Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ) von 2 Gduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Cef ebedingungen. — 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Ei⸗ ptn und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Iesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wirv. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für Sentüich 2 2 Pücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf nat W——f. 1 Mt. 59 E 2 Mt.— Pf. Auswürtige Kponnenten! haben für H in⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der ſLadenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſoſbers darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch daſür zu ſtehen haben. S Sein und Schein. Roman von J. F. Smith. Aus dem Engliſchen von Albert von Schraishuon. . . Erſter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1859. Erſtes Kapitel. Plarted, in einer Gegend gelegen, die gewöhnlich der Garten von England genannt wird, in dem fruchtbaren Thale von Kent, war ein äußerſt rei⸗ zender Ort. Was Eiſenbahnen und moderne Fort⸗ ſchritte aus ihm gemacht haben, daran mögen wir nicht denken, aber noch weniger durch einen Beſuch daſelbſt uns davon überzeugen, um nicht abermals 3 unſrer Jugenderinnerungen dadurch zu zer⸗ ören. „Reizend“ iſt in der That das Wort, durch das wir den Punkt am beſten bezeichnen; denn es war eigentlich nichts vorhanden, weder im Dorfe noch in der Nachbarſchaft, das die Benennung ma⸗ leriſch verdient hätte. Weder der ſtattliche Wohn⸗ ſitz eines Gutsherrn, noch ein feudales Schloß ſahen mit ariſtokratiſcher Gönnermiene auf die beſcheidenen Hütten herab, die ſich an einander reihten, wie der Zufall es gefügt, ohne jeden ehr⸗ geizigen Anſpruch, gewiſſermaßen eine Straße bil⸗ den zu wollen,— weit und breit fand ſich keine Ruine einer Abtei oder eines Kloſters, in welchen Enttäuſchung und Kummer, das S der Lei⸗ . denſchaft für Heiligung, oder Apathie für Reſig⸗ nation haltend, Schutz vor der Welt ſuchten; kein Gebäude dieſer Art contraſtirte mit ſeinen zertrüm⸗ merten Zinnen mit den behaglichen Wohnhäuſern, welche Fewiſſermaßen die Y arkſteine der Felder bildeten, die nach und nach die rauhe Farbe ihres Bodens mit der kränklichen Mergelfarbe vertauſch⸗ ten, je mehr ſie ſich in ſanfter Wellenform den Kreidefelſen näherten, welche die Küſte beſchützten. Alles im Gegentheil ſchien an dieſem Orte einfach und auf praktiſchen Betrieb berechnet, der nichts weiter, als einer jener ſonnigen Winkel war, wo nach manchfachen Kämpfen mit den Stürmen des der ermüdete Geiſt Ruhe ſuchen und finden onnte. Selbſt nicht einmal die Kirche, des Dichters und Malers letzte Hoffnung, konnten ſich eines großen Alterthums rühmen, indem ſie erſt nach der Reformation erbaut wurde, und zwar in einem Style, eben ſo einfach, als der Cultus, dem ſie gewidmet war. Die einzigen Verfuche von Ver⸗ zierungen waren das Wappen Jakobs 1. im Mit⸗ telpunkt der Emporkirche, dem öſtlichen Fenſter ge⸗ rade gegenüber, und die zehn Gebote in goldenen Lettern über dem Abendmahltiſche,— der buchſtäb⸗ lich ein Tiſch und kein Altar war. Das zunächſt der Kirche wichtigſte Gebäude war unbeſtreitbar das Pfarrhaus mit ſeiner langgedehnten Fronte, ſeinen Bogenfenſtern, hohen, ſchlanken Kaminen, die, wie zu gegenſeitiger Unterſtützung, auf Einen Haufen zuſammengedrängt waren, und ſeinen kunſt⸗ voll geformten Giebeln, unter deren ſchützenden Vor⸗ 5 ſprüngen der Sommergaſt, die Schwalbe, ſo gern ihr überhangendes Net und ihre luftige Wiege anbaut. Trotz der großen Unregelmäßigkeit des Pfarr⸗ hanſes,— wir ſprechen begrei licher Weiſe hier nur vom architektoniſchen Standpunkte aus— machte es doch den Eindruck eines ſehr behaglichen und gelehrten,— bald hätten wir geſagt mönchiſchen— Aufenthaltsortes. Die Sonnenuhr über der Pforte, halb verſteckt unter Geißblatt und wilden Reben, als wenn die alte Zeit einem behaglichen Schlummer ſich unter deren Wohlgerüchen überließe, die mit Epheu dicht umrankten Mauern, der ſie wie in einen warmen Mantel hüllte, zur Erwärmung wäh⸗ rend der der wohlbebaute Garten mit den ſtattlichen Ulmen und den eigenthühmlich ge⸗ ſtutzten Eibenbäumen, vermehrten noch die ruhige Würde; kurz, es war eines jener Häuſer, in wel⸗ chem man in ſtiller Zurückgezogenheit einen Verſteck zu finden hofſen konnte, in welchem es aber nicht an Schränken, ſeltenen Büchern und ſelbſt einzelnen Gemälden fehlte, welche eine genauere Beachtung verdienten; von einer wohlverſorgten Speiſekam⸗ mer und einem trefflichen Keller gar nicht zu ſprechen, deſſen Inhalt ſo orthodor war, als der Glaube des ehrwürdigen Bewohners, welcher zur Zeit des Beginns unſerer Erzählung, 1773, erſt kürzlich ſeine Stellung an dem Collegium mit der Pfarrei von Plaxted vertauſcht hatte. Doktor Tittow war nicht nur ein tüchtiger Geiſt⸗ licher, ſondern auch ein ſehr gelehrter Mann. Lei⸗ der war er aber oters Sr und als Prediger 6 verſtand er es nicht, zu der Faſſungskraft ſeiner Zuhörer ſich herabzuſtimmen. Dieſe Eigenthümlich⸗ keit zeigte ſich gleich am erſten Sonntage, an wel⸗ chem er zum erſten Male die Kanzel beſtieg und ſeine erſtaunte Gemeinde mit einer Predigt über⸗ raſchte, in welcher er auf höchſt effectvolle Weiſe die Pelagianiſche“) Ketzerei zu Boden donnerte. Seine Zuhörer hatten allerdings nie zuvor etwas Dergleichen vernommen; aber zu was diente es? Er hatte Daſſelbe zuvor mit großem Erfolge vor den Notabilitäten der Univerſität gepredigt, und zweifelte deßhalb keinen Augenblick, daß es für die ehrbaren Pächter und einfachen Landleute von Plar⸗ ted eben ſo belehrend ſei. Wenn dieſe aber auch die Gelehrſamkeit ihres etwas excentriſchen Geiſt⸗ lichen nicht zu ſchätzen vermochten, ſo lernten ſie dafür bald ſeinen wohlwollenden Charakter als Menſch und ſeine Rechtlichkeit als Friedensrichter würdigen, in welch letzterer Eigenſchaft er übrigens nicht ſehr häufig in Anſpruch genommen wurde, wie wir der Wahrheit gemäß hinzufügen müſſen. Das Hauptvergehen, wovon er Kenntniß zu nehmen hatte, war der Schleichhandel, der übrigens in Kent niemals für ein großes Unrecht angeſehen wurde. Nichtsdeſtoweniger beſchloß er, demſelben ein Ende zu machen, weil er dieß für ſeine Pflicht hielt, ohne dabei entfernt eine Ahnung zu haben, Pelagius, eigentlich Morgan, ein engliſcher oder ſchottiſcher Mönch, der im fünften Jahrhundert lebte und die Behauptung aufſtellte: der Menſch könne nicht nur in dieſem Leben ohne Sünde ſein, ſondern auch durch ſeine eigene Kraft zur Seligkeit gelangen. D. B. 7 daß ſein eigener Kellermeiſter Fitch, der im Col⸗ legium ſein Stubenburſche geweſen war, den Bor⸗ deaux⸗Wein, den ſein Herr ſo ſchmackhaft fand und den vortrefflichen Cognac, von dem er jeden Abend einige Tropfen in ſeinen Kaffee goß, von Jorrocks und Joſeph Kerl, zwei bekannten Uebertretern des Zollgeſetzes an dieſem e kaufte. Einige Leute gingen in ihrer Behauptung ſogar ſo weit, — man klatſchte in jenen Tagen eben ſo, wie heute noch,— daß dieſe Leute gelegentlich ein noch weit ver⸗ dächtigeres Gewerbe trieben. Wenn dieß aber wirk⸗ lich der Fall war, ſo können wir nur bemerken, daß kein Beweis in dieſer gegen ſie vor⸗ lag, obgleich dieß ihnen in ihrer Achtbarkeit weſent⸗ lich nicht geſchadet haben würde zu einer Zeit, in welcher die Straße gewiſſermaßen als eine halb⸗ ritterliche Hilfsquelle für jüngere Söhne und Neffen betrachtet wurde, welche die Vorſehung mit einem Banquier in Geſtalt eines reichen Onkels oder einer unvermählten Tante zu beſchenken vergeſſen hatte, kurz, für alle jene Müßiggänger, welche zu ſtolz zum Arbeiten und zu unwiſſend zum Er⸗ greifen eines Gewerbes waren. Jorrocks war ein großer, hagerer Mann mit dickem, rundem Kopfe und entſchloſſenem Geſichts⸗ ausdruck, von etwa vierzig Jahren. Seinem Aeu⸗ ßern nach hätte man ihn nicht für einen Spitzbu⸗ ben gehalten. Ein oberflächlicher Beobachter hätte wahrſcheinlich eher in ihm einen ehrbaren Krämer, der ſein Geſchäft ehrlich treibt, zu erkennen ge⸗ laubt; ein Eindruck, den ſein beſeineer grauer ock, nach damaliger Mode geſchnitten, das heißt; bernen Schnallen trug er 8 mit rechtwinkligen Schößen, und eine Weſte, die nahezu bis u die Kniee hinabreichte, der drei⸗ ſpitzige Hut, die einfachen leinen Manchetten und Cravatte zu beſtätigen ſchienen. Ein kurzer Stoßdegen, mehr zum Schmuck, als ur Vertheidigung getragen, vollendete ſeine Klei⸗ ung. Sein Spießgeſelle, Joſeph Kerl, der etwa zwan⸗ zig Jahre jünger war, ſuchte dagegen in Anzuge ſich den Anſtrich eines Seemanns zu geben. Statt der hohen und Schuhe mit ſil⸗ eſtändig ſchwere Stiefel, die mehr als zur Hälfte ſeine Beine bedeckten, bis wohin ein Kleidungsſtück aus Leinwand, einem ſchot⸗ tiſchen Unterrock nicht unähnlich, reichte; ſein Rock mit breiten Schößen und geſchmückt mit einer dop⸗ pelten Reihe goldner Knöpfe, hatte einige Aehnlich⸗ keit mit der Jacke eines Themſe⸗Bootführers. Obgleich etwas Schlaues, wenn nicht gar Grau⸗ ſames in dem Blicke ſeines kleinen, runden Auges und ein ſinnlicher Ausdruck um ſeinen Mund lag, ſo hätten wir doch, wenn wir nothgedrungen eine ſolche Wahl hätten treffen müſſen, uns lieber auf das Mitleid Joſephs, als auf die Nachſicht Jor⸗ rocks verlaſſen. Vielleicht wäre bei dem Einen die Hoffnung eine geringe, bei dem Andern aber ohne jede Ausſicht geweſen. Jorrocks iſt, mit Erlaubniß zu bemerken, kein idealer Charakter; noch ſind viele Leute in Kent am Leben, die ſich des bekannten Guineen⸗Schmugg⸗ lers erinnern, wie man ihn ſpäter nannte, und der ſich während der Kriege mit Napoleon da⸗ 9 durch ein großes Vermögen erwarb, daß er eng⸗ liſches Gold nach Frankreich führte, wo für dieſes eine hohe Prämie bezahlt wurde. Mehr als Ein⸗ mal wurde während ſeiner gefährlichen Laufbahn auf ſein Boot— dem Anſcheine nach eine Fiſcherbarke— von engliſchen Kreuzern Jagd gemacht; aber es fand ſich nie ein Beweis gegen ihn vor, durch den man ihn hätte in Anklageſtand verſetzen können. Man ſagte ihm nach, daß er einſt mehr als drei⸗ tauſend Pfund über Bord geworfen habe, ein Be⸗ weis, wie einträglich die Speculation war, wenn ſie glückte. Es war eine ſchöne Mondſcheinnacht im Monat September, als die beiden Subjecte, deren Por⸗ traits wir ſo eben in groben Umriſſen zeichneten, von Plaxted nach Folkestone ſich auf den Weg machten, damals ein unbedeutendes Dorf, acht Meilen entfernt und nur von Fiſchern und Schleich⸗ händlern bewohnt. Es beſaß weder einen Hafen⸗ damm, noch ein Zollhaus Von der impoſanten Fronte des Hötels„Zur Flagge“ war noch keine Spur zu ſehen, denn es gab nur ein kleines Wirths⸗ haus, den Delphin, der ſo nahe an den Strand gebaut war, daß die nach der See zu liegende Seite durch eine Einfaſſung von Sand und Schindeln geſchützt werden mußte, um nicht gelegentlich durch eine Springfluth weggeſchwemmt zu werden. Es war ein unbedeutender, einſamer Ort, den wohl Niemand, der ihn damals ſah, jetzt wieder erkennen würde, und ſeine Bewohner waren ver⸗ wegene, aber unwiſſende Leute. Von Gas, Dampf, elettriſchen Telegraphen, mechaniſchen Werkſtätten 10 und Nationalſchulen wußte man noch nichts, denn dieß Alles lag damals noch im Schehe der Zeit begraben, die noch kein Zeichen von Wehen dieſer Art gab. Die beiden Männer waren eine Zeit lang, ohne ein Wort zu ſprechen, neben einander herge⸗ gangen, bis endlich Jorrocks das Stillſchweigen mit der Bemerkung unterbrach, daß ihm nicht ganz wohl zu Muth ſei. „In Betreff des Boots?“ „Nein. Das muß ſchon lang herein und mit ſeiner Ladung ſicher geborgen ſein.“ „Was iſt es alſo, was Bich beunruhigt?“ fragte ſein Gefährte erſtaunt. „Das Frauenzimmer, das ſeit fünf Tagen re⸗ gelmäßig von Plaxted in den Delphin gekommen iſt, um dort die Ankunft des Kutters, zu welcher Stunde es auch ſei, zu beobachten,“ bemerkte der ältere der Beiden. „Sie erwartet Jemand?“ „So ſagt ſie. „Und Du glaubſt ihr nicht?“ „Nein; denn woher ſollte ſie genau die Zeit wiſſen?“ „Wahrſcheinlich hat ſie ſie blos zufällig er⸗ rathen.“ „Pah!“ rief Jorrocks im Tone der Gering⸗ ſchätzung, die Einfalt ſeines Genoſſen „das magſt Du Dummköpfen weiß machen. Ich vermuthe, daß ſie nichts Geringeres, als eine Spionin iſt, die unſer Thun und Laſſen über⸗ wacht. Sollten wir ſie hier treffen,“ ſetzte er mit — —, 11 einer abgemeſſenen Betonung hinzu, wie wenn er dadurch hätte bemeſſen wollen, welchen Eindruck ſeine Worte hervorbringen,„ſo würde ich mich ſtark verſucht fühlen, ſie zu— Du verſtehſt mich „Fragen, ob Deine Furcht gegründet iſt, oder nicht, ſagte Kerl, den Satz vervollſtändigend. „Ja, ganz richtig.“ „Nun,“ fuhr der Erſtere nach einer Pauſe fort, „wenn ich ſo dächte, wie Du, was aber nicht der Fall iſt, ſo würde mich die Sache nicht viel küm⸗ mern. Vor Allem iſt in Betracht zu ziehen, daß ſie in dieſer Gegend gänzlich fremd iſt.“ „Um ſo größer iſt aber eben die Wahrſchein⸗ lichkeit, daß ſie im Solde der Küſtenwache ſteht,“ ſagte Jorrocks.„Der neue Lieutenant Elvey iſt nicht halb ſo traktabel, wie ſein Vorgänger; der verſtand ſich auf Geſchäfte. Dieſer Narr ſpricht von Pflichten, und was noch ſchlimmer iſt, er meint es auch ernſtlich damit. Ephraim Sleek machte ihm ein ſehr ſchönes Anerbieten, aber wenig hätte gefehlt, ſo wäre er für ſein Offert aus dem Cajüttenfenſter des„Wren“ geworfen worden. Das wird ein ſchlimmes Ende nehmen,“ ſetzte er hinzu, indem er wie mit unwillkührlicher Bewegung an den Griff ſeines Degens langte,„das wird ein ſchlimmes Ende nehmen.“ „Das wird nicht unſere Schuld ſein,“ bemerkte Joſeph philoſophiſch,„denn wir wollen uns frei⸗ gebig zeigen. Aber glaubſt Du nicht, daß, wenn Elvey dieſes Frauenzimmer zur Spionin unſerer 8 12 Handlungen benützt, er auch Maßregeln ergriffen hat, daß ihr nichts zuſtoßen kann?“ 3 „Das iſt das erſte vernünftige Wort, das ich heute Abend von Dir höre,“ rief der ältere Schleich⸗ händler;„dieſer Gedanke iſt es eben, der mich auch zurückhält. Ich wittere Gefahr,“ fuhr er nach ei⸗ nem kurzen Stillſchweigen fort. „Es mag ſein, obgleich ich nicht recht einſehe, auf welche Weiſe ſie drohen ſollte,“ verſetzte Joſeph. „Haſt Du nie, wenn der Himmel noch klar und der Wind ſo ruhig, wie der Athem eines Kindes war, lange vorher, ehe die Wellen zu ziſchen und zu toben anfingen, die Zeichen der Annäherung des Sturmes gefühlt?“ fragte ſein Kamerad.„Haſt Du nie, wenn Alles ſtill war, die Stangen und Sparren Deines Schiffes kra⸗ chen hören, als wenn dieſe den kommenden Spec⸗ takel gerade ſo fühlten, wie es in den Knochen eines alten Mannes bei einem bevorſtehenden Witterungswechſel zwickt und kneift?“ „Vielleicht doch,“ antwortete Kerl mit erſtaun⸗ tem Blicke;„wie aber Du, der ſich nur auf dem Lande umhertreibt und nie zuk See warſt, außer etwa auf einem Sprung nach Colais, auf ſo ſee⸗ männiſche Weiſe Dich auszudrücken verſtehſt, kann ich nicht recht begreifen.“ Auf dieſe Bemerkung gab ſein Begleiter keine Antwort, es wäre denn, daß ein ſpöttiſches Lä⸗ cheln, das einen Augenblick lang über ſein finſte⸗ res Geſicht flog, für eine gegolten hätte; wenn dieß aber ſo war, ſo ging ſie unbemerkt vorüber. Sobald die beiden Spießgeſellen Folkestone 13 erreicht hatten, eilten ſie nach dem Ufer, wo ſie zu ihrem Erſtaunen fanden, daß ſie ſich dießmal ver⸗ rechnet hatten, denn das Boot, allem Anſcheine nach eine gewöhnliche Fiſcherbarke, obgleich dem Ufer ſich nähernd, hatte noch nicht gelandet. „Stevens iſt ſpät daran,“ ſagte Jorrocks. „Hoffentlich iſt ihm kein Unglück zugeſtoßen.“ „Daran iſt nicht zu denken— weit und breit iſt keine andere Barke in Sicht,“ ſagte ſein Ka⸗ merad. „Dort iſt aber eine Barke, die ich am liebſten zerſchmettert auf dem Meeresgrunde ſähe,“ mur⸗ nelte Jorrocks, indem er zugleich auf eine weibliche Geſtalt, unweit von ihnen ſtehend, deutete.„Ich ſage Pir, das iſt ein Felſenriff,— ein Vo el von noch ſchlimmerer Vorbedeutung, als der„Wren,“ — ſo hieß nämlich das Zollſchiff. „Das iſt die Katth,“ rief Kerl. Jorrocks blickte ihn argwöhniſch an, indem er zwiſchen die Zähne murmelte:„Du kennſt alſo ihren Namen.“ „Ja; die Wirthin in Plarted nannte mir ihn.“ „Kaity, Katty!“ wiederholte ſein Kamerad nochmals.„Eine Irländerin.“ „Darauf kannſt Du ſchwören,“ antwortete der Andere lachend;„was ſie auch immer ſonſt ſein mag, dieß kann ſie nicht läugnen.“ Sein Gefährte begnügte ſich mit einem unar⸗ tikulirten„Hm!“ „Was ſoll dieſes„Hm“ bedeuten?“ fragte ſein Kamerad.„Das iſt wahrſcheinlich ein Luhbflgnul 14 Warum gibſt Du nicht eines, das Jedermann ver⸗ ſtehen kann?“ „Lieutenant Elvey war zwei Jahre lang an der irländiſchen Küſte ſtationirt,“ erwiderte der Erſtere,„ehe er das Commando über den Wren übernahm. Verſtehſt Du jetzt dieß?“ „So genau wie einen Compaß,“ ſagte Joſeph, ſehr beſtürzt über dieſe Mittheilung. Anſtatt ſich noch mehr dem Ufer zu nähern, verbargen ſich die beiden Männer jetzt hinter ei⸗ nem nahen Felſen, um von da aus mit Bequem⸗ lichkeit und unbemerkt das Frauenzimmer zu be⸗ obachten. ie vermeintliche Spionin, deren Anweſenheit in dieſer Gegend Jorrocks Verdacht ſo ſtark rege gemacht hatte, war eine Frau von hoher, impo⸗ ſanter Geſtalt, von etwa zweiundzwanzig Jahren; einen regelmäßigeren Wuchs, welchen das dunkel⸗ raue Tuchkleid und Wams darüber noch mehr hernoche, hatte man noch ſelten geſehen. Jeder⸗ mann, wer Irland kennt, würde nicht nur ſogleich dieſes als das Land ihrer Geburt erklärt, ſondern noch überdieß ſie als eine Eingeborne von Gal⸗ way bezeichnet haben, das ſo merkwürdig iſt we⸗ gen des ſpaniſchen Schönheits⸗Typus ſeiner Töch⸗ ter. Ein üppiges, glänzend ſchwarzes Haar, in dichten Locken, gleich einem Büſchel halberſtarrter Ringelſchlangen, bedeckte zur Hälfte ihr Geſicht, das regelmäßig und zart war, mit einem eigen⸗ thümlichen Ausdruck von Feſtigkeit um den Mund. Die Augen, welche allein ſon die Geburtsſtätte der Eigenthümerin verrathen hätte, waren mandel⸗ 15 förmig geſchnitten, dunkel veilchenblau und von langen Wimpern eingefaßt, aus welchen zuweilen Munterkeit oder wohl auch die heftige Leiden⸗ ſchaftlichkeit des Südens blitzte. Während Kate — oder Katty, wie man ſie gewöhnlich nannte— ſo daſtand, den Blick feſt auf das jetzt raſch der Küſte zueilende Boot gerichtet, hätte ſie füglich als Modell für einen Bildhauer oder Maler die⸗ nen können. „Spion oder nicht Spion,“ ſagte Kerl,„ſie iſt ein Weib und das genügt.“ Es war das erſte Mal, daß der Schleichhänd⸗ ler Katty ohne den weiten Tuchſhawl ſah, den ſie gewöhnlich trug und, gleich einem Plaid, über den Kopf zog, um den obern Theil ihres Geſichts da⸗ mit zu verhüllen. n dem unverkennbaren Eifer, mit welchem ſie die Bewegungen der elenden Barke verfolgte, war das Tuch, ohne daß ſie es bemerkte, auf den Sand⸗ boden gefallen. Mehrere Seeleute kamen jetzt aus dem Del⸗ phin herbeigelaufen und ſammelten ſich in Grup⸗ pen am Strande. In dem Augenblicke, in welchem das kleine Fahrzeug aufüeß eilte Katty mit dem wilden Schrei eines Strandpfeifers, der plötzlich aus ſei⸗ nem Neſte aufgeſchreckt wurde, durch die Bran⸗ dung. Sie hakte offenbar die weibliche Geſtalt, welche auf dem Verdecke ſtand, erkannt. Mit ei⸗ ner Kraftbewegung, welche die Matroſen in Er⸗ ſtaunen ſetzte, war ſie an dem Schiffe in faſt eben ſo kurzer Zeit hinaufgeſtiegen, als wir zur Be⸗ ſchreibung benöthigt waren, hatte die Obenſtehende mit ihren Armen umſchlungen, ihre Hände mit Küſſen bedeckt und ihrer Freude in halberſtickten Seufzern und abgeriſſenen Ausrufungen Ausdruck gegeben. „Ellen! Es iſt das Herz Ihrer armen Katty, das ſo mächtig ſchlägt, weil ſie Ihr ſüßes Antlitz wieder ſieht. In wie vielen traurigen Stunden hat ſie an Sie gedacht und für Sie gebetet, ein⸗ ſam an dem alten Orte; aber Sie ſind blaß, Liebe; der Kummer iſt allerdings ein neidiſches Geſchöpf, das die Roſen von Ihren Wangen ſtahl,“ ſetzte ſe hinzu, aufmerkſam die Geſichtszüge der Rei⸗ enden betrachtend, in deren Augen bei dieſem Zu⸗ ſammentreffen Thränen getreten waren. „Ich wußte wohl, daß Du mich nicht im Stiche laſſen werdeſt,“ bemerkte die Lady(denn dieß war offenbar ihr Rang) in traurigem Tone. „Ich ſollte Sie im Stiche laſſen!“ wiederholte die Frau liebevoll.„Zuerſt hätte mein Herz zu ſchlagen aufhören müſſen. en Tag, nachdem ich Ihren Brief erhielt, ſagte ich Phelim Adieu— ich hätte ihn gehaßt, wenn er nur mit einem Wort mich zurückzuhalten geſucht hätte,— und kam an dieſen Ort, wo kein lebendes Geſchöpf die Fremde willkommen hieß,— verließ ihn und den Säng⸗ ling, der ſchon anfängt, mir in die Augen zu ſehen und mich anzulächeln. Ich verließ beide,“ fuhr ſie fort,„Gatten und Kind— und daran that ich Ze Recht, denn Katty verdankt Ihnen es.“ Hier drückte diejenige, an welche dieſe Worte 17 mit dem innigſten Ausdruck der Liebe und Treue gerichtet waren, plötzlich ihre Hand auf's Herz, wie Jemand, der Schmerzen fühlt. „Das kommt von der See, Theuerſte,“ ſagte die Frau ermuthigend;„wenn ich an ihn denke, daß er Sie über das Salzwaſſer ließ nach allen ſeinen—“ Ellen oder Elleen, wie ihre Milchſchweſter ſie nannte, unterbrach ſie. „Nicht ein Wort, Katty,“ murmelte ſie,„ich kann dieß jetzt nicht ertragen. Ehe ich ſterbe, ſollſt Du Alles erfahren.“ Das Wort„ſterben“ ſchien die Frau wie ein elektriſcher Schlag zu durchzucken, ſo heftig erbebte ihr Körper; es gelang ihr aber mit äußerſter An⸗ ſtrengung, den Seufzer zu unterdrücken, der ihr faſt die Bruſt zu zerſprengen drohte, und ſie ſtieg wieder vom Verdeck in die Brandung hinab, um behilflich zu ſein, Ellen an's Land zu ſchaffen. Zwei Leute von der Mannſchaft hoben die Reiſende jorffolig auf ihre Arme. Katty empfing die koſtbare Laſt, wie wenn ſie ihr Kind geweſen wäre, führte ſie an das Thor des Delphin und ſetzte ſie dort in ein kleines Chaischen, das ſie von der Wirthin gemiethet hatte, um damit nach Plaxted zurückzukehren. Das leichte Gepäck war bald an's Land geſchafft, und nachdem ſie ihren Shawl um Ellens Füße gewickelt hatte, ſchickte ſie ſich zu der Abfahrt an. „Du wirſt Dich erkälten,“ bemerkte ihre Milch⸗ ſchweſter. „Gewiß nicht, ſo lange mein Herz ſo warm fühlt, wie jetzt, erwiderte die Letztere, während Smith, Sein u. Schein. J. 2 18 das kräftige Pferd, welches der Wirth des Delphin häufig zu andern Dienſten, als zum Ausleihen an Reiſende benützte, den Weg nach Plarted antrat. „Nun,“ ſagte Joſeph Kerl, als das Fuhrwerk vorüberfuhr,„ich hofſe, Du biſt nun überzeugt, daß das Frauenzimmer keine Spionin iſt.“ Jorrocks erklärte ſich damit einverſtanden, ſchien deßhalb aber nichts deſto weniger ſehr neugierig hinſichtlich der Fremden zu ſein; denn die erſte Frage, welche er an den Kapitän des Bootes ſtellte, betraf ſie. „Ich kann Ihnen ihren Namen nicht ſagen,“ verſetzte Stevens;„ich habe ihn noch nie gehört. Der alte Chomont brachte ſie an Bord, nachdem wir das verlaſſen hatten; er beſorgte ihre Ueberfahrt.“ „Ließ er ſich dafür bezahlen?“ fragte der Schleichhändler. 8 „Fünf und zwanzig Guineen,“ antwortete der Kapitän. „Poh!“ fiel ihm der Fragende in's Wort.„Ich meine, was er ſich für ſein Wagniß bezahlen ließ, daß er ſie ohne Vorwiſſen der franzöſiſchen Be⸗ hörden an Bord brachte.“ „Warum fragten Sie mich dieß nicht gerade heraus?“ rief der Mann aus.„Erlauben Sie ein⸗ mal; ich glaube, ich habe etwas darüber gehört. Der König der Mounſeers*) hat einen Befehl ge⸗ ſchickt, ihr nicht zu erlauben, Calais zu verlaſſen.“ Jorrocks ſtellte keine weitere Frage mehr, ſon⸗ ²) Von Frankreich. 19 dern wandte ſeine Schritte, nachdem er ſich über⸗ zeugt hatte, daß die Ladung glücklich geborgen ſei, dem Dorfe zu. Zu großem Erſtaunen Joſeph Kerl's konnte dieſer auch nicht ein einziges Wort auf dem gan⸗ zen Rückwege nach Plarted aus ihm herausbringen. Es iſt jetzt Zei mit der blaſſen Reiſenden und deren Milchſchweſter— denn dieß war das Band, welches die beiden Frauen umſchlang— unſere Leſer näher bekannt zu machen. Etlen St. Ciair war als eine Waiſe von ſehr zartem Alter der mütterlichen Obhut ihrer nächſten Verwondtin, ihrer unverheiratheten Tante, der Ehrenwerthen Miß Tabitha Macnamara, der Ei⸗ genthümerin eines Gutes in der Grafſchaft Gal⸗ way anvertraut worden, deſſen geringer Ertrag im Vergleich mit ſeiner Ausdehnung einen irlän⸗ diſchen Grundeigenthümer heutigen Tags ſehr in Erſtaunen ſetzen würde. Merkwürdiger Weiſe traf die Pächter deſſelben jedes Jahr, ohne daß man hätte angeben können, wie es möglich geweſen, irgend ein Mißgeſchick. Wenn die Ernte vortrefflich ausſiel, ſo brach da⸗ für unter dem Vieh eine Seuche aus oder gingen die Schafe— wie hätte man auch nach dieſen einfältigen Geſchöpfen ſehen können!— im Sumpf⸗ moor zu Grunde. „Gewiß, Mylady,“ pflegten dann die Weiber der pflichtvergeſſenen Pächter, die pfiffiger Weiſe ſich auf die Beredſamkeit ihrer beſſeren Hälften ver⸗ ließen, zu ſagen,„es war nicht unſere Schuld, daß das Vieh krepirte oder der Regen d2 Heu — verdarb, welches kaum über eine Woche, nachdem es geſchnitten worden, auf dem Boden liegen ge⸗ blieben war, bis Tim, Patrick oder Teddy,“ oder wie ihre Männer hießen,„die Leute zum Einheim⸗ ſen bekommen konnte.“ Die Ausrede wurde gewöhnlich angenommen, obgleich Tim, Patrick oder Teddy das Geſchäft ohne Hilfe in der Hälfte der Zeit hätte ausfüh⸗ ren können, die er auf dieſelbe gewartet hatte. „Wir wollen ſelbſt mit der Herrin ſprechen,“ lautete gewöhnlich die Antwort, welche Kene dem Gutzauſſeher in's Geſicht geſchleudert wurde, wenn er einen Wink fallen ließ, der weiter ging, als eine bloße Gegenvorſtellung;„ſie iſt eine vom alten Schrot und Korn— eine ächte Lady,— und leidet nicht, daß man dem Armen wehe thut.“ Was konnte die Gutsherrin thun? Noch nie hatte eine Maecnamara ihre Pächter vertrieben oder weggejagt; überdieß erfüllte es ſie mit einem ge⸗ wiſſen Stolze, ihren Namen in der Gegend in gutem Andenken zu erhalten. Die natürliche Folge ihrer Nachſicht war, daß Lady Tab, wie man ſe vertraulich naunte, ob⸗ gleich man von ihr vorausſetzte, daß ſie Haufen Geldes beſitze, nie in der Lage war, ihr Familien⸗ haus in vollkommen gutem Zuſtande zu erhalten, die Hauptzimmer mit neuen Möbeln zu verſehen oder eine Menge anderer Dinge zu thun, welche auszuführen ſie feſt entſchloſſen war. Sie wurde von ihren ergebenen, enthuſiaſtiſchen, aber indo⸗ lenten Pächtern vergöttert, die nicht nur für ſie ſich geſchlagen hätten,— denn das würde jeder Irländer thun,— ſondern auch in der Verthei⸗ digung ihrer Perſon geſtorben wären; kurz, die Alles für ſie gethan, nur nicht auf den von ihnen gepachteten Grundſtücken gearbeitet hätten, ſo daß ſie die jährliche Rente hätten bezahlen können. Der außerordentliche Einfluß, den Miß Maec⸗ namara's wohlwollende, aber alle Grenzen über⸗ ſchreitende Nachſicht dadurch über ſie erlangte, e wenigſtens Einen ausgezeichneten Erfolg. ährend der Unruhen, welche periodiſch das Land heimſuchten, ſtand auch nicht Ein Mann aus ihren Baronieen auf; Verbrechen waren in ihrer unmit⸗ telbaren Nachbarſchaft unbekannt. Mit dem ihrem Geſchlechte eigenthümlichen Takte gebrauchte ſie egen ihre Pächter und ſonſtigen Anſäßigen den Kunſtgriff, daß ſie deren Frauen, Mütter und Schweſtern auf die verderblichen Folgen aufmerk⸗ ſam machte, die nicht ausbleiben könnten, wenn ihre Männer, Brüder und Söhne ſich in eine der geheimen Geſellſchaften einließen, die ſo lange der Fluch Irlands geweſen ſind. Die Frauen ihrer Güter waren ihre Polizei, die ſich als höchſt wirkſam zeigte. Ihr nächſter Nachbar, der Häuptling O Neil— wir fragen, ob irgend ein Alterthümler zu ſagen vermag, wie alt ſein Stamm war— war nicht ſo klug, wie ſie. Er war einer jener unermüdlich gaſtfreien, gutherzigen Menſchen, deren Haus Je⸗ dermann offen ſteht; deſſen Claret— obgleich er keinen Ein angszoll entrichtete,— tadellos war, und auf deſen Wort, wenn es ſich nicht um eine Bezahlung handelte, man ſich feſt verlaſſen konnte. 22 Viele Leute zweifelten an ſeinem geſun Menſchenverſtand und ſeiner Klugheit, aber Nie⸗ mand ſtellte den Muth oder die Ehrenhaftigkeit O'Neils in Frage. Es war ein hrtter Schlag für Ellen, als zwei Jahre vorher, ehe wir das Vergnügen hatten, ſie unſern Leſern vorzuführen, die Neffen des Baro⸗ nets, Redmond und deſſen Vetter Ulic aus politi⸗ ſchen Gründen ſich genöthigt ſahen, aus dem Lande zu entfliehen und in einem jener tapfern irländi⸗ ſchen Regimenter Dienſte zu nehmen, deren Tha⸗ ten ein glänzendes Blatt in der Geſchichte Frank⸗ reichs füllen. Ihr Oheim beſaß viele Freunde, von denen mehrere ſehr mächtig waren. Jeder⸗ mann, der Sir Patrick kannte, liebte ihn, und die damalige Regierung begnügte ſich mit der frei⸗ willigen Verbannung der jungen Männer, die weit eführlicher als ihr Verwandter waren, und ſtand eßhalb von jedem Einſchreiten gegen dieſen ab. Vielleicht meinten die Behörden, ſie beſäßen eine hinlängliche Garantie für ſein künftiges Ver⸗ in den Beweiſen, die ſie hinſichtlich ſeiner ergangenheit in den Händen hatten und welche „ſie gleich dem Damoklesſchwerte über ſeinem Haupte hängen ließen. Redmond O'Neil, Ellens Anbeter, beſaß alle jene männlichen Eigenſchaften, welche weibliche Liebe zu ihrer natürlichen Stütze wünſcht. Kalt und viel⸗ leicht etwas hochmüthig gegen ſein eigenes Geſchlecht, war er gegen Frauen offen, zart und achtungs⸗ voll wie ein Jüngling, und dabei zeigte er ihnen eine Huldigung, die nicht in der Berechnung, ſon⸗ 23 dern im Herzen ihren Grund hatte. Sein Vater, ein jüngerer Bruder Sir Patricks, war als Befehls⸗ haber einer irländiſchen Brigade geſtorben. Ulic Blake, der Sohn des Baronets Schweſter, lich ſeinem Oheime in deſſen unruhigem, leiden⸗ ſch aftlichen Temperament, in Unklugheit und Gleich⸗ gültigkeit gegen alle Folgen, aber unglücklicher Weiſe nicht in jenen edlen Eigenſchaften, welche die erſteren wieder gut machten. Wenn es ſich um Befriedi⸗ gung ſeiner Leidenſchaften handelte, war ihm jedes Mittel genehm und zeigte er eine völlige Gleich⸗ gültigkeit gegen die Folgen ſeiner ſelbſtſüchtigen Sorgloſigkeit um das Wohl Anderer. Wäre er in Irland geblieben, ſo hätte ſich vielleicht Vieles in ſeinem Weſen gebeſſert oder hätte aus Mangel an Gelegenheit zur Entwickelung ſich verloren; aber der Hof Ludwigs XV. war eine Fflanzſchule, in welcher ſchlimme Eigenſchaften einen ergiebigen Bo⸗ den fanden. Ehe er ſein Heimathland verließ, geſtanden ihm ſelbſt diejenigen, welche ihn am wenigſten leiden mochten, Einen uneigennützigen Zug in ſeinem Cha⸗ rakter zu, nämlich eine innige Liebe, die er für Redmond an den Tag legte. Es wäre allerdings merlwürdig geweſen, wenn Ulic's Herz nicht einer einzigen geſunden Empfin⸗ dung fähig geweſen wäre. Gold oder Glimmer, die einander ſo ähnlich ſehen, können wohl in einem und demſelben Granitblock gefunden werden. Redmond O Neil gab das Verſprechen, inner⸗ halb eines Jahres zurückkehren zu wollen, um Ellen zu ſeiner Frau zu machen, und hielt ſein Wort, 24 trotz der Belohnung, die auf ſeine Fhenen ausgeſetzt war; er vermählte ſich mit ihr oſſenilich — man hätte eine Armee aufbieten müſſen, wenn man ihn in Galway hätte feſtnehmen wollen— und kehrte unmittelbar nach ſeiner Verheirathung mit ſeiner jungen Frau nach Frankreich zurück. Dieß war ein harter Schlag für die Ehrenwerthe Miß Macnamara, die der Verbindung ſehr entge⸗ en war und deshalb ſich hütete, durch ihre Anwe⸗ ſenheit ihre Billigung zu erkennen zu geben; aber die Betrübniß der Tante war Sonnenſchein im Vergleich mit dem tiefen Leid Katty's, der Milch⸗ ſchweſter Ellens, die ſich von dieſer nie zuvor auch nur auf einen einzigen Tag getrennt hatte. Phe⸗ lim Caſſiday, der junge Mann, mit dem ſie das Silberſtück gebrochen*) und dem ſie Treue gelobt, hatte, wie ſie zu ſagen pflegte noch viele Wochen hernach ſchlimme Zeiten. Aber Phelim war nicht das einzige Hinderniß, welches Katty abhielt, ihre junge Herrin nach Frankreich zu begleiten; ſie hatte eine blinde Mutter, Ellens Amme, die ſie zärtlich liebte, und ſo willigte ſie endlich ein, zurückzubleiben und heirathete ſchließlich den geduldigen und aus⸗ dauernden Phelim. Mehr als ein S lang ſprach ſich in den Brie⸗ fen von Nedmonds Gattin Glück und Zufriedenheit aus. Endlich langte aber einer an, welcher der treuen Katty faſt das Herz brach. In jeder Linie drückte ſich Elend, hoffnungsloſes Elend aus, ob⸗ gleich keine Cinzeinheien darin mitgetheilt wurden. *) Irländiſcher Verlobungsgebrauch. 25 Die Brieſſtellerin beſchwor ihre Milchſchweſter, an einem beſtimmten Tage in Folkestone ſich ein⸗ kſe um ſie dort zu erwarten, zugleich aber erſuchte ſie ſie darin, ſein Wort in Betreff der beabſichtigten Reiſe gegen ihre Tante zu erwähnen⸗ „Ich gehe zu Grunde, wenn Dumich im Stiche läßt,“ ſo lauteten die letzten Worte in dem Briefe. Wir haben geſehen, auf welche Weiſe Katty dieſem Anſinnen entſprochen hat. Zweites Kapitel. Die beſorgte Katty bemerkte bald, daß ihre Milchſchweſter nicht weiter, als in das ländliche Wirthshaus von Plaxted zu gelangen wünſche. Als Ellen vom Sterben ſprach, vermochte das treu er⸗ gebene Geſchöpf nur mit Thränen und Küſſen zu antworten. Die zarte Geſtalt, welche ſichtbar jede Stunde immer mehr abzehrte, der nagende Kum⸗ mer, zu ſtolz für Worte, zu tief für Thränen, das Gefühl unverdient erlittenen Unrechtes, das gleich einem Fieber an der Lebenskraft ſeines Opfers zehrte, ließ keine Hoffnung zu, und ſie ſah mit Bangen dem offenbar nicht mehr fernen Augenblicke entgegen, welche die unglückliche Frau Redmond O Neil's zur Mutter machen ſollte. „Es ſitzt ihr im Herzen,“ murmelte ſie als Entgegnung auf einige Fragen, welche Doktor Chal⸗ 26 loner, der einzige praktiſche Arzt in Plaxted, an ſie richtete.„Es nagt ihr Etwas tief am Herzen. Es war ein ſchlimmer Tag, an welchem ſie zum erſten Mal ſein Geſicht ſah und die Freunde verließ, die ſie liebten, um ihre Heimath gegen ein fremdes 1 Land zu vertauſchen!“ „Weſſen Geſicht?“ fragte der Arzt mit einer gewiſſen Neugierde, welche der ſcharfſichtigen Ir⸗ änderin nicht entging. f„Dasjenige, deſſen Namen ſie trägt, der einen leiblichen Eid geſchworen hat, ſie zu beſchützen und zu lieben.“ „Ah! Sie iſt alſo verheirathet?“ Dieſe Worte waren kaum ſeinen Lippen ent⸗ ſchlüpft, als es in Katty's Angen zornig aufblitzte wegen des darin liegenden beleidigenden Sinns, und wäre ſie ein Mann geweſen, ſo hätte der, wel⸗ cher ſie geſprochen, alle Urſache gehabt zu bereuen, daß er ihr Ausdruck gegeben habe. „Verheirathet!“ wiederholte ſie.„Iſt ſie nicht nahe daran, Mutter zu werden? Alle Heiligenmögen mir beiſtehen! Sollte meine geliebte Pileſcweßer die Erſte ſein, welche Schmach über die Namen brächte, welche auf den Grabſteinen in der alten Kirche von Galway zu leſen ſind? Sie können ihr nie in ihr ſüßes, unſchuldiges Geſicht geblickt haben, da Sie im Stande ſind, eine ſolche Frage zu ſtel⸗ len,“ fügte ſie bei.„Verheirathet? Jo, ſie iſt ver⸗ heirathet im Angeſicht des Himmels und der Men⸗ ſchen, und der Mann oder Böſewicht, der ſie zu Grund gerichtet hat, iſt ihr Gatte.“ „Schon gut, ſchon gut,“ bemerkte der ländliche gutm lap ahm aufrichtigen verheurgtheh oder wir unſer Mög⸗ das rothe Gold ſie Heſchöpf, verzweif⸗ würde für ſie mein gte Doktor Challoner, Ihrer Herrin etwas Gegenwart Ihren an dem müſſen Siei n Schnerz vekã „Es iſt wahr, da Wollen Sie V eie eine et, ſo iehs ein eingekerkerter Vozel der ſo eben wieder ſeine Frei⸗ heit er langte, aus „Möge Ihnen der Segen aller Heiligen und eines armen ab gequälten Geſchöpfes für die erſten Worte des T s, die ich in dieſem fremden Lande vernommen eil werden!“ rief ſie aus. „Sie haben weife lnden Herzen neues Leben zeeten⸗ mich auf die Probe,“ ſetzte ſie hinzu, een 2 mir das Fleiſch ab! und ſehen Sie, ob Katty Thräne vergießt oder einen Schrei ausſtößt die Betrübniß meiner geliebten Herrin v vu Drei Tage na Gattin 28 borne Kind war aber geſund und kräftig; doch blieb es eine Stunde lang unentſchieden, ob die unglück⸗ liche Ellen ſo weit wieder zum Bewußtſein gelan⸗ gen würde, um ihren Sprößling ſegnen zu können. Doktor Challoner ſelbſt zweifelte daran, obgleich er die Wärterin verwies, die Arme und krampfhaft geballten Hände der Wöchnerin fortwäh⸗ rend zu reiben. Als letztes Mittel legte Katty das neugeborne Kind an den kalten Buſen der Mutter, deren Augen bei der warmen Berührung ſich öff⸗ neten und über deren bleiches Geſicht ein Lächeln, ſelig wie das eines erlöſten Geiſtes, der ſich zum Himmel ſchwingt, glitt, als ſie es innig und im⸗ mer inniger an ihr klopfendes Herz drückte. „Vergiß nicht, daß ſein Name Redmond iſt,“ liſpelte ſie matt in das Ohr ihrer Milchſchweſter. „Und weiß Gott, mit allem Recht,“ antwortete Katty.„Iſt er nicht das leibhafte Ebenbild ſeines Vaters?“ Ellen blickte ihren Knaben an, und während ſie die Lineamente ihres einſt ſo liebevoll geſinnten Gatten ſich ausmalte, oder wenigſtens wähnte, daß ſie ſich's ausmalte, fielen Thränen auf ſein unſchul⸗ diges Geſicht. Es war dieß die Taufe der Natur, nur weniger koſtbar als jene heiligere, welche irdi⸗ ſchen Kindern ein edleres Erbe zuſichert. Die ſchwache Hoffnung, welche Doktor Challo⸗ ner gehegt hatte, daß die Geburt des Kindes einen wohlthätigen Einfluß auf ſeine Patientin ausüben würde, verſchwand bald wieder. Die unglückliche Frau kämpfte jetzt nicht länger mehr gegen den bittern Gram, den zerſtörenden Kummer, welche „. 29 mütterlicher Inſtinct zu unterdrücken ſie gelehrt hatte, ſondern flüſterte ihr Elend in das Ohr ihrer Milchſchweſter, deren ſchlichte Zuneigung ihre letzte Stunde verſüßte und deren Verſprechen, dem Knaben Mutter zu ſein, dem herannahenden Tod ſeine Schreckniſſe benahm. Es war eine traurige und ſelbſt für die, welche ſie mittheilte, ganz unerklärliche Geſchichte. Beinahe ein Jahr lang nach ihrer Vermählung hatte Redmond ONeil en⸗ Gattin mit großer Zärtlichkeit und Liebe behandelt. Er ſchien ſtolz auf das Aufſehen zu ſein, welches die Anmuth der ſchönen Irländerin, wie Ludwig XV. ſie genannt hatte, in der Geſellſchaft von Verſailles erregte. Die Herren des Hofes erklärten ſie für vollkom⸗ men, und beneideten den glücklichen Gatten; die Frauen haßten ſie und ſuchten ihn von ihr ab⸗ wendig zu machen. Es verletzte ihren Stolz, daß eine kaum dem Kindesalter entwachſene Fremde, welche mit ſchneidendem Stillſchweigen das Ent⸗ gegenkommen der Madame du Barry, der herrſchen⸗ den Favoritin, aufgenommen hatte, es wagen ſollte, ihnen eine Lection hinſichtlich der Tugend zu geben. Es wurde dieß als Prüderie, Ziererei, als die Ab⸗ ſicht, Aufſehen zu erregen, bezeichnet und ſie be⸗ ſchloſſen, ſich dafür zu rächen. Redmond billigte das Benehmen ſeiner Frau, und ihr Glück ſchien täglich zuzunehmen. Der Wechſel, welcher dieſen Zußtand gegenſeitiger Wonne erſtörte, ereignete ſich etwa einen Monat vor dem eginn unſrer Erzählung. Ellen, welche bereits die Tage zählte, bis wann ſie Mutter werden 30 ſollte, wurde von ihrem Gatten auf's Tödlichſte erſchreckt, als dieſer unerwartet in ihr Ankleidezim⸗ mer geſtürzt kam, ſie mit Vorwürfen überſchüttete und ſe anklagte, ihm untreu zu ſein. Das Kind, welchem das Lehen zu ſchenken ſie im Begriff ſtand, erklärte er als nicht ihm gehörig. In ſeinem Wahn⸗ ſchwur er, daß es nie ſeinen Namen tragen ſolle. Er wolle es in dunkler Niedrigkeit auf⸗ wachſen laſſen und lieber es vernichten, als daß es Srtde über den alten Stamm der O Neils brin⸗ en ſollte. „Der Narr!“ rief Katty, als ihre Milchſchwe⸗ ſter dieſen Theil ihrer Geſchichte erzählte. „Komm näher,“ fuhr Ellen, ihre Stimme mehr dämpfend und ihre Milchſchweſter dichter an ſich ziehend, fort, als wenn ſie fürchtete, die Mauern möchten die jetzt folgenden Worte hören.„Er be⸗ ſchimpfte mich mit dem Namen einer— ich ver⸗ mag das Wort nicht auszuſprechen. Er, den ich ſo innig liebte, den ich heute noch mit der ganzen Zärtlichkeit meines Herzens liebe, nannte mich eine Buhlerin. Das war mein Todesſtreich— dieſes Wort hat mich getödtet.“ „Der Böſewicht— der ruchloſe Böſewicht. Gott wird ihn dafür ſtrafen.“ „Bete, daß Er ihm ſeine Vernunft wieder gebe und ihm verzeihe,“ fuhr die Frau weinend fort; „daß ihm vergeben werde, wie ich es thue, denn er iſt wahnſinnig, Katty— wahnſinnig! Ich bin überzeugt, daß ſeine Liebe unverändert iſt, darin war er außer Stande, mich zu täuſchen. Er iſt von der traurigen Ueberzeugung beſeſſen, daß ich 31 ihm treulos war— ihn entehrt habe. Ich, die lieber geſtorben wäre, als daß ich ihm auch nur ſo Augenblick lang einen Schmerz verurſacht ätte.“ „Ich bin das von Ihnen feſt überzengt,“ rief Katty im tiefſten Schmerz. „Das Uebrige iſt bald erzählt,“ fuhr die Patientin fort;„meine ſonſt ſo glückliche Behauſung wurde mein Gefängniß. Redmond weigerte ſich, mich zu ſehen— ſchickte meine Briefe uneröffnet zurück. Ich ee nicht für mein Leben, denn dieß war werthlos geworden, ſondern für das des ungebor⸗ nen Kindes, das ich unter dem Herzen trug. Unter Beihilfe einer Dienerin, der Tochter des Mannes, dem das Schiff gehört, in welchem ich Frankreich verließ, entfloh ich. Das Uebrige iſt Dir bekannt, meine liebe Katty.“ Das treue Geſchöpf ſchlang ihre Arme um den Nacken ihrer jungen Herrin und weinte bitterlich im Stillen mit ihr. Eine Stunde nach dieſer traurigen Mittheilung ging eine Veränderung in dem Aenern Ellens vor, welche auf kurze Zeit ihre Milchſchweſter mit der falſchen Hoffnung auf Rückkehr ihrer Kraft täuſchte. Die Spuren von Kunmer und innerem Schmerz ſchienen zu verſchwinden und die bleichen abge⸗ härmten Geſichtszüge wurden wieder ſo ſtrahlend, als wenn der Hauch der frühern Schönheit noch auf ihnen weilte. „Du wirſt ihn lieben,“ ſagte Ellen, ihre Augen mit mütterlicher Zärtlichkeit und vielleicht auch mütterlicher Eiferſucht auf ihr Kind gerichtet, das ſchlürfend an Katty's Bruſt lag. „Saugt er nicht die Liebe aus meinem Herzen in ſich?“ ſeufzte die treu ergebene Amme,„und wird er dieſe nicht mit meinem kleinen Phelim theilen?“ „Lege ihn in meine Arme,“ murmelte die ſter⸗ bende Frau,„daß ich noch einmal ſeine unſchuldigen Liebkoſungen fühlen und ihn ſegnen kann. Er wird keine Erinnerung an ſeine Mutker haben,“ ſetzte ſie jeieztifuht hinzu.„Vergiß nicht, daß ſein Name edmond iſt, der Name ſeines Vaters.“ Katty verſprach dieß. Ellen betete lang und inbrünſtig für ihren Knaben und ihren irre ge⸗ leiteten Gaſten. Endlich bewegten ſich ihre Vp⸗ pen nur noch in Zwiſchenräumen und der müde Geiſt entfloh ſo ſanft und unmerklich, daß ſelbſt die Augen der Liebe den Moment nicht genau zu unterſcheiden vermochten, wann er dahingegangen war. Weinend bei dem Leichname des Weſens, das ſie ſo innig geliebt hatte, murmelte die Milchſchwe⸗ ſter das Gelübde, dem Kinde, das ihrer Pflege an⸗ vertraut war, Mutter zu ſein. Keine Hand, außer der ihrigen, richtete Ellens Körper für das Grab zurecht. Nachdem dieſer Liebesdienſt gethan war, brachte ſie den Reſt der Nacht im Gebet an der Seite der Verblichenen zu. Es gibt Umſtände, unter welchen der Schmerz zum Lurus wird, weil die Möglichkeit, ſich ihm zu überlaſſen, nicht vorhanden iſt. Katty fühlte dieß; deßhalb unterdrückte ſie, ſo weit die Naturesgeſtattete, 33 die Seufzer und Ausrufungen, welche, trotz ihres feſten Entſchluſſes, ſich Luft machen wollten, und verließ am andern Morgen das Wirthshaus, um den Geiſtlichen ſzuſuen und das Begräbniß anzuordnen. Sie hatte aber auch noch eine andere Pflicht zu erfüllen— das Kind taufen zu laſſen, was Doktor Titlow zu vollziehen hatte. „Redmond O Neil,“ erwiderte die Amme feſt, als ſie befragt wurde, mit welchem Namen das mutterloſe Kind in das Kirchenbuch eingetragen werden ſolle. Es wurde gebührend eingetragen und beurkun⸗ det und Katty ein Certificat ausgeſtellt, welche zu ſeinem großen Erſtaunen dem Rector ein Gold⸗ ſtück in die Hand drückte. „Sie irren ſich,“ bemerkte dieſer;„die Taxe beträgt nur einen Schilling, und ſelbſt dieſer iſt unnöthig,“ fügte er bei.„Ich habe ſoeben von dem traurigen Todesfall im Wirthshauſe gehört und war im Begriff einzuſprechen, um zu fragen, ob meine Dienſte und mein Beiſtand Ihnen nütz⸗ lich ſein könnten. Nehmen ſie das Geld zurück!“ „Wo hat man je gehört, daß ein O Neil ge⸗ tauft worden iſt, ohne daß rothes Gold als Stol⸗ ebühr bezahlt worden wäre?“ erwiderte die Frau ſolt„Ich danke Ihnen, Herr; aber ſie war keine Bettlerin!“ „Sie müſſen mich nicht mißverſtehen,“ ver⸗ ſetzte Doktor Titlow, erſtaunt über Katty's Be⸗ nehmen.„Der Dienſt, von dem ich ſprach, ſollte der Ausdruck der Theilnahme an Ihrem Kummer ſein, der—“ Smith, Sein u. Schein. I. 3 „Still! Still!“ unterbrach ihn Katty.„Machen Sie mir das Herz jetzt nicht ſchwer, in einem Augen⸗ blick, in welchem ich ſie in fremdem Land in die kühle Erde legen ſehen und die traurige Nachricht ihren Angehörigen nach Hauſe bringen muß. Ich bin nicht undankbar, aber ich kann jetzt keine weichen Worte hören.“ Der Geiſtliche drang nicht weiter in Katty; er ſah, daß Sympathie, wie gut gemeint ſie immer ſein mochte, nur ihren Schmerz vermehren müſſe, und deßhalb hütete er ſich weislich, weiter in ſie zu dringen. „Iſt nicht zu befürchten,“ fuhr Katty ängſtlich fort, indem ſie zugleich auf das Buch deutete, in welchem die Geburt des kleinen Redmond einge⸗ tragen worden war,„daß dieß verloren gehe?“ „Damit hat es durchaus keine Gefahr.“ „Oder daß damit ein Unterſchleif ge⸗ ſchehen kann?“ „Dieß iſt eben ſo unwahrſcheinlich,“ verſetzte der Geiſtliche.„Der Kaſten, in welchem die Bücher verwahrt ſind, iſt feuerfeſt, und die Schlüſſel kom⸗ men auch nicht vorübergehend aus meiner Hand.“ Katty blickte ihn einige Augenblicke ernſt an, wie wenn ſie in ſeinen Geſichtszügen hätte leſen wollen, ob ſie ſich wohl auf ſein Wort verlaſſen könne, worauf ſie, wie durch ihre Prüfung befriedigt, die weitern Anordnungen zu dem Begräbniſſe be⸗ ſorgte, das, ihrer Beſtimmung gemäß, in zwei Tagen ſtattfinden ſollte. Als ſie in das Wirthshaus zurückkam, trat ihr 35 die Wirthin, die für ihren ſeltſamen Gaſt eine Vor⸗ liebe gefaßt hatte, und mit ihrer Verlaſſenheit Mit⸗ leid fühlte, unter der Thüre entgegen und theilte ihr mit, daß ein fremder Herr während ihrer Abweſen⸗ heit angelangt ſei. Ellens Milchſchweſter drückte inſtinktartig das Kind, das ſie auf ihren Armen trug, feſter an ihre Bruſt. „Ein ſchöner, großer, fein ausſehender Herr,“ fuhr die Frau fort,„wie je einer dieſe Schwelle überſchritten hat, obgleich er entweder halb wahn⸗ ſinnig oder herzenskrank zu ſein ſcheint. Jorrocks, der ihn von Folkestone herüber brachte, ſagt, er müſſe ein großer Kavalier ſein, denn er wirft mit Geld um ſich, wie mit Kieſelſteinen.“ „Wo iſt er?“ „Das iſt gerade das Merkwürdigſte daran,“ verſetzte die Frau.„Wir mochten ihm ſagen, was wir wollten, um ihn abzuhalten, ging er doch ohne Weiteres die Treppe hinauf, gerade in das Zim⸗ mer, wo der Leichnam liegt.“ Katty fragte nicht weiter mehr. Es gab auf der Welt nur Einen Mann, der ſo handeln konnte, und dieß war der Gatte der verſtorbenen Ellen. Beim Eintritt in das Zimmer fand ſie ihre Muthmaßungen beſtätigt. Ein großer Mann von militäriſchem Aeußern, in der vollſten Kraft des Lebens, ſaß am Fuße des Bettes, die Todte be⸗ trachtend. Einſt mußte er ſehr ſchön geweſen ſein; aber der Kummer hatte ihm ſchlimmer mitgeſpielt als die Jahre, und zwar nicht langſam, ſon plötz⸗ 36 lich, wie der Blitz die Eiche ſtreift, ohne ihr die Lebenskraft zu rauben; der ſtattliche Baum erhebt zwar noch immer ſein Haupt, aber die Folgen des Blitzſtrahls zeigen ſich unverkennbar an ſeinem Aeußern. Daſſelbe war mit Redmond der Fall. Nicht leicht hatte ſich irgendwo moraliſcher Schmerz tie⸗ fer ausgedrückt, als auf Redmond ONeil's Ge⸗ ſicht. In jedem Lineament war er ſichtbar: ſeine Augen waren eingeſunken und glanzlos, gleichſam als wenn ſie zu einem Ausdruck des Glücks gänz⸗ lich unfähig geworden wären; ſeine Lippen waren feſt zuſammengepreßt, und ſeine gefleckten Wangen deckte eine Tootenfarbe; ſein dunkles, ungepudertes Haar, das in wilder Unordnung herabhing, gab ſeinem Bilde einen noch viel finſtereren Ausdruck. „Weine nur,“ ſagte Katty, nachdem ſie einige Minuten lang ihn ſtillſchweigend betrachtet hatte; „weine nur, bis die ſalzigen Thränen Deine Augen blenden und Dein Herz ſich in Seufzern auflöst; Du kannſt die Todte nicht zurückrufen. Thor, der Du biſt,“ ſetzte ſie bitter hinzu,„die füßeſte Blume⸗ wegzuwerfen, die je außerhalb dem Paradieſe des Himmels geblüht hat!“ Redmond ſprang auf, wie wenn er ſich ſchämte, daß ein menſchliches Auge ſeine Schwäche geſehen habe. „Ich liebte ſie“ murmelte er dumpf. „Und mordete ſie,“ erwiderte die Milch⸗ ſchweſter ſtreng.„Ich weiß, was die Liebe eines O Neil zu bedeuten hat.“ „Sie entehrte mich.“ .37 „Wenn ich ein Mann wäre, ſo würde ich Ihnen für t Wort die Zunge ausreißen!“ rief die Frau heftig;„dieß in ihrer Gegenwart,“ ſetzte ſie in Thränen ausbrechend hinzu.„Wider⸗ legt nicht ihr bleiches Geſicht die ſchwarze, ſchänd⸗ liche Lüge? Der Verbrecher ſtirbt nicht am ge⸗ brochenen Herzen, ſondern nur der fälſchlich An⸗ geklagte.“ „So unglaublich, furchtbar entſetzlich es iſt,“ verſetzte der jetzt verwittwete Gatte,„ſo iſt es darum nicht weniger wahr. Ich bin nicht der Mann, der den Worten eines Verläumders Gehör ſchenkt. Nein! Ich verließ mich nur auf das Zeugniß meiner eigenen Sinne, und ſelbſt an die⸗ ſen zweifelte ich beinahe,“ ſetzte er hinzu,„ſo groß und vertrauungsvoll war mein Glaube an ihre Liebe.“ Katty lächelte verächtlich, indem ſie auf die Todte deutete, als ob dieſe ein Beweis wäre, das kein Zeugniß zu erſchüttern vermöchte. „Sollte ich etwa meinen Augen nicht getraut haben?“ „Wenn ſie Ihnen ſagten, daß ſie falſch ſei, ſo hätten Sie ſie als falſche Zeugen ausreißen ſol⸗ len, denn ſie logen dem kranken Gehirn des eifer⸗ ſüchticen Thoren, dem ſie gehören, etwas vor. Redmönd O Neil,“ fuhr ſie fort,„ich kenne den Eid, den Sie geſchworen haben und den ſchlim⸗ men Vorſatz, der Sie hieher führt, aber Sie müſ⸗ ſen mich zuerſt tödten, ehe Sie den Knaben in Ihre Gewalt bekommen.“ „So hat Sie Ihnen alſo Alles mitge⸗ theilt?“ ſtöhnte der unglückliche Mann. „Alles,“ ſagte Katty, mit Ausnahme des Um⸗ ſtandes, wie ſie zu der halbvernarbten Schramme auf ihrer unſchuldigen Bruſt kam.“ „Das Kind lebt alſo?“ fragte Redmond mit einem Blick, welcher der Amme das Blut ſtocken machte und ihre Wangen bleichte.„Ich trachte ihm nicht mehr nach dem Leben,“ ſetzte er hinzu,„aber es darf nie meinen Namen führen.“ „Es führt ihn bereits,“ verſetzte die Milch⸗ ſchweſter, das Kind feſter an ihren Buſen drückend. Der Wahnſinnige— denn dazu hatten die Qualen der Eiferſucht, des verwundeten Stolzes und Verzweiflung ihn gemacht— verſuchte ſeinen Sohn den Armen ſeiner Beſchützerin zu entreißen, die ihren Pflegling mit der Kraft der Verzweif⸗ lung vertheidigte. Plötzlich ſchien ihm aber das Entſetzliche des Auftritts, das Verbrechen einer ſolchen Gewaltthat in Gegenwart der Todten klar zu werden, und er entfloh erſchreckt durch die Angſtrufe Katty's aus dem Hauſe. „Ich habe ihn gerettet, geliebte Ellen,“ ſtöhnte die Frau neben dem Leichnam niederknieend;„ich habe ihn gerettet und will dieß auch ferner thun, und ſollte ſelbſt das rothe Blut von dem, welchen Du einſt liebteſt, den Preis bezahlen müſſen,“ Als Redmond O Neil das Wirthshaus verließ, ſtießen Jorrocks und Kerl zu ihm, durch welch Letztern es ihm gelungen war, die Spur ſeiner unglücklichen Gattin aufzufinden. Er hatte einen Brief von ihrem Correſpondenten in Calais mit⸗ gebracht, in welchem dieſer ihnen Anweiſung gab, in Allem den Anleitungen des Ueberbringers Folge £ 3 zu leiſten, indem zugleich hinzugefügt war, daß deſſen Einfluß am Hofe von Verſailles ſo groß ſei, daß die ganze Exiſtenz der Firma, ſo weit nämlich der Ausſteller des Briefes dabei betheiligt war, davon abhange, dieſen Mann für ſich zu ge⸗ winnen. Unter dieſen Umſtänden war es kein Wunder, daß die beiden Schleichhändler nach Durchleſen des Inhalts zu jeder Dienſtleiſtung hochſt bereit⸗ willig ſich geſtimmt fühlten. SReil war daher noch nicht weit gekommen, als ſie ihn wieder einholten. „Haltet Ihr etwas auf das gelbe Metall, für welches Menſchen ſich verkaufen und für welches man alle Güter des Lebens, mit Ausnahme von Glück und Ehre, erkaufen kann?“ fragte Redmond. „Ich meine Gold,“ fügte er bei, als er ſah, daß er nicht verſtanden wurde,„Gold— Gold— ver⸗ wünſchtes Gold.“ Kerl brach in ein herzliches Gelächter über eine ſolche Frage aus, die ihm höchſt abgeſchmackt vorkam; aber ſogleich brachte ein bedeutungs⸗ voller Wink ſeines Gefährten ſeine Heiterkeit zum Schweigen. „Wir ſind arm,“ erwiderte Jorrocks,„und ver⸗ dienen gern etwas, vorausgeſetzt, daß eine Sache nicht gär zu gewagt iſt.“ „Ihr habt doch von der Geburt eines Kindes und dem Tode ſeiner Mutter in dem Wirthshaus dort etwas gehört?“ Die zwei Kameraden nickten bejahend. „Ich muß das Kind in meine Gewalt bekom⸗ * 0 men,“ fuhr ONeil fort;„aber leb endig und unverletzt; ich möchte nicht, daß das Blut des Foſen kleinen Wichts auf meiner Seele laſtete. ollt ihr den Auftrag übernehmen? Sprecht, was ihr dafür verlangt?“ fuhr er in geringſchätzen⸗ dem Tone fort, als er ſah, daß die Männer zö⸗ gerten;„ich bin bereit, Euch den Lohn Eures Dien⸗ ſtes auszuzahlen. Sprecht raſch, was Ihr ver⸗ langt; ich werde nicht mit euch markten.“ Jorrocks und Joſeph Kerl beriethen ſich einige Minuten unter einander. Die Frau— das ein⸗ zige Hinderniß bei der Ausführung der That— war eine ſchutzloſe Fremde in dieſer Gegend; die Sache ſchien daher nicht ſehr ſchwierig. „Pweihundert Guineen,“ ſagte der Erſtere. „Und dafür wollt ihr mir das Kind heute Racht in den Delphin bringen?“ ergänzte Redmond. Dieß wurde ebenfalls zugeſtanden, und der unſinnige Vater gab ein gewichtiges Angeld auf die e Belohnung. iſt es aber mit der Frau?“ fragte „Thut ihr nichts zu Leid, ſo lieb euch euer Leben iſt,“ verſetzte Redmond;„reſpektirt ſie, wie ihr dieſelben Eigenſchaften, uneigennützige Liebe und Treue, die kein Gold zu erkaufen im Stande iſt, reſpektiren würdet.“ er 41 Drittes Kapitel. Die arme Katty erkannte vollkommen die Ge⸗ fahr, welche ihrem unſchuldigen Pflegling durch den Wahnwitz ſeines berückten, unglücklichen Va⸗ ters drohte. Weit entfernt von ihrer Heimath, allein und unbeſchützt, fühlte das getreue Geſchöpf mehr als einmal ſeinen Muth wanken, bis ein Blick auf Ellen, welche in feierlicher Schönheit des Todes dalag, dieſen wieder hob. Die Gegen⸗ wart der Verſtorbenen ſchien Katty ein Schutz, und ſie beſchloß, die Nacht im Gebet und wachend an ihrer Seite zuzubringen. Es war ein rührender Anblick, den Leichnam der ſchönen jungen Frau und Mutter, wie in ſanf⸗ tem Schlafe, auf dem altmodiſchen Bette, mit dem ſchweren Baldachin und den abgeſchoſſenen Vor⸗ hängen daran, liegen zu ſehen, vom Monde be⸗ ſchienen, der ſich durch das Bogenfenſter ſtahl, das er in ſeinem Silberlichte badete, und zugleich auch die marmorbleichen Geſichtszüge beſchien, deren Umriſſe durch das glänzend ſchwarze Haar noch mehr hervortraten, da ihre Milchſchweſter daſſelbe in ſchöne Locken geordnet hatte, welche zu beiden Seiten des noch immer lieblichen Antlitzes herunter fielen. Die geängſtigte Amme ſetzte ſich, mit ihrem Kinde an der Bruſt, in die Nähe des Bettes und begann in der Stille ihre Gebete zu ſprechen. Als die Nacht mehr vorrückte und an die Stelle des geſchäftigen Geſumms des Lebens die Ruhe der 42 Nacht trat, machte ſich Katty's Schmerz in einem jener herzbrechenden Klagelieder um die Todte Luft, die einſt in Schottland eben ſo allgemein, wie in Irland waren. „Der Mehlthau iſt herabgefallen und die reinſte Blume iſt verwelkt. Wehe! Wehe!“ „Die Lippen, welche mit mir aus derſelben Bruſt den Lebensſaft geſogen, ſind verſtummt. Ellen, meine Theure! Das Herz Deiner Milch⸗ ſchweſter iſt gebrochen.“ „Warum haſt Du auch Deine alte Heimath verlaſſen? Und warum haſt Du Deinen Wohnſitz im fremden Lande aufgeſchlagen?“ „Der rothe Zweig(eines der Abzeichen im Wappen der ONeils) zeigte ſich falſch ge⸗ gen den ſüßen Vogel, der in ſeinen Blättern niſtete. Ellen, o Ellen, in fremdem Lande iſt Niemand da, als Katty, die über dem kalten Antlitz trauert.“ Anfangs floſſen die Worte von den Lippen der Leidtragenden nur in halblautem Gemurmel, kla⸗ gend wie die Töne eines verwundeten Vogels, aber als ihre Gefühle ſie mehr und mehr überwältigten, wurden ihre Klagen immer lauter und lauter, bis ſie endlich die ſchlafenden Bewohner des Hauſes aufweckten. Auf die zornige Frage des Wirths, der im an⸗ ſtoßenden Zimmer ſchlief;„was mag denn dieß wohl ſein?“ erwiderte deſſen halberwachte Frau:„Es iſt die verrückte Irländerin n die Todte weh⸗ klagt.“. Katty hörte dieſe Worte und empfand es 43 ſchmerzlicher als je, daß ſie fern von der weſtlichen Inſel war. Mehrmals während des Klagegeſangs war das Geſicht Jorrocks an dem kleinen rautenförmig ge⸗ ſchnittenen Fenſter aufgetaucht, da er aber geſehen hatte, daß die Amme woch ſei, hatte er ſich wieder zu ſeinem Verbündeten, der nicht weit davon ſich be⸗ fand, zurückgezogen. Das letzte Mal, als dieß ge⸗ ſchah, bemerkte ihn Katty, die ihren Muth aufraf⸗ fend, ſich anſchickte, ihren ſchlafenden Schützling zu vertheidigen, den ſie jetzt in ihren dicken, warmen Shawl einhüllte und an die Seite von Ellens Leichnam legte. Seine verklärte Mutter wird über ihm wachen, dachte ſie; hier kann ihm kein Leid widerfahren. Sodann ſah ſie ſich um, um irgend eine Waffe zu finden; aber es zeigte ſich nichts, was ihrem Zwecke hätte dienlich ſein können. „Der Stahl muß es ſein,“ ſprach ſie, indem ſie ein großes Meſſer aus dem Sock zog und die Klinge öffnete. Hierauf ſtellte ſie ſich in den tiefen Schatten neben das Fenſter mit jener Miene kalter Ent⸗ ſchloſſenheit, welche oft weit gefährlicher iſt, als Drohungen oder großſprecheriſche Worte, und war⸗ tete feſt das, was da kommen würde, ab, indem ſie kaum zu athmen wagte. Sie hatte ſich noch nicht lange in dieſer Stel⸗ lung befunden, als das Geſicht des Schmugglers am Fenſter abermahs allmählig zum Vorſchein kam. Das Mondlicht ermöglichte es ihm, das ganze Zimmer zu überſchauen, zugleich ſetzte es aber die treue Wächterin in den Stand, die Züge eines Geſichts zu prüfen, das man, Einmal ge⸗ ſehen, nicht ſo leicht wieder vergaß. Da er Alles ſtill fand und von Katty glaubte, weil er ſie in der von ihr gewählten Stellung nicht ſehen konnte, ſie habe ſich entfernt oder ſei eingeſchlafen, ſo hob er als treuer Helfershelfer Redmond O Neil's eine der kleinen rautenförmi⸗ en Scheiben aus dem mit Blei eingefaßten Fen⸗ 8 und ſchob ſeinen Arm hindurch in der Abſicht, den Riegel zurückzuſchieben. Schnell und geräuſchlos wurde der Stoß aus⸗ geführt und die Meſſerklinge durchbohrte die aus⸗ geſtreckte Hand. Iorrocks ſtieß einen derben Fluch aus. Er war übrigens nicht der Mann, der ſich ſo leicht von ſeinem Vorſatze abbringen ließ. Mit einem heftigen Schlag ſtieß er das Fenſter auf und er hätte ſich ohne Zweifel in das Zimmer hineingeſchwungen, wenn nicht das wieder erho⸗ bene Meſſer ſich zum zweiten Male geſenkt und ſeine Wange getroffen hätte. „Zurück!“ rief die Frau, aus ihrem dunklen Verſtecke hervortretend, indem ſie ſich ihm mit ih⸗ rem bleichen Geſichte und blitzenden Augen gegen⸗ über ſtellte.„Zurück zu dem wahnſinnigen Tho⸗ ren, der Sie gedungen hat; zurück, oder ich ſtoße Ihnen das Meſſer in ihr ſchwarzes Herz!“ Jorrocks ließ das Geſims los und fiel auf den Boden. Zetzt erſt, nachdem die unmittelbare Gefahr für ſie und ihren Pflegling vorüber war, fühlte die muthige Frau ihre Entſchloſſenheit wanken und 45 ſie fing an ſo laut um Hilfe zu rufen, daß augen⸗ blicklich die Bewohner des Hauſes davon erwach⸗ ten, welche alsbald in jeder Art von Kleidung, die man ſo genau mit dem Worte deshabillé be⸗ zeichnet, in das Zimmer geſtürzt kam, um nach der Urſache ihres Nothrufs zu fragen. Dieſelbe war bald erzählt; aber bis der Wirth ſeinen bis über die Ohren in einer baumwollenen Nachtmütze ſteckenden Kopf zum Fenſter hinaus⸗ geſtreckt hatte, war der Schleichhändler und deſſen Genoſſe verſchwunden. „Es hat ihr geträumt,“ murmelte er in nichts weniger, als liebreichem Tone.„Dieſe barbariſchen Irländer ſind nicht wie andere Chriſtenſeelen!“ Katty deutete ſchweigend auf das zerbrochene Fenſter und das Blut auf dem Boden. „Biſt Du ſchwer verwundet?“ fragte Kerl ſeinen Genoſſen, während beide raſch durch ein Nebengäßchen des Dorfes ſich entfernten. Jorrocks zeigte ihm ſeine Hand. „Ah! und da iſt auch eine häßliche Schmarre auf Deiner Wange,“ bemerkte der Andere.„Die wird Deiner Schönheit einige Wochen lang ſtark Eintrag thun, wenn ſie nicht gar einen Denkzettel für's ganze Leben zurückläßt.“ Der Verwundete gab darauf keine Antwort, ſondern fuhr fort, das Blut in ſeinem Geſicht mit ſeinem Sacktuche zu ſtillen. „Willſt Du die Sache jetzt aufgeben?“ fragte Joſeph, in der ſicheren Vorausſetung, daß ſein Kamerad Ein für alle Mal genug habe,„und es dem Kapitän, wie er ſich nennt, überlaſſen, die Soache ſelbſt auszuführen?“ „Aufgeben?“ widerholte Jorrocks heftig.„Ich gebe nicht leicht etwas auf, was ich einmal unter⸗ nommen habe. Dieſe Schramme zwingt mich jetzt, noch ein anderes Geſchäft abzumachen.“ „Noch ein anderes?“ „Zuerſt das Kind für den Kapitän zu rauben und dann das Teufelsweib zu erwürgen, die mich an der Ausführung verhinderte; das Letztere ge⸗ ſchieht für meine eigene Rechnung, und ich werde Beides ausführen,“ fügte er ruhig bei. Als die beiden Spießgeſellen in früher Morgen⸗ ſtunde den Delphin erreichten, fanden ſie Redmond O'Neil in dem kleinen Wirthszimmer, in wel⸗ chem er mit der Miene eines Menſchen auf und ab ſchritt, in deſſen Seele die wildeſten Leidenſchaften um die Herrſchaft kämpften. Einige Minuten lang ſchien der unglückliche Mann ihre Anweſenheit nicht zu bemerken und fuhr fort zu zeſituiren und abge⸗ riſſene Sätze vor ſich hin zu murmeln. Jorrocks lauſchte aufmerkſam, vermochte aber nur die Worte:„treulos“ und„entehrt“ zu ver⸗ nehmen. Sie genügten übrigens, ihm den Schlüſſel zum Räthſel zu geben. Den Reſt errieth er. Es lag etwas Troſtloſes ſowohl in dem Aeußern des Zimmers, als deſſen, der ſich darin befand. Das Feuer, das nicht nachgeſchürt worden, war zu einem Aſchenhauſen abgebrannt; das Nachteſſen, welches der Wirth, in kluger Berechnung auf ſeine Zeche, unbeſtellt ſeinem ſonderbaren Gaſte aufge⸗ iragen hatte, ſtand kalt und unberührt auf dem 47 Tiſche, und die düſtere röthliche Flamme des einzi⸗ gen Lichtes, das, tief herabgebrannt, mit langem rauchendem Dochte im Leuchter ſteckte, contraſtirte unangenehm mit dem reinen Silberlichte des Mor⸗ gens, das ſchon anfing durch das enge Fenſter her⸗ einzublinken. Die Schleichhändler überlief es kalt, als ſie unter der Thüre des kleinen Wirthszimmers ſtan⸗ den in Erwartung, daß Auftraggeber ſie bemerke. Kein Ton war vernehmbar, als ſein ſchwerer, gemeſſener Schritt, ſein undeutliches Gemurmel und das heiſere, dumpfe Brauſen der Wellen, die an das kieſige Ufer ſchlugen und ihr Salzwaſſer an die rauhe Schutzmauer gegen die See inni⸗ ſpritzten. „Ein Schiffer könnte nicht verzweiflungsvoller ausſehen, dem ſeine Ladung zu Grund gegangen iſt,“ bemerkte Joſeph Kerl. Redmond erſchrack— der Ton einer menſchlichen Stimme machte einen erſchütternden Eindruck auf ſeine aufgeregten Nerven— und er fragte ſtreng, wer da ſei. Die Männer ſchritten bis in die Mitte des Zim⸗ mers vor. „Ich ſehe,“ fuhr er fort, als er ſie erkannte,„die Wichte vor mir, die ich zur Entführung des Kindes engagirte.“ „Wichte iſt ein ſ chlechter Willkomm für Männer, die ihr Möglichſtes ethan haben, Ihnen zu dienen,“ bemerkte der ältere Schleichhändler finſter. „Achtet nicht auf meine Worte!“ rief ihr Auf⸗ traggeber ungeduldig;„Gold iſt eine Salbe dafür. Ich frage nach dem Erfolg.“ „Der Anſchlag iſt uns mißlungen.“ „Feiglinge!“ murmelte O Neil verächtlich; „Feiglinge!“ Jorrocks trat hart auf ONeil heran und firirte ihn einen Moment mit Augen eben ſo wild und furchtlos wie ſeine eigenen. „Das iſt eine Lüge,“ erwiderte er endlich;„ich bin kein Feigling. Ich habe Ihnen meine Dienſte verkauft, Kapitän Redmond, aber nicht das Recht, mich zu beleidigen. Der Mann, welcher einen an⸗ dern zu einem ſehlechten Zwecke dingt, iſt noch miſe⸗ rabler, als der, welchen er dazu verwendet. Feig⸗ ling,“ wiederholte er, mit ſeiner verletzten Larh, auf die noch immer blutende Wunde an ſeiner Wonge deutend.„Sind dieß vielleicht die Beweiſe, duß es mir an Muth fehlt? Feigling! Ich habe ſchon manche Kugel durch das Herz eines Mannes, der ſo viel werth war wie Sie, gejagt um eines weit weniger beleidigenden Wortes willen.“ Joſeph Kerk, der, wenn er auch dem überlegenen Verſtande ſeines Genoſſen in andern Punkten den Vorrang einräumte, in Streit oder Gefahr bis jetzt eine beſchützende Gönnermiene gegen dieſen anzu⸗ nehmen gewohnt war, drückte in ſeinen Mienen das höchſte Erſtaunen über dieſe kaltblütige Kühnheit aus, indem er nichts Anderes erwartete, als daß Redmond mit einem Stoß ſeines Degens, an den dieſer inſtinktartig die Hand gelegt hatte, antworten würde. Zu feinem Erſtaunen ließ derſelbe aber den Griff los. 49 „Ich hatte Unrecht,“ ſprach der junge Irländer im Tone tiefer Beſchämung;„Sie ſprachen die Wahrheit— ich habe kein Recht, Ihnen Vorwürfe zu machen. Der Ausführer und der Anſtifter ei⸗ nes ſchlimmen Anſchlags werden ſich gleich. Ver⸗ zeihen Sie mir,“ fügte er bei.„Es iſt keine S einen Verwundeten um Verzeihung zu itten.“ Die trotzigen grauen Augen Jorrocks leuchte⸗ ten einen Augenblick hell auf, als ob die Ernie⸗ drigung, welche ihn und O Neil auf Eine Stufe ſtellten, ihm eine außerordentliche Befriedigung ge⸗ währte, worauf ſie wieder ihren gewöhnlichen ru⸗ higen Ausdruck annahmen. „Sie haben Ihre Belohnung ehrlich verdient,“ fuhr ONeil fort, indem er ihm eine wohlgefüllte Börſe zuwarf,„wenngleich der Streich, für den ich Sie anwarb, mißlang. Ich werde die Sache jetzt ſelbſt in die Hände nehmen.“ „Wird dieß aber auch klug ſein?“ fragte der verwundete Schleichhändler.„Die Frau wird ſich ohne Zweifel um Beiſtand an den Friedensrichter wenden, der ein guter, tractabler Mann iſt, wenn es ſich um ein Vergehen gegen den Zoll handelt, der aber feſt und gefährlich in einem Falle wie dieſer ſich zeigt. Wäre es nicht beſſer, wenn Sie etwas zuwarten wollten?“ „Nicht einen Tag!“ rief Redmond ungeduldig. „Dann werden Sie ebenſo, wie ich, erfolglos abziehen müſſen,“ verſetzte Jorrocks;„nur vielleicht nicht ebenſo leicht entwiſchen; denn die Bauern von Plaxted haben wenig Reſpekt vor einem Na⸗ Smith, Sein u. Schein. I. 4 50 men oder langen Stammbaum, wenn ſie überzeugt ſind, das Recht auf ihrer Seite zu haben.“ „Kennen Sie mi denn?“ fragte der Edel⸗ mann, ſein Auge forſ end auf ihn gerichtet. „Chomont ſchrieb mir in ſeinem Briefe, daß Sie ein vornehmer Herr aus Frankreich ſeien,“ er⸗ widerte der Erſtere mit wirklicher oder wohlge⸗ lungener Gleichgültigkeit.„Das iſt Alles, was ich von Ihnen weiß.“ „„Und Sie meinen, daß jeder weitere Verſuch, das Kind in meine Gewalt zu bekommen— „Für den Augenblick gefährlich ſein wird.“ „Poh,“ verſetzte Redmond verächtlich, denn er gehörte nicht unter die Menſchen, welche durch Gefahren, denen er ſchon ſo häufig ſich bloßge⸗ ſtellt hatte, abgeſchreckt werden. „Wenigſtens nutzlos,“ bemerkte Jorrocks, der ſich nun einmal ſelbſt zum Rathgeber aufge⸗ worfen hatte.„Nur bei Geduld iſt Ausſicht auf Erfolg vorhonden, indem man das Gerücht ver⸗ breitet, Sie hätten die Gegend verlaſſen. Ja,“ ſetzte er hinzu, als er die gerunzelte Stirne und die bebenden Lippen ſeines 2 uftraggebers bemerkte, „es iſt dieß eine harte Lehre, die wir aber Alle, Einer wie der Andere, lernen müſſen— und die dem Menſchen ſchwerer eingeht, als dem Thiere; denn der halbverhungerte Tiger kriecht in ſein La⸗ ger und wartet Tag um Tag, bis das Opfer, auf das er lauert, ihm ſprunggerecht kommt.“ „Ich kann nicht warten, mein Herz verzehrt ch in Ungeduld,“ murmelte der junge Mann; ſi „dieſe Lehre iſt für mich unmöglich.“ 51 „Und doch iſt ſie gelernt und ausgeübt wor⸗ den,“ erwiderte Jorrocks mit eigenthümlichem Lächeln. „Durch Sie?“ „Vielleicht; doch dieß gehört nicht hieher. Vald wird es Lärm und Geſchrei geben. Ich kenne den Doktor Titlow er iſt ein Träumer und ein Pedant, hält viel auf Bequemlichkeit, iſt gleich⸗ gültig in Kleinigkeiten, aber auf gefährliche Weiſe thätig, wenn es ſich um ſeine Pflicht handelt, wie er ſich ausdrückt. Die Geſchichte der Frau wird ſeine Theilnahme erwecken und das Ergreifen ſol⸗ cher Maßregeln veranlaſſen, daß es Wahnſinn wäre, Widerſtand zu leiſten.“ „Sie und Ihre Mannſchaft könnten das Kind leicht am hellen Tage entführen,“ bemerkte der unglückliche Mann. 8 Hier flüſterte Kerl ſeinem Genoſſen zu, daß der„Wren“ ſich dem Hafen nähere. „Wären die Leute, wie ich, fremd an dieſem Theil der Küſte,“ erwiderte Jorrocks,„ſo ließe ſich die Sache ausführen; ſie haben aber ihre Heimath und ihre Familie in Folkestone oder Plaxted und bei dieſem verdammten Kutter in Sicht vermöchte kein Anerbieten ſie zu verlocken.“ „So muß ich alſo mich allein auf mich ſelbſt verlaſſen,“ bemerkte Redmond. „Und ſcheitern,“ ſagte der Schleichhändler ironiſch,„aus Mangel an Geduld. Ich habe Ihnen offen meine Anſicht geſagt, Herr. Thun Sie jetzt, was Ihnen beliebt.“ Redmond ONeil fing wieder an in raſchen 4 Schritten in dem kleinen Zimmer des Delphin in düſterem Schweigen auf und ab zu ſchreiten, und zwar allem Anſcheine nach ohle weiter an die Anweſenheit ſeiner Helfershelfer zu denken, denn er murmelte Worte vor ſich hin, die er ſicher wünſchte, daß kein menſchliches Ohr ſie höre— Worte, die ſeine wirkliche oder vermeintliche Ent⸗ ehrung ausdrückten. Es tobte ein heſtiger Kampf in i Innern, daß er auf einige Stunden, ja vielleicht ſogar auf einige Tage den grauſamen Plan, den er in der wahnſinnigen Aufregung ſeiner Eiferſucht gefaßt hatte, verſchieben ſoll und welchen die Treue und der Muth Katty's allein vereitelt hatte. Aber endlich gab ſeine ſtör⸗ riſche Natur der noch weit weniger nachgiebigen Nothwendigkeit nach, und er willigte ein, dem Rathe Jorrocks zu folgen. „Sie thun wohl daran,“ bemerkte dieſer;„denn aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben. Das Beſte iſt, wenn Sie dieſes Haus verlaſſen, das bald durch⸗ ſucht werden wird, und es wäre nicht gut für einen von uns allen, wenn wir früher hier geſehen würden, als bis die Hitze der Verfolgung verflo⸗ gen „Ja! Alſo anders wohin; ich bin in Euren Händen.“ Die beiden Männer verließen das Wirthshaus, begleitet von OMeil, der ihnen mit jenem blinden Vertrauen folgte, das allein Lebensüberdruß oder ſorgloſer Muth einzuflößen vermag. Anſtatt durch das Dorf zu gehen, wanderten ſie eine Meile weit dem Ufer entlang, unmittelbar unter den Anhöhen „ 53 zwiſchen Folkestone und Dover, bis ſie endlich an eine enge Schlucht in den Felſenklippen gelang⸗ ten, die wohl durch ein Erdbeben entſtanden ſein mochte. Ungeheure Maſſen von Mergel und Feuer⸗ ſtein, wirr über einander geſchichtet, verſperrten zur Hälfte den Eingang, und ſie mußten erſt über dieſe hinüber klettern, ehe 5 einen Fußweg er⸗ reichten, der, wie es ſchien, den Eingang in einen eitiete Kalkſteinbruch bildete. „Bücken Sie ſich,“ ſagte der ältere Schleich⸗ händler. „Scheuſt Du Dich nicht,“ rief Kerl im Tone des Erſtaunens,„ihn weiter zu führen?“ Ein Blick von ſeinem Spießgeſellen legte ihm Stillſchweigen auf. Jetzt erſt wurde Redmond ſtutzig. „Die Zufluchtsſtätte iſt ganz ſicher,“ ſagte ſein Führer,„und ich werde ſie mit Ihnen theilen. Nicht einmal die Augen des Haſſes,“ ſetzte er hinzu,„und noch viel weniger die der Juſtiz, ver⸗ möchten hier uns aufzufinden. Wenn Sie übri⸗ gens an mir zweifeln, ſo iſt es noch nicht zu ſpät umzukehren; ich verlange weder Vertrauen in mich, noch will ich das meinige irgend Jemand auf⸗ dringen.“ „Nur vorwärts,“ lautete die lakoniſche Ant⸗ wort. Einige Minuten lang mußten die Flüchtlinge ihren Weg in der Dunkelheit und unter Stilt⸗ ſchweigen taſtend ſuchen, wobei ſie zuweilen faſt auf dem Boden zu kriechen ſich genöthigt ſahen, weil der Gang ſo niedrig war; im nächſten Augen⸗ 54 blicke darauf aber bis an die Kniee durch ſtehen⸗ des Waſſer waten, welches nur durch den Kalk, der ſich in ihm auflöste, unſchädlich wurde. Eine raſche Wendung veränderte die Scenerie änzlich und die Wanderer befanden ſich mit einem Male in einer hochgewölbten Höhle, in deren Mitte ein helles Feuer brannte, um welches etwa ein halbes Dutzend Seeleute müßig ſich lagerten. „Ein Freund!“ rief Jorrocks. Einige von den Schleichhändlern erkannten den Reiſenden, den ſie über den Canal gebracht hat⸗ ten, und da ſie ſeiner Freigebigkeit ſich erinnerten, machten ſie ihm in der Nähe des Feuers Platz. Nur Stevens, der Capitän des Bootes, ſchien un⸗ zufrieden zu ſein. „Was für ein Freund?“ fragte er argwöhniſch. „Der meinige,“ ſagte Jorrocks kalt;„das ſollte Dir genügen. Ich brochte ihn hieher; das muß Dir genügen. Und nun, Herr, folgen Sie meinem Rath und nehmen Sie eine Erzrt⸗ ſchung zu ſich; denn ich bemerkte wohl, daß Ihr Abendeſſen auf dem Tiſche im Delphin unberührt ſtehen geblieben war. Was die Speiſen anbe⸗ langt, ſo vermag ich Ihnen keine große Mannig⸗ faltigkeit anzubieten— nichts als Zwiebackt aber unſer Keller iſt beſſer beſtellt, als unſere Speiſe⸗ kammer. Hier,“ fügte er bei, auf eine Parthie Fäſſer deutend, die in verſchiedenen Vertiefungen aufgeſpeichert lagen,„wir haben vortrefflichen Bor⸗ deaux, obgleich er bis jetzt noch nicht den Ein⸗ gangszoll bezahlt hat— der König gibt lange 8 55 Credit— und Cognac, der einem Leichnam neues Leben verleihen würde.“ Redmond lehnte das gaſtfreie Anerbieten, das ihm gemacht wurde, ab, und um der Nothwendig⸗ keit auszuweichen, ſich in eine weitere Conderſation mit dem Manne einzulaſſen, der auf ſo eigen⸗ thümliche Weiſe ſein Gaſtfreund geworden war, hüllte er ſich in einen Schiffsmantel, welchen einer der Schleichhändler ihm gegeben hatte, und ſtellte ſich ſchlafend. Unterdeſſen wurde Joſeph Kerl von ſeinen Kameraden nach Plaxted zurückgeſchickt, um Kat⸗ ty's Gebaren zu bewachen, von welcher man ganz richtig vorausſetzte, daß ſie den Ort nicht eher als bis nach dem Begräbniß ihrer Milchſchweſter verlaſſen werde. Der Bote war noch nicht lange fort, ſo er⸗ ſchien der einzige Mann, an deſſen Mißfallen Jorrocks vielleicht etwas lag, in der Höhle; es war dieß Ephraim Sleek, welchem Lieutenant Elvey 5 hatte, ihn aus dem Cajüttenfenſter des„Wren“ zu werfen wegen des Antrags, den ihm der würdige Mann gemacht hatte, welchen aber ohne Zweifel für ganz geſchäftsmäßig ielt. Wenige Leute in Dover ſtanden in einem beſ⸗ ſeren Ruge als Ephraim, der ſeit ſeiner Vermäh⸗ lung mit der Mutter Ruth's die Kleidung und die Sprache der Secte der Quäker angenommen hatte, welche aber, trotz ſeines Wohlſtandes, ihn nicht als Mitglied anerkannte. Ohne Zweifel hatte ſie Recht. Es gibt Menſchen, welche unter dem 56 Mantel der Achtbarkeit eben ſowohl Defecte des Charakters als der Kleidung zu verbergen ſuchen. Als Geſchäftsmann der Schleichhändler, deren Waaren er verhandelte, hatte er ſich einen beträcht⸗ lichen Reichthum erworben. Ephraim beſaß ein Kind, eine Tochter, Na⸗ mens Ruth, ein ſchönes, liebliches Weſen, deren Reizen ſelbſt die eng anliegende Haube, unter deren breiter Garnirung hie und da eine üppige kaſtanienbraune Locke ſich hervorſtahl, und das braune Camiſol von Kamelott, die Modetracht ihrer Secte, keinen Eintrag zu thun vermochte. Mancher mit dem Säbel raſſelnde junge Offi⸗ cier der Garniſon von Dover ſtieß an ſeinem Re⸗ giments⸗Mittagstiſche auf die Geſundheit der ſchö⸗ nen Quäkerin an, aber kein Einziger darunter konnte in Wahrheit ſich rühmen, auch nur einen vorübergehenden Blick aus ihren ſüßen, tauben⸗ gleichen Augen erhalten zu haben. Kein Wunder, daß ihr Vater ſehr ſtolz auf ſie war und ſehr viel auf ſie hielt; daß er ſie als den koſtbarſten Gegenſtand, den er auf Erden be⸗ ſaß, betrachtete— ſein Gold natürlich ausgenom⸗ men— das ſein Abgott war, deſſen Verehrung, gleich einem Ausſatz, an ſeiner Seele klebte. Habſucht, die ſchmutzigſte Habſucht war das Laſter, das ſich Ephraim's völlig bemeiſtert hatte, der Krebs, der an ſeinem Herzen nagte; das Ge⸗ fühl, welches ſogar um ſeine Liebe für ſein Kind in ihm ſtritt. Um eben dieſes Kindes willen war aber ſein Charakter ſchon längſt noch tie⸗ 57 fer geſunken, indem er auch noch zum verächtlich⸗ ſten Geizhals geworden war. Obgleich viele Jahre älter, ſo war doch Jor⸗ rocks durch eine jener eigenthümlichen Launen des Herzens, die Niemand zu erklären im Stande iſt, in die ſchüchterne und ſanfte Ruth wahnſinnig ver⸗ liebt. Sein Selbſtvertrauen ließ ihn in ihrer Ge⸗ genwart im Stich; ein Blick von ihr vermochte einen Fluch oder eine rohe Aeußerung auf ſeiner Zunge verſtummen zu machen. In feinem Ver⸗ kehr mit ihrem Vater affectirte er eine derbe, treu⸗ herzige Biederkeit, die ihm durchaus nicht eigen⸗ thümlich war, und die bloß dem Umſtande ihre Sieng verdankte, daß die Tochter die Bücher führte. ſchrieb ſich die Gelegenheit, daß der Schmuggler ſie zuweilen ſah, und die Reeii keit, die er gegen ihren Vater an den Tag legte. In des alten Mannes Geſicht lag nur ein knhge jedoch ſtark ausgeſprochener und unwandelbarer Aus⸗ druck: Ruhe— eiſige Ruhe— ſprach ſich in jedem Li⸗ neament aus; kein unwillkührliches Spielder Muskeln verrieth, was in ſeinem geſchäftigen Gehirne vorging; Vorſicht hatte ſeine Züge zu einer Maske geformt, über welcher Entſchloſſenheit und Aufmertſamkeit Wache hielten. Es gab nur Ein menſchliches Ge⸗ ſchöpf in der Welt, vor dem er je die Maske ab⸗ legte und auch dann nur für einen Augenblick. Dieſes Geſchöpf war die anmuthige Ruth. „Freund,“ ſagte der Quäker in ſeinem gewohn⸗ ten gemeſſenen Tone,„die Leute erzählen ſich ſon⸗ derbare Dinge von Dir in Plarted. Ich brauche 58 nicht zu fragen, ob ſie die Wahrheit ſprechen, denn man ſieht an Dir das blutige Merkmal des Streits. Wie kommt es aber, daß ich einen Fremden an dieſem Orte finde?“ fuhr er fort.„Du haſt un⸗ ſern einträglichen Handel gegen einen geringen Gewinn auf's Spiel geſetzt.“ „Nicht ſo gering, als Sie meinen,“ erwiderte Jorrocks;„er iſt reich.“ Ephraim betrachtete die ruhende Geſtalt Red⸗ mond's etwas wohlgefälliger, obgleich er noch nicht recht überzengt war, ob nicht unvorſichtig gehan⸗ delt worden ſei. „Leſen Sie dieß,“ ſagte Jorrocks, indem er ihm Chomont's Brief einhändigte. Ephraim Sleek ſetzte ſeine Brille auf, trat an das Feuer, las deſſen Inhalt bedächtig und gab ihn dann zurück. „Es freut mich, hier zu finden, daß einiger Ver⸗ tand in Deiner Thorheit zu finden iſt,“ bemerkte r.„Der Fremde hat, wie es ſcheint, Einfluß am Hofe des Sardanapals, der in Frankreich herrſcht. Er kann uns nützlich werden.“ „Das iſt auch meine Anſicht.“ Weßhalb bringſt Du ihn aber an dieſen Ort hieher?“ fuhr der Quäker fort.„Lege Dein Ge⸗ heimniß in keines Menſchen Mund, aus Furcht, daß es ihm zur Nahrung dienen könnte. Mein Haus in Dover wäre ſicherer geweſen.“ Jorrocks meinte, er dürfte es nicht gern geſe⸗ hen haben, wenn ein hübſcher junger Mann, wie Redmond, unter das Dach, unter welchem Ruth hauſte, eingeführt worden wäre. 59 „Ich danke Dir, Freund, für Deine Rückſicht gegen mein Kind, obgleich ſie unnöthig iſt,“ bemerkte deren Vater;„Ruth beſitzt keinen ſo leichten Sinn, daß ſie durch äußern Schein gewonnen wer⸗ den könnte. Hm! Vielleicht war dieß aber doch das Beſte.“ „Es freut mich, Sie ſo ſprechen zu hören,“ rief der Schleichhändler.„Aber was führt Sie zu ſo früher Stunde von Dover hieher?“ „Die Angelegenheit dieſer fleiſchlichen Welt,“ antwortete Ephraim.„Ich ritt nach Plaxted hin⸗ über, in der Hoffnung Dich zu finden und von Dir zu erfahren: Erſtens, ob die Vorſehung unſer Geſchäft geſegnet hat, bei welchem ich dießmal etwas mehr darangeſetzt habe, als ich als kluger Mann zu thun gewohnt bin, den ein kleiner Ge⸗ winn zufrieden ſtellt. Ich ſehe, daß dieß der Fall war,“ fuhr er, ſich umſchauend und in Gedanken die Zahl der Ballen und Päcke berechnend, fort. „Zweitens kam ich, um Dir zu ſagen, daß ſich mir“ eine günſtige Gelegenheit darbietet, die Ladung an den Mann zu bringen, wenn dieſelbe innerhalb drei Tagen in dem Hofe meines Hauſes ſich befindet.“ „Sie ſoll dort ſein,“ rief Jorrocks aus. „Gut! Und nun, Freund, erzähle mir Alles von der merkwürdigen Geſchichte, in welcher die Leute Deinen Namen einmengen.“ Sie ſetzten ſich etwas entfernt von dem Feuer, ſo daß Niemand von den in der Höhle Anweſen⸗ den ihr Geſpräch hören konnte, worauf Redmond O Neil's Werkzeug die Neugierde des Quäkers be⸗ friedigte, welcher jedes Wort, das dieſer ſprach, 60 eben ſo ſorgfältig abwog, wie er es mit eben ſo vielen Guineen gehalten hätte, aus Furcht, eine zu leichte darunter zu finden. „Wenn Sie glauben, daß das Kind ſein ge⸗ hört,“ bemerkte er, als Jorrocks zu Ende war, „warum verlangt er nicht offen deſſen Auslieferung?“ „Er iſt ein Irländer in franzöſiſchem Dienſt,“ erwiderte der Schleichhändler.„Vielleicht wagt er dieß nicht.“ „Du ſagteſt, Freund, daß er reich ſei?“ Der Berichterſtatter nickte bejahend. „Wecke ihn und ſage ihm, daß ich mit ihm ſprechen wolle.“ Was zwiſchen Redmond und Ephraim verab⸗ redet wurde, wird ſich aus den Ereigniſſen, die ſich bald darauf zutrugen, ergeben. „ Viertes Kapitel. Das Gerücht, daß ein Verſuch gemacht worden ſei, das Kind zu rauben, deſſen Geburt ſo ſehr die Neugierde, und wir ſetzen gerne hinzu, den An⸗ theil unter den Bewohnern erweckt hatte, durchflog raſch Plaxted. Die erſte Perſon, welche ſichere Kunde davon erhielt, war der Barbier, der ſodann ſogleich dem Hufſchmied davon Mittheilung machte. Aus der Raſierſtube und der Werkſtätte dieſer bei⸗ den Ehrenmänner, ſeit undenklichen Zeiten die Sammelplätze der ländlichen Müßiggänger, ge⸗ 61 langte die Nachricht bald an die Nachbarn, fort⸗ während ſich vergrößernd, gleich einem Schneeball, der zur Lawine änſchwillt, ſo daß der Vorfall zu⸗ letzt zu einer ganz entſetzlichen Begebenheit wurde. Von Einigen wurde im Vertrauen behauptet, daß die wilde Irländerin, wie ſie Katty nannten, drei Männer mit eigenen Händen getödtet habe. Andere, weniger erfindungsreich, beſchränkten die Zahl auf zwei, und ſelbſt die Ungläubigſten ſpra⸗ chen wenigſtens von Einem, der entweder Jorrocks oder der ſchöne Fremde ſein mußte, deſſen An⸗ kunft, wie ſein Verſchwinden, gleich geheimnißvoll war. Für den Wirth der kleinen Schenke war es ein einträglicher Tag. Noch nie war ſo vielfach nach einem Morgentrunk verlangt worden, ein Umſtand, der ihn einigermaßen mit dem Schrecken und der geſtörten Ruhe während der vergangenen Nacht ausſöhnte. Als kluger Mann theilte aber der Wirth nicht alles, was er wußte oder vermuthete, ſogleich mit, ſondern vertheilte es gerade wie ſein Getränke, in⸗ dem er ſein Vertrauen gegen ſeine Kunden bei je⸗ der neuen Beſtellung, die ſie machten, ſteigerte. „Und war Jorrocks wirklich die fragliche Per⸗ ſon?“ fragte Einer. Da dieſer Gaſt aber nur eine halbe Pinte Ale beſtellt hatte, ſo blieb die Frage unbeantwortet. „Füllen Sie es noch einmal,“ fuhr dieſer fort, das Glas über den Schenktiſch ſchiebend. „Jorrocks war wirklich die fragliche 62 Perſon,“ flüſterte der Wirth, während er auf den ihm gereichten Schilling herausgab. Mehrere, die dieß hörten, erklärten, es nicht lauben zu können. Sie wüßten gewiß, daß der chleichhändler ein reſpektabler Mann ſei. Andere ſ ſagten, daß ſie ihn zu Allem für fähig ielten. Während über dieſe Meinungsverſchiedenheit und her geſtritten wurde, erſchien Doktor Tit⸗ ow. Die Anweſenden zogen die Hüte ab und hrüſten ihn achtungsvoll. Der ehrwürdige Herr efand ſich in Begleitung eines jungen Marine⸗ Officiers, des Befehlshabers des„Wren“, der erſt dieſen Morgen in Folkestone gelandet hatte. Sein Vater und der Rector waren intime Freunde und Stubenburſche auf der Univerſität geweſen; daher der Antheil, welchen der Erſtere am Wohle des Sohnes nahm. Lieutenant Carl Elvey war ganz der Mann, um das Wohlwollen eines behaglichen alten Jung⸗ geſellen, wie des Doktors, zu gewinnen. Er war von edler, offener Denkungsweiſe, durch welche er ſogleich das Wohlwollen derer erwarb, mit denen er in Berührung kam. Dabei zeigte er ſich heiter, ohne daß ſeine Fröhlichkeit je ausgeartet hätte; beſaß die Gabe vortrefflich zu erzählen; wurde nie lärmend beim Glaſe Wein, den er wie ein Mann von Er⸗ iehung genoß; verſtand vortrefflich, zuzuhören; ſpille gut Whiſt, und verſtand ſich ut, wie ſei⸗ nes Vaters alter Freund zugab, nachdem er ihn matt gemacht hatte, nicht übel auf das Schach— ein Spiel, das der Rector ſehr liebte. 6 63 So oft der Befehlshaber des„Wren“ an die⸗ n Theil der Küſte an's Land kam, nahm er im Pfarrhauſe ſein Abſteigquartier. Wir brauchen wohl kaum zu bemerken, daß der Beſuch des Doktors Titlow in der Dorfſchenke in der Eigenſchaft eines Beamten gemacht wurde, obgleich ſeine Gemeinde nichts dagegen einzuwen⸗ den gehabt hätte, wenn er auch in anderer Abſicht dahin gekommen wäre. Sein wohlwollender Cha⸗ rakter und ſeine große Gelehrſamkeit hatten bereits ſolche Anerkennung gefunden, daß nichts, was der Rector zu thun beliebte, für unſchicklich oder un⸗ gewöhnlich gehalten worden wäre. Durch das Erſcheinen der Herren fühlte ſich Bumps, der Dorfconſtabel, der bis jetzt ſich eine ſehr gewichtige Amtsmiene zu geben gewußt hatte, verdunkelt; ſomit hörte er auf, das große Wort zu führen, indem er begreiflicher Weiſe auf die ihm angewieſene Dimenſion— es verſteht ſich, daß wir damit ſeine geſellſchaftliche Stellung meinen— zu⸗ ſammenſchrumpfte. Der Doktor und ſein Begleiter gingen durch das Schenkzimmer durch und ſtiegen die Treppe hinauf nach dem Zimmer, in welchem ſich Katty befand, die ſie noch immer bleich und von dem Abenteuer der vergangenen Nacht aufgeregt fanden. Ehe der Rector ein Wort ſprach, näherte er ſich dem Bette, auf welchem Ellens Leichnam noch immer lag, und zog ehrerbietig die Vorhänge des⸗ ſelben zuſämmen. Bieſe einfache Handlung gewann ſogleich das Vertrauen der Milchſchweſter, die in 64 ihrer ſchlichten Sprache die Geſchichte des Verſuchs, ihr das Kind zu rauben, erzählte. „Wahrhaftig, Herr, ich habe Ihnen Alles mit⸗ getheilt, und es iſt eine traurige Geſchichte, wenn man daran denkt, daß der eigene Vater dem lieb⸗ lichſten Knaben nachſtellte, der je den O Neil's ge⸗ boren wurde.“ „Sein eigener Vater!“ wiederholte der Frie⸗ densrichter.„Man ſagte mir, daß ein Bewohner des Dorfes, Namens Jorrocks, ſich des Vergehens ſchuldig gemacht habe.“ „Das iſt wohl der Mann an dem Fenſter, den Euer Ehren meinen?“ „Ganz richtig.“ „Das war der Schurke, der zur Vollbringung der ſchwarzen That gedungen worden war. Ich kann zwar Euer Ehren ſeinen Namen nicht nen⸗ nen, aber ich habe ihm einen Denkzettel gegeben.“ „Und dazu einen tüchtigen,“ bemerkte der Lieu⸗ tenant, der von ihrer muthigen Vertheidigung des Kindes gehört hatte. „Ich that mein Möglichſtes, Herr,“ antwortete Katty leicht erröthend.„Vielleicht meinen Sie, es habe ſich nicht recht für ein Weib gepaßt, den ſchlechten Kerl mit meinem Meſſer zu zeichnen. Was wollte ich aber machen— gonz allein und der Räuber an meinem Fenſter? Hätte ich ihr Kind verloren,“ fuhr ſie fort, auf das Bett deu⸗ tend,„wie hätte ich ihr wieder in das kalte Antlitz ſehen können?“ „Glauben Sie, daß man es ermordet hätte?“ fragte der Rector mit Entſetzen. 65 „Nein,“ ſagte die Frau;„ſo ſchlecht er uch iſt, ſo glaube ich doch nicht, daß ſein Vater die gethan haben würde; aber es hätten Jahre dar⸗ über hingehen können, bis meine Augen an ſeinem Anblick ſch wieder erfreut haben würden, und dann hätte ich den Knaben wahrſcheinlich nicht wieder erkannt.“ „Dieſe Gefahr wenigſtens glaube ich abwenden zu können,“ bemerkte Lieutenant Elvey lächelnd, „wenn Sie es mir erlauben wollen.“ „Auf welche Weiſe, Euer Ehren?“ „Indem ich ihm ein Kennzeichen mache, das ſelbſt der Tod nicht verwiſchen wird,“ erwiderte der Lieutenant. „Wird es ihm aber nicht weh thun?“ fragte die Amme ängſtlich. „Es verurſacht kaum mehr als einen augen⸗ blicklichen Schmerz.“ Mit halb zweifelndem, halb zögerndem Blicke geſtattete Katty dem Offizier, mit der Spitze ſei⸗ nes Federmeſſers einen breiten Strich, ſo wie ge⸗ wöhnlich die ärariſchen Gegenſtände gezeichne werden, auf den Arm des Kindes von Redmond O Neil zu machen, das einen Schmerzensſchrei ausſtieß. „Sei nur ruhig, liebe Seele!“ ſagte das treue Geſchöpf,„leider kann ich Dir den Schmerz nicht abnehmen.“ Nachdem etwas weniges Schießpulver in den Einſchnitt eingerieben worden war, war die Ope⸗ ration beendigt und die Amme voll des innigſten Dankes. Smith, Sein u. Schein. 1. 5 66 „Ich vermag kleine Kinder nicht zu beurtheilen; ja, es fragt ſich ſehr, ob ich je in meinem Leben zuvor ein ſo junges Kind geſehen habe,“ bemerkte Doktor Titlow;„aber er ſcheint in der That ein hübſcher Junge zu ſein.“ „Das iſt er auch,“ rief die Amme in zärtli⸗ chem Tone,„und dazu hat er auch alles Recht; ich verſichere Sie, daß ſeine Mutter die ſchönſte Blume war, welche—“ Hier verſagte ihr vor Schmerz die Stimme und ſie bewegte ſich unruhig hin und her, wie es das irländiſche Landvolk gewöhnlich bei Leid oder Schmerz zu thun pflegt. „Sein Name iſt alſo O Neil,“ ſagte Lieute⸗ nant Elvey, die Wange des kleinen Redmond ſanft mit einem Finger berührend. „So iſt es.“ „Es gibt mehr als Eine alte Familie, glaube ich, die ihn trägt.“ „Das iſt wahr, Euer Ehren,“ antwortete Katty vorſichtig;„es gibt Reiche und Arme, Große und Kleine darunter. Und warum ſollte es nicht ſo ſein, wenn es Gott ſo will 2“ „Ich denke dabei an die O Neils in Galway,“ fuhr der junge Offizier fort.„Vor etwa zwei Jahren war ich an jener Küſte ſtationirt und kenne ein wenig ihre Geſchichte.“ „Wohl möglich, Herr; es iſt nicht meine Sache, dieß in Abrede zu ziehen,“ verſetzte die Frau mit jenem iie Ausdruck des Geſichts, wel⸗ chen die Irländer ſo gut anzunehmen verſtehen, wenn ſie etwas zu verbergen wünſchen oder einer 67 directen Antwort auf eine Frage ausweichen wollen. „Sir Patrick und deſſen Neffen waren, wie ich hörte, in die letzten Unruhen verwickelt,“ fuhr der Offizier weiter fort. „Wohl möglich,“ verſetzte Katty phioſophiſch „Wir haben Alle unſere Unruhen irgend einmal; die Heiligen wiſſen, daß ich auch die meinigen a e. habe. „Sind Sie in Galway bekannt?“ „Ich bin ſehr oft mit meiner Mutter bei Ver⸗ wandten dort geweſen und die waren Tips.“ „Was waren ſie?“ fragte der ehrwürdige Dok⸗ tor Titlow ſeinen jungen „Sie verſteht darunter Einwohner von Tippe⸗ rary,“ ſagte der Lieutenant, der ſich durch die ausweichenden Antworten, die er erhiekt, im min⸗ deſten nicht täuſchen ließ. Obwohl er zu edel⸗ müthig war, in Betreff dieſes Punktes weiter in Katty zu dringen, beſchloß er doch, die geeigneten Maßregeln in dieſer Richtung zu ergreifen. „Meine gute Frau,“ ſagte der Rector;„Sie brauchen im mindeſten nicht um die zukünftige Sicherheit ihres Schützlings beſorgt zu ſein. Ich werde einen Verhaftsbefehl gegen die Verdächtigen ergehen laſſen und zugleich ſolche Maßregeln er⸗ greifen, durch welche eine Wiederholung der Ge⸗ waltthat verhindert werden wird.“ ſeit dieſen Worten verabſchiedeten ſich ihre eſuche. „Heilige Jungfrau! Heilige Jungfrau! Was wird aus mir werden? Ich werde niemehr aus 5 68 dieſem fremden Lande wegkommen,“ fuhr Katty fort, ſobald ſie allein war.„Dich klage ich nicht an, geliebte Ellen,“ fuhr ſie fort mit einem Blicke nach dem Leichnam,„daß wir ſo große Wider⸗ wärtigkeiten zuſtoßen, aber ihn, der Dein junges Herz gebrochen und das meinige mit ſchweren Sorgen erfüllt hat.“ „Was veranlaßte Sie denn, Carl, ſich ſo an⸗ gelegentlich nach der Familie O Neil zu erkundi⸗ gens“ fragte der Rector ſeinen jungen Freund auf dem Wege nach dem Pfarrhauſe. „Ich vermuthe, daß der Vater des Kindes einer der Neffen iſt, von denen ich ſprach,“ erwi⸗ derte der Offizier nachdenklich.„Die Regierung hält ihn, wie ich weiß, für viel gefährlicher, als ſeinen hitzköpfigen Verwandten, und hat äuf ſeine Habhaftwerdung einen hohen Preis geſetzt.“ Der alte Freund betrachtete ſeinen Begleiter mit faſt ſchmerzlichem Ausdruck, der auf deſſen Wangen eine augenblickliche Röthe hervor⸗ brachte. „Ich glaubte nicht, verehrter Herr, daß Sie meine Gründe mißverſtanden hätten,“ ſagte der Offizier.„Wenn mein Verdacht gegründet iſt, ſo habe ich für den Fall, daß er mit mir in Berüh⸗ rung kommt, nur Einen Weg einzuſchlagen— ihn feſtzunehmen. Aber das Bewußtſein, meine Fflicht egen meinen Souverain und mein Vaterland er⸗ ſt lt zu haben, iſt die einzige Belohnung, die ich für eine ſolche Handlung annehmen würde.“ „Ganz recht, mein lieber Junge, ganz recht in der That. Laſſen Sie uns aber zn daß es 69 ſich dabei um ein Mißverſtändniß handelt. Die Juſtiz in Plaxted hat vorderhand ohnehin die Hände voll zu thun.“ Obgleich ſowohl im Dorfe, als wie in Dover und Folkestone die ſchärfſten Nachſuchungen ange⸗ ſtellt wurden, ſo konnte man doch keine Spur von dem Aufenthalt Jorrocks entdecken, der ſich wohl hiitete, ſeinen ſichern Verſteck zu verlaſſen, wo er häufig Berichte über Alles, was vorging, erhielt. Am dritten Morgen erklärte O Neil ſeine Ab⸗ ſicht, die Höhle verlaſſen zu wollen, und blieb dabei, trotz aller Einwendungen ſeines Gaſt⸗ freundes. „Ich brauche jetzt keinen Rathgeber und keinen Helfershelfer mehr,“ bemerkte Redmond ſtolz;„ich habe mein eigenes Herz um Rath gefragt.“ „Wenn Sie nur wenigſtens warten wollten, bis Ephraim zurück iſt. Er—“ „Ihr Freund weiß, wo ich zu finden bin,“ fiel ihm der Edelmann in die Rede;„weitere Worte ſind nutzlos.“ Nachdem er einen Theil ſeiner wohlgefüllten Börſe unter die Leute vertheilt hatte, verließ er die Höhle. Es lag ein Ausdruck in ſeinem dun⸗ klen Auge, eine Sicherheit in ſeinem Schritt, welche auf einen feſten Entſchluß deuteten. Jorrocks blickte ihm finſter nach. „Wenn ich nicht das Zeichen der wilden Katze an mir trüge,“ murmelte er,„ſo würde ich an Deiner Seite bleiben, Redmond O Neil, und Dir folgen, gleich Deinem Schatten, bis ich den letzten Deines Stamms geſehen hätte. Ich war ein 70 Narr, daß ich den Auftrag übernahm, ſo lange ſich andere Mittel hätten finden laſſen, ſein Ver⸗ trauen zu gewinnen und—. Pah! Reue iſt nutz⸗ los. Nur wenige Menſchen beſitzen den richtigen Blick zur rechten Zeit. Aber es geht ſelbſt über meine Geduld,“ fuhr er fort,„aß ich, nachdem mir das Glück die ſo lange erſehnte Gelegenheit gegeben hat, eine falſche Karte ausſpielte.“ Wir wollen übrigens den Schleichhändler ſei⸗ nen Gedanken überlaſſen, die ofſenbar nicht der freundlichſten Art geweſen zu ſein ſcheinen, und unſere Leſer bitten, dem hintergangenen, unglück⸗ lichen Vater zu folgen. Nachdem Redmon ONeil ſeinen Verſteck ver⸗ laſſen hatte, machte er ſich geradenwegs nach Plarted auf. Abgeſehen von der leidigen Ver⸗ blendung, von der er hinſichtlich der Treue ſeiner Gattin beſeſſen war, war der Geiſt des jungen IFrländers ganz hell. Er fühlte, daß es unter ſeiner Würde ſei, ſich eines fremden Armes zu bedienen, um durch deſſen Vermittlung den Flecken von ſeinem Namen und ſeinem Stamme verwi⸗ ſchen zu laſſen. Deßhalb beſchloß er, das Kind kühn, am hellen Tage, zu verlangen und, wenn es nöthig würde, ſein Recht der Vormundſchaft auf doſſelbe mit ſeinem Degen zu erkämpfen. Nur wenige Augen wandten ſich nach ihm, als er durch das Borf wandelte; ein Umſtand, der ſich leicht dadurch erklärte, daß die meiſten Einwohner auf dem Kirchhofe verſammelt waren, um dem Leichenbegängniß Ellens beizuwohnen. Dahin wandte auch er— ihr Mörder, ſeine 71 Schritte, indem ſein Herz wegen des vermeintlich ihi widerfahrenen Unrechts mächtig ſchlug und der Entſchluß, ſeinen Vorſatz auszuführen, immer feſtere Wurzel in ſeinem Innern faßte. Während die ſchweren, aber erhabenen Worte der Lithurgie:„Aſche zu Aſche, Staub zu Staub“ von dem Rector ausgeſprochen wurden, betrat Redmond O Neil den Kirchhof und blieb mit ver⸗ ſchlungenen Armen, wie in Betrachtung des Bil⸗ des, ohnweit des Grabes ſtehen. Katty, das Kind feſt an ihre Bruſt gedrückt, das ſie auch nicht für einen Augenblick verlaſſen mochte, war oben am Grabe niedergekniet. Ihr Schmerz war ſo heftig, daß ſelbſt die Gaffer, welche Neugierde hergeßihrt hatte, um die wilde Frländerin und den Säugling zu ſehen, den Jor⸗ rocks gerne geſtohlen hätte, ſich davon ergriffen fühlten, ſo daß allgemein das Gefühl der Theil⸗ nahme für ſie erweckt wurde. Sobald der Leichengottesdienſt zu Ende war, näherte ſich Redmond Kutc und verlangte, trotz der drohenden Blicke der Menge, die Herausgabe des Kindes. „Es iſt jetzt weder die Zeit, noch der Ort da⸗ zu,“ bemerkte der Geiſtliche, zwiſchen ihn und Katty tretend,„Ihre Rechte geltend zu machen, ſelbſt wenn Sie hiezu befugt wären.“ „Laſſen Sie die Frau für mich antworten,“ verſetzte ONeil.„War ich nicht der Gatte der⸗ jenigen, die ſo eben in's Grab geſenkt worden?“ „Und ihr Mörder!“ ſtöhnte die Milchſchweſter. Dieſe Bemerkung erweckte ein Murren unter — 72 den Zuſchauern, unter welchen ſich mehrere Ma⸗ troſen des„Wren“ befanden. „Als ihr Gatte bin ich der geſetzliche Vormund des Kindes,“ fuhr Redmond fort,„ein Recht, das ich zu behaupten entſchloſſen bin, und ich wende mich an Sie, als Magiſtratsperſon, die Frau an⸗ zuweiſen, es mir auszuliefern, um Gewalt und möglicher Weiſe ſogar Blutvergießen abzuwenden.“ „Ich gebe es nicht heraus,“ rief Katty,„ich kann nicht; ich habe es der Verſtorbenen zuge⸗ ſchworen.“ Hier fiel ihr Auge auf Lieutenant Elvey, der unfern von dem Auftritte ſtand. „Wenn Sie mich reizen,“ ſetzte ſie trotzig hin⸗ zu,„ſo mag Ihr Blut über Ihr eigenes Haupt kommen; ich waſche meine Hände in Unſchuld.“ Unbekümmert um eine mögliche Denunciation oder wahrſcheinlicher, weil er gar nicht an die Folgen einer ſolchen dachte, näherte ſich der junge Irländer, um Katty das Kind zu entreißen. „Um Deines Kindes willen, Ellen, mein Leben, thue ich es,“ ſprach die Milchſchweſter feierlich. „Bemächtigt Euch ſeiner,“ fuhr ſie die Stimme er⸗ hebend fort;„es iſt der Galway⸗Rebell, auf deſſen Kopf Euer König einen Preis von Gold Pt hat— es iſt der Verräther Redmond Neil.“ Im gleichen Augenblicke befand ſich der junge Offizier, der nur gewartet hatte, bis ſein Ver⸗ dacht Beſtätigung gefunden, dem Flüchtling hegen- über und verlangte von dieſem die Uebergabe ſei⸗ — 73 nes Degens. Ein geſchickt parirter Stoß war die Antwort darauf. Sowie aber die Mannſchaft des„Wren“ ſah, daß ihr Befehlshaber gefährdet ſei, ſchloß ſie als⸗ bald einen Kreis um ihn, und in wenigen Minu⸗ ten ſtand Redmond, überwältigt von der überlege⸗ Anzahl, entwaffnet als Gefangener in ihrer itte. Er heftete vorwurfsvoll ſeine Augen auf Katth. „Sie ſelbſt haben mich dazu gezwungen,“ ſchluchzte ſie in Erwiderung auf ſeinen ſtummen Vorwurf;„außerdem hätte ich mir lieber das Leben nehmen laſſen, als daß ich ein Wort, das Sie verrathen hätte, geſprochen haben würde.“ Das Verhör vor dem Friedensrichter endigte zu ſo ſpäter Stunde, daß man es nicht für klug hielt, den Gefangenen vor dem nächſten Morgen nach dem Caſtell von Dover zu ſchafſen; deßhalb brachte man ihn vorläufig in ein nicht ſehr häufig gebrauchtes, jedoch zu dieſem Zweck beſtimmtes Gebäude— in das Dorfgefängniß, das unter Aufſicht von Jacob Bumps, dem Conſtabel, ſtand. Jedermann, der die Eigenthümlichkeiten des irländiſchen Charakters kennt, kennt auch die faſt unüberwindliche Schwierigkeit, ſowohl Mann als Frau dahin zu hringen, ein Zeugniß abzulegen. Selbſt wenn das Verbrechen keinen politiſchen Cha⸗ rakter hat, herrſcht doch ein entſchiedener Wider⸗ wille gegen jeden Angeber. Dieſes Volk betrachtet es gewiſſermaßen als einen Ehrenpunkt, weder zu denunciren, noch Zeugſchaft zu leiſten, und es ſcheint dieſer Widerwille ſeinen Grund in der un⸗ — 74 beſchränkten Gaſtfreiheit und dem naturwüchſigen Begriff von Ehre, wie ſie dem celtiſchen Stamme eigenthümlich ſind, zu liegen. Katty fühlte dieß auf's Tiefſte; nur das feier⸗ liche Verſprechen, das ſie gegeben, das Kind ihrer Milchſchweſter vor dem Wahnſinn ſeines Vaters zu ſchützen, war im Stande geweſen, ſe zu ver⸗ anlaſſen, O Neil den Sachſen zu verrathen. Aber nicht einmal die Liebe, die ſie ſir den kleinen Red⸗ mond hegte, vermochte ſie mit dieſer Handlung auszuſöhnen, und ſie hätte eine Welt darum ge⸗ geben, die Folgen davon abzuwenden, jetzt, nach⸗ dem die Gefahr für ihren Pflegling vorüber war. In dieſer Gemüthsſtimmung begegnete ſie auf ihrem Wege vom Pfarrhauſe zur Schenke dem ſcheinheiligen, i ausſehenden Ephraim Sleek, der ſeine wärmſte Theilnahme über die Prü⸗ fung, die ſie zu beſtehen gehabt habe, gegen ſie „Weh mir!“ rief ſie aus,„werde ich denn Alt⸗Irland nie wieder ſehen und von dem Kreuz und der Plage frei werden, die mir das Herz brechen?“ „Wenn die Rückkehr in Dein Heimathland der Gegenſtand Deiner Sehnſucht iſt, ſo kann ich Dir viekleicht behilflich ſein, Freundin,“ ſagte der Quäker.„Ich bin ein Handelsmann und habe Freunde in der großen Stadt London, die in fort⸗ währendem Verkehr mit den irländiſchen Kaufleu⸗ ten ſtehen.“ Katty ſah ihn mißtrauiſch an. „Und Du, komme mit mir in mein Haus in 75 Dover; meine Tochter Ruth, die gerne Mildthä⸗ tigkeit übt, wird Dir rathen und Dir die Mittel an die Hand geben, was Du weiter thun ſollſt. Da aber die Welt für den Einfältigen und Arg⸗ loſen voll Fallen iſt, ſo iſt es mir lieb, wenn Du bei den Leuten, in deren Hauſe Du wohnſt, nach mir fragſt.“ „Wie ſollte ich zweifeln! Euer Ehren zeigt ein warmes Herz für die arme Fremde.“ „Dieß, Freundin, iſt die Pflicht aller Men⸗ ſchen, deren Betriebſamkeit die Vorſehung mit den Mitteln, Gutes zu thun, geſegnet hat,“ bemerkte der alte Mann.„Die meinigen ſind zwar nicht groß; aber wenn man einfach lebt und zufrieden iſt, bedarf man wenig. Sprich daher mit dem Mann der Sünde, der die Schenke hält. Obgleich ich ihn nicht kenne, ſo wird er doch Dein Gemüth beruhigen und Dir ſagen, daß der Name Ephraim Sleek bei Allen, die ihn kennen, einen guten Klang hat.“ Katty that, was der Heuchler ſie geheißen hatte. Ein beſſeres Zeugniß für Rechtſchaffenheit und Wohlwollen hätte gar nicht ertheilt werden können. Bei der Gemüthsſtimmung der armen Irlän⸗ derin, die einſam und verlaſſen in fremdem Lande ſich befand, iſt es nicht zu verwundern, daß ſie mit Dankbarkeit und zuletzt mit feſtem Glauben an ſeine Aufrichtigkeit Ephraim's Anerbietungen annahm. „Ich denke nicht, daß Sie mich hintergehen wollen,“ rief das ſchwer heimgeſuchte Geſchöpf; — ——— 76 „es iſt dieß die letzte Möglichkeit, ſowohl Vater als Kind zu retten. Ich will Ihnen folgen.“ In derſelben Nacht noch fuhr ſie mit dem Quäker in deſſen Wägelchen nach Dover. Fünftes Kapitel. Ephraim Sleek's Haus in Dover ſtand an einer Stelle, die ſich ganz beſonders zum Betrieb ſeines Geſchäftes mit chleichhändlern eignete, in Snar⸗ ate Street nämlich, wo die Rückſeiten der Häu⸗ ſelbſt in einer weit ſpäteren Zeit, als von der wir ſchreiben, von forſchenden Augen neugieriger Nochbarn nicht beobachtet werden konnten, nament⸗ lich während der Fluthzeit, weil dann das Meer nur einen ganz ſchmalen Weg zwiſchen ihnen und der kleinen Bucht offen ließ, welche zwar für leichte Boote hinreichend tief, für ein ſchwer beladenes Fahrzeug aber oder eine Fiſcherbarke viel zu ſeicht war, um durchzukommen. Zuweilen ereignete es ſich ſogar, daß ſelbſt die⸗ ſer kleine Weg überſchwemmt und die Keller und hintern Räume des Hauſes überfluthet waren. Ein Geiſt der ſtrengſten Sparſamkeit hatte of⸗ fenbar bei Ausmöbelirung der Quäkerwohnung vor⸗ gewaltet. Jeder Gegenſtand darin diente zu einem gewiſſen Zweck, manchmal zu einem halben Dutzend von Zwecken zugleich und kein einziger war blos der Zierde oder gar des Luxus wegen da. Das 77 Beſuchzimmer, welches nach der Straße lag, hatte ein trübſeliges Ausſehen. Die Rohrſtühle, die mit ihren hohen Rücklehnen in gleichförmiger Entfer⸗ nung an den Wänden ſtanden, ſahen ſo unbe⸗ quem aus, daß man bei ihrem bloßen Anblicke ſchon den Krampf in den Beinen fühlte, mit denen man auf ihnen den Boden nicht erreichen konnte, und ein enges, ungaſtliches Gitter ſtand gähnend an den Fenſtern ohne Vorhängen; doch war das Draht⸗ Fech daran hoch genug, daß die auf der Straße orübergehenden keinen allzu neugierigen Blick in das Innere werfen konnten. Der Fußboden war von polirtem Eichenholz, und genau in der Mitte befand ſich eine Art Fuß⸗ teppich von Seegras. Auf dieſem ſtand ein klei⸗ ner Tiſch von Mahagoni, ohne ein Buch, einen Kupferſtich oder ſelbſt nur eine Muſchel darauf. Obgleich auf's Pünktlichſte rein gehalten, machte das Zimmer doch einen ſo traurigen Eindruck, als ob der muntere Geſang der Jugend noch nie deſſen ſchläfriges Echo geweckt hätte, ſertdem es ein Beſuch⸗ zimmer war. Es war ſo kalt, wie die Anſprüche einer arm gewordenen vornehmen Familie, ſo daß ſelbſt nicht einmal eine Fliege darin zu finden war, und ſelbſt keiner Spinne wäre es eingefallen, hier ihr Netz zu weben. Kurz, die Wohnung Ephraim Sleek's war einer jener moraliſchen Eiskeller, in welchen viel⸗ leicht Pflicht ſich Eingang verſchafft, während Zu⸗ neigung frierend an der Thüre ſtehen bleibt, weil darin keine freundliche Stimme willkommen hieß, keine Sympathie es erwärmte. Wir bemitleiden — 78 das ſe Herz, das verurtheilt iſt, in einer ſo unbehaglichen Atmoſphäre zu wohnen, deſſen Ge⸗ fühle, aus Mangel an jeder Gelegenheit ſich aus⸗ zuſprechen, im Keime erſtickt werden und deſſen Träume in krankhafte Phantaſieen ausarten, wenn nicht ein freundlicher Engel über ihm wacht. Es war ein Obdach, aber keine Heimath; denn eine Heimath ſchließt Erinnerungen in ſich, welche doch durch Thränen lächeln, jelbſt wenn rmuth, Kummer oder Tod ſie heimgeſucht haben. Möge die Welt nicht hart über diejenigen ur⸗ theilen, deren Kindheit nie Liebe, Theilnahme und heimathliche Bande gekannt hat. Trotz der Troſtloſigkeit des Käfigs enthielt das vereinſamte Haus in Snargate Street einen lieblichen Vogel, wie nur je einer in der Gefan⸗ enſchaft ſeine anmuthigen Töne hatte hören laſ⸗ ſe Die gute und ſanfte Ruth, die in ihrer eng anliegenden Haube und ihrer einfachen Jacke von Kamelott einer verwittweten Euphroſine*) glich ſah, wenn ſie daſaß, fleißig die Nadel handhabte und zugleich mit ihrem Vetter Reuben Geldart, einem jungen Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, ſich unterhielt, der unfern von i ſtand, oder beſſer geſagt, mit einem Arm auf das Ka⸗ mingeſimſe ſch lehnte und mit Gefühlen ſie be⸗ trachtete, die unſchwer zu errathen waren. Reuben's Vater und Ephraim Sleek waren Aſſocis's geweſen, bis der Tod des Erſtern die Verbindung gelöst und Mrs. Geldart und deren *) Eine der drei Grazien. D. B. 79 Sohn in höchſt mittelmäßigen Vermögensumſtän⸗ den zurückgelaſſen hatte, ein Umſtand, über den Viele ſich wunderten, da ſie wußten, daß die Firma ute Geſchäfte gemacht hatte. Weil aber die giwe ſich nie beſchwerte oder über unredliche Behandlung von Seite ihres Schwagers klagte, ſo ſchwiegen auch andere Leute, und es verſtummte nach und nach der Verdacht, wenn überhaupt je einer beſtanden hatte. Obgleich der Quäker ſeinen Neffen mehrere Jahre hindurch in ſeinem Geſchäfte behalten hatte, mochte er ihn doch nicht beſonders leiden; indeſſen ließ er dieß nur ſelten durch Worte oder Blicke merken und man gewahrte es nur an gewiſſen unſcheinbaren Zeichen, die für unaufmerkſame Augen kaum ſichtbar, empfindlichen Gemüthern aber leicht fühlbar werden. Vielleicht lag dem Mißfallen des alten Man⸗ nes die Urſache zu Grund, daß ſein junger Ver⸗ wandter ſich ſorgfältiger kleidete, als er es gerne ſah. Der Anzug deſſelben, obgleich nach dem ſtrengſten orthodoxen Schnitt, war vom feinſten Tuch— eine Verſchwendung, deren ſich Ephraim, ſelbſt in ſeinen jüngeren Jahren, nie ſchuldig ge⸗ macht hatte; dann ſein Haar, das ſich in Locken kräuſelte und, anſtatt ſtramm herabzufallen, im Scheitel ſich über der breiten, intelligenten Stirne theilte, unter der die hellen grauen Augen Reuben Geldart's hervorblitzten und kühn in die Welt ſahen, deren Niederträchtigkeit ſie zu verſpotten Dieß waren die beiden Perſonen, welche eit nahezu einer Stunde in dem kalten, düſtern, — trübſelig ausſehenden Zimmer ſich unterhielten, das wir ſo eben unſern Leſern zu beſchreiben ver⸗ ſucht haben. „Haſt Du auch den Schritt wohl überlegt, Reu⸗ ben, den Du zu thun im Begriffe ſtehſt?“ fragte Ruth.„Meinem Vater iſt Dein Weggang ſehr unangenehm.“ „Er wird mich aber nicht vermiſſen,“ erwiderte ihr Vetter;„in der That, ich kenne Niemand, bei dem dieß der Fall ſein wird, mit Ausnahme mei⸗ ner verlaſſenen Mutter, und wenn Du,“ ſetzte er hinzu, als ein Paar tiefblaue Augen ſich faſt vor⸗ wurfsvoll auf ihn richteten,„zuweilen an mich den⸗ ken ſollteſt.“ „Ich vergeſſe nicht leicht die Freunde, die ich gekannt habe,“ bemerkte das liebliche Mädchen, noch viel weniger aber meine Verwandte, und Du biſt mir ſtets Bruder geweſen.“ „Sprich das Wort aus,“ rief der junge Mann ergriffen von dem Tone der Betrübniß aus, in welchem ſie redete;„und ich weiſe das Anerbie⸗ ten, das reiche Verwandte mir gemacht haben, in ihr Bankgeſchäft in London einzutreten, ab.“ „Es iſt im Gegentheil mein ernſtlichſter Wunſch, daß Du uns verlaſſen ſollſt, um in die Weltſtadt zu gehen.“ Die Hoffnung, welche vorübergehend das Herz des jungen Quäkers erfüllt hatte, ſchwand ſchnell wieder dahin und ſeine ſchönen Geſichtszüge drück⸗ ten den Schmerz aus, den Ruth's Worte ihm ver⸗ urſacht hatten. 81 „Womit habe ich Dich beleidigt?“ fügte er bei, „daß Du meine Abweſenheit wünſcheſt?“ „Es wäre Thorheit, ſich ohne Urfache für be⸗ leidigt zu halten,“ antwortete ſeine Baſe,„und eine ſolche haſt Du mir nie gegeben.“ Es erfolgte eine Pauſe in der Unterhaltung, während weſcher auf Reuben Geldart's Geſicht ſich allerlei Empfindungen, Unſchlüſſigteit, Schmerz und verwundete Liebe ausdrückten, wogegen Ruth dem äußern Anſcheine nach ihre gewohnte Ruhe ſich bewahrte; doch handhabte ſie vielleicht ihre Nadel etwas raſcher, als zuvor; das war aber auch Alles. „Du haſt mich genöthigt, Reuben, etwas zu erklären, was ich gerne unerörtert gelaſſen hätte,“ bemerkte ſie endlich;„Worte auszuſprechen, die ich lieber für mich behalten hätte, weil ſie mir Schmerz und Scham verurſachen. Aber beſſer dieß, als daß Du denken ſollteſt, ich wäre im Stande, Dich nur ſo ohne Weiteres zu verletzen. Wenn ich mich über Dein Weggehen freue, ſo geſchieht dieß nur deßhalb, weil dadurch von Manchem entfernt wirſt, was vom Uebel iſt.— Ich meine damit von dem weltlichen Treiben meines Vaters, ob⸗ gleich ich dabei bedaure, daß London, wie ich ge⸗ hört habe, eine für die Jugend ſehr verführeriſche und verderbliche Stadt ſein ſoll.“ „Die aber nichts zu befürchten hat, wenn das Gebet eines Engels ſie bewacht!“ rief der junge Mann, entzückt über den Antheil an ſeinem Wohl, den dieſe Worte verriethen. Smith, Sein u. Schein. TJ. 6 Er hätte gern die Hand ſeiner Baſe erfaßt; dieſe zog ſie aber gelaſſen zurück. „Iſt es mir denn nicht erlaubt zu hoffen?“ flü⸗ ſterte er betrübt. „Du weißt, Reuben, daß ohne meines Vaters Einwilligung ich keinem Manne mehr ſein will, als Freundin oder Schweſter; ich habe eine Pflicht zu erfüllen, und Pflichten müſſen treu erfüllt, dürfen nicht verketzt werden. Mein Vater hängt mit Leib und Seele an dem Mammon dieſer Welt, der all⸗ mählig ſeine Natur verhärtet, und wenn ich ihn ganz den Eingebungen ſeines Herzens überließe, ſo würde dieſes mit der Zeit von Granit werden; ſein Kind muß daher über ihn wachen, damit er nicht falle, um ſich nie wieder erheben zu fönnen. Willſt Du ihn nicht ſprechen vor Deiner Abreiſe?“ „Dieß iſt unnöthig,“ verſetzte der junge Mann, bei der Erinnerung an die harten Worte erröthend, die ſchon zwiſchen ihm und ſeinem Oheim gefallen waren. „Wann reiſeſt Du ab?“ „Eine Stunde vor Tagesanbruch mit Kiplin's Wagen; aber Ruth— liebſte Ruth—“ „Nicht ein Wort,“ unterbrach ihn ſeine Baſe. „Sei damit zufrieden, daß ich Dich nicht vergeſſen werde. Ohne Zweifel werden wir von einander hören durch meine Tonte Geldart, die ich von jetzt an öfter beſnchen werde, als ich ſeither in der Lage war. Und jetzt, Reuben,“ ſetzte ſie hinzu,„habe ich ein Abſchiedsgeſchenk für Dich. Ich kenne Deinen ſtolzen Sinn; Du darſſt es aber nicht zurück⸗ den. * 83 Zugleich wollte ſie ihm eine kleine Silberbörſe, die einige Souverains enthielt, in die Hand drücken, die er aber anzunehmen entſchieden ſich weigerte. 8„In dieſem Falle,“ ſprach ſie,„müſſen wir als Fremde ſcheiden; denn ich kann Dem den Friedens⸗ kuß nicht geben, der das Geſchenk einer Schweſter zurückweist.“ Kein noch ſo feſter Entſchluß oder Stolz hätte einer ſolchen Verſuchung zu widerſtehen vermocht. Reuben nahm die Börſe und drückte zum erſten Mal ſeine Lippen auf die erröthende Wange des ſchönen, ſanften Mädchens, deſſen Güte einen noch größeren Eindruck, als ſelbſt ihre Schönheit auf ſein Herz gemacht hatte. „Gott ſegne Dich, Ruth,“ murmelte er, wäh⸗ rend er einen Augenblick lang ſie an ſeine Bruſt drückte,„und ſieh Dich vor, auf dem Pfade zu blei⸗ ben, den Du betreten haſt.“ „Wenn der Pfad der rechte iſt, ſo wird Er mich nicht verlaſſen,“ antwortete die Tochter Ephraim Sleeks;„der Ausgang liegt in Seiner Hand.“ So ſchieden ſie,— Reuben, um eine neue Lauf⸗ bahn zu betreten, mit der Welt zu kämpfen, der Wirklichkeit in's Angeſicht zu ſehen, dieſelbe anzu⸗ nehmen oder zurückzuweiſen; ſeine Baſe, um gleich einer zahmen Taube, in ihrem einſamen Käfig aus⸗ zudauern, zu hoffen und zu dulden. Kaum waren ſeine Fußtritte verhallt, als die Ruhe, welche Ruth ſo erfolgreich während der Un⸗ terredung ſich bewahrt hatte, ſie verließ; ihre Thrä⸗ nen floſſen reichlich und in der Stille, Se auch ————— 84 kein Murren über den Schmerz, den ſie erduldete, über ihre Lippen kam; ſtrenges Pflichtgefühl verlieh ihr Muth, daſſelbe zu unterdrücken. Die Aufgabe, welche das edle junge Geſchöpf ſich geſtellt hatte, war heiliger, als ſelbſt die Liebe, welche die männ⸗ lichen Eigenſchaften ihres Vetters ihr eingeflößt; aber ſie war nur deßhalb heiliger, weil keine menſch⸗ liche Schwäche mit ihren Schmerzen ſich darunter iſchte. hre Träumereien— denn das Herz träumt zuweilen eben ſo wie das Gehirn— wurden durch den Eintritt Hannah's unterbrochen, welche die Rückkehr ihres Herrn meldete. Die Natur hatte offenbar das kleine Dienſt⸗ mädchen nicht zur Ouäkerin beſtimmt, und doch gab ſie ſich alle erdenkliche Mühe, den Ausdruck ihres Geſichts in Uebereinſtimmung mit ihrer Klei⸗ dung und Haube zu bringen, weiche beide äußerſt einfach, und folglich ganz orthodor waren; ihr Be⸗ ſtreben wollte ihr aber nicht recht gelingen. Wie ſtreng ſie auch die Lippen zuſammenpreßte, ſo hat⸗ ten ihre Augen, die groß, glänzend und ſchwarz waren,— ſo wie der aite Pindar, der üppige Dich⸗ ter des Bechers und des Kuſſes ſie liebte— zum großen Verdruſſe Ephraim Sleek's einen lächeln⸗ den Ausdruck. Dieſer hatte ſie in ſehr jugend⸗ lihem Alter in ſein Haus aufgenommen, aus Mild⸗ thätigkeit, wie er ſich ausdrückte, eine Behauptung, die übrigens mit den Erinnerungen aus ihrer Kind⸗ heit nicht harmonirte, von der ſie aber mit Niemand ſrh außer mit Ruth, welche ſie um ihrer Feunblichkeit und ihres zarten Sinnes willen —— 85 eben ſo ſehr liebte, als ſie deren Vater fürchtete und verabſcheute. In Folge dieſes fortwährenden Beiſammenſeins war ihr Verhältniß mehr das von Schweſtern, als einer Herrin und Dienerin; ja häufig traf es ſich ſogar, daß ſie die Rollen wechſelten und Ruth die häuslichen Geſchäfte übernahm, während Hannah die Aufgaben auswendig lernte, welche ihr dieſe gegeben hatte. „Ich komme ſogleich,“ antwortete das trauernde Mädchen. „Du haſt geweint,“ ſagte Hannah, deren Augen, kaum zuvor noch muthwillig blitzend, ſich plötzlich mit Thränen füllten.„Wie betrübt es mich, daß Reuben uns verläßt,“ fügte ſie bei;„auch für mich hatte er freundliche Worte und Blicke.“ 3 16 werde Dir ſogleich folgen,“ wiederholte uth. „Ich habe Dir noch nicht Alles mitgetheilt.“ Ihre Herrin ſah ſie erſtaunt an. „Freund Ephraim hat eine Frau mit ſich ge⸗ bracht, die nicht zu unſern Leuten gehört,“ ſetzte das hinzu. 77 S0 „Und die Frau hat ein Kind bei ſich. Sie drückte ſich auf eine fremde aber nicht unfeine Weiſe aus; es wäre ut wann du ſie ſprechen würdeſt.“ Die Neugierde der ſchönen jungen Quäkerin wurde dadurch rege gemacht und ſie begab ſich ſo⸗ gleich in das Vorrathszimmer, wie man in jenen Zeiten das Gemach nannte, in welchem gewöhnlich die Familie ihre Mahlzeit einnahm. Es war eben — 86 ſo kahl und unbehaglich, als das kleine Beſuch⸗ zimmer. * Das troſtloſe Ausſehen des Orts hatte einen höchſt peinlichen Eindruck auf Katty's Herz gemacht, welche anfing, ihr Vertrauen in die Verſprechungen ihres Gaſtfreundes zu bereuen, deſſen Geſicht, wie ſie meinte, bereits ſchon viel von ſenem wohlwollen⸗ den Ausdrucke verloren hatte, ſeit ſie ſich in ſeiner Wohnung befand. Die Erſcheinung ſeiner Tochter zerſtreute übrigens raſch die aufgeſtiegenen Zweifel wieder, da dieſer die Herzensgüte aus dem Geſicht leuchtete. Es wäre unmöglich geweſen, daß irgend Jemand in Ruth's Antlitz geblickt und ſie dann noch irgend einer Unwürdigkeit oder eines Verraths für fähig gehalten hätte. „Sie ſind Gäſte,“ bemerkte Ephraim Sleek in Erwiderung auf den fragenden Blick ſeiner Tochter, „welche die Vorſehung uns geſchickt hat. Sie be⸗ dürfen unſres Beiſtandes.“ Obgleich Ruth viel eher einen andern Grund'“ für den unerwarteten Beſuch, als ihres Voters Mildthätigkeit angeführt zu hören erwartet hatte, ſo nahm ſie die Fremde doch mit ihrer gewohnten ruhigen und ungezwungenen Freundlichkeit auf, in⸗ dem ſie zugleich ihr Bedauern ausdrückte, daß das Abendbrod nur ſehr kärglich ausfallen werde. „Nicht das Eſſen und Trinken,“ erwiderte die dankbare Frau,„ſondern der herzliche Willkomm iſt es, der uns zu Herzen geht. Mögen Sie nie er⸗ fahren, was es heißt, in fremdem Lande, mit ſchwe⸗ ren Sorgen beladen, ſich zu befinden.“ Hannah, welche den Tiſch herrichtete, vermochte 0 —— 87 nicht, ihr Erſtaunen zu unterdrücken, als ſie Ephraim Sleek um ſeines Wohlwollens willen ſo ſehr preiſen hörte, und ihre Angen wandten ſich zuerſt nach die⸗ ſem und dann nach der Fremden, um ſich zu über⸗ zeugen, wer von Beiden am wenigſten bei Sinnen ſei. Das heilige Kreuz ſei zwiſchen mir und dem Unglück, dachte Katty. Wie das Quäkermädchen mich anſtiert! Ephraim hatte dieß ebenfalls bemerkt, und er ermahnte das Dienſtmädchen ernſtlich, ſich der Zu⸗ bereitung des Abendeſſens anzunehmen. Dieß war bald geſchehen, und der alte Mann war eben im Begriff, das Tiſchgebet zu ſprechen, als Ruth ihn unterbrach, weil ein von ihm geſprochener Segen ihr doch nicht anders als eine Handlung der Heu⸗ chelei erſchien. „Der Geiſt drängt mich, Vater,“ ſprach ſie in ihrem gelaſſenen, ſanften Tone,„das Gebet für Dich zu ſprechen,“ und ohne ſeine Antwort abzuwarten, ſwuch ſie ein kurzes, einfaches Dankgebet. Während des Eſſens vermied Ephraim ſorg⸗ fültig den forſchenden Blick ſeiner Tochter. Das Gewiſſen ſagte ihm, daß ſein gutes, tugendhaftes Kind durch ſeine vorgebliche Mildthätigkeit ſich nicht täuſchen ließ, ſondern vielmehr an ſeinen Abſichten gegen die unbeſchützte Fremde zweifelte. Um dieſer jede Gelegenheit zu benehmen, eine Frage an ihn zu richten, ſtand er plötzlich mit den Worten vom Tiſche auf: „Haſt Du den Schlüſſel zum Comptoir?“ Als Ruth ihm denſelben gab, begegnete ſich vor⸗ übergehend ihre Augen und ſchlimmſten Befürch⸗ — 88 tungen beſtätigten ſich. Es iſt etwas ſehr Trauriges, wenn der Vater den Blick ſeines Kindes nicht aus⸗ zuhalten vermag. „Morgen früh,“ ſagte der alte Mann, gegen Katty gewendet, will ich mich nach einer ſichern für Dich und Dein Pflegkind um⸗ ehen.“ Die Frau, deren Vertrauen unterdeſſen ſich gänzlich wieder eingeſtellt hatte, ſprach dafür ihren innigſten Dank aus. „Sein Herz iſt gut“ rief ſie aus, als er das Zimmer verließ.„Es iſt eine große Wohlthat, einen ſolchen Vater zu beſitzen.“ Hannah's Augen funkelten von Schelmerei. „Unſere Leute lieben Lobpreiſungen nicht,“ be⸗ merkte Ruth gelaſſen;„die Beſten unter uns haben viel zu verantworten. Erlaube mir, Freundin, Dich in Dein Zimmer zu begleiten, denn die Stunde der Ruhe hat geſchlagen.“ Um womöglich jedes weitere Geſpräch abzu⸗ ſchneiden, führte die ſchone Quäkerin ihren Gaſt nach ſeinem Zimmer, und würde ihm dort gute Nacht gewünſcht haben, wenn nicht Katty ſie zu⸗ rückgehalten hätte, deren Fer zu voll war, als daß ſie nicht hätte wünſchen ſollen, die traurige Geſchichte ihrer Milchſchweſter mitzutheilen. Wir ſind keine Bettler,“ bemerkte ſie mit ehr⸗ barem Stolz;„es fehlt mir auch nicht an Gold, um wieder nach Haus gelangen zu können. Es lag mir hauptſächlich daran, einen Freund zu finden, der mir dazu behilflich wäre,“ ſetzte ſie betonend dazu,„und dieſen habe ich gefunden.“ —— „Es iſt dieß eine traurige und, wie ich wahre Geſchichte,“ ſagte ihre Zuhörerin.„Schlafe im Frieden, und möge Der, welcher über uns wacht, Dich bewahren!“ Mit dieſer Bemerkung ſtieg Ruth in das Zim⸗ mer hinab, in welchem das Abendeſſen verzehrt worden war. „Du wirſt das Bett mit mir theilen?“ bemerkte Hannah, welche während ihrer Abweſenheit eiligſt den Tiſch abgedeckt hatte. „Heute Nacht nicht,“ verſetzte ihre Herrin mit einem Seufzer;„trübe Gedanken quälen mich, und ich muß wachen und beten.“ Es iſt nun Zeit, daß wir zu dem Gefangenen zurückkehren, der morgen in das Caſtell von DPover gebracht zu werden erwartete. Das Wachhaus oder Gefängniß von Plaxted, in welches Redmond ONeil eingeſperrt worden war, ſtand nahezu im Mittelpunkte eines mit Gras bewachſenen freien Platzes am äußerſten Ende des Dorfes. Das Gebäude, ein Achteck und nicht ohne einige architektoniſche Verzierungen, war in zwei gleich große Zimmer durch eine ſtarke Mauer ge⸗ theilt, in deren Mitte ſich eine Thüre befand, welche durch ein Paar eiſerne Barren geſchloſſen war, die aber ſo tief unten angebracht waren, daß der hier eingeſchloſſene Gefangene, wenn ſie herabgelaſſen waren, ſeine Arme nicht durch das Gitter zu bringen vermochte, indem dieß wohl nur dazu diente, etwas Licht und Luft in das innere Zimmer einzulaſſen. In Betracht, daß dieſes Zimmer oder dieſe Zelle weder ein Kamin, noch ein Fenſter beſaß, um friſche Luft einzulaſſen, ſo waren die Dimen⸗ ſionen dieſer Oeffnung höchſt Das äußere Sr war weit behaglicher ein⸗ gerichtet. Ein Kamin von koloſſaler Höhe, mit„ einer eichenen Schlafbank auf beiden Seiten, nahm die eine Seite ein, auf der andern befand ſich ein enges Bogenfenſter, das hoch genug angebracht war, um die männliche Jugend neu⸗ gierige Blicke hineinzuwerfen, während es zugleich bei Tage hinreichend Licht zuließ; bei Nacht diente eine unförmliche eiſerne Lampe, die an einer Kette vom Gewölbe herabhing, dazu, die Finſterniß des Orts bemerkbar zu machen. In der erſten Ahtheilung war es, in welcher Zacob Bumps, der Conſtabel, ſeinen Gefangenen bewachte; er war aber nicht nur Conſtabel, ſon⸗ dern auch Kirchenpedell und voll Bewußtſein der Würde, die ſich in ſeiner winzigen Perſon durch die Wichtigkeit ſeiner Aemter concentrirte. Der geſchäftige kleine Mann hatte ſeinen Amtsrock an⸗ gethan, und ſeinen dreigeſpitzten Hut aufgeſetzt, lenen gefürchteten Hut, der ſchon von ferne mit ſeinem Goldlitzenbeſatz genügte, die Straßenjungen zu verſcheuchen, welche auf dem Kirchhofe die. rabſteine zu ihrem Tummelplatze ſich ausgewählt hatten. In der Kirche vermochte ſchon der Anblick ſeiner Perücke, die nach jener eigenthümlichen, nüchter⸗ nen Mode gemacht war, weſche zu Ehren des Groß⸗ vaters der jetzt regierenden Königin der Name abrauner Georg“ beigelegt war, die ganze unruhige Zugend in Schranken zu halten; wir ſagen, ſeine. 91 Perücke; denn nur diejenigen, welche auf der Empor⸗ kirche ſaßen, waren in der Lage, die ſtrenge Würde ſeines Geſichtes zu ſehen, wenn er durch die Gänge ſchritt, da die Kirchenſtühle außerordentlich hoch waren und der Pedell, wie ſchon bemerkt, ſo außer⸗ ordentlich klein von Geſtalt war. Offenbar lag in ſeiner Seele ein Element zur Größe— eine natürliche Anlage— ein Auge, das ſogleich den Kern einer Sache zu durchdringen vermochte, denn Jacob Bumps hatte ſeinen langen Pedellsſtab und den kürzern, den er als Conſtabel trug, kreuzweiſe über den Tiſch gelegt, ein Beweis, daß er von der Wichtigkeit ſeines Amtes ganz durchdrungen und namentſich ſich bewußt war, wel⸗ chen ſchwierigen Dienſt er in dieſem Augenblicke zu verſehen habe. Ein Staatsgefangener! Es lag etwas Großartiges in dieſen Worten, und er bildete ſich ein die Sicherheit der Krone hange in dieſem Augen⸗ blicke von ihm ab; das Ereigniß konnte hiſtoriſch werden; vielleicht mußte er nach London ſich be⸗ geben; der König ſelbſt hörte dann von ihm und — doch nein, wir wollen die Behauptung gar nicht wagen, daß er in Wirklichkeit einem ſolchen Traume ſich hingab, obgleich der Mayor von Dover erſt kürzlich wegen bloßer Ueberreichung einer Adreſſe zum Ritter geſchlagen worden war. Man behauptet, Niemand ſei ein großer Mann vor ſeinem Kammerdiener. Dieſes Sprüch⸗ wort iſt offenbar von einem Junggeſellen er⸗ funden worden, indem ein verheiratheter Mann 92 es dadurch noch faßlicher gemacht hätte, indem er gejagt haben würde: vor ſeiner Frau. rs. Bumps war eine der wenigen Perſonen in Plaxted, die ihren Gatten nicht fürchtete; die Welt behauptete im Gegentheil, ihr Gatte habe einen gewaltigen Reſpekt vor ihr. Wie die meiſten kleinen Leute, war Jacob ehr⸗ eizig, und dieſe Schwäche hatte ſich ſelbſt in der ahl ſeiner Gattin geoffenbart. Mrs. Bumps war, wie er zu bemerken pflegte, ein Kernweib. Da wir in ihrer Beſchreibung wahrſcheinlich weniger parteiſch ſind, als Bumps, ſo dürften unſre Leſer vielleicht unſerm Portrait von der Dame dem ihres Gatten den Vorzug geben. Mrs. Bumps war ungewöhnlich groß für ihr Geſchlecht, dabei hager und ſchmächtig, mit Ausnahme der Arme, welche in Folge eines ſeltſamen Naturſpiels von einer merkwürdigen Muskulatur waren, die ohne Zweifel durch den häufigen Gebrauch, den ſie da⸗ mit machte, ſich in ſo in Grade entwickelt hatte. Der Küſter, ein ernſter, aber etwas ſatyriſcher Menſch, pflegte darüber zu bemerken: Jacob werde dieß am beſten wiſſen. Da ihr Gatte nicht um der Schönheit ihres Geſichtes willen um ſie gefreit und ſie verankaßt hatte, ſeine beſſere Hälfte zu werden, ſo war es wahrſcheinlich ihres würdevollen Weſens und ge⸗ bieteriſchen Ausſehens wegen geſchehen. Ihre Naſe hatte entſchieden die Adlerform— vielleicht war ſie aber ein wenig zu lang; die Lippen waren ſchmal und gewöhnlich zuſammengepreßt; die Stirne nie⸗ der, ein Defect, welchen die damalige Mode, das 3 —— 93 Haar über eine Wulſt gerollt zu tragen und dar⸗ auf eine Sturmhaube zu ſetzen, noch vermehren zu wollen i Dieß war die Perſon, deren gebieteriſches Klo⸗ pfen an der Thüre des Gefängniſſes die ehrgeizigen Träumereien des Jacob Bumps ſtörte, und welche, trotz ſeiner höchſt rückſichtsvollen Einwendungen, darauf beſtand, eingelaſſen zu werden. „Du weißt, meine Liebe, daß es gegen meine Inſtruction iſt,“ ſprach er. Obgleich unwillig über die Verzögerung, er⸗ innerte ihn die Dame energiſch daran, daß ſie ſeine Frau ſei und mit den Befehlen des Friedensrichters nichts zu ſchaffen habe. „Wenn man es erführe, ſo würde ich morgen von Doktor Titlow ausgeſcholten werden,“ bemerkte der kleine Mann. Dagegen bemerkte ihm Mrs Bumps mit jenem eigenthümlichen Ton in der Stimme, der ſelten ermangelte, ſeine Oppoſition zum Schweigen zu bringen, daß bei längerer Weigerung des Rectors Zorn nicht der einzige ſein werde, der ſich morgen über ihn ergießen werde. Dieſe Andeutung zeigte ſich als unwiderſtehlich; es fiel ihm ein, daß er eben ſowohl Gatte, als Conſtabel ſei, und mit einem Seufzer der Erge⸗ bung ſchob er den Riegel zurück, um, ſo weit es ſich um eheliche Autorität handelte, ſeine in jeder Hinſicht beſſere Hälfte einzulaſſen, welche, gefolgt Joſeph Kerl, gravitätiſch in die Wachtſtube eintrat.. — 94 „Das iſt aber doch zu viel, meine Liebe,“ rief Jacob beſtürzt, als er den Letztern bemerkte. Der Schleichhändler verſicherte ihn aber, daß er blos deßhalb hereingekommen ſei, um ſeinen Ge⸗ fangenen zu ſehen. „Potz Wetter!“ unterbrach ihn die Dame.„Es iſt ſchon der Mühe werth, einen ſolchen Spectakel zu machen, daß ich einen Freund Hätte ich vielleicht in dieſer Nachtſtunde allein durch das Dorf gehen ſollen?“ „Nein, meine Liebe, aber—“ „Sprich jetzt kein Wort weiter darüber,“ unter⸗ brach ihn ſeine Gattin gebieteriſch.„Mr. Kerl und ich haben einen Handel zuſammen abgeſchloſſen. Wir waren noch um ein Pfund auseinander und er willigte ein, die Differenz zu theilen, wenn ich hn Gelegenheit verſchaffe, den Gefangenen zu ehen.“ Joſeph hatte— in welcher Abſicht, werden unſere Leſer leicht errathen— eine Flaſche Cognae mitgebracht, über deſſen Gehalt ſie ſich beſprechen wollten, da zur Ausführung ſeines Anſchlags es noch zu früh an der Zeit war. Das Getränke erwärmte das nichts weniger als ſteinharte Herz des Würdeträgers des Kirchſpiels, der einzuſehen anfing, daß es am Ende doch beſſer wäre, die Nacht in Geſellſchaft, als ſo ganz allein hinzubringen. Kerl, der gewartet hatte, bis die Thurmuhr zwölf geſchlagen, ſtand jetzt auf, um wegzugehen. „Es iſt nun Zeit, euch gute Nacht zu ſagen,“ bemerkte er. 95 „Sie haben ja aber den Gefangenen noch nicht geſehen,“ verſetzte die Frau. „Das iſt wahr,“ erwiderte der Schleichhändler. „Die Zeit verſtrich mir ſo angenehm in eurer Ge⸗ ſellſchaft, daß ich faſt den Grund vergeſſen habe, weshalb ich hergekommen bin.“ Er trat an die Thüre der Zelle, durch deren Gitter er Redmond erblickte, der gleich einem ge⸗ angenen Tiger darin auf⸗ und abſchritt. Der Ge⸗ angene hatte die Stimme des Schleichhändlers erkannt und, die Abſicht von deſſen Beſuch ahnend, mit Unruhe den Augenblick des Handelns erwartet. Dieſer kam endlich. Joſeph riegelte die Thüre auf und Redmond erſchien im äußern Zimmer zum Entſetzen von Bumps und deſſen beſſerer Hälfte, welche beide aus Leibeskräften um Beiſtand zu rufen anfingen. „Schweigt, Ihr Narren,“ rief der Schleichhänd⸗ ler,„wenn Ihr nicht wollt, daß ich Euch eine Kugel durch's Gehirn jagen ſoll.“ Da weder der Gatte, noch die Frau, hiezu im mindeſten Luſt verſpürten, ſo hörten ſie im Augenblick mit Schreien auf. „„Hier, Capitän,“ ſagte Joſeph, Redmond ſeine Piſtolen einhändigend.„Es ſind ein Paar ſo hübſche Beller, wie ein Gentleman ſie braucht, um ſich auf ſie verlaſſen zu können, und ſie können eben ſowohl beißen als bellen. Was fangen wir aber mit dieſem Bärenhäuter und ſeinem Oberhaupt im Unterrock an?“ fügte er bei. „Die mögen meine Stelle einnehmen.“ Da der Gefangene und deſſen Befreier gut 96 bewaffnet waren, ſo wäre Widerſtand nutzlos ge⸗ weſen. Vergebens deutete der Conſtabel mit würde⸗ vollem Schweigen auf die Kennzeichen ſeiner Autorität, die noch immer kreuzweiſe auf dem Tiſche lagen. e ſtieß ſie mit dem Fuße weg, drängte ihn und Mrs. Bumps in die Zelle und ſchob die Riegel vor. „Folgen Sie mir, Capitän,“ rief er,„mein Freund iſt in der Nähe.“ Die Flüchtlinge verließen das Gefängniß und verfolgten eine kurze Zeit den engen Fußweg, der Plarted mit der Hauptſtraße verband. Dort fanden ſie Jorrocks mit Pferden wartend, welche alle Drei raſch beſtiegen. „Sie haben mir treu gedient,“ ſagte Redmond ONeil,„und ſollen mich nicht undankbar finden. Noch ein Wort: Wie ſteht es mit Katty und deren Kind?“ „Die Frau iſt in die Falle gegangen,“ erwiderte der verwundete Schleichhändler.„Ephraim Sleek verſteht es, einen Vogel vom Baum herunter zu ſchmeicheln. Sie befinden ſich ſicher beide in ſeinem Hauſe in Dover.“ „Zugeritten alſo!“ rief Redmond.„Dieß iſt die letzte Nacht, die ich in England zuzubringen wage.“ 97 Sechstes Kapitel. Wohl nur wenige unter uns haben nicht ſchon in ihrem Leben die furchthare Reaction erfahren, welche auf eine außerordentliche Aufregung folgt, und gefühlt, wie gänzlich ſie unſere otehih und phyſißh Kraft erſchüpit bis der Schlaf, den die gütige Natur als linderndes Heilmittel für uns eſtimmte, uns die frühere Spannkraft wieder zu⸗ rückgegeben hat. Der Verbrecher, welchen die Aufregung des über ihn gehaltenen Gerichts er⸗ ſchöpfte, mußte ſchon oft vom Schlafe erweckt werden, um den Weg jn Fiwictut anzutreten, und es iſt bekannt, daß Soldaten feſt neben den Kanonen ſchliefen, während dieſe immerfort don⸗ nerten. Es iſt daher nicht zu verwundern, daß Katty, welche ſeit dem Tage, an welchem ihre Milch⸗ ſchweſter in Folkestone gelandet, in rireite Angſt und Gefahr gelebt, wodurch ihre ganze Thatkraft in Anſpruch genommen wurde, jetzt, nachdem ſie ſich und ihren Schützling unter dem Dache Ephraim Sleek's für ſicher hielt, dem Ver⸗ langen ihrer erſchöpften Natur nachgegeben hatte und in einen ſanften, erquickenden Schlummer ge⸗ ſunken war. Das treue Geſchöpf hatte ihre Augen mit ſo vollkommenem Vertrauen geſchloſſen, als wenn es über ſein dürfte, daß ein Engel über ihm Wache halte. Obgleich eine ſolche Verſicherung nicht ertheilt Smith, Sein u. Schein. I.— 7 98 worden war, ſo wachte doch ein Engel über ihm — wenn auch nicht in das ſchimmernde himmliſche Gewand, ſondern nur in die einfache, beſcheidene Kleidung der jungen Quäkerin gehüllt— welcher nicht allzuviel Vertrauen in ihres Vaters Uneigen⸗ nützigkeit und Mildthätigkeit ſetzte, fondern im Gegentheil ſeinen Motiven mißtraute und deßhalb beſchloſſen hatte, ihm die Laſt eines weiteren Ver⸗ brechens zu erſparen. Er hatte, wie Ruth wohl wußte, bereits jetzt ſchon mehr als zu viel zu ver⸗ antworten. Die Stunde der Mitternacht hatte bereits ge⸗ ſchlagen, als Ruth aus Hannah's Zimmer ſich heim⸗ lich wegſtahl. Sie brauchte keine Lampe auf ihrem Wege, denn ſie war mit jeder Treppe, jeder Wen⸗ dung, jeder Ecke im Hauſe von Kindheit an ver⸗ traut. Es war überhaupt die einzige Heimath, die ſie je kennen gelernt hatte. Als ſie das Speiſe⸗ zimmer erreicht hutte, öffnete ſie einen der Läden ein wenig und ſah an dem Lichte, daß ihr Vater noch immer auf ſeinem Comptoir beſchäftigt war, das ſich rückwärts vom Hauſe im Hofe und gänz⸗ lich iſolirt von dem Hauptgebäude befand. „Er kann nicht mit ſeinen Büchern beſchäftigt ſein,“ dachte ſie,„denn ich bin ja im Beſitz der gſ zu dem eiſernen Schrank, wo dieſe ein⸗ geſchloſſen ſind. Er erwartet alſo Jemand.“ Dieſe Ueberzeugung beſtätigte das Erſcheinen Ephraim's, welcher, nachdem er einen Augenblick an die Fenſter der Schlafzimmer hinaufgeblickt hatte, heimlich durch den Hof ſchlich, das Thor aufſchloß und ſodann ſich wieder zurückzog. 99 „O, dieſe Liebe zum Gold, dieſe unheilvolle Liebe zum Gold!“ murmelte ſie.„Wie ſehr hängt die Seele meines unglücklichen Vaters daran. Sie vergiftet alle ſeine beſſern Eigenſchaften. Sie iſt ſein Fluch, befleckt ſein Herz mit Heuchelei und macht ſeinen Geiſt mit Schande vertraut. Er täuſcht ſich ſelber mit der Entſchuldigung, daß er um meinetwillen Reichthümer aufſpeichere. Ich möchte ihn nur überzeugen können, daß ein guter Name ein reicheres Erbe iſt, als der Schaum, welcher vergeht!“ Nahezu eine Stunde war verfloſſen und noch immer befand ſich die Jungfrau auf ihrem Poſten, den ſie zu ihrer Beobachtung nicht beſſer hätte auswählen können, da ohne ihr Wiſſen Niemand in den Hof hereingelangen, noch ihr Vater in's Haus zurückkehren konnte. Es iſt nicht wohl anzunehmen, daß Ruth's Gedanken die ganze Zeit über ſich ausſchließlich mit ihrem Vater beſchäftigten. Wenn man die Wahrheit gtehen ſoll, ſo muß geſagt werden, daß ihr Vetter Reuben einen großen Antheil daran hatte. Sie wog im Geiſte ſeine Worte und Blicke ab und ſeufzte bei dem Gedanken, daß die Stunde nahe ſei, in welcher er Dover verlaſſen würde und daß Jahre darüber hingehen dürften, bis ſie ſich wieder ſehen würden. „Und weßhalb ſollte ich darüber betrübt ſein fragte ſie ſich ſelbſt.„Die Vorſehung iſt weiſer als ihre Geſchöpfe und weiß Alles zum Beſten zu lenken. Reuben kann mir nie mehr werden, als er mir gegenwärtig iſt; ich müßte 1 die — 100 Rolle der Heuchlerin ſpielen und—, Nein— nein! Beſſer iſt ſein Haß, als ſeine Verachtung! Er ſoll nie Grund dazu finden, ſeine Baſe Ruth zu verachten.“ Huftritte von Pferden unterbrachen die Ge⸗ danken des ſchönen Mädchens, und unmittelbar darauf traten drei Männer, die am Thore abge⸗ ſtiegen waren, in den Hof. Einer unter ihnen war ihr unbekannt. Seine Begleiter waren die beiden Schleichhändler. Die Quäkerin ſchauderte. Sie hatte einen in⸗ ſtinetartigen Widerwillen ſowohl, wie Furcht vor Jorrocks, welcher, obgleich er nie gewagt, ſeine Leidenſchaft in directen Worten auszuſprechen, ihr ſanftes Weſen doch häufig durch ſeine kecken Blicke erſchreckt hatte. „Dieſer Mann!“ rief ſie aus;„jetzt bin ich feſt überzeugt, daß man Schlimmes mit den Gäſten meines Vaters vorhat.“ Ruth blieb noch einige Zeit auf ihrem Poſten, nachdem Redmond O Neil und ſeine Gefährten in das Comptoir eingetreten waren. Endlich ſchlich ſie ſich aber vorſichtig vorwärts und lauſchte unter dem Fenſter. „Das iſt der Preis ſeiner eigenen Seele, um die mein Vater handelt!“ murmelte ſie vor ſich hin als ſie die Anerbietungen vernahm, die Ephraim Sleek von Seiten des Vaters des Kindes gemacht wurden.„Himmliſcher Vater! Laß es nicht zu, daß dieſe Sünde vollbracht werdel⸗ „So wäre alſo die Sache in Ordnung, Freund!“ ſagte der Quäker.„Um welche Stunde wird das 101 Boot von Dover abſtoßen?“ fügte er, an Jorrocks gewendet, bei. „Späteſtens um acht Uhr.“ „Gut.“ „Wie bekommen wir aber das Weib an Bord?“ fragte Joſeph Kerl. „Ich habe dieß ſchon bedacht,“ antwortete der Quäker.„Obgleich die Frau einen ſehr reſoluten Charakter hat, ſo iſt ſie doch höchſt ſchlicht und vertrauensvoll von Natur. Mir ſchenkt ſie unbe⸗ dingten Glauben. Ich will ihr weiß machen, daß das Schiff nach der großen Stadt London, anſtatt nach Frankreich, beſtimmt ſei, und daß, wenn ſie ſich darauf einſchiffe, dieß das ſicherſte Mittel ſei, den Verfolgungen des Capitäns zu entgehen.“ Sämmtliche Anweſende erklärten dieſen Plan für ganz vortrefflich und beſprachen ſich noch wei⸗ ter darüber. Ruth aber wartete nicht ab, noch mehr zu hören, ſondern kehrte in das Haus zu⸗ rück, ſuchte Katty's Zimmer auf, die ſie raſch aus dem Schlafe weckte. Dieſe war nicht ſo bald überzeugt, daß dem Kinde ihrer Milchſchweſter aufs Neue Gefahr drohe, als ihre Energie und Geiſtesgegenwart zu⸗ rückkehrten. Die Irländer ſind von Natur eine ſehr intelligente Race, und Katty machte keine Aus⸗ nahme von dieſer Regel. „Aber in Ihres Vaters Haus wird uns gewiß kein Leid widerfahren, meine gute Dame? Habe ich nicht das Brod mit ihm gebrochen?“ „Das haſt Du.“ e „Und unter ſeinem Dache geſchlafen?“ — 102 „Dieß haſt Dw allerdings auch.“ Ruth bedeckte ihr Geſicht einen Augenblick lang mit beiden Händen, um ihre Schamröthe über ihres Vaters Niederträchtigkeit zu verbergen. Die Irländerin blickte ſie ſcharf an. „Dann kann ich nicht ſagen, was Sie damit ſagen wollen,“ bemerkte ſie. „Es will ſo viel heißen,“ antwortete die ſchöne Quäkerin, welche, obgleich ihr Geſicht wieder weiß wie Marmor geworden war, doch alle ſonſtigen Spuren ihrer Gemüthsbewegung zu bemeiſtern ge⸗ wußt hatte—„daß mein Vater das Gold mehr als Rechtſchaffenheit liebt; daß er Dich an den Feind, der Dich verfolgt, verkaufen würde; daß er eben jetzt mit dieſem und noch zwei andern Män⸗ nern der ſchlimmſten Gattung den Plan verabredet, Dich an Bord des Schiffes zu locken, das dieſe zu ihrem Handel benützen.“ „Die Schurken!“ „So iſt es aber leider.“ „Und auch er mit den weißen Haaren! der ſanft ſprechende Cromwellianer! Was ſoll ich thun? Mein Herz iſt in den Tod betrübt!“ „Ich habe Dich gewarnt,“ ſagte Ruth,„und ich will Bich retten. Kannſt Du der Tochter des Mannes Vertrauen ſchenken,“ ſetzte ſie hinzu,„der Dich verrathen hat?“ Katty ergriff des Mädchens beide Hände und blickte ſie lange und ernſt an. „Ich kann es,“ erwiderte ſie.„Es iſt nichts Falſches in Ihrem Herzen und keine Lüge auf Ihren Lippen. Der Verſucher würde nie wagen, — 103 Ihnen ſchlimme Gedanken einzuflüſtern. Der En⸗ gel, der aus Ihren blauen Augen blickt und über Ihnen wacht, würde ihn ſogleich verſcheuchen.“ „Ich habe einen Freund,“ ſagte die Quäkerin, die zu betrübt war, als daß ſie die Worte beachtet hätte, mit welchen die Frländerin ihr Vertrauen ausſprach,„der in zwei Stunden Dover verläßt, um nach der großen Stadt zu begeben. Ob⸗ gleich er zu unſern Leuten gehört, ſo iſt er doch muthig von Geiſt und ſtark von Arm. Willſt Du Dich unter ſeinen Schutz ſtellen?“ „Wenn Du für ihn gut ſtehſt.“ „Wie für mich ſelbſt,“ verſetzte die Jungfrau, „ſoweit es ſich dabei um den Willen, Dir zu die⸗ nen, handelt.“ „Das Weitere liegt allerdings in des Himmels und der geprieſenen Heiligen Hand, die heute Nacht über uns wachen mogen,“ bemerkte Katty. Das Kind wurde jetzt aus dem Bette genom⸗ men, in welchem es bis jetzt geſchlafen hatke, und raſch in das Wickelkiſſen gelegt. „Ruhig! Ruhig! Weine nicht, Schätzchen,“ flü⸗ ſterte die Amme, als der Knabe einen leiſen, kla⸗ enden Ton vernehmen ließ.„In Deinem zarten Alter ſchon! Aber Gott iſt barmherzig.“ Nachdem ſie in das Schlafzimmer hinabgeſtie⸗ gen waren, führte Ruth Katty an den halbgeöff⸗ neten Laden und deutete nach dem Comptoir, von deſſen Fenſter das Licht ſeine Strahlen auf das feuchte Pflaſter des Hofes warf, ein Beweis, daß ein i Thau gefallen war. Als Katty jaß, daß das Kind wieder einge⸗ — 104 chlafen war, ſchlich ſie mit klopfendem Herzen aus i r i überſchritt den Hof und blickte ver⸗ fitie Lurch das Fenſter des Comptoirs. Es war ieß ſehr gewagt, denn eine Wendung des Kopfes, der Blick eines Auges von einer der innerhalb be⸗ findlichen Perſonen würde ſie verrathen haben. enige Secunden reichten hin, um ſie zu über⸗ zeugen, daß die Gefahr wirklich vorhanden und zwar ſehr dringend war. Wenn nicht die Anwe⸗ ſenheit Redmond O Reil's ſchon an und für ſich genügt hätte, ſo würde ſie die von Jorrocks, wel⸗ chen ſie an der noch ungeheilten Schramme in ſei⸗ nem Geſichte erkannte, jedes weitern Zweifels überhoben haben. Sie wandte ſich daher raſch wieder weg und begab ſich zu Ruth in das Speiſezimmer. „Haſt Du Pich ſelbſt überzeugt?“ flüſterte Letztere;„folge mir jetzt, denn wir haben keine Zeit zu verlieren.“ Nachdem ſie den hintern Eingang in das Haus ſorgfältig verriegelt und verſchloſſen hatte, um jede unzeitige Entdeckung zu verhüten, führte Ruth ihren Gaſt auf die Straße. Schon dämmerte im Dſten das erſte Licht des Morgens und brach die nächtlichen Wolken in blaſſe graue Silbermaſſen. lücklicherweiſe für die Quäkerin war die Stunde zu frühzeitig, um geſehen zu werden, als e und ihr Gaſt raſch ausſchritten, bis ſie aus er Stadt auf die nach Canterbury führende Haupt⸗ ſtraße gelangten. „Der, von dem ich ſprach, wird bald hier ſein,“ bemerkte Ruth, zum erſten Mal das Stillſchwei⸗ 105 gen brechend, ſeitdem ſie das Haus verlaſſen hatte. „Schon höre ich das Klingeln der Nichtigkeiten, welche in Geſtalt von Schellen der Mann Kiplin an das Geſchirr ſeiner Pferde befeſtigt hat.“ „Gott ſegne Sie!“ rief Katty.„Sie haben ſich mir als eine treue Freundin bewährt. Ich wünſche nur, daß Sie nie einer ſolchen bedürfen oder eine düſtere Stunde kennen lernen.“ Das dankbare Geſchöpf dachte entfernt nicht daran, daß das ſchöne Mädchen, welches wie ein ſchützender Engel über ihr gewacht hatte, bereits mit dem Kummer ſehr vertraut war. „Ich will für Sie beten,“ fuhr ſie fort,„und der kleine Phelim— das iſt nämlich mein eigener Junge— ſoll auch für Sie beten, ſobald er im Stande iſt, ein Gebet zu ſprechen.“ „In einem Punkte kannſt Du mir einen Ge⸗ fallen erweiſen,“ bemerkte die Jungfrau. „Und worin beſteht dieſer, meine Liebe?“ „Sprich mit Reuben Geldart, dem Freund, der Dich begleiten wird, nicht von meinem Vater.“ „Nicht ein Wort,“ verſetzte Katty, die vielleicht den Grund ihrer Bitte errieth.„Es iſt wahrhaf⸗ tig merkwürdig,“ murmelte ſie vor ſich hin,„daß die Taube im ſeſt des Geiers ausgebrütet wurde.“ „Jetzt kündigte das Geklingel der Schellen die nahe Ankunft des Wagens an, der, von einem Geſpann von acht kräftigen Pferden gezogen, aus der Stadt heraus fuhr. Der vordere Theil des Fuhrwerks war mit Kaufmannsgütern gefüllt, und nur der hintere Theil war für die Reiſenden frei gelaſſen. — 106 S der Zeit, welche wir beſchreiben, wurde die Frachtpoſt als eine ganz anſtändige, wenn auch ökonomiſche Fahrgelegenheit von einem Ort zum andern angeſehen. Reuben Geldart, welcher, anſtatt die zeltartige Heffnung auf dem hintern Theile des Wagens zu beſteigen, gemächlich neben dem Fuhrmann einher⸗ Site kam, war ſehr erſtaunt, als er ſeine aſe erkannte. „Ruth!“ rief er aus, und ſein Auge leuchtete über dieſen Beweis von Aufmerkſamkeit, wie ihm däuchte;„was führt Dich aus einem Hauſe zu ſo früher Stunde hieher?“ „Nicht der Grund, den Du meinſt,“ verſetzte die Quäkerin mit feierlichem Lächeln,„ondern ein Werk der Barmherzigkeit. Dieſe Frau bedarf kein Geld, denn ſie ſagt mir, daß ſie mit Mitteln zu ihrer Reiſe verſehen iſt, aber des Schutzes, und da Du im Begriff biſt, nach der großen Stadt Dich zu begeben, ſo empfehle ich ſie Deiner Fürſorge.“ „Recht gern,“ antwortete der junge Mann, dem es vielleicht angenehmer war, daß ſeine liebliche Baſe ihre jungfräuliche Zurückhaltung nicht außer Acht elaſſen hatte, als wenn ſie um ſeinetwillen eine usnahme gemacht hätte. „Sie hat Feinde,“ fuhr Ruth fort,„die ihr das Kind entreißen wollen, das ihrer Pflege an⸗ vertraut iſt.“ „Fürchte nichts. So lange Leben in mir iſt, ſoll Niemand ihr etwas zu Leide thun.“ „Ich zweifle nicht an Deinem Muthe, Reuben,“ erwiderte die Jungfrau;„ſei aber vorſichtig um 107 Deiner verlaſſenen Mutter willen. Alſo nochmals, lebe wohl!“ „Der Segen des Herzens ſei mit Ihnen!“ ſprach die dankbare Katty;„um Ihretwillen werde ich beſſer vom Lande der Sachſen denken.“ „Rechtſchaffenheit trifſt man überall,“ bemerkte die Jungfrau.„Lebe auch Du wohl, und mögeſt Du Deine Heimath in Frieden erreichen!“ Es iſt unnöthig zu unterſuchen, ob das Ab⸗ ſchiednehmen von chrem Vetter erneuert wurde oder nicht. Wenn es erneuert wurde, ſo wurde es jedenfalls ſehr kurz abgemacht; denn ſobald der Fuhr⸗ mann ſein Geſpann zum Weitergehen antrieb, ſchlug Ruth den Weg nach dem Hauſe ihres Vaters ein. Ihre Abweſenheit war offenbar nicht bemerkt worden, denn Ephraim wünſchte ihr in ſeinem ge⸗ wohnten Tone einen guten Morgen, als beide ſich um ſieben Uhr am Frühſtückstiſche trafen. Hannah hatte von ihrer Herrin die Weiſung erhalten, ſich aus dem Speiſezimmer zu entfernen, um nicht Zeugin des Zornes ihres Herrn bei einer Entdeckung zu werden, die offenbar in den nächſten Angenblicken erfolgen mußte. Der Quäker, der ſchon ein paarmal forſchende Blicke nach der Thür geworfen hatte, fragte endlich ſeine Tochter, ob ſie ihren Gaſt noch nicht geſehen hätte. „Die Frau iſt abgereiſt,“ antwortete Ruth. Deinem Wiſſen?“ fragte er. „.“ „Und Deinem Beiſtand?“ 5 „Mit beiden,“ antwortete die Jungfrau feſt, aber achtungsvoll. — Sheau vergaß die Grundſätze der Secte, deren Mitglied zu ſein er ſich den Anſchein gab, ſo ſehr, daß er einen Fluch der getäuſchten Hoff⸗ nung. „Du haſt mir die Ausſicht geraubt,“ murmelte er,„die ſchweren Verluſte wieder zu erſetzen, die ich erlitten habe.“ „Ich habe Dich vor der Sünde gerettet, die⸗ jenige um des Goldes willen zu verrathen, welche Deinem Verſprechen vertraute,“ erwiderte ſein Kind.„Wird Deine Seele nie von dieſem grß⸗ lichen Ausſatz ſich reinigen?“ fuhr Ruth fort.„Er kenngt Dir Dein ganzes Herz, und der Götze, em Du dienſt, nitt einſt zu brennenden Kohlen in Deiner Hand werden, die Dich verzehren werden.“ Der weltlich geſinnte Vater war nicht in der Laune, von ſeinem guten, exemplariſchen Kinde eine Moralpredigt anzuhören. Die vorherrſchende Leidenſchaft ſeiner Natur, die Habſucht hatte eine Täuſchung erlitten und er ſtierte ſie deßhalb mit Blicken des Zornes und des Haſſes an. „Elende!“ murmelte er, indem er mit ſeinen langen knochigen Fingern ihren ſchönen, zarten Arm packte.„Ungehorſames Geſchöpf. Auf wel⸗ chem iſt ſie entflohen? Antworte mir, wenn Du auf Verzeihung hoffen willſt. Sie kann noch nicht weit gekommen ſein, und es iſt wahrſchein⸗ lich noch nicht zu ſpät, um diejenigen, welche ſie einholen wollen, auf ihre Spur zu führen.“ Ruth gab keine Antwort. „Antworte mir,“ fuhr er fort.„Du weißt 109 nicht, was Deine Thorheit mich koſtet— zum aller⸗ wenigſten zweihundert Goldſtücke. illſt Du Deinen armen, alten Vater am Bettelſtabe ſehen? Antworte mir, wenn Du meinen Fluch vermeiden willſt. Rührt Dich das nicht, Undankbare— 2 des Vaters Fluch?“ „Der Himmel wird ihn nicht hören,“ antwor⸗ tete die Tochter feierlich.„Du wirſt ihn, wenn der Sturm vorüber, und der böſe Geiſt, von wel⸗ chem Du beſeſſen biſt, gewichen iſt, von ſelbſt widerrufen.“ „Nie!“ ſchrie Ephraim, ſein 6 Haar in Wuth zerraufend,„nie! Zweihundert Stücke vom ſchönſten, gelben, blinkenden Gold, friſch, wie aus den Minen von Ophir, und dabei ſo keicht ver⸗ dient! Doch, ich verliere meine Zeit mit Dir; es iſt vielleicht noch nicht zu ſpät, ſie noch einzu⸗ holen.“ Damit wollte er das Zimmer verlaſſen, aber Ruth ſtellte ſich raſch zwiſchen ihn und die Thüre. „Vater,“ rief ſie aus,„Du ſollſt das nicht thun. Vermehre nicht Deine Sünden mit einer noch ſchwereren, als alle andere. Habe Mitleid mit Dir ſelbſt!“ In der Wuth, welche dieſe Worte erweckten, ſchlug der alte Mann ſein Kind, welches, gleich einem Engel, ihn gegen ſich ſelbſt angefleht hatte. Kein Laut entſchlüpfte der Jungfrau Lippen; aber aus ihren tiefblauen Augen ſah ſie Ephraim mit einem Blicke an, der dieſen an ihre verſtorbene Mutter erinnerte, ſo daß er plötzlich ruhig wurde. — 110 Der Dämon, von dem er beſeſſen war, entwich für einen Augenblick. „Verzeihe mir, Ruth!“ rief er aus.„Ich meinte es nicht ſo böſe— es war Wahnſinn, Wahnſinn— Du weißt ja, wie ſehr ich Dich liebe; aber der Verluſt, den Deine Thorheit mir verurſacht, ärgerte mich. Gott ſtehe mir bei!“ fuhr er fort, mit der Hand über die Stirne fah⸗ rend.„Ich muß wahrhaftig ſchwer verſucht wor⸗ den ſein— mein Kind— mein einziges Kind zu ſchlagen!“ Ueberwältigt von einem Gefühl der Scham über ſein ſchmähliches Betragen, verließ der Geiz⸗ hals das Zimmer. Ruth aber warf ſich auf ihre Kniee, um für ihren Vater zu beten. Siebentes Kapitel. Als Ephraim Sleek ſich entfernte, um nicht länger den Anblick ſeines Kindes ertragen zu müſ⸗ ſen, war der Sturm der Leidenſchaft, in welchem er ſich bis zu der unwürdigen Handlung eines Schlages hatte hinreißen laſſen, zwar für den Augenblick eingelullt, aber keineswegs ganz beru⸗ higt worden, und deßhalb brach er auch beim An⸗ lick Hannah's mit doppelter Heftigkeit wieder aus. Sie mußte Ruth bei deren Ungehorſam S etſe haben; wenigſtens vermuthete er, daß dieß der Fall geweſen ſei, und der Einfluß, den dieſe 111 Anſicht auf ſein Temperament übte, war eben ſo groß, als wenn er völlig unwiderlegbare Beweiſe ihrer Mitſchuld in den Händen gehabt hätte. „Wohin iſt die Frau geflohen?“ fragte er. Die kleine Quäkerin bhte ihn mit ihren dun⸗ klen, ſchwarzen Augen, in welchen ſich eben ſo ſeh“ Erſtaunen als Schrecken ausſprach, feſt an. „Antworte mir,“ fuhr er fort, ſie mit einem eiſernen Griff an der Schulter packend. „Was meinſt Du damit, Herr?“ ſtammelte das Dienſtmädchen. „Die Frau! Die Frau und das Kind!“ wie⸗ derholte er, indem ſich ſeine Geſichtszüge vor Wuth krampfhaft verzogen.„Man hat mich beraubt, geplündert, und zwar mein eigenes Kind! Sprich, oder ich bringe Dich in's Gefängniß. Iſt dieß mein Lohn dafür, daß ich Dir aus Barmherzig⸗ keit Obdach gab?“ Obgleich durch ſeine Drohungen und noch mehr durch die wüthenden Blicke, von denen ſie beglei⸗ tet waren, auf's Aergſte erſchreckt, erweckte das Wort Barmherzigkeit den Stolz Hannah's und ſetzte ſie in den Stand, ihre Thränen zu unter⸗ drücken. „Das Brod, das ich gegeſſen habe, war das Brod der Arbeit, Herr,“ erwiderte ſie,„nicht der Barmherzigkeit; es war hart verdient, wie Du wohl weißt— und ſpärlich zugemeſſen. Ich will nichts mehr davon eſſen,“ fuhr ſie fort,„ſondern Deinen Dienſt verlaſſen.“ „Auch Du?“ kreiſchte Ephraim unter wahn⸗ — ℳ 112 ſinnigem Lachen, ſo daß das Blut völlig von ſei⸗ nen Wangen zurücktrat. „Nenne mir den Namen meines Va⸗ ters,“ rief ſie aus,„und laß mich ziehen; ich will keinem Menſchen zur Laſt fallen.“ Dieſe Bitte ſchien an und für ſich ſehr ein⸗ fach, ſie diente aber bloß dazu, die Wuth des alten Mannes zu vermehren, bis er zuletzt infia vor Wuth zu ſchäumen. Der böſe Geiſt, von dem er beſeſſen war, war völlig losgelaſſen, und er war gar nicht mehr Herr ſeiner feſt „Du willſt den Namen Deines Vaters wiſ⸗ ſen?“ wiederholte er keuchend;„der Bettler ſchnappt nach der Hand, die ihn ſättigte— Du willſt den Namen Deines Vaters wiſſen! Er hatte keinen andern Namen, als Armuth. Das iſt Deine Erb⸗ ſchaft. Ja, Du ſollſt gehen. Ich werde Dich aus meinem Hauſe fortjagen, und Du magſt dann im Elend verkümmern und verhungern. Zuerſt ſollſt Du mir aber eingeſtehen, was aus der Frau und dem Kind geworden iſt!“ Ephraim's Fauſt zog ſich auf der Schulter ſeiner Dienerin immer feſter zuſammen, bis ſeine langen, knöchernen Finger in dem ſchönen, zarten Fleiſch halb eingegraben waren. Zugleich ſchüt⸗ telte er ſie heftig und verlangte unter Prtuhr den Drohungen die Beantwortung ſeiner Frage. „Ich weiß es nicht, Meiſter,“ ſtöhnte Hannah —„wahrhaftig ich weiß es nicht.“ „Der Geiſt der Lüge ſteckt in Dir! Du 23 teſt auch den Namen Deines Vaters wiſſen? Er 113 ſteht auf ſeinem Sarg geſchrieben; dort kannſt Du ihn leſen!“ Das Geſchrei des erſchreckten Mädchens wurde immer ängſtlicher; aber anſtatt die Wuth Ephraim Sleek's zu beſchwichtigen, ſchien dieſe immer mehr zuzunehmen. Es war reiner Wahnſinn, der ſeine Vernunft ſowohl, wie ſeine Klugheit völlig bemei⸗ ſterte, indem er Hannah jetzt ganz ver weiflungs⸗ voll um den Hals packte, um dadurch Schreien zu unterdrücken. Glücklicher Weiſe hörte es aber ſeine Tochter und kam in das Zimmer gerannt. Es war nicht das erſte Mal, daß ſie ihren unglücklichen Vater in einem ähnlichen Paroxismus ſah, und ſo ver⸗ ließ ſie auch dießmal ihre Geiſtesgegenwart nicht. Ohne das geringſte Zeichen von Aengſtlichkeit er⸗ griff ſie ihn beim Arm und ſuchte ſeine einge⸗ krallte Hand von Hannah's Schulter wegzuziehen. „Nein, nein!“ ſchrie er.„Sie weiß zu viel; laß mich los! Ich verliere mein Gold— mein gol und ich laſſe Dich als Bettlerin zurück, Kuth!“ „Willſt Du die Waiſe morden, die Du beraubt haſt?“ rief ſein Kind unwillig.„Hüte Dich vor des Henkers Hand!“ kit dem Zeigfinger zog ſie raſch einen Kreis um den Nacken des wüthenden Geizigen, wobei ſie aber kaum ſeine Haut berührte. Nichtsdeſtoweni⸗ ger machte dieß aber einen klektriſchen Eindruck auf ihn. Ein convulſiviſcher Schauer zuckte durch ſeine Glieder. Jeder Nerv an ihm ſchien gelähmt; Smith, Sein u. Schein. I. S 114 ſein t ließ nach und unterwürfig und hilflos, wie ein Kind, ſank er auf einen Stuhl. Ruth ſchloß die entſetzte Hannah in ihre Arme, küßte ſie, weinte mit ihr und ſuchte durch begü⸗ tigende Worte ihre Aufregung zu beſänftigen. „Er iſt wahnſinnig,“ flüſterte ſte;„er muß wahnſinnig geweſen ſein, ſonſt hätte ihn Habſucht nicht ſo weit treiben können.“ „Nimm mich von ihm weg,“ murmelte das Kind, denn den Jahren nach war Hannah kaum mehr, als ein ſolches, obgleich die Liebloſigkeit der Welt ſie frühzeitig zur Jungfrau e hatte.„Ich bin außer Stand, ſeinen Blick länger zu ertragen; er wird mich umbringen; ich bin überzeugt, daß er dieß thun wird.“ „Ja, ja,“ erwiderte ihre Herrin verwirrt,„Du ſollſt dieſen Ort des Elends verlaſſen; er iſt nicht länger mehr eine Heimath für Dich— Achl War er je eine Heimath für eine von uns Beiden? Ich weiß zwar nicht, wo ich eine für S aus⸗ findig machen oder wie ich Dir die Mittel dazu veſchefſen ſoll; aber dieſes Dach mußt Du ver⸗ aſſen. „Willſt Du es nicht auch verlaſſen, Ruth?“ rief das Mädchen. Die Quäkerin blickte ihren Vater an, der noch immer verſtört, ſprachlos und von Scham und Gewiſſensbiſſen überwältigt daſaß. „Ich bin ſein Kind,“ antwortete ſie ernſt,„und darf ihn nicht den Rathſchlägen ſeines böſen Her⸗ e überlaſſen. Folge mir,“ fuhr ſie fort,„und aß uns zuſammen das Weitere überlegen.“ —— 115 Die beiden jungen Mädchen verließen das Zimmer, ohne daß der alte Mann die geringſte Anſtrengung machte, ſie zurückzuhalten. Nahezu eine Stunde lang nach ihrem Weg⸗ gang blieb er regungslos auf feinem Stuhle ſitzen, die Augen feſt auf den ſandbeſtreuten Boden ge⸗ richtet, wie wenn der Dämon des Geizes ihm in das Ohr geflüſtert hätte, die Körner ſeien von Gold und er müſſe die hoffnungsloſe Aufgabe lö⸗ ſen, ſie zu zählen. Ein lautes Pochen an die Hinterthüre des Hauſes verlieh Ephraim Sleek ſeine Willenskraft wieder, und er ſtrich ein paarmal ſeine knöcherne Hand über die feuchte Stirne. „Sie weiß Alles“— murmelte er vor ſich hin —„Alles. Schon oft habe ich dieß vermuthet, wenn ich ihre blauen Angen mit ſo kummervollem Ernſt auf mein Geſicht gerichtet ſah. Wahrhaftig,“ fuhr er fort,„es iſt etwas Entſetzliches, als ein der Schuld überwieſener Mann meinen eigenen Kinde gegenüber zu ſtehen; fühlen zu müſſen, daß Verachtung mit Pflichtgefühl, Abſcheu mit Liebe kämpft; daß ſie mich verachten muß, ſelbſt wenn ſie mich bemitleidet! „Und doch war es nur um ihretwillen,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu,„daß ich mich abarbei⸗ tete und ſündigte, um Vermögen zu erwerben— es war nur um ihretwillen; denn wer ſonſt ſollte es erben, wenn ich todt bin?“ Wie viele Menſchen haben ihr Gewiſſen durch dieſelbe Sophiſterei zum Schweigen t bis 116 es ihnen endlich gelung. ſich ſelbſt zu überzengen, daß das Mittel das Verbrechen heilige! Das Klopfen an das Thor, welches mit dem Hof in Verbindung ſtand, wiederholte ſich. „Ich hatte es vergeſſen,“ rief er aus, indem er ſeufzte wie Jemand, der aus einem Traum erwacht. „Ich hatte es vergeſſen.“ Wie wenn eine Maſchine in Bewegung geſetzt wird, ſo nahmen die Geſichtszüge des alten Man⸗ nes wieder ihren gewohnten, ſcheinheiligen Ausdruck an; keine Spur der kaum gelegten Aufregun blieb zurück, mit Ausnahme eines etwas dunklern Schat⸗ tens unter ſeinem kalten, grauen Auge und einer unbedeutenden Feuchtigkeit auf ſeiner Stirne, die er ein paarmal abwiſchte, ehe er Jorrocks einließ. „Der Capitän meint, Sie hätten ihn vergeſſen,“ bemerkte der Schleichhändler. „Ich folge Dir,“ erwiderte Ephraim. „Es iſt keine Zeit zu verlieren; das Boot muß ſpäteſtens in ein Paar Stunden abgehen, ſonſt verlieren wir die Flnth. Das Geld liegt bereit.“ Bei dieſer Anſpielung auf den Preis ſeiner be⸗ abſichtigten Verrätherei— ein Preis, den er jetzt für verloren hielt— ſtöhnte der Geizhals. „Nun, was haben Sie denn?“ fragte Jorrocks, ihn neugierig firirend. „Nichts,“ antwortete der Quäker ruhig;„wir bedürfen Alle der Geduld auf dieſer Welt, und die meinige iſt ſchwer auf die Probe geſtellt worden.“ Puh Wenn Miß Ruth ihres Käfigs über⸗ drüſſig iſt, ſo liegt der Fehler an Ihnen. Warum ſuchen Sie ihr nicht einen Gatten aus?“ 117 Ein höhniſches Lächeln ſpielte einen um die Lippen des Vaters. Die Wünſche und Hoffnungen des Schleichhändlers waren nicht ſo unbemerkt von ihm geblieben, wie dieſer ſich ein⸗ bildete; obgleich ſie ehm im mindeſten keine Sor⸗ gen machten, denn er kannte ſeine Tochter zu gut, als daß er einen Augenblick gefürchtet hätte, ſie würde ihre Neigung einem Manne, wie ſeinem Verbündeten im Betrug, zuwenden. Als ſie in das Comptoir kamen, wo Redmond O Neil die Nacht zugebracht hatte, fand ihn ſein Gaſtfreund finſter und ungeduldig. Die Gefahr, welche den vom Geſetz verfolgten Rebellen bedrohte, war keineswegs gering anzuſchlagen; ſein Leben hing an einem Faden und er fing an Verkath zu efürchten. „Halten Sie ſo Ihr Verſprechen?“ fragte er. „Ich habe gewartet, während mein Herz ſich in Ungeduld verzehrte. Sind Katty und das Kind an Bord?“ „Nein,“ autwortete ſein Gaſtfreund;„ſie ſind aus meinem Hauſe entflohen.“ „Schuft!“ rief der Flüchtling, ganz außer ſich über dieſes abermalige Mißlingen;„Du haſt mich belogen, wie ein Hund,— mich hintergangen— mich verkauft.“ Zugleich faßte er den Griff des Degens, den ihm Jorrocks überlaſſen hatte. „Bleiben Sie ruhig, Herr,“ ſprach der Letztere, „und geſtatten Sie nicht der Leidenſchaft, Ihr Ur⸗ theil zu blenden; ob Ephraim Sie belügt,— dar⸗ über kann ich nichts ſagen; aber daß er Sie nicht 118 hintergeht, das liegt am Tage, und zwar aus einem ganz einfachen Grunde: das würde ihm nichts eintragen. Sie wiſſen zu viel von unſern Ge⸗ ſchäften, als daß einer von uns Gefahr laufen möchte, daß Sie ſie enthüllen.“ Der Grund ſchien zwar hinreichend glaubwür⸗ dig, allein Redmond fühlte ſich doch nicht völlig dadurch zufrieden geſtellt. „Wie ging es denn zu?“ fuhr der Schleich⸗ händler, gegen den Quäker gewendet, fort. „Meine Tochter,“ antwortete der alte Mann, „durchſchaute meine Abſicht und mit ihrem Bei⸗ ſtande entfloh die Frau. Es iſt nicht das erſte Mal,“ ſetzte er bitter hinzu,„daß ihre Thorheit meine Plane durchkreuzt hat.“ „Wenn Ruth ſie kannte,“ bemerkte Jorxocks, „ſo iſt mir Alles klar. Obgleich ſo mild und ſanft, würde ſie doch lieber ihr Leben daran ſetzen, als eine Taube im Stiche laſſen, die an ihrem Buſen Schutz geſucht hat; aber ſelbſt Ruth hätte, trotz all' ihrer Schlauheit, dieß nicht allein zu Stande zu bringen vermocht.“ „Nein; dieſe Schlange, Hannah, die ich aus Barmherzigkeit ernährt habe, half ihr dabei.“ „Und ohne Zweifel auch der Springinsfeld, ihr Vetter,“ rief der Schleichhändler, deſſen Eifer⸗ ſucht augenblicklich auf eine Spur kam, die dem Scharfſinn ihres Vaters entgangen war. „Du irrſt Dich,“ erwiderte der Quäker,„Reu⸗ ben Geldart hat meinen Dienſt verlaſſen und iſt auf dem Wege nach London.“ „Ich höre dieſe Nachricht faſt noch lieber,“ be⸗ 119 merkte der Erſtere in frohlockendem Tone,„als wenn man mir ſagte, daß der„Wren“ zu Grund gegangen ſei oder der Belphin(der Name ſeines eigenen Bootes) eine erfolgreiche Fahrt gemacht habe. Wann ging er fort?“ „Mit Tagesanbruch, mit Kiplin's Fuhrwerk.“ „Und Sie ſehen in der Sache klar,“ rief Jorrocks in verächtlichem Tone.„ ch weiß jetzt, wie die Sache ſteht. Noch iſt nichts verlo⸗ ren. Das Weib und der Balg ſind unter ſeinem Schutz. Kiplin kann noch nicht weit gekommen ſein, nicht weiter als nach Harbe Downes,“ fügte er bei, nachdem er eine ſchwere ſilberne Uhr, welche er in ſeiner Taſche trug, zu Rathe gezogen hatte.„Wir können ſie noch einholen.“ Es wurde eiligſt Rath gehalten und beſchloſſen, daß Jorrocks, Redmond und Joſeph Kerl dem Fuhrwerk in einer Poſtchaiſe nachfahren ſollten, deſſen Eigenthümer und Lenker Mitglied der gro⸗ ßen Schleichhändlergeſellſchaft war. Die nöthigen Befehle wurden ſogleich ertheilt, und in wenigen Augenblicken waren ſe bereit, ſich zur Verfolgung der Flüchtlinge auf den Weg zu machen. Eben als ſie im Begriffe waren in den Wagen zu ſteigen, legte Ephraim Sleek ſeine Hand auf O Neil's Arm. „Du biſt ein muthiger Mann,“ ſprach er,„und ein Krieger; aber ich ſage Dir, nimm Dich vor meinem Reffen Reuben in Acht; von den fremden Capitäns, welche häufig den Hafen beſuchen, hat 120 er das Fechten gelernt und er verſteht ſich noch beſſer auf den Degen, als auf die Feder.“ Redmond hörte ihn mit ruhigem Lächeln an. „Schlage meine Warnung nicht in den Wind,“ fuhr der alte Mann fort;„er läßt nicht mit ſich ſpaßen; frage nur Deinen Geföährten, der ſich auch an ihn gewagt und ihn kennen gelernt hat.“ Jorrocks, der gerade das Zündkraut auf ſeiner Piſtole unterſuchte, erröthete bei dieſen Worten tief. „Du wirſt daher gut thun, ihn feſt auf's Korn u nehmen, und kaſſe Dich durch keine Rück⸗ ſicht gegen mich abhalten.“ Nachdem der Quäker dieſe letzte Empfehlung kundgegeben hatte, entfernte er ſeine Hand von Redmond's Arm und blieb ſtehen, bis die Poſt⸗ chaiſe wegfuhr. „Da iſt Einer auf Reuben's Spur, der ihn haßt und den ächten Blutgeruch des Tigers beſitzt; der Andere, wenn ich ihn recht ſchätze, obgleich von edlerer Natur, hat noch nie einen Mann geſchont, der ihm quer in den Weg kam. Hm! BPie Lage der Dinge iſt ſo, daß Reuben beſſer daran gethan hätte, in meinem Dienſte zu bleiben; der Platz in dem Comptoir der Verwandten ſeiner Mutter kann unbeſetzt bleiben. Die Schuld liegt nicht an mir,“ ſetzte er hinzu;„ich trieb ihn nicht fort.“ Damit wandte ſich der alte Mann um und ſchritt ſeinem Hauſe zu. Als er in deſſen Nähe kam, ergriff ihn ein Gefühl der Reue oder der Beſchämung über die Gewaltthätigkeit, die er ſich vor Kurzem hatte zu Schulden kommen laſſen. Uebrigens gehörte er unter die Menſchen, welche 12¹ ſich von den Vorwürfen des Gewiſſens nicht über⸗ wältigen laſſen. Wenn dieſe zu laut wurden, ſo brauchte er bloß den Betrag ſeines Vermögens zu berechnen, um die innere Stimme ſogleich zum Schweigen zu bringen. Dießmal fürchtete er aber dem Blicke ſeiner Tochter zu begegnen;— ſein Kind, das einzige Geſchöpf, das er je geliebt hatte, durchſchaute ihn, und dieſes Bewußtſein war der Anfang ſeiner Beſtrafung. „Ich will an das Ufer gehen,“ ſprach er,„und ſehen, daß das Boot in Berecitſchaft geſetzt wird.“ Kaum hatte Ruth, die ihn vom enſter ihres Zimmers aus beobachtete, ſein Weggehen bemerkt, als ſie mit Hannah ſich aufmachte, um Reuben's Mutter zu beſuchen. Das Häuschen, welches die betagte Quäkerin bewohnte, ſtand in einem kleinen Garten am äußer⸗ ſten Ende der Stadt und machte, trotz ſeines ſchlichten Ausſehens, einen ſehr angenehmen und behaglichen Eindruck. Die Fenſter mit ihren halb zugezogenen Mouſſelinvorhängen waren ſpiegelrein, und die Thüren und Läden, von dunkler Choco⸗ ladefarbe, ſahen aus, als wenn ſie ganz friſch an⸗ geſtrichen worden wären. Die Wittwe erkannte ihre Nichte, als dieſe den Gartenweg heraufkam, und öffnete zu deren Em⸗ pfang die Thüre. Es war kein Wunder, daß Reuben ſeine Mut⸗ ter zärtlich liebte; denn nicht leicht waren Wohl⸗ wollen, Herzensgüte und einfache, ungezwungene Frömmigkeit mit mehr leſerlicher Schrift irgendwo geſchrieben, als auf den Geſichtszügen von Sarah — 122 Gedart. Ihr Geſicht war einſt ſehr ſchön gewe⸗ ſen, ja es war es ſogar jetzt noch, obgleich Kum⸗ mer und Zeit ſeit lange dazu heigetragen hatten, ihren Wangen die Friſche zu rauben und die Spu⸗ ren der Sorgen auf ihre einſt glatte Stirne zu graben, deren breite Wölbung zum Theil durch die große, weiße Mouſſelinhaube, die ſie trug, und den ſilbernen Scheitel darunter verdeckt war. Gleich den meiſten Angehörigen der Secte, von welcher ſie ein ſtrenges, aber gewiſſenhaftes Mit⸗ glied war, erlaubte ſich Schweſter Geldart ſelten, irgend ein Gefühl laut m en zu laſſen; nachſich⸗ tig, wie die Barmherzigker ſelbſt, in ihrer Beur⸗ theilung Anderer, würde ſie jede ſolche Schwäche gegen ſich ſelbſt für ſündhaft gehalten haben, und obgleich ſie im Stillen ſich über die Abreiſe ihres Sohnes grämte, bewillkommte ſie doch Ruth mit ihrem gewohnten, ruhigen, ungezwungenen Lächeln. Was die Heftigkeit ihres Vaters, deſſen rohes Benehmen und Schlag nicht zu bewerkſtelligen ver⸗ mocht hatten, das gelang auf die erſten liebreichen Worte, welche ihre alte Verwandte ſprach, indem ſich dieſer die Quellen des Herzens öffneten. Ruth ſchlang ihre Arme um ihren Nacken und weinte wie ein Kind an ihrer Bruſt. „Nun, nun, das iſt unvernünftig,“ ſagte ihre Tante, ſie in das Wohnzimmer führend, welches, obgleich kärglich möblirt, doch einige Stücke aus frühern, en Tagen enthielt;„das Leid, das uns drückt, wird leichter, wenn es mit Geduld er⸗ tragen wird. Geh' in die Küche, Hannah,“ fuhr ſie, an die Begleiterin ihrer Nichte ſich wendend, 123 fort;„vielleicht hat Deine Gebieterin allein mit mir zu ſprechen.“ Das kleine Dienſtmädchen, die vor Schweſter Geldart einen ſehr großen Reſpekt hatte, nicht ſo⸗ wohl wegen deren Strenge, als vielmehr wegen deren Frönmigkeit, gehorchte ſogleich, und die bei⸗ den Verwandten blieben allein beiſammen. „Das iſt nicht recht, Ruth,“ bemerkte die alte Frau, als ſie ſah, daß deren Thränen noch immer floſſen;„Du ſollteſt dieſe Prüfung mit Geduld er⸗ tragen.“ „Einen Kummer, wersden meinigen, haben ge⸗ wiß noch Wenige ertragen,“ verſetzte das weinende Mädchen; eine Bemerkung, auf welche ihre Tante keine Antwort gab, es wäre denn, daß ein unwill⸗ kührlicher Blick auf das Portrait ihres Sohnes, das über dem Kamingeſimſe hing, für eine ſolche ge⸗ golten hätte. Ruth erzählte nun den Wuthanfall, den ihr Vater gehabt, den heftigen Widerwillen, den er gegen die Dienerin gefaßt, deſſen Drohung, die⸗ ſelbe aus dem Hauſe zu jagen und ihre eigene Angſt um des Mädchens Sicherheit. Dabei deutete ſie aber nicht einmal mit einem Winke auf die Motive des alten Mannes oder auf die an ihr verübte Gewaltthätigkeit,— dieſe blieben feſt in ihrem reinen, ſanften und zur Vergebung geneigten et ver⸗ ſchloſſen. Sie war der gewiß ganz richtigen An⸗ ſicht, daß es nicht Sache des Kindes ſei, die Sünde des Vaters zu enthüllen. Ihre Tante ahnte dieß und liebte ſie um ihres Schweigens willen nur um ſo mehr. 8 — 124 „Ephraim Sleek iſt ein ſonderbarer Mann,“ bemerkte ſie;„aber offenbar war es Wahnſinn, wie Du ſagteſt, der ihn zu ſolcher Gewaltthätigkeit hinriß. Du weißt, daß ich arm bin“ ſetzte ſie in einem Tone hinzu, der mehr Bedauern, als Miß⸗ ſtimmung darüber ausdrückte,„aber deßhalb werde ich doch Alles thun, was ich vermag, um den Gatten meiner verſtorbenen Schweſter und den Vater ihres Kindes vor ſich ſelbſt uee vor Schmach zu retten. Laß Schweſter Hannah bei mir wohnen bleiben. Ich vermag zwar bloß das Scherflein der Wittwe zu bieten, aber ſie ſoll es theilen.“ 62ch wußte wohl, daß Du mich nicht abweiſen würdeſt!“ rief die Nichte, deren Gemüth ſich ſehr beruhigt fühlte über den Erfolg ihres Geſuchs. „Du biſt zu gut— zu—“ „Still, ſtill!“ unterbrach ſie die Tante etwas ungeduldig.„Du weißt, daß unſere Leute Schmei⸗ cheleien nicht lieben.“ „Das Ausſprechen der Wahrheit iſt keine Schmei⸗ chelei,“ verſetzte Ruth, die Wange ihrer glten Ver⸗ wandten küſſend;„und ich widerhole, daß Du zu gut biſt; denn ſind nicht Geduldzund Ver⸗ ſöhnlichkeit Tugenden?“ Reuben's Mutter betrachtete ſie und ernſt⸗ haft; vielleicht ſtieg der Gedanke in ihr auf, daß ihre Nichte etwas davon wiſſe, durch welche Mittel bei dem Tode ihres Gatten deſſen Geſchäftstheil⸗ haber die Rechnungen ſo verwirrt hatte, daß, an⸗ ſtatt des großen in das Geſchäft eingelegten Capi⸗ tals, nur ein ärmlicher Theil für die Wittwe und deren Sohn übrig blieb; und doch war dieß kaum — 125 möglich, ſo viele Jahre waren ſeitdem verfloſſen; dieſe Umſtände hatten ſich zugtfragen, ehe Ephraim, von ſeinem unerſättlichen Gocödurſt verleitet, mit den Schleichhändlern ſich eingelaſſen hatte. Wenn ſie aber auch etwas Dergleichen gearg⸗ wohnt hatte, ſo ließ ſie doch den Gedanken als nutzlos ſogleich wieder fahren. Ihre Grundſätze ließen es nicht zu, einen Verſuch zu machen, die Tochter zu einem Verrath an ihrem Vater zu ver⸗ leiten. Hannah wurde wieder in's Zimmer gerufen; als man ihr aber ſagte, ſie müſſe bei Schweſter Geldart bleiben, brach ſie in Thränen aus. „Ich will mit Dir zurückkehren, Ruth!“ rief ſie aus;„vielleicht hat Deines Vaters Zorn ſich ge⸗ legt, denn ich weiß wahrhaftig nicht, womit ich ihn mir zugezogen habe; ſo gräßlich er aber auch iſt, ſo will ich ihn doch lieber ertragen, als mich von Dir trennen.“ Die Wittwe ſah ſie freundlich an. „Ich kann nicht bleiben,“ fuhr das Mädchen fort, „mit dem Bewußtſein, daß Du in dieſem fürchterlichen Hauſe mit ihm allein biſt— Niemand bei Dir, der Dich erheitert, Dich ermuthigt oder ein freundliches Wort mit Dir ſpricht, wenn der finſtere Geiſt über ihn kommt.“ „Das iſt kindiſch,“ bemerkte ihre Herrin;„mein Vater wird mir nichts zu Leide thun.“ „Dir nichts zu Leide thun!“ ſagte das Dienſt⸗ mädchen.„Habe ich nicht den Schlag gehört?“ Ruth ſchloß ſie in ihre Arme, um die Ent⸗ — 126 deckung zu verhindern; es war aber zu ſpät, denn das Wort war herons. „Ein Schlag!“ wiederholte ihre Tante, deren bleiches Geſicht ſich vor Unwillen färbte.„Ruth! Ruth! Warum haſt Du mir dieß vorenthalten? Wenn nur mein Sohn hier wäre. Vielleicht,“ fuhr ſie nach kurzem Ueberlegen fort,„iſt es beſſer ſo. Er hat ein heftiges Temperament. Ich werde Deinen Vater ſprechen.“ „Es war das erſte Mal, glaube mir, und er ſchlug mich im Zuſtande der Unzurechnungsfähig⸗ keit,“ ſagte die Nichte;„weßhalb willſt Du ein Zu⸗ ſammentreffen aufſuchen, das nur ſchmerzlich für Dich ſein kann?“ „Weil dieß meine Pflicht iſt,“ lautete die ſchlichte, ungezierte Antwort;„nur wenige Worte wurden in den letzten Jahren zwiſchen mir und Ephraim Sleek gewechſelt; es wäre vielleicht beſſer F wenn es anders gegangen wäre.“ ie rückſichtsvoll auf die Gefühle Anderer Sarah Geldart immer war, ſo war es doch rein unmöglich, ſobald ſie einmal etwas für ihre Pflicht hielt, ſie von ihrem Vorſatze abzubringen; eine Eigenthümlichkeit, die ihre Nichte vollkommen kannte; dieſe fügte ſich daher geduldig, wenngleich nicht ohne große Beſorgniſſe, in die Unterredung zwiſchen ihrer Tante und ihrem Vater, welche jetzt unvermeidlich geworden war. Ehe wir aber von dieſer berichten, dürfte es dienlich ſein, dem Packwagen zu folgen, welcher in ſeiner ganzen Schwerfälligkeit ſeit Tagesanbruch unterwegs war. 127 Es gibt nichts Läſtigeres, als nach einer hef⸗ tigen Gemüthsbewegung auf irgend eine Weiſe eingeengt zu ſein; der Menſch ſehnt ſich nach friſcher Luft, nach freier Bewegung der Glieder, wie wenn er dadurch ſich ſelbſt entfliehen könnte. Die Mauern eines Palaſtes werden unter dieſen Umſtänden zu einem Gefängniß; wir brauchen Raum, der uns weit genug ſcheint, unſern Gedanken und unſrer Handlung freien Spielraum zu laſſen zur Beruhi⸗ gung des an uns zehrenden Fiebers. Nach Allem, was Katty erduldet hatte, war es iohet nicht zu verwundern, daß ſie in einer ner⸗ vöſen Aufregung ſich befand, und die widerholten Aufforderungen Kiplin's, der den Wagen führte, und ihres jungen Beſchützers ablehnke, welche wollten, daß ſie einſteigen und fahren ſollte. Sie zo es vor an ihrer Seite zu Fuß zu gehen, in⸗ em ſie den kleinen Redmond auf dem Arme trug, den ſie aber, um ihn vor dem heftigen Oſtwinde ſchützen, ſorgfältig in ihren weiten Shawl ge⸗ zuut hatte. Reuben erbot ſich mehrmals, ihr die Laſt ab⸗ zunehmen. „Eine Laſt,“ widerholte Katty,„er iſt keine Laſt für mich. Selbſt eine Lahme, wenn Gott fie zur Mutter gemacht hat, fühlt nicht das Ge⸗ wicht ihres Kindes; wie ſollte ich ſie alſo fühlen?“ „Gehört das Kind Ihnen?“ fragte der junge ann. „Es gehört meiner Milchſchweſter, Herr,“ ant⸗ wortete das treue Geſchöpf, indem ſich ihre Augen — 128 mit Thränen füllten,„und jetzt iſt es ſo gut, wie mein eigener Junge.“ „Was für ein Junge?“ fragte der Fuhrmann lachend, der ſie ihres irländiſchen Dialekts wegen nicht recht verſtand.„Verſtehen Sie ſie, Maſter Geldart? Ich glaube, ſie iſt eine Ausländerin— ihre Worte klingen gar nicht engliſch; aber ſie iſt ein kräftiges Weibsbild und gefüllt mir. Ich möchte wohl wiſſen, was ſie in dieſe Gegend geführt hat?“ „Trübſal,“ ſagte die Frau. Es lag etwas ſo Trauriges in dem Ton, in welchem Katty das Wort ausſprach, daß ſelbſt der Fuhrmann davon gerührt wurde und mehr⸗ 3 vor ſich hin murmelte:„Armes Ding! Armes ing!“ ee Sie ſich wegen des Fahrgeldes keine Sorgen,“ fügte er bei,„die Pferde gehören mein; auch der Wagen gehört mein— und, ſo wahr ich lebe, ich werde Sie nicht überfordern.“ Oögleich Katty überzeugt war, daß das An⸗ erbieten gut gemeint ſei, ſo beeilte ſie ſich doch, ihn zu verſichern, daß ſie hinreichend Mittel be⸗ ſitze, um jeder billigen Forderung zu genügen. Sie beſaß den ganzen Stolz ihres Heimathlandes. „Ich brauche den Arm eines treuen Freundes,“ bemerkte ſie,„aber kein Almoſen.“ „Einen Freund!“ wiederholte Kiplin.„Fürchten Sie nichts. Maſter Reuben iſt kein Kind. Er hat ſeinen Stutzen mitgenommen— Wäre wohl begierig, was die alte 3 dazu ſagen würde! Und ich führe ein Paar Arme mit einem Paar tüchtiger Fäuſte daran mit mir.“ 129 Der junge Quäker zeigte eine etwas verlegene Miene bei der Anſpielung auf ſeine Mutter, deren ſtrenge Begriffe mißbilligt haben würden, daß ihr Sohn Wußen bei ſich führe, auch wenn ſie zur Selbſtvertheidigung dienen ſollten. „Laſſen Sie es nur gut ſein,“ flüſterte der Fuhr⸗ mann;„ich werde ihr nichts davon ſagen.“ Die Landſtraßen waren, etwas zu jenen Zeiten durchaus nichts Ungewöhnliches, außerordentlich beſchwerlich und die unförmliche, hoch aufgethürmte Maſchine kam nur langſam vorwärts, wobei der Fuhrmann überdieß hän ſich genöthigt ſah, ſeine Pferde zu ganz beſonderer Kraftanſtrengung an⸗ utreiben, um die breiten Räder aus den tiefen Furgen herauszubringen, welche mit Regenwaſſer u Moraſt ausgefüllt waren. In einem ſolchen Augenblicke, in welchem der Fuhrmann ſich in einer Lage dieſer Art befand, holte die Poſtchaiſe, welche Redmond und ſeine Gefährten aufgenommen, den Packwagen ein. Da die Fenſter der Chaiſe herabgelaſſen waren, ſo erkannte Katty, welche die darin Sitzenden für ewöhnliche Reiſende hielt, ihre Verfolger nicht rüher, als bis dieſe aus dem Gefährt herausge⸗ ſprungen kamen. Ehe ſie einen Hilferuf laut wer⸗ den laſſen oder an Flucht denken konnte— ob⸗ gleich ein ſolcher Verſuch wahrſcheinlich nutzlos iſen wäre— hatte Jorrocks mit raſcher Hand as Kind ihr aus den Armen geriſſen. Er hätte es ſogleich ſeinem Gönner übergeben, wenn dieſer nicht mit einem Schauder es zurückgewieſen hätte. Smith, Sein u. Schein. I. 9 „Geben Sie es Ihrem Gefährten,“ murmelte er mit rauher Stimme. Joſeph Kerl empfing das hilfloſe, unſchuldige Weſen und flüchtete damit in die Chaiſe. „Wahnſinniger!“ rief die entſetzte Milchſchweſter der unſchuldig zu Tod gehetzten Ellen.„Wollen Sie auch das Blut Ihres eigenen Kindes auf Ihr Siſn „ abe Ihnen ſchon längſt geſagt, daß i dem Pale nicht mehr nach e bh „Das iſt aber ſein Tod, ſage ich Ihnen,“ ver⸗ ſetzte die Frau, indem ſie ſich auf die Kniee warf und O Neil umklammerte,„es iſt ebenſo ein Mord, als wenn Sie ihm das Gehirn auf dem Boden zerſchmetterten. Ohne mich muß er ſterben! Red⸗ mond,“ fuhr ſie fort,„hat ſich denn Ihr ganzes Weſen verändert? Denken Sie an die Dahinge⸗ ſchiedene— und daß ſie, deren treues Herz Sie gebrochen haben, trauernd um ihr Kind auf Sie herabblickt.“ Obgleich der getäuſchte unglückliche Mann von ſeinem Vorhaben ſich nicht abbringen ließ, ſo ſah er doch die Nothwendigkeit ein, das Kind nicht von ſeiner Amme zu trennen, und ſo nahm er Katty auf die Arme und ſetzte ſie ebenfalls in die Chaiſe. Joſeph Kerl, der ohnehin nicht recht wußte, was er mit der ihm anvertrauten Laſt anfangen ſolle, übergab dieſe mit an Katty, die froh war, das Kind ihrer Milchſchweſter wieder an ihre Sen zu Snner ig „Sei ruhig, Schätzchen, ſei ruhig!“ murmelte ſie, indem ihre Thränen auf— unſchuldige Ge⸗ — ————— —————— 131 ſicht träufelten.„Das iſt der härteſte Schlag, der uns treffen konnte!“ Unterdeſſen war Reuben Geldart nicht müßig geweſen. Der Gewaltſtreich war ſo raſch ausge⸗ führt worden, daß, ehe er ſich von ſeinem Erſtau⸗ nen erholen konnte, die Frau und das Kind in dem Gefährte ſich befanden. Er griff den Schleich⸗ händler, den er erkannte, ungeſtüm und mit dem feſten Entſchluß an, ihn nicht entwiſchen zu laſſen. „Halt!“ rief der Fuhrmann.„Ich habe einen Stutzen im Wagen; ich will ihn holen! Hier muß er ſein. Ich will ihm eins aufpfeffern.“ Ehe er aber ſeine gut gemeinte Abſicht auszu⸗ führen im Stande war, ertönte ein Schuß aus einem Piſtol und der junge Quäker lag, in ſeinem Blut gebadet, auf dem Boden. Jorrocks ließ ein heiſeres Lachen hören, als er den Bock beſtieg, dem Kutſcher die Zügel aus der Hand nahm, die Pferde zur Umkehr wandte und davon fuhr. „Hol' Dich der Henker! Ich kenne Dich!“ rief ihm der Fuhrmann nach;„ich will Dich für Deine heutige Arbeit an den Galgen bringen, und müßte ich meine beſten Roſſe von meinem Geſpann verkaufen, um damit die Advokaten bezahlen zu können!“ Zugleich hob er Reuben vom Boden auf, der noch athmete, legte ihn behutſam in den Wagen und fuhr dem nächſten Hauſe zu, um dort Beiſtand zu ſuchen. Der Mörder aber und deſſen Gefehne fuhren, 132 „ ſo raſch die Pferde laufen konnten, auf dem Wege zurück, Dover zu. „Eine ſchlimme Geſchichte,“ ſagte der Poſtillon, dem es bei dem Auftritte, den er mit angeſehen, gar nicht wohl zu Muthe war.„Das iſt aber nicht der rechte Weg,“ fügte er bei, als er ſah, daß Jorrocks eine Richtung eingeſchlagen hatte, an das Ufer, aber keineswegs in die Stadt führte. iſt mein Weg,“ erwiderte der Böſewicht kalt. In weniger als zwei Stunden nach der Ent⸗ führung Katty's und des Kindes befand ſich die Geſellſchaft am Bord des Delphin, der die Anker lichtete, und das Schmugglerſchiff ſtrich, leicht wie ein Seevogel über dem Waſſer, durch die Wellen den Küſten Frankreichs zu. Achtes Kapitel. Während den im vorigen Kapitel beſchriebenen Ereigniſſen ſit ſich in Plaxted Allerlei zugetra⸗ gen. Weil Lieutenant Elvey im Begriff war, auf dem„Wren“ zum Kreuzen auszulaufen, war das Frühſtück im Pfarrhauſe zu früherer Stunde als gewöhnlich aufgetragen worden. Doktor Titlow und deſſen Gaſt ſaßen noch nicht lange bei Tiſch, als Pike und Bryce, die Po⸗ lizeiofficianten, welche der würdige Friedensrichter W 133 von Dover ſich verſchrieben hatte, eintrafen, um den Gefangenen in Empfang zu nehmen. Beide waren reſolute, erfahrene Männer und gewöhnt, ernſtere Fälle zu behandeln als ſolche, welche zur Kenntnißnahme des Dorfconſtabels Ja⸗ kob Bumps kamen. „Der Gentleman, welchen feſtzunehmen meine peinliche Pflicht mir vorſchrieb,“ bemerkte der Frie⸗ densrichter,„iſt kein gewöhnlicher Criminalver⸗ brecher.“ „Wohl gar ein Mörder, Herr?“ fragte Pike in amtseifrigem Tone. „Nein, nein,“ rief der alte Herr raſch;„dem Himmel ſei Dank, ſo ſchlimm ſteht es nicht— er iſt des Hochverraths angeklagt. Ich hielt es für beſſer, nach euch zu ſenden. Der Conſtabel von Plarted,“ fuhr er fort,„iſt zwar ein ſehr vortreff⸗ licher, vertrauter Mann, aber etwas ſchwach. Nach meiner Ueberzeugung dürfte der Gefangene aus eurem Gewahrſam weniger leicht entkommen als aus dem ſeinigen.“ „Wir kennen Mr. Bumps, Euer Ehrwürden,“ bemerkte Bryce trocken. Der Verhaftsbefehl, welcher am Abend zuvor ausgefertigt worden war, wurde den Officianten eingehändigt, welche ſich ſogleich nach dem Gefäng⸗ niſſe auf den Weg machten, um Redmond in Em⸗ pfang zu nehmen. „Ich kann ein gewiſſes Gefühl des Bedauerns nicht unterdrücken hinſichtlich meines Antheils an der Gefangennehmung des unglücklichen Gentle⸗ man,“ ſagte der Lieukenant.„Er iſt offenbar ein 134 tapferer Mann und vertheidigte ſich wacker. Ich hofſe, daß die Sache keine ernſten Folgen für ihn haben wird.“ „So weit es ſich dabei um ſein Leben handelt, glaube ich: nein,“ erwiderte der Doktor.„Dazu iſt die Regierung zu mild.“ „Und doch läßt ſie manchen Menſchen aufhän⸗ gen, weil er ein Schaf geſtohlen hat,“ bemerkte Elvey. Als die Conſtabels vor dem Gefängniſſe an⸗ langten, bemerkten ſie zu ihrem Erſtaunen, daß die äußere Thüre zwar zugemacht, aber nicht ver⸗ ſchloſſen war. Nachdem ſie ſie geöffnet, traten ſie in das Zimmer, in welchem der unglückliche Bumps, kaum wenige Stunden zuvor, im Bewußtſein ſei⸗ ner Würde geſeſſen und ſich Träumen überlaſſen hatte, welche— nun, wir können fühlen, wie es iſt, wenn ein edler Ehrgeiz auf Einmal in gänz⸗ liche Hoffnungsloſigkeit ſich verwandelt. Dieſes Thema iſt übrigens zu peinlich, um es weiter zu verfolgen. Der umgeworfene Tiſch, die ehrwürdigen In⸗ ſignien der geiſtlichen und weltlichen Autorität, welche auf dem Boden lagen, gaben den Offician⸗ ten die erſte Aufklärung über das, was vorgefallen war. uff, ſagte Pike, hoch aufathmend;„der Vo⸗ gel iſt ausgeflogen!“ „Nein doch— da ſind ja zwei Vögel ſtatt einem im Käfig,“ bemerkte ſein Kamerad, durch das Gitterthor in die innere Zelle blickend. „Holen Sie ſie alſo heraus!“ 135 Die Riegel wurden zurückgeſchoben und der niedergeſchlagene Bumps, deſſen zerkratztes Geſicht ein ſtummes Zeugniß von der höchſt unbehaglichen Nacht ablegte, die er mit ſeinem zankſüchtigen Weib zugebracht hatte, kroch mit einfältiger Miene an das Tageslicht hervor. ſol mit ſtärkerem Geiſt begabte beſſere Hälfte olgte. Als die Conſtabels von Dover ihren ländlichen Collegen erkannten, brachen ſie in ein herzliches Gelächter aus, von welchem jeder einzelne Laut einen neuen Gifttropfen auf Jakob's verwundetes Gemüth träufelte. Wie Burke bemerkte, wenngleich zufälliger Weiſe einige Jahre ſpäter.„Die Zeit der Ritterlichkeit iſt dahin; es gibt keine wahre Theilnahme mehr an gefallener Größe.“ „Was haben Sie denn mit Ihrem Gefangenen gemacht?“ fragte Mr. Pike, ſobald er ſich wieder gefaßt hatte. „Er iſt entwiſcht.“ Der winſelnde Ton, in welchem dieß geſagt wurde, bewies, wie gedemüthigt der arme Hiun ſich durch dieſes Geſtändniß fühlte. „Entwiſcht?“ wiederholte der Officiant. „Ja,“ rief Mrs. Bumps lebhaft;„und bloß deß⸗ wegen, weil dieſer faſelnde, einfältige Wicht nicht den Muth eines Mannes beſaß, es zu verhindern.“ „Wenn Du nicht darauf beſtanden hätteſt, Jo⸗ ſeph Kerl in das Geſängnißzimmer hereinzubrin⸗ gen, meine Liebe—“ 8 Ein Blick von ſeiner Frau erinnerte ihn an — ſein Verſprechen, ihren Antheil an dem Handel nicht verrathen zu wollen. „Joſeph Kerl?“ ſagte Bryce.„Von dieſem Burſchen hörte ich ſchon; das Zollamt iſt ſchon lange hinter ihm her, um ihn einmal zu ertappen.“ Bumps wünſchte von Herzen, daß dieß ſchon vor Wochen hätte geſchehen mögen. „Sie brachten ihn alſo mit ſich?“ fuhr der Poliziſt fort. „Ich bin Ihnen nicht dafür verantwortlich, wen ich mit mir brachte!“ verſetzte die Frau ſpitzig; „der war nicht in meiner Haft.“ „Den Magiſtraten ſind Sie es aber,“ ergänzte der Offiziant. „Ja, das iſt möglich,“ murmelte die Frau, die kluger Weiſe ſich eine Hinterthür offen behielt. „Ich will ſtehenden Fußes in das Pfarrhaus hin⸗ ſ gehen und Alles dem Rector auseinander⸗ etzen.“ Damit zog ſie ihren Shawl feſter um die Schultern, und hätte das Gefängniß verlaſſen, wenn der Conſtabel ſie nicht zurückgehalten hätte. „Wir gehen mit Ihnen,“ ſagte Pike.„Wir können Sie nicht allein gehen laſſen.“ „Ich will aber gehen. Ich laſſe mich nicht zu⸗ rückhalten.— Ich will nicht! will nicht!“! Lange Strafloſigkeit iſt häufig gefährlich. Mrs. Bumps war ſo viele Jahre hindurch gewohnt ge⸗ weſen, ihren ſchwachen, duldſamen, kleinen Gatten zu thranniſiren, ſo daß ſie jetzt auf alle Männer mit einer gewiſſen amazonenartigen Verachtung herabblickte. Zu ihrem Erſtannen mußte ſik nun 137 gewahr werden, daß ſie dießmal mit Leuten zu thun habe, die ſich auf ſolche Weiſe nicht behan⸗ deln ließen. Ihr unbeſonnener Verſuch, das Ge⸗ ſicht des Polizeiofficianten zu zerkratzen, wurde durch eine ſehr entſchiedene Gegendemonſtration beſtraft, indem dieſer ihr, ehe ſie ſich's verſah, ein Paar Hondſchellen um die Gelenke angelegt hatte. „Jakob!“ rief ſie ſchäumend vor Wuth;„kannſt Du es dulden, daß man mich ſo behandelt? Schlag ſie zu Boden und führe ſie in's Gefängniß! Ich verlange es.“ „Es iſt das Geſetz, meine Liebe,“ bemerkte der gefallene Würdenträger im Tone erhabener Reſig⸗ nation,„das Du leider niemals reſpektiren wollteſt.“ „Reſpektiren!“ wiederholte ſeine Frau mit einem Blicke der Geringſchätzung.„Schon gut!“ Ein ganzer Band, der aber wahrſcheinlich nie geſchrieben werden wird, lag in dieſen zwei Wor⸗ ten:„Schon gut!“ „Es thut mir leid, daß ich ſtreng vevfahren muß,“ ſagte der Officiant,„aber die Sache ſcheint ſehr ernſt; der Gefangene iſt des Hochverraths an⸗ geklagt. Ich muß meine Pflicht erfüllen.“ Nachdem er dieſe Bemerkung gemacht hatte, zog der furchtbare Mr. Pike ein zweites Paar Handſchellen aus ſeiner weiten Rocktaſche. „Ich weiß, daß Sie müſſen,“ ſagte Jakob de⸗ müthig, indem er li mit der Miene eines Märtyrers ſeine Hände ausſtreckte.„Wahr⸗ cheinlich wird man mich in den Tower ſchicken.“ Trotz des tiefen Falles lag doch einiger Troſt 138 für ihn in dem Gedanken, für einen Staatsgefan⸗ genen angeſehen zu werden. Wenn noch irgend Etwas die ſchmerzliche Er⸗ niedrigung, welche Bumps erfahren, zu vermehren vermocht hätte, ſo wäre dieß ſein Begegnen der Dorfkinder auf ihrem Wege in die Schulezgeweſen, nachdem er das Gefängniß verlaſſen hatte. An⸗ fangs vermochten es dieſe kaum zu faſſen, daß der Gegenſtand ihres Schreckens verhaftet ſei; aber als ihr Verdacht, daß es ſich doch ſo ver⸗ halte, zur Gewißheit wurde, machte ſich ihre Zu⸗ friedenheit darüber durch ein lautes Geſchrei Luft, und, anſtatt in die Schule zu gehen, wandte ſich br größere Theil derſelben um und folgte dem uge. Einige Beherztere darunter drangen ſogar in das Geſingniß und fanden dort Stab und Hut des Pedells. Trotz ſeiner Bitten, entrüſteten Einreden und ohne alle Rückſicht auf die Würde ihres Collegen führten die Officianten ihn und ſeine Frau als Gefangene durch die Straße, welche die zerſtreut liegenden Häuſer von Plarted bildeten. Bumps vergaß nie die Qualen dieſer Stunde; er fühlte, daß ſein moraliſches Anſehen über die Einwohner für immer dahin, das Wohl des Dor⸗ fes zu Ende— durch das an ſeiner Perſon be⸗ gangene Verbrechen vernichtet ſei. Ein muthwilliger kleiner Burſche von höchſtens zehn Jahren hatte ſich ſeines Hutes bemächtigt— ſeines goldverbrämten Hutes, des Hutes mit drei Spitzen, deſſen bloßer Anblick früher hingereicht 139 hatte, einen ganzen Trupp Straßenjungen vom Kirchhof zu verjagen— und trug ihn im Triumphe vor hin. rs. Bumps folgte in einem Zuſtande der höchſten Wuth, deren Größe ſchwer zu beſchreiben geweſen wäre. Unter jeder Thüre und aus jedem Fenſter zeig⸗ ten ſich neugierige Köpfe, um den Zug mit anzu⸗ ſehen. Ein Erdbeben hätte kaum eine ſtärkere Auf⸗ regung hervorzubringen vermocht. Ein Haufen Leute folgte, wovon die einen lach⸗ ten, die anderen 6 die Gefangenen deuteten. Es lag etwas Erhabenes in dem feierlichen, majeſtätiſchen Schmerz, den Bumps, im Gegen⸗ ſatze zu der Wuth ſeiner Gattin, an den Tag legte. Seine Würde in ſeiner gegenwärtigen, er⸗ niedrigenden Lage verließ ihn nicht eher, als bis ein kleiner, zerlumpter Bengel, derſelbe, welcher zuerſt den Pedellsſtab im Gefängniſſe entdeckt hatte, ihn einholte, indem er den Stab ſo zwiſchen den Beinen hatte, wie Kinder den Stock des Groß⸗ vaters, wenn ſie dieſen als Steckenpferd benützen. Dieß verſetzte dem Gefangenen den Gnaden⸗ ſtoß. Seine Seelenſtärke verließ ihn und er weinte bitterlich. Groß war das Erſtaunen des würdigen Rec⸗ tors und von deſſen Gaſt, welche den Frühſtücks⸗ tiſch noch nicht verlaſſen hatten, als ſie den Zug den ſorgfältig unterhaltenen Sandweg des Gar⸗ tens nach dem Pfarrhauſe heraufkommen ſahen. „Gott ſteh' mir bei!“ rief er aus;„was hat ſich da zugetragen!“ 140 Er klingelte, um die Urſache eines ſo außer⸗ gewöhnlichen Auflaufes zu „Der Gefangene iſt entflohen, Herr,“ ſagte der Hausmeiſter Fitch, der auf das Glockenzeichen er⸗ chienen war,„und ſie bringen Bumps und deſſen rau vor Sie.“ Doktor Titlow und der Lieutenant begaben ſich ſogleich in das Gerichtszimmer. Dem Erſte⸗ ren war es vielleicht nicht ganz unlieb, daß die Sache dieſe Wendung genommen hatte, obgleich er ein durchaus loyaler Mann war. Er hätte jeden Rebellen der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft der Theorie nach zur härteſten Strafe des Geſetzes verurtheilt, in der Praxis aber Jeden be⸗ gnadigt. Mit andern Worten: ſein Herz beherrſchte ſeinen Kopf, und wir geſtehen, daß wir ſolche Cha⸗ raktere lieben. Strenge iſt nicht die einzige Eigen⸗ ſchaſt, welche in dieſer Welt Bewunderung ver⸗ ient; es liegt etwas Schönes in der Schwäche, namentlich wenn ſie ſich auf die Seite der Menſch⸗ lichkeit neigt. Es dauerte ziemlich geraume Zeit, bis man eine zuſammenhängende Mittheilung von Seite des Pedells erlangen konnte, dem ſeine Frau bei jedem Worte widerſprach. „Ich weiß wahrhaftig nicht recht, was ich mit ihm anfangen ſoll,“ bemerkte der Rector.„Bumps eher wie ein Schwachkopf, als wie ein erräther gehandelt zu haben; ich kann ſein Be⸗ nehmen nicht begreifen.“ „Euer Ehrwürden vergeſſen, daß ich 141 verheirathet bin,“ bemerkte der Wüdenträger in ſehr demüthigem Tone. „Und dieſes kneifige, zankſüchtige Weib—“ „Iſt meine Frau, erlauben mir Eure Ehrwür⸗ den zu bemerken.“ Verzweiflung mußte dem armen Mann einen gonz außergewöhnlichen Muth verliehen haben, enn ſonſt hätte er nimmermehr den Blick aus⸗ halten können, den ſeine beſſere Hälfte nach ihm ſchießen ließ. Doktor Titlow und deſſen Freund ſahen die⸗ ſen Blick und Beiden wurde der Stand der Dinge dadurch klar. „Es ſcheint mir,“ ſprach Erſterer,„das Beſte iſt, Beide nach Dover zu ſchicken. Ich will noch dieſen Morgen hinüber fahren und mit meinen Magiſtratscollegen mich berathen.“ „Ich trage keine Schuld!“ ſchrie das Mann⸗ weib,„und will nicht nach Dover gehen. Der Mann ſtand nicht unter meiner Obhut. Sie ha⸗ ben kein Recht, mich nach Dover zu ſchicken.“ „Legen Sie Ihrer Frau Stiliſchweigen auf!“ ſagte der Friedensrichter. Jacob ſah dieſen mit der Miene ſo tiefen Er⸗ ſtaunens an, daß ein Unterdrücken des Lächelns unmöglich war,— daſſelbe war ſo entſchieden be- redt und fragte ſo deutlich, wie ein ſolches Wun⸗ der zu bewerkſtelligen ſei, als es nur je mit Wor⸗ ten hätte geſchehen können. „Iſt es nöthig, daß er die Handſchellen anbe⸗ hält?“ fragte der Lieutenant, den das aufgeblähte 142 Weſen und die Wichtigthuerei des Gefangenen ſchon oft unterhalten hatten. „Nein, Herr,“ antwortete Pike;„er iſt fried⸗ fertig wie ein Kind; ein Kind könnte ihn ein⸗ ſchüchtern. Ich legte ſie ihm nur der Form we⸗ gen an.“ Der Friedensrichter befahl, daß ſie ihm abge⸗ nommen werden ſollten. „Was ſeine Frau anbelangt,“ fuhr der Poli⸗ eiagent fort,„ſo fürchte ich ihre Zunge nicht— ich habe zu Haus auch eine Frau— aber ich möchte mich nicht ihren Krallen ausſetzen. Wenn es daher Eure Ehrwürden erlauben, ſo möchte ich bitten, daß man ſie ihr anläßt.“ „Gewiß,“ ſagte der Rector,„wenn Sie dieß um Ihrer Sicherheit für nhi halten.“ Doktor Titlow war von Natur ein freundlich eſinnter Mann und nahm Theil an dem Mißge⸗ ſiju ſeines Pedells. Um dieſem die Demüthigung zu erſparen, nochmals durch das Dorf transportirt br werden, bot er den Conſtabels einen leichten ollwagen zum Gebrauche an. Als die Gefangenen aus dem Pfarrhauſe weg⸗ gebracht wurden, hatte ſich Jacob wenigſtens eines kleinen Troſtes zu erfreuen. Der Knabe— der kleine unverſchämte Bengel— der ſich herausge⸗ nommen, das Amtszeichen rittlings zwiſchen die Beine zu nehmen und ſeinen Kameraden gezeigt hatte, daß der vergoldete Stab doch nichts weiter, als ganz gewöhnliches Holz ſei, und ganz unge⸗ ſtraft gehandhabt werden könne— wagte ſich ganz in ſeine Nähe. Es wäre völlig gegen die menſch⸗ 143 liche Natur geweſen, zu widerſtehen, und ſo ſprang Bumps von Bryce's Seite weg, der ſpeciell ihn zu bewachen hatte, faßte den unglücklichen Rebellen beim Kragen, riß das Emblem des kirchlichen Re⸗ giments ihm aus den Händen und verſetzte ihm einige derbe Rippenſtöße. Der Haufe müßiger Straßenjungen wich zu⸗ rück; ihre frühere Angſt vor ihm ſtellte ſich wieder ein, und einen Augenblick lang, während er ſtreng um ſich blickte, fühlte ſich Bumps wieder als Pe⸗ dell und Conſtabel. Nachdem er dieſen Triumph gefeiert, hätte ſelbſt Regulus nicht mit größerer Würde in ſeine Ge⸗ fangenſchaft zurückkehren können. Selbſt dem Ernſt des Rectors lockte dieſer ko⸗ miſche Anblick ein unwillkührliches Lächeln ab. „Ich muß ſogleich hinüber fahren,“ ſprach er gegen den Lieutenant gewendet,„denn ich kann nicht zugeben, daß dieſer arme, unter dem Pan⸗ toffel ſtehende Tropf ſeine Schwäche zu theuer be⸗ zahlen muß. Leben Sie wohl, Carl. Viel Glück auf die Fahrt!“ Der Commandant des„Wren“ ſchüttelte ihm die Hand, und ſo ſchieden ſie— der Erſtere, um ſich nach Dover, der Letztere, um ſich nach Folkes⸗ tone zu begeben. Es muß ein großartiges Gefühl ſein, den Be⸗ fehl über ein edles Schiff zu führen, das faſt mit Verſtand begabt zu ſein ſcheint, indem es dem Steuerruder gehorcht und muthig, gleich einem lebenden Geſchöpſe, durch das Waſſer ſich Bahn bricht. Elvey fühlte dieß und ging auf dem Deck 144 ſeines kleinen Kutters mit einem Bewußtſein der Unabhängigkeit auf und ab, um das ihn ein Fürſt hätte beneiden können. Es iſt kein Wunder, daß die Seeleute ſtolz auf ihre Schiffe ſind und dieſelben in Ausdrücken der Lebe beſchreiben. Gibt es denn etwas An⸗ muthigeres, als die hohen, ſtattlichen Maſte, die ſchlanken Blanken und das, faſt mit mathematiſcher Genauigkeit eines Spinnegewebs angefertigte Ta⸗ kelwerk? Aus der an dem Bord des„Wren“ herrſchen⸗ den Rührigkeit war deutlich erſichtbar, daß er ſich zu einer Reiſe anſchickte. Schon waren die Anker aufgewunden, als ein Boot vom Ufer abgeſtoßen kam und an ſeiner Seite beilegte. „Schiff, halloh!“ rief eine Stimme von unten herauf. Der Lieutenant ſah ſeitwärts herab und erkanute zu ſeinem großen Erſtaunen Pike, der einen Brief in die Höhe hielt. Man warf ihm ein Seil zu, und in wenigen Stec befand ſich der Conſtabel von Dover am ord. 4 „Was hat ſich zugetragen?“ fragte der junge Befehlshaber beſorgt.„Hoffentlich iſt doch meinem würdigen Freunde nichts zugeſtoßen?“ „Der Rector iſt ganz wohl, Herr,“ erwiderte der Polizeiagent,„aber auf einen jungen Quäker, Namens Reuben Geldart, iſt ein Mordverſuch ge⸗ macht worden. Dieſer iſt ſchwer verwundet, und eine Frau und ein Kind ſind von dem Manne, der 145⁵ aus dem Gefängniſſe von Plarted entwiſcht iſt, ent⸗ führt worden.“ Elvey überlas haſtig den Brief. „Die Räuber haben Dover vor mehr als einer Stunde in dem Delphin verlaſſen.“ „Der Delphin!“ wiederholte der Lieutenant; „ſchon lange bin ich dieſem auf der Spur. Eine Stunde Vorſprung ſoll er haben, ſagen Sie? Wenn der Wind uns günſtig bleibt, holen wir ihn ein, ehe er den Hafen von Calais erreicht.“ Die Befehle wurden raſch ertheilt und eben ſo pünktlich ausgeführt. Vor Ablauf von zehn Minu⸗ ten ſtrich der Wren mit vollen Segeln durch die Wogen. Neuntes Kapitel. Obgleich eine ernſte Jagd gewöhnlich eine lange Jagd it, ſo unterliegt es doch keinem Zweifel, daß der Wren den Delphin eingeholt hätte, ehe dieſer den Hafen von Calais zu erreichen im Stande ge⸗ weſen wäre, wenn nicht einer jener plötzlichen Nebel ſich herabgeſenkt hätte, die ſo häufig während des Monats November im Kanal vorkommen, wel⸗ ſich jetzt, bald lärmend und tobend, bald lä⸗ helnd wie ein zudringlicher Gaſt, eingeſtellt hatte. Ze dichter der Nebel wurde, um ſö mehr nahm der Wind, der bis jetzt günſtig geweſen war, ab, und ſchon fingen die Segel des Kutters an ſchlaff an den Raen herunter zu hängen. Smith, Sein u. Schein. I. 10 146 Zum größten Verdruß des Befehlshabers des Wren ſtellte ſich völlige Windſtille ein. „Mein gewöhnliches Schickſal,“ bemerkte er ge⸗ gen Mr. Bell, den zweiten Offizier, einen Mann mit wettergebräunten harten Geſichtszügen der den beſten Theil ſeines Lebens auf den Wachſchiffen an der Küſte zugebracht hatte, und welchem die Winde und Nebel auf dem Kanal ſo bekannt wa⸗ ren, als die Geſichter ſeiner älteſten Tiſchgenoſſen. ie lange glauben Sie wohl, daß er anhalten wird?“ Der Mann, an den dieſe Anrede gerichtet wurde, war, gleich den meiſten Seeleuten, eine rt von Charakter in ſeiner Art. Er beſaß einen gro⸗ ßen Widerwillen vor dem Lande; ſetzte nie ohne Nöthigung einen Fuß an's Ufer; gab ſelten unbe⸗ fragt ſeine Meinung preis, und wenn er ſie gab, ſo vertheidigte er ſie noch viel ſeltener, denn dieß hätte ihm vielleicht zu viele Mühe gemacht. Wenn er der Mannſchaft Befehle ertheilte, ſo gebrauchte er möglichſt wenige Worte, welche Eigenthümlich⸗ keit ihm ſchon längſt den Beinamen„ſtumme Glocke“ eingetragen hatte. Gar mancherlei Geſchichten er⸗ ählte ſich das Schiffsvolk von ihm während der Kachtwachen, oder bei der dampfenden Pfeife um das Kajütenfeuer ſitzend. Von Körper war er kurz, außerordentlich breit⸗ ſchulterig und dabei beſaß er merkwürdig große Hände und Füße. In ſeinen Geſichtszügen lag ein gewiſſer dummſtolzer Ernſt, wie wenn dieſer Ausdruck darauf feſtgeprägt worden wäre. Nie⸗ mand, der ihm in ſeine großen wäſſerigen Augen 147 ſah— nicht unähnlich denen eines Holländers oder Stockfiſches— würde geglaubt haben, daß er je etwas träume oder über etwas lächle, oder doß auch nur ein Gran von Poeſie in dieſer phlegma⸗ tiſchen Natur vorhanden ſei. Ob diejenigen, welche ihn ſo beurtheilten, Recht oder Unrecht in der Würdigung ſeines Charakters hatten, iſt mehr als wir für den Augenblick zu entſcheiden uns veranlaßt finden. Mr. Bell ging müßig 6 dem Verdeck des Schiffes hin und her und beobachtete aufmerkſam den Nebel, dann ſchöpfte er einen langen Athem⸗ zug, wie wenn er deſſen ſpezifiſche Schwere durch den auf ſeine Lunge hervorgebrachten Eindruck hätte probiren wollen. Nachdem er davon ſich genügend überzeugt hatte, kehrte er gemächlich nach der Stelle zurück, wo Lieutenant Elvey, ſeine Bewegungen beobachtend, ſtand. „Zwei Stunden, Herr.“ „So iſt mir alſo der Schleichhändler entwiſcht!“ „Wohl möglich.“ „Halten Sie es nicht für gewiß?“ „Nein.“ „Sie würden mich ſehr verbinden, Mr. Bell, wenn Sie ſich einmal deutlich ausſprächen und mir die Gründe angäben, weshalb Sie dieſer Anſicht ſind,“ ſagte der Befehlshaber. Ein leichtes gurgelndes Geräuſch in des alten Seemanns Halſe, wie wenn der eingeroſtete Me⸗ chanismus irgend eines Werks in Ordnung ge⸗ bracht würde, ging ſeiner Antwort voxaus. „Der Delphin kann nicht mehr als ſche Kno⸗ — 148 ten in der Stunde zurückgelegt haben und wir haben deren acht gemacht. Unſer Marsſegel war noch zwanzig Minuten lang vom Wind aufge⸗ ſchwellt, nachdem die Hauptſegel des Delphin. reits ſchon leer waren, und wir bekommen auch den friſchen Wind zwanzig Minuten wieder früher als jener.“ „Wenn der Delphin eine der Fiſcherbarken auf⸗ findet,“ bemerkte Elvey,„und von dieſer in's Schlepptau genommen wird, ſo bringt ihn der Franzoſe mit ſeinen langen Rudern bald in den Hafen von Calais.“ „Das iſt ſeine Ausſicht“ ſagte Mr. Bell. „Vielleicht gelingt es ihm aber auch nicht,“ fügte der Erſtere bei. „Das iſt unſere Hoffnung.“ Nachdem Bell dieſe orakelmäßige Antwort er⸗ theilt hatte, begab er ſich ſchleppenden Ganges nach dem Backbord, um weitern Fragen auszuweichen. Nach ſeiner Anſicht war er geſprächig genug für einen ganzen Tag geweſen. Der Kommandant des Wren ging mit unge⸗ duldiger Miene, die Uhr in der Hand, auf dem Verdeck auf und ab, bis die zwei Stunden abge⸗ laufen waren. Sein Vertrauen in die Prophezeiung ſeines er⸗ fahreneren Untergebenen war ſo groß, daß er mit Zuverſicht erwartete, das Wetter werde ſich zu der angegebenen Friſt aufhellen. Kaum war dieſe daher abgelaufen, als er ſich auf die Seite des Schiffes begab, wo Bell ſich befand und in den Nebel hinausſtierte. 149 „Immer noch ſo dicht wie von Anfang!“ mur⸗ melte er im Tone der Enttäuſchung. Der Seemann ließ ein leiſes Kichern hören. „Dieſes Mal irrten Sie ſich, Bell.“ Das Kichern wiederholte ſich. Lieutenant Elvey lehnte ſich über die Seite und hier meinte er ein leiſes Klirren der Ketten zu hören. „Beim Neptun, alter Knabe, Sie haben Recht!“ rief er aus;„der Wind erhebt ſich wieder, ich fühle ſchon ſein Steigen und ſehe bereits die langen Furchen der ſchaumloſen Wellen.“ Hocherfreut über dieſe Veränderung ſtieg der Offizier in den Maſtkorb, wo er mit ſeinem Glaſe den Horizont beſſer beobachten konnte. Eine Zeit lang verhinderte ihn der Nebel, den Delphin aufzufinden; als dieſer aber allmählig fiel, mußte er zu ſeinem Verdruß wahrnehmen, daß der Schleichhändler nur noch eine Meile vom Eingang in den Hafen von Calais, von einer franzöſiſchen Schifferbarke in's Schlepptau genommen, entfernt ſei und daß einige andere Barken unmittelbar un⸗ ter dem Laufe des Wren ſich befänden. Wäre der Kutter in dem Nebel noch weiter fortgefahren, ſo hätte er aller Wahrſcheinlichkeit nach mehr als eine davon in Grund gebohrt. Die Ansſicht, das Schiff einzuholen, war zu Ende. Ebenſo nutzlos wäre es geweſen, daſſelbe in den Hafen zu verfolgen, die Frau und das Kind zu fordern oder die Auslieferung von Reuben Gel⸗ dart's Mörder zu verlangen. Elvey hatte hiezu keinen Auftrag und überdieß beſtand zu der dama⸗ — 15⁰ ligen Zeit kein Vertrag zwiſchen den beiden Län⸗ dern Er Auslieferung von Verbrechern. „Wir haben uns vergebliche Mühe gemacht,“ murmelte er in verdrießlichem Tone. Der alte Mann ſchüttelte den Kopf. „Sprechen Sie ſich deutlich aus.“ „Ich denke, daß das Schiff wieder herauskom⸗ men muß,“ murmelte der Untergebene, der es of⸗ fenbar hart zu finden ſchien, daß man ihm ſeine Meinung auf dieſe Weiſe abpreſſe, die er von Her⸗ zen gern kundgegeben hätte, wenn es nur auf an⸗ dere Weiſe, als durch Worte, hätte geſchehen können. „Und ohne Zweifel mit einer Ladung,“ ſagte der junge Befehlshaber,„wenn man uns nicht zu Geſicht bekommen hat. „Bringen Sie den Vordertheil mehr unter den ſ rief er dem Steuermann zu,„ſo wird es gehen.“ Da jetzt der Wind ziemlich friſch blies, kam der Wren raſch von der Stelle, und als endlich der Nebel ganzſich zerſtreut hatte, war der Hafen von Ca⸗ lais für die Mannſchaft an Bord nicht mehr ſichtbar. Bell verſtand offenbar dieſes Manöver nicht, denn er ſah ſehr erſtaunt d'rein, obgleich wahr⸗ ſcheinlich nichts Geringeres als ein Sturm dazu gehört hätte, ihn zu veranlaſſen, ſein Erſtaunen auszuſprechen. „Sehen Sie nicht, was ich will?“ „Wiſſen Sie es ſelbſt?“ Viele Befehlshaber würden ſich über den Ton, in welchem die Frage geſtellt wurde, beleidigt ge⸗ 15¹ fühlt haben; bei Elvey war dieß aber keineswegs der Fall, denn er kannte den Humor des alten Mannes und übte gern Nachſicht gegen ihn. „Ich will mich an der Küſte hinſchleichen und mich bei Dünkirchen oder Gravallines auf die Lauer legen, bis der Dephin ſich wieder aus dem Hafen ſtiehlt,“ antwortete er.„Glauben Sie, daß dieß gelingt?“ Eine Art von Lächeln erhellte für einen Augen⸗ blick das nichtsſagende Geſicht des zweiten Offi⸗ ziers des Kutters, welches während ſeiner Dauer einen völlig intelligenten Ausdruck Die⸗ ſer verſchwand aber bald wieder und ſein Geſicht nahm von neuem den gewohnten leeren Ausdruck an. Nachdem wir unſere Leſer in das Geheimniß von Lieutenant Elvey's Abſichten eingeweiht haben, müſſen wir dem Schickſale der treuen Katty und ihres unſchuldigen Pfleglings folgen, welche unter⸗ deſſen am Damm von Calais gelandet hatten. Außer Stande, ſich nur mit Einem Worte in der Landesſprache auszudrücken, und da ſie Niemand kannte, an den ſie ſich hätte wenden können,— denn daß an dem Orte in der Perſon des britiſchen Conſuls eine Behörde vorhanden war, welche ſie hätte ſchützen müſſen, davon wußte ſie nichts,— blieb ihr keine andere Wahl, als ſich den Umſtänden u unterwerfen, welche zu beſeitigen außer ihrer Racht lagen. So lange man keinen Verſuch machte, ſie von dem Kinde zu trennen, beſchloß ſie, paſſiv ſich zu verhalten, es wäre denn, daß irgend eine unverhoffte Gelegenheit, aus der Gewalt ihrer 152 Verfolger zu entwiſchen, ſich darböte— dieſe wollte ſie, ohne einen Augenblick ſich zu bedenken, benützen, denn ſie ſetzte kein Vertrauen in die Erklärung Redmond O Neil's, daß er durchaus nicht mehr daran denke, irgend etwas gegen das Leben ſeines Sohnes zu unternehmen. Obgleich von einer Menge neugieriger, plaudern⸗ der Müßiggänger umgeben, beobachtete Katty doch alles ganz genau und ließ ihre Augen forſchend auf denen ruhen, welche ſie für amtliche Perſonen hielt, und von welchen ſie etwa Hilfe zu erlangen hoffen durfte. Am meiſten zog ihre Aufmerkſamkeit ein hochgewachſener hübſcher Mann in militäriſcher Kleidung auf ſich, der rückſichtslos die Menge bei Seite ſchob und der Stelle ſich näherte, an welcher ſie unter Jorrocks Aufſicht ſtand. Mit einem Freudenſchrei erkannte ſie die Ge⸗ ſichtszüge Ulic Blake's, des Vetters des unglücklichen Redmond. „In's Teufels Namen! was führt Sie nach Frankreich?“ fragte er im Tone des Erſtaunens und Verdruſſes. Katty deutete auf das Kind, und das Herz brach ihr faſt, als ſie den mürriſchen Ausdruck der Ent⸗ täuſchung gewahrte, der auf ſeinen Geſichtszügen ſich beim Anblick des unſchuldigen Geſichtchens be⸗ merkbar machte. Sie ſah, daß alle Hoffnung auf Beiſtand von ſeiner Seite vergeblich ſei, und wenn dieſe auch nur auf einen Augenblick ſich in ihr hatte, ſo gab ſie ſie doch nicht ohne Schmerz auf. — 153 ulic Blake legte ſeinen Arm in den Redmond's und führte ſeinen Vetter der Stadt zu. „Sein Herz iſt ſchlecht,“ murmelte Katty vor ſich hin.„Ellen hatte keinen wahren Freund an ihm, ſonſt hätte er keine ſo finſtere Blicke auf das liebe Kind geworfen. Gott ſteh' mir bei!“ fuhr ſie fort, ihrem innern Schmerz Ausdruck verleihend. „Wer weiß, ob ich meinen eigenen Jungen je wie⸗ der zu Geſicht bekomme und ihn herzen darf.“ „Folgen Sie mir,“ ſagte Jorrocks, der ſich über ihre Trauer freute. „Und weßhalb ſoll ich Ihnen folgen?“ „Weil Sie ſich nicht ſelbſt helfen können,“ ver⸗ ſetzte der Schleichhändler. „Das iſt wahr,“ ſeufzte die Frau.„Der Herr ſei heute mit uns!“ Ueber den Marktplatz ſchreitend geleitete ſie ihr Führer in ein großes, alterthümlich ausſehendes Hotel„Zum großen Monarchen,“ das in der Nähe der Kirche ſich befand. Es gehörte durchaus nicht unter die Gaſthöfe erſten Ranges und war deß⸗ halb von engliſchen Reiſenden nur ſehr wenig be⸗ ſucht, aus welchem Grunde wahrſcheinlich ſein Gön⸗ ner ſich entſchloſſen hatte, hier ſein Abſteigequartier zu nehmen. Der Verfaſſer Dieſes erinnert ſich noch des Hauſes vollkommen, mit ſeinem ungeheuren Hof⸗ raume, aus welchem ſo manche Diligence abging; mit ſeinem nach hinten liegenden Garten, der jetzt überbaut iſt und ſich bis an die Stadtmauern er⸗ ſtreckte; mit ſeinem ſchweren Dache und den 154 ſchlanken Thürmchen auf jeder Ecke, in welchen ſich jetzt eine Schule ſoll. Peler Bonchoſe, der Eigenthümer des„Großen Monarchen,“ drückte ſein Vergnügen über den An⸗ blick von zwei ſo diſtinguirken Gäſten, wie die Offiziere des Königs waren, durch eine Menge von Bücklingen und Kratzfüßen aus, welche ein friſch unter die Barbaren Europa's importirter chine⸗ ſiſcher Mandarin ohne Zweifel für einen Beweis der allerfeinſten Civiliſation gehalten und nur dar⸗ über ſich gewundert haben würde, wie er dieſelbe ſich habe aneignen können. Der große Salon, ſtets das wohnlichſte Zimmer in einem franzöſiſchen Hotel, wurde in Stand geſetzt, indem ein Bündel rünen Reiſigs angezündet wurde, welches das hulbe Kamin ausfüllte und von welchem ſich ſogleich WVolken erſtickenden Rauchs, leider nicht aufwärts, ſondern in dem düſtern, unbehaglichen Zimmer ver⸗ breiteten. „Das hat nichts zu bedeuten, meine Herren, durchaus nichts,“ rief der Wirth;„Sie brauchen bloß eines der Fenſter und die Thüre ein wenig zu öffnen, dann wird ſich der Rauch in wenigen Minuten verziehen.“ Wenn man bedenkt, daß man ſich im Monat November befand und der Wind eiſig kalt vom Hofe herauf über die Haupttreppe ſtrich, ſo würden wohl die meiſten Reiſenden das nur und ein wenig des Peter Bonchoſe für höchſt unvernünftig erklärt haben. Glücklicher Weiſe für ihn waren ober ſeine Gäſte zu ſehr mit ihren eigenen Gedanken beſchäftigt, als daß ſie ſeine Worte beachtet hätten. 155⁵ „Wollen die Herren zu Mittag ſpeiſen?“ „Allerdings; aber verlaſſen ſie uns!“ rief Ulic ungeduldig. Nach wiederholten tiefen Bücklingen, Grimmaſſen und Kratzfüßen, wobei er Kopf und Arme in Be⸗ wegung ſetzte, ging endlich der Franzoſe weg. Eine Zeitlang ſchritt der unglückliche Redmond, ohne ein Wort zu ſprechen, von den bitterſten Empfindungen nutzloſer Reue und den quälendſten Erinnerungen verfolgt, in dem Salon auf und ab. „Das iſt unvernünftig,“ bemerkte ſein Vetter nach mehrmaligen vergeblichen Verſuchen, Red⸗ mon's Gedanken eine andere Richtung zu geben, indem er zuerſt ſeinen Hut, dann ſeinen Degen und Gürtel auf den Tiſch legte. „Habe Geduld mit mir,“ antwortete Redmond; „mein Schmerz iſt ganz ungewöhnlicher Art. mußte mit anſehen, doß das Glück, welches die Träume meiner Jugend und die Liebe meines Mannesalters krönte, ſich in Gift, in ein ſcheuß⸗ liches Gift verwandelten. Es ſpricht für meine Geduld, daß ich dieſen Wechſel überleben konnte. Kannſt Du es wohl glauben?“ führ er fort:„ich ſtand auf dem Kirchhofe, während man ihre ſchöne Geſtalt in das Grab legte, ohne auch nur eine Thräne zu vergießen. Das brennende Gefühl der mir angethanen Beſchimpfung vertrocknete ſie.“ „Du hatteſt alſo ihre Zuſluchtsſtätte entdeckt?“ „Ja,“ erwiderte der getäuſchte Gatte.„Es war ein Wettlauf zwiſchen mir und dem Dode, wer von uns beiden zuerſt anlangen ſollte. Sie ſtarb, in⸗ dem ſie dem unglücklichen Kinde das Leben gab, — 156 deſſen Daſein meine Schmach iſt. Hätteſt Du ſie geſehen, Ulic, wie ſie dalag in dem ruhigen Schlum⸗ mer des Todes, ſo bleich und ſchön, ein Lächeln auf ihren Lippen, als wenn der Hauch der Un⸗ ſchuld dieſe getheilt hätte, ſo würdeſt Du fragen, wie es möglich war, daß die Vernunft die Oberhand behielt und die feſte Ueberzeugung ihrer Schänd⸗ lichkeit nicht in Zweifel ſich verwandelte?„Als ich ſie ſah,“ fügte er bei,„glaubte ich an die Ge⸗ ſchichte des Falles des Engels.“ „Das iſt Wahnſinn, Redmond,“ bemerkte Ulic mit rauhem Tone.„Dieſe Empfindſamkeit wird Dich zu Grunde richten.“ „Pah!“ erwiderte Redmond mit höhniſchem Lachen.„Nach all' dem, was ich erduldet habe, jage ich Dir, halte ich mich für feuerfeſt in jeder Prüfung. Nenne mir die Folter, welche das Herz nh quälen kann, als das meine gequält wurde; die Schmach, welche den Namen mehr zu beflecken im Stande wäre, als es bei dem meinigen der Fall war. Und doch bin ich am Leben geblieben! — Und ich werde ſo lange leben, bis ich den Flecken des Verführers abgewaſchen habe.— Ulic,“ fuhr er fort, ſeine Hand mit krampfhaftem Grifſe auf den Arm ſeines Vetters legend,„ich kenne Deine treue Liebe zu mir. Sie war nicht müßig, deſſen bin ich feſt überzeugt; Du haſt irgend eine Spur endeckt— gleichviel wie ſchwach dieſelbe iſt; aber Du haſt eine entdeckt— von dem, welcher meinen Frieden geſtört hat.“ „Nicht die leiſeſte— die entfernteſte Spur— „Denk darüber nach,“ unterbrach ihn ſein Ver⸗ 157 wandter leidenſchaftlich.„Du treibſt Dich unter dem Haufen bemalter und vergoldeter Schmetter⸗ linge umher, welche den Hof umlagern; Geſchöpfe, welche mit der Ehre ſpielen, mit der Wahrheit ſcherzen und jeden Namen, den ſie in den Mund nehmen, mit ihrem vergifteten Athem beflecken. Hat nicht ein eitles Brüſten, kein Wink, keine höh⸗ niſche Bemerkung, kein Flüſtern— zum Teufel! Du weißt was ich meine; denn ſelbſt gegen Dich vermag ich mich nicht deutlicher auszuſprechen. Irgend Etwas muß ſich zugetragen haben.“ „Nichts— durchaus nichts.“ „Dießmal muß Dich Dein ſcharfer Blick im Stich gelaſſen haben,“ murmelte Redmond im Tone der Enttäuſchung. „So will ich mich unter ſie miſchen,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu,—„der Haß iſt ge⸗ duldiger, aufmerkſamer, als ſelbſt das beobachtende Auge der Freundſchaft— ich will wie der Schatten des Todes unter ihre Fröhlichkeit mich einſchleichen; ich will ſie beobachten, wenn das Weinglas ihr Gehirn umnebelt, Eitelkeit ihre Lippen entfeſſelt hat, bis ich es heraus habe, auf weſſen Haupt ich den Streich führen muß.“ „Glaubſt Du denn, daß mein Degen müßig ge⸗ blieben wäre, wenn ich auch nur die entfernteſte Spur entdeckt hätte?“ bemerkte Ulic Blake. Es lag etwas Geiſterhaftes in dem Ausdruck des Geſichtes ſeines Vetters, das ſich einen Augen⸗ blick lang krampfhaft verzogen hatte. „Dem Himmel ſei Dank, daß es Dir nicht ge⸗ lang!“ rief er aus;„es würde uns dieß auf immer — ———————— 158 entzweit haben. Ich beſitze auf dieſer Welt nur Einen Feind. Sein Leben iſt das meinige, und das Schickſal, glaube mir, wird einſt eines Tages dieſe Schuld bezahlen. Der Menſch, der zwiſchen uns ſich drängt— der mir die einzige übrig blei⸗ bende Genngtuung raubt— wird der Gegenſtand meines fortwährenden Haſſes ſein.“ Die leidenſchaftliche Heftigkeit, mit der dieſe Worte geſprochen wurden, machten einen peinlichen oder, vielleicht beſſer geſagt, einen höchſt widrigen Einbruck auf ſeinen Vetter; der vielleicht wegen ihrer Bitterkeit ſeine Freundſchaft verletzt fühlte. Redmond bemerkte dieß und ſeine Stimmung wurde etwas weicher. „Verzeih mir,“ fuhr er fort;„ich wollte Dir nicht wehe thun, Ulic. Du biſt der einzige Menſch, der auf dieſer Welt mich noch liebt; vergiß meine Worte, aber nicht die arntg. die ſie enthielten. Wenn Du daher je mit dem Schur⸗ ken zuſammen triffſt, der mich beſchimpft hat, ſo hüte Dich, mich durch deſſen Tod zu rächen. Sollte ich ſterben, oh ihn aufgefunden zu haben, dann vermache ich Dir das Recht, m ine Wuth an ihm zu kühlen. Jetzt wollen wir aber nicht weiter mehr von ihm ſprechen.“ Der Wechſel des Gegenſtandes der Unterhal⸗ tung ſchien dem jungen Offizier ſehr angenehm zu ſein. Es war das erſte Mal ſeit ihrer Kindheit, daß ein Schatten von Zwiſtigkeit oder Unfreund⸗ lichkeit zwiſchen ihnen ſich erhoben hatte, und die⸗ ſes Gefühl drückte ihn. 159 „Sage mir aber um Alles in der Welt,“ fragte er,„wie kamſt Du mit Katty zuſammen?“ Jedmond bewältigte in ſo weit ſeine Gefühle, daß er im Stande war, ſeine Abenteuer in Plaxted und Dover ſowohl, als ſeine verſchiedenen Ver⸗ ſuche, das Kind in ſeine Gewalt zu bekommen, und den endlichen Erfolg zu erzählen. „Und die Verrätherin denunzirte Dich als Re⸗ bell?“ bemerkte Ulic. „Wie Du gehört haſt.“ „Glücklicher Weiſe kann ich Dir die Mittel an die Hand geben, ſie zu beſtrafen.“ Mit dieſen Worten zog er aus ſeiner Bruſt eines jeuer Inſtrumente der Tyrannei, einen lettre de cachet, welche während der Regierung Lud⸗ wig's XV. die Gefüngniſſe von Frankreich mit ſo vielen Gefangenen gefüllt hatten, und händigte die⸗ ſen ſeinem Verwandten ein. „Er iſt in Blanco,“ ſetzte er hinzu;„man braucht bloß den Namen hineinzuſchreiben.“ „Das werde ich nimmermehr thun,“ verſetzte Reömond, indem er bedächtlich das Papier zerriß und die einzelnen Stücke in das brennende Kamin warf;„nimmermehr werde ich mich eines ſolchen Verfahrens gegen eine Frau ſchuldig machen, deren Glauben an die Unſchuld ihrer Milchſchweſter kein Beweis zu erſchüttern im Stande war.“ Ulic machte ein verdrießliches Geſicht; er hatte auf Donk gerechnet und ſah ſich jetzt auf allen Seiten zurückgewieſen. „Du willſt ihr alſo geſtatten, nach Irland zu⸗ rückzukehren?“ bemerkte er. — „Noch mehr,“ verſetzte ſein Vetter;„ich will ſehen, daß ſie unbehelligt nach ihrer friedlichen Heimath zurückgeſchafft wird, ſobald das Geſchöpf, das ſie ſo treu gepflegt hat, an einem Orte unter⸗ gebracht iſt, wo es ſelbſt den Namen nie hören kann, den es durch ſeine Geburt beſchimpfte.“ „Das iſt in—“ „Frage mich nicht über dieſen Punkt,“ unter⸗ brach ihn ſein Verwandter in entſchiedenem Tone; „jede Spur ſeines Urſprungs muß mit mir erlö⸗ ſchen. Ich fände im Grabe keine Ruhe, wenn ich denken müßte, daß der Knabe lebe und den Na⸗ men O Neil trage.“ Ulic Blake verſuchte keine weiteren Fragen mehr. Wahrſcheinlich malte er ſich die Abſichten ſeines Vetters in der Art aus, wie er ſelbſt in ähnlichem Falle gehandelt haben würde. Glück⸗ licher Weiſe hing aber das Schickſal des unſchul⸗ ien ſo vieler Sorgen nicht von ihm ab. Katty und das Kind waren in ein Zimmer auf der Rückſeite des Großen Monarchen, das nach dem Garten gercht woen Trotz ihrer ſcheinbaren Ergebung in ihr Schickſal hatte die Hoffnung, entfliehen zu können, keinen Augenblick ſie uſe und kaum hatte Jorrocks, der ſich zu ihrem Gefüngnißwärter aufgeworfen, den Schlüſſel in der Thüre umgedreht, als ſie ſchon anfing, ſich im Gemache umzuſehen. Es waren zwei Fenſter in dem Zimmer, die auf einen großen altmodiſchen, künſtlich aus Eiſen gefertigten Balkon ſich öffneten; ſie maß die Ent⸗ 161 85 deſſelben von dem Boden mit den Augen. Dieſe betrug mindeſtens dreißig Fuß, weßhalb ſie ſich erſteiſtind abwandte. „Auf dieſem Wege geht es nicht,“ murmelte ſie;„eine Katze könnte es ſchon wagen hinab zu ſpringen, denn dieſe hat ein neunfaches Leben außer ihrem eigenen.“ Unglücklicher Weiſe war die Thüre der einzige Ausgangspunkt aus dem Gemache und dieſe war bereits verſchloſſen. Sie unterſuchte nun das Bett mit hohem Bal⸗ dachin, wie man dergleichen jetzt noch zuweilen in den Schlöſſern der Normandie und der Bretagne findet. Die Vorhänge deſſelben waren von ver⸗ ſchoſſener Seide. atty befühlte ſie und zerrte mit beiden Händen daran, um ihre Haltbarkeit zu prüfen. Leider hatte die Zeit ſie mürbe gemacht, denn ſie zerriſſen augenblicklich bei der Berührung. Die Leintücher dagegen erwieſen ſich, wie das meiſte Haus⸗Linnenzeug in Frankreich, als von gutem ſelbſt geſponnenem Flachſe verfertigt, und die Augen der Gefangenen blitzten vor Freude über dieſe Entdeckung. Auf der Treppe ließen ſich Fußtritte verneh⸗ men. Mit großer Geiſtesgegenwart kehrte Katty die Decke um, wie wenn ſie das Bett für die nächtliche Ruhe hätte herrichten wollen; dann nahm ſie das Kind auf den Arm, ſetzte ſich in die Nähe des Feuers und fing an ein altes irländi⸗ ſches Wiegenlied zu ſummen, als wenn ſie es in den Schlaf hätte lullen wollen. Smith, Sein u. Schein. J. 11 — „Hm!“ rief Jorrocks ſpöttiſch,„Sie ſcheinen ihr Käfig lieb. gewinnen.“ „Der Vogel ſingt nicht immer aus Luſt,“ be⸗ merkte die Frau. „Wohl Si Ich bringe Ihnen etwas zum Nachteſſen. orgen früh haben Sie ſich in meiner Begleitung nach Paris zu begeben.“ Der Schleichhändler bemerkte mit Vergnügen den kalten Schauer, welcher den Körper der Ge⸗ fangenen durchzuckte. „Vergeſſen Sie nicht,“ fuhr er fort,„daß ich keine Ihrer Thorheiten dulde. Ich habe die Schuld noch nicht vergeſſen, in der ich mich Ihnen gegen⸗ über befinde.“ Zu Verdeutlichung, was er damit ſagen wollte, wies er auf die noch nicht geheilte Schramme auf ſeiner Wange hin. „Wie Schade, daß es nicht Ihr ſchwarzes Herz getroffen hat!“ verſetzte die Frau.„Was habe ich denn gethan, daß man mich, wie eine Diebin, gefangen hält? Was für ein Recht haben Sie, mir Gewalt anzuthun?“ i haben die Macht dazu,“ antwortete ihr ſe mit boshaftem Lächeln,„und um eiteres kümmere ich mich nicht.“ Zugleich befahl er der Kellnerin das Nacht⸗ er das in einem kalten Huhn und einer Flaſche ein beſtand, auf den Tiſch zu ſtellen. Während das Mädchen dieſes that, merkte ſich Katty genau die Art, in welcher dieſe ihr Haar trug und die eigenthümliche Weiſe, mit welcher dieſelbe ein Tuch um den Kopf geſchlungen hatte. 163 „Wenn Sie nur mit ihr ſprechen könnten,“ ſagte Jorrocks höhniſch,„wenn Sie ihr ſagen könn⸗ ten, daß man Sie gegen Ihren Willen aus Eng⸗ land weggeſchleppt hat, um dadurch ihre Theil⸗ nahme für Sie rege zu machen und ſie zu Ihrem Beiſtand zu gewinnen! Verſuchen Sie es nur; Sie haben unbedingt meine Erlaubniß hiezu; es iſt nur Jammerſchade, daß ſie Sie nicht verſtehen kann.“ Die Kellnerin ſah, daß man von ihr ſprach und lächelte gutmüthig, mit einem Knixe dazu. „Es gibt Jemand, der mich verſteht,“ bemerkte die Frau gelaſſen. „Und wer mag das wohl ſein?“ fragte der Böſewicht höhniſch. „Es iſt Jemand, den Sie kaum kennen,“ ant⸗ wortete ſie,„und noch weniger kennen lernen wol⸗ len, bevor Er Ihr Herz ganz umgewandelt hat.“ Zugleich deutete ſie mit dem Finger nach Oben zu näherer Bezeichnung ihrer Anſpielung. Nachdem der Schleichhändler zuerſt die Kellne⸗ rin weggeſchickt hatte, verließ auch er mit gezwun⸗ enem Lachen das Zimmer und ſchloß die Thüre frgjülig hinter ſich ab. Wenn es noch irgend eines Sporns bedurft hätte, um Katty's Muth zu ſtacheln, ſo war es die Furcht, mit ihrem Pflegelind in Jorrocks Begleitung reiſen zu müſſen, den ſie für fähig hielt, jedes Verbrechen zu begehen, welches Redmond's Wahnwitz zu erſinnen vermochte, weil es dieſem nicht an Gold fehlte, um über dieſe Fih Seele 5 — 4 *— 7 164 zur Ausführung jeder ſeiner Abſichten nach Belie⸗ ben verfügen zu können. „Es muß verſucht werden,“ murmelte ſie, das ſchlafende Kind küſſend, während ſie es in das Bett legte;„es iſt hart für Dich, liebe Seele, Dein ſüßes Leben über Land und Meer auf's Spiel zu ſetzen, von dem rothen Blut gar nicht zu ſprechen, das um Deinetwillen vergoſſen wurde, während Du in der warmen Wiege ruhen ſollteſt, bewacht von den Augen der Liebe. Gewiß werden ſeine Mut⸗ ter und die Heiligen heute Nacht über uns wachen. Es iſt die härteſte, die wir bis jetzt durchgemacht haben.“ Obgleich Katty durchaus keinen Hunger ver⸗ ſpürte, ſah ſie doch die Nothwendigkeit ein, ſich ihre Kräfte zu erhalten, und ſo ſetzte ſie ſich an den Tiſch und genoß Speiſe und Wein. Glückticher Weiſe befand ſich innerhalb des Zimmers ein Riegel. Dieſen ſchob ſie vor und füng an, die Art ihrer Flucht zu überlegen. Zu⸗ erſt nahm ſie das Unterleintuch vom Bette weg; dieſes ſchnitt ſie zu gleichen Streifen entzwei, band dieſelben zuſammen und drehte ſie, wie ein Seil, in einander, um ihnen dadurch mehr Dauerhaftig⸗ keit zu verleihen. Nachdem ſie ſich überzeugt hatte, daß ſie ihr Gewicht tragen würden, i ſie ſich ihr Halstuch ſo um den Kopf, wie ſie es an der Kellnerin be⸗ merkt hatte, was ihr über Erwarten gelang. Nach⸗ dem dieß geſchehen war, legte ſie ſich neben ihrem Pflegling nieder, um einige Stunden zu ruhen. — 165 Von Schlaf konnte wohl nicht die Rede ſein, weil ihre Aufregung ſie wach erhielt. Zweimal während der Nacht meinte Katty die Fußtritte ihres Gefangenwärters, vorſichtig der Thüre ihres Zimmers ſich nähernd, zu vernehmen, und jedes Mal fragte ſie, wer da ſei. Dieſe Frage diente einem doppelten Zweck; ſie überzeugte Jor⸗ rocks, daß ſie noch in ihrem Zimmer ſei und zeigte an, daß ſie gegen jeden Verfuch, ſie ihres Pfleg⸗ kindes zu berauben, auf der Hut ſei. Endlich ſchlug die Glocke der benachbarten Kirche vier Uhr. Die Gefangene erhob ſich jetzt geräuſchlos vom Bette, ſchickte ein ernſtes Gebet gen Himmel und fing ſodann an, das zuſammen⸗ geknüpfte Leintuch am Balkon zu befeſtigen. So⸗ bald dieß geſchehen war, hüllte ſie das Kind ſorg⸗ fältig in ihren Shawl und ließ es ſachte auf den Boden hinab. „Es geſchieht um Deinetwillen, Ellen, mein Herz,“ murmelte ſie;„bitte für uns, ſiech dieſe Nacht herab auf Deine Waiſe und Deine Milch⸗ ſchweſter!“ Ohne länger zu zögern, nahm ſie jetzt, durch ihre zärtliche Anhänglichkeit faſt mit übermenſch⸗ licher Kraft geſtählt, den gefährlichen Verſuch des Hinabſteigens vor. Der roſtige alte Bal⸗ kon wankte furchtbar unter ihrer Laſt; allein es entſchlüpfte ihr deßhalb doch kein Lauk. Als ſie aber den halben Weg zurückgelegt hatte, fühlte ſie, daß er zu weichen anfange. Sein Einſturz konnte die Hausbewohner allarmiren oder, was noch ſchlim⸗ mer geweſen wäre, das hilfloſe, unſchuldige Ge⸗ — 166 ſchöpf unter ſeinen Trümmern begraben. Sie ließ daher das herabhängende Tuch los und legte die Diſtanz, welche ſie noch vom Boden trennte, halb gleitend, halb fallend zurück. 63 Sie fiel ohnmächtig auf die Erde, doch dauerte dieſer Zuſtand nicht lange. Hätte die eiſerne Maſſe nachgegeben, ſo wäre ſie und das Kind durch de⸗ ren Gewicht zerſchmettert worden. Ein Dankgebet murmelnd, nahm Katty das noch immer ſchlum⸗ mernde Kind in ihre Arme, ging mit ihrer Bürde durch den Garten und gelangke an die Stadtmauer. Da Markttag war, waren die Thore früher offen wie gewöhnlich, und ſie paſſirte unbefragt durch. Es waren nahezu vier Stunden verfloſſen, ehe Jorrocks die Flucht ſeiner Gefangenen entdeckte. Als er nämlich auf ſeine wiederholten Rufe keine Antwort erhielt, forderte er den Wirth und die Kellner auf, die Zimmerthüre zu erbrechen. Die erſte Sorge Peter Bonchoſe's, als er in das Gemach trat, beſtand darin, ſich zu überzeugen, ob das Silberbeſteck, das mit dem geſtrigen Nacht⸗ eſſen heraufgebracht worden war, noch vorhanden ſei. Sobald er darüber Beruhigung erlangt hatte, ſchien ihm alles Andere von ziemlich untergeordne⸗ ter Wichtigkeit. Eine flüchtige Beſichtigung des Balkons machte es ſogleich klar, auf welche Weiſe Katty entflohen war, und der beſtürzte Helfershelfer Redmond OReil's entfernte ſich, um ſeinem Gönner die Nachricht zu melden, daß ſein Anſchlag abermals vereitelt worden ſei. „Mein Gott!“ ſagte die Kellnerin, indem ſie 167 die Höhe vom Balkon bis auf den Boden moß, „ſie muß gräßliche Angſt gehabt haben, daß ſie ſich einer ſolchen Gefahr ausſetzte.“ Der Kopf des Wirths zum Großen Monar⸗ chen ſenkte ſich durch eine, wie wir glauben, den Franzoſen eigenthümliche Procedur bis ju den Schultern herunter, während ſeine Arme in krampf⸗ hafter Bewegung, gleich einer doppelarmigen Pumpe, in der Luft ſich bewegten. „Das will nichts heißen, Kinder,“ rief er aus, „das will nichts heißen, die Engländer ſind ſehr behende.“ Zehntes Kapitel. Ungefähr eine Stunde lang, nachdem ſie Ca⸗ lais im Rücken hatte, ſetzte Katty in raſchem Schritte ihren Weg fort, ohne die Richtung zu kennen, welche ſie eingeſchlagen hatte; vielleicht kümmerte ſie das auch gar nicht, und es ſchien ihr aus⸗ ſchließlicher Gedanke nur dahin gerichtet zu ſein, ihr Pflegekind vor ſeinen Feinden in Sicherheit zu bringen, gleichviel, wo dieß auch wäre. Wie ſie ſich verſtändlich machen, wo ſie um Rath oder Freunde zu ihrem Beiſtand ſich umſehen könne, das kam ihr keinen Augenblick in den Sinn. An⸗ eſichts der noch fortwährend drohenden Gefahr amen alle perſönlichen oder kleineren Rückſichten gar nicht in Betracht, obgleich ihre Lage eine ſehr — 168 kritiſche war, für ſie, eine Unbekannte in fremden Lande, von deſſen Sprache und Sitte ſie nichts verſtand. Es gibt viele Menſchen, welche an der Einmi⸗ ſchung der göttlichen Vorſehung in menſchliche An⸗ gelegenheiten zweifeln und die behaupten, es gebe nur ein allgemeines Geſetz, welches deren Handeln leite. Wir ſind aber geneigt zu glauben, daß es noch ein ganz ſpecielles gibt, das in Augenblicken außerordentlicher Gefahr zuweilen in Mitwirkung tritt. Dieß beweiſen die tauſend wunderbaren Er⸗ rettungen aus Fluth und Schlachtgewühl. Man frage den Seemann, der von den Schrecken eines Schiffbruchs durch ein einzelnes herumtreibendes Brett, das in ſeine Nähe kam, gerettet wurde, oder den Krieger, der ſeine Kameraden rings um ſich fallen ſah und doch gerettet wurde, um die Ge⸗ ſchichte der Niederlage oder des Triumphes erzäh⸗ len zu können; jeder derſelben wird uns verſichern, daß dieß nur durch eine ganz beſondere Gnade, die ihm zu Theil geworden, gelungen ſei. Wohl möglich, daß Katty's Muth durch einen Glauben dieſer Art geſtählt war, denn ſie ſetzte ihren Weg fort, geſtärkt durch ihr Vertrauen in die Vorſehung und die Hoffnung, daß der Stern, der bei unſerer Geburt auf⸗ und erſt an unſerem Grabe in Wolken oder Sonnenſchein, je nachdem wir Spanne Lebenszeit verwendet haben, nieder⸗ geht. Während der erſten Meilen, die ſie zurücklegte, bemerkte ſie, daß viele Perſonen, meiſtens Weiber, einige mit Geflügel, andere mit Küchengewächſen 16⁰ und Früchten beladen, an ihr vorübergingen, wor⸗ aus ſie richtig ſchloß, daß dieſelben auf dem Wege nach Calais begriffen ſeien, um dieſe Gegenſtände dort auf dem Markte zum Verkauf zu bringen. Dieſer Umſtand machte ihr übrigens wenig Sorge. Der Tag war noch nicht völlig angebrochen und die Leute beachteten ſie kaum. Als ſie aber weiter kam, hörte die Begegnung auf; dafür überholte ſie mehrere Perſonen, welche auf ähnliche Weiſe belaſtet waren, und ſie dachte nun, daß ſie jetzt nicht mehr ſehr fern von irgend einer Stadt oder einem Dorfe ſein könne. Dieſe Vermuthung beſtätigte ſich bald, denn als ſie noch eine halbe Stunde weiter gegangen w ſah ſie mit Einem Male Gravelines vor ſich iegen. gUnterdeſſen war es heller Tag geworden und die Weiber fingen an, neugierig ſie zu betrachten. Es gibt nichts ſchärferes als ein weibliches Auge, wenn es ſich darum handelt, irgend etwas Unpaſſendes oder Eigenthümliches in der Kleidung zu entdecken. Die zierlichen Schuhe und Schnal⸗ len Katty's, die ſo gar nicht den hier zu Lande allgemein getragenen klappernden Holzſchuhen gli⸗ chen, gaben Veranlaſſung zu Bemerkungen und es wurden Fragen geſtellt, welche die Eigenthümerin dieſes Kleidungsſtückes nur durch Zeichen beant⸗ wortete. Einige hielten ſie für ſtumm; Andere behaup⸗ teten, ſie mache ſich über ſie luſtig, und fingen an, durch ihr Stillſchweigen keck gemacht, das ſie für Schüchternheit hielten, an ihr zu zerren, um den 170 Stoff zu prüfen, aus welchem ihre Kleidung ge⸗ fertigt war. Unſere Flüchtige kannte keine perſönliche Furcht; doch hielt ſie es nicht für gerathen, ſich in einen Streit einzulaſſen. Plötzlich ſtieg ein Gedanke in ihr auf; es fiel ihr ein, daß es eine Sprache gebe, die Jedermann verſtehen könne— die Sprache des Herzens. Sie bedeutete den Frauen, einen Augenblick Geduld zu haben, band den Shawl auseinander und zeigte ihnen den ſchlafenden Redmond. „Der hübſche kleine Engel! Der Prachtjunge!“ rief ein Chor von Stimmen, indem die Bäurin⸗ nen ſich um das Kind ſammelten. Während ſie ſo in einem Haufen daſtanden, plaudernd und den Knaben bewundernd, kam ein Prieſter auf einem ſtämmigen Roſſe die Straße einhergeritten. Er war ein Mann von etwa fünf⸗ i Jahren, mit offenem, freundlichem Ausdrucke es Geſichts, welchem der Morgenritt noch ein ganz beſonderes, friſches, roſiges Ausſehen verlie⸗ hen hatte. Die Weiber machten dem Pfarrer reſpektsvoll Platz, deuteten auf die Fremde und ſagten ihm, daß dieſelbe ſtumm ſei und vermuthlich ſich ver⸗ irrt habe. Er redete ſie auf franzöſiſch an. Katty ſchüt⸗ telte aber traurig den Kopf. Feſt entſchloſen, ihr wo möglich zu dienen, ſetzte der würdige Mann ſeinen Weg neben dem ziemlich lärmenden Haufen fort, indem er Bruch⸗ ſtücke aus Liedern vor ſich hin ſummte, deren Me⸗ lodie das Herz der Irländerin mächtig ergriff. Sie konnte ſich nicht irren; es waren dieſelben Töne, die ſie ſo oft in ihrer Kindheit im Heimath⸗ lande gehört und ſelbſt geſungen hatte. Endlich konnte ſie nicht länger mehr zweifeln. Sie hörte deutlich die Worte des Liedes: „Wie ſchön biſt Du zu ſeh'n, Ich denke Deiner ſtets, Ellen, mein Herz.“ Zu großem Erſtaunen des Pfarrers hub die Frau, die man ihm als ſtumm bezeichnet hatte, das Lied fortſetzend an: „Wer liebt wohl ſo, wie ich? Wer ſtirbt gleich mir, für Dich? Ellen, mein Herz.“ „Das iſt ja irländiſch!“ rief er in ſo reinem irländiſchen Accent, wie ſe Einer an den Ufern des Shannon gehört worden iſt. „Sind denn Eure Ehrwürden ein Irländer?“ fragte die freudig bewegte Katty. „Ob ich ein Irländer bin!“ wiederholte der Prieſter im Tone des Erſtaunens.„Allerdings bin ich ein ſolcher. Was, bei allen Heiligen, ſollte ich denn ſonſt ſein? Aber wer ſind Sie? Was führt Sie hieher? Ich dachte doch gleich, es liege etwas in Ihren Angen, was mich an Zrland erinnerte.“ Die erſtaunten Bäurinnen fingen an, in vol⸗ lem Glauben, daß ihr Hirte und die Fremde auf Luteiniſch ſich unterhielten, andächtig ſich zu bekreu⸗ zigen; und eine darunter, noch abergläubiſcher, wie — Ihnen, daß 172 die andern, fragte ihn alles Ernſtes, ob ihnen gar ein Wunder mit anzuſehen vergönnt worden ſei. Der Geiſtliche war zu aufrichtig fromm, als daß er auch nur für einen Augenblick den Jrrthum unterſtützt hätte, und ſomit erklärte er den Frauen alſo gleich, daß die Fremde eine Landsmännin von ihm ſei, welche die Vorſehung unter ſeinen Schutz geführt habe. Unterwegs nach Gravelines erzählte Katty ihre Abenteuer dem Vater Mac Mahon, ſo hieß nämlich der wackere Prieſter, und er hörte ihr aufmerkſam zu. Wenn zuweilen ein Ausdruck von Zweifel auf ſei⸗ nem offenen, ehrlichen Geſichte ſich zeigte, ſo ver⸗ ſchwand dieſer augenblicklich wieder vor dem tiefen Ernſt und der natürlichen Beredſamkeit der Bericht⸗ erſtatterin. Gerade die Unwahrſcheinlichkeiten in ihrer Erzählung erſchienen ihm als ein Beweis für deren Glaubwürdigkeit. Katty erklärte, daß ſie keinen Beiſtand, ſoweit es ſich um eine Unterſtützung handle, verlange, ſondern bloß eines Freundes be⸗ dürfe, der ihr Rath und Beiſtand verleihe. Dieſer Freund zeigte ſich ihr, eben als die Umſtände am allerungünſtigſten ſchienen, in der Perſon ihres Landsmannes. „In der That, Mrs. Caſſiday,“ ſprach er,„es iſt etwas Mtti um die Wahrheit, und ich Sie ſie mir mitgetheilt haben. m erſten Augenblicke dachte ich daran, Ihnen im Pfarrhauſe ein Obdach und die Geſellſchaft meiner alten Tante Bridget Mac Mahon, zu Ihrer Er⸗ muthigung anzubieten. Ich ſehe aber wohl, daß. das nicht genügt. Ich muß einen ſichereren Ort, 173 als das Haus eines armen Landgeiſtlichen für Sie ausſuchen. Folgen Sie mir in die Stadt, viel⸗ leicht finde ich dort etwas für Sie.“ „Der Himmel wird Eure Ehrwürden für Ihre liebreichen Worte und Ihre noch liebreichere Hand⸗ lungsweiſe belohnen. Ich vermag nicht zu ſprechen; mein Herz iſt zu voll, aber es betet für Sie.“ „Still! Still, Frau!“ unterbrach ſie der Prie⸗ ſter;„es mag allerdings nicht ſchaden, wenn man für eine arme Chriſtenſeele oder gar für Heiden betet; aber ich will nicht, daß man mich lobpreiſt. Ich ſelbſt muß dankbar dafür ſein, daß der Him⸗ mel mich Sie finden ließ. Iſt dieß der kleine Junge?“ fuhr er fort mit einem Blicke auf die Laſt, die ſie ſo ſorgfältig in den Armen hielt. Katty ſchob den Shawl etwas auseinander und zeigte die Geſichtszüge des ſchlafenden Kindes. „Das iſt ein derber Junge,“ bemerkte der Geiſt⸗ liche, nachdem er ihn einige Augenblicke lang be⸗ trachtet hatte;„einer vom alten Schlag— ein ächter O Neil.“ „Und St. Clair,“ ſetzte die Amme ſtolz hinzu. „Das ſind Normanen, Frau,“ erwiderte Vater Mac Mahon,„und kamen mit dem normaniſchen König nach Irland. Die Clair's ſind mit den ONeil's kaum anders, als wie die Pilze mit der Eiche zu vergleichen.“ „Wohl möglich,“ ſagte Ellen's Milchſchweſter im Tone von Jemand, der nicht beleidigen will; „Eure Ehrwürden muß dieß am beſten wiſſen. Wir ſind nur arme, unwiſſende Geſchöpfe; aber wir halten große Stücke auf die Clair's in Galway.“ — 174 Für diejenigen unſerer Leſer, welche vielleicht Katty's Zuſammentreffen mit einem irländiſchen Prieſter für unwahrſcheinlich halten, bemerken wir, daß dieß keineswegs der Fall iſt. Vor der Revo⸗ lution im Johr 1798 waren dieſelben viel zahlrei⸗ cher, als in der jetzigen Zeit. Selbſt in den letz⸗ ten Jahren kamen wir mit ſolchen in mannigfaltige Berührung auf unſeren Wanderſchaften durch Frank⸗ und fanden Gaſtfreundſchaft unter deren Dä⸗ ern. Es gibt kaum eine Stadt in der Picardie oder im franzöſiſchen Flandern, in welcher die engliſchen oder irkändiſchen Katholiten nicht irgend ein oder ſogne mehrere Etabliſſements beſaßen, bis die Hand der Gewalt ſie vertilgt hatte. Das prächtige Col⸗ legium in St. Omer iſt jetzt ein Militärſpital und die letzten Spuren des frommen Hauſes, in wel⸗ ches wir unſere Leſer einzuführen im Begrifſe ſind, ſind längſt aus der ruhigen Stadt Gravelines ver⸗ wunden. Katty folgte ihrem Landsmann durch eine enge Straße, die parallel den Fortifieationen an der Nordſeite des Canals hinlief, bis ſie endlich an einem langgeſtreckten, von einer hohen Mauer um⸗ iteic Gebäude anhielten, über welche der ſchlanke hurm einer Kapelle, ſo wie die Thürmchen und Kamine eines viel größeren Gebäudes hervorragten. Ueber dem Portal, das den einzigen Eingang in die Umſchließung bildete, befand ſich eine ſchwarze Marmortafel mit der Aufſchrift: „Kloſter der armen engliſchen Clariſſinnen.“ Wenn irgend Etwas uns zu einer Abſchweifung 175 veranlaſſen könnte— eine Gewohnheit, welche wir uns in Zulkunft nicht mehr geſtatten werden— ſo wäre es eine Beſchreibung des traurigen Schickſals, welches bald darauf die kleine Gemeinde der from⸗ men Frauen ereilte, die jetzt mit chriſtlicher Liebe und herzlicher Dienſtbereitwilligkeit die arme, ver⸗ laſſene Flüchtige willkommen hießen. Die Aebtiſſin, die letzte, welche dieſem Amte vorſtand, eine Eng⸗ länderin von ehrwürdigem Ausſehen, führte ihren Gaſt in das Refectorium, während eine der Laien⸗ ſchweſtern in gaſtfreundlicher Abſicht in die Küche eilte, um für die Fremden ein Frühſtück zuzuberei⸗ ten. Andere Schweſtern ſammelten ſich um ſie, bewunderten den Knaben Redmond und hörten mit theilnehmendem Ohr die traurige Geſchichte an, welche ihnen deſſen Amme erzählte. „Sie wünſchen alſo nach Irland zurückzukeh⸗ ren?“ bemerkte die Oberin freundlich. „Iſt nicht dort meine und des Kindes Hei⸗ math?“ erwiderte Katty. Der Prieſter und die Aebtiſſin wechſelten Blicke des Einverſtändniſſes. „Vielleicht,“ ſprach der Letztere auf Franzöſiſch; „wir dürfen aber keine S Hoffnung in ihr erwecken. Ich will an den Hafen gehen und ſehen, was dort zu machen iſt.“ der Zeit, welche wir beſchreiben, ſo wie noch heutigen Tages, beſtand zwiſchen Irland und dem Continent ein beträchtlicher Handel in geſal⸗ zenen Fiſchen, einem Artikel, nach welchem in allen katholiſchen Ländern, namentlich während der Faſten⸗ zeit, große Nachfrage iſt. Ein damit beladenes — 176 Schiff war kürzlich von Galwah in Gravelines eingetroffen und der Copitän war dem Pfarrer ſowohl als dem Kloſter genau bekannt, deſſen Be⸗ wohnerinnen die beſten Kunden für ſeine Waaren waren. Nachdem Vater Mac Mahon eine kurze Meſſe geleſen hatte— dieſe Sünde für ſeine Eie wurde ihm hoffentlich im Hinblicke auf ſeinen Grund vergeben— verabſchiedete er ſich mit dem Verſprechen, vor Mittag wieder zu kommen, und die Schweſtern ſchlugen, um die Peit auszufüllen, ſt Gaſte vor, ihn in ihrer Anſtalt umher zu ühren. WPus Kloſter hatte wenig Anſpruch auf archi⸗ tektoniſche Schönheit, denn es war weiter nichts, als ein unzuſammenhängender Haufen von Ge⸗ bäuden, die zu verſchiedenen Zeiten errichtet wor⸗ den waren, wie gerade die finanziellen Verhältniſſe der Gemeinde es geſtatteten, ihren Wohnſitz zu erweitern, der ſo richtig mit der Aufſchrift be⸗ zeichnet war: „Kloſter der armen engliſchen Elariſſinnen.“ Die Kapelle war der einzige Theil des Ge⸗ bäudes, an welchem einige Ornamente angebracht waren und welche auf Katty, deren Augen durch⸗ aus nicht verwöhnt waren, einen großartigen Ein⸗ druck machten. Die Nonnen, eben ſo ſchlicht, wie ſie ſelbſt, waren entzückt über ihre naive Bewun⸗ derung und wetteiferten unter einander, ſie mit Geſchenken, Werke ihrer Hand, zu überhäufen. Die Mittagsſtunde hatte noch nicht geſchlagen, als auch der Pfarrer ſchon, getreuſ einem Verſprechen, mit vor Freude ſtrahlendem Geſichte wieder erſchien. 177 „Freuen Sie ſich, Mrs. Caſſiday,“ rief er aus;„Sie ſind eine ſehr glückliche Frau. Ich bringe Ihnen die Nachricht, daß der Fiſchhändler, Capitän Shane, den Hafen noch nicht verlaſſen hat, aber mit dem Eintritte der Fluth nach Gal⸗ way ſegelt.“ Die Freude der armen Katty war faſt zu groß für Worte; ſie lachte und weinte durcheinander, verſuchte mehrmals ihre Dankbarkeit auszuſprechen, aber Schluchzen und Thränen erlaubten ihr nicht, ihren Gefühlen Worte zu verleihen. „Ruhig, Frau, vuhig,“ ſagte der würdige Prie⸗ ſter, von ihren Thränen gerührt;„nicht einem ſündigen Weſen, wie mir, müſſen Sie danken, ſondern Dem, der mich geſtern Nacht zu Seinem Dienſt geſchickt hatte.“ Vater Mac Mahon kam nämlich von dem Beſuche eines entfernt wohnenden Beichtkindes, das auf dem Todbette lag, als er Katth auf der Straße nach Gravelines einholte. „Sputen Sie ſich,“ fuhr er fort:„Sie haben nur noch eine Stunde Zeit.“ „Es thut mir leid, daß Ihr Aufenthalt bei uns nur von ſo kurzer Dauer war,“ bemerkte die Aebtiſſin,„aber ich hoſſe, daß Sie uns nicht ver⸗ geſſen werden.“ „Ich ſollte Sie vergeſſen!“ wiederholte Katty, von ihren Gefühlen hingeriſſen;„machen Sie mir das Herz nicht noch ſchwerer, als ich zu ertragen vermag. Sie vergeſſen! O, wenn Sie wüßten, wie ſüß es iſt, ein liebreiches Wort in unſerer * Mutterſprache im fremden Land zu hören, ſo wür⸗ Smith, Sein u. Schein. I. 12 — 178 den Sie nicht vom Vergeſſen ſprechen. So lange ich lebe, will ich für Ste beten, obgleich kaum ein großer Werth auf die Fürbitte eines ſo unbeden⸗ tenden Geſchöpfes, wie ich, zu legen iſt.“ Obgleich ſie erſt wenige Stunden unter dem klöſterlichen Dache zugebracht hatte, nahmen die Schweſtern doch einen warmen Antheil an ihrem Gaſte und vor Allem an dem Kinde, das aus ſo mancherlei Gefahren errettet worden war, und ſa⸗ hen deßhalb ihrer Abreiſe mit Bedauern entgegen. Von dem Prieſter begleitet begab ſich Katty nach dem Hafen, und in weniger als einer Stunde befand ſie ſich am Bord des Shamrock unter dem Commando des Capitän Shane, in welchem ſie einen alten Bekannten erkannte. Etwa eine Woche ſpäter ging, begünſtigt von ſchönem Wetter und einem glücklichen Wind, das Schiff glücklich in der Bai von Galwah vor Anker. Murlough Houſe, die Wohnung der Ehren⸗ werthen Mrs. Tabitha Macnamara, wat nur vier Meilen davon entfernt und lag direct auf dem Wege nach der beſcheidenen Hütte, wo der troſt⸗ loſe Mr. Caſſiday mit Ungeduld die Rückkehr der Mutter des kleinen Phelim erwartete, deren Zö⸗ gern er durchaus nicht begreifen konnte. Dieſes— Murlough Houſe, nicht die Hütte— war ſeiner Zeit ein ſchönes Gebäude geweſen, das in einer Hinſicht ſeiner Herrin glich— es ſah näm⸗ lich von ferne noch immer hübſch aus. Dort, wie es ihre Pflicht erheiſchte— ihr Gatte war ein Pächter auf dem Herrſchaftsgute— beſchloß Katty 179 zuerſt vorzuſprechen. Leider hatte ſie eine traurige Geſchichte mitzutheilen. Von Jugend auf mit dem „Orte,“ wie man emphatiſch ſich ausdrückt, be⸗ kannt, fiel es ihr nicht ſchwer, von der Rückſeite des Hauſes— der Haupteingang war ſchon längſt außer Gebrauch gekommen, außer bei ganz feier⸗ jien Gelegenheiten,— den Weg in die Küche zu inden. Dort fand ſie Niemand als Mike Connally, den Laufjungen. „Sind Sie es ſelbſt, Mrs. Caſſiday?“ fragte dieſer in erſtauntem Tone; denn Katty's Abreiſe war Gegenſtand der allgemeinen Unterhaltung in der ganzen Grafſchaft geworden. „Gewiß bin ich es. Kann ich Deine Herrin ſprechen?“ „Daran iſt gar nicht zu denken,“ erwiderte der junge Menſch.„Glauben Sie mir: ich habe meine eheimen Befehle. Mylady arbeitet mit Kene, dem Rentmeiſter, der mit dem Pachtbuch bei ihr iſt. Am Ende ſind auch Sie noch mit dem Pacht et⸗ was im Rückſtand.“ „Nein, nein.“ „Es freut mich, dieß zu hören; denn wir ſind wirklich daran, die Sache endlich in Ordnung zu bringen.“ „Ich muß ſie ſehen,“ rief Katty ungeduldig. „Du darfſt mir dieß nicht abſchlagen. Denke nur an den guten Dienſt, den ich Dir verſchafft habe.“ „Sie haben Necht, Mrs. Caſſiday,“ verſetzte Mike.„Kommen Sie alſo nur mit mir. Das Beſte iſt, ich frage nicht lange, denn i ge⸗ 180 wiß, daß Mylady Sie nicht vorlaſſen würde, wenn ſie es vermeiden kann. Ich will Sie ohne Wei⸗ teres ankündigen.“ Mike nahm von einem Ständer einen daran hängenden altmodiſchen Livreerock, der offenbar nicht für ihn gemacht worden war, zog dieſen an und forderte ſodann Katty auf, ihm zu folgen. Das Empfangzimmer in Murlough Hauſe war ziemlich altväteriſch möblirt. Familienpor⸗ traits, ein großes Schlachtgemälde, die Erſtür⸗ mung von Trogheda unter Cromwell vorſtellend, mehrere Woffenrüſtungen und Jagdtrophäen, dar⸗ unter die Haut des letzten Wolfes, der in Irland geſchoſſen worden war, ſchmückten die Wände, die von Eichenholz, in verſchiedene Felder getheilt waren. Ueber dem maſſiven Kaminmantel von Galway⸗ Marmor hing ein Spiegel, der faſt bis an die Decke reichte. Obgleich damals wenig geſchätzt, würde man jetzt einen fabelhaften Preis dafür be⸗ zahlen, nicht ſowohl wegen des Werthes des Gla⸗ ſes, das ein ächtes Fabrikat von St. Illdefonſo war, als vielmehr wegen der Schönheit des Rah⸗ mens, ein phantaſtiſches Schnitzwerk von Früch⸗ ten, Blumen und Vögeln. Der Künſtler mußte eine Art von Satyriker geweſen ſein, indem er auf dem oberſten Theile einen Affen in ſcharfem Relief angebracht hatte, der einen kleinen Toilette⸗ ſpiegel in ſeinen Tatzen hielt. Die Stühle und Kanapees, ſteif, mit hohen Lehnen und ſchwerfällig, mußten einſt außer⸗ ordentlich ſchön geweſen ſein, aber die Zeit hatte 181 die reichbrocatenen Kiſſen, ſo wie die ſchweren Vorhänge von Utrechter Sammt, welche man ihrer Länge nach durch das ganze Zimmer ziehen konnte, ſtark abgebleicht. Es war nur Ein breites Fen⸗ ſter— nach dem Geſchmack der Zeit der Eliſa⸗ beth— vorhanden, das von dem Fußboden bis an die Decke reichte. Die Ehrenwerthe Miß Macnamara war in ihren jüngeren Jahren eine Schönheit geweſen, wovon in ihrem fünfzigſten Jahre noch manche Spuren übrig geblieben waren. Es lag etwas außerordentlich Stattliches in ihrer Erſcheinung, wie ſie in ihrem Reifrock mit gepudertem Haar und darauf eine Spitzenhaube mit langen Flü⸗ geln daſaß und den Bericht Kene's, des Rent⸗ meiſters, anhörte, der in der Nähe des Tiſches ſtand und ihr aus dem Pachtbuche vorlas. Kene war ein hochgewachſener, ſchlanker Mann, mit kahlem Kopfe, ſcharfen, intelligenten Geſichts⸗ zügen, in einen breitſchößigen Reitrock gekleidet und mit bis an die Kniee reichenden Stiefeln, wie man ſie damals zu Pferde trug. Er war eben im Begriff, auf eine Bemerkung zu antworten, welche ſeine Herrin gemacht hatte, als Mike die Thüre öffnete, in das Zimmer trat und mit lauter Stimme rief:„Miſtreß Caſſiday, Mylady.“ Die Ehrenwerthe Miß Macnamara war über Katty's Erſcheinen ſo ſehr erſtaunt, daß ihre Hand, mit der ſie eben eine Priſe Rappee nach der Naſe hatte führen wollen, auf halbem Wege in der Luft ausgeſtreckt blieb. — 13 182 Eilftes Kapitel. Wie ſo viele Menſchen auf der Welt, ſo hatte auch die Ehrenwerthe Mrs. Tabitha Macnamara nicht die entfernteſte Kenntniß ihres Charakters. Obgleich man auf ſie leichter als auf irgend Je⸗ mand in der Welt einwirken konnte, ſo glaubte ſie doch von ſich, daß ſie nur durch die Vernunft ſich leiten laſſe. Während ihres Lebens hatte ſie wohl hundert Mal ewige Feindſchaften geſchworen und darunter doch nur in zwei Fällen ſich Wort gehal⸗ ten. Trotz dieſes kleinen Widerſpruches that ſie ſich doch auf ihre Conſequenz etwas zu gut. Der einzige, ſcharf ausgeprägte Zug in ihrem Charakter war Familienſtolz und mit Eiferſucht hielt ſie ſtreng darauf, daß ihr, der letzten Ab⸗ kömmlingin des Hauſes Macnamgra von Mur⸗ lough, die gebührende Achtung erwieſen werde. Jeden Zweifel, daß Phadrig Mac Namar of the Rath oder Hill, ein phöniziſcher Fürſt, der ſich wenigſtens drei Jahrhunderte vor der chriſt⸗ lichen Zeitrechnung in Zrland niedergelaſſen habe, der Ahnherr ihres Geſchlechtes geweſen ſei, be⸗ trachtete ſie als eine tödtliche Beleidigung, als eine nicht zu verzeihende Beſchimpfung. Dieſer Beleidigung hatte ſich Sir Patrik O Neil ſchuldig gemacht. Denn als die reiche alte Jungfrau die Beſtimmung trefſen wollte, daß ſein Neffe den Namen Maecnamara im Falle einer ehe⸗ lichen Verbindung mit ihrer Nichte annehmen ſolle, verweigerte der heißblütige Baronet nicht nur ſeine 183 Einwilligung zu einer Anordnung dieſer Art, ſon⸗ dern lehnte ſogar den Vorſchlag rund ab; erklärte den phöniziſchen Prinzen für eine Mythe, die Ab⸗ leitung ihres Familiennamens Mac Namar of the Rath, woraus Mac Namarath, Macnamara ent⸗ ſtanden ſein ſolle, für eine Täuſchung und fügte bei, daß ſein Erbe nie einen andern Namen als den ächten mileſiſchen*) ONeil führen ſolle. Von dieſem Tage an widerſetzte ſich die Tante der Partie eben ſo entſchieden, als ſie ihr früher geneigt geweſen war. Aller Verkehr zwiſchen Mur⸗ lough Honſe und Burna Caſtle, der Wohnung der O'Neil's, hörte auf. Der königliche Phönizier war für eine Mythe erklärt worden— ein Wort, wegen welches, in Parentheſe geſagt, die entrüſtete Dame an den ka⸗ tholiſchen Biſchof geſchrieben hatte, weil ſie deſſen Sinn nicht verſtand und weil ſie zu ſtolz war, um Belehrung über dieſen oder irgend einen andern ſ den Geiſtlichen ihres Kirchſpiels anzu⸗ ehen. Die Aufklärung, welche ſie erhielt, goß Oel in's Feuer. „Der heidniſche Ungläubige!“ rief ſie aus, nach⸗ dem ſie die Antwort des Prälaten geleſen;„iſt nicht die Inſchrift auf des Ahnherrn Grabſtein ſo alt, daß kein lebendes Weſen ein Wort davon zu leſen *) MWileſiſche Familien nennt man in Irland die Nachkommen von Mileaah, dem iberiſchen Helden Milenah, der 1000, n. A. ſogar 3000 Jahre vor Chriſtus nach dieſer Inſel gefommen iſt. Seine drei Söhne unterwarfen ſich nach ſeinem Tode das ganze Land und wurden Stifter faſt ſämmtlicher Häuptlinasfamilien Frlands. D. B. — 184 im Stande iſt! Iſt dieß nicht Beweis genug! Eine Mythe! Ich wüßte nicht, was dann der rothe ritterliche Zweig der O Neil's bedeuten ſollte? Gerechter Himmel! Phadrig eine Mythe! Das werde ich in meinem Leben nicht verzeihen!“ Ellen wurde jetzt von ihrer Tante und Vor⸗ münderin bedeutet, daß ſie Redmond von nun an völlig ſich aus dem Sinne ſchlagen müſſe und nur daran denken dürfe, was ſie dem Blute der Mac⸗ namara's und dem beſchimpften Andenken ihres Vorfahren, des Fürſten Phadrig, ſchul⸗ ig ſei. 8 2 tr alles, was die aufgebrachte Dame von ihrer Mündel erlangen konnte, beſtand darin, daß dieſe verſicherte, ihrem Befehle Folge zu leiſten ſich bemühen zu wollen,— ein Verſprechen, das aber wie alle derartigen Verſprechen, in der Regel damit endigte, daß ſie noch mehr als zuvor an Red⸗ mond dachte, und ſchließlich eine eheliche Verbin⸗ dung mit dem Gegenſtande ihrer Wahl eine Woche nach Erlangung ihrer Volljährigkeit einging. Die Ehrenwerthe Miß Tabitha weigerte ſich nicht nur bei der Ceremonie anweſend zu ſein, ſon⸗ dern auch die junge Frau vor ihrer Abreiſe nach Frankreich zu ſehen; erklärte, daß ſie die gröblichſt beleidigte Perſon auf der ganzen Welt ſei und ver⸗ bot, daß der Name der Beleidigerin jemals wieder in ihrer Gegenwart genannt werde. Und doch liebte die erzürnte alte Jungfrau das verwaiſte Kind ihrer Schweſter auf's Zärtlichſte, welches durch Eingehen einer Ehe ohne ihre Einſtimmung vor dem Alter von fünfundzwanzig Jahren, nach dem 185 Teſtamente ihres Vaters, des Oberſten St. Cloair, Alles, mit Ausnahme einer kleinen Leibrente aus dem Vermögen, das er ihr hinterlaſſen hatte, auf's Spiel ſetzte, während das Hauptvermögen zum Beſten ihrer Kinder ſicher in den Händen der Vor⸗ münderin blieb; eine Anordnung, welche weder El⸗ len noch deren Gatte bedauerten, denn ihre Her⸗ zen waren reich— reich an Liebe der Jugend, deren goldene Träume voll von gegenſeitigem Ver⸗ trauen und von den glänzendſten Hoffnungen auf die Zukunft erfüllt waren. Wie ſich dieſe geſtal⸗ teten, haben unſere Leſer bereits geſehen. In gewiſſermaßen natürlicher Folge theilte Katty die Ungnade, welche ihre Milchſchweſter getroffen hatte, und auch ihr war ganz ausdrücklich verboten worden, Murlough Houſe ferner wieder zu betre⸗ ten. Gleich den meiſten Perſonen, welche ohne vernünftigen Grund aufgebracht ſind, war die Eh⸗ renwerthe Miß Tabitha Macnamara nichts weni⸗ ger als logiſch in ihrer Empfindlichkeit. „Wahrhaftig, Mrs. Caſſiday,“ rief ſie aus, nachdem ſie von ihrem Erſtaunen ſich einigermaßen erholt hatte,„Sie haben eine kecke Stirne— das werde ich Ihnen, wo ſie wollen, ſagen— daß Sie mir in meiner eigenen Wohnung, meinem ausdrück⸗ lichen Befehle zuwider, Trotz bieten und ohne Wei⸗ teres zu mir kommen, ohne daß ich nach Ihnen geſchickt habe.“ „Der Gram macht den Aermſten kühn, My⸗ lady,“ antwortete die Frau in einem ſo traurigen und herzbrechenden Tone, daß die Gutsherrin da⸗ durch etwas weicher geſtimmt wurde. — 186 „Laſſen Sie es gut ſein,“ bemerkte dieſe;„wenn wirklich ein großes Unglück Sie getroffen hat, ſo iſt vielleicht Byr Unterfangen nicht ſo kühn, wie es ſcheint; aber Sie hätten ſch dann in dieſem Falle an den Rentmeiſter um Beiſtand wenden ſollen.“ „Was meine Pachtverhältniſſe anbelangt, ſo ſind dieſe vollkommen in Ordnung und werden es auch hoffentlich bleiben,“ fuhr Katty, an Kene ſich wendend, fort, der ganz außer ſich vor Erſtaunenüber ihre Kühnheit daſtand.„Da müßten erſt die ägyp⸗ tiſchen Plagen kommen, wenn dieſe in Unordnung gerathen ſollten.“ Hier fand endlich die alte Dame Zeit, die Priſe Tabak zu nehmen, welche indeſſen zwiſchen ihrer Tabatiere und ihren Naslöchern in der Schwebe gehalten worden war. „Ich kam nicht hieher, um Troſt zu ſuchen,“ fuhr Katty fort,„obgleich die Heiligen wiſſen, daß ich ihn nöthiger als je hätte— obgleich ich ihn, wenn ich ihn bedürfte, vielleicht nicht fände— ſondern ich bin da, um welchen zu bringen, wenn Ihr Herz um eine Todte ſich abhärmt, von der Sie ſich, Mylady, mit unfreundlichen Worten und in heftigem Zorn, trennten.“ Das Geſicht der Herrin von Murlough Houſe verzerrte ſich ſichtbar krampfhaft; ſie ließ ihre Ta⸗ batiere fallen und ſtemmte ihre Hand in die Seite, wie wenn ihr plötzlich der Athem vergehen wollte. Katty, auf's Höchſte beſtürzt, machte Miene, zu ihrem Beiſtande herbeizueilen, aber Miß Macna⸗ mara raffte ſich ſchnell wieder auf und winkte ihr mit der Hand ab. 187 „Soagen Sie mir Frau, daß Sie mich bloß auf die Probe ſtellen wollten,“ ſtammelte ſie end⸗ lich,„und ich will Ihnen verzeihen; aber ſagen Sie mir nicht, daß das Kind, das ich liebte, im Grabe ruht, im Glauben, daß mein Herz ſich von ihm abgewendet habe. Ellen! Theuerſte El⸗ len!“ ſetzte ſie in Thränen ausbrechend hinzu; „nur über mich ſelbſt war ich ſeitdem immer aufgebracht.“ Wie viele reizbare, wohlwollende Menſchen ha⸗ ben ſchon daſſelbe Geſtändniß abgelegt— haben gefühlt, daß ſie Welten darum geben würden, wenn ſie ein raſch ausgeſprochenes Wort, einen harten Entſchluß, der in der Leidenſchaft gefaßt und aus Stolz feſtgehalten worden war, hätten widerrufen können, nachdem es zu ſpät war! Arme Menſchheit, die ſtets ſich ſelbſt täuſcht und ihrem Groll nochgibt, bis der Tod die Maske abreißt! Dann erſt beurtheilen wir uns ſelbſt mit Vernunft und diejenigen, welche uns beleidigt ha⸗ beu, mit Nachſicht. Katty gab keine Antwort und der Rentmeiſter Kene, welcher fühlte, daß der Schmer— ſeiner Her⸗ rin zu heilig für einen profanen Auvic ſei, ſtahl ſich unvermerkt aus dem Empfangzimmer weg. Wie bei allen Menſchen von raſchem, reizba⸗ rem Temperament, war der Ausdruck des Schmer⸗ . der Miß Macnamara in höchſtem Grade heftig; Krämpfe, Seufzer und Selbſtanklagen wech⸗ ſelten unter einander mit Anwandlungen von Ohn⸗ machten, ſo daß die ſtumme Zuſchauerin in ihrem Schmerz ſchon im Begriffe war, die Glocke im — 188 Beiſtand zu ziehen, als ihr plötzlich ein Gedanke kam, der nur einem weiblichen Herzen entſpringen konnte. Katty ſchob ihren Shawl auseinander und zeigte der Miß den kleinen Redmond. „Erhalten Sie ſich am Leben, Mylady!“ rief ſie aus.„Erhalten Sie ſich am Leben um des reizenden Knaben willen, den der Engel, der auf herabblickt, Ihnen zu Ihrem Troſte geſchickt at Die tief betrübte Dame nahm das Kind in ihre Arme, bedeckte es mit Küſſen und drückte es feſt an ihr Herz. Ellen ſchien ihr nicht ganz verloren, weil ihr Kind ſie überlebte, und ſie ſchwur ſich insgeheim zu, ihm die Mutter, die es verloren, zu erſetzen. „Schickt mir Redmond den Knaben?“ fragte die Ehrenwerthe Miß Macnamara. „Der Böſewicht!“ unterbrach ſie Katty;„der heilloſe Böſewicht! Er ſollte den reizenden Kna⸗ ben Ihnen ſchicken? Hat er ihn denn nicht er⸗ morden wollen?“ Die Herrin von Murlough Houſe wiederholte das Wort in fragendem Tone, wie wenn ſie nicht ganz ſicher wäre, Katty recht verſtanden zu haben. „Es iſt leider nur zu wahr, wie der Pſalter von Caſhel,“ fuhr die treue Amme fort.„Mein Gott! Mein Gott! Wenn ich an ſeine Grauſam⸗ keit denke— zuerſt knickte er die ſüße Blume, die nur für ihn blühte, und dann ſtürzten ſie feine Verläumdungen in das kühle Grab; das Herz bricht mir bei dem bloßen Gedanken daran. Sie 189 hatten vollkommen Recht, Mylady, wie es in Ihren Jahren und bei Ihrer Erfahrung gewöhn⸗ lich der Fall iſt. Es war ein trüber Tag, als⸗ der rothe O'Neil den Stolz der Clair's gewann und ſie in ein fremdes Land führte, um ſie dort zu mißhandeln.“ Erſtaunen hielt Ellen's Tante vom Ausdrucke ihres Unwillens ab, das ſie unter andern Umſtän⸗ den bei der Anſpielung auf ihr Alter empfunden haben würde, da dieß ein ſehr zarter Punkt bei ihr war. Ja, ihre Empfindung war ſo heftig, daß ſie einige Minuten lang kein Wort hervorzu⸗ bringen vermochte. Trotz ihres Vorurtheils gegen die O Neil's kam ihr der Gedanke an Redmond's Mißhandlung ſeiner jungen Frau, für welche er eine ſolche in⸗ nige Zärtlichkeit an den Tag gelegt hatte, ſo un⸗ geheuerlich vor, daß ſie ihn nicht zu faſſen ver⸗ mochte. „Es iſt doch meine Nichte, von der Sie ſpre⸗ chen?“ fragte ſie endlich. „Wer anders, als meine liebe, theure Milch⸗ ſchweſter,“ ſenfzt Katty;„ich will Ihnen ſogleich Alles erzählen. Es iſt am Ende das Beſte, wenn Sie Alles mit Einem Male erfahren, Mylady. Es iſt etwa ein Monat her, ſeitdem ich ihren lie⸗ ben Brief empfing.“ „Weſſen Brief?“ „Meiner theuren Ellen; ich trage ihn hier auf dem Herzen nebſt der Locke ihres ſchönen Haares, das ich ihr an jenem Morgen abſchnitt, an wel⸗ chem man ſie in das kalte Grab legte.“ 190 Damit zog ſie aus ihrem Buſen den Brief, in welchem Ellen ihre treue Milchſchweſter gebeten hatte, ſie in Folkestone zu erwarten und welchem auch die nothwendigen Gelder zur Reiſe beigelegt waren. Sie händigte ihn der Miß Macnamara ein, welcher ihr Gewiſſen heftige Vorwürfe machte, als ſie die Bitte darin ausgeſprochen fand, daß ſie die Sache ihrer Tante nicht mittheilen möchte. „Sie zweifelte an meiner Liebe zu ihr,“ mur⸗ melte die reuevolle Dame;„ſie zweifelte an mei⸗ ner Liebe zu ihr, und ich habe das Recht verlo⸗ ren, ſie deßhalb zu tadeln.“ „Vielleicht,“ meinte Katty, welche als junges Mädchen, im Herrenhauſe lebend, häufig die ſcharf⸗ ſichtige Bemerkung zu machen Gelegenheit gefun⸗ den hatte, daß Lady Tab's Bellen ſchlimmer war, als deren Beißen,„wollte ſie Sie nicht beun⸗ ruhigen.“ „Erzählen Sie mir Alles,“ rief das alte Fräu⸗ lein, ihre Lippen feſt zuſammenpreſſend.„Ich will Sie mit keinen Fragen mehr unterbrechen. Sie waren ſtets wahrheitsliebend, Katty; ich kann das mit Wahrheit ſagen; jetzt muß ich aber Alles hören. Nehmen Sie mir den Knaben nicht weg,“ fuhr ſie fort, als deſſen Amme Anſtalt machte, das Kind ihr aus den Armen zu nehmen;„ich kann beſſer hören, wenn das Kind da liegt, wo ſeiner Mutter Kopf ſo oft ruhte“ Trotz ihres Verſprechens, nicht wieder zu un⸗ terbrechen, vermochte Lady Tabitha die unwill⸗ kührlichen Ausbrüche ihres heftigen Schmerzens nicht zu unterdrücken, als Katty ihr Zuſammen⸗ 191 treffen mit Ellen am Strande von Folkestone— den traurigen Zuſtand der Flüchtigen, die Geburt ihres Sohnes und den ſo raſch darauf erfolgten Tod von deſſen unglücklicher Mutter erzählte. Pieſe Ausbrüche waren aber ruhig gegen den heftigen Unwillen, mit welchem ſie die Anſchuldigungen Redmond's, die er gegen ſeine Frau vorbrachte, und ſeine Verſuche, das Kind zu entführen, an⸗ hörte. 1 „Der Wahnſinnige!“ rief ſie aus—„der wahnſinnige, verbrecheriſche Thor! O, wenn ich ein Mann wäre, um ihm die ſchmähliche Verläum⸗ dung zurück in das Geſicht zu ſchleudern, daß ich die Lüge mit ſeinem Herzblute abwaſchen könnte! Sie ſollte ihm treulos geweſen ſein! Sie dem Namen Macnamara und St. Clair Schande ma⸗ chen! Die Blumen des Paradieſes ſind nicht rei⸗ ner von Sünde und Schande, als ſie war!“ „Das iſt wahr— ſo wahr, als der blaue Himmel ſich über uns wölbt!“ ſeufzte Ellen's Rilchſchweſter.„Hat ſie ihm nicht verziehen, für ihn gebetet— für ihn mit ihrem letzten ſüßen Atheinzug, indem ſie erklärte, daß ihre Liebe zu ihm ſich nicht geändert habe, daß er aber wahn⸗ ſinnig ſei? Und wahrhaftig, er mußte wohl wahn⸗ ſinnig geweſen ſein,“ ſetzte ſie hinzu,„daß er an ihr zweifeln konnte!“ „Die Todte kann ihm verzeihen,“ bemerkte die Tante,„die Lebende aber kann es nicht— die Lebende nicht. Ich will ihn in's Geſicht als Ver⸗ läumder und niederträchtigen Menſchen, und zwar — in Gegenwart des ganzen Hofs von Frankreich, brandmarken!“ Dieſe Drohung war nicht ſo leer, als ſie un⸗ ſern Leſern vielleicht auf den erſten Anblick erſchei⸗ nen mag. Lord Murlough, der Vater der Miß Macnamara, hatte, wie viele ſeiner tapfern Lands⸗ leute, Militärdienſte in Frankreich genommen, wo ſeine Tochter bis zu ſeinem Tode erzogen worden war und gelebt hatte. Bei einem Vorpoſtengefecht hatte der muthige Verbannte das Leben Ludwig's XV. gerettet, der dieſen Dienſt dadurch belohnke, daß er ſeinem Le⸗ bensretter ſein eigenes Großkreuz des heiligen Geiſtes um den Hals hängte— ein Andenken, welches noch immer im Beſitz ſeiner Nachkommin war. Trotz der zahlreichen Verlegenheiten, aus wel⸗ chen der Verkauf des Kreuzes in Brillanten Miß Tabitha hätte befreien können, ſchätzte dieſe daſ⸗ ſelbe doch zu hoch, als daß ſie es aus der Hand gegeben hätte. Nächſt dem Prinzen Phadrig hielt ſie dieſe Ehre für die höchſte ihres Hauſes. „Mylady werden aber doch nicht daran den⸗ ken, nach Frankreich zu gehen!“ bemerkte Katty ganz entſetzt über dieſe Jdee.„Gott bewahre! Das iſt ein trauriges Land, das keine entfernte Aehnlichkeit mit Irland hat— obgleich es dort auch warme Herzen gibt,“ ſetzte ſie hinzu.„Das Beſte iſt, den lieben Knaben von ſeinem Vater fern zu halten. Er wird hinter ihm her ſein, das bin ich feſt überzeugt, und was wollen Sie dort machen?“ 193 „Was ich machen will?“ wiederholte Miß Macnamara ſtreng.„Der Böſewicht ſoll es nur wagen, einen Fuß auf meine Güter zu ſetzen, und Sie ſollen dann ſehen, was ich zu thun im Stande bin, um Ellen's Kind und das letzte Glied meines Stammes vor ſeiner Grauſamkeit zu bewahren! Da ich alt bin, ſo werden die Jüngern mir die⸗ nen. Wenn auch meine Hände ſchwach ſind, ſo kann ich diejenigen waffnen, die ſtark ſind. In der ganzen Baronie Murlongh iſt auch nicht Ein Pächter, der nicht thun wird, was ſeine Herrin ihm befiehlt.“ „Das iſt wahr, ſei es im Guten oder Schlim⸗ men,“ ſagte Katty. „Wenn Redmond ONeil wahnſinnig genug wäre, ſich in den Bereich meiner Gewalt zu wa⸗ gen,“ fuhr die alte Dame fort,„ſo mag ſein Blut über ſein Haupt kommen.“ Das angethane Unrecht mußte einen tiefen Eindruck gemacht haben, daß ſolche Worte dem Munde einer Dame entſchlüpfen konnten, deren Leben ſich bis jetzt nur durch ein Wohlwollen auszeichnete, das faſt an Schwäche gränzte, und welche in Betracht ihres Ranges Vieles erduldet hatte, was die Meiſten als Entbehrungen anſe⸗ hen würden, nur um ihre wilden, erregbaren Päch⸗ ter abzuhalten, ſich den geheimen Geſellſchaften, i geſetzloſen Ausbrüchen anzuſchließen, die von jeher der Fluch des Landes waren. So tief aber auch Katty das ihrer verſtorbenen Milchſchweſter angethane Unrecht fühlte, ſo entſetzte ſie ſich doch über die Heftigkeit der Lady, welche ſie bis jetzt Smith, Sein u. Schein. I. 13 nicht nur für die Beſonnenſte und Sanfteſte, ſon⸗ dern auch, trotz ihrer Empfindlichkeit gegen die Vermählung ihrer Nichte, für die Lehöhchſe ihres Geſchlechts gehalten hatte. „Nur dieß nicht,“ ſprach ſie,„nur dieß nicht, Mylady. Die Hand, welche dem Armen und Hungrigen Brod gibt, darf ſich nicht mit einem Beehen beflecken.“ Dieſe Rüge, obgleich zögernd ausgeſprochen, als ob Katty ſh fürchtete, eine Dame zu beleidi⸗ gen, die zu verehren ſie von Kindheit an gelehrt worden war, blieb nicht ohne Erfolg. Die Her⸗ rin von Murlough faltete die Hände. „Herr, führe uns nichtin Verſuchung,“ murmelte ſie faſt unhörbar.„Wir ſind alle ſteche Geſchöpfe. Bete, daß die Verſuchung mich nicht überwältige.“ „Iſt es denn an mir, einer armen, unwiſſenden Gläubigen, für Eure Ladyſchaft zu beten?“ ver⸗ ſehte die ſchlichte Frau in richtiger Beurtheilung er Sachlage.„Wahrhaftig, ich möchte mir eine ſolche Freiheit nicht herausnehmen.“ „Die Beſten wie die Schlimmſten unter uns können die Fürbitte brauchen,“ ſeufzte die Ehren⸗ werthe Miß Macnamara.„Katty,“ ſetzte ſie hinzu, „Du biſt von jeher mir und den Meinigen eine treue Freundin geweſen und ich fürchte, daß ich nie im Stande ſein werde, die Schuld meinen Dankbarkeit gegen Dich abzutragen.“ „Dankbarkeit!“ wiederholte das ehrliche Ge⸗ ſcöp in erſtauntem Tone.„Wahrhaftig, Eurer cdhſchaft gefällt es, mit mir zu ſcherzen. Sollten 195 Sie etwa dankbar dafür ſein, daß ich meine Milch⸗ ſchweſter liebte, der nie ein unfreundliches Wort gegen mich über die Lippen kam, die vielmehr meine Fehler auf ſich nahm, als wir noch zuſam⸗ men ſpielten, dawit meine Mutter mich nicht ſchelte — und wahrhaftig, ich verdiente es oft; obgleich ich damals nicht erkannte, was ſie alles für mich that, ſo fühle ich es jetzt um ſo tiefer.“ „Du mußt in meinem Hauſe bleiben,“ bemerkte die Lady;„der liebe Knabe darf von ſeiner Amme nicht getrennt werden.“ „Allerdings ſollte dieß nicht ſein,“ antwortete Katty zögernd;„wäre es aber nicht daſſelbe, wenn ich das liebe Kind mit mir nähme?“ Dieſen Ausweg wollte aber die Herrin von Murlough Houſe durchaus nicht zugeben; ſie konnte den Gedanken an des Kindes Entfernung nicht ertragen; ja ſie wollte es ſelbſt nicht einmal einen Augenblick aus den Augen laſſen. Katty gerieth in Verlegenheit. Endlich fah ſie aber der Dame in's Geſicht, indem ſich ihr Mund zu einem leich⸗ ten Lächeln verzog. „Mylady denkt nicht daran, daß ich verheira⸗ thet bin,“ ſprach ſie.„Doch dieß iſt nicht mein Hauptgrund. Ich habe auch einen kleinen Jungen, der ſeinem Vater viel zu ſchaffen gemacht haben wird, ſeit ich von Hauſe weg bin. Männer ver⸗ ſtehen es nicht mit Kindern untzugehen, und Phe⸗ lim— ſo heißt er nämlich— iſt zwar ſo leicht zu lenken wie ein Lamm, wenn man ihn gewähren läßt; wenn dieß aber nicht der Fall iſt, ſo ſtellt er ſich ſehr ungeberdig an. Damit ni ich aber 1 — 196 keineswegs ſagen, daß er der allerwiderſpenſtigſte Knabe in der ganzen Baronie wäre.“ „Der Schmerz macht uns ſelbſtſüchtig, wie ich ſehe,“ bemerkte die Lady, die jetzt die ihrem Wunſch entgegenſtehende Schwierigkeit einſah;„ich vergaß ganz Dein Hausweſen und die Perſonen in dem⸗ ſelben, die Du liebſt.“ „Sprechen Sie nicht davon, Mylady.“ „Counally ſoll hinüber fahren und ſie hieher bringen.“ Da dieſer Vorſchlag die Hauptſchwierigkeiten der Amme hob, ſo war das Uebrige leicht zu ord⸗ nen und der Laufjunge wurde mit dem Auftrage abgeſchickt, die Caſſiday's, ſenior und junior, nebſt der blinden Großmutter mit ſich zu bringen. „Erwähne,“ ſagte Katty, nachdem ſie ihm mehr Verhaltungsregeln ertheilt hatte, als von irgend einem irländiſchen Kopf zu erwarten war, daß er ſich merken würde,„kein Wort von mir.“ „Ich werde ſtumm ſein wie der Fiſch, den ich heute Morgen zum Frühſtück verzehrt habe.“ „Sage auch nichts davon, daß Du mich ge⸗ ſehen haſt.“ „Ich habe ſo wenig geſehen als eine Blind⸗ ſchleiche,“ erwiderte der junge Menſch mit pfiffiger Miene. „Außer wenn meine Mutter ſehr bennruhigt ſein ſollte, dann kannſt Du ihr ja ſagen, daß Nach⸗ richten von mir eingetroffen ſeien,“ ſetzte die Toch⸗ ter wohlbedächtig hinzu. „Wenn ich ihr dieß ſage, dann wird ihr wohl we⸗ nig mehr verborgen bleiben,“ bemerkte Mike;„denn 197 außer dem Prieſter und der Lady Tab iſt ſie die geſcheidteſte Frau im ganzen Kirchſpiele und dann konmen gleich Sie. Uebrigens will ich mein Mög⸗ lichſtes thun, mich Ihnen dienſtgefällig zu zeigen, Miſtreß Katty.“ Bei Ankunft des Boten in dem kleinen Häus⸗ chen des Phelim Caſſiday fand er den wüldigen Mann— um uns des eigenen zierlichen Ausdruckes Mite's zu bedienen—„in einer Verfaſſung, um aus der Haut zu fahren,“ weil er nicht mehr wußte, auf welche Weiſe er den Knaben, einen geſunden, derben Jungen von etwa zehn Monaten, zur Ruhe bringen ſollte. So jung Phelim ju⸗ nior noch war, ſo ſchien er doch zu begreifen, daß die Natur ihm einen andern Weg angewieſen habe — oder wenigſtens hätte anweiſen ſolten— als die ihm zur Nahrung gereichte Milch aus einer Flaſche zu ſich zu nehmen; oder mit andern Wor⸗ ten; er legte einen großen Widerwillen dagegen an den Tag, ohne die Mutterbruſt auſgezogen zu werden. Es behagte ihm dieß durchaus nicht. Dieß war aber noch nicht alles, was er ſich zu Schulden kommen ließ. Wenn ſein Vater ihn ei⸗ nen Augenblick auf den Boden ſetzte, ſo ſuchte er ſogleich zu dem Ferkel hinzukriechen, das mit ſei⸗ ner Familie ſich des otium cum dignitate des Schweinelebens auf einer prächtigen Strohmatte in einer Ecke des Zimmers erfreute; und obgleich Mr. Caſſiday nie ein Collegium beſucht hatte, um Zoologie oder irgend eine andere'ologie zu ſtudi⸗ ren, ſo war ihm doch ein ſehr wichtiger Umſtand bekannt, daß Schweine hie und da einem Gelüſte, — 198— Fleiſch zu verzehren, nachgeben, und aus dieſem Grunde hielt er es nicht für klug, ſeinen Sohn und Erben ganz allein unter der Aufſicht der blin⸗ den Großmutter zu laſſen. „Vielleicht,“ bemerkte er gegen ſeine Schwie⸗ germutter,„wenn Sie eines ihrer alten Lieder ſummen würden, daß dann das liebe Kind einſchliefe.“ Marh Sullivan, welche in einem leeren Korbe am Feuer ſaß, wiegte ſich hin und her, wie ZJe⸗ mand der großen körperlichen oder geiſtigen Schmerz erduldet, und nahm keine Notiz von dem gegebe⸗ nen Wink. „Hörten Sie nicht, was ich ſagte, Schwieger⸗ mutter?“ fragte der troſtloſe Wärter. „Ich kann nicht ſingen,“ erwirerte die alte Frau; „ich habe keinen Ton mehr in der Kehle, denn mein Herz iſt mir zu ſchwer, wenn ich an meine Kinder denke.“ Sie ſprach fortwährend von Ellen, als wenn dieſe ihre eigene Tochter geweſen wäre. „An mich denkt ſie freilich verdammt wenig,“ dachte Phelim ſenior der, als er ſah, daß er von dieſer Seite auf keinen Beiſtand zu rechnen habe, ſich heroiſch in ſein Schickſal ergab. Ein heftiges, anhaltendes Klopfen an der Thüre der Hütte war für ihn ein Troſt. Es rührte von Mike her, der mit dem Knopfe ſeiner Reitpeitſche aus Leibeskräften losarbeitete. „Herein!“ rief er aus,„und ſeien Sie uns als Gaſt willkommen, wenn Sie nicht ein Verwalter oder ein Acciſer ſind.“. „Ich bin es, Mr. Caſſiday,“ erwiderte der 199 Junge,„und bin mit dem Wagen gekommen, u Sie mit nach dem Herrenhauſe zu nehmen. 36 ſoll auch Mrs. Sullivan,— wie geht es Ihnen, Großmutter?— und den kleinen Knirps, kurz: die ganze Familie, mit Ausnahme der Schweine, mitbringen— denn von dieſen hat Lody Tab kein Wort geſagt. Vielleicht hat ſie dieſe auch nur ver⸗ geſſen,“ fuhr er fort,„denn ſie ſchien ſehr zerſtreut zu ſein, als ſie mir ihre Befehle ertheilte.“ „Und weßhalb ſollen wir nach dem Herrenhauſe kommen?“ fragte Phelim. „Darüber kann ich keine Auskunft geben, er⸗ widerte der Bote, indem er ſich, wie er ſpäter be⸗ hauptete, alle Mühe gab, eine höchſt unſchuldige Miene zu machen. „Katty iſt zurückgekehrt!“ rief die blinde Frau, von ihrem Sitze beim Feuer aufſpringend. Mike ſah ſie erſtaunt an. „Vor der kann man nichts geheim halten,“ murmelte er. „Das wäre eine zu gute Nachricht, als daß ſie wahr ſein könnte,“ ſagte der Gatte zweifelnd. „Was ſind Sie für ein ungläubiger Menſch,“ bemerkte der Bote;„hören Sie denn nicht, daß Sie es ſagte?“ Mr. Caſſiday ſprang mit einem Schrei in die Höhe, der, wenn das Dach nicht gerade von Stroh geweſen wäre, ringsum getönt haben würde, indem er zugleich einen Arm und die Beine auf eine Weiſe ausſtreckte, daß ſie faſt die Form eines 2 bildeten. Wir ſagen ausdrücklich: einen Arm, weil, — während er dieſe außerordentliche Bewegung machte, der andere das Kind hielt. Trotz ihrer Ungeduld, die lange abweſend gewe⸗ ſene Katty zu umarmen, konnte doch weder der Gatte, noch deren Mutter daran denken, ſo wie ſie waren, ſich nach dem Herrenhauſe zu begeben. Sie mußten hiezu ihre beſten Kleider anziehen. Die Herſtellung der Toilette nahm deßhalb etwas längere Zeit in Anſpruch als wohl ſonſt der Fall geweſen wäre, weil Phelim ſenior den verwegenen Verſuch machte, das Geſicht von Phelim junior zu waſchen und ihn anzukleiden. Mike bemerkte deßhalb philoſophiſch:„der kleine Junge wiſſe, daß ſein Vater es nicht verſtehe, wie man etwas der Art behandle.“ Unterwegs ſtellte Mary Sullivan nur Eine Frage: ob ihre Tochter allein zurückgekehrt ſei? „Sie kaun es Ihnen ja ſelbſt erzählen, daß ſie ein Kind mit ſich gebracht hat,“ antwortete der junge Menſch, deſſen Glaube an ihren Scharfſinn ſeit ſeinem Beſuch in der Hütte wunderbar zuge⸗ nommen hatte. Die biinde Frau ſprach während der übrigen Fahrt kein Wort mehr. Wir müſſen nun über das Zuſammentreffen mit Katty und denen, die ihr ſo theuer waren, weggehen. Ihr Gatte wurde faſt eiferſüchtig über die leidenſchaftlichen Küſſe, die ſie dem Kinde gab.— Vielleicht meinte er, ſie ſollte zuerſt ihn damit be⸗ dacht haben,— aber bekanntlich ſind Gatten ſprich⸗ wörtlich unvernünftig. Es war nicht ihr, ſondern der Natur Fehler, daß ihre Mutterliebe ſtärker war. 201 Begreiflicher Weiſe wandte Phelim Caſſiday ſenior nichts dagegen ein, mit Weib und Kind in Murlough Houſe zu bleiben; die Unterwürfigkeit der irländiſchen Bauern gegen die Familie, auf deren Güter ſie leben, iſt ſelbſt bis auf den heuti⸗ en Tag noch ganz merkwürdig, namentlich wenn die⸗ ewe„von ächter, alter mileſiſcher Abſtammung“ iſt. Der Entſchluß, den die Ehrenwerthe Miß Mac⸗ namara gefaßt hatte, nach Frankreich zu gehen, um die Reinheit ihrer Nichte zu behaupten, wurde nicht aufgegeben. Selbſt der fürchterliche Punkt, der „Mittel und Wege,“ jenes Schreckensgeſpenſt der Staatsmänner und Cabinette, hielt ſie nicht ab. Bis jetzt hatte die kluge Abkömmlingin des Für⸗ ſten Phadrig mit einer für ihr Geſchlecht ganz un⸗ gewohnten Beſonnenheit jeder Verſuchung widerſtan⸗ den, auch nur einen Schilling vermittelſt einer Ver⸗ pfändung auf ihre Güter zu erheben,— aber jetzt gab es nach reifer Ueberlegung keinen andern Ausweg mehr für ſie, und der Rentmeiſter erhielt den Auf⸗ trag, tauſend Pfund gegen Sicherheit auf die Län⸗ dereien der Baronine von Murlough aufzunehmen. Der alte Mann glaubte ſeinen Sinnen nicht recht trauen zu dürfen, als er dieß hörte. Früher einmal hatte er beinahe ſeine Stelle verloren, weil er in einer dringenden Verlegenheit dieſes Aus⸗ kunftsmittel vorgeſchlagen hatte, und jetzt lief er dieſelbe Gefahr, weil er Einwendungen dagegen machte. „Ich ſchickte nach Ihnen, damit Sie meine Befehle ausführen ſollen,“— bemerkte ſeine Herrin in Erwiderung auf ſeine wohlgemeinten Bedenken. 202 „Die Ehre meines Hauſes iſt mir theurer, als all' die großen Ländereien, die wir einſt beſaßen.“ Nach einem ſolchen Verweis wäre jede weitere Antwort oder jeder Rath nutzlos i und in⸗ nerhalb zehn Tagen war das Geld von Cornelius Quilt Esquire, Rechtsanwalt und Agent der Hälfte der Familien der Grafſchaft, vorgeſchoſſen. Zwölftes Kapitel. Zehn Tage lang war der Wren vor Dünkir⸗ chen gelegen, und hatte dort, gleich einem hungeri⸗ gen Habicht, auf den Delphin, um über ihn her⸗ zufallen, gewartet, dieſer hatte aber ärgerlicher Weiſe die ganze Zeit ruhig im Hafen von Calais verweilt,— zwar nicht, wie Lieutenant Elvey ver⸗ muthete, weil die Schleichhändler gewittert, daß er ihnen auf der Ferſe ſei, ſondern aus dem ganz einfachen Grunde, weil Jorrocks, zu eifrig mit den fruchtloſen Nachforſchungen nach Katty und dem Kind beſchäftigt, wenig Zeit fand, die Angelegen⸗ heiten der Firma zu beſorgen. Ueber dieſe Ver⸗ zögerung waren oeph Kerl und Capitän Stevens nicht ohne Grund ungehalten. Der Letztere hatte nicht das entfernteſte Intereſſe an der Jagd und der Erſtere nur ein untergeordnetes. Endlich war aber eine werthvolle Ladung Brannt⸗ wein und Spitzen an Bord ſe Es war die größte Speculation, welche die Verbündeten im 203 Schleichhandel je gewagt hatten, die aber, glücklich ausgeführt, einen ungeheuren Gewinn abwerfen mußte. Nottingham hatte zu der Zeit, von welcher wir ſchreiben, noch nicht mit Brüſſel, Mecheln, Valen⸗ ciennes und Bayeux in der Production von Spitzen rivaliſirt; in England zahlte man einen ganz enor⸗ men Preis— fünfzig Guineen waren keine unge⸗ wöhnliche Summe, die man für ein Paar kurze Manchetten und eine Robatte bezahlte. Eine Rabatte, verehrter Leſer, nannte man die reiche ſeidene Halskrauſe, welche unſre Voreltern und Vorvoreltern bei feierlichen Gelegenheiten oder zu ihrem Staatsanzuge trugen. Man ſieht noch hie und da ein Kleidungsſtück dieſer Art in St. James an einem Tage des Lever's oder Drawing⸗ room's. Der Lordkanzler würde ſich ohne ein ſol⸗ ches nicht für tadellos gekleidet halten, und mehrere Richter folgen ſeinem Beiſpiel. Es war etwa vier Uhr Nachmittags; der Tag neigte ſich eben zu Ende, als der Delphin aus dem Hafen ſchlich, gleich einem ſchuldbewußten Geſchöpf, das ſich ſchämt, ſein Geſicht ſehen zu laſſen. Für ein ſo kleines Fahrzeug hatte er eine zahlreiche Mannſchaft am Bord— acht Matroſen, ſo wie den Capitän, Jorrocks und Joſeph Kerl. Der Letztere wäre lieber in Calais geblieben, bis die Geſchichte mit Reuben Geldart etwas mehr verraucht geweſen wäre, obgleich er wohl wußte, daß der junge Quäker nur ſchwer verwundet ſei. Sein Spießgeſelle nannte ihn einen feigen Tropfen und ſtimmte ihn dadurch um. — 204 Während des größern Theils des Tages war das Wetter ſehr unfreundlich geweſen; jetzt hellte ſich der Himmel auf, obgleich ein heftiger Oſtwind wehte und die See ziemlich hoch ging. Als der Delphin den Hafen verließ, recognos⸗ cirte Stevens den Horizont ſcharf mit ſeinem Glaſe. Nirgends ließ ſich ein Segel blicken. Wären ſeine Abſchiedsgelage mit ſeinen Freunden in Calais weniger zahlreich geweſen, ſo müßte er bemerkt ha⸗ ben, daß der Wren ſich langſam, nur das Haupt⸗ ſegel aufgeſetzt, längs der Küſte hinſchlich. „Ganz nach Wunſch,“ bemerkte er gegen Jor⸗ rocks, der in der Nähe des Steuermanns ſtand. „Wie lange brauchen wir wohl nach Folkes⸗ tone?“ fragte der Schleichhändler. „Wenn dieſer Wind anhält, ſechs Stunden,“ verſetzte der Capitän.„Da die Nacht vermuthlich ſehr dunkel werden wird, ſo müſſen wir ſehr wach⸗ ſam ſein und uns nicht eher in die Nähe der Küſte agen⸗ bis wir eine der Schmacken**) begegnet aben.“ Dieß waren die Boote, in welchen ihre Ver⸗ bündeten und Agenten am Ufer Nachts in die See ſtachen, in der Hoffnung ſie zu treffen. Dieſe An⸗ ordnung diente einem doppelten Zweck; es wurden dadurch nicht nur die am Bord des Delphins be⸗ bichen Perſonen in Kenntniß geſetzt, ob der ren im Haſen liege oder nicht, ſondern ſetzte dieſelben auch in Stand, ihre Ladung zu landen und um ſo raſcher nach der Höhle zu bringen. ³) Kleine Schiffe. D. B. 205 Der Capitän ſchlug nun vor, in die Cajüte hinab zu gehen, um dort die nothwendigen Ein⸗ zelnheiten wegen der ſicheren Landung der Ladung zu beſprechen; Jorrocks willigte ein und beide ver⸗ keßen das Verdeck, nachdem ſie der Mannſchaft dringend eingeſchärft hatten, ein wachſames Auge zu behalten. Noch war keine Stunde vorüber, als ihre Un⸗ terredung durch Joſeph Kerl unterbrochen wurde, der ihnen zurief, daß der Wren Jagd auf ſie mache. Mit einem Ausrufe, der nichts weniger als einem Segensſpruche glich, kletterte ſein College mit Stevens die auf das Vorderdeck führende Lei⸗ ter hinauf. Von einem Irrthum konnte nicht die Rede ſein: der verwegene ſchmucke kleine Kutter war nicht mehr weiter als drei Meilen von ihnen entfernt, über die Wellen weghüpfend, gleich einem Seevogel, an deſſen Bruſt der Schaum der Wellen ſich bricht. Der Capitän rang die Hände. Alles, was er auf dieſer Welt beſaß, mit Ausnahme ſeines An⸗ theils an dem Schiffe, und ſelbſt dieſer ſchien für den Augenblick nicht mehr viel werth zu ſein— ſteckte in der Speculation. „Zu Grund gerichtet,“ murmelte er,„zu Grund gerichtet!“ „Pah!“ rief Jorrocks,„noch nicht.“ „Wir ſind noch zu weit vom Ufer entfernt, um auflaufen zu können,“ bemerkte Joſeph düſter. „Aber nicht, um entfliehen zu können,“ ant⸗ wortete der Erſtere kühn;„ſchiebt die Kanonen — 206 auf das Hinterdeck,“ fuhr er gegen die Mannſchaft gewendet fort, welche, mit Ausnahme des Steuer⸗ ſth in Gruppen ſtand, um den Wren zu beob⸗ achten. chen. Es war etwas Anderes zu ſchmuggeln, etwas Anderes auf des Königs Schiff Feuer zu geben. Wenn man ſie gefangen nahm, ſo war das Schlimm⸗ ſte, was ihnen begegnen konnte, Gefängniß oder ein Jahr oder zwei zur See gehen zu müſſen, was für ſie keine Strafe geweſen wäre; aber auf dem letz⸗ tern Vergehen ſtand Todesſtrafe, die zu jener Zeit ſelten nachgelaſſen wurde. „Weßhalb zögern die Schlingel?“ fuhr Jorrocks fort.„Habt ihr vielleicht eine Vorliebe für das Gefängniß? Ich nicht. Oder wollt ihr vielleicht eine Reiſe unter dem Commando des Capitän Cat“*) machen? Ich habe keine Luſt dazu. Es iſt ja nur der Wren,“ fuhr er fort;„Elvey iſt ein bloßer Knabe, hat nicht mehr als dreißig Ma⸗ troſen unter ſeinem Commando, und wir ſind unſer elf. Wie, ihr wollt nicht fechten? Hunde! Ich will doch ſehin, ob ich nicht euren Herzen Courage einflößen kann ſelbſt gegen euren Willen.“ Seinen Rock abwerfend machte Jorrocks die Kanonen, zwei lange Carronaden, los und fing an zu laden. „Setzt alle Segel auf!“ commandirte er. Dieſem Commando gehorchte die Mannſchaft *) Geiſel mit neun Riemen, die ſogenannte neunſchwänzige Katze, die noch heut zu Tage in der engliſchen Marine ſowohl, wie in der Armee zur Züchtigung eingeführt iſt. D. B⸗ Kein Matroſe rührte ſich, um ihm zu gehor⸗ 207 ern, weil es ihr eine, wenn gleich geringe Aus⸗ ſc eröffnete, entwiſchen zu können. „Sie nehmen das Steuertuder zur Hand, Stevens,“ fügte er bei, an den Capitän ſich wen⸗ dend, der mit Einem Male ſeine Gewalt ſuſpendirt ſah,„und ſchicken ſie mir Kerl.“ Joſeph, der Jorrocks bis jetzt für gänzlich uner⸗ fahren in nautiſchen Angelegenheiten gehalten hatte, näherte ſich mit erſtaunter Miene. „Willſt Du bei mir ausharren?“ fragte der Schleichhändler. „Wie ſo? Ja— das heißt: wenn Du ver⸗ nünftig biſt; Du darſt aber nicht vergeſſen,—“ „Das iſt genug,“ unterbrach ihn ſein Kamerad in verächtlichem Tone.„Wenn ein Mann zögert, ſo weiß ich ſchon, daß er eine Memme iſt.“ „Das bin ich nicht,“ antwortete Joſeph, etwas beſchämt über ſeinen Kleinmuth. „So hilf mir die Kanonen hier zurecht richten. Durch ihr vereintes Bemühen war dieß Geſchäft bald abgethan. Jetzt blitzte es hell auf vom Wren und der Donner der Kanonen brauſte dumpf über das Waſſer hin. „Es ſcheint, er möchte gern, daß der Delphin beilegen ſolle,“ bemerkte Jorrocks grinſend. Fechlen der Befehlshaber des Kutters eine ziemliche Zeit gewartet hatte, befahl er, einen zweiten Schuß abzufeuern. Dießmal war ſcharf geladen gee Jorrocks erwiderte wohl gezielt das Feuer mit A — 208 einer ſeiner Carronaden. Die Kugel ſchlug in das Bugſpriet des Wren. „Zetzt müßt ihr fechten,“ rief er frohlockend aus,„ihr nößt wollen oder nicht! Dieſer Schuß ſchlang einen hänfenen Kragen um den Hals eines jeden Mannes am Bord, wenn man uns fängt.“ Mit allem Zögern war es jetzt aus. Die über Jorrocks Geſchicklichkeit erſtaunte Mannſchaft ſah jetzt deutlich ein, daß die tinig ihr übrig bleibende Foffriß auf dem Siege beruhe. Der Kutter war nicht ſo hart getrofſen worden, daß man ihm durch die Flucht hätte entgehen können. Alle Hände gingen jetzt ernſtlich an's Werk. Jeder war überzeugt, daß er ſich um ſein Leben wehre. Stevens, der unterdeſſen ſeine Kaltblütig⸗ keit wieder gewonnen hatte, blieb am Steuerruder, während Joſeph Kerl und ſämmtliche Leute, die nicht unumgänglich nothwendig zum Lenken des Schiſſes waren, die Kanonen bedienen halfen. Unterdeſſen war man am Bord des königlichen Schifſes gleichfalls nicht müßig geweſen. Als der erſte Schuß den Wren traf, murmelte Bell, der vorn auf dem Lugpoſten ſtand, ein nachdrück⸗ liches„gut!“ Die Kühnheit der Schleichhändler mußte ihn ſehr in Erſtaunen geſetzt haben, weil er ſich ſonſt wohl ſchwerlich zu einer ſolchen Beredſamkeit hätte hin⸗ reißen laſſen. „Schafft das Thauwerk bei Seite!“ rief der junge Befehlshaber;„jetzt müſſen wir ſie gefangen nehmen. Laßt noch ein Reff herab!“ 209 Die Mannſchaft vollzog dieſen Befehl unter einem lauten Jubelruf! Glücklicher Weiſe blies der Wind fortwährend friſch, wodurch der Kutter in Stand geſetzt wurde, noch mehr Segel beizuſetzen. Trotz der Kanonen⸗ ſchüſſe des Delphin verminderte ſich die Entfernung zwiſchen den beiden Schiffen zuſehend's raſch. Jorrocks ſah voraus, daß in weniger als einer Stunde der Wren ihm hart zur Seite ſein würde, und ſchlug daher vor, mit Kartätſchen zu feuern, in der Hoffnung vielleicht, die Mannſchaft des Kutters dergeſtalt zu decimiren, daß bei einem Handgemenge mit derſelben möglicher Weiſe Aus⸗ ſicht zum Siege ſich zeigen könnte. Joſeph Kerl verſuchte Einwendungen dagegen zu machen; aber beim erſten Worte, das er ſprach, traf ihn von Jorrocks ein Schlag mit dem Piſtolen⸗ kolben, ſo daß er rücklings auf das Verdeck nieder⸗ ſtürzte. Sein Kamerad dachte wohl nicht daran, als er ihm dieſen Streich verſetzte, daß er ihn dadurch vom Galgen rette. „Sie feuern mit Kartätſchen, Herr,“ bemerkte Wilſon, der jüngſte Midſhipman am Bord des Kutters gegen ſeinen Befehlshaber. „Ich weiß es.“ „Ich möchte Ihnen wohl Eines“— Eine neue Salve von dem Delvhin ſchnitt des armen jungen Menſchen Rede und Lebensfaden mit einander entzwei. Noch immer aber hielt Elvey mit ſeinem Feuer zurück; er war feſt entſchloſſen, dem i Smith, Sein u. Schein. I. 210 händler keinen Ausweg zum Entkommen dadurch zu laſſen, daß er mit Preſſwind ſegeln und mit ſeinen Kanonen Bohrſchüſſe verſuchen konnte. Endlich erſchien der ſo lange hinausgeſchobene Moment der Wiedervergeltung. Der Wren kam, die Wogen wie ein lebendes Geſchöpf durchſchnei⸗ dend, auf Sprachrohrnähe an den Delphin heran. In ſeiner Verzweiflung hätte Jorrocks Feuer an's Schiff gelegt, wenn die Mannſchaft ihn nicht abgehalten hätte. Ein ſolcher Tod war ſelbſt für Leute dieſer Art zu gräßlich, als daß ſie davon hätten hören mögen. Lieutenant Elvey forderte ſie nur Einmal auf ſich zu übergeben. Er hatte ein halbes Dutzend ſeiner Leute auf dem Vordertheile placirt mit dem Befehl, auf das Verdeck des Schleichhändlers zu feuern, während er und Bell die Enterhaken diri⸗ irten. Bei der erſten Salve wurden Stevens und wei Matroſen des Delphin tödtlich verwundet zu oden geſtreckt. Jorrocks und die übrigen zogen ſich, verzweifelnd fechtend, auf das Vordertheil zu⸗ rück. Er ſah, daß das Spiel zu Ende ſei, und ließ die Augen wild umherlaufen. In dieſem Augenblick blitzte ein Licht, gleich dem eines einſamen Sternes, der Schätzung nach etwa eine Meile entfernt, auf. Er wußte, daß dieß ein Signal von einem der befreundeten Fiſcher⸗ boote ſei, das gewohnter Weiſe zur Beobachtung ausgelaufen war. Ohne einen Moment ſich zu bedenken, ſchlich er unbemerkt an dem Bugſpriet vorbei und ſtürzte ſich in's Waſſer. 211 Jeder weitere Widerſtand hörte jetzt auf. Als Joſeph Kerl wieder zur Beſinnung gelangte, fand er das Schiff genommen und die Ueberleben⸗ den von der Mannſchaft in Eiſen. Er verlangte mit dem Befehlshaber zu ſprechen, der etwas ungläubig ſeine Behauptung anhorte, daß er ſich dem Feuern auf das königliche Schiff widerſetzt habe. „Ich bin ein Schleichhändler und läugne dieß nicht,“ ſprach der Verwundete;„aber ich hoffe, daß Sie mich ehrlich behandeln und meine Schiffsge⸗ noſſen fragen werden.“ Elvey war zu gerecht, als daß er dieſe Bitte abgeſchlagen hätte; es wurde daher ein Protokol aufgenommen, in welchem Stevens, der kurz dar⸗ auf den Geiſt aufgab, zu ſeinem Gunſte ausſogte. „Dieß ſollte mir wohl das Leben retten, Herr,“ ſagte der Gefangene ängſtlich. Der Lieutenant bemerkte ernſt, daß dieß nicht von ihm abhange. „Aber eine Fürſprache von Ihnen vermöchte viel,“ bemerkte Joſeph Kerl,„und ich bin vielleicht in der Lage, Ihnen dafür eine Gefälligkeit zu er⸗ weiſen, die dieſen Dienſt wohl aufwiegt,“ ſetzte er, ihn ängſtlich fixirend, hinzu. Es folgte jetzt eine kurze Unterredung, in welcher von Seite des Offiziers das Verſprechen ertheilt wurde, daß die Fürſprache eingelegt werden ſolle. Obgleich die Geſchichte ſich Anfangs nicht be⸗ ſonders glänzend angelaſſen hatte, ſo nahm ſie jetzt eine ſehr gewinnbringende Wendung, und der Be⸗ fehlshaber des Wren fing an enzuſehen, daß der 212 Sicherheitsdienſt, ſo ſehr er ihm auch zuwider war, nicht ohne Vortheile ſei. Es iſt merkwürdig mit welcher Schnelligkeit diejenigen, welche mit dem Schleichhandel zu thun haben, Nachrichten zu erhalten und weiter zu ver⸗ breiten wiſſen. Lange vor Tagesanbruch flüſterte man ſich ſchon zu Dover in's Ohr, daß der Del⸗ phin gekapert worden ſei. Ephraim Sleek wurde durch einen Schiffer von Folkestone, der ihm dieſe Neuigkeit brachte, aus dem Bette aufgeſchreckt. Ohne Ruth die Urſache ſeiner Abweſenheit ge⸗ nauer auseinander zu ſetzen, theilte er ihr bloß mit, daß er für einen Taog abweſend ſein müſſe, und mit verzweifelter Ruhe machte er ſich mit dem Boten nach der Höhle auf den Weg, um das Verbergen und Wegſchaffen der in großen Maſſen dort aufgeſtapelten Kaufmannsgüter zu überwachen. Bei ſeiner Ankunft daſelbſt fand er den Wirth der kleinen Schenke am Ufer und ungefähr ein Dutzend Männer, ſämmtlich Mitglieder der großen Schleichhändlerbande, vor. Einige ſprachen von der Möglichkeit, daß wohl das Gerücht als irrig ſich erweiſen dürfte; Andere jammerten darüber, daß es nur zu wahr ſei; aber Alle befanden ſich im Zuſtande der Aufregung und Unſchlüſſigkeit, zi ihnen ein kaltblütiger Kopf fehlte, der ſie eitete. Die Ankunft des Quäkers in dieſer Noth war von doppeltem Werth, weil, ſo lange noch eine Ausſicht vorhanden war, den Verluſt abzuwenden, ihm die Geiſtesgegenwart niemals fehlte. 213 Erſt wenn der Verluſt zur Gewißheit wurde, überließ er ſich der Verzweiflung. „Die Fäſſer,“ ſprach er auf den Cognac deu⸗ tend,„müſſen über dem Hochwaſſerzeichen im Sande vergraben werden;„die trockenen Güter müſſen weggeführt und in den benachbarten Päch⸗ terhäuſern verſteckt werden, bis wir darüber ver⸗ fügen können.“ „Sollte ſich das Gerücht als falſch erweiſen“ — bemerkte der Schenkwirth. „Sollte es ſich als richtig erweiſen!“ erwiderte Ephraim gelaſſen,„ſo vergiß nicht, F daß Klugheit die Mutter der Sicher⸗ eit iſt.“ Da die Mehrzahl der Männer mit ihm in der Anſicht übereinſtimmten, daß, wenn der Delphin genommen ſein ſollte, ihr Verſteck wahrſcheinlich verrathen werden würde, ſo machten ſie ſich rüſtig ans Werk. Kaum waren die Vorbereitungen zum Wegſchaffen der Güter getroffen, ſo hörten ſie den Mann, der als Schildwache in dem dunk⸗ len, gewundenen Gang, der nach der Höhle führte, aufgeſtellt war, rufen, daß Schritte, die näher kämen, ſich vernehmen ließen. Es war ein Moment der ängſtlichſten Span⸗ nung; es konnte eben ſo wohl ein Freund als ein Feind ſein, der kam. Bei der Mehrzahl herrſchte die erſtere Mei⸗ nung vor, als ſich die Stimme Joſeph Kerl's ver⸗ nehmen ließ. Ephraim wurde todtenblaß. Er wußte, daß Joſeph zur Zeit der Gefangennahme am Bord des — 214 Delphins geweſen, und er war jetzt überzeugt, daß der Verſteck verrathen ſei. Keiner der darin Befindlichen ſollte darüber lange im Zweifel bleiben. Man hörte ein leich⸗ tes Handgemenge, worauf ein Piſtolenſchuß folgte, und unmittelbar darauf drang die Mannſchaft des Wren, verſtärkt durch eine Abthellung der Küſten⸗ wache, in die Höhle. Joſeph Kerl führte ſie an; ihnen folgte Elvey und der zweite Offizier des Kutters auf dem Fuße. Mit einem Seufzer der Verzweiflung über den Verluſt ſeines Goldes, ergriff Ruth's Vater eine Flinte und würde in ſeinem Wahnſinn ſich ohne Widerrede noch viel ernſter compromittirt haben, hätte Bell ſeine Abſicht nicht bemerkt und mit einer Geiſtesgegenwart, die man ihr ſonſt kaum zugetraut, ihn entwaffnet. ſe„Unſinn, Quäker— davon kann nicht die Rede ein.“ „Zu Grunde gerichtet,“ rief Ephraim ganz außer ſich.„Tödtet ſie! Gebt Feuer auf ſie! Laßt Keinen entwiſchen! Zu Grunde gerichtet— an den Bettelſtab gebracht!“ Zugleich rang der alte Mann die Hände in Verzweiflung bei dem Gedanken an ſeinen Ver⸗ luſt, welcher, trotz ſeiner Größe, doch nicht den zehnten Theil ſeines Vermögens traf. Von einem Widerſtand konnte füglich gar keine Rede ſein. Die geſetzliche Macht war zu zahl⸗ reich und zu wohl bewaffnet. Nachdem man ſich der Gefangenen verſichert hatte, fing man an den Werth der mit Beſchlag * 215 belegten Waaren zu ſchätzen, welchen Bell, der merkwürdiger Weiſe dießmal freiwillig eine Anſicht preisgab, auf vier tauſend Pfund berechnete. Im Laufe des Tages wurden die Güter nach dem Zollhauſe in Bover und die Gefangenen nach dem Caſtell geſchafft. Auch Ephraim Sleek befand ſich unter der Zahl. Ruth ſaß neben dem Bette ihres verwundeten Vetters, dem ſie vorlas, als man ihr die Nach⸗ richt brachte, ihr Vater befinde ſich im Gefängniß und wünſche ſie zu ſehen. „Du wirſt doch nicht zu ihm gehen?“ rief Reuben Geldart, dem der Gedanke peinlich war, daß das ſanfte, gute Mädchen einer ſo harten Prüfung ſich unterwerfen ſollte. „Es iſt meine Pflicht,“ erwiderte ſie. Ihre Tante nickte ihr billigend zu. „Schon längſt habe ich dieſe Prüfung voraus⸗ geſehen,“ fügte Ruth bei,„und um Stärke für dieſen Fall gebetet.“ Dreizehntes Kapitel. Ephraim Sleek überſah den ganzen Umfang ſei⸗ nes Unglücks nicht eher, als bis er als Gefange⸗ ner im Kerker ſaß. Gleich vielen Andern hatte der unerſättliche Hang nach Gewinn ihn völlig blind gemacht. Die Schmach fühlte er kaum,— es gibt nichts, was das Herz ſo ſehr gegen alle — 2¹6 die zartern und feinern Gefühle, welche die Welt Ehre nennt, abſtumpft, als der Geiz— aber der gewiſſe Verluſt und der Gedanke, daß ſein Ver⸗ mögen unter keinem weitern Schutz, als dem der Klugheit ſeiner Tochter Ruth ſtehe, machte ihn faſt wahnſinnig. In ſeiner Muthloſigkeit verzweifelte er faſt an dieſer. Konnte ſie nicht die Gelegenheit benützen um ſich ſeiner harten, wenn nicht gar grauſamen Behandlung zu entziehen? Hatte ſie wohl den Schlag vergeſſen? Dieß waren die Fragen, welche ſich ſeinem fieberhaft erregten Gehirne aufdrängten, und er beantwortete ſie auf eine Weiſe, wie ſe von einem Menſchen, wie er, der Andere nur nach ſich ſelbſt beurtheilt, nicht anders erwartet werden konnte. „Zwei tauſend Pfund wenigſtens!“ murmelte er in ſich hinein, wobei er auf ſeinen Verluſt durch die Beſchlagnahme anſpielte.„Zwei tauſend Pfund! Ich werde nie im Stande ſein, dieſe wieder zu erſetzen! nie. Es war gerade jetzt die Ze gekommen, in welcher ich die Arbeit meines ebens durch eine ſolche Summe für bezahlt hielt — und dieſe mußte ich verlieren!“ „Das iſt aber noch nicht das Schlimuſte,“ fuhr er bitter fort;„die Teufelskerle im Zollhauſe werden in meine Wohnung eindringen, den Ver⸗ ſteckplatz dort auffinden— nichts entwiſcht ihren wachſamen Luchsaugen— und meine Papiere unterſuchen.“ Dieſer letzte Gedanke ſchien ihn mehr, wie jede andere Rückſicht zu quälen, und indem er mit ſei⸗ 217 nen langen knochigen Fingern durch ſein Haar ſtrich, warf er ſich mit verzweifelnder Miene auf den einzigen Stuhl in ſeiner Zelle, wo er eine Zeit lang in düſteres Nachdenken vertieft, ſitzen blieb. „Ich muß ihr vertrauen!“ rief er plötzlich wieder auf die Beine ſpringend;„es gibt keinen andern Ausweg, obgleich die Gefahr dabei ent⸗ ſetzlich iſt. Sie beſitzt ihrer Mutter thörichte An⸗ ſichten von Ehrlichkeit, als ob nicht Gewinn die Mahnungen des Gewiſſens übertänbte, das uns nicht wurde, um uns zu Bettlern zu ma⸗ chen. Gold— Gold,“ wiederholte er,„Gold rechtfertigt Alles.“ Dieſe Worte waren kaum ſeinen Lippen ent⸗ wiſcht, als ihm einfiel, daß dieſer ſchändliche Grundſatz ſeine Tochter berechtigen würde, ihn zu plündern, und er ſetzte daher augenblicklich hinzu: „Nur einen Vater darf man nicht be⸗ rauben; das wäre eine Sünde— eine Todſünde, ein Vergehen, das weder in dieſer, noch in der andern Welt Vergebung findet; eine Sünde, gegen welche der Apoſtel predigte. Gott!— Gott! Wenn Ruth kommt, will ich ihr dieß ſehr ein⸗ dringlich vorſtellen. Dieß iſt eine Wahrheit,“ fügte er bei,„eine große und heilige Wahrheit, ein göttliches Gebot. Ruth iſt fromm und wird es deßhalb nicht brechen.“ Faſt eine Stunde lang fuhr der unglückliche Mann fort auf dieſe Weiſe nachzugrübeln und ab⸗ geriſſene Sätze vor ſich hin zu murmeln; dabei entſchlüpfte ihm kein Wort der Reue über die — 218 Verbrechen, welche er begangen hatte, nur warf er von Zeit zu Zeit einen unruhigen Blick nach der Thüre ſeiner Zelle. „Sie will nicht zu mir kommen,“ rief er, als eine Geduld endlich erſchöpft war;„ſie iſt bei ihrer Tante und dem Gelbſchnabel Reuben, deſſen Anweſenheit Jahre lang ein Fluch für mein Dach“ war. Dieſe haben ihr gerathen, nicht zu gehen; man will mich plündern— zum Bettler machen zum Bettler machen!“ Erdrückt von der Ungehenerlichkeit des Gedan⸗ kens, den ſeine Phantaſie heraufbeſchworen hatte, rang der unglückliche Mann in Verzweiflung ſeine Hände. „Ihren Vater,“ murmelte er,„ihren armen, alten Vater!“ Wie oft hören wir Eltern, welche jede mora⸗ liſche Pflicht gegen ihre Kinder verletzt und ihnen das Beiſpiel der Heuchelei und Verbrechen gege⸗ ben, über die Ernte klagen, die ſie geſät haben! Die Eltern ſollten bedenken, daß leidenſchaftliche Worte und Handlungen, welche die Rechtſchaffen⸗ heit verdammen muß, Saaten ſind, welche in ju⸗ gendlichen Herzen wuchern und mit der Zeit bit⸗ tere Früchte bringen müſſen, wenn nicht die Hand eines mitleidigen Engels dieſelben mit der Wurzel ausreißt. Ein Schrei, wie von einem Menſchen, der ſich plötzlich von ſeinen Schmerzen erlöst fühlt, ent⸗ wand ſich den Lippen Ephraim Sleek's, als er die Riegel ſeiner Zelle zurückſchieben hörte und ſeine Tochter in Begleitung des Schließers eintreten ſah⸗ 219 „Gutes Mädchen!“ rief er aus.„Gutes Mäd⸗ chen! Ich wußte wohl, daß Du mich nicht ver⸗ laſſen würdeſt; aber warum kommſt Du ſo lange nicht? Schon vor drei Stunden ſchickte ich nach Dir. Ich war ſehr beunruhigt; obgleich ich nicht an Dir zweifelte,“ ſetzte er eilig hinzu. „Ich war bei meiner Tante und bei Reuben,“ erwiderte Ruth, die vor dem Gefängnißwärter in keine weitere Erklärungen ſich einſſer wollte, „als Dein Bote zu mir kam.“ Ihr Vater ſah ſie beſorgt an. Seine Befürch⸗ tungen erwachten wieder; doch bemeiſterte er ſich ſo weit, daß er nach ſeinem Neffen fragte. Es war dieß das erſte Mal, ſeitdem er von deſſen Verwundung gehört hatte. „Kannſt Du mich nicht mit meinem Vater allein laſſen, Freund?“ fragte die Quäkerin. „Es iſt dieß gerade nicht gegen meinen Be⸗ fehl,“ ſagte der Mann, der, in Erwartung eines Trinkgelds, etwas zögerte,„aber es macht wir viele Mühe. Ich kann doch nicht umſonſt ſo hin und her laufen— das kann man vernünftiger Weiſe von mir nicht erwarten.“ Ruth drückte ihm ein Dreiſchilling⸗Stück in die Hand. „Aber Ihnen, Miß, will ich gern den Gefal⸗ len thun,“ ſetzte der Menſch hinzu. „Zu viel! Zu viel! Ein Schilling wäre auch geweſen,“ flüſterte der Gefangene, während der Schließer die Zelle verließ.„Es ſind Spitz⸗ buben, Betrüger, Einer wie der Andere, die mir 220 gern eine halbe Krone für das Frühſtück ange⸗ rechnet hätten.“ „Du zahlteſt dieß doch, Vater?“ „Nein,“ murmelte der Gefangene kichernd; 0 begnügte mich mit der Gefängniß⸗ 0 t Ruth ſeufzte; dieſer einzige unbedeutende Zug überzengte ſie, wie ſchwach die Hoffnung ſei, ſei⸗ nen Gedanken eine reinere Richtung, als die auf ſeinen Mammon, zu geben. Obgleich die Thüre geſchloſſen war, führte Ephraim Sleek ſeine Tochter doch in die von die⸗ ſer entfernteſte Ecke ſeiner Zelle, um jede Mög⸗ lichkeit abzuſchneiden, daß ſeine Worte von dort aus gehört werden könnten. „Ich bin in die Hände der Ismaeliten gefal⸗ len, hub er an,„die mir keine Gnade angedeihen laſſen werden, weil ſie mich für reich halten.“ „Du biſt auch reich mit den Gütern dieſer Welt geſegnet,“ bemerkte ſein Kind. „Ich ſage Dir, daß dieß nicht der Fall iſt,“ rief der alte Mann heftig;„ich bin arm, jämmer⸗ lich arm. Das Kaufmannsgut, Spitzen von Mecheln und Brüſſel, und andere Nichtigkeiten von Werth, ſind am Bord des Delphin confiszirt worden. Ich bin zu Grunde gerichtet!“ „Und die Männer, Vater, die unglücklichen Männer, welche Gewinnſucht verlockt hat, die Ge⸗ ſetze zu verletzen, müſſen nun dafür Rede ſtehen?“ „Verwünſcht ſie!“ rief Ephraim leiden⸗ ſchaftlich.„Sie häkten ſich um die Ladung weh⸗ ren und nicht ſich ergeben ſollen, um ſich wie 221 Narren plündern zu laſſen. Aber laſſen wir dieß jetzt,“ fuhr er fort, als er ſah, wie indignirt Ruth über dieſe ſelbſtſüchtige Gleichgültigkeit hinſichtlich des Schickſals ſeiner Helfershelfer ſch zeigte.„Ich kann jetzt nur an mich ſelbſt denken. Wenn meine Bücher in die Hände der hölliſchen Zollhausbe⸗ amten fallen, ſo bin ich ein ruinirter Mann. Sie werden über deinen alten Vater Geldſtrafen, Be⸗ ſchlagnahmen, wer weiß bis zu welchem fabelhaf⸗ ten Betrag, verhängen; und Du mein Kind, für das ich ſo mühſam gearbeitet habe, das einzige Geſchöpf, das ich liebe, die Erbin meines Ge⸗ winns, wirſt ohne einen Pfenning in der Taſche in die Welt geſtoßen werden.“ „Wenn es nur dieß allein wäre,“ ſagte die Quäkerin,„wenn es nur dieß allein wäre. Es wird auch Leben koſten. Die Mannſchaft des Delphin feuerte auf das königliche Schiff. Einer der Offiziere wurde getödtet— ein Knabe, ein bloßer Knabe. Ich ſah die Matroſen ſeinen Leich⸗ nam an das Ufer bringen, bedeckt mit der Flagge des Wren. Ich dachte dabei an deſſen Mutter und Schweſtern, die liebend die Stunden bis zu ſeiner Rückkehr zählen.“ „Denk an Deinen Vater,“ kreiſchte der Mann außer ſich,„dem man ſeinen Gewinn— die Arbeit ſeines Lebens raubt.“ „Ich habe daran gedacht,“ antwortete Ruth, „und ehe ich hieher kam, aus unſerer Wohnung die Bücher und Beweiſe Deines Verkehrs mit den Schleichhändlern entfernt.“ Es lag etwas Fürchterliches in dem unter⸗ — 222 drückten heiſern Kichern, welches Ephraim Sleek's Lippen ſich entwand, das ihm aus dem innerſten Herzen zu kommen ſchien;— es hatte eine Art von Metallklang und tönte faſt wie das Klirren rollenden Goldes. „Gutes Mädchen— ha, ha— gutes Mäd⸗ chen!“ ſprach er:„Du biſt über Deine Jahre ver⸗ ſtändig und wirſt das Vermögen nicht verſchleu⸗ dern, das ich zuſammengeſcharrt habe. Aber was haſt Du mit den Büchern gemacht? Sind ſie in Sicherheit? ganz in Sicherheit?“ „Sie ſind in dem Hauſe meiner Tante Sarah Geldart.“ „Hm! Das war nicht ſo gut,“ bemerkte der Gefangene nachdenklich;„ſie hat wenig Liebe zu mir.“ „Haſt Du ihr nicht hiezu Veranlaſſung gege⸗ ben?“ fragte ſeine Tochter. „Mein Gewiſſen macht mir, ihr gegenüber, keine Vorwürfe,“ bemerkte der Geizhals.„Du haſt wohl daran gethan, Ruth, die Bücher wegzuſchaf⸗ fen; aber das iſt noch nicht genug.“ 3 6 weiß, daß es nicht genug iſt,“ antwortete uth. Er wiederholte langſam ihre Worte. „Vater,“ ſprach ſie,„ich habe früher mit Dir nie über dieſen Punkt geſprocen, weil ich Dich nicht erzürnen wollte. Du haſt mich häufig beim Frühſtück gezankt und mich gefragt, weßhalb meine Augen roth vom Weinen ſeien? Es war aber vom Ueberwachen, Vater.“ „Ueberwachen? Wen?“ 223 „Dich. Ephraim Sleek blickte ſie lang und ernſthaft an. „Ich habe Dich während der Nacht geſehen,“ fuhr ſeine Tochter, ihre Stimme dämpfend fort— „in der ruhigen, heiligen Nacht, welche der Him⸗ mel zum Schlafen beſtimmt— wie Du vom La⸗ ger aufſtandeſt; ich hörte Dich Worte murmeln, welche mir Herzklopfen verurſachten und mein Blut Entſetzen erſtarren machten; ich folgte Dir na—4 „In das Comptoir?“ fragte der Quäker. „Eben dahin,“ ſagte Ruth feierlich. Kalte Schweißtropfen traten auf die Stirne ihres Vaters. „Es ſind ſchon mehrere Jahre her, daß ich dieſe Entdeckung machte,“ fuhr ſie fort.„Ich war damals ein ſorgloſes Mädchen; aber ſeitdem habe ich keinen ruhigen Augenblick mehr gehabt.“ „Du haſt doch meine Worte nicht wiederholt,“ flüſterte Ephraim,„ſelbſt nicht in Deinen Ge⸗ beten?“ „Ich habe ſie nie wiederholt,“ antwortete ſein Kind ſanft. „Oder beſchrieben—2“ Ein Blick unausſprechlicher Pein, den ſeine Tochter auf ihn warf, beantwortete die Frage, die er nicht zu ſtellen wagte. „Ich bin ſchuldig, Ruth,“ fuhr er fort,„aber nicht ſo ſchuldig, wie Du denkſt; die Ver⸗ ſuchung kam plötzüch über mich, wie es immer der Fall iſt; denn der Teufel geht ſchlau zu Werke und weiß den rechten Augenblick abzupaſſen. Ich — 224 hatte große Verluſte erlitten, Verluſte, die mir ſehr ſne fielen; aber ich habe kein Blut ver⸗ goſſen. „Die Papiere?“ rief er plötzlich die Hände ringend, als wenn er im Augenblick daran erin⸗ nert worden wäre—„die Papiere?“ „Ich habe ſie weggeſchafft, Vater.“ Der alte Mann ſah ſie ihres Muthes wegen ſtarr vor Erſtaunen und Bewunderung an. haſt Du ſie auch vernichtet?“ „Nein.“ „Wo ſind ſie denn? Gieb ſie mir! Du biſt doch nicht ſo wahnſinnig geweſen, ſie deiner gleiß⸗ neriſchen Tante anzuvertrauen?“ ch vertraue meines Vaters Leben Niemand an,“ bemerkte ſeine Tochter.„Nie⸗ mand ſoll ſie zu ſehen bekommen, bis Du todt biſt.“ „Und dann?“ „Will ich das Unrecht gut machen, das Du begangen haſt.“ § S Sleek ſah ſein Kind einen Augen⸗ blick lang mit eigenthümlichem Ausdrucke an, daß dieſes ein Schauder ergriff. „Sollte ich zuerſt ſterben,“ fuhr Ruth fort, um ihrem Vater ſelbſt den Gedanken an ein Verbrechen zu erſparen, zu gräßlich, um es nur zu bezeichnen,„dann würden die Beweiſe Deiner begangenen Verbrechen früher an's Tageslicht ge⸗ bracht werden.“ „Schlange— unnatürliche Schlange,—“ mur⸗ melte der alte Mann.„Willſt Du denn—“ „Ich will nur mein Leben ſichern,“ unterbrach 225 ihn ſeine Tochter gelaſſen;„obgleich Du ihm deſſen reichſten Segen geraubt haſt. Es iſt ſonderbar, daß ich doch zu leben wünſche— nicht wahr?“ ſetzte ſie betrübt hinzu,„mit der Schande als Erbtheil.“ „Es liegt keine Schande im Reichthum,“ be⸗ merkte der Geizige.„Er iſt die rechte Lauge; denn nenne mir den Schmutzflecken, der ihm zu widerſtehen vermöchte? Gehe zu den Stolzeſten in der Stadt— ſelbſt der geſchniegelte Reuben Geldart würde ſich nur zu glücklich fühlen, wenn er Dich heirathen dürfte; aber er iſt ein Bettler, Nuth,“ ſetzte er haſtig hinzu; ein verſchwenderi⸗ ſcher Bettler, ein Menſch, der viel zu phantaſtiſche Gedanken hat, als daß er durch ſeinen Witz oder Fleiß ſich Vermögen erwerben könnte. Du darſſt weder ihn, noch irgend einen Andern ohne meine Zuſtimmung heirathen.“ „Ich werde nie eine Frau werden,“ erwiderte die Quäkerin betrübt.„Welches ehrlichen Man⸗ nes Liebe könnte ich annehmen? Es wäre ein ſchlechter Lohn für ſein Vertrauen, wenn ich ſei⸗ nen Namen dadurch, daß ich ihn annehme, be⸗ fleckte. Ich kenne das Loos, welches Dein Ver⸗ brechen mir bereitete und unterwerfe mich demſel⸗ ben. Mein Leben iſt nur der Sühne geweiht.“ „Wahnſinn!“ ſtöhnte der Gefangene.„Wahn⸗ inn!“ „Gerechtigkeit,“ wiederholte ſein Kind mit dem⸗ ſelben gelaſſenen Tone, in welchem ſie ihren Ent⸗ ſchluß ausgeſprochen hatte, unvermählt zu blei⸗ ben.„Es iſt nichts weiter, als Gerechtigkeit.“ Smith, Sein u. Schein. L. 1⁵ 226 Ephraim Sleek wünſchte durchaus nicht, daß ſeine Tochter ſich verheirathen ſollte,— wenig⸗ ſtens ſo lange nicht, als er lebte; ein Schwieger⸗ ſohn hätte begreiflicher Weiſe mit der Braut auch Vermögen verlangt, und der alte Mann hätte lie⸗ ber ſein Leben hergegeben, als ſeinen Götzen— Geld. In dieſem Hinblicke kam ihm ſomit Ruth's Erklärung durchaus nicht unerwünſcht. Zwar ſetzte er kein unbedingtes Vertrauen darein, weil der angeführte Grund ihm gar zu nichtig erſchien, aber ſie entſprach wenigſtens für den Augenblick ſeinen Wünſchen. Dieſe Anſicht war bei einem Manne nur zu natürlich, der ſo lange ſchon gewohnt war, Ehre und Gewiſſen als werthloſe Popanze zu betrachten, die gut genug wären, den Obſtgarten des Lebens zu bewachen, um Narren und Kinder zu erſchrecken, während alte vernünftige Leute die überreifen Früchte pflückten. Ruth wird mit der Zeit ſchon finden, daß es nichts weiter als Lumpen ſind, dachte er, und in dieſer Ueberzeugung ließ er den Gedanken fallen. Ein weit intereſſanterer Gegenſtand beſchäftigte ſei⸗ nen Geiſt— die Geldſtrafe, die wegen ſeiner Ge⸗ ſchäfte mit den Schleichhändlern über ihn verhängt werden würde. Die Sache war zu bedeutend, als daß ſie von den Grafſchaftsmagiſtraten abgeurtheilt werden konnte. Die Beamten des Zollhauſes, welche den Reichthum und den Charakter des Man⸗ nes kannten, mit dem ſie zu thun hatten, hatten den Beſchluß gefaßt, die Sache vor einen höhern —— 227 Gerichtshof zu bringen, um durch dieſen zum vollen Betrag der Strafgebühren zu gelangen. Unter gewöhnlichen Umſtänden wäre der Gei⸗ zige lieber im Gefängniſſe vermodert, als daß er ſie bezahlt hätte; aber jetzt war ſeine Freiheit für ihn von höchſter Wichtigkeit, denn ſein Leben hing vielleicht davon ab. Ein altes Sprüchwort ſagt, daß in jedem Hauſe ein Knochengerippe ſich beſinde. In Ephraim's Hauſe traf dieß buchſtäblich ein. Indeſſen hatte er die Hoffnung noch nicht gänz⸗ lich aufgegeben; in ſeinem geſchäftigen, an Aus⸗ kunftsmitteln ſo reichen Gehirn hatte er einen Plan ausgeſonnen, durch welchen er, wenn Ruth ihn auszuführen ſich willig zeigen ſollte, ſeine ſchlimm⸗ ſten Befürchtungen beſeitigen zu können hoffen durfte. „Ich bin alt,“ bemerkte er,„und habe nicht lange mehr zu leben. Es wäre daher hart, wenn ich in meinen Jahren noch an den Bettelſtab ge⸗ bracht würde.“ Seine Tochter ſchwieg ſtill, denn ſie kannte ſeine Art zu gut, als daß ſie durch ſein Jammern wegen Armuth ſich hätte rühren laſſen. „Entehrt zu werden,“ fuhr er fort,„eines Ver⸗ brechens mich angeklagt zu ſehen, an dem ich ſchuld⸗ los bin, und außer Stande zu ſein, meine Unſchuld beweiſen zu können, das Bewußtſein in mir zu tragen, daß die Menſchen mit den Fingern auf mein unſchuldiges Kind deuten, ihre Verwandten es verachten und verleugnen.“ „Wir ſind Alle für unſere Handlungen verant⸗ wortlich,“ erwiderte die Jungfrau, i ihre 1 228 bleichen Wangen und bebenden Lippen bewieſen, wie weh ihr dieſe Worte thaten. „Ich habe mir nichts zu Schulden kommen laſſen, als daß ich verhehlte; begangen habe ich nichts,“ flüſterte der alte Mann.„Er war mit einer hohen Summe mein Gläubiger, und zwar ein ſehr harter; er hatte mich in den Geſchäften, die wir zuſammen machten, übervortheilt und war Nachts in das Comptoir zu mir gekommen, indem er unerbittlich auf Abrechnung drang. In der Hitze unſres Streites rührte ihn der Schlag.“ „Du leiſteteſt ihm Beiſtand?“ rief Ruth aus; „bemühteſt Dich, ihn zu retten?“ „Er war mein Feind,“ erwiderte ihr Vater. „ich war nicht verbunden, ihm Beiſtand zu leiſten.“ „Und ſo ließeſt Du ihn hilflos ſterben?“ ſagte ſein Kind vorwurfsvoll. „Gold iſt die Stütze des Lebens,“ antwortete der alte Mann,„und deßhalb ſehr koſtbar. Er wollte mich des meinigen berauben, und darum ſchuldete ich ihm weder Mitleid, Freundſchaft noch Liebe. Ueberdieß,“ fügte er bei,„hätte ich ihm, ſelbſt wenn ich gewollt, keinen Beiſtand leiſten kön⸗ nen. Ich ſaß da, wie feſtgebannt, bezaubert, ge⸗ lähmt, unfähig Hand oder Fuß zu rühren, meine Glieder gehorchten nicht mehr meinem Willen. „Ich ſehe noch ſeinen ſtummen, ſterbenden Blick,“ fuhr er, gleichſam mit ſich ſelbſt ſprechend, fort, „wie ſeine blutunterlaufenen Augen bittend auf die meinigen gerichtet waren, und wie dieſelben nach und nach gläſern wurden, als er das Lachen hörte, das mir unwillkührlich entſchlüpfte.— Es war 229 nicht meine That; ich habe mir dabei nichts vor⸗ zuwerfen,“ ſetzte er hinzu;„und doch träume ich immer von Philipp Manſon.“* Wie gräßlich auch dieſes Geſtändniß lautete, fühlte ſich doch das Herz Ruth's erleichtert, weil dadurch ihre ſchlimmere Befürchtung beſeitigt wurke, daß eine Blutthat auf der Seeie ihres Vaters laſte; und weil es vollkommen mit den Worten harmonirte, welche ſie ihn im Schlafe hatte aus⸗ ſprechen horen, fühlte ſie ſich auch von der Rich⸗ tigkeit ſeiner Angabe überzeugt. „Du glaubſt mir doch, Ruth?“ fragte der Qnuä⸗ ker in ſchwachem, weinerlichem Tone, wie wenn ſeine körperliche und geiſtige Kraft durch die pein⸗ liche Erinnerung völlig erſchöpft wäre. „Ja, Vater, ja, Du haſt die Wahrheit geſpro⸗ chen: ich fühle, daß Du es gethan haſt.“ „Du willſt mir alſo in dieſer Richtung behilf⸗ lich ſein?“ „Ich will als Kind alles thun, was nicht gegen die Rechtlichkeit ſtreitet,“ erwiderte ſeine Tochter. Der Geizige ſtöhnte bei dieſen Worten, die eine Beſchränkung, einen ſtillſchweigenden Vorbe⸗ halt in ſich ſchloß, der ihm nicht lieb war; da er aber nicht in der Lage war, ſelbſt Bedingungen zu ſtellen, ſondern eher anzunehmen, machte er keine weitere Bemerkung, ſonrn rückte mit ſeinem Vor⸗ ſchlag heraus. „Du weißt,“ flüſterte er,„daß das Comptoir abſeits ſteht— gänzlich getrennt von unſerer Woh⸗ nung?“ „Gewiß weiß ich dieß.“ 230 „Zu ſeiner Erbauung wurde ſehr viel Holz verwendet,“ fuhr er mit derſelben ziſchenden und ſchlangengleichen Halbſtimme fort.„Das Alter hat die Mauern ausgetrocknet; Flur und Dach ſind wurmſtichig— näher, Ruth, näher.— Ein einziger Funke würde ſie anzünden und meiner Furcht für immer ein Ende machen.“ Die Jungfrau beſann ſich einen Augenblick. Das Gebäude war ihres Vaters Eigenthum,— das Verbrechen erſchien ihr nicht ſo groß. Der alte Mann ſah ihre Unſchlüſſigkeit und lächelte. „Iſt es verſichert?“ fragte ſie. „Ja, jo,“ ſagte der Geizhals, die Hände rei⸗ bend.„Hoch— bis auf den letzten Pfennig ver⸗ ſichert. Kein Heller wird verloren gehen;— ja, es wird eher ſogar dabei gewonnen werden. Wenn es nur erſt in Aſche liegt,“ fuhr er fort,„ſo bin ich ſicher— ganz ſicher.“ „Und ich eine Verbrecherin,“ ſagte Ruth be⸗ trübt.„Mein Leben iſt dann verwirkt; oder, was noch ſchlimmer iſt, ich ſinke zur Creatur— zur Sclavin Deines Willens herab.“ Der Gefangene, der ſeinen doppelten Zweck: die Zerſtörung des Zeugniſſes ſeiner früheren Tha⸗ ten und eine abſchreckende Oberhand über das ängſt⸗ liche Gemüth ſeiner Tochter zu erlangen, vereitelt ſah, biß ſich vor Wuth und Enttäuſchung auf die Lippen. „Das Comptoir ſtößt an die Hütte des armen Fiſchers,“ fuhr die Quäkerin fort, die nun die Schlechtigkeit des Vorhabens ihres Vaters in ihrem 231 wahren Lichte erkannte,„des Mannes, kh. Frau meine theure Mutter in ihrer letzten Krankheit pflegte; außerdem hat die Familie auch Kinder! Möge Gott es Dir vergeben, Vater, daß Du Dein Kind zur Sünde verleiten wollteſt!“ „Verlaß mich,“ ſagte Ephraim verdrießlich; „ich muß die Gefahr, die mir droht, allein und ohne Hilfe beſtehen.“ „In allem Andern—“ murmelte Ruth. „Verlaß mich,“ wiederholte er ſtreng, indem er zugleich nach der Thüre ſeiner Zelle deutete.„Ich habe genug allein zu tragen, und wünſche nicht durch die Anweſenheit eines ungehorſamen Kindes meine Qual noch zu vermehren.“ Seine Tochter verließ das Gefängniß, das Herz ſchwer von dem Gefühle der Ungerechtigkeit ihres Vaters und deſſen Verhärtung im Perehen⸗ Von ihm aus begab ſie ſich in die Wohnung ihrer Tante Sarah Geldart. Bei dem Eintritt in das Zimmer ihres ver⸗ wundeten Vetters ſah ſie, daß Hannah ſich neben ſein Bett geſetzt hatte und ihm vorlas. Die kleine Quäkerin erröthete ſichtbar bei ihrem Erſcheinen und machte Miene das Gemach zu verlaſſen. „Bleibe,“ ſagte Ruth in ſanftem Tone;„meine Gegenwart ſoll Dich nicht vertreiben“ Reuben erhob ſeine Augen nach ihrem Geſicht und lächelte. „Willſt Du nicht bei mir bleiben?“ fragte er. „Jetzt nicht,“ erwiderte Ruth.„Ich muß nach der Wohnung meines Vaters eilen. Ich habe Viel zu thun und an Vieles zu denken.“ 232 „Aber Du kommſt doch wieder?“ ſagte der junge Mann. „Joa, ja,“ fügte ſie haſtig bei;„auf den Abend beſuche ich Dich wieder.“ Mit einiger Ueberwindung— ohne ſich klar bewußt zu ſein, weßhalb dieſer Zwang nöthig war, küßte Ruth Hannah auf die Wange, ſagte ihrem Vetter Adieu und machte ſich nach Snargate⸗ſtreet auf den Weg. Zu Hauſe angekommen, ſchloß ſie ſich 3 ihr einſames Zimmer ein und weinte bit⸗ terlich. „Ich will für ihr Glück beten,“ murmelte ſie; „ich willes ſicher ſtellen, und das ſoll mein Troſt ſein. Reuben hält mich für kalt, gleichgültig. Es iſt beſſer ſo,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu, „als daß er weiß, wie innig und hoffnunglos ich ihn liebe. Ich kann mein Elend allein geduldig ertragen, aber nicht, wenn Reuben es theilke.“ Zwei Tage nach der Unterredung im Gefäng⸗ niſſe wurde Ephraim Sleek gegen Bürgſchaft in Freiheit geſetzt, der jetzt mehrere Wochen lang ſein Comptoir gar nicht mehr verließ, indem er dort ſpeiste, ja ſogar ſchlief. Der alte Mann hatte eine Abſicht ausgeſprochen, von allen Geſchäften ſich zurückziehen und Dover verlaſſen zu wollen, weßhalb Jedermann ihn mit dem Abſchluß ſeiner Rechnungen beſchäftigt wähnte Kaum eine Woche nach Ablauf ſeiner Verſiche⸗ rung brach in ſeinem Comptoir Feuer aus; alles Bemühen, Herr über die Flamme zu werden, war vergebens. Das iſolirte Gebäude wurde nebſt der von dem Fiſcher bewohnten anſtoßenden Hütte von 233 dem Elemente verzehrt. Obgleich das Unglück bei Nacht ſich ereignete, ging doch kein Leben dabei verloren. Alle, welche den Geizigen kannten, wunderten ſich daß er die Erneuerung der Police verſäumt hatte. Nur ſeine Tochter ſah der Sache auf den Grund. Nach wiederholten Vorſtellungen gelang es ihr, von ihrem Vater eine Summe als Ent⸗ ſchädigung ihres unglücklichen Nachbars für deſſen Verluſt herauszuſchlagen. Jetzt wunderten ſich die Bewohner von Dover noch mehr, und Manche prophezeihten der Welt Ende, weil Ephraim Sleek mit Einem Mole mildthätig geworden war. Von dem geheimen Verſteck, der einige verkohlte Gebeine enthalten hatte und in der Scheidemauer zwiſchen dem Comptoir und der Hütte bloß elegt wurde, ſprach kein Menſch. Oertlichkeiten tieſer Art waren in Dover zu allgemein, als daß ſie die iet⸗ rege gemacht hätten. as Schmuggeln wurde zu damaliger Zeit für eben ſo rechtmäßig, wie jeder andere Handel, gehalten. Vierzehntes Kapitel. Die ganze Dienerſchaft in Murlongh Houſe machte die Bemerkung, daß ihre Herrin ſich gänz⸗ lich verändert habe. Lady Tab, wie man ſie nannte, redete mit ihrer Dienerſchaft nicht mehr — 234 in der vertrauten iriſchen Mundart, an die ſie ſchon ſeit ſo lange gewöhnt war, ſondern in der Sprache ihrer frühern Tage. Ihr Benehmen war zwar, wie immer, freundlich, aber ent⸗ ſchieden. Mike Connally äußerte deßhalb auch vertrau⸗ lich gegen einen ſeiner Collegen in der Küche, „mit der Herrin ſei nicht mehr zu ſpaſſen, ſeit⸗ dem ſie angefangen habe, ein reines Engliſch zu ſprechen.“ Oogleich Jahre darüber hingegangen waren, ſeitdem die Ehrenwerthe Miß Macnamara aus der Geſellſchaft ſich zurückgezogen hatte, kannte ſie doch deren Anforderungen genau und machte dem⸗ gemäß ihre Anſtalten zu der Reiſe. Pater Ca⸗ raolan, ein irländiſcher Prieſter, der in St. Omer erzogen worden war, ſollte ſie nebſt Katty und Pheim begleiten; und eine Schweſter des Letztern war gedungen worden, in Murlough Houſe als Pflegerin ihres kleinen Neffen Redmond unter Oberaufſicht der Mary Sullivan einzutreten. Sämmtliche Pächter des Gutes waren auf⸗ merkſam gemacht worden, ein wachſames Auge zu haben für den Fall, daß ein Fremder in dieſer Gegend erſcheinen und Nachfragen in Betreff des Herrenhauſes anſtellen ſollte. Zu ihrer Aneife⸗ rung bedurfte es entfernt nicht des Verſprechens einer Belohnung, da ihre Feindſchaft gegen die O Neil's durch die Nachricht von Ellens Tod ſchon an und für ſich genügend aufgeſtachelt war. Es gab wohl keine Frau oder Tochter in der Baronie, welche nicht das geſchehene Unrecht gleichſam, wie 235 ihnen ſelbſt zugefügt, betrachte. Es war daher eher ein Exceß, als Gleichgültigkeit zu fürchten. Die allgemeine Stimmung gab ſich in einer höchſt eigenthümlichen Weiſe aus Veranlaſſung eines Beſuces kund, den Sir Patrick einige Tage vor der Abreiſe ſeiner Nachbarin in Murlough Houſe abſtattete. Dem Baronet waren verſchie⸗ dene Gerüchte über das, was ſich zugetragen, zu Ohren gekommen— Ellen's Tod, die Grauſam⸗ keit von deren Gemahl und Katty's Verfolgung. Dieſe verſchiedenen Anſchuldigungen, welche die Ehre ſeiner Familie ſo tief verletzten, veranlaßten den heißblütigen alten Herrn, ſich zu Miß Macna⸗ mara zu begeben, um von dieſer genauen Auf⸗ ſchluß über den Thatbeſtand zu erhalten. Er war nicht mehr mit ihr zuſammengekom⸗ men ſeit dem Tage, an welchem die Fehde zwi⸗ ſchen ihm und ihr ausgebrochen war, weil er den ßieſten Phadrig für eine mythiſche Perſon erklärt hatte. Seit Jahren hatte Redmond's Onkel das un⸗ ruhige und, nach jetziger Anſicht nichts weniger als geachtete Leben eines irländiſchen Landjunkers geführt, das heißt: er ſpielte, trank, war ein Haupt⸗ gönner aller Hahnenkämpfe, hielt offenes Haus, lebte in Geſellſchaft von Leuten zweideutigem Stan⸗ des und Charakters und zahlte nie eine Schuld— außer ſogenannten Ehrenſchulden, die er gewiſſen⸗ haft einlöste— bis endlich ein halbes Dutzend Gerichtsvollſtrecungen gegen ihn ausgewirkt wa⸗ ren. Sobald aber eine Pfandſchuld auf dem Exe⸗ — 236 cutionswege eingetrieben war, fing das frühere verſchwenderiſche Leben von Neuem an. Trotz aller Sünden dieſer Art würde aber Sir Patrick O'Neil Jeden niedergeſchoſſen haben, der auch nur entfernt einen Wink hätte fallen laſ⸗ ſen, daß er nicht durch und durch ein Ehrenmann ſei; dazu hätte er auch wirklich einigen Grund gehabt— wir meinen nicht zum Niedeiſchießen— ſ zum Unwillen über etwaige Zweifel. Bei allen ſeinen Fehlern war er edel, verſchmähte jede Lüge und wäre lieber geſtorben, als daß er einen Freund verrathen oder einen Feind verläſtert hätte. Uebrigens entſchuldigten die Sitten und das Beiſpiel der damaligen Zeiten ſein Betragen, wenn ſie es auch nicht zu rechtfertigen vermochten. Der Beſitzer von Burna Caſtle hatte ſein Schloß zu Pferd verlaſſen. Er wußte, daß zwei Verhaftsbefehle gegen ihn ausgefertigt worden waren, und vermuthete wahrſcheinlich, daß deren noch mehrere vorhanden ſeien. Da er wohl be⸗ ritten und ein alter Fuchsjäger war, ſo verließ er ſich darauf, den Sheriffs⸗Agenten entſchlüpfen zu können, für den Fall, daß dieſe Wind bekom⸗ men ſollten, daß er ſein Haus verlaſſen habe. Um aber recht vorſichtig zu ſein, ſchlug er den Vicinalweg durch das Dorf Shelſteen ein, das ausſchließlich von Pächtern von Murlough be⸗ wohnt war. Er hatte nicht einmal einen Bedienten mit ſich genommen. Als Sir Patrick an den Hütten vorüber kam, bemerkte er, daß keiner der Männer, die an den 237 Hausthüren lehnten, zum Zeichen des Grußes mit dem Kopfe nickte. Es iſt ein ſchlimmes Zeichen, wenn der irlän iſche Bauer dieſes Zeichen der Achtung Perſonen, die über ihm ſtehen, verſagt. Als er zurückblickte, ſah er, daß die Männer ſich in eine Gruppe ſammelten, heftig geſtitulirten und eifrig mit einander ſprachen. Enblich fingen ſie ſogar an, ihm nachzulaufen. BViele Leute hätten unter ſolchen Umſtänden ihrem Pferde die Sporen gegeben und in deſſen raſchem Laufe ihre Sicherheit geſucht; aber der Reiter hatte ſich nie wegen ganz beſonderer Vor⸗ ſicht ausgezeichnet; überdieß verſchmähte er es, vor irgend einem Menſchen zu fliehen, wenn der⸗ ſelbe nicht zufällig ein Gerichtsdiener war. Deß⸗ halb zog er den Zügel an und erwartete gelaſſen die Antunft ſeiner Verfolger. „Nun, Burſche!“ rief er lächelnd, denn er konnte nicht wohl an eine feindliche Abſicht glau⸗ ben„was wollt ihr von mir?“ „Was machen Sie auf den Gütern unſerer Herrin?“ fragte Einer. „Sind Sae vielleicht gekommen um ein Kind zu ſtehlen?“ fragte ein Zweiter. „Oder gar es umzubringen?“ Einer aus dem Haufen, keckex, als die Andern, verſuchte den Zügel von des Baronets Pferd zu ergreifen; aber Sir Patrick, der, ſo alt er war, doch noch ein ſcharfes Auge und eine kräftige Hand beſaß, ſtreckte den Waghals mit einem der⸗ ben Schlag ſeiner Peitſche zu Boden. Auf dieß erfolgte ein allgemeines Geſchrei und 7 — 238 die Menge drängte ſich ſo dicht an ihn heran, daß ſie ihn völlig umringte. „Burſche,“ ſprach der alte Mann, mit Mühe ſeinen Zorn bekämpfend;„ſehe ich denn wie ein Dieb oder Mörder aus? Wer kann unter euch ein Wort gegen die ONeils vorbringen?, Kam je einer von euch nach Burna und ging hungrig oder durſtig weg? Wenn ich arm bin, ſo iſt es deßhalb, weil ich euch zu eſſen gab; und weil ich euch liebte, verſchwendete ich meine Einkünfte. Habe ich nicht für euch mein Leben auf's Spiel geſetzt?“ 5 Die letzte Frage war eine Anſpielung auf ſeine jüngſten politiſchen Händel mit der Regierung. „Mein' Seel, das iſt wahr,“ bemerkte einer ſeiner Angreifer, ſich am Kopfe kratzend;„aber te Lady Tab's ausdrückliche Befehle zu efolgen.“ ür aufzupaſſen?“ fragte der Baronet mehr erſtaunt, als beunruhigt. „Ich habe es nicht von ihr ſelbſt gehört,“ ver⸗ ſetzte der Mann, der kaum mehr recht wußte, was er ſagen ſollte;„aber ſo viel iſt gewiß, daß wir ein ſcharſes Auge auf Fremde, Spitzbuben und Raubmörder haben ſollen, die über's Meer oder anders wo her von Auswärts kommen. Hier Tim,“ fuhr er fort, wie von einem plötzlichen Ge⸗ danken ergriffen,„komm her, Teufelsjunge, und ſage Seiner Ehren, was die Miſtreß eigentlich ſigt hat.“ Dieſe Worte wurden an den jungen Menſchen gerichtet, deſſen Kopf eine ſo genaue ekanntſchaft 239 mit Sir Patrick's Reitpeitſche gemacht hatte; aber weder die Worte, noch der funßt Wink in Geſtalt eines Fußtritts, welcher dieſelben begleitete, ver⸗ mochten Tim aus dem Zuſtande der Bewußtloſig⸗ keit zu reißen. „Wenn Euer Ehren ſich nur herbeilaſſen woll⸗ ten, uns zu ſagen, was Sie hieher führt!“ riefen mehrere aus der Gruppe, denen ein Licht aufzu⸗ gehen ſchien, daß ihr Eifer ſie zu weit geführt haben möchte. ONeil hatte eine zahlreiche Päch⸗ terſchaft und war auf ſeinem Gute ſo beliebt wie ihre Herrin. „Bin ich denn nicht auf dem Wege nach dem Herrenhauſe,“ erwiderte der Edelmann,„um Miß Macnamara zu beſuchen?“ Dieſe Erklärung wurde mit ungläubigem Blicke aufgenommen; die Leute wußten von dem zwiſchen ihm und dieſer Dame vorgefallenen Streite. Um ihren Zweifeln ein Ende zu machen be⸗ ſchloſſen ſie, ihn zu begleiten. Vergebens prote⸗ ſtirte Sir Patrick gegen eine ſolche zerlumpte Es⸗ korte; allein je heftiger er ſich dagegen verwahrte, um ſo hartnäckiger beharrten ſie bei ihrem Ent⸗ ſchluß. Einer ſeiner Gefangennehmer— denn er war in der That ein Gefangener,— riß ihm die Jagdpeitſche aus der Hand, ein Anderer ergriff die Zügel ſeines Pferdes; und ſo führten ſie ihn, ſchäumend vor Wuth, und vor lauter Aufregung ganz unfähig Widerſtand leiſten zu können, die zwei Meilen Wegs zwiſchen dem Borfe und Mur⸗ lough Houſe. Die Ehrenwerthe Miß Macnamara vermochte — 240 koum ein Lächeln zu unterdrücken, als ſie den Be⸗ leidiger des Fürſten Phadrig, gleich einem Gefan⸗ genen nach ihrer Wohnung transportiren ſah; aber das Gefühl der Schicklichkeit gab ihr ſogleich ein, ſo raſch als möglich hinabzugehen und ihn aus ſeiner unangenehmen Lage zu befreien. Das Erſte, was die Wuth des Edelmanns einigermaßen kühlte, war der Anblick der tiefen Trauer, die ſie um ihre Nichte trug. „So iſt es alſo wahr!“ rief er mit ſich ſelbſt ſprechend aus.„Arme Ellen!“ „Sir Patrick O Neil,“ ſagte die Lady,„was für ein Grund Sie auch immer nach Murlough Honſe geführt haben mag, ſo bin ich überzeugt, daß es ein ehrenwerther iſt, und ich bedaure die ichteitet tief, welche Sie auszuſtehen hatten.“. „Die Unannehmlichkeiten,“ wiederholte der Ba⸗ ronet—„die unverſchämten Schlingel!“ „Ihre Handlungsweiſe entſprang aus einem Mißverſtändniß meiner Befehle,“ unterbrach ihn die Dame,„und ich allein fühle mich verantwortlich.“ „So verſichere ich Sie auf mein Ehrenwort, Miß Macnamara, daß ich mich Ihnen unendlich verpflichtet fühle,“ antwortete Redmond's Onkel, indem er mit der förmlichen Grazie der alten Schule ſeinen Hut zog und faſt bis auf den Sattelknopf ſich verbengte, welche Höflichkeit die Lady durch einen tiefen Knir erwiderte. „Sir Patrick ONeil,“ ſprach ſie;„da Sie von mir keine Genugthuung für dieſe Beleidigung er⸗ halten können und ich keinen lebenden Verwandten 241 beſitze, mit Ausnahme des Kindes, das eben ſo wohl von Ihrem, als meinem Blute iſt, ſo wird es das Beſte ſein, wenn Sie meine Entſchuldigung e und den ganzen Vorfall zu vergeſſen uchen.“ „Bei meinem Namensvetter! Sie haben Recht, Miß Macnamara, und es thut mir verdammt leid, Sie je beleidigt zu haben,“ rief der Baronet, in⸗ dem er vom Pferde ſtieg und der Lady ſeine Hand reichte, welche dieſe huldvoll annahm. Als dieß die Menge gewahrte, welche bis jetzt den Gentle⸗ man gewiſſermaßen für einen Gefangenen angeſe⸗ hen hatte, erhob dieſelbe ein lautes Geſchrei der Befriedigung. „Ich verzeihe euch, Burſche,“ ſagte der Edel⸗ mann, an den Haufen ſich wendend.„Wo iſt der Burſche, dem ich einen Schlag auf den Kopf ver⸗ ſetzt habe?“ Tim wurde, trotz ſeines Widerſtrebens, vorwärts geſchoben, um ein Pflaſter in Geſtalt einer halben Guinee für den harten Schlag zu erhalten, den ihm der Edelmann verſetzt hatté. „Sprechen Sie nicht weiter mehr davon, Euer Ehren,“ ſagte dieſer;„es iſt wahrhaftig ein Ver⸗ gnügen, von Jemand von hoher Abſtammung aus⸗ gezeichnet zu werden.“ Mike Connally, der unterdeſſen in ſeinen Livree⸗ rock geſchlüpft war, erſchien jetzt, um das Pferd des Beſuchers abzunehmen, der ſeine Herrin in's Haus begleitete. „Halte Du es,“ ſagte der junge Menſch zu einem der Pächter;„es wäre eine Schmach für die Fa⸗ Smith, Sein u⸗ Schein. I. 16 — 242 milie, wenn ich nicht oben wäre, um die Thüren des Empfangzimmers zu öffnen.“ Damit lief er eiligſt durch die Küche und ſtand, mühevoll Athem ſchöpfend, ſchon oben an der gro⸗ ßen Haupttreppe, als Sir Patrick, die Ehrenwerthe Macnamara an der Hand führend, die letzte Stufe heraufgeſchritten kam. Mike ſtieß die Flügelthüren mit einem Stoß auf und bückte ſich, als die Herrſchaften an ihm vorüberkamen, tiefer wie gewöhnlich, um ſein hoch⸗ geröthetes Geſicht zu verbergen. Die Ehre der Familie war gerettet. Redmond's Onkel kam ſo zart als möglich auf den Grund ſeines Beſuchs— die auffallenden Gerüchte, die ihm zu Ohren gekommen waren— zu ſprechen.„Seit nahezu drei Monaten,“ ſagte er,„habe er keine Nachrichten mehr von ſeinen beiden Neffen erhalten, ſomit komme er ohne jedes Vorurtheil von irgend einer Seite.“ Die Lady händigte ihm den Brief ihrer Nichte an Katty ein, und während der Baronet ihn überlas, ſchellte ſie, damit die Amme, nebſt dem Kinde, erſcheine. „Sie ſollen Alles hören, Sir Patrick,“ ſprach ſie,„und zwar aus dem Munde des treuen Ge⸗ ſchöpfes, welches meine ermordete Ellen bis zu ihrer letzten Stunde pflegte.“ „Ermordet iſt ein gewichtiges Wort, Miß Mac⸗ namara,“ bemerkte ihr Beſucher mit Betonung,„ein ſehr gewichtiges Wort.“ „Es iſt möglich, daß das Geſetz die That nicht mit Mord bezeichnet,“ verſetzte das alte Fraulein 243 warm;„aber der Himmel und Redmond's eigenes Gewiſſen werden es einſt ſo nennen. Ich finde es begreiflich, daß Sie ihn vertheidigen. Das Blut der ONeils fließt in Ihnen; er iſt Ihres Bruders Sohn und wurde in Burna erzogen.“ Der alte Gentleman war zu tief betrübt über den Tod des ſchönen, ſanften Weſens, das von Kindheit an ſein Liebling geweſen war, als daß er den Hieb, der in dieſen Worten lag, bemerkt hätte. „Wenn Redmond in dieſer Sache ſchlecht ge⸗ handelt hat,“ rief er aus,„ſo verſtoße ich ihn,— dann will ich nichts mehr von ihm wiſſen; aber es kann nicht ſein! Er liebte ſeine junge Frau zu innig, zu zärtlich. Wenn er hintergangen wurde, bemitleide ich ihn.“ „Hoffentlich,“ bemerkte Miß Macnamara bitter. Katty erſchien mit dem Kinde auf den Armen im Empfangzimmer. Die Lady nahm es ihr ab, küßte es zärtlich und hielt es dann ſeinem Groß⸗ onkel hin, der das unſchuldige Geſchopf mit ſo kritiſchem Auge betrachtete, wie er etwa ein Füllen von einer ſeiner Zuchtſtuten beaugenſcheinigt hätte. Wenn wir ſeine Gedanken in die Phraſe eines Sportsmannes überſetzen, ſo müſſen wir ſagen; er beſichtigte deſſen Leibesbeſchaffenheit. „Auf Seele und Gewiſſen alſo,“ bemerkte er; „aber der Knabe— ich glaube, es iſt ein Knabe, — gleicht meinem Neffen ein wenig.“ Katty und die Herrin von Murlough Houſe wiederhoiten beide die Worte:„ein wenig“ in un⸗ willigem Tone. 16* „Nun denn,“ fuhr er fort,„er gleicht meinem Nefſen ſehr. Es ſind ſeine Augen. Die O Neils haben, was ich Ihnen kaum zu ſagen brauche, Miß Macnamara, ganz beſondere Augen; ſo ver⸗ ſicherten mich wenigſtens die Damen vor dreißig Jahren. Dann die Raſe; es iſt ganz Redmond's Naſe. Vom Mund kann ich nicht dasſelbe ſagen —der kommt von ſeiner verd— bitte tauſend Mal um Verzeihung— von mütterlicher Seite der Fa⸗ milie wollie ich ſagen.“ Mit Ausnahme dieſes kleinen Verſtoßes lag nichts Beleieigendes in den Worten oder im Tone des Baronets. „Ich brauche nicht nach ſeinem Namen zu fra⸗ gen, fuhr er fort;„ohne Zweifel heißt er Pharig?“ „Redmond heißt er,“ verſetzte Katty,„und zwar mit allem Recht. War dieß nicht ſeiner theurer Mut⸗ ter letzter Wunſch, als ſie auf dem Todbette in frem⸗ dem Lande lag, Niemand an ihrer Seite als mich?“ Die hellen blauen Augen des Baronets leuch⸗ teten. Vielleicht kam ein Stäubchen oder eine kleine Fliege hinein, weil er ſich genöthigt ſah, ſein Sacktuch zu benützen. „Armes Geſchopf,“ murmelte er,„armes Ge⸗ ſchoͤpf! So jung! So ſchön!“ Dieſem Ausdrucke des Mitleids folgten Worte des heftigſten Zorns, als Katty Ellens traurige Geſchichte vortrug. „Ich werde den Böſewicht enterben!“ rief er aus— was allerdings keine große Strafe geweſen wäre, wenn der, der damit drohte, noch zehn Jahre in ſeiner ſeither gewohnten verſchwenderiſchen Weiſe 245 fortlebte—„wenn er nicht zu beweiſen im Stande iſt, daß Ellen ihn hintergangen hat.“ Die ehrenwerthe alte Jungfer ſchüttelte unwillig den Kopf, indem ſie etwas deileichen wie vom Blut der Macnamaxa und St. Clair, vor ſich hin murmelte. „Nicht, als ob ich dieß glaubte,“ fuhr der Ba⸗ ronet fort;„weit entfernt davon; es wäre nur möglich. Ich will es nur annehmen für den Fall, daß es bewieſen würde. Und was das Blut an⸗ belangt, ſo ſtammte Frau Potiphar gewiß aus einer eben ſo alten Familie als Fürſt Phadrig ſelbſt, deſſen Seele die ewige Ruhe finden möge!“ Mit dieſem feinen Seitenhieb auf ſeine phöni⸗ ziſche Hoheit erneuerte ſich das Verbeugen und Knixen, oder mit Mike Connally zu ſprechen, der die ganze Zeit durch das Schlüſſetloch der Thüre des Beſuchszimmers geguckt hatte, ganz ſo wie es hohen Standesperſonen zukommt. Dieſer fühlte 3 in der That vollkommen befriedigt, daß weder Lady Tab, noch er ſelbſt, der Würde der Familie etwas vergeben hatten. Mike hielt ſehr viel auf äußere Repräſentation. Während ihrer Unterredung hatte die Ehren⸗ werthe Miß Macnamara entzernt nichts von ihrem beabſichtigten Beſuch in Paris merken laſſen, damit Redmond ja kein Wink von ihrem Erſcheinen zu⸗ komme. Wenn ſie über die Sache nachdachte, ſo wußte ſie nicht recht, ob ihr der Beſuch des Baronets erfreulich oder unliebſam geweſen ſei. Die Anſpie⸗ lung auf Potiphar's Frau und Fürſt Phadrig — 246 hatte ſie etwas unangenehm berührt; daß aber ſein Ausſpruch über Ellen's frühzeitigen Tod aufrichtig von ihm gemeint geweſen, daran zweifelte ſie kei⸗ nen Augenblick. Allein er hatte das Kind weder geküßt, noch geſegnet, und Kotty ſprach ſich deß⸗ halb ſehr frei über dieſe Vernachläſſigung ihres Lieblings aus. Das Herz der Pflegemutter war dadurch ver⸗ letzt worden. Wäre Sir Patrick auf derſelben Straße zurück⸗ ekehrt, auf welcher er hergekommen, ſo hätte er ſc aller Wahrſcheinlichkeit nach, eine unangenehme Folge ſeines Abenteuers erſpart; aber ſein Geiſt war zu ſehr mit dem, was er gehört hatte, beſchäf⸗ tigt, als daß er an die gegen ihn erlaſſenen Ver⸗ haftsbefehle oder überhaupt an etwas, was ihn betraf, hätte denken können; denn um gegen den alten Mann gerecht zu ſein, müſſen wir conſtati⸗ ren, daß ſeine Theilnahme innig und aufrichtig war. Er konnte die Geſchichte nicht begreifen, weil er bis jetzt ſeinen Neffen immer für einen Mann voll Ehre gehalten hatte; noch weniger konnte er aber glauben, daß ſich Ellen ſeiner unwürdig gezeigt haben ſollte. „Wäre es Ulic geweſen, nun,“ murmelte er vor ſich hin,„ſo hätte mich die Geſchichte nicht gewundert, wenigſtens nicht ſo ſehr; dieſer hatte immer einige ſchwarze Flecken an ſich; aber Red⸗ mond— tas begreife ich in der That nicht. Ich muß an Beide ſchreiben.“ ſetzte er hinzu. Der Baronet ritt immer fort, ſeinen Gedanken nachhängend, indem er bald eine Anſicht ſich bil⸗ 247 dete, bald wieder verwarf, bis er ſich anf einer engen, verlaſſenen Straße befand, welche durch das Moor lief, das die Baronie von Murlongh von ſeinem Gute trennte. Es war gerade eine jener zerklüfteten Stellen der Straße, wie man ſie noch heute in Irland findet und welche ein ſicheres Pferd und einen feſten Reiter, namentlich bei Nacht, verlangen; denn ein leichtes Abbiegen nach Rechts oder Links brochte Knochen und Leben in Gefahr. Sir Patrick war kaum mehr als eine Viertel⸗ meile weit auf dieſem Damm gekommen— dieß war eigentlich die richtige Bezeichnung dafür— als er einen in Scharlach gekleideten Reiter ihm ent⸗ gegen traben ſah. Einen Augenblick lang war er erſtaunt und meinte, er habe ſich im Tage geirrt. „Es iſt Dienſtag,“ rief er aus,„und die Jäger kommen erſt am Donnerstag zuſammen; was ſoll alſo dieß bedeuten?“ „So wahr ich ein Sünder bin, es iſt die braune Stute mit der ich den Erzlumpen Cornelius an⸗ ſchmierte— ſchlimmer Handel für einen Rechtsver⸗ dreher! Das letzte Mul brachte ich die Sache auf friedlichem Wege mit ihm in's Reine, nachdem ich dem Spitzbuben den Kopf zu Recht geſetzt hatte. Ich bin in eine Falle gerathen; aber ſie haben mich noch nicht erwiſcht.“ Zugleich wandte er ſein Pferd um und hätte ſchleunigſt den Rückweg an⸗ ſtet wenn nicht ein zweiter Reiter in Schar⸗ ach ihm gefolgt wäre. „Bei meiner Seele, jetzt iſt's um mich geſchehen!“ — 248 bemerkte er, in willkürlicher Bewunderung der Kriegs⸗ liſt des Feindes. Wenige Minuten reichten hin, um die verklei⸗ deten Gerichtsdiener in ſeine Nähe zu bringen. „Auf weſſen Befehl?“ fragte der Baronet. ich brauche nicht zu fragen; ich weiß es on.“ Die Männer antworteten mit einem grinſenden Lachen und zeigten ilwe Vollmacht in Form eines Verhaftsbefehls vor. „Das genügt, das genügt. Ich bin zufrieden geſtellt. Aber eurem Herrn, ich werde es ihm gedenken, daß er euch eine ſo trügeriſche Kleidung anlegen ließ, und ich hoffe noch guitt mit ihm zu werden.“ Vor Einbruch des Abends, befand ſich Sir Patrick O'Neil ſicher im Schuldgefängniß von Galway untergebracht. Er war kein Fremdling an dieſem Orte, ſondern fühlte ſich im Gegentheil hier völlig zu Hauſe, und zwar ſo ſehr, daß er, nach⸗ dem er ſeine Hammelscotelette verzehrt und einige Gläſer Claret dazu getrunken hatte,— ſich nieder⸗ ſetzte, um einen Brief an ſeinen Neffen zu ſchreiben — und zwar, aller Wahrſcheinlichkeit nach, mit weit mehr Sammlung, als er dieß in ſeinem eigenen Speiſezimmer in Burna Caſtle hätte thun können. Da der Baronet ein etwas excentriſcher Co⸗ reſpondent war, ſo wollen wir unſeren Leſern den Genuß nicht vorenthalten, ihnen ſeinen Brief wört⸗ lich mitzutheilen, der pflichtmäßig aus dem Schuld⸗ efängniſſe, Grafſchaft Galway, datirt war. Er ſ5 en an. 249 „Redmond Avick,— „Du wirſt dich durch dieſes überzeugen, daß ſelten in einer Familie ein Unglück allein kommt. Dein Dich liebender Onkel iſt in Haft, und zwar nur durch Deine Schuld, Redmond; übrigens trage ich Dir dieß nicht nach; denn Du kannſt eigen⸗ lich nichts dafür.“ „Es ſoll mir lieb ſein, wenn Du Dich herbei⸗ läßt, mir mitzutheilen, was an den Gerüchten und Beſchuldigungen iſt, die in Betreff Deiner und Ellens in der Gegend in Umlauf ſind. Sie ver⸗ anlaßten mich, von Burna Caſtle nach Murlough mich zu begeben, und es fehlte wenig, daß man mich unterwegs bald umgebracht hätte— was ich ebenfalls nur Dir zu danken gehabt hätte. Die Sache erwies ſich 3 ein Mißverſtändniß und die alte Tab entſchuldigte ſich ſchönſtens. Vergiß dieß nicht, Redmond; denn wenn ich ſterben ſollte, ehe Du zurückkommſt, ſo darfſt Du ihr dieſe Sache nicht nachtragen. Vergiß dieß nicht— es iſt wichtig. Ich hörte Katty's Geſchichte; ſie iſt ſehr hart, und ſah den Knaben— Deinen Knaben, Redmond,— ich ſchwöre darauf. Hat er nicht die Augen und die Naſe der ONeils? Der Mund gehört, ich irre mich darin nicht, der Familie von Seiten des Fürſten Phadrig; ich will alſo nichts darüber ſa⸗ gen. Was Deine Mordgedanken in Betreff des kleinen Burſchen anbelangt, ſo will ich mir dieſe ganz aus dem Sinne ſchlagen und den Umſtand nur deßhalb erwähnen, damit Du ſiehſt, auf welche Weiſe Katty Deinen Charakter ſchilderte. „Wenn Ellen wirklich einen Fehltritt that, was — 250 ich aber nicht glaube, ſo haſt Du ganz wie ein ONeil und ein Chriſt gehandelt und ſicher den Schuft erſchoſſen. Theile mir in einigen Tagen Alles umſtändlich mit und ſage Ulic, daß mein Herz zu ſehr gebrochen iſt, als daß ich ihm ſchrei⸗ ben könnte. 86 kenne mich ſelbſt nicht mehr. Der Claret aus Warden's Hötel war zu kalt; vielleicht können mich ein oder ein Paar Gläſer Punſch wie⸗ der zurecht bringen. Ich will es verſuchen. Für heute genug. „Von Deinem Dir wohlgewogenen Onkel Patrick OReil.“ „P. S.— Vergiß nicht den Wein pünktlich im Frühjahr zu ſchicken. Es iſt dieß die beſte Zeit, ihn auf Flaſchen zu ziehen, und vergiß nicht— der Knabe gehört Dein, Redmond! Jeder Geſichts⸗ zug von ihm, wie ich zuvor ſchon ſagte, mit Aus⸗ nahme des Mundes.“ Dieſer ſeltſame Brief kam ſeinem Neffen in Verſailles zu, etwa einen Monat, nachdem er wie⸗ der zu ſeinem Regiment geſtoßen war, aber ſo verändert, daß ihn ſeine Kameraden kaum mehr ertannten. Wie man ſich vorſtellen kann, machte er nur wenig Eindruck auf ihn und wurde unwillig bei Seite geworfen. ———— Fünfzehntes Kapitel. Das achtzehnte Jahrhundert hat uns ein Räth⸗ ſel aufgegeben, welches aufzuloſen ſeinem Nachfol⸗ ger, dem neunzehnten Jahrhundert noch nicht, we⸗ nigſtens nicht auf genügende Weiſe, gelungen iſt — nämlich die franzöſiſche Revolution. Wir ſprechen natürlicher Weiſe von der von 1789, eigentlich der einzigen, da die Affairen von 1830 und 1818 nichts weiter als Fortſetzungen wei und drei in der großen Reihenfolge der Ge⸗ ſwichte ſind, deren Veröffentlichung die Epiſoden des Kaiſerreichs, der Reſtauration, der Julimonar⸗ chie und des jetzigen Kaiſerreichs unterbrachen. Obgleich wir keine Privatmittheilung darüber beſitzen, ſo haben wir doch allen Grund zur An⸗ nahme, daß die Nummer vier bereits im Gatze iſt und nur auf den günſtigen Augenblick wartet, um ausgegeben zu werden. Erſchrick nicht, gütiger Leſer; wir haben ver⸗ ſprochen, nicht mehr abzuſchweifen und beubſichti⸗ gen auch getreulich Wort zu halten. Dieß iſt aber keine Abſchweifung— wenigſtens nicht im gewöhn⸗ lichen Sinne des Wortes. Es iſt unumgänglich nothwendig, daß wir eine leichte Skizze unſerer flüchtigen Nachbarn und der Zuſtände in Frank⸗ reich entwerfen zu der Zeit, in welcher die Ehren⸗ werthe Miß Macnamara ihre Heimath, Irland, verließ, in der Abſicht dieſes Land zu beſuchen. Nil nisi clavis. Ohne den Schlüſſel würde — 252 manches Folgende vielen unſrer Leſer unverſtänd⸗ lich bleiben. Als Ludwig XV., faſt noch ein Kind, den Thron von Frankreich beſtieg, konnte man das Land kaum anders als aus dem Mittelalter herausgetreten bezeichnen. Das Reich war in feindliche Provin⸗ zen Pthei jede mit ihrem beſondern Parlament; ie Bevölkerung ſpaltete ſich in nebenbuhleriſche Claſſen. Der Adel hatte jede reelle Gewalt im Staate verloren, dabei aber ſeine äußere Auszeich⸗ nung beibehalten. Das Volk beſaß keine Rechte— das Königthum hatte keine Grenzen. Die Krone verfügte über die Freiheit ihrer Unterthanen durch lettres de cachoet,*) über ihr Eigenthum durch Con⸗ fiscation, und die öffentlichen Einkünfte ganz nach ihrem Gutdünken. Der Adel war ſteuerfrei, und der Clerus nahm für ſich das Recht in Anſpruch, ſich ſelbſt zu taxiren; es fielen ſomit die großen Laſten des Königreichs auf die mittlern und arbeitenden Claſſen. Dieſer Stand der Dinge war ſchlimm genug, aber unglücklicher Weiſe nicht das Schlimmſte. Eine Verdorbenheit der Sitten, eine cyniſche Ver⸗ achtung der öffentlichen ſowohl wie der Privattu⸗ genden war durch den Regenten, Herzog von Or⸗ leans, eingeführt worden, der auf die ſchändlichſte Weiſe die Sitten des jungen Königs verdarb— ihn ſchon als Knabe mit dem Laſter in ſeiner ver⸗ lockendſten Geſtalt umgab und ſterbend den Monar⸗ *) Vom König unterzeichnete Verhaftsbefehle, welche der Po⸗ lizeiminiſter vorräthig hatte und in welche nur der Name des zu Verhaftenden eingetragen zu werden brauchte. B. 253 chen, deſſen Charakter er gebildet hatte, als einen Schandſleck der Menſchheit und den Fluch Frank⸗ reichs hinterließ. Daß dieſes Syſtem planmäßig entworfen und vom erſten Anfang an ſyſtematiſch durchgeführt wurde, iſt durch die Wahl des Gouverneurs des königlichen Jünglings erwieſen. Dem Herzog von Villeroy, einem der vollendetſten Wüſtlinge ſeiner Zeit, wurde der wichtige Poſten anvertraut, den er dadurch entehrte, daß er den Leidenſchaften des Prinzen, der kaum mehr als ein Knabe war, nach jeder Richtung Vorſchub leiſtete. Das Volk blickte mit Schmerz auf die Erzie⸗ hung des Souverains. Von Vorſtellungen konnte in jenen Tagen keine Rede ſein. Die einzige Frei⸗ heit, welche die Preſſe in Frankreich genoß, beſtand in ihrer Zügelloſigteit. Die öffentliche Meinung erhob ſich nie über ein Pasquill oder einen Chan⸗ ſon. Der berühmteſte ſeiner Art, welcher damit anfing: Villeroy! Villeroy! Hat den König gut bedient hat der Nachwelt die Verachtung der Nation gegen das elende Werkzeug und deſſen noch viel elendern Gönner überliefert. St. Simon, der Freund und Lobredner des Herzogs, verſucht zwar ihn von der zu jener Zeit allgemein geglaubten Anklage zu reinigen, daß er den Vater und die Oheime des Königs vergiftet habe,— nicht aus dem Grund, daß Seine Hoheit eines ſolchen Verbrechens unfähig geweſen wäre; — 254 denn eine ſolche Vertheidigung hätte lächerlich ge⸗ lautet— ſondern durch die Thatſache, daß er Lnd⸗ wigs Leben geſchont habe, da er ihn, die einzige Schranke zwiſchen ſich und der Krone doch ſo leicht aus dem Wege hätte räumen können. Der witzige Schriftſteller vergaß aber dabei einen zweiten Concurrenten in der Perſon eines andern Enkels, Ludwigs XIV., den Herzog von Anjou, König von Spanien, der für den Fall des Todes ſeines Vetters auf den Thron ſeines Adop⸗ tivvaterlandes gegen jenen von Frankreich Verzicht geleiſtet hätte. Die Schuld oder Unſchuld des Regenten wird aller Wahrſcheinlichkeit nach nie klar erwieſen wer⸗ den; aber ein Umſtand wenigſtens iſt gewiß, der der Anklage einige Wahrſcheinlichkeit verleiht. Seine Hoheit war ein geſchickter Chemiſt, beſaß ein Pri⸗ vatlaboratorium, das er ſich im Palais Royal hatte einrichten laſſen, und iſt bekannt als ſehr er⸗ fahren in Bereitung von Giften. Die Meinung des Publicums jener Zeit war ſo entſchieden der Ueberzeugung in Betreff des To⸗ des des unglücklichen Fürſten, daß das Volk den Herzog auf ſeinem Wege in das Parlament öffent⸗ lich beſchimpfte und ausziſchte. Frankreich iſt in der That den Repräſentanten des Zweiges Orleans der Bourbonen Vieles ſchul⸗ dig. Der Abkömmling des Regenten, Philipp Ega⸗ lité zeigte ſich ſeines Vorfahren würdig. Wie man ſich leicht vorſtellen kann, ſo mußte ein Souverain, angeleitet und erzogen wie Lud⸗ wig XV. ein Fluch für die unterdrückte und dul⸗ 255 dende Nation werden, welche zu regieren er be⸗ rufen war. Sein Scepter wurde zum Spielzeug und, was noch ſchlimmer war, zum Inſtrument der Unterdrückung in den Händen einer Reihe von laſterhaften Weibern, unter deren Einſtuß er ge⸗ rieth. Die Zügelloſigkeit des Hofes ging vom Adel und Clerus auf das Volk über, bis ſelbſt die Hütten des Arbeiters davon angeſteckt wurden und Frankreich in einen einzigen ungeheuren Pfuhl der Schande verſank. Ein Eingehen in die traurigen Einzelnheiten der Regierung Ludwigs XV. würde unſere Feder beſchmutzen; es genügt daher zu ſagen, daß dieſer Fürſt, gottesläſterlicher Weiſe„der ollerchriſtlichſte König“ genannt, Europa das ſchändliche Schau⸗ ſpiel einer öffentlichen Pflanzſchule des Laſters gab. Dieß war allerdings gräßlich; aber ehe wir einen Stein werfen, müſſen wir Engländer uns fragen, wie viele Jahre verfloſſen ſind, ſeit in un⸗ ſerem eigenen Lande ein ähnlicher Stand der Dinge herrſchte. eorg i. kerkerte ſeine unſchuldige Königin, Sophia Dorothea, in der Feſtung Celle in Han⸗ nover ein und erhob ſeine Maitreſſe zur Pairie, ohne daß das Parlament, der Adel oder der Cle⸗ rus von England Einſprache dagegen erhoben hätten. Georg Il. zwang ſeine Gemahlin, der er Liebe heuchelte, nicht nur mit ſeiner Maitreſſe zuſam⸗ men zu ieben, ſondern auch alle Einzelnheiten ſei⸗ ner Liebesintriguen anzuhören. Georg dem 1I., welchen zu verſpotten ſeiner wandlungen von Aufwallung hatte er zwar das 256 Zeit faſt Modeſache war, verdankt England die Eindämmung der Fluth des Laſters. Obgleich an eine ſehr häßliche und unliebenswürdige Frau verheirathet, gab er doch ein Beiſpiel ehelicher Treue. Seine Königin unterſtützte ihren Gemahl in ſeiner Herkulesarbeit. Kein Frauenzimmer von zweifelhaftem Ruf erlangte je Zutritt an den Hof. Das Verfahren Ihrer Majeſtät war ſo conſequent in dieſer Hin⸗ ſicht, daß ſie ſich weigerte, eine ſouveraine, der Krone nah verwandte Prinzeſſin zu empfangen, bloß aus dem Grunde, weil ihre Aufführung nicht ganz verdachtlos war. Witzlinge und ſelbſt unterrichtete Perſonen ver⸗ höhnen Georg 1IMI. und ſeine Königin, daß ſie Tete-a- Téte Aepfelpudding ſpeisten. Sie haben aber Unrecht. Mit Wahrheit darf man ſagen, daß darin eine tiefe Moral verborgen liegt. Sie waren ein altes Ehepaar; aber man muß ſie jetzt noch achten, wenn ſie auch nicht beliebt waren. Sie waren die königlichen Beſen, welche den häuslichen Herd Englands von vielen ſeiner ärgſten Flecken reinigten. Leſer, wir ſind dießmal nicht abgeſchweift— ſondern haben uns bloß eine Paxentheſe erlaubt — die allerdings etwas lang war, wie wir zuge⸗ ben wollen. Die Regierung Ludwigs XV. hatte nahezu ihr Ende erreicht. Seit Jahren ſchon war er der Sklave der Madame Du Barry, deren Einfluß über den alten Wüſtling unbegrenzt war; in An⸗ 257 Zoch abzuſchütteln verſucht, war aber durch ihre Künſte immer wieder ſchnell zur Unterwürfigkeit zurückgeführt worden. Die Verſchwendungsſucht dieſer merkwürdigen Frau war ſo groß, daß ihr Haushalt viel zahl⸗ reicher war, als der legitimen, regierenden Königin. Auch ihr Einkommen war viel größer, indem ihre Anweiſungen auf den königlichen Schatz gleich denen des Königs honorirt wurden. Um die Anſteckung eines Schauplatzes, wie Verſailles war, zu vermeiden, hatte die jüngſte Tochter des Monarchen, Madame Louiſe im Klo⸗ ſter der Carmeliterinnen in St. Denis den Schleier genommen. Ihre Schweſtern vegetirten zwar noch im Schloſſe ihres Vaters fort, ohne daß man ſich viel um ſie gekümmert oder von ihnen gehört atte. Der Dauphin, nachmals Ludwig XVI., lebte mit ſeiner Gemahlin, der ſchönen und unglücklichen Marie Antoinette, in einer gewiſſen Zurückgezo⸗ enheit. Obgleich Erbe der Krone, hatte der Pnz doch gar keinen Einfluß, ſondern wurde im Gegentheile abſichtlich in gänzlicher Unkenntniß von allen Staatsangelegenheiten gehalten, die von ſeinem Großvater im Boudoir der Gräfin Du Barry verhandelt wurden, welche Miniſter machte und entließ, ganz nach ihrem Gutdünken. Dieſer Art war der geſellſchaftliche Zuſtand Frankreichs, als Ellens Tante, in Begleitung des Paters Karoolan, mit der getreuen Katty und deren Gatten im Geſolge, in Paris eintraf. Obgleich Pater Karoolan entfernt keine Idee Smith, Sein u. Schein. 1. 17 255 von der Gefahr des Unternehmens hatte, dem er ſich nur ungern angeſchloſſen, oder daß daſſelbe mächtige Feindſchaften erwecken würde, ſo täuſchte er ſich doch keinen Augenblick über deſſen Schwie⸗ und beſchloß daher, ſehr vorſichtig zu erk zu gehen. Da er von den engliſchen Je⸗ ſuiten in St. Omer erzogen worden, ſo wirft es keinen Schatten auf den Charakter des würdigen Paters, daß er als deren Zögling mehr als ein anderer geeignet war, die Fäden einer Intrigue aufzufinden. Er war ausdauernd, ſcharfſichtig und vor Allem ſeiner Gutsherrſchaft ergeben. Als geiſtlicher Leiter Ellens von ihrer Kindheit an vermochte Niemand beſſer wie er, die angeborne Reinheit ihres Herzens und Geiſtes zu würdigen. Daß ſie und Redmond die Opfer einer ſchänd⸗ lichen Intrigne waren, ſchien ihm vom erſten Augenblicke an vollkommen klar zu ſein. Obgleich viele Jahre verfloſſen waren, ſeitdem Miß Macnamara Frankreich verlaſſen hatte, hielt er es doch nicht für klug, daß ſie in Paris ihren Wohnſitz aufſchlage. Er kannte die Polizei der Hauptſtadt und deren Syſtem. Ein ruhiges Hötel in der kleinen Stadt St. Denis wurde deßhalb ausgewählt, und nachdem er ſeine Schutzbefohlene dort untergebracht hatte, fing er an, vorſichtig Nachforſchungen anzuſtellen. Seine erſten Nachfragen gingen dahin, zu er⸗ fahren, was aus Ellens Kammerjungfer, Lucille Chomont, geworden war, dem Mädchen, das ihr zur Flucht behilflich geweſen war. Zwei Tage dergeblichen Nachforſchens vermochten och nicht, ———— 259 ihn dahin zu bringen, von ſeinem Vorhaben hoff⸗ nungslos abzuſtehen. Sie mußte doch irgend eine Spur ihres Daſeins zurückgelaſſen haben, meinte er, und dieſe Spur beſchloß er aufzufinden und zu verfolgen. Wie oft ſtolpern wir in der Dunkelheit über den Gegenſtand, den wir vergebens beim Taogeslicht geſucht haben! Dieſe Wahrheit bewährte ſich auch wieder im gegenwärtigen Falle. Dem Pater Ka⸗ roolan war von ſeinem Biſchof ein Brief an den Vorſtand des irländiſchen Collegiums in der Straße des Irlandais hinter dem Punhen anvertraut worden, und am dritten Tage nach ſeiner Ankunft ſprach er daſelbſt vor, um denſelben abzugeben. In jenen Tagen war ein Beſucher aus Zrland ein Ereigniß in dem ziemlich einförigen Leben der Profeſſoren und deren Zöglinge die ihn mit Fragen über die Heimath und ihre theuren An⸗ gehörigen beſtürmten. Ihr Beſucher that ſein Möglichſtes, ſie zu be⸗ friedigen, und erkundigte ſich dagegen nach ſeinem frühern Freunde und Studiengenoſſen in St. Omer, Arthur OReilly.. „Er wird erſt ſpät in das Collegium zurück⸗ kehren,“ erwiderte der Unterdekan.„Er hat heute den Tag in der Baſtille.“ Der Pater machte keine Bemerkung, ſondern merkte ſich bloß im Stillen die Mittheilung als Etwas, was ſich vielleicht als dienlich erweiſen könnte. Er wußte, daß der Miniſter der Polizei, Herr von Sartines, vorzugsweiſe gerne auslän⸗ diſche Prieſter zum Dienſte in den S * — 260 niſſen verwendete; deßhalb war er durchaus nicht erſtaunt darüber. Der Nachmittag wurde in dem ſchönen, mit eichenen Täfelchen ausgeſchmückten Salon des Vor⸗ ſtands hingebracht; ein höchſt intereſſantes Gemach, das von der Revolution verſchont wurde, wie wir glücklicher Weiſe berichten können. Gegen Ende des Tages erſchien O Reilly und bewilliommte ſeinen Beſucher mit der Herzlichkeit alter Freundſchaft. Es wurde von St. Omer und den frühern Tagen geſprochen; jedoch enthielt ſich ſein Freund ſorgfäitig jeder Anſpielung auf den Gegenſtand, der fortwährend ſeine Gedanken beſchäftigte.— „Werden Sie lange in Paris bleiben?“ fragte Hieiu ſie am Thore des Collegiums ſich trennten. „Ich glaube nicht, erwiderte Pater Karoolan; „es hält mich nur Eine Angelegenheit auf. Eines meiner Beichtkinder, die Ehrenwerthe Miß Macna⸗ mara, hat mich beauftragt, die Kammerjungfer ihrer verſtorbenen Nichte, der Gemahlin des Ca⸗ pitän HNeit ausfindig zu machen. Kennen Sie die en 2 2 eien deſſen Vetter, Ulic Blake?“ Neii- „Es iſt ſehr fatal,“ fuhr Karoolan fort,„daß ich keine Nachricht über dieſe Perſon erlangen kann; ich muß meine Nachforſchungen fortſetzen.“ „Das wird nutzlos ſein,“ bemerkte ſein Freund.„Gute Nacht.“ 261 Die Freunde trennten ſich unter Händeſchüt⸗ teln. Einer derſelben wenigſtens fühlte ſich voll⸗ kommen befriedigt. Er hatte den Faden, welchen er ſuchte, aufgefunden. Lucille Comont befand ſich ſeiner feſten Ueb rzeugung nach in der Baſtille. Noch denſelben Abend, unmittelbar vor ſeiner Rücktehr nach St. Denis, theilte der würdige Prieſter Miß Macnamara die Entdeckung mit, die er gemacht hatte, verſchwieg jedoch den Kanal, durch welchen es ihm gelungen war, aus Furcht, daß die Sicherheit ſeines Freundes dadurch bloß⸗ geſtellt werden könnte. „Dahinter ſteckt ein Geheimniß.“ fügte er bei. „Ihre Nichte hat, meiner Ueberzeugung nach, ſich einen mächtigen Feind gemacht. Ein lettre de eachet kann ſelbſt gegen eine Kammerjungfer von Niemand auf einen bloßen Wunſch hin erlangt werden. Haben Sie keine Freundin bei Hof, an die Sie ſich wenden können?“ „Die einzige, die ſich für mich intereſſirt haben würde,“ bemerkte Ellens Tante,„hat ihn längſt verlaſſen.“ „Alſo todt?“ „Für die Welt wenigſtens,“ erwiderte die Lady. „Ich ſereche von Madame Louiſe. Noch als ganz junges Fräulein war ich dem Hofſtaat der Kö⸗ nigin zugetheilt: die Mutter derſelben, ſo wie Ihre Hoheit, zeichneten mich durch vielfache Beweiſe ihrer Gunſt, ja ich darf wohl ſagen, ihrer Freund⸗ ſchaft aus. „Das iſt ganz die rechte Perſon!“ rief Pater Karoolan.„Durch ihr Zurückziehen in ein Kloſter 262 hat die Prinzeſſin nicht allen Einfluß in Verſail⸗ les verloren; im Gegentheile dadurch gewonnen⸗ Sie iſt die einzige unter ſeinen Töchtern, welche Ludwig mit Liehe und Achtung behandelt. Das Kloſter der Carmeliterinnen iſt nur wenige Schritte von dieſem Hötel entfernt. In früher Stunde am folgenden Morgen wurde ein Billet abgeſchickt, in welchem die Ehrenwerthe Miß Tabitha Macnamara, Tochter des verſtorbe⸗ nen Lords Murlough, um die Ehre nachſuchte, ihre ehrfurchtsvolle Huldigung Ihrer königlichen Hoheit, der Madame Louiſe von Frankreich dar⸗ Kieh zu dürfen. Noch im Laufe deſſelben Tages traf eine gün⸗ ſtige Antwort, unterzeichnet„Schweſter Louiſe,“ ein. Obgleich der Religion gewidmet, hatte die Car⸗ meliterin doch nicht alles Intereſſe für die Welt verloren, ſondern pflegte viele ihrer früheren Freundinnen zu empfangen, die ſie von allen Hof⸗ angelegenheiten unterrichteten. Mit dieſer Aus⸗ nahme, und daß ſie eine Reihe Gemächer, die aus⸗ ſchließlich ihr gehörten, bewohnte, hatte ſie ſich ganz dem einſamen Leben der frommen Genoſſen⸗ ſchaft unterworfen. Louiſe von Frankreich war die einzige ſeiner Töchter, welche Ludwig XV. glich, und in⸗ ihren jüngern Tagen mußte ſie außerordentlich ſchön geweſen ſein. Selbſt angenommen, daß das Por⸗ trait, welches noch in der Gallerie von Verſailles zu ſehen iſt, etwas geſchmeichelt iſt. Beim Eintritt in die Zelle, welche ſehr ein⸗ 263 fach möblirt war, verbeugte ſich Miß Macnamara, um die ihr entgegengeſtreckte Hand zu küſſen; die Einſiedlerin khe aber dieſe Huldigung ab und begrüßte ſie huldvoll durch einen Kuß auf die Wange. „Sie werden Frankreich auf Weiſe verändert finden ma belle,“ bemerkte die königliche Dame,„aber nicht mehr, als Uns ſelbſt, ſeit wir in Verſailles zuſammen ſpielten und die arme Prinzeſſin von Marſan mit unſern Schelmereien quälten. Es freut Uns, Sie zu empfangen. Aber was führt Sie als Ihrer Heimath in Irland hie⸗ her? Sind Sie gekommen, um aus dem Ge⸗ tümmel des Lebens eine Zufluchtsſtätte im Kloſter zu ſuchen?“ „Ich habe Gründe, die mich noch in der Welt feſthalten, Eure Hoheit.“. „Nicht dieſen Titel,“ unterbrach ſie die Prin⸗ zeſſin—„ich bin jetzt nichts weiter mehr, als Schweſter Louiſe.“ „Ich komme, um Gerechtigkeit zu verlangen,“ fuhr ihre Beſucherin fort,„die Ehre meiner Nichte wieder herzuſtellen, welche Läſterzungen in's Grab geſtürzt haben, angeklagt von dem Gemahl, der ſie zu beſchützen geſchworen hatte.“ „Theilen Sie mir ihren Kummer mit,“ rief die Nonne aus:„Vermag ich auch nicht ihn zu lindern, ſo kann ich doch wenigſtens Ihnen meine Theilnahme zeigen.“ Miß Macnamara erzählte die traurige Ge⸗ des an Ellen verübten Unrechts und deren od. 264 Das weibliche Herz ihrer früheren Feindin fühlte innigſtes Mitleid und Unwillen über die Erzählung, und ſie theilte vollkommen die Anſicht, daß irgend ein ſchändlicher Verrath begangen wor⸗ den ſei, um das Glück Redmond O Neil's und ſeiner jungen Frau zu zerſtören. „Es iſt zwar nicht viel,“ bemerkte ſie,„was ich thun kann, Ihnen zu dienen; aber das Wenige ſoll geſchehen. Sie und Ihre weibliche Begleite⸗ rin müſſen Ihre Wohnung im Kloſter nehmen. So beſcheiden auch das Plätzchen iſt, das ich Ihnen anbieten kans, ſo iſt es doch ein Heilig⸗ thum, das vielleicht ſicherer iſt, als das Schloß meines Vaters.“ Die königliche Jungfrau ahnte freilich nicht, wie bald die Hände des aufrühreriſchen Volks die kloſterlichen Bewohnerinnen deſſelben vertreiben würden; glücklicher Weiſe war ſie aber, ehe die Stunde der Gewaltthat und Verwüſtung ſchlug, der Welt entrückt. Dieſes Anerbieten wurde dankbar angenommen und noch ehe der Tag ſchloß, war Miß Maena⸗ mara und Katty ſicher in dem Appartement ihrer Beſchützerin untergebracht. „Ich habe Neuigkeiten für ſie,“ ſagte Ihre Hoheit, als ſie am folgenden Morgen mit einem ofſenen Brief in der Hand in den Sprechſaal des Kloſters trat.„Ihre alte Freundin, Frau von Beaufremont, kommt heute, mich zu beſuchen. Sie hat ihr Herz nur halb der Religion zugewendet,“ fügte ſie mit einem Seufzer bei,„und beſucht noch 265 den Hof, wo ſie einigen Einfluß beſitzt. Sie wird Sie meinem Vater vorſtellen.“ „Die theure Julie!“ murmelte Miß Macna⸗ mara, erfreut über die Ausſicht dieſes Zuſammen⸗ treffens.„Ja, ich bin überzeugt, daß ich auf ihre Hilfe rechnen darf.“ „So glauben Sie alſo an Freundſchaft?“ „Nach der Güte, welche Eure Hoheit mir er⸗ wieſen, wäre ich undankbar, wenn ich daran zwei⸗ feln wollte, bemerkte Miß Maenamara. Louiſe von Frankreich lächelte traurig. Viel⸗ leicht dachte ſie daran, wie oft ſchon ihr eigener Glaube getäuſcht worden war. „Beaufremont iſt, wie die meiſten unſeres Ge⸗ ſchlechts,“ bemerkte ſie,„ein ſchwaches Herz und ein klarer Kopf. Die meiſte Schwierigkeit macht es ihr, mit Anſtand alt zu werden. Sie lebt noch immer in der Welt; ſie jagt deren Genüſſen nach, als wenn Genuß etwas Anderes als ein Schmet⸗ terling wäre; ſobald man ihn erhaſcht hat, ver⸗ ſchwindet die ſchimmernde Farbe; die Flügel fal⸗ len, und nur ein Wurm bleibt in der geſchäftigen Hand zurück, die ihn gefaßt hat.“ Die königliche Dame mußte bittere Erfahrun⸗ gen im Leben gemacht haben, daß ſie zu einem ſo traurigen Schluſſe gelangen konnte. Wie die meiſten Franzöſinnen, hatte die Frau von Beaufremont trotz ihres Alters noch viel von der Lebhaftigkeit der Ingend beibehalten; ſie ſchwärmte noch für Freunſchaft oder ſtellte ſich wenigſtens ſo an, ſprach von der Hohlheit der Geſellſchaft mit der Bitterkeit einer ſtreng Gläu⸗ — 266 bigen und beſuchte dieſelbe doch mit dem Eifer eines Neulings. Ohne Kinder und unermeßlich reich wurde ſie in Verſailles mit gewiſſen Rückſich⸗ ten behandelt und genoß dort das Vorrecht des un⸗ beſchränkten Zutritts. Es waren viele Jahre verfloſſen, ſeitdem ſie und Miß Macnamara ſich nicht mehr geſehen hat⸗ ten, ſo daß ſie ſich gegenſeitig nicht einmal mehr erkannt hätten. „Freundin meiner Seele! Meine ſchöne Ir⸗ länderin!“ rief die Prinzeſſin mit einem Pathos, welche Mademoiſelle Clairon, der erſten Schau⸗ ſpielerin ihrer Zeit, alle Ehre gemacht hätte.„Der Himmel hat endlich ſich meiner Betrübniß t und uns einander wieder gegeben. Seit Jahren beweinte ich unſere Trennung.“ Ellen's Tante nahm ihre mit einem Gefühl des Selbſtvorwurfs auf, weil ihr einfiel, wie wenige Thränen ſie vergoſſen— wie wenig ſie an ihre Freundin gedacht hatte. Schweſter Louiſe lächelte ſtill; wahrſcheinlich teunb ſie die beiden Damen beſſer, als dieſe ſich elbſt. „Miß Maecnamara wünſcht dem König vorge⸗ ſtellt zu werden,“ bemerkte ſie.„Will Frau von Beaufremont ſie vorſtellen?“ Die Prinzeſſin zeigte ſich höchlichſt erfreut, ent⸗ zückt über den Gedanken, ihrer füßen Freundin dienen zu können. In drei Tagen ſchon wollte ſie ſie nach Verſailles bringen. Miß Maecnamara ſchickte ſich eben an, die Gründe mitzutheilen, welche ſie von Irland hieher 267 geführt hatten, als ein Blick ihrer Beſchützerin ſie davon abhielt. „Wie hat die ſich verändert! Abſſcheu⸗ lich!“ murmelte die Franzſin auf dem Wege zu ihrem Wagen, nach einer Erneuerung von Küſſen, Umarmungen und Verſicherungen ewiger Freund⸗ ſchaft. „Kein Roth!— Und was für eine Toi⸗ lette! Die iſt entſchieden paſſirt. Uebrigens werden die Frauen überall alt, außer in Paris. Was für eine Figur wird die am Hofe machen,“ fügte ſie hinzu. Und mit dieſer Bemerkung ſchlug ſich die zärt⸗ liche Freundin der Miß Macnamara, die ſeit Jah⸗ ren über ihre Trennung untröſtlich geweſen war, die Sache aus dem Sinn. „Was halten Sie von Frau von Beaufre⸗ mont?“ fragte Schweſter Loniſe, ſobald dieſelbe ſich entfernt hatte. „Sie iſt liebenswürdig und treuherzig, wie immer, Hoheit.“ „Ja wohl,“ erwiderte die Nonne trocken. Ihr Goaſt blickte ſie mit Erſtaunen an. „Wir ſind beide ſeit Lange vom Hofe entfernt,“ fuhr die königliche Dame fort,„aber es beſteht doch ein Unterſchied zwiſchen uns Beiden. Die Schmetterlinge, welche ihn beſuchen, finden zuwei⸗ len ihren Weg in das Kloſter zu der armen Ab⸗ geſchiedenen; auf Ihrer Inſel zu Hauſe ſind ſie aber mit Beſuchen dieſer Art verſchont geblieben. Ich zweifle nicht daran, daß die Prinzeſſin Alles — 268 ernſtlich meint, während ſie es ſpricht; aber es iſt dieß bloße ſacon de parler, weiter nichts.“ „Und ihre Aufrichtigkeit?“ fragte Miß Mac⸗ namara. „Das ſeltenſte Ding auf Erden,“ verſetzte ihre Beſchützerin etwus bitter;„wir dürfen nicht hofſen, ſie auf dieſer Welt zu finden. Ich möchte Frau von Beaufremont nicht hart beurtheilen; aber ich habe ſchon längſt meine Anſicht über dieſelbe feſt⸗ geſtellt, und aus dieſem Grunde hielt ich Sie ab, ihr mehr mitzutheilen, als ſie unumgänglich zu wiſſen braucht.“ Die Zeit wird lehren, ob Madame Louiſe von Frankreich Recht hatte.* Ende des erſten Theils. In nnſerem Verlage ſind erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Sämmtliche Romane on Alexander Dumas. In ſorgfältiger Uebertragung aus dem Franzöſiſchen. Erſte Abtheilung: Hiſtoriſche Romane. Claſſiker⸗Format. In Lieferungen von 5 Bogen à 4 Ngr. oder 12 kr. Dieſe neue Auflage der Romane des unſtreitig jetzt in Deutſchland beliebteſten franzöſiſchen Schriftſtellers wird ſich in Betreff der Ausſtattung ganz an unſere Claſſiker⸗ Ausgabe von Flygare⸗Carléh's Romanen anſchließen und ſomit die ſchonſte und zugleich billigſte aller bis jetzt erſchienenen Ausgaben werden. 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Die Sammlung erſcheint in zwangloſen Bänden, von benen jeber einzeln verkauft wird. Humoriſtiſche Leitüre, beſonders für Kauflente und Handlungsreiſende. Freuden und Teiden eines Commis Voyageur. Dritte Auflage. Eleg. geh. mit Titelbild. 20 Ngr. od. fl. 1. rhein. Allen Freunden einer heitern und angenehmen Lek⸗ türe wird ein Buch willkommen ſein, in welchem ein bekannter deutſcher Dichter ſich ein Exemplar des „deutſchen Commis Voyageur“ aus der ſocialen Ordnung der Welt zum Vorwurf ſeines Studiums machte und auf ſolch' originelle Weiſe charakteriſirte, daß das Werk gewiß jeden Leſer vollkommen befriedigen wird. Reiſende können ſich keine angenehmere Beſchäf⸗ tigung auf ihren Reiſen gewähren, als die Lektüre die⸗ ſes Buchs. Kurzer Auszug aus dem reichen Inhalt des Buchs: Zacharias Hartmann.— Scheiden und Meiden thut weh. Die Revolution im Omnibus.— Küſſe und Stoßſeufzer.— Moraliſcher Katzenjammer.— Die Abfütterung.— Der Blick in das Paradies.— Die Bergſtraße.— Heidelberg und ſein Schloß.— Der Frankfurter.— Der Heimgang vom Bier und der Einzug zum Wein.— Ein Bachusfeſt und deſſen Folgen. — Die Fulder.— Schlechte Geſchäfte.— Die Schwaba⸗ mädle.— Die Reichsſtädter.— Stuttgart.— Degerloch.— Der Lieutenant.— Nachtwandler oder Dieb.— Abſchied von Stuttgart.— Der Ehninger Congreß.— Die Ehninger Krä⸗ mer.— Gaſthaus zur Traube.— Der goldene Ochſe in Reut⸗ lingen.— Urach— Die rauhe Alp.— Blaubeuren.— ulm. — Ein Wrinreiſender— Der glückliche Bräutigam.— Günz⸗ burg.— Die Schinkengeſchichte,— Die ſchöne Wäſcherin.— Augsburg.— Trinlgelder.— München.— Der Männerſang. — München, Licbe und Rüböl.— Münchens Scbenswürvig⸗ keiten.— Der Wiſcher.— Bräutigam— Das Räuſchchen.— Handgemenge und Prügel.— Der fatale Mantel.— Wirth und Fremdenbuch.— Die Geſchichte vom Frack.— Das Ren⸗ dezvous.— Die ſchöne Proceſſion.— Der Brief mit einer Naſe.— Das Sängerfeſt.— Der Berliner.— Die Baroneſſe und der Schnurrbart.— Das Vielliebchen— Auf dem Ball und nach dem Ball.— Eine Mutter.— Darmſtadt.— Krä⸗ merſeelen, merkantiliſche Thiere, Geldſäcke und wahre Kauf⸗ leute.— Frankfurt.— Frankfurt, ein klein Paris.— Hom⸗ burg.— Die aufgezwungene Braut.— Die Hochzeit ꝛc. ꝛc. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 9 † S 6