5„ ⸗ ⸗ — Leiiöliother W 5 Eduard Oltmunn in Gießen, deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebedingungen. S 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Abe der Bücher jeden Tag von Morgens jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 7 Uhr bis Abends 8. Uhr offen. 2 2. hesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme . eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprch chende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat:— Pf. 1 Mk. 50 Pf.— Pf. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſi vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſi der Leſer Erſatz des Ganzen verpflichtet. ) 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben⸗ 4 ——————— illy oyne. Roman von J. F. Smith. Aus dem Engliſchen von Albert von Schraishuon. ——— 5 Vierter Band. 6.——— Stuttgart. Franckhh'ſche Verlagshandlung. 1860. Druck der K. Hofbuchdruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart. — Achtundvierzigſtes Kapitel. Philipp hatte bei ſeiner Ankunft in Neapel ſei⸗ nen ihm anvertrauten Auftrag treulich beſorgt. Die Briefe von den Obern des Ordens, in welchen er ſich hatte übernehmen laſſen, waren von ihm an die Adreſſaten übergeben worden; welche aber zu ihrem Glücke die Nachricht von der öſtreichiſchen Occupa⸗ tion der Romagna zeitig genug erfahren hatten, ſo daß ſie es vermeiden konnten, durch ihre Theilnahme an der jetzt gedämpften Revolution ſich zu compro⸗ mittiren. Da er weder Papiere noch irgend etwas ſonſt beſaß, was ihn hätte verrathen können, ſo überließ er ſich im vollen Vertrauen einer trügeri⸗ ſchen Sicherheit und ſchwelgte in den Gefühlen, welche ihn veranlaßt hatten, der Reiſe nach Neapel der von Oliver gewählten Sendung den Vorzug zu geben. Zum größten Theile brachte er ſeine Zeit in Bianca's Geſellſchaft unter jenen glänzenden Träumereien zu, welche die Jugend ſo lebhaft ſich ausmalt, die aber im ſpätern Alter ſich ſo ſelten verwirklichen. Wir brauchen wohl kaum hinzuzufügen, daß dieſe Träume hauptſächlich um eine Heimath in England ſich drehten, welche Alfred's Schweſter mit ihm theilte. 4 Man kann ſich daher ſein Erſtaunen vorſtellen, als er beim Weggehen aus der Wohnung ihres Onkels ſich durch eine zahlreiche Polizeiabcheilung aufgehalten ſah, die ihn in der Nähe dieſes Hotels umringte. „Das muß ein Mißverſtändniß ſein,“ rief er aus. „Sie können dieß dem Miniſter erklären,“ lautete die Antwort. „Ich bin ein Engländer.“ Dießmal hatte aber der magiſche Name völlig ſeinen Zauber verloren. Die Leute, die ihn gefangen nahmen, blieben nicht allein darauf beſtehen, daß er ſie begleiten müſſe, ſondern wieſen auch das Geld zurück, daß er ihnen für die Erlaubniß anbot, ein Billet an ſeinen Geſandten ſchreiben zu dürfen. Ohne im mindeſten vermuthen zu können, worin ſein Vergehen beſtehe, zeigte Philipp eine offene Stirne, als er vor den Signore Falconet gebracht wurde, der ihm die Ehre erzeigte, ihn ſelbſt zu ver⸗ hören. ⸗ „Ihr Name und Heimathland?“ waren die erſten Fragen. „Philipp Trevor aus England,“ verſetze der junge Mann ruhig. „Iſt Trevor Ihr wahrer Name?“ fragte der Miniſter. Ein peinlicher Gedanke ſtieg für einen Augenblick in dem Gefangenen auf; einer, aber auch nur einer einzigen Perſon hatte er das Geheimniß anvertraut. Es war dieß Bianca. Ein kurzes Ueberlegen zer⸗ ſtreute aber ſogleich dieſen unedeln Verdacht. —— — 8 5 „Mein Paß iſt in meinem Hotel,“ antwortete er;„das wird Ihnen vielleicht genügen, Signore?“ „Unter den jetzigen Umſtänden nicht,“ verſetzte der ſchlaue Italiener, der, obgleich ihm der Ehren⸗ punkt nicht allzuſchwere Scrupel machte, doch auf dieſem Wege den jungen Engländer zu fangen hoffte. „Seine Eminenz, der Kardinal Doria, kennt mich.“ „Und deſſen Schweſter und Nichte ebenfalls,“ bemerkte der Ehef der Polizei trocken.„Ich weiß dieß ebenfalls.“ Auf's neue tauchte der Zweifel auf. „Crlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken,“ bemerkte der Miniſter,„daß Sie mir meine Frage nicht beant⸗ wortet haben. Sagen Sie mir bei Ihrer Ehre und als ächter Gentleman, ob Sie wirklich Trevor heißen?“ Philipp ſchwieg ſtille; es war ihm. zuwider, durch eine Lüge, ſelbſt wenn dieſelbe nöthig geweſen wäre, ſeine Freiheit zu erkaufen. „Heißen Sie nicht vielmehr Philipp Blandford?“ „Was kann der Umſtand, ob ich Trevor oder Blandford heiße, mit irgend einer Beſchuldigung, die Sie etwa gegen mich vorbringen können, zu ſchaffen haben?“ rief er aus. „Nicht viel,“ verſetzte Seine Excellenz in ſpötti⸗ ſchem Tone.„Wahrhaftig, ihr Engländer nehmt euch heraus, die Geſetze jedes Landes ungeſtraft zu ver⸗ letzen. Natürlich, die Staaten, die ihr durch eure Beſuche beehrt, müſſen eine ſolche Handlung als eine Herablaſſung— als einen Scherz— als einen aus⸗ gezeichneten Witz anſehen! „Wir verſtehen es auch in Neapel, den Witz zu würdigen und ſcherzen zuweilen ebenfalls,“ fügte er —— K 6 mit einem ſo finſteren Ausdruck hinzu, daß ſein Ge⸗ fangener unwillkürlich ſchauderte. „Ich will Sie nicht hintergehen,“ ſagte der Jüngling nach kurzem Ueberlegen.„Es dürfte Ih⸗ nen ſchwer fallen, Ihre Vermuthung zu beweiſen, denn von mehr kann im jetzigen Augenblick wohl kaum die Rede ſein.“ „Wahrhaftig?“ „Mein Name iſt Philipp Blandford und der Grund, weßhalb ich denſelben änderte, iſt ganz ein⸗ fach der, weil ich den Verfolgungen eines Verwandten dadurch zu entgehen ſuchte, der ſchon mehr als ein⸗ mal mir nach dem Leben trachtete.“ Signora Falconet fing an mit einem gewiſſen Anſchein von Intereſſe zuzuhören und ſetzte das Ver⸗ hör weiter fort. „Wie heißt der Verwandte, von dem Sie ſprechen?“ „Sir Aubrey Fairclough,— meiner Mutter Gatte.“ Obgleich der Secretär, der ebenfalls anweſend war, den Namen nicht ausſprechen konnte, welchen der Mann, der dem Baronet in ſein Hotel nachge⸗ folgt war, aus dem Polizeiregiſter abgeſchrieben hatte, ſo war er doch überzeugt, daß es derſelbe ſei. „Und welchen Grund hatte er dazu?“ „Um das große Vermögen zu erben, welches nach dem Tode meiner Mutter auf mich fällt,“ ver⸗ ſetzte Philipp.„Wenn ich durch Veränderung meines Namens gefehlt habe, ſo geſchah es aus Unkenntniß Ihrer Geſetze, ſonſt würden diejenigen, welche mir den Rath hiezu ertheilten, niemals dieſen Schritt gebilligt haben.“ „Milady, Sir Aubrey's Gemahlin iſt alſo gegen⸗ — — 5 — — — 7 wärtig im Beſitz des Vermögens, von welchem Sie ſprachen?“ bemerkte der Miniſter. „Ja.“ Obgleich es dem Chef der Polizei völlig gleich⸗ gültig ſein konnte, ob Philipp reich ſei oder nicht, ſo glaubte er doch einen Grund zu haben, gegen deſſen Verfolger aufgebracht zu ſein. Der Englän⸗ der hatte ſeine Mithilfe zu wohlfeil erkauft. Sig⸗ nore Falconet war nicht der Mann, der ſich unge⸗ ſtraft betrügen ließ, was, ſeiner Anſicht nach, in dieſem Falle beabſichtigt worden war. „Und wie hoch mag ſich denn das Vermögen belaufen, deſſen Sie ſich rühmen?“ fragte er ganz gemüthlich. „Auf etwa zwölftauſend Pfund jährlich,“ verſetzte der Gefangene. Seine Excellenz machte große Augen, als er eine Summe nennen hörte, die in den Ohren eines Neapolitaners faſt fabelhaft klang. Es war klar, daß er hintergangen worden war. „Es iſt meine Pflicht, Sie zurückzubehalten,“ ſprach er. Philipp verbeugte ſich unterwürfig; der Gedanke, einen ſo hoch geſtellten Beamten zu beſtechen, kam ihm keinen Augenblick in den Sinn. „Iſt es mir erlaubt, an meinen Geſandten zu ſchreiben?“ fragte er. „Für jetzt nicht.“ „Aber an meine Freunde in England?“ „Nein.“ „Darf ich wohl um den Grund dieſer außerge⸗ 8 wöhnlichen Härte fragen?“ rief der Gefangene;„mein Vergehen iſt ja nichts weniger als ſchwerer Art.“ „Darüber wird die Regierung ihre Anſicht aus⸗ ſprechen,“ bemerkte der Beamte.„Führen Sie ihn weg,“ fuhr er gegen den Secretär gewendet fort, „und ſorgen Sie dafür, daß er in geheimem Ge⸗ wahrſam gehalten wird.“ Mit andern Worten, die Verhaftung Philipp's ſollte, wenn etwa nachgefragt würde, weder einge⸗ ſtanden noch überhaupt beſprochen werden. Sir Aubrey Fairclough war am folgenden Morgen durch eine mündliche Botſchaft von Seiten des Chefs der Polizei höchlichſt überraſcht— der, von dem ſie aus⸗ ging, war zu vorſichtig, als daß er geſchrieben hätte —, durch welche er aufgefordert wurde, ſich mög⸗ lichſt zeitig bei ihm einzufinden. Eine Stunde nach Empfang derſelben ſaßen die einander ſo würdigen Compagnons in demſelben Kabinet ſich wieder gegenüber, in welchem die erſte Unterredung ſtattgefunden hatte. „Signore Ingleſe,“ ſagte der Miniſter,„Sie haben mich hintergangen!“ „Iſt der junge Menſch entſchlüpft?“ fragte der Baronet haſtig. „O nein.“ „So läugnet er alſo, ſeinen Namen geändert zu haben? Schicken Sie nur nach dem Zeugen, welchen ich Ihnen bezeichnete.“ „Das iſt unnöthig, ganz unnöthig,“ verſetzte der Beamte.„Er geſtand die Sache augenblicklich mit wahrhaft eremplariſcher Offenheit ein.“ — — —— — ——————— & — 9 „Auf welche Weiſe habe ich dann Eure Excellenz hintergangen?“ „Indem Sie mir den Grund— den wahren Grund Ihres Benehmens verheimlichten. Sie woll⸗ ten mich übervortheilen! „Signore!“ „Pah!“ unterbrach ihn der Italiener in ſorg⸗ loſem Tone,„es iſt zu ſpät, jetzt den Mann von Ehre zu ſpielen. Warum geſtanden Sie mir denn nicht ein, daß Ihr Gefangener Ihr Stiefſohn ſei?“ Der Baronet wurde über dieſe Frage ſtutzig. „Der Erbe des Vermögens Ihrer Gemahlin!“ „Auch dieß wiſſen Sie? „Allerdings weiß ich es,“ rief Seine Excellenz laut lachend,„wozu diente denn ſonſt das Amt, das ich zu bekleiden die Ehre habe. Die Polizei in Neapel weiß alles.“ „Aber ſagen Sie mir doch,“ ſagte ſein Beſucher etwas beruhigt, als er ſah, daß Philipp ein Ge⸗ fangener ſei,„was hat denn der Umſtand, daß der junge Menſch mein Stiefſſohn und der Erbe des Vermögens ſeiner Mutter iſt, mit unſerem Ueber⸗ einkommen zu ſchaffen?“ „Was es damit zu ſchaffen hat?“ wiederholte der Beamte mit hochrothem Geſicht.„Cospetto! ihr Engländer meint mit eurer Kaltblütigkeit die ganze Welt verblüffen zu können. Was es damit zu ſchaffen hat? Zwölftauſend Pfund jährlich! Glau⸗ ben Sie denn, ich gebe mich zu Ihrem Plane, ihn ſeines Geburtsrechts zu berauben, her? Ich willigte ein, meinen Namen, Rang und Stellung für die ärmliche Summe von fünfhundert Ducaten zu be⸗ 4 10 ſudeln? Wie lächerlich! Ich fühle mich beleidigt, — in der That ſehr ſchnöde behandelt!“ „Durch das Anerbieten?“ Der Chef der Polizei gab keine Antwort. „Oder durch die Summe?“ fragte Sir Aubrey.„Denken Sie an das Sprichwort, das Sie geſtern Nacht anführten: „„Es iſt thöricht, Hufeiſen für ein todtes Pferd zu kaufen.““ „Unſer Vertrag iſt ein todtes Pferd,“ fügte er bei. „Wohl möglich,“ verſetzte der Italiener,„aber ich bin nicht ſo dumm, ihn zu halten. Wie! ich ſoll Ihnen beiſtehen, Sie von Ihrem Verwandten zu befreien? Monſtrös! lächerlich! unmöglich!“ „Wenn ich aber die Summe verdoppelte?“ Auf's Neue fing Falconet an, von Ehre und Gewiſſen zu ſprechen, jedoch mit etwas weniger Hef⸗ tigkeit als zuvor. „Tauſend Ducaten! Glauben Sie denn, ich würde mich für tauſend Ducaten verkaufen?“ Sein Beſucher lachte bitter, er wußte, daß die Hälfte der Summe hinreichen würde, um die Ge⸗ wiſſen des ganzen Polizeiperſonals zu erkaufen. „Und noch weitere tauſend, zahlbar für den Fall des Todes des Gefangenen,“ ſetzte er mit gedämpf⸗ ter Stimme hinzu. „Vorher! wollen Sie wohl ſagen,“ warf der Miniſter ein,„aber ſelbſt dieß—“ „Signore Falconet,“ ſagte ſein Beſucher,„blei⸗ ben Sie ſitzen und verſtändigen wir uns. Sie ſind in Ihrer Art ein ausgezeichneter Schauſpieler, aber ich tummle mich ſchon zu kange auf der Weltbühne 11 herum, als daß ich mich durch Ihre Komödianten⸗ künſte täuſchen laſſen oder nur Unterhaltung dabei finden könnte. Sie ſprechen von Gewiſſen! Dieſes liegt zu Füßen des Herrn, dem Sie dienen. Ehre, pah! Die Behauptung, daß Sie nur einen Schat⸗ ten von einem Dinge dieſer Art beſitzen, klingt faſt ſcherzhaft. Wenn Sie an öffentlichen Orten oder in den Straßen von Neapel davon ſprächen, ſo würden Sie geradezu verhöhnt werden.“ Der erſtaunte Beamte verſtummte vor Ueber⸗ raſchung und Wuth. „Ich bin dieſes kindiſchen Scherzes müde,“ fuhr Sir Aubrey fort.„Das Vermögen, auf welches Sie anſpielen, iſt wéit geringer, als der arme Schelm in ſeiner Eitelkeit zu behaupten wagte. Es fragt ſich noch ſehr, ob er es überhaupt nur erben wird. Nichts deſto weniger bin ich bereit, eine dieſem Be⸗ trag entſprechende Summe zu bezahlen. Ich wieder⸗ hole daher mein Anerbieten— tauſend Ducaten, ſobald er nach Bel Reſpiro gebracht wird, und die⸗ ſelbe Summe nach ſeinem Tod,— aber keinen Du⸗ caten weiter. Wenn noch durch einen einzigen Ca⸗ rolino darüber Ihre Einwilligung erkauft werden müßte, ſo würde ich denſelben nicht geben.“ Es lag etwas ſo Entſchiedenes im Tone des Engländers, daß Seine Erxcellenz die Ueberzeugung gewann, ihn auf's Aeußerſte getrieben zu haben, und daß eine weitere Debatte ſeine Würde noch mehr compromittiren würde, als durch den bisherigen Streit bereits ſchon geſchehen war. Er konnte zu⸗ frieden ſein, indem er bereits fünfhundert Ducaten mehr herausgeſchlagen und die Ausſicht auf ein 12 zweites Tauſend erlangt hatte. Dieſer Gedanke be⸗ ruhigte ihn augenblicklich. „Ich könnte es allerdings kaum rechtfertigen,“ bemerkte er,„wenn ich einem ſo freigebigen Gentle⸗ man mein Wort brechen würde.“ Zugleich ſetzte er ſich an den Tiſch und fing an zu ſchreiben. „Was wollen Sie thun?“ fragte Sir Aubrey, der meinte, Seine Excellenz wolle eine Art von Ver⸗ trag aufſetzen.„Sie werden doch nicht glauben, daß ich irgend ein Verſprechen über einen ſolchen Punkt unterzeichnen werde?“ „Gegen dieß werden Sie wenigſtens nichts ein⸗ zuwenden haben,“ bemerkte der Italiener, ihm das Papier hinſchiebend. „Ich ſage Ihnen, nein.“ „Leſen Sie es.“ Es war der ſchriftliche Befehl, Philipp in Bel Reſpiro einzuſperren, in welchem zugleich dem Ober⸗ aufſeher auf's Strengſte eingeſchärft wurde, ihn im geheimen Gewahrſam zu halten und, wenn Nach⸗ fragen angeſtellt würden, auf's Entſchiedenſte in Ab⸗ rede zu ziehen, daß eine Perſon dieſer Art ſich in dieſem Gefängniſſe befinde. „Und wann ſoll er dahin gebracht werden?“ fragte der Baronet, nachdem er das Papier über⸗ leſen hatte. „Um Mitternacht,“ verſetzte der Chef der Polizei. „Früher möchte es nicht ſicher ſein.“ Sein Beſucher nickte beifällig. „Und das Geld?“ 3 13 „Beſuchen Sie mich morgen, und Sie ſollen es parat finden.“ „In Gold,“ ſagte Signore Falconet. „In Gold,“ wiederholte der Engländer. Der Italiener lächelte zufrieden. Er gewann noch eine Kleinigkeit über die ſtipulirte Summe, wenn dieſelbe in Gold anſtatt in Papier bezahlt wurde. Die Goldprämie ſteht in Neapel gewöhn⸗ lich hoch. „Zweitauſend Ducaten! Im Ganzen,“ dachte Sir Aubrey auf dem Rückweg nach ſeinem Hotel, „iſt die Summe nicht übel angewendet, obgleich ſie ſehr groß iſt, denn ſie beträgt nahezu achthundert Pfund. In derſelben Nacht wurde der arme Philipp aus ſeinem abſcheulichen Gefängniß weggebracht. Eine Gunſt, welche aber ſein Feind nicht beabſichtigt hatte, wurde ihm durch den Befehl zu Theil, ihn im ge⸗ heimen Gewahrſam zu halten. Er wurde dadurch von den übrigen Gefangenen getrennt, welche zum größten Theil aus dem Abſchaum der Menſchheit beſtanden. Nur wer je in Neapel geweſen iſt, kann ſich vorſtellen, welche gräßliche Verbrecher man in den unterſten Klaſſen daſelbſt findet, bei denen bloß die menſchliche Form geblieben, alles Uebrige aber gänz⸗ lich verwiſcht zu ſein ſcheint. Sobald Sir Aubrey ſeine Plane auf das Ver⸗ mögen ſeiner Gemahlin für geſichert hielt, wandten ſich ſeine Gedanken wieder Milly zu, für welche merkwürdigerweiſe ſeine Leidenſchaft wieder in ihrer frühern Stärke erwacht war. Unaufhörlich verfolgte — —————— 14 ihn ihr Bild, wie ſie, ſtrahlend von Schönheit, aus dem Wagen ſtieg. Auch hatte ſie gelächelt, und der herzloſe Wüſtling konnte nicht vergeſſen, daß ihr erſtes Liebeslächeln ihm gegolten hatte. Der Umſtand, daß ſie jetzt Gattin war, war kein Hinderniß für ſeine ſchändliche Abſicht; er wurde da⸗ durch nur noch mehr geſtachelt, indem eine hölliſche Eiferſucht in dem hohlen Dinge, das er ſein Herz nannte, erwacht war. „Wie war es denn möglich,“ ſagte er ſich ſelbſt, „daß Dalville, ihre Vergangenheit kennend, ſie ge⸗ heirathet hat?“ Daß ſie ſeine Gemahlin ſei, daran zweifelte er keinen Augenblick; ihre Vorſtellung am Hofe von Neapel bürgte dafür. Wäre ſie nur ſeine Maitreſſe, ſo hätte ihn die engliſche Regierung augenblicklich abberufen. Die Tage der Regentſchaft und der Lady Ha⸗ milton waren vorüber. Wenn ich das Paar trennen könnte, ſo könnte ſie wieder mein werden. Gedanken dieſer Art beſchäftigten ihn unaufhör⸗ lich. Trotz ſeiner Schlauheit und Welterfahrung kannte aber Sir Aubrey Fairclough den weiblichen Charakter durchaus nicht; der Grund lag nahe, in⸗ dem er dieſes Geſchlecht nur in ſeiner Schwäche, nicht aber in ſeiner Stärke ſtudirt hatte. Der einzige wahrſcheinliche Weg, auf welchem er an das ſo ſehnlich erwünſchte Ziel gelangen zu kön⸗ nen hoffen durfte, beſtand darin, die Vergangenheit aufzudecken. Dieß war aber in Betracht des ent⸗ ſchloſſenen Chargkters und der Stellung des Earl etwas ſehr Gefährliches. Die Hand, welche es 15 wagte, den Schleier zu lüften, mußte darauf gefaßt ſein, einem nichts weniger als freundlichen Druck zu begegnen. Der erſte Schritt, ſeine Plane zur Ausführung zu bringen, beſtand darin, Hanway nach England zu ſchicken, der aber über den ihm zu Theil gewor⸗ denen Auftrag nichts weniger als erfreut war. „Pah!“ ſagte ſein Herr,„Sie brauchen Ihre Frau nicht zu und Jaquetta“— der Name der italieniſchen Amme ſeines Sohnes—„wird Ihnen wohl bis zu Ihrer Rückkehr treu bleiben. Ich . ſie während Ihrer Abweſenheit im Auge be⸗ alten.“ Dieſes Verſprechen flößte dem Diener eben kein gar zu großes Vertrauen ein. „Wie lange habe ich wegzubleiben?“ fragte er. „Das hängt von Wetter, Fluth und Zufälligkeiten auf der Reiſe ab,“ verſetzte der Baronet.„Sind Sie einmal in England, ſo können Sie meine Auf⸗ träge in zehn Tagen beſorgen.“ Dieſe Verſicherung beruhigte Hanway einiger⸗ maßen. „Sie kennen den Zigeuner Keelan? „Ganz genau, Sir Aubrey.“ „Wenden Sie Ihre ganze Beredtſamkeit auf, um ihn mit ſich nach Reapel zu bringen. Geben Sie ihm Geld; verſprechen Sie ihm jede Summe, die er verlangen mag.“ „Sie vergeſſen ſein hohes Alter.“ „Laſſen Sie ihn Ihr Gold ſehen, und er wird dieß auch vergeſſen. Der alte Rumäne konnte nie⸗ mals dem Anblick deſſelben widerſtehen.“ 16 „Aber wie ſoll ich—“ „Ich gebe ihnen freie Hand,“ unterbrach ihn ſein Herr ungeduldig. Wenden Sie alle Mittel an, die Ihnen zweckdienlich ſcheinen; erzählen Sie ihm von der Vermählung ſeiner Enkeltochter, ihrem Reichthum — kurz von allem, was ihn verlocken kann.“ „Ich meine—“ „Er wird anbeißen; ich kenne ihn— und jetzt meine letzte Inſtruktion.“ Der Diener horchte aufmerkſam. „Kommen Sie nicht ohne ihn zurück, wenn es ihnen gelingt, ſo mögen Sie nach Ihrer Ankunft in Neapel Ihre Belohnung ſelbſt beſtimmen.“ Es war eine ſchwere Aufgabe, einen alten Mann, wie Keelan zu überreden, die Zelte ſeines Stamms zu verlaſſen,— eine Seereiſe zu machen, und, wenn auch nur für einige Zeit, unter Häuſerbewohnern ſeinen Wohnſitz aufzuſchlagen,— aber derjenige, welcher dieſen Rath ertheilte, kannte auch den Ein⸗ fluß, den er über den alten Zigeuner übte und deſſen Golddurſt. Beides zuſammen hoffte er, würde ſich als unwiderſtehlich erweiſen. Ein Punkt war we⸗ nigſtenſt ganz ſicher,— er hätte unmöglich ein ge⸗ wandteres und gewiſſenloſeres Werkzeug zur Ausfüh⸗ rung ſeiner Abſichten ſich erſehen kennen. Mit dem nächſten Paketboot ſegelte Hanway nach England.* So kurz auch die Zeit war, welche verfließen würde, bis ſein Bote wider zurückkehre, ſo konnte Sir Aubrey Fairckough doch den Gedanken nicht er⸗ tragen, daß Milly bis dahin in Ruhe bleiben ſollte. Wenn es ihm auch nicht gelingen ſollte, ihr reines 17 Herz mit der Pein der Eiferſucht zu erfüllen, ſo war er doch überzeugt, daß ſeine Anweſenheit die Arme wenigſtens in Angſt und Verlegenheit verſetzen, und — oh, der männlichen Eitelkeit!— hoffentlich we⸗ nigſtens ihr Bedauern erwecken würde. Die Vergangenheit mochte Milly allerdings wohl bedauern, aber nicht den herzloſen Menſchen, der dieſelbe getrübt hatte, und welche gleich einem dun⸗ keln Schatten zwiſchen ihr und der Zukunft ſtand. Da der Baronet ſchon vor der Ankunft des Earl von Dalville am Hofe von Neapel vorgeſtellt worden war, ſo hatte er das Recht, bei jedem großen Em⸗ pfang anweſend zu ſein, obgleich er daßſelbe ſelten benützte. Dieſes Recht beſchloß er nach reifer Ueber⸗ legung bei der erſten ſich darbietenden Gelegenheit auszuüben, bei welcher er hoffen durfte, ſein Opfer anweſend zu finden. Es wird ein Triumph für mich ſein, dachte er, ſie bei meinem Anblick erbeben und verzagen zu ſehen, die ſtumme Todesangſt in ihrem Auge zu leſen, ihr ſtummes Flehen zu beobachten! Voll Ungeduld über die Erfüllung dieſes unmänn⸗ lichen Triumphs paßte er die Gelegenheit ab, ſeinen Plan in Ausführung zu bringen. Endlich kam der erwünſchte Augenblick. Der Hof von Neapel beſtand damals aus dem jetzt verſtorbenen König Ferdinand, ſeiner erſten Ge⸗ mahlin, einer Prinzeſſin von Sardinien und der ver⸗ wittweten Königin, einer kleinen, dicken, gutmüthi⸗ gen Dame, welche viele Jahre lang auf ihren Sohn einen unbegrenzten Einfluß ausübte, der ſo Smith, Milly Mohne. 1v. 2 18 groß war, daß er einen der ſchönſten Männer des Fönigreichs nöthigte, die linke Hand der Königin Wittwe, zum großen Leidweſen dieſes Edelmanns und zum Spotte aller ſeiner Bekannten, anzunehmen. Als der Prinz von Capua einige Jahre ſpäter Miß Penelope Smith heirathete, zeigte ſich Seine Majeſtät unerbittlich, obgleich die Vermählung ge⸗ ſetzlich und der Ruf der Braut unantaſtbar war. Die Gräfin von Dalville war eben daran, eine Dame, die Gattin eines der Attaché's, den Maje⸗ ſtäten zu präſentiren, als ihr Auge auf Sir Aubrey fiel, der, umgeben von einer Gruppe ſeiner Lands⸗ leute und Hofcavaliere, ſie mit unverſchämtem, eyni⸗ ſchem Lächeln auf den Lippen betrachtete. Einen Augenblick lang verließ Milly die Faſſüng und ſie wie eingewurzelt und feſtgebannt auf ihrem atze. „Fühlt ſich die Frau Geſandtin unwohl?“ fragte die junge Königin theilnehmend. Selbſt der König ſchien ſich für ſie zu intereſſiren. „Milly,“ flüſterte eine ernſte Stimme in ihrer Nähe. Es war die ihres Gatten! und dieſer Ton flößte ihr wieder Muth ein. Seine Liebe war ihre Recht⸗ fertigung, ihr Stolz, ihre Stütze. Sie wäre lieber durch Flammen gegangen, ehe ſie ihm Unehre gemacht hätte. Sie brachte daher die Vorſtellung mit großer Würde zu Ende und als ſie ſich aus der königlichen 4 ſtützt. „Was hat Dich beunruhigt?“ flüſterte er. Nähe entfernte, fand ſie ſich durch den Earl unter⸗ 19 „Führe mich von hier weg und Du ſollſt alles erfahren.“ Sobald der niederträchtige Verfolger ſah, daß der Gemahl ſeines Opfers ſich an deſſen Seite be⸗ finde, verſchwand er. Er wünſchte durchaus nicht mit dieſem zuſammen⸗ zutreffen. Neunundvierzigſtes Kapitel. Es liegt etwas unausſprechlich Ergreifendes in der gezwungenen Ruhe, welche gleich einem dünnen Schleier, aber nur theilweiſe das Geſicht der Seele— deren Aufwallungen, Befürchtungen, den Schmerz, der am Herzen zehrt, oder die Gewiſſensbiſſe, die daſſelbe brechen, verbirgt. Als der Earl von Dal⸗ ville ſeiner Gemahlin ins Geſicht ſah, und ihre blei⸗ chen mit der äußerſten Willenskraft zuſammengepreß⸗ ten Lippen bemerkte, war er zwar überzeugt, daß etwas Entſetzliches ſich zugetragen habe, doch unter⸗ ließ er es weislich, früher eine Frage an ſie zu ſtellen, bis er mit ihr zu Hauſe war. Dort verließ Milly ihre Entſchloſſenheit und in ſeine Arme ſich werfend, fing ſie an bitterlich zu weinen. „Das Geſpenſt meines Lebens hat mich aufge⸗ funden,“ ſchluchzte ſie in Erwiderung auf ſeine liebe⸗ vollen Fragen.„Ich habe heute erkannt, daß ich eine lebendige Lüge, unwürdig des Namens bin, den 2* 2 20 Du auf mich übertragen haſt. Oh, Arthur! Arthur! Wie konnte ich nur ſo ſchwach ſein, auf mein Herz zu hören und Dir geſtatten, Deinen Rang und Deine Tugenden dadurch zu entehren, daß Du Dein Schick⸗ ſal an das meinige ketteteſt?“ „Habe ich dieß je bereut?“ fragte ihr Gemahl mit männlicher Zärtlichkeit. „Nein, Arthur, nein; aber eben Dein Edelmuth iſt es, der mich ſchmerzt.“ „Weßhalb ſollte dieß der Fall ſein?“ „Ich ſah ihn dort, den Räuber meines Glücks.“ „Harley?“ „Ja. Den Vater meines Kindes— den Mann, deſſen Blick die Röthe auf meine Wangen jagt. Hät⸗ teſt Du ſeinen Blick, ſein beleidigendes Lächeln ge⸗ ſehen, während ich vor dem Throne ſtand; es lag darin für mich eine Demüthigung meines Stolzes und in meinen Ohren ſchienen die Worte zu tönen: „Milly, dieſer Rang, dieſe Achtung die Dich um⸗ gibt, die Huldigung der Welt und deren Ehrerbietung iſt nichts weiter als hohler Spott; ein Wort von mir kann alles zerſtören, die falſche Maske der Tu⸗ gend von Deiner Stirne reißen und dieſelbe mit Schmach brandmarken.“ „Nicht doch,“ verſetzte ihr Gatte ruhig,—„dieſe würde in einem ſo reinen Boden verdorren; nein, Milly, nein. So leichtfertig und herzlos auch die Geſellſchaft geworden iſt,— ſo ſtreng auch die Ge⸗ ſetze ſind, welche darin herrſchen, ſo würde doch ein Fehler wie der Deinige Gnade finden. „Er wagt es nicht, ſo etwas zu thun,“ fuhr er nach einer Pauſe fort—„der Schurke wagt dieß, L 21 nicht; ſeine Bosheit iſt durch ſeine eigene Schänd⸗ lichkeit entwaffnet.“ „Ach, Sie wiſſen noch nicht, was er wagt,“ ver⸗ ſette ſeine Gemahl in. Der Lord ſann einige Minuten nach. Obgleich er nicht alle ſeine Landsleute, welche durch ihre Geburt oder ihr Vermögen zum Zutritt bei Hof be⸗ rechtigt waren, nicht perſönlich kannte, ſo wußte er wenigſtens deren Namen und er war orzeuzt daß Harley ſich nicht darunter befinde. „Kannſt Du ihn mir nicht beſchreiben?“ fragte er endlich. „Nein,“ verſetzte Milly heftig;„lieber ſoll er mein Herz brechen, meine Schande bekannt machen, mich dem Spott von Neapel preisgeben, ehe ich ein Haar von Deinem theuern Haupt gekrümmt ſehen möchte. Nur für Dich ſchmerzt es mich,“ fuhr ſie fort;„mich ſelbſt hielt das Bewußtſein aufrecht, daß nur ſeine Kunſtgriffe und ſeine Hinterliſt den Sieg über meine junge ſchuldloſe Natur hatten davontra⸗ gen können.“ Obgleich den Lord der Beweis ihrer innigen Rei⸗ gung aufs tiefſte beſtand er doch feſt auf ſei⸗ ner Bitte, wenn er ſie auch in ſanften Worten aus⸗ drückte. „Als ich Dich zu meiner Gattin machte,“ bemerkte er,„wurde ich nicht nur der Wächter Deines Glücks, ſondern auch Deiner Ehre.“ „Ehre,“ wiederholte das unglückliche Opfer unter einem neuen Thränenſtrom.„Treibe nicht Deinen Spott mit mir, Arthur, i3 kann denſelben wohl von der Welt, aber nicht von Dir ertragen.“ 22 „Ja, Ehre!“ verſetzte der Earl.„Ich bin kein Knabe, der die Stellung aufgibt, die er eingenom⸗ men hat. Ich habe meine Wahl nach reifer Ueber⸗ legung getroffen und habe ſie mit allen ihren Folgen angenommen. Die Welt mag hart urtheilen, aber ſie ſoll nicht urtheilen ohne die Sachlage zu erfah⸗ ren. Willſt Du denn, daß ich wie ein feiger Thor vor den Folgen meiner Handlungen zittern ſolle?“ „Nein, Arthur— nein.“ „So beſchreibe mir alſo Harley.“ Es war dieß eine harte Aufgabe, aber Milly fühlte, daß dieß ihre Pflicht erheiſche, und deßhalb erfüllte ſie dieſelbe. „Genug, genug!“ unterbrach ſie ihr Gemahl, ſie in ſeine Arme ſchließend, in die ſie ſich, um ihre Röthe zu verbergen, geflüchtet hatte.„Ich kenne den Mann.“ Mehrere Tage hindurch verließ er ſie keinen Au⸗ genblick, ſondern brachte die Stunden an ihrer Seite in glücklicher Zurückgezogenheit hin, indem er ſich durch die liebevollſte Aufmerkſamkeit und zarteſte Delicateſſe bemühte, Balſam auf die Wunden zu gießen, die er nicht zu heilen vermochte. Dazu war der Pfeil zu tief eingedrungen. An einem lieblichen Abende, ungefähr eine Woche nach der Vorſtellung bei Hofe, traf es ſich, daß der Lord von Hauſe ſich entfernte, um einem diploma⸗ tiſchen Diner beizuwohnen, das einer ſeiner Collegen gab. Die Gtikette geſtattete ihm nicht, die Einladung abzulehnen, überdieß würde er es als einen Akt der Feigheit betrachtet haben, und der Earl von Dalville der Mann, der ſeinen Grundſätzen untreu wurde. — 23 Seine Wohnung beſaß, wie die meiſten Villa's in Italien, eine große Teraſſe, welche mit den Haupt⸗ gemächern zuſammenhing. Es war dieß ein Lieb⸗ lingsaufenthalt Milly's; ſie pflegte oft dort zu ſitzen und die kühlende Luft einzuathmen, welche von der Bucht herauſſtrich, deren tiefblaue, kräuſelnde Waſſer in der Ferne gleich einem Spiegel von Sapphir den Schimmer der Geſtirne zurückwarfen, welche gleich Juwelen am nächtlichen Himmel ſtrahlten. Hier er⸗ ſchien ihr die Vergangenheit weniger furchtbar, die Zukunft hoffnungsvoller. Die Meiſten, welche ſchon geduldet haben, können dieſes Gefühl verſtehen. Es liegt eine Heilkraft in der Natur— namentlich für Seelenleiden— und die Betrachtung ihrer ruhigen Schönheit übt eine ähnliche Kraft wie das Ruhen an der Mutterbruſt. Der Schmerz wird dadurch zwar nicht gänzlich geſtillt, aber wir vermögen ihn dort beſſer zu ver⸗ tragen. Mily wurde aus ihren Träumereien durch das plötzliche Erſcheinen eines Mannes aufgeſchreckt, der über die Baluſtrade kletterte. Es war kein gewöhn⸗ liches Entſetzen, das ſie auf dem Fleck feſtbannte, denn in dem Eindringling erkannte ſie den Zerſtörer ihres Lebensglückes. „Bin ich vergeſſen, Milly?“ fragte er in einem Tone ſo ſanft und einſchmeichelnd, wie ihn etwa der böſe Feind angewendet haben mochte, als er Eva um das Paradies zu betrügen ſuchte. Der Ton ſeiner Stimme löste den Zauber. Augenblicklich vertrockneten ihre Thränen. „Kann der arme Vogel die Schlange vergeſſen, 24 deren Zähnen er einmal entkommen iſt,“ verſetzte ſie.—„Sie vergeſſen!— Liebe— Grauſamkeit vielleicht kann vergeſſen werden, aber Verachtung niemals.“ „Sie thun mir Unrecht, Milly, beim Himmel Sie thun mir Unrecht,“ rief der Wüſtling, deſſen Leiden⸗ ſchaft für ſein Opfer zu ſeiner Strafe und Qual zurückgekehrt war.„Mein Herz hat ſich keinen Augen⸗ blick geändert. Sie können mich nicht beurtheilen, haben keine Ahnung von dem Elend, das ich an der Seite einer eiferſüchtigen Gattin in einer abhän⸗ gigen Lage erduldete. Bemitleiden Sie mich.“ „Das thue ich in der That,“ antwortete ſie ironiſch. „Fühlen Sie für mich?“ „Für Sie fühlen?“ wiederholte Milly;„ja, ſol⸗ chen Widerwillen, wie ihn das treue Herz einer Frau gegen Schlechtigkeit, Falſchheit und Verrath fühlt. Für Sie fühleni Sie haben den unermeßlichen Ab⸗ grund von Falſchheit und Schlauheit gezeigt, in welchen Sie eine argloſe Seele zu ſtürzen vermochten. Ich kenne Sie jetzt— die hohle Maske— die lebendige Lüge— den Mörder, wenn auch nicht der That, doch der Abſicht nach. Ich wünſchte nur, ich hätte Sie früher kennen gelernt!“ Dieſe unerwartete Anklage machte Sir Aubrey Fairclough ſtutzig,— er meinte, ſie ſpiele auf den Brand in Woodbine Cottage an. Hierin irrte er ſich aber,— von dieſem Verbrechen hatte Milly keine Ahnung; ſie meinte vielmehr das Attentat auf das Lebens ſeines Stiefſohns. In ſeiner Verlegenheit murmelte er etwas von 25 ihrer frühern Liebe. Ein bitteres Lächeln ließ das auf ſeinen Lippen ſchwebende Wort unvollendet. „Liebe! dieſes Geſchöpf, in eine menſchliche Ge⸗ ſtalt gehüllt, vergiftet,— befleckt, vernichtet und nennt dann dieß Liebe! Gehen Sie, mein Herr: das Wort wäre eine Beleidigung, wenn nicht der Scherz zu klar am Tage läge.“ „Sie beleidigen mich.“ „Unmöglich,“ murmelte Milly.„Erniedrigung hat keinen tiefern Abgrund als den, in welchem Sie ſich bereits befinden.“ „Haben Sie keine Angſt?“ „Ich hatte ſie, nun aber iſt ſie vorüber; Ver⸗ achtung iſt an deren Stelle getreten. Wenn ich nicht meine Diener rufe, um dieſes unbefugte Eindringen zu beſtrafen, ſo thue ich dieß blos aus dem Grunde, um dieſelben nicht mit Ihrer Berührung zu be⸗ ſchmutzen. Ich bezahle dieſelben für ihre Dienſte, aber nicht dafür, daß ſie ſich verunreinigen. Gehen Sie, mein Herr, mein Gemahl wird bald zurück⸗ kommen.“ „Ich fürchte ihn nicht,“ rief der Baronet leiden⸗ ſchaftlich. „Das ſind kühne, aber ſehr thörichte Worte, da die Lüge— die feige Lüge— auf Ihren Lippen zittert. Sie fürchten ihn, wie Sie alles fürchten, was männlich, edel, kräftig iſt, was ein Herz beſitzt. Noch einmal, verlaſſen Sie mich; meine ganze Na⸗ tur empört ſich, erſparen Sie mir den unausſprech⸗ lichen Ekel ihrer Gegenwart.“ Niemals während ſeiner langen Laufbahn voll Riederträchtigkeiten und Verbrechen hatte ſich der 26 Verführer ſo gedemüthigt gefühlt. Es lag dieß aber nicht ſowohl in den Worten, als in dem Blicke, der- dieſelben begleitete. Milly war erblaßt, ihr Geſicht hatte alle Farbe verloren und ſie glich einer Statue, mit dem Unterſchiede jedoch, daß ihre Augen mit blitzender Verachtung auf ihm wurzelten. Welches auch immer die Folgen ſein mochten, ſo gelobte er ſich, daß er ſie demüthigen— öffentlich beſchämen wolle. Dieſer Art waren des Baronets männliche Gedanken von Rache. „Ihr Gatte, Lady Dalville, ſoll für dieſe Be⸗ leidigung büßen,“ murmelte er zähneknirſchend. „Durch Meuchelmord? Er iſt auf ſeiner Huth. Er kennt Sie.“ Da Sir Aubrey Fairclough ſeinen Verſuch ver⸗ eitelt ſah, den er nur aus Gitelkeit und weil ſeine Leidenſchaft für ſein Opfer wieder erwacht war, unternommen hatte, entfernte er ſich auf demſelben Wege, auf dem er gekommen war. Trotz ſeiner Ruhmredigkeit wünſchte er doch nicht mit dem Manne zuſammenzutreffen, deſſen Ehre er zu beflecken beab⸗ ſichtigte, obgleich er ihn eigentlich nicht fürchtete, denn er war nur moraliſch feig. Erſchöpft durch die Aufregung, die ſie zu be⸗ ſtehen gehabt hatte, fiel Milly auf die Marmorbank zurück, indem ſie ihre Hand auf ihr Herz preßte, als wenn ſie deſſen Schlagen hätte unterdrücken wollen. „Und dieſen Mann liebte ich einſt,“ murmelte ſie.„Was für ein ſonderbares Ding das menſchliche Herz iſt; nur Wenige vermögen deſſen Schwäche oder Stärke zu ergründen.“ Mit einer Feſtigkeit, deren nur wenige Frauen 27 in ihrer Lage fähig geweſen wären, theilte Milly ihre Unterredung mit dem Baronet ihrem Gemahle mit. Genug, dachte der Earl, es iſt jetzt Zeit für mich zum Handeln. In Folge dieſes Entſchluſſes beſuchte er am fol⸗ genden Tage den Eindringling, der die Nacht hin⸗ durch Zeit gehabt hatte, ſich auf dieſen nicht uner⸗ warteten Beſuch gehörig vorzubereiten. „Sir Aubrey Fairckough,“ ſagte der Lord,„es gibt nur einen Menſchen in der Welt, den ich ſo ſehr verabſcheue und verachte, daß nur ganz beſon⸗ ders dringende Umſtände mich veranlaſſen konnten, mit ihm zuſammenzutreffen. Dieſer Menſch ſind Sie.“ „Mylord Dalville,“ verſetzte der Baronet in ſpöttiſchem Tone,„es gibt nur einen Menſchen in der Welt, den ich ſo ſehr bemitleide, daß ich mich über ſeine beleidigenden Worte hinwegſetzen kann. Ich will übrigens Ihrem Beiſpiele nicht folgen; ich bin zu höflich, um ſeinen Namen zu nennen,“ fügte er mit einer bedeutungsvollen Verbeugung hinzu. „Genug, mein Herr, wir verſtehen einander. Mein Freund, Sir Harcourt Stanley wird—“ „Gemach, Mylord; das iſt ein Duell, das Sie vorſchlagen.“ „Ja. So wenig Sie es auch verdienen, daß ein Mann von Ehre ſich Ihnen gegenüberſtellt, ſo laſſe ich mich doch dazu herab.“ „Wenn ich mich aber weigere?“ ſagte Sir Aubrey. „Ich werde Sie zwingen,“ verſetzte der Carl mit kaltem Lächeln. „Und auf dieſe Weiſe die Urſache unſeres Streits öffentlich machen? Nein, Mylord, das geht nicht an. 28 Glücklicherweiſe kann ich mein Temperament beherr⸗ ſchen, obgleich Sie ſich gänzlich davon haben hin⸗ reißen laſſen. Ueber was beklagen Sie ſich? Ueber mein Eindringen in Ihre Villa geſtern Nacht? Ich will zugeben, daß es ein unbefugtes Eindringen war; aber ſollte nicht der Grund, den ich dazu hatte, die⸗ ſes rechtfertigen?“ „Es rechtfertigen?“ wiederholte Milly's Gemahl unwillig. „Wenigſtens in den Augen der Welt,“ bemerkte der Baronet;„ich hege gar keine Hoffnung, die Schuppen von den Ihrigen reißen zu können. Hören Sie mich, Mylord— ich habe das Recht, dieß zu verlangen und werde daſſelbe nicht aufgeben.“ Sein Beſucher verbeugte ſich ſteif. „Am Hofe von Neapel finde ich in der Perſon der Geſandtin eine Frau, die einſt als meine Mai⸗ treſſe bei mir lebte.“ „Als Ihr Opfer, mein Herr,— getäuſcht durch eine falſche Vermählung. Die Schrift, die Sie auf⸗ ſetzten, und welche beide unterzeichneten, würde in Schottland ein geſetzliches Eheband gebildet haben.“ „Aber nicht in England,“ ſagte Sir Aubrey. „Sie ſündigten auf die Unwiſſenheit eines jungen Mädchens.“ „Die Welt glaubt nicht an mädchenhafte Einfalt,“ verſetzte der gewiſſenloſe Wüſtling mit eyniſchem Lä⸗ cheln,„obgleich bei Eurer Lordſchaft dieß der Fall zu ſein ſcheint. Doch das iſt Ihre, nicht meine Sache. Begreiflicher Weiſe war ich überraſcht, und ſo beſchloß ich mir Gewißheit darüber zu verſchaffen, ob Milly eine Betrügerin ſei oder ob hier einer jener merk⸗ 29 würdigen Glücksfälle ſich ereignet habe, von welchen man zwar in Romanen liest, die aber im wirklichen Leben höchſt ſelten vorkommen. „Um dies genau zu erfahren, fand ich mich— allerdings insgeheim ein. Sobald ich Gewißheit darüber erlangt hatte, daß ſie das Glück habe, Ihre Gemahlin zu ſein, zog ich mich wieder zurück.“ Die Sache war auf gewandte Weiſe dargeſtellt und wenn der Earl auch nicht dadurch überzeugt wurde, ſo war er doch einigermaßen wankend ge⸗ macht worden. „Vergeſſen Sie nicht,“ fuhr der Baronet fort, „daß Eure Lordſchaft es iſt, der den Scandal öffent⸗ lich zu machen beabſichtigt. Ich wünſche durch⸗ aus nicht, dieß zu thun.“ „Dieß iſt die einzige Sühne,“ ſagte der Carl, „welche Sie einer Frau zu bieten vermögen, der Sie auf ſo ſchändliche Weiſe mitgeſpielt haben. Sie willigen alſo in ein Stelldichein mit mir ein, ohne die Urſache unſeres Streits bekannt zu machen?“ „Nein,“ verſetzte Sir Aubrey Fairclough bedächt⸗ lich,„darein kann ich nicht willigen.“ „Ha! Ich dachte mir's.“ „Aus gutem Grunde. Hören Sie mich an!“ „Es iſt ganz unnöthig.“ „Sie müſſen ihn hören, Mylord!“ rief der Ba⸗ ronet zornig;„Sie ſpotten meiner Geduld. Ihr Charakter als Mann von Ehre iſt in den Augen der Welt ganz rein und unbefleckt— dieß müſſen ſelbſt Ihre Feinde zugeben; bei dem meinigen iſt dieß vielleicht nicht ſo ganz der Fall. Sie ſehen, wie offen ich bin.“ 30 Der Earl lächelte bitter. „Ein Stelldichein, deſſen Grund ſorgfältig ver⸗ borgen würde, dürfte einen Flecken— nicht auf Sie, aber auf mich werfen. Ich bin nicht in der Lage, Argwohn zu verachten; ich kann dieß nicht. „Und nun ſoll es mich freuen, Sir Harcourt Stanley zu empfangen, wann es ihm beliebt.“ Es lag etwas teufliſch Schlaues in der Art, mit welcher Sir Aubrey Fairckough die Sache behandelte; er legte dabei eine Offenheit an den Tag, welche Millys Gemahl zwar überzeugte, ohne daß er ſich aber dadurch von der Falſchheit ſeines Gegners hätte blenden laſſen. „Das, was Sie mir ſagten, veranlaßt mich, die Sache in Ueberlegung zu ziehen,“ ſprach er. „Wie Ihnen beliebt, Mylord.“ „Ich möchte Lady Dabville den Schmerz eines Eclat's erſparen, bei welchem die Billigdenkenden ihr die Theilnahme nicht verſagen, engherzige Ge⸗ müther aber ſie verdammen würden.“ „Das iſt auch mein Wunſch,“ bemerkte der Wüſtling.„Die Mehrzahl wäre jedenfalls gegen ſie; der Billigdenkenden gibt es ſo wenige.“ „Innerhalb vierundzwanzig Stunden ſollen Sie weiter von mir hören,“ ſagte ſein Beſucher, welcher nicht länger zu bleiben wagte, aus Furcht, ſein Unwille und Mitleid möchten über ſeine Vernunft die Oberhand gewinnen und ihn zu einer Handlung hinreißen, welche ruhigere Ueberlegung mißbilligen würde. „Schachmatt gemacht!“ rief der Baronet, als ſein Beſucher weggegangen war.„Der ſchlaue Di⸗ — e 31 plomat iſt mit ſeinen eigenen Waffen geſchlagen wor⸗ den. Werde ich zum Kampfe gezwungen, ſo will ich ihre Schmach der Welt verkündigen. Was für Thoren doch die Menſchen ſind!— ſelbſt die Ge⸗ ſcheideſten darunter, ſobald Weiber dabei im Spiele ſind!— Sie ſind dann nichts weiter als Puppen, und wie leicht iſt es, die Drähte zu leiten, die ſie in Bewegung ſetzen!“ Bei manchen hatte er Recht, aber nicht bei allen. Der Earl von Dalville gehörte nicht unter die Puppen, die er leiten konnte. Fünfzigſtes Kapitel. Das hohe Alter zeigt gewöhnlich zwei Extreme: entweder iſt es ſehr ſchön oder in hohem Grade ab⸗ ſcheulich, glücklich oder elend, heiter oder verlaſſen, je nachdem die Jugend oder das Mannesalter hin⸗ gebracht wurden. Wahrhaft elend iſt der Menſch, der, am Rande des Grabes angekommen, weder einer frohen Erinnerung ſich erfreut, noch das Bewußtſein eines wohl hingebrachten Lebens in ſich trägt, das ihn aufrecht erhält. In den Furchen, welche die Zeit auf ſeiner Stirne gezogen hat, wächſt keine Saat; ihr Boden iſt vollkommen unfruchtbar und bringt nichts als taube Aehren und Unkraut hervor. Das Beſte, was ihm zuſtoßen kann, iſt Apathie— klares Bewußtſein iſt für daſſelbe ein Fluch, die Vergangenheit ein Vorwurf, die Zukunft eine ſo 32 dunkle und traurige Leere, daß es vor dem Gedan⸗ ken zittert, das Tuch, das ſie bedeckt, hinwegzu⸗ ziehen. Von einem ſolchen Geſchöpf kann man wohl mit Recht ſagen, die Jahre drücken ihm Boden, wäb⸗ rend der gute Menſch dagegen i die Höhe ſteigt, die Ebenen der Zeit überblickt und ruhig die vor ihm liegende Scenerie betrachtet; iſt auch die Raſen⸗ bekleidung welk geworden, ſo wird ſie doch, herrlich von der Sonne beſchienen, zum Altar und Throne. Dieſe Wahrheit erſtreckt ſich nicht allein auf den Reichen und Weiſen, ſondern ebenſo auch auf den Armen und auf Leute ohne Erziehung. Das Alter iſt der Punkt, auf welchem Unwiſſenheit und Gelehr⸗ ſamkeit gleich den convergirenden Linien eines Win⸗ kels endlich zuſammentreffen. Der ergraute, laſterhafte Auswürfling, der den letzten Abhang des Lebens hinabwankt, ſowie der in ſeiner Geſundheit zerrüttete Wollüſtling, der äch⸗ zend in ſeinem Wagen dieſelbe Straße fährt, müſſen dieß, einer wie der andere, empfipden. Der Erſtere geſteht es unter derben Flüchen ein⸗ und verwünſcht ſeinen Unſtern; der Andere ſchwätzt in ſeiner Ver⸗ feinerung von Verhängniß. Beide vergeſſen aber die feierliche Lehre: 5 „In uns ſelbſt liegt es, daß wir ſo oder ſo ſind.“ Bier oder Burgunder machen den einzigen Unter⸗ ſchied zwiſchen beiden aus. Seit dem Wegzug ſeiner Schweſter Martha aus dem Lager ihres Stammes fand Keelan ſein An⸗ ſehen bei demſelben bedeutend vermindert. Ihre Schlauheit und ihr Unternehmungsgeiſt hatten ihm. — e m ſehr weſentliche Dienſte beim Beherrſcher der wilden und unruhigen Menſchen geleiſtet, die ſich ihm an⸗ geſchloſſen hatten. Ihre Hand und ihr Kopf waren beide gleich bereitwillig. Wenn irgend ein Mitglied der Bande durch das Geſetz ſich bedroht ſah, ſo wußte Martha gewöhnlich irgend einen Ausweg an⸗ geben, auf welchem es ſich der Ahndung durch das⸗ ſelbe entziehen konnte; oder kannte ſie im ſchlimmſten Falle einen Zufluchtsort, bis die Gefahr vorüber war. Es war daher kein Wunder, daß der alte Zi⸗ geuner den Verluſt einer ſolchen Gefährtin fühlte. Seit dem Tage, an welchem ſie ihn verlaſſen hatte, fing ſein Neffe Kaled an, eine Partei unter dem Stamme zu bilden, welcher Squills und Iinks ſo⸗ gleich ſich anſchloſſen. Die letztgenannten Ehren⸗ männer quälte ſchon längſt der Wunſch, etwas Ge⸗ naueres über den geheimen Schatz zu erfahren, welchen Milly's Großvater ſo eiferſüchtig in ſeiner eiſenbeſchlagenen Kiſte verwahrte. Beide waren Kom⸗ muniſten in des Wortes weiteſtem Sinne. Theilung des Eigenthums war der erſte und einzige Artikel ihres Glaubens. Wahrſcheinlich iſt dieß bei vielen Andern der Fall, die derſelben Lehre folgen, weil ſie ſelbſt nichts beſitzen. „Es iſt geradezu ein Raub, alles dieß wie ein futterneidiſcher Hund für ſich ſelbſt zu behalten und keinen Gebrauch davon zu machen,“ meinte Squills. „R— auh iſt ein Ver— brechen,“— ſtammelte der philoſophiſche Mr. Jinks,„ſo pre— digen es wenigſtens die Häu— ſerbewohner; Geld iſt dazu da, um von Hand— zu Hand zu ge— hen.“ Smith, Milly Moyne. IV. Kaled hörte ſchmunzelnd zu. Er war mit dieſer Lehre vollkommen einverſtanden, ohne aber deßhalb entfernt zugeben zu wollen, daß ſeines Onkels Geld in irgend eine andere Hand als in die ſeinige übergehe. Ein Verluſt ſchmerzte aber den alten Zigeuner wo möglich noch tiefer, als der ſeiner Schweſter,— die Abweſenheit Milly's. Er vermißte ihren leichten Schritt und fröhlichen Geſang,— ihre freundliche Geduld,— die Treue, mit der ſie ſeine Befehle ausführte,— die Wochſamkeit, mit der ſie für ſeine Sicherheit ſorgte. Früher konnte er in Frieden ſchlafen, jetzt wagte er ſelten ſeine Augen zu ſchließen, außer während des Tags; die Nacht war ihm ein Grauen, denn in der Nacht kam die Gefahr und die Erinnerung an die Vergangenheit über ihn. Und doch konnte man nicht ſagen, daß Keelan je ſein Enkelkind geliebt habe; das einzige annähernde Gefühl dieſer Art in ſeinem ſchlechten Herzen war das Intereſſe, das er für den Pflegeſohn ſeines Weibes fühlte,— für den Mann, der Milly zu Grund gerichtet hatte. Gegenüber von dieſem exi⸗ ſtirte jene Sympathie, wie ſie aus dieſer Verwandt⸗ ſchaft des Charakters entſpringt. Wäre Sir Aubrey Fairclough arm geweſen, ſo hätte ihm Keelan wahrſcheinlich bei ſeinen Uebelthaten ohne Belohnung Beiſtand geleiſtet. Weil er aber wußte, daß er reich ſei, ſo ließ er ſich ſeine Dienſte bezahlen. Da der alte Mann ſah, daß es mit ſeiner Auto⸗ rität über den Stamm ſo gut wie vorbei ſei, ſo hatte er ſchon zweimal dem Schulmeiſter eines be⸗ „— S„— —— ——— ———— ( — 25* e⸗ 35 nachbarten Dorfes, der wegen eines Mittels gegen das Wechſelfieber in's Lager gekommen war, den Auftrag gegeben, an den Baronet zu ſchreiben, die⸗ ſem ſeine Lage auseinanderzuſetzen und um ſeinen Beiſtand zu bitten. Auf dieſe Briefe war aber keine Antwort erfolgt, wahrſcheinlich weil der Gentleman in Italien war, und Bitterkeit erfüllte das Herz des Zigeuners. „Ich will ihm noch einmal ſchreiben laſſen,“ murmelte er eines Morgens vor ſich hin, an welchem er ſeinen Secretär erwartete.„Wehe ihm, wenn er ein drittesmal gegen meine Bitten taub bleibt! er ſoll dann finden, daß ich ihn verwunden kann.“ Dieſe Worte waren kaum ſeinen Lippen ent⸗ ſchlüpft, als Kaled ſich einfand. Der Landſtreicher war angetrunken, wahrſcheinlich um ſeinen Muth für das Verlangen anzufeuern, das er zu machen im Begriffe ſtand. Squills und Jinks hielten ſich ganz in der Nähe, ſo daß ſie die Unterredung mit anhören konnten. „Nun, alter Ohm!“ rief er aus, indem er ſich am Eingang des Zelts niederließ, an deſſen äußer⸗ ſtes Ende ſein Onkel ſich zurückgezogen hatte, ſobald er ihn erblickte.„Du ſteckſt ja in deiner Hütte wie ein Dachs in ſeiner Höhle und gehſt gar nicht heraus, — verlockt Dich denn die Sonne nicht?“ „Mich kann jetzt kaum mehr etwas verlocken,“ antwortete Keelan verdrießlich. „Das iſt wahr, wenn auch das, was du immer ſagteſt, von jeher eine Lüge war. Die Würmer freuen ſich ſchon lange auf Deinen alten Leichnam.“ „Wahrhaftig?“ 3* 3 36 „Sie müſſen recht hungrig geworden ſein.“ „Wer weiß, ob ſie nicht Deinen jungen Leich⸗ nam zuerſt zu freſſen kriegen,“ verſetzte der alte Zi⸗ geuner bitter.„Kommſt Du zu mir als Todten⸗ käuzchen? Berauben kannſt Du mich nicht,“ fuhr er pfiffig fort;„dafür habe ich geſorgt; ha! ha! der alte Ohm hat Dir eine Naſe gedreht.“ „Ich will Dir ſagen, um was es ſich handelt, Oheim,“ ſagte ſein Beſucher barſch.„Ich kam nicht her, um Dir das Todtenlied zu ſingen, weil dieß gar nicht der Mühe werth wäre,— Du magſt meinetwegen noch lange leben,— ebenſowenig will ich Dich berauben. Weßhalb ſollte ich dieß thun? Bin ich ja doch Dein natürlicher Erbe. Ich glaube, ſo ſagte Jinks; und wenn er dieß nicht ſagte, ſo meinte er wenigſtens damit, daß mir einmal alles zufällt, was Du hinterläß ſt.“ „So?“ ſtammelte Keelan. „Das verſteht ſich von ſelbſt,“ verſetzte Kaled. „Alles, was ich jetzt brauche, iſt ein Anlehen von zehn Harten. Ich will nach Norwich auf den Markt gehen— dort gibt es etwas zu fiſchen.“ „Fiſche dort, ſo viel du willſt,“ verſetzte Kee⸗ lan;„es gibt ſelten ein Waſſer, in dem ſich keine Fiſche finden. Zehn Harte!— Lieber zehn Teufel! Wo ſollte ich ſie herbekommen?“ Der liebevolle Verwandte deutete grinſend auf die eiſenbeſchlagene Kiſte. „Da iſt kein Pfennig— viel weniger ein Gold⸗ ſtück darin.“ „Etwas Silber thut es auch, mir gilt dieß gleich.“ ee⸗ ne el! auf ieß 37 „Weder Gold, Silber, Kupfer noch Banknoten, ſage ich Dir,“ rief der alte Mann in höchſter Auf⸗ regung;„ich habe alles weggeſchafft.“ „Du biſt heute morgen ſehr ſpaßhaft,“ bemerkte ſein Beſucher. „Auch habe ich den Schlüſſel verloren.“ „Soll ich ihn Dir auffinden?“ fragte Kaled ſpöttiſch;„Deine Finger ſind ſteif— Du haſt kein rechtes Gefühl mehr darin.“ Die Augen des alten Zigeuners blitzten furcht⸗ bar, als er ſich mit dem augenſcheinlichen Entſchluß auf die Kiſte ſetzte, jedem Verſuch, dieſelbe zu öffnen, Widerſtand zu leiſten. „Verſuch es,“ murmelte er,„verſuch es!“ Seine Neffe wartete keine zweite Aufforderung ab. Mit großer Gewalt, obgleich ſcheinbar nur ſpielend, packte er ſeinen Oheim im Nacken, in der Abſicht, ihn von ſeinem Sitze herabzuzerren. In dem Augenblick aber, in welchem der Land⸗ ſtreicher ihn berührte, fühlte derſelbe ſeinen Arm gelähmt. Durch eine geſchickte Wendung mit der Hand hatte Keelan's Meſſer eine Sehne am Gelenk ſeines Angreifers durchſchnitten.. „Verflucht ſeiſt Du!“ ſtöhnte der Verwundete. „Der nächſte Stoß,“ ſagte ſein Oheim ruhig, „vergräbt das Meſſer in Dein ſchwarzes Herz.“ Kaled ſah ein, daß er zu weit gegangen ſei, dazu kam der Schmerz und der Zorn, welche ihn halb wahnſinnig machten. Er rief ſeine beide Ver⸗ bundete herbei, und alle drei fielen über den er⸗ bärmlichen Eigenthümer des Zeltes her, den ſie augenblichlich entwaffneten und überwältigten. 38 „Drück ihm den Kopf auf den Rand der Kiſte,“ ſagte Squills, der einen tiefen Stich in die Schulter erhalten hatte. Iinks, der ein ſehr ſtarker Burſche war, hielt Keelan's Kopf, ſo wie er geheißen worden war. „Halt!“ rief der Neffe;„gib mir das Meſſer. Ich kann meine linke Hand noch gebrauchen, obgleich ſie vielleicht dazu nicht ſo geſchickt iſt wie die andere.“ 6s unterliegt wohl kaum einem Zweifel, daß die mörderiſche Abſicht Kaled's in Ausführung gebracht worden wäre, wenn nicht plötzlich Hanway und Mar⸗ tha im Zelte ſich eingefunden hätten. Der erſtere hatte unmittelbar nach ſeiner Ankunft in England die Zigeunerin aufgefunden und dieſelbe durch eine beträchtliche Beſtechungsſumme vermocht, ihn nach dem Lager ihres Bruders zu führen. Kaum gewahrte die ſchwarzbraune Alte die Ab⸗ ſicht ihres Sohnes, als ſie vorwärts ſprang, ihn an ſeinem langen, ſchwarzen Haare, auf das er ſo ſtolz war, packté, und daran rückwärts zog. Er war da⸗ durch wie ein Kind in ihrer Gewalt. „Martha!“ riefen ſeine beide Verbündeten. „Ja, Martha,“ antwortete die Frau gelaſſen, „es war Zeit, daß ich zurückkam: rumäniſches Blut im Zelt des Rumänen und noch dazu durch rumä⸗ niſche Hände vergoſſen! Hund,“ fügte ſie bei,„da⸗ für ſollſt Du baumeln!“ „Es iſt nicht meine Schuld,“ murmelte Kaled mürriſch, indem er zugleich ſein verwundetes Hand⸗ gelenk in die Höhe hob.„Weßhalb reizte ex mich?“ „Ich wollte, es wäre Dein Hals geweſen,“ ant⸗ wortete ſeine zärtliche Mutter;„beſſer das Meſſer 39 als der Strick, an dem Du doch noch einmal enden wirſt, wie ich Dir prophezeit habe, denn der Fluch Deiner Mutter iſt über Dir.“ „Die Hearn's ſind ſo gut wie die Keelan's,“ be⸗ mertte der Taugenichts, ihre eigenen Worte anfüh⸗ „Mein Nacken iſt dem Galgen noch nicht ſo nahe!“ Die Zigeunerin erwiderte dieſe Bemerkung mit einem bittern Hohnlachen. „Du wirſt ihm nicht entgehen!“ rief ſie in trium⸗ phirendem Tone.„Keine Nacht iſt vergangen ſeit jenem Tage, an welchem Du mich geſchlagen haſt, in der ich nicht mein graues Haupt in Wind und Wet⸗ ter entblöst und meinen Fluch wiederholt hätte. Die Sterne zitterten bei meinen Worten; der Mond er⸗ blaßte, als er ſie hörte; die ſprachloſe Stimme der Wälder wiederholte ſie. Ich hörte ſie in den Klüf⸗ ten, wo ich mein Zelt in dem langen, feuchten Gras aufgeſchlagen hatte, und mein Herz wurde froh— ſehr froh! Packt euch,“ fuhr ſie fort—„Du und Deine heilloſen Spießgeſellen! Wäre er zehn Johre jünger, ſo hätte er euch alle drei mit ſeinem Meſſer zu Boden geſtreckt.“ Squills und Iinks, denen der Gedanke durchaus nicht eingehen wollte, nach ihren philoſophiſchen Plä⸗ nen den Inhalt der Geldkiſte nicht theilen zu dür⸗ fen, blickten zuerſt Martha, dann Kaled an. Der letztere ſchüttelte entmuthigt den Kopf: eine abergläu⸗ biſche Furcht hatte ſich ſeiner bemächtigt. Martha bemerkte dieſes Gebärdenſpiel; ſie ging daher auf Iinks zu und ſchlug ihm ihre große knö⸗ cherne Hand ins Geſicht. 40⁰ „Ihr glaubt, ich ſei allein und fürchte mich vor euch, nicht wahr?“ ſprach ſie— Hanway hatte ſich kluger Weiſe aus dem Staub gemacht—„verſucht es— warum verſucht ihr es nicht? Dieſer— dieſer hier,“ fuhr ſie bitter fort, indem ſie auf ihren Sohn deutete,„wird euch helfen!“ „Hol's der Teufel, Mutter,“ ſagte der ruchloſe Menſch,„ſo ſchlimm bin ich denn doch nicht. Laß ab, Jinks, laß ab!—“ Während dieſer Unterredung war es Keelan, der wieder beinahe zur Beſinnung gelangt war, gelun⸗ gen, von der Kiſte, auf der er ſich befunden, an die entgegengeſetzte Seite des Zeltes zu kriechen, wo ſeine Piſtolen verborgen waren. Ein leiſer, ziſchen⸗ der Laut entſchlüpfte ſeinen Lippen, als er Feuer gab. Die Kugel ſtreifte die Schläfe Kaled's. Eine n tiefer und ſein Schädel wäre zerſchmettert ge⸗ weſen. „Zu was dieß,“ bemerkte ſeine Schweſter ruhig; „er iſt nicht dazu beſtimmt, auf dieſe Weiſe zu ſterben.“ Als die Zigeuner ſahen, daß der alte Mann ſei⸗ ner Waffen ſich bemächtigt habe, gaben ſie Ferſen⸗ geld und entflohen aus dem Zelt. Ohne die Worte ſeiner Erretterin zu beachten, wankte der alte Mann nach der Oeffnung und ſchickte ihnen einen zweiten Schuß nach. „Ich ſag Dir ja, daß dieß nichts nützt,“ wieder⸗ holte Martha;„kannſt Du mir denn nicht glauben? Ich belüge niemals diejenigen, die meines Bluts ſind, was ich auch den Häuſerbewohnern thun mag. Biſt Du verwundet?“ „Uff, ich glaube nicht,“ murmelte ihr Bruder, 41 zwiſchen jedem Worte huſtend;„es fehlte aber nicht viel, es ſehlte nicht viel— uff!— Verlaß mich nicht, Martha, verlaß mich nicht!“ „Ich will es nicht mehr thun,“ verſetzte das alte Weit mit rauher Freundlichkeit ſeinen Nacken ſtrei⸗ chelnd;„ſag' mir, wie iſt denn dieß gekommen?“ „Es war kein Friede mehr im Lager, ſeit Du es verlaſſen haſt.“ Bei dieſem Geſtändniß blitzte ein befriedigter Stolz aus den Augen der Zigeunerin; es ſchmei⸗ chelte ihrer Eitelkeit, zu hören, daß ſie vermißt wor⸗ den ſei. „Seit dem Tage, an welchem Du im Trotz von uns weggingſt,“ fuhr er fort,„ſtrebte der junge Teufelsbraten darnach, zur Herrſchaft über den Stamm zu gelangen.“ „Er wollte ihn beherrſchen?“ rief ſeine Zuhörerin in verächtlichem Tone. „Ich gab keinen Zoll breit ohne Kampf nach, das kann ich Dir ſagen,“ fuhr ihr Bruder fort, „aber die Jugend iſt ſtärker als das Alter.“ „Nicht immer,“ bemerkte Martha. „Ich fand es ſo,“ verſetzte Keelan;„überdieß war Milly nicht mehr da, mich zu bewachen.“ „Verflucht ſei ſie!“ unterbrach ihn die Frau lei⸗ denſchaftlich.„Sie iſt die Urſache, daß Kaled ſeinem böſen Sterne folgt. Wäre ſie ihm treu geblieben, anſtatt auf den Häuſerbewohner zu hören, ſo wäre es mit dem Burſchen gut gegangen. Ein rumãni⸗ ſches Weib hätte ihn wie einen Seidenfaden um den Finger winden können.“ „Vor einer Stunde etwa kam er in mein Zelt,“ 42 ſagte ihr Bruder.„Ich ſah ihm an, daß er etwas Böſes im Schilde führte; es war derſelbe lauernde Teuſel in ſeinen Augen, den ich in denen ſeines Va⸗ ters ſo oft bemerkt hatte.“ „Kein Wort gegen ſeinen Vater,“ rief ſeine Zu⸗ hörerin;„die Hearn's ſind ſo gut wie die Keelan's, ſag ich Dir. Was weiter?“ „Er verlangte Geld— zehn Harte!— auf den Markt von Norwich, wie er ſagte.“ „Die Du ihm abgeſchlagen haſt,“ bemerkte ſeine Schweſter, haſtig ſprechend;„es kam zu hitzigen Wor⸗ ten zwiſchen euch; ich errathe das Uebrige. Sprich nicht mehr von ihm; es iſt mir zuwider, ſeinen Na⸗ men zu hören.“ „Hm!“ murmelte ihr Bruder zweifelnd.„Aber was führt Dich hieher zurück?“ „Ich kam nicht allein.“ „Ich erinnere mich,“ ſagte der alte Zigeuner— „es war ein Mann bei Dir.“ „Der Diener des Häuſerbewohners.“ „Welches Häuſerbewohners?“ fragte Keelan mür⸗ iſch. „Deſſelben, deſſen Intereſſe Du das Deines eige⸗ nen Fleiſches und Blutes geopfert haſt,“ rief Mar⸗ tha,—„deſſen finſtere Abſichten und Plane Du un⸗ terſtützt haſt. Ich traf ihn zufällig dreißig Meilen von hier und führte ihn hieher. „Sein Herr zahlt gut,“ fügte ſie bei, als ſie das befriedigte Lächeln bemerkte, das ſich auf dem Geſicht ihres Bruders bemerkbar machte. „Nun, ja— mittelmäßig— mittelmäßig.“ „Ich will keinen Antheil daran,“ bemerkte die 43 Frau heftig.„Ich habe meinen Hondel abgeſchloſſen, ehe ich hieher kam, denn ich traue keinem von ihnen. Behalte ſeine Geheimniſſe und ſein Geld für Dich.“ „Suche ihn auf,“ ſagte ihr Bruder;„der Auf⸗ tritt, von dem er Zeuge war, hat den feigen Knecht erſchreckt. Hole ihn her.“ Martha nickte und ging verdrießlich aus dem Zelte weg. „Ich wußte wohl, daß er nicht wagen würde, mir eine abſchlägige Antwort zu geben,“ ſprach der alte Zigeuner zu ſich ſelbſt;„ich wußte wohl, daß er dieß nicht thun werde. Er hat immer noch einige Vorliebe für den alten Rumänen, deſſen Frau ihn ſtillte und ihn das Rothwälſch lehrte. Wie natür⸗ lich ſaugte er dieß ein, gerade wie die Milch aus ſeiner Mutter Bruſt! Und er iſt reich!— ha ha— reich— groß und geehrt; nimmt einen hohen Rang unter den Häuſerbewohnern ein. Uff! uff! ich werde die Spuren der Finger dieſes Schufts an meinem Halſe noch einen ganzen Monat lang ſpüren. Uff uff!“ Er huſtete noch fortwährend heftig, als ſeine Schweſter in Hanway's Begleitung zurückkam, der nichts weniger als in behaglicher Stimmung über die Lage zu ſein ſchien, in welcher er ſich befand. „uff! uffl endlich kommen Sie,“ bemerkte Keelan, nnachdem die ſchwarzbraune Alte weggegangen war. Sie war zu ſtolz, um unaufgefordert zu bleiben oder zu horchen. „Haben Sie mich denn erwartet?“ rief der er⸗ ſtaunte Diener. „Seit Tagen— ſeit Wochen.“ Dem Boten des Sir Aubrey Fairclough wurde es 44 unheimlich zu Muth. Er war noch nicht länger als achtundvierzig Stunden in England und doch be⸗ hauptete der Zigeuner, er habe ihn erwartet. Das Geheimniß wäre ſchnell aufgeklärt geweſen, wenn der alte Mann etwas von den Briefen geſagt hätte, die er abgeſchickt hatte. „Mein Herr wünſcht Sie zu ſprechen.“ „Ich weiß dieß. Uff! Weiter.“ „Und hat mich geſchickt, um Sie zu ihm nach Neapel zu bringen.“ „Wohin?“ „Nach Neapel.“ „Und wo iſt denn dieſes Neapel?“ fragte der Eigenthümer des Zeltes;„habe den Ort nie geſehen, uffi hoffentlich iſt er nicht weit. Ich bin jetzt zu alt, um zu Fuß dahin zu gehen. Iſt er nahe bei London?“ „Nicht weit den Fluß hinab,“ antwortete der Diener, der mit Geiſtesgegenwart Keelan's Unwiſſen⸗ heit benützend, ſogleich einſah, daß er auf dieſe Weiſe den Auftrag ſeines Herrn leichter zu Stande brächte, als durch ſeine Beredtſamkeit. „Den Fluß hinab,“ wiederholte der Zigeuner argwöhniſch.„Uff! London iſt ſehr weit von hier und ich werde alt, ſehr alt.“ „Einmal dort,“ bemerkte Havway ermuthigend, „können Sie die Beſchwerde der Reiſe als beendigt anſehen. Das Boot wird Sie faſt bis unter ſeine Hausthüre führen.“ „Warum kam er nicht ſelbſt zu mir?“ „Er konnte Milady und ſeinen Sohn nicht ver⸗. laſſen.“ 45 Das Wort„Sohn“ ſchien einen eigenthümlichen Eindruck auf den alten Mann zu machen. Er wieder⸗ holte es mehrmals in einem leiſen, kichernden Tone, den ein gewiſſer ziſchender Laut begleitete, welcher andeutete, daß ihn dieß freue. „Wie gerne möchte ich dieſen ſehen!“ antwortete er.„Ich will ihn ſehen. Sie ſagen alſo ſein Sohn?“ Ber Bote nickte bejahend, im Stillen ſich wun⸗ dernd, was es denn eigentlich den Zigeuner angehe, ob es ſich um einen Sohn oder um eine Tochter handle. „Und dieſer wird den Titel erben?“ „Allerdings.“ „Und die Güter?“ „Und dié Güter ebenfalls,“ verſetzte der Kammer⸗ diener etwas ungeduldig, denn es kam ihm vor, als wenn Keelan zu faſeln anfange. „Nun, nun, ich will mir's überlegen.“ „Das Beſte wäre, mir machten uns ſogleich auf den Weg.“ „Nein.“ „Denken Sie daran, daß die Burſche, mit denen ich Sie im Handgemenge fand, wieder zurückkehren tönnten. Sie müſſen am beſten deren Abſichten kennen.“ „Jetzt bin ich ganz ſicher, da meine Schweſter wieder bei mir iſt,“ bemerkte der Zigeuner.„Kom⸗ men Sie morgen wieder zu mir.“ Vergebens ſuchte das Werkzeug Sir Aubrey's ihn in ſeinem Entſchluſſe wankend zu machen. Er konnte aber keine andere Antwort aus ihm heraus⸗ bringen, und weil er es nicht für gerathen hielt, 46 länger im Lager zu bleiben, ſo verabſchiedete er ſich mit dem Verſprechen, am folgenden Tage wieder zu kommen. Seine Führerin, die ihn erwartete, begleitete ihn, bis ſie ihn auf der Hauptſtraße nach Kotswold ſah, wo er die Nacht zuzubringen beſchloſſen hatte. „Martha,“ ſagte ihr Bruder, als ſie wieder zu⸗ rück kam,„haſt Du je den Urith geleiſtet?“ „Niemals,“ ſagte die Frau ſchaudernd. „Ich habe die Abſicht, ihn Dir abzunehmen.“ „Und kann es nicht auf eine andere Weiſe ge⸗ ſchehen?“ fragte die Alte haſtig. „Richt, ſelbſt wenn Du mein Weib, ſtatt meine Schweſter wäreſt,“ verſetzte der alte Mann,„und wenn Du ſeit fünfzig Jahren in meinem Zelt und an meiner Seite geſchlafen hätteſt.“ Es folgte eine Pauſe. Während mehrerer Mi⸗ nuten ſprach keines von beiden ein Wort. Der Urith iſt eine dem rumäniſchen Stamm eigenthümliche Art von Eid. Wenn man den Tradi⸗ tionen glauben darf, ſo wurde derſelbe nie gebrochen. In England iſt er eine beinahe vergeſſene Ceremonie, aber in Böhmen und unter den ſpaniſchen und ita⸗ lieniſchen Zingari, beſteht er glaube ich noch. Die Contrabandiſta's in den letztgenannten Ländern, die meiſtentheils den nomadiſchen Stämmen angehören, ſollen durch denſelben ſich untereinander binden. Die Ceremonie und Verwünſchungen ſollen wahrhaft Grauſen erregend ſein. „Ich will ihn leiſten,“ rief Martha plötzlich. Blut iſt dichter als Waſſer; wir ſind beide Keelan's: ich habe jetzt nichts mit den Hearns zu ſchaffen.“ Zu⸗ 47 gleich zog ſie eine Scheere aus ihrer weiten Taſche, ſchnitt ſich damit eine Locke ihres grauen Haares ab und gab ſie ihrem Bruder, der ſie ſogleich zu⸗ ſammenzudrehen und zu flechten anfing, bis er ſie in einen verworrenen Klumpen verwandelt hatte. Dies ſollte als Pfand zwiſchen beiden dienen. Nach⸗ dem dieß geſchehen war, zog er die Vorhänge des Zeltes zuſammen, befeſtigte ſie mit einer eiſernen Klammer am Boden und ſchritt dann zur Abnahme des Eides. „Jetzt kann ich Dir trauen,“ bemerkte er, nach⸗ die Frau die letzten Worte ihm nachgeſprochen hatte. „Das hätteſt Du zuvor ſchon thun können,“ lau⸗ tete die vorwurfsvolle Antwort. Die Zeit wird wahrſcheinlich aufklären, was hier geoffenbart und anvertraut worden war. Was es auch immer geweſen ſein mochte, ſo war Martha davon im höchſten Grade ergriffen worden. Sie lachte, ſchlug in die Hände und erklärte, daß nun einmal auch der Rumäne den Ferſen auf den Stolz des Häuſerbewohners geſetzt habe. Am folgenden Tage begleitete Keelan, ohne den Streich zu ahnen, der ihm geſpielt werden ſollte, Sir Aubrey's Fairclough's Boten nach London, wo beide am folgenden Abend zu ſo ſpäter Stunde ein⸗ trafen, daß der letztere erklärte, heute nicht mehr bis zur Wohnung ſeines Herrn gelangen zu können. Da das Gaſthaus, in welches ſein Begleiter ihn geführt hatte, dicht mit Gäſten beſetzt war, ſo war der Zigeuner überzeugt, daß ihm hier in keiner Weiſe etwas widerfahren könne. Der Diener aber entfernte 48 ſich unter dem Vorwande, ihm Kleider kaufen zu müſſen, in denen er ſich ſehen laſſen könne,— ein Beweis von Aufmerkſamkeit, gegen welche der alte Mann nichts einzuwenden hatte;— auch mußte Hon⸗ way das Bankhaus von John Compton in der City aufſuchen, bei welchem er laut Ermächtigung ſeines Herrn die nöthigen Gelder zur Reiſe zu erheben hatte. Hanway traf den würdigen Mäkler in ſeinem Bureau in Mark⸗lane. Dieſer hatte ſoeben einen Brief von Oliver erhalten, in welchem dieſer ihm mittheilte, er habe Sir Cuthbert Vavaſſour in der Perſon des ältern Auſtin aufgefunden. „Ich kann Ihnen gar nicht ſagen,“ ſchrieb unſer Held,„wie ſehr dieß alles mich ent⸗ täuſcht und betrübt hat. Meine Hoffnungen ſind vernichtet,— meine Gedanken hinſichtlich des Zwecks, der mich nach Italien führte, ſind dadurch unbeſtimmt und ſchwankend ge⸗ worden; denn ich vermag es nicht über mich, zu glauben, daß ein Mann, der in ſo vielen andern Verhältniſſen des Lebens ſo ehrenvoll ſich gezeigt hat, durch eine niederträchtige Ver⸗ ſchwörung gegen die Ehre und das Glück einer hitfloſen Frau ſich erniedrigen konnte.“ „Vielleicht nicht,“ ſprach der Mäkler zu ſich ſel⸗ ber,„vielleicht nicht. Ich ſehe, daß ich die Ange⸗ legenheit ſelbſt in die Hände nehmen muß. Der letzte Satz des Briefes erſchreckte ihn. „In wenigen Stunden reiſe ich nach Reapel ab, um Philipp aufzuſuchen. Wahrſcheinlich haben Sie von ihm gehört?“ Dieß war aber gerade nicht der Fall, und je ———— —— . el ch 49 mehr der Mäkler über das Stillſchweigen ſeines Mündels nachdachte, um ſo mehr fühlte er ſich be⸗ unruhigt. Dieſes Gefühl wurde auf eine peinliche Art ge⸗ ſteigert, als Sir Aubrey Fairclough's Agent erſchien und eine Ordre des Baronets auf zweihundert Pfund, von Neapel datirt, präſentirte. „Hält ſich Ihr Herr ſchon lange in Neapel auf?“ fragte er, während er den Zahlungsbefehl an den Caſſier unterzeichnete. „Seit drei Monaten etwa,“ antwortete der Die⸗ ner gleichgültig. „Das Kind wurde in Sicilien geboren?“ fügte John Compton bei, ihn mit den Augen fixirend. „Ich glaube ſo.“ „Sie waren alſo damals nicht bei der Familie?“ „Nein,“ verſetzte der Menſch entſchloſſen, gar keine Mittheilung, ſelbſt nicht einmal über den un⸗ bedeutendſten Gegenſtand, zu machen. Hm! dachte der Mäkler, abermals ein Geheimniß. Rachdem ſein Beſucher die Ordre zur Ausbezah⸗ lung des Geldes erhalten hatte, entfernte er ſich, um ſeine Anſtalten zur Reiſe zu treffen. Das Paket⸗ boot ſollte noch denſelben Tag abgehen. John Compton beſaß zu viele Erfahrung, als daß er nicht den Werth raſchen Handelns in Fällen wo Gefahr auf Verzug ſtand, gekannt hätte. Er gönnte ſich nur eine halbe Stunde Zeit zur Ueber⸗ legung, was für Schritte er zu thun hätte, um ſei⸗ nen Mündel vor den Machinationen ſeines Stiefvaters zu ſchützen; und ſo bald er darüber mit ſich im Reinen war, rief er Randal Rand herbei, der ſeit Smith, Milly Moyne. IV. 4 50 der Geſchichte ſeines unehrlichen Caſſiers zu dieſem Vertrauenspoſten befördert worden war. „Sind Sie mit der Anſtellung, die ich Ihnen gegeben habe, zufrieden?“ fragte er. „Zufrieden!“ wiederholte der Commis.„Ich bin im höchſten Grade dankbar, Herr.“ „Nun, ich glaube Ihnen, daß Sie dieß ſind,“ verſetzte der alte Mann freundlich„und ich bin im Begriff Ihnen den Beweis zu liefern, daß ich dieß laube. In drei Stunden müſſen Sie ſich nach Italien auf den Weg machen.“ „Ich werde bereit ſein, Herr.“ „Das höre ich gerne; es geht nichts über Raſch⸗ heit. Finden Sie ſich in zwei Stunden wieder bei mir ein. Ich werde bis dahin Paß und Briefe parat haben und Ihnen meine letzte Inſtruction ertheilen, welche dahin geht, den Major Henderſon und ſeine Pflegebefohlenen aufzuſuchen.“ „Oliver Brandreth und Mr. Blandford, Herr?“ „St!“ ſagte der Mäkler,„Sie müſſen dieſe Na⸗ men vergeſſen und die jungen Männer Trevor nen⸗ nen. Keine Worte; ich will Ihnen bei Ihrer Rück⸗ kehr alles erklären.“ Nach zwei Stunden, auf die Minute hin, fand ſich Randal Rand wieder auf dem Comptvir ſeines Prin⸗ cipals ein, der unterdeſſen den Paß beſorgt und die Creditbriefe unterzeichnet hatte. „Folgen Sie mir in meinen Wagen,“ rief John Compton, der ganz außergewöhnlich erregt ſchien. „Unterwegs, nach den Docks, will ich Ihnen meine letzten Inſtructionen ertheilen. Das Patetboot ſegelt früher ab als ich erwartete.“ ie n. ne lt 51 Während ſie durch die City fuhren, überholten ſie eine Miethlutſche, in welcher Hanway und Kee⸗ lan ſaßen. Der Gedanke, daß dieſelben ebenfalls nach Nea⸗ pel ſich begeben würden, ſtieg plötzlich in dem wür⸗ digen Mäkler auf, während er ſeinen Begleiter auf dieſelben aufmerkſam machte. „Sollten ſie Ihre Reiſebegleiter werden, ſo ſeien Sie vor denſelben auf Ihrer Hut. Sprechen Sie mit ihnen kein Wort über Dinge, die meinen Mün⸗ del oder mich betreffen.“ „Ich verſtehe, Herr, vollkommen.“ „Suchen Sie ſie bei jeder Gelegenheit in eine Unterhaltung zu verwickeln,“ fuhr John Compton fort;„trachten Sie ſo viel wie möglich aus ihnen herauszulocken. Das Leben eines Ihrer Freunde kann von Ihrer Klugheit abhängen. Ich ſage nichts von einer Belohnung, wenn es Ihnen glücken ſollte; ein Verſprechen dieſer Art würde Sie beleidigen.“ Randal bedurfte keines derartigen Sporns wie eine Belohnung; ein edleres Gefühl trieb ihn— die Dankbarkeit. Er hatte das Wohlwollen nicht ver⸗ geſſen, das unſer Held ihm gezeigt hatte,— ſein Vertrauen in ſeine Rechtſchaffenhet in einem Augen⸗ blicke, in welchem Andere ihn eines Verbrechens fähig gehalten hatten. Der dankbare junge Mann hätte ſein Leben zehnmal daran geſetzt, wenn er hätte hoffen können, Oliver Brandreth einen Dienſt damit leiſten zu können. Nachdem er ſich von ſeinem Principal verab⸗ ſchiedet hatte, der es nicht für gerathen hielt, ihn weiter zu begleiten, damit Hanway ihn nicht zu Ge⸗ 52 ſicht bekomme, begab er ſich allein an Bord des Paketſchiffs. Ein befriedigtes Lächeln glitt über ſein Geſicht, als er wenige Minuten nach ſeiner Ankunft den Kammerdiener und Keelan das Verdeck betre⸗ ten ſah. Der erſtere ſah ſich um; zuerſt nach der Menge von Gepäck, welches die Matroſen in den untern Raum ſchafften, dann nach der Zahl der Paſſagiere, deren Geſichter er aufmerkſam muſterte. Irgend ein Zweifel— ſehr unbeſtimmter Art vielleicht— hatte ihn ergriffen. „Ein großes Schiff!“— rief er aus—„ſehr groß für ein Flußboot.“ „Es iſt gar viel Handel auf der Themſe,“ be⸗ merkte ſein Begleiter ruhig. „Wann kommen wir wohl an?“ In einigen Stunden. Ich kann es nicht ſo ge⸗ nau ſagen; es kommt aber auch auf eine oder zwei nicht an. Es wäre aber beſſer, wenn Sie in die Kajüte hinuntergingen, der Wind bläst ſo friſch auf dem Waſſer und ich habe Befehl, alle erdenkliche Sorgfalt auf Sie zu verwenden.“ Damit nahm Hanway den alten Zigeuner unter dem Arme und führte ihn vom Verdeck hinab in ſeine Cajüte. Zugleich rief er den Kellner herbei und beſtellte Karten und Wein. „Wir können auf dieſe Art ein paar Stunden ganz angenehm zubringen,“ bemerkte er. Keelan nickte beifällig. „Können Sie ſpielen?“ Die Augen des alten Zigeuners blitzten bei die⸗ ſer Frage; gar manche Guine hatte er auf dieſe 6 6 ——— —— 1½ 53 Weiſe ländlichen Tölpeln durch die größere Geſchick⸗ lichkeit— ſeiner Hand— bei dem Wettrennen von Yarmouth und auf den Märkten von Norwich ab⸗ gewonnen. Sie ſpielten und tranken einige Stun⸗ den lang. Als der ſchlaue Kammerdiener vom Tiſche aufſtand, war das Boot ſchon halbwegs die Themſe hinab und ſein Mitreiſender lag in beſin⸗ nungsloſem Zuſtande auf dem Cajütenbett, wo er bis zum Morgen ſchlief. Es lag etwas Poſierliches in dem Erſtaunen des alten Mannes, als er am folgenden Tage auf das Verdeck gewankt kam— weit und breit kein Land mehr ſichtbar, nichts als die Wolken über und der endloſen Ocean vor ihm. „Wann glauben Sie wohl, daß wir nach Neapel kommen, Herr?“ fragte er Randal, der in ſeiner Nähe ſtand. „In vierzehn Tagen ungefähr.“ Der Zigeuner machte keine Bemerkung, ſondern begnügte ſich, ſein ſcharfes kleines dunkles Auge feſt auf den verrätheriſchen Hanway zu richten. „Gehen Sie auch dahin?“ ſette er nach einer Pauſe hinzu. „Theilen Sie mir doch gefälligſt mit, Herr, was für eine Art von Ort Neapel iſt.“ Der Commis hieß den Zigeuner ſich neben ihn ſetzen, und auf dieſe Weiſe entſpann ſich die erſte Bekanntſchaft zwiſchen Beiden. 54 Einundfünfzigſtes Kapitel. Unmittelbar nachdem unſer Held und ſein Men⸗ tor in Neapel eingetroffen waren, ſchickten ſie einen Lohndiener in alle Hotels um nach Philipp zu fra⸗ gen. Ihre Ueberraſchung über den Erſolg war groß. Eine ſolche Perſon war gar nicht gekannt. In der Corona erklärte der Eigenthümer und der Oberkellner, den Namen Trevor nie gehört zu haben, und doch war in dieſem Hauſe der unglückliche junge* Mann verhaftet worden. Vielleicht waren ſie nicht einmal ſo ſehr zu tadeln: Die Furcht vor der Polizei mag Manchen dahin bringen, ein Verbrechen zu be⸗ gehen, das ſeiner beſſern Natur zuwider iſt. Wenn es möglich wäre, daß eine ähnliche Ty⸗ rannei in England geübt würde, ſo ſteht es ſehr dahin, ob Kellner und Wirthe anders handeln wür⸗ namentlich wenn Ausländer dabei im Spiele ind. Der nächſte Schritt, der zu thun war, beſtand darin, ſich auf die Polizei zu begeben; begreiflicher⸗ weiſe war das Reſultat das gleiche. Die Beamten wußten nichts, hatten nichts von dem Reiſenden, nach welchem gefragt wurde, gehört: ja dieſelben trieben die Heuchelei ſo weit, daß ſie ſich ſeine Per⸗ ſon, ſein Alter u. ſ. w. beſchreiben ließen, um, wie ſie ſagten, die genaueſten Nachfragen nach ihm in der ganzen Stadt anzuſtellen. 3 Major Henderſon fing jetzt an um die Sicherheit ſeines Pflegebefohlenen ernſtlich beſorgt zu werden, während Oliver ſich die bitterſten Vorwürfe machte, — 55 ſich von ſeinem Freunde getrennt zu haben. Er wußte wohl, daß jeder Verſuch, die Mitglieder der Carbonari aufzuſuchen, durch welche er ſicher hätte Nachricht erhalten können, vergeblich ſein würde; der Aufſtand war mißglückt und ſomit hatten ſich die Verbündeten bis auf glücklichere Zeiten getrennt. Eine einzige Hoffnung blieb noch— Bianca. Wenn Philipp nach Neapel gekommen war, ſo mußte dieſe ihn geſehen haben; war dieß nicht der Fall, ſo war jede Spur verloren. „Ich gäbe hundert Pfund,“ bemerkte der Major Paen ſeinen Begleiter beim Herausgehen aus dem ureau,„wenn ich ſicher erfahren könnte, wo der arme Junge ſich befindet.“ Dieſe Worte wurden auf Engliſch geſprochen, und von einem der Beamten, dem Secretär, ver⸗ ſtanden, deſſen Neugierde durch den Beſuch des Sir Aubrey Fairelough bei ſeinem Chef in ſo hohem Grade rege gemacht worden war. Er zog ſein Notizbuch hervor und fing an ſo viele Zahlen darin niederzuſchreiben, daß Jeder, der ihm über die Schultern geſehen hätte, geglaubt ha⸗ ben würde, er beſchäftige ſich mit einer kaufmänni⸗ ſchen Speculation, indem er berechnete, wie viel Ducaten auf ein Pfund Sterling gingen. Seine Augen glitzten vor Gier und Befriedigung über das Reſultat. Oogleich die Stunde nichts weniger als paſſend zu einem Beſuche war, begab ſich unſer Held doch ſogleich in die Wohnung des Cardinals Doria in dem Palazzo Nunciata und ſchickte der Gräfin und deren Tochter ſeine Karte; ſein Herz weiſſagte ihm 56 nichts Gutes bei der Bereitwilligkeit, mit der er empfangen wurde; denn er glaubte mit Recht daraus ſchließen zu dürfen, daß die ſchöne Italienerin und deren Mutter in demſelben Zuſtande der Ungewiß⸗ heit ſich befänden, wie er. Bianca vermochte ihre Ungeduld nicht zu zügeln, ſondern ging ihm bis an die Thüre des Salons entgegen. „Iſt er in Sicherheit?“ rief ſie in einem Tone, der nur zu deutlich die Aufregung verrieth, die ſie vergebens zu verbergen ſich bemühte.„Haben Sie ihn geſehen? Sagen Sie mir, was ſich zugetragen hat. Alles iſt beſſer als dieſe quälende Ungewiß⸗ eit⸗ „Ich bitte, ſeien Sie gelaſſen,“ antwortete Oli⸗ ver, ſie bei der Hand faſſend;„ich bin kein Ueber⸗ bringer ſchlimmer Nachrichten.“ Dieß war buchſtäblich wahr; ihr Beſucher hatte gar keine Nachrichten. „Gelaſſen!“ wiederholte das arme Mädchen vor⸗ wurfsvoll,„nachdem ich ſeit acht Tagen nichts von ihm gehört und geſehen habe.“ Acht Tage, wiederholte unſer Held in Gedanken. Philipp war alſo in Neapel. Mit der Beſtätigung dieſes Factums war wenigſtens etwas gewonnen. „Der Major und ich ſind ſo eben erſt angekom⸗ men,“ ſprach er, feſt entſchloſſen, wie ſchwer es ihm auch fallen möge, ſeine Aengſtlichkeit zu verbergen, um die ihrige möglichſt zu heben.„Sie kennen den Grund, der uns trennte?“ „Ja, ja.“ „Ein Grund ſeines Beſuchs Neapels erjorderte 6 57 Geheimhaltung— war einigermaßen gefährlich. Daß er ſeines Auftrags ſich entledigte, bin ich überzeugt.“ Bianca ſah ihn zweifelhaft an. „Das kluge Benehmen Derer, die er zu warnen kam, beweist dieß,“ fuhr Oliver fort, und eine Menge Umſtände, die ſich ereignet haben mögen, können ſeine plötzliche Abreiſe nothwendig gemacht haben. Ich bin nicht im mindeſten beſorgt.“ „Es iſt gut gemeint,“ rief das geängſtigte Mäd⸗ chen;„aber Sie können mich nicht täuſchen— das „Herz iſt ungläubig. Ich leſe Zweifel und Beſorg⸗ niſſe in Ihren Augen: man kann zwar ſeine Worte aber nicht ſeine Empfindungen beherrſchen. Warum — warum,“ fuhr ſie, ihrem Schmerze freien Lauf laſſend, fort,„mußte ich auch in ſeiner Gegenwart von den Leiden Italiens, ſeinen Hoffnungen und Kämpfen ſprechen— warum eine Begeiſterung er⸗ wecken, die ihm Unheil gebracht hat?“ „Es iſt dieß das Loos aller Derer, welche Mit⸗ gefühl für unſer unglückliches Land haben oder es lieben,“ bemerkte die Gräfin Belgioſo düſter,—„Gatte, Bruder, Sohn haben ſich auf einem Altar geopfert, deſſen Gottheit ſchon längſt nicht mehr exiſtirt. „Für Italien gibt es keine Freiheit.“ Dieſe prophetiſchen Worte entlockten ihrer Toch⸗ ter einen noch reichlicheren Thränenſtrom. Mit dem Scharfblick des Herzens hatte ſie an Hliver die An⸗ ſtrengung entdeckt, ſeine wahren Gefühle zu verber⸗ gen und bereits dachte ſie ſich das Schlimmſte. „Todt!“ ſtammelte ſie, in die Arme ihrer Mutter ſich werfend;„todt! unſere Tyrannen haben ihn er⸗ mordet.“ 58. „Unmöglich!“ Bianca wiederholte das Wort ungläubig. „Wenigſtens unwahrſcheinlich,“ fügte unſer Held bei.„Philipp iſt ein Engländer; hat keinen offenen Antheil an den Ereigniſſen genommen, welche kürz⸗ lich die Romagna in Unruhe verſetzten. Wie deſpo⸗ tiſch die Regierung von Neapel auch ohne Zweifel iſt, ſo würde ſie ſich doch beſinnen, ein ſo nutzloſes Verbrechen zu begehen, für welches ſein Vaterland furchtbare Genugthuung fordern würde.“ Unſere Leſer dürfen nicht vergeſſen, daß dieſe An⸗) ſicht von einem jungen Manne ausgeſprochen wurde, der noch keine zwanzig Sommer zählte, und zwar lange Zeit vor der Gefangenſetzung der Machiniſten des„Cagliari“ in ein dunkles Gefängniß. Vielleicht hätte in jenen Tage die engliſche Re⸗ gierung ſich erinnert, daß ſie ebenſowohl Schiffe als Vorſteilungen, Kanonen als Worte beſitze. „Alles was Freundſchaft zu thun vermag, um Aufklärung über ſeine Abreiſe zu erlangen,“ fuhr Oliver fort, der es vermied, das Wort Verſchwinden zu gebrauchen,„ſoll auf die energiſchſte Weiſe und ſogleich geſchehen.“ „Ich bin davon überzeugt,“ antwortete Bianca ſeufzend.„Ich kenne Ihre innige Anhänglichkeit an Ihren Freund— ſeine Liebe zu Ihnen. Verlieren Sie keinen Augenblick; denken Sie nicht an meine Thränen. Frauen können nur weinen und beten.“ nen mehr thun.“ 6 „Jo. Beſiten Sie kein Billet vder einen Prie von Philipp, aus ſeinem Hotel in Reapel v 59 Der Major hat in alle geſchickt, aber in allen wurde behauptet, daß man ihn nicht geſehen habe.“ „Verläugnungen dieſer Art kommen häufig auf Befehl der Behörden vor,“ bemerkte die Gräfin. „Sie müſſen nicht glauben, was Sie hören.“ Ihr Beſucher nickte beifällig. Die Tochter zog ein kleines Billet aus dem Bu⸗ ſen— das letzte, das ſie von ihrem Liebhaber be⸗ kommen hatte. Das arme Mädchen bewahrte es in der Nähe ihres Herzens auf, als ob die Worte, von Jemand geſchrieben, den ſie liebte, ein ſchmerzſtillen⸗ des Mittel für ihr armes, klopfendes Herz wäre. Es war aus der Corona datirt, alſo aus dem Hotel, in welchem der Wirth und Oberkellner erklärt hatten, daß ihnen der Name Trevor gänzlich unbe⸗ kannt ſei. Mit dieſem Beweismittel verſehen, verabſchiedete ſich unſer Held und begab ſich eilig zu ſeinem Mentor. „Es iſt klar,“ ſagte der Major, als ihm die Ent⸗ deckung mitgetheilt wurde,„Philipp iſt der Polizei verdächtig geworden Dem Himmel ſei Dank, daß es nichts Schlimmeres iſt.“ Sein Zögling ſah ihn erſtaunt an. Als an demſelben Abende Major Henderſon das engliſche Leſekabinet in der Chiaja verließ, bemerkte er, daß ihm ein Mann nachfolgte, deſſen Geſichts⸗ züge ſorgfältig in die Falten ſeines dunkeln Mantels verborgen waren, den er auf ſpaniſche Weiſe, theil⸗ weiſe über die Schulter geworfen, trug. Dieſe gründ⸗ liche Verhüllung konnte zufällig ſein, aber ſie veran⸗ laßte den alten Militär zur Vorſicht und er blieb gegenüber dem Giardino Reale(Königlichen Garten) 60 ſehen⸗ um den Fremden an ſich vorübergehen zu aſſen. Während dieſer dieß that, blickte er neugierig dem Major ins Geſicht, machte einige Schritte, zö⸗ gerte und kehrte dann wieder um. „Nicht näher, Signore,“ ſagte der Engländer, „ich bin bewaffnet.“ Das Knarren des Hahns einer Piſtole beſtätigte dieſe Behauptung. „Sie haben nichts zu fürchten,“ verſetzte der Ita⸗ liener;„ich bin Ihr Freund.“ 5 „Gewöhnlich trifft man keine Freunde auf den Straßen von Neapel,“ lautete die kalte Antwort. „Noch einmal warne ich Sie, nicht näher zu kom⸗ men; ich laſſe nicht mit mir ſpaſſen.“ „Ich habe nicht die mindeſte Abſicht, mit Ihnen zu ſpaſſen,“ bemerkte der Mann, indem er die Falten ſeines Mantels auseinander ſchlug, ſo daß die Ge⸗ ſichtszüge des Secretärs der Polizei ſichtbar wurden. „Erkennen Sie mich?“ „Ja wohl.“ „Und darf ich jetzt mich nähern?“ „Gewiß; wenn Sie ein Geſchäft mit mir haben.“ „Es handelt ſich blos um eine Frage.“ „Fragen Sie immerhin.“ „War es Ihnen Ernſt,“ ſprach der Italiener, „als Sie heute Morgen beim Weggehen aus der Präfectur gegen Ihren Begleiter äußerten, Sie wür⸗ den hundert Pfund darum geben, wenn Sie etwas Sicheres über das Schickſal des Signore Trevor er⸗ fahren könnten?“ „Es war mein vollkommenſter Ernſt.“ 61 „Ich kann Ihnen darüber Gewißheit verſchaffen,“ fuhr der Secretär, ſeine Stimme faſt zum Flüſtern dämpfend, fort.„Ich muß aber noch eine weitere Bedingung, außer der von Ihnen bezeichneten Summe, an meine Mittheilung knüpfen: Sie müſſen mir Ihr Ehrenwort verpfänden, daß Sie unter keinerlei Um⸗ ſtänden die Quelle verrathen, aus welcher Sie Ihre Nachricht ſchöpften.“ „Sehr gern,“ rief der Major voll Freude, end⸗ lich Aufſchluß über das Schickſal des armen Philipp zu erlangen. „Ja, Sie müſſen ſogar,“ fuhr der Italiener fort, „wenn man mit Fragen über dieſen Punkt in Sie dringen ſollte, geradezu in Abrede ziehen, daß Sie ſie von mir erhalten hätten.“ „Das wäre aber Unwahrheit,“ antwortete der Major ohne einen Augenblick zu zögern. „Nun?“ Es lag etwas ſo unausſprechlich Naives in die⸗ ſem„Nun?“ des Secretärs, daß es Henderſon ein unwillkürliches Lächeln entlockte. In dieſem einſyl⸗ bigen Worte drückte ſich der ganze Charakter des Rtalieners aus. „Sehen Sie denn nicht ein,“ bemerkte der Major, „daß ein ſolches Verſprechen den Werth der Garan⸗ tie, welche Sie verlangen, ſchwächen würde? Wenn ich fähig wäre, Andere zu belügen, warum ſollte denn dieß nicht auch bei Ihnen ſein können?“ „Ganz richtig!“ murmelte der Italiener vor ſich in.„Cospetto! Wie dieſe Engländer urtheilen; ein Neapolitaner hätte niemals daran gedacht.“ „Ich bin bereit, die Mittheilung zu bezahlen,“ 62 fuhr Philipp's Mentor fort,„und mein Wort zu ver⸗ pfänden, niemals die Ouelle zu verrathen, aus der ich ſie ſchöpfte.“ „Haben Sie das Geld bei ſich?— In Gold?“ „Weder in Gold noch in Banknoten,“ verſetzte Henderſon.„Man geht in der Regel mit einer ſol⸗ chen Summe bei Nacht nicht durch die Straßen vvn Neapel.“ Der Secretär ſchien von bieſer Antwort etwas überraſcht. Wahrſcheinlich glaubte er, gleich den mei⸗ ſten ſeiner Landsleute, daß ein Engländer nur die Hand in die Taſche zu ſtecken brauche, um jeden Be⸗ trag, den man wünſche— Hunderte oder Tauſende, gleichviel,— daraus hervorzulangen. Man hat in Italien ganz merkwürdige Begriffe vom engliſchen Reichthum. Der Major ſchlug dem Secretär vor, daß er ihn in ſein Hotel begleiten ſolle, wo der Handel ins Reine gebracht wurde, durch welchen Philipp's Mentor die Kunde erhielt, daß ſein Pflegbefohlener ein Bewohner von Bel Reſpiro ſei. „Schändlich!“ rief er aus;„da werden ja nur gemeine Verbrecher eingeſperrt.“ Der Secretär zuckte die Achſeln. „Wie konnte man ihn dahin bringen, blos deßhalb weil er unter einem angenommenen Namen reiste!“ „Es iſt dieß gegen unſere Geſetze,“ bemerkte der Secretär. „Da ſteckt mehr dahinter, als Sie mir eingeſtan den haben; irgend ein geheimer Privatgrund muß einen ſolchen Act der Tyrannei veranlaßt aben.“ — 63 „Nein.“ Der Italiener wagte nicht, von dem Beſuch des Sir Aubrey Fairclough bei ſeinem Chef zu ſprechen, weil dadurch leicht ein Verdacht auf ihn ſelbſt hätte gelenkt werden können. „Alles was ich ſagen kann, iſt,“ fuhr er fort, „handeln Sie raſch,— es iſt nicht das geſündeſte Gefängniß in Neapel!“ Nach Ertheilung dieſes Rathes verabſchiedete ſich der Secretär, indem er zuvor noch ſeinen Lohn ein⸗ geſteckt hatte. Das Erſtaunen und das Entſetzen unſeres Hel⸗ den war groß, als er das Schickſal ſeines Freundes erfuhr. Im erſten Unwillen hätte er ſich ſogleich auf die Präfectur begeben und ſeine Freigebung ver⸗ langt, wenn der Mafor ihn nicht zurückgehalten hätte. „Vor Allem müſſen Sie ſich ſelbſt ſicher ſtellen, daß das Geſetz Sie nicht erreichen kann,“ bemerkte er,„indem Sie Ihren Familiennamen wieder an⸗ nehmen.“ Seit der Auffindung des Sir Cuthbert Vavaſſour in der Perſon des ältern Auſtin, war kein Grund des Geheimhaltens mehr vorhanden, und es wurde augenblicklich beſchloſſen, am nächſten Morgen auf die Geſandtſchaft ſich zu begeben. Beide hatten keine Ahnung, welche Ueberraſchung ſie dort erwartete. Der Earl von Dalville hörte Anfangs die Aus⸗ einanderſetzung ſeiner Beſucher gleich wie jede an⸗ dere dienſtliche Angelegenheit an. Als er aber bie Namen Brandreth und Philipp Blandford vernahm, änderte ſich ſein Benehmen plötzlich, indem er zum 64 Erſtaunen unſeres Helden deſſen Hand herzlich ſchüt⸗ telte, und ſelbſt den nöthigen Paß ausſtellte. „Sie ſtehen jetzt unter britiſchem Schutz,“ be⸗ merkte er, indem er den auf den Namen Trevor lautenden Paß ins Kaminfeuer warf.„Ich wünſchte nur, Ihr Freund hätte ebenſo klug wie Sie gehan⸗ delt! Der arme Menſch! Ich muß mir überlegen, was für ihn geſchehen kann.“ „Dieſe Handlungsweiſe, Excellenz,“ ſagte der Major,„erwartete ich von Ihrem allgemein als ſo wohlwollend bekannten Charakter; aber das perſön⸗ liche Intereſſe, das Sie an der Sache nehmen, er⸗ füllt mich mit der wärmſten Dankbarkeit.“ „Es iſt eine alte Schuld,“ verſetzte der Geſandte lächelnd.. OHliver und ſein Mentor wiederholten das Wort, indem ſie ſich erſtaunt anblickten. „Ich ſehe, daß John Compton Wort gehalten und in ſeiner Correſpondenz keine Anſpielung auf meine Vermählung gemacht hat.“ Beide Beſucher wunderten ſich in Gedanken dar⸗ über, was die Vermählung des Lords mit der ihnen zu Theil gewordenen Gefälligkeit zu ſchaffen habe und auf welche Weiſe Philipp's Vormund darein ge⸗ miſcht werde. „Sagen Sie der Gräfin, ich wünſche ſie zu ſe⸗ hen,“ ſagte Milly's Gemahl zu dem Diener, der auf ſein Klingeln erſchienen war. In wenigen Minuten war das Geheimniß auf⸗ geklärt. Major Henderſon und unſer Held erkann⸗ ten Milly augenblicklich, als ſie in das Zimmer trat, 65 Mit einem Freudenſchrei reichte ſie jedem ihrer Lands⸗ leute ihre Hand, und hieß ſie in Neapel willkommen. „Ich danke Dir, lieber Lord,“ rief ſie aus,— „Du haſt mir in der That ein unerwartetes Ver⸗ gnügen verſchafft. Du kennſt nicht zur Hälfte meine Schuld der Dankbarkeit gegen dieſe Herrn.“ „Ich weiß genug und dieſes genügt, um den⸗ ſelben Anſpruch auf meine wärmſte Freundſchaft und beſten Dienſte zu ſichern,“ verſetzte der Earl.„Lei⸗ der brauchen ſie dieſelben.“ Milly's Geſicht, das bis jetzt vor Befriedigung und freudiger Ueberraſchung geſtrahlt hatte, änderte ſich bei dem Worte„leider“. Sie wußte, daß ihr Gemahl wegen einer unbedeutenden Verlegenheit ſich deſſelben nicht bedient haben würde. So jung auch Oliver noch war, ſo erkannte er doch den Vortheil weiblicher Theilnahme für ſeinen Freund und ſo theilte er ſogleich die unglückliche Lage des armen Philipp mit. „Das Ungeheuer!“ murmelte Lady Dalville. Die Reihe des Erſtaunens war jetzt an dem Lord. „Du weißt nicht,“ fuhr ſie fort,„daß er— der Mann, deſſen Name meine Zunge beflecken würde, wenn ich ihn ausſpräche— mit der Mutter des Ge⸗ fangenen vermählt iſt! Einſt, als er ihn in ſeiner Gewalt hatte, verhinderte ich ein furchtbares Verbre⸗ chen, indem ich ſein Opfer in Freiheit ſetzte.“ „Iſt es möglich,“ rief Major Henderſon,„daß Sir Aubrey Fairclough in Neapel iſt? Dann klärt ſich Alles auf. Jetzt bitte ich mehr als je um Ihre mächtige Vermittlung; er iſt ſelbſt der ſchwärzeſten Smith. Milly Moyne. W. 5 66 Lhat fähig, wenn er dadurch in den Beſitz des Ver⸗ mögens gelangen könnte, das höchſt wahrſcheinlich nach dem Tode ſeines Stiefſohns auf ihn überginge.“ „Ich zweifle nicht daran,“ verſetzte der Geſandte. „Glücklicherweiſe habe ich heute noch eine Audienz bei dem König, dem ich ein eigenhändiges Schreiben meines Monarchen zu überreichen habe. Ich habe einigen Grund zu glauben, von Seiner Majeſtät wohl gelitten zu ſein. Es muß ein mächtiger Ein⸗ fluß mitgewirkt haben, daß es möglich war, Ihren Pflegebefohlenen wegen eines ſo leichten Vergehens in das gräßliche Gefängniß von Bel Reſpiro zu ſetzen. Das Beſte wird ſein, wenn Sie mich ſelbſt in das Schloß begleiten.“ Dieſe Einladung war an Philipp's Mentor gerich⸗ tet und zu gut gemeint, um abgelehnt zu werden. Der Veteran begab ſich deßhalb ſogleich nach ſeinem Hotel, um für die Vorſtellung ſeine Uniform anzulegen. Oliver blieb bei Milly, die ganz glücklich war, Ausſicht zu haben, einen Theil ihrer Schuld abtra⸗ gen zu können. „Dort,“ ſprach ſie, auf ein finſter ausſehendes Gebäude auf der andern Seite des Golfs deutend, „dort iſt das Gefängniß Ihres Freundes. Von die⸗ ſer Terraſſe aus habe ich ſchon oft die unglücklichen Jammergeſtalten geſehen, welche dort eingeſperrt ſind und gleich Laſtthieren aus ſeinen Mauern zu harter Arbeit an den Kai geführt werden.“ „Finſter genug ſieht es aus,“ bemerkte unſer Held ſchaudernd.„Weßhalb nennt man es denn Bel Reſpiro?“ „Es liegt allerdings ein bitterer Hohn darin, in ——— 67 welchem Deſpotismus und Grauſamkeit ſich gefallen,“ verſetzte die Gräfin.„Das Innere ſoll einem Peſt⸗ hauſe gleichen, wie man mir erzählte. In Neapel erbleicht Jedermann, wenn man nur ſeinen Namen nennt. Selbſt die Lazzaroni gehen mit Unbehagen vorüber und fühlen ſich zufriedener in ihrer jammer⸗ vollen Armuth, in der ſie ſich wenigſtens des blauen Himmels, der friſchen Luft und des Sonnenſcheins erfreuen.“ „Und die Gefangenen?“ „Von denen, weiche ſich in geheimem Gewahrſam befinden, weiß man nichts.“ Oliver fühlte einen unwiderſtehlichen Antrieb, ſich den Ort näher anzuſehen, von welchem er ſoeben eine ſo haarſträubende Schilderung gehört hatte. Es war dieß einer jener Impulſe, von denen man ſich keine Rechenſchaft zu geben vermag. „Wir waren immer wie Fräder,⸗ ſprach er,„die nie einen Gedanken oder eine Empfindung vor ein⸗ ander geheim hielten. Ich bin überzeugt, daß Sie mich verſtehen und deßhalb mein raſches Weggehen entſchuldigen werden.“ „Jugend, Jugend,“ ſeufzte Milly, während ſie die Terraſſe verließ;„es iſt etwas Herrliches darum, wenn kein finſterer Schatten ſie quält— kein Ge⸗ ſpenſt der Vergangenheit ſich erhebt, um die Gegen⸗ wart zu verhöhnen. Nicht um meinetwillen gräme ich mich,“ fuhr ſie fort, ihrem Schmerz freien Lauf laſſend,„ſondern für den edlen Mann, der ſich zwi⸗ chen mich und mein trauriges Schickſal geſteilt, mich „durch ſeine Liebe aus meiner Erniedrigung erhoben at— durch ſeine Liebe, deren Opfer ich anzunehmen 5 68 ſelbſtfüchtig genug geweſen bin. Arthur bereut es zwar nicht,— ſein Herz iſt unwandelbar, wie ſeine Ehre; wenn es nicht ſo wäre, ſo würde der Gedanke mich ſchon getödtet haben.“ Als unſer Held raſchen Schrittes in der Richtung nach Bel Reſpiro dem Geſtade entlang ging, kam er an einer Abtheilung engliſcher Matroſen vorüber, die offenbar zu einem Kriegsſchiff gehörten, das im Ha⸗ fen vor Anker lag. Ein Irrthum war nicht möglich, nach ihrer Geſtalt und Kleidung zu urtheilen. Fran⸗ zöſiſche Matroſen ſehen immer aus, als wenn ſie zu einem Ballet gekleidet wären; ſpaniſche und griechi⸗ ſche, als wenn ſie ſoeben ein Schiff geplündert und einige Hälſe abgeſchnitten hätten. Als er an einem der Männer— einer kräftigen, wettergebräunten Geſtalt, vorüberging, ſah ihm dieſer ins Geſicht und ſchien ſehr in ſeiner Erwartung ge⸗ täuſcht, als er ſich nicht erkannt ſah. „Tom!“ rief er einem ſeiner Kameraden zu, der eben nebſt einigen Andern damit beſchäftigt war, das Boot aus der Brandung zu ziehen,„ſieht Der nicht dem jungen Schiffspatron ſehr ähnlich?“ „Wie aus dem Geſicht geſchnitten,“ verſetzte der Matroſe, nachdem er ihn einen Augenblick prüfend angeſehen hatte. Dieſe Bemerkungen veranlaßten Oliver, ſich um⸗ zuwenden und die Sprechenden aufmerkſam zu betrach⸗ ten. Man konnte ſich nicht irren, es waren die ehr⸗ lichen Geſichter von Jack. Spears und deſſen Kame⸗ raden, ſelbſt wenn der Name, des Schiffes, Agamem⸗ non, in goldenen Buchſtaben auf das rund um ihren 69 Hut laufende Band gedruckt, nicht einen unumſtöß⸗ lichen Beweis für ihre Identität geliefert hätte. „Jack! Tom!“ rief er aus, auf die Männer zu⸗ eilend und jedem die Hand drückend,„verzeiht mir, mein Herz war voll trauriger Gedanken, ſonſt hätte ich euch beide erkannt.“ „Auch Sie ſind traurig,“ ſagte der ältere Ma⸗ troſe im Tone herzlichen Antheils.„Vielleicht ſind es Euer Ehren müde, immerwährend am Strande ſich herumzutreiben.“ „Das iſt es nicht. Aber mein Vater— erzählt mir von ihm.“ Jack deutete auf das Schiff, das in der Entfer⸗ nung ſichtbar war. „Iſt dieß der Agamemnon?“ fragte der Sohn ihres Befehlshabers haſtig. „Iſt dieß der Aggymemnon?“ wiederholte der alte Matroſe vorwurfsvoll.„Was für ein Schiff ſollte es denn ſonſt ſein? Betrachten Sie nur ſein Aeußeres. Bemerken Sie denn nicht, daß er wie ein Seevogel auf dem Waſſer ſich wiegt. Ein zwei⸗ tes Schiff dieſer Art exiſtirt in der ganzen Flotte Seiner Majeſtät nicht mehr. Wiſſen Sie, was ich mit ihm thäte, wenn ich König von England wäre? Gott ſegne ihn!“ „Ich kann es nicht errathen, Jack.“ „Ich würde die Themſe weiter machen laſſen, bis ſie breit und tief genug wäre, um den Aggymemnon den Fluß hinaufbringen zu können, näher nach Lon⸗ don Bridge und würde meine Hängematte am Bord deſſelben aufhängen. Er ſollte mein Schloß ſein. Aber Fuer Ehren ſprachen davon, daß Ihr Herz 70 traurig ſei. Ich wundere mich nicht darüber. Mei⸗ nes iſt es immer, und mein Kopf auch, wenn ich lange am Lande bin.“ „Seid ihr auf Urlaub?“ „Wir erwarten den zweiten Lieutenant, Mr. Bar⸗ ton, der mit Briefen zum Geſandten gegangen iſt, ſo nannte man ihn glaub' ich, und dieſem zu befeh⸗ len, an Bord zu kommen, um dem Patron ſeinen Reſpect zu bezeigen.“ Hliver konnte ein leichtes Lächeln bei dem Ge⸗ danken nicht unterdrücken, daß einem britiſchen Ge⸗ ſandten Befehl ertheilt werde, an Bord zu kommen, um einem Schiffskapitän ſeinen Reſpect zu bezeigen. „Wir ſind erſt heute Morgen eingelaufen,“ ſagte Jack, indem er an ſeinen Unausſprechlichen zupfte. „Wann erwartet ihr denn den Lieutenant zurück?“ fragte Oliver. „Späteſtens in drei Stunden, Euer Ehren.“ Da die beiden Matroſen jetzt nichts zu thun hat⸗ ten, ſo willigten ſie ein, unſern Helden in eine Wein⸗ ſchenke ganz in der Nähe des Gefängniſſes zu be⸗ gleiten; dieſe Einladung freute die wackern Burſche mehr, als wenn er den Inhalt ſeiner Börſe unter ihnen vertheilt hätte. Unterwegs fragte Oliver nach der Geſundheit ſeines Vaters. Der alte Matroſe ſchüttelte den Kopf. „Er iſt doch hoffentlich nicht krank?“ „Nicht gerade krank,“ lautete die Antwort;„aber er iſt auch nicht mehr der Mann, der er früher war. Nur ſelten ſieht man jetzt noch ein Lächeln auf ſei⸗ nem ſtrengen Geſicht. Und was den Dienſt anbe⸗ 71 langt! Hol mich der Teufel, da ſoll nur einmal etwas nicht ganz recht gehen! Strenger als je. Se⸗ hen Sie, Maſter Oliver, ich glaube, daß Seine Eh⸗ ren nicht glücklich iſt! Vielleicht deßhalb, weil Sie am Lande blieben.“ Sein Kamerad nickte, was ſo viel hieß, als: „das iſt's.“ „Ich habe ſchon geſehen,“ fuhr Jack fort,„wie er die halbe Nacht hindurch auf dem Verdeck auf und ab ging, obgleich die See ganz ruhig war und kein Lüftchen ſich rührte, und wie er dabei wie ein Verrückter vor ſich hin murmelte und mit ſich ſelbſt ſprach. Siſt nicht mehr ſo luſtig am Aggymemnon wie ehemals.“ Tom's zweites Nicken war noch ausdrucksvoller als ſein erſtes. In der Weinſchenke angekommen, die ungefähr zwei hundert Schritte von Bel Reſpiro entfernt lag, befahl Oliver dem Wirth, einen Tiſch und eine Bank in's Freie zu ſtellen, und vom Beſten aufzutragen, den er im Hauſe habe; ein Befehl, dem der Neapo⸗ litaner eiligſt nachkam. „Und was iſt denn aus der Schaluppe geworden, die mit Euer Ehren aus der Schule weg den Anker gekappt hat?“ fragte Jack, nachdem er den Wein ſ denſelben für die ächte Sorte erklärt und eine kurze Pfeife an der mit Holzkohlen gefüllten angezündet, welche der Kellner gebracht atte. Oliver deutete nach dem Gefängniß. „Hol mich der Henker!“ rief der Matroſe,„Sie meinen doch nicht dieß? Herr! Wenn ich nur eine 72 Stunde Kapitän des Aggymemnon wäre, dann wollten wir ſehen. Dieſe ſchuſtigen Maccaronifreſſer, einen Engländer dort einzuſperren.“ „Es iſt ſo!“ ſagte Tom,„es iſt ſo! Siehſt Du denn nicht, wie Seine Ehren ſich dieß zu Herzen nimmt.“ Als unſer Held in kurzen Worten die Abenteuer des armen Philipps mitgetheilt hatte, ſchlug Jack Spears mehrmals mit der geballten Fauſt in ſeine linke Hand; ein ſicheres Zeichen, daß ſein Unwille im höch⸗ ſien Grade erregt worden ſei. „Glaubt Ihr wohl, daß mein Vater mir zu ſei⸗ ner Befreiung behilflich ſein würde?“ „Wenn es ſeine Pflicht verlangt,“ verſetzte der alte Matroſe bedächtlich,„ſonſt nicht. Er kennt nichts mehr als ſeine Pflicht.“ Dieß wurde mehr im Tone des Bedauerns, als der Bitterteit ausgeſprochen. „Aber auf Ihre Hilfe kann ich mich verlaſſen?“ bemerkte Oliver mit einem Seufzer getäuſchter Hoff⸗ nung. as will ich meinen, Euer Ehren.“ „Und auf die Ihres Kameraden.“ „Wir rudern immer zuſammen. Nicht wahr, Kamerad?“ „Das fehlt nicht,“ ſagte Tom. Auf welche Weiſe die Hilfe der Matroſen in Anſpruch genommen werden könnte, davon hatte unſer Held im Augenblick durchaus noch keine Idee; aber er ahnte, daß ein Augenblick kommen werde, in welchem er dieſelbe unſchätzbar finden dürfte. Die Unterredung wurde durch einen Zwiſchenfall . 73 unterbrochen, der ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog; Ein gemein und finſter ausſehender Mann kam aus einer der benachbarten Weinſchenken und ging eiligſt auf das Ufer zu, wo ein reizendes Mädchen ſaß, die mit augenſcheinlichem Wohlgefallen den Worten zuhörte, die ein großer hübſcher Landmann, der, in kalabreſiſche Tracht gekleidet, an ihrer Seite ſtand, ihr zuflüſterte. Der junge Mann redete ſehr eifrig und nach den niedergeſchlagenen Blicken des Mädchens zu ur⸗ theilen nicht ohne Erfolg, bis ihn die lauten Flüche des unwillkommenen Einmiſchers, welche lange zuvor gehört wurden, ehe er die Stelle erreichte, ſie er⸗ ſchreckten und zur eiligen Flucht dem Gefängniſſe zu veranlaßten. „Wer iſt das hübſche Mädchen?“ fragte unſer Held den Wirth. „Es iſt Juana, die Nichte des oberſten Gefäng⸗ nißwärters.“ „Und der Landmann iſt wahrſcheinlich ihr Lieb⸗ haber?“ „Ja, Signore,“ verſetzte der Mann.„Sie ſtiehlt ſich öfter ſchon bei Tagesanbruch, noch ehe Coſero — Coſero iſt ihr Oheim— ſeinen Rauſch von der Nacht zuvor ausgeſchlafen hat.“ „Und warum will er denn von ihrem Freiwerber nichts wiſſen?“ „Juana hat Geld— Vierhundert Kronen,“ antwortete der Wirth,„und der Gefängnißwärter iſt ihr Vormund. Wenn ſie heirathete, ſo müßte er von ſeiner Verwaltung Rechenſchaft ablegen. Dem heiligen Januarius ſei's gedankt!“ fügte er hinzu, 74 „ich habe nichts von ſeinem Gelde zu ſehen bekom⸗ men, denn er beſucht meine Schenke nicht!“ Oliver bemerkte nichts darauf, beſchloß aber in Gedanken, am nächſten Morgen am Ufer ſich einzu⸗ finden, in der Hoffnung, die ſchöne Juana und deren Liebhaber dort zu finden. In der Audienz bei Seiner ſicilianiſchen Majeſtät benüßte der Earl von Dalville den günſtigen Augen⸗ bick, Philipp's Angelegenheit zur Sprache zu bringen und fand ſo williges Gehör, daß er im erſten Augen⸗ blick ſich täuſchen ließ. Wäre dieß nicht der Fall geweſen, ſo hätte er officiell gegen die Einkerkerung eines Engländers in einem ſo ungeſunden Gefängniß, wie Bel Reſpiro war, proteſtirt. „Dieſer Herr iſt wohl des jungen Mannes Men⸗ tor?“ bemerkte der König mit einem Blick gegen Major Henderſon, den der Geſandte ſo eben vor⸗ geſtellt hatte. Sie „Schicken Sie nach Falconet,“ ſagte Ferdinand zu dem dienſtthuenden Kammerherrn,„er kann das Schloß noch nicht verlaſſen haben.“ Schon nach wenigen Minuten erſchien der Polizei⸗ miniſter, der aber mit der ſchamloſeſten Frechheit in Abrede zog, irgend etwas von der Verhaftung oder Einkerkerung eines Engländers Namens Trevor zu wiſſen. „Oder eines ſolchen wenigſtens, der unter dieſem Namen reiste?“ bemerkte der Earl. „Oder der unter dieſem Namen reiste,“ wieder⸗ holte der Miniſter, indem er auf ein Zeichen ſeines 75 königlichen Herrn unter fortwährenden Bücklingen aus dem Cabinet ſich entfernte. „Sie glauben Falconet nicht,“ bemerkte Seine Majeſtät, noch ehe der Miniſter aus dem Gehörbe⸗ reiche war;„Sie halten ihn für fähig, Sie zu be⸗ lügen?“ Das Stillſchweigen der beiden Engländer war beredter als jede Antwort, die ſie hätten geben können. „Das glaube ich ſelbſt auch,“ fuhr der König in geringſchätzendem Tone fort, der gerne that, als wenn er ſeine Miniſter verachtete,„aber bei mir wagt er es nicht. Verlaſſen Sie ſich darauf; Signore Fal⸗ conet würde mich nicht anlügen. Es thut Uns Leid, Mylord, daß es nicht in Unſerer Macht liegt, Ihnen zu beweiſen, wie hoch Sie in Unſerer Achtung ſtehen.“ Zugleich machte Seine Majeſtät die gewohnte ieregung, zum Zeichen, daß die Audienz been⸗ igt ſei. „Ich habe keinen Glauben an die Aufrichtigkeit des Polizeiminiſters,“ ſagte Major Henderſon im Tone der Enttäuſchung. „Ich auch nicht.“ „Und doch ſollte man kaum denken, daß er ſei⸗ nen Monarchen anzulügen wage.“ „Das that er nicht,“ verſetzte der Earl; zaber Souverain und Miniſter haben uns beide die Wahrheit vorenthalten. Haben Sie denn nicht be⸗ merkt, daß Seine Majeſtät, als Falconet in's Zim⸗ mer trat, den kleinen Finger umbog?— Das war ein Zeichen zwiſchen beiden. Wir müſſen andere Wege einſchlagen. Man hat Ferdinand gegen den efangenen einzunehmen gewußt.“ 76 Zweiundfünftzigſtes Kapitel. Heſperien iſt das Land, wo der Hauch der Leiden⸗ ſchaft das ſchönſte Mädchen, an Jahren noch ein Kind, in eine Jungfrau verwondelt, die entſchloſſen oder ſchwach ſich zeigt, je nachdem guter oder ſchlechter Einfluß ſie leitet. In England würde man über den Gedanken einer Gattin von fünfzehn Jahren lächeln. In Italien gibt es Mütter von dieſem Alter, was wahrſcheinlich mit ein Grund iſt, weßhalb weibliche Schönheit ſo bald verwelkt. So kurz auch die Stunden ihrer Dauer ſind, ſo reizend iſt die Anmuth der Italienerinnen, ſo lange ſie ſich erhält. In unſerer Jugend haben wir Augen geſehen, welche Sterne vor Neid hätten erbleichen machen können; Geſtalten, die tadelloſer waren, als diejenigen, welche die kühnſten Bildhauer Griechenlands uns hinterlaſſen haben, ſo daß wir uns einbildeten, während wir ſtaunend bewunderten, Petrarca's Verſe und Raphael's Pinſel zu verſtehen. Gleich dem Meiſten, was groß und edel in der Kunſt iſt, verdankten beide ihre Inſpirationen Frauen. Laura und Fornarina! Was dieſen bei⸗ den die Welt ſchuldet, iſt nie genügend anerkannt worden. Juana, des Gefängnißwärters Nichte, repräſen⸗ tirte zwar nicht den reinſten Typus italieniſcher Schön⸗ heit, aber wenigſtens den charakteriſtiſchſten. Ihre Augen waren groß, ſchwarz und glänzend, die in einem Augenblicke von Freude aufblitzten, im näch⸗ ſten mit Thränen voll Mitleid für das Leiden Derer 77 um ſie her ſich zu Boden ſenkten; dabei hatte ſie ein Lächeln für die meiſten Gefangenen— ein Wort der Hoffnung für alle. Trotz der Verſicherung ihres Oheims, daß ſein Gefangener ein großer Verbrecher ſei, der nach dem Befehl Seiner Excellenz des Miniſters Bel Reſpiro lebend nicht mehr verlaſſen ſolle, fühlte ſie für den jungen Engländer großes Intereſſe. Sie wollte durchaus nicht an ſeine Schuld glauben; ſelbſt das Wort eretico(Ketzer) vermochte nicht ſie zu erſchrecken, als ſie in ſein bleiches Geſicht ſah. Sehr häufig ſchob das gutherzige Mädchen ihre Trauben und ein Stück Brod durch, die Gitter ſeines dunkeln Gefäng⸗ niſſes und ſchlief nach dieſer That nur um ſo ruhi⸗ er, obgleich ſie hungrig und ohne Abendeſſen zu ett gegangen war. Zur Zeit vog Philipp's Verhaftung war Juana ſchon ſeit zwei Nhren Bewohnerin des Gefängniſſes. Signore Coſero war ihr nächſter Verwandter und ſeit dem Tode ihrer Eltern ihr Vormund. Er ge⸗ hörte unter die Menſchen, welche die Natur ſelbſt zu ſeinem Amte geſchaffen zu haben ſchien, und leich allen in hohem Grade ſelbſtſüchtigen Perſonen Ki er durchaus kein Mitgefühl für die Leiden Anderer. Habgierig, ausſchweifend und geizig, wie er war, hatte ſich ſeiner Nichte Vermögen von vier⸗ hundert Kronen durch ſeine Schlemmerei jämmerlich vermindert; daher rührte auch ſeine Oppoſition gegen jeden Gedanken ihrer Vermählung. Aus dem⸗ ſelben Grunde war auch das bedrängte Mädchen genöthigt, ihrem Liebhaber, einen hübſchen, kernigen kalabreſer Landmann, nur insgeheim zu ſehen, ob⸗ 78 gleich derſelbe nichts verlangte, als ſie zu ſeiner Frau zu machen, gleichviel mit oder ohne eine Aus⸗ ſteuer. Gewohnter Weiſe trafen ſie ſich mit Tagesan⸗ bruch am Strande und der verliebte Giuſeppe bot ſeine ganze Beredtſamkeit auf, mit ihr in ſeine hei⸗ mathlichen Berge zu entfliehen, wo ſein Bruder, der Prieſter war, ſie verbinden würde, als Oliver dieſes Stelldichein ſtörte. „Erſchreckt nicht,“ ſprach er;„ich bin ein Freund.“ Der Bauer wiederholte das Wort in unzufriede⸗ nem Tone und betrachtete zuerſt das erſchrockene Mädchen und dann den Ankömmling. Ein unbe⸗ ſtimmter Verdacht, wie von Eiferſucht eingegeben, hatte ſich in ſein Herz geſchlichen. „Ich habe mit Ihrer Geſellſchafterin noch nie ein Wort geſprochen,“ ſagte unſer Held, der bemerkte, was in dem Innern des Landmanns vorging. „Niemals, Giuſeppe— niemals!“ rief Juana. „Du kannſt mir glauben 6. „Was will er dann von Dir?“ fragte ihr Lieb⸗ haber. OHliver deutete nach dem Gefängniß. „Dort befindet ſich ein theurer Freund— ja ich darf ſagen, ein Bruder von mir,“ rief er aus,„tön⸗ nen Sie jetzt meinen Grund begreifen?“ „Er meint den jungen Engländer? von dem ich Dir ſchon erzählte,“ flüſterte das junge Mädchen⸗ „Sie ſind alſo ein Engländer?“ ſprach der Bauer. „Und zwar ein re her,“ verſetzte unſer Held. „Ich habe eure Geſchichte von dem Eigenthümer der Weinſchenke gehört und bin bereit, die Ausſteuer zu 79 erſetzen, welche der Signore Coſero vergeudet hat, wenn ihr mir bei meinen Plänen behilflich ſein wollt.“ „Sie lieben alſo Juana nicht!“ rief Giuſeppe. „Wenn ich darauf mit Nein antworte, ſo wird wahrſcheinlich Ihr Glaube an meine Galanterie und meinen guten Geſchmack einen empfindlichen Stoß erleiden, denn es läßt ſich nicht läugnen, daß Juana außerordentlich ſchön iſt.“ „Das iſt wahr,“ ſagte ihr Liebhaber ſtolz;„auch iſt ſie gut, was noch mehr heißen will als Schön⸗ heit! Was haben Sie denn aber für Plane, Signore; theilen Sie uns dieſelben mit.“ „Die Befreiung meines Freundes.“ Im erſten Augenblicke erſchrack die Nichte des Gefängnißwärters bei dieſem Vorſchlage, was ihre beſtürzte Miene verrieth. „Lospetto!“ murmekte ihr Liebhaber.„Eine Flucht aus Bel Reſpiro! Wer hat je davon etwas gehört? Das iſt ein Grab! Die Zellen ſind alle unker der Fluthhöhe und— „Vierhundert Kronen,“ fiel ihm Oliver ins Wort, „und Juana's Hand.“ „Dazu die Befriedigung, eine gute That geübt zu haben,“ ſetzte die reizende Italienerin naiv hinzu. „Ein paar kräftige Maulthiere würden euch bald in Ihre heimathlichen Berge bringen und der Ge⸗ fangenwärter dürfte um ſeiner ſelbſt willen reinen Mund halten. Ueberlegt euch mein Anerbieten.“ Dieß war allerdings verlockend und Juana gab zu, daß die Flucht nicht durchaus unmöglich ſei. Ihr Oheim habe die Gewohnheit, zu ſpäter Rachtſtunde betrunken aus der Weinſchenke in das Gefängniß zu⸗ 80⁰ rückzutehren. Er komme dann niemals durch das Thor herein, welches Tag und Nacht von Schild⸗ wachen beſetzt war, ſondern durch ein kleines Hin⸗ terpförtchen, das gegenüber dem Meere lag. „Und den Schlüſſel dazu?“ fragte Oliver haſtig, deſſen Herz voll Hoffnung ſchlug. Das Mädchen behauptete, daß ſie ſich dieſen, ſo⸗ wie den zu der Zelle des Gefangenen leicht ver⸗ ſchaffen könne, da ſie ſchon oft während der Schwel⸗ gerei ihres Oheims denſelben mit dem Nothwendigen verſehen habe. Um ihr gerecht zu werden, müſſen wir anführen, daß weder die Einförmigkeit ihres eigenen Lebens, was kaum weniger einſam war als das der Gefangenen, noch ihre Liebe für den hübſchen Kalabreſen die einzigen Gründe waren, die ſie leiteten. Mitleid für den bleichen, in⸗ tereffanten Gefangenen hatte einen großen Antheil an ihrem Entſchluß. Ueberdieß wußte ſie wohl, daß ihrem Verwandten nichts leichter falle, als deſſen Flucht aus dem Gefängniß vor den Behörden zu verbergen. Alltäglich kamen Todesfälle in Bel Reſpiro vor. Zu HOliver's großer Freude wurde ſein Vorſchlag angenommen und ſchon die nächſte Nacht zur Aus⸗ führung deſſelben feſtgeſetzt. Giuſeppe gab zu verſtehen, daß es wohl paſſend wäre, wenn ihm eine hinreichende Summe, gewiſſer⸗ maßen als Angeld zum Ankauf der Maulthiere ein⸗ gehändigt würde; und als er dieſen Wunſch befrie⸗ digt ſah, war er mit Leib und Seele bei einem Unternehmen, durch welches er nicht nur das Mäd⸗ chen, das er liebte, zur Gattin, ſondern auch noch überdieß ihr kleines Vermögen erhalten ſollte. 81 „Um welche Stunde werden Sie im Stande ſein, dieß auszuführen?“ fragte unſer Held, nachdem dieſe Präliminarien zu gegenſeitiger Befriedigung georbnet waren. „Finden Sie ſich um Mitternacht am Strande ein,“ verſetzte Juand. Ihr Liebhaber nickte beifällig. „Sobald er aus dem Gefängniſſe befreit iſt, müſſen Sie für das Uebrige ſtehen.“ „Ich werde für Deine Sicherheit ſorgen,“ ver⸗ ſetzte ihr Liebhaber.„Es wird nicht gut ſein, bis Tagesanbruch in der Stadt zu bleiben; ich will da⸗ her die Maulthiere auf der andern Seite der Bucht aufſtellen und ein Boot bereit halten, Dich hinüber⸗ zurudern.“ Vor dem Weggehen ſchrieb Oliver Brandreth einige Worte der Hoffnung und Ermuthigung an ſei⸗ nen Freund, welche das Mädchen treulich zu über⸗ liefern verſprach, worauf alle Drei ſchieden. Die be⸗ nachbarten Weinſchenken wurden jetzt allmälig ge⸗ öffnet. Wenn ich mich nur den Beiſtand von Jack Spears und Tom's ſichern könnte, dachte unſer Held auf 1 Rückweg nach ſeinem Hotel in der Strada della ace. Als er einen Blick in die See hinauswarf, ſah z daß der Agamemnon im Hafen Anker geworfen atte. In Begleitung des Majors begab er ſich kurz hernach an Bord, um ſeinen Vater zu beſuchen. Der Kapitän empfing beide mit augenſcheinlicher Kälte. Smith, Millo Mohne. v. 6 82 Sein Stolz, und, fügen wir hinzu, ſeine Liebe für ſeinen Sohn war durch die zwar reſpectsvolle aber entſchiedene Oppoſition gegen ſeine Wünſche tief ver⸗ letzt worden. Wie der alte Matroſe geſagt, ſo hatte er ſich traurig verändert. Das übertriebene Ehrgefühl, das ihn ſtreng und grauſam gegen ſeine Gattin gemacht, als ſie ſein Herz am meiſten nöthig hatte, um ſich darauf zu ſtützen, war in förmliche Krankheit ausgeartet. Sein Name war ſeiner Ueberzeugung nach befleckt; nichts vermochte dieſe traurige Ueberzeugung in ihm zu erſchüttern; er war auf das Tieſſte verletzt und die Bitterkeit ſeines Schmerzes machte ihn ungerecht gegen die unſchuldige Urſache deſſelben. Indem er kaum die haſtig ihm entgegengeſtreckte Hand berührte, ſagte er, es freue ihn, Mr. Brand⸗ reth wohl zu ſehen und daß ſich derſelbe auf ſeiner Reiſe in Italien unterhalte. „Nicht dieſen Namen!“ rief unſer Held mit Thrä⸗ nen in den Augen;„Sie pflegten mich ſonſt Oliver zu nennen.“ „Das war in den Tagen des Gehorſams und der Liebe,“ verſetzte ſein Vater barſch;„es überraſcht mich, daß Du darauf anſpielſt.“ Joch immer grauſam und ungerecht, dachte der Major. „Vater,“ ſagte der junge Mann tief bewegt, „womit habe ich Sie beleidigt? Selbſt der größte Verbrecher wird nicht ungehört verurtheilt. Laſſen Sie mich mein Vergehen wiſſen.“ „Die Tage der Romantik,“ bemerkte der Kapi⸗ tän,„ſind bei mir vorüber. Die traurige Wirtlich⸗ 83 keit des Lebens hat ſie zerſtört. Ich habe nicht ben leiſeſten Wunſch, das Buch des Cervantes noch ein⸗ mal zu leſen. Es unterhielt mich in meiner Jugend,“ ſetzte er im Tone der Ironie hinzu,„hat aber für das reifere Alter allen Reiz verloren.“ Sein Sohn fühlte die Bitterkeit des Spottes und ſein Geiſt empörte ſich dagegen. „Wenn es ein Donquixotismus iſt,“ rief er aus, „dem edelſten Trieb der Natur zu gehorchen, ein Weſen zu beſchützen, das keinen andern Beſchützer hat, mein Leben der Aufgabe zu widmen, den guten Namen meiner armen Mutter, der ungerechter Weiſe befleckt worden iſt, wieder herzuſtellen, ſo nehme ich den Vorwurf an.“ „Ich wollte keinen Vorwurf machen,“ antwortete ſein Vater mit erzwungener Gleichgültigkeit:„thäte ich dieß, ſo tadelte ich damit die Folgen meiner eige⸗ nen Handlung. Ich ließ Dir vollkommene Freiheit der Wahl zwiſchen Deinem Vater und der elenden—“ „Ich habe entſchieden,“ fiel ihm Oliver raſch ins Wort,„und die Natur heiligt meine Wahl, mag dar⸗ aus entſtehen was da will.— In Armuth und Sorge, ja ſelbſt Angeſichts des Todes— oder, was eben ſo ſchrecklich iſt, Ihres Mißfallens— werde ich nie die Sache meiner unglücklichen Mutter aufgeben. Auch dann noch werde ich ihre Ehre vertheidigen.“ „Das iſt allerdings poetiſch und lobenswerth,“ bemerkte Kapitän Vrandreth mit erzwungenem Lä⸗ cheln,„aber nicht ſo ganz uneigennützig. Deine Mutter iſt ſehr reich.“ „Sie beleidigen mich, Vater,“ ſagte unſer Held betrübt.„Ich ſehe, daß Ihnen meine Anweſenheit 6 84 iſt, weßhalb ich Sie davon befreien will.“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, verließ er die Kajüte. „Beim Himmel, Brandreth, wären Sie nicht ein alter Freund, und der Vater des armen Menſchen, deſſen Herz Sie beinahe gebrochen haben, ſo würde ich mich mit Ihnen zanken,“ rief Major Henderſon. „Das iſt keine Vernunft, ſondern Wahnwitz; nicht Ehre, ſondern deren krankhafter Schatten. Ich habe dieſen jungen Menſchen ſeit der Stunde, in welcher Sie ihn unter meine Obhut geſtellt haben, beobach⸗ tet, in ſeinen Gedanken geleſen, ſein Herz geprüft und daſſelbe ſo edel gefunden, als nur irgend eines in menſchlicher Bruſt ſchlagen kann. Worüber be⸗ klagen Sie ſich?“ fuhr er fort.„Doß er ſeine ganze Thatkraft darauf verwendet, den einzigen Flecken zu entfernen, der auf ſeinem Namen haftet? Fragen Sie ſich ſelbſt. Hätten Sie nicht das Gleiche ge⸗ than? Er hat Gefahren und Tod getrotzt, in Ver⸗ folgung der Aufgabe, die er ſich geſtellt. Sie nen⸗ nen dieß eine Chimäre. Zugegeben. Jedenfalls iſt es aber eine männliche und ehrenvolle.“ „Sie hat mir ſeine Liebe geraubt,“ ſagte der unglückliche Mann. „Sie haben ſich dieſelbe ſelbſt geraubt,“ antwor⸗ tete ſein Freund—„das edeiſte Geſchenk der Natur gleich einem werthloſen Spielzeug weggeworfen. Doch es iſt vergebens, mit Ihnen darüber zu diſcutiren. Wenn die Welt Ihre Ungerechtigkeit kennen lernt und der Name der Frau, der Sie ſo großes Unrecht zufügen, von dem Schatten des Verdachts gereinigt 85⁵ iſt, ſo werden Sie es ſelbſt fühlen— eher aber nicht.“ „Auch Sie ſind im Bunde gegen mich?“ „Um Sie zu täuſchen, wahrſcheinlich! um meinem ganzen Leben dadurch eine Lüge aufzudrücken, daß ich den Sohn meines älteſten Freundes zur Bege⸗ hung von Ehrloſigkeiten erziehe!“ „Nein, nein,“ rief Kapitän Brandreth,„das kann ich nicht glauben.“ „Sie behandelten aber Oliver auf dieſe Weiſe.“ „Ich hatte Unrecht. Gefühle, die Sie nicht be⸗ greifen können, machten mich ungerecht. Wo iſt er?“ „Ohne Zweifel auf dem Deck, wo er meine Rück⸗ kehr erwartet.“ Der Befehlshaber des Agamemnon verließ die Kajüte und kehrte nach einer Abweſenheit von eini⸗ gen Minuten in Begleitung unſeres Helden zurück, deſſen Geſicht noch immer die Spuren der kaum über⸗ ſtandenen Aufregung trug. „Oliver,“ ſägte ſein Vater,„ich war ungerecht gegen Dich. Vergib mir.“ Dieſe Worte wurden zwar in freundlichem aber kaltem Tone geſprochen und ſchienen mehr der Ver⸗ nunft als dem Herzen abgerungen worden zu ſein; aber ſo kalt ſie auch waren, ſo genügten ſie doch dem Sohn, der liebevoll die Hand faßte, welche kaum ſeinen Druck erwiderte. „Von dem Gegenſtand der unglücklichen Differenz zwiſchen uns wollen wir nicht mehr ſprechen. Keiner von uns iſt für ſeine Ueberzeugung verantwortlich, ſie iſt häufig unwillkürlich. Solite die Deinige ſich än⸗ ern, ſo erinnere Dich, daß Du noch einen Vater haſt.“ 86 „Ich habe dieß keinen Augenblick vergeſſen,“ ant⸗ wortete der junge Mann achtungsvoll. „Während Deines Aufenthalts in Neapel,“ ſagte Kapitän Brandreth,„wollen wir uns zuweilen ſehen. Ich gehe ſelten ans Land. Die Aufrechterhaltung der Ordnung auf meinem Schiff nimmt den größten Theil meiner Zeit in Anſpruch, denn ich übertrage ſelten mein Amt, für das ich verantwortlich bin, einem Andern. Der morgige Tag gehört unter dieſe ſpeiſe bei dem Earl von Dal⸗ ville.“ „Wir werden uns dort treffen,“ bemerkte der Major. Obgleich Oliver's Vater es nicht eingeſtehen wollte, ſo fühlte er doch eine geheime Genugthuung, als er hörte, daß ſein Sohn ſo wohl aufgenommen ſei; denn der Geſandte ſtund in ſo hoher Achtung, als nur irgend ein Staatsmann in Europa. Während unſer Held und ſein Mentor die Schiffs⸗ leiter hinabſtiegen, flüſterte der erſtere Jack Spears zu, heute Nacht nach ihm ſich umzuſehen. Der Matroſe ſchüttelte den Kopf. Es war höchſt ſelten, daß einer von der Mannſchaft Urlaub erhielt. „Der Kapitän ſpeist am Lande,“ ſetzte Oliver hinzu. i2 können Sie ſich auf mich verlaſſen,“ ver⸗ ſetzte der alte Mann.„Trauriger Wechſel— trau⸗ riger Wechſel,“ murmelte er;„ich hätte nie geglaubt, daß ich es auf dem ſtolzen Aggymemnon ſatt bekom⸗ men könne.“ Es iſt jetzt Zeit zu Philipp zurückzukehren, der ſchon ſeit mehreren Wochen ein Bewohner des ſchau⸗ . 87 derhafteſten Gefängniſſes— moraliſch und phyſiſch ſchauderhaft— von Neapel war, denn es ſchloß elende Geſchöpfe in ſich, an denen nichts als die Geſtalt menſchlich war und welche ſo tief in das Verbrechen verſunken waren, daß die Barmherzigkeit ſelbſt kein gutes Wort für ſie einzulegen gewagt hätte. Der Befehl, ihn in geheimem Gewahrſam zu hal⸗ ten, ſchützte ihn zwar vor der Befleckung der Gemein⸗ ſchaft mit denſelben; aber dieſer Vortheil wurde nur auf Koſten ſeiner Geſundheit erkauft. Das niedrige, dunkle Gefängniß, die feuchte Atmosphäre, die unge⸗ ſunde Koſt hatten bereits auf ſeine von Natur zarte Conſtitution eingewirkt; das Fieber fing an durch ſeine Adern zu ſchleichen und in ſeinem hoffnungslos elenden Zuſtande klagte er ſelbſt die Freundſchaſt an, daß ſie ihn vergeſſen habe. Solcher Art war der Zuſtand des unglücklichen, an Geiſt und Körper matt und ſchlaff gewordenen Gefangenen, als Juana ihm das Papier zuſteckte, auf welches Oliver geſchrieben hatte. „Was bringen Sie mir?“ fragte er matt. „Hoffnung,“ verſetzte das Mädchen betonend. Dieſes Wort riß ihn aus ſeiner Lethargie, und nach dem ſchwachen Lichte ſchwankend, las er haſtig die wohlbekannten Schriftzüge, die er ſodann an ſeine Lippen, an ſein Herz drückte. „Halten Sie ſich morgen Nacht bereit,“ flüſterte die Nichte ſeines Gefängnißwärters;„ſchlafen Sie nicht und zerreißen Sie vor Allem das Papier für den Fall, daß es meinem Oheim einfallen ſollte, die Zelle zu viſitiren.“ 3 3 Es kam Philipp hart an, den einzigen greifbaren 88 Beweis zu zerſtören, daß er ſich nicht von einem jener Träume täuſchen laſſe, welche den Gefangenen wa⸗ chend und ſchlafend fortwährend verfolgen. Die Bö⸗ tin wiederholte aber die Aufforderung, und nachdem er es noch einmal überleſen, zerriß er es in zahlloſe Stücke, welche er ſodann in den feuchten, ſchlammigen Boden ſeines Gefängniſſes hineintrat. Von dieſem Augenblicke an bis zu der bezeich⸗ neten Stunde ſchlief der Gefangene nicht mehr. Seine Unruhe vermehrte furchtbar die Leiden ſeines ange⸗ griffenen Körpers, und als Juana ihrem Verſprechen getreu die Thüre ſeiner Zelle öffnete, vermochte er kaum aufrecht zu ſtehen. Sie mußte ihn nach dem Hinterpförtchen führen, wo Oliver und Giuſeppe ihn erwarteten. 2 Als Philipp die reine Luft einathmete, die er ſeit Wochen entbehrt hatte, ſtieß er einen matten Seuf⸗ zer aus und ſiel in die Arme ſeines Freundes. „Er ſtirbt,“ rief unſer Held.„Die Ungeheuer haben ihn getödtet!“ „Nicht doch,“ verſetzte Juana;„man ſtirbt ſelten an der Schwelle der Freiheit. Schnell— Wein, Giuſeppe!—“ Der Landmann holte eine Flaſche aus dem Boot, das er ſich verſchafft hatte, um ſich und ſein Liebchen über die Bai zu rudern. Nach wenigen Minuten fühlte ſich der befreite Gefangene ſo weit wieder geſtärkt, daß er mit Oli⸗ ver's Beiſtand gehen konnte. Sie waren aber noch nicht weit gekommen, als ein Allarmzeichen gegeben wurde. Eine der Schildwachen hatte ſie von den Mauern aus entdeckt. 89 Der Kalabreſe hob das Mädchen in das Boot; er hatte den Lohn für ſeine Mühe empfangen und ruderte eiligſt, trotz ihren Bitten, den jungen Eng⸗ länder mitzunehmen, davon. „Das Boot hält nur zwei Perſonen,“ verſetzte der Liebhaber.„Es thut mir leid um ſie. Der Signore zahlt wie ein Fürſt. Sie müſſen abgefaßt werden.“ Oliver wollte ſich aber nicht abfaſſen laſſen— wenigſtens nicht ohne Gegenwehr. Er nahm ſeinen Freund auf die Schultern und lief mit ihm den Strand entlang, verfolgt von einer Abtheilung der Gefängnißwache, welche glücklicherweiſe nur mit ihren Seitengewehren bewaffnet war. Eben als ſeine Kraft ihn zu verlaſſen drohte, ſtieß er auf Jack Spears und die Bootsmannſchaft des Agamemnon. Er war zu erſchöpft, um ſprechen zu können, aber Jack begriff augenblicklich den Stand der Dinge. „Auf ſie, Jungens,“ rief er aus,„es iſt der Sohn des Patrons.“ Nur mit ihren Rudern bewaffnet, machten die Matroſen dem Streit bald ein Ende; die Polizei wurde zurückgetrieben, und den Flüchtigen ins Boot geholfen. „Wenn ihr ſie haben wollt,“ rief der wackere heer in großer Aufregung,„ſo kommt und holt ſie euch unter den Kanonen des Aggymemnon.“ Der alte Mann ahnte nicht, welche Folgen dieſe Worte nach ſich ziehen würden. 90 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Als Kapitän Brandreth an Bord des Agamem⸗ non zurückkam, fand er zu ſeinem Erſtaunen ſeinen Sohn in ſeiner Kozüte auf ihn wartend. Er las in dem bleichen Geſichte und dem ängſtlichen Blicke des Flüchtlings, daß ſich etwas Außergewöhnliches zuge⸗ tragen habe, und der Argwohn, der ſeit Jahren ſeine kranke Phantaſie quälte, kehrte mit der Gewalt eines lange gehegten Eindrucks zurück. Obgleich er ſeinen Sohn liebte,— auf die ihm eigenthümliche Weiſe liebte, ohne Vertrauen, ja faſt ohne Hoffnung,— ſo fühlte er doch jene geheime Befriedigung, welche die meiſten Menſchen empfinden, wenn ſie eine ihrer Pro⸗ phezeihungen in Erfüllung gehen ſehen. Anſtait unſern Helden freundlich willkommen zu heißen, vergaß er die väterliche Liebe und nahm die talte Haltung eines Richters an, mit dem feſten Ent⸗ ſchluſſe, wie er ſich einbildete, unparteiiſch zu ſein. Bangigkeit beſchlich Oliver's Herz, als er das finſtere Geſicht ſeines Vaters bemerkte, in welchem jeder Blick Verdacht ausdrückte; und verletzt durch dieſe Ungerechtigkeit hätte er augenblicklich das Schiff verlaſſen, wenn nicht der Gedanke an Philipp ihn zurückgehalten hätte. „Biſt Du ſchon lange an Bord?“ fragte der Be⸗ fehlshaber des Agamemnon. „Seit zwei Stunden.“ „Sobald ich den Grund Deines Beſuches kennen werde, weiß ich, wie ich Dich zu empfangen habe,“ bemerkte der Kapitän trocken. 91 „Vater!“ ſagte Oliver tief ergriffen,—„doch ich vergeſſe, wie wenig Einfluß ich unter dieſem Titel bei Ihnen beſitze,— deßhalb wende ich mich an Sie als britiſchen Offizier und Befehlshaber eines Kriegs⸗ ſchiffs. Ich kam an Bord in Begleitung meines Freundes, um Schutz zu ſuchen.“ „Gegen wen?“. „Gegen die ſchändliche Polizei in Neapel,“ ver⸗ ſetzte der junge Mann feſt. „Unter welchen Umſtänden?“ fragte ſein Vater ſarkaſtiſch. Unſer Held erzählte Philipp's Verhaftung, deſſen Einkerkerung in dem ungeſunden Gefängniß von Bel Reſpiro und die Mittel, durch welche er deſſen Flucht bewerkſtelligt hatte. Während dieſer Mittheilung la⸗ gerte ſich eine Unheil verkündende, finſtere Wolke auf der Stirne des Kapitän Brandreth. „Du ſiehſt jetzt ſelbſt,“ verſetzte er endlich,„in welche Lage Dein Eigenſinn Dich verſetzt hat. Je⸗ der Menſch muß die Folgen ſeiner Handlungen tra⸗ gen. Die Deinigen haben Dich in Widerſtreit mit den Geſetzen des Landes gebracht, in welches Dich ein abenteuerliches Unternehmen geführt hat. Ehre und Wahrheit,“ fügte er bei,„verſchmähen Vermum⸗ mung; nur die Schuld braucht ſich zu verbergen. Ich kann nichts für Dich thun. Ich vergaß,“ fuhr er in demſelben unerſchütterlichen Tone fort,—„daß ich hätte ſagen ſollen, nichts für Deinen Freund,— a Du für Deine Perſon nichts mehr zu fürchten haſt, indem Du klugerweiſe Deinen Familiennamen wieder angenommen haſt.“ „Vater!—“ 92 „Ich meinte,“ unterbrach ihn dieſer,„Du habeſt Dich nur an den Kommandanten des Agamemnon gewendet. Als Kommandant des Agamemnon habe ich Dir geantwortet.“ „Weil ich keinen Platz in Ihrem Herzen habe,“ rief Oliver betrübt.„Von Kindheit an war mir Ihr Vertrauen verſagt, Zweifel hat die Liebe, die Sie einſt für mich fühlten, getödtet,— meine Jugend durch ſo traurige Träume getrübt, daß er einen ver⸗ derblichen Einfluß ſelbſt auf die wachend zugebrach⸗ ten Stunden warf,— eine Schranke des Mißtrauens wiſchen uns zog, welche ſelbſt die Beweiſe meiner Rechtſchaffenheit nicht zu überſpringen vermögen. Wel⸗ chen Grund habe ich Ihnen je zu ſo ungerechtem Verdacht gegeben? Nennen Sie mir nur einen und ich will nicht länger mehr über Ihre Ungerechtigkeit klagen. 9,06 iſt hart, ſehr hart,“ fuhr er fort,„daß der Mann, der allein an meiner Ehre zweifelt, mein ei⸗ gener Vater iſt.“ „Du vergißſt,“ bemerkte der Kapitän ruhig,„daß dieſer der Einzige iſt, welchen die Natur berechtigt, Dein Betragen mit der rechten Waage zu wägen, — Deine Gedanken ſowohl wie Deine Handlungen zu beleuchten,— ſie prüfend zu beurtheilen und ſie freizuſprechen oder zu verdammen.“ „Iſt derſelbe aber nicht auch verantwortlich?“ „Wem?“ fragte ſein Vater ironiſch. „Demjenigen, welchem wir Alle Gehorſam ſchul⸗ den,“ verſetzte unſer Held;„Der ihm, indem er ihm einen Sohn gab, neben den Rechten auch die Pflich⸗ ten der Vaterſchaft auferlegte. Weßhalb verweigern 93 Sie mir das Vertrauen, das unſere gegenſeitige Stärke ausmachen,— die Liebe, die unſer Glück be⸗ gründen würde? Habe ich gefehlt, ſo bezeichnen Sie mir meinen Irrthum: ich will ihn anerkennen,— Ihre Vergebung nöthigenfalls auf meinen Knicen mir erbitten, und ich werde mich durch dieſe Demü⸗ thigung noch höchſt glücklich fühlen.“ „Schöne Worte, Oliver,“ bemerkte ſein Vater, „aber Worte fallen bei mir nicht ins Gewicht. Du kannteſt meinen Wunſch und warſt demſelben unge⸗ horſam.“ „Ich meinte, Sie hätten mir freie Wahl ge⸗ laſſen?“ „Ich wollte mir nicht Gehorſam erzwingen,“ lautete die Antwort.„Ich ſetzte voraus, Du wür⸗ deſt Dich des göttlichen Geſetzes erinnern, welches ſagt— Ehre Deinen Vater—“ „Und Deine Mutter,“ ergänzte ſein Sohn achtungsvoll,„ich wünſchte beides zu thun.“ „Das iſt Verblendung,“ rief Kapitän Brandreth, finſter in der Kajüte auf und abgehend,„es iſt un⸗ vernünftig! Vernunft kann dieß weder rechtfertigen noch erklären. Sollte Dir nicht mein Wort—“ „Nichts gegen meine Mutter,“ unterbrach ihn un⸗ ſer Held,„die Natur empört ſich dagegen. Eine Stimme, die noch ſtärker iſt, als die Ihrige, ſagt mir, daß ich ihre Stütze— ihr Beſchützer bin. Ich ſehe ſie gebeugt unter der Wucht einer unverdien⸗ ten Anklage,— das Opfer eines teufliſchen Com⸗ plotts, das ihr Namen und Glück geraubt hat. In der Tiefe ihres Elends hat ſie nur eine Hoffnung— ihren Sohn; ſie hat ein Recht, über ſeine Thatkraft, * 94 ja nöthigenfalls über ſein Leben zu gebieten und zu verlangen, daß er den dunkeln Schleier lüfte, der ihr Daſein trübt. Kann ich, darf ich dieſe Hoffnung zerſtören? Nein! „Mag der Himmel mich verlaſſen,“ fuhr er feier⸗ lich fort,„wenn ich je wie ein herzloſer Feigling die Mutter verlaſſe, die mich geboren hat!“ Das Geſicht des Befehlshabers des Agamemnon färbte ſich hochroth und wurde dann wieder todten⸗ blaß bei den Worten:„herzloſer Feigling.“ Sie lauteten wie eine Verurtheilung ſeines eigenen Be⸗ nehmens gegen ſeine unglückliche Gattin in einem Augenblicke, in welchem ſie ſeine Unterſtützung und ſein Vertrauen am meiſten nothwendig hatte. „Es iſt gut, doß ich das Band nicht vergeſſe, das zwiſchen uns exiſtirt,“ murmelte er zornig.„Du kannſt Deinen Voter unbeſtraft beleidigen?“ „Beleidigen!“ wiederholte Oliver.„Nein. So tief mich auch der traurige Irrthum ſchmerzt, der Ihr Glück zerſtört hat, ſo habe ich mir doch nie angemaßt, Ihre Handlungsweiſe zu richten. Ich ſprach, dachte nur an die meinige. Sähe ich Sie einen Becher mit Gift an den Mund führen,“ fügte er bei,„wäre es eine Beleidigung, wenn ich Ihnen denſelben entriſſe? Wenn Sie am Rande eines Ab⸗ grundes ſtünden, wäre es eine Beleidigung, wenn ich Sie gewaltſam zurückzöge?“ „Ich bin kein Sophiſt,“ bemerkte Kapitän Brand⸗ reth mit der Hartnäckigkeit eines Mannes, der in ſeine vorgefaßte Meinung blos deßhalb verrannt iſt, weil ſie einmal ſeine Ueberzeugung iſt.„Der Weg der Ehre iſt für mich ſchnurgerade vorgezeichnet; ich 9⁵ kenne keine Schleichwege— ich markte nicht mit mei⸗ ner Pflicht. Die meinige iſt in dieſem Falle genau vorgezeichnet. Ich kann Engländern, die wiſſentlich die Geſetze eines Staates verletzt haben, der mit England alliirt iſt, keinen Aufenthalt am Bord des Schiffes geſtatten, das ich zu befehligen die Ehre hahe. Dein Freund muß den Agamemnon ver⸗ aſſen.“ „Schicken Sie mich ans Land!“ rief ſein Sohn ganz außer ſich;„überliefern Sie mich der Rache der Behörde, wenn Sie wollen; aber ſchonen Sie Philipp.“ „Ich bin nicht gewohnt, meinen Entſchluß zu ändern.“ „Er iſt krank— faſt ſterbend; ſehen Sie ihn nur an, und wenn Sie es dann über ſich vermögen, ihn ſeinen Verfolgern auszuliefern—“ „Ich habe nichts dagegen, ihn zu ſehen,“ ant⸗ wortete Kapitän Brandreth mit kaltem Lächein. Dieſe Worte waren an den zweiten Lieutenant gerichtet, der den jungen Mann ſogleich vom Verdeck in die Kajüte herabſchickte. Mit ihm erſchien zugleich Jack Spears. Als der arme Philipp den Vater ſeines Freun⸗ des erblickte, glaubte er, daß alle ſeine Trübſal vor⸗ über ſei und ſtreckte ihm vertrauensvoll die Hand entgegen. Der Befehlshaber des Agamemnon that, als wenn er es nicht bemerkte. „Unter andern Umſtänden, Mr. Blandford,“ be⸗ merkte er,„würde es mich gefreut haben, Sie an Bord zu ſehen; aber ich kann nicht geſtatten, daß 96 mein Schiff zum Zufluchtsort von Leuten gemacht wird, die der Gerechtigkeit entfliehen.“ „Sagen Sie lieber der Tyrannei, mein Herr,“ verſetzte der junge Mann unwillig.„Sie kennen die nicht zur Hälfte, die ich erduldet habe.“ „Ich bin nicht der Richter des Verfahrens der Behörden,“ bemerkte der Kapitän;„wenn dieſe ihre Beſugniſſe überſchritten haben, ſo iſt der Geſandte der rechte Mann, an den Sie ſich zu wenden haben. Laſſen Sie ein Boot bemannen,“ ſetzte er an den Offizier gewendet hinzu,„das dieſen Herrn ans Ufer bringt.“ Der Lieutenant entfernte ſich, um den erhaltenen Befehl in Ausführung zu bringen. Jack Spears aber ſah ganz beſtürzt zuerſt ſeinen Befehlshaber, dann den bleichen, abgemagerten Jüngling an, der trotz ſeiner Schwäche noch ſo viele moraliſche Kraft beſaß, dem Kommandanten des Agamemnon den Rücken zu wenden, um die Kajüte zu verlaſſen. „Euer Ehren wiſſen vielleicht nicht, wie dieſe ſchuftigen Ausländer ihn behandelt haben?“ ſagte der ehrliche Matroſe, Philipp den Weg vertretend. „Stillgeſchwiegen!“ rief der Kapitän zornig. „Ja, wie Euer Ehren befehlen.“ Zugleich fuhr Jack mit den Fingern durch ſein dichtes, graues Haar,— eine Gewohnheit, die er an⸗ genommen hatte, wenn ihm etwas ſehr mißſiel und er doch nicht zu ſprechen wagte. „Sie werden ihn wieder an derſelben Stelle lan⸗ den, wo man ihn aufgenommen hat.“ „Man wird uns beide dort landen,“ ſagte Oli⸗ B——————— 97 ver betrübt, denn die Hartherzigkeit ſchmerzte ihn tiefer als die drohende Gefahr. „Du haſt Dir jetzt keine Uebertretung des Ge⸗ ſetzes mehr vorzuwerfen,“ bemerkte ſein Vater;„Du kannſt bleiben.“ „Wir haben beide das Geſetz verletzt,“ erwiderte unſer Held,„wenn auch ohne es zu wiſſen; wäre dieß aber auch nicht der Fall, ſo find wir Freunde, — Brüder— ein Herz und eine Seele. Welcher Art Philipp's Schickſal ſein mag, ſo werde ich es mit ihm theilen.“ „Wie es Dir beliebt,“ murmelte der Befehls⸗ haber.„Vergiß aber nicht, daß ich Dich nicht vom Agamemnon weggetrieben habe.“ „Mögen Sie vergeſſen, daß Sie mich davon weggetrieben haben, wenn Sie einmal finden, daß Sie kinderlos ſind.“ Ueberzeugt, daß jeder Verſuch an die Vernunft oder Menſchlichkeit ſeines Vaters zu appelliren, ver⸗ geblich wäre, wandte unſer Held ſich abſeits, um die Thränen des verwundeten Stolzes und der Liebe zu verbergen, welche ihm, trotz ſeiner Anſtrengung, ſie zu unterdrücken, in die Augen ſtürzten und ſeinen Arm um Philipp ſchlingend, führte er dieſen aus der Kajüte weg. Der arme Jack Spears ſah den Jünglingen mit⸗ leidig nach. „Warum bleibt Ihr noch hier?“ fragte ſein Befehlshaber. „Ich hoffte— das heißt, ich dachte— Euer Eh⸗ ren hätten noch weitere Befehle zu ertheilen.“ Smith, Milly Mohne. NW. 7 „Hml“ „Wahnſinn! Wahnſinn!“ murmelte der alte Ma⸗ troſe, als er den beiden Freunden langſam nach⸗ folgte. Kapitän Brandreth war nicht lange allein geblie⸗ ben, als ſchon das Gefühl ſeines Unrechts ihn mil⸗ der ſtimmte, ſo daß er von ſeinem Stuhle aufſprang und raſch nach der Kajütenthüre ging. Schon war ſeine Hand auf dem Drücker, als der böſe Genius, der ſeit Jahren ſein Vertrauen da untergrub, wo er es am meiſten hätte hegen ſollen, ſeinen verderblichen Einfluß wieder über ihn gewann. „Schwäche!“ murmelte er,„Schwäche, die mei⸗ ner Männlichkeit unwürdig iſt. Ich darf dieſem hals⸗ ſtarrigen Knaben nicht dieſen Triumph über mich ein⸗ räumen. Die Behörden, wenn ſie erfahren, daß die Leute an Bord des Agamemnon waren, werden ſie nicht mißhandeln. Es wird eine Lehre für beide ſein.“ Wahrſcheinlich werden unſere Leſer ſich fragen, womit der arme Philipp ſich das Mißfallen des Ka⸗ pitäns zugezogen habe. Es iſt dieß nicht ſchwer zu erklären. In Folge eines jener merkwürdigen Widerſprüche, deren das Herz fähig iſt, ſehnte ſich Oliver's Vater in demſelben Augenblicke, in welchem er ſeinen Sohn nit der größten Härte behandelte und alles von ſich wies, was zu einem beſſern Einvernehmen hätte füh⸗ ren können, nach der Liebe, die er auf ſo rauhe Weiſe von ſich ſtieß,— ja er fühlte ſogar eine Art von Eiferſucht über deſſen Anhänglichkeit an Phi⸗ lipp. Er ſah in dieſem gewiſſermaßen den Men⸗ ſeri der ihm einen Theil ſeines Rechtes geraubt hatte. Darin ſteckte ſein Irrthum. Philipp hatte ihn derſelben nicht beraubt, ſondern der Vater hatte ſie von ſich geſtoßen. Eein weit ernſterer Grund der Beleidigung war aber die innige Liebe, welche unſer Held für ſeine unglückliche Mutter an den Tag legte, von deren Schuld der Kapitän feſt überzeugt war, wie wir, um ihm gerecht zu werden, ausdrücklich verſichern müſſen. Er fühlte, daß das Benehmen ſeines Sohnes eine Verurtheilung ſeiner Handlungsweiſe ei. Die Zeit wird zeigen, wer von beiden eine rich⸗ tige Anſicht ſich gebildet hatte,— der Gatte, der den Eingebungen verwundeten Stolzes und eines krank⸗ haften Ehrgefühls folgend, ſeine Frau ungehört ver⸗ urtheilte; oder der Sohn, der die Geſchichte ihrer Schuld blos deßhalb nicht zu glauben vermochte, weil ſie ſeine Mutter war. 5 Sein Vater nannte es eine Schwäche. Es mag dieß ſo ſein; wir unſeres Theils ziehen aber dieſe des Kapitäns Stärke vor und bemitleiden Diejeni⸗ gen, welche unabänderlich nur nach dem Verſtande, niemals aber nach dem Herzen urtheilen. Zu was glauben denn ſolche Menſchen, daß uns das Herz gegeben worden ſei? Als Philipp auf das Verdeck kam, fing er, über⸗ wältigt von Schwäche und mehr noch von der un⸗ erwarteten Härte, die ihm zu Theil geworden war, zu wanken an, und wäre zu Boden gefallen, wenn ſein Freund ihn nicht geſtützt hätte. 100 „Er ſtirbt!“ ſagte Oliver.„Mein Vater hat ihn getödtet.“ „Nein, nein!“ rief Jack, die Hände des faſt be⸗ ſinnungsloſen Jünglings zwiſchen ſeinen rauhen, aber ehrlichen Händen reibend;„es iſt nichts— nur ein Schwindel. Ich kenne dieß; es war mir auch ein⸗ mal ſo zu Muth, als ich zum erſten Male einen Ka⸗ meraden mit Ruthen peitſchen ſah.“ Man hörte die Stimme des Lieutenants, der das Boot niederzulaſſen befahl. „Wenigſtens zwei Meilen vom Ufer entfernt,“ murmelte unſer Held,„der Nachtluft ausgeſetzt.“ „Das iſt hart,“ ſagte der alte Matroſe.„Soll ich hinunter gehen und mit Seiner Ehren ſprechen? Er kann mir dafür höchſtens meinen Grogg enttzie⸗ hen,“ fügte er bei. „Es wäre vergebens,“ Befehlshabers bitter. „Leider fürchte ich dieß auch,“ verſetzte der Matroſe. „Kann denn nichts zu ſeiner Rettung geſchehen?“ „Wenn nur der Doctor an Bord wäre, der tönnte ein gutes Wort bei dem Kapitän für ihn„ einlegen,“ murmelte Jack Spears;„obgleich er auch auf dieſen nicht viel hören würde. ch habe es!“ fügte er, von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, hinzu,„Euer Ehren haben keinen Befehl, ans Land zu gehen?“ „Nein.“ „Wechſeln Sie die Kleider mit Ihrem Kamera⸗ den und beſteigen Sie ſtatt ſeiner das Boot. Ich 3 will Sie ſchon an einer Stelle landen, an der Ihnen 1 kein Unheil widerfahren kann.“ bemerkte der Sohn ſeines ——* 101 „Und Philipp?“ „Den ſteckt Tom in ſeine Hängematte,“ flüſterte der gutmüthige Matroſe,„dort iſt er ſicher genug bis morgen.“ Der alte Seemann ließ ein eigenthümliches Zei⸗ chen hören, das wie ein plötzlicher Windſtoß klang, der durch die Segel ſtreicht. Dieß führte ſeinen Kameraden an ſeine Seite, der bald verſtand, was man von ihm wollte. „Ganz recht,“ ſprach er;„wir rudern immer zu⸗ ſammen.“ Der Wechſel der Kleidung war bald vollzogen, und während Oliver, den wankenden Schritt ſeines Freundes nachahmend, Jack Spears in das Boot folgte— das unterdeſſen herabgelaſſen worden war — nahm Tom den jetzt ganz ohnmächtig gewordenen Philipp in ſeine Arme und trug ihn wie ein Kind in den untern Raum. „Wo ſoll der Gentleman gelandet werden?“ fragte der Seekadet, der das Boot zu führen hatte. Jack deutete auf die entgegengeſetzte Seite der Bucht. „Stoßt ab, Leute,“ rief der junge Mann. Im nächſten Augenblicke durchſchnitt das Boot des Agamemnon das Waſſer in directer Linie nach der Villa des Earl von Dalville. Als dem Kapitän Brandreth gemeldet wurde, daß ſein Sohn an Bord geblieben und Philipp allein ans Ufer geſchickt worden ſei, entſchlüpfte ihm im er⸗ ſten Augenblicke ein Lächeln. „Ich habe dieſen widerſpänſtigen Geiſt bezwun⸗ gen,“ ſprach er in Gedanken zu ſich. 102 Allmälig kam ein beſſeres Gefühl über ihn,— das Bedauern, daß Oliver ſeinen Freund im Stich gelaſſen habe. Solcher Art iſt die Inconſequenz der armen Menſch⸗ heit! Diejenigen, deren Benehmen eine ruhige Ueber⸗ legung auf dem nächtlichen Lager nicht verträgt, ſchlafen ſelten gut, und der Befehlshaber des Aga⸗ memnon machte keine Ausnahme von der Regel. Schon mit Tagesanbruch des folgenden Morgens befand er ſich auf dem Hinterdeck, wo er über ſein Benehmen von geſtern Nacht nachdenkend auf und ab ſchritt und vermittelſt eben der Sophiſterei, die er zu verachten ſich den Anſchein gab, daſſelbe mit ſich zu verſöhnen ſuchte.* Philipp hatte ſich gegen das Geſetz verfehlt,— darüber beſtand kein Zweifel⸗ folglich mußte Philipp auch die Strafe dafür erleiden, und Diejenigen, welche ſo ſchwach waren, ihn in Sicherheit bringen zu wollen, hatten ſich dadurch zu ſeinen Mitſchuldigen gemacht. Nichts deſtoweniger verfolgte ihn das Bild des bleichen, ſtolzen Jünglings, wie dieſer voll Unwille aus der Kajüte weggegangen war, und halb und halb beſchloß er, ans Land zu gehen und ſich mit dem Geſandten über die geeigneten Mittel zu be⸗ ſprechen, ihn aus den Händen der Behörden zu be⸗ freien. Merkwürdigerweiſe fragte er nicht nach ſei⸗ nem Sohn, in der Ueberzeugung, daß derſelbe ſich ſicher an Bord befinde. Dieſes Bewußtſein genügte i und er beabſichtigte nicht, ihn weiter zu demü⸗ thigen. „Wo haſt Du denn den jungen Patron geſtern Nacht gelandet?“ flüſterte Tom ſeinem Kameraden zu, als ſie zuſammen das Verdeck ſäuberten. „Gerade dem Geſandten gegenüber, ich glaube, ſo heißt man ihn,“ verſetzte der alte Mann.„Es thut mir nicht leid um das, was ich gethan habe,“ ſetzte er betonend hinzu,„ja, ich würde es ſogleich noch einmal thun, ſo wenig reut es mich. Die an⸗ dere ſchwache Schaluppe hätte die Nacht nicht über⸗ lebt. Wie geht's ihm denn?“ „Er ſchläft in Deiner Hängematte,“ ſagte Tom. „Der arme Teufel! er ſah aus, als wenn er erwar⸗ tete, in die vier Brettchen eingeſargt zu werden. Der Marineſergeant ging auf die andere Seite und wollte ihn nicht ſehen.“ „Ja, ja,“ bemerkte Jack pathetiſch.„Der alte Blowhard hat ein Herz, was man nicht von Allen ſagen kann, welche einen blauen Rock tragen.“ Beider Augen wandten ſich unwillkürlich nach dem Kapitän hin, der noch immer auf dem Verdeck auf und ab ging. Jetzt ſah man einen achtrudrigen Kutter dem Schiffe ſich nähern. Zwei Perſonen ſaßen in der Nähe des Steuerruders, wovon eine in einen Man⸗ tel eingehüllt war; die andere, ein junger Mann, an ſeiner Seite, ſchien augenſcheinlich, ſeinen lebhaften Geberden nach zu urtheilen, die Ruderer zu äußer⸗ ſter Anſtrengung anzufeuern. Der zweite Lieutenant richtete ſein Glas auf die Ankömmlinge. „Wer ſind ſie, Mr. Barton?“ fragte ſein Vor⸗ geſetzter. 6 104 „Es iſt Seine Excellenz, der Geſandte,“ verſetzte der Offizier, ſeine goldbortirte Mütze berührend. „Schnell das Deck geräumt,“ rief der erſtere, „und ſtellt die Ehrenwache an der Laufplanke auf.“ Nur wer die Präciſion kennt, mit welcher Befehle an Bord eines Kriegsſchiffes ausgeführt werden, ver⸗ mag die Schnelligkeit zu begreifen, mit der die⸗ ſer Befehl ausgeführt wurde. Lange zuvor, ehe der Kutter an dem ſchmucken Schiffe anlegte, waren die Decks geräumt, die Blaujacken auf ihren Poſten und die Marineſoldaten aufgezogen, um vor dem Reprä⸗ ſentanten ihres Souverains die Waffen zu präſentiren. Als der Kommandant des Agamemnon Seiner Excellenz entgegenging, erkannte er ſeinen Sohn, den er bis jetzt an Bord geglaubt hatte, und ein eigen⸗ thümlicher Ausdruck machte ſich auf ſeinem noch im⸗ mer ſchönen Geſicht bemerkbar. „Hm,“ murmelte Jack,„mir gefällt der Ausdruck in des Patron's Geſicht durchaus nicht.“ Tom ſchüttelte zweifelnd den Kopf. „Das iſt eine unerwartete Ehre, Mylord,“ be⸗ merkie der Kapitän im Tone kalter Höflichkeit. „Mein Beſuch iſt officiell,“ erwiderte der Earl. „Ich muß mir auf einige Minuten eine Privatunter⸗ redung mit Ihnen erbitten „Ich ſtehe zu Befehl, Mylord.“ Mit dieſen Worten ſchritt er ſeinem Beſucher nach der Staatskajüte voran und deutete ceremoniös auf einen Stuhl. „Es ſollte mir leid thun, Kapitän Brandreth,“ ſagte der Lord,„wenn irgend etwas ſich ereignen ſoktte, das eine Mißſtimmung zwiſchen uns erwecken 1 105 könnte; aber Sie ſind zu ſehr ein Mann der Dis⸗ ciplin, um nicht einzuſehen, daß die Pflicht unter allen Umſtänden, zuweilen ſogar auf Koſten des Ge⸗ fühls erfüllt werden muß,“ ſetzte er hinzu. Der Vater unſeres Helden verbeugte ſich ſteif. Er meinte da Spott zu finden, wo entfernt an kei⸗ nen ſolchen gedacht wurde; denn Oliver, dem Alles daran lag, die Handlungsweiſe ſeines Vaters in einem Lichte darzuſtellen, daß auch nicht entfernt ein Schein von Härte auf ihn ſiel, hatte ſein Benehmen gegen Philipp durchaus nur als den Ausfluß ſeines ſtren⸗ gen Pflichtgefühls geſchildert. „Mr. Philipp Blandford, ein britiſcher Unter⸗ than, hat geſtern Nacht Zuflucht an Bord des Aga⸗ memnon geſucht?“ „Ganz richtig, Mylord.“ „Von Seiten der neapolitaniſchen Behörden wird ohne Zweifel die Aufforderung erfolgen, ihn heraus⸗ zugeben.“ „Der ich aber nicht willfahren kann,“ bemerkte der Kapitän. „Das heiße ich wie ein ächt engliſcher Seemann ſprechen,“ bemerkte der Earl warm.„Ich wußte, daß Sie unfähig wären, einen Landsmann,— der überhaupt ja nur aus Unkenntniß des Geſetzes ge⸗ fehlt hat— der neapolitaniſchen Polizei auszuliefern.“ „Ganz einfach deßhalb,“ fügte der Kommandant hinzu,„weil dieß nicht mehr in meiner Macht liegt. Mr. Blandford wurde geſtern Nacht auf meinen Be⸗ fehl ans Land geſetzt.“ „In dieſem Punkte täuſchen Sie ſich, Kapitän 106 Brandreth.„Es war Ihr Sohn, in ſeines Freun⸗ des Rock gekleidet, der ans Land ging. „Wie!“ rief der Kapitän, ſeinem lang unterdrück⸗ ten Zorn den Zügel ſchießen laſſend,„an Bord mei⸗ nes eigenen Schiffes hat man mir Trotz geboten! Mich verhöhnt, verlacht, beleidigt!“ „Hören Sie mich.“ „Der erſte Lieutenant und der Hochbootsmeiſter ſollen ſogleich erſcheinen.“ Nach wenigen Minuten traten die bezeichneten Offiziere in die Kajüte. „Meine Befehle ſind nicht befolgt worden,“ rief der Kommandant ſtreng.„Laſſen Sie Jack Spears ſogleich in Eiſen legen. Der junge Mann, den ich ans Land zu ſetzen befahl, befindet ſich noch an Bord; Sie werden dafür ſorgen, Mr. Ponſonby, daß er den Agamemnon ſogleich verläßt. Ich mache Sie perſönlich dafür verantwortlich, mein Herr!“ „Kapitän Brandreth,“ ſagte der Earl, würdevoll aufſtehend,„hier iſt mein ſchriftlicher Befehl, daß Mr. Philipp Blandford an Bord Ihres Schiffes zu bleiben hat. Daß ich Ihnen denſelben in Gegen⸗ wart dieſer Herrn einhändige, daran iſt nur Ihr un⸗ glücklicher Ungeſtüm ſchuld, der mir keine andere Wahl ließ. Sollten die Behörden, woran ich jedoch ſehr zweifle, ſeine Herausgabe zu verlangen wagen, ſo werden Sie dieſelbe verweigern; ſollte man aber wahnſinnig genug ſein, Gewalt anwenden zu wollen, ſo werden Sie als britiſcher Offizier wiſſen, wie Sie dieſelbe zurückzuweiſen haben.“ Mit der größten Selbſtbeherrſchung händigte der Geſandte dem erſtaunten Befehlshaber ein Papier 107 ein, das ſeine Inſtructionen enthielt. Kein Titelchen fehlte an der Form: ſie waren eigenhändig von ihm geſchrieben, unterzeichnet und mit dem großen Ge⸗ ſandtſchaftsſiegel verſehen. „Das iſt höchſt außergewöhnlich, Mylord. Ich beuge mich unter Ihre Autorität und ſo bleibt mir nichts übrig, als zu gehorchen.“ „Ich zweifle nicht daran,“ antwortete der Ge⸗ ſandte mild. „Ich brauche wohl Eure Excellenz nicht daran zu erinnern,“ fügte der Vater unſeres Helden bei,„daß““ Sie für die Folgen dieſes— um mich gelind aus⸗ zudrücken— auffallenden Befehls verantwortlich ſind.“ „Ebenſo wie Sie für die Ausführung deſſelben,“ bemerkte der Lord mit derſelben markirten Höflichkeit. „Hat Eure Excellenz noch ſonſt etwas zu befeh⸗ len?“ fragte Kapitän Brandreth mit merklicher Be⸗ tonung des Wortes. „Nichts weiter, als daß ich den Schiffsarzt zu ſprechen wünſche,“ verſetzte der Earl. „Ponſonby,“ ſagte der Befehlshaber,„ſchicken Sie Carruthers Seiner Lordſchaft; und— doch das genügt. Ich habe keine weiteren Befehle. Auf was warten Sie noch,“ ſetzte er heftig gegen den Hoch⸗ bootsmeiſter gewendet hinzu.„Sie haben Ihre Befehle erhalten.“ Beide Offiziere ſalutirten und entfernten ſich aus der Cazjüte. „Ich weiß, wem ich dieß zu verdanken habe,“ bemerkte der aufgebrachte Mann⸗ „Ihrer eigenen Leidenſchaftlichkeit,“ ſagte der Geſandte im Tone des Mitleids.„Es wäre meiner 108 unwürdig, mich zu ſtellen, als wüßte ich nicht, auf wen Sie anſpielen; aber ich verſichere Sie auf Ehre, daß Sie ihm Unrecht thun. Niemals hat wohl ein Sohn mehr den Irrthum eines Vaters zu verdecken geſucht, als der Ihrige.“ „Ihr offizieller Rang, Mylord, verleiht Ihnen kein Recht, ſich in meine Privatangelegenheiten zu miſchen,“ bemerkte der Kapitän ſtolz. „Ganz richtig! Ich nehme den Vorwurf an. Mein Intereſſe für Oliver hat mich zu weit geführt.“ Der Vater unſeres Helden verbeugte ſich ſteif, wie ein Mann, der eine Abbitte annimmt, auf die er ein Recht hat. Als Doctor Carruthers in der Cajüte erſchien, erſuchte ihn der Carl von Dabville, Philipp zu be⸗ ſuchen und im Laufe des Tages auf der Geſandt⸗ ſchaft Bericht zu erſtatten, ob ſein Zuſtand der Art ſei, daß man ihn an's Land ſchaffen könne oder nicht. „Und nun, Kapitän Brandreth,“ fuhr er zum Weggehen aufſtehend und indem er ihm zugleich die Hand bereitwillig hinſtreckte, fort,„ich möchte gern als Freund von Ihnen ſcheiden.“ „Kann ich die Ehre haben, Eurer Excellenz meine Aufwartung zu machen?“ lautete die un⸗ freundliche Antwort. „Wie es Ihnen beliebt.“ Mit der ausgeſuchteſten Höflichkeit ſchritt der Kommandant des Agamemnon dem Repräſentanten ſeines Souveräns auf das Quarterdeck voran, be⸗ gleitete ihn bis an das Ende der Laufblanke, ſalu⸗ ürte ihn, indem er an den Hut langte, während die Ehrenwache das Gewehr präſentirte. 109 „Eingerückt,“ kommandirte der Offizier der Ma⸗ rineſoldaten, als der Kutter vom Schiff abſtieß. „Noch nicht, Piper,“ rief der Kapitän,„ich brauche Ihre Leute noch. Ponſonby,“ fuhr er fort, indem er auf die Uhr ſah,„in einer Stunde findet ſich die ganze Mannſchaft auf dem Verdeck ein.“ Eein halb unterdrückter Fluch ſämmtlicher Matro⸗ ſen, die in ſeiner Nähe ſtanden, folgte ihm, als er wieder in ſeine Kajüte zurückkehrte. „Jack Spears hatte Recht. Es iſt nicht mehr ſo wie ſonſt am Bord des Aggymemnon,“ murmelte ſein Kamerad Tom. Vierundfünfzigſtes Kapitel. Unſer Held war nicht auf dem Verdeck, als der Earl von Dalville von dem Agamemnon ſich weg⸗ begab. Einer der Midſhipmen, ein Jüngling von ſechszehn Jahren, hatte ihn an die Hängematte ge⸗ führt, in welcher Philipp die Nacht zugebracht hatte. Er fand ihn ſchlafend; und als das Licht durch eine der zwiſchen den Verdecken befindlichen Stückpforten eindrang und auf das bleiche abgemagerte Geſicht ſeines Freundes fiel, ſchauderte er. So jüng er noch war, hatte er zwar ſchon Todte, aber noch nie einen Lebenden geſehen, der ſo vollkommen einem Leichnam glich. Die Hitze war an dieſer Stelle erſtickend. Oliver bemerkte deren Effect an dem zähen Schweiß, der 110 die Stirne des Patienten bedeckte. Einige wenige in ſolcher Athmoſphäre hingebrachte Tage mußten nach ſeiner Ueberzeugung einen tödtlichen Einfluß üben. So geräuſchlos als möglich näherte ſich unſer Held der der Hängematte zunächſt befindlichen Stück⸗ pforte und öffnete dieſelbe, um friſche Luft einzulaſſen. Der plötzliche Wechſel erweckte den Schläfer. Ein Lächeln zeigte ſich auf ſeinem blaſſen abgemagerten Geſicht, als er ſeinen Freund ſah. „Oliver,“ ſprach er,„lieber Oliver, biſt Du es wirklich? Loß mich Deine Hand befühlen, damit ich weiß ob ich nicht träume. Wo bin ich?“ „An Bord des Agamemnon.“ „Ja ich— ich erinnere mich wieder. Ich darf nicht hier bleiben— Dein Vater—“ Ein peinliches Erröthen übergoß das Geſicht des Sohnes des Kapitäns. „Vergiß dieß, liebſter Philipp,“ flüſterte er; „ſeine böſe Stunde war über ihm. Ach! er hat ſich traurig verändert. Vergiß dieß um meinetwillen.“ Der arme Jüngling murmelte den Namen Bianca. „Ich war nicht ſo ſelbſtſüchtig, als daß ich ihre Gefühle vergeſſen hätte,“ erwiderte Oliver Brand⸗ reth.„Jemand, auf deſſen Güte und Klugheit wir uns verlaſſen können, hat verſprochen, ſie zu unter⸗ richten, daß Du in Sicherheit biſt.“ Philipp blickte ſeinen Freund fragend an, der aber nicht wagte, den Namen Milly auszuſprechen; die Geſchichte ihrer Vermählung und ſeines uner⸗ warteten Zuſammentreffens mit ihr war zu lang, als daß ſie ſich in einem ſolchen Augenblicke hätte erzählen laſſen. 111 „Beängſtige Dich der Zukunft wegen im Minde⸗ ſten nicht,“ fuhr er fort;„der Earl von Dalville— einer der edelſten, beſten Menſchen— unſer Ge⸗ ſandter in Neapel hat Dich unter ſeinen Schutz ge⸗ nommen.“ „Danke ihm in meinem Namen,“ ſagte ſein Freund,—„danke ihm, daß ich jetzt nicht in dem kalten finſtern Gefängniß ſterben muß. Ich hätte dort den Tod nicht muthvoll erwarten oder für Die⸗ jenigen beten können, die ich liebe. Wahnſinn würde mich gepackt haben. Du wunderſt Dich über meine Schwäche; tadle mich deßhalb nicht. Du kannſt Dir das Elend, das ich dort ausgeſtanden habe, nicht zur Hälfte vorſtellen.“ „Philipp! Philipp! ſprich nicht vom Sterben,“ rief unſer Held,„das Schlimmſte iſt vorüber— Du wirſt wieder geneſen. Das Leben hat noch glückliche Tage der Liebe und Freundſchaft für uns aufgeſpart. Sei nur feſt— ſo feſt als ich es bin.“ Oliver wußte nicht, daß während er ſeiner Stand⸗ haftigkeit eine Lobrede hielt, Thränen ſeine Worte Lügen ſtraften. Doctor Carruthers— der jetzt in Begleitung des Waffenmeiſters erſchien— war mehr, als er auszudrücken für gut fand, von dem Zuſtand der Schwäche überraſcht, in welcher ſich ſein Patient befand. „Er muß ſogleich hier weggebracht werden,“ bemerkte er,„die Luft zwiſchen den Verdecken iſt er⸗ ſticend.“ Er ahnte nicht, daß ſie jetzt kühl und er⸗ friſchend im Vergleich mit der Atmoſphäre war, welche Philipp vor Kurzem noch eingeathmet hatte. 112 „Wohin, Herr?“ fragte der Waffenmeiſter. „In meine Cajüte,“ verſetzte der gutmüthige Arzt. Der Offizier murmelte den Namen des Kapitäns. „Ich bin verantwortlich,“ unterbrach ihn der Doctor ungeduldig.„In einem Falle wie dieſer geht meine Autorität jeder andern vor; überdieß iſt die des Geſandten auf meiner Seite.“ Der Waffenmeiſter machte keine weitern Einwen⸗ dungen mehr, ſondern rief ein halbes Dutzend Leute aus der Mannſchaft herbei, denen er befahl, den Kranken in die Cajüte des Doctors zu bringen. Es lag etwas Rührendes in der Sorgfalt, mit welcher die ſonſt ſo rohen Matroſen Philipp aus der Hänge⸗ matte hoben und ihn auf ihren Armen wegtrugen. „Armer Junge,“ bemerkte einer darunter;„ich wollte nur der Patron könnte ihn ſehen; dieß könnte Jack mehr nützen als alles Geſchwätz des Pfarrers.“ Bei dieſen Worten tauchte eine furchtbare Ahnung in Oliver auf. Es fiel ihm ein, daß er den alten Matroſen, ſeitdem er an Vord war, noch nicht ge⸗ ſehen habe. „Wo iſt Jack Spears 2 fragte er. Die Männer zuckten die Achſeln und blickten den Waoffenmeiſter an. Als man Philipp in das Bett des Arztes ge⸗ legt hatte, ſank er mit einem Seufzer der Befriedi⸗ gung auf das Kiſſen zurück. Wenn ſchon die Hänge⸗ matte, in welcher er die Nacht zugebracht hatte, ihm wie ein Lager von Eiderdunen vorgekommen war, ſo können ſich unſre Leſer leicht vorſtellen, was das Bett des Doctors erſt für ihn war. Carruthers war nicht nur ein freundlicher, ſon⸗ 113 dern auch ein geſchickter Mann. Bei dem jetzigen erſchöpften Zuſtand ſeines Patienten war er überzeugt, daß Nahrung für ihn gefährlich ſein würde, deßhalb begnügte er ſich, ihm ein Stärkungsmittel zu reichen, unter welches er etwas leicht Einſchläferndes miſchte⸗ Der Effect zeigte ſich faſt augenblicklich. Schon nach wenigen Minuten fingen die Augenlider des Patienten an ſchwerer zu werden, worauf ſie ſich ſchloßen und ſein Athem gleichförmig wurde. „Er ſchläft,“ flüſterte Carruthers.„Ich kann es jetzt ſchon wagen, ihn zu verlaſſen.“ „Iſt noch Hoffnung?“ fragte unſer Held. „So lange Jugend und Leben vorhanden iſt, darf man immer hoffen,“ erwiderte der Arzt freund⸗ lich,„in vierundzwanzig Stunden werde ich im Stande ſein, mich beſtimmter ausſprechen zu können.“ „Wann werden Sie wieder kommen?“ „Wenn der— ſobald meine Dienſtpflicht erfüllt iſt,“ verſetzte der Doctor düſter.„Leider muß ich ſagen, daß es ſich um einen peinlichen Fall handelt. Sie werden wohl daran thun, bis zu meiner Rück⸗ kehr bei Ihrem Freunde zu bleiben.“ Oliver ſchauderte als er wegging und wiſchte ſich den Angſtſchweiß, der auf ſeine Stirne getreten war, weg. Ungefähr eine halbe Stunde lang ſaß er ängſt⸗ lich lauſchend da. Dann hörte er die ſchrille Pfeife des Hochbootsmeiſters, die Schritte der Mannſchaft, die ſich auf dem Deck verſammelte und den gemeſſe⸗ nen Tritt der Marineſoldaten. Jetzt entſtand eine Pauſe; ſie hatten das Gewehr bei Fuß geſtellt. Smith, Milly Mohne. 1v. 8 114 „Ich kann dieſe quälende Ungewißheit nicht län⸗ er ertragen,“ murmelte unſer Held;„für mich— ür mich!“ Leiſe aus der Kajüte wegſchleichend, ſchloß er die Thüre ſachte hinter ſich zu, ſtieg die Treppenleiter hinauf und trat auf das Verdeck. Hier fand er ſeinen Verdacht beſtätigt. Die ganze Mannſchaft war zur Beſtrafung verſammelt. Umgeben von den Schiffs⸗ offizieren, deren Geſichter die Gefühle ausſprachen, die ſie bei dieſem Auftritt empfanden, ſtand Kapitän Brandreth. Auch ſein Geſicht war blaß; aber es war die Bläſſe der Entſchloſſenheit— ſtrenge it⸗ leidlos und unnachgiebig. Gerade ihm gegenüber ſtand Jack Spears, der Waffenmeiſter an ſeiner Seite mit gezogenem Degen. Der alte Matroſe ſchien der am wenigſt Bethei⸗ ligte auf dem Verdeck; es war ſogar ein Lächeln auf ſeinem wettergebräunten Geſicht bemerkbar. Das ſeiner Kameraden war finſter und lauernd. Wären ſie auf offener See geweſen, ſo wäre aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach eine Meuterei unter ihnen ausge⸗ brochen, denn ihre Gefühle waren auf eine höchſt gefährliche Weiſe erregt worden; ſo aber befanden ſie ſich in der Bucht von Neapel und die Flotte des Admirals wurde täglich erwartet. „Es iſt petrübend, Jack,“ ſagte ſein Befehlsha⸗ ber,„nach ſo vielen Pienſtzahren, daß die Pflicht mich zwingt, an Euch ein Exempel zu ſtatuiren.“ „Pflicht!“ wiederholte Oliver bitter—„wieder dieſes Wort.“ „Ihr ſeid mit Abſicht und Willen gegen die Be⸗ 115 fehle ungehorſam geweſen, die Disciplin iſt verletzt worden, und—“ „Ja, ja, Euer Ehren,“ unterbrach ihn der Ge⸗ fangene;„ich weiß dieß Alles. Ich bin nicht um⸗ ſonſt ſchon als Knabe und Mann vor und hinter dem Maſt geweſen, habe ſeit vierzig Jahren an Bord des Aggymemnon gedient, ohne gelernt zu haben, was man unter Disciplin verſteht. Der junge Menſch war ſterbend. Hätte ich ihn in einem offenen Boot ans Ufer geſetzt, wie Euer Ehren befohlen haben, ſo hätte er den Morgen nicht erlebt.“ „Ich kann darauf nicht hören,“ rief ſein Befehls⸗ haber ſtreng. „Ich erwartete auch nicht, daß Sie dieß thun würden. Ich ſagte dieß blos, um mich vor meinen Kameraden zu techtfertigen. Aus keinem andern Grund ſonſt. Ich habe meine Pflicht als Menſch erfüllt,“ fügte der Matroſe bei, auf ſeine breite Bruſt ſchlagend,„thun Sie jetzt die Ihrige.“ Ein halbunterdrücktes Murren ließ ſich aus der Mannſchaft vernehmen, als dieſe hörte, daß ihr Ka⸗ merad zu fünfzig Streichen verurtheilt ſei. Es be⸗ ſtärkte ſie dieß in dem Entſchluſſe, der zuvor ſchon gefaßt war. Es wurde der Befehl gegeben, den Gefangenen an das Gitterwerk zu binden⸗ „Vater!“ rief unſer Oliver, durch die Menge ſich ahn brechend;„Gnade! Gnade, um meinetwillen! um Ihrer ſelbſt willen!“ ſetzte er in halblautem Tone hinzu.„Philipp iſt ſterbend. Auf meine Bitten ge⸗ ſchah es, daß Jack den Befehlen zuwider handelte. 8* 116 Es wäre ein Mord geweſen, wenn ſie ausgeführt worden wären.“ „Zieh Dich zurück.“ „Richt eher, als bis Sie ſeine Begnadigung aus⸗ geſprochen haben. Habe ich denn keinen Anſpruch auf Ihre Liebe? Gnade, Gnade! für den wackern alten Mann!“ „Unmöglich!“ „Er reitete Ihnen das Leben,“ warf ſein Sohn vorwurfsvoll ein. „Hol mich der Henker, Maſter Oliver,“ rief Jack Spears haſtig;„wickeln Sie doch dem Patron kein ſo altes Tau ab, wie dieſes. Wenn er es vergeſſen hat, ſo iſt es bei mir auch der Fall. Es iſt das erſte und auch das letztemak, daß ich zu Schlägen hn das Schlimmiſte verurtheilt werde. Laſſen Sie i ausführen.“ „Wollt Ihr mir noch Befehlshaber blaß vor Zorn; b Gitterwerk.“ „Tyrann!“ ſchrie Jack—„das Wort iſt heraus. Sie waren ein guter Offizier einſt, ehe dieſe ver⸗ zweifelte Begriffe von Pflicht und Disciplin Sie zum Narren gemacht haben; aber Sie werden nimmer⸗ mehr den Rücken eines alten Matroſen peitſchen laſſen, der für ſein Vaterland ſchon gefochten und geblutet hat, zu einer Zeit, als Sie noch ein junger Menſch waren und kaum einen Hirſchfänger von einem Spittereiſen*) unterſcheiden konnten. Ich habe von Trotz bieten?“ rief der indet ihn an das . 2 ¹ Beim Kalfater gebraucht. 117 jeher geſagt, daß das Meer mein Grabtuch werden ſoll und will das Wort nicht Lügen ſtrafen. „Lebt wohl, Kameraden,“ fügte er bei.„Haltet zu eurem Schiff und eurer Flagge, obgleich ein euch befehligt und vergeßt den alten Jack nicht.“ Mit einer Gewalt, deren man ihn kaum für fähig gehalten hätte— vielleicht war der Verſuch, ihn zu⸗ rückzuhalten, nur ſcheinbar, da die Theilnahme für ihn ganz allgemein war— durchbrach der Matroſe den Kreis, der ihn umgab und ſprang über Bord. Seinem Verſchwinden folgte ein allgemeiner Schrei der Verwünſchung. „Laßt die Bovte herab,“ rief der Kapitän.„Lieu⸗ tenant Piper leſen Sie Ihre Leute aus.“ Dieſer letztere Befehl wurde dem Offizier der Marineſoldaten ertheilt. Das Herablaſſen der Boote erwies ſich aber als unmöglich, indem nicht nur die Seile verwirrt und ineinander geknüpft, ſondern auch die Ruder entfernt worden waren. Das Complott war in aller Stille unter der Mannſchaft verabredet worden, um dem Gefangenen Gelegenheit zum Entwiſchen zu geben. „Das iſt Meuterei, meine Herrn,“ bemerkte der Befehlshaber gegen den erſten und zweiten Lieutenant. „Es iſt Mord,“ rief Oliver, der auf die Wand⸗ taue geſtiegen war, über das Waſſer vorgebeugt da⸗ ſtand und Jack ſcharf beobachtete, der Anfangs kräf⸗ tig davon ſchwamm. Die Geſichtsfarbe des Kapitän Brandreth wech⸗ ſelte bei dieſem Worte und er fuhr mit der Hand quer über die Stirne, wie wenn dieſelbe ihn ſchmerzte. 118 „Ehre!“ fuhr der Jüngling mit bitterem Lachen fort,—„iſt das Ehre, den Mann wie einen Hund peitſchen zu laſſen, der Ihnen das Leben rettete, nur um des krankhaften Vorurtheils willen, das Sie gegen Ihren eigenen Sohn hegen?“ Mit aufmertſamem Blicke folgte Oliver den Fort⸗ ſchritten des Flüchtlings. Der Agamemnon lag we⸗ nigſtens zwei Meilen vom Ufer entfernt; ſollte es ihm gelingen, daſſelbe zu erreichen! „Sehen Sie, ſehen Sie,⸗ fuhr der Jüngling fort, deſſen Gefühle auf's Aeußerſte erregt worden waren, „die Kraft verläßt ihn, er winkt mit dem Arm; keine Hülfe, keine Hoffnung; für mich— für mich! Die Waſſer rollen hohl um ihn; und nun— er ſoll wenigſtens nicht allein ſterben. Der Himmel vergebe es Ihnen, Vater,“ ſetzte er außer ſich hinzu,„wie ich es thue. Von dieſer Stunde an ſind Sie ein kinderloſer Mann.“ Im nächſten Augenblicke ſah man Hliver Brand⸗ reth mit einer Schnelligkeit ſich Bahn durch das Waſſer brechen, die keine menſchliche Kraft lange auszuhalten vermocht haben würde. In einem Moment der Aufregung wie dieſer, war es mit aller Disciplin zu Ende. Die ganze Mannſchaft eilte nach der Seite des Schiffes. Man wartete nicht mehr auf Befehl. Die verwirrt zu⸗ ſammengeknüpften Seile, an welchen das Boot hing, wurden durchhauen, ſo daß daſſelbe mit einer Ge⸗ walt ins Waſſer herabſiel, daß es bald untergeſun⸗ ken wäre. „Schnell! Die Ruder!“ rief Tom. Einige davon waren oben zuſammengeſpeichert, * 119 andere im Raum verſteckt worden. Es verfloſſen zehn Minuten, ehe das Boot bemannt werden konnte und dann entdeckten die Leute, daß die Schlußbalken weggenommen worden waren und daß die Ruder, die ſie in der Schnelligkeit zuſammengerafft hatten, von ungleicher Länge waren. In dem Augenblicke, in welchem unſer Held über Bord geſprungen, ſchienen die Schuppen von den Augen ſeines unglücklichen Vaters gefallen zu ſein. Endlich hatte dieſer ſeinen Sohn, deſſen Muth, edlen Impuls, aufopfernde Freundſchaft,— das Herz, das er ſo tief verletzt und zur Verzweiflung getrieben hatte, verſtanden. „Mein Sohn— mein einziger Sohn!“ rief der von ſeinem Gewiſſen geplagte Mann,„rettet ihn— rettet ihn!“ Die Bucht von Neapel iſt, namentlich in früher Morgenſtunde, gewöhnlich mit Fiſcherbooten bedeckt, deren zierliche weiße Segel, von Weitem geſehen, den Eindruck einer Anzahl Seevögel machen, welche über die Waſſer hinſtreichen. Sie waren noch immer zahlreich, als Jack und Hliver verſchwanden; aber unglücklicherweiſe befand ſich auch nicht ein einziges zwiſchen den Schwimmern und dem Ufer. Die Mannſchaft eines dieſer leichten Fahrzeuge war eben mit dem Einziehen ihrer Netze fertig ge⸗ worden und hatte die Fahrt nach dem Strande an⸗ getreten. Der erſte Lieutenant machte ihnen ein Zei⸗ chen, daß ſie ſich nähern möchten. Die Neapolitaner, welche aus der Menge von Matroſen, welche auf dem Takelwerk und an den Seiten des Schiffes verſam⸗ melt waren, ſchloßen, daß etwas Außergewöhnliches 120 ſich ereignet habe, achteten nicht darauf, ſondern ſetz⸗ ten ihre Fahrt ruhig weiter fort. „Der Teufel hole dieſe feige Kerle,“ murmelte der Offizier. Zu allem Unſtern für die Mannſchaft vom Aga⸗ memnon nahm das kleine Schiff, als es endlich ein⸗ geholt wurde, eine ſolche Stellung ein, daß ſie ihr eigenes Boot nicht mehr ſehen konnten. Es blieb alſo nichts übrig, als ſich zu gedulden. Die Pein der Ungewißheit mußte ertragen werden. Die Matroſen ſind im Allgemeinen von Natur aus nichts weniger als unverſöhnlich und doch wur⸗ den ſie dießmal durch den Ausdruck des Jammers, der für jedes Auge in den Geſichtszügen ihres Kom⸗ mandanten bemertlich war, durchaus nicht gerührt. Ihre ganze Theilnahme war ſeinem wackern Sohn und ihrem alten Kameraden zugewendet; ja mit einem rohen, aber keineswegs unnatürlichen Gerech⸗ tigkeitsgefühl betrachteten ſie die Gewiſſensbiſſe und die Todesangſt des Vaters als eine gerechte Strafe für ſeine Grauſamkeit. „Wenn man daran denkt, den alten Spears peitſchen laſſen zu wollen!“ ſagte der alte Spunyarn zu dem Gehilfen des Hochbootsmeiſters,„eine ſo kräftige Hand, als je eine an einem Seil gezerrt hat.“ „Ja ja!“ riefen die Leute, die ſich um ihn ver⸗ ſammelt hatten. „Jack hatte Recht,“ bemerkte ein anderer;„der ſagte immer, der Patron ſei verrückt.“ „Ich wollte, ich dürfte ihn kuriren; ſonſt nichts,“ fügté ein Dritter bei. Aus dieſen und ähnlichen Bemerkungen ging klar 121 hervor, daß die Bande der Disciplin bedeutend ge⸗ lockert waren. Es wurde Befehl ertheilt, die Boote wieder in Stand zu ſetzen und ein Theil der Mann⸗ ſchaft machte ſich an dieſes Geſchäft. Kapitän Brondreth hatte ſich in ſeine Kajüte zurückgezogen, eine Beute ſeiner Selbſtvorwürfe, die ihm keine Ruhe ließen und ihn faſt an den Rand der Verzweiflung brachten. Zuweilen kam es ihm vor, als wenn der Auftritt, der ſich ſo eben ereignet hatte, nur ein Traum wäre. Er war zu gräßlich, um wahr ſein zu können und er eilte nach der Treppenleiter, als wenn er ſich hätte überzeugen wollen, ob dieß der Fall ſei. Am Fuße derſelben blieb er aber ſtehen, und mit einem Seufzer des Jammers kehrte er wieder um. „Herz, Herz!“ murmelte er, die geballte Hand auf ſeine Bruſt ſchlagend,„das iſt die Folge deines Stolzes und deiner Hartnäckigkeit! Ich habe nur auf meine Leidenſchaft eh und dieſe die Stimme der Vernunft genannt; habe jedes natürliche Gefühl erſtickt und Gefühlloſigkeit mit Philoſophie bezeichnet. Herz!“ wiederholte er;„es gibt kein ſolches Ding, ſonſt würde das meinige brechen. „Sein Blick— ſein letzter vorwurfsvoller Blick, wird mich mein ganzes Leben hindurch verfolgen, mich auf meinem Todtenbette anſtarren, die Worte der Reue auf meinen Lippen verhöhnen, mir die Pforten des Himmels verſperren. Mein Sohn, mein edelgeſinnter Sohn, wenn ich nur für Dich geſtorben wäre. „In welcher gräßlichen Täuſchung lebt der Menſch,“ fuhr er n„er iſt im Widerſpruch mit 122 ſich ſelbſt, ja noch ſchlimmer, er iſt eine Lüge, eine lebende, handelnde Lüge! Ich widerſtand der Ueber⸗ zeugung und nannte meine Hartnäckigkeit Feſtigkeit, hegte Verdacht anſtatt Vertrauen; handelte wie ein Nero und nannte mich einen Spartaner. Gott!“ ſetzte er hinzu,„als welche Ungeheuer erſcheinen wir, wenn die Maske fällt, die uns vor uns ſelbſt verbirgt.“ Dieſe und ähnliche Gedanken wurden endlich durch ein ſanftes Pochen an die Thüre ſeiner Cajüte unterbrochen. „Man ſoll mich teinen Heuchler nennen,“ ſprach er, die Thränen von ſeinen geſchwollenen Augen abwiſchend.„Ich will bis zum letzten Augenblick conſequent bleiben.“ Das Pochen wiederholte ſich. „Herein!“ rief er. Der erſte Lieutenant vermochte einen Ausdruck des Erſtaunens nicht zu unterdrücken, als er die Weränderung bemerkte, welche wenige Stunden in dem Ausſehen ſeines ſtrengen Befehlshabers bewerk⸗ ſtelligt hatten. Sie hatten das Werk von Jahren verrichtet, die Linien auf ſeiner Stirne vertieft und das Feuer ſeines Blickes ausgelöſcht. Nur mit einiger Anſtrengung vermochte der Ka⸗ pitän ſich aufrecht zu erhalten. „Iſt das Boot zurückgekehrt?“ fragte er. „Ja, Kapitän Brandreth.“ Das Schweigen ſeines Offiziers gab ihm hier⸗ auf Antwort. „Ich vermuthete es;— die Schwimmer hatten einen zu großen Vorſprung und müſſen das Ufer erreicht haben, ehe man ſie einholen konnte.“ 123 „Wahrſcheinlich war es ſo, Kapitän.“ „Es unterliegt dieß keinem Zweifel,“ verſetzte der unglückliche Mann gereizt.„Obgleich meine perſönlichen Gefühle auf's tiefſte verletzt ſind, darf ich doch meine Amtspflicht(bei dieſen Worten lä⸗ chelte er bitter) nicht vergeſſen. Die Disciplin ſoll auf dem Schiffe, ſo lange ich deſſen Commando führe, aufrecht erhalten werden. Sie werden eine genaue Unterſuchung anſtellen, Mr. Ponſonby, und die Rädelsführer der Meuterei in Ketten legen laſſen.“ z Der erſte Lieutenant wiederholte mechaniſch das ort. „Wie können Sie die Leute anders bezeichnen, welche die Ruder der Boote verſteckten und es da⸗ durch unmöglich machten, dieſelben in dem Augen⸗ blicke zu gebrauchen, in welchem man ſie am nöthig⸗ ſten hatte?“ „Allerdings, Kapitän Brandreth; Sie wiſſen dieß am Beſten.“ „Iſt meine Barke herabgelaſſen worden?“ „Ja.“ „Laſſen Sie ſie bemannen; ich beabſichtige an's Land zu gehen. Suchen Sie die Leute aus, auf die Sie ſich am meiſten verlaſſen können und mer⸗ ken Sie wohl, Mr. Ponſonby, keinen Urlaub für einen von der Mannſchaft oder von den Offizieren.“ „Haben Sie noch weitere Befehle, Kapitän Brandreth?“ „Für jetzt keine.“ Als der Befehlshaber des Agamemnon auf dem Verdeck erſchien, war manches neugierige Auge auf ihn gerichtet; obgleich aber Jedermann den Wechſel 124 bemerkte, ſo vermochte doch Niemand den wahren Grund zu errathen. Gleich einer Maske von Eiſen war ſein Geſicht unbeweglich. „Nun, Carruthers,“ ſprach er,„was wollen Sie? Ich bin etwas preſſirt.“ „Ponſonby ſagte mir, daß es keinem Offizier geſtattet ſei, das Schiff zu verlaſſen.“ „So lautet mein Befehl.“ „Erlauben Sie mir, Ihnen gehorſamſt die In⸗ ſtructionen Seiner Excellenz in's Gedächtniß zu rufen, Kapitän Brandreth,“ ſagte der Doktor,„denen zu Folge ich im Laufe des Tages Rapport über den Zuſtand meines Patienten abzuſtatten habe.“ „Ich habe dieß nicht vergeſſen.“ „Dann habe ich nichts beizufügen, Kapitän Brandreth.“ Der Doctor langte mit der gebräuchlichen For⸗ malität an ſeine Mütze und ging weg. „Ponſonby,“ ſagte der Kommandant,„der Be⸗ fehl, daß kein Offizier bis zu meiner Rückkehr das Schiff verlaſſen dürfe, findet auf Doktor Carruthers keine Anwendung.“ Der erſte Lieutenant langte an den Hut und der Soldat an der Laufblanke präſentirte das Ge⸗ wehr, als der Vater unſeres Helden in ſeine Barke hinabſtieg. „Auf was warten Sie?“ fragte er barſch. „Auf Befehl, Euer Ehren,“ verſetzte der Scha⸗ luppeoffizier. Der Mann von Eiſen wagte nicht zu ſprechen ſondern deutete ſchweigend nach der Richtung, in —— —————————— lichkeit,— ſie iſt zugleich Schwert und Schild. Die⸗ 125 welcher Jack Spears und Oliver zuletzt geſehen wor⸗ den waren. Unmittelbar darauf durchſtach die Barke die Bucht. „Er iſt fort, um ſeinen Sohn aufzuſuchen,“ be⸗ merkte Tom, der nebſt einigen Andern von der Mannſchaft Befehl erhalten hatte, den Schaden aus⸗ zubeſſern, der an dem Takelwerk geſchehen war, als man die Boote gekappt hatte. „Es wird eine lange Jagd ſein, armer Menſch,“ bemerkte einer von den Leuten. „Vis auf den Meeresgrund hinunter wahrſchein⸗ lich,“ fügte ein Zweiter bei. Ein Dritter wünſchte, daß der Patron die Reiſe dahin antreten und daſelbſt bleiben möchte. „Ein ſchlechtes Stück Arbeit,“ rief Tom aus. „Wie der arme Jack zu ſagen pflegte, er muß ver⸗ rückt worden ſein; ehemals war er ein guter Kapi⸗ tän. Aber es iſt nicht mehr an Bord des Ag⸗ gymemnon wie ſonſt.“ Fünfundfünfzigſtes Kapitel. Lord Dalville war einer jener Charaktere, wie man ſie ſelten in der Welt trifft, welche niemals mit der Pflicht ſich abfinden. Gäbe es viele ſolcher Menſchen, wie leicht würden dann die Beziehungen des Lebens werden. Nichts iſt einfacher als Recht⸗ 126 jenigen, welche ſie üben, treffen zuweilen auf Um⸗ ſtände, welche ihre beſten Bemühungen vereiteln, aber ſie haben wenigſtens die Genugthuung, daß man ſie reſpektirt. „Thue Deine Pflicht, mag dann kommen was will,“ iſt ein edlerer Wahlſpruch, als ihn irgend ein König oder die Feder des Waffenheroldes auszu⸗ ſtellen vermag. In der Ueberzeugung, daß Philipp unter der britiſchen Flagge jetzt in völliger Sicherheit ſei, be⸗ gab ſich der Lord in das Schloß, in der Abſicht, eine Audienz bei König Ferdinand nachzuſuchen. Italien befand ſich in jener Zeit in einem zu fieber⸗ haften Zuſtand, als daß der Repräſentant von Eng⸗ land eine Abweiſung zu fürchten gehabt hätte. Der politiſche Sturm war zwar beſänftigt, aber noch nicht gänzlich vorübergezogen; die Wolken konnten ſi wieder ſammeln und der zweite Ausbruch gefährlicher werden als der erſte. Der Geſandte wurde daher auf die huldvollſte Weiſe aufgenommen. Es lag ein Ausdruck perſön⸗ lichen Intereſſes in den ſchmeichelhaften Worten, mit welchen der König ſich nach der Geſundheit der Gräfin erkundigte. Die Königin bedauert ihre Abweſenheit vom Hofe,“ bemerkte er.„Ihre Majeſtät iſt nie befrie⸗ digter, als wenn Ihre Gemahlin ſich in ihrem ge⸗ wählten kleinen Kreiſe befindet.“ Der Lord verbeugte ſich tief genug, um das Lächeln zu verbergen, das bei dieſer unaufrichtigen Aeußerung unwilltürlich um ſeine Lippen ſpielte. Er kannte den wahren Werth der Münze, in welcher 127 Seine neapolitaniſche Majeſtät ſeine Komplimente auszahlte und machte ſich gefaßt, ihm mit derſelben Währung zu dienen. „Lady Dalville fühlt ſich hochgeehrt, Sire, durch einen ſo ausgezeichneten Beweis des königlichen Wohlwollens. Ihre leidende Geſundheit allein be⸗ raubt ſie des Glückes, nicht häufiger ihre reſpekts⸗ volle Huldigung bezeigen zu können.“ „So ſehr Wir ihre Abweſenheit bedauern, My⸗ lord, ſo bedauern Wir noch mehr den Grund da⸗ von,“ verſetzte Ferdinand, überzeugt, durch dieſe ſchmeichelhaften Beweiſe des Intereſſes den Mann in Sicherheit zu wiegen, den er nicht zu entwaffnen vermochte. Der Polizeiminiſter hatte ihm bereits die Flucht des Gefangenen gemeldet und er gab ſich deßhalb keiner Täuſchung hinſichtlich des Zwecks des Beſuchs des Geſandten hin. „Sire,“ ſagte der Earl, zu ſeiner ganzen Höhe ſich aufrichtend,„eine Handlung ſchändlicher Unge⸗ rechtigkeit iſt an der Perſon eines britiſchen Unter⸗ thanen, Namens Blandford, eines jungen Englän⸗ länders begangen worden, der ohne Kenntniß des Geſetzes die Staaten Eurer Majeſtät unter einem angenommenen Namen betreten hat, und deßhalb in geheimen Gewahrſam in die Gefängniſſe von Bel Reſpiro gebracht worden iſt.“ „Unmöglich!“ rief Ferdinand mit wohlgelungenem Erſtaunen. „Wäre ein Zweifel über dieſen Punkt vorhanden, Sire,“ erwiderte der Geſandte,„ſo hätte ich mir nicht erlaubt, um eine Audienz in der Abſicht nach⸗ 128 zuſuchen, eine reſpectsvolle Vorſtellung bei Eurer Majeſtät deßhalb zu machen.“ Bei dem Worte„Vorſtellung“ runzelte der König die Stirne. „Das Verfahren iſt außergewöhnlich, Mylord,“ bemerkte er mit merklicher Betonung des Wortes, „doch wollen wir darüber weggehen. Wenn ein Irr⸗ thum vorgefallen iſt, ſo ſoll er gut gemacht werden. Sie würden am Beſten daran thun, Falconet ſogleich aufzuſuchen.“ „Entſchuldigen Sie, Sire, aber ich kann mit einem Miniſter nicht verhandeln, der nicht nur mich, ſondern, was noch viel ſchlimmer iſt, ſeinen Sou⸗ verain belogen hat. Vertrüge ſich dieß mit der Stellung, in der zu befinden ich die Ehre habe, ſo würde ich mir nicht erlaubt haben, mich perſönlich an Eure Majeſtät zu wenden.⸗ „Wenn die Angabe, die Eure Excellenz mir ge⸗ macht hat, ſich als richtig erweist,“ ſagte der König, „ſo werde ich Befehl ertheilen, daß der Gefangene augenblicklich in Freiheit geſetzt wird.“ „Er befindet ſich bereits in Freiheit, Sire,“ ant⸗ wortete Lord Dalville ruhig. „Auf welche Weiſe?“ „Und ſteht jetzt unter dem Schutze der britiſchen Flagge.“ „Wir ſind Eurer Lordſchaft ſehr verbunden,“ be⸗ merkte Ferdinand finſter,„daß Sie die Polizei Un⸗ ſeres Königreichs übernehmen.“ „Ich hatte nichts mit ſeiner Flucht zu ſchaffen, welche durch die Hingebung ſeiner Freunde ausge führt wurde; ja ich wußte ſogar nicht einmal etwas 129 von dem Unmſtande, daß er an Bord des Agamem⸗ non ſich befindet. Hätte ich Beweiſe von ſeiner Ein⸗ kerkerung gehabt, ſo wäre mir die ſchmerzliche Pflicht zugefallen, ſeine Freigebung zu verlangen.“ Der König beider Sicilien heftete die Augen auf den kühnen Sprecher und wiederholte langſam das ort„verlangen.“ „Natürlicher Weiſe nach vorheriger Bezahlung der Geldbuße,“ fügte der Gefandte hinzu,—„der ein⸗ zigen Strafe, welche die Geſetze des Königreichs auf ein ſolches Vergehen ſetzen.“ „Da, wie Sie ſagen, Mylord, der junge Mann unter dem Schutz der britiſchen Flagge ſich befindet, ſo weiß ich eigentlich nicht, welchen Zweck dieſe Au⸗ dienz haben ſoll.“ „Er iſt krank, Sire.“ „Ach! Wahrhaftig.“* „Die peſtilenzialiſche Atmosphäre von Bel Re⸗ ſpiro hat das ihrige gethan. Sein Arzt hat erklärt, es ſei unumgänglich nothwendig, daß er ans Land geſchafft werde. Ich möchte deßhalb um die poſitive Zuſicherung bitten, daß er nicht abermals von Sig⸗ nore Falconet oder deſſen Untergebenen beläſtigt werde.“ „Dieß geht allein die Polizei an,“ bemerkte der König in gleichgültigem Tone. „Eure Majeſtät wird verzeihen, wenn ich die Anſicht auszuſprechen wage, daß es etwas mehr iſt. enn die Befürchtungen des Arztes ſich verwirklichen, und Mr. Blandford an ben Folgen ſeiner ungeſetz⸗ lichen Einkerkerung in einem Gefängniß, das nur für die ſchlimmſten Verbrecher beſtimmt iſt, ſterben ſollte, Smith, Milly Mohne. WW. 9 130 ſo könnte dieß zu ſchweren Verwicklungen führen. Er iſt der Erbe eines großen Vermögens; ſeine Freunde in England haben mächtigen Einfluß; der Preſſe dürfte nichts Erwünſchteres kommen, als eine ſolche Veran⸗ laſſung, um die öffentliche Meinung feindlich ſtimmen zu können.“ „Ich muß nochmals Eure Excellenz an Falconet verweiſen,“ unterbrach ihn Ferdinand ungeduldig. „Und ich muß jede Communication mit dieſem reſpectvoll ablehnen,“ verſetzte der Earl, der während der Audienz ſorgfältig jede äußere Form der ſchul⸗ digen Ehrerbietung beobachtet hatte. „Ich habe meine Pflicht erfüllt, Sire, und bitte Sie zu glauben, daß dieſelbe peinlich war. „Könnte ich,“ ſetzte er, die Augen feſt auf die des Monarchen gerichtet, hinzu,„d urch bloßes Biegen des kleinen Fingers den Chef der Polizei veränlaſſen, die einzige Genugthuung zu lei⸗ ſten, die er für die von ihm begangene Gewaltthat zu geben im Stande iſt, ſo würde ich mich nicht ſo weit erniedrigen, dieß zu thun und folglich noch viel weniger, in irgend eine officielle Correſpondenz mit ihm treten.“ Das Geſicht Seiner neapolitaniſchen Majeſtät wurde bis unter die Schläfe roth. Das Zeichen, durch welches er dem leichtfertigen Miniſter zu ver⸗ ſtehen gegeben hatte, jede Kenntniß von dem Gefan⸗ genen zu läugnen, war verſtanden worden und Fer⸗ dinand ſelbſt erſchien in dem unwürdigen Licht eines Mitſchuldigen und Anſtifters der Lüge, durch welche verſucht worden war, den Vertreter einer befreundeten Macht zu hintergehen. 131 In gewohnter Weiſe ſprach er von den Schwie⸗ rigkeiten ſeiner Lage und ſuchte auf dieſe Weiſe ſich aus dieſer unangenehmen Verlegenheit zu ziehen. „Am Ende war es doch vielleicht das Beſte,“ rief er mit gekünſtelter Offenheit,„daß Eure Excellenz die Sache zu meiner perſönlichen Cognition brachte. Das Vergehen Ihres jungen Landsmannes iſt kei⸗ neswegs ernſter Art.“ Der Earl verbeugte ſich. „Innerhalb einer Stunde ſollen Sie die ver⸗ langte Zuſicherung erhalten, die Wir eben ſo ſehr als einen Beweis Unſerer perſönlichen Hochachtung für Eure Lordſchaft, als in Folge Ihrer Reclamation zu gewähren Uns veranlaßt finden.“ Die Sache war gewonnen, das königliche Wort gegeben und der unbeugſame Repräſentant Englands zufrieden geſtellt. Dießmal wenigſtens wagte es, ſeiner Ueberzeugung nach, der König nicht, ihn zu täuſchen und ſo ent⸗ fernte er ſich unter den üblichen Verbeugungen aus dem Audienzgemach. Bei ſeiner Ankunft auf der Villa fand der Lord den Major Henderſon und Kapitän Brandreth vor, welche beide ſeine Rücktehr mit Ungeduld erwarteten. Dem Letztern war es nicht geglückt, ſeinen Sohn aufzufinden. Es war jammervoll, das hoffnungsloſe Elend, das auf dem Geſicht des unglücklichen Mannes ge⸗ ſchrieben ſtand, anzuſehen, mochte man auch ſonſt noch ſo ſtreng urtheilen. Gewiſſensbiſſe, die bitter⸗ ſten Selbſtvorwürfe hatten bereits unſern Helden für den ungerechten Verdacht ſeines Vaters gerächt. Es 9 132 ſchien, als wenn die Schuppen, welche bisher ſein geiſtiges Geſicht bedeckt hatten, plötzlich gefallen wä⸗ ren und Oliver's Charakter in ſeiner ganzen Wahr⸗ haftigkeit und Männlichkeit enthüllt hätten. Es iſt etwas Entſetzliches, das Herz, das wir verletzt haben, erſt dann zu erkennen, wenn es zu ſpät iſt. „Mein Sohn!“ rief er aus,„iſt er in Sicher⸗ heit? Haben Sie Nachricht von ihm erhalten?“ „Keine,“ verſetzte der Earl mit peinlichem Erſtau⸗ nen.„Er begleitete mich heute Morgen an Bord Ihres Schiffes und blieb daſelbſt. Ich ließ ihn bei ſeinem Freunde Philipp. Gewiß konnte ihn auf einem Schiffe unter britiſcher Flagge, kommandirt von ſei⸗ nem eigenen Vater, keine Gefahr erreichen.“ Kapitän Brandreth ſtöhnte bei dieſem unabſicht⸗ lichen Vorwurf. Mit wenigen eilig geflüſterten Worten unterrich⸗ tete Major Henderſon den Earl von dem, was ſich zugetragen hatte. Mitleid mit dem Schickſal unſeres Helden und Unwille über das unnatürliche Benehmen ſeines Va⸗ ters waren die erſten Empfindungen des Earls. „Armer Oliver!“ murmelte er,„ſo edel, ſo hin⸗ gebend, ſo wacker! durch ſeinen eigenen Vater ge⸗ opfert.“ „Einem wahnſinnigen Argwohn, der ſein Daſein verbittert,“ ſtöhnte der reuevolle Mann;„und doch habe ich nicht einmal die Entſchuldigung des Wahn⸗ finns für mich, denn mit teufliſchem, ſelbſtquäleriſchem Scharfſinn wog ich jede Handlung ſeines Lebens ab, um ſie zu verzerren und zu vertleinern. Wäre ein noch am Leben iſt,“ bemerkte 133 ſolches abſcheuliches Gefühl in menſchlicher Bruſt mög⸗ lich, ſo würde ich glauben, mein Wunſch habe mein Urtheil geleitet. Aber ich bin beſtraft,“ fügte er bei —„gerecht beſtraft. Mein Opfer hat ſelbſt das Ur⸗ theil geſprochen. Ich bin ein kinderloſer Mann.“ „Ich will die Hoffnung nicht aufgeben, daß er der Major;„ein ſo gewandter Schwimmer! die Entfernung betrug ja nicht mehr als zwei Meilen.“ „Ich ließ mich rund um die ganze Bai rudern,“ verſetzte der Kommandant des Agamemnon,„landete an jedem Punkte; bot Belohnungen, womit man halb Neapel hätte beſtechen können, ohne aber irgend eine Nachricht, weder von meinem Sohn, noch von deſſen Schickſalsgefährten erhalten zu können.“ „Sie können durch die zurücktretende Fluth in die See hinausgeführt und von einem der zahlrei⸗ chen Fiſcherboote aufgefangen worden ſein,“ bemerkte Lord Dalville. Es war dieß die letzte Hoffnung und ſomit kein Wunder, daß der von ſeinem Gewiſſen geplagte Va⸗ ter ſich daran anklammerte, wie der ſchiffbrüchige Matroſe ſich an dem Brett feſthält, das ihn vom Untergange retten ſoll. Am Eingang der Bucht von Neapel liegen meh⸗ rere kleine Inſeln, die meiſtens nur von Fiſchern und deren Familien bewohnt ſind. Es iſt dieß ein wil⸗ des, nur halb civiliſirtes Volk, das mit dem Feſt⸗ land keinen weitern Verkehr, als durch den Verkauf ſeiner Fiſche hat. Dieſe Eilande beſchloß der Kapi⸗ tän zu beſuchen, und von Seiner Ercellenz und dem 134 Major ſich verabſchiedend, begab er ſich an Bord, um die nöthigen Anſtalten zu treffen. „Ich bemitleide ihn von ganzer Seele,“ rief der Letztere.„Es gibt ein Verhängniß in dem Beneh⸗ men mancher Menſchen, das dieſelben zwingt, die Schöpfer ihres eigenen Elends zu werden. Ich kenne Brandreth von ſeiner Kindheit an: die Ehre war ſein Götzenbild, das er mit heidniſcher Verehrung anbetete; aber das letzte Opfer hat ſeinem Glück den Todesſtoß verſetzt.“ „Ich vermag ihn nicht zu begreifen,“ bemerkte der Carl;„ich halte ihn für verrückt.“ „Der Mann, der nur eine Idee verfolgt, wird häufig ſo bezeichnet,“ verſetzte Major Henderſon. „Der arme Menſch! ſeine Lebensgeſchichte iſt ſehr traurig.“ „Wenn Sie durch eine Mittheilung derſelben kein Ihnen geſchenktes Vertrauen verletzen, ſo möchte ich ſie wohl hören,“ bemerkte der Lord. „Nicht im Mindeſten, Mylord. Die Sache machte ihrer Zeit großes Aufſehen und wurde zu publik, als daß ſie vergeſſen werden könnte.“ „Ich vermag nun den Verlauf der Geiſteskrank⸗ heit des Kapitän Brandreth zu verfolgen,“ bemerkte der Lord als der Major mit ſeiner Erzählung zu Ende war.„Im Punkte der Ehre im höchſten Grade empfindlich, beſtand er darauf, daß das große Ver⸗ mögen ſeiner Gattin in deren Händen bleibe, damit die Welt nicht glaube, Geldintereſſen ſeien bei ſeiner Vermählung im Spiele geweſen. Aus derſelben über⸗ triebenen Aengſtlichkeit vor deren Meinung trennte er ſich von ſeiner Gattin in dem Augenblicke, in wel⸗ 135 chem ſeine Pflicht verlangt hätte, daß er ſie ſtütze. Wie er an der Mutter zweifelte, ſo zweifelte er an dem Sohne. Er hat das Glück des Lebens wegge⸗ um einem Schatten nachzulaufen, der ihn irre eitete. „Wie Viele von uns,“ ſetzte er emphatiſch hinzu, „werden zu ſpät weiſe!“ Sobald Milly den gefährlichen Zuſtand Philipp's erfuhr, ſchlug ſie gleich vor, man möchte ihn nach der Villa bringen,— ein Wunſch, welchen ihr Ge⸗ mahl mit ſeinem gewohnten Wohlwollen ſogleich billigte, und die er auch noch denſelben Tag ohne die Einſprache des Doctor Carruthers hätte aus⸗ führen laſſen. So verfloß beinahe eine Woche, ehe der geſchickte Arzt zu dieſer Veränderung ſeine Zu⸗ ſtimmung gab, ſo ſehr hatte das Fieber die Kräfte ſeines Patienten erſchöpft. Zwei Namen ſchwebten beſtändig auf ſeinen Lip⸗ pen— Bianca und Oliver. Diejenigen, welche ihn pflegten, unterdrückten nur mit Mühe ihre Empfindungen, obgleich es um des Patienten willen durchaus nothwendig war, ihm die traurige Wahrheit vorzuenthalten; denn es ließ ſich vernünftigerweiſe nicht mehr am Tode unſeres Hel⸗ den und Jack Spears zweifeln. Verlockt durch die große Belohnung, welche Ka⸗ pitän Brandreth ausgeſetzt, hatten zwei Fiſcher von einer der benachbarten Inſeln am Bord des Aga⸗ memnon die Kleider gebracht, welchen man deren Leichnamen ausgezogen hatte, die ihrer Angabe nach an die Küſte geworfen und auf Befehl der Behörden in ungelöſchten Kalk begraben worden waren. 136 In den Taſchen befanden ſich ein Meſſer und ein Tabaksbeutel, die dem alten Matroſen gehört hatten und ein Brief des Majors an Philipp. Von dem Augenblicke an, in welchem der un⸗ glückliche Vater die Beweiſe ſeines Verluſtes in Händen hatte, ſah man ihn nicht mehr lächeln. Er kam zwar wie immer ſtreng ſeinen Pflichten auf dem Schiffe nach, ertheilte in ruhigem, geſammeltem Tone ſeine Befehle, aber allgemein konnte man bemerken, wie tief das Eiſen in ſein Innerſtes eingedrungen war; es war nicht mehr Reue allein, ſondern Ver⸗ zweiflung— das Siegel auf dem Grabe der Hoff⸗ nung. Die arme Milly hatte eine ſchwere Aufgabe zu erfüllen. Während ſie um den Verluſt ihres jungen Beſchützers, wie wenn er ihr Bruder geweſen wäre, trauerte, beantwortete ſie mit der wunderbaren Selbſtbeherrſchung, deren Frauen allein fähig ſind, die Nachfragen Philipp's nach ſeinem Freunde mit Lächeln. Er ſei von ſeinem Vater aus Neapel weggeſchickt worden, ſagte ſie ihm. Der Patient ſah ihr Auge thränenlos, war deß⸗ halb überzeugt und nahm täglich an Kraft zu. Ehe man Bianca den Zutritt zu ihrem Liebhaber geſtattete, hatte das ſchlichte Mädchen zuvor ihre Zunge in derſelben unſchuldigen Nothlüge geſchult. Es war daher kein Wunder, daß Philipp ſie glaubte. Die ſchändliche Handlung der Polizei und das einſichtsvolle Benehmen des Geſandten wurden ſchnell bei allen in Neapel wohnenden Engländern bekannt; das Gerücht übertrieb wie gewöhnlich den Thatbe⸗ 137 ſtand, der endlich auch der Lady Fairclough zu Ohren kam, deren Herz von Ratur nichts weniger als ſchlecht war. Die Hauptleidenſchaft, welche dieſelbe in An⸗ ſpruch genommen, hatte zwar die Liebe, die ſie einſt für ihren Sohn gehegt, unterdrückt, aber nicht aus⸗ gelöſcht, und dieſe Empfindung brach ſich jetzt um ſo heftiger Bahn, weil ſie ſo lange zurückgehalten worden war. „Du wußteſt dieß, Aubrey?“ rief ſie aus,— „wußteſt, daß mein Sohn krank— vielleicht ſterbend war— und hielteſt die Sache doch vor mir geheim.“ „Höre mich an,“ unterbrach ſie der Heuchler. „Ich habe nur zu häufig auf Dich gehört,“ verſetzte ſeine Gattin;„meinen ganzen Glauben auf Dein Wort geſetzt; wäre ich weniger leichtgläubig, weniger ſchwach geweſen, ſo würdeſt Du mich mehr geliebt haben.“ „Es liegt etwas Wahres darin!“ ſprach der Gatte in Gedanken zu ſich. „Ich gebe aber nicht zu, daß mein Sohn noch länger der Pflege von Fremden überlaſſen bleibt,“ fuhr ſie fort;„meine Stelle iſt an ſeiner Seite. Was muß Lady Dalville von mir denken?“ Der Baronet wiederholte langſam dieſen Namen. „Ja, die Geſandtin. Ich habe ſchon ſo viel von ihr gehört— von ihrer Mildthätigkeit— ihrem Wohlwollen,— ganz Neapel iſt davon voll.“ „Haſt Du je die Lady geſehen?“ fragte Sir Vubrey. „Du weißt, daß dieß nicht der Fall iſt.“ „So rathe ich Dir um Deines Seelenfriedens willen, ſie zu meiden,“ verſetzte der Wüſtling. 138 „Ich verſtehe Dich nicht. Dieß iſt eine neue Ausflucht, mit der Du mich von meiner Pflicht ab⸗ wendig zu machen ſuchſt.“ „So muß ich alſo deutlich ſprechen,“ bemerkte Sir Aubrey.„Vergiß aber nicht, daß Du mich dazu gezwungen haſt, um mein Betragen zu recht⸗ fertigen. „Frage Dich ſelbſt, ob es ein Weſen in der Welt gibt, deſſen Anblick Dir das Herz brechen, deſſen Begegnung Deine Seele mit Bitterkeit erfüllen und Dir die heftigſte Eiferſucht einflößen würde?“ „Du weißt genau, daß es ein ſolches gibt,“ ver⸗ ſetzte Lady Fairckough vor innerer Bewegung zitternd. „Dann meide das Zuſammentreffen mit Lady Dalville.“ „Du wirſt damit doch nicht ſagen wollen,“ rief die eiferſüchtige Gattin aus,„daß die Gemahlin eines der ſtolzeſten Pairs von England, des Repräſentan⸗ ten ſeines Souveräns, die— die— Sprich— ſprich — meine Zunge würde verdorren, wenn ich deren Namen nennte.“ „Milly iſt— Du haſt es errathen!“ „Hier!“ ſtöhnte Lady Faircloug)—„hier in Neapel, die Atmoſphäre vergiftend, die ich ein⸗ athme, und mich ließ man über ihre Anweſenheit in Unwiſſenheit? Das iſt alſo der Grund, daß Du unter dem Vorwande der Vorſorge für meine Ge⸗ ſundheit mich überredet haſt, den Hof und die Ge⸗ ſellſchaft zu meiden. Heuchler— ich ſehe jetzt klar! Damit Du ungeſtört Deiner Leidenſchaft für die Buhlerin fröhnen könnteſt! Aber ich will ſie treffen,“ ſetzte ſie feſt hinzu—„ſie an den Pranger ſtellen 139 und ihr Trotz bieten. Aubrey, Aubrey,“ fuhr ſie u viſt dieß der Lohn für meine Sünde und mein er pheberwälligt von der Heftigkeit ihrer Gemüths⸗ bewegung warf ſich die unglückliche Frau in einen Stuhl und weinte heftig. Ihr Schluchzen beunruhigten das Kind, das während der Unterredung auf dem Balcon geſpielt hatte, ſo daß es herbeigelaufen kam und ſeine kleine Arme um ihren Nacken geſchlungen hätte, wenn ſie es nicht ungeſtüm weggeſtoßen hätte. Der Baronet ſchellte zweimal. „Nehmen Sie Ihren Zögling weg,“ ſprach er zu der Amme, die auf dieſes Zeichen erſchien,— Lady fühlt ſich unwohl; der Knabe iſt un⸗ ruhig. „Sie mögen nun ſelbſt erkennen,“ fuhr er fort, ſobald die Frau mit dem Kind ſich entfernt hatte, „weßhalb ich Philipp Blondfords Krankheit vor Ihnen geheim hielt. Uebrigens zweifle ich ſehr, daß dieſelbe ernſter Art iſt. In ſeiner gewohnten Unbedachtſamkeit ſetzte er ſich dadurch der Strenge des Geſetzes aus, daß er unter falſchem Namen reiste. Wenn es Ihnen Genugthuung gewährt, dieſe Stadt zu verlaſſen, ſo bin ich bereit, Sie zu be⸗ gleiten.“ „Sie möchten gerne meine Nebenbuhlerin ſchützen,“ verſetzte ſeine Gattin bitter;„aber nein, die Wahr⸗ heit ſoll bekannt werden, ganz Neapel ſoll ſie er⸗ fahren!— Der Earl von Dalville ſoll ſie zu hören bekommen, daß er die verlaſſene Maitreſſe des Sir Aubrey Fairclough geheirathet hat!“ 140 „Er weiß es bereits.“ Die Lady ſah ihn mit ungläubigem Blicke an. „Wie die Meiſten Deines Geſchlechts,“ fuhr ihr Gatte fort,„biſt Du erfinderiſch in der Kunſt der Selbſtquälerei. Warum begnügſt Du Dich nicht damit, ſie zu haſſen? Warum willſt Du mich auch noch zwingen, ſie zu achten?“ „Sie achten!“ wiederholte die zornige Frau in verächtlichem Tone,„das iſt zu viel für menſchliche Geduld. Du ſpotteſt meiner Schwäche. Sieh zu, daß ſie ſich nicht in Stärke verwandelt! Sie achten? Nicht einmal Deine Sophiſterei kann dieſes Wunder bewirken.“ „Du weißt, daß ſie von Zigeunern abſtammt,“ bemerkte der Heuchler, ohne die Heftigkeit ſeiner Gattin zu beachten.„Als ich Milly zum erſtenmal ſah, war ſie eben ſo wild, unwiſſend, ungebildet, als die Menſchen, unter denen ſie aufgezogen worden war, und hatte keinen Begriff von den Geſetzen und Gewohnheiten der Häuſerbewohner. Ich will Dich nicht mit der Beſchreibung der Kunſtgriffe quälen, durch welche ich ſie aus den Zelten ihres Stammes weg⸗ lockte,— es genüge, daß es durch dieſelbe gelang; aber ehe ſie einwilligte, war ein Papier— eine Art von Contract unterzeichnet worden, was ſie für eine Vermählung hielt.“ „Ich ſehe, ich ſehe!“ murmelte Lady Fairclough, „Du liebſt ſie noch immer.“ „Ich haſſe ſie,“ verſetzte ihr Gemahl mit feſter Betonung.„Sie hat mich durch ihre kalte Gering⸗ ſchätzung und ſtolze Verachtung gedemüthigt. Du wirſt ſagen, ich verdiene dieß. Vielleicht iſt es ſo, 141 aber es ſchmerzte mich deßhalb nicht weniger tief. Zwiſchen mir und Lord Dalville hat eine Ausein⸗ anderſetzung Statt gefunden, und die Vergangenheit iſt, ſoweit ich wenigſtens dabei betheiligt bin, in Vergeſſenheit begraben.“ Seine Gemahlin ſah ihn einen Augenblick er⸗ ſtaunt an.„Iſt es möglich,“ fragte ſie ſich,„daß dieſer Mann ein Feigling iſt?“ „Das iſt lächerlich!“ ſagte der Baronet, der ihre Gedanken errieth;„ich will aber ſelbſt dieſen Zweifel löſen. In den letzten Tagen hat das Spiel des Lebens ſich geändert. Es liegt mir jetzt eben ſo viel daran, mich in den Augen der Welt zu erheben, als ich früher gleichgültig gegen deren Urtheil war. „So, es hat ſich geändert,“ wiederholte Lady Fairclough. „Wir haben einen Sohn.“ Seine Gemahlin ſchauderte. „Seine Geburt,“ fuhr er fort, ohne dieſe Be⸗ wegung zu beachten,„hat meinen nächſten Verwand⸗ ten, Lord Alton Towers, der ſeit Jahren wegen meiner Thorheiten nichts von mir wiſſen wollte,— nennen Sie meinetwegen dieſelben Verbrechen— veranlaßt, ſeine Abſichten in Betreff meiner zu än⸗ dern. Ich habe einen Brief von ihm erhalten, in welchem er mir ſeinen Willen anzeigt, mich zu ſeinem Erben einzuſetzen. Du ſiehſt deßhalb, daß ein offen⸗ kundiger Streit mit einem Manne von Dalvilles Charakter in einem ſolchen Augenblicke meine In⸗ tereſſen ſehr gefährten könnte.“ „Ja, ja!“ antwortete Lady zerſtreut. „Uebrigens ſoll Milly ihrer Strafe nicht ent⸗ 142 gehen,“ ſagte ihr Gemahl.„Ich habe Hanway mit dem Auftrage nach England geſchickt, den Großvater der Zigeunerin hieher zu bringen; der alte Mann iſt meinem Intereſſe ergeben. Ich werde ihn ver⸗ anlaſſen, ſeine Verwandtſchaft mit ihr öffentlich zu proklamiren;— das Uebrige kannſt Du errathen.“ „Und wann erwarteſt Du ihn?“ „Täglich,— ſtündlich.“ „Das iſt eine armſelige Rache,“ bemerkte ſeine Gemahlin,„und doch iſt es eine Rache. Sie hat mein Glück zerſtört, weßhalb ſollte ich mich zu ihrer Rettung einmiſchen?“ „Ich frage allerdings weßhalb?“ ſprach der Ba⸗ ronet im Tone des Erſtaunens.„Sobald die Ent⸗ hüllung offenkundig geworden iſt, kehren wir nach England zurück. Iſt es Dir ſo recht?“ „Mir iſt jeder Ort recht,“ rief Lady Fairclough düſter,„der mich von Milly trennt.“ Am folgenden Tage trafen Hanway und Keelan in Neapel ein. Während der Reiſe hatte der Kam⸗ merdiener ſich ſchwer über die Vertraulichkeit geär⸗ gert, die ſich zwiſchen ſeinem Pflegebefohlenen und Randal entſponnen hatte. Der alte Mann merkte dieſes Unbehagen und es machte ihm innerlich Freude, daſſelbe zu vermehren. So aufgebracht aber auch Keelan über den Streich war, den man ihm geſpielt hatte, ſo ließ er doch entfernt nicht merken, daß er deßhalb dem Baronet zürne. Es lag im Gegentheil etwas Liebevolles in dem rohen Ausdruck ſeiner Freude, ihn wieder zu ſehen,— ein Gefühl, das aber keinesweges die Feindſchaft gegen den Diener ſchwächte, an dem er geſchworen hatte, ſich zu rächen. 143 Der Zigeuner war ganz der Mann dazu, ſeinen Eid zu halten. „Ruht einige Tage aus, um Euch von den Beſchwerden Eurer Reiſe zu erholen,“ ſagte Sir Aubrey,„dann wollen wir darüber ſprechen, weßhalb ich nach Euch geſchickt habe.“ „Sie ſind ein Schlaukopf,“ ſagte der alte Mann mit heiſerem Lachen,—„verſtehen es, wie der Fuchs die Fährte zu wechſeln, ungeſehen hinzugleiten wie eine Schlange, aber Sie können doch nichts thun ohne meine Hilfe.“ „Ihr wart mir in der That ſchon ſehr nützlich,“ bemerkte ſein Pflegeſohn,„und wenn Ihr mir die⸗ ſen letzten Dienſt geleiſtet habt, ſo will ich dafür ſorgen, daß Ihr den Reſt Eurer Lebenstage in Be⸗ haglichkeit hinbringen könnt.“ „Das muß aber in Ihrer Nähe ſein!“ rief Keelan haſtig,—„ganz in Ihrer Nähe! Ich möchte gern den Erfolg ſehen, zu dem ich mitgeholfen habe—“ „Das ſollt Ihr,“ lautete die Antwort. Es war merkwürdig, die plötzliche Anhänglichkeit zu beobachten, welche der Zigeuner für das Kind ſeines Gönners an den Tag legte; er folgte der Amme wie ihr Schatten, ſchien unruhig in ihrer Abweſenheit und bemühte ſich, den Knaben an ſich zu gewöhnen, indem er ihm alle mögliche Arten von Spielzeug verfertigte. Den zweiten Tag nach ſeiner Ankunft beſchäftigte ſich Keelan mit dem Kind im Hofe des Hotels, als Lady Fairclough in ihrem agen hereingefahren kam. „Wer iſt dieſer gräßlich ausſehende Menſch?“ fragte ſie. 144 Keelan warf ihr einen finſtern Blick zu. „Erzürnen Sie ihn nicht, Mylady,“ flüſterte die Amme,„er hat das böſe Auge.“ Ihre Herrin war nicht abergläubiſch und wieder⸗ holte deßhalb die Frage gegen Hanway, der zufällig in dieſem Augenblick vorüberging in einem noch ent⸗ ſchiedeneren Tone. „Wer ich bin?“ wiederholte der Gegenſtand ihrer Neugierde.„Fragen Sie Ihren Mann, vielleicht ſagt er es Ihnen. Soll ich Ihnen ſagen, was Sie ſind?— Die Frau eines Mannes, der nach nichts als nach Ihrem Gelde trachtet. Ha ha ha! Sie ſeufzen darüber. Ich ſehe gräßlich aus? Ich habe viel ſchönere Geſichter als das Ihrige geſehen. MRilly war ein Dutzend der Ihrigen werth.“ Mit einem zweiten finſtern Blick, der wo mög⸗ lich noch mehr ausdrückte, als der erſte, fuhr Kee⸗ lan fort, wieder mit dem Kinde zu ſpielen. Die Worte des alten Zigeuners hatten tief ein⸗ geſchnitten:„Der nach nichts als nach ihrem Gelde trachtet!“ Dieſelben Worte hatte ſie ſich ſchon oft ſelbſt geſagt. „Wäre nur Samba bei mir!“ murmelte ſie vor ſich hin,„dann hätte ich wenigſtens eine Freundin, auf die ich mich verlaſſen könnte.“ Aber die treue Negerin war weit entfernt. Und ihr Sohn— an dieſen wagte ſie gar nicht zu denken. An demſelben Abend, während des Ankleidens zum Mittageſſen, theilte der Baronet dem Kammer⸗ diener ſeine Abſicht mit, demnächſt nach England zurückkehren zu wollen. — 145 Hanway machte über dieſe Nachricht ein ſehr verdutztes Geſicht. „Nun, Sie werden doch endlich Ihrer Eroberung, der Jaquetta, überdrüſſig geworden ſein,“ rief ſein Herr lachend.„Iſt dieß nicht der Fall, ſo kann ſie uns begleiten.“ Merkwürdigerweiſe war Hanway ſeiner Erobe⸗ rung nichts weniger als überdrüſſig und das Mäd⸗ chen hatte einen unüberwindlichen Widerwillen gegen eine Seefahrt. Ueber jedes andere Bedenken wäre leicht hinwegzukommen geweſen. „Darum handelt es ſich nicht, Sir Aubrey.“ „Um was denn?“ „Um die Nothwendigkeit, Ihren Dienſt verlaſſen zu müſſen.“ Sein Herr ſah ihn erſtaunt an und gewahrte, daß er im Ernſte ſprach. „Ich beabſichtige mich hier niederzulaſſen,“ fuhr der Diener fort.„Ich habe mir in Ihrem Dienſte eine kleine Summe erſpart und hoffe, Sie werden Ihr Verſprechen, das Sie mir oft gaben, halten, für mich ſorgen zu wollen, wenn wir uns einmal trennen ſollten.“ „Aber es iſt ja bis jetzt noch zu keiner Trennung gekommen.“ 3 „Ich fürchte, daß es dahin kommen wird, Sir lubrey,“ verſetzte der Diener mit Entſchiedenheit. „Die Sache iſt die, daß ich mich feſt entſchloſſen habe, niemals mehr zu meiner Frau zurückzukehren. Sie beſitzt genug, um auch ohne meine Unterſtützung leben zu können.“ Smith, Milly Moyne. W. 102 146 „Und vermag denn kein Anerbieten von meiner Seite Ihren Entſchluß zu erſchüttern,“ ſagte ſein Herr. „Keines. Ich habe Jaquetta verſprochen, zu bleiben.“ „Sie haben mir treu gedient,“ verſetzte der Ba⸗ ronet,„ich werde mein Verſprechen halten; aber bei meinem Wort, Hanway, es thut mir leid, daß Sie mich verlaſſen wollen.“ Wir werden ſehen, auf welche Weiſe Sir Aubrey daſſelbe erfüllte. Sechsundfünfzigſtes Kapitel. Am folgenden Morgen fühlte ſich Hanway zu unwohl, um aufſtehen zu können. Sein Herr ſah ſich genöthigt, ohne ſeine Hilfe ſich anzukleiden. „Nun, was fehlt Ihnen denn?“ fragte Keelan, als er mit einer Taſſe Thee im Zimmer des Kranken erſchien.„Sir Aubrey iſt auf gutem Wege; er ſchwört, Sie ſeien liebeskrank.“ Ha! ha! ha! liebeskrank! Ha! ha! ha!“ „Mein Kopf brennt mich,“ ſtöhnte der Kammer⸗ diener. „Ihr Magen, wollen Sie ſagen! Das kommt aber daher, daß Sie den dünnen, ſauern Wein trin⸗ ken, anſtatt, wie ich, ſich an Branntwein zu halten⸗ Trinken Sie dieß hier,“ ſetzte der Zigeuner hinzu, indem er ihm die Schaale an den Mund hielt,„es wird Sie dieß bald zurecht bringen. Ich ſtehe dafür.“ bloß in der Abſicht 147 „Ich kann nicht,“ ſagte der Erſtere ſchaudernd; „es riecht ſo abſcheulich.“ „Ja ja,“ unterbrach ihn der alte Mann, mit Kennermiene den Kopf ſchüttelnd;„ich ſagte Ihnen ja, es ſei der Magen. Verſuchen Sie es nur.“ „Nehmen Sie es weg, es iſt Gift für mich.“ Obgleich dieß ohne jede Beziehung, ſondern i geäußert wurde, damit den Widerwillen gegen den wirklichen oder den vermeint⸗ lichen Geruch des Thee's auszudrücken, ſo blitzte es doch eigenthümlich in Keelans Auge, als er dem ranken neugierig in's Geſicht ſah. „Nun, wenn es Gift iſt,“ ſprach er,„ſo habe ich ſo eben eine gehörige Portion davon zum Früh⸗ ſtück zu mir genommen.“ „Unſinn!“ rief Hanway matt,„das wollte ich nicht damit ſagen; bei dieſen raſenden Schmerzen in meinem Kopf und in meinem Rücken weiß ich wahrhaftig kaum, was ich ſpreche. Ich wünſche nur, ich könnte ein wenig ſchlafen.“ Im Laufe des Tages verſchlimmerte ſich der Zuſtand des Kammerdieners ſo ſehr, daß der Ba⸗ ronet nach einem Arzte, einem ächten Jünger aus Sangrado's Schule ſchickte, der den Patienten für fieberkank erklärte, weßhalb er ihm zur Ader ließ. Während der Nacht wurde dieſes Mittel wieder⸗ holt angewendet. Sir Aubrey Fairclough bat den Doctor, keine Koſten zu ſcheuen, ſondern ſeine äußerſte Geſchicklich⸗ keit anzuwenden, um einen ſo geſchätzten Diener zu retten. Der Arzt verſicherte ihn, er wolle i⸗ 148 ſcheuen und als Beweis, wie ernſtlich er dieß meine, verordnete er Blaſenpflaſter und eine ungeheure Menge Medicin. „Was ſagt denn der Doctor, daß ihm fehle?“ fragte Keelan. „Fieber.“ „Fieber,“ wiederholte der alte Mann mit lautem Lachen;„der Narr, der Narr 12 Sein Pflegeſohn legte den Finger auf den Mund, zum Zeichen, wie nothwendig Vorſicht ſei, und eilte aus dem Zimmer. Der Zigeuner nahm ſeinen Sitz wieder ein. Alle Kellner des Hotels mieden ſorgfältig das Zimmer des Kranken. Diejenigen, welche an der Thüre vorüberzugehen genöthigt waren, hielten den Athem an ſich, oder machten das Zeichen des Kreuzes. Denn die Neapolitaner haben eine faſt kindiſche Angſt vor dem Tode, und doch gibt es kein Volk auf der Welt, das gegen ein Menſchenleben gleichgültiger iſt. Die Folge davon war, daß Hanway ganz der Pflege des Zigeuners und der, Behandlung des Arztes überlaſſen blieb, eines jener unwiſſenden Quackſalber, welche Goldani ſo ausgezeichnet ge⸗ geißelt hat. Wahrſcheinlich hatte Sir Aubrey Fair⸗ clough ſich gerade um ſeiner Unwiſſenheit willen an ihn gewendet. In Folge des fortgeſetzten Aderlaſſens, des Blaſenpflaſters auf dem Rücken und der großen Quantität Arznei, an welcher es der neapolitaniſche Aesculap, um nach des Baronets Befehle keine Ko⸗ ſten zu ſcheuen, nicht hatte fehlen laſſen, fühlte ſich der unglückliche Kammerdiener mit einbrechender Nacht in hohem Grade erſchöpft. Seine Schmerzen hatten 149 zwar aufgehört, dafür quälte ihn aber jetzt ein bren⸗ nender Durſt und er verlangte unaufhörlich nach Waſſer. So oft der alte Mann ihm den kühlenden Trank reichte, warf er das zerbröckelte Blatt einer hellgel⸗ ben Blume in das Glas. Er fühlte keine Gewiſſens⸗ biſſe, wenn er daſſelbe an die Lippen des Patienten hielt, denn zwiſchen ihm und den Häuſerbewohnern beſtand ſchon ſeit lange eine Todfeindſchaft. „Ich hoffe, es ſoll bald beſſer werden,“ murmelte Hanway,„die Schmerzen ſind faſt ganz von mir ge⸗ wichen und es plagt mich nur noch der Durſt.“ „Sie können ſich darauf verlaſſen,“ ſagte Keelan in einem Tone der Ermuthigung, welche das Lächeln auf ſeinen ſchmalen, blauen Lippen Lügen ſtrafte, „bis morgen wird alles vorüber ſein und Sie wer⸗ den dann ſchlafen wie ein todtmüdes Kind.“ Wer ſchon die flackernde Lampe des Lebens beob⸗ achtet hat, dem wird auch das glänzende Auflodern vor dem gänzlichen Erlöſchen aufgefallen ſein; im letzten Augenblicke wird der bis dahin umwölkte Geiſt hell und die Gründe Derer, mit denen man zu thun hatte, werden durchſchaut. Der Tod zieht für einen Augenblick den Schleier hinweg, um ihn ſodann über irdiſche Wahrnehmung für immer fallen zu laſſen. Keelan erſchrack über die Energie, mit welcher der Sterbende plötzlich ausrief— „Der Wein! der Wein!“ „Soll ich Ihnen davon bringen?“ fragte er. „Nein, nein, er war vergiftet.“ „Still,“ ſagte der Zigeuner.„Sir Aubrey ſchickte ihn ſelbſt in mein Zimmer.“ 15⁰ 2 Bei dieſer Beſtätigung ſeines Vetdachts ſtöhnte der Kammerdiener vor Entſetzen. „Weßhalb ſollte er Sie denn vergiften,“ fuhr der alte Mann ſarkaſtiſch fort,„haben Sie ihm nicht treu gedient, und hörte ich ihn nicht ſelbſt der hüb⸗ ſchen ſchwarzäugigen Dirne ſagen, welche wimmernd jede Stunde gelaufen kam, um nach Ihnen zu fra⸗ gen, Sie ſeien der beſte Diener, den er je gehabt und daß er um Ihretwillen für ſie ſorgen wolle. Als Beweis, wie ernſt es ihm damit ſei, faßte er ſie unter dem Kinn und redete ihr zu, ihn heute Abend auf dem Kayar— ſo ſagte er wohl— zu treffen.“ Wahrſcheinlich meinte er damit die Chiaja. ³) Kein Wort von all dem war wahr; daran lag aber Keelan ſehr wenig, namentlich wenn eine Lüge ſeinem Zwecke dienlich war. Er hatte mit ſo wenig Serupel eingewilligt, das Werkzeug des Planes des Baronets zu werden, ſich ſeines Kammerdieners zu entledigen, als wenn es ſich um das Vergiften einer Ratte gehandelt hätte. Er haßte die Häuſerbewoh⸗ ner und ob ein Leben mehr oder weniger auf der Liſte derjenigen ſtehe, die er ſchon zur letzten Rechen⸗ ſchaft geſendet hatte, ſchien ihm ganz unbedeutend. Sein Grund, weßhalb er indirect den Verdacht ſei⸗ nes Opfers beſtätigte und deſſen Eiferſucht weckte, war ein ganz einfacher. Er wollte ihn zum Aus⸗ plaudern veranlaſſen und aus ihm herauslocken, auf welche Weiſe ſein Herr ſich ſeiner zu entledigen be⸗ ſchloſſen habe.. ₰ Schöne Straße: Kai, zu Spaziergängen benützt. — 2 151 6r iſt ein Schuft,“ murmelte Hanway verzwei⸗ eän Schuft“ Paben Sie dieß jetzt erſt gefunden?“ fragte Keela höhniſch;„ich weiß dieß ſchon ſeit Jahren.“ „Können Sie nicht nach einem engliſchen Doctor ſchicken?“ Der Zigeuner ſchüttelte den Kopf. „„Oder nach dem Conſul?“ „Ich kann nach Niemand ſchicken.“ „Auch nicht nach einem Geiſtlichen?“ ſtöhnte der Unglückliche in der Angſt vor dem nahen Tode. „Was würde dieß nützen? Es gibt keinen eng⸗ liſchen Pfarrer an dieſem ausländiſchen Orte; und wenn es einen gäbe, ſo würde Ihr Herr ihn nicht in Ihre Nähe laſſen. Ich würde gerne ſelbſt ein Gebet ſprechen,“ fuhr der alte Mann fort,„wenn ich eines wüßte und glauben könnte, daß es Ihnen etwas nützen würde.“ „Es iſt gräßlich, ſo ganz allein, oder noch ſchlim⸗ mer als ggnz allein, nur mit dieſem höhniſchen Teu⸗ fel an meiner Seite ſterben zu müſſen,“ rief der Kammerdiener händeringend. „Nun, ich ſage nicht, daß es etwas Behagliches darum iſt,“ bemerkte Keelan pbiloſophiſch;„obgleich ich nicht ſo ſchlimm bin, wie Sie meinen.“ „Nach mir kommt die Reihe an Sie.“ „So, an mich?“ ſagte der alte Mann ſpöttiſch. „Nun, ich fürchte mich nicht davor; der Rumäne weiß zu ſterben. Wenn die Welt auch nichts für ihn ge⸗ than hat, ſo hat ſie ihn wenigſtens dieß gelehrt.“ „Was gäbe ich um Stärke nur auf eine Stunde,“ murmelte der Sterbende.„Ich würde ihn zerſchmet⸗ 152 tern. Thor, der ich war, daß ich ſeinen lockenden Verſprechungen— ſeinen Betheurungen der Pank⸗ barkeit— Glauben ſchenkte.“ P „Das war allerdings ſchwach,“ lautete der ge⸗ laſſene Kommentar ſeines Zuhörers. „Kommen Sie näher zu mir,“ ſagte ſein Opfer; „wenn ich hoffen könnte, daß Sie meine letzte Wünſche ausführen, ſo— ſo könnte ich Ihnen faſt verzeihen.“ „Mir verzeihen! Was?“ „Meinen Tod. Es nützt Sie nichts, mich anzu⸗ lügen. Sie können mich jetzt nicht mehr täuſchen, aber nein, nein, Sie ſind dieſem Ungeheuer ergeben. Ich habe gehört, wie er ſich rühmte, daß er Sie ganz an ſeinen Willen ketten könne.“ „Kann er? Vielleicht irrte er ſich doch.“ „Sobald Sie ihm bei dem Unternehmen geholfen haben werden, um welches willen er Sie hieher kom⸗ men ließ,“ ſagte Hanway nachdrücklich,„ſo kommt die Reihe an Sie. Es war dieß zwiſchen uns verabredet. Meine Weigerung, ihn nach England zurückubegleiten, hat mich zum erſten Opfer ſeiner Furcht gemacht.“ Der Zigeuner blickte ihn aufmerkſam an. „Ich wage nicht in einem ſolchen Augenblicke zu lügen,“ ſetzte Hanway matt hinzu. Ein teufliſches Grinſen machte ſich auf dem ge⸗ furchten Geſichte Keelans ſichtbar. „Wenn Sie etwas auf dem Herzen haben,“ be⸗ merkte er,„warum rücken Sie nicht mit heraus?“ „Ich will.“ ſagte der Kammerdiener mit plötzlicher Entſchloſſenbeit,„die Ausſicht auf Rache ſoll nicht mit mir ſterben.“ 153 „Das iſt recht.“ „Näher— näher, ſo lange ich noch Kraft beſitze.“ Der Zigeuner rückte ſeinen Stuhl hart an das Bett des Sterbenden und beugte ſich über ihn, um jedes ſeiner Worte zu verſtehen, welche, wie wenige es auch waren, doch einen ganz merkwürdigen Ein⸗ druck auf ihn machten. Er lächelte, rieb ſich die Hände und brach in jenes heiſere Gelächter aus, wo⸗ mit er ſeine Freude oder ſeinen Antheil an einer Sache kundzugeben pflegte. „Und weiß Ihre Frau dieß?“ flüſterte er. „Nein; man traute ihr nicht.“ „Und die Frau, die Dienerin, welche—“ „Ihr Name war Jane Pulbroyd. Das Geld, womit Sir Aubrey ſie beſtochen hat, veranlaßte einen jungen Mann, einen Zimmermann, ſie zu heirathen. Sie ſegelten auf dem Herald nach Auſtralien. Das Schiff ging aber mit Allem was darauf war zu Grund.“ „Mit Allem?“ wiederholte Keelan. „Mit Allem.“ „So ſind wir alſo die einzigen Perſonen, die das Geheimniß kennen?“ fragte der alte Mann. „Die einzigen,“ verſetzte der Kammerdiener.„Ich fühle mich beſſer, ſeitdem ich durch dieſe Mittheilung mein Gewiſſen erleichtert habe. Ich habe den Saa⸗ men geſäet; er wird mit der Zeit ein Baum wer⸗ den und die Frucht wird mich an meinem Mörder rächen.“ „Wohl möglich,“ ſagte der Zigeuner, indem er von ſeinem Stuhle aufſtand und auf den Tiſch im Zimmer zuſchritt. 15⁵4 Hanway folgte ihm mit den Augen, indem er jede ſeiner Bewegungen beobachtete. Keelan legte eine Serviette mehrmals zuſammen und tauchte ſie ins Waſſer, bis ſie gänzlich davon geſättigt war, worauf er ſich mit derſelben in der Hand dem Bett wieder näherte. „Was wollen Sie thun?“ rief der Sterbende. „Ich will Sie abkühlen.“ „Sie wollen mich ermorden,— ich leſe dieß in Ihren Augen. Laſſen Sie mich am Leben— eine Stunde— nur eine Stunde, um bereuen zu können!“ „Dummheit!“ „„Nur bis ich ein Gebet geſprochen habe,“ fuhr der Kammerdiener ganz außer ſich fort. „Zu was nützt dieß?“ lautete die Antwort. Das Geſchrei des verlaſſenen Elenden war bald durch das Tuch erſtickt, welches der greiſe Mörder ſo lange auf den Mund und die Naſe ſeines Opfers drückte, bis der letzte Athem entflohen war, worauf er es vorſichtig wieder wegnahm. „Jetzt gibt es nur noch Einen, der das Ge⸗ heimniß weiß,“ murmelte er unter heiſerem Lachen, „und das bin ich. Es iſt mir lieb, daß es vorüber iſt. Ich konnte es nicht länger ertragen, ſein Auge mir folgen zu ſehen, wenn ich nur eine Handbewe⸗ gung machte. Ich hätte alſo der erſte ſein ſolken, nicht wahr?“ fuhr er fort, den Leichnam anredend.„Ha! Der Häuſerbewohner iſt dem Ru⸗ mänen nicht gewachſen.“ Ohne die geringſte Gemüthsbewegung legte der alte Mann die Bettdecke wieder zurecht, welche wäh⸗ 155⁵ rend des Kampfes in Unordnung gerathen war und ordnete dann das Geſicht des Todten. „Die Häuſerbewohner würden dieß einen Mord nennen, wahrſcheinlich, weil nicht ein Mann, ein Ge⸗ ſchöpf wie ſie ſelbſt, Richter genannt, es befohlen hat. Ich möchte wohl wiſſen, ob die Perücke oder der lange Rock dieſem das Recht verleiht, das Leben zu nehmen und hernach ein gutes Mittageſſen ſich ſchmecken zu laſſen? Ich hörte einmal einen ſolchen bei den Aſſiſſen in Norwich von Geſellſchaft ſprechen. Ich bin Geſellſchaft und nenne mich ſelbſt Richter, Geſchworener und Henker. Wo iſt denn da ein Unter⸗ ſchied?“ Mit dieſen Worten zündete er ſeine Pfeife an und bewachte den übrigen Theil der Nacht hindurch den Leichnam des Kammerdieners. Als der Charlatan, der gerade ſeiner Unwiſſen⸗ heit und nicht ſeiner Geſchicklichkeit wegen gerufen worden war, ſeinen Patienten am folgenden Morgen beſuchte, drückte er weder Erſtaunen noch Argwohn über den Ausgang aus. Der Fall ſei vom erſten Augenblicke an hoffnungslos geweſen, meinte er. „Ein Certificat oder irgend eine Förmlichkeit die⸗ ſer Art, iſt, glaube ich, doch nothwendig,“ bemerkte der Baronet in gleichgültigem Tone, nachdem er dem Arzte eine bedeutende Bekohnung als Zeichen ſeines Dankes für die Aufmerkſamkeit, die er ſeinem treuen Diener habe angedeihen laſſen, eingehändigt hatte. Der Doctor ſetzte ſich nieder, um daſſelbe zu ſchreiben. „Fieber, glaube ich?“ 156 „Fieber, Mylord,“ wiederholte der moderne Sangrado. „Bösartiges wahrſcheinlich; ſonſt würde es nicht Ihrer wohlbekannten Kunſt geſpottet haben.“ „Ganz gewiß bösartig.“ „In dieſem Falle wird es wohl räthlich ſein, den Sarg mit Kalk zu füllen? Lady Fairclough und mein Sohn befinden ſich im Hotel und ich bin für dieſe beſorgt.“ Der Arzt erklärte, daß er ſoeben dieſe Vorſichts⸗ maßregel habe anrathen wollen. In der folgenden Nacht wurde Hanway's Leiche auf dem für Fremde beſtimmten Kirchhof begraben, da es in Neapel, wie in den meiſten ſüdlichen Län⸗ dern gebräuchlich iſt, die Verſtorbenen nicht länger als vierundzwanzig Stunden aufzubewahren. Nachdem Sir Aubrey ſich eines Mannes entledigt hatte, auf deſſen Treue er nicht länger mehr bauen konnte, beſchloß er ſeinen unmännlichen Racheplan gegen Milly auszuführen, die er, wie er hoffte, dem Hohn ihrer Landsleute ausſetzen wollte, ohne ſelbſt bei der Sache betheiligt zu ſcheinen. In dieſer Abſicht ſprach er Keelan zu, täglich den Giardino Reale zu beſuchen, in welchem die Engländer ihre Spaziergänge zu machen pflegten. Zum erſtenmale gab dieſer aber einigen Widerwillen gegen den Auftrag zu erkennen. „Was fällt Euch ein?“ fragte ſein Gönner. „Ihr habt Euere Energie ſeit der letzten Geſchichte verloren, Ihr werdet kindiſch.“ „Sie iſt meine Enkelin,“ bemerkte der Zigeuner. 157 „Was liegt daran? Iſt ſie Euch denn lieber als Gold?“ „Das kann ich nicht mit mir nehmen, wenn ich ſterbe,“ verſetzte der Greis;„überdieß hat ſie wegen ihres Gehorſams ſchon genug durchgemacht.“ Dieſe Bemerkung beantwortete ſein Pflegſohn nur mit einem verächtlichen Lachen. „Es iſt alles ſchon recht,“ fuhr Keelan fort; „aber würden Sie an meiner Stelle das letzte le⸗ bende Ding, das Ihnen gehört, opfern?“ „Gerade wie einen Hund,“ verſetzte der Wüſt⸗ ling gleichgültig.„Was iſt Milly für Euch? Im Stolz ihres neuen Ranges wird ſie Euch verachten.“ Die Augen des Großvaters fingen an zu fun⸗ keln, wie die einer halberwachten Schlange. „Wenn ich dieß denken müßte,“ murmelte er. „Sie wird Euch von ſich wegweiſen laſſen.“ „Dieß ſollte ſie verſuchen.“ „Ich ſage Euch, daß ſie dieß thun wird,“ wie⸗ derholte der Baronet.„Welche Sympathie kann ſie für einen Verwandten haben, der ſie in die Arme Kaled's genöthigt hätte?“ Der alte Mann machte keinen Einwurf mehr, ſondern willigte ſogleich ein, in den Giardino Reale ſich zu begeben, feſt entſchloſſen, wenn Milly ihn verachten oder mit dem Stolze der Häuſerbewohner behandeln würde, ihre Erniedrigung in Gegenwart ihrer Landsleute ihr vorzuwerfen. Die Gewohnheit, Andere nach uns ſelbſt zu be⸗ urtheilen, iſt ebenſo alltäglich als trügeriſch. Lady Dalville hatte ſich nicht nur ihr ſchlichtes, liebevolles Weſen bewahrt, ſondern auch einen noch weit höhern 15⁸ Begriff ihrer Pflichten ſich angeeignet. Der erſte Wunſch ihres Herzens war, die Billigung ihres Ge⸗ mahls zu gewinnen; der nächſte, ſich ihre eigene zu ſichern. Wenn ſie Stolz beſaß, ſo war es der Stolz der Weiblichkeit,— ihre Verachtung galt dem Ge⸗ meinen und Unwürdigen, nicht der Armuth; und ſie hätte ſich wahrſcheinlich weit glücklicher gefühlt, wenn das Schickſal ſie in eine geringere Stellung verſezt hätte. Ihr feiger Verderber hatte die Zeit, ſein Opfer zu inſultiren, wohl gewählt. Milly hatte, begleitet von ihrem Gemahl, ſoeben von mehreren ihrer Landsleute ſich verabſchiedet und war in Begriff, in ihren Wagen zu ſteigen, als ihre Augen denen von Keelan begegneten. Erſtaunen machte ſie einen Augenblick lang völlig ſtumm. 2 „Was?“ ſagte der alte Mann höhniſch,„Du kennſt mich nicht, wie?“ „Wer iſt dieſer Mann?“ fragte der Earl. „Mein Großvater, Mylord,“ antwortete ſeine Gattin feſt.„Erſtaunen über die unerwartete Be⸗ gegnung allein hat mich verhindert, ihn zu erkennen. Seine Ankunft iſt ein Vorwurf für mich, weil ich ihn vernachläßigt habe. Verzeihe mir, Großvater,“ ſezte ſie hinzu, ihm beide Hände entgegenſtreckend. „Ich kenne Dich und würde erröthen, wenn ich fähig wäre, Dich zu verläugnen.“ Ihr Gatte betrachtete ſie mit Stolz, der Zigen⸗ ner mit Verwirrung, vielleicht aber auch mit einer beſſern Empfindung: ſie hatte das zwiſchen ihnen beſtehende Band weder verachtet noch verläugnet. 159 „Du warſt immer ein gutes Mädchen, Milly,“ murmelte er;„die Häuſerbewohner haben Dich nicht verdorben. Und wer iſt dieß?“ Dieſe Frage war mit einem bedeutungsvollen Blick auf den Earl begleitet. „Mein Gemahl, Lord Dalville.“ „Wie! Ein wirklicher Lord?“ „Der ebenſo bereitwillig iſt, ſeine Verwandtſchaft mit Ihnen anzuerkennen,“ bemerkte der Pair, die Hand ihm entgegenſtreckend. Keelan berührte ſie zweifelnd— er ſchien wie ein Träumender. Der Earl von Dalville beſaß zu viele Weltkennt⸗ niß, als daß er nicht genau errathen hätte, woher der Schlag rühre; aber er machte ſich nichts daraus. Milly war ſeine Gemahlin, und indem er ſich mit ihr vermählte, hatte er alle Folgen dieſer Handlung, ſelbſt bis auf die Berührung mit ihren armen Ver⸗ wandten, auf ſich genommen. „Du mußt mit uns nach Hauſe fahren,“ ſagte Milly. „Nein, nein,“ murmelte der alte Mann,„ich verdiene dieß nicht.“ „Wo ſollteſt Du denn ſonſt wohnen als bei uns,“ drängte ſeine Enkeltochter.„Es verlangt mich, zu hören, was für ein merkwürdiger Zufall Dich nach Neapel führte. Gewiß wünſcht Mylord—“ „Allerdings,“ rief der Pair. „Ich ſage Dir aber nein,“ wiederholte der Zi⸗ geuner noch hartnäckiger als zuvor. Zugleich fuhr er mit ſeiner welken Hand über 160 die Stirne, wie wenn ein plötzlicher Schmerz ihn erfaßt hätte, und wandte ſich weg. „Wohin gehen Sie denn?“ forſchte der Lord freundlich. „Fragen Sie mich nicht. Irgendwohin, irgend⸗ wohin— aber nicht in Ihr Haus.“ In dieſem kritiſchen Augenblicke kam Randal Rand, der ebenfalls in dem Garten ſpazieren ge⸗ gangen war, herbei, und als er ſeinen Mitreiſenden auf dem Paketboot erkannte, ſprach er mit ihm. „Dieſer hier,“ ſagte Keelan,„weiß es.“ „Was weiß er?“ „Wie ich hieher gebracht wurde. Es war nicht meine Schuld.“ „Durch eine höchſt erfinderiſche Liſt, woli man ſeine Unwiſſenheit benützte,“ ſagte der Kaſſier.„Ich laube während unſerer Reiſe mir einigermaßen ſein ertrauen erworben zu haben; und hätte ich gewußt, daß Eure Excellenz ſich für ihn intereſſirt oder mit ihm in irgend einer Verbindung ſteht, ſo hätte ſich jede Unannehmlichkeit vermeiden laſſen.“ „Von einer Unannehmlichkeit, die mich betrifft, kann nicht die Rede ſein,“ bemerkte der Pair.„Die⸗ ſer alte Mann iſt der Großvater meiner Gattin. Ich frage nicht darnach, wer er iſt. Ich heirathete Lady Dalville nicht ihrer Geburt und ihres Ver⸗ mögens wegen. Ich wünſche,“ fuhr er fort,„daß er mit uns nach Hauſe fahren ſoll.“ „Ich will,“ ſagte Keelan plötzlich,„ich will. Die Andere nannte mich einen gräßlichen Menſchen; Milly hieß mich mit einem Lächeln willkommen. Ich will,“ ſetzte er mit Betonung hinzu,„ich will.“ 161 Randal Rand bot dem Zigeuner den Arm und führte ihn an den Wagen, in welchem ſeine Enkel⸗ tochter bereits ſaß.. Einige billigten es, Andere ſpotteten darüber, als der alte Mann an ihrer Seite ſich niederließ. Während der Wagen wegfuhr, wiederholte er immer die Worte:„gräßlicher Menſch!“ und ein eigenthüm⸗ liches Lächeln begleitete dieſelben. Siebenunbfünfzigſtes Kapitel. In den Empfindungen Keelans war ein merk⸗ würdiger Wechſel vorgegangen. Es war nicht ſo⸗ wohl Reue über die verrätheriſche Rolle, die er gegen Milly zu ſpielen unternommen hatte— ſeine mora⸗ liſchen Begriffe waren zu plump oder vielmehr nie gehörig cultivirt worden— ſondern eine Art von Bedauern in Folge der offenen Anerkennung der zwiſchen ihm und ihr beſtehenden Verwandtſchaft. Der alte Zigeuner war gewohnt, auf Verachtung zu ſtoßen, und hier fand er Wohlwollen,— auf Stolz, und hier begegnete man ihm mit jener ſanf⸗ ten Beſcheidenheit, welche in der härteſten Natur Intereſſe erweckt, dieſelbe milder ſtimmt und ſie faſt menſchlich macht. „Großvater!“ ſagte Lady Dalville nach der An⸗ kunft in der Villa,„Du haſt mir noch nicht mitge⸗ theilt, durch was für einen merkwürdigen Zufall wir uns in Neapel trafen.“ Smith, Milly Moyne. IV. 162 „Der Häuſerbewohner brachte mich hieher.“ „Der Häuſerbewohner?“ „Ja, er. Du weißt, wen ich meine.“ Dieſe Worte waren mit einem bedeutungsvollen Blick auf den Lord begleitet. Keelan meinte offen⸗ bar, ſie wünſche nicht, daß er in Gegenwart des Earl ſich näher erkläre. „Ich habe keine Geheimniſſe vor meinem Ge⸗ mahl,“ bemerkte Milly mit ungezwungener Ein⸗ fachheit. „Haſt Du keine?“ rief der Greis ſcharf.„Nun, Du biſt ein Wunder! Noch eine größere Natur⸗ merkwürdigkeit als das Schwein mit zwei Köpfen, das Deine Muhme Martha auf den Märkten zu zeigen pflegte. Schon von Kindheit an konnte ich Dich nie recht verſtehen, Du wollteſt immer die Wahrheit ſagen.“ „Nun, das iſt eben kein Vorwurf,“ ſagte die Excellenz. „Hm! Es mag ſo ſein. Wohrheit iſt vielleicht in den Zelten ſchon recht, aber bei den Häuſerbe⸗ wohnern iſt es vielleicht nicht ſo. Die Zeiten haben ſich ſehr traurig verändert, ſeit ich ein Knabe war,“ fuhr der Zigeuner fort,„damals wurden wir nicht gleich dem Wild von den grünen Triften und den Gemeindeplätzen weggejagt, wie jetzt. Und doch wun⸗ dert man ſich, daß wir die Häuſerbewohner haſſen!“ „Schon oft dachte ich,“ bemerkte der Pair,„daß Ihr Stamm unvernünftig, wenn nicht gar hart be⸗ dandelt werde. Anſtatt Miſſionäre zur Bekehrung ausländiſcher Heiden auszuſenden, hätte man beſſer daran gethan, dieſelben zu Haus zu verwenden.“ 163 „Miſſionäre!“ wiederholte der Zigeuner ſcharf, „was ſind das für Leute? Ich habe nie einen ge⸗ ſehen.“ Wäre er ein Bewohner von Timbuktu, Cochin⸗ china oder Siam geweſen, ſo hätte man Zehn gegen Eins wetten können, daß er über dieſen Punkt beſſer unterrichtet geweſen wäre. So hoch wir den Eifer der Männer verehren, welche Geſundheit und Leben daran ſetzen, um das Cvangelium in fernen Landen zu verbreiten, ſo kön⸗ nen wir nicht umhin, daran zu erinnern, daß es lei⸗ der in unſerem eigenen Lande noch viele Menſchen gibt, welche von demſelben nie etwas gehört haben. „So haben Sie wenigſtens jeht einen Mann ge⸗ funden,“ ſagte Lord Dalville,„der bereit iſt, Ihnen zu beweiſen, daß er kein Vorurtheil gegen Ihren Stamm hegt.“ Keelan blickte ihn zweifelnd an; die Stimme des Wohlwollens erweckte gewöhnlich ſein Mißtrauen— ein trauriger Commentar zu den Erfahrungen, die er geſammelt hatte. „Sie müſſen Ihr Wanderleben aufgeben,“ fuhr der Earl fort;„ein Häuschen auf meinen Gütern in England ſoll Sie aufnehmen und ich werde für die Mittel ſorgen, daß Sie den Reſt Ihres Lebens in Behaglichkeit und Ruhe hinbringen können.“ „Dank, tauſend Dank!“ ſagte Milly;„Ihre Güte kommt meinen Wünſchen zuvor.“ „Aber nicht den meinigen,“ rief der alte Mann ſtörriſch.„Ich ſollte zwiſchen vier Mauern ſterben — ich habe ſie bereits jetzt ſchon ſatt. Ich bin ein ächter Zigeuner— wurde unter einem 32 164 lebte unter einem Zelte und will auch unter einem Zelte ſterben. Ich höre gerne den Wind um mein Zelt pfeifen, den Regen darauf plätſchern und fühle mich warm und behaglich darin. Morgens ſodann die friſche Luft— ich würde ſie vermiſſen— und der Rauch des Feuerkeſſels. Ein Häuschen?— Ein Ge⸗ fängniß! Kein einziger— Mann, Frau oder Kind — mit einem Tropfen ächten rumäniſchen Bluts in ſich, konnte je an dem Leben der Häuſerbewohner Geſchmack finden.“ „Ihrer Enkeltochter iſt es doch gelungen,“ be⸗ merkte der Lord. Dieſe unbefangene Bemerkung ſchien den Zigeuner ſehr zu ſchmerzen,— ja, ſeine Verlegenheit war bei⸗ nahe ſo groß als ſeine Beſtürzung. Milly und de⸗ ren Gemahl bemerkten dieß und wunderten ſich im Stillen über deren Urſache.“ Er murmelte etwas vor ſich hin, wovon nur die Worte„Liebe“ und„Weiberlaune“ hörbar waren. „Ueberlegen Sie ſich mein Anerbieten wohl, ehe Sie es abweiſen,“ ſagte der Pair.„Gönnen Sie mir aber unter allen Umſtänden die Befriedigung, etwas zur Bequemlichkeit Ihres Alters beitragen zu können.“ „Großvater,“ rief Lady Dalville,„ſchlage dieß nicht ab,— Du würdeſt mich dadurch ſehr unglück⸗ lich machen.“ Keelan blickte ihr ernſt ins Geſicht und ſie fühlte die lange knochige Hand, die ſie ergriffen hatte, leicht in der ihrigen zittern. „Pah!“ rief er endlich aus,„wenn Du den alten Mann geliebt hätteſt, ſo würdeſt Du nie das Lager des Stammes verlaſſen haben.“ „Ich liebte Deine Wege nicht, obgleich ich ſie nie recht verſtand, Großvater,“ verſetzte Milly ernſt, „und beinahe befürchte, daß ſie zuweilen ſchlimm wa⸗ ren; aber ich erinnere mich der Sorgfalt, die Du mir in meiner Kindheit angedeihen ließeſt, wie Du mich vor der Befleckung unter den Zelten bewahr⸗ teſt; überdieß biſt Du mein einziger Verwandter, den ich je kannte, mit Ausnahme von Martha und mei⸗ nem Vetter. Allerdings habe ich die Lebensart, Denkweiſe und Gewohnheiten unſeres verachteten und verfolgten Stammes aufgegeben, aber die Bande des Blutes ſind ſtark.“ „Sie ſind ſtark,“ wiederholte der Zigeuner mit Betonung.„Deine Muhme glaubt zwar, ſie ſeien zerriſſen; aber das iſt nur Lüge, womit ſie ſich ſelbſt täuſcht, denn ſie ſind es nicht.“ „Martha?“ „Ja, Mädchen; Kaled ſchlug ſie und ſie ſprach den ſchwarzen Fluch der Rumänen über ihn, prophe⸗ zeihte ihm, er werde gehenkt werden und das wird gewiß geſchehen, gewiß,“ wiederholte Keelan, indem ſeine kleinen, tiefliegenden Augen rachſüchtig blitzten, weil er ſich dabei des Angriffs erinnerte, den ſein Reffe auf ihn gemacht hatte—„gewiß wird es ge⸗ ſchehen.“ „Sie werden doch wenigſtens verſprechen, bei uns zu bleiben,“ bemerkte der Lord;„wo ſollten Sie denn in fremdem Lande anders wohnen, als bei Ihrer Enkeltochter?“ „Sie fürchten, ich könnte ausplaudern,“ rief der 166 Greis mit ſchlauem Lachen.„Nein,“ fügte er beto⸗ . hinzu—„nein; ſo ſchlecht bin ich denn doch nicht.“ „Ich fürchte nichts,“ verſetzte Milly's Gemahl mit Würde;„mein Anerbieten entſprang aus Pflichtgefühl. Wenn ich durch eine einzige Guinee Ihr Stillſchwei⸗ gen erkaufen könnte, ſo würde ich ſie nicht ausgeben! Würde die Geſchichte Ihrer Enkeltochter morgen er⸗ zählt werden, ſo würde ſie nur den ſchändlichen Men⸗ ſchen, der ſie betrogen hat, mit Schmach bedecken.“ „Ja— ja,“ murmelte der Zigeuner,„er iſt ein böſer Mann!“ „Ein Schurke— ein herzloſer Schurke!“ fügte der Pair bei,„ebenſo niederträchtig als ſchlecht. Beim Himmel, ich bewundere nur die Geduld, die ich mit ihm habe.“ „Nun, Sie wollen ihm doch nichts zu Leid thun; oder doch?“ Es lag etwas ſo Eigenthümliches in dem Tone, in welchem Keelan dieſe Frage ſtellte, daß es Dal⸗ ville auffiel. Er vermochte den merkwürdigen An⸗ theil nicht zu begreifen, welchen der Zigeuner offenbar an dem Zerſtörer von Milly's Lebensglücke nahm. „Wie kann Sie ſein Schickſal intereſſiren?“ fragte er. „Nun, hm! es wäre nicht der Mühe werth, daß Sie etwas riskirten, meine ich. Mein Weib ſtillte ihn und meine Schweſter pflegt immer zu ſagen, Blut iſt dichter als Waſſer.“ „Blut!“ wiederholte der Edelmann.„Ich ver⸗ ſtehe Sie nicht. Nur Ihre Enkeltochter hat Anſpruch hierauf.“ 167 „Ja, ſo iſt es. Uebrigens kann ich Ihnen nicht beiſtimmen und zugeben, daß Sir Aubrey irgend etwas geſchieht; wenn Sie alſo etwas mit ihm vorhaben, ſo mögen Sie wiſſen, daß Sie Jemand gegen ſich haben.“ „Dieſer Jemand ſind wahrſcheinlich Sie?“ Der Zigeuner nickte bejahend und es lag dabei etwas ſo Herausforderndes und Boshaftes in ſeinem Blicke, daß in dem Earl ein ganz eigenthümlicher Argwohn aufſtieg, obgleich derſelbe zu unwahrſchein⸗ lich war, als daß er feſte Wurzel hätte bei ihm faſſen können. „Mein Verhalten gegen Ihren Gönner wird von ſeinem Benehmen gegen ſein Opfer abhängen,“ be⸗ merkte er kalt. „Oh! das iſt deutlich genug.“ „Laß mich mit dem alten Manne allein,“ ſagte ſeine Gemahlin,„Sie vermögen ſeine Gedanken und Gefühle nicht zu verſtehen; er hängt ſehr an ſeinem Pflegeſohn.“ „So ſcheint es— mit Leib und Seele.“ „Und mit der Hand, Mylord,“ ſetzte der Zigeu⸗ ner hinzu.„Es mag gut ſein, ſich an das zu erinnern.“ Dieſe Worte klangen wie eine Drohung. Milly blickte ihren Gemahl bittend an. „Wie Du wünſcheſt,“ fuhr der edelſinnige Mann fort:„aber vergiß nicht, daß Du Dir auch kein Jota von Deiner Würde und Selbſtachtung, ſogar gegen Deinen Großvater vergibſt.“ „Was hat er geſagt?“ fragte Keelan, nachdem der Earl das Zimmer verlaſſen hatte. 168 „Nichts— wenigſtens nichts was Du verſtehen könnteſt.“ „Wahrſcheinlich weil ich kein Büchergelehrter bin,“ verſetzte der Greis;„vielleicht weiß ich aber mehr als Die, welche es ſind.“ „Großvater,“ ſagte Lady Dalville,„iſt dieß gut — iſt es gerecht? War ich als Kind je ungehorſam gegen Dich?“ „Hm! Eigentlich nie.“ „Wachte ich nicht für Deine Sicherheit in den Zelten und liebte ich Dich nicht ſo ſehr, als Du mir geſtatteteſt, Dich zu lieben?“ Das Geſicht des Zigeuners, das während des letztern Theils der Unterredung einen finſtern, her⸗ ausfordernden Ausdruck angenommen hatte, entwölkte ſich allmälig. „Das thateſt Du, das thateſt Du,“ murmelte er. „Warum weiſeſt Du dann das Anerbieten einer Fürſorge für Dein Alter ab?“ fuhr Milly fort,„man ſollte faſt meinen, man habe Dir durch den Vor⸗ ſchlag eine Beleidigung zugefügt.“ „Weil Du es blos deßhalb gethan haſt, um mich los zu werden.“ „Nein, Großvater,“ rief Milly,„vor meiner Vermählung habe ich meinem Gatten Alles mitge⸗ theilt. Mein Herz war gebrochen, ich war vernich⸗ tet, hatte meine Selbſtachtung verloren; ſein klares Urtheil gab mir aber dieſe wieder zurück, indem er mir bewies, daß ich unwiſſentlich gefehlt habe. Be⸗ reits hat Lord Dalville um ſeine Entlaſſung von dem hohen Poſten nachgeſucht, den er bei der Re⸗ 169 gierung bekleidet, und in wenigen Wochen wird er ſich für immer aus dem Staatsleben zurückziehen.“ „Was, er will ſeine Stelle aufgeben?“ rief ihr Zuhörer;„Sir Aubrey ſagt, dieſelbe ſei wenigſtens ſechstauſend Pfund im Jahre werth!“ „Er braucht dieſe nicht, denn er iſt reich genug,“ antwortete Milly. „Niemand iſt reich genug,“ murmelte der Zigeu⸗ ner.„Der Narr! der Narr! Sechstauſend Harte! ich meinte, ſo viel Geld gäbe es gar nicht auf der Welt. Iſt dieß keine Lüge?— Nein? Dann will ich Dir ſagen, Milly,“ fuhr er ſchmeichelnd fort, „was Du thun ſollſt,— gib mir etwas von eurem Golde.“ „Recht gern, Großvater; wie viel verlangſt Du?“ „Einhundert wenigſtens. Ich will in das Haus ehen, wo Sir Aubrey ſich aufhält, in das— Htel, ß nennt man es, glaube ich— und—“ „Ihm die Beſtechungsſumme zurückzahlen, die er ir gab,“ ſagte Lady Dalville, den Satz für ihn vollendend. würde nicht reichen,“ bemerkte Keelan au. „So nenne die Summe.“ „Zweihundert wenigſtens.“ Milly verließ das Zimmer und kehrte nach we⸗ nigen Minuten mit der Summe in einem kleinen, leinenen Beutel zurück, den ſie ihrem Großvater ein⸗ händigte, welcher mit zitternder Haſt darnach griff, ſo daß er ihn faſt nicht zu öffnen vermochte. Ein Schrei des Entzuckens entſchlüpfte ihm, während er den gliernden Inhalt auf dem Marmortiſche in dem 170 Salon entleerte und das Gold in Haufen zu fünf Stücken vor ſich zu ordnen anfing. „Richtig,“ rief er im Tone des Entzückens— „zehn, zwanzig— ſie ſind vollwichtig— fünfundzwan⸗ zig, dreißig— gutes Mädchen; Du mußt Nachſicht mit mir haben— dreißig, fünfunddreißig— und für Deinen alten Großvater ſorgen— fünfundvierzig, fünßig— aber nicht in einem Häuschen— fünf⸗ undfünfzig, ſechzig— da würde ich bald ſterben— fünfundſechzig, ſiebenzig.“ „Ich bin überzeugt, daß mein Gemahl ſein Ver⸗ ſprechen halten und in jeder Weiſe für Dich ſorgen wird, die zu Deinem Wohlergehen beitragen kann.“ „Dann iſt er ein ganzer Kerl. Fünfundneunzig — unterbrich mich nicht— hundert.“ Milly ſeufzte, als ſie die innere Befriedigung bemerkte, mit welcher ihr Großvater die Summe, die er gezählt hatte, wieder in den Beutel ſchüttete. „Du kommſt doch wieder zu uns zurück,“ fragte ſie, nachdem er auch das zweite Hundert gezählt hatte. „Ganz gewiß komme ich wieder,“ verſetzte Keelan. „Nicht jede Gans legt ſolche Eier. Was würden ſie in den Zelten ſagen, wenn ſie Dich ſehen könnten und wüßten, wie reich Du biſt? Dieſes Geheimniß wollen wir aber für uns behalten, nicht wahr, Mädchen, nicht wahr?“ Auf dieſes gab Lady Dalville keine Antwort⸗ Ihr Herz emporke ſich über den käuflichen Sinn des Greiſes, der, nachdem er forgfältig das Geld in ſeiner Jacke verborgen hatte, die Villa mit dem Verſprechen verließ, wiederzukommen. „Warum ſollte ich ihn tadeln?“ murmelte ſie, 171 „es liegt dieß in ſeiner Natur, die nicht der Himmel, ſondern die Welt ihm gegeben hat. Die beſten unter uns ſind die Geſchöpfe der Umſtände. Nie⸗ mand, der ernſtlich dieſen Punkt in's Auge faßt, wird es wagen, den erſten Stein gegen ſeinen Neben⸗ menſchen aufzuheben.“ Wir brauchen unſere Leſer wohl kaum zu verſichern, daß der Zigeuner entfernt nicht die Abſicht hatte, Sir Aubrey einen einzigen Schilling von dem vielen Gelde zurückzubezahlen, das er ſchon von ihm erhal⸗ ten hatte. Es wäre eben ſo leicht geweſen, einen Tropfen Blut aus einem Felſen zu locken, als ihn dahin zu bringen, freiwillig nur eines von den Goldſtücken herauszugeben, und doch war ſein Herz, wie bei den Meiſten von uns, nicht ganz von Thon, denn das edle Benehmen Milly's haite ihn gerührt. Als er in das Hotel kam, fand er Sir Aubrey Fairclough in einem Zuſtande peinlicher Aufregung. Nicht nur war ſein Plan, den Earl und ſeine Ge⸗ mahlin zu demüthigen, mißlungen, ſondern ſein Werk⸗ zeug hatte ſogar dieſelben nach Hauſe begleitet. Es k dieß etwas Gefährliches und er zitterte vor den lgen. „Haltet Ihr ſo Euer Verſprechen?“ fragte er finſter, als der Zigeuner vor ihm ſtand.„Ihr habt mit meinen Feinden heimlich unterhandelt.“ „Ich kann nichts dafür,“ verſetzte der alte Mann ſtörriſch, denn der Ton verletzte ihn, und unwillkühr⸗ lich verglich er ihn mit der Aufnahme, die ihm ſeine Enkeltochter hatte angedeihen laſſen.„Wir haben alle unſere Schwächen; und Blut iſt dichter als Waſſer.“ „Tölpel, Ihr habt mich verrathen!“ 172 „Nein, das habe ich nicht, und was noch mehr iſt, ich beabſichtige auch nicht, Sie zu verrathen.“ „Warum übernahmt Ihr denn den Auftrag, wenn es Euch an Muth fehite, ihn auszuführen?“ „Warum brachten Sie mich durch Liſt hierher?“ verſetzte Keelan zornig.„Ich wollte Ihnen gerade ſagen, was daran iſt, Sir Aubrey. Ich habe mehr für Sie gethan, als für irgend einen andern Menſchen.“ „Nun, ich bezahle Euch auch dafür.“ „Das iſt wahr, aber ſchlecht genug; übrigens war ich nicht zäh gegen Sie. Ich diente Ihnen eben ſo ſehr aus Liebe als um's Gold.“ Ein ungläubiges Lächeln ſpielte um den Mund des Baronets. Das Geſpräch, welches ſehr ſtürmiſch zu werden drohte, wurde durch den Eintritt des Sohnes und Erben Sir Aubrey Fairclough's unterbrochen. Das Kind kam auf ſeinen alten Spielgenoſſen zugelaufen, ſchwang ſich auf deſſen Kniee und ſchlang die kleinen Arme um ſeinen Nacken. Keelan herzte den Knaben ſo zärtlich, wie etwa ein Bär ſein Junges liebkoſen mag. „Ahi ah!“ murmelte er,„die Natur iſt ſtärker als das Temperament; aber ſchelten Sie mich nicht zu hart aus, das würde nicht gut thun, ſage ich Ihnen. Wenn ich Händel mit Ihnen geſucht hätte, ſo hätte ich nicht nöthig gehabt, hieher zurückutom⸗ men.“ Es lag etwas Wahres in dieſer Bemerkung, weß⸗ halb der Baronet ſeinen hohen Ton etwas herab⸗ ſtimmte. „Ihr habt mich aber doch hintergangen und in meinen Erwartungen getäuſcht.“ 173 „Nun, das war Ihre eigene Schuld,“ verſetzte der Zigeuner,„Sie hintergingen mich.“ „Ich?“ „Sagten Sie mir nicht, daß Milly ſtolz und verächtlich gegen mich ſein werde?“ „Nun?“ „Sie war dieß durchaus nicht,“ verſetzte der alte ann;„ſie war vielmehr gut und freundlich wie immer, ehe Sie ſie aus den Zelten weggeſtohlen haben.“ „Ihr werdet mich am Ende noch überreden wollen,“ rief der Wüſtling höhniſch,„daß Ihr Eure Enkeltochter liebet,— als ob überhaupt je etwas anderes als Gold Euer Herz hätte rühren können!“ „War dieß nicht auch der Fall,“ ſagte Keelan; „Sie ſind ein Büchergelehrter, wie die meiſten Häuſer⸗ bewohner, aber vielleicht können Sie doch nicht alles leſen. Ich will Ihnen ſagen, was es iſt,“ fügte er bei,„das Mädchen benahm ſich wie ein Kind gegen mich und der Teufel ſoll mich holen, wenn ich ihr je etwas zu Leid thue.“ „Ihr wollt nicht?“ „Ich will nicht,“ wiederholte der Zigeuner, indem er ſeine rechte Hand, den Daumen in eigenthümlicher Art gegen deren Fläche gedrückt, in die Höhe hob. „Sie ſind Rumäne genug, um zu wiſſen, was dieß bedeutet. Ich habe es geſchworen und alles Ihr Geld würde mich nicht verlocken, dieſen Eid zu brechen. „Können Sie nicht zufrieden ſein?“ fügte er bei. „Ihr Mann hat ſeine Stelle hier aufgegeben. Sechs⸗ e Harte jährlich wenigſtens— iſt das keine ache?“ Dieſe Nachricht änderte den Plan des Betrügers. 174 Er war auf dem Punkte, nach England abzureiſen. Bei ſeiner Ankunſt dort hoffte er das Mittel zu finden, den Mann, den er haßte, da verwunden zu können, wo er am empfindlichſten war— an ſeiner Ehre. „Ich bin vielleicht zu ungeſtüm geweſen,“ be⸗ merkte er, ſeine Hand ausſtreckend. „Wohl möglich.“ „In zwei Tagen kehre ich nach England zurück; Ihr werdet mich doch dahin begleiten.“ Keelan ſah ihn argwöhniſch an; er war kein be⸗ ſonderer Freund eines plötzlichen Wechſels im Tone und Benehmen. Er erinnerte ſich, wie aufrichtig der Baronet mit Hanway geſprochen hatte. „Ehe ich darauf antworte, Sir Aubrey, ſchicken Sie das Kind aus dem Zimmer.“ Der Baronet klingelte der Amme, damit ſie das Kind mit ſich nehme. „Und jetzt ſchließen Sie die Thüre— feſt, feſt,“ fügte der alte Mann bei.„Wenn ein Wort von dem, was ich Ihnen jetzt ſagen werde, gehört wird, ſo iſt es mit dem Spiele aus.“ „Mit welchem Spiele? Ich verſtehe Sie nicht.“ „Thun Sie, wie ich Ihnen geſagt habe und Sie werden mich bald verſtehen.“ Verwundert über das, was kommen würde, ge⸗ horchte ihm der Edelmann. „Nun,“ rief er ungeduldig aus,„was es?“ „Ich muß es auf meine Weiſe mittheilen,“ ver⸗ ſetzte der Zigeuner,„und merken Sie ſich, daß Sie mich nicht unterbrechen ſollen. Ich bin nicht mehr ſo geduldig wie ſeither. Wenn Sie fühlen, daß ein heißer Fluch Ihnen den Hals heraufſteigt, ſo ſchlu cen 175 Sie ihn wieder hinunter: es möchte jetzt nicht ſicher ſein, ihn loszulaſſen, das ſage ich Ihnen. Er⸗ innern Sie ſich noch Ihrer Mutter?“* „Vollkommen.“ „Was für eine Art von Dame war ſie?“ „Sie war mir nicht unähnlich,— ſtolz, leiden⸗ ſchaftlich und rachſüchtig,“ antwortete Sir Aubrey. Keelan nickte heifer lächelnd mit dem Kopfe. „Sie war ihres Vaters zweite Frau, und dieſer hatte einen Sohn— einen Erben nannte man ihn, glaube ich— von ſeiner erſten. Gleichviel wie dieß ſein mochte, ſo ſollte dieſer alles Geld, die Ländereien und die Wälder haben, wo ich und diejenigen, die vor mir heimgegangen ſind, ihre Zelte ſeit vielen hundert Jahren aufgeſchlagen hatten. Damals wa⸗ ren gute Zeiten für die Rumänen.“ „Weiter,“ ſagte ſein Zuhörer ungeduldig. „Es kommt alles. Ihr Bruder war ein ſchwäch⸗ liches und kränlliches Kind. Vielleicht hätte Ihre Stiefmutter darüber Aufſchluß geben tönnen; nichts deſtoweniger blieb er zu ihrem Leidweſen am Leben. Sie glaubte nie, daß dieß der Fall ſein werde, aber daran dachte ſie, daß alles ihrem eigenen Sohne ge⸗ hören würde, wenn ſie einen ſolchen hätte.“ Sir Aubrey Fairclough wiederholte langſam die Worte:„wenn ſie einen ſolchen hätte.“ „Der Lady lag nichts an Mädchen— und dar⸗ über wundere ich mich nicht, es ſind hilfloſe Ge⸗ ſchöpfe, die einem nichts als Verlegenheiten bereiten, zu nichts taugen, als zum Kochen und das Feuer in den Zelten zu erhalten; doch dieß gehört jetzt nicht daher. Als ihre Zeit nahe war, ſagte ſie es 176 ihrem Mann. Sie hatte ſich in den Kopf geſetzt, eine Rumänin zur Amme zu wählen— ein merkwürdiger Einfall für eine Häuſerbewohnerin, nicht wahr?“ Dicke Schweißtropfen ſtanden auf der Stirne ſei⸗ nes Zuhörers, der beinahe den Streich ahnte, der jetzt gegen ſeinen Stolz geführt werden ſollte. „Koͤnnen Sie nicht errathen, weßhalb ſie eine wollte?“ fuhr der Zigeuner fort, ſeine Stimme zu einem Flüſtern, ſo leiſe und doch dabei ſo durch⸗ dringend zu dämpfen, daß es wie das Ziſchen einer Schlange tönte. „Nein, nein.“ „Soll ich es Ihnen ſagen? Damit, wenn ſie ein Mädchen bekäme, die rumäniſche Amme ihr Kind mit ihrem eigenen vertauſche.“ „Lügner!“ rief der Baronet von ſeinem Stuhle aufſpringend.„Unverſchämter frecher Lügner!“ Keelan zeigte weder Zorn noch Staunen über dieſen wilden Ausbruch der Leidenſchaft, der ihm wahrſcheinlich ſehr natürlich vorkam. „Vergeſſen Sie nicht, was ich Ihnen ſagte,“ fuhr der Zigeuner fort,—„ſchlucken Sie hinunter, ſchlucken Sie hinunter. Es kam ein Mädchen, und ſie tauſchten. Milly's Mutter,“ fügte er bei,„war die Tochter des Sir Richard Fairclough.“ „Und ich,“ murmelte der Baronet,„ich?“ „Sie ſind mein Sohn!“ erwiderte Keelan gelaſſen. Tauſend Beweiſe— bis jetzt unbeachtete Um⸗ ſtände beſtätigten dieſe Behauptung. Der Jammer⸗ mann erinnerte ſich der Gleichgültigkeit, mit welcher ſeine vermeintliche Mutter ihn ſtets hehandelt hatte — deren ungeduldige Unterwürſigkeit gegen die an⸗ ————— 1 ſpruchsvolle Zärtlichkeit ſeiner zigeuneriſchen Amme, die fortwährend in's Haus kam, und darauf beſtand, ihn einen oder ein paar Tage in den Zelten zu haben; ein Verlangen, welchem die ſtolze Lady unter dem Vorwande willfahrte, für ſeine Geſundheit zu ſorgen. Er erinnerte ſich auch, daß die Mutter ſeines Opfers, ein ſchönes zartes Geſchöpf— noch als halbes Kind gezwungen worden war, die Frau eines Mitgliedes der Bande zu werden und daß ſie im Alter von ſechszehn Jahren, nachdem ſie Milly ge⸗ boren hatte, geſtorben war. „Dieß iſt alles wahr,“ ſagte der Zigeuner;„und deßhalb lehrte ich Sie das rumäniſche Rothwälſch— das Ihnen nur zu leicht einging— lehrte Sie alles, ſelbſt wie man den Trank miſcht. Es war nicht das Geld allein, das mich verlockte, Ihnen meine Hand ſo oft zu leihen.“. „Ihr könnt keine Beweiſe davon beſitzen,“ be⸗ merkte Sir Aubrey düſter. „Ich ſollte keine beſitzen?“ rief ſein Vater.„Was für ein Narr wäre ich, wenn ich Ihnen dieß alles, ohne Beweiſe dafür, erzählt hätte, während Ihre Finger vor Verlangen nach meinem Halſe brennen? Keine Beweiſe,“ ſetzte er mit lautem Lachen hinzu, „ha ha ha!— was glauben Sie denn, was ich ſeit ſo vielen Jahren in der Kiſte verborgen habe, wo⸗ nach Sie mich ſchon mehrmals gefragt haben; was denn?“ Die Abſicht, auf welche der Zigeuner anſpielte, wenn ſie überhaupt ſein Sohn gehegt hatte, wurde — wenigſtens für den Augenblick aufgegeben. Smith, Milly Mohne. 1W. 12 178 „So iſt's recht,“ ſagte der alte Mann, abermals lachend—„ſchlucken Sie es, ſchlucken Sie es hin⸗ unter!“ E „Wo ſind dieſe Beweiſe?“ fragte der Baronet haſtig. „Da, wo Sie ſie nicht holen können,“ erwiderte ſein Vater mit einem pfiffigen Blicke.„Ich bin kein ſolcher Reuling! Sie ſind dort, wo man ſie be⸗ nützen wird, wenn mir irgend etwas zu⸗ ſtoßen ſollte!“ „Was ſollte Ihnen unter meinem Dache zuſtoßen?“ „Jetzt ſehe ich auch nirgends eine Gefahr.“ „Theilt mir mit, welcher Art dieſelben ſind! Ihr könnt nicht erwarten, daß ich dieſer abenteuerlichen, unwahrſcheinlichen Geſchichte auf Euer bloſes Wort hin Glauben ſchenke.“ „Vielleicht nicht,“ antwortete Keelan,„und doch glauben Sie ſie. Da ich aber einmal davon zu ſprechen angefangen habe, ſo will ich auch alles ſagen. Ihre Mutter— ich meine Ihre rechte Mutter— ha! das war eine Frau, ein Kernweib!— ſobald ſie hörte, daß Mylady im Sterben liege, machte ſie ſich auf, um dieſelbe zu pflegen. Lotte hatte ein wachſames Auge auf ſie und hatte ihre Hände bei ſich, wohin ſie ging; und was ihr Gehör anbelangte, ſo gab es Keine, die ſie darin übertraf. Nun, ſie fand bald heraus, woher der Wind wehte. Das ſchwache Herz der Häuſerbewohnerin bekam Angſt, — ſie fing an für ihr Kind— für ihr eigenes Kind zu flennen. Lotte ſah, daß ſie bald beichten werde und ſie ſorgte dafür, daß dieß nicht geſchah.“ „Durch welche Mittel?“ „Wie kann ich dieß ſagen? Ich war nicht dabei 179 und fragte ſie niemals darüber. Ich weiß weiter nichts, als daß ſie in der Nacht, in welcher ſie ſtarb, allein bei ihr war. Unter ihrem Kiſſen fand Ihre Mutter ein Papier, auf welches alles von ihrer Hand niedergeſchrieben war, und in welchem ſie ihren Gatten und den Himmel wegen ihres Stolzes und ihrer Schlechtigkeit um Verzeihung bat.“ Lotte vernichtete es?“ fragte Sir Aubrey . aſtig. „Nein, das that ſie nicht. Es iſt eben der Be⸗ weis, von dem ich Ihnen ſprach.“ „Ihr könnt ja aber nicht leſen.“ „Lotte konnte es aber,“ verſetzte ſein Vater ſcharf.„Man zwang ſie als kleines Mädchen andert⸗ halb Jahre lang die Schule in Walſingham zu be⸗ ſuchen und eine Quäckerin gab ſich viele Mühe mit ihr, lehrte ſie leſen und ſchreiben und verſprach, ſie in ihren Dienſt zu nehmen. Sie bildete ſich ein, den wilden Vogel gezähmt zu haben, aber die Na⸗ tur iſt ſtärker als alles Predigen und Lernen. Als 6 ihre Zeit um war, kehrte Ihre Mutter wieder zu 3 ihrem Stamm zurück.“ „Und Ihr habt das Geheimniß niemals irgend Jemand enthüllt?“ bemerkte ſein Sohn. „Nicht einmal Martha,“ verſetzte Keelan,„obgleich ſie zuverläſſig wie ein Stahl iſt. Ich bin in dieſem Punkte ſtolz auf ſie. Sie werden bald ein Lord werden, wie mir Hanway geſagt hat— ein Lord! ha ha! Wie die Häuſerbewohner ſteigen können! ha ha ha! Wenn Lotte dieß erlebt hätte!“ „Laſſen Sie uns wenigſtens Freunde bleiben,“ . ſagte Sir Aubrey Fairclough, denn wir müſſen noch . 12. — 180 immer ihn bei ſeinem angemaßten Titel benennen, wenigſtens bis dieſe merkwürdige Geſchichtserzählung ergründet werden kann.„Verlaſſen Sie ſich darauf, ich werde für Sie ſorgen.“ „Ich verlaſſe mich darauf,“ wiederholte ſein Vater. „Es war von jeher meine Abſicht.“ „Etwa wie für Hanway?“ fragte der Zi⸗ geuner mit heiſerem Lachen, denn er hatte die An⸗ ſpielung des ſterbenden Kammerdieners nicht vergeſſen. „Sie brauchen darüber nicht zu erröthen; das lernten Sie nicht unter den Zelten. Damals war es ganz natürlich, aber jetzt fürchte ich Sie nicht mehr.“ „Hoffentlich,“ verſetzte der Heuchler, bemüht ſeine Wuth zu unterdrücken,„unſere Intereſſen laufen zu⸗ ſammen, ich bin der Letzte Ihres Stammes.“ „Nein, das ſind Sie nicht.“ Der Baronet blickte ihn erſtaunt an. „Ich habe einen Enkelſohn,“ fügte der Zigeuner bei,„und wenn Ihnen etwas zuſtoßen ſollte, ſo müßte ich für dieſen ſorgen.“ „Alter Mann,“ rief der Baronet,„treiben Sie meine Geduld nicht aufs Aeußerſte. Wenn Ihre Geſchichte wahr iſt, ſo fließt das heiße Blut der Rumänen in meinen Adern und das könnte mich dahin treiben, etwas Verzweifeltes zu thun.“ „Um auf dieſe Weiſe alles zu verlieren,“ be⸗ merkte ſein Vater gelaſſen.„Pah! Sie ſind kein ſolcher Neuling. Schlucken Sie es— ſchlucken Sie es hinunter!“ Sir Aubrey ergriff den vernünftigſten Ausweg; er widerſtand der ſtarken Verſuchung, ihn zu erwür⸗ gen, indem er das Zimmer verließ⸗ ————— 181 Ein leiſes heiſeres Lachen Keelan's folgte ihm. Zwei Tage hernach verließen der Baronet und ſeine Familie Neapel auf dem Paketboot, das nach England ſegelte und nahmen den Zigeuner mit ſich. Achtundfünfzigſtes Kapitel. Das traurige Schickſal Oliver Brandreth's war ein harter Schlag für Peter Marl und deſſen Herrn. Beide liebten ihn um ſeiner edlen, männlichen Eigen⸗ ſchaften, ſeines offenen freimüthigen Weſens und ſeiner Herzensgüte willen. Sein Verluſt war ge⸗ rade ſo, als wenn von dem alten knorrigen Stamme der letzte grüne Aſt, den die Stürme Jahrhunderte lang geſchont hatten, abgehauen worden wäre und der alte Mann trauerte um ihn wie um einen Sohn. Trotz ſeines eigenen Leides bemitleidete Major Henderſon den unglücklichen Vater aufrichtig, als Opfer ſeines Argwohns, von dem er zu ſpät zur klaren Einſicht gekommen war. Peter weidete ſich dagegen an dieſen Leiden, ſie waren ſein einziger Troſt. „Der Narr! der Narr!“ ſagte er, wenn er von dem Kapitän ſprach;„er verdiente einen ſolchen Sohn gar nicht. Das kommt aber alles vom Reiſen. Engländer ſollten zu Hauſe bleiben; fremde Wege ſind nicht unſere Wege und Gott ſei Dank, daß ſie es nicht ſind.“ Wir brauchen unſere Leſer nicht zu verſichern, daß der alte Militär über den wahren Grund in 182 Unwiſſenheit gelaſſen worden war, der unſern Helden verankaßt hatte, Italien zu beſuchen. John Compton's Caſſier, Randal, war das Er⸗ eigniß ebenſo peinlich: der dankbare junge Mann hatte ſich ſo ſehr auf ein Wiederzuſammentreffen mit ſeinem jugendlichen Wohlthäter gefreut, dieſem die Hand drücken, ihm mittheilen zu können, wie großes Vertrauen ſein Principal ihm ſchenke und daß er dieß nur ihm zu verdanken habe. Ganze Stunden lang konnte er mit Peter Marl zuſammenſitzen, um aufmerkſam Anekdoten aus Olivers Schulzeit, Züge ſeines Muthes, ſeines Edelſinns— ſeiner Abenteuer in Mailand und Rom erzählen zu hören. „Er wäre ein ganzer Mann geworden,“ rief der Veteran emphatiſch.„Er wäre einer geworden, ſagte ich?— Er war bereits ein Mann!“ Nach Peters Anſicht war dieß das höchſte Lob, das er zu ertheilen vermochte und wir unſererſeits können ihm darin nicht Unrecht geben, indem wir derſelben Meinung ſind. Während einer dieſer Unterredungen,— welche bis zu einer ziemlich ſpäten Stunde gedauert hatte — ereignete es ſich, daß die beiden dabei betheiligten Perſonen plötzlich ein Klopfen an dem Fenſter des kleinen Pavillons vernahmen, der ſich am Ende des Gartens des Hotels befand, wo ſie beiſammen ſaßen. Peter nannte dieſen Pavillon ſeinen Schlupfwinkel. Da das Fenſter auf die enge Nunciataſtraße ging, ſo beachtete Anfangs keiner von Beiden das Zeichen, bis es wiederholt wurde. Randal ſtand auf, um den Laden zu öffnen. „Warten Sie noch,“ ſagte der alte Soldat, eines 183 Piſtolen herablangend.„Nun, jetzt bin ich ereit.“ „Peter,“ rief eine wohlbekannte Stimme,„laſſen Sie mich ein.“ „Sehr wohl.“ Dem treuen Burſchen fiel es nicht ein, ſeinen Herrn zu fragen, weßhalb er es vorziehe, durch das Fenſter anſtatt durch eine Thüre hereinzukommen, ſondern öffnete bereitwillig beide Flügel, nachdem er in das Zimmer geſtiegen kam.„Schließen Sie nicht ſogleich wieder zu; ich bin nicht allein.“ Eine in einen Mantel gehüllte Geſtalt folgte ihm. Nachdem die Läden wieder geſchloſſen und die Lampe auf's Neue angezündet worden war, erkannte Peter Marl Mr. Auſtin's Diener Philippo. Der Mantel gehörte dem Major, der offenbar ihm den⸗ ſelben geliehen hatte, denn als ſein alter Bekannter ihn ablegte, erſchien er in der Kleidung eines nea⸗ politaniſchen Bettlers. „Wenn ich daran denke, daß ich einen Engländer in einem ſolchen Aufzug ſehen muß,“ murmelte der Veteran.„Er ſieht darin wahrhaftig wie ein Gau⸗ ner aus.“ „Geben Sie ihm etwas Wein,“ ſagte ſein Herr, „er iſt angegriffen und ermüdet.“ Die Flaſche, aus welcher der alte Militär und W getrunken hatten, wurde ihm ſogleich hin⸗ geboten. „Was haben Sie mir mitzutheilen?“ fuhr der Major fort, ſobald Philippo ſich gehörig geſtärkt hatte„Sie dürfen vor dieſem Hertn ſich ungenirt ausſprechen.“ 184 „Ich bin vor drei Tagen allein nach Neapel von der Inſel Capri gekommen, wo wir uns ver⸗ borgen hatten— ſeit der bekannten Geſchichte. Während unſeres dortigen Aufenthalts brachten Fi⸗ ſcher zwei Schwimmer, die ſie auf dem Meere auf⸗ gefangen hatten; einer davon war ein alter Mann, der andere, wie mein Herr ſagte, war—“ „Oliver?“ rief der Major. Ja. „Sie meinen wohl ſeinen Leichnam?“ „Er und ſein Gefährte waren beide am Leben,“ ſagte Philippo,„als man ſie an's Land brachte. Aus ſeinem Verſteck in den Felſen ſah Mr. Auſtin, daß ſie ſich nach der Stadt begaben; ſie waren allerdings ſehr ſchwach und mußten geführt werden.“ Peter Marl ſtieß einen wahnſinnigen Freuden⸗ ſchrei, aus, warf ſeine Mütze in die Höhe, ſetzte ſich hart neben Philippo, entſchuldigte ſich, doß er ihn mit einem Gauner verglichen habe und ſchloß ſeine Abbitte damit, daß er ihm die Friedenspfeife in Geſtalt ſeiner eigenen Pfeife anbot. „Still geſchwiegen,“ ſagte ſein Herr,„ich befehle es Ihnen.“ Der Veteran ſalutirte auf militäriſche Weiſe und ſtand bolzgerade hin, wie eine Schildwache auf dem Poſten. „Möge die Sache ſich als wahr erweiſen,“ mur⸗ melte der Major,„was für ein Jammer wird uns dadurch erſpart— welche Gewiſſensbiſſe werden von der Seele ſeines unglücklichen Vaters genommen. Folgte ihnen denn Ihr Herr nicht nach?“ „Er wagte es nicht,“ verſetzte Philippo— es 185 handelte ſich um ſein Leben, daß er in ſeinem Ver⸗ ſtecke bleibe. Am folgenden Tage wurde aber Mr. Auſtin doch entdeckt und gefangen genommen.“ „Und Sie?“ „Ich war weggeſchwommen, um mir ein Boot zu verſchaffen, auf dem wir beide hätten entkommen können, und eben war ich im Begriff, dem Ufer zu⸗ zurudern, als die Soldaten ihn abfaßten. Er machte mir ein Zeichen, dem ich nicht ungehorſam zu ſein wagte— in die See hinauszurudern, auch rief er mir zu, Sie in Neapel aufzuſuchen.“ Die Möglichkeit, daß unſer Held noch lebend ſei, und in den Händen der Polizei ſich befinde, nahm Major Henderſon einen ſchweren Stein vom Herzen. Uebrigens verkannte er keinen Augenblick die Schwie⸗ rigkeit der Lage und wie vorſichtig er ſich dabei be⸗ nehmen müſſe, wenn er ſeinen Pflegbefohlenen retten wolle, indem die Polizei ſelbſt vor einem Verbrechen nicht zurückbeben würde, wenn ſie dadurch der Ver⸗ legenheit einer Erklärung entgehen konnte. Der Beweis, daß ſein Pflegbefohlener in die Hände der Behörden gefallen ſei, war nur indirect zu führen, indem Niemand außer Mr. Auſtin ihn geſehen hatte. „Ich muß mit Denen mich berathen, die mir Beiſtand leiſten können,“ bemerkte er. „Erlauben Sie mir, Ihnen meine Dienſte an⸗ zubieten,“ rief Randal.„Ich kenne ſo ziemlich die Sprache und bin bereit, mein Leben an die Sache zu ſetzen. Peter ſah ihn beifällig an. kommt daher, weil Sie ein Engländer ſind,“ 186 Zunächſt war für ein Verſteck Philippo's zu ſor⸗ en, was der alte Soldat bereitwillig auf ſich nahm. ei ſeinem gewohnten Mißtrauen gegen Ausländer hatte er ſtets die Thüre ſeines Zimmers verſchloſſen gehalten und niemals dem Kellner oder überhaupt einem der Diener des Hotels geſtattet, ſein Quartier zu betreten, indem er als erfahrener Feldſoldat ſo— gar ſein Bett ſeblſt machte. Die Frage war, wie man den Flüchtling unbe⸗ merkt dahin bringen könne; eine Schwierigkeit, über die man dädurch wegkam, daß Randal die Kleider mit ihm wechſelte und aus dem Fenſter ſich entfernte. Am folgenden Tage gelang es dem Major, eine leichte Yacht— die Luciole— zu miethen, die einem engliſchen Gentleman gehörte, welcher auf einen Monat eine Excurſion in die Abruzzen gemacht hatte. Zwei Attachs's der Geſandtſchaft, muthige junge Männer, welche in Eton auf's Rudern ſich eingeübt hatten, boten freiwillig ihre Dienſte an und auf einen Wink Lord Dalville's erlaubte der britiſche Admiral, der in Neapel eingetroffen war, vier aus⸗ erleſenen Leuten ſeiner Schiffsmannſchaft, ſich ihnen anzuſchließen. Wären die Beweiſe der Art geweſel daß der Lord officielle Schritte hätte thun Sm würde er Oliver's Freilaſſung verlangt und im erungs⸗ falle die Flotte reguirirt haben. Die Vorbereitungen waren ſo in der Stille ge⸗ troffen worden, daß, als die Luciole den Hafen ver⸗ ließ, die Behörden nicht den leiſeſten Verpacht über die Abſicht Derer hegten, welche ſich der⸗ ſelben befanden. 6 — N 187 Die Inſel Capri, auf welche die Abenteurer zu⸗ ſteuerten, liegt ungefähr ſiebenzig Meilen ſüdlich von Neapel. Von Ferne geſehen bietet ſie einen faſt impo⸗ ſanten Anblick dar; mehrere kirchliche Gebäude und die Veſte, die kühn auf einem dahinterliegenden Felſen thront, verleihen dem weitgeſtreckten Dorf darauf das Ausſehen einer bedeutenden Stadt. Es befindet ſich hier der Sitz eines Biſchofs— zum Bisthum Arnalfien gehörig— der eine wilde und geſetzloſe Gemeinde zu verwalten hat. Die Bewohner von Capri ſind in der That ein rohes Volk,— abergläubiſch, rachſüchtig, käuflich und ſtreitſüchtig. Im allgemeinen nähren ſie ſich von Fiſcherei, dabei treiben ſie auch ſtarken Schleich⸗ handel, wozu ihnen ihre geographiſche Lage die beſte Gelegenheit bietet. Wehe der Mannſchaft des Schiffes, das an ihren Ufern Schiffbruch leidet! Man ſagt, daß ſie ſich auch kein Gewiſſen daraus machen, Seeräuberei zu treiben. In den Augen der Regierung beſitzen dieſe Leute eine Tugend, welche mehr als genügend die gelegen⸗ heitlichen Geſetzesübertretungen, wie die Plünderung eines Schiffes oder das Umbringen von Leuten, die in ihre Hände fallen, ausgleicht, indem ſie fanatiſch loyal ſind. Wenn ſie auch die Krone dadurch beein⸗ trächtigen, daß ſie deren Geſetze verletzen, ſo ſind ſie dafür ebenſo bereit, ihr Blut für dieſelbe zu ver⸗ gießen. Viele von der Bande, welche unter Kardi⸗ nal Ruffo ſo furchtbare Ausſchweifungen auf Anſtiften der in und Gönnerin der Lady Hamilton, Karolind von Neapel oder der ſchwarzen Königin, 188 * wie die Patrioten ſie noch heut zu Tage nennen, begingen, waren aus der Inſel recrutirt. Die Anhänglichkeit der Bewohner an die nach ihrer Anſicht richtigen Grundſätze veranlaßten ohne Zweifel die Regierung, die Veſte wieder herzuſtellen, welche unter der Regierung Murat's in Verfall ge⸗ rathen war und dieſelbe als Staatsgefängniß zu benützen. Sie iſt weniger ungeſund als Bel Reſpiro und hat dabei den Vortheil, daß ſie noch weit weniger zugänglich iſt. In dieſes Gefängniß waren viele Perſonen auf den bloſen Verdacht hin, daß ſie Mitglieder der Carbonari ſeien, heimlich eingeſperrt worden. Man hätte es geradezu für eine abgeſchmackte Zartheit Su wenn man erſt lange auf Beibringung von eweiſen gewartet hätte, um Jemand, der einmal verdächtig geworden war, verhaften zu können. Ein Zweifel reichte hin, um einen Mann von liberaler Geſinnung aus dem Schooße ſeiner Familie zu reißen, gleichviel ob ſein ganzes Lebensglück oder ſein Wohlſtand dadurch zu Grunde gerichtet wurde, und ihn Jahrelang, vielleicht fürs ganze Leben in einer finſtern Zelle einzuſperren, in welcher der Geiſt des Opfers und, wie wir fürchten müſſen, auch ſein Körper ſyſtematiſch gefoltert wurde. Sollten die geheimen Schreckniſſe der Gefängniſſe von Capri je bekannt werden, ſo würde Europa von Entſetzen über die Gewaltthätigkeiten der neapo⸗ litaniſchen Regierung erfüllt werden. Weder Alter, Geſchlecht noch Rang ſchützten vor dieſer Tyrannei. — —— 8— — S—— — 8— 8S— ſe a r 189 In einer der Zellen der Feſtung— einem großen viereckigen Gebäude, mit einem hohen gegen Süden gelegenen Thurme, welchen der Gouverneur zu be⸗ wohnen pflegte— waren ſeit acht Tagen zwei Ge⸗ fangene eingeſperrt— Oliver Brandreth und Jack Spears.— Als dieſelben nahezu gänzlich erſchöpft waren, hatte ein Fiſcherboot ſie aufgenommen und nach Capri gebracht, wo ſie, da ſie wenig Werth⸗ volles bei ſich führten, von ihren Errettern wahr⸗ ſcheinlich in der Hoffnung auf eine Belohnung ge⸗ pflegt worden wären, wenn nicht ein Polizeibeamter, der kürzlich erſt in Neapel eingetroffen war, unſern Helden erkannt hätte. Derſelbe war von dem Mi⸗ niſter beauftragt geweſen, ihn als Spion zu über⸗ wachen. Zur Vorſicht wurde er und ſein Gefährte ſogleich arretirt und Signore Falconet von der Verhaſtung in Kenntniß geſetzt. In Folge von Befehlen, die von dieſem traurigen Beamten erlaſſen wurden, waren ihre Kleidungsſtücke an Bord des Agamemnon nebſt den Detailumſtänden ihres Todes und Begräbniſſes geſchickt worden. Der Miniſter hatte nämlich unterdeſſen Kenntniß von der Verbindung unſeres Helden mit den Carbonari er⸗ halten. Der Faden, nach welchem er ſchon ſo lange gefahndet, befand ſich nun, wie er meinte, in ſeiner Hand und er beſchloß alle Mittel anzuwenden, ein Geſtändniß zu erpreſſen, durch welches man den Mitgliedern des Ordens in Neapel auf die Spur kommen könnte. Täglich beſuchte ſie der Gouverneur der Feſtung 190 in Begleitung eines Secretärs, um ſie zu verhören: bis jetzt aber ohne allen Erfolg. Aus Jack war begreiflicherweiſe nichts heraus⸗ zubringen. Er habe nie etwas von den Carbonari gehört, ſagte er— wiſſe gar nicht, was dieß für Leute ſeien; er gehöre auf den Agamemnon; man ſolle ſich vor der Rache ſeiner Landsleute hüten, wenn man ihn nicht in Freiheit ſetze;— eine Drohung, über welche die Beamten mit einem Lä⸗ cheln weggingen. Als ſie ſahen, daß es gänzlich vergebens wäre, an den alten Matroſen weitere Fragen zu ſtellen, ließ man ihn in Ruhe und beſchränkte das Verhör auf Oliver. „Sie werden doch nicht läugnen wollen,“ be⸗ merkte der Secretär,„daß Sie zu den Eingeweihten gehören.“ „Ich läugne nichts,“ lautete die Antwort. „Sie geben es alſo zu?“ „Ich gebe nichts zu, ſondern ich behaupte ganz einfach, daß ich im Reiche Seiner neapolitaniſchen Majeſtät weder direct noch indirect in irgend einer Verhindung mit den Mitgliedern des Ordens, den Sie nannten, geſtanden habe. Ich bin ein Eng⸗ länder,“ fügte unſer Held bei,„und frage Sie, mit welchem Recht Sie mich gefangen halten?“ „Da ſteckt der Knoten,“ ſagte Jack. Die Fragen waren auf engliſch geſtellt worden, nachdem die Ge⸗ fangenen ſich geweigert hatten, in einer andern Sprache Antwort zu geben.„Bleiben Sie dabei, Maſter Oliver; wir ſind beide Engländer.“ „Stillgeſchwiegen!“ rief der Gouverneur. —*— 191 „Man wird Sie in die Luft fliegen laſſen,“ ver⸗ ſetzte der Matroſe. „Ich bitte um die Erlaubniß, mit meinem Ge⸗ ſandten mich ins Einvernehmen ſetzen zu dürfen.“ Der Beamte zuckte die Achſeln. „Was willeder Landpirate damit ſagen?“ ſagte Jack Spears, ihn nachäffend;„will er es zugeben?“ „Ihr Wunſch kann nicht erfüllt werden, wenig⸗ ſtens für jetzt nicht. Eines iſt wenigſtens gewiß— Sie werden dieß auch nicht läugnen wollen,— daß Sie einem Gefangenen zu ſeiner Flucht aus Bel Re⸗ behilflich waren,— der Polizei Widerſtand lei⸗ teten.“ „Er war ungerechterweiſe eingeſperrt worden,“ lautete die unwillige Antwort. „Darüber haben Sie nicht zu urtheilen,“ verſetzte der Neapolitaner.„Sie ſind jung und wurden, wie ich zu glauben geneigt bin, von den argliſtigen Män⸗ nern verleitet, welche unaufhörlich gegen die Regie⸗ rung Italiens complottiren. Ich gebe Ihnen drei Tage Zeit zum Ueberlegen. Ein offenes Geſtändniß kann Diejenigen, welche über Ihr Schickſal zu ent⸗ ſcheiden haben, veranlaſſen, Ihren Fehler nachſichts⸗ voll zu beurtheilen; ſollten Sie aber hartnäckig blei⸗ ben,“ fügte er in bedeutungsvollem Tone hinzu,„ſo haben wir außer dem Kerker noch andere Mit⸗ tel, Sie zum Sprechen zu zwingen.“ „Die Folter, wahrſcheinlich?“ bemerkte Oliver. „Das iſt eine leere Drohung, die Sie nicht in Aus⸗ führung zu bringen wagen werden.“ „Sie werden erfahren, was die Regierung Sei⸗ ner Majeſtät in einer guten Sache wagt,“ antwor⸗ 192 tete der Secretär höhniſch.„Sie ſind gewarnt. In drei Tagen werde ich Sie wieder beſuchen.“ „Was ſagte der Kerl da von der Folter?“ fragte Jack Spears, ſobald ſie wieder allein waren.„Sie glauben doch nicht, daß man es wagen wird— nicht wahr?“ „Es wäre wohl möglich,“ antwortete ſein Mit⸗ gefangener ſeufzend;„wir ſind ganz in die Hand der Willkür gegeben; unſere Freunde glauben, wir ſeien umgekommen.“ „Die Folter,“ wiederholte der alte Matroſe,„an Ihnen? ſie ſollen es verſuchen; ſie ſollen es ver⸗ ſuchen!“ „Es bleibt uns nur eine Hoffnung.“ „Was für eine?“ Unſer Held deutete auf den Boden des Gefängniſſes. Zwei Tage nach ihrer Verhaftung vernahm Hli⸗ ver Brandreth während der Nacht ein fortgeſetztes Klopfen an der Mauer, welche die Zelle, in welcher er eingeſperrt war, von der anſtoßenden trennte. Anfangs beachtete er das Geräuſch kaum, indem er daſſelbe dem Zufall zuſchrieb. Als es aber fort⸗ dauerte, lauſchte er aufmerkſam und entdeckte bald, was es zu bedeuten habe. Ein Mitglied der Car⸗ bonari war in dem nächſten Gefängniß eingeſperrt, denn das Klopfen geſchah auf eine Weiſe, wodurch die Eingeweihten ſich gegenſeitig zu erkennen gaben. Die Art der Unterredung war mühſam und be⸗ ſchwerlich. Jeder Buchſtabe des Alphabets hatte eine correſpondirende Numer— diejenigen, welche Vocale bezeichneten, waren willkürlich— und fingen mit zehn, anſtatt mit der Einzahl an. 193 Nachdem auf Italieniſch die Frage geſtellt worden war,„Wer ſind Sie?“ wurde zu ſeinem Erſtaunen das Wort„Hoffnung“ auf Engliſch geantwortet. Dis nächſte Antwort gab den Namen„Auſtin.“ Sir Cuthbert Vavaſſour war alſo der Bewohner der anſtoßenden Zelle und gleich ihm Gefangener. Um die Mittagsſtunde,— kurz nachdem der Se⸗ cretär und der Militär⸗Gouverneur des Gefängniſſes ſich zurückgezogen hatten,— wurden⸗die Signale er⸗ neuert. Dießmal kam der Ton vom Boden herauf. „So iſt es ihm alſo geglückt!“ rief unſer Held in großer Aufregung.„Wir müſſen ihm helfen, Jack.“ „Ja, ja, Maſter Olwer.“ „Wo haben Sie aber Wertzeuge?“ Der Matroſe beſeitigte den Schlamm, mit wel⸗ chem die Platten der Zelle dicht bedeckt waren und brachte ein flaches Stück Eiſen hervor, das er an ein Holzſtück befeſtigt hatte) ſo daß dieſes eine Art von Stiel bildete; ſein Mitgefangener riß zu gleicher Zeit einen Fuß aus ſeinem Stuhle heraus. Nachdem ſie zuvor ihre Röcke ausgezogen hatten, machten ſie ſich an's Werk, gruben und arbeiteten, bis ihre Hände bluteten und dichter Schweiß ihnen über das Geſicht rann. Es war ein ſchweres Stück Arbeit, die Platte, um die es ſich handelte, in die Höhe zu heben. „Ich wollte lieber ein Jahr lang an Bord eines Wallfiſchfahrers dienen,“ bemerkte Jack Spears,„als eine Woche hindurch dieſes Geſchäft fortſetzen.“ „Muth, alter Burſche, Muth.“ „Daran fehlt mir's nicht,“ verſetzte der alte Smith, Milly Moyne. W. 13 194 Mann,„ich dachte nur an den Grogg am Bord des Aggymemnon.“ Auf's Neue fingen ſie wieder an zu arbeiten; der Stein ſchien endlich nachgeben zu wollen und es glückte ihnen, ihn aus der Bettung auszuheben. Die Lichtſtrahlen einer Lampe drangen durch die ſo eben gemachte Oeffnung. „Reicht mir eure Hände,“ ſprach eine ſchwache Stimme von Unten. Dieß geſchah und der unterirdiſche Bewohner wurde, erſchöpft vor Ermüdung und kaum erkennbar, in die Zelle heraufgezogen. Sein Geſicht ſah ge⸗ ſpenſterhaft aus und war durch mehrere Splitter von zerbrochenem Glas und Kieſelſteinen, die ſich in der Bettung befanden, ſtark zerfetzt, ſo daß das Blut reichlich daran hinablief. „Dem Himmel ſei Dank!“ ſagte der verwundete Mann.„Endlich habe ich es vollbracht. Drei Nächte hindurch habe ich unaufhörlich gearbeitet, während meine Gefährten Wache hielten, für den Fall, daß unſern Gefängnißwärter während meiner Abweſ enheit die Luſt ankommen ſollte, uns zu viſitiren.“ „Sie ſind alſo nicht allein?“ „Nein. Pepoli's Neffe und Mariani ſind bei mir. Unſere Tyrannen können nicht alle ihre Opfer trennen. Ihre Gefängniſſe ſind zu dicht angefüllt. Während ich mich unten durch den Boden durchar⸗ beitete, hörte ich deutlich Ihre edle Weigerung, Die⸗ jenigen zu verrathen, die ihr Vertrauen in Sie ſetzten.“ „Es war dieß meine Pflicht,“ verſetzte Oliver mit ſchlichter Ungezwungenheit. 195 „Wenn wir entkommen, was, wie ich hoffe, ge⸗ ſchehen wird,“ ſagte Mr. Auſtin mit Betonung,„ſo ſollen Sie finden, daß dieß mich die meinige ge⸗ lehrt hat.“ „Ach, ach, Euer Ehren,“ rief Jack Spears;„iſt es denn möglich, daß wir durchbrennen können? Mir gefällt es hier gar nicht. Der Landpirate ſprach etwas von Folter. Aber ſie mögen nur kommen— ſie mögen es nur verſuchen!“ Bei dieſen Worten führte er einen Hieb in die Luft, wie wenn er einen Gegner vor ſich hätte;— allerdings eine harmloſe Art, ſeinem Zorn Luft zu machen. „In drei Tagen wollen alſo der Gouverneur und der Secretär ihren Beſuch wiederholen?“ bemerkte ihr Mitgefangener nachdenklich. „Damit drohten ſie.“ „Wir müſſen darauf vorbereitet ſein,“ ſagte Mr. Auſtin feſt.„Komme was da will, ſo ſollen Sie nicht allein ſein, junger Mann, das verſpreche ich Ihnen.“ Er ſtand eine Zeit lang nachſinnend da, mit den Augen die Zelle unterſuchend, von welcher ein Theil eine Art von Vertiefung bildete. „Wo ſchlafen Sie?“ fuhr er fort. Unſer Held deutete auf eine Strohmatratze mit einer groben Decke in der Vertiefung. „Schlafen!“ wiederholte Jack mit einem unbe⸗ haglichen Schütteln.„Nun, wir können wohl ſagen, wir ſchlafen; wenigſtens thun wir dergleichen.“ „Ich muß mit meinen Gefährten mich beſprechen,“ ſagte der Beſucher.„Nachdem ich einmal die Ver⸗ 13 196 bindung hergeſtellt habe, unterliegt das Wiederkom⸗ men keiner Schwierigkeit mehr. Ich kann den Stein von unten in die Höhe heben. Ihr verſteht doch mein Signal?“ „Ja.“ „Morgen Nacht alſo werde ich wiederkommen. Für jetzt wage ich nicht länger wegzubleiben. Wenn meine Abweſenheit Ihnen auch einen Freund raubt, ſo bleibt Ihnen dafür ein anderer— die Hoffnung! Adieu!“ Mit dieſen Worten fing ihr Beſucher an wieder hinabzuſteigen. Sobald er ganz verſchwunden war, legten Oliver und Jack den Stein wieder zurecht und preiteten den Schlamm wieder darüber hin. Nach wenigen Minuten hatte Alles wieder das frühere Ausſehen. Neunundfünfzigſtes Kapitel. Das Erſcheinen der Luciole in der Bai von Capri zog die Aufmerkſamkeit des Gouverneurs der Feſtung auf ſich. Es lag zwar durchaus nichts Un⸗ gewöhnliches in dem Ereigniſſe, indem der Ort wäh⸗ rend der Sommer⸗ und Herbſtmonate häufig von Ver⸗ gnügungsreiſenden in ihren Yachten beſucht wurde; aber der Miniſter hatte ihn aufmerkſam machen laſſen, auf ſeiner Hut zu ſein. Wäre das Schiff unter ir⸗ gend einer andern Flagge als der engliſchen geſegelt, ſo wäre kein Verdacht rege geworden. 197 Er ſchickte deßhalb nach zweien ſeiner Officiere, dem Conte de Villa und dem Lieutenant Ariſibene, befahl denſelben ein Boot zu beſteigen, in demſelben rund um die Bai zu fahren und zu erſpähen, ob etwa die Veſte beobachtet werde,— wo möglich die Be⸗ kanntſchaft der Eigenthümer der Yacht zu machen und eine Einladung an Bord zu erlangen. Er hätte zu dieſem Zwecke keine beſſeren Kund⸗ ſchafter auswählen können. Beide waren junge Män⸗ ner aus angeſehenen Familien, die ſich in der Ge⸗ ſellſchaft zu bewegen verſtanden, ein feines Benehmen und jenes angeborene Talent zu Intriguen beſaßen, welches den Neapolitaner kennzeichnet. In dieſem Falle bekamen ſie aber mit Leuten zu thun, die ihnen völlig gewachſen und durch Erfahrung gewitzigt, in Gefahr doppelt wachſam waren. Als ſie ſich der Luciole näherten, bemerkten ſie drei junge Männer, Randal Rand und die zwei At⸗ taché's, welche zu Durchführung ihrer angenommenen Rolle in ein etwas phantaſtiſches, halb ſeemänniſches Coſtüm ſich geworfen hatten, auf dem Verdeck, das Manövriren ihrer Leute überwachend, indem ſie zu⸗ weilen Befehle ertheilten, welche die Matroſen vom Admiralſchiff ſchmunzelnd entgegennahmen und nach ihrer Art ausführten. Das heißt, ſie thaten, als wenn ſie ſie ausführ⸗ ten— ein nicht ungewöhnlicher Fall, wie wir glau⸗ ben, an Bord mancher unſerer kleinen Yachten, welche von Dilletantenkapitänen commandirt werden. Die⸗ ſes Abkommen ſagt beiden Theilen zu; es ſchmeichelt den Eigenthümern und verſchafft der Mannſchaft um ſo größere Groggportionen. 198 „Seht einmal,“ rief Stanley, der ältere unter den beiden jungen Diplomaten, der zuerſt das Boot bemerkt hatte,„der Feind fängt an zu ſondiren.“ „Wie köſtlich gleichgültig er ſich dabei anzuſtellen ſucht,“ bemerkte Doyle, der ſein Fernglas auf die Officiere gerichtet hatte. Alles war den Umſtänden gemäß vorbereitet worden und Randal ſah mit Entzücken die Sendlinge des Gouverneurs das Schiff umrudern. Als dieſe in die Nähe des Steuers kamen, wo die drei jun⸗ gen Männer ſtanden, zogen ſie höflich ihre Dienſt⸗ müzen ab. Die Begrüßung wurde eben ſo höflich erwidert. „Prächtig gebaut,“ ſagte der Conte de Villa zu ſeinem Kameraden in ſo lautem Tone, daß man ihn offenbar auf dem Verdeck hören mußte.„Kein Volk verſteht ſich auf dergleichen Dinge ſo gut wie die Engländer.“ „Keines,“ verſetzte der Lieutenant. „Sie ſind ſo geſchickt!“ „So reich!!“ „So unternehmend!!!“ „Und ſo höflich!!!“ Dieſe ſchmeichelhaften Bemerkungen wurden von den Neapolitanern im Chor wiederholt, in der Hoff⸗ nung, daß die jungen Gentlemen in Phantaſiejacken und Müzen mit prächtigen goldenen Borten und Quaſten ihre Sprache verſtehen und den Köder an⸗ beißen ſollten. Die drei jungen Gentlemen verſtanden auch jedes Wort, das ſie ſprachen, nahmen es aber nach ihrem wahren Werthe auf, ſonſt würden ſie wohl die Fabel 199 un dem Fuchs und der Krähe ohne Nutzen geleſen aben. „Wäre es Ihnen vielleicht gefällig, an Bord zu kommen,“ rief Randal. „Der Kapitän ſpricht italieniſch!“ verſetzte der Conte de Villa mit wohlgelungenem Erſtaunen. „Ausgezeichnet!“ ſagte ſein Gefährte. Die Einladung wurde wiederholt und nach eini⸗ gem Zögern, des Anſtands wegen, weil man be⸗ fürchtete zudringlich zu erſcheinen u. ſ. w. wurde ſie endlich angenommen. Sobald die Spione des Gouverneurs den Fuß auf das Verdeck geſetzt hatten, übergab der Conte ſeine Karte mit der gezackten Krone über ſeinem Na⸗ men und ſtellte dann den andern Officier, den Lieute⸗ nant Ariſibene, Randal vor, der hierauf Gegenſeitig⸗ keit übte,— wie die Amerikaner zu ſagen pflegen — indem er Stanley und Doyle präſentirte. Horace Walpole, der ſich anſtellte, den Super⸗ lativſtyl unerträglich zu finden— obgleich er mehr als viele andern Schriftſteller ſich deſſelben bediente — würde die übertriebene Begeiſterung der Neapo⸗ litaner im höchſten Grade angewidert haben, als man ihnen die Luciole zeigte. Groß— prächtig— herrlich— köſtlich— waren die einfachſten Worte, in welchen ſie ihre Bewunderung über alles, was ſie ſahen, ausdrückten. Die Engländer führten ihre Beſucher— deren Neugierde unerſättlich ſchien,— auf der ganzen Yocht herum, vom Vorderkaſtell bis zur Kazüte; wenn dieſelben eine officielle Inſpection vorzunehmen gehabt hätten, ſo hätte ſie nicht gewiſſenhafter aus⸗ 200 fallen können. Ihre Bewunderung ging ſo weit, daß ſie ſelbſt einige Worte auf Engliſch— die ein⸗ zigen, die ſie vielleicht kannten— an die Mann⸗ ſchaft richteten, und ſogar zwei alte Männer, die ſehr eifrig mit Schälen von Kartoffeln im Küchenver⸗ ſchlage beſchäftigt waren, ihrer Aufmerkſamkeit nicht entgehen ließen. Es war von Wichtigkeit, daß weder Major Hen⸗ derſon noch Philippo an Bord erkannt wurden, weil ohne Zweifel der Polizeiminiſter deren Perſonalbe⸗ ſchreibung nach Capri hatte gelangen laſſen. In der Kajüte fanden die Italiener eine üppige Collation bereit. Ihr Argwohn war längſt ge⸗ ſchwunden; und überzeugt, daß die Befehlshaber der Yacht junge Engländer von Rang mit mehr Geld als Verſtand ſeien, überließen ſie ſich ganz dem Genuſſe. Man findet nicht alle Tage Champagner, Portwein und Havannah⸗Cigarren im Ueberfluß. „Sie kennen dieſe Fremden,“ bemerkte der Major gegen ſeinen Begleiter, ſobald die Officiere die Speiſekammer wieder verlaſſen hatten.„Ich ge⸗ wahrte es an dem plötzlichen Blitzen Ihrer Augen—“ „Den Einen davon,“ ſagte Philippo,„den Conte Villa; aber er erkannte mich nicht. Ich muß ſogleich an's Land.“„ „Aus welchem Grunde?“ „Ich wage es nicht zu ſagen,“ verſetzte der treue Diener des Mr. Auſtin offen;„wäre Mr. Oliver oder Mr. Blandford hier, ſo könnte ich es dieſen ſagen!“ Der Mentor unſeres Helden errieth, daß Phi⸗ 201 lippo's Weigerung im Zuſammenhang mit den Car⸗ bonari ſtehe und fragte nicht weiter. „Es könnte aber gefährlich werden,“ bemerkte er. „Ich muß es wagen,“ ſagte der alte Mann in ſeinem gewohnten ruhigen Tone;„mein Leben iſt aber da, wo es ſich um meinen theuern Herrn han⸗ delt, von geringem Werth.“ Der Major langte noch eine Kartoffel aus dem Tigel, und fing an dieſelbe zu ſchälen. Er wäre beruhigter geweſen, wenn er Philippo's Abſichten er⸗ fahren hätte; das aber war unmöglich, weil er nicht unter die Eingeweihten gehörte. „Kann ich Ihnen dabei behilflich ſein?“ fragte er. „Nein, ich muß allein an's Land geſetzt werden.“ Peter Marl, der in der Kajüte gewartet hatte, kam durch die geöffnete Thüre. Der alte Soldat murmelte etwas vor ſich hin, das nichts weniger als wie ein Segensſpruch über die Musjös lautete, wie er bekanntlich alle Ausländer zu bezeichnen pflegte, als er ſeinen Vorgeſetzten auf dieſe Weiſe beſchäf⸗ tigt ſah. „Wo gehen Sie hin?“ fragte ſein Herr. „In den Eiskeller,“ verſetzte der Veteran.„Euer Chren könnten aber doch wohl dieſes Geſchäft jetzt unterlaſſen?“ „Im Kriege iſt alles recht,“ rief der Major lä⸗ chelnd.„Es iſt nicht das erſtemal, daß ich den Koch gemacht habe; Sie erinnern ſich doch wohl noch unſeres Bivouabs in Spanien?“ „Das will ich meinen. Das waren glückliche Zeiten, Euer Ehren.“ „Ganz gewiß,“ antwortete der Herr philoſophiſch. 202 „Apropos, haben Sie den Namen des Größern von unſern beiden Beſuchern erfahren?“ „Mr. Randal nennt ihn Graf Villa, aber ich zweifle nicht, daß er noch ein Dutzend anderer Na⸗ men führt, unter denen keiner der rechte iſt. Die Musjös fechten immer unter falſcher Fahne.“ Die Frage war keineswegs aus Zweifel an der Treue Philippo's geſtellt worden, von welcher Major Henderſon vollkommen überzeugt war, ſondern nur deßhalb, um zu erfahren, ob der Neapolitaner den rechten Namen angegeben habe oder nicht. Lautes Gelächter erſchallte aus der Kajüte und man hörte Stimmen nach noch mehr Wein rufen. Peter eilte dahin. Eine Stunde ſpäter wurde Philippo an's Ufer geſchickt und landete an einem dem Dorf zunächſt gelegenen Punkte. Das Boot hatte Befehl auf ihn zu warten, bis er Lebensmittel eingekauft habe. Seine letzten Worte gegen Major Henderſon, als er die Yacht verließ, waren, die Neapolitaner wo möglich bis zur Dämmerung an Bord zurückzu⸗ halten und dem Lieutenant gehörig mit Wein zu⸗ zuſprechen. Aus der Speiſekammer gelangten dieſe Inſtruc⸗ tionen an Randal in der Kajüte, dem es leicht fiel, ſeine Beſucher zu bereden, beim Mittageſſen zu bleiben. Die Havannah⸗Cigarren und der Champagner hatten ihr ganzes Vertrauen gewonnen. Sie hätten darauf geſchworen, daß die drei luſtigen Befehlshaber der Luciole durchaus keine feindlichen Abſichten hegten. Die Engländer übten ihre Gaſtfreundſchaft ſo ausgezeichnet, daß es Nacht wurde, ehe ihre Gäſte —— 203 unter tauſend Freundſchaftsbetheuerungen ſich verab⸗ ſchiedeten. Ariſibene mußte man in's Boot helfen. Sein Kamerad, obgleich ſehr aufgeregt, befand ſich in einer beſſern Verfaſſung— das heißt, er war nur halb angetrunken. Zur Rechtfertigung der Neapolitaner müſſen wir hinzufügen, daß Trunkenheit vielleicht das einzige Laſter iſt, dem ſie nicht ergeben ſind. „Welcher Laſt ſind wir los! rief Stanley, als ſie weggerudert waren.„So wahr ich lebe, Doyle, es fehlte glaube ich nicht viel, ſo hätte der Graf Sie umarmt!“ „Es iſt mir um ſeinetwillen lieb, daß er es nicht verſuchte,“ verſetzte der jüngere Attaché trocken,„es hätte dieß einen ſtarken Riß in unſere neu angeknüpfte Freundſchaft geben können.“ „Sie haben ſehr edel gehandelt,“ bemerkte der Major, der jetzt ſein Küchengewand abgelegt hatte, „und mein Pflegbefohlener wird, wie ich hoffe, das Vergnügen haben, Ihnen in Perſon danken zu können.“ „Je bälder um ſo beſſer,“ riefen die jungen Männer. Keiner von Beiden hatte Oliver Brandreth oft geſehen, aber alles, was ſie von ihm gehört hatten, gefiel ihnen. Es exiſtirt eine Art von Freimaurerei in männlichen, edeln Naturen, indem ſich dieſelben raſch verſtehen und zu ſchätzen wiſſen. Die zwei Officiere hatten kaum ihr Boot ver⸗ laſſen, als ſie einen Bettler trafen, deſſen Perſon durch den zerriſſenen Mantel und den Schlapphut, den er trug, ſo gänzlich bedeckt war, daß, wenn er 204 ihr leiblicher Bruder geweſen wäre, ſie ihn nicht er⸗ kannt hätten. „Carita, Signori. carita!“ rief er in dem ſeinem Gewerbe eigenthümlichen weinerlichen Tone. „Pack dich!“ ſtammelte Ariſibene. „Carita,“ wiederholte der Mann. „Verfluchter—!“ Der noch derbere Ausdruck des Grafen wurde durch ein eigenthümliches Zeichen abgeſchnitten, wel⸗ ches der Bettler machte, indem er mit der Hand raſch über die Stirne fuhr. ⸗* „„Ver— Verſetzen Sie ihm Eins!“ brüllte der Lieutenant. „Poverino,“ ſagte ſein Gefährte,„er ſieht ſo jämmerlich aus.„Ich habe einen Carlino— einen falſchen,“ ſetzte er flüſternd hinzu,„in meiner Taſche.“ „Geben Sie— geben Sie ihm denſelben!“ ſtammelte ſein Kamerad unter ſchallendem Gelächter über den Gedanken, den Bettler vermittelſt einer werthloſen Münze abzufertigen. De Villa ließ den Carlino in den Hut des Bittſtellers fallen, und langte zugleich mit gewandter Hand einen Brief daraus hervor, den er, ohne daß ſein Freund es gewahrte, in die Taſche ſteckte. „Grazia! graria! Signoret rief der Bettler erfreut, und ging haſtig ſeines Wegs. Wäre Ariſibene weniger des ſüßen Weines voll geweſen, ſo würde er ſich wahrſcheinlich gewundert haben, weßhalb der Bettler, anſtatt ſeine Schritte nach dem Dorfe zuzulenken, nach der Uferſeite ſich begab. Der Graf vermuthete vielleicht ſeinen Grund, aber es lag in ſeinem Intereſſe, darüber zu ſchweigen. 205 Der Gouverneur fühlte ſich von dem Bericht, den ſeine Sendlinge nach ihrer Rücktehr in die Veſte abſtatteten, ſo ſehr zufrieden geſtellt, daß er ſich um die Luciole nicht mehr kümmerte und nicht weiter an ſie dachte. Er hatte ſich jetzt mit wichtigeren Dingen zu beſchäftigen. Es waren Befehle aus Neapel einge⸗ troffen, durch die er aufgefordert wurde, energiſch zu handeln. Nachdem der Conte de Villa in ſein Zimmer ge⸗ kommen und ſorgfältig die Thüre verſchloſſen hatte, zog er den Brief aus der Taſche, den er durch einen ſo eigenthümlichen Boten erhalten hatte. Ein unwillkürliches Entſetzen befiel ihn, als er das Siegel erbrach. 6 Der Inhalt war kurz, aber beängſtigend: „Sie haben ihren Eid gebrochen, indem Sie es unterließen, den Orden von der Verhaftung des Engländers Auſtin zu benachrichtigen und ſind durch Ungehorſam der großen höhern Strafe verfallen, die an Ihnen vollzogen werden wird, wenn Sie es nicht möglich machen, ihn innerhalb drei Tagen nach Em⸗ pfang Dieſes in Freiheit zu ſetzen.“ „Ihn in Freiheit ſetzen,“ murmelte der Jammer⸗ mann, der in einem Augenblick falſcher Begeiſterung den Carbonari ſich angeſchloſſen hatte, und ſeitdem dieſen Schritt bereute;„unmöglich!“ „Hoffen Sie nicht zu entkommen. Sollten andere Mittel fehlſchlagen, ſo würden die Beweiſe Ihrer Aufnahme in den Orden durch ſichere Hand dem König vorgelegt werden. Die Erfahrungen, welche Sie während Ihres Aufenthalts in der Veſte von 206 Capri zu ſammeln Gelegenheit gefunden haben, macht es unnöthig, Sie auf die Folgen aufmerkſam zu machen. „Ferdinand gewährt keine Gnade.“ Dieſe geheimnißvoll klingenden Hyeroglyphen waren am Ende des Papiers unterzeichnet, das mit dem Siegel des Ordens geſchloſſen war. „Ich ſagte unmöglich!“ wiederholte der Graf; „für mich gibt es kein ſolches Wort wie„„unmög⸗ lich.““ Die Gefahr hat es aus meinem Wörterbuche herausgeriſſen. Eine angenehme Abkühlung nach einem Tage des Vergnügens!— und des Wein⸗ genuſſes,“ fügte er bei.„Ich muß nachdenken— nachdenken; vor allem aber dieſen Beweis gegen mich vernichten.“ Mit unſicherer Hand hielt er den Brief an das Flammenlicht, bis er ganz verzehrt war; hierauf ſchloß er ſeine Zimmerthüre wieder auf, und ging in den Hof der Veſte, in der Hoffnung, in der Nacht⸗ luft ſeine Gedanken beſſer ſammeln zu können. Zwei Stunden vor Tagesanbruch beſuchte er das Gefängniß, in welchem Auſtin, Mariani und der Neffe des Marcheſe Pepoli— ein Namen, mit wel⸗ chen die jüngſten Ereigniſſe in Italien ohne Zweifel unſere Leſer vertraut gemacht haben— eingeſperrt waren. Die Gefangenen waren eben von ihrem Beſuch bei Oliver zurückgekehrt. Die drei Tage, welche der Gouverneur unſerem Helden zum Nachdenken geſtattet hatte, waren ab⸗ gelaufen. Jede Nacht hatte er und die Bewohner der anſtoßenden Zellen ſich zuſammengefunden, um 207 über die Möglichkeit der Flucht ſich zu berathen. Hundert Plane waren beſprochen und alle als unaus⸗ führbar und hoffnungslos verworfen worden. Oliver beſaß nicht einmal eine Waffe, um ſein Leben zu vertheidigen, ſondern war ganz den Händen ſeiner Verfolger preisgegeben. „Ich würde mir aus dem Sterben nicht ſo viel machen,“ rief er aus,„wenn ich das Werk vollendet hätte, welchem ich mich gewidmet habe.“ „Sprechen Sie nicht vom Sterben, Maſter Oliver,“ ſagte Jack Spears. Ich bin ganz allein Schuld daran. Warum habe ich mich nicht ruhig ſtäupen laſſen? Ich wollte lieber tauſend Streiche aushalten, als ſehen, daß man Ihnen einen einzigen gibt.— Das ſollen ſie aber bleiben laſſen, ſo lange ich lebe. „Wenn nur der Aggy in der Bucht und der recht bei Sinnen wäre; aber nein— er iſt „Still, Jack— ſtill!“ unterbrach ihn Oliver Brandreth;„ich will kein Wort gegen meinen un⸗ glücklichen in Selbſttäuſchung befangenen Vater hören, er iſt für ſeine Gefühle längſt ſchon hart genug beſtraft.“ „Ich hoffe, daß es ſo iſt,“ murmelte der arme Matroſe.„Und dazu gegen einen ſolchen Sohn! Nun, Euer Ehren, es iſt einmal heraus, ich will nichts weiter mehr ſagen, obgleich mein Herz da⸗ durch erleichtert wird.“ „Jack,“ ſagte unſer Held ernſt,„beten Sie auch?“ „Matroſengebete, Euer Ehren— Matroſengebete, denn man hat mich keine ſolche gelehrt, wie man ſie auf dem Lande herſagt. Ich weiß, daß wir Alle nur einen großen Befehlshaber da oben haben, der 208 ſelbſt Jack im Auge behält. Es wäre aber nicht recht von meinesgleichen, wenn wir ihm zu viel Ungelegenheit verurſachten. Wenn ich nach einer Nachtwache mich niederlege, ſo bitte ich um ſeinen Segen und ſeine Vergebung; und ich denke an ihn, wenn der Wind heult und das Schiff wie ein Sturmvogel bald untertaucht, bald in die Höhe ſteigt. Ich weiß, daß ſein Athem den Sturm erweckt hat und daß ſein Wille ihn beſänftigen kann; und dann ſage ich jedesmal— der Himmel ſei uns gnädig— denn ich lege jedesmal zugleich auch ein gutes Wort für die ganze Mannſchaft ein. „Das iſt alles, was ich weiß,“ ſprach er und alles Gebet, was ich kenne; ich habe mich bemüht, meine Pflicht an Bord und am Lande zu erfüllen — habe nie einem Kameraden in meinem Leben Unrecht gethan. Ich will mich daher nicht rühmen; aber er kennt meine Unwiſſenheit und wird einmal, wenn allen Händen auf's große Verdeck gepfiffen wird, dem armen Jack gnädig ſein.“ „Möge er uns allen gnädig ſein,“ verſetzte Hliver feierlich,„denn ich fürchte, daß uns nicht mehr zu viele Stunden verbleiben werden, um darum bitten zu können.“ Die Glocke der Feſtung ſchlug eben zehn Uhr. „Jetzt wird die Runde gemacht,“ fuhr er fort, „wir haben demnächſt unſere Peiniger zu erwarten.“ Jack Spears zog ſeine Jacke aus, welche er auf den Haufen von Lumpen warf, die ihm zum Bette dienten und fing an gelaſſen ſeine Hemdärmel auf⸗ zuſtreifen. „Was haben Sie vor?“ fragte unſer Held. 209 „Ich bereite mich zur Action vor, weiter nichts,“ verſetzte der Matroſe heiter.. Von Unten ließ ſich das gewohnte Signal ver⸗ nehmen. Die Bewohner der Zelle machten ſich ſo⸗ gleich daran, die Steinplatte aus dem Boden zu heben, worauf Mr. Auſtin und deſſen beide Gefähr⸗ ten erſchienen. Sie brachten ein Licht mit ſich. „Schnell,— den Stein wieder an ſein Stelle!“ ſagte der Erſtere. „Das könnte aber gefährlich werden,“ bemerkte unſer Held raſch,„wenn unſere Verfolger uns über⸗ raſchen ſollten—“ „Jürchten Sie nichts,“ unterbrach ihn ſein Freund; „lebend oder todt werden wir die Zelle zufammen verlaſſen.“ „Hurrah!“ ſchrie Jack. „Stille!“ rief Mr. Auſtin.„Es bleiben uns nur wenige Augenblicke, um Sie von meinen Abſichten in Kenntniß zu ſetzen und meine Plane in Ordnung zu bringen. Ich habe Beiſtand von einer Seite gefunden, von der ich ihn kaum vermuthete. Der Beweis davon liegt darin, daß ich und meine Freunde bewaffnet ſind. Der Gouverneur nebſt dem Secretär und der Kerl, deſſen gräßliches Geſchäft es iſt, durch die Folter den Gefangenen ein Geſtändniß zu ent⸗ locken, werden bald hier ſein. Bei Veranlaſſungen dieſer Art erſcheinen ſie maskirt.“ „Doch nicht aus Angſt, daß ſie erröthen werden,“ bemerkte der Matroſe. „Die Soldaten, welche dieſelben begleiten, werden euch an den eiſernen Ringen anfeſſeln, die ihr ohne Smith, Millo Moyne. IV. 14 S ie et en es en ne 211 „Nicht dieſen Namen,“ unterbrach ihn der Ba⸗ ronet,„ich wünſche dieſelben nie wieder zu hören. Was die Genugthuung anbelangt,“ ſetzte er ſtolz hinzu,„ſo habe ich perſönlich keine zu leiſten.“ „Dem Himmel ſei Dank, daß Sie dieß nicht nöthig haben!“ verſetzte Oliver herzlich.„Ich möchte mich gerne mit ungetrübter Achtung an den Vater meines theuren Freundes Ernſt erinnern.“ „Sprechen Sie nicht von meinem Sdhn,“ ſagte der Erſtere.„Ich brauche meine ganze Kraft. Dieß würde mich ſchwach machen.“ Es koſtete Oliver keine geringe Mühe, Jack Spears dahin zu bringen, daß er ſich nur nach einem mäßigen Widerſtande anbinden laſſen ſolle. Nach Matroſen⸗ art konnte er nicht begreifen, warum man dem Feinde nicht ſogleich zu Leibe gehe. Nachdem man ihm endlich die Nothwendigkeit begreiflich gemacht hatte, Mr. Auſtin's Plan zu befolgen, gab er jedoch ſein Wort und das genügte für Freund und Feind⸗ Ein großer Theil des Strohes und der Lumpen, welche das Bett bildeten, wurde in das Loch ge⸗ worfen, durch welches die beiden Zellen mit einander in Verbindung ſtanden; ſodann handelte es ſich darum, die Platte wieder einzufügen, und den Schlamm darüber zu breiten. Sobald dieß geſche⸗ hen war, legten ſich die drei Freunde auf das noch vorhanden gebliebene Stroh und HOliver zog die zerfetzte Bettdecke über ſie her. Zur weitern Vorſicht warf er ſeine Jacke und die ſeines Gefährten auch darauf. „Es iſt nicht zu fürchten, daß ſie einſchlafen wer⸗ den,“ bemerkte der alte Matpoſe ſmu„Jetzt 1 212 wünſche ich nur noch, daß Euer Ehren mir Ihre Hand gebe.“ Es wurden ihm beide gereicht. „Sie ſind der Sohn meines alten Kapitäns und haben das Recht zu commandiren. Hol mich der Henker! ſeit dem Tage, an welchem ich Sie ſo männ⸗ lich die Segel ſtreichen ſah, war mirs, als wenn ich zu Ihrer Rettung ſterben könnte! Sie müſſen ihre gute Gründe haben, daß wir uns von dieſen ver⸗ fluchten Ausländern anbinden laſſen ſollen. Mir will die Sache nicht recht einleuchten; aber ich habe einmal mein Wort gegeben und ſomit iſt Alles zu Ende. Wenn ich es aber nicht gethan hätte, wiſſen Sie, zu was ich entſchloſſen war?“ „Nein, Jack.“ „Mit dieſen Fäuſten, den Erſten, der in die Zelle träte, am Halſe zu packen und ſeinen Schädel an die Wand zu ſtoßen. Und das hätte ich auch ganz gewiß gethan. Wir wären nicht ohne Gegenwehr geſtorben.“ „Die Lampe,“ rief Mr. Auſtin aus ſeinem Ver⸗ teck. Das Licht wurde ſogleich ausgelöſcht und noch vor Ablauf einer Stunde ließen ſich die ſchweren Schritte der Wache vernehmen, welche die Treppe herabkam. „Sie nahen,“ flüſterte Oliver. „Meinetwegen,“ ſagte ſein Gefährte.„Unſere Freunde ſind zum Losſchlagen bereit. Wenn wir auch noch kein glattes Fahrwaſſer haben, ſo iſt uns wenigſtens der Wind günſtig.“ ——————— 213 Sechzigſtes Kapitel. Nach wenigen Minuten trat die Wache, aus ſechs handfeſten Männern beſtehend, in das Gefängniß. Ihnen voraus ſchritt eine hohe Geſtalt, die maskirt und in ein rothes Gewand gehüllt war. Es war dieß der Nachrichter— ein Kerl, der wegen ſeiner Verbrechen zum Tode verurtheilt, aber unter der Be⸗ dingung der Uebernahme dieſes widrigen Geſchäfts begnadigt worden war. Der Vorſicht halber durfte er nie die Feſtung anders als mit einem ſchriftlichen Erlaubniß befehle des Gouverneurs verlaſſen— eine Gunſt, die ihm übrigens ſelten zu Theil wurde. Kaum hatte er die Lampe, die er mitbrachte, auf den Boden geſtellt, als die Soldaten auf die Ge⸗ fangenen ſich warfen und dieſelben nach einem Kam⸗ pfe, welchen Jack Spears, trotz ſeines gegebenen Ver⸗ ſprechens, nicht eher aufgab, bis er zwei ſeiner An⸗ greifer gezeichnet hatte, in die eiſernen Ringe hinein zwängten, an welchen zuvor ſchon ſo viele Opfer der Tyrannei und Grauſamkeit angekettet geweſen waren. Sobald dieß geſchehen war, zogen ſie ſtillſchwei⸗ gend wieder ab. „Hoffentlich war es ſo recht, Euer Ehren,“ rief der Matroſe.„Wenn's nicht ſo iſt, ſo tadeln Sie den alten Jack darum nicht; er hätte ſein Beſtes ge⸗ than.“ Unterdeſſen hatte der Nachrichter einen kleinen, eiſernen Ofen hergerichtet, in welchen er Holzkohlen warf, die er anzundete; ſodann zog er aus ſeinem 214 Gürtel eine Anzahl Inſtrumente, die er ſorgfältig unterſuchte und darauf in die Gluth ſteckte. „Wahrſcheinlich ſind dieß ſeine Bratſpieße,“ be⸗ merkte der Matroſe. Jetzt erſchienen auch der Gouverneur und der Sectetär. Beide waren maskirt und in lange Män⸗ tel gehüllt,— der der erſtgenannten Perſon hatte einen militäriſchen Schnitt. „Die drei von Seiner Excellenz verwilligten Tage ſind abgelaufen,“ ſagte der Officier,„und er ſchickt uns, um das Reſultat ſeiner Milde zu erfahren.“ „Zur Sache,“ verſetzte unſer Held verächtlich. „Die Mummerei in Maste und Mantel kann mich nicht täuſchen; die Handlung kennzeichnet einen Men⸗ ſchen ebenſo deutlich als ſein Geſicht.“ „Haben Sie über die Folgen Ihrer Halsſtarrig⸗ keit nachgedacht?“ fragte der Secretär. Zugleich deutete er auf den Nachrichter und deſſen Vorbereitungsanſtalten. „Ich habe ſeit meiner Einkerkerung in dieſes Ge⸗ fängniß kaum ſonſt etwas Anderes gethan. Denken Sie daran, daß ich ein Engländer bin.“ „Wir wiſſen dieß.“ „Mein Vaterland wird eines Tages exemplariſche Rache für dieſe ſchändliche Behandlung meiner Per⸗ ſon nehmen.“ „Wenn es dieſelbe erfährt,“ wurde ironiſch er⸗ widert.„Wir kennen genau Ihre Verbindung mit dem heilloſen Orden, der ſeine gottesläſterlichen At⸗ tentate gegen Altar und Thron richtet. In der Schweiz machten Sie die Bekanntſchaft von Alfred Belgioſo, in Rom verbanden Sie ſich mit ihm und 215 nach der Niederlage Ihrer Partei kamen Sie nach Neapel mit Mittheilungen an die Eingeweihten.“ „Das läugne ich.“ „Eingeſtändniß, nicht Läugnen, kann Ihnen jetzt dienen. Durch ein offenes Geſtändniß können Sie ein gräßliches Schickſal von ſich abwenden.“ „Mein Schickſal iſt in des Himmels Hand,“ ant⸗ wortete unſer Held.„Ich wiederhole, daß ich mir kein Vergehen gegen die Geſetze Neapels habe zu Schuld kommen laſſen; und wenn es auch der Fall wäre, ſo hätte ich Anſpruch auf ein offenes Gerichts⸗ verfahren und nicht auf eine heimliche Hinrichtung.“ Der Gouverneur und Secretär beriethen ſich ei⸗ nige Minuten lang flüſternd zuſammen. „Iſt dieß Ihr letzter Entſchluß?“ fragte der Un⸗ terbeamte. „Mein letzter; thun Sie das Aergſte und möge der Himmel mir Kraft verleihen, Ihre Grauſamkei⸗ ten überſtehen zu können.“ „Im Augenblick, Eure Excellenz, im Augenblick,“ ſagte der Mann im rothen Gewande in Erwiderung u ein Zeichen, das ſein Vorgeſetzter ihm gemacht atte. Der ärmliche Wicht hatte durch fortwährendes Anblaſen des Feuers die Inſtrumente ſeines hölli⸗ ſchen Gewerbes zur Weißgluth gebracht. Während er damit beſchäftigt war, ſtand er mit dem Rücken gegen die Vertiefung, in welcher Auſtin und deſſen Gefährten verborgen waren, die während des kurzen Zwiegeſprächs in aller Stille unter der Decke her⸗ vorgeſchlüpft waren. Eben als er im Begriff war, eines der Eiſen 216 herauszuziehen, traf ihn ein Schlag Mariani's von hinten dergeſtalt auf das Wirbelbein, daß er todt zu Boden fiel, ſo daß nur noch ein Sterbensſeufzer ſeinen Lippen entſchlüpfen konnte. In demſelben Augenblicke packten Auſtin und Pepoli, in der einen Hand ihre blinkenden langen Meſſer, den Gouverneur und Secretär am Halſe. Beide ſchrieen laut um Hülfe, aber die im obern Raume ſich befindende Wache hörte entweder nichts, oder achtete nicht darauf, indem ſie an ſolche Töne gewöhnt war und wähnte, ſie kämen von den Opfern. „Noch ein Wort und es iſt dieß euer letztes,“ ſagte der Engländer.„Schneidet die Stricke ab.“ Mariani machte Oliver und den alten Matro⸗ ſen frei. „Ich werde Ihnen dieß nicht vergeſſen,“ ſagte der letztere, ihm herzlich die Hand ſchüttelnd.„Der Himmel ſegne Euer Ehren dafür.“ „Helft mir ſie binden,“ fügte Mr. Auſtin hinzu. Die jämmerlichen Werkzeuge der Tyrannei wur⸗ den zuerſt genöthigt, ihre Mäntel und Masken ab⸗ zulegen, weil die Gefangenen dieſelben brauchten; ſobald dieß geſchehen war, wurden ſie mit denſelben Stricken an den Ringen feſtgebunden, von welchen ihre Opfer frei geworden waren. „Wenn es nach mir ginge,“ bemerkte Jack Spears, als er die Arme Seiner Excellenz feſtmachte,„ſo würde ich den Knoten unter Ihrem Ohre anbringen!“ Es handelte ſich jetzt darum, etwas zum Knebeln zu finden, damit nicht durch das Geſchrei der beiden Jammermänner die Wache nach dem Weggang der ſeitherigen Gefangenen allarmirt werde. Ueber dieſe 217 Schwierigkeit half der erfinderiſche Geiſt des Matro⸗ ſen hinweg, indem er einen Theil der Bettdecke zer⸗ riß, die Eiſen des Getödteten damit umwickelte, die⸗ ſelben ihnen in den Mund ſteckte und hinten im Nacken zuſammenband. „So!“ rief er, wohlgefällig ſein Werk betrach⸗ tend;„ſo hilft man ſich auf dem Schiffe. Wenn ſie dieſes Ankertau abſtreifen, ſo will ich ihnen alles verzeihen, eher aber nicht.“ „Wir haben jetzt keine Zeit zu Glückwünſchen,“ ſagte Mr. Auſtin, die Hand unſeres Helden drückend; „wir ſind erſt zur Hälfte mit unſerer Arbeit fertig. Sie und Mariani müſſen die Mäntel und Masken dieſer Tröpfe anlegen.“ „Und Sie?“ Sein Befreier deutete auf den Leichnam des Nach⸗ richters, den er zu entkleiden anfing. Nach wenigen Minuten hatte er deſſen Gewänder angelegt. Um die Verkleidung vollkommen zu machen, zog er einen langen, ſchwarzen Bart aus ſeiner Taſche, mit welchem ihn der Freund, den er ſo unerwartet in der Veſte gefunden, verſehen hatte. Alles war ſchlau berechnet; die Aehnlichkeit war vollkommen. Es wurde verabredet, daß Mariani, der den Gou⸗ verneur, und Oliver, der den Secretär vorſtellen ſollte. in Begleitung Mr. Auſtin's, zuerſt allein ins Wachzimmer ſich begeben und die Leute entlaſſen ſolle, während Pepoli und Jack einſtweilen in dem nach dem Gefängniß führenden Gang zu bleiben hätten. Man gab ihnen Waffen. Im Fall der Ent⸗ 218 deckung ſollten ſie ſogleich zum Beiſtand ihrer Ge⸗ fährten herbeieilen. Die Gefangenen ſchüttelten ſich die Hände und verließen die Zelle. Als Mr. Auſtin in das obere Zimmer trat, be⸗ merkte er mit Befriedigung, daß de Villa die Leute kommandire. Derſelbe war bleich und unruhig. Auf ein Zeichen ſeines vermeintlichen Vorgeſetz⸗ ten entließ der zitternde Verräther die Soldaten. „Habe ich es recht gemacht?“ fragte er mit zit⸗ ternder Stimme. „Vortrefflich,“ flüſterte der Stellvertreter des Nachrichters. Er und ſeine Gefährten warteten, bis die Tritte der Soldaten verhallt waren, ehe ſie Jack Spears und Pepoli einließen. „Der Hof iſt leer,“ bemerkte der Conte. „Und die Parole?“ „Iſt„Il re assoluto,“ verſetzte der gezwungene Mitſchuldige der Flucht.„Es iſt kaum zu befürch⸗ ten, daß Sie angerufen werden, ich habe die kleine Ausgangspforte unverſchloſſen gelaſſen und die Nacht iſt ſo dunkel, daß die Schildwache auf der Bruſtwehr Sie wohl ſchwerlich ſehen wird.“ Es war nicht nur dunkel, ſondern auch ſtürmiſch; der Regen fiel in Strömen; ja es tobte eines jener Unwetter, wie man ſie ſelten wo anders, als in ſüd⸗ lichen Climaten trifft. Alles ging wie de Villa vor⸗ ausgeſagt hatte. Die Flüchtlinge durchſchritten den Hofraum und paſſirten ungeſehen das Ausgangs⸗ pförtchen. „Nach dem Ufer,“ ſagte Auſtin,„wo Sie ein Boot zur Aufnahme und Freunde finden, die Sie bewillkommen werden.“ „Und Sie?“ „Ich bleibe zurück, um das Thor zu ſchließen. Fort!“ Alles dieß ging ſo raſch vorüber, daß Oliver Brandreth, der die Frage geſtellt hatte, keine Zeit zum Nachdenken oder zu Vorſtellungen fand. Er und ſeine Gefährten hatten ſich ſchon ziemlich weit von den Mauern entfernt, als ein Blitzſtrahl einen Moment den Raum zwiſchen der Veſte und dem Ufer erhellte und den Soldaten auf der Zinne die Geſtalt des vermeintlichen Nachri«ters erkennen ließ, der, wie er wußte, den Platz ohne einen ſchriftlichen Befehl des Gouverneurs nicht verlaſſen durfte. Augenblicklich rief er ihn an. Mr. Auſtin gab die Parole. ² rief der Mann,„das genügt nicht!“ Anſtatt zu gehorchen, fing der Engländer an auf das Boot zuzulaufen. Ein zweiter, wo möglich noch ſtärkerer Blitz als der erſte, machte den Flüchtling ſo genau ſichtbar als am Mittag. Der Soldat gab Feuer und Oliver's Erretter fiel. Weder unſer Held noch Jack waren die Leute, Jemand zurückzulaſſen, der ihnen einen Dienſt ge⸗ leiſtet hatte, noch viel weniger aber einen Freund und zwar in einem ſolchen Augenblicke. Sie kehrten zu⸗ rück und hoben den Verwundeten auf. Ein leichter Druck der Hand war das einzige Zeichen, das er von Bewußtſein gab. Der Schuß war gut gezielt 220 geweſen. Augenblicklich ſtellte ſich das Todesröcheln ein und mit einem langgezogenen Seufzer hauchte er ſeine Seele aus. „Dahin!“ ſagte der alte Matroſe,„er war ein wackerer Gentleman; möge der große Befehlshaber da oben ihm gnädig ſein.“ „Nicht todi,“ rief unſer Held,„nicht todt! Der Himmel iſt zu gerecht, als daß er unſern Befreier ſo umkommen ließe.“ „Alles iſt vorbei,“ unterbrach ihn Jack.„Aber die ſchuftigen Ausländer ſollen nicht die Genugthu⸗ ung haben, ſeine Ueberreſte verſtümmeln zu können. Er ſoll ein Seemannsgrab haben. Ich verlange kein beſſeres für mich ſelbſt.“ Mit einer Anſtrengung, die man bei ſeinem Alter kaum vorausgeſetzt hätte, indem ſie faſt über ſeine Kräfte ging, nahm Jack Spears den Leichnam auf ſeine Schulter und lief damit dem Strande zu, wo Major Henderſon, Peter Marl und die Mannſchaft der Luciole wohlbewaffnet die Flüchtlinge erwarteten. Ausrufungen der Freude von Seiten ſeines Men⸗ tors und des alten Soldaten, als ſie Oliver erblic⸗ ten, waren die einzigen Zeichen des Wiedererkennens, die zwiſchen ihnen gewechſelt wurden. Sir Cuthbert Vavaſſour's Leichnam wurde in das Boot gelegt, welches augenblicklich abſtieß. Als die Luciole die kleine Bucht von Capri verließ, wurden die Kanonen des Forts gelöſt; glücklicherweiſe war aber die Nacht zu dunkel, als daß die Schüſſe hätten gefähr⸗ lich werden können. „Ganz recht, nur zugefeuert,“ rief Jack;„ihr müßt der Flagge von England ſalutiren.“ 221 An Bord wurde eine raſche Berathung gehalten. Aus vielen Gründen hielt man es nicht für räthlich, mit der Yacht nach Neapel zurückzukehren, deßhalb wurde beſchloſſen, nach Civita Vecchia zu ſteuern. Hlivers erſte Frage war nach Philipp. „In Sicherheit, lieber Junge, völlig in Sicher⸗ heit unter dem Dache unſeres vortrefflichen Geſand⸗ ten. Lady Darville iſt wie eine Mutter gegen ihn. Er wird die Familie nach England begleiten, wo wir hoffentlich dieſelbe bald finden werden.“ „Je bälder um ſo beſſer,“ rief Peter Marl.„Es kam noch nie etwas Gutes für einen Engländer her⸗ aus, der unter den Musjös reiste.“ In Civita Veecchia erwieſen Major Henderſon und der treue Philippo dem Andenken des Sir Cuth⸗ bert Vavaſſour die letzte Ehre, indem ſie ihm an das Grab nachfolgten. Kein Stein bezeichnet die Stelle ſeines Begräbnißplatzes— wegen der mit ſei⸗ nem Tode verbundenen Umſtände,— indem er heim⸗ lich und unter Beſtechung der Behörden beerdigt wurde. Wäre es möglich geweſen, ſo hätte unſer Held ihn gerne an der Seite ſeines edlen Sohnes, des unglücklichen Ernſt, beigeſetzt. Am Morgen nach dem Begräbniſſe machte ſich die Luciole mit den zwei Attaché's und den Matro⸗ ſen vom Admiralſchiff auf, um nach Neapel zurück⸗ zukehren. „Machen Sie ſich um unſer willen keine Sor⸗ gen!“ rief Stanley lachend;„wir haben nichts von der Rache der neapolitaniſchen Regierung zu befürch⸗ fen, ſelbſt wenn unſere Betheiligung an dem Aben⸗ 222 teuer von Capri bekannt würde. Man ſcheut Lord Dalville zu ſehr, als daß man deßhalb Lärm machen ſollte. Die Regierung kann ſich ſogar Glück wün⸗ ſchen, ſo leicht über die Sache weggekommen zu ſein,“ fuhr er fort,„denn wenn nicht Pepoli und Signore Mariani mit in die Sache verwickelt wären, ſo würde Seine Excellenz ohne Zweifel eine Aufklärung ver⸗ langen, welche die Regierung bedeutend in Verlegen⸗ heit ſetzen dürfte.“ Die zwei Italiener waren neapolitaniſche Unter⸗ thanen. Zu Oliver Brandreth's Erſtaunen kain Philippo, den er nie von ſeiner Abſicht unterrichtet hatte, ihn in ſeinem Dienſte behalten zu wollen, um ſich von ihm zu verabſchieden. „Sie ſagen mir Lebewohl!“ wiederholte unſer Held,—„ich verſtehe Sie nicht. Wo wollen Sie denn hingehen?“ „Ich will mir einen andern Herrn ſuchen,“ ver⸗ ſetzte der arme Menſch betrübt. „Ich glaubte, Sie hätten bereits einen gefunden.“ Die Augen des alten Mannes funkelten. „Sehen Sie,“ ſagte Oliver,„ich würde einen Hund nicht weggegeben haben, der Ernſt werth war, viel weniger einen Freund, den er liebte. Von nun an muß mein Haus das Ihrige ſein. Sie werden zwar an mir keinen reichen Herrn finden, aber ich verſpreche, ein liebreicher zu ſein.“ Zugleich ſtreckte er ſeine Hand aus, welche Phi⸗ lippo achtungsvoll küßte. Auf Befragen erfuhren die Flüchtlinge, daß fünf Tage verſtreichen würden, ehe das Paketboot für Pj Marſeille Civita Vecchia berühren werde. Vier Tage genügten, die Caſa Ingleſe zu beſuchen, die Papiere dort zu holen und wieder zurückzukehren, ſo daß noch ganzer Tag für etwaige Verzögerungen übrig lieb. Trotz der Vorſtellungen ſeines Pflegbefohlenen, der gerne ſeinem Mentor die Beſchwerden einer ſol⸗ chen Reiſe erſpart hätte, beſchloß Major Henderſon dennoch, ihn zu begleiten. „Nein, nein!“ rief er aus;„Sie haben mir ſchon einmal Angſt verurſacht;„ich will nicht noch einmal die Schuld tragen, daß wir uns trennen.“ Die einzigen Perſonen, welche zur Begleitung be⸗ ſtimmt wurden, waren zu Peter Marls großem Un⸗ willen Philippo und Jack Spears. Es bedurfte Hliver's ganzen Aufwand von Beredtſamkeit, den Veteranen mit dem Gedanken zu verſöhnen, zurück⸗ bleiben und„ein paar Musjös“ unter ſeine Obhut nehmen zu müſſen. Damit meinte er Pepoli und den Signore Mariani. Der wahre Grund lag aber darin, daß er wegen der Bevorzugung etwas eiferſüchtig war. „Es iſt nicht Bevorzugung,“ ſagte unſer Held, „ſondern Nothwendigkeit.“ „Euer Ehren wiſſen was am beſten taugt,“ lau⸗ die ſteife Antwort.„Ich bin nur ein Diener und—“ „Sie ſind ein Freund, Peter— ein treuer, wer⸗ ther Freund. Die Anweſenheit Philippo's iſt bei dem Geſchäfte, das wir vorhaben, unumgänglich noth⸗ wendig.“ 224 „Und die des Matroſen auch, ohne Zweifel,“ murmelte der alte Mann. „Ich kann auf ſeine Beſonnenheit nicht ſo zuver⸗ rechnen, wie auf die Ihrige,“ bemerkte ſein err. „Vor zwanzig Jahren,“ rief Peter bitter aus, „zogen Sie nie ohne mich ins Feld— und jetzt— doch gleichviel. Ich kenne meine Pflicht.“ Der alte Soldat richtete ſich ſo ſtramm auf, als wenn er auf der Parade geweſen wäre. „Nun gut,“ ſagte der Major gelaſſen,„Sie ſollen Mr. Brandreth begleiten. Ich werde zurückbleiben. Es wird vielleicht einige Verdrießlichkeit— vielleicht ſogar Gefahr damit verbunden ſein,— aber Ihre langen und treuen Dienſte haben Anſpruch, daß ich es darauf ankommen laſſe.“ Der Gedanke, daß ſein Herr ihm nachgebe, hieß ſo viel, als den ſchwächſten Punkt in Peter's Ver⸗ theidigung angreifen. „Wann werden Euer Ehren ſich auf den Weg machen?“ fragte er. „Ich meine doch, Ihnen geſagt zu haben, daß ich zu bleiben beabſichtige.“ „Nein, das werden Sie nicht,“ verſetzte der Ve⸗ teran feſt aber reſpectvoll;„Sie werden mich doch für meinen Ungehorſam gegen Ihre Befehle nicht auf dieſe Weiſe ſtrafen wollen, obgleich ich es viel⸗ leicht verdiene. Ich will die Musjös im Auge be⸗ halten, während Euer Ehren weg iſt und ich ver⸗ ſpreche Ihnen, daß Sie ſie wohlbehalten bei Ihrer Rückkehr wieder finden ſollen, oder Peter Marl—“ 225 Er deutete mit bezeichnender Geberde nach Unten, anſtatt ſeinem Satz in Worten Ausdruck zu geben. OHliver Brandreth vollendete die Verſöhnung da⸗ durch, daß er als große Gunſt darum bat, Peter's ausgezeichnete Piſtolen geliehen zu bekommen. Dem alten Soldaten wurde es dadurch zu Muthe, als wenn er von der Erpedition nicht ganz ausgeſchloſſen wäre, da dieſe mitgenommen werden ſollten. Während der Reiſe wurde Philippo von dem Zwecke des Beſuchs in dem nun verwaisten Hauſe ſeines frühern Herrn unterrichtet. Er hörte mit unruhigem Ausdruck im Geſichte zu, bis unſer Held ihn durch die Details ſeiner Mittheilung überzeugte, daß Sir Cuthbert Vovaſſour wirklich ihn aufgefordert habe, die Papiere zu holen. „Ich ſollte aber ein Zeichen haben— einen—“ „Einen Ring, unterbrach ihn der Jüngling, „eine antike Gemme. Er war einſt in meinem Be⸗ ſitz, aber ich gab ihn Ihrem Herrn zurück. Er ſagte mir,“ fuhr er fort,„man habe ihm denſelben ge⸗ nommen, als er in die Hände der neapolitaniſchen Polizei fiel.“ Der treue Diener fühlte ſich befriedigt. Gegen Ende der zweiten Nachtreiſe erreichte man eine Schenke, welche zugleich zum Poſthauſe diente und die etwa eine Meile von dem Orte entfernt war, der beſucht werden ſollte. Hier beſchloß der Major mit dem Wagen zu bleiben, während ſein Pflegbe⸗ fohlener und deſſen beide Gefährten zu Fuß nach der Caſa Ingleſe ſich auf den Weg machten. Es gibt wohl kein traurigeres Gefühl als das, Smith, Milly Mohne. Iv. 15 226 welches bei der Rückkehr an einem Ort erzeugt wird, der von den freundlichen Geſichtern verluſſen iſt, die uns ehemals dort willkommen hießen. Es liegt etwas doppelt Troſtloſes in dem öden Zimmer, in welchem die Echo's unſerer Fußtritte tauſend ſchmerz⸗ liche Gedanken erwecken, in welchem der Zug der Nachtluft gewiſſermaßen wie das Flüſtern bekannter Stimmen tönt, ſo daß man für einen Augenblick faſt vergißt, daß der Tod dieſelben auf immer ſtumm gemacht hat. Als die Abenteurer ſich dem befeſtigten Thorwege näherten, ließ Philippo ſeinen Gefühlen freien Lauf. Er murmelte den Namen Ernſt und weinte bitterlich. „Vater und Sohn,“ feufzte er,„beide dahin— beide dahin!“ Hliver, der kaum weniger bewegt war, drückte theilnehmend ſeine Hand. „Aufgeſchaut!“ rief Jack Spear's,„auf die Caſa Ingleſe deutend.„Ich glaubte, Euer Ehren hätten mir geſagt, die alte Schaluppe ſei nicht mehr im Dienſt?“ „Das iſt ſie auch nicht mehr,“ verſetzte unſer Held. „Da ſind aber doch Signale an Bord,“ bemerkte der Matroſe. Seine Begleiter blickten auf und ſahen zu ihrem Erſtaunen ein Licht, das durch das Fenſter eines der obern Zimmer ſchimmerte. Offenbar war das Haus bewohnt— vielleicht von Flüchtlingen wie ſie ſelbſt, oder von obdachloſen Wanderern, die noch unglücklicher wie ſie waren. Die Entdeckung machte jedenfalls Vorſicht höchſt nöthig. Glücklicherweiſe waren alle Drei gut bewaffnet. Philippo, der jeden Zugangsweg und jedes Zim⸗ mer in dem Hauſe kannte ging zum Recognoſciren voran, und kehrte nach Verfluß einiger Minuten wieder zurück. „Es ſind entweder Soldaten oder Räuber darin,“ bemerkte er,„ich ſah verſtohlen durch eines der Gitterfenſter der Halle und zählte deren fünf am Tiſche; einer davon hatte das Ausſehen eines Offiziers.“ „Nur fünf!“ rief Jack in verächtlichem Tone; „an die Ruder und räumt das Verdeck zur Action. Ich nehme Drei davon auf mich.“ „Und das Licht von oben?“ bemerkte Oliver. „Davon konnte ich die Urſache nicht ergründen,“ verſetzte der alte Diener.„Es iſt das daran ſtoßende Zimmer,“ ſetzte er flüſternd hinzu. „Dann müſſen wir darauf losgehen,“ bemerkte unſer Held feſt. Philippo benachrichtigte ihn, daß er nicht nöthig habe, nutzlos ſich einer Gefahr auszuſetzen, da er einen Eingang von hinten in das Gebäude kenne, in welches leicht zu gelangen ſei, wenn man über die Stallungen wegklettere. Die Abenteurer hielten ſich jetzt ſo nahe als möglich an der Mauer, um ſich durch den dichten Schatten derſelben zu ſchützen und ſchritten vorſichtig vor, bis ſie die Stallungen erreichten, in welchen ſie ſieben Pferde, darunter eines mit einem Querſattel fanden. Es war offenbar von einem Frauenzimmer geritten worden,— höchſt wahrſcheinlich von einer Gefange⸗ nen, aus den daran befeſtigten Stricken zu ſchließen, mit welchen die Reiterin an ihren Sitz angebunden worden war. 15⁵ „Irgend ein Opfer der Tyrannen Italiens,“ flüſterte Oliver Brandreth ſeufzend. Nachdem er Jack auf's Ernſtlichſte eingeſchärft hatte, unter keinen Umſtänden ein Wort zu ſprechen, ſtiegen die Abenteurer auf den Speicher oben, von welchem aus ſie bald das Fenſter des Zimmer er⸗ reichten, in welchem die Papiere verborgen waren. Sir Cuthbert hatte Oliver Brandreth keine An⸗ leitung gegeben, auf welche Weiſe er die Herdplatte, die ſie bedeckte, aufheben könne. Dieſes Unterlaſſen hatte aber wegen Anweſenheit ſeines früheren Die⸗ ners nichts zu bedeuten. Philippo kannte das Ge⸗ heimniß und ſetzte— in der Ueberzeugung, daß er nur die Abſicht ſeines verſtorbenen Herrn ausführe — den Mechanismus ſogleich in Bewegung, durch welchen die Gewichte der Platte ſich auf ihrem eiſer⸗ nen Zapfen drehten, der dieſelben an ihrer Stelle feſthielt. „Endlich,“ ſeufzte unſer Held, als er das Packet ſorgfältig in ſeine Rocktaſche ſteckte.„Mutter, theure Mutter! meine Aufgabe iſt erfüllt.“ Nach dem was zwiſchen ihm und dem Baronet bei zwei Veranlaſſungen geſprächsweiſe angedeutet wurde, zweifelte er keinen Augenblick, daß die Recht⸗ fertigung der Ehre ſeiner Mutter vollkommen darin enthalten ſei. Jack Spears, deſſen Neugierde, wenn ſie einmal erweckt war, nicht ſo leicht ſich befriedigen ließ, war einen langen dunkeln Gang hinabgekrochen, an deſſen Ende ein öde ausſehendes Zimmer ſich befand. Er kam wieder zurück und bedeutete durch Zeichen, daß er etwas zu ſagen habe. —— „Sprechen Sie,“ ſagte Oliver. „Ein Frauenzimmer!“ „Wo?“ Der alte Matroſe deutete nach der Richtung des Ganges. „Eine Gefangene?“ „Und bei ihr ein Kerl mit einem Spitzbubenge⸗ ſicht, der ſie bewacht. Armes Geſchöpf! armes Ge⸗ ſchöpf!“ fuhr der Seemann fort;„ſie ſcheint in einer traurigen Lage zu ſein. Wenn ich Euer Ehren nicht verſprochen hätte—“ Zugleich griff er nach einem der Piſtole in ſei⸗ nem Gürtel, um gewiſſermaßen pantomimiſch ſeinen Satz zu vollenden. Der Gang endigte in einer Art von Speicher, — nicht in gleicher Flucht mit der Flur, ſondern mit dem Balkenwerke, welches das Dachwerk trug. Auf dieſer kroch Oliver Brandreth und Jack Spears vorſichtig vorwärts,— denn der Gedanke, ein Frauen⸗ zimmer in den Händen von Spitzbuben oder vielleicht Mördern zu laſſen, kam Keinem davon auch nur ent⸗ fernt in den Sinn. Das hätte ihr männlicher Cha⸗ rakter nicht geſtattet. Der erſtere vermochte es kaum über ſich, einen Ausruf des Erſtaunens zu unterdrücken, als er in dem Frauenzimmer, das wie ein erſchrecktes Reh in einer Ecke des Zimmers ſich niedergelaſſen hatte, die Schweſter ſeines Freundes Alfred, Bianca Belgioſo erkannte. Ein langer Burſche, in eine halbmilitäriſche Uniform gekleidet, ſtand auf ſeinen Karabiner geſtützt und beobachtend da. Sein Geſicht konnte man nicht ſehen, obgleich der Speicher durch eine eiſerne Lampe, die an einem der Tragbalken hing, hinreichend er⸗ hellt war. In ſeinem Unwillen über dieſen Anblick dachte Oliver Brondreth nicht an ſeine eigene Sicherheit oder an die Burſche in der Halle unten; er ſah nur die Schweſter ſeines Freundes, Philipp's Braut— und ſo zog er eines der Piſtole Peter Marl's aus ſeinem Gürtel. Eine Hand, welche ſich auf die ſeinige legte, hemmte ſeine Wuth. Es war die Jacks. Der alte Matroſe veranlaßte ihn, ſich ruhig zu verhalten und bedeutete ihm mit derſelben ungeſchul⸗ ten, aber ausdrucksvollen Pantomime, ſich auf ihn zu verlaſſen. Der Matroſe zog ein Tauende aus ſeiner Taſche, das er in der Hoffnung, daſſelbe gebrauchen zu kön⸗ nen, mitgebracht hatte; knüpfte den unteren Theil zu einer Schleife zuſammen und fing an, dieſelbe vor⸗ ſichtig hinabzulaſſen. Sobald ſein Gefährte ſeine Abſicht erkannte, ſchlug er mit dem Piſtol auf die Schildwache an, in der Abſicht, dieſe bei dem ge⸗ ringſten Alarmzeichen niederzuſchießen. Es war ein Augenblick furchtbarer Beklemmung, als die Schlinge nur noch wenige Zoll über dem Kopf des Mannes hing; hätte dieſer ſich bewegt, ſo würde er ſie ent⸗ weder geſehen oder gefühlt haben. Endlich fiel ſie nieder und ſein halb unterdrückter Schrei wurde durch den plötzlichen Ruck erſtickt. „Der Lünmel wäre glücklich harpunirt,“ ſagte Jack. „Hliver ſprang von dem Balken auf den Boden hinab und eilte auf Bianca zu⸗ — 231 „Ich bin's, Ihr Freund, Oliver,“ flüſterte er— „kein Wort— ſt! ſt!“ Als das arme junge Mädchen in ſeine Arme ſank, drückte er ihr Geſicht an ſeine männliche Bruſt, um ihr convulſiviſches Schluchzen zu erſticken. „Denken Sie an Philipp, Ihre Mutter, die Freunde, die Sie lieben,“ fuhr er fort.—„Feſtig⸗ keit allein kann Sie retten.“ Mit einer verzweiflungsvollen Anſtrengung ge⸗ lang es Bianca Belgioſo, ihre Selbſtbeherrſchung ſo weit wieder zu gewinnen, daß ſie ſeine Worte ver⸗ ſtehen konnte. Unterdeſſen ſtand der Sbirre da, außer Stande, ſich bewegen oder ſprechen zu können. Bei dem leiſeſten Verſuche zog Jack an dem Seile, ſo daß er nahe daran war, ſtrangulirt zu werden. Was war zu thun?— Ihn zurückzulaſſen hieß die eigene Sicherheit gefährden, ihm das Leben zu nehmen, widerſtrebte den Gefühlen unſeres Helden. Der einzige Ausweg aus dieſem Dilemma war, daß er ſeinen Gefährten anwies, das Seil an dem Trag⸗ balken zu befeſtigen, und zwar mit ſo viel Spiel⸗ raum, daß der Gefangene athmen könne. Hierauf band er dem Menſchen die Arme auf den Rücken und ſteckte ihm ſein Sacktuch in den Mund. Auf dieſe Weiſe war eine Allarmirung ſo gut, wie unmöglich. Mit Philippo's und Jack Spears Beiſtand— deſſen nautiſche Gewohnheiten ihn in dieſem Momente zum Befehlshaber machten— wurde Bianca und Oliver über das Dach hinab in die Stallungen geholfen, wo die Pferde der Policiſten geſattelt ſtanden. Diejenigen, welche am wenigſten ermüdet ſchienen — einſchließlich deſſen mit dem Querſattel— wurden von den Flüchtlingen beſtiegen, nachdem ſie zuvor die Zügel und Gurten der zurückbleibenden durchſchnitten hatten,— und nach einem ſcharfen Ritt erreichten ſie die Schenke, wo Major Henderſon die Rückkehr ſeines Pflegbefohlenen und von deſſen Gefährten mit Ungeduld erwartete. „Beängſtigen Sie ſich nicht,“ ſagte der Veteran, als er Bianca in den Wagen ſetzte;„Sie befinden ſich bei Leuten, die Sie zu ſchützen wiſſen werden.“ Lange vor Tagesanbruch befanden ſie ſich auf der Straße von Civita Vecchia, wo ſie unbehelligt zu rechter Zeit eintrafen, um mit dem nach Marſeille ſegelnden Paketboot weiter reiſen zu können. Ende des vierten Bandes. — 4 1. 8 9 9 8 y S