deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6 Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: Wt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. 3 2„ *—„** 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hi ig 1 und Zurückſendung der Bücher auf ihre ſen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene unr defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders daran? aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher n ttfinden varf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir iiehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— —— mitto Moyne. Roman J. F. Smith.* Aus dem Engliſchen von Albert von Schraishuon. Fünfter Band. tuttgart. ſche Verlagshandlung⸗ Druck ver K. Hofbuchbruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart. Einundſechzigſtes Kapitel. Während die Luciole und deren unternehmende Mannſchaft zur Befreiung unſeres Helden nach Capri ausgezogen war, hatte ſich eine neue handelnde Perſon auf dem Schauplatze in Neapel eingefunden. Es war dieß ein Baron von Kalig, der eine bevorzugte Stellung in Mailand einnahm und wel⸗ cher jetzt, geſtützt auf ſeinen Einfluß, deſſen er ſich rühmte, Bianca's Mutter in Neapel aufſuchte, um die Hand ihrer Tochter zu verlangen, die er ſchon längſt zu lieben vorgab. Vielleicht war es aber auch nur ihr Vermögen, das ihn reizte, einen Schritt dieſer Art zu thun und er hoffte jetzt ſein Ziel um ſo eher zu erreichen, als er der beängſtigten Frau in Ausſicht ſtellte, daß ihre Einwilligung zu dieſer Verbindung vielleicht ihrem Sohne die Rückkehr in ſein Vaterkand, aus dem er verbannt war, wieder eröffnen könnte. Die Gräfin beſaß zu viele Lebenserfahrung, als daß ſie die Gefühle verrathen hätte, die ihre Bruſt bewegten, während ſie den Empfehlungsbrief durchlas, welchen der Ueberbringer von Seiten einer hochge⸗ ſtellten Perſon von Mailand ihr überreichte und in welchem dieſe ihre vollkommene Billigung einer 1* Verbindung zwiſchen ihrer Tochter und Herrn von Kalig ausſprach. „Ich kann der Neigung meines Kindes nicht gebieten,“ bemerkte die Bame, indem ſie das Schrei⸗ ben ihrem Bruder einhändigte. „Gewiß nicht,“ fügte Seine Eminenz nach Durch⸗ leſen deſſelben bei,„obgleich wir die vorgeſchlagene Verbindung mit Vergnügen gutheißen würden. Ihre eigenen Verdienſte müſſen nothwendig in dieſer An⸗ gelegenheit den Ausſchlag geben.“ „Eine abſchlägige Antwort!“ ſagte der Baron im Tone ſtolzen Erſtaunens,„mein Name und mein Rang—“ „Laſſen keine Einwendungen zu,“ verſetzte der Kirchenfürſt mit dem ſanfteſten Lächeln, das ihm zu Gebot ſtand;„aber die Gräfin und ich müſſen Sie deßhalb doch an Bianca weiſen.“ Herr von Kalig verbeugte ſich; er war ein zu feiner Diplomat, als daß er die ſo höflich ver⸗ ſchleierte Abweiſung nicht verſtanden hätte. Am dritten Tage machte er Bianca dennoch einen förmlichen Heirathsantrag, der aber, wie unſere Leſer wohl von ſelbſt vorausſetzen werden, von dem ſchönen, unſchuldigen Weſen abgelehnt wurde, das bereits ſein Herz einem Andern geſchenkt hatte. Vergebens machte der Bewerber die Vor⸗ theile geltend, welche dieſe Verbindung ihr und ihrer Mutter verſchaffen würden, und wies auf die Mög⸗ ſichteit hin, daß ſein Einfluß die Pardonnirung ihres Bruders Alfred bewertſtelligen könnte. Aber nichts vermochte ihren Entſchluß und ihr Philipp gegebenes Verſprechen zu erſchüttern. ² 3 — 5 Voll Aerger und Mißmuth, in ſeinen Erwartun⸗ gen ſich getäuſcht zu ſehen, kündigte der Baron ſeine Abreiſe nach Mailand in fünf Tagen an und behaup⸗ tete, Vollmacht zu haben, die Gräfin und ihre Tochter zwingen zu können, ihn dahin begleiten zu müſſen. Daß dadurch deren höchſter Unwille erregt wurde, bedarf wohl kaum einer Verſicherung. „Sie ſcheinen damit geradezu eine Verhaftung andeuten zu wollen,“ ſagte der Mann der Kirche, „eine Gewalt, die ich Ihnen beſtreite. Meine Schwe⸗ ſter und Nichte befinden ſich unter meinem Schutz und werden mit mir nach Rom zurückkehren. Wenn, wie ich nicht zweifle, die Beleidigung nur von Ihnen ausgeht, ſo behandle ich dieſelbe einfach als eine Unverſchämtheit und werde mich nicht herbeilaſſen, ſie zu beantworten.“ Bianca, deren Angſt auf's Höchſte ſtieg, als ſie dieſe Worte hörte, ſchlang ihre Arme um den Nacken ihres Beſchützers. „Eure Eminenz vergißt, daß das Vermögen der Gräfin Belgioſo in der Lombardei ſich befindet,“ bemerkte der Baron mit bedeutungsvollem Lächeln. „Ihr Vermögen, aber nicht ihre Per⸗ ſon,“ verſetzte der Kardinal kalt.„Der Heiraths⸗ contract meiner Schweſter wurde nicht nur vom Kaiſer, ſondern auch vom Papſte unterzeichnet. Es ſichert ihr dieß für den Fäll, daß ſie Wittwe wird, das Recht, in den Schoos ihrer Familie im Kirchen⸗ ſtaat zurückzukehren.“ „Aber deren Tochter hat hiezu kein Recht,“ rief der Baron in triumphirendem Tone;„dieſe iſt ohne alle Widerrede eine Unterthanin Oeſtreichs.“ „Ich werde aber deßhalb doch nicht weniger mich weigern, zuzugeben, daß ſie von ihrer Mutter getrennt werde,“ bemerkte Seine Eminenz.„Gehen Sie, mein Herr,“ fügte er bei;„in Rom und nicht in Neapel müſſen dieſe ſich widerſprechenden Fragen entſchieden werden.“ Der abgewieſene Bewerber wandte ſich verge⸗ bens an die neapolitaniſche Regierung um Beiſtand zur Ausführung ſeiner Abſichten; weder Ferdinand noch ſeine Miniſter wünſchten einen Bruch mit dem heiligen Stuhle herbeizuführen, der durch eine Ge⸗ waltthat gegen das Haus eines Fürſten der Kirche unausbleiblich erfolgt wäre. Sie kannten den unbeugſamen Charakter Gre⸗ gor XVI., des regierenden Papſtes zu genau, als daß ſie dieß gewagt hälten. Da auf offenem Wege nichts zu erreichen war, ſo mußte der Baron auf andere Weiſe ſich zu helfen ſuchen, indem er mit Hilfe der Polizei Bianca bei ihrer Rückkehr von ihrem täglichen Beſuche in der Villa des Lords Dalville gewaltſam aufhob und entführte. Unſere Leſer kennen bereits die Umſtände, welche Oliver Brandreth und Jack Spears zu rechter Zeit in die Caſa Ingleſe zur Befreiung aus der Gewalt ihres ſchamloſen Verfolgers führten. Zwei Tage ſpäter wäre ſie über der Gränze und ſomit ihre Spur kaum mehr zu verfolgen geweſen. Das Verſchwinden ihrer Tochter war ein furcht⸗ barer Schlag für die zuvor ſchon erſchütterte Ge⸗ ſundheit der Gräfin. Es war damit das letzte Band zerriſſen, das ſie an das Leben kettete; und ſie mußte jetzt um der Ehre ihrer Tochter willen wünſchen, 5 daß das Band geknüpft werde, vor welchem dieſelbe einen ſo großen Widerwillen an den Tag gelegt hatte. Tag für Tag mußte das Unwohlſein der un⸗ glücklichen Mutter als Entſchuldigung bei Philipp für die Abweſenheit Bianca's dienen. Man mußte ihn um ſeiner ſelbſt willen täuſchen, denn obgleich er raſch der Reconvaléscenz entgegenging, ſo befürch⸗ tete der Arzt doch einen Rückfall, wenn der Kranke nicht auf die möglichſte Weiſe geſchont werde. Wie eigenthümlich iſt das menſchliche Herz be⸗ ſchaffen,— klein genug, um in der Bruſt ſchlagen zu können und doch wieder groß genug, um die ganze Menſchheit mit ſeiner Liebe zu umfaſſen. Die ganze Philoſophie kann ſeine wunderbare Tiefe nicht ergründen und die Wiſſenſchaft ſein geheimes Wirken nicht erklären. Es iſt das klügſte Ding in der Na⸗ tur,— ſiegreich, wenn es mit der einfachen, geſunden Vernunft zu thun hat,— ober leicht beſiegt, ſobald es in Conflict mit der Neigung geräth: ſeine Schwäche beweist zuweilen ſeine Stärke; ſeine Stärke ſeine Schwäche. Es iſt zugleich Wiege und Grab,— die Geburts⸗ ſtätte der Leidenſchaften, welche erheben oder ernied⸗ rigen, je nachdem dieſelben gut oder ſchlecht ſind. Man kann nicht argwöhniſch genug ſeine Bewegun⸗ gen bewachen oder mit zu eiferſüchtiger Sorge die⸗ ſelbe analyſiren,— es iſt die Vorrathskammer, aus welcher die Einbildungskraft helle oder düſtere Ge⸗ bilde ſchöpfte, welche die wachenden Träume der Jugend erfüllt,— das Grab, in welchem das nüch⸗ terne Mannesalter ſie vergräbt, indem ſie nur eine traurige Erinnerung als ihr Monument hinterlaſſen. 8 Es iſt leicht erregbar wie ein Barometer, mit welchem es in mancher, aber nicht in jeder Hinſicht Aehnlichkeit hat. Wir können den Mechanismus eines durch Menſchenhand gefertigten Inſtruments, die Grundſätze, nach welchen daſſelbe arbeitet, be⸗ reifen. Bei dem Herzen iſt dieß aber nicht der Lull. indem deſſen freudige Aufwallung oder Ge⸗ drücktheit bei einem nahenden frohen Ereigniſſe, oder deſſen Ahnen von Mißgeſchick, das Menſchen, die wir lieben, bevorſteht, Geheimniſſe ſind, die nur Dem erklärlich ſind, der daſſelbe geſchaffen hat. Das Herz iſt das größte Geheimniß der Schö⸗ pfung,— es iſt das Band, welches uns an den Himmel oder an die Erde kettet,— die Quelle des Glaubens,— der Boden edler Gedanken und noch mehr edler Sympathien; ſein Streben erhebt uns über die Menſchheit,— ſeine Irrthümmer werfen uns leider tief unter dieſelbe hinab! „Nur eine Linie,— nur ein Wort, von ihrer eigenen theuern Hand geſchrieben,“ rief Philipp, als ihm auf ſeine Nachfrage nach Bianca die gewohnte Antwort ertheilt wurde,„um die Zweifel zu heben, die mich quälen.“ „Können Sie mir denn keinen Glauben ſchenken?“ bemerkte Milly vorwurfsvoll, denn ſie wußte nicht, was ſie ihm ſagen ſollte. „Meine Vernunft vertraut Ihnen— vertraut Ihnen unbedingt,“ verſetzte der Liebhaber,„aber nicht mein Herz,— dieſes will ſich mit Worten nicht zufrieden geben. Ich weiß, daß dieß unrecht — undankbar iſt— aber ich kann nichts dafür. Ein Wort— nur ein kleines Wort!“ fügte er flehend 9 bei.„Das iſt doch gewiß nicht zu viel verlangt. Sie werden ſie doch in meinem Namen beſuchen?“ „Ich will morgen die Gräfin beſuchen,“ verſetzte Lady Dalville ausweichend. „Morgen!“ wiederholte der Kranke,„noch ein längerer Aufſchub, eine längere Ungewißheit.“ In dieſem Augenblick erſchien glücklicherweiſe für Milly ein Diener im Zimmer, deren Verlegenheit immer größer wurde und benachrichtigte dieſelbe, daß der Earl ſie im Bibliothekzimmer zu ſprechen wünſche. „Geduld,“ flüſterte ſie, das Kiſſen des armen Philipp zu recht richtend,„ich komme bald wieder.“ Sie war nicht lange von ihrem Patienten ab⸗ weſend, indem ſie augenblicklich wieder erſchien mit zwei Briefen in der Hand— das Geſicht ſtrahlend von Lächeln. „Für mich!“ rief der Liebhaber haſtig,„für mich?“ „Beide: der eine iſt von Oliver; der andere—“ „Von Bianca!“ rief der ungeduldige Jüngling. „Ich leſe dieß in Ihren Augen; dieſe haben mich nie getäuſcht.“ „Von Bianca,“ wiederholte die Lady.„Sie iſt wohl, ganz wohl; aber ehe ich Ihnen dieſe Briefe gebe, habe ich Ihnen etwas mitzutheilen, das Sie geduldig anhören zu wollen mir verſprechen müſſen.“ „Geduldig! Ja, ja!— ich verſpreche es!“ Mit dem ihrem Geſchlechte eigenthümlichen Takt und Wohlwollen berichtete Lady Dalville die Ankunft des Baron von Kalig in Neapel,— deſſen Hei⸗ rathsantrag und Abweiſung von Seiten Biancas. Als ſie die Entführung der ſchönen Italienerin Smith, Milly Mohne. V. 2 10 durch ihren ungeſtümen Bewerber mittheilte, wurde ſie durch die Aufregung beunruhigt, in welche der Patient dadurch verſetzt wurde, und ſie ging raſch über die Einzelnheiten der Flucht zu der Verſicherung über, daß Bianca in Sicherheit ſei. „Unter dem Schutze Olivers und Major Hender⸗ ſons befindet ſie ſich bereits auf dem Wege nach England,“ rief ſie haſtig aus,„leſen Sie, leſen Sie ſelbſt!“ Philipp erbrach das Siegel und als er die Zei⸗ len las, welche Liebe und Freundſchaft geſchrieben hatten, wich der Sturm der Leidenſchaft der ſüßen Ueberzeugung, daß der Gegenſtand der Verehrung ſeines jungen Herzens ſich außerhalb des Bereichs ihrer beiderſeitigen Feinde befinde. In der Freude ſeines Herzens drückte er zuerſt Bianca's Brief und dann die Hand ſeiner Wohlthäterin an ſeine Lippen. „Kein Wort,“ ſagte Milly,„ich weiß, was Sie erduldet haben. Klagen Sie mich nicht des Man⸗ gels an Wohrheitsliebe an, aber es war nothwen⸗ dig, Sie zu täuſchen.“ „Sie täuſchten mich nicht,“ bemerkte Bianca's Liebhaber jetzt ruhiger.„Ich merkte an Ihrem Be⸗ mühen, heiter zu ſein,— aus dem Tone Ihrer Stimme, wenn Sie mich verſicherten, daß ſie wohl ſei, daß etwas Unheilvolles ſich zugetragen habe; ich las es,“ fügte er bei,„in den beiden Fenſtern, aus wel⸗ chen Ihre Seele in ihrer ſchlichten Wahrheitsliebe ſpricht.“ „Es war zu Ihrem Beſten,“ ſagte die Lady. „Von nun an werden Sie lernen, auf die Vorſehung zu bauen.“ — 11 „Es wäre ein Verbrechen, daran zu zweifeln, da ein Engel deren Vermittler iſt,“ verſetzte der Jüngling. „Alle Dinge werden zu einem weiſen Ende ge⸗ führt,“ fuhr Milly ernſt fort.„So lange der Ge⸗ genſtand Ihrer Neigung in Italien blieb, ſchienen die Schranken Ihrer Verbindung unüberſteiglich; die Flucht deſſelben nach England wird mit Einemmale alle heben.“ „Ja!“ rief Philipp hoffnungsvoll;„es iſt das Land der Freiheit; der Major, Oliver und mein guter alter Vormund werden ſie dort beſchützen. Ach! wie ſehr ſehne ich mich danach, deſſen Luft einzuathmen, den Boden wieder zu betreten, wo man frei ausſprechen darf, was man denkt und wo man nicht, wie hier, nöthig hat, ſeine Anſichten und Gefühle vor Andern zu verſchließen und ſich gewiſſer⸗ maßen zur fortgeſetzten, lebenden Lüge zu machen.“ „Das iſt auch, mein lieber Junge, für eine gei⸗ ſtig begabte, edle Natur die ſchwerſte Kette, zu de⸗ ren Tragen ſie verurtheilt werden kann,“ ſagte der Earl, der unbemerkt in das Krankenzimmer einge⸗ treten war.„Meine Entlaſſung von dem Poſten, den ich bekleide, iſt von der Regierung angenommen worden und in zehn Tagen werden Lady Dalville und ich nach England zurückkehren, wenn Sie bis dahin gekräftigt genug ſind, uns begleiten zu können.“ „„Ich werde kräftig genug ſein, Mylord,“ ver⸗ ſetzte Philipp in großer Aufregung;„glauben Sie mir, daß ich es ſein werde. Ich bitte Sie, laſſen Sie ſich keinen Augenblick abhalten, Ihre Vorberei⸗ tungsanſtalten zur Abreiſe zu treffen. Der Gedanke, Bianca wieder zu ſehen,“— die Lippen des Lieb⸗ 2 12 habers zitterten, als er dieſen Namen ausſprach,— „Oliver und diejenigen, die mich lieben, die ich liebe, werden mir Kraft verleihen. Ich fühle bereits wie der Lebensſtrom mit friſcher Kraft durch meine Adern vollt,“ ſetzte er hinzu. Es iſt erſtaunenswerth, welch' großen Einfluß der Geiſt auf die körperliche Geſundheit zu üben vermag. Von dieſem Tage an fing der arme, ſchwer geprüfte Jüngling raſch zu geneſen an und die Aerzte ſpra⸗ chen endlich die Anſicht aus, daß er ohne Gefahr die Reiſe antreten könne. Vor der Abreiſe aus Neapel machte Philipp Blandford in Begleitung des Earl von Dalville der Gräfin Belgioſo einen Abſchiedsbeſuch. Es war eine ſchwere Prüfung für beide. Bianca's Mutter am Rande des Grabes— deren Liebhaber mit Mühe ſo eben erſt demſelben entriſſen. „Ich werde keines meiner Kinder je wieder ſehen ſagte die tiefgebeugte Frau mit einem Blicke der Re⸗ ſignation:„Sie aber werden ihnen meinen Segen — meine letzten Aufträge bringen.“ „Das ſoll pflichtlich geſchehen,“ verſetzte Philipp, „ſelbſt wenn mein eigenes Glück dadurch gefährdet werden ſollte.“ „Gut,“ murmelte die Gräfin, ihr eingefallenes Auge auf ihn richtend,„gut. Ich vertraue Ihrem Wort; Ihre Perſönlichkeit bürgt mir dafür. Ich darf dieß, nicht wahr, Bruder?“ Die Eminenz ſah ſich im Gemache um, wie um ſich zu vergewiſſern, daß die Worte ſeiner ſterbenden Schweſter von Niemand gehört würden. „Ich habe jetzt nichts mehr zu fürchten,“ fuhr 13 die Dame mit mattem Lächeln fort.„Zum erſten Male fühle ich die Majeſtät des Todes. Unter dem Schatten ſeiner Schwingen iſt Sicherheit, hier kann die Hand des Unterdrückers mich nicht erreichen. Sie werden Alfred und Bianca meine letzten Wort über⸗ bringen,“ fügte ſie, an Philipp gewendet, bei. Seine Eminenz entfernte ſich geräuſchlos aus dem Zimmer, wahrſcheinlich wünſchte er nicht etwas zu hören, was er vermöge ſeines Standes— nicht ſei⸗ nes Herzens— mißbilligen mußte. „Sagen Sie ihnen,“ ſagte die Gräfin mit äußer⸗ ſter Anſtrengung,„ſie ſollen nicht eher wieder nach Italien zurückkehren, als bis es frei iſt. Armuth und Verbannung können mit Würde und Geduld ertragen werden, was bei dem Opfer, welches ich ſeit Jahren zu bringen genöthigt geweſen bin, nicht der Fall iſt: Gemahl, Söhne, Töchter, wurde mir eines um das andere entriſſen. Nein, nein,“ wie⸗ derholte ſie,„beſſer Verbannung oder das Grab.“ „Armuth ſollen ſie wenigſtens nie kennen lernen,“ verſetzte Philipp. „Junger Mann, Sie lieben mein Kins,“ bemerkte die Gräfin. „Von ganzem Herzen. Mein Daſein kennt keine Hoffnung fern von ihr, das Leben keine Freude, wenn Bianca ſie nicht theilt. Mein Freund und Wohlthäter, der vortreffliche, wohlwollende Lord Dal⸗ ville, wird Ihnen bezeugen, daß ich ein großes Ver⸗ mögen und einen Namen beſitze, der, wenn er auch nicht ſo edel wie der Ihrige, doch ehrenvoll und un⸗ tadelhaft iſt. Machen Sie doch nicht, ich beſchwöre 14 Sie, Geburtsſtolz, Glaubensunterſchied in einem ſolchen Augenblicke zu einer Schranke meines Glückes.“ „Das werde ich auch nicht,“ murmelte die ſter⸗ bende Frau,„das werde ich nicht; Gott wird mir verzeihen, wenn ich irre. Er liest in dem Herzen und kennt deſſen geheime Beweggründe. Sie ſind Zeuge,“ ſetzte ſie, an den Earl gewendet, hinzu,„daß ich meine Einwilligung zu ſeiner Vermählung mit meinem Kinde gab und den Segen einer ſterbenden Mutter ihrer Verbindung ertheilte.“ So kurz auch die Unterredung gedauert, ſo hatte ſie doch die Kranke ſo erſchöpft, daß Philipp, nach⸗ dem er die zitternd ihm entgegengeſtreckte Hand ge⸗ drückt hatte, es für geeignet hielt, ſich zu entfernen. Als er durch das Vorzimmer ging, traf er den Kar⸗ dinal, der ihn wohlwollend umarmte. „Ich habe Alles gehört,“ flüſterte er.„Ich zwar nicht, Ihr Glück zu ſegnen, aber ich will mich demſelben nicht widerſetzen. Meine Nichte ſoll übri⸗ gens keine mittelloſe Braut ſein,“ fügte er bei. Der Fürſt der Kirche, der ſeinem Herzen nicht länger zu trauen und zu fürchten ſchien, daß der Menſch über den Prieſter triumphire, entfernte ſich gilig. An demſelben Tage, an welchem Lord und Lady Dalville in Philipp's Geſellſchaft an Bord der Fre⸗ gatte ſich einſchifften, welche geſchickt worden war, um ſie nach England zu bringen, erhielten ſie die Nachricht von dem Tode der Mutter Bianca's. Der Bote übergab den Händen des jungen Engländers ein von der Gräfin an ihre Tochter adreſſirtes Paket. Die drei Reiſenden ſtanden noch lange, nachdem das ſchmucke Schiff die Bai verlaſſen hatte, auf dem Ver⸗ 15 deck, in Betrachtung der immer mehr zurücktretenden Ufer Neapel's verſunken. Die Sonne ſchien glän⸗ zend und hell, die Küſten und Eilande mit ihrem goldenen Lichte überfluthend, das in ſeinen reichen Purpurfarben über die ganze Scenerie jene weichen Tinten verbreitete, welche Dichter beſingen und Ma⸗ ler nachzuahmen verſuchen. Als endlich nur noch der Kegel des Veſuvs mit ſeinen Rauchwolken, die gleich Weihrauch einem fer⸗ nen Altar entſtrömten, ſichtbar blieb, ſtiegen ſie in die Kajüte hinab. „Du biſt nachdenkend, Milly,“ bemerkte ihr Ge⸗ mahl,„bedauerſt Du das Land, das wir verlaſſen haben— deſſen Sonnenſchein und Lieblichkeit? Ita⸗ liens Schönheit gleicht leider der einer Schlange,— ſie iſt bezaubernd aber verrätheriſch.“ „Ich habe nichts zu bedauern, wo Du biſt, theu⸗ rer Gemahl,“ verſetzte die dankbare Frau,—„ich kenne kein Glück, wo Du nicht biſt! Aber dieſes Auf⸗ geben Laufbahn— eines Lebenszwecks,“ ſetzte ſie im Lone de Selbſtvorwurfs hinzu,„für mich— für mich!“ „Um meiner ſelbſt willen,“ flüſterte der Earl: „das Herz kennt kein Opfer, das Liebe gebracht hat.“ Das Lächeln, das einen Augenblick auf dem ge⸗ dankenvollen Geſichte ſeiner Gemahlin ſich zeigte, r ihm reichlich den Entſchluß, den er gefaßt hatte. Nach Ankunft des Paketbootes in Marſeille ſchick⸗ ten Major Henderſon und Oliver Briefe nach Eng⸗ land, in welchen Sie Mr. Compton von ihrer An⸗ kunft, von dem Wohlbeſinden ſeines Mündels und 16 der Vermehrung ihrer Geſellſchaft durch Bianca und Jack Spears we Ein zweiter Brief— und 3 unſere Leſer können ſich den Stolz vorſtellen, mit welchem unſer Held denſelben ſchrieb— wurde zu gleicher Zeit an ſeine Mutter geſchickt— an die Mut⸗ ter, nach deren Anblick ſein liebevolles Herz ſich ſeit ſo vielen Jahren ſo innig ſehnte,— um ſie ſeiner Liebe verſichern— ihren Segen erbitten und em⸗ pfangen zu können. Er habe ſeine Aufgabe 3 geführt, machte er darin geltend und ſomit ſei jetzt ſicher kein Grund mehr vorhanden, die Erfüllung ſei⸗ nes heißeſten Wunſches zu verzögern. Wie gewöhnlich wurde er an Miſtreß Brandreth unter der Adreſſe ihres Bankiers abgeſchickt. Nach ein paar Tagen Ruhe begaben ſich die Reiſenden nach Paris. Der Major hatte mit ſeiner gewohnten Unſicht einen jungen Italiener als Be⸗ gleiter und Diener Biancas engagirt. Bei der Ankunft in der Hauptſtadt liſchen Nachbarn erwartete die Reiſen nehme Ueberraſchung. Der würdi erſte Perſon, die ſie in dem Hotel bewillko 6 welchem ſie abſtiegen. Er hatte Alfred Belgioſo mit⸗ gebracht— welchen ſeine Jungen, wie er Oliver und Philipp zu bezeichnen pflegte, durch Empfeh⸗ lungsſchreiben bei ihm eingeführt hatten. Wir müſſen über die Freude eines ſolchen Zu⸗ ſammentveffens weggehen. „Still!“ ſagte John Compton, als der Verbannte ihn als ſeinen und ſeiner Schweſter Wohlthäter vor⸗ ſtellte;„ſie ſoll nur für Philipp eine gute Hausfrau 17 werden, dann iſt es an mir, von Dankbarkeit zu ſprechen.“ Indem er beide Hände des ſchönen Mädchens ergriff, blickte er ihr lange und ernſt ins Geſicht, worauf er ſie dann bedächtlich auf die Wangen küßte. „Sie brauchen nicht zu erröthen,“ fügte er bei, „es iſt nichts Unrechtes in dem Segen und dem Kuſſe eines alten Mannes. Ich habe mehrere Briefe von Lord Dalville erhalten,“ ſetzte er hinzu.„Er iſt ein Mann von edlem Herzen; wenige Menſchen wären eines ſolchen Opfers fähig geweſen.“ Seine Zuhörer blickten ihn fragend an. „Er hat ſeinen Geſandtſchaftspoſten aufgegeben und vom öffentlichen Leben ſich zurückgezogen, um Milly's Glück zu ſichern. Es iſt Schade darum; England beſitzt nicht viele Leute, die es auf ſolche Weiſe wie er zu repräſentiren verſtehen.“ Eine weitere Nachricht, die er mittheilte, ſetzte die Reiſenden in Erſtaunen— Sir Aubrey Fairclough war nach England zurückgekehrt, gerade zu rechter Zeit, um Zeuge des Todes des Verwandten zu ſein, der wegen ſeiner Laſter ſich ſo lange von ihm fern gehalten hatte. Er war jetzt Lord Alton Thowers. Es iſt für den Verlauf unſerer Erzählung un⸗ nöthig, bei dem Aufenthalt der Reiſenden in Paris zu verweilen. Er war zu kurz für irgend ein Aben⸗ teuer; ihre Herzen waren in England, und noch vor Ablauf einer Woche befanden ſie ſich in dem gaſt⸗ freien Hauſe des Maklers, jedoch nur, wenigſtens ſo weit es Bianca Belgioſo betraf, für kurze Zeit. „Das Haus eines Junggeſellen,“ bemerkte John 18 Compton,„ſei kein Aufenthaltsort für ein junges, ſchönes Mädchen, namentlich wenn daſſelbe auch bald die Wohnung ihres Liebhabers werden würde.“ „Ich beſitze einen Freund,“ ſprach er, als er die ſchöne Italienerin und deren Bruder von den An⸗ ordnungen unterrichtete, die er getroffen hatte,„den Doctor Lacy, der mit ſeiner Schweſter ein einſames, ruhiges Haus in der Nähe von Richmond bewohnt. Sie freuen ſich ſehr darauf, Sie aufzunehmen.“ „Lacy?“ rief Oliver;„ich habe dieſen Namen ſchon gehört.“ „Auch Rockingham Hall, weiße Frau und deren Schatten,“ ſagte John Compton lächelnd.„Ganz recht, es iſt derſelbe.“ Eine Menge Erinnerungen tauchten im Geiſte unſeres Helden auf; ein Umſtand in ſeinem Leben, der einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte, durfte wahrſcheinlich jetzt aufgeklärt werden. Nach wenigen Tagen ſchon wurde Herbert Lacy in Geſellſchaft der verwittweten Lady Vavaſſour und Annie der ſchönen Verbannten vorgeſtellt; beide ver⸗ ſtanden die Sprache ihres Landes, deren Töne einen um ſo tieferen Eindruck auf ſie machten, als ſie von wohlwollender Stimme geſprochen wurden. „Wir wären ſchon bei Ihrer Ankunft hier gewe⸗ ſen, um Sie zu bewillkommnen,“ ſagte Annie,„wenn wir Miß Lacy hätten verlaſſen können.“ „Deren Unwohlſein ſie entſchuldigen muß, daß ſie nicht ebenfalls einen förmlichen Beſuch abſtattet“ ſetzte der Doctor hinzu.„Dafür ſchickt ſie Ihnen ihre freundlichſten Wünſche und das Verſprechen, alles 19 was in ihrer Macht ſteht, thun zu wollen, Ihnen unſer Haus ſo angenehm als möglich zu machen.“ Zu Oliver's Erſtaunen lag etwas faſt Liebevolles in dem Benehmen des Doctors, als John Compton ihn vorſtellte. „Sie müſſen uns in unſerer Einſamkeit beſuchen, Mr. Brandreth,“ rief er aus. „Es iſt nicht das erſtemal, daß ich Ihre Gaſt⸗ freundſchaft in Anſpruch nahm,“ bemerkte unſer Held. „Ich weiß es. Dießmal werden Sie hoffentlich keine Veranlaſſung haben, aus meinem Hauſe zu entfliehen.“ „Sie wiſſen alſo von der—“ „Alles,“ unterbrach ihn Mr. Lacy,„und die Er⸗ klärung iſt eben ſo einfach als leicht. Jahre lang war meine Schweſter ſehr leidend, weßhalb ſie ſelten ihre Wohnung verließ. Zuweilen,“ fügte er bei, „war ihr Geiſt wirre und ich konnte ſie deßhalb kei⸗ nen neugierigen und gefühlloſen Blicken ausſetzen. Das iſt, dem Himmel ſei Dank, vorüber,“ ſetzte er hinzu;„obgleich ſie noch immer ſehr angegriffen und bei einer erſten Begegnung mit Fremden ſehr leicht aufgeregt wird.“ „Ich verſtehe,“ ſagte Oliver.„Ihre Offenheit hat einen ebenſo eigenthümlichen als peinlichen Eindruck in mir verwiſcht. Die weiße Frau und deren Schat⸗ ten—“ „Waren meine Schweſter und ich,“ antwortete ſein früherer Gaſtfreund.„Ich bitte Sie, in ihrer Gegenwart nicht davon zu ſprechen; und wenn ich mir erlauben dürfte—“ 20 Der Doctor hielt inne, wie wenn er verlegen ge⸗ weſen wäre, weiter fortzufahren. „Ich will den Satz für Sie vollenden,“ ſagte John Compton.„Oliver, mein lieber Junge, wenn Sie zum erſtenmale nach Richmond zum Beſuch kom⸗ men, ſo nehmen Sie von Miß Lacy keine weitere Notiz, als daß Sie ſich vor ihr verbeugen, wenn Sie ihr vorgeſtellt werden. Nach und nach wird ſie ſich 4 Ihre Anweſenheit gewöhnen. Sie verſtehen mich?“ „Vollkommen,“ verſetzte unſer Held. „Es iſt Anfangs nur eine krankhafte Schüchtern⸗ heit,“ ſetzte der Makler hinzu,„die aber bald ſich geben wird.“* „Haben Sie dieſelbe kennen gelernt?“ „Ich? Nein. Welche Frau, jung oder alt, ſei ſie nervenleidend oder nicht, würde die Anweſenheit eines harmloſen, alten Junggeſellen, wie John Comp⸗ ton, bemerken?“ Zweiundſechzigſtes Kapitel. Drei Tage ſpäter, nachdem Bianca nach Rich⸗ mond gebracht worden war, fuhren ihr Bruder und unſer Held hin, um ſie zu beſuchen. Als ſie in das Beſuchzimmer eingeführt wurden, erinnerte ſich der Letztere an den Wink, den er in Betreff der Miß Lacy erhalten hatte und ließ es daher bei einer Verbeugung bewenden, als er ihr vorgeſtellt wurde. — —— S —. ß er 21 Der nervöſe Zuſtand der Dame machte ſich auf ſo traurige Weiſe bemerkbar, daß er es kaum wagte, ſie ein zweites Mal anzublicken; und ſeine ganze Erinnerung an ſie, als er ſich von ihr entfernte, war, daß ſie ſilbergraue Haare habe und eine Brille trage. 966 waren außerdem noch vier Perſonen anweſend, — Annle, deren Mutter, Bianca und ein großer, bleicher, geiſtreich ausſehender junger Mann, ungefähr von ſeinem Alter, deſſen Geſicht Oliver bekannt ſchien, obgleich er ſich nicht entſinnen konnte, wo er ihn ſchon geſehen hatte. Er wurde als Mr. James Sparks vorgeſtellt. „Drei Tage!“ rief Annie, den Finger ſchmälend gegen die Beſucher aufhebend.„Ich meinte ſchon, Sie hätten uns vergeſſen.“ „Ich vergeſſe niémals Diejenigen, die ich einmal gekannt und geliebt habe,“ erwiderte unſer Held. „Ich wäre ſchon früher gekommen,“ fügte er bei, „aber ich erwartete einen Brief von meiner theuren, theuren Mutter,— ich erwartete ihn mit einer Sehn⸗ ſucht, die mich faſt krank machte.“ Ein tiefer Seufzer von dem Fenſter, an welchem Miß Lacy leſend ſaß, machte ſeine Aufmerkſamkeit rege. „Und doch frage ich Mr. Brandreth,“ bemerkte der bleiche, junge Mann, deſſen Geſicht einen ſo eigenthümlichen Eindruck auf ihn gemacht hatte,„ob ſich derſelbe erinnert, daß wir uns früher ſchon ge⸗ troffen haben?“ „Ich entſinne mich deſſen vollkommen, aber nicht des Ortes und der Veranlaſſung.“ 22 „In Rockingham Hall,“ verſetzte Sparks;„in einer Nacht, in welcher Sie und Ihr Freund Gäſte meines Wohlthäters waren.“ „Wo ich mich hinſichtlich Ihrer Stellung ſo gänz⸗ lich irrte,“ rief Oliver, indem er dabei auf das Trink⸗ g, das er angeboten und James'“ auffallendes enehmen bei jener Veranlaſſung anſpielte.„Ich war damals noch ein Knabe und, die Wahrheit zu ſagen, von meinem Abenteuer in der Scheune noch erfüllt, daß ich kaum recht wußte, was ich that.“ Zu gleicher Zeit ſtreckte er die Hand aus, wäh⸗ rend er dieſe kaum nothwendige Abbitte leiſtete. Zu ſeinem Erſtaunen wurde dieſelbe nicht ergriffen. „Sie irrten ſich nicht,“ ſagte der junge Mann ruhig,„meine Stellung war die eines Knaben aus dem Armenhauſe, welchen Doctor Lacy aus Barm⸗ herzigkeit in ſeine Familie aufgenommen hatte.“ „James! James,“ rief Annie, ihre kleine Hand auf ſeinen Mund legend,„wie mögen Sie nur ſo etwas ſagen!“ „Setzen Sie hinzu,“ ſagte deren Mutter,„daß Sie durch Ihren Fleiß und Ihre Ausdauer, trotz Ihrer Jugend, in der wiſſenſchaftlichen Welt ſo hoch ſich ge⸗ hoben haben, daß Sie die Freundſchaft der berühm⸗ teſten Männer des Standes, den Sie erwählten, ſich erwarben. Wenn ein Mann, wie Sie, ſo große Fort⸗ ſchritte in einer ehrenvollen Laufbahn gemacht— ſich die Achtung von Geachteten— die Liebe von Allen, die ihn kennen, gewonnen hat, ſo werden ſeine Ver⸗ dienſte ſeine Ahnen und er bedarf keiner andern.“ „Ein ſolchet Charakter muß mein Freund ſein,“ ie r ch ch n, r⸗ 23 rief Oliver in herzlichem Tone,„wenn ich ihn be⸗ ſtimmen kann, mich dieſes Namens würdig zu achten.“ James Sparks drückte jetzt herzlich die nochmals ihm dargereichte Hand und eine Röthe gerechten Stolzes zeigte ſich auf ſeinem geiſtreichen Geſichte. Jetzt erſchien auch Herbert Lacy und drang in ſeine Beſucher, den Tag in ſeinem Hauſe zuzubringen. Unſer Held zögerte. „Sie dürfen es mir nicht abſchlagen,“ rief der Doctor. „Alfred wird gewiß ſehr gern hier bleiben,“ ver⸗ ſetzte unſer Held.„Ich aber kann nicht.“ Bianca und Annie drangen mit Bitten in ihn. „Weßhalb nicht?“ fragte die Letztere ſchmollend. „Ich wollte doch ſehen, ob James, trotz ſeiner Ge⸗ lehrſamkeit, mir eine abſchlägige Antwort zu erthei⸗ len wagen würde.“ Die ſchöne Sprecherin war zwar an Jahren noch ein Kind, aber ihr Einfluß auf den bleichen, in ſich gekehrten Gelehrten noch ſo unbe⸗ dingt wie immer.„Vielleicht fühlen Sie ſich nicht behaglich hier,“ fügte ſie bei. „Im Gegentheil.“ „Was führt Sie alſo von uns weg?“ „Pflicht— Sympathie,“ verſetzte Oliver Brand⸗ reth.„Seit mehreren Tagen erwarte ich eine Auf⸗ forderung von einer Perſon, deren Liebe mir über alles theuer iſt. Schon zu lange war ich derſelben be⸗ raubt;— ich meine die meiner Mutter.“ Abermals ließ ſich ein Seufzer vom Fenſter her vernehmen. Nach einer ſolchen Exklärung noch weiter in Oli⸗ ver zu dringen, wäre unpaſſend geweſen. Man ge⸗ ſich zu verabſchieden und die ganze erhäuschen. am folgenden Miß Lacy begleitete war dieſe aus kehrte, wurde nicht den und Tage. dem Eintreffen des Agamem⸗ non in England und der Befehls enthoben, Mannſchaft abgelohnt (ben der täglichen Be⸗ in welchen er Vergangenheit geſucht m Zeit, ſeinen Gedanken Die Muſe ließ h ird das Ge die Erinnerung ſch der Lebhaftigk auſam nen Lippen u m zu bemer⸗ Art waren; denn da, wo hirn zu einem elben zurückwirft. Alle zu ſehen, war ver⸗ führte ihm mit rächen⸗ tgend einen neuen Zug der Gewiſſensbiſſe iſcht habe, machte denſelben and den Tra noch bitterer⸗ Winde übergi wie viele bt; wie h chuldbewuß wohn bleibt, hen und nimm übereilten Ur Angeſicht dem Irrthum ſeines mißkannt hatte, vor war an ſei⸗ ewußtſein, daß er mit eigener Täuſchungen der äufig dieſer grim⸗ e Opfer verſchönert; der Arg⸗ ten Feigling gleich, t zitternd ſeine d Brandreth ſich Angeſicht gegen Lebens gegenüber 25 fand und von deſſen Folgen faſt zu Boden gedrückt wurde, war ſein Herz hinſichtlich ſeiner unglücklichen Gattin doch nicht weicher geſtimmt worden; er hing noch immer mit der Hartnäckigkeit eines Menſchen an dieſer Täuſchung, der durchaus die Möglichkeit nicht zuzugeben wagt, daß er ſich ſelbſt getäuſcht ha⸗ ben könne. Stolz und falſches Raiſonnement, welches eben dieſer Stolz ihm eingab, hielten ihn aufrecht. Es war ein harter Schlag für Mrs. Dalton und deren Tochter geweſen, als der Brief mit der Nochricht von unſeres Helden Tod eingelaufen war. Die edelſinnige Frau trauerte um ihn, wie um einen Sohn, während Iſabella— doch wir können deren Thränen, Schmerz und die unbewußte Empfindun⸗ gen, die ſich darein miſchten, nicht beſchreiben. Das Herz iſt ein zu eigenthümliches Ding, als daß es ſich analyſiren ließe. Wer vermag zu entſcheiden, in welchem Alter Liebe zuerſt darin Wurzel faßt? Iſabella zählte jetzt ſechszehn Jahre. Mademoiſelle Marelle, welche zum großen Leid⸗ weſen ihres frühern Zöglings noch immer in der Familie ſich befand, zollte bei dieſer Veranlaſſung äußerlich ihren genügenden Tribut von Trauer, aber trotz ihres Taktes war leicht zu bemerken, daß ihr Leid nur conventionell war. Sie hielt außerordent⸗ lich viel auf äußern Anſtand im Leben, wodurch ſie Mrs. Dalton täuſchte, welche ſie zwar nicht lieben, der ſie aber ihre Achtung nicht verſagen konnte. Wäre es dem guten Mäbchen, das ſie erzogen hatte, möglich geweſen, irgend ein lebendes Geſchöpf Smith, Milly Moyne. V. 3 26 zu haſſen, ſo hätte ſie dieſe Empfindung gewiß ge⸗ gen ihre frühere Gouvernante gehegt. Von früheſter Kindheit an hatte ſie die Franzöſin nie recht leiden können; weder Nachſicht, Lob, noch Strenge vermoch⸗ ten ihre Liebe zu gewinnen. Kinder haben ganz merkwürdige Inſtinkte. Vor der Ankunft des Kapitäns hatten Mrs. Dalton und deren Tochter ſorgfältig jedes kleine An⸗ denken entfernt, das ihn an ſeinen Verluſt hätte er⸗ innern können; Iſabella hatte alles in ihr Zimmer gebracht. Nicht einmal Mademoiſelle hatte eine Ah⸗ nung von den Thränen, die ſie über denſelben vergoß. Unmittelbar nach dem Eintreffen des Kapitän Brandreth in ſeiner Wohnung wurde eine gewiſſe Aenderung in dem Benehmen der Gouvernante be⸗ merkbar. Es war nicht Freude— dieſe hätte die Gefühle der Perſonen verletzt, welche trauerten,— auch nicht Heiterkeit: der Wechſel machte ſich im Allge⸗ meinen durch das Ausbleiben der plötzlichen Anfülle von Zerſtreutheit und Nervenaufregung bemerkbar, woran ſie früher gelitten hatte. Ein ſcharfer Beobachter würde ſich entſchieden dahin ausgeſprochen haben, daß irgend ein peinliches oder drückendes Gefühl ſich verloren und ihr Geiſt ſeine frühere Elaſticität wieder gewonnen habe. Als der tiefbetrübte, reuige Vater ſeiner Schwe⸗ ſter erzählte, auf welche Weiſe ihr Neffe umgekommen ſei, zerfloß dieſelbe in Thränen. „Armer Junge!“ murmelte ſie;„armer Junge! ſo edel, ſo jung und ſo wacker!“ „Sage es Iſabella nicht,“ ſagte ihr Bruder dü⸗ ſter,„ſie würde mich haſſen.“ 27 „Nein, nein! ſie würde Dich bemitleiden, Georg, — Dich bemitleiden.“ „Ich ſage Dir, ſie würde mich haſſen,“ wieder⸗ holte der Kapitän bitter,„ſie hat ſich bereits gegen mich verändert. Bei meiner Ankunft bemühte ſie ſich, freundlich mich anzublicken und liebreich mit mir zu ſprechen; aber ich bemerkte wohl, welche Anſtrengung ſie dieß koſtete. Sie ſchauderte bei meiner Umar⸗ mung wie vor einem Kuſſe Kains. Dieſer erſchlug nur ſeinen Bruder!“ ſetzte er, von ſeinen Gewiſſens⸗ biſſen übermannt, hinzu;„ich aber— noch grauſamer und unnatürlicher als dieſer— opferte meinen Sohn! Haſt Du nie von Orakelſprüchen und Zeichen in alten Zeiten gehört, durch welche die Menſchen vor böſen Thaten gewarnt wurden;— dieß muß nur eine Fabel geweſen ſein, ſonſt würde der Himmel gewiß aus Mitleid irgend ein Zeichen geſchickt ha⸗ ben, wodurch ein Vater abgehalten worden wäre, ſein einziges Kind zu morden!“ „„Zu morden!“ wiederholte Mrs. Dalton zag⸗ aft. „Die Welt wird es zwar nicht ſo nennen,“ rief der Kapitän heftig,„dieſe hat dafür mildere Be⸗ zeichnungen— Zufall! unglückliches Ereigniß!— Zuſammentreffen von Umſtänden!— womit der ſchlich⸗ ten Wahrheit ein lügneriſcher Anſtrich gegeben wird. Ich weiß aber, daß ich ihn ermordet habe, und auch er weiß dieß. Seine letzten Worte, als er ins Meer ſprang und mir zurief, daß ich von jetzt an ein kin⸗ derloſer Mann ſei, tönen fortwährend in meinen Ohren;— ich höre ſie im Schlafe bei Nacht; die Winde wehten ſie mir auf dem Verdeck meines 6 —— 28 Schiffes zu, wo ich Nächte lang auf und abſchritt. Auch meine Offiziere und meine Mannſchaft müſſen ſie gehört haben, denn ich konnte bemerken, wie ſie mich gemieden haben. Kannſt Du es glauben,“ fuhr er fort, ſeine Stimme zum Flüſtern dämpfend,„daß ich mehr als einmal auf meiner Heimreiſe ſein blei⸗ ches Geſicht in den ſchäumende Wellen, ſeine blauen Augen ſtier auf mich gerichtet, erblickte; und doch die Vernunft nicht darüber verlor?“ „Georg,“ ſchluchzte ſeine Schweſter,„Du äng⸗ ſtigſt mich!— das iſt Wahnſinn— eine fire Idee. Oliver würde ſeinen Vater mit dem Lächeln der Verzeihung angeblickt haben. Wenn der Himmel den Verſtorbenen geſtattete, dieſe traurige Welt zu be⸗ ſuchen, ſo dürfte es gewiß nicht geſchehen, um uns zu äffen. Du mußt dieſe trübſeligen Eindrücke zu entfernen ſuchen und wieder zu dem täglichen Leben Deines Standes zurückkehren.“ „Niemals!“ unterbrach ſie ihr Bruder entſchie⸗ den.„Der Mann, der ſich nicht ſelbſt heherrſchen kann, iſt nicht geeignet, Andere zu beherrſchen. Kannſt Du es glauben— ich verurtheilte den armen, alten Jack, der ſchon mit mir ſegelte, als ich noch ein Midſhipman war— der mir das Leben rettete, zu Peitſchenhieben! zu Peitſchenhieben!“ wiederholte er ſchaudernd. „So reiſe alſo,“ rief ſeine Schweſter. „Ich kann nicht vor mir ſelbſt entfliehen!“ lau⸗ tete die düſtere Antwort. Zuweilen gelang es dem unglücklichen Mann, ge⸗ ſaßter zu ſcheinen und von dem Tode unſeres Hel⸗ —,— — . 29 den mit einer Ruhe zu ſprechen, welche oberflächliche Beobachter für Apathie gehalten hätten. Die wenigſten Menſchen können ſich einen Vul⸗ 1 vorſtellen, wenn Schnee deſſen brennende Krone deckt. Beunruhigt über die zunehmende Muthloſigkeit ihres Bruders, wandte Mrs. Dalton den ganzen Einfluß, den ſie beſaß, auf, und erlangte endlich nach langem Widerſtreben das Verſprechen von ihm, auf Reiſen im Auslande Erleichterung von ſeinen traurigen Gedanken zu ſuchen. Matroſen wie Geſpenſter— obgleich wir durch⸗ aus uns nicht anmaßen wollen, eine nähere Kennt⸗ niß von den Gewohnheiten der letztern zu haben— ſollen eine ganz beſondere Vorliebe dafür haben, auf den Schauplatz zurückzukehren, auf welchem ſie lange heimiſch geweſen ſind. Jedenfalls war dieß bei Jack Spears der Fall; es gab einige Orte in der Näch⸗ barſchaft von Wapping und Rotherhithe, die er dem gaſtfreien Hauſe John Compton's vorzog, obgleich deſſen Hausmeiſter ihm geſtattete, in ſeinem eigenen Zimmer zu rauchen, wo er noch überdieß die Geſell⸗ ſchaft Peter Marl's und Philippo's genoß. Dieß wollte aber alles nicht ziehen, indem ein geheimer Grund dieſen Aufenthalt ihm unbehaglich machte. Es war eine gewiſſe Eiferſucht, die ſich hier einmiſchte. Jeder hielt ſich für ausſchließ⸗ lich berechtigt, unſern Helden zu bedienen: Jack, weil er ihn zuerſt gekannt und unter ſeinem Vater geſegelt war; Peter wegen ſeiner frühern Leiſtungen und ſeiner Zuneigung. Am Tage nach Oliver's Rückkehr von Richmond 30 kam der alte Matroſe in großer Aufregung in das Zimmer geſtürzt, in welchem Oliver ſchreibend ſaß. „Ich habe Tom geſehen, Euer Ehren!“ rief er aus.„Der Aggy iſt abgelohnt und der Patron iſt nach London zurückgekommen.“ „Er iſt in England!“ „Es iſt dieß ſo wahr als das Nordlicht. Die heilloſen Piraten brachten unſere Kleider an Bord und erzählten dem Kapitän, wir ſeien beide erſoſſen und begraben. Hol mich der Henker, ſie hätten Tom's Geſicht ſehen ſollen, als ſeine Augen mich erblickten; er wechſelte die Farbe wie ein Delphin — glotzte mich an, als ſtünde er ſchon ſeit ſechs Monaten auf dem Zettel des Doctors und wäre auf eine Dreiviertelsration Grogg geſetzt.“ „Mein armer Vater hält uns für todt,“ ſagte unſer Held;„ſeine Reue muß furchtbar geweſen ſein. Kommen Sie mit mir.“ „Wohin?“ fragte Jack zweifelnd. „Ihn außzuſuchen!“ verſetzte der edelmüthige Jüngling.„Keinen Augenblick kann ich ihn länger mit einem ſolchen Gewicht auf dem Herzen laſſen. Ich zittere für ſeine Vernunft. Sie brauchen ihn jetzt nicht mehr zu fürchten.“ „Ihn fürchten!“ wiederholte der Matroſe.„Hol mich der Henker! ich habe ihn nie gefürchtet. Ich wußte, daß ſein Herz ihm auf dem rechten Fleck ſaß; es war nur zuweilen das obere Takelwerk bei ihm nicht ganz richtig.“ Zugleich berührte der alte Mann bedeutungsvoll den Kopf. „Ueberdieß könnte er mich jetzt gar nicht mehr „ 31 peitſchen laſſen,“ fügte er bei.„Er hat ſeine Flagge eingezogen.“ Hätte ſich Oliver Brandreth zum Nachdenken Zeit gelaſſen, ſo würde er wahrſcheinlich einen klügern Weg eingeſchlagen haben. Sein ungeſtümes Gefühl gewann aber ſeinem beſſern Urtheil den Vorrang ab, und ohne den Eindruck zu berechnen, welchen ſein plötzliches Erſcheinen auf ſeinen Vater, ſeine Tante und Iſabella hervorbringen könne, verließ er in Be⸗ gleitung von Jack Spears das Haus und tichtete ſeine Schritte nach der Villa in Regents Park. Es war der Tag vor dem, an welchem der Ka⸗ ſein Haus verlaſſen wollte, um auf Reiſen zu gehen. Der betrübte Mann ging mit ſeiner Nichte und Schweſter im Garten ſpazieren und ſprach von der Vergangenheit mit jener Reue, welche um ſo bitterer war, als ſie keine Hoffnung zuließ. „Ich habe gegen mein beſſeres Urtheil Deinem Wunſche nachgegeben,“ bemerkte er.„Wir können der Krankheit des Herzens nicht entfliehen, ſie be⸗ gleitet uns wie unſer Schatten.“ „Hoffe das Beſte,“ ſagte Mrs. Dalton.„In der Zeit und dem Wechſel liegt ein Balſam.“ Ihr Bruder lächelte ungläubig. Ein matter Schrei von Iſabella, welche an einem Roſenbäumchen weinend ſtehen geblieben war, das Oliver und ſie, als ſie noch Kinder waren, gepflanzt hatten, erregte die Aufmerkſamkeit ihres Onkels. Die Erſcheinung, der jetzt ſein Blick begegnete, hätte ſtär⸗ kere Nerven, als die des Kapitän Brandreth er⸗ ſchüttert,— der Sohn, den er als todt beweinte, und der treue Matroſe, den er durch ſeine wahnſin⸗ nige Leidenſchaftlichkeit zur Verzweiflung getrieben hatte, ſtanden bleich und bewegt am Wege vor ihm. „Wirſt Du mir jetzt glauben?“ rief er ganz außer ſich.„Hier, hier! ich ſagte Dir ja, daß ſie mich ver⸗ folgen. Wie mein Kopf ſchwindelt— die Vernunft durch die furchtbare Wirklichkeit zerſtört iſt— mein Sohn— mein gemordeter Sohn— verzeihe mir— verzeihe mir!“ „Vater!“ ſagte Oliver,„aus den Wellen, in. welche ich mich tollkühn geſtürzt habe, hat mich der Himmel wieder zu Ihnen zurückkehren laſſen. Spre⸗ chen Sie nicht von Verzeihung; der Vater hat ſein Kind nicht um Verzeihung zu bitten. Ich kehre mit unerſchütterter Liebe zu Ihnen zurück. Wollen Sie dieſe Liebe zurückweiſen?“ „Du biſt am Leben!“ ſagte ſein Vater;„Gott, kann dieß wahr ſein? An mein Herz, Oliver— an das Herz, das ſich nach Deiner Liebe ſelbſt in den Augenblicken ſehnte, in welchen es Dich am mei⸗ ſten mißkannte— an das Herz, das ſo heftig ſchlägt, als wenn es dieſe gequälte Bruſt zerſprengen wollte, um Dir entgegenzufliegen.“ Unſer Held eilte in die Arme, die ſich geöffnet hatten, ihn aufzunehmen und wurde an das Herz des reuevollen Vaters gedrückt. Es war ein Bild von nicht gewöhnlichem In⸗ tereſſe, Vater und Sohn auf dieſe Weiſe in einer Umarmung von Liebe und Verſöhnung umſchlungen zu ſehen; Iſabella halb ohnmächtig an ihre kaum weniger bewegte Mutter ſich hängend; während Jack Spears, außer Stande, ſeine Freude zu unterdrücken, 33 ſeine Mütze in die Höhe warf, die poſſirlichſten Ca⸗ priolen machte und endlich ſeinen Empfindungen durch ein herzliches Lebehoch Luft ſchaffte. Und doch gab es eine Perſon, welche, unbemerkt hinter der Thüre des Gewächshauſes verborgen, mit nichts weniger als großer Befriedigung Zeugin die⸗ ſer Scene war,— Mademoiſelle Marelle. Ihre Nervenzuſtände hatten ſich wieder eingeſtellt. „Veranlaſſe Deinen Vater, in das Haus ſich zu begeben,“ ſchluchzte ſeine Tante,„dieſe freudige Ueberraſchung hat ihn über Kräfte erſchüttert.“ Es wurden raſch Küſſe zwiſchen Mrs. Dalton, Jabella und unſerem Helden gewechſelt, der den Kapitän, ſchwach und niedergeſchmettert wie ein Kind, in die Villa führte. Es gibt ein Glück, das zu groß für Worte oder Thränen iſt, und welches zu beſchreiben unmöglich wäre; alles was man thun kann, iſt, den Schleier der Einbildungskraft darüber zu werfen. Sobald der tiefergriffene Vater ſich entfernt hatte, kam die Gouvernante aus dem Gewächshauſe her⸗ aus auf Jack zugeſchritten, der noch immer ſeine Sprünge machte. „Was iſt dieß?“ fragte ſie.„Sagen Sie mir doch, was ſich zugetragen hat.“ „Hol mich der Henker,“ rief der Matroſe;„kön⸗ nen Sie es denn nicht verſtehen? Seine Ehren war niemals in den bekannten vier Brettchen und wird es auch ſobald nicht ſein.“ Zugleich fing er an aus Leibeskräften ſein Lieb⸗ lingslied anzuſtimmen: 34 „Wo Du auch ſei'ſt, „Vertrau auf Gott Und fürchte keinen Menſchen.“ „Was verlangen Sie dafür?“ fragte die Fran⸗ zöſin, welche ſich einbildete, daß die Mittheilung, die ſie zu hören wünſchte, nur durch eine Belohnung zu erlangen ſei. „Was ich verlange!“ wiederholte der alte Mann; „eine Fidel, die zum Tanze aufſpielt— Grogg ſo viel in mich hineingeht und eine freundliche Tänzerin.“ Zugleich ſchlang Jack Spears den Arm um den Leib der Mademoiſelle und hätte dieſe wahrſcheinlich zu einem Jig“) mit ſich fortgeriſſen, wenn nicht die Franzöſin ſich mit einer Miene beleidigter Würde frei gemacht hätte und, indem ſie das Wort„Un⸗ geheuer!“ vor ſich hin murmelte, auf das Haus zu⸗ geſchritten wäre. „Ungeheuer!“ wiederholte Jack, ihr nachblickend: vielleicht bin ich dieß, aber ich würde meine Em⸗ pfindungen mit den ihrigen nicht vertauſchen; ſie iſt ſo kalt wie der Nordwind und faſt eben ſo un⸗ freundlich. Hurrah! Hurrah! Wenn die Mannſchaft des Aggy hier wäre, da ſollte es einen Freudentag geben. Jetzt würde uns nichts in den Weg gelegt werden.“ Eine Stunde hernach ſuchte ihn Iſabella mit noch thränenfeuchten Wangen auf; ſie kannte ihn von Kindheit an und ihre Achtung war noch hundert⸗ fältig dadurch vermehrt worden, was ihr Vetter von ſeiner Treue und ſeinem Muthe ihr mitgetheilt hatte. *) Eine Art von Tanz. D. B. 35 Mademoiſelle Marelle hätte ſich förmlich entſetzt, wenn ſie die Küſſe geſehen hätte, welche das ſchöne Mädchen auf ſein wettergebräuntes Geſicht drückte. „Wie ſehr müſſen Sie Maſter Oliver lieben!“ rief der alte Matroſe:„denn dieß geſchah nur um ſeinetwillen.“ „Und um Ihrer ſelbſt willen, Jack,“ antwortete Iſabella erröthend.„Folgen Sie mir; mein Onkel wünſcht Sie zu ſprechen. Er iſt ſehr angegriffen. Ich bin überzeugt, daß Sie ihm nichts nachtragen werden,“ fügte ſie bei. „Ich ſollte meinem alten Befehlshaber etwas nachtragen, mit dem ich ſchon ſegelte, als er noch ein Middy war! Hol mich der Henker! für was halten Sie mich denn, Miß— etwa gar für einen Haifiſch?“ „Für eine treuherzige Blaujacke,“ verſetzte die junge Dame. Als Jack in das Bibliothekzimmer trat, ſtreckte ihm Kapitän Brandreth die Hand entgegen und ver⸗ ſuchte zu ſprechen. „Schon recht, Euer Ehren,“ ſagte Jack, den es in den Augen zu jucken anfing.„Ich wußte, daß Sie mir verzeihen werden, ſobald Ihr Senkblei den richtigen Grund finden würde. Sprechen Sie nicht weiter mit mir; Sie werden doch nicht wollen, daß ein alter Seemann anfängt wie ein Meerſchwein zu flennen. Ich will in die Combüſe gehen.“ Er meinte damit die Küche.„Ich kann ſchon allein dahin rudern. Gott ſegne Euer Ehren, es gibt kein leichteres Herz heute, als das des alten Jack.“ Mit einem Bückling gegen ſeinen Kommandanten 36 und einer Art von Wink gegen Hliver, entfernte er ſich voll Zufriedenheit mit Denen, die er zurückließ, und ſeinem Benehmen in dieſer ſchwierigen Situation. Dreiundſechzigſtes Kapitel. Hliver Brandreth ſchlief dieſe Nacht ſehr feſt un⸗ ter dem väterlichen Dache; ſein Herz fühlte Ruhe— die peinliche Empfindung, Jahre lang falſch beur⸗ theilt worden zu ſein, drückte ihn nicht mehr. Der Kapitän war endlich zur Einſicht gelangt und hatte einen der großen Jrrthümer ſeines Lebens aufgegeben. Es war keine Kleinigkeit, die tiefe Ueberzeugung ausgerottet, aus ſeinem Gehirn den krankhaften Ge⸗ danken entfernt zu haben, der jedes Vertrauen zwi⸗ ſchen ihm und ſeinem Sohne unmöglich machte. Er war jetzt von der Ehrenhaftigkeit und Rechtſchaffen⸗ heit ſeines Sohnes völlig überzeugt und ſah ein, daß er von einer krankhaften Einbildung ſich habe täuſchen laſſen und daß er ohne jeden Beweis den⸗ ſelben unvernünftig und lieblos behandelt habe. Lei⸗ der blieb aber ſeine Anſicht über ſein Benehmen ge⸗ gen ſeine Gattin unerſchüttert dieſelbe; hier lägen Beweiſe zu ſeiner Rechtfertigung vor: die Eide des Juweliers und deſſen Gehülfen und das unter Zögern abgelegte Geſtändniß der franzöſiſchen Gouvernante. Nur ein einzigesmal wagte unſer Held auf den peinlichen Umſtand auzuſtielen⸗ worauf ſein Vater mit einer Reihe ſchlagender T hatſachen ihm entgegentrat.. 37 Wollte er damit Mademoiſelle Marelle des Mein⸗ eids anklagen, deren Zeugniß vor den Magiſtraten in Bath unter Drohungen und ſchweren Thränen von Seite hatte entlockt werden müſſen? ein. „Ich kann Deine Gefühle begreifen,“ bemerkte ſein Vater,„die ſich dagegen ſträuben, an die ent⸗ ehrende Handlung Deiner Mutter zu glauben— ſie ſind natürlich: Du biſt ihr Sohn. Ich aber bin ihr Gatte; und ein Gatte hat das Recht, die Auf⸗ führung ſeiner Frau zu beurtheilen.“ Oliver gab keine Antwort, obgleich es ihm nicht an Gründen gefehlt hätte, die er hätte entgegenhal⸗ ten können, aber er ſah nur zu deutlich ein, daß nichts Geringeres als die Herſtellung juriſtiſcher Be⸗ weiſe von der Falſchheit der gegen ſeine Mutter vor⸗ gebrachten Anklage und die Beſtrafung Derer, welche ſich verſchworen hatten, ihren Namen zu beflecken, den Kapitän Brandreth zu überzeugen im Stande wären. „Es wird ein harter Schlag für ihn ſein,“ ſprach er gelegentlich der Beſprechung dieſes Gegenſtandes zu ſeiner Tante,„wenn es der Vorſehung gefallen ſollte, dieſes Geheimniß aufzuklären. Ich kann mir die Heftigkeit ſeiner Verzweiflung— die Qual ſeiner Selbſtvorwürfe— die tiefe Demüthigung einer Seele wie die ſeinige, vorſtellen, wenn er einmal Angeſicht gegen Angeſicht ſeiner Ungerechtigkeit zu ſtehen kom⸗ men ſollte,— wenn die Ehre der Frau, die er von ſich geſtoßen hat, ohne einen Zweifel zuzulaſſen, bewieſen wird und ſelbſt der leiſeſte Verdacht verſtummen muß. „Es wird dieß ein Augenblick des Stolzes und 38 Kummers— vielleicht der Prüfung für mich ſein,“ fügte er bei. „Welche Hoffnung hegſt Du für ein ſolches Re⸗ ſultat?“ fragte Mrs. Dalton haſtig. Der Reffe theilte ihr die Umſtände mit, unter welchen er Sir Cuthbert Vavaſſour kennen gelernt hatte und daß er von dieſem ein Paket für ſeine Mutter erhalten habe. „Und was enthält daſſelbe, Hliver?“ rief die gutmüthige Frau,„was enthält es? Ich für mei⸗ nen Theil zweifelte nie an der Unſchuld meiner ar⸗ men Freundin.“ „Ich weiß es nicht.“ „Haſt Du Deine Mutter noch nicht aufgeſucht?“ „Ich habe zweimal, wie gewöhnlich, durch ihren Bankier Zuſchriften von ihr erhalten,“ antwortete unſer Held ſeufzend.„Wann wird endlich dieſes Fernehalten aufhören?“ Damit zog er die Briefe aus der Bruſttaſche und übergab ſie ſeiner Verwandten. Der erſte lautete folgendermaßen: „Mein theuerſter Oliver,— Die Rechtfertigung meines Namens hat einen doppelten Werth für mich erhalten, da Gott mir einen treuen, liebe⸗ vollen Sohn zum Vertheidiger gegeben hat. Die Ueberzeugung, die Du von meiner Unſchuld hegſt, tröſtet mich für Jahre des Jammers und Elends. Sei geſegnet, mein theurer, edler Sohn, für das Vertrauen, das Du Deiner un⸗ glücklichen Mutter ſchenkſt! Die Thränen, welche das Papier beflecken, fließen aus Dankbarkeit, ſüßer Freude und inniger Zufriedenheit! Ich 39 wage nicht Deiner Bitte zu willfahren, mich ſehen zu dürfen. Ich kann nicht eher zum Vor⸗ ſchein kommen, bis der Beweis meiner Schuld⸗ loſigkeit in Betreff der ſchändlichen Anklage, welche meine Feinde auf ſo unedle Weiſe gegen mich vorgebracht haben, gänzlich hergeſtelit iſt: mit welchem Stolze— mit welchem Entzücken — werde ich dann den Schleier lüften, der uns trennt, und anerkennen, daß der Himmel in dem beſten der Söhne mir eine Entſchädigung für alle meine Leiden aufbewahrt hat. „Bis dahin warte in Geduld. „Gib das Paket, von dem Du in Deinem Briefe ſchreibſt, meinem Bankier. Es wird in deſſen Händen ganz ſicher ſein. Ich werde Dir auf demſelben Wege ſein Eintreffen melden.“ Unterzeichnet ſtand: „Deine Dich innig liebende Mutter Adelaide Brandreth.“ Der zweite Brief trug das Datum von einigen Tagen ſpäter und ſchien offenbar in einem Zuſtande großer Aufregung geſchrieben. Er war kurz und faſt unleſerlich: „Wir werden uns ſehen, Hliver! Der Himmel wird nicht wollen, daß ich ins Grab geſenkt werde, ohne zuvor meinen Sohn um⸗ armt und ihn für ſeine kindliche Liebe geſegnet zu haben; Geduld— für wenige Wochen viel⸗ leicht.— Ich wage kaum die Freude auszu⸗ malen,— denn wenn der Gedanke daran mich ſchon ſo ſehr ergreift, wie wird es erſt bei der Verwirklichung ſein? Vielleicht tödtet ſie mich, 40⁰ — aber ich werde mich nicht darüber grämen, wenn ich nur meinen letzten Seufzer in den Armen meines edlen, muthigen Sohnes aus⸗ hauchen darf.“ „Arme Adelaide!“ ſagte Mrs. Dalton, ihre Thrä⸗ nen abwiſchend,—„ich vermag ihre Gefühle zu be⸗ greifen, während ſie dieſe Zeilen ſchrieb. Armer Georg!“ Dieſe Ausrufung galt ihrem Bruder. „Sie glauben alſo,“ rief ihr Neffe haſtig aus,„daß das von Sir Cuthbert Vavaſſour geſchickte Paket die Beweiſe der Schuldloſigkeit meiner Mutter enthielt?“ „Ich bin es überzeugt,“ verſetzte ſeine Tante. „Kummer zerſtreut nicht nur unſere Täuſchungen, ſondern ſchärft auch das Urtheil. In dem Triumphe, in der Fülle ihrer Ueberzeugung ſchrieb Deine Mutter dieſen Brief.“ Iſabella war bis jetzt in Unwiſſenheit hinſichtlich des Umſtandes gehalten worden, daß ihr Vetter Oliver eine Mutter beſitze, die noch am Leben ſei. Mrs. Dalton meinte, daß ihre Tochter jetzt das Alter erreicht habe, in welchem man ihr dieſen Um⸗ ſtand mittheilen könne, und von dieſem Tage an fan⸗ den das ſchöne Mädchen und unſer Held, daß noch ein weiteres Band zu der Kette von Sympathie zwiſchen ihnen hinzugekommen ſei. Auf ihren Mor⸗ genſpaziergängen in dem Park ſprachen ſie von faſt nichts Anderem mehr; und manch ſüßes Wort des Troſtes von Seiten ſeiner früheren Spielgenoſſin wurde Oliver zu Theil, wenn er darüber klagte, daß vielleicht noch viele Zeit darüber hingehen könne, bis ſein theuerſter Wunſch erfüllt würde. 41 Während ſeines Aufenthalts in Italien hatte Oliver Brandreth ſich öfters ſelbſt gefragt, welcher eigenthümliche Zauber ſein Herz gegen die Verlockun⸗ gen der Schönheit gefühllos mache. Jetzt fing er an den Grund davon einzuſehen.— Er hatte Iſa⸗ bella nicht vergeſſen. Schon als Kind hatte ſie ſich eine Theilnahme in ſeinem Herzen geſichert, welche tägliches Zuſammenleben zu ſteigern anfing, bis ſie in Leidenſchaft ausarten zu wollen ſchien. „Ich möchte wohl wiſſen, wie es Philipp zu Muthe war, als er ſich zu verlieben anfing?“ war eine Frage, die er häufig an ſich ſtellte.„Ich muß ihn bei ſeiner Rückkehr um Auskunft darüber bitten.“ Er ahnte nicht, daß dieſe Frage noch vor Er⸗ ſcheinen dieſes Tages beantwortet ſein würde. Die Bemerkungen der Mademoiſelle Marelle, daß es von ihrem frühern Zöglinge unpaſſend ſei, ſo oft mit ihrem Vetter ſpazieren gehen zu dürfen, führten eine Erklärung herbei. Beim Eintreten in das Boudoir ſeiner Tante fand Oliver Iſabella in Thränen und deren Mutter mit einem ernſtern Geſichte, als er ſonſt an ihr ge⸗ wöhnt war. Als er um die Urſache fragte, verließ ſeine Cou⸗ ſine eilig das Zimmer. „Was hat ſich zugetragen?“ fragte er beſorgt. „Nichts,“ verſetzte Mrs. Dalton ausweichend,— „das heißt nichts Ernſtliches. Iſabella ſollte ſolch' lächerlichen Unſinn gar nicht beobachten. Sie iſt gewöhnlich nicht ſo ſchwach.“ „Sind Sie feſt überzeugt, daß es Schwäche iſt?“ verſetzte der Neffe.„Liebe Tante,“ fuhr er ſchmei⸗ Smith, Milly Mohne. v. 4 42 chelnd fort,„Sie ſollten keine Geheimniſſe vor mir haben. Sagen Sie mir Alles.“ Die Dame ſchüttelte den Kopf. „Sie wollen nicht?“ fragte unſer Held;„dann muß ich die Couſine ſelbſt fragen.“ „Das mußt Du nicht thun,“ ſagte ſeine Tante, ihn aufhaltend, als er Miene machte, das Zimmer zu verlaſſen.„Oliver, ich bitte Dich, thue das nicht.“ „Weßhalb nicht?“ fragte der junge Mann mit ſo augenſcheinlichem Erſtaunen, daß ſeine Verwandte dadurch noch in größere Verlegenheit geſetzt wurde. „Weil ich— weil ich es nicht wünſche.“ „Iſt dieß ein Grund?“ „Ich geſtehe, daß dieß nur ein Frauengrund iſt,“ verſetzte ſeine Verwandte lächelnd.„Wenn Du es aber durchaus wiſſen willſt, ſo ſage ich Dir, daß Mademviſelle— die es ohne Zweifel gut meint— einige mißliebige Bemerkungen über Deine täglichen Spaziergänge mit Deiner Coufine in dem Park machte — die übrigens deßhalb nicht unterbleiben ſollen— und Iſabella war kindiſch genug, ſich dadurch gekränkt zu fühlen.“ Der Reffe verließ das Boudoir, ohne ein Wort zu erwidern. Ich bin froh, daß ich es ihm geſagt habe, dachte Mrs. Dalton, die bei all' ihrem Scharfſinn an nichts weniger als an ein tieferes Gefühl, das über Geſchwi⸗ ſterliebe zwiſchen den jungen Leuten hinausgehe, dachte. Die Weit iſt ſo ſtreng in ihrem Urtheil! Mademoi⸗ ſelle hat Recht; aber es wäre beſſer geweſen, wenn ſie die Sache mit mir allein beſprochen hätte. Ein Schritt dieſer Art hätte aber den Abſichten 43 der Franzöſin nicht entſprochen; ihr Wille war, zu verwunden— Kälte und Zurückhaltung, wenn nicht gar Zwietracht zu ſäen. Kaum eine halbe Stunde hernach erſchienen die beiden jungen Leute zuſammen im Boudoir: das Geſicht Iſabella's hoch geröthet, das Oliver's ſtrah⸗ lend von Glück und jenem berechtigten Stolz, wel⸗ chen der Mann fühlt, wenn er zum erſtenmale von weiblichen Lippen die Verſicherung ihrer Liebe em⸗ pfängt. „Mama! Mama!“ ſchluchzte das bewegte Mäd⸗ chen, indem ſie ſich in die Arme der Mrs. Dalton warf. „Was ſoll dieß bedeuten?“ rief ihre Mutter. „Du weißt, meine Liebe, daß ich Dir nicht zürne.“ „Und mir hoffentlich auch nicht,“ rief Oliver. „Zürnen!“ wiederholte ſeine Tante;„warum ſollte ich euch zürnen!“ „Weil ich von Ihnen einen Theil des Schatzes gewonnen habe, der Ihnen bis jetzt allein gehörte — Iſabella's Liebe. Seit Jahren waren Sie wie eine Mutter gegen mich— behandelten mich wie Ihren Sohn. Werden Sie mir den Namen eines ſolchen verweigern?“ ſetzte er auf die Kniee ſinkend, hinzu, indem er ihre Hand küßte. Unter Lächeln und Thränen wurde die auf ſolche Weiſe erbetene Einwilligung gegeben, oder vielmehr das Verſprechen ertheilt, daß dieſe, wie die Dame vor⸗ ſichtig hinzuſetzte, in einem ziemlich fernen Zeitpunkte ertheilt werden ſolle. Als Kapitän Brandreth von dem Vorgange Kennt⸗ niß erhielt, ſprach er ſeine vollkommene Billigung 4* 44 darüber aus. Merkwürdiger Weiſe war dieſes Pro⸗ ject ſeit Jahren ſein Lieblingswunſch geweſen, ob⸗ gleich er nie einen Wink gegen ſeine Schweſter dar⸗ über hatte fallen laſſen. Das Erlangen von Reichthum und der Pairie hatte das Glück des neuen Lord von Alton Towers nicht in dem Grade vermehrt, wie er gehofft hatte. Er wurde dadurch allerdings unabhängig; aberder daraus entſpringende Vortheil wurde durch das Bewußtſein verbittert, daß ſein guter Name zu Grunde gerichtet ſei. Die Welt konnte oder wollte die dunkle Lauf⸗ bahn Sir Aubrey Fairclough's nicht vergeſſen. Die Vergangenheit trat ihm wie ein Geſpenſt in den Weg, die Gegenwart verhöhnend. Ihr knöcherner Finger befleckte den Glanz ſeiner Krone; ihr ſchmutziger Hauch trübte den Glanz ſeines Wappens. Es war nicht möglich, den Flecken zu verwiſchen, der durch den Hermelin und Sammt ſeiner neuen Würde drang. Schmeichler und Schmarotzer nannten dieß einen fri⸗ ſchen natürlichen Wohlgeruch, in welchem zwar viel⸗ leicht der Duft wilder Blumen ein wenig ſich miſche, — deßhalb aber doch Wohlgeruch bleibe, während Leute von Ehrgefühl die Naſe zuhielten, wenn ſie daran vorüberkamen. Seit dem Tode ſeines Verwandten hatte der Kanzler eine neue Liſte von Friedensrichtern für die Graſſchaft circuliren laſſen und zum erſtenmale ſeit Jahrhunderten ſtand der Name Alton Towers nicht darauf. Dieſer indirecte Tadel vorletzte ihn und in einem Augenblicke des Zornes verlangte er eine ſchrift⸗ liche Aufklärung darüber. Die Antwort des hohen Juſtizbeamten vermehrte 45⁵ noch ſeine Demüthigung. Seine Lordſchaft benach⸗ richtigte ihn, daß er ſich ſehr glücklich fühlen werde, eine Unterlaſſung gut machen zu können, ſobald Lord Alton Towers genügende Auskunft über die ſehr zweifelhafte Rolle gegeben, die er bei der Einkerkerung der Wittwe ſeines Bruders in ein Irrenhaus und bei der unter noch viel auffallenderen Umſtänden be⸗ werkſtelligten Entführung ihres Kindes geſpielt habe. Weiter hieß es noch in dem Schreiben, daß ſein Benehmen gegen ſeinen Stieſſohn Philipp Blandford dem Kanzler großes Bedenken eingeflößt. habe. „Das iſt John Compton's Werk,“ rief der Pair zornig, indem er den Brief auf den Tiſch warf, an welchem ſeine unglückliche Gemahlin ſaß.„Ich war ein Thor, ein Narr, daß ich in eine ſolche Verwandt⸗ ſchaft heirathete.“ „Vergiß nicht, daß Du damals arm warſt,“ be⸗ merkte die Lady gelaſſen. „Wären die Ketten ganz von Eiſen geweſen, ſo hätte ich ſie allerdings nie getragen,“ verſetzte der Gatte mit grauſamem Spott.. „Habe ich dieß verdient?“ ſagte die unglückliche Frau, mit Mühe ihre Thränen zurückhaltend.„Habe ich mich je geweigert, ein Opfer zu bringen, das Sie von mir verlangten?“ „Mit Ausnahme Ihrer lächerlichen, ungegrün⸗ deten Eiferſucht.“ „Ungegründet, Aubrey?“ wiederholte ſeine Ge⸗ mahlin. „Sie war deßhalb darum nicht weniger be⸗ leidigend,“ verſetzte der Wüſtling.„Wäre ich zu einem Streit mit Ihnen aufgelegt, ſo würde ich Sie 46 daran erinnern, daß Sie, ganz gegen meinen Wunſch, die abſcheuliche Negerin Samba in das Schloß kom⸗ men ließen, während Sie doch wiſſen, daß ſie mir ein Greuel iſt!“ „Ich habe ſie nicht kommen laſſen,“ antwortete die Lady ſchüchtern;„das treue Geſchöpf hörte von meiner Ankunft in England und kam— ich will nicht ſagen unerwünſcht— aber gewiß uneingeladen. Sie war Amme bei mir, Aubrey— die Amme mei⸗ nes armen Knaben Philipp— ich konnte ihr nicht ab⸗ ſchlagen, ſie zu ſehen.“ „Nachdem Sie aber jetzt ihre liebevolle Gefühle befriedigt haben,“ ſagte der Gatte höhniſch,„ſo könn⸗ ten Sie ſie füglich wieder wegſchicken.“ „Nein.“ „Und doch ſchwatzen Sie von Gehorſam und Auf⸗ opferung.“ „Es möchte dieß nicht ſicher ſein,“ bemerkte ſeine Gemahlin, die Stimme faſt zum Flüſtern dämpfend. „Nicht ſicher!“ wiederholte der Pair, die Farbe wechſelnd.„Was meinen Sie damit? Erklären Sie ſich deutlicher, Madame. Können Sie denn nur einen Augenblick ſich einbilden, ich wäre fähig, ein—“ „Nein, Aubrey, nein!“ unterbrach ihn die un⸗ glückliche Frau heftig.„Obgleich ich allen Einfluß auf Ihr Herz verloren habe— ja ich frage mich zuwei⸗ len, ob ich überhaupt je einen beſeſſen habe— und Sis meiner Liebe müde ſind, ſtieg nie dieſer ſchwarze Argwohn in mir auf. Sie ſind eines Verbrechens dieſer Art nicht fähig.“ „Was verſtanden Sie aber dann unter Gefahr?“ „Samba betrachtet Ihren Sohn mit ſo eigen⸗ . 47 thümlicher Miene, ſtellt ſo auffallende Fragen hin⸗ ſichtlich ſeiner Geburt, daß ich kaum weiß, was ich ihr darauf erwidern ſoll.“ „Pah!“ rief der Lord ungeduldig;„nichts weiter als neugieriger Klatſch, den Sie einfältig genug ſind, zu ermuntern, indem Sie darauf hören.“ Das bleiche Geſicht der Lady Alton Towers flammte vor Röthe über dieſe grobe Beleidigung. „Schicken Sie ſie ſogleich aus dem Schloſſe weg,“ fügte er bei. „Ich will nicht,“ verſetzte ſeine Gemahlin ruhig. „Sie wollen nicht! Sie wollen nicht, Madame! Sie vergeſſen ſich!“ „Ich will nicht!“ wiederholte ſie;„und, wenn die Wahrheit geſagt werden muß— ich wage es nicht! Die Anweſenheit des Vaters Ihrer ehema⸗ ligen Geliebten; der Einfluß, den er auf Sie übt; die merkwürdige Vorliebe, die er für Ihren Sohn gefaßt hat; ſein Haß gegen mich— dieß Alles flößt mir Angſt ein. „Wenn der vagabundirende Zigeuner,“ fuhr ſie fort,„ein paſſender Gaſt in Alton Towers iſt, ſo macht dieſem auch die Amme von deſſen Herrin keine Schande.“ „Wahrhaftig, Clara,“ rief ihr Gatte, zu einem herzlichen Lachen ſich zwingend,„Sie haben ſelbſt meine äußerſten Begriffe von Lächerlichkeit noch über⸗ troffen. Der alte Mann meint, daß Sie ihn nicht leiden können!“ „Dann iſt die Wahrnehmung gegenſeitig.“ „Seine Frau war meine Pflegemutter,“ fuhr er fort,„er iſt mir innig ergeben.“ 48 „Ich zweifelte nie an ſeiner Anhänglichkeit an Sie,“ verſetzte die Lady.„Nur ſeinen Geſinnungen gegen mich traute ich nicht.“ „Das iſt Thorheit, Wahnſinn, Madame,“ rief der Pair in zornigem Tone—„ein Stückchen von dieſer unvernünftigen Eiferſucht, welche der Fluch unſeres ehelichen Lebens iſt.“ „Der Fluch! Aubrey, Aubrey— iſt es dahin gekommen, nach allen den Opfern— des Gefühls, der Ehre, der Selbſtachtung,— die ich um Ihret⸗ willen gebracht habe? Ich vergaß beinahe, daß ich Mutter ſei,— vernachläſſigte, verſtieß ſo zu ſagen meinen Erſtgeborenen!“ „Wenn Sie ſich einbildeten, daß Sie durch Ver⸗ nachläſſigung weiblicher Pflichten und Gefühle die Liebe eines Gatten ſichern könnten, ſo haben Sie ſich jämmerlich getäuſcht,“ ſagte der Lord in kaltem, ſarkaſtiſchem Tone.„Die Liebe, welche das eheliche Leben zum Himmel macht, mag allerdings aus Lri⸗ denſchaft entſpringen, aber dieſe muß dann auch durch Achtung genährt werden, ohne welche ſie, gleich einer zarten Blume, die in einem unfruchtbaren Boden gepflanzt wird, verdorrt und abſtirbt. Sie haben dieſe bittere Wahrheiten mir gegen meinen Willen abgerungen; ich hätte Sie gerne damit verſchont.“ Der Schlag, welchen dieſe Worte verſetzten, war ein ſehr harter, ſowohl für ihren weiblichen Stolz als für ihr weibliches Herz. Die darin liegende Wahrheit verlieh ihnen einen ganz beſondern Stachel, und Lady Alton Towers, außer Stande, den mit⸗ leidsloſen, beleidigenden Blick ihres Gemahls zu er⸗ 49 tragen, ſank auf das Sopha zurück, indem ſie ihr Geſicht mit beiden Händen bedeckte. Während des Schluſſes der Unterredung hatte ſich die Negerin, deren Bewegungen geräuſchlos und verſtohlen wie die einer Pantherin waren, in das Zimmer geſchlichen, vielleicht nicht in der Abſicht, um zu lauſchen, ſondern weil ſie die ſtreitenden Stim⸗ men gehört hatte, weßhalb ſie ſich hinter der ſpani⸗ ſche Wand an der Thüre verborgen hielt. Als das treue Geſchöpf die Seufzer ihrer Herrin vernahm, ballte es die Hand und erhob dieſelbe me⸗ chaniſch aus dem Verſteck gegen den Lord. „Es iſt vielleicht gut,“ fuhr der Pair nach einer kurzen Pauſe fort,„daß dieſe Auseinanderſetzung ſtattgefunden hat. Ihre Vermählung hat Ihnen einen Rang verliehen, auf welchen Sie durchaus keine An⸗ ſprüche hatten; Sie beſitzen das Vermögen, denſel⸗ ben aufrecht zu erhalten. Laſſen Sie uns deßhalb von nun an in einem Verhältniſſe gänzlicher Unab⸗ hängigkeit von einander leben— wir werden dann nur um ſo beſſere Freunde bleiben!“ „Sie ſchlagen alſo eine Trennung vor?“ ſagte die unglückliche Frau. „Hm! Nein; nicht gerade eine Trennung wer⸗ ſetzte ihr Gatte vorſichtig,„ſondern nur ein ſolches gegenſeitiges Uebereinkommen, welches das Joch er⸗ träglich machen kann.“ „Nie, Mylord— nie!“ „Wie es Ihnen beliebt,“ verſetzte der Wüſtling gleichgültig. „Hüten Sie ſich, mich zu weit zu treiben,“ rief Lady Alton Towers mit größerer Lebhaftigkeit, als 50 ſie je ſonſt an den Tag gelegt hatte;„es beſteht ein furchtbares Geheimniß zwiſchen uns.“ „Ich weiß dieß; ich weiß aber auch, daß Sie daſſelbe nicht einmal anzudeuten wagen werden. Ihr Rang würde Sie nicht gegen die Anklage eines ge⸗ meinen Verbrechens ſchützen.“ „Gemeines Verbrechen!“ „Meineid wird als ein ſolches angeſehen,“ be⸗ mertte ihr Gemahl kalt.„Sie ſehen,“ ſetzte er mit unverſtellter Geringſchätzung hinzu,„daß Sie mich nicht einſchüchtern können. Wäre die entfernteſte Mög⸗ lichkeit vorhanden, daß Sie mir gefährlich werden können, ſo würde ich Sie eben ſo leicht zerſchmettern, wie dieſe zerbrechliche Vaſe.“ Zugleich warf er gleichgültig mit der Hand eine kleine emiſſener Vaſe von einer der vergoldeten Con⸗ ſolen neben ihn und trat mit den Füßen darauf. Seine Gemahlin ſprang entſetzt über ſeine Hef⸗ tigkeit von dem Sopha auf und ſchellte zweimal, was ſie gewöhnlich that, wenn ſie Samba zu ſich beſchei⸗ den wollte, welche haſtig aus ihrem Verſteck ſich zu⸗ rückzog und wenige Minuten hernach mit ſo unbe⸗ fangenem Blick ins Zimmer trat, als wenn ſie kein Wort von dem gehört hätte, was ſoeben geſprochen worden war. „Iſt Miſſie, Mylady unwohl?“ rief ſie aus. „Was gibt es? Oh Maſſa, Mylord, bös Mann— bös Mann! Er wird mit der Zeit noch Ihr Herz brechen.“ „Das wird eine furchtbar lange Zeit werden,“ murmelte der Lord. „Ich dafür ſorgen werde!“ verſetzte die Negerin 51 mit einem jener eigenthümlichen finſtern Blicken, die ſchon öfters den herzloſen Mann entſetzt hatten. „Soll ich in meinem eigenen Hauſe durch Ihre Sclavin beleidigt werden?“ fragte er ſtolz. „Ich nicht Sclavin,“ erwiderte Samba,„ich freie ſchwarze Frau. Sie wollten mich ſchicken wieder nach der Pflanzung und verkaufen mich; Samba zu klug — ſie bleibt in England.“ Mit einem herzlichen Lachen, wie beluſtigt über die einfältige Schlauheit der Schwarzen, verließ der Lord das Zimmer, ohne ſeine Gemahlin eines Blickes zu würdigen, oder ein Wort des Bedauerns über ſeine unmännliche Heftigkeit auszuſprechen. Lady Alton Towers warf ſich ihrer treuen Amme um den Hals und ſchluchzte wie ein Kind. „Nur zu, nur zu,“ ſagte die Negerin beſänftigend, „das thut Ihnen gut; aber es würde Ihnen noch beſſer thun, wenn Sie vergeſſen ihn.“ „Ich kann nicht.“ „Haſſen Sie ihn— Samba haßt ihn.“ „So grauſam und herzlos er auch iſt, ſo liebe ich ihn noch immer,“ murmelte die bethörte Frau. „Das iſt thöricht Ding, Miſſie, Mylady— thö⸗ richt Ding, da Sie wiſſen doch; er wollte Maſſa Philipp umbringen, Ihren Sohn— Ihren eige⸗ nen Sohn. Ich das nicht vergeſſen.“ „Du thuſt ihm unrecht,“ murmelte die unglück⸗ liche Frau,„ſo herzlos auch Aubrey iſt, ſo iſt er doch eines ſo ſchändlichen Verbrechens unfähig.“ „Er Alles fähig, Miſſie, Mylady; aber Samba kennt ihn— Samba bewachen ihn; ſie nicht mehr Sie verlaſſen wird. Maſſa Philipp kommt zurück; 52 er jetzt ein Mann. Gott ſegne ihn! Dann Sie ſehen ſollen, was Samba thut!“ „Wie ſoll ich ſeinen Blicken begegnen!“ rief die von ihrem Gewiſſen gequälte Mutter im Tone des Selbſtvorwurfs.„Ach, wie unſere Sünden uns heim⸗ ſuchen!“ „Weil da ihre Heimath iſt, Miſſie, Mylady; da⸗ her ſie können nirgends anders hingehen.“ Es iſt merkwürdig, wie oft Unwiſſenheit und Ein⸗ falt die Wahrheit treffen, welche ſelbſt den Augen der Weisheit entgeht. Die Anweſenheit Keelan's in Alton Towers und die Rückſicht, mit welcher der Lord ihn behandelte, gab nicht nur deſſen unglücklichen Gemahlin, ſondern auch andern Perſonen Anlaß zu Bemerkungen. Die Nachbarſchaft ſprach davon, die ernſten, alten Diener — ſeit Jahren an die würdevollen Gebräuche und Sitten ihres verſtorbenen Herrn gewöhnt, der ſeine Freundſchaft nicht über die Pairie ausdehnte und ſeine Höflichkeit nach dem Wappenalmanach modelte, wunderten ſich und murmelten darüber. In ihren Augen erſchien das Benehmen des Zigeuners höchſt miſallend er miſchte ſich in alle Geſchäftstreiſe, na⸗ mentlich in die des Küchenmeiſters. Das Familien⸗ ſilbergeſchirr intereſſirte den alten Mann im höchſten Grade. Anfangs wollte er gar nicht glauben, daß dieß alles ächtes Silber ſei; nachdem man ihn aber überzeugt hatte, daß es ſich wirklich ſo verhalte, konnte er ganze Stunden in Unterſuchung deſſelben hinbringen, indem er die maſſiven Platten und die reich ciſſelirten Weinkühler mit den Händen wog, die Diener um den Werth dieſer Gegenſtände befragte 8 53 und erſtaunt über die ihm zu Theil werdenden Ant⸗ worten vor ſich hin murmelte: „Alles unſer— alles unſer!“ Es war ſeine Gewohnheit, jeden Tag nach dem Eſſen in die Silberkammer ſich zu begeben, um ſich zu überzeugen, daß jeder Gegenſtand, der bei Tiſch gebraucht worden war, auch wieder zurückgebracht worden ſei. Wenn ein einziger Vorleg⸗, Eßlöffel, oder eine Gabel fehlte, ſo entdeckte er es ſogleich und er ließ dem Küchenmeiſter nicht eher Ruhe, bis der Gegenſtand aufgefunden worden war, ſo daß endlich Harris, der ſeit nahezu vierzig Jahre das Tafelgeſchirr unter ſich hatte, es nicht länger mehr zu ertragen vermochte und um ſeine Entlaſſung bat. Die Haushälterin folgte. Keelan, der ſein Mahl in deren Zimmer einnahm, pflegte dort vor dem Frühſtück zu rauchen; ſo etwas war in Alton Towers früher niemals erlebt worden. Wenn der Haushof⸗ meiſter ſich nicht beklagte, ſo geſchah es blos deß⸗ halb, weil er ſeine Rechnung noch nicht geſtellt hatte. Vielleicht fand er dieſe Aufgabe etwas ſchwierig, indem ſein verſtorbener Herr in Geldangelegenheiten mertwürdig gleichgültig geweſen war. Sein jetziger war dagegen um ſo ſtrenger und verlangte für jeden Schilling einen Belegſchein. Dem neuen Pair war, wie unſere Leſer begreif⸗ licher Weiſe vorausſetzen werden, dieſer Stand der Dinge höchſt unangenehm, und zwar um ſo mehr, als er nicht wußte, wie er demſelben ein Ende ma⸗ chen ſollte. „Sie würden beſtohlen werden, ſage ich Ihnen, wenn ich nicht ſcharf hinter den Leuten her wäre,“ 54 ſagte der Zigeuner in Erwiderung auf ſeine Vorſtel⸗ lungen,„und ich kann dieß nicht mit anſehen. Der Anblick von all dieſem Silber führt jeden ſterblichen Menſchen in Verſuchung— werde ich ja ſelbſt da⸗ von in Verſuchung geführt!— Ich träume davon,“ ſetzte er hinzu—„ich träume davon; und wenn ich daran denke, daß dieß alles unſer— alles unſer iſt!“ „Wie lächerlich!“ rief der Lord ungeduldig.„Har⸗ ris hat es ſchon ſeit vierzig Jahren in Verwahrung.“ „Wie viel muß erſt Anfangs davon da gewe⸗ ſen ſein,“ bemerkte Keelan mit einem Seufzer. „Euer auffallendes Benehmen gibt zu Bemer⸗ kungen Veranlaſſung,“ ſetzte ſein Sohn hinzu. „Thut nichts; Bemerkungen können uns nicht anfechten.“ 8 „Warum gebt Ihr die Beweiſe, von welchen Ihr geſprochen habt, nicht heraus und nehmt da⸗ gegen die von mir angebotene Entſchädigung?“ Der alte Mann ſchüttelte den Kopf. „Nennt jede Summe, die Euch beliebt; ich werde dieſelbe auf Euch verſichern!“ „Und wer würde mir mein Leben ver⸗ ſichern?“ fragte ſein Vater mit einem ſchlauen Zucken ſeiner tief liegenden Augen.„Nein, Junge — nein; die Schlange kennt die Brut, die ſie auf⸗ gezogen hat— rumäniſches Blut verläugnet ſeinen Urſprung nicht. Ich würde von da an keinen Augen⸗ blick mehr ruhig ſchlafen. Ueberdieß,“ fügte er bei, „will ich den Kleinen nicht verlaſſen.“ „Ihr könnt ihn ja öfters ſehen.“ „Vor den Thoren Ihres ſchönen Schloſſes etwa?“ — 55 verſetzte Keelan mürriſch;„ich kenne den Stolz der Häuſerbewohner, Sie haben ihnen dieſen abgelernt.“ „Ich meinte, es ſei Euer eigener Wunſch, unter die Zelte Eures Stammes zurückzukehren.“ „Ehemals war es der Fall, aber damals woll⸗ ten Sie mich nicht ziehen laſſen; und jetzt, ſeitdem ich alle dieſe Reichthümer geſehen habe und weiß, daß alles dieß unſer iſt— will ich nicht mehr gehen. Ich habe mir angewöhnt, behaglich durch Wälder und Felder zu ſtreifen, ohne Angſt, wie ein wilder Fuchs durch Jäger oder Conſtabler gehetzt zu werden: dieſe ziehen ſogar jetzt den Hut vor mir ab — ha, ha, ha!— und nennen mich„Herr“— ha, ha, ha! früher handelte es ſich um den Stock, hieß ich Vagabund und diebiſcher Zigeuner. Ho, ho, ho! wenn ich an„Herr“ denke, und daß man vor dem alten Keelan den Hut abzieht!“ „Ihr vergeßt die zweideutige Lage, in welche mich Euer Benehmen verſetzt,“ bemerkte der Lord heftig. „Ich weiß, daß ich Sie in Ihre jetzige Lage ver⸗ etzte.“ „Das meine ich nicht damit,“ unterbrach ihn ſein Sohn.„Die Dienerſchaft ſpricht von Eurem auf⸗ fallenden Benehmen.“ „Jagen Sie ſie alle zum Teufel— jagen Sie ſie alle zum Teufel! Ich will mich des Silber⸗ geſchirrs annehmen,“ rief der alte Mann haſtig. „Meine Standesgenoſſen ſchütteln den Kopf dar⸗ ew „Laden Sie ſie zum Eſſen ein,“ ſagte ſein Vater. „Meine Gattin erhebt Einwendungen dagegen!“ „Darum kümmern Sie ſich viel,“ verſetzte der Zigeuner.„Die ganze Dienerſchaft weiß, wie Sie ſie behandeln, und ſpricht von der ſchönen Madame, die Sie von auswärts mitgebracht haben und in London, wie die Leute ſich ausdrücken, unterhalten. Es fällt mir zwar nicht ein, Sie deßhalb zu tadeln, obgleich keine von beiden Milly das Waſſer reicht. Was Moylady anbelangt, wie dieſelbe ſich nennt,“ fuhr er fort—„ha, ha, ha— Mylady!— warum überlaſſen Sie es mir nicht, mit dieſer fertig zu werden? „Sind Sie Ihrer nicht überdrüſſig?“ „Darum handelt es ſich nicht. Ich habe alles verſucht, was ein Menſch nur verſuchen kann, will aber keine Gefahr laufen.“ „Ich ebenfalls nicht,“ ſagte Keelan.„Deßhalb quälen Sie mich nicht; ich wünſche nicht rachſüchtig zu werden, und meine Schuld iſt es nicht, wenn Sie mich dazu machen. „Und die Beweiſe?“ flüſterte ſein Sohn, die Stimme dämpfend. „Unmittelbar ehe ich ſterbe, will ich Ihnen ſagen, wo Sie die Hand darauf decken können— aber erſt unmittelbar vorher, denken Sie daran; und vergeſſen Sie nicht, was ich Ihnen hinſichtlich Mylady's ſagte— ha, ha, ha!— ſie haßt den alten Mann, nicht wahr? Nun, der Rücken eines Kameels würde nicht unter der Laſt der Liebe brechen, die zwiſchen uns verloren gegangen iſt.“ Die Anwendung von Sprichwörtern, welche auf einen morgenländiſchen Urſprung der Zigeuner hin⸗ deutet, gehört nicht unter die Fe Eigenthüm⸗ lichteiten in der Sprache der Rumänen. 57 Lord Alton Towers dachte darüber nach, was der Zigeuner ihm geſagt hatte. Die Worte deſſel⸗ ben ließen ihm eben ſo wenig Ruhe als die böſen Gedanken Denjenigen Ruhe laſſen, welche durch ihre Leidenſchaften oder ſchwachen Herzen in Verſuchung geführt werden. Vierundſechzigſtes Kapitel. Es war eine frohe Stunde, in welcher bei den beſorgten Freunden die Nachricht von dem glücklichen Eintreffen des Lords und der Lady Dalville in Southampton eintraf; Philipp befand ſich in ihrer Geſellſchaft. Die Reiſe hatte ſeine Geſundheit ge⸗ kräftigt und die letzten Spuren des Fiebers, das ihm der Aufenthalt in dem Gefängniſſe von Bel Reſpiro zugezogen hatte, verwiſcht. Olver, der bei John Compton war, als der Brief eintraf, machte ſich ſogleich nach Richmond auf, um Bianca die Nachricht mitzutheilen. Hätte er nur ſeine Gefühle befragt, ſo wäre er ſeinem Freunde entgegen gereist. Es drängte ihn, ihm die Hand zu drücken— ihn wieder zu Hauſe willkommen zu heißen,— ihm das Geheimniß ſeines Glückes mitzutheilen, ihm zu ſagen, daß auch er ein Herz gefunden habe, das dem ſeinigen entgegenſchlage, — eine Liebe, welche alles das zu verwirklichen ver⸗ ſpreche, was einem Menſchen auf Erden von der himmliſchen Glückſeligkeit zu genießen geſtattet iſt. Smith, Mily Mone. V. 5 58 Das Recht des Vormunds, der mit väterlicher Liebe über Philipp gewacht hatte, ging aber dem ſeinigen vor, indem dieſem es zukam, denſelben zuerſt zu bewillkommnen, und ſo trat unſer Held zurück. Die Herzlichkeit, mit welcher der würdige Makler ihm beim Abſchied die Hand drückte, um ihn jedoch bald wieder zu treffen,— bewies ihm, daß derſelbe ſeine Motive zu würdigen verſtand. „Das Alter iſt ſehr ſelbſtfüchtig“ bemerkte John Compton;„Ihr Freund wird Ihnen ſchwerlich für dieſes Opfer danken.“ „Mir!“ rief Oliver Brandreth mit frohem Lächeln. „John Compton iſt ungerecht gegen ſich ſelbſt,— ſündigt an ſich ſelbſt! Philipp würde dieß nicht glau⸗ ben, wenn er es auch mit eigenen Ohren hörte.“ „Dieſe Jungen,“ ſagte der Makler zu ſich ſelbſt, als Oliver ſein Comptoir verließ,„könnten mich faſt überzeugen, daß ſie mich lieben. Sie lieben mich,“ fuhr er emphatiſch fort,„mit der Liebe der Kinder gegen einen Vater, und Niemand außer einem ſchwachen, klagſüchtigen, mißvergnügten, argwöhni⸗ ſchen und mürriſchen alten Junggeſeilen kann daran zweifeln. „Gold, Gold!“ murmelte er,„hätte ich in mei⸗ ner Jugend weniger an Dich gedacht, ſo wäre ich vielleicht in meinem Alter glücklicher geworden. Ich würde alles, was ich während meines ganzen Lebens anzuhäufen geſucht habe, darum geben, wenn i einen dieſer köſtlichen Jungen mich mit dem Namen Vater bezeichnen hörte und das Bewußtſein hätte, daß er mein Sohn ſei.“ Wie unſere Gefühle ſich ändern! 8 59 Nachdem John Compton Randal zu ſich hatte rufen laſſen, um ihm die nothwendigen Inſtructionen für das laufende Tagesgeſchäft zu ertheilen, ſchickte er ſich an, nach Southampton zu fahren, wohin er ſchon nach einer Stunde auf dem Wege war. Miß Lacy ſaß allein im Bibliothekzimmer, als unſer Held nach Richmond kam. Seine unerwartete Erſcheinung erſchreckte ſie augenſcheinlich, obgleich ſie einigermaßen das nervoſe Gefühl beſiegt hatte, wel⸗ ches ſie gewöhnlich befiel, wenn ſie zum erſtenmale mit Fremden in Berührung kam, wie es auch bei ihm der Fall geweſen war. „Wo iſt Bianca?“ fragte er haſtig. „Ich leſe in Ihrem Geſicht, daß Sie der Ueber⸗ bringer froher Nachrichten ſind,“ bemerkte die Dame. „Ihr Freund iſt in England eingetroffen?“ „Dem Himmel ſei Bank, er iſt wohlbehalten an⸗ gelangt.“ „Bianca iſt im Garten.“ Dliver ſchlug vor, ſie gemeinſchaftlich aufzuſuchen. Miß Lacy zögerte einen Augenblick, worauf ſie aber, ſich aufraffend, wie wenn ſie eine wiederkehrende Schwäche unterdrückt hätte, den ihr angebotenen Arm annahm. „Sprechen Sie wieder mit mir,“ ſagte ihr Be⸗ ſucher.„Wenn Sie wüßten, wie gerne ich den Ton Ihrer Stimme höre, ſo würden Sie nicht ſo wort⸗ karg ſein.“ Oliver fühlte, wie der Arm, der auf dem ſeinigen ruhte, zitterte, und er bedauerte es im höchſten Grade, daß die Dame ſo nervos ſei. „Ich kann Ihnen gar nicht b welchen 60 Eindruck dieſe Stimme gleich vom erſten Augenblicke an auf mich machte,“ fuhr er fort;„es liegt etwas ſo Reiches und doch ſo Melancholiſches in deren Ton. Sie werden mich für einen ſehr lächerlichen Menſchen halten, theuerſte Miß Lacy, wenn ich Ihnen geſtehe, daß ich, ſelbſt wenn ich blind geboren worden wäre, ganz gewiß durch dieſe Stimme in Liebe zu Ihnen mich hingezogen gefühlt haben würde.“ „Ich habe von dergleichen Dingen ſchon gehört,“ verſetzte ſeine Begleiterin mit einem matten Verſuche, zu lächeln;„glücklicherweiſe ſind Sie aber nicht blind, ſonſt könnte Iſabella eiferſüchtig werden.“ „Sie wiſſen es alſo ſchon?“ „Ja,“ unterbrach ihn Miß Lacy,„Bianca las mir Ihren letzten Brief vor. Ihre Couſine iſt wahr⸗ ſcheinlich ſehr ſchön?“ „Sie iſt mehr als ſehr ſchön,“ verſetzte unſer Held;„ſie iſt gut; Schönheit allein würde meine Siebe nicht gewonnen haben. Schon in der Kindheit waren wir befreundet und Mrs. Dalton war mir eine zweite Mutter.“ „Dieſe ſcheint eine vortreffliche Frau zu ſein,“ bemerkte die Dame,„und ihre Liebe füllte wahr⸗ ſcheinlich die Leere in Ihrem jungen Herzen aus.“ Es lag etwas unausſprechlich Trauriges in dem Tone, mit welchem dieſe Worte geſprochen wurden. „Wären Sie je Mutter geweſen, ſo würden Sie dieſe Frage nicht an mich gerichtet haben,“ bemerkte? der junge Mann.„Sie ſollte mein Herz ausgefüllt haben,“ wiederholte er;„die Erde beſitzt kein Band, das den Verluſt einer Mutter erſetzt.“ Auf dem Wege durch den Garten begegneten die 61 Sprechenden dem Doctor, der Oliver herzlich die Hand drückte. „Sie haben Wunder bewirkt, Mr. Brandreth,“ rief er aus;„nächſtens wird meine Schweſter wieder für die Freuden der Welt empfänglich, das wird ein weiteres Wunder ſein.“ „Niemals,“ ſagte Miß Lacy energiſch,„nie⸗ mals!“ „Alles auf der Welt muß ſeinen Anfang haben,“ bemerkte ihr Bruder,„ich verzweifle noch nicht.“ Die erſten Worte, welche Oliver Brandreth der ſchönen Italienerin zuflüſterte, verurſachten dieſer ein tiefes Erröthen. Verbannung, ſelbſt wenn ſie die herzlichſte Theilnahme findet, iſt ſelten glücklich; Liebe allein vermag das Gefühl des Verlaſſenſeins— die Träume, welche das Herz quält, zu eben. In ſeinen Briefen an John Compton hatte Lord Dalville den Tod der Gräfin Belgioſo nicht erwähnt. Er hielt es für das Beſte, daß Bianca die traurige Nochricht aus Alfred's oder ihres Liebhabers Munde vernehme. Es wäre grauſam geweſen, nach ſo vie⸗ len Wochen der Prüfung und Ungewißheit das erſte Dämmern des Glücks durch eine ſo finſtere Wolke zu trüben. Am folgenden Tage ſahen ſich die langgetrennten Freunde zum Erſtenmale wieder. Oliver hatte ſeine Tante und Iſabella beredet, ihn nach Richmond zu begleiten, um bei dieſer Veranlaſſung bei der Familie Lacy eingeführt zu werden. Nur eine Perſon fehlte in dem Kreiſe, der gleichſam als eine Familie betrach⸗ 62 tet werden konnte. Die arme Miß Lach war wie⸗ der von ihren Nervenkrämpfen heimgeſucht worden. Es traf ſich dieß ſehr unglücklich; merkwürdiger Weiſe ſtellten ſich dieſelben aber jedesmal ein, ſo oft Fremde zum Beſuche erwartet wurden. Iſabella und Bianca hatten zuvor ſchon zu viel von einander gehört, als daß ſie ſich fremd geblie⸗ ben wären. Unſere Leſer können ſich daher vor⸗ ſtellen, welch zarte Mittheilung dieſelben in der Un⸗ ſchuld ihrer jungen Herzen ſich gegenſeitig zu machen hatten. Philipp war der einzige unter den Anweſenden, deſſen Geſicht einen düſtern Ausdruck zu tragen ſchien. Er hatte nicht den Muth, Alfred und deſſen Schwe⸗ ſter die ſchmerzliche Nachricht mitzutheilen, deren Ueber⸗ bringer er war. Lord und Lady Dalville übernah⸗ men daher an ſeiner Statt dieſe Aufgabe. Es war ein harter Schlag für die beiden Verbannten. Dieſe hatten ſich eine Heimath in England ausgemalt in der Hoffnung, ihre Mutter überreden zu können, ihr unglückliches Vaterland zu verlaſſen und zu ihnen zu kommen, um in ihrem Alter an der kindlichen Liebe ſich zu erfreuen und an dem Anblick ihres Glückes ihr Herz zu erheitern. Es war dieß die ſchon ſo oft dageweſene Ge⸗ ſchichte;— ein Project, ein Traum,— ein Bahrtuch. Die Herren allein waren anweſend, als Alfred Belgioſo das Siegel des Pakets erbrach, welches die Gräfin geſchickt hatte. Es enthielt einen Brief, in welchem ſie ihre Zuſtimmung zu der Vermählung Bianca's mit dem jungen Engländer erneuerte und ihren Kindern ihren Segen ertheilte. 63 Zugleich enthielt es auch eine Verſchreibung auf zehntauſend Pfund, welche ſie aus dem Schiffbruch des Vermögens von deren Vater gerettet hatte. „Selbſt im Tode gedachte ſie unſer noch mit liebe⸗ voller Sorgfalt,“ rief ihr Sohn aus.„Meine Schwe⸗ ſter hängt dadurch nicht von der Mildthätigkeit ihrer Freunde ab.“ Oliver und Philipp ſahen ihn vorwurfsvoll an; obgleich der erſtere nicht Viel zu geben hatte, ſo war doch ſein Herz reicher als ſeine Hand. „Was mich betrifft,“ ſagte der Verbannte,„ſo bin ich jung, thatkräftig und kann arbeiten.“ „Ganz recht!“ ſagte John Compton;„ich fing das Leben mit der Hälfte dieſer Summe an und jetzt;— doch— das gehört nicht hieher. Sie müſſen Kaufmann werden.“ Alfred wiederholte das Wort„Kaufmann“ lä⸗ chelnd. „Sie glauben doch nicht, daß dieſes Gewerbe mit Stande ſich nicht vertrage?“ fragte der Makler harf. „Mein Stand verträgt ſich mit jeder ehrenvollen Laufbahn, die zur Unabhängigkeit führt; namentlich mit dem Handel,“ verſetzte der Italiener.„Man trifft die edelſten Namen in meinem Vaterlande in dieſem Stande,— die Medici, die Recardi, Caponi und hundert Andere.“ Der Geſchäftsmann lächelte beifällig. „Ganz recht!“ wiederholte er mit noch ſtärkerer Betonung als zuvor.„Das heiße ich wie ein ver⸗ ſtändiger, praktiſcher junger Mann ſprechen, der die Welt aus dem richtigen Geſichtspunkt betrachtet und 64 nicht ſo, wie Träumer ſie ſich vorſtellen. Sie ſollen ſogleich anfangen. Ich weiß eine Speculation für A Sie. „So bald?“ rief Oliver. „Je bälder um ſo beſſer, Junge— je bälder um ſo beſſer; es geht nichts über Beſchäftigung, um das Herz von einem nagenden Kummer zu heilen. Ueber⸗ dieß dürfte die Gelegenheit, von der ich ſpreche, nicht ſo bald ſich wieder darbieten; ſie iſt ganz ausge⸗ zeichnet.“ „Und ohne Zweifel auch ſehr lohnend, ſonſt wür⸗ den Sie, mein verehrter alter Vormund nicht ſo ernſtlich darauf dringen,“ bemerkte ſein Mündel. „Hm! ſie iſt nicht übel,“ verſetzte John Comp⸗ ton.„Ich gebe Ihnen drei Tage Zeit, nach deren Ablauf ich Sie in meinem Comptoir in Mark⸗ane zu ſehen erwarte.“ Der Verbannte verſprach pflichtlich ſich einzufinden. „Und zwar allein,“ fügte der Makler bei. „Allein,“ wiederholte Alfred Belgioſo,„wenn Sie es wünſchen.“ Unſer Held und Philipp bemerkten, daß Herbert Lacy und der Makler Blicke des Einverſtändniſſes wechſelten. Offenbar hatten dieſe beide ſich über einen Plan verſtändigt, von welchem weder ſie noch Lord Dalville etwas wußten und wodurch ihre Neu⸗ gierde rege gemacht wurde. Es war aber eine Neu⸗ gierde, in welche kein Argwohn ſich miſchte. Wir werden Alles erfahren, ſobald Alfred von London zurückkommt, dachte Oliver Brandreth. Dießmal täuſchte er ſich aber; denn als der Ver⸗ bannte nach Richmond zurückkam, um ſeiner Schwe⸗ 5 ſter Adieu zu ſagen, ließ er kein Wort von ſeiner Unterredung mit John Compton verlauten. Mit ſeiner gewohnten Freimüthigkeit fragte ihn unſer Held, ob er den Makler geſprochen habe. Ja. „Und haben Sie auch erfahren, worin ſeine wun⸗ derbare Speculation beſteht?“ A „Ja. Geheimniß, wie es ſcheint?“ Ja.“. Philipp warf ſich in ſeinen Stuhl zurück und brach in ein herzliches Lachen aus. Daſſelbe wurde anſteckend, indem ſelbſt Alfred mit einſtimmte. „Andern würde ich vielleicht den Grund meines Stillſchweigens über einen Punkt zu erklären ver⸗ ſuchen, welchem die Freundſchaft für mich ein In⸗ tereſſe dafür verleiht. Euch ſage ich aber nur, daß ich mein Wort gegeben habe.“ „Und ſelbſt dieſes iſt unnöthig,“ verſetzten ſeine Freunde.„Dürfen wir fragen, ob Ihre Abweſenheit längere Zeit dauern wird?“ „Es iſt noch unbeſtimmt.“ „Oder ob Sie allein reiſen?“ „Nein, John Compton begleitet mich.“ „Verlaß Dich darauf,“ ſagte Philipp zu Oliver, nachdem ſie ihrem Freunde die Hand gedrückt und von dieſem ſich verabſchiedet hatten,„daß es ſich um einen Plan handelt, durch welchen mein trefflicher Vormund ihn reich machen will, und dieſer hat ihm das Verſprechen abgenommen, um daraus abnehmen zu können, wie weit er ihm Vertrauen ſchenken darf.“ „Vielleicht iſt es ſo,“ verſetzte Oliver nachdenklich. 66 „Zweifelſt Du an ihm?“ fragte Bianca's Lieb⸗ haber ernſt. „Ich ſollte an ihm zweifeln! an Alfred Belgioſo zweiſeln, der die Ehrenhaftigkeit ſelbſt iſt;— nein, Philipp, nein. Was wäre Freundſchaft, wenn ein Zweifel ſie erſchüttern könnte? Auch ich habe ein Geheimniß.“ „Vor mir?“ „Vor Dir, Philipp; es iſt aber das einzige, das ich je vor Dir hatte, und es gehört nicht allein mir. Du wirſt es eines Tages erfahren.“ Während des Ganges unſerer Erzählung haben unſere Leſer mehrmals den Namen von James Hawes Maſters, des Juweliers gehört, in deſſen Laden Mrs. Brandreth eine Kette mit Schloß geſtohlen zu haben, angeklagt worden war, und dieſelben werden ſich ge⸗ wundert haben, daß wir ihnen bis jetzt dieſen Mann noch nicht ſchilderten. Glücklicherweiſe iſt noch Zeit genug vorhanden, dieſe Unterlaſſungsſünde gut zu machen. Maſters— wir entheben uns für die Zukunft der Mühe, ihn mit ſeinem weitern Namen zu bezeich⸗ nen,— war ein ſtrebſamer, reicher, allgemein in der City geachteter Mann, wo er ſeit vielen Jahren ſchon etablirt war. Einige neidiſche Perſonen— glücklicher Erfolg trifft oder erweckt dieſelben gewöhn⸗ lich— wollten ſich der Zeit erinnern, in welcher der Credit und der Ruf des Juweliers etwas zweifelhaft waren. Die alten Bewohner wollten ſogar von Gerüchten in Betreff von Steinen eines Diamant⸗ halsbandes wiſſen, welche ausgewechſelt worden ſeien; ——— 67 aber Maſters hatte dieſe Gerüchte widerlegt und war in der Lage, denſelben Verachtung entgegen⸗ zuſetzen. Er war der gefälligſte Menſch auf der Welt;— wenigſtens behaupteten dieß die Beſucher ſeines La⸗ dens. Wenn irgend eine adelige Wittwe beim Spiele verlor und der Mittel bedurfte, ihre Ehrenſchuld ab⸗ zutragen, war er ſtets zu einem Vorſchuſſe bereit— gegen Sicherheit. Das Geſchäft wurde ſodann ſo geheim und auf ſo delicate Weiſe abgemacht, daß es unmöglich bekrittelt werden konnte, ſelbſt wenn die Zinſe ein wenig übertrieben waren. Sein Waa⸗ renvorrath war ungeheuer; denn da, wo er nicht mit Sicherheit anleihen konnte, kaufte er, und die Fen⸗ ſter ſeines Ladens wieſen eine Sammlung von älte⸗ ren und modernen Artikeln auf, wie kein zweiter außerhalb London. Da er nie verheirathet geweſen war und, ſo viel man wußte, keine Verwandte beſaß, ſo wunderten ſich viele ſeiner Mitbürger, daß er noch immer das Geſchäft fortſetzte. Vielleicht war es ihm zur andern Natur geworden oder hielt er ſich noch nicht für reich genug, um ſich zurückziehen zu können. Wahr⸗ ſcheinlich war es gber auch ſchwer, einen Nachfolger zu finden, der genügendes Kapital zur Erwerbung ſineieebüjeneut⸗ beſaß; und er war nicht der Mann, der es einen einzigen Schilling ünter ſeinem wahren Werthe abgegeben hätte. Wo es Geld zu verdienen gab, war Maſters thätig und unternehmend, wie immer, indem er per⸗ ſönlich die Kunden bediente, bei denen es ihm der Mühe werth ſchien; die übrigen überließ er ſeinen 68 beiden Gehilfen, die ſeit Jahren in ſeinen Dienſten ſtanden. Einen Lehrling nahm er unter keiner Bedin⸗ gung an. Jeden Morgen, mit dem Glockenſchlag zehn Uhr auf der Abteikirche, wurden die Läden ſeines Gewöl⸗ bes geöffnet und Punkt fünf Uhr wieder geſchloſſen. Während dieſer Stunden ſah man ihn nur höchſt ſelten, ſelbſt nicht einmal in Geſchäften, auf den Straßen von Bath. Niemals beſuchte er Unterhaltungsorte. Seine Freuden— wenn er überhaupt welche hatte,— fand er in ſeinem Hauſe und in den glitzernden Schätzen, die daſelbſt aufgehäuft waren. Von Perſon war der Juwelier ein rüſtiger Mann und ſein Ausſehen wäre nicht übel geweſen, ohne einen gewiſſen ſinnlichen Ausdruck, der ſeinem Geſicht einen etwas gemeinen Ausdruck verlieh. Die alte Herzogin von Pinchbeck— deren Ju⸗ welen er den größern Theil des Jahres über im Verſatz hatte,— pflegte ihm durch die Behauptung zu ſchmeicheln, daß er der ächte Typus der Familie Bourbon ſei. Wahrſcheinlich hatte dieſe nur Ludwig XVIMI. geſehen. Maſters ſaß, die Morgenblätter leſend, in dem kleinen Comptoir auf der Rückſeite ſeines Gewölbes, als ein ausländiſcher Gentleman— deſſen wuhige, vornehme Miene ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog — eintrat und mehrere werthvolle Artikel von alt⸗ modiſchem Geſchmeide, das am Fenſter hing, zu ſehen verlangte. Einer der Gehilfen legte ihm dieſelben 69 vor. Er wählte drei davon aus und bezahlte ſie, ohne um den Preis zu handeln, in engliſchen Bank⸗ noten. Vor dem Weggehen bat er, dieſelben ihm in den Weißen Hirſch zu ſchicken. Zwei Tage ſpäter kam er wieder und kaufte in noch höherem Betrage, indem er dafür einen Wechſel auf eine der Localbanken an Zahlungsſtatt anbot. „Befehlen Sie, daß die Gegenſtände Ihnen ge⸗ ſchickt werden?“ fragte der Juwelier zuvorkommend, „oder ziehen Sie vor, dieſelben mitzunehmen?“ „Schicken Sie ſie mir immerhin,“ verſetzte der Fremde lächelnd. Maſters verbeugte ſich. „Ich will Ihnen Zeit laſſen, den Wech⸗ ſel zuvor einzukaſſiren, ehe Sie Ihre Waare ausliefern.“ Der Eigenthümer des Ladens ſchien dieß faſt empfindlich aufzunehmen, da er keinen Augenblick gezweifelt haben konnte, daß der Wechſel honorirt werde; da aber der Gentleman es ſo wünſchte, und derſelbe vielleicht nicht unmittelbar nach Hauſe gehe, ſo ſolle einer ſeiner Gehilfen die Artikel in ſein Hotel bringen. Er ſuchte ſeinen Kunden noch zu Mehrerem zu verlocken, indem er ihm einen Brillantring von ganz merkwürdigem Feuer zeigte. „Ich kaufe nichts Modernes,“ verſetzte der Fremde, den Gegenſtand kaum eines Blickes wür⸗ digend, worauf er das Etabliſſement verließ. Der Juwelier packte die Artikel bedächtlich zu⸗ ſammen,— vielleicht berechnete er währenddem den Betrag des Gewinns, den er bei dieſem Geſchäfte machte. „Nichts Modernes,“ wiederholte er;„hm! das verſtehe ich nicht.“ Indem er den Wechſel und das Päckchen einem ſeiner Gehilfen übergab, empfahl er demſelben, das letztere nicht eher auszuliefern, als bis der erſtere eincaſſirt ſei.“ „Wenn Zahlung verweigert werden ſollte?“ be⸗ merkte der Commis. „So bringen Sie die Waare zurück, Stevens,“ verſetzte ſein Principal,„dann bringen Sie ſie zurück.“ Der Gehilfe wollte eben den Laden verlaſſen, als ſein Principal noch hinzuſetzte: „Melden Sie dem Kaſſier meine Komplimente, und fragen Sie ihn, ob er etwas Näheres von dem Signore Alfred Belgioſo wiſſe,— ich glaube, ſo lautet ſein Name.“ Vor Ablauf einer Stunde kam ſein Gehilfe wie⸗ der zurück. 5 „Nun?“ rief Maſters ungeduldig. Stevens händigte ihm dreihundert ſechsundfünfzig Pfund, den Betrag des Wechſels ein. „Hm! Nichts Modernes, wiederholte der Juwe⸗ lier die Banknoten zählend,„ſonderbar— ſehr ſon⸗ derbar! Haben Sie den Kaſſier geſprochen?“ Jo, Hetr „Nun. „Der Gentleman ſei ein ausländiſcher Kaufmann, ſagt er, der bedeutende Geſchäfte mit Südamerita mache. Er iſt ausgezeichnet recommandirt und hat einen Kredit von zehntauſend Pfund bei dem Hauſe.“ 71 „Sagte er auch, mit was er handle?“ „Mit Juwelen glaube ich, Herr.“ Der Principal begab ſich eilends in ſein kleines Comptoir, und fing an eifrig eine Reihe von Londoner Journalen durchzublättern. Es dauerte einige Zeit, ſo groß war ſeine Ungeduld, bis er die Notiz finden konnte, welche er ſuchte. „Wie wir hören, ſo iſt gegenwärtig eine große Nachfrage nach Juwelier⸗ und Einque⸗cento⸗Arbeit“) jeder Art für den ſüdamerikaniſchen Markt. Mehrere große Einkäufe ſind bereits in London gemacht wor⸗ den; eine bedeutende Firma hat ſo viel wir wiſſen, in hohem Betrage von dieſer alten Waare angekauft. Das Nächſtemal, als der Fremde ſich wieder ein⸗ fand, wurde er zu einer Privatbeſprechung eingeladen. „Sie ſind ein ſchlauer Handelsmann, Signore,“ bemerkte Mr. Maſters,„aber ich bin hinter ihre Schliche gekommen.“ Auf dem Geſicht des Kunden machte ſich ein Anflug von Aengſtlichkeit bemerkbar. „Wenn ich gewußt hätte, daß eine ſo ſtarke Nach⸗ frage nach den Artikeln iſt, die Sie gekauft haben, ſo hätte ich mit dem Preiſe aufgeſchlagen.“ Zugleich händigte er ihm das Journal ein, wel⸗ ches die Notiz enthielt, welche wir unſern Leſern ſo eben mitgetheilt haben. „Ich bezahlte Ihnen, was Sie verlangten,“ be⸗ merkte der Italiener gelaſſen. Es iſt varunter wohl das aus dem 16. Jahrhundert im Renaiſſanceſtyl gearbeitete Geſchmeide verſtanden. 6 „Bei Heller und Pfennig,“ ſagte der Juwelier, „bei Heller und Pfennig; ich habe mich darüber nicht zu beklagen. Der Grund, weßhalb ich ſie zu einer Privatunterredung einlud, iſt der, daß ich in der Lage bin, ein großes Geſchäft mit Ihnen machen zu können.“ „Ich glaube bereits die Hauptartikel, die ich brauche, von Ihrem Vorrath ausgeſucht zu haben.“ bemerkte der Fremde lächelnd. „Kleinigkeiten, lieber Herr— Kleinigkeiten im Vergleich mit dem, was ich Ihnen noch zeigen kann,“ antwortete der Handelsmann. „Sie vergeſſen, daß ich nichts Modernes kaufe.“ „Auch nicht für den engliſchen Markt?“ „Auch nicht für den engliſchen Markt!“ wieder⸗ holte Alfred Belgioſo. „Ich bin im Beſitz einer Sammlung von Ge⸗ ſchmeide von der Sorte, wie Sie es ſuchen, einzig in ſeiner Art, wie ich glaube, hinſichtlich des antiken Schnittes. Sie waren Eigenthum einer erlauchten, jetzt aber ausgeſtorbenen Familie.“ „Kann ich die Gegenſtände ſehen?“ „Ich will Ihnen zuerſt das Verzeichniß vorleſen,“ verſetzte der Juwelier, ein Papier aus der Taſche ziehend.„Erſtens ein Halsband von Tofelſtein⸗Dia⸗ manden auf italieniſche Weiſe geſchnitten, in Emaille und Gold; das Gehänge ſoll ein Werk des unver⸗ gleichlichen Benvenuto ſein. Wie viele Steine ſind daran?“ Sechsunddreißig.“ Das Gehänge inbegriffen?“ Rein, ohne daſſelbe,“ verſetzte der Händler. 7 7 77 7 73 „Sodann eine Schnur von orientaliſchen Perlen mit Rubinſteinen dazwiſchen, vier Opale und Diamant⸗ buſennadeln, ein Etuis mit Uhr und Kette, die Emaille außerordentlich fein, Portraits von Schön⸗ heiten am Hofe Ludwigs XIV.; mehrere alte Ringe und Kreuze von tadelloſer Schönheit, beſtehend aus ſechszehn Brillanten vom reinſten Waſſer, welche der Gräfin Eſſex gehört haben ſollen.“ „Die Artikel, welche ſie mir vorgeleſen haben, dürften mir converniren,“ ſagte ſein Beſucher nach⸗ denkend,„aber alles hängt von dem Preiſe ab.“ „Achttauſend Pfund— nicht einen Schilling we⸗ niger,“ verſetzte Mr. Maſters;„und der Grund, weßhalb ich eine ſo geringe Summe verlange, iſt der, daß beim Ankauf dieſer Gegenſtände die Bedingung daran geknüpft wurde, daß dieſelben umgefaßt wer⸗ den müßten. Es geſchah dieß aus Familienſtolz— Sie verſtehen mich wohl.“— „Vollkommen,“ antwortete Alfred Belgioſo.„Kann ich die Artikel ſehen?“ Der Juwelier ſchloß eine große eiſerne Kiſte auf und legte ihm einen Gegenſtand um den andern vor. Der Italiener unterſuchte ſämmtliche Artikel ſorgfältig, wobei er mehrmals in Ausrufungen des Entzückens über die Schönheit und Seltenheit der Arbeit ausbrach. „Außerordentlich ſchön!“ rief er.„Mr. Maſters, ich will offen mit Ihnen reden. In einer Augelegen⸗ heit von ſolcher Wichtigkeit muß ich zuvor mit mei⸗ nem Theilhaber Rückſprache nehmen. Wie viele Tage geben Sie mir zur Entſcheidung?“ „Vier.“ Smith, Milly Mohne. v.. 6 74 In vier Tagen Bis dahin bleibt n?“ fügte „Das iſt mehr als genügend. ſollen Sie meine Antwort haben. mir begreiflicher Weiſe eine Ablehnung offe ſein Kunde bei. „Das verſteht ſich.“ „Darf ich die Liſte, die Sie mir vorgelegt haben, zur Unterſtützung meines Gedächtniſſes mitne men?“ Der Juwelier übergab das Papier dem Italie⸗ ner, der daſſelbe ſorgfältig in ſein Taſchentuch legte und mit einem höftichen„Guten Morgen“ gegen den Händler das Gewölbe verließ. Fünfundſechzigſtes Kapitel. In Folge eines weiſen Geſetzes der allwiſſenden Vorſehung kann weder Freundſchaft, Liebe noch Ver⸗ trauen zwiſchen dem Verbrechen beſtehen: Mißtrauen miſcht ſich als unerbittliche Bedingung in eine ſolche Verbindung. Das Werkzeug zweifelt an ſeinem Auf⸗ traggeber; der Auftraggeber mißtraut dem Werk⸗ zeuge, das er gebraucht hat; Einer wird zum eifer⸗ ſüchtigen Spion des Gebahrens des Andern,— zittert bei deſſen Abweſenheit— haßt ſeine Anwe⸗ ſenheit,— überwacht jeden Blick und jedes Wort, bis das Band des Wortes, anfangs ſo leicht und bereitwillig gegeben, in eine Kette von Eiſen ſich verwandelt und der von ſeinem Gewiſſen geplagte Geiſt keine Ruhe noch Raſt mehr findet. Das Da⸗ ſein wird zur Laſt und jeder Theil faßt im Stillen 75 den Entſchluß, den Bann zu brechen, in welchen er durch gegenſeitige Schuld gerathen iſt. e länger der gegenſeitige Kampf währt, um ſo mehr nimmt er an Intereſſe zu. Gleich dem Schachſpiel zwiſchen zwei geſchickten Gegnern kann ein einziger Zug gewinnen oder verlieren machen. Die Beharrlichkeit, mit welcher Lord Alton To⸗ wers aus Keelan herauszulocken ſuchte, wo, oder bei wem derſelbe die Beweiſe von Milly's Geburt hinterlegt habe, befeſtigte den alten Mann in ſeinem Entſchluſſe, dieſes Geheimniß aufs ſtrengſte zu be⸗ wahren. Er ſetzte kein Vertrauen in des Lords Be⸗ theuerungen von Dankbarkeit und Liebe;— das erſtere Gefühl war ihm eigentlich völlig unbekannt,— er hatte zwar vielleicht ſchon etwas von dergleichen gehört, glaubte aber nicht daran. Was das letztere anbe⸗ langte, ſo war dieß bei ihm ein Inſtinct, aber kein Gefühl. Gleich dem Wolfe oder dem wilden Fuchſe liebte er ſein Junges, ſo lange es im zarten Alter war, und hätte ſein Leben an deſſen Vertheidigung geſetzt. Sobald es aber zur Selbſtſtändigkeit ge⸗ langte, ſo wäre er ebenſo wie dieſe wilden Thiere bereit geweſen, um die gemeinſchaftliche Beute ſich mit ihm herumzubeißen und ſich mit ihm zu ſtreiten. „Ich habe Ihnen ja ſchon geſagt, wie es ſteht,“ rief der Zigeuner ungeduldig, als der Lord wieder einmal mehr als gewöhnlich lebhaft in ihn drang; — ich werde Ihnen nicht ſelbſt ein Meſſer in die Hund geben, daß Sie mir damit den Hals abſchnei⸗ können. Es nützt Sie nichts, in mich zu drin⸗ 7 3 4 en,— ich bin nicht ſo einfältig, ſo etwas zu thun! Sie wollen mich überliſten.“ 76 „Gehen unſere Intereſſen nicht Hand in Hand?“ fragte ſein Sohn. „Fürsiett— und ich wünſche, daß es ſo bleibt.“ „Iſt es denn möglich, daß Ihr an mir zweifeln könnt?“ Keelan ließ wieder ſein gewohntes Kichern hören, das allmählig in ein ſo herzliches Gelächter ausartete, daß ihm Thränen in die Augen traten. „Wenn Ihre unübertrefftiche Mutter Sie noch hören könnte, würde ſie nicht wahrhaftig ſtolz auf Sie werden?“ bemerkte er.„Rumäniſches Blut ſpricht für ſich ſelbſt. Kein Wunder, doß die Häuſer⸗ bewohner ihm nicht gewachſen ſind. Eine Zunge wie die Ihrige vermöchte einen Vogel vom Baum herunterzupſeifen; aber Sie vergeſſen, mein Junge, daß ich mich auch auf's Pfeifen verſtehe.“ Das Geſicht des Lords flammte vor Zornesröthe und vor Wuth über die Demüthigung, welche ihm durch die Worte und mehr noch durch die halb bolu⸗ ſtigten, halb zornigen Worie des Zigeuners zugefügt worden war. „Sie wollen mir alſo nicht glauben?⸗ murmelte er. „Kein Wort— kein Wort von Allem, was Sie ſagten. Können Sie denn nicht warten?“ fügte der alte Mann bei, ſeinen frühern Ton wieder anneh⸗ mend.„Ich kann nicht viele Jahre mehr leben— nicht mehr als fünfzehn oder höchſtens zwanzig Johre, obgleich die Keelans ſehr alt werden,— dann ge⸗ hört Alles Ihnen,— Schloß, Ländereien, Silkber⸗ geſchirr und olles Uebrige.“ „Und die Papiere?“ drängte der Pair aberm S——— S 77 „Und die Papiere,“ wiederholte der Zigeuner,— „dieſe ſind in ſicherer Hand.“ Dieſes Geſtändniß war kaum ſeinen Lippen ent⸗ ſchlüpft, als er ſchon bitter zu bereuen anfing, es gemacht zu haben. Er gewahrte an dem plötzlichen Blitzen der Augen und dem raſch unterdrückten Lä⸗ cheln, daß ſein Sohn errieth, in weſſen Händen ſich dieſelben befänden. „Thut was Ihr wollt,“ rief der Lord im Tone wohlgelungenen Aergers und Mißvergnügens.„Ich werde Euch nicht mehr darum bitten.“ „Wir werden dann nur um ſo beſſere Freunde bleiben,“ bemerkte ſein Vater mürriſch.„Ehe ich ſterbe, werde ich Ihnen ſagen, wo ſie zu finden ſind.“ Dieß wurde durchaus nicht in der Abſicht ge⸗ ſprochen, um ſeinen Sohn dadurch zu täuſchen, oder ihn von der Spur abzulenken,— Keelan wußte, daß derſelbe dazu viel zu viel von der Natur des Blut⸗ hundes beſaß— ſondern bloß deßhalb, um ihm da⸗ durch den Gedanken zu benehmen, daß er ſeinen Verdacht damit erweckt habe. Zu einer ſpätern Stunde des Tags trafen ſich Vater und Sohn wieder in einem der Gehölze, welche die große Domäne umſäumten. Jeder errieth, was in dem Kopfe des Andern vorging. „Es nützt Sie Nichts, mir nachzuſpüren,“ ſagte der Zigeuner,„ich habe die Popiere nicht hier ver⸗ graben.“ Ebenſowenig als an einem andern Ort, ergänzte Lord Alton Towers in Gedanken. Wenn er aber in dieſem Augenblicke ſie in Hän⸗ den gehabt hätte, ſo wäre dieß ſeinem alten, aber 78 nichts weniger als ehrwürpigen Urheber ſeiner Tage theuer zu ſtehen gekommen. „Wie abgeſchmackt, Vater!“ rief er in rumäni⸗ ſcher Sprache aus;„mein Hierſein iſt ganz zufällig. Der Weg iſt einſam und dabei—“ „Ein ganz paſſender Ort zum Nachdenken,“ un⸗ terbrach ihn Keelan. „Allerdings.“ „Ich möchte wohl wiſſen,“ fuhr der alte Mann fort,„ob Sie auch wohl an Hanway dachten, wäh⸗ rend Sie hier ſpazieren gingen?“ „Welcher Teufel veranlaßt Euch, ſeinen Namen zu nennen?“— „Oder an mich?“ „Allerdings dachte ich ſoeben an Euch,“ verſetzte der Pair. Ich wußte, daß dieß der Fall ſei,“ murmelte der Zigeuner pfiffig,„ich wußte, daß dieß der Fall ſei.“ „Hört mich an,“ ſagte der Lord;„wenn auch kein Vertrauen zwiſchen uns beſtehen kann, ſo laßt uns wenigſtens offen gegen einander ſein; wir ſind uns dieß ſelbſt ſchuldig— dem Bande, das uns vereinigt.“ Keelan fing an, ſich etwas unbehaglich zu fühlen. Der Ort, wo ſie ſich begegnet hatten, war ſo abge⸗ legen; ſein Sohn ſprach ſo mild— ja faſt liebevoll — mit ihm. Die Hand des alten Mannes glitt un⸗ willkürlich und faſt unmerklich in ſeine Taſche, in welcher er ſtets ein Meſſer bei ſich führte. „In Betreff der Beweiſe,“ fuhr der Lord fort, „werde ich nicht weiter in Euch dringen. Ich ver⸗ ſprach Euch dieß ſchon heute Morgen und beabſichtige 6 79 mein Wort zu halten. Bleibt im Schloſſe, da es Euer Wunſch iſt.“ „Mein Recht, meinen Sie wohl,“ unterbrach ihn der alte Mann mürriſch:„Allesegehört uns.“ „Alſo Euer Recht,“ wiederholte ſein Sohn,„wir wollen uns um das Wort nicht ſtreiten; aber auch ich habe ein Recht, eine Sicherheit zu verlangen, daß ich im Fall Eures Todes nicht von einer Höhe her⸗ abgeſtürzt werde, die ich durch ſo viele Mübhe und Geduld erreicht habe. Vergeßt nicht, daß Ihr es waret, der mich als Kind auf die erſte Sproſſe der Leiter ſetzte. Iſt es recht, nachdem ich hinaufgeſtie⸗ gen bin, mich davon hinabzuſtürzen?“ „Wer beabſichtigt denn, Sie hinabzuſtürzen?“ fragte ſein Vater ſcharf.„Ich nicht, ſchon um des Jungen willen nicht,“ ſetzte er hinzu—„um des Jungen willen nicht. „Sie brauchen deßhalb keine Angſt zu haben, Miles,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,—„Sie würden nämlich Miles heißen, müſſen Sie wiſſen, wenn Ihre Mutter Sie nicht mit der Tochter der Häu⸗ ſerbewohnerin vertauſcht hätte; und zuweilen meine ich, es ſei Schade, daß ſie dieß gethan hat, denn Sie hätten den Zelten und uns Allen Ehre gemacht. Ich habe Nichts gelernt, aber ich habe in Allem, was ich thue, ſo meine eigene Art. Das Popier, auf das Ihre Mutter,— ich meine nämlich Ihre rechte Mutter— geſchrieben hat, iſt ſicher, ſo lange der alte Mann lebt.“ „Aber wenn Ihr ſterbet?“ „Dann ſollen Sie erfahren, wo und wie Sie 80 dazu gelangen können. Glauben Sie denn, ich würde den Jungen berauben?“ „Ich ſehe ſchon, daß ich mich mit Eurem Ver⸗ ſprechen begnügen muß,“ ſagte der Lord. „Allerdings müſſen Sie es,“ verſetzte Keelan philoſophiſch. „Und wir bleiben Freunde?“ „Ich glaube wenigſtens.“ Beide ſchüttelten ſich gegenſeitig die Hände, wor⸗ auf Lord Alton Towers, der einen der Waldhüter näher kommen ſah, ſich eilig entfernte. „Wenn er es wagen dürfte!“ murmelte der alte Mann, ihm nachblickend,—„wenn er es nur wagen dürfte! Er bildet ſich ein, mich geblendet zu haben. Ha, ha, ha! mich! es wäre d erſtemal, daß das Gänschen die Gans ſchwimmen lehrte; aber es wäre gar nicht übel, inſofern er von den Häuſerbewohnern erzogen worden iſt! Ha, ha, ha!“ Das Kichern, welches ſeine Worte unterbrach, bewies, wie ſpaßhaft dem Zigeuner der Verſuch ſeines Sohnes vorkam, ihn täuſchen zu wollen. Am folgenden Morgen frühſtückte Keelan zu ge⸗ wohnter Stunde im Zimmer der Haushälterin, ſpielte mit dem kleinen Erben, viſitirte die Silberkammer und verließ ſodann das Schloß, um ſeinen gewohnten Spaziergang zu machen. Als er über den grünen Vorplatz ging, nickte er vertraulich dem Lord zu, der hier mit ſeinem Verwalter über Geſchäftsangelegen⸗ heiten ſprach, indem er dieſem mehrere Veränderun⸗ gen, die er vorzunehmen beabſichtigte, bezeichnete. Verwünſcht ſei ſeine Unverſchämtheit, dachte der 81 Pair. Glücklich will ich den Tag preiſen, der mich von des alten Narren Anweſenheit auf immer befreit. In dieſem Augenblicke dachte er entfernt nicht daran, wie bald dieſer Wunſch ihm erfüllt würde, denn er ſollte Keelan nicht wieder ſehen. Doch wir wollen den Ereigniſſen nicht vorgreifen. Der Tag verging und es war für Harris und die Haushälterin eine wahre Erholung, daß der alte Zigeuner nicht mehr erſchien. Wie die Letztere bemerkte, ſo aßen ſie heute ein⸗ mal in Friede zu Mittag. Ihr Herr war eben im Begriff, ſich zur Ruhe zu begeben, als ihm plötzlich einfiel, daß er ſeinen khn Vater ſeit dieſem Morgen nicht wieder geſehen abe. Er ſchellte zweimal, worauf der Küchenmeiſter erſchien. „Hat ſich Mr. Keelan zu Bett begeben?“ fragte er. „Mr. Keelan, Mylord?“ „Ja. „Er verließ das Schloß zur gewohnten Stunde heute Morgen und iſt noch nicht wieder zurückgekehrt.“ „Tölpel!“ rief ſein Herr, in großer Unruhe vom Stuhle aufſpringend;„warum hat man mir dieß nicht ſchon früher mitgetheilt?“ Harris richtete ſich mit der Miene beleidigter Würde auf. Niemals hatte ihn der verſtorbene Lord, der ihm einen Jahresgehalt von ſechszig Pfund ver⸗ macht hatte, einen Tölpel geheißen. Schon ſeit einer Woche war er um ſeine Entlaſſung eingekommen und konnte erwarten, reſpektirt zu werden. „Eure Lordſchaft hat wahrſcheinlich vergeſſen,“ 82 bemerkte er mit einem leichten Ton,„daß den zu Ihrem Hauſe gehörigen Leuten ſchon mehr als ein⸗ mal eingeſchärft worden iſt, den Gewohnheiten und Gebräuchen Ihres Freundes, des Mr. Keelan, keine Aufmerkſamkeit zu ſchenken.“ Ihr Freund verletzte das Ohr des Pairs. Es lag etwas in der kalten Selbſtbeherrſchung des Unter⸗ gebenen, das ihn ſo deutlich, als Worte es vermocht hätten, belehrte, daß derſelbe ſich um ſeine Billigung oder um ſein Mißfallen nichts kümmere. „Der alte Mann muß ſich verirrt haben,“ mur⸗ melte er. „In keinem Falle im Schloſſe,“ ſagte der Haus⸗ hofmeiſter.„Er kennt jedes Zimmer und jeden Ge⸗ genſtand darin,— das Gewicht von jedem Löffel und jeder Gabel,“ ſetzte er mit einem höhniſchen Lächeln hinzu. Lord Alton Towers fühlte ſich ſtark verſucht, den Mann zu Boden zu ſchlagen. „Gehen Sie in das Parkhäuschen, fragen Sie bei den Waldhütern nach, ob ſie ihn geſehen haben, und bringen Sie mir ſo raſch als möglich Antwort. Werden Sie mir gehorchen oder nicht? Auf was warten Sie denn noch?“§ „Um Euerer Lordſchaft Zeit zu laſſen, ſich zu er⸗ innern, daß meine Dienſtverrichtungen auf das In⸗ nere des Hauſes ſich beſchränken,“ bemerkte Mr. Harris. „So ſchicken Sie einen von den Bedienten,“ ſagte ſein Herr. „Sehr wohl, Mylord.“ „Und Sie verlaſſen morgen das Schloß?“ 83³ „Sehr gerne, Mylord!“ verſetzte der Mann. „Nur wünſche ich, das Silbergeſchirr vor Zeugen zu übergeben.“ „Uebergeben Sie es dem Haushofmeiſter.“ „Und Mr. Keelan, wenn er zeitig genug zurück⸗ käme,“ ſetzte der Mann hinzu.„Es wäre mir lieb, wenn ein perſönlicher Freund von Eurer Lordſchaft, auf den Sie ſich verlaſſen können, dabei anweſend wäre; überdieß kennt er jeden einzelnen Artikel ganz genau.“ „Verlaſſen Sie das Zimmer!“ rief ſein Herr, kaum mehr im Stande, ſeine Wuth über die Demü⸗ thigung zu unterdrücken, daß einer ſeiner Domeſtiken ſich herausnehmen konnte, ihn zum Gegenſtand ſeines Spottes zu machen. Der Küchenmeiſter entfernte ſich mit einer Ver⸗ beugung, welche dem Hausweſen eines Herzogs alle Ehre gemacht hätte, obgleich er nur in dem eines einfachen Barons angeſtellt war, und fünf Minuten hernach erzählte er die Unterredung im Zimmer der Haushälterin und der höheren Dienerſchaft. „Ich bin ſtolz auf Sie, Harris,“ ſagte die Haus⸗ hälterin,—„das nenne ich ſprechen wie ein Mann! Ich wünſchte nur, Mylady möchte mir Gelegenheit geben, auch einmal von der Leber weg zu reden; weiter verlange ich nichts.“ „Ich habe meinem Amt in meiner Perſon nicht zu nahe treten laſſen,“ verſetzte der Gegenſtand die⸗ ſev Lobeserhebung beſcheiden,„was der Fall geweſen wäre, wenn ich mich zu Beſorgung eines Auftrags hätte wegſchicken laſſen.“ „Gewiß! gewiß!“ wiederholten ſeine Zuhörer, 84 deren Begeiſterung den Culminationspunkt erreichte, als der Bereiter erklärte, daß ſie keine gemeine Die⸗ ner ſeien! Wahrſcheinlich wollte er wohl„niedere Diener“ agen. 8 Das plötzliche Verſchwinden Keelan's aus dem Schloſſe ſetzte deſſen Sohn in Verlegenheit und Un⸗ ruhe. Was waren ſeine Abſichten?— Waren dieſe feindſelig oder beabſichtigte er bloß, die Beweiſe aus den Händen zu entfernen, welchen er ſie anvertraut hatte, um dieſelben anderswo zu verſtecken? Beab⸗ ſichtigte er zurückzukehren? Dieſe Zweifel waren es, welche ihn beunruhigten, und er verfluchte bitter ſeine Unklugheit, dem alten Mann einen Vorſprung gelaſſen zu haben. „Ich war ein Thor, daß ich nur einen Augen⸗ blick zögerte, murmelte er vor ſich hin,„nachdem ich eine Andeutung erhalten hatte. Martha hat die Papiere— ſie iſt das einzige lebende Geſchöpf, dem er ſie anzuvertrauen wagt.“ Er erinnerte ſich des Berichts, den ihm Hanway über den Auftritt abgeſtattet hatte, von welchem er bei ſeiner Ankunft in dem Lager Zeuge geweſen war, und je mehr er nachdachte, um ſo mehr fühlte er ſich in ſeiner Anſicht beſtärkt. In Begleitung eines ſeiner Bedienten ging er in das Dorf und befahl demſelben, in dem Wirthshauſe Zum Wappen von Alton nachzufragen, ob man von dem alten Mann nichts geſehen habe. Er war gegen Mittag vorübergekommen. Die Londoner Poſtkutſche wechſelte ungefähr eine Stunde ſpäter daſelbſt die Pferde. 85 Als er an den Schlagbaum kam, fand er ſeinen Verdacht beſtätigt. Der Mautheinnehmer erinnerte ſich, daß gerade eine ſolche Perſon, wie der Pair ſie beſchrieb, den einzigen leeren Plaz auf der Außen⸗ ſeite genommen habe. Der Lord kehrte in nichts weniger als gemüth⸗ licher Stimmung wieder um. Um nicht zum zweiten⸗ male das Dorf paſſiren zu müſſen, wo ſein Erſchei⸗ nen um dieſe Stunde zu allerlei Vermuthungen und Klatſchereien Veranlaſſung gegeben hätte, ſchlug er die Straße ein, welche durch die dichtbewaldeten Anpflanzungen ſeines Parkes führte. „Haben Sie es gehört, Mylord?“ fragte der Diener, plötzlich ſtehen bleibend, indem er an den Hut langte. „Was ſoll ich gehört haben?“ fragte ſein Herr, aus irgend einer eben nicht ſehr angenehmen Träu⸗ merei erwachend. „Einen Schuß, Mylord. Noch einen! Die Wil⸗ derer ſind um den Weg. Da iſt ein Kerl, der Zi⸗ geuner Jock, der geſchworen hat, ſich nie lebend fangen zu laſſen.“ „Hat er das?“ murmelte der Poir, auf die Um⸗ ſchließung zulaufend.„Ich wollte nur, ich hätte meine Flinte bei mir.“ Sein Begleiter begnügte ſich mit dem Wunſche, daß er ſich irgend anderswo befinden möchte. Obgleich die Nacht hell war und der Mond ſchien, ſo war es doch unmöglich, Perſonen in der dicht⸗ bewaldeten Mulde, welche die Sprechenden durch⸗ wanderten, außer etwa in gewiſſen Lichtungen, zu unterſcheiden; aber ſelbſt dieſe waren theilweiſe durch 86 hohe Ulmen und rieſige Eichen, das Erzeugniß von Jahrhunderten, beſchattet. Herr und Diener waren noch nicht weit gekom⸗ men, als die Geſtalt eines Mannes haſtig über den engen Pfad lief und in dem Unterholz ſich verlor. Man hörte das Bellen von in der Verfolgung be⸗ griffenen Hunden, die in weniger als einer Minute, gefolgt und angefeuert durch die Waldhüter, er⸗ ſchienen. Ihr Herr ging ihnen entgegen. „Ergebt Euch!“ rief einer derſelben, indem er die Flinte anſchlug. „Es iſt Mylord!“ rief der Bediente;„ums Himmelswillen nicht gefeuert!“ Die Leute trafen gerade zu rechter Zeit ein, um die Hunde zurückzurufen. „Was iſt vorgefallen?“ fragte ihr Herr. „Mallet iſt verwundet worden,“ bemerkte Bertram, der oberſte Waldhüter. „Gefährlich?“ „Ich fürchte, daß es ſo iſt, Mylord; zwei ſeiner Kameraden haben ihn in das Parkhäuschen gebracht. Die Wilddiebe ſind kecker als je, ſie hauſen in den Umſchließungen, daß es wahrhaft grauenhaft iſt. Früher begnügten ſie ſich wenigſtens mit dem Wild, das auf die Pachtfelder ausgebrochen war. Es iſt die alte Bande,“ fügte er bei,„mit dem Zigenner Jack an ihrer Spitze. Einer der Schurken iſt dieſen Weg gelaufen. Ich glaube nicht, daß er entkommen wird, denn ich poſtirte meine Leute und noch einige weitere Wächter in allen Richtungen auf.“ Der Lord deutete nach dem Gebüſch, in welches 87 einer der Flüchtlinge ſich geſtürzt hatte. Sodann wandte er ſich an den Bedienten und befahl dieſem, ſchnurſtracks nach dem Schloſſe zu eilen und noch weitern Beiſtand herbeizurufen. „Ich bin feſt entſchloſſen, Bertram, die Gegend von dieſen Burſchen zu ſäubern,“ ſprach er,„onſt haben wir bald keinen Haſen und keinen Faſanen mehr in unſerem Gehege.“ Ein Flintenſchuß wurde ſo nahe gehört, daß der„ Lord erſchrack. Dem Knall folgten heftige Flüche, und ein Kniſtern in dem Unterholz deutete darauf hin, daß es hier einen Kampf ſetze. Die Waldhüter eilten den Wächtern zu Hilfe und kehrten nach we⸗ nigen Minuten mit einem großen, breitſchultrigen Mann als Gefangenen in ihrer Mitte zurück. Die Arme waren ihm auf dem Rücken zuſammen⸗ gebunden. „Hier iſt er, Mylord,“ riefen Mehrere,—„der Kerk, der auf den armen Mallet geſchoſſen hat.“ „Ich habe auf Niemand geſchoſſen,“ rief der Wil⸗ derer trotzig.„Vergeßt nicht, daß ihr keine Flinte bei mir gefunden habt, und hütet euch ſomit, einem armen Menſchen das Leben wegzuſchwören!“ „Durchſucht ihn; vielleicht finden ſich Beweiſe, welche für die Juſtiz dienlich ſind.“ Mehrere Hände vertieften ſich augenblicklich in die weiten Taſchen des Jagdrocks des Gefangenen, welchen man drei Faſanen und ein paar Ha⸗ en zog. „Man kann ihn alſo wenigſtens wegen Wilderns notiren,“ bemerkte der Pair. „Und wegen Mords,“ ſetze der Oberwächter 88 hinzu, indem er aus einer der Seitentaſchen des Landſtreichers fünf Kugeln und ein Pulverhorn zog. Der Gefangene rief in einem eigenthümlichen ſchrillen Tone mehrere Worte, welche die Hüter nicht verſtehen konnten. Dieſe wurden durch einen Schrei beantwortet, der dem Tone eines Nacht⸗ vogels glich. Lord Alton Towers lächelte; er verſtand ſowohl das Signal als die Antwort. „Führt ihn auf das Schloß,“ ſprach er;„es dürfte nicht ſicher ſein, hier zu bleiben.“ „Man hat keine Flinte bei mir gefunden,“ wie⸗ derholte der Mann ein zweites Mal;„erinnern Sie ſich daran, Mylord, wenn Sie ein Lord ſind.“ „Stillgeſchwiegen! du Schuft!“ ſagte der oberſte Hüter. „Man kann mich wegen des Sprechens nicht hängen laſſen,“ murmelte der Burſche;— ein großer Irrthum ſeinerſeits. Viele Perſonen ſind ſchon gehängt worden, weil ſie die Zunge nicht im Zaume halten konnten. Der Lord und Bertram gingen bis zum Park⸗ häuschen zuſammen, in welches der Letztere, der ſeine Inſtructionen erhalten hatte, eintrat, während ſein Herr den Weg allein fortſetzte. 5 Als die Wächter und die Uebrigen vor dem länd⸗ lichen Gebäude eintrafen, kam eine ältliche Frau, offenbar von Schmerz überwältigt, ihnen entgegen⸗ gelaufen. Es war die Mutter des Verwundeten. „Wie geht es Mallet?“ fragte einer von den Hütern. 89 iſt todt!“ ſchluchzte die Frau händeringend todt!“ Den Wilderer fing es an höchſt unangenehm um den Hals zu jucken. „Iſt dieß der Schurke?“ ſetzte ſie hinzu—„laßt mich an ihn heran— laßt mich doch an ihn heran!“ „Haltet ſie mir vom Leib!“ rief der Landſtreicher, „haltet ſie mir vom Leib!“ Das Entſetzen hatte ſich ſo ſehr ſeiner bemäch⸗ tigt, als er den Tod ſeines Opfers vernahm, daß er kaum zu ſtehen vermochte. „Beruhigen Sie ſich, Sarah,“ ſagte einer der Männer;„er entgeht dem Stricke nicht,— beruhi⸗ gen Sie ſich damit.“ „Das gibt mir meinen Sohn nicht zurück!“ „Aber es iſt doch das Nächſte und Beſte, was unter dieſen Umſtänden geſchehen kann,“ bemerkte einer ſeiner Kameraden. Die Frau ging wieder in das Parkhäuschen zu⸗ rück, um daſelbſt, nicht wie die Außenbleibenden vermutheten, über dem Leichnam ihres Sohnes zu weinen, deſſen Verletzung, wie wir unſern Leſern nicht vorenthalten wollen, nur eine Fleiſchwunde war, ſondern um die zwei Souverain's in Empfang zu nehmen, welche ihr der oberſte Hüter dafür auszahlte, daß ſie ihre Rolle ſo gut geſpielt hatte. Es wird ſich bald zeigen, weßhalb dieſe Täu⸗ ſchung vorgenommen wurbe. Beim Eintreffen in Towers— ſo wurde das Herrenhaus gewöhnlich in der Nachbarſchaft genannt, — wurde der Gefangene in das Zimmer des Haus⸗ Smith, Milly Mohne. v. 7 90 hofmeiſters eingeſperrt, das, weil deſſen Läden und Außenthüre mit Eiſen beſchlagen waren, für das ſicherſte gehalten wurde. Es war aber noch eine zweite Thüre vorhanden, durch die man in ein Ge⸗ mach gelangte, in welchem deſſen gewöhnlicher Be⸗ wohner zu ſchlafen pflegte. Der Landſtreicher hatte ſein keckes, eiſenfreſſeri⸗ ſches, ſorgloſes Benehmen ganz verloren; denn namen⸗ loſe Furcht hatte ſich ſeiner bemeiſtert. Mit furcht⸗ barer Klarheit tauchten die Einzelnheiten einer Hin⸗ richtung, der er beigewohnt hatte, vor ihm auf; jeder Moment davon ging an ſeinem Blicke vorüber, bis ihm zuletzt der Kopf ſchwindelte und aller Muth entſank. „Ich hätte wiſſen können, daß es dahin kommen wird, murmelte er vor ſich hin, ſobald diejenigen, welche ihn gefangen genommen, ſich entfernt hatten. „Die Mutter prophezeihte es, und ihre Worte gingen ſtets in Erfüllung. Ich änderte zwar meinen Na⸗ men, aber dieß hat mich nichts genützt; der Fluch iſt gleich einem Küchlein wieder auf die Aufſitzſtange zurückgekommen! „Wenn nur wenigſtens meine Arme frei wären,“ ſetzte er ungeduldig auf⸗ und abſchreitend hinzu. Nachdem er allmählig ſich mehr geſammelt hatte, fing er an, die Möglichkeit zu berechnen, dem Gal⸗ gen entwiſchen zu können, und dabei gelangte er zu dem Schluſſe, daß ihm nur eine und zwar eine ſehr ſchwache Ausſicht dazu bleibe. Vielleicht hing er ſich aus eben dieſem Grunde um ſo feſter daran. Seine Flinte war nicht aufgefunden worden. „Wenn nur Jinks und Squills ſtandhaft bleiben“ — — —— 91 murmelte er,„dann kann ich vielleicht unter dem Seil durchſchlüpfen; aber es wird ſchwer halten!“ Es war aber auch noch ein anderer Umſtand mit im Spiele, der zu ſeinem Nachtheile in die Wage fiel. Kaled— jetzt Zigeuner Jack,— wußte nicht, daß Lord Alton Towers das rumäniſche Roth⸗ wälſch nahezu, wenn nicht gar ebenſo geläufig wie er ſelbſt ſprach. Dieſen und ähnlichen Gedanken hatte er ſeit etwa einer Stunde nachgehangen, als die Thüre des Zimmers geöffnet wurde, und ſeine zwei Mitgehilfen bei dem Verbrechen von den Hütern hereingebracht wurden, welche dieſelben in dem Augenblicke auf⸗ gegriffen hatten, als ſie damit beſchäftigt waren, die Flinte aus dem Schwanenteich herauszuſiſchen. Derſelbe befand ſich zwiſchen der Umzäumung und dem jungen Gehölz, in welches Kaled, unmittelbar nachdem er den Schuß abgefeuert, ſich verſteckt hatte. „Jetzt iſt es mit uns aus,“ rief er in der Sprache des Stammes, ſobald er die Beiden erblickte. Jinks und Squills ſahen ihn voll Unwillen an. Ihr Ehr⸗ und Pflichtgefühl war, wie der erſtere bemerkte, durch ſeine vermeintliche Verrätherei aufs Tiefſte verletzt worden. „Hol's der Henker,“ ſagte Kaled. Jinks, der noch immer nicht Meiſter über ſein Stottern geworden war, unterbrach ihn mit der Bitte: „er mö— möchte doch um a— alles in der W— welt⸗ willen nichts vom H— Henker ſprechen. Er h— habe einen verſchriebenen W— Widerwillen dagegen.“ So hol es alſo der Teufel,“ fuhr der Land⸗ ſtreicher fort,„wenn Dir dieß beſſer 5u Ich 92 werde deßhalb nicht mit euch ſtreiten. Glaubt ihr denn, daß ich Schuld daran ſei?“ Seine beiden Kameraden erklärten ihm, daß dieß allem Anſchein nach der Fall ſei. „Wie hätten denn ſonſt die Hüter wiſſen kön⸗ nen, wo ſie uns aufpaſſen ſollen?“ fragte Squills. „Ich kann aber beweiſen, daß die Flinte nicht mir gehört.“ „Ebenſo w— wenig als mir,“ ſagte ſein Gefährte. „Wenn wir nur an uns hätten denken wollen,“ bemerkte der Erſtere,„ſo hätten wir leicht entwiſchen können.— Es war thöricht genug, daß wirs nicht thaten.— Wir hörten aber den Ruf, daß wir die Flinte aus dem Schwanenteich wegnehmen ſollen.“ man euch dort aufgegriffen,“ fragte Kaled aſtig. Ein Blick des Unwillens war die einzige Ant⸗ wort, deren man ihn würdigte. „Dann muß Jemand anweſend geweſen ſein, der die rumäniſche Sprache verſtand,“ rief er aus; — eine Behauptung, welche ſeine Zuhörer mit dem Hohnlächeln der Verachtung aufnahmen. „Ich ſage euch, daß dieß der Fall geweſen ſein muß,“ wiederholte er,„und je weniger wir jetzt ſprechen, um ſo beſſer iſt es.“ Da dieſe Vorſichtsmaßregel einigen Anſchein von Grund hatte, ſo wurde ſie befolgt, und was noch weiter auf dem Wege des Streites, des Zweifels oder der Auseinanderſetzung verhandelt wurde, ge⸗ ſchah im Tone des Flüſterns. Nachdem die Hüter ihrer Anſicht nach die Ge⸗ fangenen ſicher im Zimmer des Haushofmeiſters ——— ———— 93 untergebracht hatten, erhielten ſie den Befehl, nach dem Parkhäuschen zurückzukehren. „Entlaſſen Sie die Wächter über Nacht, Ber⸗ tram,“ ſagte der Lord;„morgen früh ſollen dieſelben eine angemeſſene Belohnung erhalten.“ „Sollen wir unter Wegs innerhalb der Umzãu⸗ nung ſtreifen, Mylord?“ „Nein.“ „Oder in dem nördlichen Gehölz?“ „Nein,“ wiederholte ſein Herr mit noch ſtärkerer Betonung als zuvor.„Meine Abſicht geht dahin, die Landſreicher ſo einzuſchüchtern, daß ſie dieſe Gegend gänzlich verlaſſen.“ „Nur einſchüchtern?“ wiederholte der Oberhüter mit einem Blicke des Erſtaunens.„Wer hat je ge⸗ hört, daß dieſes Geſindel ſich einſchüchtern ließ; Eure Lordſchaft würde beſſer daran thun, ſie transportiren zu laſſen.“ Sein Brodherr ſah ihn feſt an. „Haben Sie ſich über irgend etwas auf Ihrém Poſten zu beklagen,“ fragte er. „Durchaus über nichts, Mylord, über nichts!“ rief der Mann haſtig. „Wahrſcheinlich wünſchen Sie alſo denſelben bei⸗ zubehalten?“ „Ich hoffe ſo, Mylord.“ „Sie können ſich nur dann darauf verlaſſen,“ bemerkte ſein Herr,„wenn Sie unbedingt meinen Anweiſungen Folge leiſten. Ich habe meine Gründe, weßhalb ich weber befragt ſein noch Gegenvörſtel⸗ lungen hören will.— Sie verſtehen mich?“ John Bertram zog den Hut ab. 94 „Ich ſehe, daß Sie mich verſtehen,“ fuhr der Pair fort.„Sie werden alſo die Wächter mit dem Verſprechen einer Belohnung für morgen entlaſſen; und, hören Sie! wenn Sie oder einer der Unter⸗ wächter die Gefangenen durch das Gehölz entwiſchen ſehen ſollten, ſo thun Sie dergleichen, als verfolgten Sie ſie, aber hüten Sie ſich, dieſelben einzuholen.“ Lord Alton Towers wandte ſich ab, in der feſten⸗ Ueberzeugung, daß ſeine Inſtructionen befolgt wer⸗ den würden. Eine Stunde ſpäter, nachdem die Dienerſchaft ſich zur Ruhe niedergelegt hatte, trat er in das Zimmer, in welchem die Wilderer eingeſperrt waren. „Hier!“ rief der muthmaßliche Mörder, der, ob⸗ gleich Jahre darüber hingegangen waren, ſeitdem er ihn das letztemal geſehen hatte, den Häuſerbewohner ſogleich wieder bei dem hellen Licht erkannte,— „hier iſt der Mann, der Keelan in den Zelten un⸗ ſeres Stammes beſuchte— der Rumäniſch— ver⸗ flucht ſei die Zunge, die es ihn gelehrt hat,— ſo gut wie wir ſpricht? Seid ihr jetzt überzeugt? Habe ich euch verrathen?“ Squills und Jinks waren zwar überzeugt, aber nichts weniger als durch dieſe Aufklärung befriedigt. „Sie ſind alſo ein Lord! fuhr Kaled fort,— „ſonderbar— ſehr ſonderbar für einen Lord mit einem alten Zigeuner ein Herz und eine Seele zu ſein! Nicht wahr? Ich möchte wohl wiſſen, was das vornehme Volk davon denkt, wenn es dieß erfährt?“ „Es iſt bereits allgemein bekannt,“ bemerkte der Lord in jenem ruhigen Tone, der in der Regel überzeugt. 95 „Er wohnte während der letzten zwei Monaten in dem Schloſſe. Sein Weib war meine Amme.“ Die Geſichter der Gefangenen nahmen bei dieſer Nachricht einen veränderten Ausdruck an. Sie kannten die rachſüchtige Natur des alten Mannes und erin⸗ ſich des Grundes, den ſie ihm hiezu gegeben atten.* „Keelan hat erſt heute Morgen das Schloß ver⸗ laſſen.“ Squills und Jinks fingen hierauf augenblicklich an ihr hartes Schickſal zu bejammern! Was für ein Mißgeſchick dieß ſei! er würde ein gutes Wort für ſie eingelegt haben! Ihr Unglücksgefährte ſchwieg ſtille. Es lag viel von Martha's Schlauheit und Entſchloſſenheit in in ihm. Welcher Art immerhin das Band zwiſchen ſeinem Oheim und dem Eigenthümer von Alton Towers ſein mochte, ſo wußte er wohl, daß Liebe es nicht geknüpft haben könne. Es konnte ebenſo gut Haß ſein. Deßhalb beſchloß er vorſichtig zu beobachten und abzuwarten. „Seine Vermittlung hätte euch nicht viel gedient. Er hat ſehr undankbar gehandelt—“ Squils und Jinks drückten ſich ſehr entrüſtet über eine ſolche Schlechtigkeit aus. Kaled lächelte. „Er hat mir wichtige Papiere geſtohlen. Zwar hat er verſprochen, dieſelben zurückzugeben,“ fügte ihr Beſucher bei,„aber ich traue ihm nicht.“ „Sehr natürlich, Mylord; ſehr natürlich. Ich wollte nur, daß wir frei wären, um ihm für Sie zu Leib gehen zu können!“ 96 „Der Verſuch iſt euch ſchon einmal mißglückt,“ erwiderte der Beſucher. „Und wiſſen Sie auch weßhalb,“ rief Kaled. „Ein Weib half ihm. Ueberdieß kämpften wir da⸗ mals nicht wie wir es jetzt thun würden, mit dem Strick um's Genick und dem Galgen in ſicherer Ausſicht.“ „Es liegt etwas Wahres darin,“ bemerkte der Lord philoſophiſch.„Ihr könnt alle Drei euer Schickſal als ſicher anſehen; die Krone läßt Mördern ſelten Gnade angedeihen.“ Die Gefangenen ſchauderten; mit Ausnahme eines Einzigen gaben alle die Hoffnung auf. Dieſer aber horchte aufmerkſam auf das, was, wie er ver⸗ muthetete, folgen werde. „Ihr könnt von hier nicht entwiſchen,“ fuhr der Lord fort,„wenn ich nicht etwa ſchwach genug ſein ſollte, mich einzumiſchen und euch durchzuhelfen.“ „Wir ſind zu Allem erbötig,“ ſagte Kaled. „Zu Allem,“ wiederholten ſeine Kameraden,— „zu Allem, was Sie von uns verlangen.“ Selbſt Squills kam, in ſeiner Haſt, den Mann, der ihn retten konnte, von ſeiner Ergebenheit zu überzeugen, dießmal über ſein gewohntes Stottern weg. „Wo iſt Martha Hearn?“ fragte der Pair. Die drei Zigeuner antworteten ihm einſtimmig: „in Kotswold.“ „Für den Fall, daß ich euch frei ließe und euch mit den Mitteln zur Flucht verſähe, wünſchte ich, daß ihr euch dorthin begebet und die Ankunft und den Abgang Keelan's überwachet. Große Vorſicht 2* 97 wäre nothwendig, daß er euch nicht früher ſieht, als bis er bei ſeiner Schweſter geweſen iſt. Auf ſeinem Heimwege könnet ihr ihm auflauern und ihm * Papiere abnehmen, vyn denen ich geſprochen abe.“ „Wir wollen dieß.“ „Nur gemach,“ ſagte der Lord.„Welche Bürg⸗ ſchaft könnt ihr mir für eure Treue leiſten?“ Die Gefangenen ſchwiegen ſtille: ſie hatten nichts als Verſprechungen zu bieten und kannten den Werth derſelben nur zu genau. „Ich will es euch ſagen,“ fügte er ſtreng hinzu. „Wohin ihr auch geht, werden ungeſehene Augen euch bewachen, werden Agenten, welche mein Vermögen und mein Einfluß leicht aufbieten kann, euch um⸗ geben. Fürchtet nichts ſo ſehr als das Mißlingen, und vor Allem macht keinen Verſuch, euch des Auf⸗ trags zu entziehen, den ihr übernommen habt. Es wäre dieß das Signal für die Fanghunde des Ge⸗ ſetzes, ihre Hände an euch zu legen. Ihr Griff wäre euer Tod.“ „Und worin beſteht die Belohnung, wenn es uns gelingt?“ fragte Kaled reſpectsvoll; denn der kleinere Spitzbube fühlte ſich klein und demüthig in Gegenwart des größern. „In den Mitteln, das Ausland zu erreichen und fünfzig Guinen für Jeden.“ Nachdem einmal der Zweck offenkundig war, ſo erforderten die Details wenig Umſtände mehr. Der Tag fing bereits an zu grauen, als Lord Alton Towers ſich zur Ruhe legte. Sein Schlummer ſollte aber nicht ununterbrochen bleiben. Lange vor —,—————— S ———— —— 98 ſeiner gewohnten Stunde des Aufſtehens klopfte der Haushofmeiſter an die Thüre ſeines Zimmers, um ihm zu melden, daß die Wilderer auf eine ganz un⸗ erklärliche Weiſe entwiſcht ſeien. Sechsundſechzigſtes Kapitel. Die vier Tage, welche Maſters ſeinem Kunden zugeſtanden hatte, ſich zu entſchließen, ob er die Ju⸗ welen kaufen wolle, waren für denſelben aus irgend einem geheimen Grunde eine ſehr unbehagliche Zeit. Niemals hatten ſeine Gehilfen ihn ſo krankhaft auf⸗ geregt geſehen. Hätte Zahlungsfähigkeit oder Ban⸗ kerott von dem Ausgang abgehangen, ſo hätte er keine größere Unruhe an den Tag legen können. In einem Augenblicke bereute er bitter das Aner⸗ bieten, das er gemacht hatte, und verfluchte die an ſeinem Herzen nagende Habſucht— den brennenden Durſt nach Gold, der, ſtatt geſtillt zu werden, immer mehr zunahm; im nächſten Augenblicke wünſchte er ſehnlichſt, der junge Ausländer möchte ſeine Bedin⸗ gungen annehmen und das Geſchmeide in ein fernes Land verſenden, von wo es nie wieder nach England zurückkehren würde. In all Dieſem lag, wie unſere Leſer wohl be⸗ merken werden, irgend etwas Geheimnißvolles. Wäre es ſeine Abſicht geweſen, zu verhindern, daß dieſe Gegenſtände von Jemand erkannt würden, ſo hätte er ſie zerlegt und die ſeltene, in ihrer Art 99 Faſſung, die ausgezeichnete emaillirte Arbeit — Meiſterſtücke von Benvenuto Cellini's geſchickter Hand, eingeſchmolzen. Der Verluſt hätte höchſtens tauſend Pfund betragen,— keine große Summe für einen Mann von ſeinem Reichthum— wenn er ein Menſch wie andere geweſen wäre; aber Maſters war ein Geizhals, der nur um des Aufhäufens willen aufhäufte. Der Aufwand für ſein Haus, ſeinen Tiſch, ſeine Gehilfen— obgleich dieſe letzteren ihn wenig koſteten — machte ihm viele Sorgen. Selbſt die Ausgaben für die Kleider, die er trug, waren ihm zu groß. Für einen ſolchen Charakter war das freiwillige Opfer von tauſend Pfund eine reine Unmöglichkeit. Viel eher hätte man ihn dahin bringen können, ſeine Seele daran zu ſetzen, um dieſe Summe zu gewinnen. Unglücklicher Weiſe gibt es nur zu Viele in der Welt, die ihm darin gleichen; ehrbar ausſehende Menſchen, wahre Muſter der Sittlichkeit, welche die Huldigung der Welt herausfordern, die ſie auch ver⸗ möge ihres bedeutenden Guthabens bei ihrem Ban⸗ quier erlangen und auf der Börſe in hohem Anſehen ſtehen. Wo der Mammon regiert, ſind Leute dieſer Art geehrt; aber Milde und Barmherzigkeit kennen die⸗ ſelben nicht, denn in den Thränen der Armuth und des Kummers ſehen dieſelben weiter nichts als eben ſo viele Waſſertropfen. Sie vermögen nicht einmal ein freundliches Wort ſu aus Furcht, daſſelbe könnte einigen Werth haben. Am vierten Tage, kurz vor Mittag, trat Alfred 100 Belgioſo in den Laden des Juweliers, deſſen Geſicht bei ſeinem Anblick leicht ſich röthete. „Nun?“ brachte er mühſam hervor. „Ich habe mit meinem Theilhaber Rückſprache genommen, Mr. Maſters,“ ſagte ſein Beſucher,„und bin bereit, den Handel in's Reine zu bringen.“ Der Händler wiſchte mit einem verſchoſſenen ſei⸗ denen Sacktuche den dichten Schweiß von der Stirne. Er trug zwar auch noch ein weißes in ſeiner Taſche, das er aber nur dann zu gebrauchen pfläégte, wenn ariſtocratiſchere Kunden bei ihm einſprachen. „Wann?“ fragte er. „So bald es Ihnen beliebt;— noch heute.“ „Ich habe zu billig losgeſchlagen,“ bemerkte der Juwelier,„die Diamanten ſteigen auf dem Markte.“ „Seit den letzten vier Tagen?— Es iſt auffal⸗ lend, daß ich nichts davon gehört habe.“ „Sie wiſſen, daß ſie mehr werth ſind?“ „Auf dem ſüdamerikaniſchen Markte, ja,“ verſetzte der Italiener, ohne ſich zu beſinnen.—„Sie ſind ein zu erfahrener Geſchäftsmann, als daß Sie ſich einbil⸗ den könnten, ich würde Kapital und Zeit vergebens auf dem engliſchen Markte verſchwenden;— nein!“ ſetzte er feſt hinzu—„und Sie verſtehen dieß.“ Dieß war eine Wahrheit, welche Niemand beſſer kannte, als der Eigenthümer der Gdelſteine. Das Geſchäft war bedeutend. Dieſer Grund und die An⸗ ſpielung auf den ausländiſchen Markt beſtimmten ihn. „Ich habe nicht die Abſicht, mein Anerbieten zurückuziehen,“ bemerkte er.„Ich will die Gegen⸗ ſtände ſelbſt in das Hotel bringen.“ „Um welche Stunde?“ — ůmů—— 101 „Um drei Uhr.“ „Um drei Uhr alſö werde ich Sie erwarten. Das Geld ſoll parat ſein.“ „In Noten!“ rief Maſters haſtig,—„in engli⸗ ſchen Banknoten,— ich kann keinen Wechſel von ſolchem Betrage gebrauchen.“ „In Gold, wenn Sie es wünſchen,“ verſetzte Alfred Belgioſo lächelnd. „Nein; Noten genügen.“ Nach dem Weggange ſeines Beſuchers ſchloß der alte Mann ſeine eiſerne Kiſte auf und fing an, die Juwelen auszupacken. Noch einmal zählte er die Steine an dem Halsbande, die Zahl der Perlen und prüfte den Glanz des Opals ſowie die Schönheit der Emaille. „Es wäre Schade, wenn man es zerſtören würde,“ murmelte er.„Ich gewinne wenigſtens tauſend Pfund durch den Verkauf im Ganzen. Es kann keine Gefahr dabei ſein;— Mutter und Sohn ſind beide todt. Wer ſoll mich zur Rechenſchaft ziehen?“ Der Thor vergaß in ſeinem blinden Vertrauen, daß es eine Hand gibt, in welcher die ganze Welt ruht; die man fühlt, aber nie ſieht, ſelbſt wenn ſie Einen trifft. Punkt drei Uhr erſchien der Juwelier im Weißen Hirſch in Begleitung eines ſeiner Gehilfen. Er hatte ſchon davon gehört, daß Kaufleute in Hotels beraubt und halb ermordet worden ſeien, wohin ſie durch vorgebliche Käufer gelockt worden waren, und deß⸗ halb hatte er aus Vorſicht Stevens mit ſich ge⸗ nommen. Die einzigen Perſonen in dem Zimmer, in wel⸗ 102 ches er gewieſen worden, waren der Italiener und ein klug ausſehender Mann zwiſchen fünfzig und ſechszig Jahren, den ſein Kunde ihm als ſeinen Theilhaber vorſtellte. Ein genauer Beobachter würde ein gewiſſes Zö⸗ gern und eine Art von Reue in dem Benehmen des Mr. Maſters entdeckt haben, als er die Juwelen in ihren Behältern, ein Stück um das andere, aus ſeiner Taſche zog und auf den Tiſch vor ihm legte. „Seien Sie ſo gut und zählen Sie dieſe Noten,“ ſagte Alfred Belgioſo.„Ich will die Waare unter⸗ ſuchen, während dieſer Herr hier die Liſte verliest.“ Da dieſer Vorſchlag ganz in der Ordnung und geſchäftsmäßig war, ſo wurde er ſogleich angenommen. Einer der Theilhaber las die Artikel ab, während der andere von deren Vorhandenſein ſich überzeugte. Der Verkäufer zählte die Noten. Der Italiener und der Händler ſprachen zu glei⸗ cher Zeit das Wort„richtig“ aus. „Ich hoffe, daß die Speculation Ihren Wünſchen entſprechen wird,“ bemerkte der Letztere, nachdem er die unter der Factur angebrachte geſtempelte Quit⸗ tung unterzeichnete. „Sie hat bereits entſprochen!“ rief John Compton, der die Rolle des Theilnehmers ausge⸗ zeichnet geſpielt hatte. Der Juwelier ſah ihn betroffen an. Der Makler zog die Glocke. Auf dieſes Zeichen erſchienen Rich, der wohlbekannte Polizeicommiſſär von Bath, und ein Gerichtsdiener aus Bow⸗ſtreet. Das Geſicht Maſters' verwandelte ſich in aſch⸗ 103 raue Farbe, als er den Erſtern erkannte, und er ank in ſeinen Stuhl zurück.. „Was wollen Sie hier?“ ſtammelte er. So groß war die Gewohnheit und die Rückſicht, die man dem allgemein bekannten Reichthum des zollte, daß Rich den Hut vor ihm abzog. ig thut mir leid, Herr; eine ſehr unangenehme Geſchichte das. Die Sache wird ſich gewiß aufklä⸗ es muß offenbar ein Mißverſtändniß im Spiele ein.“ „Ich habe einen Verhaftsbefehl gegen Sie,“ un⸗ terbrach ihn der Bow⸗ſtreet Officiant,— ein Mann von weit weniger Umſtänden und ganz frei von allem Localeinfluſſe. „Gegen mich?“ ſtammelte der unglückliche Mann. „Weſſen klagt man mich an?“ „Des Complotts und Meineids.“ „Wollen Sie auch noch Diebſtahl hinzufügen?“ ſagte John Compton, zwiſchen den Tiſch, auf welchem das Geſchmeide lag, und den Juwelier tretend.„Es iſt nicht mehr Ihr Eigenthum, wir haben es recht⸗ ſig tiſt und bezahlt.“ „Man hat mich überliſtet! betrogen! Nehmen Sie Ihr Geld; geben Sie mir die Gegenſtände zu⸗ rück— geben Sie ſie mir zurück!“ „Richt für deren hundertfachen Werth,“ bemerkte Alfred Belgioſo. Der Geizhals zerraufte aus Beſchämung und Verzweiflung ſein graues Haar. „Laſſen Sie mich nach Hauſe gehen,“ murmelte er—„laſſen Sie mich nach Hauſe gehen!“ „ 104 „Zuvor muß ich Sie vor die Magiſtrate führen,“ ſagte der Commiſſär. Maſters ſprang mit plötzlicher Energie auf die Beine. Aller Anſchein von Furcht war von ihm gewichen und er ſtand aufrecht und feſt da, als wenn Unſchuld ſein Schild wäre. „Ziehen Sie die Glocke, Stevens,“ rief er aus, „ziehen Sie die Glocke!“ Sein Gehilfe gehorchte ihm mechaniſch. „Ein Glas Branntwein.“ Nach wenigen Minuten brachte William, der wohlbekannte Kellner des Etabliſſements, das Ver⸗ langte. „Sie ſollen dieß bereuen,“ rief der Gefangene, nachdem er das Glas geleert hatte.„Die Anklage iſt ſehr widerſinnig— kein Schatten von Beweis liegt vor. Mein Renommee in Bath iſt bekannt und Sie werden keinen Magiſtrat finden, der Ihnen Gehör ſchenkt.“ John Compton deutete ſchweigend auf die Juwelen. „Sie gehörten mein.“ „Niemand beſtreitet Ihnen dieſes Factum,“ be⸗ merkte der Makler gelaſſen; es handelt ſich um den Preis, den Sie dafür bezahlten!“ „Stevens, ſagte ſein Principal,„gehen Sie zu Mr. Sutch, meinem Anwalt.“ „Und ſagen Sie ihm,“ ſezte der Polizeibeamte hinzu,„er ſolle nach Town⸗hall kommen. Dort werde er ſeinen Clienten finden.“ „Wie es ſcheint, ſoll ich Sie dahin begleiten; aber vergeſſen Sie nicht, mein Herr, daß dieß auf Ihre Gehehr geſchieht.“ 105„ Der Gerichtsdiener von Bow⸗ſtreet lächelte. Dro⸗ hungen dieſer Art waren ihm ſchon zu häufig vor⸗ gekommen. „Ich werde Sie zu Grunde richten,— ich werde—“ „Das Klügſte wäre, wenn Sie ſich ruhig ver⸗ hielten,“ unterbrach ihn der Mann,„ich bin zu ſehr an Dinge dieſer Art gewöhnt, als daß ich mich ſo leicht einſchüchtern ließe. Wenn ein Irrthum im Spiele iſt, ſo wird er ohne Zweifel aufgeklärt wer⸗ den; und was den Punkt anbelangt, daß Sie mich zu Grunde richten wollen, ſo habe ich einen Ge⸗ währsmann.“ „Wen?“ Der Officiant deutete auf den Makler. „Ein Abenteurer! ein Windbeutel! ein Betrüger!“ „Gott ſtehe mir bei!“ rief der Beamte mit einem grinſenden Lächeln;„ich kenne dieſen Herrn ſchon ſeit zwanzig Jahren. Er könnte ganz Bath ankau⸗ fen und nebenbei wäre es ihm eine Kleinigkeit, auch noch eine Unterpfandsſumme für ganz Briſtol auf⸗ zubringen. Es iſt ja Mr. Compton, der große City⸗ mann, der ſein Geld nur nach Millionen zählt.“ Obgleich, wie unſere Leſer vorausſetzen werden, eine große Uebertreibung von dem Reichthum von Pbilipp's Vormund darin lag, ſo war doch das Nennen ſeines Namens ein furchtbarer Schlag für Maſters, der ihn ſeinem Renommée nach kannte. Er ſah ein, daß es bei einem Gegner wie John Compton um keinen leichten Kampf ſich handle. Als M. Sutch nach Town⸗hall kam, war er ſehr Smith, Millo Mohne. v. 8 106 geneigt, die Anklage gegen ſeinen reichen Clienten als eine Bagatelle zu behandeln, und er ſchlug erſt dann einen andern Ton an, als er ſich einem der renommirteſten Advocaten des Tages gegenüberbe⸗ fand. Er war ein ſchlauer kleiner Mann für einen Provincial⸗Practikus und handelte mit einer Umſicht, die einer beſſern Sache würdig geweſen wäre, in⸗ dem er Maſters rieth, kein freiwilliges Geſtändniß abzulegen, nichts zuzugeben oder zu läugnen— außer im Allgemeinen— ehe er ſich Raths erholt habe. Da die Magiſtrate beſchloſſen, den Fall vor die Aſſiſſen zu bringen, ſo iſt es unnöthig, hier auf die Gerichtsprocedur näher einzugehen, bei welcher die Anklage auf Meineid und Complott aufrecht erhal⸗ ten wurde; es genügt vielmehr, zu bemerken, daß es lange dauerte, verwickelt war und ſo viele Stunden darüber verfloßen, daß erſt ſpät am Abende der Be⸗ ſchluß verkündigt werden konnte. „Iſt Ihr Client mit Bürgſchaft verſehen?“ fragte der Mayor. Die Principale der Bank waren zu dieſem Zwecke in Erwartung anweſend. Die Förmlichkeiten wur⸗ den in's Reine gebracht und zwei der reichſten Män⸗ ner in Bath leiſteten mit hoher Summe Bürgſchaft für das Erſcheinen von James Hawes Maſters, Gold⸗ und Fuwelenhändlers, bei den nächſten Aſſiſſen. „Nun,“ ſagte John Compton nach der Rückkehr in den weißen Hirſch,„was halten Sie von der Speculation, zu welcher ich Sie überredet habe?“ Die Frage war an Alfred Belgioſo gerichtet. „Wenn die Ehre von Oliver Brandreth's Mut⸗ 107 ter dadurch wieder hergeſtellt wird,“ verſetzte der letztere,„verlange ich keine zweite mehr zu machen.“ „Edel geſprochen,“ antwortete der alte Mann— „edel geſprochen.“ Mr. Redgrave, der große Londoner Advocat, fand ſich ein, um Glück zu wünſchen, daß der Plan ſo weit geglückt ſei. „Das lebrige wird leicht genug ſein,“ bemerkte der Italiener;„der moraliſche Beweis iſt ſo ſchla⸗ bend und die engliſchen Geſetze ſind ſo gerecht und ündig.“ „Zn der Theorie, mein Herr, in der Theorie,“ verſetzte der gelehrte Mann;„unglücklicher Weiſe haben wir aber geſetzliche Dünſte, durch welche ſelbſt der Scharfſichtigſte nicht immer ſeinen Weg klar zu ſehen vermag. Ich glaube,“ ſetzte er hinzu,„daß ich meinen erſten Gehilfen hier laſſen muß.“ John Compton meinte, daß er ein halbes Dutzend Gehilfen hier laſſen könne, wenn es nöthig wäre. „Ich denke, daß ein einziger genügen ſollte,“ verſetzte Redgrave überlegend.„Ich habe einige Nachfragen hinſichtlich dieſes Maſters angeſtellt und erfahren, daß er reich— ſehr reich iſt.“ „Ich habe Ihnen dieß ja geſagt.“ „Daß die Hälfte des Eigenthums der Stadt als Fauſtpfand in ſeiner Hand iſt.“ „Nun!“ rief der Makler,„was hat dieß damit zu ſchaffen?“. „Dieß iſt der Dunſt, von dem ich mit Ihrem jungen Freunde ſprach und der Sie abhält, klar zu ſehen, wie weit er auf die Frage einwirkt.“ John Compton geſtand, daß dieß der Fall ſei. 8* 108 „Aus den Klaſſen, die in ſeinem Schuldbuche ſtehen, werden gewöhnlich die Geſchworenen gewählt,“ bemerkte der Advocat;„Menſchen bleiben Menſchen und werden durch Freundſchaft, Sympathie und noch mehr durch ihre Intereſſen influenzirt. Es iſt dieß ein trauriges Bild, nicht wahr, aber es iſt deßhalb doch wahr! Wenn es Ihnen gelingen würde, einen Grund für die Verweiſung an einen andern Ge⸗ richtshof aufzufinden,“ ſetzte er flüſternd hinzu,„ſo daß der Fall in London verhandelt würde, ſo ſetze ich meinen Ruf als Advokat ein, daß der Juwelier ſchuldig geſprochen wird.“. Nach einer ſolchen Erklärung bedarf es wohl kaum der Verſicherung, daß der Gehilfe zurückge⸗ laſſen wurde als die klagende Partei die alte Stadt Bath verließ. Unterdeſſen hatte der Juwelier den Beſuch von ſeinem Advokaten erhalten, der eine ſehr heitere Miene machte und mit großem Vertrauen ſprach. „Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Ihnen der beſte Rath zu Theil werden muß, den man ſich für's Geld verſchaffen kann,“ bemerkte er.„Es iſt Schade, daß Redgrave gegen Sie iſt; er wäre ganz der Mann dazu geweſen. Aber Andere ſind eben ſo tüchtig oder wenigſtens faſt eben ſo tüchtig. „Ueberdieß hat ſich die Sache vor ſo langer Zeit ſchon ereignet; kein Geſchworengericht— das heißt, kein vernünftiges Geſchworengericht— würde Sie ſchuldig ſprechen und das Ihrige iſt ohne allen Zweifel Ihnen ſehr freundlich geſinnt. Apropos,“ ſetzte ſein Rathgeber hinzu,„Sie müſſen mir bei einigen von Ihren Schuldnern etwas mehr freie 109 Hand laſſen. Da iſt unter Anderen eine Verſchrei⸗ bung auf Upton.“ „Sollte ſchon ſeit mehr als drei Monaten aus⸗ gelöst ſein,“ ſtöhnte Maſter.„Ich will das Geld bei Heller und Pfennig haben.“ „Nein, nein; Sie ſollten noch etwas länger war⸗ ten,“ meinte Mr. Sutch mild.„Es würde einen ungünſtigen Eindruck auf die öffentliche Stimmung hervorbringen.— Apropos, ehe ich Townchall ver⸗ ließ, ſchrieb ich flüchtig einige Linien an die Local⸗ blätter, in denen ich Ihre Freunde und das Publi⸗ kum aufforderte, ihr Urtheil vorerſt noch zu ſuſpen⸗ diren.“ „Muß dieß bezahlt werden?“ „Das verſteht ſich, lieber Herr. Herausgeber und Cigenthümer von Zeitungen müſſen gleich andern Leuten leben. Wie ſollten ſie ſonſt—“ „Ich will keinen Schilling geben,“ unterbrach ihn der Geizhals heftig.„Was kümmert mich die Meinung— das Urtheil der Welt— das Urtheil des Geſetzes iſt es, das ich fürchte. Ich werde zu Grund gerichtet, an den Bettelſtab gebracht! Falle in meinem Alter dem Mangel und dem Armenhauſe anheim.“ Der Advocat lächelte; er wußte wie unwahr⸗ ſcheinlich das Eintreten eines ſolchen Ereigniſſes war. „Ich will Alles verkaufen! ich will entfliehen!“ „Seien Sie ruhig,“ ſagte ſein Rathgeber,„ſeien Sie ruhig. Ein ſolcher Schritt würde nicht nur Ihren Ruf, ſondern auch Ihr Vermögen zu Grunde richten. Wie hoch berechnen Sie den Verluſt an Ihrem Waarenvorrath allein?“ 110 „Auf Tauſende“— ſeufzte ſein Client,„auf Tauſende.“ „Dann, das Geld auf Pfänder, Verſchreibungen — das unmöglich ſo ſchnelle incaſſirt werden könnte; und vergeſſen Sie nicht, lieber Herr, daß, wenn Sie wegen Ihres Nichterſcheinens des Geſetzanſpruches verluſtig gingen, Sie nicht einen einzigen Schilling erſetzt bekämen.“ „So will ich alſo gerichtlich über mich entſchei⸗ den laſſen.“ „Ich wußte wohl, daß Sie die Sache aus einem richtigeren Geſichtspunkte erkennen lernen würden,“ ſagte Mr. Sutch.„Ich will die nöthigen Schritte zur Vertheidigung thun.“ „Aber die Koſten!— die Koſten!“* „Darüber wollen wir ſprechen, wenn erſt die Gerichtsverhandlung vorüber iſt,“ verſetzte der Erſtere, „unterdeſſen brauche ich nur einen Wechſel, durch welchen ich auf Sie traſſiren kann.“ James Hawes Maſters fand jetzt Gelegenheit, zu erfahren, was das Traſſiren eines Advocaten auf Abrechnung zu bedeuten habe. —— Siebenundſechzigſtes Kapitel. John Compton und der Italiener waren kaum ieder in London zurück, als bereits Gerüchte von den Verhandlungen, bei denen ſie be⸗ kamen. Die Londo⸗ 111 ner Preſſe entnahm ſie den Localblättern, verarbei⸗ tete und vermehrte ſolche Notizen, die nicht geheim⸗ nißvoll genug klangen und lieferte ihren Leſern zu deren Unterhaltung täglich neue und originelle Ver⸗ ſionen. Anfangs wurde der Angeklagte blos mit ſeinen Anfangsbuchſtaben oder als der„bedeutende Juwelenhändler von Bath“ bezeichnet, bis man end⸗ lich, ermuthigt durch das Ausbleiben von Widerle⸗ gung, den Namen ganz abdruckte. „Welch ein Wahnſinn,“ rief Kapitän Brandreth, im Geſpräch über dieſen Gegenſtand mit ſeiner Schweſter,„auf dieſe Weiſe die Geſchichte ihrer Schande wieder in Erinnerung zu bringen, nachdem ſie nahezu von der Welt vergeſſen worden war. Se ſie denn gar nicht daran, daß ſie einen Sohn at?“ „Der ſie aber für unſchuldig hält,“ be⸗ merkte Mrs. Dalton mit Betonung. „Es wäre beſſer geweſen, wenn man ihn in ſei⸗ ner Täuſchung gelaſſen hätte,“ fuhr der Kapitain bitter fort;„die Erinnerung an ſie wäre dann zwar ſchmerzhaft geweſen, aber ſo, wie die Sache jetzt ſteht, häuft ſie auch noch neue Schande auf uns.“ „Welche Folgen wird aber die Sache bei Dir haben, Georg, wenn ſie freigeſprochen werden ſollte?“ fragte ſeine Schweſter, indem ſie ihre Hand auf ſei⸗ nen Arm legte und ihm ernſt ins Geſicht blickte, „Reue und Gewiſſensbiſſe als Strafe!“ „Ich fürchte dieß nicht,“ lautete die Antwort. „Das heiße ich nicht ſprechen, wie es Dir ge⸗ ziemt,“ bemerkte Mrs. Dalton betrübt,„nicht, wie es dem Bruder geziemt, wie ich ihn ſonſt kannte. 112 Würde ich Dich nicht beſſer kennen, ſo möchte ich faſt daran zweifeln, daß Du ſie je wahrhaft geliebt haſt.“ „Der Kummer, der fortwährend an meinem Le⸗ ben nagt,“ bemerkte der unglückliche Gatte,„wider⸗ legt einen ſolchen Argwohn. Ich ſollte ſie nicht ge⸗ liebt haben!“ wiederholte er;„der Himmel weiß, wie innig mein Herz ſie verehrte. Als Mann mußte ich mich faſt der bittern Thränen ſchämen, die ich über ihren Fall vergoſſen habe; wäre nur ein Zwei⸗ fel an ihrer Schuld, ja ſelbſt nur ein Schatten von Möglichkeit übrig geblieben, daß die Sache ſich an⸗ ders verhalten könne, ſo hätte ich dieſen Umſtand geſegnet und mich an denſelben geklammert. Aber dieß war nicht der Fall,“ ſetzte er hinzu,„denn ich prüfte die Zeugenausſagen und wog in der Schaale der Vernunft, Wahrheit und Gerechtigkeit Alles ſorg⸗ fältig ab, bis die ſchmerzliche Ueberzeugung ihres Verbrechens ſich unauslöſchlich meinem Geiſte ein⸗ prägte. Du kannſt dieſe nicht erſchüttern. Sprich nicht mehr von ihr; es martert mich und raubt mir alle Kraft.“ „Arme Adelaide!“ murmelte Mrs. Dalton;„ſo hart beurtheilt, ſo grauſam gerichtet.“ Es befand ſich aber noch eine andere Perſon in der Villa, auf welche die Nachricht, daß der Juwe⸗ lier von Bath wegen Meineids und Complotts vor Gericht citirt worden ſei, wie ein electriſcher Schlag wirkte und deren jahrelang gehegte Sicherheit er⸗ ſchütterte. Es war dieß Mademoiſelle Marelle, welche die wichtigſte, obgleich allem Anſcheine nach zurückhaltendſte Zeugin gegen Mrs. Brandreth ge⸗ 113 weſen war. Eine Unterſuchung nach ſa vielen Jah⸗ ren eingebildeter Sicherheit erſchreckte ſie. Die ſchlaue Franzöſin war erfahren genug, um zu wiſſen, daß dieſelbe Täuſchung ſelten zweimal ge⸗ lingt. Das Mährchen, welches das erſtemal unbe⸗ anſtandet und ohne Argwohn hingenommen wird, wird Pei einer Wiederholung ſo geprüft und analy⸗ ſirt, daß deſſen Widerſprüche zum Vorſchein kommen. Sie hatte eine zu hervorragende Rolle in dem trauri⸗ gen Drama häuslichen Elends geſpielt, als daß ſie hätte vorausſetzen können, dießmal als Zeugin ver⸗ ſchont zu werden; und der Muth, mit welchem ſie ſeit Jahren den Jammer in der Familie, der ſie ſo viel verdankte, mit angeſehen hatte, während ein einziges Wort aus ihrem Munde aller Trübſal und allem Verdachte ein Ende hätte machen können, war zum erſtenmale erſchüttert. Mademoiſelle Marelle war ſchon lange unab⸗ hängig, und ſo beſchäftigte ſie der Gedanke, es wäre endlich die Zeit gekommen, ihre Tage in Frankreich zu beſchließen. Auf unſern Helden machten die Artikel in den Journalen den Eindruck der Hoffnung, des Triumphs und Kummers. Hoffnung und Triumph entſprangen aus der feſten Ueberzeugung, daß der Name ſeiner Mutter gereinigt werden würde,— der Kummer, daß er, ihr Sohn, nicht das Werkzeug des letzten Actes der Genugthuung ſei. In einem Zuſtande peinlicher Aufregung eilte er nach John Comptons Comptoir in der City; nicht um dieſen zu tadeln— das verbot ihm die Dank⸗ „ 114 barkeit—, ſondern um Vorſtellungen zu machen und zu bitten. Der würdige Makler hörte ſeine abgeriſſenen, bewegten Worte mit Theilnahme und unter Still⸗ ſchweigen an. „Seien Sie ruhig, Oliver,“ ſprach er,„ſeien Sie ruhig.“ „Ich ſoll ruhig ſein,“ wiederholte der junge Mann,„wenn mein Geburtsrecht, mein Privilegium, die Ehre meiner mißhandelten Mutter zu vertheidi⸗ gen, Anderen übertragen wird? Hätte ich mich ihrer Liebe unwürdig gezeigt, ſo würde mich die Sache vielleicht nicht ſo ſehr geſchmerzt haben! Sie wer⸗ den mich für ſchwach halten,“ fuhr er fort, die Thränen des Stolzes und verwundeter Liebe ab⸗ wiſchend,—„für kindiſch reizbar vielleicht. Ich kann nichts dafür. Es iſt hart, den Traum meines Le⸗ bens durch Andere ausgeführt zu ſehen.“ „Darin ſind Sie ungerecht,“ bemerkte der alte Mann freundlich,„ungerecht gegen ſich ſelbſt. Ohne Ihre Hülfe wäre Mrs. Brandreth niemals im Stande geweſen, das ſchändliche Complott, das Rachſucht und getäuſchte Habſucht gegen ſie geſchmiedet hat, zu beweiſen.“ „Kann ſie es denn jetzt beweiſen?“ rief unſer Held. „So klar, daß kein Zweifel mehr übrig bleiben kann,“ verſetzte John Compton feierlich. „Gott ſegne Sie, mein Herr,— ach, Gott ſegne Sie für dieſe Worte! Warum werde aber ich nicht in das Geheimniß eingeweiht? Bin ich nicht ihr Sohn?“ 115⁵ „Sie haben Ihre Frage ſelbſt beantwortet,“ be⸗ merkte ſein Freund.„Eben weil Sie ihr Sohn ſind und das Ihrer Mutter zugefügte Unrecht ſo tief fühlen, wie nur ein Sohn es vermag; weil der Ent⸗ ſchluß der Mrs. Brandreth, nicht eher aus ihrer Zu⸗ rückgezogenheit herauszutreten, bis ihr Ruf gänzlich wieder hergeſtellt iſt, unwiderruflich bleibt. Ich habe mir die äußerſte Mühe gegeben, ihn zu erſchüttern, aber vergebens.“ „Wenn ſie nur eine Ahnung von der Qual hätte, die ſie dadurch verurſacht,“ bemerkte ſein Freund. „Der Gedanke, daß ſie in meiner Nähe iſt: daß eine Stunde— wenige Minuten vielleicht— mich zu ihr führen könnten, zehrt an meinem Leben!“ „Sie denkt nur an die ſchmerzliche Trennung, wenn ihre Hoffnungen getäuſcht würden,“ ſagte John Compton. „Sie müſſen ſie alſo geſehen haben?“ „Ja. „Und Alfred?“ „Er traf ſie einmal in dieſem Zimmer,“ verſetzte der Makler ausweichend,„aber ohne zu wiſſen, daß ſie Ihre Mutter iſt.“ „Hier!“ rief unſer Held, ſich umblickend,„vielleicht auf demſelben Stuhle ſitzend, auf welchem ich mich befinde. Sie hat kein Recht,“ rief er tief bewegt, „mich von ihrem Anblick auszuſchließen, mir ihre Liebe zu entziehen; denn ſie gehört mir vermöge des Geſetzes der Natur— der Erbſchaft, welche Gott mir verlieh, als er ſie zur Mutter eines Kindes machte. Es iſt grauſam, höchſt—“ „Es iſt Ihre Mutter, von der Sie ſprechen!“ 116 5 unterbrach hn ſein Freund bedeutungsvoll,„Ihre Mutter!“ „Der Himmel vergebe es mir!“ ſeufzte der Jüngling. Die ſieberiſche Ungeduld des Herzens, welche ſtarke Gemüthsbewegungen gewöhnlich in der Ju⸗ gend hervorbringt— das Alter iſt in den Stunden der Prüfung geduldiger—, trieb Oliver Brandreth nach Richmond, wo Iſabella gerade bei Bianca zum Beſuch war. In der Trübſal geht nichts über weibliche Theil⸗ nahme; keine Stimme thut dem verwundeten Ge⸗ müthe ſo wohl oder weiß Worte des Troſtes halb ſo ſanft anzubringen. Das liebevolle Mädchen küßte die Thränen weg, über welche ihr Liebhaber faſt ſich ſchämte, und machte ihm über ſeine Ungeduld ſanfte Vorwürfe. „Warte,“ flüſterte ſie ihm ins Ohr;„die dunkelſte Nacht muß vergehen, und auf den heftigſten Sturm folgt Sonnenſchein.“ „Du vergißſt die Verwüſtung, die er angerichtet hat,“ bemerkte unſer Held traurig.„Ungewißheit iſt das ermüdendſte aller Uebel. Sind Sie nicht auch dieſer Anſicht, Miß Lacy?“ Die ſo plötzlich angeredete Dame fuhr krampfhaft zuſammen und murmelte einige Worte von Geduld. „Immer daſſelbe Wort— immer daſſelbe Wort. Jedermann predigt Geduld und niemand übt ſie.“ „Still!“ ſagte Iſabella verweiſend.„Du haſt keine Ahnung von der Standhaftigkeit unſerer guten, ſanften Freundin. Ich war in Augenblicken des Duldens um ſie und Zeugin davon.“ — 117 „Verzeihen Sie mir, meine theure Miß Lacy,“ rief der junge Mann, indem er ihre Hand ergriff und an ſeine Lippen drückte;„mein Ungeſtüm hat Sie erſchreckt.“ „Er hat mich geſchmerzt,“ murmelte der Kranke, —„er hat mich geſchmerzt! Es iſt etwas Trauriges darum, Zeuge eines Kummers zu ſein, welchen zu lindern wir keinen Balſam beſitzen.“ Die Zeit iſt entweder ein muthiges Roß oder eine höchſt träge Mähre, je nachdem Ungeduld oder Angſt ſie lenken. Dem Helden unſerer Geſchichte kam der Monat, welcher auf die Nachricht von der Verhaftung des Juweliers in Bath folgte, als der längſte in ſeinem Leben vor; Mademoiſelle Marelle erſchien er als der kürzeſte, obgleich ſie vollauf zu thun hatte, die Erſparniſſe ihres Lebens zu ver⸗ werthen und dieſelben der Sicherheit wegen nach Frankreich zu übermachen. Ihr Wunſch, denſelben nachzufolgen, ging nicht ſo leicht in Erfüllung, wie ſie gemeint haite. Der ſchon ſo lange vorhergeſehene Schlag ſiel endlich in Form eines zweifachen Befehls, unter An⸗ drohung von Strafe, vor Gericht zu erſcheinen und bei der bevorſtehenden Unterſuchung Zeugſchaft zu leiſten. Von Seite des Klägers ſowie von der der Vertheidigung war ſie vorgefordert, und die vorſich⸗ tige Franzöſin beſchloß durch eine eilige Flucht aus England beiden eine Naſe zu drehen. Ihre Anſtal⸗ ten waren bald getroffen und die Stunde nahe, ihren Plan in Ausführung zu bringen. Schon ſeit mehreren Nächten hatte der Polizei⸗ mann, in deſſen Revier der Theil von Regents⸗Park 118 gehörte, in welchem die Straße parallel mit Kapitän Brandreths Garten lief, ein paar Straßenjunge vom ächten Londoner Schlag bemerkt, welche hier herum⸗ lungerten. Die Beharrlichkeit, mit welcher ſie die⸗ ſen Platz behaupteten, erweckte ſeinen Verdacht, ſo daß er ſie mehrmals wegwies; aber vergebens. Die magiſchen Worte„Packt euch“ ſchienen keinen Ein⸗ fluß auf dieſelben zu üben, denn wenn ſie ſich auch entfernten, ſo geſchah es nur ſo lange, bis er ihnen den Rücken gewendet hatte, und er durfte darauf rechnen, ſie immer wieder zu finden. Der Verdacht des nächtlichen Wächters wurde dadurch erregt, und derſelbe beſchloß, die Knaben zu beobachten. Auf den Befehl„Packt euch“ hatten die jungen Burſche ſich in den Schatten eines prächtigen Linden⸗ baums, gerade der Villa gegenüber, zurückgezogen, wo ſie mit großer Aufmerkſamkeit und augenſchein⸗ lichem Intereſſe die Bewegungen eines Lichtes hinter einem der obern Fenſter beobachteten. „Siſt wieder weg, Bob,“ bemerkte der eine. „Vielleicht in ein anderes Zimmer gegangen,“ verſetzte ſein Kamerad nachdenklich. Du wohl, daß es heute Nacht los geht?“ „Ich hoffe nicht, Fitz— ich hoffe nicht.“ „Warum?“ „Weil das Geſchäft einträglich iſt,“ antwortete der Burſche,„und prompt bezahlt wird“ „Iſt dieß wirklich der Fall?“ rief eine rauhe, entſchloſſene Stimme in höchſt unangenehmer Nähe. In demſelben Augenblicke legte ſich die Hand 119 des Polizeimanns auf die Rockkrägen der jugendlichen Sprecher, der ohne Zweifel der Anſicht war, einen ausgezeichneten Fang gemacht zu haben. Zu ſeinem großen Aerger und Verdruß brachen aber die Ge⸗ fangenen in ein herzliches Gelächter aus. Verhärtete Strolche, dachte ihr Einfänger,— verhärtete Strolche, die nicht zum erſtenmale in einer ſolchen Lage ſind. Er irrte ſich aber; weder Bob noch Fitz waren je zuvor in Conflikt mit der Polizei gerathen. „Ihr müßt mit mir kommen,“ ſprach er. „Dummheit, Voppy— Dummheit!“ verſetzte der“ Aeltere. „Zeig es ihm,“ ſetzte ſein Kamerad hinzu;„er iſt ein Neuling— ein Grüner! ich ſehe dieß an ſei⸗ nem Backenbart!“ Das Lachen, ſowie der beleidigende Spitzname „Boppy“ und die Anſpielung auf ſeinen Backenbart — auf welche Haargezierde er ſich viel zu gut that — erregten den Zorn des Polizeimanns, der, wenn nicht ſeine beiden Hände in Anſpruch genommen ge⸗ weſen wären, ſich ſehr verſucht gefühlt hätte, von ſeinem Stabe Gebrauch zu machen. Dieß war aber unter den jetzigen Umſtänden nicht möglich, und ſo begnügte er ſich damit, beide Knaben tüchtig zu ſchütteln. „Nun, wollt ihr mit mir kommen?“ fragte er. „Sie ſind doch ein köſtlicher Menſch!“ rief Bob; „ſehen Sie denn nicht, daß wir im Dienſte ſind?“ „Im Dienſte?“ „Ja. Von Shields.“ 120 Dies war der Name von einem der renomirte⸗ ſten Entdeckungsofficianten damaliger Zeit. „Warum zeigtet ihr mir eure Karten nicht?“ fragte der Mann zweifelnd. „Warum ließen Sie uns keine Zeit, ehe Sie uns faſt die Seele aus dem Leib herausſchüttelten?“ fragte der Knabe patzig.„Aber das iſt ſo die Art von euch rauhen Landfäuſten und daher kommt es auch, daß wenn es etwas Wichtiges zu thun gibt, man euch nichts anvertraut.“ „Was nützt dieſes alles?“ bemerkte Fitz gelaſſen. „Zeig' ihm die Karte.“ Der ältere Knabe zeigte eine Karte vor, auf welcher ein Zeugniß geſchrieben ſtand, das von Shields und dem Oberaufſeher der Polizei unter⸗ zeichnet wat, um nöthigenfalls vorgewieſen werden zu können. Ihr Einfänger las daſſelbe beim Lichte ſeiner kleinen Handlaterne, worauf er ſie augenblick⸗ lich frei ließ. „Das hättet ihr mir ſogleich ſagen können,“ mur⸗ melte er. „Wir theilen nicht jedem Maulaffen unſer Ge⸗ ſchäft mit,“ bemerkte Bob mit komiſchem Ernſt. „Swäre nicht gut, wenn wir's thäten,“ ſetzte ſein Kamerad mit einer Grimaſſe hinzu. Der Polizeimann war in der That nicht Willens, länger zum Stichblatt der beiden Knaben zu dienen und ging unwillig ſeines Wegs. Dieſe blieben bis zum Morgen auf ihrem Lauer⸗ poſten. Eben als der Tag zu grauen anfing, kam ein Cab die Straße herabgefahren und der Führer hielt, . te c⸗) ein elt, 121 nachdem er ſorgfältig die Nummern und die Namen der Villa's ſich beſehen hatte, wenige Schritte vor der Wohnung des Capitän Brandreth an. „Mach' daß Du fort kommſt,“ ſagte Fitz„jetzt geht's los,“ Bob entfernte ſich eilenden Schritts. Der Mann wartete nahezu eine Stunde, ehe die Perſon, welche ihn beſtelit hatte, erſchien. Wir brauchen wohl kaum zu ſagen, daß dieß Niemand als die Franzöſin war. Sie brachte einen großen Reiſeſack mit ſich, der ihre beſten Kleidungsſtücke enthielt. Der Cabführer hatte einige Mühe, denſelben auf das Dach ſeines Gefährts zu bringen. „Vielleicht kann der Knabe hier Ihnen helfen,“ bemerkte Mademoiſelle Marelle. Wie ſich von ſelbſt verſteht, ſo hatte der Junge nichts dagegen einzuwenden, einen Schilling zu ver⸗ dienen,— für ihn war alles Fiſch, was in ſein Netz kam; überdieß wurde er durch ſeine ſcheinbare Ungeſchicklichkeit in die Lage verſetzt, das Wegfahren um einige Secunden zu verzögern. Endlich war das Werk gethan und die Münze in den Sack geſteckt.* „Alles in Ordnung!“ rief Bob, der faſt athem⸗ los auf ſeinen Kameraden zugelaufen kam. Der Fuß der Flüchtigen ſtand bereits auf dem Tritt des Cabs, als dieſe Worte ihr Ohr trafen, welche ſie veranlaßten, ſich umzuwenden und zu fra⸗ gen, was„alles in Ordnung“ ſei. Eine ſanfte Berührung ihrer Schulter trieb ihr Smith, Milly Moyne. V. 6 122 das Blut nach dem falſchen Herzen. Ein großer Mann mittlern Alters, deſſen entſchloſſenes Geſicht und eigenthümliche Art von Anzug ſeinen Beruf andeuteten, antwortete ihr: „Der Knabe meint, daß ich rechtzeitig hier ein⸗ getroffen ſei, um vor Ihrer Abreiſe noch einige Worte mit Ihnen ſprechen zu können.“ „Mit mir? Sie irren ſich! Ich kenne Sie nicht.“ „So erlauben Sie mir, mich Ihnen ſelbſt vor⸗ zuſtellen. Mein Name iſt Shields.“ „Der Polizeiofficiant!“ rief der Führer.„Ich laſſe mich hängen, wenn ich dieß nicht gleich dachte.“ Für ſeine Mietherin war dieſe weitere Aufklärung kaum nöthig, um zu wiſſen, in weſſen Hände ſie efallen war. „Still geſchwiegen!“ befahl der Entdeckungsoffi⸗ ciant.„Hüten Sie ſich aus meiner Anweſenheit irgend einen präjudicirlichen Schluß in Betreff dieſer Dame zu ziehen.“ Der Cabführer warf den Knaben einen Blick u, der kaum mißverſtanden werden konnte. „Geſtatten Sie mir auf einige Minuten das Vergnügen einer Unterredung unter vier Augen mit Ihnen,“ fuhr der Policiſt fort, indem er Mademoiſelle Marelle mit ausgeſuchteſter Höflichkeit den Arm bot. Die Franzöſin nahm denſelben mechaniſch an, und ſie entfernten ſich ſo weit, daß man ſie nicht mehr hören konnte. „Sie ſtehen im Begriff, England zu verlaſſen,“ ſagte Mr. Shields,„und zwar in einem Augenblick, in welchem Ihr Zeugniß bei einem ſehr wichtigen Gerichtsfall durchaus nothwendig iſt.“ 123 „Ich— ich weiß nicht, von was Sie ſprechen,“ verſetzte die Gouvernante; Sie müſſen ſich irren.“ . haben einen Gerichtsbefehl erhalten?“ „Nein.“ „Das iſt die erſte Lüge,“ bemerkte der Mann kaktblütig.„Ich überbrachte Ihnen denſelben in Perſon, um ſie von Angeſicht zu ſehen, damit ich Sie wieder erkennen würde.“ „Was thut dieß, wenn es auch der Fall war?“ fragte die Franzöſin, die einigermaßen wieder Faſſung und Muth gewonnen hatte.„Dieß verleiht Ihnen kein Recht, mich zurückzuhalten; ich kann zur Zeit wieder zurück ſein.“ „Ein Gerichtsbefehl wirkt allerdings nicht ſo weit, das gebe ich zu.“ Mademoiſelle Marelle fing wieder an freier auf⸗ zuathmen. „Aber ein Verhaftsbefehl hat dieſe Kraft.“ 8 Das Frauenzimmer wiederholte langſam dieſes ort. „In Folge einer Anklage auf Meineid und Com⸗ plott. Es nützt Sie nichts,“ fuhr der Entdeckungs⸗ beamte fort, ſie mit kalter Verachtung fixirend,„bei mir die beleidigte Unſchuld zu ſpielen und Erſtaunen oder Unwillen zu zeigen; ich bin an alles dieß ge⸗ wöhnt, und weiß die Sache nach ihrem wahren Werthe zu würdigen. Seit den letzten ſechs Wochen waren die Augen meiner Agenten beſtändig auf Sie gerichtet, begleiteten Sie von Kapitän Brandreth's Wohnung zu den Courtiers, von den Courtiers auf die Bank. Soll ich Ihnen auf den Sn hin 124 den Betrag der Summen nennen, die Sie nach Paris übermacht haben? Das Datum, den Namen der Firma, durch welche es in franzöſiſchen Fonds angelegt wurde?“ Die Flüchtige ſchien von Entſetzen überwältigt, rang die Hände und zog ihre Börſe hervor, die ſie erne dem Officianten angeboten hätte, wenn er ihr zu entwiſchen geſtatten wollte. „Stecken Sie Ihr Geld ein,“ ſagte der Mann. „Ich habe ein Amt, das mich nährt.“ „Was wollen Sie mit mir anfangen?“ rief die Franzöſin.„Sie werden doch nicht ſo grauſam ſein, mich in's Gefängniß führen zu wollen?“ Mr. Shield's vermochte ein ruhiges Lächeln nicht zu unterdrücken, indem eine Bitte dieſer Art an ihn ihm gar zu poſſirlich vorkam.* „Ich habe ſchon manches beſſere Frauenzimmer arretirt, die ſpäter gehenkt worden iſt,“ verſetzte er. „Beruhigen Sie ſich aber, ich beabſichtige jetzt nicht, Sie zu verhaften; überhaupt hängt es von Ihnen ab, ob ich Sie je nur zu verhaften habe.“ „Mon Dieu! comme je vous— „Sprechen Sie Engliſch, rathe ich Ihnen,“ unter⸗ brach ſie der Officiant ſtreng,„ich verſtehe nichts von Ihrem ausländiſchen Jargon.“ „Wie Sie wünſchen,“ ſtammelte Mademoiſelle. „Ich dankte Ihnen nur.“ „Sie dankten mir,“ ſagte der Entdeckungsofficiant trocken,„dieß ſchadet keineswegs etwas. Wenn ich Sie freilaſſe, ſo müſſen Sie ſich im Laufe des Tags zwiſchen Zwölf und Ein Uhr in dem Bureau des 125 Procurators Meredith ſtellen. Hier iſt die Adreſſ — Nro. 15, Pumpeourt im Temple. „Ich werde mich einfinden.“ „Pünktlich?“ „Bei meiner Ehre.“ „Bei was?“ fragte Mr. Shields verächtlich. „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Alſo bei meiner Furcht,“ verſetzte die Franzöſin tief verletzt. „Jetzt ſprechen Sie vernünftig,“ verſetzte der Mann.„So kann ich Sie verſtehen. Wenn Sie nicht um Ein Uhr dort ſind,“ ſetzte er mit einer abſichtlich angenommenen Strenge hinzu, um ſie ein⸗ zuſchüchtern,„ſo verhafte ich ſie um Zwei Uhr. Wir verſtehen einander hoffentlich? „Oh! vollkommen! vollkommen!“ ſtammelte die Gouvernante. Seine frühere Höflichkeit wieder annehmend bot ihr der Entdeckungspfficiant den Arm und führte ſie an die Stelle zurück, wo das Cab noch immer wartete.. „Die Dame hat ſich anders beſonnen,“ ſprach er,„und will dieſen Morgen die Stadt nicht verlaſſen.“ „Das dachte ich mir gleich, als ich Sie kommen ſah,„murmelte der Führer mit grinſendem Lächeln. „Nehmen Sie das Gepäck nur wieder herab.“ Während der Cabführer dies bewerkſtelligte, wechſelte er fortwährend Blicke des Einverſtändniſſes mit den beiden Knaben. „Noch ein Wort, ehe wir uns trennen,“ flüſterte Mr. Shield's in das Ohr der gefoppten Flüchtigen; „Die Villa wird Tag und Nacht bewacht werden; 126 wohin Sie ſich auch wenden mögen, werden meine Agenten Sie nicht aus den Augen laſſen. Sollten Sie einen Fluchtverſuch wagen, ſo bringe ich den Verhaftbefehl in Ausführung. Vielleicht wünſchen Sie denſelben zu ſehen?“ fügte er bei, indem er das Papier aus der Taſche zog. „Nein, nein! ich begnüge mich mit Ihrem Worte, mein Herr.“ Der Ofſiciant verbeugte ſich ironiſch. Als Mademoiſelle einige Stunden ſpäter am Frühſtücktiſche erſchien, wurde die Bläſſe ihres Ge⸗ ſichtes allgemein bemerkt und Mrs. Dalton fragte ſie gutmüthig, ob ſie ſich unwohl fühle. „Etwas Kopfweh,“ antwortete die Heuchlerin gelaſſen,„weiter nichts.“ Kapitän Brandreth glaubte, daß nur ihr Wider⸗ willen gegen eine Zeugſchaftleiſtung, zu welcher Ge⸗ wiſſenspflicht und Wohrheitsliehe ſie bei der bevor⸗ ſtehenden Gerichtsſitzung zwingen würden, Urſache ihrer Unpäßlichkeit ſei, und ſeine Achtung vor der Gouvernante nahm wo möglich noch zu. In einem Punkte hatte er vollkommen Recht— ihr Wider⸗ wille war ohne Verſtellung. So weit es ſich aber um die Gründe handelte, ſo wird die Zeit dieſelben aufklären. Es hatte kaum zwölf Uhr geſchlagen, als die Franzöſin in das Privatzimmer des Mr. Meredith eingeführt wurde. Einige Stunden Nachdenken hatten ihr— Muth kann man nicht ſagen, indem ein ſchlechtes Gewiſſen dieſen ſelten faßt,— Entſchloſſen⸗ heit verliehen, nachzufragen, aus welchem Grunde * 8S 8 S — 127 ihr das freie Handeln unterſagt und ein Verhafts⸗ befehl gegen ſie erlaſſen worden ſei. Der Advocat, John Compton und der Serjeant (Anwalt) Billing, der große Kriminalrechtsgelehrte, ſaßen alle drei an einem Tiſche mit der Unterſuchung von Popieren beſchäftigt, als die Dame angekündigt wurde. Kaltblütig und entſchloſſen, dachte der Makler, indem er ſie ſcharf muſterte. Die Männer des Geſetzes gelangten im Stillen zu demſelben Schluſſe. Der Schreiber ſchob der Dame ſtillſchweigend einen Stuhl hin und entfernte ſich. „Ich ſetze voraus, meine Herren, daß Sie meinen Beſuch erwarteten,“ bemerkte Mademoiſelle im ſanf⸗ teſten Tone. „Wir ſind dadurch im mindeſten nicht überraſcht,“ verſetzte Meredith. „Und wahrſcheinlich ſind Sie auch bereit, mir Auftlärung über etwas zu geben, was für den Augenblick als ein ganz unbegreifliches, höchſt auf⸗ fallendes Geheimniß erſcheint. Man beſchränkt mich in der Freiheit meines Handelns.“ „Wahrſcheinlich ſpielen Sie auf das Abenteuer von heute Morgen an?“ bemerkte der gelehrte Sach⸗ walter. „Mon Dieu! ja!“ „Und Sie möchten begreiflicherweiſe den Grund davon erfahren, und auf welchen Verdacht hin ein Ver⸗ z gegen Sie ausgefertigt werden konnte?“ Das zweite„Ja“ kam nur ſehr ſchwach heraus. „Nichts iſt vernünſtiger,“ bemerkte der Advocat. 128 „Nehmen Sie ſich die Mühe, dieſe Briefe— Ihre Privat⸗Correſpondenz mit der Lady Vavaſſour und deren Erwiderungen darauf zu leſen. Sie können ſich die Mühe erſparen, dieſelben zu zerreißen,“ ſetzte er, beluſtigt über die Haſt, mit welcher die Dame ſie an ſich rieß, ſanft hinzu;„es ſind nur Copien; die Driginale ſind im Beſitz der Mrs. Brandreth.“ Mit einer Feſtigkeit, welche den Nerven der Fran⸗ zöſin alle Ehre machte, ſo wenig Günſtiges man von ihrem Herzen ſagen kann, las ſie einen um den an⸗ dern bedächtlich durch, indem ſie zuweilen inne hielt, wie wenn ſie ſich durch Nachdenken von der Richtig⸗ keit gewiſſer Ausdrücke hätte überzeugen wollen. „Was wollen Sie damit bezwecken?“ fragte ſie, 6 ſie die Briefe gelaſſen wieder auf den Tiſch egte. „Nichts als daß Sie keinen Verſuch machen, aus England zu entfliehen, ſondern beim Gerichtsverfah⸗ ren über Ihren Mitſchuldigen erſcheinen und Zeug⸗ niß ablegen ſollen.“. „Wo die Originale dieſer Briefe gegen mich pro⸗ ducirt werden ſollen?“ „Wahrſcheinlich.“ „Sie können dieß weder erwarten noch verlan⸗ gen,“ rief Mademoiſelle in einen leidenſchaftlichen Thränenſtrom ausbrechend.„Ich war ein Kind, nichts weiter als ein Kind, als ich dieſelben ſchrieb. Es iſt unmenſchlich— unmännlich, dieß zu verlan⸗ gen. Schonen Sie mich, ſchonen Sie mich! Wird nicht ein geſchriebenes Geſtändniß Ihrem grauſamen Zwecke genügen?“ „Nein.“ 129 „Auch nicht, wenn ich es vor Zeugen unter⸗ ſchreibe?“ „Nein.“ „Oder die Wahrheit davon beſchwöre,“ ſetzte die Gouvernante verzweifelnd hinzu. Abermals wurde das verhängnißvolle einſilbige Wort wiederholt. „Sie ſind Männer,“ rief das unglückliche Frauen⸗ zimmer ganz außer ſich,„Gatten, Brüder, Väter, und müſſen doch auf irgend eine Weiſe gerührt werden können. Denken Sie doch an die Schande, den Schmerz, vor einem mit Menſchen angefüllten Ge⸗ richtshofe erſcheinen zu müſſen, in welchem hundert Augen auf mich gerichtet ſind und gierige Ohren auf jedes Wort lauſchen, das durch die ſchlimmſte aller Torturen meinèn Lippen abgepreßt wird.“ „Vergeſſen Sie nicht, daß Sie einen Vortheil vor Ihrem Mitſchuldigen haben,“ bemerkte Serjeant Billing. „Einen Vortheil?“ „Ja; dieſer wird vor den Schranken, Mademoiſelle aber auf der Zeugenbank erſcheinen.“ „Sie können dieſe geiſtige Strafe nicht über mich zu verhängen beabſichtigen. Der Kopf ſchwindelt mir ſchon bei dem bloßen Gedanken, die Wirklichkeit wird mich tödten; à moi— à moi— ich ſterbe. WMiitleid! Mitleid!“ Ein heftiger Anfall von Nervenkrämpfen,— der in Betracht der geringen Uebung, welche die Dame in dieſer ſpeciellen Schauſtellung hatte, ganz ausge⸗ zeichnet durchgeführt wurde,— ſchnitt ihre Bitten 130⁰ raſch ab. Es war dieß aber nicht nur ein Irrthum in der Beurtheilung der Verhältniſſe, ſondern auch eine ganz nutzloſe Verſchwendung von ſchauſpieleri⸗ ſchem Talent. Sowohl Meredith als der gelehrte Sochwalter waren einſichtsvolle Kritiker, die ſich nicht leicht täuſchen ließen. „Kommen ſolche Scenen öfters in Ihrem Bureau vor?“ fragte der Letztere. Der Advocat begnügte ſich mit einem Achſel⸗ zucken. „Im Geſchäftsleben iſt dieß etwas ganz Außer⸗ gewöhnliches,“ bemerkte John Compton mit eiſiger Kälte.„Man ſieht ſo etwas zwar häufig in Drury⸗ lane, aber nie in Mark⸗lane.“ Unterdeſſen dauerten das convulſiviſche Schluch⸗ zen und Händeringen fort.„ „Das beſte iſt, einem der Gehilfen zu ſchellen,“ ſagte Billing, auf die Uhr ſehend,„ich habe um drei Uhr eine Conſultation auf der Bank.“ Der Makler meinte, man ſolle nach Shields ſchicken. Der Name des Entdeckungsofficianten brachte einen augenblicklichen Eindruck auf die Krämpfe der Gouvernante hervor, welche vom Stuhle aufſprang und die Herren mit der unmächtigen Wuth einer getäuſchten Tigerin, der ihr Sprung mißlungen und die eingefangen worden war, anſtarrte. „Ihr Ungeheuer,“ rief ſie. Die drei Herren verhielten ſich beleidigend ruhig. „Die Rache, die ihr nehmen wollt, iſt ſchändlich, unmenſchlich, aber ich unterwerfe mich. Ich bin in eurer Hand. Alles was ich verlange iſt—“ te er * er d h, in 131 „Keine Bedingungen,“ rief John Compton ſtreng, wir können keine Bedingungen zugeſtehen.“ „Für Sie ſind ſie unwichtig, mein Herr,“ ſprach Mademoiſelle Marelle in flehendem Tone,„für mich Alles. Die erſte Bedingung iſt, daß, wenn ich mich der geiſtigen Folter, die Sie mir auferlegen, unter⸗ werfe, ich die Erlaubniß erhalte, England ſtraflos zu verlaſſen.“ „Sie nehmen nur Ihre Schande mit,“ fügte der Maller bei. „Die zweite, daß dieſe Entdeckung—“ zugleich deutete ſie auf die Copien der Brieſe,„bis zum Gerichtstage geheim bleibt.“ Da es noch immer in der Macht des jämmer⸗ lichen Geſchöpfes lag, wenn auch nicht der Ueber⸗ führung zu entgehen, doch wenigſtens einen Zweifel auf die Aechtheit der Beweiſe durch die Erklärung einer Fälſchung derſelben zu werfen, ſo wurde nach einer kurzen Berathung zwiſchen dem Advocaten und Serjeant Billing das Verſprechen geleiſtet. „Denken Sie daran,“ ſagte der Letztere,„daß Sie bis dahin ſcharf bewacht werden. Es wird nur Ihre Schuld ſein, wenn die Blosſtellung zu früh⸗ zeitig erfolgt.“ „Ich bin froh, daß ſie fort iſt,“ bemerkte John Compton;„ich brauche wenigſtens drei Stunden in der Geſellſchaft von Bianca und Iſabella, um den unangenehmen Eindruck zu verwiſchen, den dieſes böſe Weib auf mich gemacht bat. Apropos,“ fuhr er gegen Meredith gewendet fort,„haben Sie keine Nachrichten von Ihrem Gehilfen aus Bath?“ „Ganz vortreffliche,“ lautete die Antwort,— 132 „die Verweiſung an einen andern Gerichtshof wird in wenigen Tagen beantragt werden. Sutch hat, wie ich vorausſah, bei den Geſchwornen Umtriebe gemacht,— die Beweiſe ſind unwiderleglich, müſſen anerkannt werden,— und das Gerichtsverfahren wird in London ſtattfinden.“ „Wann etwa?“ „In der erſten Woche des September.“ Armer Oliver, dachte der Makler, noch ein Mo⸗ nat des Zuwartens— vier Wochen der Ungewiß⸗ heit und Ungeduld. Achtundſechzigſtes Kapitel. Die kalte verächtliche Art, mit welcher die Ge⸗ ſellſchaft ſich ferne hielt, verleitete dem Eigenthümer von Alton Towers den fortwährenden Aufenthalt auf dem Lande und er beſchloß, nach London über⸗ zuſiedeln. Das Leben in der Hauptſtadt bot einen zweifachen Vortheil,— ſein Treiben war dort we⸗ viger der Beobachtung ausgeſetzt und brachte ihn der Frau näher, deren verbotene Liebe jetzt den Reiz ſeines Lebens bildete. Seiner unglücklichen Gemahlin dagegen mußte dieſer Wechſel um ſo pein⸗ licher ſein. Unbeſtimmte Gerüchte aller Art hatten bereits ihren Verdacht hinſichtlich der Verbindung erweckt, welche ihr unwürdiger Gatte angeknüpft hatte. Auf dem Lande war ſie im Stande, ſein Thun und Laſſen zu beobachten; in der Stadt da⸗ e⸗ r lt * S— 8 8 8 8 X 5 N 133 gegen hätte dazu ein Argus mit ſeinen hundert Augen nicht hingereicht. Vergebens ſprach ſie ihren Widerwillen gegen dieſen Wechſel aus. Derſelbe wurde mit Gleichgül⸗ tigkeit aufgenommen. „Sie können bleiben,“ verſetzte der Wüſtling. „Ich habe entfernt nicht den Wunſch, Ihre Anord⸗ nungen zu beſchränken; aber die Freiheit, welche ich gewähre, verlange ich auch für mich.“ Die Härte, mit welcher dieſe Worte geſprochen wurden, ſchnitt jede weitere Einwendung ab. Ehe der Lord das Schloß verließ, widmete er mehrere Stunden der Unterſuchung von Keelan's Zimmer, das ſeit dem Tage des Verſchwindens des alten Zigeuners verſchloſſen gehalten worden war. Es wäre ſchwer, genau anzugeben, was er dort zu finden erwartete— jedenfalls keinen Aufſchluß über den Grund von deſſen Flucht; den kannte er bereits. Es geſchah vielmehr in Folge jener Vorſicht, welche die ſieberiſche Unruhe, die gleich ihrem Schatten die Schuld verfolgt, ihm eingab. Bei ſeinem Eintritt in das Zimmer war ſein Erſtes, das Fenſter weit zu öffnen. Die Atmoſphäre ſchien dumpf und verpeſtet, mit Täbaksqualm und einer unbeſchreiblichen Miſchung ungeſunder Dünſte angefüllt. „Pfui!“ murmelte der Pair,„der Ort erinnert an die Höhle einer wilden Beſtie.“ Indem er ſich auf einen mit verſchoſſenem Brocat uberzogenen Stuhl ſetzte, welchen Viele, deren Kör⸗ per in Zinn und Sammt eingerahmt, in der Fami⸗ liengruft ruhten, ohne Zweifel oſt eingenommen hat⸗ 134 ten, warf er einen prüfenden Blick um ſich. Das Bett war ſeit dem Weggange des letzten Bewoh⸗ ners nicht gemacht worden. Einige werthloſe Kleidungsgegenſtände lagen zer⸗ ſtreut auf dem Boden. Lord Alton Towers hob ein Stück um das an⸗ dere auf und unterſuchte ſorgfältig die Taſchen, die aber leer waren. „Der alte Fuchs,“ rief er aus,„hat wie immer ſchlau gehandelt und keine Spur von ſeiner Fährte zurückgelaſſen. Glücklicherweiſe brauchte ich ſie nicht; die Bluthunde ſind bereits auf dieſelbe gehetzt. Kaled und ſeine Kameraden werden ihn ſchon zu Boden werfen.“ Das Feuer war erloſchen. Der Lord zündete es neu an und bewachte es mit träumeriſchem Auge, bis die Glut hell aufloderte. Dann warf er ein Stück um das andere von den zurückgelaſſenen Ge⸗ wändern ſeines ehrwürdigen Vaters hinein. Der letzte Gegenſtand war ein altes Wamms. Schon wollte der Lord es demſelben Schickſale über⸗ geben, als er meinte, etwas, das ſich wie ein Klum⸗ pen anfühlte, zwiſchen dem Tuch und dem Futter zu bemerken. Dieſes aufreißen und ein kleines Päckchen, das ſorgfältig in Wachstuch gehüllt war, herausziehen, war das Werk einiger Secunden. Ungeduldig rieß er die Umhüllung entzwei und fand, daß ſich weder etwas Geſchriebenes— wie er anfangs vermuthet hatte, noch Gold, ſondern nur ein kleines Quantum groben weißen Pulvers darin J 135 vefand, das einen ſtarken Geruch verbreitete, der viele Aehnlichkeit mit verwelkten Veilchen hatte. 1 Allem Anſcheine nach hatte er nichts beſonders Werthvolles entdeckt, und doch ſtierte es der Lord von Alton Towers mit einem Ausdrucke der Befrie⸗ 5 digung an, der ſchwer zu erklären war. Es lag etwas Finſteres in dem freudigen Aus⸗ druck ſeines Blickes. „Der Trank!“ rief er aus;„das Mittel, das mir der alte Schuft beharrlich vorenthielt. Nach⸗ dem er mir dieß zurückgelaſſen hat, verzeihe ich ihm ſeine Flucht.“ Wir brauchen unſern Leſern wohl kaum mitzu⸗ e theilen, daß die Zubereitung des Tranks eines der großen Geheimniſſe des Zigeunerſtammes iſt. Die 3 dtliche Miſchung iſt nur Wenigen und meiſtens nur den Häuptern deſſelben bekannt. Jungen Männern und Weibern wird ſelten die gefährliche Wirkung, die er hervorbringt, anvertraut. 8 Wenn dieſer Trank in kleinen Portionen gereicht wird, ſo bringt er vorübergehenden Wahnſinn, je 6 nach der Doſis, in welcher er gegeben wird, hervor. zu Wird er aber wiederholt beigebracht, ſo verurſacht as er den Tod. „Wäre dieß einige Monate früher in meine Hände gefallen, ſo wären mir dadurch viele Widerwärtig⸗ nd keiten erſpart worden,“ murmelte der Pair. Nachdem er das Specificum ſorgfältig in ſeinem Taſchenbuche aufgehoben hatte, beobachtete er fort⸗ während das Feuer, bis die letzte Spur der Klei⸗ dungsſtücke des Zigeuners davon vernichtet war, 136 worauf er das Zimmer verließ und die Thüre ſorg⸗ fältig hinter ſich abſchloß. Am folgenden Morgen fuhr er nach London. So lange der nichtswürdige Mann von dem Ver⸗ mögen ſeiner Gemahlin abgehangen, hatte er wenig⸗ ſtens die äußern Formen von Achtung eingehalten; von dem Tage ſeines Eintreffens in der Hauptſtadt an brachen aber auch dieſe ſchwachen Schranken entzwei. Er gab ſich nicht die geringſte Mühe mehr, ſeine Untreue zu verbergen; ihre Thränen wurden mit Gleichgültigkeit— ihre Vorwürfe mit Geringſchätzung behandelt. „Sie ſind Lady Alton Towers,“ pflegte er zu erwidern,„die Gemahlin eines engliſchen Pairs; eine ſolche unerwartete Erhebung ſollte Ihnen wahrhaftig genügen.“ Die verliebte, ſchwache Frau hätte ein Eckchen in dem unempfindlichen Ding, das er ſein Herz nannte, dem Range vorgezogen, der wie ein vergif⸗ tetes Gewand an ihr hing— vergiftet, weil er das WMerkmal der Unabhängigkeit ihres Gemahls war. In keiner Periode ihres Lebens hatte Lady Alton Towers den Rath eines verſtändigen Freundes ſo nöthig gehabt, als jetzt. Unglücklicher Weiſe ſtand ihr Niemand als die treue Negerin zur Seite, auf den ſie hören konnte. Samba ſtachelte aber ihre Eifer⸗ ſucht noch mehr durch die täglichen Nachrichten, die ſie ihr brachte, ſowie durch die heftigen Schimpfworte und finſtern Andeutungen von Rache. „Sprechen Sie das Wort, Miſſie, Mylady und bös Mann ſoll Ihnen Alles bezahlen und dem theuern Maſſa Phil— Gott ſegne ihn.“ 137 Der Abſcheu ihrer Gebieterin gegen die finſtern Winke nahm täglich ab. Sie ließ ſich ſogar ſo weit herab, die Negerin die Rolle einer Kundſchafterin bei ihrem Gemahl ſpielen zu laſſen, indem ſie auf dieſe Weiſe Oel in's Feuer gießend, Erniedrigung der Ei⸗ ferſucht hinzufügte. „Thöricht Miſſie, Mylady,“ pflegte Samba aus⸗ zurufen,„Sie mir oft ſagen, daß Sie ihn zu viel lieben; Sie laſſen ihn das merken und das nicht vernünftig iſt.“ Liebe hat ſich noch nie durch Vernunſt leiten laſſen; wenn dieß der Fall wäre, ſo würde die arme Liebe, wie wir fürchten, entſetzlich proſaiſch werden. Lady Alton Towers hatte nie die bittere, kalte Verachtung vergeſſen, mit welcher ihr Gemahl ihr die Vernachläſſigung jener mütterlichen Bande vor⸗ geworfen hatte, welche der Stolz und die Ehre des Weibes ſein ſollen. Obgleich dieſe Vorwürfe aus einer trüben Quelle floſſen, hatte ihr Herz dieſelben doch wiederholt und ihr Gewiſſen hatte ihr zugeflü⸗ ſtert, daß dieſelben verdient ſeien. Mehr als einmal fragte die unglückliche Frau ſich ſelbſt, ob ihr jetziger Jammer nicht die gerechte Beſtrafung für die Vernachläſſigung ihres Erſtgebo⸗ renen ſei, den ſie ſeit Jahren nicht geſehen hatte. Der kleine Aubrey war merkwürdiger Weiſe ein Gegenſtand vollkommener Gleichgültigkeit für ſie. So oft die Gouvernante ihn in ihr Zimmer brachte, nahm ſie das Kind mit einem theilnahmloſen Kuſſe auf und ſchickte es ſogleich wieder weg. Die ganze Dienerſchaft bemerkte, daß, während der Vater das Kind verhätſchelte, die Mutter daſſelbe Smith, Milly Mohne. V. 10 138 mit Kälte, wenn nicht gar mit Widerwillen behan⸗ delte, und es raubte ihr dieß die Theilnahme, welche ihr ſonſt für ihr Dulden nicht gefehlt hätte. Die Negerin gab ſich gar keine Mühe, ihre Ge⸗ fühle gegen das Kind zu verbergen. Bald nach ihrem Eintreffen in London machte ſich in dem Benehmen der Lady Alton Towers eine eigenthümliche Veränderung bemerkbar. Ihr Ge⸗ dächtniß ſchien ſie zu verlaſſen. Sie konnte im Laufe einer Stunde mehrmals ſchellen und ihrer Diener⸗ ſchaft Aufträge wiederholen, die ſie bereits ertheilt hatte; zuweilen fragte ſie auch zornig, warum Be⸗ fehle, die ſie nicht gegeben hatte, unbeachtet geblieben ſeien. An einem Tage war die unglückliche Frau voll Unterwürfigkeit gegen die Anſprüche ihres un⸗ würdigen Gemahls, am nächſten dagegen konnte ſie ſeiner Autorität heſtig Trotz bieten und ihre Abſicht ausſprechen, in Zukunft nur das zu thun, was ihr beliebe. Die ganze Dienerſchaft bewunderte die Geduld des Lords, deſſen Gleichmuth dieſe wiederholten Aus⸗ brüche nicht zu erſchüttern vermochten. Die einzige Antwort, die er auf ihre Heftigkeit zu geben ſich herbeiließ, war, daß ſie verrückt ſei, und dieſe Behauptung wurde ſo oft wiederholt, daß die Die⸗ nerſchaft es zu glauben anfing. Eines Morgens wurde ein ſehr ehrwürdig aus⸗ ſehender alter Herr, der unter dem Namen Dal⸗ rymple angemeldet wurde, in das Empfangszimmer eingeführt, in welchem der Pair und ſeine Gemahlin ſaßen. Der Erſtere ſtellte ihn als einen ſeiner älte⸗ ſten und geſchätzteſten Freunde vor. — N 139 8 „Dann haſſe ich ihn!“ rief die Lady aufſtehend, um das Zimmer zu verlaſſen. „Ich hoffe, daß dieß nicht der Fall ſein wird,“ verſetzte der Beſucher mit ruhiger Höflichkeit. Derſelbe hatte ſich, wie zufällig, zwiſchen die Lady Alton Towers und die Thüre geſtellt. „Ich ſage Ihnen Ja! ich haſſe Sie, haſſe—“ wiederholte ſie. „Weßhalb?“ Es lag etwas außerordentlich Sanftes in dem Tone des alten Mannes. „Weil ſeine Freunde bös ſein müſſen,“ verſetzte die unglückliche Frau heftig.„Laſſen Sie mich paſſiren; ich will nicht zurückgehalten werden.“ Während ſie das Zimmer verließ, wechſelten ihr Gemahl und ihr Beſucher bedeutungsvolle Blicke. „Benimmt ſich die Lady häufig auf dieſe Weiſe?“ fragte der Letztere nachdenklich. „Anfälle von Launenhaftigkeit und Leidenſchaft⸗ lichkeit, ähnlich denen, von welchen Sie Zeuge waren, kommen täglich— ich möchte faſt ſagen ſtündlich vor,“ bemerkte der Gatte. „Wie ſteht es um ihr Gedächtniß?“ „Es läßt ſie merkwürdig im Stich. Die Diener⸗ ſchaſt ſagt mir, daß ſie denſelben Befehl ein halbes Dutzendmal in einer Stunde wiederholen kann.“ „Hm!“ „Daß ſie ihre Leute wegen Ungehorſams gegen Befehle, die ſie nicht ertheilte, auszankt.“ Das zweite„Hm!“ wurde noch mehr als das erſte betont. „Sie begreifen daher, Doctor, wie ſe 65 einen 140 Ausſpruch Ihrer Anſicht wünſche,“ ſetzte der Heuchler hinzu. Ehe der gefeierte Arzt dieſes thun konnte, kehrte Lady Alton Towers mit einem offenen Briefe in der Hand in das Empfangzimmer zurück. Er war von ihrem Sohne Philipp, der von ihrer Ankunft in Lon⸗ don gohört hatte und deßhalb bat, ſie beſuchen zu dürfen. „So wenig ich dieſe Wohlthat verdiene,“ rief ſie, den Brief auf den Tiſch weyfend,„ſo hat der Himmel doch mir einen Beſchützer geſpendet. Mein Sohn— mein Sohn iſt Ihnen entwiſcht.“ „Wahrſcheinlich befindet er ſich in der Stadt,“ antwortete ihr Gemahl, nachdem er das Schreiben geleſen hatte. „Ich werde ihn ſehen.“ „Gewiß, meine Liebe.“ „Sie werden es nicht länger mehr verbieten?“ „Wie können Sie auch nur an eine ſolche Hand⸗ lung der Unfreundlichkeit denken?“ verſetzte der Lord mit einem Blicke, der ſo viel ausdrücken ſollte, als wenn ſeine Gefühle durch eine Vorausſetzung dieſer Art auf's Tiefſte verletzt wären. „Wenn dieß der Fall wäre, ſo würde ich ihn aufſuchen,“ rief ſeine Gemahlin.„Es iſt dieß meine Pflicht, nicht wahr?“ ſetzte ſie, gegen den Doctor Dalrymple gewendet, hinzu, indem ſie zugleich ihre Hand auf ſeinen Arm legte. Sie hatte ihr früheres Vorurtheil gegen ihn ver⸗ geſſen. „Gonz gewiß,“ ſagte der Arzt,—„ganz gewiß.“ Sein ſcharfes graues Auge, das feſt auf die 1 e r e 1 141 ihrigen gerichtet war, machte einen eigenthümlichen Eindruck auf die Patientin, deren geiſtigen Zuſtand zu prüfen er gekommen war. Einige Augenblicke hindurch verſuchte ſie ſeinen Blick auszuhalten, bald aber wurde ſie verwirrt und brach in einen Strom von Thränen aus. Die Negerin, welche ihre Herrin bis unter die Thüre begleitet hatte und deren Schluchzen vernahm, erſchien und führte ſie aus dem Empfangzimmer weg. „Das iſt ſehr betrübt,“ bemerkte der Pair.„Was iſt Ihre Anſicht? Können Sie Hoffnung geben?“ „Die Symptome ſind höchſt beunruhigend,“ ver⸗ ſetzte der Mann der Wiſſenſchaft,„und zwar nament⸗ lich deßhalb, weil ſie ganz eigenthümlicher Art ſind.“ hielt einige Minuten inne, worauf er fort⸗ uhr: „Es darf keine Zurückhaltung gegenüber dem Arzt Statt finden; ſein Amt ſteht dem eines Beichtvaters „Gewiß.“ „Hatten Sie je Grund, zu glauben— entſchul⸗ digen Sie die Frage,— daß Lady Alton Towers einen Hang zur Trunkſucht hat?“ „Niemals!“ rief ihr Gemahl, deſſen Verwirrung (ſein Gewiſſen flüſterte ihm die Wahrnehmung, welche folgen würde, zu) für Erſtaunen gelten konnte— „ſie iſt die nüchternſte Frau auf der Welt.“ „Liebte ſie vielleicht den Genuß von Opium?“ „Ich hatte niemals Grund, etwas dergleichen zu vermuthen.“ „Ihre Augen deuten mehr auf den Einfluß einer wirkenden Kraft als auf Geiſtesſtörung,“ ſagte Doctor 142 Dalrymple.„Die Pupillen haben ſich erweitert und—“ „Unmöglich!“ fiel ihm der Heuchler in's Wort,— „in ihrer eigenen Wohnung, umgeben von achtbarer Dienerſchaft. Ueberdieß, wer könnte ein Intereſſe haben, ein ſolches Verbrechen zu begehen?“ „Es handelt ſich dabei durchaus um kein Ver⸗ brechen. Es kommt faſt täglich vor, daß der Arzt zu Hülfe gerufen wird, um den ſchädlichen Folgen Einhalt zu thun, welche Schönheitsmittel auf die Geſundheit hervorgebracht haben. Belladonna zum Beiſpiel, die in Frankreich und Italien ſo häufig von den Damen zu Erhöhung des Glanzes ihrer Augen angewendet wird— würde eine ähnliche Erſcheinung hervorbringen.“ „Iſt es möglich?“ „Ihr Einfluß auf das Gehirn iſt wohlbekannt.“ „Ich geſtehe,“ ſagte der Lord, als der Verdacht des Arztes dieſe Richtung genommen hatte,„daß ich niemals die Geheimniſſe der Toilette meiner Gemah⸗ lin einer genauen Prüfung unterworfen habe.“ „Es wird ſich in Kürze herausſtellen, ob meine Vermuthung gegründet iſt. Uebrigens,“ fügte er bei, „kann die Eigenthümlichkeit der Symptome aus einer beſondern Phaſe des Unwohlſeins entſpringen. Das Einzige was geſchehen kann iſt, daß alles, was Auf⸗ regung veranlaſſen könnte, vermieden werden muß. Mit Ihrer Erlaubniß, Mylord, werde ich meinen Beſuch morgen wiederholen.“ Lord Alton Towers verſicherte den Doctor, daß er ſich dadurch höchſt verpflichtet fühlen werde. „Er verſteht zu viel von ſeinem Gewerbe,“ mur⸗ 143 melte der ſchlaue Böſewicht, ſobald Doctor Dalrymple ſich entfernt hatte,„und zu wenig von der Welt. Der Gedanke an Belladonna war ein glücklicher: er lenkte den Verdacht ab. Ohne Zweifel wird er ihn verfolgen, denn die Wiſſenſchaft hängt hartnäckig an ihrem Steckenpferde. Wenn nur Keelan hier wäre!“ fuhr er fort;„ſeine praktiſche Hand könnte Entdeckung abwenden. Soll ich vorwärts gehen oder ablaſſen?“ Dieſe Frage ſtellte der Lord noch mehrmals an ich. Ereigniſſe, welche bald darauf folgten, gaben den Ausſchlag. Zur großen Freude Philipp Blandford's wurde ſein Brief, in welchem er um eine Unterredung bat, durch ſeine Mutter in Perſon beantwortet. Selbſt John Compton's Ueberzeugung von ihrer Herzloſig⸗ keit wurde erſchüttert, als er Zeuge der leidenſchaft⸗ lichen Erregtheit war, die ſie dabei an den Tag legte und als er die Bitterkeit ihrer Selbſtvorwürfe mit anhörte. Der Kummer iſt ein ausgezeichneter Lehrer, dachte er. Samba, die ihre Herrin begleitet hatte, ſchien ganz außer ſich vor Freude, als ſie ihren Pflegſohn wieder ſah. „Gott ſegne Sie, Maſſa Philipp!“ ſchluchzte ſie; „Sie nicht vergeſſen alt' Amm'!“ „Ich hätte Sie in Neapel aufgeſucht, theuerſte Mutter,“ bemerkte der junge Mann,„wenn ich nicht unglücklicherweiſe dort eingekerkert worden wäre.“ „In Neapel? Eingekerkert?“ wiederholte Lady Alton Towers erſtaunt. 144 „Warum Sie im Gefängniß?“ fragte die Nege⸗ rin ſcharf;„Sie nicht ſtehlen? Sie nicht umbringen?“ „Ich wurde der Polizei denuncirt, daß ich unter dem angenommenen Namen Trevor reiste,“ verſetzte Philipp;„mein Vormund hielt es für das Beſte, we⸗ en— Der junge Mann zögerte. „Seiner Sicherheit,“ fügte John Compton, ſeinen Satz vollendend, bei.„Dieſe Vorſicht wäre bald Urſache des Todes des armen Jungen gewor⸗ den. Er wurde in ein ungeſundes Gefängniß, das man, wahrſcheinlich aus Hohn, Bel Reſpiro nennt, eingeſperrt, wo er ohne den Muth und die Hinge⸗ bung Hliver Brandreth's bald zu Grund gegangen wäre.“ „Ich lieben Maſſa Oliver,“ rief Samba, welche aufmerkſam auf jedes Wort lauſchte,—„er gut Freund— er treu Freund. Aber wie kamen Sie dahin?“ „Laſſen wir dieß jetzt,“ verſetzte ihr Pflegeſohn, der ſeiner Mutter durch Mittheilung des ſchändlichen Benehmens ihres unwirdigen Gemahls nicht wehe thun wollte. „Sie ſagen es nicht, aber Samba weiß es,“ murmelte die Negerin in großer Aufregung, denn die Worte klangen wie Ziſchlaute zwiſchen ihren zuſam⸗ mengepreßten Elfenbeinzähnen. „Ich hörte, daß ich einen Bruder habe,“ ſagte Philipp, bemüht, dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben.„Wann wird es mir vergönnt ſein, den kleinen Burſchen zu ſehen? Ich bin überzeugt, daß ich ihn lieben werde.“ , — S M — — 145 Lady Alton Towers ſchien durch dieſe Worte in große Verlegenheit zu gerathen. Ihr Sohn ſchrieb dieß der Schwierigkeit zu, ſeine Bitte erfüllen zu können, ohne ſeinen Stiefvater zu beleidigen. „Bruder,“ wiederholte ſeine alte Amme mit lau⸗ tem Lachen;„ja, Maſſa Philipp, es iſt Bruder da, Halbbruder, Viertelsbruder, ein Stückchen von Bruder.“ „Kann er ſchon gehen?“ Dieſe Frage war an ſeine Mutter gerichtet. „Gehen?“ rief die Negerin, deren auffallendes Benehmen durch zwei gänzlich entgegengeſetzte Em⸗ pfindungen— Heiterkeit und Aerger— veranlaßt ſchien;„allerdings gehen er. Junge Schlange kriechen ſchon allein.“ Die Bitterkeit ihrer Rede wurde von dem Makler und deſſen Mündel dem Haſſe zugeſchrieben, den die Negerin gegen den Vater des Kindes hegte und viel⸗ leicht hielten ſie es auch einigermaßen für Eiferſucht, daß deſſen Sohn eines Tags einen höhern Rang in der Welt einnehmen werde, als ſein älterer Bruder. „Sie müſſen mit mehr Reſpekt von dem Knaben ſprechen,“ bemerkte John Compton, wohl in der Ab⸗ ſicht, noch mehr aus ihr herauszulocken. „Warum ſoll ich Reſpekt haben vor ihm, Herr?“ „Er wird eines Tages Lord Alton Towers wer⸗ den,“ lautete die Antwort. „Und haben Maſſa Philipp's Vermögen?“ „Keinen Schilling davon.“ „Dann er mag werden Mylord, wenn ihm be⸗ liebt,“ ſagte die Negerin„Samba dieß gleich iſt.“ Die Unterhaltung hatte eine Wendung genom⸗ 146 men, welche ihrer Herrin offenbar peinlich war; dieß bemerkte das treue Geſchöpf, und da ſie ſich über⸗ zeugt hatte, daß die Intereſſen des ältern Bruders geſichert ſeien, ſo ließ ſie den Gegenſtand fallen. „Ich habe eine Freundin, Mutter,“ ſagte Phi⸗ lipp,„die Sie gewiß lieben werden. Nachdem Oli⸗ ver aus dem Gefängniſſe mich befreit hatte, nahm ſie mich bei ſich auf,— pflegte mich mit faſt müt⸗ terlicher Sorgfalt;— ihr danke ich das Leben.“ „Nennen Sie Lady Dalville nicht,“ flüſterte ſein Vormund haſtig. „Gott ſegne ſie dafür!“ rief die von ihrem Ge⸗ wiſſen gequälte Frau.„Nenne mir ihren Namen, damit ich ihrer in meinem Gebet gedenken kann.“ „Sie iſt nicht die einzige Perſon, mit der ich Sie bekannt zu machen habe,“ antwortete ihr Sohn aus⸗ weichend,„indem noch eine vorhanden iſt, die mir noch theurer iſt— von der mein Glück abhängt.“ Lady Alton Towers fuhr mit der Hand über die Stirne, wie wenn ein plötzlicher Schmerz ſie befallen ätte. „Fühlen Sie ſich unwohl?“ fragte ihr Sohn be⸗ orgt. „Nichts— es iſt ſchon vorüber. Du ſagteſt alſo——2“ „Der junge Mann iſt verliebt,“ rief der Makler, „und zwar in ein ſchönes, vortreffliches Mädchen— in Bianca Belgioſo.“ „Gott ſegne Dich, mein armer, vernachläſſigter Junge, Gott ſegne Dich!“ ſagte ſeine Mutter, ihre Lippen auf die Stirne ihres Sohnes drückend,„mö⸗ geſt Du mit ihr glücklich ſein!“ t, r re 147 „Bänka Beljoſſo,“ murmelte die Negerin,„das ſehr ſchöner Name. Samba gefällt er— er klingen groß. Maſſa Philipp verſtehen es, ſich ein Frau auszuleſen.“ Die Unruhe, welche Lady Alton Towers quälte, fand nur in fortwährendem Wechſel Erleichterung. Ihr Haus war ihr verhaßt geworden, denn dort fand ſie Zeit zum Nachdenken,— es plagten ſie gräßliche Träume ſelbſt während der Stunden des Waochens, was ſowohl eine große geiſtige als körperliche Nie⸗ dergeſchlagenheit zur Folge hatte. Das Gift that nach und nach ſeine Wirkung. Aus der Wohnung des Vormunds ihres Sohnes fuhr die unglückliche Frau in das Magazin einer der beſuchteſten in Regent⸗ſtreet, wo ſie theilnahmlos die neueſten Artikel ſich vorlegen ließ und mehrere der theuerſten davon kaufte. „Welchen Namen habe ich die Ehre zu notiren?“ fragte die Eigenthümerin des Ladens, erſtaunt, daß die Dame, r zu handeln, in ſo hohem Betrage eingekauft habe. „Lady Alton Towers.“ Das Nennen ihres Titels veranlaßte eine ſchöne, ausländiſch ausſehende Dame, die einen Caſchmir⸗ ſhawl anprobirte, ſich umzuſehen, und ſie aufmerkſam zu betrachten. Ohne daß gerade etwas beleidigend Neugieriges in dieſem Blicke lag, war er doch ſo ſcharf markirt, daß die Modehändlerin ihn bemerkte und aus Furcht, daß dieſes Benehmen übel genom⸗ men werden könnte, raſch fragte, ob Madame hin⸗ ſichtlich des Shawls ſich entſchieden habe. „Ich will mir's überlegen,“ verſetzte die Dame 148 mit italieniſchem Accent.„Jedenfalls muß ich eines ihrer Kleider heute Abend haben.“ „Welches, Madame?“ „Das blaue. Ich brauche es für die Oper heute Nacht.“ „Madame tönnen ſich darauf verlaſſen. Und der Shawl?“ wiederholte die Modiſtin im Tone der ſüße⸗ ſten Ueberredung. „Ich überlaſſe Ihnen denſelben faſt unter dem Preiſe— um hundert und fünfzig Pfund. Er wird Sie ſehr gut kleiden, Madame.“ „Glauben Sie, daß dieß der Fall ſein wird? Nun, es iſt dieß wohl möglich. Sie können ihn mir ſchicken.“ Mit einem noch bedeutungsvolleren Blicke, als der erſte war, verließ die fremdartig ausſehende Dame den Laden.. „Wer iſt dieſe Perſon?“ fragte Lady Alton Towers. „Madame Oldi,“ verſetzte die Modewaarenhänd⸗ lerin.„Mein Gott, fühlt ſich Mylady unwohl? Ein Glas Waſſer, Juliette— raſch! raſch!“ Die Gehilfin eilte daſſelbe herbeizubringen. „Ich danke Ihnen,“ ſagte die Leidende, als ſie wieder ihre vollkommene Selbſtbeherrſchung erlangt hatte;„ich fühle mich jetzt beſſer,— es war nur ein augenblickliches Unwohlſein. Ich brauche keinen Beiſtand,“ fügte ſie bei,„ich kann allein an meinen Wagen gehen. 36 habe ſie geſehen,“ rief ſie aus, als ſie ne⸗ ben der treuen Negerin ſich niederließ. „Samba wünſchen ſie auch zu ſehen.“ „In der Oper heute Nacht!“ murmelte ihre — — 149 Herrin, indem ihr Kopf auf die Schultern der Amme fiel. „Ich werde dort ſein!“ Nennundſechzigſtes Kapitel. Die ganze Welt war in der Oper— eine Be⸗ hauptung, die wahrſcheinlich dem Uneingeweihten höchſt auffallend erſcheinen wird, welcher das Wort als baare Münze, nach ſeinem ganzen Werthe an⸗ nimmt; das aber vollkommen verſtändlich für die wenigen Begünſtigten iſt, die dieſen 3 ſich in Anſpruch nehmen. „Die ganze Welt“ umfaßt nur Diejenigen, die durch ihren Reichthum deren täglichen Sorgen ent⸗ hoben ſind; die Uebrigen gehören zwar auf die Welt, aber nicht zu derſelben. Offizieller Rang, großer literariſcher oder artiſtiſcher Ruf, machen zwar zuwei⸗ len ihre Anſprüche geltend und werden achſelzuckend zugelaſſen, während Geburt, ſelbſt wenn Armuth da⸗ mit verbunden iſt, viel leichter den enggeſchloſſenen Kreis zu durchbrechen vermag. Porcellain bleibt Porcellain, ſelbſt wenn es zer⸗ brochen und beſchädigt iſt. Griſi, damals im Zenith ihres Ruhmes, ſollte in der„Norma“ auftreten. Kein Wunder, daß die An⸗ ziehungskraft unwiderſtehlich war. Der Abgott der Dper war noch nicht von ſeinem Piedeſtal herab⸗ geſtürzt worden, indem das ritterliche Spanien ſeine 150⁰ Mannhaftigkeit dadurch an den Tag gelegt hatte, ſie auszuziſchen, und die hochbegabte Sängerin war noch immer die Unübertreffliche und Unübertroffene.„Die ganze Welt“ gebärdete ſich wie toll wegen ihr. Seit⸗ dem iſt ſie blaſirt geworden und gebärdet ſich jetzt, wie wir fürchten, wegen Nichts mehr wie toll. Die Kunſt, Senſation zu erregen, iſt verloren gegangen. Unter dem glänzenden Auditorium in Ihrer Majeſtät Theater war wenigſtens eine Perſon, auf welche die unvergleichliche Stimme und die leiden⸗ ſchaftliche Darſtellung der großen Künſtlerin keinen Eindruck hervorbrachte. Es war dieß Lady Alton Towers. Es fragte ſich überhaupt, ob dieſelbe nur wußte, daß ſie im Opernhauſe ſich befinde, ſo ſehr waren ihre Gefühle durch das Erſcheinen ihres un⸗ würdigen Gemahls und der Madame Oldi in der Lage gegenüber der ihrigen in Anſpruch genommen. Hinter dem halb vorgezogenen Vorhang verbor⸗ gen, ſo daß man ſie nicht ſehen konnte, beobachtete ſie jeden Blick des Paares und ſuchte das was daſſelbe ſprach, nach den Eingebungen der Eiferſucht, die ſie quälte, auszulegen. „Er kann noch lächeln,“ murmelte ſie. Es war ſchon lange her, ſeit der herzloſe Wüſt⸗ ling ihr zugelächelt hatte. Die große Hitze veranlaßte die Fremde, ihren leichten Spitzenſhawl abzulegen, der während der erſten Hälfte der Vorſtellung ihren herrlichen Nacken und ihre Schultern bedeckt hutte Es entſtand ein Murmeln der Bewunderung in der Loge, neben welcher Lady Alton Towers ſaß. „Welche koſtbare Diamanten die Creatur trägt!“ 151 bemerkte die Gräfin von Caſtleton in ſo lautem Tone, daß man es faſt in dem ganzen Halbkreiſe hören konnte. „Alton Towers kann jetzt den Freigebigen ſpie⸗ len,“ bemerkte der Gentleman, der ſich in ihrer Ge⸗ ſellſchaft befand,„er iſt reich.“ „Vielleicht ſind es Familienjuwelen,“ meinte die Dame. „Sie vergeſſen, daß er verheirathet iſt,“ lautete die Antwort.„So ſchlimm er auch iſt, ſo würde er ſich doch kaum ſo ſehr gegen den Anſtand ver⸗ ſündigen.“ „So ſeid Ihr Männer,“ rief die Dame ſchnip⸗ piſch, deren eheliches Leben eben auch nicht unter die glücklichſten gehörte.„Ihr vertheidigt immer einander.“ Ohne die Anſpielung auf die Juwelen hätte Lady Alton Towers dieſelben wahrſcheinlich gar nicht be⸗ merkt; ſo aber wurde ihre Aufmerkſamkeit darauf gelenkt, was ſie veranlaßte, ihr Glas darauf zu richten, und ſie erkannte den Schmuck richtig als den ihrigen. Ihr Gemahl hatte ihr denſelben unter dem Vorwande abgelockt, ihn neu faſſen zu laſſen, als ſie die Familiendiamanten erhielt, welche der Wüſt⸗ ing nicht veräußern konnte. Sie gehörten zu den Erbſtücken. Ein bitteres, triumphirendes Lächeln ſpielte einen Augenblick um den Mund der beleidigten Gattin. Ein Racheplan ſtieg in ihr auf, und ſie beſchloß, denſelben auszuführen. Je mehr ſich dieſer Gedanke in ihr feſtſetzte, um 152 ſo ungeduldiger ſchlug ihr gequältes Herz. Die Oper wollte kein Ende nehmen. Will denn dieſes miſerable Weib niemals auf⸗ hören,“ murmelte ſie. Miſerabel! und es war Griſi, die ſang!! Die arme Lady Alton Towers mußte ſehr unglücklich ſein. „Endlich!“ ſeufzte ſie, als der Vorhang fiel und ſie ſich anſchickte, ihre Loge zu verlaſſen, wo ihre Anweſenheit während des Abends ganz unbemerkt geblieben war. So ſorgfältig hatte ſie ſich verborgen. Eine neue Qual erwartete ſie. Allgemein wur⸗ den Griſt und Mario gerufen, die einen vollkom⸗ menen Triumph feierten. Auch dieß ging zu Ende und ſie eilte nach dem Veſtibüle. Das Veſtibüle iſt der Ort, wo„Die ganze Welt“ ſich drückte und gedrückt wird, wo Unverſchämtheit Beſcheidenheit mit dem Ellbogen bei Seite ſtößt und hoher Rang dem Mammon zunickt. In gewiſſer Hin⸗ ſicht iſt es ein neutraler Boden; Leute von den offenen Gallerien und ſolche, die ſich hereingeſchmug⸗ gelt haben, finden dahin ihren Weg, und man muß dieſen zu ihrem Ruhme nachſagen, daß ſie ſich ge⸗ wöhnlich am anſtändigſten benehmen. Die Lage der Madame Oldi, während ſie auf ihren Wagen wartete, den ihr Freund zu ſuchen weggegangen war, war nicht die allerangenehmſté. Herren, welche mit ihr in ihrer Loge plauderten, ihre kleine Soupers häufig beſuchten und ſie als „Ma pelle“ anredeten, ſchienen plötzlich kurzſichtig geworden zu ſein, namentlich diejenigen, welche Gat⸗ tinnen oder Schweſtern an ihren Armen hatten. Ihr 153 eigenes Geſchlecht dagegen ſah ſie mit kritiſchſtolzen Blicken an. Tugend kann zuweilen außerordentlich unverſchämt ſein. Ihre Verlegenheit nahm zu, als Lady Alton Towers, bleich wie die rächende Nemeſis, vor ihr ſtand und ihre dunkeln Augen mit dem Ausdruck mitleidsloſer Verachtung auf ſie gerichtet hielt. Vergebens ſuchte die ſchuldige Frau ihrem Blicke auszuweichen; er bannte ſie zauberhaft feſt. Sie wandte ſich um, um ihr auszuweichen;— abermals trat ihr die beleidigte Frau mit dem Blicke der Verachtung entgegen. Es ſchloß ſich ein Kreis um ſie; es war ja die Möglichkeit eines Scandals vorhanden, und wir wiſſen Alle, wie verſeſſen die geputzte Modewelt auf derlei Gemüthsbewegungen iſt. „Wer iſt ſie?“ flüſterten mehrere unter den Damen. „Laſſen Sie uns hinabgehen,“ ſagte Madame Oldi zu einem ſchlicht und beſcheiden ausſehenden Frauenzimmer, die ſie als Geſellſchafterin bei ſich hatte. Beide machten einen fruchtloſen Verſuch, ſich der Treppe zu nähern. Zum drittenmale trat ihr Lady Alton Towers in den Weg. „Sie iſt verrückt,“ murmelte die Italienerin. „Ich bin vollkommen bei Sinnen,“ lautete die Antwort.„Nicht einmal der Anblick meiner eigenen Juwelen an der Perſon der Maitreſſe meines Ge⸗ mahls vermag— ſo ſchmerzlich dieſer Gegenſtand auch für mich iſt— mir die Vernunft zu rauben.“ Ein Dutzend Stimmen nannten den Namen der Lady Alton Towers. Smith, Milly Mohne. v. 11 154 Sie brauchen ſich nicht ſo feſt in ihren Mantel zu hüllen,“ fuhr dieſe fort,„ich habe meine Steine genau erkannt.“ Die Worte„Creatur“ und„welche Schande“ wurden auf peinliche Weiſe hörbar. „Laſſen Sie mich paſſiren,“ rief Madame Oldi außer ſich vor Wuth über dieſe Blamage.„Ich will nicht zurückgehalten werden.“ In dieſem Augenblicke kam der Lord zurück, um ſie an ihren Wagen zu führen. Mit einem Blicke überſah er, was vorgegangen war. „Sie hier?“ murmelte er. „Sie hat ſo gräßliche Dinge geſagt— klagte mich des—“ „Kein Wort, Madame,“ unterbrach ſie ihr Lieb⸗ haber bittend;„die traurige Wahrheit muß allen Anweſenden klar ſein— daß ſie wahnſinnig iſt.“ „Dieß ſagte ich ihr auch.“ „Sobald der Anfall vorüber iſt, wird Lady Alton Towers die Erſte ſein, die Ihnen ihrer Täuſchung wegen Abbitte leiſtet.“ „Ich ſollte mich dieſer Buhlerin gegenüber de⸗ müthigen— niemals.“ „Verlaſſen Sie uns,“ flüſterte der Pair Madame Oldi zu.„Ich muß ſie wegbringen; Sie ſollen ge⸗ hörig gerächt werden.“ „Ich will Sie nach Ihrem Wagen führen,“ ſetzte er gegen ſeine Gemahlin gewendet hinzu. „Um dann zu ihr zurückzukehren. Ach, Aubrey, iſt dieß der Lohn für das Opfer, das ich gebracht habe? für—“ „Stille!“ murmelte ihr Gemahl, indem er ſie in 15⁵ der Abſicht am Arme faßte, um ſie aus der neu⸗ gierigen Menge wegzubringen. „Ich will nicht gehen,“ rief ſie aus,„und Sie bei dieſem Geſchöpfe laſſen. Laſſen Sie mich los: Sie thun mir wehe, Aubrey— Sie thun mir wehe.“ „Nehmen Sie meinen Arm, Mutter,“ ſagte Phi⸗ lipp Blandford, indem er ſie aus dem unſanften Griffe ſeines Stiefvaters befreite, dem er ſich kühn gegenüberſtellte. In Oliver Brandreth's Geſellſchaft hatte er den Abend in der Oper zugebracht und von den Per⸗ ſonen um ſeinen Sperrſitz herum genug gehört, um die Art der Verbindung zwiſchen dem Lord und Madame Oldi zu begreiſen. S „Mein Sohn,“ ſtöhnte Lady Alton Towers. „Ja, ja, bei Dir bin ich ſicher.“ „Wollen Sie meiner Autorität Trotz bieten, junger Mann?“ ſagte der Pair mit angenommener Würde.„Entfernen Sie ſich, ehe ich—“ „Pah!“ unterbrach ihn Philipp voll Unwillen, „weder Ihr Rang noch Ihre Drohungen vermögen mir zu imponiren. Ich bin nicht mehr der Knabe, dem Sie zweimal nach dem Leben trachteten, um ſich ſeines Vermögens zu bemächtigen; ſondern ich bin ein Mann— bewaffnet mit dem natürlichen Rechte, meine Mutter zu beſchützen.“ „Dieſer Scandal iſt fein angelegt, junger Mann,“ bemerkte der herzloſe Wüſtling. „Sie tragen allein die Schuld, Mylord,“ ver⸗ ſetzte Philipp.„Beſäßen Sie hinreichenden Zart⸗ ſinn, um ihre Laſter wenigſtens mit äußerem An⸗ ſtand zu umgeben, ſo wäre der 156 den worden. Ich bedaure ihn tief, aber nicht um Ihretwillen oder wegen der Dame, die offen die Diamanten meiner Mutter trägt. An Madame Oldi iſt es,“ fuhr er fort,„zu erklären, auf welche Weiſe ſie in den Beſitz derſelben gelangte.“ Als„Die ganze Welt“ die Anklage ſo öffentlich von Jemand wiederholen hörte, über deſſen geſunden Verſtand kein Zweifel herrſchen konnte, ſo wurde die⸗ ſelbe förmlich von tugendhaftem Unwillen ergriffen und trat auf die Seite der beleidigten Gattin. Ob⸗ gleich dieſe Demonſtration nichts weniger als ſehr heftig war und mehr in Blicken als Worten beſtand, ſo fehlte es doch auch an letzteren nicht. Die Italienerin war nicht nur eine Frau voll Leidenſchaftlichkeit, ſondern ſie beſaß auch Takt. Außer Stande, dem Hohne Derer um ſie herum Trotz bieten zu können, that ſie das, was unter dieſen Umſtänden das Beſte war, indem ſie in Ohn⸗ macht fiel. In dieſem Zuſtand trug ſie Lord Alton Towers in ihren Wagen. „Verlaſſen Sie mich,“ murmelte ſie mit kaum hörbarer Stimme, ſobald ſie ſaß. „Nicht eher als bis Sie—“ „Wollen Sie die übeln Nachreden beſtätigen, die über mich im Umlaufe ſind?“ unterbrach ihn die Dame ſcharf.„Begeben Sie ſich augenblicklich zu Ihrer Gattin zurück.“ Offenbar war es nicht Menſchlichkeit, die ſie zu dieſem Rathe veranlaßte, ſondern Klugheit. Madame Oldi hielt etwas auf ihren Ruf. 157 Die meiſten Frauen haben eine Schwäche für Reliquien. „Sie ſollen gerächt werden,“ wiederholte der Lord, ihre Hand küſſend.„Ich gehorche Ihnen. Sie ſollen glänzend gerächt werden,“ fügte er bei. Als er wieder in das Veſtibule zurückkam, fand er ſeine Frau nicht mehr vor. Philipp und deſſen Freund hatten ſie aus dem Theater wegbegleitet. „Das war eine fürchterliche Scene, Maxwel,“ rief er unter Händedruck einem ſeiner jämmerlichen Freunde zu, der nichts weniger als Unwillen über das Benehmen des Lords zu fühlen ſich veranlaßt fand.„Meine Gattin iſt wahnſinnig und hält jede Frau, die ſie ſieht, für eine Nebenbuhlerin.“ „Und die Diamanten jeder Dame für die ihri⸗ ßen.⸗ bemerkte der cynikiſche alte Marquis von Rou⸗ aiſe.„Eine eigenthümliche Art von fixer Idee.“ „Sie hat aber noch andere, die noch eigenthüm⸗ licher ſind,“ verſetzte der Gatte,„wie Dalrymple, unter deſſen Pflege ſie ſteht, Ihnen ſagen wird.“ Lord Alton Towers kannte die Umſtehenden zu genau und war ebenſo auch von dieſen gekannt, als daß er erwartet hätte, Glauben zu finden; aber dieſe Mittheilung bereitete„Die ganze Welt“ auf die dem⸗ nächſt bevorſtehende Entwicklung vor, und diente ſo⸗ mit ſeinem Plane. Zwei Tage nach dem Auftritt in Ihrer Maje⸗ ſtät Theater, erſchien Doctor Dalrymple in Beglei⸗ tung eines ſeiner Collegen von gleich hohem Rufe wie er ſelbſt. Der Zuſtand der Lady Alton Towers war höchſt beunruhigend. Wenn auch ihr Leben nicht in Gefahr ſtand, das zu bedrohen ihr Gemahl 158 aus Klugheit nicht wagte, indem die Welt ihn Vor⸗ ſicht gelehrt hatte, ſo war doch ihre Vernunft auf's höchſte erſchüttert. Auf zeitweilige Betäubung folg⸗ ten Anfälle von völliger Raſerei. Der Heuchler, deſſen Liſt dieſes furchtbare Re⸗ ſultat zu Wege gebracht hatte, empfing die Männer der Wiſſenſchaft mit Thränen. Kein Wunder, daß dieſelben ſich täuſchen ließen. Beide riethen, die Lady unter genügende Aufſicht zu ſtellen. „Kann dieß nicht umgangen werden?“ fragte ihr Gemahl beſorgt. „Wenn man ſicher gehen will, nicht,“ wurde ihm geantwortet. „So ſchmerzlich dieß auch für meine Gefühle iſt,“ bemerkte der Pair,„ſo gibt dieſe Rückſicht bei mir den Ausſchlag. Wie bald wünſchen Sie die Entfer⸗ nung meiner Gemahlin?“ „So bald als möglich,“ antwortete Dalrymple. Die nothwendigen Zeugniſſe wurden ausgeſtellt, und von dieſer Stunde an war die Freiheit der unglücklichen, hintergangenen Gattin der Willkür ihres Verfolgers preisgegeben, der noch an demſelben Tage einen vertraulichen Brief an einen alten Bekannten unſerer Leſer, den Doctor Sellen, ſchrieb. Dieß war, wie die Folge erweiſen wird, eine Un⸗ klugheit; aber dieſes Werkzeug lag ſeiner Hand nahe und der Verderber war zu ungeduldig, ſeines Opfers ſich zu entledigen, als daß er nach einem neuen ſich umgeſehen oder ein ſolches ſich verſchafft hätte. Zweimal waren John Compton und deſſen Mün⸗ del im Hauſe des Lords erſchienen und hatten jedes⸗ mal dieſelbe Antwort von der Dienerſchaft erhalten . — —— 159 — ihre Herrin fühle ſich zu unwohl, um Jemand empfangen zu können, Ohne Zweifel hatten die Leute ihre Inſtructionen erhalten. Der arme Philipp war in Verzweiflung. In einem ihrer Anfälle von Betäubung war Lady Alton Towers in den Wagen des Doctors Sellen gebracht worden, der mit zwei ſeiner vertrauten Ge⸗ hilfinnen unmittelbar nach Empfang des Schreibens ihres Gemahls nach London geeilt war. „Sie nicht gehen!“ rief Samba ganz außer ſich. „Sie tödten Sie! Sprechen Sie, Miſſie, Mylady: ſagen Sie, Sie nicht gehen!“. Ihre Herrin antwortete nur mit einem ſtieren Blicke. „Bös Mann— bös Mann!“ ſagte die Negerin, als ſie ſah, daß weder ihre Drohungen noch Bitten den geringſten Eindruck machten;„aber Samba wird ihnen Alles zahlen!“ Es lag etwas faſt Wildes in dem Blicke, der dieſe Worte begleitete. Der Lord bemerkte es aber nicht; wäre dieß der Fall geweſen, ſo hätte er ſich wahrſcheinlich dadurch warnen laſſen. Kaum war die Abfahrt bewerkſtelligt, als der ſ Gatte Madame Oldi zu beſuchen weg⸗ eilte. Seine erſte Begrüßung bei ſeinem Eintritt in ihr üppig meublirtes Boudvir war: „Ich habe mein Verſprechen gehalten: Sie ſind gerächt.“ Es iſt eine ſchmerzliche Aufgabe, bei menſchlicher 160 Verderbtheit zu verweilen; wir wollen deßhalb einen Schleier über dieſe gegenſeitige Freude werfen. Nach ſeiner Rückkehr nach Hauſe ſchickte der Lord nach dem Haushofmeiſter und ertheilte dieſem den gemeſſenſten Befehl, Samba wegzuſchicken. „Ich gehen,“ verſetzte die Negerin heftig, als ihr der Befehl mitgetheilt wurde.„Ich nicht wünſche zu bleiben, jetzt, da Miſſie, Mylady gegangen.“ „Vorher machen Sie aber noch den Caffee,“ be⸗ merkte der Koch. „Ich ihn bereits gemacht habe,“ lautete die Antwort. Wenige Perſonen verſtanden den Caffee ſo gut zu machen wie Samba. Sie bereitete ihn täglich ſ 2 Gebieterin; es war dieß ihr ſpecielles Ge⸗ häft. Wie oft hört man rühmen, daß in London für Geld Alles zu haben ſei. Es iſt dieß aber ein ko⸗ loſſaler Irrthum. Man frage Jeden, der im Oſten gereist iſt, oder einen ehema igen weſtindiſchen Pflan⸗ zer, wo er ſich eine Taſſe ſo guten Caffee's zu ver⸗ ſchaffen wiſſe, wie er in der Wüſte, an Bord der Schiffe auf dem Nil oder auf ſeiner Pflanzung zu trinken gewohnt geweſen war. Es iſt Zehn gegen Eins zu wetten, daß er mit der Erklärung darauf antwortet, daß er Demjenigen zum höchſten Danke ſich verpflichtet fühlen werde, der ihm dieſe Frage zu löſen vermag. Er iſt es nicht im Stand. Der Franzoſe bringt eine erträgliche Nachahmung hervor, die ſicher weit beſſer iſt, als die des Eng⸗ länders; aber auch ſie darf ſich entfernt nicht mit dem köſtlichen Getränk des Oſtens vergleichen. 161 1 Samba hatte nichts dagegen einzuwenden, das Haus verlaſſen zu müſſen; ihr Jammer und ihre Lei⸗ denſchaftlichkeit ſchien plötzlich einer dumpfen Apathie gewichen zu ſein, die nur durch den Anblick ihres Pflegſohns unterbrochen wurde. Das treue Geſchöpf brach in einen Strom von Thränen aus, wiegte den Körper, wie von großen Schmerzen gequält, auf ihrem Stuhle hin und her, und murmelte Worte in der heimathlichen Sprache. Der arme Philipp wurde durch den unbändigen Schmerz ſeiner Amme auf's Höchſte beunruhigt. Er ahnte das Schlimmſte. „Meine Mutter!“ rief er aus. „Bös Mann! Bös Mann!“ „Quälen Sie mich nicht länger, ſondern ſprechen Sie.“ „Bös Mann! Bös Mann!“ Der Gedankengang der Negerin hatte ſich offen⸗ bar verwirrt und zwar in ſo hohem Grade, daß einige Zeit verſtrich, ehe es John Compton, deſſen Gefühle weniger erregt waren, als die ſeines Mün⸗ dels, gelang, aus ihr herauszubringen, was dieſer zu wiſſen wünſchte. „Sie leben! Miſſie, Mylady leben!“ ſchluchzte Samba—„aber er ſie weggeſchickt hat und Samba nicht weiß wohin.“ Vom Herzen des Sohnes wurde ein großer Stein durch die Verſicherung weggenommen, daß er noch eine Mutter beſitze. „Ich errathe, was vorgefallen iſt,“ bemerkte der Makler—„es wurden Gerüchte von Geiſteskrank⸗ 162 heit Ihrer Mutter verbreitet und deren Gemahl be⸗ nützte dieß, um ſie irgendwo einſperren zu laſſen.“ „Der Schurke!“ „Glücklicherweiſe,“ fuhr ſein Vormund fort,„wurde des Lords früheres Verfahren gegen Annie's Mutter zur Kenntniß des Kanzlers gebracht und es trug dieß, wie ich glaube, mit dazu bei, daß ſein Name nicht in der Liſte der Friedensrichter aufgenommen wurde. Ich will mit Meredith mich darüber berathen.“ „Ich werde unterdeſſen ihren Verfolger aufſuchen,“ rief der junge Mann.„Beim Himmel! ich erröthe bei dem Gedanken, wie lange ich dieſem Ungeheuer geſtattete, ſie zu tyranniſiren; aber die Stunde der Widervergeltung iſt nahe.“ Hätte er Alles gewußt, ſo hätte er hinzufügen können:„ſie hat bereits geſchlagen.“ Das Rennomee des berühmten Arztes, welcher das Zeugniß ausgeſtellt hatte, in Folge deſſen die unglückliche Lady Alton Towers in ein Irrenhaus gebracht worden war, ſtand ſo hoch, daß der Kanzler ſeine amtliche Einmiſchung abgelehnt haben würde, wenn es ſich um irgend ein anderes Etabliſſement, als das des Doctors Sellen, dabei gehandelt hätte. Im Hinblick des Ranges und Vermögens der an⸗ geblichen Geiſteskranken und der gewichtigen Beden⸗ ken, welche deren Sohn und der Vormund vorbrach⸗ ten, gelangte Seine Lordſchaft zu der Anſicht, daß dieſer Aufenthaltsort nicht paſſend gewählt ſei. Die Umſtände, welche mit dem Verweilen der verwittwe⸗ ten Lady Vavaſſour daſelbſt verknüpft waren, hatten einen ungünſtigen Eindruck bei ihm zurückgelaſſen und er willigte in einen Befehl, daß die unglückliche — 5 — 163 Dame ihm vorgeführt und Anordnung hinſichtlich ihrer zukünftigen Beſtimmung getroffen werde. Ein bei der Oberaufſichtsbehörde über Geiſtes⸗ kranke betheiligter Gentleman und ein Arzt Namens Halſtead, erhielten Vollmacht, nach Melina Houſe ſich zu begeben und die Kranke nach London zu bringen. „Nicht in ihr Haus, zu ihrem Gemahl, Mylord,“ rief Philipp ängſtlich,„ums Himmelswillen nicht dorthin.“ „Das iſt aber der paſſendſte Ort,“ bemerkte der hohe Beamte ernſt. John Compton hätte das Wort ergriffen, wenn ſein Mündel ihm nicht zuvorgekommen wäre. „Der Geiſt meiner unglücklichen Mutter iſt durch die ſyſtematiſche Grauſamkeit, unter der ſie zu leiden hatte, verwirrt worden,“ rief derſelbe.„Ich ſpreche nicht von Gewaltthätigkeit— von perſönlicher Ge⸗ waltthätigkeit gegen ſie, ſondern von Beleidigungen, welché ihr Herz aufs Tieſſte verletzten.“ „Dieſe Anklage iſt ſehr ſchwer.“ „Sie iſt aber wahr,“ verſetzte der junge Mann warm.„Erſt vor wenigen Nächten erſchien die Mai⸗ treſſe des Lord Alton Towers in der Oper mit den Diamanten meiner Mutter geſchmückt. Dieſe war anweſend; erkannte ihre Juwelen an der Perſon der Madame Oldi und ſeitdem hat ſie ſich von dieſem Schlage nicht wieder erholt.“ Dem Kanzler waren Gerkchte von dem Auftritt zu Ohren gekommen. Glücklicherweiſe hatten dieſel⸗ ben einen ſolchen Eindruck auf ihn gemacht, daß er ſich dahin entſchied, die Lady ſolle ſo kange der Pflege 164 des Doctor Halſtead übergeben werden, bis eine de⸗ finitive Beſtimmung über ſie getroffen werden könne. „Ich werde die Herren begleiten,“ bemerkte Phi⸗ lipp gegen ſeinen Vormund, als er mit dieſem in deſſen Hauſe eintraf, wo Oliver und Major Hender⸗ ſon warteten, um das Reſultat der Verwendung zu erfahren. „Bedenken Sie, mein lieber Junge—“ „Ich habe nichts zu bedenken, als daß meine Mutter eine Bewohnerin jenes Ortes iſt, aus wel⸗ chem wir ein früheres Opfer des Lords befreiten. Liebe und Mannhaftigkeit zeichnen mir genau den Weg vor, den ich in dieſem Falle einzuſchlagen habe. Es wäre Feigheit, wenn ich einen Augenblick zögerte.“ „Ganz recht,“ ſagte der Maſor emphathiſch, „man muß nie ſich einſchüchtern laſſen, wenn es ſich um Pflichten handelt; eine Vernachläſſigung derſelben zieht Vorwürfe nach ſich, die Erfüllung dagegen ge⸗ reicht zum Segen. „Ich würde Dich begleiten,“ rief unſer Held, „wenn nicht in zwei Tagen die Gerichtsſitzung ſtatt⸗ fände, von welcher das Glück von mehr als einem Leben abhängt.“ John Compton und der Major wechſelten Blicke, in denen ſie das Bedauern über dieſen Entſchluß ausſprachen. Weil ſie Oliver's reizbares Temperament kannten, ſo hatten ſie ſich bemüht, ihn in Unwiſſen⸗ heit hinſichtlich des genauen Datums zu laſſen, um dadurch ſeine Anweſenheit zu verhindern. „Haben Sie es denn nicht gehört?“ fragte der Erſtere mit erkünſteltem Erſtaunen. „Was? lieber Herr!“ 165 „Daß die Verhandlung mindeſtens um eine Woche vertagt worden iſt.“ „Noch einmal ein Aufſchub,“ murmelte Oliver betrübt.„ „Wenn Sie geneigt ſind, Ihren Freund zu be⸗ gleiten,“ fuhr der Makler fort,„ſo können Sie bis dahin zeitig genug wieder zurück ſein.“ „Ich halte dieß für das Vernünftigſte, was Sie thun können,“ bemerkte Major Henderſon freundlich. „Ich kenne die Qualen der Ungeduld; die Marter der Ungewißheit, unter welchen das Gemüth ſich abhärmt. Wechſel— Thätigkeit können uns in den Stand ſetzen, ſie zu ertragen. Aber ihr dürft nicht allein gehen.“ Im ſeſten Vertrauen auf die Richtigkeit der An⸗ gabe ſeines alten Freundes willigte Oliver Brand⸗ reth ein, mit Philipp und den Herren nach Me⸗ lina Houſe ſich zu begeben, um dort die Freilaſſung der Lady Alton Towers zu verlangen. Da es ſehr möglich war, daß Doctor Sellen verſuchen würde, dieſelbe zurückzuhalten, oder daß deren unwürdiger Gemahl ſeine Autorität geltend machen würde, ſo hielt man es für räthlich, ſich auf das Schlimmſte gefaßt zu machen. Jack Spears und Peter Marl wurden deßhalb veranlaßt, ſich der Geſellſchaft anzu⸗ ſchließen. „Der Himmel verzeihe es mir,“ rief der Makler am Morgen nach deren Abgang;„ich hätte lieber tauſend Pfund bezahlt, als daß ich den edelſinnigen jungen Mann hinterging. Wenn der Ausſpruch des Gerichtes unglücklich ausfällt, womit ſoll ich mein Benehmen rechtfertigen. 166 „Die Vergangenheit wird dieß thun,“ bemerkte der Major. „Die Wahrheit iſt eine furchtbar logiſche Waffe,“ bemerkte John Compton.„Ich habe nach beſtem Wiſſen gehandelt; der Erfolg liegt aber in den Händen der Vorſehung.“ „Und in den Händen eines engliſchen Geſchwor⸗ nengerichts,“ ſetzte ſein Freund hinzu.„Meine Hoff⸗ nung auf einen glücklichen Erfolg ſteht feſter als je: ſie hat ſich ſogar bis zur feſten Ueberzeugung ge⸗ ſteigert. Sie, oder vielmehr wir— denn ich bin bei dieſer Liſt ebenſo betheiligt wie Sie— haben recht gehandelt. Mrs. Brandreth hätte die Ueber⸗ raſchung, die Bewegung nicht ertragen können, als ſie ihren Sohn traf, ihn ſogar wiederſah und mit ihm ſprach, wenn ſie ein Mißlingen befürchtet hätte. Jetzt vermag ſie dieß.“ Siebenzigſtes Kapitel. Die glühende Begeiſterung, mit der man ehemals von den Geſetzen Englands ſprach, beweist aufs Neue, daß die Weisheit eines Jahrhunderts von dem darauf folgenden Zeitalter als Thorheit angeſehen wird. Alle denkenden Menſchen ſtimmen darin über⸗ ein, daß unſer Criminal⸗ und Civilcoder einer Um⸗ arbeitung bedarf. Im erſtern brauchen wir einen Appellationshof, ähnlich dem Caſſationshofe in Frank⸗ reich; im zweiten bedarf es zahlreicher Abänderungen,% — 167 namentlich ſo weit es ſich um die Geſetze gegen Bankerotte, Verläumdungen und um ſolche Fälle handelt, wo verheirathete Frauen mit in's Spiel kommen. Die öffentliche Meinung fängt an, ſich hierin Gehör zu verſchaffen. Sie klopft laut an die Thore der Geſetzgebung, und es wird ihr auch endlich gelingen, das Gewünſchte durchzuſeten. Zu dieſer Bemerkung veranlaßt uns der Umſtand, daß, wenn Mrs. Brandreth eine Civilklage gegen die Journale hätte anſtellen können, in welchen ſie als vornehme Diebin gebrandmarkt worden war, ſo hätte ſie vielleicht ihren Namen vor den Augen der Welt wieder hergeſtellt, nachdem Maſters ſich nicht dazu herbei laſſen wollte, ſie gerichtlich zu verfolgen. Zweimal hatte die unglückliche Frau die Bewilli⸗ gung ihres Gatten hiezu nachgeſucht, ſie war aber von dieſem beidemale ſtreng abgewieſen worden. Des Kapitäns Ueberzeugung von ihrer Schuld war nicht zu erſchüttern und ohne ſeine Zuſtimmung war ſie machtlos. Am Morgen der Gerichtsſitzung fand ſich ein ganz außergewöhnlich großes Auditorium ein. Die allgemeine Neugierde war durch die verſchiedenen im Umlauf befindlichen Gerüchte im höchſten Grade er⸗ regt worden, und es iſt allgemein bekannt, wie er⸗ picht die Geſellſchaft im Allgemeinen auf aufregende Scenen, welcher Art dieſelben auch ſein mögen, iſt. Da die Anklage nicht nur auf Meineid, ſondern auch auf Complott lautete, ſo konnte der Juwelier nicht allein abgeurtheilt werden. Ein weiteres Ueber⸗ bleibſel von der Weisheit unſerer Voreltern. Mary Daws, die Haushälterin der verſtorbenen Lady Vavaſ⸗ 168 ſour war deßhalb in der von der Jury begründeten Anklage eingeſchloſſen. Die alte Frau ſah ſich ſcharf um, als der Haupt⸗ verbrecher in Folge der von ihm geleiſteten Bürg⸗ ſchaft an ihrer Seite auf der Anklagebank Platz nahm. Der Eindruck auf das Publikum war, ſoweit es ſich um deſſen Perſon handelte, äußerſt günſtig. Der unermüdliche Mr. Sutch hatte ſeinen Clienten dahin zu bringen gewußt, daß er verſchwenderiſcher Weiſe ſich einen neuen ſchwarzen Anzug angeſchafft und ſein Haar gepudert hatte. Der kleine Advocat ver⸗ ſtand ſich offenbar darauf, Effect hervorzubringen; denn weißes Haar iſt weit intereſſanter als graues. Es entſtand ein leiſes Gemurmel im Saale, das durch„St! St!“ unterbrochen wurde, als Serjeant Billing ſich erhob, um die Anklage vor⸗ zutragen. Mr. Quarles, der ausgezeichnete Kronanwalt, der die Vertheidigung führte, war der feſten Ueber⸗ zeugung, daß ſein gelehrter College an die Theil⸗ nahme und Gefühle der Geſchworenen ſich wenden, die langen Leiden ſeiner Clientin und ihre Beſtre⸗ bungen, ihren guten Ruf wieder herzuſtellen ſchildern und dabei hervorheben würde, wie elend ſie ihr Daſein beſchließen müſſe, wenn ihr jetziges Beſtreben mißlinge. Im Stillen wünſchte er, daß es ſo kom⸗ men möchte, denn Quarles war ganz ausgezeichnet im Zergliedern der Rede des ihm gegenüberſtehenden Advocaten. Zu ſeinem Erſtaunen gab es aber nichts Con⸗ ciſeres und Einfacheres, als die Darlegung des Serjeant Billing. 8 169 „Mylord und meine Herren Geſchworene,“ hub dieſer an,„die gerichtliche Unterſuchung, die im jetzi⸗ gen Augenblicke eröffnet wird, bildet einige merk⸗ würdige Geſichtspunkte, auf welche, mit Eurer Lord⸗ ſchaft Erlaubniß, ich die Aufmerkſamkeit Eurer Lord⸗ ſchaft zu lenken wünſche. ⸗ „Das fragliche Verbrechen wurde vor etwa zwanzig Jahren begangen, Mylord, alſo zu einer Zeit, in welcher jetzt die Klägerin, Adelaide Brand⸗ reth, eine Dame von Familie und großem Vermögen in Bath wohnte, wo der Gefangene damals und noch jetzt das Geſchäft eines Goldſchmieds und Ju⸗ weliers trieb. Die Gefangene wohnte ebenfalls in dieſer Stadt, und befand ſich in der Haushaltung der verſtorbenen Lady Vavaſſour als Stubenmädchen oder—“ „Als Haushälterin und Kammerfrau,“ unterbrach ihn Mary Daws. „Still geſchwiegen,“ rief der Gerichtsdiener. „Dann ſoll er auch die Wahrheit ſprechen,“ ver⸗ ſetzte die alte Frau zornig. „Ungefähr am— am—“ hier ſah der gelehrte Herr in ſeinem Bericht nach;„ja, am zehnten ctober in dem in der Anklage genanntem Jahre wurde gegen meine Clientin von dem Gefangenen, James Maſters, eine Klage wegen Diebſtahls erhoben, und auf dieſe hin ein Verhaftsbefehl erlaſſen, nachdem er zuvor die Wahrheit ſeiner Angaben beſchworen hatte. Die Lady wurde verhaftet, durfte aber nach gelei⸗ ſteter Caution von Seite ihrer Freunde Bath ver⸗ laſſen, von wo ſie wegeilte, um den Schutz ihres 3 4 Gemahls, des Kapitän Brandreth, eines Smith, Milly Moyne. V. 1 neten Offiziers in der Königlichen Marine, der ſo⸗ eben in Portsmouth eingetroffen war, nachzuſuchen. „Der Gatte war aber unglücklicher Weiſe gegen ſeine Frau eingenommen worden. Er verſagte ihren Betheuerungen, daß ſie unſchuldig ſei, den Glauben, trennte ſie von ihrem Kinde, das kaum ein Jahr alt war, und überließ es ihr, allein und unbeſchützt den Kampf gegen ihre Verläumder auszufechten. „Eine Hirnentzündung war die Folge davon. Ich werde nicht bei den Leiden der ſchwerbeleidigten Dame verweilen, um Ihr Mitleid und Ihre Theil⸗ nahme zu erwecken, indem ich mich einfach mit An⸗ führung dieſer Thatſache begnüge. Nachdem ſie aber wieder geneſen war, obgleich die Aerzte ſie ſo gut wie aufgegeben hatten, kehrte die Klägerin wieder nach Bath zurück. „Die von ihr geleiſtete Bürgſchaft war verfallen und wie man vermuthet, von ihrem verblendeten Gatten bezahlt worden. Jedenfalls hatte meine Clientin nichts damit zu thun, denn ſie drängte ihren Ankläger, vorzugehen und ein gerichtliches Verfahren gegen ſie einzuleiten. Er ſchlug dieß aber ab. Und weßhalb, Mylord? Weil, wie ich beweiſen werde, der Zweck dieſes ſchändlichen Complotts erreicht, meine unglückliche Clientin von ihrem Gatten ge⸗ trennt— deren Ruf und Glück zerſtört war. „Das Werk der Rache war vollendet. „Zweimal verſuchte ſie ihren Ruf in den Augen der Welt herzuſtellen, indem ſie gewiſſe Journale zu verklagen ſich anſchickte, in welchen Gerüchte dieſer traurigen Geſchichte mit verläumderiſchen Anmerkungen erſchienen waren. Hiezu war aber die Zuſtimmung — — 8— 171 ihres Gatten nothwendig. Kapitän Brandreth ver⸗ weigerte dieſelbe— eine Handlung, die zu qualifi⸗ ciren ich mir nicht erlaube. Nur Wahnſinn kann ſolche Herzloſigkeit— ich hätte bald geſagt Rohheit — beſchönigen. „Die Anklage auf Complott, Mylord, ſoll durch Briefe, welche zwiſchen dem Gefangenen James Maſters und der verſtorbenen Lady Vavaſſour, der Urheberin des teufliſchen Complotts, gewechſelt wurden, ſowie durch die Ausſage von Zeugen bewieſen werden.“ „Billing muß eines günſtigen Wahrſpruchs ſicher ſein,“ bemerkte eines der jüngern Mitglieder des Gerichtshofs.„Ich habe ihn noch niemals ſo trocken plaidiren hören.“ Das erſte Schreiben, welches vorgewieſen wurde, war von Lady Vavaſſour an den Juwelier. Es war, wie es ſchien, mit anderen Briefen aufgegeben worden, nachdem die rachſüchtige Frau das Glück ihrer Nichte zu Grunde gerichtet und ihre Juwelen den Händen Maſters als Sicherheit für den Preis ſeiner ſchändlichen Dienſtleiſtungen übergeben hatte. Für unſern Zweck genügt folgender Auszug: „Die Summe, die Sie verlangen, iſt unge⸗ heuer. Es koſtet Sie ja weiter nichts, als ein wenig zu ſchwören. Mademoiſelle Marelle wird Ihnen behilflich ſein. Kommen Sie heute Abend zu mir zu einer Beſprechung.“ Die Handſchrift der verſtorbenen Dame war voll⸗ kommen als die ihrige erwieſen. Als der Name der Gouvernante genannt wurde, fuhr ein Herr, deſſen Geſicht theilweiſe durch den hoch heraufgezogenen Kragen ſeines vode ein „ 172 loſe über den Mund gebundenes Sacktuch verborgen war, auf und ſtieß einen halb unterdrückten Seuf⸗ zer aus. In einem zweiten Brief wurden die Einzelnheiten des Complotts beſprochen. Lady Vovaſſour führte darin an, daß ihre Dienerin Mary Daws die Ge⸗ genſtände in das Schmuckkäſtchen ihrer Nichte prak⸗ ticiren werde. „Das hat ſie nicht geſchrieben!“ rief die Ge⸗ fangene, als der gelehrte Advocat dieſe Stelle las. „Die Herrin, die ich liebte und bediente, würde eine ſolche Lüge nicht geſchrieben haben; das iſt Erdich⸗ tung. Laſſen Sie mich den Brief ſehen, Mylord. Niemand kennt ihre Handſchrift ſo genau wie ich. Ich will Sie nicht hintergehen; aber ich bitte, ich bitte, laſſen Sie mich ihn ſehen.“ Es lag etwas ſo Ernſtes in dem Flehen, daß dem Verlangen entſprochen wurde; doch wurde jede Vorſicht angewendet, zu verhindern, daß das Papier vernichtet werden könnte. 4 „Es iſt ihre Handſchrift!“ ſagte Mary Daws im Tone bitterer Enttäuſchung.„Möge Gott ihr dieß vergeben! Ich habe nichts mehr hinzuzu⸗ ſetzen. Machen Sie mit mir, was Ihnen beliebt.“ Zuletzt kamen die Punktationen der Uebereinkunft zwiſchen dem Juwelier und der Lady. Die letztere übergab gewiſſe Familienjuwelen, die genau beſchrie⸗ ben waren, den Händen von James Maſters, als Sicherheit für die Summe von dreitauſend Pfund. Die Juwelen ſollten während der Lebzeiten der Vavaſſour und deren Sohn nicht veräußert werden. 173 Im Falle ihres beiderſeitigen Todes ſollten ſie, wenn ſie bis dahin nicht eingelöst wären, aus der Faſſung genommen und einzein verkauft werden. Unſere Leſer können jetzt die Speculationen ver⸗ ſtehen, welche John Compton Alfred Belgioſo in Bath vorgeſchlagen hatte. Am Schluſſe der Correſpondenz, welche den bos⸗ haften Plan der Lady Vavoſſour, Rache für ihre getäuſchte Habſucht dadurch zu nehmen, indem ſie den Ruf ihrer Nichte vernichtete, gänzlich enthüllte, ſich folgende von Sir Cuthbert geſchriebene ⸗ otiz: „Dieſe Briefe kamen beim Tod meiner Mutter 3 in meinen Beſitz. Wollte der Himmel, ich hätte ſie nie geleſen! Konnte ich, durfte ich als Sohn das Andenken an eine Mutter— deren Verbre⸗ chen, wie ich glaube, allein aus Liebe für mich entſprang— der Schande preisgeben, wie ver⸗ dient dieſelbe auch ſein mochte? Unmöglich! ich werde ſie vernichten.“ Unter einem ſpäteren Datum fügte der Schreiber weiter unten bei: „Ich habe ihren Sohn geſehen— den Sohn von Adelaide Vavaſſour, der Frau, die ich ſo 3 innig liebte— welcher meine Mutter ſo grau⸗ e ſames Unrecht angethan hat. Er iſt die Ehre ſelbſt; ſein Beiſpiel hat mich meine Pflicht ge⸗ lehrt. Oliver Brandreth vertraue ich die Auf⸗ gabe an, welche zu erfüllen kindliche Pietät allein mich abhält.“ Als Mrs. Brandreth in tiefe Trauer gekleidet, den Schleier halb herabgelaſſen auf der Zeugenbank 174 erſchien, entſtand eine allgemeine Bewegung des Intereſſes und der Sympathie im ganzen Gerichts⸗ ſaale. Es lag etwas unausſprechlich Rührendes und Ruhiges in dem Tone und in der Art, in welcher ſie Zeugniß ablegte, indem auch nicht ein rachſüch⸗ tiger Blick ihr entſchlüpfte oder ein bitteres Wort von ihr gehört wurde. Nur ein einzigesmal wurde ihre Selbſtbeherrſchung auf einen Augenblick erſchüt⸗ tert; es war dieß, als bei ihrem Kreuzverhör Quar⸗ les auch Oliver's Namen nannte. „Er iſt abſichtlich über den Tag der Gerichts⸗ ſitzung in Unwiſſenheit gelaſſen worden,“ verſetzte ſie. „Vielleicht theilen Sie den Geſchworenen mit, weßhalb?“ „Um die Gefühle ſeiner Mutter zu ſchonen,“ ver⸗ ſetzte Mrs. Brandreth.„Es hängt von dem Wahr⸗ ſpruch der Geſchworenen ab, ob der Schleier, der uns trennt, anders als durch den Tod gelüftet wird.“ Der gelehrte Mann hätte beſſer daran gethan, dieſe Frage nicht zu ſtellen. Es hieße die Geduld unſerer Leſer ermüden, wenn wir der Gerichtsverhandlung mit dem Kreuz⸗ und Zeugenverhör, der Prüfung der Handſchriften u. ſ. w. u. ſ. w. Schritt für Schritt folgen wollten. Wir werden uns damit begnügen, nur noch eine weitere Zeugin— die franzöſiſche Gouvernante— auf dieſem Schauplatze vorzuführen. Dieſelbe hatte ihren Nerven die nöthige Spannkraft gegeben, um die ſo gerechter Weiſe aber unerbittlich ihr auferlegte Auf⸗ gabe erfüllen zu können. „Juliette Marelle,“ ſagte ſie ſanft in Erwiderung auf die übliche Frage nach ihrem Namen. 175 „Kennen Sie Mr. James Maſters?“ „Ganz genau.“ „Vielleicht finden Sie ſich veranlaßt, den Ge⸗ ſchworenen zu erklären, unter welchen Umſtänden Sie ſeine Bekanntſchaft machten.“ „Recht gerne, Monsieur. Ich befand mich als demoiselle de compagnie im Hauſe der Mrs. Brand⸗ reth in Bath.“ „Sie lernten ihn alſo wohl in ſeinem Laden kennen?“ „Nein, Monsieur, in dem Ankleidezimmer der Lady Vavaſſour.“ „Was trug ſich bei dieſer Veranlaſſung zu?“ Trotz ihrer Selbſtbeherrſchung brachte dieſe Frage die Zeugin einige Secunden kang außer Faſſung, doch gelang es derſelben, indem ſie ihre ganze Kraft aufraffte, ſich wieder zu ſammeln, noch ehe dieſelbe wiederholt wurde. „Lady traf ein Abkommen mit ihm, indem ſie eine gewiſſe Summe zu bezahlen verſprach, wenn er ſich dazu verſtehen wolle, gegen Mrs. Brandreth auf Diebſtahl zu klagen.“ Ein lauter Seufzer entſchlüpfte dem Herrn, der ſo tiefer Vermummung unter den Zuhörern ſich efand. 5 „Erklärte die Lady Vavaſſour die Gründe ihres Verlangens?“ „Damals nicht, aber ich kannte ſie genau. Die Vermählung ihrer Nichte mit Kapitän Brandreth hatte ſie im höchſten Grade aufgebracht.“ Willigten Sie ein, ſie bei ihren Plänen zu terſtützen?“ 176 „Ja.“ „Auf welche Weiſe?“ Dadurch, daß ich die Gegenſtände, welche Mrs. Brandreth geſtohlen haben ſollte, in deren Schmuck⸗ käſtchen legte.“ Ueber dieſes Zugeſtändniß entſtand ein allge⸗ meines Murren des Abſcheus im ganzen Saale. „Gelang Ihnen der Verſuch gleich das erſtemal?“ „Nein,“ verſetzte Mademoiſelle Marelle.„Das erſtemal wurde er mit einem Smaragdring gemacht; aber Mrs. Brandreth fand denſelben und beeilte ſich, ihn dem Gefangenen in ſeinen Laden zurückzu⸗ bringen, in der Meinung, ſie habe ihn dort aus Verſehen mitgenommen.“ „Wer lieferte Ihnen die Gegenſtände, die Sie in das Schmuckkäſtchen legten?“ „James Maſters.“ „Erhielten Sie dieſelben eigenhändig von ihm?“ „Eigenhändig,“ wiederholte die Zeugin. „Waohrſcheinlich,“ bemerkte Serjeant Billing, „wurden Sie für den ſchändlichen Dienſt, den Sie der verſtorbenen Lady Vavaſſour leiſteteten, reichlich bezahlt.“ Mademoiſelle murmelte etwas davon, daß die Dame arm geweſen ſei. „Vielleicht wollen Sie den Herren Geſchworenen angeben, wie viel Sie dafür erhielten?“ „Ach! Monsieur,“ unterbrach ihn die Franzöſin mit theatraliſchem Pathos,„aus Barmherzigkeit er⸗ laſſen Sie mir dieß.“ „Beantworten Sie die Frage!“ ſagte der Richten in ſtrengſtem Tone. 177 „Ich wurde nicht mit Geld bezahlt,“ ſtammelte die Gouvernante. „In Juwelen vielleicht?“ „Nein.“ „Wie denn?“ „Durch Haß!“ verſetzte die Zeugin mit einer Energie, welche die Anweſenden entſetzte.„Ich haßte die Nichte. Wenn ſie nicht geweſen wäre, ſo wäre ich wohl die Gattin ihres Vetters Sir Cuth⸗ bert geworden.“ „Sie die Gemahlin Sir Cuthbert's?“ rief die gefangene Haushälterin.„Das iſt eine Lüge, und nicht die erſte, die Sie geſagt haben. Ich will ſprechen!“ fügte ſie bei, ſich heftig gegen den Ge⸗ richtsdiener wendend, der ſie zum Stillſchweigen nöthi⸗ gen wollte.„Ich habe ebenſo viel Recht, gehört zu werden, als die Franzöſin. Meine Lady hätte ihren Sohn lieber im Sarge wie als Gemahl einer ſol⸗ chen Kreatur geſehen. Mir iſt alles einerlei; ich habe geſagt, was ich weiß; mache man mit mir, was man will.“ „Noch eine Frage,“ ſagte der Vertheidiger,„und ich überlaſſe es dann meinem gelehrten Collegen Quarles, für Sie zu thun, was er vermag. Sie ſind, ſo viel ich weiß, ſehr geſchickt im Nachahmen jeder Handſchrift?“ ſetzte er an Mademoiſelle Ma⸗ relle gewendet hinzu. Das„Ja,“ das mehr durch den Blick, wel⸗ cher obige Worte begleitete, als durch dieſe ſelbſt ausgepreßt wurde, kam ſehr ſchwach aus dem Munde 6 der Zeugin. *.„Schickten Sie nicht an Kapitän Brandreth einen 178 vorgeblich von ſeiner Gattin geſchriebenen Brief, in welchem dieſe Sie flehentlich bat, ſie vor den Folgen des zu retten, deſſen ſie angeklagt war?“ „Ja.“ „Haben Sie je von der Klägerin einen ſolchen Brief erhalten?“ „Nein.“ „Er war alſo von Ihnen gefälſcht?“ l „Mylord und meine Herren Geſchworenen, ich habe keine weitere Frage mehr an die Zeugin zu ſtellen.“ Dieſes faſt eyniſche Eingeſtändniß der Mademoi⸗ ſelle Marelle brachte eine allgemeine Entrüſtung im Gerichtsſaale hervor. Der ſo tief verhüllte Gentle⸗ man brach ſich, bleich, überwältigt, niedergeſchmettert durch dieſes Geſtändniß, Bahn durch die Menge. Es war dieß der ſo lang verblendet geweſene Gatte, Kapitän Brandreth. Jedes Wort, das die Gouvernante geſprochen hatte, war wie geſchmol⸗ zenes Blei auf ſein Gehirn gefallen; es hatte ihn ſeiner Ungerechtigkeit gegenüber geſtellt und ihm die Frau, die er ſo grauſam im Stich gelaſſen, rein und unſchuldig gezeigt, wie Liebe und Jugend ſie gemalt; hatte ſie der Welt gegenüber von aller Schuld frei geſprochen. In dieſer Schmerzensſtunde wünſchte er vergebens, daß die Erde ſich öffnen und ihn verſchlingen möchte. Die Rache ſelbſt hätte ſich durch die bittere De⸗ müthigung, die mitleidsloſe Strenge des Kreuzver⸗ hörs befriedigt gefühlt, welchem Mademoiſelle Ma⸗ relle ſich unterwerfen mußte. Der Anwalt für die Vertheidigung zeigte dem unglücklichen Weibe keine 179 Barmherzigkeit, denn er fühlte keine. Ein paarmal, als die Gouvernante, unter der geiſtigen Folter ſich windend, zögerte, wiederholte er kaltblütig ſeine Fra⸗ gen, machte Anmerkungen zu ihren Antworten, bis ſie durch eigenes Geſtändniß als eines der verdor⸗ benſten und herzloſeſten Geſchöpfe ihres Geſchlechts daſtand. Es wurde dieß auf geſchickte Weiſe ausgeführt, ohne jedoch dadurch der Sache ſeines ebenſo unwür⸗ digen Clienten zu nützen. „Es iſt unmöglich,“ bemerkte er,„daß ein Ge⸗ ſchworenengericht einen der Gefangenen auf das Zeug⸗ niß einer ſo elenden— er vermochte ſie nicht Frau zu nennen, denn ſie war noch ſchlechter als eine ge⸗ wöhyliche Lügnerin— einer ſo eingefleiſchten Lüg⸗ nerin verurtheilen kann, die jedenfalls eine Meinei⸗ dige— kurz eines jener Geſchöpfe iſt, welche nur in ſeltenen Fällen zum Vorſchein kommen, um der menſch⸗ lichen Geſellſchaft zu ihrem Entſetzen zu zeigen, welche Ungeheuer das Laſter zu erzeugen vermag.“ Die Zeugin mußte jetzt unter heftigen Nerven⸗ krämpfen von der Bank weggebracht werden. Als die Juwelen der verſtorbenen Lady Vavaſſour vorgewieſen wurden, erhob ſich einige Schwierigkeit, dieſelben als die ächten anzuerkennen. Dieſen Um⸗ ſtand beſeitigte aber die Gefangene. „Sie gehörten meiner Herrin,“ ſprach dieſe. „Mehr als zwanzig Jahre hatte ich ſie in meiner Verwahrung, habe aber nie erfahren, was aus ihnen geworden iſt.“ „Sind Sie verrückt,“ flüſterte Maſters, der neben ihr ſtand. 180 „Er will wiſſen, ob ich verrückt ſei, Mylord,“ rief Mary Daws,„weil ich die Wahrheit geſprochen habe. Wenn Sie daran zweifeln,“ fügte ſie bei,„ſo drücken Sie auf den Diamanten in der Mitte des Kreuzes, und Sie werden darunter eine Locke von den Haaren des verſtorbenen Sir Cuthbert Vavaſſour, als er noch ein Kind war, finden. Ich erinnere mich dieſes Umſtandes genau.“ Der Richter nahm das blitzende Geſchmeide in die Hand und drückte auf den Stein. Dieſer öffnete ſich, wie die Frau geſagt hatte. Nach einer ſolchen Darlegung konnte der Wahr⸗ ſpruch der Geſchworenen nicht zweifelhaft ſein. Er lautete auf Schuldig gegen den Juwelier, auf Nicht⸗ ſchuldig für Mary Daws. James Maſters fiel, als er dieſen Ausſpruch vernahm, moraliſch wie phyſiſch über dieſen Schlag vernichtet, auf die Bank zurück. „Stillgeſchwiegen! ſtillgeſchwiegen!“ riefen die⸗ Gerichtsdiener. Es war vergebens; das Freudengeſchrei dauerte fort. Nicht leicht war je die öffentliche Theilnahme in ſolchem Grade erweckt worden; und erſt, nachdem der gelehrte Richter zweimal erklärt hatte, daß jede Perſon, die auf ſolche Weiſe die Ordnung ſtöre, zur Rechenſchaft gezogen werde, konnte einigermaßen die Ruhe wieder hergeſtellt werden. Es iſt eine allgemeine, und ſo weit unſere Erfahrung reichte, auch vollkommen gerechtfertigte Wahrnehmung, daß die Menſchen, welche Gewiſſens⸗ biſſen am allerwenigſten zugänglich ſind, dem Ein⸗ fluſſe des Entſetzens am meiſten unterliegen. Als 181 James Maſters als überwieſener Verbrecher auf der Anklagebank ſaß und jedes Auge mit Verachtung auf ſich gerichtet ſah, verließ ihn ſeine Selbſtbeherrſchung, er fühlte, daß er vollſtändig zu Grunde gerichtet ſei und ſo bat er mit den herzbrechendſten Worten um Gnade. „Ich war arm, Mylord, als Lady Vovaſſour mich in Verſuchung führte. Ich beabſichtigte nie, mein Gewiſſen mit dieſem Geheimniſſe beſchwert, zu ſterben. Mrs. Brandreth war unſchuldig an dem Verbrechen, deſſen man ſie anklagte; meine Helfers⸗ helferin, die Franzöſin, welche das Geſchmeide in das Schmuckkäſtchen prakticirte, iſt frei ausgegangen. Gnade, Gnade! Ich bereue, Mylord, ich bereue!“ Wenn es noch an einer Beſtätigung ſeiner Schuld gefehlt hätte, ſo lieferte der jämmerliche Mann durch ſein Geſtändniß ſie ſelbſt. Die Rechtfertigung ſeines lange duldenden Opfers war vollkommen. Der Richter legte augenſcheinlich wenig Gewicht auf Reue. Sein Ausſpruch war ſtreng, aber gerecht— Sieben Jahre Transportation. Man mußte den Juwelier, der noch immer um Gnade winſelte, aus dem Gerichtsſaale wegſchleppen. Viele Perſonen, welche Mrs. Brandreth in beſſe⸗ ren Tagen gekannt hatten, würden ihr jetzt ihre Glückwünſche dargebracht haben, wenn ſie denſelben ſich nicht zu entziehen gewußt hätte. Geſtützt auf die Arme von John Compton und Advocat Billing, gelangte ſie an ihren Wagen, der ſie raſch von dem Schauplatz ihres Triumphs wegführte. Nur diejeni⸗ gen, welche ſie begleiteten, wußten wohin. Wie unſere Leſer vorausſetzen werden, ſo war 182 dieſer Tag für Mrs. Dalton und Iſabella ein Tag der Sorgen; beide liebten den getäuſchten und im Irrthum befangenen Gatten ebenſo ſehr, als ſie mit Hliver und deſſen Mutter ſympathiſirten. Auf welche Weiſe auch die Gerichtsſitzung enden mochte, ſo mußte Jemand, der ihnen theuer war, dadurch ſehr unglück⸗ lich werden. „Ich brauche nicht nach dem Wahrſpruche zu fra⸗ L Georg,“ ſagte ſeine Schweſter, als Kapitän randreth bleich wie das Geſpenſt der Reue im Beſuchzimmer erſchien;„er iſt in Dein Geſicht ge⸗ ſchrieben. Die Unſchuld Adelaide's iſt durch die Ver⸗ urtheilung ihrer Feinde erwieſen.“ „Sie iſt ganz unſchuldig— völlig unſchuldig,“ murmelte ihr Bruder;„und doch habe ich wie ein blöder Thor an ihr gezweifelt! Ich, den Natur, Ehre, Mannhaftigkeit zu ihrem Beſchützer beſtimmte! Der Gerechtigkeit iſt noch nicht völlig Genüge geſchehen,“ ſetzte er heftig hinzu;„die blinde alte Göttin hielt in ihrem Werk inne; der größte Verbrecher iſt frei ausgegangen.“ „Wen meinſt Du damit?“ „Mich ſelbſt!“ rief der unglückliche Mann,„mich ſelbſt! Die andern waren nur gemiethete Werkzeuge ihrer rachſüchtigen Tante.“ „Und Mademoiſelle?“ „Nenne dieſe nicht, wenn Du nicht willſt, daß ich den Verſtand verliere. Ich war genöthigt, den Ge⸗ richtsſaal zu verlaſſen. Ich vermochte nicht länger dem brennenden Verlangen zu widerſtehen, das mein⸗ eidige Geſchöpf Glied um Glied vor den Gerichtsſtuhl X 8— N 5 e h e⸗ P 183 zu zerren; wäre ich geblieben, ſo wäre ich entweder wahnſinnig geworden oder hätte ich ſie ermordet.“ In theilweiſe aus Jammer unzuſammenhängenden Worten erzählte der von ſeinem Gewiſſen gequälte Mann den Hergang der Sache,— das Geſtändniß der Gouvernante,— die ſiegreiche Rechtfertigung ſei⸗ ner verleumdeten Gattin. „Du weißt nicht einmal Alles,“ fuhr er fort, „Du weißt nicht einmal Alles. Selbſt vor Dir hielt ich den vermeintlichen Beweis von Adelaide's Schmach, — den Beweis, auf welchen hin ich ſie verdammte, — den Brief geheim, welchen dieſer Teufel in Men⸗ ſchengeſtalt gefälſcht hatte und in welchem derſelbe meine Gattin ihre Schuld eingeſtehen ließ.“ „Das Ungeheuer!“ rief Iſabella. „Es mildert wenigſtens—“ „Nichts kann mein Verfahren mildern,“ unter⸗ brach ſie ihr Bruder düſter.„Der Gatte von Adel⸗ aide Vavaſſour ſollte trotz des augenſcheinlichen Be⸗ weiſes ihren Worten geglaubt haben, ſein Auge, ſein Gehör— jeder Sinn— konnten ihn eher täuſchen, als eine ſolche Frau. Wie ich mich ſelbſt verabſcheue und verachte! Wie lächerlich erſcheint jetzt die Selbſt⸗ genügſamkeit, die jedes andere Urtheil als das eigene anfocht! Wie ſehr muß ſie mich verachten! „Mein Sohn— mein Sohn!“ ſetzte er im Tone des Vorwurfs hinzu,„wie hätte Dein Vertrauen— Inſünet der Natur— mich meine Pflicht lehren ollen!“ „Wenn ich das Herz meiner Freundin recht be⸗ z agte Mrs. Dalton,„ſo bemitleidet ſie ich.“ — 184 „Sie ſoll wenigſtens die einzige Genugthuung erhalten, die ich ihr zu leiſten vermag,“ bemerkte Kapitän Brandreth bewegt;„ich verzichte auf ihren Sohn— beraube mich des Glückes, ihn wieder zu ſehen. Es lag etwas Prophetiſches in ſeinen Wor⸗ ten, als er mir ſagte, daß ich von nun an ein kin⸗ derloſer Mann ſein werde. „Morgen verlaſſe ich England für immer; ich will nicht das Geſpenſt ſein, das ihr Glück trübt.“ Vergebens machte ihm ſeine Schweſter Vorſtellun⸗ gen; ihr Bruder ſchien eine gewiſſe Genugthuung in dem Gedanken an ſeine ſelbſtauferlegte Beſtrafung zu fühlen. „Wir wollen ein andermal weiter darüber reden,“ ſprach er, durch ihr liebevolles Drängen ermüdet aber nicht überzeugt. „Morgen, Georg?“ „Ja, vielleicht morgen.“ Als der Morgen kam, hatte ſich Kapitän Brand⸗ reth von Hauſe entfernt, wo er ein Paket an ſeinen Sohn und einen Brief an ſeine Schweſter hinterlaſſen hatte, der, nach dem verzweiflungsvollen Tone, in welchem er geſchrieben war, das Schlimmſte ahnen ließ. Von Angſt gequält und ohne zu wiſſen, wo Oliver zu finden ſei,“ fuhr Mrs. Dalton nach John Compton's Wohnung in der Hoffnung, dort das Ge⸗ wünſchte zu erfahren. „Hliver iſt wohl— ganz wohl,“ verſetzte der wür⸗ dige Makler;„ich erwarte ihn morgen zurück.“ „So hat er alſo London verlaſſen?“ „Ja. Ich ſchaffte ihn über die Gerichtsſitzung aus dem Wege, indem ich ihn verſicherte, dieſelbe ſei ver⸗ — n n in n 0 n . 8 185 ſchoben. Der arme Junge wird ſehr böſe werden ohne Zweifel, bis er den Grund davon erfährt. Glänzendes Reſultat!“ ſetzte er fröhlich hinzu.„Seine Mutter kann ihm jetzt ſtolz vor den Augen der Welt entgegentreten und nicht unter—“ Hier hielt er plötzlich inne, wie Jemand, den ſeine Begeiſterung zu weit geführt hat. „Hat denn ſeine Mutter ihn geſehen?“ fragte Mrs. Dalton. „Nun, ja; einmal, ſo viel ich weiß.“ „Wo?“ „Sie war verborgene Zeugin ſeiner Unterredung mit ihrem Bankier, ehe er ſich nach Italien begab. Aber Sie müſſen keine weitere Fragen an mich ſtel⸗ len; es iſt mir verboten, dieſelben zu beantworten.“ „Sie geben mir alſo auch die Adreſſe von Mrs. Brandreth nicht?“ „Für den Augenblick iſt ihr Gemüth noch zu ſehr aufgeregt; nichts vermag daſſelbe zu beruhigen, als die Anweſenheit ihres Sohnes. Ich bedaure faſt, ihn mit ſeinem Freunde Philipp zur Beſorgung eines Auftrags weggeſchickt zu haben, was, wie die Umſtände ſich jetzt geſtaltet haben, ganz unnöthig geweſen ſein dürfte. Sie haben wahrſcheinlich die Nachricht in den Zeitungen geleſen?“ „Von der Gerichtsſitzung?“ „Nein, vom Tode des Lord Alton Towers— den man geſtern Morgen todt in ſeinem Bette fand. Soll an einer Herzkrankheit geſtorben ſein,— iſt aber nicht wohl möglich— der Menſch beſaß nie ein Ding dieſer Art.“ Die Nachricht war richtig. Millys Verführer Smith, Milly Mohne. v. 13 186 war plötzlich zur letzten Rechenſchaft abgefordert wor⸗ den, und zwar, nach Beſtätigung der höchſten medi⸗ ciniſchen Autorität, in Folge des von dem Makler bezeichneten Leidens. Samba lächelte höhniſch, als ſie dieſen Ausſpruch vernahm und bemerkte trocken: „Dieß engliſch Doctor iſt geſchickt und weiß viele Dinge; aber nicht alle.“ „Und was ſagt denn Kapitän Brandreth zu dieſer Aufklärung?“ fragte der würdige Makler. „Sie hat ihn ganz darniedergeſchmettert,“ ant⸗ wortete ſeine Beſucherin. „Darüber, daß der Ruf ſeiner Gattin wieder hergeſtellt iſt?— daß die Mutter ſeines Jungen— ich wollte, er wäre mein Sohn— nicht mehr els Diebin gebrandmarkt iſt?“ „Sie thun ihm Unrecht,“ rief Mrs. Dalton, in Thränen ausbrechend.„Reue und Schande über ſeine Leichtgläubigkeit ſind es, die an ihm nagen. Er hat England für immer verlaſſen.“ „Hol's der Henker, daß er dieß gethan hat!“ „Um nicht das Hinderniß von Oliver's und deſſen Mutter Glück zu ſein. Leſen Sie— leſen Sie.“ „Nun,“ ſagte John Compton, nachdem er den Brief durchleſen hatte,„es liegt etwas Edles darin. „Die Fälſchung der Mademoiſelle Marelle— würde übrigens Jeden getäuſcht haben, ſelbſt den — hm! den Vater der Lüge ſelbſt, Mrs. Dalton, wie viel mehr einen ſchwachen, im Vorurtheil befan⸗ genen—“ „Er iſt mein Bruder,“ bemerkte ſeine Beſucherin, „Oliver's Vater.“ — 187 „Wahr— ſehr wahr,“ ſagte John Compion. „Die Beſten unter uns bedürfen der Nachſicht.— Ueberdieß iſt es nicht meine Sache, ihn zu richten.“ Mrs. Dalton kehrte enttäuſcht und niedergeſchla⸗ gen in ihr einſames Haus zurück, wo Mutter und Tochter mit größter Ungeduld die Rückkehr Oliver Brandreth's erwarteten. Welche von beiden am meiſten unter dieſer Empfindung litt, iſt ſchwer zu entſcheiden. Einundſiebenzigſtes Kapitel. Als der alte Zigeuner aus Alton Towers ent⸗ floh, geſchah es in der Abſicht, die Beweiſe von Milly's Geburt, die er den Händen ſeiner Schweſter anvertraut hatte, wieder an ſich zu ziehen. Nicht, als ob er ihrer Treue mißtraut hätte; im Laufe ihrer langen und vielbewegten Wanderungen hatte ſie ihm zu viele Beweiſe ihrer Ergebenheit gezeigt, als daß er über dieſen Punkt hätte im Mindeſten in Zweifel ſein können; aber ſein Sohn hatte einen Wink bekommen, und Keelan fühlte, daß ſeine eigene Eriſtenz gefährdet ſei, wenn er nicht jeden Verſuch deſſelben, den Faden zu verfolgen, abſchneide. Gleich vielen Menſchen, erkannte er erſt zu ſpät, daß das Geheimniß, einſt ſein Sclave, von dem Augenblicke an, in welchem es verbreitet wurde, ſein Herr ge⸗ worden war. Seit dem age, an welchem ihr Bruder das 188 Lager bei Kotswold verlaſſen hatte, blieb Martha bei der Horde. Die außergewöhnliche Energie ihres Charakters und ganz beſonders ihr Einfluß auf die Weiber führten augenblicklich die Unzufriedenen zum Gehorſam zurück. Squills und Jinks waren wegen ihres Attentats auf Keelan's Leben feierlich ausge⸗ ſtoßen worden. Was Kaled betraf, ſo gab es keine Veranlaſſung zu einer ähnlichen Maßregel gegen ihn, indem die Anweſenheit ſeiner Mutter genügend war, um ihn von der Bande fern zu halten. Von dem Augenblicke an, an welchem ſie ihn verflucht und ihm einen gewaltſamen Tod prophezeiht hatte, be⸗ trachtete ſie der Landſtreicher mit dem größten Ent⸗ ſetzen. Eine Ahnung, daß das prophezeihte Schickſal ihn erreichen würde, verfolgte ihn; er konnte die Ueberzeugung nicht los werden, daß er dieſem Looſe nicht entgehen würde. Wie die Meiſten ſeines Stam⸗ mes, war der Sohn der rumäniſchen Frau abergläu⸗ biſch, und ſeine einzige Hoffnung, dem gefürchteten Tode zu entgehen, beruhte auf ſeiner Abſicht, ſich in's Ausland zu verbannen. Daher ſchrieb ſich auch die Haſt, mit welcher er das Anerbieten des Lord Alton Towers annahm, und die Treue, mit der er deſſen Inſtructionen auszuführen beſchloß. Mit dem Scharfſinn und der Ausdauer des Blut⸗ hundes fanden er und ſeine Kameraden die Spur ihres Opfers in London und von da nach ſeinem alten Aufenthaltsorte Kotswold auf, von wo ſie ge⸗ duldig ſeine Rückkehr abpaßten. Das Wiedererſcheinen Keelan's brachte eine ih Senſation unter dem Stamme hervor. Zahlloſe Fragen wurden geſtellt. Wo war er geweſen? Was 189 hatte er unter den Häuſerbewohnern zu thun gehabt? Beabſichtigte er wieder wegzugehen? Der alte Mann gab keine oder höchſtens ausweichende Antworten und ſuchte das Zelt ſeiner Schweſter auf. „Wieder zurück!“ rief Martha, ohne im Minde⸗ ſten eine freudige Gemüthsbewegung oder Erſtaunen zu verrathen.„Ich wußte, daß ich Dich bald wie⸗ der ſehen würde.“ „Und wer ſagte Dir dieß?“ fragte ihr Bruder. „Ich träumte geſtern Nacht von Todten,“ ant⸗ wortete die Zigeunerin,„und Du weißt, was dieß zu bedeuten hat.“. Der alte Mann lächelte.. „Meine Träume gehen immer in Erfüllung,“ fuhr die Frau ſehr ruhig fort. „Die Todten kommen alſo wieder zurück,“ be⸗ merkte Keelan ruhig. „Wenn man von Todten träumt, hört man von den Lebenden,“ ſagte Martha verdrießlich.„Du warſt aber immer geſcheidter, als alle Uebrigen aus dem Stamme. Wenigſtens bildeteſt Du Pir dieß ein.“ „Vielleicht bin ich es auch, mit Ausnahme von Deinem Sohne.“ „Nenne dieſen nicht,“ unterbrach ihn ſeine Schwe⸗ ſter barſch.„Ich habe keinen Sohn mehr. Als der Kerl mich ſchlug, wurde das letzte Band zwiſchen den Keelans und Hearnes zerriſſen; aber er wird dafür gehenkt— er wird dafür gehenkt werden. Der Fluch der rumäniſchen Mutter hängt an ihm.“ „Dieß war leicht zu prophezeihen,“ verſetzte ihr Bruder trocken,„mochte er Dich geſchlagen haben 190 oder nicht. Du haſt ihn alſo nicht geſehen, ſeitdem ich das Lager verlaſſen habe?“ „Nein.“ Das war eine befriedigende Rachricht. Der alte Mann hatte eine inſtinktartige Furcht vor ſeinem Neffen. Das Alter hatte den wilden Muth, den er einſt beſeſſen, gedämpft,— ſein Wille war weniger entſchloſſen,— ſeine Hand weniger feſt. Er hatte das Attentat auf ſein Leben nicht vergeſſen und die Erinnerung daran machte ihn etwas ingich Etwa eine Stunde lang ſaßen dieſe beiden merk⸗ würdigen Geſchöpfe— deren Lebenslauf, wenn er beſchrieben würde, mehr Elemente der Romantik, mehr abenteuerliche und verbrecheriſche Thaten ent⸗ halten würde, als die ausſchweifendſte Phantaſie zu erfinden vermag,— unter dem Leinwanddache des niedern Zeltes, ſtillſchweigend und regungslos, wie ein paar Indianer, welche die Friedenspfeife rauchen, neben einander. Zweimal waren die Pfeifen neu geſtopft worden, ehe die Zigeunerin, der ihrem Geſchlechte eigenthüm⸗ lichen Neugierde nachgebend, ihren Bruder fragte, wo er geweſen ſei. „Bei den Häuſerbewohnern,“ antwortete der alte Mann. Martha ſpuckte auf den Boden als Zeichen ihres Haſſes und ihrer Verachtung derſelben. „Man findet Schlechtes und Gutes bei denſel⸗ ben,“ bemerkte Keelan bedächtlich;„ſie ſind ſchlauer, als wir glauben. Ich habe mehr Gold und Silber in einem einzigen Hauſe geſehen, als in den Zelten unſeres ganzen Stammes zu finden wäre.“ 1091 Unwillkürlich ſeufzte er in dem Augenblicke, in welchem ſeine Gedanken ſich den Vorräthen in der Silberkammer von Alton Towers zuwandten. „Und wie viel haſt Du davon mitgebracht?“ fragte ſeine Schweſter haſtig. Ihr Bruder ſchüttelte den Kopf. „Dann ſind ſie allerdings ſchlau,“ ſetzte das Weib im Tone der Enttäuſchung hinzu. „Ich wollte, ich wäre in dieſer Lage geweſen.“ „Sie hätte Dich nur geäfft,“ ſagte der Mann. „Es war Nichts zu machen.“ Dieſe Behauptung beantwortete ſeine Schweſter mit einem ungläubigen Lachen. „Ich ſage Dir, es war Richts zu machen,“ wie⸗ derholte der Zigeuner,„wenigſtens für den Augen⸗ blick nicht. Haſt Du die Papiere, die ich Dir an⸗ vertraut habe, wohl aufgehoben?“ Martha ſchob die Hand in ihre weite Taſche und zog daraus das Paket hervor. Keelan unterſuchte die Schnur, die er zu einer Art von gordiſchem Knoten zuſammengeknüpft hatte, um nachzuſehen, ob Nichts damit vorgegangen ſei. Nachdem er ſich über⸗ zeugt hatte, daß Alles noch genau in demſelben Zu⸗ ſtande ſei, in welchem er ihr das Paket übergeben hatte, zog er den weiten ſchwarzen Rock, den er trug, aus, trennte eine der Nähte auf, ſteckte es zwiſchen das Tuch und das Futter, und nähte das Ganze wieder zuſammen.. „Es kam keine Minute aus meinem Beſitz,“ be⸗ merkte das Weib, deren Neugierde rege zu werden anfing,—„Tag und Nacht, unterwegs und in den Zelten trug ich es bei mir.“ 192 Der Zigeuner ließ ein befriedigtes Kichern hören und fuhr in ſeinem Geſchäfte fort. „Ich hätte viel Geld damit verdienen können,“ fügte ſie bei. „Woher weißt Du dieß?“ fragte Keelan ſcharf. „Die Geheimniſſe der Häuſerbewohner werden zuweilen mit Gold aufgewogen,“ erwiderte ſie. „Nicht immer— nicht immer.“ „Dießmal wäre es aber der Fall geweſen.“ „Nun, vielleicht könnte es ſo ſein,“ murmelte ihr Bruder.„Martha, ich habe Vieles gelernt, wovon ich, ehe ich weg war, keine Ahnung hatte. Ich habe einen Berg geſehen, der Feuer ſpeit, Hrangen, die auf den Bäumen wachſen, und ganze Schaaren von den glatt geſchorenen Prieſtern, von denen uns die Großmutter erzählte, als wir noch Kinder waren und wenn wir nicht mehr ſpielen wollten. Wahrſcheinlich war ſie auch aus einem ſolchen Lande, denn ſie ſprach das Rumäniſche nicht, wie wir, obgleich wir ſie verſtehen konnten.“ „Es war auch Anders,“ ſagte ſeine Schweſter, „es war auch Anders. Du haſt mir jetzt erzählt, was Du geſehen haſt, erzähle mir jetzt auch, was Du gelernt haſt.“ it Häuſerbewohner ſind geſcheidter als wir.“ „Pa. „Ich ſage Dir, daß ſie es ſind,“ wiederholte Keelan ernſthaft.„Das Gold der Erde gehört ihnen, ihre Reichthümer ſind unermeßlich. Ich will nicht, ſagen, daß die Zelte unſeres Stammes im Sommer nicht angenehm ſeien, weil ich dieß glaube; aber im Winter ſind die Wohnungen der Häuſerbewohner ——— 8 8— —— 193 beſſer. Der kalte Wind und der Regen, der unſere Gebeine mit Rheumatismen erfüllt, dringen bei ihnen nicht ſo ein, als in den Schluchten und auf den Haiden. Früher dachte ich auch nicht ſo wie jetzt, aber eben deßhalb beabſichtige ich meine Tage dort zu beſchließen,“ ſetzte er hinzu. „Wer wird Dir aber ein Haus geben?“ fragte ſeine Zuhörerin. „Ueberlaß das mir. Wenn Du willſt, kannſt Du mit mir kommen und Dich ebenfalls dort nieder⸗ laſſen—“ 3 Die Zigeunerin brach in ein lautes Lachen aus. „Was!“ rief ſie aus;„ich ſollte die Zelte unſeres Stammes verlaſſen, um der Race, die ich haſſe, zum Geſpött zu dienen? Niemals!“ „So ſtirb alſo in einem Graben!“ ſagte ihr Bruder. „Ich wurde in einem Graben geboren,“ ant⸗ nicht auch in einem Graben ſterben. Verſuch es, Keelan— verſuch es— Du wirſt bald wieder zu den Deinigen zurückkehren.“ wortete Martha philoſophiſch,„warum ſollte ich „Vielleicht,“ murmelte der Greis,„vielleicht.“ „Ich bin feſt überzeugt, daß Du dieß thun wirſt,“ fuhr die Frau fort.„Wenn die Bande nicht mehr ſo iſt, wie ehemals, wer trägt die Schuld? Du! Du hatteſt immer und fortwährend mit den Häuſerbewohnern zu ſchaffen. Es kommt nichts Gutes dabei heraus, wie ich Dir ſchon oft geſagt habe. Wenn Mily Kaled geheirathet hätte, wie zut wäre alles gegangen! Er war ein braver Burſche, bis ſie ihm untreu wurde.“ 194 „Milly iſt jetzt eine große Dame.“ „Verflucht ſei ſie!“ ſagte ſeine Schweſter bitter —„verflucht ſei ſie.“ Keelan verſuchte mehrmals vor ſeinem Weggehen, den Entſchluß ſeiner Schweſter wankend zu machen, aber vergebens; er war nicht zu erſchüttern und, ſo gab er verzweifelnd die Hoffnung auf. Man darf übrigens nicht glauben, daß ſeine Anerbietungen durch Zuneigung eingegeben waren,— eine ſolche Schwäche beſaß er nicht; Martha war aber das einzige Geſchöpf in der Welt, in das er Vertrauen ſetzen konnte. Er kannte ihren Muth, Ausdauer und Schlauheit; mit ihrem Beiſtand konnte er hoffen, die Pläne, die er für die Zukunft entworfen hatte, ausführen zu können. Ohne ſie mußte er dieſelben, wenigſtens theilweiſe, aufgeben. „Du kommſt wieder in die Zelte zurück!“ ſagte ſeine Schweſter, als er das zottige Pony beſtieg, auf welchem er gekommen war.„Ich hatte geſtern Nacht einen Traum, der von ſchlechter Vorbedeutung war— von ſehr ſchlechter Vorbedeutung.“ „Ja, ja; Ihr kommt wieder zu uns zurück!“ riefen mehrere von der Bande, die ſich um ihn ver⸗ ſammelt hatten, um Zeugen ſeines Weggangs zu ſein und ihm Lebewohl zu ſagen. „Vielleicht,“ verſetzte der alte Mann,—„viel⸗ leicht; aber es wird ſchon einige Zeit hingehen. Ich habe gar Manches vorher in Ordnung zu bringen.“ Als Keelan wegritt, warf ihm Martha einen ihrer Schuhe nach— ohne Zweifel gleichſam als Zauber gegen den böſen Einfluß ihres Traumes. Dieſe jetzt ſo allgemeine Gewohnheit iſt morgenlän⸗ 195 diſchen Urſprungs und viel älter, als unſere Leſer im Allgemeinen glauben. Es iſt in der heiligen Schrift mehrmals davon die Rede, namentlich im zweiundzwanzigſten Kapitel des fünften Buches Mo⸗ ſis und in dem Buche von Ruth. Unter der hebräiſchen Nation ſcheint eine Verzichtleiſtung auf Autorität darin gelegen zu haben. Die Vorbedeutung ſchien eine ſehr unglückliche zu ſein, denn der Schuh flog auf ſeinem Wege durch die Luft gegen einen abgeſtorbenen Baumaſt, prallte daran zurück und fiel faſt wieder zu den Füßen der Zigeunerin nieder. „Kehr' um!“ rief ſie, die Arme heftig in der Luft bewegend aus,—„kehr um! es iſt Blut auf dei⸗ nem Wege!“ Ihr Bruder lächelte über dieſen Aberglauben und ſetzte ſeinen Weg fort. Wenn auch Doctor Sellen unvorſichtig genug geweſen wäre, die Autorität des Kanzlers anzu⸗ fechten, ſo würde die zahlreiche Begleitung des Herrn, welcher Lady Alton Towers von Melina Houſe wegzubringen beauftragt war, jeden derartigen Verſuch vereitelt haben. Da er aber unter dieſen Umſtänden ſich ganz machtlos ſah, ſo verbarg er ſeinen Groll anſcheinend unter dem tiefſten Reſpekt und nahm ſeinen Beſucher ſehr herzlich auf. „Ein ſehr trauriger und wie ich fürchte, hoffnungs⸗ loſer Fall,“ bemerite er.„So reich— von ſo hohem Rang— und dazu in der Blüthe des Lebens!“ „Vielleicht iſt Ihr Wunſch der Vater Ihrer Worte?“ bemerkte Philipp unwillig. 196 „Mein Herr, ich verſtehe nicht recht, was Sie damit ſagen wollen.“— „Pah!“ unterbrach ihn Oliver Brandreth,„wir kennen Sie und Ihren ſchurkiſchen Gehilfen Howlet! 1 Haben Sie die beiden Knaben vergeſſen, welche Lady Vavaſſour aus Ihren Klauen befreiten?“ Doctor Sellen gab ſich keine weitere Mühe mehr, liebenswürdig oder uneigennützig zu ſcheinen. Der arme Philipp war tief ergriffen, als ſeine Mutter in das Zimmer eingeführt wurde. Lady Alton Towers ſah mit ſtierem Blicke um ſich und verrieth weder Freude noch Erſtaunen über die An⸗ weſenheit ihres Sohnes. „Kennen Sie mich nicht, theuerſte Mutter?“ fragte er, indem er ihre willenloſe Hand ergriff und küßte. Die Kranke blieb ſtumm und theilnahmlos. „Es iſt vergebens,“ bemerkte Doktor Halſtead, „ganz vergebens. In ihrem jetzigen Zuſtande wird die Lady Sie nicht erkennen. Zeit und Entfernung von Allem, was erzürnen oder aufregen kann, ver⸗ mag allein eine Kur zu Stande zu bringen.“ „Halten Sie ihren traurigen Krankheitszuſtand nicht für hoffnungslos?“ rief ihr Sohn. „Keineswegs,“ verſetzte der Mann der Wiſſen⸗ ſchaft nachdenklich.„Es ſind im Gegentheil Symp⸗ tome vorhanden, welche mir die Hoffnung einflößen, daß der Verluſt des Gedächtniſſes nur vorübergehend iſt, und daß— doch es nützt zu nichts, darüber jetzt zu ſprechen. Da Lady Alton Towers ſo lange unter meiner Pflege zu bleiben hat, bis der Kanzler weitern Beſchluß über ſie gefaßt haben wird, ſo 197 habe ich hinreichend Zeit, den Fall näher zu ſtudiren.“ Doctor Dalrymple hatte zwei Wärterinnen von reſpektablem, matronenartigem Ausſehen mitgebracht, welche die Patientin nach ſeinem Reiſewagen führten und neben ſie ſich ſetzten. Als das Gefährt weg⸗ fuhr, glitt ein mattes Lächeln einen Augenblick über das bleiche Geſicht ihrer Pflegbefohlenen. „Meiner Mutter iſt ſchändlich mitgeſpielt worden,“ ſagte Philipp in einem Zuſtande peinlicher Aufregung. „Ich bin feſt überzeugt, daß dieß der Fall war.“ „So lange ſie unter meiner Pflege war, geſchah dieß jedenfalls nicht,“ verſetzte Sellen. „Ich bin davon nichts weniger als überzeugt,“ bemerkte Oliver.„Sie ſind einer ſolchen Handlung vollkommen fähig.“ Das Geſicht des Eigenthümers von Melina Houſe röthete ſich vor Wuth. „Ihre Worte ſind injuriös, mein Herr— inju⸗ riös!“ rief er aus.„Ich bin ein reſpectabler Mann, der ſich nicht ungeſtraft beleidigen läßt. Verlaſſen Sie mein Haus; Sie haben kein Recht und keinen Grund mehr, länger hier zu bleiben.“ Dieſe Behauptung war vollkommen richtig, in⸗ dem Doctor Halſted mit ſeiner Patientin wegge⸗ fahren war. „Howlet,“ ſetzte der Vorſtand der Anſtalt mit lauter Stimme hinzu,—„Howlet, weiſen Sie dieſen Perſonen hier den Weg nach dem Portierhäuschen.“ Kaum erſchien dieſer Menſch, als Jack Spears, der während der Unterredung im Hauſe nebſt Peter Marl auf dem freien Platze zurückgeblieben 198 war, vorſichtig ſich umblickend ein eigenthümliches Pfeifen, das dem Ruf nach dem Hochbootsmeiſter glich, hören ließ. Der Wärter erſchrak und erblaßte. „Hol mich der Henker!“ rief der Matroſe,„wenn ich nicht Recht habe. Das iſt ja der Schuft, der Stringer, der den Lieutenant der Tigerin vor zehn Jahren in Jamaica ermordet hat.“ Der Schrecken, welcher den Elenden, der ſich nach ſo vielen Jahren eingebildeter Sicherheit erkannt ſah, ergriff, wich ſchnell dem Inſtinkt der Selbſterhaltung, Läugnen wäre vergebens geweſen, das ſah er wohl ein, denn es gab noch zu viele Zeugen ſeiner Schuld an dieſer That; Flucht ſchien ihm daher der einzige Ausweg und ſo ſuchte er mit der Haſt eines gehetz⸗ ten Wildes mitten durch die Patienten hindurch das Weite zu gewinnen. Sein Ankläger, Hliver, Philipp und der alte Soldat liefen hn nach. Wären dieſe ſeine einzigen Feinde geweſen, ſo wäre der Elende aller Wahrſcheinlichkeit nach ent⸗ kommen; aber viele unter den Patienten, welche unter ſeiner brutalen Gewaltthätigkeit zu leiden gehabt, und wenige Minuten zuvor noch vor ſeinem Blicke gezittert hatten, ſchloſſen ſich jetzt, als ſie ſahen, doß ihr Peiniger nicht mit ſeiner ſchweren Peitſche be⸗ waffnet ſei, unter gellendem Rachegeſchrei der Jagd an und überholten bald die anfänglichen Verfolger. Ein anderer Theil der Wahnſinnigen klatſchte in die Hände und munterte ſeine Leidensgefährten unter wüthendem Gelächter auf. Es liegt ſowohl etwas Merkwürdiges als Ent⸗ —— — — e— c— S 199 ſetzliches in der Schlauheit des Wahnſinns. Die Narren, durch die Verfolgung bis zur Wuth gereizt, theilten ſich in mehrere Gruppen und verfolgten ihr Opfer wie eine Meute Hunde. Der Wärter, der genau wußte, welche Behand⸗ lung ihm zu Theil werden würde, wechſelte wie ein Haſe die Fährte, um ſeinen Verfolgern zu ent⸗ gehen. Vergebens; die Rächer waren ihm auf den Ferſen,— ihr Geſchrei klang immer näher in ſeine Ohren; das Schickſal des„Genickfängers“— der Name, unter dem er in dem Etabliſſement bekannt war— war entſchieden. Doch wollte er nicht ohne Kampf ſich ergeben. Seine Liebe am Leben war ſtark und als er endlich eingeholt wurde, vertheidigte er ſich mit der Wuth eines Wilden, indem er mit Händen und Füßen wie ein Wahnſinniger gegen ſeine Gefangennehmer ſich wehrte. Lange ehe unſer Held und ſeine Freunde zu ſei⸗ nem Beiſtande herbeieilen konnten, hatten ein Dutzend Hände den Elenden am Halſe gepackt, an ſeinen Haaren und Gliedern gezerrt, waren Steine auf ihn geworfen worden, ſo daß bereits ſeine Worte heiſer aus ſeinem hochgeſchwollenen blutenden Munde tönten, und er nur noch ſchwach aufs Gerathewohl um ſich ſchlagen konnte. Endlich fiel er zu Boden und einige Secunden reichten für die raſenden, nicht mehr lenkbaren Wahn⸗ ſinnigen hin, dem Reſtchen Leben, das in ſeinem ent⸗ ſtellten Körper vorhanden war, den Garaus zu machen. Nachdem die Wahnſinnigen auf ſo gräßliche Weiſe ihre Wuth gekühlt hatten, war es ganz merkwürdig, die zitternden, unterwürfigen Blicke zu beobachten, 200 mit welchen ſie vor zwei oder drei Wärtern ſich zu⸗ rückzogen, die, nur mit ihren Peitſchen bewaffnet, endlich, nachdem es aber zu ſpät war, ihren un⸗ würdigen Kollegen zu retten, auf dem Platze der That eintrafen. Angewidert und erſchreckt von dem Auftritt, von dem ſie Zeuge geweſen waren, verließen Oliver Brandreth und deſſen Begleiter den Park von Me⸗ lina Houſe unter dem inbrünſtigen Wunſche, niemals wieder in die Lage verſetzt zu werden, den Fuß in dieſen Ort des Schreckens ſetzen zu müſſen. Howlet, ehemals Stringer, war nach Jacks Mit⸗ theilung— und es unterliegt kaum einem Zweifel, daß dieſe richtig war— ehemals Hochbotsmeiſter an Bord der Tigerin geweſen; ſein Lieutenant hatte ihn wegen Grauſamkeit gegen die Mannſchaft be⸗ ſtraft und aus Rache dafür hatte der Schurke ihn erſchoſſen. „Ich hätte ihn lieber am Fock einer der Fre⸗ gatten Seiner Majeſtät baumeln ſehen, als daß er von einer Meute von Hunden in Menſchengeſtalt zu todt gehetzt wurde,“ bemerkte der Seemann.„Hut ich werde es in meinem Leben nicht vergeſſen. Hol mich der Henker! die waren noch ſchlimmer als die Indianer.“ „Oder die Musjö's,“ ſetzte Peter hinzu, indem er damit wie gewöhnlich den Inbegriff von allem Verrätheriſchen und Grauſamen bezeichnen woltte. Wie die meiſten Soldaten hatte er ſein Lieb⸗ lingsvorurtheil. „Sprecht nicht mehr davon,“ ſagte Philipp haſtig. „Wenn ich daran denke, daß meine Mutter ſoeben —— 201 erſt dieſer abſcheulichen Mördergrube entronnen iſt, ſo fühle ich, wie meine Vernunft zu wanken anfängt.“ „Danke dem Himmel, daß ſie entronnen iſt,“ be⸗ merkte ſein Freund wohlgemuth.„Bald werden wir in Kotswold ſein. Unſere Prüfungen ſind nun vor⸗ über.“ Hierin irrte er ſich. Ein zweites ebenſo tragiſches, in ſeinen Folgen aber noch viel wichtigeres Abenteuer erwartete ſie.. Der ſoeben von uns beſchriebene, in Doctor Sel⸗ len's Anſtalt vorgefallene Auftritt ereignete ſich un⸗ gefähr in derſelben Stunde, in welcher Keelan den Zelten ſeines Stammes Valet geſagt hatte. Mehrere Meilen weit ritt der alte Mann in friſchem Trabe auf dem engen eingezäunten Wege fort, der ſich durch den Wald zwiſchen dem Lager und dem Dorfe hin⸗ wand. Sein Kopf war voll Entwürfen für die Zu⸗ kunft. Im Stillen hatte er ſchon einen Plan aus⸗ geſonnen, wie er die Beweiſe von Milly's Geburt auf eine Art verbergen könne, daß Lord Alton To⸗ wers ſie nicht zu entdecken im Stande ſei. Dabei hatte er nicht die Abſicht, dem Opfer ſeines Sohnes dadurch gerecht zu werden; davon war er weit ent⸗ fernt. Der Zigeuner lachte im Stillen über den Gedanken, daß ſeine Abkömmlinge der Erbſchaft des Häuſerbewohners ſich erfreuen ſollten. Er war durch⸗ aus nicht ärgerlich über den Verſuch des Lords, das Geheimniß aus ihm herauszulocken, denn er fand es ganz natürlich;— er hätte an ſeiner Stelle gerade ebenſo gehandelt. Vielleicht bewunderte er ihn ſogar deßhalb; denn gleich den Meiſten ſeines Stammes hatte er vor überlegener Schlauheit die höchſte Achtung. Smith, Milly Moyne. V. 14 202 „Alles unſer— Alles iſt jetzt unſer,“ murmelte er mehrmals vor ſich hin.„Der alte Mann wird ſeinen Antheil an der Beute haben, behaglich leben und noch viele Jahre lang den Häuſerbewohner aus⸗ lachen. Milly iſt eine güte Dirne,“ ſetzte er hinzu, als ein Schatten beſſern Gefühls ihn überkam;„kein Bischen ſtolz; aber ſie iſt reich und es wird ihr nie deßhalb daran fehlen.“ Dieſe und ähnliche Gedanken erfüllten ſein ge⸗ ſchäftiges Gehirn, bis er an eine Stelle kam, an welcher die Sttaße etwas breiter als ſeither wurde. Er befand ſich in einer Art von Mulde, welche mit überhängenden Bäumen beſchattet und auf beiden Seiten mit einer Hecke eingefaßt war, die nur an den Stellen, durch welche Kreuzſtraßen liefen, unter⸗ brochen war. Plötzlich hörte er einen Pfiff, der hinter einem aufgeſchichteten Haufen Holz hervor ertönte und welcher ihn veranlaßte, den Zügel an⸗ zuziehen. Er horchte aufmerkſam. „Ich fange an alt und ängſtlich zu werden,“ murmelte er. Das Zeichen wurde von der entgegengeſetzten Seite erwidert. Dem Zigeuner fiel der Traum ſeiner Schweſter, die ſchlimme Vorbedeutung des Schuhes ein, und ein unwillkührliches Entſetzen ergriff ihn. Dieſe Empfin⸗ dung dauerte aber nicht lange, indem er raſch ſeine Selbſtbeherrſchung wieder erlangte, worauf er ſein Pony mit Hieben vorwärts trieb. In dem Augenblicke, in welchem er den Eingang in einen Hohlweg erreichte, trat ihm Kaled entgegen⸗ —— r, n e in 8 n. 203 „Guten Morgen, Ohm,“ ſagte der Burſche grin⸗ ſend.„Angenehmer Ritt! Ihr ſeht ja ganz wie ein Gentleman aus. Wollt Ihr nicht ein Wenig anhalten und mir die Hand ſchütteln?“ Der Neffe verſuchte den Zaum zu faſſen; aber Auge und Hand des alten Mannes waren raſcher als die ſeines Angreifers. Ein derber Hieb mit dem gewaltigen Haſelnußſtecken, den er mit ſich führte, lähmte für einen Augenblick den Arm des handfeſten Landſtreichers. Keelan hatte ſeinen Knüttel erhöben, um einen zweiten Streich zu führen, als er ſich von hinten gepackt und ſamt dem Pony in die Vertiefung ge⸗ zogen fühlte. „Was wollt ihr von mir?“ rief er aus, indem er ſich mit einer Kraftanſtrengung, deren man ihn kaum für fähig gehalten hätte, aus den Griffen von Squills und Iinks frei machte. Doch war ihm dieß erſt dann gelungen, nachdem ihn dieſelben vom Sattel herabgeriſſen hatten.—„Wollt ihr mich umbringen?“ „Nur wenn Ihr uns dazu zwingt,“ verſetzte der Erſtere. „Wir wo— wollen Euch Nichts a— anthun,“ ſtot⸗ terte ſein Kamerad. „Es würde Euch ganz recht geſchehen, Ihr alter Geizhals!“ ſagte Kaled, den der erhaltene Schlag noch ſchmerzte;„aber wir ſind nicht rachſüchtig. Rückt alſo ſogleich damit heraus.“ „Mit was ſoll ich herausrücken?“ fragte ſein Oheim ſcharf.„Mit meinem Gelde?“ „Verſteht ſich,“ bemerkte Squills. 204 „Ganz na— natürlich,“ ſetzte Jinks hinzu. „Mit den Papieren, die Ihr dem Häuſerbewohner geſtohlen habt,“ ſagte ſein Neffe;„das Läugnen nützt Euch Richts. Der Lord ſagte uns, Ihr hättet ſie verſteckt, und wir ſollen ſie bei Euch holen.“ Keelan ſtieß einen verzweiflungsvollen Schrei aus. Es war nicht ſowohl der Verluſt der Beweiſe, als vielmehr die Undankbarkeit ſeines Sohnes, der offenbar die Mörder ihm auf den Hals gehetzt hatte, die ihn außer ſich brachte. „Ich habe keine Papiere,“ ſtammelte er,„und ſehr wenig Geld bei mir,— fünf Harte und einige Schillinge. Ihr könnt ſie haben, und der Teufel mag ſie euch ſegnen.“ „Das iſt erlogen,“ rief Kaled;„ich ſah, daß Ihr ſie in das Futter Eures Tuchs eingenäht habt, wäh⸗ rend ich verborgen in dem hohen Graſe vor dem Zelte lag. Gebt ſie alſo heraus oder—“ „Nun, hier ſind ſie,“ ſagte der alte Mann, indem er die Hand in die Bruſttaſche ſchob, wie wenn er dieſelben herausziehen wollte.. „Sieh Dich vor,“ ſchrie Squills. Die Warnung kam gerade zu rechter Zeit, denn ſtatt des Pakets zog Keelan einen langen Dolch mit breiter Klinge hervor und warf ſich wüthend auf ſeinen Angreifer.. Es eniſtand jetzt ein Kampf auf Leben und Tod. Die drei Landſtreicher beabſichtigten aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach nicht, ihre Hände mit dem Blute des Zigeuners zu beflecken,— der vermeintliche Tod des Wächters hatte ſie vorſichtig gemacht,— aber ſie 205 wagten nicht, ohne die Papiere zurückzukommen, welche Keelan nicht freiwillig herauszugeben ent⸗ ſchloſſen ſchien. Squills und Jinks, die nur mit Stecken bewaffnet waren, zeigten ſich ſehr vorſichtig im Angriffe gegen ihr Opfer, deſſen Waffe ſchon mehr als einmal in Blut getaucht worden war. Ihr Kamerad dagegen, der mit einem Taſchenmeſſer verſehen war und der Geſchichte gerne ein Ende gemacht hätte, rief ihnen zu, vereint mit ihm ſeinen Verwandten anzugreifen. Die Rufe„Mörder!“ und„zu Hilfe!“ tönten durch den Wald. „Er hat ſein Theil!“ rief Kaled, nachdem er einen Stoß gegen den Racken des alten Mannes geführt hatte.„Packt ihn,“ fügte er bei—„packt ihn; der alte Narr hat ſein Theil.“ Die drei Angreifer packten ihr Opfer, deſſen Wi⸗ derſtand und Geſchrei ſchon ſchwächer zu werden an⸗ fing, als ihm unerwarteter Beiſtand durch das Er⸗ ſcheinen von Oliver Brandreth, Philipp und deren beide Begleiter zu Theil wurde, welche auf ſein Hilfegeſchrei auf die Mörder zugelaufen kamen. Ein Streich von Jack Spears ſtreckte Kaled beſinnungs⸗ los zu Boden und ſeine beiden Verbündeten wurden nach kurzem Kampfe überwältigt. „Hol mich der Henker,“ rief der Matroſe, wäh⸗ rend er Kaled knebelte,„wenn dieß nicht hält. Kann ich Euer Ehren helfen?“ Dieſe Worte waren an Hliver und deſſen Freund gerichtet, welche nicht Jacks Erfahrung in derlei Dingen beſaßen und deßhalb nicht recht wußten, was ſie mit ihren Gefangenen anfangen ſollten. 5 206 Ueberhaupt wären unſer Held und deſſen Ge⸗ fährten in Verlegenheit geweſen, was ſie mit den Burſchen hätten machen ſollen, wenn nicht der Pächter Deacon mit mehreren ſeiner Knechte, die mit Holz⸗ ſchlagen im Walde beſchäftigt waren, auf dem Platze erſchienen wäre. Auch ſie hatten die Hilferufe ver⸗ nommen und waren, obgleich etwas ſpät, herbei⸗ geeilt, um die Urſache zu erfahren. „Wie, Maſter Mark!“ ſagte der Pächter, Peter die Hand ſchüttelnd.„Wie freut es mich, daß Ihr wieder zurück ſeid! Was giebt's denn hier?“ „Raſch!“ rief Oliver Brandreth,„helft! der arme alte Mann ſtirbt— ermordet von dieſen Schurken!“ Bei dem Worte„ermordet“ prallten die Bauern vor Entſetzen zurück. „Das iſt ja Keelan, der Zigeuner,“ bemerkte der Pächter Deacon.„Lauf Einer von Euch nach Hauſe und ſagt meiner Frau, ſie ſoll etwas Charpie und Leinwand ſchicken, um das Blut zu ſtillen. Ich glaubte nie, daß er wie ein Chriſt ſterben werde,“ fuhr er fort;—„vielleicht iſt er auch keiner; wir müſſen aber deßhalb doch unſere Pflicht gegen ihn erfüllen, alſo macht, daß ihr fortkommt.“ „Es nützt Nichts,“ ſtöhnte der Sterbende.„Ich werde Staub ſein, ehe er zurückkommen kann. Wo ſind ſie?“ fügte, er bei, einen wilden Blick um ſich werfend. Seine Augen blieben auf ſeinen Mördern, die gebunden und von Jack Spears, Peter und den Knechten bewacht, daſtanden, mit boshafter Befriedi⸗ gung haften. „Sie werden gehenkt werden!“ fuhr er 207 ₰ fort,—„ſie werden gehenkt werden! Es liegt ein Troſt darin. Alle drei,— merkts euch,— alle drei. Martha's Worte werden wahr werden.“ Als Kaled den Namen ſeiner Mutter nennen hörte, zitterte er ſichtbar; es fiel ihm ihre Prophe⸗ zeihung ein. „Waſſer,“ ſtöhnte der Zigeuner,„Waſſer!“ Einer der Leute des Pächters gab ihm aus einer Bierflaſche zu trinken, die er über die Schulter hän⸗ en hatte. Es ſchien dieß die Lebensgeiſter des alten annes zu beleben, der plötzlich ſich umwendend den Arm Oliver Brandreth's erfaßte. „Ich habe Sie ſchon früher geſehen,“ rief er aus;„ſagen Sie mir wo.“ „In Neapel— mit Eurer—“ „Ganz recht,“ unterbrach ihn Keelan;„ich ent⸗ ſinne mich. Mit Milly. Wo iſt ſie jetzt?“ „In England.“ „Und der Lord— ihr Gatte?“ „Ebenfalls in England.“ Ein ſchwaches, heiſeres Lächeln entſchlüpfte dem Munde des alten Mannes. „Die Hand des Häuſerbewohners war immer gegen mich und die Meinigen erhoben,“ bemerkte er;„aber nicht zum letzten Streiche— aber nicht zum letzten Streiche. Wollen Sie den Wunſch eines Sterbenden erfüllen?“ „Wenn es möglich iſt.“ „Ich ſage Ihnen, daß es möglich iſt,“ ſagte Keelan kläglich. „Und paſſend,“ ſetzte unſer Held hinzu. „So iſt die Welt; die einzige gute Handlung, * 208 die ich je auszuführen ſuchte, wird mir ſchwer ge⸗ macht.“ nicht!“ verſetzte Oliver Brandreth; „worin auch Eure Bitte beſtehen mag, ſo verſichere ich Euch bei meiner Ehre, daß ich das, was Ihr wünſcht, als ehrlicher Mann ausführen werde, wenn es in meiner Macht ſteht.“ „Richten Sie mich ein wenig auf,— das Blut erſtickt mich faſt,— hören Sie wohl, Kaled hat den Streich geführt— vergeſſen Sie das nicht. So, jetzt kann ich freier athmen. Sobald ich todt bin, öffnen Sie das Futter in meinem Rock; Sie werden einige Papiere dort finden. Leſen Sie ſie aber nicht, — verſprechen Sie mir, ſie nicht zu leſen.“ „Ich verſpreche Euch dieß.“ „Gut, gut,“ fuhr der Verwundete fort, ſein Auge feſt auf das Geſicht des jungen Mannes gerichtet, „ich meine faſt, daß ich Ihnen Glauben ſchenken darf. Suchen Sie den Lord auf,— den, welcher Milly geheirathet hat,— und übergeben Sie die Papiere ihm. Er weiß, was er damit zu machen hat.“ Unſer Held legte die Hand auf die Bruſt des alten Mannes, um ſich zu überzeugen, ob wirklich Papiere an der Stelle, die er bezeichnet hatte, ver⸗ borgen wären. Keelan ſtieß ſie ſchwach hinweg. „Nicht eher als bis ich todt bin,“ murmelte er —„nicht eher als bis ich todt bin. Vergeſſen Sie aber auch nicht, Milly zu ſagen, daß zehntauſend Unzen Silber vorhanden ſind. Aechtes, ganz ächtes Silber,“ ſetzte er im Tone des Bedauerns hinzu, —— — ——— — 5 5 S— 209 als wenn ihn der Gedanke ſchmerzte, daß ein ſolcher Schatz das Eigenthum eines Andern werden ſollte. Pächter Deacon gab ſich alle erdenkliche Mühe, den Sterbenden zum Beten zu bewegen; aber bei jeder Pauſe unterbrach ihn der Zigeuner durch ein wildes, unzuſammenhängendes Faſeln von dem Silber⸗ geſchirr auf dem herrlichen Gute von Alton Towers. Als der letzte Augenblick herannahte, ballte er die Fäuſte gegen irgend ein Phantaſiegebilde, indem er zweimal ausrief:„Ich habe Dich zum Bettler gemacht! ich habe Dich zum Bettler gemacht!“ Mit dieſen Worten auf den Lippen ſtarb er. „Gott ſteh' uns Allen bei,“ ſeufzte der Pächter, „und bewahre uns vor einem ſolchen Ende.“ Das Verbrechen und die damit im Zuſammen⸗ hang ſtehenden Umſtände veranlaßte die zwei Freunde, ein paar Tage in Kotswold ſich aufzuhalten, um vor dem n Zeugniß abzulegen, auf deſſen Ausſpruch hin Kaled und ſeine Kameraden wegen vorbedachten Mords in Anklageſtand verſetzt wurden. Ein kalter, durchdringender Schrei wurde aus der Menge heraus vernommen, als die Gefangenen nach dem Gefängniß abgeführt wurden. Er kam von Martha. Um nicht noch einmal auf ein ſo peinliches Thema zurückkommen zu müſſen, dürfte es geeignet ſein, den Ereigniſſen vorzugreifen und hier zu berichten, daß die drei Landſtreicher ihre lange laſterhafte Laufbahn und ihr letztes gräßliches Verbrechen durch einen ſchmachvollen Tod am Galgen büßten. Die Prophezeihung der rumäniſchen Mutter war erfüllt. 210 Zweiundſiebenzigſtes Kapitel. Die Tagblätter waren noch voll von Berichten über die Gerichtsſitzung, als Oliver in London ein⸗ traf. So groß auch ſein Leid darüber war, daß dieſelbe während ſeiner Abweſenheit Statt gefunden hatte, ſo wurde dieſes doch durch das glorreiche Reſultat aufgewogen. Die Hoffnung, der er ſein Leben geweiht hatte, war in Erfüllung gegangen, — der gute Name ſeiner Mutter war ohne einen Schatten von Verdacht zuzulaſſen, wieder hergeſtellt. Die Verleumdung ſelbſt konnte keinen Zweifel mehr hegen. Der Sohn war in der Lage, ſtolz der Welt entgegenzutreten, indem der auf ſeinem Namen haf⸗ tende Flecken verwiſcht war. „Mein armer Vater,“ rief er im Selbſtgeſpräche aus, während er mit vor Ungeduld brennendem Herzen nach deſſen Wohnung in Regent's⸗Park fuhr. „Welcher Art müſſen ſeine Gefühle ſein! Reue! Verzweiflung!“ Das Eintreten unſeres Helden hob die furchtbar beengende Laſt der Ungewißheit, welche ſeine Tante und deren Tochter drückte. Die Abreiſe des Kapitän Brandreth,— der Brief, in welchem er ſeine Abſicht ausſprach, ſeine Heimath für immer zu verlaſſen, hatten dieſelben im höchſten Grade beunruhigt. Die einzige Hoffnung, daß der unglückliche Mann zur Umkehr bewogen würde, beruhte auf deſſen Sohn. „Lies!“ ſagte Mrs. Dalton, nachdem die erſten Beglückwünſchungen vorüber waren.„Selbſtvor⸗ 211 würfe und Kummer haben ihn zu Boden geſchmet⸗ tert. Deine Anweſenheit hätte ihn aufrecht erhalten.“ „Warum warſt Du auch abweſend?“ murmelte Iſabella. „Ich begreife es ſelbſt nicht recht,“ antwortete ihr Bräutigam.„John Compton ſagte mir, daß die Gerichtsſitzung verſchoben ſei. Er hatte mich nie zuvor getäuſcht.“ „Ich entſinne mich,“ bemerkte ſeine Tante,„doß er it er habe dazu ſeine Gründe. Aber lies — lies!“ Oliver erbrach das Siegel des Pakets, das zwei Briefe enthielt, wovon der eine an ihn, der andere an ſeine Mutter adreſſirt war. Der erſte enthielt Folgendes: „Mein theurer Sohn,— die Jugend hat in ihrem edlen Vertrauen und geleitet von richtigem Inſtinkt ſich weiſer gezeigt, als das Alter. Hätte ich vertraut, wie Du, ſo wäre das Glück nicht zer⸗ ſtört worden. Ich folgte thörichter Weiſe einem mißverſtandenen Ehrgefühl und ließ mich durch Kunſt⸗ griffe irre leiten, welche die Vernunft verächtlich hule von ſich weiſen ſollen. Jahre lang zweifelte ich ſelbſt an Dir; aber ich bin dafür beſtraft, Oli⸗ ver,— bin geſtraft, wie ich es verdiente. Wenn ich an meine Leichtgläubigkeit denke, ſo kommt ſie mir unbegreiflich vor. Wenn mir mein Benehmen ein⸗ fällt, daß ich den Engel von mir ſtieß, der zu ſeinem natürlichen Beſchützer floh, ſo erſcheint mir dieß wie ein gräßlicher, unglaublicher Traum,— wie die Handlung eines Wahnſinnigen oder Böſewichts. So 212 viel hinſichtlich meines Verbrechens. Ich geſtehe es ein. Es bricht mir das Herz— denn trotz der Gründe, die vorliegen, daran zu zweifeln, beſitze ich doch ein Herz, das demüthigende Geſtändniß ſchrift⸗ lich gegen meinen Sohn abzulegen; aber die Gerech⸗ tigkeit verlangt es, und ich unterwerfe mich deren Anforderungen. „Und nun, Oliver, zu meiner ſelbſtauferlegten Beſtrafung. Von dem Augenblicke an, in welchem Du dieß erhältſt, betrachte ich Dich als frei. Deine tiefverletzte Mutter hat ein Recht auf Deine unge⸗ theilte Liebe; ihr überlaſſe ich Dich und damit mein ganzes Vermögen. Mein Halbſold reicht mehr als genügend für die Bedürfniſſe eines Verbannten aus. „Wenn Du glaubſt, daß die Frau, der ich ſo ſchweres Unrecht zugefügt habe, es ertragen kann, den Namen Deines unglücklichen Vaters zu hören, ſo gib ihr beiliegenden Brief; er enthält weder eine Rechtfertigung noch eine Beſchönigung meines Be⸗ nehmens,— beides wäre unmöglich— er ſoll blos daſſelbe erklären. „Lebe wohl, mein Sohn! mögeſt Du ſo glücklich ſein als das Bewußtſein von Rechtſchaffenheit, un⸗ befleckter Ehre und die Liebe Derer, die Dir am theuerſten ſind, Dich machen können. Vergib, oder wenn es nicht zu viel verlangt iſt, vergiß die Irr⸗ thümer Deines Vaters!“ „Ich ſah dieß voraus,“ rief Oliver tief bewegt. „Mein armer getäuſchter, unglücklicher Vater!“ „Getäuſchti“ wiederholte Mrs. Dalton;„ſo wirſt Du Dich ausdrücken, ſobald Du erſt Alles weißt. 213 Mademoiſelle Marelle fälſchte einen Brief, in wel⸗ chem ſie ſeine Gattin ihre Schuld an dem elenden Diebſtahl bekennen und ihre Geſellſchaftsdame flehent⸗ lich bitten ließ, ſie vor den Folgen davon zu ſchützen.“ „Iſt es denn möglich, daß es eine ſolche Schänd⸗ lichkeit geben kann?“ rief der Neffe. „Die Elende bekannte dieß vor dem Gerichts⸗ hofe,“ ſetzte Iſabella hinzu. „Haben Sie meine Mutter geſehen?“ fragte unſer Held nachdenklich.„Weiß ſie dieß?“ Die Tante theilte ihren Beſuch mit, den ſie nach der Gerichtsſizung John Compton gemacht hatte und daß dieſer ſich geweigert habe, ihr die Adreſſe von Mrs. Brandreth zu geben. „Mir ſoll er ſie nicht vorenthalten,“ verſetzte Oliver.„Sein Benehmen erfordert Aufklärung. Mein Herz drückt dieſes Geheimniß ſchwer, indem es zugleich irgend eine neue Enttäuſchung ahnen äßt.“ Ein längeres Verweilen bei Iſabella, während ſeine Gefühle auf dieſe Weiſe gefoltert waren, ſchien ihm unmöglich. Er verabſchiedete ſich daher raſch, um ſich nach der Wohnung ſeines alten Freundes auf den Weg zu machen, wo er erfuhr, doß dieſer in Richmond ſich befinde. Er eilte ihm in einem Zu⸗ ſtande ſchwer beſchreibbarer Aufregung dahin nach. Herbert Lacy, deſſen Schweſter, John Compton und Bianca waren in dem Beſuchzimmer, in der ruhigen Wohnung des Erſteren beiſammen, als Oli⸗ ver Brandreth plötzlich und unangekündigt erſchien. „Mein lieber Junge!“ rief der Makler. „Sie haben mich getäuſcht, mein Herr,“ unter⸗ 214 brach ihn der Jüngling;„das Gericht hat Statt gefunden. Man raubte mir mein Recht, eine heilige Pflicht zu erfüllen; der Arm, der meine theure miß⸗ handelte Mutter in Gegenwart ihrer Verläumder hätte ſtützen ſollen,— die Liebe, welche ſie aufrecht erhalten und ermuntert hätte— fehlte ihr. Andere Ohren hörten ihre Unſchuld proclamiren,— andere Lippen ſprachen die Worte der Liebe und der Be⸗ glückwünſchung aus. Mein Vorrecht war es, dieß zuerſt zu thun.“ „Sie hört ſie jetzt!“ rief Miß Lach, die ſchwere goldene Brille, welche ſie ſeither in ſeiner Gegen⸗ wart getragen hatte, bei Seite ſchiebend,„und ſie vergelten ihr Jahre des Leidens, der Schande und des Kummers. Komm in meine Arme, die ich ſeh⸗ nend nach Dir ausſtrecke,— an das Herz, das ſo heftig ſchlägt, als wenn es ſein Behältniß zerſprengen wollte. Oliver, mein Sohn! mein Sohn! Deine Mutter iſt es, die Dich ſegnet.“ Mrs. Brandreth wäre zu Boden gefallen, ſo ge⸗ waltig war ihre Empfindung, hätte nicht ihr Sohn ſie an ſein männliches Herz gedrückt. Mit welchem Entzücken er ſie dort feſthielt, ihre Thränen wegküßte, den theuern Namen ausſprach, der heiliger iſt, als jeder andere! Herbert Lacy und John Compton führten Bianca ſachte aus dem Zimmer, indem nicht einmal Freund⸗ ſchaft das Recht hatte, bei einer ſolchen Scene zu verweilen. „Sie— Sie meine Mutter?“ murmelte unſer Held.„Die Liebe beſitzt wunderbare Sympathien, — Saiten, welche ſelbſt unberührt vibriren können⸗ 21¹⁵5 Ich begreife nun, weßhalb Ihre theure Stimme, als ſie zum erſtenmale mein Ohr traf, eine ſolche Bewe⸗ gung in meiner Seele hervorbrachte. Es war die Natur, welche das Echo ihrer Muſik in meinem Her⸗ zen weckte.“ „Nachdem ich Dich kennen gelernt, die Tiefe der vertrauensvollen Zärtlichkeit des Beſchützers, den Gott mir erweckt, erprobt hatte,“ ſeufzte die jetzt glückliche Frau,„wagte ich es nicht, Dich in der Gerichtsſitzung anweſend zu wiſſen. Als Miß Lacy hätte ich Dich noch fortwährend ſehen können, ſelbſt wenn meine Hoffnung auf Wiederherſtellung meines Namens vernichtet worden wäre.“ „Und als meine Mutter,— als meine theure geehrte Mutter?“ „Niemals,“ ſagte Mrs. Brandreth,—„niemals. Dieſes Geheimniß hätte nur auf meinem Todbette enthüllt werden können. Gott war aber barmherzig — barmherziger, als ich in meinem Jammer und meiner Ungeduld verdiente. Du mußt mich lehren, Oliver, dieſe Glückſeligkeit zu ertragen und ihm zu danken.“ Ihr Sohn dachte an ſeinen unglücklichen Vater, deſſen Reue und Selbſtverdammung. Sein Name war auf ſeinen Lippen, aber er hütete ſich kluger Weiſe, ihn auszuſprechen. Die Stunde, in welcher er ſeiner gegen die Mutter erwähnen konnte, war noch nicht gekommen. Die Schatten der Nacht hatten ſchon tief herabgeſenkt, als ihre Freunde erſt wieder ſich ein⸗ zufinden wagten. „Hoffentlich iſt mir jetzt verziehen worden,“ ſagte * 216 John Compton, die Hand ſeinem jungen Lieblinge entgegenſtreckend. „Verziehen?“ wiederholte der Letztere.„Wie vermag ich die Dankbarkeit, die ich Ihnen ſchulde, genügend auszuſprechen? Bianca, Mr. Lach, wün⸗ ſchen Sie mir Glück. Können Sie meine Wonne faſſen?“ „Wie wenig dachte ich daran,“ bemerkte der Letzt⸗ genannte,„als ich Sie in Rockingham Hall aufnahm, daß ich meinen Großneffen beherberge. „Dann ſind Sie alſo der Bruder meiner Mut⸗ ter?“ rief Oliver. 5 „Nur deren Onkel— Halbonkel von Vater⸗ eite.“ „Und mein zweiter Vater,“ ſetzte Mrs. Brandreth hinzu,„der um meinetwillen das Leben eines Ein⸗ ſiedlers führte und den Namen Sir Eduard Va⸗ vaſſour mit dem einfacheren des Doctor Lacy ver⸗ tauſchte.“ 2 Hliver erinnerte ſich, von ſeiner Tante gehört zu haben, daß er einen entfernten Verwandten beſitze, der wegen ſeiner Dienſtleiſtungen im ärztlichen Stabe in Indien in den Ritterſtand erhoben, mit dem Bath⸗ orden geſchmückt worden ſei und von dem verſtor⸗ e Baronet den Titel von deſſen Gütern geerbt habe. Am folgenden Tage wurde die Geſellſchaft in Richmond durch die Ankunft der Mrs. Dalton, Iſa⸗ bella's und ipp's und Bianca's Bruder vermehrt, welchen allen Hliver ſeine Mutter unter ihrem lange aufgegebenen amen vorſtellte. Es konnte nichts Liebevolleres geben, als das — 217 Zuſammentreffen der beiden Schwägerinnen. Obgleich ſeit Jahren getrennt, hatten ſie zuweilen correſpon⸗ dirt, und Mrs. Brandreth wußte, wie viel Dank⸗ barkeit ſie ihrer Freundin für die mütterliche Sorge welche ſie ihrem Sohne hatte angedeihen aſſen. Schon längſt betrachtete ſie Iſabella als ihre Tochter.. „Du mußt ſehr glücklich ſein,“ bemerkte Philipp, nachdem er ſeinem Freunde gratulirt hatte. „Sehr glücklich,“ wiederholte der Letztere. „Meine Mutter befindet ſich noch immer in dem gleichen hoffnungsloſen, lethargiſchen Zuſtande,“ be⸗ merkte der Erſtere ſeufzend.„Der Tod des Lord Alton Towers ereignete ſich zu ſpät; ihr Verſtand iſt, wie ich fürchte, für immer dahin. Sie erkennt nicht einmal Samba mehr.“ „Ich glaube,“ verſetzte Oliver Brandreth,„daß es überhaupt kein Glück ohne irgend eine bittere Bei⸗ miſchung gibt; es ſcheint dieß eine der Bedingungen unſeres Daſeins zu ſein.“ „Haſt Du denn Etwas zu beklagen?“ Unſer Held gab keine Antwort; er dachte an ſeinen Vater. Wie unſere Leſer vermuthen werden, verfloß einige Zeit, ehe die jungen Männer ſich aus dem Kreiſe loszureißen vermochten, der ſo Vieles enthielt, was ihnen lieb und theuer war. Der F Beſuch, den ſie abſtatteten, galt ihren Wohlthäteri, dem Lord Dalville und Milly, welche Beide Oliver zu dem usgang der Gerichtsentſcheidung herzlich Glück tpünſchten. 8 Snith, Milto Mohne. v. 1⁵ 218 Der Tod des Pairs hatte deſſen Opfer der ein⸗ zigen Furcht, die ſie quälte, enthoben; ſie hatte kein feindliches Zuſammentreffen zwiſchen ihrem Gemahl und ihrem Verderber mehr zu befürchten. „Sie ſcheinen traurig zu ſein,“ bemerkte ſie gegen Philipp.„Wenn Sie des Rathes von Jemand be⸗ dürfen, den ehrenvolle Stellung und Erfahrung be⸗ fähigen Ihnen an die Hand zu gehen, ſo wenden Sie ſich an Mylord; brauchen Sie Theilnahme oder Troſt, ſo wenden Sie ſich an mich.“ Bianca's Liebhaber theilte ihr den traurigen Zu⸗ ſtand ſeiner ungkücklichen Mutter mit. Lady Dal⸗ ville hörte ihn aufmerkſam an; der Gegenſtand ſchien ſie augenſcheinlich höchlichſt zu intereſſiren. „Beſchreiben Sie mir ihr Ausſehen,“ ſprach ſie. „Ihr Geſicht iſt blaß und—“ „Die Augen,“ unterbrach ihn Milly,„die Augen. Haben ſich die Pupillen ausgedehnt?“ wenden dieſelben ſich beſtändig vom Lichte ab?“„ „Ganz richtig,“ verſetzte Philipp.„Es iſt dieß gerade eines jener Symptome, das ihren Arzt irre macht.“ Nach einem kurzen Ueberlegen fragte die Lady nach dem Namen des Arztes, der ſeine Mutter be⸗ handle, und drückte den Wunſch aus, dieſen zu ſprechen. „Es iſt möglich, aber auch nur möglich,“ bemerkte ſie,„daß ich im Stande bin, ein Heilmittel anzu⸗ geben. Warum ſehen Sie mich ſo ungläubig an? Bin ich nicht eine vortreffliche Wärterin?“ Es wäre in der That von Seite ihres früher 3 219 Patienten undankbar geweſen, wenn er nach der Er⸗ fahrung, die er in Neapel zu ſammeln Gelegenheit hatte, daran noch gezweifelt hätte. „Sie ſind zu freundlich geſinnt, zu vorſichtig, als daß Sie ohne einige Hoffnung ſo etwas ſagen könn⸗ ten,“ rief er aus.„Soll ich Doctor Palrymple mittheilen, daß er Sie beſuchen ſoll?“ Milly blickte ihren Gemahl an. „Ganz gewiß,“ ſagte der Letztere mit einem Blick des Erſtaunens, denn er konnte ſo wenig wie Phi⸗ lipp begreifen, was durch dieſen Wunſch erreicht werden ſolle. Vor ihrem Weggange berichteten die jungen Männer ihr Abenteuer in dem Walde bei Kotswold, den Tod Keelan's und die Verhaftung ſeiner Mörder. 5 Lady Dalville verließ, von Entſetzen und Mitleid über das Schickſal des alten Zigeuners, den ſie noch immer für ihren Großvater hielt, aufs Tiefſte er⸗ griffen, das Zimmer. e„Es iſt eine merkwürdige Geſchichte, die Sie mir mitgetheilt haben,“ ſagte der Lord nachdenklich. ß„Das Merkwürdigſte kommt aber noch,“ bemerkte e Oliver. 2 „Wie ſo?“ „Die letzte Bitte des Ermordeten ging dahin, ⸗ daß ich das Paket, das ich im Futter ſeines Rocks 1 verborgen fand, in Ihre Hände übergebe.“ te„In meine?“ „In die Ihrigen, Mylord.“ „Nannte er mich?“ „Nur als den Lord, der Milly geheirathet habe,“ verſetzte unſer Held.„Entſchuldigen Sie Frei⸗ 220 heit, daß ich Mylady mit dieſem Namen bezeichne, aber ich führe Keelan's eigene Worte an.“ „Theilte er keine Gründe, keine Erklärung dar⸗ über mit?“ „Durchaus keine. Sein Geiſt wurde unmittelbar darauf wirre; er phantaſirte von Ländereien, Geld und einem großen Schatz von Silber; aber er ſprach nichts Klares und Zuſammenhängendes.“ Lord Dalville ſtellte keine weitern Fragen, ſon⸗ dern ſteckte das Paket in die Taſche. Bald darauf entfernten ſich ſeine Beſucher. „Du wirſt meine Bitte ſehr auffallend gefunden haben,“ ſagte unſere Heldin, als ſie eine Stunde nach dem Weggange der Freunde in das Bibliothek⸗ zimmer trat und ihren Gemahl mit der Prüfung einiger Papiere ſo eifrig beſchäftigt fand, daß er ihre Anweſenheit nicht eher bemerkte, als bis ſie zu ſprechen anfing. „Blos deßhalb, weil ich den Grund davon nicht verſtand,“ verſetzte der Lord.„Sobald ich dieſen kenne, werde ich nichts Auffallendes mehr daran finden.“ „Mylord! Mylord! Das mir geſchenkte Ver⸗ trauen und Wohlwollen wird die arme Milly ver⸗ wöhnen.“ „Ich fürchte dieß nicht.“ „Aus der Beſchreibung ihres Sohnes bin ich geneigt zu ſchließen, daß Lady Alton Towers' Krank⸗ heit die Folge von Anwendung eines Gifttranks iſt, deſſen Zubereitung mein unglücklicher Großvater ge⸗ nau kannte. Es iſt dieß eines der Geheimniſſe, auf deſſen Kenntniß er ſich deßhalb ſehr viel zu gut that, 221 weil es ihm als Mittel ſeines Einfluſſes und ſeiner Autorität bei dem Stamme dienlich war.“ „Und kennſt Du dieſes gefährliche Geheimniß?“ fragte der Lord. „Nein,“ antwortete ſeine Gemahlin,„aber ich kenne das Gegengift, und die Vorſehung wird mir vielleicht geſtatten, das beſcheidene Werk⸗ zeug zu werden, ein fürchterliches Verbrechen abzu⸗ wenden und das unbewußte Unrecht gut zu machen,“ ſetzte ſie unter tiefem Erröthen hinzu,„das ich deſſen Opfer zufügte.“ „Opfer,“ wiederholte der Lord, vom Stuhle aufſtehend und ſie innig an ſein Herz drückend. „Beim Himmel, ich bedaure faſt, daß der Tod mir die Möglichkeit geraubt hat, den Elenden zu beſtra⸗ fen, der ein noch weit koſtbareres Opfer ſich auser⸗ ſehen hatte. Milly,“ fügte er bei,„laß Dich dieß nicht ſo ſehr anfechten. Erheitere Dich. Nicht von ihm ſpreche ich, ſondern von dem alten Heuchler, den Du für Deinen Großvater hielteſt.“ „Blos hielt!“ „Er war ein Betrüger— ein Verbrecher; Deine Geburt iſt wenigſtens von mütterlicher Seite her ſo edel wie die meinige. Lies— lies!“ Kaum dem Zeugniſſe ihrer Augen trauend durch⸗ las Lady Dalville die Documente, welche ihr Ge⸗ mahl ihr einhändigte. 8„Du! Du biſt die Erbin des Vermögens, das Dein Verderber ſich angemaßt, des Ranges, den er entehrt hat,“ ſetzte er hinzu.„Die Baronie iſt ein Lehen. Du biſt eine Pairin von England durch Geburt und Dein Titel iſt Lady Alton Towers.“ 222 „Ich bin Deine Gattin,“ rief die erſtaunte Milly, zu ihrer Stütze an ſeinen Arm ſich hängend,—„die Welt beſitzt keinen ſtolzern Namen. Ich wünſchte, ich verdiente ihn noch mehr! Zwinge mich nicht, einen Rang anzunehmen, der mir weder Glück noch Ehre bringen, vielmehr ein unſchuldiges Kind ſeiner Erbſchaft und deſſen Mutter ihres Namens berauben würde. Auf meinen Knieen, Mylord, bitte ich darum als eine Sühne für das Unrecht, das ich unwiſſent⸗ lich begangen habe.“ Es eniſtand eine Pauſe von mehreren Minuten, während welcher keines von Beiden ſprach. „Das iſt eine ſehr wichtige Bitte,“ bemerkte ihr Gatte ernſt,„die ſich nicht ſo leicht beantworten läßt. Es handelt ſich hier nicht allein um Vermögen und Rang, indem höhere Rückſichten, namentlich die der Gerechtigkeit, in's Spiel kommen. Ich muß darüber nachdenken— nachfragen. Wenn keine Seitenerben vorhanden ſind, ſo würde ſich das Un⸗ recht nur auf Dich beſchränken. „Für den Augenblick wenigſtens,“ ſetzte er hinzu, „ſoll dieſe Entdeckung nicht in die Oeffentlichkeit ge⸗ langen; mehr kann ich Dir nicht verſprechen.“ Für dieſes vorläufige Verſprechen fühlte ſich Lady Dalville ſehr zu Dank verpflichtet. Ehrenvoller Weiſe konnte ihr Gemahl offenbar nicht mehr verſprechen. Die Mittheilungen, welche Milly dem Doctor Dalrymple und dem Chirurgen machte, unter deren Pflege Lady Alton Towers ſtand, warfen ein neues Licht auf deren Krankheit und flößten denſelben große Hoffnung ein, das Leiden durch ihre eigene Geſchic⸗ lichkeit heben zu können. 223 „Wenn es Ihnen mißlingen ſollte,“ bemerkte unſere Heldin,„ſo wenden Sie ſich vielleicht wieder an mich und geſtatten den Gebrauch meines Heil⸗ mittels.“ Wie ſie vorausſah, ſo gelang die Kur nicht, und mit einer Offenheit, wie man ſie im Allgemeinen ſelten bei Aerzten findet, geſtanden dieſelben ein, daß dießmal ihr Wiſſen nicht ausreiche, indem ſie ſich zugleich das Recept des Arcanums, das Milly vorgeſchlagen hatte, erbaten. „Das kann ich Ihnen nicht geben,“ verſetzte dieſe,„indem ſelbſt die einfachſten Grundſätze der Chemie mir unbekannt ſind; ich weiß nur ſo viel, daß mein Mittel wirkſam iſt.“ Zugleich händigte ſie den Männern der Wiſſen⸗ ſchaft ein Fläſchchen ein, das eine blaßgrüne Flüſſig⸗ keit enthielt. „Ich kenne nicht einmal den Namen der Kräuter, aus welchen dieß gebraut iſt,“ ſetzte ſie hinzu. „Wenn Mylady nur wenigſtens uns dieſelben bezeichnen wollten,“ meinte Doctor Dalrymple. „Selbſt dieß iſt mir nicht möglich.“ Einer der Aerzte erlaubte ſich die Frage, worin die Unmöglichkeit beſtehe. „Ich will Ihnen darauf antworten, meine Her⸗ ren,“ verſetzte Lord Dalville.„Meiner Gemahlin wurde die Kenntniß des Trankes und ſeines Gegen⸗ giftes unter dem feierlichen Verſprechen der Geheim⸗ haltung mitgetheilt. An Ihnen iſt es, ſich zu ent⸗ e ob Sie das letztere anwenden wollen oder nicht.“ Die Aerzte entſchloſſen ſich, es anzuwenden, und 224 ſeine Wirkung war ſo wunderbar, daß ſchon nach drei Tagen ihre Patientin Zeichen des wiederkehren⸗ den Bewußtſeins gab; doch dauerte es eine längere Zeit, bis die Verſunft der Lady Alton Towers gänzlich wieder hergeſtellt war. Philipp war der Erſte, den ſie erkannte. „Oh! Miſſie, Mylady!“ rief die treue Negerin, die ſeit der Rückkehr ihrer Herrin nach London die⸗ ſelbe Tag und Nacht nicht verlaſſen hatte,„Sie kennen doch alt Samba?“ Die Patientin murmelte ihren Namen. Die Kur war, ſo weit es ſich um Wahnſinn handelte, voll⸗ ſtändig gelungen; aber die Conſtitution der Kranken war durch die ausgeſtandenen Leiden hoffnungslos erſchüttert. Dreiundſiebenzigſtes Kapitel. Es verfloßen mehrere Tage, ehe unſer Held es wagte, ſeiner Mutter das Paket einzuhändigen, das Kapitän Brandreths Schreiben beigelegt geweſen war. Im Innerſten ſeines Herzens hoffte er— denn Jugend iſt immer vertrauensvoll—, daß ir⸗ end ein Ausweg gefunden würde, durch welchen ſu lange getrennt geweſenen Eltern wieder ver⸗ einigt werden könnten, und öfters ließ er hierüber Andeutungen gegen ſeine Tante fallen, welche aber, obgleich ſie ebenſoſehr wie er dieſe Verſöhnun wünſchte, in dieſem Punkte weniger ni ſchien. 225 „Es gibt Beleidigungen,“ bemerkte Mrs. Dal⸗ ton,„welche zu vergeben oder vielmehr zu vergeſſen einer weiblichen Natur unmöglich iſt. In demſelben Verhältniſſe zu der Stärke unſerer Liebe ſteht auch die Größe des Gefühls des uns angethanen Unrechts von Seite derjenigen, die wir lieben. Nicht einmal ich,“ fügte ſie bei,„habe es gewagt, der Sache meines ſo lange irre geleitet geweſenen Bruders bei ſeiner tief beleidigten Gattin das Wort zu reden.“ „Sie ſind ſeine Schweſter, ich bin ſein Sohn,“ verſetzte Oliver. Nur ein einziges Mal wagte er auf dieſen Punkt anzuſpielen. Seine Mutter wurde aber dadurch auf eine ſo beunruhigende Weiſe ergriffen, daß er ſie für ſeine Unbeſonnenheit um Verzeihung bat, ihre Thrä⸗ nen wegküßte, und verſprach, nie wieder darauf zu⸗ rückzukommen. Er hatte Recht. Die Zeit bewirkt größere Ver⸗ änderungen im Herzen als Bitten, ſelbſt wenn dieſe von Perſonen vorgebracht werden, die uns am theuerſten ſind. Den Tag, nach welchem Oliver volljährig gewor⸗ den war, beſuchte ihn der Anwalt ſeines Vaters, der eine in geſetzlicher Form von dem Kapitän aus⸗ gefertigte Urkunde mitbrachte, in welcher dieſer ſei⸗ nem Sohne ſein ganzes Privatvermögen ausfolgte. Weder Mrs. Brandreth noch John Compton, welche bei der Unterredung zugegen waren, machten die geringſte Bemerkung. Der Letztere ſchien in Ge⸗ danken vertieft, während die Urkunde vorgeleſen wurde. Sobald der Advocgt damit zu Ende war, beglück⸗ 226 wünſchte er Oliver und fragte ihn, ob er ihm In⸗ ſtructionen zu ertheilen habe. „Durchaus keine,“ verſetzte der junge Mann feſt, „es geziemt ſich nicht für einen Sohn, aus dem Un⸗ glück oder ſelbſt den Irrthümern ſeiner Eltern Nutzen zu ziehen.“ Der Maller nickte beifällig. „Ich weiſe die Schenkung zurück,“ fuhr unſer Held fort.„Sagen Sie meinem armen, unglück⸗ lichen Vater, daß ſeine Liebe einen höhern Werth für mich hat, als ſein Vermögen. Wenn mir ſein Aufenthaltsort bekannt wäre, ſo würde ich zu ihm eilen und ihn tröſten.“ „Es iſt mir verboten, Ihnen ſeine Adreſſe zu geben,“ bemerkte der Mann des Geſetzes;„der Ent⸗ ſchluß meines Clienten in dieſem Punkte iſt unwider⸗ ruflich.“ „Aber Sie können doch Briefe an ihn beſorgen?“ Mr. Baines(ſo hieß der Advocat) gab zögernd zu, daß er dieß könne. Gleich den meiſten Männern ſeines Standes konnte er nicht begreifen, wie Jemand auf den ge⸗ ſetzlichen Beſitz von Geld aus Scrupeln verzichten könne, welche ſeiner Anſicht nach ſehr weit hergeholt waren.„Vergeſſen Sie übrigens nicht,“ bemerkte er,„daß, ſelbſt wenn Sie ſich weigern, aus dieſer Schenkung Nutzen zu ziehen, ſo lange der Kapitän am Leben iſt, dieſe Schenkungsurkunde ihm das Recht nimmt, irgend eine andere, Ihren Intereſſen un⸗ gůnſige Dispoſition zu treffen.“ „Mein Vater iſt Herr ſeines Vermögens,“ be⸗ merkte Oliver. 227 „Allerdings, aber—“ „Erlauben Sie mir, das Pergament zu ſehen.“ Mr. Baines übergab es unſerem Helden, der es zweimal bedächtlich überlas, worauf er es in Stücke zerriß und in das Kaminfeuer warf. Mrs. Brandreth wiſchte ſich eine Thräne ab, als ſie dieſe edle Handlung ihres Sohnes ſah. Der Mann, welcher ſeinem Nachkommen eine ſolche Liebe einzuflößen vermag, muß einen guten Kern haben, dachte John Compton. Das Vernichten der Urkunde machte allen wei⸗ tern Vernunftgründen und jedem weitern Drängen über dieſen Punkt ein Ende. Die Möglichkeit der Annahme war dadurch vernichtet. „Edel! ſehr edel!“ ſagte der Advocat; wahrſchein⸗ lich hätte er aber lieber die That albern genannt. „Während meiner ganzen Praxis iſt mir nie eine ähnliche Uneigennützigkeit vorgekommen.“ „Das thut mir leid,“ bemerkte der Makler; „aber Männer Ihres Standes lernen ſelten die Menſchen von der beſſern Seite kennen.“ Ich werde meinem Clienten das Vorgefallene mittheilen,“ fuhr der Mann des Geſetzes fort, ohne die Unterbrechung zu beachten.„Ich hoffe aufrichtig, daß Sie nie Veranlaſſung finden möchten, Ihren Entſchluß zu bereuen.“ „Man bereut nie, recht gehandelt zu haben,“ bemerkte Oliver. Mr. Baines verbeugte ſich und ging weg. „Dem Himmel ſei Dank, daß er fort iſt!“ rief unſer Held.„Es liegt etwas Widriges darin, für eine Handlung geprieſen zu werden, welche uns ein⸗ fach die Pflicht vorſchreibt; es erzeugt dieß in uns ſo ſchlechte Begriffe von unſern Mitmenſchen.“ Seine Mutter ſtand von ihrem Stuhle auf und drückte, mit einem Blicke auf ſein bewegtes Geſicht, voll Stolz und Liebe ihren Mund auf ſeine Wange. Es verfloſſen mehrere Wochen, ohne daß eine Antwort auf die Briefe einlief, welche unſer Held an ſeinen in freiwilliger Verbannung befindlichen Vater geſchrieben hatte. „Es gibt nur eine Perſon,“ ſagte Mrs. Dalton, als ihr Reffe über dieſes grauſame Stillſchweigen ſich beklagte,„die meinen Bruder veranlaſſen könnte, ſeinen Entſchluß aufzugeben und auf die ſelbſt auf⸗ erlegte Beſtrafung für ſeine Irrthümer zu verzichten.“ „Und dieſe iſt?“ „Ich wage nichts zu hoffen,“ verſetzte die Dame. „Wir dürfen die menſchliche Kraft nicht überſchätzen.“ Oliver Brandreth fühlte die Wahrheit dieſer Be⸗ merkung. Obgleich er die Hoffnung einer Verſöhnung zwiſchen ſeinen Eltern nicht ganz aufgegeben hatte, ſo hatte er doch längſt aufgehört, darauf zu dringen. Als der Tod des unwürdigen Gatten der Lady Alton Towers mitgetheilt wurde, wurde dieſe dadurch ſo heftig erſchüttert, daß ihre Umgebung abermals für ihre Vernunft zitterte. Eine ungeregelte und lei⸗ denſchaftliche Neigung überdauert bei manchen Na⸗ turen ſogar die Achtung; weder Gleichgültigkeit noch Unfreunblichkeit vermögen dieſelbe auszurotten. Das Licht der reinen und zarten Liebe dagegen verſchwin⸗ det en dem Altar, ſobald ſein Abgott herabgeſtürzt wird. Die fire Idee hatte ſich ihrer bemeiſtert, daß — 229 Samba auf irgend eine Weiſe Schuld an ſeinem Tode ſei. Vergebens betheuerte die treue Negerin ihre Unſchuld,— ihre ſonſt ſo nachſichtige Herrin ſtieß ſie aber nichts deſto weniger von ſich und ſchwur, ſie niemals wieder ſehen zu wollen. „Gräme Dich nicht,“ rief Philipp, der ſeiner Mutter Argwohn durchaus nicht theilte,„ſie wird bald von ihrem Unrecht ſich überzeugen.“ „Samba gleichgültig ſein,“ murmelte die Amme mürriſch,„ob Miſſie Mylady ihr glauben oder nicht glauben. Ich weiß es. Ich nicht bös bin.“ „Sie ſagt dieß nur in der Aufregung und der Heftigkeit ihres Jammers.“ „Und wofür ſie jammern?“ fragte die Negerin ſcharf.„Gatte bös Mann. Mylady liebte ihn zu viel. Das nicht vernünftig war. Einmal ſagte ſie, ſie wünſche ihn todt; jetzt er todt, ſo weint ſie ihn zurück. „Sie nicht weinte,“ fügte ſie bei,„als er wollte tödten Sie.“ „Still, Amme, ſtill!“ unterbrach ſie ihr Pfleg⸗ ſohn,„ich will ſolche Worte ſelbſt von Ihnen nicht hören.“ „Jetzt er nicht mehr verſuchen wird, Sie umzu⸗ bringen, das iſt ein gutes Ding— ein ſehr gutes vin und Maſſa Philipp Sie bald heirathen.“ „Vielleicht,“ verſetzte der junge Mann lächelnd. „Dann Samba kommen und mit Ihnen leben,“ fuhr die Negerin fort.„Sie jetzt nicht mehr in dieß Haus bleiben will.“ „Warum?“ „Ich nicht glücklich da,“ verſetzte die alte Frau 230 ausweichend;„machen Sie ſchnell und heirathen die N Dame, die Sie liebt und nehmen Sie mich ort.“ „Du wirſt aber doch meine Mutter nicht verloſſen wollen?“ bemerkte Philipp ſehr erſtaunt. „Ja, ich ſie verlaſſen will.“ „Sie wird bald dieſe ſonderbare Eindrücke, die Ausgeburten eines kranken Gehirns vergeſſen,“ ſetzte er hinzu. „Sie nie ſie vergeſſen wird!“ rief Samba heftig, „und ich auch nicht ſie vergeſſen werde.“ Heftiger Schmerz wie übergroße Freude erſchöpfen ſich vermöge ihrer Stärke raſcher. Auf die tobende Verzweiflung folgten weniger heftige Wehklagen; dieſe verwandelten ſich in ſtummes Abhärmen und endlich in Ergebenheit— auf Ergebenheit folgte Abſpannung, die einzige Zuflucht geknickter Liebe, in welcher das müde Herz Ruhe findet. Nichts ging über die ergebene Aufmerkſamkeit Bianca's und deren Liebhaber. Beide pflegten die Kranke mit der Pflichttreue von Kindern. Einesmals bemächtigte ſich ihrer ein ganz eigen⸗ thümlicher Gedanke, indem ſie plötzlich ſeſt darauf beſtand, daß ihr Philipp die Geſchichte ſeiner Aben⸗ teuer, alſo die Geſchichte ſeines Lebens, erzählen ſolle, zu deſſen Glück mütterliche Liebe ſo wenig beigetra⸗ gen hatte. „Verbirg mir nichts,“ ſagte Lady Alton Towers, ihre Hand auf die ſeinige legend,—„beſchönige nichts; ſondern laß mich Alles wiſſen.“ „Noch nicht, theure Mutter,“ verſetzte der junge Mann;„es würde Sie aufregen— Sie betrüben.“ 231 „Jetzt,“ erwiderte die Kranke mit einem Ernſt, den man ſonſt nicht an ihr kannte,„jetzt! Die Me⸗ dicin mag bitter ſchmecken, aber ſie wird mir gut bekommen.“ Auf dieſe Weiſe gedrängt, zögerte ihr Sohn nicht länger. So ſchonend er aber auch ſeine Leiden in der Schule berührte, aus welcher er und Oliver Brandreth mit einander entlaufen waren, ſo enthielt doch jedes Wort einen Vorwurf für die von ihrem Gewiſſen geplagte Lady Alton Towers, indem ihr dabei die Härte einfiel, mit welcher ſie ihr Herz ge⸗ gen ſeine Bitten verſchloſſen hatte. Seine Flucht aus Richmond und die edelmüthige Rolle, welche Milly dabei geſpielt hatte, erfuhr ſie bei dieſer Veranlaſſung zum Erſtenmale. Trotz des Gefühls der Dankbarkeit, das ſich ihr unwillkürlich aufdrängte, wäre es ihr doch lieber ge⸗ weſen, wenn ihr Sohn ſeine Rettung irgend jemand Anderem verdankt hätte. „Dieß iſt aber nicht die einzige Schuld, die ich gegen Milly abzutragen habe,“ rief Philipp;„als ady Dalville pflegte ſie mich auf meinem Kranken⸗ bett in Neapel,— wachte ſie bei mir und ſuchte meine Schmerzen zu lindern, wie—“ „Eine Mutter,“ ſeufzte die Lady. „Wie eine Schweſter vielmehr,“ verſetzte der junge Mann.„Wie ſanft man auch gepflegt werden mag, wie groß auch der dabei an den Tag gelegte An⸗ theil iſt, ſo gibt es doch keine Hand, die das Schmer⸗ zenskiſſen ſo ſanft zurechtzulegen weiß, keine Stimme, die ſo wohlthuend klingt, als die mütterliche, wenn ſie Worte der Hoffnung und des Froſtes zuflüſtert.“ 232 Sollten einige von unſern Leſern mit dieſer Be⸗ hauptung nicht einverſtanden ſein, ſo dürfen ſie nicht vergeſſen, daß derjenige, welcher ſie aufſtellte, noch unvermählt war. Verheirathete Männer werden, wenn wir uns nicht ſehr irren, anderer Anſicht ſein. „Es iſt mir lieb,“ bemerkte der Held dieſer Aben⸗ teuer nach einer Pauſe,„daß Sie mir Gelegenheit gegeben haben, den Namen der Lady Dalville in Ihrer Gegenwart zu nennen.“ „Du weißt alſo—?“ „Ich weiß Alles, theuerſte Mutter,“ ver⸗ ſetzte der junge Mann, beſorgt, deren Aufregung durch eine directe Anſpielung auf die Vergangenheit auf's Neue zu erwecken.„Ich kenne ihr Unrecht, ihr Dulden, ihre Unſchuld.“ Lady Alton Towers wiederholte das letzte Wort in ungläubigem Tone. „Ihre Unſchuld,“ ſagte Philipp emphathiſch.„Sie hielt ſich für die Gattin des Mannes, deſſen Namen ich nicht nennen will.“ „Ihr Gemahl glaubt dieß ohne Zweifel auch,“ verſetzte ſeine Mutter bitter. „Alle, die ſie kennen, glauben es,“ antwortete ihr Sohn.„Bedenken Sie, daß ſie kaum ſechszehn Jahre alt, ein ſchlichtes Kind der Natur war, dem die Ge⸗ ſetze und Gebräuche der Städtebewohner fremd waren. Können Sie, die Sie die glatte Zunge und die Kunſt⸗ griffe ihres Verführers kennen, ſich wundern, daß er den Sieg über ſie davon trug? „Sie wünſcht Sie zu ſprechen,“ ſetzte er hinzu: „beſinnen Sie ſich, ehe Sie eine abſchlägige Antwort ertheilen, denn bis jetzt kennen Sie nur zur Hälfte —— 3 die Größe der Dankbarkeit, die Sie ihr ſchulden. Ohne Milly wäre die Zukunft furchtbar geweſen; ihrer Geſchicklichkeit verdanken Sie die Wiederher⸗ ſtellung Ihrer Vernunft.“ „Du täuſcheſt meine Leichtgläubigkeit, Philipp,“ rief ſeine Mutter ärgerlich. „Ich möchte nicht gern abſichtlich Ihnen wehe thun, aber eines Tages müſſen Sie doch die Wahr⸗ heit erfahren. Das Heilmittel für den tödtlichen Trank, der mich bald meiner Mutter beraubt hätte, war nur ihr bekannt.“ „Trank! Was werde ich erfahren?“ „Fragen Sie Doctor Dalrymple, wenn Sie an meinem Worte zweifeln,— fragen Sie Halſtead, wel⸗ chem Sie Ihr ganzes Vertrauen ſchenken; Beide wer⸗ den Sie verſichern, daß ohne das Gegengift, welches Sie durch Milly erhielten, alle menſchliche Kunſt ver⸗ gebens aufgewendet worden wäre.“ Lady Alton Towers verbarg ihr Geſicht mit den Händen und ſeufzte hörbar, nicht ſowohl über den Gedanken, daß ſie die arme Milly ungerecht beur⸗ theilt habe, die ſie noch immer für ihre Nebenbuh⸗ lerin hielt, als vielmehr über den furchtbaren Arg⸗ wohn, den dieſe Worte in ihr erweckten. „Wer— hätte können—“ „Fragen Sie nicht weiter darüber, Mutter,“ unterbrach ſie ihr Sohn beſänftigend.„Die Wahrheit würde Sie nur ſchmerzen. Vergeſſen Sie die Vergangenheit; verſprechen Sie es mir.“ „Ich will es verſuchen,“ murmelte ſeine Mutter, „ich will es verſuchen.“ Smith, Milly Moyne. V. 16 234 Wie die unglückliche Frau vorausgeſagt, ſo hatte die Medicin bitter geſchmeckt,— bitterer, als ſie ver⸗ muthet hatte— aber die Wirkung ſollte ihr zu gut kommen. Es verfloß beinahe eine Woche, ehe dieſer Ge⸗ genſtand wieder zur Sprache kam. Auf Bianca's Rath vermied ihr Liebhaber ſorgfältig jede Anſpielung darauf, indem er ſeinen Worten es überließ, die ſo ſehnlichſt gewünſchte Aenderung herbeizuführen. Wie in den meiſten Fällen, wenn man den rech⸗ ten Weg eingeſchlagen hat, ſo führten auch hier ſeine Schonung und Geduld endlich zum Ziele. „Ich fühle mich heute Morgen kräftiger,“ be⸗ merkte die Kranke.„Reich' mir Deinen Arm, Phi⸗ lipp, und führe mich in das Empfangzimmer. Wie ſehe ich aus?“ „Sehr ſchön, wenn auch etwas bleich,“ verſetzte ihr Sohn. Lady Alton Towers betrachtete ſich im Spiegel und lächelte matt; das zurückgeworfene Bild über⸗ zeugte ſie, daß ſeine Worte keine Schmeichelei oder nur von kindlicher Liebe eingegeben ſeien, in deren Augen die Züge einer Mutter ſtets ſehr ſchön ſind. Das Leiden hatte den Ausdruck der Frivolität und Herzloſigkeit, welche in ihrem frühern Leben ihrer Schönheit Eintrag gethan hatte, verwiſcht. Ein Phyſionomiker würde ihr Geſicht jetzt für tadelloſer erklärt haben, als zu der Zeit, in welcher das Fieber des Glücks daſſelbe röthete. „Bianca hat Lady Dalville geſchrieben, daß ich ſie empfangen will,“ fuhr ſie fort;„ich erwarte ſie heute Morgen. 235 „Es wird ein ſonderbares Zuſammentreffen ſein,“ ſetzte ſie ſeufzend hinzu. Ein ſolches war es auch in der That, indem es ein Reſultat herbeiführte, von welchem die beiden Damen, deren Lebenspfad ſich unwiſſentlich durch⸗ kreuzt, keine Ahnung hatten. Philipp war hoch erfreut und eilte in das Biblio⸗ thekzimmer, um die erwarteten Beſucher zu empfan⸗ gen;— denn er zweifelte nicht, daß Milly von ihrem Gemahl begleitet ſein werde. „Willkommen, theurer Lord,“ rief er aus, Beiden die Hand reichend, als der Kammerdiener ſie in das Zimmer einführte. Sein Halbbruder, mit dem er geſpielt hatte, ſtand mit kindiſcher Reugierde da, die Fremden an⸗ blickend. „Ich will Befehl ertheilen, daß meine Mutter von Ihrer Ankunft benachrichtigt wird,“ fuhr Phi⸗ lipp fort.„Darf ich Sie in ihrem Namen um Nach⸗ ſicht bitten? Leider iſt ſie an Körper und Geiſt ſehr geſchwächt. Die letzte Aufregung—“ „Ich verſtehe,“ ſagte Lord Dalville ernſt. Seine Gemahlin gab keine Antwort, ſie hatte nur Augen für das Kind, bei deſſen Anblick die Er⸗ innerung an ihren eigenen ſo jämmerlich umgekom⸗ menen Knaben ſo lebhaft in ihr auftauchte, daß ſie aufs ſchmerzlichſte davon ergriffen wurde. 1 Dieſe Empfindung wurde noch geſteigert, als das Rind auf ſie zugelaufen kam, und ſeine kleinen Hände in die ihrigen legte. Aubrey,“ rief ſein Bruder,„Du mußt die Dame nicht behelligen.“. 16 236 Milly's Knabe hatte ebenfalls Aubrey geheißen. „Gib mir einen Kuß,“ ſagte der Knabe, ihr in's Geſicht blickend. Lady Dalville umſchlang ihn mit ihren Armen und bedeckte ſeine Wangen mit Küſſen. „Verzeihe mir,“ ſagte ſie, ihre Thränen abwi⸗ ſchend, zu ihrem Gemahl,„aber wenn er lebte, ſo wäre er ungefähr von dieſem Alter.“ Es war für den edelgeſinnten Mann, deſſen Namen ſie trug, eine wahre Beruhigung, doß es nur das Kind und nicht deſſen Vater war, was dieſe Gemüthsbewegung bei ſeiner Gemahlin hervorbrachte. Dadurch gelang es ihm auch, den Widerwillen zu überwinden, der aus dieſer Erinnerung entſprang, ſo daß er im Stande war, den kleinen Jungen auf ſeine Knie zu ſetzen, mit ihm zu ſprechen und ihn zu liebkoſen. „Er iſt ein guter Knabe,“ bemerkte Philipp; „Jedermann liebt ihn.“ „Nur die Mama nicht,“ ſagte ſein Bruder. Milly dachte, daß ſie, wenn die Vorſehung ihren Sohn erhalten hätte, dieſen aufs innigſte geliebt hätte. Beim Eintritt in das Empfangszimmer, wo die Kranke ihre Beſucherin erwartete, ſtellte ſich die Faſſung unſerer Heldin wieder ein; die kaum zuvor noch ſo bewegte Stimme ſchien feſt; ihr Benehmen ruhig, einfach und würdig. „Genehmigen Sie meinen Dank, Lady Alton Towers, für die Gunſt, die Sie mir gewährt haben,“ ſprach ſie.„Ich kann die Pein wohl begreifen, die Ihnen die Einwilligung in dieſe Begegnung verur⸗ ſacht haben mag; aber ich fand keine Ruhe, bis ich 237 Sie geſehen und Ihre Verzeihung für das unbe⸗ Unrecht, deſſen Werkzeug ich war, erhalten abe.“ 8 „Das Unrecht war gegenſeitig,“ unterbrach ſie Philipp's Mutter auf edelmüthige Weiſe, die um ſo mehr Anerkennung verdiente, als ſie unerwartet kam. „Wir waren Beide ſeine Opfer,“ fügte ſie hinzu. „Sie haben die Entſchuldigung der Unkenntniß der Welt und Unerfahrenheit für ſich. Die Empfindun⸗ gen, die ich einſt gegen Sie hegte, haben ſich ver⸗ ändert. Ihr edles Benehmen gegen meinen armen, verlaſſenen Sohn hat dieſes Wunder bewirkt.“ Es erfolgte eine Pauſe von mehreren Minuten; das Gemüth beider Damen ſchien durch Gedanken gedrückt, denen ſie Ausdruck zu verleihen zögerten. „Ich habe von Ihrer Vermählung gehört,“ fuhr Lady Towers fort,„und kann Ihnen nur Glück wünſchen, daß Sie die Gemahlin eines ſo ehren⸗ werthen und ausgezeichneten Mannes, wie Lord Dalville, geworden ſind. Seien Sie verſichert, daß nie eine Anſpielung oder ein Wort von meiner Seite je einen Schatten auf Ihr Glück werfen ſoll.“ „Weder die Erwartung noch der Wunſch einer ſolchen Zuſicherung führten mich hieher,“ verſetzte Milly mit ſtolzer Beſcheidenheit.„Mein Gemahl hat ſich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen, und ſollte meine traurige Geſchichte auch morgen bekannt werden, ſo würde ſie keine Schaamröthe auf meine Wongen treiben. Ein ganz anderer Grund führt mich hieher. Sie haben ohne Zweifel von dem Tode des alten Zigeuners Keelan gehört, den ich ſo lange für meinen Großvater hielt?“ „Philipp erzählte mir von ſeinem Tode und von einem Paket, das Briefe enthielt, welche—“ „Beweiſen, daß er der Vater Ihres Gemahls war,“— fiel Lady Dalville ihr in's Wort.„Ich fühle mich durch Ihren ungläubigen Blick weder beleidigt, noch bin ich darüber erſtaunt; zuweilen zweifle ich ſelbſt an der Wahrheit, ſo abenteuerlich und unwahrſcheinlich kommt mir die Geſchichte vor. „Leſen Sie ſelbſt,“ fügte ſie bei, das Geſtändniß ihr überreichend. Das Geſicht der Kranken röthetete ſich tief, als ſie die Beweiſe las, daß der Mann, den ſie wahn⸗ ſinnig geliebt, dem ſie ihre Mutterpflichten, die Selbſt⸗ achtung, kurz Alles was das weibliche Leben ſchmückt, zum Opfer gebracht hatte, nichts weiter als ein niedrig geborner Abenteurer war! „Dieß alſo erklärt den Einfluß, den dieſer alte Böſewicht über ihn ausübte,“ murmelte ſie.„Ich ließ mich von meinem ſchwachen Herzen zum Beſten halten und es bleibt mir nicht einmal der werthloſe Rang, auf welchen ich einſt ſo ſtolz war. Sie ſind die wahre Lady Alton Towers— ich bin die Wittwe eines zigeuneriſchen Vagabunden. Es iſt gerecht, ganz gerecht,“ ſetzte ſie h indem ſie aufzuſtehen verſuchte.„Ich will mich ſogleich ensſernen.“ „Thun Sie das nicht. Ich würde nie ein ſo unnöthiges Opfer zugeben! Sie ſollen Ihren Titel — Ihr Sohn die Erbſchaft behalten, zu welcher er, wie die Welt glaubt, durch Erbſchaft berechtigt iſt.“ Bei der Anſpielung auf den Knaben ſank deſſen Mutter in ihren Stuhl zurück. War es denn F 239 möglich, daß ſie äußerem Anſchein zum Trotz, ihn doch liebte?“ „Mylord hat ſich darüber Gewißheit verſchafft,“ fuhr ihre Beſucherin fort,„daß ich die letzte directe Erbin bin, und es mir freiſteht, über die Güter nach meinem Gutdünken zu verfügen. Es iſt daher kein Unrecht, wenn ich die Fortſetzung der unſchuldigen Täuſchung geſtatte. Und ſo,“ fuhr ſie fort,„zerſtöre ich den einzigen Beweis meiner Geburt und meiner Anſprüche.“ Trotz des ſchwachen Bemühens, es zu verhindern, zerriß die edelgeſinnte Frau das Geſtändniß der zi⸗ geuneriſchen Amme und warf es auf den Boden. „Dieß iſt in der That höchſt edelmüthig,“ mur⸗ melte die Wittwe, die wir noch immer mit dem Namen der Lady Alton Towers bezeichnen müſſen; „ich werde eines Tags Sie dafür lohnen.“ „Nennen Sie die Sache bei ihrem rechten Namen und bezeichnen Sie es mit Sühne,“ verſetzte Milly beſcheiden;„ſprechen Sie nur aus, daß Sie mich nicht haſſen.“ „Ich ſollte Sie haſſen! unmöglich!“ „In dieſer Welt werden wir uns nie wieder begegnen,“ ſagte ihre Beſucherin. Die Wittwe ihres Verderbers faßte ihre Hand mit einer zitternden Haſt, die ſie in Erſtaunen ſetzte. „Wir müſſen uns wieder treffen,“ rief ſie aus.„Ich habe etwas auf dem Herzen;— aber nicht jetzt— nicht jetzt. Ich brauche hiezu Kraft. Verſprechen Sie mir, daß Sie zu mir kommen wollen,— gleichviel wie groß die Entfernung ſei, 240 die uns trennt oder zu welcher Stunde meine Auf⸗ forderung an Sie ergeht.“ Die Bedingungen ſchienen ſo eigenthümlicher Art, daß unſere Heldin zögerte. „Ihr Lebensglück hängt davon ab.“ „Mein Lebensglück?“ „Antworten Sie mir nicht, wiederholen Sie meine Worte nicht, aber leiſten Sie mir das Verſprechen. Betrachten Sie es als einen Vertrag zwiſchen uns; geben Sie meinem ſchwachen und irrenden Geiſt keine Gelegenheit zu einer Ausflucht, um der Erfüllung einer heiligen Pflicht zu entgehen.“ „Ich verſpreche es,“ ſagte Milly feierlich, wor⸗ auf Lady Alton Towers von der Aufregung, in die ſie die Unterredung verſetzt hatte, erſchöpft in ihren Stuhl zurückſank. Es ſollten nur wenige Monate vergehen, ehe die Aufforderung erfolgte; zuvor aber wurde noch eine Doppelhochzeit— Philipp's mit Bianca und Olivers mit ſeiner Couſine Iſabella— gefeiert. Im Vorgenuß des nahen Glückes vergaß unſer Held eine Zeitlang den einzigen Kummer, der ſein Daſein trübte— ſeinen Vater, der noch immer im Exile, in der Selbſtverbannung in fremdem Lande, — unter den Qualen der Reue lebte, welche früher oder ſpäter die Folge von Selbſtüberſchätzung unſerer eigenen Urtheilskraft iſt. Gegenſeitiges Vertrauen iſt das einzige ächte Bindemittel des ehelichen Glückes. Schönheit kann anziehen und Sympathie die Leiden⸗ ſchaft befeſtigen, aber Vertrauen allein kann ſie dauernd machen. Ohne daſſelbe verwandelt ſich der 241 goldene Ring in eine Kette von Eiſen, die nur die Hände, nicht aber die Herzen verbindet. Nichts deſtoweniger gab es Momente, in welchen traurige, bedauernde Gedanken in ihm aufſtiegen. Es ſchien ihm hart, daß er eines ſeiner Eltern ge⸗ winnend, das andere verlieren müſſe. „Die Vorſehung iſt weiſer als wir glauben,“ bemerkte Iſabella, welcher ihr Liebhaber in ange⸗ borener Offenherzigkeit ſeine Gefühle unumwunden eingeſtand;„vollkommenes Glück wird ſelten auf Erden gefunden. Das Leben würde uns ſonſt zu theuer werden.“ Die beſcheidene ſüße Zufriedenheit, die aus ihren reinen gedankenvollen Augen glänzte, ſchien faſt im Widerſpruch mit ihren Worten zu ſtehen. „Blicke auf den armen Philipp,“ ſetzte ſie hinzu. Hat nicht auch er ſeinen Kummer? Lady Alton Towers kann vielleicht noch einige Monate, möglicher⸗ weiſe ſogar noch ein Jahr lang leben, aber jeden⸗ falls iſt das ihr geſteckte Ziel nahe.“ „Es iſt wahr,“ ſagte unſer Held;„es iſt un⸗ dankbar von mir, daß ich mich gräme.“ Oliver gab ſich zwar alle Mühe, ſeine Empfin⸗ dungen über dieſen Punkt, wie er meinte, vor Mrs. Brandreth gänzlich zu verbergen; aber welcher Auf⸗ wand von Kunſt vermag ein utterauge zu täuſchen? 242 Vierundſiebenzigſtes Kapitel. Es war ein herrlicher Morgen, an welchem die beiden Schulkameraden und Freunde Bianca und Iſabella an den Altar der alten Kirche von Rich⸗ mond führten, wo Gelübde abgelegt wurden, welche Liebe und Ehre geheiligt hatten. John Compton vergab die Hand beider Bräute und legte bei dieſer Veranlaſſung eine fürſtliche Frei⸗ gebigkeit an den Tag. Philipp und unſer Held waren ſchon längſt ſeine Adoptivſöhne, für die er, ſoweit es ſich um Siche⸗ rung ihres Lebensglückes durch Vermögen handelte, aufs reichlichſte geſorgt hatte. Was ſeine Geſchäfts⸗ und Geldintereſſen betraf, ſo hatte er ſich von dieſen zurückgezogen; und wenn auch ſein Name noch immer an der Spitze der Firma in Mark lane figurirte, ſo geſchah dieß blos zum Seir ſeiner Nachfolger Randal Rand und Alfred elgioſo. Die jungen Männer waren über ſeine Freigebig⸗ keit ſo erſtaunt, daß ſie nicht wußten, ob ſie ſie an⸗ nehmen ſollten oder nicht. „Keinen Dank,“ rief er ſie unterbrechend aus; „ihr ſchuldet mir keinen. Ich bin im Gegentheil euch zum Dank verpflichtet. Als Philipp's Groß⸗ vater ihn meiner Oberaufſicht überließ, betrachtete ich die Aufgabe als eine Laſt, die aber bald mir zum Genuß wurde, der mich mehr in Anſpruch nahm, als der Gewinnſt von Gold, dem ich ſo viel zum Opfer gebracht habe. Dann kamen Sie, Oli⸗ 243 ver, und theilten das Intereſſe, das er in mir er⸗ weckt hatte.“ „Wir verdanken Ihnen nichts deſto weniger—“ „Nichts,“ verſetzte der alte Mann betonend, „als meine Liebe. Ich hätte allerdings noch einige Jahre lang mein Vermögen ungeſchmälert beiſammen behalten können, aber ich zog es vor, das Glück der jungen Herzen zu ſichern, in deren Andenken allein zu leben ich erwarten oder wün⸗ ſchen kann.“ Die Doppelvermählung hatte etwas früher Statt gefunden, als vielleicht die Mütter der Bräute be⸗ abſichtigt; aber der krankhafte Wunſch der Lady Alton Towers, ihren Sohn verheirathet zu ſehen, kam der Ungeduld der Bräutigame ſo ſehr zu Stat⸗ ten, daß alle andern Bedenken dadurch in den Hinter⸗ grund traten und begreiflicher Weiſe auch das Schick⸗ ſal ſeines Freundes entſchieden. Unter allen Perſonen, die unſern Helden gekannt hatten und deren Obhut er anvertraut geweſen war, waren Peter Marl und Jack Spears— die außer⸗ dem niemals ſonſt übereinſtimmten— die einzigen Perſonen, die mit den Anordnungen nicht zufrieden waren. Es kam ihnen hart vor, daß ihr junger Befehlshaber, worunter ſie Oliver verſtanden, ohne ſie auf einen Kreuzzug ausziehen wolle. „Wahrhaftig,“ rief unſer Held lachend,„ihr könnt mich doch einen Monat lang ohne Schutz Paris an⸗ vertrauen?“ Der Veteran murmelte Etwas von Musjö's und fügte bei, daß er, da er ihn doch nicht begleiten dürfe, wenigſtens ſo viel gethan habe, als in ſeiner 244 Macht ſtehe, indem er ſeine ausgezeichneten Piſtolen in ſeinen Wagen gepackt habe. Unter Thränen, Lächeln und den beſten Segens⸗ wünſchen, welche, wenn ſie von Herzen kommen, die koſtbarſten Geſchenke der Zuneigung ſind, waren die jungen Frauen an ihre Wägen geführt worden, worauf Hliver auf einen Augenblick zurückkehrte, um ſeiner Mutter noch einmal Lebewohl zu ſagen und einen Abſchiedskuß auf deren bleiche Wangen zu drücken. „Gott ſegne Dich, mein guter, edler Sohn!“ rief Mrs. Brandreth, tief bewegt von den Beweiſen ſeiner innigen Liebe, die ſich auch in dieſem Augenblicke wieder zu erkennen gab.„Möge Dein Glück ohne bittere Beimiſchung ſein!“ Ihr Sohn blickte ſie einen Augenblick an. Es lag eine unausſprechliche Beredtſamkeit in ſeinen tiefblauen Augen, als er dieſelben auf die ihrigen gerichtet hielt; keine Worte hätten ſie auf ſolche Weiſe zu rühren vermocht,— keine Bitte hätte ſich halb ſo beredt erweiſen können. „Vollkommenes Glück,“ erwiderte er, „wird ſelten in der Welt getroffen; das Herz iſt ſo anſpruchsvoll. Aber ich bin glücklich, Mutter,“ ſetzte „wenngleich das Herz nach noch mehr be⸗ gehrt.“ Im nächſten Augenblicke ſaß er an der Seite ſeiner jungen Frau und der Wagen fuhr unter dem Winken mit Sacktüchern und dem herzlichen Hurrah von Peter und Jack Spears weg. Mrs. Brandreth ſtand eine Zeit lang wie feſt an den Boden gewurzelt. Als der wahre Sinn 245 ſeiner Worte ihr vollkommen klar wurde, ergoß ſich eine leichte Röthe über ihr Geſicht. Der Sohn hatte für ſeinen verbannten Vater geſprochen. Das Glück, das ſich genau beſchreiben läßt, iſt kein wahres Glück. Gleich dem Wohlgeruch der Blume entſpringt es aus zu geheimnißvollen Quellen, als daß es ſich analyſiren ließe,— hundert zarte Sympathien und Regungen ſind ſeine Schöpfer,— Reinheit muß es heiligen und gegenſeitiger Glaube ſein feſtes Siegel auf das Band drücken; ohne dieſe artet es in Leidenſchaft aus. Zehn oder zwölf Tage nach ihrer Vermählung trafen ſich die beiden Freunde— dem Herzen nach Brüder— und deren junge Gattinnen in demſelben Hotel in Paris, wo ſie zuſammen wohnen blieben, ohne andere Geſellſchaft aufzuſuchen oder bei ſich zu ſehen,— ein Grundſatz, von dem ſie nur zu Gunſten ihres alten Freundes Carlo, des Malers— durch Beſchluß der Rota jetzt Fürſt Cäſarini— eine Aus⸗ nahme machten. Alles, was Reichthum, Intrigue, Familieneinfluß vermögen, war in Bewegung geſetzt worden, um die Nachforſchung zu vereiteln; aber vergebens. Der alte römiſche Advocat ließ ſich weder irre leiten, noch beſtechen. Der regierende Pontifer, Gregor XVI., welche politiſche Irrthümer er auch begangen haben mochte, war ein ſtrenger Freund der Gerechtigkeit, und der arme verlaſſene junge Mann, der ſeine pre⸗ käre Exiſtenz durch den Verkauf ſeiner Zeichnungen im griechiſchen Caffeehaus gefriſtet hatte, war in die Titel und die Erbſchaft wieder eingeſetzt worden, 246 deren ihn der unnatürliche Ehrgeiz und die Habſucht ſeiner Mutter ſo lange beraubt hatten. Der Verfaſſer verſichert ſeine Leſer nochmals, daß die Geſchichte Carlo's, ſo unglaublich ſie auch er⸗ ſcheinen mag, buchſtäblich wahr iſt; begreiflicher Weiſe jedoch mit Ausnahme gewiſſer Abenteuer, an denen er ihn im Verlauf dieſer Geſchichte Theil nehmen zu laſſen für gut gefunden hatte. Ließe ſich die gerichtliche Unterſuchung in ihrem ganzen Umfange veröffentlichen, ſo würde man fin⸗ den, daß ſie Einzelnheiten enthält, die den Zeiten der Borgia's würdig wären. Bald nach erfolgtem Ausſpruch zu Gunſten ihres Sohnes ſtarb, wie es hieß, die verwittwete Fürſtin Cäſarini; Andere behaupten dagegen, daß ſie auf des Papſtes in ein Kloſter ſich zurückgezogen abe. In dem ſtillen Landhauſe in Richmond wurden für die Rückkehr Oliver's und Philipp's von ihrer Hochzeitsreiſe große Vorbereitungen getroffen. An dem Portierhäuschen wurde eine Art von Triumph⸗ bogen errichtet, den Peter Marl gezeichnet und Jack mit einem Modell des Agamemnon geziert hatte. Der alte Matroſe war mit der Ausführung nicht ganz zufrieden. Er hätte gerne ein paar Dilettanten⸗ Midſhipmen gehabt zum Abfeuern der kleinen Ka⸗ nonen, wogegen aber John Compton remonſtrirte, weil er um die Sicherheit der Kinder, die hiezu ver⸗ wendet werden ſollten, beſorgt war. Statt deſſen begnügte er ſich, die Knaben oben auf das Dach am Eingang der Loge zu ſetzen, jeden 247 mit einer Flagge in der Hand, um mit dieſer das Zeichen des Nahens der Wägen zu geben. Eine glückliche Gruppe war auf dem freien Platze verſammelt, beſtehend aus Lord und Lady Dalville, Mrs. Dalton, Annie und deren Mutter, James Sparks, Randal Rand, Alfred Belgioſo— den der Makler veranlaßt hatte, Mark lane auch einmal einen Tag lang ſich ſelbſt zu überlaſſen— und Major Henderſon.— Lady Alton Towers und Mrs. Brandreth waren abweſend,— die erſtere in Folge der reißenden Fort⸗ ſchritte, welche die Krankheit, die ſie aufzehrte, ge⸗ macht hatte, die letztere aus einem andern Grund. Hliver durchlief ängſtlich den Kreis der bekannten Geſichter. Das theuerſte darunter fehlte und das Lächeln der Freude erſtarb plötzlich auf ſeinen Lippen. „Wo iſt—2“ „Sie iſt ganz wohl, lieber Junge— ganz wohl,“ unterbrach ihn John Compton, der ſeine Gedanken errieth, haſtig,„Sie werden ſie in dem Empfang⸗ zimmer treffen. Sie zieht es vor, Sie dort zuerſt zu ſehen. Machen Sie, daß Sie fortkommen! Fol⸗ gen Sie dem Beiſpiele Ihrer Gattin.“ lag bereits in den Armen der Mrs. alton. Mit haſtigen Schritten— denn ſeine Befürch⸗ tung war gänzlich beſeitigt— eilte unſer Held über den freien Platz, trat in das Haus und begab ſich augenblicklich in das wohlbekannte Empfangzimmer, wo— o des unerwarteten Glückes!— jeine beiden Ekltern ihn erwartend ſich befanden. „Vater!“ rief dertiefergriffene junge Mann; ————— 248 „vereinigt— mir wiedergegeben! Mutter! theure Mutter! Gott ſegne Sie für dieſes unerwartete Glück!“ „Wiedergegeben,“ wiederholte der Kapitän,„durch das Verzeihen des Engels, dem ich ſo ſchweres Un⸗ recht zufügte. Dir, mein Junge, verdanke ich die unverhoffte Verzeihung; Dein edler Muth in ihrer Angelegenheit gewann mir die Verzeihung für mein Verbrechen.“ „Jetzt iſt mein Glück vollkommen,“ flüſterte der Sohn, die Wange der Mrs. Brandreth küſſend,„voll⸗ kommen, tief, rein und ohne Beimiſchung wie Ihre Güte.“ Die Worte, die er vor ſeiner Abreiſe nach Paris geſprochen hatte; der beredte Blick, der vielleicht durch die geheime Fürſprache ihres Herzens unterſtützt worden war— denn wer vermag die wunderbare Tiefe zu ergründen, die in der Bruſt eines Weibes wohnt?— hatte ſeine Mutter beſtimmt, in eine Verſöhnung mit ihrem reuevollen Gatten zu willigen. Ein eigenhändig von ihr geſchriebener Brief war ihm durch ſeinen Anwalt zugeſchickt worden. Er enthielt nur die wenigen Worte: „Kehre zurück— Alles iſt verziehen— Adelaide.“ Einige Tage ſpäter trug ſich eine Scene ganz anderer Art, obgleich ebenſo glücklich in ihrem Er⸗ folge, in der Wohnung der Lady Alton Towers zu. Philipps Mutter lag auf dem Todtenbette. Nach⸗ dem der Arzt ſie verſichert hatte, daß ſie nur noch wenige Stunden zu leben habe, ſchickte ſie ihren Sohn ab, um Lady Dalville an ihr Verſprechen zu erinnern. „Gehe hin, Milly,“ ſagte der will Dich zu Hauſe erwarten.“ „Meine arme Mutter wünſcht ſehnlichſt, daß Sie, en Gemahl;„ich Mylord, ſich ebenfalls einfinden möchten,“ bemerkte Philipp, deſſen bleiches Geſicht und zitternde Lippen deutlich erkennen ließen, daß er alle Hoffnung auf Wiederherſtellung ſeiner Mutter aufgegeben habe. Nur auf deren ernſtlichſte Bitten hatte er einge⸗ willigt, ſie zu verlaſſen. Beim Eintritt in das Zimmer der ſterbenden Frau glitt ein mattes Lächeln über ihr Geſicht. Langes Leiden hatte ihr Herz geläutert, die darin wohnende irdiſche Bitterkeit entfernt und ihre beſſere Natur freute ſich, daß die Vorſehung ihr geſtattet hatte, eine Handlung der Sühne begehen zu können. Auf Verlangen der Lady ieß ſenden, außer Lord und Lad kleinen Aubrey, das Zimmer. „Sie haben Wort gehalten,“ abgemagerte weiße Hand der Ne genſtreckend, die ſie einſt ſo bitter es iſt gut, daß Sie dieß gethan haben.“ Ihre Beſucher ſchienen erſtaunt, indem ſie nicht wußten, ob ſie in dem, was ſie ſagte, eine Drohung oder Dank finden ſollten. „Sie ſind ſehr ſchön,“ fuhr die Kranke fort; „er hat dieſe Entſchuldigung für ſein Verbrechen, aber ich, ich habe keine, außer Eiferſucht.“ Lady Alton Towers, ich verſtehe Sie nicht.“ „Sie werden es bald, Sie werden es bald. Er Smith, Milly Moyne. Vv. 17 murmelte ſie, die benbuhlerin entge⸗ gehaßt hatte,„und — Sie wiſſen, von wem ich ſpreche— war arm. Ich hatte Ihren Verſteck in Richmond entdeckt und er willigte ein, Sie unter einer Bedingung zu ver⸗ laſſen.“ „Unter einer Bedingung?“ „Unſere Ehe blieb kinderlos; die Vorſehung hielt mich nicht für würdig, zum zweitenmale Mutter zu werden. Er wünſchte ſich einen Nachfolger zu dem Titel, den er ſich angemaßt hatte. Als Preis, daß er Sie aufgebe, willigte ich ein, die Welt an einen vermeintlichen Erben glauben zu machen. Gott in ſeiner Gnade,“— fuhr ſie feierlich fort,„beſchloß aber, daß dieß der ächte Erbe ſein ſolle.“ Lady Dalville ſprang von ihrem Stuhle auf,— eine Hoffnung, zu abenteuerlich für jede Wahrſchein⸗ lichteit, tauchte plötzlich in ihr auf, und mehrmals verſuchte ſie zu ſprechen, aber vergebens. Die Natur hielt ihre Zunge gefeſſelt. „Die Mittel, welche er dabei anwendete, kenne ich nicht,“ fuhr die Sterbende fort.„Die Mitſchuld an dem Verbrechen, das Ihnen bald das Leben ge⸗ koſtet hätte, wurde mir erſpart.“ „Und mein Kind—“ brachte Milly mühſam her⸗ vor,—„mein unſchuldiger Knabe?“ „Betrachten Sie ihni“ verſetzte Lady Alton To⸗ wers, auf ihren vermeintlichen Sohn deutend.„Er wurde durch die Wertzeuge, welche zu der That ver⸗ wendet worden waren, verſchont; ich adoptirte ihn und gab ihn vor der Welt für mein eigen aus.“ Der Freudenſchrei, den Milly ausſtieß, ſchützte ihr Herz vor dem Zerſpringen. Mit zitternden Hän⸗ den umfaßte ſie den Knaben, öffnete ſein Kleidchen f 251 und fand auf ſeinem Arm die dem rumäniſchen Stamme eigenen drei Schriftzeichen. Sie hatte dieſelben unmittelbar nach ſeiner Ge⸗ burt ſelbſt angebracht. Sobald ſie dieſe Zeichen erblickte, drückte ſie das Kind an ihr Herz und bedeckte es mit Küſſen. Sie begriff jetzt das Gefühl, das ſie bewegte, als ſie ihn in Neapel ſpielend am Meeresſtrande geſehen hatte, das Sehnen ihrer Seele, das Verlangen, ihn zu umarmen, war ihr jetzt klar. Es war der wunderbare Inſtinkt der mütterlichen Liebe geweſen. „Gott ſegne Sie!“ rief ſie aus, am Bette der Kranken auf die Kniee ſinkend, indem ſie die abge⸗ magerte weiße Hand ihrer Nebenbuhlerin küßte,— „Gott ſegne Sie für den Balſam, den Sie in mein wundes Herz gegoſſen haben. „Mag Gott gegen Ihre Sünden ſich eben ſo barmherzig zeigen, als er es gegen die meinigen gethan hat,“ ſetzte ſie feierlich hinzu. Ein faſt neidiſches Gefühl wollte in dem Herzen der Lady Alton Towers aufkeimen, als ſie die Freude, das leidenſchaftliche Entzücken ihrer Beſucherin ge⸗ wahrte; aber es verſchwand ſchnell wieder und eine edelmüthigere Empfindung gewann die Oberhand. „Das Opfer,“ bemerkte ſie,„welches Sie auf ſo edle Weiſe mit Ihrem Geburtsrechte gebracht haben, wird nicht vergebens geweſen ſein: Ihr Sohn wird das Vermögen und den Titel erben, welche von Rechtswegen Ihnen zugekommen wären.“ Die glückliche Mutter dachte weder 2 —— 252 noch an Rang, ſondern nur an ihr Kind, ihren wiedergefundenen Schatz. „Ich habe ihn,“ ſetzte die faſt erſchöpfte Kranke hinzu,„Ihrer und Ihres Gatten Pflege vermacht. Wollen Sie die Pflicht übernehmen?“ Milly, welche den Knaben noch immer an ihr Herz gedrückt hatte, ſank wankend zu den Füßen ihres Gemahls nieder. Die Stimme verſagte ihr; ſie vermochte keine Sylbe hervorzubringen, ſondern blieb knieend vor ihm, erwartungsvoll wie eine Bitt⸗ ſtellerin vor einem Hrakel, liegen, deſſen Ausſpruch ihr Schickſal entſcheiden ſollte.§ Lord Dalville ſchien kaum weniger bewegt wie ſeine Gemahlin, als er ſie ſanft in ſeine Arme ſchloß, denn „Nicht einen Augenblick er brach Den ſtummen Blick, der bittend ſprach.“ „Menſchliche Rückſichten,“ ſagte er,„ſollten, ſo weit es von uns abhängt, nie Veranlaſſung ſein, das Band zu trennen, welches eine Mutter mit ihrem Kinde verbindet. Ich übernehme die Vormundſchaſt, und der Himmel wird mir, wie ich hoffe, Kraſt ver⸗ leihen, als Vater gegen den Knaben zu handeln.“ Zum Beweis ſeiner Aufrichtigkeit nahm er den verwunderten Knaben aus der zitternden Hand, die ihn hielt, und küßte ihn ernſt. Er hielt auf die edelſte Weiſe ſein Wort. Un⸗ mittelbar nach dem Tode ſeiner vermeintlichen Mutter wurde der junge Lord Alton Towers in das Haus ſeines Vormunds gebracht, der, obgleich ſpäter ſeine Ehe durch Söhne geſegnet wurde, nie das Verſprechen ——— —— — 253 vergaß, das er gegeben hatte, als Vater gegen den nicht anerkannten Abkömmling von Milly Moyne zu handeln. Kapitän Brandreth lehnte es weislich ab, wieder in Activität ſeines Standes zu treten, ſondern be⸗ ſchloß, ſich der Frau zu widmen, die er ſo lange falſch beurtheilt hatte, und welche, beglückt durch die Liebe ihres Sohnes, von deſſen Wohlergehen ſie Zeugin war, und die Reue ihres Gatten, dem ſie ſo edelmüthig vergeben hatte, ihre Tage in Ruhe und Zufriedenheit hinbrachte. Als wir das letzte Mal John Compton in der City trafen, verſicherte uns der würdige Makler im Vertrauen, daß er, umlaufenden Gerüchten zufolge, bald bei zwei Veranlaſſungen zu Gevatter gebeten werden würde. „Ich hoffe, es werden Knaben ſein,“ fügte er, uns die Hand drückend, bei—„ich hoffe, es wer⸗ den Knaben ſein.“ Sollten ſeine Wünſche in beiden Fällen in Er⸗ füllung gehen, ſo iſt die Vermuthung wohl nicht zu gewagt, daß Oliver und Philipp ihren Erſtgeborenen in der Taufe den Namen Compton beilegen laſſen werden,— wenigſtens verdiente ihr alter Freund dieſe Rückſicht. Ende. * 1 In unſtren Verlage ſind erſchienen: Das belletriſtiſche Ausland. Kabinetsbibliothek claſſiſcher Romane aller Nationen. Preis eines Bändchens 2 Sgr. oder 6 kr. Bändchen About, E., Germaine.. 8 Aueweih Rookwood, oder der Bandit der Heerſtraße 7 Slmquiſt, Drei Frauen in Smaland. — Es geht an. Ein Gemälde aus dem Leben 3 — Amalie Hillner. 5 — Der Königin Juwetenſcmuc Andrtſen, Ni ein Ger Der pr 8 Aveltern, Der Schutzgeiſt. Seglio, Riecolo de' Lapi. 10 Balzur, Modeſte Mignon, und: die tieinen Kunſtgriffe einer tugendhaften Frau.. 6 Belcher, Edward, Horatio Howard Brenton 15 — Bell, Currer, Shirley. Rman Vilette.„ ⸗ ⸗* 14 Bernard, Ch., Erzähiungen Bernhardt, Klnder der 8 Boz, Ein Weihnachtsjubeigeſang in Proſa, und: Leben und Abenteuer des Herrn Martin c. 18 — Das Grillchen auf dem Herde.. 3 2 — Bleak Houſe 25 Bintcen Boz, Dombey und Sohn Seht Die Töchter des Bitrien Die Nachbarn Streit und Friede, oder Seenen aus Norwegen Das Haus, oder Familienſorgen u. Familienfreuden Die Famitie H. Ein Sgehch Ii Datärlien iiſe Geſchwiſterleben Die Heimath in der neuen Welt Hertha. Geſchichte einer Seele — Vater und Tochter.. Cäſar Borgiu, Roman v. Verfaſſ. 3„Whiteftiars“ Leril, oder die Abenteuer eines Stutzers„ Conſctente, H., Das Wunderjahr 1566.„. — Geſchichte des Grafen Hugov von Craenhove und ſeines Freundes Abulfaragus. — Der Rekrut. Eine Dorfgeſchichte Der Geizhals — Der Bauernkrieg — Der Geldteufel — Batavia„ — Das Leid der Zeiten Cooper, Das Markus⸗Riff oder der Krater — Edward Myers, od. Erinner. a. d. Leben e. Seemanns Cruſenſtolpe, Carl Johann und rie Schweden 21 Parlem, Eliſabeth v. Oeſterreich, Königin v. Frankreich 6 S . — d d— c S c — — d de d 3 X — —————,—— ———— S W S—— e c S S ca c c S—— 8 ——„— 3— 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 0 8 y 8