeckung unſrer Plane,“ verſetzte die Favoritin; ſodann, die Stimme etwas dämpfend, fügte ſie bei:„oder den Tod Ludwig's.“ Der Offizier verbarg das Papier unter ſeiner Uniform und verbengte ſich. Im nächſten Augen⸗ blicke war Madame du Barry verſchwunden. Ulic winkte einem Mann herbei, welcher wäh⸗ rend der ganzen Zeit dieſer Unterredung in reſpekts⸗ voller Entfernung ſtehen geblieben war. Dieſer Menſch näherte ſe nun mit der zuverſichtlichen Miene Jemandes, der ſich der Wichtigkeit ſeiner Dienſte bewußt iſt. Es war der Schleichhändler Jorrocks, der in Ulie Blake's Dienſt getreten war, nachdem er vom 134 Delphin entflohen war zu der Zeit, als dieſer vom Wren gekapert worden war. „Sie kennen St. Denis?“ fragte ſein Herr. Jorrocks nickte bejahend. das Carmeliterinnenkloſter?“ „So machen Sie ſich ſogleich dorthin auf den Weg und beobachten Sie ob Redmond mit deſſen Bewohnerinnen in irgend einem Verkehr ſteht. Bleiben Sie auf Ihrem Poſten, Tage lang, ja, nöthigen Falles Wochen lang, bis Sie ſich dar⸗ über Gewißheit verſchafft haben. Sobald Sie etwas Genaues wiſſen, kommen Sie zu mir. Können Sie treu ſein?“ „Wie Sie ſelbſt,“ verſetzte der Schleichhändler, worauf er, das Zweideutige in ſeiner Antwort füh⸗ lend, hinzuſetzte:„ſo treu, als Sie einem Vorſatze bleiben können, den Sie ſo feſt und unausgeſetzt verfolgen— wie den Ruin Ihres Vetters.“ „Sie ſind ein ſcharfer Beobachter.“ „Es liegt in meinem Intereſſe, dieß zu ſein.“ „Das genügt,“ ſprach Ulic;„wir verſtehen ein⸗ ander. 39 kann mich auf Sie verlaſſen.“ Ein eigenthümliches Lächeln zuckte über Jor⸗ e wettergebräuntes Geſicht, als er ſich verab⸗ iedete. Der Polizeiminiſter fühlte ſich etwas unbehag⸗ lich, als er ſich am Thore des Kloſters der Car⸗ meliterinnen in St. Denis einfand. Die Pfört⸗ nerin ſtieß einen Ausruf frommen Abſchenes aus, als ſie ihn erkannte, machte ein Zeichen des Kreu⸗ zes und hätte, obgleich ſeine Ankunft erwartet war, 135 bald die Thore ihm vor der Naſe wieder zuge⸗ ſchloſſen. Der Hofüng, nahm ihre Aufnahme mit dem Lächeln kalter erachtung auf. Er war in der Lage, den Unwillen einer einfachen Laienſchweſter mit Gleichgültigkeit ertragen zu können. Auf ſeinem Wege nach dem Kloſter hatte er hinreichende Muße gefunden, den Plan ſeines Ver⸗ halen genau zu überlegen, der dahin auslief, cheinbar einen großen Eifer an den Tag zu legen, aber nichts zu entdecken, was Madame du Barry auf irgend eine Weiſe compromittiren könnte, de⸗ ren Einfluß, wie kurz er auch noch dauern mochte, ſ den Augenblick wenigſtens über den bethörten onarchen noch ſehr überwiegend war. Auf dieſe Weiſe hoffte er ſich eben ſo wohl die gute Mei⸗ nung des Dauphins, als der Favoritin, zu er⸗ halten. Unglücklicher Weiſe für die Berechnung des Herrn v. Sartines fand er aber die jetzt wieder in Freiheit geſetzten Gefangenen nur zu genau von dem Antheil unterrichtet, den er an der gewiſſen⸗ loſen Intrigne genommen, die eine weibliche Rache ausgeſonnen hatte; und anſtatt um Belehrung be⸗ fragt zu werden, ertheilte ihm Pater Karoolan, der ihn empfing, ſeine Inſtruktion. Dieſe ging dahin, ſich ein ſchriftliches Geſtänd⸗ niß von dem Maler Le Noitre und den Hofjuwe⸗ lieren Guyon und Lebon in Betreff der Mittel zu verſchaffen, durch welche das Miniaturbild copirt und die Juwelen nachgeahmt worden waren. Dieß 136 war alles, was Madame Louiſe und deren Freun⸗ din verlangte. „Ich begreife Ihre Verlegenheit, mein Herr,“ ſprach der treffliche Prieſter in ſtrengem Tone, über den unwürdigen Antheil, den Sie an dieſem Handel gehabt haben. Auf weſſen Inſtructionen Sie gehandelt haben, iſt nicht mein Geſchäft, Sie zu befragen, auch wird ohne Noth Ihr Name nicht genannt werden; aber die Rechtfertigung der Ge⸗ Fihſ des Capitän Redmond muß ganz vollſtän⸗ ig ſein.“ ſce es nicht beſſer,“ meinte der Miniſter verlegen,„die ganze Geſchichte der Vergeſſenheit anheim fallen zu laſſen? Gewichtigere Namen, als der meinige, könnten dabei bloßgeſtellt werden,“ ſetzte er bedeutungsvoll dazu;„und ich glaube jede Auszeichnung dem Manne verſprechen zu dürfen, durch deſſen Beihilfe es gelingen ſollte, dieſe un⸗ glückliche Geſchichte zu vertuſchen.“ „Sie vergeſſen,“ bemerkte der bejahrte Freund Ellen's,„daß es ein Tribunal gibt, das keine Täu⸗ ſchung blenden kann.“ Der Miniſter ſchien das, was damit geſagt werden ſollte, durchaus nicht zu verſtehen, bis der Pater nach dem Himmel deutete, was ein leichtes Erröthen auf dem finſtern Geſichte des Hofmanns zur Folge hatte. Herr v. Sartines hatte an einen ganz andern Gerichtshof gedacht. Vergebens brachte er alles vor, was ſeine lan⸗ en Erfahrungen, durch welche er den ſchlimmſten Theil der menſchlichen Natur kennen zu lernen Gelegenheit gefunden, ihm eingaben; aber weder 137 Verſprechungen noch Drohungen vermochten den Entſchluß des Pater Karoolan zu erſchüttern, die Mittel zu veröffentlichen, welche das häusliche Glück ſeiner jungen Landsmännin zerſtört hatten. „Ihre Anerbietungen ſind alle vergeblich,“ ant⸗ worlete er.„Es liegt nicht mehr in meiner Macht, mich darauf ſelbſt wenn ich dieß Wil⸗ lens wäre. Madame Louiſe, der engliſche Geſandte und die Tante der ermordeten jungen Frau befin⸗ den ſich im Beſitz einer ſchriftlichen Angabe des Thatbeſtandes.“ Der würdige Mann kannte zu genau den Cha⸗ rakter der Perſon, mit der er zu thun hatte, und daher vermied er weislich jede Anſpielung auf die materiellen Beweiſe, in deren Beſitz er ſich befand. Mehr als einmal war der Polizeiminiſter nahe daran, ihm Trotz zu bieten; aber die Prophezeihung Caglioſtro's und la Martinidre's Ausſpruch fielen ihm immer ſogleich wieder ein und hielten ſeine Zunge im Zaum; deßhalb begnügte er ſich mit der Verabredung, daß ſein Antheil an dem ſchmäh⸗ lichen Complot vor Redmond geheim gehalten wer⸗ den ſolle, und verabſchiedete ſich mit dem Ver⸗ ſprechen, die Geſtändniſſe ſeiner Verbündeten inner⸗ halb drei Tagen zu liefern. Dieſe Zeit war nahezu abgelaufen und Herr v. Sartines war noch immer ſchwankend und un⸗ gewiß über das, was er thun ſolle, indem er zu⸗ vor noch den Bericht ſeiner Agenten in Verſailles abwarten wollte. Dieſer lief endlich ein. Ludwig XV. war gefährlich krank geworden und der Leib⸗ 138 arzt hatte entſchieden darauf gedrungen, daß er fi Trianon nach dem Srloß gebracht werden olle Mit einem Seufzer übergab Sartines das Paket, welches die Documente enthielt, einem Beamten, mit dem Befehle, nach dem Carmeliterinnenkloſter ſich zu begeben und daſſelbe dem irländiſchen Prie⸗ ſter, Pater Karoolan, einzuhändigen. Ma foil“ murmelte er.„Ich habe mein Mög⸗ lichſtes gethan. Der Stern der Madame du Barr iſt nahezu am Untergehen. Der des Dauphins i im Uufſeigen begriffen. Es geziemt ſich nicht für einen Polizeiminiſter, den künftigen König von Frankreich zu beleidigen.“ In der unumſtößlichen Ueberzeugung von der ihm angethanen Schmach fand ſich Redmond OReil zu der ihm von dem Pater Karoolan beſtimmten„ Stunde im Carmeliterinnenkloſter ein. Sein alter Freund empfing ihn mit einer gefühlvollen Theil⸗ nahme, welche das Herz des Offiziers rührte. „Nehmen Sie Ihre ganze Kraft zuſammen,“ ſprach er;„Sie bedürfen den ganzen Vorrath Ih⸗ res Muthes, um eine Prüfung beſtehen zu können, mit der man Sie nicht verſchonen kann.“ Ellen's Gemahl lächelte ungläubig. Er hatte die Beweiſe ſeiner Sinne zu Zeugen der Untreue ſeiner Gattin, und deßhalb konnten Worte, wie beredt, wie überzengend und ſchlagend ſie auch ſein mochten, ſeinen Glauben nicht erſchüttern. Als Redmond in das Gemach der Madame Louiſe kam, fand er, außer der königlichen Nonne, die Oberin der Carmeliterinnen, Miß Macnamara 139 und die treue Katty. Die Letztere ſah ihn mit einem Blicke an, in welchem Mitleid und Entrü⸗ ſtung um die Oberhand ſtritten. „Ich bin eine alte Frau, Capitän O'Neil,“ ſagte Ellen's Tante;„und heute iſt es höchſt wahr⸗ einlich das letzte Mal, daß wir uns ſehen. will Sie daher mit Vorwürfen verſchonen; ſie wä⸗ ren doch nutzlos— Ihr eigenes Herz wird Ihnen bald weit ſchwerere machen als meine ſchwache Zunge es vermöchte. Sie können ſich vorſtellen,“ ſr ſie fort,„daß kein Beweggrund geringfügiger rt in meinem Alter aus Irland mich ieher führte; aber die Liebe und das Vertrauen in die Ehren⸗ haftigkeit meines armen gemordeten Kindes hielt mich aufrecht. Ich kam, um deſſen Ruf wieder herzuſtellen.“ Redmond wandte ſich ungeduldig ab. „Und dieß iſt mir gelungen,“ fügte die Dame betonend bei,„ſo vollſtändig, daß die Un⸗ gläubigkeit ſelbſt nicht länger mehr zweifeln kann. Menſch— Menſch!“ rief ſie, ihrem Schmerzensge⸗ fühle Luft machend, aus,„wie wenig waren Sie des Herzens, das Sie gebrochen haben, werth!“ „Ich begreife Ihre Gefühle, Miß Macnamara,“ verſetzte Redmond barſch;„ſie machen Ihrem Cha⸗ rakter alle Ehre. Wie peinlich aber auch der Ge⸗ für uns beide ſein muß, ſo bin ich doch ereit, Ihnen zu beweiſen, wie wenig die Leiden⸗ ſchaft mich in meinem Verfahren gegen meine— unglückliche Gattin leitete. Ich handelte nach Be⸗ weiſen— nach ſo poſitiven Beweiſen, daß nichts vom Gegentheile mich zu überzeugen vermag.“ — 140 „Auch dieß nicht?“ ſagte Ellen's Tante, in⸗ dem ſie aus dem Käſtchen das Bracelet und den Ring herausnahm, welches Pater Karvolan an dem Orte ausgegraben hatte, wo Lucille Chomont es und die Gegenſtände ihm vor Au⸗ en hielt. „Oder dieß?“ rief Katty aus, indem ſie den Mantel hervorzog.„Thor, wohl mögen Sie, wie vom Donner gerührt, daſtehen; der Blitz hat aber für jetzt nur die Rinde des harten Stammes auf⸗ eritzt.“ 6„Woher haben Sie dieſe Geßenſtände?“ fragte Redmond;„ſie gehören Elben— es ſind dieſelben, welche ſie an jenem verhängnißvollen Tage trug.“ „Ellen hat ſie niemals geſehen,“ unterbrach ihn Miß Macnamara;„ihre Kammerjungfer hat ſie getragen, welche Ulic Blake auf Anſtiften der Madame du Barry beſtochen hat, ihre Perſon vor⸗ zuſtellen; die Juwelen wurden nachgemacht; der Ring an ihrer Hand modellirt, während ſie von ihren Feinden einen Schlaftrunk erhalten hatte. Sie war die Treue ſelbſt,“ fuhr die alte Frau fort,„und Sie, Redmond ONeil,— Sie ſind ihr Mörder.“ Wie vom Blitze getroffen, fiel der unglückliche Mann beſinnungslos zu Boden. 141 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Als Redmond O'Neil von dem Schlage, den die Entdeckung des Schelmenſtücks ſeines Vetters und der Madame du Barry ihm verurſachte, ſich wieder erholt hatte, war er ein alter Mann ge⸗ worden— alt von Herzen, nicht an Tagen; ſeine Lebensblüthe war abgeſtreift; einige wenige Minu⸗ ten hatten das Werk von Jahren gethan; jede Muskel ſeines ausdrucksvollen Geſichtes ſchien ſtarr wie Eiſen, kalt wie die Maske des Todes br zu ſein. Selbſt die Tante und Ellen's ilchſchweſter bemitleideten ihn; ſo hoſfnungslos war ſein Elend, als er vor ihnen ſtand, ein ſtatt⸗ licher, vom Blitz geſpaltener Baum, an welchem Aeſte und Zweige, ſo eben noch voll innerer Le⸗ benskraft, derſengt und verdorrt, das Bild eines verſchwundenen Glückes, herabhingen. „Miß Macnamara,“ ſprach er mit Entſetzen erregender Ruhe,„ich vermag dem Andenken des ſo ſchändlich mißhandelten Engels keine Thränen zu weihen, denn des Schmerzens Quellen ſind in mir verſiegt; aber ich kann Ihnen Wiedervergel⸗ tung verſprechen— Ellen's Blut ſoll durch Tod gerächt werden— durch das Herzblut ihres Ver⸗ derbers! Es iſt dieß ein Gelübde,“ ſetzte er feier⸗ lich hinzu.„Bei dem, deſſen Namen die Sterne preiſen— deſſen Macht des Donners Stimme, ſo wie des Windes Brauſen verkündigen— ver⸗ pfände ich mein Leben, daß ich mein Verſprechen halten werde: eine Rache, eben ſo nachſichtslos, als 142 die Bosheit von Ellen's Feinden— ſo unbarmherzig, als deren Thaten— ſo mitleidslos, als deren Na⸗ tur. Ich bitte nicht um Ihre Vergebung. Sie müſſen den leichtgläubigen Thoren verfluchen und deſſen Liebe ſo plump getäuſcht werden onnte.“ „Ich bemitleide Sie,“ ſagte die alte Dame unter Schluchzen.„Der Jammer um mein ver⸗ lornes Kind hat mich nicht ſo ungerecht gemacht, o ich nicht Mitleid mit Ihrem Schmerze fühlen ollte.“ „Ellen hat für Sie gebetet,“ rief Katty,„Sie mit ihrem letzten Athemzug geſegnet. Ein Engel mußte ihr geſagt haben, daß Sie vorübergehend der Vernunft beraubt ſeien; denn ſie wußte, daß die ſchwere Verläumdung vorübergehen und die Liebe, an der ſie nie zweifelte, ihr im kalten Grabe Gerechtigkeit widerfahren laſſen werde!“ Jedes Wort, welches das treue Geſchöpf ſprach, häufte feurige Kohlen auf Herz und Gehirn des unglücklichen Redmond, der ſich, von Gewiſſens⸗ biſſen faſt zu Boden gedrückt, wie ein Wurm krümmte. „Thor!— blödſinniger Thor!“ mummelte er „wie war es möglich, ihr in die ugen zu blicken und an der Reinheit ihrer Seele zu zweifeln, die aus denſelben ſprach! Wie konnte ich dem Zeugniß der Sinne gegen ihr Wort trauen, da nie zuvor eine Lüge ihre Lippen entweiht hatte! Und doch liebte ich ſe, ſetzte er mild hinzu— „verehrte ſie, wie nur ein Mann eine Frau zu verehren vermag; ſie war mein Licht, meine Welt, 143 mein gegenwärtiges Glück, meine zukünftige Hoff⸗ nung, meines Geiſtes füßeſte Gefährtin, die Quelle, aus der das Leben ſich erneuerte, aus der es jeine ganze Kraft ſchöpfte, und dennoch mordete ich ſie und zertrat, wie ein er Thor, die lieb⸗ lichſte Blume, die je des Para ieſes Garten ent⸗ ſproßte!“ „Die Blume Meinge bemerkte die treue Katty,„aber nicht die Knospe; Ihr Knabe iſt Ihnen erhalten, und das Herz fügte ſie bei, in⸗ dem zugleich ihre Augen mit Thränen ſich füllten, „iſt nie ganz verlaſſen, an welchem noch ein Kind mit Liebe hängt.“ Ohne Zweifel dachte ſie dabei an ihren kleinen Phelim. „Gewiß,“ ſtöhnte der unglückliche Mann,„ich bin Vater— aber einer, der nie eines Sohnes Gehorſam, Ehre oder Liebe beanſpruchen kann. Mag meine Seele von unausſprechlicher Zärtlich⸗ keit väterlicher Liebe überfließen, mein Herz nach einer Umarmung, meine Augen nach dem theuren Anblick von ihm ſich ſehnen, ſo wird doch nie deren heißer Wunſch erfüllt werden. Eine Schranke trennt uns, welche ein Verbrechen gezogen hat. Höre es nicht, Erde! Vergeßt es, ihr Himmel!“ ſetzte er, von Schmerz und Gewiſſensbiſſen über⸗ wältigt, hinzu.„Ich wollte den Knaben, Ellen's Kind, den Erſtgebornen meiner Liebe, den Nach⸗ kommen, den Gott mir egeben hat, tödten!“ „Er wird nie ſeines Vaters Wahnwitz von mir erfahren,“ bemerkte Miß Macnamara, tief er riffen von der Heftigkeit dieſer Selbſtvorwürfe„Buße—“ 144 „Buße!“ unterbrach ſie Redmond melancho⸗ liſch;„ja, dazu iſt es Zeit, wenn ich mich zuvor gerächt habe.“ Auf Hatty zutretend ergriff der ſtolze Abkömm⸗ ling der O'Neil's plötzlich deren Hand und führte ſie an ſeine Lippen.„Segne Sie Gott,“ ſprach er,„für Ihre Treue gegen die Todte, für Ihre Wachſamkeit für den Lebenden. Sie glaubten, als ich zweifelte— vertheidigten, als ich anklagte— erhielten, als ich vernichten wollte. Mag Ihr treues, liebevolles Herz nie das Elend kennen ler⸗ nen, welches das meinige gebrochen hat.“ Mit dieſen Worten nahm er den Ring und das Bracelet, die Beweiſe der Unſchuld ſeiner Frau und der Schändlichkeit ihrer Feinde vom Tiſche, verbeugte ſich gegen Madame Louiſe und die Oberin der Carmeliterinnen und verließ das Kloſter. „Getroffen!“ murmelte die königliche Nonne, deren weibliche Gefühle in hohem Grade dabei be⸗ theiligt waren.„Das Eiſen iſt bis in das innerſte ark ſeines Lebens gedrungen.“ „Und wird dort ſchwärend ſitzen bleiben,“ be⸗ merkte die Aebtiſſin. „Wie wenig kennen Sie den Mann oder das Geſchlecht, von dem er abſtammt,“ bemerkte Miß Macnamara.„So lange noch ein einziger Menſch exiſtirt, der Antheil an der ſchändlichen Verſchwö⸗ rung gegen ſeine Gattin atte, wird Redmond nicht ruhen. Es mögen Jahre darüber hingehen, aber man wird ihn ſtets wachſam finden, wie die Eiferſucht, ausdauernd wie der Glaube, geduldig 14⁵ wie der Haß, bis er ſeine Rache geſättigt hat— Niemand wird ihm entgehen— weder Thron noch Altar können die Schuldigen vor der rothen Hand O'Neil's ſchützen.“ „Sie zeichnen hier einen fürchterlichen Cha⸗ rakter,“ ſagte die Prinzeſſin ſchaudernd. „Er iſt das, wozu ſein Unrecht ihn gemacht hat,“ fuhr die alte Frau fort.„Ich erinnere mich ſeiner wohl noch als ſchön gelockter Knabe, offen wie der Tag, und fanft wie ein Mädchen gegen diejenigen, die ihn liebten, aber unbändig und un⸗ nachſichtlich gegen alle, die ihm Unrecht zufügten. Gleich den meiſten ſeiner Landsleute liebt er innig, haßt aber eben ſo ſehr, wie er lieben kann. kann füglich die Beſtrafung der Verläumder Ellen's ganz allein ihrem Gatten überlaſſen. Es ſieht ihm n gleich, daß er ſie vergißt oder ihnen vergibt.“ hnen vergibt!“ wiederholte Katty.„Wenn er dieß thäte, ſo würde ich ſeinen Knaben an ſei⸗ ner Mutter Grab führen und ihn erſuchen, auf den Namen zu verzichten, den er trägt. Der Him⸗ mel mag Ellen's Feinden verzeihen,“ ſetzte ſie hinzu,„aber nie können es diejenigen, die ſie kann⸗ ten und liebten.“ Als Redmond über den Hof des Kloſters ging, begegnete er dem Pater Karoolan, der beſorgt den Ausgang der Unterredung in dem Appartement der Madame Louiſe abgewartet hatte. Er kannte den leidenſchaftlichen, für jeden äußern Eindruck ſo leicht empfänglichen Charakter ſines Smith, Sein u. Schein. M. 146 Zöglings und deßhalb war ihm wegen des Re⸗ ſultats bange. Als Redmond den würdigen Prieſter erblickte, drückte er ihm ſchweigend die dargereichte Hand. Er erinnerte ſich des Leerchuterſchen Vertrauens des alten Mannes in die Reinheit ſeiner mißhan⸗ delten Frau und dieſe Erinnerung war ein Vor⸗ wurf für ſein zerknirſchtes Herz. Ein Anderer hatte vertraut, wo er gezweifelt hatte. „Fluchen Sie mir!“ ſprach er.„Mein Wahn⸗ ſinn hat ſie getödtet.“ „Meine Pflicht verlangt, meine Mitmenſchen zu ſegnen, nicht ihnen zu fluchen,“ erwiderte der Geiſt⸗ iche mild.„Mitleid verdient ſelbſt der Verbrecher, wie viel mehr alſo der Irrende und Unglückliche! Sie wurden auf eine entſetzliche Weiſe in Ver⸗ ſuchung geführt; die Falle war ſehr ſchlau an⸗ gelegt.“ „Sie war aber greifbar, Vater,“ rief Redmond bitter aus—„leicht greifbar! Ein Kind, ein Ge⸗ öpf, das nur ſeinem Inſtinkte folgt, hätte die aſchen des Netzes entdecken können, in welchem ich blind mein Herz und meine Vernunft fangen ließ. Hätte ich Ellen mit jener Treue und wahren Liebe geliebt— mit jener Liebe, wie es ihre Tu⸗ genden verdienten, ſo hätte ich mich nicht, wie ein eiferſüchtiger Thor, durch die armſeligſten Kunſt⸗ griffe blenden laſſen. Der Gatte von Ellen St. Clair,“ fuhr er fort,„hätte ſich lieber ſeine Augen als falſche Zeugen ausreißen ſollen, wenn dieſe ſie anklagten, als daß er gegen ſeine Ueberzeugung an deren Wahrhaftigkeit glaubte.“ 147 „Ihr guter Name iſt gerechtfertigt,“ bemerkte Kardolan;„laſſen Sie uns dafür dem Himmel danken!“ „Sie muß gerächtw erden,“ ſagte der reue⸗ volle Mann ſinſter—„ſie muß erächt werden, wenn ich nicht zur Zielſcheibe des ohns jedes er⸗ bärmlichen Wichts— mir ſelbſt zur Verachtung mein Leben hinſchleppen ſoll.“ „Vergeſſen Sie nicht, daß Ulic Ihr Vetter iſt, daß daſſelbe Blut in ſeinen Adern rinnt.“ „Er hat alle zwiſchen uns beſtehenden Bande zerriſſen,“ unterbrach ihn der mißhandelte Gatte ungeduldig;„und hätte er ſelbſt ſeine Lebenskraft aus derſelben Quelle geſogen, wie ich, ſo würde ihn dieß vor meinem Degen nicht ſchützen. Leben Sie wohl! Eine Stimme, die Sie nicht hören können, treibt mich zu dem Werke der Wiederver⸗ geltung; Augen, die Sie nicht ſe können, blicken vorwurfsvoll auf mein Zögern herab. Ulic iſt in Paris, und ich ſtehe hier und plaudere, während Thaten und nicht Worte ihm auf ſein Verbrechen die Antwort ertheilen ſollten.“ 5 Ohne eine Erwiderung obzuwarten eilte Red⸗ mond durch den Hof des Kloſters, beſtieg ſein Pferd, welches ſeine Ordonnanz vor deſſen Thor ihm hielt, jagte ſpornſtreichs durch die Straßen von St. Denis und ſchlug von da die Straße nach Paris ein. Pater Karoolan war aber nicht der einzige Menſch geweſen, der die Drohungen Redmond OReil's vernommen hatte; Jorrocks, der durch Beſtechung des Gärtners des Kloſters Einlaß in 10 148 die Mauern deſſelben erlangt, hatte Alles mitan⸗ gehört. Dieſer kroch jetzt aus ſeinem Verſtecke hervor und machte ſich ſogleich auf nach Verſailles, um ſeinem Patron Bericht zu erſtatten. Der Schleichhändler wußte genauer, wo Ulic Blake ſich befand als deſſen unglücklicher Vetter. Die Unruhe, die unbeſtimmte Furcht, welche, leich einem Schatten, dem Verbrecher auf dem Buſ⸗ folgt, macht nicht den kleinſten Theil von deſſen Strafe aus. Kaum iſt eine böſe That vollbracht, ſo ſcheint auch der Gedanke an die Entdeckung derſelben, gleich dem Schwerte des Damokles, an einem ein⸗ zigen Haar über dem Haupte des Thäters zu u hängen. So ging es Ulic. Von dem Augen⸗ licke an, in welchem er die Freilaſſung der Ge⸗ fangenen aus der Baſtille vernommen, hatte ſich ſeine Beängſtigung verdoppelt. Die Furcht vor Entdeckung und Schande quälte ihn unausgeſetzt und er zitterte bei dem Gedanken an Redmond's Rache. r war zwar durchaus kein Feigling, denn ſein Vetter war der einzige Mann, den er fürchtete, aber das Bewußtſein der Schuld war es, das ihm ſeine Energie raubte. Das Prückende ſeiner Lage wurde durch den Zuſtand Ludwig's XV. noch vermehrt, welcher täg⸗ lich beunruhigender wurde. La Martinidre hatte ſich entſchieden ausgeſprochen, daß ſeine Majeſtät von den Blattern befallen ſei— eine Krankheit, die man damals noch gar nicht recht kannte und auf die unzweckmäßigſte Art behandelte. Die Aerzte 149 hielten ihre Patienten feſt in dumpfen Zimmern ver⸗ ſchloſſen, und kaum wenige Jahre zuvor war ein deutſcher Fürſt, den man in vierundzwanzig Ellen ſcharlachrothes Tuch eingewickelt, welches ein Quack⸗ ſalber als unfehlbares Mittel verordnet hatte, ge⸗ radezu erſtickt worden. Für jetzt wußte Ludwig noch nicht, in welch' Zuſtand er ſich befand. Madame du arry und ſeine Hoflehte hatten ihm weiß gemacht, daß die brennenden Blaſen nichts weiter als ein Hautausſchlag ſeien, der bald wieder vergehen werde, und Niemand hatte den moraliſchen Muth, dieſer Behauptung zu widerſprechen. Ulic hatte eine ſchlafloſe Nacht hingebracht und den Palaſt in früher Stunde in der trügeriſchen Hoffnung verlaſſen, daß die friſche Morgenluft ſein brennendes Gehirn abkühlen würde. Er war aber noch nicht weiter als bis an die königlichen Ställe gekommen, als er ſeinen Sendling mit verhängten Zügeln auf der Straße von Paris einherſprengen ſah. Das Herz des Verräthers pochte mächtig; er errieth, was vorgefallen ſei, und ſeine Wangen waren noch ganz bleich vor Angſt, als Jorrocks neben ihm ſein Pferd parirte. „Es iſt entdeckt!“ ſprach er, eine Ruhe affec⸗ tirend, die entfernt nicht in ihm wohnute. „Alles,“ verſetzte ſein Werkzeug.„Durch Be⸗ ſtechung des Gärtners des Kloſters erhielt ich Zu⸗ tritt in daſſelbe und nahm meinen Standpunkt in dem Hofe, hart unter der Fenſterzelle der Ma⸗ dame Louiſe.“ 15⁰ „Erlaſſen Sie mir die Einzelnheiten,“ unter⸗ brach ihn ſein Herr finſter. „Wie's beliebt,“ ſagte der Schleichhändler in einem Tone der Vertraulichkeit, gegen welche unter andern Umſtänden der Stolz des ſrudigen Mannes ſich aufgelehnt hätte.„Ich hörte Alles, was vor⸗ ging: das Bracelet und der Ring, die ſo geſchickt nachgemacht worden ſind, wurden produzirt. Der Capitän weiß genau, was er ſeinem Vetter und der Madame du Barry ſchuldet. Glücklicher Weiſe glaubte er, Sie befinden ſich noch in Paris, fuhr der Menſch fort,„und iſt dahin gegangen, um ſie dort aufzuſuchen. Ich machte mich mit meiner Nachricht ſogleich hieher auf den Weg.“ „Hätten Sie ihm lieber eine Kugel nachgeſchickt,“ murmelte Ulic zwiſchen den Zähnen. „Ich hatte keinen Befehl, dieß zu thun,“ ent⸗ gegnete Jorrocks gleichgültig.„Uebrigens muß ich offen geſtehen, daß ich nicht gerade darnach geize, mit Redmond zuſammenzutreffen. Ich gäbe nicht viel,“ ſetzte er mit ſtarker Betonung ſeiner Worte hinzu,„um das Leben des Mannes, der ihn fehlen würde.“ „Sie halten ihn alſo für gefährlich?“ „Sie wiſſen, daß er gefährlich iſt,“ erwiderte der Mann,„und weil Sie es wiſſen, ſo haben Sie wohl auch ohne Zweifel Ihre Vorſichtsmaßregeln ergriffen; wenn nicht, ſo iſt's die höchſte Zeit, daß Sie es thun.“ Ulie Blake war ebenfalls dieſer Anſicht; denn noch vor Ablauf einer Stunde, nachdem er dieſe Nachricht erhalten, hatte er eine lange Unterredung 15¹ mit der königlichen Favoritin, welche ſogleich nach dem Capitän der Schweizergarde ſchickte und dieſem den gemeſſenſten Befehl ertheilte, Redmond O Neil unter keiner Bedingung in das Innere des Schloſſes dringen zu laſſen. Nachdem dieß geſchehen war, ſchickte ſich die ſchlaue Frau zu der letzten Unter⸗ redung an, die ſie in dieſem Leben mit ihrem könig⸗ lichen Liebhaber haben ſollte, welchen La Martiniere an demſelben Morgen von dem wahren Stande ſeiner Krankheit in Kenntniß geſetzt hatte. Sein Patient hatte dieſe Nachricht als ſein To⸗ desurtheil aufgenommen. Ludwig XV. hatte, wie ſein königlicher Groß⸗ vater, eine kindiſche Angſt vor dem Sterben. Einer der Gründe, weßhalb der Letztere St. Germain verlaſſen und das prächtige Schloß von Verſailles gebaut hatte, war der geweſen, daß er nicht mehr von ſeinen Zimmern aus die Thürme von St. Denis, den Begräbnißplatz ſeiner Vorfahren, ſehen müſſe. Keiner von dieſen beiden Monarchen dachte entfernt daran, wie bald ihre Gräber von den rauhen Händen eines unterdrückten, zum Unwillen entflammten Volkes entweiht werden würden. Diejenigen unter unſern Leſern, welche Verſailles beſucht haben, müſſen ſich nothwendig des pracht⸗ vollen Schlafzimmers des Königs erinnern, das an das Oeil⸗de⸗Boeuf ſtößt, ſo genannt nach einem eigenthümlich geformten Fenſter, durch welches das Gemach Licht erhält, in welchem die Miniſter und Hofleute in den Tagen des Bourboniſchen König⸗ thums jeden Morgen ſich zu verſammeln pflegten, um dort das Lever ihres Souverains zu erwarten. 152 Das Bett mit ſeinen von golddurch⸗ wirktem Zeuge und für den„Großen Monarchen“ von den Händen der Fräuleins von St. Cyr geſtickt, iſt von einer reich geſchnitzten Baluſtrade umgeben, innerhalb welcher ſich auch ein Betpult befindet, von eigenthümlicher Conſtruktion, mit geheimen Schubladen zur Aufbewahrung von Papieren und einem Fußgeſtelle, auf welchem die Krone Karls des Großen, ſowie Scepter und Hand der Gerech⸗ tigkeit angebracht ſind. Die urſprünglichen Zeichen königlicher Würde, welche während der Revolution zerſtört worden waren, wurden von Louis Philipp durch nachge⸗ ahmte, die paſſenden Sinnbilder ſeines eigenen Königthums, erſetzt. Auf dieſem Bett lag— wir können nicht wohl ſagen: ruhte— die Eckel erregende Geſtalt des Königs, deſſen einſt ſchönes Geſicht aufgeſchwollen und durch die Krankheit von Flecken entſtellt war, deren gräßliches Gift ſein Fleiſch zerfraß und das Blut in ſeinen Adern in Eiterung verſetzte. Nie machte wohl ein Monarch einen erbarmungswürdi⸗ geren Verſuch, ſein Verhängniß mit Würde zu er⸗ tragen. Seitdem La Markinière ihm den Namen ſeiner Krankheit genannt hatte, hatte ein wahres Entſetzen ſich ſeiner Seele bemächtigt, und Jedem, der in ſein Gemach trat, rief er in kläglichem Tone zu— „Ich bin von den Pocken angeſteckt!“ Der Ferzie von Frankreich, Far v. Maupeou, der auf Befehl Ludwig's das alte Parlament unter⸗ drückt und an deſſen Stelle ein anderes geſetzt hatte, 153 das ſpäter ſeinen Namen trug, verbeugte ſich mit der gewohnten wichtigen Miene, als Ludwig ihn von dieſem wichtigen Umſtand in Kenntniß ſ Es war dieß eine Staatsangelegenheit. „In dieſem Falle, Sire,“ erwiderte dieſer Groß⸗ würdenträger der Krone,„muß Seine königliche Hoheit, der Dauphin, abgehalten werden, ſeinem natürlichen Gefühl der Liebe zu folgen, die er Eurer Majeſtät ſchuldet, und es iſt vlnelhen der Zutritt in dieſes Gemach zu unterſagen.“ Der König wimmerte; es war dieß ein indirekter Weg, ihn an ſeinen Nachfolger zu erinnern. „Ich werde die allerhöchſten Befehle Seiner königlichen Hoheit mittheilen,“ fuhr der Kanzler fort. „Sie glauben alſo, daß Gefahr vorhanden iſt?“ fragte der König. „Nicht die geringſte, Sire; aber ſo ſchreibt es die Etiquette bei derartigen Veranlaſſungen vor.“ Der Herzog von Villeron und die übrigen Hof⸗ cavaliere, die ſo entfernt, als der Anſtand es ge⸗ ſtattete, vom Bett ſich aufgeſtellt hatten, um der Ausdünſtung von dort zu entgehen, wiederholten in einſtimmigem Chorus die Verſicherung, daß nicht die geringſte Gefahr vorhanden, und daß die Vor⸗ ſicht eine reine Maßrec el der Etiquette ſei. Und Etiquette hatte ſtets in Verſailles in ſtrengſter Weiſe vorgeherrſcht. Der laſterhafte Monarch fand in ſeinem ſchmerz⸗ lich leidenden Zuſtand einen Troſt, den er übrigens wenig verdient hatte— in der kindlichen Liebe ſeiner Töchter, der Mesdames Victoire und Sophie, welche ihn bis zum letzten Augenblicke pflegten und bei ihm 154 wachten; aber ſelbſt dieſen wurde bedeutet, das Zimmer zu verlaſſen, als Madame du Barry er⸗ ſchien, um deren Vater den letzten Beſuch abzu⸗ ſtatten. „Ich habe die Menſchenpocken, ma pelle,“ ſagte Ludwig in einem weinerlichen Tone, ſobald er mit ihr allein war. „Man hat Sie getäuſcht, Sire!“ rief die Fa⸗ voritin erzürnt, daß Jemand es gewagt hatte, ihren Befehlen zuwider, den König mit dem ern⸗ ſten Stande ſeiner Krankheit bekannt zu machen; denn ſie verhehlte ſich nicht, daß, ſobald ihr könig⸗ licher Liebhaber ſich entſchloſſen haben würde, nach den Tröſtungen der Kirche zu verlangen, die erſte Folge davon wäre, daß ſie Verſailles verlaſſen müſſe. „Nein, nein,“ murmelte der Kranke,„Ihre Liebe für mich iſt es, die Sie täuſcht. La Mar⸗ tinidre hat ſich ausgeſprochen.“ „Er kann ſich geirrt haben, Sire.“ „Der Kanzler hat es auf ſich genommen, dem Dauphin den Zutritt in mein Gemach zu verbie⸗ ten,“ ſetzte der König bitter hinzu.„Ich weiß, was dieß zu bedeuten hat.“ Thränen der Wuth fielen aus den blitzenden Augen der Maitreſſe, welche der ſchwache Mann für Zeichen ihrer Liebe hielt, und in ſeiner egoiſti⸗ ſchen Ueberzeugung fühlte er ſich dadurch gerührt. „Hören Sie mich an, ma pelle,“ fuhr er fort. „Ich hätte gern den Händen meines Nachfolgers einen Brief übergeben, den ich geſchrieben habe, in welchem ich Sie ſeinem Schutze empfehle; dieß kann aber unter den jetzigen Umſtänden nicht ge⸗ 15⁵ ſchehen. Ludwig iſt ſanft und gutmüthig von Na⸗ tur, weder rachſüchtig, noch ehrgeizig, und wird die letzte Bitte ſeines Großvaters nicht abſchlagen, deſſen Tod ihn in den Beſitz der ſtolzeſten Krone Europa's ſetzt, obgleich ich fürchte, daß er ſie mit Dornen beſpickt finden wird.“ „Sprechen Sie nicht vom Sterben,“ ſchluchzte die Favoritin; nach einer Pauſe aber fügte ſie bei: „Und der Brief, Sire 2 Der König dentete auf den Schrank, in wel⸗ chem er ſeine geheimſten Papiere aufzubewahren ſehte, und theilte dem ſchlauen Weibe mit, wie e ie geheime Feder, welche dieſen verſchloß, öff⸗ nen ſolle. Madame du Barry ſtand von dem vergoldeten Stuhle an der Seite des Bettes, halb ohnmächtig von der fürchterlichen Ausdünſtung, die ſie einge⸗ athmet hatte, auf und begab ſich an den Schrank, den ſie der erhaltenen Anleitung gemäß öffnete. „Dort, das erſte Papier, das erſte,“ wieder⸗ holte Ludwig, deſſen Schmerzen zu groß waren, als daß er auf die Seite ſich hätte wenden und ihr nachblicken können. Unter dem Briefe befand ſich ein kleines Pa⸗ ket, auf welchem von der Hand des Monarchen geſchrieben ſtand:„Nur von meinem Nachfolger zu eröffnen.“ Dasſelbe ſich ni und in ihrem Buſen verbergen, war der Impuls und die Hand⸗ lung eines Augenblicks. „Haben Sie es gefunden?“ fragte der König ungeduldig.„Ja, das iſt das rechte,“ ſetzte er mit einem Blick auf die Ueberſchrift hinzu.„Und nun, 156 leben Sie wohl! Vielleicht nur für einige Zeit— vielleicht für immer; einen Kuß— den letzten— den letzten!“ Mit einem Muthe, den man unter andern Um⸗ ſtänden heroiſch hätte nennen können, wankte die Favoritin an das Bett und drückte ihre Lippen auf die von Blattern aufgeſchwollene Wange des Königs, worauf ſie raſch das Gemach verließ. Anſtatt der tiefen Unterwürfigkeit und des Re⸗ ſpekts, mit welchem ſie bis jetzt, wo ſie erſchien, begrüßt worden war, blickten ſie die Hofleute im Oeil⸗de⸗Boeuf mit kalter Gleichgültigkeit oder im glücklichſten Falle mit Neugierde an. Die Prin⸗ itie Victoire und Sophie ſchauderten bei ihrer nnäherung wie vor der Peſt zurück. Sie ſah nur zu deutlich, daß es mit ihrer Herrſchaft zu Ende war. „Madame du Barry,“ ſagte der Herzoß von Aiguillon,„in drei Stunden wird der Erzbiſchof von Paris in Verſailles eintreffen.“ Dieſe Mittheilung hieß ſo viel, wie ein Be⸗ fehl, ſich zu ihrer Abreiſe anzuſchicken. „Ich werde mich ſogleich auf mein Schloß in Lucienne begeben.“ „Entſchuldigen Sie,“ fuhr der Herzeg fort, „aber meine Befehle lauten bündig. Ich ſoll Sie nach Ruel begleiten; es bleiben Ihnen drei Stun⸗ den zu Ihren Reiſeanſtalten.“ Ruel war nahe genug bei Verſailles, um die gefallene Favoritin in Stand zu ſetzen, jeden Au⸗ genblick Nachrichten zu erhalten, und ſie unterwarf Favoritin. Sie hatte die Gefahren nicht vergeſſen, 157 ſich ohne Murren einer Anordnung, welche alle Anweſenden als den erſten Schritt zum Wege nach der Baſtille betrachteten. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Der zugeſtandene Verzug ließ der Gräfin Zeit, das wichtige Paket zu unterſuchen, das ſie aus dem Schrank des ſterbenden Königs geſtohlen hatte. Es enthielt mehrere Briefe. Einer darunter war von dem Polizeiminiſter, in welchem dieſer Beamte einen höchſt ungünſtigen Bericht über die Geſpräche zwiſchen dem Dauphin und Marie Antoinette ab⸗ ſtattete und deſſen Großvater den Rath ertheilte, den Erſtern von jedem Antheile an den Staats⸗ angelegenheiten fern zu halten. Ein Lächeln— das erſte, das auf ihren Lip⸗ pen ſich zeigte, ſeit ſie den Befehl durch den Her⸗ zog von Aiguillon erhalten hatte— glitt für einen Augenblick über die Geſichtszüge der gefallenen die ihr von Seite Redmond O Neil's drohten. Der Brief brachte Herrn v. Sartines in ihre Gewalt und ſie beſchloß, dieſen Umſtand zu ihrer Sicherheit auszubeuten. Der ſchwarze Page Za⸗ mori wurde daher nach dem Miniſter geſchickt, der bald darauf ſich einfand, aber nicht mehr mit jener geſchmeidigen, kriechenden Miene, ſondern in küh⸗ ner und aufrechter Haltung; ja, es lag ſogar 158 etwas Gönnerhaftes in dem Tone, in welchem er die Gräfin anredete, das faſt zum Lachen heraus⸗ forderte. „Unſere Unterredung muß, zu meinem Bedauern, ſehr kurz ſein, Madame,“ bemerkte er;„die Staats⸗ geſchäfte laſſen mir nur wenig Zeit zu Beſuchen der Galanterie. Ueber das letzte Wort machte die Dame ihrem Unwillen in einem verächtlichen Lachen Luft. „Ich ſchickte nach Ihnen, um Ihnen meine Befehle kund zu geben,“ erwiderte ſie;„hier iſt ein jettre de cachei— ſehen Sie zu, daß er pünkt⸗ lich ausgeführt wird.“ Der Miniſter machte eine erſtaunte Miene und las mechaniſch den Namen, welchen die Gräfin hineingeſchrieben hatte. „Sie werden Herrn v. Launy die Weiſung er⸗ theilen, ihn in engen Gewahrſam zu bringen,“ fuhr ſie fort, win das tiefſte Gefängniß und mit der härteſten Behandlung.“ „Auf weſſen Befehl, Gräfin?“ „Sehen Sie denn nicht, daß er von dem Kö⸗ nig unterzeichnet iſt?“ „Ja, allerdings, von Ludwig XV.,“ bemerkte der Polizeiminiſter mit merklicher Betonung des letzten Wortes. „Gibt es denn außer dem noch einen Monar⸗ chen in Frankreich?“ rief die Dame ſtolz. „Noch nicht,“ lautete die bedeutungsvolle Er⸗ widerung. „Wäre er ſelbſt in St. Denis begraben, ſo 159 müßten Sie doch ſeinem Willen gehorchen,“ be⸗ merkte die Dame. Der Miniſter wiederholte das Wort„müſſen“ mit einiger Ungeduld. Madame du Barry trat an ihn heran und wie⸗ derholte ihm Wort für Wort den Inhalt des fa⸗ talen Berichts, der in ihre Hände gefallen war. Der Miniſter ſtand vernichtet da, denn dieß über⸗ traf ſelbſt ſeine Begriffe von der Schwäche des Königs, daß dieſer das Geheimniß der Auskund⸗ ſchaftung, das er ſo eiferſüchtig gegen ſeinen Nach⸗ folger angewendet, irgend einem lebenden Weſen anvertraut habe. „Der Brief,“ fuhr die liſtige Frau fort,„befin⸗ det ſich in meinem Gewahrſam. Wagen Sie es, mir ungehorſam zu ſein, ſo geht er den Augenblick, in welchem Ludwig XVI. in den Beſitz der Krone gelangt, in deſſen Hände über. Sie kennen den Preis Ihrer Sicherheit. Für Andere bin ich die gefallene Maitreſſe, die weggeſchickte Favoritin; für Sie aber,“ ſetzte ſie mit ſchterlicher Betonung hinzu,„bin ich die eiſerne Hand des Schickſals. Wenn Sie mich reizen, ſo fällt dieſelbe herab und zerſchmettert Sie. Der Dauphin könnte zwar die ſeiner Perſon zugefügte Beleidigung vergeſſen, aber niemals die Marie Antoinetten zugefügte Schmach.“ Herr v. Sartines 8 nicht mehr daran, preſ⸗ ſirt zu ſein oder im Tone eines Gönners zu ſprechen, ſondern es kehrte im Gegentheil ſeine anze frühere Unterwürfigkeit zurück, ſeitdem er ſe bewußt war, daß er ganz und gar von der Gräfin Gnade abhange. 160 Ich wurde von Ihnen mißverſtanden, Grä⸗ fin,“ ſtammelte er.„So lange mein königlicher Herr lebt, kenne ich keinen andern Willen als den ſeinigen, und dieſer wird bis zum letzten Augen⸗ blicke ſeines Daſeins ſeinem treueſt ergebenen Die⸗ ner ſtets heilig ſein.“ „Aber hernach?“ „Soll Ihr Wille denſelben erſetzen,“ vervoll⸗ ſtändigte der Miniſter in flüſterndem Tone.„Ich kenne die Gründe, weßhalb Sie die Verhaftung des Capitäns O Neil wünſchen.“ „Und ich die Gründe Ihres Gehorſams,“ be⸗ merkte die Dame kalt;„in dieſem Punkte verſtehen wir einander vollkommen— Sicherheit gegen Sicher⸗ heit— Geheimniß gegen Geheimniß.“ „Die Verhaftung ſoll vollzogen werden,“ ſagte der Polizeiminiſter.„Launay iſt mein naher Ver⸗ wandter, mein Fall würde den ſeinigen nach ſich iehen. Seien Sie überzeugt,“ fügte er bei,„daß innerhalb vierundzwanzig Stunden der Gegenſtand Ihrer Furcht in der unterſten Zelle der Baſtille ſitzen ſoll.“ Der Miniſter hatte ſich noch nicht lange ent⸗ fernt, als bereits der Herzog von Aiguillon er⸗ ſchien, um die Gräfin nach Ruel zu geleiten. Als er mit ihr die Treppe hinabſtieg, um zu dem Wagen zu gelangen, begegneten ſie der Marſchallin von Mirepoix, der theuren Freundin, Vertrauten und Rathgeberin der Gräfin. Anſtatt auch nur die leiſeſte Theilnahme an dem zertrümmerten Glück der Favoritin merken zu laſſen, blickte ſie die alte Kokette mit ſatyriſchem 161 Lächeln an; in der Bittereit ihres Herzens bildete ſie ſich ein, daß dieſe Beleidigung genüge, ſie für jahre⸗ lange Unterwürſigkeit und Schmeichelei zu rächen. Madame du Barry wandte ihren Kopf mit Un⸗ willen weg. „Adieu, ma belle!“ rief die Marſchallin mit verächtlichem Lächeln;„ſo endet die Regierung Un⸗ terrocks des Dritten.“ Wenige Minuten hernach hatte die Geliebte Ludwigs XV. Verſailles, den Schauplatz ihrer früheren Triumphe, für immer verlaſſen, von Nie⸗ mand bedauert, mit Ausnahme der Schmarotzer, welche ihre Laune, Verſchwendungsſucht und Thor⸗ heit fütterte. Ludwig XV. konnte ſich jetzt nicht länger mehr die fürchtertiche Wahrheit verbergen, daß ſein Scepter demnächſt in andere Hände übergehen werde, daß ſeine Stunden gezählt ſeien und daß der Richter aller Menſchen ihn gerufen habe, um vor ſei⸗ nem Stuhle zu erſcheinen und dort Rechenſchaft über das ihm anvertraut geweſene Königreich ab⸗ zulegen. Kein Wunder, daß ſein Herz von ent⸗ ſetzlicher Angſt gefoltert wurde, und jelbſt die Schmerzen ſeiner Krankheit, die bereits ſeinen Kör⸗ per in einen Zuſtand der Fäulniß verſetzt hatte, waren nicht heftiger, als die Seelenangſt, die ſein Gewiſſen folterte. Während der ausſchweifende WMonarch auf ſeinem Schmerzensbett lag, ein An⸗ blick des Entſetzens— welchem ſich zu nähern eckel⸗ haft, wenn nicht gar gefährlich war— murmelte er von Zeit zu Zeit unzuſammenhängende Gebete Smith, Sein u. Schein. H. 11 zu dem beleidigten höchſten Weſen, deſſen Geſetze er während ſeines Lebens unausgeſetzt verletzt und mit Füßen getreten hatte. „Gewiß gibt es ein Mittel, mich zu retten!“ rief er ſeinem erſten Leibarzte La Martinidre zu, „oder wenigſtens eines, das mein Leben auf ein Johr zu verlängern vermag— oder nur auf einen Monat, um mir Zeit zu laſſen nachzudenken, meine Gedanken zu ſammeln und meinen Frieden zu machen. Wenn Sie dieß vermögen,“ fuhr er mit einem flehenden Blicke nach ihn fort,„ſo will ich Sie zum reichſten Manne in ganz Frankreich machen.“ „Alles, was die Kunſt vermag, iſt bereits ver⸗ ſucht worden,“ erwiderte der Arzt mit ſeiner ge⸗ wohnten derben Aufrichtigkeit.„Erinnern Sie ſich noch der Worte Ihres Großvaters bei einer ähn⸗ lichen Veranlaſſung, als ſein Hof weinend ſein Bett umſtand? „Ich bin nicht unſterblich!“ Ludwig ſah ein, daß ein Ausſpruch dieſer Art von den Lippen La Martinidres ſo viel als ein Todesurtheil ſei. „Bete für mich, Sophie,“ rief er, an ſeine älteſte Tochter ſich wendend, aus,„bete für mich. Schicke nach Louiſe; ihr Leben iſt ſündenlos und heilig. Vielleicht erhört der Himmel ihre Gebete für ihren unglücklichen Vater. Sterben! Ich, der Souverain des ſchönen Frankreichs, ſoll wie ein eckelhafter Ausſätziger ſterben! es iſt zu gräßlich!“ „Sire,“ ſagte der Prinz Soubiſe, deſſen ſtrenge Anſichten von Etiquette ſih im höchſten Grade an Allem ſtießen, was er als eine Schwäche des Königs 163 betrachtete,„der Erzbiſchof von Paris iſt einge⸗ nfe ol ich—“ „Noch nicht, noch nicht,“ unterbrach ihn der ſterbende Monarch ſtöhnend vor Angſt.„La Mar⸗ tinidre, retten Sie mich, retten Sie mich! Die Viſſenſchaft muß irgend ein geheimes Mittel be⸗ ſitzen, das noch nicht angewendet worden iſt. Ich machte mir nichts aus Schmerzen, ich will Alles erdulden, wenn mein Leben nur einen kurzen Monat verlängert wird oder eine Woche— nur eine Woche.“ Während der erſte Leibarzt ſich abſeits wandte, um den Ausdruck der Verachtung zu verbergen, der unwillkürlich auf ſeinem Geſichte ſich bemerklich machte, wurden die Flügelthüren des königlichen Zimmers geöffnet und Monſigneur v. Beaumont, der Erzbiſchof von Paris, erſchien, gefolgt von ſeinem Clerus, auf der Schwelle. Hinter dem Prälaten ſah man die Staatsminiſter und die vornehmſten Perſonen des Hofs auf ihren Knieen, lange Wachskerzen in ihren Händen hal⸗ tend. Der Oberceremonienmeiſter warf einen prü⸗ fenden Blick über die Verſammlung, um ſich zu überzeugen, ob Alles ſo geordnet ſei, wie es das Ceremoniel bei dem Tode eines Monarchen von Frankreich vorſchrieb. Nachdem er ſich vergewiſſert hatte, daß dieß der Fall ſei, ſtimmte er in mechani⸗ ſchem Tone in die Gebete für den Sterbenden ein. In dieſem ergreifenden Augenblick wurde der bis jetzt ſo despokiſche Souverain der willenloſe Sclave der ſtrengen Etiquette, welche ſich en ſelbſt ſeine Anrufung um Gnade biu höch ten 164 Richterſtuhle zu ordnen. Die Kirche hatte förm⸗ lichen Beſitz von ihrem älteſten Sohne— welchen Titel die bourboniſchen Könige führten— ge⸗ nommen. Monſeigneur von Beaumont war ein Prälat von großer Frömmigkeit und Einfachheit der Sitten; in einem Zeitalter der Unſittlichkeit war ſein Le⸗ benswandel unantaſtbar, ſo daß ſelbſt die Philo⸗ ſophen, welche ſich das Anſehen gaben, ſein ſchlichtes Weſen zu beſpötteln, von ſeinem Privatcharakter mit Achtung ſprachen. Auf ein Zeichen von ſeiner Hand verließ Je⸗ dermann das Sterbezimmer, äußerſt froh, aus dieſer anſteckenden Atmoſphäre wegzukommen. Die Thüren wurden geſchloſſen und eine Wache davor geſtellt, damit Nlemand die Beichte des Königs ſtöre. Es vergingen drei Stunden, ehe die Thüren wieder geöffnet wurden. Niemand vermag zu ſagen, was in dieſer langen Zeit geſchah. Die Einzelnheiten dieſer entſetzlichen Beichte werden erſt dann kund werden, wenn die Geheimniſſe aller Herzen offenbar werden; und ſelbſt wenn wir im Beſitz derſelben wären, ſo* würden wir ſie nicht enthüllen, um nicht durch ſie unſre Blätter zu Der Erzriſchot⸗ er bleich und erſchöpft ausſah, näherte ſich der Thüre des Gemachs und rief mit lauter Stimme: „Obgleich Seine Majeſtät für ſeine Handlungen nut Gott verantwortlich iſt, ſo bittet er doch öffent⸗ lich um Verzeihung für das Aergerniß, das ſeine Handlungen gegeben haben, und verſpricht, wenn 165 ſeine Tage verlängert werden ſollten, von nun an Buße hiefür zu thun!“ Dieſe Worte ſind buchſtäblich aus dem authen⸗ tiſchen Berichte über das, wos beim Tod Ludwig's XV. vorfiel, genommen. Der Sterbende empfing jetzt die Sterbeſacra⸗ mente, worauf der Clerus in leiſem Tone die für dieſen Fall vorgeſchriebenen. Gebete zu murmeln anfing. Bazwiſchen hinein, die Geſänge der Prieſter übertönend, hörte man das jammernde, verzweif⸗ lungsvolle Stöhnen des Königs um Erbarmen, ſo daß dieſer Auftritt ſelbſt für ſeine Töchter nicht länger mehr zu ertragen war. Die Prinzeſſinnen Victoire und Sophie wurden in einem Zuſtande der Beſinnungsloſigkeit von dem Bette ihres Vaters weggetragen. Wenige Minuten hernach ließ ſich ein durch⸗ dringender Stoßſeufzer von dieſer Maſſe von Fäul⸗ niß, die kein menſchliches Ausſehen mehr hatte, von dem königlichen Schmerzenslager her vernehmen. Dieſem folgte eine tiefe Stille. La Martinidre näherte ſich und hielt einen kleinen Spiegel vor die Lippen und Naslöcher des Leichnams; das Glas blieb vom Hauche ungetrübt. „Der König iſt todt“ rief er mit lauter Stimme. „Lang lebe der König!“ Auf dieſe Weiſe wurde die Thronbeſteigung Ludwig's XVI. angekündigt, der jetzt an die Stelle ſeines jämmerlichen Großvaters trat, eines Mo⸗ narchen, deſſen perſonliche Fehler weit mehr zu dem Sturz der Monarchie in Frankrei beiiet als die Schriften ſeines ſogenannten Philoſophen, 166 die Verdorbenheit ſeines Adels und die allgemeine Demoraliſation ſeines Volkes. Es war faſt komiſch zum Anſehen, mit welcher Haſt die Miniſter, Beamten und Hofleute das Vor⸗ zimmer des verſtorbenen Monarchen verließen, um dem neuen Monarchen ihre Huldigung darzubringen. Ludwig und Marie Antoinette, welche in ihren Privatgemächern ſich befanden, vernahmen das Ge⸗ räuſch der nahenden Fußtritte, die ihnen im Voraus verkündigten, was ſich zugetragen habe. Beide fielen mit dem Ausrufe auf die Kniee: „Der Himmel leite uns; wir ſind zu jung zum Regieren!“ an Soubiſe und La Martinioere waren die einzigen Perſonen, welche im Oeil⸗de⸗boeuf zurückblieben. e Minuten lang blickten ſie ſich ſtillſchwei⸗ gend an. „Als erſter Leibarzt Seiner verſtorbenen Ma⸗ jeſtät,“ ſagte der Prinz,„werden Sie ſogleich zum Einbalſamiren des königlichen Leichnams ſchreiten; es iſt dieß Ihre Pflicht.“ „Die ich ſogleich auszuführen bereit bin,“ erwi⸗ derte der Letztere.„Als erſter Kammerherr werden Sie ſodann die goldene Schüſſel halten, welche das Herz und die Eingeweide Seiner Majeſtät aufzu⸗ nehmen hat; es iſt dieß Ihre Pflicht. Ich ſage Ihnen aber,“ fügte er hinzu,„daß der Tod eines Jeden, der dieſer Operation beiwohnt, unvermeid⸗ lich iſt.“. Der erſte Kammerherr und erſte Leibarzt blickten einander nochmals an, worauf ſie ſich ceremoniös vor einander verbeugten und ſich trennten. 167 Es bedarf wohl keiner Verſicherung, daß der königliche Leichnam nicht einbalſamirt wurde, Die einzige Ceremonie, welche beachtet wurde, beſtand darin, daß in dem Vorzimmer unter dem Commando von Ulic Blake eine Ehrenwache aufgeſtellt wurde. Schon zwei Tage zuvor war Befehl ertheilt wor⸗ den, einen Sarg hin das Ereigniß, das als un⸗ vermeidlich vorausgeſehen wurde, zu bereiten, und noch in derſelben Nacht fanden ſich zwei La⸗ kaien, verführt durch eine große Belohnung, in dem verpeſteten Zimmer ein, um den Leichnam Ludwig's in dieſen Sarg zu legen. Außer den ſtarken Eſſenzen, welche auf Befehl des Arztes verbrannt wurden, hatten die beiden Leute die Vorſicht ge⸗ braucht, Masken vor's Geſicht zu legen, um da⸗ durch der Anſteckung vorzubengen. Ulic Blake, der unter der offenen Thüre ſtand und neugierig zuſah, was im innern Zimmer vor⸗ irg. fuhr erſchrocken auf, als ſich mit einem ale eine Hand auf ſeine Schulter legte. Es war die des Polizeiminiſters. „Eine Verhaftung?“ ſtammelte er. „Nein,“ entgegnete Herr v. Sartines lächelnd; „eine Warnung, und zwar von Freundes Seite. Ihr Vetter, Capitän Redmond, ſucht Sie auf.“ Die Wongen des Verräthers ließen errathen, was in deſſen Herzen vorging. „Ich bin im Dienſt,“ erwiderte er. „Glücklicher Weiſe,“ bemerkte der Miniſter. „Ich habe Befehl ertheilt, ihm zu ſagen, wo Sie zu finden ſeien.“ Ulic dankte trocken. 168 „Sie haben von ſeiner Rache nichts 5 fürch⸗ ten,“ fuhr der Miniſter fort;„eine Hand, welche der Tod jetzt kalt gemacht hat, beſchützt Sie.“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ Der verſchmitzte Beamte entfaltete den lettre de cachet mit der Unterſchrift des verſtorbenen Königs. „Es wäre vielleicht beſſer, wenn Sie ſich bei Seite begeben würden,“ ſprach er,„es wäre denn, daß Sie Zeuge der Verhaftung O Neil's zu ſein wünſchen, welche an keinem poſſenderen Orte oder Augenblick ſtattfinden könnte, als jetzt, da dieſer Theil des Palaſtes ganz verlaſſen iſt. Man beab⸗ ſichtigt,“ ſetzte er in flüſterndem Tone zu,„ſeine Ver⸗ haftung vor dem jungen Könige geheim zu halten.“ Herr v. Sartines ſtellte mit Ulic's Beihilfe die Soldaten der Wache ſo auf, daß in demſelben Augenblicke, in welchem Ellen's Gemahl das Oeil⸗ de⸗bveuf betrat, derſelbe, ohne Widerſtand leiſten zu können, verhaftet werden konnte. Nachdem dieß eſchehen war, erwarteten beide ungeduldig den Moment ſeines Erſcheinens. Es dauerte nicht lange, als Redmond, der den ganzen Palaſt nach ſeinem falſchen Verwandten durchſuchte, dieſen erblickte, ſeinen Degen zog und ihn aufforderte, ſein Leben zu vertheidigen. „Ich befinde mich hier im Dienſte,“ verſetzte Ulic, indem er ſich umwandte und in einem der anſtoßenden Zimmer verſchwand. Sein Vetter wollte ihm nachfolgen, aber auf ein Zeichen des Polizeiminiſters warfen ſich mehrere 172 169 Soldaten auf ihn und entwaffneten ihn nach hef⸗ tigem Widerſtande. „Sie ſind mein Gefangener,“ ſagte Herr v. Sartines. „Auf weſſen Befehl?“ Der Beamte hielt ihm den lettre de cachet hin. Einige Minuten lang ſchien Redmond völlig niedergedonnert durch einen Befehl, der ihn an einen Ort führte, den man in ſo vielen Fällen mit Recht als ein Grab betrachtete. „Schmach und Schande über eine ſolche Juſtiz!“ rief er aus, mit Unwillen die Unterſchrift betrach⸗ tend.„Der Wille eines todten Tyrannen verweiſt mich in ein lebendes Grab. Aber ich werde deſſen Riegel zetbrechen,“ ſetzte er feierlich hinzu.„Wenn langes Leiden mich gereinigt hat und ich würdig geworden bin, ein Rächer zu werden, werde ich daraus hervorgehen, fürchterlich durch das mir an⸗ gethane Unrecht, nachſichtslos in meiner Wieder⸗ vergeltung. „Das Königthum, das Sie verehren,“ fuhr er fort, auf den Körper Ludwigs XV. deutend, den die Lakaien ſo eben in den Sarg legten,„iſt ſo verdorben, wie der Leichnam des Ungeheuers, das demſelben vorſtund. Schon grollt der Sturm in der Ferne; bald werden deſſen Donner über euch ausbrechen und die Schmarotzer, die am Mark der Nation zehrten, hinwegfegen. Sobald deſſen erſte Schläge ſich hören laſſen, wird auch die Stunde meiner Befreiung nicht mehr ferne ſein.“ Ohne ein weiteres Wort zu ſprechen oder noch fernern Widerſtand zu leiſten, ließ der unglückliche 170 Mann ſich nach dem Wagen führen, in welchem ein Gefreiter ihn ſogleich nach der Baſtille brachte, wo Herr v. Launy, deren Gouverneur, bereits Be⸗ fehl ertheilt hatte, ihn in die unterſte Zelle der Feſtung zu führen. Der Polizeiminiſter hielt die Prophezeihungen des Opfers der Madame du Barry für nichts Weiteres als für Faſeleien eines Wriiſtrt und vergaß dieſelben, bis das Geheul der Verwünſchung, welches den Leichnam Ludwigs XV. nach St. Denis begleitete, ihm dieſelben wieder in Erinnerung brachte. Dieſe erweckten ſein Nachdenken. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Unmittelbar nach dem Tode des ausſchweifen⸗ den Monarchen, deſſen despotiſche Regierung ein ſo ſchmachvolles Blatt in der Siſchichtefült gaben ſich in Frankreich Zeichen eines wiederkehrenden vebens kund. Das erſte Aufathmen der Nation nach Freiheit war allerdings ſo ſchwach, wie das eines Menſchen, der ſich nach und nach von einem Zuſtande der Erſtickung erholt; allmählig wurde aber dieſes Athmen ſtärker und, wie wir wünſch⸗ ten, ſagen zu können, auch geſunder. Das war aber nicht zu erwarten, weil die moraliſche Krank⸗ heit zu tief ſich eingefreſſen hatte. Die Verderb⸗ niß hatte nicht nur den Kopf und den Rumpf des 171 politiſchen Körpers befleckt, ſondern auch die ge⸗ ringeren Glieder— die Gebeine, Muskeln, Nerven (ſelbſt das Zellengewebe) waren davon angeſteckt. Die Exceſſe, welche raſch darauf folgten, waren nichts weiter als das Gähren des Giftes. Frankreich bedurfte zu jener Zeit nicht allein eines klaren Kopfes, ſondern auch einer eiſernen Hand zu ſeiner Leitung. Zu ſeinem und ſeiner Fa⸗ milie Unglück beſaß aber der Nachfolger Ludwig's XV. keine dieſer Eigenſchaften. Mit Recht konnte da⸗ her ſein Großvater ausrufen:„Nach mir die Sünd⸗ fluth!“ Worte, welche, wie wir ſchon bemerkten, fälſchlich Talleyrand zugeſchrieben wurden. Nachdem ihr königlicher Protektor geſtorben war, waren die Feinde der gefallenen Favoritin ganz zuverſichtlich überzeugt, daß die erſte Handlung des neuen Königs, der ſo viele Gründe des Un⸗ willens über ihr Benehmen ſowohl gegen ſich ſelbſt, als Marie Antoinette, hatte, ſie in die Baſtille ſperren laſſen werde; und Manche erklärten ſie geradezu für toll, weil ſie noch immer in Ruel ſich aufhielt, anſtatt eine Freiſtätte bei dem Herzoge von Zweibrücken anzunehmen, welche dieſer ihr in ſeinem Lande angeboten hatte; aber Madame du Barry wußte beſſer, als der Hof ahnte, auf welche Weiſe ſie die drohende Gefahr abwenden könne. Das Paket, das ſie ſo ſchlau aus dem Schrank des verſtorbenen Monarchen entwendet hatte, ſetzte ſie in die Lage, faſt auf gleichem Fuße mit deſſen Nach⸗ folger zu unterhandein, denn es enthüllte ihr eines jener dunklen Geheimniſſe, von welchem die Ge⸗ ſchichte nur unbeſtimmte Andeutungen enthält— 172 wir meinen den Tod des Dauphins, des Vaters Ludwig's XVI. durch Gift. Wenn wir behaupten wollten, Einzelnheiten über dieſen Gegenſtand mittheilen zu können, ſo wäre dieß eine beleidigende Anmaßung gegen das beſſere Wiſſen unſerer Leſer. Deßhalb begnügen wir uns mit der Verſicherung, daß wir nichts Wei⸗ teres wiſſen, als was man ſich allgemein zu jener Zeit erzählte. Der Herzog von Choiſeul— der eſchickte, aber lange in Ungnade befindliche Miniſter udwig's XV. war der Mann, den man allgemein dieſes entſetzlichen Verbrechens beſchuldigte. Madame Adelaide ſchrieb in Erwiderung auf einen Brief, in welchem ihr Neffe hinſichtlich der Bildung ſeines Miniſteriums ſie um Rath fragte, folgende merk⸗ würdige Worte: „Was den Herrn v. Machault anbelangt, ſo iſt er beſſer, als der Herzog von Choiſeul, den Sie aus Achtung für das Andenken Ihres Vaters ver⸗ werfen ſollten;“ und Ludwig ſelbſt erklärte, von dem Herzog ſprechend, daß der Mann, der ſich an dem Vater vergangen habe, niemals der Miniſter des Sohnes werden könne. Während dieſer wichtigen Kriſis in dem Schick⸗ ſale der Gräfin bewährte ſich der Herzog von Caſſs Briſſac, der lange Zeit ihr begünſtigter Liebhaber geweſen war als ihr kreuergebener Freund, indem er eine Andienz bei dem jungen Könige ſich erbat und demſelben den Brief vorlegte, in welchem ſein Großvater die Gräfin der Gnade und Nach⸗ ſicht ſeines Nachfolgers empfahl. „Der Unwille des ganzen Königreichs laſtet auf 173 ihr,“ bemerkte der König, nachdem er das Schreiben aufmerkſam durchleſen hatte.„Meine Familie, der Hof und die Miniſter dringen alle einſtimmig auf deren Beſtrafung.“ „Eine Frau, Sire—“ bemerkte der Herzog. „Welche die Finanzen durch ihre grenzenloſe Verſchwendungsſucht zerrüttet und die Krone ſelbſt in Mißeredit gebracht hat, indem ſie die Schwäche deſſen ausbeutete, der fie trug,“ entgegnete Ludwig. „Es kann nicht ſein,“ fügte er feſt bei.„Der Hefehl für ihre Gefangenſetzung in der Baſtille iſt bereits unierzeichnet. Die Gerechtigkeit verlangt, daß ich ihn nicht widerrufe.“ „In dieſem Falle, Sire,“ bemerkte der Ab⸗ geſandte,„bleibt mir nur Eine Pflicht zu erfüllen übrig— in Ihre königliche Hände dieſes Paket, das mir Madame du Barry anvertraute, zu, legen mit der Bitte, daß kein Auge, außer dem Ihrigen, den Inholt deſſelben zu Geſicht bekomme. Die Reugierde des Königs ward erregt worden, der nun haſtig das Siegel erbrach. Eine Todten⸗ bläſſe überzog ſein Geſicht, als er die Papiere über⸗ las, die es enthielt. Zuletzt wankte er und fiel halb ohnmächtig auf einen Stuhl. Der Bote fing an beſorgt zu werden und wollte um Beiſtand rufen. Ludwig XVl. bemerkte aber noch zeitig genug ſeine Abſicht, um ihn davon abzuhalten. „Es iſt nichts,“ ſtammelte er— s wird mir gleich wieder beſſer werden. Rühren Sie ſich nicht von der Stelle; ſprechen Sie kein Wort, bei Ihrem Gehorſam als Unterthan.“ Der Herzog von Caſſé Briſſar verbeugte ſich, 174 zum Zeichen, daß er dem erhaltenen Befehle nach⸗ komme. „Haben Sie die Originale dieſer Papiere ge⸗ ſehen?“ fragte der Monarch nach einer Panſe. „Nein, Sire.“ „Iſt Ihnen der Inhalt derſelben bekannt?“ „Nein, Sire.“ „Auf Ihre Ehre nicht, Herr v. Briſſac?“ „Auf meine Ehre als Edelmann und bei mei⸗ ner Treue als Unterthan,“ antwortete der Her⸗ zog feſt. 3ndwig ſchenkte dieſer Verſicherung Glauben, denn der, welcher ſie Jab⸗ war einer der ehrenvoll⸗ ſten und ergebenſten Männer Frankreichs. „Es iſt wohl möglich,“ hub der Monarch wie⸗ der an, in offenbarem Kampfe mit einem mäch⸗ tigen Gefühl, wahrſcheinlich eines der Königin und ſeiner Familie gegebenen Verſprechens ſich erin⸗ „daß Wir die Gräfin zu ſtrenge beurtheilt aben.“ „Ah, Sire,“ rief der Edelmann hoch erfreut. „Wir widerrufen hiemit Unſern gethanen Aus⸗ ſpruch der Einſperrung der Gräfin du Barry in die Baſtille und wollen Uns damit begnügen, daß ſie vorderhand in ein Kloſter ſich zunee Sa⸗ en Sie ihr,“ ſetzte er betonend hinzu,„daß Un⸗ 6 künftiges Verfahren egen ſie ganz allein von ihrer Verſchwiegenheit abhängen ſoll. Herr von Briſſac, Wir ſind mit Ihrem Benehmen in dieſer Sache zufrieden.“ So endigte die wichtige Audienz, in welcher über das Schickſal der zehallenen aitreſſe Lud⸗ * 175 wig's XV. entſchieden wurde. Ihr Liebhaber ver⸗ üeß zufrieden mit ſeinem Erfolge Verſailles und eilte ſogleich nach Ruel, um dort die angenehme Nachricht mitzutheilen. Zu ſeinem Erſtaunen nahm die Dame dieſelbe faſt mit Gleichgültigkeit auf. „Ich bin äußerſt ſorglos in Fällen, wo es ſich um meine Intereſſen handelt,“ bemerkte ſie.„Sie hätten mir Zutritt nach Hof und das blaue Band für meinen treuen Boten auswirken ſollen. Wenn Sie ahnen könnten—“ „Ich wünſche nichts zu erfahren, unterbrach ſie der Herzog ernſt; vergeſſen Sie aber ja nicht die Worte Seiner Majeſtät:„Unſer künftiges Verfahren gegen ſie ſoll ganz allein von ihrer Verſchwiegenheit abhängen.“ Noch denſelben Tag traf ein Beamter von Verſailles in Ruel ein, der folgenden Befehl, an⸗ ſtatt des urſprünglich beabſichtigten, nach welchem ſie der Obhut des Gouverneurs der Baſtille hätte anvertraut werden ſollen, überbrachte, eine Strafe, welche ihre lange Laufbahn von Verſchwendung und Verbrechen nur zu ſehr verdient hätte: „Frau Gräfin du Barry— Aus nur Mir be⸗ tanuten Gründen, die Sicherheit meines König⸗ reichs betreffend und durch die Nothwendigkeit her⸗ beigeführt, daß ein Staatsgeheimniß, das Ihnen anvertraut wurde, nicht bekannt werde, überſende ich Ihnen dieſes Schreiben, in Folge deſſen Sie ſch ohne Verzug nach Pont⸗aur⸗Dames zu bege⸗ en haben, allein, in Geſellſchaft einer einzigen weiblichen Bedienung und unter dem Geleite des Sieur Hamont, eines Unſerer Beamten. 176 „Dieſe Moßregel kann Ihnen nicht unange⸗ nehm ſein, denn ſie wird bald ihr Ende finden. „Da ich keine weitern Abſichten damit verbinde, ſo bitte ich Gott, daß Er Sie, Frau Gräfin du Barry, unter Seinen gnädigen Schutz nehme. (Unterzeichnet:„Ludwig.“ Dieſer lettre de eachet, die allgemeine Bezeich⸗ nung für alle dergleichen Befehle, war der erſte, den Ludwig XVI. unterzeichnete. Noch an demſelben Tage verließ Madame du Barry in Begleitung des Beamten und ihrer Lieb⸗ lingskammerſrau Hehriette Ruel, um ſich nach dem Kloſter Pont⸗aur⸗Dames zu begeben, wo ſie, wie allgemein in Verſailles vermuthet wurde, den Reſt ihres entehrten Daſeins zubringen zu müſſen ver⸗ urtheilt ſchien. Ihre Feinde irrten ſich aber. Der Aufenthalt der gefallenen Maitreſſe an dieſem traurigen Orte ſollte noch viel kürzer währen, als die Dame ſelbſt hoffen indem ſchon zehn Tage nach ihrer Ankunft die Aebtiſſin mit einem offenen Briefe in der Hand in ihre Zelle trat, heßin Inhalt beide offendar überraſchte, die ehrwür ige Nonne ober ſehr verdroſſen hatte. „Tochter,“ rief ſie aus,„ich habe einen eigen⸗ thümlichen Befehl in Betreff Ihrer erhalten.“ „In Betreff meiner?“ wiederholte die ehemalige Favoritin haſtig. „Ja, Sie haben um Mitternacht in der Klo⸗ ſterkirche zu erſcheinen.“ „Allein?“ fragte die Gräfin. 177 „Allein!“ ſagte die Aebtiſſin mit einer merk⸗ lichen und faſt ärgerlichen Betonung des Worts. „Das iſt aber noch nicht Alles. Die Thüre gegen Süden des heiliger Gebändes ſoll ungeſchloſſen bleiben, damit ein Herr durch ſie eintreten kann, der um dieſelbe Stunde eintreffen wird mit dem Auftrage, Ihnen den Willen Seiner Majeſtät zu verkündigen.“ Das Herz der Madame du Barry ſchlug mäch⸗ tig, denn ſie errieth ſogleich, daß ſie von Lud⸗ 5 XvI. ſelbſt ihr künftiges Geſchick erfahren olle. „Es iſt ganz gegen allen Gebrauch,“ fuhr die Oberin fort.„So etwas hat ſich noch nie inner⸗ halb dieſer klöſterlichen Mauern ereignet, ſeit ich an der Spitze des Hauſes ſtehe. Selbſt mir iſt es unterſagt, anweſend zu ſein. Ich vermag den Grund nicht zu verſtehen. Können Sie mir Auf⸗ ſchluß geben?“ Die Gräfin deutete auf den Brief in ihrer Hand, als die einzige Quelle, aus welcher irgend eine Aufklärung über dieſen Punkt zu ſchöpfen wäre. „Ja, ja,“ fuhr die Nonne trocken fort;„ich vermag dieß ſowie den Befehl, den er entyält, klar genutzu verſtehen. Fühlen Sie keine Angſt?“ „Nein.“ „So erwarteten Sie dieß alſo?“ bemerkte die Aebtifſin, die Gräfin neugierig fixirend. „Vielleicht nicht ſo balo, ehrwürdige Mutter,“ antwortete die geſtürzte Maitreſſe,„aber ich unter⸗ werfe mich; es iſt der Befehl des Königs., Smith, Sein u. Schein. U. 12 178 Die Superiorin, welche wohl einſah, daß ſie keinen weitern Aufſchluß erhalten werde, verließ die Zelle der Gräfin und begab ſich unmittelbar in däs Stiftsgebäude, um dort den ältern Nonnen die Neuigkeit, die ihr zugekommen war, mitzuthei⸗ len, die darüber eben ſo erſtaunt, wie ſie ſelbſt, ſchienen. Da der Brief die Unterſchrift und das Siegel des Erzbiſchofs trug, ſo gaben ſie, wiewohl ungern zu, daß ihnen nichts übrig bleibe, als dem Befehle Gehorſam zu leiſten, der die Neugierde der Genoſſenſchaft ſo außerordentlich rege gemacht und zugleich ihnen auf ſo entſchiedene Weiſe jedes Mittel geraubt hatte, dieſelbe zu befriedigen. Einige Minuten vor der beſtimmten Zeit be⸗ ſe ſich Madame du Barry aus dem Kloſterge⸗ äude in die Kirche. Sie trug das einfache Ge⸗ wand einer Laienſchweſter und über dem Geſichte einen dichten Schleier. Mit dem Schlage der Mitternachtsſtunde er⸗ ſchienen drei Cavaliere in dem heiligen Gebäude. Nur einer derſelben ſchritt auf den Altar zu, vor welchem die ſchuldbewußte Frau in knieender Stel⸗ lung lag. Seine Begleiter blieben als Wache an der zurück, um jede Störung zu verhindern. „Sire!“ Die Vermuthung der Gräfin zeigte ſich als ge⸗ gründet. Es war der König ſelbſt, der gekommen war, ihr Schickſal zu entſcheiden. „Nennen Sie mich einfach: Herr,“ ſagte Lud⸗ wig,„und beantworten Sie meine Fragen kurz und der Wahrheit gemäß. Hat irgend ein Auge, außer Ihrem eigenen, die Sriginale der Papiere 179 geſehen, welche Sie durch den Herzog von Caſſé Briſſac in meine Hände gelangen ließen?“ „Nein, mein Herr.“ „Haben Sie das Geheimniß ihres Inhalts irgend Jemand anvertraut?“ „Nein, ſelbſt in der Beichte nicht, mein Herr.“ „Das iſt gut. Auf welche Weiſe erhielten Sie ſie?“ „Sie wurden mir durch dieſelbe Hand über⸗ geben, die mich aus der Dunkelheit erhob,“ ant⸗ wortete Madame du Barry, die während der Un⸗ terredung ſtets in ihrer knieenden Stellung ver⸗ harrte.„Zugleich mit dem Briefe, in welchem der erhabene Verfaſſer derſelben mich der Milde ſeines Nachfolgers empfahl.“ „Wahnſinn! Bethörung!“ murmelte Ludwig. „Der Aberwitz mußte ihn ganz gefühllos gegen Ehre gemacht haben. Wo ſind die Originale?“ Die ſchuldbewußte Frau ſchwieg ſtill. „Muß ich meine Frage wiederholen?“ ſagte der König ſtreng,„oder wollen Sie ſich gar her⸗ ausnehmen, Ihrem Souverain Bedingungen zu ſtellen?“ „Ach, mein Herr!“ rief die gefallene Favoritin, „ich möchte von Ihren Lippen ein Wort hören— nur ein kleines Wort, das ſo leicht auszuſprechen iſt, denn es koſtet ſo wenig, gnädig zu ſein— ehe ich Ihnen antworte. Verzeihung! Verzeihung! Wenn Sie meine Fehler richten, gedenken Sie auch der Verſuchung, der ich ausgeſetzt war. Ich war jung, unerfahren und arm,“ fügte ſie bei. 12 180 „Iſt es gerecht, auf mein Haupt allein alle Schuld von dem zu häufen, wozu ich genöthigt wurde?“ „Es mag wohl ſo ſein,“ entgegnete der Köni in einem mildern Tone;„aber ich laſſe mich au keine Bedingungen ein.“ Madame du Barry ſah, daß ihre Appellation den von ihr beabſichtigten Erfolg gehabt habe, und deßhalb zog ſie aus ihrem Buſen die Papiere, in deren Beſitz ſie ſich auf ſo ſchmähliche Weiſe geſetzt hatte. Ludwig entfernte ſich einige Schritte von ihr und durchlas ſorgfältig den Inhalt dieſer Do⸗ kumente beim Licht der Lampe, welche Tag und Nacht vor dem Hochaltar brennt. Sobald er ſich überzeugt hatte, daß es wirklich die Originale ſeien, ſprach er ſeine weitern Abſichten aus. „Gräfin,“ ſagte er,„obgleich Wir vielfache und gewichtige Gründe zur Klage gegen Sie haben, ſo halte ich mich doch für verpflichtet, den letzten Wunſch eines Mannes, deſſen Andenken ich reſpek⸗ tiren muß, zu erfüllen. In zehn Tagen ſoll es Ihnen freiſtehen, Ihren jetzigen Zufluchtsort ver⸗ laſſen und auf Ihr Schloß Lucienne ſich zurück⸗ iehen zu dürfen. Zu gleicher Zeit ſoll die Be⸗ ſaehne Ihres Eigenthums aufhören.“ „Ah! Sire! Meine Dankbarkeit— mein—“ „Schön gut!“ unterbrach ſie der König.„Ich habe aber noch gewiſſe Bedingungen hinzuzufügen: daß Sie Niemand unſre jetzige Unterredung mit⸗ theilen und ſich nie in Verſailles blicken laſſen. Kein Wort!“ fuhr der König fort,„ſondern hören Sie mich bis zu Ende an. Die letzte Bedingung iſt: ewiges Stillſchweigen in Betreff dieſer Papiere. 181 Sollten Sie nur entfernt etwas über deren In⸗ halt gegen irgend ein lebendes Weſen laut werden laſſen, ß. würde eine furchtbare Strafe wegen Ihrer Indiscretion über Sie verhängt werden. So wahr ich Chriſt und Monarch bin, ſo würde ich Ihnen dann nicht nur Ihr unrechtmäßig erworbenes Ver⸗ mögen confisciren laſſen, ſondern auch Sie zu einer Einſperrung im Hoſpital zu St. Lozare ver⸗ urtheilen, wo Sie den Reſt Ihrer Tage unter dem verbrecheriſchſten Abſchaume Ihres Geſchlechtes zu⸗ zubringen hätten; und keine Vermittlung irgend einer Art,“ ſetzte er feierlich hinzu,„würde je mich veranlaſſen können, dieſen Ausſpruch zu wider⸗ rufen.“ Ohne den Ausdruck der Dantbarkeit abzuwar⸗ ten— deren Glaubwürdigkeit er ohnehin nur höchſt geringes Vertrauen ſchenkte, verließ Lndwig XVI. kie loſterkirche, indem er die Papiere mit ſich nahm. Innerhalb der von dem König angedeuteten Zeit traf ein Beſehl in Pont⸗aux⸗Dames ein, der Madame du Barry die Freiheit wiedergab, worauf ſie ſich ſogleich nach ihrem prächtigen Schloſſe Lucienne verfügte, um dort in Ruhe— wie ſie thörichter Weiſe ſich einbildete,— den enormen Reichthum zu genießen, den ſie der Schwäche ihres königlichen Liebhabers abzuſchwatzen verſtanden hatte. Viele Jahre hindurch war dieß auch wirklich der Fall, aber der Sturm war im Anzuge und der vom Schickſale beſtimmte Rächer brütete über das ihm angethane Unrecht im tiefſten Kerker der Baſtille. 182 Vor ihrer Rückkehr nach Irland hatte die Ehren⸗ werthe Miß Macnamara eine Audienz bei dem neuen Könige, der ihr das Patent über eine Pen⸗ ſion einhändigte, die er ihr im Hinblick auf die von ihrem Vater geleiſteten Dienſte gewährte. Das Geſchenk war mit dem Befehl einer Aus⸗ zahlung der Rückſtände begleitet, welche Ludwig XV. ihr ausfolgen zu laſſen weder Dankbarkeit noch Gerechtigkeitsgefühl genug beſeſſen hatte. „Können Wir vielleicht noch etwas thun?“ fragte der Monarch,„um die hohe Achtung zu be⸗ weiſen, die Wir den Verdienſten des verſtorbenen Lord Murlough zollen?“ „Für mich nichts, Sire!“ erwiderte die muthige Irländerin,„aber viel für den unglücklichen Gatten meiner ſchwer gekränkten Nichte. Redmond O Neil iſt verſchwunden und alle Nachforſchungen ſeiner Freunde ſind bis jetzt vergeblich geweſen.“ Herr v. Sartines erhielt den gemeſſenſten Be⸗ fehl, die genaueſten Nachforſchungen anſtellen zu laſſen, und ſchon am Schluſſe der Woche produ⸗ cirte der Miniſter den Hut, Degen und Stock des vermeintlichen Selbſtmörders, welche, ſeiner Aus⸗ ſage nach, ein Schiffer am Ufer der Seine in der Nähe von Marly gefunden hatte. Alle, mit Aus⸗ nahme derjenigen, in deren Intereſſe die geheime Einkerkerung lag, glaubten an den Tod des Un⸗ glücklichen, und wenn irgend Zweifel ſich erhoben, ſo blieben dieſe in der Bruſt des Paters Karoolan und der Milchſchweſter Ellen's begraben. Auf den Rath des würdigen Prieſters, der die dunklen Wolken am politiſchen Horizonte herauf⸗ 183 ſteigen ſah, verkaufte Miß Macnamara ihr Pen⸗ ſionsdekret um eine beträchtliche Summe an den Hofbankier Laborde und verließ unmittelbar darauf mit der verwittweten Kattn, die ſich guter Hoffnung fühlte, Frankreich für immer. Ihre Aufgabe war gelöſt. Der alten Fräu war es gelungen, die Ehre der Todten herzuſtellen; jetzt mußte ſie ihre Sorgfalt dem Lebenden zu⸗ wenden. Sie ſehnte ſich nach dem ruhigen Auſent⸗ halt in der fernen Heimath, um dort ihren Pflich⸗ ten gegen den verwoiſten Redmond obzuliegen und ungeſtört ihrem Schmerze nachzuhängen. Es wäre vielleicht ſchwer zu entſcheiden, ob Zorn oder Leid in der Bruſt des Sir Patrick O Neil die Oberhand gewann, als man ihm den vermeint⸗ lichen Tod ſeines Lieblingsneffen und das ſchänd⸗ liche Betragen Ulic Blake's mittheilte. In der erſten Aufwallung ſeines Unwillens drohte der alte Mann mit einer Reiſe nach Paris und einer Ausforderung des„ſchändlichen hannoveriſchen Schurken,“ mit welchem Beiworte er Jeden, der ihn beleidigte, zu bezeichnen pflegte. Den kleinen Redmond erklärte er feierlich zu ſeinem Erben, und, von ſeinem warmen Gefühle hingeriſſen, hätte er bald mit Miß Macnamara Streit angefangen, als dieſe ſich weigerte, auf die Vormundſchaſt über das Kind zu verzichten. Hätte er mit ihr darüber einen Prozeß anfangen können, ohne deßhalh eine neue Pfandverſchreibung auf ſeine Güter beſtellen zu müſſen, ſo würde er es gethan haben, ſo aber ſtimmte ihn dießmal ſeine Armuth zur Nachgiebigkeit. „Ich kann meine Abſicht nicht durchſetzen, rief 184 der Baronet,„aber auch Lady Tab konnte es nicht denn wenn dieß der Fall wäre, ſo hätte ſie ganz gewi den Knaben auf den Namen Phadrig taufen ſen. Mit dieſem Seitenhiebe auf ſeinen alten Feind, den phöniziſchen Fürſten, entſchloß ſich Sir Patrick O Neil, vorerſt wenigſtens der Anordnung zuzu⸗ ſtimmen, vermöge welcher ſein Erbe unter der Vor⸗ mundſchaft der Miß Macnamara blieb. Gerade zu der Zeit, in welcher der Unwille des Baronets gegen Ulic Blake ſeinen Gipfelpunkt erreicht hatte, fand ſich Jorrocks in der Wohnung des alten Herrn mit Brieſen von ſeinem Gönner ein, welcher ſeinen Onkel, heuchleriſcher Weiſe, in Betreff der traurigen Einzelnheiten des Todes ſeines Vetters und der Rechtfertigung ſeines eigenen Benehmens gegen denſelben, an ſeinen Boten wies. Der hitzige Sir Patrick aber warf die Pa⸗ piere verächtlich in's Feuer, und es hätte wenig gefehlt, daß er den Ueberbringer derſelben dieſen nachgeſchickt hätte. „Ich kann onſtändiger Weiſe meiner Schweſter Sohn doch nicht erſchießen,“ ſprach er,„ſonſt würde ich wegen des armen Redmonds kurzen Prozeß mit ihm machen— das können Sie ihm ſagen; und Sie mögen hinzuſetzen, daß er lebend oder todt nicht um einen Schilling mehr werth ſei, ob⸗ gleich er Sir Patrick O Reil zum Taufpathen hat— der heimtückiſche, feige, verläumderiſche Schurke— vergeſſen Sie das ja nicht; und jetzt verlaſſen Sie mein Haus auf der Stelle. Sie ſollen weder einen Tropfen, noch einen Biſſen hier erhalten, außer es gelüſtete Sie, daß Sie das Waſſer in meiner Pferde⸗ 185 ſchwemme koſten wollten, wenn ich Sie in dieſer ein paarmal untertauchen ließe.“ Jorrocks war ein viel ju kluger Mann, als daß er nach einem ſolchen Empfange Luſt gehabt hätte, mit ſeiner Gegenwart noch länger beſchwer⸗ lich zu fallen. Ehe er aber Galway vertieß, be⸗ ſchloß er, wo möglich, ein kleines Geſchäft auf eigene Rechnung zu machen. Es waren jedoch kaum ein paar Stunden ſeit ſeiner Entfernung verfloſſen, als dem Baronet die verſchiedenen Verſuche einfielen, die Jorrocks ge⸗ macht hatte, den Knaben Redmond zu entführen; deßhalb ſchickte er ſogleich einen Boten mit einem Billet an ſeine Nachbarin, damit dieſe auf ihrer Hut ſei. Es war rührend mit anzuſehen, mit welcher innigen Liebe die blinde Frau. Mary Sullivan ſich der Waiſe ihres Pflegſohns annahm. Vom frühen Morgen bis ſpät in die Nacht ſaß ſie an ſeiner Wiege, die er mit dem derben kleinen Phelim Caſſiday theilte, und ſo oft ſie ſich unbeobachtet glaubte, ſuchte ſie den Weg tappend nach derſelben und ſtrich ihre langen, knochigen Finger ſo ſanft über deſſen Geſicht, daß deren Berührung nur ſel⸗ ten oder nie ſeinen Schlummer ſtörte. Wenn der Morgen ſchön war, pflegte ſie die Kinder auf den grünen Raſen zu führen, jetzte ſich dort neben deren Bettchen, den alten Hund Brindle an ihrer Seite; und ſummte die Lieder, die ſie ſchon Ellen in ihrer Kindheit gelehrt hatte. Seit ſie des Geſichts beraubt wär, war ihr dieſer 186 Abgang eines Sinnes durch vermehrte Schärfe des Gehörs erſetzt worden. Mary Sullivan war eben im beſten Singen eines ihrer alten Lieder begriffen, als ein lautes Knurren des Hundes an ihr Ohr ſchlug. „St!“ ſprach ſie;„es muß ſich ein Fremder dieſem Orte nähern.“ Sie horchte einige Secunden, ohne daß ein nahender Fußtritt ſich hören ließ. „Wofür fürchten Sie ſich,“ rief ſie laut;„ſind Sie ein Freund? Dieß Thier thut Ihnen nichts zu Leid. Wer ſind Sie?“ Jorrocks, der über die Mauer guckte, welche den Raſenplatz umgab— wahrſcheinlich in keiner guten Abſicht— hielt es nicht für geeignet zu ant⸗ worten. „So ſind Sie alſo ein Feind?“ fragte die Frau ſcharf. Als Mary Sullivan wieder keine Antwort er⸗ hielt, tappte ſie nach der Wiege, und nachdem ſie ſich überzeugt hatte, daß die Kinder ſicher darin lägen, rief ſie laut dem Hund. „Auf ihn, Brindle. Niemand, wer in ehrlicher Abſicht kommt, braucht ſich ſeines Namens zu ſchämen.“ Der Hund ſprang mit lautem Bellen auf, und Jorrocks' Kopf verſchwand hinter der Mauer. In demſelben Augenblicke erſchien der Rentmeiſter in Begleitung mehrerer Dienerinnen der Miß Macna⸗ mara, welche ſo eben Sir Patrick's Billet erhalten und in ihrer Angſt die gerade in ihrer Umgebung Leute zur Prnchehtn abgeſchickt atte. 187 Noch viele Jahre hernach erinnerte ſich mit Entſetzen der Bote Ulic Blake's der Jagd, die jetzt erfoigte; wie er von den Bauern durch Dick und Dünn, durch Thal und Fluß gehetzt worden war, bis ſie ihn außer Athem und ganz erſchöpft end⸗ lich am Ufer des Loch Murloch eingeholt und zu Boden geworfen hatten. Der zuverläſſige alte Hund war ihr Führer und hatte die Fährte auch nie einen Augen⸗ lick verloren. Es koſtete den Pater Karoolan viele Mühe, die Leute zu vermögen, das Leben ihres Gefangenen zu ſchonen; da aber nichts weiter als ein Verdacht gegen ihn vorlag, ſo ließ man ihn endlich wieder laufen, nachdem man ihm aber zuvor dringend ein⸗ geſchärft hatte, was ihn erwarten würde, wenn man ihn noch einmal in dieſer Gegend einfange. Ungefähr ſechs Monate nach dieſem Ereigniſſe ſchenkte Katty, welche ihre Hütte und ihr Stückchen Land kurz nach ihrer Rückkehr nach Irland verlaſ⸗ ſen und ihre Wohnung in Murlough Houſe genom⸗ men hatte, einer Tochter das Leben. Die kleine neue Weltbürgerin wurde von ihrer verwittweten Mutter unter Lächeln und Thränen willkommen geheißen, und Miß Macnamara, welche das Kind über die Taufe hielt, gab ihm den Namen Ellen. Nachdem wir endlich— obgleich etwas ſpät— die Heldin unſrer Geſchichte unſern Leſern vor⸗ geführt haben, iſt es Zeit, daß wir uns nach der ſanften Ruth und deren geizigem Vater wieder umſehen. 188 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Unmittelbar nachdem Ephraim Sleek ſeine Ge⸗ ſchäfte in Dover abgeſchloſſen hatte, begab er ſich mit ſeiner Dochter nach London, wohin ihm Reuben Geldart und deſſen treffliche Mutter auf dem Fuße folgten, der Erſtère, um in die ſchon längſt vacante Stelle auf dem Comptoir ſeiner reichen Verwandten, welche große Kaufleute in der City waren, ein⸗ zutreten. Es gab wenige Häuſer, welche angeſehener waren, als die Firma von Ruſſett und Söhne. Es war dieß ein trauriger Wechſel für Ruth; und nur das ſtrenge Pflichtgefühl, welches den Prüfungen und Kämpfen des Lebens feſt in's Ge⸗ ſicht ſieht, ſetzte ſie in Stand, die meiancholiſche Gleichförmigkeit eines Heimathweſens zu ertragen, welchem wahre Liebe und Theilnahme, die daſſelbe heiligen ſollten, gänzlich abgingen. Ihr Vater jne ein Haus, für das er einen ziemlich hohen reis bezahlte— in den Minories*) gemiethet, das Parterre zu einem Comptoir hergerichtet und ſich durch eine Meſſingplatte an der Hausthüre als Commiſſionär und Generalagent angelündigt. Zum erſten Mal in ſeinem Leben fing Ephraim Sleek an zu merken, daß ein guter Ruf ein Vor⸗ theil ſei. Man wußte, daß er ein reicher Mann war; ſeine Unterſchrift wäre auf der Börſe für viele tauſend Pfund reſpektirt worden, aber es zeigte 6 Stapttheil in London. D. B. 189 ſich nichts, was den Namen eines Geſchäfts verdient hätte. Dieienigen, mit welchen Geſchäfte zu machen die Mühe gelohnt hätte, hielten ſich fern, und ſo ſaß der Jammermann Tag für Tag in ſeinem Comptoir und härmte ſich voll Ungeduld über den Gedanken ab, doß ſein Capital müßig doliege, oder, was ſeiner Anſicht nach auf Eins heraus⸗ kam, daß es nicht weiter als die landesüblichen Zinſe, in Schatzkammerſcheinen oder in den öffent⸗ lichen Fonds, eintrug. Der alte Mann hielt ſich keinen Diener, ſeine häuslichen Ausgaben waren auf's Aeußerſte be⸗ ſchränkt; jeden Schilling gab er brummend aus, und ſo mußte ſeine Tochter neben der Haushaltung, die ſie führte, auch das Bureau reinigen und den Aus⸗ und Eingehenden die Hausthüre öffnen. Die Liebe, welche einſt Ephraim Sleek für ſein gutes, ſanftes Kind gehegt, hatte ſich in ein Ge⸗ fühl des Haſſes verwandelt ſeit dem Tage, als Ruth ihm im Gefängniß in Dover zu verſtehen gegeben hatte, daß ſie ſeine früheren Vergehungen kenne und die Abſicht habe, ſpäter einmal Erſatz dafür zu leiſten. Dieſer Gedanke kam ihm gar nicht mehr aus dem Sinne und er beſchloß, wo möglich den Geiſt zu Boden zu drücken, den er durch Plackereien, Entbehrungen und die ſchlimmſte aller Verein⸗ zelungen— durch die Einſamkeit des Herzens weder andern Sinnes machen, noch verderben konnte. Täglich ſuchte er Ruth durch Beſchreibung der unehmenden Liebe ihres Vetters Reuben zu ihrer rüheren Dienerin Hannah zu quälen, ſpöttelte über die Blindheit der Sarah Geldart, die nicht ſehen 190 könne, was vor ihren eigenen Augen vorgehe, und ſprach mit Hohn von der Möglichkeit, wie dieſe ſtolzen Bettelleute, wie er ſie nannte, ihr Leben durchbringen könnten, wenn ſie ſich heiratheten. „Durch ihre Rechtſchaffenheit und ihren Fleiß,“ pflegte Ruth mild darauf zu erwidern, denn ſie glaubte wirklich an das Vorhandenſein dieſer Nei⸗ gung, von der ihr Vater ſprach;„übrigens ſind ſie ja noch jung und können warten.“ Dieſe Antwort brachte den Geizigen ganz außer ſich, denn ſie bewies, daß ſeine Tochter ihre Ab⸗ ſicht nicht geändert habe, und er gelobte ſich in ſeinem Innern, daß, wenn ſie dielbe in Aus⸗ führung bringen würde, ſie ſelbſt dadurch zur Bettlerin werden ſolle. Trotz des offenbaren Widerwillens, mit welchem Ephraim Sleek die Beſuche ſeines Neffen entgegen⸗ nahm, beſuchte Reuben Geldart dennoch fortwährend die neue Wohnung ſeines Onkels in den Minories. So oft dieß geſchah, blieb der alte Mann gewiß zu Hauſe, und nichts war im Stande ihn von da wegzulocken. Mochte er Geſchäfte zu beſorgen, zu einer Unterredung ſich einzufinden oder— was ſeiner Anſicht nach das Allerwichtigſte war— Geld in Empfang zu nehmen haben, ſo mußte dieß Alles gegen den Wunſch zurückſtehen, eine Unterredun zwiſchen ſeiner Tochter und deren Vetter nhe zu machen. Er fürchtete, Ruth konne einen Theil des Geheimniſſes ſeiner Schuld Demjenigen mit⸗ theilen, den er ſo ſehr benachtheiligt hatte. Es iſt dieß die Foige und nicht der geringſte Theil der Strafe des Verbrechens, daß diejenigen, welche 191 ſich ein ſolches zu Schulden kommen ließen, das Verhalten Anderer ſtets nach ſich ſelbſt beurtheilen. „Ich kann noch lange leben,“ ſprach der Geizige zu ſich ſelbſt,„und wenn das Herz von dem, was weltliche Träumer Liebe nennen, erfüllt iſt, ſo wird daſſelbe zuletzt ungeduldig— ruhelos; alles, außer dem Intereſſe, wird ihm untergeordnet. Ich muß deßhalb die jungen Leute überwachen.“ Er wußte wohl, daß ein Wort von Ruth die Schranke entfernen würde, welche Armuth zwiſchen Reuben und ihr gezogen hatte. Unglücklicher Weiſe gab es aber noch eine zweite und zwar für das edelſinnige Mädchen noch ſtärkere Schranke— ihre Grundſätze. Sie fühlte, daß es ein Unrecht wäre ſelbſt wenn ihr Vetter ſie liebte, woran ſie ſtark zu zweifeln anfing. ſeine Liebe mit der Schande als Ausſteuer, die auf ihres Vaters Namen haftete, anzunehmen. Daher rührte die wehmüthige Befriedigung, mit welcher ſie, wie ſie ſich einbildete, die zuneh⸗ mende Neigung zwiſchen ihrem Verehrer und der kleinen Quäkerin Hannah bemerkte. Ein ſelbſtſüchtiges Herz würde ſich durch die Entdeckung verletzt gefühlt haben, daß die Liebe, auf welche daſſelbe einen Werth zu legen auſge⸗ hört, auf eine andere übertragen wurde. Ruth da⸗ gegen freute ſich über die Ueberzeugung, daß ſie en Schmerz allein zu tragen habe. Aber ſelbſt der Verdacht kann nicht unausgeſetzt Bcſn ſein und wird zuweilen abgelenkt. Deßhalb machte Ephraim Sleek keine Ausnahme von dieſer Regel Sein Neffe, überzeugt, daß er mit des alten 192 Mannes Willen ſeine Baſe nie allein zu ſehen bekomme, verließ eines Morgens während der Arbeitſtunden ſein Comptoir, wartete in der Nähe des Hauſes ſeines Onkels, bis dieſer ausgegangen war⸗ und ſo glückte es ihm, zu der Unterredung zu gelangen, die er ſchon ſo lange geſucht hatte. Es lag etwas ſo Hoffnungsloſes, Muthloſes und Tranriges in dem Weſen des jungen Mädchens, als ſie ihn in das ärmlich möblirte Empfangzimmer führte, das an das Bureau ſtieß, daß Reuben nicht länger mehr ſeine Gefühle bemeiſtern konnte. „Sie richten ſich durch dieſe gänzliche Zurück⸗ gezogenheit zu Grunde.“ rief er aus. „Ich ziehe die Einſamkeit vor,“ antwortete die Jungfrau mild. „Ich könnte dieß begreifen,“ bemerkte der junge Mann,„wenn man ſie mit Jemand theilt, den man kiebt oder achtet; aber wenn—“ „Still!“ unterbrach ihn Ruth leicht erröthend; „kein Wort gegen meinen unglücklichen Vater.“ „Ich möchte gern gut von ihm ſprechen,“ ſagte Reuben,„wenn nicht meine Nachſicht gegen meinen Onkel ein Unrecht gegen Sie wäre. Seine Liebe zum Gold nimmt mit dem Alter zu; ſie iſt eine wahre Krankheit von ihm. Iſt es nicht widerſinnig, daß bei ſeinem Reichthum ſein einziges Kind ſich placken, die niedrigſten häuslichen Geſchäfte ver⸗ ſehen, mühſelig arbeiten muß und ihre Mühe nur durch karge Worte und kalte Blicke belohnt ſieht?“ „Mein Vater macht nicht gern viel Auſhebens,“ bemerkte die Quäkerin,„wenigſtens nicht mit ſeiner 193 Liebe,“ ſetzte ſie mit einem ſchwachen Verſuche zu lächeln hinzu. „Liebe!“ wiederholte Reuben;„ſein Herz kennt dieſes Wort nicht; der Beweis hievon findet ſich in dieſen kahlen Wänden,— in der Armſeligkeit, die hier herum herrſcht, und die um ſo trauriger iſt, weil nicht Armuth ſie auferlegt hat,— in der Aus⸗ ſchließung aller weiblichen Geſellſchaft Ihres Alters, von der er Sie abſichtlich entfernt hält,— in der niedrigen Arbeit, unter welcher er täglich Ihre Ge⸗ ſundheit und Ihren Geiſt mehr zuſammenbrechen ſieht. Und doch iſt er reich, ſehr reich. In meinem Hauſe herrſcht wahre Armuth,“ ſetzte er hinzu; „aber trotzdem wohnt Glück oder wenigſtens Zu⸗ friedenheit unter dieſem beſcheidenen Dache.“ „Weil es der Wohnſitz der Liebe iſt,“ erwiderte ſeine Baſe. „Dieß wird es hoffentlich bald ſein,“ rief der junge Mann feurig. rotz ihrer gewohnten Selbſtbeherrſchung ſchlug Ruth s Herz heftig bei dieſer Bemerkung, die ſie für eine Beſtätigung der Muthmaßungen hinſichtlich ſeiner Gefühle für Hannah hielt. „Warum wollen Sie ſie mit mir nicht theilen?“ fuhr er fort, Ruth's Hand ergreifend, die ſie ihm nicht zu entziehen ſuchte. „Ich brauche Ihnen wohl nicht zu ſagen, wie lange ſchon und wie zärtlich ich Sie liebe. Ich kann mich kaum noch der Zeit erinnern, in welcher Sie nicht der Gegenſtand meiner Träume waren. Dieſe Empfindung iſt ſeit meiner Knabenzeit mit mir aufgewachſen, hat mit den Jahren zugenommen, Smith, Sein u. Schein. U. 13 194 und hat ſich mit meiner Manneskraft zu ihrer vollſten Stärke entwickelt. Ruth, liebſte Ruth, ich kann Ihnen keinen Reichthum, ja nicht einmal Be⸗ häbigkeit anbieten; aber ich vermag Ihnen ein treues Herz und den Muth, um Ihretwillen gegen widrige Schickſale zu kämpfen, oder, wenn deſſen Stürme über uns kommen ſollten, eine treue und männliche Ausdauer in dem frohen Gedanken an Sie zu ver⸗ ſprechen. Sie erblaſſen! Sie zittern! Enthielten denn meine Worte etwas, was Ihnen mißfallen konnte?“ Auf Ruth's Geſicht wechſelten Bläſſe und Röthe, bis zuletzt ihr Geſicht noch bleicher wurde, als zu⸗ vor, während ſie die leidenſchaftliche Sprache des Mannes vernahm, den ſie liebte, der in demſelben Augenblicke, in welchem ſie glaubte, daß er ſeine Liebe einer Andern zugewendet habe, erklärte, daß dieſe nur ihr gehöre. Es machte dieß die Aufgabe, welche ſie ſich geſtellt, noch ſchmerzlicher; das Glück lag in ihrem Bereich— und doch wählte ſie frei⸗ willig das Elend. „Es hat mir durchaus nichts mißfallen,“ ſtam⸗ melte ſie;„die Liebe eines wackern Mannes, wie beſcheiden auch ſeine Stellung ſein mag, iſt eine Huldigung für jedes Weib, wie ſtolz duhſele auch ſein mag; aber es ſchmerzt mich, Reuben, es ſchmerzt mich tief, daß ich ſie nicht erwiedern kann. Es ſchmerzt mich, daß ich Sie durchein Zurückweiſen Ihres freund⸗ lichen und edelmüthigen Anerbietens kränken muß.“ „Sagen Sie nicht, daß Sie es zurückweiſen,“ ſagte ihr Liebhaber verzweifelnd;„vielleicht war ich u unüberlegt, zu rſch und ungeſtüm in meinen orten, obwohl ich dieſelben zuvor wohl erwogen 195 habe. Gewähren Sie mir Friſt— beſtimmen Sie nach Ihrem Belieben eine Zeit— um mich des Glückes würdig zu machen, nach dem ich trachte.“ „Es wäre nutzlos,“ antwortete das arme Mäd⸗ chen matt. „Bin ich Ihnen denn ſo ſehr verhaßt?“ „Verhaßt!“ rief ſie in einem ſo betrübten und wehmüthigen Tone, daß ein unparteiiſcher Zuhörer das Geheimniß errathen hätte, das zu verbergen ſie ſich bemühte.„Im Gegentheil, ich liebe Sie wie eine Schweſter— mit einer Liebe, die über Sie wachen und für Ihr Glück beten wird, denn ſeit lange ſchon betrachte ich Sie wie einen Bruder.“ Reuben wiederholte düſter für ſich das Wort „Bruder.“ „Dieſe Liebe wird nie aufhören,“ fuhr ſie fort „begnügen Sie ſich damit. Glauben Sie mir, i habe mein Herz gefragt und kann Ihnen keine andere Antwort ertheilen. Sie werden bald die Jugend⸗ neigung vergeſſen und in der Welt ein Weſen finden—“ „Spotten Sie nicht über meinen Schmerz,“ unterbrach ſie ihr Liebhaber ganz außer ſich.„Sie haben mich aus dem einzigen ſüßen Traume mei⸗ nes Lebens geweckt— den Reiz desſelben vernichtet — plötzlich, aber vielleicht kluger Weiſe. Behan⸗ deln Sie mich nicht als Kind und zweifeln Sie nicht an der Treue, welche Sie von ſich gewie⸗ ſen haben.“ Ruth vermochte nur durch ihre Thränen zu antworten. „Wir ſollen alſo einander nichts als 1 196 Bruder und Schweſter ſein,“ hub Reuben nach einer Pauſe wieder an.„Es wird lange dauern, bis es mir gelingen wird, mein Herz an dieſen Gedanken zu gewöhnen; aber ich will mich bemü⸗ hen, Ihnen keinen Schmerz zu verurſachen,— um meiner armen Mutter willen, welche die Stunden bis zu meiner Rückkehr ungeduldig zählt, in der frohen Hoffnung, daß ſie ein Kind mehr beſitze, das ſie Rebt und ehrt. Ruth!“ rief er aus, ſich ihr zu Füßen werfend, um einen letzten Verſuch zu ma⸗ chen,„vermögen es nicht Bitten über Sie, Ihren grauſamen Spruch zu widerrufen? Wenn die Angſt vor Armuth Sie beſtimmt hat, ſo glauben Sie, daß ich dieſe zu überwinden vermag. Sie kennen die Thatkraft des Mannes nicht, den Sie abge⸗ wieſen haben. Mit einem ſolchen Preis eines Gluͤckes in Ausſicht wird es ihm gelingen, Reich⸗ thum zu gewinnen, um Sie zufrieden zu ſtellen. Aber nein, nein,“ fuhr der arme Menſch fort, Ruth betrübt in's Geſicht blickend,„ich thue Ihnen Unrecht. Verzeihen Sie mir den Gedanken— er war unſer Beider unwürdig. Sie haben mich mit Widerſtreben abgewieſen— ungern mein Herz ge⸗ brochen. Ich will Ihnen aber durch meine An⸗ h nicht länger zur Laſt fallen. Gott ſegne Sie, Ruth! Mogen Sie einen Mann finden, der Sie ſo innig und ſo treu liebt, wie ich.“ Mit dieſen Worten ſtürzte der in ſeinen Hoff⸗ nungen getäuſchte Licbhaber aus dem Zimmer, in⸗ dem er ſeine Baſe in einem Zuſtande hinterließ, der nur um Weniges unglücklicher war, als der ſeinige. Wir ſagen„weniger“, denn in den Stür⸗ 197 men und Kämpfen des Lebens finden diejenigen, welche einem Grundſatze ein Opfer bringen und durch Pflichten ſich leiten laſſen, eine unerwartete Kraft, welche ſie in ihrer Prüfung aufrecht erhält. Als Ephraim Sleek nach Hauſe kam, fand er ſeine Tochter noch immer neben dem leeren Stuhle ſitzend, den ſein Neffe noch vor Kurzem eingenom⸗ men hatte. Seine argwöhniſche Natur gerieth ſo⸗ gleich in Unruhe und ſeine Befürchtungen ließen ihn errathen, wer zum Beſuche hier geweſen war, was um ſo leichter war, da außer Reuben ſelten Jemand anders ſich einfand. „Reuben iſt hier geweſen,“ ſprach er. Der harte, ſchnarrende Ton, in welchem dieſe Worte geſprochen wurden, ſchreckte die Träumerin aus ihren Betrachtungen auf. „Ich dulde keine Liebeshändel und dergleichen Thorheiten unter meinem Dache,“ fuhr der alte Mann finſter fort.„Wenn er es ehrlich meinte, ſo käme er nicht wie ein Dieb, in meiner Abwe⸗ ſenheit.“ „Er kam in ſeiner treuherzigen, männlichen Art,“ antwortete Ruth,„um mir ſeine Liebe zu bekennen.“ „Die Du natürlich angenommen haſt?“ fragte der Geizige in höhniſchem Tone. Die ich abgewieſen habe!“ antwortete die Quäterin mit ſchmerzlicher Bitterkeit.„Reuben Geldart iſt ein Ehrenmann, trägt einen unbefleck⸗ ten Namen und darf nicht die Tochter eines Ver⸗ brechers heirathen.“ 198 Als Ephraim Sleek dieſe Worte vernahm, warf er ſeiner Tochter einen finſtern Blick zu und ver⸗ ließ das Zimmer. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Es verfloſſen nahezu zwölf Monate, ſeit Reu⸗ ben von ſeiner Baſe abgewieſen worden war, ohne daß dieſe ihn auch nur Einmal zu Geſicht bekam — eine Veränderung, über welche die Quäkerin ſich freute, denn ſie mißtraute der Schwäche ihres eigenen Herzens und bat täglich den Himmel fle⸗ hendlich, daß Zeit und Wechſel der Unſtände ihr Stärke verleihen möchten. Wohl vernahm ſie von Zeit zu Zeit etwas von ihm durch ihre Tante, Sarah Geldart, welche, ob⸗ gleich ſie ihrer Nichte Benehmen int daß ſie da ihre Hand verweigerte, wo ſie nur ſchweſterliche Zuneigung gewähren konnte, doch im Stillen über den Ausgang erſtaunt und betrübt war. Sie hatte einen ganz andern erwartet und konnte nicht be⸗ Leißen wie irgend ein Weib gefühllos gegen die erdienſte eines Bewerbers, wie ihr Sohn, bleiben önne. Um dieſe Zeit etwa war es, in welcher ein Verwandter— welchen Ruth nie geſehen hatte, oder mit dem ihr erlaubt geweſen wäre zu corre⸗ ſpondiren— ſtarb und ſein beträchtliches Vermö⸗ gen zu gleichen Theilen den beiden Geſchwiſter⸗ 199 rindern hinterließ. Ephraim Sleek gerieth ganz außer ſich, als er dieſe Nachricht vernahm. Seine Geſchäfte gingen vortrefflich; Tag für Tag häufte er Schätze Schätze, und doch gelüſtete hn nach noch mehr— ein Verlangen, das durch die Erb⸗ ſchaft ſeiner Tochter, wie er meinte, geſtillt wer⸗ den würde. Wenn das geduldige und ausdauernde Mäd⸗ chen ſich befriedigt fühlte, ſo war dieß mehr um Reuben's und deſſen Mutter, als um ihres eigenen Intereſſes willen, obgleich das Vermögen, das ihr ſo unerwartet zugefallen war, nicht weniger als dreißig Tauſend Pfund betrug. Ihr Vater wiederholte den Betrag deſſelben täglich, ja faſt ſtündlich. Er träumte fortwährend davon; die Zahlen deſſelben erſchienen auf den Blättern ſeines Hauptbuches, wenn er über dem⸗ ſelben brütete, tanzten wie nackende Teufelchen vor ſeinen Augen— verlockten fortwährend ſein Herz; wachend oder träumend vermochte er an nichts Anderes mehr zu denken. Der jämmerliche Geizhals entwarf eine Menge, wenngleich fruchtloſer lane, ſich in den Beſitz dieſes Geldes zu ſetzen. Die Finger brannten ihm vor Ungeduld, es zählen zu dürfen, und in ſeinem Wahnſinn— denn Geiz iſt eine Gattung Wahn⸗ ſinn— verfluchte er mehr als einmal die Fehig⸗ keit ſeines Kindes, welches ſich weigerte, die Erb⸗ ſchaft in ſeine Hände zu legen. „Ich könnte eine 2 illion erwerben,“ bemerkte er,„wenn ich dieſe Summe noch zu meinem Ca⸗ pital htte.“ 200 Ruth hörte dieß lächelnd an, ohne ſich verlocken zu laſſen. Ein andermal weinte er jämmerlich, behauptete, am Rande eines Bankerotts zu ſtehen, und bat, das Geld ihm nur auf wenige Tage als Anleihen zu überlaſſen. Die Antwort war unabänderlich dieſelbe. Die Bequemlichkeiten, welche die ſo unerwar⸗ teten Mittel Ruth in den Stand geſetzt hatten im Hausweſen einzuführen, waren weit entfernt Ephraim genehm zu ſein, ſondern vermehrten vielmehr ſeinen Aerger, der alle Schranken durch⸗ brach, als er eines Tages bei ſeiner Zurückkunft von der Börſe fand, daß eine Dienerin gedingt worden war— eine Perſon von mittlerem Lebens⸗ alter und mit guten Zeugniſſen verſehen, welche Sarah Geldart ihrer Nichte empfohlen hatte. Ephraim weigerte ſich, nur ein Wort der Er⸗ anzuhören und beſtand auf deren Entlaſ⸗ ung. 39 bin Dein Vater,“ ſprach er,„und Deine Pflicht ſchreibt Dir vor, mir zu gehorchen.“ „Ich bin mir bewußt, dieſelbe immer erfüllt und in jeder Hinſicht immer ſo gehandelt zu ha⸗ ben, wie es das Geſetz mir vorſchreibt.“ „Man will mich berauben, zu Grunde richten!“ ſtöhnte der Geizige. Vergebens bemühte ſich ſeine Tochter, ihn zu verſichern, daß die Vergrößerung des Haushalts ihm keine Koſten verurſachen ſolle, indem ſie ſich anbot, alle Ausgaben für die Oekonomie auf ſich zu nehmen. Alles dieß half nichts, indem ihr Va⸗ 201 ter darauf beſtehen blieb, daß das Frauenzimmer das Haus verlaſſen müſſe. „Meine Geſundheit iſt angegriffen,“ machte ſein Kind geltend;„es fehlt mir an Kraft, fernerhin allein lr Dich zu ſorgen.“ „Ich will ſchon ſelbſt allein für mich ſorgen,“ antwortete der Vater mit gieriger Haſt,„und auch für Dich, wenn Du mich dafür bezahlſt. Ich wie⸗ derhole Dir, daß dieſe Perſon das Haus, und zwar dieſe Stunde noch verlaſſen muß.“ „In dieſem Falle mußichſie begleiten.“ „Du!“ wicderholte der alte Mann erſtaunt. 51 a.“ „Was kann Dich zu einem ſolchen Schritt be⸗ ſtimmen?“ fragte er, indem er ſeine Augen haolb zudrückte und Ruth neugierig in's Geſicht blickte. „Die Selbſterhaltung, der Inſtinct, wel⸗ cher den Schwachen lehrt, nach Schutz ſich umzu⸗ ſehen. Ich weiß, in welche Verſuchungen ſchon das Geld Dich geführt hat, Vater, ich habe die Worte vernommen, welche Du in Deinen Träumen gemur⸗ melt haſt. Ich wage nicht mit Dir allein im Hauſe zu bleiben.“ Als Ephraim Sleek dieſe entſetzliche Enthül⸗ lung vernahm, röthete ſich ſein Geſicht vor Scham. So ſchlecht auch ſeine Natur war, ſo war es ihm doch wachend noch nie eingefallen, ſeinem einzi⸗ gen Kind ein Leid zuzufügen. Wie oft wird uns der erſte Gedanke zu einem Verh chen im Schlafe eingegeben! Ohne ſeinen Befehl hinſichtlich der Entfernung der Dienerin zu wiederholen, begab ſich der jäm⸗ 202 merliche Mann in ſein Comptoir, wo er ſich ein⸗ ſchloß und den ganzen Tag über verblieb. Der Gſan des Streites zwiſchen ihm und Ruth wurde nicht mehr berührt, aber die Un⸗ terredung hatte einen ſo tiefen Eindruck auf ſein Gemüth gemacht, daß er bei der nächſten ſich dar⸗ bietenden Gelegenheit ſeinen Rechtsfreund fragte, wer, wenn ſeine Tochter ohne Nachkommen ſtürbe, deren Erbe ſei. „Niemand anders, als Sie,“ erwiderte der Mann des Geſetzes.„Da ſie unverheirathet iſt, ſo erkennt das Geſetz Sie für den natürlichen Erben, und demſelben Grundſatze gemäß ſind auch Sie deren Vormund.“ Ephraim wiederholte bedächtig das Wort Vor⸗ mund. „Ja— Vormund.“ „Sie vergeſſen, daß ſie majorenn iſt.“ „Ich vergeſſe nichts dieſer Art,“ ſagte der Ad⸗ vokat.„Es iſt ein allgemein verbreiteter Jrrthum zu glauben, daß Vormundſchaft mit der Gryßjäh⸗ rigkeit aufhöre— ſie ruht nur. Laſſen Sie Fälle ſich ereignen, wie Geiſtesſtörung zum Bei⸗ ſpiel— und ſietritt wieder in ihre vollen Rechte ein.“ Ephraim Sleek wiederholte das Wort„Geiſtes⸗ ſtörung“ nochmals auf ſeinem Heimwege. Es ſchien auf ſeinen Geiſt einen ganz eigenthümlichen Ein⸗ druck gemacht zu haben, und trotz ſeiner Bemühun⸗ gen, ſe daſſelbe aus dem Sinne zu ſchlagen, verfolgte es ihn doch fortwährend wie ein böſer Gedanke. Zugleich erſchienen die Umriſſe der Zahlen, 203 welche die Summe von dreißigtauſend Pfund— ſeiner Tochter Vermögen bezeichneten, wie in Flam⸗ menſchrift vor ſeinen Augen. „Wenn ſie mir nur das Geld leihen wollte,“ murmelte er vor ſich hin.„Ich verlange ja nicht von ihr, daß ſie mir es ſchenken ſoll, aber der Ge⸗ danke, daß eine ſolche Summe müßig daliegt, nur fünf Prozent trägt, während ich fünfzig daraus ziehen könnte, macht mich faſt raſend. Es iſt dieß ein Beweis, daß ſie wahnſinnig iſt,“ ſetzte er be⸗ dächtlich hinzu. Von dieſem Tage an ging eine große Verän⸗ derung in dem Benehmen des Geizhalſes vor. Weil er ſeine Gewohnheit des Sprechens und Wandelns im Schlafe kannte, ſo ſchloß er nun, wenn er ſich zur Nachtruhe zurückzog, ſorgfältig die Thüre ſeines Schlafzimmers zu, ſo daß Nie⸗ mand hinein oder heraus konnte. Er wußte nun, daß weder ſeine wachenden Gedanken, noch ſeine Träume, wiederholt werden würden. Arme Ruth! Mit all' ihrer Erfahrung kannte ſie ihren Vater doch noch nicht! Sie meinte ſeine Vorſichtsmaß⸗ regeln gelten der Dienerin, während ſie im Gegen⸗ theile nur gegen ſie gerichtet waren. Ephraim Sleek war öfters auf ſeinem Wege nach der Boͤrſe ein Apothekerladen aufgefallen, der nur wenig beſucht ſchien; die Thüren waren ſelbſt beim ſchönſten Wetter ſelten offen, und er hatte ſich oft gewundert, wie deſſen Eigenthümer, ein kleiner, ſchmächtiger, alter Mann mit ausländiſchem Geſichtsausdruck, ſein Leben durchbringen könne. Einige Tage nach ſeinem Beſuche bei dem 204 Rechts anwalte, während deſſen Worte noch in ſei⸗ nen Ohren klangen, kam er wieder an dem Laden vorüber und ſah, daß ein Wagen mit Bedienten in reichen Livreen vor deſſen Thüre vorgefahren ſtand. Da er im Augenblicke keine ſonderliche Eile hatte, trat er in das Schenkzimmer eines anſtän⸗ dig ausſehenden Weinhauſes gegenüber und er⸗ laubte ſich dort die ungewohnte verſchwenderiſche Ausgabe eines Glaſes Wein. Von dem Fenſter aus, an dem er ſich nieder⸗ ließ, ſah man den Apothekerladen. „Wem gehört wohl dieſer Wagen?“ fragte er den Kellner, während er ſorgfältig das Geld zählte, welches er beim Wechſeln zurückerhalten hatte. „Weiß es nicht, Herr.“ „Er gehört alſo wohl Jemand in der Nach⸗ 8 „Ich glaube ſo, Herr.“ „Weßhalb?“ „Ich ſeh ihn oft hier,“ verſetzte der junge Menſch, den Blick auf das Sechspfennigſtück gerichtet, wel⸗ ches Ephraim, um ſeine Redſeligkeit rege zu machen, fortwährend zwiſchen den Fingern ſpielen ließ. „Sie wiſſen alſo nichts weiter?“ „Nichts, Herr.“ „Ich danke Ihnen,“ ſprach der Geizige, indem er die Münze in ſeine weite Weſtentaſche glei⸗ ten ließ. Die Neugierde eines alten Herrn, der in einer entfernten Ecke des Zimmers ſaß und zu ſeiner Unterhaltung dieſes Zwiſchenſpiel bemerkt hatte, war jetzt ebenfalls rege geworden. 205 „Die Kunden Peter Bernard's ſind nicht zahl⸗ reich,“ ſagte dieſer,„aber ſie zahlen ofſenbar gut, da ſie ſo weit herkommen, um ihn zu Rath zu ziehen.“ „Iſt denn ſein Ruf ſo weit verbreitet?“ fragte Ruth's Vater. „Man erzählt ſich merkwürdige Dinge von ſei⸗ ner Geſchicklichkeit,“ erwiderte der Unbekannte. „Die Leute in der Nachbarſchaft ſchenken ihm mehr Vertrauen, als den Spitalärzten und Doktoren, obgleich er nur ein Apotheker iſt. Und doch,“ fügte er bei,„konſultiren ſie ihn nur in verzweifelten Fällen.“ „Weßhalb?“ „Er ſteht in keinem guten Ruf,“ antwortete der dienſtfertige Auskunftgeber mit gedämpfter Stimme.„Ich bin ein alter Kunde dieſes Hauſes und habe mehr als einmal bemerkt, daß Leute, deren grobe Kleidung durchaus nicht mit ihrem ſtolzen Gang und ihrer ariſtokratiſchen Miene harmoniren, in den Laden Peter Bernard's traten.“ Ephraim Sleek dankte dem fremden Herrn für feine Mittheilung und verließ das Haus, um ſich nach der Börſe zu begeben. Als er gedankenvoll die Straße hinab ging, ſah ihm der getäuſchte Kell⸗ ner argwöhniſch nach. Er hatte die Geſchichte mit den ſechs Pfennigen nicht vergeſſen, die einen un⸗ günſtigen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Hätte er alte Mann ihm dieſelben geſchenkt, ſo hätte er ſicher den Geber wie den Umſtand vergeſſen. „Ich bin überzengt,“ murmelte der junge Menſch halbiaut, daß er nichts Gutes im Schilde führt, weil er ſich ſo genau nach Maſter Bernard erkundigte.“ 206 „Dieß iſtauch meine Anſicht,“ bemerkte der zurück⸗ bleibende Gaſt, dem Ephraim's Benehmen ebenfalls i war.„Kommt dieſer Herr öfters in's aus?“ „Ich habe ihn noch nie zuvor geſehen, Herr,“ antwortete der Kellner;„aber ich werde ein wachſames Auge auf ihn haben; ich werde ſein Geſicht nicht ver⸗ geſſen, dafür ſtehe ich.“ „Und die ſechs Pfennige, nicht wahr,“ ſetzte der Andere lächelnd hinzu. „Die ſechs Pfennige ebenfalls nicht,“ antwortete der junge Menſch, unwillig darüber, daß er über⸗ liſtet worden war. Die Schilderung des Charakters des Apothekers ab dem Geizhalſe die erſte Veranlaſſung zu einem chlimmen Gedanken, deſſen rohe, unbeſtimmte Um⸗ riſſe er allmählig in erhitzten Gehirn zu einer feſten Geſtalt verarbeitete. Er beſtand in nichts Geringerem, als von dem Mann ſich ein Mittel ſr verſchaffen, welches, ohne am Leben zu ſchaden, en Geiſt ſeines Kindes verwirren könnte, damit er dadurch deſſen natürlicher Vormund und Curator von deſſen Vermögen würde. Um dem alten Manne gerecht zu werden, müſ⸗ ſen wir anführen, daß er Anfangs ſelbſt vor die⸗ ſer Idee erſchrack und dieſelbe aus dem Sinne ſich zu ſchlagen ſuchte; aber gleich den meiſten ſchlimmen Gedanken kehrte ſie immer wieder zu⸗ rück, und allmählig kam es dahin, daß er dieſelbe unter einem weniger gehäſſigen Geſichtspunkte zu tauſend Pfund mehr zu zählen zu haben, damit betrachten anfing. Die lockende Ausſicht, dreißig 207 wuchern und ſpekuliren zu können, brachte die Stimme ſeines Gewiſſens ʒum Schweigen, die über⸗ haupt nie laut an ſein Ohr geſchlagen hatte. Der Geiz hatte ihn für Alles, was nicht wie Gold klang, taub gemacht, und dieſer Klang war für ihn gar zu lieblich. Von dem Augenblicke an, in welchem der Ge⸗ danke vollſtändig von ihm Beſitz genommen hatte, konnte der erbärmliche Menſch an gar nichts An⸗ deres mehr denken; erbeſchäftigte ſich unaufhörlich damit, unausgeſetzt ſchwebte ihm ſein Vorhaben vor den Augen, und er glaubte nicht eher Ruhe finden zu können, bis er ſeinen Vorſatz ausge⸗ führt habe. Ephraim konnte dieß nicht länger mehr ertra⸗ Pr und er verließ deßhalb drei Tage nach ſeinem eſuche in dem Weinhauſe ſeine Wohnung, um zu einer Unterredung mit dem Apotheker zu gelangen. Obgleich mehr als wahrſcheinlich bei Peter Bernard etwas Marktſchreierei mit unterlief, ſo beſaß er doch offenbar eine große Geſchicklichkeit als praktiſcher Chemiker und eine merkwürdige Kenntniß der verſchiedenen Eigenſchaften der Heil⸗ mittel und Gifte, die er ohne Bedenken, aber vor⸗ ſichtig in Anwendung brachte. Die Wiſſenſchaft hatte zu Ende des vorigen Jahrhunderts noch nicht die Höhe, wie heutigen Tages, erreicht, die jetzt die Rechtspflege in Stand ſetzt, das Hunderttheil eines Grans Arſenik in einem menſchlichen Körper zu beweiſen; im Blut, im Zellengewebe, im Magen, in den Gebeinen und— wenn geniſſe Gifte, wie Blauſäure u. dgl. angewendet wurden— in der 208 Netzhaut der Augen, den unwiderlegbaren Beweis eines Verbrechens zu finden und daſſelbe an's Tageslicht zu ziehen. Deßhalb mußte zu der Zeit, in welcher unſere Geſchichte ſpielt, einer That dieſer Art, wenn ſie nicht auf gar zu augenfällige Weiſe begangen wurde, Strafloſigkeit ſo ziemtich in Ausſicht ſtehen. Peter Bernard, mit dem wir unſere Leſer be⸗ kannt zu machen im Begriffe ſind, war ein kleiner eingeſchrumpfter alter Mann, mit pergament⸗ farbener Haut, ſchmalem Geſicht, ſcharfen, gierigen Blicken und dunklen, unruhigen Augen, welche die⸗ jenigen, welche mit ihm verkehrten, mit unangeneh⸗ mem Ausdruck zu durchbohren oder anzublitzen ſchienen. Sein Mund, der ſichere Andeuter des Charakters, wies auf große Entſchloſſenheit; die Lippen waren ſchmal, leicht zuſammengepreßt, an den Winkeln herabgezogen und faſt ganz blutlos, durch welch letztere Eigenthümlichkeit ſein maſſiver Unterkiefer noch mehr hervortrat. Er ſaß in ſeinem Laden, wo eine einzige Lampe, anſtatt hinreichendes Licht zur Zubereitung oder Miſchung ſeiner Mittel zu gewähren, nur dazu diente, die Düſterheit noch bemerkbarer zu machen, als Ephraim Sleek, dicht in einen weiten Kamelot⸗ oberrock gehüllt, mit einer hohen Cravatte, welche um Theil ſein Geſicht verbarg, zum erſten Male ſch ihm vorſtellte. Der Apotheker blickte den Geizigen ſcharf an, als dieſer die Thüre des Ladens ſorgfältig hinter ſich abſchloß, einen Stuhl herbeizog und ſich an den Ladentiſch ſetzte. 209 Einige Minuten lang ſprach keiner von beiden ein Wort. Bernard unterbrach zuerſt das Still⸗ ſchweigen, das peinlich zu werden anfing. „Wünſchen Sie mich zu conſultiren?“ fragte er mit halblauter Stimme. Die Worte wurden in geläufigem Engliſch ge⸗ ſprochen, doch verrieth der Accent den Ausländer. „So iſt es,“ antwortete Ruth's Vater zögernd. Es entſtand abermals eine Pauſe, die etwas länger, wie die erſte, dauerte. „Vertraulicher Weiſe vielleicht,“ fuhr der Apo⸗ theer „Vertraulicher Weiſe,“ wiederholte ſein Beſucher. Beider Blicke begegneten ſich und ſie merkten, daß ſie einander verſtanden. Mit einer Vorſicht und einem Wortſchwall, welche einem Diplomaten alle Ehre gemacht hät⸗ ten, ſetzte Ephraun Sleek ſeine Abſicht auseinan⸗ der. Der Apotheker hörte ihn mit ruhigem Lächeln an. Kein Erſchrecken, kein Ausdruck des Wider⸗ willens deutete auf einen Abſcheu vor dem Vor⸗ ſchlag, der im Gegentheile in ſo talter geſchäfts⸗ gemäßer Weiſe aufgenommen wurde, als wenn es ſich um eine ganz alltägliche Sache gehandelt hätte. „Was Sie wünſchen iſt ansführbar,“ bemerkte Peter Bernard, ſeinen Kunden feſt fixirend,„aber Sie dürfen dabei nicht überſehen, daß Dienſte die⸗ ſer Art nicht ohne eine entſprechende Entſchädigung geleiſtet werden.“ Ephraim wimmerte— der Gedanke kam ihn ſchwer an, ſich von ſeinem Mammon trennen u hi Smith, Sein u. Schein. Il. 21¹0 „Ich bin arm,“ ſprach er. „An Geiſt wahrſcheinlich,“ entgegnete der Char⸗ latan,„aber nicht an Mitteln. Der Plan, den Sie entworfen haben, wäre einem armen Mann nicht in den Sinn gekommen oder würde nicht ohne die Wahrſcheinlichkeit— Gewißheit darf ich wohl ſagen— große Vortheile dadurch zu erlan⸗ gn— unternommen. Der Preis für das von hnen Mittel beträgt fünfzig Guineen.“ Der Geizhals ſtöhnte; es war ihm, als wenn er eben ſo viele Tropfen von ſeinem Herzblute hätte ablaſſen müſſen, die er faſt noch lieber, als die verlangte Summe, gegeben hätte. Vergebens verſuchte er zu handeln, um das Mittel für einen billigeren Preis zu erlangen; Peter Bernard ließ ſich aber von dem geforderten Preiſe nicht abbringen. „So können wir alſo kein Geſchäft machen,“ murmelte ſein Beſucher. „Wie Ihnen beliebt,“ bemerkte der Apotheker kalt. Ruth's Vater ſtund auf, um wegzugehen, ſeine Hand hatte bereits die Klinke gefaßt. Noch einen Augenblick und er hätte ſich auf der Straße befunden; aber der böſe Geiſt gewann in ihm die Oberhand. Die Zahlen, welche das Vermögen ſeiner Tochter ausdrückten und die ihm wachend und träumend keine Ruhe ließen, ſchienen vor ſeinen Augen zu blitzen; Töne, gleich dem Klingen rollenden Gol⸗ des, klangen in ſein Ohr, und 3 kehrte er langſam nach dem Ladentiſche zurück. „Ich werde dadurch zum Bettler,“ erwiderte er. Der Eigenthümer des Ladens lächelte ungläubig. „Wann können Sie das Mittel präpariren 74 211 „Bis morgen Abend um dieſe Zeit,“ verſetzte der Giftverkäufer. „Alſo um acht Uhr,“ ſagte Ephraim, auf ſeine Uhr blickend, um die Stunde zu bezeichnen. „Es ſoll bis dahin fertig ſein.“ Zur beſtimmten Stunde erſchien der jämmerliche Mann wieder. Selbſt dem Apotheker fiel der ver⸗ zerrte Ausdruck des Geſichtes auf, als ſein geheimniß⸗ voller Kunde ſich an den Ladentiſch ſetzte und ohne ein Wort zu ſprechen, den feſtgeſetzten Preis lang⸗ ſam auszuzahlen anfing. „Fühlen Sie ſich unwohl?“ fragte er. „Sprechen Sie nicht mit mir,“ murmelte Ephraim mit heiſerer Stimme.„Ich wäre bereits wahnſinnig, raſend, wenn ich nicht dieſen eiſernen Willen beſiße, der ſich noch nie von einem feſten Vorſatz abbringen ließ. Geben Sie mir das Ver⸗ langte und laſſen Sie mich gehen.“ Peter Bernard nahm eine Guinee nach der an⸗ dern vom Ladentiſche und nachdem er ſich überzeugt hatte, daß die Summe vollſtändig ſei, händigte er ſne Beſucher eine Viole ein, welche etwa eine Unze heller Flüſſigkeit enthielt. „Er iſt farblos,“ bemerkte Letzterer, mit träu⸗ meriſchem Ausdrucke den Saft anblickend. „Und geſchmacklos,“ ſetzte der Giftmiſcher hinzu.„Wenn man ihn in ein Glas Waſſer, Wein oder irgend eine andere Flüſſigkeit gießt, ſo erweckt er durch ſeinen Geruch durchaus keinen Verdacht. „Und welches iſt ſeine Wikung?“ „Völlige Lähmung ſowohl des Gehirns als der Nerven,— derjenige, welcher es trinkt, 2¹2 wie ein Kind— nicht heftig, ſondern nur durchaus unfähig, ſeinen Willen auszuſprechen.“ „Gut,“ rief der unnatürliche Vater.„Iſt aber nicht zu fürchten, daß die Vernunft wiederkehrt?“ „In der Todesſtunde vielkeicht, früher aber nicht!⸗ Ephraim Sleek ſteckte das Fläſchchen ſorgfültig in die Taſche und verließ den Laden. Während er langſam ſeinem Hauſe zuſchritt, veranlaßte ihn die Stimme des Gewiſſens mehr als einmal ſtille zu ſtehen, indem er in ſeinem Entſchluſſe wankend wurde. Aber das hölliſche Klingen, das man mit den Glockentönen in den Ohren eines Träumenden vergleichen möchte, fand ſich immer wieder ein, und die warnende Stimme ſeines beſſern Engels ließ ſich nicht mehr vernehmen. „Es iſt ihre eigene Schuld,“ murmelte er zwi⸗ ſchen ſeinen zuſ ammengepreßten Zähnen,„ihre eigene Schuld. Was kann Ruth mit dreißig tauſend Pfund anfangen? Wenn ſie mir nur die Nutznießung daven gelaſſen hätte; ich bin ihr Vater— wenn ſie mir nur die Nutznießung davon gelaſſen hätte.“ Dreißigſtes Kapitel. Ephraim Sleek war viel zu ſehr mit dem gräß⸗ lichen Plane beſchäftigt, der ihm fortwährend in Gedanken lag, um bemerken zu können, daß der Apotheker vorſichtig in der Entfernung ſeinen Schrit⸗ ten nachfolgte, während er ſeinen Weg nach den Minories verſolgte. Die Neugierde des Charlatan 213 war erweckt worden, und zwar nicht allein nur wegen des Aeußern, ſondern auch wegen des eigen⸗ thümlichen Benehmens ſeines Kunden, und er be⸗ ſchloß, dieſelbe zu befriedigen. Der mit ſolcher Hart⸗ näckigkeit aufgeſtellten Behauptung ſeiner Armuth ſchenkte er keinen Glauben, indem ſie im Gegen⸗ theile die Ueberzengung in ihm erweckte, daß er reich ſei. Fünfzig Guineen waren nicht der einzige Vor⸗ theil, den Peter Bernard durch ſeinen Antheil an dieſem Geſchäfte zu ernten hoffte; er betrachtete dieſelben vielmehr nur als eine Abſchlagszahlung an dem vollen Preiſe ſeiner Dienſte. Nochdem er den alten Mann in das Haus hatte eintreten ſehen, merkte er ſich ſorgfältig den Namen an der Thürplatte und die Zahl. Generalagent und Commiſſionär,“ wiederholte er für ſich.„Hm! Vielleicht hat er am Ende doch nur für einen Andern gehandelt; wir werden ſehen— wir werden ſehen.“ Und er rieb ſich die Hände, wie wenn er ſchon des Goldes, des Götzen, dem er diente, ganz ſicher wäre, welches ihm zufallen müſſe. Als er ſich umwandte um die Straße zu ver⸗ laſſen, ging der Kellner des ihm gegenüberliegenden Weinhauſes an ihm vorüber und ſah ihm forſchend in's Geſicht. „Sie haben ſonſt nicht die Gewohnheit Ihr Sacktuch vor's Geſicht zu halten, Maſter Bernard!“ rief der junge Mann.„Ich kenne Sie und Ihren Kunden jetzt. Der hätte beſſer daran gethan, mir die ſechs Pfennige zu geben,“ ſetzte er lachend hinzu. 214 Der Charlatan ging ärgerlich und faſt erſchreckt über die vernommenen Worte ſowohl, als daß er erkannt worden war, ſeines Wegs. Als der Quäker in ſein armſelig möblirtes Wohnzimmer eintrat, fand er den Tiſch bereits für das Nachteſſen gedeckt. Zwei Stühle und eben ſo viele Couverte waren aufgelegt— eines für ſeine Tochter, das andere für ihn, und für beide je ein Glas Waſſer. „Du biſt ermüdet, Vater,“ bemerkte Ruth be⸗ ſorgt,„denn ſeit drei Tagen bemerke ich, daß Du ſehr blaß und eingefallen ausſiehſt.“ Der alte Mann murmelte etwas von den Sor⸗ gen, welche ihm die Ausgaben für ſeine Haushaltung und eine Dienerin verurſachen. „Ich habe ſu unſerm frugalen Mahl noch etwas hinzugefügt,“ fuhr das verſtändige Mädchen fort, ohne ſeine Worte zu beachten;„das wird Dir gut thun—“ „Deine Verſchwendungsſucht wird mich noch zu Grunde richten!“ rief ihr Vater zornig. „Und Dich ſtärken.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ die Tochter das Zimmer, um die Anſtalten für das Nachteſſen zu betreiben. Ihre Abweſenheit gab dem Geizhals die Gelegenheit, die er ſuchte. Kaum war die Thüre zugemacht, als er von ſeinem Stuhle aufſprang, das Fläſchchen aus der Taſche zog und deſſen Inhalt in ſeiner Tochter Glas goß. „Breißig tauſend Pfund!“ murmelte er in Ge⸗ danken;„ich kann eine Million daraus machen, und 215 ſie würde alles verſchleudern. Es iſt ihre eigene Schuld! Ihre eigene Schuld! Sie hätte mir das Geld leihen ſollen.“ Dieſer Gedanke, womit es ihm bis jetzt gelungen war, die Gefühle der Natur und ſeine Gewiſſens⸗ biſſe zum Schweigen zu bringen, ſchien ſeine Kraft verloren zu haben; denn als Ruth wieder erſchien, erſchrack ſie über den wilden, verzerrten Ausdruck ſeines Geſichts. „Du biſt unwohl!“ rief ſie aus.„Ich bin über⸗ zeugt, daß Du unwohl biſt.“ „Nein, nein!“ verſetzte ihr Vater ſcharf.„Ich nur raſch gegangen— etwas Ermüdung, weiter nichts.“ Rebecca, die neue Dienerin, eine Perſon von geſetztem Alter, brachte jetzt das Nachteſſen herein und ſtellte es auf den Tiſch. „Ein Huhn! Ein H hn!“ ſtöhnte Ephraim.„Es muß wenigſtens zwei Schillinge gekoſtet haben. Mit einer ſolchen Summe hätte ich eine ganze Woche leben können.“ „Iß davon,“ ſagte ſeine Tochter ſanft,„und danke Dem dafür, der dieſe Geſchöpfe zu unſerm Gebrauch erſchaffen hat.“ 2 „Zwei Schillinge,“ wiederholte der Geizige Ruth fing an zu eſſen, in der Hoffnung, daß ihr Beiſpiel und der wohlduftende Geruch des Ge⸗ richtes ſeinen Appetit rege machen werde. Zweimal verſuchte Ephraim von dieſer Speiſe zu koſten, aber jedes Mal ſchien es, als wenn etwas ihm im Halſe ſtäce und ihn zu erſticken drohte. Seine Tochter hatte von dem verhängnißvollen Trank noch nichts 216 zu ſich genommen. Die Erwartung war auf's Höchſte geſpannt, bis endlich die Ungewißheit ſich auf's Aeußerſte ſteigerte, und der elende Sklave jener ſchlimmſten aller Leidenſchaften, des Geizes, die weit aufgeriſſenen Augen ſtier auf ihr Geſicht ge⸗ richtet und mit einem Ausdrucke daſaß, der in einem Teufel Grauſen erregt hätte, wenn er es mit an⸗ geſehen hätte. Als das argloſe Mädchen den Trank an ihre Lippen erhob, entfuhr ihm ein tiefer Seufzer und er fiel beſinnungslos in ſeinen Stuhl zurück. „Der Herr wird ohnmächtig,“ rief die Dienerin. Ihre Herrin ſtellte das Glas wieder auf den Tiſch und eilte ihrem Vater zu Hilfe. Es dauerte eine geraume Zeit, bis Ephraim Sleek wieder zu ſich kam. Als allmählig ſeine Sinne wieder zurück⸗ kehrten, blickte er zuerſt auf ſein Kind, dann auf das Glas. Daſſelbe war leer. Mit einer Anſtrengung jenes eiſernen Willens, der ſein ganzes Leben hindurch ſein Fluch geweſen war, ſprang der alte Mann auf und entſfernte ſich langſam aus dem Zimmer. Ruth und die Dienerin wechſelten Blicke des Er⸗ ſtaunens und der Beſorgniß. Jetzt hörten ſie ihn den Riegel an der Thüre ſeines Schlafzimmers vor⸗ ſchieben. „Wie ſonderbar!“ bemerkte das Mädchen.„Wollen Sie ihm nicht nachfolgen?“ „Es wäre nutzlos,“ erwiderte ihre Gebieterin. „Wahrſcheinlich hat mein Vater in ſeinem Geſchäft 217 einen Verluſt erlitten— meine Gegenwart würde ihn daher nur aufregen.“ „Der Herr beſitzt eine große Liebe zum Gold.“ „Sie war von jeher ſein Fluch,“ ſeuſzte Ruth, deren Nerven ſehr angegriffen waren. Rebecca drang in ſie, ein Glas Waſſer zu trinken. „Hier iſt des Herrn Glas, ſprach ſie, daſſelbe darreichend—„das Ihrige iſt leer.“ „Wie kommt dieß? Ich habe nicht daraus ge⸗ trunken.“ „Nein, ich reichte es Ihrem Vater.“ In der Beſtürzung über den plötzlichen Anfall, welchem Ephraim Bielt unterworfen geweſen, hatte ihm das Dienſtmädchen das Glas gereicht, in welchem ſich die Miſchung für ſein unſchuldiges Kind be⸗ funden, und ſo hatte der Geizige, ohne es zu wiſſen, das für dieſes beſtimmte Gift getrunken. Nie war die Wiedervergeitung vollſtändiger und das Eingreifen der Vorſehung ſichtbarer, als in dieſem Falle, wodurch der unnatürliche und gewiſſen⸗ loſe Vater das Opfer ſeiner eigenen ſchwarzen Ab⸗ ſichten wurde.. Eine Hand, deren Macht er außer Berechnung gelaſſen hatte, traf ihn in demſelben Augenblicke, ſe er ſeine ſchlechte Abſicht auszuführen ſuchte. Als am folgenden Morgen Ruth nach mehr⸗ maligem Pochen an der Thüre des Zimmers ihres Vaters keine Antwort erhielt, ließ ſie, im höchſten Grade beängſtigt, endlich dieſelbe aufbrechen. Ein ſchauerliches Schauſpiel bot ihr ſich hier dar. Der Sklave ſeiner ſchlechten Leidenſchaften lag auf ſeinem 218 Bette ausgeſtreckt, allem Anſcheine nach als ein irreredender Blödſinniger, außer Stande zu ſprechen oder ſich zu rühren. So ſtark hatte der Trank gewirkt. Wie Peter Bernard rühmend erwähnt hatte, als er den hölliſchen Trank pereitete, ſchien völlige Lähmung des Gehirns und der Nerven darauf er⸗ folgt zu ſein. Wir ſagen, es ſchien ſo, denn es fragte ſich, ob die Vernunft völlig erloſchen war. Wenn dieß nicht der Fall war, ſo war deren S ſicher die größte Strafe für den Ver⸗ recher. Der herbeigerufene Arzt war dieſer letzten An⸗ ſicht, weil er von Zeit zu Zeit in dem kalten, grauen Auge ſeines Patienten einen Ausdruck hoff⸗ nungsloſer Pein und ohnmächtiger Wuth bemerkte, die bei gänzlichem Verluſte der Vernunft unmög⸗ lich Fein wäre. inmal, aber auch nur ein einziges Mal, ent⸗ ſchlüpfte ihm ein Zeichen des wiedertehrenden Be⸗ wußtſeins; es war dieß, als einer der Aerzte be⸗ merfte, daß in dieſem traurigen Falle Ruth die natürliche Vormünderin ihres Pate werde. Waor es Reue oder Verzweiflung, die ihm einen Seufzer auspreßte, oder war es blos ein unwill⸗ kührlicher Schmerzensſchrei? Wer vermag dieß zu entſcheiden? Im Lauf des Abends fanden ſich zwei Beſuche im Hauſe in den Minories ein. Der Eine war Peter Bernard, der in der Hoffnung gekommen war, der Angſt ſeines Kunden noch eine weitere Summe abzupreſſen. 219 Er war für den Erfolg ſeines Mittels bezahlt worden, aber er war auch gewohnt, ſich ſein Still⸗ ſchweigen bezahlen zu laſſen. Begreiflicher Weiſe wurde der Apotheker, der ſeinen Namen zu nennen ſich weigerte, nicht in Ephraim Sleek's Zimmer zugelaſſen; von der Die⸗ nerin erhielt er aber Aufſchluß über das, was ſich zugetragen hatte. „Und was machten Sie dann?“ fragte er, nachdem Rebecca ihm den Anfall beſchrieben hatte, in Folge deſſen ihr Herr bei dem Abendeſſen in ſeinen Stuhl zurückgeſunken war. „Nichts,“ erwiederte ſie. nie hätten nach ärztlicher Hilfe ſich umſehen ollen.“ „Es war Niemand um den Weg,“ bemerkte das Mädchen,„und unmittelbar darauf ſchloß er ſich in ſein Zimmer ein.“ „Sie hätten ihm wenigſtens ein Glas Waſſer geben ſollen,“ ſagte der Charlatan. „Das that ich ja.“ Peter Bernard ſtellte keine weitern Fragen mehr. Die nächſte Perſon, die vorſprach, war der Kellner aus dem Weinhauſe, der, als er Rebecca's Mittheilung hörte, ſogleich ausrief: „Aiſo ſich ſelbſt wollte er vergiften!“ Die Dienerin ſchenkte damals dieſen Worten wenig Aufmerkſamkeit, aber nach Jahren, als der n ihres Herrn ſich immer gleich blieb, fielen ſie ihr wieder ein, und mehr als einmal dachte ſie daran, dieſelben ihrer Herrin mitzutheilen. Ruth ertrug auf die edelſte Weiſe die Prüfung, 220 welche die Vorſehung ihr auferlegt hatte. Obgleich die erſten mediziniſchen Autoritäten den Zuſtand des Kranken für hoffnungslos erklärt hatten, gab ſie doch nie die Hoffnung auf, daß er eines Tages den Gebrauch ſeiner Vernunft wieder erlangen und ihre Hingebung durch die einzige Entſchädigung, die ſie wünſchie und verlangte, lohnen werde— durch Reue und Sühne. Dieß war der Gegenſtand ihrer Gedanken bei Tag und ihrer Gebete bei Nacht, und gerne brachte ſie ihre Jugend zum Opfer in der Hoffnung der Gewährung derſelben. „Mögen Leiden ſein Herz läutern!“ rief ſie aus“ indem ſie ihre Gebete zu dem Throne des Weſens ſchickte, welches allein dieſelben erhören fonnte.„Wenn ich nur die Worte wahrer Reue von Lippen zu hören bekomme. Ich verlange auf Erden keinen reichern Segen.“ Die Zeit allein kann entſcheiden, ob das Ge⸗ bet kindlchen Mitleids erhört wurde. Mehrere Jahre hindurch blieb aber Ephraim's Zuſtand ſo hoffnungslos, als zu der Zeit, in der ſie ihre Bitte zum erſten Male ausſprach. Ehe wir dieſes Kapitel ſchließen, zwiſchen wel⸗ chem und dem nächſten, wie wir unſere Leſer auf⸗ merkſam machen müſſen, ein Zeitraum von meh⸗ reren Jahren liegt, erſuchen wir dieſelben, uns nach Irland zu folgen, wo der kleine Redmond und Kot⸗ ty's Kinder eben in jene ereignißreiche Periode des Lebens traten, in welcher der ſich entwickelnde Ver⸗ ſtand jene erſten, zarten und hoffnungsvollen Blü⸗ then treibt, welche eine vorſichtige Hand der Liebe S N 7 V X N S X— N X o — S — 221 und eine richtige Beurtheilung erfordern, auf welche Weiſe ſie zu pflegen ſind. Vernachläßigt ſchießen ſie auf und arten in werthloſes Unkraut aus oder werden gar zu ſchädlichen Pflanzen. Der verwaiſte Erbe von Murlough, jetzt in ſeinem fünften Jahre, Phelim Coſſiday, ungefähr wenige Monate älter, und Ellen, ein reizendes, liebliches Geſchöpf, der Liebling und das Schooß⸗ tind ihrer ganzen Umgebung, waren die Zöglinge des Paters Karoolan. Dieſer Unterricht war ein Liebeswerk von Seiten des alten Mannes, der Anfangs es nicht ganz der Klugheit für an emeſſen hielt, die Sprößlinge eines Bauers mit dem Stamm⸗ halter der O Neil's und St. Clair's zu erziehen. Die Frage wurde durch Letztern entſchieden. Redmond vermochte nicht einzuſehen, weßhalb er genöthigt ſein ſolle, ſeine Augen durch Bücher zu ermüden, während er viel lieber geſpielt hätte, und daß ſeine Geſellſchafter davon ausgeſchloſſen ſein ſollten. Schon jetzt machte ſich ſein Eigenwille fühlbar und trug zuletzt den Sieg über die klugen Bedenken des würdigen Prieſters davon, der all⸗ mählig an ſeiner Aufgabe ſo großen Geſchmack fand, daß er endlich vollig vergaß, je dagegen Ein⸗ wendung erhoben zu haben. Es war ein erfreuliches Bild, wenn man den alten Mann auf der Terraſſe ſitzen ſah, die An⸗ kunft ſeiner Zöglinge erwartend, die endlich, gleich Schnecken, herbeigeſchlichen kamen, denen es gar nicht in die Schule preſſirte, meiſtens unvorberei⸗ tet auf ihre Lektionen, Redmond, indem er ſeinen 222 Milchbruder Phelim vor ſich her puffte und Ellen an der Hand führte. Die Zuneigung zwiſchen den beiden Letztern war ſo augenfällig, daß Pater Karoolan oft ſich fragte, was am Ende daraus noch werden ſolle. Trotz des jugendlichen Alters war es doch merk⸗ würdig, die Verſchiedenartigkeit des Gefühls zu beobachten, mit welchem die beiden Knaben ihre kleine Geſpielin, Ellen, behandelten. Phelim machte es, wie die meiſten Brüder, in⸗ dem er zuweilen ſeine Schweſter plagte und ärgerte, während Redmond ihr jedesmal Beiſtand leiſtete. Seine dunklen Augen blitzten dann zornig auf und ſeine Wangen färbten ſich hochroth, und mehr als einmal mußte der Beleidiger durch Schläge für ſeine Gewaltthätigkeit büßen. Mochte ihr Ritter auch von ſeinem Spiele noch ſo ſehr ſich angezogen fühlen, ſo verließ er es doch ſogleich, wenn Ellen ihn rief. Dieß war eine der Urſachen ſeiner Streitigkeiten mit ſeinem Milchbru⸗ der, den er ſonſt zärtlich liebte— wie er ſelbſt dem würdigen Prieſter erklärte, der ihm öfters Ver⸗ weiſe darüber ertheilte, daß er ſeiner zornigen Auf⸗ wallung zu viel ſhh— doch fügte er jedes⸗ mal hinzu, daß ihm deſſen Schweſter Ellen noch viel lieber ſei. Der Einfluß, den dieſe auf ihn übte, war in der That höchſt merkwürdig, und wenn er noch ſo zornig war, ſo vermochte deren Stimme ihn doch ſtets zu beruhigen. Dieſes Gefühl wurde durch ſeine Großtante, Miß Macnamara, eher genährt, als unterdrückt, S 8S— NMWW— — 223 welche über die frühzeitige Galanterie lächelte, mit welcher er Katty's Tochter beſchützte. Sie vergaß, daß der Frühling nur der Vorläufer der Sommer⸗ blumen iſt, und verlachte die Vorſtellungen des Pater Karvolan über dieſen Punkt. „Es iſt noch Zeit genug, Vorſichtsmaßregeln zu treffen,“ erwiderte ſie,„wenn Redmond ſich dem Mannesalter nähert. Kinder, welche zuſammen auferzogen werden, lieben ſich nie in dem Sinne, welchen die Welt dem Worte beilegt.“ Und doch hatte ſie zu bemerken Gelegenheit, wie verſchieden das Gefühl war, mit welchem Phe⸗ lim ſeine Schweſter betrachtete. Sir Patrick O Neil kam oft nach Murlough Houſe herüber geritten, um ſich an dem Anblick des verwaiſten Erben zu erfreuen; denn er zwei⸗ felte entfernt nicht an dem Tode ſeines Lieblings⸗ neffen, des Baronets. Was Ulie Blake anbelangte, ſo ſchlug jeder Verfuch, den der Verräther machte, ſich bei ſeinem ercentriſchen, aber ſtolzen Verwand⸗ ten wieder in Gunſt zu ſetzen, fehl, und alles, was man von ihm erfuhr, beſtand darin, daß er ſeinen Dienſt in Frankreich aufgegeben habe und in den ſeines eigenen Souverains getreten ſei. Dieſer Umſtand war eben nicht geeignet, ihn in den Augen Sir Patrick ONeil's zu heben, der, gleich vielen irländiſchen Edelleuten jener Zeit, Georg 1M. nie mit einem andern Titel, als dem des Lhurfürſten von Hannover bezeichnete. So lange noch der letzte der Stuarts, der Cardinal pon York, oder, wie er ſich ſelbſt nannte und auch 224 auf ſeinem Grabdenkſteine in der Sankt Peters⸗ tirche in Rom genannt iſt,„Heinrich IX., König von England,“ lebte. Einunddreißigſtes Kapitel. Wenn es an Beweiſen ſehlte, daß der Menſch für die Ewigkeit beſtimmt iſt, ſo fände er ſich in dem Mangel an Befriedigung, die er mit der Zeit fühlt, welche entweder für ſeine Ungeduld zu lang⸗ ſam oder für ſeine Befürchtungen zu raſch ver⸗ ſtreicht. Ehe ein Lächein verſchwindet, oder eine Thräne vertrocknet— ehe er darüber ſich klar wird, iſt der Moment dahin, und ſeine Erinnerungen ſind nur eben ſo viele Grabſteine, die auf dem Kirchhofe der Vergungenheit errichtet ſtehen. So finden wir, daß der Rückblick und der Vor⸗ genuß die kurze Spanne des Lebens ausfüllen— die Hoffnung des heutigen Tages wird morgen der Gegenſtand des Kummers, und damit iſt Alles geſagt. Wäre es anders, wäre es möglich die Zu⸗ kunft hinauszuſchieben, die Vergangenheit zurückzu⸗ rufen oder die gegenwärtige Stunde feſtzuhalten, blos weil ſie uns ieie ſo hätten diejenigen, welche dulden, einiges Recht über die Weisheit zu klagen, durch welche Alles angeordnet wird. Glicklichet Weiſe iſt dieß nicht der Fall und die Zeit— die mojeſtätiſche Zeit— verfolgt ihre feierliche Flucht, unbetümmert um menſchliche Leidenſchaften, menſch⸗ liche Hoffnungen und Befürchtungen. 225 Obgleich Ephraim's trauriger Zuſtand, ſein er⸗ gebenes und ſeit lange duldendes Kind nicht allein zur Herrin ihrer eigenen Handlungen, ſondern auch des ungeheuren Vermögens, das er erworben, ge⸗ macht hatte, ſo änderte Ruth doch nichts an ihrer zurückgezogenen Lebensweiſe; im Gegentheile, die unermüdliche Aufmerkſamkeit auf ihres Vaters Zu⸗ ſtand zog ſie noch weit mehr von der Welt ab. Liebe, ſagt man, erträgt viel; aber Ruth hielt ein höheres Gefühl aufrecht— die Pflicht, und dieſe erfüllte ſie auf die edelſte Weiſe. Nie ver⸗ ließen ſie ihre Geduld und Standhaftigkeit. Kind⸗ liche Liebe hielt ſie aufrecht und verſchönerte ihr Leben durch die Heiligkeit ihres freiwilligen Opfers. Die Aerzte, welche ſie zu Rathe zog, hatten ſchon längſt die Vernunft des Kranken für gänz⸗ lich verloren gehalten und ſeinen Zuſtand als hofſ⸗ nungslos erklärt. Seine Tochter hörte dieſen Ausprurh mit Standhaftigkeit an, ohne aber da⸗ durch von dem Verhalten, das ſie ſich vorgezeich⸗ net, abbringen zu laſſen. Morgens und Abends erhob ſie ihre Seele an der Seite des Duldenden im Gebet und flehte zu Dem, deſſen Athem den Felſen ſpaltete und Quellwaſſer in die Wüſte rieſeln ließ, durch Reue den noch härtern Felſen zu erweichen— das Herz ihres unglücklichen Vaters. t Auf die wiederholten Vorſtellungen ihrer Tante und Reuben's, daß ſie ihre Geſundheit für Jemand aufreibe, der ihr Opfer gar nicht zu erkennen ver⸗ möge, gab Ruth ſtets dieſelbe Antwort. Es ſei kein Beweis vorhanden, ſruch ſie, Smith, Sein u. Schein. 1I. daß die Vernunft ihres Vaters ganz zerſtört ſei, und wenn dieß nicht der Fall fü ſo müſſe er wiſſen, daß ſie anweſend ſei. Die Hand, die ihn niedergeworfen, könne ihn auch wieder aufrichten; und es ſei nicht ihre Sache, die Grenzen der Gnade Gottes zu ermeſſen oder deſſen Abſichten ergrän⸗ den zu wollen, der ohne Zweifel ſeine weiſen Ab⸗ ſichten dabei habe, daß er ihrem Vater Trübſal geſcict Schließlich erklärte ſie ſodann jedesmal, aß, ſo lange derſelbe lebe, keine andere Hand, als die ihrige ihn pflegen ſolle. Auf die gewiſſenhaf⸗ teſte Weiſe hielt ſie ihr Wort. Seitdem Ephraim erkrankt war, hatte Schweſter Geldart ihre Nichte ſehr häufig beſucht— ja es verging ſelten ein Tag, in welchem ſie nicht in dem vereinſamten Hauſe in den Minories er⸗ ſchien, welches Ruth und deren Vater noch immer bewohnten. Obgleich die alte Quäkerin gehofft hatte, daß Ruth die Frau ihres Sohnes Reuben würde, ſo dieſe Enttäuſchung der Liebe für ihre junge erwandte doch keinen Eintrag gethan. Sarah Geldart war mehrere Tage ausgeblieben, und Ruth ſchickte eben ſich an, i ihr fragen zu laſſen, weil ſie befürchtete, die wackere Frau möchte ertraukt ſein, als dieſelbe ſich bei ihr einfand. Die Röthe auf ihren ſonſt bleichen Wangen und ein krankhaftes Zucken in ihrem Geſichte zeigten ihrer Nichte deutlich, daß ſich etwas zugetragen, was ſie verdroſſen hatte, und doch war ihre Stimme ruhig und gemeſſen, als ſie in gewohnter Weiſe nach dem Patienten fragte. 227 „Immer derſelbe Zuſtand— immer derſelbe Zuſtand,“ lautete die betrübte Antwort.„Hat ſich etwas zugetragen? Iſt Reuben—“ „Mein Sohn befindet ſich wohl,“ antwortete ihre Beſucherin, zes handelt ſich nicht um ein Un⸗ wohlſein meines Sohnes, das mir Kummer macht.“ „Noch ſonſt etwas, was ihn betrifft, wie ich hoffe?“ bemerkte ihre Nichte. „Ich bin noch gar nicht recht zu mir gekom⸗ men,“ fuhr ihre Tante fort.„Die Thorheit der Jugend hat die Weisheit des Alters überliſtet. Hannah, welche ich auf Dein Erſuchen in mein Haus aufnahm und wie eine Tochter hielt, hat mich hintergangen.“ Ruth's Geſicht flammte hochroth auf und wurde dann leichenbleich. „Das Herz iſt ſchwach,“ ſprach ſie nach einer Pauſe.„Derjenige, welcher es fchuf, kann allein es leiten oder verſtehen. Nicht Jedem iſt es ge⸗ geben, deſſen Verlaſſenſein zu ertragen. Auf welche Weiſe hat Hannah ſich verfehlt?“ „Durch eine heimliche Vermählung— durch eine Vermählung ohne die Zuſtimmung der Eltern ihres Gatten. Schon ſeit länger als einen Monat war ſie eine Frau, und ich ahnte nichts davon— die Frau—“ „Reuben's?“ unterbrach ſie Ruth in ſo be⸗ ſtürztem Tone, daß ihre Verwandte, wenn ſie nicht zu ſehr mit ihren eigenen Gefühlen beſchäftigt ge⸗ weſen wäre, die, welche die Bruſt ihrer Nichte be⸗ wegten, erkannt haben würde⸗ 6 „Reuben!“ wiederholte ihre Tante. einem 228 Blicke ungekünſtelten Erſtaunens;„ich hoffe, daß mein Sohn zu vernünftig erzogen wurde, als daß er einen derartigen Schritt gethan hätte. Er würde ſeiner Mutter durch Geheimhalten nicht wehe thun. Nein, nein! So ſchlimm ſteht die Sache nicht.“ Ruth athmete freier, wie Jemand, der plötzlich von einem Schmerz ſich befreit ſieht. Obgieich ſie keine Hoffnung hegte, je die Frau ihrer Vetters zu werden, ſo hätte ſie doch nicht ohne Pein zu hören vermocht, daß er ſeine Liebe einer Andern geſchenkt habe. „Arme Hannah!“ rief ſie aus;„ich wünſche, daß ſie glücklich wird. Kenne ich den Namen ihres Gatten?“ „Joſeph Ruſſett, erwiderte Schweſter Geldart, „der Sohn von Reuben's Aſſocie. Ich bildete mir ein, Freundſchaft und der Wunſch einer frommen Unterhaltung führe den jungen Mann in unſer Haus, und muß mich jetzt wegen meines Mangels an Klugheit und Scharfſichtigkeit tadeln. Ich wurde gewarnt,“ fügte ſie bei,„ſah aber blind darüber weg.“ „Gewarnt, durch wen, liebe Tante?“ fragte Ruth, die jetzt ganz ruhig und unbefangen von dieſem Vorfall ſprechen konnte. „Durch das bethörte Mädchen ſelbſt,“ verſetzte die ite Quäkerin.„Kannſt Du es giauben? Zwei⸗ mal traf ich ſie vor dem Spiegel, wo ſie ſündiger Weiſe ihr Haar zu unſchicklichen Locken drehle; ich jah dieß, ohne ſie zurecht zu weiſen. Be hielt es für die kindiſche itelteit eines unſchuldi⸗ 229 gen Herzens,“ ſetzte ſie mit einem Seufzer hinzu, „während ich es für die Falle eines ſchlimmen Her⸗ zens hätte halten ſollen.“ „Und was ſagt mein Vetter dazu?“ fragte Ruth. „Er iſt weniger aufgebracht, als ich es wünſchte,“ antwortete deſſen Mutter;„denn er beurtheilt alles wohlwollend. Er hat bereits zwiſchen ſeinem Aſſocie und deſſen ungehorſamem Sohn zu ver⸗ mitteln gefucht, aber Freund Ruſſett blieb uner⸗ bittlich.“ „Und Hannah iſt unglücklich,“ ſagte deren frühere Herrin im Tone liebevollen Mitleids. „Wie ſie geſät hat, ſo wird ſie ernten,“ erwiderte Schweſter Geldart ſalbungsreich. Ihre Nichte nickte ihr aber keinen Beifall zu, indem ihr Geiſt mit andern Gedanken beſchäftigt war. „Du kennſt Freund Ruſſett ſchon ſeit Jahren;“ ſprach Ruth, die Hand auf den Arm ihrer Ver⸗ wandten legend.„Sage mir, was für eine Art von Menſch iſt er?“ „Er iſt ein wackerer Mann,“ erwiderte die Tante. „Das weiß ich, ſonſt wäre er nicht der Aſſocie meines Vetters,“ bemerkte Ruth.„Du biſt ſeit vielen Jahren mit ihm bekannt und haſt Dir längſt ein Urtheil über ſeinen Charakter gebildet. Glaubſt Du,“ fuhr ſie fort,„daß ſein Zorn in Folge des Ungehorſams ſeines Sohnes noch aus einem an⸗ dern Grunde rege gemacht worden iſt, als weil die Frau, die er ſich erwählt hat, arm iſt?“ „Wohlwollen hofft immer das Beſte,“ antwor⸗ tete Sarah ausweichend. 230 „Nun, nun, Tante, liebe Tante, bin ich Deines Verkrauens nicht würdig?“ „Wohlſtand verhärtet uweilen das Herz,“ ſagte die Quäkerin nach einer auſe;„aber ſeit ich dieſe abſcheulichen Locken geſehen habe, traue ich meinem Urtheile ſelbſt nicht mehr, welches, wie man uns lehrt, allerdings durch Wohlwollen geleitet werden ſoll. Deßhalb darfſt Du Dich auf meine Worte nicht allzuſehr verlaſſen. Wäre Hannah reich an Gaben des Mammons, ſo fürchte ich allerdings, daß Freund Ruſſett's Zorn nicht ſo groß zweſ wäre.“ „Ich dachte mir dieß wohl,“ murmelte die Nichte, „denn Reuben ſpricht nicht in der Weiſe von ihm, daß man geneigt iſt, ihm ein großes und edel⸗ müthiges Herz zuzuſchreiben. Und wo iſt denn Hannah?“ Schweſter Geldart gab Ruth die Adreſſe der jungen Eheleute, die ſich in der Wohnung befan⸗ den, welche ihr Sohn ihnen verſchafft hatte. „Sollte Hannah nach mir fragen,“ ſagte die alte Frau im Kampfe zwiſchen dem natürlichen Wohlwollen ihres Herzens und den ſtrengen Be⸗ griffen von Schicklichkeit, welche ihrem eigenen Be⸗ nehmen zur Richtſchnur dienten,„ſo kannſt Du ihr ſagen, daß ich zwar ſehr erzürnt, aber nicht unver⸗ ſöhnlich ſei.“ „Und daß Du ihr verzeihen willſt?“ ſetzte Ruth bittend hinzu. „Ja, das heißt, wenn ſie einſieht, daß ſie mich um Verzeihung zu bitten hat.“ Mit dieſen Worten verabſchiedete ſich Reuben's 231 Mutter, innerlich ſi aus welchen Grün⸗ den ihre Nichte ſich ſo angelegentlich nach dem Charakter Freund Ruſſett's erkundigt habe. Den ganzen Tag über zeigte ſich Ruth nach⸗ denklich und zerſtreut, wie Jemand, der eine wich⸗ tige Angelegenheit überlegt. Rebecca mußte ſie zweimal daran erinnern, daß ihr frugales Mahl bereit ſei, ehe ſie ſich ſoweit ſammelte, um ſich dazu niederzuſetzen, und ſelbſt dann hörte ihre Zer⸗ ſtreuung noch nicht auf. Am folgenden Morgen war jede Spur von Zweifel und Zögern aus Ruth's Geſicht verſchwun⸗ den, die zum Erſtaunen ihrer Dienerin ihre Ab⸗ ſicht ausſprach, für einen Theil des Tages ſich von Hauſe zu entfernen, der erſt wenige Stunden zählte, als ſie wegging. um ihre Schritte nach der Privatwohnung Zakob Ruſſetts, dem ältern Theil⸗ haber der Firma Ruſſet und Geldart zu lenken. Wenige Perſonen, welche ihr in den Straßen begegneten, würden es geglaubt haben, wenn man ihnen geſagt hätte, daß das Frauenzimmer, das mit einer weißen Haube auf dem Kopfe und in einem einfachen Kleide von Wollenzeug an ihnen vorüber⸗ ging, wenn ihr beliebt hätte, den reichſten indiſchen Seidenſtoff hätte tragen, oder mit den ſtolzeſten Damen aus der Eith hätte wetteifern können, welche ſie im Glanze ihrer Juwelen und Equipage mit mitleidigem Lächeln betrachteten; aber die einzigen Edelſteine, welche die ſchöne Quäterin werth hielt, waren ſolche, welche die Welt kaum erkennt und würdigt, die Juwelen des Geiſtes und Gemüths. Ruth fand den beleidigten Vater nichts weni⸗ 232 er, als zu einer Verſöhnung mit der jungen Frau und deren Gatten geneigt. Durch die heim⸗ liche Ehe war er nicht nur in ſeiner Liebe ver⸗ letzt, ſondern auch in ſeinen Ausſichten getäuſcht worden, die er ſchon ſeit lange hinſichtlich der Etablirung ſeines Sohnes gehegthatte, für welchen er gerne eine, wie die Welt ſich ausdrückt, ver⸗ nünftige, paſſende Partie, mit Einem Worte, eine jener Verbindungen ausgeſucht hätte, bei welchen das Intereſſe allein zu Rathe gezogen und die Neigung gänzlich aus dem Spiele gelaſſen wird. Wie es nur zu häufig zu gehen pflegt, ſo ilte der ausdauernde und mühſame Erwerb von ermögen des alten Mannes Herz verhärtet, an⸗ ſtatt es weicher zu machen, und aus dieſem Grunde war ſein Zorn groß, ſich ſo in Hoffnungen getäuſcht zu ſehen. Dieſes Gefühl wurde ſchlauer it durch ſeine werwittwete Schweſter Suſan Jarrold fortwährend genährt, welche ſeit dem Tode ſeiner Frau ſeinem Bruder hausgehalten hatte. Sie hatte dabei ihr eigenes Intereſſe im Auge oder vielmehr das ihres Sohnes, der an Reuben Gel⸗ dart's Stelle zum erſten Commis vorgerückt war, nachdem dieſer der jüngere Theilhaber der Firma geworden. Unter allen Menſchen auf der Welt ſind wohl die Quäker diejenigen Leute, welche auffallende Schritte am meiſten vermeiden; deßhalb vermochte weder der Kaufmann, noch deſſen Schweſter ihr Erſtaunen über den Beſuch von Ruth, die ſie nur vom Sehen kannten, ju unterdrücken; die Verlegenheit, die ſich bei dieſer ndgab, vermehrte noch dieſes Gefühl, und ſo 233 verſtrichen mehrere Minuten, ehe eine der Perſonen den Mund öffnete. „Sei uns willkommen,“ ſagte endlich Jakob Ruſ⸗ ſett, das Stillſchweigen brechend,„obgleich Du in ein Haus der Trauer kommſt.“ Seine Schweſter wandte die Augen ab und ſeufzte. „Ich habe von Deinem Kummer gehört, Freund,“ bemerkte die Beſucherin,„und kam in der Hoffnung, Dir Troſt zu bringen.“ Der Kaufmann ſah ſie beleidigt an über ein Benehmen, das er, höchſt wahrſcheinlich mit voller Ueberzeugung, für eine ganz unerlaubte Einmiſchung in ſeine Familienangelegenheiten betrachtete. Den⸗ noch antwortete er mild: „Dein eigenes Fleiſch und Blut hat ſich nicht gegen Dich aufgelehnt,“ erwiderte er,„Du haſt keinen Sohn verloren.“ „Der in die Netze einer Dirne gefallen iſt,“ ſetzte die Tante bitter hinzu. Unwille brachte eine augenblickliche Röthe auf die bleichen Wangen Ruth's, welche wohl wußte, wie ungerecht und grauſam dieſer Vorwurf ſei. „Schweſter Hannah iſt keine Dirne,“ entgegnete ſie,„ſondern die Gattin ii Ruſſett's; dieſes Wort iſt eben ſo ſehr dem Wohlwollen, als der Wahrheit zuwider.“ Die alte Quäkerin fuhr auf; ſie war nicht ge⸗ wöhnt ſich tadeln zu hören. „Er hat ſich eines Verbrechens ſchuldig gemacht, das der Himmel vor jedem andern ſte ſagte 234 ihr Bruder,„der Sünde des Ungehorſams, und deß⸗ halb bleiben wir uns von nun an fremd.“ „Sage dieß nicht,“ rief die Botin des Friedens in einem Tone des Ernſtes, welcher bewies, wie tief ſie das Elend fühlte, das dieſe Handlung her⸗ vorgebracht haben müſſe; er iſt jung, und eines Vaters Herz kann ein erſtes Vergehen verzeihen. Er liebte— und das jugendliche Herz iſt ſchwach. Das Mädchen, das er i hat, iſt rein und tugendhaft.“ „Und eine Bettlerin.“ „Stille!“ unterbrach ſie der alte Mann; eſrich nicht von dem Mammon des Ungerechten, als o dieſer auf mich einen Einfluß ausüben könnte.“ „Und wer ſagte Dir denn, daß Schweſter Hannah eine Bettlerin iſt?“ fragte die Tochter Ephraim Sleek's. Weder der Kaufmann, noch deſſen Schweſter gaben ihr eine Antwort. „Vielleicht ſagen ihre Feinde ihr dieß nach,“ fuhr Ruth fort.„Böſe Menſchen glauben immer, was ſie wünſchen. An Vermögen,“ fuhr fie fort, „iſt ſie mindeſtens ihrem Gatten gleich.“ Jakob Ruſſett ſah ſie eine Zeitlang mit Er⸗ ſtaunen und Zweifel an. Letzterer ſchwand aber allmählig, weil ihm beifiel, daß Ruth ſelbſt reich ſei. „Es freut mich,“ ſprach er, indem er über die Inconſequenz ſeiner Worte leicht erröthete,„daß Joſeph nicht eben ſo die Klugheit, wie die Pflicht gegen ſeinen Vater außer Acht gelaſſen hat— denn er iſt nun einmal doch mein Sohn.“ ——„ 235 „Und zwar der einzige,“ bemerkte ſeine Be⸗ ſucherin mit markirter Betonung des Wortes. „Allerdings, allerdings,“ murmelte der Kauf⸗ mann nachdenklich. „Glaubſt Du denn das, was man Dir hier ſagt?“ fragte ſeine Schweſter unwillig. Der alte Mann wandte ſich nach Ruth um, als ob er erwartete, daß ſie darauf antworten ſolle. „Er mag ſich ſelbſt überzeugen„ verſetzte Ephraim Sleek's Tochter, die keine Luſt hatte, in Gegenwart einer dritten Perſon ſich in Erklärungen hinſchuich des Charakters ihres Vaters einzulaſſen. „Meine Wohnung iſt nicht weit von hier. verlaſſe ſie ſelten, denn der Jammer hat in deren Mauern ſeinen Wohnſitz aufgeſchlagen. Zu jeder Stunde bin ich bereit die Wahrheit meiner Be⸗ hauptung zu beweiſen, daß hinſichtlich des Ver⸗ mögens Schweſter Hannah keine unpaſſende Partie für den Sohn Jakob Ruſſett's iſt.“. Dieſe Behauptung brachte die gewünſchte Wir⸗ kung hervor. Schon am folgenden Tage fand ſich der Kaufmann in dem Hauſe in den Minories ein, und nach einer langen Unterredung mit Ruth ging er weg, um ſeinem Sohne und ſeiner Schwie⸗ gerkochter ſeine Verzeihung anzukündigen. Dieſe war durch Abtretung des Vermögens erkauft, wel⸗ ches Ruth ererbt hutte. Dieſes uneigennützige Verfahren gab das edel⸗ geſinnte Mädchen im Falle der Wiederherſtellung ihres Vaters vollkommen deſſen Willen preis. Bennoch brachte ſie dieſen Gedanken nicht nur ohne Zögern oder Widerwillen, ſondern ſogar mit 236 Freude in Ausführung, denn ihr Herz fühlte ſich nach dieſem Opfer nur um ſo leichter. Die erſte Handlung der Sühne war vollbracht, indem die junge Frau um eine etwa eben ſo große Summe durch Ephraim Sleek betrogen worden war. „Kein Wort, liebe Hannah,“ rief Ruth aus, als die glückliche junge Frau und deren Gatte ka⸗ men, um ihren Dank auszudrücken.„Ihr ſchuldet mir nichts dafür. An mir iſt es vielmehr, in mei⸗ nes unglücklichen Vaters Namen auf meine Kniee zu fallen und Euch um Vergebung zu bitten. Wie⸗ ererſtattung hat keinen Anſpruch auf Dankbar⸗ keit, ſetzte ſie im Tone tiefſter Demuth hinzu. Keines der jungen Eheleute drang hinſichtlich dieſes Punktes weiter in ſie; auch wurde der Ge⸗ genſtand zwiſchen ihnen niemals wieder berührt. Etwa ſechs Monate nach der Vermählung Han⸗ nah's trat eine entſchiedene Aenderung im Zuſtande Ephraim Sleek's ein, deſſen lange Leiden ihrem Ende entgegen gingen. Während die Kräfte des alten Mannes immer mehr zu ſchwinden anfingen, nahm die Hingebung ſeiner exemplariſchen Tochter immer mehr zu. Eine Mutter hätte ihr ſterbendes Kind nicht mit größerer Zärtlichkeit und Geduld pflegen können, als Ruth ihren an Geiſt und Kör⸗ per gelähmten Vater. Obgleich ihre Geſundheit augenſcheinlich unter der ſelbſt auferlegten Auf⸗ gade litt, hielt ſie ſich doch beſtändig an ſeiner Seite, reichte ihm ſeine Bedürfniſſe eigenhändig und weigerte ſich, auch nur für einen Augenblick ihn zu verlaſſen, damit nicht etwa in ihrer Ab⸗ 237 weſenheit es unbemerkt bleibe, wenn ſeine Vernunft ſich vielleicht vorübergehend einfinden ſollte. „Laß mich nur die ſegensreichen Worte der Reue aus ſeinem Munde hören,“ murmelte ſie urſ vor ſich hin,„dann geſchehe Dein Wille, o Herr.“ Weder Reuben, noch deſſen treffliche Mutter verließen ihre Verwandte in der Stunde der Trüb⸗ al. Den Tag über theilte Schweſter Geldart ihre flege in dem einſamen Zimmer des Geizigen und Abends erfreute ſie die Anweſenheit ihres Vetters, der, ſobald ihm ſein Geſchäft freie Zeit ließ, in's Haus in den Minories geeilt kam. Vergebens verſicherten die Aerzte Ruth, daß ihre Hoffnung an eine Wiederkehr der Vernunft ihres Vaters, indem ſie vielleicht über ſeine etzten Augenblicke einen kurzen Lichtſtrahl verbrei⸗ ten werde, hoffnungslos ſei. Erwartung war bei ihr zum Glauben geworden. Sie war überzeugt, daß der Himmel ihrem Vater dieſes lange Schmer⸗ zenslager nicht ohne beſondern Zweck bereitet habe. Sie hatte Troſt und Vertrauen im Gebet gefun⸗ den und war im Stillen überzeugt, daß ihre Bitten nicht unerhört bleiben werden. Sie täuſchte ſich auch nicht; als der Augen⸗ blick der Auflöſung ſich näherte, fand ſich das Licht des Geiſtes wieder in den ſeit lange ſchon blöd⸗ ſinnigen Augen Ephraim Sleek's ein. Er richtete ſie auf die ſeines weinenden Kindes und murmelte matt ihren Namen. „Er hat mich erkannt!“ rief ſie, von Dankge⸗ fühl ergriffen und auf die Kniee ſinkend.„Er 238 erkennt mich. O Gott, Deine Gnade iſt ſo wun⸗ derbar wie Deine Beſchlüſſe!“ „Ruth,“ wiederholte der ſterbende Mann, in⸗ dem er verſuchte, ſeinen Kopf von dem Kiſſen zu erheben, auf welchem derſelbe ſeit ſo vielen Jahren ſchon gelegen hatte. Seine Tochter erhob ſich von den Knieen, und mit einer Anſtrengung, deren nur Geiſter, welche ſich völlig in ihrer Gewalt haben, fühig ſind, bemei⸗ ſterte ſie ihre Gemüthsbewegung, welche ſie zu überwältigen drohte. Mit Reubens Hilfe, der ſei⸗ nes Onkels wiedererlangte Fähigkeit des Gebrauchs ſeiner Vernunft und Sprache nahezu für ein Wun⸗ der anſah, hob ſie ihn im Bette empor⸗ „Vater, lieber Vater!“ rief ſie aus, Beim Tone ihrer Stimme ſtürzte ein Strom von Thränen aus ſeinen Augen; es waren die er⸗ ſten, welche er ſeit Jahren vergoſſen hatte, und in Danibarkeit faltete er ſeine ſchwachen Hände. Der Felſen war endlich geborſten und der Waſ⸗ ſerſtrom der Reue brach aus den lang verſchloſſe⸗ nen Quellen hervor. „Du kennſt mich, Vater?“ fuhr ſein Kind fort. „Ich habe Dich während der langen Jahre meiner Beſtrafung ſtets erkannt,“ murmelte der ſterbende Mann;„mein Gedächtniß ſchlief nicht; meine Vernunft blieb unverſchleiert, obgleich ſie außer Stande war, auf irgend eine Weiſe ſich zu äußern. Mein Kind! Mein Kind 1“ fuhr er im Tone reuevoller Zärtlichkeit fort,„deſſen Gebete mir zuerſt Hoffnung auf Gnade einflößten,— deſ⸗ ſen unermüdliche Liebe meinen unbeugſamen Wil⸗ 239 len beſiegte,— kannſt Du dem ſchuldbefleckten, un⸗ glücklichen Vater verzeihen? Das Loos, welches die Kraft lähmte, die er mißbraucht hatte, das ihn zur Einſamkeit verurtheilte, ihn hilflos wie ein neugebornes Kind machte, und ihn in ſeiner Bos⸗ heit zermalmte, war Dir beſtimmt.“ Ein unwillkührlicher Schrei des Abſcheues ent⸗ fuhr den Lippen der Schweſter Geldart und deren Sohn, als ſie dieß Geſtändniß hörten. „Reuben,“ ſprach ſein Onkel,„ſie war der Engel der Gnade, der mich zu retten geſchickt wurde. Ihr ganzes Leben hat ſie ihrer Pflicht zum Opfer Fch Sie liebte und verwarf Dich— verwarf ich,“ wiederholte er,„wegen ihres Vaters Ver⸗ brechen.“ Ehe ein Wechſel eintrat, der den letzten Ab⸗ ſchnitt von Ephraim Sleek's Leben ſchloß, hatte er nicht nur das Unrecht bekannt, das er durch Be⸗ raubung der Wittwe des Sohnes ſeines früheren Aſſocie 8 begangen, ſondern es ward ihm auch ver⸗ gönnt, Erſatz zu leiſten und deren Vergebung zu erhalten. Die drei Zeugen dieſes merkwürdigen Auftritts beteten lang und inbrünſtig an dem Todbette des aufrichtig berenenden Mannes, der jetzt mit der tiefſten Demuth die Hand erkannte, die ihn getrof⸗ fen, und mit Segensworten auf den Lippen für ſein treuergebenes und lange duldendes Kind ſtarb. Auf Ruth's Geſicht lag ein erhabener Aus⸗ druck, als ſie von den Knieen aufſtand und ſanft die Augen ihres Vaters ſchloß. Ihr fortwährend in Demuth und Hoffnung zum Himmel geſchicktes 240 Gebet war erhört worden; Reue hatte das ſün⸗ dige Herz ihres Vaters ergrifſen und ertt „Gelobt ſei Der, welcher ihm Trübſal geſchickt hat!“ rief ſie aus.„Seine Barmherzigkeit hat das Flehen meiner Stimme erhört. Mein Werk auf Erden iſt vollbracht.“ „Nicht ſo, vielgeprüfte Tochter,“ entgegnete ihre Tante, indem ſie ſie in ihre Arme ſchloß;„ein nützliches und wie ich hoffe glückliches Werk bleibt Dir noch vollbringen übrig.“ Ihre Nichte ſah ſie erſtaunt an. Sarah Geldart ließ Ruth ſanft aus ihrer Um⸗ armung los und legte ihre Hand in die ihres Sohnes. Sechs Monate nach dem Tode Ephraim Sleek's wurde die geduldig und lang ausdauernde Ruth die Gattin ihres Vetters. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Jahre waren darüber hingegangen, ſeitdem der Held unſerer Geſchichte der Zögling des Paters Karvolan geworden war, und er trat jetzt in jene Phaſe des Lebens, in welcher die Stimme der Leidenſchaft ſich hörbar macht, indem ſie die ſchlum⸗ mernde Seele aus den gin Träumereien der Jugend erweckt, um die Wirklichkeit des Mannes⸗ alters in's Auge zu faſſen. Seine wachſende Vor⸗ liebe für Ellen— das Vergnügen, das er in ihrer 241 Geſellſchaft empfand— war jetzt eine Quelle der Beſorgniß nicht nur für ſeinen Mentor, ſondern auch für Katty und deren blinde Großmutter ge⸗ worden, welche, trotz ihrer Zärtlichkeit für das ſchöne Mädchen, über die erniedrigende Schwäche von Seite des Erben von Murlough, wie ſie ſich ausdrückten, ſich ſchwere Sorgen machten. „Es bricht mir das Herz,“ rief Katty, als ſie eines Tages, auf dem Kirchhof ſitzend, die Sache beſprach,„daß die Liebe in die Herzen der beiden jungen, unſchuldigen Leute ſich ſtiehlt und Lady Tab es nicht ſehen will.“ „Dann iſt ſie blinder, als ich,“ bemerkte Mary Sullivan.„Ich mag gar nicht an die Schande denken, die dadurch auf uns fällt.“ Katty's Augen blitzten vor Unwillen, als ſie langſam dieſes Wort wiederholte „Du haſt Unrecht, Mutter,“ wiederholte ſie, „gänzlich Unrecht. Obgleich eigenſinnig und leiden⸗ ſchaftlich, wie ſein Vater, hat mein Pflegeſohn doch ebenſo das Ehrgefühl, wie den Namen Redmond OMNeil's geerbt. Er würde lieber ſterben, als über Phelim's Schweſter und das Kind ſeiner Amme Schande bringen.“ „Still, ſtill!“ ſprach die blinde Frau,„das meinte ich auch nicht. Die Schande, von der ich ſprach, beſteht darin, daß er ſie heirathen könnte. Was würde Lady Tab und Sir Patrick von uns denken— was würde die Welt ſagen, wenn er ſich zu der Tochter Phelim Caſſiday's herabließ?“ Smith, Sein u. Schein. II. 16 „Ich werde mit Ellen reden und ihr das Nöthi ſagen,“ ſprach ihre Mutter,„ehe das Uebel ſ weit gebiehen iſt und die Liebe im Herzen Wurzel gefaßt hat. Bielleicht, wenn ich ſie eine Zeit lang von hier wegſchickte, ſo möchte Redwond ſie ver⸗ geſſen.“ Mary Sullivan ſchüttelte den Kopf, weil nichts auf den Plan hielt. ſie „Die Liebe hat bei ihr bereits Wurzeln gefaßt,“ ſtüſterte ſie. „Ach, Du träumſt,“ verſetzte Katty, wie kan Du nur ſo etwas ſagen?“ nſt „Ich kann zwar die Blicke der jungen Leute nicht ſehen,“ erwiderte die blinde Frau nachdenk⸗ lich,„aber ich habe ihre Stimme gehört und das iſt genug. hat, hat mir die andern dafür geſchärft.“ „Ich verſtehe Dich nicht.“ „Welchen Monat haben wir?“ fragte die Erſtere. Wir ſind in der erſten Woche des Mai.“ „Höre auf den Geſang der Vögel,“ fuhr ihre Mutter fort,„wie volltönend und klangvoll er ii a Was bedeutet dieß? Ich will es Dir ſagen, Gott, der mir einen Sinn genommen es Liebe iſt. Die Stimme der Jugers und der Geſang der Vögel,“ fügte ſie bei,„drücken beide das Gleiche aus.“ „Ich will die Lady ſogleich auffuchen,“ rief Katty in raſchem Entſchluſſe, indem ſie zugleich, um wegzugehen, aufſtand;„ich will ſie warnen, u0 ehe der Jammer uns beide erreicht. Soll ich Di in's Haus begleiten, Mutter 6 . 243 Die blinde Frau zog vor, auf dem Kirchhofe zu bleiben. Sie war gewohnt, dort ihr Gebet zu ſprechen, eine Sitte, die bei den irländiſchen Bauern ziemlich allgemein iſt. „Zu ſpät! zu ſpät!“ murmelte ſie, ſobald ſie ſich allein ſah;„der Jammer hat uns ſchon heim⸗ geſucht.“ Eine Zeit lang blieb ſie in tiefes Nachdenken verſunken, indem ſie, wie Jemand, der heftige Schmerzen fühlt, auf dem Grabſtein den Körper hin und her bewegte. Plötzlich hörte dieß aber auf und ſie lauſchte. Ihr ſcharfes Ohr hatte die Fuß⸗ tritte Redmond's und Ellen's vernommen, welche den engen Weg einherkamen, der längs der Mauer des Kirchhofes hinführte. Die Liebenden, denn dieß waren ſie, wenn auch vielleicht unbewußt, gingen vorüber, ohne ſie zu bemerken. „Ich ſagte es ja,“ murmelte die blinde Frau, die Hände ringend, denn ſie liebte ihre S ter zärtlich.„Wenn ich denke, daß mein Geſchlecht dem Hauſe Murlough Schande bringen ſollte! Man hat es mir ſchon vor vielen Jahren prophe⸗ zeiht und ich habe es nicht vergeſſen.“ „Sie haben Unrecht, Mary, gänzlich Unrecht,“ ſagte Pater Karoolan,“ der unbemerkt ſich ihr ge⸗ nähert hatte,„ſich ſolchen Hirngeſpinnſten hin⸗ zugeben.“ „Iſt es etwa ein Hirngeſpinnſt, daß die ſich lieben“ antwortete die Frau, nach der Richtung deutend, welche die jungen Leute eingeſchlagen hatten. 16 244 Der Prieſter gab keine Antwort. Redmond und Ellen ſpazierten mit einander, offenbar in einer tiefen und ſehr intereſſanten Unterhaltung begriffen. „Sie ſprachen von Schande,“ bemerkte er endlich. „Und wäre es nicht eine Schande für den Letz⸗ ten der rothen ONeil's, wenn er die Tochter eines Bauers heirathete?“ fragte die Frau ſcharf.„Wer würde daran zweifeln, daß ich und Katty die Sache eingeleitet hätten?“ „Niemand, der Sig kennt.“ „Es mag ſo ſan, ige Mary Sullivan,„aber die Welt iſt nicht nachſichtig. Sprechen Sie mit Redmond, Vater— Sie beſitzen Einfluß über ihn.— Er wird auf Ihre Worte hören; übrigens wird es nichts nützen, denn wie ich Ihnen ſchon ſagte, ſo wurde die Sache prophezeiht.“ „Von wem?“ „Von meinem Monne, der mir bittere Vor⸗ würfe dgrüber gemacht hat, daß ich mein Pfleg⸗ kind mehr liebe, als mein eigenes; als wenn ich dafür etwas gekonnt hätte. Er ſagte es voraus, daß der Abkömmling Ellen's Schande über mich und die Meinigen bringen werde.“ Pater Karvolan lächelte über den Aberglauben der Frau, und doch vermochte er dieſe Unterredung nicht mehr aus dem Gedächtniſſe zu bringen. Noch denſelben Abend hatte er eine lange Unter⸗ redung unter vier Augen mit ſeinem Zögling, der ſeine Vorſtellung zwar achtungsvoll, aber entſchie⸗ den beantwortete. „Ich werde nicht vergeſſen, was ich Ellen oder wir ſelbſt ſchuldig bin,“ antwortete er, und weiter 245 war über dieſen Punkt nichts aus ihm heraus⸗ zubringen. Kurze Zeit nach dieſer Unterredung fing der erſte Kummer, den Redmond je kennen gelernt, leich einem dunklen Schatten an, den Sonnen⸗ e ſeines Lebensweges zu verdunkeln. Seine eſchützerin, die ehrwürdige Frau, die ihn ſo innig eliebt hatte, war ſterbend. Seit lange ſchon hatte ſe mit geheimem Unbehagen die wachſende Neigung zwiſchen ihrem Erben und Katty's Tochter wahr⸗ genommen; es hatte ihr aber an Entſchloſſenheit gefehlt, ihm Vorſtellungen über eine Leidenſchaft zu machen, die ſie, trotz ihrer Schwäche, doch für Wahnſinn erklären mußte. Sie kannte ſeine leiden⸗ ſchaftliche und ungeſtüme Natur und fürchtete, eine Oppoſition herbeizuführen, welche zu bekämpfen es ihrem Herzen an Stärke fehlte; aber als die Stunde ihrer Auflöſung ſich nahte, ſtellte doch der Muth u dieſer Aufgabe ſich ein. Sie wußte wohl, daß Redmond ſie zu ſehr liebe, als daß er ſie durch Ungeduld oder Unfreundlichkeit betrüben würde. Pater Karoolan war die einzige Perſon, welche tnuſe war, als ſie ihre Abſicht in Ausführung rachte.. „Ich zweifelte nie einen Augenblick an Deiner Liebe, Redmond,“ murmelte ſie, als der weinende Jüngling ihre Hand mit Küſſen bedeckte;„Du be⸗ ſitzeſt zu viel von Deiner lieben Mutter Weſen, als daß Du je hätteſt undankbar ſein können; und wenn ich auch keine ſehr kluge Vormünderin geweſen bin, ſo war ich doch wenigſtens eine liebevolle.“ „Sie waren die klügſte und beſte!“ rief unſer 246 Held;„und Herz und Erinnerung müßten beide bei mir t kalt werden, ehe ich aufhören könnte, Sie zu verehren und zu lieben. Seit den Tagen, als ich noch ein eigenſinniger Knabe war,“ ſuh er fort,„kann ich mich keines harten Wortes von Ihren Lippen erinnern. Wenn je eines darauf ſchwebte, verwandelte Vebe es in einen freund⸗ lichen Ausdruck. Die Vebe einer Mutter hätte nicht treuer, ausdauernder oder nachſichtiger ſein können.“ „Es war dieß Deine Sſ antwortete die ſ Frau mit mattem ächein.„Du biſt der etzte meines Geſchlechtes— der Sohn eines Weſens, das ich als mein Kind betrachtete, und es iſt mein Troſt in dieſem erhabenen Augenblicke, die Ueberzeugung hegen zu dürfen, daß meine Liebe nicht an einen unfruchtbaren Boden verſchwendet wurde. Du wirſt mich nicht vergeſſen? „Sie vergeſſen!“ wiederholte Redmond tief er⸗ griffen;„Ihr Andenken wird mir ſtets die theuerſte Erinnerung auf Erden ſein., 5 „Wirſt Duwir auchmeine letzte Bittenichtabſchla⸗ gen fuhr Miß Macnamara fort, indem ſie ihre Augen mit einem Ausdrucke auf die rich⸗ tete, der das Blut auf ſeine bleichen Wangen jagte, die aber unmittelbar darauf nur um ſo bläſſer wur⸗ den.„Du antworteſt mir nicht— Du ſchweigſt.“ „Ich warte,“ ſagte der junge Mann tief be⸗ wegt— denn er errieth, welche Prüfung ſeinen Gefühlen bevorſtand—„auf den Ausſpruch Ihres Willens.“ „Nicht meines Willens,“ unterbrach ihn ſeine 247 alte Verwandte,„ſondern meiner Bitte: Liebe ſpricht keinen Willen gegen diejenigen aus, die uns theuer ſind. Richte mich auf, Redmond, und lege mein Kiſſen zurecht. Nun ſetze Dich an meine Seite und höre ruhig an, was Liebe und Erfahrung Dir zu ſagen haben.“ Mit Beihilfe des Paters Karoolan brachte ſie ihr Enkelſohn in die gewünſchte Lage, ſchob ſodann einen Stuhl neben ſie, und machte ſich auf einen Kampf zwiſchen ſeiner Pflicht und Liebe gefaßt. Hätte es ſich blos um weltliches Intereſſe gehan⸗ delt, ſo härte derſelbe nicht lange gedauert; aber es iſt hart, der Bitte einer Stimme, welche bald im Tode verſtummen wird, der ſtillen Beredſam⸗ keit des Auges, das nie anders als mit Zärtlich⸗ keit uns anblickt, zu widerſtehen. „Du biſt mein Erbe,“ fuhr die alte Dame fort —„nicht doch, Du ſchuldeſt mir keinen Dank da⸗ für. Wer anders, als Du, ſollte die Ländereien meiner Voreltern übernehmen? Du biſt ihr ein⸗ ziger lebender Repräſentant, der Erbe te Rechte, der Wächter ihrer Ehre. Die letzte Bitte, die ich an Dich ſtelle, Redmond, geht dahin, daß du auf die Liebe meiner Pathentochter Ellen ver⸗ zichteſt.“ „Tante!“ 3 „Höre mich an,“ unterbrach ihn ſeine ſterbende Verwandte.„Wäre Armuth das einzige Hinder⸗ niß, ſo könnte ich eure Verbindung ſegnen. Wäre ſie nur aus edlem Blute, ſo würde ich mich nicht Sii aber ein Landmädchen, das Kind einer Frau—“ „Die meine Mutter liebte— deren Treue ih⸗ ren Kummer milderte und mein Leben erhielt,“ rief Redmond, tief ergriffen.„Katty's Name mag allerdings nicht im Wappenbuche verzeichnet ſtehen, aber er ſindet ich in einem weit edleren eingeſchrie⸗ ben— auf einem das Siegel des Ad Augenblicke will liebe Ellen. Dieſe Liebe iſt mit mir aufgewachſen und hat ſich, je mehr ich dem Mannesalter ent⸗ gegenreifte, tief in mein Herz eingegraben. Sie wollen, Sie können nicht in mich drengen, Ellen uſzuge en!“ „Ich bin zut mara;„ich hätte mond,“ fügte ſie ſpruch auf Deinen Gehorſam hat, kijuche ich Dich, meinen Bitten nachzugeben— ich ſpreche nicht von einem Befehl,— wenn Du wünſcheſt, daß ich meine alten Augen in Frieden ſchließen ſoll.“ Ihr Großneffe war 3 gerührt und an der Seite ihres Bettes auf die ihre verwelkten Hünde mit den ſeinigen. „Ueberlegen Sie, was Sie verlangen,“ ſprach er.„Erwägen Sie die Anſprüche irdiſchen Stol⸗ es gegen das Glück eines Weſens, das Sie liebt. eßhalb wollen Sie zwei Menſchen, die Ihr An⸗ denken durch ihre Thränen ehren werden, zum Elend verurtheilen? Kann ich, darf ich ein Ver⸗ ſprechen leiſten, welches Ellen's Herz ebenſo, wie das meinige, bre „Ueberdieß,“ 24⁸ Blatte, auf welches die Natur els drückte. In dieſem feierlichen ich Sie nicht hintergehen— i adeln,“ murmelte Miß Macna⸗ dieß vorausſehen ſ Red⸗ bei,„als die Letzte, die einen An⸗ niee ſinkend, faßte er chen würde? Ich darf es nicht.“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu, 249 „hat mein ehrwürdiger Leiter und Freund mir Hoffnung gegeben, daß mein Vater noch lebt— ein Opfer der Furcht und des Haſſes ſeiner Feinde — ein Gefangener in der Baſtille vielleicht, oder in einem der hundert Gefängniſſe der Tyrannei, in welche das Verbrechen dieſenigen verſteckt, denen es Schaden zugefügt hat. Ich keubſichige ihn auf⸗ zuſuchen. Nie kann ich an Glück denfen, bevor der Himmel entweder meine Nachforſchu.igen mit Er⸗ folg gekrönt oder mich überzeugt hat, daß ſie hoff⸗ nungslos ſind.“ „Dein Vater ſoll noch am Leben ſein!“ wieder⸗ holte die ſterbende Frau, indem ſie den Prieſter fragend anblickte. „Das iſt meine Meinung,“ ſagte Pater Karoo⸗ lan;„ich möchte faſt ſagen: meine Ueberzeugung, obgleich ich ſie ſeit Jahren gewiſſermaßen wie ein Geheimniß in meinem Herzen bewahrte. Redmond war nicht der Mann, ſich ſelbſt das Leben zu neh⸗ men. Zict Vorausſetzung iſt unwahrſcheinlich und i; ſein ganzes Leben widerſpricht der⸗ elben.“ „Sie hören es, Tonte,“ ſetzte ihr Neffe hinzu. „Ich habe möglicher Weiſe noch einen Vater, der mich ſegnen kann, und wenn dieß der Fall iſt, ſo hat er allein das Recht, das Opfer von mir zu verlangen, das Sie jetzt beanſpruchen.“ Die Sterbende ſchien eine ziemlich lange Zeit in tiefes Nachdenken verſunken. Die Möglichkeit, von der ſoeben geſprochen worden, war ihr nie zu⸗ vor in den Sinn gekommen. Redmond hatte ſeine Abſicht ausgedrückt, auf Reiſen gehen und ſeinen 250 Vater aufſuchen zu wollen. Abweſenheit und Zeit konnten den von ihr gewünſchten Wechſel hervor⸗ bringen. „Du wirſt alſo Deine Abſicht nicht aufgeben, etwas Gewiſſes über das Schickſal Deines unglück⸗ lichen Vaters zu erfahren?“ murmelte ſie. „Selbſt nicht auf Ellen's Bitten,“ erwiderte der Liebhaber warm. „Auch nicht eher heirathen, als bis Du etwas Gewiſſes über das Schickſal Deines Vaters iit ren oder wenigſtens die Hoffnung aufgegeben haſt, demſelben je auf die Spur kommen zu können?“ „Das verſpreche ich Ihnen.“ „Dann will ich nicht weiter mehr in Dich drin⸗ gen,“ erwiderte die alte Dame,„ſondern dem Him⸗ mel das Uebrige anheimſtellen. Wenn Redmond ONeil noch am Leben iſt, ſo kann ich getroſt die Ehre unſres Geſchlechts ihm anvertrauen.“ Indem ſie ihre Hände auf das Haupt des noch immer knieenden Pt legte, ſegnete ihn die Sterbende feierlich. Es war dieß ihre letzte Hand⸗ lung, und die Worte erſtarben auf ihren Lippen mit dem Athemzug, der dieſelben getrennt hatte So ſanft entwich ihr Geiſt, daß es einige Zeit dauerte, ehe Redmond oder Pater Karoolan be⸗ merkten, daß er entflohen ſei. Durch den Willen der verſtorbenen Gebieterin von Murlongh Houſe gingen die Güter auf ihren Neffen über. Sie hatte ſich aber auch Katty's er⸗ innert, und eine kleine Farm im Gebirge, in einem entfernten Theile der Gegend gelegen, war ihr und ihren Kindern vermacht worden. 251 Vergebens bat ſie ihr Pflegeſohn, an ihrem ſeit⸗ herigen Aufenthaltsorte zu bleiben, bis er aus Frankreich zurückkomme, wohin er zum großen Leidweſen Sir Patrick O Neil's, der jetzt nahezu in eine zweite Kindheit verſunken war, unmittelbar nach deim Begräbniſſe der Miß Macnamara ſich zu begeben beſchloſſen hatte. Phelim, der ihn wo möglich mit derſelben Hin⸗ gebung wie ſeine Schweſter liebte, ſollte ihn be⸗ gleiten. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Obgleich wir ſchon mehrmals von Katty's Kin⸗ dern geſprochen haben, ſo haben wir ſie doch un⸗ ſern Leſern noch nicht perſönlich vorgeführt. Glück⸗ licher Weiſe iſt es noch Zeit, unſer Vergeſſen wie⸗ der gut zu machen, indem wir ſie als Portraits — nicht in Photographieen— aufführen. Sitte und Höflichkeit beſtimmen uns, mit El⸗ len den Anfang zu machen. Es iſt ein. Vorwurf gegen die meiſten Autoren, daß ſie ihre Heldinnen zu ſchön machen, indem ſie deren Geſtalt auf eine Weiſe beſchrei⸗ ben, wie ſie ſich nur in den fehlerloſen Bildhauer⸗ werken Griechenlands vorfinden, deſſen begabte Söhne ihre Begriffe von Schönheit ſo ſehr idea⸗ liſirten, bis die ſn zuletzt ein Traum in Mar⸗ mor ſtatt einer Wirklichkeit wurde. 252 Für dießmal wenigſtens iſt für uns nicht die eringſte Gefahr vorhanden, in dieſen nur allzu hinſigen Fehler zu verfallen. Die innigſten Ver⸗ ehrer Ellen's hätten nicht behaupten können, daß 6e Geſichtszüge regelmäßig ſchön ſeien. Ihr auber lag in ihrem Ausdruck— in dem Blicke ſanfter Unſchuld, deren Lächeln die beiden Roſen⸗ knospen ihrer Lippen ſpaltete— in dem Lichte, das, gleich Sternen, in ihren tiefblauen Augen funkelte, wenn Freude dieſelben erleuchtete, oder in dem Schatten zarter Violettfarbe, das deren Glanz verdunkelte, wenn Gefühl denſelben Thränen ent⸗ lockte. Ihre Abgeſchloſſenheit von der Welt und die Vortheile einer Erziehung, wie ein Mädchen ihres Standes ſonſt ſie nicht zu erhalten pflegte, hatten dem ſchönen Kinde einen unbeſchreiblichen Ausdruck von Veredlung, den größten Reiz der Jungfräulichkeit, verliehen, während Sittſamkeit ſie wie mit einem Heiligenſcheine umgab, der jeden böſen Gedanken Anderer von ihr fern hielt. Mit ſolchen Reizen geſchmückt war es kein Wunder, daß Redmond ſie liebte; daß er ſie ſchon liebte, ehe er noch den Sinn des Wortes, den die Welt hineinzulegen pflegt, verſtund. Er war noch ſo jung, als die verhängnißvolle Neigung, zart wie ein unflügger Vogel, zuerſt in ſeine Bruſt ſich einſchlich und hier eine Heimath fand. Sie hatte ſich ſo ſanft eingeniſtet, daß er deren Gegenwart nicht eher bemerkte, als bis warnende Stimmen ſie aus ihrem Verſtecke aufzuſcheuchen ſuchten. Ellen war eben ſo unbekannt mit dem wahren 253 Weſen i Gefühle gegen Redmond geblieben, bis die Warnungen und Vorſtellungen ihrer Mut⸗ ter ſie veranlaßten, ihr Herz zu befragen, wo ſie dann zu ihrem Entſetzen und Erſtaunen entdeckte, daß ſie ſchon lange nicht mehr Herrin deſſelben ſei. Es war verloren, unwiederbringlich verloren — unverlangt weggeſchenkt worden, wie ſie fürch⸗ tete, denn unſer Held hatte nie anders als mit der Liebe eines Bruders mit ihr geſprochen. In ihrer Unerfahrenheit verſtand ſie nicht, wie Liebe ohne Hilfe von Worten erwiedert oder ge⸗ wonnen werden könne, und daß die Sprache, wie beredt ſie auch immer ſein mag, nur die ſchwächſte Form ihres Ausdrucks ſei. Unähnlich ſeiner Schweſter, die ſchüchtern und zurückhaltend war, zeigte Phelim Caſſiday ſchon in der Kindheit ein keckes, furchtloſes Weſen, und niemals konnte man ihm den geſellſchaftlichen Un⸗ terſchied zwiſchen ihm ſelbſt und ſeinem Milchbru⸗ der begreiflich machen— obgleich er ſich willig zu deſſen knabenhaften Launen herlieh, was aber nur aus Zuneigung geſchah. Sein Herz beherrſchte ihn ganz, und diejenigen, welche ſich deſſelben zu verſichern wußten, durften darauf rechnen, jeden Angenblick darüber verfügen zu können. Um dem jungen Erben von Murlough gerecht zu werden, müſſen wir verſichern, daß dieſes Ge⸗ fühl mit aller Kraft und e erwidert wurde; die vollkommenſte Gleichheit errſchte zwi⸗ ſchen beiden, nicht allein in ihren Studien und ihrem Streben, die nach Einem Ziele gingen, ſon⸗ dern auch in der Geſelſſchaft, zu welcher die eng 254 begrenzten Verhältniſſe, in denen ſie lebten, ihnen Zutritt geſtatteten. So wurde auf der Jagd in den Bergen, beim Schifffahren auf dem See oder beim Pferderennen„Redmond⸗ und„Phelim“— ſie bezeichneten ſich nie mit einem andern Namen — ſtets beiſammen geſehen. Obgleich ſrtwaheenb durch Herz und Geiſt vereinigt, konnten zwei junge Männer nicht leicht in Perſon ſich weniger ähnlich ſein, als die Milch⸗ brüder. Redmond glich ſeinem unglücklichen Va⸗ ter. Von Geſtalt war er ſchlank und geſchmeidig. Sein Geſicht war oval, dunkel und zart geformt, wie das der Kinder des Südens. Phelim's Geſtalt dagegen war von ächtem cel⸗ tiſchem Schlag. Stämmig ohne Schwerfälligkeit und wohl gebaut, betrat ſelten ein leichterer Fuß die Berge oder theilte ein kräftigerer Arm die Wel⸗ len in der Bay von Galway. In ſeinem Geſicht lag aber unverkennbar der Typus ſeiner Abſtam⸗ mung. Ein dichtes, leichtgelocktes Haar verbarg theilweiſe die offene Stirne des jungen Bauern, deſſen blaue Augen in der Fülle der Geſundheit und Heiterkeit ſtrahlten; denn Sorge oder Kum⸗ mer hatte ſie noch wenig er in dieſel⸗ ben blickte, ob Frau oder Kind, fühlte ſogleich Ver⸗ tr auen. Ein Bſohn würde viele innerlich ver⸗ borgene Entſchloſſenheit in dem Ausdrucke des Mundes ſowohl, als in dem maſſiven Unterkiefer gefunden haben, ein Zug, welchen die Bewohner Schottlands, wie Irlands, gleichmäßig theilen. Katty hatte es zu verhindern gewußt, daß die 255 zufälligen Vortheile der Erziehung das Anſehen verminderten, welches die Natur ihr über ihre eige⸗ nen Kinder verlieh. Vielleicht hielt ſie mit dem Inſtinct mütterlicher Liebe nur noch mehr darauf, übte es noch entſchiedener, als wenn dieſe unter dem beſcheidenen Dache auferzogen worden wären, unter welchem Phelim ſeine erſten Athemzüge that. Ein Wort oder ein Blick genügten zu jeder Zeit, ihren Sohn zur Vernunft zu bringen; und was Ellen anbelangte, ſo hätte dieſer nichts weh gethan, als wenn ſie ihre Mutter betrübt hätte. Unmittelbar nach dem Tode der Miß Macna⸗ mara hatte ſich Katty mit ihren Kindern und de⸗ ren blinder Großmutter nach der kleinen Bergfarm begeben, wo Phelim zur Hilfe ſeiner Mutter bis zu ſeinem Abgang nach Frankreich bleiben ſollte, eine Reiſe, auf die er ſich mit der ganzen Unge⸗ duld eines jungen feurigen Gemüthes freute. Der erſte Tag, den die Familie an ihrem neuen Wohnſitze zubrachte, ſchlich langſam behin. Alles erſchien düſter und freudenlos; Manches ſchien zu fehlen, und doch hatte unſer Held den Ort mit aller Bequemlichkeit ausgeſtattet, wie nur vorſorg⸗ liche Liebe es zu thun vermag. Es war aber ſeine Gegenwart, welche Ohne ihn fühlte man ſich nicht zu Hauſe. Selbſt Katty geſtand ſich dieß im Stillen zu, obgleich ſie auch nicht ein einziges Mal den Namen ihres Pflegeſohnes nannte; und die liebevolle Frau fühlte mehr Freude, als ſie auszudrücken für gut fand, als zu früher Stunde des folgenden Morgens Red⸗ mond unerwartet auf dem Pachthofe erſchien. 256 Er war zehn(engliſche) Meilen vor dem Früh⸗ ſtück gewandert, um das Vergnügen zu haben, das⸗ ſelbe mit der Familie theilen zu können. „Sie ſcheinen nicht erfreut zu ſein, mich zu ſehen,“ bemerkte er.„Haben Sie kein Stückchen Brod für einen hungrigen Beſucher?“ Dieſe Worte waren an Katty gerichtet. Was die Gefühle der Kinder betraf, 5 war kein Irr⸗ thum möglich. Phelim hatte bereits die ausgeſtreckte Hand ſeines Milchbruders ergriffen und Ellen's wechſelnde Farbe verrieth nur zu deutlich, was in ihrem zitternden Herzen vorging. Ihre Mutter ſah ſie vorwurfsvoll an. „Es müßte ein finſterer Tag ſein,“ erwiderte ſie,„an welchem der Anblick von Ihnen, mein ſüßes Herz, meinen Augen nicht ſo willkommen wäre, als das Licht des Himmels. Es war nur Erſtau⸗ nen, das mich hinderte, von Herzen Sie willkom⸗ men zu heißen. Ich glaubte, Redmond, Sie be⸗ abſichtigten die letzten zwei oder drei Tage bei Sir Patrick zuzubringen.“ Ueber dieſen indirekten Tadel ſeines Mangels an Aufmerkſamkeit gegen ſeinen alten Verwandten erröthete unſer Held ein wenig. „Ich habe ihm bereits Lebewohl geſogt und unſer Scheiden war nicht ſo freundſchaftlich wie ich es gewünſcht hätte.“ „Und weßhalb?“ fragte Katty. „Er wünſchte, ich ſollte in Irland bleiben und meinte, die Rachforſchungnach meinem unglücklichen Vater ſei ein thörichtes Unternehmen. Ich mochte 257 mich mit ihm darüber nicht herumſtreiten,“ ſetzte Redmond hinzu,„und ſo verließ ich ihn.“ „Wann wollen Sie denn abreiſen?“ fragte die blinde Frau. „In zwei Tagen,“ antwortete der junge Erbe, „vorausgeſetzt, daß Sie Phelim ſo bald entbehren können. Iſt dieß nicht der Fall, ſo kann ich auch noch warten.“ Katty beeilte ſich, ihn zu verſichern, daß der Abreiſe ihres Sohnes nichts im Wege ſtehe, der überhaupt mehr ein Hinderniß als eine Hilfe für ſie ſei; ſo viel lag ihr daran, unſern Helden und Ellen möglichſt bald zu trennen. „Ho! Mutter! Ho!“ rief Phelim gutmüthig; „ich bin doch kein ſo arger Müßiggänger; Du bringſt Redmond eine ſchlimme Meinung von mir bei.“ Ein Lächeln ſeines Milchbruders verſicherte ihn, daß dieß ſelbſt dem Einfluß Katty's über ihn nicht gelingen würde. Nur noch zwei Tage, dachte dieſe. Wenn ich die jungen Leute nur von einander fern halten und es verhindern kann, daß Liebesworte zwiſchen ihnen gewechſelt werden, ſo mögen ſie den Traum ihrer Linbhel leicht vergeſſen. Es war dieß ein uneigennütziger Gedanke— ſo uneigennützig wie das Herz derjenigen, die ihn hegte. Manche Mutter in ihrer Lage würde die Ausſicht einer Vermählung zwiſchen ihrer Tochter und dem jungen Erben von Murlough mit Freude und Stolz ergriffen haben. Die treue Katty dachte aber nicht ſo. Sie betrachtete ein Ereigniß dieſer Art als das größte Unglück, das ihrem Smith, Sein u. Schein. II. 258 zuſtoßen könnte, von welchem ſie wünſchte, daß er eine Verbindung eingehe, die ſeines Namens wür⸗ dig ſei— eine Verbindung, die ihm geſtatte, den Glanz der Familie, aus der er ſtammte, wieder her⸗ zuſtellen. Wie es gewöhnlich zu geſchehen pflegt, wenn Vorſichtsmaßregeln zur Verhinderung getroffen wer⸗ den, fanden ſich die Liebenden zufällig, wenigſtens ſo weit Ellen dabei betheiligt war; denn als ſie Redmond über die Hecke ſetzen ſah, welche den Hof der Farm von dem Garten trennte, ſtieß das erſchreckte Mädchen einen Schrei aus, und wäre gern entflohen, ſo tiefen Eindruck hatte ihrer Mut⸗ ter Warnung auf ſie gemacht, welche eine Liebe zu unſerm Helden geradezu für eine Schwäche erklärt hatte. „Geliebte Ellen,“ rief der junge Mann, ihre Hand ergreifend,„weßhalb fliehſt Du mich?“ Die tiefe Röthe, welche das Geſicht des un⸗ ſchuldigen Mädchens fürbte, war die einzige Ant⸗ wort auf dieſe Frage. „Was a ich gethan, daß mir dieſes unfreund⸗ liche Benehmen zu Theil wird?“ fuhr er fort. „Unfreundliches Benehmen!“ wiederholte Ellen. „Sie irren ſich. Weßhalb ſollte ich Sie unfreund⸗ lich behandein? Sie, der Sie ſtets ſo treu, ſo ganz wie ein Bruder ſich gegen mich benahmen— ent⸗ ſchuldigen Sie das Wort; es iſt Ihre eigene Schuld, daß ich den Unterſchied des Standes vergeſſe und mit Ihnen ſo ungezwungen, wie eine Schweſter, ſpreche. Sie haben von Kindheit an mich wie eine ſolche behandelt.“ 7 259 „Dann haſt Du meine Gefühle mißverſtanden,“ ſagte der junge Mann, ihre widerſtandloſe Hand in die ſeinige ſſeng„Die Liebe, welche ich für Dich empfinde, iſt nicht die Liebe eines Bruders; ſie hegt eine theurere Hoffnung— eine Hoffnung, die ſich mit meinem Leben verwoben hat. ch liebe Dich, Ellen,“ fuhr er fort,„mit der ganzen Stärke eines treuen, männlichen Herzens, das eine Theil⸗ nehmerin an ſeinen Freuden und Leiden ſucht. Das Glück meines Lebens hängt von Deiner Antwort ab. Zittre nicht, Ellen, weiche nicht mei⸗ nem Blicke aus. Laß mich in dieſen ſüßen Augen die ſegensreiche Verſicherung leſen, daß ich Dir nicht gleichgültig bin, das Verſprechen, daß Du eines Tages die Meinige werden willſt.“ Das beſtürzte Mädchen murmelte eine Ant⸗ wort, aus welcher Redmond nur wenige Worte, wie Welt und Verſchiedenheit des Standes zu ver⸗ ſtehen vermochte. „Die Welt!“ rief er aus;„weg mit ſolchen Rückſichten! Das kommt nicht aus Deinem Her⸗ zen. Du wiederholſt nur eine Lection, welche wohl⸗ meinende, aber irregeleitete Freunde Dir einge⸗ lernt haben. Die Welt! Bin ich deren Sklave Was kann ſie mir als Austauſch für Glückſeligkeit bieten? Reichthum etwa. Ich würde mich ſelbſt verachten, wenn ich dafür ein reines Gefühl ver⸗ it würde. Und was den Rang anbelangt, o war ich nur in der Hoffnung ſtolz auf ihn, daß Du ihn eines Tages mit mir theilen, ihn durch Deine Tugenden zieren und durch Dein Lächeln verſchönern würdeſt. Soll die ſchönſte Feiinung 260 des Lebens verdorren? Willſt Du meine Träume des Ichts in Dunkelheit und Verzweiflung ver⸗ wandeln? Die Zukunft, Ellen, hängt von Dir ab — ein Wort kann ſie in ein Poaradies oder in eine Wüſte verwandeln.“ „Darf ich— ſoll ich, Redmond, ſelbſtfüchtig auf die Eingebungen meines ſchwachen, willigen Herzens hören, und ein ſo großes Opfer anneh⸗ men— ich, ein armes Landmädchen?“ „Iſt nicht Phelim ſchon mein Bruder?“ ſagte unſer Held, ſie unterbrechend,„und hat ſich Euere Mutter nicht auch mir als eine ſolche bewieſen? Weß⸗ halb ſollte dann nicht die Schweſter meines Bru⸗ ders und das Kind meiner Mutter meine Gattin werden? Mein Herz iſt nicht der Art, daß es ſich ändert; es wird keine zweite Lebe kennen lernen; prüfe es durch Abweſenheit— durch die Zeit— durch was immer Du willſt; aber treibe mich nicht zr Verzweiflung. Willſt Du die werden? Die Meinige im Angeſichte des Himmels?“ Kein Ohr, außer dem eines Liebhabers, hätte die mehr gehauchten, als geſprochenen Worte ge⸗ hört, in welchen das bewegte Mädchen ihre Treue dem Manne verpfändete, dem ſie ſchon lange ihre Liebe zugewendet hatte. Ehe noch das letzte Wort ihren zitternden Lippen entſchlüpft war, hatte ihr Liebhaber ſie mit den Armen umfaßt und die Thrä⸗ nen von ihren erröthenden Wangen weggeküßt. „Meine arme Mutter!“ ſeufzte Ellen. „Ganz recht!“ ſprach unſer„Laß uns dieſe aufſuchen; es darf zwiſchen dieſer und ihrem Pflegeſohn nichts geheim bleiben.“ 261 Indem Redmond die zitternde Ellen mit kräf⸗ tigem Arme ſtützte, machte ſich das junge Paar auf den Weg nach dem Pachthofe, wo Fehß und Mary Sullwan noch immer emſig beſchäftigt waren, in ihrem neuen Wohnſitze ſich einzurichten. Die Er⸗ ſtere ſah mit einem Blick, daß die ſo ſehr gefürch⸗ tete Erklärung erfolgt ſei. „Mutter, ſprach der junge Mann,„ſegnen Sie Ihre Kinder!“ Die blinde Frau ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus; ſie erinnerte ſich der Prophezeihung ihres Gatten, daß der Abkömmling ihrer Pflegetochter Jammer über ſie bringen werde. „Segen verdient nur der Gehorſam,“ antwortete Katty ſtreng.„Redmond! Redmond! Was haben Sie gethan?“ „Ich folgte den Eingebungen meines Herzens und meiner Lernunſt.“ entgegnete der junge Mann; „dieſe zog ich den klugen Rathſchlägen jener vor, welche die Meinung der Welt und deren Vortheile höher, als Glückſeligkeit, ſtellen,— und habe dem einzigen weiblichen Weſen, das ich je lieben kann, Treue zugeſchworen. Mutter,“ ſetzte er feierlich hinzu,„ſegnen Sie Ihre Kinder!“ erlaube mir nicht eine Verbindung zu ſegnen, die Ihres Vaters Mund verwünſchen würde,“ antwortete Katty tief bewegt.„Wie könnte ich mich ſeinem Zorn, ſeinen Vorwürfen ausſetzen? Dringen Sie nicht weiter in mich, Redmond; das Herz bricht mir über dieſer Weigerung.“ Hat er nicht auch geliebt?“ fragte der Pflege⸗ ſohn.„Und hat er nicht auch Kummer kennen 262 gelernt? Wenn er noch am Leben iſt, und es ſollte mir gelingen ihm die Freiheit zu verſchaffen, glau⸗ ben Sie denn, er würde meinen Bitten ein taubes Ohr entgegenſetzen?“ „Er würde Sie, als Ihrer unwürdig, verach⸗ ten,“ verſetzte die blinde Frau.„Sie kennen den Stolz des DNeil nicht; und er hat auch allen Grund dazu,“ fügte ſie bei,„denn dieſer Name iſt älter als die Ländereien, über die ſein Vater herrſchte.“ „Mag er immerhin!“ rief unſer Held feſt. „Meine Wahl iſt getroffen; es würde dieß meine Abſicht nicht ändern, mich nicht veranlaſſen, gleich einer Memme auf die edelſte Erbſchaft des Men⸗ ſchen, das unveräußerliche Recht, das Natur uns gab, zu verzichten— die ſüße Gefährtin meines Lebens mir ſelbſt zu wählen. Ich kenne meine Pflicht gegen meinen unglücklichen Vater, und werde ſie erfüllen, ohne aber die Achtung zu verlieren, die ich mir ſelbſt ſchulde.“ „Sie wollten ihm alſo Trotz bieten?“ bemerkte Katty, die Hände ringend;„auf Ihr junges Haupt die Strafe des Ungehorſams herabziehen?“ „Nicht um meinetwillen,“ murmelte Ellen,„ach, nicht um meinetwillen! Ich war zu eilig, zu ſelbſt⸗ ſüchtig; aber ich fühlte mich ſo glücklich durch ſeine Liebe. Mutter,“ ſetzte ſie mit berzweiflungsvollem Muthe hinzu,„ich verzichte auf ihn! Es wird mich zwar einen harten Kampf koſten, aber er muß ge⸗ kämpft werden.“ „Kein Wort weiter, Geliebte— kein weiteres Wort!“ unterbrach ſie ihr Liebhaber, ſie an ſeine 263 männliche Bruſt drückend;„der Ausſpruch des Her⸗ zens fann, wenn er einmal erfolgt iſt, nicht mehr widerrufen werden. Ich verlange jetzt keinen Segen,“ ſetzte er an Katty gewendet hinzu,„ſondern will warten, bis ich ihn mir erworben habe. Wenn ich mit meines Vaters Einwilligung oder mit dem Be⸗ weiſe, daß mir kein Vater mehr lebt, der bei mei⸗ ner Wahl mitzuſprechen hat, mich wieder vor Ihnen einfinde—“ „So ſoll Ihnen mein Segen nicht fehlen,“ verſetzte ſeine Pſlegemutter, erfreut über den Aus⸗ weg, die jungen Leute trennen zu können, ehe eine poſitive Verpflichtung eingegangen worden;„bis dahin aber bleiben, wohl gemertt, Beide frei.“ „Mit Ausnahme der Feſſeln des Herzens,“ antwortete unſer Held,„denn dieſe werden ſich dauerhafter und ſtärker erweiſen, als wenn ſie dia⸗ manten wären, weil Vernunft und Liebe ſie ge⸗ ſchmiedet haben.“ Der Blick, den Ellen ihm zuwarf, ſchloß die uſicherung in ſich, die beredter war als Worte ſie auszudrücken vermocht hätten, daß eine Liebe, wie die ihrige, unwiderruflich geſchenkt ſei. Die Spuren der Aufregung, welche dieſer Auf⸗ tritt herbeigeführt hatte, den wir, wie wir fürchten müſſen, nur unvollkommen beſchrieben haben, waren noch auf den Geſichtern der Anweſenden ſichtbar, als Phelim Caſſiday von der Jagd nach Hauſe kam. Der muntere junge Mann, der entfernt nichts von der Erklärung träumte, die in ſeiner Abweſenheit ſtattgefunden hatte, zog ſeinen Milchbruder über ſeinen Mangel an Pünktlichkeit auf, weil er, trotz 264 ſeines Verſprechens, nicht in den Bergen ſich ein⸗ gefunden hatte. „Wahrſcheinlich haben Sie wieder eine von den merkwürdigen Geſchichten von Ihren berühmten Vorfahren zu hören bekommen, die den rothen Zweig auf ihrem Woppenſchilde führten, worauf meine Großmutter ſo ſtolz iſt. Es iß wirklich Schade,“ fuhr er lachend fort,„daß Kitter und Edelmann jetzt nicht mehr, wie in alten Tagen, ausziehen, um die Unſchuld zu befreien und die Tyrannei zu beſtrafen; aber ich fürchte, daß das Zeitalter der Ritterlichkeit vorbei iſt.“ Wenige Jahre hernach bediente ſich ſein berühm⸗ ter Landsmann Burke im Hauſe der Gemeinen derſelben Phraſe, als er von der ſchönen und un⸗ glücklichen Königin von Frankreich ſprach. Wie oft ſchon iſt das Scheiden von Liebenden beſchrieben worden, und doch waren ſowohl Lein⸗ wand als Verſe ungenügend, um dieſen Moment gebührend zu ſchildern.— Die Farben ſind hiezu zu matt, die Sprache zu lahm— denn Kummer iſt, wie die Freude, für ſich ſelbſt der beſte Doll⸗ metſcher. Mag man auch noch ſo lange dabei ver⸗ weilen, ſo müſſen Abſchiedsworte doch endlich ge⸗ ſprochen werden. Ellen vermochte ſie nur zu ſtam⸗ meln, indem ſie vergebens ſich bemühte, ihren Thrä⸗ nen Einhalt zu gebieten; und Redmond war nicht weniger ergriffen. „Lebe wohl!“ rief er aus, als er ſie aus ſei⸗ nen Armen in die Katty's cgte„die Sonne, die unter Thränen untergeht, ſoll unter Lächeln auf⸗ gehen. Behüten Sie ſie,“ ſetzte er hinzu,„mit 265 der Liebe einer Mutter; wachen Sie über ſie mit der eiferſüchtigen Sorgfalt eines Liebenden. Mein Leben, das Leben Ihres Pflegeſohnes— liegt in Ihren Händen.“ Mit Anſtrengung ſich wegreißend eilte er haſtig den Weg entlang, den Phelim bereits eingeſchlagen hatte Einmal, aber auch nur Einmal, wagte er zurückzubleiben,— eine weiße Hand winkte ihm zu. Seiner Feſtigkeit mißtrauend wandte er ſich ab und verfolgte entſchloſſen ſeinen Weg. „Wehe, wehe!“ murmelte die blinde Frau, während ihre Tochter die halb ohnmächtige Ellen in die Farm geleitete.„Der Fluch iſt eingetroffen.“ Katty blickte ſie vorwurfsvoll an; als Mutter ſympathiſirte ſie mit dem Schmerze ihres Kindes. „Und weßhalb ſollte Redmond's Liebe mir oder den Meinigen zum Fluche werden?“ fragte ſie. „Der Stolzeſte ſeines Geſchlechts— und die meiſten darunter ſind ſehr ſtolz geweſen— führte keine beſſere und ſchönere Braut heim. Ellen, lie⸗ bes, Kind, blick auf,“ fuhr ſie fort, ihre Tochter mit leidenſchaftlicher Zärtlichkeit in ihre Arme ſchließend,„vergib Deiner Mutter die Worte, die Dir weh gethan haben; ſie ſchmerzten mein Herz mehr, als das Deinige. Blick auf, liebe Seele, und laß uns zuſammen beten— laß uns für ſeine und Phelim's glückliche Rückkehr beten.“ Eine Nacht wurde in Murlough Houſe, dem Schauplatz der Kindheit des jungen Erben, zu⸗ gebracht, der ihm durch Gefühle und Erinnerungen theuer war, die ſich mächtig ſeinem Herzen und ſeiner Erinnerung aufdrängten, als er durch die 266 jetzt verlaſſenen Gemächer wanderte, von denen er eines nach dem andern beſuchte. Im Zimmer der Miß Macnamara kniete er nieder und betete; Er⸗ innerung rief ihm die letzte traurige Scene, die Blicke unermüdlicher Liebe, welche ihre ſchon halb⸗ verdunkelten Angen trübten, während ſie ſeine leidenſchaftlichen Worte anhörte— den Segen, den ſie ihm in ſo beredter Sprache geſpendet, auf's Lebhafteſte in's Gedächtniß zurück. Ihre Blicke ſchienen noch jetzt auf ihn gerichtet zu ſein, ihr Segen noch in ſeinen Ohren zu klingen, und außer Stande, ſeine Gemüthsbewegung länger zu be⸗ meiſtern, eilte er hinauf auf die Terraſſe, wo er den Pater Karoolan, ihn erwartend, fand. „Ich war überzeugt, daß ich Sie hier treffen würde, bemerkte der alte Mann, ſeine Hand faſ⸗ ſend.„Das Herz iſt nicht vergeßlich; es war ihm unmöglich, den alten Ort ohne freundliche Rück⸗ erinnerung an die Vergangenheit zu verlaſſen.“ „Es wäre wahrhaftig undantbar von mir ge⸗ weſen,“ entgegnete Redmond, des alten Mannes Händedruck liebevoll erwidernd,„wenn ich vergeſ⸗ ſen hätte, den Ort zu beſuchen, wo ich ſo oft die Lehren der Weisheit und Ehre von Ihren Lippen hörte.“ „Dann werden Sie ſich auch nicht weigern, jetzt Rathſchläge von mir anzunehmen,“ ſagte der würdige Prieſter,„die ſowohl von Klugheit, als von Liebe dictirt werden. Nun, ſtutzen Sie nicht und wenden Sie ſich nicht ab; der Gegenſtand, den ich berühren will, betrifft Ihre Sicherheit und den Erfolg der gottgefälligen Aufgabe, der Sie ſich 267 unterzogen haben. Ich habe kein Recht,“ fügte er mit einem Seufzer hinzu,„mich da einzumiſchen, wo es vielleicht am nöthigſten wäre.“ „Ich danke!“ rief ſein ehemaliger Zögling, erfreut, daß ſein alter Mentor nicht von Ellen mit ihm zu ſprechen beabſichtigte.„Ihr Wille wird in allen Punkten, mit Ausnahme eines einzigen, für mich Geſetz ſein.“ „Sie kennen längſt die Umſtände, welche das eheliche Glück Ihres Vaters zerſtörten,“ fuhr Pater Karoolan fort,„ſowie auch meine Gründe, welche mich glauben machen, daß er noch immer am Leben iſt, beraubt des ſegenvollen Lichts des Himmels, der menſchlichen Theilnahme— daß er ſein Daſein traurig hinſchleppt und zwar, was das Schlimmſte dabei iſt, gequält durch die Erinnerung an ſein begangenes Unrecht. Diejenigen, deren Furcht ihn zu dieſem gräßlichen Schickſale verurtheilten, ſind reich und, ohne Zweifel, noch immer mächtig. Würde es bekannt, daß der Sohn Redmond O'Neil's in Paris angekommen iſt, ſo würde man⸗ ches Gewiſſen dadurch beunruhigt und nicht nur Ihre Sicherheit, ſondern auch der ganze Erfolg Ihres Unternehmens in Frage geſtellt werden.“ „Ich glaube Sie zu verſtehen,“ bemerkte der junge Mann. „Sie müſſen daher den ſtolzen Namen Ihrer Familie ablegen,“ bemerkte ſein Rathgeber,„und einen beſcheideneren annehmen.“ „Wie!“ ſagte Redmond,„ich ſollte mich meinen Feinden, gleicheinem Mörder oder einem gedungenen Spion, unter einer Maske vorſtellen? Das kön⸗ —— 268 nen Sie mir nicht rathen; das ſtimmt nicht mit den Grundſätzen überein, welche Sie mich in mei⸗ ner Kindheit gelehrt haben.“ „Ich begreife Ihre Einwürfe, die ich unter an⸗ dern Umſtänden billigen würde,“ antwortete der Prieſter.„Die Schule des Lebens iſt hart und behagt dem argloſen, aufrichtigen Gemüthe nicht; es gibt zu viele Irrwege, auf die man gerathen kann; dieſe müſſen von denjenigen erkannt werden, welche gegen Fallſtrice und Gewaltthätigkeiten kämpfen wollen.“ 5„Ich möchte meinem Feinde, Angeſicht gegen Angeſicht, entgegentreten,“ rief der Jüngling mit männlichem Vertrauen—„ihm ſein ſchmachvolles Benehmen vorwerfen und das Schwert zwiſchen uns entſcheiden laſſen.“ „Und, indem Sie dieß thun, deſſen Furcht ge⸗ gen Ihres Vaters Leben waffnen,“ bemerkte der alte Mann. Unſer Held ſchauderte bei dieſer Vorausſetzung. „Auch vergeſſen Sie, daß unter Ihren Feinden ſich eine Frau befindet,“ fuhr der Pater fort. „Nein, Redmond, nein; Sie müſſen mit Vorſicht zu Werke gehen— der Schlauheit Geduld entge⸗ genſetzen, ſonſt ſchlägt das Unternehmen fehl, in das Sie ſich einzulaſſen beabſichtigen.“ „Ich vermag Ihnen gar nicht zu beſchreiben, wie groß mein Widerwille gegen den Plan iſt, den Sie mir vorgeſchlagen haben,“ ſagte der junge Mann nachdenklich,„und doch muß ich deſſen Nothwendigkeit zugeben.“ „Sie willigen alſo ein?“ 269 Obgleich die Einwilligung nur mit Widerſtre⸗ ben gegeben worden war, ſo wußte Pater Karoo⸗ lan doch, daß er, nachdem ſie einmal ausgeſprochen war, ſich auf dieſes Verſprechen verlaſſen könne. „Nehmen Sie den Namen O'Connor an,“ be⸗ merkte der Letztere,„und correſpondiren Sie mit mir unter keinem andern. Ich will Ihren Eifer durch Kundgebung der Schwäche eines alten Man⸗ nes nicht dämpfen— ich ſage deßhalb nichts von dem Schmerz, den ihm die Trennung von Ihnen verurſacht, denn dieß wäre Selbſtſucht und keine Liebe. Gott ſei mit Ihnen, mein lieber Junge, möge Ihr Unternehmen ein glücklicher Erfolg rönen!“ Am folgenden Morgen verließen Redmond und Phelim O'Connor Galway und fuhren auf einem Handelsſchiffe nach England, von wo ſie nach Frankreich unter Segel gingen. Katty's Sohn machte wegen des Namenswechſels weder eine Be⸗ merkung, noch eine Vorſtellung; der Prieſter hatte ihm erthirt, daß dieß nothwendig ſei, und deßhalb ſtellte er auch keine weiteren Fragen. Ende des zweiten Theils. 5 Zumoriſtiſche Lektüre, beſonders für Kaufleute und Handlungsreiſende. Freuden und Leiden eines Commis Voyagenr. Dritte Auflage. Eleg. geh. mit Titelbild. 20 Ngr. od. fl. 1. rhein. Allen Freunden einer heitern und angenehmen Lek⸗ türe wird ein Buch willkommen ſein, in welchem ein bekannter deutſcher Dichter ſich ein Exemplar des „deutſchen Commis Voyageur“ aus der ſocialen Ordnung der Welt zum Vorwurf ſeines Studiums machte und auf ſolch' originelle Weiſe charakteriſirte, daß das Werk gewiß jeden Leſer vollkommen befriedigen wird. Reiſende können ſich keine angenehmere Beſchäf⸗ tigung auf ihren Reiſen gewähren, als die Lektüre die⸗ ſes Buchs. Kurzer Auszug aus dem reichen Inhalt des Buchs: Zacharias Hartmann.— Scheiden und Meiden thut weh. Die Revolution im Omnibus.— Küſſe und Stoßſeufzer.— Moraliſcher Katzenjammer.— Die Abfütterung.— Der Blick in das Paradies.— Die Bergſtraße.— Heidelberg und ſein Schloß.— Der Frankfurter.— Der Heimgang vom Bier und der Einzug zum Wein.— Ein Bachusfeſt und deſſen Folgen. — Die Fulver.— Schlechte Geſchäfte.— Die Schwaba⸗ mädle.— Die Reichsſtädter.— Stuttgart.— Degerloch.— Der Lieutenant.— Nachtwandler oder Dieb.— Abſchied von Stuttgart.— Der Ehninger Congreß.— Die Ehninger Krä⸗ mer.— Gaſthaus zur Traube.— Der goldene Ochſe in Reut⸗ —— lingen.— Urach.— Die rauhr Alp.— Blaubeuren.— Ulm. — Ein Weinreiſender.— Der glückliche Bräutigam.— Günz⸗ burg.— Die Schinkengeſchichte.— Die ſchöne Wäſcherin.— Augsburg.— Trinkgelder.— München.— Der Männerſang. — München, Liebe und Rüböl.— Münchens Sehenswürdig⸗ keiten.— Der Wiſcher.— Bräutigam.— Das Räuſchchen.— Handgemenge und Prügel.— Der fatale Mantel.— Wirth und Fremdenbuch.— Die Geſchichte vom Frack.— Das Ren⸗ dezvous.— Die ſchöne Proceſſion.— Der Brief mit einer Naſe.— Das Sängerfeſt.— Der Berliner.— Die Baroneſſe und der Schnurrbart.— Das Vielliebchen.— Auf dem Ball und nach dem Ball.— Eine Mutter.— Darmſtadt.— Krä⸗ merſeelen, merkantiliſche Thiere, Gelvſäcke und wahre Kauf⸗ leute.— Frankfurt.— Frankfurt, ein klein Paris.— Hom⸗ burg.— Die aufgezwungene Braut.— Die Hochzeit ꝛc. zc. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlʒ. 3 1 7 8 2 10 11 12 13 4 16 4 0 8 y