——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher ftanz öſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 offen. 2 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines gelichenen Buches wird von 6 jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Sthn⸗ 5 1 den angenommen. 1 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 3 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 3 1 i welche vei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet( wird. 4. onnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſl eträgt: 3 für 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Wr 50 Pf. 2 Mt.— f. 3 „ 3. Auswärt ige Wonnenten! uhe für Hin⸗“ und Zuräckſ endung der Bücher auf ihre⸗ eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. ₰ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Lavenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ₰ der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.* 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ von mir auch dafür zu ſtehen Der junge Prätendent oder: Vor hundert Jahren. Geſchichtlicher Roman von J. F. Smith. Verfaſſer von: Licht- und Schattenſeiten des menſchlichen Lebens etc. Aus dem Engliſchen von A. von Schraishuon. 1 Dritter Band⸗ Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1858. Schnellpreffendruck von E. Greiner in Siigatt —— Einundzwanzigſtes Kapitel. Das Zimmer, in welches die Abgeſandten des Prinzen Carl geführt worden, war hoch und geräu⸗ mig und befand ſich in dem Hauptthurm von Dawnie Caſtle. Es machte wenig Anſpruch auf Prunk, denn die Wände beſtanden aus bloßem Mauerwert ohne Tapete oder Holzbekleidung. Das ungeheure Bett, welches in der Mitte des Zimmers ſtand, war von geſchnitztem Holzwerk; ob dieſes aber von Eichen oder Wallnuß war, ließ ſich vermöge ſeines hohen Alters und des gar zu künſtlichen Schnitzwerks nicht unterſcheiden. Die Füße, auf welchen die Matratzen ruhten, waren ſo niedrig, daß das Holzwerk beinahe den Boden berührte und kaum eine Katze unter dem⸗ ſelben durchzukriechen vermochte. „Nun,“ ſprach Sir Allan, nachdem er ſich im Zimmer umgeſehen hatte;„Alles ſcheint hier vollkommen in Ordnung zu ſein. Ich glaube faſt, daß dießmal der alte Fuchs die Wahrheit geſagt hat.“ „Ich bin nicht ſo ganz feſt davon überzeugt,“ ant⸗ wortete ſein Gefährte, der das Thürſchloß unterſucht „ und ebenfalls ganz in Ordnung gefunden hatt;„ob⸗ gleich ich nichts bemerken kann, was auf Verrath ſchließen ließe. Die Riegel ſind übrigens feſt genug.“ „Es kann kein verborgener Eingang vorhanden ſein,“ ſagte der Baronet;„die Mauern ſind von ſolidem Steinwerk.“ Die beiden Freunde ſetzten ſich auf das Bett und blickten ſich einige Minuten lang ſtillſchweigend an. Dem äußern Anſchein nach enthielt das Gemach nichts, was Verdacht erwecken konnte, und doch heg⸗ ten beide Argwohn, denn ſie hatten das Stirnerun⸗ zeln ihres ſchlauen Gaſtfreundes wohl bemerkt, als Redburn ſein Erſtaunen über die für ſie beſtimmte Wohnung ausdrückte. „Crawford,“ ſprach ſein Freund,„eine Ahnung ſagt mir, daß man den Verſuch machen will, uns das Patent oder das Document, welches Lord Lovat an die Sache des Prinzen kettet, zu rauben. Dieſen Plan müſſen wir womöglich vereiteln.“ „Auf welche Weiſe?“ „Darüber habe ich bereits nachgedacht. Glück⸗ licher Weiſe ließen wir unſere Pferde in einem Hauſe unten im Dorfe. Höre alſo meinen Plan. Wenn Verrath beabſichtigt iſt, ſo wird er erſt nach dem Nachtmahle und wenn wir uns ſchlafen gelegt, aus⸗ geführt werden. Stecke daher Du das wichtige Papier zu Dir, und wenn der Weinpokal kreist, ſo ſtichlſt Du Dich aus der Halle, begibſt Dich ſchleu⸗ nigſt nach dem Hauſe, wo wir unſere Pferde gelaſſen haben, und reiteſt ſpornſtreichs nach Holyrood, wohin Gott Dich geleiten wolle. Von dem Augenblicke an, 5 in welchem Du den Tiſch verläßſt, will ich den Lord in eine Unterhaltung zu verflechten ſuchen.“ „Und ich ſollte Dich in einem Augenblicke der Gefahr allein laſſen?“ werſetzte ſein Freund vorwurfs⸗ voll.„Nein, Allan—“ „Einer von uns muß die Gefahr beſtehen,“ ver⸗ ſetzte der Baronet,„und mir droht weniger Leid als Dir. Ich bin vielen der Gäſte hier perſönlich bekannt, während Du faſt ein Fremdling im Lande biſt. Ich beſitze Freunde, Intereſſen und Verbindungen, welche den alten Pair veranlaſſen werden, ſich zwei⸗ mal zu bedenken, ehe er mir irgend etwas anthut oder mich zurückzubehalten ſucht.“ „Es geht nicht, lieber Allan,“ ſagte der junge Mann feſt.„Alles was Du hier vorbringſt, ſind nichts als Scheingründe der Freundſchaft. Du kannſt viel leichter entkommen als ich; denn Du kennſt die Gegend, weil ich, wie Du ſo eben richtig bemerkteſt, fremd bin. Ueberdieß iſt das Papier Dir übergeben worden. Entfliehe Du damit.“ 6 Der freundſchaftliche Streit dauerte eine geraume Weile, indem jeder der beiden jungen Männer zwar bereit war, ſein eigenes Leben durch ſein Bleiben auf's Spiel zu ſetzen, aber nicht die Sicherheit des Andern zu gefährden. Da aber beide von der Noth⸗ wendigkeit überzeugt waren, das einzige Pfand, wel⸗ ches ſie für die Treue ihres Gaſtfreundes beſaßen, durchaus in Sicherheit bringen zu müſſen, ſo beſchloßen ſie, um ihren Streit zu Ende zu bringen, das Loos entſcheiden zu laſſen, da dieß der einzige Weg hiezu war. Nach dieſem ſollte Sir Allan bleiben⸗ „Das Schickſal ſelbſt wollte, daß es ſo ſein ſolle,“ ſagte dieſer lächelnd.„Keine Blicke des Bedauerns, Ukrick; Du kannſt nicht zurückbleiben. Komm' und erlaube mir, das Futter Deiner Jacke aufzutrennen, um einen ſichern Ort zu finden, Lovat's Brief zu verbergen. Sobald dieſer in den Händen Carl Eduards iſt, ſtehe ich für den Ausgang, weil der Lord dann nicht mehr wagen wird, zurückzutreten. Vergiß aber nicht, daß meine Sicherheit, ſo wie deſſen Treue von Deinem wohlbehaltenen Eintreffen in Edinburg abhängt.“ Trotz Erawford's Bitten, die Rolle mit ſeinem Freund tauſchen zu dürfen, blieb dieſer unerſchütter⸗ lich, und er ſah ſich mit ſchwerem Herzen genöthigt, dem Ausſpruche des Schickſals ſich zu unterwerfen. Mit der ſcharfen Spitze ſeines Dolches trennte Allan das Futter im Kleide ſeines Gefährten auf und ſteckte in die ſichern Falten das Document. Kaum war dieß geſchehen, als einige Diener mit Erfriſchungen erſchienen; denn wie verdächtig auch ſonſt ſein Be⸗ nehmen war, ſo ließ es Lord Lovat wenigſtens nicht an der Gaftfreundſchaft eines ächten Hochländers fehlen. Nachdem das Mahl zu Ende war, unterhielten ſich die Freunde bis zur Stunde des Mittageſſens mit Beſichtigung des Schloſſes, welches, obgleich nicht von großer Ausdehnung, doch einige ſchöne Theile enthielt und ehemals ein ziemlich feſter Platz ge⸗ weſen war. So oft ſie ſich aber einem der Ausgänge näher⸗ ten, bemerkten ſie jedesmal, daß ein oder zwei Hoch⸗ länder ſie genau beobachteten, und daß ſie ſelbſt in der Gemäldegallerie ſehr ſcharf bewacht wurden, eine — Entdeckung, welche nur dazu beitrug, ſie in dem Verdacht eines beabſichtigten Verraths von Seite ihres Gaſtfreundes zu beſtärken. Bei dem Mahle Abends war der lange eichene Tiſch in der großen Halle von Dawnie Caſtle von Freunden und Anhängern des Hauſes Fraſer dicht beſetzt. Es waren lauter kräftige, kriegeriſch aus⸗ ſehende Männer, die mit dem Claynmore an der Seite ſich niederließen; denn in jenen Tagen legte ein Hoch⸗ länder ſeine Waffen nur ſelten ab. Lord Lovat präſidirte am Tiſche. Er war nicht mehr in den alten Schlafrock gehüllt, der ihm das Ausſehen eines Notars verliehen, ſondern trug ein ſeinem Range angemeſſenes Kleid von braunem Sammt mit Gold beſetzt. Zu ſeiner Rechten ſaß Sir Allan und etwas weiter unten Crawford. Nach dem geringen Antheil, den derſelbe am Morgen an dem Uebexein⸗ kommen genommen, hielt ihn wahrſcheinlich der Pair für keine ſehr wichtige Perſönlichkeit, da der Rame Crawford in Schottland ſo allgemein iſt. Hätte er freilich gewußt, daß er der Sohn deſſelben Lord Erawford war, der im Jahre 1715 eine ſo wichtige Rolle in Schottland geſpielt hatte, ſo hätte er ihm wahrſcheinlich mehr Aufmerkſamkeit gewidmet, denn er hielt ſehr ſtreng auf Etiquette. Der Tiſch war überreich ſervirt mit Wildbraten, Hammelskeulen, kaltem Geflügel; auch fehlten die Nationalgerichte, wie Schweinsbraten und Fleiſch⸗ ſchnitten nicht. Fraſer von Goſtuleg, der nach dem Familienhäuptling den erſten Rang in dem Clan einnahm, präſidirte am untern Theile des Tiſches. Um ihn herum ſaßen einige geringere Edelleute und Pächter. Das Eſſen ging faſt unter Stillſchweigen vorüber; die Leute thaten einander in Whisky und Bier Beſcheid, und der Wein kreiste nur unter den vornehmeren Gäſten. Alle ſchienen zu erwarten, daß irgend eine wich⸗ tige Angelegenheit entweder berathen oder beſchloſſen würde. Es hatte ſich das Gerücht verbreitet, daß der Häuptling auf dem Punkte ſtehe, ſich zu erklären, und Viele, die bis jetzt ihren Eifer für die Sache der Stuarts aus Reſpect vor ſeinen Wünſchen und ſeinem Anſehen zurückgehalten hatten, warteten mit Ungeduld auf den Augenblick, in welchem es ihnen erlaubt ſein würde, ihren Wünſchen und Anſichten Ausdruck zu verleihen. Wie man ſich deßhalb leicht vorſtellen kann, ſo entſtand ein feierliches Still⸗ ſchweigen in der Halle, als am Schluſſe des Mahls der ehrwürdige Pair mit einem ſilbernen Pokal in der Hand ſich erhobo. Der Clan kannte ihn wohl. Er war ein Erbſtück in der Familie des Häupt⸗ lings und kam nur bei feierlichen Gelegenheiten, wie die heutige, zum Vorſchein. „Verwandte und Freunde,“ hub er an,„es iſt nicht möglich, daß eure Geiſter nicht eben ſo wie der meinige durch die jüngſten Ereigniſſe, welche in Schottland ſtattgefunden haben, auf's lebhafteſte er⸗ griffen wurden. Wir haben geſehen, daß der Sohn unſeres rechtmäßigen Königs, ohne andere Unter⸗ ſtützung als die Gerechtigkeit ſeiner Sache und die Treue ſeiner geliebten Freunde, in dem Reiche ſeiner Väter landete, durch ſeine Siege ſich Bahn brach von der erſten Niederlage an, die er Johnny Cope beibrachte—“ Hier unterbrach ein helles Gelächter den Redner auf einen Augenblick; aber ſein Kammerdiener Red⸗ burn, der hinter ſeinem Stuhle ſtand, bedeutete durch ein Zeichen, daß man ſtillſchweigen ſolle. „Auf dieſen Sieg bei Preſton!“ fuhr der Pair fort,„auf dieſen glorreichen Sieg!— auf dieſen glänzenden Sieg!— der auf's neue die alte Ueber⸗ legenheit des Breitſchwerts über das Bajonnet— des ſchottiſchen Muths über die fremden Söldlinge dargethan hat! Der Sachſe hat eine Lection erhalten, und Schottland eine gegeben!“ „Hört! Merkt auf, was der Häuptling ſagt!“ riefen ein Dutzend Stimmen. „Der Vater ſeines Clans!“ „Das Haupt der edlen Fraſer!“ „Ich bin im Begriff, eine Geſundheit auszu⸗ bringen,“ fuhr der alte Mann, hingeriſſen von dem Beifall ſeiner Untergebenen, fort,„eine Geſundheit, die, wie ich erwarte, jeder Mann, der mich liebt, mit mir trinken wird.“ „Wehe dem Feigling, der ſich deſſen weigert!“ rief des Redners Namensvetter von Goſtuleg, indem er ſeinen Dolch in den Tiſch ſtieß, welchem Beiſpiele jeder Hochländer folgte. „Sie lautet:„„Erfolg der weißen Roſe, der Blume Schottlands, und Verderben dem weißen Roſſe und allen ſeinen Anhängern!““ Wir brauchen wohl kaum unſern Leſern in's Gedächtniß zurückzurufen, daß die weiße Roſe das Abzeichen des Hauſes Stuart, und das weiße Pferd das Emblem in dem Wappenſchilde Hannovers iſt. 10 Der Toaſt wurde mit wahnſinniger Begeiſterung von den Clansmännern getrunken, die ſich mit Leib und Seele verbindlich machten, die Sache ihres ein⸗ geborenen Fürſten gegen alle ſeine Feinde zu unter⸗ ſtützen. Lange, nachdem Lord Lovat ſich nieder⸗ geſetzt, dauerten das Freudengeſchrei und die Rufe ſeiner begeiſterten Untergebenen noch fort. „Noch ein Toaſt!“ rief Fraſer von Goſtuleg. „„Carl und Schottland leben hoch!““ „Carl und Schottland ſollen leben!“ wiederholten hundert Stimmen, und die feierliche Verſicherung wurde erneuert. „Sind Sie jetzt befriedigt?“ flüſterte Lord Lovat Sir Allan Glencairn zu, der mit großem Entzücken Zeuge dieſes Auftritts, dieſer innigen Ergebenheit der Leute und der offenen Anſprache an dieſelben geweſen war. ſtach Dieſem, dachte Allan, kann er nicht mehr zurückttẽten. Weder Schotte noch Sochſe würde ihm mehr trauen. Lovat errieth die Gedanken des jungen Mannes und lächelte; denn er wußte wohl, daß außer ihm und ſeinem Gefährten keiner der an dem Tiſche An⸗ weſenden ſich einer Sylbe von Dem erinnern würde, was er geſprochen, ſobald er es befehlen würde. So groß war und iſt noch in gewiſſer Beziehung die Ergebenheit der Hochländer gegen ihren Häuptling. Als Sir Allan zu einer Anrede an die Ver⸗ ſammlung aufſtand; wurde er mit Wohlwollen ange⸗ hört, weil man wußte, daß er zu dem Gefolge des Prinzen Carl gehöre, und vermuthete ſo ziemlich ———— 11 allgemein, daß er ein Abgeſandter deſſelben an Lovat ſei. Wenn auch ſeine Rede nicht mit der Begeiſte⸗ rung aufgenommen wurde, wie die des Häuptlings, ſo horchte man um ſo aufmerkſamer auf dieſelbe. Er ſchilderte darin das Unrecht und die Mißgriffe des Fremden in ſo eindringlichem Tone, daß jeder der Anweſenden zuletzt ſich ſelbſt für erniedrigt hielt, ſo lange er dem Sachſen geſtatte, ihm Geſetze vor⸗ zuſchreiben. Seine Beſchreibung von dem tapfern Benehmen Carl Eduard's, von deſſen Muth, Menſch⸗ lichkeit, Liebe für die Hochländer und Theilnahme an ollen Gefahren, entlockte ſelbſt einigen dieſer kräf⸗ tigen Menſchen Thränen; und mancher Segenswunſch wurde laut, mancher Eid freiwillig geleiſtet, deſſen Perſon und Sache mit dem eigenen Herzblut zu ver⸗ theidigen. Wie treu viele darunter ihren Eid hielten, davon weiß die Geſchichte genugſam zu erzählen. Als die Begeiſterung ihren Höhepunkt erreicht hatte, bat, ohne doß ſein Gaſtfreund es gewahr wurde, Sir Allan den Kammerdiener Redburn, der während der ganzen Mahlzeit ihn und Crawford keinen Moment aus dem Auge gelaſſen hatte, ein Paket zu holen, das er auf dem Tiſche in ſeinem Zimmer habe liegen laſſen. Die unbefangene Miene, mit welcher der Wunſch ausgeſprochen wurde, täuſchte die Vorſicht dieſes Menſchen. Crawford verſtand den Wink und benützte die Gelegenheit, ſich wegzubegeben. Glück⸗ licherweiſe war Niemand unter dem Eingangsthore, der ihn zurückgehalten hätte. Bald darauf ſtimmte Fraſer von Goſtuleg das wohlbekannte jacobitiſche Lied an, in welchem der Lord und der Clan mit ₰ lauter Stimme Chor machten. * Soll, ſtatt des Krieges, auch der Friede ſrommen, Und wollt' ihr jeder Abgab' ledig ſein, Müßt Ihr zu meines Vaters Thüre kommen: Dort feilſcht und klopft, ihr kommt gewiß hinein. Keligion, Freiheit und Staatsgeſetze Sind Worte, wie ihr wißt, von hohem Werth; Sie ſollen euer werden, dieſe Schätze, Erringt, ihr Herren, ſie mit enrem Schwert. Um unſer Recht zu ſtützen, meine Jungen, Bezahlen wir die Schuld der Nation; Iſt nur der Sache erſter Gang gelungen, Geht alles And've von ſich ſelber ſchon. Ihr ſaht das alte Königreich zertrümmern Durch eine ſchmachbedeckte Union, Und eure Ladies, Lords und Lairds ſchimmern In London jetzt zu Schottlands Schmach und Hohn. Nicht länger dulden's unſre muth'gen Herzen; Ein Stoß nur— und der nene Bau zerfällt,— Mag dieſe Nothwehr uns auch bitter ſchmerzen Und ſich darüber wundern alle Welt. Ihr ſchmachtet länger als ſeit ſieben Jahren Im harten Joche, wie ſonſt früher nie; Das iſt das Gute bloß, das ihr erfahren Von der hannoveriſchen Dynaſtie. Der Vorwurf:„Papſtthum, abſolutes Walten,“ Iſt Unſinn, wie ihr wißt, und Wortſchwall nur; Ich will Gewiſſensfreiheit ench erhalten, Und dafür bürge ench mein heil'ger Schwur! 13 Daß euch Vertrau'n und Muth beſeelen möchten, Wird euch von uns verzieh'n durch alle Gaun, Dürft nimmer auf dem Continente fechten Und eure Söhne dort als Leichen ſchaun. D'rum kommt, ihr lieben Inngen; bleibt nicht ſtehen Und blickt mich nicht ſo ſtarr und zweifelnd an; Wollt ihr zur Fahne meines Vaters gehen, So rennt und eilt in raſchem Zug heran. „Ich kann es nicht finden, Sir,“ flüſterte Red⸗ burn, der in dem Augenblicke von ſeinem vergeb⸗ lichen Suchen zurück kam, als das Lied zu Ende war.„Das Paket befindet ſich nicht auf dem Tiſche.“ „Es liegt nichts daran,“ erwiderte der Baronet gleichgültig.„Mein Freund, Mr. Crawford, iſt weggegangen, um es zu ſuchen; er wird es gewiß finden.“ Der Kammerdiener machte ein verdrießliches Ge⸗ ſicht, erlaubte ſich aber keine Bemerkung Uuf Sir Allan's Antwort. Als er aber nach einigen Minuten bemerkte, daß der abweſende Gaſt nicht zurückkehrte, ziſchelte er einige Worte in das Ohr des Häuptlings, deſſen Geſicht plötzlich einen andern Ausdruck annahm, während er ſogleich eiligſt Befehle ertheilte. Bald darauf brachen wenigſtens die Hauptperſonen von dem Mahle auf, und es blieben nur noch einige Hochländer und Pächter zurück, welche unter dem Vorſitze von Fraſer von Goſtuleg noch fortbankettirten. Kaum war der Baronet in ſeinem Zimmer, als deſſen Thüre ſich öffnete und Lord Lovat in Redburns 14 Begleitung erſchien. Sein hochgeröthetes Geſicht hatte einen finſtern Ausdruck, und er fragte faſt barſch, wo Mr. Crawford ſei. „In dieſem Augenblicke ganz ungehindert auf dem Wege nach Edinburg,“ lautete die kühle Antwort. „Verräther!“ murmelte der Pair zähneknirſchend. „Sie aber ſind wenigſtens in meinen Händen.“ „Ich bin Ihr Gaſt, Mylord,“ unterbrach ihn Sir Allan;„ein Titel, der bis jetzt jedem Manne von Ehre heilig war. In der Vorausſetzung, daß das von Ihnen gegebene Verſprechen aufrichtig gemeint ſei, ſchickte ich meinen Freund mit demſelben weg, weil ich weiß, mit welcher Ungeduld Seine königliche Hoheit darauf wartet. Wenn ſein Weggehen etwas gar zu vaſch war, ſo ſchreiben Sie dieß nur ſeinem Wunſch zu, Ihre Freunde nicht um das Ceremoniell des Abſchieds willen zu ſtören.“ „Sie werden mich aber nicht ohne Ceremonie verlaſſen.“ „Ich werde Sie aber wenigſtens ungefährdet ver⸗ laſſen, wie ich hoffe. Worüber haben Sie ſich zu beſchweren? Sie haben Ihr Verſprechen gelöst: ich bin eben ſo bereit, Mylord, das meinige zu löſen. Hier,“ fuhr er fort, das wichtige Pergament aus dem Buſen ziehend, ,hier iſt das langerſehnte Pa⸗ tent Ihrer Größe. Aergern Sie ſich nicht davüber, daß ich meine Vorſichtsmaßregeln ergriff, um mich Ihrer Treue zu verſichern; denn, frei heraus geſagt, Lord von Lovat, ich traute Ihnen nicht.“ Der Beſitz des Titels der ſo lang erſehnten Würde beſänftigte einigermaßen den Verdruß und Unwillen des alten Pairs, der wohl einſah, daß nach Dem, was er niedergeſchrieben, und den Worten, die er geſprochen— wenn auch letztere weggeleugnet werden konnten— er ſich auf immer mit der be⸗ ſtehenden Regierung überworfen habe. Nichts deſto weniger ärgerte er ſich aber ſehr darüber, von zwei jungen Männern überliſtet worden zu ſein. „Wohlan!“ rief er aus,„die Würfel liegen, und ich muß mich darein finden, zu ſtehen oder zu fallen, je nach dem Erfolge. Morgen früh ſteht Ihnen frei abzureiſen; bis dahin müſſen Sie ſich aber bequemen, in Dawnie Caſtle zu bleiben.“ „Als Gaſt oder als Gefangener?“ fragte der Baronet. „Als Beides. So ſchlau Sie ſich auch zeigten,“ ſagte Lovat,„ſo kann ich mich doch mit Ihrem Wort begnügen. Verpfänden Sie mir daſſelbe, daß Sie das Schloß nicht ohne meine Erlaubniß verlaſſen wollen, und ich werde Sie dann nicht von Leuten bewachen laſſen, die Ihren Adel nicht im mindeſten reſpectiren würden, wenn Sie einen Fluchtverſuch wagen würden.“ „Bis morgen verbürge ich mich mit meinem Wort.“ „Das genügt,“ ſagte der Paiv.„Gute Nacht. Ich fürchte, daß wir beide heute ein ſchlechtes Ge⸗ ſchäft gemacht haben. Viele, die den Namen Fraſer tragen, werden den heutigen Tag bereuen.“ Der Lord, den vor ſeinem bevorſtehenden Geſchick eine jener Ahnungen warnte, die ſich ſo häufig dem Geiſte aufdrängen, entfernte ſich unmittelbar darauf, indem er ſeinen Gaſt in der vollen Sicherheit zurück⸗ ließ, daß er ſein Wort heilig halten werde. Er hatte es ihm aus dem Grunde abgenommen, weil er noch immer hoffte, wieder in den Beſitz ſeines Briefes zu gelangen; denn kaum war die Flucht Erawford's entdeckt worden, ſo hatte er auch ſchon Leute nach allen Richtungen mit dem Befehl ausge⸗ ſchickt, denſelben lebend oder todt zurückzubringen. Glücklicher Weiſe für ihn ſelbſt und für Sir Allan, deſſen Sicherheit nicht weniger, als ſeine eigene, von dem Gelingen ſeiner Flucht abhing, war aber Craw— ford zu gut beritten, als daß man ihn hätte ein⸗ holen können. Ueberdieß hatte er eine Stunde Vor⸗ ſprung vor ſeinen Verfolgern. Trotz der ſcheinbaren Herzlichkeit ſeines Gaſt⸗ freundes beſchloß Sir Allan, weder ſich auszukleiden, noch zum Schlafen ſich niederzulegen, ſondern ging in gemeſſenen Schritten in ſeinem Zimmer auf und ab, indem er ſich bald ſüßen, bald finſtern Phantaſieen überließ. Gleich den meiſten Liebenden, wandten ſich ſeidte Gedanken natürlich Alice zu, und er dachte an die vielen Hinderniſſe, die noch zu überwinden ſeien, ehe er ſie ſein eigen nennen könnte. Wenn die Sache der Stvarts triumphirte, ſo lag der Weg zum Glück lächelnd vor ihm offen; wenn ſie aber mißglückte, ſo war Verbannung oder vielleicht gar Tod das Loos der unbeſonnenen, aber begeiſterten Männer, die ſie unterſtützt hatten. Er, der keineswegs unter die wenigſt ausgezeichneten Parteigänger Carl Ebmerd's gehörte, konnte keines⸗ wegs hoffen, dieſem Looſe zu entgehen. Welches Schickſal erwartete unn Alice— welche Ausſichten er⸗ öffneten ſich ſeinem Nebenbuhler? War zu erwarten, daß ſie eben ſo beſtändig das Andenken an ihn, wie ——.— 17 Alick ſeinen Haß, bewahren würde? Dieſe Gedanken brachten ihn ganz außer ſich, und in der Ungeduld ſeines Herzens wünſchte er, daß der Kampf vorüber und ſein Schickſal entſchieden wäre. Ungewißheit quält unſer Inneres oft mehr, als ſelbſt die Gewiß⸗ heit des Unglücks. Kurz vor Mitternacht wurde Allan durch lautes Ru⸗ fen vor den Thoren des Schloſſes aufmerkſam gemacht. Obgleich ziemlich entfernt von dem Haupteingange, vernahm er doch deutlich das Geräuſch von Reitern und das Anrufen der Hochländer, die Wache hielten. „Sollte Crawford eingefangen worden ſein?“ fragte er ſich ſelbſt.„Wenn dieß der Fall iſt, ſo hege ich nur wenig Hoffnung, daß Lovat ſein Wort hält, denn er gehört unter die Menſchen, die es nur dann halten, wenn es ihren Zwecken dient.“ Er öffnete vorſichtig das Fenſter ſeines Zimmers und horchte. Von einem leichten Nachtwinde zu ihm getragen, vernahm er deutlich das ungeduldige Ge⸗ murmel Derer, die auf die Erlaubniß des Eintritts warteten, und hörte, wie Redburn von dem Thürm⸗ chen oberhalb des Thores herabrief, daß er daſſelbe unmöglich früher öffnen könne, ehe er wiſſe, ob es ſeinem Herrn genehm ſei. Während der Baronet ſo lauſchte, vernahm er ein lautes Krachen in dem Zimmer, und als er ſich nach deſſen Urſache umblickte, ſah er zu ſeinem Er⸗ ſtaunen, daß der Mitteltheil des Vettes, auf wel⸗ chem er hätte ſchlafen ſollen, langſ einſank. Ein bitteres Lächeln glitt über ſein Geſi, denn er be⸗ griff jetzt mit einem Male, weßhalb das Earl's Zim⸗ mer für ihn und ſeinen Gefährten ausgewählt worden 2 Der junge Prätendent IMII. war. Er zog deßhalb ein Piſtol aus ſeinem Gürtel, ſtellte ſich mit dem Ruͤcken an die Wand, und er⸗ wartete in Geduld die Dinge, die da kommen ſollten. Das Geräuſch ließ ſich abermals vernehmen und das Bett ſtieg wieder in die Höhe, aber nicht ſo, wie es hinabgelaſſen worden war. Dießmal trug es zwei Perſonen, Lord Lovat und deſſen Kammerdiener Redburn. Der alte Poair hielt eine Fackel in der Hand; aber weder er noch ſein Begleiter ſchienen bewaffnet. „Stecken Sie Ihre Waffen ein, junger Mann,“ ſprach ſein Gaſtfreund;„es bedroht Sie kein Leid; wäre dieß der Fall, ſo brauchte ich meine Abſichten nicht ſelbſt auszuführen. Sie müſſen augenblicklich Dawnie Caſtle verlaſſen; es wäre denn, doß Sie ſelbſt wünſchten, in die Hände des Präſidenten Forbes zu fallen, der eine Abtheilung Reiter ausgeſendet hat, um Sie feſtzunehmen. Ich gebe Ihnen Ihr Wort zurück; Sie können frei abziehen.“ „Woher ſollte Duncan Forbes etwas von meiner Ankunft hier wiſſen?“ fragte der Baronet, in wel⸗ chem der Verdacht aufkeimte, daß der Lord ſelbſt die Nachricht mitgetheilt habe, was auch in der That der Fall geweſen, und daß nur der Umſtand des mitgebrachten Patents eine Aenderung in deſſen Ab⸗ ſichten hetvorgebracht habe. „Auf welche Weiſe ſpürt der Bluthund ſein Opfer auf?“ fragte der alte Mann.„Der Argwohn hat Argusaugen. Vielleicht hat er ſeine Spione ſogar hier. Redburn wird Sie in's Freie bringen; dort muß Ihre Hand Ihren Kopf ſchützen. Ich vertraue* Ihrer Ehre, daß das Geheimniß dieſes Zimmers nie 6—— 19 verrathen wird. Es iſt überhaupt nicht gut, das Pferd zu verrathen, das Einen über die Hecke ge⸗ tragen hat.“ „Wie viele Leute befinden ſich vor dem Thore?“ fragte Sir Allan. „Es ſind wenigſtens ihrer zwanzig,“ antwortete der Kammerdiener. „Und Sie haben mindeſtens hundert im Hauſe, Mylord,“ bemerkte Allan, an den Pair ſich wendend. „Wäre es nicht ehrenvoller für Sie, mich offen zu beſchützen, als mir behilflich zu ſein, wie ein Dieb in der Nacht vor Verräthern zu fliehen?“ „Und ſo die Aufmerkſamkeit der Regierung auf unſer Treiben zu lenken, ehe der Clan aufgeſtanden iſt?“ antwortete der alte Mann ungeduldig.„Nein, nein. Wenn Duncan Sie hier findet, ſo mag er Sie immerhin feſtnehmen; ich waſche meine Hände in Unſchuld. Junge Köpfe kümmern ſich gar wenig um die Gefahren, die ſie über graue Häupter bringen. Ein Nachtritt über die Berge iſt meines Erachtens kein ſo entſetzliches Abenteuer.“ „Genug, Mylord. Wenn ich auch von Ihren Gründen mich nicht überzeugen laſſe, ſo gebe ich doch denſelben nach. Ich fürchte mich vor Gefahren ſo wenig, als Einer.“ 2„So kommen Sie denn,“ ſprach der Pair,„denn Duncan Forbes fängt an ungeduldig zu werden. Horch! Wie ſie an die Thore von Dawnie Caſtle pochen, als wenn dieß nur eine gemeine Schenke wäre. Wenn nur erſt einmal die Sache triumphirt,“ murmelte er mit finſterem Blicke,„ſd will ich den Kopf des Spürhunds auf meinen Zinnen aufpflanzen.“ 20 Ueberzeugt, daß dießmal ſein Gaſtfreund ernſtlich aufrichtig war, ſprang Sir Allan auf das Bett, wel⸗ ches, nachdem der Kammerdiener auf eine Feder ge⸗ drückt, ſich wieder zu ſenken anfing. Die Bewegung geſchah allmählig und langſam und dauerte einige Minuten, bis die darauf befindlichen Perſonen ſich in einem niedern, gewölbten Zimmer unter den Haupt⸗ fundamenten des Thurmes befanden. Der Flüchtling blickte ſchaudernd um ſich, denn unwillkürlich drängte ſich ihm der Gedanke auf, wie leicht der Mord eines unwillkommenen Gaſtes hier ſei, der in blindem Ver⸗ trauen auf dieſem verhängnißvollen Bett ſich ſchlafen gelegt hatte. „Und nun,“ ſprach der Pair, eine eiſerne Thüre öffnend, die auf den niedrigen, gewölbten Gang führte,„fort mit Ihnen, und Gott ſchütze Sie! Nur Wenige haben Dawnie Caſtle verlaſſen, die, wie Sie, dieſes Zimmer betreten haben. Redburn wird Ihr. Führer ſein.“ „Ich glaube Ihnen, Mylord,“ verſetzte der Ba⸗ ronet.„Leben Sie wohl. Welcher Art aber auch urſprünglich Ihre Abſichten gegen mich geweſen ſein mögen, ſo verzeihe ich ſie Ihnen. Seien Sie überzeugt, daß das Geheimniß, auf welche Weiſe ich entkommen bin, auf immer in meiner Bruſt begraben bleiben wird. Wenn wir uns wieder ſehen, ſo hoffe ich, daß dieß in den Mauern Holyrood's der Fall ſein wird.“ „Dort, oder im Gefängniß— vielleicht ſogar auf dem Schafott,“ murmelte Lord Lovat, während er ſorgfältig die Thüre hinter ſeinem Gaſte und deſſen Führer wieder ſchloß.„Gleichviel, das Spiel iſt werth, ausgeſpielt zu werden, und mein Kopf wird 21 nicht ſo leicht auf den Block gelegt werden. Ein Herzog!“ ſetzte er hinzu, während er die Wendel⸗ treppe hinaufſtieg, welche in den obern Theil des Schloſſes führte.„Ein Herzog!“ Dieſer Titel iſt ſchon das Wageſtück werth— er iſt das Wageſtück werth.“ Als endlich die Sendlinge des Präſidenten in das Haus eingelaſſen wurden, fanden ſie deſſen Eigenthümer aufrecht, von vielen Kiſſen geſtützt, in ſeinem Bette ſitzend und anſcheinend in ſehr leiden⸗ dem Zuſtande. Auf die Frage des Officiers, der die Abtheilung commandirte, antwortete der alte Mann unter fortwährendem heftigen Huſten: „Er iſt fort— er iſt fort! Warum kamt ihr auch nicht früher?“ „Warum hielten Eure Lordſchaft ihn nicht zu⸗ rück?“ fragte der Officier argwöhniſch.„Wenn es halb ſo ſchwer wäre, Dawnie Caſtle zu verlaſſen, als es ſchwer hält hinein zu kommen, ſo hätte der Jacobite nicht entwiſchen können.“ „Wie hätte ich, ein alter, bettlägeriger Mann, ihn zurückhalten können?“ verſetzte der Pair.„Hätte ich einem Mann, der als Gaſt, wenn gleich unwill⸗ kommen, ſich bei mir einfand, Gewalt anthun können? Nein— nein, das geſtattete die hochländiſche Gaſt⸗ freundſchaft nicht.“ Der Officier lächelte. Wahrſcheinlich vermochte er nicht recht einzuſehen, was für ein großer Unter⸗ ſchied darin beſtehe, einen Gaſt zu verrathen oder ihn feſtzuhalten. Um ſeinem Argwohn völlig Genüge zu leiſten, ließ ihn der Lord durch's ganze Schloß füh⸗ ren, welches die Soldaten von Oben bis Unten durch⸗ 22 ſuchten. Von dem Flüchtling war begreiflicher Weiſe keine Spur zu finden, und als die Soldaten am fol⸗ genben Morgen ſich verabſchiedeten, erſuchte Lovat den Officier nachdrücklich, dem Präſidenten zu melden, wie ſehr er es bedaure, daß ſeine Benachrichtigung nicht zeitig genug eingetroffen ſei, um den Boten des tollkühnen Thoren, womit er verächtlich den Prinzen Carl bezeichnete, abfaſſen zu können. Man glaube nicht, daß wir den Charakter des Simon Fraſer, Lords von Lovat, mit zu ſchwarzen Farben gemalt haben. Sein Briefwechſel mit dem Präſidenten Forbes während der Unterhandlung, von der wir ſo eben berichtet haben, iſt erhalten geblie⸗ ben und veröffentlicht worden; und vielleicht charak⸗ teriſirt dieſe den gemeinen Intriguanten noch mehr, als das Portrait, welches Hogarth ſo ausgezeichnet von ihm gemalt hat, indem er in dieſen Briefen ſich entrüſtet über das Benehmen ſeines Sohnes beklagt, der gegen ſeinen Willen den Clan zum Aufſtande ge⸗ bracht habe, und den Präſidenten bittet, ſeine An⸗ hänglichkeit an das Haus Hannover an geeignetem Orte zu verfechten. Zweiunbzwanzigſtes Kapitel. Im Rathe des Prinzen Carl herrſchte eine große Meinungsverſchiedenheit darüber, ob es rathſam ſei, in England einzumarſchiren, einem Lande, das den — 23 Fremden entſchieden feindlich geſinnt war, und in welchem die Anſprüche ſeiner ſchon ſo lange abweſenden Familie beim großen Haufen nur auf wenig Sym⸗ pathie rechnen durfte. Viele der vorſichtigeren Häupt⸗ linge ſprachen ſich ſehr warm dafür aus, in Schott⸗ land zu bleiben, wo ſich die Hochländer, ſo wie ſie einmal waren, zu Hauſe fühlten und für ihren eige⸗ nen Grund und Boden ſtritten. Einige ſtellten vor, daß die Clans gänzlich abgeneigt ſeien, die Grenze zu überſchreiten; Andere machten geltend, daß die Hochländer ſich noch nicht genügend ausgeſprochen hätten, daß jeder Tag neuen Beitritt ſowohl von Seiten des Adels, als der gemeinen Leute, zu ſeiner Sache bringen, und daß die Annäherung einer eng⸗ liſchen Armee, welche Georg der Zweite und der Herzog von Cumberland eifrig ſammelten, jeden treuen Schott⸗ länder veranlaſſen würde, ſich der Fahne der Stuarts anzuſchließen. Dieſer ſchüchternen Politik traten ſo⸗ wohl der Prinz als Lochiel auf's Entſchiedenſte ent⸗ gegen. „Der Augenblick iſt jetzt da, Mylords und Gent⸗ lemen,“ ſprach der Erſtere,„einen entſcheidenden Schlag zu führen. Die Regierung des Uſurpators iſt durch unſern Erfolg gelähmt. Der Zauber unſerer Siege geht vor uns her. Ueberdieß erwarten Viele vom höhern und niedern Adel, wie unſere Nochrichten aus England uns melden, nur unſer Erſcheinen, um ſich auszuſprechen. Möge die Sache nicht verloren gehen!“ ſetzte er hinzu, indem unwilltürlich eine ſtolze Thräne ſich in ſein Auge ſtahl—„möge die Sache nicht durch Zögern und kalte Berechnung verloren gehen, da der Erfolg gewiß ſcheint!“ „Aber die Clane, die ſich noch nicht erklärt ha⸗ ben?“ warf der Laird von Hinton ein. „Die bedeutendſten halten bereits zu uns.“ „Eure königliche Hoheit vergeſſen die Fraſers,“ erwiderte ehrfurchtsvoll der vorſichtige Laird.„Wäre Lovat zu uns geſtoßen, ſo wäre ich geneigt, mich Ihrer Anſicht zu unterwerfen.“ „Ja— ja, wenn Lovat ſich uns angeſchloſſen hätte,“ wiederholten Mehrere,„dann wäre es etwas Anderes. Sein Beitritt hätte Ihrer Sache ungeheure Stärke verliehen.“ In dieſem Augenblicke erſchien ein Thürſteher im Rathszimmer, welches kein anderes als das Cabinet der ſchönen und unglücklichen Maria Stuart war, und meldete die Rückkehr Ulrick Crawford's. Der Prinz befahl, ihn ſogleich vorzulaſſen, und indem er den jungen Mann bei Seite in eine der Fenſterver⸗ tiefungen zog, entſpann ſich zwiſchen Beiden eine eilige und belebte Unterredung, nach welcher Carl Eduard ſeinen Sitz oben am Tiſche, mit triumphiren⸗ dem Lächeln auf ſeinem ſo eben noch ſo aufgeregten Geſichte, einnahm. „Es iſt alſo Ihre Anſicht, Mylords und Gent⸗ lemen,“ fuhr er fort,„daß wir warten ſollen, bis Lovat ſich ausgeſprochen hat?“ Die meiſten Anweſenden antworteten bejahend. „Und ſobald er ſich erklärt hat, was er hoffent⸗ lich bald thun wird, ſo geht alſo Ihre einſtimmige Anſicht dahin, daß wir unſern Marſch nach England antreten ſollen?“ Weil man die ſchlaue, vorſichtige Politik des alten Pairs zu genau kannte, ſo meinte die zögernde Partei, 05 20 nichts dabei zu riskiren, wenn ſie auf den Vorſchlag des Prinzen eingehe, und es erfolgte deßhalb eben ſo einſtimmig wie zuvor allgemeine Zuſtimmung. „Lovat, meine Herren, hat ſich auf eine Weiſe ausgeſprochen, die weder von der Partei des Kur⸗ fürſten von Hannover, noch von mir ſelbſt, mißver⸗ ſtanden werden kann. Hier iſt ſein Brief mit ſeinem Siegel darunter. Leſen Sie ihn. In drei Tagen wird ſein Clan unter dem Befehle ſeines Sohnes und Fraſers von Goſtuleg zu Uns ſtoßen.“ Während er ſprach, reichte der Prinz den Brief dem Lord Elcho hin und ſetzte ſich unter tiefem Still⸗ ſchweigen nieder. Nachdem dieſer Edelmann den Brief laut geleſen, machte er die Runde bei den verſchie⸗ denen Mitgliedern des Rathes, welche mit Erſtaunen die bündigen Ausdrücke laſen, in welchen der Mann, der den vorſichtigſten Kopf in ganz Schottland beſaß, ſich unwiderruflich mit der Sache Königs Jacob des Achten verband und den Aufſtand ſeines Clans ver⸗ ſprach, den er zur Verfügung des Prinzregenten ſtellte. Es entſtand eine Pauſe, welche Carl Eduard zuerſt unterbrach. „Ihr ſeht, Mylords und Gentlemen, was Unſer ergebener Vetter von Lovat ſchreibt. Nachdem ihr euer Wort verpfändet habt, will ich keinen Augen⸗ blick euch das Unrecht anthun, an die Möglichkeit zu glauben, daß ihr es zurückziehen werdet.“ „Der Mann, der zurücktritt,“ rief Lochiel, mit der gebollten Fauſt auf den Tiſch ſchlagend,„iſt des Namens eines Schotten unwürdig, eine meineidige Memme und ein Verräther! Sollte es einen ſolchen 26 unter uns geben, was ich nicht glauben kann und will, ſo möchte ich mir erlauben, Eurer Hoheit zu rathen, ihn aus unſerer Armee zu entlaſſen. Es iſt beſſer, Leute der Art zu Feinden, als zu zweifelhaf⸗ ten Freunden, zu haben.“ „Eure Hoheit,“ ſprach der Laird von Hinton ruhig, „meine Erwiderung iſt an Sie gerichtet und keines⸗ wegs eine Antwort auf die ungemeſſene Sprache Lo⸗ hiels. Meine Anſicht, bezüglich der Klugheit des Schrittes, bleibt dieſebe; aber ich gebe meine ſchwache Oppoſition gegen denſelben auf. Ich bin bereit, mit meinen Leuten dahin zu marſchiren, wohin Eure Hoheit es befehlen.“ „Und auch ich,“ ſagte der Earl v Elcho. „Und wir Alle!“ riefen die Lairds und Häupt⸗ linge, von denen wohl die meiſten glaubten, daß ein ſo kluger Mann, wie Lovat, nie ſeinen Beitritt er⸗ klärt hätte, wenn er nicht entweder Nachrichten über die Bewegungen der Freunde der Sache der Stuart's in England oder das wahrſcheinliche Eintreffen der lange verſprochenen und ſehnlichſt erwarteten Armee aus Frankreich hätte. Mit dieſem Beſchluß trennte ſich der Rath, und Carl Eduard und deſſen Abgeſandter blieben allein. „Crawford,“ rief der Prinz, dieſem herzlich die Hand ſchüttelnd,„mein treuer Freund! wie ſoll ich Ihnen danken? Sie brachten Hilfe in größter Koth. Gelingt Unſer Unternehmen, deſſen Ausſich⸗ ten gegenwärtig lachend genug ſind, ſo kann ich hof⸗ ſen, mehr als mit bloßen Worten die Ergebenheit Ihres alten Hauſes zu vergelten. Sollte ich fallen, ſo wird Carl Eduard, wie er lebte, als Ihr treuer 2 Schuldner ſterben. Aber wo iſt denn Sir Allan Glencairn?“ ſetzte er hinzu. Der junge Mann theilte in Kurzem mit, wie er ſich von ſeinem Freunde getrennt habe und weßhalb er aus Dawnie Caſtle entflohen ſei. „Edelmüthiger, treuergebener Mann!“ ſagte der Prinz, als Crawford's Bericht zu Ende war.„Wer immer mich überlebt, um meine Grabſchrift ſchreiben zu können, der ſoll nicht vergeſſen, auch die Freunde, die ich getroffen habe, und deren Treus für meine Sache mit darauf zu ſetzen, und die Nachwelt wird daraus erſehen— mag ich dieſelbe glücklich durch⸗ führen oder nicht— daß der Gegenſtand ſolcher Freundſchaft kein unwürdiger Menſch war. Dieſe Vorſicht war ſehr vernünftig, denn Lovat iſt ſo glatt wie ein Aal, und ſchlauer als ein Fuchs; aber jetzt halte ich ihn feſt,“ ſetzte er lächelnd binzu, indem er zugleich auf den auf dem Tiſche liegenden tete;„jetzt halte ich ihn feſt.“ „Aber Sir Allan?“ bemerkte Crawford, um die Sicherheit ſeines Freundes beſorgt. „Fürchten Sie nichts für Sir Allan,“ unterbrach ihn der Prinz.„Ihr wohlbehaltenes Eintreffen hier ſchützt ihn vor aller Gefahr. Hätte Lovat den Brief wieder in ſeine Gewalt bekommen, ſo läßt ſich nicht ſagen, was er thun würde; aber ſo iſt es für ihn viel eſühelihe zurück, als vorwärts zu gehen.“ Des Prinzen Berechnung traf vollkommen zu; denn noch am ſelbigen Abend ſaßen Crawford und ſein Freund wieder beiſammen 2 Arran Houſe, wo die Gräfin und deren Nichten beide mit jener Herz⸗ lichteit willkommen hießen, wie Frauen ſie Männern zu Theil werden laſſen, welche ſie lieben, und die ſo eben vom Schauplatze der Gefahr herkommen. „Nun, Allan,“ ſprach die alte Dame, nachdem er den Ausgang ſeines Unternehmens berichtet hatte, „ich will nicht leugnen, daß Du den alten Fuchs ſchlau überliſtet haſt, aber eben ſo wenig, daß ich großes Vertrauen in die Aufrichtigkeit ſeines Ver⸗ ſprechens ſetze. Simon Fraſer gehörte von jeher unter die Menſchen, die ſtets ein doppeltes Spiel ſpielten, gerade wie meine Nichte Margaret beim Londstnecht. Er wird aber ſchließlich verlieren. Nie⸗ mand gewinnt, wer zwei Herren dient.“ „Sie beurtheilen Lovat hart, Tante,“ antwortete der Baronet, obgleich er ſich im Stillen zu der An⸗ ſicht ſeiner Verwandten hinneigte.„Er hat ſich zu weit eingelaſſen, als daß er zurücktreten könnte. Den⸗ ken Sie nur an die Rede, die er an ſeinen Clan ge⸗ halten hat!“ „Worte— nichts weiter als Worte, Neffe, von denen Niemand mehr etwas weiß, wenn er will, daß man ſie vergeſſen ſoll.“ „Aber ſein Brief?“ „Damit bin ich überfragt; daß er ihn geſchrie⸗ ben war ſchlimmer, als ein Verbrechen— es war dieß ein Fehler. Uebrigens ſpreche ich hier im Sinne der Moral des Lords, nicht der meinigen,“ fuhr ſie lächelnd fort.„Frauen verſtehen wenig von Po⸗ litik, weil dieſe außerhalb ihres Lebensberufs liegt.“ „Und doch leiten dieſelben ſie oft,“ bemerkte Craw⸗ fort.„Eliſabeth zum Beiſpiel.“ 29 „War eine Cokette, wenn nicht gar etwas Schlim⸗ meres,“ antwortete die Gräfin ſcharf. „Anna?“ ſagte Alice. „War eine gutmüthige Perſon, die es duldete, daß die Herzogin von Marlborough ſie mit eiſerner Ruthe lenkte, und welche es ſich gefallen ließ, aus der Sclaverei einer Günſtlingin in die einer andern überzugehen. Gerade der Name, den Du genannt, beweist das, was ich ſagte. Wäre Anna nicht die Selavin ihrer blinden Neigung geweſen, ſo würde der große Herzog nie zurückberufen worden ſein; Frankreich wäre gedemüthigt und der Friede dictirt und nicht auferlegt worden. Es iſt nur Schade, daß ſie nicht eben ſo viel Vorliebe für das eigene Blut, wie für Fremde hatte. Wäre ich Königin geweſen, ſo wäre mir mein Bruder auf dem Thron gefolgt und nicht ein Fremdling.“ „Ich glaubte, Tante,“ bemerkte der Baronet, den die kühne und ſcharfe Beurtheilung der Vergangen⸗ heit von Seiten der alten Dame frappirte,„daß Sie Frauen in der Politik für unfähig erklärten; aber wie mir ſcheint, ſo würden Sie wenigſtens eine Ausnahme gemacht haben.“ „Vielleicht doch nicht, Allan, denn die beſten unter uns haben ihre ſchwachen Stellen im Herzen. Doch laſſen wir dieß dahin geſtellt. Was wird denn jetzt 1 Schachzug in der gegenwärtigen Tragödie ein?“ „Wir marſchiren nach England.“ „Und was glaubt ihr denn dort für einen Fang zu machen?“ D „Die Regierung des Uſurpators iſt gelähmt und ein kühner Schlag kann die Sache zu unſern Gunſten entſcheiden.“ „Oder ſie zu Grunde richten,“ ſagte Lady Arral traurig.„O Jugend— Jugend! Wie voll biſt du von Hoffnung und trügeriſchen Verſprechungen! Ich habe andere Männer, eben ſo kühn und tapfer als Du, daſſelbe Spiel ſpielen und eben ſo ſorglos ver⸗ lieren ſehen. Gebe der Himmel, daß ich dieß nicht erleben muß! Nach England!“ fuhr ſie fort.„Wahn⸗ ſinn!— Thorheit! In Schottland wäre Ausſicht vorhanden, daß Carl, was ihm gehört, halten könnte; aber ſobald er die Grenzen überſchreitet, iſt ſeine letzte Hoffnung vernichtet, und dann kommen die Thränen der Wittwen und vaterloſen Waiſen, ge⸗ brochene Herzen für Die, welche ſeiner Sache an⸗ hangen, und namenloſes Weh um die tapfern Män⸗ ner, deren Loos der Tod iſt.“ Alice und Conſtance brachen in Thränen über das traurige Bild aus, das ihre alte Verwandte heraufbeſchworen hatte, und hielten ſchüchtern ihre Liebhaber umarmt. Der Gedanke an Das, was zu⸗ treffen könnte, entſetzte ſie. „Arme Geſchöpfe,“ murmelte die Gräfin von Arran vor ſich hin,„ich werde die jungen Leute zu retten ſuchen, und ſollte ich auch deßhalb hundert Mal Gefahr laufen, die Güter von Arran zu ver⸗ lieren.“ Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Gegen Ende Oetobers ſah ſich Carl Eduard im Beſitz einer Armee von nahezu ſechstauſend Mann und eines kleinen Artillerieparks; außerdem beſaß er Ueberfluß von Waffen und Munition, und bedeu⸗ tende Verſtärkungen ſtanden in Ausſicht, welche im Norden geſammelt wurden, die jedoch noch nicht un⸗ mittelbar zu ihm ſtoßen konnten. Zu gleicher Zeit wurden aber große Truppencorps in England formirt. Unter dieſen Umſtänden wäre es ſelbſt für die klüg⸗ ſten Köpfe ſchwierig geweſen, zu ſagen, welche Schritte jetzt zu thun ſeien. Carl, der nur den einen Ge⸗ danken feſthielt, daß, je mehr er ſich dem Sitz der Regierung nähere, um ſo beſſer es für ſeine Sache ſei, war zu den gewagteſten Schritten entſchloſſen und verſtand es, die Zuſtimmung ſeines Raths durch Ueberraſchung ſich zu erwerben, wie wir bereits ge⸗ zeigt haben. Es waren deßhalb Befehle an die verſchiedenen Abtheilungen ergangen, welche zerſtreut im Lande herumlagen, und der abenteuernde junge Prinz hielt eine Heerſchau über ſeine ſämmtlichen Streitkräfte an dem Geſtade zwiſchen Leith und Muſſelburgh, jetzt unter dem Namen Portobello Sands bekannt. Der Geiſt der Leute ſchien ganz vortrefflich zu ſein; ſie empfingen ihn mit lautem Freudengeſchrei und verlangten ungeduldig gegen den Feind geführt zu werden. Der Donnerſtag Morgen des 31. Octobers wurd 8 9 als der Tag bezeichnet, an welchem der Prinz den Palaſt ſeiner Vorfahren verlaſſen würde. Als erſtes Nachtquartier wurde Pinkie Houſe beſtimmt. Die Wache, welche ihn begleiten ſollte, war bereits am Haupteingange unter dem Commando von Lord Elcho und Crawford aufgezogen, welch' Letzterer äber erſt eintraf, nachdem die hiezu beſtimmte Stunde bereits vorüber war, denn er und Sir Allan hatten die letten Augenblicke ihres Verweilens in Arran Houſe zum Abſchiednehmen von den Gegenſtänden ihrer Wahl benützt. „Wo iſt Seine königliche Hoheit, Mylord?“ fragte Crawford, als er an dem Thore vorritt.„Hoffentlich komme ich nicht zu ſpät, ſo daß Sie auf mich warten müßten?“ „Nur eine halbe Stunde,“ antwortete der Pair gutmüthig, denn er war Crawford ſehr zugethan; „der Prinz aber iſt, glaube ich, in der Capelle.“ „In der Capelle?“ wiederholte der junge Mann 3 erſtaunt. „Ja, um dort Demuth von den Todten zu lernen, um die Aſche der Vergangenheit zu befragen, in der Hoffnung, darin den Schlüſſel für die Zukunft zu finden. Wenn wir aber heute Nacht in Pinkie Houſe ſchlafen wollen, ſo iſt es die höchſte Zeit, daß wir uns auf den Weg machen.“ „Ich will den Prinzen aufſuchen.“ „Sie können ſich wohl dieſe Freiheit heraus⸗ nehmen, denn ich habe längſt bemerkt, daß er Ihnen mit mehr als gewöhnlicher Freundſchaft zugethan iſt Carl's Geſicht klärt ſich förmlich auf, wenn Sie i ſeine Nähe kommen, was mich aber gar nicht wundert. 3 33 Die Theilnahme der Jugend muß für ein Herz, wie das ſeinige, wohlthuend ſein, wenn er ſo oft die ſauertöpfiſchen und eigennützigen Rathſchläge ſeiner Umgebung anhören muß.“ „Wir wurden zum größern Theil in einem Alter zuſammen erzogen, in welchem man den Unterſchied des Ranges noch wenig kennt,“ ſagte Crawford. „Ich brauche wohl kaum Eure Lordſchaft daran zu erinnern, daß mein Vater Gouverneur Seiner könig⸗ lichen Hoheit und mit ſeiner Erziehung beauftragt war.“ „Und dieſe Pflicht hat mein alter Freund auf die edelſte Weiſe erfüllt. Hätte ich einen Sohn,“ ſetzte der Pair hinzu,„ſo wünſchte ich dieſem kein beſſeres Herz und keinen ergebeneren Muth, als den unſers Helden. Es wäre Schade, wenn die Blüthe, welche der alte Baum der königlichen Linie der Stuarts getrieben, zu ſpät entſproſſen wäre.“ „Zu ſpät!“ wiederholte Crawford.„Fürchten Sie denn etwas, Mylord?“ „Ich fürchte nichts,“ ſagte der alte Mann,„bin aber auf Alles gefaßt; ſelbſt wenn der Tod mit all' ſeinen Schrecken ſich mir in den Weg ſtellte, ſo würde ich vorwärts gehen. Elcho iſt nicht der Mann, der eine wankende Sache, oder einen Freund der einer Stütze bedarf, im Stiche läßt. Doch machen Sie, daß Sie fortkommen,“ fuhr er gut gelaunt fort, „und wecken Sie den Träumer; ſagen Sie ihm aber kein Wort von meinen Beſorgniſſen; der Sturm wird bald genug über uns hereinbrechen. Laſſen Sie Ihren königlichen Freund des Sonnenſcheins ſich freuen, ſo Der junge Prätendent. III. 3 34 lang er mag; es wäre Schade, wenn man ihn aus ſeinen Träumen erweckte.“ 1 Crawford ſchlug nachdenklich den Weg nach der Capelle ein, deren Hauptaltar von den fanatiſchen Banden Knor's entheiligt worden war, welche in ihrer blinden Wuth die edelſten architectoniſchen Monumente in Schottland zerſtört hatten. Er fand den Gegenſtand ſeines Nachſuchens nachdenklich am Grabe eines der erſten Monarchen ſeines Stammes ſtehen. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne fielen auf ſein edles Geſicht und färbten mit roſigem Lichte die grauen Ruinen, ſo wie Maler ſie lieben und Dichter ſie gerne beſchreiben. Carl war ſo ver⸗ tieft in ſeine Betrachtungen, daß er das Kommen ſeines Freundes nicht hörte, der ihn erſt zweimal anreden mußte, ehe er aus ſeiner Träumerei erwachte „Ach, Erawford!“ rief er aus,„ich konnte das Haus meiner Väter nicht verlaſſen, ohne deren Gräs bern zuvor einen Beſuch abzuſtatten und die Erin⸗ nerungen, die ſich hier mir aufgedrängt, haben mich die Zeit gänzlich vergeſſen laſſen. Verzeihen Sit mir; ich geſtatte mir nicht oft in Träumereien dieſet Art zu verfallen.“ „Es wird eine Zeit kommen, Eure Hoheit, i welcher Sie dieß ungeſtört thun können.“ „Vielleicht— vielleicht auch nicht,“ erwiderte der Prinz.„Wiſſen Sie, daß, als ich die Erde betrat, in welcher ſo viele meines Geſchlechts ruben, ich mir einbildete, ſie zittere unter meinen Füßen, und doß die ſtattlichen Ruinen, welche uns umgeben, nur das Sinnbild meines Glückes ſeien. Ihre Säulen ₰ 3 4 3 et at, uir aß wt len 35 ſtellen meine geknickten Hoffnungen, ihr majeſtätiſches Ausſehen die ſtolze Höhe vor, von welcher meine Familie herabgefallen iſt.“ „Geben Sie ſich doch nicht Gedanken dieſer Art hin, Sir, die nur dazu dienen, Sie zu entmuthigen.“ „In der Stunde der Schlacht keineswegs; da werde ich wieder Carl Eduard ſein. Glauben Sie mir, Crawford, daß unter keinen Umſtänden, mag ich unter dem Schwert der Söldlinge des Kurfürſten von Hannover fallen oder es erleben, den wieder⸗ gewonnenen Thron zu beſteigen, der Muth meiner Vorfahren mir fehlen wird.“ Crawford hätte gern hinzugefügt:„und auch deren Glück nicht;“ als ihm aber noch zu rechter Zeit einfiel, welch ein trauriges Blatt in der Ge⸗ ſchichte das Haus des Prinzen lieferte, blieb ihm das Wort, das wie ein bitterer Hohn geklungen hätte, in der Kehle ſtecken. Er vermochte nicht, es auszuſprechen, weil ein Wunſch dieſer Art höchſt zweideutig hätte klingen können. „Kommen Sie,“ ſagte Carl, der ſich plötzlich aufraffte, um die Trauer abzuſchütteln, die ihn er⸗ drückte,„der Vergangenheit iſt nun genügend gedacht worden; jetzt zur Handlung und zur Gegenwart. Sollte Uns der Verſuch gelingen, Uns wieder in den Beſitz und das Erbe Unſres Stammes zu ſetzen, dann iſt es vielleicht Zeit, dieſen Ort wieder zu be⸗ ſuchen; ſollte dieß nicht der Fall ſein, ſo ſoll Uns die Erinnerung an ihn in der Verbannung— oder auf dem Schafott tröſten.“ Der Prinz warf noch einen langen, zögernden Blick auf die Gegenſtände umher, faßte dann ſeines Freundes Arm und ſchickte ſich an, den Ort zu ver⸗ laſſen. In dem Augenblicke, in welchem Beide ſich dem Ausgang der Capelle näherten, trat plötzlich ein Weib, augenſcheinlich der unterſten Claſſe ange⸗ hörig, den Tartan feſt über den Kopf gezogen, ſo daß er ihr Geſicht gänzlich verbarg, hinter einer zertrümmerten Säule hervor und ſtellte ſich den Weg⸗ gehenden in den Weg, die über die unvermuthete, plötzliche Erſcheinung faſt erſchracken. „Wer ſeid Ihr?“ fragte Carl, nachdem er von ſeinem Erſtaunen ſich ſchnell erholt. „Eine unglückliche Frau, die nur noch Ein Ge⸗ ſchäft auf Erden hat.“ „Und worin beſteht dieſes?“ „In der Rache!“ erwiderte die Frau rauh. Crawford und der Prinz ſchauderten über den Ton des tödtlichen Haſſes, mit welchem dieſes Wort ausgeſprochen wurde. „Rache,“ wiederholte ſie ruhig,„für eine Be⸗ leidigung, über deren Anblick die Natur ſich entſetzt 2 haben muß— welche Bande zerriſſen hat, an welche d ſeit langen Jahren mein Herz gekettet war— welche 3 Liebe in Haß verwandelte und die Welt mir von u nun an werthlos machte. Doch genug davon; mein Anliegen betrifft Sie. Indem ich Ihnen Beiſtand leiſte, führe ich das zugleich aus, was jetzt Zweck F meines Daſeins iſt. Ja,“ murmelte ſie vor ſich hin, „ich will ſeinen kalten Ehrgeiz vereiteln— ihn ſeinem Stolze verletzen— der einzige Punkt, welchem ſein Herz verwundbar iſt!“ „Weſſen Herz?“ fragte Crawford. —„—„—— —— n rt e⸗ tzt he he on in nd eck in, iu 37 „Befragen Sie mich nicht um ſeinen Namen,“ rief die Frau in krankhafter Aufregung;„befragen Sie mich nicht um ſeinen Namen; meine Zunge würde darüber verdorren und mein Gehirn in ſiedende Gluth gerathen.“ „Sie iſt verrückt,“ bemerkte Carl Eduard. „Ich wollte, ich wäre es, denn in der Verrückt⸗ heit liegt das Vergeſſen, und ich kann leider jede Minute ſeit den Träumen der Kindheit, den Hoff⸗ nungen, die ich als Jungfrau hegte, bis zu dem Augenblick, der beides zerſtörte, genau hererzählen. Aber in meinem Elend war mir eine Freude, ein Troſt geblieben; aber auch dieſe wurden mir geraubt, und jetzt ſtehe ich, wie eine beraubte Tigerin, allein. Aber ich kam nicht hieher, um von mir zu erzählen, ſondern um mit Ihnen zu ſprechen. Sie beabſich⸗ tigen heute Nacht in Pinkie Honſe zu ſchlafen?“ „Das iſt meine Abſicht.“ „Beim Nachteſſen wird ſich ein Greis mit einem Becher Wein bei Ihnen einfinden und Sie auffordern, denſelben auf die Geſundheit der Damen Schottlands zu trinken, auf die Geſundheit jener jungen Herzen und Lippen, die Ihnen zulächeln und für Sie beten.“ „Nun, und dann?“ „Wenn Sie trinken, dann vertauſchen Sie die Hoffnung auf eine Krone mit dem Grab, den Kuß der Schönheit mit den Liebkoſungen der Würmer. Prinz, Sie ſind gewarnt, leben Sie wohl!“ „Halt!“ ſagte Crawford, indem er auf die Frau zueilte und ſie am Arme faßte.„Ihr habt entweder zu viel oder zu wenig geſagt. Wer iſt der Verräther, deſſen ſchwarze Seele dieſes hölliſche Complott aus⸗ gedacht hat?“ „Ich habe ſchon geſagt, daß ich ihn nicht nennen werde.“ In Folge der Anſtrengung, die das Weib machte, ſich loszuwinden, fiel der Tartan von ihrem Geſicht zurück und Madge's Züge wurden ſichtbar. „Dieß genügt,“ ſagte der junge Mann, ſie los⸗ laſſend.„Alick Campbell iſt es!“ „Ja, Alick Campbell!“ ſchrie das Weib,„der ſeine Nahrungsquelle aus dieſer verwelkten Bruſt zog— der mich wie einen Hund geſchlagen und da⸗ durch die zwiſchen uns beſtandenen Bande zerriſſen hat— deſſen laſterhafter Laufbahn ich ein Ende machen will und den ich auf das Schafott oder in das Grab hetzen werde. Dann verzeih' ich ihm viel⸗ het 5 5 leicht. Ja, ja, dann verzeih' ich ihm vielleicht!“ WMit dieſen Worten ſprang ſie eiligſt davon und verſchwand unter den vielerlei Oeffnungen in den Ruinen, indem ſie den Prinzen und deſſen Begleiter ſtumm vor Erſtaunen und Mitleid zurückließ. „Was halten Sie von dieſer Warnung?“ fragte der Prinz, der zuerſt die Sprache wieder fand. „Ich bin der Anſicht, daß man ſie nicht über⸗ ſehen ſoll. Unter allen Ihren Feinden iſt Alick Camp⸗ bell am meiſten zu fürchten. Ich habe ihn als einen eben ſo kühnen, wie grauſamen, ehrgeizigen und ge⸗ wiſſenloſen Menſchen kennen gelernt. Die Regierung des Kurfürſten von Hannover ſcheint mir nicht dar⸗ nach, als wenn ſie gar zu ängſtlich in den Mitteln wäre, durch welche ein gefährlicher Rebenbuhler ihres — 39 Herrn aus dem Wege geräumt wird. Wollen Eure königliche Hoheit die Leitung in dieſer ſchwarzen An⸗ gelegenheit mir überlaſſen?“ „Recht gern, Crawford. Ihren Händen würde ich noch mehr als mein Leben— meine Ehre ſogar anvertrauen; denn nie beſaß wohl ein Prinz einen treuern Freund, wie Sie. Was Sie aber thun mögen, ſo wünſche ich, daß es ſo geheim als mög⸗ lich geſchehe. Ich möchte nicht, daß die Welt er⸗ fährt, daß es einen Schottländer gibt, der ſo nieder⸗ trächtig iſt, ſich zur Ermordung eines Abkömmlings ſeiner alten Könige herzugeben.“ Es lag ein Ausdruck ſo innigen Bedauerns in dieſen Worten Carl Eduard's, daß ſein Gefährte davon tief ergriffen wurde, weil er deutlich daraus erkannte, daß ihn der Stachel der Verrätherei mehr als die drohende Gefahr ſchmerzte. Das Abenteuer wirkte auf Beide ſo entmuthigend, daß ſie ſtillſchwei⸗ gend, Arm in Arm, die Capelle verließen. Einige Minuten hernach verkündigte das Schniet⸗ tern der Trompeten den Bürgern Cdinburgs, daß der Prinz Holyrvod verlaſſen und ſeinen Marſch nach England angetreten habe. Monche prophezeihten, daß er nie wieder zurückkehren werde; Andere hofften den glücklichſten Erfolg von dem entſcheidenden Schritt, den er jetzt zu thun im Begriffe ſtand. Jede Partei urtheilte je nach ihren Wünſchen. Nichts trug vielleicht ſo ſehr dazu bei, den jun⸗ gen Abenteurer bei den Hochländern und Allen, die in ſeine Nähe kamen, beliebt zu machen, als ſeine Herablaſſung und die Leichtigkeit, mit der man zu ihm Zutritt erhalten konnte. Faſt Jeder, der nur einen guten Rock auf dem Leibe trug, konnte zu einer Audienz bei ihm gelangen; und die Deputa⸗ tionen des ſchönen Geſchlechts, das weitaus zu ſeinen zahlreichſten Anhängern in Edinburg gehörte, prieſen laut ſeine Anmuth und Liebenswürdigkeit. So kam es auch, daß während des Nachteſſens in Pinkie Houſe dem Prätendenten eine Deputation der Damen der Nachbarſchaft gemeldet wurde, welche um Erlaubniß bat, ihm eine Glückwunſch⸗Adreſſe über ſeine Ankunft in Schottland zu überreichen. Carl und Crawford blickten einander an, „Eure königliche Hoheit wird dieſelbe wohl vor⸗ laſſen,“ bemerkte der Letztere. Der Befehl wurde ertheilt, und etwa zwanzig junge Mädchen, welche ein Bouquet von ſolchen Blumen trugen, wie ſie uns der Herbſt zurückläßt, um uns für das Scheiden des Sommers zu tröſten, erſchienen in dem Gemach. Alle wen ſie in Weiß gekleidet, und an ihrer Spitze befand ſich ein alter Mann, der ſich ſelbſt als der Geiſtliche des benach⸗ barten Kirchſprengels vorſtellte. Die Adreſſe wurde von dem alten Heuchler ver⸗ leſen und enthielt nur Verſicherungen der Anhäng⸗ lichkeit an des Prinzen Sache und Ergebenheit für ſeine Perſon. Nachdem der Prinz in huldvoller Weiſe darauf geantwortet hatte, fuhr der angebliche Geiſtliche fort: „Und nun geſtatten mir Eure Hoheit, Ihnen einen Becher zu überreichen, um daraus auf die Geſundheit der Damen von Schottland zu trinken. Wie man ſagt, ſo trank ſchon Ihr Vorfahre, Jacob der Sechste, daraus, als er, um von dem engliſchen 41 Throne Beſitz zu nehmen, hier durchkam. Möge ſich dieß als eine glückliche Vorbedeutung für den Erfolg Ihrer Expedition bewähren!“ Mit dieſen Worten ging der alte Mann an einen Nebentiſch und goß aus einer Flaſche Rhein⸗ wein in den Becher, der allerdings ſehr alt war und wohl bei der Veranlaſſung, wovon er geſprochen, gedient haben mochte. Hierauf überreichte er ihn auf den Knieen dem Prinzen, der ihm denſelben mechaniſch aus der Hand nahm. Crawford bemerkte, daß des alten Heuchlers Hand in dieſem Augenblicke zitterte. „Nicht aus dieſem Becher, Eure Hoheit, ſondern aus dem, welchen die treu ergebenen Damen Schott⸗ lands überreicht haben,“ rief Crawford, indem er reſpectvoll den bereits übergebenen dem Prinzen aus der Hand nahm.„Das Geſchenk der Schönheit ſoll dazu dienen, darass auf die Geſundheit der Schön⸗ heit zu trinken ne Carl lächelts beifällig und trank, nachdem Craw⸗ ford ihm einen andern Becher überreicht hatte, auf das Wohl der Damen Schottlands. Der Becher aber, welchen Crawford ſo geſchickt der Hand des Greiſen entwunden hatte, wurde dem alten Saunders, dem Arzte von Leith, übergeben, der noch immer im Gefolge des Sir Allan Glencairn ſich befand. Dieſer verließ unmittelbar darauf das Zimmer. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Ein Ausdruck des Verdruſſes über das Mißlingen ſeines Plans machte ſich auf dem Geſicht des angeb⸗ lichen Geiſtlichen bemerkbar, als er das Zimmer an der Spitze der unſchuldigen Mädchen verließ, die er ohne ihr Wiſſen zu Werkzeugen ſeiner Abſichten gemacht hatte. Als er im Begriff war, das Haus zu verlaſſen, wurde er von einer Abtheilung Hochländer feſtge⸗ nommen und in ein abgelegenes Zimmer geführt, wo Crawford und die Lairds von Hinton und Lind⸗ ſay ihn erwarteten. Ein unwillkührliches Fröſteln ſchüttelte ihn, als er die ernſten Geſichter der Hoch⸗ länder erblickte. Er merkte, daß er entdeckt und ſeine Stunden gezählt ſeien; nichts deſto weniger nahm er eine kecke, unbefangene Miene an. „Warum hält man mich hier zurück, Gentlemen?“ fragte er in ſanftem Tone. „Nur, um auf eine Frage Antwort zu geben,“ erwiderte Crawford. „Auf eine Frage?“ wiederholte der Mann ni einem Schimmer von Hoffnung. 4 „Ja. Was verdienen Diejenigen, welche Fürſten vergiften? Sie ſchweigen. Soll ich für Sie ant⸗ worten? Den Tod durch Henkershand. Elender! Welcher Grund hat Sie beſtimmt, eine Handlung zu verſuchen, welche Schande und Unehre über Schott⸗ land gebracht haben würde?“ 4 ———— „Ich bin unſchuldig,“ rief der Mann.„Führen Sie mich vor Seine Hoheit. Ich ſchwöre, daß ich unſchuldig bin. Es war nichts als Wein in dem Becher. Sie Alle ſahen mich einſchenken.“ „Wer ſprach etwas von dem Becher?“ ſprach der Laird von Hinton.„Ihre Furcht hat Sie verrathen.“ Saunders trat in das Zimmer, gefolgt von einem Hochländer, der ein Speiſebrett trug, auf welchem der Becher und zwei gewöhnliche Gläſer ſtanden, wovon das eine Wein, das andere einen dunkeln, grünen Saft enthielt, der einen ſtarken Geruch, etwa wie von Eiſenhut, verbreitete. „Nun, was haben Sie gefunden?“ fragte Craw⸗ ford ungeduldig. „Gift,“ verſetzte der Mann der Wiſſenſchaft feſt. „Der Inhalt des Bechers befindet ſich in dieſen beiden Gläſern. In dem einen iſt Das, was ich ſoeben davon herausgoß, in dem andern die chemiſche Ausſcheidung. Sie ſehen das Reſultat, eine ſtarke Auflöſung von Eiſenhut, die ſich entweder gar nicht mit dem Wein vermiſcht hat, oder zuvor in das Gefäß gegoſſen wurde. Ich ſchloß ſogleich aus dem Einfluß der Flüſſigkeit auf das Silber, welcher Art dieſelbe ſei, denn ſehen Sie nur, es iſt ganz trübe geworden.“ „Iſt hier kein Irrthum möglich?“ fragte der Laird von Lindſay. „Von meiner Seite wenigſtens nicht,“ erwiderte der Arzt mit einem tiefen Seufzer.„In meinem frühern Leben machte ich das Erforſchen der Gifte zu meinem Hauptſtudium. Die Hälfte des Tranks 44 hätte genügt, Den, der ihn genoſſen, in's Grab zu bringen.“ „Hören Sie es?“ ſagte Hinton zu dem Gefangenen. „Gnade! Gnade!“ rief der Elende, den ſeine Beine kaum mehr zu tragen vermochten.„Wenn Sie mir das Leben verſprechen, ſo will ich Alles geſtehen.“ „Wir brauchen kein Geſtändniß,“ bemerkte Craw⸗ ford;„wir kennen den Namen des Schurken, der Sie hiezu aufgeſtiftet hat, als paſſendes Werkzeug eines ſolchen Verbrechens; es iſt Alick Campbell.“ „Dieſer iſt es!“ ſagte der Gefangene händeringend. „Fort mit ihm! Der Nachrichter iſt die geeignete Perſon, ihn zu übernehmen. Mit dieſem habe ich bereits Rückſprache genommen. Strick und Pfahl ſind in Bereitſchaft.“ „Laird von Hinton,“ rief der Alte,„Gnade! Ich bin auf Ihren Gütern geboren. Gnade!“ „War dieß vielleicht ein Grund, den Prinzen zu ermorden?“ bemerkte der auf dieſe Weiſe Ange⸗ rufene kalt. „Ich will Alles geſtehen!“ „Hinweg mit ihm!“ Die Hochländer, die eben ſo ungeduldig waren, wie ihr Häuptling, Gerechtigkeit an dem grauen Sünder geübt zu ſehen, hatten ihn, trotz ſeines Sträubens, ſchon ganz nahe an die Thüre geſchleppt, als er, als letztes Mittel ſich zu retten, das Aner⸗ bieten machte, er wolle den Platz, wo Alick Camp⸗ bell ſich befinde, angeben, ſo daß man ſeiner Perſon ſ en könne, wenn man ihm dafür das Leben enke. „Verſchont mich,“ fuhr er fort,„und ich will euch nach ſeinem Verſteck führen und an Händen und Füßen gebunden ihn euch ausliefern. Ich bin arm, und der Schurke verlockte mich durch ſein verfluchtes Gold. Ich verlange nichts weiter, als dasLeben; laßt mir das Leben, wenn auch in einem Gefängniß. Ich bin noch nicht vorbereitet, zu ſterben— ich wage nicht zu ſterben!“ Die Häuptlinge traten in kurze Berathung zu⸗ ſammen. Dieſe Zeit dehnte ſich für den Gefangenen zur Ewigkeit aus; dicke Schweißtropfen träufelten von ſeiner runzligen Stirn; denn von dem Erfolge dieſer Berathung hing der Reſt ſeines elenden Lebens ab. „Mir wäre es lieber, des Kopfs, als der Hand habhaft zu werden,“ bemerkte Hinton.„Alick Camp⸗ bell iſt ein Feind, den ich gern aus der Laufbahn des Prinzen entfernt ſehen möchte, denn die Schlange kann von ihm noch mehr Liſt, der Tiger noch mehr Blutgier lernen.“ Die Uebrigen waren derſelben Anſicht, und der Befehl zur Hinrichtung wurde vorläufig zurückge⸗ nommen. „Sie ſagen, Sie wollen uns nach dem Orte führen, wo wir Alick Campbell treffen können,“ be⸗ merkte Leslie,„wenn man Ihnen Ihr elendes Leben ſchenkt?“ „Ja, ja!“ erwiderte der alte Mann haſtig.„Ich weiß, wo er zu finden iſt.“ „Iſt er hier in der Nachbarſchaft?“ „In den Bergen, ungefähr acht Meilen von hier.“ „Wie heißt der Ort?“ 46 Der Mann ſchwieg und indem er ſeine Augen ängſtlich auf ſeine Richter heftete, wie um in deren Zügen ihr Vorhaben zu leſen, ſtammelte er: „Zuerſt Ihr Verſprechen.“ „Es iſt bereits gegeben, unter zwei Bedingungen.“ „Nennen Sie dieſelben!“ rief der Gefangene freudig aus. „Daß Sie uns treulich an den Ort führen und daß wir durch Ihre Vermittlung den Anſtifter des Complotts in unſere Gewalt bekommen. Der geringſte Verrath zieht Ihnen augenblicklich den Tod zu eben ſo jeder Verſuch, zu entwiſchen. Unter dieſen Be⸗ dingungen ſichern wir Ihnen Ihr verwirktes Leben zu.“ „Nur das Leben? NRicht auch die Freiheit?“ „Willſt Du mit uns handeln? Elender!“ rief der Laird von Lindſay ungeduldig aus.„Iſt es nicht genug, daß wir Dir Zeit zur Reue geben, Friede zu machen mit dem Himmel, wenn es möglich iſt? Wähle; ich bin es müde, weiter zu unterhandeln.“ Ja, ich bin es zufrieden.“ Wo iſt Derjenige, der Dich gedingt „In dem Thurm, welchen die Schäfer im Winter als Obdach benützen, auf der Farm von Pinkie. Sie müſſen ſich aber noch gedulden bis zum Einbruch der Nacht, denn er hat Soldaten bei ſich. Nach unſerer Uebereinkunft ſoll ich ihn nicht früher auf⸗ ſuchen, damit man mich nicht auskundſchaftet. Fände ich mich vor der bezeichneten Stunde ein, ſo würde er argwöhniſch werden und meinen, ich hätte ihn verrathen.“ „Richt mit Unrecht,“ ſagte Crawford mit bitter h 47 Lächeln.„Wann meinen Sie, daß wir aufbrechen ſollen?“ „Eine Stunde vor Mitternacht.“ Gut; vergeſſen Sie aber nicht, daß Ihr Leben von Ihrer Treue abhängt.“ Mit dieſem Wink wurde der Gefangene wegge⸗ führt, und Diejenigen, welche ſich verſammelt hatten, um ihn abzuurtheilen, kehrten in die Gemächer zu⸗ rück, wo ſie den Prinzen verlaſſen hatten, der allein die Urſache ihrer Abweſenheit kannte. Der rothe Thurm, wie Murdoch Baine, ſo hieß das Werkzeug, welches Alick Campbell zu ſeinem ſchändlichen Anſchlage ausgewählt, das rohe Gebäude, halb von Erde und halb von Stein, bezeichnet hatte, lag hart an einem verlaſſenen Steinbruch auf den Bergen, etwa acht Meilen von Pinkie Houſe ent⸗ fernt. Die Schäfer, welche denſelben benützten, hatten ihn auf den Fundamenten eines in Trümmer gegan⸗ genen Wachtthurms errichtet, der ehemals hier ge⸗ ſtanden hatte. Obgleich von unſcheinbarem Aeußern, war er doch ziemlich feſt, und die darin angebrachten Heffnungen, obgleich nur zum Zweck der Luft Zugang zu geſtatten, erleichterten ſeine Vertheidi⸗ gung. Das Innere der Hütte— dieſe Benennung war offenbar die bezeichnendere— war noch unan⸗ ſehnlicher als das Aeußere. An einer Seite der Mauer war ein Haufen Raſen, wahrſcheinlich zum Trocknen, aufgehäuft; an der anderu Seite war eine rohe Bank angebracht, und in der Mitte war Erde aufgeſchichtet und vertrat die Stelle eines Tiſches. Alick, nebſt pier Dragonern ſeines Regiments, die vom Schlachtfelde von Preſton entflohen waren und mit denen er unterwegs zuſammengetroffen war, ſaßen hier beiſammen. Vor ihnen hatten ſie Flaſchen mit Whisky und ſchwarzes Brod, die Ueberreſte des Mahles, das ſie ſoeben genoſſen hatten. Der ſpärliche Schein eines Lichtes, das in einer zerbroche⸗ nen Flaſche ſteckte, erhellte den düſteren Schauplatz. Alick ſaß wie auf Nadeln. Es war ſchon halb ein Uhr Nachts vorüber, die Zeit, in welcher das Werkzeug ſeines Verbrechens zurückzukehren ver⸗ ſprochen hatte, und noch war von ſeiner Annäherung nichts zu vernehmen. Wegen deſſen Sicherheit war er zwar nicht im Geringſten beſorgt, wohl aber fürchtete er für ſich ſelbſt und für den Erfolg ſeines Planes. Wenn nur dieſer ausgeführt war, dann kümmerte er ſich nicht darum, was aus ſeinem un⸗ würdigen Werkzeug geworden. Mehrmals hatte er die ſtark verrammelte Thüre geöffnet und war in die Nacht hinausgegangen, in der Hoffnung, etwas von dieſem zu entdecken. Der alte Dummkopf kann doch nicht den Weg verfehlt haben, auch kann ſein Attentat nicht miß⸗ lungen ſein, dachte er. Sein ſcheinheiliger Blick und ſeine grauen Haare vermöchten einen klügeren Kopf, als den eines Carl, zu täuſchen. Der Plan iſt zu gut angelegt, als daß er fehlſchlagen könnte. Die Geſchichte mit dem Becher muß Glauben finden.. An der Stärke des Giftes iſt gar nicht zu zweifeln; Madge beſitzt eine zu geſchickte Hand, als daß ihr die Zubereitung hätte mißglücken können. Ich bin übrigens begierig, wie die alte Hexe den Hieb auf⸗ genommen hat, den ich ihr verſetzte. 49 „Der Major ſcheint über etwas Ernſtem zu brüten,“ flüſterte einer der Leute ſeinem Camaraden zu, der ſich mit einem beifälligen Nicken begnügte, weil er wußte, daß ſein Officier den Ton keiner Stimme, als ſeiner eigenen, hören mochte, wenn er über ſeine Plane nachſann. „Noch eine Stunde lang will ich warten,“ ſagte Alick,„und dann gehen wir über die Berge nach Edinburg. Das Caſtell hält ſich noch, ſo viel ich weiß, und die Stadt iſt von den Rebellen geräumt. Wäre ich an Gueſt's Stelle geweſen, ſo hätte ich die aufrühreriſche Stadt in Aſche gelegt; aber ich vermuthe, daß Binton mit ſeinen Humanitäts⸗Rück⸗ ſichten ihn zurückgehalten hat. Dem Himmel ſei Dank, Cumberland wird bald eintreffen, und dann wollen wir ſehen, weſſen Rathſchläge befolgt werden.“ Ein dreimaliges Pfeifen und ein leiſes Pochen an der Thüre erweckten ihn aus ſeinem Nachdenken. Es war dieß das zwiſchen ihm und Murdoch verabredete Zeichen. Augenblicklich wurde die Thüre geöffnet, und der Elende kam, bleich wie der Tod und an alleu Gliedern zitternd/ hereingelaufen, denn er hatte noch eine gefährliche Rolle zu ſpielen. Alick riegelte eigen⸗ händig hinter ihm ab. „Wie blaß Sie ausſehen!“ bemerkte er mit be⸗ friedigtem Lächeln, denn er ſchloß aus des Elenden Aengſtlichkeit auf einen glücklichen Ausgang ſeines Planes.„Iſt es Ihnen geglückt?“ „Ja,“ ſtammelte der Mann. „Und er trank den Becher arglos aus?“ 4 Der junge Prätendent. III. 50 „Wie ein Kind.“ „Dem Himmel ſei Dank!“ murmelte Alick.„Dem Himmel ſei Dank!“ Selbſt die Soldaten, die doch an Auftritte der Grauſamkeit und des Blutvergießens gewöhnt waren, ſchauderten über dieſen gottloſen Dank und blickten ihren Officier mit Schrecken und Widerwillen an. „Haben Sie den Erfolg abgewartet?“ „Nein. Ich machte mich ſo bald als möglich aus dem Staube, aus Furcht, befragt zu werden, und eilte hieher, um meine Belohnung in Empfang zu nehmen.“ „Die ſollen Sie ſogleich haben,“ ſagte Alick mit Betonung, indem er zugleich einen Blick nach ſeinen Leuten warf, die ihn vollkommen verſtanden, denn ſie hatten bereits ihre Inſtructionen erhalten.„Nur zuvor noch eine Frage. Was veranlaßte Ihr Aus⸗ bleiben über die beſtimmte Stunde?“. „Ich traf in den Bergen ein Streifcorps und hielt es für das Beſte, dieſem aus dem Wege zu gehen.“ „Beſtand es aus Soldaten oder Hochländern?“ „Aus Hochländern,“ ſagte Murdoch.„Aber meine Belohnung— meine Belohnung?“ ſetzte er ungeduldig hinzu, denn jeder Augenblick, bis er wieder aus der Hütte und Denen, die er verrathen, aus dem Geſicht war, dehnte ſich für ihn zu einer Ewigkeit aus. „Da iſt ſie,“ ſagte Campbell, ſeine Börſe auf den Boden werfend;„nehmen Sie dieß, und machen Sie, daß Sie fortkommen.“ 51 Der Elende bückte ſich, um ſie aufzuheben; in demſelben Augenblicke zog aber einer der Leute ein Piſtol aus ſeinem Gürtel, hielt es ihm an das Ohr und drückte los, ſo daß ſein Gehirn an die Mauer ſpritzte. „Gut gemacht!“ ſagte Alick, der von dem Augen⸗ blicke an, in welchem er das Verbrechen erſonnen, über das Schickſal ſeines Werkzeugs entſchieden hatte. Obgleich er ſich nicht viel aus einem Verbrechen machte, ſo fürchtete er doch den Gedanken einer S„Hebt die Börſe auf, das Geld gehört euch.“ Auf ſeine Soldaten konnte Alick ſich wohl ver⸗ laſſen, weil jeder Einzelne von den in der Hütte Anweſenden irgend eine Blutſchuld oder ein Ver⸗ brechen begangen hatte, ſo daß deren Leben längſt in ſeine Hand gegeben war. „Ergreift eure Waffen,“ fuhr er fort.„Loßt den Hund liegen, wo er iſt; es iſt Zeit, daß wir uns auf den Weg machen.“ Es war zwiſchen Crawford und deſſen Freunden verabredet worden, daß ſie die Zurückkunft Murdoch's von der Hütte abwarten wollten, um ſich zu über⸗ zeugen, daß der Gegenſtand ihres Kachforſchens auch wirklich anweſend ſei, ehe ſie einen Angriff machten. Allmählig hatten ſie drei Seiten des Gebäudes um⸗ ringt und nur die vierte frei gelaſſen, weil dieſe, wie wir ſchon mittheilten, an den Steinbruch ſtieß, an den ſie angebaut war. Als ſie aber den Piſtolen⸗ ſchuß vernahmen, waren ſie feſt überzeugt, daß ſie entdeckt ſeien und der alte Mann ſeine Belohnung für ſeine doppelte Verrätherei erhalten habe; und ſo 52 fingen ſie an, an das Thor zu klopfen, indem ſie zugleich im Namen Carl Eduards, des Regenten von Schottland, Einlaß begehrten. „So wahr ich lebe, wir ſind verrathen!“ rief Campbell, todtenblaß werdend, denn er kannte die Stimme.„Dem Schurken iſt entweder nachgeſpürt worden oder hat er uns verrathen.“ „Laßt uns ein, oder wir ſtecken den Thurm in Brand!“ rief der Laird von Hinton aus. Zugleich wurden die Verſuche, die Thore mit Gewalt zu ſprengen, erneuert. „An die Schießſcharten, Lente,“ ſagte der Officier kaltblütig,„damit ſie uns nicht wie Hunde wider⸗ ſtandslos einfangen.“ Die Dragoner thaten, wie ihnen befohlen war, und feuerten ihre Piſtolen ab. Drei von den An⸗ greifern fielen. „Bedient dieſe Schurken, wie wir den wilden Fuchs in ſeinem Bau bedienen. Räuchert ſie her⸗ aus,“ ſagte Hinton. Augenblicklich wurde ein Haufen trockenen Haide⸗ krauts um das Gebäude gethürmt, trotz der Schüſſe ſeiner Beſatzung, welche jetzt übrigens, nach der erſten Salve, wenig Wirkung mehr thaten, weil die Hochländer ſich bückten und ſo die Kugeln über ſie hinflogen. Nachdem der Haufe hoch genug war, ließ Crawford eine nochmalige Aufforderung zur Ueber⸗ gabe ergehen. Eine Kugel aus Alick's Piſtol, welche ſeine Schläfe leicht ſtreifte, war die einzige Antwort, denn der Böſewicht wußte wohl, daß, wenn er ſich ergeben 53 würde, nur der Galgen auf ihn warte, dem er ſo eben erſt mit knapper Noth entwiſcht war. Ohne durch weiteres Parlamentiren Zeit zu ver⸗ lieren, zündeten die Hochländer den Haufen an und bald ſchlugen die Flammen über dem niedern Dache zuſammen. Die Hitze im Innern mußte unerträglich geworden ſein. „Halt,“ ſagte Campbell zu dem Manne, der durchaus die Thüre öffnen wollte— denn ſie waren dem Erſticken nahe—„noch iſt die Möglichkeit der tin vorhanden. Schafft den Raſenhaufen bei Seite.“ Die Leute thaten, wie ihnen befohlen, indem ſie eiligſt mit den Händen die Erde entfernten, und bald zeigte ſich eine Art von Keller, den die Schäfer in dem Berg ausgehöhlt hatten, um dort den heimlich zubereiteten Branntwein zu verbergen. Er war groß genug, um die ſämmtliche Mannſchaft in ſich aufzu⸗ nehmen, und glücklicher Weiſe war an der entgegen⸗ geſetzten Seite eine Heffnung angebracht worden, um den Rauch des Feuers hindurch zu laſſen, wenn hier das unerlaubte Geſchäft getrieben wurde. „Jetzt mag Alles zuſammenbrennen,“ rief Alick; „wir überliſten ſie doch.“ Zugleich kroch er mit ſeinen Soldaten in das Loch und verhielt ſich dort, trotz der Hitze, welche furchtbar war, ganz ſtille, trotz aller Aufforderung ſich zu ergeben. „Nun,“ ſagte der Laird von Hinton, als die Mauern der Hütte, die, wie bemerkt, halb von Stein, halb von Erde waren, zuſammenzuſtürzen anfingen, 54 „das iſt Geſchmacksſache; wenn Alick ſich lieber bra⸗ ten, als hängen läßt, ſo ſehe ich keinen Grund, weß⸗ halb wir ihn daran hindern ſollten.“ Kurz darauf ſtürzte das Dach ein, und von dem rothen Thurme war nichts mehr übrig, als ein rau⸗ chender Trümmerhaufen. „So ſollen alle Feinde unſres Prinzen zu Grunde gehen!“ riefen die Hochländer mit einſtimmigem Triumphgeſchrei; denn Keiner darunter dachte auch nur einen Augenblick an die Möglichkeit, daß einer der in dem Thurm Befindlichen lebend dem Brand entgangen ſein könne. Sodann nahmen ſie ihre Tod⸗ ten auf und ſtiegen langſam den Berg hinab, um nach Pinkie Houſe zurückzukehren. Als der Tag zu grauen anfing, brachen ein hal⸗ bes Dutzend Männer mit von Rauch geſchwärzten Geſichtern und verſengten und zerriſſenen Uniformen unter den Ruinen hervor. Nachdem ſie zuerſt ſorg⸗ fältig umhergeſpäht, um zu ſehen, ob ſie nicht beob⸗ achtet würden, eilten ſie an den nahen Fluß, um ihre ausgetrockneten Kehlen mit einem friſchen Trunke zu erquicken. „Wir haben ihnen eine Naſe gedreht, meine Jun⸗ gen,“ ſagte ihr Führer kaltblütig;„jetzt laßt uns 5 nach Edinburg eilen. Sobald wir dort ſind, ſoll Je⸗ der von euch zehn Guineen für die Mühſeligkeiten dieſer Nacht von mir erhalten.“ Ein ſchwacher Freudenruf beantwortete dieſes Verſprechen. „Unter einer Bedingung jedoch,“ ſetzte der Offi⸗ cier hinzu,„daß der ganze Vorfall geheim bleibt. Ihr kennt mich, Leute; ich bin ein zuverläßiger„ —,— 55 Freund für diejenigen, auf welche ich mich verlaſſen kann, und ein unverſöhnlicher Feind Derjenigen, die wortbrüchig werden. Dieſe Verſicherung mag euch genü⸗ gen, und ihr ſollt in mir ſtets einen Freund finden; ſollte ſich aber Einer unterſtehen— doch genug! Ich drohe niemals zweimal.“ An jenem Tage wurde General Gueſt durch das Erſcheinen Alick Campbell's höchlichſt überraſcht, den man ziemlich allgemein für todt oder zum Feinde übergegangen wähnte. Seine erſte Nachfrage galt Rawlins. „Er iſt ſchon ſeit einer Woche begraben,“ ſagte der General.„Man fand ihn erſchoſſen in Ihrem Hauſe in Linlithgow; vielleicht können Sie darüber Auskunft geben.“ „Wahrſcheinlich wurde er bei deſſen Vertheidigung getödtet,“ erwiderte der Flüchtling kalt.„Ich kann am allerwenigſten dafür verantwortlich gemacht wer⸗ den, denn ich bin im Stande, durch hundert Zeugen, wenn es nöthig iſt, zu beweiſen, daß ich um jene Zeit Gefangener in Holyrood war.“ „Und wie gelang es Ihnen zu entkommen?“ „Durch die Treue einer Perſon, die ich in meiner Wuth ſchlecht belohnte,“ antwortete Campbell, der von den Gefährten ſeiner Flucht in der Nacht ſeines Entwiſchens erfahren hatte, welch' thätigen Antheil Madge daran genommen.„Ich weiß aber ſchon, wie ich ſie wieder beſänftigen kann!“ Dießmal täuſchte er ſich aber in ſeiner Berech⸗ nung. Die Beleidigung, die er ihr zugefügt, und der Schlag, mit welchem dieſelbe begleitet war, ließ ſich nie aus dem Gedächtniß der ſeither ſo treuen und unglücklichen Madge verwiſchen. Der Gedanke daran zerfraß ihr Herz und quälte ihr Gehirn, bis Beide zu Grunde gingen. „Campbell,“ ſagte der General,„Ihr Eintreffen kommt mir ſehr gelegen. Ich ging eben mit mir zu Rathe, wen ich mit Depeſchen an die Regierung in London verſchicken ſolle, denn der Dienſt iſt eben ſo ehrenvoll, als gefährlich. Es iſt von höchſter Wich⸗ tigkeit, daß Seine Majeſtät ſo ſchnell als möglich er⸗ fährt, daß der abenteuerliche, unbeſonnene junge Mann ſich nach England in Marſch geſetzt hat.“ „Er wird nie dahin gelangen,“ erwiderte der Böſewicht kaltblütig, denn er war noch immer feſt überzeugt, daß ſein Anſchlag durch Murdoch gelun⸗ gen, und der Angriff auf die Hütte nur deßhalb aus⸗ geführt worden ſei, weil ſein Werkzeug von den Freunden des ermordeten Prinzen verfolgt worden war. „Woher wiſſen Sie dieß?“ „Was liegt daran, Herr General? Genug, daß ich es weiß. Dieſer Umſtand ſoll mich jedoch nicht abhalten, nach London zu gehen. Ich bin nicht müſſig geweſen, obgleich ich mehrere Tage Gefangener war. Ich habe wichtige Mittheilungen zu machen.“ „Wann ſind Sie bereit, ſich auf den Weg zu machen?“ „In ſechs Stunden.“ „Gut,“ ſagte General Gueſt.„In ſechs Stun⸗ den ſollen die Depeſchen bereit ſein.“ — — Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Ein ſtarker, unterſetzter Mann von kriegeriſchem Ausſehen ging in dem grünen Empfangzimmer des St. Jamespalaſtes in London, augenſcheinlich in nichts weniger als gemüthlicher Stimmung, auf und ab. Zuweilen ſtellte er ſeinen Spaziergang ein, um eine Bemerkung an einen Officier zu richten, deſſen reich verbrämtes Kleid und mehrere Orden einen Mann in ihm erkennen ließen, der keinen untergeordneten Rang am Hofe ſeines Souverains einnahm. Die erſtere dieſer beiden Perſonen war einfach gekleidet und Niemand anders, als der Herzog von Cumberland, der Lieblingsſohn Georg's des Zweiten. Die andere war ſein Mentor in der Kriegskunſt, der Feldmarſchall Wade. Beide erwarteten die Ankunft des Königs. „Bei meiner Ehre, Marſchall, das iſt zu koll! Das Königreich von einem Kriegseinfall bedroht, der Feind in vollem Anmarſch auf uns, und doch ſind unſere Reihen noch nicht einmal vollzählig. Die Miniſter ſind entweder Jacobiten oder Narren.“ „Vielleicht ſind ſie beides,“ erwiderte der alte Krieger. „Und der König iſt dergeſtalt mit ſeiner Maitreſſe beſchäftigt, daß er ſich um die Sicherheit ſeiner Krone wenig kümmert. Wäre mein Rath befolgt worden, ſo wäre ich augenblicklich in Schottland gelandet und hätte den Fantom Regenten in meine Retze getrieben; ein Regent,“ ſetzte der Herzog mit einem höhniſchen 58 Lächeln hinzu,„den nur eine Heerde halb Wilder anerkennt, welche, wenn man ſie gewähren läßt, plündern, wenn man ſich ihnen aber entgegenſtellt, davon laufen.“ „Es iſt nicht weiſe, einen Feind zu verachten,“ bemerkte der alte Militär, der eine beſſere Meinung von den Hochländern hatte als der Prinz. „Aber einen ſolchen Feind, Marſchall, halb nackt und halb bewaffnet! Wie man mich benachrichtigt, ſo beſteht der Artilleriepark des Prätendenten aus nicht mehr als dreißig Kanonen.“ „Dieſe genügen, wenn ſie gut bedient werden.“ „Und wer ſoll ſie denn bedienen?“ fragte der Prinz ungeduldig.„Dieſer ſogenannte Regent beſitzt nicht Einen Officier von Auszeichnung unter dem Geſindel, das er ſeine Armee nennt.“ „Und doch hat er damit Cope geſchlagen,“ be⸗ merkte der Marſchall. —„Cope war ein Narr, daß er ſich in ein Gefecht einließ, ſo lange er nur ungeübte Rekruten entgegen⸗ zuſtellen hatte. Dieſe Niederlage hat dem jungen Mann eine lächerliche Wichtigkeit verliehen, welche weder deſſen Talente, noch Erfahrungen rechtfertigen. Hätte er wohl auch Sie geſchlagen?“ fuhr der Herzog fort,„oder mich? Mit einem einzigen Regiment unſerer Veteranen würde ich ihn, wie ein Rothwild, durch die Hochlande jagen.“ Der Marſchall lächelte im Stillen. Er ſah, daß ſein erhabener Zögling eiferſüchtig auf den Ruf war, den ſein jugendlicher Nebenbuhler ſich erworben hatte; aber er war ein zu alter Veteran, als daß er ſeine 59 Gedanken auf ſeinem Geſichte hätte bemerkbar wer⸗ den laſſen. „Uebrigens,“ fuhr der Prinz fort,„weßhalb ſoll ich mich um das Geſchick eines Landes kümmern, das zu regieren ich nie Ausſicht habe, in deſſen Rath mir nicht einmal Zutritt geſtattet iſt? Der König und ſeine Miniſter haben ſo eben noch drei lange Stunden debattirt, ob mir das Commando über die Expedition anvertraut werden ſolle oder nicht. Wenn man es mir verweigert, ſo habe ich große Luſt, die Waoffen für den Prätendenten zu ergreifen. Ich weiß aber wohl, wem ich dieß zu danken habe: Niemand Anderem, als der verhaßten Gräfin von Königsſtein, Vaters Herz feſter, als er ſeinen Scepter, lenkt.“ Der Marſchall machte ein verdrießliches Geſicht, ſchwieg aber ſtill. Der Name der Gräfin wurde am Hofe nie anders als mit der höchſten Achtung ge⸗ nannt. Ihr Einfluß auf den König war unbegrenzt, und wie vertraut auch Georg der Zweite mit ſeiner nächſten Umgebung und ſeinen Günſtlingen war, ſo würde er Jeden mit der höchſten Ungnade beſtraft haben, der ſich herausgenommen hätte, von der Dame oder deren Anhänglichkeit an ihn leicht zu ſprechen, ein Verhältniß, das die geſchmeidigen Hofleute für ein platoniſches auszugeben ſich bemühten. Ueber⸗ dieß war dieſe Anklage höchſt ungerecht, denn die Dame fühlte ſich durch die ihr zu Theil werdenden Auszeichnungen gedrückt und protegirte, ſo viel man wußte, wenigſtens Niemand offen und enthielt ſich jeder Einmiſchung in die Politik. Ihren Reichthum verwendete ſie zu wohlthätigen Spenden, und wenn 60 je der Schleier der Beſcheidenheit ein Unrecht zu ent⸗ ſchuldigen vermag, ſo hatte die junge Gräfin dieſe Entſchuldigung für ſich, denn ſie ſchien ſich ihrer eigenen Größe zu ſchämen. „Ich weiß,“ fuhr der Herzog fort,„daß ſie ein großer Liebling von Ihnen iſt. Das iſt aber kein Grund für Sie, deßhalb ungerecht gegen mich zu ſein.“ „Eure Hoheit iſt gegen ſich ſelbſt ungerecht. Es gibt andere Gründe, welche in dieſer Sache im Rathe in die Wagſchaale fallen, und an welchen die Dame, die Sie genannt haben, meiner Ueberzeugung nach, keinen Antheil hat.“ „Was ſind das für Gründe?“ fragte der Herzog ungeduldig. „Ihre nahe Anwartſchaft auf die Krone, für den Fall, daß Ihres verewigten Bruders Kinder ſterben ſollten. Die Freunde der verwittweten Kronprinzeſſin ſehen mit eiferſüchtigen Augen auf Ihren Einfluß in der Armee.“ „Ja, ich glaube, daß meine Soldaten mich lieben,“ erwiderte der Prinz, der die Richtigkeit der Bemer⸗ kung des Marſchalls nicht in Abrede ziehen konnte. „Aber was macht dieß? Hält man mich denn für ſo unbeſonnen, daß man mir einen Verſuch zur Aen⸗ derung in der Nochfolge, oder meinen Vater für ſo ſchwach, daß man dieſem die Beihilfe hiezu zutraut?“ „Sie ſind ſein Lieblingsſohn,“ verſetzte der Mar⸗ ſchall trocken,„und Fälle dieſer Art ſind in England ſchon vorgekommen. Der Beweis hiefür iſt der Act, welcher Ihre erhabene Familie auf den Thron brachte.“ 61 „Ein Act dieſer Art wird von mir nie verſucht werden,“ bemerkte der Herzog haſtig,„weil—“ „Weil das Land ſich demſelben widerſetzen würde,“ ergänzte der Marſchall, als der Prinz zögerte, den Grund auszuſprechen. „Und Sie als einer der erſten darunter vielleicht,“ bemerkte Seine Hoheit, ſein kaltes graues Auge mit fragendem Ausdruck auf des Marſchalls Geſicht hef⸗ tend, wie wenn er darin hätte leſen wollen, was in deſſen Innern vorgehe. Wade war mehr Soldat als Staatsmann, und ſo erwiderte er mit ſoldatiſchem Freimuth, daß er gewiß nicht unter die Letzten gehöre, die ſich an den Huldigungseid erinnern würden, welchen ſie ſowohl dem regierenden Souverain als deſſen rechtmäßigem Nachfolger geleiſtet hätten. „Halten Sie ihn!“ rief der Prinz ungeſtüm,„bis ich von Ihnen verlange, daß Sie ihn brechen ſollen; bis dahin kann es aber noch lange genug anſtehen. Dieß iſt die Narrheit von Bute's*) Anhang, welcher mir Abſichten unterſchiebt; die nur in ſeinem arm⸗ ſeligen Gehirn exiſtiren. Nein, Wade, nein; mein Lebensweg war bisher immer der der Loyalität und der Ehre, und wird es auch bis an mein Ende bleiben.“ Hier wurde die Unterredung durch einen Thür⸗ ſteher unterbrochen, der die Flügelthüren öffnete und *) Kammerherr und Erzieher des Kronprinzen, des nachmaligen Königs Georg des Dritten. D. B. — mit lauter Stimme ausrief:„Der König!“ Unmittel⸗ bar darauf trat Georg der Zweite in das Gemach. Seine Majeſtät war ein ſchmächtiger, ſchlau aus⸗ ſehender Mann, der bereits die Mittagslinie des Lebens überſchritten hatte; doch war er noch ſehr rüſtig, und wenn er zu Pferde ſaß, war er im Stande, manchen jungen Mann zu beſchämen. Sein Anzug beſtand aus einem dunkelgrünen Sammtrock mit Silber geſtickt. Seine Strümpfe waren nach der damaligen Mode über die Kniee und über die kur⸗ zen Beinkleider hinaufgezogen; dazu trug er Schuhe mit rothen Abſätzen und große diamantene Schnallen daran. Auf ſeiner Bruſt glänzte der Stern des Hoſenbandordens. Sowohl ſein Sohn, als der Marſchall, ſtanden bei ſeinem Eintritte aufrecht wie Statuen da und warteten, bis er ſich niedergelaſſen, ehe einer von Beiden zu ſprechen wagte; denn der König war im Etiquettepunkt ſehr ſtrenge, und nur bei Damen ge⸗ ſtattete er eine Ausnahmé. Er war es, der in Eng⸗ land das ſteife, ceremoniöſe Weſen eingeführt hatte, welches noch heutzutag am Hofe von St. James ſeine Geltung hat. „Ich ſchmeichle mir, Sire,“ ſprach der Herzog von Cumberland, ſich verbeugend,„daß Eure Majeſtät deßhalb gekommen iſt, um mir meinen Abgang zur Armee zu verkündigen. Dieſes Zögern von Seite Ihrer Miniſter läßt auf eben ſo wenig Loyalität als Klugheit dieſer Herren ſchließen.“ „Ungeduldig! Mein Himmel, immer ungeduldig!“ rief der König.„Man ſollte glauben, Du hätteſt nichts Eiligeres zu thun, als dieſem thörichten jungen 63 Mann eine hohe Wichtigkeit in den Augen der Welt beizulegen. Gibt es denn nicht Generale genug, die ausziehen und Carl Eduard gefangen nehmen können ohne Dich? Mein Sohn, Du biſt zu hitzig!“ „Und Eure Majeſtät läßt ſich zu leicht überreden. Wäre ich König von England, ſo würde ich dieſen Inſulanern zeigen, daß ich ihr Herr ſei und die Zügel ſelbſt zu führen verſtehe.“ „Hören Sie ihn, Wade, hören Sie ihn?“ Der Marſchall begnügte ſich mit einem Achſel⸗ zucken, weil er ſich in die Sache nicht miſchen wollte. „Mein Wille müßte Geſetz ſein und nicht der meiner Miniſter,“ fuhr der junge Mann fort. „Und die Verfaſſung,“ bemerkte der Monarch. „Du vergißſt die Verfaſſung. Mein Himmel, Du würdeſt in einem Jahre eine zweite Revolution ver⸗ anlaſſen.“ „Das wäre beſſer, als der Sclave der erſten zu ſein. Wäre ich König—“ „Du wirſt aber nie König werden,“ bemerkte ſein Vater gelaſſen;„es ſtehen zu Viele zwiſchen Dir und dem Throne, als daß Du darauf Dir Hoff⸗ nung machen könnteſt.“ „Ich hoffe es auch nicht.“ „Und erwarteſt es auch nicht?“ „Ich erwarte es auch nicht,“ rief der Herzog von Eumberland bitter aus, indem er zugleich ſorg⸗ fältig die Begegnung des Auges des alten Kriegers mied, weil die ſo eben mit dieſem geführte Unter⸗ redung jenen Punkt äußerſt delicat machte. „Vielleicht nicht, vielleicht nicht.“ 64 „Aber ich nehme großen Antheil an den Intereſſen meiner Familie und an der Sicherheit meines Lan⸗ des,“ fuhr der junge Mann fort,„und es drückt mich, daß ich mich zum Nichtsthun verurtheilt ſehe, während der Sohn Ihres Nebenbuhlers durch ſeine Thätigkeit und Energie ſich die Achtung von Leuten aus allen Ständen erwirbt. Wäre ich lieber in Deutſchland geblieben, wo ich wenigſtens nützlich war.“ „Und Du wirſt es auch hier ſein, ſobald der junge Mann die Grenze überſchreitet,“ fiel ihm der König ungeduldig in's Wort.„In dieſem Falle ver⸗ ſpreche ich Dir, daß Du das Commando über die Armee erhalten ſolleſt.“ „Trotz Ihren Miniſtern?“ „Dem Teufel zum Trotz!“ rief der König,„ſo⸗ bald der entſcheidende Augenblick kommt. Ich will ihnen dann zeigen, daß ich König bin und meinen eigenen Willen habe.“ „Marſchall, Sie ſind Zeuge des wohlerwogenen Verſprechens Seiner Majeſtät.“ Wade verbeugte ſich abermals tief. Georg der Zweite fühlte ſich über den Zweifel beleidigt, der darin lag, daß ſein Sohn es für nöthig fand, einen Zeugen hiefür anzurufen. Er ſtand deßhalb mit gro⸗ ßer Würde auf, indem er bemerkte: „Im Guten und Schlimmen habe ich noch immer mein Dir gegebenes Verſprechen gehalten. Zwinge mich aber nicht ein Wort auszuſprechen, das Du be⸗ dauern müßteſt.“ „Das wird nicht geſchehen, wenn nicht jener ver⸗ verhängnißvolle Einfluß ſich geltend macht, der ſeit 65 Jahren meinen Lebensweg durchkreuzt und ſich zwi⸗ ſchen Ihren Sohn und Ihr königliches Wort geſtellt hat,“ erwiderte der junge Mann ungeſtüm. „Kein Wort weiter,“ ſagte der König gebieteriſch. „Ich laß mir von meinem Sohne nichts vorſchreiben. Du verfehlſt Dich in der Achtung gegen mich, unge⸗ horſamer Knabe!“ „Sire!“ „Schweige.— Folgen Sie mir, Wade. Laſſen Sie uns dieſen rebelliſchen jungen Mann verlaſſen, um ihm Zeit zum Nachdenken über ſein heftiges Temperament zu gönnen. Ich will Dich nicht früher wieder ſehen, bis Du in Dich gegangen und geneigt biſt, für die zugefügte Beleidigung Abbitte zu leiſten. Dann erſt ſoll der Herzog von Cumberland ſich wie⸗ der vor dem Könige einfinden.“ Mit dieſen Worten verließ der König das Zim⸗ mer, von dem Marſchall gefolgt, der während des Wortwechſels in einer höchſt peinlichen Lage ſich be⸗ funden hatte, in welche ihn ſeine Vorliebe für den Prinzen und der Reſpect vor ſeinem König geſetzt. Er wußte beſſer als der Herzog, daß die Gräfin von Königsſtein an ſeinen vereitelten Hoffnungen keine Schuld trug und daß bloß die Miniſter die Veran⸗ laſſung waren, welche nicht wollten, daß der Auf⸗ ſtand, wie große Ausdehnung derſelbe zu nehmen auch den Anſchein hatte, durch einen General ge⸗ dämpft würde, der nicht von ihnen abhinge. Der Herzog von Cumberland war völlig in dem⸗ ſelben Alter wie Carl Eduard, gerade fünfundzwanzig Jahre; aber er beſaß nicht die gleiche perſönliche An⸗ Der junge Prätendent. III. 5 66 muth, da er zu corpulent und ziemlich ſchwerfällig war; auch waren ſeine Manieren rauh und ungefällig. Da man von einem Schottländer keine unpar⸗ teiiſche Beſchreibung deſſelben erwarten kann, ſo wol⸗ len wir anführen, was Lord Mahon von ihm ſagt: „Seinen Character ſchmückten mancherlei Tugen⸗ den; ſeine Geſinnungen waren ehrenwerth. Gegebene Verſprechen hielt er feſt, und an ſeine Freunde war er auch anhänglich. Er war ein pflichtgetreuer Sohn und freigebiger Gönner. Als Militär war er ſeinem Stande enthuſiaſtiſch zugethan, deſſen Einzelnheiten er gründlich ſtudirt hatte, und ſeine Fähigkeiten vet⸗ dienten ſelbſt zu einer Zeit Lob, in welcher, in Eng⸗ land wenigſtens, militäriſches Verdienſt keine Gelegen⸗ heit fand ſich geltend zu machen. Seine unermüd⸗ liche Thätigkeit und ſein hoher, perſönlicher Muth würden übrigens in jeder andern Periode gerechten Beifall gefunden haben. Leider ließ er aber, wie ſeine eigenen Freunde beklagen, ſein Urtheil zu oft durch ſeine Leidenſchaften leiten, welche nicht ſelten heftig und unlenkbar waren. Gegen ſeine auswär⸗ tigen Gegner zeigte er keine ungebührliche Härte und gegen ſeine Soldaten zuweilen großes Mitleid. So that er zum Beiſpiel bei ſeiner Ankunft in Edinburg den grauſamen Hinrichtungen Hawley's augenblick⸗ lichen Einhalt, obgleich ſeine eigene Armee oft, in Folge ſeiner Hitze und Strenge, Alles niedermachte und er Rebellen ſo unbarmherzig behandelte, als ob es keine Menſchen, ſondern Wölfe wären. Für In⸗ ſurgenten gab es vielleicht nie einen unbarmherzigeren Feind als ihn. Wegen der Blutthaten in Schott⸗ land, die zum Theil auf ſeine eigenen Befehle aus⸗ 67 geführt, zum Theil von ihm überſehen wurden, brand⸗ markten ihn ſeine Zeitgenoſſen mit dem ſchimpflichen Beinamen:„der Henker;“ und der Geſchichtſchreiber, der ſeine Mitſchuld nicht in Abrede ziehen kann, muß dieſen Namen wiederholen und beſtätigen.“ „Ich muß dieß ertragen,“ murmelte der Herzog, ſobald er allein war,„denn mein königlicher Vater iſt ſo hartnäckig, wie ein Maulthier, wenn er ſich einmal etwas in den Kopf geſetzt hat. Wenn nur die Franzoſen landeten!“ fuhr er mit bitterem Lä⸗ cheln fort;„dann wollten wir ſehen, ob ſich noch ein Miniſter findet, der meine Dienſte entbehren zu können glaubt.“ Wenn man an die Erfahrungen denkt und die Erfolge im Auge behält, welche die Waffenthaten des jungen Generals in Deutſchland dadurch errun⸗ gen, ſo wird des Herzogs Selbſtſchätzung nicht als zu groß erſcheinen, namentlich wenn man noch in Be⸗ tracht zieht, daß er erſt fünfundzwanzig Jahre alt— und ein Prinz war. Der König ſaß an jenem Abend, umgeben von einigen Günſtlingen und Freunden— wenn Könige überhaupt Freunde beſitzen— bei ſeinem Lieblings⸗ ſpiele, dem Landsknecht. Er war nicht in der beſten Laune, denn der Auftritt von heute Morgen hatte ihn aufgeregt. Die Hofleute ſchrieben dieß, vielleicht nicht mit Ungrund, der Abweſenheit der Gräfin von Königs⸗ ſtein zu, die ſich in der Nähe von Burton zum Ge⸗ brauch einer Badecur aufhielt und deren Geſundheit in letzterer Zeit die Leibärzte ſehr beunruhigt hatte. 68 Nach umlaufenden Gerüchten ſollte ſie von einer Nebenbuhlerin in Deutſchland Gift erhalten haben; ja, es gab ſogar Leute, welche meinten, der Herzog von Cumberland habe es ihr beibringen laſſen, deſ⸗ ſen Haß gegen ſie am ganzen Hofe bekannt war. „Wie verſtimmt Seine Majeſtät heute Abend ſcheint,“ bemerkte die Gräfin von Sunderland, eine ſchöne, ſtattliche Frau, gegen die Herzogin von Rich⸗ mond, die mit ihr auf einem Sopha in einem ent⸗ fernten Winkel des Zimmers plauderte. „Vielleicht iſt es die Favoritin, welche den König beſorgt macht,“ bemerkte Ihre Gnaden. „Oder der junge Prätendent,“ erwiderte die Gräfin. „Nennen Sie ihn Prätendent?“ verſetzte die Her⸗ zogin.„Es wundert mich übrigens nicht, denn es trifft ſich ſelten, daß die Frau die Sympathien des Gemahls theilt.“ —„Still! Nur keine Politik.“ „Sie haben Recht,“ ſagte die Lady;„Scandal iſt viel ſicherer. Sie haben doch wahrſcheinlich von dem Streit des Herzogs mit ſeinem Vater gehött. Wade erzählte es Lord Charles Somerſet als ein großes Geheimniß und—“ Hier machte die ſchöne Herzogin ungeſchickter Weiſe eine Pauſe, welche die Gräfin, gut gelaunt, für ſie ausfüllte. „Dieſer theilte es als ein großes Geheimniß Eurer Gnaden mit. Sehr natürlich, denn Männer be⸗ dürfen irgend ein Ohr der Freundſchaft, in welches ſie ihr Vertrauen gießen. Ohne Zweifel wählen ſie hiezu gewöhnlich uns Frauen, weil ſie große Ver⸗ räther unter einander ſind.“. 69 Die weitere Unterredung wurde in dieſem Augen⸗ blicke durch einen Thürhüter unterbrochen, welcher die Flügelthüren aufriß und mit lauter Stimme Seine königliche Hoheit den Herzog von Cumber⸗ land meldete. „Ich glaubte,“ ſagte Lady Sunderland,„Seine Majeſtät habe ihm verboten, vor Ihrem Antlitz zu erſcheinen.“ „Ah!“ rief die Herzogin mit ſchlauem Lächeln, „Sie haben alſo auch Ihren Vertrauten? Lord Charles hat mir davon nichts geſagt. Sie haben Ihre Rachricht von Wade.“ Die Gräfin biß ſich, über ihre Unbedachtſamkeit verdrießlich, auf die Lippen und ſchwieg ſtille. Der ganze Hof war über das Erſcheinen des Herzogs erſtaunt. Es war allgemein bekannt, daß zwiſchen ihm und ſeinem Vater ein Streit ſtattge⸗ funden hatte. Der König hatte auf ein Paar Anfragen, welche nur Damen zu machen gewagt, trocken geantwortet, daß er nicht erwarte, den Herzog heute Nacht zu ſehen. Sein Erſtaunen über deſſen Erſcheinen war daher eben ſo groß, wie ſein Aerger. Er warf ſeine Karten ſo heftig auf den Tiſch, daß die vor ihm aufgehäuften Goldſtücke auf den Boden rollten, und heftete einen kalten, ſtrengen Blick auf den Eindring⸗ ling, der ſich feſt, aber reſpectvoll dem königlichen Stuhle näherte. „Eure Majeſtät wird mir gewiß meine Zudring⸗ lichteit verzeihen, wenn dieſelbe die Urſache erfährt. Darf ich vielleicht auf einen Augenblick um eine ge⸗ heime Unte rredung bitten?“ 70 „Morgen im Rathe,“ erwiderte der König barſch. „Verzeihen Sie, Sire, es muß aber heute Nacht noch ſein.“ „Es muß ſein!“ „Eure königliche Hoheit vergeſſen, daß Sie mit dem König von England ſprechen,“ bemerkte der Rathspräſident, der ſich ganz beſonders der Ernen⸗ nung des Prinzen zum Armee-Commandanten wider⸗ ſetzt hatte. „Und Sie ſcheinen zu vergeſſen, daß Sie mit dem Sohne Ihres Souverains ſprechen,“ erwiderte der junge Mann ſtolz,„den Sie in Ihrer Einfalt hinter⸗ gehen wollen. Sire, der Feind iſt in Carlisle; die Stadt iſt in die Hände der Rebellen gefallen. Die Anhänger des Hauſes Stuart vermehren ſich ſtündlich und der Thron wankt unter Ihren Füßen. Wäre es mir vergönnt geweſen, ſo hätte ich Ihnen dieſe Nachricht im Geheimen mitgetheilt; jetzt wird ſie aber morgen das Stadtgeſpräch von London ſein.“ Die Beſtürzung des Königs und ſeines Miniſters über dieſe unerwartete Nachricht war groß. Der Erſtere vergaß ſeine beleidigte Würde, der Letztere ſeine Einwendungen gegen den Herzog, der ihm auf's Ernſtlichſte verſicherte, daß er ihn mit ſeinem Kopfe für den Erfolg des Rathes verantwortlich halte, den er ſeinem Vater ertheilt habe. „Mein Kopf, Eure Hoheit,“ erwiderte der Edel⸗ mann, bemüht ruhig zu ſcheinen,„ſitzt ſo ſicher auf meinen Schultern, als die Krone auf der Stirne meines erhabenen Herrn.“ „Vielleicht doch nicht,“ ſagte der Prinz, ihn finſter firirend;„denn wäre ich ſicher von Dem über⸗ 71 zeugt, was ich vorerſt bloß vermuthe— daß Sie mehr ein Schurke als ein Narr ſind— ſo ließe ich ihn abſchlagen, in der feſten Zuverſicht auf mein Schwert oder eine Freiſprechungs⸗Bill von Seite des Parlaments.“ „Die Nachricht kann falſch ſein,“ ſagte der Miniſter. „Nein, ſie iſt es nicht!“ rief Georg der Zweite; „mein Sohn würde nicht auf ſolche Weiſe ſeinen Pater beleidigen oder ſeine Ehre durch eine Lüge beflecken.“ Der Herzog verbeugte ſich achtungsvoll. „Wade,“ ſagte der König,„Sie werden ſich heute Nacht noch nach dem Norden auf den Weg machen.“ „Meine Vorbereitungen ſind bereits getroffen, Eure Majeſtät,“ antwortete der alte Militär.„In einer Stunde werde ich zu Pferde ſitzen.“ „Und Sie, Cumberland, morgen früh. Schicken Sie nach meinem Lordkanzler,“ fuhr Seine Majeſtät fort.„Ich will mich nicht eher ſchlafen legen, als bis ich die Beſtallung unterzeichnet habe. Kein Wort, Mylord,“ bemerkte er gegen den Präſidenten, als er dieſen zögern ſah.„Dießmal iſt es an mir, zu befehlen, und an Ihnen, zu gehorchen. Ich wieder⸗ hole, daß ich mich nicht ſchlafen legen will, bevor ich die Beſtallung unterzeichnet habe.“ „Mit unbeſchränkter Vollmacht?“ ſagte ſein Sohn fragend. „Mit unbeſchränkter Vollmacht,“ erwiderte Georg der Zweite.„Ich laſſe mir den Scepter nicht aus en ſpielen; im Nothfalle zieh' ich ſelbſt in's Fe. 72 Noch in derſelben Nacht wurde die Beſtallung unterzeichnet, und der Herzog von Cumberland, aus⸗ gerüſtet mit Vollmachten, ſo ausgedehnt, als die Krone nur ſie zu gewähren vermochte, reiste am fol⸗ genden Tage nach dem Norden ab, wohin der Mar⸗ ſchall Wade ihm bereits vorangegangen war. „Mein Himmel!“ rief der König, als er ſich wieder allein in ſeinem Cabinet befand,„die Gräfin iſt in der Nähe des Nordens; was ſoll aus mir werden, wenn ſie den Rebellen in die Hände fällt?“ Noch ehe er ſich zur Ruhe begab, wurde der Earl von St. Germain, einer der dienſtthuenden Kammerherren, nebſt einer Escorte nach Burton ge⸗ ſchickt, mit dem gemeſſenſten Befehl, auf jede Gefahr hin die Gräfin ſicher nach London zu bringen. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Zur Zeit ſeines Einfalls in England war die Armee Carl Eduard's im beſten Zuſtande und ver⸗ ſehen mit allen Nothwendigkeiten für einen regel⸗ mäßigen Feldzug. Die Leute waren durch ihren langen Aufenthalt in Edinburg ausgeruht, gut ge⸗ kleidet und gut bezahlt; ſie führten Mundvorrath auf vier Tage mit ſich und ihr Gepäck wurde auf hundert und fünfzig Wägen und eben ſo vielen 73 Saumroſſen transportirt, welche große Körbe auf dem Rücken trugen. Beim Beginn dieſes eigenthümlichen Marſches be⸗ trug die Zahl der Inſurgenten etwa ſechstauſend Mann, darunter fünfhundert Reiter und dreitauſend Hochländer. Dreizehn Regimenter, von denen aller⸗ dings einige klein waren, beſtanden aus den Clans der Hochlande; fünf etwas zahlreichere Regimenter waren aus Niederländern zuſammengeſetzt; hiezu kamen noch zwei Abtheilungen Garde zu Pferd, welche regelmäßige Uniformen trugen und von den Lords Elcho und Balmerino geführt wurden. Die hoch⸗ ländiſchen Regimenter wurden von ihren Häuptlingen commandirt und die Officiersſtellen darin bekleideten deren Verwandte. Jedes Regiment hatte zwei Capi⸗ taine, zwei Lieutenants und zwei Fähndriche. Am Freitag Abend des 1. November machte ſich ein großer Theil der Armee unter dem Commando des Lords Georg Murray auf den Weg nach Peebles, in der Abſicht, nach Carlisle über Moffat vorzu⸗ dringen. Der Reſt verließ Dalkeith am dritten; an ihrer Spitze marſchirte Carl Eduard, die Tartſche über der Schulter. Die beiden vorhergehenden Nächte hatte er im Palaſt des Herzogs von Buccleuch zu⸗ gebracht. Als der Prinz am folgenden Morgen am Park⸗ thore von Preſton Hall vorüber kam, fand er ein für ihn, auf Befehl der Herzogin von Gordon, zu⸗ bereitetes Frühſtück vor, für welchen Act der Gaſt⸗ freundſchaft Ihre Gnaden einen Jahrgehalt von tau⸗ ſend Pfund einbüßte, der ihr von der Regierung 74 dafür verwilligt worden war, daß ſie ihre Kinder im proteſtantiſchen Glauben hatte erziehen laſſen. Am 6. November concentrirte Carl ſeine Streit⸗ kräfte vor Carlisle, einer Stadt, welche ſich einſt rühmen konnte, das Bollwerk Englands gegen die Einfälle der Schotten geweſen zu ſein, deren Befeſti⸗ gungen aber jetzt veraltet und nicht im beſten Zuſtande waren. Man hatte überhaupt die Befeſtigung der Städte im Norden mehr vernachläßigt, als die Klug⸗ heit geboten hätte, und das Anrücken der Hochländer kam ſo unerwartet, daß Carlisle ſich eingeſchloſſen ſah, nachdem man erſt ſeit etwa vier oder fünf Tagen irgend eine Gefahr ahnte. Die Stadt war durch ein altes Caſtell geſchützt, in welchem eine Compagnie Invaliden lag, und von einer alten verfallenen Mauer umgeben, welche jetzt die Bürger im Verein mit einer beträchtlichen Ab⸗ theilung Miliz beſetzten, welche in Weſtmoreland und Cumberland zuſammengerafft worden war. Am 9. erſchien eine Abtheilung Reiter des Prin⸗ zen bei Stawix⸗bank, um die Stadt zu recognosciren; doch entfernte ſie ſich ſogleich wieder, als von den Mauern aus auf ſie gefeuert wurde. Am nächſten Morgen paſſirten die Inſurgenten an mehreren Fuhrten den Fluß Eden und umzingelten die Stadt von allen Seiten. Der Prinz ſchickte einen Brief an den Mayor, worin er dieſen aufforderte, die Stadt friedlich zu übergeben, um Blutvergießen zu erſparen, was im Falle einer Weigerung unvermeidlich wäre. Dieſer Beamte, welcher der regierenden Dynaſtie ergeben war, antwortete darauf mit einer Kanonen⸗ ſalve auf die Belagerer. „Es iſt gut,“ ſagte Carl Eduard, als er hörte, auf welche Weiſe ſein Anerbieten aufgenommen worden war.„Ich hätte gern das Blut der bethörten Unterthanen meines königlichen Vaters geſchont; es ſoll aber nicht ſein. Morgen rücken wir zum Sturme vor.“ Ein lautes Freudengeſchrei von Seite ſeiner Officiere war die Antwort auf dieſen Entſchluß. Nachdem eine Anzahl Leitern, Faſchinen und Wägen im Gehölz der Parke von Corby und War⸗ wick zubereitet worden war, erſchien das Belagerungs⸗ Corps wieder in voller Stärke vor der Stadt am Nachmittag des 13. und errichtete eine Batterie, vierzig Toiſen vor den Mauern. Der Herzog von Perth und Lord Georg Murray arbeiteten ſelbſt in Hemdärmeln in den Trancheen, um dadurch die Trup⸗ pen aufzumuntern. Während dem feuerte die Garniſon der Stadt unaufhörlich, ohne aber großen Schaden anzurichten. Am folgenden Tage aber fühlten ſie ſich, einge⸗ ſchüchtert durch die furchtbaren Zurüſtungen und ermüdet durch das unausgeſetzte Wachen mehrere kächte hindurch, geneigt, die Stadt zu übergeben. Im Augenblicke, als die Belagerer Anſtalt trafen, zum Sturm zu ſchreiten, wurde daher eine weiße Fahne aufgeſteckt und um die nöthige Zeit gebeten, die Stadt übergeben zu können. Die Feindſeligkeiten wurden eingeſtellt und ſogleich ein Reitender nach Brampton geſchickt, um den Be⸗ ſchluß des Prinzen einzuholen, der, eingedenk des . 76 Vorgangs in Edinburg, in keine Bedingungen willigen wollte, in welche nicht auch das Caſtell eingeſchloſſen ſei. Als dieß der Garniſon mitgetheilt wurde, be⸗ ſchloß Oberſt Durand, der Commandant der Veſte, den Platz mit der Stadt zu übergeben. Am 15. um zehn Uhr Morgens wurden die Thore von Carlisle geöffnet, und manch' tapferer Mann marſchirte wohlgemuth unter dem Gewölbe hindurch, auf deſſen Zinnen in nicht gar langer Zeit ſein Kopf zum abſchreckenden Beiſpiele für Andere paradiren ſollte. Als dem Herzog von Perth die Unterwerfung der Garniſon mitgetheilt wurde, ſchüttelte er den Leuten die Hand, ſagte ihnen, ſie ſeien wackere Burſche und ſtellte ihnen frei, in ſeine Dienſte zu treten. Zugleich verſicherte er ſich ſämmtlicher Waffen der Miliz und Garniſon, einer beträchtlichen Anzahl von Kanonen auf dem Caſtell und etwa zwei⸗ hundert guter Pferde. Eine große Anzahl von Gegen⸗ ſtänden von Werth, welche der Sicherheit wegen von dem benachbarten Adel hieher geflüchtet worden waren, fielen ebenfalls in ſeine Hände; dieſelben ſollen aber ſpäter ihren Eigenthümern wieder zurückgegeben worden ſein. Am folgenden Tage wurde der alte Chevalier und ſein Sohn in Gegenwart des Mayors und der Aldermen öffentlich in den Straßen ausgerufen und zugleich ein neues Document unter dem Titel einer Erklärung Seiner Majeſtät an ſeine engliſchen Unterthanen verleſen. Zwar wurde Carl in Carlisle nicht gerade mit großer Zuvorkommenheit aufgenommen, aber die Beſit⸗ 3 77„ Ergreifung einer Stadt von ſolcher Bedeutung nach einer ſo kurzen Belagerung verlieh ſeinen Waffen einen großen Glanz und vermehrte die Beſorgniſſe der Regierung. Siebenundzwanzigſtes Kapitel.. Eine plötzliche Wolke des Trübſinns machte ſich auf dem ſchönen Geſicht des jungen Chevaliers be⸗ merkbar, als er unter dem Portal des Schloſſes durchritt. Es ſfiel ihm ein, daß ſeine ſchöne und unglückliche Vorfahrin hier gefangen gehalten worden war, als ſie das erſte Mal als Flüchtling nach Eng⸗ land kam, um die verrätheriſche Gaſtfreundſchaft ihrer grauſamen Baſe Eliſabeth in Anſpruch zu nehmen. Der Herzog von Perth, der in ſeiner Nähe war, errieth die Gedanken, mit denen ſeine Seele ſich beſchäftigte. „Die Königin,“ ſprach er,„floh vor ihren rebel⸗ liſchen Unterthanen, Eure königliche Hoheit dagegen führen die ſiegreichen Unterthanen Ihres Vaters an, darin liegt ein großer Unterſchied.“ „Deſſen ungeachtet fehlt aber die ſchlimme Vor⸗ bedeutung nicht,“ ſeufzte Carl, den ſein langer Auf⸗ enthalt in Italien eben ſo abergläubiſch gemacht hatte, als wenn er in den Hochlanden erzogen worden wäre. 78 „Auch die Vorbedeutung fehlt,“ fuhr der edle Mann fort.„Maria war von ihren Feinden begleitet, Sie ſind es von Ihren Freunden. Mein Kopf,“ ſetzte er lachend hinzu,„iſt in größerer Gefahr, als der Eurer Hoheit es möglicher Weiſe je ſein kann. Im Falle einer Niederlage haben wir wenig Gnade von den blutgierigen Hannoveranern zu erwarten, während ganz Europa mit Unwillen dagegen proteſtiren würde, wenn auf Ihrem königlichen Haupte nur ein einziges Haar gekrümmt würde.“ „Vielleicht käme dieſer Proteſt zu ſpät,“ ſagte der Prinz.„Uebrigens fürchte ich den Tod nicht. Mag er kommen, wann er will, ſo wird er. Carl Eduard ſtets vorbereitet finden. Aber nicht auf dem Schafott, ſondern an der Spitze meiner tapfern Hoch⸗ länder werde ich ihm lächelnd entgegen gehen. Ich bin ſtets auf den äußerſten Unglücksfall vorbereitet.“ „Vorbereitet?“ wiederholte der Herzog. — Der Prinz ſtreckte ſeine Hand in die Höhe, und ſein Gefährte bemerkte an deſſen Mittelfinger einen jener Ringe, die, zu einer gewiſſen Zeit in Italien ſo allgemein und gebräuchlich, hohl waren und Gift enthielten. Der treue Anhänger erblaßte bei deſſen Anblick. In Folge einer jener eigenthümlichen Launen unſerer Natur, welche Philoſophen nicht zu erklären vermögen, wählte der Sieger für jene Nacht das⸗ ſelbe Zimmer zum Schlafgemach, welches, der Sage nach, die unglückliche Maria bewohnt haben ſoll. Vielleicht umſchwebte ihr verklärter Geiſt ſein Lager und erquickte den Schlummer ihres jungen Abkömmlings durch ſüße Träume, welche itzm künftige 79 Triumphe verhießen. So viel iſt jedenfalls gewiß, als Carl den nächſten Tag wieder unter ſeinen Offi⸗ cieren erſchien, daß ihn vermehrter Eifer und neue Hoffnungen belebten. In derſelben Nacht, in welcher die Beſetzung von Carlisle ſtattgefunden hatte, machte Crawford mit einer Abtheilung ſeiner Leute die Runde auf den Wällen. Er hatte ſoeben ſeinen Freund Sir Allan, der eifrig damit beſchäftigt war, ſeine Leute bei den eingeſchüchterten Bürgern unterzubringen, mit dem Verſprechen verlaſſen, zum Nachteſſen zu ihm zurück⸗ zukehren, ſobald er ſich überzeugt habe, daß ſämmt⸗ liche Schildwachen richtig auf ihren Poſten ſtänden. „Was gibt es, Sergeant?“ fragte er einen ſtäm⸗ migen Hochländer, der ſich in ſeiner Begleitung be⸗ fand,„daß Sie ſich fortwährend umblicken?“ „Es iſt nichts— ſo gut wie nichts,“ antwortete der Mann unruhig. „Man ſollte glauben, Sie hätten eine Hexe oder ein Geſpenſt geſehen.“ „St! St!“ ſagte der Mann;„es iſt nicht gut von ſo Etwas um dieſe Stunde reden.“ „Sie zittern ja,“ bemerkte Crawford, dem das bleiche Geſicht und die unſichere Stimme des alten Mannes auffiel.„Wenn ich nicht wüßte, daß Sie herzhaft wie ein Löwe ſind, ſo würde ich glauben, daß Sie ſich fürchten.“ „Das thue ich auch— das thue ich auch,“ ſtöhnte der Hochländer. „Vor was?“ „Nicht vor den Lebendigen, ſondern vor den Todten. Als wir an der Ecke der letzten Baſtion vorüber kamen, verließ ich Sie auf einen Augenblick, wenn Sie ſich vielleicht erinnern wollen.“ „Allerdings.“ „Ich wollte Sie mit meinen Vermuthungen nicht beläſtigen; aber ich glaubte, ein lebendes Weſen ge⸗ ſehen zu haben, das ſich dort lauernd verſteckte, um von uns nicht bemerkt zu werden. Ich habe mich nicht getäuſcht. Es war eine geſtaltloſe, ſchwarze Maſſe in einem Mantel, die, wie eine Schlange aufgerollt, mich mit zwei feurigen Augen anklotzte.“ „Wahrſcheinlich ein Spion,“ ſagte Crawford, ärgerlich, daß des Sergeanten Aberglaube dieſem Gelegenheit gegeben habe, zu entwiſchen. „Es war der Satan ſelbſt,“ bemerkte der Mann. „Er erhob ſich lang— viel länger als irgend ein menſchliches Geſchöpf— bei meiner Annäherung. Ich erhob meine Pike, um darnach zu ſtechen, als auf einmal die Geſichtszüge dieſes Weſens ſichtbar wurden. Ich ſah und erkannte—“ ſetzte er ſchau⸗ dernd hinzu. „Nun, in's Teufels Namen! wen erkannten Sie denn?“ fragte der junge Mann, ärgerlich über die vermeintliche Dummheit des Sergeanten. „Denſelben, welchen wir in dem Thurm von Pinkie verbrannten— Alick Campbell.“ „Alick Campbell? Unmöglich.“ „Ich ſage nicht, daß es möglich ſei,“ erwiderte der Hochländer ärgerlich,„aber es iſt wahr. Er ſtand dort in dem bleichen Mondlicht und ſtierte mich mit ſeinen dunklen, ſchlangenartigen Augen an, mehr einer Statue auf einem Grab, als irgend einem andern Dinge ähnlich.“ 81 „Sie müſſen ſich das eingebildet haben, mein Guter,“ bemerkte Crawford. „Eingebildet!“ wiederholte der Mann,„einge⸗ bildet, Mr. Crawford! Ich ſage Ihnen, daß ich ihn ſo deutlich ſah, wie jetzt Sie. Wie könnte ich mir ſo Etwas einbilden? Habe ich ihn nicht ſchon gekannt, als er noch ein Knabe war, wenn ich zu⸗ weilen nach Arran kam? Habe ich nicht mit ihm und Sir Allan hundert Mal in den Bergen gejagt? Habe ich nicht ſein unheimliches Lächeln geſehen und ſein Lachen gehört, wenn es ihm gelungen war, das Rothwild niederzuſchießen? Nein, nein; todt oder lebendig, ich bin heute Nacht, Geſicht gegen Geſicht, Alick Campbell gegenübergeſtanden.“ Die Feierlichkeit, mit welcher der arme Mann ſeine Behauptung aufrecht hielt, und deſſen wohl⸗ bekannte Ergebenheit gegen ſeinen Häuptling, Sir Allan Glencairn, erlaubten Crawford nicht länger, daran zu zweifeln, daß der Sergeant feſt an die Wahrheit ſeiner Erzählung glaube, wie unwahrſchein⸗ lich dieſelbe auch erſcheinen mochte. Er erzählte Alles ſo ruhig und blieb ſo feſt dabei, daß Crawford nicht wußte, was er weiter darauf erwidern ſolle. „Kann denn Alick entkommen ſein?“ fragte er ſich ſelbſt,„oder iſt es ſeinem böſen Geiſt geſtattet worden, wieder auf der Erde zu erſcheinen, um ſeine boshaften Abſichten auszuführen?“ „Hier iſt er wieder!“ rief der Hochländer, vor Schrecken bleich, indem er zugleich auf eine dunkle Geſtalt deutete, welche vorſichtig nachzuſchleichen ſchien. Crawford ſah dieſelbe auch, und obgleich ſein Der junge Prätendent. III. 6 Herz mächtig pochte, ſo zögerte er doch keinen Augen⸗ blick, ſondern zog ſein Schwert, ſprang auf die Ge⸗ ſtalt zu und befahl ſeinen Leuten, ihm zu folgen. Der alte Sergeant war aber der Einzige, der ihm gehorchte, denn die übrigen Leute, welche die Unterredung mit angehört hatten, hielt ihr Aber⸗ glauben zurück. So raſch aber auch Crawford vordrang, eben ſo raſch wich der Schatten zurück. Anſtatt aber der Richtung der Bruſtwehr zu folgen, vertiefte er ſich plötzlich in eine Baſtion, an deren einer Ecke eine Ulme ſich befand, die ihre weiten Schatten über den Boden ausbreitete. „Hölliſcher Geiſt oder Serblicher!“ rief der Ver⸗ folger, als er in den kleinen, freien Raum eintrat; „ich werde jetzt erfahren, wer Du biſt, denn von hier aus kannſt Du nicht entkommen, wenn der Teufel Dir nicht Flügel leiht.“ Als er dem Baume nahe kam, ſah er den Gegen⸗ ſtand ſeiner Verfolgung regungslos an dem Stamme, hart am Abhange des Parapet's ſtehen. Das Mond⸗ licht ſchien hell auf ſein Geſicht. Man konnte ſich nicht irren; es war Alick Campbell, den der von Schreck erfüllte junge Mann für todt hielt. Er er⸗ blickte deutlich die noch immer rothe Schramme über ſeiner Stirne und den bezeichnenden höhniſchen Zug um ſeinen Mund. Hatte das Grab wirklich den Todten herausgegeben, oder war ſein Feind auf eine unerklärliche Weiſe dem ſichern Tod entgangen? Ehe er Zeit fand, dieſe Frage an ſich zu ſtellen, ſprang der Gegenſtand ſeines Schreckens über den ——* d—— 8 N 83 Wall. Er eilte ihm nach, aber es war zu ſpät. Im nächſten Augenblicke erſchien der alte Hochländer. „Haben Sie ihn geſehen?“ fragte er. „Ja,“ ſtammelte der junge Mann. „Und iſt er am Leben oder nicht?“ „Ich weiß es nicht. Er verſchwand wie ein Schatten über den Wall— hier an dem Winkel, hart an dem Baum. Entweder haben mich meine Sinne genarrt oder hat das Grab den ruchloſen Todten herausgegeben.“ „Ich glaube, wir ſind Beide genarrt worden,“ bemerkte der Hochländer, der den Baum unterſucht und ein langes Seil daran angebunden gefunden hatte, das über den Wall hinabhing,„und daß das Geſchöpf, das wir geſehen haben, eben ſo wenig ein Geiſt iſt als wir.“ „Was meinen Sie?“ „Sehen Sie her, Euer Ehren,“ fuhr der Mann fort, auf das, was er entdeckt hatte, hindeutend; „Geiſter bedürfen zu ihrem Entkommen keiner ſolchen Mittel. Ich habe von Leuten, welche dergleichen Dinge kennen, ſagen hören, daß Geiſter wie See⸗ möven durch die Luft fliegen oder, wie ein Lüftchen, durch ein Schlüſſelloch paſſiren können. Wiſſen Sie aber auch gewiß, daß es Alick Campbell war?“ „So gewiß, als wir hier beiſammen ſtehen!“ „Dann hat er ein zäheres Leben wie eine Katze,“ rief der Mann, deſſen Muth augenblicklich zurückkehrte, ſobald er fand, daß er es nicht mit einem überir⸗ diſchen Feind zu thun habe.„Wenn er aber auch hundert Leben hätte, ſo will ich ihm doch noch.“ „Bleiben Sie,“ ſagte Crawford, als der tapfere alte Mann ſich anſchickte, ſich an dem Seil über den Wall hinabzulaſſen.„Jetzt iſt er ſchon ſo weit entfernt, daß keine Ausſicht, ihn einzuholen, mehr vorhanden iſt. Ich bin jetzt ſo feſt überzeugt, daß er es war, als ich überzeugt bin, daß er noch am Leben iſt, obgleich ich nicht zu erklären vermag, auf welche Weiſe er aus dem alten Thurme entkommen ſein kann. Ich ſah dieſen doch lichterloh brennen und in einen Aſchenhaufen zuſammenſtürzen. Und hier treffe ich ihn lebendig! Dieß iſt ein Geheimniß, welches die Zeit allein aufklären kann.“ Für unſere Leſer iſt die Art, durch welche Alick und ſeine Gefährten dem Schickſale entgingen, das ihnen drohte, kein Geheimniß; Crawford machte es aber viel zu ſchaffen, weil er es in keiner Weiſe zu erklären vermochte. Noch in derſelben Nacht ſetzte der ſchlaue Böſe⸗ wicht, der Carlisle den Tag vor ſeiner Uebergabe erreicht hatte, ſeine Reiſe nach London fort. Er war es, der die Nachricht von der Einnahme der Stadt dem Herzog von Cumberland überbracht hatte, für welchen Dienſt er zum Adjutanten, mit dem Rang eines Oberſtlieutenants in der Armee, befördert wurde. In der gleichen Nacht wurde aber auch von Craw⸗ ford und Sir Allan Glencairn ein Bote nach Edin⸗ burg geſchickt, mit der Benachrichtigung an die Grä⸗ fin von Arran und deren Nichten, daß ihr Feind Alick Campbell noch am Leben ſei, und mit der War⸗ nung zugleich, gegen die Ränke auf ihrer Hut zu ſein, welche dieſer unruhige Geiſt gegen ſie zu ſpinnen gewiß nicht unterlaſſen würde. 3 85 „Alick noch am Leben!“ rief die alte Pairsdame aus;„dann iſt Edinburg nicht länger ein Aufent⸗ haltsort für uns. Wenn der Geier in der Luft kreist, ſo iſt es für die Tauben Zeit, Schutz in ihrem hei⸗ miſchen Schlag zu ſuchen. Wir wollen nach Schloß Arran uns begeben, Mädchen,“ ſetzte ſie liebevoll hinzu;„wenn er uns auch dort zu verfolgen wagt, dann beſitzt er noch größere Keckheit, als ich ſie bei ihm vorausſetze.“ „Warum denn nach Arran, anſtatt in der Stadt zu bleiben?“ fragte Alice, welche fühlte, daß man in der Hauptſtadt Schottlands leichter Nachrichten von der Armee des Prinzen erhalten werde, als in den Hochlanden. „Weßhalb nach Arran?“ wiederholte die Lady ſtreng;„weil ich euch dort beſchützen kann— weil ich dort von Köpfen und Herzen umgeben bin, auf die ich mich verlaſſen kann— von Männern, welche meinem Wink und Willen gehorchen— von Männern, welche, wenn ſie Alick Campbell auf meinem Grund und Boden finden, dieſen in ſein Lager zurückjagen und gerade wie die Jäger den Woif bis in ſeine Höhle verfolgen.“ Die beiden Schweſtern erſchracken über die Heftig⸗ keit ihrer Tante, auf deren Stirne ſich eine ſolche Entſchiedenheit des Entſchluſſes ausdrückte, daß Jeder⸗ mann, der ſie näher kannte, daraus ſchließen durfte, daß über dieſen Punkt nicht mit ihr zu ſpaſſen ſei. „Ihren leiblichen Reffen, Tante?“ flüſterte Con⸗ ſtance ſchüchtern. 2 „Er iſt meines Blutes unwürdig— ein Schand⸗ flec für den Namen Campbell. Sein Vater war eben ſo, wie er; und wie der Vater, ſo der Sohn. Glaubt Ihr denn,“ fuhr ſie fort, mit ihren Armen die ſchüchternen Mädchen umſchlingend,„daß ich vor irgend einem Mittel zurückſchrecken werde, wenn es ſich darum handelt, die Aufgabe zu erfüllen, die ich gegenüber von eurem verſtorbenen Vater übernommen habe? Nein! Wenn Eduard Arran von Oben auf uns herabblickt, ſo wird er lächeln, wenn er ſieht, auf welche Weiſe ich dieſe Pflicht erfülle. Ich wieder⸗ hole, daß der erſte Befehl, den ich nach meiner An⸗ kunft in Arran dem Clan ertheilen werde, eine Todes⸗ drohung gegen Alick Campbell ſein ſoll, wenn er es wagen ſollte, einen Fuß auf meinen Grund und Boden zu ſetzen. Meine treuen Hochländer werden ihre alte Herrin und die jungen Herzen, welche dieſe liebt, ſchützen.“ Die Gräſin war die Frau, ihr Wort pünktlich zu erfüllen. Noch in derſelben Nacht reiste ſie nach Arran ab, und unmittelbar nach ihrer Ankunft be⸗ ſchied ſie die einflußreichſten Clansmänner zu ſich, denen ſie den Anſchlag auf ihre Nichte und das ſchändliche Benehmen ihres Neffen mittheilte, indem dieſer ihr politiſches Verhalten bei dem General Gueſt und dem Geheimenrathe von Schottland anzu⸗ ſchwärzen geſucht hatte. „Er ſchmeichelt ſich damit, dieſe ſchönen Ländereien zu erben,“ fuhr ſie fort;„aber der Schurke wird ſich täuſchen. Er ſtammt nicht aus dem Blute eurer alten Häuptlinge. Ich habe nicht deßhalb mich be⸗ müht, die Güter dem Griffe des Sachſen zu ent⸗ wenden, um dadurch das einzige unwürdige Mitglied meines Stammes zu bereichern. Nein; nur ein Arran 87 ſoll einmal in Arran regieren, wenn meine grauen Haare im Grabe liegen.“ Dieſe Erklärung, die deutlichſte, welche die Gräfin jemals hinſichtlich ihrer Abſichten in Betreff der Verfügung über ihre Beſitzungen von ſich gegeben hatte, wurde von den alten Clansmännern von Ar⸗ ran, die mit ächter hochläudiſcher Treue an dem Blute ihrer alten Häuptlinge hingen, mit großer Befriedi⸗ gung aufgenommen, und welche ſchon lange Alick, deſſen Hochmuth ihnen gelegentlich ſeiner Beſuche höch⸗ lichſt mißfallen hatte, mit Eiſerſucht und Widerwillen betrachtet hatten. „Das heißt geſprochen, wie es der Wittwe unſeres Herrn geziemt!“ erwiderte der Obmann der Depu⸗ tation.„Gott ſegne und erhalte uns noch lange unſere edle Herrin!“ „Wollt ihr alſo für die Sicherheit des Schloſſes ſorgen?“ fuhr die Lady fort. „Jeder, auch der kleinſte Paß, der nach Arran führt, ſoll auf's Schärfſte bewacht werden,“ erwi⸗ derten die Männer.„Wir wiſſen, wen wir zu be⸗ wachen haben.“ „Das Blut eures heimgegangenen Häuptlings,“ bemerkte die Lady. „Und die Wittwe, welche durch ihre Liebe zu dem Clan bewieſen hat, daß ſie ihres Gemahls wür⸗ dig iſt,“ bemerkte einer der Clansmänner.„Damit es aber kein Mißverſtändniß gibt, ſo ſprechen Sie Ihren Willen gegen Ihren treuen Clan offen aus und zweifeln Sie nicht an deſſen Gehorſam. Was ſollen wir mit Ihrem Feinde anfangen, wenn wir ihn um Arran herumſchleichen ſehen oder auf Ihrem Grund und Boden antreffen?“ Einige Augenblicke lang fühlte ſich die alte Gräfin außer Stande, zu ſprechen. So ſchwer ſie auch ihr Neffe beleidigt hatte, und wie ſehr ſie auch ſeine ſchlimmen Abſichten fürchtete, ſo ungerne wollte ſie das Wort ausſprechen, das ihm ein frühzeitiges Grab bereiten konnte, wenn gleich dieſes Wort nur zur Selbſtvertheidigung dienen ſollte. Ihre Lippen zitterten, und ſo feſt auch ihr Entſchluß war, ſo zagte ihr Herz dennoch. In dieſem Moment ſiel aber ihr Blick auf Eduard Arran's Bild; die Erin⸗ nerung an ihre Jugend kehrte zurück, und ſie fühlte, daß ſie zum Schutze ſeiner Kinder, der Waiſen, die ihr auf ſo feierliche Weiſe anvertraut worden waren, Alles wagen könne. „Behandelt ihn,“ rief ſie feſt aus,„wie eine Schlange, die ihr an der Wiege eures Erſtgeborenen hinaufkriechen ſeht, oder einen Wolf, der an der Thüre Derjenigen lauert, die ihr liebt.“ „Es iſt genug, Lady, wir verſtehen. Ihre Be⸗ fehle ſollen vollzogen werden.“ Von dieſer Stunde an waren die Ländereien von Arran von treu ergebenen Herzen bewacht, die ent⸗ ſchloſſen waren, ſummariſche Juſtiz an Alick zu üben, wenn er ſich innerhalb der verbotenen Grenzen blicken laſſen ſollte. 89 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Kurz nach der Uebergabe von Carlisle trat Mar⸗ ſchall Wade ſeinen Marſch von Neweaſtle aus an; als er aber von den fortgeſetzten Erfolgen der In⸗ ſurgenten hörte, und wegen eines großen Schneefalls außer Stand war weiter vorzurücken, ſah er ſich zu einer rückgängigen Bewegung gezwungen. Ehe die ſchottiſche Armee den Fuß auf engliſchen Boden geſetzt hatte, waren die Kerntruppen des Königs aus Flandern gelandet; und während Carl Eduard mit ſeiner Handvoll Getreuen in Carlisle ſich befand, ſammelten ſich zehntauſend Mann zum Widerſtand gegen ihn in Staffordſhire. Es ſchien nahezu un⸗ möglich, daß er eine ſo wachſame und ſtarke Streit⸗ macht beſiegen oder vermeiden könnte, und ſelbſt die Hochländer gaben ſich, trotz ihres Muths und ihrer Begeiſterung für ſeine Sache, nur einer geringen Hoffnung hin. Im Rathe des jungen Chevalier herrſchte große Meinungsverſchiedenheit. Einige ſtimmten für einen Rückzug nach Schottland, Andere ſchlugen vor, nach Neweaſtle zu marſchiren und die Armee des Mar⸗ ſchalls Wade anzugreifen. Carl's Anſicht ging dahin, unverzüglich nach London vorzurücken, was auf der Straße von Lancaſter leicht möglich war. So ge⸗ wagt dieſer Verſuch auch ſchien, ſo wurde doch be⸗ ſchloſſen, denſelben auszuführen. Als die Armee bei Carlisle gemuſtert wurde, er⸗ gab ſich ein Beſtand von viertauſend vierhundert 90 Mann, da mehr als Tauſend ſeit dem Marſche von Edinburg her abgefallen waren. Der Chevalier zwei⸗ felte aber nicht im mindeſten daran, daß die Reihen ſich bald wieder durch den Beitritt von engliſchen Freunden vermehren würden. Am 21. November ging die erſte Abtheilung der Armee, beſtehend aus fünf Regimentern Niederländer, nebſt Elcho's Leib⸗ garde, unter Lord Georg Murray nach Penrith ab. Am folgenden Tag, während dieſe nach Rendal vorrückte, marſchirten die Clanregimenter und der Reſt der Reiterei, unter der perſönlichen Leitung des Prinzen nach Penrith, nachdem zuvor hundertundfünfzig Mann als Garniſon in Carlisle zurückgelaſſen worden waren. Die Kanonen folgten der zweiten Diviſion unter dem Schutze des Regiments des Herzogs von Perth. Bei beiden Diviſionen hatte jedes Regiment abwechslungs⸗ weiſe die Vorwache. So rückte man über Shap, Rendal, Lancaſter und Garſtang nach Preſton vor, wo beide Diviſionen ſich am 27. vereinigten. Um ſeine Leute zu ermuthigen ging Carl gewöhn⸗ lich zu Fuß neben ihnen her. Als er die öde Haide zwiſchen Penrith und Shap paſſirte, war er von Er⸗ müdung und Mangel an Schlaf ſo erſchöpft, daß er ſich genöthigt ſah, ſich auf die Schulter eines Mannes vom Clan Ogilvie zu ſtützen, um nicht zu Boden zu fallen; und ſo marſchirte er halb ſchlafend mehrere Meilen weit. Bis jetzt hatte man nichts als Zeichen des Wider⸗ willens und des Argwohns unter der engliſchen Be⸗ völkerung getroffen. Die politiſche Abſicht der Ein⸗ dringlinge ſchien keine Theilnahme zu erwecken, deren 91 rauhe Kleidung, Sprache und Gewohnheiten Schrecken auf ihrem Marſche vor ihnen her verbreiteten. Es wird glaubwürdig verſichert, daß viele Frauen ihre Kinder bei ihrer Annäherung verſteckten, weil ſie ſie für Cannibalen hielten, die vorzugsweiſe gern das Fleiſch von Kindern äßen. Man erſtaunte förm⸗ lich darüber, daß dieſe Menſchen, weit entfernt, ſich als wilde Räuber zu benehmen, eine höfliche Dank⸗ barkeit für die Erfriſchungen bezeigten, die man ihnen gab. Die Hochländer traten jeden Morgen ihren müh⸗ ſeligen Marſch vor Tagesanbruch an, ohne weitern Mundvorrath als etwas Hafermehl, das ſie in einem langen Sack, der an der Seite herunter hing, bei ſich trugen, und welches ſie nicht verkochten, ſondern nur mit Waſſer vermiſchten, ehe ſie es aßen. Nur zuweilen fingen ſie einen Farren auf, den ſie tödte⸗ ten. Außerdem begnügten ſie ſich mit dem, was ihnen ihr Quartiermeiſter über Nacht zu reichen für gut fand. Die Engländer ſtaunten höchlichſt, daß mit einer ſolchen Koſt Männer zwanzig bis dreißig Meilen an einem Wintertag zurücklegen konnten. Die Chronik von Mancheſter hat ein eigenthüm⸗ liches Abenteuer von einem Manne, Namens Dickſon, aufbewahrt, der mehr als einen Tagmarſch vor des Prätendenten Armee voraus, nur in Begleitung eines Trommeljungens, in Mancheſter einmarſchirte. Dieſe Tollkühnheit war ganz allein in ſeinem Kopfe ent⸗ ſprungen und ſelbſt den Befehlen ſeiner Oberofficiere entgegen. Etwa eine Stunde nach ſeiner Ankunft ließ er die Werbkrommel rühren. Anfangs ließ ihn die Bevölkerung gewähren, im Glauben, daß die ganze Armee ſich vor den Thoren der Stadt befinde; als ſie aber ſah, daß ſelbſt gegen Abend die Vor⸗ wache nicht eintraf, ſo umringte man ihn lärmend, mit der Drohung, ihn zum Gefangenen zu machen. Dickſon ſchlug ſein Gewehr an, das nur mit Pfoſten geladen war, und drohte den Erſten, der Hand an ihn zu legen wage, vor den Kopf zu ſchießen. Dabei drehte er ſich fortwährend um, zielte nach allen Richtungen und geberdete ſich wie ein Löwe, ſo daß der Kreis, welchen die Bürger um ihn gebildet, ſich bald erweiterte. Ein Flintenſchuß war nicht nach dem Geſchmack der Weber. Während er eine Zeit lang auf dieſe Art manö⸗ verirt hatte, ergriffen diejenigen Bewohner, die gün⸗ ſtig für die Sache der Stuarts geſtimmt waren, die Waffen und eilten zur Befreiung des unerſchrockenen Mannes herbei, der bald einen Kreis von fünf⸗ bis ſechshundert Mann um ſich verſammelt ſah, mit deren Beiſtand er den Haufen in ſehr kurzer Zeit zerſtreute. Nun war die Reihe des Triumphirens an ihm, und er durchzog an der Spitze dieſer Leute, zum großen Schrecken der treugeſinnten Bewohner, die Stadt nach allen Richtungen und warb alle die⸗ jenigen, welche durch ſeine Beredtſamkeit, Verſprechun⸗ gen oder Muth ſich verführen ließen. Der Chevalier Johnſon, der dieſer Begebenheit in ſeinen Memoiren erwähnt, ſagt, daß Dickſon auf dieſe Weiſe etwa hundertundachtzig Rekruten erhalten und Jedem ein Handgeld von fünf Guineen verſprochen habe. Noch in derſelben Nacht gegen neun Uhr traf die Vorwache, aus etwa hundert Reitern beſtehend, in Mancheſter ein, und am folgenden Morgen erſchien 93 die ganze Armee. Der Prinz hielt ſeinen Einzug um zwei Uhr Nachmittags, indem er in der Mitte. einer ausgewählten Abtheilung Hochländer marſchirte; ſeine Kleidung beſtand in einem Tartan⸗Plaid von der Farbe der Stuarts, und auf dem Haupte trug er eine Mütze von blauem Sammt, an welcher eine weiße Roſe, das Abzeichen ſeines Hauſes, befeſtigt war. Vielleicht war Niemand in der kleinen Armee mehr erſtaunt über ſeinen Erfolg, als Prinz Carl ſelbſt. Ohne Schwertſtreich war er in die wichtigſte Stadt des Königreichs, an der Hauptſtraße nach Lon⸗ don gelegen, eingezogen. Ein Lächeln der Hoffnung und des Triumphs ſpielte um ſein ſchönes Geſicht, als er, an Sir Allan Glencairn ſich wendend, der links neben ihm marſchirte, dieſem mit vertraulichem Tone in's Ohr flüſterte: „Die Vorbedeutung iſt günſtig. Wenn mein guter Stern zu ſcheinen fortfährt, ſo ſieht man uns in etwa vierzehn Tagen in meines Vaters Haupt⸗ ſtadt einziehen.“ „Ich zweifle nicht im mindeſten daran, Eure königliche Hoheit,“ erwiderte der junge Hochländer. „Dann ſollen meine treuen Freunde ſehen,“ fuhr der Prinz fort,„ob Carl Cduard ein dankbares Ge⸗ dächtniß für deren Ergebenheit an ſeine Sache beſitzt. Kommen Sie eine Stunde nach Ihrem Nachteſſen zu mir; ich habe ſchon wieder einen Auftrag für Sie. Armer Allan! Dem Treuen muthet man immer am meiſten zu; während Andere ruhen, müſ⸗ ſen Sie reiten.“ Der Baronet verſicherte dem Prinzen, daß ſein Kopf wie ſeine Waffen ſeiner Sache gewid met ſeien, und bat ihn, ja nie ſich durch den Gedanken einer ſeiner Perſon drohenden Gefahr abhalten zu laſſen, ihn zu einem Dienſte zu verwenden, der ſeiner Sache nütz⸗ lich ſein könne. Neunundzwanzigſtes Kapitel. In dem friedlichen Dörſchen Chapel⸗en⸗le⸗Frith, das nicht ſehr fern von Chatsworth lag und der fürſt⸗ liche Sitz des Herzogs von Devonſhire war, ließ ſich in der mitternächtlichen Stunde, lange nach dem ſich die ſchlichten Bewohner zur Ruhe gelegt hatten, das ungewohnte Geräuſch von einem Trupp Reiter hören, die durch deſſen langgeſtreckte, enge Straße galoppirten; mit Ausnahme von ein Paar Leuten übrigens, welche wohl am Krankenbette irgend eines geliebten Gegenſtandes wachten, bemerkte Niemand den Durchmarſch der Soldaten, als dieſe über das rauhe, holperige Pflaſter raſſelten und an der Ecke, welche der Kirchhof bildete, die Straße nach Chats⸗ worth einſchlugen. Sir Allan Glencairn commandirte die Abtheilung. Er hatte den Befehl erhalten, ſo geheim als möglich vorzurücken und den Herzog zu überraſchen, deſſen Habhaftwerdung ſowohl zu einem werthvollen Unter⸗ pfand dienen, als die bedeutenden Anſtrengungen neutraliſiren ſollte, die er zu Gunſten des regierenden Monarchen machte. 95 Der Ahnherr des jetzigen Herzogs von Devonſhire hatte zu jenen Mitgliedern des hohen Adels gehört, die durch eine Deputation Wilhelm von Hranien zu einem Einfall in England aufgefordert hatten, weßhalb dieſer für ganz beſonders feindſelig gegen die Familie des verbannten Monarchen gehalten wurde. Die kleine Abtheilung hatte ſich auf etwa vier Meilen der Domäne genähert, als Sir Allan, der zurückgeblieben war, um zu ſehen, ob keine Nachzügler ſich hinten nachſchlichen, mehrere Schüſſe vernahm. Er eilte ſpornſtreichs an die Spitze ſeiner Leute und ſah, daß ſie einen Wagen umringt hatten, in wel⸗ chem eine reichgekleidete Dame und neben derſelben ein vor Schrecken ohnmächtig gewordenes Frauen⸗ zimmer ſaß. Die beiden Poſtillone lagen todt zu Boden geſtreckt. Weil ſie, trotz der Aufforderung der Dragoner, durch deren Linie durchzubrechen ge⸗ ſucht hatten, waren ſie niedergeſchoſſen worden. „Laßt mich paſſiren!“ rief die Dame leidenſchaft⸗ lich.„Seid ihr denn Räuber, daß ihr mich auf der Landſtraße aufzuhalten ſucht? Ihr ſollt dieß ſchwer büßen.“ „Ausgeſtiegen!“ riefen einige der Leute, die vor Begierde brannten die Bagage der Dame zu plündern. „Ich will nicht ausſteigen.“ Trotz ihrer Bitten und Drohungen hatten ſie ſie nahezu genöthigt, den Wagen zu verlaſſen, als der Baronet angeritten kam. Dieſer war entſetzt über das nutzloſe Blutbad, das angerichtet worden war, und mit lauter Stimme befahl er ſeinen Leuten da⸗ von abzuſtehen, die murrend gehorchten. „Sind Sie der Anfuͤhrer dieſer Banditen?“ fragte die Lady, die mehr erzürnt als eingeſchüchtert chien. „Ich habe die Ehre, dieſe Leute zu commandiren,“ erwiderte der Baronet, höflich ſeine Mütze ziehend, „die zu der Armee Seiner königlichen Hoheit des Prinzen Carl Eduard, Regenten der vereinigten Königreiche, gehören.“ „Wahrhaftig,“ ſagte die Dame mit ironiſcher Miene.„Und was hoffen denn die tapfern Truppen des eben genannten Regenten, wie er ſich ſelbſt titu⸗ lirt, zu gewinnen, wenn ſie eine hilfloſe Frau ge⸗ fangen nehmen? Wenn es denſelben nur um das Plündern zu thun iſt, ſo ſollen ſie die Summe be⸗ zeichnen, welche ihnen genügt, um mich frei zu laſſen; fürchten Sie nicht, daß es an der Bezahlung fehlen ſoll.“ „In ihrem Eifer hielten ſie Sie für den Herzog von Devonſhire.“ „Da erzeigen ſie mir eine außerordentliche Ehre,“ ſagte die Lady,„aber ſie müſſen ſcharf reiten, wenn ſie Seine Gnaden noch einholen wollen, die Chats⸗ worth ſchon ſeit vier Stunden verlaſſen hat. Der arme Mann verlor faſt den Verſtand, als er von dem Einzug des Feindes in Mancheſter hörte.“ „Darf ich wohl fragen, ob Sie ſeine Gemahlin ſind?“ „Ich bin nicht verheirathet.“ „Sie beſitzen aber doch wenigſtens einen Namen?“ „Aber einen ſehr beſcheidenen,“ erwiderte die Gefangene.„Ich heiße Thereſa Löwenberg und bin Ehrenfräulein der verwittweten Prinzeſſin von Wales. 97 Wenn Sie ſich die Mühe nehmen wollen, das Wap⸗ pen am Wagen in Augenſchein zu nehmen, ſo können Sie ſich ſogleich von der Wahrheit deſſen, was ich ſagte, überzeugen.“ „Am Wagen iſt allerdings eine königliche Krone,“ bemerkte ein junger Sergeant, der die Unterredung mit angehört hatte. „Ja,“ ſagte der Fähndrich.„Dieß beweist aber keineswegs, daß ſie das iſt, wofür ſie ſich ausgibt. Vielleicht iſt ſie eine der Töchter des Uſurpators.“ „Oder ſeine Maitreſſe,“ ſetzte ein Anderer hinzu. „Das Geſicht der Dame färbte ſich zuerſt purpur⸗ roth und wurde dann todtenblaß, als ſie dieſes Ge⸗ ſpräch hörte. Ihr herrliches dunkles Auge feſt auf Sir Allan gerichtet, bat ſie dieſen, ihr zu erlauben, die Reiſe fortſetzen zu dürfen, indem ſie ihn ver⸗ ſicherte, daß jede Summe, welche er als ihr Löſe⸗ geld beſtimmen wolle, ihm pünktlich ausgezahlt wer⸗ den würde. „Hänge es von mir allein ab, Lady, ſo ſollten Sie augenblicklich frei ſein; aber ich zweifle, ſelbſt wenn ich den Befehl zu Ihrer Freilaſſung ertheilte, daß meine Leute gehorchen würden. Der Prinz allein kann hier entſcheiden.“ „Und wo iſt denn der Prinz?“ „In Mancheſter.“ „Ich muß aber nach London und habe mich jetzt ſchon verſpätet; ich bitte daher dringend, mich weiter reiſen zu laſſen. Ich habe Gold und Juwelen iut Wagen,“ ſetzte ſie flüſternd gegen den Baronet hinzu. „Nehmen Sie ſie; ſie werden Sie reichlich entſchädi⸗ gen; nur helfen Sie mir durch.“ Der junge Prätendent. III. 7 98 „Meine Dame,“ erwiderte Sir Allan, der ſich von dem Anerbieten tief verletzt fühlte;„ich bin weder ein Räuber noch ein Söldling, um ein ſolches Anerbieten anzunehmen. Führten Sie Millionen bei ſich, ſo wären ſie mir heilig. Ich kann nur bedauern, daß eine ſo peinliche Pflicht mir zugefallen iſt.“ „Iſt es möglich, daß Sie ein Edelmann ſind?“ „Die Wappenherolde würden mir dieß bezeugen!“ „Und wie heißen Sie?“ „Sir Allan Glencairn,“ erwiderte der junge Mann, achtungsvoll ſich verbeugend. „Nun denn, Sir Allan Glencairn, da wir in ſo ehrenwerthe Hände gefallen ſind, und Sie uns nicht freilaſſen können, ſo thun Sie uns wenigſtens die Gefälligkeit, uns in unſerm Wagen bis Mancheſter zu begleiten, wo ich Ihren Leuten ein ſchönes, ge⸗ wichtiges Löſegeld für mich und meine Kammerjungfer, Gurten, verſpreche, welche, wie Sie ſehen, bei Ihrer Annäherung vor Schrecken ohnmächtig geworden iſt.“ Allan würde ſich gerne entſchuldigt haben, aber die Dame drängte ihn mit ihrer Bitte ſo ſehr, daß er nachzugeben ſich genöthigt ſah. „Ich werde Ihnen zur Laſt fallen,“ meinte er. „Sie werden unſer Schutz ſein,“ erwiderte die Lady.„Für einen Hochländer und einen Mann von des Prinzen Carl's Partei ſcheinen Sie civiliſirt genug; aber der Himmel möge mich vor den Uebrigen da⸗ runter bewahren!“ Ohne weiteres Bitten abzuwarten nahm der Ba⸗ ronet Platz im Wagen, und zwei Soldaten, welche auf den blutbefleckten Sätteln der ermordeten Poſtillone 99 Platz nahmen, richteten die Köpfe der Pferde Chats⸗ worth zu. Als ſie bei dem auf einer Anhöhe ſtehenden Schloſſe ankamen, zeigte ſich, daß das, was die Ge⸗ fangene geſagt hatte, wahr geweſen. Seine Gnaden hatte einige Stunden zuvor ſich davon gemacht und war durch dieſen Vorſprung außer dem Bereich der Möglichkeit, eingeholt zu werden. Dafür entſchädig⸗ ten ſich die Leute reichlich durch Plündern, wovon ſie ſich, trotz ihres Führers Bitten und Drohungen, nicht abhalten ließen. Für die armen Hochländer ſchien das, was in ihre Hände gefallen war, ein unerſchöpflicher Schatz, und doch war die Beute ſo unbedeutend— denn die Dienerſchaft hatte den größten Theil des Silbergeſchirrs und der Werthgegenſtände verſteckt, daß kaum eine Kronik jener Tage den Vorfall der Erwähnung werth erachtete. Nachdem die Leute ſich erfriſcht hatten, ſetzte ſich die Abtheilung wieder in Bewegung, um nach Man⸗ cheſter zurückzukehren, wohin ſie ihre Gefangenen mitnahmen. „Und was für ein Mann iſt denn Prinz Carl?“ fragte die Lady, als man in die tähe der Stadt kam. „Edelmüthig, offen, tapfer, hochherzig und auf⸗ richtig.“ „Das iſt viel bei einem Prinzen.“ „Sie müſſen mit Höfen genau bekannt ſein,“ bemerkte der Baronet,„daß Sie ſich ein ſo hartes Urtheil gebildet haben, wie es Ihre Bemerkung in ſich ſchließt.“ „Nur zu viel,“ erwiderte die Dame ſeufzend. „Ich bin in dieſer trügeriſchen Atmoſphäre geboren, 100 habe ſeither darin gelebt und werde höchſt wahr⸗ ſcheinlich darin ſterben. Gleich einer kränkelnden Pflanze, die unnatürlicher Weiſe in ein Treibhaus gebracht wurde, verwelke und verſchmachte ich in dieſer erdrückenden Hitze, und doch bin ich wieder zu ſchwach, außerhalb derſelben zu eriſtiren. Schon oft habe ich mir gewünſcht,“ ſetzte ſie mit einem Seußzer hinzu,„ich wäre, wie mein Mädchen Gurten hier, als Bäurin geboren worden.“ „Und hätten dann auf dieſe Weiſe den Hof einer Zierde beraubt?“ ſagte Allan, der gegen der Gräfin Wunſch Widerſpruch einzulegen für paſſend hielt. „Sie ſind kein Bergbewohner,“ bemerkte die Lady, ihr Auge feſt auf ihn gerichtet. „Warum nicht?“ „Weil Sie ſchmeicheln. Glauben Sie denn, ich habe deßhalb ſo frei mich ausgeſprochen, um eines jener faden Complimente zu hören, von denen ich mich ſchon zu tauſend Malen mit Widerwillen abge⸗ wendet habe? Nein, ich ſprach etwas aus, was mir ſchwer auf dem Herzen liegt. Aber laſſen wir ſowohl Complimente als Klagen bei Seite.“ Bis Sir Allan und ſeine ſchöne Gefangene Man⸗ cheſter erreichten, hatte ſich ein gewiſſes gegenſeitiges 6 Verſtändniß zwiſchen ihnen gebildet. Die Dame drückte häufig ihr Erſtaunen über die einfachen Sitten und Bemerkungen des jungen Hochländers durch ein Blitzen mit ihren glänzenden Augen aus, welche von jenem dunkelvioletten Blau waren, welches Dichter und Maler zwar verherrlichen, aber ſelten antreffen. Carl Eduard war zu ſehr durch einen Kriegsrath in Anſpruch genommen, welcher an dieſem Tage ge⸗ 101 halten wurde, als daß er ſogleich über das Schickſal der Dame hätte entſcheiden können, welche das Glück in ſeine Gewalt gegeben hatte. Er und Sir Allan glaubten unbedingt an das, was ſie in Betreff ihrer Perſon geſagt hatte, daß ſie wirklich Niemand anders als eines der Ehrenfräulein der verwittweten Prin⸗ zeſſin von Wales ſei. „Wahrhaftig,“ ſagte die Gefangene, als ſie von der Beſchäftigung des Prinzen hörte,„Seine Hoheit bildet ſich ein, bereits in St. James zu ſitzen. Armer junger Mann!“ ſetzte ſie mit einem Seufzer hinzu. „Wüßte er ſo, wie ich, wie viele Sorgen und Kum— mer dort wohnen, ſo würde er ſich nicht ſo beeilen, Beſitz davon zu ergreifen. Glück findet ſich nur ſelten in Paläſten vor.“ „Sie ſprechen mit Geringſchätzung von den Höfen,“ bemerkte der Baronet. „Weil ich die hohle Werthloſigkeit, die Täuſchung und den Verrath kenne, welche dort zu Hauſe ſind⸗ weil ich weiß, wie die Reinheit, die Ehre und Wahr⸗ heit dort ſchmählich zu Grunde gehen. Ein Palaſt!“ fuhr ſie fort,„hätte das Schickſal mir die Wahl ge⸗ ſtattet, ſo hätte ich die beſcheidenſte Hütte in meinem Vaterlande vorgezogen.“ „Ich kann den Widerwillen begreifen,“ bemerkte Allan,„welchen ein reines und unverdorbenes Ge⸗ müth, wie das Ihrige, fühlen muß, Menſchen, die Ihrer unwürdig ſind, äußere Hochachtung zu bezeigen. Ich glaube mit Stolz vorausſetzen zu dürfen, daß die Frauen und Töchter unſers ſchottiſchen Adels nicht fähig wären, dem Beiſpiele der Damen Eng⸗ 102 lands zu folgen, die, wie man mir ſagt, der aufge⸗ blaſenen Maitreſſe des Königs den Hof machen.“ Auf dem Geſichte der Gefangenen wechſelte tiefe Röthe und Todesbläſſe, ſo daß Allan fürchtete, ſie könnte ohnmächtig werden. „Unwürdig!“ rief ſie aus; ja— ja— ſie iſt unwürdig. Jeder rechtliche Mann darf ſie verdammen; jede tugendhafte Frau ſie meiden. Aber wenn Sie die Geſchichte der Gräfin von Königsſtein kennten, ſo würden Sie doch zugeben, doß ſie einigen An⸗ ſpruch auf Ihr Mitleid hat.“ Sir Allan ſchüttelte ungläubig den Kopf. Sie ſie nie geſehen?“ frage die Lady. „Nie.“ „Aber Sie haben von ihr gehört?“ „Viel Böſes und nur wenig Gutes. Man ſagt zwar, ſie ſei mildthätig und verwende einen Theil ihres Reichthums, den ihr königlicher Liebhaber ihr in den Schooß wirft, zur Unterſtützung Unglücklicher. Viel⸗ leicht ſagt ihr jedoch ihr Gewiſſen, daß dieß der einzige Weg ſei, das Leben, welches ſie führt und ihren Antheil, den ſie an der Plünderung eines unter⸗ drückten und duldenden Volkes nimmt, zu ſühnen.“ „Sie urtheilen ſowohl ſehr ſtreng über den König, als ungerecht über die Gräfin,“ bemerkte die Dame. „Welches aber auch immer ihre Fehler ſein mögen, — und ſie hat deren viele— ſo iſt Habſucht nicht darunter begriffen, da das, was ihr erbeigenthümlich gehört, nicht nur zur Beſtreitung ihrer eigenen Be⸗ rfniſſe, ſondern auch ihrer Wohlthaten hinreicht. as Band zwiſchen dem König und ſeiner Geliebten nie auf Intereſſe baſirt.“ 103 „Gründet ſich's denn etwa auf Liebe?“ fragte Allan erſtaunt.„Das wäre faſt noch merkwürdiger, denn Georg der Zweite iſt alt, häßlich, roh und deſpotiſch; und die Gräfin iſt, ſo viel ich gehört habe, jung und ſchön.“ „Ihre Schönheit war ihr Fluch. Könnten Sie ſie jetzt ſehen, ſo würden Sie ſtaunen, wie das einſt ſo glückliche, fröhliche Mädchen, welcher in ihrer Ju⸗ gend die ſchönſten Hoffnungen lächelten, jetzt ausſieht. Davon iſt keine Spur mehr vorhanden! Doch laſſen Sie uns nicht mehr von ihr ſprechen.“ „Sie erregen mein Intereſſe für ſie,“ ſagte der Varonet.„Ich möchte ſelbſt meine bitterſten Feinde nicht ungerecht beurtheilen; wie viel weniger eine Frau, die Ihrer Mittheilung nach ſehr unglücklich geweſen ſein muß. Ich möchte wohl ihre Geſchichte kennen lernen.“ „Sie iſt ſehr traurig,“ ſagte die Dame, eine Thräne aus ihren dunklen Augenwimpern wiſchend. „Sie ſtaunen über meine Schwäche, aber in unſerér früheſten Jugend waren wir Freundinnen, ja faſt Schweſtern, und wohl nur Wenige haben ihren Fall tiefer betrauert, als ich.“ „Was veranlaßte denſelben? Ehrgeiz?“ „Sie verabſcheut die Macht und verlangte nie eine Gunſt von dem Monarchen, deſſen Scepter ſie heimlich zu lenken beſchuldigt wird.“ „Alſo Liebe?“ „Liebe?“ wiederholte die Gefangene ſchaudernd. „Sie haßt den König, der ihre Jugend vergiftet hat, und zöge den Tod ſeiner erniedrigenden Neigung 104 vor. Nein— nein!“ fuhr ſie fort,„weder Ehrgeiz, noch Liebe verurſachten den Fall meiner unglück⸗ lichen Freundin.“ „Aus all dieſem erſehe ich, daß ein Geheimniß obwaltet, aus welchem hervorgeht, daß die fragliche Dame entweder das Opfer ihrer eigenen Gefühle, oder eines tiefangelegten Planes der Schlechtigkeit und Verfolgung iſt. Doch ich will nicht weiter mit Fragen in Sie dringen; ich fürchte jetzt ſchon zu indiscret geweſen zu ſein. Verzeihen Sie mir gütigſt und laſſen Sie uns von etwas Anderem reden.“ „Mit nichten,“ unterbrach ihn die Vertheidigerin der unglücklichen Gräfin.„Ich kann es nicht dulden, daß Sie meine unglückliche Freundin verachten, ohne daß Sie wenigſtens die Anſprüche vernehmen, welche ſie an unſer Mitleid zu machen berechtigt iſt. Sie wiſſen, daß Georg der Zweite in ſeinen Erblanden abſoluter Herr iſt. Der conſtitutionelle König von England iſt zugleich unumſchränkter Kurfürſt von Hannover.“ Sir Allan nickte bejahend. „Es iſt ein unbändiges Geſchlecht dieſe Guelphen — ſie ſind Sclaven ihrer Leidenſchaften, ungeſtüm in ihrer Liebe, tödtlich in ihrem Haß! Leſen Sie die Geſchichte ihrer Kriege in Italien und Deutſchland, und ſie werden ſinden, daß ſie kaum je vor einem Verbrechen zurückbebten, wenn es ſich um Befriedigung ihres Ehrgeizes oder ihrer Wünſche handelte. Der erſte Georg ſperrte ſeine unſchuldige Gemahlin ein und ließ ihre Freundin enthaupten, das einzige Weſen, welches es wagte, Theilnahme an deren Leiden 105 und der rohen Behandlungsweiſe, die ihr zu Theil wurde, an den Tag zu legen, und hielt ſie in ſeiner Feſtung Celle gefangen, bis ſie am gebrochenen Herzen, ohne daß ſich Jemand um ſie kümmerte, ſtarb.“ „Ich habe allerdings dunkle Gerüchte über die Behandlung der verſtorbenen Kurfürſtin vernommen,“ bemerkte Allan,„und habe mich oft gewundert, weß⸗ halb das Parlament, das ſie als Königsgemahlin von England anerkannte, nie zu ihren Gunſten ein⸗ geſchritten iſt.“ „Das liegt einfach darin, daß daſſelbe aus Männern beſteht,“ entgegnete die Lady bitter,„die bekanntlich ſehr nachſichtig gegen ihre eigenen Schwä⸗ chen, und unnachſichtig gegen die Fehler meines Geſchlechtes ſind. Sie machen das Geſetz, das ſie keineswegs bindet, denn ſie ſchwärmen umher und ſuchen das Glück der Liebe, wo ſie es finden. Doch dieß gehört nicht zu meiner Geſchichte,“ fuhr die Dame fort, indem ſie plötzlich aus dem Gedanken⸗ gange ſich herausriß, der ſie zu überwältigen drohte; zwir ſprechen ja von der Gräfin. Vielleicht wiſſen Sie nicht, daß ihr Vater Feldmarſchall in Hannover war? „So hochgeboren und boch ſo unglücklich?“ be⸗ merkte Allan erſtaunt. „Er war ein wackerer, muthiger, edelgeſinnter alter Mann,“ ſagte die Gefangene, ohne die Unter⸗ brechung zu beachten,„mit einem ächten deutſchen Herzen, voll Liebe für ſeine Heimath und ſein Vater⸗ land. Er war in ſeiner Jugend weit umhergereist und hatte an Höfen verweilt, wo die Menſchen frei 106 waren. Dieſe Erinnerung verfolgte ihn fortwährend, wie ein Traum. Er gewährte ſeinen Bauern per⸗ ſönliche und Abgaben⸗Freiheit, was ihm deren Liebe und Anhänglichkeit ſicherte; er gründete Schulen für deren Kinder, die eines Tags vielleicht ihn rächen werden, wenn überhaupt die Gedanken⸗ und Geiſtes⸗ Saat Früchte trägt. Dieß zog ihm den Verdacht und den Haß ſeiner adeligen Standesgenoſſen zu, die gar nichts geweſen wären, wenn nicht der Zu⸗ fall ſie zu Herren des Bodens gemacht hätte, den ſie ſchlecht bebauten und ausſogen. Seine Lage war peinlich und er zog ſich nach einer ihm perſön⸗ lich zu Theil gewordenen Beleidigung des Kurfürſten vom Hofe zurück. Er that klug daran, denn eine Atmoſphäre dieſer Art war nicht für ihn geeignet. So begab er ſich auf ſeine Güter, wo er fort⸗ fuhr unausgeſetzt thätig zu wirken. Die Bosheit bebt aber vor keinem Verbrechen zurück. Er war bereits dem Verderben geweiht. Seine Feinde brachten eine Anklage auf Hochverrath— auf eine Verſchwörung gegen das Leben des Kurfürſten, gegen ihn vor, welche ſie auf gefälſchte Beweiſe ſtützten. Seine bitter⸗ ſten Feinde waren ſeine Richter. Es war deßhalb kein Wunder, daß er verurtheilt wurde.“ „Schändlich!“ rief Sir Allan. „Kennen Sie die Beſtrafung in Deutſchland, die über den Mann verhängt wird, der gegen das Leben ſeines Souverains ſich verſchwört?“ fuhr die Lady fort, deren Aufregung jeden Augenblick ſich ſteigerte. „Das Rad— lebendig gerädert zu werden. Zu dieſer Strafe wurde der alte Mann verurtheilt. Vergebens bemühte ſich ſeine Familie auf jede Weiſe ihn zu 107 retten. Der Miniſter war ſein Feind; der Fürſt war ſein Feind; die Adeligen waren ſeine Feinde. Als letztes Mittel warf ſich ſeine Tochter, damals gerade ſechszehn Jahre alt, dem Kurfürſten zu Füßen. Ihre unſelige Schönheit beſtach ſein Auge und die Hölle gab ihm den Wunſch nach ihrem Beſitze ein. Er bot ſein Vorrecht, Gnade zu üben, unter Einer Bedingung an. Das Kind willigte gebrochenen Her⸗ zens, von Jammer zu Boden gedrückt und ſelbſt ohne ein richtiges Verſtändniß der Art ihres Opfers, ein. Meines Vaters alte Glieder waren von det entehrenden Berührung des Henkers gerettet und ich wurde die Geliebte des Königs.“ Der ſchmerzliche Kampf, mit welchem die letten Worte geſprochen wurden, brachen die Kraft der un⸗ glücklichen Gräfin, die, von ihrer Schande erdrückt, auf den Stuhl zurück ſank, von welchem ſie, aufge⸗ regt durch ihre Erzählung, aufgeſtanden war. Sir Allan war von ihrer ſchmerzlichen Mittheilung auf's Tiefſte ergriffen. Sein Herz blutete über das Wehe, das er durch das unüberlegte, harte Urtheil, welches er gefällt, verurſacht hatte. Er nahm den innigſten Antheil an dem Unrecht, das der Gräfin widerfahren war, ſowie an deren Leiden, und verſicherte ſie ſo⸗ wohl ſeiner Theilnahme, als ſeines Mitleids, als er ſie um Vergebung bat, denn er ſah wohl ein, daß ſie ihre jetzige Laufbahn niemals freiwillig gewählt haben würde. „Noch einige Worte,“ fuhr die Gräfin fort,„und ich bin zu Ende. Der Marſchall wurde freigelaſſen, denn der Kurfürſt war viel zu ſehr von der jugend⸗ lichen Schönheit ſeines Opfers bezaubert, als daß er ihm nicht Wort gehalten hätte. Das härteſte dabei war aber, daß daſſelbe nutzlos war, denn eine Woche ſpäter, nachdem mein Vater meine Schmach erfahren hatte, ſtarb er; ſein edles Herz brach über eine Handlung, die er verzeihen und doch ſo tief bedauern mußte.“ „Möge auch der Himmel ſie verzeihen!“ rief der Baronet. „Möge Ihr frommer Wunſch erhört werden!“ ſetzte die unglückliche Frau hinzu.„Sie werden mich fragen, warum ich den Hof und meinen Ver⸗ führer nicht verließ? Wohin ſollte ich fliehen? Nach Hauſe? Ich hatte keine Heimath! Zu meinen Freun⸗ den? Sie waren alle dem Kurfürſten unterthan, der von mir einen Eid erpreßte, zu fürchterlich, als daß der Mund ihn wiederholen, zu gräßlich, als daß die Phantaſie ihn zu faſſen vermöchte— ihn niemals zu verlaſſen. Er kettete meinen Leib und meine Seele an ſeine ſchändlichen Begierden. Das Band zwiſchen uns iſt das des Haſſes, nicht der Liebe, das aber ſo feſt geſchmiedet iſt, daß der Tod allein mich frei machen kann! Und jetzt, nachdem Sie den Werth des Fangs, den Sie gemacht haben, kennen, beſinnen Sie ſich nicht, mein Löſegeld feſtzuſetzen. Georg wird, um meine Freiheit zu erwirken, ſeinen Reichthum wie Waſſer zu Ihren Füßen ausgießen.“ „Verdammt ſei der Gedanke: der Kunrfürſt und ſein Gold! Denken Sie ſo niedrig von mir, daß Sie mich für fähig halten, auf die Leidenſchaften eines ſchlechten Menſchen und den Kummer einer höchſt unglücklichen, betrogenen Frau ſpeculiren zu können, welche der Zufall in meine Gewalt gegeben 109 hat? Lernen Sie mich beſſer kennen! Ich werde ſo⸗ gleich Carl Eduard aufſuchen. Er iſt mir zu einigem Dank für meine ſeiner Sache geleiſteten Dienſte ver⸗ pflichtet. Ich werde Ihre Freilaſſung und Ihr ſiheres Geleite nach Hauſe als eine Tilgung ſeiner Schuld gegen mich fordern.“ „Glauben Sie, daß er Ihnen dieß gewähren wird?“ „Ich bin feſt überzeugt, daß er es wird. Die letzte Blüthe des alten Stammes der Stuarts, welche derſelbe getrieben, iſt des bewährten Rufes der Ritterlichkeit und Huld deſſelben vollkommen würdig. In einer Stunde ſollen Sie frei ſein. Ich wünſchte nur, den Frieden Ihres Herzens Ihnen eben ſo leicht zurückgeben zu können, als die Freiheit Ihrer Perſon.“ Mit dieſen Worten verließ der edelmüthige junge Mann das Gemach, um ſo ſchleunig als möglich das erfreuliche Verſprechen zu erfüllen, das er ſeiner unglücklichen Gefangenen gegeben hatte, deren grau⸗ ſames Schickſal tiefe Theilnahme in ſeinem Herzen gefunden hatte. Die Gräfin blickte ihm einige Minu⸗ ten lang ſtillſchweigend nach. Vielleicht drängte ſich ihr der Gedanke auf, wie ganz anders ihr Loos geweſen wäre bei einer Vereinigung mit einem ſol⸗ chen Manne, wenn das Schickſal weniger hart mit ihr verfahren wäre, und Thränen träufelten über ihre bleichen Wangen herab. „O Männer!“ rief ſie aus,„wie edel und gott⸗ ähnlich ſeid ihr, wenn ihr den reinen Impulſen folgt, welche Gott⸗in eure Natur gelegt hat,— wie unwürdig und verächtlich aber, wenn ihr die Sclaven niedriger Leidenſchaften ſeid! Wahrſcheinlich liebt er ſo, wie ein ſo warmes Gemüth allein zu lieben vermag, treu, ehrenvoll, ohne ſchlimmen Hinterge⸗ danken gegen das Weſen, das ſein junges Herz feſſelt. Aber wäre auch dieß Herz frei wie der Wind, der über die Berge weht,“ ſetzte ſie mit einem tiefen Seufzer hinzu,„wäre er deßhalb für mich doch mehr, als eine Erinnerung, ein Bedauern? Ehre kann ſich nimmermehr mit Schande verbinden. Er würde ſich mit Abſcheu von dem unreinen Geſchöpfe ab⸗ wenden, zu dem das Geſchick mich gemacht hat. Die Sache der Stuarts wird zu Grunde gehen; er wird ihr Schickſal theilen— wird geächtet werden. Gleich⸗ viel. Ich beſitze die Macht, ihm zu helfen. Er darf aber nie erfahren, woher ihm Hilfe kommt, denn er würde ſie zurückweiſen. Es iſt möglich, daß er ver⸗ urtheilt wird,“ fuhr ſie ſchaudernd fort,„verurtheilt! O, dann ſoll er ſehen, ob ich ein dankbares Herz beſitze oder nicht. Ja, Allan, ja! Für Dein edles Mitleid, das Du Der gezeigt haſt, die Alle verdam⸗ men, für den Balſam, den Du auf meine wunde Seele gegoſſen haſt, wird die Geliebte des Königs, trotz dem leidenſchaftlichen Cumberland, den Miniſtern und dem Volke, die alle nach dem Blute des Un⸗ glücklichen lechzen, doch Mittel finden, Dich zu retten!“ Wenn man an die unbegrenzte Ergebenheit Georgs des Zweiten für das Opfer ſeiner grauſamen Leiden⸗ ſchaft denkt, wie deren Kälte ihn quälte, wie deren Zurückweiſung ſeiner Geſchenke ihn kränkte, ſo wer⸗ den unſere Leſer wahrſcheinlich begreifen, daß die Gräfin ihre Macht nicht überſchätzte. Der verliebte, alte Monarch hätte faſt für ein Lächeln von ihr ſeinen Scepter hingegeben. Denn ſeit dem Tage 111 ihrer Entehrung hatte er die Gräfin von Königsſtein nie lächeln ſehen. Die Erinnerungen und der Schmerz um die Vergangenheit ließen es nicht zu. Eine Stunde hernach kam Sir Allan, ſeinem Verſprechen gemäß, zurück, und brachte den Beweis mit, daß er ſich weder hinſichtlich des Edelmuths Carl's, noch ſeines Einfluſſes über dieſen verrechnet hatte; denn der Prinz hatte, trotz der Oppoſition mehrerer Mitglieder des Rathes, welche die Perſon einer der Ehrendamen für ein werthvolles Pfand hielten, den Befehl zu deren Freilaſſung unterzeichnet. Hätten ſie den wahren Sachverhalt gekannt und gewußt, daß die Frau, deren Herrſchaft über den Geiſt und das Herz des Königs unbegrenzt war, in ihrer Gewakt ſich befinde, ſo ſtände es ſehr dahin, ob ihr Widerſtund ſich nur auf Worte beſchränkt hätte, denn die Häuptlinge der verſchiedenen Clane beanſpruchten mehr als eine blos berathende Stimme im Rathe des jungen Chevalier. Wir dürfen nicht vergeſſen, daß Sir Allan ein junger Mann von warmen und edelmüthigen Ge⸗ fühlen war, bereit, mit den Unterdrückten zu ſym⸗ pathiſiren, und aus dieſem Grunde deren Character und Aufführung nicht allzu ſtreng beurtheilte. „Hier,“ ſagte der Baronet,„hier iſt der Beweis, daß ich den Character Deſſen nicht unrichtig beur⸗ theilte, welchen die Natur dazu beſtimmte, einen Thron einzunehmen, wenn auch das Glück ihm den⸗ ſelben verſagt. Sie ſind frei, Lady, und können jeden Augenblick abreiſen; ich wünſchte nur, Sie gingen einem glücklichen Heimweſen entgegen, einer Liebe, die der Ihrigen würdiger wäre— einem weniger glänzenden, aber dafür um ſo ehrenvolleren Schickſale.“ „Tauſend Dank!“ ſagte die Gräfin, das Papier ergreifend, auf welches, trotz ihrer Feſtigkeit, eine Thräne niederträufelte, während ſie ſich den Anſchein gab, es zu durchleſen;„tauſend Dank! Aber weder Sie noch Ihre Gefährten ſollen deßhalb um das Löſegeld kommen.“ „Löſegeld!“ wiederholte der junge Mann ſtolz. „Mylady, Ihre Leiden und Ihr Unglück haben Sie ausgelöst. Wir Schottländer ſind allerdings arm, aber wir ſind ſo ſtolz wie unſere kahlen Berge! Unter den Streitern meines Clans wäre auch nicht ein Einziger, der, wenn er die Geſchichte Ihres Unglücks gehört hätte, nicht vielmehr geneigt wäre, Sie zu rächen, als aus Ihrer Freigebigkeit Nutzen zu ziehen.“ „Sie weigern ſich alſo, irgend ein Löſegeld an⸗ zunehmen?“ „Auf das Entſchiedenſte,“ erwiderte Allan feſt. „Auf dieſe Weiſe wage ich kaum,“ fuhr die Gräſin fort,„Ihnen ſelbſt nur ein Pfand meiner Dankbarkeit anzubieten, denn zuweilen iſt es der Geber, um deſſen willen man das Geſchenk ausſchlägt, obgleich ich von Ihnen überzeugt bin, daß Sie das ohnehin ſchon blutende Herz nicht unnöthiger Weiſe verwunden werden.“ „Ich ſollte es verwunden!“ wiederholte Allan. „Viel lieber möchte ich es heilen, womöglich die Er⸗ innerung an die Vergangenheit daraus verwiſchen und Ihnen, wenn es ſein könnte, eine ſchönere und weniger tadelnswerthe Zukunft in Ausſicht ſtellen. 113 Glauben Sie mir, das Ihnen widerfahrene Unrecht flößt mir eben ſo viel Achtung als Mitleid ein, und die Erinnerung daran wird meinen Arm in der Stunde der Schlacht mehr als gewöhnlich ſtählen.“ „Sir Allan,“ ſagte die Dame, von ihrem Finger einen werthvollen Ring ziehend, auf welchem ein weißes Pferd, das Wappenzeichen des Hauſes Han⸗ nover, gravirt war,„Sie haben nahezu mich mit mir ſelbſt verſöhnt. Ich fühle, daß ich nicht ganz unwürdig ſein kann, da ein Herz, wie das Ihrige, mich bemitleidet. In dieſer Welt werden wir uns nie wieder ſehen; denn unſere Lebenswege laufen zu weit aus einander. Der Ihrige wird, wie ich hoffe, ein Pfad der Ehre und der Liebe ſein; der meinige wird mich zu einem frühzeitigen, ſehnlichſt gewünſchten Grabe führen. Nehmen Sie alſo dieſes Pfand von mir an, und ſeien Sie verſichert, daß es ein Weſen gibt, das in ſeinen Gebeten ſtets Ihrer gedenken wird.“ „Nicht dieſen, Lady,“ ſagte Sir Allan erröthend, weil er die Koſtbarkeit des Ringes bemerkte und folglich von ſehr großem Werth ſein mußte,„er iſt für einen ſo unbedeutenden Dienſt, wie der, welchen ich geleiſtet, ein viel zu reiches Geſchenk. Ich brauche kein Andenken, um mich Ihrer zu erinnern. Aber da es Ihr Wunſch iſt, daß ich eines annehmen ſoll, ſo wird jener einfache Goldreif an Ihrem Finger von größerem Werth für mich ſein, als die koſtbarſte zerle in Englands Krone.“ „Dieſer oder kein anderer muß es ſein!“ rief die Gräfin.„Glauben Sie aber nicht,“ beeilte ſie ſich Der junge Prätendent. III. 8 hinzuzuſetzen, als ſie ſeinen erſtaunteu Blick wahr⸗ nahm,„daß es ſich dabei um den Werth des Ge⸗ ſchenkes handelt. Ich erkenne Ihre Geſinnung zu ſehr, als daß ich Ihnen ein ſolches Geſchenk auf⸗ nöthigen ſollte. Dieſer ſchließt aber eine Zauberkraft in ſich.“ „Eine Zauberkraft!“ wiederholte der Baronet lächelnd. „Ja, und zwar eine, für welche vielleicht in kur⸗ zer Zeit manche unglückliche Frau und Mutter ihr Herzblut hergeben würde, wenn ſie ihn beſäße. Ich erhielt ihn einſt vom König.“ Allan war zu wohl erzogen, um in Worten das Erſtaunen auszudrücken, das er darüber fühlte, daß die Dame für ihn ein Geſchenk gewählt hatte, das ihr von ihrem königlichen Peiniger gegeben worden war; in ſeinem Geſichte war aber zu deutlich zu leſen, was in ſeinem Innern vorging, ſo daß auch die Gräfin es bemerkte. „Ein Schwur begleitete denſelben,“ fuhr ſie fort, „daß jede Bitte, welche bei der Rückgabe des Ringes, der eines der werthvollſten Erbſtücke ſeines Hauſes iſt, an ihn geſtellt würde, gewährt werden ſoll; gleichviel, durch weſſen Hand es geſchehe, und ob ich am Leben ſei oder im Grabe liege. Nehmen Sie ihn, er kann eines Tages dazu dienen, Sie denen zurückzugeben, von welchen Sie geliebt werden, deren Herzen mit dem Ihrigen ſo ſehr verwachſen ſind, daß beide Herzen brechen würden, wenn man ſie ge⸗ waltſam trennte Sollte er aber auch für Sie werth⸗ los bleiben, ſo kann er wenigſtens dazu dienen, einen Ihrer Freunde zu retten.“ 115 „Ich nehme das Geſchenk an, Lady,“ rief Allan, tief ergriffen von dem Antheil, den ſie an ſeinem Schickſal nahm.„Sollte er aber auch auf die von Ihnen bezeichnete Art nutzlos für mich ſein, ſo wird er mir ſtets ein werthvolles Andenken an Ihre Freund⸗ ſchaft bleiben.“ „Ich danke Ihnen!“ rief die Gräfin, in Thränen ausbrechend, aus.„Es iſt ſchon ſo lange— ſo ſehr lange her, ſeitdem ich kein Wort menſchlicher Theilnahme mehr gehört habe, ſo daß meine Feſtig⸗ keit dadurch erſchüttert wird. Sollte ſich aber Ge⸗ legenheit zeigen, den Werth meines Geſchenks auf die Probe zu ſtellen, ſo fürchten Sie ja nicht, daß der Tyrann ſeinen Eid zu brechen wagen wird; denn dieß würde mich des meinigen entbinden und mich von einem verhaßten Bande frei machen, das wie ein Geſchwür mein Herz zerfrißt. Wenigſtens ſo lang ich lebe, wird ſeine Kraft ungeſchwächt bleiben, weil der König nicht weniger Sclave ſeiner Laſter, als der meinige iſt.“ Noch immer zögerte die Gräfin mit ihrer Ab⸗ reiſe, indem ſie ſagte, daß der Baronet ſie nicht der Freiheit, ſondern einem verhaßten Bande zurückgebe. Sir Allan war über ihre Unentſchloſſenheit eben ſo erſtaunt, als ſie ihm peinlich war. Wenn ihm Eitel⸗ keit nicht gänzlich fremd geweſen wäre, ſo hätte er offenbar den Eindruck bemerken müſſen, den er auf ihr Herz gemacht hatte. „Werden Sie mich durch die Stadt begleiten?“ ſprach ſie, als jetzt gemeldet wurde, daß ihr Wagen ſie erwarte. „Ja, ſogar über die Vorpoſten hinaus,“ ver⸗ 116 ſetzte der junge Mann,„obgleich das freie Geleite des Prinzen dieſe Vorſicht überflüſſig macht.“ „Weßhalb wenden Sie ſie alſo an?“ fragte die Dame ſeufzend. „Nachdem Sie für mein Wohl eine ſo große Theilnahme an den Tag gelegt haben,“ ſagte Allan, „halten Sie mich dafür fähig, früher von Ihnen zu ſcheiden, als es ſein muß? Ach, Gräfin, wenn auch unſer Benehmen etwas roh und kalt iſt, ſo glauben Sie mir doch, daß eines Schottländers Herz warm und dankbar iſt. Wir ſind eben ſo treu in der Freundſchaft wie in der Liebe.“ „So lieben Sie alſo?“ erwiderte die Dame, ihr Auge mit traurigem Ernſt auf ihn gerichtet.„Sie müſſen lieben. Ein Herz, wie das Ihrige, kann nicht glücklich ſein, wenn nicht ein anderes ſeine Gefühle theilt.“ Dieſe Bemerkung wurde während des Hinab⸗ ſteigens auf der Treppe des großen Hotels gemacht, wo der Baronet im Quartiere lag, auf dem Wege, um ſich nach dem Wagen zu begeben. Die Worte waren kaum geſprochen, als Crawford herbeigeeilt kam, der Sir Allan überall geſucht hatte, weil Nach⸗ richten von Edinburg eingetroffen waren. „Freue Dich, Allan,“ rief ſein Freund, indem er zugleich zwei Briefe in die Höhe hielt,„einer von der Gräfin von Arran, und der andere von Alice.“ Allan's Gefährtin bemerkte den freudigen Aus⸗ druck auf Allan's Geſicht, als Erawford den letztern Namen nannte, und die Haſt, mit der er die Briefe in Empfang nahm. Ein Seußzer entſchlüpfte ihr. 117 „Alice,“ murmelte ſie:„ein weiterer Name in's Gebet einzuſchließen. Dreißigſtes Kapitel. Die Gräfin und ihr Begleiter waren ſchon meh⸗ rere Meilen über die Vorpoſtenkette der Armee Carl Eduards hinausgefahren, ehe der Baronet den Muth fand, auszuſteigen. Er fühlte, daß ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit und ſeine freundlichen Worte wohlthuend auf die Gräfin wirkten, ja es entging ihm ſogar, trotz ſeiner Beſcheidenheit und der geringen Meinung, die er von ſeinen eigenen Verdienſten hegte, nicht ganz, daß er ein tieferes Intereſſe in ihrem Herzen erregt— habe, ein Gedanke, der ihm peinlich war, denn er gehörte nicht unter jene gemüthloſen Thoren, deren Citelkeit ſich geſchmeichelt fühlt, wenn ſie Gefühle in der Bruſt von Perſonen erregen, für die ſie nicht ebenfalls eine Neigung fühlen. Wäre ſeine Seele nicht ausſchließlich mit Alice beſchäftigt geweſen, ſo kann man nicht wiſſen, was er, bei all' ſeiner Phi⸗ loſophie und Beſcheidenheit, nicht doch empfunden haben würde. „Allan,“ ſagte die Gräfin, als die Spitze eines erges auf der Straße nach Derby erreicht war, „hier müſſen wir ſcheiden. Leben Sie wohl für immer! Suchen Sie nicht mich wieder zu treffen, „ 118 ich bitte darum! Ich möchte mir gerne die Erinne— rung an unſer Zuſammentreffen wie einen ſchönen Traum, wie eine DHaſe in der Wüſte meines Lebens bewahren. Denken Sie zuweilen an mich. Beten Sie für mich, wenn die Erinnerung an mein Elend und mein Leiden Ihnen in's Gedächtniß kommt, wie auch ich in manch' einſamer Stunde für Sie und Alice beten will. Gott ſegne Sie, Allan. Bedauern Sie mich und denken Sie in der Stunde der Gefahr an mein Geſchenk.“ Der Baronet war zu tief ergriffen, um antworten zu können. Der Ton troſtloſer Hoffnungsloſigkeit, in welchem das Lebewohl ausgeſprochen wurde, vaubte ihm die Sprache. Statt einer Antwort führte er der Gräfin Hand an ſeine Lippen und drückte ſie herzlich. „Leben Sie wohl!“ rief er aus.„Der Himmel begleite und leite Sie!“ „Warum mußten wir uns auch begegnen!“ rief ſie, leidenſchaftlich die Hände ringend;„warum mußte auch dieſer Jammer noch zu der Laſt hinzukommen, die an und für ſich ſchon ſchwerer iſt, als mein Herz ſie zu ertragen vermag? Wäre ich ſeiner Liebe würdig geweſen— wäre ich frei, welch' glückliches Leben hätten wir zuſammen führen können; aber er liebt eine Andere und ich bin die Geliebte des Königs!“ Nach ihrer Ankunft in London war die Gräfin mehrere Tage hindurch in ihrem Zimmer einge⸗ ſchloſſen, wohin ſelbſt Seine Majeſtät keinen Zutritt erhielt. Als ſie wieder am Hofe erſchien, fielen all— gemein ihre bleichen Wangen und eingeſunkenen Augen * 119 auf, ſo daß Manche prophezeihten, daß mit der Ab⸗ nahme ihrer Schönheit auch die Verblendung des Königs aufhören würde. Vielleicht erhielt aber gerade die Kälte, mit der ſie ihn behandelte, ſeine unlautere Flamme. „Nun, Allan,“ rief deſſen Freund, als der Ba⸗ ronet nach ſeiner Verabſchiedung von der Gräfin vor ſeinem Quartier in Mancheſter angeſprengt kam, „was ſagſt Du über dieſe Neuigkeiten?“ Crawford meinte damit die Abreiſe der Lady Arran und deren beiden Nichten nach dem Schloſſe in den Hochlanden. „Was für Neuigkeiten?“ „Haſt Du nicht Alice's Briefe geleſen?“ „Noch nicht— noch nicht!“ Crawford lächelte; obgleich er entfernt nicht an Erſchütterung der Treue ſeines Freundes für den Gegenſtand ſeiner Wahl dachte, ſo fielen ihm doch unwillkürlich gewiſſe Blicke der Dame ein, als dieſe und Sir Allan auf dem Wege nach dem Wagen die Treppe herabgeſtiegen waren. „Nachdem Du die Gefangene jetzt ſicher auf dem Heimwege weißſt,“ bemerkte er,„ſo haſt Du wenig⸗ ſtens Zeit, denſelben zu leſen. Oder hat dieſe ge⸗ heimnißvolle Dame die Rollen vertauſcht und Dich zu ihrem Gefangenen gemacht?“ „Nein, Crawford. Ich bin gänzlich unempfäng⸗ lich für Jede, die nicht Alice iſt. Das Unglück der Dame, von der Du ſprichſt, hat zwar mein Mitleiden, aber keineswegs meine Liebe rege gemacht. Ein ander Mal wollen wir davon ſprechen. Für 120 jetzt iſt mir aber die Geſchichte noch zu peinlich, um ſie zu wiederholen.“ Mit dieſen Worten trennten ſich die jungen Män⸗ ner, um ihre Vorbereitungen zum Aufbruch nach Derby zu treffen. Am 1. December verließ die Armee in zwei Di⸗ viſionen Mancheſter; eine davon ſchlug den Weg nach Stockport, die andere nach Knottesford ein. Daraus ging klar hervor, daß London ihr Zielpunkt war. Sämmtliche Brücken in dieſer Richtung waren abge— brochen; die Armee mußte daher zuſehen, auf welche Weiſe ſie über den Merſey kommen konnte. In Knottesford wurde eine Nothbrücke von abgehauenen Baumſtämmen geſchlagen, über welche man Bretter legte. Die Pferde und Artillerie gingen bei Cheadle⸗ ford über den Fluß. Der Prinz paſſirte denſelben mit andern Abtheilungen bei Stockport durch eine Furth, wo ihm aber das Waſſer bis an die Mitte des Leibes ging. Hier ſoll ſich ein romantiſches Ereigniß zugetragen haben. Einige Bewohner von Cheſhire hatten ſich am ſüdlichen Ufer des Fluſſes aufgeſtellt; unter ihnen befand ſich eine Mrs. Skyring, eine Dame von ſehr hohem Alter. Als Kind hatte ihre Mutter ſie auf den Armen getragen, um die glück liche Landung Carl's des Zweiten in Dover mit an⸗ zuſehen. Ihr Vater, ein alter Cavalier, hatte nach⸗ her nicht bloß über Vernachläſſigung, ſonden ſogar über Unterdrückung von Seiten des undankbaren Monarchen zu klagen; nichts deſto weniger blieben er und ſeine Gattin der königlichen Sache treu 12¹ ergeben und ebenſo auch deren Tochter, als dieſe älter geworden war. Nach der Vertreibung der Stuarts concentrirten ſich alle ihre Gedanken, ihre Hoffnungen, ihre Ge⸗ bete auf eine zweite Reſtauration. Mit der gewiſſen⸗ hafteſten Pünktlichkeit hatte ſie von da an die Hälfte ihres jährlichen Einkommens bei Seite gelegt, um dieſelbe der verbannten Familie zukommen zu laſſen, dabei aber ſtets den Namen der Geberin geheim ge⸗ halten, weil ſie dieß für durchaus unwichtig hielt. Jetzt hatte ſie ihre Juwelen, ihr Silbergeſchirr, und was ſie überhaupt von Werthgegenſtänden beſaß, verkauft, um den Erlös daraus dem Prinzen in einer Börſe zu Füßen zu legen. Indem ſie ihre blöden Augen erhob, um ſeine Geſichtszüge zu ſehen, und ſeine Hand an ihre welken Lippen drückte, brach ſie in liebevollem Entzücken in die Worte Simeons aus:„Herr, nun läſſeſt Du Deinen Diener in Frieden fahren!“ So viel man weiß, überlebte ſie den Schlag nicht, als ſie wenige Tage hernach die Nachricht von dem Rückzuge erfuhr. Am Abend des erſten Decembers vereinigten ſich die beiden Diviſionen bei Macclesfield, wo Carl die Nachricht erhielt, daß der Herzog von Cumberland das Commando der in Stuffordſhire gemuſterten Armee übernommen habe, die jetzt im Anmarſche begriffen und in Lichfield, Coventry, Stafford und Neweaſtle am Lyne einquartirt ſei. Es wurde beſchloſſen, daß die hochländiſche Armee auf Derby marſchiren ſollte. Um den Feind darüber zu täuſchen, marſchirte Lord Georg Murray mit einer Colonne auf Congleton auf dem geraden Wege nach 122 Lichfield, während der übrige Theil auf Derby vor⸗ rückte. Man rechnete darauf, daß der engliſche Be⸗ fehlshaber, wenn er den Anmarſch eines Corps auf ſeine jetzige Stellung vernehme, ſeine Streitkräfte und ſeine Stellung daſelbſt concentriren und ſo der Hauptmacht der Hochländer Gelegenheit geben werde, unaufgehalten an ihm vorüber zu kommen. Als Lord Georg auf Congleton vorrückte, zog ſich der Herzog von Kingston, der ein Reitergeſchwader commandirte, von dieſer Stadt nach Keweaſtle am Lyne zurück. Eine vorgerückte Abtheilung von Lord Georgs Leuten brach in der Nacht des 2. Decembers nach Neweaſtle am Lyne auf, das die Dragoner mit ſolcher Haſt verließen, daß einige davon ſelbſt aus den Fenſtern ſprangen. Dieſe Abtheilung nahm einen notoriſchen Spion, Namens Weir, gefangen, der es nur der Milde des Prinzen zu danken hatte, daß er nicht gehenkt wurde. Der Erfolg dieſer Bewegungen, ſo wie die ausgeſprengten falſchen Nachrichten ent⸗ ſprachen vollkommen den daran geknüpften Erwar⸗ tungen. Der Herzog von Cumberland erhielt am 2. De⸗ cember die Nachricht, daß ein bedeutendes Corps der Inſurgenten in Congleton ſei, und daß der Reſt derſelben in der Nacht dort eintreffen werde. Er brach deßhalb noch in derſelben Nacht um eilf Uhr nach Stowe auf, und ſo gelang es dem Hauptcorps der Hochländer, an ihm vorüber zu kommen. Frühzeitig am Morgen des 3. verließ Lord Georg, nachdem ſeine Abſicht erreicht war, Congleton und 1 erreichte, durch Leek paſſirend, Aſhbourn Abends. Einige Stunden, nachdem er Leek paſſirt hatte, traf „ der Prinz mit dem Gros der Armee dort ein und befand ſich ſo auf dem geraden Weg nach Derby. Noch um Mitternacht marſchirte dieſes Corps von Leek wieder aus und erreichte Aſhbourn in früher Morgenſtunde, damit, für den Fall eines plötzlichen Angriffs von Seiten des Herzogs von Cumberland, ſämmtliche Streitkräfte beiſammen wären. Am 4. Morgens brach ein Theil der Armee nach Derby auf, wo derſelbe um elf Uhr Vormittags ein⸗ traf. Gegen drei Uhr erſchien Lord Elcho mit der Leibwache und einigen der oberſten Officiere zu Pferde, was dem Ganzen ein ſehr reſpectables Ausſehen ver⸗ lieh. Das Hauptcorps der Armee traf in kleinen Abtheilungen im Laufe des Tages ein— wahr⸗ ſcheinlich um die Zahl größer erſcheinen zu laſſen. Die Sackpfeifer ſpielten auf und die Fahnen flatterten luſtig in der Luft. Abends langte der Prinz zu Fuß an und nahm ſein Abſteigequartier im Hauſe des Earl von Exeter. Den Tag über wurden die Glocken geläutet, Freudenfeuer angezündet, und Abends war die Stadt illuminirt; wie weit dieß freiwillig geſchah, iſt nicht angegeben. Dem Magiſtrate wurde anbefohlen, der Proclamation im Amtskleide anzuwohnen; als ſich aber herausſtellte, daß dieſe Gewänder zuvor ſchon weggeſchickt worden ſeien, wurde dieſen Beamten das Erſcheinen erlaſſen und die Proclamation durch den gewöhnlichen Ausrufer verkündet. Carl war jetzt nur noch hundertundſiebenundzwanzig Meilen— für ihn nicht weiter, als ein Marſch von ſieben Tagen— von der Hauptſtadt Englands ent⸗ fernt. In Folge des geſchickten Manövers von Lord 124 Georg Murray hätte er, ohne mit dem Herzog von Cumberland ſich zu ſchlagen, dahin vorrücken können. Letzterer befand ſich am 4. auf dem Rückmarſche von Stone in Stafford, wo er neun Meilen entfernter von London war, als der Chevalier, den er mit Infanterie nicht einholen zu könen hoffen durfte, wenn dieſer unausgeſetzt ſeinen Weg fortſetzte. Auf dieſe Weiſe hatten die Hochländer zwei Ar⸗ meen hinter einander umgangen; die von Wade, be⸗ günſtigt durch das Wetter oder durch des alten Mar⸗ ſchalls Unthätigkeit, und die Cumberlands, trotz des Talents ihres Führers. Es blieb aber noch eine dritte Armee übrig, die in Finchley Common ſtand. Dieſe war aber, weder was ihre Zuſammenſetzung noch ihre Zahl betraf, zu fürchten, und würde wahr⸗ ſcheinlich den Clans in einer Schlacht nicht Stand gehalten haben, wenn dieſelben weiter vorgerückt wären. Seit den Tagen der Sachſenkönige war nie ein Invaſionscorps ſo weit und ſo drohend in England eingerückt; denn wenn auch der Herzog von Hamilton im Jahr 1648 bis nach Uttoxeter vorgerückt war, ſo war dieß nur eine kleine Abtheilung geweſen, die viel weiter nördlich gänzlich zerſprengt wurde. Bis jetzt hatte das engliſche Volk nur einen böchſt unſichern Begriff von dem Aufſtande gehabt. Wenn wir nach dem Tone der öffentlichen Journale urtheilen dürfen, in welchem von ber hochländiſchen Armee ſtets mit Verachtung, ſowohl in phyſiſcher, wie in moraliſcher Beziehung, geſprochen wurde, ſo hatten die Engländer im Allgemeinen entfernt keine Ides von dem kühnen und edlen Geiſte der Selbſtauſopferung, 125 welcher dieſe Leute antrieb, ihre Heimath zu ver⸗ laſſen und ſich dadurch nicht allein den Gefahren es Kriegs, fondern auch des Verraths für eine Sache auszuſetzen, welche ſie, wenn vielleicht auch irriger Weiſe, für eine gerechte und patriotiſche hielten. Die ganze Unternehmung des Chevaliers und ſeiner Anhänger hielt man, wie es ſcheint, für nichts weiter, als für einen verächtlichen Verſuch des Pöbels, mit welchem eine regelmäßige Militärmacht bald fertig werden würde. Einzelne ſchienen auch nicht abgeneigt zu ſein, das Ganze für eine Art von neuem Schauſpiel zu halten. Der Dichter Gray ſchreibt aus Cambridge:„Hier hatten wir ſo wenig eine Ahnung von Gefahr, als wenn es ſich um die Schlacht bei Cannä gehandelt hätte. Ich hörte von drei verſtändigen ältern Män⸗ nern, als es hieß, die Schottländer ſtänden in Stamford und ſeien bereits in Derby eingerückt, die Aeußerung, daß ſie eine Chaiſe miethen wollten, um nach Caxton zu fahren, einem an der Straße von Derby nach London liegenden Orte, nur fünf Meilen von der Hauptſtadt entfernt, um den Prätendenten und die Hochländer vorbeimarſchiren zu ſehen.“ Mehr Beſorgniß flößte ohne Zweifel die politiſche Haltung ein, welche die Regierungspartei annahm. Auf dieſer Seite galt es für ein Bekenntniß der Parteinahme für die Jacobiten, wenn man in ach⸗ tungsvollen Ausdrücken von dem Chevalier, ſeinem Anhange oder der Stärke ſeiner Armee ſprach. Dieß war ein zweiſchneidiges Schwert, welches zwar einer⸗ ſeits die Volksſtimmung zu Gunſten Carl's niederhielt, andererſeits aber das Gefühl der Sicherheit in den höhern Schichten der Geſellſchaft begünſtigte, was dem Prinzen nützlich war. Jetzt aber herrſchte auf einmal eine große Angſt vor der drohenden Gefahr in der Hauptſtadt; denn als die Nachricht eintraf, daß die Hochländer die Armee des Herzogs von Cumberland umgangen hätten und in Derby einge⸗ rückt ſeien, wurden die Einwohner von allgemeiner Beſtürzung ergriffen. Fielding beſchreibt in ſeinem„treuen Patrioten“, wie über allen Begriff groß der Schrecken geweſen ſei. Der Chevalier Johnſton ſagt, geſtützt auf Mit⸗ theilungen, die er einige Monate hernach an Ort und Stelle einzog, daß die Läden geſchloſſen worden ſeien, viele Leute auf's Land geflohen ſeien, die koſt⸗ barſten Effecten mit ſich genommen hätten, und daß die Bank von England der Inſolvenz nur dadurch entgangen ſei, daß ſie vertraute Leute gegen eine Entſchädigung von einigen Penny's aufſtellte, welche zu einer Thüre hinaus und zur andern hereingingen, um Gelder, die ſie zum Schein empfangen hatten, wieder zurückzugeben, um auf dieſe Weiſe das Ver⸗ trauen der Capitaliſten zu erhalten. Die Miniſter wußten nicht, was ſie thun ſollten. Vom Herzog von Neweaſtle, einem der Staatsſecretäre, erzählt man ſich, daß er ſich einen Tag lang in ſein Haus eingeſchloſſen habe, um zu überlegen, ob er ſich für die Stuarts erklären ſolle oder nicht. König Georg ſoll befohlen haben, eine ſeiner Yachten, auf welcher er ſeine werthvollſten Effecten hatte einſchiffen laſſen, an der Tower⸗Treppe bereit zu halten, um ſich jeden Augenblick darauf ein⸗ ſchiffen zu können. Vielleicht war Eines oder das 1 —— 127 Andere von dem Erzählten bloßes Gerücht, aber man erſieht wenigſtens daraus, wie groß die Furcht war, ſo daß Etwas der Art nur glaubwürdig erſchei⸗ nen konnte. Die Gefahr war aber auch in der That nicht klein, wenn überhaupt von Gefahr die Rede ſein konnte, denn die hochländiſche Armee war nicht allein bloß einige Tagmärſche von der Hauptſtadt entfernt, ohne daß man ihr hätte großen Widerſtand entgegenſetzen können, ſondern es gab auch in der Stadt ſelbſt eine ihnen günſtige Partei, an deren Spitze einer der Aldermen, Namens Heatheote, ſtand, von dem es hieß, er werde einen öffentlichen Aufruf für die Sache der Stuarts ergehen laſſen. Zu all' Dieſem kam noch die Erwartung des Landens einer franzöſiſchen Armee an der Küſte. Der Tag dieſer allgemeinen Beſtürzungen wurde ſpäter in den Annalen unter der Benennung„der ſchwarze Freitag“ aufgezeichnet. In Derby kam dem Prinzen Carl die Nachricht zu, daß Lord John Drummond, ein Bruder des Herzogs von Perth, mit einem franzöſiſchen Truppen⸗ corps in Montroſe gelandet habe. Am 23. October war in Fontainebleau ein Ver⸗ trag zwiſchen dem Marquis d'Argenſon, von Seite Ludwigs des Fünßzehnten, und dem Oberſten O'Brien, von Seite Carl's, Prinzregenten von Schottland, ab⸗ geſchloſſen worden, des Inhalts, daß zwiſchen beiden Theilen Freundſchaft und Allianz ſtattfinden ſolle; aß der König den Prinzregenten auf jede thunliche Weiſe gegen ihren gemeinſchaftlichen Feind, den Kurfürſten von Hannover, unterſtützen, und daß er König dem Prinzen ein Hilfscorps aus ſeinen 128 inländiſchen Regimentern neben andern Truppen ſtellen ſolle,„um die Provinzen zu vertheidigen, die dieſer unterworfen oder der Regentſchaft unterwerfen würde, um den gemeinſchaftlichen Feind anzugreifen und jeder Bewegung zu folgen, die man für nützlich oder nothwendig erachte.“ Dieſer Uebereinkunft ge⸗ mäß ſchiffte Lord John Drummond, der franzöſiſcher Unterthan war, gegen Mitte November ungefähr tauſend Mann, nebſt einem bedeutenden Vorrath von Proviant und Munition, in Dünkirchen ein. Mit Ausnahme einiger unbedeutenden Transport⸗ ſchiffe, welche den engliſchen Kreuzern in die Hände fielen, auf welchen ſich etwa hundert oder zweihundert Leute befanden, traf das kleine Geſchwader in guter Ordnung gegen Ende November in Montroſe ein, von wo Drummond am 2. December folgendes Manifeſt erließ: „Wir, Lord John Drummond, Obercommandant der Streitkräfte Seiner Allerchriſtlichſten Majeſtät in Schottland, thun hiemit zu Kund und Wiſſen, daß Wir mit geſchriebenen Befehlen in dieß Königreich gekommen ſind, um Krieg gegen den König von England, Kurfürſten von Hanover, und. deſſen Anhänger zu führen; daß Wir poſitiven Befehl von Seiner Allerchriſtlichſten Majeſtät haben, alle Ihre Feinde in dieſem Königreiche anzugreifen, wofür Sie alle Diejenigen erklärt hat, welche nicht, ſo weit es in deren Macht liegt, ſogleich dem Prinzen von Wales, Regenten von Schottland u. ſ. w., und ſeinen Alliirten ſich anſchließen und Bei⸗ ſtand leiſten, den er unter Beihilfe des Königs von Spanien im Nothfall mit dem Aufwand von ſo 129 viel Soldaten und Geld, als worüber verfügt werden kann, zu unterſtützen verſprochen hat, um von Schottland, England und Irland Beſitz er⸗ greifen zu können, auf welche drei Königreiche die Familie Stuart ſo gerechte und unbeſtreitbare An⸗ ſprüche hat. Die poſitiven Befehle Seiner Aller⸗ heiligſten Majeſtät gehen dahin, daß die Feinde in dieſem Königreiche nach Maßgabe des Schadens behandelt werden ſollen, den ſie der Sache Seiner königlichen Hoheit zufügen oder zuzufügen beab⸗ ſichtigen.“ Den Inſtructionen gemäß, welche Lord John erhalten hatte, verlor er keine Zeit, einen Boten an den Grafen von Naſſau, den Befehlshaber der nach England gerufenen deutſchen Hilfstruppen, zu ſchicken, und dieſen aufzufordern, Reutralität zu beobachten, gemäß den Capitulationen von Tournay und Den⸗ dermonde, durch welche dieſe Truppen ſich anheiſchig gemacht hatten, während einer gewiſſen Zeit nicht gegen den König von Frankreich oder deſſen Alliirten zu fechten. Unmittelbar nach dem Abgang Lord John Drum⸗ mond's aus Frankreich trafen die Miniſter ernſtliche Anſtalten zu einer weit bedeutenderen Ausrüſtung, welche an der ſüdlichen Küſte Englands landen ſollte. Zu dieſem Zwecke wurden zehntauſend Mann gemuſtert, und Prinz Heinrich Stuart, Carl's jüngerer Bruder, wurde nach Paris berufen, um die Expedition zu begleiten. Alle Anſtalten waren getroffen; der König hatte bereits von dem jüngeren Prinzen Abſchied genommen, gegen den er äußerte,„er werde bequem Der junge Prätendent. III. 9 130 am 9. Januar(29. December alten Styls) in London zu Mittag ſpeiſen können.“ Dieſer Plan wurde aber auſgegeben, als die Nachricht von dem Rückzuge der hochländiſchen Armee von Derby eintraf. Wäre dieſe Armee vorwärts marſchirt, ſo hätte die franzöſiſche Invaſion zeitig genug ſtattgefunden, um Carl in London zu unterſtützen, vorausgeſetzt, daß er die Zügel der Regierung ergriffen hätte, und die Dynaſtie der Stuart's wäre auf dieſe Weiſe wieder auf den Thron eingeſetzt geweſen. Der Morgen des 5. Decembers ſah den Prinzen in Derby, der unter allen Umſtänden ſeinen Marſch fortzuſetzen entſchloſſen war, indem er auf die Unter⸗ ſtützung von Frankreich und einen Aufſtand ſeiner engliſchen Freunde mit Zuverſicht rechnete, was dieſen Marſch weniger gefährlich machte, als es den An⸗ ſchein hatte. Die Mannſchaft im Allgemeinen war in beſter Stimmung und wünſchte nichts ſehnlicher, als mit der Armee des Herzogs von Cumberland zuſammen zu treffen. Die Erwartung einer bevor⸗ ſtehenden Schlacht war allgemein, und im Hinblick auf dieſe Ausſicht ſah man in allen Meſſerſchmieds⸗ buden die Schwerter ſchleifen; auch gingen viele in den Dörfern zur Communion. Niemand dachte daran, daß die Führer in dieſem Augenblicke auf dem Punkte ſtänden, auf eine rückgängige Bewegung anzutragen. Am Morgen des 5. wurde ein Kriegsrath gehalten, in welchem Lord Georg Gordon vorſchlug, daß die Armee nach Schottland ſich zurückziehen ſolle, das viele der Häuptlinge je verlaſſen zu haben bereuten. Trotz der Bitten Carl Eduard's, deſſen Muth kein Mißgeſchick niederdrücken konnte, wurde der Vorſchlag 131 angenommen. Der Prinz vergoß bittere Thränen der Wuth und der getäuſchten Hoffnung. Er ſah in dieſer Bewegung den Anfang des Schwindens der glänzenden Hoffnungen, in welche er ſich ſchon ſo lange mit der Ausſicht auf Erlangung einer Krone gewiegt hatte. „Es iſt vorbei, Sir Allan,“ rief er aus,„es iſt vorbei, Crawford! Die Clane kehren zurück. Ich wäre lieber, wenn auch nur mit zwanzig Hochländern zu meiner Unterſtützung, zurückgeblieben, als daß ich in dieſen ruhmloſen Rückzug gewilligt hätte; aber Prinzen finden ſelten treue Freunde!“ „Wozu ſollte das führen?“ bemerkte der Baronet, welchen der Beſchluß zwar tief ſchmerzte, der aber die gedrückte Stimmung des Prinzen nicht noch ver⸗ mehren wollte,„der Beſchluß des Kriegsraths iſt zwar allerdings nicht ſehr ritterlich, aber er iſt ſehr klug. In Schottland finden Eure königliche Hoheit die öffentliche Meinung und Freunde, die Sie unterſtützen. Unterdeſſen kann die von Frank⸗ reich verſprochene Hilfe eintreffen. Es wäre nutzlos, ſich darüber täuſchen zu wollen, aber bis jetzt hat Ihre Sache nur wenig Freunde gefunden. Vertrauen Sie auf Ihre treuen Hochländer: dieſe werden bis zum letzten Mann bei Ihnen aushalten.“ „Glauben Sie dieß?“ „Ich bin feſt davon überzeugt. Wenigſtens für meinen Clan ſtehe ich bis auf den letzten Mann.“ Am folgenden Tage wurde der Rückzug ange⸗ treten. Es würde unſern Zwecken keineswegs ent⸗ ſprechen, Schritt für Schritt dem Marſche der Armee nach Glasgow und Falkirk zu folgen, wo das Glück den Waffen des Chevaliers den letzten Glanz ver⸗ lieh; wir wollen daher mit einem Male zu dem Schlußact der Tragödie, zu dem Schlachtfelde von Culloden, eilen. Einunddreißigſtes Kapitel. In der Schlacht von Culloden war die engliſche Armee von dem Herzog von Cumberland in Perſon befehligt. Der junge General ritt durch die Reihen, ſeine Leute aufmunternd durch Verſprechungen auf Beförderung und Belohnung, wenn ſie ſich ſtandhaft zeigten. Sein Nebenbuhler Carl Eduard war nicht weniger thätig. Auf einern kleine Anhöhe im Mittel⸗ punkte ſeiner kleinen Armee ſtehend, erinnerte er ſie an die Siege, welche ihre Vorväter über ihre alten Feinde erfochten hatten, und forderte ſie auf, feſt zu dem Sohne ihres rechtmäßigen Königs zu ſtehen. „Denkt daran,“ ſprach er,„daß ich nicht für perſönliche Vergrößerung, ſondern für die Freiheit Schottlands, unſeres gemeinſchaftlichen Vaterlands, eurer Väter und meines Vaterlands, fechte; denkt an Bruce! denkt an Bannockburn! Das Schwert Wallace's blitzte in eurer Hand! Möge die Erinne⸗ rung an die euch angethanen Unbilden euren Arm ſo ſtärken, daß ihr die Unterdrücker auf den Tod trefft.“ 133 Ein lauter Ruf der Hochländer war die Antwort auf ſeine kurze Anrede. Es lag etwas Ergreifendes und Rührendes in den Abenteuern des ſo jungen und tapfern Prinzen, des Abkömmlings einer Reihe von Königen, die ſo lange das Scepter über ihr Land geführt hatten, der voll Vertrauen in ihre unerſchütterliche Ergebenheit und Liebe zu ſeiner Familie ſich ſelbſt und ſeine Sache kühn unter ihren Schutz geſtellt hatte. Oberſt Bedford, der die königliche Artillerie commandirte, eröffnete die Schlacht mit einer Kand⸗ nade, deren Schüſſe ſo wohl gezielt waren, daß ſie die Inſurgenten rottenweiſe niederſtreckten und nahezu die letzte Hoffnung des Hauſes Stuart getödtet hätten, deſſen Perſon ganz beſonders zum Zielpunkte genommen war. Ein Mann, der ſein Pferd hielt, wurde hart an ſeiner Seite erſchoſſen. „St. Andreas für Schottland!“ riefen die Häupt⸗ linge, die ſich ſämmtlich an der Spitze ihrer Clane befanden. Die Hochländer entſprachen mukhig dem Aufruf und drangen vorwärts. Das Handgemenge wurde allgemein. Während aber die Inſurgenten⸗Armee mit Nach⸗ theilen aller Art zu kämpfen hatte, und die Einheit des Commando's bei ihr fehlte, bewegte ſich die des Herzogs von Cumberland mit der vollen Ruhe und Sicherheit einer überlegenen Streitmacht. Die⸗ ſelbe hatte um fünf Uhr Morgens ihre Zelte abge⸗ brochen, nachdem die Commandanten der verſchiedenen Regimenter ihre Inſtructionen ſchriftlich erhalten und die Tagesbefehle vor der Fronte eines jeden Regi⸗ ments verleſen worden waren. 134 Die Ueberlegenheit des Breitſchwerts und der Tartſche über das Bajonett, ſowohl bei Preſton als Falkirk, hatte zu vielen Debatten in militäriſchen Kreiſen Veranlaſſung gegeben, und während des Winters war mehrfach der Gedanke in Anregung ge⸗ kommen, den Waoffen der regelmäßigen Truppen jenen der Inſurgenten eine gleichmäßige Stärke zu geben. Der Herzog ſollte aber über die vermeintliche Ueberlegenheit durch ſeinen Ausſpruch entſcheiden. Dieſer hatte bemerkt, daß die größte Gefahr in dem Augenblicke entſtehe, wenn die Truppen abge⸗ feuert hätten, die Hochländer ſodann die Bajonett⸗ ſpitzen mit den Tartſchen auffingen, dieſelben bei Seite ſchoben und auf dieſe Weiſe der ungeſchützte Körper des Soldaten dem Breitſchwerte bloßgeſtellt war. Er ſah ſogleich ein, daß, wenn der Mann ſeinen Stoß nicht direct nach ſeinem Gegner, der ihm gegenüber ſtand, ſondern nach deſſen Nebenmann führte, der Hochländer in der Seite verwundet ſein würde, ehe er von ſeiner Tartſche Gebrauch machen könnte. Der Gedanke erwies ſich als erfolgreich und war eine der Urſachen der Niederlage der Schott⸗ länder bei Culloden. Das Schlachtfeld wurde von den tapfern Berg⸗ bewohnern mit dem ihnen eigenthümlichen wil⸗ den Muthe ſtreitig gemacht. Aber was vermochte die Tapferkeit und Anſtrengung des Einzelnen gegen eine wohldisciplinirte und an Zahl überlegene Armee? Trotz ihrer Anſtrengungen wurden die Clane einzeln geſchlagen, wozu der Mangel einer einheitlichen Leitung nicht wenig beitrug. Ihre Reihen wurden durch die wiederholten Salven der königlichen Armee 135⁵ gelichtet, die von ſolchen engliſchen Officieren befehligt wurde, welche während des letztern Kriegs in Flan⸗ dern bedeutende Erfahrungen geſammelt hatten. Carl, welcher ſah, daß das Glück der Schlacht ſich gegen ihn entſchied, beſchloß eine letzte Anſtren⸗ gung zu machen, um daſſelbe ſich wieder zuzuwen⸗ den. Seinen Degen ziehend, ſtellte er ſich an die Spitze des Clans von Lochiel, der ſeiner Sache am ergebenſten war, und forderte denſelben auf, ihm zu folgen. Ein Freudengeſchrei erfolgte hierauf als Antwort. Lochiel, Crawford und Sir Allan, die ſeine Abſicht bemerkten, verließen die verwirrte und zerſtreute Maſſe von Leuten, welche ſie vergebens wieder zu ordnen verſucht hatten, und vereinigten ſich mit ihm, feſt entſchloſſen, womöglich das Glück des Tages wieder zu gewinnen oder wenigſtens auf dem Schlachtfelde mit ihrem Prinzen und Freunde zu ſterben. „Gott und mein Recht!“ rief Carl aus, indem er in tollkühnem Muthe auf die Stelle zueilte, wo der Herzog von Cumberland, umgeben von einem Stab von Officieren und gedeckt durch ein ſchweres Cavallerieregiment, ſich befand, finſter das Schlacht⸗ feld überblickend, das nahezu gewonnen war. Das ſcharfe Auge des jungen Generals bemerkte die Be⸗ wegung und blitzte alsbald mit der Wildheit eines Tigers auf, wenn dieſer ſeine Beute gewahr wird. „Er kommt!“ rief er,„der Fantomprinz! der Mann, der meinte, den Thron umſtürzen und das Scepter den Händen der Guelphen entwinden zu können. Der Narr beſitzt wenigſtens den Muth, zur Sühne ſeiner Thorheit zu ſterben. Bieten wir ihm die Spitze!“ 136 Als beide Theile auf Piſtolenſchußweite ſich ge⸗ nähert hatten, wurde der Befehl zum Feuern gegeben, und der darauf folgende Zuſammenſtoß war wild und blutig. Die Hochländer griffen ihre Feinde mit Todesverachtung an und wurden dafür mit jener Jaltblütigkeit empfangen, welche dem engliſchen Sol⸗ daten eigenthümlich iſt, wenn Disciplin ihn jene Einheit des Hondelns gelehrt hat, welche regelmäßigen Truppen die Ueberlegenheit über die wüthenden und meiſtens nutzloſen Anſtrengungen eines undiscipli⸗ nirten Haufens verleiht. Zu drei verſchiedenen Malen wurde der Verſuch, die Reihen zu durchbrechen, unternommen, und jedes Mal der Angriff abge⸗ ſchlagen. „Greift ſie an!“ rief der Herzog, der die hoch⸗ ländiſchen Reihen, nachdem ſie zum dritten Male abgewieſen worden, wanken ſah.„Den Rebellen keinen Pardon! Tauſend Guineen für den Kopf des Prätendenten!“ Durch die verſprochene Belohnung angefeuert, welche die Gewinnſucht ſeiner Leute anreizte, ſpreng⸗ ten die Soldaten die leichte Anhöhe hinab, an deren Fuße die Hochländer, von Lochiel und dem Prinzen aufgefordert, ſich wieder formirten. Der Ueberle⸗ genheit der Reiter, ſowohl durch ihr Gewicht als ihre Zahl, vermochte der kleine Haufe nicht zu widerſtehen, deſſen Reihen durchbrochen wurden. Augenſcheinlich galt aber der Hauptangriff einem dunklen, geſchloſſenen Haufen, welcher um die Perſon des Prinzen focht, der an jenem Tage, was auch immer die Schmeichler ſeiner Ne⸗ benbuhler oder die Läſterer ſeines Geſchlechts dagegen ſagen mögen, den ganzen angeborenen Muth ſeiner 137 Familie an den Tag legte und dadurch bewies, daß er wenigſtens ſeiner Vorfahren würdig ſei. Hier wurde der Streit am hitzigſten. Während Lochiel und Sir Allan vergebens den unglücklichen Chevalier beſchworen, das jetzt hoffnungsloſe Feld zu verlaſſen, ſtrengten ſich immer neu zuſtrömende Abthei⸗ lungen ſeiner Anhänger an, die Angriffe der Reiter abzuwehren, welche um jeden Preis ſich ſeiner Perſon bemeiſtern wollten; und mancher Mann, deſſen Na⸗ men die Geſchichte nicht aufbewahrt hat, fiel in der Vertheidigung des Prinzen, der ſo große Anſprüche auf die allgemeine Theilnahme hatte. „Ich kann meine tapfern Hochländer nicht ver⸗ laſſen!“ rief Carl in Erwiderung auf die wieder⸗ holten Bitten ſeiner Freunde.„Ich kann nicht fliehen mit Zurücklaſſung einer zerſtörten Hoffnung und einem befleckten Namen. Noch ein Angriff! Ich verlange nicht, daß ihr euch dabei betheiligt. Flüchtet, rettet euch, und laßt mich allein ſterben!“ „Prinz,“ erwiderte Sir Allan,„Sie ſind unge⸗ recht gegen Ihre Freunde!“ „Und gegen ſich ſelbſt,“ ſetzte Crawford hinzu; „erhalten Sie ſich für eine beſſere Stunde.“ Unterdeſſen war der Feind ſeines Erfolgs ſo ſicher geworden, daß mehrmals der Ruf hörbar wurde, der Prinz ſei gefangen— ein Umſtand, welcher einigermaßen zu ſeinem Entkommen beitrug. Lochiel ſammelte raſch einen Theil ſeiner Leute um ſich, die dem letzten Kriegsruf ihres Häuptlings folgten, ergriff Carl Eduard am Arm und ſchleppte ihn, halb bittend, halb mit Gewalt, von der Stelle fort. 138 „Sie fliehen!“ ſchrie der Herzog, mit der Degen⸗ ſpitze nach ſeinen Leuten deutend.„Dort iſt euer Preis! Tauſend Guineen für ſeinen Kopf!“ Ein alter Hochländer des Clans, der einen furcht⸗ baren Säbelhieb über den Kopf erhalten hatte, hörte dieſe Bemerkung, zog mit der letzten Kraftanſtrengung ein Piſtol aus ſeinem Gürtel, ſpannte den Hahnen und feuerte. Die Kugel ſtreifte die Wange des Her⸗ zogs, der ſichtbar über die große Gefahr, der er ſoeben entgangen war, erbleichte. „Zertretet dieſen verfluchten Wurm,“ ſagte Alick Campbell, der während des Tages Adjutantendienſte bei ſeinem fürſtlichen Gönner verſehen hatte. Um ſeinen Eifer zu zeigen, ritt er auf den ſterbenden Schottländer zu und ſchoß ihn mit ſeinem Piſtol in die Bruſt. „Gott und König Jacob!“ ſchrie der alte tapfere Mann und fiel todt zurück, mit einem grimmigen Lächeln auf dem Geſichte, denn er ſtarb in dem feſten Glauben, daß er die Niederlage ſeines geliebten Prinzen gerächt habe. Die Verwirrung, in welche der Angriff den Her⸗ zog gebracht hatte, begünſtigte das Entkommen ſeines Nebenbuhlers, dem es unter Beihilfe Lochiel's und Crawford's gelang, eine tiefe Schlucht zu erreichen, in welche die Pferde der Reiterei nicht eindringen konnten und wo ſich auch bald Sir Allan Glencairn einfand, der den Rückzug zu decken zurückgeblieben war. „Dem Himmel ſei Dank, Sie ſind gerettet!“ rief der Baronet, als er ſich hier einfand.„Noch iſt nicht Alles verloren. Der Stern des Hauſes Stuart kann wieder neu aufgehen.“ 139 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Als Carl endlich faſt mit Gewalt vom Schlacht⸗ felde weggebracht worden war, entfloh er mit einer Abtheilung zu Pferde, unter welchen ſich ſeine ober⸗ ſten Räthe und Freunde befanden. Das Fußvolk deckte dieſe Flucht, indem es ihm faſt auf den Fer⸗ ſen folgte. Der Nairn wurde vermittelſt einer Furth bei Falie, ungefähr vier Meilen von dem Schlachtfelde, paſſirt, und hier wurde in der Eile Kriegsrath gehalten, um zu berathſchlagen, was ferner zu thun ſei. Trotz der ſchweren Riederlage neigten ſich die Häuptlinge allge⸗ mein zur Fortſetzung des Kriegs. Sie waren überzeugt, daß, wenn ſie an der hochländiſchen Grenze feſt zuſam⸗ menhielten, ſie ihre Ländereien vor der Rache der königlichen Truppen ſo lange ſchützen könnten, bis etwa Beiſtand aus Frankreich eintreffen würde, der ſie in Stand ſetzte, die Offenſive wieder zu ergreifen, oder wenigſtens ſo lange, bis die Regierung, von ihrem Widerſtande ermüdet, ihnen günſtige Bedingungen zugeſtehen würde. Carl für ſeinen Theil war der Anſicht, daß ihm nichts übrig bleibe, als ſo raſch als möglich nach Frankreich zurückzukehren, um durch perſönliches Be⸗ treiben die mächtige Unterſtützung zu erlangen, die er bisher ſo ſehnlich, aber immer vergebens gewünſcht hatte. An der Küſte hoffte er irgend ein franzöſiſches Schiff vorzufinden, auf dem er raſch die Ueberfahrt bewerkſtelligen könnte. Aus dieſem Grunde beſchloß er, ohne Zeitverluſt die Weſtküſte zu gewinnen. 140 In wie weit dieſe Abſicht von Gründen der Klugheit eingegeben war oder ob ſie nicht bloß die Folge einer Empfindung des Widerwillens gegen den jetzigen Stand der Unternehmung war, oder aus Gefühlen entſprang, die nicht ehrenvoll für einen Mann waren, für welchen Tauſende ſeiner Mitbrü⸗ der ſo große Opfer gebracht hatten, kann jetzt un⸗ möglich mehr angegeben werden. Ohne ſeine weiteren Abſichten auszuſprechen, wünſchte er, daß der übrige Theil der Armee bei Ruthven in Badenoch ſich ſammeln und dort fernere Befehle abwarten ſolle. Hierauf nahm er von ſeiner Begleitung Abſchied und machte ſich weſtwärts auf den Weg. Es blieben jetzt nur noch diejenigen bei ihm, welche während des Feldzugs ſeine unmittel⸗ baren Räthe und Freunde geweſen waren, nämlich: Sir Tomas Sheridan, Mr. O'Sullivan, Oberſt O'Real und Mr. John Hay nebſt einigen Perſonen mehr untergeordneten Ranges. Das Hauptcorps der Armee marſchirte auf der Hochlandsſtraße noch Ruthven, und da es unter Wegs Cluny und ſeine Leute traf, die eiligſt in's Feld gerückt kamen, ſo nahm es dieſe auf, um in um ſo größerer Anzahl am Sammlungsorte einzutreffen. Carln hatte ſowohl vom Schlachtfelde von Cullo⸗ den weg, als auf ſeinem weiten Wege ein Mann, Namens Eduard Burke, als Führer gedient. Es war dieß ein armer Hochländer, der ſich in Edinburg als Sänfteträger ſeinen Lebensunterhalt verdiente, jetzt aber Diener bei Mr. Alexander Macleod von Muiravonſide war. Von dieſem Manne wurden die Flüchtlinge jetzt nach Tordarrock geführt, wo ſie aber 141 keinen Einlaß erhielten, denn das Haus war ver⸗ laſſen und zugeſchloſſen. Von Tordarrock ging es nach Aberardar, wo ſie ebenfalls keinen Einlaß er⸗ langten, und von hier nach Faroline. Von Faroline ging es nach Goſtuleg. Dieſer letztere Ort war der Sitz des Mr. Tomas Fraſer, Kammerherrn und ver⸗ trauten Agenten des Lord Lovat. Dieſer Tomas hatte während einer frühern Periode des Feldzugs eine bedeutende Miſſion für ſeinen Lord übernommen. Lovat befand ſich zu dieſer Zeit gerade in Go⸗ ſtuleg und in dem Hauſe wurden Vorbereitungen zu einem großen Mahle getroffen, durch welches der Sieg gefeiert werden ſollte, welchen der Prinz ohne allen Zweifel über ſeine Feinde davon tragen würde. Ein Mädchen von zehn Jahren, das damals in dem Hauſe lebte, erzählte der Mrs. Grant von Lag⸗ gan, welche dieſen Umſtand der Geſchichte aufbe⸗ wahrt hat, daß man ſie, um bei den großen Vor⸗ bereitungsanſtalten nicht hinderlich zu ſein, in ein kleines, abgelegenes Zimmer verwieſen habe. Dort ſei ſie eine Zeit lang als unfreiwillige Gefangene geſeſſen und habe ſich die Langeweile damit vertrie⸗ ben, einen Zug im Thale unten zu beobachten, von welchem die Sage ging, daß Kobolde dort ſpuckten. Plötzlich habe das lärmende Geräuſch, welches das Haus den ganzen Tag über erfüllt, aufgehört, und eine tiefe Stille ſei eingetreten. Nun habe ſie ſich herausgewagt und keine Seele im Hauſe geſehen, als Lovat, der in Gedanken vertieft, in ſeinem Arm⸗ ſtuhle geſeſſen ſei. Als ſie ſich an die Hausthüre geſchlichen, habe ſie dort die übrigen Bewohner in Gruppen zuſammenſtehend gefunden, welche mit 142 ängſtlicher Aufmerkſamkeit eine Abtheilung Reiter beobachteten, die das Thal heraufgeritten kamen. Alle dieſe Umſtände zuſammen brachten ſie zu dem Glauben, daß ſie einen Haufen jener übernatür⸗ lichen Weſen vor ſich ſehe, die, wie man ſagte, zu⸗ weilen in dem Thale ſpuckten. Weil ſie aber gehört hatte, daß Geiſter nur ſo lange ſichtbar blieben, als man nicht mit den Augen blinke, hielt ſie die ihri⸗ gen möglichſt lang offen, um die Erſcheinung zu ver⸗ längern. Sie wurde aber bald aus ihrer Täuſchung geriſſen, indem unmittelbar nach der Annäherung des Trupps die Niederlage des Prinzen bekannt wurde und die Frauen unter Jammergeſchrei ihre Sacktücher und was ſie Linnen habhaft werden konn⸗ ten, zerrißen, um Verbandzeug für die Verwundeten daraus zu machen. Die für das Mahl hergerichteten Speiſen wurden ohne weitere Umſtände unter die Ankömmlinge ver⸗ theilt, von welchen viele unmittelbar darauf ihren Warſch weiter fortſetzten. Carl und ſeine nächſte Umgebung kamen in das Haus, wo Lord Lovat die Ankömmlinge perſönlich begrüßte und zugleich durch ſie die Nachricht von ſeinem und ſeiner Familie Verderben erhielt. Man erzählt ſich, der Lord ſei hierauf verzweif⸗ lungsvoll im Hauſe umher gerannt und habe in völliger Geiſtesverwirrung ſeinem Gefolge zugerufen „Schlagt mir den Kopf ab— ſchlagt mir den Kopf ab!“ Noch dem Berichte des jungen Mädchens aber ſoll Lovat den Prinzen zwar mit Ausdrücken der Anhänglichkeit empfangen, ihm aber bittere Vor⸗ 143 würfe gemacht haben, als er von ihm hörte, daß er ſein Unternehmen aufzugeben beabſichtige. „Denken Sie,“ ſagte er heftig zu ihm,„an Ihren großen Vorfahren Robert Bruce, der elf Schlachten verlor und Schottland durch die zwölfte eroberte.“ Der Prinz erwiderte wenig, ſondern machte ſich, nachdem er etwas gegeſſen und einige Gläſer Wein getrunken hatte, nach dem Fort Auguſtus auf den Weg. Kurz darauf wurde Lord Lovat in ſeiner Sänfte an einen ſichern Ort gebracht. Carl und ſeine kleine Begleitung ſah man um zwei Uhr Morgens eilig an den Ruinen dieſes Forts vorüberreiten und etwa zwei Stunden vor Tages⸗ anbruch traf er in Invergarry, dem Sitze von Mac⸗ donnell von Glengarry, ein. Dieſe alte Veſte, jetzt nichts weiter als eine vom Feuer geſchwärzte Ruine, am Ufer eines der Seen, welche den ealedoniſchen Kanal bilden, war in dieſem Augenblicke von ſeinen Bewohnern verlaſſen und in einem Zuſtande, der keineswegs den gaſtfreundſchaftlichen Character eines hochländi⸗ ſchen Hauſes an ſich trug. Es fehlte ſehr an Ge⸗ räthe und Mundvorrath, auch war nur ein einziger Diener anweſend, ſo daß zwar allerdings eine Ab⸗ theilung Eingeborner innerhalb ſeiner Mauern ein Unterkommen hätte finden können, der Ort aber für den Aufenthalt eines Fremden und eines Prinzen durchaus untauglich war. Es war dieß der erſte Tag von Carl's Umherirren, und ſeine Entbehrungen gaben ein nur zu klares 144 Bild von dem, was die noch darauf folgenden fünf Monate mit ſich bringen würden. Der Prinz und ſeine Begleiter waren aber von ihrem Ritte von nicht weniger als vierzig Meilen ſo ermüdet, daß ſie ſich ohne Umſtände in ihren Kleidern auf den Boden legten. Sie ſchliefen bis Mittag. Eduard Burke hatte glücklicher Weiſe zwei Salmen in dem Waſſer des Garry gefangen, und ſo erhielten ſie ein beſſeres Mittageſſen, als ſie er⸗ wartet hatten, obgleich das einzige Getränk, das man ihnen dazu reichen konnte, aus dem reinen Elemente beſtand, aus welchem ihr Mahl geholt worden war. Hier nahmen ſämmtliche Begleiter von Carl Abſchied, mit Ausnahme von Sullivan, O'Neal und Eduard Burke, der bei dem Prinzen als ſein Führer blieb und deſſen Kleidung Seine könig⸗ liche Hoheit jetzt anzog. Dieſe kleine Abtheilung machte ſich nun umzwei Uhr nach Loch Arkaig auf den Weg, wo ſie gegen neun Uhr Abends eintraf und in dem Hauſe von Donald Cameron von Glengan Unterkommen fand. Carl war hier ſo ermüdet, daß er einſchlief, während Eduard Burke ſeine Kamaſchen aufknüpfte. Am folgenden Morgen, Freitag den 18., ſetzten die Flüchtlinge den Weg weiter weſtwärts auf Mew⸗ boll zu, einem Pachthauſe hart an der Grenze von Lochiel's Gütern, fort, wo ſie gut aufgenommen wur⸗ den. Ein großer Theil des nächſten Tages wurde in Erwartung von Nachrichten von ihren Freunden hingebracht; da aber keine eintrafen, ſo machten ſie ſich wieder auf, aus Furcht entdeckt und gefangen genommen zu werden. Da hier der gangbare Weg 145 aufhörte, ſo ſahen ſie ſich genöthigt, ihre Pferde zu⸗ rückzulaſſen und zu Fuß weiter zu gehen. Abends kamen ſie an einen Ort, Oban genannt, bei der Haide von Loch Morar, wo ſie in einer elenden Schafhütte, unfern eines Waldes, Obdach fanden. Am darauf folgenden Sonntage, am 26. April, überſtiegen Carl und ſeine Begleiter unter großen Beſchwerlichkeiten und Mühſeligkeiten einen jener hohen und rauhen Berge, welche, bis an das Meer ſich erſtreckend, den weſtlichen Theil des Hochlandes durchſchneiden. An dieſem Abende fanden die Flüchtlinge ihr Unterkommen in Glenbiasdale in Ariſaig, einem kleinen Dorfe in der Nähe des Ortes, wo der Prinz zuerſt gelandet hatte. Hier ſtießen mehrere Verſprengte zu den abgehetzten Jacobiten. Von Ruthven aus ſchrieb den Tag nach der Schlacht Lord Georg Murray einen langen Brief ar den Prinzen, in welchem er unumwunden ſeine Meinung über die Rathgeber Seiner königlichen Hoheit ausſprach, denen er die Niederlage zuſchrieb. Zugleich legte er darin das Obercommando nieder, obgleich er entfernt nicht daran dachte, daß der Krieg jetzt gänzlich aufgegeben ſei. Zwei⸗ bis dreitauſend Mann hatten ſich daſelbſt geſammelt, welche, ohne gerade von großen Hoffnun⸗ gen belebt zu ſein, deßhalb doch entſchloſſen waren, ſich und den Grund und Boden der aufgeſtandenen Clane ſo lange als möglich zu vertheidigen. Einige Tage blieben ſie an dieſem Orte beiſam⸗ men, bis ſie ſich endlich in Folge eines Brieſes zer⸗ Der junge Prätendent. III. 10 146 ſtreuten, den der Prinz von Glenbiasdale aus an ſie richtete. In demſelben verſicherte er ſie auf's Neue ſeiner Liebe für ſie und ſeines Intereſſes an ihrem Wohlergehen, benachrichtigte ſie aber auch zu⸗ gleich, daß er, in der Ueberzeugung, dieſſeits des Waſſers jetzt nichts für ſie thun zu können, ſchleu⸗ nigſt nach Frankreich zu gelangen trachten werde, um den dortigen Hof zu veranlaſſen, entweder ent⸗ ſchiedene und kräftige Beihilfe zu leiſten oder wenig⸗ ſtens ſolche günſtige Bedingungen zu verſchaffen, wie ſie auf anderem Wege nicht zu erhalten ſeien. Hinſichtlich der Maßregeln, die ſie zu ihrer Ver⸗ theidigung treffen würden, empfahl er ihnen, dem Herzog von Perth und Lord Georg Murray ihr Vertrauen zu ſchenken. Seine Abreiſe wünſchte er, daß ſie dieſelbe ſo lange als möglich verborgen hiel⸗ ten. Obgleich er ihnen nicht ausdrücklich den Rath gab, ſich zu zerſtreuen, ſondern im Gegentheile die Erwartung durchblicken ließ, daß ſie den Kampf fortſetzen würden, ſo ſahen ſie doch dieſen Brief gewiſſermaßen als die Schlußerklärung des Krieges an. Sie nahmen daher traurig von einander Ab⸗ ſchied und gingen auseinander. Die Edelleute ver⸗ bargen ſich entweder oder flohen aus dem Lande, und der große Haufe kehrte in ſeine Heimath zurück. In Glenbiasdale fanden ſich bei Carl der junge Clanranald, der jüngere Lockhart von Carnwath, Mr. Eneas Macdonald und mehrere Andere ein, welche die Nachricht mitbrachten, daß das weſtliche Meer von engliſchen Schiffen wimmle, ſo daß der Prinz kaum hoffen könne, in dieſer Richtung zu entfliehen, ohne dabei große Gefahr zu laufen. 147 Dieß war eine bedenkliche Nachricht und veran⸗ laßte Carl zu überlegen, ob es nicht das Beſte wäre, an der Spitze von ſo vielen Leuten zu bleiben, als er zuſammenzuhalten vermöge. Auch dachte er daran, ſich den Macleods auf der Inſel Skye in die Arme zu werfen. Clanranald machte den Vorſchlag, daß er bleiben ſolle, wo er ſei; für ſein Unterkommen und um ihn zu verbergen könnten einige Sommerhütten im Ge⸗ birge hergerichtet werden, wo er hinreichend ſicher wäre, bis eine vertraute Perſon nach den Inſeln ſich begeben habe, um dort nach einem Schiffe ſich umzuſehen, welches Seine königliche Hoheit aus dem Lande bringen könnte. Mr. Eneas Macdonald hatte erſt kürzlich mit einer großen Summe franzöſiſchen Geldes auf den Inſeln gelandet, das in Barra ausgeſchifft worden war. In ſeiner Begleitung befand ſich ein treuer, alter Mann, Donald Mackeod von Gaultergill auf der Inſel Skye, der ihm ſehr nützlich geweſen war, indem er durch große Gefahren hindurch ihn glück⸗ lich geleitet hatte. Es wurde deßhalb ein Bote an dieſen Donald nach Kinlochmoidart geſchickt, wo derſelbe ſich jetzt befand, mit der dringenden Aufforderung, ſogleich zu dem Prinzen nach Borodale zu kommen. Donald machte ſich auch ſogleich auf den Weg, und als er durch den Wald von Glenbiasdale kam, begegnete er einem Herrn, der allein ſeines Weges ging, ſo⸗ gleich auf ihn zugeſchritten kam und ihn fragte, ob er Donald Macleod von Gaultergill ſei. Donald 148 erkannte ihn, trotz ſeiner geringen Kleidung, ſogleich und ſagte: „Ich bin dieſer Mann und ſtehe Euer Hoheit zu Befehl.“ „Dann ſiehſt Du, Donald, daß ich in Noth bin,“ ſagte der Prinz;„ich werfe mich Dir in die Arme, mache mit mir, was Du willſt. Man ſagt mir, Du ſeieſt ein ehrlicher Mann und man dürfe Dir Ver⸗ trauen ſchenken.“ Als der alte Mann ein Jahr ſpäter dieſen Um⸗ ſtand einem Bekannten erzählte, der ihn der Nach⸗ welt aufbewahrt hat, rollten ihm die hellen Thränen dabei über die Wangen. Carl wünſchte, daß Donald mit Briefen von ihm ſich zu Sir Alexander Macdonald und dem Laird von Macleod begebe, in welchen er dieſe um ihren Schutz anging. Der alte Mann weigerte ſich aber entſchieden dieß zu thun, indem er ſagte, daß dieſer Schritt den gewiſſen Untergang nach ſich ziehen würde, weil dieſe beiden Edelleute, weit entfernt ihm geneigt zu ſein, in dieſem Augenblicke ihre Mannſchaft, kaum zehn oder zwölf Meilen von hier entfernt, nach ihm ſtreifen ließen. Carl fragte ihn ſodann, ob er ſich getraue, ihn ſicher nach den Inſeln zu bringen, wo er mehr Sicherheit, als in der jetzi⸗ gen Lage, zu finden hoffe. Macleod antwortete, daß er bereit ſei, Alles auf der Welt für ihn zu thun und jeder Gefahr für ihn zu trotzen, nur wolle er mit den beiden ab⸗ trünnigen Häuptlingen von Skye nichts zu ſchaffen haben. Demgemäß ſchiffte ſich Carl nebſt Sullivan, O Neal, Burke und den übrigen ſieben Perſonen in 7 7 149 einem offenen achtruderigen Boote von Lochnanaugh, der Bai, wo er zuerſt gelandet hatte, ein. Donald Macleod ſtand als Pilot am Steuerruder und Carl ſaß zwiſchen ſeinen Füßen. Der alte Mann war als erfahrener Schiffer nach dem Ausſehen des Horizonts überzeugt, daß ein Sturm bevorſtehe, und beſchwor deßhalb den Prin⸗ zen, die Abreiſe bis zum folgenden Tage zu ver⸗ ſchieben. Carl beſtand aber darauf, augenblicklich einen Boden zu verlaſſen, wo ihm ſo viele Gefahren drohten. In dem Boote befanden ſich vier Metzen Hafer⸗ mehl und ein Geſchirr, in welchem man daſſelbe kochen konnte. Wie Macleod vorausgeſagt, befand man ſich kaum auf der See, als der Sturm ausbrach. Der Wind wurde zum Orkan, die Wellen des atlantiſchen Meeres thürmten ſich mit raſender Wuth, und es wurde dieſe Nacht unter Gefahren hingebracht, wie Macleod, ein wie erfahrener Seemann er auch war, ſie noch nie auf dieſem wilden Meere erlebt hatte. Zur Vermehrung der Noth goß der Regen in Strö⸗ men herab und man hatte weder Pumpe noch Compaß. In der Dunkelheit der Nacht wußte Niemand, wo man ſich befinde, und man befürchtete ernſtlich, daß das Boot entweder ſcheitern oder nach Skye getrie⸗ ben würde, wo der Prinz ſogleich der Miliz in die Hände fallen mußte, welche die Inſel in großer Anzahl durchſtreifte. Endlich machte das anbrechende Tageslicht der Noth zur See und den Befürchtungen vor der Miliz ein Ende, indem man erkannte, daß man ſich an 15⁰ der Küſte von Long Island befinde. Der Sturm hatte das Boot in neun oder zehn Stunden ſechszig Meilen aufwärts getrieben. Man landete bei Roßniſh, der ſüdöſtlichen Spitze der Inſel Benbecula, und nachdem man das Boot an's Land gezogen hatte, wurde ein. beſcheidenes Mahl von dem mitgenommenen Hafermehl und dem Fleiſche einer Kuh zubereitet, die man eingefangen und getödtet hatte. Die erſte Sorge des Herzogs von Cumberland, nachdem er die unmittelbaren Früchte ſeines Sieges ſich geſichert, ging dahin, die unzufriedenen Clane zu entwaffnen und ihnen damit alle Mittel zu wei⸗ tern Ruheſtörungen zu rauben. Selbſt die hochlän⸗ diſche Kleidung wurde verboten, und die Männer, welche von Kindheit an nichts anderes als den Tartan getragen hatten, wurden zum erſten Mal in ihrem Leben genöthigt, die niederländiſche Tracht anzulegen. Lange und ungeduldig wartete er auf die Nach⸗ richt von der Gefangennahme des königlichen Neben⸗ buhlers, allein er fand ſich in ſeinen Erwartungen getäuſcht. Der Stern des Hauſes Stuart ſollte nicht im Blute untergehen. In einer Höhle, am Rande eines hohen Berges, waren zwei Männer in der Tracht von hochländiſchen Schäfern eifrigſt beſchäftigt, einige Stücke Wildbraten an einem hölzernen Bratſpieße gar zu machen. Aus der Art, wie ſie ſich dabei anließen, gewahrte man, daß ſie mit dieſer Beſchäftigung vertraut waren, und die gierigen Blicke, welche ſie von Zeit zu Zeit auf den Gegenſtand ihrer Kochkunſt warfen, der lieb⸗ 5 — 151 lich duftete, während er über dem Feuer ziſchte und brodelte, zeigte deutlich, wie groß ihr Appetit dar⸗ nach war. Die Schäfer waren Niemand anders, als die beiden Flüchtlinge Allan und Crawford. „Nun,“ ſagte der Erſtere,„wie glaubſt Du wohl, daß Dir unſer Mahl munden wird?“ „Wie einem ausgehungerten Wolfe,“ erwiderte ſein Gefährte.„Ich wußte eigentlich nie recht, was Hunger war, als ſeit den letzten zwei Tagen.“ „Es iſt uns allerdings ſchlecht ergangen, aber wie mag es erſt um den Prinzen ſtehen, der geächtet in dem Lande umherirrt, über welches er von Rechts⸗ wegen herrſchen ſollte? Wenn ich nur gemiß wüßte, ob er irgendwo ein ſicheres Unterkommen gefunden hat, ſo würden mich meine eigenen Entbehrungen nicht viel kümmern.“ Der Wildbraten war jetzt nahezu gar gemacht. Eben als die Flüchtlinge ihr Mahl beginnen wollten, ließen ſich Schritte vernehmen und man hörte eine Stimme Jemanden zurufen, zu folgen. Die beiden jungen Männer waren in einem Augenblicke auf den Beinen. „Aufgeſpürt,“ ſagte Crawford. „Aber nicht vom Feinde,“ bemerkte ſein Freund. „Das war hochländiſche Sprache.“ „Hochländiſch oder nicht; ſie bedeutet uns nichts Hutes.“ Unmittelbar darauf traten zwei Männer, deren abgehärmte Geſichter deutlich zeigten, daß ſie weit herkamen und viel erduldet hatten, in die Höhle. Anfangs bemerkten ſie nicht, daß dieſelbe ſchon beſetzt 152 war. Der Jüngere darunter warf ſich, augenſchein⸗ lich von Ermüdung erſchöpft, auf den Boden. „Hier ſind Jäger geweſen,“ bemerkte der Aeltere. „Meinetwegen, ich kann nicht weiter gehen. Mö⸗ gen ſie immerhin zurückkehren. Es iſt beſſer zu ſterben, als dieſes elende, hoffnungsloſe Leben noch länger, wie ſeither, hinzuſchleppen.“ Der Ton dieſer Stimme erfüllte die Herzen Sir Allan's und ſeines Freundes mit Entzücken. Sie erkannten in dieſen Tönen Carl Eduard. Augen⸗ blicklich war der Baronet an ſeiner Seite, indem er ſeine Hände drückte und mit Thränen netzte. „Es ſind Freunde,“ ſagte der Prinz zu ſeinem Begleiter,„treu ergebene Freunde!“ Der Hochländer ſetzte ſeine Flinte auf den Boden. Glücklicher Weiſe hatten die beiden erſten Be⸗ wohner der Höhle ihr Mahl noch nicht begonnen und es war genug Vorrath für alle Vier vorhanden. Es wurden friſche Stücke aus den Lenden des Thieres geſchnitten, welches Crawford geſchoſſen und in einer Ecke des Verſtecks untergebracht hatte. Alle Vier ließen es ſich tüchtig ſchmecken. Sie hatten zwar weder Salz, noch Brod, aber dafür einen Hunger, der ſie Beides leicht entbehren ließ. Als das Mahl zu Ende war, wurde berathen, auf welche Weiſe am Beſten fortzukommen ſei. Bei dem erſchöpften Zuſtande, in dem ſich der Prinz be⸗ fand, war nicht daran zu denken, der wohlbewachten Küſte ſich zu nähern. Um ſein Leben zu erhalten, war es unumgänglich nothwendig, für ihn einen ſichern Verſteck ausfindig zu machen, wo er wenig⸗ 153 ſtens einige Tage der Ruhe pflegen könnte. Sir Allan ſchlug das Schloß Arran vor. „Und Ihre Tante?“ bemerkte der königliche Flüchtling mit bitterm Lächeln. „Wird ſich glücklich ſchätzen, Eurer Hoheit die Gaſtfreundſchaft anzubieten, der Sie ſo ſehr bedür⸗ fen. Beurtheilen Sie ſie nicht ungerecht. Ihr Herz iſt warm, wenn auch ihr Kopf kalt und überlegt iſt. Ich und Crawford hätten ſchon lange bei ihr ein Unterkommen gefunden, wenn wir nicht Eure Hoheit aufgeſucht hätten.“ „Das Beſte iſt, wenn Sie ſich den Bergen an⸗ vertrauen, Sir,“ bemerkte ſein Führer.„Dort wer⸗ den Sie die Sachſen nie finden.“ In dem Tone dieſes Mannes lag eine gewiſſe Eiferſucht, welche den beiden Freunden auffiel; jeden⸗ falls hielten ſie es für klug, den Entſchluß, zu wel⸗ chem der Prinz kommen würde, vor ihm geheim zu halten. Der Baronet erſann daher eine Ausrede, indem er ihn wegſchickte, um Waſſer an der Quelle zu holen, welche er unfern von hier bemerkt hatte. „Und wie ſoll ich es hieher bringen?“ fragte der Mann. „Wie ein ächter Hochländer, in der Mütze.“ Der Führer machte keine weiteren Einwendungen mehr, ſondern that, wie er geheißen worden war. Sobald die Zurückgebliebenen allein waren, wurde die Unterredung wieder aufgenommen. Sir Allan theilte ſeinen Gefährten das Geheimniß des Zimmers Robert des Starken mit, und es wurde hierauf der Beſchluß gefaßt, daß ſie, ſobald der Mond unterge⸗ 154 gangen ſei, ihren jetzigen Verſteck verlaſſen und den gefährlichen Weg antreten wollten. „Wie weit iſt es dahin?“ fragte Carl. „Fünfzig Meilen über die Berge. Aber was will das heißen?“ fuhr Allan munter fort.„Bilden Sie ſich ein, Sie marſchirten an der Spitze ihrer Hoch⸗ länder in die Schlacht. Eines Tages werden Sie ſie auch wieder dahin führen.“ „Nie, nie!“ ſeufzte der Prinz.„Meine Hoffnun⸗ gen ſind zertrümmert und die Sonne der Stuarts iſt bei Culloden für immer untergegangen!“ Als der Führer zurückkam, ſchickte man ihn in das nächſte Dorf um Brod, mit dem gemeſſenen Be⸗ fehle, vor dem nächſten Morgen nicht zurückzukommen. Er gehorchte mit Widerſtreben und erſt nachdem Carl Eduard ſeine bis jetzt geleiſteten Dienſte mit einem Goldſtücke belohnt hatte. „Ein Verräther,“ ſagte Crawford,„ſo wahr ich lebe! Soll ich ihm eine Kugel nachſchicken?“ „Ja nicht,“ ſagte der Prinz;„es verdrießt ihn nur, daß er es nicht iſt, der mich in Sicherheit bringt.“ Carl hatte Recht. Der treue Menſch kam am folgenden Morgen mit Brod und Whisky wieder, mußte aber allein zurückkehren. Es that ihm in der Seele weh, als er gewahr werden mußte, daß man ihm mißtraut hatte, denn die Höhle war von ihren ſeitherigen Bewohnern verlaſſen worden. 15⁵ Dreiunddreißigſtes Kapitel. Die Neuigkeit der Niederlage des Prinzen Carl hatte ſich raſch in den Hochlanden verbreitet und war auch bald nach Schloß Arran gedrungen, wo die Gräfin und ihre Nichten ſich aufhielten. Welchen Eindruck die Nachricht auf die ſchönen Waiſen machte, die jetzt um die, welche ihrem Herzen ſo theuer, in ſchweren Sorgen waren, kann man ſich leicht vorſtellen. Die einzige Perſon, deren Muth bei dieſer Veranlaſſung nicht wankte, war Lady Arran. Mit einer für ihr Alter bewunderungswürdigen Entſchloſſenheit ertheilte ſie augenblicklich Befehl, ihren Clan zu ſammeln, dem äußern Anſcheine nach, um ihre Wohnung zu be⸗ wachen, in Wirklichkeit aber, um die Flüchtlinge zu ſchützen, wenn dieſe, wie ſie vermuthete, ſich dem Schloſſe zuwenden ſollten. Sir Allan, das wußte ſie wohl, war, wenn überhaupt noch am Leben, nirgends anders, als an der Seite des Prinzen, um dieſen zu führen und ihm bei ſeinem Umherirren zur Unterſtützung zu dienen. Ein Tag nach dem Eintreffen der für die Sache, der ſie heimlich ergeben war, ſo unſeligen Nachricht war Alles vorbereitet. Das Material zum Anzünden des Allarmfeuers lag auf dem höchſten Thurme bereit: deßgleichen war es auch auf den Begen zurecht gelegt worden, ſo daß das Signal jeden Augenblick, ſobald die Gefahr ſich zeigen ſollte, gegeben werden konnte. „O die ſchönen Ländereien von Arran!“ ſeufzte deren betagte Eigenthümerin, nachdem die Befehle 156 ausgeführt waren.„Das ließe ich mir nicht träumen, nachdem ich euch von Confiscation und Strafabgaben errettete, daß ich, thöricht genug, euch noch einmal auf's Spiel ſetzen werde. Was kann ich aber machen?“ fuhr ſie ſeufzend fort;„ich ſah den Unter⸗ gang der Sache voraus und leiſtete doch dem unbe⸗ ſonnenen Verſuche Vorſchub. Ich habe geſchworen, meinen Neffen und ſeinen Freund zu beſchützen, wenn ſie hieher kommen ſollten, folglich muß ich mein Gelübde halten. Wäre Allan todt, Alice und Conſtanze in Verzweiflung, was würde aus mir werden?— Wer würde dann meine alten Augen ſchließen? Mögen Macht und Ländereien zu Grunde gehen! Beide wären doch werthlos, wenn das Herz brechen würde.“ Mit Hilfe ihrer beiden Nichten und ihrer Kam⸗ merfrau Meg, die fortwährend über die vermeint⸗ liche Narrheit ihrer Herrin brummte, ließ die Gräfin einen bedeutenden Vorrath von Wein und Eßwaaren in das geheime Zimmer ſchaffen. So feſt ſie auch auf die Treue ihrer Dienerſchaft bauen konnte, ſo wollte ſie dieſe doch nicht einweihen, weil ſie der ſehr rich⸗ tigen Anſicht war, daß ein Geheimniß nur dann ſicher ſei, wenn Wenige darum wüßten. Hätte ſie Alles ſelber beſorgen können, ſo hätte ſie veder Meg, noch ihre Nichten in das Geheimniß des Zim⸗ mers Robert des Starken eingeweiht. „Mögen ſie nun kommen!“ ſeufzte ſie, als Alles beſorgt war.„Das alte Verſteck hat früher ſchon manchen Kopf vor dem Beile gerettet, und eher mögen die Bluthunde Arran niederbrennen, bevor ſie den geheimen Eingang dahin entdecken.“ — 157 Die Gräfin und ihre Nichten ſaßen eines Abends in trüber Stimmung in der langen Gallerie. Seit der erſten Nachricht von der unſeligen Niederlage hatten ſie nichts Sicheres mehr über den Stand der Dinge erfahren; Alles beſchränkte ſich auf Gerüchte, welche die nach allen Seiten hin ſich zerſtreuenden Hochländer verbreiteten, von welchen Einige be⸗ haupteten, der Prinz ſei gefangen, während Andere ſagten: er ſei erſchlagen worden. Man wußte durch⸗ aus nichts Sicheres. „O, dieſe Ungewißheit!“ rief Alice troſtlos aus.„Es iſt faſt zum Verzweifeln, wenn man Nächte lang auf Jemand wartet, der nicht kommt, — durch jeden Windſtoß an dieſe einſamen Thürme ſeine Stimme zu vernehmen glaubt, und bei jedem Geräuſch nahende Schritte zu vernehmen meint. Die Furcht vor einem Unglück, liebe Tante, iſt ſchlimmer, weit ſchlimmer, als die Gewißheit deſſelben.“ „Ich habe dieß kennen gelernt, Alice,“ erwiderte die alte Dame traurig.„Ich weiß, wie Herz und Kopf davon angegriffen werden. Die Erfahrungen des Lebens, gutes Mädchen, von der Wiege bis zum Grabe ſind eine fortgeſetzte Kette von Enttäuſchun⸗ gen. Die Blume, welche am Morgen ſich ſchön ent⸗ faltet, welkt dahin, noch der Abend hereinbricht. Es iſt merkwürdig, daß Alles, was ſchön iſt, ſo ſchnell vergeht.“ Die arme Conſtance vermochte auf die Bemerkung der Gräfin nur mit einem tiefen Seufzer zu ant⸗ worten. Sie getraute ſich nicht zu ſprechen, damit die Thränen, welche in ihrem tiefblauen Auge zitter⸗ ten, nicht herab träufelten und in Schluchzen ſich 158 Luft machten. Sie wollte die allgemeine Betrübniß durch einen ſolchen Ausbruch nicht noch heftiger machen. „Noch nie ſchlich die Zeit ſo peinlich dahin,“ fuhr ihre Schweſter fort;„ihr zögernder Schritt ſcheint unſerer Ungeduld zu ſpotten. Glauben Sie nicht, Tante,“ fuhr ſie in bittendem Tone fort,„daß wir vielleicht ſichere Rachrichten erhalten könnten, wenn Sie einen Boten nach Edinburg,— einen, auf den wir uns verlaſſen könnten, ſchicken würden?“ „Dieß iſt bereits geſchehen,“ erwiderte die Herrin vom Schloſſe Arran ſeufzend;„aber kein Einziger iſt zurückgekehrt. Glaubſt Du denn, ich würde für die, welche ich liebe und in Gefahr weiß, Mann oder Pferd ſchonen?“ In dieſem Augenblicke ließ ſich ein ſchwerer Schritt im Gange vernehmen. Es war ſchon ſpät, und die Dienerſchaft hatte ſich bercits zur Ruhe be⸗ geben.„Vielleicht iſt es Niemand anders als Meg,“ bemerkte die Gräfin auf Alice's fragenden Blick. „Meg iſt in Ihrem Ankleidezimmer,“ ſagte Conſtance. Man vernahm eine Hand an der Thüre. Alle Drei wurden unruhig, wiewohl die Tante am wenig⸗ ſten; denn es fiel ihr der Eingang in das geheime Zimmer von den Ruinen aus in der Nähe des Schloſſes ein und eine geheime Hoffnung miſchte ſich in ihre Furcht. In einem ſo wohlbewachten Hauſe, wie das ihrige, lag der Gedanke an eine Gewalt⸗ that ziemlich fern. Die ganze Nachbarſchaft liebte oder fürchtete ſie. Dennoch vernachläſſigte die be⸗ 159 ſonnene Frau keine Vorſicht, ſowohl um ihrer eigenen Sicherheit, als derer willen, die ihr ſo theuer waren. „Conſtance,“ flüſterte ſie,„geh' raſch in mein Zimmer,— laß aber die Thüre offen, und beim erſten Tone meiner oder deiner Schweſter Stimme ziehe die Allarmglocke. Sollten Feinde in's Schloß Arran ſich eingeſchlichen haben, ſo ſollen ſie einen heißen Empfang finden.“ Conſtance, ohne recht zu wiſſen, woher ihr die Kraft kam, den erhaltenen Auftrag auszuführen, eilte durch die Gallerie und ſchritt auf die Thüre zu, an welcher das Geräuſch vernommen worden war. „Nicht da hinaus, Mädchen,“ flüſterte die Tante, auf eine zweite Thüre deutend.„Dort, dort!“ Conſtance gehorchte und verließ augenblicklich das Zimmer., Die beiden zurückbleibenden Damen blickten wie Statuen, feſtgebannt zwiſchen Furcht und Hoffnung, unverwandt nach der Thüre. Dieſe öffnete ſich langſam und ein Mann in dem Plaid eines Schä⸗ ſers und einer tief über die Stirne gezogenen Mütze kam in das Zimmer hereingeſchlüpft. Die Gräfin hätte bald bei dem Anblicke des Eindringlings auf⸗ geſchrien. Aber welche Verkleidung vermag das Auge der Liebe blind zu machen? Alice erkannte Sir Allan augenblicklich, und indem ſie ſeinen Namen ausrief, warf ſie ſich, wie ein junges Reh, das lange von ſeiner Mutter getrennt geweſen, in ſeine Arme. „Das trifft ſich wahrhaftig ſehr glücklich,“ ſagte der Baronet, ſie an ſeine männliche Bruſt drückend, daß ich nach ſo langem Umherirren und ſo vielem Elend Sie wieder finde. Zwar habe ich oft davon 160 geträumt, aber kaum zu hoffen es gewagt, im Stillen darum gebetet; aber ich glaubte, der Himmel bleibe taub gegen meine Bitten.“ „Biſt Du allein?“ fragte die Gräfin, die Thüre des Zimmers verriegelnd.„Wo iſt Crawford?“ „In Sicherheit in dem geheimen Zimmer.“ „Und der Prinz?“ „Iſt bei ihm,“ erwiderte der Neffe, die ausge⸗ ſtreckte Hand küſſend.„Wir ſind Tage lang umher⸗ geirrt, haben mit dem Fuchs und dem Haſen geſchlafen,— jetzt aber, dem Himmel ſei Dank! für einige Zeit ein Verſteck gefunden. Ich brauche nicht zu fragen, welche umſichtige Vorſorge Wein und Speiſen an die Freiſtätte hat bringen laſſen. Es war dieß ſehr gut, denn Seine Hoheit war am Verſchmachten, und Crawford und ich haben ſeit zwei Tagen keine Nahrung mehr zu uns genommen.“ „Alice,“ ſagte die Tante,„geh' raſch in mein Zimmer und rufe Conſtance.“ Kaum waren Tante und Neffe allein, als Erſtere dem Flüchtling ſich näherte und dieſem zuflüſterte, er möchte ſeine Freunde aus ihrem Verſtecke herbeiholen. „Geh' durch das alte Empfangzimmer,“ ſetzte ſie hinzu,„da iſt am wenigſten zu befürchten Jemand zu begegnen, wenn noch irgend ein Diener um den Weg wäre und eure Fußtritte hören ſollte. Du mußt einige Tage der Ruhe pflegen und dann nach Frankreich Dich auf den Weg machen, bis der Sturm vorübergebraust iſt. Wollte der Himmel, Allan, Du wäreſt ſchon dort!“ „Wie ſoll ich aber durch das Land kommen?“ fragte der Neffe. 161 „Ueberlaß das mir.“ „Auf unſere Köpfe iſt ein Preis geſetzt.“ „Ich will Dir ſchon Führer finden, die durch kei⸗ nen Preis ſich beſtechen laſſen. Ich werde nicht eher ſchlafen oder einen Augenblick Ruhe finden, bis das Meer zwiſchen uns liegt. Fürchte nichts, Allan, denn Alice und ich werden nicht kange zurückbleiben. Die Verſchreibung, welche ich auf Deine Güter be⸗ ſitze, ſowie der Ertrag, welchen Argyll abwirft, ſichert Dich vor gänzlicher Mittelloſigkeit, und Alice's Herz wird Dein Glück begründen. Alſo Muth, mein Junge! Das Leben hat noch ſchöne Tage für Dich in Ausſicht.“ „Und für Sie auch, wie ich hoffe!“ „Für mich?“ wiederholte die alte Dame ſeufzend. „Nein, Allan, nein! Meine Zeit iſt abgelaufen. Ich wünſche nur ſo lange zu leben, bis ich die verwaisten Kinder des Mannes— des Bruders, will ich ſagen, des Mannes, den ich liebte— glücklich in den Armen ihrer Gatten ſehe. Dann hat die alte Herrin von Schloß Arran ihre Lebensaufgabe erfüllt.? Ihr Neffe verließ die Gallerie, um ſeine Gefähr⸗ ten aufzuſuchen, und führte dieſe aus ihrem Verſteck hieher. Ehe er das geheime Zimmer verlaſſen, hatte er Beiden das Verſprechen abgenommen, daß ſie kei⸗ nen Verſuch machen würden, den Ort zu verlaſſen oder ihm zu folgen: eine Vorſichtsmaßregel, die im Hinblick auf die Schwierigkeiten, welche bei ſeinem Betreten zu berückſichtigen waren, nicht weniger als unnöthig ſchien. Kaum war er weg, ſo erſchienen Conſtance und Alice. Der junge Prätendent. III. 11 162 „Er iſt fort, um den Prinzen und Crawford zu holen,“ ſagte die Tante in Erwiderung auf den fragenden Blick der Erſtern.„Dein Geliebter iſt in Sicherheit, Conſtance, ganz in Sicherheit.“ Ein Blick der Dankbarkeit gen Himmel war die ſtumme Antwort. Wenige Minuten hernach waren die Flüchtlinge im Ankleidezimmer der Gräfin beiſammen. Hier war am wenigſten Störung zu befürchten. Eine Thräne zitterte in den Augen der Gräfin, als der Chevalier noch blaß und abgehärmt von den kaum überſtandenen Entbehrungen, mit jener ritterlichen Anmuth ihr ſeinen Reſpect bezeigte, durch weiche ſo viele Mitglieder ſeines Hauſes ſich ausgezeich⸗ net hatten. Unwillkürlich verglich ſie ſein jetzi⸗ ges Erſcheinen mit der glänzenden Geſtalt, die er in Holyrood gemacht, wo die Damenwelt ihm das Wort vom Mund gelauſcht und tapfere Männer auf ſein Zunicken gewartet hatten. „Wir kommen nicht, Lady Arran,“ ſprach er mit mattem Lächeln,„auf die Weiſe, wie Unſere Vor⸗ fahren einſt dieſe Mauern beſuchten, umgeben von einem Gefolge adekiger Herren und Damen, ſondern als ein Flüchtling, auf deſſen Kopf die uſurpirende Regierung einen Preis geſetzt hat, als Landſtreicher und Geächteter, deſſen Beſuch noch überdieß Gefahr mit ſich führt.“ „Und nie erwies ein Prinz aus Ihrem königlichen Hauſe dieſen Mauern größere Ehre, als Eure Königliche Hoheit, indem Sie ſie vorübergehend zu Ihrem Zu⸗ fluchtsort erwählten!“ rief die Gräfin aus.„Wenn ich mein Geſinde zu Ihrem Empfang nicht herbei⸗ — 163 rufe oder Ihnen nicht die äußere Hochachtung er⸗ weiſe, die Ihrem hohen Range gebührt, ſo liegt dieß nur an den Zeitverhältniſſen, welche es nicht erlau⸗ ben, die Gefühle kund zu geben, die jedes Mitglied aus dem Stamme der Arran gegen das Haus der Stuarts empfindet. Dieſe im Tone der vollendetſten Erziehung ge⸗ ſprochenen Worte machten auf die, welche ſie hörten, den tiefſten Eindruck, denn es war klar, daß die alte Pairsdame fühlte, was ſie ſprach. Carl Eduard trat deßhalb auf ſie zu und küßte ihre ausgeſtreckte Hand. Mit Meg's Beihilfe wurden Wein und Liqueure aus der unteren Vorrathskammer herbeigeſchafft, ohne daß die übrige Dienerſchaft dabei in Anſpruch ge⸗ nommen wurde, und die drei Flüchtlinge erzählten ihre Abenteuer ſeit dem verhängnißvollen Tage von Culloden. Conſtance und Alice lauſchten mit klopfen⸗ den Herzen dem Berichte von der Niederlage auf dem Schlachtfelde und ſprachen zu wiederholten Malen den frommen Wunſch aus, daß nach der Niederlage der Hochländer deren Antheil an dem Auſſtande von den Siegern verziehen würde, und daß dieſe diejenigen, welche in ihre Hände fielen, als Kriegs⸗ gefangene und nicht als Rebellen behandeln möchten. „Als Kriegsgefangene!“ wiederholte Carl.„Sie kennen den Deſpoten nicht, der dieſes unglückliche Land regiert, oder deſſen blutdürſtigen Sohn. Durch eine lange Verbannung auf dem Continent kenne ich deren Character beſſer als Sie ihn kennen können. Nein,“ ſetzte er im Tone großer Aufregung hinzu, dem Beſiegten droht der Tod, ſei es durch den Strang oder durch das Beil. Wie viele Wohnungen 164 werden verödet werden,— wie viele Tapfere wer⸗ den ihr Herzblut für mich vergießen— für eine ge⸗ fallene Sache und ein zertrümmertes Glück!“ „Geben Sie beſſeren Hoffnungen Raum, Sire,“ ſagte der Baronet.„Die Begeiſterung, mit welcher die Hochländer ſich beim Landen Ihrer Sache an⸗ ſchloßen, beweist, daß, wenn Sie unter günſtigeren Verhältniſſen einſt wieder Ihr Banner in Schottland entfalten ſollten, es nicht an kräftigen Armen und treuen Herzen fehlen wird, die zu ſeinem Beiſtand herbeieilen. Hätte nur Frankreich ſein Verſprechen erfüllt!“ „Frankreich!“ fiel Lady Arran ein, welche dieſe Nation haßte.„Wann hielt Frankreich je ſein dem Hauſe Stuart gegebenes Wort? Unſere Krieger haben zu ſeiner Vertheidigung gefochten, die könig⸗ lichen Bogenſchützen bewachten die Perſon ſeiner Könige und fanden nur Undankbarkeit als Lohn. Die verhängnißvolle Allianz mit den Häuſern von Guiſe und Lothringen waren die erſte Veranlaſſung zum Verderben Ihrer erhabenen Vorfahren,“ fuhr ſie, gegen den Prinzen gewendet, fort.„Ich würde ebenſo leicht mein Leben einem morſchen Brette auf ſtürmiſcher See anvertrauen, als die kleinſte Hoff⸗ nung auf das gegebene Wort Frankreichs ſetzen!“ „Ich bin überzeugt, daß nicht der König, ſon⸗ dern nur ſeine Miniſter Schuld daran ſind,“ be⸗ merkte Crawford. „Oder ſeine Maitreſſe,“ ſetzte Lady Arran hinzu. „Die engliſche Regierung verſteht es, wie man be⸗ ſtechen, jene Dame, wie man annehmen muß. Hätte Eure Hoheit es verſtanden, ſich die Gunſt dieſer all⸗ 165 mächtigen Perſon zu ſichern, ſo ſtehe ich mit meinem Leben dafür, daß dieſe Erpedition ſchon lange abge⸗ ſegelt wäre.“ Es entſtand eine Pauſe. Die Augen Alice's und des Prinzen begegneten ſich unwillkürlich, und der letztere erröthete über die unwürdige Huldigung, welche dieſe ihn der Marquiſin von Pompadour, der Dame, auf welche hier angeſpielt wurde, hatte dar⸗ bringen ſehen. „Ich ließ es ſelbſt an dieſer Erniedrigung nicht fehlen,“ bemerkte Carl Eduard mit einem Seufzer. „In Verſailles reichte ich der Favoritin meinen Arm, ſchmeichelte ich der Geliebten meines Vetters Ludwig, um mich ihrer guten Dienſte zu verſichern, bei welcher Veranlaſſung ſich nur Eine Dame fand, welche einem verbannten Prinzen eine Lection hin⸗ ſichtlich der Würde, die er ſich ſelbſt ſchuldete, gab, und die Reinheit ihres Geſchlechts rächte.“ „Und jene Dame?“ fragte die Gräfin,„war—“ „Keine andere als Ihre vortreffliche Nichte,“ erwiderte der Chevalier, gegen Alice ſich verbeugend, „die mir hoffentlich geſtatten wird, mich gegen ſie wegen meiner Indiscretion zu entſchuldigen, daß ich ſie in ſolcher Geſellſchaft begrüßte. Das unwürdige Motiv, das mich veranlaßte, mich ſo zu erniedrigen, iſt durch meine Niederlage und Schande furchtbar geſühnt worden.“ „Nicht durch die Niederlage, Hoheit,“ rief das erröthende Mädchen,„ſondern durch die Tapferkeit, die Sie in ſo vielen Schlachten an den Tag gelegt haben. Durch den Muth, die Ausdauer und Kalt⸗ blütigkeit in den Stunden der Gefahr haben Sie 166 wenigſtens bewieſen, daß Sie würdig wären, die Krone zu empfangen, die Ihre Vorfahren beſeſſen haben. Alles Andere liegt in der Hand des Him⸗ mels, der, wenn Gebete dazu beitragen können, Ihnen eines Tages gewähren wird, was Ihnen gebührt.“ Der königliche Flüchtling ſchüttelte traurig das Haupt, denn er hegte keine Hoffnung mehr. Der letzte Schlag hatte ſeinen Muth und ſeine Ausdauer zugleich gebrochen. „Nie, Lady,“ ſprach er,„nie! Meine letzte Hoff⸗ nung hat fehlgeſchlagen! Das letzte glänzende Blatt meines Lebens iſt geſchrieben. In Zukunft werde ich nur ein elender, verlaſſener Menſch ſein, der mühſam ſein Daſein zwecklos und hoffnungslos hin⸗ ſchleppt. Nach einer Niederlage wie die meinige wäre die Erwartung eines zweiten Aufſtandes zu meinen Gunſten mehr als Thorheit. Schottland hat . um meiner Sache willen ſchon zu viel erduldet.“ „Eure Hoheit muß Schottland verlaſſen,“ be⸗ merkte die Gräfin. „Recht gern, da meine Hoffnungen zertrüm⸗ mert ſind.“ „Mein Neffe und ſein Freund ſollen Sie be⸗ gleiten. Vielleicht treffen wir uns zunächſt wieder in Verſailles.“ „Wie, Gräfin?“ fragte Crawford.„Beabſichti⸗ gen Sie ſich ebenfalls zu verbannen?“ „Was ſoll ich hier machen,“ erwiderte die Lady lächelnd,„nachdem meine Kinder ihre Heimath ver⸗ laſſen haben und das alte Haus ſo einſam gewor⸗ den iſt, wie ein Neſt, aus welchem die Brut ausge⸗ 167 flogen. Nein, nein, wohin meine Mädchen gehen, gehe auch ich. Aber es iſt Zeit, daß Sie ſich von hier entfernen. Bald wird der Tag anbrechen, und dann ſind wir vor neugierigen Augen nicht mehr ſicher.“ Die Liebhaber entfernten ſich nur ungern und erſt nachdem verabredet worden war, daß man ſich jeden Abend im Ankleidezimmer der Gräfin treffen werde. Vierunddreißigſtes Kapitel. Am dritten Abend waren die Flüchtlinge wieder im Ankleidezimmer der Gräfin von Arran verſam⸗ melt, deren lebendiger Geiſt tauſend verſchiedene Plane für ihr Entkommen nach Frankreich berieth und entwarf. Der Weg durch die Hochlande, welche von dem ſiegreichen Feinde bewacht wurden, war mit großen Gefahren verknüpft; nichts deſto weniger verzweifelte ſie nicht gänzlich an dem Erfolge. Die treue Ergebenheit der Clane und ſelbſt derjenigen Häuptlinge, die aus Gründen der Klugheit keinen Antheil an dem Aufſtand genommen hatten, ſicherte den erhabenen Flüchtling vor jedem Verrath von dieſer Seite. Die meiſte Gefahr drohte, wenn man ſich dem Niederlande näherte. Die Gräfin hatte be⸗ 168 rreits vertraute Boten nach verſchiedenen Häfen ge⸗ ſchickt mit dem Auftrage, dort Fiſcherbarken oder andere Fahrzeuge zum Ueberſetzen zu miethen. Ebenſo hatte ſie ihre Freunde vorläufig von dem Eintreffen eines Fremden benachrichtigt, der zu irgend einer Stunde der Nacht eintreffen und Gaſtfreundſchaft und Schutz von ihnen verlangen dürfte. „Eure königliche Hoheit iſt alſo feſt entſchloſ⸗ ſen,“ ſprach ſie, Carl Eduard gewiſſenhaft bei ſei⸗ nem Titel anredend,„morgen ſich auf den Weg zu wagen?“ „Das bin ich,“ erwiderte der junge Mann.„Mehr als zu lange ſchon habe ich Ihre Güte in An⸗ ſpruch genommen. Ihr Haus hat bereits ſchon ſo viel durch die zu Grunde gegangene Sache mei⸗ ner unglücklichen Familie erduldet, daß es im höch⸗ ſten Grade undankbar von mir wäre, wenn ich auch noch die Schuld trüge, daß Sie den Zorn des Uſur⸗ pators auf ſich zögen. Ich fühle mich wieder erholt und gekräftigt und zweifle nicht daran, daß ich— Dank Ihren Anordnungen— Freunde finden werde, welche mich aufnehmen und auf meinem Wege wei⸗ ter befördern.“ „Und müſſen Sie uns auch verlaſſen?“ murmelte Alice, ihr thränenſchweres Auge auf den Baronet gerichtet, während ihre Schweſter Conſtance den Kopf von Crawforb's Blicken abwandte, um ihre Thränen zu verbergen. „Ich muß,“ erwiderte Sir Allan in demſelben leiſen Tone;„die Ehre gebietet es mir.“ „Und die Sicherheit,“ ſetzte die Tante hinzu. „Wähnſt Du denn, daß die Augen Deines Vetters 169 Alick nicht nach Arran gerichtet ſeien? Glaube mir, Alice, daß er ſich ſo geräuſchlos genähert hat, wie eine Schlange, deren Anweſenheit man nicht früher merkt, als bis ſie ziſchend uns umſchlingt. Wenn du Allan aufrichtig liebſt, ſo rede ihm zu, fortzu⸗ gehen. Der Vorrath im geheimen Zimmer reicht nicht für alle Zeiten aus; auch iſt Schloß Arran jeden Augenblick einer Belagerung ausgeſetzt, der es in die Länge nicht zu widerſtehen vermag.“ „Sie haben Recht, Tante, ganz Recht,“ rief ihre Nichte, deren Wangen bei den Warnungen der Tante bleicher geworden waren;„ſchon der Gedanke, ihn hier behalten zu wollen, iſt ſelbſtſüchtig. Fliehen Sie,“ ſetzte ſie, gegen Allan gewendet, hinzu;„legen Sie die See zwiſchen ſich und dieſes unglückliche Land. Aber ach, ſeien Sie um meinetwillen für Ihr Leben beſorgt! Ich werde nicht eher wieder frei aufathmen, bis ich weiß, daß Sie außerhalb des Bereichs Ihrer grauſamen Feinde ſind— bis ich wieder von Ihnen höre und Sie wieder ſehe.“ „Ich muß ihr beipflichten, Allan,“ ſprach die alte Dame traurig.„Ich weiß, was Ungewißheit bedeutet, wenn es ſich um die Sicherheit derer, die wir lieben, handelt. Sie tödtet eben ſo ſicher, wenn auch langſamer, als das Schwert. Schnüre alſo Dein Plaid zuſammen, ziehe die Mütze über die Stirne und vertraue Dich mit feſtem Herzen und reinem Gewiſſen dem Schutze des Himmels.“ Kaum hatte die alte Frau dieſe Worte geſprochen, als ſich ein lauter Trompetenſtoß vor dem Thore von Schloß Arran vernehmen ließ, der für die geängſtig⸗ ten Herzen der beiden jungen Mädchen wie das Ge⸗ 170⁰ läute der Todtenglocke tönte. Conſtance warf ſich inſtinctartig zum Schutz in Crawford's Arme; ihre Schweſter dagegen faßte das Kleid der Gräfin, indem ſie ausrief:„Retten Sie ihn— um aller Barm⸗ herzigkeit willen retten Sie ihn!“ „Fürchten Sie nichts für uns!“ ſagte der Baronet entſchloſſen.„Wir ſind bewaffnet. Der Tyrann ſoll uns nicht als widerſtandsloſe Opfer finden. Retten Sie den Prinzen und überlaſſen Sie uns unſerm Schickſal. Vielleicht begnügt man ſich mit Crawford's und meinem Leben und ſucht nach Niemand Anderem. In das Zimmer, Prinz! in das geheime Zimmer!“ ſetzte er hinzu. „Nein,“ rief Carl Eduard ſtolz.„Bin ich auch nicht dazu beſtimmt, wie ein Monarch zu leben, ſo werde ich wenigſtens wie ein ſolcher zu ſterben wiſſen. Gräfin,“ fuhr er fort, die zitternde Hand ſeiner Wirthin küſſend,„laſſen Sie die Söldlinge des Kur⸗ fürſten von Hannover ein. Dieſe werden zu glücklich ſein, ein königliches Opfer in Empfang nehmen zu können, als daß ſie zu ſerupulös nachſehen werden, auf welche Weiſe daſſelbe hier Zuflucht gefunden hat. Unter dem Triumphe dieſes Erfolgs können meine Freunde entkommen,“ „Was!“ unterbrach ihn die Gräfin, ſich ſtolz zu ihrer ganzen Höhe aufrichtend;„ich ſollte das Blut der Stuarts verkaufen— Sie an Ihre Feinde ausliefern? Nimmermehr; ſelbſt wenn der Henker⸗ Herzog an der Spitze ſeiner Armee vor den Thoren ſtände und Ihre Herausgabe verlangte. Mögen die Ländereien dahinfahren, wenn ich nur die Ehre meines Hauſes bewahre. Folgen Sie mir auf die 171 Zinnen. Sie ſollen die Aufforderung, ſo wie die Antwort darauf hören.“ Haſtig öffnete ſie die Verbindungsthüre zwiſchen ihrem Ankleidezimmer, worauf die Geſellſchaft durch die lange Gallerie gehend die Treppe hinauf ſchritt, welche zu dem Thurme, unmittelbar über dem Haupt⸗ eingange, führte. „Schieb den Riegel hinter Dir vor!“ flüſterte Lady Arran, welcher die Gefahr ganz außergewöhn⸗ liche Geiſtesgegenwart zu verleihen ſchien, ihrem Neffen zu.„Ich höre Geräuſch von Seiten meiner Dienerſchaft. Zwar kann ich für deren Treue ſtehen; es iſt aber doch beſſer, wenn dieſe nichts ſieht.“ Allan gehorchte dem Winke ſeiner Tante. Als die Geſellſchaft oben auf dem Thurme an⸗ langte, ſah ſie im Lichte des Mondes, der die Land⸗ ſchaft hell beſchien, einen Trupp zu Pferde, der vor dem Hauſe aufmarſchirt daſtand. Der commandirende Officier befand ſich einige Schritte vor ſeiner Ab⸗ theilung. Das bleiche, teufliſche Geſicht und das höhniſche Auge, welches im Vorgenuſſe eines un⸗ menſchlichen Triumphes blitzte, war nicht zu ver⸗ kennen. Es war Alick Campbell. In ſeiner Unge⸗ duld über die Verzögerung der Beantwortung ſeiner Aufforderung erhob er ein paar Mal ſeine geballte Fauſt drohend gegen das Schloß. „Zurück!“ ſagte die Gräfin zu den drei Flücht⸗ lingen,„hart an die Mauer; ſonſt ſieht man Sie.“ Kurz darauf ſah man im Hauſe Lichter in Be⸗ wegung, und unmittelbar hernach erſchien der Haus⸗ hofmeiſter, ein ſtämmiger alter Hochländer, der mit dem verſtorbenen Carl im Jahre 1715 ausgezogen 172 geweſen war, unter dem hohen Fenſter, oberhalb des Portals, und fragte um die Veranlaſſung einer ſo außergewöhnlichen Aufforderung. „Das will ich Dir ſagen, ſobald ich mich inner⸗ halb der Mauern befinde,“ erwiderte Alick über⸗ müthig. „Ich muß es aber wiſſen, ehe Sie die Schwelle von Schloß Arran überſchreiten,“ erwiderte der alte Mann feſt. „Kennſt Du mich denn nicht?“ „Wenigſtens nicht im Guten, Alick Campbell,“ ſagte der Haushofmeiſter,„ſondern nur hinſichtlich der Schande, die Sie einem edlen Namen machen. Die Gewaltthat, welche Sie ſich gegen die Nichte meiner Lady zu Schulden kommen ließen, macht Sie zu keinem willkommenen Beſucher hier. So viel kann ich Ihnen ſagen.“ „Ich bin in des Königs Auftrag hier, Narr.“ „Deßhalb ſind Sie aber nicht weniger unwill⸗ kommen.“ „Um Verräther gefangen zu nehmen!“ „Dieſe müſſen Sie nur ſelbſt mitbringen,“ er⸗ widerte der alte Mann,„denn ich weiß gewiß, daß Niemand, der dieſe Bezeichnung verdient, ſich inner⸗ halb unſerer Mauern befindet; ich will aber meine Lady von Ihrer Ankunft benachrichtigen. Wenn dieſe geneigt iſt, Sie zu empfangen, ſo habe ich nichts d'rein zu reden; aber was mich anbelangt, ſo würde ich lieber die Thore der Hölle öffnen, als den Riegel zurückſchieben, um Sie einzulaſſen.“ „Sage der alten jacobitiſchen Wittwe,“ ſagte Alick, der es ſich nicht hätte träumen laſſen, auf 173 Widerſtand bei ſeiner klugen Tante zu ſtoßen,„daß ich hier bin, um Sir Allan Glencairn und Ulrick Crawford, zwei überwieſene Verräther, gefangen zu nehmen, die, wie ich genau unterrichtet bin, Zuflucht in Arran gefunden haben.“ „Dem Himmel ſei Dank!“ ſagte der Baronet in leiſem Tone zu dem Prinzen,„er weiß nichts von Ihrer Anweſenheit. Eure königliche Hoheit kann dem Bluthund doch entgehen. Sie und Crawford können entfliehen, denn nur auf mein Leben iſt es dabei abgeſehen.“ „Alle müſſen entfliehen oder Keiner,“ erwiderte Carl Eduard feſt.„Ich kann zwar vor einem Feinde die Flucht ergreifen, aber nie einen Freund im Stiche laſſen.“ „Beeile Dich, meinen Auftrag auszurichten, Alter,“ fuhr Alick ungeduldig fort.„Ich will zehn Minuten auf die Antwort Deiner Lady warten.“ „Du kannſt ſie ſogleich vernehmen,“ ſagte die Gräfin, die aus dem tiefen Schatten der Mauerzinne in das volle Mondlicht vortrat.„Es gibt keine Verräther hier, außer meinem entarteten Neffen, der wie ein Dieb in der Nacht heibeigeſchlichen kommt, um das Haus anzugreifen, wo er früher ſo oft willkommen geheißen wurde. Schäme Dich, Menſch — ſchäme Dich!“ „Ich muß meine Pflicht erfüllen, Tante,“ erwi⸗ derte Alick in etwas achtungsvollerem Tone, als der war, in welchem er mit dem Haushofmeiſter geſprochen hatte.„Ich bin in des Königs Dienſte hier.“ „Um Arran Houſe zu belagern?“ fragte die Gräfin ſpöttiſch. 174 „Nein; ſondern um zwei überwieſene Verräther zu ſuchen.“ „Und Deine Vollmacht?“ „Die ruht in meinem Schwert!“ antwortete der Reffe heftig. „Es iſt gut,“ erwiderte die alte Dame ſarkaſtiſch. „Wir wollen die Sache morgen unterſuchen, nachdem wir zuvor die benachbarten Magiſtrate conſultirt haben, und dann, wenn dieſe die Autorität für richtig und genügend anerkennen, Dich einlaſſen. Gute Nacht. Für heute nimm mit der Haide zum Lager vorlieb. Für Dich iſt dieß nichts Neues; mich dauern nur Deine ſächſiſchen Freunde.“ Auf ein Zeichen ihres Befehlshabers ſtiegen zwölf von den Dragonern ab und fingen an, mit Beilen, die ſie zu dieſem Zwecke von Sappeurs entlehnt hatten, heftige Schläge gegen das Thor zu führen, das, wiewohl mit Eiſen beſchlagen, zu wanken anfing. Der Haushofmeiſter nahm ſeine Flinte und ſchlug auf Alick an. „Sprechen Sie nur ein Wort, Mylady!“ rief er mit einem bedeutungsvollen Blick auf ſeine Ge⸗ bieterin. Dieſes Wort zitterte faſt auf ihren Lippen. Aber die Gräfin war eine Frau und der Anblick von Blut war ihr zuwider. Sie vermochte nicht, es auszuſprechen. „Alickf“ rief ſie aus,„zieh' Dich zurück!“ „Nicht eher, als bis ich diejenigen, welche im Schloſſe Arran verſteckt ſind, geſucht habe,“ erwiderte er. „Zünde das Allarmfeuer an!“ ſagte die Gräfin mit einer Stimme, ſo laut und feſt, daß der Lärm, 175 welchen die Schläge gegen das Thor verurſachten, davon übertönt wurde.„Mögen die Warnungsfeuer auflodern, Alick,“ fuhr ſie fort;„von dieſer Stunde an beſteht Krieg zwiſchen uns. Fange mit Arran an, was Du willſt; aber höre meine Worte: Wenn die Thore nur drei Stunden lang feſthalten, ſo wirſt weder Du, noch einer der bei Dir befindlichen Sachſen lebendig von der Stelle kommen, um den Empfang erzählen zu können, der euch hier zu Theil gewor⸗ den iſt.“ „Sie hat Recht!“ rief Campbell.„Das Allarm⸗ zeichen wird beantwotet.“ „So iſt's,“ ſagte die Gräfin,„und der Clan hat ſich erhoben. Alick,“ fuhr ſie fort, ihre langen, mageren Arme in die Luft erhebend,„der Bann des Hauſes Arran iſt über Dir; von dieſer Stunde an wird jeder Mann, der deſſen Tartan trägt, nur ſeine Pflicht erfüllen, wenn er Dich auf all' Deinen Tritten und Schritten verfolgt. Schlafend oder wa⸗ chend fürchte das Dolchmeſſer. Tauſende ſind bereits gezogen, um Dich zu treffen. Falſcher Verwandter, entehrter Edelmann, ich zerreiße die Bande des Bluts zwiſchen uns! Du haſt mich auf's Aeußerſte getrieben. Hüte Dich vor meiner Rache!“ Die Raſchheit, mit welchem die Signalfeuer von Bergen zu Bergen beantwortet wurden, bewies, daß die Gräfin ihre Vorſichtsmaßregeln getroffen hatte, und daß, wie ſie geſagt hatte, in wenigen Stunden der Clan ſich erhoben haben werde. Der Fluch, den ſie ausgeſprochen, ſchloß eine weitere, nicht minder dringende Gefahr in ſich; denn ſo bald er bekannt wurde, war darauf zu rechnen, daß jeder dem Hauſe 176 Arran ergebene Mann es für ſeine heilige Pflicht halten würde, dem Vervehmten nach dem Leben zu trachten. Alick blieb daher keine andere Wahl, als entweder zu entfliehen oder ſich in den Beſitz des Schloſſes zu ſetzen, ehe die angerufene Hilfe eintreffen konnte. Unter allen andern Unſtänden würde die Klugheit das Erſtere geboten haben, aber Haß macht ſelbſt den Feigling blind, und Alick war, wie viele Fehler er auch ſonſt beſaß, nichts weniger als feig. Er war eben ſo tapfer, als er ſchlecht und gewiſſenlos in Ausführung ſeiner ſelbſtfüchtigen Abſichten ſich zeigte. „Hundert Guineen ſind euch,“ rief er aus,„wenn es euch gelingt, in einer halben Stunde die Thore einzuſchlagen.“ Durch die angebotene Belohnung aufgemuntert, ſtieg noch eine Abtheilung der Leute von den Pfer⸗ den und ſchloß ſich denen an, die zuvor ſchon ſo kräftig mit den Beilen losgearbeitet hatten, denn bereits fing das Thor unter den furchtbaren Anſtren⸗ gungen zu weichen an. „Wos iſt zu thun?“ flüſterte Sir Allan.„Sie werden Herren des Schloſſes ſein, noch ehe die Hilfe, die Sie angerufen haben, eintreffen kann.“ „Ueberlaß das mir,“ ſagte die Gräfin ruhig. „Es befinden ſich mehr Leute in Schloß Arran zum Schutze ihrer Herrin, als Du denkſt. Führe Du und Crawford Seine Hoheit in das geheime Zimmer. Ich ſtehe für das Uebrige. Man darf Dich hier nicht ſehen.“ Es bedurfte vieler Bitten, die jungen Männer zu veranlaſſen, dieſer Aufforderung zu willfahren. 177 Die kleine Geſellſchaft kehrte in das Ankleide⸗ zimmer der alten Dame zurück, wo man ſich haſtig verabſchiedete. Kaum waren die Flüchtlinge weg, als Lady Arran in Begleitung ihrer Nichten in die große Halle hinabging, wo Alice und Conſtance zu ihrem Erſtaunen etwa fünfzig wohlbewaffnete Hoch⸗ länder fanden, um den Ort zu vertheidigen. An ihrer Spitze befand ſich der alte Haushofmeiſter. „Was befehlen Sie uns zu thun?“ fragte der der alte Mann reſpectvoll. „Daß ihr euch zeigen ſollt.“ „Sollen wir Feuer geben?“ „Nur im äußerſten Nothfalle. Ich möchte wo⸗ möglich jeden Zuſammenſtoß mit der Regierung ver⸗ meiden; eure erſte Pflicht beſteht aber darin, das Schloß und ſeine Bewohner gegen jeden Angreifer zu ver⸗ Das Uebrige ſtelle ich dem Himmel an⸗ eim.“ Angefeuert durch die Gegenwart ihrer Gebieterin, die, trotz allen ihren Eigenheiten, von den rauhen Bergbewohnern geliebt und verehrt wurde, verließen die Männer eilig die Halle und ſtellten ſich, mit ihren langen Flinten bewaffnet, auf den Mauern auf. Von hier aus beherrſchten ſie den Thorweg vollkommen, und mit einer einzigen Salve konnte man das ganze Belagerungscorps zu Boden ſtrecken. Mit Beſtürzung gewahrte Alick die große Zahl von Leuten, die ſich ihm gegenüber aufſtellte. „Nun,“ fragte der Haushofmeiſter ſpöttiſch,„iſt das Thor noch nicht zuſammengebrochen?“ „Im nächſten Augenblick wird es der Fall ſein,“ erwiderte einer der Eifrigſten unter den Soldaten. Der junge Prätendent. III. 12 178 „In demſelben Augenblicke aber wird auch das Signal zu einer Salve gegeben werden,“ verſetzte der Haushofmeiſter.„Ihr wißt, wie der Hochländer zu zielen verſteht und daß er ſelten fehl ſchießt. Macht euch fertig!“ Das Knacken der Hahnen an den Flinten der treuen Vertheidiger, welche augenblicklich dieſem Be⸗ fehle gehorchten, tönte höchſt unangenehm in den Ohren der Feinde. „Sobald ſie noch einen Schlag an das Thor verſuchen, gebt ihr Feuer!“ fuhr der Haushof⸗ meiſter fort. Die Soldaten ſahen, daß es dem Manne ernſt war und es ſich um keinen Spaß handelte. In ſeiner Ungeduld und weil er geglaubt, daß Arran unver⸗ theidigt ſei, hatte Alick keinen Anſtand genommen, ſeine Leute anzufeuern. Viele darunter waren aber bei der verunglückten Expedition unter Cope mit dabei geweſen, und dieſe waren die Erſten, die ihre Beile wegwarfen. Das Beiſpiel wirkte anſteckend; die Andern folgten ihnen nach. „Feiglinge!“ rief Alick:„noch eine kleine An⸗ ſtrengung und der Platz iſt unſer. Denkt an die Belohnung!“ Es fragt ſich, ob die Leute, ſelbſt bei der Aus⸗ ſicht auf einen Zoldenen Lohn, ausgeharrt hätten. Einige zögerten; Andere ſchienen geneigt, die Arbeit wieder aufzunehmen. Aber bald fand jeder Zweifel, ſelbſt von Seite des Anführers, ſein Ende, denn das Geſchrei der annähernden Hochländer ließ ſich, von der Naochtluft getragen, deutlich vernehmen. Die wackeren Burſche hatten dieſes Mittel ergriffen, um„ 3 179 die Bewohner von Arran zu benachrichtigen, daß Hilfe nahe. „Hören Sie ſie, Alick Campbell?“ rief der Haus⸗ hofmeiſter.„Wie viel wollen Sie Löſegeld für Ihr werthloſes Leben zahlen? Vergeſſen Sie nicht, daß der Bann des Clans über Ihrem Haupte iſt!“ Derſenige, an welchen dieſe Worte gerichtet waren, kannte die wilde Anhänglichkeit der Männer zu gut, als daß er ſein Leben deren Gnade anvertraut hätte. Er ſchwang ſich daher auf ſein Pferd und gab da⸗ durch zuerſt das Zeichen zur Flucht. In wenigen Augenblicken war der Raum vor dem Schloſſe von allen Feinden geſäubert. „Dem Himmel ſei Dank!“ bemerkte die Gräfin, aus der Vertiefung des großen Fenſters in der Halle hervortretend;„es wurde kein Blut vergoſſen. Im ſchlimmſten Falle habe ich nur mein Haus gegen das unbefugte Eindringen meines bitterſten Feindes vertheidigt. Sie müſſen ſehr ſchlaue Köpfe haben,“ ſetzte ſie lächelnd hinzu,„wenn es ihnen gelingt, dieß zum Hochverrath zu ſtempeln.“ „Und unſere Freunde?“ murmelte Alice. „Die müſſen augenblicklich fort,“ fuhr die Tante fort.„Alick beſitzt den Inſtinct eines Bluthundes. Er weiß nur zu gut, daß, wenn ſich nicht Perſonen innerhalb dieſer Mauern befunden hätten, denen ich aus Anhänglichkeit oder Ehre Schutz zu gewähren mich verpflichtet habe, ich nie einen ſo entſchiedenen Schritt zu thun gewagt haben würde. Aber kommt, Mädchen, hinab, um die Getreuen willkommen zu heißen, die auf mein erſtes Signal zu unſerm Bei⸗ ſtande herbeigeeilt ſind.“ 180 Unterdeſſen hatte die Gräfin und ihre Nichten den freien Platz erreicht, wo man die Töne der Sackpfeife deutlich vernehmen konnte, und in einer unglaublich kurzen Zeit hernach marſchirten hundert Mann vor dem Schloſſe auf. Sie begrüßten ihre betagte Gebieterin und die Waiſen mit einem lauten, herzlichen Freudengeſchrei. Die Letztern waren ein Gegenſtand des höchſten Intereſſes für die derben Bergbewohner, weil ſie allein das Blut ihrer alten Häuptlinge vertraten, unter deren Banner ihre Väter ſo oft zum Siege geführt worden waren und welche ſie ſeit Menſchengedenken im Frieden und Kriege geleitet hatten. „Seht nur, wie ſie euch willkommen heißen!“ flüſterte die Gräſin, ihre Nichten näher an ſich zie⸗ hend.„Sie kennen das Blub von Arran.“ „Ihr Willkommen gilt Ihnen, liebe Tante,“ erwiderte Alice und Conſtance. „O nein,“ ſagte die alte Dame ſeufzend.„Sie wiſſen nur zu gut, daß, wenn der alte Baum fällt, er keine Schößlinge zurücklaſſen wird, ſeine Stelle auszufüllen. Es war nicht Gottes Wille, daß ein ſeine Ruheſtätte folgen ſoll. Aber was liegt daran? Das Geſchlecht, das die treuen Menſchen verehren, wird mir nachfolgen, und mein Name wird viel⸗ leicht unter ihnen in ſo fern in der Erinnerung fort⸗ leben, als derſelbe das alte Haus, nachdem es der Sturm in Trümmer gelegt, wieder aufgebaut hat. Selbſt darin liegt ein Grund zum Stolze, Mädchen.“ Kind mein Alter ehren oder meinem Gebeine an 181 Fünfunddreißigſtes Kapitel. Es wäre eine ergiebige Studie für einen Maler geweſen, die ſtämmigen Clansleute, als der Morgen zu dämmern anfing, auf der Haide vor Arran Houſe lagern zu ſehen, wo ſie auf die Geſundheit ihrer Herrin und der beiden verlaſſenen Mädchen tranken, die ſie als die letzten Sprößlinge des alten Stammes betrachteten. Mancher Wunſch für ihr zukünftiges Glück wurde laut und dabei die Hoffnung ausge⸗ ſprochen, daß ſie ſich mit einem ächten Schottländer verbinden möchten, der den Ruhm des alten Namens aufrecht erhalten und dem treuen Blute ihrer Häupt⸗ linge nachfolgen würde. Sobald ſich die Leute ge⸗ nügend erfriſcht hatten, theilten ſie ſich auf der Gräfin Befehl in drei Haufen. Der eine davon wurde in der Richtung abgeſchickt, welche der Feind eingeſchlagen, um augenblicklich Nachricht zu geben, wenn er zurückzukehren Miene mache; der zweite ſollte die Gegend nach Norden, den Weg, welchen die Flüchtlinge einzuſchlagen hatten, durchſtreifen, und der dritte wurde beordert, hier zu bleiben zur Bewachung des Schloſſes. „Wenn Alick zurückkehrt, ſo muß er eine Armee mit ſich bringen,“ bemerkte der Haushofmeiſter, nach⸗ dem die Anſtalten beendigt waren.„Die Leute ſind ganz wüthend, und hundert Dolchmeſſer ſind bereit, ihm das Lebensblut abzuzapfen, wenn er ſeinen ſchändlichen Auftrag noch einmal auszuführen ſich unterfangen ſollte.“ 182 „Gebe der Himmel, daß ich und mein Neffe uns nie wieder begegnen,“ ſagte die Gräfin, an welche dieſe Rede gerichtet geweſen;„es würde dieß ſchlimm für eines von uns Beiden ausfallen. Er beſitzt ein ſchwarzes Herz und einen unbändigen Geiſt: mich wird er aber des Geſchlechts, von dem ich abſtamme, oder des Namens, den ich trage, nicht unwürdig ſühen.“ „Und wie edel haben Sie denſelben zu erhalten verſtanden, Mylady,“ erwiderte der alte Diener im Tone des tieſſten Reſpects.„Wenige, die den Namen Arran getragen, haben eine größere An⸗ hänglichkeit an die Ehre deſſelben an den Tag gelegt. Könnte mein geliebter Herr aus dem Grabe hervorſehen, wie würde ſein Geiſt Sie für Ihre unbegrenzte Liebe zu ſeinen verwaisten Kindern ſeg⸗ nen! Sie verdienen, deren Mutter zu ſein, denn Sie zeigen ihnen mehr als Mutterliebe.“ Der Haushofmeiſter hatte in ſeiner Jugend in Eduard Arran's Dienſten geſtanden, und dieſer Um⸗ ſtand war vielleicht, abgeſehen von ſeiner erprobten Treue, einer der Gründe, welche ihn bei ſeiner Lady ſo beliebt machten, deren Wangen, trotz ihres Alters, bei dieſen Worten ſich rötheten, welche, ohne daß der Haushofmeiſter es ahnte, auf ihre Liebe zu dem Bruder ihres verſtorbenen Gemahls anſpielten. Und doch hatte ſie keinen Grund, ſich berſelben zu ſchä⸗ men, denn ſie hatte dieſe Liebe, gleich einer Perle im Schranke eines Geizhalſes, im tiefſten Winkel ihres Herzens verſchloſſen. Nie war zwiſchen ihr und Eduard Arran ein Wort gewechſelt worden, welches dieſelbe hätte verrathen können. Beide„ 183 waren ſich bewußt, daß eine unüberſteigliche Schranke ſie auf immer trenne, und hatten deßhalb ihren Schmerz und ihre Gefühle in den eigenen Buſen gebannt. „Haben Sie noch Weiteres zu befehlen?“ fragte der alte Hochländer. „Nein. Doch halt,“ ſagte ſeine Gebieterin haſtig, „gib Acht, daß Niemand bis zu meiner Rückkehr der nördlichen Gallerie ſich nähert, ſelbſt meine Nichten nicht.“ „Ein Eindringling findet ſeinen Weg nur über meine Leiche,“ lautete die Antwort. Die Gräfin begab ſich nun eiligſt in ihr Ankleide⸗ zimmer und nahm aus einem Schranke einen Schlüſſel, ähnlich dem, welchen ſie Sir Allan Glencairn ge⸗ geben hatte, zündete ſodann eine Nachtlampe an und ſchickte ſich, trotz ihres Alters, an, in das Zimmer Roberts des Starken hinabzuſteigen. Jeder Augen⸗ blick, welcher die Abreiſe des Prinzen und ſeiner beiden Freunde verzögerte, vermehrte deren Gefahr, und ſie beſchloß, ihren Nichten den Schmerz des Ab⸗ ſchieds zu erſparen. Sie wußte aus bitterer Erfah⸗ rung, wie tief leidenſchaftliche Worte im Gedächtniſſe haften und oft das Herz zerfreſſen. Es iſt zuweilen eine bittere Sache, ſelbſt wenn das Glück lächelt, von denen zu ſcheiden, die wir lieben; wenn aber gar Gefahr droht, wenn die Möglichkeit vorhanden iſt, daß wir dieſelben vielleicht nie wieder ſehen, ſo kann ein Schmerz dieſer Art von den verderblichſten Folgen ſein. Die drei Flüchtlinge ſaßen in ihrem Verſtecke, entwarfen den Plan zu ihrem Entkommen und ſprachen 184 von der Hoffnung einer künftigen Wiederkehr des Prinzen— einer Hoffnung, die nie in Erfüllung gehen ſollte— als die Gräfin erſchien. „Träumer!“ rief ſie aus;„ihr ſeid noch nicht ſort? „Wie konnten wir Sie verlaſſen,“ erwiderte der Baronet,„ohne die Gewißheit mit uns zu nehmen, daß diejenigen, welche uns ſo edelmüthig beſchützt haben, nicht in Folge ihrer Treue zu leiden hätten? Iſt der Clan Ihrer Aufforderung nachgekommen?“ „Wie ein Mann!“ erwiderte die Tante ſtolz. „Und Alick?“ „Iſt entflohen, Allan, feig entflohen, ohne das Schwert zu ziehen. Und nun hört, was ich ſage. Es war keine unſinnige und ungewiſſe Hoffnung, welche Deinen Vetter nach Arran führte. Zwar hat er ſich, wie ein verſcheuchter Tiger, zurückgezogen, aber nur um ſeinen zweiten Sprung noch verderb⸗ licher zu machen. Diejenigen, welche Du liebſt, ſind ſicher: darauf kannſt Du Dich verlaſſen, wenn ich es Dir ſage. Nur eure Anweſenheit bringt uns Ge⸗ fahr. Für jetzt iſt der Weg noch offen, mehrere Schiffe liegen an der Küſte und erwarten Eure könig⸗ liche Hoheit. Geht daher ſogleich— geht in's Him⸗ mels Namen! Geht, und Gott geleite euch!“ „Ohne ein Wort des Abſchieds?“ ſagte Crawford. „Ohne ein einziges Lebewohl?“ ſetzte Allan flehend inzu. „O Männer! Männer!“ rief die alte Dame aus; „wie ſelbſtſüchtig ſeid ihr ſelbſt in eurer Liebe! Wollt ihr denn zwei jungen Herzen nicht den tiefen Schmerz des Abſchieds erſparen? Glaubt ihr etwa, ihre 185 Thränen würden eure Herzen erleichtern oder eure Schritte ſicherer machen? Seid edelmüthig und er⸗ ſpart ihnen dieſen Kampf.“ „Sie haben Recht, Lady,“ ſagte der Prinz. „Beſonnener und weniger ſelbſtſüchtig, als unſer Geſchlecht, irrt ſich die Frau ſelten, wenn ſie die Inſtinete ihrer Natur zu Rathe zieht. Gräfin,“ fuhr er, deren Hand küſſend, fort;„der letzte Abkömmling eines untergegangenen Geſchlechts dankt Ihnen für das Obdach, das Sie ihm in der Stünde der Ge⸗ fahr gewährt haben. Für die Freundſchaft aber, welche ſeine Leiden gemildert, für die Rathſchläge, welche ihn neu geſtärkt haben, ſegnet er Sie. Leben Sie wohl! Möge unſere nächſte Begegnung in Ver⸗ ſailles, mit unſern beiden Freunden und deren blü⸗ henden Bräuten vor dem Altar ſein, um einem Ver⸗ bannten Gelegenheit zu bieten, deren Hände zu ver⸗ geben.“ „Es könnte dieß auf keine edlere Weiſe geſchehen. Gott gebe, daß Ihre Wünſche ſich erfüllen!“ Es wurde nun Abſchied genommen und die Flücht⸗ linge machten ſich, mit Gold aus der Schatzkammer der Gräfin verſehen, auf den Weg. Eine weitere Abſicht, welche Lady Arran nach dem Zimmer Roberts des Starken geführt, war, die Urkunde zu vernichten, durch welche ihr der Chevalier als Regent von Schottland die Vollmacht verliehen hatte, den Titel von Arran auf diejenige ihrer Nichten zu übertragen, welche ſie erwählen würde, die Ehren des Hauſes ihres Gemahls zu führen. Das gänzliche Mißlingen von deſſen Sache machte dieſe eben werthlos. Die Auffindung dieſer Urkunde 186 konnte aber ſowohl ihrer perſönlichen Sicherheit, als der ihrer Nichten gefährlich werden. „Gebrechliches Andenken an einen hoffnungsloſen Traum!“ ſprach ſie, indem ſie das Document aus einem wohlverſchloſſenen Schranke hervorholte und an das Lampenlicht hielt.„Dir gleichen alle unſre Hoffnungen! Einen Augenblick, und Alles iſt Aſche. Gott gebe, daß die jungen Männer entkommen und ich ſie eines Tages als Gatten meiner Kinder ſehe. Meiner Kinder? Ja, ſie ſind mein nach meinem Herzen, wenn auch nicht von meinem Blut. Eduard, Deine Nach⸗ tommen ſind mir ſo theuer, als wenn ich ſie unter meinem Herzen getragen hätte, oder als wenn ſie ihres Lebens Quelle aus dieſer verwelkten Bruſt geſogen hätten.“ „Haben Sie Allan geſehen?“ fragte Alice ihre Tante, als dieſe in ihrem Ankleidezimmer ſich wieder eingefunden hatte. „Allerdings habe ich ihn geſehen und habe ihm Gottes Segen auf den Weg gewünſcht.“ „Wie?“ rief Alice.„Fort— fort ohne ein Wort? ohne ein Lebewohl? unter Umſtänden, in denen wir uns vielleicht nie wieder ſehen? Das war nicht ſchön von Allan!“ Conſtance ſprach nichts, aber ihre ſtillen Thränen zeigten, wie tief ſie den Verluſt Crawford's fühle. „Höret mich, Kinder,“ ſagte die Gräfin.„Es gibt Augenblicke, in welchen das Alter Stärke für die Jugend finden muß. Eure Liebhaber drängten allerdings auf ein Abſchiedswort, auf einen Blick als letztes Erinnerungszeichen. Ihr denkt nur an deren Betrübniß, ich aber an deren Gefahr. Deß⸗ * 187 halb drängte ich ſie eben ſo von Arran weg, wie vom Tode, obgleich meine Liebe zu ihren Gunſten ſprach. Ihr werdet mir's eines Tags danken.“ „Sie haben Recht,“ ſagte die älteſte Nichte nach einer Pauſe,„und meine Thränen ſind, wie jede andere Schwäche, ſelbſtſüchtig. Hier droht jedem ihrer Schritte Gefahr; fern von dieſen Mauern kön⸗ nen ſie aber Sicherheit finden.“ „Und Glück,“ verſetzte die Tante,„ein Glück, das ihr vielleicht theilt, denn in Frankreich gibt es manchen freundlichen, verſteckten Winkel, in welchem Liebe ihr Reſt aufbauen kann. Alles, was wir jetzt zu thun vermögen, iſt: für die Flüchtlinge zu beten. Euer Vater entkam einer Verfolgung und Gefahr, die eben ſo groß war, wie dieſe: warum ſollte es euern Lieb⸗ habern nicht auch gelingen?“ Ein mattes Lächeln war die Antwort der Waiſen auf die Prophezeiung einer glücklichen Zukunft von Seite ihrer Tante, und alle drei flehten im Gebet um die Sicherheit der jungen Männer und des hei⸗ mathloſen königlichen Flüchtlings. Am frühen Morgen des zweiten Tages nach der Flucht ſah man einen jungen Hochländer mit ver⸗ hängtem Zügel auf Arran zuſprengen. Der alte Haushofmeiſter, der an dem Lugloch ſich befand, ging unter den Thorweg hinab ihm entgegen, denn er ſchloß aus dem Anblick des abgehetzten Pferdes, daß der Bote wichtige Nachrichten, welche die Sicherheit der Bewohner des Schloſſes beträfen, bringe. „Nun, Thanus,“ rief er, als der athemloſe Reiter abſtieg,„was bringſt Du Neues?“ „Wo iſt Mylady?“ fragte der Mann. 188 „Sie ſchläft, und wenn es nicht unumgänglich nothwendig iſt, ſo wäre es grauſam, ſie zu ſtören. Trotz ihres Muthes ſind ihre Wangen Tag für Tag mehr eingefallen und wurde der Blick ihrer Augen unruhiger. Was bringſt Du für Nachrichten?“ „Der Henkerherzog iſt an der Spitze einer ſtarken Truppenabtheilung im Anmarſche auf Arran. Der Verräther Alick iſt mit ihm. Der Clan, außer Stande, mit ſo überlegener Streitkraft ſich zu meſſen, hat ſich in die Berge zurückgezogen. Mich ſchickte man weg, um ein Warnungszeichen zu geben.“ „Wann werden ſie ungefähr eintreffen?“ „Ich habe ihnen eine gute Stunde Vorſprung ab⸗ gewonnen, was ich meiner Kenntniß der Seitenwege in den Bergen verdanke,“ erwiderte der Burſche. „Die Sachſen reiten wie Leute, die es nicht erwarten können, zu plündern und zu morden. Es iſt keine Zeit zu verlieren. Mylady muß von der drohenden Gefahr unterrichtet werden.“ Ohne ein weiteres Wort zu wechſeln, eilte der alte Mann in das Schloß zurück, ſuchte die Kammer⸗ jungfer Meg auf und erſuchte dieſe, ihn in das Zim⸗ mer ihrer Lady zu führen. „In Mylady's Zimmer!“ wiederholte die alte Jungfer.„Wahrhaftig, Sie ſind ein tapferer Ritter, der nur ohne Weiteres in das Zimmer der Gräfin von Arran geführt zu werden wünſcht.“ „Nur nicht viele Worte, Weib. Es droht Gefahr.“ „Warum ſagten Sie mir dieß nicht ſogleich?“ erwiderte Meg, welche, wenn auch ſtarr und kalt wie ein Eiszapfen, ihrer Gebieterin in treueſter Liebe 189 zugethan war.„Halt, halt!“ fuhr ſie fort, als der Haushofmeiſter ihr zu folgen ſich anſchickte,„ich glaube gar, ſo wahr ich lebe, der Menſch bildet ſich ein, wieder im Feld zu ſtehen, und wäre im Stande, eben ſo ohne Umſtände in Mylady's Zim⸗ mer, wie in ein Corporalszelt einzutreten. Bleiben Sie, wo Sie ſind; ich will meine Gebieterin wecken.“ Der alte Krieger ging im Vorzimmer auf und ab, indem er dabei die Möglichkeit der Vertheidi⸗ gung des Platzes oder die der Nothwendigkeit einer Flucht hin und her überlegte. Hätte es ſich bloß um ſeine perſönliche Sicherheit gehandelt, ſo wäre ihm ein Sturm ganz willkommen geweſen; aber im Hinblicke auf die Gräfin und deren Nichten, drei hilfloſe Frauen, war an ſo etwas keinen Augenblick ernſtlich zu denken. „Wenn ſie nur entfliehen wollten,“ murmelte er, „ſo würde ich die ſächſiſchen Hunde mit einem Hoch⸗ ländergruß empfangen. Arran müßte erſt eine Ruine ſein, ehe ſie einen Fuß in daſſelbe ſetzen ſollten. Ich möchte wohl, ehe ich ſterbe, noch einmal mich herumſchlagen. Schon der Gedanke daran erwärmt mir das Blut und jagt es, wie in meiner Jugend, durch meine Adern. Leider haben Alter und trau⸗ rige Erfahrungen es ſeitdem nur zu ſehr abgekühlt.“ Im Schloſſe herrſchte große Unruhe und Bewe⸗ gung. Die Nachricht von der Ankäherung des Henkerherzogs hatte ſich mit Blitzesſchnelle verbreitet, und viele von den alten Hochländern ſchworen ſich zu, daß derſelbe nur als Leichnam in die Mauern von Arran gelangen ſollte. Die Grauſamkeiten, die er ſich gegen ihre unſchuldigen Landsleute hatte zu 190 Schulden kommen laſſen, hatte Alle, welche ein Plaid trugen, auf's Aeußerſte gegen ihn erbittert. „Nun, nun,“ ſagte die Gräfin, als ſie, von Meg gefolgt, im Vorzimmer erſchien,„was gibt es? Droht uns Ungluck?“ „Mylady!“ verſetzte der Haushofmeiſter mit einer reſpectvollen Verbeugung;„der Herzog von Cumber⸗ land iſt an der Spitze einer bedeutenden Truppen⸗ macht auf dem Weg nach Arran. Der Burſche, der dieſe Nachricht brachte, iſt ihm kaum mehr als eine Stunde voraus. Man kann nicht lange überlegen. Sie müſſen ſich daher ſogleich entſchließen, ob Sie Widerſtand leiſten oder entfliehen wollen.“ „Keines von Beiden,“ erwiderte Lady Arran feſt.„Weßhalb ſollte ich entfliehen? Weil ich das Haus meiner Kinder gegen einen Schurken verthei⸗ digte, der bereits bewieſen hat, daß er vor keinem Verbrechen zurückbebt, ſobald es ſich um die För⸗ derung ſeiner Abſichten auf meine Richte handelt?“ „Alſo leiſten wir Widerſtand,“ ſagte der Haus⸗ hofmeiſter.„Der Clan wird bis auf den letzten Mann fechten.“ „Das wäre hoffnungslos! Nein, mein treuer Diener; wir wollen die Sache muthig in's Auge faſſen. Bei Gott! Eine Pairin von Schottland und Argyle's Schweſter darf man nicht wie ein Bauer⸗ weib behandeln. Ich fürchte nichts für meine Sicher⸗ heit.“ „Aber die jungen Mädchen, Mylady, die jungen Mädchen?“ „Der Herzog, wie tyranniſch er auch iſt, wird ſich keine Gewalt gegen meine Richten erlaubeu, ſelbſt 49¹ wenn das Intereſſe ſeines Günſtlings Alick dadurch gefördert wird. Rein,“ fuhr ſie nach kurzem Ueber⸗ legen fort,„bleiben wir uns ſelbſt getreu, dann haben wir nichts zu fürchten. Verſtecke in den Schluchten und in den Höhlen auf den Bergen ſo viele Leute als Du kannſt, mit dem Befehle, auf die erſte Aufforderung ſogleich zu unſerm Entſatz heranzurücken. Das bekannte Allarmfeuer auf dem nördlichen Thurme ſoll das Signal ſein.“ „Sie werden Ihre Erwartung nicht täuſchen, Mylady. Sie waren ſtets eine gute Herrin und deßhalb iſt auch Jeder bereit, zu Ihrer Vertheidigung ſein Leben zu laſſen.“ „Ich zweifle nicht an den Leuten. Und nun geh' hinab; es bleibt uns nur kurze Zeit, uns auf den Empfang unſerer Beſuche vorzubereiten. Laß die Bankettafel in der großen Halle decken. Sage der Dienerſchaft, ſie ſolle ihre Staatslivree anziehen, und ſchließe die Thore weit auf; das Uebrige wird der Himmel fügen.“ Dieſe Befehle wurden von der energiſchen alten Dame mit ſo viel Ruhe und Beſtimmtheit ertheilt, als wenn es ſich um Vorbereitung zu einem gewöhn⸗ lichen Feſtmahle gehandelt hätte. Sie fühlte, daß Alles von ihrer Geiſtesgegenwart abhange, und ihr Muth wuchs unter dem Drang der Umſtände. Zwei Stunden hernach kam eine Abtheilung Rei⸗ terei den Hügel, auf welchem das Schloß ſtand, heraufgeritten. An ihrer Spitze befand ſich der Her⸗ zog, umgeben von einem glänzenden Stab, in welchem ſich Lord Binton, General Gueſt, Alick und Duncan 192 Forbes befanden. Das Antlitz des königlichen Be⸗ fehlshabers war geröthet. Der Bericht ſeines Ad⸗ jutanten hatte ihn gegen die Gräfin auf's Höchſte aufgebracht, und er kam in der Abſicht, ſummariſche Rache nicht nur an ihrer Dienerſchaft, ſondern am ganzen Clan zu üben. Zu ſeinem Erſtaunen ſtanden aber die Thore weit offen, und die Herrin des Hauſes, nebſt deren beiden Nichten und umgeben von ihrer Dienerſchaft, befand ſich auf der Schwelle der großen Halle, um ihn zu empfangen. „Das iſt eine eigenthümliche Vorbereitung zu einer Belagerung,“ bemerkte Lord Binton. „Jedenfalls ſind die Truppen ſchön commandirt,“ ſagte General Gueſt. „Trauen Sie dem äußern Scheine nicht, Hoheit,“ rief Alick ärgerlich, der gehofft hatte, die Thore ver⸗ ſchloſſen und Alles zu einem Widerſtande vorbereitet zu finden.„Ich bin feſt überzeugt, daß der Clan nicht weit weg iſt. Die alte jacobitiſche Wittwe iſt ſchlau wie ein Fuchs, und wild wie ein Wolf.“ „Ah!“ ſagte Lord Binton, den die eingefleiſchte Bosheit Alichs gegen eine Frau und alte Verwandte anwiderte;„Sie wollen wohl damit ſagen, daß ſie eine ächte Campbell iſt. Es iſt doch ſonderbar,“ ſetzte er ſpöttiſch hinzu,„einen Vogel, der ſolcher Brut entſtammt, ſein eigenes Neſt beſudeln zu ſehen.“ „Mylord!“ „Ruhig, mein Herr,“ fuhr der Pair fort, ſein Auge feſt auf Alick gerichtet, der, gereizt durch den verächtlichen Ton, in welchem dieſe Worte geſprochen worden waren, ſeine Hand an den Degen gelegt hatte. 193 „Verſuchen Sie ſolche Poſſen bei denen, welche Sie fürchten. Drohungen machen Weiber und Kinder erzittern, aber keine bärtigen Männer, die ſchon oft auf dem Schlachtfelde dem Tod in's Angeſicht geſehen haben.“ „Mylord,“ bemerkte der Herzog ernſt,„Sie vergeſſen, daß Oberſtlieutenant Campbell mein Ad⸗ jutant iſt.“ „Es iſt unmöglich, etwas zu vergeſſen, was jedes ehrliche Gemüth bedauern muß,“ verſetzte der Pair kühn.„Der Oberſtlieutenant möge es der Gunſt Eurer Hoheit danken, daß ich ihn nicht in Arreſt ſchicke. Es kommt nicht oft vor, daß ein unter⸗ gebener Officier einem engliſchen General ungeſtraft drohen darf.“ Mehrere Officiere fingen an, laut über die Un⸗ verſchämtheit Alicks zu murren, der eben ſo ſehr wegen ſeines Characters verhaßt, als wegen ſeiner Gunſt bei dem jugendlichen Prinzen beneidet war, welcher, als er ſah, daß die allgemeine Meinung ſich gegen Alick Campbell wandte, dieſem ſagte, daß man eine Entſchuldigung für ſeine raſche Handlung zu erwarten berechtigt ſei. „Wenn ich mich in der Achtung gegen meinen Vorgeſetzten verfehlte,“ ſagte Alick, blaß vor Wuth, „ſo kennen auch Eure Hoheit die Beleidigung, welche mich dazu hinriß. Uebrigens bin ich ein zu alter Militär, um nicht meine Pflicht zu kennen— zu dankbar für Ihre Gunſt, um nicht Ihrem leiſeſten Wunſche mich zu fügen. General Binton wird viel⸗ leicht meine Abbitte für den Ausdruck der Empfind⸗ lichkeit hinnehmen, welchen ſeine Worte veranlaßten.“ 3 Der junge Prätendent. III. 13 194 Beide Theile verbeugten ſich ſteif und ritten weiter. Bis man das Thor erreichte, war die Runzel auf der Stirne Binton's verſchwunden und das Lä⸗ cheln triumphirender Bosheit war an die Stelle des bitteren Hohns auf Campbell's Lippen getreten, als er ſeine Tante und Alice unter dem Eingange, die Ankömmlinge erwartend, erblickte. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Wir haben geſehen, mit welchem Muth und welcher Selbſtverleugnung die Gräfin und ihre Nich⸗ ten ſich auf die unwillkommene Pflicht vorbereiteten, den Henkerherzog und ſeinen engliſchen Stab in Arran zu bewillkommnen. Mit der ganzen Galanterie der alten Schule ſprang Lord Binton vom Pferde, ergriff die Gräfin bei der Hand und ſtellte dieſelbe ihrem königlichen Beſucher vor, der dieſe Vorſtellung mit kalter, gebie⸗ teriſcher Miene entgegennahm, nachdem man ihn auf's Höchſte gegen ſie einzunehmen gewußt hatte. In Erwiderung auf die ehrerbietige Begrüßung der Gräfin ſagte er ſatyriſch: „Ich muß einigermaßen an der Aufrichtigkeit Ihrer Begrüßung zweifeln, Lady Arran, die ſo un⸗ mittelbar auf Ihre Weigerung von geſtern Nacht 195 folgt, meinen Adjutanten in Ihre Mauern einzu⸗ laſſen. Vielleicht beherbergten Sie aber andere Gäſte,“ fuhr er mit auffallender Betonung fort,„welche zu treffen für einen treuergebenen Officier, wie Ihr Neffe, höchſt unangenehm geweſen wäre.“ „Ich habe keine Gäſte in Arran,“ ſagte die Dame ruhig,„außer meinen Nichten, die ich hiemit Eurer königlichen Hoheit vorſtelle. Wenn Ihr Offi⸗ cier vor meinen Thoren zurückgewieſen wurde, ſo geſchah dieß nur deßhalb, weil ſein ſchändlicher Ver⸗ ſuch, meine ältere Nichte zu entführen, ſeinen Beſuch zu einer ſolchen Stunde mehr als verdächtig machte. Jeder Officier, der ſich als Mann von Ehre und Gentleman ausweist, ſoll in Arran willkommen ſein, wenn er ſich einfindet; aber ein Schurke und Räuber ſoll, ſelbſt wenn er im Auftrage des Königs erſcheint, keine Aufnahme finden, ſo lange ich lebe und Herrin dieſer Mauern bin.“ Sowohl der Herzog als Alick erſtaunten über die Feſtigkeit, mit welcher die Gräfin ihren Widerſtand von geſtern Nacht vertheidigte. Beide hatten erwartet, ſie voller Unterwürfigkeit und mit allen möglichen Entſchuldigungen bewaffnet zu finden. Statt deſſen ſtellte ſie ſich ihnen ſo kühn entgegen, als wenn ſie eine Armee hinter ſich hätte, ihren Worten Nach⸗ druck zu verleihen, und ſie diejenigen wären, die um Gnade zu flehen hätten. „Wir werden uns überzeugen, Lady,“ murmelte der Herzog,„wir werden uns überzeugen. Die Sache ſoll unterſucht werden.“ „Der Augenblick hiezu könnte nicht günſtiger ſein, Hoheit,“ bemerkte Lord Binton,„Ich kann dafür 196 einſtehen, daß Lady die Wahrheit ſpricht. Ihre Nichte wurde von Oberſtlieutenant Campbell entführt und verdankt ihre Freiheit nur deſſen Angſt. Von der unantaſtbaren Loyalität der Gräfin bin ich Zeuge.“ „Ohne Zweifel kann Eure Lordſchaft den Beſuch der Gräfin bei dem Prätendenten in Holyrood er⸗ klären und das Verſprechen, das ſie gab, den Clan zu ſeinen Gunſten unter die Waffen zu rufen?“ ſagte Alick.„Trauen Sie ihr nicht, Hoheit; ſie hat eine offenkundige Handlung des Hochverraths begangen.“ „Das iſt falſch,“ ſagte ſeine Tante. „Ich kann es beweiſen,“ erwiderte der Neffe. „Ich hörte die Verabredung des Vertrags.“ „Ich hörte ſie auch,“ ſagte Lord Binton ernſt. „Hören Sie mich, Hoheit— hören Sie mich, My⸗ lords und Gentlemen. Zur Zeit, als die Haufen der Rebellen ſich in Beſitz der Stadt Cdinburg ſetzten, war ich in dem gaſtfreien Hauſe der Lady Arran verborgen, der ich mein Leben verdanke. Ich begleitete Ihre Ladyſchaft nach Holyrood— war Zeuge ihrer Unter⸗ redung mit Carl Eduard, hörte jedes Wort, das zwiſchen Beiden geſprochen wurde. Bei meiner Ehre kann ich verſichern, daß der Grund ihres Beſuchs kein anderer war, als die Befreiung ihrer Nichte zu bewerkſtelligen, welche durch die Einſchüchterung ihres liebevollen Neffen zu Stande gebracht wurde, der wegen eines Verſuchs, den Prätendenten zu ermor⸗ den, zum Tode verurtheilt worden war.“ „Zu ermorden!“ wiederholte der Herzog. „Wie anders bezeichnen Männer von Ehre das Vergiften eines Feindes?“ fuhr Binton fort. 197 Seine Hoheit biß ſich auf die Lippen, ohne ein Wort zu erwidern. „Ich hörte, wie Alick Campbell um ſein ehrloſes Leben bat. Wenn die Gräfin damit einen Hochver⸗ rath beging, ſo that ich es ebenfalls, denn wir waren Beide anweſend.“ „Dieſe Sache, General, muß durch klügere Köpfe als die unſrigen unterſucht werden,“ ſagte der Her⸗ zog, als er ſah, daß die Geſchichte eine ungünſtige Wen⸗ dung für ſeinen Günſtling nahm.„Vorerſt wollen wir die Gaſtfreundſchaft der Lady Arran annehmen, die wir ſo ergeben, als ihre beſten Freunde es nur wünſchen, zu finden hoffen.“ Lord Binton verbeugte ſich ſtumm, worauf die Geſellſchaft in das Schloß eintrat. „Heißen Sie Ihren Reffen willkommen, Gräfin,“ ſagte der Herzog in der geheimen Hoffnung, Alick's Plane zu befördern.„Ich muß Sie mit einander ausſöhnen.“ Die alte Dame richtete ſich in ihrer vollen Höhe auf, und ihre dunklen Augen blitzten vor Zorn. „Ich weiß die Ehre zu ſchätzen, die meinem armen Hauſe durch den Beſuch Eurer Hoheit zu Theil wird, und deßhalb ſollen Alle, die ſich in Ihrem Ge⸗ folge befinden, in Arran willkommen ſein; aber nie⸗ mals ſoll meine Hand je wieder die meines entehr⸗ ten Neffen faſſen, nie ſollen meine Lippen einen Gruß ausſprechen, welchen mein Herz zu billigen ſich weigert. Ich und Alick werden uns für alle Zukunft fremd bleiben.“ „Ueberlegen Sie, was Sie ſagen, Gräfin,“ flü⸗ 198 ſterte der Herzog.„Es könnten ſich Mittel finden, Ihren Entſchluß zu erſchüttern.“ „Nie,“ ſagte die Lady feſt entſchloſſen.„Wenn ich etwas verbrochen habe, ſo ſtellen Sie mich vor meine Pairs. Dieſe allein können mich richten.“ „Und Ihr Neffe, Sir Allan Glencairn?“ „Muß ſich für ſeine Handlungsweiſe ſelbſt ver⸗ antworten,“ erwiderte die Dame kalt.„Ich bin ebenſo wenig für die Thorheiten des einen Reffen, als für die Schandthaten des andern verantwortlich.“ „Sie lieben aber Sir Allan. Vergeſſen Sie nicht, daß über ſeinen Verrath kein Zweifel herrſcht. Man hat ihn mit den Waffen in der Hand geſehen. Bedenken Sie dieß, Lady. Ich bin nicht immer ſo mild geſtimmt. Um den Treuen zu belohnen, kann ich dem Schuldigen vergeben.“ Ihrem Entſchluſſe getreu ſchwieg die alte Dame ſtill. Sie war völlig mit ſich darüber im Reinen, weder durch Schmeichel⸗, noch durch Drohworte ſich ihre Einwilligung zu einer Verbindung abgewinnen zu laſſen, auf welche der Herzog ſo deutlich anſpielte; weil ſie das Elend zu gut kannte, mit einem Manne verbunden zu ſein, wie ehrenwerth derſelbe auch ſein mochte, während das Herz einem Andern gehört, und deßhalb war ſie entſchloſſen, dieſen Schmerz ihrer Nichte zu erſparen. Alick, unbekümmert um die Verachtung, welche Lord Binton und ſeine Tante ihm durch ihre An⸗ klagen ſo unverblümt an den Tag gelegt hatten, näherte ſich mit kecker Zuverſicht Alice, um dieſer ſei⸗ nen Arm anzubieten. Alice aber wandte ſich mit lebhaftem Abſcheu von ihm ab. Als dieß ſein Mit⸗ 199 adjutant, der junge Earl von Derby, ſah, trat die⸗ ſer ohne Umſtände zwiſchen Beide und reichte dem zitternden Mädchen ſeinen Arm, den dieſes dankbar annahm. Conſtance hatte bereits den des Lord Bin⸗ ton ergriffen. „Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen!“ flüſterte die ältere Schweſter dem wackern jungen Manne zu, der ihr zu ſo gelegener Zeit zu Hilfe gekommen war. „Sie danken mir für eine Ehre, die ich ſo ſehr zu ſchätzen weiß,“ verſetzte der junge Mann.„Sie ſcherzen, Lady. Nicht Alle, die im Dienſte Seiner Majeſtät ſich befinden, gleichen Ihrem Vetter, der nach Tigerart ſeine Freiwerberei zu betreiben ſcheint. Die finſtern Blicke, die er mir zuwirft, ſchüchtern mich aber nicht ein,“ ſetzte er lächelnd hinzu.„Am Ende bildet er ſich gar ein, mich durch ſein Stirnerunzeln und ſeine zornigen Blicke einzuſchüchtern?“ „Hüten Sie ſich vor ihm! Ich beſchwöre Sie, Sie keinen Streit mit ihm an!“ flüſterte Alice. „Iſt er denn ſo ſehr zu fürchten?“ „Ich habe ihn wenigſtens ſo gefunden. Mein Lebensglück hat er durchkreuzt, und wie eine drohende Wolke hängt er über meinem Geſchick. Wehe denen, welche Alick Campbell verfolgt, ſei es in Liebe oder Haß!“ „Ich ſuche ſo wenig das Eine, als Sie, ſchöne Dame, das Andere zu wünſchen ſcheinen. Laſſen Sie ihn zürnen oder lächeln, mir gilt das gleich. Uebrigens hat er kein Recht, ſich beleidigt zfühlen. Der Vorrang iſt zuweilen von Werth, ohgleich ich bis jetzt noch nie daran dachte. Der Herzog führt 200 Ihre würdige Tante; Lord Binton folgt ihm mit Ihrer Schweſter, und der Earl von Derby darf wohl die Stelle Ihres finſtern Vetters einnehmen, wenn auch das Blut der Campbells nicht in ſeinen Adern rollt.“ Trotz Campbell's Bemühungen, in die Nähe ſei⸗ ner Baſe Alice zu kommen, wußten Lord Binton und deren neuerſtandener Freund es ſo zu ordnen, daß die Stühle auf beiden Seiten des ſchönen Mäd⸗ chens beſetzt wurden. Seine Tante ließ ſich während des Mahles niemals herbei, ihn eines Blickes zu würdigen, und kaum einer der Officiere richtete hie und da ein Wort an ihn. Er ſaß, wie die Verach⸗ tung, allein. Sein Auge ſchoß Blitze und ſein Blut kochte bei dem Anblick von Alice's Lächeln, die ſich Mühe gab, den Gefährten zu unterhalten, der ſo edelmüthig ſie aus einer peinlichen Lage errettet hatte. In ſeiner Wuth hätte er beide mit ſeinen Augen erdolchen mögen. Während des Mahles, das nach rauher, hochlän⸗ diſcher Weiſe zubereitet und keineswegs der Verfei⸗ nerung des modernen Lebens angepaßt war, flüſterte der Herzog, der mehrmals mit den Augen den Haus⸗ hofmeiſter fixirt hatte, einem ſeiner Officiere ein paar Worte zu, der unmittelbar darauf das Zimmer verließ. „Dieſer Blick,“ ſagte der Earl von Derby,„verheißt dem Diener Ihrer Tante nichts Gutes. Wie kann dieſer aber Seine Königliche Hoheit beleidigt haben?“ weiß es nicht,“ erwiderte Alice,„außer durch ſeine kühne Vertheidigung geſtern Nacht.“ 201 „Iſt Ihnen deſſen Leben von Werth?“ flüſterte der junge Mann. „Von hohem Werth. Er war der treue Diener meines guten Vuters. Ich möchte um die Schätze der Welt nicht, daß dem ehrlichen Duncan etwas zu Leid geſchehe.“ „So ſagen Sie dem ehrlichen Duncan, er ſolle das Schloß ſo ſchnell als möglich verlaſſen,“ fuhr der Officier fort.„Je eher er in den Bergen iſt, um ſo beſſer iſt es für ſeine Sicherheit. Wenn er zögert, ſo möchte ich keine Stunde für ſein Leben bürgen.“ „Um's Himmels willen! Glauben Sie dieß?“ „Lady,“ verſetzte ihr Tiſchnachbar ernſt;„ich habe kürzlich Auftritte mit angeſehen, wie ich der⸗ gleichen hören zu müſſen nie geglaubt hätte. Der Herzog hält Alle, welche den letzten unglücklichen Aufſtand begünſtigt haben, jeder Begnadigung für unwürdig. Ich habe alte Leute an den Thüren ihrer eigenen Hütten aufgehenkt und junge der blin⸗ den Wuth der zügelloſen Soldateska preisgegeben geſehen. Ihre Tante, trotz ihrer Eigenſchaft als Pairin, verdankt es nur der Vermittlung Lord Bin⸗ ton's und ihrer Verwandtſchaft mit Argyle, daß ſie in dieſem Augenblick nicht als Gefangene nach dem Schloſſe von Edinburg gebracht wird, ſondern unſere Gaſtwirthin in Schloß Arran machen darf. Wenn Sie den armen Menſchen zu retten wünſchen, ſo benach⸗ richtigen Sie ihn von der Gefahr, in der er ſchwebt. Bei dem Herzog pflegt die Hinrichtung begebe⸗ nen Befehle auf dem Fuße zu folgen.“ Alice warf entſetzt haſtig einen Blick in der 202 Halle umher und ſah, daß der argloſe Mann dieſelbe verlaſſen hatte. Ohne einen Augenblick ſich zu be⸗ ſinnen, ſtand ſie auf, um ihm zu folgen. Als ſie aber durch das Vorzimmer gehen wollte, verſperrten ihr zwei Dragoner den Weg. „Niemand darf früher als Seine Königliche Hoheit die Halle verlaſſen,“ ſprach einer derſelben;„ſo lau⸗ tet unſer Befehl.“ Ohne die Geiſtesgegenwart zu verlieren, erinnerte ſich Alice, daß es noch einen zweiten Ausgang durch ihrer Tante Ankleidezimmer gebe; ſie wandte ſich daher raſch um und ging, gefolgt von einem der Männer, der ihr laut zurief, umzukehren, raſch durch den engen Gang. Hier ſtieß ſie auf die alte Kam⸗ merjungfer Meg, welche todesbleich in das Zim⸗ mer ihrer Gebieterin geſtürzt kam. „Nicht dahin,“ ſagte Meg,„wenn Sie nicht einen Anblick haben wollen, der Ihre dunklen Haare ſo weiß wie die meinigen und das Blut in Ihren jun⸗ gen Adern erſtarren machen wird. Wehe mir, daß Treue als Verbrechen angerechnet wird! Jetzt kommt die Reihe an mich!“ ℳ. „Haben Sie Duncan geſehen?“ ſtammelte Alice. „Ja!“ erwiderte die Kammerjungfer, die Hand auf die Augen drückend, wie um die Erinnerung an einen gräßlichen Anblick zu verwiſchen. „Wo?“ „Ueber dem Hauptthore.“ Mit verzweifelter Anſtrengung ſprang das arme Mädchen an das Fenſter und riß daſſelbe, ehe Meg es zu indern im Stande war, auf. Der Anblick, der ſich ihr darbot, war ſchrecklich genug, um ſelbſt 203 die eiſernen Nerven eines Mannes zu erſchüttern, denn unter den letzten Zuckungen ſich windend hing der Körper des treuen Haushofmeiſters an einem durch das offene Fenſter geſteckten Balken über dem Haupteingande des Schloſſes. Mit einem Schreckensausruf fiel Alice ohnmäch⸗ tig auf den Boden nieder. „Schande, Schande über ſie!“ rief Meg,„und über Alle, die es mit dem Sachſen halten. Wenn ich nur eine Stunde Herrin von Arran wäre! Ich wollte die Schurken mit ihrer eigenen Münze aus⸗ zahlen!“ Nun gerieth Alles in der Halle in Verwirrung. Die Dienerſchaft, entſetzt üͤber den Mord ihres Cama⸗ raden, griff zu den Waffen, überwältigte die Schild⸗ wachen und ſtürzte in das Gemach, wo ihre Herrin ſich befand, in der Abſicht, dieſe zu ſchützen oder in deren Vertheidigung zu ſterben. „Was bedeutet dieß?“ fragte die Gräfin, als die Männer eilig auf den Stuhl zugelaufen kamen, auf welchem ſie neben dem Herzog ſaß. „Es bedeutet, daß Duncan gehenkt worden iſt, Mylady, gehenkt wie ein Hund, auf Befehl des Henkerherzogs. Sprechen Sie nur ein Wort, und wir wollen ihn rächen!“ Trotz ſeines Muthes erblaßte der Held von Cul⸗ loden. „Ermordet!“ ſtammelte Lady Arran. „So iſt es. Er hängt wie ein Hund über dem Haupteingange.“ Binton, der Earl von Derby und die übrigen Officiere zogen ihre Degen und machten ſich Platz 204 an der Seite des Herzogs, wie ſehr ihnen auch der Bruch der Gaſtfreundſchaft und der Mord eines harmloſen Mannes zuwider war. Er war aber der Sohn ihres Monarchen, und ſie konnten ihn nicht vor ihren Augen niedermetzeln ſehen. „Und Sie haben dieß gethan?“ fragte Lady Arran, aufgebracht an ihren Gaſt ſich wendend. „Er war ein Verräther,“ ſtammelte der Herzog. „Er war ebenſo treu als Du falſch biſt und Deine königliche Geburt entehrſt. Wie! Sind wir Leib⸗ eigene und Sclaven geworden, daß jeder Narr uns mit Füßen treten darf? Männer von Arran, ihr kennt den Mann, den dieſer Henkerprinz ermorden ließ. Sein Blut komme über ſein Haupt! Er hat das Brod mit uns gebrochen, und doch iſt ſeine Hand vom Morde roth. Wenn ihr Männer ſeid, ſo rächt den Unſchuldigen!“ „Lady!“ rief Binton, auf ſie zueilend,„überle⸗ gen Sie!“ „Macht euch fertig!“ ſagte die Gräfin ent⸗ ſchloſſen. „Um ihrer Nichten willen!“ ſtöhnte der General. Es entſtand eine Pauſe. Das Wort„Feuer!“ ſchien ihr auf den Lippen zu verſagen. Sie ver⸗ mochte nicht es auszuſprechen. Unterdeſſen hatten ſich die Officiere ſo eng um den Prinzen glſchaart, daß ſie mit ihren Körpern gewiſſermaßen ein Boll⸗ werk für ihn bildeten. „Ja,“ ſagte die alte Dame,„um meiner Nichten willen. Fir haben geſiegt. Wenn dieſe nicht wären, ſo wäre es mit ihm aus geweſen, und ich hätte die 205 Rechnung mit ihm abgeſchloſſen, das Blut des Un⸗ ſchuldigen noch friſch auf ſeinem Haupte.“ „Wir warten auf Ihre Befehle, Gräfin,“ ſagte einet der Hochländer.„Sprechen Sie! Ihr Wille iſt für die Männer von Arran Geſetz.“ „Setzt ab,“ ſagte die Gräfin matt.„Wenn ſie aber noch einen zweiten Mord verſuchen ſollten, ſo ſchlagt zu wie Männer, die den Werth ihres Lebens zu ſchätzen wiſſen.“ Nur langſam und mit großem Widerſtreben ge⸗ horchten die guten Burſche. Es hätte nur eines Wortes bedurft und der Mord ihres Camaraden wäre furchtbar gerächt worden. Kurz hernach drangen die Soldaten, die außer⸗ halb der Mauern bivouakirten, nachdem ſie die Ge⸗ fahr des Prinzen vernommen, in die Halle ein. Ihr Anblick gab dieſem ſeine Geſichtsfarbe wieder, denn jetzt erſt war er überzeugt, daß er ſicher ſei. „Lady Arran,“ rief er aus,„Sie werden ſich ls Gefangene betrachten, Sie und Ihre Richten, s Hochverraths angeklagt.“ „Welche Schmach!“ ertönte es aus der Gruppe der Officiere. „Wer wagte dieſes unehrerbietige Wort?“ fragte r Herzog, finſter in der Halle ſich umblickend. „Ich,“ ſagte Lord Binton vortretend. „Und ich!“ „Und ich!“ Der Earl von Derby nebſt dem General Gueſt und mehrere andere höhere Officiere traten aus der Gruppe heraus. Der Herzog fing an zu fürchten, daß er zu weit gegangen ſei. ( de d ₰ 206 „Ich bin bereit, meine Worte zu wiederholen,“ fuhr der Pair fort.„Vor den Pairs von England will ich berichten, was ſich heute zugetragen hat. Wir wollen ſehen, ob ſie den kalten, hartherzigen, feigen Mord, obgleich von dem Sohne ihres Königs begangen, gut heißen.“ „Und ich,“ ſetzte der Earl von Derby hinzu,„bitte um Erlaubniß, mein Patent, das ich von Ihrem könig⸗ lichen Vater erhielt, in Ihre Hände legen zu dürfen. Bis jetzt habe ich meine Stelle mit Ehre behauptet, wenn ich aber länger unter Ihren Befehlen diente, ſo wäre es eine Riederträchtigkeit.“ „Unverſchämt!“ rief der Herzog, außer ſich vor Wuth. Der junge Earl drehte ſich aber gelaſſen auf den Abſätzen um und verließ die Halle, ohne ſich herbei⸗ zulaſſen, abzuwarten, ob ſeine Entlaſſung angenommen worden ſei odet nicht. „Und Sie, Gueſt,“ ſagte der Herzog,„warum folgen Sie denn nicht dem Beiſpiele dieſer Herren?“ „Weil ich wünſche,“ flüſterte der General, der ein Glücksſoldat war, deſſen ganze Exiſtenz auf ſei⸗ nem Degen beruhte,„dieſe Herren zur Pflicht zurück⸗ gerufen und Eure Hoheit wieder zur Vernunft ge⸗ bracht zu ſehen. Die Gefangennehmung der Gräfin kann nicht ausgeführt werden.“ „Beim Himmel, ſie ſoll es!“ „Hören Sie mich an,“ ſagte der alte Mann. „Hören Sie einmal die Wahrheit. In England haßt das Volk ſchon Ihren Namen,— die Miniſter fürchten Ihren Einfluß auf die Regierung,— ſie 207 werden ſich daher über die günſtige Veranlaſſung freuen, Sie von Ihrem Commando entfernen zu können.“ „Sie werden es nicht wagen,“ verſetzte der Her⸗ zog;„mit dem Siege bei Culloden hinter mir kann ich ihnen Trotz bieten.“ „Eben dieſer Sieg,“ fuhr der General halblaut fort,„macht Sie weniger nothwendig. Wäre der Prätendent nur theilweiſe beſiegt worden, wäre die entfernteſte Ausſicht, daß er nochmals die Stirne bieten würde, ſo würde man ſich beſinnen. So aber, wie die Dinge jetzt ſtehen, kann man Sie ent⸗ behren.“ Der königliche Henker überlegte einige Augenblicke. Er wußte, daß der General ihm völlig ergeben und ein ebenſo erfahrener Hofmann als tüchtiger Militär war. Es widerſtrebte aber ſeiner ganzen Natur, zurückzuweichen, wenn er einmal vorangegangen war, und Gnade war ſeinem Herzen eben ſo fremd, wie Furcht. Während er ſo unentſchieden hin⸗ und herſchwankte, erſchien ein Bote in der Halle, um die baldige An⸗ kunft des Herzogs von Argyle zu melden, der an der Spitze ſeines Clans die Hochlande in Verfol⸗ gung des flüchtigen Prinzen und der unzufriedenen Einwohner durchſtreift hatte. Wie ſehr dieſer aber auch dem regierenden Hauſe ergeben war, ſo war er ein ſtolzer, kühner Mann, der ſehr an ſeinen Ver⸗ wandten hing und eine Beleidigung nicht leicht ruhig hingenommen hätte, welche der Perſon der Lady Arran zugefügt worden wäre. Dieſe Nochricht ent⸗ ſchied augenblicklich bei dem wankenden Prinzen. „Mylords,“ ſagte er zu Binton und dem Earl 208 von Derby, die ſeitwärts ſtanden,„nehmen Sie Ihre Degen wieder; und Sie, Gräfin, vergeſſen Sie die Worte, die ich in der Hitze geſprochen habe. Ich will Andern die Entſcheidung überlaſſen, ob Ihr Be⸗ nehmen während dieſes unſinnigen Aufſtandes der Art war, wie die Regierung das Recht hatte, es von einer Perſon zu erwärten, welcher ſchon einmal Milde von dieſer Seite zu Theil wurde. Was den Tod Ihres Haushofmeiſters anbelangt, ſo war er ein Verräther, und ſowohl hier wie überall bin ich be⸗ reit, mich wegen meines Urtheils und deſſen Aus⸗ führung zu verantworten.“ „Er war ein Biedermann!“ rief die Gräfin feſt, welcher der Anblick des Boten, der den Tartan von Argyle trug, neuen Muth verlieh.„Und wäre der Block und das Beil ſchon bereit, ſo würde ich immer und immer wieder ſagen, daß er ſchändlich ermordet worden iſt!“ Dem Herzog ſchoß das Blut zu Kopf, doch er⸗ widerte er nichts, ſondern wandte ſich haſtig ab. Lord Binton und der Earl von Derby ſteckten ge⸗ laſſen ihre Degen wieder ein, die ſie voll Unwillen auf den Tiſch geworfen gehabt hatten. „Es wird gut ſein, den Leichnam vor Ankunft Argyle's zu entfernen,“ flüſterte General Gueſt.„Er beſitzt das heiße Blut ſeines hochländiſchen Geſchlechts, und dieſer Anblick könnte ihn ſo aufbringen, daß er darüber die Eurer königlichen Hoheit ſchuldige Ach⸗ tung zu vergeſſen im Stande wäre.“ „Glauben Sie etwa, ich fürchte ihn?“ fragte der Herzog ſtolz. 209 „Nein, Prinz, aber er iſt deßhalb doch nicht weniger gefährlich.“ „So ſei es denn,“ murmelte der junge Mann. „Gueſt, ich wäre lieber der kleinſte Fürſt in Deutſch⸗ land, wo die Monarchie wenigſtens reſpectirt wird, als daß ich in England regieren möchte.“ Mit dieſen Worten verließ der königliche Held die Halle, von Alick Campbell gefolgt, der täglich größeren Einfluß über ihn zu gewinnen ſchien. Die Sonne war nahezu ſchon untergegangen, als die fer⸗ nen Töne der Sackpfeife die Annäherung des Her⸗ zogs von Argyle und deſſen Clan verkündigten. Der letztere beſtand aus einem ſchönen Corps von etwa viertauſend Mann, deren Ergebenheit unterwegs durch die Scenen der Verwüſtung, welche ſie geſehen hatten, ſtark auf die Probe geſtellt worden war. Häuſer und Pachthöfe lagen in Trümmern,— alte Leute und Kinder waren kaltblütig von den ſiegenden Truppen hingemordet worden. Welchem Clan auch ein Hochländer angehören, oder welchem Häuptling er huldigen mochte, ſo betrachtete er doch Jeden, der den Tartan trug, als ſeinen Bruder, an welchem ſein Herz hing, und mehr als einmal machte ſich der Unwille in lautem Geſchrei Luft, welchen zu dämpfen Argyle ſeinen ganzen Einfluß aufwenden mußte. Zwiſchen den Clanen von Arran und Argyle hatte von jeher Freundſchaft und Verbrüderung ſtatt⸗ gefunden. Nun hatten zwar in Folge der weiſen Vorſicht der Gräfin ihre Ländereien weit weniger zu leiden gehabt, als die ihrer Nachbarn; aber ſie Der junge Prätendent. III. 14 210 waren deßhalb doch nicht ganz leer ausgegangen, und die Bauern und Pächter machten ihren Klagen⸗ ohne Bedenken gegen ihre Freunde Luft. „So bringt es der Krieg mit ſich,“ ſagte der Herzog von Argyle zu einem alten Mann, als dieſer ihm erzählte, daß ihm Haus und Hof von einer Abtheilung von Cope's Dragonern geplündert und verbrannt worden ſei, die ſich jetzt ebenſo grauſam und wild zeigten, als ſie zuwor feig geweſen waren. „Hier, guter Mann, iſt etwas, womit Ihr Cuern Stall und Pachthof wieder aufbauen könnt, und ich werde mit der Gräfin nach meiner Ankunft in Arran weiter über die Sache ſprechen.“ Der alte Man wandte ſich zornig weg. „Weigert Ihr Euch, meine Gabe anzunehmen?“ fragte der Herzog. „Ich ſähe Eure Gnaden lieber,“ ſagte der Bautr „die Hochlande vor den blutdürſtigen Sachſen be⸗ ſchüten, als daß ich alles Gold in der Bank von Edinburg möchte, obgleich ich gehört habe, daß viele tauſend Pfund dort ſein ſollen. Es iſt beſſer, wenn man einem Uebel zuvorkommt, als daß man nachher ein Pflaſter darauf legt. Wenn der Maccullamore nicht unſchlüſſig hin⸗ und hergeſchwankt hätte, ſo hätte ſich der hannoveriſche Henker nicht hieher ge⸗ wagt und die Hochlande beim Aufſtöbern des Wildes verheert. Ich danke Ihnen für das Anerbieten einer Fürſprache bei meiner Lady; ich will aber die Gräfin ſelbſt ſprechen,— ſie kennt den alten Adam Sinclair und wird nicht zögern, ihm beim Wiederaufbau ſeines Herdes noch einmal behilflich zu ſein.“ „Eure Gnaden muß ſich beeilen, wenn Sie Ihre 211 Schweſter zu ſehen wünſchen,“ bemerkte ein Hoch⸗ länder, der athemlos herbeigelaufen kam,„denn Arran iſt von den Sachſen eingenommen.“ „Und wo iſt die Gräfin?“ rief der Herzog. „Sie iſt eine Gefangene. Ich ſelbſt ſah den alten Haushofmeiſter, wie einen Hund, über dem Haupteingange des Schloſſes hängen.“ „Dann iſt wohl Widerſtand geleiſtet worden?“ fragte Argyle. „Durchaus nicht, Eure Gnaden. Der Henker kam als Gaſt. Wollte der Himmel, es wäre Widerſtand geleiſtet worden! Aber Mylady ließ den Wolf in die Hürde ein, und ſo hat er mit aller Gemächlich⸗ keit gewürgt.“ Die Leute bemerkten mit Befriedigung, daß der Herzog die Stirne runzelte und ſich auf die Lippen biß. In den Hochlanden hieß es ſprichwörtlich: „Es iſt eine ſchlimme Vorbedeutung, wenn ſich die Augenbrauen des Maccullamore begegnen.“ Nach kurzem Ueberlegen rief er auch ſeine erſten Officiere zuſammen, die ihm raſch gehorchten, denn Neugierde war unter ihnen ſehr vorherrſchend. „Meine Herren,“ ſprach er in tiefem, kurzem Tone, der auf eine ſtarke Gemüthsbewegung deutete, „theilen Sie die Vorwache in vier Haufen und durch⸗ ſtreifen Sie die Ländereien von Arran nach allen Richtungen.“ „Um Rebellen aufzuſuchen, Eure Gnaden?“ fragte ein alter Edelmann, der zu ſeinen Vaſallen zählte. „Gewiß nicht, ſondern um die Plünderer und Räuber aufzuſuchen, und dieſe ſchießt wie Wölfe nieder, gleichviel, welche Uniform ſie tragen. Wenn 212 ihr eine in Brand geſteckte Farm findet, ſo hängt die Mordbrenner auf. Campbell's Wort ſoll euch als Bürgſchaft dienen. Wie!“ fuhr er fort;„glaubt der Sachſe, er könne das gute, alte Schottland zu ſeinem Jagdrevier machen? Dieß ſoll nie geſchehen, ſo lange ich lebe!“ Ein lautes Geſchrei und die freudigen Rufe: „Lang lebe der Herzog von Argyle!“ zeigten, wie ſehr dieſe Befehle dem Clan willkommen waren. „Seht euch aber vor,“ fuhr er fort,„und meidet jeden Zuſammenſtoß mit den königlichen Truppen, die geſetzlich ihre Pflichten erfüllen; wo es ſich aber um Unterdrückung von Gewaltthaten und Grauſamkeit handelt, ſeid feſt. Fort!“ Die Pfeifer blieſen munter auf und ſtellten ſich an die Spitze ihrer Abtheilungen, welche unter ihren verſchiedenen Anführern nach den ihnen bezeichne Richtungen abzogen. 3 „Und welchen Weg gedenken Cure Gnaden ein⸗ zuſchlagen?“ fragte ein junger Officier, deſſen nahe Verwandtſchaft ihm ein ganz beſonderes Vorrecht verlieh. 5 „Nach Arran,“ verſetzte der Herzog ernſt;„und B ge denen, welche deſſen Bewohner beleidigt aben!“. Eine Stunde ſpäter war das Hauptcorps der Campbell's, von ihrem Häuptling geführt, auf dem Marſche. Die Nachricht von der Annäherung Ar⸗ gyle's nach Arran war dem Herzog von Cumber⸗ land eben ſo unangenehm, wie ſeinem Günſtling Alick. Seine Gnaden war der mächtigſte und popu⸗ lärſte Edelmann in Schottland. Sein Beiſpiel hatte 213 viele der Häuptlinge beſtimmt, auf Seiten des regie⸗ renden Hauſes zu bleiben, und manche andere abge⸗ halten, der Fahne des jungen Chevalier zu folgen, weil ſie kluger Weiſe daraus den Schluß zogen, daß kein Vorhaben Erfolg haben könne, bei dem er ſich nicht betheilige. Das Miniſterium machte ihm we⸗ gen ſeines politiſchen Einfluſſes im Parlament ſo⸗ wohl, als wegen ſeiner Macht außerhalb deſſelben, den Hof. Anfangs hatte es ſogar gewünſcht, ihm das Obercommando über die Armee anzuvertrauen, welchem Vorſchlage auch der König ſich zugeneigt, und nur ſeiner väterlichen Vorliebe verdankte es der Herzog von Cumberland, daß er die Beſtallung er⸗ hielt. Nachdem Argyle der Poſten nicht anvertraut war, nach welchem er ſich vielleicht insgeheim ſehnte, hatte er es abgelehnt, unter ſeinem jugendlichen Neben⸗ buhler zu dienen, und operirte an der Spitze ſeines zahlreichen Clans mehr als ein unabhängiger Fürſt, wie als ein Untergebener. Richts deſto weniger leiſtete er der Sache, der er diente, wichtige Dienſte, indem ſeine bloße Anweſenheit im Norden hinreichte, die Unzufriedenen im Schach zu halten. Cumberland haßte ihn als Kebenbuhler, wogegen dieſen der Herzog von Argyle als Menſch verachtete, da ſeine muth⸗ willigen Grauſamkeiten ihm den Haß aller Redlich⸗ geſinnten in Schottland zugezogen hatten. Um dieſe Zeit wurde auch allgemein der Widerwillen gegen den königlichen Henker in England wach, wo er zahlreiche perſonliche und politiſche Feinde hatte. Der Prinz ſtand vor Arran Caſtle, mit ſeinen Officieren plaudernd, unter welchen ſich Derby, Bin⸗ ton, General Gueſt und Rlick Campbell befanden. 214 Sein heftiges Agiren zeigte, daß er ſehr aufgebracht war. Der Auftritt bei dem Bankett hatte ihn ge⸗ demüthigt, weil er ihm bewieſen hatte, daß es, trotz ſeiner königlichen Geburt, Männer gebe, die kühn genug wären, ſeine Handlungsweiſe einer Beurthei⸗ lung zu unterwerfen, und unabhängig genug, ihr Urtheil darüber laut werden zu laſſen.. „Es ſcheint mir, als ob Seine Gnaden von Ar⸗ gyle nicht allzu große Eile hätte, dem Sohne ſeines Souverains ſeinen Reſpect zu bezeigen,“ ſagte der Herzog.„Oder glaubt er etwa gar, daß Wir ihm entgegen kommen ſollen? Er ſtellt ſich an, ſo viel Wir hören, eine unabhängige Stellung einzunehmen, und handelt mehr wie ein Allirter, als wie ein Unterthan. Es iſt endlich Zeit, ſolchen lächerlichen Anſprüchen ein Ende zu machen.“ „Argyle iſt kein Höfling,“ bemerkte Lord Binton trocken;„und die Behandlung, welche Eure könig⸗ ſiche Hoheit der Gräfin von Arran hat angedeihen laſſen, wird ſeine Stimmung gerade auch nicht ge⸗ beſſert haben.“ „Er iſt ein Verräther.“ „An wem?“ fragte Lord Derby.„Sicherlich nicht an Ihrem königlichen Hauſe; denn ſein Abfall wäre ein Signal für halb Schottland geweſen, für des Prätendenten Sache ſich zu erheben. Es dürfte Ihnen ſchwer fallen, das Parlament oder die Mini⸗ ſter von dem Verrath des Herzogs von Argyle zu überzeugen.“ „Sie antworten ſehr frei,“ erwiderte der Herzog ſtirnerunzelnd. „Wie ſoll ein Pair von England anders ant⸗ „ 4 21⁵. worten?“ fragte der junge Edelmann ſtolz.„Wir beſitzen eine Verfaſſung, welche einerſeits die Unab⸗ hängigkeit der Krone ſicher ſtellt, aber auch eifer⸗ ſüchtig die Vorrechte des Adels und des Volkes ſchützt. Die Stuarts unterdrückten beide und fielen. Das Haus Hannover—“ „Verrath!“ rief Alick Campbell.„Mylords und Gentlemen, dieß Seiner Hoheit in's Geſicht? Iſt eine ſolche Sprache zu ertragen?“ „Laſſen Sie ihn gewähren,“ ſagte der Herzog von Cumberland mit erzwungener Ruhe, welche die Bläſſe auf ſeinen Wangen und ſeine bebenden Lippen Lügen ſtraften.„Ich bitte, unterbrechen Sie den edlen Carl von Derby nicht. Nun, mein Herr,“ fuhr er, ſeine Augen feſt auf des jungen Edelmanns Geſicht gerichtet, fort,„Sie wollten ja ſagen— das Haus Hannover?“ „Kann an dem Beiſpiele der Stuarts lernen,“ vollendete der Earl kaltblütig;„und wenn dieß Ver⸗ rath iſt, ſo machen Sie daraus, was Sie wollen.“ Binton und viele Freunde des jungen Earl, die über ſeine unbeſonnene Rede erſchrocken waren, ath⸗ meten frei auf über die kaltblütige, gewandte Weiſe, mit welcher dieſer ſich aus einer, gelind ausgedrückt, kritiſchen Lage gezogen hatte. Alick biß ſich auf die Lippen, weil er ſich in ſeiner boshaften Erwartung getäuſcht ſah. Er hatte gehofft, der edelmüthige, hitzköpfige, junge Mann würde ſich durch unbeſonne⸗ nes Ausſprechen ſeiner Anſichten noch mehr compro⸗ mittiren. Ein weiteres Beſprechen der Sache wurde durch das Eintreffen einer Abtheilung der deutſchen Garde 216 des Prinzen verhütet, welche mittheilte, daß mehrere ihrer Cameraden ſchwer verwundet ſeien. Dieſe Leute waren beim Plündern eines Pachthofes auf den Gü⸗ tern der Gräfin von Arran von Hochländern, welche zum Clan von Argyle gehörten, verjagt worden, welche ſie mit eben ſo wenig Umſtänden behandelt hatten, wie ſie die unglücklichen Bauern. Des Her⸗ zogs Geſicht röthete ſich vor Wuth, als er die Flücht⸗ linge ſah, und er fragte einen der zuerſt Eintreffen⸗ den, wer es gewagt habe, Truppen, die unter ſei⸗ nem Commando ſtehen, anzugreifen. „Die Campbell's,“ erwiderte der Soldat.„Dieſe durchſtreifen die Gegend nach allen Richtungen und behandeln die treuen Truppen mit eben ſo wenig Umſtänden, als Eure königliche Hoheit die Rebellen bei Culloden.“ „Was ſagen Sie dazu, meine Herren?“ rief der Herzog.„Wie es ſcheint, ſo iſt der Aufſtand noch nicht zu Ende. Haben wir deßhalb einen Präten⸗ denten zermalmt, damit ein Anderer uns Trotz biete? Mylord Binton, ſchicken Sie ſogleich eine Ordonnanz an Sir John Cope mit dem Befehl, augenblicklich mit ſeiner Diviſion hieher zu rücken. Oberſtlieute⸗ nant Campbell, die Artillerie ſteht unter Ihrem Be⸗ fehl. Wir kennen Ihre Treue zu gut, um auch nur einen Augenblick daran zu denken, daß Sie Antheil an dem Verrath Ihres Verwandten nehmen.“ Alick verbeugte ſich. Che die ſo eilig ertheilten Befehle ausgeführt werden konnten, ſah man den Clan der Campbell's, den Herzog von Argyle an der Spitze, im Geſchwind⸗ ſchritt heranrücken. Die Leute waren in drei Co⸗ 217 lonnen getheilt, und jeder Widerſtand wäre eben ſo vergeblich, als unmöglich geweſen, wenn ſie in feind⸗ ſeliger Abſicht gekommen wären. „Hier kommen Seine Gnaden,“ flüſterte Lord Binton.„Ich beſchwöre Eure Hoheit, gelaſſen zu bleiben. Erinnern Sie ſich, daß der Aufſtand zwar niedergeworfen, aber noch nicht gänzlich unterdrückt iſt. Würde Argyle auf's Aeußerſte getrieben, ſo könnten ſich die Clane auf's Neue ſammeln.“ „Immerhin!“ rief der junge Prinz ungeſtüm. „Ich wünſche nichts ſehnlicher, als mit gezücktem Schwert das Land zu durchziehen; es kommt nichts dabei heraus, wenn man auf hochländiſche Treue baut.“ Den Vorſtellungen ſeiner Officiere gelang es, das erregbare Gemüth des Prinzen zu beruhigen, ſo daß dieſer, bis Argyle eintraf, wenigſtens ſo weit wieder ſeine Selbſtbeherrſchung erlangt hatte, daß kein plötzlicher Bruch zu befürchten war. „Nun, wie ſteht es, Mylord Herzog?“ rief er aus;„Wir ſchloſſen aus Ihren früheren Dienſten, daß Sie ein Freund des Hauſes Hannover wären.“ „Und wer klagt mich an, daß ich meine Sinnes⸗ art geändert habe?“ „Ihre eigene Handlungsweiſe. Wie kommt es, daß Leute, die unter Ihrem Befehle ſtehen, Solda⸗ ten Seiner Majeſtät bei Verfolgung der Rebellen angreifen und niedermachen?“ „Ich möchte lieber fragen,“ erwiderte der Herzog, „wie es kommt, daß ich Soldaten des Königs beim Plündern und Morden, beim Vertreiben von Päch⸗ tern einer betagten Verwandten antreffe, deren Treue — 218 unantaſtbar iſt? Ich hatte wenigſtens geglaubt, daß Argyle's Schweſter mit der Rückſicht behandelt werde, die man ſeinem Stamme ſchuldet.“ „Sie haben den Rebellen geholfen,“ bemerkte Cumberland. „Und iſt dieß ein Grund, deßhalb einen unſchul⸗ digen Mann am Thore der Wohnung ſeiner Gebie⸗ terin zu ermorden? Schande über Sie! Binton— Derby, wäre eure Anweſenheit nicht ein ſichtbarer Beweis, ſo würde ich nie geglaubt haben, daß eine ſo ſchändliche That von euch gebilligt worden ſei.“ „Das war auch nicht der Fall,“ erwiderten die beiden Edelleute.„Sie wurde ausgeführt, ehe wir von der Abſicht etwas wußten.“ „Ermordet!“ rief Seine Hoheit mit kaum ver— haltener Wuth. „Wie anders ſoll ich dieſe That bezeichnen?“ ſagte Argyle.„Sie kommen als Gaſt— werden gaſtfrei aufgenommen, und während Sie meiner Schweſter Brod theilen, laſſen Sie ihren Diener an deren eigenem Thore aufhängen! Ich wiederhole es: Er iſt ermordet worden! An meinem Platze, als Poir, werde ich daſſelbe behaupten.“ „Sie ſind ſehr kühn,“ bemerkte der Prinz. „Eure Hoheit iſt noch kühner. Hätte irgend Je⸗ mand, außer dem Sohne meines Souverains, ſich einer ſolchen Handlung ſchuldig gemacht, ſo hätte ich ihn an demſelben Galgen aufhängen laſſen.“ „Sie ſollen mir für dieſe Unverſchämtheit mit Ihrem Kopfe Rede ſtehen, Mylord,“ verſetzte der Herzog von Cumberland, ſich ſtolz abwendend. „Mein Kopf kann bloß durch den Spruch meiner 219 Pairs fallen. Wenn übrigens Eure Hoheit einſt⸗ weilen einen freundſchaftlichen Rath annehmen wol⸗ len, ſo rufen Sie Ihre Leute zurück. Schottland iſt kein erobertes Land, deſſen Bewohner jeder Söldner zu plagen ſich herausnehmen darf. Es ſind Dinge vorgefallen, welche die Lorbeeren von Culloden welk zu machen, welche jedem Engländer, der ſie hört, die Röthe in's Geſicht zu treiben vermögen und für welche das Parlament diejenigen, welche ſie ſich zu Schulden kommen ließen, wenn auch nur ein einzi⸗ ger Schottländer noch ſeine Stimme darin zu erheben vermag, zur Rechenſchaft ziehen wird.“ „Ich werde die Soldaten nicht zurückrufen!“ rief der junge Mann heftig.„Mögen ſie ſengen und brennen: die Rebellen verdienen keine Gnade. So lauten meine Befehle.“ „Sie haben die Befehle Seiner Hoheit gehört, Mylords und Gentlemen,“ rief der Herzog von Ar⸗ gyle.„Hören Sie jetzt auch die meinigen.“ Auf einen Wink ſeiner Hand verließen die Offi⸗ ciere ſeines Clans ihre Abtheilungen und näherten ſich ſo weit dem Herzog, bis ſie dem Prinzen und deſſen Stab gegenüber einen Halbkreis bildeten. Argyle's Auge haftete feſt auf ſeinem Nebenbuhler und ſeine Stimme tönte hell und deutlich. „Meine Herren,“ ſprach er in tiefem, wüthendem Tone,„Seine Hoheit hat befohlen, das Gebiet von Arran zu plündern und zu verwüſten,— Alt und Jung zu ermorden,— die Häuſer der Landleute den Flammen, die Männer dem Tode, die Weiber der viehiſchen Luſt ſeiner Miethlinge zu übergeben.“ Ein dumpfes Murren folgte dieſer Anrede. 220 „Nun denn,“ fuhr der Herzog fort,„ſo hört auch meine Befehle, und Gott möge mich ſtrafen, wenn meine Beweggründe nicht ehrlich und offen ſind. Beſchützt das Gebiet von Arran! Wo ihr Soldaten beim Plündern und Begehen von Grau⸗ ſamkeiten findet, ſchießt ſie ohne Gnade nieder! Macht Jagd auf ſie, wie auf das Wild im Walde! Und wenn ihr nur einen Einzigen verſchont— gleichviel, wie vornehm ſein Name oder wie hoch ſein Rang ſein mag— ſo mögen eure eigenen Herde verwüſtet werden und Schmach diejenigen treffen, die euch am theuerſten ſind!“ Kaum waren dieſe Worte geſprochen worden, als Tauſend Claynmore aus den Scheiden gezogen wurden und ein wildes Freudengeſchrei darauf als Antwort erſchallte.. „In allem Andern,“ fuhr der Herzog von Ar⸗ gyle fort,„reſpectirt ihr die Truppen eures recht⸗ mäßigen Königs und ſteht ihnen bei, die Rebellen aufzuſuchen. Reſpectirt ſie, ſo lange ſie als Krieger handeln; dem Räuber, Plünderer oder Mörder laßt aber keine Gnade angedeihen!“ Mit dieſen Worten wandte der mächtige Edel⸗ mann dem Orte den Rücken und überließ es dem königlichen Henker, ſeiner Wuth in eben ſo ohnmäch⸗ tigen, als nutzloſen Flüchen Luft zu machen. Der Clan, der jetzt ſeine Befehle kannte, marſchirte in vier verſchiedenen Abtheilungen ab; doch ließ er eine hinreichende Wache zum Schutze ſeines Häupt⸗ lings zurück, der ſich in das Schloß begeben hatte, um durch ſeine Anweſenheit die Perſonen ſeiner Schweſter und Nichten zu ſchützen. —— 221 „Sie ſind Zeugen, Mylords und Gentlemen, von Argyle's Verrath!“ rief der junge Prinz aus.„Beim Himmel! dieſe Unverſchämtheit ſoll er mit ſeinem Kopfe büßen!“ „Es dürfte Eurer Hoheit ſchwer fallen, ein Par⸗ lament zu finden, das gefügig genug wäre, der ge⸗ richtlichen Verurtheilung des Herzogs ſeine Zuſtim⸗ mung zu ertheilen.“ „Oder einen Miniſter, eine ſolche zu beantragen,“ ſetzte Derby hinzu.„Nach meiner Anſicht hat Ar⸗ gyle ſo gehandelt, wie es einem Edelmanne und ächten Schottländer geziemt. Ich habe dieſe Metze⸗ leien und Grauſamkeiten ſatt und vermag es nicht länger mehr anzuſehen, wie man die Männer kalten Blutes mordet und die Hütten des ſchlichten Bauern niederbrennt. Ich bitte deßhalb Eure Hoheit, mich möglichſt bald meiner Stellung zu entheben, denn mein Platz iſt nicht länger mehr hier.“ „Wo denn?“ fragte Cumberland hochfahrend. „Da, wo Ihre wie meine Handlungsweiſe ab⸗ geurtheilt werden wird, unter meinen Pairs. Binton, es freut mich, daß Sie nicht nur Zeuge des wackern Benehmens Argyle's, ſondern auch meines Verhal⸗ tens waren. Ich wünſche mir keinen edlern Zeugen, daß ich auf dem Schlachtfelde meine Schuldigkeit that, und erſt in dem Augenblicke den Dienſt ver⸗ ließ, als derſelbe der Art wurde, daß er mehr für einen Henker und Schlächter, als für einen Krieger und Edelmann paßte.“ Mit dieſen Worten wandte ſich der junge Earl dem Schloſſe zu, um vor ſeinem Abgang nach Edin⸗ burg von Lady Arran ſich zu verabſchieden. Lord 222 Binton, der ſein männliches Benehmen vollkommen billigte, folgte ihm ſchweigend nach. „Ich ſehe wohl,“ ſprach Cumberland, auf's Höchſte gereizt— denn er fing an zu fürchten, daß er zu weit gegangen ſei und daß das Zeugniß von zwei Pairs nicht nur Argyle entlaſten, ſondern ſogar einen ſehr ſchlimmen Eindruck gegen ihn ſelbſt hervor⸗ bringen würde—„daß hier nicht länger ein Ort des Verweilens für mich iſt. Hätte ich meine ganze tapfere Armee hinter mit ſtehen, ſo hätte ich dem unverſchämten Herzog eine genügende Lehre gegeber; ſo aber, wie die Sachen ſtehen, muß unſer Streit anderswo ausgemacht werden. Gueſt,“ fuhr er, an den General ſich wendend, fort:„Sie werden bleiben. Ihnen übergebe ich das Commando. Er⸗ theilen Sie die Befehle, die Sie für nothwendig erachten. Ich weiß, daß ich auf Ihre Klugheit und Ergebenheit bauen darf. In drei Tagen werden Sie in Perth zu mir ſtoßen.“ Der General legte dieſe Worte ſo aus, daß er die Leute nicht nur zurückzuberufen, ſondern auch fernerem Plündern und Morden Einhalt zu thun habe, was der Prinz auf ſo harte Weiſe anbefohlen hatte und wodurch Argyle beinahe zu offener Rebellion geführt worden wäre. Nach einer kurzen, in leiſem Tone geführten Unterredung mit dem alten Militär beſtieg der Prinz ſein Pferd und machte ſich, trotz der ſpäten Stunde, in Alicks Begleitung und von einer Abtheilung Reiter escortirt, auf den Weg nach Perth. Eine Zeit lang ritt er in finſterem Schweigen dahin, über einer Menge Rachepläne brütend, die er aber 223 alle als unausführbar wieder verwarf. Seine Wuth ſteigerte ſich begreiflicher Weiſe, weil ihm kein paſ⸗ ſendes Mittel einfiel, durch welches er dieſelbe hätte befriedigen können. Die Treue des Herzogs und der beiden Pairs während der jüngſten Ereigniſſe lagen der Welt zu klar vor Augen, als daß ſie an⸗ fechtbar geweſen wären, und er war überzeugt, daß Parlament und Miniſter, die gleich eiferſüchtig auf ſeinen Einfluß beim Könige und ſeine Einmiſchung in die Regierung waren, ſich nicht zu Werkzeugen ſeines Haſſes hergeben würden. Ueberdieß war er beim Volke ſehr unbeliebt, das mit Recht oder Un⸗ recht ihm die Abſicht zuſchrieb, die Anſprüche ſeines jugendlichen Neffen, des nachmaligen Georg des Dritten, beſeitigen, und ſelbſt die Hand nach der Krone ausſtrecken zu wollen,— ein Verſuch, welchen, wie man glaubte, ſein Vater nicht geradezu unter⸗ ſtützte, aber wenigſtens nicht verhinderte. Mit einem 3l unterdrückten Fluche ſprach er endlich:„Ich gäbe die Welt darum, wenn ich mich rächen könnte!“ „Eure Hoheit können dieſem ſehr verzeihlichen Wunſch auf eine weit billigere Weiſe Genüge leiſten.“ Der Herzog wandte ſich um und ſah, daß der⸗ jenige, welcher ihn gehört und ihm geantwortet hatte, ſein Adjutant und Günſtling Alick Campbell war. „Auf welche Weiſe?“ fragte er mit grimmigem Lächeln. „Ganz einfach dadurch, wenn Eure Hoheit mir auf vierundzwanzig Stunden Urlaub ertheilen.“ „Den ſollen Sie haben. Was wiſſen Sie aber vorzuſchlagen?“ 224 „Einer glaubwürdigen Nachricht zu Folge,“ fuhr Alick fort,„bin ich überzeugt, daß ſowohl Sir Allan Glencairn als Crawford, Beide wohlbekannte An⸗ hänger des Prätendenten, in Arran ſich verborgen halten.“ Argyle's Vorwiſſen?“ fragte der Herzog aſtig. „Das weiß ich nicht. Aber wenn ſie während ſeiner Anweſenheit noch dort verborgen ſind, ſo fällt es nicht ſchwer, ihn wenigſtens als mitwiſſend er⸗ ſcheinen zu laſſen; die Folge davon wäre eine ge⸗ richtliche Ueberweiſung der Gräfin und Confis⸗ cation von deren Vermögen, weil ihre Treue durch dieſe Handlung anfechtbar wäre. Wenn dann der Herzog ſich ſeiner Verwandten annähme, ſo hätte er dieſe Thorheit mit ſeinem Kopfe zu verantworten.“ „Glauben Sie, daß er ſich einmiſchen würde?“ „Ganz gewiß würde er dieß, denn er beſitzt ein gutes Theil des warmen Blutes und hitzigen Tem⸗ paramentè meiner Tante. Sobald er ſich aber ein⸗ mal compromittirt hat—“ „Ueberlaſſen Sie das mir,“ unterbrach ihn der Herzog.„Für den Augenblick iſt er mir, trotz ſeiner Unverſchämtheit, entwiſcht. Ertappe ich ihn aber über einer offenen oder verſteckten Handlung des Verraths, ſo werde ich ſchon Mittel finden, ihn zu Grunde zu richten. Trotz des äußern Anſcheins weiß ich doch, daß er bei meinem königlichen Vater durchaus nicht in Gunſt ſteht. Er benimmt ſich gar zu übermüthig. Bei Gott! Wenn man ihn hört, ſo ſollte man glauben, Wir verdankten die Krone nur ſeiner Gunſt. Gehen Sie, Campbell: gehen Sie 225 mit meiner Bewilligung, aber ſeien Sie vorſichtig; Sie haben mit einem gefährlichen Feinde zu thun. Wenn Ihnen Ihr Vorhaben glückt, ſo rechnen Sie auf meine ganze Dankbarkeit.“ „Ich kenne meinen Mann,“ erwiderte Alick mit kaltem, bitterm Lächeln.„Wie nahe Blutsverwandte wir auch ſind, ſo beſteht doch kein Band der Liebe zwiſchen uns. Er haßt mich um meines Vaters willen. Obgleich Brüder, ſo herrſchte doch der Haß eines Kain zwiſchen ihnen.“ „Und vielleicht auch deſſen Verbrechen,“ bemerkte der Herzog mit einem eigenthümlichen Blick.„Sie brauchen darüber nicht zu erröthen! Sie tragen keine Schuld daran. Ich hörte die Geſchichte von Jemand, der Ihnen ſchaden wollte, deſſen Abſicht aber gänz⸗ lich mißlang. Ihr Vater hätte viel würdiger die Krone ſeines Stammes getragen, als dieſer ärmliche Prahler, und es gibt überhaupt Gründe, welche die Bande des Blutes löſen.“ Campbell ſchwieg, obgleich die Schlußbemerkung ihm nicht entging. Unwillkürlich fielen ihm die Gerüchte ein, die in Betreff der Abſichten des Prinzen auf die Krone und deſſen Haß gegen ſeinen jugendlichen Neffen im Umlaufe waren. „An was denken Sie?“ fragte mit finſterem Blicke der Prinz, der fürchtete, zu offen ſich ausge⸗ ſprochen und ſeinen Gedanken zu früh Worte ver⸗ liehen zu haben. „Ob ich mich auf die Beihilfe des Generals Gueſt verlaſſen kann,“ erwiderte Campbell ſchnell beſonnen;„da die Aufgabe, der ich mich unterzogen habe, nicht ohne Gefahr iſt.“ Der junge Prätendent. III. 15 226 „Er iſt zuverläſſig, wie Stahl,“ bemerkte der Prinz. „Ein ſichtbares Zeichen von Eurer Hoheit übri⸗ gens—“ Während dieſer Unterredung waren der Herzog und ſein Adjutant in fortwährendem Galopp über die Haide geritten, ohne daß einer von Beiden, ſeit ſie Arran verlaſſen, den Zügel angezogen hätte. Als aber das Verlangen eines ſichtbaren Zeichens geſtellt wurde, hielt der Erſtere ſein Pferd an, zog einen mit einem Rubinſtein beſetzten Ring vom Finger und übergab denſelben ſeinem Begleiter. „Das wird Ihnen zum Beweiſe dienen, daß Sie mein ganzes Vertrauen beſitzen. Gemach,“ fuhr er fort, als er ſah, daß Alick den Ring an den Zeig⸗ finger ſeiner rechten Hand ſtecken wollte,„an die linke Hand! und hüten Sie ſich, ihn anderswo hinzuſtecken. Vergeſſen Sie nicht, daß, wenn Gueſt ihn an der rechten Hand ſieht, der Ring ſeinen ganzen Werth verliert. Sie verſtehen?“ „Vollkommen,“ ſagte Alick;„ich ſehe, daß Eure Hoheit ein Mann von Vorſicht iſt.“ „Ich habe zu lange an Höfen gelebt, um dieß nicht zu ſein,“ ſagte der junge Mann düſter.„Man⸗ ches Zeichen hat zu einem ganz andern Zweck ge⸗ dient, als der Geber ſich träumen ließ. Leben Sie wohl. Möge Erfolg Ihr von der Treue eingegebe⸗ nes Unternehmen krönen.“ Beide trennten ſich; der Herzog, umgeben von ſeiner Escorte, ſetzte den Weg weiter nach Perth fort, während Alick ſich zu ſeiner verrätheriſchen 22/ Miſſion, allein mit ſeinen ſchlimmen Gedanken, auf⸗ machte. Das Zuſammentreffen der Gräfin von Arran mit ihrem Bruder, dem Herzog von Argyle, war von der herzlichſten Art. Die Lady, obgleich viel älter— denn ſie ſtammte aus des verſtorbenen Herzogs erſter Ehe, und Seine Gnaden aus deſſen letzter, woher die große Altersverſchiedenheit— hegte mehr als ſchweſterliche, ja faſt mütterliche Liebe für den tapfern Hochländer. Der Auftritt mit dem Prinzen und die Befehle, die er ertheilt, ihre Päch⸗ ter zu ſchützen, hatte ihrem Stolze geſchmeichelt und ſie that ſich etwas darauf zu gut, zum Blute der Campbell's zu gehören. „Kein weiteres Wort mehr darüber!“ rief der Häuptling, ſeiner Schweſter Wange küſſend.„Blut iſt dicker als Waſſer, und es wäre dieß ein ſchlim⸗ mer Tag, an welchem Argyle ſeine Freunde nicht mehr beſchützen könnte. Dieß ſind alſo des guten Eduard Arran Kinder?“ fuhr er, gegen Conſtance und Alice gewendet, fort.„Von Rechtswegen ſollten ſie die Ihrigen ſein.“ Die letztern Worte, obgleich in halbleiſem Tone geſprochen, jagten das Blut auf die welken Wangen der alten Dame; denn ihre Vorliebe für den Vater der Waiſen war für ihren Bruder kein Geheimniß. Die Waiſen aber ſprachen tief gerührt ihren Dank für den Schutz aus, den ſein rechtzeitiges Eintreſſen ihnen gewährt hatte. „Sahen Sie den Schurken Alick?“ fragte die Gräfin. „Ja,“ erwiderte der Herzog düſter,„und er mag 228 es ſeines Vaters Blut banken, daß ich ihn verſchonts. Der Anblick dieſes bleichen Geſichtes thut mir in der Seele weh. Vieles von dem, was ſich zugetra⸗ gen, darf wohl mit Recht ſeinen Einflüſterungen und ſeinem Einfluſſe auf den Herzog von Cumberland zugeſchrieben werden.“ „Ihres Bruders Blut?“ wiederholte die Gräfin von Arran.„Ihr waret allerdings Brüder, aber ſo, wie es Kain und Abel auch waren.“ „Nichts weiter— ſagen Sie nichts weiter! Nur ein unvernünftiger Vogel beſudelt ſein eigenes Neſt. Wäre ſein Herz noch tauſendmal ſchwärzer, als es iſt, ſo bleibt er immer ein Campbell, und wir müſ⸗ ſen vor ſeiner Schande ein Auge zudrücken.“ Der Reſt des Abends verfloß ruhig. General Gueſt, gehorſam den angedeuteten Befehlen des Prin⸗ zen, hatte ſeine Leute zurückgerufen, um jeden Zu⸗ ſammenſtoß mit den Hochländern zu vermeiden, und noch vor Mitternacht hatte das Brennen und Plün⸗ dern in der Baronie von Arran ein Ende genommen. Kachdem die drei Flüchtlinge das Schloß ver⸗ laſſen, hatten ſie ſich den weſtlichen Hochlanden in der Hoffnung zugewendet, dort Gelegenheit zu finden, nach Frankreich ſich einzuſchiffen. Die ſiegreiche Partei hatte aber ſolche Vorſichtsmaßregeln getroffen, daß jeder Paß bewacht und das Durchkommen rein un⸗ möglich war. Es wurde daher eine kurze Berathung gepflogen und in Folge davon beſchloſſen, nach Arran zurückzukehren. „Dort finden wir wenigſtens,“ ſagte Sir Allan, —„Dank dem Zimmer Roberts des Starken,— Nahrung und Obdach. Ich kann es nicht länger — — 2²9 ertragen, Eure Hoheit ſolchen Entbehrungen und ſol⸗ chem Mangel in dem Lande, welches zu regieren Sie geboren ſind, ausgeſetzt zu ſehen. Ich für meinen Theil mache mir wenig daraus, denn ein Bett auf der Haide oder auf den Bergen iſt eine Kleinigkeit für einen ächten Hochländer.“ Crawford theilte dieſe Anſicht, und in derſelben Nacht, in welcher der Herzog von Argyle eingetroffen war, fanden ſich auch die ermüdeten Wanderer wie⸗ der in der Rähe des Schloſſes ein. Der Baronet benützte den geheimen Eingang durch die Ruinen, um den königlichen Flüchtling nach ſeinem Verſtecke zu führen, worauf er und ſein Freund ſich aufmachten, um ſich nach Nahrungsmitteln umzuſehen. Die Gräfin hatte nämlich, entfernt nicht an eine Wiederkehr denkend, mit Hilfe ihrer Nichten Alles aus dem Zimmer entfernt, was für den Fall einer Belagerung dahin geſchafft worden war. Ob⸗ gleich keine Entdeckung zu befürchten war, ſo hatte die alte Dame vorſichtshalber doch geglaubt, jede Spur verwiſchen zu müſſen, was nun freilich für den vorliegenden Fall ein Fehler geweſen war. Die beiden Freunde ſaßen auf einem zerbrochenen Säulenſchaft und beriethen, was jetzt zu thun ſei. Sir Allan, der die Gegend genau kannte und auf die Treue der Landleute ſich verlaſſen konnte, ſchlug vor, allein zu gehen; aber Crawford beſtand darauf, die Gefahren ſeines Unternehmens zu theilen. „Die Lichter in den großen Gemächern und die vielen Pferde, welche ich auf dem Kamme des Hü⸗ gels zuſammengekoppelt ſah, beweiſen mir, daß ſich im Schloſſe etwas zugetragen hat; es wäre daher 230 eben ſo unklug, als gefährlich für die Sicherheit derer, die uns ſo theuer ſind, einen Verſuch zu wa⸗ gen, in dos Innere zu dringen, um uns mit den Bewohnern in Verbindung zu ſetzen. Bleib Du zu⸗ rück, damit, wenn mir etwas zuſtößt, Seine Hoheit wenigſtens einen Gefährten in ſeiner Einſamkeit hat.“ „Nein doch,“ bemerkte ſein Freund.„Wenn Einer ſein Leben daran ſetzen muß, ſo laß mich es wagen.“ „Ich kenne die Gegend,“ bemerkte Sir Allan. „Und ich,“ fuhr Crawford fort,„bin nicht ge⸗ kannt: auf dieſe Weiſe gleichen ſich Vortheile und Gefahren aus. Ueberdieß, wie könnte ich die Thränen der armen Alice mit anſehen, wenn ihrem Geliebten irgend ein Unglück zuſtieße?“ „Ich befände mich in demſelben Falle Conſtance gegenüber. Wer ſoll hier entſcheiden?“ „Ich will es,“ ließ ſich die wohlbekannte Stimme Alick Campbell's vernehmen, der ſich herangeſchlichen und den größern Theil dieſer Unterredung erlauſcht hatte. Die jungen Männer ſprangen von ihrem Sitze auf. Noch ehe ſie aber ihre Schwerter zu ziehen im Stande waren, ſahen ſie ſich ſowohl von Hochlän⸗ dern von Argyle's Clan, als von Dragonern, die unter General Gueſt's Commando ſtanden, umringt. In einem Augenblicke waren Beide entwaffnet und gebunden. „Schurke!“ rief der Baronet, mit den Augen ſeinen Vetter fixirend;„eben ſo verrätheriſch als hinterliſtig!“ „Schimpf' immer zu,“ ſprach dieſer höhniſch. 231 „Verurtheilte Leute haben dieſes Vorrecht, und es ſoll Dir nicht entzogen werden. Deine Vorwürſe klingen aber wie Muſik in meinen Ohren. Fort mit ihnen vor den General!“ Hier entſtand aber eine neue Schwierigkeit. Die Hochländer, welche bei Alick's Unternehmen auf Be⸗ fehl ihres Häuptlings behilflich geweſen waren, der dahin lautete, daß ſie den königlichen Truppen bei jeder geſetzlichen Handlung beiſtehen ſollten, waren auf's Höchſte beſtürzt, als ſie entdeckten, daß einer ihrer Gefangenen ein ſo naher Verwandter der Maccullamore war. Wenn ſie ihn den Händen des Generals Gueſt überließen, ſo hieß dieß ſo viel, als ihn einer augenblicklichen Hinrichtung überliefern. Sie hielten daher eine kurze Berathung, in deren Folge ſie darauf beſtanden, daß, weil die Gefange⸗ nen in ihre Hände gefallen ſeien, dieſelben auch ihrem Häuptling ausgeliefert werden müßten, dem allein das Recht zuſtehe, über ſie zu verfügen. Ver⸗ gebens fluchte und drohte Alick Campbell. Die Männer blieben feſt, und da dieſelben weit zahl⸗ reicher als die Soldaten waren, ſo ſah er ſich ge⸗ nöthigt nachzugeben. Sir Allan und Crawford wur⸗ den daher, anſtatt vor den General Gueſt geführt zu werden, deſſen Urtheilsſpruch kurz gelautet hätte, in das Schloß gebracht. Unmittelbar nachdem dieſer Entſchluß gefaßt worden war, nahm Alick Campbell ein Blatt aus ſeiner Schreibtafel, ſchrieb einige Worte darauf und ſchickte damit eine Ordonnanz an den General. Der Herzog von Argyle war eben im Begriff ſich zur Ruhe zu begeben. Er hatte ſich bereits 232 von ſeiner Schweſter und den Waiſen verabſchiedet, als einer der Officiere erſchien, um ihm die Gefan⸗ gennehmung, die er ſo eben gemacht, zu melden. „Gefangene?“ erwiderte Seine Gnaden.„Gut, Uebergeben Sie dieſelben dem General Gueſt, der ſich beſſer mit dem Henken zu befaſſen weiß, als ich.“ „Allerdings,“ ſagte der Officier,„allerdings. Aber einer derſelben hat die Ehre, mit Eurer Gnaden verwandt zu ſein.“ Die Gräſin und Alice wurden todtenblaß. „Mit mir verwandt? Wie heißt er?“ „Sir Allan Glencairn.“ „Retten Sie ihn!“ rief Alice, indem ſie auf die Kniee fiel und Argyle's Tartan umfaßte.„Retten Sie ihn aus den Händen der grauſamen Männer, die nach ſeinem Blute dürſten! Ach! bei Ihrem Edelmuth beſchwöre ich Sie, ſchonen Sie ſein junges Leben! denn das meinige iſt mit dem ſeinigen ſo eng verwachſen, daß derſelbe Streich uns Beide tödten würde.“ „Atgyle,“ ſagte deſſen Schweſter,„um des Him⸗ mels willen retten Sie ihn!“ Der Herzog war auf das Tiefſte ergriffen. Er fühlte, daß ein ſolcher Schritt, wie die Freilaſſung eines Gefangenen, auf deſſen Kopf ein Preis geſetzt war, trotz ſeiner Popularität und ſeines Einfluſſes bei der Regierung, eine furchtbare Waffe in den Händen ſeiner Feinde gegen ihn werden würde, welche unglücklicher Weiſe zahlreich und mächtig waren. Eine Handlung dieſer Art konnte ihm das Leben koſten; denn Georg der Zweite beſaß einen großen Theil des wilden, rachſüchtigen Naturells — 233 ſeines Lieblingsſohnes und war ſelten geneigt zu verzeihen. „Unmöglich!“ ſtöhnte er ſeufzend;„unmöglich!“ „Nichts iſt für ein muthiges Herz unmöglich!“ fuhr die ſchöne Bittende fort.„Sie ſind in den Hochlanden beliebt und haben der Sache dieſes grau⸗ ſamen Königs große Dienſte geleiſtet. Er wird es nicht wagen, einen Gnadenact durch Ihren Kopf zu rächen.“ „Er würde eben ſo fallen, wie die der Andern. Ich habe bereits ſchon Viel gewagt. Zwar war ich allerdings in meinem Recht, aber der Herzog von Cumberland wird meine offene Oppoſition gegen ihn mir nie verzeihen, wenn auch Klugheit ihn einen Augenblick zwingt, dieſelbe zu überſehen. Gäbe ich irgend eine Veranlaſſung, wie die Freilaſſung Allan's, ſo würde eine ganze Legion Feinde gegen mich aufſtehen. Alles, was ich thun kann, um die unmittelbaren Folgen der Thorheit meines Verwandten von dieſem abzuwenden und ihn dem Kriegsgerichte zu entziehen, beſteht darin, daß ich ihn unter ſicherer Escorte als Gefangenen nach London ſchicke.“ Damit war wenigſtens Etwas gewonnen; denn bei dem jetzigen Stand der Parteien war Aufſchub Alles. Die engliſche Nation fing an, des täglich vergoſſenen Blutes ſatt zu werden; und obgleich die öffentliche Meinung in jenen Tagen weniger mächtigwar als jetzt, ſo galt ſie doch immerhin etwas. Ein zweiter Officier von des Herzogs Stab er⸗ ſchien, um zu melden, daß General Gueſt ſich unten befinde, und in des Prinzen Namen verlange, daß die Gefangenen ihm ausgeliefert würden. 234 „Ich will den General ſelbſt ſprechen,“ erwiderte der Herzog.„Bleiben Sie hier,“ fuhr er gegen die Damen gewendet fort;„ich werde einen harten Stand bekommen. Rauben Sie mir nicht die Kraft durch den Anblick von Thränen, die ich nicht trocknen, von Schmerzen, die ich nicht lindern kann.“ „Aber ich werde ihn doch noch ſehen dürfen?“ ſtöhnte Alice;„ihn ſehen, ehe er dieſen Henkern überliefert wird?“ „Er ſoll ihnen nicht ausgeliefert werden,“ er⸗ widerte der Herzog;„ich gebe Ihnen hiefür mein Chrenwort, und das Wort Maccullamore's iſt heilig. Sie ſollen ihn auch ſprechen,“ ſetzte er freundlich hinzu.„Obgleich er mit mir kaum noch verwandt iſt, ſo gäbe ich doch die Hälfte meiner ſchönen Län⸗ dereien darum, wenn dieß nicht geſchehen wäre.“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer, und die Damen blieben athemlos, mit dem Ausdrucke der Hoffnung und Angſt auf ihren bewegten Geſichtern, zurück. Siebenunddreißigſtes Kapitel. Als der Herzog in der großen Halle erſchien, bemerkte er die beiden Freunde, welche, gleich ſo eben eingefangenen jungen Adlern, grimmige Blicke auf ihre Gefangennehmer warfen. Ihre Glieder 235 waren zwar gebunden, aber ihre Geiſter waren un⸗ beſiegt. Das Gemach war mit Hochländern ange⸗ füllt, von welchen Viele die Gefangenen mit Mitleid betrachteten, und manches Auge wandte ſich ängſt⸗ lich dem Häuptling bei deſſen Erſcheinen zu, um, wo möglich, aus ſeinen feierlichen Zügen die Rolle zu leſen, welche er in dieſer ſchwierigen Lage zu ſpielen geſonnen ſei. Am untern Ende der Halle befanden ſich General Gueſt und Campbell nebſt einer Anzahl Officiere, welche ſich leiſe unter einan⸗ der beſprachen. Als Seine Gnaden erſchien, ging der General auf ihn zu. „Ich kam,“ ſprach er,„um Sie von der Loſt Ihrer Gefangenen zu befreien. Dieſelben wurden, wie es ſcheint, durch einen Officier der königlichen Armee gefangen genommen und gehören folglich zu meiner Verfügung, da ich in gegenwärtigem Augen⸗ blicke das Commando über dieſen Diſtrict führe.“ „Ein Officier der königlichen Armee diente aller⸗ dings als Wegweiſer, ſo viel ich weiß,“ erwiderte der Herzog kalt;„aber meine tapfern Hochländer waren es, welche dieſe Leute gefangen nahmen.“ „Das iſt falſch!“ rief Alick, der mit Vergnügen die Gelegenheit ergriff, ſeinen edlen Verwandten zu verletzen. Maonche durch die Sonne gebräunte Stirne ver⸗ finſterte ſich bei der dem Häuptling zugefügten Beleidigung, und ein Blick oder ein Wort von die⸗ ſem wäre das Signal zu des kühnen Herausforderers Tod geweſen. Argyle hatte aber jetzt ganz andere Dinge im Kopf. „Von wem, meine Herren, wurden Sie gefangen 236 genommen?“ fragte er, an den Baronet und deſſen Gefährten ſich wendend.„Von den Soldaten oder von meinen Leuten? Geſchah es durch die Erſtern, ſo müſſen Sie, begreiflicher Weiſe, als Gefangene des Generals betrachtet werden. Geſchah es durch die Letztern, ſo werde ich meine Rechte zu vertheidi⸗ gen wiſſen, trotz der Unverſchämtheit eines groß⸗ ſprecheriſchen Menſchen, deſſen Betragen mehr meine Verachtung als meinen Zorn verdient, und der es nur unſrer nahen Blutsverwandtſchaft zu danken hat, daß ich ihn nicht nach Verdienſt beſtrafe.“ „Die Hochländer, und Niemand anders, nahmen uns gefangen,“ antworteten in Einem Athem die Gefangenen, die, trotz des kalten Tones des Herzogs, eine geheime Theilnahme für ſie wahrzunehmen glaubten. Die Behauptung war auch buchſtäblich wahr, denn obgleich ihre Gefangennehmer in Einem Haufen auf ſie zugeſtürzt waren, ſo hatten doch die ſchnellfüßigen Schottländer zuerſt die Hand an ſie gelegt. „Hören Sie es?“ ſagte der Herzog, an den Ge⸗ neral Gueſt ſich wendend. „Es iſt dieß das erſte Mal,“ bemerkte dieſer, „daß das Wort zweier Rebellen mehr gilt, als das eines treuen Edelmanns; und Eure Gnaden werden mir verzeihen, wenn ich bemerke, daß dieß, vereint mit dem unglücklichen Auftritt von heute, einen ver⸗ dächtigen Schatten auf Ihre bis jetzt unangefochtene Loyalität wirft.“ „Ich wiederhole, daß die Verräther zuerſt durch Leute gefangen genommen wurden,“ ſagte Alick, 237 „Das iſt nicht wahr!“ rief ein finſterer, alter Hochländer.„Ich packte Sir Allan beim rechten Arm, noch ehe einer von Ihren ſchläfrigen Leuten zur Stelle war. Zum Beweis dafür: hier iſt ſein Schwert, und ich wünſchte nur, daß der arme Menſch es an ſeiner Seite hätte und ungebunden auf der Haide ſtände, wo nur der Himmel Zeuge eines ehr⸗ lichen Kampfes zwiſchen ihm und Alick Campbell wäre.“ Sir Allan's Auge funkelte bei dieſem Gedanken, und der brennende Blick gegenſeitigen Haſſes zeigte, wie tief die Bitterkeit zwiſchen ihm und ſeinem un⸗ würdigen Vetter war. „Sie haben es gehört,“ ſagte Argyle. Der General begnügte ſich mit einer ſteifen Verbeugung. „Die Gefangenen werden bis zu ihrem Abgang unter meiner Obhut bleiben.“ „Nach Edinburg?“ fragte der General. „Nein, nach London.“ „Eure Gnaden, das iſt ganz unnöthig und be⸗ weist, um mich gelind auszudrücken, eine feindſelige Geſinnung gegen die Regierung. Sie wiſſen, daß in Schottland das Militärgeſetz regiert. In Edin⸗ burg haben die Gefangenen den Vortheil, durch ein aus Officieren und Gentlemen gebildetes Gericht abgeurtheilt zu werden; in London—“ „Wird dieß durch das Civilgericht geſchehen,“ unterbrach ihn der Herzog, der den Unterſchied wohl kannte und zu ſchätzen wußte. Außerdem lag es auf der Hand, daß, ſobald ſie ſich einmal in den Händen des Generals befänden, es kein Mittel gäbe, 238 dieſen von Zuſammenberufung eines Kriegsgerichts abzuhalten und ſie ſodann augenblicklich hinrichten zu laſſen. Gar Manche ſchon hatten das Leben ſelbſt ohne die Ceremonie einer gerichtlichen Unterſuchung eingebüßt. „Es bleibt alſo bei dieſem Ihrem Entſchluſſe?“ „Unabänderlich.“ „Sie werden mir aber wenigſtens erlauben, einige Fragen an die Gefangenen zu ſtellen,“ ſagte Gueſt. „Recht gern,“ erwiderte der Herzog, indem er die Halle hinabſchritt, um ſeinen Officieren einige Befehle mit leiſer Stimme zu ertheilen, welche ſehr dringender Art zu ſein ſchienen, indem die damit Beauftragten augenblicklich das Gemach verließen. „Meine Herren,“ ſagte der General, den Ge⸗ fangenen ſich nähernd;„Sie haben einen zu thäti⸗ gen Antheil an dem Aufſtande genommen, als daß Sie mit dem Haufen gemeiner Rebellen loszukommen Ausſicht haben könnten. Dennoch gibt es einen Weg, durch welchen Sie wenigſtens Ihr Leben ſich erhalten können, und wenn ich mich auch gleich nicht dafür zu verbürgen vermag, ſo kann ich doch in Betracht der Nachricht, die ich von Ihnen zu er⸗ halten hoffe, Ihnen wenigſtens meine guten Dienſte verſprechen. Es iſt bekannt, daß der junge Präten⸗ dent in Ihrer Geſellſchaft ſich befand, als er das Schlachtfeld von Culloden verließ.“ „Allerdings,“ antwortete der Baronet;„aber wir trennten uns drei Tage hernach.“ „Das iſt nicht wahr!“ rief Alick ungeduldig. „Ich hörte, was ſie miteinander ſprachen. Sie ſpra⸗ chen von ſeinem Verſteck und daß er ſich allein in 239 ſeinem Zimmer befinde. Vielleicht iſt dieſes ſogar hier in dem Schloſſe.“ Sir Allan und Crawford ſchwiegen ſtille. Der Herzog hörte, was vorging, obgleich er ſcheinbar nur mit ſeinen Officieren ſich beſchäftigte, und ſein Geſicht röthete ſich, trotz ſeiner Ruhe; denn es war ihm augenblicklich klar, daß, wenn Carl Eduard beim jetzigen Stand der Dinge in Arran gefangen genommen würde, nicht nur die Gräfin, ſondern auch er ſelbſt verloren wäre. „Sie trafen aber ſpäter wieder mit dem Prä⸗ tendenten zuſammen?“ fuhr Gueſt fort. Es erfolgte keine Antwort. „Ihr Stillſchweigen iſt wenigſtens eine Art von Zugeſtändniß,“ fuhr der General fort.„Mylord Her⸗ zog, ich fordere Sie als einen treuen Unterthanen auf, mir bei Durchſuchung des alten Schloſſes be⸗ hilflich zu ſein. Ich habe Gründe, zu vermuthen, daß Carl Eduard hier verborgen iſt.“ Argyle warf einen raſchen Blick auf die Gefan⸗ genen. Das vertrauensvolle Lächeln des Baronets beruhigte ihn. „Sie finden mich bereit,“ ſprach er.„Die Gräfin von Arran kann nichts dagegen einwenden, obgleich ihre wohlbekannte Treue und meine Anweſenheit hier, meiner Anſicht nach, ſie vor einem kränkenden Verdacht hätte ſchützen ſollen. Suchen Sie nach, General. Ich ſelbſt nil Sie begleiten. Die Ge⸗ fangenen ſollen unterdeſſen durch meine Leute in einem der Gefängnißzimmer des Schloſſes bewacht werden, wenn dieſelben es nicht vorziehen, ihr Ehren⸗ wort zu geben, nicht entweichen zu wollen.“ 240 „Wir geben es Eurer Gnaden,“ riefen die jun⸗ gen Männer dankbar, weil ſie jetzt feſt überzeugt waren, daß der Herzog ihnen freundlich geſinnt ſei. Das Anerbieten wurde angenommen, und der Diener, welcher nächſt dem ermordeten Haushofmeiſter vorausſichtlich mit Schloß Arran am genaueſten be⸗ kannt war, wurde gerufen. Unter ſeiner Führung und in Begleitung des Herzogs und Alick Campbell's unterſuchte der General jeden Winkel und jede Ecke des Gebäudes. Kein Keller oder Thürmchen blieb unerforſcht; aber nirgends fand ſich eine Spur des königlichen Flüchtlings. „Ich hoffe, Sie werden jetzt befriedigt ſein,“ bemerkte Argyle. Gueſt verbeugte ſich. Es wäre unrichtig, zu ſagen, daß er ſich befriedigt fühlte; aber jedes Plätz⸗ chen war durchforſcht worden, und ſo war er über⸗ zeugt, daß, wenn der Prinz wirklich in Arran ſich verborgen halte, der Verſteck ſo gut gewählt ſei, daß er ihn nicht ausfindig machen könne. Unmittel⸗ bar darauf verabſchiedete er ſich, nachdem er zuvor noch pflichtmäßig den Herzog aufmerkſam gemacht, daß er der Regierung mit ſeinem Kopfe für die ſichere Gefangenhaltung Sir Allan Glencairn's und deſſen Geführten zu bürgen habe. Noch in derſelben Nacht wurde ein Dragoner mit einem Schreiben an den Herzog von Cumberland nach Perth abgeſchickt. Lady Arran ſaß, von Todesangſt erfüllt, in ihrem Ankleidezimmer. Sie wußte, daß ihr Neffe von ſei⸗ nem königlichen Freunde ſich nicht getrennt hatte, und ſie tadelte ſich bitterlich über die Eile, mit wel⸗„ 241 cher ſie den Speiſevorrath aus dem geheimen Zim⸗ mer entfernt hatte. Ein Verſuch, im jetzigen Augen⸗ blick dahin zurückzukehren, wäre mit zu vielen Gefahren verbunden geweſen, denn ſie war von tau⸗ ſend Augen argusartig bewacht. „Der Arme muß, wie ſein Vorfahre, der Herzog von Rothſay, verſchmachten!“ murmelte ſie. Es war dieß eine Anſpielung auf das Schickſal des unglücklichen Erben der ſchottiſchen Krone, wel⸗ ches Sir Walter Scott ſo beredt beſchrieben hat. Ihre Träumereien wurden durch das Eintreten ihres Neffen Alick unterbrochen. Ein triumphiren⸗ des Lächeln lag auf dem Geſichte des Böſewichts. Er hatte ſich in dem Zimmer, wo ſein Vetter ſich aufhielt, verborgen und aus der Unterredung der argloſen Gefangenen genug erlauſcht, um beiläufig zu wiſſen, wo der Chevalier ſich verborgen hielt. „Alick?“ rief die Gräfin aus, von ihrem Stuhle aufſpringend. „Ja, Alick, Tante, der gekommen iſt, um einige Worte mit Ihnen zu reden, wie ſchlecht Sie ihn auch behandelt haben. Ich will die Sache nicht auf's Aeußerſte treiben, wenn Sie ſich herbeilaſſen, mir eine Frage zu beantworten.“ „Sprich ſie aus.“ „Wo iſt der Eingang in das Zimmer Roberts des Starken? Alles Leugnen hilft nichts. Es exi⸗ ſtirt ein ſolches Zimmer; denn ich hörte das Geſpräch Ihres Lieblings Allan mit an. Ich werde es zu finden wiſſen, und ſollte ich deßhalb Arran von Grund aus zerſtören und unter den zuſammenge⸗ Der junge Prätendent. I. 16 242 ſtürzten Thürmen nachgraben müſſen. Wenn Sie alſo Ihre Ländereien retten wollen, ſo rücken Sie mit der Sprache heraus. Wo iſt es?“ Das Geſicht der alten Dame wurde leichenblaß, doch verließ ſie die Geiſtesgegenwart ihres Geſchlechtes keinen Augenblick. Sie beſchloß, lieber ihren Kopf, wenn es ſein müßte, auf den Block zu legen, als den letzten Sprößling der Stuarts der Wuth ſeiner Feinde preiszugeben. „Suche es ſelbſt!“ rief ſie aus.„Keiner meiner Finger ſoll Dir den Weg zeigen, oder meine Zunge ihn nennen. Vollende das Werk des Haſſes und der Bosheit. Richte eine alte Verwandte zu Grunde — belade deinen Namen mit Schmach und werde jedem ehrlichen Menſchen in Schottland ein Gegen⸗ ſtand der Verachtung!“ „Ganz nach Ihrem Belieben!“ erwiderte der Böſewicht, kalt ſich wegwendend.„Gueſt wird weniger geneigt ſein wie ich, ſich mit Ihnen in lange Unter⸗ handlungen einzulaſſen. Meine Rache wird dadurch befriedigt, denn Argyle wird in Ihr Schickſal hin⸗ eingezogen, da Niemand glauben wird, daß er von dem Plan, den Chevalier zu retten, nichts wußte.“ „Alick, bleibe— noch ein Wort. Welche Summe vermag dein Stillſchweigen zu erkaufen?“ „Nicht Ihr ganzes Vermögen.“ „Aber die Ländereien von Arran— nach mei⸗ nem Tode,“ fuhr die Gräfin fort.—„Nach meinem Tode— und das wird nicht lange mehr anſtehen, — wenn ich dieſe Stunde noch eine Urkunde unter⸗ zeichne, mit der Zeugſchaft des Herzogs und des Generals Gueſt verſehen, in welcher ich auf meinen„ 243 ſeffen Alick Campbell die unbedingte Nachfolge in meinen Ländereien übertrage. Wird das nicht Dein Stillſchweigen zu erkaufen vermögen?“ Der hartherzige Intriguant ſchwieg. Die Erb⸗ ſchaft von Arran war von jeher das Endziel aller ſeiner Beſtrebungen geweſen, und das Glück ſchien ſie ihm in die Hände ſpielen zu wollen. Er kannte die Regierung in dieſem Punkte zu genau, als doß er einen Augenblick hätte glauben können, dieſelbe werde ihm zumuthen, zumal wenn der Herzog von Cumberland ſeine Anſprüche begünſtigte, auf eine ſo lockende Ausſicht zu verzichten. Der Geiz war in ihm noch mächtiger als die Rachſucht. „Wenn ich glauben könnte, daß Sie aufrichtig ſprächen,“ murmelte er. „Du ſelbſt ſollſt den Wortlaut der Urkunde dictiren.“ „Sie muß morgen zu früheſter Stunde unter⸗ zeichnet ſein.“ „Noch heute Nacht, wenn Alles vorbereitet wer⸗ den kann.“ Aber immer noch zögerte Alick. Eine Ahnung ſchien ihm zuzuflüſtern, daß der Vorſchlag einen Fall⸗ ſtrick enthalte. „Meinetwegen,“ ſprach er,„ich willige ein; aber unter einer Bedingung, die mir Garantie leiſtet.“ „Nenne dieſelbe.“ „Daß Sie in dieſer Stunde noch mich an den Eingang des Zimmers Roberts des Starken führen oder mich wenigſtens in den Stand ſetzen, allein dahin zu gelangen.“ „Nein, nein,“ rief die Gräfin,„nie!“ 244 „Dann ziehe ich mein Wort zurück.“ „Alick,“ fuhr die Gräfin tief ergriffen fort,„Du weißt nicht, was Du verlangſt. Ein furchtbares Geheimniß hängt damit zuſammen. Ich beſitze nicht Geiſtesſtärke, nicht Muth genug, daſſelbe mitzuthei⸗ len. Ich bin eine alte Frau, habe nicht lange mehr zu leben;— um meinetwillen— um Deiner ſelbſt willen— verlange das nicht, ſondern begnüge Dich mit den Gütern.“ „Nein!“ „Iſt dieß Dein letztes Wort?“ fragte die Tante. „Es iſt's.“ „Dann mag der Himmel in unſerer letzten Stunde zwiſchen uns richten!“ rief Lady Arran, indem ſie raſch von ihrem Stuhle aufſtand und ein Glas Waſ⸗ ſer hinunterſtürzte.„Du haſt mich auf's Aeußerſte getrieben; aber da nichts dich abzubringen vermag, ſo ſollſt du befriedigt werden. Folge mir.“ Zugleich öffnete die Gräfin den Schrank, in wel⸗ chem Sie den Schlüſſel verborgen hielt, und forderte Alick auf, die Lampe zu nehmen und ihr durch die Gallerie zu folgen. Er that, wie ihm geheißen war, und ſo gelangten Beide unbemerkt in das Zimmer, in welchem ſich der geheime Eingang befand. „Schiebe den Riegel zurück,“ flüſterte die Lady matt. Alick gehorchte ber Anweiſung. Die Feder wurde berührt und der Schlüſſel nach dem Geheiß der Gräfin in die Oeffnung ge⸗ ſteckt. Die Thüre drehte ſich ſchwer um ihre eiſerne Achſe; es war wie der Schall eines ſich öffnen⸗ den Grabes. Unſere Leſer werden ſich ohne Zweifel„ 245 erinnern, daß der Eingang zwei Oeffnungen hatte, wovon die engere zu dem geheimen Zimmer, die weitere aber diejenigen, welche nicht im Beſitze des Geheimniſſes waren, einem gräßlichen Tode in die Arme führte. „Biſt du jetzt befriedigt?“ ſagte die Gräfin. „Ich werde es ſein, ſobald ich mich vergewiſſert habe, wohin dieſer Gang führt.“ „Alick,“ rief die Tante, auf die Kniee ſinkend, „wenn du meine grauen Haare ſchonen willſt, ſo dringe nicht weiter vor. Es iſt dieß der Eingang in die Schatzkammer Roberts des Starken. Ich ſchwöre Dir dieß bei meiner Hoffnung auf das Heil meiner Seele— bei den Gebeinen unſerer gemeinſchaftlichen Vorfahren zu. Sei edelmüthig und gib mir nur dießmal nach.“ „Sie wollen mich täuſchen.“ „Nein, bei meiner Seele!“ „Ich habe zu oft ſchon Eiden getraut, als daß ich mich abermals durch einen bethören ließe. Schrei⸗ ben Sie es ſich nur ſelbſt und Ihrer unnatürlichen Vorliebe für diejenigen zu, die Ihrem Blute fremd ſind, daß ich auf meinem einmal gefaßten Vorhaben beharren bleibe.“ Lady Arran erhob ſich von ihren Knieen, und die Augen traurig auf Alick geheftet, ſank ſie halb ohnmächtig auf einen Stuhl. „Sie muß artige Schätze aufgeſpeichert haben,“ murmelte der Elende vor ſich hin, indem er auf's Neue die Lampe ergriff und der Heffnung ſich näherte. „Ich ſoll nicht hineindringen? Pah! Glaubt denn 246 die alte Närrin, ich ſei ein Mann, den Bitten zu bewegen vermögen?“ Als er ſich vorſichtig der weitern Oeffnung näherte, ſaß Lady Arran, die Augen ſtier, wie von dem Blick einer Schlange gebannt, auf ihn gerichtet da. Die Muskeln ihres Geſichtes verzerrten ſich con⸗ vulſiviſch; dennoch entſchlüpfte ihr kein Wort. End⸗ lich ſetzte er den Fuß auf die verhängnißvolle Fall⸗ thüre— ſein Gewicht drückte die Federn, welche die Maſchine in Bewegung ſetzten, hinab. Mit einem Schrei der Verzweiflung ſtürzte er in den Abgrund, in welchem die um ihre Achſen rollenden Räder ſei⸗ nen Körper zermalmten und ſeine Knochen zerſchmet⸗ terten. Ein tiefer Seufzer, welcher der Bruſt der Gräfin entſtieg, zeigte an, daß Alles vorüber ſei. „Das Auge über uns wird zwiſchen uns richten!“ ſtöhnte ſie;„nicht um meines Goldes oder meiner Ländereien, ſondern um des letzten Sprößlings der Stuarts willen habe ich meines Bruders Sohn geopfert!“ Nachdem dieſe Worte ihren Lippen entſchlüpft waren, fiel die alte Dame beſinnungslos auf den Boden des Gemachs. 247 Achtunddreißigſtes Kapitel. Der Tag fing bereits an zu dämmern, als Lady Arran, nachdem ſie aus ihrer Ohnmacht ſich wieder erholt hatte, in das Zimmer ihrer Nichten trat. Ihr Geſicht war bleich und ernſt, und die Entſchloſſenheit der vergangenen Nacht lag darauf. Die Waiſen ſchliefen noch,— aber nicht jenen ruhigen, erquicken⸗ den Schlummer, wie ihn die ſorgenloſe Jugend zu genießen pflegt,— ſondern jenen aufgeregten, un⸗ ruhigen Schlaf, den Seufzer, Thränen und erſchreck⸗ liche Träume zu unterbrechen pflegen. „Arme Geſchöpfe! arme Geſchöpfe!“ rief die Tante leiſe aus;„meine eigenen Leiden haben mich ſchwer mitgenommen; in dieſem Alter aber iſt es hart, mit ſo ſchweren Sorgen zu kämpfen, welche das innerſte Mark verzehren und die Roſe der Ge⸗ ſundheit von den Wangen verſcheuchen. Es iſt aber jetzt keine Zeit zum Lamentiren oder Zögern. Die Schlange iſt zwar zertreten; aber das Gift ihres Biſſes wirkt fort. Der Prinz muß um jeden Preis gerettet werden. Es wäre eine Schmach für den Namen Arran, wenn er unter meinem Dache gefan⸗ gen genommen würde.“ Mit dieſen Worten näherte ſie ſich ſachte dem Bette und drückte einen Kuß auf die Wange der ſchlafenden Alice. Das arme Mädchen öffnete die Augen und wollte eben beim Anblick der Tante zu ſo ungewohnter Stunde in ihrem Zimmer ihr Er⸗ ſtaunen ausſprechen, als eine ausdrucksvolle Ge⸗ 248 berde der Gräfin ſie zurückhielt. Einem gegebenen Zeichen folgend— denn die alte Dame ſprach nicht, aus Furcht, Conſtance zu erwecken— gleitete ſie ſachte von ihrem Lager herab, zog ſich eilig an, und begab ſich ſodann in das anſtoßende Zimmer. „Nun,“ rief das beängſtigte Mädchen,„was hat ſich zugetragen?“ „Etwas, was mir in Erinnerung bleiben wird, ſo lange dieß Herz noch fühlen oder der Puls noch ſchlagen wird,“ erwiderte Lady Arran,—„eine That, zu gräßlich für Worte. Verſchone mich jetzt mit allen Fragen und höre lieber meine Anwei⸗ ſung an.“ „Allan! Allan!“ ſeufzte die Jungfrau. „Iſt ſicher; für den Augenblick wenigſtens. Argyle hat ſich verbindlich gemacht, ihn als Gefangenen nach London zu führen, wo er wenigſtens ein ehr⸗ liches Gericht finden und nicht kaltblütig hingeſchlach⸗ tet werden wird. Wir müſſen ihm dahin folgen, Alice. Gold wird bei dem Miniſter und bei deſſen noch viel beſtechlicherem Herrn viel ausrichten. Mei⸗ nes Bruders Einfluß iſt bedeutend und der meinige nicht zu verachten. Wir werden Freunde— mäch⸗ tige Freunde finden. Es iſt aber nicht Sir Allan, von dem ich in dieſem Augenblick ſprechen will.“ „Von wem denn?“ „Von dem Prinzen.“ „Iſt denn dieſer nicht ſicher in einem Schlupfwin⸗ kel der Hochlande?“ fragte Alice. „Er iſt auf dem Punkte, in dem Zimmer Roberts des Starken zu verſchmachten,— in demſelben Hauſe zu verſchmachten, mit welchem ſeine Vorfahren uns — — 249 belehnten,— unter dem Dache der Arran zu ver⸗ ſchmachten.“ „Entſetzlich!“ rief Alice ſchaudernd aus. „Es iſt jetzt nicht Zeit zum Klagen, ſondern zum Handeln,“ fuhr die Lady fort.„Ich habe zu meiner Zeit vielen Stürmen die Stirne geboten,— viel erduldet,— beſaß ein Herz von Eiſen und Nerven von Stahl; aber für all das, was ich verloren und betrauert habe, vermöchte ich nicht noch einmal einen Fuß in das fatale Zimmer zu ſetzen!“ „Weßhalb nicht, liebe Tante?“ „Frage mich nicht,“ unterbrach ſie die Gräfin ſchaudernd,„frage mich nicht! Der bloße Gedanke daran raubt mir alle Kraft; eine Auseinanderſetzung würde mich wahnſinnig, ja wahnſinnig machen, Alice! So ſchlecht er auch war,“ murmelte ſie vor ſich hin, „ſo war er doch meines Bruders Sohn! Höre mich,“ fuhr ſie fort;„Du mußt für eine Zeit lang deinen eigenen Schmerz vergeſſen und ſo handeln, als wäreſt Du leichten Herzens und frohen Sinnes. Ich habe von dem ſächſiſchen General einen Paß für Dich und Deine Dienerin nach der Inſel Skye ver⸗ langt. Er hat ihn mir zugeſtanden.“ „Wozu aber dieſe Reiſe?“ „Um den Prinzen in Stand zu ſetzen, dich zu begleiten.“ Es wurde nun verabredet, daß Alice zu dem königlichen Flüchtling in ſein Verſteck hinabgehen und demſelben Verkleidung und Speiſen bringen ſolle. Sobald er ſich gehörig erquickt habe, ſolle er ſodann im Innern des Schloſſes erſcheinen. „Geh,“ ſagte die Tante, ſobald ihre Nichte den Plan gehörig gefaßt hatte.„Es handelt ſich um die Rettung des letzten Sprößlings der Stuarts. Geh' und Du wirſt keines Beſchützers bedürfen.“ Den Anweiſungen der Tante folgend, die ihr auf's Eindringlichſte einſchärfte, welchen Gang ſie wählen ſolle, wenn die geheime Thüre geöffnet ſei, machte ſich Alice auf den Weg, um ihr Werk der Ergebenheit und Barmherzigkeit auszuführen. Nach⸗ dem ſie die Thüre des gewölbten Zimmers wieder ſorgfältig hinter ſich abgeſchloſſen, ſteckte ſie den Schlüſſel in die Füllung und die verhängnißvolle Thüre drehte ſich abermals um ihre Achſe. Das arme Mädchen bemerkte mit Schrecken einen Blut⸗ ſtreifen auf dem Boden der weiteren Heffnung. Doch ahnte ſie entfernt nicht, daß dieß das Blut ihres grauſamen Vetters und ſchlimmſten Feindes, Alick Campbell's, war. Beim Scheine ihrer Lampe ſtieg ſie furchtlos die Wendeltreppe hinab und gelangte ſo in das geheim⸗ nißvolle Gemach. Anfangs war es ſo dunkel, daß ſie nicht zu unterſcheiden vermochte, ob es bewohnt ſei oder nicht. Allmählig unterſchied ſie aber eine Geſtalt, die vor einem Theile der Mauer knieete, wo irgend eine Hand, wahrſcheinlich die eines Ge⸗ fangenen, um die einſamen Stunden der Gefangen⸗ ſchaft ſich zu verkürzen, eine rohe Nachahmung eines Altars hingezeichnet hatte. Es war der Prinz, der ſich von Allen, nur von Gott nicht, für verlaſſen hielt und zu dieſem ſein Gebet ſchickte. So groß ſein eigenes Leid war, ſo wandten ſich doch ſeine erſten Gedanken ſeinen Freunden zu. „Barmherziger Engel!“ rief er aus.„Sprich, 251 wo iſt Sir Allan und der tapfere Crawford? Be⸗ ruhige mich nur darüber, daß ſie in Sicherheit ſind, und ich kann die Vosheit meiner Feinde verlachen.“ „Gefangen ſind ſie,“ ſeufzte Alice, vergebens be⸗ müht, ihre Thränen zu unterdrücken;„beide ſind Gefangene. Glauben Sie denn, daß wenn deren Glieder frei wären, dieſelben Sie im Elend und Mangel verlaſſen und Sie mit ängſtlichem Auge und zweifelndem Herzen auf ihre Rückkehr warten ließen?“ „Sie thun mir Unrecht, Lady, wenn Sie glau⸗ ben, daß ich an dieſen Freunden zweifle,“ verſetzte Carl Eduard ſtolz.„Ich wurde von vielen, die ich für meine Freunde hielt, hintergangen und betrogen; aber wenn ich auch nie wieder ein Wort von Allan und dem armen Crawford gehört hätte, ſo würde ich doch, welcher Tod mich auch getroffen, nie an deren Treue gezweifelt haben. Sie ſollen aber nicht um meinetwillen ſterben, denn ich beſitze ein ſicheres Mit⸗ tel zu ihrer Rettung.“ Alice's Augen funkelten bei dieſem Wort; es ſchien für einen Augenblick, als wenn das Gewicht, das ſo ſchwer auf ihrem Herzen und ihrer Seele laſtete, plötzlich weggenommen worden wäre. „Gott ſegne Sie dafür, Prinz!“ rief ſie aus. „Gott ſegne Sie, Prinz, für dieß Eine Wort. Sie können ſie alſo retten?“ „Ja, mit Ihrer Beihilfe.“ „Fürchten Sie nicht, daß irgend Etwas mir zu Viel ſein könnte. Ich bin ſtark— o, Sie wiſſen nicht, wie ſtark ich in einem ſolchen Falle bin! Was muß ich thun? was ſagen? was unternehmen? Ich 252 thue Alles— ja Alles für Allan's und Crawford's Leben!“ Carl Eduard blickte ſie eine Zeitlang mit traurigem Ernſte an. Eine Thräne trat in ſein glänzendes blaues Auge, die er aber ſchnell abwiſchte. „Wie könnte ich zögern,“ ſprach er;„wie koſtbar auch das Opfer iſt, ſo iſt es des Preiſes werth. Sie kennen doch den Prinzen Wilhelm von Hannover, der ſich Herzog von Cumberland nennen läßt? den Henkerherzog?“ s erwiderte ſchaudernd, daß ſie ihn geſehen abe. t „Gut. Sagen Sie dieſem, daß der Erbe der Stuarts in dieſem Zimmer ſich befindet— bieten Sie ſich an, ihn hieher zu führen, und verlangen Sie als Preis für ihren Dienſt das Leben meiner beiden Freunde; er wird es Ihnen nicht abſchlagen. Denn kein Bräutigam ſehnt ſich ſo ſehr nach der Umarmung ſeiner Braut, kein todesmüder Wanderer in der Wüſte dürſtet ſo ſehr nach dem kühlenden Trunk aus einer Quelle, als er nach meinem Blute dürſtet.“ Bei dieſen Worten ſchwand allmählig die Farbe wieder, welche Hoffnung auf Alice's Wangen hervor⸗ gebracht hatte. Tauſendmal lieber hätte ſie nicht nur den Tod ihres Liebhabers, ſondern auch ihren eigenen und den Tod Aller, die ſie liebte, vorgezogen, als Allan um dieſen Preis zu retten. „Mag der Himmel Ihnen verzeihen!“ rief ſie, in Thränen ausbrechend;„aber Sie haben mich mit einer grauſamen Hoffnung getäuſcht!“ 25⁵3 „Ich hätte Sie getäuſcht, Lady? Ich verſichere Sie, daß ich im Ernſte ſpreche.“ „Und denken Sie von mir und Allan ſo gering,“ fuhr Alice fort,„daß eines von uns Beiden um ſolchen Preis Rettung erkaufen möchte? Er würde mich verachten, aber ſicher nicht mehr, als ich mich ſelbſt verachten würde. Prinz, läge ſein Haupt auf dem Blocke, und die ſchwarze, verrätheriſche Hand⸗ lung, die Sie ſpeben genannt, könnte ihn retten, ſo würde ich lieber mit eigener Hand, wenn auch mein Herz darüber ſich verblutete, das Zeichen zum Todesſtreiche geben, als ihn entehrt leben zu ſehen. Es iſt beſſer, ihn als todt zu beweinen, als ihn lebend zu verachten.“ Vergebens drang Carl Eduard, deſſen Anerbieten, ſeine Freunde zu retten, aufrichtig gemeint war, in das unglückliche Mädchen, ſeinen Vorſchlag anzu⸗ nehmen. Weil ihr die Worte fehlten, antworteten ihre Thränen für ſie. Während der Prinz die Speiſen zu ſich nahm, die ſie mitgebracht— er hatte ſeit nahezu achtund⸗ vierzig Stunden gehungert— theilte Alice in Kürze den Plan ihrer Tante zu ſeiner Rettung mit und breitete auf dem alten Schrank die verſchiedenen Ver⸗ kleidungsgegenſtände aus, die ſie hiezu beſtimmt hatte. Carl lächelte bei dem Gedanken, weibliche Klei⸗ dung anlegen zu ſollen. Er fühlte, daß er ſich zum Geſpötte machen müſſe, wenn er gefangen genommen würde: und obgleich er nicht viel auf äußeres, ſeiner Geburt zukommendes Gepränge hielt— denn als Soldat miſchte er ſich ungezwungen unter ſeine unter⸗ gebenen Hochländer— ſo war er doch ſehr eifer⸗ 254 ſüchtig auf ſeine Würde als Mann. Zuletzt trug aber doch Klugheit über jedes andere Bedenken den Sieg davon, und nachdem er ſein Mahl beendet, willigte er ein, die Kleider einer Bauerndirne anzu⸗ ziehen. Da er von ſchmächtiger Geſtalt war, ſo ge⸗ lang die Verkleidung vollkommen. Das einzige Auf⸗ fallende an ſeiner Erſcheinung war ſeine Größe und ſein Gang, welche beide einem genauen Beobachter ihn wohl hätten verrathen können. Noch ehe die Bewohner des Schloſſes aufgeſtan⸗ den waren, hatten Alice und der Flüchtling das geheime Zimmer verlaſſen und das Ankleidezimmer der Gräfin erreicht. Die drei Damen ſaßen an der Frühſtückstafel, und an ihrer Seite zu Meg's großem Entſetzen die neue Kammerjungfer. Die alte Kammerfrau hielt ſehr viel auf ſtrenge Etikette und konnte es gar nicht begreifen, wie einer Bauerndirne, die offenbar gar nichts von den Geheimniſſen der Toilette ver⸗ ſtund, eine Ehre zu Theil werden konnte, welche ſie während ihrer langen Dienſtzeit nie zu genießen ge⸗ habt hatte. „Meine Lady iſt verrückt geworden,“ murmelte ſie;„rein verrückt. Wer hat es wohl je geſehen, daß eine Hochländerdirne an der Tafel der Gräfin von Arran es ſich hätte behagen laſſen dürfen?“ Eben als das Mahl zu Ende war, wurden der Herzog von Argyle und General Gueſt gemeldet. Obgleich der Letztere begreiflicher Weiſe den Paß zugeſtanden hatte, den er im Hinblick auf die nume⸗ riſche Ueberzahl der Streitkräfte des Häuptlings nicht hätte verweigern können, ſo ſagte ihm doch 255 eine Ahnung, daß nicht Alles in Ordnung war⸗ und er beſchloß deßhalb, die Dienerin in Augen“ ſchein zu nehmen, welche die junge Lady auf ihrer Reiſe begleiten ſollte. „Raſch— raſch!“ rief die Gräfin dem Prinzen zu.„Machen Sie ſich an das Packen des Koffers Ihrer jungen Gebieterin!“ Carl Eduard gehorchte dem Winke und fing an, Atlas⸗ und Seidekleider auf eine Weiſe in den Man⸗ telſack zu ſtopfen, daß Meg darüber ſich auf's Höchſte entſetzte. Erſt nachdem die beiden Schweſtern haſtig das Gedeck und den Becher bei Seite geſchafft hatten, wodurch die Theilnahme einer vierten Perſon an dem Mahle verrathen worden wäre, fing die alte Jungfer an zu merken, daß die neue Kammer⸗ zofe wohl nicht das ſei, was ſie ſcheinen ſolle; ein Verdacht, der ſich durch deren Ungeſchicklichkeit und ungewöhnliche Größe zu beſtätigen ſchien. Ob⸗ gleich ſie einige Eiferſucht anwandelte, daß ihre Gebieterin ihr nicht ihr Vertrauen geſchenkt hatte, ſo war ſie derſelben doch zu treu ergeben, als daß ſie einen Augenblick gezögert hätte, Alles, was in ihrer Macht ſtand, zu thun, bei der Täuſchung mit behilflich zu ſein. Sie ſtellte ſich daher eben⸗ falls an den Mantelſack und fing eben an deſſen Inhalt beſſer zu ordnen und zu glätten, als der Her⸗ zog und der General in das Gemach traten. „Und wann wird meine ſchöne Verwandte ab⸗ reiſen?“ fragte der Herzog lächelnd. „In einer Stunde etwa, Bruder!“ erwiderte die Gräfin. S 256 „Hier iſt der General,“ fuhr Seine Gnaden fort, „der, wie ich glaube, in der Abſicht gekommen iſt, ſich zu verſichern, ob der Prätendent nicht in dem Reiſeſack verborgen iſt oder unter dem Regenmantel wegeskamotirt wird.“ Die Bemerkung kam ſo unerwartet, daß ſowohl ſeine Schweſter, wie ſeine Nichten, darüber betreten wurden. In dieſem Augenblicke machte Meg, welche plötz⸗ lich den ganzen Stand der Dinge zu begreifen ſchien, eine Diverſion zu deren Gunſten. „Der Himmel verzeihe dieſer ungeſchickten Schlampe! So wahr ich eine Chriſtin bin, ſie hat unſrer Lady grünes Sammtkleid auf der Rückſeite zuſammengelegt! Madge— Madge!“ fuhr ſie, an den Prinzen ſich wendend, fort.„Deine Mutter war ſehr geſchickt und verſtand Seidenſtoffe zu behandeln; Du biſt aber nur im Viehſtall zu gebrauchen, wo Du auch auf⸗ gewachſen biſt.“ „Was liegt an dem Sammt!“ ſagte Alice ge⸗ laſſen.„Madge iſt mehr als geſchickt; ſie iſt treu.“ „Das iſt wahrhaftig ein großes Verdienſt,“ ſagte die alte Perſon mit verächtlichem Kopfſchütteln.„Iſt ſie nicht auf den Gütern meiner Lady geboren? Daß ſie treu iſt, verſteht ſich von ſelbſt.“ „Schweig, Meg!“ rief die Gräfin, auf's Höchſte erfreut über die treue Seele;„Du vergißſt, wer da iſt.“ „Dieſe Dirne iſt alſo Ihre Dienerin?“ fragte der General, überraſcht von der ungewöhnlichen Größe des Prinzen, deſſen linkiſche Höflichkeit und 257 unwilliges Erröthen über die plumpe Anrede wohl für bäuriſche Verſchämtheit ausgelegt werden konnte. „Ein ganz tüchtiges Weib für einen Hochländer,“ bemerkte der Herzog, indem er zugleich dem ver⸗ meintlichen Mädchen das Kinn ſtreichelte. Glücklicher Weiſe hatte Gueſt in dieſem Augenblicke eine Be⸗ merkung der Lady Arran zu erwidern, ſonſt hätte er das augenſcheinliche Erſtaunen Argyle's und deſſen fragenden Blick bemerken müſſen, als dieſer den Bart des jungen Chevalier fühlte, der übrigens ſeiner lichten Farbe wegen nur bei genauer Beſich⸗ tigung bemerkbar war. Seine Gnaden beſaß aber ſtarke Nerven und erlangte alsbald die Faſſung wieder. „Sobald Sie zur Abreiſe bereit ſind,“ fuhr er fort,„ſoll eine Abtheilung meines Clans meine ſchöne Verwandtin begleiten. Wir müſſen Sie ſowohl gegen die Gefahr der rohen Galanterie der Truppen des Generals, als gegen die Möglichkeit des Zu⸗ ſammentreffens mit einer umherſtreifenden Partie Flüchtlinge, die in den Bergen verborgen ſind, ſicher ſtellen. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn Ihnen irgend ein Unfall zuſtieße.“ Dieſe Worte waren zwar allerdings an Alice gerichtet, deren Hand in der ſeinigen lag, aber der Blick, welcher dieſelben begleitete, galt Carl Eduard und ſollte dieſem andeuten, daß ſein Unglück geachtet und ſein Geheimniß bewahrt werde. Zur feſtgeſetzten Stunde wurden die Pferde der beiden Reiſenden unter das große Thor des Schloſſes gebracht, wo eine Abtheilung von zwölf Mann aus Der junge Prätendent. II. 17 258 Argyle's Clan, bis an die Zähne bewaffnet, warteten, um die Reiſende zu escortiren. Gueſt bemerkte mit einigem Erſtaunen, daß die Blüthe des Clans aus⸗ gewählt worden war, lauter Leute von einem ge⸗ wiſſen Alter, deren lang erprobte Treue ihrem Häupt⸗ linge vollkommenes Vertrauen zu ihnen einflößte. „Sprechen Sie mit dem General,“ flüſterte Ar⸗ gyle ſeiner Schweſter zu, welche mit Conſtance unter dem Thorwege ſtand und ängſtlich die Abreiſe des Prinzen bewachte.„Er darf nicht ſehen, wie Ihre neue Dienerin ſich in den Sattel ſchwingt, weil ſein ſcharfes Auge ſogleich Verdacht ſchöpfen würde.“ Die Gräfin befolgte den Wink, und während Gueſt den Rücken wandte, beſtieg Alice mit des Herzogs Hilfe ihr Pferd und Meg half Madge in den Sattel. „Reiten Sie vorſichtig, ich beſchwöre Sie,“ flü⸗ ſterte Meg;„feindlich geſinnte Augen bewachen Sie, und hüllen Sie ſich ſorgfältig in das Plaid. So iſt's recht. Leb wohl, Pirne!“ ſetzte ſie laut hinzu. „Paß' auf, daß Deiner jungen Lady nichts zuſtößt und grüße unſre Baſen, die Anderſons, drüben auf der Inſel.“ „Haſt Du ihnen nichts zu ſchicken?“ fragte der Prinz, bemüht, eine weibliche Stimme nachzuahmen, und weil er kaum recht wußte, was er ſagen ſollte. Seine Lage war in der That ſehr kritiſch. „Allerdings,“ erwiderte die alte Jungfer feierlich, „Du kannſt ihnen einen Kuß von mir bringen; und damit Du ihn nicht vergiſſeſt, ſo neige Deinen Kopf herunter, damit ich ihn Dir mitgeben kann.“ 259 Carl that, wie er geheißen worden war. Der Dienſt, welchen die Alte ihm geleiſtet, verdiente wohl die Belohnung, welche er überdieß, wie die meiſten Prinzen des Hauſes Stuart, irgend einer Frau ab⸗ zuſchlagen zu galant geweſen wäre. Meg gab den Kuß mit Stolz zurück, denn es war dieß ein Ereig⸗ niß, auf welches ſie noch im höchſten Alter ſtolz ſein durfte. Sie war von dem letzten Prinzen des königlichen Hauſes Stuart geküßt worden! Von dieſem Tage an wurde ſie eine wüthende Jacobitin, und ſie hätte hundertmal ihr Leben daran geſetzt, wenn ihr durch dieſes Opfer es möglich geworden wäre, das gute Carlchen zurückzuführen. Der Gräfin und deren Bruder lag zu viel an der Abreiſe des Chevalier, als daß ſie ſo lange Abſchied genommen hätten. Sie faßten ſich möglichſt kurz und die Reiſenden nebſt deren Escorte machten ſich in raſchem Schritte auf den Weg, den ſie nicht eher verkürzten, bis ſie Schloß Arran aus dem Geſichte verloren hatten. „Sie haben ein kühnes Spiel gewagt, Schweſter,“ bemerkte der Herzog leiſe, ſobald er mit dieſer allein war.„Gebe der Himmel, daß es gelinge! Arme Alice! Welcher Muth— welch ächte Ergebenheit! Während ihr Herz über das Schickſal ihres Lieb⸗ habers blutet, ihr Geiſt zwiſchen Furcht und Hoff⸗ nung ſchwankt, hat ſie ſich in eine Gefahr begeben, vor welcher mancher Mann, welcher dem Tod auf dem Schlachtfelde in's Angeſicht geſehen, zurückbeben würde.“ „Argwöhnen Sie denn etwas?“ flüſterte die Gräfin. 260 „Ich argwöhne nichts, ſondern weiß Alles,“ fuhr der Herzog fort.„Glauben Sie denn, ich hätte aus bloßer Laune ein Piket meiner Leute mit ſpeciellen Befehlen mitgeſchickt?“ „Mit was für Befehlen?“ „Ihre Nichte und die Perſon, welche dieſelbe begleitet, wenn es ſein müßte, mit Aufopferung ihres Lebens zu vertheidigen. Nachdem wir aber jetzt dem Flüchtling durchgeholfen haben, wollen wir uns mit unſern eigenen Angelegenheiten und dem Wohl meiner Gefangenen beſchäftigen. Wir müſſen heute noch nach Edinburg abreiſen. Wenn Allan und deſſen Freund in des Herzogs Hände fielen, ſo würde kurzer Proceß mit ihnen gemacht werden.“ „Nach Edinburg ſollen wir reiſen?“ wiederholte ſeine Schweſter. „Wo ich ein Schiff bereit liegen habe, uns nach London zu bringen.“ „Und wollen Sie denn die jungen Männer her⸗ ausgeben— ſie den Händen ihrer Feinde überliefern? Gibt es denn kein Mittel, ſie zu retten? O, Ar⸗ gyle, Sie haben ein edles Herz. Glauben Sie denn, daß nach den vielen Dienſten, welche Sie dieſer auf⸗ gezwungenen Regierung geleiſtet, wenn Sie die armen Jungen entwiſchen ließen, Sie dafür haften müßten—“ „Nicht allein mit meinem Kopfe,“ unterbrach ſie der Herzog raſch,„ſondern auch mit denen meiner Kinder und meines ganzen Clans. Ueberſehen Sie nicht, daß ich neben der Theilnahme für das Unglück auch Pflichten gegen diejenigen zu erfüllen habe, die mir theuer ſind, die auf mich bauen. Schon jetzt ) 261 habe ich viel gewagt. Glauben Sie mir, daß ich nicht noch mehr wagen darf.“ Noch am ſelben Tage machte ſich der Herzog in Geſellſchaft ſeiner Schweſter und Conſtance's nach Schottlands Hauptſtadt auf den Weg. Crawford und der Baronet begleiteten ihn. Den armen Allan ſchmerzte die Abweſenheit Alice's tief, wie ſehr er auch die edelmüthige Ergebenheit bewunderte, welche ſie veranlaßt hatte, ein ſo ſchweres Opfer aus einem ſolchen Grunde zu bringen. Am Morgen darauf traf der Herzog von Cumberland, der unmittelbar nach Alick Campbell's Schreiben von Perth aufgebrochen war, an der Spitze eines Truppencorps in Arran ein, das ſtark genug war, jeden Widerſtand Argyle's gegen das Verfahren ſeiner Söldner nutzlos zu machen. Seine Wuth war grenzenlos, als er ſah, daß ſeine Beute ihm entwiſcht war. Er ſandte augenblicklich Befehle an den Commandanten der Streitkräfte in Edinburg, worin er dieſen aufforderte, nicht nur den Herzog feſtzunehmen, ſondern auch der Gefangenen deſſelben ſich zu bemeiſtern und dieſelben ſogleich vor ein Kriegsgericht zu ſtellen. Der Herzog hatte aber dieſen Schritt vorausgeſehen und, anſtattt die Stadt zu betreten, ſich gegen Leith gewendet, wo er ſeinem Clan befahl, ſtehen zu bleiben und ſich unter die Befehle des Prinzen zu ſtellen. Er ſelbſt und ſeine Begleiter ſchifften ſich aber auf dem bereitſtehenden Fahrzeuge ein und fuhren auf demſelben, von einem friſchen Winde begünſtigt, London zu. 262 Neununddreißigſtes Kapitel. Alice und deren Begleiter ritten einige Zeit ſtill⸗ ſchweigend neben einander her. Nachdem ſie ſich weit genug entfernt hatten, ſo daß ſie ſich vor jeder Beobachtung von Seite der Truppen des Generals Gueſt geſichert halten durften, zogen ſie faſt zu gleicher Zeit die Zügel an, und die vermeintliche Kammerjungfer begab ſich an die Seite ihrer Gebieterin. Die Hoch⸗ länder, welche von Argyle ihre Inſtructionen erhalten hatten, hielten ſich in gehöriger Entfernung und zeig⸗ ten auch nicht das geringſte Erſtaunen über die auf⸗ fallende Vertraulichkeit, ſondern ritten unbekümmert darum ihres Weges und ſahen nur darauf, daß ſiemand Verdächtiges ſich heranſchleiche. Capitän Mactaviſh, der die Abtheilung commandirte, war ein alter Krieger und verſtand ſich darauf, das Auge offen zu behalten. „Miß Arran,“ ſagte der Prinz,„wie kann ich Ihnen genugſam für das edelmüthige Opfer danken, das Sie gebracht haben, einen Mann zu retten, deſſen Sache ganz hoffnungslos geworden iſt, und zwar in einem Augenblicke, in welchem Ihr Geiſt ſich über das Schickſal eines Andern abquält, der Ihnen ſo theuer iſt? In einer Stunde, wie dieſe, fühlen wir erſt recht, was es heißt, treue Freunde zu beſitzen.“ Alice vermochte vor Thränen nicht zu antworten, die jetzt, nachdem die Aufregung ſich gelegt und für den Augenblick die Gefahr beſeitigt war, reichlich „—— 2——— 263 floſſen. Ihr Schmerz machte ſich mit aller Macht Luft und ſie weinte über Allan's und ihr Geſchick. „Laſſen Sie mich Sie nicht ſo ſehen,“ fuhr der Prinz fort,„und doch weiß ich, wie vergeblich jeder Troſt ſich zeigt, wenn das Herz, gleich dem Ihrigen, ſchwer beladen iſt. Ihr Liebhaber befindet ſich in den Händen Ihres Verwandten, deſſen Edelmuth mir heute bewieſen hat, daß er Alles, was in ſeiner Macht ſteht, thun wird, ihn von der Strafe zu er⸗ retten, welche ihn wegen ſeiner Ergebenheit gegen ſeinen Freund bedroht.“ „Der Herzog iſt allerdings ſehr edelmüthig,“ er⸗ widerte Alice;„aber er kann Unmögliches nicht möglich machen— das blutbefleckte Schwert den Händen derjenigen, die es führen, nicht entwinden, deren Heimtücke, ſo wie deren Argliſt entwaffnen. Sir Allan's Richter ſind eben ſo mitleidslos, als ſie mächtig ſind.“ „Er kann aber entkommen.“ Alice ſchüttelte traurig den Kopf. „Freundſchaft kann ſeine Gefängnißthüre unver⸗ ſchloſſen laſſen,“ bemerkte der Prinz;„ſo Etwas iſt ſchon oft da geweſen.“ „Und wenn es auch geſchähe,“ fuhr Alice ver⸗ zweifelnd fort,„ſo könnte Allan doch nicht entfliehen. Er iſt durch Bande gefeſſelt, die ſtärker ſind, als ſeine Feinde ſie zu ſchmieden vermögen,— durch die Bande der Ehre. Er hat Argyle ſein Wort ver⸗ pfändet; und Sie, die Sie ſeine Treue kennen, mö⸗ gen beurtheilen, welcher Art die Ausſicht, die Hoff⸗ nung iſt, daß er ſich veranlaßt finden könnte, das⸗ ſelbe zu brechen.“ 264 „Beim Himmel!“ rief Carl Eduard, tief ergriffen von Alice's Betrübniß und verzweiflungsvollem Tone, in welchem ſie ſprach.„Bereitwillig würde ich auf mein Recht auf den Thron meiner Väter verzichten, wenn ich dadurch Allan ſeine Freiheit verſchaffen könnte; aber das Opfer wäre vergeblich. Noch lebt mein Vater und nach mir gehen die Rechte unſerer Familie auf meinen Bruder York über. Allzu edelmüthige Alice! Warum nahmen Sie auch meinen Vorſchlag nicht an, der meinem Freunde die Freiheit geſichert hätte? Noch iſt es nicht zu ſpät. Cumberland befindet ſich noch in den Hochlanden und lauert wie ein Tiger auf das ihm entſchlüpfte Opfer. Ein Wort und—“ „Dieſes Wort kann von mir nie ausgeſprochen werden,“ ſagte Alice ruhig.„Allan würde ein Leben nie annehmen, welches durch ſo ehrloſe Bedingungen erkauft würde. Er würde mich verachten; ich müßte mich ſelbſt verachten. Wiel ich ſollte eine Ausnahme von der althergebrachten Treue meines Geſchlechts machen, und, wenn auch zur Rettung dieſes theuren Lebens, einen edlen Prinzen ſeinen bitterſten Feinden ausliefern! Unmöglich! Sprechen Sie nicht mehr davon!“ Obgleich General Gueſt dem äußern Anſchein nach überzeugt ſchien, daß die Begleiterin der jungen Dame das ſei, für was ſie ſich ausgab, ſo hegte er doch im Stillen einen Verdacht, in welchem er durch die Bemerkung eines ſeiner Soldaten, eines alten Kriegers, der den Feldzug in Flandern mitgemacht hatte, beſtärkt wurde. „Du wollteſt mir etwas ſagen,“ ſagte er zu) 265 Barton, als er, die Ereigniſſe von dieſem Morgen überdenkend, von Arran wegritt.„Deine vielſagenden Blicke ſind mir nicht entgangen. Was weißt Du?“ „Ich bin feſt überzeugt, daß wir hintergangen worden ſind.“ Sein Vorgeſetzter lächelte. „Madge— ſo heißt, glaube ich, die Begleiterin der jungen Dame, wenigſtens nannte ſie die Kammer⸗ jungfer der Gräfin ſo— mag wohl ein Frauen⸗ zimmer ſein, aber ſie hat ein verteufelt männliches Ausſehen. Haben Eure Ehren geſehen, wie ſie in den Sattel ſprang? Ich will mein Lebtag keinen Schluck Wein mehr trinken, wenn ſie nicht bald ritt⸗ lings aufgeſeſſen wäre.“ Der General erinnerte ſich, daß in dieſem Augen⸗ blicke die Gräfin einige Worte an ihn gerichtet hatte, um ſeine Aufmerkſamkeit abzulenken. Es iſt am Ende doch ein Flüchtling, dachte er; aber wenn es einer iſt, wer mag es ſein? Die Wittwe des alten Jacobiten, welche während des Kampfes ſich ſo klug benommen hat, daß man un⸗ möglich Beſchlag auf ihre Ländereien legen konnte, wird wohl kaum für einen gewöhnlichen Rebellen ſich einer Gefahr ausſetzen. Ihr Reffe oder deſſen Freund konnte es nicht ſein, da beide bereits Ge⸗ fangene ſind. Vergebens zerbrach er ſich den Kopf, und der Verdacht ſtieg in ihm auf, daß er überliſtet worden ſei und daß am Ende der von ihm unter⸗ zeichnete Paß gerade der Perſon zur Flucht be⸗ hilflich ſei, auf die er ſo eifrig fahndete. Der einzige Umſtand, der ihm Zweifel einflößte, war das Benehmen des Herzogs von Argyle, der während 266 des ganzen Aufſtandes ſich als der unzweifelhafte Freund des Hauſes Hannover gezeigt hatte. Für alle Fälle beſchloß er, den Irrthum, wenn er ſich einen hatte zu Schulden kommen laſſen, wieder gut zu machen, und rief den Major Hervey, einen Offi⸗ cier, auf den er ſich verlaſſen konnte, an ſeine Seite, theilte demſelben ſeinen Verdacht mit und beauftragte ihn, die Flüchtlinge zu verfolgen. „Soll ich ſie auch zurückbringen?“ fragte der Major. „Das wird von den Umſtänden abhängen; vor Allem werden Sie ſich vergewiſſeru, ob die Be⸗ 8„ gleiterin der Lady Alice wirklich ein Frauenzimmer iſt. Sollte ſich mein Verdacht als gegründet erweiſen, daß es ein Flüchtling in Verkleidung iſt— Sie kennen vielleicht den jungen Chevalier perfönlich— ſo brauche ich nicht Sie an Ihre Pflicht zu mahnen.“ „Hm!“ rief der Ofſicier.„Ich ſoll mich verge⸗ wiſſern, ob es wirklich ein Frauenzimmer iſt? Wollen Sie nicht lieber einem jüngern Mann, als ich, dieſen Auftrag ertheilen? Ich bin ein verheiratheter Mann, und meine Frau iſt entſetzlich eiferfüchtig.“ „Mit um ſo mehr Discretion werden Sie han⸗ deln,“ erwiderte der General. „Wenn ſie aber wirklich ein Frauenzimmer iſt?“ „Dann laſſen Sie die Reiſenden ihres Weges ziehen,“ fuhr Gueſt fort.„Mein Name darf bei dieſer Geſchichte nicht genannt werden, damit ich, wenn mein Verdacht als ungegründet ſich erweiſen ſollte, Argyle gegenüber nicht compromittirt erſcheine, deſſen hochländiſches Blut ſich ſo ſchnell erhitzt, wie das eines Fähndrichs, der eben erſt ſeine Uniform ange⸗ * ———— 267 zogen hat. Sein Wortwechſel mit dem Herzog führte ihn geſtern erſt nahezu zum Aufſtand.“ „Wäre es nur ſo weit gekommen,“ ſagte Major Hervey.„Die Güter der Maccullamore ſind groß und reich; da gäbe es Beute genug, um ein Dutzend Glücksritter, wie mich, zu bereichern.“ „Dieſer Fall wird wohl nicht eintreten; der ſchlaue Schottländer iſt zu vorſichtig, als daß er ſich eine offene Handlung zu Schulden kommen ließe. Geſtern hatte er unglücklicher Weiſe das Recht auf ſeiner Seite, und die Anweſenheit Derby's und Bin⸗ ton's vereitelte jede Hoffnung, ihn in Anklageſtand verſetzen zu können. Herzog Wilhelm iſt ein guter, aber unvorſichtiger Feldherr; er läßt ſich die Früchte ſeines Sieges, die Mittel, ſeine Freunde zu belohnen, durch unnütze Grauſamkeiten aus den Händen winden.“ „Was meinen Sie damit?“ „Daß er in wenigen Tagen abberufen— im Commando durch einen Andern erſetzt werden wird. Ja, ſehen Sie mich nur erſtaunt an: aber Sie wiſſen nicht, wie es an Höfen zugeht. Es wäre nicht das erſte Mal, daß ein ſiegreicher General durch einen eiferſüchtigen Miniſter von ſeinem Commando ver⸗ drängt worden wäre. Ich ſage Ihnen, daß ich keine Monatsgage für die Dauer ſeiner Gewalt wetten möchte.“ „Sie ſcherzen. Der König, ſein Vater, liebt ihn zärtlich.“ „Es gibt aber eine Perſon, die ihm feindlich geſinnt ſein ſoll, und welche der König noch mehr liebt— für deren Lächeln er Alles, mit Ausnahme 268 ſeiner Krone, hingeben würde, und ſelbſt dieſe, wenn das Parlament es geſtattete.“ „Die Gräfin von Königsſtein—“ „St!“ ſagte der General in leiſem Tone.„Dieſe oder Jemand anders. Sie hat ihre Ohren überall. Ich nenne nicht einmal ihren Namen gerne. Der letzte Kanzler wurde entlaſſen wegen eines Bonmots, das er über ſie gemacht. Doch, begeben Sie ſich auf den Weg; Sie haben Ihre Inſtructionen. Sie müſſen ſich anſtellen, als wenn Sie eine Patrouille zur Aufſuchung von Rebellen führten. Vermeiden Sie, wo möglich, jeden Zuſammenſtoß. Verlangen Sie meinen Paß zu ſehen und überzeugen Sie ſich vor Allem von dem Geſchlecht der Kammerjungfer.“ Unterdeſſen hatte man das Lager erreicht. Der Major ließ eine Abtheilung Dragoner aufſitzen, ſtellte ſich an deren Spitze und ritt weg, um ſeinen Auf⸗ trag auszurichten. Mit Einbruch der Nacht trafen der Prinz und deſſen Begleiterin vor einem einſam gelegenen Hauſe ein, das eine Wittwe bewohnte, welche allgemein unter dem Namen der„tauben Jannet“ bekannt war, weil ſie ſo harthörig war, daß ſelbſt eine dicht an ihren Ohren abgefeuerte Kanone ſie nicht erſchreckt hätte. Die einzige Perſon außer ihr in dem Hauſe war eine wandernde Zitherſpielerin, der ſie das innere Zimmer überlaſſen hatte. Bei Ankunft der jungen Dame und deren Begleiterin bedeutete ſie aber dieſer durch ein Zeichen, daß ſie das Zimmer verlaſſen und an einem Platz in der Küche neben ihr vorlieb nehmen müſſe. Die Fremde willigte un⸗ gerne ein und murmelte zwiſchen den Zähnen, daß ſie nicht immer gewöhnt geweſen ſei, dem nächſten beſten Ankömmling Platz machen zu müſſen. Aus Vergeßlichkeit ließ ſie ihre Zither auf dem Tiſche liegen. Alice und der Prinz nahmen Beſitz von dem Gemach, während die handfeſten Hochländer Anſtalten trafen, ihr frugales Mahl in der Küche zuzubereiten. Einer der Leute redete die Zitherſpielerin auf Gäliſch an. „Sprecht engliſch oder franzöſiſch,“ antwortete ſie in ausländiſchem Accent.„Ich verſtehe eure Bergſprache nicht.“ Die ſchlichten Leute, welche ihre Behauptung auf Treue und Glauben hinnahmen, unterhielten ſich un⸗ gezwungen vor ihr. Alice's Lage aber, ſo wie die ihres Begleiters, war höchſt peinlicher Art, weil man ſie, ohne die Anweſenheit einer dritten Perſon, allein ließ. Wie ihnen die Frau geſagt hatte, gab es im Hauſe kein anderes Zimmer und ſie mußten folglich die Nacht zuſammen zubringen. „Ich kann ganz gut auf dieſem Stuhle ſchlafen,“ bemerkte der Prinz;„nachdem ich meine letzten Nächte unter Bäumen oder in Kellern zugebracht habe, iſt dieß eine wahre Ueppigkeit.“ „Das geht nicht,“ erwiderte Alice erröthend. „Ich bitte Eure Hoheit, ſich niederzulegen. Ich bin an das Nachtwachen gewöhnt und kann recht gut bis zum Morgen beim Kaminfeuer ſitzen.“ Der edle Wettſtreit dauerte einige Zeit, bis Carl Eduard, um demſelben ein Ende zu machen, endlich fragte, ob Alice nicht wiſſe, welcher Monatstag heute ſei. „Der einundzwanzigſte,“ erwiderte dieſe. 270 „Mein Geburtstag!“ rief der königliche Flüchling ſeufzend.„Aber weg mit ſolchen Erinnerungen!“ fuhr er fort, als er ſah, daß die dunklen Augen der Jungfrau ſich mit Thränen füllten.„Während die Alte unſer Nachteſſen zubereitet, wollen wir ſehen, was an dem Inſtrumente der Zitherſpielerin iſt.“ Mit dieſen Worten nahm er das Inſtrument zur Hand, und nach einem anmuthigen Vorſpiel begleitete er ſich ſelbſt zu folgenden Strophen: Der Tag kehrt wieder, der mir dieſes Leben Einſt gab, doch nicht der Kindheit frohe Zeit; Sein Lächeln kann er mir nicht wieder geben Und ſeine ſorgenloſe Heiterkeit. Nicht mundet mir bei dieſem Sorgendrange Der Wein, der blinkend noch im Glaſe glimmt; Nicht lauſch' ich lächelnd mehr dem Scherz und Sange; Muſik und Frohſinn— Beide ſind verſtimmt. Und dieſe ſchönen Gaben, warum können Sie, wie die Schönheit, mich nicht mehr durchglühn? Wo ſind die Zauber, die wir göttlich nennen, Wenn unfrer Ingend goldne Träume fliehn? Entfliehen ſie vielleicht, weil ich veraltet? Mein Haupt umkränzt ja noch des Sommers Flor. Entfliehen ſie, weil mir das Herz erkaltet, Mein Puls nicht mehr ſo warm ſchlägt, wie zuvor? O nein! Nur weil jetzt ſie, die mich beglückten Beim Weine mit des Liedes Zaubermacht, Und deren Hände ſanft die meinen drückten, Im Frieden ſchlafen in der Grabesnacht. 271 Zwar macht die Finſterniß das Aug' nicht trübe; Es leuchtet jetzt noch in der Schönheit Licht Mit Paradieſesglanz und ſel'ger Liebe— Nur nicht für mich— für mich, den Aermſten nicht. Hab' keine Thränen, um mein Loos zu lindern, Und darum iſt auch fruchtlos jeder Gram Da, wo das Leben, um mein Herz zu plündern, Das, was es mir gegeben, wieder nahm. Und alſo wird der Tag, der mich geboren, Der Hand der Zeit gleich, die den Wink mir gab,— Um dort zu ſuchen, was ich hier verloren,— Zu einem frohen Fortſchritt nach dem Grab. Mit einem tiefen Seufzer ließ der Sänger das Inſtrument fallen und blieb eine Zeitlang in ſtummes Nachdenken verſunken. Die glänzenden Hoffnungen ſeiner Jugend, die Rechte, welche Geburt ihm gab, Alles war verſchwunden, gleich den an den Bergen hängenden Nebeln vor der Sonne, und er fühlte die Troſtloſigkeit eines verfehlten, einſamen Lebens in ſeinem ganzen Umfange. Trotz des Kummers, welcher ihr eigenes Herz quälte, vermochte Alice mit dem königlichen Flücht⸗ ling ſympathiſch zu fühlen und mit mattem Lächeln verſuchte ſie, ihn durch die Hoffnung auf glücklichere Zeiten aufzuheitern. „Das ſind Träume,“ erwiderte Carl,„bloße Träume. Von nun an beſitze ich bloß noch einen Namen, aber kein Land mehr; einen königlichen Titel, aber kein Königreich. Der Stern meines Hauſes iſt untergegangen, um nie wieder ſich zu erheben: und — doch iſt es ſchwer zu glauben, daß ein Geſchlecht, wie das meinige, gleich dem Lied eines Dichters, enden ſollte— daß es für mich keine Zukunft gibt.“ Seine Gefährtin ſchwieg ſtille, denn ſie fühlte, daß in der jetzigen Stimmung und Lage des Prinzen Troſt wie Spott klingen würde, und daß es Augen⸗ blicke im Leben aller Menſchen gibt, in welchen ſtille Theilnahme ſich als die treueſte Freundſchaft ausweist. Das einfache Mahl, welches die Schenke zu bieten vermochte, war bald aufgetragen, und Alice, den Bitten des Prinzen nachgebend, legte ſich gekleidet, wie ſie war, auf das ſchlechte Lager, während dieſer die Sorgen und Gefahren des Augenblicks in dem großen Stuhle neben dem Feuer zu vergeſſen ſuchte. Es dauerte übrigens nicht lange, als einer der Hoch⸗ länder, der als Vorpoſten ausgeſtellt geweſen, in der Hütte erſchien und ſeine Gefährten benachrichtigte, daß er deutlich den Hufſchlag von Pferden, die näher kämen, gehört habe. Die Leute nahmen mit ruhiger Entſchloſſenheit in aller Stille ihre Waffen zur Hand, und ihr Befehlshaber ſagte ihnen, daß er die Dame von dieſem Umſtand in Kenntniß ſetzen werde. „Ueberlaßt das mir!“ rief die Zitherſpielerin, die plötzlich von ihrem Stuhle aufſtand und die Anwe⸗ ſenden in fließendem Gäliſch anredete. „Verrath!“ rief es allgemein. „Thoren!“ fuhr die Frau fort;„hätte ich euch zu verrathen beabſichtigt, ſo hätte ich geſchwiegen, bis die Sachſen in der Schenke geweſen wären. Wer Verrath beabſichtigt, läßt davon nichts merken. Ich bin gleich denen, welche ihr beſchützt, ein Flüchtling; aber gerne würde ich mein werthloſes Leben hingeben, 273 wenn ich diejenigen retten könnte, die eurer Treue anvertraut ſind. Merkt's euch,“ fuhr ſie fort,„daß ich die Dienerin der Lady bin. Ihre Verfolger wer⸗ den ſich damit zufrieden geben, denke ich. Im ſchlimm⸗ ſten Falle ſeid ihr Männer und habt eure Waffen. Schande über euch, wenn ihr den Unglücklichen euch entreißen laßt, ohne zu deſſen Vertheidigung wenig⸗ ſtens einen tüchtigen Streich geführt zu haben.“ Mit dieſen Worten öffnete ſie die Thüre in das innere Zimmer und entzog ſich dem Anblick der er⸗ ſtaunten Leute, ehe dieſe zu antworten oder ſie da⸗ von abzuhalten vermochten. Das Geräuſch der Thürklinke erweckte die beiden Schlafenden. Alice ſprang vom Lager auf und Carl Eduard fragte, wer da ſei. „Eine Freundin des Unglücklichen,“ lautete die Antwort.„Raſch, Herr, verſtecken Sie ſich. Ihre Feinde ſind Ihnen auf den Ferſen. Geben Sie mir Ihr Plaid und laſſen Sie mich Ihren Platz ein⸗ nehmen. Sterbe ich, ſo bin ich nicht die Erſte meines Stammes, ſo gering derſelbe auch iſt, die für die Sache der Stuarts gefallen iſt.“ So erſtaunt auch der Prinz und Alice über die Worte und das Benehmen der Frau ſich zeigten, ſo war doch jetzt keine Zeit zum Zögern, denn bereits ließ ſich der Hufſchlag der Pferde der Soldaten, die auf die Schenke zugeſprengt kamen, deutlich ver⸗ nehmen. Carl, nachdem er zuvor raſch in den Bu⸗ ſen gegriffen und ſich verſichert hatte, daß er eine Waffe mit ſich führe, willigte ein, ſich unter das Bett zu verſtecken; die Zitherſpielerin aber hüllte ſich Der junge Prätendent. III. 18 274 in das zurückgelaſſene Plaid, zog es feſt über das Geſicht, um ihre Züge zu verbergen, ſetzte ſich in den Lehnſtuhl und ſtellte ſich ſchlafend. Vierzigſtes Kapitel. Die Abtheilung unter dem Commando des Majors Hervey war zu zahlreich, als daß die Hochländer mit der geringſten Ausſicht auf Erfolg hätten Widerſtand leiſten können. Sie beſchloſſen daher kluger Weiſe, nur im äußerſten Nothfalle von den Waffen Gebrauch zu machen. Ueberdieß konnten die Reiter möglicher Weiſe nur zu einem der zahlloſen Streifcorps gehören, welche die Hochlande durchzogen und nicht gerade zu dem beſondern Zweck ihrer Verfolgung ausgeſchickt ſein. „Wer ſeid ihr?“ fragte der Major den Befehls⸗ haber der Hochländer. 8 „Reiſende, Herr— unverfängliche Reiſende, welche die Baſe unſeres Häuptlings zu einer Verwandten nach der Inſel Skye begleiten. Wie Sie an unſerm Tartan erſehen werden, gehören wir zu dem Clan von Argyle,“ ſetzte der Officier hinzu, feſt überzeugt, daß der Name ſeines mächtigen und beliebten Häupt⸗ lings ein genügender Ausweis ſei. „Und wo iſt denn Eure Lady?“ — * — 275 „In dem innern Zimmer.“ „Allein?“ fragte der Officier. „Allein!“ wiederholte der Hochländer.„Sie müſ⸗ ſen einen eigenthümlichen Begriff von ſchottiſchen Jungfrauen haben, weil Sie glauben, daß eine Dame von ihrer Geburt allein das Land durchſtrei⸗ chen oder in einer Schenke ſchlafen könne. Nein— nein; ihre Kammerjungfer iſt bei ihr.“ Hervey machte ein langes Geſicht; er fühlte, wie unwahrſcheinlich es ſei, daß eine Dame von Alice's Rang in demſelben Zimmer mit einem Manne ſchlafe, der nicht ihr Gemahl ſei. „Ich muß ſie ſehen!“ rief er aber dennoch aus. „Das wird von der Lady abhangen,“ ſagte Mactaviſh feſt.„Wir reiſen mit einem Paß von General Gueſt, und der ſollte eine genügende Bürg⸗ ſchaft für uns ſein. Wenn aber meine Lady nichts dagegen einzuwenden hat, ſo iſt es mir gleichfalls einerlei.“ „Mit dieſen Worten klopfte der wackere Mann an die innere Zimmerthüre. Es dauerte aber einige Zeit, bis Alice, mit einer Stimme, als wenn ſie plötzlich aus dem Schlafe aufgeſchreckt worden wäre, ihn fragte, was es gebe. „Ein engliſcher Officier will durchaus Ihre Lady⸗ ſchaft ſprechen.“ Einige Minuten hernach wurde der Major ein⸗ gelaſſen. Er fand die zwei Perſonen ſeiner Nach⸗ forſchung; die eine halb angekleidet im Bette, die andere im Zimmer ſich umher tummelnd, wobei ſie durch ihre zornigen Ausrufungen die Verwirrung des Auftritts noch ſteigerte. 276 „Unter welchem Vorwand, mein Herr, werde ich in meiner Abgeſchloſſenheit geſtört?“ fragte die junge Dame gelaſſen.„Schon mein Rang, aber noch mehr mein Geſchlecht hätten mich gegen eine ſolche Belei⸗ digung ſicher ſtellen ſollen.“ „Rang!— Geſchlecht!“ rief die Zitherſpielerin, die ſich abſichtlich zwiſchen das Bett und den Major drängte.„Wann kümmerten ſich die ſächſiſchen Lüm⸗ mel je darum, wenn es etwas zu plündern gab? Sehen Sie ihn nur an; er iſt ohne allen Zweifel auch einer von den tapfern Burſchen, die mit Cope geflohen ſind. Runzeln Sie immerhin die Stirne,“ fuhr ſie höhniſch fort;„ich fürchte Sie deßhalb doch nicht. Und ihr,“ ſprach ſie, an die Hochländer ſich wendend,„ſeid mir ſchöne Geſellen, daß ihr Mylady's und meinen Schlaf auf ſo geſetzloſe Weiſe ſtören laßt. Seine Gnaden ſollen es aber zu hören be⸗ kommen.“ Hervey war verblüfft. Es konnte keinem Zweifel unterliegen, daß er ein Frauenzimmer vor ſich habe. Die große Zungenfertigkeit und die Geläufigkeit, mit der ihr Schimpfworte zu Gebote ſtanden, befeſtigten in ihm dieſe Ueberzeugung. „Iſt dieſe Ihre Kammerjungfer?“ fragte er Alice reſpectvoll. „Sie ſehen, daß ich keine andere habe.“ „Und weſſen Kammerjungfer ſollte ich denn ſein, wenn nicht die Mylady's? Glauben Sie etwa, ich ſei hier, um die Hauben der alten Jannet zu waſchen, oder auf Freibeuter, wie ihr ſeid, zu warten?“ Der Major, welcher jetzt vollkommen überzeugt war, daß des Generals Verdacht ungegründet ſei, ge hr ei⸗ ſuchte nun mit guter Manier, ohne ſich und ſeinen Chef bloßzuſtellen, wegzukommen. „Mylady,“ ſprach er,„die jetzigen Zeiten ſind nicht der Art, daß ein Biedermann ſtets den Ein⸗ gebungen ſeines Herzens folgen und die Achtung an den Tag legen kann, welche er Ihrem Geſchlechte ſchuldet. Wenn ich recht gehört habe, ſo beſitzen Sie einen Paß von General Gueſt?“ „Zeigen Sie ihn nicht, Mylady— zeigen Sie ihn nicht!“ rief das Weib, die aus der plötzlichen Verwirrung auf Alice's Geſicht ſchloß, daß dieſe Forderung ſie in Verlegenheit ſetze. So war es auch. Carl Eduard hatte das Papier in Verwahrung und in der Verwirrung des Augen⸗ blicks hatte er vergeſſen, es Alice zu geben. „Ich trage ihn bei mir,“ ſtammelte die Jung⸗ frau, indem ſie Miene machte, am Buſen nachzu⸗ ſuchen, ob das Papier ſich dort befinde. „Ich muß den Paß ſehen,“ ſagte der Officier feſt, aber achtungsvoll,„ehe ich Ihnen die Weiter⸗ reiſe geſtatten kann.“ Alice's Verlegenheit war grenzenlos, weil ſie nicht wußte, was ſie thun oder ſagen ſollte. Der Witz der Zitherſpielerin war eben⸗ falls erſchöpft, als ſie plötzlich den ſanften Druck eines Fingers auf ihrem Fuße fühlte. Sie erſchrack darüber, machte eine Bewegung und trat in Folge davon auf einen Gegenſtand, der wie ein Papier ſich anfühlte. Sie bückte ſich jedoch nicht ſogleich, ſondern ließ dem Prinzen erſt Zeit, ſeine Hand wie⸗ der zurückzuziehen. „Wo mag denn der Paß ſein?“ rief Alice hoff⸗ nungslos. 278 „Er ſteckt irgendwo im Bette. O, dieſe tapfern Sachſen! Wäre nur noch ein halbes Dutzend Männer von dem Clan mehr bei uns, Mylady, ſo wollten wir zeigen, was es heißt, Jemanden aus Argyle's Blut zu beleidigen.“ „Den Paß!“ wiederholte Hervey ungeduldig. „So wahr ich lebe, hier iſt er!“ Mit dieſen Worten hob das Weib, welche ihre Beſonnenheit keinen Augenblick verlaſſen hatte, den Geleitſchein auf, überreichte ihn dem Officier und hielt die Lampe, während er las oder vielmehr zu leſen ſich anſtellte, denn er blickte, ſtatt in das Pa⸗ pier, ihr in das Geſicht, indem er deſſen Züge ſorg⸗ fältig prüfte. Es unterliegt keinem Zweifel, dachte er, daß ſie ein Frauenzimmer iſt. „Was in des Henkers Namen ſtarrt denn der Menſch mich ſo an?“ rief das Weib aus.„Hält er mich denn für eine Hexe oder für ſonſt etwas der⸗ gleichen, daß er mich auf eine ſolche Weiſe anglotzt? Gott ſteh' uns bei! Man ſollte faſt glauben, er habe noch nie zuvor ein chriſtliches Frauenzimmer geſehen.“ „Sie iſt ein Frauenzimmer,“ ſagte Hervey halb⸗ aut. Alice zitterte bei dieſen Worten, denn dieſelben überzeugten ſie, daß man Verdacht hinſichtlich der Verkleidung des Prinzen geſchöpft habe.. „Nun, und was ſollte ich denn ſein?“ fragte die unbekannte Verbündete.„Haben Sie denn noch nie eines zuvor geſehen, daß Sie ſo viel Weſens ——— 279 daraus machen und mich anſtarren, als wenn Sie ein Geſpenſt erblickt hätten?“ Der Major war ein Krieger, aber auch zugleich ein Mann von Erziehung. Feſt überzengt, daß der General getäuſcht und er und ſeine Leute auf eine falſche Fährte geführt worden ſeien, bat er höflich 1 wegen ſeiner Zudringlichkeit um Verzeihung und verließ mit ſeinem Commando die Schenke. Sobald die Huftritte der Pferde verklungen waren, kroch Carl Eduard aus ſeinem Verſtecke hervor. „Edelmüthiges Weib!“ ſprach er, an die Unbe⸗ kannte ſich wendend.„Wie viel habe ich Ihnen zu danken!“ „Nichts haben Sie mir zu danken,“ erwiderte dieſe.„Ich habe nichts gethan, als was auch meine Voreltern thaten.“ Alice erſchrack, denn ſie war jetzt feſt überzeugt, was ſie ſchon im erſten Augenblicke geahnt, als das Weib in das Zimmer getreten war, daß ſie dieſe Stimme ſchon einmal in ihrem Leben gehört habe, obgleich ſie in ihrer Beſtürzung ſich nicht zu erinnern vermochte, wo dieß geweſen ſei. „Wer ſind Sie denn?“ fragte ſie. „Ein Geſchöpf, das Ihnen Unrecht gethan hat, und welchem vom Hauſe Arran Unrecht geſchehen iſt; aber nicht von Ihnen— nicht von Ihnen. Iſt es möglich,“ fuhr ſie fort, die Lampe erhebend, ſo daß der Strahl des Lichts auf ihr Geſicht fiel, daß Sie mich vergeſſen haben?“ 8 „Madge!“ „Ja, Madge, die ſchuldbewußte, elende, reusvolle Modge!“ rief das unglückliche Weib, vor Alice's 280 Bett auf die Kniee ſinkend.„Verachten Sie mich aber nicht— fürchten Sie mich nicht. Derjenige, um deſſenwillen ich mich verfehlt habe, hat mich wie einen Hund geſchlagen— wie einen Hund!“ wiederholte ſie, bei der Erinnerung winſelnd;„und ich lebe nur, um mich zu rächen!“ „Der Himmel vergebe Ihnen!“ erwiderte das gute Mädchen.„Sie haben mir vielen Kummer ver⸗ urſacht. Möge der Himmel Ihnen eben ſo verzeihen, wie ich es thue.“ „Wo iſt die Gräfin von Arran?“ fragte Alick Campbell's Mitſchuldige. „In Edinburg, um ſich von da nach England zu begeben.“ „Ich muß ſie ſprechen! O nehmen Sie mich mit! Ich habe ihr eine Geſchichte zu erzählen, die ihren Arm bewaffnen wird, um die Schlange zu zertreten, die Ihre Eriſtenz vergiften wollte— die nach Ihrer Hand greift, um ſich dadurch in den Beſitz des Vermögens der Gräfin zu ſetzen. Wenn Sie wünſchen, nicht das Opfer Alick Campbell's, oder, was noch ſchlimmer iſt, deſſen Gattin zu wer⸗ den, ſo nehmen Sie mich mit ſich.“ Es lag eine Energie in dem Tone der Frau, welche deutlich zeigte, wie ernſtlich ſie wünſchte, daß ihre Bitte erhört werde, und Alice gehörte nicht unter die Weſen, die den Bitten der Reue und des Unglücks zu widerſtehen vermögen. Es wurde daher beſchloſſen, daß Madge den Reiſenden ſich anſchließen und, nach der Trennung des Prinzen von ſeiner Fienei mit Letzterer nach England zurückkehren olle. 281 In früher Morgenſtunde des folgenden Tages verließen die Flüchtlinge die Schenke, und wenn ſie auch hier und dort Streifcorps der königlichen Trup⸗ pen begegneten, welche die Hochlande, um Flüchtlinge aufzuſuchen, durchzogen, ſo wandten der Paß des General Gueſt und die ſtets fertigen Antworten Madge's, welche der angenommenen Rolle einer Zitherſpielerin treu blieb, jeden Verdacht ab. Nach acht Tagen langten ſie wohlbehalten auf der Inſel Skye an, wo Carl Eduard mehrere ſeiner Freunde und eine ſichere Freiſtätte in dem Hauſe eines Ver⸗ wandten der Häuptlinge fand. Nach einer kurzen Ruhe ſchiffte ſich Alice am Bord eines Fahrzeugs ein, welches der Herzog von Argyle nach ſeinem Eintreffen in Leith abzuſchicken die Vorſicht gehabt hatte, und mit ſchwerem Herzen ſegelte ſie nach England. Die heldenmüthige Hand⸗ lung, welche ſie vollbracht, war nicht gewöhnlicher Art. In dem Augenblicke, in welchem ihr Herz aufs Grauſamſte von den Sorgen um das Schickſal ihres Liebhabers und ihrer Frunde gequält war, hatte ſie ihr eigenes Leid unterdrückt, ſich von dem, welchen ſie liebte, getrennt, um als Führerin und Beſchützerin dem Manne zu dienen, deſſen Unglück das ihrige veranlaßt hatte. Aber er war der letzte Sprößling des alten königlichen Geſchlechts, das jedem ſchottiſchen Herzen ſo theuer war. Ihre Vor⸗ fahren hatten an der Seite der ſeinigen gefochten, und in der Tiefe ihres Schmerzens fand ſie in dem Gedanken Troſt, daß ihre Aufopferung einen Prinzen aus dem Hauſe Stuart gerettet habe. „Leben Sie wohl!“ ſagte Carl Eduard, ihre 282 Hand küſſend, nachdem er ſie bis an den Strand begleitet hatte.„Außer in Dankesworten, bin ich ein Bettler; aber ſo lange mein Herz ſchlägt oder eine Spur von Erinnerung in mir zurückbleibt, werde ich Ihrer edelmüthigen Aufopferung gedenken.“ „Genug! Prinz, genug!“ erwiderte Alice bewegt. „Rufen Sie mich meinen Freunden in Erinne⸗ rung,“ fuhr er tief ergriffen fort.„Sagen Sie ihnen, daß meine Gedanken bei ihnen ſind und ich für ihr Wohl bete. Ich bin überzeugt, daß Argyle ſeinen Einfluß zu deren Rettung geltend machen wird. Sollte ich ſo glücklich ſein, Paris zu erreichen, ſo werde ich den meineidigen Ludwig beſchwören, eigen⸗ händig an den Kurfürſten von Hannover zu ſchreiben und ihn anzugehen, in der Stunde des Siegs der Gnade eingedenk zu ſein. Er kann mir eine ſo arm⸗ ſelige Bitte nicht verweigern, mir, den er verrathen, deſſen Hoffnungen ſeine Treuloſigkeit vernichtet hat.“ „Leben Sie wohl, Prinz!“ ſagte Alice.„Wenn auch das Glück nicht wollte, daß Sie in den Beſitz des Thrones Ihrer Väter gelangten, ſo hat es Ihnen wenigſtens einen Ruhm verliehen.“ „Und welchen meinen Sie?“ fragte Carl. „Daß Sie bewieſen haben, ihn zu verdienen. Leben Sie wohl!“ Um nicht länger am Strande zu weilen, aus Furcht, die Aufmerkſamkeit auf den königlichen Flücht⸗ ling zu lenken, der ſeine männliche Kleidung wieder angelegt hatte, trennten ſie ſich, Alice um ſich nach England, Carl Eduard um ſich nach dem ſchottiſchen Feſtlande zurückzubegeben, um dort ſich zu verbergen; denn ſchon waren Gerüchte über ſeine Anweſenheit 283 auf der Inſel im Umlauf. Er beſchloß deßhalb nach Inverneß⸗ſhire ſich zu verfügen, wo er nach einer Reihe von Abenteuern, faſt eben ſo romantiſch als die, welche wir ſo eben zu beſchreiben verſuchten, eintvaf. Oft verdankte er ſein Leben nur der Treue des armen Hüttenbewohners und des Gebirgsſchäfers. Die Hoffnung des Prinzen auf ein glückliches Entkommen aus dem Lande beruhte hauptſächlich auf der Ausſicht des Eintreffens eines franzöſiſchen Schiffes in einer der einſamen Buchten der Weſtküſte auf Inverneß⸗ſhire. Er wußte, daß Oberſt Warren damit beſchäftigt war, ein kleines Geſchwader zu die⸗ ſem Zwecke auszurüſten; es konnten aber noch man⸗ cherlei Umſtände eintreten, welche die Ausführung die⸗ ſes Vorhabens vereitelten. Außerdem exiſtirten noch zwei Pläne ihn zu Schiff aus Schottland wegzu⸗ bringen. Der ehrwürdige John Cameron wurde von ſeinem Bruder nach Edinburg geſchickt, um dort ein Schiff zu miethen, das an eine näher zu bezeich⸗ nende Station an der öſtlichen Küſte ſegeln und dort in Bereitſchaft bleiben ſolle, die Flüchtlinge aufzunehmen. Ein Schiff dieſer Art wurde in der That gemiethet, und Mr. Cameron kehrte nach Bo⸗ nalder zurück, um die Flüchtlinge wegzubringen; er fand aber dieſelben nicht mehr vor. Dieſer, ſo wie noch andere Pläne, die entworfen wurden, ſcheiter⸗ ten, und der Prinz ſah ſich genöthigt, den ganzen Winter in den Hochlanden zuzubringen. Endlich wurde aber Warren mit ſeiner Ausrüſtung fertig, welche allen Zweifeln ein Ende machen ſollte. Zwei Kriegsſchiffe, LHeureuxr und La Princefſe de Conti, waren von dieſem Manne, Welchem von 284 dem alten Chevalier eine Baronie in Ausſicht ge⸗ ſtellt wurde, wenn er den Prinzen glücklich wegbringe, ausgerüſtet worden. Gegen Ende Auguſts ſegelten dieſelben von St. Malo weg und trafen am 6. De⸗ cember in Lochnannagh ein. Am folgenden Tage landeten vier Herren, darunter Capitän Sheridan, Sohn des Sir Tomas, und Mr. O Beirne, Lieutenant in franzöſiſchen Dienſten, um nach dem Prinzen Nachforſchungen anzuſtellen, und wurden von Macdo⸗ nald von Glenaladale empfangen, der in dieſer Ge⸗ gend ſich aufhielt, um Carl ſogleich Mittheilung zu machen, ſobald franzöſiſche Schiffe ſich zeigten. Dieſer verlor keine Zeit, ſich ſogleich in die Rachbarſchaft von Auchnacarry zu begeben, in der Hoffnung, dort Cameron von Clunes zu finden, welcher zur Mittels⸗ perſon beſtimmt war, um die Nachricht dem Prinzen zu bringen, wo derſelbe ſich auch befinden möchte. Als Glenaladale an dem Orte eintraf, wo er Elunes zu treffen hoffte, fand er, daß dieſer ſich wegbegeben hatte, man wußte nicht, wohin, weil ein militäri⸗ ſches Streifcorps die Umgegend durchſtöberte. Da Glenaladale Carl's Verſteck nicht kannte, ſo ſetzte ihn dieſer Umſtand in große Verlegenheit und Be⸗ ſorgniß, denn er täuſchte ſich darüber nicht, daß, wenn der Prinz nicht raſch nach Lochnannagh komme, die Schiffe wieder ohne ihn abzuſegeln genöthigt werden würden. Während er nun ſo in der Irre umherwanderte, begegnete ihm glücklicher Weiſe ein altes Weib, welches den Ort kannte, wohin EClunes ſich zurückgezogen hatte. Sobald ihm dieſe Nachricht mitgetheilt wurde, ſetzte er ſich ſogleich mit Clunes in Verbindung, welcher augenblicklich den treuen 285 Maccoilveen an Cluny abſchickte, von dieſer Neuig⸗ keit ſogleich den Prinzen in Kenntniß zu ſetzen. Glenaladale aber kehrte zurück, um die franzöſiſchen Officiere zu benachrichtigen, daß ſie ſich jeden Augen⸗ blick auf das Eintreffen des königlichen Flüchtlings gefaßt halten ſollten. Unterdeſſen hatte Carl Cluny und Doctor Cameron, die in Skye zu ihm geſtoßen waren, eines ſpeciellen Auftrags wegen, nach Loch⸗Arkaig geſchickt. Dieſe beiden Männer kamen in einer dunklen Nacht durch eine der Vorſtädte von Badenoch, wo ſie glücklicher Weiſe Maccoilveen begegneten und erkannten, der gerade mit ſeiner Botſchaft unter Wegs war. Hätten ſie ihn verfehlt, ſo wären ſie nach Loch⸗Arkaig ge⸗ gangen, und weil Maccoilveen Niemanden als Cluny ſich mitgetheilt haben würde, ſo hätte Carl erſt nach ihrer Rückkehr, und dann wahrſcheinlich zu ſpät, die Ankunft der Schiffe erfahren. Ohne dieſes Zuſam⸗ mentreffen glücklicher Umſtände wäre wohl aus ſei⸗ ner Einſchiffung nichts geworden. Cluny, obgleich er augenblicklich mit Doctor Came⸗ ron umkehrte, lag ſo viel daran, den Prinzen von der glücklichen Nachricht in Kenntniß zu ſetzen, daß er ſogleich einen vertrauten Mann, Alexander Mac⸗ pherſon, welcher ein außerordentlich raſcher Fußgän⸗ ger war, an Carl Eduard in deſſen Verſteck abſchickte. Er und Cameron trafen gegen ein Uhr Morgens am 13. December daſelbſt ein und fanden den Prä⸗ tendenten bereits fertig, der ſich in ihrer Geſellſchaft ſogleich auf den Weg machte und noch vor Anbruch des Tages Uiskchilra erreichte. Von hier handelte es ſich nur noch darum, die Meeresküſte zu erreichen. 286 Weil aber der Marſch nur mit der größten Vor⸗ ſicht angetreten und die ungangbarſten Wege aufge⸗ ſucht werden mußten, in Folge der Verwüſtungen und Plünderungen der Feinde auch faſt keine Lebens⸗ mittel zu bekommen waren, ſo erreichten der Prinz und ſeine Begleiter erſt am 18. December nach mancherlei Gefahren, Beſchwerlichkeiten und Entbeh⸗ rungen den Einſchiffungsort. Hier trennten ſich Cluny und Breakachie von Carl Eduard und kehrten nach Badenoch zurück, weil dieſe Häuptlinge es vorzogen, lieber in ihren eigenen Veſten ſich zu verſtecken, als eine Zufluchtsſtätte auf fremdem Boden zu ſuchen. Noch ehe der Prinz eingetroffen war, hatte ſich eine Anzahl umherirrender Edelleute und Männer andern Standes hier geſammelt, um auf den Fahr⸗ zeugen ſich nach Frankreich einzuſchiffen. Unter den⸗ ſelben befanden ſich der junge Clanranald, Glenala⸗ dale, Macdonald von Dalely und deſſen beide Brüder. Dieſe führten Macdonald von Barrisdale mit ſich, weil er im Verdacht ſtand, mit den Feinden einen Vertrag geſchloſſen zu haben, den Prinzen auszulie⸗ fern. Dieſer Edelmann wurde wirklich nach Frank⸗ reich gebracht und längere Zeit dort gefangen ge⸗ halten. Carl wartete noch einen Tag, um mehreren Flüchtlingen Gelegenheit zu geben, ſich ihm anzu⸗ ſchließen, und begab ſich erſt Samſtag den 20. De⸗ cember an Bord des Heureux in Begleitung von Lochiel, Lochgarry, John Roy Stuart und Doctor Ca⸗ meron. Vom Schiffe aus ſchrieb er einen Brief an Cluny, worin er dieſem ſeine Einſchiffung, ſo wie den trefflichen Stand, in welchem er die Schiffe ge⸗ 287 funden, anzeigte. Dreiundzwanzig Edelleute und hundertundſieben Männer von untergeordnetem Range ſollen ſich mit ihm auf den beiden Fahrzeugen ein⸗ geſchifft haben. Die Edelleute, ſowie die Gemeinen ſah man weinen, obgleich ſie die feſte Zuverſicht ausſprachen, bald wieder zurückzukehren. Die Kreuz⸗ und Querzüge des Prinzen, die ſo einzig in ihrer Art waren, ſind damit zu Ende. Zwei Monate hindurch war er als geächteter Flücht⸗ ling durch die Berge und über die Seen des weſt⸗ lichen Hochlands geirrt, oft in der dringendſten Ge⸗ fahr, gefangen zu werden, und den größten Entbeh⸗ rungen ausgeſetzt; er wußte aber allen Nachforſchun⸗ gen auszuweichen und verlor ſelbſt in den kritiſchſten Momenten den Muth nicht, auch blieb ſeine Geſund⸗ heit unerſchüttert. Wie ſchwierig ſein Entkommen war, zeigt ſich am deutlichſten dadurch, daß viele Perſo⸗ nen, welche ihm hiezu behilflich geweſen unmittelbar nach ſeinem Weggehen gefangen genommen wurden. Der Leſer wird aber auch gewiß ſeine höchſte Ach⸗ tung einem Volke nicht verſagen, deſſen Anhänglich⸗ keit und Treue er hauptſächlich ſeine Befreiung ver⸗ dankte. Faſt keiner der Edelleute, an die er ſich um Schutz oder um Beihilfe zu ſeinem Weiterkom⸗ men wandte, verſagte ihm ſeinen Beiſtand, ſelbſt auf die Gefahr hin, dafür büßen zu müſſen. Hun⸗ derte von Leuten, ſelbſt aus den unterſten Ständen, waren in ſein Geheimniß eingeweiht oder hatten es erfahren, und doch hatte Niemand, mit Ausnahme eines Betteljungen in South⸗Uiſt und eines zweifel⸗ haft gebliebenen Falls in Barrisdale, einen Verſuch gemacht, ihn ſeinen Feinden auszuliefern. Vergebens 288 waren dreißigtauſend Pfund für das Leben Eines Menſchen, und zwar in einem Lande ausgeſetzt wor⸗ den, in welchem man um dieſe Summe ein Fürſten⸗ thum kaufen konnte. Das Benehmen des Prinzen aber zeugte unter dieſen außerordentlichen Gefahren und Entbehrungen, wie Augenzeugen verſichern, von großer Vorſicht und Klugheit ſowohl, als von uner⸗ ſchütterlicher Standhaftigkeit und Heiterkeit, welche kein Elend zu beugen vermochte. Vielleicht war dieſe Heiterkeit zu groß und könnte zu einem andern Schluſſe führen, als zu dem, welchen die Zeugen beabſichtigten, indem man dem Prinzen vorwerfen könnte, daß er ſich das Elend gar nicht recht klar gemacht habe, in welches er Andere durch ſeinen Ehrgeiz geſtürzt hatte. Dieſer Anſicht widerſpricht aber die Sympathie derer, welche durch ſeine Sache gelitten hatten und welche ſich namentlich in Raaſay und Skye kundgab. Ebenſo iſt es von mehreren ſeiner Mitabenteurer bezeugt, daß er nur deßhalb bei mehreren Veranlaſſungen äußere Heiterkeit zur Schau trug, um den Muth ſeiner Umgebung auf⸗ recht zu erhalten. Sein Benehmen während ſeines Wonderns ſchien Allem nach alles Lob zu verdienen, welche Schatten auch in ſpäterer Zeit auf ſeinen Character gefallen ſein mögen. Wenigſtens iſt zur Genüge bewieſen, daß daſſelbe den Leuten, die ſich ihm angeſchloſſen, durchaus gefiel. Alle ſprechen ſich in den Berichten über ihn mit der größten Bewunderung aus. Der ehrwürdige John Cameron beſonders drückt ſich in folgender Lobrede über ihn aus:—„Er unterwarf ſich mit Geduld ſeinem Mißgeſchick, war heiter, und redete öfters denen, die mit ihm waren, 289 zu, es ebenfalls zu ſein. In der größten Gefahr war er umſichtig und ſchwankte nie in dem Ent⸗ ſchluſſe, den er zu faſſen hatte. Er bedauerte mehr die Trauer derer, die um ihrer Anhänglichkeit an ſeine Intereſſen willen zu leiden hatten, als die Entbehrungen und Gefahren, denen er ſtündlich aus⸗ geſetzt war. Schließlich beſaß er alle die Tugenden, die zu dem Character eines ächten Helden und gro⸗ ßen Prinzen gehören.“ Das Intereſſe, welches er ſeinen Anhängern einflößte, lag nicht allein in dem Zauber von Geburt und Rang. In einem Briefe des Biſchofs Mackintoſh, welcher uns vorliegt, ſagt dieſer ehrwürdige Mann, daß er viele von den Leu⸗ ten gekannt hatte, die ausgezogen waren, um für den Prinz Carlchen zu fechten, daß er aber auch nicht Einen darunter kenne, der es bedaure, für ihn gefochten zu haben, oder von dem man nicht ver⸗ muthen dürfte, daß er wohlgemuth ſein Leben noch einmal für ſeine Sache auf's Spiel geſetzt ſähe. „Er ging fort,“ ſagt Lord Mahon,„aber die Erinnerung an ihn verwiſchte ſich deßhalb nicht im Gedächtniſſe der Hochländer. Nach langen Jahren noch lebte ſein Andenken in ihren Herzen fort und blieb ihrer Zunge geläufig; ihre klagenden Lieder erzählten ſeine Heldenthaten und forderten ihn zur Rückkehr auf. In ihren Geſängen erklären ſie ſich bereit, abermals Leib und Leben für ſeine Sache zu wagen und ſelbſt Mutterliebe, wohl das ſtärkſte unter allen menſchlichen Gefühlen— ſteht gegen die leiden⸗ ſchaftliche Ergebenheit für Prinz Carlchen zurück.“ Alice meinte in ihrer Ungeduld, obgleich Wind Der junge Prätendent. III. 19 290 und Wetter günſtig waren, es daure ein Jahrhun⸗ dert, bis ſie endlich in London eintreffe. Als endlich das Fahrzeug langſam die Themſe hinauf ſegelte, ſtieß ein Schoner von Gravesend ab und legte bei. Im nächſtfolgenden Augenblicke lag ſie in den Ar⸗ men ihrer Schweſter Conſtance und der Gräfin. „Allan— Allan!“ waren die einzigen Worte, die ſie hervorzubringen vermochte. „Iſt wohl— wenn überhaupt ein Gefangener ſich wohl befinden kann,“ erwiderte ihre Schweſter. „Getreu dem Verſprechen, das dem guten, edelmü⸗ thigen Herzog von Argyle gegeben wurde, ſtellten er und Crawford ſich als Gefangene im Tower.“ „Im Tower?“ wiederholte Alice betrübt.„Dieß iſt ein Name, der nichts Gutes weiſſagt.“ „Kannſt Du es glauben?“ ſagte ihre Tante. „Bei unſerer Ankunft hier war von nichts Geringe⸗ rem die Rede, als von einer Anklage gegen meinen Bruder, weil er mich und ſich vertheidigt hatte; das Blatt hat ſich aber gewendet. Der Miniſter iſt ſein Freund; und ſelbſt der Kurfürſt— das heißt: der König, der in Folge der Einflüſterungen des Henkers, ſeines Sohnes, ihm innerlich gram iſt, ſah ſich genöthigt, einzugeſtehen, daß er dem Staate gute Dienſte geleiſtet hat.“ „Aber Allan— Crawford— haben Sie ſie geſehen?“ „Jeden Tag.“ „Und ſpricht er von mir?“ „Von nichts Anderem. Anfangs ſchien ihn Deine Abweſenheit tief zu ſchmerzen; aber als die Tante ihm den Grund derſelben durch Winke zu verſtehen 3 3₰ 291 gab, ſegnete er Deine Aufopferung und ſagte, daß dieſelbe Dich ihm tauſend Mal werther mache, als zuvor.“ „Eine Antwort, wie ſie einem ächten Schotten geziemt,“ bemerkte Madge. Beim Tone dieſer Stimme ſah die Gräfin ſich raſch um, weil ſie Madge's Eintritt in die Cajüte nicht bemerkt hatte. „Wer ſprach hier?“ fragte ſie. „Jemand, Lady von Arran, den Sie einſt gekannt und ausgeſcholten haben. Damals ein fröhliches, glückliches, unbeſonnenes Mädchen, jetzt aber ein an Geiſt und Körper gebrochenes Geſchöpf.“ „Madge!“ rief die Gräfin mit einem Blicke des Entſetzens, als ſie ſie erkannte. „Die Geliebte Ihres Bruders,“ unterbrach ſie das Weib.„Jetzt aber bin ich eine Verſtoßene. Ich wurde von dem Manne, den ich liebte, verlaſſen, und von dem Knaben, den ich aufzog, und für wel⸗ chen ich geſündigt habe, wie ein Hund geſchlagen.“ „Sie meinen damit meinen Neffen, Alick Camp⸗ bell?“ bemerkte die Gräfin ſchaudernd. „Alick Campbell,“ wiederholte das Weib lang⸗ ſam;„aber nicht Ihren Neffen, obgleich er dieſen Namen trägt.“ „Beweiſen Sie mir dieß! Beweiſen Sie es und ich will Sie mit meinem halben Vermögen dafür belohnen. Nicht meines Bruders Sohn! O, welche Centnerlaſt würde dieß von meinem Herzen nehmen!“ Die alte Dame vermochte nicht weiter zu ſpre⸗ chen, ſo groß war ihre Aufregung. Der Tod ihres vermeintlichen Neffen, obgleich ſie ihn gewarnt und 292 ihn beſchworen hatte, nicht in die Geheimniſſe des Zimmers Robert des Starken einzudringen, blieb ein Vorwurf für ſie und laſtete ſchwer auf ihrem Gewiſſen. „Mag es zu Ihrem Glück oder Unglück die⸗ nen, ich wiederhole, daß Alick Campbell nicht Ihr Neffe iſt.“ „Erklären Sie ſich deutlicher, Frau,“ brachte die Gräfin mühſam hervor. „Sie erinnern ſich, daß ich nach der Verbindung Ihres Bruders mit dem blaſſen ſächſiſchen Mädchen, welche ſeine Freunde zu heirathen ihn nöthigten, den Mann, den ich liebte, verließ und meine Hand einem Pächter, Namens Thirkſtain, reichte, der zu⸗ frieden mit meinem Heirathgut, nicht lange nach⸗ fragte, woher es kam?“ „Ich erinnere mich deſſen.“ „Gut; ſpäter wurde ich Mutter. Ich hörte, daß die Frau Ihres Bruders dieſem ebenfalls einen Erben geſchenkt habe. In der dritten Nacht nach meiner Niederkunft, während mein Mann ſeine Heerde zu hüten in den Bergen war— denn weltlicher * Tand lag ihm mehr am Herzen, als ſein Weib, — erſchien Ihr Bruder in meiner Hütte. Er ſagte mir, daß ſeine Gemahlin nebſt dem neugebornen Kinde nicht mehr ſei, und daß, weil ſie ohne Erben ge⸗ ſtorben, ihre ſächſiſchen Freunde das Vermögen, das ſie ihm zugebracht, zurückfordern würden, und be⸗ ſchwor mich, meinen geſunden Knaben mit dem blei⸗ chen Leichnam ſeines Erben zu vertauſchen.“ „Und Sie willigten ein?“ „Ich that es. Der Erbe wurde wie ein Bauern⸗ 293 balg begraben und ich wurde als Amme gedingt, um mein eigenes Kind im Schloſſe Ihres Bruders zu ernähren. Damals war es, als Sie mich aus⸗ ſchalten und mir Vorwürfe machten. Ich ſah mei⸗ nen Knaben zum Manne heranwachſen, ich wiegte ihn, wachte über ihm, diente ihm, war ſeine Scla— vin; und er vergalt mir, wie einem Hunde, mit einem Hiebe!— Er ſchlug mit der Peitſche die Schultern Derjenigen, die ihn unter dem Herzen ge⸗ tragen hat.“ „Vielleicht wußte er dieß nicht?“ „Nein. Er würde mich ermordet haben, damit die Sache geheim bleibe. Ich wagte nie, mein Vor⸗ recht als Mutter ihm mitzutheilen oder daſſelbe in Anſpruch zu nehmen. Oft hätte ich die Welt um einen Kuß von ihm, um eine Berührung ſeiner Hand oder ein freundliches Wort gegeben; aber Alles dieß war mir verſagt.“ Lady Arran's Intereſſe war auf's Höchſte erregt. Obgleich Alick's Tod jede Auseinanderſetzung unnöthig machte— das Vermögen, welches er beſaß, ging in Folge ſeines Abſterbens ohne Erben an die Familie ſeiner vermeintlichen Mutter über— ſo wurde doch dadurch ein Centnerſtein von ihrem Herzen genommen. Ueber den Tod des Sohnes ihres Bruders hätte ſie wohl getrauert, aber der des Abkömmlings der Bäurin Madge rührte ſie ſo wenig, als wenn ſie auf eine Natter getreten und dieſe zerquetſcht hätte. Beim Eintreffen in London wurde dem Herzog von Argyle Madge's Geſtändniß ſowie das Schick⸗ ſal Alick's mitgetheilt. Auf ſeinen Rath ließ man beide Ereigniſſe der Vergeſſenheit anheimfallen. — 294 Unſere Leſer können ſich wohl vorſtellen, wie peinlich das Zuſammentreffen mit den Gefangenen war, als am folgenden Tage, durch die Vermittlung des Herzogs von Argyle, deren Bräute Zutritt in den Tower zu ihnen erlangten. Thränen, Hoffnungs⸗ ſchimmer und Lächeln wechſelten mit einander, als die Ausſichten auf Entkommen, ein freiſprechendes Urtheil oder ein Gnadengeſuch an den König be⸗ ſprochen wurden. Crawford ſah ein, daß ihm keine Hoffnung bleibe; dagegen war er viel zuverſichtlicher hinſichtlich des Schickſals ſeines Freundes. „Sir Allan ſcheint mir unter allen unſunden geſichert,“ ſprach er. „W eßhalb?“ fragte Alice. Der junge Mann theilte in wenigen Worten des Baronet's Abenteuer mit der Gräfin von Königsſtein in Chatworth und Mancheſter mit und deutete dabei auf den Ring, den ſein Freund noch immer trug. „Geben Sie ihn mir!“ rief das beängſtigte junge Mädchen, indem ſie denſelben von ſeinem Fin⸗ ger zog. „Was wollen Sie damit machen?“ fragte ihr Liebhaber lächelnd. „Ich S die Lady ſprechen.“ „Sie?“ „Ja, ich,“ ſagte Alice feſt.„Ich weiß, auf was Sie ſich berufen würden. Sie iſt zwar die Geliebte des Königs; aber wenn ſie auch noch zehn Mal ſchlimmer iſt, als man ſie ſchildert, ſo werde ich ihr doch gegenüber treten. Viel leicht beſitzt ſie doch ein Herz.“ 3 295 „Dafür kann ich ſtehen,“ erwiderte Sir Allan, „und zwar ein edles Herz. Wenn Sie ihre Ge⸗ ſchichte kennten, ſo würden Sie ſie ebenſo bemitlei⸗ den wie ich.“ Vielleicht miſchte ſich ein peinliches Gefühl in die Befriedigung, mit welcher Alice das Lob der Gräfin aus dem Munde ihres Liehhabers vernahm; doch war dabei keine Eiferſucht im Spiele. Trotz Allan's Bitten, daß Alice nicht einem ſo nutzloſen Verſuche ſich unterziehen ſolle, weil er nur geringen Werth auf das Geſchenk der Gräfin legte, wurde doch beſchloſſen, daß Alice am folgenden Morgen den Verſuch wagen ſolle. Einundvierzigſtes Kapitel. Lange vor Carl Eduards Entkommen hatte eine Maſſe ſeiner Anhänger, weniger glücklich wie er, einen grauſamen und blutigen Tod auf den Schafoten Englands gefunden. Die Nothwendigkeit, die Freunde des Hauſes Stuart in Zukunft von allen Verſuchen zu ſeinen Gunſten abzuſchrecken, hatte ſelbſt die Mildgeſinnten mit einer Politik ausgeſöhnt, welche ohne jeden Zweifel zunächſt dem racheſüchtigen Geiſte gewiſſer an der Spitze ſtehender Leute, namentlich aber des Herzogs von Cumberland, ihre Entſtehung 296 verdankte, der nur deßhalb die Hochlande verlaſſen hatte, um im Süden neue Opfer aufzuſuchen. Das Benehmen dieſer Menſchen in ihren letzten Lebens⸗ ſtunden und die Auſſchlüſſe, welche ſie hinterließen, ſind ein trauriger Beweis, auf welche Weiſe die Geſetze gehandhabt wurden, welche Tod und Schmach ſelbſt da verhängten, wo es ſich um bloße Verge⸗ hungen der Anſichten und Meinungen handelte. Die Officiere der engliſchen Regimenter, welche in Carlisle gefangen genommen wurden, waren die erſten Opfer. Achtzehn dieſer unglücklichen Männer, an deren Spitze Mr. Francis Townly, der Oberſt des Mancheſter⸗Regiments, ſich befand, wurden vor das große Geſchwornengericht am Gerichtshofe von St. Margaret's Hill, Southwark in der Grafſchaft Surrey, am 15. Juli und den vier darauf folgenden Tagen geſtellt. Alle wurden, mit Ausnahme eines Einzigen, zum Tode verurtheilt, und am 29. dieſes Monats, vier Tage nach dem Eintreffen des Herzogs von Cumberland in St. James, traf ein Befehl an dem Orte ihrer Haft ein, worin die Hinrichtung von neun derſelben, die am ſchuldigſten erfunden worden waren, auf den folgenden Tag angeordnet wurde. Kennington Common war der für die Hinrichtung bezeichnete Ort; und da das Schauſpiel unter all' den barbariſchen Nebenumſtänden vor ſich gehen ſollte, welche das engliſche Geſetz für den Hochver⸗ rath vorſchreibt, ſo hatte ſich der Londoner Pöbel in großer Menge eingefunden, um Zeuge deſſelben zu ſein. In der Nähe des Galgens befand ſich ein Haufen Reiſigbüſcheln und ein Block, und während die Gefangenen von der Schleife, auf der ſie ſich be⸗ 297 fanden, auf den Karren gehoben wurden, von welchem aus ſie hinaufgezogen werden ſollten, wurden die Reiſigbüſcheln angezündet und die Wachen bildeten einen Kreis um den Richtplatz. Den Gefangenen war kein Geiſtlicher oder Prieſter zugeſtanden wor⸗ den, aber Einer unter ihnen, der ehemals Advocat geweſen, las Gebete und fromme Betrachtungen aus einem Buche ab, welche die Andern mit großer Auf⸗ merkſamkeit anhörten und mit tiefer Inbrunſt beant⸗ worteten und zugleich Stoßgebete herſprachen. Eine halbe Stunde dauerten dieſe Andachtsübun⸗ gen, während welcher die Verurtheilten auch nicht das leiſeſte Symptom von Unentſchloſſenheit ver⸗ riethen, obgleich ihr Benehmen den unglücklichen Umſtänden ganz angemeſſen geweſen ſein ſoll. Nach⸗ dem ſie mit ihrem Gebet zu Ende waren, nahmen ſie überſchriebene Papiere aus ihren Büchern heraus und warfen dieſelben unter die Zuſchauer. Es zeigte ſich, daß dieſelben die Erklärung enthielten, daß ſie für eine gerechte Sache ſtürben, daß ſie nicht bereu⸗ ten, was ſie gethan, und daß ſie nicht zweifelten, ihr Tod würde gerächt werden. Außerdem fanden ſich noch einige Ausdrücke darin vor, die man höchſt hochverrätheriſch fand. Einige davon übergaben auch dem Sheriff Papiere, zogen dann ihre Hüte ab, von denen einige mit Golb verbrämt waren, denn alle waren wie Edelleute gekleidet— und auch in die⸗ ſen ſollen ſich hochverrätheriſche Papiere vorgefunden haben. Unmittelbar darauf ſetzte ihnen der Nach⸗ richter Mützen, die man ihnen in die Taſche geſteckt hatte, auf, ſtreifte ſie über ihre Augen herab und zog ihre Körper in die Höhe. Nachdem ſie drei 298 Minuten gehangen hatten, wurden ſie entkleidet und abgeſchnitten, worauf der Nachrichter zu der gräß⸗ lichen Ceremonie ſchritt, ihnen Herz, Leber und Ein⸗ geweide herauszuſchneiden und dieſe in das Feuer zu werfen. Dieſe Behandlung wurde Einem nach dem Andern zu Theil, worauf man ihnen die Köpfe abſchlug und ſie in ihre Särge legte. Nachdem man das Herz des Letzten in das Feuer geworfen, welches James Dawſon gehört hatte, rief der Henker mit lauter Stimme:„Gott erhalte den König Georg!“ worauf die Zuſchauer mit einem Zuruf antworte⸗ ten. Die verſtümmelten Leichname wurden hierauf auf der Schleife in das Gefängniß zurückgebracht und die Köpfe von Townly und Fletcher wurden drei Tage lang auf Temple Bar aufgeſtellt, wäh⸗ rend die von Dencon, Berwick, Chadwick und Syd⸗ dal in Weingeiſt aufbewahrt wurden um auf die⸗ ſelbe Weiſe in Carlisle und Mancheſter ausgeſtellt zu werden. James Dawſon, der Sohn eines Edelmanns von Lancaſhire, der ſeine Studien in St. John's Colle⸗ gium in Cambridge noch nicht vollendet hatte, war mit einer jungen Dame von guter Familie und vie⸗ lem Vermögen verlobt, als ein jugendlicher Erceß ihn veranlaßte, vom Collegium wegzulaufen und den Inſurgenten ſich anzuſchließen. Für den Fall ſeiner Freiſprechung oder wenn ihm königliche Gnade zu Theil geworden wäre, war der Tag, an welchem er ſeine Freiheit wieder erlangt hätte, von den Eltern beider Parthieen zum Hochzeitstage der jungen Leute beſtimmt worden. Als es gewiß geworden war, daß er den ſoeben beſchriebenen grauſamen Tod zu * 299 erleiden habe, beſchloß die troſtloſe junge Dame, trotz der Vorſtellungen ihrer Freunde, der Hinrichtung beizuwohnen, und ſie folgte auch richtig den Schlei⸗ fen in einem Miethwagen, in Begleitung eines ihr verwandten Herrn und einer Freundin. Sie ließ nahe genug am Richtplatze halten, daß ſie das Feuer ſehen konnte, welches das Herz ihres Liebhabers ver⸗ zehren ſollte; auch entging ihr von hier aus nicht eine der Vorbereitungen zu ſeinem gräßlichen Ge⸗ ſchick, ohne daß ſie irgend eine bedeutende Gemüths⸗ bewegung hätte merken laſſen. Es gelang ihr auch während des ganzen Herganges des blutigen Drama's ihre Empfindungen zu beherrſchen. Nachdem aber Alles vorüber war und das Geſchrei der Menge in ihre Ohren drang, warf ſie mit dem Ausruf den Kopf in die Wagenecke zurück:„Ja, Geliebter, ich ſolge dir— ſüßer Jeſus, nimm unſere beiden Seelen bei Dir auf!“ fiel ihrer Begleiterin auf die Schul⸗ ter und hauchte mit dem letzten Worte ihre Seele aus. Die große Jury von Surrey ſetzte die Earls von Kilmarnock, Cromarty und Lord Balmerino in Anklageſtand, und in Folge davon ſaß das Haus der Pairs am 28. Juni über ſie zu Gericht. Dieſer Act ging mit großer Feierlichkeit vor ſich. Hundert⸗ undfünfunddreißig Pairs fanden ſich ein. Der Lord Canzler Hardwicke übernahm bei dieſer Veranlaſſung das Amt eines Lord High Stewurd oder Präſiden⸗ ten der Verſammlung. Weſtminſter Hall war zu dieſer Veranlaſſung⸗auf's Glänzendſte hergerichtet worden. Die drei rebelliſchen Lords, wie man ſie betitelte, 390 wurden in früher Morgenſtunde aus dem Tower nach Weſtminſter Hall gebracht, Kilmarnock in Lord Corn⸗ wallis' Wagen, in Begleitung von General William⸗ ſon, Untergouverneur des Towers, Cromarty in General Williamſon's Wagen, in Begleitung von Capitän Marſhall, und Balmerino in einem andern Wagen, begleitet von Mr. Fowler, Gefängnißvor⸗ ſteher, welcher das Beil verſteckt bei ſich hatte. Auf beiden Seiten der Wagen ritten ſtarke Abtheilungen von Soldaten. Der Gerichtshof, der ſich ebenfalls in Proceſſion vom Hauſe der Pairs in die Halle begeben hatte, wurde daſelbſt auf gebührende Weiſe empfangen, und nachdem die Gefangenen aufgefor⸗ dert worden waren, zu erſcheinen, wurden dieſelben von dem Gefängnißvorſteher in die Schranken ge⸗ führt, wobei er das Beil, die Schneide auswärts, jedoch nach unten gekehrt, trug. Nachdem die gegen⸗ ſeitigen Begrüßungen zwiſchen den Gefangenen und den Pairs ſtattgefunden hatten, wurde die Anklage⸗ acte verleſen, auf welche Kilmarnock und Cromarty ſich für„ſchuldig“ bekannten und ſich der Gnade des Königs empfahlen. Balmerino aber, ehe er ein Bekenntniß ablegte,— das heißt, ehe er ſich darüber ausſprach, ob er ſich für ſchuldig oder nicht ſchuldig bekenne— fragte den Präſidenten, ob es ihn etwas nütze, wenn er beweiſe, daß er bei der Belagerung von Carlisle nicht zugegen, wie die Anklageacte ſage, ſondern zehn Meilen davon entfernt geweſen ſei. Seine Gnaden erwiderten, daß dieß, je nach Umſtänden, dienlich oder nicht dienlich ſein könne, er bitte aber Seine Lordſchaft, zu bedenken, daß es der Form zuwider ſei, einem Gefangenen zu geſtat⸗„ 301 ten, zuvor Fragen zu ſtellen, bevor er ſich erklärt habe. Er bitte alſo Seine Lordſchaft, ſich auszu⸗ ſprechen. „Ich ſoll mich ausſprechen!“ rief Balmerino, der von der Technik eines engliſchen Gerichtshofes nichts verſtand, und deſſen kecken Geiſt die hohe Verſammlung nicht einzuſchüchtern vermocht hatte. „Wohlan, ich werde mich ausſprechen, ſo gut ich kann.“ Der Präſident erklärte ihm, was man techniſch unter dieſem Worte verſtehe, worauf der Lord rief: „Nicht ſchuldig.“ Der Hof ſchritt nun augenblicklich zur gerichtlichen Unterſuchung, die bald zu Ende war. Der Königs⸗ Anwalt wurde zuerſt gehört und darauf fünf oder ſechs Zeugen hinter einander vernommen, durch welche erwieſen wurde, daß der Lord, wenn auch nicht gerade an dem bezeichneten Tage, aber ſpäter an der Spitze eines Reiterregiments, das nach ihm benannt war, mit gezogenem Degen in Carlisle ein⸗ gezogen ſei. Die Gefangenen hatten keinen Bei⸗ ſtand; Balmerino machte jedoch hievon eine Aus⸗ nahme, die aber als unbefugt verworfen wurde. Der Präſident fragte dann, ob er noch etwas Wei⸗ teres zu ſeiner Vertheidigung vorzubringen habe, worauf der Lord erwiderte: er bedaure, dem Hof ſo viele Mühe gemacht zu haben, und daß er nichts Weiteres zu ſagen habe. Hierauf zogen ſich die Lords in das Haus der Pairs zurück, und als die Richter über ihre Anſicht hinſichtlich des offenen Acts des Aufruhrs befragt wurden, erklärten ſie, daß dieß nicht weſentlich ſei, nachdem andere Thatſachen ge⸗ * 301 nügend conſtatirt ſeien. Hierauf kehrten ſie in die Halle zurück, worauf der Präſident, altem Brauche gemäß, Einen nach dem Andern fragte, indem er bei dem jüngſten Baron anfing: „Mylord von—, iſt Arthur Lord Balmerino des Hochverraths ſchuldig?“ Jeder antwortete, die rechte Hand auf ſeine linke Bruſt gelegt: „Schuldig, auf meine Ehre, Mylord!“ Die Gefangenen wurden hierauf wieder an die Schranke zurückberufen, wo ihnen der Ausſpruch des Hofes mitgetheilt wurde, ſowie daß ſie bis zum übernächſten Tag wieder in den Tower zurückgebracht würden, um ſodann nochmals zu erſcheinen und ihren Urtheilsſpruch entgegen zu nehmen. Das Haus brach unmittelbar darauf auf und die Gefangenen wurden, die Schneide des Beils gegen ſie gekehrt, in das Gefängniß abgeführt. Als ſie am 1. Auguſt wieder vor die Schranken gebracht worden waren, wurden die Earls von Kil⸗ marnock und Eromarty abermals gefragt, ob ſie irgend etwas vorzubringen hätten, weßhalb die Todesſtrafe an ihnen nicht zu vollziehen wäre, worauf dieſe ver⸗ neinend antworteten. Der Präſident theilte Balme⸗ rino mit, daß, weil er Einwendungen gemacht und einen Beiſtand verlangt habe, ſo ſolle er jetzt, wenn es ihm dienlich erſcheine, davon Gebrauch machen. Seine Lordſchaft erwiderte, daß ſein Beiſtand ihm geſagt habe, ſeine Einwendung enthalte nichts, was ihm dienlich ſein könne, deßhalb verzichte er darauf, daß das Haus denſelben anhöre; überhaupt hätte er gar keine Einwendung gemacht, wenn er . 302 nicht überzeugt geweſen wäre, daß dieſelbe gegründet ſei, und es thue ihm jetzt leid, Seiner Gnaden und den Pairs Mühe gemacht zu haben. Nachdem auf dieſe Weiſe ſämmtliche Gefangene ſich dem Ausſpruche des Hofes unterworfen hatten, hielt der Lord Prä⸗ ſident eine lange, ſalbungsreiche Rede, welche er mit Verkündigung der Sentenz in folgenden Wor⸗ ten ſchloß: „Der geſetzliche Ausſpruch lautet und dieſer hohe Gerichrshof beſtätigt ihn, daß ihr, William, Earl von Kilmarnock, George, Earl von Cromarty, und Arthur, Lord von Balmerino, ſowie Jeder von euch in das Gefängniß des Towers zurückkehren ſoll, woher Ihr kommt, von dort ſollt ihr auf den Richt⸗ platz geſchleift werden. Wenn ihr dort ankommt, ſollt ihr am Hals dort aufgehängt werden, aber nicht bis ihr todt ſeid, denn ihr ſollt lebendig abge⸗ ſchnitten werden. Dann ſollen euch Herz, Leber und Eingeweide herausgenommen werden und vor eurem Angeſicht verbrannt werden. Dann ſollen eure Köpfe von euern Körpern geſchnitten, dieſe Körper in vier Theile getrennt, und ſolche zu des Königs Ver⸗ fügung geſtellt werden. Gott, der Allmächtige ſei euren Seelen gnädig!“ Nachdem die Sentenz verleſen war, wurden die Gefangenen von den Schranken weggebracht. Der Lord Präſident ſtand unbedeckten Hauptes auf, zer⸗ * brach ſeinen Stab und verkündigte, daß ſein Auftrag zu Ende ſei. — 5 304 Zweiundvierzigſtes Kapitel. Der Earl von Kilmarnock, der erſt in ſeinem zweiundvierzigſten Lebensjahre ſtand und ſehr am Leben hing, gab augenblicklich ein Gnadengeſuch an den König, ſowie Bittſchriften an den Prinzen von Wales und den Herzog von Cumberland ein, worin er dieſelben flehentlich anging, zu ſeinen Gunſten bei ihrem königlichen Herrn ein gutes Wort einzu⸗ legen. Der Ton dieſer Petition war ungefähr der⸗ ſelbe, wie der ſeiner Rede, ebenſo reumüthig und demüthig, als ſeiner Geburt, ſeines Ranges und ſei⸗ nes früheren Benehmens unwürdig. Das an den Herzog enthielt eine Rechtfertigung ſeiner ſelbſt hin⸗ ſichtlich einiger Schmähungen, welche zu den Ohren Seiner Königlichen Hoheit gedrungen waren, und welche, wie er glaubte, dieſe hohe Perſon wider ihn eingenommen habe. Man ſage ihm, dem Carl nach, er habe ſich an einem Befehle betheiligt, wel⸗ cher in der Taſche eines Gefangenen nach der Schlacht von Culloden gefunden wurde, und doß er außer⸗ dem verſchiedene Grauſamkeiten an den Gefangenen ſich habe zu Schulden kommen laſſen, welche den Inſurgenten in die Hände gefallen waren. Dieſe beiden Anklagen ziehe er entſchieden in Abrede. Dieß that er währſcheinlich mit Recht; wogegen die Be⸗ hauptung, daß er ſich freiwillig der Regierung unter⸗ worfen habe, und welche er ſowohl in ſeiner Rede wie in ſeiner Petition an den König aufrecht zu erhalten ſuchte, ſpäter von ihm ſelbſt, als nur in ————— 305 der Noth gemacht und in der Hoffnung, ſeine Maje⸗ ſtät zu rühren, zugegeben wurde. Balmerino that nichts, um ſein Leben zu retten, ſondern benahm ſich von dieſem Augenblicke an wie ein Mann, der ſich in das Schickſal, ſterben zu müſ⸗ ſen, fügt, und welcher diejenigen verachtet, welche die Strafe über ihn verhängt haben. Als er erfuhr, daß ſeine beiden Leidensbrüder ein Gnadengeſuch eingegeben hätten, ſagte er ſpöttiſch: da dieſelben ſo großen Einfluß bei Hofe beſäßen, ſo ſei es in der That Schade, daß ſie ſeinen Namen nicht auch hät⸗ ten mit hineinſchlüpfen laſſen. Einem Edelmann, der ihn eine Woche nach geſprochenem Urtheil be⸗ ſuchte, und ſich wegen ſeiner Zudringlichkeit während der wenigen Stunden, die Seine Lordſchaft noch zu leben habe, entſchuldigte, erwiderte er:„Es bedarf keiner Entſchuldigung, mein Herr! Ich habe nichts gethan, was mein Gewiſſen beſchwert. Ich werde mit treuem Herzen und unverzagt ſterben; denn ich glaube, daß kein Menſch zum Leben taugt, der nicht zu ſterben weiß. Für das, was ich gethan habe, bin ich keineswegs verantwortlich.“ Der Earl von Cromarty erhielt am 9. Auguſt Pardon, und am 11. wurde in einem deßhalb ge⸗ haltenen Rathe die Hinrichtung der Lords Kilmarnock und Balmerino unterzeichnet. Beide hatten auf Be⸗ gnadigung gerechnet, und die meiſten Leute hatten geglaubt, Balmerino würde das einzige Opfer ſein. Aber der Zorn des Königs über Kilmarnocks Un⸗ dankbarkeit und der ungünſtige Eindruck, welchen die Schilderung von deſſen Character auf den Herzog Der junge Prätendent. II. 20 306 von Cumberland gemacht, in Verbindung mit ſeinen Ausflüchten, auf welche er ſein Gnadengeſuch ge⸗ gründet: alles dieß veranlaßte den Beſchluß, wie man glaubt, daß auch er ſterben müſſe. Es wurden deßhalb am 12. zwei Befehle mit dem großen könig⸗ lichen Siegel verſehen, durch welche Lord Cornwallis, der Conſtabel des Towers, bevollmächtigt wurde, die Körper des Earl von Kilmarnock und des Lord Balmerino den Sheriffs von London zur Hinrichtung am 18. zu übergeben. Nichts war bezeichnender für die Verſchiedenheit der Charactere dieſer beiden unglücklichen Cdelleute, als die Art und Weiſe, mit welcher Jeder die Be⸗ nachrichtigung dieſes letzten entſcheidenden Beſchluſſes aufnahm. Um ſechs Uhr Morgens, am Tage der Hinrich⸗ tung marſchirte eine Abtheilung Leibgarde, eine Ab⸗ theilung Grenadiergarde zu Pferd, und etwa tauſend Mann Garde zu Fuß vor dem Tower Hill auf, um⸗ ſchloſſen das Schafot und ſtellten ſich bis zu der kleineren Pforte in Spalier auf, ſo daß der Zug durch ihre Reihen durchpaſſiren mußte. In früher Stunde des Vormittags begaben ſich die Sheriffs von London nebſt ihren Unterſheriffs und Beamten, darunter ſechs Stabträger, ſechs Mann von der bür⸗ gerlichen Miliz und der Nachrichter in das zur Auf⸗ nahme der Gefangenen gemiethete Haus, vor deſſen Fronte das Blutgerüſte errichtet worden war. Um zehn Uhr war der Block aufgeſtellt und um denſel⸗ ben herum mehrere Säcke mit Sägmehl gebracht worden, damit das Schafot zu beſtreuen. Bald darauf brachte man zwei Särge auf das Gerüſt; die⸗ 1 307 ſelben waren mit ſchwarzem Tuch ausgeſchlagen, mit ſilbernen Nägeln verziert, und über dem für Kil⸗ marnock beſtimmten war eine Platte mit der In⸗ ſchrift angebracht: Gulielmus, Comes de Kilmar- nock, decollatus 18. Augusti 1746, aetat. 42 (Wilhelm, Graf von Kilmarnock, enthauptet den 18. Auguſt 1746, im Alter von 42), mit einer Earlskrone darüber. Auf Balmerino's Sarg ſtand: Arthurus, Dominus de Balmerino, decollatus 18. Augusti 1746, aetat. 58(Arthur, Herr von Balmerino, enthauptet den 18. Auguſt 1746, im Alter von 58), und darüber befand ſich eine Baronenkrone. Der letzte unter allen dieſen Märtyrern, wie ſie von ihrer eigenen Partei genannt wurden, war Lord Lovat. Der merkwürdige Mann war vom Hauſe der Gemeinen am 11. December in Anklageſtand wegen Hochverraths verſetzt worden, und das Gericht über ihn fand vor dem Hauſe der Pairs am 9. März 1747 und mehreren darauf folgenden Tagen ſtatt. Bei dieſer wichtigen Veranlaſſung ſcheint er ſein ganzes Talent der Verſtellung und Rabuliſterei in Anwendung gebracht zu haben, durch welches er ſich ſein Leben hindurch ſo vielfach ausgezeichnet hatte. Das gegen ihn ausgeſtellte Zeugniß war aber der Art, daß kein Kunſtgriff es zu entkräftigen vermochte. Es wurden ihm eine Menge Briefe vorgelegt, welche er an die verbannte Familie und beſonders an den jungen Chevalier gerichtet hatte, in welchen er ſei⸗ nen Beiſtand anbot und wegen der ſeiner Familie vorgeſchlagenen Erhebung zur Herzogswürde unterhan⸗ delte. Dieſe Correſpondenz hatte man ſich durch einen 308 gewiſſen Murray von Broughton verſchafft, der, ein elendes, verachtetes Leben einem ehrenvollen Tode als Mann vorziehend, ſich gegen die Regierung ver⸗ bindlich erklärt hatte, um Pardon zu erhalten, alle Enthüllungen zu machen, die in ſeiner Macht ſtün⸗ den. Solchen gewichtigen Documenten gegenüber vermochte Lovat nichts auszurichten, und obgleich er mit einer gewiſſen Beredtſamkeit eine Rede hielt, in welcher er ſeine Handlungsweiſe zu rechtfertigen und zu beſchönigen verſuchte, wurde er doch zum Tode verurtheilt. Während einer vollen Woche, welche zwi⸗ ſchen dem Spruche und deſſen Ausführung ver⸗ floß, bemerkte man an ihm jene geiſtige Kraft und lebendige Unterhaltung, durch welche er ſich ſein ganzes Leben hindurch ausgezeichnet hatte. Er ſprach mit ſeiner Umgebung, wie er vor einer Reiſe, die er zu machen beabſichtigte, geſprochen haben würde, und ergoß ſich über die damit ver⸗ knüpften Umſtände in Witzen und ſcherzhaften Be⸗ merkungen. Als man ihm am Morgen, ehe er das Gefängniß verließ, mittheilte, daß ein Schaugerüſt in der Nähe des Richtplatzes eingeſtürzt ſei, wodurch viele Perſonen getödtet und verwundet worden ſeien, bemerkte er bloß:„Je mehr Unglück, um ſo mehr Kurzweil.“ Körperlich war er ſo ſchwach, daß er des Beiſtandes zweier Perſonen bedurfte, um das Blutgerüſt zu beſteigen. Selbſt hier noch legte er dieſelbe Gleichgültigkeit gegen den Tod zur Schau. Er befühlte die Schneide des Beils und zeigte ſich mit deſſen Schärfe befriedigt. Dann rief er den Scharfrichter herbei, gab demſelben zehn Guineen — . „ 309 und ſagte ihm, er ſolle ſeine Pflicht mit Feſtigkeit und Pünktlichkeit erfüllen; zugleich drohte er ihm aber mit ſeinem Zorn, wenn er ihn in die Schulter haue und verwunde. Er erklärte, im römiſchkatho⸗ liſchen Glauben zu ſterben, und brachte einige Zeit in Andacht hin. Einer ſeiner letzten Ausrufe war Horaz's„Dulce et decorum.«« Mit derſelben kal⸗ ten Reſignation überließ er ſich dem Nachrichter, der glücklicherweiſe ſein Werk mit Einem Streich vollbrachte. An dem Tage nach ihrer Unterredung mit Sir Allan im Tower begab ſich Alice, das Herz voll Hoffnung, nach dem alten Palaſte von Kenſington, die Reſidenz der ebenſo bedauernswürdigen als un⸗ glücklichen Gräfin von Königsſtein, der Geliebten und des Opfers des ausſchweifenden Monarchen, welcher das Geſchick Englands lenkte. Verwandte vieler der unglücklichen Edelleute und Männer andern Stan⸗ des, welche eine grauſame Politik zum Tode verur⸗ theilt, hatten im Hinblicke auf den Einfluß, den ſie wie Niemand ſonſt in ſo hohem Grade auf den König übte, ihre Thüren belagert. Deßhalb hatte ſie den gemeſſenſten Befehl ertheilt, keine Fremden bei ihr vorzulaſſen,— nicht deßhalb, weil ihr Herz gefühllos war, ſondern weil wohl eine geheime Stimme ihr zuflüſterte, daß der Augenblick nicht fern ſei, in welchem ſie ihres ganzen Zaubers be⸗ dürfen würde, den einzigen Mann zu retten, der je ihr Herz gerührt hatte. ie arme Bittſtellerin war in tiefe Trauer ge⸗ hüllt,— tief, wie ihr Kummer— dunkel, wie ihr Schickſal; aber weder ihre Gewänder, noch der lange 310 Trauerſchleier, welcher theilweiſe ihre anmuthige Geſtalt verhüllte, vermochte die Würde ihres Beneh⸗ mens zu verbergen, welchem Kummer noch eine wei⸗ tere Majeſtät verlieh. „Mylady kann Sie nicht empfangen,“ erwiderte eine der Damen der Gräfin, in Erwiderung auf Alice's Bitten um eine Unterredung.„Sie iſt leidend„ und ſieht Niemand bei ſich.“ Dieß wurde in einem gewiſſen reſpectvollen, aber feſten Tone geäußert; denn die Kammerfrau, oder wer es ſonſt ſein mochte, hatte die herzogliche Krone an dem Wagen, in welchem die Beſucherin gekom⸗ men war, wohl bemerkt. Argyle hatte nämlich, um Alice die Audienz zu erleichtern, darauf beſtanden, daß ſie ſich ſeiner Cquipage bedienen ſolle. „Es handelt ſich bei mir nicht um einen müſſi⸗ gen Beſuch,“ rief Alice in bittendem Tone,„auch komme ich nicht ohne eine paſſende Empfehlung. Wol⸗ len Sie alſo wohl einen Ruftrag von mir an Ihre Lady annehmen?“ „Ich wage es nicht— es iſt mir verboten.“ „Aber Sie übernehmen doch das Ueberbringen eines Pfandes?“ Das Frauenzimmer ſchüttelte den Kopf. In der Hoffnung, ihren Beiſtand zu erlangen, zog das arme Mädchen eine ſchwere Börſe und ein koſtbares Diamantenarmband aus dem Buſen. Es hatte ihrer Mutter gehört und deßhalb noch einen beſondern Werth, weil dieſelbe ſterbend es ihr ge⸗ geben hatte. Dennoch bat ſie dringend um die L nahme von Beidem. Was hätte ſie nicht geopfert um der ſchwächſten Hoffnung willen, das Leben eines„ . 311 Mannes zu retten, mit welchem ihr eigenes ſo eng verwachſen war, daß Ein Streich die Bande beider durchſchneiden mußte! Die auf dieſe Weiſe Ange⸗ gangene richtete ſich im Gefühle beleidigter Würde auf. In ihrer Argloſigkeit hatte Alice ſie halb für eine Dienerin, halb für eine Geſellſchafterin gehal⸗ ten; denn es war ihr entfernt nicht eingefallen, daß eine Perſon von Geburt und Erziehung die Stelle als Chrendame bei einer ſo allgemein verhaßten Frau, ſelbſt wenn dieſe die Günſtlingin des Königs war, anzunehmen im Stande ſei. „Fräulein,“ ſprach die Dame,„Sie verkennen meine Stellung im Haushalte der Gräfin von Königs⸗ ſtein. Die Ehrendame derſelben iſt keine Perſon, die ſich beſtechen läßt.“ „Verzeihen Sie mir! Verzeihen Sie mir! Ich wollte Sie nicht beleidigen. Mein Kummer hat mich blind— die Verzweiflung wahnſinnig gemacht! Wenn Sie je,“ fuhr ſie, auf die Kniee ſich werfend, fort,„den bittern Schmerz kennen lernten, von Dem, den Sie liebten, ſich trennen zu müſſen, die troſtloſe Gewißheit, ihn zu verlieren,— die Furcht, verein⸗ ſamt durch's Leben wandern zu müſſen, ſo haben Sie Mitleid mit meinen Thränen und meinen Leiden. Das Beil— das Beil—“ fuhr ſie ganz außer ſich fort,„hängt über dem Haupte Deſſen, den ich liebe. Ich bin eine Waiſe, ein armes, verlaſſenes Geſchöpf, ohne Einfluß, außer dem meiner Bitten, und dieſe erſticken unter meinen Thränen! Aber ein Wort, nur Ein Wort mit der Gräfin, und ich will Sie ſegnen— für Sie beten— Sie wie eine Hei⸗ lige verehren!“ 312 Die Dame, welche gleich der unglücklichen Favo⸗ ritin eine Deutſche war, beſaß ein weiches Gemüth, und ſo hob ſie die anmuthige Bittſtellerin ſanft in die Höhe. Ihr Herz war gerührt; auch ſie hatte Kummer kennen gelernt und fühlte die größte Theil⸗ nahme für den Schmerz des vor ihr befindlichen bleichen Mädchens. „Stehen Sie auf,“ ſprach ſie,„ich bitte Sie, ſtehen Sie auf und glauben Sie ja nicht, daß meine Weigerung aus einem fühlloſen Herzen entſprang; aber die Gräfin hat noch nie den Einfluß, den man ihr zuſchreibt, dazu angewendet, um eine Gunſt für ſich oder für ihre Freunde zu erwirken. Hätte ſie ſich hiezu herbeigelaſſen, ſo hätte ſie in dieſen un⸗ glücklichen Zeiten auf Bergen von Gold luſtwandeln können.“ „Ich weiß— ich weiß, daß ſie keine gewöhnliche Perſon iſt.“ „Allerdings,“ ſeufzte die Dame,„und ihre Ge⸗ ſchichte iſt ſehr trauriger Art.“ „Ich habe Alles vernommen,“ rief Alice aus; „ich habe Alles aus dem Munde von Jemand ge⸗ hört, dem ſie dieſelbe ſelbſt anvertraute; ich kenne ihre edelmüthige Aufopferung zur Rettung ihres Vaters— ihre märtyrergleiche Unterwerfung unter einen rohen Deſpoten. Sie hat, ſie muß ein Herz beſitzen!“ Die Perſon, an welche dieſe wenigen Worte ge⸗ richtet wurden, war darüber ſo erſtaunt, daß ſie„ einige Secunden nichts zu antworten wußte. Als Vertraute jedes Gedankens der Gräfin, als ihre Ge⸗ noſſin und Freundin von Kindheit an wußte ſie, 313 daß die Unglückliche nur einem Einzigen Menſchen ihre traurige Geſchichte mitgetheilt hatte. „Wie heißt Der, von dem Sie ſie gehört haben?“ brachte ſie endlich mühſam hervor. „Sir Allan Glencairn, der die Gräfin vor den Beleidigungen und Zudringlichkeiten während des Vorrückens der Truppen des Prinzen nach England ſchützte!“ „Von ihm!“ rief die Dame erfreut.„O, hätte ich das gleich gewußt, ſo hätten Sie nicht nöthig gehabt, zum zweiten Male zu bitten. Sein Name wäre Ihr Freibrief geweſen. Folgen Sie mir; ich werde Sie ſogleich zur Gräfin führen. Der Vorſicht halber aber zuvor noch ein Wort: Sie hat ſich in letzter Zeit ſehr verändert; ihr ſonſt ſo ſanftes Be⸗ nehmen iſt hart und ſtreng geworden. Beachten Sie dieß nicht; ihr Geiſt iſt, wie ich fürchte, zuwei⸗ len irre, aber ihr Herz iſt offen und edel ge⸗ blieben.“ Mit dieſen Worten begab ſich die Dame von dem Vorzimmer nach den Gemächern der Favoritin. Als ſie die lange Gallerie erreichte, welche die Aus⸗ ſicht in den Garten gewährt, ſagte ſie ihrer Beglei⸗ terin, ſie ſolle ſo lange hier verweilen, bis ſie ihren Beſuch gemeldet habe. „Ich muß die Gräfin erſt vorbereiten,“ bemerkte ſie.„Sie fühlt ſich körperlich und geiſtig ſehr an⸗ gegriffen.“ Mit dieſen Worten trat ſie in das Cabinet der Gräfin und ließ Alice unter dem Einfluſſe jener Pein zurück, welche das weibliche Gemüth fühlt, 314 wenn das Leben von Perſonen bedroht iſt, welche dem Herzen am nächſten ſtehen. Thereſe, das unglückliche Opfer der Leidenſchaften eines ausſchweifenden Monarchen, hatte immer die trau⸗ rige, erniedrigende Stellung gefühlt, in welche ſie ihre kindliche Aufopferung verſetzt hatte; aber ſeit ihrem Zuſammentreffen mit Sir Allan fühlte ſie ſich mehr als je zu Boden gedrückt. Sein männliches, edles Benehmen, ſeine zarte Theilnahme hatten einen Ein⸗ druck auf ſie gemacht, den ſelbſt Abweſenheit nicht zu verwiſchen vermochte. Ja, derſelbe nahm ſogar mit der Zeit eher noch zu. Sie liebte— zum erſten Mal liebte ſie, und zwar hoffnungslos; und die glänzenden Ketten, in welche ſie ihr unſeliges Schick⸗ ſal geſchmiedet,— der unausfüllbare Abgrund, wel⸗ cher ſie von ihrem Gegenſtande trennte— machten ihr ihre jetzigen Gefühle nur um ſo unerträglicher. Ihre neu erſtandene Leidenſchaft raste nur um ſo heftiger in ihr, weil ſie hoffnungslos war. Sie hatte von Allan's Gefangennehmung und deſſen Ankunft in London gehört, ſie wußte, daß er im Tower ein⸗ gekerkert ſei, und erwartete ſehnlichſt, daß er ihren Schutz in Anſpruch nehme. Aber ein Tag um den andern verging, und das Fieber der Erwartung zehrte an ihr und ſteigerte reißend ſchnell die Krankheit, die bereits ihr innerſtes Lebensmark ergriffen hatte. „Er verſchmäht mich,—“ murmelte ſie, in dem prachtvollen Zimmer auf⸗ und abgehend, welches ihres Tyrannen Liebe mit allem erdenklichen Glanze ausgeſchmückt hatte;„er verſchmäht es, ſein Leben einer Buhlerin— der Geliebten eines Königs zu verdanken. Sein Mitleid war nichts Anderes als eine augenblickliche Schwäche. Thörin, die ich war, zu glauben, daß eine ehrenvolle Natur Theilnahme für Jemand fühlen könne, der ſo erniedrigt iſt, wie ich. Dennoch will ich ihn retten, trotz ſeiner ſelbſt — ihm das Leben, als meine Gabe, aufnöthigen, — im letzten Augenblick zwiſchen ihn und das Beil treten,— vielleicht,“ fuhr ſie fort, und eine Thräne fiel auf ihre brennenden Wangen, als dieſe Worte ihr entſchlüpften,„wenn er meinen Tod vernimmt, widmet er dann doch dem Andenken der Unglücklichen einen Seufzer, die ihn errettete. Wenn ich glauben könnte, daß— daß nur Eine freundliche Thräne auf mein Grab fallen könnte, ſo würde ich kein an⸗ deres Monument verlangen.“ „Ah! Gertrude!“ rief ſie, als ihre Geſellſchafte⸗ rin in das Cabinet trat,„Du biſt es? Was bringſt Du Neues?“ „Seine Majeſtät—“ „Sprich' mir nicht von dem elenden Gecken,“ unterbrach ſie die Gräfin ungeduldig.„Er iſt der Fluch meiner Exiſtenz; wenn er ſich mir nähert, er⸗ ſtarrt mein Blut, und das ganze Elend, das er über mich gebracht, ſteht in Flammenſchrift vor meinen Augen. Wenn er nach mir geſchickt hat, ſo ſage ihm, ich ſei krank— ſterbend— todt. Sage ihm, was Du willſt, nur rette mich von dem Schrecken ſeiner Gegenwart.“ „Es iſt Jemand da, der Sie beſuchen will,“ ſagte die Dame, welche fürchtete, daß in der aufge⸗ regten Stimmung, in welcher die Gräfin ſich befand, die plötzliche Verkündigung, daß ein Bote von Sir Allan da ſei, und zwar ein weiblicher Bote, dieſer 316 ſchaden könne; denn mit dem gewohnten Scharfblicke ihres Geſchlechts, der ſich ſelten irrt, wenn Liebe im Spiele iſt, war ihr die Leidenſchaft ihrer unhlück⸗ lichen Freundin für den Baronet kein Geheimniß geblieben. „Ich kann Niemand Gehör geben— Riemand ſehen. Der einzige Beſucher, dem ich dienen möchte, verſchmäht meine Dienſte. Weßhalb ſollte ich zwi⸗ ſchen dem Beile und deſſen Opfern die Vermittlerin machen? Weßhalb Wohlthaten auf diejenigen häufen, welche die Hand verachten würden, welche ſie ge⸗ ſpendet hat? Warum ſoll ich die einzige unglückſe⸗ lige Elende auf dieſer Welt ſein, die Glück verbrei⸗ tet, ohne es ſelbſt genießen zu können?“ „Die fragliche Perſon bringt ein Zeichen,“ er⸗ widerte Gertrude. Der Gräfin hüpfte das Herz im Buſen. Sie wußte, daß ſie nur Einer Perſon auf der Welt jemals ein Verſprechen gemacht oder ein Unterpfand ihrer Dienſtleiſtung gegeben hatte. Den Arm ihrer Freundin ergreifend, murmelte ſie matt: „Ich bin dankbar dafür, daß er mich nicht ver⸗ geſſen hat— daß er mich nicht ganz verachtet; denn ſonſt würde er meine Hülfe nicht in Anſpruch neh⸗ men. Laß den Boten eintreten.“ Dieß war aber gerade der zarteſte Punkt von Gertrudens Aufgabe, daß es ſich um eine Ueber⸗ bringerin, und zwar um eine junge, ſchöne Dame handle. Sie wußte, welchen Schmerz dieß ihrer Freundin verurſachen würde, und deßhalb war ſie ängſtlich bemüht, den Streich ſo leicht als möglich 317 zu machen, dabei aber den Anſchein zu vermeiden, als wenn ſie wüßte, daß ſie damit wehe thue. „Wollen Sie die Dame hier ſehen?“ fragte ſie. „Die Dame?“ wiederholte ihre Gebieterin.„Seine Schweſter wahrſcheinlich?“ „Ich glaube nicht. Sie iſt, ihrem Aeußern nach zu ſchließen, von hoher Geburt, und faſt ſo ſchön wie Sie. Ihre Beängſtigung, ihre Aufregung, ihre Bitten und Thränen laſſen auf einen innigeren An⸗ theil als den einer Schweſter an Sir Allan's Ge⸗ ſchick ſchließen.“ Das Blut entfloh von den gerötheten Wangen der Favoritin. Ihr erſter Impuls war eine Wei⸗ gerung, die Bittſtellerin zu empfangen; aber das beſſere Gefühl ihres Herzens gewann die Oberhand, und, ihre Selbſtbeherrſchung wieder gewinnend, er⸗ ſie, indem ſie ſich gewaltſam bezwang, ge⸗ aſſen: „Laß die Dame eintreten.“ „Meine edle, vortreffliche Gebieterin!“ rief Ger⸗ trude aus. „Keine Worte! Keine Lobeserhebungen!“ ſprach die Gräfin.„Bis jetzt haſt Du nur die Schwäche des Herzens deiner armen Freundin geſehen; in Zu⸗ kunft ſollſt Du Dich verwundern über deſſen Stärke — ja, über deſſen Stärke,“ fügte ſie mit einem tie⸗ fen Seußer hinzu.„Ich bin bereit, die Dame zu empfangen.“ Als Alice in das Gemach eingeführt wurde, fand ſie die allmächtige Günſtlingin Georg's des Zweiten mit dem Rücken gegen einen venetianiſchen Spiegel ſtehend, ihren ſchneeweißen Arm auf einen 318 Marmortiſch geſtützt, der unter Vergleich mit dem zar⸗ ten Contraſt litt. Die Gräfin war in eine dunkelviolette Sammt⸗ robe gekleidet, welche ihre ſymmetriſche Geſtalt auf's Vortheilhafteſte hervorhob. Ihr üppiges Haar, theil⸗ weiſe mit Perlenſchnüren durchwunden, fiel in ſchwar— zen Locken auf ihre Schultern herab. Sie war blaß, wie der Tod,— aber ebenſo ſchön, wie die bewun⸗ derungswürdige Statue der Riobe, welche ſelbſt noch lieblicher iſt, als die heitere Venus von Canova in derſelben Gallerie, weil ihre Schönheit durch ihre Thränen hindurch ſichtbar wird. Einige Secunden lang ſtanden die beiden ſchönen Weſen, einander betrachtend, ſich gegenüber. Jede erkannte die Reize ihrer Nebenbuhlerin an. Ihr Inſtinet ſagte ihnen, daß ſie dieſes ſeien. Die Gräfin ſprach zuerſt. Ihre Stimme klang melodiſch aber feſt. Sie hatte ihr Herz hiezu gewappnet, obſchon jedes Wort ſeine in⸗ nerſten Saiten erbeben machte. Gertrude hatte das Gemach verlaſſen, ſobald Alice eingetreten war, und hielt ſich während der Unterredung im Vorzimmer auf, um jede Störung zu verhindern. „Meine Geſellſchafterin meldet mir, daß Sie mit mir zu ſprechen wünſchen— daß Sie ein Pfand von Jemand bringen, dem ich zu vielem Danke ver⸗ pflichtet bin,— von Jemand—“ „Den Ihre Stimme allein,“ fiel Alice in's Wort, indem ſie auf die Kniee ſank und den Ring über⸗ reichte,„von einem grauſamen Tode zu erretten ver⸗ mag. Das Beil— das gräßliche Beil hängt be⸗ reits über ſeinem treuen Haupteſ Jung, edel, feu⸗ rig, wie er iſt, will man ihm das Leben nehmen, wenn Sie ihn nicht retten!“ „Und wie ſoll ich es angreifen, ihn zu retten?“ fragte die Gräfin mit verſtellter Kälte, als ſie aus Alice's zitternder Hand den Siegelring zurücknahm, und ihn bedächtig an den Finger ſteckte.„Ich bin eine Fremde in Ihrem Lande, kenne nur wenige Menſchen, obgleich viele meinen Namen verflu⸗ chen. Ich habe viele Feinde, aber keinen einzigen Freund!“ „Dann bin ich hilflos,“ rief das unglückliche Mädchen, die Hände der Gräfin krampfhaft umfaſ⸗ ſend.„Man hat mich getäuſcht! Man ſagte mir, Sie vermögen Alles über den König,— er ſchlage Ihnen nichts ab,— ſonſt würde ich nicht—“ „Mich erniedrigt haben,“ unterbrach ſie die Grä⸗ fin ſtolz,„die Geliebte des Königs zu beſuchen. Ich vermag Ihre Gedanken ſo deutlich zu leſen, als wenn Ihr Mund ſie ausgeſprochen hätte; ich erkenne die Verachtung Ihres jungen Herzens gegen ein be⸗ flecktes Geſchöpf, deſſen Geburt übrigens ſo edel wie die Ihrige iſt,— deſſen Geſchick ſo glücklich wie das Ihrige zu werden verſprach.“ „Dießmal hat Ihr Scharfblick Sie getäuſcht,“ erwiderte Alice wehmüthig.„Könnten Sie wirklich in meinem Herzen leſen, ſo würden Sie weder Ver⸗ achtung, noch eine unfreundliche Beurtheilung darin finden. Ich hörte Ihren Namen nicht eher, als bis Allan ihn ausſprach; zugleich theilte er mir aber auch eine Geſchichte voll Kummer und edelmüthiger Aufopferung mit, ſo daß mein Herz für Sie blutete, und meinen Augen Thränen der Theilnahme ent⸗ 320 floßen. Nein, ſelbſt nicht um das Leben das mir ſo theuer iſt zu retten, würde Alice Arran ſich ernie⸗ drigen, vor der Geliebten des Königs zu knieen; aber vor ſeinem Opfer, vor der unglücklichen Frau, welche, um das Leben des Vaters zu erhalten, den Glanz ihrer Exiſtenz opferte,— deren Herz, wie ich weiß, edel iſt, kann ich bittend knieen und die Füße derſelben mit Thränen baden. Sie iſt im Stande, mich zu verſtehen.“ Mit einem Male verſchwand die angenommene Kälte in dem Benehmen der Gräfin. Die begeiſter⸗ ten Worte der ſchönen Bittſtellerin hatten ihr ihre Selbſtachtung gänzlich zurückgegeben; die Thränen derſelben erſchienen ihr gleich der Verzeihung eines freiſprechenden Engels. „Stehen Sie auf,“ ſtöhnte ſie.„Ich bitte, ſtehen Sie auf. Tugend ſollte nie vor dem Laſter knieen, wenn ſie daſſelbe auch bemitleidet. Meine Jugend war freudenvoll, wolkenlos, wie die Ihrige, bis— ach! welch' eine Elende hat die grobe Sinnenluſt eines der Tyrannen der Erde aus mir gemacht!“ rief ſie leidenſchaftlich, indem ſie die Hand an die Stirne drückte.„Dieß iſt aber Schwäche, Thorheit.— Sie lieben alſo Sir Allan?“ Alice's Antlitz färbte ſich augenblicklich mit tie⸗ fem Roth, als ſie bejahend darauf antwortete. „Und er liebt auch Sie?“ „3 hoffe es.⸗ „Sie müſſen ſehr glücklich ſein,“ ſeufzte die Gräfin. 2 „Glücklich?“ wiederholte Alice,„wenn ſchon mor⸗ gen das verhängnißvolle Gericht über Sir Allan — n——— 8 32¹ und deſſen treuen Freund ſtattfindet,— wenn ſchon morgen grauſame Männer das Urtheil ſprechen, das ihn auf das Blutgerüſte ſchickt? O ja!“ ſetzte ſie in Thränen ausbrechend hinzu,„ich bin glücklich, ſehr glücklich!“ „Sie ſollten es ſein,“ ſprach die Favoritin,„denn Sie können mit ihm ſterben,— Ihrem Schöpfer Ihre reine, unbefleckte Scele zurückgeben und mit Ihrem Geliebten in einer beſſern Welt ſich wieder vereinigen.“ „Lady!“ rief Alice, durch die exaltirte Sprache der Gräfin mehr und mehr überzeugt, daß dieſe Sir Allan liebe;„hören Sie mich an. Liebe beſitzt ſcharfe Augen, wenn dieſe auch durch Thränen verdunkelt werden. Sie lieben ihn— ja, ſuchen Sie es nicht zu leug⸗ nen. Erretten Sie ihn von dem grauſamen Streiche des Nachrichters und ich will in der Verborgenheit eines Kloſters für ſein und Ihr Glück beten. Er hat ein dankbares Herz, und gewiß wird er einſt Ihre Liebe erwidern, wenn ich für immer für ihn verloren bin. Retten Sie ihn für ſich ſelbſt!“ Die Gräfin ſprang von ihrem Stuhle auf und firirte das ercentriſche Mädchen unter dem Eindrucke von Empfindungen, die zu mannigfach waren, als daß ſie zu analyſiren geweſen wären,— Hoffnung, Liebe, Bewunderung, Mitleid, alles dieß ſprach ſich zumal darin aus. Es war ein heftiger Kampf, den ſie kämpfte; aber ihr Herz war rein, und nur ihre Per⸗ ſon war befleckt worden. „Antworten Sie mir,“ rief ſie, die Augen feſt auf Alice gerichtet, aus,„eben ſo wahrheitsgetreu, Der junge Prätendent. 8505 2¹ 322 als Sie im zukünftigen Leben antworten müſſen, — wie Sie für das Blut deſſen, den Sie lieben, zu antworten haben. Weiß Allan von dieſem Vorſchlag?“ „Ich kann nicht lügen,“ ſtöhnte Alice.„Er weiß nichts davon.“ „Glauben Sie, daß er ihn annehmen würde?“ Alice ſtockte; ſie ſah aus der Aufregung der Gräfin, wie viel von ihrer Antwort abhange. Den⸗ noch ſprach ſie die Wahrheit und erwiderte mit matter Stimme: „Nein.“ „Genug!“ rief die Gräfin, in Thränen aus⸗ brechend.„Genug! Wenn er fähig geweſen wäre, die Liebe eines jungen Herzens, wie Ihres, für das Geſchenk des Lebens zu vertauſchen— ſich mit der Befleckten zu verbinden um eine entehrte Exiſtenz zu retten, ſo hätte ich ihn mit Verachtung ſeinem Schickſale überlaſſen. Fahren Sie fort, ihn zu lieben, Alice,“ ſetzte ſie, das arme Mädchen an ihr Herz drückend, hinzu;„er iſt der Liebe eines Weibes würdig; und laſſen Sie ihn nie das Geheimniß er⸗ fahren, das Ihr weiblicher Inſtinct errathen hat.“ „Nie?“ fragte Alice, ihre Augen feſt auf die Gräfin gerichtet. „Nicht eher, als bis ich geſtorben bin,“ erwi⸗ derte dieſe, die Thränen abwiſchend.„Ich erröthe nicht, wenn er es dann erfährt. Sie haben mich richtig beurtheilt. Ich will Ihren Geliebten von dem ihm drohenden Looſe erretten.“ „Und ſeinen Freund?“ „— — 323 „Und ſeinen Freund ebenfalls. Fürchten Sie nichts,“ fuhr ſie fort, als Alice mit zweifelnden Blicken ſie anſah;„ich kenne meine Macht und das ſchwache Herz, das ich regiere.“ „Der Herzog von Cumberland iſt ſein Feind,“ bemerkte Alice. „Er iſt auch der meinige.“ „Die Miniſter haſſen ihn.“ „Die kann ich mit einem Lächeln vernichten. Seien Sie unbeſorgt! es gibt nur Eines, was zwi⸗ ſchen mich und meinen Willen treten könnte— der Tod des Tyrannen, der dieſes Land regiert. So lange dieſer lebt und nur noch eine Spur der ver⸗ hängnißvollen Schönheit übrig bleibt, die zuerſt ſein launenhaftes Herz gefangen nahm, ſind ſeine Krone und ſein Scepter nur die Spielzeuge meines Willens. Und nun, leben Sie wohl! Verſprechen Sie mir nur das Eine— daß wir uns noch einmal treffen. Ich möchte gerne Sie und Allan ganz allein— ganz allein mit einander ſehen. Verſprechen Sie mir dieß.“ „Ich verſpreche es. Getreulich und dankbar werde ich mein Wort halten.“ „Nun denn, Adieu! Wenn Sie glücklich ſein werden als Allan's Gattin, als die Mutter ſeiner Kinder, gedenken Sie zuweilen Einer, die unauf⸗ hörlich für Ihr Wohl beten wird.“ „Ich will beten, daß das wunde Gemüth der⸗ ſelben Ruhe finden möge.“ „Ja wohl, im Grabe,“ ſagte die Gräfin.„Dort werde ich ſie finden. Und nun entfernen Sie ſich! Ich muß den König ſprechen— meine ſterbende 324 . Geſtalt herausputzen, um ihn zu empfangen— meine hohlen Wangen mit Lächeln ſchmücken. Gott ſtehe mir bei! Diejenigen, welche es ſehen, ahnen nicht den unvertilgbaren Wurm, der an meinem Herzen nagt.“ Alice hätte gerne die Hand der Lady an ihre Lippen gedrückt, aber die edelmüthige Frau kam ihr zuvor, indem ſie ſie auf die Stirne küßte und ſie ſelbſt nach dem Vorzimmer geleitete, wo ſie Gertrude wartend vorfand. „Iſt es Ihnen geglückt?“ flüſterte Letztere, als ſie Alice nach dem Wagen geleitete. „Ich wußte es wohl, denn ihr edles Herz konnte Sie nicht täuſchen. Sie ſind glücklich; denn Viele haben um die Gunſt nachgeſucht, die Ihnen zu Theil geworden iſt.“ Dreiundvierzigſtes Kapitel. Es war nahezu Mitternacht: ein ſchon älterer, faſt finſter ausſehender Herr ſaß an einem mit Pa⸗ pieren bedeckten Tiſche in dem Gemache von St. James⸗Palaſt, das unter der Bezeichnung des Em⸗ pfangszimmers der Königin Anna bekannt iſt. Ob⸗ gleich aus den reichſten Stoffen gefertigt, war ſeine * * ——„ —————— 2— 22 325 Kleidung doch außerordentlich einfach, ſowohl was die Farbe, als den Schnitt anbelangt. Beinkleider und Rock waren aus dunkelm, chocoladefarbenem Sammt gefertigt, letzterer mit einfachen Knöpfen, ohne alle Stickerei. Es lag eine gewiſſe Oſtentation darin, wenn wir uns dieſes Ausdrucks bedienen dürfen, ſo wie in der ganzen Erſcheinung dieſer Perſon; denn ſelbſt das breite Band des Hoſenband⸗ ordens wurde unter der Weſte getragen und der daran befindliche Stern war gänzlich von den breiten Batten des rechtwinklig geſchnittenen Rocks bedeckt. Dieſe Perſon, mit welcher wir unſere Leſer näher bekannt zu machen im Begriffe ſind, war Niemand anders als Georg der Zweite, der damals regierende Souverain von England, welcher eifrig damit be⸗ ſchäftigt war, die Depeſchen ſeines Lieblingsſohnes, des Siegers von Culloden, und die Berichte ſeiner Miniſter zu lefen.. on Geſtalt war der Monarch unter der mitt⸗ leren Größe, ſeine Geſichtszüge waren finſter und deuteten auf nichts weniger als eine milde Geſinnung. Es lag ein eigenthümlich lauernder Ausdruck in ſei⸗ nen kalten grauen Augen, und der untere Theil ſeines Geſichts verrieth eine ſtark ſinnliche Neigung, er Zweite ſtreng, von äußerſt rachſüchtigem Tempe⸗ rament, und faſt ohne alle Sympathie für das Volk as er regierte. Nie, ſelbſt während der ſchlimmſten Zeiten der Stuarts, war der engliſche Hof ſo üppig geweſen, als unter der Regierung dieſes ausſchwei⸗ ſenden Fürſten. 326 Der König durchlas die vor ihm liegenden Pa⸗ piere mit der Miene innerer Befriedigung, nament⸗ lich wenn er an ſolche Stellen kam, welche die Nie⸗ derlage der Rebellen, die Zahl der gemachten Ge⸗ fangenen und die blutigen Hinrichtungen, welche darauf erfolgten, ſchilderten. In dieſer angenehmen Unterhaltung wurde er durch laute, zornige Worte geſtört, welche im Vor⸗ zimmer gewechſelt wurden. Seine Majeſtät ſchellte mit der auf dem nebenſtehenden Tiſche befindlichen Glocke, worauf ſogleich ein junger Menſch von etwa ſechzehn Jahren, einer der dienſtthuenden Pagen, der erſt vor Kurzem ernannt worden war, erſchien. „Was ſoll dieſer Lärm bedeuten?“ fragte der Monarch. „Es iſt ein Officier da, der durchaus Eure Majeſtät ſprechen will.“ „Der Unverſchämte!“ „Das ſagte ich ihm auch, Sire, aber er—“ Das Uebrige wurde durch das Erſcheinen des Herzogs von Cumberland abgeſchnitten, der in kleiner Uüniform, ohne die Ceremonie des Anmeldens, in das Zimmer geſchritten kam. Zu jeder andern Zeit oder bei jeder andern Veranlaffung wäre ſein Vater ſehr zornig geworden, denn er hielt ſehr ſtreng auf die Etiquette; der Anblick ſeines Sohnes aber, ganz friſch von den Siegen über ſeine Feinde kommend, von Siegen, welche ſeinen wankenden Thron neu befeſtigt und die Krone auf ſeinem Haupt geſichert hatten, veranlaßte ihn, einen ſo ernſten Bruch derſelben für dießmal zu überſehen und den Ankömmling herzlich zu umarmen. 4 — 327 „Pack Dich!“ rief der Herzog dem erſtaunten Pagen zu, indem er zugleich nach der Thüre deutete, „und vergiß nicht, daß es Seiner Majeſtät Wille iſt, nicht geſtört zu werden.“ „Einen Befehl dieſer Art hatte ich erhalten, Eure Hoheit,“ erwiderte der Jüngling achtungsvoll,„als ich mich Ihrem Eintreten widerſetzte.“ „Richtig, William, ganz richtig,“ unterbrach der König.„Ich wünſchte beim Leſen Deiner Depeſchen nicht geſtört zu werden.“ „Fort mit Dir,“ wiederholte der Prinz in noch barſcherem Tone;„und für die Zukunft lerne Deine Pflicht beſſer kennen!“ Der junge Menſch erröthete bei dieſem Verweiſe, den er ſicher nicht verdient hatte, bis unter die Schläfe; denn wenn Jemand Tadel verdient hatte, ſo war es der Herzog, der das königliche Gebot übertreten hatte. Georg der Zweite fühlte ſich im Stillen verletzt. Mehr als Einmal hatte das hochfahrende, anmaßende Benehmen ſeines Lieblingsſohnes ihn höchſt unan⸗ genehm berührt. Der Letztere bemerkte den Eindruck und bemühte ſich eiligſt ihn zu mildern oder, wo möglich, ganz vergeſſen zu machen. „Verzeihen Sie mir, Sire,“ ſprach er:„aber in meiner Ungeduld, Sie zu ſehen, vergaß ich auf einen Augenblick die Achtung, welche ich auch dem leiſeſten Ihrer Befehle ſchulde, den dieſer Dumm⸗ kopf von Page unrichtig ausgelegt hat.“ Er ahnte dabei freilich nicht, daß dieſer„Dumm⸗ kopf von Page“, wie er ihn nannte, ſein Ohr hart 328 an das Schlüſſelloch der Thüre gelegt hatte und jedes Wort, das geſprochen wurde, hörte. „Gut, gut,“ erwiderte der König;„ſprich nichts weiter davon.“ „Sire!“ rief der Herzog in triumphirendem Tone, „der Aufſtand iſt zu Boden geſchlagen; die letzte Hoffnung des Geſchlechts der Stuart iſt erloſchen. Ich hetzte den jungen Prätendenten von Ort zu Ort durch das Land, und mehr als einmal hätte ich ihn in ſeinem Verſtecke überraſcht ohne die teufliſche Liſt ſeiner Anhänger und den Mangel an Eifer Der⸗ jenigen, die ſich Eurer Majeſtät getreueſte Unter⸗ thanen nennen und doch nichts weiter als geheime Verräther ſind.“ „Ich weiß, auf wen Du anſpielſt,“ bemerkte der König, unwillig die Achſeln zuckend,„auf Argyle; er hat aber gute Dienſte geleiſtet.“ „Gute Dienſte!“ rief der Herzog in wegwerfendem one. „Auf deſſen Schweſter! und—“ „Auf Derby! Binton! auf alle dieſe,“ unterbrach ihn ſein Sohn. „Es iſt wahr,“ ſagte Seine Majeſtät mit ge⸗ dämpfter Stimme, jedes Wort betonend und zugleich die Augen mit einem eigenthümlichen Ausdrucke ſchließend;„dieſe engliſchen Pairs ſprechen und handeln ſo unabhängig, als ob ihre Krönchen kaiſer⸗ liche Kronen wären. Leider müſſen wir aber mit ihnen temporiſiren.“ „Temporiſiren!“ wiederholte der Sieger von Culloden ungeduldig. „Oder ihnen entgegentreten,“ ergänzte der Monarch; — 329 3„und das wäre vergeblich. In unſerm Vaterlande könnten wir anders handeln. Hier ſind ſie Meiſter und halten die Krone unter Vormundſchaft. Das fatale Geſetz, welches das Haus der Lords zu Rich⸗ tern in eigenen Angelegenheiten beſtimmt, macht den Scepter machtlos, wenn es ſich nicht um klare und offenkundige Fälle des Hochverraths handelt. Aber was hat dieſen ganz außergewöhnlichen Mißmuth in Dir erregt?“ „Ich bin beleidigt worden,“ murmelte der Prinz. „Von wem?“ „Meiner Autorität wurde Trotz geboten.“ „Von wem?“ wiederholte Seine Majeſtät mit vermehrter Heftigkeit. „Von den Leuten, die ich nannte.“ Georg des Zweiten Stirne röthete ſich vor Aerger und beleidigtem Stolze, denn er fühlte ſeine eigene Autorität durch den Mangel an Reſpect vor ſeinem Lieblingsſohn beleidigt. Indem er ſich verdrießlich in einen Stuhl warf, bedeutete er durch eine Hand⸗ bewegung ſeinem Sohne, ihm gegenüber das Gleiche zu thun. „Laß mich Alles wiſſen,“ ſprach er. Der Herzog von Cumberland berichtete nun um⸗ ſtändlich die Ereigniſſe, welche in Schloß Arran ſich zugetragen hatten, doch verſchwieg er wohlweislich den ſchändlichen Mord, der auf ſeinen Befehl an dem Haushofmeiſter, ſelbſt ohne das Scheinbild eines Ge⸗ richtsverfahrens, begangen worden war, ſchilderte das unabhängige Auftreten Argyle's und ſchloß damit, daß er ſeine Ueberzeugung ausſprach, der junge Prä⸗ tendent müſſe daſelbſt verborgen geweſen ſein. 330 „Ich hätte mich des abenteuerlichen Narren be⸗ mächtigt,“ ſetzte er hinzu,„ohne die Verrätherei der Gräfin und die Nachſicht von deren Bruder.“ „Welche Beweiſe haſt Du dafür?“ fragte Seine Majeſtät, mit der geballten Fauſt auf den Tiſch ſchlagend,„welche Beweiſe?“ Der Herzog ſah ſich genöthigt, zuzugeben, daß er keine beſitze. „Aber Argyle's Sympathie für die Rebellen unterliegt kaum einem Zweifel,“ ſprach er,„indem er die beiden Gefährten des Chevaliers, Sir Allan Glenccirn und Ulrick Crawford, Gueſt's Händen entriſſen hat, der kurzen Proceß mit ihnen gemacht haben würde.“ „Er that dieß, um ſie als Gefangene in den Tower zu ſchicken,“ bemerkte der König. „Eine bloße Finte, die ein Kind durchſchauen ann.“ „Er handelte aber geſetzlich und deßhalb können wir ihm nicht beikommen.“ „Wäre ich König oder ſelbſt nur Regent,“ rief Cumberland,„ſo würde ich dieſen ſtolzen Edelmann beim Kopfe faſſen. Er benimmt ſich mehr wie ein unabhängiger Alliirter, als wie ein loyaler Unter⸗ than. Auf ſeine Dienſte geſtützt, iſt er in London eingetroffen und beabſichtigt, wie ich höre, die Sache der Gefangenen vor Eurer Majeſtät im Rathe zu verfechten.“ „Es iſt ſchon ſo viel Blut vergoſſen worden,“ ſagte Georg der Zweite unſicher, denn es war nicht Mitleid, ſondern bloße Klugheit, welche ihn zu dieſer Bemerkung veranlaßte. — 331 „Sir Allan Glencairn iſt ein Verräther,“ ſagte der Herzog bitter. „Es ſind gar viele Verräther entwiſcht, William.“ „Aber kein ſo unverſchämter, wie dieſer; er iſt nicht nur mein perſönlicher Feind, ſondern er hat ſogar gewagt, ſeine Augen zu einem Gegenſtande auf eine Weiſe zu erheben, welche die höchſte Be⸗ leidigung für Eure Majeſtät in ſich ſchließt.“ „Was meinſt Du damit?“ fragte der König, während ſeine Augen Blitze ſchoſſen. Der rachſüchtige Sieger erzählte nun das Zu⸗ ſammentreffen Allan's mit der Gräfin von Königs⸗ ſtein, das er mit Umſtänden ſeiner Erfindung aus⸗ ſchmückte, die, wie er wohl wußte, die eiferſüchtige Wuth ſeines Vaters faſt zum Wahnſinn zu ſteigern geeignet waren, denn die heftige Leidenſchaft des⸗ ſelben für das Opfer ſeiner Luſt war für ihn kein „Du haſt Recht, William,“ rief der König. „Gnade würde in dieſem Falle Schwäche ſein. Er ſoll ſterben, wenn auch Argyle, unterſtützt von ſämmt⸗ lichen Pairs, ſeine Rettung auf den Knieen erbitten würde.“ „Geſtatten mir Eure Majeſtät meinen Glückwunſch zu Ihrer Feſtigkeit. Dieſer Entſ ſchluß macht Ihnen alle Ehre. Glauben Sie mir, baß Sie die Macht dieſer Leute überſchätzen; man kann ſie zu Boden treten.“ „Wir wollen uns die Sache überlegen.“ „Ich habe alſo Ihr königliches Verſprechen, daß das Leben dieſer Verräther nicht geſchont werden ſoll?“ „Du haſt es,“ antwortete der Monarch heftig. 332 „Und in Betreff der Regentſchnft?“ „Auch dieſe ſoll morgen im Rathe zur Sprache gebracht werden,“ ſagte ſein Vater,„aber in dieſem Punkte iſt meine Prärogative beſchränkt; hiezu iſt die Zuſtimmung des Parlaments nothwendig.“ „Daſſelbe wird ſie nicht zu verweigern wagen. Wer iſt geeigneter zum Vormund meines theuren Neffen während ſeiner Minderjährigkeit, als ſein nächſter Verwandter und natürlicher Beſchützer?“ Georg der Zweite ließ wieder einen jener finſtern und eigenthümlichen Blitz ſchießen, welche diejenigen, welche mit ihm in Berührung kamen, ſo häufig be⸗ merkten. Er ließ ſich über das angebliche Intereſſe des Herzogs für ſeinen Erben nicht täuſchen; da aber der Streit nicht während ſeinen Lebzeiten ſtatt⸗ finden konnte, ſo hing der königliche Cgoiſt dieſem Gedanken nicht weiter nach. Er hegte wenig Liebe für ſeinen Enkel und noch weniger für ſeine Schwie⸗ gertochter, die verwittwete Prinzeſſin von Wales, die bei mehr als einer Veranlaſſung ihn dadurch tief verletzt hatte, daß ſie eine eigene Partei im Staate zu bilden ſich den Anſchein gab. „Ich halte es überdieß für durchaus nothwendig,“ fuhr der Herzog fort,„wenn die Vorſehung dem Königreich Eurer Majeſtät väterliche Vorſorge ent⸗ ziehen ſollte, daß die Zügel der Regierung durch eine feſte Hand geleitet werden.“ Der König nickte beifällig. „Durch Jemand, der die Rechte der Krone auf⸗ recht zu erhalten weiß gegen die Pairs und Gemei⸗ nen, die ſich bereits ſchon ſo tiefe Eingriffe erlaubt haben.“ 333 „Wahr, ſehr wahr.“ „Durch Jemand, den man fürchtet.“ Grundſätze dieſer Art ſtimmten zu ſehr mit den Anſichten des Monarchen überein, als daß ſie nicht ſeinen wärmſten Beifall gefunden hätten, und ſein Verſprechen, die Sache vor den Rath zu bringen, wurde erneuert. Der jetige Augenblick allein bot Ausſicht auf Erfolg dieſes Anſinnens, weil der Sieg dem Namen ſeines Lieblingsſohnes einen ſolchen Glanz verliehen hatte, daß ſelbſt ſeine Gewaltthaten und Grauſamkeiten darüber vergeſſen wurden. „Gute Nacht,“ ſprach er, die Hand ausſtreckend, welche der Herzog dem König reſpectsvoll küßte. „Ich darf mich alſo auf Ihre Feſtigkeit verlaſ⸗ ſen,“ ſprach dieſer aufſtehend, um das Gemach zu verlaſſen. „Unbedingt.“ „Keine Gnade!“ Der Blick, mit welchem Georg der Zweite darauf antwortete, überzeugte den unverſöhnlichen Feind Sir Allan's und Crawford's, daß deren Geſchick be⸗ ſiegelt ſei. Der König ſchellte. Als Niemand erſchien, öffnete der Herzog die Thüre des Vorzimmers und bemerkte, daß der Page, der Wort für Wort die ganze Unter⸗ redung mit angehört hatte, anſcheinend in tiefem Schlafe lag. Obgleich noch ſehr jung, erkannte der Knabe die Gefahr doch vollkommen, in welcher er ſchwebte, wenn auch nur entfernt geahnt würde, daß er Kenntniß von dem eben vernommenen Ge⸗ heimniß habe. 334 „Erfüllſt Du auf dieſe Weiſe Deine Fflicht?“ rief der Prinz, ihn derb an der Schulter ſchüttelnd. Der Jüngling ſprang erſchrocken vom Stuhle auf nach der entgegengeſetzten Seite des Vorzim⸗ mers und ſchien außer ſich vor Beſtürzung zu ſein — er war kein ſchlechter Schauſpieler für ſeine Jahre— indem er Entſchuldigungen herzuſtammeln anfing. „Schelte ihn nicht,“ flüſterte der König,„die Stunde iſt ſchon ſpät; es iſt beſſer, daß er geſchla⸗ fen, als unſere Unterredung mit angehört hat. Rufe meinen Kammerdiener,“ fuhr er laut ſprechend fort, „und ſei in Zukunft wachſamer.“ Vater und Sohn zogen ſich in ihre Gemächer zurück, der erſtere gequält und aufgeregt von Zwei⸗ feln in die Frau, der er ſo ſchändlich mitgeſpielt hatte, der letztere mit der triumphirenden Ueber⸗ zeugung, daß die Ausſichten auf Gnade den Män⸗ nern, die er mit ſeinem Haſſe beehrte, gänzlich ver⸗ ſchloſſen ſei. Der Page aber, anſtatt ſich zur Ruhe zu legen, hatte kaum ſein Zimmer erreicht, als er ſogleich ſein ſeidenes Gewand, das mit langen Schleifen von blau⸗ und ſilbergeſtreiften Bändern geſchmückt war, die von den Schultern hingen, auszog und dafür in einen unſcheinbaren Rock ſchlüpfte, der weniger die Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen geeignet war, worauf er den Palaſt durch den Garteneingang verließ, wozu er den Schlüſſel beſaß, und in die Reſidenz der verwittweten Prinzeſſin von Wales eilte. Spät, oder vielmehr zu früher Morgenſtunde verſchafften 335 ihm einige in das Ohr des dienſtthuenden Kammer⸗ herrn geflüſterte Wort Zutritt in das Boudoir Ihrer Hoheit, welche alsbald, in einen loſe übergeworfenen Schlafrock gehüllt, erſchien. „Iſt der König erkrankt?“ fragte ſie haſtig. „Nein, königliche Hoheit,“ erwiderte der Page. Ueber das ſchöne Geſicht der erhabenen Wittwe glitt ein leiſer Ausdruck der Enttäuſchung, der aber ſogleich wieder verſchwand, indem ſie die Hände in⸗ brünſtig faltend ausrief:„Dem Himmel ſei Dank! Dem Himmel ſei Dank!“ Mit dieſer Action täuſchte ſie aber Niemand, als ſich ſelbſt. „Weßhalb haben Sie denn zu einer ſo unpaſſen⸗ den Stunde um eine Audienz nachgeſucht?“ fuhr die Mutter des präſumtiven Thronerben fort, weil ſie das Lächeln ärgerte, welches der Page vergebens zu unterdrücken ſich bemühte. Dieſer Aerger ſchwand aber augenblicklich, als der Jüngling die Unterredung erzählte, welche er erlauſcht hatte, denn die Sache berührte ihr Intereſſe auf's Tiefſte. Schon längſt hatte ſie ſich mit der Hoffnung geſchmeichelt, wenn der König ſterben ſollte, während der Minderjährigkeit ſeines Enkels zur Re⸗ gentin ernannt zu werden. „Sie haben mir in der That einen wichtigen Dienſt geleiſtet!“ rief Ihre Hoheit aus,„einen Dienſt, den ich nicht ſo leicht vergeſſen werde. Mein Sohn ſoll eines Tages den Dank für ſeine Mutter bezahlen.“ Die Gunſtbezeugungen, welche Carl von Leinin⸗ gen, ſo hieß der Page, ſpäter aus den Händen 336 Georgs des Dritten erhielt, bewieſen, daß die könig⸗ liche Wittwe ihr Verſprechen nicht vergeſſen hat. Der Jüngling kehrte auf ſeinen Poſten im Palaſt zurück, und lange vor Tagesanbruch fand eine Be⸗ ſprechung zwiſchen der verwittweten Prinzeſſin und deren Rathgeber, dem Earl von Bute, dem Vormund des präſumtiven Thronerben, und wenn die ſcanda⸗ löſe Tageschronik Recht hatte, deren Liebhaber ſtatt. Es wurden Briefe an ſolche Mitglieder des Raths geſchrieben und abgeſchickt, welche der Prin⸗ zeſſin ergeben waren, worin dieſen das Vorhaben mitgetheilt und die Bitte geſtellt wurde, ſich dem⸗ ſelben zu opponiren. „Cumberland Regent!“ ſagte der Earl, nachdem das erſte Erſtaunen ſich gelegt hatte und er etwas ruhiger darüber nachzudenken im Stande war.„Das Parlament wird dieſe Maßregel nie gut heißen.“ „Nach ſeinem Siege über die Rebellen wird das Parlament Alles ſanctioniren,“ bemerkte die Prin⸗ zeſſin bitter.„Ich werde durch den kindiſchen alten Narren, ſeinen Vater, meines wohlbegründeten Rechts beraubt werden.“ „Sie müſſen Seine Mäjeſtät den König ſpre⸗ chen,“ erwiderte der Lord,„und der Prinz muß Sie begleiten. Nichts dauert ſo kurz als Enthuſiasmus, vornehmlich wenn der Gegenſtand deſſelben keine der Eigenſchaften beſitzt, welche dieſe Stimmung zu ſeinen Gunſten zu erhalten vermag. Aufſchub iſt Sieg. Unterdeſſen will ich dafür ſorgen, daß die Journale die Grauſamkeiten des Herzogs in Schott⸗ land in das geeignete Licht ſetzen; daß ſie auf die —— 337 Gefahr hinweiſen, wenn ein ausländiſcher On⸗ kel*) Vormund des engliſch geborenen Erben der Krone würde.“ „Sie vergeſſen, Mylord,“ ſagte Ihre Hoheit ernſt,„daß auch ich eine Ausländerin bin.“ „Dieſer Einwurf findet auf Sie, königliche Hoheit, keine Anwendung, weil Sie des Prinzen Mutter ſind.“ Schließlich wurde verabredet, daß die Prinzeſſin und ihr Sohn im Laufe des Tages nach dem Palaſte ſich begeben und eine Audienz bei dem König be⸗ gehren ſollten. Es war dieß ein kühner Schritt, weil Seine Majeſtät Beide gründlich haßte. Vierundvierzigſtes Kapitel. Als Alice in den Tower kam, fand ſie ihre Tante, den Herzog von Argyle und Conſtance in dem Ge⸗ *) In den Augen des engliſchen Volks galt der Her⸗ zog von Cumberland in ſofern für einen Ausländer, als die nachgeborenen Prinzen auf den Thron von Hannover Anſprüche hatten, wo es keine weibliche Nachfolge wie in England gibt, ſobald die engliſche Krone in directer Linie auf eine Frau überging, wie es ſpäter unter Victoria der Fall war. D. B. Der junge Prätendent. IM. 22 338 mache der Gefangenen. Auf den Geſichtern Aller lag eine tiefe Trauer und nur die beiden jungen Männer machten eine Ausnahme, indem ſie die Hoff⸗ nung aufrecht zu erhalten fuchten, um die Geiſter der Andern, die ihnen ſo theuer waren, nicht noch mehr niederzudrücken. „Schweſter Alice!“ rief Conſtance, ſich in die Arme derſelben werfend;„bringſt Du Leben oder Tod? Haſt Du die Gräfin von Königsſtein geſehen?“ „Ich habe ſie geſehen,“ erwiderte Alice,„und die edelmüthige Frau hat mir Alles verſprochen. Es iſt Hoffnung vorhanden, Conſtance, Hoffnung, daß unſere Freunde uns erhalten werden— Hoffnung auf glückliche Tage für uns Beide.“ „Glaubſt Du, daß die Gräfin aufrichtig iſt?“ „Hätte ich mich täuſchen laſſen?“ fragte Alice vorwurfsvoll.„Iſt nicht mein Herz eben ſo ſehr dabei betheiligt, wie das Deinige?“ „Und Crawford—“ „Hältſt Du mich denn für ſo ſelbſtſüchtig, daß Du glaubſt, ich hätte nur für Einen gebeten? Sie hat mir für Beide Rettung verſprochen; Gott gebe, daß ſie im Stande iſt, ihr Wort zu halten.“ „Amen!“ ſprach der Herzog feierlich.„Es war dieß unſere letzte Hoffnung. Ich wollte nur eure Betrübniß nicht noch vermehren; deßhalb verſchwieg ich, daß der Herzog von Eumberland geſtern Nacht angekommen iſt. Seine Anweſenheit wird der un⸗ barmherzigen Hand der Grauſamkeit neue Triebkraft verleihen. Die Miniſter theilten mir erſt geſtern noch mit, daß der König unerbittlich ſei und nichts — 339 von Gnade hören wolle. Der Schwache iſt in der Regel mitleidlos, wenn ſeine Angſt beſeitigt iſt.“ „Wie läßt ſich aver hoffen, daß dieſer ausländi⸗ ſchen Buhlerin etwas gelingt, nachdem Argyle ver⸗ gebliche Schritte gethan hat?“ fragte die Gräfin von Arran.„Wenn ich daran denke, daß eine Tochter aus dem Hauſe Arran zu einer ſolchen Crea⸗ tur ſich herablaſſen muß! Es iſt dieß ein Schritt, in Folge deſſen die Gebeine unſerer Vorältern vor Scham und Erniedrigung im Grabe keine Ruhe fin⸗ den werden.“ Trotz ihrer langen Entfernung vom Hofe begriff die alte Gräfin vollkommen die Art des Einfluſſes, welchen die Maitreſſe über den König beſaß. Aber alle Beredtſamkeit Sir Allan's und ihrer Nichte, welche Beide ſich bemühten, ihr die Art des Opfers zu erklären, welches die Gräfin gebracht, um ihren Vater zu retten, vermochte Lady Arran mit der Er⸗ niedrigung, wie ſie ſich ausdrückte, nicht zu verſöh⸗ nen, daß ein Mitglied der älteſten Familie Schott⸗ lands ſein Leben einer ſolchen Vermittlung verdan⸗ ken ſolle. Das Scheiden der Liebenden für heute Nacht war, wenn auch traurig, doch nicht ohne Hoffnung. Sie zögerten, bis der dienſtthuende Offi⸗ cier des Towers zweimal aufmerkſam gemacht hatte, daß die Zeit, in welcher alle Beſucher der Veſte ſich entfernen müſſen, gekommen ſei. Den Reſt der Nacht brachten Alice und Conſtance im Gebete zu. Der Antheil, welchen Sir Allan Glencairn und deſſen Freund an dem ritterlichen, aber unglücklichen Verſuche Carl Eduard's genommen hatten, lag zu 340 klar vor, als daß er hätte in Abrede gezogen werden können, oder daß in⸗ den Augen der Richter auf einen Milderungsgrund zu hoffen geweſen wäre. Beide Freunde vertheidigten ihr Benehmen damit, daß ſie auf Fie Rechte des Hauſes Stuarts fußten — daß Schðttland niemals hinſichtlich des Dynaſtie⸗ wechſels und der ſchlechten Regierung des Landes um Rath gefragt worden ſei. Es war dieß allerdings das ſchlimpiſte Vertheidigungsſyſtem, weil eine Zuſtim⸗ mung zu demſelben die Richter ſelbſt verdammen hieß. Es bedarf daher wohl kaum der Verſicherung, daß beide ſchuldig erfunden wurden, trotz der ge⸗ heimen Sympathie mancher Mitglieder des Hofes, und daß man ſie in Folge davon zu der auf Hoch⸗ verrath geſetzten Strafe verurtheilte. Als man ſie wieder in den Tower zurückbrachte, wurde das Beil, wie immer in dieſem Falle, mit der gegen ſie gekehrten Schneide vor ihnen herge⸗ tragen. Auf ihrem Wege zur Gerichtsverhandlung war es von ihnen abgekehrt getragen worden. Am folgenden Tage wurde eine Geheimeraths⸗ ſitzung in St. James Palaſt gehalten, welcher der König und der Henkerherzog anwohnten. Der Bericht der Richter, ſowie der Urtheilsſpruch, wurden hier vorgeleſen. Als der Geheimerathspräſident zu Ende war, entſtand eine Pauſe. „Hoffentlich hat Niemand etwas vorzubringen, weßhalb das Urtheil nicht vollzogen werden ſoll?“ rief der Sieger von Culloden, mit gebieteriſchen Blicken ſich umſchauend.„Dieſe unglücklichen Edel⸗ leute haben durch ihre Vertheidigung ihr Perbrechen noch vermehrt. Gnade wäre in dieſem Falle nichts 8 341 weiter als Schwäche und zugleich ein ſchweigendes Zugeſtändniß für die Rechte einer Familie, die einſt den Thron dieſer Reiche eingenommen hat. Ich meines Theils,“ ſetzte er finſter hinzu,„würde den⸗ jenigen für einen Verräther am Könige halten, der ſeine Stimme zu ihren Gunſten erheben würde.“ Dieß galt offenbar dem Herzog von Argyle, der in ſeiner Eigenſchaft als Geheimer⸗Rath anweſend war. Aber der edle Maccullamore ließ ſich weder einſchüchtern, noch von der Aufgabe, die er ſich ge⸗ ſtellt, abbringen. Er hatte ſo eben erſt ſo wichtige Dienſte dem Hauſe der Guekphen geleiſtet, daß alle Verſuche des Herzogs, ſeine Loyalität anzutaſten oder den König und deſſen Miniſter gegen ihn ein⸗ zunehmen, entſchieden fehlſchlugen. „Trotz der entgegengeſetzten Anſicht des könig⸗ lichen Herzogs,“ ſprach Er, von ſeinem Stuhle auf⸗ ſtehend,„erlaube ich mir doch von Gnade zu ſpre⸗ chen. Die Verblendung der unglücklichen Opfer der geſtürzten Sache iſt ohne allen Zweifel, politiſch be⸗ trachtet, ein Verbrechen; es gehört aber unter die⸗ jenigen, welche Ehrenmänner reſpectiren können. Dem Schafot ſind ſchon genug Opfer zugeführt worden; in unſeren Straßen fließt das Blut in Strömen, und das Volk wendet ſich mit Abſcheu von dem Anblick der Köpfe und verſtümmelten Glied⸗ maßen von Menſchen ab, welche, wenn auch irrege⸗ leitet in ihren Grundſätzen, doch dieſen wenigſtens treu geblieben ſind. Grauſamkeit hat noch nie einen Thron befeſtigt, und Blut iſt der ſchlechteſte Kitt.“ „Grauſamkeit!“ wiederholte der Herzog von Cumberland, vor Wuth erblaſſend, denn es fiel ihm 342 des Herzogs Benehmen und Sprache in Arran ein. „Soll ich vielleicht daraus ſchließen, daß der Herzog auf die Beiſpiele hindeutet, welche ich in Schottland zu ſtatuiren mich genöthigt geſehen habe?“ „Auf die Morde, welche auf Befehl Eurer könig⸗ lichen Hoheit begangen worden ſind, allerdings,“ er⸗ widerte Argyle,„bei deren einem ich faſt Augenzeuge war. Der Haushofmeiſter meiner Schweſter, der Gräfin von Arran, wurde auf unmenſchliche Weiſe am Thore von deren Schloß aufgehenkt, während Eure Hoheit dieſelbe durch Annahme ihrer Gaſtfrei⸗ heit beehrten.“ „William!“ ſagte der König kopfſchüttelnd. „Es war dieß meine Pflicht,“ bemerkte der Prinz. „Er war ein Verräther, und zwar nicht der einzige, den Arran barg.“ „Warum haben Sie ihn dann nicht abgeurtheilt? Es wäre dieß für Eure Hoheit beſſer und mehr in Uebereinſtimmung mit unſern Geſetzen geweſen. Doch dieß gehört jetzt nicht hieher,“ fuhr der Herzog fort. „Geſtatten mir Eure Majeſtät reſpectsvollſt die Be⸗ merkung, daß der Augenblick gekommen iſt, in wel⸗ chem Dieſelben Ihrem angeborenen Wohlwollen Gehör ſchenken und das Schwert der Gerechtigkeit in die Scheide ſtecken können. Ein Act der Milde gegen dieſe unglücklichen jungen Männct würde vom ſchott⸗ ländiſchen Adel gut aufgenommen werden, deſſen Mitglieder zum großen Theil bei dem kürzlichen un⸗ glücklichen Kampfe treu erfunden wurden, und würde zugleich reichlich die Dienſte belohnen, die ich ſo glücklich geweſen, Ihrer Sache leiſten zu können.“ —„———— ——— 343 „Allerdings,“ bemerkte Cumberland höhniſch,„Sir Allan iſt ja Ihr Neffe.“ „Nicht eigentlich,“ erwiderte der Herzog achtungs⸗ voll;„er iſt der Reffe meiner verwittweten Schwe⸗ ſter von Seite ihres verſtorbenen Gemahls. Niemand aus dem Blute Argyle's hat ſich gegen ſeinen Häupt⸗ ling oder die Sache, die er unterſtützte, treulos ge⸗ zeigt.“ „Beim Himmel!“ rief der Prinz,„Sie ſprechen ja, als wenn Ihr Beiſtand allein der Sache Ihres Königs zum Sieg verholfen hätte.“ Argyle lächelte kalt. Vielleicht bedauerte er in dieſem Augenblicke die Rolle, die er geſpielt hatte; denn er wußte wohl, daß wenn er die Fahne der Stuarts in Schottland aufgepflanzt hätte, aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach die Sache einen ganz andern Aus⸗ gang genommen haben würde. „Sie ſchweigen,“ bemerkte der König. „Sire, es ziemt dem Unterthanen nicht, ſeiner Dienſte ſich zu rühmen; aber ich frage Ihre Mini⸗ ſter, ob mein Beiſtand nicht ſehr wichtig war, und ob ich ihn nicht in den letzten Kämpfen treulich leiſtete?“ 1„Allerdings,“ ſprach der König;„Niemand be⸗ ttreitet Argyle's Ergebenheit. Dieß verpflichtet Uns aber nicht, den Rathſchlägen deſſelben in Allem blindlings zu folgen. Wenn ich bedenke, daß mein Enkel noch ein Kind iſt, daß das Wohl des Staates es verlangt, ſo bringe ich meinen angebornen Hang zur Milde zum Opfer und befehle, daß der Aus⸗ ſpruch des Gerichtshofes in Ausführung gebracht „ werde.“ 344 „In drei Tagen,“ bemerkte Cumberland. „In drei Tagen,“ fügte der König hinzu, der, wie bekannt, dem leidenſchaftlichen Verlangen ſeines Sohnes nachgegeben und ſein königliches Wort ver⸗ pfändet hatte, daß keine Bitten ihn veranlaſſen ſoll⸗ ten, das Leben Sir Allan Glencairn's und deſſen Freund zu ſchonen.„In Betracht der Dienſte aber, welche der Herzog von Argyle geleiſtet, ſollen deren Köpfe nicht auf Temple Bar, wie es in ſolchen Fällen gebräuchlich iſt, ausgeſtellt werden. Ihre Leich⸗ name ſollen ihren Freunden zurückgegeben werden. Und nun, Mylords,“ fuhr er fort,„nachdem dieſe Sache definitiv bereinigt iſt, laſſen Sie uns zu wich⸗ tigeren Dingen übergehen. Könige müſſen, wie Alles, was auf Erden wandelt, ſterben; mein Wunſch geht daher dahin, daß für den Fall meines Ablebens, ehe mein Enkel das von der Verfaſſung vorgeſchrie⸗ bene Alter erreicht hat, ein Regent beſtellt werde, der in ſeinem Namen handelt. Wer wäre nun wür⸗ diger zu Ausübungen eines ſo wichtigen Amtes, als der Prinz, deſſen glänzende Siege für immer die Frage zwiſchen dem Hauſe der Guelphen und Stuarts entſchieden hat, unſer würdiger und vielgeliebter Sohn, der Herzog von Cumberland?“ Mehrere der Rathsmitglieder wurden durch dieſe Aeußerung auf's Höchſte überraſcht. Die ehrgeizigen Abſichten des Herzogs auf die Krone waren eine Art von öffentlichem Geheimniß. Das Miniſterium fürchtete und haßte ihn. Seine Ernennung zum Regenten würde ihm eine Stellung verſchafft haben, die ſchwer zu erſchüttern geweſen wäre. Des Königs Vorſchlag war aber ſo ernſt gemeint, und man wußte, 345 wie hartnäckig er auf einem einmal gefaßten Be⸗ ſchluſſe beſtand, daß die Miniſter ihm nicht zu ant⸗ worten wagten. Der Premier blickte den Kanzler und der Kanzler den Herzog von Argyle an, wel⸗ chem ſeine unabhängige Stellung leichter geſtattete, einem königlichen Stirnerunzeln die Spitze zu bieten. „Noch einmal, Sire,“ ſprach der Herzog auf⸗ ſtehend,„muß ich zu meinem Bedauern bemerken, daß ich mich einem Plane dieſer Art als verfaſſungs⸗ widrig und gefährlich widerſetzen muß. Der nächſte Erbe ſollte nie mit dem Scepter eines unmündigen Königs betraut werden. Auf meinem Platze im Par⸗ lament iſt es meine Pflicht, mich jeder Bill, die zu dieſem Zwecke eingereicht wird, zu widerſetzen und ich kann dafür ſtehen, daß ſämmtliche Pairs Schott⸗ lands mir zur Seite ſtehen werden. Ueberdieß wäre auch gar keine Ausſicht vorhanden, dieſelbe durch das Unterhaus zu bringen, im Hinblicke auf die ge⸗ reizte Stimmung des Volkes. Die Gemeinen würden ſie ganz gewiß verwerfen. Meine Achtung für die Wünſche Eurer Majeſtät und die Anweſenheit Seiner königlichen Hoheit verbieten mir von der Unbeliebt⸗ heit des Prinzen und dem Vorurtheile zu ſprechen, zu welchem die bloße Erwähnung einer ſolchen Frage Veranlaſſung geben würde.“ „Welches Vorurtheil?“ fragte der Herzog von Cumberland wüthend, der ſich geſchmeichelt hatte, daß der Glanz ſeiner jüngſt errungenen Siege jede Oppoſition zum Schweigen gebracht habe. Er hatte ſeine Feinde im offenen Felde ſich unterworfen und war daher ſehr erſtaunt, als er fand, daß es einen Feind gebe, der noch ſchwerer zu verſöhnen ſei, und 346 welchen man unmöglich beſiegen könne— die öffent⸗ liche Meinung. „Im Volke iſt allgemein die Meinung vorherr⸗ ſchend, daß Eure königliche Hoheit ſelbſt Abſichten auf die Krone zum Nachtheile Ihres jugendlichen Neffen hegen.“ „Das iſt falſch!“ rief der Herzog, bleich vor ut „Und der Abſcheu,“ fuhr der Herzog fort,„vor Ihrer in Schottland geübten Strenge. Und nun, Sire,“ fuhr Argyle mit einer reſpectsvollen Ver⸗ beugung gegen den König fort,„geſtatten Sie mir, mich zurückzuziehen. Der Rath, den ich Ihnen ge⸗ geben, ſo wie mein Gnadengeſuch, haben, wie ich bemerke, das Unglück gehabt, Ihnen zu mißfallen. Mein Platz iſt von nun an an der Seite meiner Pairs, wenn ich nicht perſönlich berufen werde. Ich habe nicht länger die Abſicht, meinen Rath Ihren königlichen Ohren außzudringen.“ Mit dieſen Worten verließ der Herzog das Raths⸗ zimmer. Seine Rede hatte ihn zwar für immer der Gunſt des Königs und deſſen leidenſchaftlichen Soh⸗ nes beraubt, dafür hatte ſie ihm die Dankbarkeit des Premierminiſters erworben, welcher dadurch aus einer Verlegenheit geriſſen wurde, indem er jetzt in der Lage war zu erwidern, daß, nach der unerwar⸗ teten Oppoſition des edlen Herzogs, es für das Ca⸗ binet nothwendig werde, ſich darüber zu berathen, ob es die Sache zu einer Regierungsfrage machen wolle, oder nicht.“ Eben als die Debatte darüber warm zu werden begann, trat ein Page ein und überreichte mit ge⸗ 7 ———— — 347 beugtem Knie Seiner Majeſtät ein kleines Billet. Im erſten Augenblicke war der König geneigt, den Jüngling für ſeine Vermeſſenheit auszuſchelten. Die Rathsmitglieder waren erſtaunt, denn es war etwas ganz Außergewöhnliches, daß Jemand während einer Rathsſitzung Seine Majeſtät zu ſtören wagte. Der Herzog von Cumberland lächelte bitter, denn er errieth, von wem die Botſchaft kam. „Die Sitzung iſt aufgehoben!“ rief der König in fröhlichem Tone.„Wir wollen die Sache morgen weiter berathen. Mylord Präſident! Sie werden die Aufforderung zu einer zweiten Sitzung ergehen laſſen.“ „Sire!“ flüſterte der Herzog, ſeinem Vater ſich nähernd, der, nachdem er das Billet geleſen, haſtig von ſeinem Stuhle am obern Ende der Tafel auf⸗ geſtanden war. „Ein anderes Mal, William— ein anderes Mal,“ ſagte der König ungeduldig. „Meine Ehre ſteht auf dem Spiel.“ „Ich werde dieß nicht vergeſſen.“ „Ihr königliches Wort?“ „Soll gehalten werden,“ verſetzte der Monarch ungeduldig.„Jetzt iſt aber nicht der Augenblick dazu. Komm auf den Abend zu mir, dann wollen Wir weiter über die Sache ſprechen.“ Der Herzog verbeugte ſich. Wenn er auch unter vier Augen ſich herausnehmen durfte, ſeinen Vater zu tyranniſiren, ſo kannte er doch deſſen Tempera⸗ ment zu gut, als daß er ihn jetzt zurückzuhalten ge⸗ wagt hätte; denn wenn Georg der Zweite einmal erzürnt war, ſo zeigte er nicht nur die Hartnäckig⸗ ——— 348 keit, ſondern auch die Leidenſchaftlichkeit ſeines Fa⸗ milienſtammes. Man konnte wohl mit ihm ſpielen, aber nie ungeſtraft ihm ſchroff entgegentreten. Als der König in ſein Privatcabinet kam, fand er daſelbſt die Gräfin Königsſtein, ihn erwartend. Sie war in ein Gewand gehüllt, ähnlich dem, in welchem er ſie zum erſten Mal geſehen hatte, und ſein Herz ſchlug vor Entzücken bei dieſem Anblick. Es gibt nichts Leidenſchaftlicheres, als die Liebe eines alten Mannes. Gleich dem unterirdiſchen Feuer des Aetna brennt ſie nur um ſo heftiger wegen des auf dem Haupte liegenden Schnees. Galant küßte der betagte Monarch ihre Hand, führte ſie zu einem Stuhle und blieb, gleich einem Selaven ihren Befehl erwartend, vor ihr ſtehen. „Sire,“ ſprach die Gräfin feſt,„Sie haben mir oft zum Vorwurf gemacht, daß ich noch nie Ihre Liebe dadurch auf die Probe ſtellte“— zugleich ſchau⸗ derte ſie leicht, als ſie dieſes Wort ausſprach— „daß ich aus Ihren königlichen Händen um eine Gunſt für mich oder meine Freunde gebeten habe. Ich bin nun gekommen, dieſen Vorwurf zu heben und eine Gunſt zu begehren, nöthigen Falls darum zu bitten, welche zu gewähren Sie wenig koſtet, mich aber ſehr glücklich machen würde.“ „Nennen Sie ſie,“ rief der König mit vor Be⸗ wunderung funkelnden Augen.„Sie wiſſen, daß Sie nur zu ſprechen haben, um ſogleich Gehorſam zu finden. Mögen es Titel, Reichthum oder Ehren⸗ bezeugungen ſein, Alles ſteht Ihnen zu Befehl. Was kann ich thun, um Ihnen meine leidenſchaftliche, ergebene Liebe zu beweiſen?“ — 3———————— 349 „Gewähren Sie mir nur das Leben und die Freiheit zweier unglücklicher Edelleute, welche wegen ihres Antheils an dem jüngſten Aufſtande gegen Ihre Krone und Autorität verurtheilt worden ſind.“ „Wie heißen dieſelben?“ ſtammelte der König. „Sir Allan Glencairn und Ulrick Crawford.“ „Unmöglich!“ rief der König.„Ich habe Cum⸗ berland mein Wort gegeben, ſie nicht zu begnadigen, der ſie auf's Tiefſte haßt. Sie ſind Verräther. Ver⸗ langen Sie irgend etwas Anderes.“ „Etwas Anderes,“ wiederholte die Gräfin,„als die einzige Gunſt, welche anzunehmen ich mich her⸗ beilaſſe?“ „Das Verſprechen, das ich meinem Sohn ge⸗ geben—“ „Der Eid, den Sie mir leiſteten,“ unterbrach ihn die Gräfin.„Iſt dieß Ihre Liebe? Hätte ich ein Juwel oder irgend eine Galanterie verlangt, ſo hätten Sie Ihr Königreich daran geſetzt, meinem Wunſche zu genügen. Ich verlange aber nur das Leben zweier armer Edelleute und bekomme eine ab— ſchlägige Antwort. Es ſei darum,“ fuhr ſie feſt fort.„Vielleicht iſt es ſo beſſer. Ihre Weigerung befreit mich von meiner Kette. Nehmen Sie Ihren Ring zurück, Sire, und ich nehme meine Freiheit wieder in Anſpruch. Von dieſem Augenblicke an ſind wir geſchieden.“ Die ſchöne Bittſtellerin zog von ihrem Finger den Siegelring mit dem weißen Pferde von Hannover, legte denſelben auf den Tiſch und ſchickte ſich an, wegzugehen, als die Stimme des Monarchen ihre Aufmerkſamkeit erregte. Er hatte von ihrem Aben⸗ 350 teuer in Chatsworth gehört und daß ſie von Sir Allan nach Mancheſter geleitet worden war; ſeitdem haßte er dieſen faſt ſo gründlich, wie ſein Sohn, denn er war eiferſüchtig; und die Qualen, welche er dadurch litt, waren für das Opfer ſeiner Leidenſchaft faſt mehr als eine halbe Sühne. „Sie lieben dieſen Hochländer?“ ſtammelte er. „Ob ich ihn liebe?“ wiederholte die Gräfin kalt. „Vielleicht iſt es ſo. Er iſt der einzige Mann, der mich weder durch Schmeichelei beleidigte, noch mich wegen meiner Erniedrigung verachtete. So lange ich mich in ſeiner Gewalt befand, behandelte er mich mit edlem Zartſinn, beſchützte, reſpectirte er mich, Und nun, wenn ich komme, um ſein Leben zu ver⸗ langen, den oft gerühmten Einfluß Ihrer Zuneigung in Anſpruch zu nehmen, ertheilen Sie mir kalt eine abſchlägige Antwort und häufen zu Ihrer Herzloſig⸗ keit noch Meineid.“ „Ich werde ihn foltern laſſen!“ rief der aufge⸗ brachte Monarch.„Und Sie ſollen Zeuge ſeines langen Todeskampfes ſein. Kennen Sie die auf Hochverrath geſetzte Strafe?“ „Wie ſollte ich nicht!“ ſagte die Gräfin,„da ich, um meinen alten, fälſchlich angeklagten Vater zu retten, Ihr Opfer geworden bin?“ Georg der Zweite erblaßte bei dieſem Vorwurfe. Der Tod dieſes guten alten Mannes laſtete ſchwer auf ſeinem Gewiſſen. Zuweilen hätte er eine Welt darum gegeben, wenn er die Vergangenheit dadurch hätte ungeſchehen machen können. Dieſer ſchmerz⸗ liche Eindruck dauerte aber nicht lange, indem Eifer⸗ ſucht bald wieder die Oberhand gewann. —— 351 „Er ſoll ſterben!“ wiederholte er wüthend.„Glau⸗ ben Sie, mich zum Beſten haben zu können— mit Ihrem Buhlen fliehen und über die Leichtgläubigkeit des Narren, den Sie zurücklaſſen, lachen zu können? — Ich kenne der Weiber Liſt— ihr falſches, trügeriſches Lächeln. Sie lügen, ſchwören, verfluchen ſich, wenn es ſich darum handelt, ihre zügelloſen Leidenſchaften durchzuſetzen.“ Der König fing an, eiligen Schrittes im Cabi⸗ nete auf und ab zu ſchreiten. Die Gräfin blieb ge⸗ laſſen; ſie wußte, daß er nachgeben müſſe, und daß er ſo feſt in ihren Banden ſei, daß er ohne ſie gar nicht exiſtiren könne. „Wenn ich recht verſtanden habe, Sire,“ bemerkte ſie,„ſo habe ich Ihre Erlaubniß, mich vom Hofe zurückzuziehen.“ „Wie es Ihnen beliebt, Madame.“ „Dem Himmel ſei Dank!“ rief ſie aus.„Sd bin ich endlich frei— frei von der entehrenden Kette, die mich ſo lange gebunden hat— frei meine Angen in Zurückgezogenheit zu ſchließen— mich mit dem Himmel zu verſöhnen und in Frieden zu ſterben!“ „Ich werde den Ort Ihrer Zurückgezogenheit auswählen,“ bemerkte der König. „Tyrann, ich biete Ihnen Trotz; ich befinde mich in England, wo ich naturaliſirt wurde, und nicht in Ihrem Churfürſtenthum, wo Ihr Wille unum⸗ ſchränkt und Ihre Leidenſchaft Geſetz iſt. Glauben Sie nicht, daß ich meine Rechte nicht kenne und ſie geltend zu machen weiß.“ Während die Gräfin dieß ſprach, ſchritt ſie der 352 Thüre zu. Als der verliebte Monarch dieß bemerkte, eilte er ihr nach und faßte ſie am Arme. „Thereſe!“ rief er aus;„ſeien Sie edelmüthig: bedenken Sie, was Sie verlangen. Ich habe meinem Sohne mein Wort gegeben.“ „Mir haben Sie Ihren Eid geleiſtet.“ „Sie lieben dieſen Hochländer,“ ſetzte er vor⸗ wurfsvoll hinzu. Ein kaltes Lächeln glitt über das Antlitz der Maitreſſe und die Wuth ihres königlichen Buhlen verdoppelte ſich; er war ganz außer ſich. „Es fehlt nicht mehr viel dazu,“ erwiderte ſie. „Dann ſollen Sie ihn im Grabe lieben,“ mur⸗ melte der König zähneknirſchend. „Und wo anders könnte ich ihn lieben?“ verſetzte die unglückliche Frau, in Thränen ausbrechend.„Liebe kann ohne Achtung und Ehre keine Blüthen treiben. Er würde meine Liebe verachten— ſich von dem entehrten Geſchöpfe abwenden, wenn man ihm zwi⸗ ſchen mir und dem Nachrichter die Wahl ließe.— Mann! Mann! es war genug, mein junges Leben zu vergiften, mich Ihrer ſelbſtſüchtigen Leidenſchaft zu opfern— einen Ramen zu entehren, der ſo edel iſt, wie der Ihrige. Sie hätten nicht nöthig ge⸗ habt, Meineid zu Ihrem Verbrechen hinzuzufügen, wenn es ſich darum handelt, eine einfache Schuld der Dankbarkeit abzutragen, und wenn ich komme, das erſte Geſchenk in Anſpruch zu nehmen, das ich je von Ihnen verlangte, mich durch den bittern Spott einer Eiferſucht zu verhöhnen, welche zu fühlen Sie viel zu kalt und herzlos ſind.“ c——„——, 353 „Vermag denn nichts, als das Leben dieſes jun⸗ gen Mannes, Sie zufrieden zu ſtellen?“ „Ich verlange das Leben von Zweien— von Sir Allan und deſſen Freund, weil ich mich für die Rettung Beider intereſſire. Vielleicht,“ fuhr ſie ſpottend fort,„werden Sie mir jetzt ſagen, ich ſei in Ihre beiden Opfer verliebt.“ „Dieſelben müſſen England heute Nacht noch ver⸗ laſſen,“ bemerkte der König nachgebend. „Noch dieſe Stunde; Beide wünſchen nichts ſehnlicher.“ Und Sie wollen ſie begleiten?“ Die Gräfin richtete ſich hoch auf.„Hören Sie,“ ſprach ſie,„die letzten Worte, zu denen ich mich herbeilaſſe, bis die Begnadigung unterzeichnet iſt. Beide ſind mit den Nichten der Lady von Arran verlobt. Ja, ſtarren Sie mich nur an. Wenn ein Wunſch— ein Gedanke— ein Seufzer die Ver⸗ bindung zu verhindern vermöchte, ſo würde ich ihn nicht laut werden laſſen. Wozu diente es auch? Denken Sie ſo niedrig von mir, daß ich zum zweiten Male zur Buhlerin herabſinken würde? Lernen Sie nich beſſer kennen, Sire. Sie ſollten dieß wiſſen,“ fuhr ſie, in Thränen ausbrechend, fort,„da Sie allein unter allen Menſchen Zeuge geweſen ſind, wie tief ich meine Erniedrigung gefühlt habe.“ Die Thränen ſeiner Geliebten waren mehr, als der Monarch zu ertragen vermochte; die kalte, ruhige eiſe, in welcher ſie von der Verbindung Allan's mit Alice geſprochen, hatte einigermaßen den Sturm gedämpft, der in ihm getobt hatte. Auf ein Knie Der junge Prätendent. III. 23 ſinkend, küßte er leidenſchaftlich ihre Hand, indem er flüſterte: „Vergeben Sie mir, Thereſe! Es ſoll geſchehen, was Sie wünſchen. Mag auch William wüthen und mein Rath mißbilligen; ich kann dieſen Thränen nicht widerſtehen. Nur ein Wort als Zeichen, daß Sie mir verziehen haben!“ Die Gräfin gab keine Antwort, ſondern deutete nach dem Tiſche. Georg der Zweite erhob ſich aus ſeiner bittenden Stellung und klingelte. Es erſchien ein Kammer⸗ diener, deſſen Blicke, wenn ſie es gewagt hätten, ihr Erſtaunen darüber ausgedrückt hätten, daß die Dame ſaß und der König ihr, wie ein Höfling, gegenüber ſtand. „Hat der Lord Canzler ſchon den Palaſt ver⸗ laſſen?“ fragte er. „Ich glaube nicht, Sire.“ „Sage, der König laß ihn augenblicklich zu ſich beſcheiden. Noch ein Wort,“ fuhr er fort, als der Diener im Begriff ſtand, das Zimmer zu verlaſſen. „Laſſe Niemand, außer dem Canzler, meinem Cabi⸗ net ſich nähern bei Strafe meines höchſten Mißfallens; auch ſoll augenblicklich ein Bote nach Whitehall geſchickt werden, um zu befehlen, daß die königliche Barke ſo⸗ gleich in Bereitſchaft geſetzt werde. Dieſe Befehle bleiben aber geheim; ſieh zu, daß ſie richtig ausge⸗ führt werden.“ „Mylord,“ ſagte Seine Majeſtät, ſobald der Canzler erſchienen war,„Sie werden ſogleich ein Begnadigungsdecret mit dem großen Siegel an Sir — ſe 355 Allan Glencairn und deſſen Freund Ulrick Crawford gelangen laſſen.“ „Sire!“ „Ferner ein Decret mit Nachlaß der Beſchlag⸗ nahme ihrer Güter und Aufhebung der Suſpenſion ihrer Ehrenrechte,“ ſetzte die Gräfin hinzu, indem ſie des Monarchen Hand ergriff und achtungsvoll an die Lippen drückte. Es war das erſte Mal in ihrem Leben, daß ſie dieß that, und der alte Mann war darüber ganz außer ſich vor Entzücken. Hätte ſie dem Geſchenk noch ein Herzogthum hinzugefügt, ſo hätte er in dieſem Augenblicke kaum den Muth gehabt, es ihr zu verweigern. „Sire!“ wiederholte der Canzler, mehr und mehr erſtaunt. „Sie hörten, was ich ſprach,“ ſagte der König kalt.„Ich bin nicht gewöhnt, Mylord, meinen Willen zweimal kund zu geben. Die einzige Bedin⸗ gung, welche ich an Unfre königliche Begnadigung knüpfe, iſt, daß Sir Allan ſich zehn Jahre lang aus Unſern Reichen entfernt halte. Wenn er während dieſer Zeit einen Fuß auf engliſchen Boden ſetzt, ſo wird Unſre Begnadigung Null und nichtig und der frühere Ausſpruch tritt wieder in Wirkung.“ „Ich verſtehe.“ 2 „Wie lange Zeit braucht es zur Erfüllung der nothwendigen Formalitäten?“ „Etwa zwölf Tage, Sire.“ Der König ſchwieg einen Augenblick, deutete dann auf ein Blatt Papier, auf welches er zuerſt ſeinen Namen ſchrieb, worauf er dem Canzler befahl, 356 einen freien Geleitsbrief für Sir Allan Glencairn und Ulrick Crapford darüber aufzuſetzen und das große Siegel darunter zu drücken. Sobald dieß ge⸗ ſchehen war, ſprach er: „Sie können ſich jetzt zurückziehen, Mylord; ver⸗ geſſen Sie aber ja nicht, daß das Vorgefallene ein Geheimniß iſt. Und nun, Gräfin,“ fuhr er, mit einem Lächeln an dieſe gewendet, fort,„müſſen auch Sie mir eine Gunſt erweiſen.“ „Worin beſteht dieſe, Sire?“ „Indem Sie mich in den Tower begleiten.“ „In den Tower!“ „Ich muß Zeuge Ihres Abſchieds ſein. Nicht, als ob ich an Ihrem Worte zweifelte, denn ich habe vielfache Beweiſe von deſſen Glaubwürdigkeit aber nach einem ſolchen Sturme vermag ich es nicht über mich, Sie einen Augenblick aus dem Geſicht zu ver⸗ lieren.“ Die Gräfin verneigte ſich bejahend und ſtieg bald darauf, die Geheimtreppe von ihrem Anbeter hinab⸗ geleitet, der ſich ſorgfältig in einen Militärmantel und Hut gehüllt hatte, in einen Wagen ohne Wap⸗ penſchild, der nach Whitehall hinabfuhr, wo eine königliche Barke bereit lag, die ſie nebſt dem Könige nach dem Tower führte. Als die Officiere des Towers eine Barke, be⸗ mannt mit Leuten in königlicher Livree, heranrudern ſahen, ſammelten ſie ſich eiligſt auf dem Kai, um dieſelbe zu ſalutiren. Sie waren erſtaunt, als ſie eine tief verſchleierte Dame aus derſelben ſteigen ſahen, und hielten den Mann, der ihr dienſtwillig 357 an's Land half, und deſſen Geſtalt in einen weiten Mantel gehüllt war, für einen höhern Diener oder Begleiter. „Was ſteht Ihnen zu Befehl, Madame?“ fragte der commandirende Officier. „Ich wünſche den Gouverneur des Towers zu ſprechen.“ „Ich fürchte, daß dieß unmöglich iſt,“ erwiderte dieſer achtungsvoll.„So viel ich weiß, iſt Seine Excellenz beſchäftigt; aber wenn Sie die Gewogen⸗ heit haben wollen, mir Ihren Namen zu nennen, ſo will ich mein Möglichſtes thun, Ihnen eine Unter⸗ redung zu verſchaffen.“ „Sagen Sie, daß die Gräfin von Königsſtein den Gouverneur zu ſehen wünſcht,“ erwiderte der König in tiefem, leiſem Tone. Der Officier ſtutzte, denn er erinnerte ſich, dieſe Stimme ſchon gehört zu haben, zog ſodann ſeinen Degen, ſalutirte reſpectvoll und befahl ſeinen Leuten, die Ankömmlinge nach der Wohnung des Gouver⸗ neurs zu begleiten. Er ſelbſt aber eilte voraus, um die unerwartete Ankunft ſeinem Vorgeſetzten zu mel⸗ den, der ſeinen Souverain bei ſeiner Ankunft ent⸗ blößten Hauptes am Eingang des dienſtlichen Em⸗ pfangszimmers erwartete. „Sire,“ ſagte der Gouverneur,„dieſe unerwartete Ehre!“ „Stille,“ erwiderte der König.„So viel ich weiß, iſt ein Regierungsfahrzeug im Tower ſtationirt.“ Der Gouverneur erwiderte, daß es ſich ſo ver⸗ halte. „Daſſelbe iſt ganz bemannt?“ 358 „Bereit, jeden Augenblick abzuſegeln,“ erwiderte der Gouverneur. „Gut. Schicken Sie nach dem Befehlshaber des⸗ ſelben.“ Augenblicklich wurde ein Bote abgeſchickt. „Und nun,“ fuhr der Monarch fort,„führen Sie dieſe Dame und mich nach dem Gefängniß Sir 5 * Allan Glencairn's. Die Befehle, welche Ihnen ertheilt werden, betrachten Sie als von mir aus⸗ gehend, denen Sie Gehorſam zu leiſten haben.“ Als die Gräfin und ihr Begleiter in die Zelle der Gefangenen gelangten, fanden ſie dieſe damit beſchäftigt, Alice's und Conſtance's Befürchtungen zu beſchwichtigen, welche, trotz dem erhaltenen Verſpre⸗ chen und ihrem Vertrauen, daß daſſelbe gehalten werde, noch immer zwiſchen Furcht und Hoffnung hinſichtlich des Looſes ihrer Liebhaber ſchwankten und den Gedanken nicht zu beſeitigen vermochten, welches Loos dieſen durch den Ausſpruch des furchtbaren Geſetzes drohe. „Nein,“ ſprach Alice,„ich will nicht verzweifeln, und doch fürchte ich, der Hoffnung Raum zu geben. Wenn die edelmüthige, wenngleich auf einen Ab⸗ weg gerathene Frau ihr Wort zu halten im Stande iſt, welches ſie mir verpfändet hat, ſo bin ich auch feſt überzeugt, daß ſie es thun wird.“ „Sie laſſen ihr Gerechtigkeit widerfahren,“ ver⸗ ſetzte die Gräfin, in die Zelle eintretend.„Alice, ſie hat ihr Wort gehalten— das ihrem Beſchützer gegebene Pfand gelöst,“ fuhr ſie fort, ihre Hand Sir Allan entgegen ſtreckend, welcher ſein Knice beugte und die dargereichte Rechte achtungsvoll an ſeine Lippen drückte. Die beiden Schweſtern waren ganz außer ſich vor Freude. Sie vermochten ihr Glück kaum zu faſſen. Thränen und Lächeln vermiſchten ſich, als ſie in abgeriſſenen Worten und aus dem Herzen kommenden Gebeten ihren Dank ſtammelten. „Nur eine Bedingung knüpft ſich an die könig⸗ liche Gnade,“ fuhr die Gräfin fort. „Und welche?“ fragte der Baronet bedenklich. „Eine, die durchaus mit der Ehre nicht unver⸗ träglich iſt,“ erwiderte ſeine Wohlthäterin,„ſonſt wäre ich nicht die Ueberbringerin. Seine Majeſtät verlangt Ihre augenblickliche Entfernung aus Eng⸗ land und daß Sie innerhalb zehn Jahren nicht mehr in Ihre Heimath zurückkehren. Ihre Ehrenbürger⸗ rechte und Würden bleiben Ihnen ebenfalls erhalten. Und nun leben Sie wohl,“ fuhr ſie fort,„leben Sie wohl!“ Trotz ihrer Entſchloſſenheit litt ihr Herz bittern Schmerz beim Anblick des Entzückens der Liebenden.„Vergeſſen Sie mich oder erinnern Sie ſich meiner nur in Ihren Gebeten.“ „Sie vergeſſen!“ rief der Baronet aus.„Un⸗ möglich! Nicht eher, als bis mein Herz zu ſchlagen aufhört. Nein, Lady. So lange noch ein Tropfen Blut durch dieſe Adern rinnt, werde ich das große Opfer, das Sie einem Manne brachten, deſſen Ur⸗ theilsſpruch Ihr beſſeres Ich vernichtete, und Ihr trauriges Schickſal nie vergeſſen. 4 St!“ ſagte die Gräfin, einen Blick nach dem König werfend, der an der Thüre der Zelle ſtand 360 und ängſtlich die Unterredung überwachte;„ich bin nicht allein.“ „Wer iſt dieſer Mann?“ „Jemand, der reſpectirt werden muß, Allan— Freund— Bruder.— Leben Sie wohl auf ewig!“ Mit einer heftigen Anſtrengung riß ſie ſich aus ſeiner Umarmung, denn ſie fürchtete den Eindruck des Auftritts auf den eiferſüchtigen Monarchen, und warf ſich an Alice's Bruſt, welche ſie, wie eine Schweſter, an ſich drückte. „Leben Sie wohl!“ flüſterte ſie dieſer in's Ohr. „Wenn ich todt bin— wenn ich todt bin, ſagen Sie ihm—“ „Thereſe!“ rief der König ungeduldig. Mit einem letzten Blick auf den Baronet gerichtet, wankte ſie aus der Zelle und reichte ihrem Tyrannen die Hand. Im nächſten Augenblicke ſchloß ſich die Thüre hinter ihr und entzog ſie den Blicken Allan's für immer. Fünfundvierzigſtes Kapitel. 4 Nach der Rückkehr der Gräfin von Königsſtein in St. James⸗Palaſt war ſie von der ſoeben beſtan⸗ denen Gemüthsbewegung und Aufregung ſo erſchöpft, daß der König ihr erlaubte, ſogleich nach Kenſington⸗ Polaſt zurückukehren, wo er ſie in den nächſten 361 Tagen zu beſuchen und die nothwendigen Documente mit ſich zu bringen verſprach, welche, der Form wegen, zu der Begnadigung gehörten, die ihm ſoeben abge⸗ rungen worden war, und zugleich auch die beiden Freunde im Beſitz ihrer Güter und Ländereien be⸗ ſtätigen ſollten. „Schonen Sie Ihre Geſundheit um meinetwillen,“ flüſterte er,„und vergeſſen Sie nicht, daß ich aus Liebe zu Ihnen meinem Sohne mein königliches Wort gebrochen habe.“ „Ich werde es nicht vergeſſen,“ erwiderte die Gräfin matt,„daß ich an Eure Majeſtät eine Schuld der Dankbarkeit abzutragen habe.“ „Und Sie wollen ſich am Leben erhalten?“ ſagte der Monarch leidenſchaftlich. „Sie haben mir die Erhaltung meines Lebens zur Pflicht gemacht,“ antwortete ſein Opfer,„denn ich habe nun einen Zweck meiner Exiſtenz, für einige Zeit wenigſtens,“ ſetzte ſie in Gedanken hinzu. Die Augen des verliebten Fürſten funkelten vor Freude. Seine Eitelkeit und Liebe— wir bedauern die Profanation dieſes Wortes und bedienen uns deſſelben bloß zur Vermeidung eines derbern Aus⸗ drucks— ſchmeichelten ſich mit der Hoffnung, daß die Frau, welcher er ſo großes Unrecht zugefügt, endlich dahin gebracht würde, ihn ohne Widerwillent anzublicken. Es iſt merkwürdig, wie ſehr Alter und Tyrannei ſich ſelbſt täuſchen. Mit einer Miene der Galanterie, welche ſeine Jahre lächerlich machten, küßte Georg der Zweite ihre Hand, als er ſie in den Wagen hob. Im Ganzen fühlte er ſich aber doch nur halb befriedigt. 362 Noch immer war ein Stachel des Zweifels in ſeinem eiferſüchtigen Herzen zurückgeblieben und er ertheilte den Befehl, die Wohnung der Gräfin mit Spionen zu umgeben, die ihm Alles, was dort vorgehe, be⸗ richten ſollten, wer ſie beſuche, und vor Allem, ob ſie Anſtalten treffe, den Palaſt zu verlaſſen. Dieß zu verhindern war er um jeden Preis entſchloſſen, denn ſeiner ſelbſtſüchtigen Natur nach hätte er ſie hundert Mal lieber todt, als in den Armen eines Andern geſehen. Tägliche Lebenserfahrung lehrt uns, daß nichts ſchwerer zu bewahren iſt, als ein Geheimniß; und ſo kam es auch, daß, trotz der bündigen Befehle des Souverains an Alle, welche mit der Sache zu thun hatten, die Begnadigungsgeſchichte ſowohl, als der Beſuch im Tower ruchbar wurden. Der Herzog von Cumberland war ſwüthend; das kalte Lächeln Argyle's und Derby's, denen er im Parke begegnete, machte ihn faſt wahnſinnig, und er eilte, von ſeinem Vater Aufklärung zu verlangen, zu dem er ſich Zu⸗ tritt zu verſchaffen wußte, trotz der ausdrücklichen Ordre deſſelben, ihn nicht vorzulaſſen. „Sire!“ rief der Prinz aus, ſobald er den ſchwachen Monarchen erblickte,„Sie haben mich hintergangen— mir Ihr königliches Wort gebrochen — den ſchlauen Ränken eines Weibes nachgegeben und meine heftigſten Feinde begnadigt!“ Ganz ſeiner Erwartung entgegen blieb der K König, den er voll Verlegenheit zu finden meinte, ganz ruhig und hörte ihn geduldig an. „Klugheit, William, Klugheit,“ widerte gr „Klugheit!“ wiederholte der Sohn;„ſagen Sie lieber Schwäche. Sie haben mich hintergangen.“ „Ich könnte dieſe Anklage mit Recht zurückgeben,“ ſagte Seine Majeſtät,„denn als ich dieſes Verſprechen gab, verheimlichteſt Du mir den Umſtand von dem Tode des Haushofmeiſters der Lady Arran, der ohne alle Unterſuchung verurtheilt wurde.“ „Pah! Was liegt an dem erbärmlichen Kerl!“ „Und das ritterliche Benehmen Sir Allan Glen⸗ cairn's gegen Jemand, der allen Anſpruch auf Un⸗ ſere Rückſichtsnahme und Achtung hat.“ „Achtung vor dieſer leichtfertigen Perſon!“ Dieſe Bezeichnung war ſehr unglücklich gewählt; denn in Folge ſeiner neu erwachten Hoffnungen war der Liebhaber der Gräfin von Königsſtein nicht in der Stimmung, eine dieſer zugefügte Beleidigung anzuhören, welche ſie gar nicht verdiente, was Nie⸗ mand beſſer wußte, als er ſelbſt. „Du vergißt, mit Wem Du ſprichſt,“ bemerkte der König. „Mit einem Vater, der ſein Wort gebrochen hat,“ verſetzte der Herzog leidenſchaftlich,„deſſen wankenden Thron mein Schwert auf dem Blutgefilde bei Cullo⸗ den neu befeſtigt hat.“ „Der aber eben ſo wohl Dein König, wie Dein Vater iſt,“ unterbrach ihn Georg der Zweite finſter. „Junger Mann! Nimmſt Du Dir heraus, mir Trotz zu bieten, auf Deine Verdienſte zu pochen?— mir Vorleſungen über Pflicht und Ehre zu halten?— Lerne Du dieß nur ſelbſt zuvor! Weißt Du, zu welchem Nichts Unſer Zorn Dich machen kann? Du kannſt gehen,“ fuhr er fort, auf die Thüre ſeines 364 Cabinets deutend;„und Wir verbieten Dir, eher wieder vor Uns zu erſcheinen, bis Du durch Unter⸗ würfigkeit Verzeihung für dieſe Beleidigung ver⸗ dient haſt.“ Das waren harte Worte, die den zuvor ſchon aufgebrachten Prinzen faſt wahnſinnig machten, ſo daß er in ſeiner Wuth ſich ſo weit vergaß, alle er⸗ denklichen Schmähworte über das Haupt der Frau zu ergießen, welche ſeine Racheplane vereitelt hatte. Dieß war der allerungeeignetſte Weg, um den Zorn ſeines Vaters zu beſänftigen, deſſen Unwille zuletzt ſo geſteigert wurde, daß er geradezu ſeinem Sohn mit Verhaftung drohte, wenn er nicht ſogleich ſich entferne. Dieſes Wort brachte den Herzog wie⸗ der zu ſich ſelbſt, der die Thorheit einſah, einem ſo hartnäckigen Mann, wie ſeinem Vater, Trotz geboten zu haben, und zwar um ſo mehr, als der Act, über welchen zu beklagen er ein Recht zu haben glaubte, nicht mehr zu widerrufen war. Mit einer tiefen Ver⸗ beugung, um ſeine Wuth und Zerknirſchung bahinter zu verbergen, eutfernte er ſich aus dem Cabinet. „Regent,“ murmelte der alte König, ihm nach⸗ blickend, vor ſich hin.„Ha! Wir werden Uns nicht zum zweiten Mal in die Falle locken laſſen.“ Die Unterredung hatte den König ſo aufgeregt, daß er in den Garten des Palaſtes hinabging, um dort friſche Luft zu ſchöpfen, wo aber eine neue Un⸗ annehmlichkeit in der Perſon der verwittweten Prin⸗ zeſſin von Wales und ſeines Enkels ihn erwartete. Er hatte ihr kaum zuvor eine Audienz unter dem Vorwande von Unwohlſein abgeſchlagen. Der junge Prinz, nachmals Georg der Dritte, — — ein hübſcher Knabe von acht Jahren, kam auf den Monarchen zugelaufen und küßte deſſen Hand mit der Miene eines Kindes, das ſeine Aufgabe einge⸗ lernt hat. „Dieß iſt in der That ein unerwartetes Glück,“ bemerkte die Prinzeſſin,„auf das ich ſchon verzichten zu müſſen glaubte,“ ſetzte ſie, tief ſich verbeugend, hinzu,„nachdem ich von dem Unwohlſein Eurer Ma⸗ jeſtät gehört habe.“ Der König murmelte ziemlich ungnädig einige Worte, welche ausdrücken ſollten, daß er ſich beſſer befinde. „Es freut mich, dieß zu hören,“ erwiderte die königliche Wittwe,„und es geſtattet mir dieſer Um⸗ ſtand, Eure Majeſtät mit einem Gegenſtande zu be⸗ läſtigen, der mir ſchwere Sorgen macht.“ „Was für ein Gegenſtand?“ fragte der Schwie⸗ gervater. „Das Gerücht, daß der Herzog von Cumberland zum Regenten auserſehen ſei, im Falle eines Ver⸗ luſtes, welcher das ganze Königreich in die tiefſte Betrübniß verſetzen würde, und—“ „Ja, ja, Wir wiſſen dieß Alles,“ murmelte der König.„Wer hat Ihnen etwas davon geſagt?“ „Man flüſterte davon im Unterhauſe,“ erwiderte die Prinzeſſin ausweichend. „Wahrhaftig?“ „Auch die Journale enthalten Andeutungen.“ „Pah! Seien Sie ganz ruhig,“ ſagte der Mo⸗ narch.„Cumberland hat nicht mehr Ausſicht, Regent zu werden, als Sie ſelbſt. Ich werde ſo lange am Leben bleiben, daß ich meinen Enkel zu dem Alter 366 heranwachſen ſehen kann, in welchem er zu meiner Nachfolge befähigt iſt; nicht wahr, Georg?“ ſetzte er hinzu, ſeinen Enkel auf die Wange klopfend, indem er ſich zugleich bemühte, ihn liebevoll anzuſehen. „Pas weiß ich nicht, Großvater,“ antwortete der Prinz. Dieſe Frage war nicht vorhergeſehen wor⸗ den, und folglich hatte ihm ſein Hofmeiſter auch keine Antwort darauf einlernen können. „Der Himmel füge es ſo!“ rief deſſen Mutter mit verſtellter Inbrunſt. Georg der Zweite lächelte, weil er wußte, was er von ihrer Aufrichtigkeit zu halten habe. „Uebrigens iſt dieß eine Frage, welche das Par⸗ lament zu entſcheiden hat.“ „Allerdings, Sire; aber Ihre Wünſche in dieſem Punkte—“ „Ich habe keinen Wunſch weder nach der einen, noch nach der andern Seite,“ rief Seine Majeſtät ungeduldig;„es wird nie eine Regierungs⸗ frage daraus gemacht werden; dieß mag Ihnen genügen.“ Damit lüpfte der König den Hut, zum Zeichen, daß die Audienz zu Ende ſei. Die Schwiegertochter hatte Alles erreicht, was ſie wollte, die Verſicherung nämlich, daß der Souverain ſich nicht in die Regent⸗ ſchaftsfrage miſchen werde; daher verabſchiedete ſie ſich mit einer tiefen Verbeugung zu großer Befrie⸗ digung ihres Schwiegervaters. Obgleich dem Könige der Argwohn hinſichtlich der Treue der Gräfin viel zu ſchaffen machte, ſo bedauerte er doch nicht, ihren Bitten nachgegeben zu haben, auch machte er keinen Verſuch, die gewährte 367 Verzeihung zu widerrufen, und noch in derſelben Nacht wurden Sir Allan Glencairn und deſſen Freund Crawford an Bord des Fahrzeugs gebracht, welches augenblicklich unter Segel ging und bald darauf ohne Unfall in Frankreich landete. Der plötzliche Uebergang von Verzweiflung zum. Glück hatte die Geſundheit der Schweſtern ſtark an⸗ gegriffen, denn auch Freude iſt zuweilen ſchwer zu ertragen— und machte die ehrwürdige Tante um deren Zuſtand ſehr beſorgt. „Pah! Pah!“ rief der Herzog, als am folgenden Morgen die Gräfin ihre Angſt um ihre Adoptiv⸗ kinder ausſprach.„Sie ſind, wie Alle Ihres Ge⸗ ſchlechts. Wenn Sie keine Sorgen haben, ſo müſſen Sie ſich welche machen. Die Mädchen werden am Leben bleiben, glückliche Gattinnen und Mütter wer⸗ den, und Sie werden Zeuge davon ſein.“ „Und Sie ſprechen wie alle Männer,“ erwiderte die alte Lady.„Ein Frauenherz iſt ein Geheimniß, welches ihr mit all' eurer Gelehrſamkeit und eurem Scharfſinn nicht zu begreifen vermögt. Ich will Ihnen den Schlüſſel dazu geben, Argyle,“ ſetzte ſie gut gelaunt hinzu;„es gleicht einer unſcheinbaren Blume, welche ein Paar Tropfen Thau erfriſchen, wogegen ein heftiger Regenſchauer den zarten Sten⸗ gel zu Boden drückt.“ „Sie werden in Ihrem Alter poetiſch, Schweſter,“ bemerkte galant der Hochländer, dem ihr Lächeln auffiel. „Und warum nicht?“ fragte die Gräfin.„Der Wein, der lang verſiegelt war, ſpendet den reichſten 368 Wohlgeruch; doch wozu ſoll ich noch mehr Worte verſchwenden, denn hier kommen die Mädchen!“ Conſtance und Alice erſchienen in dem Empfang⸗ zimmer ihrer Tante, in welchem obige Unterredung ſtattgefunden hatte. Ihre Wangen waren zwar noch bleich; aber aus ihren Zügen ſprach der Ausdruck der ruhigen Zufriedenheit, als ſie ihre liebevolle Beſchützerin küßten. „Warum habt ihr denn eure Betten ſo bald ver⸗ laſſen?“ ſagte Letztere.„Ich ſagte doch der alten Meg, ſie ſolle euch nicht in euern Neſtern ſtören. Der Himmel weiß, ihr armen Dinger, daß ihr nach den vielen Prüfungen und ausgeſtandenen Leiden der Ruhe ſehr bedürftig ſeid; ſo alt ich bin, ſo habe ich doch euern Jammer ſchwer mitgefühlt.“ „Unſere Träume waren unruhig und beängſti⸗ gend, Tante,“ erwiderte Conſtance.„Im Wachen wiſſen wir, daß unſer Glück wahrhaftig iſt. Wie viel verdanken wir der edelmüthigen, unglücklichen Frau, deren Wohlwollen unſere Thränen in Lächeln, unſern Schmerz in Freude verwandelt hat.“ Die alte Dame ließ ein trockenes, unzufriedenes Hüſteln hören; ihr Stolz konnte den Gedanken nicht verwinden, daß Jemand ihres Blutes der Geliebten des Königs für eine Rettung zum Dank ſich ver⸗ pflichtet ſehe. „Sie waren Zeugin ihrer Großmuth,“ ſetzte Alice hinzu.„Wenn Sie ihre Geſchichte kennten, ſo würden Sie ſie bemitleiden.“ „Ich zweifle nicht daran, daß ſich etwas zu Gunſten der unglücklichen, armen Perſon ſagen läßt,“ bemerkte die Gräfin kalt;„ſprechen wir aber nicht 369 weiter mehr davon, denn es macht mich mit mir ſelbſt und ihr unzufrieden.“ „Mit Ihnen ſelbſt?“ riefen beide Schweſtern. „Mit mir ſelbſt,“ wiederholte die ehrwürdige Frau,„indem ich ihrer vielleicht nicht ſo dankbar ge⸗ denken kann, wie ich ſollte, und mit ihr, weil ſie doch nicht ganz recht gehandelt hat.“ „Wir müſſen ſie beſuchen,“ bemerkte Alice ernſt. „Sie beſuchen!“ wiederholte die Tante erſtaunt. „Und ihr für ihre Wohlthat danken,“ fuhr das ſchöne Mädchen fort, welcher ihr Herz ſagte, daß ſie Recht habe. Die Gräfin Arran erhob erſtaunt ihre Hände. „Sie darf uns nicht für undankbar halten,“ ſprach Conſtance ſchüchtern. „Die Mädchen haben Recht,“ rief der Herzog von Argyle;„es gibt ſchlimmere Weiber auf dieſer Welt, als die unglückliche Geliebte des Königs.“ „Auch Sie, Maccullamore,“ ſprach deſſen Schwe⸗ ſter vorwurfsvoll.„Gut! gut!“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, während welcher ſie offenbar einen Kampf zwiſchen ihrem Stolze und ihrem Rechtlichkeitsſinne beſtanden hatte.„In dieſem Falle muß ich eben mit euch gehen. Iſt eure Schuld der Dankbarkeit ſchwer, ſo iſt es die meine nicht minder. Ich habe mich entſchloſſen, und ſomit iſt die Sache abgemächt.“ „Es iſt dieß ein edelmüthiger Entſchluß und Ihres Herzens und Kopfes würdig, liebe Schweſter,“ rief der Herzog. Beide hatten einen ſchweren Kampf mit einander gekämpft, aber das beſſere Princip hatte geſiegt. Der junge Prätendent. III. 24 370 Lady Arran war eine jener Perſonen, die ſtets offen handeln, wenn die Meinung der Welt dabei im Spiele war. Anſtatt im Geheimen ihren Beſuch abzuſtatten, beſchloß ſie, demſelben die möglichſte Oeffentlichkeit zu verleihen und ertheilte darnach ihre Befehle. E Der Herzog bot ſeine Begleitung an. „Nein, Nein! Maccullamore,“ erwiderte ſeine Schweſter;„Du biſt, ſo viel ich weiß, der— Dame zu nichts verpflichtet, und meine Anweſenheit genügt, böſe Zungen zum Schweigen zu bringen, wenn dieſe es wag.n ſollten, unehrerbietig von meinen Richten zu ſprechen.“ „Wenn irgend eine Zunge ſich dieß heraus⸗ nähme—“ „Gemach! Gemach! Ich kenne eine, die durch Ihre ſcharfen Worte und Drohungen ſich nicht ein ſchüchtern läßt.“ „Welche?“ fragte Argyle. „Die Meg's, meiner alten Kammerjungfer,“ 3 widerte die alte Dame.„Seit Carlchen Stuart ſie geküßt hat, hat ſie eine hohe Idee von Würde be⸗ kommen. Es fragt ſich, ob ſie ſich nicht durch die Herablaſſung ihrer Gebieterin für entehrt hält.“ Der Herzog gab lachend zu, daß er kein Mittel kenne, die Zunge der alten Meg zum Schweigen zu bringen. ſe tel zu 371 Sechsundvierzigſtes Kapitel. Am folgenden Tage verließ die Gräfin von Arran, in Begleitung ihrer Adoptivkinder, das ihrem Bru⸗ der gehörige Haus in London in einem von vier langſchwänzigen Rappen gezogenen Wagen, wie man 3 P 5 ſie heutzutage an Leichen⸗ und Trauerwägen ſieht, wie ſie aber unter Georgs des Zweiten Regierung allgemein in der Mode waren. Bediente in der Livree ihres Hauſes ritten vor ihr her; kurz, Alles war ſo angeordnet, daß ſie nicht mit mehr Pomp nach Hof hätte fahren können. Ihre Erſcheinung im Park gab zu allerlei Bemerkungen Anlaß, und Viele, welche die Gräfin längſt vergeſſen hatten, erkundigten ſich den bleichen, aber ſchönen Mädchen an ihrer eite. Als ſie vor dem Palaſte eintraf, ſahen ſie die Diener der königlichen Favoritin erſtaunt an, denn ſie hatten nie eine Beſucherin ihres Rangs bei ihrer geſehen, da dieſe in tiefſter Zurückgezogenheit ebte. „Ich komme,“ ſagte die alte Pairin, nachdem ſie in das Gemach eingeführt war, in welchem die Gräfin von Königsſtein ſaß,„um meine und meiner Nichten Dankbarkeit für das wohlwollende und un⸗ eigennützige Benehmen auszudrücken, wofür wir bei Ihnen in ſo tiefer Schuld ſind.“ „Ich hatte nicht geglaubt, daß das Leben mir noch eine Freude aufgeſpart habe,“ verſetzte die Gräfin von Königsſtein.„Sie beweiſen mir aber 3 372 das Gegentheil. Dieſer Beſuch verſöhnt mich faſt mit mir ſelbſt, denn er beweist mir, daß nicht Alles mich verachtet.“ „Sie verachten!“ wiederholte Conſtance, auf's Tiefſte ergriffen.„Unmöglich!“ „Sie dürfen nicht hier verweilen,“ rief die Gräfin plötzlich,„wenn man es erführe—“ „Ich wünſche, daß man es erfahre,“ bemerkte Lady Arran;„aus dieſem Grunde machten wir die Sache ſo öffentlich als möglich.“ „Hierin erkenne ich Ihren Einfluß,“ flüſterte die unglückliche Frau in Alice's Ohr.„Sie werden mich noch einmal beſuchen,“ fuhr ſie flehend fort,„nur Einmal noch, bevor ich ſterbe! Ich möchte, daß Sie aus meinen Händen die Papiere empfingen, welche Ihrem Bräutigam die Güter ſeiner Voreltern und ſeine Ehren und Titel zurückgeben. Verſprechen Sie mir, daß Sie kommen wollen.“ „Ganz gewiß, wenn ich in England bin,“ erwi⸗ derte dieſe. „Wann gedenken Sie uns zu verlaſſen?“ „Noch in dieſem Monat.“ Dann werde ich Sie wieder ſehen,“ ſprach die königliche Favoritin.„Und nun leben Sie wohl,“ fuhr ſie fort, ſich mühſam erhebend, um ihre Be⸗ ſucherinnen an die Thüre des Gemaches zu beglei⸗ ten.„Lady Arran, Sie haben Ihre Pflicht auf eine edle Weiſe erfüllt; ich werde die meinige nicht ver⸗ geſſen.“ „Armes Geſchöpf! Armes Geſchöpf! Ich bin froh, daß ich ſie beſucht habe,“ bemerkte die Gräfin auf dem Ruͤckwege nach dem Hauſe ihres Bruders⸗ 373 „Mein Herz blutet für ſie; ſie wird nicht mehr lange auf dieſer Welt verweilen. Es iſt dieß beſſer für ſie; denn für ſie gibt es nur im Grabe Ruhe.“ Noch an demſelben Tage wurde der Beſuch Lady Arran's allgemein in den Modekreiſen Londons bekannt. Viele lobten ſie um ihres verſtändigen Benehmens wil⸗ len; Einige tadelten ſie, aber Niemand mißdeutete den Grund ihres Handelns, und ſelbſt die Tagespreſſe entſprach den Abſichten der klugen alten Schottlän⸗ derin, welcher es um die Oeffentlichkeit zu thun war, ſo daß die Läſterzungen nicht Ein Wort ausſprachen, das einen Schatten auf den fleckenloſen Namen ihrer Nichten warf. Der König war entzückt, als ihm der Vorgang gemeldet wurde; denn unter den Gründen ſeines Widerwillens gegen die verwittwete Prinzeſſin von Wales ſtand deren Hartnäckigkeit, wie er ſich ausdrückte, oben an, mit welcher dieſelbe ſich weigerte, die Gräfin von Königsſtein zu empfangen oder zu beſuchen. Es war vielleicht eine Ziererei von ihrer Seite, der aber ein politiſches Motiv zu Grunde lag. Weil der König ſich durch dieſe Viſite geſchmei⸗ helt fühlte und zugleich ſehnlichſt wünſchte, die Grä⸗ fin von Königsſtein möglichſt bald wieder beſuchen zu dürfen, welche ihm bekanntlich verboten hatte, eher in Kenſington Palaſt ſich einzufinden, bis er die Urkunden mit ſich bringe, ſo drängte er den Canzler und diejenigen, welchen die Ausführung ſei⸗ ner Abſichten oblag, auf's Aeußerſte, ſo daß ſchon nach zehn Tagen die Urkunden ausgefertigt und geſiegelt waren. Mit dieſen Beweiſen ſeiner Ergebenheit vrerſehen, fuhr der König zu ſeiner Geliebten, welche 374 er mit einer Pracht gekleidet fand, die er ſchon lange nicht mehr an ihr geſehen hatte, bereit ihn zu empfangen. Sie war zuvor von ſeinem Beſuche benachrichtigt worden. „Das nenne ich in der That ſchmeichelhaft,“ be⸗ merkte der Monarch, entzückt ihre Hand küſſend, welche ſie ihm widerſtandslos überließ. Die Gräfin lächelte matt und deutete auf das Pergament in ſeiner Hand. Der verliebte alte Mann breitete daſſelbe vor ihr auf dem Tiſche aus und be⸗ obachtete ſie aufmerkſam, als ſie daſſelbe gemächlich durchlas, um nachzuſehen, ob nirgends in der Form etwas fehle. „Habe ich mein Verſprechen gehalten?“ fragte Seine Majeſtät. „Auf königliche Weiſe, Sire.“ „Und meine Belohnung?“ „Soll in meiner Verzeihung beſtehen,“ verſetzte die Gräfin.„Nie ſoll wieder ein Vorwurf wegen der Vergangenheit über meine Lippen kommen. Ich ver⸗ zeihe Ihnen, daß Sie meine Jugend getrübt, mei⸗ nen Namen befleckt, meinem Vater Unrecht gethan haben, ſo gewiß, als ich ſelbſt auf Vergebung mei⸗ ner Sünden hoffe.“ Dieß war nun eben nicht die Art von Beloh⸗ nung, auf welche der königliche Liebhaber gerechnet hatte; aber in dieſem Augenblicke, während er The⸗ reſen's bleiches aber noch immer ſchönes Geſicht be⸗ trachtete durchzuckten einigermaßen Gewiſſensbiſſe ſein Herz, und er verbeugte ſich anerkennend. Sein Weſen hatte ſich ſehr geändert, ſeitdem er ſie zum letzten Mal geſehen. — t 5 n 375 „Schonen Sie Ihre Geſundheit, Thereſe, um meinetwillen,“ ſprach er. „Mein Leiden wird bald zu Ende ſein,“ etwi⸗ derte ſie mit einem Blicke auf die Pergamente.„Mein letzter Wille iſt erfüllt.“ Georg der Zweite fühlte ſich beunruhigt; es lag etwas Feierliches in dem Benehmen der Gräfin, als ſie dieſe Worte ſprach; ein Blick heiliger Reſignation, die ihn für das Leben derjenigen, die ihm ſo theuer war, zittern machte. „Ich werde Ihnen meinen Leibarzt ſchicken,“ be⸗ merkte der König. „Ich halte dieß nicht für nöthig, Sire,“ erwi⸗ derte die Gräfin. „Sie werden ihn aber doch annehmen?“ „Ja, wenn es Ihr Wunſch iſt.“ Der König dankte ihr und eilte raſcher hinweg, als er es beabſichtigt hatte, um ſo bald als möglich die Anſichten ſeiner Aerzte über den Geſundheits⸗ zuſtand ſeiner Geliebten zu erfahren. An demſelben Abend erhielten Alice und deren Schweſter eine Aufforderung, ſich noch einmal in Kenſington Palaſt einzufinden. Ihre Tante begleitete ſie dahin. Die treue Gertrude vergoß Thränen, als ſie ſie in das Gemach ihrer Gebieterin führte. „Sie liegt im Sterben!“ ſchluchzte ſie, als Ant⸗ wort auf die an ſie geſtellten Fragen;„das könig⸗ liche Ungeheuer hat ſie vernichtet.“ Gertrudens Befürchtungen erwieſen ſich als nur zu wahr. Die Gräfin ſtreckte lächelnd ihre Hand aus, als ihre Beſucherinnen ſich dem Lager näherten, von „ 376 welchem ſie ſich aus Schwäche nicht zu erheben vermochte. „Die Sache iſt im Reinen,“ ſprach ſie, dis Be⸗ gnadigungsdocumente in Alice's Hand legend.„Meine Aufopferung iſt nicht ganz nutzlos geweſen, denn ſie hat das Glück zweier junger Herzen geſichert, welche, wenn ſie auch lebend mich nicht achten konnten, wenigſtens eine Thräne meinem Andenken weihen werden, wenn ich geſtorben bin.“ „Iſt denn keine Hoffnung mehr vorhanden?“ ſtöhnte Alice. Die Sterbende erhob ihre Hand und deutete nach dem Himmel. „Dort!“ ſtammelte ſie. Lady Arran war tief ergriffen und fragte, ob die Gräfin den Beiſtand eines Geiſtlichen wünſche, der ſeine Gebete mit den ihrigen vereinige. „Ihr Leben war ein fortwährendes Gebet,“ er⸗ widerte Gertrude,„denn ſie duldete in ſtiller Reſig⸗ nation.“ „Hebe mich auf,“ ſagte die Leidende,„hebe mich auf. Ich danke! Es iſt ſo ſüß, zu ſterben, wenn man wohlwollende und mitleidige Geſichter um ſich hat, und fühlt, daß junge, reine und gute Seelen ſich vom Todbette einer Schuldbewußten ſich nicht ab⸗ wenden. Ich gehe, Alice!— ich gehe, Alice! dahin, wo die Sorgen aufhören und ein gebrochenes Herz Ruhe findet. Seien Sie glücklich mit Allan und denken Sie zuweilen an Eine, deren Fall—“ „Engel beweint haben müſſen,“ rief das dank⸗ bare Mädchen;„denn die Seele derſelben blieb den⸗ ——— 377 noch unbefleckt. An Sie denken! Nie— nie, ſo lange noch ein Tropfen Blut durch dieſes dankbare Herz rinnt, werde ich Diejenige vergeſſen, welcher ich mein Glück verdanke!“ „Und Allan?“ „Glauben Sie denn, daß ſein Gedächtniß weni⸗ ger treu ſein wird, als meines?“ Ein Lächeln zeigte ſich auf dem Geſichte der Gräfin von Königsſtein, welche, eine Hand der wei⸗ nenden Gertrude reichend, ihren Kopf ſanft an Alice's Buſen legte und zugleich ihren letzten Seuf⸗ zer aushauchte. Das Opfer der rohen Leidenſchaft eines Monar⸗ chen hatte endlich Ruhe gefunden. Als Georg der Zweite die Nachricht erfuhr, ge⸗ rieth er ganz außer ſich. Mehrere Tage hindurch weigerte er ſich, ſeine Miniſter zu ſehen, und ſchloß ſich in das abgelegenſte Gemach ſeines Palaſtes ein. Die Sorgen für ſein Königreich, ſowie ſein ange⸗ borner Thätigkeitstrieb brachen zwar endlich dieſe Abſpannung wieder, in welche er verfallen war, aber ſelten ſah man ihn von dieſem Zeitpunkte an wie⸗ der lächeln. Etwa eine Woche nach dem Tode der königlichen Favoritin verließen Lady Arran und deren Nichten, in Begleitung des Herzogs von Argyle, England, um ſich nach Paris zu begeben, wo Sir Allan und Crawford bereits ſich befanden und zu ihrem Em⸗ pfange herbeieilten. „Meine theure, theure Tante!“ rief der Baronet, deren Hand küſſend.„Wie vermag ich ſo viele Güte zu vergelten?“ 378 „Die Wahrheit zu geſtehen, Allan, ich wüßte nicht, auf welch andere Weiſe Du dieß thun könn⸗ teſt, als dadurch, daß Du für Alice ein guter Gatte wirſt. Ich fürchte aber, daß Paris ſich ſehr geän⸗ dert hat. Ich bin ſeit meiner Hochzeitsreiſe nicht mehr hier geweſen, und das war unter der Regie⸗ rung Ludwigs des Vierzehnten.“ „Es hat ſich allerdings einigermaßen geändert“ erwiderte der junge Mann lächelnd.„Sie werden ſich natürlich bei Hof präſentiren laſſen.“ „Ich,“ erwiderte die alte Dame mit einem Blicke des Entſetzens,„ſollte mich in demſelben Kreiſe be⸗ wegen mit der Schlange, der Marquiſin von Pom⸗ padour, wie man ſie nennt? Pfui, Allan, pfui! Du ſollteſt mich beſſer kennen. Scarron's Wittwe war mit ſeinem Großvater vermählt, was die Sache wenigſtens anſtändig, wenn auch nicht ganz fehlerfrei machte; aber Ludwig der Fünfzehnte lebt, ſo viel ich höre, in offenem Verhältniſſe⸗ Nein, nein, dem Dauphin werde ich meinen Reſpect bezeugen, aber einen Hof gibt es für mich nicht. Ich habe zu meiner Zeit genug dergleichen geſehen. Aber Alice, gib jetzt auch Deinem Vetter die Patente, welche ihm ſein Eigenthum zurückerſtatten.“ Das glückliche Mädchen legte die Papiere in die Hände ihres Bräutigams. „Sie ſind das letzte Geſchenk der Gräfin von Königsſtein,“ bemerkte ſie.„Sie gab ſie mir auf dem Todbette. Sie beſaß ein edles Herz.“ „Das beſaß ſie in der That,“ erwiderte Sir Allan,„und ihr Antrieb entſprang aus reiner Dank⸗ barkeit.“ 379 Die Gräfin von Arran ließ das ihr eigenthüm⸗ liche Hüſteln hören⸗ „Nicht Dankbarkeit, ſondern Liebe,“ flüſterte die Nichte.„Sie trug mir auf, Ihnen dieß zu ſagen, ſobald ſie todt ſei.“ Manche Thräne wurde dem Andenken des heroi⸗ ſchen Opfers der Tyrannei des Monarchen geweiht, welcher ſo grauſam ſeine Macht mißbraucht hatte; und aus Dankbarkeit verſchoben die Liebenden auf einige Zeit ihre Vermählung. Als dieſelbe ſtattfand, machte Carl Eduard den Brautvater in der könig⸗ lichen Capelle von Verſailles, und die Gräfin von Arran ertheilte hiezu ihren Segen. Ehe wir ſchließen, wird es nöthig ſein, noch Einiges über den jungen Chevalier mitzutheilen, an deſſen abenteuerlicher Laufbahn unſere Leſer hoffent⸗ lich hinreichend Antheil nahmen, um uns unſere letzte Abſchweifung zu verzeihen. Demgemäß wer⸗ den wir unſere Erzählung von dem Augenblick an wieder aufnehmen, in welchem er, nach dem Schei⸗ tern ſeiner Hoffnungen, Schottlands Geſtade verließ und nach Frankreich ſegelte. ſ —— 3 3 380 Siebenundvierzigſtes Kapitel. Es iſt ſchon oft behauptet worden, daß die Wirk⸗ lichkeit merkwürdiger iſt, als die Erfindung. Das Leben und die abenteuerliche Laufbahn Carl Eduard's ſind vielleicht die ſchlagendſten Beweiſe, welche die Geſchichte hiefür aufzuweiſen vermag. Geboren mit einem erhabenen Namen, zu einem hohen Geſchicke beſtimmt, ſchien das Schickſal ein boshaftes Vergnü⸗ gen daran zu finden, das Ziel ſeiner Beſtrebungen zum öftern ſo nahe zu rücken, daß es jeden Augen⸗ blick erreichbar erſchien, aber nur um die Täuſchung um ſo bitterer zu machen. Hätte Frankreich das Verſprechen gehalten, welches ſein zügelloſer Monarch gegeben, ſo unterliegt es wohl kaum einem Zweifel, daß das Haus Stuart ſeinen Platz unter den regie⸗ renden Familien Europa's wieder eingenommen hätte. Es war aber zum Unglück prädeſtinirt. Beiſtand wie Rathſchläge kamen immer zu ſpät. Der Letzte der Stuarts ſchläft in der prachtvollen Gruft zu St. Peter. Auf ſeinem Grabmonument iſt der Car⸗ dinal von York, der Bruder Carl Eduard's, Heinrich der Neunte, König von England, genannt. Heinrich von York, wie der Prinz⸗Cardinal genannt wurde, beſaß aber weder die Tugenden, noch die Fehler, welche den Character ſeines geiſtig kühnen, ſo hoch⸗ begabten Bruders ſchmückten oder verdunkelten. Die Schiffe, welche den Prinzen und deſſen Freunde in Lochnanaugh am 20. September 1746 an Bord genommen, machten eine glückliche Ueber⸗ fahrt an die Küſte von Frankreich. Urſprünglich 381 hatte es im Plane des Prinzen gelegen, nach Nan⸗ tes ſich zu begeben; wenn er dieß gethan hätte, ſo hätte er wahrſcheinlich das britiſche Geſchwader unter Admiral Leſtoc, das damals an der Küſte der Bretagne kreuzte, begegnet. Nach einer Veränderung des Laufs und verfolgt von zwei engliſchen Kriegs⸗ ſchaluppen, denen er nur unter dem Schutze eines dichten Nebels entging, landete Carl am 29. Sep⸗ tember in Roscoff, in der Nähe von Morlaix, von wo er augenblicklich zwei Briefe an ſeinen Bruder und Vater ſchrieb, worin er dieſen mittheilte, daß er in Sicherheit ſich befinde. Er traf in Frankreich, ganz erfüllt⸗von den Ge⸗ danken, wie er ſie unmittelbar nach der Schlacht von Culloden gehegt, ein, indem ihm nichts Ande⸗ res als eine neue effectvolle Expedition vorſchwebte, die von der franzöſiſchen Regierung um ſeinetwillen ausgerüſtet werden ſollte. Sein Wunſch ging daher dahin, ſogleich den König zu ſprechen, um durch ſeinen Einfluß auf ihn den Monarchen zur Ausrüſtung einer Kriegsmacht zu ſeinen Gunſten zu beſtimmen. Er hielt ſich daher nur zwei Tage in Morlaix auf, um ſich ein wenig Ruhe zu gönnen, und machte ſich alsdann ſogleich wieder auf den Weg nach Paris. In der Nähe dieſer Stadt begegnete er einer Geſell⸗ ſchaft junger Edelleute, an deren Spitze ſein Bruder ſich befand, welcher ihn auf den erſten Anblick nicht einmal erkannte wegen der in ſeinem Aeußern vorge⸗ gangenen Veränderung, indem er viel kräftiger und ſtärker als früher geworden war. Als ihn Heinrich aber endlich erkannte, fiel er ihm um den Hals und hieß ihn auf die herzlichſte Weiſe willkommen. Die Regie⸗ rung hatte das Schloß von St. Antoine für den Prätendenten in Bereitſchaft ſetzen laſſen; dagegen war man aber nichts weniger als geneigt, ihn öffent⸗ lich als Prinzregent von England zu empfangen, und als er in aller Form bei dem damals in Fon⸗ tainebleau ſich aufhaltenden König um eine Unterredung nachſuchte, wurde ihm keine öffentliche Audienz ver⸗ willigt, ſondern ihm bloß geſtattet, gewiſſermaßen privatim oder incognito zu erſcheinen. Der Grund lag darin, daß Frankreich im Kriege, namentlich zur See, unglücklich geweſen war und die Nothwendig⸗ keit, mit Großbritannien Frieden ſchließen zu müſſen, einzuſehen anfing. Aus dieſem Grunde wollte es zwar Ludwig vermeiden, England zu weiteren Be⸗ ſchwerden Veranlaſſung zu geben, doch konnte er nicht umhin, der merkwürdigen Laufbahn des Prin⸗ zen ſeine Bewunderung zu zollen und dieſem im Stillen ſein Wohlwollen zu ſchenken. Als Carl ſah, daß ihm kein officieller Empfang unter dem von ihm angenommenen Titel geſtattet wurde, beſchloß er, dem äußern Anſchein nach ſei⸗ nem Beſuch ſo viel Oeffentlichkeit als möglich zu geben. Er verfügte ſich daher in glänzender page und prächtiger Kleidung, gefolgt von aht Wägen, in welchen ſich die Lords Elcho und Og Mr. Kelly, ſein Secretär, der ältere ie und andere ſeiner vornehmſten Freunde ſaßen⸗ nach Fon⸗ tainebleau. Der König, der ihn jetzt zum erſten Mal in ſeinem Leben ſah, empfing ihn mit einer herzlichen Umarmung und einer Beglückwünſchungs⸗ rede, in welcher er ſagte: — 383 „Theuerſter Prinz! Ich danke dem Himmel für das große Vergnügen, das er mir verſchafft, indem ich Sie nach ſo vielen Beſchwerden und Gefahren glücklich zurückgekehrt ſehe. Sie haben bewieſen, daß Sie alle die großen Eigenſchaften eines Helden und Philoſophen in ſich vereinigen, und ich hoffe, daß Ihnen eines Tages die Belohnung für ſo außer⸗ ordentliche Verdienſte zu Theil werden wird.“ Nach einem kurzen Verweilen bei dem Könige begab ſich der Prinz in das Gemach der Königin, welche ihm ebenfalls einen freundlichen Empfang angedeihen ließ. Der ganze Hof ſchaarte ſich um ihn zur Beglückwünſchung, und er und ſeine Freunde blieben an jenem Abend zum Souper im Palaſt. Die Regierung hatte bereits die trautige Lage der ſchottiſchen Officiere in Berathung genommen, welche in Frankreich gelandet hatten, und hierauf angeordnet, daß die Summe von dreißigtauſend Liv⸗ res, je nach Moßgabe ihres Ranges, unter ſie ver⸗ theilt werden ſollte. Später wurde die weitere Summe von achtundzwanzigtauſend neunhundert Livres den Officieren gegeben, welche mit dem Prin⸗ zen gelandet hatten; der jüngere Lochiel erhielt da⸗ von vier tauſend, deſſen Vater, ſowie Lochgarry und John Roy Stuark, jeder drei tauſend, und die Uebrigen im Verhältniſſe ihres Ranges. Lord Ol⸗ givie wurde der Befehl eines Regiments übertragen. Als aber Carl von einer neuen Expedition ſprach, ſah er ſich mit Kälte behandelt. Nach zwei Unter⸗ redungen mit dem König reichte er eine Denkſchrift ein, in welcher er Seine Majeſtät auf den ſeinem . . 384 Herzen am nächſten liegenden Wunſch aufmerkſam machte. Schottland, ſagte er darin, befinde ſich am Rande des Abgrundes, und die Strenge der Regie⸗ rung habe eine ſolche Unzufriedenheit verurſacht, daß, wenn er ſich wieder mit einer genügenden Kriegs⸗ macht im Lande befände, die Zahl ſeiner Anhänger ſich verdreifachen würde. Er habe während ſeines letzten Feldzuges ſich überzeugt, daß eine nur mäßige Armee regulärer Truppen erforderlich ſei, um das großbritanniſche Volk in Stand zu ſetzen, das Joch abzuſchütteln, unter dem es ſchmachte. Achtzehn bis zwanzig Tauſend Mann würden dazu hinreichen, und um dieſe bitte er die franzöſiſche Regierung. Es ſcheint aber, daß dieſem Verlangen keine Auf⸗ merkſamkeit geſchenkt wurde, welches erfüllen zu können die Regierung wahrſcheinlich gar nicht in der Lage war. Bemerkenswerth iſt übrigens, daß mit der Wiederaufnahme des Kriegs ſich nicht allein die ehrgeizige Seele des Prinzen beſchäftigte, ſondern daß ſeine ſchottiſchen Freunde faſt ebenſo unausgeſetzt daran dachten. Am eifrigſten zeigten ſich hiebei der jüngere Lochiel, der lange Zeit die Annahme eines franzöſiſchen Regimentes, das ihm angeboten wurde, ausſchlug, um dadurch dem Glauben keine Nahrung zu geben, als habe der Prinz keine Hoffnung, von Frankreich eine neue Hilfe zu erlangen. Carl ſchrieb zu jener Zeit auch an den König von Spanien, condolirte ihm wegen des Tods ſeines kürzlich verſtorbenen Vaters Philipp des Fünften, und ſprach die feſte Hoffnung aus, daß die Freundſchaft, welcher er ſich von dieſem Monar⸗ ———————— 385 chen zu erfreuen gehabt, auch von deſſen Nachfolger fortgeſetzt würde. Als der Widerwille des franzöſiſchen Hofes, ihm thätige Hilfe zu Theil werden zu laſſen, immer augenſcheinlicher wurde, verlor Carl ſeinen früheren Ton der Mäßigung. Jedes dringende Verlangen nach einem Ziel, das ſtets durchkreuzt wird, zieht Erbitterung nach ſich, und von dieſer Zeit an iſt der Umſchwung im Character Carl's zu datiren, welcher es faſt unmöglich machte, in ſeinem mittle⸗ ren Lebensalter in ihm den männlichen, ſanften und doch ſo heroiſchen Jüngling wieder zu erkennen, der im Jahre 1745 die hochländiſche Armee commandirt hatte. Sein Vater machte ihm die ernſtlichſten Vor⸗ würfe über die Art, wie er ſich gegen den franzöſi⸗ ſchen Hof benahm; aber vergebens. Ebenſo wenig nahm er einen Rath von manchen der tüchtigen und lebenserfahrenen ſchottiſchen Officiere an, die jetzt in Paris ſich befanden. Sein faſt ausſchließlicher Rathgeber war ſein Secretär Kelly, der, wie es ſcheint, des in ihn geſetzten Vertrauens gänzlich unwürdig war. Gegen Ende Januars 1747 verließ er Paris und kehrte nach Avignon zurück, ganz gegen den Willen ſeiner Freunde, welche dieſen Schritt als ein Einge⸗ ſtändniß betrachteten, daß ſeine Sache hoffnungslos verloren ſei. Der wahre Grund ſeiner Entfernung lag aber in der Abſicht, ſich insgeheim nach Madrid zu begeben, und dort den Verſuch zu machen, von Ferdinand dem Sechsten die Unterſtützung heraus⸗ zuſchlagen, die er in Frankreich nicht erlangen konnte. Auf dieſer Incognitoreiſe traf er zu Anfang März. Der junge Prätendent. III. 25 386 in der ſpaniſchen Hauptſtadt ein und fand bei dem neuen Monarchen eine höfliche Aufnahme, von welchem er Hilfe an Mannſchaft, Waffen und Schiffen mit Kriegs⸗ geräthen zu einer neuen Expedition verlangte. Man er⸗ widerte ihm darauf, daß Spanien im Augenblicke keine Schiffe entbehren könne; ſeine übrigen Wünſche wurden aber auf eine Weiſe angehört, daß er ſich der Hoffnung auf Gewährung hingab. Zu ſeinem Schmerze mußte er aber bald bemerken, daß ſeine Bemühung ver⸗ geblich ſei, und ſo kehrte er am 24. März wieder nach Paris zurück. Hier erneuerte er ſeine Bewer⸗ bungen bei dem franzöſiſchen Hofe, aber ohne allen Erfolg. Etwa zwanzig Tage nach ſeiner Rückkehr nach Paris ging er mit dem Plane um, der ruſſi⸗ ſchen Czarin einen Heirathsantrag zu machen, unter der Bedingung, daß ſie ihm die verlangte Hilfe leiſte. Sein Vater brachte ihn aber von dieſem Plane ab, indem er ihm vorſtellte, daß hiezu auch nicht die geringſte Ausſicht für ihn vorhanden ſei. Alle dieſe Proceduren zeigen, wie eifrig er bemüht war, ſich wieder an die Spitze einer Expedition nach Britan⸗ nien zu ſtellen, und für wie günſtig er die gegen⸗ wärtige Kriſis hielt. Zwei Dinge fürchtete er vor allen, welche einem neuen Verſuche ein für allemal ein Ende machen könnten: einen Frieden zwiſchen Frankreich und England, welchen das franzöſiſche Volk auf's Sehnlichſte wünſchte, und die völlige Unterjochung und Entwaffnung der ſchottiſchen Hoch⸗ länder durch die engliſche Regieruug; ein Ereigniß, das ſeine engliſchen Freunde ſehr entmuthigen mußte, indem ſie ihre Haupthoffnung des Zuſtandebringens einer Reſtauration auf den kriegeriſchen Charakter 387 dieſes Volkes ſetzten. Man darf ſich nicht wundern, wenn Carl unter den Schwierigkeiten, die ſich ihm entgegen ſtellten, ſeufzte und ſich aufrieb. Er ſah die letzte Gelegenheit auf Wiedergewinnung der eng⸗ liſchen Krone an ſich vorübergehen und war außer Stande, Vortheil daraus zu ziehen, weil, wie er meinte, einige ſelbſtſüchtige Miniſter ſowohl gegen ſeine Intereſſen, als die ihres eigenen Landes gleich⸗ gültig ſeien. Dieſe Anſichten waren aber nicht allein ihm eigen. Im Februar 1747 finden wir den jün⸗ gern Lochiel eifrig eine neue Expedition nach Schott⸗ land, wenn auch in kleinerem Maßſtabe, betreibend, geſtützt auf den Grund, daß, wenn ſie jetzt unter⸗ nommen würde, das Volk noch ununterworfen und in den Waffen völlig bereit gefunden würde, ſein Voterland aus der Sclaverei zu retten, in welche die beſtehende Regierung daſſelbe verſett habe. Das Frühjahr verging, der Sommer kam, und noch war kein äußeres Anzeichen des Sammelns einer Kriegsmacht von Seite Frankreichs ſichtbar. Die Regierung drang in den Prinzen, eine bedeu⸗ tende Penſion von ihr anzunehmen, was er aber ablehnte. Nur mit großer Mühe gelang es, den jüngern Lochiel zu veranlaſſen, das Commando eines Regiments zu übernehmen. Um dieſelbe Zeit(Juni 1747), während Carl alle die Qualen ausſtand, welche diejenigen erdulden, die um eine Hofgunſt buhlen, war es, daß ſein Bruder Heinrich mit der vollen Zuſtimmung ſeines Vaters in den Prieſter⸗ ſtand trat und vom Papſte einen Cardinalshut an⸗ nahm. Carl hörte mit Beſtürzung dieſe Thatſache, 388 welche, wie er wohl einſah, ſeiner Sache in Eng⸗ land ſchweren Eintrag und überdieß überall als eine ſtillſchweigende Anerkennung von Seite ſeiner Fa⸗ milie angeſehen werden mußte, daß ſeine Ausſichten auf die Krone jetzt hoffnungslos geworden ſeien. Er hatte früher dieſen Bruder ſehr geliebt, aber jetzt ſchloß er ihn ganz aus ſeinem Herzen aus. Selbſt ſeinem Vater vermochte er kaum ſeinen Antheil an dieſem Schritte zu verzeihen. Lord Georg Murray kam damals nach Paris, um ihm ſeine Huldigung zu bezeigen; aber der Prinz, obgleich er während ſeiner Irrfahrten beifällig von Lord Georg geſpro⸗ chen hatte, war jetzt gegen ihn erbittert, und dieſer ehrenwerthe Mann, welcher ſein Land und ſeine Familienausſichten der Sache der Stuart's zum Oyfer gebracht hatte, ſah ſich genöthigt, Frankreich zu ver⸗ laſſen, ohne den Prinzen nur geſehen zu haben, der ihm ſogar androhen ließ, daß er ihn feſtnehmen laſſen wolle. Es vergingen Monate, während welchen von dem Treiben des Prinzen deſſen Vater oder das Publi⸗ cum wenig erfuhr. Das Geheimthun, welches er in den Hochlanden angewendet hatte, wenn er von einem Verſtecke nach einem andern, oder von einem Sitze zu dem Sitze eines Andern ſich begab, kam wieder zum Vorſchein und deutete gewiſſermaßen ſein Benehmen für die Zukunft an. Man ſagt, er habe mehr über die Siege ſich gefreut, welche die Briten im Laufe des Krieges, als die, welche die Franzoſen erfochten. Dieß kann jedoch nur mit Ein⸗ ſchränkung gelten, denn es exiſtirt ein Brief, in — ——————— c—0 ⸗ c Sc—— ——————,———— — n ie ie in 389 welchem er Ludwig dem Vierzehnten zu dem Sieg bei Lafelt Glück wünſchte. Obgleich er nur auf unbedeutende und, wie man behaupten will, unwür⸗ dige Rathgeber hörte, ſo iſt es doch ganz zweifellos, daß er freiwillig von ſeinen Mitteln hergab, um die übrigen Edelleute ſeiner Partei, welche Zuflucht in Frankreich geſucht hatten, zu unterſtützen. In der laufenden Rechnung ſeines Bankiers, Mr. Georg Waters jun., finden ſich Auszahlungen großer Sum⸗ men an Clanrenald, Ardſhiel, Gordon von Glen⸗ bucket, Lord Nairne und andere von gleichem oder niedererem Stande aufgezeichnet. Der unglückliche Hang zum Trunke, der ſeine letzten Lebensjahre ſo ſehr verdunkelte, macht ſich 1747 zum erſten Mal bemerklich in einem ununterzeichneten Briefe an Mr. William Murray(Titular⸗Lord Dunbar); aber der Leſer wird bemerkt haben, daß der Geſchmack daran im Laufe ſeiner hochländiſchen Abenteuer bei ihm geweckt wurde, theilweiſe durch die großen Mühſelig⸗ keiten, die er zu beſtehen hatte, theilweiſe aber, weil er die ſchlechte Sitte des Landes annahm, das unter den Einflüſſen eines früher daſelbſt unbekannten geiſtigen Getränkes litt und ſich ſeit Einführung des gebrannten Waſſers dem Genuſſe deſſelben unbedingt hingab, da kein Mäſſigkeitsgeſetz denſelben beſchränkte. Im Frühjahre 1748 nahm die Neigung Frank⸗ reichs nach Frieden eine beſtimmte Form an, und auf die zuerſt von dem König ausgegangenen Vor⸗ ſchläge willigten die kriegführenden Mächte ein, einen Congreß in Aachen zu beſchicken. Carl be⸗ trachtete dieſe Verhandlungen als das Todesurtheil ſeiner ſämmtlichen unmittelbaren Hoffnungen; aber 390 durch ſeine Leidenſchaftlichkeit geblendet, beſaß er nicht Klugheit genug, ſich mit Reſignation in eine Wendung der Dinge zu fügen, die er nicht zu ändern vermochte. Im Laufe des Sommers, während wel⸗ ches die Unterhandlungen fortgeſetzt wurden, erwar⸗ tete man von ihm, daß er ſich ſelbſt aus Frankreich zurückziehe, da es keinem Zweifel unterliegen konnte, daß eine der Stipulationen den König binden würde, ihm länger eine Freiſtätte zu gewähren. Er aber miethete im Gegentheil ein ſchönes Haus auf dem Quai Theatin und beſtellte ein Ameublement, welches deutlich ſeinen Entſchluß bewies, in Paris bleiben zu wollen. Wenn Jemand von dem Vertrage ſprach, affectirte er Gleichgültigkeit und fing an, von etwas Anderem zu reden. Dieß war aber noch nicht Alles. Er ließ eine Medaille ſchlagen, mit ſeinem Bruſt⸗ bilde auf einer Seite, und auf der andern einer Anzahl Schiffe mit den Worten;„Amor et, shes Britanniae“(Die Liebe und Hoffnung Britanniens); es war dieß eine abſichtliche Beleidigung gegen die franzöſiſche Regierung, welche ſo viel durch die eng⸗ liſche Marine gelitten hatte. Die Miniſter nahmen dieſe Handlung ſehr übel und drangen in den König, davon Notiz zu nehmen; dieſer lehnte es aber ab, offenbar, weil er wünſchte, den Prinzen nicht noch zu weitern verzweifelten Schritten zu treiben. Als der Prinz von Conti, ein ſehr ſtolzer Edelmann, bald darauf Carln im Garten des Luxembourg begegnete, redete er ihn mit ſcherzhafter Miene, aber geheimem Hohne über dieſen Gegenſtand an, indem er ſagte Die Deviſe paſſe nicht recht, denn die britiſche er 68 die g⸗ en ab, der ald ete, em te ſche 391 Marine habe ſich gar nicht freundlich gegen ihn gezeigt. „Das iſt vollkommen richtig, Prinz; aber nichts deſto weniger bin ich auf Seite der Marine gegen jeden Feind, wer es auch ſei, und ich betrachte jeden Ruhm Englands als den meinigen, und ſein Ruhm liegt in ſeiner Marine,“ erwiderte Carl. In einem reſpectablern Lichte erſcheint Carl in dem Proteſt für die Erhaltung ſeiner Rechte, welchen er den Repräſentanten der verſchiedenen in Aachen verſammelten Mächte zuſtellen ließ. Dieſes Docu⸗ ment iſt von Paris den 16. Juli datirt, und er proteſtirt darin nach Anführung des ſeinem Hauſe widerfahrenen Unrechts und Beurkundung der ihm von ſeinem Vater übertragenen Vollmacht„gegen Alles, was in der Verſammlung geſagt, gethan oder feſt⸗ geſetzt werden möchte, ſo fern es dazu dienen kann, die geſetzlichen Rechte Unſeres hochgeehrten Vaters und Herrn oder der Prinzen und Prinzeſſinnen Un⸗ ſeres königlichen Häuſes, der bereits geborenen oder erſt noch geboren werdenden, zu präjudiciren oder zu vermindern. Wir erklären, daß Wir betrachten und auch in Zukunft betrachten werden als null und nichtig und ohne jede Wirkung Alles, was beliebt und feſtgeſetzt werden mag hinſichtlich der Aner⸗ kennung irgend eines andern Souverains des König⸗ reichs Großbritannien außer der Perſon des ſehr hohen und ſehr vortrefflichen Prinzen Jacobs des Dritten, Unſeres ſehr geehrten Herrn und Voters, und in deſſen Ermanglung der Perſon des nächſten Erben nach den Fundamentalgſeetzen Großbritanniens. enthalte, in welchen feſtgeſetzt ſei, daß Carl nicht 392 Schließlich erklären Wir allen Unterthanen Unſeres ſehr geehrten Herrn und Vaters und beſonders denen, die Uns ganz neuerdings glänzende Beweiſe ihrer Anhänglichkeit an die Intereſſen Unſerer königlichen Familie und die urſprüngliche Verfaſſung ihres Lan⸗ des gegeben haben, daß nichts die innige und auf⸗ richtige Liebe ändern ſoll, welche Unſere Geburt für dieſelben Uns einflößt, und daß die gerechte Dank⸗ barkeit, welche wir für deren Treue, Eifer und Muth hegen, nie aus unſerm Herzen ſich verwiſchen ſoll. Daß, weit entfernt, irgend einem Vorſchlage Gehör zu ſchenken, der dahin zielt, die unlösbaren Bande, welche Uns unmſchließen, zu zerſtören oder zu ſchwä⸗ chen, Wir vielmehr Uns unter allen Umſtänden für verpflichtet halten und veppflichtet halten werden, ohne Unterlaß auf alles das Unſer Augenmerk zu richten, was zu ihrem Glücke beitragen kann, und daß Wir jeden Augenblick bereit ſein werden, den letzten Blutstropfen zu vergießen, ſie von dem fremden Joche zu befreien.“ Montesquieu, welchem Carl eine Abſchrift dieſes Proteſtes übergab, be⸗ glückwünſchte ihn darüber, indem er denſelben als mit Einfachheit, Würde und ſogar Beredtſamkeit geſchrieben bezeichnete. Dem Könige reichte er ebenfalls eine Abſchrift ein mit dem Zuſatze, daß, während er ſich für ver⸗ pflichtet halte, ſeine Rechte zu vertheidigen, er die größte Hochachtung für die geheiligte Perſon Seiner Majeſtät hege und zugleich hoffe, nie Deren Freund⸗ ſchaft zu verſcherzen. Unterdeſſen erfuhr man, daß der Vertrag Punkte 393 länger in Frankreich bleiben dürfe. Man erwartete daher jeden Tag ſeine freiwillige Entfernung aus dem Königreiche; aber vergebens. Als der König bemerkte, daß Carl gar keine Anſtalt treffe, ſein Reich zu verlaſſen, ſchickte er den Cardinal von Tencin mit dem Auftrage an ihn ab, ihm auf ſo zarte Weiſe, wie möglich, zu bedeuten, wie nothwendig ein ſolcher Schritt ſei. Der Cardinal richtete ſeinen Auftrag mit größter Discretion aus und ſuchte mit aller Beredtſamkeit das Benehmen ſeines Herrn zu be⸗ ſchönigen; Carl gab ihm aber nur ausweichende Antworten, und ſo ſah er ſich genöthigt, ſich zurück⸗ zuziehen, ohne dem Könige ein befriedigendes Reſultat melden zu können. Ludwig wartete einige Tage in der Hoffnung, daß Carl abreiſen werde; da dieſes aber nicht geſchah, ſo ſah er ſich genöthigt, ihm einen andern Geſandten mit noch dringenderen Bitten zu ſchicken. Die zu dieſem Auftrage erſehene Perſon war der Herzog von Gesvres, Gouverneur von Paris, welcher, außer ſeiner Inſtruction, die Abreiſe herbeizuführen, Carte blanche beſaß, welches Papier der Prinz mit irgend einer beliebigen Summe, die er als Penſion wünſche, auszufüllen erſucht wurde, für den Fall, daß er des Königs Wünſchen nachkommen würde. Nachdem dieſer Geſandte Carln ſeine Vorſchſäge auseinander geſetzt hatte, ſoll dieſer ihn mit unzweideutigen Zeichen ſeiner Verachtung behandelt und ausgerufen haben,„daß es ſich in vorliegendem Falle um keine Penſion handeln könne und er nichts wünſche, als daß der König ſein Wort halten möchte.“ Der Herzog machte auf die Noth⸗ 394 wendigkeit der Entfernung des Prinzen aus dem Königreiche aufmerkſam, welche im Friedensvertrag ausdrücklich ſtipulirt worden ſei. Carl aber wies hartnäckig auf den Vertrag zwiſchen dem Allerchriſt⸗ lichſten Monarchen und ihm hin, durch welchen ſie gegen⸗ ſeitig Verbündete geworden ſeien. Als der Herzog von Gesvres ebenfalls nichts ausrichtete, wurden der Graf von Maurepas und der päpſtliche Nuntius, einer nach dem Andern, mit dem gleichen Auftrage an ihn abgeſchickt, und ſelbſt der König ſchrieb ihm einen eigenhändigen Brief, aber Alles vergebens. Da keiner von beiden Theilen ſich Mühe gab, dieſe eigenthümlichen Unterhandlungen geheim zu halten, ſo wurden ſie bald in ganz Europa bekannt; in Paris erweckten ſie einen Grad des Intereſſes, wie nie zuvor ein öffentliches Ereigniß es vermocht hatte. Denn daß irgend Jemand unter ſo auffallen⸗ den Umſtänden den Abſichten des großen Monarchen entgegen zu treten und deſſen Macht zu mißachten wage, wurde als das außerordentlichſte Beiſpiel von Verwegenheit angeſehen. Die Thaten des Prinzen in Schottland, ſo wie der Zauber ſeiner Perſönlich⸗ keit hatten zuvor ſchon die Pariſer zu dieſem aus⸗ ſchweifenden Grad von Bewunderung hingeriſſen, und dieſe vermehrte ſich noch, als der Nimbus, der ihn umgab, durch das unverdiente Unglück, das ihn vrrfolgte, eine Steigerung erhielt. Wo er ſich auf öffentlichen Spaziergängen ſehen ließ, folgte ihm die ganze Geſellſchaft nach. Wenn er in's Theater kam, wurde er der Hauptgegenſtand der Aufmerkſamkeit. Bei allen Veranlaſſungen ſchien er die einzige Per⸗ ——— 395 ſon, die ſich nichts aus ihrem traurigen Schickſal zu machen ſchien; und während er in gewohnter Heiterkeit mit den jungen Edelleuten, die ihn um⸗ gaben, plauderte, ſprach Jedermann mit Bewunderung von ihm, und Manche konnten ihn nicht ohne Thrä⸗ nen anblicken. Die ſo ganz von freien Stücken im Publicum erwachte Gunſt für ihn war weder dem Könige, noch viel weniger aber ſeinen Miniſtern angenehm. Es gab aber auch noch andere Perſonen, die ſich dadurch beleidigt fühlten. Dieſe waren der Carl von Suſſer und Lord Catheart, zwei engliſche Edelleute, die damals in Paris als Geißeln ſich be⸗ fanden, zur Gewährleiſtung der Rückgabe des Cap's Breton an ſeine urſprünglichen Beſitzer, die Franzo⸗ ſen, wie es der Friedensvertrag beſtimmte. Man wußte von Carl, daß er ſich aufs Bitterſte über die Erbärmlichkeit der engliſchen Regierung ausgelaſſen habe, daß ſie Frankreich Geißeln geſtellt, und die beiden Edelleute ärgerten ſich über die Achtung, welche das Publicum für den öffentlichen Feind ihres Landes überall an den Tag legte, während es ſie ſelbſt mit ſchlecht verhehlter Verachtung be⸗ handelte. Sie beklagten ſich daher bei dem franzö⸗ ſiſchen Monarchen, daß er einen wichtigen Artikel des Vertrags nicht in Ausführung gebracht habe. Ludwig gab hierauf zur Antwort, daß er nur die Rücktehr eines Geſandten nach Rom abwarte, welcher ihm Antwort auf einen Brief zu bringen habe, den er an den alten Prätendenten geſchrieben und von dieſem verlangt habe, daß er durch väter⸗ liche Autorität Carl veranlaſſe, das Königreich früher 396 zu verlaſſen, ehe Gewaltmaßregeln gegen ihn ergrif⸗ fen würden. Dieſer Geſandte kam am 9. December 1748 mit einem Briefe des alten Chevalier zurück, welchem ein anderer, mit offenem Siegel und an ſeinen Sohn adreſſirt, beigeſchloſſen war, in welchem er dem Prinzen befahl, ſich des Königs Wünſchen zu fügen. Nachdem Seine Majeſtät dieſe letztere Zuſchrift ge⸗ leſen hatte, wurde Carl der Brief zugeſchickt, um ihm ſelbſt die Wahl zu laſſen, ſich der königlichen Autorität zu fügen; aber der unbeugſame Prinz hielt es für paſſend, den Befehlen ſeines Vaters keine Folge zu leiſten. Er erklärte offen, daß keine Penſion, Verſprechungen oder Vortheile irgend einer Art ihn veranlaſſen würden, auf ſeine gerechten An⸗ ſprüche zu verzichten; daß er im Gegentheile ent⸗ ſchloſſen ſei, bis zum letzten Augenblicke ſeines Lebens deren Wiedererlangung zu erſtreben. Sobald der König erfuhr, daß der Prinz durchaus nicht abzu⸗ reiſen geſonnen ſei, berief er einen Staatsrath zu⸗ ſammen, in welchem beſchloſſen wurde, Carl Eduard feſtnehmen und mit Gewalt aus dem Königreiche abführen zu laſſen. Noch immer war aber Ludwig ſchwer dazu zu bringen, ſeinen unglücklichen Verbün⸗ deten auf eine unehrerbietige Art behandeln zu laſ⸗ ſen, und fortwährend hegte er eine ſo warme Vor⸗ liebe für ihn, daß er, als ihm der Befehl zu deſſen Verhaftung zur Unterſchrift vorgelegt wurde, mit Betrübniß, die, wie wir hoffen wollen, aufrichtig gemeint war, ausrief:„Ach, armer Prinz! Wie ſchwer iſt es für einen König, ein treuer Freund zu ſein!“— Der Befehl wurde Nachmittags um drei — 397 Uhr unterzeichnet, war aber ſchon vor Abend in ganz Paris bekannt. Jemand aus des Prinzen Ge⸗ folge hörte davon und theilte ihm die Nachricht mit; er aber ſtellte ſich, als glaube er nicht daran. Kaum war das Gerücht von der beabſichtigten Verletzung der Gaſtfreundſchaft und der Achtung vor dem Unglück zu den Ohren Sir Allan's und Eraw⸗ ford's gedrungen, als ſie ſich beeilten, dem Prinzen ihre Dienſte anzubieten. „Ich danke euch,— ich danke!“ rief er aus; „aber ich will euch nicht in meinen Fall verwickeln; es wäre dieß ein nutzloſes Opfer. Ueberdieß,“ ſetzte er ſtolz hinzu,„hat Ludwig bloß gedroht; er wird nie die Achtung, die er dem Königthum in Unſrer Perſon ſchuldet, durch eine ſo ſchmähliche Beleidigung zu verletzen wagen. Wir ſind mit ihm blutsver⸗ wandt.“ Sir Allan ſchüttelte den Kopf. Obgleich er erſt ſeit kurzer Zeit in Frankreich wohnte, hatte er doch genug geſehen, was ihn überzeugen konnte, daß Ludwig der Fünfzehnte jeder Handlung der Schwäche fähig war. Nochmals boten er und Crawford ihre Dienſte an, die aber dankbar, wiewohl entſchieden, abgelehnt wurden. „Da Eure Hoheit unſre Gründe nicht mißkennen kann,“ bemerkte der Letztere,„ſo werden Sie ent⸗ ſchuldigen, wenn wir, geſtützt auf unſre frühere Freundſchaft und als ehemalige Waffenbrüder, uns erlauben, unſere Meinung auszuſprechen.“ „Sprechen Sie,“ ſagte Cark; und als die beiden 398 Freunde zögerten, ſetzte er dringend hinzu:„Spre⸗ chen Sie ſich frei aus.“ „Wenn Eure königliche Hoheit uns dieß geſtattet, ſo möchten wir bitten zu überlegen, ob es nicht das Würdigſte wäre, freiwillig ein Land zu verlaſſen, das ſeine Gaſtfreundſchaft verweigert?“ „Und ſeine feierlichen Verträge bricht,“ ergänzte der Baronet., „Ich weiß und fühle Alles, was Sie vorbringen können,“ rief der Prinz heftig aus;„aber ich will meinen Vetter Ludwig zu dieſer Schändlichkeit zwin⸗ gen. Er ſoll ſein gegebenes Wort brechen und Eu⸗ ropa das Schauſpiel geben, einen Abkömmling einer Reihe von Königen und ſeinen Gaſt, gleich einem gemeinen Verbrecher, in ſeiner Hauptſtadt feſtneh⸗ men zu laſſen. Die Geſchichte wird mich rächen. Meine Herren, ich weiß ſo gut, wie Sie, daß die Gewaltthat ſtattfinden wird, obgleich ich mich an⸗ ſtelle, als glaube ich nicht daran. Ihre Freundſchaft kann mir hier nichts helfen, denn ich beabſichtige nicht, Widerſtand zu leiſten. Bei unſerer Vergangen⸗ heit bitte ich Sie, laſſen Sie mich dieſe Sache allein ausfechten.“ Mit ſchwerem Herzen verließen ihn die Freunde und Carl Eduard begab ſich an jenem Abende, mit geringerer Begleitung wie gewöhnlich, in die Oper. Die Vorbereitungen zu ſeiner Verhaftung waren in Betracht der Umſtände in verhältnißmäßig gro⸗ ßem Moßſtabe und namentlich im Hinblicke auf die Popularität, die der Prinz genoß, mit großer Vor⸗ ſicht getroffen worden. Nicht weniger als zwölf⸗ hundert Mann Garde wurden im Hofe des Palais 399 Royal aufgeſtellt; eine große Anzahl Sergeanten und Grenadiere füllten den Gang nach dem Opern⸗ hauſe; die Schaarwache oder Stadtpolizei war in den Straßen aufgeſtellt, um die Equipagen anzuhal⸗ ten. Die Sergeanten der Grenadiere, als die uner⸗ ſchrockenſten, waren dazu auserſehen, den Prinzen feſtzunehmen. Zwei Compagnien Grenadiere poſtir⸗ ten ſich in den Hof der Oekonomiegebäude, wo der Herzog von Biron, Befehlshaber der franzöſiſchen Garden, welcher das Ganze zu leiten hatte, verklei⸗ det in einem Wagen ſich befand, um den Ausgang des Unternehmens abzuwarten. Die Musketiere waren befehligt, ſich bereit zu halten, augenblicklich ſich zu Pferd zu ſetzen, und Truppenpoſten waren auf der Straße vom Palais Royal bis zum Staatsgefängniß von Vincennes aufgeſtellt, wohin der Prinz gebracht werden ſollte. Man hielt Beile und Steigleitern in Bereitſchaft, und ſelbſt Schloſſer waren beſtellt, um den Prinzen durch Einſteigen verhaften zu können, wenn er ſich einfallen ließe, ſich in ein Haus zu werfen, um darin eine Belagerung auszuhalten. Außerdem erhielten ein Arzt und drei Wundärzte den Befehl, in Bereitſchaſt zu bleiben, um ſolche, die etwa verwundet würden, verbinden zu können. In dieſe wohlangelegte, furchtbare Falle ging Carl mit der vollen Gedankenloſigkeit eines verzwei⸗ felten Menſchen. Wiederholte Warnungen, die er erhalten, verachtend und ſelbſt eine Freundesſtimme überhörend, welche ihm unterwegs in den Wagen rief, daß das Opernhaus umringt ſei, fuhr er wie gewöhnlich an dieſem Gebäude vor, wo er aber kaum ausgeſtiegen war, als er ſich von ſechs Sergeanten —— —— 400 umringt ſah, die ſich ſeiner Perſon bemächtigten. Zwei davon packten ihn an den Beinen, zwei an den Armen, und zwei Andere hoben ihn in die Höhe und trugen ihn über die Straße in den Hof des Palais Royal. Die Soldaten hielten während dieſer Zeit die Menge mit gekreuzten Bajonetten ab und ergriffen die wenigen Perſonen, die in ſeinem Gefolge waren. Als er in den Hof gebracht war, näherte ſich der Major von Vaudreuil, der von dem Herzog von Biron dazu befohlen worden war, Seiner königlichen Hoheit mit den Worten: „Prinz, Ihre Waffen! Ich verhafte Sie im Namen des Königs.“ Carl übergab augenblicklich ſeinen Degen; da dieß aber ſeinen Häſchern nicht genügte, ſo durch⸗ ſuchten ſie ſeine Perſon und fanden ein Paar Piſto⸗ len und einen Dolch, nebſt einem Federmeſſer und einem Buch, was man ihm Alles nahm. Hierauf band man ihn mit einem ſeidenen Stricke, wovon der Herzog zehn Ellen hatte verfertigen laſſen, und brachte ihn eiligſt in eine Miethtutſche, welche ſo⸗ gleich, umgeben von einer ſtarken Wache, wegfuhr. Während dem drang eine andere Abtheilung in ſei⸗ nen Palaſt und verhaftete dort ſeine ſämmtlichen Anhänger und Diener, die man zwar in die Baſtille brachte, aber bald wieder frei ließ. Carl wurde in das Schloß von Vincennes geführt und dort in ein kleines Zimmer in einem obern Stockwerke einge⸗ ſperrt, wo man ihm überließ, Ruhe zu ſuchen. Nur einen einzigen Freund hatte man ihm gelaſſen, den treuen Neil Mackechan, der mit Flora Macdonold ihn auf ſeinen Wanderungen durch Skye begleitet — — F 401 hatte. So lange einer der Soldaten oder der Be⸗ amten der franzöſiſchen Regierung anweſend waren, hatte er ſich eine heitere Miene bewahrt und in ſo ſtolzem Tone geſprochen, als wenn er damit hätte zeigen wollen, daß er über ſein Unglück erhaben ſei; ſobald man ihn aber in ſeinem öden Zimmer allein ließ, wo nur ein Freund anweſend war, der ihn beobachten konnte, ließ er den ſtürmiſchen Gefühlen, die in ſeiner Bruſt wogten, freien Spielraum. Er warf ſich auf einen Stuhl, ſo erzählte wenigſtens nachher Mackechan einer Familie in Skye, faltete die Hände und rief, in einen Thränenſtrom ausbrechend, aus:„O meine treuen Bergbewohner! Ihr würdet mich nie auf dieſe Weiſe behandelt haben!— Ich wollte, ich befände mich noch unter euch!“— Seine Gedanken verweilten offenbar in dieſem Augenblicke tieſſter Betrübniß bei dem vorübergehenden Ruhme ſeines ſo glänzend begonnenen und ſo unglücklich ausgefallenen Unternehmens. Carl wurde bis zum 15. in Verwahrung gehalten, worauf er, nach Verpfändung ſeines Ehrenworts, daß er nicht mehr nach Frankreich zurückkehren wolle, von Vincennes weggefuͤhrt und in kleinen Tagreiſen unter Bewachung nach Avignon gebracht wurde. Es iſt gewiß ein rührender und, wir dürfen wohl hinzuſetzen, zu ſeinen Gunſten ſprechender Um⸗ ſtand in dem Leben des unglücklichen Carl Eduard, daß unter die Unterhaltungen ſeiner letzten und ein⸗ ſamen Stunden namentlich die gehörte, auf der hoch⸗ ländiſchen Sockpfeife ſolche Melodieen zu blaſen, welche während ſeiner ſchönern Zeiten ihn im Bivouae in Der junge Prätendent. III. 26 402 Schlaf gelullt oder zum Siege geführt hatten. Eine prachtvolle Sammlung von Pfeifen, die ihm gehört hatten, deren Charniere mit Silber ausgelegt und deren Sack mit einem ſeidenen Tartan bedeckt war, befand ſich noch vor Kurzem im Beſitze eines Herrn, der in Südſchottland wohnte. Domenico Corri er⸗ zählt in ſeiner Selbſtbiographie einige intereſſante Umſtände aus Carl's ſpäteren Jahren. Nachdem er zuerſt anführt, daß einige glückliche Umſtände ihm die Ehre verſchafft hatten, die Privatconcerte diri⸗ giren zu dürfen, welche theils der eingeborene, theils der engliſche Adel veranſtaltete, fährt er fort:„Da⸗ mals war Ganganelli Papſt und ein Freund des Prätendenten, Prinzen Carl, Bruder des Cardinals von York. Dieſer Prinz gab dem Adel häufig Ge⸗ ſellſchaften und Concerte, deren Leitung mir über⸗ tragen war. Mit dem Prinzen Carl hatte ich vor dieſer Zeit ſchon zwei Jahre zuſammen verlebt, wäh⸗ rend welcher er ſich ganz zurückgezogen hielt und gar Niemand vor ſich ließ. Es war dieß unter der Re⸗ gierung des vorhergehenden Papſtes, der den von ihm angenommenen Titel anzuerkennen ſich geweigert hatte. Während dieſer Abgeſchloſſenheit verwandte Prinz Carl ſeine Muſeſtunden auf Uebungen und Muſik, für die er eine merkwürdige Vorliebe hatte. Ich blieb gewöhnlich jeden Abend allein mit ihm, der Prinz ſpielte das Violoncell und ich Clavier; zuweilen componirten wir auch kleine Muſikſtücke zu⸗ ſammen. Dieſe Selbander hatten aber etwas ſehr Melancholiſches. Das Gemach, in welchem wir ſaßen, war mit altem rothem Damaſt behangen, nur durch zwei Lichter ſpärlich erhellt und auf dem Tiſche 1403 lagen ein Paar geladene Piſtolen(Inſtrumente, die meinem Geſchmack durchaus nicht zuſagten), die er öfters in die Hand nahm, prüfte und dann wieder niederlegte. Das Benehmen des Prinzen war aber ſtets ſanft, liebenswürdig und herablaſſend.“ Im September 1787 legitimirte Carl, im Gefühl ſeines frühzeitigen Todes, durch eine Urkunde, welche im Archiv des Parlaments in Paris niedergelegt wurde, ſeine natürliche Tochter, die er zur Herzogin von Albany erhob und zu ſeiner Univerſalerbin er⸗ nannte. Später lebte er beſtändig in Florenz in einem Palaſt in der Via Baſtiano, welche im Jahr 1818 der Herzogin von San Clemente gehörte. Ein ſchottiſcher Edelmann, dem wir dieſe Mittheilungen verdanken, hatte ihn damals gemiethet, und nach ſeiner Ausſage befanden ſich in den Zimmern da⸗ mals noch viele Kronen, Motto's und Deviſen, wo⸗ mit dieſelben zur Zeit ſeines frühern Bewohners geſchmückt worden waren. Am 13. Januar 1788 traf Carl Eduard plötzlich ein Schlagfluß und er ſtarb in den Armen ſeines treuen Anhängers Mr. Nairne, Sohn des verur⸗ theilten Lord Nairne. Sein Tod veranlaßte eine Rotiz in den Zeitungen, erregte aber in der großen Welt wenig Aufſehen. In Schottland aber, wo ſein Name mit romantiſchen Thaten und geſchicht⸗ lichen Erinnerungen verwebt war, gab es doch noch einige treue Herzen, welche über die Nochricht blu⸗ teten, daß der letzte Sprößling eines erhabenen Ge⸗ ſchlechts heimgegangen ſei. Sir Walter Scott erin⸗ nerte ſich eines Herrn, Namens Stuart, eines Freun⸗ des der Familie ſeines Vaters, der eines Tages in ——————— 404 tiefer Trauer zum Beſuch kam. Als man ihn fragte, ob er ein Familienmitglied verloren habe, erwiderte er:„Meinen armen Häuptling!“ eine kurze Antwort, aber genügend für die, an welche ſie gerichtet war. Carl wurde mit angemeſſenem Gepränge in der Kathedrale von Frascati begraben, wo ſein Bruder reſidirte. Eine, ſein Herz umſchließende Urne wurde in derſelben Kirche, mit einer kurzen, vielſagenden Inſchrift darauf, niedergeſetzt, welche der Abbate Felice verfaßt hatte. Eine ſchottiſche periodiſche Zeit⸗ ſchrift enthielt kurz darauf folgende Linien als Grab⸗ ſchrift für dieſes Monument: Fern von Britannien, im fremden Todtenſchrein, Erliſcht der alten Stuarts letzter Hoffnungsſchein. Gleich wie am Denkmal hier manch' edle Thräne zittert, Wird noch von Todesfurcht manch' Königreich erſchüttert. Britannier! Carl's Herz, das lebend ihr verkannt, Wird hier als todter Staub mit Achtung noch genannt. Blitzt auch ſein Muth nicht mehr, daß er ſein Recht erfechte, Behauptet doch im Grab die Tugend ihre Rechte.— Viele, welche das Schickſal niemals ernſt geprüft hot, werden in der Lebensweiſe dieſes unglücklichen Prinzen einen Beweis finden, daß er nie einen er⸗ habenen Charakter beſeſſen habe, ſonſt hätte er in ſeinem Unglück auf andere Weiſe Troſt geſucht. Es iſt aber offenbar unbillig, wenn Menſchen in gewöhn⸗ lichen Lebensverhältniſſen ſich zu Richtern in einem ſolchen Falle aufwerfen. Geboren zu ſein mit un⸗ beſtreitbaren Rechten iſt das größte Unglück. Wie oft ſehen wir ſelbſt in mittleren Lebensverhältniſſen Fleiß, Verdienſt, Geſchicklichkeit in Folge des Erbes „ — 405 von Eigenthumsanſprüchen zu Grunde gehen, in deren Beſitz man durch das Geſetz nicht eher gelangen kann, bis am Ende aller Werth verloren iſt, den das Erlangen derſelben zur rechten Zeit gehabt hätte! Wie viel größer iſt aber das Mißgeſchick, wenn man zu dem höchſten Ziel menſchlichen Ehrgeizes geboren iſt, das ſtets in Ausſicht ſteht und ſtets verſagt wird—; geboren zu ſein, mit einem Wort, wie Cardinal von York ſich ausdrückte, als König von Gottes Gnaden, aber nicht durch den Willen der Menſchen! Es ſchien mir immer, daß im Falle des Prinzen Carl Eduard die QDualen der fortwährend in Ausſicht ſtehenden Hoffnung und die harten Täu⸗ ſchungen, ſo wie endlich die Demüthigungen, die er von Leuten zu ertragen hatte, welche durch Geburt kaum ſich mit ihm meſſen konnten, einen Geiſt zer⸗ rütteten, der von Anfang an muthig und kräftig war, und von welchem unter glücklichern Umſtänden gute Früchte zu erwarten geweſen wären. Nachtrag. Wenige Worte werden genügen, unſere mit der engliſch⸗ſchottiſchen Geſchichte minder vertrauten Leſer mit dem Stand der Dinge in dieſen Ländern zur Zeit der vorſtehenden Erzählung vertraut zu machen. Nach dem Tode der jungfränlichen Eliſabeth erbte deren nächſter Verwandter, der Sohn der ermordeten Maria Stuart, König Jacob der Sechste von Schott⸗ land, unter dem Namen Jacob der Erſte, den eng⸗ liſchen Thron, und brachte die bis jetzt getrennt gewe⸗ ſenen Königreiche unter ein Scepter(1603). Obgleich dieſe Vereinigung den Schottländern nicht gefiel, deren Vaterland auf dieſe Weiſe Nebenland eines mächtigen Staates geworden war, und deßhalb mit Jacobs Nach⸗ folgern, Carl dem Erſten und Carl dem Zweiten, ſowie Jacob dem Zweiten, faſt unaufhörlich im Kampfe lagen, ſo bewahrte ſich das Haus Stuart doch noch viele An⸗ hänger im Lande, die ſich nach Vertreibung dieſes ————— 407 Monarchen noch bedeutend vermehrten. Namentlich die Hochlande mit ihren Clans blieben demſelben treu, und nur nach heftigen Kämpfen und nach Anwendung der größten Strenge unterwarfen dieſe ſich dem auf Groß⸗ britanniens Thron berufenen Könige, Wilhelm von Hranien, Erbſtatthalter von Holland und Gemahl der älteſten Tochter Jacob's des Zweiten oder nach ſchotti⸗ ſcher Thronfolge, des Siebenten, Maria. Nach dem Tode dieſes Fürſtenpaars, das keine Kinder hinterließ, ſuccedirte 1702 Jacobs des Zweiten jüngere Tochter Anna, mit dem Prinzen Georg von Dänemark vermählt. Mit dieſer ſtarb 1714 das Haus Stuart auf dem Throne aus und der Kurfürſt von Hannover, von mütterlicher Seite der Urenkel Jacob's des Erſten, von deſſen Toch⸗ ter Eliſabeth, wurde als nächſter proteſtantiſcher Ver⸗ wandter des königlichen Hauſes vom Parlament ein Jahr nach Anna's Tode, mit ausdrücklicher Ausſchließung Jacob Eduard's, des Prätendenten und Sohnes Jacob's des Zweiten, zum König berufen. Er beſtieg 1714 als Georg der Erſte und mit ihm die hannoveriſche Dynaſtie den engliſchen Thron. Jacob Eduard, auch Cheva lier Saint George, in Schottland Jacob der Achte genannt, wurde zwar von mehreren Mächten als König von Groß⸗ britannien anerkannt, vom engliſchen Parlament aber als Hochverräther des Thrones für verluſtig erklärt und auf ewig vom Throne ausgeſchloſſen. Mit Hilfe der dem Hauſe Stuart treu gebliebenen Partei hatte ſchon Jacob der Zweite Auſſtands⸗Verſuche in Schottland 408 gemacht; Jacob Ednard verſuchte ſogar 1715 eine Lan⸗ dung daſelbſt, die aber gäuzlich mißlang. Ein noch⸗ maliger Verſuch 1727, nach Georg's des Erſten Tode, mißglückte ebenfalls. Von da an lebte er in der Stille in Albano, wo er 1766 ſtarb, ſeinen Söhnen ſeine An⸗ ſprüche hinterlaſſend. Dieſe waren Carl Eduard, der Held unſerer Geſchichte, geboren 1720, und Heinrich, der ſpäter in geiſtlichen Stand trat und unter dem Namen des Cardinal von York gekannt iſt. Mit ihm erloſch das Haus Stuart völlig. Am treueſten hingen die Hochländer der verbannten Königsfamilie an; der Grund lag vorzugsweiſe in der entfernten, abgeſchloſſenen geographiſchen Lage ihres Lan⸗ des und ihren eigenthümlichen, faſt patriarchaliſchen Lebensverhältniſſen. Während in England längſt die Spuren der ſächſiſchen Eroberer verwiſcht waren und die verſchiedenen, den Boden bewohnenden Racen in einen Volksſtamm ſich verſchmolzen hatten, war Schott⸗ land und namentlich deſſen Hochland wenig oder gar nicht davon berührt worden. Daher kam auch die fort⸗ währende Bezeichnung der Engländer mit der Benen⸗ nung Sachſen, in welchen ſie noch immer ausländiſche Eindringlinge erblickten. Am meiſten wirkte aber der Clansverband. Ein Gutsbeſitzer(Laird) war Stamm⸗ Oberhaupt eines gewiſſen Bezirks und führte mit allen ſeinen Unterthanen gleichen Namen, wie Maecdonald, Cameron, Campbell, Maccullamore u. ſ. w. Zur Un⸗ terſcheidung des Edelmanns vom gemeinen Mann führte — 409 Erſterer den Titel vor ſeinem Namen, Letzterer ſetzte aber den Ort, wo er wohnte, hinter den ſeinigen. Aeußerlich erkannte man den Clansmann an ſeinem Plaid, das die Hausfarben ſeines Lairds hatte, und welches man kurzweg mit dem Worte Tartan bezeich⸗ nete. Je nach der Farbe des Tartan wußte man, welchem Clan Einer angehörte. Die meiſten Laird's waren katholiſchen Glaubens, und weil die Stuarts eben dieſer Kirche angehörten, die Dynaſtie von Han⸗ nover aber proteſtantiſch war, und dem widerſpenſtigen ſchottiſchen Adel nach und nach immer mehr von ſeinen Vorrechten nahm und deſſen Unbotmäßigkeit zu brechen wußte, ſo iſt deſſen Anhänglichkeit an die vertriebene Königsfamilie leicht erklärlich. Der gemeine Hochländer, der zu ſeinem Gutsherrn wie das Kind zum Vater ſtand, der für alle ſeine Be⸗ dürfniſſe ſorgte, war blind deſſen politiſcher Richtung ergeben und folgte dieſem dahin, wohin er ihn führte, weßhalb ein Erfolg in Schottland auch nur dann er⸗ rungen werden konnte, wenn die Lairds für eine Sache ſich erklärten. Dieſe träumten in ihrer Mehrzahl von nichts Anderem, als von eineut von England getrenn⸗ ten, unabhängigen Königreiche, was nur unter dem Scepter eines Stuarts zu hoffen war, und deßhalb richteten ſie fortwährend die Angen nach jenſeits des Canals, wo der hoffnungsvolle Sobn des alten Prä⸗ tendenten, Jacob's des Dritten, oder richtiger geſagt, des Achten, der junge Prätendent Carl Ednard(das gute Carlſchen jenſeits des Waſſers) weilte, der von da Einverſtändniſſe mit ſeinen Freunden in Schottland⸗ unterhielt und, von Frankreich und Spanien aufge⸗ muntert, die ihn aber im Stich ließen, im Jahr 1745 den Einfall in Schottland unternahm, der in der Schlacht bei Culloden ein ſo klägliches Ende fand. 8 d. V. ——— Außerordentlich billig!! In unſerem Verlage ſind erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: W. M. Thackeray, Fämmtliche Romant. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder6 kr. rhein. und wird einzeln abgegeben. 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