S Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und cieſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Legepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 f. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bi Bücher: 6 Bücher: auf1 Monat: N Mt.——f 1, M 57 S 2 Mr.— Pf. 5. 5 Auswürtige Khonnenten! haben für Hin⸗ und Zurückſendung 82. auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. 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Im Sommer 1744 herrſchte in Schottland eine gewaltige Gährung; überall ſprach man nur von dem„Chevalier St. George,“ dem tapfern, unglück⸗ lichen Carl Eduard, dem letzten Stuart, dem jungen Prätendenten, oder wie die Vorſichtigern ſich aus⸗ drückten, von„Carlchen jenſeits des Waſſers.“ Eine unverwüſtliche Liebe für die verbannten Stuarts und in Folge davon ein Haß und Wider⸗ wille gegen den regierenden Monarchen erfüllten zu jener Zeit die edelſten Herzen Schottlands; denn die Stuarts beſaßen trotz all' ihrer Fehler die ganz eigenthümliche Eigenſchaft, die leidenſchaftliche Er⸗ gebenheit ihres Volkes zu gewinnen und ſich zu er⸗ halten, und es bedurfte einer langen Zeit, um die jetzige Dynaſtie in Schottland populär zu machen. Wenn auch ſchon Georg der Dritte, ſpäter Wil⸗ helm der Vierte, und in der Jetztzeit Victoria die Erſte, die Volksgunſt in hohem Grade gewonnen haben, ſo waren dafür Georg der Erſte und Zweite höchſt unbeliebt, wozu deren taktloſes, abſtoßendes und unfreundliches Weſen ſehr viel beigetragen haben mochte. Schottlands Adel mied zu der Zeit, von welcher unſere Geſchichte handelt, den Hof von St. James aus einem Gefühl allgemeiner Abneigung gegen das regierende Haus. Für Viele war der gegenwärtige Souverain nichts weiter als der Kurfürſt von Han⸗ nover, ein Fremdling, der den Thron der Stuarts uſurpirt hatte. Der Aufſtandsverſuch von 1715 hatte Wunden hinterlaſſen, die noch nicht geheilt waren, und es gab nur wenige Familien, welche nicht, ſowohl in ihren Häuptern als in ihren Nebenzweigen, durch Verurtheilungen und Confiscationen gelitten hatten. Unter den Hervorragendſten dieſer Art befand ſich das Haus Arran. Duncan, der elfte Graf dieſes alten Namens, entging dem Schaffot nur dadurch, doß er, ein Gefangener in Stirling, an ſeinen Wunden ſtarb; ſeine Güter wurden aber con⸗ fiscirt, und man ließ ſeiner Wittwe nur einen Johresgehalt. Die nahe Verwandtſchaft derſelben mit dem herzoglichen Hauſe von Argyle ſchützte ſie aber vor dem Unglück, in den gänzlichen Untergang verwickelt zu werden, der Alle traf, welche zu dem Clan ihres Gemahls gehörten und deſſen Namen trugen. Die Schwierigkeiten, welche die Regierung fand, die confiscirten Ländereien zu veräußern, weil aus Rückſicht für die Familie Niemand ſich zum Ankauf herbeilaſſen wollte, veranlaßte endlich die Krone, der Wittwe die Beſitzungen ihres verſtorbenen Gemahls wieder zu verleihen, welche dafür ſich beeilte, ihre —— Juwelen, ihr Silbergeſchirr, kurz ihr ganzes beweg⸗ liches Eigenthum zu verſetzen, um die bedeutende Summe aufzutreiben, welche ſie für Wiedererlangung dieſes Grundbeſitzes zu erlegen hatte. Endlich war dieß gelungen, und zu der Zeit des Beginns unſerer Erzählung war die betagte Gräfin Herrin von Schloß Arran und den bedeutenden ringsumherliegenden Ländereien, nebſt den alten Baronien Ulquar, Tanvoir und Monksdale, ſowie des ſtattlichen alten Palaſtes Arran-Houſe, das der Unmſchließungsmauer von Edinburg ſtand. Eine ziemliche Anzahl Jahre, nachdem der Wie⸗ derankauf abgeſchloſſen war, wohnte die„alte Lady,“ wie die Pächter und Hochländer⸗Bauern ſie vertraulich bezeichneten, auf ihren Gütern, trieb dort Landwirthſchaft, beſuchte nur in langen Zwiſchen⸗ räumen die Hauptſtadt, und zwar immer nur, wenn Familienereigniſſe, wie Geburts⸗ und Todes⸗Fälle oder Vermählungen ihr hiezu Veranlaſſung gaben. Mit Hülfe ihres Rentbeamten Andrew Moggers gelang es der verwittweten Gräfin, ihr Grundeigen⸗ thum ſo gut zu verwalten, daß, ganz gegen die Prophezeiungen und Erwartungen ihrer Freunde, die Schulden nicht nur abbezahlt, ſondern auch die Familien⸗Juwelen und das Silbergeſchirr, welche beide ſeit Jahrhunderten im Beſitz des Hauſes Arran ſich befunden hatten, wieder eingelöst wurden; die Einkünfte der Güter hoben ſich in Folge des ſteigen⸗ den Werthes des Bodens, durch Ausrottung von überflüſſigem Gehölz und Erlöſchen von erblichen S — Pachtungen, ſo daß die jacobitiſche*) Wittwe eine der reichſten Damen in Schottland wurde. Von da an wiederholten ſich ihre Beſuche in Edinburg jährlich, und die Liebe ihrer Verwandten zu ihr, bis herab auf das ſechszehnte Glied, nahm im Verhältniß zu ihrem Reichthum immer mehr zu. Es wurde von dieſen nichts Wichtiges vorge⸗ nommen ohne die„geliebte Tante,“ oder„Baſe Arran,“ je nachdem man ſie zu bezeichnen berechtigt war, um Rath zu fragen. Sämmtliche Verwandte ſpeculirten auf das Teſta⸗ ment der reichen alten Dame, und Alle ſchmeichelten ſich insgeheim mit der Hoffnung, ihre Haupterben zu ſein. Wie ſehr man ſich aber auch Mühe gab, etwas Näheres darüber zu erfahren, ſo gelang es doch Niemand; und ſelbſt der Ehrenwerthe Alick Campbell, der Neffe der Dame, der ſich die Sache vor allen Andern angelegen ſein ließ, vermochte nicht hinter das Geheimniß zu kommen. Unter dieſen Umſtänden darf man ſich nicht wundern, daß die reiche alte Dame, der Gegenſtand der tiefſten Ehrfurcht, etwas argwöhniſch, ſehr lau⸗ niſch und zuweilen ſogar tyranniſch war. Nichts deſto weniger ſaß ihr aber das Herz auf dem rechten Fleck und ihr Urtheil blieb klar und ungetrübt wie immer. Sie beſaß jenen ſareaſtiſchen Witz, der dem ſchot⸗ tiſchen Character eigenthümlich iſt, der aber bei ihr durch gute Erziehung in Schranken gehalten wurde; denn wie wir ſchon mittheilten, ſo ſtammte die Unter der Bezeichnung Jacobiten verſtand man die Anhänger der Stnarts. D. B. Gräfin von Arran aus dem edlen Hauſe von Argyle, und war in ihrer Jugend eine gefeierte Schönheit am Hoſe der Königin Anna geweſen, hatte Marl⸗ borough in ſeinem Glanze gekannt, mit Boling⸗ broke cokettirt und Swift verblüfft, den ſie als einen Mann beſchrieb, deſſen Organ weit mehr dem eines Marktſchreiers als eines Dieners der chriſtlichen Kirche geglichen habe. Die nächſten Verwandten, welche gar nicht daran zweifelten, daß das Familienerbe ſeiner Zeit ihnen zufallen müſſe, waren daher ſehr beſtürzt, als die Gräfin ihnen eines Tages ankündigte, daß ſie der Ankunft der verwaisten Töchter eines Bruders ihres verſtorbenen Gemahls, des Ehrenwerthen Eduard Arran, entgegenſehe, der ſich in Frankreich vermählt und dort geſtorben war, wo er nach dem fatalen Er⸗ eigniß von 1715 in der Verbannung gelebt hatte. Seiner Anhänglichkeit an das unglückliche Haus Stuart getreu, hatte er ſein Heimathland nie wieder beſucht. Auf ſeinem Todbette ſchrieb er aber an ſeine reiche Verwandte und bat ſie um den Schutz ſeiner mutterloſen Kinder. Lady Arran weinte, als ſie den Brief las. Der, welcher ihn geſchrieben, war der Gegenſtand ihrer erſten und einzigen Liebe geweſen, und wenn auch ein Machtſpruch ihrer Familie ſie gezwungen hatte, mit deſſen älterem und reicherem Bruder ſich zu vermählen, ſo hatte ihr Herz ihm doch einen An⸗ theil bewahrt, der wärmer als bloße Freundſchaft war. Als zehn Jahre nach ſeines Bruders Tod der ſchöne Eduard ſeine Hand und ſeinen Namen der einzigen Tochter eines verarmten franzöſiſchen Edel⸗ manns reichte, hatte ſie dieſe Nachricht nicht ohne Schmerz vernommen. Ein liebevoller Brief ging den andern Tag an die Waiſen ab, in welchem ſie dieſe aufforderte, ihren Aufenthalt in Arran zu nehmen. „Zwei Mädchen aus Paris!“ rief Lady Barbara Grahame, die Mutter von drei nicht mehr ganz jungen Töchtern, in einer Abendgeſellſchaft in ihrem Hauſe aus.„Am Ende gar Pabſtiſtinnen.“ „Dieß iſt wohl möglich,“ verſetzte die Gräfin kalt.„Ihre Mutter gehörte wahrſcheinlich dieſer Kirche an.“ „Und was beabſichtigen Sie denn mit ihnen an⸗ zufangen?“ fuhr die ſpeculative Mutter, eine Couſine der reichen Wittwe, fort.„Die Zeiten fangen wie⸗ der an ſchlecht zu werden; glauben Sie nicht, daß darüber ſonderbare Muthmaßungen ſowohl auf dem Lande als in Edinburg laut werden dürften, wenn die Nachbarn erfahren, daß Sie zwei Mädchen des Prinzen Karl in Ihr Haus aufgenommen haben?“ „Mädchen des Prinzen Karl,“ wiederholte die Gräfin, indem ſie eine Priſe Tabak nahm, ein ſicheres Zeichen, daß ſie erzürnt war.„Sie vergeſſen, Bab, daß Sie von den Nichten meines verſtorbenen Ge⸗ mahls ſprechen.“ „Und von Eduard Arran's Töchtern,“ ſetzte ihre Couſine boshaft hinzu, denn ſie war alt genug, um etwas von der Liebe zu wiſſen, welche muthmaßlich zwiſchen dieſem und der Gräfin beſtanden hatte. „Ein Grund weiter,“ rief Sir Allan Glencairn, ein junger hochländiſcher Baron und Häuptling eines Clans, aus, der vor Kurzem erſt an die Spitze ſeiner Familie getreten war,„daß ſie in Schottland herz⸗ lich willkommen ſein werden, trotz des Kurfürſten von Hannover.“ Eduard Arran war ein ächter Edelmann, jeder Zoll ein Schotte; und wenn auch die Sache, für die er das Schwert zog, einen unglücklichen Ausgang nahm, ſo war es gewiß nicht deßhalb, weil er ſie verrathen hatte. Es wäre ihm ſicher nicht ſchwer gefallen, in den Beſitz der Grafſchaft ſeines Bruders zu gelangen, wenn er ſich, wie Andere es thaten, dem Kurfürſten von Hannover unterworfen hätte. „Das Haus Hannover willſt Du wohl ſagen, Allan,“ unterbrach ihn ſeine Tante, freundlich ſeine unbeſonnene Aeußerung verbeſſernd, denn ſeine ritter⸗ liche Vertheidigung des Verſtorbenen gefiel ihr. „Der Himmel bewahre uns!“ fuhr ſie fort, ihre ſtattliche Geſtalt in den altmodiſchen Lehnſtu⸗n 14 rückfallen laſſend, auf welchem ſie ſaß und indem ſie ſehr leiſe ſprach;„man ſollte faſt glauben, es ſtehe ein neuer Aufſtand in den Hochlanden bevor, wenn man ſieht, daß die Ankunft zweier armer Waiſen aus Frankreich ein ſolches Aufſehen erregt; ich denke aber, wir werden dieß nicht erleben; es iſt damit zu Ende, wenigſtens für unſere Zeit.“ Mehrere hochländiſche Edelleute, die anweſend waren, wechſelten auf dieſe Bemerkung Blicke des Eingeſtändniſſes, und um die Lippen von mehr als Einem derſelben ſpielte ein leichtes Lächeln. Es entſtand eine peinliche Pauſe in der Unter⸗ haltung, denn der Gegenſtand war ſehr kitzlicher Art zu einer Zeit, in welcher Leute von allen Parteien ſich gegenſeitig bewachten, wie geſchickte Fechter, die 10 im Begriff ſtehen, gegen einander loszuſchlagen und von denen Jeder dem Andern die Schwäche abzu⸗ lauſchen ſucht, weil er nicht weiß, auf welcher Seite er ihn treffen wird. Es war alſo, wie geſagt, ein peinliches Still⸗ ſchweigen entſtanden, das Alick Campbell zuerſt unter⸗ brach; obgleich erſt zweiundzwanzig Jahre alt, hatte er doch ſchon, Dank ſeiner Verwandtſchaft mit dem Hauſe Argyle, den Rang eines Majors in der bri⸗ tiſchen Armee und man ſah in ihm einen Mann, der zu einem noch weit höheren Poſten zu gelangen alle Ausſicht hatte, wozu ihm die Gunſt und die Vertraulichkeit, mit der ihn der Herzog von Cumber⸗ land, der„Henker-Herzog,“ wie man dieſen Lieb⸗ lingsſohn Georgs des Zweiten ſpäter genannt hat, auszeichnete. „Dieß iſt wohl möglich, liebe Tante,“ bemerkte ihr Neffe kalt. „Was willſt Du damit ſagen, Alick,— kannſt Du Dich nicht ausſprechen? Ich haſſe halbe Worte und Winke.“ „Ich will damit ſagen,“ fuhr Alick mit einem Blick auf Sir Allan fort,„daß Gerüchte von allge⸗ meiner Unzufriedenheit,— geheimen Verſammlungen in den Hochlanden,— von Einübung von Mann⸗ ſchaft in den Waffen im Umlauf ſind.“ „Der Himmel verhüte dieß!“ rief die Gräfin aus, ihr graues Haupt ſchüttelnd.„Der Himmel verhüte dieß! ich habe jetzt nichts mehr zu verlieren; aber ich denke mich in die Lage derer, welche Gat⸗ tinnen und Mütter ſind,— die armen Geſchöpfe!“ 11 „Fürchten Sie Nichts,“— fuhr Alick fort, wel⸗ cher gern die Gelegenheit ergriff, Sir Allan weh zu thun, der ebenfalls Neffe der Gräfin, von Seite ihres verſtorbenen Gemahls her, war, und gegen den er eine tödtliche Eiferſucht hegte;„Alle diejeni⸗ gen, für welche Sie jetzt Sorge zu tragen haben, werden auf Seite der Treue und Ehre ſich be⸗ finden.“ Es entſtand ein Gemurmel, und herausfordernde Blicke wurden von den anweſenden hochländiſchen Edelleuten auf den, der dieſe Worte geſprochen, ge⸗ worfen, indem die meiſten unter ihnen entweder perſönlich oder durch ihre Freunde bei dem letzten Aufſtand compromittirt geweſen waren. Dem jungen Baronet aber, auf welchen haupt⸗ ſächlich dieſe Anſpielung gemünzt war, weil ſein Onkel verurtheilt und deſſen Güter confiscirt worden waren, färbte das zu Kopf ſteigende Blut die Wan⸗ gen brennend roth.„Jedenfalls werden Sie auf der gewinnenden Seite ſich befinden,“ bemerkte er. „Die Campbells werden ihre angeborene Klugheit nicht verleugnen.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte Alick, aufgebracht über das allgemeine Beifallslächeln, welches dieſe Erwiderung begleitet hatte. „Nichts weiter,“ ſagte Allan,„als daß man über die Begriffe von Ehre und Treue ſtreiten kann, während darüber kein Zweifel herrſcht, auf welcher Seite der Erfolg ſich befindet.“ „Wollen Sie ſich herausnehmen, mir eine Lection zu geben?“ 12 „So wenig als ich Jemand erlauben würde, mir eine Lection zu geben,“ antwortete Sir Allan ſtolz; denn der Ton, in welchem die Frage geſtellt worden, war ſehr beleidigend. „Ich hoffe Sie mit Ihrem Schwert eben ſo be⸗ reitwillig zu finden als mit Ihrer Zunge,“ rief Alick die Stirn runzelnd, indem er zu gleicher Zeit bedeutungsvoll an ſeinen Degengriff ſchlug. „Sie ſind der Erſte, der es ſich herausnahm, an meinem Muth zu zweifeln, ohne zugleich einen Streich dafür zu empfangen,“ lautete die raſche Er⸗ widerung.„Danken Sie den anweſenden Damen. für deren Schutz.“ „Jungens,“ rief die alte Gräfin von ihrem Stuhl auffahrend aus,„was ſind dieß für Worte? Wollt ihr euer junges Blut in dieſer müßigen Frage vergeuden? Meine unkluge Anſpielung auf die Vergangenheit iſt die Urſache dieſes thörichten Streits. Laßt die Sache beruhen. Alick, ich bitte.“ „Der Name Campbell iſt beleidigt worden.“ „Und wer gab Dir das Recht, ihn zu rächen?“ fragte die Gräfin ſcharf.„Biſt Du das Haupt der Familie? Fließt das Blut unſeres Hauſes in Deinen Adern reiner als in den meinen? Geh,“ fuhr ſie fort,„Du haſt den erſten Stein geworfen, und es ziemt ſich nicht, den Beſiegten mit Füßen zu treten.“ Alick verharrte in hartnäckigem Stillſchweigen. „Allan,“ fuhr die alte Dame fort,„ich bin über⸗ zeugt, daß Du die wenigen Tage, welche einer hoch⸗ betagten Frau noch verbleiben, dieſer nicht verküm⸗ 13 mern wirſt. Verſprich mir, daß der Streit hiemit zu Ende ſein ſoll.“ Der junge Baronet war in großer Verlegenheit. Er liebte die Gräfin, die ihm von ſeiner Kindheit an manchfache Beweiſe ihrer Zuneigung, ja ſogar ihrer Liebe hatte zu Theil werden laſſen; aber ſein hochländiſches Blut war erhitzt, ſeine Ehre ſtand zu ſehr auf dem Spiele, als daß er hätte nachgeben können. Er wandte ſich alſo langſam ab. „Alick,“ ſprach deſſen Tante, an den Officier ſich wendend,„Du haſt zuerſt beleidigt, und an Dir iſt es daher, den erſten Schritt zu thun.“ „Das hab' ich nicht im Sinn.“ „Dann höre mich.“ Die Gräfin kannte den habſüchtigen Geiſt genau, an den ſie ſich jetzt wandte. „Ihr ſeid beide meine Neffen— der eine durch meinen Gemahl, der andere durch einen Bruder. Ich bin eine kinderloſe Frau und Herrin meines Eigenthums; aber nie will ich das Antlitz Deſſen wieder ſehen, der den Streit weiter fortſetzt. Ihr kennt mich beide; ich bin eine ächte Campbell und habe nie mein Wort, das ich verpfändete, ge⸗ brochen.“ Wie die Gräfin erwartet hatte, brachte ihre Drohung den erwünſchten Eindruck hervor. Alick, der ſchon längſt auf die Möglichkeit, der Erbe zu werden, ſpeculirt hatte, ſah ſich, trotz ſeiner rach⸗ ſüchtigen Natur, dießmal gezwungen, ſeinen Groll zu unterdrücken, denn er kannte ſeiner Tante un⸗ beugſamen Charakter zu gut, als daß er hätte zweifeln können, daß ſie ihren Beſchluß nicht auf⸗ recht erhalten werde. Wenn er ſie auf dieſe Weiſe beleidigte, dann war es aus mit ſeiner Hoffnung auf Schloß Arran und die reichen Baronien Ulquar und Tanvoir. „Die Schuld lag nicht an mir, Tante,“ murmelte er zähneknirſchend.„Ich bin Militär und nicht gewohnt, meine Worte auf die Wage zu legen. Mein Patent iſt von Sr. Majeſtät Georg dem Zwei⸗ ten unterzeichnet und meine Ehre erheiſcht es, ſeine Sache zu verfechten; es iſt dies meine Schuldigkeit. Indem ich dieß that, hatte ich nicht die Abſicht— den Willen— meinen Vetter zu beleidigen oder die Chre ſeines Hauſes anzutaſten, mit welchem das Ihrige ſo nahe verwandt iſt.“ Alick's bleiches Geſicht und der Ausdruck tödt⸗ lichen Haſſes, der aus ſeinen dunkeln, tiefliegenden Augen blitzte, ſtrafte die verſöhnenden Worte Lügen, welche Klugheit auszuſprechen ihn zwang, und zeigte welchen Zwang er ſich hiebei auferlegen mußte. „Du hörſt ihn, Sir Allan,“ ſprach die alte Dame, an den jungen Hochländer ſich wendend.„Es iſt keine Kleinigkeit für einen Campbell, einzugeſtehen, daß er Unrecht hatte.“ „Was er ſagte, Tante, iſt mehr als genügend, um die Erinnerung an eine noch weit größere Be⸗ leidigung zu verwiſchen,“ erwiderte der junge Mann anmuthig.„So weit die Sache mich betrifft, iſt der Streit vergeſſen.“ „Das nenne ich ſprechen, wie es Dir geziemt, — offen und ehrenvoll,“ ſagte Lady Arran.„Nun denn, meine Jungen, laßt mich fehen, wie Ihr Euch die Hände drückt, ſo!“ ſetzte ſie hinzu, als die beiden jungen Männer kalt die Spitzen ihrer Finger berührten;„der Druck der Hand eines Freundes iſt beſſer als der eines Degengriffs.“ Eines Freundes! dachte Alick; o ja wir ſind Freunde, gerade wie der Habicht und der Reiher, wenn ſie zuſammentreffen, oder der Wolf und der Kettenhund, wenn ſie ſich auf ihrer Fährte kreuzen. Sir Allan Glencairn ließ ſich durch die ſchein⸗ bare Verſöhnung nicht täuſchen; längſt fühlte er gewiſſermaßen inſtinetartig, daß ſein Vetter ſein Todfeind ſei, und jetzt hatte eine tiefe Erniedrigung deſſen frühern Widerwillen und Eiferſucht noch ver⸗ mehrt. „Das wäre im Reinen,“ rief die Gräfin,„und ich will mich jetzt nach Hauſe begeben; ſpäte Nacht⸗ ſtunden und hitzige Worte taugen nicht für eine alte Frau wie ich bin. Beſuche mich bald, Allan; es iſt ſchon lange her, daß wir keine Partie Piquet zuſammen geſpielt haben. Wenn die jungen Mäd⸗ chen einmal da ſind, wirſt Du gewiß gern kommen; und Du Alick,“ ſetzte ſie hinzu, als ſie ſah, daß ihr Neffe ein verdrießliches Geſicht machte, weil ſie ſich ſo freundlich gegen den Mann zeigte, den er als ſeinen Nebenbuhler in ihrer Gunſt betrachtete,„reich mir Deinen Arm und führe mich in meinen Wagen, ich habe Dir etwas zu ſagen, was Dir nicht unan⸗ genehm ſein wird.“ Die ceremoniöſen Worte, Verbeugungen und Com⸗ plimente jener Zeit waren gegenſeitig ausgetauſcht worden und die alte Dame veradſchiedete ſich in Be⸗ gleitung ihres Reffen, den ſie durch ihre gutmüthige Liſt von ſeinem Vetter zu trennen beabſichtigte, aus 16 Furcht, daß der Streit auf's Neue entbrenne, wenn ihnen ihre Gegenwart keinen Zwang mehr auferlege. Bald nachher verließen auch Sir Allan und die hochländiſchen Edelleute die Geſellſchaft und die Her⸗ rin des Hauſes, Lady Barbara Grahame, und ihre drei Töchter blieben allein zurück. „Sie iſt toll!“ rief Lady Grahame,„rein toll! die alte Närrin! was geht es ſie an, wenn die bei⸗ den Nebenbuhler ſich die Hälſe abſchneiden? Doch gleich viel, Mädchen; die Sache iſt noch nicht zu ₰ Ende. Ich müßte Alick Campbell und Allan Glen⸗ cairn ganz mißkennen, wenn der Streit damit zu Ende wäre. Es herrſcht einmal böſes Blut zwiſchen ihnen und das kann nur das Schwert in's Reine bringen.“ Mit dieſen chriſtlichen Worten, die nur das Echo ihrer Hoffnungen waren, zog ſich die ſpeculirende Mutter in ihr Schlafgemach zurück, nachdem ſie zu⸗ vor noch ſorgfältig nachgeſehen hatte, ob die Wachs⸗ kerzen und Feuer in den Kaminen des Empfangs⸗ zimmers ausgelöſcht ſeien; denn unähnlich ihrer reichen Verwandtin beſaß ſie nur ein ſehr kleines Wit⸗ thum, undres fiel ihr ſehr ſchwer, den äußern Schein von Wohlſtand zu bewahren. Nachdem Alick Campbell ſeine Tante nach ihrer ſtattlichen Wohnung begleitet hatte, begab er ſich auf dem nächſten Wege nach dem Schloß, wo ſein Regi⸗ ment kaſernirt war. Bitterlich verfluchte er die abhängige Lage, in welche ihn ſeine Vermögensver⸗ hältniſſe geſetzt hatten; denn der Leichtſinn ſeines Vaters, eines jüngern Bruders des Herzogs von Argyle und der Gräfin von Arran, hatte ihm nicht 17 viel mehr als Erbſchaft hinterlaſſen, als ſeinen Na⸗ men und ſein Schwert. Beide hatte er ſo wohl zu verwerthen verſtanden, daß er, wie wir bereits mit⸗ theilten, ſchon in dem jugendlichen Alter von zwei und zwanzig Jahren Major in der britiſchen Aumee war und vermöge der Gunſt des Herzogs von Cum⸗ alle Ausſicht auf einen noch weit höhern Rang hatte. Der Weg zum Reichthum, den er bei ſeiner jetzi⸗ gen Laufbahn eingeſchlagen, ſchien ihm aber für ſeinen Ehrgeiz viel zu langſam; ſeiner Anſicht nach beſaß er den Geiſt, das Geſchick ſeines Landes zu lenken, — in der politiſchen Welt zu glänzen, wovon Man⸗ gel an Vermögen ihn ausſchloß. Seine Hoffnung ruhte auf der Ausſicht, der Erbe ſeiner Tante zu werden, die für ſeinen unruhigen Geiſt viel zu lange lebte; daher rührte ſeine Nachgiebigkeit gegen ihre Bitten, die bei ſeiner ſchmutzigen Natur zu einem Befehl ſich geſtalteten. „Verflucht!“ murmelte er vor ſich hin, als er in der Nähe des Hofthors ſeine Schritte verkürzte;„die alte Närrin wird ſo lange leben, bis meine Haare grau geworden ſind und meine Kraft gebrochen iſt, oder bis das Fieber mein Herz verzehrt hat! Ich war ein Thor, daß ich ihrem Verlangen nachgab— mich Hoffnungen überließ, welche am Ende doch ge⸗ täuſcht werden. Welch' ein Triumph für meinen verhaßten Vetter! Er ſoll mir aber den Aerger und die Demüthigung dieſer bittern Stunde theuer be⸗ zahlen. Ich will ihm auf den Nacken treten, ihn verwunden, wo er am verletzbarſten iſt— an ſeiner Dir junge Prätendent. I. 2 2 18 Ehre— ihn demüthigen, zu Boden treten! Selbſt das Gelingen meiner ehrgeizigen Träume würde ge⸗ ſchwächt werden, wenn ich nicht zugleich an Allan Glencairn mich rächen könnte.“ In dieſem Augenblick fühlte er den ſanften Druck einer Hand auf ſeiner Schulter. Als er ſich haſtig umwandte, erkannte er beim Licht des Mondes, der gerade ſehr hell ſchien, einen Officier ſeines Regiments, einen Engländer, den Lieutenant Rawlins, einen Menſchen, der ſich zum Genoſſen ſeiner wildeſten Ausſchweifungen gemacht und zum ſtets bereiten Werkzeuge ſeiner Schurkereien und Racheſtreiche hergegeben hatte. Rawlins war eines jener Subjecte, welche glück⸗ licherweiſe für die Ehre des britiſchen Dienſtes längſt aus deſſen Reihen verſchwunden ſind,— ein Raufer und Gungelabſchneider von Gewerbe, der Schrecken der jüngern Officiere des Regiments, von denen er fortwährend Geld entlehnte; denn die wenigſten wag⸗ ten es, auf geſpanntem Fuße mit ihm zu ſtehen. Er hatte mehr Menſchen im Zweikampf getödtet, als er Schlachten mitgefochten hatte, und nie fühlte er ſich glücklicher, als wenn er irgend einen unerfahrenen jungen Mann in einen Streit verwickelt hatte, der nach militäriſchen Begriffén mit den Waffen in der Hand ausgeglichen werden mußte. Es gewährte ihm ein wahrhaft teufliſches Vergnügen, in den Augen ſeines Opfers den Ausdruck der Beklemmung zu leſen, welche zu unterdrücken Stolz und die Furcht der Ver⸗ achtung vor der Welt gebot. Er war ſtolz auf ſei⸗ nen Ruf, denn er verſchaffte ihm Zutritt in Kreiſe, die ihm ſonſt verſchloſffen geblieben wären, und 19 ſogar Freunde, die ihn wohl unter andern Unſtän⸗ den verleugnet hätten. Alick Campbells Bekanntſchaft mit ihm lag durch⸗ aus kein Gefühl von Furcht zu Grunde, denn der eine war ein eben ſo herzhafter Raufbold wie der andere: die Urſache lag anderswo, indem beide ein⸗ ander brauchten. Der hochgeborene Major fand Raw⸗ lins Dienſte nützlich und der Raufer, der gegen die Kamaraden ſeines eigenen Rangs ſo unverſchämt war, beſaß Klugheit genug, die Vertraulichkeit mit einem Manne zu pflegen, deſſen Einfluß und Name nicht nur ein Freipaß in die beſte Geſellſchaft waren, ſondern auch gelegentlich einen Schild abgaben, hinter dem er ſich decken konnte. „Nun, Rawlins, was gibt es Neues?“ „Der alte Binton iſt eingetroffen.“ Es war dieß der Name des ſchon lange erwar⸗ teten Generals, der das Commando über die Trup⸗ pen in Schottland übernehmen ſollte; eines engliſchen Pairs von alter Familie und eine der feſteſten Stützen der jetzigen Regierung. Es mußte ſchlimm um die Ruhe Schottlands ſtehen, wenn ein Mann wie Lord Binton in activen Dienſt berufen wurde, und es war klar, daß der Hof von St. James beunruhigt und das Miniſterium auf ſeiner Hut war. „Wann traf er ein?“ fragte Alick. „Dieſen Abend.“ „Haben Sie ihn ſchon geſehen?“ „Nein; Hickman ſagte es mir. Er hält ſtreng auf Disciplin und iſt ſtolz wie Lucifer. Wie ich höre, hat er Maxwell tüchtig ablaufen laſſen, weil er im Halbanzug vor ihm erſchien,— ſprach von zu vielen Freiheiten, welche Officieren ſowohl wie der Mannſchaft geſtattet ſeien, und als Oberſt Hunter ſeinen Bericht über die in Edinburg herrſchende Un⸗ zufriedenheit abſtattete, ſagte er dieſem kalt, er wolle ſich ſelbſt überzeugen. Wir werden ſeinen Vorgänger ſehr vermiſſen. Aber was hat es geſetzt, Herr Major, — hat Ihre Geliebte Sie hintergangen oder hat das Glück am grünen Tiſche Ihnen einen ſchlimmen Streich geſpielt?“ „Keines von Beiden.“ „Etwas hat ſich zugetragen,“ fuhr der Lieutenant fort, Alick neugierig fixirend;„Sie ſehen ja ſo ſchwarz wie eine Donnerwolke aus, in der ſich der Blitz noch nicht entladen konnte. Heraus damit!“ „Ich bin beleidigt worden.“ „Und Sie haben Ihren Gegner getödtet?“ fragte der Officier gleichgültig. „Nein!“ „Nein!“ wiederholte Rawlins mit ungläubigem Blicke;„wenigſtens haben Sie ſich mit ihm ge⸗ ſchlagen?“ „Nein!“ „So werden Sie ſich alſo noch mit ihm ſchlagen?“ „Nein!“ „Jetzt gebe ich das Fragen auf; dieſes Räthſel geht über meinen Horizont. Sie, deſſen Degen ich ſtets ſo bereit geſehen habe wie Ihren Witz, ſo raſch als wie Ihr Temperament, das bei der leiſeſten Veranlaſſung aus der Scheide fuhr,— Sie ſollten ſich ungeſtraft beleidigen laſſen! Hätte irgend Jemand, außer Ihnen ſelbſt, mir dieß erzählt, ſo hätte ich 2¹ ihm den Handſchuh in's Geſicht geſchlagen und ihn einen Lügner genannt.“ „Und in jedem andern Falle hätten Sie auch Recht gehabt. Der Menſch iſt eine Art von Vetter von mir von der alten Gräfin Arran Seite her. Bei dieſer ſcheint das Blut dicker als Waſſer zu ſein; die alte Närrin erklärte, daß, wenn wir den Streit weiter fortſetzten, ſo wolle ſie weder mich noch Allan Glencairn je wieder ſehen: und ich kenne ſie zu gut, als daß ich an ihrem Worthalten hätte zwei⸗ feln können.“ „Es war alſo kein Liebeshandel dabei im Spiel?“ bemerkte Rawlins mit fragendem Blicke. „Liebe!“ wiederholte Alick; ja eine ſolche Liebe, wie man ſie für einen Mann fühlt, der einem den Lebensweg durchkreuzt oder auf offener Straße in's Geſicht geſpuckt hat. Ich haſſe ihn, Rawlins, mit der ganzen Leidenſchaftlichkeit, deren meine Natur fähig iſt,— ich haſſe ihn, wie meinen bitterſten Feind. Es iſt heillos, daran zu denken, daß mein Arm gebunden und mein Degen in der Scheide zu⸗ rückgehalten iſt, und zwar durch die Drohung eines alten Weibes, das ſchon anfängt, kindiſch zu werden.“ „Der meinige iſt aber nicht gebunden,“ bemerkte der Raufbold;„ich habe keine Ausſicht, das Ver⸗ mögen einer alten Frau zu erben und deßhalb auch nichts von ihrem Zorn zu fürchten. Wo finden wir dieſen Zeiſig?“ „Höchſt wahrſcheinlich bei Murdoch.“ Dieß war der Name des Mannes, der die be⸗ ſuchteſte Schenke in Edinburg hielt und wo die jun⸗ gen Leute gewöhnlich die Nächte zubrachten, wenn ——— die Abendgeſellſchaften vorüber waren; denn zehn Uhr galt für die Damen Schottlands zu der Zeit, aus welcher wir berichten, für eine ſpäte Stunde. „Laſſen Sie uns ihn aufſuchen,“ ſagte Rawlins. „Nein— ja— das heißt, wenn Sie verſpre⸗ chen, vernünftig zu ſein.“ „Ich verſpreche es.“ „Ich darf bei dem Streit nicht betheiligt erſchei⸗ nen,“ ſetzte der Major hinzu. „Ueberlaſſen Sie das mir.“ „Vielleicht könnte es ſich ſogar treffen, daß ich Partei gegen Sie nehme,“ fuhr Alick fort. „Ich werde das zurecht zu legen wiſſen.“. „Vergeſſen Sie aber nicht, daß es ſich um kein Kinderſpiel handelt,“ bemerkte der Major im flü⸗ ſternden Tone, als wenn er das Echo ſeiner Worte fürchtete.„Allan iſt ein ächter Hochländer; ſeine Hand verſteht den Degen eben ſo gut wie das Piſtol zu handhaben. Seine Geſchicklichkeit hat er bei mehr als einer Gelegenheit bewieſen.“ „Und ich die meinige,“ bemerkte Rawlins ver⸗ ächtlich.„Kommen Sie, ich habe ſchon lange keinen Strauß mehr beſtanden, und mein Blut fängt an, dick und ſchwer zu werden. Nehmen Sie keinen An⸗ theil an unſerem Streit, und um allen Anſchein zu vermeiden, will ich zuerſt in die Schenke gehen. Apropos, haben Sie keine Banknote bei ſich? Ich habe meine Börſe vergeſſen.“ Campbell wußte wohl, was das Vergeſſen der Börſe ſeines Freundes zu bedeuten habe— daß er nemlich Bezahlung für den Dienſt erwartete, den er zu leiſten im Begriff ſtand. Er nahm daher eine 23 Banknote aus ſeinem Taſchenbuche und legte ſie in die Hand ſeines Gefährten. „Fünfzig Pfund,“ ſagte der Klopffechter;„das genügt.“ „Sollten Sie morgen noch eines weiteren An⸗ lehens bedürfen,“ bemerkte Alick,„ſo ſteht eine gleiche Summe Ihnen zu Dienſten.“ 8 Die beiden würdigen Spießgeſellen verſtanden einander vollkommen. Es hieß dieß ſo viel als: ſchaff' mir meinen Vetter aus dem Weg, und das ſoll Dein Lohn ſein. Es iſt merkwürdig, wie raſch und mit wie wenigen Worten zwiſchen Leuten von Welt ein ſolcher Handel geſchloſſen iſt. Rawlins ſteckte die Banknote ein und machte ſich auf nach Murdoch's Hauſe; Campbell folgte ihm, voll der beſten Hoffnung auf das Reſultat des beab⸗ ſichtigten Streites. „H!“ rief er aus, als der Raufbold ihm aus dem Geſicht war,„ich beneide ihn nur um das Ver⸗ gnügen, Glencairn umbringen zu dürfen. Bah!“ ſetzte er nach kurzem Nachdenken hinzu,„der Streich geht doch von mir aus, und Allan wird fühlen, wem er ihn verdankt; was liegt alſo an der Hand, die ihn geführt hat? Sollte Rawlins Streich miß⸗ lingen?— Rein, nein, der Teufel wird ihn auch dießmal nicht im Stich laſſen.— Wenn es aber doch wäre, dann würde ich mich faſt verſucht fühlen, daran zu glauben, was uns die Schulmeiſter lehren, daß der Himmel die Tugend beſchützt.“ Mit dieſen Worten wandte ſich Alick um und folgte langſam ſeinem Verbündeten. ————————— 24 Zweites Kapitel. Das Wirthszimmer bei Murdoch war ein langes, niedriges Gemach; Wände und Decke waren von Eichenholz, wie man es noch heutzutage in vielen alten Häuſern Edinburghs findet. Ein ſchweres Karnies, das ſchön ausgeſchnitzte Blumen zierten, zog ſich längs der Decke hin, unter welchem ſich Reihen von maſſiven, meſſingenen Hacken befanden, an welchen die Beſucher ihre Hüte und Mäntel aufhingen. Ein Behälter für Degen, unge⸗ fähr der Art, wie man ihn heutzutage zum Auf⸗ ſtellen von Schirmen hat, befand ſich in der Nähe der Thüre; er wurde aber nie benützt, denn der Geiſt der damaligen Zeit war der Art, daß Niemand ſich geneigt fühlte, ſeine Waffe abzulegen, weil man nicht wußte, wie bald man ſie zur Selbſtvertheidi⸗ gung brauche. Im Zimmer ſtanden mehrere Tiſche. An einem derſelben, dem längſten von allen, am obern Ende ſaß eine Geſellſchaft von Officieren und jungen Leu⸗ ten aus der Stadt, welche tranken und eine Partie Landsknecht ſpielten, ein Spiel, das damals ſehr in der Mode war. Banknoten und Guineen lagen in verſchiedenen Haufen vor ihnen aufgethürmt. An einem der Seitentiſche befand ſich Sir Allan Glencairn, der Herr von Monksdale, deſſen naher Nachbar, der Laird von Hinton und mehrere hoch⸗ ländiſche Edelleute, die ihren Claret tranken. Der übrige Theil der Geſellſchaft beſtand aus Sachwaltern, Advocaten, ſowie auch Leuten von zweifelhaftem 25 Character, welche um die gute Geſellſchaft herum⸗ lungerten, ohne gerade dazu zu gehören oder davon ausgeſchloſſen zu ſein. Die merkwürdigſte Perſönlichkeit war aber wohl ein großer, hagerer Mann, in einen dunkeln Reit⸗ anzug gekleidet, bis an das Kinn zugeknöpft, wel⸗ cher gemächlich ſeinen Wein allein an einem Tiſchchen in der Näh des Feuers ſich behagen ließ. Beim erſten Anblick hätte man ihn für einen reiſenden Handelsmann halten können, wenn nicht etwas Diſtinguirtes in ſeinem Weſen, das trotz ſei⸗ nes einfachen Kleides bei näherer Prüfung nicht zu mißkennen war, und der kalte, entſchloſſene Ausdruck ſeiner tiefliegenden grauen Augen dieſe Vermuthung widerlegt hätte. Er mochte etwa ſechzig bis ſechs und ſechzig Jahre zählen; doch ſah er für ſein Alter ſehr gut aus, denn ſeine Haltung war gerade und hatte einen gewiſſen militäriſchen Anſtrich. Scheinbar ohne vielen Antheil an dem zu neh⸗ men, was um ihn her vorging, hatte er ſeit einiger Zeit ruhig der Unterhaltung zugehört und diejenigen, welche geſprochen, ſich gemerkt. Die Geſellſchaft, welcher er die meiſte Aufmerkſamkeit zuwandte, war die Sir Allans und der Hochländer. Ein ſcharfer Beobachter möchte ein gewiſſes krampfhaftes Zucken um ſeinen Mund bemerkt haben, welches jedesmal ſichtbar wurde, wenn gäliſch*) geſprochen wurde, *) Die alte Sprache der Galen oder Celten, die jetzt nur noch in wenigen abgelegenen Diſtrieten Nord⸗Schott⸗ lands und Irlands geſprochen wird. D. B. was auf Unzufriedenheit deutete. Wahrſcheinlich ſtammte er aus dem Süden und verſtand deßhalb dieſe Mundart nicht. An einigen Tiſchen wurde die Unterhaltung in lautem, lärmendem Tone geführt, was wohl die Folge davon war, daß der Gott des Weines oder das noch feurigere Getränke der Berglande ihre Wirkung geltend machten. Zuweilen wurde dieſelbe durch die Flüche der Verlierenden beim Spiele oder das laute Lachen der triumphirenden Gewinner un⸗ terbrochen. „Verdammt!“ rief ein junger engliſcher Cornet, der vor Kurzem erſt zu ſeinem Regiment gekommen war,„da geht eine ganze Monatsgage d'rauf. Doch gleichviel; ich werde meinem Vormund eine lange Geſchichte von hochländiſchen Räubern und Verluſt meines ganzen Gepäcks weiß machen und ihm dadurch ſo ein hundert Pfund aus der Taſche locken.“ Ein faſt unmerkbares Stirnrunzeln wurde bei dem alten Herrn am Feuer bemerkbar, als er dieſe unehren⸗ volle Prahlerei hörte, die aber bei den Genoſſen des thörichten jungen Mannes mit einem lauten Beifalls⸗ gelächter aufgenommen wurde. Kaum war daſſelbe verhallt, als Lieutenant Raw⸗ lins in's Zimmer gepoltert kam. Er wurde von ſeinen Kamaraden, namentlich von dem jüngeren Theile derſelben, mit großer Zuvorkommenheit auf⸗ genommen, wie ſie etwa einem Manne zu Theil wird, der in der Geſellſchaft entweder ſehr beliebt oder gefürchtet iſt. Es fällt zuweilen ſchwer, dieß genau zu unterſcheiden. „Trinken Sie Wein, Rawlins?“ fragte einer 27 der jungen Männer, ihm ſein Glas mit Claret an⸗ bietend, oder ſoll ich Punſch beſtellen?“ „Nein!“ rief der Renommiſt,„Wein, Wein— rothen— lautern, wie das ehrliche Blut in jedes Soldaten Herz. Kommt, eine Geſundheit: der König ſoll leben! und ein Verräther iſt der, der deſſen Rechte anzutaſten oder in Abrede zu ziehen verſucht ſein ſollte.“ Zu gleicher Zeit warf er einen herausfordernden Blick nach dem Tiſche, an welchem die Hochländer ſaßen. Obgleich es dieſen im Innerſten zuwider war, öffentlich die Geſundheit des Königs trinken zu müſſen, ſo hielten ſie es doch nicht für klug, ſich zu weigern, ſondern füllten ihre Gläſer gleich den übrigen Gäſten, indem ſie die Aufforderung für nichts weiter als den Ausfluß der Loyalität eines Betrun⸗ kenen hielten. „Der König!“ ſagten Sir Allan und deſſen Freunde mit ganz eigenthümlicher Betonung, indem einige aus dieſer Geſellſchaft mit ihren Gläſern raſch über die Waſſerflaſche wegfuhren, welche mehr der Form als des Gebrauchs wegen auf dem Tiſche ſtand, und was ſo viel bedeuten ſollte, als, die Geſund⸗ heit des Königs jenſeits des Waſſers. „Was wollen Sie damit ſagen, der König?“ rief Rawlins, indem er brutal auf den Tiſch zuge⸗ ſchritten kam. Allan ſtand auf, um zu antworten; aber der Laird von Hinton legte gelaſſen ſeine Hand auf ſei⸗ nen Arm, wodurch er ihn nöthigte, wieder nieder⸗ zuſitzen, indem er ihm zugleich in die Ohren flüſterte: „Ueberlaſſen Sie den Menſchen mir; dieß iſt ein 28 angelegter Plan, um uns zu beleidigen. Ich kenne das Gelichter, und weiß, wie man es zu behan⸗ deln hat.“ Zugleich faßte er den Querulanten einige Secun⸗ den lang feſt in's Auge mit einem Blicke der tiefſten Verachtung, worauf er endlich erwiderte: „Und wer zum Teufel ſind denn Sie, daß Sie das Recht haben, dieß zu fragen?“ „Ein Officier und Gentleman,“ erwiderte der Raufbold, indem er ſeine Karte darbot, welche der Schottländer, nachdem er eine Brille aus der Taſche gezogen und gemächlich auf die Naſe geſetzt hatte, in die Höhe hob und bedächtlich las. „Lieutenant Rawlins— hm! ich ſehe aus Ihrer Karte, daß Sie ein Officier ſind. Wer bürgt mir dafür, daß Sie ein Gentleman ſind?— Ihre Art, ſich zu benehmen oder ſich auszudrücken, beweist dieß wenigſtens nicht. Rawlins! Rawlins! ich kenne den Namen nicht, Sie können Ihr Stück Pappendeckel wieder zurücknehmen, junger Mann; ja— Sie kön⸗ nen der Sohn eines Schuhflickers, oder was weiß ich ſonſt, ſein.“ „Elende Ausflucht eines Feiglings!“ rief der Raufbold, ſeine Hand erhebend, um Hinton zu ſchla⸗ gen, der ein Mann von ſchon vorgerückten Jah⸗ ren war. Ehe er aber dieſe Abſicht ausführen konnte, warf ſich Sir Allan zwiſchen beide und wandte dadurch den Streich ab. „Schämen Sie ſich!“ ſprach er,„einen Mann ſo mißhandeln zu wollen, der alt genug iſt, um Ihr Vater ſein zu können!“ 29 „Er beleidigte mich,“ ſprach Rawlins. „Sie gaben dazu die erſte Veranlaſſung,“ erwi⸗ derte Allan ruhig.„Aus Höflichkeit— merken Sie es ſich wohl, aus bloßer Höflichkeit— tranken wir den von Ihnen vorgeſchlagenen Toaſt; denn ich ge⸗ ſtehe Niemand das Recht zu, mir ſeine Meinung in öffentlicher Geſellſchaft aufzudringen.“ „Er zweifelte daran, daß ich ein Gentleman ſei,“ unterbrach ihn der Eiſenfreſſer,„der hochländiſche Bengel!“ „Ich zweifle ebenfalls daran,“ rief Sir Allan aus. „Und ich,“ wiederholte Jeder aus Allans Ge⸗ ſellſchaft. „Und auch ich,“ ſagte der alte Herr, der ein ruhiger Zuſchauer des Vorgangs geweſen war. Obgleich Rawlins über die Unverſchämtheit des alten Handelsreiſenden, womit er den Fremden ver⸗ ächtlich bezeichnete, ſehr aufgebracht war, ſo ſetzte er doch zunächſt den Streit mit Sir Allan fort, der demſelben keineswegs auszuweichen ſich Mühe gab. Das Wortgefecht hatte ſeinen Höhepunkt erreicht, als Alick in das Zimmer trat. „Rawlins— Sir Allan!“ rief er aus,„was ſoll dieſer Streit bedeuten?“ „Ich bin beleidigt worden.“ „Und ich!— und ich!“ riefen ein halbes Dutzend Stimmen zu gleicher Zeit. Einige haſtige Worte von den Umherſtehenden erklärten Alles. Der alte Laird aber, deſſen Blut kochte, beſtand darauf, ſich mit dem Sachſen zu ſchlagen. „Edelmann oder bürgerlich,“ ſprach der alte 30 Monn,„er hat den Tartan beſchimpft, und dafür ſoll er mir mit ſeinem Blute büßen. Ich will mich mit ihm ſchlagen, und wenn ſein Großvater ein Küchenjunge geweſen wäre.“ „Nein— überlaſſen Sie ihn mir!“ unterbrach ihn der Baronet;„mir ſoll er Rede ſtehen!“ Nach einem kurzen Streit, der durch Alick Camp⸗ bell's geſchickte Verſuche, eine Ausgleichung herbeizuführen, noch weit erbitterter geworden war, wurde beſchloſſen, daß die Gegner in das Zimmer im obern Stockwerk ſich begeben ſollten, wo, wie der alte Donald, der Oberkellner, welcher in dem Ge⸗ ſchäft grau geworden war, zu ſagen pflegte,„Gentle⸗ men nach Bequemlichkeit ſich die Hälſe brechen kön⸗ nen.“ Der alte Burſche erhielt den Befehl, das Zimmer augenblicklich zu erleuchten. Ein Duell im Hauſe konnte nur die Zahl der Gäſte und damit ſeine Einnahmen vermehren, deßhalb vollzog dieſer den Auftrag raſcher, als er einen andern Befehl auszuführen gewohnt war. „Und wer, mein Herr,“ fragte der Fremde, auf Sir Allan zutretend,„wird Ihr Secundant ſein?“ „Ich— ich— ich!“ riefen die hochländiſchen Edelleute im Chor. „Ich beſitze einige Erfahrung in dergleichen Din⸗ gen,“ fuhr der alte Herr lächelnd fort,„und es ſollte mich freuen, Ihnen nützlich ſein zu können. Ich er⸗ bitte es mir als eine Gunſt, zur Ehrenrettung mei⸗ nes Landes beweiſen zu können, daß nicht alle Eng⸗ länder Raufbolde und Renommiſten ſind.“ „Hol Sie der Teufel! Sie alter Lump!“ ſchrie 31 Rawlins;„noch ein ſolches Wort und ich ſchlitze Ihnen die Ohren auf!“ Der Fremde ſixirte ihn mit ſtolzem, faſt verächt⸗ lichem Lächeln.„Seien Sie unbeſorgt,“ ſprach er, „wenn Sie Sir Allan glücklich entgehen, ſo ſoll es mich ſehr freuen, Ihnen Genugthuung zu geben; vielleicht mehr als Ihnen lieb iſt. Sie müſſen ſich mit dieſem Menſchen ſchlagen,“ ſetzte er, gelaſſen an den Baronet ſich wendend, hinzu;„ich bin zwar überzeugt, daß er tief unter Ihnen ſteht, ſowohl an Geburt, als an edler Denkungsweiſe, aber er iſt ein⸗ mal Officier, und dieß muß für den Augenblick die Stelle eines Patents vom Wappenamt vertreten, welches etwas ſchwieriger zu erlangen iſt.“ Dieſe ſchneidende Bemerkung wurde ſo ruhig ge⸗ macht, als ob es ſich von der unwichtigſten Sache der Welt gehandelt hätte. Rawlins hatte die Wuth förmlich der Sprache beraubt, und die jüngeren Officiere, die ihn umga⸗ ben, waren im höchſten Grade über des alten Man⸗ nes Muth, der den Lieutenant ſo ſehr reizte, er⸗ ſtaunt. Mehrere darunter ließen Worte fallen, aus denen ſich ſchließen ließ, daß ſie an ſeiner Zurech⸗ nungsfähigkeit und der wahren Erkenntniß des Wer⸗ thes ſeines Lebens zweifelten. Sir Allan hatte ſich ſchon zu viel in der Welt verſucht, als daß er nicht ſogleich an dem Benehmen des Fremden erkannt hätte, daß derſelbe ein Mann von Stand ſei, und er nahm daher deſſen Anerbie⸗ ten an, trotz der freundſchaftlichen Vorwürfe ſeiner Begleiter. Er hatte aber für dieſe Wahl ſeine ganz beſonderen Gründe; es war ihm klar, daß, welches auch der Ausgang des Zweikampfes ſein möge, dem⸗ ſelben eine politiſche Bedeutung beigelegt werden würde. Deßhalb war es ihm lieb, einen Engländer zum Secundanten zu haben, deſſen Sprache und Be⸗ nehmen beurkundeten, daß er keiner untergeordneten Claſſe der Geſellſchaft angehöre. Trotz der Aufre⸗ gung des Augenblicks fühlte er aber doch wohl, daß es vergebens wäre, den Grund ſeiner Wahl ſeinen Freunden begreiflich zu machen. Als die Betheiligten in das Zimmer traten, wo das Duell vor ſich gehen ſollte, unterſuchte der Fremde genau, ob die Lichter gleichförmig vertheilt ſeien, und veränderte den Standpunkt derſelben zu Raw⸗ lins Verdruß, dem es, trotz ſeines thieriſchen Muthes und Temperaments, etwas unbehaglich wurde, als er das kaltblütige, geſchäftsgewandte Benehmen des widerwärtigen alten Mannes bemerkte. Es wurde beſchloſſen, daß das Duell mit Piſto⸗ len vor ſich gehen ſolle, welche die Secundanten luden und am äußerſten Ende des Zimmers auf einem Tiſch unter ein Sacktuch legten, worauf eine Guinee in die Höhe geworfen wurde zur Entſchei⸗ dung der Wohl. „Der König!“ rief Rawlings, als das Geldſtück in die Höhe flog. „Das Wappen für mich,“ ſetzte Allan kaltblü⸗ tig hinzu. Der Baronet gewann. Obgleich ſeine Freunde wenig Gewicht auf die Auswahl der Waffe legten, ſo nahmen ſie es doch als ein günſtiges Vorzeichen auf. 5 „Ich hoffe zu Gott, daß er dem Sachſen Eins verſetzt, murmelte der Laird. „Ich ebenfalls,“ erwiderte der Fremde, der des aufgebrachten Celten Wunſch gehört hatte;„aber nicht deßhalb, weil er ein Sachſe iſt, denn ich wünſche ſehr, daß der Unterſchied der Racen endlich einmal aufhöre, ſondern weil er ein Raufbold iſt, welchen die conventionellen Geſetze der Geſellſchaft als einen Gentleman zu behandeln uns zwingen.“ Nachdem die Wahl der Waffen getroffen war, ſtellten ſich die Gegner einander gegenüber in Po⸗ ſition. „Wohin ſoll ich ihn ſchießen?“ flüſterte Rawlins in halblautem Tone, in der Abſicht ohne Zweifel, ſeinen Gegner zu entmuthigen;„ſoll ich ihm die Kugel durch's Gehirn jagen, um dieſes abzukühlen, oder durch's Herz?“ „Durch's Herz,“ erwiderte Capitän Harding, ſein Secundant;„wenn Sie das Gehirn zu treffen ſuchen wollten, könnte die Kugel leicht fehlen.“ Ein unterdrücktes Gelächter belohnte den ſchnöden Verſuch witzig zu ſein. Das Zeichen wurde gegeben und beide Theile feuerken zu gleicher Zeit. Rawlins hatte ſo gut ge⸗ zielt, daß die Kugel, wie er es beabſichtigte, ſeines Gegners Herz in der Mitte durchbohrt haben würde, wenn ſie nicht die breite ſilberne Schnalle von deſ⸗ ſen Gürtel getroffen hätte und dadurch abgeprallt wäre. Die Folge davon war eine ſchwere Contuſion. Die Kugel aus Sir Allan's Piſtol drang aber in den Hals ſeines Gegners. Der junge Prätendent I. 3 34 „Gerade in die Kehle, beim heiligen Andreas!“ rief der Laird entzuckt.„Aber Sie ſind verletzt?“ „Ich glaube nicht,“ erwiderte Sir Allan. „Wie, Sie ſind verwundet, Rawlins,“ ſagte ſein erſtaunter Secundant. „Ja— uf! uf!— ja!“ erwiderte der Raufbold, dem das ſtark aus ſeinem Hals ſich ergießende Blut das Sprechen erſchwerte, weil es ihn faſt erſtickte. „Noch— ei— ein— mal feuern— uf! aber— raſch— uf!— ich— fühle mich— einer Ohn⸗ macht nahe.“ .„Ihr Gegner verlangt noch einen Schuß zu wech⸗ ſeln,“ fagte der Fremde, an Sir Allan ſich wendend. „Wie's ihm beliebt,“ erwiderte der Baronet gelaſſen. Die Piſtolen wurden auf's Neue geladen. Raw⸗ lins' Augen waren auf die männliche, edle Geſtalt des Hochländers mit dem Ausdruck eines ſterbenden Tigers gerichtet, der den ſiegreichen Jäger anſtarrt, durch deſſen Speer er verwundet worden iſt. Während die Vorbereitungen getroffen wurden, zitterten ſeine Beine krampfhaft, was deutlich bewies, welche Anſtrengung es ihn koſtete, ſich aufrecht zu erhalten. Endlich wurde das Zeichen gegeben; ſei⸗ nem ungeduldigen Haß hatte es bis dahin ein Jahr⸗ hundert geſchienen. Zweimal erhob er ſeinen Arm; vas erſtemal fiel dieſer, vielleicht aus Schwäche, wie⸗ der herab; das zweitemal drückte er aber los und fehlte ſeinen Gegner, der ſeinerſeits in die Luft ſchoß, Ein Ausdruck der Befriedigung flog über des Fremden Geſicht, der einen Angenblick an Sir Allans Be⸗ 35 weggrund gezweifelt hatte, weil er ſein Piſtol erſt nach Rawlins Schuß abgefeuert hatte. „Hol' ihn der Teufel!“ murmelte der Verwundete zähneknirſchend, während er halb ohnmächtig auf die Schulter ſeines Secundanten ſank;„man gebe mir ein anderes Piſtol.“ Beide Secundanten entſchieden aber, daß die Sache hier ihre Grenze haben müſſe.„Nachdem der Baronet in die Luft gefeuert hat,“ bemerkte der Fremde,„wäre es ein Mord.“ „Ich beſtehe darauf! ich kann mich auf einen Stock oder auf meinen Secundanten ſtützen,“ ſagte Rawlins. „Ich danke dafür,“ rief der Capitän. „Bedenken Sie doch, mein Lieber,“ flüſterte Alick. „Ich habe nichts zu bedenken, als daß der Hoch⸗ länder frei ausgeht, während ich zum Krüppel ge⸗ ſchoſſen bin. Warum ſchlagen Sie ſich nicht mit ihm?— uf!—“ Ein neuer Blutſtrom, der aus der Wunde kam, verhinderte ihn, weiter zu ſprechen. „Sie würden wohl am beſten daran thun, Ihren Freund wegzuſchaffen, denn er bedarf ärztlichen Bei⸗ ſtandes,“ bemerkte der Fremde gegen Capitän Harding. Sir Allan näherte ſich mit dem ritterlichen Sinn ſeines Alters und Characters ſeinem Gegner, um dieſem die Hand zu reichen. Selbſt arglos, ſetzte er nicht leicht bei einem Andern etwas Schlimmes voraus. „Hier!“ rief der Raufbold, mit Mühe ſich zu⸗ ſammenraffend,„meine Hand— hier iſt ſie,“ zu⸗ gleich ſchleuderte er das in ſeiner Hand befindliche losgeſchoſſene Piſtol nach dem jungen Baronet und * 36 traf ihn ſo hart an die Schläfe, daß ſogleich ein ſtarkes Bluten daraus erfolgte. Ein allgemeiner Schrei des Abſcheu's von allen Anweſenden, welche den Klopffechter nicht fürchteten, folgte auf dieſe ſchmähliche Handlung. Rawlins Kopf ſank auf Campbells Schulter. „Für dießmal iſt's genug,“ flüſterte dieſer,„alſo keine weitere Gewaltthätigkeit. Das Duell kann Ihnen zum Avancement verhelfen, indem Sie deßhalb verwundet wurden, weil Sie eine Beleidigung wegen einer ausgebrachten Geſundheit auf Seine Majeſtät zu rächen ſuchten.“ „Wohin ſollen wir ihn ſchaffen?“ fragte Capitän Harding Alick. „In mein Hotel,“ erwiderte dieſer. „Mit Nichten,“ unterbrach ihn der Fremde ruhig. „Die letzte ſchmähliche Handlung hat die Grenzen des Verzeihlichen überſchritten. Man bringe ihn auf's Schloß, wo ſein Regiment kaſernirt iſt, und zwar in ſtrengſten Arreſt.“ „In Arreſt!“ wiederholten mehrere junge Officiere. „In Arreſt!“ ſetzte Alick in hochfahrendem Tone hinzu;„und auf weſſen Befehl?“ „Auf meinen,“ erwiderte der Fremde,„des Ober⸗ befehlshabers der Truppen.“ „Sie ſind Lord Binton?“ „So iſt es.“ Dieſer letzte Schlag war ſelbſt für den entſchloſ⸗ ſenen Geiſt des Raufbolds zu viel. Er wurde ohn⸗ mächtig und in dieſem Zuſtande an den bezeichneten Ort gebracht. Sir Allan begriff nun den wichtigen Dienſt, den der General ihm geleiſtet, welchem er auf's Herzlichſte dankte und die Hand dafür drückte. Etwa acht Tage nach dem Zweikampf beſuchte Sir Allan ſeine betagte Verwandte wieder, die ihn liebreich, wie gewöhnlich, ja vielleicht noch etwas mehr wie ſonſt, empfing, denn ihrem hochländiſchen Stolze gefiel der Muth, welchen ihr junger Ver⸗ wandter an den Tag gelegt hatte; und obgleich ſie eine ſtrenge Anhängerin der Lehre des Joſua Wemp⸗ kettles war, welche den Zweikampf als höchſt un⸗ chriſtlich verdammte, ſo ließ ſie doch im Stillen Ausnahmen zu, namentlich wenn es ſich um eine Beleidigung des Tartans oder einen dem Blute der Campbells oder Arrans zugefügten Schimpf handelte. Denn die excentriſche alte Wittwe zeigte ſich bei einer der Familie ihres Gemahls zugefügten Belei⸗ digung noch viel empfindlicher, als wenn es ſich um ihre eigene handelte. Vielleicht weil die Wolken des Mißgeſchicks deſſen Wappen verdunkelt hatten, jedenfalls aber nicht aus Liebe für ihren verſtorbenen Gemahl, welche ſie nie gehegt hatte; weil, wie wir bereits andeuteten, ſie insgeheim deſſen jüngern Bruder vorgezogen hatte. „Du haſt alſo gegen die Pbiliſter gefochten, ge⸗ rade wie der gute Mr. Wempkettle?“ rief ſie aus, nachdem ſie der ceremoniöſen Etiquette jener Zeit gemäß dem jungen Mann ihre Hand zum Kuſſe ge⸗ reicht hatte. „So iſt es, Tante.“ „Es iſt dieß eine ſehr unchriſtliche Handlung, und ich muß Dich deßhalb tadeln. Wie hart wäre es für mich in meinen alten Tagen geweſen, wenn 38 man Dich wie Deinen armen Onkel heimgebracht hätte— deſſen Seele ſich Gott erbarmen möge!— als einen Leichnam! Es thut mir aber deßhalb doch nicht leid,“ ſetzte ſie mit mattem Lächeln hinzu,„daß Du den Sachſen getroffen haſt. Glauben denn dieſe Bengel, ſie dürften den alten Adel Schottlands ebenſo behandeln wie die engliſchen Leibeigenen zur Zeit des Eroberers!— Nein, nein!“ „Fürchten Sie nichts, Tante,“ bemerkte der Baronet,„ſo lange uns noch unſere Berge bleiben, in die wir uns zurückziehen, und unſere Claymore,“) mit denen wir uns vertheidigen können.“ „Alſo Lord Binton hat ſich Dir zum Secun⸗ danten angeboten?“ fragte die Gräfin. „Auf die edelſte, uneigennützigſte Weiſe,“ er⸗ widerte der junge Mann feurig;„und durch dieſe Handlung ſchnitt der Lord boshaften Zungen jeden Vorwand ab, dem Streit einen politiſchen Charakter beizulegen; denn ſeine Anhänglichkeit an den Kur⸗ fürſten von Hannover kann nicht beſtritten werden.“ „Kurfürſt, Allan!— pfui, pfui! Doch hier ſchadet es nichts,“ fuhr Lady Arran ihn unterbrechend fort; „hier magſt Du ihn immer Kurfürſt nennen, denn unter Freunden ſtreitet man ſich nicht um Worte. Es freut mich, daß Binton ſich mit Dir befreundet hat; es iſt ein liebenswürdiger, geſcheiter, junger Mann und tanzt graciöſer als irgend Jemand bei Hofe. Ich tanzte mein erſtes Menuett mit ihm in St.⸗James⸗Palaſt; Bolingbroke ſtellte ihn mir vor.“ *) Breite Schwerter der Hochländer. D. B. 39 Die alte Dame vergaß, daß fünfzig Jahre ſeit⸗ dem verfloſſen waren und daß der elegante junge Officier in Marlboroughs Regiment ohngefähr ſo alt wie ſie ſelbſt war. „Tante,“ flüſterte der junge Mann, kühn gemacht durch die ungewohnte Herzlichkeit ſeiner Verwandtin und weil dieſe ihre politiſche Anſicht ziemlich klar hatte durchſchimmern laſſen, indem ſie den regieren⸗ den Monarchen Kuprfürſt von Hannover genannt hatte,„glauben Sie nicht, daß der günſtige Zeit⸗ punkt gekommen wäre, in welchem man einen kühnen Verſuch machen könnte, das ſächſiſche Joch abzu⸗ ſchütteln und einen ſchottiſchen König auf Schott⸗ lands Thron zu ſetzen? in welchem Fall dann Ihr Name und Einfluß—“ Das Benehmen der alten Dame veränderte ſich mit Einemmale. Sie machte ſich zwar nichts daraus, ihren Widerwillen gegen den jetzigen Stand der Dinge durch einen Spott, oder ihre Vorliebe für die Stuarts durch ein Zeichen von Achtung für deren Namen kund zu geben; aber Aufruhr!— die Er⸗ innerungen an die Gefahren, aus denen ſie durch ſo manchfache Entbehrungen die Baronien Arran, Tanvoir und Ulquar gerettet hatte, ſowie das Schick⸗ ſal ihres verſtorbenen Gemahls machten ſie davor erzittern; und hiezu kam noch die Furcht vor dem Geſchick derer, welche ein irregeleitetes ritterliches Gefühl in ein ſo hoffnungsloſes Unternehmen ver⸗ wickeln würde. „Allan,“ rief ſie mit feierlichem Ernſt,„werſprich mir, wenn Du je einen ſolchen Akt der Thorheit geträumt haſt, daß Du dieſen Traum vergeſſen willſt. 40⁰ Die Sache der Stuarts iſt hoffnungslos. Von der Stunde an, in welcher der entartete Jacob es duldete, daß das Beil des Sachſen auf ſeiner Mutter*) Hals fiel, fiel auch der Fluch auf ſeine Nachkommen. Nichts wird dieſem untergegangenen Geſchlecht mehr glücken! überdieß bin ich eine betagte Frau— zu ſchwach, um meinen Clan zu den Waffen zu rufen, und zu vernünftig, um dieß zu thun, wenn ich es auch könnte. Um derer willen, die Dich lieben, Allan, denk' nicht mehr daran!“ Der Baronet wandte ſich ab, ſeine Unklugheit bitter bereuend; denn er fühlte wohl, daß er den Argwohn eines der ſcharfſichtigſten Köpfe Schott⸗ lands erweckt hatte, obgleich dieſer Kopf einer Frau gehörte. Uebrigens fürchtete er nicht, daß ſie ihn verrathen würde, denn er kannte ihr edles, liebe⸗ volles Herz. „Du gibſt mir keine Antwort, Allan?“ be⸗ merkte die Gräfin. „Was kann ich Ihnen hierauf erwidern, theuerſte Tante? Iſt es aber ein Wunder, daß, ſtündlich ver⸗ *) Maria Stuart. Wenn es auch nicht wahr iſt, daß. Jacob ohne Weiteres die Hinrichtung ſeiner Mutter geſchehen ließ, ſondern ſich bittend und drohend an Eliſabeth wendete, ſo iſt doch gewiß, daß er den Ver⸗ ſicherungen dieſer Königin, kaß die Hinrichtung gegen ihren Willen geſchehen ſei, gegen ſeine Ueberzengung, deshalb Glauben zu ſchenken ſich anſtellte, um ſich die Anwartſchaft auf die Erbſchaft der engliſchen Krone nicht zu verſcherzen. D. B. 41 letzt durch kleinliche Beleidigungen, unſere Gedanken ſich zuweilen der Zeit zuwenden, in welcher das gute alte Schottland ſeinen eigenen König und ſein eigenes Parlament beſaß?“ „Womit es viel Gutes ausrichtete,“ verſetzte die Gräfin trocken.„Mit der Zeit wird es aber beſſer gehen und der ſchlaue ſchottiſche Verſtand wird mit den polternden Sachſen ſchon noch fertig werden. Doch genug von Politik,“ ſetzte ſie hinzu;„Du ſollſt heute mit mir zu Mittag ſpeiſen— ich erwarte Beſuche.“ 5 „Wen, wenn ich es wiſſen darf?“ fragte der Neffe, indem er jetzt erſt bemerkte, daß ſeine Tante mit ungewöhnlicher Sorfalt ihr reichſtes Brocatkleid und ihren Hausſchmuck angelegt hatte. „Des armen Eduards Waiſen,“ antwortete ſie ſeufzend. „Die jungen Damen aus Paris?“ „Ja! als das Haupt ihrer Familie— das ein⸗ zige menſchliche Weſen auf Erden, von dem ſie Schutz erwarten können— glaube ich ihnen einen feierlichen Empfang ſchuldig zu ſein.“ „Sie vergeſſen mich, Tante.“ „Ja,“ ſagte die alte Dame trocken;„Du würdeſt einen ſaubern Beſchützer für zwei mutterloſe Mäd⸗ chen abgeben. Aber der Beweis, daß ich Dich nicht vergaß, Allan, iſt, daß ich Dich zu bleiben bitte; denn unter allen Vettern, Neffen und Verwandten, welche mich gleich den Raben unflattern, welche auf ein ſterbendes Wild lauern, biſt Du der Einzige, bei dem ich nie den Gedanken gewahr wurde daß ich zu lang lebe oder der eine indiscrete Eiferſucht —— ² 42 gegen Den an den Tag legte, der mich einmal be— erbt, wenn meine Gebeine an dem Orte niederge⸗ legt werden, der ſie ſchon ſo lange erwartet.“ „Der Himmel bewahre mich vor einem ſolchen Gedanken,“ rief der junge Mann mit Wärme aus. „Sie retteten die Ländereien meines verſtorbenen Onkels durch Aufopferung Ihres Privatvermögens, durch Ihren Verſtand und Ihre Sparſamkeit, und nie werde ich gegen Ihren Erben einen ſchlimmen Gedanken hegen.“ „Ich glaube es,“ ſprach did alte Gräfin lächelnd. „Aber weg mit dieſen traurigen Gedanken, Tänte,“ fuhr der Baronet, galant ihre Hand küſſend, fort. „Sie ſehen in dieſem Brocat prächtig aus, und ich kann mir wohl vorſtellen, wie Sie den Schmetter⸗ lingen von St. James die Köpfe und Herzen ver⸗ dreht haben müſſen.“ „Still, Allan!“ ſprach die Dame mit einem leichten Schlage ihres Fächers;„wie magſt Du einer alten Frau am Rande des Grabes ſolche Schmeiche⸗ leien ſagen? Horch!“ fuhr ſie fort, als ſich das Rollen eines Wagens im Hofe hören ließ;„führe mich hinab; die armen Kinder ſind angekommen. Ich muß ſie an der Schwelle ihrer künftigen Hei⸗ math empfängen und dort Worte des Willkomms an ſie richten.“ Sir Allan reichte der alten Dame ſeine Hand und geleitete ſie ſorgfältig die große Treppe des Hotels hinab in die Halle, wo ſämmtliche Diener⸗ ſchaft in ihrer beſten Livree aufgeſtellt war, um die Schweſtern mit gebührender Feierlichkeit zu em⸗ pfangen. 43 Auf allen Geſichtern lag der Ausdruck der Neu⸗ gierde, namentlich aber auf dem der ſauertöpfiſchen, magern Meg, der Gräfin Kammerjungfer, die mit anmaßender Miene einige Schritte hinter ihrer Dame ſtand, ihren Gänſehals hoch emporgeſtreckt, um zuerſt die ſchuldloſen Geſichter in's Auge zu faſſen, deren Ankunft ihr nichts Gutes zu weiſſagen ſchien. Ihre Neugierde fand bald Befriedigung, denn unmittelbar darauf fuhr der Wagen an dem großen Thore vor. Drittes Kapitel. Sobald der altmodiſche Wagen hielt, trat Sir Allan vor, um die verwaisten Schweſtern zu em⸗ pfangen, und führte dieſelben ihrer alten Verwandtin zu, die, umgeben von ihrer Dienerſchaft, ſie am Fuße der großen Treppe erwartete, um ſie nach alt⸗ herkömmlicher Weiſe des Hauſes Arran zu em⸗ pfongen. „Geſtatten Sie mir,“ ſprach er, indem er ihnen aus dem Wagen half,„das Vorrecht eines Vetters in Anſpruch zu nehmen und als der Erſte Sie im guten alten Schottland willkommen zu heißen: wo, wenn Sie auch die Verfeinerung von Verſailles vermiſſen, Sie wenigſtens warme Herzen und Ver⸗ wandtenliebe finden werden, mit der wir Sie be⸗ 44 grüßen. Verzeihen Sie,“ fügte er hinzu, als er ſah, daß die ſchönen Reiſenden zu bewegt waren, um ihm zu antworten,„die Gräfin wartet mit Ungeduld darauf, Sie zu umarmen.“ Zugleich reichte er den Ankommenden ſeinen Arm, die nur mit einem ſtummen Kopfnicken zu ant⸗ worten vermochten, als ſie ſchüchtern die angebotene Unterſtützung annahmen, und führte ſie in's Haus. Es zeigte ſich deutlich, daß die ſtattliche Erſcheinung der Herrin des Hotels die Waiſen einſchüchterte, als ſie deſſen Halle betraten. Wie wir ſchon gemeldet, ſo war deren Tante bei dieſer Veranlaſſung in ihren reichſten Brocat gekleidet und hatte den Schmuck des Hauſes Arran angelegt, der nur bei feſtlichen Gelegenheiten aus den Schränken hervorgeholt wurde, wie bei Taufen, Hochzeiten und bei ſolchen jährlich wiederkehrenden Feſten, welche in den Häuſern Arran und Campbell gefeiert wurden. Hätte der Haufe hungriger Vetter und Paraſiten, welche auf ihren Reichthum ſpeculir⸗ ten, gewußt, daß die nur bei ſolchen Veranlaſſungen paradirenden Diamanten hervorgeſucht worden waren, ſo wüden ihre Beſorgniſſe dadurch noch in höherem Grade erweckt worden ſein. „Willkommen, meine lieben Kinder,“ ſprach die Gräfin, nachdem ſie eine nach der andern an's Herz geſchloſſen und einen Kuß auf deren Wangen ge⸗ drückt hatte;„willkommen am Herzen einer Mutter und im Hauſe eurer Väter. Es iſt übrigens ziem⸗ lich freudenleer für ſo junge und ſchöne Geſchöpfe, die ſo ganz für das Leben und deſſen Genüſſe 45⁵ geſchaffen ſind; ich hoffe aber, daß Herzlichkeit euch mit demſelben verſöhnen wird.“ Alice und Conſtance, ſo hießen die jungen Frem⸗ den, dankten ihrer Verwandtin mit jener anmuthigen Kürze, welche die wahre Beredtſamkeit des Herzens iſt. Der Baronet war ganz bezaubert; denn ob⸗ gleich beide das Engliſche mit großer Reinheit ſprachen, ſo hatten ſie doch einen leichten Accent, der ihren Worten einen gewiſſen Reiz der Neuheit verlieh. „Und nun, Allan,“ ſprach deſſen Tante,„gib den Mädchen Deinen Arm und führe ſie in das Em⸗ pfangzimmer; ich werde mich dießmal mit Meg's Arm begnügen. Ich erinnere mich noch wohl,“ ſetzte ſie mit einem Seufzer hinzu,„als ich das erſtemal durch dieſe Thüre ſchritt, damals war Dein Groß⸗ vater mein Ehrenritter und ſomit iſt es nicht mehr wie billig, daß Du dieſes Amt bei meinen Nichten übernimmſt.“ Bei Allan bedurfte es keiner zweiten Aufforde⸗ rung. Conſtance und Alice nahmen dießmal ſeinen Arm weniger ſchüchtern an, obgleich die Augen der erſteren zu Boden geſchlagen blieben; denn ſie hatte noch nicht Muth genug gefaßt, ihrem Vetter in's Antlitz zu blicken. Ihre Schweſter ſah einmal ver⸗ ſtohlen nach ihm hin und ein ſchwaches Lächeln ſpielte um ihren roſigen Mund. Sir Allan bemerkte dirſes Lächeln, ſowie auch das Erröthen, welches das⸗ ſelbe begleitete, und augenblicklich machte ſich auf ſeinem männlichen Geſicht dieſelbe Farbe bemerklich. Nach einem kurzen Aufenthalt in dem Empfang⸗ zimmer wurden die Schweſtern von der alten Dame perſönlich in ihre Gemächer geführt, welche ent⸗ ſchloſſen zu ſein ſchien, bei den verwaisten Töchtern ihres verſtorbenen Anbeters ſelbſt die Honneurs in ihrem Hauſe machen zu wollen. Sobald ſie die Tante dort eingewieſen hatte, küßte ſie dieſelben noch einmal herzlich und hieß ſie in Arran Houſe willkommen. Man konnte nicht leicht zwei Schweſtern finden, die von Perſon ſich ſo wenig glichen und doch jede in ihrer Art gleich ſchön waren, als die beiden Waiſen. Alice, die ältere, war eine feurige Brü⸗ nette mit ſpaniſchem Geſichtsausdruck, warm und einnehmend wie das ſonnige Land, in welchem ſie geboren worden. Ein reiches, ſchwarzes Haar fiel in weichen Locken auf eine Schulter, welche der griechiſche Bildhauer des Alterthums, der ſich in das Gebilde ſeines Meiſels verliebte, zu ſeinem Modell gewählt haben würde, ſo ſchön war dieſelbe geformt, ſo herrlich gerundet. Ihre zartgeformten Augbrauen wölbten ſich über ein paar ſchmachten⸗ den Augenliedern, die ihrem Geſicht einen Junvähn⸗ lichen Charakter verliehen hätten, wenn nicht Ma⸗ donnengleiche Augen ihrem Blicke etwas Mildes verliehen hätten; eben ſo ſchön war ihr Mund, und wenn ſie lächelte, wurden zwei Reihen von Perlen ſichtbar, weißer und durchſichtiger als die, welche den Hals einer Königin ſchmücken. Dieſen Reizen völlig entſprechend war Alice's Geſtalt. Kurz, ſie war eines jener lieblichen Weſen, welche junge Männer, wenn ſie ſie einmal im Leben begegnet haben, wachend und träumend beſchäftigen. Ihre Schweſter Conſtance, welche die Geſichts⸗ 47 züge von ihres Vaters Familie hatte, war eine zarte Schönheit mit ſchmachtenden blauen Augen, in wel⸗ chen Dichter tiefe Gefühle und reine Gedanken zu leſen pflegen. Sie war liebreich und ſanft, ſchien der Bewunderung, welche ſie erweckte, völlig unbe⸗ wußt und konnte es in ihrer Schweſterliebe nicht wie Jemand ſie neben Alice ſchön finden önne. „Nun, Allan,“ rief die alte Dame, als ſie ihren Sitz im Beſuchzimmer wieder eingenommen, nach⸗ dem ſie ihre Nichten in ihre Gemächer geführt hatte, „was hältſt Du von den beiden Mädchen? Sie ſind nicht die häßlichſten Zweige des alten Stammes von Arran.“ „Häßlich!“ rief der junge Mann,„ſie ſind ſchön — wunderſchön!“ „Du glaubſt alſo,“ fuhr die Gräfin gutgelaunt fort,„daß ſie den Vergleich mit Lady Grahame's Töchtern nicht zu fürchten haben, und daß ich es wagen darf, ſie in die Welt einzuführen?“ „Lady Grahame's Töchter!“ wiederholte der Baronet voll Unwillen über den Vergleich—„das ſind ja wahre Vogelſcheuchen!“ „Allan, ſie ſind Deine Baſen!“ unterbrach ihn ſeine Tante. „Und ſind die Waiſen nicht auch meine Baſen?“ erwiderte dieſer. „Ich ſehe ſchon, wie es ſteht, oder vielmehr wie es kommen wird,“ ſprach Lady Arran.„Es wird jetzt Serenaden und Liebesbewerbungen in meinem Hauſe geben— etwas Schönes in meinem Lebens⸗ alter; Eiferſüchteleien unter den Männern und Stoß⸗ ————— ſeufzer bei den Frauen. Uebrigens tröſtet mich Eins bei der Sache— doß ich hinſichtlich Deiner voll⸗ kommen beruhigt ſein darf, Sir Allan.“ „In wie fern?“ fragte der Baronet mit erſtau⸗ nender Miene. „Nach dem, was Du ſelbſt geſagt haſt, Neffe.“ „Was ich ſelbſt geſagt habe?“ wiederholte Allan. „Haſt Du es denn vergeſſen?“ ſprach ſeine Tante in gutmüthigem Spott.„Es war erſt kürzlich Abends, als der Laird von Grinfelds den Wink fallen ließ, Du könnteſt wohl ein gutes Werk thun und Mar⸗ gareth Grahame, die gar nicht mehr zu jung dazu wäre, zur Lady Glencairn machen und Du in ſalbungsvollem Eifer, wie ein Kirchenälteſter, Dich über das Unpaſſende einer Vermählung zwiſchen Vettern und Baſen ausſprachſt. Ich erinnere mich vollkommen genau, daß Du dieß eine Sünde und eine Schande nannteſt.“ „Ich meinte damit Geſchwiſterkinder, liebe Tante, Geſchwiſterkinder.“ „Nun,“ fuhr die alte Dame im Tone verſtellter Unbefangenheit fort, den aber der junge Cdelmann vollkommen verſtand,„ſind denn die beiden Mädchen nicht Geſchwiſterkinder von Dir?“ „Ja— allerdings,“ ſtammelte der Baronet, über ſeine Inconſequenz bis unter die Schläfe erröthend. „Darum handelt's ſich ja,“ bemerkte die Lady ſarcaſtiſch;„ihr Vater war Deiner Mutter Bruder.“ „So iſt es,“ ſagte Sir Allan ſeufzend. „Da ich nun weiß,“ fuhr die Gräfin ſpöttiſch fort,„daß Du nie eine Anſicht leicht aufgibſt, ſo bin ich, wie ich zuvor ſagte, Deinetwegen außer 5 49 Sorgen. Deßhalb kannſt Du auch bleiben und mir die armen Weſen bewillkommnen helfen. Der An⸗ blick eines freundlichen jungen Geſichts wird ſie er⸗ heitern. wenn ſie nur das meinige und der alten Meg zu ſehen bekämen, ſo könnten ſie leicht glau⸗ ben, ſie hätten ihre Wohnung in der Familiengruft und nicht in dem Familienhauſe von Arran aufge⸗ ſchlagen.“ Wir fragen unſere Leſer, namentlich aber unſere Leſerinnen, ob ſie eben ſo feſt wie die Gräfin über⸗ zeugt ſind, oder wenigſtens dieß zu ſein vorgab, daß Sir Allan gar keine Gefahr lief, ſich in eine ſeiner ſchönen Couſinen zu verlieben. Wir haben bereits geſehen, daß er bei ihrem Anblick ſehr frappirt war, und es iſt ein ſchlimmes Vorzeichen für das Herz, wenn ein Mann erröthet oder in ſeinen Anſichten ſtrauchelt. Glücklicherweiſe für den Baronet wurde hier die Unterhaltung durch das Eintreten der beiden Waiſen unterbrochen, welche in dem Empfangzimmer Arm in Arm erſchienen, gleich Leda's Schwänen, an⸗ muthig gepaart. Alice hatte ſich jetzt ſo weit ge⸗ faßt, daß ſie im Stande war, ihrer Tante für den liebreichen Empfang, der ihr zu Theil geworden war, zu danken; während ihre Schweſter ſchüchtern an ihrer Seite ſtand. Aber obgleich Conſtance ſtumm war, ſo waren ihre Augen doch beredt und Lady Arran verſtand deren Sprache vollkommen. „Ich fürchte,“ ſagte Sir Allan,„daß Sie das arme, alte Schottland mit ſeinen Bergen und Nebeln, das dem ſonnigen Klima Frankreichs, dem Lande Der junge Prätendent. I. 4 Ihrer Geburt, ſo ungleich iſt, bald ſatt bekommen werden.“ „Das Land meiner Geburt allerdings,“ erwiderte Alice,„aber nicht das meines Vaters, und dieſes muß immer den erſten Platz in meinem Herzen ein⸗ nehmen. Ich werde es ſtets lieben, weil mein Va⸗ ter es liebte.“ Zugleich füllten ſich ihre Augen mit Thränen bei der Erinnerung an ihren Vater, den ſie ſo kurz erſt verloren hatte, und ſie wandte ſich ab, dieſelben zu verbergen. Allan blickte ſie mit Bewunderung an. Liebe zum Vater and war bei ihm, wie bei den meiſten Bewohnern des Hochlands, nicht nur ein Gefühl, ſondern eine Leidenſchaft, eine Religion; und er war entzückt, ſeine eigenen Empfindungen von einem ſo jungen und ſchönen Weſen ausſprechen zu hören. „Und iſt Deine Liebe für Schottland,“ fragte die Gräfin, ſich an Conſtance wendend, deren Aehn⸗ lichteit mit ihrem Vater bereits das Herz der alten Dame in hohem Grade für ſie eingenommen hatte, „eben ſo ſtark wie die Deiner Schweſter?“ ,O ja!“ erwiderte das ſchöne Mädchen, zum erſtenmal das Stillſchweigen brechend,„auch ich liebe es.“ „Aus demſelben Grunde?“ fragte Sir Allan lächelnd. „Nicht ſo ganz; ſondern weil ich Menſchen darin zu finden hoffe, die mich lieben.“ Lady Arran zog Conſtance ſanft an ſich und küßte ſie auf die Wange. Eine Thräne ſchimmerte in ihrem Auge, während ſie dieß that, ein Zeichen, 51 daß ſie gerührt war; denn es traf ſich nicht oft, daß die geiſtesſtarke alte Frau dem, was ſie Erinnerung an menſchliche Schwäche hieß, nachgab; wenn ſie aber weinte, ſo waren ihre Thränen gleich dem Waſſer, das aus einem Felſen quillt, nur um ſo reiner. „Du haſt ſie gefunden,“ flüſterte ſie;„wenigſtens Eine gefunden, die Dich bereits liebt— eine alte, aber treue Freundin. Wenn irgend etwas mich die Zahl meiner Jahre bedauern laſſen könnte, ſo iſt es der Umſtand, etwas der Liebe Würdiges auf dieſer Welt gefunden zu haben, gerade zu einer Zeit, in welcher ich dieſelbe bald verlaſſen muß.“ „Tante, Tante!“ unterbrach ſie ihr Neffe freund⸗ lich,„welche Gedanken ſind dieß?“ „Sie ſind thöricht, wie ich ſelbſt zugebe. Ich will mich aber nicht ſelbſt zur Niobe machen gleich einem vom Geliebten verlaſſenen Dämchen in einem alten Geſchichtenbuch. Der Anblick dieſer beiden Waiſen, Allan, hat mich weich geſtimmt; es war nicht Got⸗ tes Wille, daß ich Mutter werden ſollte, aber ich glaube wenigſtens das Herz einer Mutter zu be⸗ ſitzen.“ „Gewiß iſt das der Fall.“ „Run; Du mußt mir nicht ſchmeicheln, Neffe; ich kann dieß ſelbſt an Dir nicht leiden. Aber tomm, reich mir Deinen Arm— er iſt angenehmer als der eines Miethlings oder eine Krücke, und laß uns Deinen Baſen die Bildergallerie und den übri⸗ gen Theil des alten Neſtes zeigen. Dort findet ſich mancher brave Ritter, der in der Schlacht fiel, und manche ſchöne Dame, aus dem Blute der Arrans, die ihn beweinte. 52 Der Vorſchlag wurde augenblicklich angenommen und die Geſellſchaft machte ſich auf den Weg nach der langen Gallerie, an deren Wänden die Portraits der bedeutendſten Mitglieder des alten Geſchlechts hingen, von welchen die jungen Mitglieder der Ge⸗ ſellſchaft abſtammten. „Und wer, liebe Tante,“ fragte Alice, auf das Portrait eines grimmig ausſehenden Häuptlings deu⸗ tend, der ſich auf ein ſchottiſches Schwert lehnte, das den Arm eines Rieſen verlangte, um geſchwungen zu werden,„wer war dieſer fürchterlich ausſehende Mann?“ „Robert der Starke,“ erwiderte die Gräfin;„er war der Gründer des Hauſes Deiner Väter, Mal⸗ colm der Fünfte“) adelte ihn und—“ „Seine Frauen bereicherten ihn,“ ergänzte Sir Allan.„Die erſte brachte ihm die Ländereien von Arran, die zweite die Baronie von Alquar und die dritte die von Tanvoir zu.“ „Drei Frauen!“ rief Allice aus,„wie unglücklich!“ „Sehr,“ bemerkte die Gräfin trocken. „Für ſeine Frauen oder deren Gatten?“ fragte der Baronet ſeine Baſe lächelnd. „Für den Gatten natürlich, denn er überlebte ſie,“ erwiderte das ſchöne Mädchen mit einem Blicke des Erſtaunens. „Es heißt, er habe ſie ermordet.“ „Sie ermordet!“ wiederholten beide Schweſtern zugleich, mit einem Blick des Schreckens. „Es geht eine eigenthümliche Sage darüber—“ *) König von Schottland um das J. 1165. D. B. * 53 „Still, ſtill! Allan,“ rief die Gräfin, ihn unter⸗ brechend;„willſt Du die erſte Nacht, welche Deine Baſen in Arran Houſe zubringen, deren Ruhe ſtören? Achtet nicht darauf,“ fuhr ſie, an die Schweſtern ſich wendend, fort;„wenn ihr die alten Geſchichten von euren Vorfahren von ihm anhören wolltet, ſo wür⸗ det ihr mehr erfahren, als was in ein Geſchichtenbuch hineingeht. Er kennt dieſe beſſer als ſeine Gebete.“ Obgleich die Neugierde der Schweſtern bedeutend rege gemacht worden war, ſo verfolgten ſie den Gegenſtand doch nicht weiter, weil ſie ſahen, daß ihrer Verwandtin die Sache nicht angenehm war. „Und wer ſind denn dieſe da?“ fragte Conſtance, ſchüchtern auf die Portraits von drei Damen deutend, die auf die gleiche Leinwand gemalt waren.„Wahr⸗ ſcheinlich ſind es Schweſtern?“ „Schweſtern im Unglück,“ erwiderte ihr Vetter. „Sir Allan!“ „Es iſt heraus,“ fuhr der Baronet fort,„aber ich bitte Sie, liebe Tante, nennen Sie mich doch nicht Sir Allan. Es iſt merkwürdig, daß Sie um der Familie Ihres Gemahls beſorgter ſind, als ich.“ „Vielleicht nicht mehr als Du ſcheinen willſt,“ erwiderte die alte Dame;„aber Du haſt die Frage Deiner Baſe nicht beantwortet.“ „Ich bitte tauſendmal um Vergebung! Die drei Damen, welche Sie für Schweſtern halten, ſind die drei Frauen unſeres berühmten Ahnherrn, Robert des Starken.“ Die beiden Schweſtern fühlten ſich, ohne ſelbſt zu wiſſen warum, von dem Bilde ſehr angezogen, wel⸗ 54 ches, wie wir ſpeben ſagten, die Portraits der drei Frauen des Gründers ihres Geſchlechts enthielt. Die Geſtalt in der Mitte ſtellte eine ſtolze, hochge⸗ borne Frau dar, die cher dazu beſtimmt ſchien, in dem Rathe eines Monarchen den Ausſchlag zu geben, als ſich dem ſanften Dienſte der Liebe zu widmen. Der goldene Reif um ihre Stirn und ihre mit Ju⸗ welen geſchmückten Arme zeugten von ihrem Range, wie es die Tracht jener Zeit erfordete; aber wenn auch der Maler ſie in Bauerntracht dargeſtellt hätte, ſo hätte man ſie doch nie für den Abkömmling eines niedrigen Geſchlechts gehalten. Das Portrait zu ihrer Linken war das eines ſchönen Weſens, in deſ⸗ ſen Geſicht, trotz des ſtark hervortretenden Bemühens des Künſtlers, es mit einem Lächeln darzuſtellen, ſchweres Unglück, vermiſcht mit hoffnungsloſer Ent⸗ ſagung, zu leſen war. Die dritte Geſtalt war eine häßliche, alltäglich ausſehende Dame, deren Ge⸗ ſichtszüge ebenſo gefühllos als unliebenswürdig waren. „Sie werden vielleicht über meine Einbildung lächein,“ ſprach Alice,„aber es drängt ſich mir immer wieder unwillkürlich der Gedanke auf, daß meine Schweſter Aehnlichkeit mit dem ſchwermüthigen Geſichte unſerer Vorfahrin mit den ſchönen Haaren „Und ich finde,“ ſetzte Sir Allan hinzu,„in der ſchwarzgelockten königlichen Lady in der Mitte eine flüchtige Aehnlichkeit mit Ihnen ſelbſt; nur war ſie weit weniger lieblich,“ fügte er in Gedanken hinzu, weit weniger lieblich.“ * „Der Himmel bewahre!“ rief die Gräfin, die Woiſen an ſich ziehend,„der Himmel bewahre! haſt Du die Prophezeiung vergeſſen, Allan?“ „Welche Prophezeiung, Tante?“ Richts,“ erwiderte die alte Dame haſtig;„eine / alte Weibergeſchichte— nichts weiter. Später, wenn wir einmal eine müßige Stunde haben, will ich ſie euch etzählen. Hier,“ fuhr ſie fort,„iſt ein Por⸗ trait von Robert von Arran; er begleitete Maria nach Frankreich und trug bei ihrer Vermählung mit dem Dauphin ihre Schleppe. Der Arme! man ſagt, daß er nach der Ermordung ſeiner Gebieterin durch die ſtolze Eliſabeth auf den Continent ſich zurück⸗ gezogen und dort an gebrochenem Herzen geſtor⸗ ben ſei.“ „Kein Wunder,“ ſeufzte der Baronet,„wenn er liebte; denn ein Arran weiß wie man lieben muß.“ Die Schweſtern ſahen einander an und ein ſchelmiſches Lächeln ſpielte um den Mund von Beiden. „Sie lächeln, meine ſchönen Baſen,“ ſprach er, „aber Sie vergeſſen, wie es ſcheint, den Wahlſpruch unſeres Hauſes: Semper kidelis— Stets getreu.“ „Welchen Bruce*) Johann von Arran gab, als deſſen Ländereien zum viertenmal durch die Sachſen verheert worden waren,“ ergänzte die Gräfin in der Abſicht, ihrem Reffen aus der Verlegenheit zu helfen 5„Dann fürchte ich, liebe Tänte,“ bemerkte Alice, „daß unſer Vovfahre Robert ein entarteter Ritter war, denn vor etwa zwei Jahren, als ich auf Be⸗ — *) König von Schottland um das J 1300. D. B. 56 ſuch in der Picardie war, ſah ich ſein Portrait im Stiftsgebäude der Abtei von St. Requier, als deſſen Prior er im Alter von vierundachtzig Jahren ſtarb. Sie werden zugeben, daß, wenn er aus Liebe geſtorben, dieſe Krankheit lang an ihm genagt haben muß, bis ſie ihn aufzehrte.“ Lady Arran lächelte. Gleich den meiſten ihrer Landsmänninnen beſaß ſie einen beißenden Witz und es mißfiel ihr nicht, eine ähnliche Anlage bei ihrer Nichte zu finden. Es wurde nun der übrige Theil der Gallerie gemuſtert und Alice und Conſtance ihren Vorfahren gebührend vorgeſtellt. Pairs, Staatsmänner, Krie⸗ ger und Ritter mußten nebſt ſtattlichen Damen und anmuthigen Fräuleins die Muſterung paſſiren, welche insgeſammt gelebt, geliebt hatten und von der Erde verſchwunden waren, ohne von ihrem Daſein eine andere Erinnerung zurückzulaſſen, als ihre Bildniſſe an den Wandungen des alten Hauſes, die einſt wiedergehallt hatten von ihrem fröhlichen Gelächter oder ihren muntern Schritten. Jetzt waren ſie alle eine Hand voll Staub in der Familiengruft von Arran. Etwa in der Mitte der Gallerie befand ſich ein Bild der Gräfin in ihren Gewändern als Pairin, das kurz nach ihrer Vermählung mit dem verſtorbe⸗ nen Earl gemalt worden war. Wenn man es jetzt betrachtete, ſo konnte man ſich kaum denken, daß daſſelbe einmal ein getreues Portrait der alten Gebieterin des Hauſes geweſen ſein könne, deren Haar jetzt weiß wie Schnee und deren ſchlanke Geſtalt von Alter gebeugt war, während auf der Leinwand ihre 1 57 Scheitel rabenſchwarz und ihre Geſtalt ſchlank und aufrecht wie die einer aufgejagten Antilope war. Weil die alte Dame nicht glaubte, daß ihre Nichten das Bild erkennen würden, ſo war ſie begierig zu hören, was dieſe wohl darüber ſagen möchten, und ſie warf deßhalb Allan einen Blick zu, der dieſem bedeutete, daß er darüber ſchweigen möge. Die Wai⸗ ſen blickten daſſelbe eine Zeit lang ohne ein Wort zu ſprechen an. „Auch wieder eine von dem alten Geſchlecht,“ ſeufzte die Gräfin.„So leben wir und ſo verſchwin⸗ den wir. Aber vieileicht intereſſirt euch dieſes Bild nicht! Kein Wunder, denn das Original gefiel nur Wenigen während ſeiner Lebenszeit, und wird nur Wenigen gefallen, wenn es todt iſt,“ ſetzte ſie in Gedanken hinzu. „Es ſollte nur Wenigen gefallen!“ wiederholte Alice lächelnd, während Conſtance ſich näher an die Gräfin anſchmiegte.„Wie oft habe ich meinen Vater ſagen hören, daß Sie die ſchönſte Dame von St. James und Holyrood geweſen ſeien; daß die galanten Ritter von damals nur bei Ihrer Schönheit geſchworen hätten. Hft, wenn Conſtance und ich von zu nachſichtigen Freunden um unſeres Tanzens oder Singens willen geprieſen wurden, pflegte unſer theurer Vater den Kopf zu ſchütteln und lächelnd zu ſagen: das iſt Alles nichts, ihr Mädchen, im Ver⸗ gleich mit Lady Arran.“ Eine leichte Röthe färbte die ſonſt ſo bleichen Wangen der Gräfin, als ſie die Worte hörte, welche von den Lippen des Mannes kamen, den ſie ſtets geliebt hatte und welche ſeine Kinder jetzt wieder⸗ holten. So alt ſie war, ſo fühlte ihr Herz doch noch warm und die Erinnerung an die Vergangenheit war nie daraus verwiſcht worden. Sir Allan, der ſchon ſo oft von der Anhänglichkeit hatte ſprechen hören, die zwiſchen ſeiner Tante und Eduard Arran beſtanden hatte, ſchien plötzlich mit größtem Intereſſe eine Waffentüſtung zu unterſuchen, welche in einer Niſche zwiſchen den vier breiten Fenſtern ſich befand, durch welche die Gallerie erhellt wurde; ſeine Gut⸗ müthigkeit veranlaßte ihn, ſich den Anſchein zu ge⸗ ben, als bemerke er der Gräfin Verlegenheit nicht. Die beiden Schweſtern aber, die keine Ahnung von dem Eindruck hatten, den ihre Bemerkung her⸗ vorgebracht, fuhren ganz unbefangen zu plaudern ſort. „Ja,“ ſagte Conſtance, die Augen feſt auf das Bild gerichtet,„Sie müſſen ſehr ſchön geweſen ſein. Kein Wunder, daß unſer Vater den Kopf ſchüttelte, wenn Andere uns prieſen und dabei ſagte: kein Ver⸗ gleich mit Lady Arran!“ „Aber wie habt ihr mich denn erkannt?“ fragte die Gräfin, mühſam ihre Verwirrung verbergend; „ihr kleine Schmeichlerinnen werdet mich doch nicht überreden wollen, daß auf dieſem alten verwitterten Geſicht noch ein Zug bemerkbar iſt, der an mein Portrait erinnert?“ „Durch Ihr Miniaturbild, Tante,“ erwiderte Alice. „Durch welches Miniaturbild?“ fragte die alte Dame. Dem einzigen, das nach dieſem Portrait copirt wurde. Es hing ſtets in unſeres Vaters Cabinet —,—, „— 59 an der Seike unſerer theuren Mutter. Wir beſitzen beide.“ Lady Arran ſchwieg ſtill, was ſie gewöhnlich that, wenn ihre Erinnerung und ihr Gefühl wach gerufen worden waren. Hätte ihr alter Bewunderer in dem Briefe, in welchem er ſie auf ſeinem Tod⸗ bette um Schutz für ſeine verwaisten Kinder bat, nur die leiſeſte Anſpielung auf die Vergangenheit ſich erlaubt, ſo hätte ſie vermuthet, daß die Schwe⸗ ſtern angeleitet worden ſeien, eine eingelerute Rolle zu ſpielen. Einer Vorausſetzung dieſer Art wider⸗ ſtritt aber der wohlbekannte ritterliche Character von deren Vater zu ſehr, als daß ſie dieſe auch nur einen Augenblick lang hätte hegen können, und deß⸗ halb fühlte ſie, ſo alt ſie auch war, eine genug⸗ thuende Befriedigung in der Ueberzeugung, daß der Mann, dem ſie insgeheim ihr Herz geſchenkt hatte, ſtets ihre Verdienſte anerkannt habe. Wir möchten gerne wiſſen, in welchem Alter eine Frau für Liebe unempfindlich wird! Als an Ninon im vierundachtzigſten Jahve von Ludwig dem Vierzehnten dieſe Frage geſtellt wurde, erwiderte ſie: ach! Sir, dieſe Frage müſſen Sie an eine ältere Fran, als ich bin, ſtellen! Da höchſt wahrſcheinlich keine unſerer Leſerinnen ſchon das Alter der reizen⸗ den Franzöſin erveicht haben wird, obgleich ſie die⸗ ſelbe an Schönheit übertreffen mag, ſo müſſen wir unſere Neugierde bezähmen und die Beantwortung noch erwarten. Die Beſichtigung des alten Familienhauſes war jetzt zu Ende, das Mittageſſen war ſervirt und die Geſeilſchaft ſaß in dem mit Eichenholz geſchmückten 60 Speiſezimmer, welches der heutigen Veranlaſſung wegen auf's glänzendſte erleuchtet war, und dadurch den abgeſchoſſenen Sammtvorhängen von Utrecht und den ſchweren Draperien, welche vollkommen den altmodiſchen Stühlen mit hohen Lehnen und Polſtern entſprachen, einen gewiſſen Glanz verliehen. Das Silbergeſchirr von Arran, welches ebenfalls paradirte, erhöhte noch den äußern Anſtrich des Reichthums des Gemachs. „Ihr wohntet alſo,“ ſprach die alte Dame, nach⸗ dem das Tiſchtuch weggenommen worden war und ſie behaglich am Feuer mit ihrem Lieblingshunde auf einem Kiſſen zu ihren Füßen ſaß,„in der letzten Zeit mit eurem guten Vater in Verſailles?“ „Seit wir das Kloſter verließen, Tante,“ erwi⸗ derte Alice. „Was euch gewiß nicht leid that,“ bemerkte die Gräfin. „Und ſahen Sie nie den Prinzen Carl?“ fragte Sir Allan mit Intereſſe.„Man ſagt, er beſitze den ritterlichen Geiſt ſeines Geſchlechts und ſei ein würdiger Sprößling des Blutes und Namens der Stuarts.“ „Ich zweifle nicht, daß er den Muth derſelben beſitzt, aber auch ihre Fehler, wie ich fürchte.“ „Fehler!“ wiederholte der Baronet, der eine ſchmeichelhafte Lobrede auf den Prinzen zu hören gehofft hatte.„Nun,“ fuhr er ſcherzhaft, an Con⸗ ſtance ſich wendend, fort, denn die jüngere Schweſter hatte ſeine Frage beantwortet,„und welcher Art ſind denn ſeine Fehler?“ Die junge Dame erröthete tief und blickte wie 61 um Beiſtand nach Alice, die auch ſogleich die Ant⸗ wort für ſie übernahm. „Sie wünſchen ſie aufgezählt zu hören,“ ſprach dieſe;„es iſt keine kleine Aufgabe, Vetter, die Sie geſtellt haben. Die Liſte würde ſo lang wie ein ſchottiſcher Stammbaum ausfallen, aber nicht halb ſo unterhaltend ſein. Stellen Sie ſich alle Fehler vor, die man Ihrem Geſchlecht vorwirft, nehmen Sie die allergröbſten davon etwa aus und Sie haben das Verzeichniß fix und fertig.“ „Seine Tugenden aber, Baſe, ich möchte ſeine Tugenden wiſſen?“ „O dieſe ſind wie bei den meiſten Männern leicht herzuzählen,“ erwiderte Alice ſchelmiſch.„Erſtens tanzt er ſehr gut.“ „Dieß war auch eine Eigenſchaft ſeines Vaters,“ bemerkte die Gräſin.„Mit dieſem tanzte ich am Hofe von Savoyen, noch ehe der junge Chevalier geboren war.“ „Wiſſen Sie nichts Beſſeres von ihm anzu⸗ führen, als daß er zu tanzen verſteht?“ fragte Sir Allan. „Auch reitet er ſehr graciös,“ fuhr Alice fort; „ſodann iſt er ein Meiſter im Fechten—“ „Aber ſein Herz,“ unterbrach ſie der Baronet, „wie iſt ſein Herz beſchaffen?“ „Darüber kann ich nicht urtheilen,“ verſetzte Alice ernſt,„man ſagte uns, daß nur Einer im Her⸗ zen eines Prinzen zu leſen vermag.“ „Und Prinz Carl iſt, wie ich annehmen muß, ſo unglücklich, kein Liebling von Ihnen zu ſein,“ 62 bemertte Allan.„Armer Prinz, wenn ſelbſt das Blut von Arran kalt für Deine Sache wird!“ Sie thun mir Unrecht,“ rief Alice, während ihr Auge in dem eigenthümlichen Feuer glänzte, das Aufregung oder Verdruß ihm zu verleihen pflegte. „Ich werde nie das Blut der Stuarts oder deren Sache verlaſſen; meine Vorväter fochten dafür, wie ich es auch thun würde, wenn ich ein Mann wäre. Ich gehöre nicht unter diejenigen, die den Weg ver⸗ laſſen, um ſich ſtets dahin zu wenden, wo die Sonne ſcheint.“ Sir Allan blickte das ſchöne Mädchen voll Be⸗ wunderung an. Gefühle dieſer Art, ſo edel empfun⸗ den und ſo frei ausgeſprochen, ſtimmten vollkommen mit den ſeinigen überein. Ohne die Sache zu miß⸗ billigen, erſchrack aber Lady Arran über den Eindruck, den ſie von den Worten des holden Weſens auf das enthuſiaſtiſche Temperament ihres Reffen befürchtete, und ſie nahm ſich vor, ihrer Nichte unter vier Augen deßhalb einen Wink zukommen zu laſſen, „Und was hat denn der junge Chevalier gethan, daß er Dein Wohlwollen verloren hat?“ fragte ſie⸗ „Wen meinen Sie?“ „Nun, den Prinzen— den Prinzen Carl,“ ſetzte die alte Dame lächelnd hinzu;„wir können den armen Menſchen wenigſtens hier ſo benennen.“ „Der Prinz! nichts— wenigſtens nichts, worüber mir ein Recht zuſteht, ihm einen Vorwurf zu machen.“ „Wenn meiner Schweſter an dem Prinzen etwas mißſiel,“ ſagte Conſtance eifrig,„ſo hat ſie dazu ihre Gründe.“ —— 63 „Wie ſo?“ fragte die alte Dame nengierig. Das ſchüchterne Mädchen erröthete tief; nachdem ſie aber einmal die Bemerkung gemacht hatte, ſah ſie ſich auch genöthigt, ſich weiter auszuſprechen. „Alice begegnete Sr. Hoheit im Park von Verſailles— und— er nahm ſich heraus ſie zu grüßen.“ „Nahm ſich heraus!“ wiederholten Sir Allan und die Gräfin. „Er nahm es ſich heraus, liebe Tante, denn er hatte eine Perſon— eine Dame an ſeinem Arm, deren Einfluß über ſeine Allerchriſtlichſte Majeſtät Ludwig den Fünfzehnten nicht nur eine Schande für ihr Geſchlecht, ſondern auch ein Unglück für Frankreich iſt. Meine Schweſter erwiderte deßhalb ſeinen Gruß nicht.“. „Und daran that ſie vollkommen recht!“ rief Lady Arran aus;„hätte er mich mit einer Perſon wie die Marquiſin von Pompadour am Arme ge⸗ grüßt, ſo hätte ich dem Stutzer eine Lection geleſen, die er ſo bald nicht wieder vergeſſen hätre.“ Des Baronets Bewunderung fier das edle Mäd⸗ chen wurde durch dieſen Beweis ihrer angeborenen Delicateſſe nur noch vermehrt, welche ſelbſt vor der leiſeſten Berührung mit dem Laſter zurückbebte. Es erfüllte ihn mit Stolz, daß ſeine ſchöne Landsmän⸗ nin ſelbſt in Armuth und Verbannung einen Beweis ihrer Unabhängigkeit an den Tag gelegt, hatte, welche nachzuahmen ſogar die edelſten Damen in Frankreich nicht den Muth hatten: denn man be⸗ mühte ſich mehr um das Lächeln der hochmüthigen 64 Geliebten Ludwigs, als um die Gunſt der tugend⸗ haften Königin. Ehe Allan wegging, erhielt er noch mehrere Winke von ſeiner Tante. Nie in ſeinem Leben war er ſo bezaubert geweſen. Er hatte ſchon manche Schönheit auf ſeinem Lebenswege getroffen, ohne daß ſein Herz davon berührt worden wäre, das er aber dießmal längſt verloren hatte, noch ehe er gewahr wurde, daß es in Gefahr ſich befinde. „Wie viel Schönheit, Sanftmuth und Geiſt!“ murmelte er vor ſich hin, als er von Arran Houſe ſeiner einſamen Wohnung in der Nähe von Heriots Hoſpital zuwanderte.„Ihr Herz iſt ein zu reicher Schatz, als daß es bis jetzt ungeſucht geblieben ſein ſollte.— Iſt es wohl auch ſchon gewonnen wor⸗ den?“ Er erſtaunte über ſich ſelbſt, als er fand, wie ſehr ihn dieſe Frage intereſſirte. Es vergingen mehrere Wochen, während welchen er jede Stunde, die er ſeinen politiſchen Verpflich⸗ tungen abmüßigen konnte— die täglich ernſterer Art wurden— in Geſellſchaft ſeiner reizenden Ver⸗ wandten zubrachte, deren Schuͤchternheit immer mehr abnahm, bis jene halb freundſchaftliche, halb liebe⸗ volle Vertraulichkeit zwiſchen ihnen und ihm entſtand, zu welcher die nahe Verwondtſchaft berechtigte. Con⸗ ſtance fing an ihn als einen Bruder zu betrachten; und Alice— es war noch nicht ganz entſchieden als was Alice ihn betrachtete Die Waiſen waren von der Gräfin den zahl⸗ reichen Baſen und Verwandten bis hinab auf das ſechzehnte Glied, ſowie dem altmodiſchen Kreis des Adels vorgeſtellt worden, welcher noch immer wenig⸗ ſtens einen Theil des Jahres hindurch in der Haupt⸗ ſtadt Schottlands reſidirte. Von Lady Barbara Grahame, deren Töchter, und von allen jenen Damen, die Mädchen unterzu⸗ bringen hatten, wurden die jungen Weſen mit ſchee⸗ len Augen angeſehen. Ihre Kleidung und ihr Be⸗ nehmen verfiel einer ſtrengen Kritik. Einige hielten Alice für zu frei und Conſtance für zu ſchüchtern. Keine der Damen wollte zugeben, daß ſie außerordent⸗ lich ſchön ſeien. Die großmüthigſten darunter räum⸗ ten höchſtens ein, daß ſie hübſch ſeien, und ſelbſt dieſe Zulaſſung war noch mit einer ſpöttiſchen Rand⸗ bemerkung über ihr ausländiſches Benehmen und ihre affectirte engliſche Ausſprache begleitet. Wenn aber der weibliche Theil zu ſtreng war, ſo machte die Bewunderung der Männer deren Un⸗ gerechtigkeit mehr als gut, namentlich des jüngern Theils derſelben, die bei ihrer Schönheit ſchwuren, auf ihre Augen tranken und tauſend jener namen⸗ loſen Thorheiten begingen, wie ſie der Jugend eigen⸗ thümlich ſind. Selbſt der kalte, ſelbſtſüchtige, berech⸗ nende Alick Campbell entging nicht dem Einfluſſe des allgemeinen Zaubers. Offenbar hatten Alice's Reize Eindruck auf ihn gemacht und ſein Haß gegen Sir Allan fand nur neue Nahrung, wenn er fand, daß die Aufmerkſamkeiten des Letzteren mit anmuthi⸗ gerem Lächeln oder dem Ausdrucke innigeren Vergnü⸗ gens aufgenommen wurden als die ſeinigen. Der junge Prätendent 1. 8 66 Viertes Kapitel. Am Morgen nach dem Ball, welchen die könig⸗ liche Armbruſtſchützengarde von Schottland den Ge⸗ neralen und Officieren der Garniſon gegeben hatte, und auf welchem die Schweſtern manchem wackern jungen Manne durch den Eindruck, den ſie auf ſein Herz gemacht, den Kopf verdreht hatten, ſaßen die⸗ ſelben in dem freien Raume, halb Garten, halb Hof, hinter Arran Houſe. Ein von kleinem Gebüſch umgebener Wallnuß⸗ baum, der faſt in der Mitte des Platzes ſtand, be⸗ ſchattete den einfachen Sitz, auf welchem Conſtance in halbliegender Stellung ſich befand, von ihrer liebe⸗ vollen Schweſter ſorgfältig in einen altmodiſchen wattirten Schlafrock ihrer Tante gehüllt, denn das gute Mädchen war während des Tanzens plötzlich von einer Unpäßlichkeit befallen und dadurch ge⸗ nöthigt worden, nach Hauſe ſich zu begeben. Noch einer ſchlafloſen Nacht hatte Conſtance, ohne auf die Bitten Alice's und die Vorſtellungen der Kammerjungfer der Gräfin, der alten Meg, zu hören, welche für alle Fälle, wo es ſich um Erkältungen, Fieber und Verrenkungen handelte, für eine Autori⸗ tät galt, darauf beſtanden, aufzuſtehen, und mit einer Hartnäckigkeit, die man ſonſt nicht an ihr kannte, es durchgeſetzt, den Morgen im Garten zuzu⸗ gringen. Alice bemerkte an ihrer Schweſter Beneh⸗ ſmen, daß ſie ihr etwas mitzutheilen habe. Seit ihrer rühſten Kindheit hatte das vollſte Vertrauen zwiſchen 67 5 Veiden geherrſcht und keine hatte je ein Geheimniß vor der Andern gehabt. „Geht es Dir jetzt beſſer, Conſtance?“ fragte die aufmerkſame Pflegerin, indem ſie der Schweſter ſorg⸗ fältig den Schlafrock über die Schultern zog, weil die Morgenluft ſehr friſch war. „Es kann mir nicht beſſer gehen, Alice, weil— ich gar nie unpäßlich war,“ erwiderte die Schweſter mit ſchwachem Lächeln. „Wie, Du warſt nicht unpäßlich?“ „Nein, ſondern bloß erſchreckt.“ „Erſchreckt!“ erwiderte die Schweſter,„und doch machteſt Du Dir nichts daraus, Lady Arran und mich ſo zu ängſtigen?— O, Conſtance, Conſtance!“ Der vorwurfsvolle Ton in welchem dieſe Worte geſprochen wurden, ging der kleinen Heuchlerin zu Herzen, obgleich dieſe im Geringſten nicht zweifelte, daß Alice an ihrer Stelle eben ſo gehandelt haben würde. „Ol richte mich nicht zu ſtreng,“ rief ſie,„es ge⸗ ſchah bloß, um ſein Leben zu retten.“ „Weſſen Leben?“ fragte Alice, mehr und mehr erſtaunt über ihrer Schweſter halbe Worte und Ver⸗ wirrung. „Ulrick Crawford's,“ erwiderte das Mädchen er⸗ vöthend. „War denn Ulrick Crawford geſtern Abend auf dem Ball?“ rief Alice aus.„O, jetzt iſt mir Alles klar. Armer, guter Ulrick! und arme geliebte Con⸗ ſtance!“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie den Arm um dieſe ſchlang und ſie an ſich zog.„Kein Wunder, daß Du über ſeine Unbeſonnenheit erſchrackſt. Ein Blut⸗ preis laſtet auf ihm!“ fuhr ſie ſchaudernd fort. „Aber was führt denn den armen Menſchen, auf deſſen Haupt ein Preis geſetzt iſt, nach Schott⸗ land?“ „Seine Pflicht,“ erwiderte ihre Schweſter.„Du weißt ja, daß er der Milchbruder des Prinzen Carl iſt. Ich erkannte ihn trotz ſeiner Kleidung als eng⸗ liſcher Officier. Anfangs war ich zu beſtürzt, als daß ich hätte ſprechen können; als ich aber ſo weit meinen Muth geſammelt hatte, um es zu kön⸗ nen, ſah er mich mit einem ſo ausdrucksvollen Blicke an, daß ich wohl merkte, daß Gefahr vorhanden ſei und ich— ich—“ „Wurde ohnmächtig,“ ſagte Alice, ihren Satz ergänzend.„Conſtance,“ fuhr ſie mit dem ihr eigen⸗ thümlichen wonnigen Lächeln fort,„Du haſt ein ſehr weiches Herz.“ Das Geſicht des ſchönen Mädchens wurde über und über roth; ſie fühlte ſich beſchämt und erſchreckt, wie ein Vogel, der in ſeinem Reſte aufgeſchreckt wurde. Ihr Antlitz an ihrer Schweſter Schulter verbergend, vermochte ſie nichts weiter hervorzubrin⸗ gen als:„O, Alice, er iſt in Gefahr!“ „Und Du liebſt ihn?“ flüſterte dieſe. „Du weißt, wie freundlich er ſtets in Frankreich geweſen iſt, wie ſchöne Blumen er uns zu bringen pflegte, kurz, es wäre ſehr undankbar, wenn ich nicht einige— kleine— ſchweſterliche Zuneigung zu ihm hätte.“ „Schweſterlich!“ wiederholte Alice in demſelben halblauten Ton.„Schweſtern, Conſtance, erröthen 69 nicht ſo tief, wenn ſie ſich das Geſtändniß von irgend einer kleinen Zuneigung ablegen.“ Es lag nichts Unfreundliches in dem ſpöttiſchen Ton, in welchem die ältere Schweſter die Worte der jüngeren wiederholte, ſondern es war vielmehr nur ein gewiſſer liebevoller Muthwille; denn längſt ſchon hatte ſie den Zuſtand von Conſtance's Herzen errathen. „Wahrhaftig!“ ſchmollte das ſchöne Mädchen, „wenn ſchweſterliche Zuneigung die Wange eines Mädchens nicht zum Erröthen bringt, wie kommt es denn, Alice, daß Du ſo roth wurdeſt, als Dir geſtern Abend Sir Allan Glencairn die Moſchusroſe über⸗ reichte? Ein Dichter hätte geſchworen, Du hätteſt deren Farbe, nicht deren Hauch eingeathmet— denn Deine Wange bedeckte ein dunklerer Carmin als der der Blume war.“ Der Angriff war zu direct, die Anklage zu wahr, ſo daß die Reihe des Erröthens jetzt an die ältere Schweſter kam. Einige Secunden lang blickten ſich beide ſtillſchweigend an und umarmten ſich dann. Alice ergriff die Hand der angeblich Kranken, ſah ihr halb beſchämt, halb lächelnd in die Augen und eines jener zarten, myſteriöſen gegen⸗ ſeitigen Eingeſtändniſſe wurde ausgetauſcht, welche zwiſchen jungen Damen nicht lange Geheimniß blei⸗ ben, wenn ſie einmal gegenſeitig ihren Kummer ver⸗ rathen haben. „Du liebſt alſo unſern hochländiſchen Vetter?“ ſagte Conſtance. „So weit iſt es noch nicht,“ erwiderte Alice. „Nein, Conſtance, nein; für jetzt halte ich es bloß 70 für möglich, daß ich ihn noch lieben könnte. Soll ich denn in meiner Offenherzigkeit ſo weit gehen und eingeſtehen, daß ich einen Mann liebe, der viel⸗ leicht,“ ſetzte ſie mit einem Seufzer hinzu,„gar nicht an mich denkt?“ „Nicht an Dich denkt! ich bin überzeugt, daß er Dich liebt.“ „Ueberzeugt!“ erwiderte ihre Schweſter raſch. „Weil er mir Blumen bringt? die bringt er auch Dir und der guten Tante Arran.“ „Das verlangt die Schicklichkeit. Sir Allan, ob⸗ gleich ein Hochländer, hat eine feine Erziehung ge⸗ noſſen; er iſt kein Geck, ſondern ein Gentleman.“ „Ganz richtig dieß beweist aber, daß die Blu⸗ men nichts zu bedeuten haben.“ „Aber haſt Du je bemerkt, daß er befangen iſt, wenn er ſeine Blumen der guten Tante Arran oder meiner Wenigkeit anbietet?“ „Nein,“ ſeufzte Alice. „Bei Dir iſt es aber der Fall.“ „Ich habe es noch nicht bemerkt, Conſtance.“ „Das iſt gerade ein Beweis für meine Behaup⸗ tüng,“ bemerkte die jüngere Schweſter ſchelmiſch. „Wie ſo?“* „Weil auch Du zu erröthen pflegſt. Er ſollte Dich nicht lieben!“ fuhr Conſtance fort;„dann müßte er taub und blind ſein. Dich nicht lieben! o! hät⸗ teſt Du ſeinen erfreuten, b glückten Blick geſtern Kacht bemerkt, als er ſtolz beim Reel*) ſeinen Arm *) Schottiſcher Tanz. S 7 um Dich ſchlang; das Blitzen ſeines Auges, als er die Roſe, ſein Geſchenk, an Deinem Buſen bemerkte, und wie ſeine Freude geſtört wurde, als der widerwärtige Alick Campbell Dich zum Tanzen auf⸗ forderte, dann würdeſt Du nicht mehr an ſeiner Liebe zweifeln.“ „Ich zweifle nicht daran,“ rief die Jungfrau, „nicht um meiner unbedeutenden Verdienſte, ſondern um meines Vertrauens in Allan willen. Ich bin nicht ganz blind und er hat mir ſolche Aufmerk⸗ ſamkeiten zu Theil werden laſſen, welche Männer von Ehre nur der Frau erweiſen, die ſie beab⸗ ſichtigen—“ In der Begeiſterung des Augenblicks hatte ſie ihren Gedanken mehr Ausdruck gegeben als ſie ſonſt, ſelbſt gegen ihre Schweſter, zu thun pflegte. Sie hielt daher inne. Das einzige Wort, womit ſie ihren Satz hätte beendigen können, war zu kühn für eine junge Dame ihrer Art, um es auszuſprechen, weß⸗ halb Conſtance es an ihrer Statt ergänzte, indem ſie ihr zuflüſterte:„zur Gattin zu nehmen.“ Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als die Schweſtern durch eine Stimme erſchreckt wurden, die ihre Namen nannte. Beide ſprangen auf und ſahen ſich um, vermochten aber Niemand zu ent⸗ decken. „Darf ich herabſteigen?“ fragte dieſelbe Stimme. Sie ſahen ſich um und bemerkten einen jungen Mann, deſſen Geſicht Beide ſogleich erkannten und der von der Mauer zu ihnen herabblickte. Es war utrick Erawford, den ſie ſeit ihrer Kindheit kannten und deſſen plötzliches Erſcheinen auf dem Ball die ſchöne Conſtance ſo ſehr erſchreckt hatte. Die Mauer war glücklicherweiſe nicht hoch und trennte Hof und Garten von Arran Houſe von einem Stück Land, das zu Holyrood gehörte, ein zu der Zeit, in welcher wir ſchreiben, höchſt ſpärlich beſuchter Ort. „Darf ich herabſteigen?“ wiederholte Crawford. „Warum kommen Sie nicht auf dem geraden Weg durch das Haus herein?“ fragte die ältere Schweſter, deren offenem Weſen ſelbſt der Schein eines Geheimniſſes zuwider war. „Ich wage es nicht,“ erwiderte der junge Mann; „meine Anweſenheit in Edinburg iſt entdeckt und die Bluthunde des Duncan Forbes ſind mir auf der Spur.“ Bei dem gefürchteten Namen Duncan Forbes, dem wohlbekannten Präſidenten des Gerichtshofs und ergebenen Anhängers des Hauſes Hannover, erbleichten Conſtance's Wangen plötzlich; das Blut derſelben ſtrömte wahrſcheinlich nach ihrem kleinen Herzen zurück. „Ja, ja!“ rief ſie;„ſteigen Sie ſchnell herab.“ Der junge Edelmann wartete keine zweite Auf⸗ forderung ab, ſondern ſtieg von ſeinem luftigen Sitz mit einer Behendigkeit herab, welche jungen Damen, die beſſer mit der Welt bekannt waren als die Wai⸗ ſen, leicht eine ſonderbare Meinung von ſeiner Mo⸗ ralität hätte beibringen können; obgleich Ulrick Crawford dadurch Unrecht geſchehen wäre, was ſich am Beſten durch ſein verlegenes Erröthen erwies, als er den Schweſtern gegenüber ſtand. 3 „Haben Sie ſich weh gethan?“ fragte Con⸗ ſtance. 73 „Sie ſind in Gefahr,“ ſprach Alice, noch ehe er zu antworten vermocht hatte. „Ach! Ulrick! wie konnten Sie ſo unbeſonnen ſein, nach Schottland zu kommen? Ihres Vaters thätige Theilnahme an der Sache der Stuarts, ſeine Betheiligung an dem letzten unglücklichen Kriege haben ſeine Feinde auf's Höchſte gegen ihn aufgebracht.“ „Ich war außer Stande länger in Frank⸗ reich zu bleiben,“ verſetzte der junge Mann, welchen die Natur mit einer jener melodiſchen, weichen Stim⸗ men begabt hatte, die Damen ſo ſehr lieben. „Mein Herz verzehrte ſich. Ich ſehnte mich nach dem Anblicke der Berge Schottlands, deſſen Luft ich wieder einzuathmen wünſchte. Wenn ſelbſt ein Dutzend Spürhunde mir den Weg verſperrt hätten, ſo hätte ich dieſen doch Trotz geboten.“ „Ich bemerkte nie dieſe inbrünſtige Sehnſucht nach Schottland bei Ihnen,“ bemerkte Alice mit ruhigem Lächeln.„Sie ſchienen in Frankreich ſehr glücklich zu ſein.“ „Ja, das heißt— ich war glücklich,“ ſtammelte der junge Mann;„aber Frankreich hat ſich jetzt ver⸗ ändert.“ Ein Seufzer begleitete dieſe Worte und Ulricks Augen waren auf die erröthende Conſtance gerichtet, die ſehr gut verſtand, weßhalb Frankreich ihm nicht mehr gefiel. Nach der ſo eben ſtattgefundenen ver⸗ trauten Mittheilung begriff auch deren Schweſter ſo⸗ gleich den wahren Grund. „Ueberdieß,“ fuhr Ulrick Crawford fort, der, ob⸗ gleich er den größten Theil ſeines jungen Lebens in 74 Frankreich zugebracht hatte, von Herz und Blut dennoch ein treuer Schottländer geblieben war,„iſt die Zeit gekommen, in welcher Schottland das Schwert ziehen und den Abkömmling ſeiner angeſtammten Könige proclamiren muß. Frankreich iſt bereit uns ſeinen Beiſtand zu leihen, Spanien iſt unſerer Sache günſtig und die Clane erwarten mit Ungeduld den Aufſtand.“ „Träume,“ ſeufzte Alice,„nichts weiter als Träume. Wäre Schottland ſo begierig das hannö⸗ veriſche Joch abzuſchütteln, wie Sie meinen, ſo wäre Ulrick Crawford kein Flüchtling.“ „Ein Traum,“ wiederholte der junge Mann,„und will Alice Arran, die Tochter des Mannes, der für Carls Sache focht und blutete, mich veranlaſſen die⸗ ſelbe aufzugeben?“ 5 „Nein!“ ſagte das junge Mädchen ſtolz.„Ich weiß, daß es Träume gibt, für welche Männer ſelbſt ſterben müſſen, wenn es Träume der Ehre ſind. Aber Ulrick,“ ſetzte ſie hinzu und Thränen ſchweſter⸗ licher Liebe traten ihr dabei in die Augen,„vergeſſen Sie nicht, daß nicht bloß Ihr Leben, ſondern auch 42 Glück einer andern Perſon dabei auf dem Spiele ſteht.“ Zugleich blickte ſie auf Conſtance, die, ihren Kopf auf ihre Schulter gelehnt, neben ihr ſtand. „Sie wiſſen 6b „Ich weiß Alles,“ fuhr ſie fort,„Conſtance hat keine Geheimniſſe vor ihrer Schweſter.“ Ulrick trat auf die Schweſtern zu und küßte deren Hände.„Leben Sie wohl!“ rief er aus;„jetzt kann ich der Gefahr mit kalter Beſinnung und feſtem Her⸗ 1. 7 OX zen entgegengehen. Theure Conſtance, ich habe Sie wieder geſehen, die Muſik Ihrer Stimme gehört— des Herzens treue Melodie, jetzt kann ich meinen Verfolgern muthvoll trotzen. Die Jagd iſt offen, aber das Wild iſt noch nicht in ihren Schlingen.“ „Ach, Alice!“ ſtammelte Conſtance, indem ſie⸗ todtenbleich wurde,„können wir ihn nicht vor ſeinen Verfolgern verbergen?“ Alice überlegte, nicht um ihrer Perſon willen, denn ſie ſelbſt hatte keine Furcht, aber in ihrem ge⸗ raden Sinn ſtellte ſie ſich die Frage, wie weit ſie berechtigt ſei ihre betagte Verwandtin, die ſie ſo edelmüthig beſchützte, in die Gefahr zu verwickeln, welcher ihre Schweſter und ſie Trotz zu bieten keinen Anſtand nahm. Der junge Mann bemerkte ihr Zögern und würdigte vollkommen den Grund des⸗ ſelben. „Nicht um die ganze Welt,“ ſprach er,„möchte ich ſelbſt nur auf eine Stunde dem Hauſe der Lady Arran Gefahr bringen. Ueberdieß iſt meine Miſſion nur zur Hälfte ausgeführt; ich habe Briefe an Glen⸗ garry, Douglas, Lord Nairn, Gordon von Glen⸗ bucket und andere Häuptlinge in den Hochlanden ab⸗ zugeben.“ „Warum verlaſſen Sie aber dann nicht die Stadt ſogleich?“ fragten die Schweſtern. „Weil ich für heute Nacht eine Zuſammenkunft habe, bei der ich nicht fehlen darf, meine Ehre ſteht dabei auf dem Spiele. Wo ich aber bis zu die⸗ Stunde mich verborgen halten ſoll, weiß ich nicht.“ Rach einem kurzen Ueberlegen, worauf die Wai⸗ ſen eine kurze Unterredung in flüſterndem Tone führ⸗ ten, in welcher ſie einen Entſchluß gefaßt zu haben ſchienen, fragte Alice: „Kennen Sie die Localitäten von Edinburg?“ „Ganz genau.“ „Sie wiſſen alſo wo das Hoſpital des alten Gold⸗ ſchmids Herriot liegt?“ „So genau, als wenn es das Schloß von Ver⸗ ſailles wäre.“ „So machen Sie ſich ſogleich dahin auf den Weg. Bei einem Tuchhändler Names Mucklepenny, ganz nahe beim Hoſpital, wohnt Sir Allan Glencairn. Verlangen Sie dieſen zu ſprechen; ſagen Sie ihm, daß wir Sie ſchicken und er wird Ihnen nicht nur Obdach, ſondern auch Gelegenheit geben, die Stadt verlaſſen zu können.“ „Dank, tauſend Dank!“ „Aber kein Wort,“ ſprach die ältere Schweſter, „von Ihren Planen und Hoffnungen gegen Sir Allan. Verſprechen Sie mir dieß, Ulrick, damit, wenn Ihr Unternehmen fehlſchlägt, ich mir keinen Vorwurf darüber zu machen habe, die Urſache ſeines Verder⸗ bens zu ſein.“ „Ich verſpreche es Ihnen. Aber— doch gleich viel.“ Crawford hielt inne, obgleich zu bemerken war, daß ihm noch etwas auf dem Herzen lag. „Aber was?“ fragte Conſtance. „Wird aber Sir Allan, ohne irgend ein Zeichen, einem Fremden zu lieb es über ſich nehmen, ſich dem Zorn der Regierung des hannöveriſchen Ty⸗ rannen auszuſetzen?“ * 77 „Gib ihm Deine Roſe,“ flüſterte Alice ihrer Schweſter zu. „Leider habe ich ſie nicht bei mir,“ erwiderte dieſe;„ich ließ ſie auf meiner Toilette liegen und Deine—“ „Nein, nein, Alice, ich kann Dich nicht darum bitten, ihm die Deinige zu geben.“ „Dann muß ich ſie ihm geben, ohne darum ge⸗ beten worden zu ſein,“ erwiderte ihre Schweſter lächelnd.„Arme Blume!“ fuhr ſie fort, als ſie ſie von ihrer Bruſt nahm,„ich hätte ſie gern behalten, bis ſie verwelkt ge veſen wäre, und ſelbſt dann hätte ich ſie noch aufbewahrt.“ Conſtance vergalt dieſes Opfer mit einem dank⸗ baren Kuſſe. „Nehmen Sie die Roſe,“ ſprach die ältere Schwe⸗ ſter,„ſtellen Sie ſich Sir Allan mit dieſer Blume vor und ich ſtehe mit meinem Leben für den Erfolg. Er wird Ihnen Obdach geben, ſelbſt wenn Sie der Feind ſeines Hauſes wären oder das Blut eines ſeiner Verwandten an Ihrer Hand klebte.“ „Es wäre Hochverrath,“ erwiderte der junge Mann, ſich galant verbeugend, indem zugleich ein ſchelmiſches Lächeln um ſeine Lippen ſpielte, welches das Blut auf die Wangen der Geberin jagte,„nein, mehr als Hochverrath gegen die Macht der Schön⸗ heit, wenn man Sir Allan für gefühllos gegen ein ſolches Pfand halten würde. Und nun, leben Sie wohl!“ ſetzte er hinzu,„theuerſte, edelmüthigſte Alice, leben Sie wohl! Conſtance, vergeſſen Sie mich nicht— vergeſſen Sie nicht den Knaben, der Ihnen Blumen brachte— der Sie ſchon liebte, als Sie noch ein Kind waren— der Sie zu verehren anfing von dem Augenblick an, als er in das Jünglings⸗ alter trat und deſſen Herz ſo kalt werden müßte wie der Schnee auf Ben Lomond's Kuppe, ehe es für Sie zu ſchlagen aufhörte.“ „Gott ſei mit Ihnen,“ ſtammelte das ſchöne Mädchen.„Ach, ſeien Sie vorſichtig um Ihrer und 6 meiner willen.“ „Um Ihrer willen! dieſes Wort wird mir Herz und Hand mitten unter tauſend Gefahren ſtärken. Um Ihrer willen, Canſtance! o Dank, theures Mäd⸗ chen, tauſend Dank!“ Zugleich ergriff er haſtig Alice's Hand, preßte ſie an ſeine Lippen, worauf er, gegen deren Schwe⸗ ſter ſich wendend, dieſe einen Moment mit einem Blick leidenſchaftlicher Bewunderung, Liebe und Schmerz an⸗ blickte. Kein Wort wurde geſprochen, aber die ſittſamen Mädchen verſtanden vollkommen die ſtille Aufforde⸗ rung und nickten ihm ſchüchtern Bejahung zu, Es iſt merkwürdig, wie viele Beredtſamkeit zuweilen in einem Blicke liegt. „Gott ſchütze Sie!“ wiederholte er, indem er ſeine Lippen zum erſten Mal ſeit ſeiner Kindheit äuf Conſtance's Wange drückte:„Gott ſegne und be⸗ ſchütze Sie!“ Indem er das halbohnmächtige Mädchen den Armen ihrer Schweſter überließ, ſetzte er mit kühnem Schwung über die Mauer weg und entſchwand da⸗ durch dem Blicke. Zu gleicher Zeit wurde aber auch eines der länglichten Fenſter in Lady Arran's Bou⸗ doir geöffnet und das Gorgonenhaupt der Kammer⸗ jungfer Meg erſchien unter demſelben. „So,“ murmelte dieſe vor ſich hin,„wenn ich nicht ſo blind wie eine Fledermaus bin, ſo iſt dieß Sir Allan, der ſich über die Mauer wegſchlich. Sau⸗ bere Geſchichte, das; aber wahrſcheinlich muß man dieſen franzöſiſchen Damen auf ganz andere Weiſe den Hof machen, als in der alten guten Weiſe. Ich bin doch neugierig, was die Gräfin zu dieſer eigen⸗ thümlichen Verfahrungsweiſe ſagen wird.“ Bei dem Geräuſch, welches das Heffnen des Fenſters verurſachte, hatten die Schweſtern ſich um⸗ geblickt und ſahen das ſaure Geſicht der alten Meg, deren Augen mit boshafter Neugierde in dem Gar⸗ ten umherſpähten. „Er iſt geſehen worden,“ flüſterte Conſtance. „Was liegt daran? Muth, liebes Kind, Muth!“ erwiderte die ältere Schweſter.„Wenn das Herz eine Handlung billigt, ſo braucht man die Nachreden böſer Zungen nicht zu fürchten.“ „Schön, ſchön, ihr jungen Damen, ſchön,“ ſagte die alte Perſon mit ſpöttiſcher Miene,„wer hätte wohl gedacht, daß zwei ſolche Geſichter bei dem Er⸗ ſcheinen Sir Allan's auf der Mauer ſo erſchreckt werden könnten, wie ein kleiner Junge, den man über dem Obſtdiebſtahl erwiſcht?“ Die Schweſtern drückten ſich ſtillſchweigend die Hände. Meg hatte offenbar den Flüchtling für Sir Allan gehalten, und die Gefahr der Entdeckung war wenigſtens für den Augenblick abgewendet. Sie gin⸗ gen lächelnd darüber weg, als wenn die Sache nichts weiter als eine jener romantiſchen Galanterien von Seiten des Baronets geweſen wäre, wie ſie ſo häufig zu jener Zeit vorkamen. 8⁰ Alice und Conſtance waren feſt entſchloſſen, noch im Laufe des Morgens Lady Arran von dem Vor⸗ fall in Kenntniß zu ſetzen, aber es wurde ſehr ſpät, bis ihre Tante, die ſich vom Ball von geſtern Abend ſehr ermüdet fühlte, ihr Zimmer verließ. Als ſie in ihrem Boudoir erſchien, lag ein ſtrenger Ausdruck auf ihrem Geſicht, der die Schweſtern erſchreckte, und ehe ſie ſich auszuſprechen Gelegenheit fanden, wurde Sir Allan gemeldet. Als der Baronet in das Zimmer trat, fand er die Gräfin in ihrem hohen Lehnſtuhle ſitzend, über welchen Alice ſich herablehnte, um womöglich die alte Dame in gute Laune zu verſetzen. Die arme Conſtance ſaß mit ſchwerem Herzen auf einer Otto⸗ mane zu ihren Füßen, bemüht, ihre Aufregung zu verbergen, indem ſie ihrer Tante Lieblingshund, einen fetten Mops, liebkoste, der jedesmal knurrte, wenn Jemand männlichen Geſchlechts in's Zim⸗ mer trat. „Guten Morgen, liebe Tante,“ ſprach der Neffe, indem er dem Stuhl ſich näherte, um die Hand der Gräfin wie gewöhnlich zu küſſen, die ihm aber zu ſeinem großen Erſtaunen dießmal nicht entgegen⸗ geſtreckt wurde. „Guten Morgen, Sir Allan,“ erwiderte die alte Dame kalt. „Was hat es gegeben, fühlen Sie ſich unwohl, theuerſte Lady Arran?“ „Ich fühle mich nicht ſchlecht, aber auch nicht gut,“ erwiderte dieſe;„das heißt, ich bin nichts weniger als erfreut, oder beſſer geſagt, ich bin ſehr ungehalten.“ 81 „Ueber wen, Tonte?“ fragte Sir Allan un⸗ befangen. „Ueber wen!“ rief die alte Dame aus.„Ueber wen ſollte ich es anders ſein, als über Sie, Sir Allan?“ „Ueber mich?“ „Ja, über Sie. Sind meine Thore je Ihnen verſchloſſen geweſen, frage ich, daß Sie nöthig ge⸗ habt hätten, wie ein Dieb in der Nacht über die Mauern zu ſchleichen? Ich bin ſehr erzürnt. Was wird die Welt dazu ſagen— was wird ſie davon denken? Von der Angſt, die Sie den armen Mäd⸗ chen eingejagt haben, will ich gar nicht ſprechen.“ Man denke ſich das Erſtaunen des Baronets über dieſe unerwartete Anklage. Seiner Unſchuld ſich bewußt, war er im Begriff mit Unwillen die⸗ ſelbe abzuweiſen, als ein flehender Blick Alice's, die mit einem Finger auf dem Mund hinter dem Stuhl ihrer Tante ſtand, die Worte, die ihm ſchon auf der Zunge lagen, abſchnitt. Vielleicht raubte ihm auch ein jäher Schmerz die Sprache, denn offenbar war Jemand über die Mauern von Arran Houſe geſtiegen, und ſein Herz blutete bei dem Gedanken, daß Alice dabei betheiligt ſei, weil ſie es war, die um ſein Stillſchweigen flehte. „Es freut mich, daß Du Dich wenigſtens über dieſe knabenhafte Thorheit ſchämſt,“ fuhr die Gräfin in milderem Tone fort, als ſie Allan's verlegene Miene bemerkte, die ſie irrigerweiſe für Reue hielt.„Wie kann es Dir aber nur auch in Deinem Alter ein⸗ fallen, über eine Mauer zu ſteigen, um mit Mäd⸗ Der junge Prätendent. I. 6 82 chen zu ſprechen und deren Hand zu küſſen, da Du ja ungehindert durch die Hausthüre hereinkommen kannſt!“ Ihre Hand ſoll ich geküßt haben! dachte der Baronet, deſſen Herz von Eiferſucht entflammte. Die arme Alice hatte Mitleid mit Allan's Be⸗ trübniß; aber ſeine Verlegenheit war ſo poſſirlich, ſeine erſtaunte Miene, ſein Zorn und die Myſtifica⸗ tion ſo drollig, daß ſie trotz ihrer Selbſtbeherrſchung ein Lächeln nicht zu unterdrücken vermochte. Dieſes Lächeln machte den jungen Mann faſt wahnſinnig. „Ich that Unrecht, Tante,“ ſprach Allan mit ſchlecht verhehltem Aerger,„ſehr Unrecht; aber da die jungen Damen von meiner Ueberraſchung nichts wußten, ſo kann man ſie wegen meiner Unzartheit nicht tadeln.“ Dieſe Worte waren zwar an ſeine Tante gerichtet, aber ſie galten Alice, die bei ſich ſelbſt beſchloß, ihn für ſeinen Zweifel an ihr theuer bezahlen zu laſſen. Für jetzt begnügte ſie ſich mit einem Lächeln und erneuerte ihr Zeichen um Schonung. „Ich werde Sorge tragen,“ fuhr der Baronet faſt heftig fort,„daß dieß nicht wieder vorkommt.“ Gut, gut!“ ſagte die alte Dame,„die Sache hat nicht viel auf ſich, aber ſei deßhalb den Mädchen nicht böſe, ſie können nichts dafür, daß man Dich entdeckt hat. Und damit ſie nicht gegen Dich zu zeugen genöthigt ſeien, habe ich üͤber die Sache keine Frage an ſie geſtellt. Meg hat mich davon unter⸗ richtet. Damit wäre der Friede wieder hergeſtellt,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie ihrem Neffen die Hand entgegenſtreckte. 83 Der Baronet verbeugte ſich, küßte dieſelbe und verabſchiedete ſich bald darauf, denn der Gedanke ließ ihm keine Ruhe, daß Alice entweder ihn und die Tante hintergangen, oder daß ſie einen Andern ihm vorziehe. „Ich will mir kein urtheil über ſie erlauben,“ murmelte er vor ſich hin, als er die Treppen von Arran Houſe hinabſtieg.„Wenn Verrath und Hin⸗ terliſt ſich unter einer ſolchen Maske verbergen, ſo iſt ſelbſt der Himmel falſch.“ Mit dieſen Worten ging er ſeiner Wohnung zu, wo ſeine Zweifel noch mehr Nahrung erhalten und ſeine Geduld auf eine noch härtere Probe geſtellt werden ſollte. Wir wollen aber der Geſchichte nicht vorgreifen. „Allan ſcheint ſehr ärgerlich zu ſein,“ bemerkte die Gräfin, nachdem ihr Reffe das Zimmer verlaſ⸗ ſen hatte. „Es iſt dieß nicht zu verwundern, liebe Tante,“ erwiderte Alice lächelnd,„denn er wurde nicht nur ungerecht angeklagt, ſondern auch grauſam myſtificirt.“ „Myſtificirt?“ wiederholte die Gräfin;„wie ſoll ich dieß verſtehen?“ „Sie werden es ſogleich verſtehen. Sir Allan war gar nicht im Garten.“ „Nicht im Garten!“ rief die Tante;„aber Jemand war doch dort. Die alte Meg iſt zwar ſauertöpfiſch und eigenſinnig; aber zu lügen wagt ſie nicht, das wagt ſie nicht.“ „Sie hat auch nicht gelogen. Ein wenig Ge⸗ duld, und ich will Alles erklären.“ 84 „Es ſoll mir ſehr lieb ſein, Miß Alice Arran,“ wiederholte die Gräfin feierlich, indem ſie ſich in ihrem Armſtuhl zurecht ſetzte, um zu hören, was dieſe ihr mittheilen würde. Fünftes Kapitel. „Vor Allem, liebe Tante,“ fuhr Alice fort,„war der Gentleman, den Meg im Garten ſah, und für Sir Allan hielt, dieſelbe Perſon, deren unerwartete Erſcheinung geſtern Nacht auf dem Balle Conſtance's plötzliche Unpäßlichkeit veranlaßte.“ „Und darf ich wohl um den Namen des Gent⸗ leman fragen,“ ſagte die Lady kalt,„der wie ein Dieb über die Mauern von Arran Houſe ſteigt?“ „Es war Ulrick Crawford, Tante,“ erwiderte die Nichte. „Crawford— Crawford,“ wiederholte die Gräfin, „was für ein Crawford? Es gibt ſo viele die⸗ ſes Namens als Mac's in Schottland; ich kenne wenigſtens deren Hundert. Iſt es Crawford von Bleckenmure, wie der Emporkömmling ſich ſelbſt nennt, weil er ein Stück Haide in den weſtlichen Hochlanden gekauft hat? Wahrſcheinlich, höchſt wahr⸗ ſcheinlich; ſein Vater gehörte der Weberzunft oder einem Geſchäfte ähnlicher Art an, und überbot ſei⸗ 85⁵ nen ehemaligen Herrn beim Ankauf der Herrſchaft von Traquire.“ Die arme Conſtance erröthete tief bei der Voraus⸗ ſetzung, daß der Mann, den ſie liebte, von einem Geſchlecht dieſer Art abſtammen könne. Das kalte, ſarcaſtiſche Weſen ihrer Tante ſchüchterte ſie ein; es war das erſtemal in ihrem Leben, daß ihr Satyre und Unfreundlichkeit begegnete; der Muth entſank ihr, während der Alice's ſich dadurch hob. „Nein,“ rief dieſe in zwar reſpectvollem aber feſtem Ton,„Ulrick Crawford, den wir kennen, iſt der Freund und Geſpiele unſerer Kindheit, der Sohn des älteſten Freundes unſeres Vaters, jenes Lord Crawford, der Alles was er beſaß, mit Ausnahme der Ehre, der Sache der Stuarts zum Opfer brachte und deſſen Name in derſelben Anklageacte zu fin⸗ den iſt, welche das Haus Arran ſo ſchwer getrof⸗ fen hat.“ „Und weßhalb,“ fragte die alte Dame, die ein⸗ zuſehen anfing, daß ſie etwas zu voreilig gewe⸗ ſen ſei,„kommt der Sohn des alten Freundes eures Vaters nicht zur Hausthüre herein, anſtatt über die Mauer zu ſteigen?“ „Weil er verfolgt Wird.“ „Verfolgt!“ wiederholte die Lady. „Ja,“ ſagte Conſtance in Thränen ausbrechend, denn das Herz ſchwoll ihr vor Unwillen über die Art, mit welcher ihre Schweſter ausgefragt wurde, obgleich ſie, wenn es ihr begegnet wäre, es ganz natürlich gefunden hätte; aber ſie konnte nicht be⸗ greifen, wie man in Alice auch nur einen Augen⸗ blick einen Zweifel ſetzen könne;„ein Preis iſt auf 86 ſeinen Kopf geſetzt; man dürſtet nach ſeinem Blute, weil er Schottland und ſeinem eingeborenen Fürſten getreu geblieben iſt.“ „Armer Junge! armer Junge!“ rief die Gräfin aus, die ſogleich wieder ihr früheres freundliches Weſen annahm, denn Conſtance's Thränen thaten ihr in der Seele weh, deren Aehnlichkeit mit ihrem Vater dieſer einen feſten Sitz in ihrem Herzen er⸗ worben hatte.„Vergib mir, Alice. In Deinem Alter war ich ſo offen, arglos und vertrauensvoll wie Du ſelbſt; kennteſt Du aber die Prüfungen, die ich zu beſtehen hatte, wie nach und nach mein Vertrauen in die Menſchheit erſchüttert wurde, ſo würdeſt Du Dich nicht wundern, daß ich ſelbſt Dir mißtraute. Und Du,“ ſetzte ſie hinzu, ihre jüngere Nichte an ſich ziehend,„vergib auch Du mir. Küßt mich, Kin⸗ der. Vergeßt nicht, daß ich eure nächſte Verwandte bin, und wenn ich das Vorrecht einer Mutter in Anſpruch nahm, ſo geſchah es nur deßhalb, weil ich auch die Verantwortung einer Mutter habe.“ Der Friedenskuß wurde gegeben und erwidert. Ein ſcharfer Beobachter würde aber bemerkt haben, daß die Lippen der Gräfin auf Conſtance's Wangen am längſten ruhen blieben; allerdings war ſie die jüngſte unter den Waiſen, und es war wohl möglich, daß dieß der Grund war. „Und was führt Ulrick Crawford nach Schott⸗ land,“ fragte die Gräfin,„da doch ein Preis auf ſeinem Kopfe ſteht?“ „Eine Botſchaft des Prinzen Carl an die Hoch⸗ länder.“ „Dachte ich's doch!“ rief Lady Arran, von ihrem — 87 Stuhl auffahrend;„bemerkte ich es doch an dem fieberiſchen Zuſtande der Geſellſchaft, meine Ahnung hat mich ſo wenig getäuſcht, als den Wettervogel, der den herannahenden Sturm vorausfühlt. So ſoll alſo noch mehr Blut vergoſſen werden! noch mehr Wittwen und Waiſen ſollen um Die trauern, welche ſie lieben. Und Alles dieß für eine verlorne Sache!“ „Vielleicht doch nicht verloren, Tante,“ ſagte Alice,„wenn Schottland feſt zuſammenhält.“ „Schottland ſollte zuſammenhalten!“ wiederholte die kluge alte Dame;„wer ſah je Schottland gegen England zuſammenhalten, deſſen Gold ſtets mehr Unheil geſtiftet hat, als ſein Schwert? Wenn ihr einigen Einfluß auf dieſen jungen Mann beſitzt, Kin⸗ der, ſo bittet ihn, umzukehren. Beſſer, er lebt in der Verbannung, als er legt ſein Haupt auf den Block, wie ſo mancher tapfere Mann vor ihm. Wo iſt er jetzt?“ „Bei Sir Allan Glencairn.“ „Alice! war dieß verſtändig oder recht gehan⸗ delt, da Du Sir Allan's Begeiſterung für die Sache der Stuarts kennſt, ihm dieſe Verſuchung in den Weg zu führen?“ „Das iſt ja eben der Grund,“ fiel ihr die Nichte iws Wort,„weßhalb ich das ſcheinbare Geheimniß vor Ihnen nicht erklären konnte, denn ich nahm ulrick Crawford das Verſprechen ab, gegen Ihren Reffen keinen Wink über die Natur ſeiner Sendung fallen zu laſſen. Ich wünſchte nicht— das heißt,“ ſetzte ſie erröthend hinzu,„ich wußte, daß es Ihnen nicht recht wäre, wenn der Vetter compromittirt 88 würde. Es handelt ſich nur um Einen Tag; morgen iſt er ſchon auf dem Weg nach den Hochlanden.“ „Es wäre beſſer, wenn er hier im Hauſe wäre,“ ſprach die alte Dame, nur halb beruhigt durch dieſe Vorſicht;„ich hätte ihn zu verſtecken gewußt, wenn Binton ſelbſt ſeine Auslieferung vor den Thoren von Arran Houſe verlangt hätte. Sie hätten ſcharf nachſuchen müſſen, wenn ſie da ihn hätten auffinden wollen, wo ich ihn verborgen hätte. Dieſe alten Mauern ſind nicht erſt ſeit geſtern erbaut.“ Die Schweſtern konnten nicht umhin, heimlich über die Inconſequenz ihrer Tante zu lächeln, die im Herzen eine ſtandhafte Jacobitin, deren Kopf aber ſtärker als ihr Herz war. In ihrem Alter ſchöpft man die Erfahrung aus der Vergangenheit, in dem von Alice und Conſtance aber die Hoffnung nur aus der Zukunft. „Ich muß an Argyle ſchreiben,“ fuhr die Gräfin nach kurzem Ueberlegen fort.„Er iſt ein Krieger und Staatsmann; ſeine Worte werden mehr Ein⸗ fluß auf einen Hitzkopf, wie mein Reffe iſt, als die Befürchtungen einer alten Frau üben. Ihr braucht Meg nichte von der Sache zu ſagen; denn wenn ſie auch an ihre Herrin die treue Anhänglichkeit eines Hundes hat, ſo kann ſie die, welche ich liebe, nicht beſonders leiden; es iſt nicht recht, aber ich mag ſie darum nicht tadeln.“ Mit dieſen Worten zog ſie ſich in ihr Boudoir zurück, um den Brief an den Herzog zu ſchreiben; beim Weggehen aber grüßte ſie ihre Nichten auf's Liebevollſte, die ihr von Tag zu Tag theurer wur⸗ den, je mehr ſie deren Sanftmuth, Werth und 89 Unſchuld zu würdigen lernte. Die Waiſen ſuchten ihre Gemächer auf, um ſich wo möglich von der Aufregung zu erholen, in welche ſie die Ereigniſſe dieſes Morgens verſetzt hatten. Sir Allan Glencairn verließ, wie unſere Leſer wohl ganz richtig vorausſetzen, in einem nichts weniger als beneidenswerthen Gemüthszuſtande Arran Houſe. Zum erſtenmal in ſeinem Leben fühlte er den bitterſten Schmerz, den das Herz empfinden kann.— Eiferſucht, und Alice's Benehmen, das ihm im höchſten Grade falſch erſchien, nachdem er ſie ſeither für ſo wahr und offen gehalten, vermehrten noch ſeine Bitterkeit. „Thor, der ich war!“ murmelte er unterwegs vor ſich hin,„wie konnte ich mir auch nur einbilden, einen Eindruck auf ihr Herz gemacht zu haben; wie konnte ich mich einem Traume hingeben, deſſen Honig mit Gift gemiſcht iſt! Die Männer ſind Narren, wenn ſie lieben,— kurzſichtig wie Fleder⸗ mäuſe— blind wie Eulen, ſonſt hätte ich mit Einem Blick, ja mit einem halben Blick bemerken müſſen, daß ſie nur mit mir ſpielt. Welche Ausſicht hatte ich, ihre Liebe zu gewinnen? Wie konnte ich, auf dem Londe erzogen, hoffen, von einem Weſen vor⸗ gezogen zu werden, welches die Schmetterlinge von Verſailles wie eine Blume umſchwärmt haben?“ Mit dem Scharfſinn, durch welchen Verliebte ſich ſo namenlos zu quälen verſtehen, fand der Baronet tauſend Gründe auf, weßhalb ſeine ſchöne Baſe nie ernſtlich an ihn hatte denken können, ſon⸗ dern ſeine Aufmerkſamkeiten bloß mit Lachen und um ſeine Anmaßung zu beſtrafen, aufgenommen habe. 90 Es wäre in dieſem Augenblick keinem Manne zu rathen geweſen, in der Laune, in welcher Sir Allan ſich befand, dieſem quer über den Weg zu kommen, der ſich ſelbſt dergeſtalt zum Menſchenfeind ſteigerte, daß er mit ſeinem Schatten hätte Händel anfan⸗ gen mögen, weil er ſich einbildete, dieſer ſehe weniger elend und düſter aus, als er ſelbſt war. In dieſem Gemüthszuſtande erreichte er ſeine Woh⸗ nung in der Nähe von Herriot's Hoſpital, ſtieß ſeinen alten Diener Donald bei Seite und nahm nicht einmal Notiz von ſeinem Lieblingshund, der ihm im Tone des Vorwurfs nachheulte. Es war etwas ganz Außergewöhnliches, daß Sir Allan ſelbſt einen Hund, der ihn liebte, ſchlecht behandelte; aber der Arme war eiferſüchtig, und Eiferſucht macht ſtets ungerecht. „Nun, nun,“ ſagte Donald, ſeinem Herrn nach⸗ blickend, als dieſer die Treppe hinaufſtieg,„Dem hat wahrſcheinlich Jemand eine Weſpe unter die Mütze practicirt. Ich will aus Reſpect Niemand nennen, aber ein ſolches Benehmen ſieht Sir Allan Glencairn ſo gar nicht gleich, daß ſo etwas gewiß geſchehen ſein muß.“ Als der Baronet in ſein Zimmer trat, fand er zu ſeinem großen Erſtaunen einen jungen Mann ungefähr ſeines Alters darin, deſſen Aeußeres, trotz einer gewiſſen Unordnung in ſeiner Kleidung, den unverkennbaren Eindruck eines Gentlemans machte. Wir brauchen unſere Leſer wohl nicht zu verſichern, daß es Ulrick Crawford war. Des Baronets erſter Gedanke, als er ihn erblickte, war, daß er den Freund eines Gentlemans vor ſich 9 habe, mit dem er auf dem geſtrigen Boll einen leichten Streit gehabt hatte und der jetzt gekommen ſei, um ihn zu einem jener Morgenſtelldichein auf⸗ zufordern, die zu jener Zeit faſt alltäglich waren. Er erwiderte daher die höfliche Begrüßung des Frem⸗ den, der bei ſeinem Eintritt aufgeſtanden war, ſehr ſteif, indem er trocken fragte, mit wem zu ſprechen er die Ehre habe. „Mit Ulrick Crawford,“ erwiderte dieſer, deſſen Benehmen ſogleich eben ſo kalt und förmlich wie das Allan's wurde. „Und darf ich wohl fragen, was mir die Ehre von Ulrick Crawfords Beſuch verſchafft?“ „Ich wünſche nichts, als Ihre Gaſtfreundſchaft auf einige Stunden in Anſpruch zu nehmen.“ Sir Allan ſtutzte. Der Gedanke, daß er ſeinen vermeintlichen Nebenbuhler vor ſich habe, kam ihm entfernt nicht in den Sinn. Für wie falſch er auch Alice hielt, ſo glaubte er doch nicht, daß deren Freier ſelbſt auf ihren Antrieb einen ſolchen Schritt wagen würde. „Gaſtfreundſchaft!“ wiederholte er;„und was berechtigt Sie dazu?“ „Nichts,“ ſagte der junge Mann voffen,„durch⸗ aus nichts; es wäre denn, daß der Name eines Ver⸗ bannten und Schottländers von einem Landsmanne für genügend anerkannt würde, und dieſes Zeichen, das eine befreundete Perſon Ihnen ſchickt, welche mich verſicherte, daß ſie es anerkennen würden.“ Zugleich hielt er die Roſe hin, welche Alice ihm gegeben hatte. Beim Anblick der Blume, ſeines Geſchenks von geſtern Abend, wurde Sir Allan ſo weiß wie die Marmorbüſte auf dem Piedeſtal neben ihm. Die Sache war jetzt klar; ſein beglückter Nebenbuhler, um deſſen willen er hintergangen worden war, ſtand vor ihm. „Sind Sie unwohl?“ fragte Crawford, dem der plötzliche Wechſel im Geſicht ſeines Gaſtfreunds nicht entging. „Nein, Sir,“ erwiderte der Baronet ſtolz;„ein plötzlicher Krampf, der mich zuweilen befällt— ent⸗ ſchuldigen Sie mich,“ fuhr er fort;„es wird ſogleich Alles vorüber ſein.“ Aus Furcht, ſich vor dem Manne zu verrathen, den er für das Hinderniß ſeines Glücks hielt, eilte er aus dem Zimmer weg in ein nebenanſtoßendes Cabinet, wo er dem Sturm, der in ſeiner Seele tobte, ungeſehen und unbemerkt freien Lauf laſſen konnte, indem er ſeinen Gaſt erſtaunt und verwirrt über den eigenthümlichen Empfang, der ihm zu Theil geworden, allein ließ. „Nein,“ murmelte Sir Allan, nachdem er einige⸗ mal haſtigen Schrittes in dem kleinen Gemach gleich einem erzürnten Löwen in ſeinem Käfig auf⸗ und abgeſchritten war,„ſie ſollen meinen Schmerz nicht ſehen. Der Pfeil hat getroffen; aber dem Himmel ſei Dank, gleich dem verwundeten Adler beſitze ich noch Kraft genug, meinen Horſt zu erreichen und allein mich abzuhärmen. Sie ſollen über meine Leiden nicht triumphiren, wenn auch mein Herz ſich verblutet. Ich will ſie durch meine Kälte und Gleichgiltigkeit verwunden. Und weßhalb ſollte ich überhaupt verzweifeln? Gibt es doch Mädchen in . 93 Schottland genug, eben ſo ſchön und weit treuer, mit Augen eben ſo glänzend und mit einem Lächeln eben ſo— verrätheriſch und hinterliſtig. Ich liebe nicht mehr. Mein Jugendtraum iſt dahin; er war zwar kurz, aber er hat ſeinen Schatten auf meiner Seele zurückgelaſſen. Wollte der Himmel, der Prinz wäre ſchon gelandet,“ dachte er, ſeinen ungeſtümen Spaziergang wieder antretend;„ich ſehne mich nach Aufregung— Waffengeklirr— Todeskämpfe— Triumph oder Niederlage; gleich viel, was da kommt.“ Der Baronet war gleich den meiſten Hochländern von Natur ſtolz, aber edelmüthig, und der Gedanke, daß Alice ſeine Liebe hintergangen und den in⸗ directen Weg eingeſchagen habe, um ihm zu zeigen, daß dieſelbe hoffnungslos ſei, war für ihn weit bitterer noch, als es ſelbſt eine poſitive Abweiſung geweſen wäre. Der Arm war ihm gebunden, denn ſein vermeintlicher Nebenbuhler war ſein Gaſt ge⸗ worden, eine für jeden Schottländer ſo heilige Be⸗ zeichnung, daß ſelbſt Eiferſucht ſie zu achten ſich ge⸗ zwungen ſah. Seine Wuth, welche ſich alſo nicht nach außen gegen Crawford Luft machen durfte, wandte ſich daher gleich einem Scorpion gegen ihn ſelbſt und trieb ihren Stachel in ſein eigenes Herz und Gehirn. „Vielleicht thue ich ihr gänzlich Unrecht,“ fuhr er mit ſich ſelbſt redend fort;„in ihrer Unſchuld hat ſie vielleicht meine Liebe gar nicht bemerkt, oder hat ſie vielleicht für bloße brüderliche Zärtlichkeit zu einer neugefundenen Schweſter gehalten. Sie ſoll ſie nie erfahren; meine Leiden ſollen für ſie nie 94 eine Quelle des Triumphs oder des Bedauerns werden.“ Mit dieſen Worten raffte ſich Allan auf, nach⸗ dem er zuvor ſorgfältig die halb verwelkte Roſe, die er zuerſt in ſeiner Leidenſchaftlichkeit wie eine Giftpflanze von ſich geworfen hatte, in ein kleines Waſſergefäß in der Nähe des Fenſters geſtellt hatte, um zu ſeinem unwillkommenen Gaſt zurückzukehren und um dieſem zu beweiſen, mochte es ihn auch noch ſo viel Selbſtüberwindung koſten, daß Gaſtfreund⸗ ſchaft noch immer dem Herzen eines Hochländers heilig ſei. Zweimal legte er die Hand auf die Thürklinke und jedesmal fehlte ihm der Muth, ſie zu öffnen. „Dieß iſt kindiſch!“ ſprach er, öffnete die Thüre und trat in das Gemach. Ulrick Crawford befand ſich faſt noch in derſelben Stellung, in der er ihn verlaſſen hatte, denn der junge Verbannte hatte ſich von ſeinem Erſtaunen noch nicht erholt, in welches ihn der auffallende Empfang verſetzt hatte. „Ich bitte tauſendmal um Verzeihung!⸗ ſprach der Baronet, indem er ſich höflich ſeinem Gaſte mit ausgeſtreckter Hand näherte, welche zitterte, als Craw⸗ ford ſie berührte.„Sie müſſen mein Benehmen höchſt auffallend gefunden haben; der Grund iſt aber der, daß ich zuweilen an Krämpfen des Herzens leide, welche, ſo lange ſie anhalten, mir alle Selbſt⸗ herrſchaft rauben. Eben, als ich in das Haus trat, wurde ich von einem ſolchen Anfall ergriffen und—“ „Sagen Sie nichts weiter, Sir Allan, ich bitte nichts weiter,“ unterbrach ihn der Flüchtling,„an mir iſt es, eine Zudringlichkeit zu entſchuldigen, 95 deren Nothwendigkeit aufzuklären mir nicht geſtattet iſt, welche aber,“ ſetzte er ſtolz hinzu,„nichts Un⸗ ehrenhaftes in ſich ſchließt; es wäre denn, daß Treue gegen die, welche wir lieben und denen wir unſer Leben weihen, als etwas Unehrenhaftes bezeichnet werden könnte.“ Ulrick ſpielte dabei auf ſeine politiſche Anhäng⸗ lichkeit an die Sache der Stuarts an, aber ſein Gaſtfreund meinte in ſeiner unſeligen Verblendung, womit Eiferſucht ſich quält, daß jedes Wort ſich auf deſſen Leidenſchaft für Alice beziehe. Wenn Eifer⸗ ſucht ein Unrecht iſt, ſo muß man ſie wenigſtens denn ſie findet ihre Strafe in ſich ſelbſt. „Keine Erklärung, Mr. Crawford,“ rief Allan, ungeſtüm die Glocke ziehend, um Befehl zu ertheilen, daß Erfriſchungen gebracht werden.„Sie kennen ja unſer hochländiſches Sprüchwort: brich zuerſt Brod und iß Salz mit deinem Gaſte, ehe du eine Frage an ihn ſtellſt. Ich habe meine Pflichten als Gaſt⸗ freund ſchändlich vergeſſen; erlauben Sie mir mein Verſehen wieder gut zu machen.“ Bald war der Tiſch durch den alten Diener gedeckt und Urrick Crawford ließ ſich's tüchtig ſchmecken. Es waren beinahe vier und zwanzig Stunden verfloſſen, ſeitdem er zuletzt Nahrung zu ſich genommen hatte. Faſt ſchämte er ſich ſeines geſegneten Appetits vor ſeinem Gaſtfreund, der in ſeinem jetzigen Gemüthszuſtand nur ſehr wenig zu eſſen im Stande war. Um ſo mehr ſprach dieſer aber dem Weine zu, von dem er ein großes Quan⸗ tum genoß, weil er fühlte, daß er ſeinen Muth— ſeinen moraliſchen Muth verſteht ſich— aufrecht erhalten müſſe. „Darf ich,“ fragte der Baronet, als das Mahl zu Ende war,„ohne die Geſetze der Gaſtfreundſchaft durch eine neugierige Frage zu verletzen, mich wohl erkundigen, Mr. Crawford, ſeit wie lang Sie in Schottland ſind?“ 8 „Nicht länger als ſeit drei Tagen,“ erwiderte der junge Mann. Allan hätte noch gerne hinzugeſetzt: und wie lange gedenken Sie zu verweilen? ſein Gaſt enthob ihn aber dieſer Mühe, indem er ihm freiwillig mit⸗ theilte, daß er mit Tagesanbruch auf dem Wege nach den Hochlanden ſich befinden müſſe. Dem Himmel ſei Dank! dachte Sir Allan, die Mittheilung mit einer ſtummen Verbeugung er⸗ widernd, ſo wird mir doch die Qual ſeines Anblicks erſpart. v0 entſtand eine Pauſe in der Unterhaltung. Die jungen Männer fühlten, daß ein gegenſeitiger Zwang, eine gewiſſe Kälte zwiſchen ihnen herrſche, und Jeder ſehnte ſich nach dem Augenblicke der Trennung. Jeder war ſich bewußt, eine eingelernte Rolle zu ſpielen, und doch waren Beide von Natur offen und aufrichtig. Welche Leiden führt Liebe mit ſich! Hier ſtanden ein paar Männer ſich gegenüber, die ſich gerne die Hälſe abgeſchnitten hätten, welche aber ein einziges Wort zu den beſten Freunden von der Welt, ja faſt zu Brüdern gemacht hätte. Der Nachmittag verfloß, wie man ſich denken kann, höchſt peinlich und langſam. Crawford hielt 97 das zerſtreute Weſen ſeines Gaſtfreunds füt ſtudirte Höflichkeit und der Baronet ſeines Gaſtes kalte, un⸗ befangene Gleichgiltigkeit für das ſchlecht verhehlte Vergnügen über die Qualen, die er ihm bereitete. Endlich wurde es Sir Allan unmöglich, länger an ſich zu halten und er ſtand plötzlich auf, um ſich zu verabſchieden. „Ich bedaure, Sie verlaſſen zu müſſen, Mr. Craw⸗ ford,“ murmelte er,„aber weil ich die Ehre Ihres Beſuchs nicht erwartete, habe ich eine Einladung angenommen, die ich unmöglich umgehen kann—“ „Ich bitte, keine Entſchuldigung, Sir Allan,“ unterbrach ihn der junge Mann, ſteif und verletzt durch deſſen Benehmen. „Donald wird für Ihre Bedürfniſſe ſorgen, ſo lange Sie meine arme Wohnung mit Ihrer Gegen⸗ wart beehren.“ „Das wird, wie ich zuvor ſchon bemerkte,“ er⸗ widerte Crawford,„nur noch für wenige Stunden der Fall ſein; mit Anbruch der Nacht verlaſſe ich Edinburg. Erlauben Sie mir, Sir Allan Glencairn, Ihnen für Ihre Gaſtfreundſchaft zu danken und Sie zu verſichern, daß nur die Dringlichkeit der Lage, in der ich mich befand, und die Verſicherung einer theuren Freundin, daß ich Ihnen willkommen ſein werde, mich veranlaſſen konnte, Ihnen beſchwer⸗ lich zu fallen. Vielleicht treffen wir uns eines Tags wieder.“ „Ich hoffe es,“ ſprach der Baronet, ſich gewalt⸗ ſam zwingend, ihm die Hand entgegenzuſtrecken, denn die Anſpielung auf eine theure Freundin konnte ſich Der junge Prätendent. I. 7 ders als Alice beziehen, und dieſer danke machte ihn faſt wahnſinnig—„ich hoffe 8, Mr. Crawford.“ Ihre Hände berührten ſich; zugleich trafen ſich ober auch ihre Augen und in demſelben Augenblicke las Jeder in den Gedanken des Andern. Eiferſucht, ſagt man, iſt anſteckend; der junge Verbannte war überzeugt, daß die Kälte in ſeines Gaſtfreunds Be⸗ nehmen in deſſen Liebe für Conſtance zu ſuchen ſei. „Zweifeln Sie nicht daran, Sir Allan,“ er⸗ widerte Crawford ſtolz,„wir werden Gelegenheit finden, unſere gegenſeitige Bekanntſchaft zu er⸗ neuern.“ So trennten ſich die armen jungen Männer, nachdem ſie ſich gegenſeitig recht unglücklich gemacht hatten. „Lieber will ich zu Grund gehen,“ ſagte Craw⸗ ford, ſeinen Hut nehmend, um das Haus zu ver⸗ laſſen,„als einem ſolchen Mann noch länger für ein Oödach verpflichtet zu ſein; ich fühle, daß ich ge⸗ boren bin, ihn zu haſſen.“ * Beim Weggehen drückte er Donald eine Guinee in die Hand, als eine Art Genugthuung für ſeinen Stolz, daß er das Brod deſſen Herrn gegeſſen hatte. Glücklicherweiſe war indeſſen die Dunkelheit ange⸗ brochen und er machte ſich geraden Wegs und ohne von Jemand bemerkt zu werden auf den Weg nach Calton⸗Hill; von hier ſtieg er hinauf nach Arthurs Seat, wo er um Mitternacht die Herren finden ſollte, die von der jacobitiſchen Partei in Edinburg abgeſchickt wurden, um ihm die Antwort auf die Briefe zu übergeben, die er ihnen von dem jungen 90 Chevalier überbracht hatte, won gleich nach den Hochlanden auf dei wollte. 5 Sir Allan Glencairn hatte ſeine Wohnuns dem feſten Vorſatz verlaſſen, ſeine Baſe Alice wieder zu ſehen, und doch befand er ſich eine hal Stunde hernach, mit der Conſequenz der meiſten Verliebten, vor den Thoren von Arran Honſe. Seine Schwäche ſuchte er vor ſich ſelbſt durch den Ge⸗ danken zu beſchönigen, daß er ſeine Tante beſuchen müſſe, denn er fühlte wohl, daß er dieſe nicht ver⸗ nachläßigen dürfe. Dabei ſchien ihm aber gänzlich entfallen zu ſein, daß er erſt heute Morgen bei ihr geweſen ſei. Sechstes Kapitel. Als der Baronet in das Empfangzimmer trat, fand er die alte Dame und deren Nichten von einem großen Kreiſe von Beſuchern umgeben. Er hatte vergeſſen, daß heute der Abend war, an welchen die Gräfin gewöhnlich empfing, und er war unglück⸗ licherweiſe noch in ſeinem Morgenanzug. „Nun, Allan,“ ſagte ſeine Tante, ihm wohl⸗ wollend die Hand entgegenſtreckend, in Frinnerung des Unrechts, das ſie ihm dieſen Morgen angethan hatte, was ſie ſonſt wohl unterlaſſen hätte, denn ſie 100 auf Gtikette,„biſt Du im Begriff, zu einen Wettrennen zu gehen?“ „Zu einem Wettrennen, Tante?“ „Ja; denn ich ſehe Dich geſtiefelt und geſpornt.“ „Ich bitte tauſendmal um Entſchuldigung!“ rief Allan aus, indem ihm jetzt erſt, in Folge der Be⸗ merkung der Gräfin, ſeine unpaſſende Kleidung ein⸗ fiel;„ich hatte ganz vergeſſen, daß Sie Beſuche hätten.“ „Vielleicht,“ ſprach die Lady lächelnd,„warſt Du zu ſehr mit Deinem Beſuche beſchäftigt; der arme Menſch iſt ſterblich in meine Nichte verliebt. Anfänglich war ich darüber erzürnt, aber die Sache hat nichts auf ſich. Du biſt, wie es ſcheint, gleich mit dabei, gegen mich zu complottiren. Aber geh' nur zu Alice, ſie wird Dir Alles erklären, hier ſehe ich die alte Lady Dunfermline und deren drei Richten kommen, die, wie ich weiß, nicht Deine Lieblinge ſind.“ Allan war über dieſe Mittheilung ganz verblüfft, und es dauerte einige Minuten, ehe er Muth genug fand, ſich dem Sopha zu nähern, auf welchem die Schweſtern ſaßen. Alice nahm ihn mit Erröthen, mit ihrem gewohnten, ruhigen Lächeln auf. „Sie ſind bös über mich?“ fragte die Erſtere. „Böſei“ ſprach der Baronet;„welches Recht habe ich, über Miß Arran böſe zu ſeyn?“ Er bemühte ſich, gleichgültig auszuſehen, aber ſeine Stimme zitterte, als er ſprach. „Ich bin aber überzeugt, daß Sie mir böſe ſind,“ flüſterte Alice.„Ich geſtehe, daß es eine 101 grauſame Myſtification war, aber wenn Sie wüßten, welch theurer Freund uns Ulrick Crawford iſt— wie dringend die Gefahr iſt, vor der Sie ihn be⸗ ſchützen— ſo bin ich überzeugt, daß Sie mir ver⸗ geben würden.“ „Ihnen vergeben!“ wiederholte der Baronet; „ich habe nichts zu vergeben. Allerdings machte ich mich lächerlich in den Augen meiner Tante, ver⸗ ächtlich in den meinigen; aber was will dieß heißen im Vergleich zu dem Glück, meiner ſchönen Baſe und deren Verehrer eine Unterhaltung verſchafft zu haben.“ „Verehrer!“ wiederholte Alice erſtaunt, indem ſie meinte, er ſpiele dabei auf Conſtance und nicht auf ſie an;„hat Lady Arran Ihnen mitgetheilt—“ „Lady Arran hat mir Alles mitgetheilt,“ fuhr Sir Allan fort, ohne recht zu wiſſen, was er ſprach; „aber ich bedurfte keines weitern Beweiſes als meiner eigenen Sinne, um zu entdecken, daß ich einen Nebenbuhler beſitze.“ Jetzt war die Reihe an der armen Alice, den Schmerz der Eiferſucht zu fühlen. Sie hatte ſich über Allan's Aoſichten getäuſcht, die alſo nicht ihr, ſondern ihrer Schweſter gegolten hatten. Hatte er nur mit ihr getändelt? Verwundeter Stolz und jungfräulicher Zartſinn verliehen ihr Muth, den Schmerz, den ſie fühlte, zu bewältigen. Bei aller Entſchloſſenheit aber beſaß das junge Mädchen nur noch ſo viel Kraft, um die Worte wiederholen zu können: „Einen Nebenbuhler!“ „Einen Nebenbuhler,“ fuhr er fort, ohne zu ahnen, wie tief er damit verwundete;„einen Rebenbuhler, 3 102 der mir das Herz ſtreitig macht, auf deſſen Beſitz ich allein einen Werth lege, und auf welches ich das ganze Gebäude meiner Hoffnung für die Zukunft gründete. Dieſe Ausſichten ſind aber dahin, auf immer dahin! Ich vermag dieſe Qual zu ertragen,“ fügte er ſtolz hinzu,„aber ich kann denen nicht zu⸗ lächeln, welche mir leichtfertig dieſelbe zugefügt haben.“ Dieſe Worte wurden mit jenem tiefen Ernſt ge⸗ ſprochen, der jedem derſelben ein ſchweres Gewicht verlieh. Er war überzeugt, nach der Art und Weiſe, wie ſeine Baſe ſeine Aufmerkſamkeiten angenommen hatte, daß mit ſeinen Gefühlen geſpielt worden ſei, und Alice fing an zu ahnen, daß ſie in ihrer un⸗ ſchuldigen Eitelkeit die Aufmerkſamkeiten, welche ihrer Schweſter gegolten, auf ſich ſelbſt bezogen hatte. Es war ein doppeltes Mißverſtändniß. Conſtance, die jedes Wort hörte, das geſprochen wurde, und erröthend an ihrer Schweſter Seite ſaß, war viel⸗ leicht unter allen Dreien am meiſten irregeführt. „Wenn dieß wirklich Ihre Gefühle ſind,“ ſeufzte Alice nach einer Pauſe,„ſo bedaure ich es— be⸗ vaure ich es,“ ſetzte ſie hinzu, ſtolz ſeitwärts eine Thräne abwiſchend,„wie eine Schweſter die fehl⸗ geſchlagene Hoffnung eines Bruders bedauert.“ Eben als Sir Allan im Begriff ſtand, zu ant⸗ worten, kam Lady Arran auf den Sopha zu und ihres Neffen Arm ergreifend flüſterte ſie dieſem in's Ohr, daß ſeine Unterredung mit ſeinen Baſen Auf⸗ merkſamkeit zu erregen beginne.„Ueberdieß wünſcht die alte Gräfin O Mar, Du möchteſt ſingen.“ 103 „Singen!“ ſagte der Baronet;„ich bin gerade in der heiterſten Stimmung.“ „Ich verlange keine heitere Stimmung von Dir, ſondern bat Dich, zu ſingen.“ „Ja, ich will ſingen, Tante.— Es fällt mir gerade ein Lied ein,“ ſetzte er in Gedanken hinzu, „das vollkommen zu meiner geknickten Hoffnung ſtimmt. Mit verzweiflungsvoller Ruhe nahm er die hoch⸗ länder Harfe zur Hand, welche im Empfangzimmer ſtand, und begleitete ſich ſelbſt zu folgendem Lied, bei deſſen einzelnen Strophen ſeine Stimme zitterte, wie die Schweſtern wohl zu bemerken Gelegenheit hatten. Das Gedicht war offenbar der Ausfluß eines verwundeten Herzens. Begrenzt wie einen Bruder mich zu lieben, Macht meiner Seele Schmerzen nur und Pein. Vergebens iſt mein Flehen! Eingeſchrieben In Deinem Herzen muß der Buhle ſein. Die Liebſte, die ich ſuche und verlange, Iſt die nur, die mit mir das Schöne fühlt, Wenn Liebeswonne röthet ihre Wange Und eine Thräne ihre Gluthen kühlt. Ich ſah, wie Himmelsglanz, Dein Auge blitzen, Hab! Deine Engelsworte ſtumm belauſcht, Und ſah mit Schmerz nur Dich beim Liebſten ſitzen, Den Du mit Liebesküſſen ſüß berauſcht. Mein Leben kann nichts heben, nichts verſchönen, Denn Wahnſinn webt in mein Gehirn ſich ein⸗ Ich lächle nur noch durch den Flor der Thränen, Zu bergen meines Herzens Höllenpein. 104 Begrenzt wie einen Bruder mich zu lieben, Macht meiner Seele Schmerzen nur und Pein. Vergebens iſt mein Flehen! Eingeſchrieben In Deinem Herzen muß der Buhle ſein. Mir fehlt zum Kampf die Kraft, die Sehnen beben, Im Liede nur verhaucht mein tiefer Schmerz. Gebrochen aber iſt für's ganze Leben Mein ſonſt ſo ſtarkes— Dir geweihtes— Herz. „Nun, Sir Allan,“ rief Lady Arran, als ihr Neffe das Inſtrument heftig bei Seite ſchob,„ich habe Dich nie zuvor in einer ſo weinerlichen Stim⸗ mung geſehen. Woher haſt Du denn dieſes herz⸗ brechende Lied? Wer hat es verfaßt?“ „Es iſt eine Geſchichte, Tante, ſo alt als unſere Berge— ſo alt als männliche Schwäche und weib⸗ liche Falſchheit. Da die Geſchichte wahr iſt, ſo liegt am Ende nichts am Namen des Dichters.“ „Nun, nun,“ ſagte die Gräfin trocken,„ich bin zu alt, um noch Räthſel zu errathen, und die Wahr⸗ heit zu geſtehen, ich legte mich auch nie darauf; ich habe gar keinen Sinn für Räthſel, namentlich für ſolche, wie das, welches Du uns ſo eben ſo pathe⸗ tiſch vorgetragen haſt.“ 6. WMit dieſer ſarkaſtiſchen Bemerkung verließ ihn die Gräfin, und war bald darauf in eine ſehr ernſt⸗ hafte Unterredung mit einer der anweſenden alten Damen verwickelt, deren Gegenſtand ſie weit mehr zu intereſſiren ſchien, als die Liebesſeufzer ihres Neffen, wie ſie in ihrem Innern ſein Lied nannte. Auf ein Zeichen von dem Laird von Glaſchelles, einem der jacobitiſchen Häuptlinge, deſſen Eifer für die Sache der Stuarts durch den Proceß und die 105⁵ Confiscationen nach dem Auſſtandsverſuch vom Jahr 1715 keineswegs gedämpft worden war, näherte ſich Sir Allan der Stelle, auf welcher der alte Häupt⸗ ling ſtand. Es war dieß eine abgelegene Ecke des Zimmers, in der Nähe eines vertieften Fenſters, welches auf den Hof ging. Daſſelbe befand ſich gerade über dem Porticus, welcher den Haupt⸗ eingang in das Haus bildete, und wenn die ſchweren Sammtvorhänge vorgezogen waren, wie es in dieſem Augenblicke der Fall war, ſo entſtand dadurch eine Art von Verſteck, in welchem ein halbes Dutzend Perſonen zum Plaudern ſich zurückziehen konnten, ſo daß faſt ein abgeſondertes Zimmer dadurch ge⸗ bildet wurde. In dem Augenblicke, in welchem der Laird den Baronet zu ſich gewinkt hatte, befand ſich Alick Campbell in dieſem Verſteck, der von hier aus mit argwöhniſchem Auge die Unterredung zwiſchen dem Vetter und den Baſen belauſcht und aus der Verändernng ſowohl, die in Alice's Geſicht vorge⸗ gangen, als Sir Allans Benehmen geſchloſſen hatte, daß von Liebe die Rede geweſen ſein müſſe. Hätte er eine Ahnung davon gehabt, welche Empfindung das gegenſeitige Mißverſtändniß verurſacht hatte, ſo u er ſich innerlich darüber höchlichſt gefreut aben. „Allan,“ flüſterte der Laird,„ſchon ſeit einer halben Stunde winke ich Ihnen zu und mache ich Ihnen Zeichen. Waren Sie blind oder verrückt, daß Sie mich nicht ſahen?“ „Weder das Eine noch das Andere, Laird; der W mag übrigens wiſſen, wie bald ich es ſein werde.“. 106 „Was?“ fragte der alte Edelmann ſarkaſtiſch; „es geht nichts über eine bündige Erklärung.“ „Laſſen wir das jetzt! was wünſchen Sie von mir, Laird?“ „Ich weiß nicht, ob ich klug daran thue, Ihnen die Sache mitzutheilen.“ „Zweifeln Sie an meiner Ehrenhaftigkeit?“ fragte der junge Mann ſtolz. „Nein; aber ich zweifle an Ihrer Verſchwiegen⸗ heit. So alt ich bin, ſo würde ich doch Jedem meinen Handſchuh in's Geſicht ſchlagen, der auch nur entfernt die Ehre Sir Allan Glencairn's anzu⸗ taſten wagte; alſo zur Sache. Die Firma(damit wurden die verbannten Prinzen bezeichnet) hat be⸗ ſchloſſen, einen ihrer jüngern Theilhaber in die Hoch⸗ lande zu ſchicken, um zu ſehen, wie das Geſchäft, das Ihnen bekannt iſt, dort ſteht, welches deren Correſpondenten(die jacobitiſche Partei) für jetzt nicht gut zu heißen vermögen. Ein concurrirendes deutſches Haus hat zu viele Waaren auf dem Markt.“ Jemand, der in dem Jargon jener Tage nicht eingeweiht war, hätte geglaubt, der würdige Laird ſpreche von nichts anderem, als von einem kauf⸗ männiſchen Geſchäft; aber Sir Allan verſtand ihn vollkommen⸗ Daſſelbe war aber auch bei Alick Camp⸗ bell der Fall, der, hinter dem Vorhang verborgen, jedes Wort gehört hatte, welches der Laird ſprach. „Das iſt Feigheit! das iſt Feigheit!“ rief der Baronet unwillig aus.„Wollen Sie denn warten, bis Ihre Unterdrücker Ihnen den Fuß auf den 107 Nacken ſetzen, ehe Sie das Joch abzuſchütteln ver⸗ ſuchen werden?“ „Hier handelt ſichs um Hochverrath,“ murmelte Alick vor ſich hin.„O! mein ſtolzer Herr Vetter, wenn ich Sie im Netz erwiſche, ſo werde ich Sie an einen Ort zu bringen wiſſen, wo Sie tief genug liegen ſollen.“ „Es iſt Klugheit,“ ſprach der alte Laird, über die Vorausſetzung erröthend, denn er war ein ſo tapferer Mann, als nur irgend einer in Schottland zu finden war;„dieß iſt wenigſtens die Anſicht von Clanranald, Thirske, Grahame und unſeren übrigen Freunde in der Stadt. Die Wahrheit zu geſtehen, ſo gefällt mir der Beſchluß ſelbſt durchaus nicht; aber Sie wiſſen, daß unſere Pflicht erheiſcht, getreu zu berichten.“ „Gewiß.“ „So nehmen Sie dieſe Briefe und machen Sie ſich auf den Weg,“ fuhr Glaſchelles fort, indem er zugleich Sir Allan raſch ein verſiegeltes Paket zu⸗ ſteckte, das aber trotz aller Behendigkeit den Augen Campbells in ſeinem Verſteck nicht entging. Dieſes Paket muß ich in meine Hände be⸗ kommen, dachte er; es enthält genug, um die Köpfe von halb Schottland in Gefahr zu bringen; um jeden Preis muß ich dieſes Paket haben.“ „Wem ſoll ich es übergeben?“ fragte Sir Allan. „Dem Boten des jüngern Cheilhabers.“ „Und wo ſoll ich dieſen finden?“ „Da wo der Wind heute Nacht am kälteſten bläst; auf dem Gipfel von Arthur's Scat. Ich 108 denke, Forbes' Spionen werden Ihnen dort nicht auf die Ferſen kommen.“ „Aber die meinigen,“ murmelte Alick, den es jetzt drängte, unbemerkt aus ſeinem Verſteck wegzu⸗ kommen. „Und woran ſoll ich den Boten erkennen?“ „Durch das alte Lied—“ „Von jenſeits des Waſſers winkt mir ein Stern, Mein gutes Karlchen; Wie fern er auch iſt, denk ich doch ſein gern, Mein gutes Karlchen.“ „Und woran wird er mich erkennen?“ ſagte der Baronet. „Indem Sie die folgenden Strophen ſingen. Sie kennen ſie genau, denn es ſind noch keine drei Tage, ſo hörte ich, wie ſie dieſelben ihre Baſe lehrten.“ 3 „Ich glaube, daß ich ſie kenne,“ ſagte der junge Mann, bitter lächelnd.„Ich werde ſie ſo bald nicht vergeſſen;“ und unwillkürlich fing er an, den Ref⸗ rain halblaut zu ſingen— „Komm' über das Waſſer, komm' zu mir, Mein gutes Karlchen; Mein Herz verlangt einzig nur nach Dir, Mein gutes Karlchen.“ „Sie kennen das alte Lied beſſer, als ich meine Gebete,“ bemerkte der Laird;„alſo fort auf den Weg, und der heilige Andreas führe Sie glücklich wieder zurück.“ 109 Mit einem einfachen Händedruck, als wenn die Unterredung ſich nur um alltägliche Ereigniſſe ge⸗ dreht hätte trennten ſich die beiden Edelleute; der jakobitiſche Laird, um ſich unter die Geſellſchaft zu miſchen; Sir Allan, um ſeinen gefährlichen Auftrag auszurichten. Als er das Zimmer verließ, warf er noch einen langen, ſchmerzerfüllten Blick auf Alice zurück, die mit ihrer Schweſter noch immer auf dem Sopha ſaß, wo die Unterredung mit ihm ſtattgefunden hatte. „So endet meines Herzens erſter Traum!“ mur⸗ melte Alice, ihren Kopf matt auf Conſtance's Schulter ſinken laſſend, denn der Schlag hatte ihr Herz ge⸗ troffen.„Ich werde nie wieder träumen.“ „Träume immerhin,“ flüſterte ihr die Schweſter zu, indem ſie ſanft ihren Arm um ihre Hüften ſchlang.„Ich bin feſt überzeugt, daß hier ein Miß⸗ verſtändniß im Spiele iſt; Dich liebt er, und zwar nur Dich allein. Der Gedanke einer Leidenſchaft für mich iſt widerſinnig, wie könnte er mich lieben, wenn Du anweſend biſt?“ „Du hörteſt ja ſeine Worte!“ „Aber ich verſtehe ſie nicht. Die Geſchichte von heute Morgen hat ſeine Ciferſucht erweckt. Ich be⸗ merkte ja ſeinen glücklichen Blick, wenn er Dir in Deine dunklen Augen ſah. Mich bemerkte er kaum, wenn Du um den Weg warſt— ſprach nie mit mir ohne Deinen Namen zu nennen. H! Alice,“ fuhr ſie fort, indem ihr der wahre Sachverhalt klar zu werden ſchien,„ich ſehe Alles deutlich! er iſt eifer⸗ ſüchtig— eiferſüchtig auf Ulrick Crawford.“ „Wie lächerlich!“ ſeufzte ihre Schweſter. „Was gibt es denn Lächerlicheres als Eifer⸗ ſucht? Ich bin feſt überzeugt, daß es ſich ſo ver⸗ hält. Erinnere Dich nur, es war Deine Roſe, nicht meine, welche dem armen Ulrick als Zeichen diente. Seine Vorwürfe waren an Dich, nicht an mich ge⸗ richtet; Du warſt es, die von ſchweſterlicher Liebe ſprach.“ Zugleich fing das ſchöne Mädchen, überzeugt, daß ſie die Wahrheit errathen habe, mit halblauter Stimme die vier erſten Linien von Sir Allans Lied zu ſingen an— Begrenzt wie einen Bruder mich zu lieben, Macht meiner Seele Schmerzen nur und Pein. Vergebens iſt mein Flehen! eingeſchrieben In Deinem Herzen muß der Buhle ſein. „Ich ſetze mein Leben zum Pfande,“ flüſterte ſie, nachdem ſie zu ſingen aufgehört hatte,„daß ich Recht habe. Sir Allan liebt Dich und nur Dich allein. Seine Natur iſt zu edel, als daß er mit einer ſo zarten Blume, wie weibliche Liebe, ſein Spiel triebe.“ Alice lauſchte gierig den ermuthigenden Worten ihrer Schweſter und neue Hoffnung tauchte in ihrem jungen Herzen auf. Es lag mehr als Wahrſchein⸗ lichkeit in deren Vermuthung; ein ſchwaches Lächeln ſpielte zuerſt um ihren ſchönen Mund, verſchwand zwar wieder, blieb aber dann darauf haften. Kaum hatte Sir Allan das Zimmer verlaſſen und der Laird unter die übrige Geſellſchaft ſich ge⸗ miſcht, als Alick aus ſeinem Verſteck ſich wegſchlich. 111 Die Nachricht, die er erlauſcht hatte, war von Wich⸗ tigkeit. Es war ihm ſogleich klar, daß die Mit⸗ theilung derſelben Lord Binton mit ihm ausſöhnen werde, deſſen Benehmen ſeit der Nacht des Duells ſehr kalt gegen ihn geweſen war; denn der erfahrene, alte Militär hatte ſogleich bemerkt, daß der Streit eine angelegte Sache geweſen, und daß Campbell dabei betheiligt ſei. Er verabſchiedete ſich daher haſtig von Lady Arran, indem er für ſein raſches Weggehen dienſtliche Pflichten vorſchützte, verließ das Haus und machte ſich ſtracks nach Holyrood auf den Weg, wo er ſicher war, einen Officier und eine An⸗ zahl Soldaten auf der Wache zu finden. „Alick führt nichts Gutes im Schild,“ murmelte die Gräfin, die ihn aus ſeinem Verſteck hatte weg⸗ ſchleichen ſehen.„Es iſt, als ob alles Böſe im Blute der Campbells in ſeinen Adern rollte, Er ſah eher einem Strauchdieb als einem Mitglied meines Hauſes gleich,“ ſetzte ſie unwillig hinzu,„wie er ſich auf dieſe Weiſe hinter einem Vorhang verbarg. Vielleicht gelingt es mir, ihn dießmal zu entlarven.“ Zugleich flüſterte ſie einige Worte einem alten Diener zu, der hinter ihrem Stuhle ſtand, welcher auch unmittelbar darauf das Zimmer verließ, wahr⸗ ſcheinlich um den Befehl auszuführen den er er⸗ halten hatte. Obgleich die alte Dame ſich ſehr bemühte, ihre Unruhe zu verbergen, ſo hätte ein ſcharfer Beobach⸗ ter doch bemerken können, daß etwas in ihr vorging, was ſie ſehr aufregte. Trotz ihrer Selbſtbeherrſchung blickte ſie jedesmal erwartungsvoll nach der Thür, ſo oft dieſelbe aufging, und es ſchien ſie ſehr zu 112 beruhigen, als der Diener endlich wieder erſchien. Er flüſterte ihr einige Worte zu, über welche ſie die Stirne runzelte und vor Ungeduld mit dem Fuß auf den Boden ſtampfte. „Sagen Sie dem Laird von Glaſchelles, ich wünſche ihn in meinem Ankleidezimmer zu ſprechen, und leuchten Sie ihm dahin,“ ſprach ſie, indem ſie unmittelbar darauf das Gemach verließ. „Was haben Sie zu befehlen, Gräfin?“ fragte der jakobitiſche Edelmann, als er in das Boudoir trat, in welchem Lady Arran, ihn erwartend, ſich befand.„Es widerfährt mir ſelten die Chre, Sie in Ihrem Heiligthum beſuchen zu dürfen; was hat dieß zu bedeuten?“ „Es bedeutet,“ erwiderte die Gräfin in leiſem Tone,„daß Sie und mein Reffe Allan verrathen ſind: daß Jemand, der Ihre Unterredung erlauſchte, das Haus verlaſſen und die Bluthunde auf des armen Menſchen Spur gehetzt hat.“ „Das verhüte Gott!“ rief der Laird aus,„das verhüte Gott! Täuſchen Sie ſich aber nicht?“ „Ich gehöre nicht unter die Perſonen, die ſich ſo leicht täuſchen, oder von ihrer Furcht ſich etwas weiß machen laſſen,“ ſprach die Lody.„Ich ſage Ihnen, daß mein Neffe Alick Campbell Ihre Intri⸗ gue erlauſcht und die Wache von Holyrood nach Arthurs Seat geſchickt hat, um Ihren Boten ab⸗ zufangen. Jetzt werden Sie mich wohl verſtehen, Laird?“ „Dann ſtehe Gott dem armen Menſchen bei! was iſt zu thun?“ „Was zu thun iſt?“ wiederholte die alte Dame 113 zornig.„Sie ſind mir der rechte Mann, den Thron der Stuarts wieder aufzurichten, wenn Sie in einem Fall wie dieſer mich fragen: was iſt zu thun? Sind Sie ein Schotte, wenn Sie es zugeben können, daß das junge Blut, das Sie mit Ihren Thorheiten an⸗ geſteckt haben, wie Waſſer vergoſſen werden ſoll? Was iſt zu thun? Dieſe Frage ſollten Sie an Ihr Schwert und nicht an eine Frau, wie ich bin, ſtellen!“ „Ganz recht, Lady Arran,“ erwiderte der Jako⸗ bite, ſich bei dem Vorwurfe ernſt verbeugend.„Glück⸗ licherweiſe weiß ich ſogleich einige Freunde aufzu⸗ finden, die auf jede Gefahr hin Sir Allan retten oder ſo mit ihm ſterben werden, wie es Männern geziemt, die das Schwert zu führen verſtehen.“ „Jetzt, Laird, erkenne ich Sie wieder,“ ſprach die Gräfin,„erkenne ich Sie als einen treuen Schot⸗ ten und tapfern Edelmann. Wenn es Ihnen ge⸗ lingt, ihn zu retten— und ich kann und will nicht daran zweifeln— ſoll Allan nicht nach Edinburg zurückkehren; in der Stadt wird es ihm bald zu heiß werden, und die Frage iſt nur die, wo er ſich verbergen ſoll, bis der Sturm vorüber iſt.— Wo ſoll er ſich aber anders verbergen,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu, während welcher Klugheit und Liebe in ihr ſtritten,„als im Schloß Arran? Dort ſollen ſie ihn nicht ſo leicht finden, denke ich.“ „Und wollen Sie Ihre ſo ſchwer wiedererrungenen Ländereien abermals auf's Spiel ſetzen, Gräfin?“ rief Glaſchelles aus. „Es handelt ſich hier nicht um Ländereien, ſon⸗ dern um das Leben,“ unterbrach ihn die Lady Der junge Prätendent. I. 8 4 1¹4 haſtig;„glauben Sie denn, ich würde weniger daran ſetzen, einen Verwandten meines Gemahls zu retten, als ich that, um deſſen Beſitzung mir zu ſichern? Nein, nein; ſagen Sie daher Sir Allan, wenn er einen Verſteck nöthig habe, ſo ſoll er ſich ſogleich auf den Weg nach Arran machen. Sie können ihm bedeuten, jedoch ſo, als ob der Gedanke von Ihnen käme, daß es dort keine Veranlaſſung gibt, ſich in eine Sache zu miſchen, die weiſere Häupter als das ſeinige in Ungelegenheit zu bringen im Stande iſt.“ Der Laird lächelte im Stillen über den offen⸗ baren Mangel an Klugheit von Seiten der Gräfin, welche ihm jetzt die Hand reichte, die er galant küßte, ehe er das Bondoir verließ. „Ach!“ ſeufzte die alte Dame, als ſie ſich an⸗ ſchickte, zu ihren Gäſten im Empfangzimmer zurück⸗ zukehren,„es werden ſchlimme Zeiten kommen. Ich werde das Ende derſelben vielleicht nicht mehr erleben, aber ich werde das Blut der Arrans in einem gerechten Kampf, wie dieſer, nicht ver⸗ laſſen. Obgleich ich die ſchönen Ländereien zu be⸗ halten gedenke, ſo will ich ſie doch denen bewahren, die einen Platz in meinem alten Herzen gefunden hoben. Bis jetzt wußte ich immer nicht, weßhalb ich ſo lange erhalten blieb,“ ſetzte ſie mit traurigem Lächeln hinzu. Der Mond ſchien glänzend hell, als Sir Allan den gewundenen Pfad hinan zu ſteigen anfing, der auf den Berg führt, welcher dem berühmten Arthur ſeinen Namen verdankt. Wie aber ein ſächſiſcher König dazu gekommen ſein ſoll, ſeinen Namen einem ſchottiſchen Berg zu geben, mag ſchon manchem 11⁵ Alterthumsforſcher viel Kopfzerbrechens gekoſtet haben. Mehrmals wandte er ſich unterwegs um, um die ſchöne alte Stadt zu betrachten, die gleich einer Landkarte zu ſeinen Füßen ausgebreitet da lag. Holyrood mit ſeinen tauſendfachen Ueberlieferungen und Erinnerungen, der Schauplatz ſo manchen tragi⸗ ſchen Ereigniſſes, erſchien unmittelbar unter ihm. Er vermochte ſogar die reizenden Ruinen von deſſen gothiſcher Capelle zu unterſcheiden, deren Umriſſe die Strahlen des Mondes ſcharf abzeichneten, der faſt mit einer gewiſſen Vorliebe darüber zu ver⸗ weilen ſchien. Ucber der alten Reſidenz der ſchottiſchen Könige konnte er den ſteilen Weg von Canongate mit deſſen ſtattlichen Häuſern verfolgen, deren beleuchtete Fen⸗ ſter in den untern Stadttheil hinabſahen, und über demſelben den Felſen mit ſeinem Thurm und den königlichen Gebäuden, den Schauplatz ſo mancher ſchwarzen und grauſamen That, und in dieſem Augenblicke im Beſitz derjenigen, die er für die Feinde ſeines Landes und ſeines Fürſten hielt. Zur Linken lag Leith, nicht wie jetzt ein ge⸗ ſchäftiger Seehafen, ſondern ein bloßes Fiſcherſtädt⸗ chen, kaum größer als ein Dorf. Er bildete ſich ſogar ein, den Baß Rock oberhalb deſſelben unter⸗ ſcheiden zu können, was bei Tageslicht wohl möglich geweſen wäre. Da er aber den Kamm des Berges noch nicht erreicht hatte, ſo befand ſich auch das Feld, auf dem die Schotten für ihre Freiheit gegen den Einfall der Engländer geſtritten hatten, noch nicht in ſeinem Geſichtskreis. Zu jeder andern Zeit würde er ſich an der ruhi⸗ gen Schönheit der Scenerie ergötzt haben; aber ſein Herz war ſchwer. In ſeinem Innern bedauerte er mehr, daß Alice, wie er meinte, ſeiner Liebe ſich unwürdig gezeigt habe, als daß ihm das Scheitern ſeiner Träume und Hoffnungen nahe ging. Es war nicht mehr weit von Mitternacht, als Allan in die Nähe des höchſten Punktes des Berges gelangte. Als er die letzte Anhöhe vollends hinauf⸗ kletterte— denn ein Weg im eigentlichen Sinn des Worts war nicht vorhanden— bemerkte er eine Ge⸗ ſtalt, die ihm nicht ganz unbekannt vorkam, und welche ihn ſcharf in's Auge zu faſſen ſchien. So⸗ bald dieſe glaubte, daß ihre Stimme vernehmbar ſein werde, fing ſie an, den erſten Vers des Lieds zu ſingen, das als gegenſeitiges Erkennungszeichen dienen ſollte; Von jenſeits des Waſſers winkt mir ein Stern, Mein gutes Karhchen; Wie fern er auch iſt, denk ich doch ſein gern, Mein gutes Karhchen. Sir Allan antwortete auf dieſes Zeichen in der verabredeten Weiſe, indem er den Schluß des Verſes ſang— Komm' über das Waſſer, komm' zu mir, Mein gutes Karlchen; Mein Herz verlangt einzig nur nach Dir, Mein gutes Karlchen. Es koſtete eine kleine Anſtrengung um den Fel⸗ ſenvorſprung zu erreichen? auf welchem der Fremde 117 ſtand. Derſelbe ſtreckte dem neuen Ankömmling die Hand entgegen, der dieſelbe ergriff und mit einem raſchen Sprung nunmehr Angeſicht gegen Angeſicht ihm gegenüberſtand. „Mr. Crawford!“ „Sir Allan Glencairn!“ Dieß waren die beiderſeitigen Ausrufungen, als die vermeintlichen Nebenbuhler einander er⸗ kannten. „Es fiel mir im Traume nicht ein,“ ſagte der Baronet kalt,„daß wir uns ſo bald wieder treffen würden.“ „Ich wünſchte das Zuſammentreffen eben ſo wenig, wie Sie, Sir Allan,“ erwiderte Craw⸗ ford ſtolz. „Welcher Art unſere Empfindungen immer ſein mögen,“ bemerkte Sir Allan, der wohl fühlte, wie unedel es wäre, in einem ſolchen Augenblick einen Streit anzufangen,„ſo iſt hier nicht der Ort zu deren Auseinanderſetzung. Sie kamen hieher, um Jemand zu erwarten, aus deſſen Hände Sie gewiſſe Papiere erhalten ſollten?“ „Und dachte dabei entfernt nicht daran, daß mein früherer Gaſtfreund der Ueberbringer derſelben ſein werde,“ bemerkte der junge Verbannte offen. „Hätten wir uns ohne Rückhalt gegen einander aus⸗ geſprochen, ſo hätten wir uns einen langen Weg und ich mir ſelbſt einige Gefahr erſpart, denn ich war nahe daran, auf dieſem abſcheulichen Felſen den Hals zu brechen.“ Allan dachte, daß dieß eben kein ſo großes Un⸗ glück geweſen wäre, doch drängte er ſchnell dieſen 118 unedeln Gedanken zurück, über den er wohl zu er⸗ röthen Urſache hatte. Zugleich zog er den Brief aus ſeiner Bruſttaſche hervor und übergab ihn kalt dem Boten, der ihn mit der gleichen Förmlichkeit entgegennahm. „Leben Sie wohl, Mr. Crawford!“ rief er uut⸗„der Zweck unſeres Zuſammentreffens iſt er⸗ üllt.“ „Leben Sie wohl, Sir Allan Glencairn!“ er⸗ widerte der junge Mann ſtolz.„Wenn Sie je in eine Lage, wie die meinige iſt, verſetzt werden ſollten, ſo wünſche ich, daß Sie eine eben ſo herzliche Gaſt⸗ freundlichkeit und eine ebenſo höfliche Aufnahme fin⸗ den möchten, wie die, für welche ich noch immer in Ihrer Schuld bin.“ Die Ironie dieſes Abſchieds traf den Baronet um ſo empfindlicher, als er einigermaßen fühlte, daß er den darin liegenden Vorwurf verdient habe. Ehe er jedoch darauf zu antworten vermochte, wurden er und ſein Genoſſe durch die Ankunft von einer An⸗ zahl Soldaten erſchreckt, die während der Unterredung den Berg heraufgeklettert waren und faſt auf eine Armslänge ſich dem Orte genähert hatten, wo Beide ſtanden. Das Schwert ziehen und in Vertheidigungsſtand ſich ſtellen, war bei den jungen Männern das Werk eines Augenblicks. „Ergebt euch!“ ſchrie der wohlbeleibte engliſche Sergeant faſt ganz außer Athem,„ich— ich arretire euch— Beide, wegen Ho— Ho— Hoch— verrath. Er— er— greift ſie!“ Der erſte Soldat, der auf die Gruppe des Fel⸗ 119 ſens geſprungen kam, war ein gewandter Burſche von etwa fünfundzwanzig Jahren und als der beſte Fechter im Regiment bekannt. Es gelang ihm zwar, ſich auf den Kamm zu ſchwingen, aber es dauerte einige Secunden, bis er völlig das Gleichgewicht er⸗ langt hatte. Dieſer Moment war verhängnißvoll für ihn, denn ehe er ſeinen Säbel ſchwingen konnte, hatte Crawford's langer Degen ihn durchbohrt, und er ſtürzte mit einem ſchweren Seufzer über die Köpfe ſeiner nachſteigenden Kamaraden weg in eine ziem⸗ liche Tiefe unter den Füßen derſelben. „Zurück!“ rief Sir Allan, in Erwiderung der Aufforderung des Sergeanten;„zurück! wenn euch Euer Leben lieb iſt. Ihr habt es mit Männern zu thun, die ihre Freiheit um den Preis des Lebens zu vertheidigen entſchloſſen ſind.“ Es entſpann ſich jetzt ein ſehr ernſtlicher Kampf. Sir Allan und Crawford fochten mit dem Muthe der Verzweiflung von Männern, die entſchloſſen ſind, ſich nicht fangen zu laſſen; denn eine Gefangenneh⸗ mung unter den jetzgen Umſtänden hieß ſo viel als die Köpfe auf den Block zu legen. Mehreren Soldaten war es gelungen, auf der ſchmalen Plattform feſten Fuß zu faſſen, indem ſie von einer andern Seite her auf den Felſen herauf⸗ geklettert kamen, wo die jungen Männer ſich Zoll für Zoll gegen diejenigen ihrer Angreifer ver⸗ theidigten, welche in der Fronte heraufzuſteigen ver⸗ ſuchten. So bald dieſe den Nachtheil bemerkten, in welchen der Feind durch dieſe Bewegung ſie verſetzt hatte, ſtellten ſie ſich Rücken an Rucken auf, um auf dieſe 120 Weiſe dem neuen Angriff zu widerſtehen. Wenn ihnen aber nicht der erhöhte Standpunkt, auf welchem ſie ſich befanden, einigen Vortheil verliehen hätte, ſo würde der Kampf viel bälder ein Ende erreicht haben, den nur die verzweiflungsvolle Hartnäckigkeit von Männern in die Länge zu ziehen vermochte, welche die Ehre höher ſtellen als das Leben. Sir Allans Schwert blitzte im Mondſchein, wie wenn er es in feurigen Kreiſen um ſich geſchwungen hätte, oder fiel mit einem Getöſe, dem Ziſchen der Schlange nicht unähnlich, auf den Kopf eines der unglücklichen Angreifer, der dann keines zweiten Streichs mehr bedurfte; gewöhnlich folgte hierauf ein tiefer Seufzer, man hörte den ſchweren Fall eines Körpers, der von einem Felſen auf den andern ſtürzte, und Alles war vorbei. Ulrick Crawford's Degen war nicht weniger wirk⸗ ſam. Obgleich durch einen Säbelhieb in ſeinen rechten Arm verwundet, vertheidigte er doch fort⸗ während die Stelle des Felſens, auf welcher er ſtand, mit unermüdlicher Tapferkeit, und nach einem Kampfe, in welchem fünf Soldaten gefallen waren, blieben die jungen Männer Meiſter des kleinen Raums, den ſie ſo tapfer vertheidigt hatten. Der Sergeant, der die Abtheilung kommandirte, verwünſchte auf's Bitterſte ſeinen Mangel an Vor⸗ ausſicht, daß er keine Feuerwaffen mit ſich genom⸗ men habe; eine einzige Muskete hätte hinge⸗ reicht, die Jakobiten in ſeine Gewalt zu bringen. Als er bemerkte, daß die Hitze ſeiner Leute durch das Schickſal ihrer Kamaraden bedeutend ſich abge⸗ kühlt hatte, rief er ſie zurück, in der Abſicht, den 12¹ Angriff in eine Blokade zu verwandeln. Seine Opfer konnten ihm ſeiner Anſicht nach unter keinen Um⸗ ſtänden entgehen, denn ſo bald ſie ihre überlegene Stellung aufgaben, konnte er mit ſeinen Leuten ſie augenblicklich umringen. „Die Sochſen ſcheinen genug bekommen zu haben,“ ſprach Crawford, als er bemerkte, daß die Soldaten nicht geneigt ſeien, den Angriff zu er⸗ neuern. „Es iſt dieß nur das Zurückweichen des Tigers,“ er⸗ widerte ſein Gefährte, um einen deſto ſicherern Sprung machen zu können. Bald wird der Morgen anbre⸗ chen, man wird Verſtärkung mit Feuerwaffen ſchicken und dann wird der Kurfürſt von Hannover einen Feind, und König Jakob einen Freund weniger zählen.“ „Zwei Feinde und zwei Freunde weniger,“ bemerkte Crawford,„denn dieſelbe Salve wird uns Beide tref⸗ fen. Gibt es denn keinen Weg,“ ſetzte er, aufmerk⸗ ſam den höher liegendeu Felſen muſternd, hinzu,„auf dem man die Feinde umgehen kann?“ „Es gibt keinen; jedenfalls blieben wir immer in der Schußlinie der feindlichen Flinten. Allein wenn. auch ich den Gipfel erklettern könnte, woran ich ſehr zweifle, ſo wären Sie zu ſchwach zu einem ſolchen Verſuch; der Hieb in Ihren rechten Arm ſcheint tief gegangen zu ſein.“ „Nicht tiefer als bis auf den Knochen,“ ewiderte der junge Mann kalt,„aber laſſen Sie ſich dadurch, daß ich unfähig bin zu entkommen, von einem Ver⸗ ſuche nicht abhalten; ich bin nicht ſo ſelbſtſüchtig, daß ich meine, ich müſſe in Geſelſſchaft ſterben. Ich 122 bin noch kräftig genug, um unſere Stellung zu ver⸗ theidigen, während Sie an dem Felſen hinaufſteigen; verſuchen Sie es alſo, und möge der heilige Andreas Sie beſchützen.“ „Und ich ſollte Sie hier allein zurücklaſſen, um zu ſterben!“ rief Sir Allan aus, ergriffen von dem edelmüthigen Anerbieten ſeines vermeintlichen Ne⸗ benbuhlers.„Das erlaubt hochländiſche Freundſchaft nimmermehr.“ „Wir ſind aber keine Freunde,“ bemerkte Craw⸗ ord. „Für jetzt ſind wir wenigſtens Kamaraden,“ ſagte der Baronet,„und läge der Pfad zur Rettung für mich allein ganz offen da, ſo würde ich ihn doch nicht betreten. Rein, Alice ſoll nicht ſagen, daß Allan Glencairn ſeinen glücklichen Nebenbuhler allein habe ſterben laſſen.“ „Alice!“ wiederholte ſein Gefährte erſtaunt; „Conſtance wollen Sie wohl ſagen.“ „Conſtance! meinen Sie dieſe?“ „Gewiß,“ antwortete Crawford, mehr dem Auge als den abgeriſſenen Worten Allans ant⸗ wortend. „Thor, der ich war!“ rief dieſer;„ich ſehe jetzt Alles— die Thorheit, den Wahnſinn, die Unge⸗ rechtigkeit meines Verdachts. Ich habe das edelſte Herz verwundet, das je in weiblicher Bruſt geſchla⸗ gen hat, und ſie wird nie erfahren,“ fuhr er bitter fort,„wie innig ich ſie liebte, daß meine Seele ſich nur mit ihr beſchäftigte— daß mein Herz ihr, ganz allein ihr gehörte.“ „Es war dieß ſehr ungluͤcklich,“ ſprach Crawford, 123 indem er es verſuchte, dem Baronet die Hand zu reichen, aber ſein Arm war durch die kurze Unthä⸗ tigkeit plötzlich ganz ſteif geworden, ſo daß er ihn nicht mehr auszuſtrecken vermochte.„Wenn wir auch nicht als Freunde gelebt haben, ſo laſſen Sie uns wenigſtens als ſolche ſterben.“ Die jungen Männer umarmten ſich und fühlten von dieſem Augenblicke an, daß ſie Brüder ſeien. „Sie überfallen uns!“ rief der Verwundete, als drei von den Soldaten, dieſen günſtigen Moment der Zerſtreuung benützend, auf den Felſen geſprungen kamen.„Glencairn! ſtoßen Sie mir das Schwert durch's Herz, dnlden Sie es nicht, daß Conſtance's Lieb⸗ haber wie ein willenloſes Thier von dieſen Henkern zur Schlachtbank geführt wird.“ Allan ſtellte ſich vor ſeinen verwundeten Freund und vertheidigte den engen Paß mit einer Verzweif⸗ lung, welche ſeine Feinde einſchüchterte. Er fühlte weder die Wunden, die er empfing, noch ſah er die Schwerter der Gegner. Blut ſtrömte aus ſeiner Seite und ſeinem Arm, aber eine übermenſchliche Kraft ſchien ihn aufrecht zu halten. Er meinte Alice's dunkle Augen blickten zuſtimmend auf ſeine Sühne herab,— er fühlte, daß er nicht ſterben könne, ohne ihre Verzeihung erlangt zu haben.“ „Macht ihm den Garaus!“ ſchrie der Sergeant von unten den zwei noch übrig gebliebenen Solda⸗ ten zu; denn der dritte war ſo eben mit halb zer⸗ ſpaltenem Schädel durch einen kräftigen Hieb von Allans Schwert als ein Leichnam zu ſeinen Füßen niedergefallen;„macht ihm den Garaus!“ Dieß war der letzte Befehl, den dieſer arme 124 Menſch gab, denn man hörte einen ſcharfgeladenen Schuß aus einem Piſtol und die Kugel drang ihm mitten durch's Herz. Obgleich ein ſehr beleibter Mann, machte er doch einen nicht unbedeuten⸗ den Luftſprung und fiel dann, wie ein Klotz, auf einen der ſcharf vorſpringenden Punkte des Felſen. Es erfolgten noch mehrere Schüſſe. „Halten Sie ſich, Allan!“ rief der Laird von Glaſchelles, der mit einer Abtheilung Jakobiten wie ein ächter hochländiſcher Bergſteiger zu ſeiner Be⸗ freiung heraufgeklettert war;„halten Sie ſich und Sie ſind gerettet!“ Der letzte der Angreifer, denn auch der zweite darunter war gefallen, bedrängte den Baronet hart, deſſen Kraft zu ſchwinden anfing, und ein nach ihm geführter Hieb bedrohte ſeinen Kopf, nachdem die Klinge ſeines Schwerts beim Pariren zerbrochen war. Sein Leben lag in der Hand ſeines Feindes. In dem Augenblick aber, als der Soldat ſein Werk vollenden wollte, ertönte eine zweite Salve, der Sol⸗ dat ſtürzte vom Felſen herab, und Sir Allan ſank auf den Boden, den er ſo tapfer vertheidigt atte. Siebentes Kapitel. Der rechtzeitige Beiſtand, der Sir Allan Glen⸗ cairn und Ulrick Erawford in dem Augenblick zu Theil wurde, als aller weitere Widerſtand unmög⸗ lich ſchien, gehörte unter die romantiſchen und wun⸗ derbaren Vorfälle, welche den Aufſtand von 1745 characteriſiren. „Hier liegt das edelſte Herz!“ rief der Laird aus, indem er ſich über den wie todt daliegenden Baronet hinbeugte,„den je des Sachſen Stahl ge⸗ troffen hat. Tauſendmal lieber hätte ich mein altes Gerippe dazu hergegeben, daß die Sachſen ihre Wuth daran hätten kühlen können, als daß ich den Stolz von Moray hier auf blutiger Bahre hinge⸗ ſtreckt ſehen muß. Manches Herz wird brechen und manches ſchöne Auge weinen über das Werk dieſer Nacht.“ „Er lebt!“ ſprach Crawford, der neben ſeinem Gefährten kniete und ſeine linke Hand auf Sir Al⸗ lans Bruſt gelegt hatte.„Ich fühle das männliche Pochen ſeines Herzens unter meinem Druck. Sehen Sie! die Röthe kehrt auf ſein bleiches Geſicht zurück. Er lebt,“ fuhr er begeiſtert fort,„für Ehre, Freund⸗ ſchaft und Liebe, und um noch manchen guten Streich für Schottland und für deſſen rechtmäßigen König zu führen.“ „Gott ſei's gedankt!“ murmelte der alte hoch⸗ ländiſche Edelmann, der in der Nacht des Duells zwiſchen Allan und Rawlins bei Murdoch anweſend geweſen war und welcher allgemein unter dem Na⸗ 126 men des Laird oder Herrn von Hinton bekannt war, Was machen wir aber mit dem armen Menſchen? Wir können ihn ohne Beiſtand nicht hier laſſen, und wenn wir ihn nach dem Vorfall von heute Nacht in die Stadt brächten, ſo wäre dieß ſo gut, als wenn wir ihn geradezu dem Tod über⸗ lieferten.“ Glücklicherweiſe führte einer der ſo glücklich zum Beiſtand der jungen Männer Herbeigekommenen eine Flaſche mit Safranbranntwein bei ſich. Man hob den Verwundeten, der theilweiſe wieder zu ſich ſelbſt gekommen war, etwas in die Höhe und goß ihm von der Flüſſigkeit in den Schlund. Als ächten Hoch⸗ länder belebte der Whisky den Baronet und ſchon nach wenigen Augenblicken blickte er verwirrt auf die ihn umſtehenden Geſichter, ſchloß und öffnete ſeine Augen wieder, als wenn er ſich hätte überzeugen wollen, daß es kein Traum ſei. „Wo bin ich?“ fragte er matt. „Auf dem Gipfel von Arthurs Stuhl,“ erwiderte der Laird;„wollte Gott, Sie wären aber heute Nacht an irgend einem andern Ort.“ „Arthurs Stuhl,“ wiederholte der Verwundete, bemüht ſeine Erinnerung zu ſammeln,„Arthurs Stuhl; ach! ich weiß— ich erinnere mich jetzt Alles wie⸗ der. Die Papiere— der Bote— und— Craw⸗ ford,“ rief er aus,„wo iſt Ulrick Crawford— iſt er gerettet?“ „Hier bin ich, licher Allan,“ ſprach der junge Verbannte, der noch immer an ſeiner Seite kniete; „hier, und, Dank Ihrem aufopfernden Muthe, gerettet, 127 der es verſchmähte, einen verwundeten Kamaraden ſeinem Schickſal zu überlaſſen.“ „Das glaube ich wohl,“ bemerkte Glaſchelles, „Glencairn iſt nicht der Mann, der einen Freund im Stich läßt und ſich rettet; das iſt nicht ſchottiſcher Brauch.“ Beim Tone von Crawford's Stimme glitt ein Lächeln tiefer und ſtolzer Zufriedenheit über das Antlitz des Baronets. Durch die Errettung ſeines Gefährten hatte er ſich mit ſich ſelbſt verſöhnt, die Sühne für ſeine frühere Eiferſucht und Ungerechtig⸗ keit war dadurch vollſtändig geworden. Mit An⸗ ſtrengung ſtreckte er ſeine rechte Hand aus, welche ſein vermeintlicher früherer Nebenbuhler liebevoll mit ſeiner linken drückte, der jetzt gänzlich außer Stande war, ſeinen rechten Arm zu bewegen. Der arme Crawford war ſchier eben ſo ſchwer verwundet als Sir Allan. Es wurde nun berathſchlagt, was mit den Ver⸗ wundeten anzufangen ſei. Wie der Laird zuvor ſchon bemerkt hatte, ſo wäre ein Zurückſchaffen derſelben nach der Stadt nichts Anderes geweſen, als ihre Köpfe auf den Block zu bringen, denn die hannöve⸗ riſche Regierung fing an ernſtlich beunruhigt zu wer⸗ den, und Furcht iſt gewöhnlich grauſam. „Ich habe es,“ ſagte der junge Herr von Lind⸗ ſay, derſelbe, deſſen Flaſche mit Safranbranntwein ſo gute Dienſte geleiſtet hatte.„Meine Barke liegt auf der Rhede von Leith vor Anker; die Leute darauf ſind alle von meinem Clan und mir mit Leib und Seele ergeben. Wenn wir die Verwundeten an Bord zu ſchaffen vermöchten, ſo würde ich mit ihnen 128 nach den weſtlichen Hochlanden ſegeln, und es möchte dem Kurfürſten ſchwer fallen, ſie dort feſtnehmen zu laſſen.“ „Man muß aber doch ihre Wunden verbinden!“ bemerkte einer der Anweſenden. „Ueberlaſſen Sie das mir,“ erwiderte der Laird von Hinton in zuverſichtlichem Tone.„Der alte Saunders Mackinlay' von Leith verſteht es eine Ku⸗ gel auszuziehen oder eine Wunde zu verbinden, gleich dem beſten Wundarzt in der Armee.“ „Dieß wäre Alles recht gut, wenn die armen Menſchen am Ufer bleiben könnten.“ „Da ſie dieß aber nicht können,“ fuhr der Eigen⸗ thümer des Schiffs fort,„ſo ſehe ich keinen Grund ein, weßhalb der gelehrte Aesculap nicht auf die See gehen ſollte. Es wird nicht das erſtemal ſein, denn wenn mich mein Gedächtniß nicht trügt, ſo diente er an Bord eines Privatſchiffes in Weſtindien ſowohl wie im Golf von Meriko.“ „Wie bringen wir ihn aber an Bord?“ „Das will ich ſchon machen,“ ſagte der junge Mann lächelnd.„Ihr habt eigenthümliche Bedenken, ihr Herrn, die ihr ſo nahe bei Edinburg lebt, und macht mit euren Doktoren ſo viele Umſtände, wie ich kaum mit einem Laird, der Grund und Boden beſitzt. Wiſſet ihr, wie wir es in den weſtlichen Hochlanden angreifen, wenn wir eine Sache oder eine Perſon nöthig haben?“ „Nein.“ „Wir nehmen ſie mit Gewalt,“ lautete die kalt⸗ blütige Antwort;„es iſt dieß der kürzeſte und folg⸗ lich der beſte Weg!“ —— 129 Mit einer Schnelligkeit, aus der erſichtlich war, wie ſehr ſie an dergleichen Aushilfsmittel gewöhnt waren, machten die Hochländer aus ihren Plaids eine Art von Hängematte, auf welche ſie Sir Allan legten. Vier der kräftigſten Männer trugen ihn rauhen Felſen den gewundenen Pfad inab. Crawford war, geſtützt auf einen freundlich ihm gereichten Arm, im Stande, zu Fuß der Sänfte ſeines Freundes zu folgen, der trotz ſeiner Selbſtbeherrſchung zuweilen einen tiefen Seufzer nicht unterdrücken konnte, den ihm der Schmerz auf dieſem holperigen Wege verurſachte. „Wollte Gott, wir wären am Ziele!“ ſagte Craw⸗ ford;„die Schmerzen müſſen groß ſein, wenn einem ſolchen Geiſt ein Ausruf erpreßt wird, der mir tief in die Seele ſchneidet.“ „Ich freue mich im Gegentheil darüber,“ erwi⸗ derte der alte Laird, an den dieſe Bemerkung ge⸗ richtet war. „Sie freuen ſich darüber?“ wiederholte der junge Mann erſtaunt. „Nur die Todeswunde verurſacht uns keinen Schmerz. Wenn Sie, wie ich, ſo viele tapfere Män⸗ ner auf dem Schlachtfelde, die Geſichter nach oben gekehrt, hätten liegen ſehen,— wenn Sie ſo oſt, als ich, ſolche, die Sie liebten, unter den Todten und Sterbenden geſehen hätten, ſo würden Sie verſtehen, wie ein Schmerzensſchrei gleich Muſik klingen kann, denn es iſt dieß der Schrei der Hoffnung.“ Glücklicherweiſe kannten die Jacobiten die Gegend Der junge Prätendent. I. 9 130 ſehr genau und ſo langten ſie, ohne einen Soldaten zu begegnen, bei einer alten Capelle unweit des Meeres an. Hier wechſelten die Träger des Ver⸗ wundeten und der junge Herr von Lindſay machte ſich in Begleitung einiger Männer auf den Weg voraus, um Anordnungen zu treffen, daß das Boot ſogleich in Bereitſchaft geſetzt werde, damit bei der Ankunft in Leith kein unnöthiger Aufenthalt ſtattfinde; denn ſchon fingen die Sterne an zu erbleichen und einzelne goldene Streifen am Horizont verkündeten den anbrechenden Morgen. Crawford fühlte ſich ausnehmend beruhigt, als man nach einem beſchwerlichen Marſch endlich die Rhede des kleinen Fiſcherorts Leith erreicht hatte und er ſeinen Freund ſicher in dem Boot unterge⸗ bracht ſah, das auf ſeine Ankunft hier wartete. Seine eigenen Schmerzen waren ſehr groß geweſen, weil der in den Arm erhaltene Hieb die Hauptmuskel durchſchnitten, doch hatte er mehr für Sir Allan als für ſich ſelbſt ausgeſtanden. Er müßte aber auch ein ſehr kaltes Herz beſeſſen haben, wenn daſſelbe nicht durch die Erinnerung an ſo viele Aufopferung und ſo großen Muth erwärmt worden wäre. Im Augenblick der Einſchiffung waren nur we⸗ nige vereinzelte Fiſcher um den Weg, die aber viel“ zu ſehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt waren, als daß ſie auf das, was um ſie vorging, hätten Acht geben können; vielleicht hielt ſie auch die Gefahr ab, die ihnen erwachſen wäre, wenn ſie das Treiben einer Abtheilung Hochländer, die bis an die Zähne be⸗ waffnet und offenbar nicht von niedrigem Stand wa⸗ ren, zu genau beobachtet hätten. 4 — e⸗ el ie n ie 131 „Gott ſei mit euch, Jungens!“ ſprach der alte Laird, als er die Hände der jungen Männer drückte. „Ihr habt der Sache einen guten Dienſt geleiſtet. Wären die Papiere in die Hände der Sachſen ge⸗ fallen, ſo wäre mehr als Ein Kopf dadurch compro⸗ mittirt worden. Beſäße Carl viele Freunde wie ihr, ſo wäre der Thron ſeiner Vorfahren nicht län⸗ ger mehr ein bloßer Traum für ihn.“ „Er ſoll auch keiner bleiben,“ bemerkte Crawford begeiſtert.„Das erſte in dem Kampfe vergoſſene Blut ſoll nicht vergebens gefloſſen ſein.“ „Laird,“ flüſterte Sir Allan mit ſchwacher Stimme, „noch einen Dienſt wünſche ich von Ihnen— vielleicht iſt es der letzte.“ „Das verhüte Gott!“ rief der ehrliche Schotte aus.„Aber worin ſoll er beſtehen? Wenn Herz und Kopf ihn zu leiſten vermögen— eines alten Man⸗ nes nemlich— ſo betrachten Sie ihn für ſo gut als wie geleiſtet.“ „Es iſt nicht viel Gefahr dabei,“ bemerkte der Baronet matt.„Sie brauchen nur in meine Woh⸗ nung zu gehen, in dem Kabinet werden Sie auf dem Marmortiſche in der Nähe des Fenſters eine arme Blume— eine halbverwelkte Roſe finden.“ „Irgend ein Liebespfand, darauf möchte ich ſchwören.“ „Nehmen Sie dieſe und geben Sie ſie meiner Baſe Alice— merken Sie wohl Alice Arran, ſagen Sie nicht, daß ich verwundet bin,— ebenſo wenig daß Crawford es iſt, ſondern theilen Sie ihr nur mit, daß der Dunſt ſich zerſtreut hat und daß Al⸗ 132 lan Glencairn ſeiner Schweſter Conſtance Grüße ſendet.“ „Und daß Crawford,“ ſetzte ſein Gefährte hinzu, der den Auftrag mit angehört hatte,„ſeine Grüße an ſeine Schweſter Alice ſende.“ „Ich bin zwar nie ſtark im Löſen von Räthſeln geweſen,“ ſprach der alte Mann freundlich,„aber ich glaube das Eurige errathen zu können. Ich will Eure Aufträge ausrichten, Jungens, ſo genau als ein treues Herz es vermag. Laßt mich recapituliren,“ fuhr er fort.„Sie,“ auf Allan deutend,„und Alice, Sie,“ auf Crawford deutend,„und Conſtance. Ich verſtehe, ich verſtehe.“ Es erfolgte nun ein allgemeines Händedrücken und das Boot ruderte auf das Schiff zu, das un⸗ gefähr eine Meile weſtwärts von Baß Rock lag. Der junge Herr von Lindſay ging nicht mit, ſondern wollte erſt in ein paar Stunden nachfolgen. Die Jacobiten hielten es für das Gerathenſte, nach dem Abenteuer dieſer Nacht ſich zu zerſtreuen und einzeln nach Edinburg zurückzukehren, um jeden Verdacht zu vermeiden, denn es war jetzt heller Tag geworden und ſie wußten wohl, daß neugierige Augen auf ſie gerichtet ſein würden. „Ein Wort, meine Herrn, ehe wir ſcheiden,“) ſprach der Laird von Glaſchelles;„Ihr müßt ſehr auf Eurer Hut ſein. Wen haltet ihr wohl für den Ur⸗ heber dieſes nächtlichen Blutwerks?“ „Nennen Sie ihn— nennen Sie ihn!“ ertönte es allgemein. „Alick Campbell iſt es, der wie ein feiger Spion hinter einem Vorhang in Arran Houſe verborgen. . 133 die Inſtruction erlauſchte, welche ich Sir Allan Glencairn gegeben habe. Meidet jede Berührung mit dieſem Manne— gehet ihm aus dem Wege, wo nur ſein Schatten ſich blicken läßt; wo er ſich be⸗ findet, lauert der Tod. Ich fürchte dieſen Menſchen nicht, aber ich meide ihn.“ Mit dieſen Worten trennten ſich die Hochländer und von dieſer Stunde an hatte ſich die Liſte der Feinde Alick Campbells, die ihn um ſeines Stolzes, ſeiner Anmaßung und ſeiner Verrätherei willen haß⸗ ten, noch um ein Bedeutendes vermehrt. Kaum hatte Saunders Mackinlay, der wohlbe⸗ kannte Practicus von Leith, ſeinen Laden geöffnet, als er durch das Erſcheinen eines Hochländers über⸗ raſcht wurde, der, wie unſere Leſer ſich leicht vor⸗ ſtellen werden, kein anderer als der Herr von Lind⸗ ſay war. Der Aesculap des Nordens beſaß gleich vielen ſeiner Landsleute ein ſcharfes Auge für Unterſcheidung von Perſönlichkeiten, und ſo ſah er ſogleich, daß der Eintretende von keinem gemeinen Stande ſei, obgleich an ſeiner Kleidung kein Zeichen ſeines adelichen Standes bemerkbar war. „Und womit kann ich Euer Ehren heute Morgen dienen?“ fragte Saunders.. „Einer meiner Leute an Bord hat ſich verwun⸗ det,“ verſetzte der junge Mann unbefangen,„und ich wünſche, daß Sie mir folgen, um ihn zu ver⸗ binden.“ „Geht nicht,“ ſprach der Doctor.„Ich kann dieß nicht thun; laſſen Sie den Mann an's Land brin⸗ gen, dann will ich nach ihm ſehen.“ „Ich ſagte Ihnen aber ja, daß er verwundet ſei.“ 134 „Er iſt aber doch nicht ſo ſchlimm daran, daß man ihn nicht von der Stelle ſchaffen kann?“ „Allerdings.“ Dann müſſen Sie ſich nach einem andern Wund⸗ arzt umſehen,“ ſprach der alte Mann.„Seit vielen Jahren habe ich keinen Fuß mehr auf das Verdeck eines Schiffes geſetzt und will daher Gott nicht ver⸗ ſuchen, indem ich es jetzt wieder thue.“ „Sagen Sie, was Sie dafür verlangen.“ „Sie haben bereits meine Antwort.“ „Fünf Guineen.“ „Ich brauche kein Geld,“ ſagte der Arzt mür⸗ riſch. „Zehn.“ „Ich laſſe mich nicht verlocken.“ „Zwanzig.“ Der alte Mann wandte ſich ab. Offenbar entſtand ein innerer Kampf in ihm zwiſchen ſeiner Habſucht und einer unbeſtimmten Furcht, die ihn abhielt ſich noch einmal der See anzuvertrauen. Letztere behielt die Oberhand, denn er war nicht zu bewegen. „Wohlan,“ ſprach der Fremde,„da Sie ſich auf meinen Antrag nicht einlaſſen wollen, ſo muß ich mich Ihren Wünſchen fügen. Finden Sie ſich in einer Stunde am Strande ein, bis dahin will ich dann den armen Menſchen in einem Nachen an's Ufer bringen laſſen. Sie werden ſich einfinden?“ „Am Ufer, ja,“ erwiderte Saunders,„ſo oft Sie es wünſchen, aber keinen Schritt, keinen Zoll weit auf der See.“ * 135 „Fürchten Sie dieſe ſo ſehr?“ fragte der Hoch⸗ länder. „Sie fürchten!“ wiederholte der alte Mann;„ich liebte ſie in meiner Jugend ſehr. Ich liebte ſie viel⸗ leicht nur zu ſehr und dieß mag der Grund ſein, weßhalb ich jetzt nicht mehr in ihre Tiefe zu ſchauen ertragen kann.“ „Wohl möglich,“ ſprach der Hochländer trocken, der ſich ſeine eigene Anſicht über die Natur der Er⸗ innerung Saunders Mackinlay's gebildet hatte,„jeden⸗ falls aber kommen Sie an den Strand.“ „Ja, ja— an den Strand.“ „Und bringen Ihre Inſtrumente, ſowie Salbe und Linnenzeug mit,“ ſetzte der Fremde hinzu, in⸗ dem er mehrere Goldſtücke in des Doctors Hand gleiten ließ.„Dieſes Aufgeld mag Ihnen beweiſen, daß Sie es mit keinem Knicker zu thun haben. In einer Stunde werde ich Sie erwarten.“ „In einer Stunde,“ wiederholte der alte Mann, das Geld mit befriedigter Miene einſteckend, denn eine ſolche Belohnung wurde ihm nicht oft zu Theil;„ich werde mich gewiß einfinden.“ „Wenn Sie ausblieben,“ ſprach der Hochländer mit drohendem Blick,„ſo würde ich Mittel und Wege finden, Sie zu züchtigen; ich gehöre nicht unter die Menſchen, denen man ungeſtraft ſein verpfändetes Wort bricht.“ Damit verließ er das Haus und begab ſich raſch nach dem Strand, um der Mannſchaft ſeines Schiffs Verhaltungsbefehle in Betreff des von ihm ausge⸗ ſonnenen Plans zu ertheilen, denn Saunders Ein⸗ wurf, ſich nicht mehr der See anvertrauen zu wollen, 136 erſchien ihm im Vergleich mit der Gefahr, in der ſeine Gäſte ſchwebten, von untergeordneter Wichtigkeit. Als Saunders zur bezeichneten Stunde am Strande erſchien, fand er das Boot über die Fluthöhe her⸗ aufgezogen und den vermeintlichen Verwundeten, in ein Segel gehüllt, auf dem Boden des Schiffes lie⸗ gen. Zwei oder drei Männer, die wie Matroſen ausſahen, ſtanden in der Nähe deſſelben und horchten auf die Befehle, welche der Laird von Lindſay ihnen auf gäliſch ertheilte. „Willkommen, Doctor!“ rief der junge Hochlän⸗ der mit befriedigtem Lächeln aus,„ich war in mei⸗ nem Leben nie ſo froh, irgend Jemand zu ſehen. Hier iſt Ihr Mann,“ fuhr er fort, auf eine Geſtalt deutend, die in ein Segeltuch gehüllt war,„der arme Menſch iſt ſehr ſchwer verwundet. Haben Sie Ihre Inſtrumente mit ſich gebracht?“ „Die führe ich ſtets bei mir,“ erwiderte der rauhe Sohn Aesculaps. „Und die Leinwand und den Verband?“ „Genug, um die Wunden der Hälfte Ihrer Mann⸗ ſchaft zu verbinden,“ verſetzte der Doctor mit einem Blick auf ein Kiſtchen von Mahagony, das er unter dem Arme hatte. „Alſo an's Werk— an's Werk,“ ſprach der Laird.„Kommen Sie in's Boot.“ „Können Sie den Mann nicht an's Ufer heben laſſen?“ „An's Ufer heben!“ erwiderte der Hochländer, „das wäre ſein Tod. Kommen Sie herein, davor werden Sie ſich doch nicht fürchten beim Teufel!“ „Durchaus nicht, durchaus nicht,“ erwiderte —.,—ůÜY—AÜÜũ˖b — 137 Saunders, mit einem Widerwillen, von dem er ſich ſelbſt keine Rechenſchaft zu geben vermochte, das Boot betretend, denn er hatte entfernt keine Ahnung von dem Streich, den man ihm zu ſpielen beab⸗ ſichtigte. Sobald er im Boote war, folgte ihm der Laird, wie um ihm bei ſeinem Geſchäft Beihilfe zu leiſten, und die Matroſen ſchloßen einen Kreis um Beide, um zu ſehen, was vorgehe. „Der arme Teufel iſt ja halb erſtickt,“ ſprach der Doctor, auf die Geſtalt unter dem Segel deutend. „Ich hielt dieß für das Beſte, um die Luft von ihm abzuhalten,“ bemerkte der Hochländer trocken. „Das war eine ſehr weiſe Vorſicht: wir wollen nun ſehen, wo er verwundet iſt.“ Zugleich legte er ſein Käſtchen auf einen der Bänke und faßte das Segel an, um es bei Seite zu ſchieben und an den Verwundeten zu gelangen. In dieſem Augenblick ließ ſich ein Knurren vernehmen, das mehr aus der Kehle eines jungen Hundes als eines menſchlichen Geſchöpfs zu kommen ſchien. Die Matroſen ver⸗ zogen grinſend die Geſichter, und ſelbſt Lindſay vermochte kaum ein Lächeln zu unterdrücken. Nach⸗ dem das Tuch ein wenig bei Seite geſchoben war, erblickte der Doetor einen langen, rothhaarigen Hoch⸗ länder vor ſich ausgeſtreckt, deſſen geröthete Wangen — er war unter dem Segeltuch halb erſtickt— auf nichts weniger als Schwäche oder Ohnmacht ſchließen ließen. „Wo ſind Sie verwundet?“ fragte der Doctor. Der Burſche ſtöhnte abermals, indem er auf ſeine Bruſt deutete. Während der Doctor ſich anſchickte die Wunde zu unterſuchen, ſchlang der Patient ſeinen Arm um ſeinen Nacken und zog ihn zu ſich herab auf den Boden des Boots, zugleich warf Lindſay das Segel⸗ tuch über Beide. „Stoßt ab!“ rief er ſeinen Leuten zu, die zu⸗ vor inſtruirt worden waren;„der Fuchs iſt in der Falle.“ In einem Augenblick war das Boot im Waſſer, die Leute ſetzten ſich raſch auf ihre Bänke und ru⸗ derten kräftig der Barke ihres Häuptlings zu, welche unter dem Baß Rock vor Anker lag, wo ſie ohne weitern Aufenthalt ihre koſtbare Ladung ab⸗ ſetzten. „Nun, Doctor,“ ſprach der Laird mit ruhigem Lächeln, als ſie auf dem Verdeck einander gegenüber ſtanden,„da wären wir alſo wohlbehalten.“ Das Geſicht des kleinen Mannes hatte ſich vor Wuth hochroth gefärbt. Seinem Gelübde zuwider, das er ſich aus irgend einem geheimen Grunde ge⸗ leiſtet, nie wieder der See ſich anzuvertrauen, be⸗ fand er ſich auf den Planken einer ſchmucken Barke, und die blauen Wogen tanzten luſtig um ihn herum, wie wenn ſie eine alte Bekanntſchaft auf's Neue hät⸗ ten willkommen heißen wollen. „Ich bin hier, wie Sie ſagen, Laird; aber meine Anweſenheit wird Sie nichts nützen,“ murmelte er zähneknirſchend.„Es wäre beſſer, Sie hätten den böſen Feind an Bord, als mich. Schon braust von 139 Ferne der Sturm, der Ihre Barke vernichten wird. Der Tod, welcher unter den Korallenriffen und in den unermeßlichen Tiefen lauert, freut ſich auf ſeine Beute, denn bald werdet ihr der naſſen Gruft ver⸗ fallen ſein. Wehe, wehe über Euch!“ Die Matroſen prallten erſchrocken über die Ener⸗ gie, mit welcher der alte Mann ſeine Verkündigung ausſprach, zurück, und ſelbſt Lindſay, ſo muthig er ſonſt war, fühlte ſich von einem unheimlichen Ban⸗ gen ergriffen. „Fürchten Sie nichts,“ ſprach er,„Sie ſollen für Ihre Dienſte gut belohnt werden.“ „Ich werde keine leiſten,“ erwiderte Saunders trotzig.„Ihr habt meinen Körper gefeſſelt, aber Ihr vermöget nicht meine Villenskraft zu beſiegen.“ „Das werden wir ſehen.“ „Wir werden es ſehen,“ juhr der Gefangene fort.„Kann ich nicht die Wunden vergiften, die ich verbinden ſoll— die Luft in des kranken Mannes Zimmer verpeſten— oder ſein Blut ſo erhitzen, daß es gleich einem vom Bergwaſſer angeſchwellten Strom die zu weit ausgedehnten Adern zerſprengt? Der⸗ gleichen iſt ſchon öfter geſchehen.“ „Und beſtraft worden,“ verſetzte der junge Mann ſtolz.„Ich fürchte Sie nicht; ich biete Ihnen Gold für Ihre Mühe und Dank für Ihren Dienſt. Des Arztes Geſchicklichkeit muß, wie des Prieſters Ge⸗ bete, Jedem zu Dienſten ſtehen, der ſie verlangt. Hö⸗ ren Sie, was ich Ihnen ſage: wenn Sir Allan Glencairn unter Ihren Händen ſtirbt, ſo hänge ich die ſchwerſte Kugel an Vord an die Hängematte, in welcher er liegt, und eine gleich ſchwere um Ihren 140 Hals, und Beide ſollen dann in demſelben Korallen⸗ grab, von dem Sie ſprechen, ihre letzte Ruheſtätte finden.“ „Von wem reden Sie?“ ſagte Saunders im Tone großer Aufregung;„von Sir Allan Glen⸗ cairn?“ „Von keinem Andern.“ „Glencairn!“ wiederholte der alte Mann.„Warum nannten Sie ihn nicht früher? um nur ein Haar von ſeinem jungen Haupte zu retten, hätte ich noch einen gräßlichern Eid gebrochen, als den, welcher mich ver⸗ hindert, zur See zu gehen.“ Mit einem Eifer, welcher merkwürdig gegen ſeine ſeitherige mürriſche Weigerung, ſeine Kunſt auszu⸗ üben, abſtach, ſtieg der Doctor die Stufen hinab, die nach der Kajüte führten, in welcher die verwundeten Jacobiten, ſeine Ankunft erwartend, lagen. Mit einer Sorgfalt, welche man nach ſeinem rauhen Weſen kaum zuvor erwartet hätte, unterſuchte er die Wun⸗ den Sir Allan's, während Lindſay in ängſtlichem Stillſchweigen daneben ſtand. Der Kranke, der ſeit einiger Zeit ohnmächtig geweſen war, krümmte ſich unter der Sonde. Der Laird blickte den Doctor fragend an, indem er ſeinen Befürchtungen keine Worte zu leihen wagte. „Ein gutes Zeichen,“ murmelte der alte Mann, den Verband herrichtend. Eine Stunde hernach wurde der Anker gelicht und bald erſchien das kleine Schiff nur noch wie Punkt am fernen Horizont. Die Mittagsſtunde deſſelben Tags war berei — 141 vorüber, als der Laird von Glaſchelles ſich in Arran Houſe einfand. Die Gräfin war noch nicht ſichtbar. Glücklicherweiſe fand er die beiden Schweſtern allein im Empfangzimmer. Bereits waren Gerüchte von dem Angriff und dem Entkommen von zwei Emiſſären des Prätendenten in der Stadt im Umlauf. Tauſenderlei Vermuthungen waren laut geworden; unter Anderem hieß es auch, der Prinz habe bereits gelandet. Mancher unter den Bürgern lachte insgeheim, als die Leichname der Soldaten durch die Straßen nach dem Schloß getragen wurden, denn die Sachſen waren nichts weniger als beliebt bei ihnen. Das National⸗Vorurtheil war damals noch viel ſtärker, als heutzutage, und ſelbſt diejenigen, die aus poli⸗ tiſchen oder andern Gründen der hannöveriſchen Dy⸗ naſtie günſtig geſtimmt waren, verwünſchten von Herzen die engliſche Garniſon, deren Aufführung un⸗ glücklicherweiſe in nur zu vielen Fällen dieſes Ge⸗ fühl rechtfertigte. Die umlaufenden Gerüchte waren auch Alice und Conſtance zu Ohren gekommen, die in ihrer Beſorgniß ſogleich erriethen, wer dieſe Emiſ⸗ ſäre waren. Ihre Angſt erlaubte ihnen aber nicht, Kachfragen anzuſtellen, weil ſie befürchten mußten, diejenigen zu compromittiren, für welche ſie beſorgt waren, und ſo war ihnen unter dieſen Umſtänden die Ankunft des alten ſchottiſchen Edelmanns im höchſten Grad willkommen. Glaſchelles übergab die halbverwelkte Roſe an Alice, und richtete ſeine Botſchaft an dieſe aus. „Der Dunſt hat ſich verzogen,“ wiederholte Con⸗ ſtance mit einem bedeutungsvollen Blicke auf ihre 142 Schweſter.„Hätte ich nicht Recht?“ ſetzte ſie flüſternd hinzu. Was glückliche Lächeln auf Alice's Geſicht zeigte, welch ein Stein ihr dadurch vom Herzen genommen worden war. „Aber haben Sie keinen Auftrag an mich, Laird?“ fragte ſie. „Allerdings,“ erwiderte Glaſchelles.„Sir Allan ſendet ſeiner Schweſter Conſtance ſeine freund⸗ lichſten Grüße!“ „Schweſter Conſtance!“ wiederholte das Mäd⸗ chen hocherfreut. „Und Mr. Crawford die ſeinigen an ſeine Schweſter Alice,“ fuhr der Bote fort.„Ich bin nicht ſtark im Räthſellöſen, aber ich glaube, daß Die, an welche die Worte gerichtet ſind, ſie zu er⸗ rathen vermögen,“ fügte er lächelnd hinzu. „Und ſchienen Sir Allan und Mr. Crawford Freunde zu ſein?“ „Freunde!“ wiederholte der Laird;„ja wohl ſind Die Freunde, die in derſelben gerechten Sache Rücken an Rücken geſtanden haben, und die ſich als Männer kennen lernten, die einander werth ſind. Wahrhaftig, wenn ich mich nicht ganz täuſche, ſo lieben ſie ſich wie Brüder.“ „Wie Brüder!“ „Wahrſcheinlich, indem ſie der Zukunft vor⸗ greifen,“ ſagte der Bote mit einem Blicke, der der beiden Schweſtern Herzblut nach den Wangen jagte. „Und ſind ſie in Sicherheit?“ „Beide. Aber aus Gründen, die Sie ſich denken 1„ 143 können, hielten ſie es nicht für Zerathen, jetzt nach Edinburg zurückzukehren, ſondern haben auf Lord Lindſay's Schiff ſich begeben, das jie nach den Hoch⸗ landen bringen wird. Auch für mich ſcheint es wohl das Vernünftigſte, mich ebenfalls dahin auf den Weg zu machen, denn ich bin kein Freund von Beantwortung unliebſamer Fragen.“ In dieſem Augenblicke erſchien die alte Meg im Zimmer, um dem Laird zu melden, daß die Gräfin ihn in ihrem Ankleidezimmer zu ſprechen wünſche, ein Wink, der den Schweſtern anzudeuten ſchien, daß die Unterredung eine geheime ſein ſoll. Kaum ſahen ſie ſich allein, als ſie einander in die Arme fielen. Die Wolke, welche ihr Glück ge⸗ trübt, hatte ſich, vorderhand wenigſtens, verzogen, und Alice, die ſo glücklich war, als ſie es unter dieſen Umſtänden ſein konnte, war ſtolz darauf, daß der Mann, dem ſie das Heiligſte, was ein Weib zu verleihen im Stande iſt— eine reine, unbefleckte — dieſer Gabe ſich nicht unwerth gezeigt atte. An demſelben Tage noch kündigte Lady Arran beim Mittageſſen den beiden Schweſtern ihre Abſicht an, in wenigen Tagen Edinburg verlaſſen und nach Schloß Arran ſich begeben zu wollen. 144 Achtes Kapite. Obgleich der Gedanke an einen Aufſtand zu Gunſten des verbannten Stuart ſeit der Revolution keinen Augenblick der jacobitiſchen Partei aus dem Sinn gekommen war, hatte derſelbe doch während des langen Friedens bis zum Jahr 1739 geruht, weil keine Ausſicht vorhanden war, denſelben un⸗ mittelbar in Ausführung bringen zu können. Als aber Britannien ſich mit Spanien in einen Krieg verwickelte, und bald darauf auch an dem allgemeinen europäiſchen Conflikt Theil nahm, wel⸗ cher daraus entſtand, daß das Haus Oeſtreich von der kaiſerlichen Würde ausgeſchloſſen werden ſolltes), lebte auch in den Freunden der Stuarts die Hoffnung wieder auf, daß jetzt der rechte Moment erſchienen ſei, für die Legitimität einen entſcheidenden Schlag zu führen. Sie hatten allen Grund, zu glauben, daß Frank⸗ reich ganz beſonders, wenn auch nicht gerade Spa⸗ nien, ihnen Beiſtand zu einem bewaffneten Einfall leiſten würde, unter deſſen Schutze ſie dann die Waffen zu ergreifen im Stande wären. Ihre Aus⸗ ſichten auf Erfolg waren noch durch den Umſtand geſteigert worden, daß in der verbannten Familie, in dem älteſten Sohne des alten Chevalier, in Karl Eduard, ſich jetzt eine Perſönlichkeit zeigte, die zu den ſchönſten Hoffnungen für die Zukunft berechtigte *) Oeſterreichiſcher Erbfolgekrieg von 1748. —— —— 145 und dazu beſtimmt ſchien, ein bedeutender Kriegs⸗ held zu werden. Unter dieſen Umſtänden war die Ausſicht auf Erfolg größer als je, denn die beiden vorangegangenen Generationen der entthronten Fa⸗ milie hatten keine hervorragenden Eigenſchaften be⸗ ſeſſen, von denen große Erfolge in ihrer Sache zu erwarten geweſen wären. An einer wirkſamen Hülfe von Seite Frank⸗ reichs verzweifelnd, welches ſchon mehrmals die Unterſtützung ſeiner Sache zugeſagt und jedesmal wieder zurückgenommen hatte, entſchloß ſich Karl, nur ſeinem eigenen Glücksſtern und der Ergebenheit der Hochländer ſich anzuvertrauen. So ſchiffte er ſich, nur von ſieben Freunden be⸗ gleitet, in St. Nazaire, am Ausfluß der Loire, ein und landete, nachdem er mit großer Mühe den eng⸗ liſchen Kreuzern entgangen war, am 25. Juni(alten Styls) 1745 in Borodale, einer zu Clanranald ge⸗ Farm, am Ufer von Lochnanaugh in Inverneß⸗ ire. Das Volk, welchem Carl Stuart ſein Schickſal anvertraute, wurde als der rauheſte und wenigſt civiliſirte Theil der Nation betrachtet, über welche zu herrſchen er ſich für beſtimmt hielt. In dem entfernteſten und gebirgigſten Theil Britanniens lebend und faſt außer aller Verbindung mit der übrigen Bevölkerung, zeichneten ſich dieſe Menſchen durch eine beſondere Sprache, Kleidung und ganz eigenthümliche Sitten aus; gehorchten der Fezierung nur ſehr wenig, und bildeten gewiſſer⸗ maßen eine Art von Staat im Staate, indem ſich Der junge Prätenbent. I. 10 146 ihr geſellſchaftliches Band nicht nur von dem ihrer unmittelbaten Nachbarn unterſchied, ſondern wahr⸗ ſcheinlich ein ähnliches Verhältniß in ganz Europa nicht zu finden war. Der Landſtrich, welchen dieſes Volk beſaß und den nordweſtlichen Theil von Schottland bildet, iſt von großer Ausdehnung, aber ſeines gebirgigen und rauhen Characters wegen war es nie ſtark bevölkert. Die Hochländer waren nie über hunderttauſend Köpfe ſtark, machten alſo nur den zwölften Theil der ganzen Bevölkerung von Schottland aus. Sie theilten ſich in etwa vierzig verſchiedene Stämme, Clane genannt, von denen jeder auf dem ihm eigen zugehörigen Territorium wohnte Zu der Zeit, in welcher unſere Geſchichte ſpielt, lebten die Hochländer in einet Art von patriarcha⸗ liſchem Zuſtand. Dieſes äußſte Ende Europa's hatte das eigenthümliche die letzten Ueberreſte der Celten zu beherbergen ſenzlten Volksſtammes, der in der grauen Vorzkit dis Gentrum des alten Continents bewohnt hatte, aber nach und nach von Völkern, die wir jetzt alt zu nennen gewohnt ſind, immer weiter weggetrieben wurde. Da ſie ihre primitiven Sitten nahezu in ihrer alten Reinheit ſich erhalten hatten, ſo ſah man bei den Hochländern Schottlands ein deutliches Bild aus jener Hirtenzeit, die noch in den Sagen und in der Poeſie der ver⸗ feinerten Welt fortlebt und von welcher ſo viele ſchöne und anziehende Erinnerungen bis auf unſere Tage gekommen ſind. In Folge der eigenthümlichen Verhältniſſe ihres Landes waren die Hochländer aber keineswegs jenes 147 einfache und ruhige Volk, das zufrieden unter dem Schatten ſeiner Feigenbäume und ſeiner Weinberge lebte, und zwar um ſo weniger, als ihr Land nicht unter das gehörte, in welchem Milch und Honig fließt. Ein fortwährender Kriegszuſtand mit den Rachbarn, die ſie nach ihren nördlichen Veſten zu⸗ rückgetrieben hatten, und ihr Widerwille, ſich den Geſetzen des Landes, in welchem ſie lebten, zu unter⸗ werfen, war im Gegentheil der Grund, das Waffen⸗ handwerk zu einer Art von Geſchäft, und gewiſſer⸗ maßen jede friedliche Weiſe, ſich einen Lebensunter⸗ halt zu verſchaffen, verächtlich bei ihnen zu machen. Der Glaube, daß die Niederlande*) ihnen von rechts⸗ wegen gehörten, veranlaßte Viele darunter, ſelbſt noch zu der Zeit, von der wir ſprechen, eine Art von Wiedervergeltungsſyſtem an den Grenzen der civiliſirten Region 4½ üben, wozu begreiflicherweiſe die Geſchicklichkeit 3 Führung der Waffen höchſt nothwendig war. Es war ein herrlicher Sommerabend am 25. Juni 1745— ein Jahr, eben ſo verhängnißvoll für das alte Schottland als für das unglückliche fürſtliche Haus, welches ſo lange deſſen Geſchicke gelenkt hatte. Die Sonne ging in goldenem Glanze unter, und die tanzenden Wellen, welche ſich am ſüdlichen Ufer von Lochnanaugh**) brachen, warfen der Scheidenden ihre Strahlen zurück. Das Schiff, welches Carl 8) Bezeichnung der tiefer gelegenen Diſtr icte im Ge⸗ genſatz zu den Hochlanden. D. B. ) Das ſo häufig vorkommende Wort Loch bedeutet in Schottland ſoviel wie Landſee oder Meerbuſen; hier alſo Meerbuſen von Nanaugh. D. B. 148 Eduard und deſſen ungewiſſes Geſchick trug, hatte unweit des Landes Anker geworfen. Ein Boot wurde herabgelaſſen, in welchem außer den Ruderern nur ſieben Perſonen ſich befanden. Als es ſich dem Strande näherte, bemerkte der Marquis von Tulli⸗ bardine einen großen hebridiſchen Adler, der über dem Boote in der Luft hin und her flatterte. An den Prinzen ſich wendend, der, um beſſer ſeine Perſönlichkeit zu verbergen, die Kleidung eines Stu⸗ denten des ſchottiſchen Collegiums in Paris trug, machte er ihn auf den Vogel aufmerkſam. „Ein glückliches Omen, Prinz— der König unter den Vögeln iſt gekommen, um Eure königliche Hoheit bei Ihrer Ankunft in Schottland willkommen zu heißen.“ „Möge es ſich als ſolches bewähren,“ verſetzte der Prinz.„Doch ſehen Sie! wir nähern uns dem Ufer — der Wiege und vielleicht dem Grabe der Erben des Geſchlechts der Stuarts. Wie ſtolz die Berge gegen das Meer herabfallen, als wenn ſie das Land gegen ſeine ungeſtümen Wogen vertheidigen wollten. Möchte doch das Volk mit aller Macht aufſtehen und ſeinen Tyrannen einen ebenſo energiſchen Widerſtand entgegenſetzen!“ In dieſem Augenblicke ſtieß das Boot an's Land und der ritterliche Erbe einek ſo langen Linie von Fürſten ſprang mit einer Haſt an's Ufer, welche deutlich zeigte, wie ſehr es ihn drängte, den Boden ſeiner Voreltern zu betreten. Er ſetzte zuerſt ſeinen Fuß auf ſchottiſchen Grund in Borodale, einer Farm, zu Clanranald gehörig, hart am ſüdlichen Ufer vom Lochnanaugh. 149 Borodale liegt in einer wilden Gegend und bildet eine gebirgige Landzunge zwiſchen zwei Baien. Seine Lage war unter den jetzigen Umſtänden und für die Abſichten des Prinzen geeigneter als jeder andere Ort, wegen ſeiner Abgelegenheit und der Schwierig⸗ keit dahin zu gelangen, und weil es überdieß im Mittelpunkt der Gegend lag, in welcher Carls zu⸗ verläſſigſte Freunde wohnten. Obgleich aber im Centrum der Weſtküſte von Schottland gelegen, iſt es doch nur hundert und achtzig Meilen*) von der Hauptſtadt entfernt. Die Macdonalds und Stuarts“*), welche die angrenzenden Ländereien beſaßen, waren ſeit der Zeit Montroſe's dem königlichen Hauſe Stuart unverbrüchlich treu geblieben, hatten ſich bei Kilſyth, Killiecrainkie und Sheriffmuir unwiderſteh⸗ lich bewieſen und waren jetzt wegen ihres Wider⸗ ſtands gegen die Entwaffnungsakte unter allen Clanen vielleicht am beſten in der Lage, in“s Feld zu rücken. Carl begab ſich in Begleitung ſeiner Freunde geraden Wegs nach der Farm von Borodale, wo Macdonald, der Aufſeher und Pächter derſelben, ſein Möglichſtes zu ſeiner guten Aufnahme that. In der großen Halle des Hauſes wurde ein Tiſch *) Engliſche Meilen, von denen 4 ½ auf eine deutſche Meile oder zwei Stunden gehen. D. B. *) Der Name Stuart iſt in Schottland ſehr häufig. Stuart oder eigentlich Stewart bedeutet ſoviel als Ver⸗ walter oder Oberhofmeiſter. Das urſprüngliche Amt wurde ſpäter erblich und zum Familiennamen. D. B. 15⁰ gedeckt und ein Hochländer Nachteſſen, beſtehend in Wildpret und getrocknetem Hammelffleiſch, für die Reiſenden zubereitet. Aber es erſchien kein Häuptling oder ſonſt Je⸗ mand von Bedeutung, um ihn willkommen zu heißen, und Carl fühlte ſich, trotz ſeiner jugendlichen Ge⸗ neigtheit, ſich der Hoffnung hinzugeben und der Be⸗ geiſterung, welche ſeiner Ueberzeugung nach die Hoch⸗ länder noch immer für den Namen ſeiner Familie und deren Sache hegen mußten, etwas enttäuſcht. Der Schatten der Zukunft fing an ſich über ihm zu lagern. „Haben Sie keinen Fremden in der Farm be⸗ merkt?“ fragte er, plötzlich an den Aufſeher ſich wendend, der, obgleich er ihn einfach mit dem Titel Sit anredete, durch ſein achtungsvolles Be⸗ nehmen deutlich zeigte, daß er den hohen Rang ſeines Gaſtes kenne⸗ „Keinen einzigen,“ erwiederte der alte Jacobite, denn er war ein ergebener Anhänger der Sache der Stuarts.„Ich wollte keinem Fremden rathen, ſeinen Fuß auf den Boden von Borodale zu ſetzen, ſo lange daſſelbe durch einen ſolchen Gaſt beehrt wird.“ „Es könnte dieß aber auch ein Freund ſein.“ „In dieſem Fall ſoll er willkommen ſein. Wenn „ In der Anrede bedentet Sir nichts weiter als Herr, das jeder männlichen Perſon von einigem Stande zukommt. Vor den Namen geſetzt, wobei aber der Vorname nicht wegbleiben darf, iſt es ein Ehrentitel der Baronets oder Ritter. D. B. Sie aber nicht ganz ſicher ſind, daß es ein Freund iſt,“ ſagte der Aufſeher mit gedämpfter Stimme, ſo daß ſie nur der Prinz hören konnte,„ſo ſprechen Sie nur Ein Wort. Es gibt Dolche genug in Borodale, und Hände, die dieſelben zu führen ver⸗ ſtehen.“ „Können Sie mir drei oder vier vertraute Boten verſchaffen,“ fragte der Prinz mit vertraulichem Lächeln,„welche ſich nicht weigern würden, etwas zu wagen, um mir einen Dienſt zu leiſten?“ „Leib und Seele!“ rief der alte Mann aus. „Ich habe vier Söhne, und mein Fluch würde ſie treffen, wenn ſie ſich beſinnen würden, etwas aus⸗ zuführen, was Sie befehlen.“ Durch ein Zeichen mit der Hand winkte er aus einem Haufen von Leuten, die am andern Ende der Halle ſich befanden, ſeine vier Söhne herbei, hübſche, ſtämmige Hochländer, muthige Burſche mit Gliedern ſo geſchmeidig wie die eines Hirſches, und Augen ſo ſcharf wie die eines Luchſes. Es lag eine ge⸗ wiſſe patriarchaliſche Einfachheit in der Art, mit der ihr Vater ſie mit ſeinem Willen bekannt machte, und in der unbedingten Achtung, mit der derſelbe aufge⸗ nommen wurde. „Donald, Schawn, Hamiſh und Robert, dieſer Herr bedarf eures Pienſtes. Ich habe ihm ver⸗ ſprochen, daß ihr für ihn euer Blut wie Waſſer ver⸗ gießen wollt, wenn er es verlangt. Ihr werdet hoffentlich eures Vaters Worte nicht Lügen ſtrafen?“, „Nein, Vater,“ lautete die einmüthige Antwort. „So iſt's recht,“ ſprach der Auſſeher.„Der Segen Deſſen ſei mit euch, der geſagt hat: ehre 152 Vater und Mutter. Nun, Sir,“ ſetzte er, zu Carl gewendet, hinzu,„was befehlen Sie?“ Der Prinz rief von den jungen Leuten einen nach dem andern in die Vertiefung, welche das Fenſter bildete, wo er jedem ſeine Verhaltungs⸗ befehle zuflüſterte und ihnen Briefe mit der Bitte übergab, ſich zu beeilen. „Was wollt ihr thun, wenn ihr angegriffen werdet?“ fragte er. „Jechten bis zum letzten Athemzug.“ „Wenn man euch aber fängt?“ „Sterben wie loyale Schottländer.“ „Und die Briefe?“ fuhr der Prinz fort. „Sollen weder den, der ſie geſchrieben, noch den, an welchen ſie gerichtet ſind, verrathen,“ erwiderte Hamiſh.„Ich werde den meinigen verſchlingen; und wenn ſie ein Beweisſtück gegen die Sache der Stuarts erhalten wollen, ſo müſſen ſie ihn mir aus dem Herzen reißen.“ „Und ebenſo auch von mir,“ riefen die übrigen Brüder. „Lebt wohl,“ ſprach der Prinz, Jedem treuherzig die Hand reichend.„Vielleicht kann ich euch eines Tags ſo danken, wie ich gerne möchte.“ Die Boten wollten voll inbrünſtiger Ergebenheit die ihnen gereichte Hand an ihre Lippen drücken, aber Carl geſtattete dieſe Huldigung nicht, ſondern ſchüttelte jedem treuherzig die Hand, was ſeinem Charakter und Takt ebenſo viel Ehre wie ſeinem Herzen machte. Von dieſem Augenblicke an waren die vier Söhne des Aufſehers bereit, für ihn zu ſterben. Es 153 koſtet die Fürſten ſo wenig, ſich Anhänger zu ver⸗ ſchaffen; aber wie oft fehlt ſelbſt bei den Meiſten dieſes Wenige! Bei dem Abendeſſen, das unmittelbar nach dem Weggehen der jungen Männer ſtattfand, wurde die Geſundheit des Königs in gäliſcher Sprache ausge⸗ bracht, und Carl gewann die Herzen ſämmtlicher anweſender Hochländer durch die Leichtigkeit, mit der er die Worte wiederholte. Es machte einen tiefen Eindruck auf die Schottländer, den Sohn Deſſen, welchen ſie als ihren legitimen König betrachteten, auf die Geſundheit ſeines Vaters in hochländiſcher Sprache einen Toaſt ausbringen zu hören. Carl hatte zwar ſeinen Namen und ſeinen Rang nicht genannt, aber ſämmtliche Anweſenden wußten, daß der Herzog von Rothſay— der Titel, den der älteſte Sohn des Monarchen in Schottland führte— unter ihnen weile. Da das Fort Auguſtus, eine der Veſten, welche die hannoveriſche Regierung erbaut hatte, um die Hochländer im Zaune zu halten, nur etwa vierzig Meilen von dem Ort entfernt war, wo Carl ge⸗ landet hatte, ſo hielten ſeine Freunde für gerathen, daß er an BVord des kleinen Schiffes, welches noch in der Bai vor Anker lag, zurückkehren und dort ſchlafen ſolle. Nur diejenigen, die mit ihm gelandet hatten, ſollten ihn an das Ufer zurückbegleiten. „Meine Herrn,“ rief er aus,„ich kann diejeni⸗ gen, welche mich ſo herzlich bewillkommt haben, in dem Land meiner Väter nicht ohne einen Abſchieds⸗ toaſt verlaſſen; er wird von allen denen getrunkeu 154 werden, welchen Ehre und ein loyales Andenken an die Vergangenheit theuer iſt.“ Zugleich erhob er den Becher an ſeine Lippen, ſah ſich rund an der Tafel um und ſprach mit heller, melodiſcher Stimme:„Die gute alte Zeit ſoll leben!“ „Die gute alte Zeit!“ wiederholten ſo viele Stimmen, als Perſonen in dem Zimmer waren, und der Toaſt wurde mit einer Begeiſterung und einer tiefen Empfindung getrunken, welche ein günſtiges Vorzeichen für die Sache des ritterlichen jungen Abenteurers war. Als er ſich nach dem Strande begab, folgten ihm die Hochrufe der Geſellſchaft des Aufſehers nach. „Wenn alle Hochländer ſich ſo treu zeigen wie die, welche mich heute willkommen hießen, ſo iſt die Straße nach Edinburg für mich offen.“ „Zweifeln Sie nicht daran, Prinz,“ erwiderte der Marquis.„Ich ſtehe mit meinem Leben für dieſelben.“ „Und doch,“ ſagte Carl, indem ein leichter Schatten über ſein Geſicht flog,„hat Lochiel, der Freund meines Vaters, auf den Brief nicht geant⸗ wortet, den ich ihm durch Crawford überſchickt habe.“ „Vielleicht,“ bemerkte der Marquis,„iſt es Craw⸗ ford nicht gelungen, ſeinen Auftrag auszurichten; es fehlt nicht an Hannover'ſchen Spionen in Schott⸗ land.“ „Dann iſt er todt,“ ſeufzte Carl,„oder ein Ge⸗ fangener. Ich könnte ebenſo ſehr an Deiner Ehre, ⸗ 155 alter Krieger und Freund, als an der Aufrichtigkeit und Ergebenheit Ulrick Crawfords zweifeln.“ Eben als der Prinz im Begriff war in das Boot zu ſteigen, näherte ſich ein hochländiſcher Gdel⸗ mann, der gänzlich unbewaffnet war, der Geſellſchaft und fragte höflich, ob ſich nicht Jemand unter den Herren befinde, der ſich Fitz James nenne und ein ſchottiſcher Student in Paris ſei. „Ich bin es,“ erwiderte der Prinz, einen Schritt aus der Geſellſchaft heraustretend. Der Fremde entblößte ſein Haupt und über⸗ reichte Carl'n einen Brief, der ungeduldig das Siegel erbrach und den Inhalt beim Scheine einer Fackel las, welche einer der Matroſen trug. Während ſeine Augen auf den Schriftzügen weilten, rötheten ſich ſeine Wangen vor Zorn und er fragte mit dem ganzen Stolze ſeines alten Geſchlechts, ob der Ueber⸗ den Brief wirklich von Lochiel erhalten habe. Der Edelmann legte ſeine Hand auf die Bruſt und verneigte ſich tief. Von den Lippen eines jeden Andern würde er dieſe Frage für eine Beleidigung gehalten haben. „Und wo iſt denn der Häuptling?“ „Ungefähr vierzig Meilen von hier, Euer Ho—, Sir,“ ſetzte er, ſich ſelbſt verbeſſernd, hinzu. „Kennen Sie den Weg?“ „Ganz genau. Ich kehre heute Nocht noch zu ihm zurück.“ „Ich werde Sie begleiten.“ „Euer Hoheit!“ dießmal ſprach er in ſeinem Er⸗ ſtaunen das Wort völlig aus. 156 „Sie ſollen mein Führer ſein,“ ſagte der Prinz; „es wäre denn, daß Sie die Klugheit Ihres Häuptlings theilen und dieſen kleinen Dienſt dem Sohne Ihres Monarchen verweigern, in welchem Falle ich ihn dann allein aufſuchen müßte.“ „Allein!“ rief der Marquis aus. „Allein,“ wiederholte Carl. „Dieſer Entſchluß—“ bemerkte der Marquis im Tone reſpectvoller Einwendung. „Iſt des Abkömmlings von hundert Königen würdig,“ unterbrach ihn der Fremde,„und wird Eurer Hoheit mehr Herzen in Schottland gewinnen, als wenn Sie zehntauſend Franzoſen in Ihrem Dienſte mitgebracht hätten. Vertrauen Sie Ihren treuen Hochländern und deren breiten Schwertern. Zeigen Sie ſich— entfalten Sie Ihr Banner und Ein treuer Schotte wenigſtens wird unter deſſen Schatten fechten und in Vertheidigung deſſelben ſterben.“ „Dank, Dank!“ rief der Prinz, herzlich die Hand des Fremden ſchüttelnd.„Ich kenne die Männer, denen ich mich anvertraue. Leben Sie wohl, Marquis! wenn wir uns wieder ſehen, werde ich mein Schick⸗ ſal kennen. Selbſt wenn Lochiel, uneingedenk der Treue ſeines Geſchlechts, von mir abfällt, ſo werde ich doch mein Unternehmen nicht aufgeben, ſo lange Ein braver Schotte Willens iſt, für ſeines Fürſten Rechte und die Unabhängigkeit ſeines Landes zu fechten.“ Vergebens machten die Begleiter des Prinzen Gründe der Klugheit geltend, um ihn von ſeinem Vorhaben abzubringen. Auf alle ihre Einwendungen erwiderte er, daß, wenn Gründe der Klugheit ihn geleitet hätten, er Frankreich nie verlaſſen haben würde; der Würfel ſei gefallen, und nur wenn Lochiel es ſelbſt ihm ſage, vermöge er zu glauben, daß er ſeine Sache verlaſſen habe. ſach einigen leiſe ertheilten Verhaltungsmaß⸗ regeln an Tullibardine legte er ſein Schwert und ſeine übrigen Waffen, die er im Gürtel trug, ab, und übergab ſie in deſſen Hände. „Behalten Sie doch um's Himmels willen Ihre Waffen,“ ſagte der Marquis. „Zur Vertheidigung wären ſie nutzlos,“ erwiderte Carl mit trübem Lächeln,„ſelbſt wenn Verrätherei möglich wäre. Aber mein Fuß iſt auf ſchottiſchem Boden und ich habe nichts zu fürchten. Wer würde den Fluch der Nation auf ſich laden wollen, indem er dem Verbannten Gewalt anthäte, der zurückkehrt, um ſein Land zurückzufordern?“ „Sie haben Recht, Sir,“ bemerkte der Fremde; „durch ſolch edelmüthiges Vertrauen werden Throne gewonnen.“ „Wie heißen Sie?“ fragte der Prinz. „Ronald von Kinlochmoidart,“ erwiderte der junge Mann, ſich tief verbeugend. „Ein ächt ſchottiſcher Name, und, wie ich nicht zweifle, ein ächt ſchottiſches Herz. Leben Sie wohl, Marquis! Sie haben Ihre Pflicht als Freund erfüllt, indem Sie mir von meinem gefährlichen Unternehmen abzurathen ſich bemühten. Ich werde ſicher in dem⸗ ſelben dem Namen, den ich trage, oder dem edel⸗ müthigen Volke, über das ich vielleicht eines Tages zu regieren beſtimmt bin, keine Schande machen.“ 158 Mit dieſen Worten bedeutete Carl ſeinen Führer, ihm voranzugehen, und ohne einen Blick zurückzu⸗ werfen, folgte er dem Pfade, den dieſer einſchlug. „Gott ſchütze ihn!“ ſeufzte der Marquis,„er beſitzt ein edles Herz, würdig der Krone, nach der er ſtrebt.“ Der Führer geleitete den königlichen Pilger nach dem bezeichneten Orte des Stelldicheins, welchen wir, als beſonders charakteriſtiſch für die Gegend und die Zeit, etwas umſtändlicher beſchreiben wollen. Die Schenke von Inniquar war eines jener einſam ſtehenden Häuſer, die dem Reiſenden, der; maleriſche Gegenden aufſucht, oder dem ermüdeten Jäger, der das Rothwild oder das ſcheue Schnee⸗ huhn aufzuſuchen ausgezogen iſt, welche beide in Schottland immer ſeltener werden, ein willkommenes Obdach gewähren. Es wohnte hier eine alte Frau, wohlbekannt in der Gegend unter dem Namen Lanah mit dem zweiten Geſicht, indem ihr der allgemeinen ſeinung nach, ſei es mit Recht oder Unrecht, jene eigenthümliche Gabe verliehen ſein ſollte, welche, wenn ſie wirklich exiſtirt, für den, der ſie beſitzt, nichts weniger als eine Quelle des Glücks ſein muß. Das alte Weib wurde in ihren Geſchäften durch ein fleißiges, hübſches Mädchen, ihre Enkeltochter und die einzige lebende Verwandte, die ſie auf der Welt beſaß, unterſtützt; ihr Mann und Sohn waren im Kampfe oder in der„Geſchichte“ von 1715, wie man ſich gewöhnlich ausdrückte, gefallen. Obgleich die Lage des Hauſes ſehr einſam war und Lanah keinen andern Beſchützer als das junge Mädchen Janet und einen Jagdhund beſaß, ſo fürchtete ſie 15⁵9 doch im Mindeſten nicht, beraubt oder beläſtigt zu werden. Ihr Ruf, daß ſie die Eigenſchaft des zweiten Geſichts beſitze, war in der ganzen Gegend rundum bekannt, und die Verehrung, die ſie in Folge davon bei ihren entfernten Nachbarn genoß, genügte zu ihrem Schutz; überdieß war Hausfriedensbruch ein in den Hochlanden faſt unbekanntes Verbrechen. Die alte Frau ſaß an dem Morgen der Landung Carls im innern Zimmer ihrer Hütte ſpinnend am Kaminfeuer. Es lag ein eigenthümlicher Ausdruck in ihren hagern Geſichtszügen, während ſie, ohne ein Wort zu ſprechen, den langen Faden ihres Flachſes durch ihre knöchernen Finger zog und zuweilen nach der Thüre blickte, die in die Küche führte, wo Janet eifrig damit beſchäftigt war, Haferkuchen für den wöchentlichen Gebrauch zu backen, wie wenn irgend Jemand zum Beſuch erwartet wäre. „Einen recht guten Morgen, Frau Lanah,“ ſagte ein alter hochländiſcher Pfeifer, der mit der Ver⸗ traulichteit eines alten Bekannten in's Zimmer getre⸗ ten kam. Die Hausfrau gab ihm keine Antwort, ſondern fuhr fort, ihren Faden zu drehen und nach der Thüre zu blicken. „Habt Ihr die Neuigkeiten ſchon gehört?“ fuhr der Beſucher fort. „Er iſt noch nicht hier,“ murmelte die Alte, „aber er wird nicht lange mehr auf ſich warten laſſen.“ In dieſem Augenblicke trat Janet mit einem Becher Whisky ein und ſtellte denſelben vor den Gaſt hin. 160 „Was zum Teufel hat denn die Großmutter,“ fragte er,„daß ſie einem alten Bekannten auch nicht einmal ein freundliches Wort zukommen läßt?“ „Still, jtill!“ verſetzte das Mädchen,„das Geſicht iſt über ihr.“ „St. Andreas möge uns vor Unglück bewahren!“ rief der Pfeifer in ängſtlichem Ton.„Ich habe ſchon oft dergleichen gehört, aber noch nie geſehen. Ihr müßt ein trauriges Leben hier führen, Janet, indem Ihr wie eine wilde Blume auf der Haide verwelkt. Ich möchte keine Racht mit ihr allein in der Schenke zubringen; ich würde mich zu ſehr fürchten.“ „Gemach, Mann! glaubt Ihr denn, bei meiner Großmutter ſei es nicht geheuer?“ „Das will ich gerade nicht ſagen,“ erwiderte der Mann, ängſtlich nach der alten Frau blickend, ob ſie nicht gehört, was er geſagt hatte. „Sie liest Morgens und Abends in ihrer Bibel,“ fuhr das Mädchen fort,„und ſagt ihre Gebete trotz einem Pfarrer her. Sie kann nichts dafür, wenn das Geſicht über ſie kommt.“ „Vielleicht iſt das Ganze nichts weiter als die Einbildung eines alten Weibs?“ meinte der Pfeifer. „Einbildung!“ wiederholte Janet unwillig,„nicht halb ſo viel Einbildung als das, was in Eurem eigenen Kopfe ſteckt.“ „Und was bilde ich mir denn ein?“ „Daß Ihr der beſte Pfeifer in Inverneß ſeid; obgleich Jedermann weiß, daß Willie von Bankſide zweimal ſo lang und zweimal ſo laut blaſen kann wie Ihr.“ F —— 161 „Nun, nun, laſſen wir das gut ſein,“ mur⸗ melte der Gaſt, dem der Vergleich mit ſeinem Neben⸗ buhler nicht beſonders gefiel.„Aber ſage mir, Madchen, was hat ſie denn heute Nocht geſehen?“ „Zwei Fremde in Mänteln und mit Federn auf den Hüten. Deßhalb befahl ſie mir, den Heerd zu ſcheuern und das Beſte was wir haben, in Bereit⸗ ſchaft zu halten; außerdem murmelte ſie etwas von einem Adler und einem Falken, von Schlachten und Blut, und Gott weiß von was ſonſt noch. Ich weiß nicht mehr Alles.“ „Das iſt allerdings ſehr merkwürdig,“ verſetzte der Mann;„ich will nur da bleiben und den Ausgang abwarten. Wenn die Fremden wirklich kommen, dann weiß ich meiner Seel' nicht, was ich von der Sache denken ſoll.“ „Wenn ſie kommen!“ ſprach das Mädchen in verächtlichem Tone.„Wenn Ihr nur ſo gewiß in den Himmel eingeht, als ſie kommen werden. Gott ſteh' uns bei!“ ſetzte ſie hinzu,„da iſt ſchon einer.“ Dieſe Worte waren kaum geſprochen, als ein junger Mann in einfachem Reiſekleid in das Zimmer tat. Sein Gang war ſtolz und edel. Er warf ſeinen Hut auf den Tiſch und verlangte etwas zu trinken. „Einer, einer,“ murmelte die Alte.„Der Andere iſt nicht mehr weit.“ „Was ſpricht ſie?“ fragte der Fremde. „St! das Geſicht iſt über ihr, ſie verkündigte das Kommen von Euer Ehren zum Voraus.“ „Sie verkündigte mein Kommen! da muß ſie Der junge Prätendent. I. 11 162 ſehr ſcharſſinnig ſein, wahrhaftig, wenn ſie das that; denn ich dachte geſtern Nacht ſelbſt noch nicht entfernt daran, daß ich in dieſe abgelegene Gegend kommen werde. Wir Niederländer—“ „Niederländer!“ unterbrach ihn Lanah mit ver⸗ ächtlichem Lächeln;„Ihr ſeid ebenſo wenig ein Niederländer, als ich eine Hexe bin. Ich bin nicht ſo blind, um nicht ſehen zu können, daß Ihr öfter die kurze ſchottiſche Schürze als die Beinkleider— den Tartan als das Kamiſol getragen habt. Ich vermag den Adler wohl vom Habicht— den flüch⸗ tigen Tritt des Rothwilds von dem ſchweren Schritt des Packpferds zu unterſcheiden.“ „Wahrhaftig!“ ſprach der Freimde im Tone des Erſtaunens,„dann könnt Ihr mir vielleicht auch ſagen, was mich hieher führt?“ „Um mit Einem zuſammenzutreffen, den Ihr zu treffen nicht erwartet,— um den Entſchluß zu brechen, den Ihr gefaßt habt; um Einen zu treffen, mit deſſen Blut das Eurige verglichen nur Waſſer iſt. Horch!“ fuhr ſie fort,„er iſt ſchon da. Nun, bin ich eine falſche Prophetin?“ Der Fremde ſprang von ſeinem Stuhle auf, als die Thüre aufging, und Carl Eduard, der noch immer den beſcheidenen Anzug eines Studenten des ſchottiſchen Collegiums in Paris trug, das dem gewöhnlichen Reitkleid jener Zeit nicht unähnlich war, in das Zimmer trat und mit ausgeſtreckter Hand auf den jungen Mann zuging, der kurz vor ihm eingetroffen war. „Ich ſagte es ihm,“ murmelte das alte Weib tichernd.„Ich ſagte es ihm,“ zugleich fing ſie —— — — 163 wieder an zu ſpinnen, wobei ſie aber von Zeit zu Zeit neugierige Blicke auf die jungen Männer warf, die ſogleich in franzöſiſcher Sprache ſich zu beſprechen anfingen. Der Pfeifer, entſchloſſen den Ausgang dieſes, wie er meinte, eigenthümlichen Zuſammentreffens abzuwarten, ſetzte ſich auf den Boden und unterhielt ſich damit, daß er in leiſem Tone auf ſeiner Pfeife zu blaſen anfing. Merkwürdigerweiſe war die erſte Melodie, die er aufſpielte, das wohlbekannte jacobi⸗ tiſche Lied:„Willkommen König Carlchen.“ „Euere Hoheit,“ ſprach Lochiel, denn der Fremde war Niemand anders als jener mächtige Häuptling, „wird mich entſchuldigen, daß ich jene Huldigung unterlaſſe, welche mein Herz und meine Kniee dar⸗ zubringen mich drängten, wenn Klugheit mir nicht geböte, dieß in Gegenwart von Perſonen nicht zu thun, die nichts davon wiſſen ſollen, daß Sie in Schottland ſich befinden.“ „Klugheit iſt eine Tugend, wenn ſie nicht zu weit getrieben wird,“ erwiderte der Prinz.„Aber laſſen wir Alles Ceremoniell bei Seite und ſprechen wir als Brüder, Krieger— offen und ohne Rückhalt. Ich bin hier, um das mir durch Geburt zukom⸗ mende Recht in Anſpruch zu nehmen, verſehen mit einer Vollmacht von meinem königlichen Vater, als Regent dieſer Königreiche aufzutreten. Die Zeit iſt günſtig; das Land iſt unzufrtieden, der Kurfürſt von Hannover abweſend aus dem Reich, das er uſurpirt hat. Will Lochiel der Erſte ſein, der meine Sache verläßt und das Schwert gegen mich ziehen?“ 1 ——— 164 „Gegen Sie!“ wiederholte der Hochländer mit Wärme;„nie, nie! Lieber wollte ich auf das Grab meines Vaters ſpucken, das Andenken meiner Mutter entehren, als die Waffen gegen Sie erheben.“ „Wer nicht für mich iſt, iſt gegen mich,“ ſprach Carl ernſt.„Ich erhielt Ihren Brief, aber ich kann, ich will nicht glauben, daß er von Ihnen iſt, bis ich aus Ihrem eigenen Munde das Geſtändniß höre, daß Sie, der Erſte Ihres alten Geſchlechts, von mir abgefallen, das Gelübde der Treue und Freundſchaft gebrochen und von der Sache ſich los⸗ geſagt haben, die Sie hätten retten können! Denn wenn Sie von mir abfallen, ſo werden auch Andere Ihnen nachfolgen. Ihr Beiſpiel und unbefleckter wird der Feigheit und Klugheit zum Schilde ienen.“ „Der Brief iſt von mir,“ ſprach Lochiel langſam, aber nicht ohne einen heftigen Kampf mit ſeiner an⸗ geborenen Treue und Ergebenheit;„hören Sie aber zuvor meine Gründe, Prinz, ehe Sie mich verdammen. Die Zeit iſt nicht günſtig. Die Regierung des Uſur⸗ pators, welche zu ſchlafen ſcheint, iſt auf ihrer Hut; ſtarke Truppencorps ſind auf dem Marſch nach dem Norden begriffen. Mein eigenes Leben würde ich gern daran ſetzen— würde ich freiwillig Ihrem Dienſte opfern; aber mein Heimathland in Bürger⸗ krieg zu verwickeln, Verwüſtung über meinen Clan zu bringen— über dieſe ſchlichten Menſchen, die mich als das Haupt ihres alten Stammes lieben und verehren, das kann, das darf ich nicht thun. In jedem günſtigeren Augenblicke— 165 Der Prinz lächelte verächtlich, ohne jedoch ein Wort zu äußern. „Warten Sie eine günſtigere Stunde ab, fuhr Lochiel fort,„bis Frankreich ſein Verſprechen hält oder Sponien uns Hilfe ſchickt. Dann ſollen Sie ſehen, wie raſch ich mein Schwert ziehen werde; das Echo des Sammelrufs ſoll dann durch die Hoch⸗ lande tönen und kein Mann, der Lochiel liebt oder ihm zu folgen verpflichtet iſt, ſoll unter ſeinem Banner für Ihre Sache fehlen.“ „Ich will nicht den Thron meines Vaters Fremden verdanken,“ erwiderte Carl,„ich habe auf die Treue von Schottland gehofft und vertraut, und kann nicht glauben, daß meine Hoffnungen mich betrogen haben. Ich habe meinen Fuß auf den Boden der Berge meines Geburtslandes geſetzt, und dort will ich das königliche Banner entfalten, ſelbſt wenn auch nur Ein treuer Arm das Schwert zu deſſen Vertheidigung ziehen würde.“ „Ach nein!“ rief der Häuptling tief ergriffen aus. „Sie werden nach Frankreich zurückkehren!“ „Zurückkehren!“ rief Carl entrüſtet,„zum Ge⸗ ſpött von Europa— zum Gelächter der Verräther. Rein, Lochiel, nie! man mag ſagen, daß ich fiel wie ein vertrauensvoller Thor, indem ich ſo ſchwach war, auf gebrochene Verſprechungen und mündlich erhaltene Verſicherungen kluger Männer mich zu verlaſſen, aber man ſoll nie hinzuſetzen können, daß Carl Eduard aus dem Lande entfloh, das zu regieren er geboren ward, ohne auch nur einen Streich für den Thron ſeiner Väter und die Freiheit ſeines Landes geführt zu haben. Leben Sie wohl!“ fuhr 166 er fort;„ich vermag nicht zur Bitte mich zu ernied⸗ rigen. Durch ſeinen Entſchluß geſichert mag Lochiel das Schickſal des Prinzen, den er im Stiche gelaſſen, aus dem Triumph ſeiner Feinde über ſeiner blutigen, aber nicht entehrten Bahre erfahren.“ Die Bruſt des wackern Hochländers wogte von widerſtreitenden Gefühlen, denn Lochiel war ein ſo tapferer Mann als irgend einer im Lande der Tapfern. Der verlaſſene Zuſtand des königlichen Abenteurers, ſeine Entſchloſſenheit und ſein Muth riſſen unwiderſtehlich ſein Herz gegen den kaltblütigen Entſchluß ſeines Kopfes hin, und kalte Schweißtropfen traten ihm auf der Stirne. „Iſt das Ihr Entſchluß?“ fragte er mit halb⸗ erſtickter Stimme. „So gewiß als ich hoffe, daß mir der Himmel, der heilige Andreas und meine Sache mir helfen wer⸗ den,“ verſetzte der Prinz feierlich. „So helfe auch mir der Himmel, der heilige Andreas und die Sache!“ wiederholte der Häuptling; „denn ich werde ſie theilen. Carl Eduards Bahre ſoll nicht die einzige ſein, die ein blutiger Leichnam beſchwert.“ Neuntes Kapitel. Wir haben im vorhergehenden Kapitel die Ver⸗ änderung beſchrieben, welche Carl Eduards Wach⸗ ——— 167 rufen des ritterlichen Gefühls der Treue, das den Häuptling der Camerons auszeichnete, in Lochiels Benehmen zu Wege gebracht hatte; dieſen Eindruck, den er hervorgebracht, beſchloß nun der junge Ver⸗ bannte wo möglich noch zu verſtärken. „Lochiel!“ rief er, mit Herzlichkeit deſſen Hand ergreifend, indem Thränen ihm in die Augen traten, „ich kenne Sie nun ganz— Sie ſind die Treue und Ehre ſelbſt; wir werden ſiegen, wir müſſen ſiegen oder der Himmel kennt keine Gerechtigkeit mehr.“ „Euere Hoheit,“ ſprach der Hochländer mit einer Heiterkeit, welche zeigte, daß Furcht an ſeinem Zögern durchaus keinen Antheil gehabt habe,„müſſen nach Borodale zurückkehren, während ich eiligſt meinen Clan zuſammenrufen werde; ich werde Sie zu Ihrer Sicherheit mit einer genügenden Begleitung verſehen. Das Zeichen ſoll gegeben werden— die Verge ſollen ihre kräftigen Söhne in die Schlacht für Gott, das alte Schottland und deſſen angeborenen König ſenden.“ In dieſem Augenblick legte die alte Wirthin der Schenke ihre Spindel bei Seite, und inbem ſie ſich in ihrer ganzen langen, hageren Geſtalt aufrichtete, näherte ſie ſich der Stelle, wo Carl ſtand; denn im Eifer ihrer Unterredung war Er und Lochiel von ihren Stühlen aufgeſtanden. Obgleich die Unter⸗ redung zwiſchen Beiden in franzöſiſcher Sprache ſtatt⸗ gefunden, ſo hatte ſie doch den Inhalt und den Aus⸗ gang derſelben errathen. „Sohn von hundert Königen,“ rief ſie aus,„ich möchte gern mein Knie vor Dir beugen, aber es iſt von Alter ſteif. Geh' furchtlos vorwärts! Geſtern 168 Nacht war das Geſicht über mir und zum erſtenmal ſegnete ich dieſe Gabe. Ich ſah Dich deutlich— ſah Dich an der Spitze einer tapfern Armee in den Palaſt Deiner Väter eintreten. Holyrood wird noch einmal von den Fußtritten ſeines eingebornen Für⸗ ſten wiederhallen. Voran und ohne Furcht! Es war ein herrlicher Anblick, die Augen von Jung und Alt auf Dich gerichtet zu ſehen und wie aus jedem Fenſter und von allen Giebeln die weißen Tücher Dir entgegenflatterten. Gott ſegne Sie, Prinz! wie Sie eine alte Frau ſegnet, deren Vater, Gatte und Söhne für die Sache der Stuarts fielen.“ „Iſt dieß möglich?“ fragte Carl mit einem fra⸗ ghnden Blick nach ſeinem Gefährten. „Gewiß. Sie ſagte Ihr Kommen voraus,“ ſprach der Häuptling, der im Stillen ſich jum Aber⸗ glauben hinneigte. „Ich danke, Mutter!“ ſagte der Veibannte, indem er die Hand der Alten ergriff und ſie zu ihrem Stuhle zurückführte, da das arme Geſchöpf an allen Gliedern zitterte.„Ich weiß zwar nicht, wie Ihr mich erkannt habt, aber dieß mag Euch als Zeichen dienen, ſollte das Glück meine Bemühungen krönen, daß Ihr die Erſte waret, die meinen Einzug in die alte Hauptſtadt Schottlands vorhergeſagt hat.“ Zugleich zog er aus ſeiner Taſche eine ſeidene, mit Gold gefüllte und mit ſeiner Namenschiffre ge⸗ füllte Börſe, die er ihr in die Hand drückte. „Kein Gold,“ ſprach Lanah ſchwach, die ſich von ihrer Aufregung noch nicht erholt hatte,„kein Gold. Die Börſe wird mir ein hinreichendes Zei⸗ 169 chen ſein, daß meinem Dache die Ehre der Anweſen⸗ heit eines Stuarts zu Theil wurde.“ Ihrer Weigerung ungeachtet drängte ihr der Prinz das Geſchenk auf und verließ, von Lochiel be⸗ gleitet, das Haus. „Was ich noch mehr geſehen habe,“ murmelte die alte Frau, ihm nachblickend,„was ich noch mehr geſehen habe!“ ch habe genug geſehen, um mein Glück zu machen, dachte der Pfeifer, wenn ich nur Edinburg und dort den ſächſiſchen Gorverneur ſprechen ann. Wenn man in Betracht zieht, daß die Verfaſſung der Hochländer vollkommen patriarchaliſch war, ſo iſt die große Wichtigkeit des Entſchluſſes Lochiels, die Waffen in der Sache Carl Eduards zu ergreifen, nicht zu verkennen. Er war einer der mächtigſten unter den Häuptlingen und man berechnete, daß er wenigſtens zwölfhundert Schwerter in's Feld führen konnte— ein Einfluß, den er allein dem Syſtem der Clanſchaften verdankte, in welche die Einwoh⸗ ner der Hochlande ſeit undenklichen Zeiten getheilt waren. Die Clans bildeten Familien unter dem gleichen Namen und beſaßen einen genau bégrenzten Theil eines Diſtricts, der ihr Eigenthum lange vor Ein⸗ führung ſchriftlicher Urkunden war. Jeder Clan war von ſeinem Häuptling regiert, deſſen angeborne Be⸗ zeichnung Kean— Kimehe, Haupt der Familie, den Grund und die Natur ſeiner Macht hinreichend an⸗ deutete. Faſt in jedem Clan befanden ſich einige untergeordnete Häuptlinge, Anführer genannt, jüngere — 170 Zweige der Hauptfamilien, die ſich ein eigenes Ter⸗ ritorium erworben und eine abgeſonderte Sippſchaft gegründet hatten. Außerdem gab es in jedem Clan zwei Rangklaſſen des Volkes,— die Doanie⸗uaisle oder Edelleute, Leute, welche ihre Abkunft von Häupt⸗ lingen früherer Zeit genau nachweiſen und ihre Ver⸗ wandtſchaft mit den jetzigen dathun konnten, und eine Anzahl Commoners oder Bürgerlicher, die nicht anzugeben vermochten, auf welche Weiſe ſie in den Clan gekommen ſeien, und die fortwährend unter⸗ geordnete Dienſte zu leiſten hatten. Unter den Niederländern herrſchte allgemein der Glaube, daß ihre nördlichen Nachbarn, höchſtens mit Ausnahme der Häuptlinge, Barbaren und eigentlich ſo gut wie gar nichts werth ſeien. Dieß iſt aber ein gründlicher Irrthum; die Doanie⸗vaisle waren in jedem Sinn des Worts Edelleute— arme Edelleute vielleicht, aber nach Gefühl und Hand⸗ lungsweiſe zu dieſer Benennung vollkommen berech⸗ tigt. Die Commoners dagegen, obgleich ſie ſich allgemein mit den Häuptlingen für verwandt hiel⸗ ten, waren nichts weiter als ein Geſchlecht von Leib⸗ eigenen, die keine rechte Idee von edlen Vorfahren hatten, denen man durch ſeine Beſchäftigung und ſein Benehmen keine Schande machen dürfe und deren Tugenden und Großthaten man ſich zum Vor⸗ bild zu nehmen habe. Die Doanie⸗uaisle bildeten die Maſſe, auf welche ſich der Häuptling im Kriege ſtützte, denn ſie waren durch das Andenken an ihre Vorväter zu Großthaten zu begeiſtern, auch handelten ſie ſtets unter dem Eindruck des Gedankens, daß ihre Chre ein koſtbares 171 Erbe ſei, das ſie ihrer Nachkommenſchaft unbefleckt zu hinterlaſſen hätten. Die Commoners aber ließ man ofthzu Hauſe zur Beſorgung der geringern Ge⸗ ſchäfte, der Beſtellung der Landwirthſchaft und dem Hüten des Viehs, oder wenn ſie mit in's Feld rücken durften, ſo dienten ſie häufig nur als Reſerve, auch waren ſie geringer bewaffnet. Mit ſolchen Gefühlen des Heroismus konnte ein hochländiſcher Edelmann vom Jahr 1745 kein Menſch untergeordneter Art ſein. Sein Gemüth wurde wo möglich noch durch eine unbedingte An⸗ hänglichkeit an ſeinen Häuptling begeiſtert, für deſ⸗ ſen Intereſſen zu fechten er ſtets bereit war und für deſſen Leben das ſeinige zu opfern er jeden Augen⸗ blick ſich willig zeigte. Seine politiſchen Anſichten waren von derſelben abſtracten und uneigennützigen Art. Weil er die handeltreibenden Presbyterianer des Niederlandes verachtete und mit einem gewiſſen Widerwillen, den man ihm nicht verargen konnte, auf das heilloſe Syſtem parlamentariſcher Corruption herabſah, welches die Regierung des factiſchen Sou⸗ verains von England characteriſirte, warf er ſich gänz⸗ lich in die Oppoſition und machte die Sache eines verbannten und in ſeinen Rechten verletzten Fürſten, den er gewiſſermaßen für eine allgemeine und höher⸗ ſtehende Art von Häuptlingen hielt, zu der ſeinigen. Carls Sache war die Sache der Ritterlichkeit, des Gefühls der kindlichen Liebe und ſogar nach ſeiner Anſicht des Patriotismus; kein Wunder alſo, daß er, von Vorurtheilen aller Art befangen, ſich derſel⸗ ben aufs Eifrigſte annahm. ————— 172 Es iſt aber jetzt Zeit, daß wir zu den Jacobiten zurückkehren, die wir verwundet an Bord des dem Herrn von Lindſay gehörigen Schiffs zurückließen, an deren Reconvalescenz unſere Leſer, wie wir hoffen, gewiß Antheil nehmen werden. Bei ihrer Ankunft auf der kleinen Inſel Skye wurden ſie an's Land und in das Haus eines befreundeten Häuptlings ge⸗ bracht, wo ihre Wunden unter der Pflege des Doe⸗ tor Saunders, der aus eigenthümlicher Ergebenheit für Sir Allan Glencairn Tag und Nacht an deſſen Lager wachte, nach und nach heilten. Für zwei ſo feurige Geiſter war es keine kleine Strafe, jetzt das Bett hüten zu müſſen, alſo zu einer Zeit, die für eine Sache ſo wichtig war, in welcher ſie ſich bereits ſtark compromittirt hatten; denn Dün⸗ can Forbes hatte auf Anſtiften Alick Campbells und deſſen Mittheilungen hin eine Belohnung auf deren Habhaftwerden ausgeſetzt, zum großen Ver⸗ druß ſeiner ehrwürdigen Tante, deren Thüren ihm von dieſem Augenblick an verſchloſſen blieben. In Borodale erhielt der Prinz die Antwort auf die Botſchaft, die er an Sir Alexander Macdonald und den Laird von MLeod geſchickt hatte. Was Boisdale von dieſen Häuptlingen geſagt hatte, be⸗ wies ſich als vollkommen richtig. Urſprünglich der Familie Stuart ergeben, waren ſie neuerdings durch Duncan Forbes, den Präſidenten des Gerichtshofs, gewonnen worden, der ein ebenſo ausgezeichneter als tugendhafter und aufrichtiger Freund der hannove⸗ riſchen Dynaſtie war und überdieß ſein Heimathland auf's feurigſte liebte. 13 Weil ſie wünſchten mit der Regierung auf gutem Fuß zu bleiben, ſo erwiderten ſie; obgleich ſie ver⸗ ſprochen hätten, Seine königliche Hoheit zu unter⸗ ſtützen, wenn er von fremden Streitkräften unterſtätzt komme, ſo hielten ſie ſich unter den jetzigen Umſtän⸗ den zu nichts für verpflichtet, weil er ganz allein er⸗ ſchienen ſei. Zugleich riethen ſie ihm ſogleich wieder nach Frankreich zurückzukehren. Damals wußte man es noch nicht, aber ſeitdem hat es ſich evident heraus⸗ geſtellt, daß dieſe Häuptlinge zu gleicher Zeit der Regierung dadurch thatſächliche Dienſte leiſteten, daß ſie ſie von des Prinzen Ankunft unterrichteten. Ihre Ant⸗ wort an Carl lautete ſo entmuthigend, daß ſelbſt diejenigen, die mit ihm gekommen waren, der An⸗ ſicht ſeiner hochländiſchen Freunde beitraten und ihm riethen, das Unternehmen aufzugeben. Das Beiſpiel der beiden Häuptlinge von Skye ſei deßhalb ſo ſchlimm, ſagten ſie, weil auch Andere demſelben folgen würden. Deſſenungeachtet war Carl von ſei⸗ nem Plane nicht abzubringen und auf ihre Vorſtel⸗ lung antwortete er mit denſelben Worten, die er zu Hugh Macdonald geſagt hatte. Mit ſechs guten, getreuen Gefährten, ſprach er, wolle er ſich lieber in Schottland verſchanzt halten, als nach Frankreich zurückkehren. Unterdeſſen trug ſich ein Umſtand zu, der nicht wenig dazu beitrug, den Aufſtandsplan zu fördern. Der Befehlshaber des Forts Auguſtus, welcher aus einem Bericht ſchloß, daß die Männer von Moidart etwas im Schilde führen, ſchickte eine Compagnie Soldaten nach Fort William, um den rebelliſchen Diſtrict im Zaume zu halten. Die Entfernung zwi⸗ 174 ſchen den beiden Forts beträgt achtundzwanzig Mei⸗ len und die Straße läuft beinahe fortwährend am Fuße eines Berges hin, der eine Seite dieſer großen Schlucht bildet. Als die Leute die hohe Brücke erreichten, die in luftigen Bogen über ein reißendes Bergwaſſer geſchwungen war, wurden ſie durch die Töne von Sackpfeifen und den Anblick einer Abthei⸗ lung Hochländer überraſcht, die ſich bereits in den Beſitz des Paſſes geſetzt hatte. Es waren dieß zehn oder zwölf Männer von dem Clan Macdonalds von Keppoch, welche durch Hin⸗ und Herlaufen und Ab⸗ ſchießen ihrer Feuerwaffen den Feind glauben mach⸗ ten, daß ſie weit zahlreicher ſeien. Capitain(nachmals General) Scott, der die Com⸗ pagnie befehligte, ließ augenblicklich Halt machen und ſchickte einen Sergeanten und ſeinen eigenen Diener voraus, um zu recognosciren. Kaum waren dieſe beiden Leute in die Nähe der Brücke gekom⸗ men, als zwei behende Hochländer aus einem Ver⸗ ſteck hervorſprangen und ſie gefangen nahmen. Da Capitain Scott die Zahl der Hochländer nicht kannte, und überdieß wußte, daß er ſich in einem unzufrie⸗ denen Theil des Landes befand, ſo hielt er es für ge⸗ rathener, ſich zurückzuziehen, als ſich in Feindſelig⸗ keiten einzulaſſen. Er ließ daher ſeine Leute kehrt machen und marſchirte zurück. Die Hochländer folg⸗ ten ihm nicht unmittelbar nach, um ihre ſchwache Anzahl nicht zu verrathen, ſondern ließen den Sol⸗ daten einen Vorſprung von etwa zwei Meilen. So⸗ bald aber die Zurückziehenden das weſtliche Ende von Loch Lochie paſſirt hatten und die enge Straße zwiſchen dem See und dem Berge betraten, brachen die Hochländer hervor, ſtiegen von den Felſen über der Straße, geſchützt durch Gebüſch und Steine, herab und fingen an die Soldaten niederzuſchießen, die jetzt mit größerer Eile ſich zurückzogen. Die Abtheilung der Macdonalds, die dieſe ge⸗ wagie That ausgeführt hatte, war von Macdonald von Tiendriſh befehligt. Sobald dieſer Edelmann den Marſch der Soldaten bemerkt, hatte er Eilboten an Lochiel und Keppoch geſchickt, deren Häuſer nur wenige Meilen von der hohen Brücke entfernt lagen, und dieſelben um Unterſtützung durch Mannſchaft gebeten. Sie kamen aber nicht zu rechter Zeit an und ſo beſchloß er den Angriff auf die Soldaten mit den wenigen Leuten, die er bei ſich hatte. Er hatte bereits ſchon einen großen Erfolg erfochten, als das Rollen ſeiner Flintenſchüſſe die ringsumher wohnenden Freunde veranlaßte, zu den Waffen zu greifen, ſo daß er in kurzer Zeit ſich an der Spitze einer Abtheilung befand, die faſt ausreichte, um der Compagnie in offenem Felde entgegenzutreten. Als Capitain Scott das öſtliche Ende von Loch Lochie erreicht hatte, bemerkte er einige Hochländer in der Nähe des weſtlichen Endes von Loch Oich, gerade auf dem vor ihm liegenden Wege, und da ihm deren Erſcheinen verdächtig war, ſo ſetzte er quer über die Landenge zwiſchen den Seen, in der Abſicht, Beſitz von Schloß Invergary, dem Sitz von Macdonald von Glingary, zu ergreifen. Dieſe Be⸗ wegung vermehrte aber das Schwierige ſeiner Lage. Er war noch nicht weit marſchirt, als er die Mac⸗ donalds von Glingary vom gegenüberliegenden Berge in ihrer ganzen Stärke auf ſich zukommen ſah. Er 176 ließ ein Quarté formiren und marſchirte weiter. Seine Verfolger hatten aber Verſtärkung erhalten durch die Macdonalds von Keppoch und ihre Schritte ſo geſteigert, daß ſie ihn nahezu überholten. Keppoch trat aus den Reihen der Seinigen heraus und bot den ermatteten Soldaten gute Bedingungen an, wenn ſie ſich ergeben würden, indem er ihnen zugleich bemerkte, daß jeder Widerſtandsverſuch, nachdem ſie von ſo vielen Feinden umringt ſeien, geradezu das Signal ſein würde, ſie über die Klinge ſpringen zu laſſen. Die durch einen Marſch von dreißig Meilen erſchöpften Soldaten hatten keine andere Wahl, als ſich zu ergeben. Kaum hatten ſie ihre Waffen nie⸗ dergelegt, als Lochiel mit einer Abtheilung der Ca⸗ merons von einer andern Seite herbeikam und die Gefangenen unter ſeine Obhut nahm. Zwei Solda⸗ ten waren in dieſem Scharmützel getödtet und Capitain Scott ſelbſt verwundet worden, ein Er⸗ folg, der den Muth der Hochländer gewaltig an⸗ feuerte und ſie ermuthigte, den Krieg zu beginnen. Das Sammeln der Clans ging nun ſehr raſch vor ſich und überall ſah man bewaffnete Abtheilungen die Gegend von Glenfinnin zu der Zeit durchziehen, als Carl daſelbſt landete in der Abſicht, hier ſeine Fahne aufzupflanzen. Glenfinnin iſt ein enges Thal, zu beiden Seiten von hohen und ſchroffen Bergen umſchloſſen, etwa zwanzig Meilen nördlich von Fort William und ebenſo viel öſtlich von Borodale, und bildet ſo zu ſagen den Ausläufer von Moidart nach Lochaber. Die Gegend hatte ihren Namen von dem Flüßchen Finnin, das durch dieſelbe fließt und von da in den Loch Sheil fällt. ————„—— e——„— 8S S7 177 Carl ſchiffte ſich mit ſeinen Gefährten aus den drei Booten, die ſie von Glenaladale gebracht hatten, an dem Orte aus, an welchem ſich der Fluß in den See ergießt. Es war eilf Uhr Vormittags und er hatte erwartet, das ganze Thal mit den Leuten an⸗ gefüllt zu finden, denen er dieſen Ort zum Sammel⸗ platz beſtimmt hatte. In dieſer Hoffnung ſah er ſich aber getäuſcht. Er fand nur einige wenige in dieſer Gegend wohnende Leute vor. Irgend ein Zufall mußte, wie er meinte, die Ankunft der Clans verzögert haben und er begab ſich deßhalb in eines der nächſtgelegenen Häuſer des kleinen Dorfs, wo er in ängſtlicher Spannung der ſehnlichſt erwarteten An⸗ kunft entgegenharrte. Es waren in der That ängſtliche Stunden für ihn. Das Wohl des königlichen Hauſes, das Ge⸗ ſchick eines ganzen Volkes und ſeines eigenen Lebens vielleicht hing von der Treue ab, mit der die Clane dem Aufruf ihrer Häuptlinge Folge leiſteten. In aufgeregter Stimmung ging Carl haſtigen Schrittes in dem Zimmer der beſcheidenen Hütte auf und ab, die er ſich zum Obdach erkoren hatte. Der Marquis von Tullibardine, der ſich etwas unwohl fühlte, ſaß bleich und niedergeſchlagen auf einem Holzklotz beim Torffeuer und ſah zerſtreut dem wirbelnden Rauch zu, der ſich ſeinen Ausweg durch das mit Haidekraut bedeckte Dach ſuchte. Die übrigen Begleiter des Prinzen hielten ſich ſtill. Das mit dem Wappen des Hauſes Stuart reich verzierte Banner ſtand, in ſeinen Ueberzug gehüllt, in einer Ecke, bereit gehalten jeden Augenblick durch ſeine Entfaltung das Signal Der junge Prätendent. I. 12 178 zu geben, das die Männer zum Siege oder in den Tod führen ſollte. Endlich brach Tullibardine zuerſt dieſes beredte Schweigen. „Zum zweitenmale, Prinz, ſo weit man die Ge⸗ ſchichte kennt, verlaſſen die Hochländer ihr königliches Haus. Sie verließen Ihren Vorfahren, den erſten Carl, und ließen ihn unter ſeinen rebelliſchen Un⸗ terthanen zu Grunde gehen. Der Himmel gebe, ſein Nachkomme nicht daſſelbe traurige Geſchick theile!“ „Lieber dieß,“ rief der Prinz aus,„als langſam in der Verbannung dahinſiechen und noch länger ein Leben führen, das gänzlich von der ſchwan⸗ kenden Großmuth gekrönter Puppen abhängt, welche mit dem Aufruhr liebäugeln, ſich demſelben anſchlie⸗ ßen, anſtatt das Schwert zu ziehen, um die dem Princip des Königthums zugefügte Schmach zu rächen. Die Thoren! die Schlange, mit welcher ſie jetzt liebäugeln, wird ſie eines Tags vernichten. Der Streich, welcher den Thron unſeres alten Geſchlechts traf, hat alle Kronen Europas erſchüttert; aber ſie ſehen dieß nicht ein, die ſelbſüchtigen oder einfältigen Thoren, deren Verbrechen ſich eines Tags durch ihre eigene Strafe rächen wird.“ Die Heſtigkeit, mit welcher Carl die Gleichgültig⸗ keit anklagte, mit der die regierenden Mächte Eu⸗ ropa's ſeine Sache im Stiche ließen, zeigte, wie tief es ihn ſchmerzte, daß Frankreich und Spanien, die ſo viel verſprochen und ſo wenig gehalten, ihn ſei⸗ nem Schickſal überlaſſen hatten. ſie en ig⸗ Fu⸗ tief die ſei⸗ 179 Der Marquis ſah ihn traurig on. Der Ge⸗ danke ſchmerzte ihn tief, daß der letzte Abkömmling eines ſo ſtolzen Geſchlechts zu der Rolle eines bloßen Abenteurers herabzuſteigen ſich genöthigt geſehen. Er kannte den Prinzen von ſeiner Knabenzeit her,— er kannte ſeinen offenen, edeln Geiſt, ſeinen Genius, ſeinen Muth, ſeinen Werth, vielleicht ſtellte er auch Betrachtungen über den traurigen Eindruck an, den Enttäuſchung und Niederlage auf deſſen feuriges Tem⸗ perament hervorbringen mußten, und ſah im Geiſte Carl Eduard jetzt ſchon als jenen niedergedrückten, ausſchweifenden, abgeſchmackten Menſchen, den ge⸗ knickte Hoffnungen und zu Grund gerichtetes Glück ſpäter aus ihm machten. „Prinz,“ ſprach er tief bewegt,„die Stunde iſt nicht günſtig. Warten Sie ab; Ihr Recht wird fortbeſtehen; Wahrheit wird ſtets Wahrheit blei⸗ ben und Unrecht kann nie Recht werden. In der Armee Ihres treuloſen Alliirten Ludwig können Sie den Ruf und die Erfahrung als Krieger ſich erwerben, welche in den Lauwarmen Vertrauen und in den Treuen Hoffnung erweckt. Ich be⸗ ſchwöre Sie, ein Unternehmen aufzugeben, bei welchem Sie keine Unterſtützung zu finden ſcheinen, und ſo lange die See Ihnen noch offen ſteht, nach Frankreich zurückzukehren.“ „Nie!“ erwiderte Carl Eduard feſt.„Ich habe geſchworen, die Fahne meines Hauſes auf den Ber⸗ gen Schottlands aufzupflanzen; dieſen Eid will ich halten, wenn auch nur Ein treuer Arm zu deſſen Vertheidigung ſich erheben und mein Herzblut bei deſſen Vertheidigung fließen ſollte. Beſſer iſt es, 180 zu ſterben wie ein Prinz und treuer Schotte auf meinem heimathlichen Boden, als verbannt, unſtät in fremdem Lande umherzuirren. Aber wenn Sie oder die Edelleute, die mich auf dieſer Expedition begleitet haben, Ihre Treue und Kühnheit bereuen, ſo können Sie auf dem Schiff, das mich hieher brachte und noch immer vor Anker liegt, zurückkehren. Ich möchte nicht Andere in ein verzweifeltes Aben⸗ teuer verwickeln, ich kann allein ſterben.“ Der alte Krieger ſprang von ſeinem rohen Sitze auf, als wenn eine Schlange ihn geſtochen hätte, denn er war ein tapferer Mann und der Sache der Stuarts treu ergeben. Seine Anhänglichkeit an dieſe; Familie hatte ihn bereits ſein Land und ſeine Ehre gekoſtet und er war bereit, ja er wünſchte ſogar ſeine Ergebenheit mit ſeinem Leben zu bewähren, wenn dieſes Opfer der Sache von Nutzen ſein konnte. Tullibardine hatte den klugen aber unwillkom⸗ menen Rath nur aus Liebe für den abenteuernden Jüngling, aber nicht aus Aengſtlichkeit für ſich ſelbſt ertheilt. „Ich ſollte zurückkehren!“ verſuchte er zu wieder⸗ holen, aber das Wort erſtickte ihm im Munde.„Zu⸗ rücktehren und Sie hier zurücklaſſen! ich hoffe, Eure Hoheit beabſichtigte nicht, einen alten Krieger zu be⸗ leidigen, die Freundſchaft— die Treue wollte ich ſagen, zu verwunden— die ich ſtets für Ihr Haus und Ihre Perſon an den Tag gelegt habe, indem Sie meinen Worten ein unwürdiges Motiv unter⸗ ſtellen. Unmöglich! eine Beleidigung dieſer Art würde ſelbſt die Grenzen königlichen Undanks über⸗ ſchreiten. Das kann nicht Ihre Abſicht ſein.“ —— — c— 181 „Tullibardine!“ „Ich muß ſprechen,“ fuhr der rauhe Krieger fort. „Selbſt der Wurm, wenn er getreten wird, krümmt ſich. Ich habe Ehre, Land, Vermögen für Ihre Sache verloren; ich bereue es nicht. Mein Sou⸗ verain gab ſie mir; er und ſein Geſchlecht haben das Recht, dieſes Opfer zu verlangen. Aber ich habe Sie geliebt— habe Sie geliebt von der Stunde an, als ich Ihnen, damals noch ein Knabe, den erſten Unterricht in den Waffen gab— Sie faſt mit der Aengſtlichkeit eines väterlichen Herzens hütete— mit Stolz Ihren unternehmenden Geiſt und Ihren Muth beobachtete, die zu den ſchönſten Hoffnungen für die Zukunft berechtigten. Vermöchte das Opfer meines werthloſen Lebens auch nur Ihren Fuß auf die Stufen des Throns zu bringen, Gott weiß es, wie freudig ich es anbieten würde: und nun— doch gleich viel— wenn die Stunde des Kampfes kommt, ſo werden Eure königliche Hoheit ſehen, auf welche Weiſe Tullibardine den Ausgang deſſelben für ſich fürchtet.“ „Nennen Sie mich nicht Hoheit,“ rief der junge Chevalier, tief ergriffen von den liebevollen Vorwür⸗ fen ſeines alten Freundes;„nennen Sie mich Carl, ſonſt muß ich glauben, daß ich mich auf eine Weiſe verſündigt habe, die keine Vergebung zuläßt. Kom⸗ men Sie,“ fuhr er fort, die zögernde Hand des Hoch⸗ länders ergreifend,„und vergeben Sie mir meine ungeſtüme Laune. Sie wiſſen, wie ſchwer mein Herz geprüft, wie es gezwungen iſt, ſich ſelbſt zu zer⸗ nagen. Ich bin ſo unglücklich, ſo tief gebeugt, — 182 daß ich den Verluſt des letzten, vielleicht einzigen Freundes nicht zu ertragen vermöchte. Haben Sie mir verziehen?“ „Verziehen!“ ſtammelte Tullibardine.„Ach, Prinz! das Unrecht müßte ſehr groß ſein, welches mein Herz Ihnen und Ihrer Sache nachzutragen vermöchte. Ich weiß, daß ich ungeſtüm bin, aber dieſes Fieber hat meine Geduld erſchöpft, mein Blut verdünnt und— hol' der Henker die Klugheit! Gleich zwei Palladinen alter Zeit wollen wir für das Recht kämpfen und unſere Feinde erſt nach dem Siege zählen. Trotz all' dem,“ ſetzte er mit melan⸗ choliſchem Lächeln hinzu,„wünſchte ich doch, daß die Hochländer da weren.“ „Sie ſind da!“ rief Carl, deſſen Augen plötz⸗ lich voll freudiger Erregung blitzten:„ich höre die Töne der Sackpfeifen— ich ſchwöre darauf. Die Clane haben mich nicht verlaſſen! Gott ſegne meine treuen Hochländer! Möge ich es nie erleben, mei⸗ nes Vaters Krone zu tragen, wenn mein Herz, ſei es in Verbannung oder auf dem Throne, ſich kalt gegen den Tartan und das ſchottiſche Schwert zeigt. Die Töne kommen näher, immer näher! Hatte ich nicht Recht, alter Freund, auf Schottlands Berge und Schottlands muthige Söhne zu bauen?“ Carl, in voller hochländiſcher Kleidung, eilte aus der Hütte, gefolgt von Tullibardine und den wenigen Gefährten, die ſeine Perſon umgaben. Seine treue Garde war auf den Plan vor der Hütte aufmarſchirt, um die Ankömmlinge mit einer Art von militäriſchem Gepräng zu em⸗ pfangen. 183 Die Töne der Sackpfeifen waren jetzt laut und deutlich zu vernehmen. Die Begeiſterung Carls wäre ſchwer zu beſchrei⸗ ben, als er die Camerons, acht hundert Mann ſtark, das Banner ihres Häuptlings flatternd an der Spitze, und noch manche andere Abtheilungen muthiger, eifrig ſeiner Sache ergebener Bergbewohner die An⸗ höhen herabſteigen ſah. Imn Laufe einer Stunde befanden ſie ſich alle im Thale, in deſſen Rittelpunkt ſich ein hleiner, runder Hügel erhob. Rachdem ſie ſich aufgeſtellt hatten, ertönte ein lautes Hoch, das von dem Prinzen und e deſſen Freunden auf's Herzlichſte erwidert wurde. „Jetzt, Tullibardine,“ rief der Prinz,„die Fahne! mag ſich das Wappen darauf im Wind entfalten und 6 Gott das Recht vertheidigen!“ Der Ort, welcher für das Aufpflanzen des Ban⸗ ners gewählt worden, war eine kleine Erhöhung im Vittipunt des Lhels Der Marquis von Tullibardine, welchen ſein t Rang zu dieſer Ehre berechtigte, ſtellte ſich, unter⸗ t ſtützt von zwei Männern, wegen ſeiner angegriffenen . Geſundheit, auf den Kamm dieſes Hügels und ent⸗ d faltete das Banner, welches dazu beſtimmt war, bald Wehe und Schrecken über den friedlichen Thälern des Londes zu verbreiten. ſt„Schotten!“ rief der Prinz, als die ſeidenen Falten ſtolz über ſeinem Haupte wehten,„ſeht ihr das Banner eures Landes und eures recht⸗ it mäßigen Königs! Ich brauche euch nicht die Hin⸗ terliſt in's Gedächtniß zu rufen, durch welche es Verräthern gelang, es zu verdrängen und die Far⸗ 184 ben eines ausländiſchen Fürſten auf die Thürme Schottlands zu pflanzen. Wollt ihr es verthei⸗ digen?“ „Bis in den Tod!“ lautete der allgemeine Schrei der Männer, denen nicht nur das anmuthige Weſen des Prinzen, ſondern auch die Nationaltracht an ihm gefiel, die er klugerweiſe angezogen hatte.„Tod dem Kurfürſten! Gott erhalte König Jacob!“ „Vergeßt nicht,“ fuhr der königliche Abenteurer fort,„daß die Sache, für welche ihr das Schwert gezogen habt, nicht allein die Sache eures Königs, ſondern jedes freigeborenen Schottländers iſt. Es handelt ſich darum, das Land von ſeinen Unter⸗ drückern zu befreien, deſſen verbannte Kinder in ihre trauernde Heimath wieder zurückzuführen, und in eure Hauptſtadt eine nationale Regierung einzuſetzen an die Stelle der Regierung der Sachſen, den Werk⸗ zeugen und Sclaven eines Despoten, deſſen Beſtre⸗ bungen dahin gehen, die Freiheiten Schottlands zu Boden zu treten, weil er ſie fürchtet.“ Ein wildes Geſchrei des Beifalls folgte dieſer Anrede, die ſo ganz auf die Leidenſchaften und den Nationalſtolz der Zuhörer berechnet war, von denen die meiſten die Unionsakte*) auf's Bitterſte be⸗ dauerten, welche das Land ſeines Parlaments und folglich, von ihrem Geſichtspunkte aus, ſeiner Natio⸗ nalität und Unabhängigkeit beraubt hatte. Dreimal ſchwenkte der Marquis von Tullibar⸗ *) Die Parlamentsacte, welche im J. 1707 Schott⸗ land und England vereinigte. D. B. —,— 185 dine das Banner über dem Haupte ſeines Zöglings, Freundes und Fürſten, der, nachdem er ſeine Anrede beendigt hatte, von dem Hügel herabſtieg und durch die Reihen ſchritt, wobei er den Häuptlingen die Hände drückte, ihnen für ihre Treue dankte und durch ſeine Liebenswürdigkeit und Herablaſſung die Herzen der biedern Bergbewohner gewann. Nachdem dieſer Theil der Ceremonie zu Ende war, ſchickte ſich der Marquis an, mehrere wichtige Documente vorzuleſen, mit denen ſich der Prinz ver⸗ ſehen hatte. Das erſte war eine Erklärung oder Manifeſt im Namen Jacobs des Achten, von Rom den 23. Decbr. 1743 datirt, das in einer Ueberſicht die allgemei⸗ nen Beſchwerden Englands aufzählte und den ernſt⸗ lichſten Wunſch ausdrückte, denſelben, ſo weit es nur möglich ſei, abzuhelfen. Es enthielt zu dieſem Zweck einen Aufruf an alle ſeine treuen Unterthanen, ſich ſeinem Banner anzuſchließen, ſobald daſſelbe aufge⸗ pflanzt werde, und zugleich das Verſprechen, im Fall einer Reſtauration der Stuarts die beſtehenden Ein⸗ richtungen, Rechte und Privilegien reſpectiren zu wollen. Das zweite Document war eine Urkunde von demſelben Datum, in welchem Jacob ſeinen Sohn Carl zum Prinzregenten ernannte. Das dritte war ein Manifeſt des Prinzen, datirt von Paris den 16. Mai 1745, worin dieſer erklärte, daß er jetzt gekommen ſei, den Willen ſeines Vaters durch Aufpflanzung des Paniers zu erfüllen und deſſen unzweifelhaftes Recht auf den Thron ſeiner Voreltern in Anſpruch zu nehmen. Er verſprach 186 darin, allen Denen ihren ſeitherigen Verrath zu verzei⸗ hen, die jetzt für ihn die Waffen ergreifen oder wenig⸗ ſtens dem Uſurpator den Gehorſam aufkündigen würden. Ferner wandte er ſich an die Officiere der Armee und Marine mit der Aufforderung, in ſeine Dienſte zu treten, in welchem Falle er ihnen ihre Soldrück⸗ ſtände ausbezahlen und alle Beamten als ſeine Diener in ihre Stellen wiedereinſetzen würde, wenn ſie von nun an in ſeinem Namen handeln würden. Sämmtliche öffentliche Kaſſen ſollten an die von ihm aufgeſtellten Beamten Zahlungen leiſten; zugleich verſprach er, die beſtehenden Inſtitutionen und Pri⸗ vilegien ebenſo, wie ſein Vater, zu achten, und ſchließlich forderte er ſämmtliche Unterthanen ſeines Vaters auf, ihm zu Wiedererlangung ſeiner gerechten ſn und ihrer eigenen Freiheiten behülflich zu ſein. Die Fahne wurde jetzt durch eine Wache von fünfzig Camerons nach dem Quartier des Prinzen zurückgebracht. Ungefähr zwei Stunden nach dieſer feierlichen Handlung traf Macdonald von Keppoch mit drei⸗ hundert Mann ſeines muthigen und kriegeriſchen Clans ein, und gegen Abend erſchienen mehrere Edelleute aus dem Stamme MLeods, um ihre Dienſte anzubieten, wobei ſie zugleich ihren großen Unwillen über die Abtrünnigkeit ihres Häuptlings ausdrückten und ſich anheiſchig machten, nach Stye zurückzukehren, um dort ſo viele Leute, als ſie nur auftreiben könnten, anzuwerben. Die Hochländer, etwa zwölfhundert an der Zahl, 187 campirten jenen Abend in Glenfinnin, und Sullivan wurde zum Generalquartiermeiſter beſtellt. Kaum waren der Prinz und die Hochländer Edelleute in der Hütte verſammelt, als eine Reihe won Vorſtellungen und Beglückwünſchungen ſtattfand. Carl gewann ſchnell die Liebe aller derer, die in ſeine Nähe kamen, durch ſeine Leutſeligkeit und ſein ſchlichtes Weſen,— Eigenſchaften, die in den Augen eines kriegeriſchen Volkes von großem Werth ſind, in welchem die meiſten ſich durch ihre Verwandt⸗ ſchaft für Edelleute hielten, gleichviel, wie entfernt dieſelbe auch von dem Haupte ihres Clans war. Unter denen, welche mit den MLeods von Skye gekommen waren, befanden ſich auch zwei junge Männer, von denen der Eine den Arm in der Schlinge trug, und das bleiche Geſicht des Andern zeigte deutlich, daß ſeine kaum ganz geheilten Wun⸗ den ihn noch nicht wieder völlig hatten zu Kräften kommen laſſen. Wir brauchen wohl kaum zu ſfagen, daß dieſe Beiden niemand anders als Ulrick Craw⸗ ford und Sir Allan Glencairn waren, welche, ſeit⸗ dem ſich das Mißverſtändniß hinſichtlich der Schweſtern aufgeklärt hatte, jetzt ein enges Bruder⸗ und Freund⸗ ſchaftsband geknüpft hatten. Der Herr von Lind⸗ ſay, die Lairds von Hinton und Monkton waren ebenfalls anweſend, jeder derſelben an der Spitze ſeiner Anhänger, da ſie zu ſtark durch die Ereigniſſe in Edinburg compromittirt waren, als daß ſie noch länger in der„alten Stadt“ hätten verweilen können. 188 Zehntes Kapitel. Zur Zeit als der Aufſtand ausbrach, war Georg der Zweite in Hannover abweſend, dem er, als ſeinem väterlichen Erblande, einen jener häufigen Beſuche abſtattete, welche mit großem Anſcheine von Recht ſeinen engliſchen Unterthanen Anlaß gaben, ihn zu beſchuldigen, daß ihm die Intereſſen ſeines Kurfürſtenthums mehr am Herzen lägen, als die des weit wichtigeren Reichs, über welches ſeine Familie zu regieren berufen worden war. Während ſeiner Abweſenheit leitete die Regie⸗ rung eine Regentſchaft, die aus den erſten Mini⸗ ſtern zuſammengeſetzt war. Die ſpeciellen Ange⸗ legenheiten des nördlichen Theils der Inſel be⸗ ſorgte ein Miniſter, der den Titel Staatsſecretär für Schottland führte, ein Amt, das im Jahr 1745 der Marquis von Tweeddale inne hatte. Kaum hatte die Regentſchaft Nachricht von der Landung des Prinzen erhalten, als ſie Sir John Cope— gemeinhin von den Hochländern„Johnny Cope“ genannt— mit einer ſchwachen Truppen⸗ abtheilung abſchickte, ſich ihm entgegenzuſtellen. Es würde die Grenzen unſerer Erzählung weit überſchreiten, wenn wir Schritt für Schritt die Niederlagen des royaliſtiſchen Führers und den ſieg⸗ reichen Marſch des jungen Abenteurers beſchreiben wollten, bis das Banner, das in Glenfinnin auf⸗ gepflanzt worden war, von den Zinnen der Stadt Perth herabwehte. —— 189 Sir Allan und Crawford fühlten ſich überglück⸗ lich bei ihrer Ankunft vor dieſer alten Stadt, denn das Schloß der Lady Arran befand ſich in deren unmittelbarer Nähe. Kaum waren ihre Regimenter in den Quartieren untergebracht, als ſie ein paar Pferde aus dem Stalle eines treuen Beamten ent⸗ lehnten und ſich in der Hoffnung auf den Weg machten, wenn auch nicht gerade die jungen Damen, die ſie liebten und von denen ſie ſeit mehreren Monaten getrennt waren, zu ſehen, zum mindeſten aber doch etwas von denſelben zu hören. „Was ſagen Sie jetzt, liebe Tante?“ fragte Alice, als die Ankunft Carl Eduards in der Nachbarſchaft in dem Schloſſe bekannt geworden war;„was ſagen Sie jetzt von den Hochländern?“ „Daſſelbe, was ich zuvor ſchon ſagte,“ erwiderte die alte Dame in ihrem gewöhnlichen trockenen, kauſtiſchen Tone.„Die, welche kamen, werden auch wieder umkehren.“ „Und der Prinz?“ „Steht dem Throne ſeiner Väter nicht näher als ihr. Der arme Menſch! das Herz thut mir um ihn wehe. Der alte Baum hat blos dazu ſeine letzte Blüthe getrieben, damit man ſie welken ſehen kann. Ich ſage euch, es liegt ein Fluch auf dieſem Hauſe, ſeitdem Jacob der Sechste das Blut ſeiner Mutter verhandelt hat.“ „Iſt es möglich, Tante,“ fragte Conſtance ſchüch⸗ tern,„daß Sie an Dinge wie Erbfluch oder Vor⸗ herbeſtimmung glauben?“ „Weßhalb ſollt' ich nicht?“ fragte die Lady. 190 „Liefert nicht unſer eigenes Haus den Beweis der Wahrheit dafür?“ „Unſet eigenes Haus?“ wiederholten beide Schweſtern. „Nun, da wir ſicher hier in Arran und nicht in Cdinburg ſind,“ fuhr die alte Dame fort,„kann ich es euch wohl erzählen; ihr würdet die Geſchichte doch eines Tags erfahren— wenn auch nicht jetzt, doch jedenfalls an dem Tage, an welchem ihr Bräute werdet. Ihr habt doch nicht die Portraits der drei Damen in der Gemäldegallerie in Edinburg ver⸗ geſſen?“ „Der Frauen von Robert dem Starken?“ fragte Alice. „Eben dieſe. Ohne Zweifel erinnert ihr euch, was mein Neffe Sir Allan von ihnen erzählte.“ „Daß ſie ermordet worden ſeien,“ erwiderte Conſtance ſchaudernd. „Und zwar von ihrem eigenen Gemahl,“ fuhr Lady Arran fort.„Und in was glaubt ihr, daß deren Fehler in ſeinen Augen beſtanden? Sie ge⸗ baren ihm nur Töchter, und der ſtolze, ſtrenge Mann wünſchte einen männlichen Erben, als wenn dieß in ihrer Wahl gelegen und ſie hiezu keinen guten Willen gehabt hätten. Eben dieſer Robert, deſſen Blut in euren Adern rinnt, war ein finſterer, böſer Mann, und es geht die Sage, daß er auf dem Todbette nur dadurch Abſolution erlangen konnte, daß er ſeine Nachkommen einem fürchterlichen Fluche preisgab.— Ich kann freilich nicht recht verſtehen, wie ein fündiger Menſch die Bürde ſeiner eigenen Vergehen auf die Schultern von ſolchen t n 191½ wälzen kann, die an ſeinen Schanthaten keinen Antheil haben. Es gingen aber zu damaliger Zeit merkwürdige Dinge vor.“ „Und worin beſteht denn der Fluch?“ fragten die Schweſtern mit abergläubiſcher Furcht, von der ſie ſich ſelbſt keine genaue Rechenſchaft zu geben vermochten. „Daß die Erbfolge im Hauſe Arran nie vom Vater auf den Sohn übergehen ſolle.“ „Und für die Töchter?“ „Daß ſie entweder den Mann, den ſie lieben, vor der Heirath betrügen, oder das Leben deſſelben bedroht ſehen ſollen. Es iſt merkwürdig, aber voll⸗ fommen richtig, doß ſeit Menſchengedenken kein Lord Arran einen Sohn zum Nachfolger hatte, und daß die Annalen unſeres Hauſes leider nur zu ſehr durch die Schwächen ſeiner Töchter verdunkelt ſind. Glücklich ſind diejenigen, welche nur das Leben ihrer Se und nicht die Ehre ihrer Gatten bedroht ehen.“ „Und glauben Sie dieß?“ fragte Alice mit un⸗ gläubigem Lächeln. „Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ich bin nicht klüger als die übrige Welt, und unter meinen Päch⸗ tern iſt nicht einer, der nicht daran glaubte wie an das Cvangelium. Iſt die Sache aber eine Fabel, ſo iſt das Merkwürdige dabei, doß ſie ſtets in Er⸗ füllung ging.“ Die Unterhaltung wurde hier durch das Ein⸗ treten der alten Kammerjungfer Meg unterbrochen, welche ihrer Gebieterin meldete, daß der Verwalter Andreas Moggers ſo eben in's Schloß gekommen * 192 ſei und bieMſn wegen einer wichtigen Angelegen⸗ heit zu ſprechen wünſche. „Laß ihn eintreten, Meg,“ verſetzte die Gräfin. „Wenn Andreas oder ein Hochländer nach Arran kommt, ſo handelt ſich's niemals um ein Kinder⸗ ſpiel. Er iſt ſo beſorgt um ſeine Perſon als Du um Dein Spinnrad; es muß alſo irgend eine Gefahr im Anzuge ſein. Schick ihn daher nur herein.“ „Nun,“ fuhr ſie fort, als der Verwalter nach mehreren tiefen Bücklingen vor ihr ſtand,„was gibt es Neues?“ „Schlimme Neuigkeiten, Milady. Prinz Carl iſt vor Perth angelangt.“ „Ich erfuhr dieß vor einer Stunde,“ erwiderte die Gräfin ruhig. „Und Cope, der hannoveriſche— der engliſche General wollte ich ſagen— iſt geſchlagen worden.“ „Der Narr!“ fuhr die alte Dame fort, indem ein faſt befriedigtes Lächeln um ihre Lippen ſpielte; „warum iſt er nicht zu Haus geblieben?“ „Auf den Bergen haben Zuſammenrottungen ſtattgefunden,“ fuhr der Mann fort.„Der Clan iſt im Aufſtand begriffen, und es liegt nicht in meiner Macht, die Leute zurückzuhalten.“ „Wie!“ rief die Gräfin aus, mit einer Lebhaf⸗ tigkeit von ihrem Sitze auffahrend, die man in ihren. Jahren kaum erwartet hätte;„ohne meinen Befehl?“ „Ohne Befehl von irgend Jemand, Milady,“ unterbrach ſie Moggers.„Die Nachrichten von Prinz — 193 Carls Erfolgen hat den Leuten ganz den Kopf ver⸗ rückt.“ „Und jetzt glauben ſie,“ fuhr die Gräfin fort, —weil ich alt bin und mein Herz ſchwach iſt— doß ſie mir auf meinem eigenen Grund und Boden Trotz bieten können? Andreas, Sie ſind der Ver⸗ walter der Ländereien von Arran und Tanvoir.“ „Das bin ich, Mylady.“ „Laſſen Sie ein gerichtliches Verbot an ſämmt⸗ liche Pächter der Baronie ergehen, und wer von ihnen nur einen Grashalm zu ſchneiden oder eine Korn⸗ ähre zu pflücken ſich unterſteht, verliert ſein Pacht⸗ recht auf immer.“ Das Recht, ein gerichtliches Verbot ergehen zu laſſen, gehörte unter die eigenthümlichen Privilegien des ſchottiſchen Adels, und daſſelbe wurde ſo genau befolgt, daß Fälle vorkamen, in welchen Leute lieber ihr Korn verfaulen und ihr Vieh verhungern ließen, als daß ſie durch Brechen des Verbots ihre Pach⸗ tungen zu verlieren gewagt hätten. Ein merkwürdiger Fall dieſer Art trug ſich zu, als Carl Eduard von Perth abzog. Niemand hatte mit ſo großen Schwierigkeiten beim Aufſtand ſeines Clans zu kämpfen, als der gute Laird von Gaſt, obgleich es ihm mehr als jedem Andern am Herzen lag, Leute für den Dienſt ſeines geliebten Prinzen zu ſtellen. Dieſer enthu⸗ ſiaſtiſche Jacobite war, wie es ſcheint, über den Widerſtand, den ihm einige ſeiner Pächter entgegen⸗ ſetzten, ſo aufgebracht, daß er Arreſt oder gericht⸗ liches Verbot auf ihre Kornfelder legte, in der Hoff⸗ Der junge Prätendent. I. 13 194 nung, daß das Intereſſe ſeine Leute nöthigen würde, ſeinen Wünſchen nachzukommen. Die Sache war noch ſchwebend, als Carl das auf den Halmen hängende, verfaulende Korn be⸗ merkte und nach der Urſache fragte. Man ſagte ihm, daß Gaſt nicht nur ſeinen Pächtern verboten habe, ihre Frucht zu ſchneiden, ſondern auch nicht erlaube, daß ſie ihr Vieh damit füttern dürften, ſo daß dieſe armen Thiere zu Grund gehen müßten. Als er dieß hörte, ſprang er ſogleich vom Pferde, indem er ausrief:„Dieß darf nicht geſchehen!“ und zugleich fing er an, von dem Korn abzurupfen. In⸗ dem er davon ſeinem Pferde gab, ſagte er zu denen, die bei ihm waren, daß er auf dieſe Weiſe das Verbot Gaſt's aufgehoben habe, und die Pächter möchten nun auf ſeine Autorität hin den Ertrag ihrer Felder zu ihrem eigenen Gebrauch einheimſen. Kaum hatte der Verwalter Moggers die kate⸗ goriſchen Befehle ſeiner Gebieterin erhalten, als er ſich verbeugte und das Gemach verließ. Alice blickte ihre Tante einige Augenblicke er⸗ ſtaunt und bekümmert an. Das ſtrenge Verfahren der Eigenthümerin der alten Beſitzungen ihres Hauſes gegen die hochländiſchen Pächter, welche der Sache treu blieben, für die ihr Häuptling gefallen war, ſchmerzte ſie; aber der Reſpect legte ihr Still⸗ ſchweigen auf. „Dem Himmel ſei Dank!“ ſagte die alte Dame mit wohlgefälligem Lächeln:„das ſichert die Lände⸗ reien. Jetzt kann Niemand ſagen, daß ich dieſes Unternehmen unterſtützt und aufgemuntert abe.“ 195 „Es gibt aber etwas, liebe Tante, das noch höher ſteht als Ländereien und Reichthum,“ bemerkte die Nichte. „Und was iſt dieß?“ fragte die Gräfin trocken. „Die Ehre,“ erwiderte das Mädchen erröthend. „Ich beſchwöre Sie, den grauſamen Befehl zu widerrufen. Ich bitte Sie nicht, die Sache Carls zu unterſtützen. Sie haben ſchon zu viel darunter gelitten. Bleiben Sie aber wenigſtens, eingedenk des Verſtorbenen, neutral in dem Kampfe. O! wenn ich ein Mann wäre!“ ſetzte ſie hinzu. „Da Du aber ein Mädchen, und zwar ein ſehr junges biſt,“ erwiderte Lady Arran freundlich,„ſo willſt Du verſtändigere Köpfe als der Deinige leiten. Soll ich Deine und Deiner Schweſter Erbſchaft auf's Spiel ſetzen, indem ich mich in dieſe ſauberen Ge⸗ ſchichten miſche? Nein, nein; ich hatte Mühe ge⸗ nug, die alten Baronien zu retten. Dieſe will ich nicht noch einmal riskiren, dafür ſtehe ich.“ „Gibt es aber eine reichere Erbſchaft als die Ehre?“ fragte Alice. Die Gräfin blickte das ſchöne Mädchen einige ſinuten lang mit einer Empfindung an, in welcher ſich Stolz mit Verwunderung miſchte. Dann zog ſie ſie ſanft an ſich heran, und indem ſie zugleich Con⸗ ſtance bedeutete, auf dem Kiſſen neben ihrem Stuhl Platz zu nehmen, flüſterte ſie ſanft: „Der Clan wird mir nicht gehorchen, das weiß ich zum Voraus; ich will auch gar nicht, daß er mir gehorchen ſoll. Merkt ihr denn nicht, daß ich durch die Befehle, die ich ſo eben ertheilt, Arran vor den Sachſen rette, und den armen, ver⸗ 196 führten Bauern ihren Boden erhalte? Und jetzt,“ fügte ſie hinzu,„werdet ihr mich über meine Gründe nicht weiter mehr befragen; ich kann mich nicht her⸗ beilaſſen, zum zweitenmal mich darüber auszu⸗ ſprechen.“ „Aber die Befehle, die Sie Moggers ertheilt haben?“ ſagte Alice. „Der alte Narr hat den Kopf verloren,“ unter⸗ brach ſie die Tante,„ich aber nicht. Er iſt ebenſo einfältig als ehrlich, und ich kann mich bei ihm auf Alles, nur nicht auf ſeine Verſchwiegenheit ver⸗ laſſen. Und jetzt, Mädchen, da wir der Sache nicht helfen können, wollen wir nach Edinburg zurück⸗ kehren und dort den Ausgang abwarten.“ Ein lautes Geſchrei in der Halle unten, von den zahlreichen Dienern, die zur Bewachung des Schloſſes hier verſammelt waren, unterbrach die Unterhaltung und in der nächſten Minute erſchienen Sir Allan und Crawford in der langen, mit Teppichen belegten Gallerie, in welcher die Tante und die Schweſtern ſaßen. Die alte Dame bewillkommte die Ankömmlinge mit einem Ausrufe des Erſtaunens; Alice und Conſtance mit Erröthen, das beredter als Worte ar. Obgleich es die jungen Männer drängte, mit denen zu koſen, von welchen ſie ſo lange getrennt ge⸗ weſen waren, ſo hielt ſie doch Klugheit zurück, und ihre erſten Begrüßungen galten der ſtattlichen Ge⸗ bieterin des Hauſes. „Ein Sonnenblick auf einen verdorrten Baum,“ verſetzte die kluge Dame, in Erwiderung auf ihres — 197 Neffen enthuſiaſtiſche Berichte von den Erfolgen der Waffen des königlichen Abenteurers.„Er iſt zu glänzend, als daß er andauern könnte; doch begreife ich es, daß junge Augen durch ihn geblendet wer⸗ den. Carl iſt alſo,“ ſetzte ſie mit einem Ausdruck des Intereſſes hinzu, das ſie vergebens zu verbergen ſich bemühte,„ein ächter Schotte und Soldat?“ „Jeder Zoll an ihm,“ rief ihr Neffe aus.„Er trägt den Tartan wie ein Hochländer,— marſchirt an der Spitze ſeiner treuen Clane,— theilt jede Mühe, Gefahr und Entbehrung. In ſeiner ganzen Armee iſt kein Mann, der nicht zu ſeiner Verthei⸗ digung zu ſterben bereit wäre. Er iſt ebenſo groß⸗ herzig als tapfer. Können Sie es glauben, Tante, daß er ſeine letzte Guinee, wie ein treuer Kamarad, mit feinen Leuten getheilt hat,— daß er lebt wie ſie leben, ſchläft wie ſie ſchlafen? Die Haide dient ihm zum Lager und der Tartan zum Kopfkiſſen.“ „Schade, daß ſein Vater keine Spur von ſeinen Eigenſchaften beſitzt,“ bemerkte Lady Arran ſeufzend. „Der Kampf wäre erſpart worden und diejenigen, die bei der Vertheidigung ſeines Thrones ſtarben, wären am Leben geblieben, um den Glanz deſſelben zu erhöhen.“ „Wir wollen ihn jetzt gewinnen, gnädige Frau,“ ſagte Crawford achtungsvoll.„Schottland hat das Joch abgeſchüttelt; ſelbſt die Kalten und Klugen fangen an, ſich für des Prinzen Sache zu begeiſtern. Erſt dieſer Tage erhielt er eine Botſchaft von Lord Lovat.“ „Der alte Narr,“ rief die Gräfin aus,„mit ebenſo viel Geſichtern, als er Würfel in ſeinem 198 Plaid zählt. Er ſpielt ein doppeltes Spiel und wird am Ende verlieren. Nun, wir werden bald das Refultat dieſer Märſche und Zuſammenrottungen erfahren; morgen früh werden ich und meine Nich⸗ ten uns auf den Weg nach Edinburg machen.“ „Nach Edinburg, Tante?“ „Ja. Du wirſt doch nicht wollen, daß drei hülfloſe Frauen ſich den Wechſelfällen eines Bürger⸗ kriegs ausſetzen ſollen? Das wäre meiner Anſicht nach nicht weiſe gehandelt.“ Trotz des heißen Flehens der jungen Mängner, blieb die alte Dame unerſchütterlich bei ihrem Aus⸗ ſpruch. Mit gewohnter Klugheit war ſie entſchloſſen, bei der beſtehenden Regierung auch nicht einen Schatten von Verdacht zu erregen, als wenn ſie durch ihr Verweilen den Aufſtand ihres Clans befördert hätte, den ſie insgeheim nicht niederzuhalten ſehnlichſt wünſchte. „Dann will ich Sie begleiten,“ ſagte ihr Neffe. „Du, Allan! biſt Du toll? haſt Du vergeſſen, daß Dein einfältiger Kopf mit Silber aufgewogen iſt— ja ich dürfte ſogar ſagen mit Gold! Du in Edinburg! wie lange glaubſt Du wohl dort ſein zu können, bis man für Dich eine Wohnung im Caſtell ausfindig gemacht hätte? Und wohin von dort der Weg Dich führen würde, weißt Du ſo gut als ich.“ „Ich muß dahin gehen,“ erwiderte der junge Mann,„denn ich kann doch nicht zugeben, daß Sie und Alice— meine Baſen wollt' ich ſagen— in den jetzigen unruhigen Zeiten allein durch das Land reiſen. Ueberdieß braucht der Prinz Geld und ich muß ſehen, ob ich nicht durch eine Hypothek auf meine — —— 199 Güter die unſerer Sache nothwendigen Mittel ſchaffen kann.“ Das Geſicht der alten Dame nahm plötzlich einen Ausdruck an, aus welchem auf irgend einen geheimen Gedanken oder Plan zu ſchließen war, der plötzlich in ihr aufgetaucht ſein mußte. Sie wollte ſprechen — hielt inne— überlegte einige Augenblicke, wie wenn ſie ihre Worte wohl erwägen wollte, ehe ſie eine Antwort gab. „Du willſt alſo Geld auf Deine Güter aufneh⸗ men?“ bemerkte ſie. „Ja, Tante!“ „Du denkſt aber doch nicht daran aus dieſem Grunde nach Edinburg zu gehen? Wie viel ſoll es denn ſein?“ „So viel ich mir verſchaffen kann; wenigſtens vier bis fünftauſend Pfund.“ „Ich will Dir ſo viel leihen,“ ſagte Lady Arran in raſchem Entſchluß. „Sie!“ rief Sir Allan erſtaunt. „Ich. Morgen früh will ich Dir meinen Sach⸗ walter ſchicken, der ſoll die Urkunde aufſetzen. Du gibſt mir eine Verſchreibung auf die Baronie Glen⸗ cairn und es ſoll an Geld nicht fehlen. Den Ge⸗ danken, nach Edinburg zu gehen, mußt Du aber auf⸗ geben.“ Der Neffe wußte nicht, wie er genug danken ſollte. Dieſe Handlung der Großmuth kam ihm ſo unerwartet, daß er ſie kaum für Wahrheit halten konnte. Zwar wußte er wohl, daß, wenn er in der Hauptſtadt Geld aufnehmen wolle, dieß nur unter den ſchwerſten Opfern und großer Gefahr für 200 ſeine Perſon geſchehen konnte; wie aber ſeine vor⸗ ſichtige Verwandte zu dieſem Anerbieten kam, das konnte er nicht begreifen. Die ſcharfblickende alte Dame ſah aber weiter in die Zukunft, als er. „Und nun,“ ſprach ſie,„muß ich Euch verlaſſen, um meine Briefe nach Perth und Edinburg zu ſchreiben. Gute Nacht, Allan! gute Nacht, Mr. Crawford! ver⸗ geßt nicht, daß Ihr beide Gäſte des Hauſes Arran ſeid und entſchuldigt daher die Wirthin.“ Kaum hatte die Gräfin das Zimmer verlaſſen, als der Baronet und ſein Gefährte auch augenblicklich zu den Füßen der Gegenſtände ihrer Liebe lagen und Verſicherungen ewiger Treue in deren nicht ungern lauſchende Ohren flüſterten. „Alice, können Sie mir meinen ungerechten Ver⸗ dacht vergeben?“ fragte Allan.„Wenn Sie wüßten, wie viel ich deßhalb ausgeſtanden habe, ſo würden Sie mich für beſtraft genug halten. Darf ich mir ſchmeicheln, daß Ihr Herz Antheil an mir nimmt — daß der arme Glencairn Ihnen nicht gleichgültig iſt,— daß Sie ihm erlauben wollen, Ihnen das Leben zu weihen, deſſen Hoffnung und Lichtſtrahl Sie ſind, und das ohne Ihre Liebe werthlos für ihn wäre?“ Unter allen andern Umſtänden hätte Alice ihren Liebhaber wahrſcheinlich noch eine ziemlich geraume Zeit länger in Ungewißheit gelaſſen; aber jetzt, da erein ein Unternehmen verwickelt war, bei dem ſein Leben auf dem Spiele ſtand— das für lange Jahre ihn von ihr trennen konnte— hatte ſie weder Zeit noch Luſt, zu den Coletterien ihres Geſchlechts Zu⸗ ——— * — 201 flucht zu nehmen, und ſo antwortete ſie ihm mit einer Offenheit, die der ſeinigen entſprach. „Ich liebe Sie, Allan,“ erwiderte ſie, und ein hohes Roth färbte ihre Wangen, als ſie dieſes Ge⸗ ſtändniß ablegte,„liebe Sie ſo, wie das Herz nur Einmal zu lieben vermag,— mit der ganzen Friſche der Gefühle, mit der ganzen Einfachheit der Wahr⸗ heit. Schließen Sie nicht aus der Offenheit meines Geſtändniſſes, daß ich leicht zu gewinnen war oder daß ich meine Treue leicht brechen würde. In Ver⸗ bannung, Armuth oder Gefahr werde ich unver⸗ ändert bleiben; ich werde Ihnen bei Ihren Triumphen folgen, bei Ihren Niederlagen trauern und nicht eher kalt werden, als bis die Lippen, die dieſes Geſtänd⸗ niß ablegten, der Tod ſtumm macht.“ Der glückliche junge Mann drückte entzückt die kleine Hand, welche in der ſeinen zitterte, an ſeinen Mund. Seine Augen glänzten in einem Ausdruck der Freude, die ihnen ſeit lange fremd geworden war; ſo glühend waren ſeine Blicke, ſo voll Triumph, Entzücken und Liebe, daß Alice verwirrt ihre Augen zu Boden ſchlug. „Alice!“ rief er aus, indem er ſie zum erſten Mal an ſeine Bruſt drückte;„ach, könnte ich Ihnen mein Herz zeigen! könnte ich Ihnen zeigen, wie lange ſchon Ihr Bild darin wohnt.— wie innig ich daſſelbe verehre; könnte ich Ihnen jeden Gedanken und jedes Gefühl ſeit der Stunde, in welcher ich Sie zum erſtenmal ſah, klar darlegen, meine Seele vor Ihnen ausgießen, damit Sie deren tiefe Erge⸗ benheit und unwandelbare Liebe darin leſen könnten! 202 Jetzt erſt iſt mir das Leben neuer Anſtrengungen werth.“ „Vergeſſen Sie dabei aber auch die Klugheit nicht,“ flüſterte Alice traurig. „Fürchten Sie nichts,“ fuhr der junge Mann fort,„ein Leben, das Alice theuer iſt, ſoll nicht leichtſinnig geopfert werden. Unſere Sache wird ſiegen. Der Prinz iſt des Heldengeſchlechts würdig, aus dem er ſtammt. Der Erfolg wird ſein Unter⸗ nehmen krönen, und dann, Alice, kann ich das Schwert bei Seite legen und reich an Liebe und Ehre keiner andern Welt und keiner andern Hoffnung leben als der, welche ich auf Sie ſetze.“ Während dieſer lebhaften Unterredung waren Crawford und Conſtance auch nicht müßig geweſen. Letztere hatte von ihrem Liebhaber den umſtändlichen Bericht über den gegenſeitigen Irrthum erfahren, der für ihn und Sir Allan beinahe ſehr verhängniß⸗ voll geworden wäre, wofür ſie ihm mitgetheilt hatte, wie weh dieſes Mißverſtändniß beiden Schweſtern gethan hatte. So ſaßen vier junge Weſen beiſammen, voll von des Lebens trügeriſchen Hoffnungen, glücklich in der Stunde des Augenblicks und voll Vertrauen auf die Zukunft, die licht⸗ und freudevoll vor ihnen zu liegen ſchien. Hätten ſie das Rollen des fernen Donners hören und die Wolken, die ſich am Horizont auf⸗ thürmten, ſehen können, die ſich zu einem baldigen Sturme ſammelten, um die Hoffnungen, denen ſie ſich hingaben, und die Pläne, die ſie entwarfen, zu zerſtören, wie ſchnell hätte ſich dann ihr Lächeln in Thränen verwandelt!. ——— —— Aber weislich hat der Himmel in ſeiner Gnade einen dichten Schleier über die Zukunft geworfen und dem Menſchen vergönnt, das Glück des Augen⸗ blicks zu genießen, ohne zu ahnen, welches Unheil ihm vielleicht ſchon die nächſte Stunde bringt. Wie raſch entflieht die Zeit, wenn man an der Seite derjenigen ſitzt, die man liebt! Es iſt ſchwer zu ſagen, wie lange die Liebenden noch ihren glück⸗ lichen Träumereien Folge gegeben hätten, wenn nicht Meg, der Gräfin Kammerjungfer, im Zimmer erſchie⸗ nen wäre, um den Schweſtern zu ſagen, daß Mitter⸗ nacht geſchlagen habe; daß ihre Tante bereits ſich zur Ruhe begeben habe und daß ſie bereit ſei, ſie zu bedienen. Die jungen Männer verwünſchten innerlich die Rabenſtimme, welche ſie aus ihrer Entzückung riß. „Ich wäre ſchon früher gekommen,“ fuhr die alte Jungfer fort,„wenn ich nicht Sir Allans Zimmer herzurichten gehabt hätte. Es war keine kleine Auf⸗ gabe für einen Chriſtenmenſchen, daſſelbe ordentlich in Stand zu ſetzen, denn es hat ſeit dreißig Jahren Niemand darin geſchlafen.“ „Wie ſo!“ bemerkte Alice erſtaunt,„ich glaubte doch, es gäbe Zimmer genug hier in Schloß Arran.“ „Allerdings, allerdings; aber es iſt eine Laune meiner Lady, daß Sir Allan im Zimmer des Earl ſchlafen ſoll. Ein ſchlimmes Zeichen; aber es ziemt mir nicht, ihr zu widerſprechen. Wenn Sie bereit ſind, will ich Sie begleiten,“ ſetzte ſie mit einem Knix gegen den Baronet hinzu;„und wenn Ihr Schlaf geſtört wird, ſo liegt die Schuld nicht an mir.“ 204 „Fürchten Sie nichts, Meg,“ erwiderte der junge Mann, im Stillen über die Laune ſeiner Tante ſich wundernd, denn er wußte, daß das Gemach ſeit dem Tode ihres Gemahls verſchloſſen geblieben war und die Dienerſchaft eine abergläubiſche Furcht davor hatte, die ſo groß war, daß nur Wenige darunter es wagten, nach Einbruch der Nacht allein daran vorüberzugehen. Meg nahm eine Wachskerze, um dem Baronet nach ſeinem Schlafzimmer zu leuchten; im Vorzimmer wartete ein Diener, um Mr. Crawford denſelben Dienſt zu leiſten. Als ſie die Thüre erreichten, ver⸗ zog die Alte den Mund— vielleicht hörte ſie hinter ſich einen Ton, der wie ein Abſchiedskuß klang. Das Zimmer, in welches Sir Allan geführt wurde, war eines jener düſtern Gemächer, wie man ſie noch in vielen alten Häuſern des Hochlandes trifft. Die Decke bildete ein einziher Spitzbogen, deſſen Schlußſtein im Mittelpunkt das Wappen Roberts des Starken zierte, von welchem der Theil des Schloſſes, in welchem es lag, erbaut worden war. Der Sage nach war dieß ſein eheliches Schlaf⸗ zimmer und der Schauplatz der ſchwarzen und grau⸗ ſamen Thaten geweſen, die ſeinen Namen befleckten. Bis zur Mitte waren die Mauern mit Schnitzwerk aus Eichenholz bekleidet, und zwiſchen dem Holzwerk und dem kunſtvollen Karnieß hingen Tapeten. Das Bett mit ſeinen verbleichten Vorhängen ſtand in der Mitte des Zimmers; die maſſiven Füße deſſelben ruhten auf den Rücken von vier liegenden Löwen, den Schildhaltern des Wappens des Hauſes Arran. 205 Eine kleine Lampe von Silber, die auf einem Tiſche ſtand, erleuchtete matt das Gemach. Der Baronet war zu aufgeregt, um ſchlafen zu können. Nachdem er raſch ſein Plaid abgelegt und ſeine Waffen auf das Bett geworfen hatte, fing er an, haſtig auf und ab zu gehen; ſeine Schritte hallten hohl wieder. Vielleicht war es ſchon lange her, daß die Tritte irgend eines Verwandten ſeines Stammes hier getönt hatten. Was kümmerte er ſich aber um den düſtern und traurigen Anblick des Orts, wo er die Nacht zubringen ſollte? In ſeinem Herzen war es hell; in dieſes blickte er und ſah darin das Spiegel⸗ bild des Weſens, das davon Beſitz genommen hatte. Allan fand aber nicht lange Zeit, ſeinen Träu⸗ mereien für die Zukunft nachzuhängen, indem er plötzlich durch ein krachendes Geräuſch aufmerkſam gemacht wurde, das aus einer Blende kam, die dem großen Fenſter gegenüber lag, durch welches der Mond ſeine ſchwachen Strahlen warf, die durch das Epheu, das ſich wucheriſch an demſelben hinauf ge⸗ ſchlungen hatte, noch abgeſchwächt wurde. Als er ſich raſch umwandte, gewahrte er zu ſeinem Erſtaunen eine menſchliche Geſtalt, die loſe in ein weißes Ge⸗ wand gehüllt auf ihn zugeſchritten kam. Die Erin⸗ nerung an die Sagen dieſes Zimmers und die ſpäte Nachtſtunde verurſachten ihm ein Herzklopfen, das faſt noch ſtärker war als jenes, welches die Träumereien hervorgerufen hatten, denen er ſich hingegeben. Unwillkührlich näherte er ſich ſeinem Bett, um ſeine Waffen zu ergreifen. „Erſchrick nicht, Allan,“ rief eine Stimme, welche er ſogleich für die der Lady Arran erkannte;„es iſt 206 kein Geiſt, ſondern ich bin es, Deine alte Tante, in Fleiſch und Blut. Haſt Du mich für eine von Roberts Frauen gehalten?— man ſagt, dieß ſei ſein Zimmer geweſen.“ „Ich vermag Ihnen kaum zu ſagen, für was ich Sie hielt, liebe Tante,“ erwiderte der junge Mann frei aufathmend.„Aber wie kommen Sie zu dieſer Stunde hieher?— durch die Thüre gewiß nicht.“ „Kümmere Dich nicht darum, wie ich herein kam, Allan, oder wie ich wieder hinaus gehe; das iſt meine Sache. Aber ſetz' Dich und hör' mich an, denn ich habe mein Zimmer nicht um einer Kleinig⸗ keit willen zu dieſer Stunde verlaſſen, um mit Dir zu berathſchlagen.“ Der junge Mann that, wie ihm bedeutet worden war. „Man behauptet, Allan, daß das Herz mit dem Alter kalt wird,— daß deſſen edelmüthige Wallungen, ebenſo wie die Hoffnungen und die Sonnenblicke der Jugend, dahinſchwinden. Es mag ſo ſein, ja es iſt etwas Wahres daran; aber nur theilweiſe. Es gibt Verhältniſſe, welche ſelbſt das Eis der Jahre aufzuthauen und das Herz wieder mit den Empfin⸗ dungen und Erinnerungen der Jugend zu erwärmen vermögen.“ „Gewiß,“ ſagte der junge Mann, ſich im Stillen fragend, wohin dieſe Einleitung ſeiner Tante ziele. „Diejenigen, welche ich liebte,“ fuhr dieſe fort, „fochten und bluteten für die Sache der Stuarts. Ich halte dieſelbe zwar für verloren, aber deßhalb doch für heilig. Wäre ich ein Mann, ſo würde ich 207 Deinem Beiſpiele folgen; ſo vermag ich ſie aber nur durch meine Gebete zu unterſtützen und—“ „Mit was ſonſt, liebe Tante?“ fragte der junge Mann. „Mit meinem Vermögen.“ Der Baronet war außer ſich vor Erſtaunen und glaubte zu träumen. Wie! Lady Arran— die gei⸗ zige Lady Arran, für die man ſie hielt,— wollte ihr Gold hergeben, das ſie, wie man glaubte, mehr liebte als ihre Ländereien! Er blickte im Zimmer umher, dann richtete er ſeine Augen feſt auf ſeine Beſucherin. Es war ſeine Tante in Fleiſch und Blut und nicht ein bloßes Gebilde ſeiner Phantaſie. Ende des erſten Bandes.— n 9 10 11 12 13 14 15 16 17 9 6 y —