c S——— S= S=— Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und geſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. S 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Schon längſt betrachtete ſie ſich als das Mitglied einer verfolgten Race, und wahr⸗ ſcheinlich nicht ohne einen Anſchein von Grund; denn im Ganzen läßt ſich das Recht der Geſellſchaft, die⸗ jenigen zu ſtrafen, welche ſie noch niemals zu beſſern verſucht hat, wohl in Frage ſtellen. Die alte Frau ſaß noch immer ihrem Karren ge⸗ genüber, indem ſie ihren gebeugten Körper in wellen⸗ förmiger Bewegung hin und her wiegte, nicht un⸗ ähnlich einer Schlange, ehe dieſe auf ihr Opfer los⸗ ſchießt. Zuweilen murmelte ſie Worte, die man wohl für Verſe hätte halten können, in ihrem rumäniſchen Rothwelſch vor ſich hin. Höchſt wahrſcheinlich waren es Verwünſchungen, denn ſie ſchienen einen beſänf⸗ tigenden Einfluß auf ſie zu üben. Plötzlich hörte dieſe Bewegung auf und die ſchwar⸗ zen, tiefliegenden Augen der Zigeunerin wandten ſich dem ſchmalen Feldwege zu, der nach dem Waolde führte. Ihr ſcharfer Gehörſinn hatte den Schall na⸗ hender Fußtritte vernommen und der Ausdruck ihres Geſichts wurde noch ſtarrer als zuvor. * 3 3 „Er kommt, um mich nach ſeiner Braut zu fra⸗ gen,“ ſprach ſie.„Nun!* iſt nicht meine Schuld.“ Im nächſten Augenblicke erſchien Kaled, gefolgt von Souills, Jinks und einem baumſtarken Burſchen Namens Simon Lee. Der Erſtere hatte eine ſehr ſtürmiſche Unterredung mit Keelan gehabt, der ſich weigerte, ſeine Autorität als Haupt des Stammes geltend zu machen, um ſeine Enkeltochter zu nöthi⸗ gen, ſeine Frau zu werden. Ja, der alte Mann hatte ihn ſogar gewarnt und ihm gedroht. „Wo iſt Milly?“ fragte er barſch. Seine Mutter ſchwieg ſtille. „Hörſt Du mich nicht?“ „Wie geht es, Mrs. Hearn?“ fragte Squills, indem er ſich neben ſie ſetzte und ſeine Pfeife anzün⸗ dete.„Ihr ſeid wohl erfreut, uns zu ſehen? Ihr habt alſo die Ausreißerin eingefangen?“ „Und ſie nach den Zelten zuwückgebwacht,“ ſtot⸗ terte Jinks, der ſeit ſeinem Abenteuer in der Scheune die Worte mit dem Buchſtaben r nicht mehr recht ausſprechen konnte.„Es iſt wahw, ihw ſeid ein Weib wie's wenige gibt, das fehlt ſich nicht; eine wahwe Ziewde des Fagews— dew Stolz deſſelben.“ „Keelan,“ bemerkte Lee, der ſeit langer Zeit ſchon ſich Mühe gab, das Oberhaupt der Horde zu wer⸗ den,„will nichts von der Heirath wiſſen— er wird alt und kindiſch; deßhalb wollen wir die Sache in der Stille hier unter uns abmachen.“ Martha gab noch immer keine Antwort. Unterdeſſen hatte Kaled den Karren durchſucht und ſtand jetzt blaß vor Enttäuſchung und Wuth, ſein Opfer nicht gefunden zu haben, vor ihr. „Wo iſt ſie?“ fragte er vor Zorn ganz heißer. „Die Häuſerbewohner haben ſie mir vor den Au⸗ gen weggenommen,“ verſetzte die Zigeunerin, zum erſtenmale das Stillſchweigen brechend.„Es war nicht meine Schuld— ich that mein Möglichſtes es zu verhindern.“ „Nicht Deine Schuld,“ wiederholte der Sohn mit einem derben Fluche;„weſſen denn? Aber es ge⸗ ſchieht mir recht— es gſchiebt mir deßhalb recht, weil ich auf Dein dummes Geſchwätz vom Geſetz des Stammes hörte, während ich ſie in meiner Gewalt hatte. Hätte ich meinem Sinne gefolgt, ſo wäre ihr die Luſt vergangen, mich verlaſſen zu wollen.“ „Kaled!“ ſagte ſeine Mutter, ihre Hand auf ſei⸗ nen Arm legend. „Laß mich!“ rief der junge Böſewicht, indem er ihr einen Schlag verſetzte,„das iſt die Folge von Deinem gedankenloſen Geſchwätz.“ Es war fürchterlich anzuſehen, welchen Effect der Schlag auf Martha hervorbrachte. Ihr braunes Ge⸗ ſicht wurde todtenblaß; der Schauer, welcher ihren Körper durchzuckte, war der ſtille Proteſt der belei⸗ digten Natur gegen den Schimpf. Sie hatte in ihrem Leben ſchon manchen härtern Schlag erhalten, und darüber gelacht— ſie hatte dem Zorn ihres rohen Mannes getrotzt, der im Zuſtande des Rauſches und der Leidenſchaft nicht mehr wußte, was er that, ohne dabei im mindeſten ſich zu fürchten— jetzt aber ſchien ihre Kraft gebrochen und ſie ſank ohne ein Wort zu ſprechen zu Boden. Es geſchah dieß nicht aus Schmerz über den Streich, ſondern wegen der Hand, die ihn verſetzt hatte. „Du biſt zu raſch,“ bemerkte Simon Lee, der ſeine beſondern Gründe hatte, mit der Zigeunerin gut zu ſtehen. „Gerade wie ſein Vater, nicht wahr, Miſtreß Hearn— ein Wort und ein Streich?“ „Und zwaw dew Stweich zuewſt,“ murmelte Jinks. Kaum war das Vergehen geſchehen, als auch Ka⸗ led's Zorn verflogen war. Er erinnerte ſich, daß ſeine Mutter reich ſein ſolle und noch überdieß einen Theil des Inhalts der Kiſte ihres Bruders Keelan erben würde. Auch fiel ihm ihre frühere Nachſicht und Freigebigkeit gegen ihn ein. „Laß es gut ſein, Mutter,“ ſprach er,„denk' nicht mehr daran. Hol' mich der Teufel!— es thut mir leid, Dich geſchlagen zu haben. Wenn ich heißblütig und von raſchem Temperament bin, ſo habe ich dieß nur von Dir geerbt. Komm, gib mir die Hand.“ Er verſuchte die gelbe eingeſchrumpfte Hand der alten Zigeunerin zu faſſen, die aber ſchaudernd vor ihm zurückfuhr. „Was— Du willſt nicht, Du willſt nicht?“ rief er aus.„Nun, ſo ſchmolle ſo lang Du willſt. Ich bin jetzt ein Mann und laſſe mich nicht länger von einem Weibe tyranniſiren, wenn daſſelbe auch meine Mutter iſt. Komm altes Haus,“ fügte er bei, ſie derb am Arme faſſend,„gib mir Deine Pfote. Du weißt ja, die Hearn's ſind ſo gut wie die Keelan's.“ Mit einer Kraft, die man Martha kaum zuge⸗ traut hätte, ſchleuderte ſie ihn aber von ſich weg und indem ſie die alte Sammthaube vom Kopfe riß, ſtand ſie gleich einer erzürnten Wahrſagerin, deren lange graué Haare über die Schultern flatterten, da. „Du haſt diejenige geſchlagen, die Dich geboren hat,“ rief ſie aus,„deßhalb ſoll Dein Tod ſo ſchreck⸗ lich ſein, wie Deine That. Du haſt die Bruſt be⸗ ſchimpft, die Dich genährt hat. Grimmige und ſchlechte Leidenſchaften ſollen Dich nie zum Frieden gelangen laſſen. Kummer und getäuſchte Hoffnungen ſollen Dich erwarten. Mögen diejenigen, denen Du vertrauſt, Dich betrügen, diejenigen, welche Du liebſt, Dich verabſcheuen. Der Fluch, der Fluch,“ ſetzte ſie ganz außer ſich hinzu,„der rumäniſchen Mutter laſte für jetzt und immerdar auf Dir!“ Der ſchuldige, von Entſetzen ergriffene Elende, der das erſte und heiligſte Geſetz der Natur verletzt hatte, ſtand entſetzt über die Heftigkeit dieſer Ver⸗ wünſchung da. Gleich den Meiſten ſeines Stammes war er äußerſt abergläubiſch, und bildete ſich ein, dieſelbe habe ihn bereits erreicht. „Laßt es gut ſein, Miſtreß Hearn,“ ſagte Simon Lee.„Kaled iſt im Ganzen kein ſo ſchlimmer Bur⸗ ſche. Er hat Euch ja nicht verwundet. Vergeßt und vergebt.“ Zurück!“ ſchrie das Weib;„es klebt Blut an . 77 Dit Der Zigeuner warf ihr einen ſcheuen Blick zu und zog ſich zurück. „Ich miſche mich nie in Familienſtreitigkeiten,“ bemertte Sgquills philoſophiſch.„Es kommt nichts dabei heraus— man kriegt nur mit beiden Theilen Händel.“ Iinks ſprach die gleiche Anſicht aus. „Höre mich, Mutter,“ ſagte Kaled, der ſeine frü⸗ here Keckheit einigermaßen wieder erlangt hatte,„ich hatte vielleicht Unrecht Dich zu ſchlagen, aber hol' mich der Teufel, einen ſolchen Fluch verdiente ich nicht.“ Ohne ihn einer Antwort zu würdigen, zog ſich Martha in ihren Karren zurück und fing an ſämmt⸗ liche Gegenſtände, die ihrem Sohne gehörten, auf den Raſen zu werfen. „Komm mit mir,“ rief Simon Lee;„man wird jetzt doch nicht mit ihr fertig. Milly kann noch nicht weit ſein,— laß uns nach ihr den Wald durchſtreifen. Ich weiß, was es heißen will, das Nachſehen zu ha⸗ ben: ich habe Mitleid mit Dir.“ Der Vorſchlag fand Beifall und Lee machte ſich mit ſeinen Kameraden auf, um die ganze Umgegend nach jeder Richtung nach Milly und deren Kind zu durchſtreifen. Liebe— wir bedauern, auf dieſe Weiſe das Wort zu mißbrauchen— war nicht die einzige Triebfeder Kaled's, indem er— neben ſeiner Leiden⸗ ſchaft für das Zigeunermädchen— auch ein Auge auf deren Erbſchaft geworfen hatte. Es herrſchten näm⸗ lich gar mancherlei Vermuthungen über den Inhalt der eiſenbeſchlagenen Kiſte, auf welcher der Großvater des Mädchens beſtändig ſchlief. Die Burſche waren noch nicht lange weggegan⸗ gen, als Martha von der Karavane ſeitwärts Es lag etwas Finſteres in ihrer Miene und in ihrem Weſen, als ſie ihr Pferd antrieb, das auf einen feſt⸗ gefaßten Entſchluß deutete. „Ich will meinen Stamm verlaſſen,“ murmelte ſie vor ſich hin.„Von jetzt an will ich allein in der Welt leben und einſam ſterben. Denn es iſt jetzt ganz gleich,“ fügte ſie nach einem kurzen Ueberlegen hin⸗ zu,„wo ich ſterbe oder wer die Augen der alten hei⸗ mathloſen Zigeunerin ſchließt;— es iſt jetzt alles aus. Ich bin mit den Hearn's und Keelan's fertig. Glücklicher Weiſe brauche ich ſie nicht; vielleicht brau⸗ chen ſie mich mehr.“ Unter dieſem tröſtenden Gedanken ergriff ſie den Zügel ihres Pferdes und lenkte es aus der Thal⸗ ſchlucht auf den Fußweg, der auf die Chauſſee nach Kotswold führte. Milly und ihr Kind gelangte, von ihren Be⸗ ſchützern begleitet, wohlbehalten unter den Baum, wo das Veſperbrod ſo lange ſchon bereit ſtand. Das Eintreffen der Ankömmlinge wurde von den hungrigen Knaben mit einem Freudenſchrei begrüßt. „Was in aller Welt bringt ihr denn da mit?“ fragte Jodrel. „Philipp hat ein kleines Kind gefunden,“ bemerkte Howard, beluſtigt über die ſorgfältige Weiſe, mit welcher Philipp Blandford das kleine unſchuldige We⸗ ſen trug. Mit dem ihrem Alter eigenthümlichen offenen We⸗ ſen erklärten die Knaben alle, daß die junge Mutter und ihr Kind ihnen von Herzen willkommen ſei. So⸗ bald ihr Hunger geſtillt war, verlangten ſie von Oli⸗ ver die Mittheilung ſeiner Abenteuer. „Nichts jetzt von Abenteuern,“ rief Peter Marl, „dazu iſt es keine Zeit, denn die Sonne wird ſchon untergegangen ſein, ehe wir nach Hauſe kommen.“ „Nein, nein,“ riefen einige der Knaben,„wir brauchen nicht mehr als drei Stunden.“ „Ihr vergeßt die Frau,“ bemerkte der alte Sol⸗ dat,„und das Kind— die dürfen nicht zurückgelaſſen werden.“ Auf die Nachricht hin, daß dieſe ſie nach Carwell Holl begleiten ſollten, ſtritten ſich die Knaben förm⸗ lich um die Ehre, das Kind tragen zu dürfen. Während ſie eben eifrig mit dem Wiederbepacken des Speiſekorbs beſchäftigt waren, kam die Chaiſe angefahren, in welcher Oberſt Grey und deſſen Freunde ſaßen. Der Major erkannte ſeine Zöglinge und be⸗ fahl dem Poſtillon zu halten. Er wurde mit herzlichen Glückwünſchen über ſeine Rücktunft bewillkommt, indem zugleich Oliver Brand⸗ reth und Philipp Händedrücke mit John Compton wechſelten. „Gerechter Gott!“ rief der letztere, ſeinen Mün⸗ del betrachtend,„wie der Knabe gewachſen iſt. Ihren Brief habe ich erhalten, Oliver. Ihr Freund Ran⸗ dal iſt wohlauf.“ „Haben Sie ihm über die See geholfen?“ fragte der Jüngling. „Nein; habe Nachfragen angeſtellt— habe ſeine Geſchichte wahr gefunden. Geſcheidter Junge. Habe ihn in meinem Comptoir untergebracht.“ „Ich danke Ihnen!“ rief unſer Held ſehr erfreut; „das iſt beſſer als ein ganzes Dutzend goldener Uhren.“ „Philipp,“ ſagte der Vormund,„was war denn das, was ich Dich ſo ſorgfältig auf das Gras nie⸗ derlegen ſah, als der Wagen anhielt?“ „Ein kleines Kind.“ „Was?“ 11 „Ein kleines Kind!“ riefen ſämmtliche Knaben in jubelndem Chor,„und hier iſt die Mutter davon.“ Peter Marl und Oliver erzählten nun ihr Aben⸗ teuer in der Thalſchlucht mit Martha; und an Major Henderſon wurde von ſeinen Zöglingen die Bitte ge⸗ ſtellt, ihnen zu geſtatten, unter ſich eine Collecte ver⸗ anſtalten zu dürfen, um dadurch Milly die Mittel zu verſchaffen, mit ihrem Kinde nach London gelangen zu können. „Wozu dieß,“ ſagte John Compton,„das iſt gar nicht nöthig. Behaltet euer Taſchengeld; wenn ihre Geſchichte wahr iſt, woran ich im Geringſten nicht zweifle, ſo werden Oberſt Grey und ich ſie zu ihrem Gatten geleiten. Aber Zigeuner und Abenteuer im Walde ſind nicht beſonders nach meinem Geſchmack,“ fügte er bei.„Wenn es Ihnen recht iſt, Herr Major, ſo wollen wir uns vorerſt nach Carwell Hall auf den Weg machen und dieſe junge Perſon mit uns nehmen.“ Major Henderſon, auf welchen nicht nur die Schönheit, ſondern auch die anmuthige Beſcheidenheit Milly's Eindruck gemacht hatte, ſtimmte ſogleich bei und räumte ſeinen Sitz in der Chaiſe mit der Er⸗ klärung, daß er es vorziehe mit den Knaben zu Fuß nach Hauſe zu gehen. Es war ein Glück, daß dieß geſchah, denn auf dem Rückwege begegneten ſie den vier Zigeunern, welche, wäre Milly mit dabei geweſen, wahrſcheinlich mit Gewalt ſie und das Kind mit ſich fort zu neh⸗ men verſucht haben würden. So begnügten ſich die Zigeuner, ſie argwöhniſch zu muſtern. Bei ihrer Ankunft in der Halle fanden ſie nicht nur John Compton und den Oberſten, ſondern ſelbſt den bedächtigen Advocaten ſehr für Milly Moyne eingenommen, welche ihnen ihre Geſchichte in der einfachen ſchlichten Weiſe erzählt hatte, die überzeu⸗ gender iſt als Beredtſamkeit, weil ſie von Wahrheit unzertrennlich iſt. „Sie ſagt, Harly habe ſie geheirathet,“ bemerkte John Compton.„Es war dieß keine Finanzſpecula⸗ tion. Aber der Menſch kann nicht immer an Geld denken. Ich glaube ihr.“ „Auch ich,“ ſetzte der Oberſt hinzu. Mr. Marling gab durch ein leichtes Hüſteln zu verſtehen, daß er nicht der gleichen Anſicht ſei. Aus Milly's Mittheilung ging hervor, daß die Ceremonie heimlich geweſen ſei, und er war ein zu praktiſcher Mann, als daß er nicht hätte wiſſen ſollen, was dieß in den meiſten Fällen zu bedeuten habe. Unter allen Umſtänden wurde jedoch Milly der Fürſorge der Haushälterin für dieſe Nacht übergeben, und John Compton erklärte entſchieden, daß er ſie nicht aus dem Geſicht laſſen werde, bis er ſie wie⸗ der ihrem Gatten zurückgegeben habe. Der würdige Mann hatte keine Ahnung, welche Folgen ſein Verſprechen haben würde. Zu Ehren des Beſuchs ſeines Vormunds wur⸗ den Philipp und ſein Freund eingeladen, mit dem Major zu ſpeiſen; bei dieſer Gelegenheit erfuhr un⸗ ſer Held das erſte Wort von dem Beſuch der Herren in Melina Houſe. „Dem Himmel ſei Dank,“ rief er aus,„daß Lady Fairclough endlich frei geworden iſt.“ „Meine Mutter!“ rief Philipp, vor welchem die 13 Sache bis jetzt geheim gehalten worden war—„meine liebe, theure Mutter iſt die Bewohnerin eines Irren⸗ hauſes!“ OHliver beeilte ſich ihm zu erläutern, daß dieß die verwittwete Lady Fairclough und was noch merk⸗ würdiger, dieſelbe Frau ſei, welche zugleich mit ihnen Obdach in der Scheune geſucht habe. „Kann dieß mein Stiefvater wiſſen?“ rief der Jüngling voll Unwillen. „Es wäre nicht die erſte und einzige Unmenſch⸗ lichkeit, die er begangen hat,“ bemerkte ſein Vor⸗ mund;„aber in vorliegendem Falle haben wir ihm, glaube ich, doch Unrecht gethan. Die Dame iſt au⸗ genſcheinlich wahnſinnig— ihr Geiſt iſt umnachtet. eder ihr Onkel noch unſer Rechtsfreund hier ver⸗ mochten ein Wort aus ihr herauszubringen.“ „Sprechen Sie von der Lady?“ fragte Oliver Brandreth höchlich erſtaunt. „Ja, mein Lieber. Von niemand Anderem.“ „Dann müſſen Sie getäuſcht, ſchändlich getäuſcht worden ſein,“ rief unſer Held warm;„denn wenige Minuten vor Ihrer Ankunft— ich ſah Ihre Chaiſe vor dem Portierhäuschen— gelang es mir, mich mit ihr zu beſprechen und nie hörte ich Jemand vernünf⸗ tiger reden. Sie erkannte mich augenblicklich und verſprach mir, keine Aufregung aufkommen zu laſſen, ſondern in Ihrer Gegenwart ruhig und gefaßt zu bleiben.“ Die Herren ſahen ſich erſtaunt und zweifelnd an. „Irgend eine wirklich Wahnſinnige muß an ihrer Stelle Ihnen vorgeführt worden ſein,“ ſetzte Oliver hinzu. 14 „Das iſt unmöglich,“ bemerkte Major Henderſon; „Sie vergeſſen, daß ihr Onkel, Oberſt Grey, mit da⸗ bei war.“ „Und hat ſie dieſen nicht erkannt?“ „Weder ihn noch einen von uns,“ verſetzte ſein Pflegevater nachdrücklich.„Laſſen Sie uns aber den Umſtand ruhig und überlegt in's Auge faſſen. Wir trafen unerwartet in Melina Houſe ein. Um der Möglichkeit einer Benachrichtigung an den Eigenthü⸗ mer der Anſtalt vorzubeugen, vermieden wir Kots⸗ wold. Doctor Sellen verließ uns keinen Augenblick, ſondern ſchickte nach ſeiner Patientin.“ „Wen?“ „Einen Wärter, den er Howlet nannte.“ „Den Elenden, der ſie im Garten verfolgte,“ ſagte Oliver,„und in's Haus zurückſchleppte; den Sir Aubrey beauftragt hatte, ihre Spur zu verfol⸗ gen, nachdem ſie aus ihrem Hauſe entflohen war; denſelben Burſchen, Herr Major,“ fuhr er fort,„der an der Leiter an Philipp's Fenſter hinaufſtieg und welchen wir hernach in der Menſchenfalle fingen?“ „Beweiſe genug, um vor jedem Gerichtshof des Königreichs ſeine Identität herzuſtellen,“ bemerkte der Advocat.„Haben Sie noch andere Gründe, junger Herr, ſich ſeiner zu erinnern?“ Major Henderſon lächelte, während ſein Zögling bis unter die Schläfe erröthete. „Ich denke, Sie werden diejenigen, welche er auf⸗ gezählt hat, genügend finden,“ verſetzte der erſtere gut gelaunt. „Ja gewiß,“ ſagte Mr. Marling. Als John Compton hörte, daß einer der Wärter 15 von Melina Houſe um Carwell Hall herum ſich zu ſchaffen gemacht habe, und ſogar an Philipp's Zim⸗ mer hinaufgeſtiegen ſei, fing er an um die Sicherheit ſeines Mündels beſorgt zu werden. Der Gedanke lag zu nahe, daß Sir Aubrey Fairclough bei der Sache betheiligt ſei, als daß man ſo leicht hätte dar⸗ über weggehen können. „Ich wollte, wir wären in der City,“ ſeufzte er. „Dort wüßte ich, was ich zu thun hätte; wir haben dort Polizei, Entdeckungsbeamte, Magiſtrate.“ „Dieſe alle haben wir auf dem Lande auch,“ be⸗ merkte ſein Gaſtfreund.„Sprechen Sie Ihre Wün⸗ ſche aus, und ich werde Sorge tragen, daß ſie aus⸗ geführt werden.“ „Vor Allem wünſche ich einen Verhaftsbefehl ge⸗ gen Howlet zu erhalten.“ „Den ſollen Sie haben.“ „Sodann ein paar entſchloſſene Officianten, um denſelben auszuführen.“ „Die will ich Ihnen verſchaffen.“ „Und endlich möchte ich in den Stand geſetzt wer⸗ den, ohne vorher angekündigt zu ſein, in die innern Räume von Melina Houſe zu gelangen.“ „Dazu kann ich Ihnen verhelfen,“ rief Oliver, „wenn Sie meiner Anleitung folgen wollen.“ 16 Neunzehntes Kapitel. John Compton war einer jener Menſchen, die ihre Beſchäftsgewohnheiten auf alle Handlungen ihres Lebens übertragen. Seine Wohlthaten wie ſeine Ver⸗ gnügungen wurden methodiſch und nach einer ge⸗ wiſſen Schablone ausgeführt. Wenn er etwas Gutes that, ſo konnte er es nur auf ſeine Weiſe thun, und wir treten ſeinem Wohlthätigkeitsſinn nicht zu nahe, wenn wir behaupten, daß ihm die Führung einer Sache eben ſo viel Genuß gewährte, als deren Reſultat. Bei dem Plane, den der große Citymakler ent⸗ worfen hatte, den Geſundheitszuſtand der Lady Fair⸗ elough und die Ehrlichkeit des Arztes auf die Probe zu ſiellen, berechnete er zum Voraus alle Wechſelfälle des Erfolgs und des Mißlingens, und wog beide nach allen Richtungen eben ſo ſorgfältig ab, als er es bei irgend einer Operation an der Börſe oder auf dem Markte gethan haben würde. Es war dieß ſo ſeine Art und John Compton konnte ſich davon nicht los machen. Sein erſter Schritt war, den Oberſten Grey zu bitten, einen Brief, von London datirt, an den Ei⸗ genthümer von Melina Houſe zu ſchreiben, worin er als der Patientin nächſter Verwandter verlangte, daß ihm jeden Monat ein Bericht über deren Geſundheits⸗ zuſtand eingeſchickt werde. Dieſen Brief ſchickte er ſeinem Buchhalter Barnes mit dem Auftrage, ihn ſogleich zur Poſt zu befördern. Weder der Major noch der Ausſteller des Briefs begriffen den Nutzen davon. 17 „Ich will es Ihnen ſagen,“ verſetzte der Ge⸗ ſchäftsmann wohlgefällig,„obgleich ich über derlei Dinge gerne ein Stillſchweigen beobachte. Doctor Sellen wird dadurch ſicher gemacht werden und im Glauben, daß der Oberſt nach London zurückgekehrt iſt, wird er der Lady geſtatten, in gewohnter Weiſe im Garten ſpazieren gehen zu dürfen.“ Nun handeite es ſich zunächſt darum, einen Be⸗ fehl zur Verhaftung des Wärters, John Howlet, und ein paar intelligente Officianten zu deſſen Ausfüh⸗ rung zu bekommen. Den erſtern verſchaffte ihm ſein Gaſtfreund vom nächſten Friedensrichter auf die eid⸗ liche Ausſage Oliver Brandreth's und der Knaben, welche denſelben in der Menſchenfalle gefangen hat⸗ ten; um die Officianten ſchickte John Compton nach London. Nachdem alles geordnet war, machte ſich die Ge⸗ ſellſchaft am vierten Tage nach ihrer Ankunft in Kots⸗ wold zu ihrer Expedition auf den Weg. Unſer Held durfte mit dabei ſein. Wenige Stunden nach der Abreiſe ihrer Freunde aus Melina Houſe war Lady Fairclough nicht allein wieder zum Bewußtſein, ſondern auch wieder zur völligen Erkenntniß ihres Elends gelangt. Sie er⸗ innerte ſich vollkommen ihrer Unterredung mit Oliver, und entſann ſich, wiewohl etwas unſicher, daß man ſie nach dem Hauſe zurückgebracht habe. Was aber hernach erfolgte, davon wußte ſie gar nichts mehr. Vergebens war ihr Flehen, man möchte ihr doch ſa⸗ gen, ob ihr Verwandter ſie zu beſuchen eingetroffen ſei oder nicht. Ihre Wärter bewahrten ein hart⸗ näckiges Stillſchweigen. Smith, Milly Mohne. II. 2 ———— 18 „Einbildung, meine theure Lady, Einbildung,“ verſetzte der Doctor, an den ſie dieſelbe Frage geſtellt hatte;„eine Form, welche Ihre ne Krank⸗ heit häufig annimmt— eingebildete Unterredungen— die Diagnoſe Ihres Leidens.“ „Elender!“ unterbrach ihn die Lady in einem ſo kalt verächtlichen Tone, daß dadurch eine augenblick⸗ liche Schaamröthe auf das Geſicht ihres Peinigers trat;„begnügen Sie ſich damit, mich zu quälen und fügen Sie nicht noch Beleidigungen hinzu. „Sie werden aufgeregt,“ bemerkte der kleine Mann boshaft;„ich fürchte, daß ich ein Bad verordnen muß.“ Lady Fairelough ſchwieg zitternd ſtille. Das Regenbad iſt, wenn es grauſamerweiſe über eine gewiſſe Zeit ausgedehnt wird, eines der verſchiedenen Strafmittel, durch welches die unglücklichen Bewoh⸗ ner F Irrenanſtalten, die entweder in ihrer Narrheit allzu unruhig, oder die noch nicht närriſch genug ſind, ſo daß ihre Wärter mit ihnen anfangen können was ſie wollen, ſyſtematiſch zum Gehorſam gefoltert werden. „Ja! ja,“ fuhr der profeſſionsmäßige Verbrecher fort, ſich an ihrem Entſetzen weidend;„die Douche zwanzig Minuten lang wird Ihnen gut thun.“ Lady Fairclough ſtieß einen matten Schrei aus. „Oder von einer halben Stunde vielleicht.“ „Verſchonen Sie mich,“ rief ſie aus, flehentlich die Hände ringend,—„verſchonen Sie mich!“ „Da haben wir's,“ ſagte der Doctor;„Sie wer⸗ den jeden Augenblick aufgeregter. Man ſieht es an ihren Handbewegungen.“ 19 Das unglückliche Opfer zog augenblicklich die Hände auseinander und ließ ſie unterwürfig an der Seite herabhängen. „Hm!“ murmelte ihr Peiniger;„ſo iſt es beſſer.“ „Ich will ruhig— geduldig wie das Elend ſein,“ ſagte die Lady,„wenn Sie mich verſchonen wollen.“ F„Nein.“ „Nur dieß Einemal.“ „Nein,“ verſetzte Doctor Sellen, in demſelben kal⸗ ten höhniſchen Tone. „Ungeheuer!“ rief die gequälte Frau unwillig; „ich unterwerfe mich dieſer ſchändlichen Behandlung durchaus nicht. Lieber tödte ich mich zuvor!“ Der Eigenthümer von Melina Houſe ſchellte und befahl dem auf dieſes Zeichen erſcheinenden Diener ihm Mrs. Hewſon und zwei andere weibliche Wär⸗ terinnen zu ſchicken. „Dieß haben Sie ſich ſelbſt zugezogen,“ bemerkte er, als der Diener weggegangen war. Lady Fairclough ſprang aber durch das offene Parterrefenſter und rannte mit der Eile des Entſetzens in den Garten. Ihr Verfolger ſah ihr Weggehen faſt mit Gleichgültigkeit an. Die Mauern, welche ſein Etabliſſement umgaben, waren zu hoch, und der Ausgang zu ſorgfältig bewacht. Daher begnügte er ſich, Howlet herbeizurufen, und dieſem zu befehlen, ihr zu folgen und ſie zurück⸗ zubringen. Der Wärter machte ſich augenblicklich zu ihrer Verfolgung auf den Weg. „Ich muß den Geiſt dieſer Frau brechen,“ mur⸗ melte ſein Herr.„Es iſt merkwürdig, wie 1es ſie 20 es aushält. Sir Aubrey ſollte viel freigebiger ſein, in Betracht der Gefahr, der ich mich ausſetze, und der Mühe, welche ſie mir verurſacht. Wenn Sie mir entwiſchte, ſo würde mir dieß vielen Schaden ver⸗ urſachen— ja am Ende gar den Ruin meines Ge⸗ ſchäfts nach ſich ziehen! Ich muß um jeden Preis dieß zu verhindern ſuchen.“ Verbrechen, wäre wahrſcheinlich das richtigere Wort geweſen. Die zitternde Flüchtige erreichte einen mit dich⸗ tem Gebüſch bepflanzten Theil des Gartens, noch ehe ihr Verfolger ſie zu Geſicht bekam. Gleich dem gehetzten Wild ſuchte ſie Schutz im tiefſten Dickicht, wo ſie erſchöpft und athemlos zu Boden ſank. Die Einſamkeit— das Entſetzliche ihrer Lage— die gänzliche Hilfloſigkeit, in der ſie ſich befand, raubte ihr faſt ihre ganze Kraft. Eines der Bande um das andere, welche ſie an das Leben gekettet hatten, war mit rauher Hand zer⸗ riſſen worden. Zuerſt war ihr Gemahl, den ſie ſo innig geliebt hatte, deſſen Andenken noch immer ihre Thränen floſſen, dann ihr Kind, und endlich die Frei⸗ heit ihr entriſſen worden! In dieſem troſtloſen Augenblicke fühlte Lady Fair⸗ clough die ganze Bitterkeit des Alleinſtehens in der Welt,— ohne rathgebende Freunde, ohne Verwandte, die ſie beſchützten. Allein! es iſt dieß ein trauriges Wort, das ſo manche glänzende Exiſtenz trübt. Allein! es klingt dieß wie eine Grabſchrift, die ſchwer auf dem Herzen und dem Geiſte laſtet und die ſelbſt eines Engels Wort nicht zu verwiſchen vermag. 21 Die Erinnerung an die Vergangenheit riß das Leichentuch hinweg, welches die Zeit über die kurzen Freuden ihrer früheren Jahre gebreitet hatte und in⸗ dem ſie nochmals das Wort Allein! murmelte, fing ſie an bitterlich zu weinen. Fußtritte erweckten ſie aus ihrem ſchmerzvollen Traume. Sie lauſchte athemlos. Es war nicht der ſchwere Schritt des ſchurkiſchen Wärters, ſondern der leichte, elaſtiſche Tritt der Jugend. Sie zog daher vorſichtig das Gebüſch auseinander, um den Weg über⸗ blicken zu können, und erkannte ihren frühern Beſchützer Hliver Brandreth, dem mehrere Herren in einiger Entfernung auf dem Fuße folgten. Mit einem Freudenſchrei ſprang das lang ver⸗ folgte Opfer aus ſeinem Verſteck hervor und dem Oberſten Grey um den Hals fallend, bat es dieſen in flehendem Tone um Schutz und Rettung. „Ich ſoll Dich ſchützen!“ wiederholte der biedere Militär herzlich,„ich möchte doch den Menſchen ſehen, der es wagen würde, Dich mir entreißen zu wollen. Annie! liebe Annie! kennſt Du Deinen alten Onkel? Die Wolke iſt von Deinem umdüſterten Geiſt gewi⸗ chen und Du ſiehſt wieder hell!“ „Auch Sie glauben, ich ſei wahnſinnig geworden,“ ſagte die Lady, indem ſie ihren Thränen freien Lauf ließ.„Ich habe genug erduldet, daß ich es hätte werden können— Mißhandlung, Beleidigung, Grau⸗ ſamkeit, Verluſt meines Kindes,— aber dennoch hat dem Himmel ſei Dank, die Vernunft nicht ver⸗ aſſen.“ „Dachte ich's doch,“ rief John Compton hoch er⸗ freut über den Erfolg ſeines Plans;„ich wußte wohl, 22 daß hier ein ſchurkiſcher Kunſtgriff uns zu täuſchen und unſer Urtheil zu blenden im Spiele war.“ „Warum ſprachſt Du denn bei meinem letzten Beſuche nicht, Annie?“ fragte der Oberſt zärtlich. „So war es alſo kein Traum?“ ſeufzte die Lady, „und ich ſah wirklich Sie, meinen wohlmeinenden, guten Onkel. Ich wurde von dem Elenden, der mich hier als Gefangene zurückhält, auf alle erdenkliche Weiſe gequält, weil ich dieß behauptet hatte; aber ich war feſt überzeugt, daß Sie hier geweſen ſeien, mich zu beſuchen, denn hier, mein Schutzengel,“ ſetzte ſie auf unſern Helden deutend hinzu,„hat mir ge⸗ ſagt, daß Sie kommen würden.“ Die Herren ſahen ſich befriedigt an über die klare und geſammelte Weiſe, in welcher dieſe Behauptung von der angeblichen Wahnſinnigen aufgeſtellt wurde. „Haben Sie denn gar keine Erinnerung an das fragte Major Henderſon freundlich. „Nein.“ „Beſinnen Sie ſich.“ „Ich erinnere mich,“ ſagte die Lady,„daß ich aufgefordert wurde, in das Bibliothekzimmer zu Dor⸗ tor Sellen zu kommen. Mein Herz ſchlug voll Hoff⸗ nung und Erwartung; aber ich unterdrückte ſeine Regung und bemühte mich, ruhig zu ſcheinen, wie mein Veſchützer es mir gerathen hatte. Beim Eintritt in das Haus,“ fuhr ſie langſam fort, mehr wie wenn ſie ſich bemühte, ſich zu erinnern, als daß ſie begriffen hätte, was vorgegangen war,„ſah ich den Wärter Howlet; aber weiter erinnere ich mich deutlich nichts mehr, als bis ich mich wieder in meinem Zimmer oder vielmehr in meinem Gefängniſſe befand.“ 23 „Hatten Sie zuvor etwas eingenommen?“ fragte John Compton. „Nein.“ „Nichts Ungewöhnliches an ſich gefühlt?“ „Einen heftigen Schmerz in Nacken und Kopf. Mein Nacken iſt noch immer gefleckt,“ ſetzte ſie hin⸗ zu,„wie von einem Schlag.“ „Der rohe Geſelle!“ murmelte der Citymäkler. „Sie führen mich doch aus dieſem Orte weg?“ ſagte das verfolgte Opfer flehend.„Die Vernunft vermag nicht länger den Unwürdigkeiten und Grau⸗ ſamkeiten, denen man mich unterwirft, Widerſtand zu leiſten. In dieſem Augenblicke ſogar hat mir Doc⸗ tor Sellen die Strafe einer halbſtündigen Douche angedroht, weil ich die Anerkennung, wahnſinnig zu ſein, verweigerte.“ „Das Ungeheuer!“ rief Oberſt Grey. John Compton äußerte nichts, doch faßte er ener⸗ giſch ſeinen Stock. „Hier!“ rief Lady Fairclough, als der Wärter Howlet auf dem Wege erſchien,„hier kommt er, um mich in die Folterkammer zu ſchleppen! Retten Sie mich!— um's Himmelswillen, retten Sie mich!“ „Das iſt der Schuft!“ flüſterte Oliver Brandreth Philipp's Vormund zu, der augenblicklich den Poli⸗ zeiofficianten ein Zeichen gab. Als der Wärter bemerkte, daß der Gegenſtand ſeiner Verfolgung von Freunden umgeben ſei, war er einen Augenblick lang unſchlüſſig, was er thun ſolle. Auch unſern Helden hatte er erkannt, und— vielleicht zum erſtenmal in ſeinem Leben— verließ ihn ſein Selbſtvertrauen; jedoch nur auf einen Au⸗ 24 genblick— denn ein kurzes Ueberlegen überzeugte ihn, daß ihm nichts anderes übrig bleibe, als eine kecke Stirne zu zeigen. „Was wollen Sie hier, meine Herrn?“ fragte er in halb unverſchämtem halb befehlshaberiſchem Tone. „Auf welche Weiſe gelangten Sie hier herein?“ „Auf dieſelbe Weiſe, wie Sie in den Garten von Carwell Hall,“ bemerkte Oliver Brandreth,„vermit⸗ telſt Kletterns über die Mauer; unſere Abſichten ſind aber honett, während die Ihrige die eines Diebs oder Mörders waren.“ „Ich weiß nicht, was Sie mit Carwell Hall ſa⸗ gen wollen,“ ſagte der Schelm mit ſtörriſcher Ent⸗ ſchloſſenheit.„Ich war in meinem ganzen Leben nie innerhalb ſeiner Thore und fordere Sie auf, das Gegentheil zu beweiſen. Was Sie betrifft, meine Herrn,“ fügte er bei,„ſo müſſen Sie mich in das Haus begleiten. Doctor Sellen wird mit Ihnen ſrehe während ich mit der Patientin mich befaſſen werde.“ Zugleich näherte er ſich der Lady Fairclough, die zitternd am Arm des Oberſten hing, in der Abſicht, ſie wegzuführen, als der Stock John Compton's, wel⸗ chen ſein Eigenthümer während der letzten Minuten krampfhaft gefaßt hatte, auf ſeinen Kopf herabſauste, und eine merkwürdige Verwirrung der Gedanken in dem Gehirn des Mr. Howlet zu Wege brachte. Als er wieder zu ſich kam, entdeckte er zu ſeinem Erſtaunen, daß an ſeinen Gelenken ſich Handſchellen befanden und daß die beiden ſo friedfertig ausſehende Männer, die ſeither in reſpectvoller Entfernung ſich 25 gehalten und an dem Geſpräch gar keinen Antheil genommen hatten, ihm bewachend zur Seite ſtanden. „Was ſoll dieß bedeuten?“ rief er blaß vor Wuth. „Verhaftsbefehl gegen Sie,“ verſetzte einer der Officianten. „Gegen mich? Weſſen beſchuldigt man mich?“ „Daß man Sie in verbꝛeceri Abſicht im Garten von Carwell Hall gefunden hat und daß Sie deſſen Mauer in unerlaubter Weiſe überſtiegen haben.“ John Howlet warf unſerem Helden einen rach⸗ ſüchtigen Blick zu. Die Geſellſchaft war eben im Begriff mit dem befreiten Opfer und ihrem Gefangenen nach dem Por⸗ tierhäuschen ſich zurückzuziehen, als ſie den Eigen⸗ thümer von Melina Houſe begegneten. Der ſchlaue Heuchler ſah ſogleich, daß er überliſtet worden, daß ſein Opfer ihm entſchlüpft ſei und daß er für die Folgen zu zittern habe. Wäre ſein Wärter frei ge⸗ weſen, ſo hätte er dem Weggehen der Fremden ſich widerſetzt, aber ohne deſſen ſtarken Arm und rohen Muth mußte er ſich mit Vorſtellungen dagegen begnügen. „Ich hätte doch gedacht, meine Herrn,“ bemerkte er,„daß nach der Höflichkeit, mit welcher ich Ihren erſten Beſuch aufgenommen,— der, für einen Mann meines Rufs an und für ſich ſchon höchlich belei⸗ digend war, und nach der Offenheit, mit welcher ich Ihnen meine Anſicht über den Zuſtand meiner un⸗ glücklichen Patientin mittheilte, weitere Beleidigungen und Zweifel mir von Ihrer Seite erſpart würden.“ „Niemand ſieht es begreiflicher Weiſe gern, wenn man ihm hinter die Schliche kommt,“ verſetzte John Compton. 26 „Ganz richtig,“ ſagte der Doctor ohne die min⸗ deſte Beſchämung über dieſen nicht allzu zarten Wink an den Tag zu legen.„Da Sie keine Leute vom Fach ſind, ſo mußten Sie begreiflicher Weiſe durch den Zuſtand getäuſcht werden, in welchem Sie Lady Fairckough fanden. Sie werden ſich aber wahrſchein⸗ lich noch erinnern, daß ich Ihnen ſagte, daß ſie zu⸗ weilen den Perſonen, welche mit ihrem eigenthüm⸗ lichen Krankheitszuſtande nicht bekannt ſind, als voll⸗ kommen vernünftig erſcheinen müſſe.“ „War es vielleicht auch eine Eigenthümlichkeit ihrer Krankheit,“ fragte Major Henderſon,„daß ſie gegen ihren Willen eingeſperrt gehalten wird? Iſt vielleicht auch unſer Beſuch eine bloße Täuſchung? Oder die unmenſchliche Beſtrafung, mit der Sie ihr drohten, wenn ſie nicht anerkenne, daß alles nur Ein⸗ bildung geweſen ſei?“. Dieſe Bemerkung brachte ihren Verfolger einen Augenblick lang zum Schweigen. „Ihre Gewalt über ſie,“ fuhr der Major fort, „iſt glücklicher Weiſe zu Ende. Ihr Verwandter und natürlicher Beſchützer wird ſie jetzt ſogleich aus dieſer Höhle des Verbrechens mit ſich fortnehmen.“ „Ich widerſetze mich ihrer Abreiſe,“ rief der Ei⸗ genthümer von Melina Houſe, der ſchnell wieder ſeine Frechheit und Kaltblütigkeit erlangt hatte.„Lady Fairclough wird mein Etabliſſement nicht ohne aus⸗ drücklichen Befehl des Kanzlers verlaſſen. Sollte man es verſuchen, ſie mit Gewalt meiner Pflege zu entreißen, ſo werde ich Mittel finden, mein Benehmen zu rechtſertigen, und die Verwegenheit der Verbrecher zu beſtrafen.“ * 27 „Laſſen Sie mich nicht in ſeinen Händen,“ mur⸗ melte die Lady, deren Angſt beim Anblick des Heuch⸗ lers ſich wieder eingeſtellt hatte,„er würde mich er⸗ morden.“ „Daran zweifle ich gar nicht,“ ſagte Mr. Compton. „Das iſt eine Criminal⸗Injurie,“ rief der Doctor, dem die Röthe in's Geſicht geſtiegen war. „Sie können mich ja verklagen,“ verſetzte der Mäller verächtlich,„und es mag dann ein Geſchwo⸗ renengericht entſcheiden, was an Ihnen iſt; ich werde mir ein Vergnügen daraus machen, die Koſten zu bezahlen. Bilden Sie ſich nur ja nicht ein, daß Sie mich mit Ihren Drohungen und kecken Worten ein⸗ ſchüchtern können,“ fügte er bei;„ich fürchte weder Sie, noch den weit größern Schuft, der Sie bezahlt. Sie wollen klagen?“ rief er mit einem Hohnlachen, „es ſollte mir Spaß machen, Sie auf der Zeugen⸗ bank zu ſehen, wenn mein Freund Silvertongue oder der Richter File Sie in's Kreuz⸗ und Querverhör nimmt. Verſuchen Sie es nur,“ fuhr er fort,„John Compton von Mark⸗Lane iſt dieſen Schuß ſchon werth.“ Möglicher Weiſe wünſchte der Doctor nichts we⸗ niger, als in dieſe Lage ſich verſetzt zu ſehen, denn er ſprach nicht weiter mehr von geſetzlicher Procedur, ſondern fragte in etwas beſcheidenerem Tone, weß⸗ halb ſein Diener ein Gefangener ſei. „Weil er beſchuldigt iſt, im Garten von Carwell Hall in verbrecheriſcher Abſicht und vermittelſt Ueber⸗ ſteigens der Mauern gefunden worden zu ſein,“ ver⸗ ſetzte einer der Officianten. 28 „Ich will Bürgſchaft für ihn leiſten,“ rief ſein Principal haſtig. „Kann dieſe nicht annehmen,— er muß zuerſt vor den Friedensrichter geführt werden.“ Doctor Sellen hatte verſchiedene Gründe, die es ihm wünſchenswerth machten, daß Howlet nicht aus ſeiner Nähe weggebracht werde. Erſtens wußte er, daß der Menſch, wie die meiſten Rennomiſten keinen moraliſchen Muth beſaß; zweitens traute er ihm nicht, daß er ſich nicht in heimliche Unterhandlungen einlaſſe. Vermittelſt ſehr kleiner Summen hatte er ſelbſt ihn beſtochen, verſchiedene Handlungen der Grauſamkeit an ſeinen Patienten zu begehen, daher war er über⸗ zeugt, daß er um eine größere Summe mit Leib und Seele ſich verkaufen würde, namentlich wenn ihm zu⸗ gleich die Ausſicht winke, daß man die gegen ihn er⸗ hobene Anklage fallen laſſe. „Es ſoll Ihnen nicht am beſten Beiſtande fehlen, John,“ ſprach er.„Ich werde nach Lynn ſchicken, um meinen eigenen Advocaten, der Sie vertheidigen ſoll, auch werde ich Ihnen das beſte Zeugniß aus⸗ ſtellen. Sie haben nichts zu fürchten,“ fügte er mit ſtarker Betonung der Worte hinzu.„Ich bin über⸗ zeugt, daß Sie nichts Unrechtes gethan haben, weß⸗ halb Sie auch gerechtfertigt aus der Sache hervor⸗ gehen werden.“ Die Officianten forderten jetzt das Mädchen am Portierhauſe auf, ihnen die Thore zu öffnen, was aber ihr Herr ihr mit lauter Stimme unterſagte. „Der Wärter hat einen Schlüſſel,“ flüſterte Lady Fairclough. In dem Blicke, welchen der Eigenthümer von 29 Melina Houſe ihr zuwarf, lag etwas ſo furchtbar Drohendes, daß ſie darin eine Warnung finden konnte, was ihr bevorſtehe, wenn ſie nochmals in ſeine Hände falle. Der erhaltenen Mittheilung gemäß durchſuchten nun die Officianten ihren Gefangenen und öffneten dann ſogleich die Thore. „Auf eure Gefahr hin!“ rief der überliſtete Heuchler. „Schon recht, Herr,“ bemerkte einer der Männer kalt.„Mr. Compton iſt Gewährsmann für unſer Verfahren, das genügt uns vollkommen. Wir werden das Thor wieder ſorgfältig zuſchließen.“ Sie thaten es, nachdem das befreite Opfer und deſſen Befreier durchpaſſirt waren und überließen das geprellte Werkzeug Sir Aubrey Fairelough's ſeinen Betrachtungen, die, abgeſehen von der Ausſicht von weiteren Folgen, nicht von der angenehmſten Art für einen Mann waren, der aus ſeiner Scheinheiligkeit einen Broderwerb machte. Der Verluſt dieſer Patientin koſtete Doctor Sellen nicht weniger als achthundert Pfund jährlich. Bei der Ankunft des Majors und ſeiner Gäſte in Carwell Hall fand Oliver einen Brief von ſeiner Tante vor, in welchen einer von ſeinem Vater ein⸗ geſchloſſen war. „Doch keine unangenehme Nachrichten hoffentlich, mein Lieber?“ bemerkte ſein Mentor, als er gewahr wurde, daß Oliver's Geſicht beim Durchleſen ſich ge⸗ röthet hatte. „Im Gegentheil, es ſteht eine Nachricht darin, „ die, wenn ein Umſtand nicht wäre, mir das größte 30 Vergnügen machen würde;— ich ſoll von Ihnen ſcheiden.“ Kapitän Brandreth hatte ſeinem Sohn geſchrie⸗ ben, er ſolle zu ihm nach Malta auf den Agamem⸗ non kommen. In zwei Tagen ſchon ſollte er ſich deßhalb nach London auf den Weg machen. Major Henderſon und John Compton kamen nach einer langen Berathung zu dem Beſchluß, daß es das Gerathenſte ſei, Philipp von ſeinem jetzigen Aufent⸗ haltsorte wegzubringen. Sir Aubrey Fairclough hatte offenbar ſeine Ab⸗ ſichten auf ſeinen Steſiohn nicht aufgegeben. Des armen Philipp's Schmerz über die bevorſte⸗ hende Trennung von ſeinem Freund wurde durch die Ausſicht, einige Tage mit ihm in London zubringen zu dürfen, einigermaßen gemildert; vielleicht trug er ſich aber auch mit der geheimen Hoffnung, ſeine Mutter ſehen zu dürfen,— die Mutter, welcher ſein junges Herz mit ſeiner ganzen früheren Liebe ſich wieder zugewendet hatte. Den Tag nach der Rückkehr in die Halle fand das Verhör Howlet's vor den Behörden ſtatt. Ob⸗ gleich ihm ſcharf zugeſetzt wurde, die Gründe anzu⸗ geben, die ihn nächtlicher Weiſe in den Garten von Carwell Hall geführt hätten, blieb der Wärter dabei, ſeine Unſchuld zu behaupten und die Identität ſeiner Perſon für ein Mißverſtändniß zu erklären; ja er hielt ſo feſt bei ſeiner Behauptung, daß es des Eides von Seite Oliver's und ſeiner Kameraden, die ihn aus der Falle losgelaſſen hatten, bedurfte, um die Richter zu veranlaſſen, ihn Schuldig zu ſprechen. Gegen dieſen Zeugenbeweis war aber nicht au⸗ S 8—** 8— — * 31 zukommen und ſo wurde er des heimlichen und ver⸗ brecheriſchen Einſteigens und Betreten fremden Grund⸗ eigenthums für ſchuldig erkannt und zu einem Monat Freiheitsſtrafe mit harter Arbeit verurtheilt. Doctor Sellen drang zwar in die Behörden, die Strafe in eine Geldbuße zu verwandeln, fand aber kein Gehör. Gerüchte von der Verfahrungs⸗ weiſe in Melina Houſe, ſowie der Ruf, in welchem er ſtand, waren wohl die Veranlaſſung einer Ableh⸗ nung, über welche ſich wahrſcheinlich der Doctor nicht allzu ſehr grämte; denn nichts ging ihm ſchwerer vom Herzen, als Geld, das er herausgeben ſollte. Als der Gefängnißwärter Howlet aus dem Ge⸗ richtszimmer wegführte, warf dieſer unſerem Helden einen grimmigen Blick zu. „Wir treffen uns wieder, junger Herr,“ be⸗ merkte er. „Ich hoffe es,“ verſetzte Oliver.„Gefängniß und harte Arbeit ſind zwar ganz gut, aber ich betrachte meine Schuld noch nicht für halb bezahlt.“ Das Verſprechen wurde gehalten; beide begeg⸗ neten ſich ſpäter im Leben wieder. Wir wollen aber den Ereigniſſen nicht voraneilen, ſondern denſelben ihren Lauf laſſen. Es war ein Trauertag in der Halle, als die bei⸗ den Jünglinge abreisten; Peter Marl machte ſich an der Chaiſe zu ſchaffen, ſah nach dem Gepäck und warf erwartungsvolle Blicke nach dem Fenſter des Zim⸗ mers, in melchem ſein junger Liebling von ſeinen Kameraden ſich verabſchiedete. Endlich erſchien Oliver, und dem alten Manne glänzte eine Thräne in den Augen, als dieſer ihm herzlich die Hand drückte. 32 „Gott geleite Sie, Mr. Brandreth,“ ſprach er; „Sie werden mich doch nicht vergeſſen? Es iſt dieß aber eine einfältige Frage von mir; Sie würden ſelbſt einen Hund nicht vergeſſen, den Sie einmal lieb gehabt haben.“ „Noch weniger einen Freund, der gut gegen mich geweſen iſt,“ verſetzte unſer Held. „Davon bin ich lebhaft überzeugt,“ bemerkte Peter.„Hier ſind die Beller,“ ſetzte er auf ein kleines Mahagonikiſtchen deutend hinzu, welches die famoſen Piſtolen enthielt.„Ich hätte nie gedacht, daß ich mich, ſo lang ich lebe, von ihnen trennen würde; aber es liegt mir gar nichts mehr an ihnen, wenn Sie ſie zum Andenken an mich behalten wollen.“ Oliver konnte ein auf dieſe Weiſe angebotenes Geſchenk unmöglich abweiſen. „Ich muß Ihnen mein Stammbuch von London ſchicken,“ ſprach er, denn er ſah wohl ein, daß er dem alten Soldaten kein Geld anbieten könne, da ſeine— Freundſchaft, wenn nicht gar ſein Stolz dadurch be⸗ leidigt worden wäre. „Sie ſind im Begriff außer Lands zu gehen, Mr. Brandreth,“ bemerkte er.„Denken Sie an die Mus⸗ jö's. Trauen Sie den Ausländern nicht; Franzoſen oder Spanier— ſie ſind ſich beide gleich.“ Weiter reichten Peters Erfahrungen nicht. Das nicht enden wollende Winken mit den Hän⸗ den von Seiten der Zöglinge und ein wehmüthiges Lebehoch zeigte, wie lieb ihnen dieſe Kameraden ge⸗ worden waren, als die Wagen wegfuhren. Im er⸗ ſten ſaßen Oberſt Grey und Lady Fairclough; den zweiten nahmen unſer Held, Philipp, John Compton⸗ 3 — W 8 5 S 3 * 33 Milly und deren Kind ein, welche der Mäkler ſicher nach Richmond zu bringen verſprochen hatte. Noch nie hatte man Peter Marl ſo viele Pfeifen rauchen ſehen, als am Tage von Hliver's Abreiſe aus Carwell Hall. Zwanzigſtes Kapitel. Da Oberſt Grey in London nur ein paar Mieth⸗ zimmer bewohnte, ſo wurde verabredet, daß er und ſeine Nichte John Compton's Gäſte ſein ſollen, der ſein Haus ſo herzlich zur Verfügung ſtellte, daß ſein Anerbieten augenblicklich ungenommen wurde. Groß war das Erſtaunen der alten Haushälterin, welche ſeit ſo vielen Jahren ſeinem Hausweſen vorgeſtanden hatte, über die Zahl der Gäſte ihres Herrn. Wäre ſie zuvor davon benachrichtigt geweſen, ſo hätte ſie ſich aller Wahrſcheinlichteit nach erlaubt, Vorſtellun⸗ gen dagegen zu erheben. Gegen ein Mittageſſen, zu welchem einige befreundete Junggeſellen eingeladen wurden, hatte ſie, da es nicht allzu oft vorkam, nichts einzuwenden; aber Damen, die ohne Zweifel ihre perſönlichen Dienſtleiſtungen in Anſpruch nahmen, im Hauſe zu ſehen, das war offenbar zu viel.— Die Welt war ihrem Untergange nahe! „Ich weiß wahrhaftig nicht, wo ich ſie unterbrin⸗ gen ſoll, Herr,“ bemerkte ſie.„Das Bettzeug im blauen Zimmer iſt abgenommen und zum Ausbeſſern Smith, Milly Meynt. II. F — ———— S. — — — — —— 2 34 geſchickt worden; im Damaſtzimmer ſind keine Vor⸗ hänge aufgemacht und—“ „Oberſt Grey iſt ein alter Militär,“ unterbrach ſie der Mäkler gut gelaunt, denn er hatte große Ach⸗ tung vor Mrs. Bailley,„und kann überall ſchlafen.“ „Die Damen ſind es,“ verſetzte ſie mit ſtarker Betonung des Wortes,„die ich dabei im Auge habe.“ „Nur eine davon wird hier bleiben,“ ſagte ihr err. 8„Die Dame mit dem Kinde, Herr?“ fragte Mrs. Bailley, die ohne Zweifel eine alte Jungfer war und blos aus Höflichkeit Miſtreß genannt wurde. „Nein; Lady Fairelough.“ Es war ganz merkwürdig, wie ſehr John Comp⸗ ton in den letzten Tagen die Geſchäfte vernachläſſigt hatte; die Procente der Börſe, die Schwankungen des Marktes, die auswärtigen Correſpondenzen und Colonialwaaren waren von ihm ſo gänzlich vergeſſen, als wenn er nur zuweilen von dergleichen Dinge ge⸗ hört und niemals ſie zum Hauptzweck ſeines Lebens emacht hätte. Wie wir ſchon früher angeführt ha⸗ en, ſo fing er an eine gewiſſe Vorliebe für Philipp zu empfinden, und mehr als je bedauerte er, daß derſelbe nicht John getauft worden ſei. Auch für Milly und deren Kind fühlte er ein tiefes Intereſſe. Bis jetzt hatte er gleich den meiſten Junggeſellen einen großen Widerwillen gegen alle Säuglinge gehegt; aber das kleine, unſchuldige Ge⸗ ſchöpf hatte auf irgend eine Weiſe ſeine Abneigung überwunden; zuletzt dadurch, daß es ſeine Finger packte und ihn onlächelte, wenn er der jungen Mutter zu lieb deſſen Kinn, mit dem reizenden Grübchen darin, ſtrich. — M — — W N —— S N S* — Trotz ihrer angeborenen Schüchternheit in der Wohnung der Häuſerbewohner vermochte die arme Miliy doch ihre Ungeduld nicht zu unterdrücken, wieder mit dem Gatten ſich vereinigt zu ſehen, dem ſie entriſſen worden war,— mit dem Vater ihres Kindes, den ſie noch immer liebte, weil ſie ihn ihrer Zuneigung für würdig hielt. Zwar wagte ſie nicht, ihr Sehnen in Worten auszudrücken, aber ihre Thrä⸗ nen und flehenden Blicke ſprachen beredt für ſie. Das Herz des Citymanns wurde durch dieſe ſtumme Aufforderung gerührt. „Genießen Sie zuvor etwas,“ ſprach er,„und dann wollen wir uns in einer Stunde auf den Weg machen.“ Ein Freudenſchrei, ſo hell und durchdringend, wie von einem lange eingekerkerten Vogel, der aus ſeinem Käfig befreit wird, entſchlüpfte den Lippen der jun⸗ gen Mutter, die zugleich ſchüchtern ſeine Hand küßte. Während ſeines ganzen Lebens war John Comp⸗ ton ſo etwas nicht begegnet. Seine Hand hatte zwar manchen rauhen, wohlgemeinten Druck erhalten, und vielleicht auch manchen ſanften, gleisneriſchen,— aber ein Kuß darauf verſetzte ihn förmlich in Verwirrung. „Dummes Zeug!“ ſprach er.„Ein, ich danke Ihnen, hätte vollkommen genügt. Ich bin aber gar nicht böſe darüber,“ fuhr er fort, als er ſah, daß Milly in Verlegenheit gerathen war,„aber ſolche Demonſtrationen ſind im gewöhnlichen civiliſirten Le⸗ ben nicht gebräuchlich.“ „Sie haben aber wie ein Vater an mir gehan⸗ delt,“ verſetzte die Zigeunerin.„Leider! habe ich meinen leiblichen Vater nie gekannt.“ 36 Der Mäkler wiederholte das Wort„Vater“ für ſich, und wünſchte in Gedanken, er hätte ein Kind wie ſie, das ihn liebe, zum Segen und zur Erhei⸗ terung ſeines Alters. Er war reich— ſehr reich; ſein Name ſtand auf dem Markte hoch in Ehren; ſeine Unterſchrift galt alles auf der Börſe; aber in dieſem Augenblicke empfand er doch eine Art von Verachtung für ſeine Geldſäcke. Es gibt gar viele Menſchen, die, wenn es zu ſpät iſt, ſich fragen: zu was alles dieß? Nach Ablauf einer Stunde ſtand eine Chaiſe vor der Thür und er fuhr mit ſeinem Gaſte und deſſen Kind nach Richmond. Als ſie in die Nähe von Kew gelangten, fing Milly an ſich in der Gegend zurecht zu finden. Sie war nie weit von Woodbine Cottage weggekommen, die einzige Heimath, im wahren Sinn des Wortes, die ſie je kennen gelernt hatte, denn die Zelte ihres Stammes konnten füglicher Weiſe ſo nicht genannt werden. Ihre Aufregung nahm daher beim Anblick der bekannten Gegend zu. Iſt er wohl zu Hauſe? Iſt er ſich gleich geblie⸗ ben, oder über mich erzürnt? fragte ſie ſich wieder⸗ holt; und als der Wagen vor dem wohlbekannten Thore hielt, wurde ihre Aufregung ſo heftig, daß ihr Beſchützer ſich genöthigt ſah, ſie aus der Chaiſe zu heben. Mit einem Freudenſchrei kam die Dienerin in den Garten gelaufen, um ihren Herrn in Kenntniß zu ſetzen. Milly folgte ihr und einen Augenblick hernach lag ſie athemlos und ſchluchzend in den Armen des Ver⸗ räthers. —— — — — 50— S — 37 Nur ein gänzlich kaltes Herz wäre im Stande geweſen, ohne Rührung ſolche Lieblichkeit zu ſehen und ſolche Beweiſe der Zärtlichkeit zu empfangen. Einen Augenblick lang war Sir Aubrey gerührt, als er ſie in ſeine Arme drückte und den Namen ſeines Sohnes flüſterte. „Er iſt wohl!“ murmelte die entzückte Mutter— 46 t wohl. Bin ich nicht hier? Glaubſt Du denn, ich hätte ihn verlaſſen können?“ Der Baronet lächelte. Der Knabe war offenbar entweder ſeinem Herzen oder ſeinem Intereſſe theuer. Bei einem Menſchen, der ſo voll Ränke war— der jeden Wechſelfall im Spiele des Lebens berechnete — wäre dieß ſchwer zu entſcheiden geweſen. „Wie kam es denn, daß Du mich verlaſſen haſt?“ „Man hat mich mit Gewalt fortgeſchleppt. Ich war ausgegangen, um unſer Kind zu ſuchen. Kaled—“ Bei dieſem Namen runzelte ihr Gatte die Stirne und ein Ausdruck des Zweifels machte ſich auf ſei⸗ nem Geſichte bemerkbar. „Rein wie in dem Augenblicke, in welchem ich Deine Braut wurde,“ rief ſie aus, ihr dunkles Auge feſt auf ihn geheftet,—„ſo rein wie die Engel, von denen Du mir zu Anfang unſerer Liebe erzählteſt. Man hätte mich tödten— mich in Stücke zerreißen, aber nie mich Deiner Liebe unwürdig machen kön⸗ nen,“ ſetzte ſie feierlich hinzu. Merkwürdiger Weiſe ſchenkte ihr der Wüſtling, trotz ſeiner Welterfahrung— welche zu nichts weite⸗ rem dient, als das Herz krank zu machen— unbe⸗ dingten Glauben. „Komm in das Haus,“ ſprach er.„Es verlangt 38 mich meinen Knaben zu ſehen und zu vernehmen, durch welchen glücklichen Zufall es Dir gelang, Dei⸗ nem Verfolger zu entkommen.“ „Ja, ja; es iſt überdieß noch Jemand da, dem Du danken mußt— dem Freunde, der mich hieher brachte. Der gute alte Mann benahm ſich wie ein Vater gegen mich.“ k In der Meinung, es ſei dieß irgend ein Land⸗ mann oder einer der Greiſe ihres Stammes, von dem ſie ſprach, ließ ſich Sir Aubrey nach dem Hauſe geleiten, wo John Compton ihn erwartete, um ihn zu ſehen. Der würdige alte Mann war äußerſt neugierig die perſönliche Bekanntſchaft von Milly's Gatten zu machen. Einige Minuten lang blickten ſie ſich gegenſeitig ſtillſchweigend an; Verwirrung lag auf dem Geſichte des entdeckten Betrügers— Verachtung und Unwillen in den Geſichtszügen des ehrbaren Mäklers. „Warum dantſt Du ihm und ſegneſt ihn nicht?“ ſagte Milly, erſtaunt über das Stillſchweigen des Betrügers. „Iſt dieß Mr. Harley?“ fragte der alte Mann bedächtig. A „Bd. „Armes Geſchöpf! armes Geſchöpf!“ Die Zigeunerin blickte zuerſt ihren Beſchützer und dann den Baronet an; als ihre Augen auf dem letz⸗ tern haften blieben, rieſelte ein kalter Schauer durch ihre Adern. Sie ſah den Mann, den ſie über alle irdiſchen Geſchöpfe erhaben wähnte,— den Herrn ihres Herzens— das Idol ihrer tiefen und leidenſchaftlichen Verehrung,— gleich einem ſchuldbefleckten Geſchöpf vor dem Blicke ihres Wohlthäters zuſammenbrechen. 1 c — b—— — — 39 „Mr. Compton,“ ſagte der Baronet,„es iſt hier weder Zeit noch Ort zu einer Erläuterung meines Benehmens; ſchonen Sie ſie, welche Meinung Sie auch immer von mir haben mögen.“ John Compton beſtand einen harten Kampf zwi⸗ ſchen Mitleid und dem, was er für ſeine Pflicht hielt. Das Pflichtgefühl gewann endlich die Oberhand und er nannte ieen Namen. „Nein, nein, ſprechen Sie nicht mit mir!“ rief Milly,„Sie ſind im Begriff, mich elend zu machen.“ „Ich muß Ihnen die Wahrheit ſagen,“ ſprach der Mäkler.„Harley iſt nicht der Name deſſen, den ſie„Gatte“ nennen.“ Wenn es dieß iſt— wenn es nichts als dieß iſt, dachte die zitternde Mutter. „Noch mehr, er iſt bereits mit einer Andern ver⸗ mählt.“ „Sag' ihm, daß er lügt!“ ſprach Milly Moyne, ſich krampfhaft an den Hals ihres Verführers hän⸗ gend,„und ich will Dir glauben; ſag' ihm, daß er verrückt iſt, ſonſt werde ich es. Vermählt! was bin dann ich? Du biſt nicht ſo niederträchtig und herz⸗ los geweſen,“ fügte ſie bei.„Haſt Du mir nicht ge⸗ ſchworen, daß ich nach den Geſetzen der Häuſerbe⸗ wohner Deine Gattin ſei?“ „Wenn er Sie wirklich geheirathet hat,“ bemerkte der Mäkler,„ſo hat er ein Kapitalverbrechen began⸗ gen, und meine Nichte darf froh ſein, ihn loszube⸗ kommen.“ „Gehen Sie, mein Herr!“ ſagte der Baronet, verlaſſen Sie augenblicklich mein Haus, ſonſt könnte ich leicht den Unterſchied unſerer Jahre vergeſſen!“ 40 „Sachte, ſachte,“ unterbrach ihn John Compton, „Sie können mich nicht einſchüchtern. Ich habe Ih⸗ nen die Wahrheit mitgetheilt, Milly,— Sie ſehen, daß er die Sache nicht abläugnen kann; und nun will ich Ihnen auch mittheilen, warum ich es Ihnen ſagte. Es ſoll dazu dienen, Sie zu verhindern, das erniedrigte Geſchöpf zu werden, für welches die Welt — welche die Kunſtgriffe nicht kennt, durch welche Sie zu Fall gebracht wurden,— ſie bereits hält. Verlaſſen Sie dieſen Mann, ehe Sättigung ihn ver⸗ anlaßt, Sie zu fliehen, wie er bereits ſeine frühern Opfer geflohen hat— verlaſſen Sie ihn, während Sie Ihrem Kinde noch mit Thränen und Schmerz, aber ohne Erröthen in's Geſicht ſehen können, fügen Sie nicht noch Sünde dem Kummer bei.“ „Willſt Du mich um des einzigen Betrugs willen, den ich aus Liebe beging, verlaſſen?“ flüſterte der Verführer Milly in der Sprache ihrer Kindheit in's Ohr.„Was gehen uns die Geſetze, Vorurtheile und Ungerechtigkeiten der Welt an? Wir können uns lie⸗ ben und ſie verachten.“ „Schicke ihn weg,“ murmelte Milly, in ſeine Arme ſinkend,—„ſchicke ihn weg! Laß nicht den guten Mann Zeuge meiner Schwäche und meiner Schande ſein.“ Als John Compton ſah, daß ſeine Rathſchläge nutzlos ſeien, verließ er Woodbine Cottage; ſein Herz mit Unwillen erfüllt über das Betragen des Sir Aubrey und voll Mitleid für deſſen Opfer. „Das beſte iſt, ſeinen Geſchäften nachzugehen,“ murmelte er vor ſich hin, als er nach London zurück⸗ fuhr.„Dieß iſt die Folge davon, wenn man ein fühlendes Herz für Andere hat.“ 41 Hliver Brandreth's erſter Gedanke nach ſeiner Rückkehr nach Hauſe war, ſeine Tante, ſobald die erſte Begrüßung vorüber war, an ihr Verſprechen zu erinnern, ihm das Porträt ſeiner Mutter zu zeigen. „Ich kann Ihnen gar nicht ſagen,“ ſprach er, „wie ſehr es mich drängt, daſſelbe zu ſehen. Ich habe in der letzten Zeit fortwährend daran gedacht und davon geträumt. Es kam mir wie eine Ergänzung der Erinnerung vor, daß ich im Schlafe meine Mutter geſehen habe.“ „Für heute Nacht iſt es zu ſpät,“ verſetzte Mrs. Dalton mit einem Seufzer;„Du biſt von der Reiſe ermüdet. Warte bis morgen, wenn Ruhe Dich ge⸗ ſtärkt haben wird.“ „Und werden Sie mich nicht wieder mit einer Ausflucht abfertigen?“ „Nein; ich verſpreche es Dir auf mein Wort,“ ſagte die Dame.„Komm morgen früh zu mir; Du wirſt mich in meinem Boudoir treffen.“ Es lag etwas Ernſtes, ja faſt Feierliches in dem Ton und dem Benehmen der Tante, das die Neu⸗ gierde unſeres Helden erweckte und was ihn zu der Frage veranlaßte, ob das Miniaturbild, von dem ſie ſprach, das einzige exiſtirende Porträt ſeiner Mutter ſei. „So viel ich glaube.“ „Warum iſt es dann nicht im Beſitz meines Vaters?“ Die Dame gab ihm darauf keine Antwort. „Da ſteckt ein Geheimniß dahinter,“ fügte er bei. „An alle Andenken dieſer Art knüpft ſich ein trauriges Intereſſe,“ bemerkte Mrs. Dalton aus⸗ weichend. 42 Auf dieſe Worte, welche tief in ſein junges Herz einſchnitten, verſuchte Oliver Brandreth keine Erwi⸗ derung. In der Fülle ſeines Vertrauens hatte er häufig gegen Major Henderſon die Betrübniß aus⸗ geſprochen, die er über das Stillſchweigen fühle, wel⸗ ches ſein Vater und ſeine Verwandte hinſichtlich ſei⸗ ner Mutter beobachteten, und er hatte den freund⸗ lichen Ernſt nicht vergeſſen, mit welchem ſein Mentor ihm den Rath ertheilte, geduldig die Zeit abzuwar⸗ ten, bis dieſe es für paſſend erachten würden, ihn über ihre Zurückhaltung in dieſem Punkte aufzuklären. Er war überzeugt, daß ein Geheimniß im Spiele ſei und die Worte der Mrs. Dalton beſtärkten ihn in dieſem Verdacht. Er trat deßhalb mit klopfendem Herzen am fol⸗ genden Morgen in das Boudoir ſeiner Tante, die er vor einem alterthümlichen Schrank ſitzend fand, deſſen Inhalt in ſeinen Kinderjahren häufig ſeine Neu⸗ gierde rege gemacht hatte. Als der Neffe ſich näherte, ſtand die Dame von ihrem Stuhle auf und legte ſchweigend ein Minia⸗ turbild, das an einem ſchwarzen Bande befeſtigt war, in ſeine Hände. Mit einem Freudenſchrei drückte er es an ſeine Lippen. 43 Einundzwanzigſtes Kapitel. „Meine Mutter!“ murmelte unſer Held, das Por⸗ trät mehrmals an ſeine Lippen drückend.„Wie ſchön! — wie gut muß ſie geweſen ſein! Welche Weichheit und Liebe liegt in dieſen Augen!— Welche Rein⸗ heit und Offenheit auf dieſer Stirne! ein Engel könnte nicht ſchöner ſein! Sie iſt jetzt ein Engel,“ fuhr er mit einem Seufzer fort,„wie innig würde ich ſie geliebt haben! wie ſtolz wäre ich auf eine ſolche Mutter geweſen, wenn ſie mir erhalten geblieben wäre. Sie hätte nie an mir gezweifelt.“ „Komm her und ſetze Dich neben mich,“ ſagte ſeine Tante.„Ich habe mich einer peinlichen Auf⸗ gabe unterzogen.“ „Peinlichſ“ verſetzte Oliver Brandreth.„Sie haben mir den theuerſten Wunſch erfüllt— ein Blatt meines Lebens mir geöffnet, das ich für immer für mich verſchloſſen zu ſehen befürchtet hatte. Ich danke Ihnen; ich danke Ihnen. Dieß iſt ein wahrer Schatz. Wie alt war ich denn, als meine arme Mutter ſtarb?“ Mrs. Dalton ſchien verlegen zu zögern. „Ich muß noch ſehr jung geweſen ſein,“ fuhr ihr Neffe fort,„denn ſonſt müßte ich mich wenigſtens einigermaßen ihrer theuren Geſichtszüge erinnern; ſie wären mir ſelbſt im Schlafe vorgeſchwebt.“ Durch das Stillſchweigen ſeiner Tante aufmerk⸗ ſam gemacht, erhob der Jüngling ſeine Augen von dem Miniaturbilde nach dem Geſichte ſeiner Verwand⸗ ten, das er in Thränen gebadet bemerkte. „Sie liebten ſie?“ bemerkte er. 44 „Von ganzem Herzen,“ verſetzte ſeine Tante;„ſie war die Freundin meiner früheſten Jugend. Durch mich ſah mein Bruder ſie zuerſt.“ „Ich begreife jetzt meines Vaters Schmerz,“ rief der Neffe aus.„Ein ſolcher Verluſt läßt eine Leere zurück, welche keine ſpätere Liebe auszufüllen ver⸗ mag. Es liegt etwas Trauriges in dem Gedanken, daß die Geburt ſeines Sohnes ſein Herz mit Kum⸗ mer erfüllt hat.“ „Der Tod Deiner Mutter, Oliver, erfolgte nicht zu der Zeit, von der Du ſprichſt,“ bemerkte ſeine Verwandte.„Es iſt mir lieb, dieſen peinlichen Ge⸗ danken Dir von der Seele nehmen zu können.“ „Ich hatte doch geglaubt, daß es ſich ſo verhalte,“ verſetzte unſer Held erſtaunt. „Nein.“ „Es war alſo ein Grund vorhanden, mich zu täuſchen?“ Die Dame ſchwieg ſtille. „Tante,“ ſprach der Jüngling, indem er ihre Hand ergriff und ihr lang und feſt in's Geſicht blickte, „Sie ſprachen eben davon, einer peinlichen Aufgabe ſich unterzogen zu haben;— erklären Sie mir dieſe Worte— es liegt etwas Geheimnißvolles darin. Ein ſo wohlwollendes und ſanftes Gemüth, wie das Ih⸗ rige, muß einen ſehr triftigen Grund haben, mein Herz zu quälen, oder meine Standhaftigkeit auf die Probe zu ſtellen, weil Sie es ſonſt nicht thun wür⸗ den. Der bloße Umſtand, daß Sie mir meiner Mut⸗ ter Porträt zeigen, iſt nicht Schuld daran, denn dieß kann ja einem Sohne nur Freude machen. Spielen Sie nicht mit mir,“ fuhr er in einem Tone fort, in P 4⁵ welchem Aufregung und Gefühl um die Oberherr⸗ ſchaft kämpften.„Ich bin zwar an Jahren noch ein Knabe, aber ich beſitze die Ausdauer, den Muth eines Mannes.“ „Es liegt allerdings etwas vor was einer Er⸗ klärung bedarf,“ antwortete Mrs. Dalton,„das zu ertragen Deine ganze Feſtigkeit verlangt. Faſſe kei⸗ nen raſchen Entſchuß, ſondern höre mich ruhig bis zu Ende an und vergiß nicht, daß es Deine Eltern ſind, welche Du zu richten haſt.“ Hliver Brandreth wurde todtenblaß. „Deine Mutter und ich waren Jugendfreundinnen — Schweſtern in Allem, den Namen ausgenommen, denn wir brachten unſere Jugendzeit in unausgeſetz⸗ tem Zuſammenleben zu. Es wäre ſogar merkwürdig geweſen, wenn ich ſie nicht geliebt hätte; niemals waren Sanftmuth, Lieblichkeit und alle jene Eigen⸗ ſchaften, welche das Herz gewinnen, bei irgend einem menſchlichen Geſchöpfe augenfälliger als bei Adelaide Vavaſſour, welche, frühzeitig Waiſe geworden, unter der Vormundſchaft ihrer Tante ſtand und häufig den langweiligen, abgebleichten Glanz von Rockingham Hall mit der heitern Geſellſchaft im Pfarrhauſe ver⸗ tauſchte.“ „Rockingham Hall,“ unterbrach ſie ihr Zuhörer. „Ich wundere mich nicht über Dein Erſtaunen,“ bemerkte Mrs. Dalton;„ich vermochte es ſelbſt kaum zu verbergen, als Du uns Dein Abenteuer erzählteſt. Ja, Oliver, das einſame Haus, in welchem Du und Dein Kamerad Obdach fanden, war das Haus der Kindheit Deiner Mutter. Ich wollte, ich könnte ſa⸗ gen, es wäre eine glückliche geweſen; leider war dieß aber nicht der Fall. Adelaide war reich— ſehr reich und ihre Vormünderin, die verwittwete Lady Va⸗ vaſſour, beſtimmte ſie zur Gemahlin ihres Sohnes, des Sir Cuthert, des jetzigen Baronets, dem ſein Vater durch ſeine Verſchwendungsſucht kaum mehr als den leeren Titel hinterlaſſen hatte, indem die Familiengüter tief verſchuldet und ſchwer mit Hypo⸗ theken belaſtet waren. Vielleicht,“ fuhr die Dame fort,„hätte Adelaide ihren Vetter lieb gewonnen, wenn man ſie nicht gar zu ſehr mit demſelben ge⸗ quält hätte. Ihre Vormünderin ſuchte, wie es ſich ſpäter herausſtellte, ſie von jeder Geſellſchaft fern zu halten, wo im mindeſten zu fürchten war, daß ſie mit Je⸗ mand zuſammentreffen könne, der ihr Lieblingsproject zu durchkreuzen im Stande wäre, und erlaubte ihr nur während Deines Vaters Abweſenheit das Pfarr⸗ haus zu beſuchen. Sobald er zu Hauſe eintraf, wur⸗ den ihr die Beſuche verboten, ein Umſtand, welcher begreiflicherweiſe die Neugierde Deines Vaters rege machte. Die enthuſiaſtiſchen Lobſprüche, die ich mei⸗ ner reizenden Freundin ertheilte, vermehrten dieſelbe noch und nach Scemanns Art beſchloß er, ſie ken⸗ nen zu lernen. Auf welche Weiſe ihm ſein Vorha⸗ ben gelungen, habe ich nie erfahren, denn bald dar⸗ auf vermählte ich mich und Mht meinem Gatten, den ſein Beruf in's Ausland führte. Mein Erſtau⸗ nen war groß,“ fuhr Mrs. Dalton fort,„als ich wenige Monate nach meiner Abreiſe erfuhr, daß Adelaide und mein Bruder ſich geheirathet hätten. Lady Vavaſſour ſchmerzte das Scheitern ihrer Pläne tief; aber ihr Verdruß, ſo heftig er auch war, zeigte ſich mild im Vergleich mit der Wuth und Bitterkeit † . ne te eit 47 ihres Sohnes. Abgeſehen von allen pecuniären Aus⸗ ſichten war Sir Cuthert ſeiner Baſe, wie ich glaube, ſehr zugethan und es ſchmerzte ihn der Verluſt ihrer Liebe mehr, als der Verluſt der Ausſicht auf ihr Vermögen, durch welches, nach den Plänen ſeiner in⸗ triguanten Mutter, die Hypotheken auf den Familien⸗ gütern hätten eingelöſt werden ſollen.“ Hliver Brandreth lauſchte aufmerkſam, aber etwas ungeduldig jedem Worte aus dem Munde ſeiner Tante: er ſchien zu fühlen, daß dieß nur die Einleitung zu irgend einem intereſſanten Drama war, in welchem ſeine Eltern die Hauptrollen ſpielten. „Und nun, mein lieber Junge,“ fuhr ſeine Ver⸗ wandte fort,„der Theil der traurigen Geſchichte, welcher jetzt folgt, iſt ſo außerordentlich, mir ſo unbe⸗ greiflich, wie allen, die Deine Mutter kannten, daß ich mich nur mit Mühe zu überreden vermag, daß ſie ſich wirklich zugetragen hat. Es verbreiteten ſich Gerüchte in Bath— wo Mrs. Brandreth wohnte, — daß nach ihren Beſuchen in verſchiedenen Läden der Stadt Gegenſtände von unbedeutendem Werth vermißt worden ſeien. Es dauerte längere Zeit, bis dieſes Gerücht Glauben fand, da man wußte, daß ſie reich ſei, weil mein Bruder ihr die volle Nutznießung ihres Vermögens überlaſſen hatte.“ „Ehe es Glauben fand,“ wiederholte der Neffe mit vor Unwillen glühendem Geſichte.„Fand es denn je Glauben? Gab es denn ſo niedrig den⸗ kende Menſchen, welche es glauben konnten?“ „Die Welt iſt in ihrem Urtheile ſehr lieblos,“ bemerkte die gutmüthige Frau ſeufzend. „Aber mein Vater? der glaubte doch nicht—?“ 48 „Dein Vater war abweſend,“ unterbrach ihn die Tante.„Bei ſeinem Eintreffen in Portsmouth er⸗ warteten ihn zwei Briefe, wovon der eine ihm Deine Geburt meldete, welche während ſeiner Abweſenheit ſtattgefunden hatte, und der andere ihn in Kenntniß ſetzte, daß man ſeine Gattin allgemein für eine Die⸗ bin halte.“ Unſer Held ſprang in einem Zuſtande der Auf⸗ regung, die er nicht zu bemeiſtern vermochte, von ſeinem Stuhle auf. „Nennen Sie mir den Namen des Elenden, der dieſe giftige Lüge ſchrieb,“ rief er aus.„Wenn die Erde ihn noch trägt, will ich ihn aufſuchen. Obgleich ich noch ein Knabe bin, ſo ſoll er mir für dieſe ſchimpfliche Lüge Rede ſtehen. Eine Diebin! Gott,“ fuhr er, das Miniaturbild an ſeine Lippen drückend fort,„konnte denn Jemand, der nur einmal meiner theuren Mutter in's Geſicht blickte, dieſe abſcheuliche Verläumdung glauben? Doch ich raſe,“ fügte er bei; „Abſcheu und Verachtung machen mich gegen meinen Vater ungerecht; es war ſein Vorrecht die Unſchuld ſeiner Gattin zu vertheidigen und er wird auch, wie ich nicht zweifle, dieſe Pflicht erfüllt haben.“ „Er ſtand auf dem Punkte, in dieſer Abſicht ſich ſogleich nach Bath zu begeben,“ ſagte Mrs. Dalton, „als Deine Mutter in Portsmouth eintraf. Sie hatte ihr Heimweſen verlaſſen, war zu ihm geflohen, um einem Verhaftsbefehl zu entgehen, der gegen ſie er⸗ laſſen worden war, auf die Anklage hin, eine gol⸗ dene Kette und Schlößchen aus dem Laden eines Juweliers geſtohlen zu haben.“ „Schändlich.“ — ——— N 5— 49 „Die Kette wurde in ihrem Schmuckkäſt⸗ chen gefunden,“ ſetzte ſeine Tante hinzu. „Dann muß ſie irgend ein Elender dort hinein gelegt haben,“ verſetzte der Reffe mit unerſchüttertem Vertrauen.„Ich weiß jetzt alles,“ fuhr er mit vor Rührung zitternder Stimme hinzu.„Meine theure verläumdete Mutter erlebte es noch, ihre Ehre gerei⸗ nigt zu ſehen und ſtarb dann am gebrochenen Herzen.“ „Hliver,“ ſagte ſeine Tante, ihre Hand auf ſei⸗ nen Arm legend,„Du weißt, wie ſtreng Dein Vater auf Ehre hält, und kannſt Dir daher den Schmerz vorſtellen, welcher das ſtolze Herz deſſelben in Folge einer ſolchen Anklage zerfleiſchte?“ „Ja, ja.“ „Der Beweis ſchien ſo bündig.“ „Für diejenigen vielleicht, welche meine Mutter nicht kannten oder nie geſehen hatten.“ „Der Scandal war zu öffentlich.“ „Heffentlicher als die Genugthuung?“ fragte der Jüngling. „In der erſten Aufregung der Leidenſchaft machte Kapitän Brandreth ſeiner Gattin die bitterſten Vor⸗ würfe über die Schmach, die ſie ſeinem Namen zu⸗ gefügt habe und erklärte, ſie niemals wieder ſehen zu wollen.“ „Wie!“ rief unſer Held,„er machte ihr da Vor⸗ würfe, wo er ihre Stütze hätte ſein ſollen? Er zwei⸗ felte, wo er hätte vertrauen ſollen? Wohin anders ſoll denn die Gattin um Schutz ſich wenden, als an ihren Gatten, und er, mein Vater, konnte ſie ver⸗ laſſen!— Er hat ihr Herz gebrochen— das hilf⸗ Smith, Milly Mohne. 11. 4 50 loſe Geſchöpf von ſich geſtoßen, das in Liebe und Unſchuld gleich einer ſchüchternen Taube in ſeine Arche, um dort Sicherheit zu finden, floh. Auch er verſtieß ſiel Und Sie;“ fuhr er fort,„Sie, die Liebe und Herzensgüte ſeibſt, nennen dieſe wahnſinnige Empfin⸗ dung Ehre. Ich erkläre es für eine—“ „Oliver,“ unterbrach ihn Mrs. Dalton ernſt,„Du ſprichſt von Deinem Vater.“ „Verzeihen Sie mir,“ verſetzte der tiefbewegte Knabe, ſeine Thränen abwiſchend,„ich dachte in die⸗ ſem Augenblicke nur an meine arme Mutter. Wäre ich ein Mann geweſen,“ fuhr er fort, liebevoll das Porträt betrachtend,„ſo wäre ſie nicht ohne Beſchützer geblieben.“ „Mrs. Brandreth begab ſich in ihr Haus zurück,“ fuhr die Erzählerin dieſer unglücklichen Geſchichte, tief ergriffen über den heftigen Schmerz ihres jungen Lieb⸗ lings, fort. „Um zu ſterben! um gleich dem verwundeten Reh in ſeinem Lager zu ſterben!“ murmelte ihr Zuhörer. „Nein! um ihren Sohn noch einmal an ihr Herz zu drücken, aber auf Befehl Deines Voters hatte Mademoiſelle Marelle, die, wie es ſcheint, in der Sache ſich äußerſt gewandt benommen hatte, Dich bereits weggebracht.“ „Auch ſie war alſo in die Verſchwörung verwickelt,“ murmelte der Neffe. „Du biſt gegen dieſe ausgezeichnete Perſon un⸗ gerecht,“ bemerkte ſeine Tante etwas empfindlich. „Wohl möglich,“ rief Oliver.„Jetzt verſtehe ich meines Vaters Zweifel an mir und das Gefühl des Unwillens, das in meinem Herzen über ſeine Unge⸗ 51 rechtigkeit laut wurde. Es war der Mutter Blut, das gegen ſeine Ungerechtigkeit gegen ihr Andenken in ihrem Kinde ſich revoltirte. Ich wünſche nur, daß ſie es erlebt hätte, um Zeuge zu ſein, wie ihr Sohn ſie rechtfertigen und rächen wird.“ „Bilde Dir ein— verſtehe mich wohl, ich ſage nur, bilde Dir ein— die Mutter, welche Du ſo ſehr liebſt, lebe noch, was würdeſt Du thun, um ihren Namen zu reinigen?“ „Ihre Feinde ausfindig machen,— mit ausdauern⸗ der Geduld die Spur der gräßlichen Intriguen gegen die Ehre meiner Mutter verfolgen und die Schul⸗ digen der Gerechtigkeit überliefern!“ rief der Jüng⸗ ling aus.„Lächein Sie über mich. Ich bin kein Knabe mehr. Das meiner Mutter zugefügte Unrecht hat einen Mann aus mir gemacht.“ „Arme Adelaide!“ ſeufzte Mrs. Dalton.„Ich wünſchte, daß ſie Deine Worte hören könnte.“ „Sie hört ſie!“ antwortete Oliver Brandreth feierlich, indem er zugleich gen Himmel deutete. „Ich meine auf Erden.“ „Auf Erden! Sie ſprechen in Räthſeln, Tante. Auf Erden! Was meinen Sie damit? Kann es denn ſein;— doch nein— die Vorausſetzung wäre zu ge⸗ wagt und unwahrſcheinlich, ſelbſt für einen Traum; und Sie,“ ſetzte er, ſeinen Arm um ihren Nacken ſchlingend hinzu,„ſind zu gut, um mich zu quälen.“ „Kannſt Du ſtandhaft ſein?“ flüſterte ſeine Ver⸗ wandte tief bewegt. „Wie ein Fels— wie ein Fels! Nur die Un⸗ gewißheit quält mich.“ „Lieber, edler Junge. Es iſt nigh die ——— —— ————— 52 Mutter, die Du ſo tief betrauerſt, noch lebt. Nun! nun!“ fuhr ſie fort, ſeine bleiche Stirne küſſend,„wo bleibt denn Dein Verſprechen?— Iſt dieß Deine Feſtigkeit?“ „Sie lebt!“ rief ihr Neffe faſt athemlos,„und ich wurde ſeit Jahren von ihr fern gehalten; man raubte mir ihr Lächeln, ihre Küſſe, ihren Segen!— Wie mein Herz bei dem Gedanken ſchlägt, daß mir dieß alles noch zu Theil werden kann!— daß alles dieß mir durch die Ungerechtigkeit meines Vaters ge⸗ raubt worden iſt,“ ſetzte er bitter hinzu. „Du mußt ihn nicht richten,“ bemerkte die Dame tief bewegt. „Ich will beten, daß ich dieß nicht thue,“ ver⸗ ſetzte er—„ich will beten, daß ich dieß nicht thue. Aber wo lebt ſie,“ fuhr er fort,—„geben Sie mir eine Andeutung, damit ich ihre Zufluchtsſtätte mit jener Ehrerbietung und Liebe aufſuchen kann, mit welcher ein Pilger dem Reliquienkaſten eines Mär⸗ tyrers ſich naht.“ „Hier, Oliver,“ ſagte ſeine Tante,„endet mein Wiſſen. Nach meiner Rückkehr nach England ſtellte it meinem Bruder vor, daß er unklug gehandelt abe.“ „Unklug! doch weiter.“ „Vergebens bemühte er ſich, eine Unterredung mit ihr zu erlangen; ſie wurde freundlich, aber feſt ver⸗ weigert.“. „Sieht dieß wie ein Bekenntniß der Schuld aus?“ fragte unſer Held. „Dein Vater hielt es dafür; aber ich kannte die Freundin meiner Kindheit zu gut, Oliver, als daß 53 ich einer ſolchen Anſicht auch nur einen Augenblick Glauben geſchenkt hätte.“ „Gott ſegne Sie für dieſe Worte!“ rief der exal⸗ tirte Jüngling, ihre Hand drückend.„Ja, Sie— Sie vermochten ſie zu verſtehen?“ Es lag etwas Bitteres in der ſcharfen Betonung des Wortes„Sie“, das der Mrs. Dalton nicht ent⸗ fing, obgleich ſie für beſſer hielt, es unbeachtet zu aſſen. „Auch mir glückte es nicht, zu einer Unterredung mit meiner unglücklichen Freundin zu gelangen,“ fuhr ſie fort;„nur ein einziges Mal erhielt ich eine Ant⸗ wort auf die vielen Briefe, die ich durch Vermittlung ihres Bankiers an ſie ſchickte. Sie lautete kurz und enthielt nur die wenigen Worte: „Sobald mein Name gerechtfertigt iſt, oder ich auf dem Todtenbette liege.“ „Dieſe Zurückweiſung hielt mich nicht ab, alle Jahre wieder an Deine unglückliche Mutter zu ſchrei⸗ ben; da ich ſelbſt Mutter bin, ſo verſtand ich einer Mutter Herz. Ich beſchrieb Dich ihr und— Du er⸗ innerſt Dich doch noch des Miniaturbildes, zu dem Du geſeſſen biſt?“ „Ja.“ „Ich ſagte Dir, ich möchte es gerne für mich in ein Bracelet faſſen laſſen.“ „Ganz richtig.“ „Das Bracelet wurde an Mrs. Brandreth ge⸗ ſchickt, aber nur durch ihren Bankier; denn durch keine Bitten, die wahrhaftig nicht geſpart wurden, gelang es, ihre Adreſſe zu erlangen.“ „Ich will ſie erlangen!“ verſetzte der Jüngling. 54 „Und nun, Tante— liebe gute Tante,“ fuhr er fort, „bitte ich Sie, mich eine Zeitlang mich mir ſelbſt zu überlaſſen. Ich brauche Ueberlegung, Zeit, um meine wirren Gedanken zu ſammeln, einen Beſchluß zu faſſen, welche Schritte Pflicht, Ehre und Liebe zu thun mir vorſchreiben.“ „Du vergißt, daß Du auf dem Punkte ſtehſt, Dich nach Malta zu Deinem Vater zu begeben,“ be⸗ merkte Mrs. Dalton beſorgt. „Vielleicht,“ verſetzte ihr Neffe,—„viel⸗ leicht!“ Die gutherzige Frau, die mit Olivers Gefühlen mehr ſympathiſirte, als ſie auszudrücken für gut hielt, verließ das Zimmer, indem ſie ihn ſeinem Nachden⸗ ken überließ. Sobald er ſich allein ſah, wich die Entſchloſſen⸗ heit, die er bis jetzt an den Tag gelegt hatte— die Männlichkeit, deren er ſich gerühmt hatte, war ver⸗ geſſen; er war wieder ein Knabe und weinte lange und heftig. Es waren aber nicht lauter Thränen des Schmerzes, die er vergoß, ſondern Freude, Zärt⸗ lichkeit und Dankbarkeit hatten ebenfalls ihren Antheil daran. Die Entdeckung hatte ihm etwas wiederge⸗ geben, was, einmal verloren, kein Band, nicht ein⸗ mal das der Ehe, zu erſetzen vermag,— die Ausſicht, der Mutter Liebe und Segen zu gewinnen. „Noch am Leben!“ murmelte Oliver.„Klingt doch dieſes kleine Wort wie Muſik in meinen Ohren. Ich muß ſie ſehen; mein Herz würde brechen, wenn mein Wunſch nicht erfüllt würde. Sie wird nicht an mir zweifeln! Wie oft ſchon habe ich mich nach Jemand geſehnt, in deſſen Buſen ich alle meine d. — N — — ————* 55 Gefühle ausſchütten, meine Gedanken flüſtern könnte, deſſen Herz mich verſtünde! Wie beneidete ich die Kinder des Armen, die Söhne des Tagelöhners, de⸗ nen die ſüße Liebe ihrer Mutter zu Theil wurde! Auch mir wird ſie zu Theil werden,“ ſetzte er in triumphirendem Tone hinzu,„die Natur verbürgt mir, daß ich ſie gewinnen werde.“ Mehrere Minuten lang betrachtete er ſtillſchwei⸗ gend das Porträt, das er mehrmals an die Lippen drückte und ſodann um den Hals hängte. „Ich will es nicht mehr anblicken,“ rief er aus, „ſonſt fange ich an zu tadeln, wo Pflicht mir Still⸗ ſchweigen auferlegt und zu verurtheilen, wo ich nicht zu verdammen wage. Vater! Vater! ich hätte nie geglaubt, daß Dein Herz ſo hart iſt; ich verſtehe, was Ehre heißt, wenn ſie noch ſo empfindlich iſt, aber ich begreife dieſen ungereimten Kultus derſelben nicht, welcher ſie wie ein Götzenbild— nicht wie einen Gott behandelt.“ Zwei Stunden nach der Unterredung, die wir mitgetheilt haben, fand ſich Oliver Brandreth wieder in dem Empfangzimmer der Mrs. Dalton ein. Sein ſchönes Geſicht war noch immer blaß und trug au⸗ genſcheinlich die Spuren kaum gelegter Aufregung; aber es lag ein ruhiger und entſchloſſener Ausdruck darin, der die Tante unruhig machte. „Ich bin jetzt feſt entſchloſſen,“ ſprach er,„nicht nach Malta zu gehen.“ Mademoiſelle Marelle, die ihrem kleinen Zögling franzöſiſchen Unterricht ertheilte, blickte von dem Buch, das vor ihr auf dem Tiſche lag, erſtaunt auf. „Das iſt ganz recht, bleibe nur bei uns,“ rief 56 Iſabella aus, vor Freude in die Hände klatſchend. „Bleibe zu Hauſe bei der Mama und mir.“ „Pi done!“ bemerkte die Gouvernante tadelnd. „Nun!“ ſagte das Kind ungeduldig,„ich wünſche, daß Vetter Oliver hier bleibt und habe mir feſt vor⸗ genommen, mir die Augen auszuweinen, wenn er uns wieder verläßt.“ „Ich fürchtete dieß,“ ſagte die Tante.„Haſt Du auch an die Folgen des Zornes Deines Vaters ge⸗ dacht?“ „Ich habe nur an meine Pflicht gedacht,“ ver⸗ ſetzte der Jüngling,„und werde die Anſicht, zu wel⸗ cher ich gelangt bin, ihm offen und ohne Rückhalt auseinanderſetzen. Es ſollte mir leid, ſehr leid thun, wenn der Vorſatz, den ich gefaßt habe, ihn beleidi⸗ gen würde; ich würde ihn aber deßhalb doch nicht ändern. Ich habe eine heiligere Pflicht, als nur die bloße Unterwürfigkeit unter ſeinen Willen zu erfüllen; ich habe den Ruf meiner Mutter wieder herzuſtellen und die elende Verſchwörung an's Tageslicht zu ziehen.“ Mademoiſelle Marelle wurde ſ blaß; vielleicht war bloß die Hitze im Zimmer ſchuldig daran, denn ſie ſtand faſt in demſelben Augenbicke auf und öffnete das Fenſter. „Du ſiehſt,“ flüſterte Mrs. Dalton,„wie ſelbſt die leiſeſte Anſpielung auf Mrs. Brandreth ſie angreift.“ „Ich bemerke es,“ verſetzte Oliver trocken. „„Sie beſitzt ein vortreffliches Herz.“ Auf dieſe Auslegung gab er keine Antwort, ſon⸗ dern verließ kurz darauf das Zimmer, weil er ſeinem Freunde Philipp einen Beſuch verſprochen hatte, der noch immer im Hauſe ſeines Vormunds ſich befand. 3 57 „Madame, Madame, was haben Sie gethan!“ rief die Franzöſin aus, ſobald Oliver aus dem Be⸗ reich des Gehörs war. Die Dame machte ein Geſicht, als ob ſie dieſen Ausruf nicht verſtünde. „Er iſt ſo heftig,“ fuhr Mademoiſelle fort,„und wird mit dem Kapitän Verdruß bekommen, der ſehr aufgebracht ſein wird.“ „Ich kenne meines Bruders Gefühle in dieſem Punkte vollkommen genau,“ bemerkte Mrs. Dalton etwas kalt,„und habe nach meinem eigenen Urtheil und auf meine Verantwortung hin gehandelt, als ich meinem Neffen mittheilte, daß ſeine Mutter noch am Leben ſei.“ Die Franzöſin zuckte die Achſeln. Nach dieſer Erklärung hatte ſie nichts weiter mehr zu ſagen; aber das Unheil war einmal geſchehen. Zum erſtenmale fragte ſich Mrs. Dalton ſelbſt, ob Iſabella's und Oliver's Widerwille gegen die Gou⸗ vernante wirklich ſo grundlos ſei, wie ſie ſich bis jetzt eingebildet hatte. Als unſer Held in Mr. Comptons Hauſe eintrat, fand er den würdigen Mäkler im Begriff nach Guild⸗ hall ſich zu begeben, indem ſein Buchhalter Barnes eine Anklage auf Diebſtahl gegen Randal Rand er⸗ hoben hatte. „Auf Diebſtahl!“ wiederholte Hliver unwillig, „das glaube ich in meinem Leben nicht.“ „Ich auch nicht,“ ſagte Philipp, der ſtets der Anſicht ſeines Freundes war. Sein Vormund ſchwieg ſtille. Er war augen⸗ ſcheinlich erzürnt und vermochte dieß nicht zu ver⸗ 58 bergen. Es war aber nicht der Verluſt des Geldes, der ihn ärgerte, da es ſich in keinem Falle um eine große Summe handeln konnte, ſondern es war der Schlag, welcher ſeinem wiedererwachten Vertrauen und Antheil an den Menſchen durch dieſe Handlung der Undankbarkeit verſetzt worden war. „Ich vermag euer Vertrauen zu verſtehen,“ ſagte der alte Mann endlich,„in eurem Alter hätte ich 9 vielleicht ebenſo gedacht. Doch nein, ich glaube kaum, daß dieß der Fäll geweſen wäre,“ ſetzte er überlegend“ hinzu,„denn damals war ich ſchon ſeit einem Jahre im Geſchäfte und es iſt ganz merkwürdig, wie viele Täuſchungen die City zerſtört.“ „Sie glauben alſo dieſe Anklage?“ 1 „Ich fürchte, daß es ſo iſt,“ verſetzte der Kauf⸗ mann,„aber ich will ſo handeln, als wenn ich nicht daran glaubte. Ich werde Randal um euretwillen auf die möglichſte Weiſe ſchonen.“ „Ich danke Ihnen,“ rief unſer Held.„Dürfen wir Sie begleiten?“ „Wenn es Ihnen beliebt, ja.“ Die Entfernung von Guildhall und der Pri⸗ vatwohnung des Mäklers war nicht ſehr groß, und ſo trafen alle Drei zeitig genug ein, um den Gefan⸗ genen von den Gerichtsdienern herbeiführen zu ſehen. Als dieſer ſeinen Principal und die beiden Knaben bemerkte, machte ſich ein Lächeln auf ſeinem bleichen Geſichte bemerkbar. John Compton ſah ihn ſtreng an, während Oli⸗ ver, ohne nur einen Augenblick ſich zu bedenken, ihm die Hand entgegenſtreckte. —— t f S N — 59 Der Gefangene ergriff ſie dankbar und mit Thrä⸗ nen in den Augen. „Sie hätten noch warten ſollen,“ ſagte der Mäkler. „Bis ſeine Unſchuld erwieſen iſt? Wo wäre aber dann die Freundſchaft oder das Vertrauen geblieben, wenn ich ihm dann erſt die Hand geſchüttelt hätte?“ „Hm! hm!“ Es war dieß eine Ausrufung, deren ſich der Mäkler bediente, wenn ihm etwas geſiel oder miß⸗ fiel; es war daher nicht leicht zu verſtehen, was er damit ausdrücken wollte. Als der Buchhalter Barnes auf der Zeugenbank erſchien, ſah man ihm an, daß er im höchſten Grade aufgeregt und angegriffen war. Sein Principal, der ſeiner Ehrlichkeit unbedingtes Vertrauen ſchenkte, er⸗ muthigte ihn durch ein freundliches Lächeln. „Mr. Compton,“ gab er nach geleiſtetem Eide an,„war einige Tage aus der Stadt abweſend und hatte mir die Leitung des Geſchäfts übertragen. Weil der Gefangene ein Neuling in den Comptoirgeſchäf⸗ ten war, nahm ich ihn zu mir in das Privatzimmer, um ihn unter meinen Augen zu behalten.“ „Zweifelten Sie vielleicht an ſeiner Ehrlichkeit?“ fragte der vorſitzende Rathsherr. „Ich hegte gerade keinen Verdacht,“ erwiderte der Buchhalter,„aber Zweifel.“ Randal lächelte. „Ich mußte das Comptoir verlaſſen; bei meiner Zurückkunft fand ich zu meinem Erſtaunen, daß der Schlüſſel zu der eiſernen Geldkiſte fehlte. Niemand konnte ihn weggenommen haben, als der Gefangene.“ „Wurde etwas entwendet?“ 60 „Ich glaube ſo; aber ehe der Inhalt der Geld⸗ kaſſe unterſucht iſt, läßt ſich unmöglich beſchwören, bis zu welchem Betrag. Wäre nicht mein verehrter Principal zurückgekehrt, ſo hätte ich mich genöthigt geſehen, den Deckel aufbrechen zu laſſen. Das Ge⸗ ſchäft ſtand förmlich ſtill.“ „Die Anklage, wie ſie ſich vorerſt ſtellt, geht nicht weiter, als daß ein Schlüſſel geſtohlen worden iſt,“ bemerkte der Magiſtratsbeamte. „Nicht weiter,“ verſetzte der Zeuge mit leiſer Stimme. „Gefangener, haben Sie irgend eine Angabe zu machen?“ 4 „Eine ſehr kurze,“ bemerkte der junge Mann. „Vor Allem geſtehe ich ein, den Schlüſſel zur Geld⸗ kaſſe verſteckt zu haben.“ Oliver vermochte ſein Erſtaunen nicht zu unter⸗ drücken, aber ein Blick Randal's beruhigte ihn wie⸗ der. Nie hatte er einen Menſchen geſehen, der we⸗ niger verlegen oder einem Verbrecher unähnlicher ge⸗ weſen wäre. „Und wohin haben Sie ihn denn verſteckt?“ fragte der Rathsherr, der ſelbſt das Haupt einer be⸗ deutenden Firma war und folglich die Größe des Vergehens vollkommen zu würdigen verſtand. „Ich lehne die Beantwortung dieſer Frage vor⸗ erſt ab,“ verſetzte Randal Rand achtungsvoll,„indem ich zuerſt ein paar Fragen an meinen Principal ſtellen muß. Hat Mr. Barnes, Herr, das Recht, Schuld⸗ verſchreibungen oder Wechſel für Sie zu unterzeich⸗ nen?“ „Durchaus nicht,“ rief John Compton. —— f 8 1—— 61 „Dann habe ich klug gehandelt,“ ſagte der Ge⸗ fangene mit einem Blicke der Verachtung gegen den Zeugen. „Klug!“ wiederholte der Rathsherr unwillig. „Ich glaube, man wird es ſo nennen,“ bemerkte der Angeklagte.„Ich hörte, wie die Commis im Comptoir ſich wunderten, daß Mr. Barnes das Ge⸗ ſchäft leiten könne, da er nicht zur Unterſchrift des Hauſes berechtigt ſei. Während ſeiner Abweſenheit fand ich Gelegenheit an ſeinen Pult zu gehen, und einen Blick in das Korreſpondenzbuch zu werfen. Ich war ſehr erſtaunt, als ich darin ein Blatt Copirpapier fand, welches bewies, daß er die Unterſchrift nachge⸗ macht hatte. Ich hielt es gegen den kleinen Spiegel im Zimmer, und las deutlich—„John Compton“ mehrmals darauf. Das Copirpapier mußte auf die Handſchrift gelegt worden ſein, während dieſe noch naß war.“ Die Augen aller Anweſenden im Gerichtszimmer wandten ſich Mr. Barnes zu, deſſen Geſichtszüge vor Beſchämung und Entſetzen ſich verzerrt hatten. „Dieß, fuhr Randal fort,„veranlaßte mich, einen Blick in ſein Privatpult zu werfen. Hier fand ich ſechs indoſſirte Wechſel. Es blieb mir nur ein Au⸗ genblick Zeit zu entſcheiden, ob ich mir einen mäch⸗ iigen Feind in dem Buchhalter machen ſolle, wenn mein Verdacht ſich als ungegründet herausſtelle, oder ob ich vor Allem an das Intereſſe meines Principals zu denken habe. Ich entſchloß mich zu letzterem, legte die Wechſel, das Copirpapier und alles übrige in die eiſerne Kiſte, und entfernte den Schlüſſel.“ „Das iſt nicht wahr!“ rief Mr. Barnes. ſobald Sie mir bewieſen, 62 „Habe ich mich nicht erboten, ihn herauszugeben, daß Sie von Mr. Comp⸗ ton zum Gebrauch ſeiner Unterſchrift bevollmächtigt ſeien?“ „Nein; Sie ſagten nichts der Art,“ ſtammelte der Buchhalter. „Junger Mann,“ ſagte der Rathsherr,„die An⸗ gabe, die Sie gemacht haben, kann erſt dann ge⸗ glaubt werden, wenn ſie unterſucht worden iſt. Die Geldkiſte muß in Gegenwart von Zeugen geöffnet werden, und wenn die Wechſel und das Copirpapier ſ gefunden werden, wie Sie es beſchrieben haben, 0— „Ich bin überzeugt, daß dieß der Fall ſein wird,“ rief Oliver erfreut. Der Rathsherr warf einen höchſt unwilligen Blick nach der Seite, von welcher die Stimme kam, wäh⸗ rend die Gerichtsdiener Oliver ernſtlich aufforderten, ſtillzuſchweigen. Der Gefangene, ſcharf bewacht, der Ankläger, John Compton und die beiden Jünglinge machten ſich ſogleich auf den Weg, nach dem in Mark⸗lane gelegenen Comptoir. Während der Fahrt ſprach der Mäkler kein Wort; ſein Vertrauen in ſeinen alten Die⸗ ner war zwar noch nicht ganz dahin, aber ſehr er⸗ ſchüttert. „Nun,“ ſagte der Gerichtsdiener, als Alle in dem Privatzimmer verſammelt waren, wo die ungeheure eiſerne Geldliſte ſtand,„wo iſt der Schlüſſel?“ „Ich warf ihn hinter die eichene Wandverklei⸗ dung,“ verſetzte Randal. Die Dielen waren bald weggeriſſen, um dahinter 63 zu ſuchen, und man fand nicht nur den Schlüſſel, ſondern auch an Barnes adreſſirte Briefe von ver⸗ ſchiedenen Perſonen, mit denen er an der Börſe ſpeculirt hatte,— von denen einige die Forderung zum Zahlen enthielten, andere mit Klagen drohten. Der elende Menſch hatte ſie ebenfalls hinter die Wandverkleidung geworfen, in der feſten Ueberzeu⸗ ung, daß ſie von dort niemals an's Tageslicht ge⸗ racht würden. Nach Heffnung der Kiſte fand man die Beweis⸗ ſtücke, wie der Gefangene angegeben hatte, und es war damit nicht nur ſeine Schuldloſigkeit an irgend einem Vergehen, ohne den mindeſten Zweifel zurück⸗ zulaſſen, hergeſtellt, ſondern auch bewieſen, daß er durch ſeine raſche und entſchloſſene Handlungsweiſe von ſeinem Principal einen ernſten Verluſt abgewen⸗ det hatte. Nach der Rückkehr nach Guildhall vertauſchte Bar⸗ nes den Platz mit Randal Rand, der auf die ehren⸗ vollſte Weiſe freigeſprochen, dafür aber ſein Gegner als überwieſen angenommen wurde. „Sie ſollen durch Ihre Rechtſchaffenheit nicht zu Schaden kommen,“ rief der Mäkler, indem er ihm die Hand drückte;„ich werde daran denken.“ „Ich bin bereits bezahlt, Herr,“ antwortete der junge Mann mit einem Blick der Dankbarkeit auf Oliver Brandreth;„er zweifelte nicht an mir.“ „Hm!“ murmelte John Compton;„dieſer Knabe ſcheint immer Recht zu behalten.“ „Weil ich auf mein Herz und nicht auf meinen Kopf höre.“ 64 „Schlimme Gewohnheit im Geſchäftsleben,“ ver⸗ der Mäkler;„ſchlimme Gewohnheit im Geſchäfts⸗ leben.“ Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Es war für Philipp eine harte Prüfung— ſeiner Mutter ſo nahe zu ſein, ohne ſie beſu⸗ chen zu dürfen. In dieſem Punkte war aber ſein Vormund unerbittlich; er hatte der Lady Fairclough geſchrieben, daß ihr Sohn in London ſei, und daß er ſich freuen würde, ſie in ſeiner Wohnung zu ſehen. Auf dieſe Mittheilung war aber bis jetzt noch keine Antwort erfolgt. Philipp hatte ſchon öfters einen jungen Menſchen bemerkt, der vor dem Hauſe herumlungerte und ein⸗ mal glaubte er zu bemerken, daß ihm derſelbe Zei⸗ chen mache; aber weil Oliver und Oberſt Grey in der Nähe waren, ſo erlaubte er ſich nicht ihm darauf zu antworten. Das nächſtemal, wenn er ihn vom Fenſter aus ſehen würde, beſchloß er auf die Straße hinabzuge⸗ hen. Es dauerte nicht lange, bis ſich dieß ereignete, und er ſeine Abſicht in Ausführung bringen konnte. „Nun,“ ſagte Philipp zu dem Knaben, der ihm in den Hof nachgefolgt war,„bringſt Du mir Nach⸗ richt von meiner Mutter?“ „Iſt Ihre Mutter eine Schwarze?“ fragte der junge Menſch mit einem grinſenden Lächeln. 65 „Ah! Du biſt von meiner Amme Samba ge⸗ ſchickt?“ „Ich kenne ihren Namen nicht,“ verſetzte der Burſche;„aber es iſt eine Schwarze, die mich ſchickt.“ Der Bote war einer jener Knaben, wie man ſie häufig in den Straßen Londons ſieht, welche, der Himmel weiß, von was leben, denn niemand ſcheint um ſie ſich zu kümmern. Es lag eine gewiſſe Früh⸗ reife in ſeinem Geſicht oder beſſer geſagt, er ſah aus, als wenn er nie jung geweſen wäre; Schlauheit und Liſt ſprachen aus ſeinen ſtechenden, kleinen Augen, ſein Geſicht war breit, ſein Kopf ungewöhnlich groß und ſeine Beine gebogen, wie die eines Dachſes. „Sie gab mir eine halbe Krone, um Sie abzu⸗ paſſen,“ fuhr er fort. „Wo iſt ſie?“ fragte Philipp Blandford haſtig. „Führe mich zu ihr und ich will Dir auch eine halbe Krone geben.“ Der Bote ließ einen leiſen Pfiff ertönen, ſo daß Philipp glaubte, die Negerin im nächſten Augenblicke erſcheinen zu ſehen. „Sie iſt nicht hier,“ rief der Knabe, in ein lau⸗ tes Lachen ausbrechend.„Mir fiel nur ein, wie grün Sie ſind, und ich bin doch überzeugt, daß Sie die Schule beſucht haben.“ „Allerdings habe ich dieß,“ bemerkte der junge Gentleman. „Ich nicht,“ verſetzte der Knabe;„aber ich weiß deßhalb doch, wie man dieſes oder jenes macht. Sie ſagte mir, ſie wolle Sie heute Abend zwiſchen acht und neun Uhr in einem Cab erwarten am Ende der Straße, wenn Sie kommen und ſie ſprechen wollen. Smith, Milly Mohyne. II. 5 66 Wollen Sie kommen? mir iſt es einerlei,“ fügte er bei,„ich habe bereits meinen Lohn und um's Uebrige kümmere ich mich nicht.“ „Wenn ich gewiß wüßte, daß ſie Dich ſchickt.“ „Wer glauben Sie denn, ſollte mich ſonſt ſ chicken?“ fragte der Bote mit wohlgelungenem Erſtaunen.„Gibt es denn ſo viele Damen, die mir eine halbe Krone gegeben hätten, um Sie zu ſehen? Halten Sie— halten Sie ein wenig! ſie ſagte, ich ſolle Ihnen dieß geben. Die Schwarze iſt ſo unwiſſend wie ich. Sie kann nicht leſen— hat es wahrſcheinlich nie gelernt.“ Er wühlte einige Minuten lang in der Taſche ſei⸗ ner Jacke von Barchent und zog daraus endlich einen jener langen, durchbrochenen Ohrringe hervor, wie dieſe die treue Negerin in Indien getragen hatte. Philipp erkannte das Pfand augenblicklich, vergaß aber in ſeiner Aufregung, daß ſeine Mutter mehrere dergleichen Ohrringe beſaß. „Sage ihr, daß ich kommen werde,“ ſprach er. „Verſprechen Sie mir dieß auf Ehre?“ „Sie hat nicht zu fürchten, daß ich ihr nicht Wort halte, ich ſehne mich gar zu ſehr darnach, Nachrichten von meiner theuren Mutter zu erhalten,“ „Dann iſt alſo die ſchwarze Frau Ihre Mutter?“ rief der Knabe mit grinſendem Lachen.„Ich dachte mir doch, daß es ſo ſei.“ Für Philipp war es gleichgültig, was er glaubte. Sein Verſprechen wiederholend verließ er ihn, nach⸗ dem er ihm zuvor noch Geld gegeben hatte. Der Bote blickte zuerſt auf die Münze, dann nach dem Geber, als dieſer ſich raſch entfernte, aus Furcht beobachtet zu werden. —— „Ich möchte wohl wiſſen, was ſie mit Dem an⸗ fangen wollen?“ murmelte er vor ſich hin.„Mich geht übrigens die Geſchichte nichts an; ich bin für das was ich gethan habe, bezahlt, und verdiene nicht oft einen ſolchen Taglohn. Wie ſtolz und anmaßend hat er geſprochen. Es kommt wahrſcheinlich daher, weil er ein Gentleman iſt. Ich haſſe alle Gentle⸗ men. Wenn ſie bezahlen, ſo werfen ſie unſer Einem das Geld hin, wie wenn wir Hunde wären. Er hat es allerdings nicht ſo gemacht, das muß ich ihm nach⸗ ſagen. Meine Sache iſt es nicht, wenn ſie ihn kalt machen; mir kann man dabei nichts anhaben. Ich weiß nichts und kann nichts ſagen, wennich nicht will,“ fügte er mit einem Achſelzucken hinzu, das übrigens nur ihm ſelbſt gelten konnte, da niemand in der Nähe war, der es hätte bemerken können. Mit dieſen Gedanken ſteckte er die beiden halben Kronen in die Taſche und einen Gaſſenhauer pfeifend verließ er gemächlich den Hof und ſchlug den Weg nach einer kleinen Schenke in der Vorſtadt ein, wo er diejenigen zu treffen wußte, die ihn gemiethet hatten. Den Tag über zeigte ſich John Compton's Mün⸗ del nachdenkend und zerſtreut, ſo daß ſelbſt Oliver Brandreth— obgleich ſein Herz vielfach beſchäftigt war— es bemerkte. „Was haſt Du denn, Philipp?“ fragte er. „Ich denke an meine Mutter.“ Die Antwort ſchien ſo natürlich, daß ſein Freund unglücklicher Weiſe nicht weiter mit Fragen in ihn zu dringen ſich veranlaßt fand. Wäre Philipp Blandford ſehr ſchlau, und nicht der offenſte und ſchlichteſte Menſch auf der Welt geweſen, 5* 68 ſo hätte er ſeine Maßregeln, um mit ſeiner Amme zuſammenzutreffen, nicht liſtiger ausführen können. Er aß wie gewöhnlich mit ſeinem Vormund und deſſen Gäſten zu Mittag und verließ das Zimmer erſt we⸗ nige Minuten nachdem die Stunde ſeines Rendezvous“ geſchlagen hatte. Er ſchlüpfte aus dem nach hinten gelegenen Ein⸗ gange und begab ſich eiligen Schritts nach der ihm bezeichneten Stelle. „Alles in Ordnung,“ flüſterte eine Stimme in ſeiner Nähe. Er blieb ſtehen; es war der Knabe in der Bar⸗ chentjacke, der dieſe Nachricht ihm gebracht hatte. „Dieſen Weg.“ Sie gingen raſch die Straße hinab, wo das Cab wartete. Wäre der getäuſchte Jüngling argwöhniſcher Natur geweſen, ſo wäre ihm nicht entgangen, daß das Geſicht des Kutſchers ſo tief in ein Halstuch verſteckt war, daß es unmöglich war, ihn zu erkennen. Philipp dachte aber nur an ſeine Amme und auf die Nachrichten, die er von ſeiner Mutter erhalten werde. Als er ſich eilig der Wagenthüre näherte, glaubte er Sambo's Geſichtszüge zu erkennen und ſprang ohne Bedenken hinein. Der Knabe ſchloß die Thüre raſch zu und das Cab fuhr davon. „Ein pfiffiger Kerl, dieß,“ ſprach er mit Bezie⸗ hung auf den Mann auf dem Bock;„er iſt aber kein Regelmäßiger. Ich möchte wohl wiſſen, was für eine Nummer er hat.“ Indem er ſeinen ſchlecht erworbenen Verdienſt in 69 der Taſche klingen ließ, entfernte er ſich in entgegen⸗ geſetzter Richtung, indem er wahrſcheinlich wenig dar⸗ um ſich kümmerte oder darüber nachdachte, was aus dem jungen Menſchen werden würde, den er ſo liſtig in die Falle gelockt hatte. „Samba— liebe, treue Samba!“ rief Philipp, an die vermeintliche Negerin ſich wendend,„wie glück⸗ lich bin ich, Dich wieder zu ſehen! Warum ſprichſt Du denn nicht mit mir?“ Eine gewichtige Hand legte ſich auf ſeine Schul⸗ ter und ein Tuch wurde ihm in den Mund gepreßt, um ihm die Möglichkeit zu benehmen, um Beiſtand rufen zu können. „Ein einziges Wort,“ ſagte der Betrüger, der die Perſon ſeiner Amme vorgeſtellt hatte,„und ich mache Ihre Stimme für ewig verſtummen.“ Der Jüngling vermochte nicht den leiſeſten Schrei hervorzubringen; er errieth, in weſſen Hände er ge⸗ fallen war. Trotz ſeines Entſetzens glaubte er die Stimme Hanway's, des Kammerdieners des Sir Au⸗ brey Fairelough zu erkennen. Das Cab fuhr unter⸗ deſſen raſch immer weiter. Straße um Straße wurde zurückgelegt, bis der hilfloſe Gefangene ſich endlich auf der Chauſſee von London befand. YNach einer raſchen Fahrt von nahezu zwei Stun⸗ den band der Räuber dem widerſtandsloſen Jüngling ein Tuch um die Augen, indem er ihm zugleich un⸗ verholen erklärte, daß er ihm bei dem geringſten Widerſtande oder Verſuche, Lärm machen zu wollen, das Genick brechen werde. Es lag etwas in dem Tone, in welchem dieſe 70 Drohung ausgeſprochen wurde, was den Gefangenen überzeugte, daß er ſein Wort halten werde. Den armen Philipp ſchmerzte es ganz beſonders, daß er durch ſeine Liebe zu ſeiner alten Amme in die Falle gelockt worden war; dabei machte er dieſer aber durchaus keine Vorwürfe, oder vermuthete er nur einen Augenblick, daß das treue Geſchöpf das gegen ihn geſchmiedete Complott begünſtigt hätte; dafür kannte er Samba zu genau. Endlich hielt das Cab an und man hieß ihn aus⸗ ſteigen. „Wohin bringen Sie mich?“ fragte er. „Stellen Sie keine Frage und gehorchen Sie,“ verſetzte die Stimme, welche, wie er jetzt feſter als je überzeugt war, Hanway gehörte, obgleich dieſer ſie zu verſtellen ſuchte. Nachdem er etwa hundert Schritte auf einem, wie es ihm ſchien, weich mit Sand beſtreuten Gartenweg geführt worden war, hörte er einen Schlüſſel umdre⸗ hen, worauf das Knarren einer Thüre in ihren An⸗ geln folgte. 3 „Sie werden mich doch nicht ermorden,“ ſprach er;„früher oder ſpäter würde dieſes Verbrechen ent⸗ deckt und beſtraft werden.“ Der Gefangene fühlte, daß die Hand, welche die ſeinige noch immer gefaßt hielt, zitterte. „Sie ermorden!“ verſetzte ſein Führer barſch, „wozu ſollte dieß nützen?“ Diejenigen, welche Sie gemiethet ha⸗ ben, wiſſen dieß am beſten.“ „Ich ſagte Ihnen, als ich das Tuch aus Ihrem Munde nahm,“ bemerkte der Mann,„daß Sie nichts 71 zu fürchten hätten, wenn Sie ſtille ſchwiegen. Uebri⸗ gens würde es Sie gar nichts nützen, hier Lärm ma⸗ chen zu wollen, indem das nächſte Haus eine Meile entfernt iſt.“ Mit dieſer Verſicherung ſchob ihn der Mann durch die offene Thüre, die er ſorgfältig hinter ihm abſchloß. Nachdem ſeine Schritte verhallt waren, zog Phi⸗ lipp die Binde von den Augen, fand aber zu ſeinem Entſetzen, daß er ſich in gänzlicher Dunkelheit befinde. Wie gerne hätte er geſchrieen, um Beiſtand gerufen, denn er hing ſehr am Leben; aber die furchtbaren Drohungen des entſetzlichen Mannes, der ihn ſo eben verlaſſen hatte, hielten ihn davon ab. „Hätte ich nur Oliver etwas geſagt,“ murmelte er vor ſich hin,„anſtatt wie ein blinder, vertrauens⸗ voller Thor nach meinem eigenen Gutdünken zu han⸗ deln. Ich bin für meine Thorheit beſtraft.“ Seine Arme ausſtreckend fing er an ſorgfältig in dem Orte ſeiner Gefangenſchaft umherzutappen. Er befand ſich offenbar in einem kleinen Zimmer oder in einem Hintergebäude. Endlich gelang es ihm eine Thüre und ein ſchmales Fenſter zu entdecken, welches aber ſorgfältig durch einen von außen verriegelten Laden verſchloſſen war, den ſein Peiniger vor ſeinem Weggehen ebenfalls zugemacht hatte. „Mit mir iſt es aus,“ rief der Gefangene vor ſich hin;„ich komme nicht mehr lebendig von hier weg.“ Kaum waren dieſe Worte ſeinen Lippen entſchlüpft, als ſein Fuß ſich an etwas ſtieß, das auf dem Bo⸗ den lag und wie ein Pfahl ſich anfühlte; als er den Gegenſtand aufhob, fand er zu ſeiner Freude, daß 72 es eine lange Gartenhaue ſei, deren Eiſentheil am Ende ſcharf und ſehr maſſiv ſich anfühlte. Die kann mir als Waffe dienen, dachte Philipp, ſie feſt in die Hand nehmend; wenigſtens kann ich damit mein Leben theuer verkaufen. Obgleich ohne jede Hoffnung des Entkommens lag für ihn ein gewiſſer Troſt in dem Gedanken, daß er nicht ungerächt fallen werde. Dank den Lectionen, die ihm Oliver Brandreth und ſeine Mitſchüler in Carwell Hall gegeben hatten, war Philipp Blandford nicht mehr der ſchüchterne, unentſchloſſene Knabe, der ſich ſchon vor einem Schat⸗ ten vor Gefahr fürchtete, ſondern er war jetzt eben ſo kaltblütig und muthig wie ſein Freund, und von einer Feſtigkeit, welche diejenigen, welche ihn früher gekannt, niemals ihm zugetraut hätten. Somit ſtellte er ſich hart an die Thüre in der Abſicht, die erſte Perſon, welche einzudringen wage, mit einem Schlag zu empfangen. Die Haue in einer jungen und kräftigen Hand, war ein nicht zu verachtendes Vertheidigungswerkzeug. Nachdem er etwa eine Stunde lang in der höch⸗ ſten Spannung gewartet hatte, glaubte er einen leich⸗ ten Fußtritt ſeinem Gefängniß ſich nähern zu hören. Er lauſchte athemlos; jetzt wurde ſanft an der Thüre gerüttelt. Der Gefangene nahm ſeine Waffe feſt in die Hand. „Iſt Jemand im Geräthehauſe?“ fragte eine weib⸗ liche Stimme, welche Philipp augenblicklich für die Milly's erkannte. „Ja, ich bin es, Philipp— Philipp Blandford! 73 der Sie im Walde bei Kotswold von der Zigeunerin befreite und Ihr Kind aus dem Karren in Sicher⸗ heit brachte.“ Auf dieſe Worte folgte ein tiefer Seufzer. „Meine Feinde haben mich hiehergeſchleppt,“ fuhr er fort,—„mein Leben iſt in Gefahr.“ Im nächſten Augenblicke wurde der Schlüſſel im Schloſſe umgedreht und die Thüre des Gefängniſſes geöffnet. Der Jüngling ſprang heraus in das Mondlicht und befand ſich in dem Garten, der ſich bis an das Ufer der Themſe erſtreckte. Wir brauchen unſere Leſer wohl kaum zu ver⸗ ſichern, daß er ſich auf dem Boden von Woodbine Cottage befand. „Folgen Sie mir,“ ſagte Milly, die blaß und höchſt aufgeregt ſchien.„Ich will die Schuld der Dankbarkeit gegen Sie abtragen, wenn auch Elend, hoffnungsloſes Elend die Folge davon ſein ſollte.“ „Elend!— Elend für Sie?“ „Fragen Sie mich nicht,“ unterbrach ihn die Zi⸗ geunerin;„nur unter Stillſchweigen kann ich Muth ſammeln. Aus einer Unterredung, die ich erlauſchte, — denn ich habe mich erniedrigt, die Lauſcherin zu ſpielen,— erfuhr ich den Namen ſeines Gefangenen und beſchloß Sie zu retten. Es iſt kein Augenblick zu verlieren. Man wird ſogleich hier ſein, um—“ „Mich zu ermorden!“ ſagte Philipp. „Eilen Sie, wenn Sie mich nicht wahnſinnig ma⸗ chen wollen,“ rief Milly.„Hieher— in's Bodt— in's Boot!“ Der Jüngling band den Nachen los, der an der 74 Stelle des Ufers feſt gemacht war, auf den ſie deu⸗ tete, küßte ihre Hand und ſprang hinein. „Noch ein Wort,“ fügte ſeine Retterin hinzu. „Verſprechen Sie mir, niemals den Namen der Per⸗ ſon zu nennen, deren Beiſtand Sie die Wiederer⸗ langung Ihrer Freiheit verdanken. Mein Leben hängt davon ab.“ „Ich ſchwöre es,“ rief der dankbare Knabe, als er haſtig davonruderte, denn ſchon ſah man zwei Ge⸗ ſtalten eilig über den freien Platz daherkommen. „Rudern Sie, denn es gilt Ihr Leben,“ ſagte Milly.„Dem Himmel ſei Dank, er hat die Mitte des Waſſers erreicht, deſſen heftige Strömung ihn raſch weiter treibt. Nun gilt es ſeinem Zorn gegen⸗ überzutreten. Wollte Gott,“ ſetzte ſie, ihre Hand auf ihr Herz drückend hinzu,„daß ich dieſen nicht länger mehr zu fürchten hätte.“ Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Sir Aubrey Fairclough und Milly Moyne blickten einander mehrere Minuten lang, ohne ein Wort zu ſprechen, an. Es lag etwas Entſetzliches in dieſem Stillſchweigen, das der Ruhe glich, welche dem Sturm vorangeht— der Pauſe in der Natur, welche den Donnerſchlag im Voraus verkündigt. Es bedurfte keiner Erörterung zwiſchen beiden; die offene Thüre des Geräthehauſes— das Plätſchern des Ruders in ——————————— der Ferne auf dem Fluſſe belehrten den Baronet von dem Entkommen ſeines Opfers, und die Anweſenheit der Zigeunerin erklärte genügend, durch welche Mittel ſein ſchändlicher Anſchlag vereitelt worden war. Wäre Sir Aubrey nur ein ganz gewöhnlicher Böſewicht geweſen, ſo hätte er ſeine Wuth darüber durch leidenſchaftliche Vorwürfe kundgegeben; er war aber einer jener kalten, überlegten Schurken, die das mögliche Zurückweichen eben ſo genau wie den Streich, den ſie führen, berechnen, und ſorgfältig die Waffe prüfen, mit welcher ſie ausholen; ſelten oder nie ver⸗ rieth ſein Geſicht, noch weniger aber ein Wort das was er empfand. Er verſtand es ſeine Maske ganz nach Belieben zu wechſeln, ohne daß ſein wahres Geſicht ſich irgend Jemand gezeigt hätte. „Du haſt mich betrogen,“ ſprach er,„und Betrug ſchmerzt mich.“ „Von Andern,“ verſetzte Milly bitter. „Von Jedem,“ bemerkte ihr Verführer,„aber doppelt von denen, die ich liebe. Du haſt durch Deine unüberlegte Handlung meine Ehre blosgeſtellt.“ „Ehre!“ wiederholte Milly in ironiſchem Tone. „Allerdings! Worte können die Zunge desjenigen, der ſie ausſpricht, nicht vergiften, aber ſie können das Herz der Perſon, die ſie hört, brechen.“ Obgleich Sir Aubrey durch dieſe Entgegnung ſich tief getroffen fühlte, welche er, wie er ſich ſelbſt geſte⸗ hen mußte, wohl verdient hatte, ſo bewegte ſich doch teine Muskel ſeines Geſichts, das auch nicht einen Au⸗ genblick ſeinen ſtereotyp gewordenen Ausdruck verlor. „Der Knabe, den Du freigelaſſen haſt, iſt mein Stiefſohn,“ fuhr er fort. „Ich weiß dieß.“ „Aber Du weißt nicht,“ ſagte der Baronet,„daß ſein Vormund, der geſchäftige, in alles ſich miſchende Thor, der Dich zu mir zurückbrachte, zugleich aber Dein Glück dadurch zerſtörte, daß er Dir das Ge⸗ heimniß meiner Vermählung enthüllte, das Gemüth des Knaben gegen mich vergiftet und die Autorität, die ihm das Geſetz über dieſen verleiht, dazu benützt hat, denſelben von ſeiner Mutter zu trennen? Ich kann möglicher Weiſe meine Frau nicht lieben,“ fuhr er fort,—„das Herz läßt ſich keinen Zwang auferlegen — das iſt aber noch kein Grund für mich, Zeuge ihres Jammers zu ſein, ohne wenigſtens eine Urſache deſſelben zu entfernen zu ſuchen. Mein Plan, ihr ihren Sohn zurückzugeben, iſt vereitelt worden.“ Milly ſchauderte über dieſe Heuchelei. Sie hatte erlauſcht, wie er kaltblütig die Ermordung des armen Philipp mit ſeinem gewiſſenloſen Kammerdiener Han⸗ way verabredet hatte. „Und jetzt wird mir mein Benehmen falſch aus⸗ gelegt.“ „Durch mich keineswegs,“ bemerkte ſeine Zuhörerin ruhig;—„ich habe es aus Deinem eige⸗ nen Munde gehört.“ Wo oder wann dieß geweſen, fügte ſie nicht hinzu. „Ich muß Dich auf ein paar Tage verlaſſen,“ ſagte der Baronet;„Deine unbeſonnene Handlung macht meine Anweſenheit in London nothwendig, um die Gerüchte, die dort über mich umlaufen, nieder⸗ zuſchlagen. Verläumdung beachtet es nicht, wo ſie trifft.“ „Verlaß mich nicht!“ rief das unglückliche Geſchöpf. „So grauſam Du mich auch hintergangen haſt, ſo ziehe ich Deine Gegenwart doch der Einſamkeit vor; denn Einſamkeit läßt Zeit zum Nachdenken— zu dü⸗ ſtern Gedanken— ein Beweis, wie ſehr ich mich durch mein ſchwaches Herz täuſchen ließ.“ „Du hätteſt früher daran denken ſollen, ehe Du einen ſolchen Schritt unvermeidlich gemacht haſt,“ er⸗ widerte Sir Aubrey. „Betrüger!“ „Ich habe Dich, ſo weit es ſich um meine Liebe für Dich handelt, nicht betrogen,“ antwortete der Verführer mit wohlgelungener Zärtlichkeit;„in dieſer Hinſicht wenigſtens bin ich wahrhaft geweſen. Man darf mich nicht mit dem gewöhnlichen Maße meſſen, nach welchem menſchliche Handlungen beurtheilt wer⸗ den. Von vornehmer Geburt, trat ich dieſe Erbſchaft der Armuth mit dem Antheil eines jüngern Bruders an; ich habe das Recht, meines Vaters Namen zu führen, ohne aber an ſeinem Vermögen Theil zu ha⸗ ben; ich war berechtigt, mich mit Englands ſtolzeſten Söhnen, was das Blut anbelangt, zwar auf eine Linie zu ſtellen, aber arm, abhängig, geduldet, bemit⸗ leidet. Die Zeit verging und ich erdte einen leeren Titel; denn die Erbfolge in den Familiengütern war auf eine frevelhafte Art umgeſtoßen worden und ein Kind, ein kleines Mädchen, wurde die Beſitzerin der⸗ ſelben. Kannſt Du Dich demnach wundern, kannſt Du mich tadeln, wenn ich, um dem verzehrenden Kampf mit der Armuth, dem heftigen Kampfe mit der Welt ein Ende zu machen, den fortwährend na⸗ genden Wurm an meinem Herzen zu tödten, eine reiche Heirath ſchloß,— mich verheirathete, ohne auch 78 nur einen Funken Liebe für die Frau zu fühlen, de⸗ ren Vermögen mich bereicherte?— Du wirſt mich viel⸗ leicht fragen,“ fuhr der Heuchler fort,„ob ich durch dieſen Wechſel beſſer oder glucklicher geworden ſei? Ich antworte Dir darauf mit einem offenen Nein. Die Kette, welche ich mir freiwillig angelegt hatte, drückte mich ſchwer, obgleich ihre Gelenke von Gold ſind. Endlich, Milly, ſah ich Dich, und zum erſten⸗ mal fühlte ich dieſe wahrhafte, veredelnde Leidenſchaft, welche das Herz reich macht. Ich gewann Dich. Ich kann vielleicht die Mittel nicht rechtfertigen, durch welche dieß geſchah— aber ich gewann Dich; Du warſt mein Leben, meine Zukunft. Ich hielt Dein Vertrauen für eben ſo unbegränzt, als meine Liebe. Du haſt mich hintergangen, ſchmählich hintergangen und meine Ehre dem Urtheil der Welt preisgegeben.“ Der Ausdruck des verwundeten Gefühls, ſowie das Benehmen des Baronets in Ton und Wort war ſo vollkommen gelungen, daß Milly ohne Zweifel ihm vollkommen Glauben geſchenkt hätte, wenn ſie nicht die entſetzliche Unterredung zwiſchen ihm und ſeinem Mitſchuldigen mit angehört hätte, in welcher die Ein⸗ zelnheiten des beabſichtigten Mords, ſowie die Beſei⸗ tigung des Leichnams mit kaltem Blute und ruhiger Ueberlegung beſprochen worden waren. Das Entſetzen bemeiſternd, das Milly begreiflicher Weiſe fühlen mußte, beſchloß ſie ihre Kenntnißnahme des Gräßlichen, was ſie erfahren hatte, geheim zu halten. Das Ausſprechen wäre jetzt zwecklos gewe⸗ ſen, nachdem das Opfer entkommen war; überdieß ſtand ſie allein in der Welt, ohne Erfahrung und ohne Freunde. Der ſchuldbeflecte Mann war der 79 Vater ihres Kindes, den ſie trotz ſeiner Schlechtigkeit noch immer liebte. Es iſt merkwürdig, wie zärtlich die Frauen an Demjenigen hängen, der zuerſt ihrem Herzen Intereſſe . einflößt. Die Liebe kann ſchwinden, Vernachläſſigung oder Liebloſigkeit kann dieſelbe gänzlich vernichten, aber ſie hinterläßt ſelbſt in der Erinnerung noch einen ſtarken Reiz. Die erſte Liebe gleicht einigermaßen der Blume, die ihren Wohlgeruch noch beibehält, ſelbſt wenn die Blätter verwelkt ſind. „Konnte ich denn weniger thun, als ihn freizu⸗ laſſen,“ fragte ſie;„hat er mir nicht wieder zu mei⸗ nem Kinde verholfen?“ „Aus dieſem Grunde verzeihe ich Dir auch,“ ver⸗ ſetzte Sir Aubrey Fairclough, in der feſten Ueberzeu⸗ gung, daß ihr ſeine verbrecheriſchen Abſichten gänz⸗ lich unbekannt ſeien.„Aber Du haſt mich ſeinem Vormund gegenüber ſtark compromittirt.“ „Gewiß nicht,“ ſagte die Zigeunerin,„ich habe Blandford's Verſprechen—“ „Was für ein Verſprechen?“ „Seinen Freunden nicht zu ſagen, daß ich ſeine Erretterin war.“ Der Baronet lächelte ungläubig. „Er wird ſein Verſprechen halten,“ rief Milly Moyne zuverſichtlich aus.„Weßhalb dieſer Zweifel? Achi man beurtheilt freilich nach ſeinen eigenen Hand⸗ lungen das Benehmen Anderer. Ich würde aber 4 mein Leben zum Pfand ſetzen, daß er mich nicht 6 täuſcht.“ d„Du kennſt die Welt nicht,“ bemerkte ihr Ver⸗ führer. 80 „Ich kann aber im Herzen leſen,“ antwortete die Zigeunerin,„und das iſt mehr werth als Weisheit.“ „Vielleicht— vielleicht,“ murmelte der Baronet. Sir Aubrey Fairclough fühlte wahrſcheinlich für Milly ſo warm, als es bei ſeinem nichtswürdigen, ſelbſtfüchtigen Charakter überhaupt möglich war, für irgend ein lebendes Geſchöpf eine Empfindung zu he⸗ gen; es lag ein Reiz in ihrem ſchlichten Weſen und ſelbſt in ihrer Unwiſſenheit eine gewiſſe Anziehungs⸗ kraft! dieſe Eigenthümlichkeit im Verein mit ihrer be⸗ zaubernden Schönheit feſſelte den Wüſtling. Sein Stolz und ſeine Eigenliebe wären beide gleich ſehr verwundet worden, wenn er gewußt hätte, daß er, anſtatt durch ſeine Behauptungen hinſichtlich ſeiner Abſichten auf Philipp ſie getäuſcht zu haben, nur in ihren Augen ſich erniedrigt habe. Dadurch erklärt ſich auch ſeine erzwungene Ruhe, während ſein Herz von Verdruß und Leidenſchaft innerlich kochte,— da⸗ her der Ton des verletzten Ehrgefühls in Folge eines ungerechten Verdachts. Am folgenden Morgen verabſchiedete er ſich, um nach London zu gehen, wo er Denen, welche er als ſeine Feinde zu bezeichnen für gut fand, eine kecke Stirne entgegenzuſetzen und den Gang der Ereigniſſe abzuwarten entſchloſſen war. John Compton war, wie unſere Leſer wohl von ſelbſt vorausſetzen, höchſt beſtürzt über das geheim⸗ nißvolle Verſchwinden ſeines Mündels. Sein Ver⸗ dacht wandte ſich augenblicklich dem wahren Urheber der Gewaltthat zu und er ſetzte alle Hülfsmittel in Bewegung, um die Werkzeuge zu entdecken, welche dieſer dazu verwendet hatte. Lange vor Tagesanbruch waren Plakate an den Häuſern der Hauptſtadt an⸗ 81 geſchlagen, in welchen eine große Belohnung ausge⸗ ſetzt war, und die Polizei war in volle Thätigkeit geſetzt. Hliver Brandreth, der die Nacht zu fruchtloſen Naochforſchungen verwendet hatte, kam ermüdet und muthlos in die Wohnung des reichen Mäklers zurück. „Daß Philipp ſo thöricht ſein konnte, nach allen Warnungen die ihm zu Theil geworden waren, in eine Falle zu gehen,“ rief ſein Vormund. „Seiner Mutter Name wurde als Köder miß⸗ braucht,“ ſagte unſer Held. „Sie iſt ſeiner Liebe nicht werth,“ brummte der Kaufmann,„und dieß hätte er endlich einſehen lernen können.“ „Sie bleibt aber doch ſeine Mutter,“ bemerkte Oliver ſeufzend, der wohl fühlte, wie un⸗ fähig ſein eigenes Herz geweſen wäre, einer ſolchen Verlockung zu widerſtehen. Auf dieſe Vermuthung hin begab ſich John Comp⸗ ton augenblicklich in die Wohnung des Sir Aubrey, und obgleich die Stunde noch ſehr früh war, als er dort eintraf, beſtand er doch daräüf, augenblicklich den Baronet oder deſſen Gemahlin zu ſprechen. „Maſſa, nicht zu Hauſe,“ ſagte Samba, die, ſo⸗ bald ſie ſeine Stimme hörte, augenblicklich erſchien; „ſeit drei Tagen er auf dem Lande; und Lady Miſſie ſchlafen— nicht glücklich, Maſſa bös Mann.“ „Ich muß ſie ſprechen,“ verſetzte der Beſucher; „das Leben ihres Sohnes—“ Die Negerin unterbrach ihn mit einem ſo durch⸗ dringenden Schrei, daß der ſchlummernde Portier, Smith, Milly Moyne. II. 6 82 der die ganze Nacht in ſeinem großen Stuhle ge⸗ ſeſſen hatte, die Rückkehr des Baronets erwartend, davon erwachte und einige der übrigen Dienſtleute dadurch auf den Vorplatz gelockt wurden. „Maſſa Philipp krank, und Sie kommen nicht früher, mir das zu ſagen. Wo iſt ſeine Schule? Alt Samba will gehen ihn zu pflegen.“ „Er hat die Schule verlaſſen,“ bemerkte der Mäkter.„Seine Feinde entdeckten, wo ich ihn un⸗ tergebracht hatte. Sie haben ihm nach London nach⸗ geſpürt und geſtern Nacht hat man ihn aus meinem Hauſe, wo ich ihn zum Schutze untergebracht hatte, weggelockt.“ Die Augen der Negerin funkelten furchtbar. „Sie mir ihn doch nicht tödten?“ rief ſie aus. „Sie mir ihn doch nicht tödten? Lady Miſſie ſoll Sie ſehen, kommen Sie mit Samba.“ John Compton folgte der Negerin in das Bou⸗ doir ihrer Herrin, wo ſie ihn erſuchte, ſo lange zu warten, bis ſie dieſe geweckt habe, welche kurz dar⸗ auf in einen loſe umhängenden Morgenrock gekleidet erſchien. Lady Fairclough hatte ſich ſehr verändert, ſeit ihr Verwandter ſie zum letztenmale geſehen hatte. Ihr Geſicht war eingefallen und abgehärmt, ihre Augen zeigten ſich vom Wachen ermüdet. „Bringen Sie mir Nachrichten von meinem Gat⸗ ten?“ fragte ſie haſtig. „Ich geſtehe Ihnen, daß ich mich ſehr wenig um Sir Aubrey kümmere,“ verſetzte ihr Beſucher kalt, weil ihre Herzloſigkeit ihn innerlich verdroß, daß ſie auch nicht ein einzigesmal ſeinen Mündel beſucht t 83 hatte.„Haben Sie denn gänzlich vergeſſen, Ma⸗ dame,“ fuhr er fort,„daß Sie nicht nur Gattin, ſondern auch Mutter ſind?“ Bei dieſer Anſpielung auf ihren Sohn erblaßte die Lady. „Maſſa Philipp,“ ſchluchzte Samba,„armer Maſſa Philipp!“ „Wos iſt's mit meinem Knaben?“ rief Lady Fair⸗ clough.„Obgleich es Ihnen gelungen iſt, ſeine Ge⸗ ſinnung gegen mich zu vergiften und ihn abzuhalten mir zu ſchreiben, beſitze ich doch ein Mutterherz und liebe ihn noch immer.“ „Ich ſollte ihn vom Schreiben abgehalten haben,“ wiederholte John Compton unwillig;„habe ich doch mindeſtens ein Dutzend Briefe an Sie beſorgt!“ „Maſſa bös Mann,“ ſagte die Negerin,„bös Mann!“ „Schweig!“ rief ihre Herrin ungeduldig;„ich will nichts von Dir hören.“ „Ich ſelbſt habe Ihnen geſchrieben und Sie be⸗ nachrichtigt, daß er in London ſei, weil er ſich ſo ſehr ſehnte, Sie zu ſehen,“ fuhr der Mäkler fort. „Ich habe keinen Brief dieſer Art erhalten.“ „Vielleicht fanden dieſelben ihren Weg nach Wood⸗ bine Cottage,“ bemerkte John Compton ſarkaſtiſch, „wo ich vor wenigen Tagen Ihren Gatten mit ſeiner Geliebten verlaſſen habe.“ „Sie iſt wieder bei ihm!“ ſtöhnte die unglückliche Frau;„Milly iſt wieder bei ihm?“ „NRebſt ihrem Kind,“ fügte ihr Verwandter hinzu, dem es gar nicht leid that, zu beweiſen, wie unwür⸗ dig der Menſch ſei, dem ſie ſich geopfert hatte. 84 Ihr größter Feind, wenn ſie überhaupt einen be⸗ ſéſſen hätte, würde Mitleid mit Lady Fairclough über den Eindruck gefühlt haben, den dieſe Worte auf ſie hervorbrachten. Mehrere Minuten lang ſtand ſie wie feſtgebannt, die Hand convulſiviſch auf das Herz ge⸗ drückt, gleichſam als wenn ſie deſſen Schmerz hätte erſticken wollen; als ſie aber der Heftigkeit ihrer Em⸗ pfindungen nachgab, ſank ſie bitterlich weinend zu Boden. Ihre Thränen vermochten aber die Qual ihrer Eiferſucht nicht zu mildern. Gleich Hel, wenn es in's Feuer gegoſſen wird, vermehrten ſie gleichſam den Brennſtoff der Flamme, welcher innerlich ſie verzehrte. John Compton wurde beunruhigt und hätte viel darum gegeben, wenn er ſein raſches Wort hätte zu⸗ rücknehmen können; aber dieß war unmöglich. Die treue Negerin, während ſie ihrer Herrin beiſtand, wie⸗ derholte fortwährend ihren alten Refrain: „Maſſa bös Mann. Lady Miſſie liebt ihn zu ſehr, und das nicht vernünftig iſt.“ „Liebe!“ wiederholte der Urheber des Unheils; „ich nenne es Thorheit! Wahnſinn! Man kann eben⸗ ſowohl die Schlange lieben, die uns geſtochen hat.“ In dieſem Augenblicke erſchien Sir Aubrey; er war ſoeben aus Richmond eingetroffen. Mit einem Blicke überſah er alles, was vorgefallen war— die Mittheilung und die Anklage. Samba warf ihm einen finſtern Blick zu. „Verlaſſen Sie mein Haus, mein Herr,“ rief er aus. „Wo iſt mein Mündel?“ fragte Philipp's Vor⸗ mund. 85⁵ „Sie würden beſſer daran thun, die Frage an Diejenigen zu ſtellen, denen Sie ihn anvertraut ha⸗ ben,“ entgegnete der Baronct. „Das Geſetz wird Sie darüber befragen,“ erwi⸗ derte der Mäkler heftig.„Ich habe bereits eine große Belohnung auf ſein Auffinden ausgeſetzt und die Polizei auf Ihre Spur gelenkt. In wenigen Stunden ſchon wird der Kanzler um ſeine Verwen⸗ dung angegangen ſein. Wenn es mein halbes Ver⸗ mögen koſten ſollte,“ fuhr er fort,„ſo will ich ihn entweder retten oder rächen.“ Der Intriguant lächelte verächtlich; wenn ihm auch ſeine Abſichten mißlungen waren, ſo fühlte er ſich doch hinſichtlich der Folgen beruhigt; überdieß war er bereits mit ſeinen Plänen für die Zukunft im Reinen. „Klara!“ ſagte ihr Gatte, ſobald John Compton und die Negerin ſich wegbegeben„Verſtellung wäre vergeblich, ich weiß, daß dieſer geſchwätzige Alte Dir alles mitgetheilt hat.“ „Ich brauchte ſeine Beweiſe nicht, um überzeugt zu ſein, daß Du falſch gegen mich biſt,“ erwiderte die Lady leidenſchaftlich.„Schon längſt habe ich die traurige Wahrheit entdeckt, daß Du mich nur um meines Vermögens willen geheirathet haſt. Aubrey, iſt dieß der Lohn für eine Liebe, wie die meinige? Bis jetzt haſt Du nur die Schwäche meines Charak⸗ ters geſehen, es iſt jetzt an der Zeit, daß ich Dich auch deſſen Stärke kennen lehre. Ich kann, ich will dieſes Elend, das mir das Herz zerfrißt, nicht länger ertragen. Die Wahl liegt in Deiner Hand,— ver⸗ zichte auf Deine Geliebte oder Deine Gattin. Willige 86 ein, England mit mir zu verlaſſen und ich will das Geſchehene verzeihen: weigerſt Du Dich— dann—“ „Was dann?“ fragte der Baronet, als er be⸗ merkte, daß ſie zögerte. „Dann trennen wir uns,“ fügte Lady Fairclough bei.„Du lächelſt,— Du hältſt meine Worte für den Ausbruch einer augenblicklichen Leidenſchaft, die ich, wie eine ſchwache, nachſichtige Frau, widerrufen würde. Täuſche Dich nicht darüber. Seit vielen Wochen ſchon kenne ich Deine Treuloſigkeit, vergrub aber das traurige Geheimniß in meiner gequälten Bruſt— lächelte bei Deinen Betheurungen,— hörte die Entſchuldigungen Deiner Abweſenheit geduldig an, die eben ſo falſch waren, wie die Liebe, die Du mir einſt geheuchelt haſt. Jetzt kannſt Du nicht länger mehr mich täuſchen,“ fuhr ſie fort;„Deine Geliebte iſt zu Dir zurückgekehrt. Ich hatte geglaubt, euch für immer getrennt zu haben, aber ich ſehe, daß mir dieß nicht gelungen iſt.“ „So warſt Du es alſo, die ſie den Händen ihrer bitterſten Feinde überlieferte?“ bemerkte ihr Gatte. „Ich war es!“ ſagte die betrogene Frau.„Mein Rechtsanwalt hat hinreichende Beweiſe zu einer ge⸗ ſetzlichen Scheidung in Händen.“ Sir Aubrey wiederholte langſam dieſes Wort. „Dieſe wird mich wenigſtens von den Vorwürfen einer eiferſüchtigen Gattin befreien,“ bemertte er mit einem beleidigenden Lächeln. „Und von ihrem Vermögen zugleich,“ erwiderte Lady Fairclough mit einer Feſtigkeit, die ihn er⸗ ſchreckte.„Sei es darum. Ich habe dann doch die 87 Genugthuung zu wiſſen, daß meine Nebenbuhlerin nicht vermittelſt Deines Vermögens verhalten wird.“ „Klara!“ rief der Heuchler,„das iſt Thorheit, Wahnſinn! es liegt mir gar nichts an der Dirne. Es war nichts weiter als eine jener Launen, an wel⸗ chen das Herz nur wenig Antheil hat; Du, und nur Du allein beſitzeſt meine Liebe. Du lächelſt ungläu⸗ big. Bilde Dir aber nicht ein, daß ich im Begriff ſei, den reuigen Gatten zu ſpielen,— um Verzeihung zu flehen und zu winſeln. Wäre mein Fehler auch noch zehnmal größer, ſo liegt eine ſolche Niederträch⸗ tigkeit nicht in meiner Natur, dazu beſitze ich zu viel Stolz. Wäre ich reich, ſo könnte ich mich vielleicht zu einer ſolchen Demüthigung verſtehen. Was Milly anbelangt, ſo liegt mir nichts daran, ſie wieder zu ſehen; aber ich will ihr Kind nicht verlaſſen.— Ich wollte, ich könnte ſagen unſer Kind, Klara! Du kannſt dieſes Gefühl nicht verſtehen,“ ſetzte er ſarka⸗ ſtiſch hinzu,„aber es iſt deßhalb dennoch wahr.“ Die letzten Worte fielen wie ein Vorwurf in das Ohr der ſchwachen, leidenſchaftlichen Frau, welche ihrer Liebe zu ihm alle Zärtlichkeit, ja faſt ſogar die Crinnerung an ihren Sohn geopfert hatte, und ſie fühlte dieß tief. „Mein Knabe ſollte dieſe Worte geäußert haben,“ verſetzte ſie;„dem Himmel ſei Dank, noch iſt es nicht zu ſpät, mein Unrecht gegen ihn wieder gut zu ma⸗ chen, wenn er mir wiedergegeben werden ſollte.“ „Nur zu,“ ſagte der Baronet;„fahre fort Be⸗ leidigungen auf Beleidigungen zu häufen, ſtelle Dich, als wenn Du mich für fähig hielteſt, eine Handlung zu begehen, welche die Menſchheit erniedrigt, eine 88 Handlung eben ſo ſchändlich als grauſam— ſchließe Dich der Verleumdung über Deinen Gatten an. Dieß iſt der wahre Weg ſeine Liebe zu gewinnen.“ „Nein, Aubrey, aus voller Ueberzeugung ſpreche ich Dich von jeder Abſicht auf ſein Leben frei; aber ſein geheimnißvolles Verſchwinden?“ „Pah, er wird gefunden werden!“ unterbrach ſie der Heuchler. Gleichſam als Beſtätigung ſeiner Prophezeihung trat die Negerin, eben als dieſe Worte geſprochen worden waren, in das Boudoir und überreichte ihrer Herrin ein Billet von Mr. Compton, welches die Lady haſtig las. „Er iſt zurückgekehrt,“ rief ſie aus,„befindet ſich ſicher im Hauſe ſeines Vormunds. Es nimmt mir dieß ein ſchweres Gewicht vom Herzen.“ Sie hätte wohl auch hinzufügen dürfen,„einen. Vorwurf.“ Sir Aubrey erſah ſeinen Vortheil und wußte, wie er ihn zu verfolgen habe. „Klara,“ ſprach er, ſobald Samba ſich wieder entfernt hatte,„ich will offen mit Dir reden. Bloße Schönheit kann zwar einen Liebhaber gewinnen, ver⸗ mag aber ſelten einen Gatten zu feſſeln. Hätte ich bei Dir ein großes, edelmüthiges und aufopferungs⸗ fähiges Herz gefunden, ſo wären meine Gefühle ge⸗ gen Dich nicht nur Liebe, ſondern Anbetung geweſen. Ich hätte Dich mit der ganzen Kraft meiner Seele verehrt; Dankbarkeit, Bewunderung, Hochachtung hätten die Kette befeſtigt, welche am Anfang Deine Reize geſchmiedet hatten.“ Lady Fairclough ſah ihn ungläubig an. * 89 „Für eine ſolche Frau wäre meine Ergebenheit ohne Grenzen geweſen; mein ganzes Leben hätte ich nur der Sorge um ihr Glück gewidmet,“ fuhr er fort. „Selbſt jetzt iſt es noch nicht zu ſpät, mich zu all dem zu machen, was eine Frau nur wünſchen kann, wäreſt Du nur des Opfers fähig.“ „Nenne das Opfer, Aubrey!“ rief die Lady in großer Aufregung.„Handelt es ſich um Geld?“ „Denke nicht ſo niedrig von mir,“ verſetzte der Baronet;„das goldene and hat ſich bereis als nutzlos bei mir erwieſen.“ „So nenne es,“ wiederholte die bethörte Frau. Sir Aubrey nahm ihre Hand in die ſeinige, zog ſie an ſich und flüſterte ein paar Worte in ihr Ohr. Sie erſchrack— erbleichte; dann aber färbten ſich ihre Wangen plötzlich und ihre ganze Geſtalt erzitterte in krampfhaftem Schmerz. „Ich ſehe ſchon,“ fügte er laut ſprechend hinzu, „daß es Dir an Herz gebricht, dieſes Opfer zu bringen. Du hatteſt ganz recht, als Du ſoeben ſagteſt, der Beweis meiner Untreue liege klar vor. Es iſt daher beſſer für uns beide, da wir ſo ſchlecht zuſammen paſſen, wenn unſere Ehe getrennt wird.“ „Kann Dich denn nichts Geringeres befriedigen?“ ſtammelte die unterwürfige, zerknirſchte Frau. „Nichts.“ „Von allem was ich zugeſtehe?“ Wir wollen England verlaſſen; das Meer zwi⸗ ſchen Dich und die ürſache Deines Unglücks legen!“ rief der Heuchler mit wohlgelungener Zärtlichkeit, „und eine glückliche Zukunft ſoll meine frühere Nach⸗ läſſigkeit wieder gut machen. Ich werde nicht länger 90 mehr der kalte, launenhafte Gatte ſein, Klara,“ fuhr er fort,„ſondern der inbrünſtige und ergebene Lieb⸗ haber, den Du durch Dein edelmüthiges Benehmen wieder in Deine zärtlichen Arme zurückgeführt haſt.“ „Und Du verſprichſt mir, niemals wieder meine verhaßte Nebenbuhlerin zu ſehen?“ „Ich ſchwöre Dir dieß zu.“ „Nicht um eines einzigen Wortes— eines Ab⸗ ſchiedswortes willen?“ „Ich will nicht einmal mehr an ſie denken,“ ver⸗ ſetzte der Baronet,„denn in meiner Erinnerung ſoll fortan kein anderes Bild als das der edlen—“ „Lobe mich nicht,“ unterbrach ihn Lady Fair⸗ clough in ſeine Arme ſinkend,„lobe mich nicht. Möge die Größe des Opfers die Stärke meiner Lei⸗ denſchaft beweiſen; aber ich ſage Dir, Aubrey, wenn Du mich wieder hintergehſt, ſo machſt Du mich zu Deiner unverſöhnlichſten Feindin!“ „Unmöglich!“ ſagte ihr Gatte, ihre blaſſe Stirne küſſend. „Und wann reiſen wir?“ „In fünf Tagen.“ „In fünf Tagen,“ wiederholte das Opfer ſeiner eigenen Schwäche.„Ich werde parat ſein, aber mein—“ „Ueberlaſſe das mir,“ flüſterte der Baronet,„Du mußt Dich nicht darein mengen.“ 91 Vierundzwanzigſtes Kapitel. John Compton wußte nicht recht, was er von dem Bericht denken ſollte, den ſein Mündel ihm über ſeine Abenteuer abſtattete, weßhalb er auch nichts weniger als davon befriedigt war. Daß er aus ſei⸗ nem Schutze unter dem Vorwande eines uſammen⸗ treffens mit ſeiner Amme weggelockt und von dem⸗ jenigen, der ihn gefangen genommen, irgend wohin auf das Land gebracht worden war, begriff er voll⸗ kommen, denn dieß war klar genug. Wie er aber wieder entkommen ſei, konnte er nicht verſtehen; denn getreu ſeinem Milly gegebenen Verſprechen ver⸗ mied es Philipp, nicht nur dieſe zu nennen, ſondern weigerte ſich auch ſeinem Vormund ſelbſt nur eine Andeutung von dem Ort ſeiner Gefangenſchaft und welche die Hand dabei im Spielte hatten, zu geben. Sein Stillſchweigen mochte vielleicht nicht klug ſein, aber es hatte das größere Verdienſt für ſich, daß es edelmüthig war; und Oliver Brandreth, den er, weil es ſich um einen Gewiſſensfall handelte, in's Vertrauen zog, billigte ſeinen Entſchluß vollkommen. „Dein Verſprechen ſchließt mehr in ſich, als das bloße Geheimniß ihres Namens,“ bemerkte unſer Held,„und es würde ſich nicht ſchicken, eine Hand⸗ lung weiblicher Dankbarkeit durch Ausplaudern zu vergelten. Ich zweifle durchaus nicht daran, daß Dein vortrefflicher Stiefvater hinter der ganzen Ge⸗ ſchichte ſteckt, und freue mich darüber, daß Du ſeinen Händen entſchlüpft biſt. Laß Dir dieß aber in Zu⸗ * ———— 92 kunft zur Lehre dienen. Wie Milly aber an jenen Ort kam, und zwar bei Nacht, das kann ich nicht begreifen. Gab ſie darüber gar keinen Aufſchluß?“ „Durchaus keinen.“ Keiner der beiden jungen Leute war zu ihrem beiderſeitigen Glück mit den Laſtern der Welt ſo ver⸗ traut, daß auch nur Einem von ihnen eingefallen wäre, Sir Aubrey Fairclough und Mr. Harly, Milly's Gatte, könnte eine und dieſelbe Perſon ſein. Philipp fand in ſeinem Freunde einen ausgezeich⸗ neten Verbündeten, denn als Mr. Compton über die⸗ ſen Punkt auf's Neue in ihn drang, antwortete Oli⸗ ver für ihn. „Er kann es Ihnen nicht ſagen, Herr,“ rief die⸗ ſer aus,„ohne ſein Wort zu brechen; und das wäre ſchlecht und verächtlich,— was Sie ſelbſt an ihm verachten würden.“ „Aber Ihnen hat er ja die nähern Umſtände mitgetheilt.“ „Das iſt ein ganz anderer Fall,“ verſetzte unſer Held.„Philipp hat keine Geheimniſſe vor mir.“ „Aber nur eine Frage— eine einzige beantwortet mir,“ drängte der Mäkler. Keiner der beiden jungen Leute gab eine Ant⸗ wort, ſie wollten erſt hören, was er fragen wollte. „Wurde Dir das Verſprechen unter Drohungen abgenommen?“ „Nein.“ „Durch einen Mann oder eine Frau?“ „Dieß ſind zwei Fragen zumal,“ rief Oliver la⸗ chend;„ich glaube aber, Philipp, daß Du ſie beant⸗ worten kannſt.“ 93 „Eine Frau, Herr,“ ſagte ſein Mündel. Alſo ſeine Mutter! dachte John Compton. „Nicht von der Lady Fairelough,“ fuhr der Jüng⸗ ling haſtig fort, aus Beſorgniß ſein Vormund könnte dieſer, wenn auch nur in Gedanken, Unrecht thun. „Ich geſtehe, daß ich dieß vermuthete, will aber jetzt nicht weiter mehr über dieſe Sache mit Fragen in Dich dringen,“ bemerkte ſein Vormund, innerlich überzeugt, daß, wenn es nicht ſeine Mutter, doch ſicherlich ſeine Amme geweſen ſein müſſe.„Handle beſonnen. Du haſt es mit keinem gewöhnlichen Feinde zu thun. Sir Aubrey iſt nicht bloß ſo ſchlau wie die Schlange, ſondern auch ſo unbarmherzig wie der Tiger. Es wäre mir lieb geweſen, wenn dieſe Gewaltthat als von ihm veranlaßt ſich herausgeſtellt hätte,“ fügte er bei;„es hätte mir dieß für die Zukunft eine furchtbare Waoffe gegen ihn an die Hand gegeben.“ Noch denſelben Abend hatte der Mäkler eine lange, geheime Beſprechung mit Oberſt Grey, in wel⸗ cher berathen wurde, auf welche Weiſe am beſten für die Sicherheit ſeines Mündels geſorgt werden könne. Abgeſehen von dem innigen Antheil, den er ſelbſt an dem jungen Menſchen nahm, begann die Verant⸗ wortung, die auf ihm lag, ihn zu drücken. „Der intriguante Schurke hat überall ſeine Agen⸗ ten,“ bemerkte er;„ſie haben ſelbſt den armen Kna⸗ ben in Kotswold aufgeſpürt. In ganz England gibt es keinen ſichern Ort für ihn.“ „Warum ſchicken Sie ihn nicht in's Ausland?“ ſagte ſein Freund. „Dazu iſt er noch zu jung,“ murmelte John Compton,— er iſt noch zu jung, als daß man ihn 94 ſich allein überlaſſen könnte. Und wo ſollte ich einen Freund finden, deſſen Obhut ich ihn anver⸗ trauen könnte? Ueberdieß würde er dadurch nur ent⸗ nationaliſirt werden und ich gehöre nicht unter die Leute, welche glauben, daß der Mangel eines ächt engliſchen Charakters durch Vervollkommnung in ir⸗ gend einer fremden Sprache ausgeglichen würde. Ich wollte lieber, er ſpräche das Franzöſiſche wie ein Gascogner, als daß er ſeine ehrliche, treue Geſinnung verlöre.“ „Alſo auf die See mit ihm,“ fuhr der Oberſt fort,„da iſt ja Ihr Freund, Kapitän Brandreth.“ „Das wäre das Wahre!“ rief der Mäkler erfreut über dieſen Rath.„Lieber ſehe ich ihn den Gefah⸗ ren der Tiefe, als der Schwäche ſeiner Mutter oder den Ränken ſeines Stiefvaters preisgegeben. Ueber⸗ dieß wäre dann Oliver Brandreth bei ihm und ich geſtehe, daß ich in das Urtheil und den Muth dieſes Knaben mehr Vertrauen ſetze, als in die Klugheit manches Mannes mit grauen Haaren.“ Als der Mäkler dieſen Lobſpruch unſerem Helden ertheilte, wußte er nicht, daß dieſer ſich weigere, nach Malta zu ſeinem Vater auf den Agamemnon ſich zu begeben. Mit der in jener Nacht abgehenden Poſt ſchrieb der würdige Mann einen Brief an Kapitän Brand⸗ reth, in welchem er dieſem ſeine Wünſche und Ab⸗ ſichten mittheilte. Oliver hatte verſprochen, den Oberſt Grey und deſſen Nichte, die verwittwete Lady Fairclough nach Rockingham Hall zu begleiten, um dort nachzufragen, ob nicht eine Spur von dem verlorenen Kinde auf⸗ 95 gefunden worden ſei. Die Hoffnung, daß dieß der Fall wäre, war zwar ſehr gering, denn alle Ver⸗ dachtsgründe liefen auf die Werkzeuge des Sir Au⸗ brey, die Wärter in dem Irrenhauſe hinaus, welche die Lady auf ihrer Flucht aufgeſpürt hatten. Die unglückliche Mutter hatte nicht die entfernteſte Ah⸗ nung, daß ihr Verfolger mit den Zigeunern in Ver⸗ bindung ſtehe. Dem armen Philipp that es ſchmerzlich wehe, daß er nicht mit von der Partie ſein durfte; er hätte ſo gerne die verfallene Scheune, das alte Herrenhaus und die einſame Chauſſee wieder beſucht, auf welcher er und Oliver ſich mühſam hingeſchleppt hatten, aber ſein Vormund blieb in dieſem Punkte unerbittlich. John Compton war durch das jüngſte Abenteuer ſeines Mündels ſo eingeſchüchtert worden, daß er ihn keinen Augenblick mehr aus dem Geſicht laſſen wollte. Mit Rockingham Hall war, ſeit die beiden Flücht⸗ linge die Nacht hier zugebracht hatten, eine große Veränderung vorgegangen. Der vor dem Hauſe befind⸗ liche Raſenplatz war ganz mit Unkraut überwachſen, die Hecken, welche denſelben von der Straße trenn⸗ ten, waren zerriſſen, und die Fenſter an den obern Stockwerken ſowohl als an der Thüre parterre, ganz mit Brettern zugenagelt. Das Bild der Zerſtörung war vollkommen. „Das Gebäude ſcheint unbewohnt,“ bemerkte Oberſt Grey, der ſchon ſeit einer halben Stunde an dem Haupteingange ſchellte.„Wiſſen Sie gewiß, daß dieß das Haus iſt?“ Seine Nichte, welche in dem Reiſewagen der Einfahrt gegenüber ſaß, ſah ihn vorwurfsvoll an. 96 War es denn möglich, daß ein Mutterherz ſich irren konnte? „Nun, nun,“ ſagte ihr Onkel, der ihre ſtumme Antwort vollkommen verſtand,„ich bin wohl etwas ungeduldig. Oliver iſt vielleicht glücklicher geweſen.“ Unſer Held, der von der Rückſeite des Hauſes Eintritt zu erlangen verſucht hatte, erſchien jetzt in Geſellſchaft eines anſtändig gekleideten Bauern, der ein Häuschen und ein paar Felder, welche früher einen Theil des Parks gebildet, gepachtet hatte. „Iſt es Ihnen gelungen? Haben Sie etwas er⸗ fahren?“ fragte die Dame haſtig. „Doctor Lacy, der Herr, welchem wir beide ſo großen Dank ſchulden, iſt außer Lands gegangen,“ antwortete Oliver betrübt, denn ſein von Natur aus weiches Herz war voll Mitgefühl für ihre Enttäuſ chung. „Er iſt fort,“ ſeufzte die Lady,„dann iſt meine letzte Hoffnung dahin.“ „Er iſt fort!“ wiederholte der Oberſt ungeduldig, —„wohin denn?“ „In fremde Lande, Herr,“ bemerkte der Mann, der in Begleitung unſeres Helden gekommen war. „Aber wohin?— wohin?“ „Das kann Ihnen Miſtreß Daws ſagen, Herr.“ „Wer iſt denn dieſe Mrs. Daws?“ „Die alte Haushälterin,“ antwortete der Land⸗ mann;„ſie weiß mehr von Doctor Lacy, dem alten Orte hier— und der weißen Frau,“ fügte er bei, ſeine Stimme zu einem Flüſtern dämpfend,„als ir⸗ gend Jemand in dieſer Gegend. Es iſt aber auch kein Wunder, denn ſie brachte faſt ihr ganzes Leben in der Halle zu und muß eine Menge ganz ſonderbarer 97 Erſcheinungen geſehen haben. Der Herr erbarme ſich unſer!“ „Und wo iſt denn die Perſon, von der Ihr ſprecht?“ fragte Oberſt Grey. Es war offenbar ein empfindlicher Puntt für den Landmann, daß er den Zins für ſeinen kleinen Pacht⸗ hof an die Mrs. Daws zu bezahlen hatte, die ſeit der Abreiſe des Doctors ſich in dem Dorfe ein großes Anſehen zu geben angefangen hatte. Jeden Abend diente ihr Haus zum Stelldichein der Frauen und Töchter der Pächter, welche mit gierigen Ohren ihren ſchauderhaften Geſchichten von den Vavaſſours und der alten Halle lauſchten. Von dem letzten Bewohner derſelben ſprach ſie nur ſelten. Vor ſeiner Abreiſe hatte Doctor Lacy ihr geſagt, daß die Fortdauer ihrer Penſion gänzlich von ihrem Stillſchweigen über alles, was ſie wäh⸗ rend der Zeit, in welcher ſie mit ihm hier gewohnt, geſehen und gehört habe, abhange. Zuweilen fühlte ſich zwar die geſchwätzige Alte ſehr verſucht, ihr Ver⸗ ſprechen zu brechen, aber bis jetzt hatte ſie ſich nichts zu Schulden kommen laſſen, was ſie ihres Anſpruchs hätte verluſtig machen können. Auf Verlangen des Oberſten wurde nach Mrs. Daws geſchickt, die auch augenblicklich, verſehen mit den Schlüſſeln in das verlaſſene Herrenhaus, erſchien. In Lady Fairelough erkannte ſie augenblicklich die Reiſende, welcher ihr Herr Obdach gegeben hatte und ihre faltige Stirne entrunzelte ſich ein wenig vor Erſtaunen. Es war aber ein Erſtaunen, in das ſich keine Freude miſchte: denn ſie war ſcharf getadelt Smith, Piilly Moyne. II. 7 worden und hätte wegen ihr nahezu den Dienſt ver⸗ loren, daher haßte ſie ſie. „Dieſes Geſchöpf in einem Wagen!“ murmelte ſie vor ſich hin. Allen Bitten und Anerbietungen einer Belohnung von Seiten der troſtloſen Mutter ſetzte Mrs. Daws ein hartnäckiges Stillſchweigen entgegen; ein einziges Wort hätte ein trauerndes Herz erleichtert und doch wollte ſie dieß nicht ausſprechen. „Sie wiſſe nichts von dem Kind, habe an andere Dinge zu denken. Uebrigens habe ſie nichts dage⸗ gen einzuwenden, die Halle zu zeigen, wenn man es wünſche.“ Weiter war aus ihr nichts herauszubringen. Es liegt etwas unausſprechlich Trauriges in dem Durchwandern der verlaſſenen Zimmer eines alten Familiengebäudes und die Empfindung iſt um ſo ſtärker, wenn einige dunkle Erinnerungen an ſeine frühern Bewohner vorhanden ſind. Man erwartet beinahe in dem entfernten Echo ihre Stimme zu ver⸗ nehmen oder ihre Schatten längs der halbdunkeln Gänge hingleiten zu ſehen. Oliver trieb die Ungeduld, das Gemach zu be⸗ ſuchen, in welchem er und ſein Kamerad die Nacht zugebracht hatten, um durch genaue Prüfung ſich von der Aehnlichkeit zwiſchen dem Porträt und der Lady zu überzeugen. Sein Wunſch war bald erfüllt und ſein Herz bewegte eine Empfindung, die an Scheu grenzte, als er ſich in dem wohlbekannten Zimmer ſah. Nichts war darin geändert worden: das Staats⸗ bett ſtand noch immer in ſeiner Niſche, die Bilder hingen noch an der Wand und ſelbſt die ausge⸗ 99 brannte Aſche im Kamin ſchien noch dieſelbe zu ſein, wie er ſie verlaſſen hatte. „Ein ſehr unbehaglich ausſehender Ort,“ bemerkte Oberſt Grey;„bei dem bloßen Gedanken, hier eine Nacht zubringen zu müſſen, fühlt man ſchon eine An⸗ wandlung von Gicht.“ Sein junger Begleiter deutete nach dem Porträt. „Ho! was iſt das?“ ſagte der Oberſt, es auf⸗ merkſam betrachtend, indem er zugleich das Datum auf dem Rahmen las.„So wahr ich lebe, Annie, dieß iſt das Bild Deiner unglücklichen Großmutter, der Lady Caroline Vavaſſour, die zwei Jahre nach ihrer Vermählung verbrannte.“ Als Mrs. Daws dieſen Ausruf hörte, während ſie in der Nähe des wie ein Leichenwagen ausſehen⸗ den Bettes ſtund und ungeduldig wartete, bis die Beſucher das Zimmer ſattſam ſich beſehen hatten, ſchien ſie plötzlich Antheil zu nehmen. „Das erklärt die Aehnlichkeit,“ bemerkte Oliver. „Nun, da Du einmal davon ſprichſt, ſo gebe ich ſelbſt eine Aehnlichkeit zu,“ ſagte der Oberſt.„Es iſt ſonderbar, wie oft ein gewiſſer Typus von Schön⸗ heit verſchwindet und dann nach einer langen Reihe von Jahren in Familien wieder zum Vorſchein kommt. Du ſiehſt ihr ähnlich, Annie,“ fügte er bei.„Möch⸗ teſt Du glücklicher ſein!“ „Es war allerdings ein entſetzlicher Tod für ein ſo junges Weſen,“ verſetzte die Nichte ſeufzend. „Pielleicht verdiente ſie ihn,“ bemerkte die Haus⸗ hälterin nachdrücklich. Ihre Zuhörer erſchracken, als L ein 100 Rabe ſein Unheil verkündendes Gekrächze hätte er⸗ tönen laſſen. „Verdiente ihn,“ wiederholte Oliver Brandreth. „Wodurch ſollte irgend ein menſchliches Geſchöpf ein ſo gräßliches Schickſal verdient haben?“ „Durch Verbrechen.“„ Die Anweſenden ſahen ſie fragend an, wie wenn ſie gern noch mehr von ihr vernommen hätten. „Sie haben entweder zu viel oder zu wenig ge⸗ ſagt,“ ſagte unſer Held. „Ich habe keine Luſt, die Neugierde eines Frem⸗ den zu befriedigen,“ verſetzte die alte Frau ſcharf, „oder ſchlecht von einer Todten zu ſprechen, die mir nie etwas zu Leid gethan hat, was ſie auch an An⸗ dern verſchuldet haben mag.“ „Ich habe aber ein Recht, Aufklärung zu ver⸗ langen!“ „Ein Recht?“ 1 Ja. „Und was für ein Recht, junger Herr?“ fragte die Haushälterin in ſpöttiſchem Tone. „Meine Mutter war eine Vavaſſour,“ antwortete Oliver,„Adelaide Vavaſſour.“ Mrs. Daws brach in ein beleidigendes Lachen aus, welches dem reizbaren Jüngling das Blut auf die Wangen jagte. „Sie brauchen ſich Ihrer Abkunft nicht zu rüh⸗ men,“ murmelte ſie;„ſie war das Verderben ihrer Familie. Hätte ſie ihren Vetter geheirathet, wie meine Lady es wünſchte, ſo wäre der alte Ort erhalten worden, ſtatt daß er jetzt zuſammenfällt; ſie zog es 101 aber vor, an den Sohn des Pfarrers ſich wegzu⸗ werfen, und daraus entſtand alles Unheil.“ „Unheil?“ Prs. Daws betrachtete die verwittwete Lady Fairclough und Oliver Brandreth ſtillſchweigend. Es lag etwas Boshaftes in dem Ausdruck ihrer ſtechenden grauen Augen, während ſie dieſelben auf ſie heftete. „Sie ſtammen alſo beide von den Vavaſſours ab, und halten ſich deßhalb für berechtigt, Aufſchluß zu verlangen? Wohlan, Sie ſollen ihn haben. Die Großmutter, der Sie ſo ähnlich ſehen, war ihrem Gemahl untreu und ſtarb auf die Weiſe, wie Sie gehört haben. „Ihre Mutter,“ fuhr ſie gegen den Jüngling ge⸗ wendet fort,„wurde eine Diebin.“ „Lügnerin! ſchändliche, ſchamloſe Lügnerin!“ rief Oliver ganz außer ſich. „Sie floh vor ihrem Ankläger,“ murmelte die alte Frau verächtlich. „Zu ihrem Gatten,“ verſetzte unſer Held,„der ſie hätte beſchützen ſollen, deſſen Gemüth aber durch ihre Feinde vergiftet worden war. Ha! Sie wiſſen ſo viel von der Geſchichte meiner mißhandelten Mut⸗ ter,“ rief er, ihren magern Arm packend,„vielleicht iſt Ihnen auch etwas von den Mitteln, von den Werkzeugen bekannt, durch welche dieſe ſchändliche Intrigue ausgeführt wurde. Sie ſprachen von Ihrer Lady,— der Herrin, in deren Dienſten Sie einſt ſtanden— und deren Sohn, dem abgewieſenen Lieb⸗ haber, der darauf rechnete, ſeine Güter durch die Vermählung mit ſeiner Baſe wieder einzulöſen.— Hatten dieſe beide die Hand dabei im Spiele?“ 102 Mrs. Daws zitterte heftig. „Haben Sie je den Namen Marelle gehört?“ fuhr er mit vermehrter Heftigkett fort;„war dieſe auch mit in die Verſchwörung verwickelt?“ Als die Haushälterin den Namen der franzöſi⸗ ſchen Gouvernante nennen hörte, ſtieß ſie einen lau⸗ ten Schrei aus, und fiel beſinnungslos am Fuße des Bettes zu Boden. Fünfundzwanizgſtes Kapitel. Es dauerte eine geraume Zeit, bis die alte Haus⸗ hälterin wieder zum Bewußtſein erwachte. Als die Frinnerung langſam bei ihr zurückkehrte, murmelte ſie ſonderbare Worte und blickte mit wildem, entſetz⸗ tem Ausdruck um ſich, als wenn ſie die Anweſenheit eines anklagenden Geiſtes fürchtete. Oliver Brandreth lauſchte aufmerkſam; aber un⸗ glücklicher Weiſe kam nichts Zuſammenhängendes über ihre eingeſchrumpften Lippen,— nicht eine Sylbe, die ihn berechtigt hätte, ſie anzuklagen, daß auch ſie bei der ſchändlichen Verſchwörung gegen die Ehre und das Glück ſeiner Mutter betheiligt geweſen ſei. Der Eindruck, ja wir möchten faſt ſagen, die Ueberzeugung, daß dieß der Fall ſei, war erweckt, und die Behauptung, daß ihre Gefühle bei der leb⸗ haften Rückerinnerung an ſo viele ſchmerzliche Ereig⸗ niſſe, welche die Familie betroffen hatten, und die ſie mit erlebt hatte, der einzige Grund für ihre Gemüths⸗ bewegung ſei, verfehlte ſeine Wirkung. 103 Der Oberſt ſchien eben ſo ungläubig wie ſeine Nichte zu ſein; es nützte beide aber nichts, Mrs. Daws weiter auszufragen. Ihren Bitten ſetzte ſie entweder ein verſtocktes Stillſchweigen oder mürriſche Verneinungen entgegen. Offenbar war es ihr darum zu thun, ihrer Be⸗ ſucher ſo bald als möglich wieder los zu werden. Vor dem Weggehen fragte unſer Held, ob nicht ein Porträt des Sir Cuthert Vavaſſour in dem Her⸗ renhauſe vorhanden ſei. Die Frau zögerte. „Nun,“ fuhr er lächelnd fort,„es iſt keine Ge⸗ fahr dabei, wenn uns geſtattet wird, daſſelbe zu ſehen. Die lebloſe Leinwand kann nicht gegen das Original zeugen.“ „Weder ein lebender noch ein todter Gegenſtand kann dieß,“ antwortete die Haushälterin feſt.„Mein junge Herr war eines Verbrechens ſo wenig fähig, a 8 „Sie ſelbſt,“ ſagte Oliver ſpöttiſch. „Ja.“ „Oder ſeine gnädige Frau Mutter.“ Ein zweites Ja, ſchwächer als das erſte, entwand ſich den Lippen der Mrs. Daws, welche, um weitere Fragen abzuſchneiden, einen Bund Schlüſſel aus ihrer weiten Taſche zog, und ſich bereit erklärte, den Wunſch befriedigen zu wollen. Einen langen Corridor ihre Gäſte hinabführend, blieb ſie an einer Thüre ſtehen, welche auf einen der mit dem Hauptgebäude in Verbindung ſtehenden Sei⸗ tenflügel führte. Offenbar war dieſes Appartement ſeit Jahren 104 nicht geöffnet worden, denn ſein Ausſehen war noch öder als das des Zimmers, das ſoeben verlaſſen wor⸗ den war, indem die abgeblaßten Vorhänge nur we⸗ niges Licht zuließen. „Hier,“ ſagte die Führerin, auf ein Porträt deu⸗ tend, das gerade dem mittlern Fenſter gegenüber hing,„hier iſt der Gegenſtand Ihrer Neugierde. Es wurde als ein Geſchenk für meine Lady gemalt, als Sir Cuthert volljährig wurde.“ Oliver verſuchte einen der Vorhänge wegzuziehen, um das Bild beſſer betrachten zu können. Dieſer zerriß aber wie Zunder in ſeiner Hand⸗ „Heffne das Schiebfenſter,“ rief der Oberſt. Mit einiger Schwierigkeit gelang es, den ſchwer⸗ fälligen Rahmen in die Höhe zu ziehen, denn die Schnüre, in welchen die Gewichte hingen, waren ſchon längſt verfault. „Jetzt können wir es beſſer ſehen,“ bemerkte der alte Herr. Mrs. Daws trat an das Fenſter und ſah auf den freien Platz hinab. Augenſcheinlich war es ihr nicht darum zu thun, das Bild zu betrachten und doch war der Baronet ihr Pflegekind geweſen und vielleicht hatte ſie ihn in ihrer Art geliebt. Das Porträt war in Dreiviertel Lebensgröße von Lawrence gemalt und ſtellte Sir Cuthert in der er⸗ ſten Manneskraft dar. Es lag nichts Hartes oder Falſches in den Zügen ſeines Geſichts, wohl aber zeigte die hohe, vielleicht etwas ſchwerfällige Stirne Verſtand; der Mund war ſchön geformt, aber leicht zuſammengepreßt. Der einzige auffallende Ausdruck lag in den Au⸗ 105 gen, die groß, ſchwarz und durchdringend waren, mit derſelben eigenthümlichen Wildheit des Ausdrucks, die man in dem Porträt des Cäſar Borgia bemerkt, das für ſeinen Vater, den Papſt Alexander den ſechsten gemalt wurde, in den Privatgemächern des Vatikans hängt und nur ſelten Beſuchern gezeigt wird. Das in dem Palaſt Doria hängende Bild, von welchem romantiſche junge Damen, Künſtler und Reiſe⸗ handbücher ſo großes Aufheben machen, iſt nur eine Copie, wenn gleich eine vortrefflich ausgeführte. „Ich kann an nichts Schlimmes bei einem ſolchen Geſichte denken,“ bemerkte unſer Held, von dem Bilde auf's höchſte frappirt. Die Haushälterin ließ ein kurzes„Hm!“ hören, als wenn ſie über dieſe edelmüthige und offen ge⸗ äußerte Anſicht ſich verwunderte. Oberſt Grey und ſeine Nichte ſtanden eine Zeit⸗ lang in ſtillſchweigender Betrachtung vor demſelben. Auf letztere brachte es einen eben ſo günſtigen Ein⸗ druck hervor, was bei ihrem Onkel durchaus nicht der Fall war. Der alte Militär that ſich etwas dar⸗ auf zu gut, ein Schüler Lavaters zu ſein und zog aus dieſer Phyſiognomie einen ganz entgegengeſetzten Schluß. Weder Schönheit noch Verſtand waren nach ſeiner Erfahrung mit dem Verbrechen unvereinbar. „Ich kann dieſer Anſicht nicht beiſtimmen,“ be⸗ merkte er;„vielleicht täuſche ich mich in meinem Ur⸗ theil,— möglicherweiſe auch in meiner Menſchenliebe. Haſt Du je eine Münze mit einem Nerokopfe genau unterſucht? Dieſer muß ebenfalls hübſch geweſen ſein. Ich mag dieſen Mund nicht und möchte ihn wohl ein⸗ mal in einem unbewachten Augenblicke geſehen haben. 106* „War Sir Cuthert ſchon wahnſinnig?“ fragte er, raſch ſich umwendend, Mrs. Daws. Die Frau wiederholte das Wort erſtaunt und ver⸗ ſicherte ihn, daß die Vernunft ihres frühern Herrn ebenſo unbeſtreitbar ſei, wie ihre eigene. „So liegt es vielleicht im Blut,“ bemerkte der Oberſt hierauf trocken. Mit dieſer Bemerkung wurde der Gegenſtand fallen gelaſſen. Auß Oliver Brandreth machte das Porträt einen ſo lebhaften Eindruck, daß er überzeugt war, er würde das Hriginal unter allen Umſtänden und wo immer auf der Welt, wenn er daſſelbe treffen würde, wie⸗ der erkennen. Ehe das Gemach verlaſſen wurde, zog noch ein anderes Bild die Aufmerkſamkeit der Beſucher auf ſich. Es war das Porträt einer Dame in ihrem Brautkleide. Aber nicht einmal der Puder, der nur theilweiſe die Farbe ihres rabenſchwarzen Haares deckte, der Myrthenzweig und der lang herabhängende Spitzenſchleier vermochten den ſtolzen und entſchloſſe⸗ nen Ausdruch in den Augen und auf der ſchön ge⸗ wölbten Stirne des Bildes zu dämpfen. Es lag etwas Griechiſches, wir möchten faſt ſagen, Statuen⸗ artiges in der Geſtalt; man hätte ſie zu einer Stu⸗ die für eine Medea gebrauchen können. Man brauchte nicht nach dem Namen des Ori⸗ ginals zu fragen. Die Aehnlichkeit mit Sir Cuthert ſprach für ſich ſelbſt. Es war ſeine Mutter. „Eine Frau von ſtarkem Geiſt,“ ſagte der Oberſt, nachdem er das Bild einige Minuten lang betrachtet 107 hatte,„welche nicht viel von menſchlicher Schwäche, ja ich möchte faſt ſagen, von menſchlicher Liebe kannte.“ „Vielleicht liebte ſie aber doch ihren Sohn,“ be⸗ merkte ſeine Nichte. „Sie vergötterte ihn,“ rief die Haushälterin, welche, ohne ihren Platz am Fenſter zu verlaſſen, merkwürdiger Weiſe keinen Blick auf die Porträts warf, ſondern vielmehr dieſelben anzublicken mied. „Wenn auch meine Lady kalt und ſtreng gegen An⸗ dere war, ſo zeigte ſie ſich gegen ihn doch zärtlich und nachſichtig,— vielleicht nur zu ſehr.“ „Wohl möglich,“ verſetzte der alte Militär trocken. „Und wo befindet ſich denn Ihr Herr jetzt, wenn ich fragen darf?“ „Niemand weiß es.“ „Nicht einmal der Gentleman, der zuletzt hier wohnte?“ fragte Oliver. „Ich glaube nicht,“ verſetzte Mrs. Daws.„Nach Ihrer Mutter unglücklicher Vermählung hatte Sir Euthert keine Ruhe und Raſt mehr; hörte auf keinen Rath, ſtürzte ſich kopfüber in alle möglichen Zerſtreuun⸗ gen, häufte Pfandſchulden auf Pfandſchulden, bis er ſich gänzlich zu Grunde gerichtet hatte. Meine Lady hielt zwar zuſammen und ſparte ſo viel ſie konnte, um ſeinen ungeheuren Aufwand ihm beſtreiten zu helfen; aber das Wenige, was ſie erübrigen konnte, glich einem Tropfen Waſſer, den man in einen Brunnen gießt. Endlich ſtarb ſie— ſtarb ſie an gebrochenem Herzen! „Und nun,“ fuhr ſie fort,„nachdem Sie Ihre Reugierde befriedigt haben, erlauben Sie mir wohl, das Gemach wieder zu verſchließen? Ich habe in vielen 108 Jahren keinen Fuß mehr hieher geſetzt; und Erinne⸗ rungen und Gefühle, über die Sie lachen würden, wenn ich Sie damit behelligen wollte, drängen ſich ſchmerzlich mir auf, denn ich liebte meine Herrin— ſie war gut gegen mich— ebenſo liebe ich mei⸗ nen unglücklichen Herrn um ihretwillen; vielleicht auch um ſeiner ſelbſt willen,“ fügte ſie bei,„denn ich ernährte ihn.“ „Ich werde mich nie über Gefühle luſtig machen, welche dem Herzen zur Ehre gereichen,“ bemerkte un⸗ ſer Held freundlich,„ſelbſt wenn ich ſie auch nicht zu begreifen vermöchte.“ Zugleich bot er der Frau Geld an, welches dieſe aber zu ſeinem Erſtaunen entſchieden zurückwies. „Nein, nein!“ rief ſie aus,„ich habe die Porträts nicht gezeigt, und gleich einer alten Thörin aus ver⸗ gangenen Tagen geplaudert, welche mir faſt wie ein Traum vorkommen, um damit etwas zu verdienen, obgleich ich das Geld liebe. Sie ſind ein Vavaſſour — wenigſtens von mütterlicher Seite— und hatten ein Recht, ſie zu ſehen.“ „Und doch ſprachen Sie ſoeben von meiner theu⸗ ren Mutter auf eine ſchändlich verletzende Weiſe,“ bemerkte der Jüngling. „Sie verſchuldete den Ruin derer, die ich liebte,“ murmelte die Haushälterin. „Indem ſie demjenigen die Hand nicht reichte, dem ſie ihr Herz nicht zu ſchenken vermochte,“ erwi⸗ derte Oliver Brandreth. „Sie liebte aber einſt den Vetter,“ verſetzte Mrs. Daws bitter,„und hätte ihn auch geheirathet, wenn der Mann ſie nicht beſchwatzt hätte, der in der Stunde 109 ihrer Trübſal ſie verließ, ohne ſich Mühe zu geben, ihren Ruf wieder herzuſtellen. Wie tief mußte es ihre Seele, die ſehr ſtolz war, geſchmerzt haben, als der Gatte ihrer Wahl ſie aus ſeiner Nähe verbannte und von ihrem Kind trennte! Vielleicht dachte ſie damals an Den, welcher unter ſolchen Umſtänden ihr Beſchützer geweſen wäre. Wenn dieß der Fall gewe⸗ ſen iſt, ſo war die Erinnerung ihre Strafe.“ Auf dieſe gab unſer Held keine Ant⸗ wort. Er konnte das Benehmen ſeines Vaters nicht begreifen, doch erlaubte er ſich nicht, es zu richten. Es war augenſcheinlich, daß von Mrs. Daws keine weitere Mittheilungen mehr zu erlangen ſeien; weder hinſichtlich des jetzigen Aufenthaltsorts des Doctor Lacy und des Kindes der verwittweten Lady Fair⸗ elough, noch über die Umſtände, welche den Kapitän und Mrs. Brandreth getrennt hatten; deßhalb ver⸗ abſchiedeten ſich die Beſucher verſtimmt und in ihren Hoffnungen getäuſcht, nachdem ſie jedoch zuvor noch⸗ mals eine Belohnung für die verurſachte Mühe an⸗ geboten hatten. Dieſe wurdé aber ebenſo zurückgewieſen. Auf dem freien Platze angelangt, trafen ſie den Bauern wieder, der auf ſie wartete. Der alte Mann konnte die Neugierde nicht begreifen, welche die Ge⸗ ſellſchaft veranlaßt hatte, den verrufenen Aufenthalts⸗ ort der weißen Frau und deren Schatten zu beſuchen. Er hätte ſich nicht um den Preis eines Jahrespachtes in ſeine Mauern gewagt⸗ „Habt Ihr etwas geſehen, junger Herr?“ flüſterte er, während die Haushälterin die Hauptthüre ſchloß. „Alles was wir zu ſehen erwarteten,“ verſetzte 110 unſer Held;„eine Menge Zimmer, die in Trümmer zerfallen, und ein paar Porträts.“ „Iſt dieß alles?“ „Nun, was hätten wir noch weiter ſehen ſollen?“ fragte Oberſt Grey, der die Frage und Antwort dar⸗ auf mit angehört hatte. „Die weiße Frau und—“ „Pah! Unſinniger Aberglauben!“ rief der alte Militär;„Ihr ſolltet über ſolche abgeſchmackte Mähr⸗ chen erhaben ſein.“ „Ich habe ſie aber geſehen,“ rief der Landmann hartnäckig;„und was man ſieht, glaubt alle Welt!“ „Nicht immer,“ bemerkte der Oberſt lächelnd. „Nun? Was ſollte es aber ſonſt geweſen ſein?“ „Ein Streich der Einbildungskraft.“ „Ich weiß nichts von Einbildungskraft,“ ſagte der alte Mann;„und ich verſichere Sie, daß ich ſie wieder und wieder geſehen habe, und außer mir noch viele andere. Fragen Sie nur die Mrs. Daws hier, die weiß alles ganz genau.“ „Ihr thätet beſſer daran, euer Vieh auf die Waide zu treiben, Jabez,“ ſagte die Haushälterin ſpitzig, während ſie den gewichtigen Schlüſſel im Schloſſe des Hauptthors mühſam umdrehte,„anſtatt ſolchen Unſinn zu ſchwatzen. Vornehme Leute glau⸗ ben nicht an ſolche Dinge.“ „Glauben Sie daran?“ fragte Oliver Brandreth, die Augen fragend auf ſie gerichtet, denn er hatte den merkwürdigen Beſuch nicht vergeſſen, der in jener Nacht, in welcher er in der Halle ſchlief, durch ſein Zimmer geſchlichen war. „Ich habe ſchon ſonderbares Geräuſch gehört,“ 111 antwortete die Frau ungeduldig, die offenbar über dieſen Punkt nicht befragt ſein wollte,„und habe mir ſchon zuweilen eingebildet, es könnte dieß von Stim⸗ men von Verſtorbenen herrühren, welche über den Untergang und die Verwüſtung ihres frühern Auf⸗ enthaltsorts jammerten. Es mag dieß aber nichts weiter, als Einbildung geweſen ſein,“ ſetzte ſie hin⸗ zu,„denn ich ſah niemals etwas Schlimmeres als mich ſelbſt.“ „Das glaube ich Ihnen auf's Wort,“ verſetzte der Oberſt trocken. Mrs. Daws warf ihm einen zornigen Blick zu; ſie verſtand vollkommen ſeinen beißenden Spott. „Sie ſind ärgerlich darüber,“ ſprach ſie,„daß ich die Aſche des Todten nicht aufwühle, um Ihre Neu⸗ gierde oder Tücke zu befriedigen,— denn die eine oder beide können im Spiele ſein,— und verläum⸗ deriſche Reden über Die führe, deren Brod ich ge⸗ geſſen habe. Das iſt aber meine Sache nicht.“ Dieſer Hieb verſetzte den alten Militär etwas in Verlegenheit. Er war überzeugt, daß er in der ſeah⸗ recht habe, obgleich ihm die Beweismittel dazu ehlten. Als die Haushälterin ſich zum Weggehen an⸗ ſchickte, faßte die verwittwete Lady Fairclough ſie bei der Hand. „Sind Sie Mutter?“ fragte ſie. „Nein!“ „Aber Sie können wenigſtens den Gram einer Mutter faſſen,“ fuhr ſie fort.„Ich beſchwöre Sie bei dem Glauben an Ihre zukünftige Seligkeit und bei Ihrem Wunſche, ungeſtört im Grabe ruhen zu kön⸗ 112 nen, mir zu antworten. Haben Sie je etwas von meinem Kinde, meiner theuren Annie gehört?“ „Nein,“ ſagte Mrs. Daws, augenblicklich die Lippen zuſammenpreſſend, nachdem ſie das Wort aus⸗ geſprochen hatte. „Sie glauben ihr wohl nicht, oder doch?“ ſagte der Pächter, als die Haushälterin, um eine weitere Erörterung über dieſen Punkt abzuſchneiden, raſch ſich entfernte.„Sie weiß ganz genau, wo Sir Cuthert ſich aufhält. Es iſt noch keine Woche her, daß ſie meinem Weib ſagte, er ſei in Illien— Gillien. Ich weiß, es war ein Ort, der ſich auf ien endigte.“ „Italien!“ rief Oliver Brandreth haſtig. „So iſt es,“ rief Jabez in die Hände klatſchend. „Ja wohl, junger Herr, aber Ihr ſeid auch hübſch gelehrt, was ich nicht bin.“ Unſer Held wünſchte ſich im Stillen Glück, we⸗ nigſtens einen entfernten Wink durch ſeinen Beſuch in Rockingham Hall erhalten zu haben. „Ihr hättet gleich merken können, daß ſie eine Lüge ſagte,“ fuhr der Landmann fort,„als ſie ihr Maul ſo zuſammenpreßte.“ „S iſt keine Kunſt, Zu leſen im Geſicht, weß Geiſtes Kind man iſt.“ bemerkte Oberſt Grey, einen ſeiner Lieblingsdichter citirend. Wie ſchmerzlich auch die Enttäuſchung war, welche ihr Mutterherz aüſes Liefſte berührte, beſtand Lady Fairclough doch darauf, die nahe gelegene alte Scheune zu beſuchen, deren Thüren noch immer halb offen in ihren roſtigen Angeln hingen⸗ Sie ſchauderte, als 113 ſie ihrem Verwandten den Haufen Stroh in der Ecke zeigte, wo die Zigeuner ſich verborgen hatten. „Zigeuner!“ wiederholte der Landmann, der mit dahin gegangen war,„ja, es waren viele vor einem oder zwei Jahren in dieſer Gegend, ſie ſind aber alle fort, und man iſt froh, dieſe Laſt vom Halſe zu ha⸗ ben, obgleich Keelan— das war das Haupt der Bande— mehr vom Vieh verſtand, als die Hälfte der Doctoren rund herum.“ „Und wohin haben ſie ſich denn gewendet?“ fragte Oliver, um zu ſehen, wie weit der Bauer un⸗ terrichtet ſei. „Wer kann dieß wiſſen, junger Herr,“ verſetzte Jabez.„Die Zigeuner haben eben ſo viele Schlupf⸗ winkel als die Kaninchen und ſind eben ſo ſchädlich wie dieſe. Ich glaube nicht, daß ſelbſt Mrs. Daws mit all ihrer Schlauheit Ihnen dieß ſagen kann.“ Im Gegentheil zu der Haushälterin weigerte er ſich nicht, die Belohnung anzunehmen, die ihm an⸗ geboten wurde, und er entfernte ſich vielleicht weni⸗ ger erfreut über das Geſchenk, als über den Gedan⸗ ken, daß er ſeinen Gevattern und Nachbarn von Mrs. Daws und dem Beſuch der Fremden in Rockingham Hall eine Menge Dinge zu erzählen habe. Ziemlich entmuthigt kehrten die Reiſenden nach London zurück. Oliver Brandreth lächelte, als der Wagen auf der Straße nach Lincoln dahinfuhr und zeigte ſei⸗ nen Begleitern die Anhöhe, auf welcher er und Phi⸗ lipp die Ankunft der Poſtkutſche erwartet hatten. Ebenſo blieben auch das Wirthshaus, wo die Pferde Smith, Milly Mohne. II. 8„ 114 gewechſelt worden waren und die Händel mit dem Unterlehrer und dem Hausknecht daſelbſt nicht un⸗ erwähnt. „Ich wollte Philipp wäre hier,“ ſprach er zu ſich in Gedanken. Aber Philipp war wohlbehalten in London unter der wachſamen Aufſicht ſeines Vormunds John Compton. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Beim Eintreffen zu Hauſe las unſer Held auf dem Geſicht der Mrs. Dalton, daß etwas Unange⸗ nehmes vorgefallen ſei, doch verlangte er keine Aus⸗ kunft, ſo lange ſeine Couſine und deren Gouvernante im Zimmer anweſend waren. Gegen die letztere hatte ſein unbeſtimmtes Gefühl der Abneigung, die er von Kindheit an gegen ſie gehegt, ſich jetzt geradezu in entſchiedenen Widerwillen verwandelt. Der Franzöſin ſchien es in ſeiner Nähe ebenfals nichts weniger als behaglich zu ſein, denn er entdeckte, daß ihre Augen von Zeit zu Zeit mit fragendem Ausdruck verſtohlen auf ihm ruhten. „Haben Sie Nachrichten von meinem Vater?“ ſprach er, ſobald dieſe ſich mit ihrem Zögling zurück gezogen hatte, der mit gewohntem Ungeſtüm Ein⸗ wendungen dagegen erhob, ſo frühzeitig zu Bett ge⸗ hen zu müſſen. Seine Tante zog einen Brief aus dem Buſen, und legte ihn in ſn⸗ Hand. Oliver fühlte einiges 11⁵ Zittern, während er das Siegel erbrach. Es war eine Antwort auf ſeine Zuſchriſt, in welcher er die Gründe auseinandergeſetzt hatte, die ihn verhinderten, auf den Agamemnon ſich zu begeben, und worin er den Kapitän um ſeine Einwilligung erſuchte, den gu⸗ ten Ruf ſeiner Mutter durch ſeine Nachforſchungen wieder herſtellen zu dürfen. Die Antwort lautete folgendermaßen: „Deine Tante hat ſehr unklug gehandelt, Dich von der Exiſtenz einer Perſon zu unterrichten, welche Du am beſten vergeſſen würdeſt. Ich bin nicht böſe darüber, aber es ſchmerzt mich der Wunſch, den Du ausgedrückt haſt, indem Du die Ausſicht auf eine ehrewolle Laufbahn von der Hand weiſſt, um einem Hirngeſpinſt nachzulaufen; denn leider! exiſtirt nicht der lei⸗ ſeſte Zweifel über die fatale Handlung, welche Schande über meinen Namen brachte. „Ueberlege wohl, ehe Du einen Entſchluß faß ſt. Ich will das abenteuerliche Unternehmen, zu welchem Du Dich, wie Du ſagſt, berufen fühlſt, weder unterſtützen noch gutheißen. Eben⸗ ſowenig will ich es aber auch poſitiv verbieten, denn Ungehorſam gegen Deinen Vater, der ſich ſtets liebevoll und nachſichtig gegen Dich gezeigt hat, würde uns auf immer trennen. „Indem ich Dir hierin nachgebe, fühle ich, daß ich mich einer großen Schwäche ſchuldig mache, die ich nicht zu rechtfertigen vermag. Ich mache dieſes Zugeſtändniß meiner Liebe zu Dir, nicht meiner Vernunft. Laſſe mich nicht 8* 116 in Ungewißheit, ſondern theile mir umgehend Deinen Entſchluß mit.“ Nachdem der Jüngling zweimal den Brief durch⸗ leſen hatte, händigte er ihn der Mrs. Dalton wie⸗ der ein. „Oliver, lieber Oliver,“ ſagte die Dame,„ich vermag Dir gar nicht zu ſagen, wie unendlich mich ſchon der bloße Gedanke einer Entzweiung zwiſchen Dir und Deinem Vater ſchmerzt.“ Der Neffe gab keine Antwort. „In wenigen Jahren,“ fuhr die Tante fort,„wirſt Du volljährig und nicht nur geſetzlich, ſondern auch moraliſch Dein eigener Herr. Verſchiebe das Unter⸗ nehmen, das Dir ſo ſehr am Herzen liegt, bis dahin.“ „Keine Stunde länger als nöthig iſt, um meine Anordnungen zu treffen, Tante,“ antwortete der Jüngling gelaſſen.„Es wäre eine Feigheit— eine Niederträchtigkeit! Ich würde mich ſelbſt erniedrigen, wenn ich die Verläumdung meiner Mutter mit Still⸗ ſchweigen überginge. Auf welchen andern Verthei⸗ diger kann ſie denn rechnen, als auf ihren Sohn? Wer wird ihre Unſchuld verkündigen, wenn ich ſtumm bleibe? Ich höre ihre Stimme in den ſtillen Stun⸗ den der Nocht, ſehe Augen voll Liebe und Vertrauen in meinen Träumen auf mich gerichtet, die beide mich antreiben, voranzugehen. Es iſt meine Pflicht, mein Herz ſagt es mir, die Vernunft beſtätigt es und mein mrtrliches Gefühl flüſtert mir zu, daß meine Beſtre⸗ bungen von Erfolg gekrönt ſein werden. Ja,“ fuhr er fort,„ich werde dieſer abſcheulichen Lüge die Maske herabreißen, welche von gedankenloſen Men⸗ ſchen für Wahrheit gehalten wird, und der Welt 117 dieſelbe in ihrer ganzen abſcheulichen Nacktheit und Schlechtigkeit zeigen.“ „Du haſt aber auch Pflichten gegen Deinen Va⸗ ter,“ bemerkte ſeine Verwandte, welche nur mühſam ihren Thränen Einhalt zu gebieten vermochte „Ich werde dieß zeigen, indem ich ihn von ſei⸗ nem Irrthum überzeuge, Tante.“ Mrs. Dalton ſchüttelte betrübt den Kopf. Sie hatte zwar keinen Augenblick an der Unſchuld ihrer Freundin gezweifelt, aber ſie kannte leider auch die tief gewurzelte Ueberzeugung ihres Bruders von der Unwürdigkeit ſeiner Gattin,— eine Ueberzeugung, welche, wie ſie wohl wußte, durch moraliſche Be⸗ weiſe vom Gegentheil nicht erſchüttert werden konnte. „Ueberlege Dir die Sache reiflich,“ rief ſie bit⸗ tend;„um Deiner ſelbſt willen, überlege ſie reiflich.“ „Selbſt Ihre Bitten vermögen meinen Entſchluß nicht zu erſchüttern,“ unterbrach ſie unſer Held.„Sie vergeſſen, daß ſie meine Mutter iſt,— die Frau, der ich das Leben verdanke, an deren Bruſt ich als Kind ruhte, deren Arme mich umfingen, deren Lippen den erſten Segen über mich ſprachen und den erſten Kuß mir gaben;— es iſt ihre Ehre, die ich wieder her⸗ zuſtellen berufen bin. Kann es denn eine heiligere Sache geben? Wäre ich von Blindheit— ja von Lahmheit heimgeſucht,“ fuhr er mit ſteigender Leiden⸗ ſchaftlichkeit fort,„ſo würde Gott mir Kraft verlei⸗ hen, und mich bei meinem Vorhaben leiten.“ „Oliver!“ „Kein Wort weiter, wenn es nicht eine Billigung meines Entſchluſſes ausdrückt; es gibt Augenblicke im Leben, in welchen das Herz ein ſichererer Führer 118 iſt als die Vernunft und dieſer gehört darunter. Thun Sie mir nicht wehe damit,“ fügte er bei,„daß Sie mich zu der Weigerung zwingen, Sie anzuhören.“ „Nun, ſo möge Dich Gott ſegnen und Dein Un⸗ ternehmen gelingen laſſen, edler Junge!“ ſagte die Dame tief ergriffen.„Ich bin auch Mutter und weiß den koſtbaren Werth einer Liebe wie die Deinige zu ſchätzen. Der Beſchluß Deines Vaters muß aber noth⸗ wendiger Weiſe Deinem Vorhaben hinderlich ſein, denn ich kenne ihn zu genau, als daß ich unter die⸗ ſen Umſtänden auf ſeinen Beiſtand rechnete.“ „Ich werde ihn auch nicht darum angehen,“ be⸗ merkte der Jüngling in einem mehr betrübten als bittern Tone. „Meine Mittel,“ fuhr Mrs. Dalton fort,„ſind zwar nicht ſehr groß; ſie überſteigen aber doch meine Bedürfniſſe, und in einem ſolchen Fall gereicht Spar⸗ ſamkeit— ja ſelbſt Entbehrung— zum Vergnügen. Ich brauche Dir nicht zu ſagen, daß Du über das, was ich zu erübrigen vermag, verfügen kannſt.“ „Zum erſtenmal in meinem Leben,“ rief Oliver, „fühle ich den Wunſch, reich zu ſein. Ich werde von Ihrem Anerbieten aber, beſte Tante, nur in der äußerſten Noth Gebrauch machen; ich habe einen Freund, der, wenn ich ihn recht beurtheile, mir be⸗ reitwillig Beiſtand leiſten wird.“ „Einen Freund?“ „Ja, Philipp's Vormund, Mr. Compton.“ „Und den willſt Du darum angehen?“ „Nein,“ verſetzte unſer Held;„dazu kann ich mich nicht verſtehen, aber ich kann ihm meine Verlegenheit mittheilen, und wenn ihn dieſe Eröffnung nicht ver⸗ 1 5 119 anlaßt, mir ſeine Dienſte anzubieten, ſo würde eine Bitte doch nur durch eine obſchlägige Antwort be⸗ worden ſein. Ich werde ihn jetzt ſogleich be⸗ uchen.“ „Du biſt von der Reiſe noch ermüdet,— ruhe ein wenig aus,“ ſagte ſeine Verwandte beſorgt. „Ausruhen,“ wiederholte Oliver.„Ach! Sie ken⸗ nen die Unruhe nicht, die mich verzehrt. Ich habe meine Mutter als eine Diebin bezeichnen hören; hätte ein Mann dieſe ſchändliche Verläumdung aus⸗ geſprochen, ſo hätte ich ihm aus dem lügneriſchen Munde die Zunge herausgeriſſen; aber es war eine Frau, und ich ertrug den Schimpf, den dieſes Wort in Flammenſchrift in meinem Herzen und Kopfe zu⸗ rückließ.“ „Eine Frau!“ ſagte Mrs. Dalton.„Wer konnte eine ſo herzloſe Grauſamkeit begehen?“ „Die Haushälterin von Rockingham Hall, ein abſcheuliches, boshaftes, altes Weib, welches nur eine Tugend zu beſitzen ſcheint,— Treue gegen ihre frü⸗ here Herrin.“ „Du ſprichſt von Mrs. Daws.“ „Kennen Sie ſie, Tante?“ „Sie war Kammerjungfer bei der Lady Vavaſſour und deren Aufpaſſerin auf ihre Mündel.“ „Dann können Sie mir auch vielleicht erklären, weßhalb dieſelbe, als ſie den Namen von Iſabella's Gouvernante hörte, welche ich, trotz Ihrer guten Meinung von derſelben, für nichts weniger als eine Freundin meiner theuren Mutter zu halten geneigt bin, von Schrecken ſo ſehr überwältigt wurde, daß ſie in Ohnmacht ſiel.“ 120 „Es herrſchte große Eiferſucht zwiſchen beiden,“ verſetzte die Tante.„Man ſagte ſogar, die Haus⸗ hälterin habe auf Anſtiften ihrer Herrin Mademoi⸗ ſelle Marelle zu vergiften geſucht; es ſcheint aber, daß dieſe Anklage falſch war.“ „Und weßhalb ſollte ſie denn ein ſo nutzloſes Verbrechen verſucht haben?“ fragte der Reffe. „Der Grund war ein vermeintliches Verhältniß zwiſchen Sir Cuthert Vavaſſour und der Gouver⸗ nante, das die Lady mißbilligte. Deine gute Mutter glaubte nicht daran und ſchenkte der Mademoiſelle bis zuletzt fortwährend ihr Vertrauen. Sie behielt ſie ſogar nach ihrer Vermählung bei ſich—“ „Bis zu der Zeit— des— des—“ Oliver vermochte es nicht über ſich, den Satz zu vollenden. „Ja,“ ſagte Mrs. Dalton, die ihn vollkommen verſtand. „Mein Widerwille gegen Mademoiſelle iſt viel⸗ leicht nicht ſo ungegründet, als Sie denken,“ rief er aus.„Diejenigen, welche meine Mutter am meiſten haßten, mußten ein vertrautes Werktzeug in ihrer Nähe gehabt haben, um ihren Untergang herbeizu⸗ führen.“ „Oliver, Du biſt ungerecht.“ „Wenn mein Verdacht ungegründet iſt und ich der Mademoiſelle Unrecht thue, ſo ſoll ſie auch Ge⸗ nugthuung von mir bekommen,“ verſetzte der Jüng⸗ ling.„Für jetzt bin ich noch zu aufgeregt, um ruhig darüber nachdenken zu können. Mein erſter Schritt, den ich zu thun beabſichtige, iſt, Mr. Compton zu ſprechen. Wenn er mich im Stich laſſen ſollte—“ 121 Seine Tante hielt ihm die Hand hin. Unſer Held verſtand dieſe Bewegung und das Anerbieten, das dieſelbe in ſich ſchloß. Er drückte die Hand an ſeine Lippen, verließ das Zimmer und unmittelbar darauf auch das Haus, um den Mäkler in der City aufzuſuchen. Mrs. Dalton ſetzte ſich an den Tiſch und fing an zu ſchreiben. „Es wird das Herz meiner unglücklichen Freun⸗ din erfreuen,“ murmelte ſie,„wenn ſie erfährt, was für einen Sohn ſie hat.“ Als unſer Held nach Mark⸗lane kam, ſchüttelte er Rondal die Hand, den er jetzt am Pult bei den ältern Commis fand, und ging in das Privatcomp⸗ toir von deſſen Principal, der ihn mit gewohnter Herzlichkeit empfing. John Compton las auf dem Geſicht ſeines Beſuchers, daß dieſer ihm etwas Wich⸗ tiges mitzutheilen habe. „Was gibt es?“ fragte er.„Es bedarf keiner Bedenklichkeit zwiſchen uns beiden.“ „Ich danke Ihnen,“ ſagte Oliver.„Ich wünſche Sie um Rath zu fragen.“ „In Betreff Philipps?“ „Nein, in meinen eigenen Angelegenheiten.“ „Dieſe intereſſiren mich nicht weniger,“ bemerkte der Geſchäftsmann.„In drei Minuten bin ich zu Ihren Dienſten.“ Innerhalb der bezeichneten Zeit hatte der Mäkler zwei Briefe ſeiner Correſpondenten geleſen und meh⸗ rere Wechſel unterzeichnet, die er einem ſeiner Com⸗ mis mit dem Befehle zuſtellte, daß er im jetzigen Au⸗ genblicke durch Niemand geſtört werden wolle. 122 „Nun, mein lieber Junge, bin ich bereit, Sie anzuhören.“ Unſer Held theilte ihm die traurige Epiſode im Leben ſeiner Mutter mit,— das Benehmen ſeines Vaters, indem er ſich von dieſer getrennt,— ſeine eigene feſte Ueberzeugung von deren Unſchuld und ſeinem Entſchluß, daß er ſich die große Aufgabe ge⸗ ſtellt habe, den guten Namen derſelben wieder her⸗ zuſtellen, anſtatt nach Malta auf den Agamemnon ſich zu begeben. Als er zu Ende war, gab zu ſeiner großen Be⸗ trübniß und zu ſeinem Erſtaunen John Compton keine Antwort, ſondern blieb, den Kopf in ſeinen Händen begraben, über das nachſinnend, was er ge⸗ hört hatte. Glaubt er etwa, ich wolle ihn um ſeinen Bei⸗ ſtund angehen? dachte Oliver Brandreth und ſein Geſicht röthete ſich bei dieſer Vermuthung. Der Mäkler blickte auf und las was im Geiſte des jungen Mannes vorging. „Es handelt ſich nicht um's Geld,“ bemerkte er ruhig, indem er ihm zugleich die Hand hinſtreckte; „Sie ſind mir unter allen Umſtänden willkommen. Aber ich bin eben mit mir zu Rath gegangen, ob ich berechtigt ſei, einen Sohn zu unterſtützen, der ge⸗ gen ſeines Vaters Willen zu handeln im Begriff iſt. Es iſt dieß eine ernſte Frage,“ fuhr er fort,„die nicht ſo leicht zu entſcheiden iſt.“ Dieſe Worte nahmen ſeinem Beſucher eine ſchwere Laſt von dem Herzen, der ſich mehr verletzt als ent⸗ täuſcht geſehen haben würde, wenn John Compton ſeinen Wünſchen nicht entſprochen hätte. 123 „Sie ſagen, der Kapitän weigere ſich, Sie in Ihren Plänen zu unterſtützen?“ „So iſt es, mein Herr.“ „Aber er verbietet Ihnen nicht ausdrücklich die Ausfſthrung derſelben?“ Unſer Held beantwortete dieſe Frage damit, daß er ihm den ſo eben erhaltenen Brief überreichte. Der Mäkler durchlas ihn aufmerkſam. „Hm! weder geſchäftsmäßig noch freundſchaftlich!“ murmelte er, den Inhalt commentirend.„Ich erin⸗ nere mich, daß Major Henderſon mir ſagte, er billige das Verfahren Ihres Vaters in dieſer unglücklichen Geſchichte durchaus nicht, in welcher er allzu viel Ehrgefühl und zu wenig geſunde Beurtheilung an den Tag gelegt habe. Hliver Brandreth,“ fuhr der alte Mann mit großer Bedächtigkeit ſprechend, fort, „mein Entſchluß iſt gefaßt. Ihre Abſicht iſt edel und Gott wird Ihr Vorhaben ſegnen. Sie können über die Zeit, den Einfluß und die Erfahrung John Comptons verfügen.„Sein Geld,“ fügte er bei,„iſt in dieſes Anerbieten zu jedem Betrag ſelbſtverſtänd⸗ lich eingeſchloſſen.“ Mit einem Zartſinn, den vielleicht wenige bei ihm vorausgeſetzt hätten, wandte er ſich abſeits, um nicht die Thränen der Dankbarkeit zu ſehen, die in den Augen ſeines Beſuchers zitterten. „Ich hatte im Sinn, an Ihren Vater zu ſchrei⸗ ben,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, zum dieſen zu bitten, Philipp zu erlauben, daß er Sie auf Ihrer Reiſe begleiten dürfe; aber dieſes neue Project hat meine Pläne ganz zerſtört. Wohin beabſichtigen Sie denn zu gehen?“ 124 „₰0, gedenke Italien zu beſuchen.“ Ah!“ „Dort Sir Cuthert Vavaſſour aufzuſuchen und dieſen zu zwingen, der Unglücklichen gerecht zu wer⸗ den, der er ſo ſchändlich mitgeſpielt hat.“ „Gemach, gemach, junger Herr, nicht ſo hitzig!“ rief der erfahrenere Weltmann.„Welche Beweiſe haben Sie, däß dieſer auf irgend eine Weiſe in die Geſchichte verwickelt iſt?“ „Mein Herz ſagt mir, daß dieß der Fall iſt,“ bemerkte unſer Held;„ſein Leben beſtätigt mir dieß. Warum verſteckt er ſich im Auslande, hält ſeinen Aufenthaltsort geheim? Sie werden mir vielleicht darauf antworten: weil er arm iſt; aber Armuth iſt kein Verbrechen.“ „Nahezu doch in den Augen der meiſten Men⸗ ſchen,“ bemerkte der Kaufmann trocken.„Doch laſſen wir dieß jetzt. Sie werden ſchon eines Tags finden, daß Geld ein nicht zu verachtendes Ding iſt. Ich verſprach, Ihnen mit meiner Erfahrung zu dienen und dieſe ſoll Ihnen zu Theil werden. Geſtatten Sie mir nur einige Tage, um meinen Plan zur Reife zu bringen. Nicht wahr, Sir Cuthert hätte Ihre Mutter heirathen ſollen?“ „So hörte ich, mein Herr.“ „Und ihr Vermögen würde ſeine Güter von Schul⸗ den frei gemacht haben. Wohl möglich, daß Ihr Verdacht doch nicht ſo ganz grundlos iſt; aber ver⸗ geſſen Sie nicht, daß es ſich vorerſt nur um einen Verdacht handelt, weßhalb Sie vorſichtig handeln müſſen. Apropos, wie hieß der Juwelier, welcher— Sie verſtehen mich?“ 125 „Maſters, mein Herr,“ antwortete OHliver unter tiefem Erröthen. John Compton notirte ſich dieſen Namen. „Und er wohnt in—? „Bath, mein Herr.“ „Das genügt,“ ſagte der Mäkler, auch dieſe No⸗ tiz aufſchreibend.„Und nun, lieber junger Mann, beſuchen Sie mich in einigen Tagen wieder. Sie werden dann alles zu Ihrer Reiſe geordnet finden. Pielleicht machen Sie dieſelbe nicht allein!“ „Philipp!“ rief der Jüngling erfreut. „Wie raſch Sie in Ihren Vermuthungen ſind,“ bemerkte John Compton, erfreut über den Ausdruck von Freundſchaft für ſeinen Mündel, die ſich durch Oliver's Haſt kundgab.„Nun, ja, vielleicht,“ fügte er bei, betroffen durch den Blick getäuſchter Hoffnung, welche ſeine Bemerkung vernichtet zu haben ſchien. „Merken Sie ſich aber wohl, kein Wort von unſerem Geſpräch.“ „Zweifeln Sie nicht an meiner Vorſicht.“ „Das iſt das einzige, woran ich bei Ihnen zwei⸗ feln könnte,“ verſetzte der alte Mann freundlich;„um mich daher ganz zu beruhigen, müſſen Sie mir ein Verſprechen geben. Darauf kann ich mich verlaſſen.“ Das Verſprechen wurde geleiſtet und der Beſucher verabſchiedete ſich, höchlich befriedigt von dem Reſul⸗ tat ſeiner Unterredung. Merkwürdig war es, daß der Geſchäftsmann, deſſen ganzes Leben ausſchließlich nur dem Handel gewidmet war, Oliver beſſer zu würdigen verſtand, als ſein Vater. Drei Tage hernach erhielt der Held unſerer Ge⸗ 126 ſchichte einen Brief von dem Vorſtand der großen Bankfirma Cent und Compagnie, in welchem Mr. Brandreth junior erſucht wurde, am folgenden Mor⸗ en um eilf Uhr wegen wichtiger Privatangelegen⸗ auf ihrem Comptoir ſich einzufinden. Noch vor wenigen Monaten hätte Oliver über das formelle Prädicat„Mr.“ vor ſeinem Namen ge⸗ lächelt, weil er den Jahren nach noch ein Knabe war, jetzt aber ließ er es als eine ſelbſtverſtändliche Sache gänzlich unbeachtet. Die Kenntnißnahme von dem ſeiner Mutter angethanen Unrecht hatte ihn zum Mann gemacht. Alles was er von ſeiner Tante erfahren konnte, der er das Billet mittheilte, war, daß Cent und Compagnie die Bankiers der Mrs. Brandreth ſeien. Mit pochendem Herzen fand er ſich zur bezeich⸗ neten Stunde ein, und wurde in ein Privatzimmer geführt, wo Joſua Cent, der ältere Principal ihn em⸗ pfing. Ein Seufzer der Enttäuſchung entſchlüpfte unſerem Helden, als er ſah, daß außer ihm Niemand ſonſt anweſend ſei. Er hatte gehofft,— ja faſt er⸗ wartet,— ſeine Mutter zu finden. Der Bankier deutete auf einen Stuhl gegenüber einer hohen, ſpaniſchen Wand, die ſorgfältig ange⸗ bracht war, um jede Zugluft abzuhalten. „Sie wiſſen vielleicht, junger Herr,“ ſagte das Haupt der Firma,„daß wir ſeit lange ſchon mit dem Vertrauen der Mrs. Brandreth beehrt ſind?“ „Meine Verwandte, Mrs. Dalton theilte mir dieß mit,“ verſetzte ſein Beſucher.„Ach! erſt ſeit wenigen Tagen weiß ich, daß ſie noch am Leben iſt und erfuhr 127 ich die traurige Geſchichte des an ihr verübten Un⸗ rechts und ihr Dulden.“ Ein Ton, wie ein unterdrückter Seufzer, ließ ſich hinter der Wand vernehmen, aber ein plötzlicher Reiz zum Huſten, der den Bankier befiel, verhinderte deſſen Beſucher, ihn zu hören. „Sie hat Ihren kindlichen Entſchluß vernommen, ihren guten Namen wieder herſtellen zu wollen, was ihr Herz mit Freuden erfüllte. Wir ſind von unſerer verehrten Clientin beauftragt, ſo viele Mittel zu Ihrer Verfügung zu ſtellen, als Sie bedürfen, um Ihren Vorſatz ausführen zu können. Es ſteht Ihnen frei, Wechſel auf uns zu ziehen.“ „Nicht einen Penny!“ unterbrach ihn der Jüngling. „Vielleicht wiſſen Sie nicht,“ bemerkte Mr. Cent in geſchäftsmäßigem Tone,„daß Ihre Mutter reich iſt.“ „Ein Freund— ein unvergleichlicher Freund hat dieß unnöthig gemacht,“ ſagte Oliver.„Es iſt mir nur um meiner Mutter Segen und deren Liebe und nicht um ihr Vermögen zu thun. „Ach, mein Herr,“ fuhr er fort,„verſchaffen Sie mir Gelegenheit, ſie ſehen, ihre Thränen trocknen, ihr beweiſen zu können, daß es wenigſtens ein Herz gibt, welches nie an ihrer Schuldloſigkeit in der gegen ſie gerichteten Anklage zweifelte, die zu ſchmählich iſt, als daß ſie geglaubt werden könnte.“ „Das kann ich nicht thun,“ antwortete der Ban⸗ kier.„Mrs. Brandreth iſt feſt entſchloſſen, keinem Mitglied ihrer Familie ihren Aufenthaltsort früher mitzutheilen, bis ihr Name von dem ſchmachvollen Flecken gänzlich gereinigt iſt, der ſeit vielen Jahren auf ihm haftet. Es thut mir leid, Ihnen eine ab⸗ 128 ſchlägige Antwort ertheilen zu müſſen, aber meine Verhaltungsbefehle lauten kategoriſch. Haben Sie einen Grund,“ fügte er bei,„mir den Namen des e zu verſchweigen, der Ihnen ſo edelmüthig eiſtand leiſtet?“ „Mein Wort iſt verpfändet, ihn geheim zu hal⸗ ten,“ lautete die Antwort. „So verſprechen Sie mir wenigſtens,“ ſagte der Bankier,„daß Sie im Nothfalle von dem Kredit Ge⸗ brauh machen, der Ihnen zur Verfügung geſtellt iſt.“ „Nein.“ „Dieſe Weigerung wird Ihrer Mutter Kummer vermehren.“ „Dann willige ich ein,“ antwortete Oliver.„Ach! was wollte ich nicht alles lieber erdulden, als Der⸗ jenigen eine Thräne zu verurſachen, die ſchon ſo viele vergoſſen hat.“ „Ich habe Ihnen nun,“ fuhr Mr. Cent fort, „dieſes Paket zu übergeben. Es enthält eine Erzäh⸗ lung, von Mrs. Brandreth geſchrieben, der peinlichen Umſtände, welche ich nicht näher zu berühren brauche. Urſprünglich war es ihre Abſicht, daß es erſt im Fall ihres Todes in Ihre Hände gelangen ſoll. Der Ent⸗ ſchluß, den Sie gefaßt, hat ſie aber veranlaßt, davon abzugehen.“ Unſer Held ergriff das Paket haſtig und drückte die Adreſſe an ſeine Lippen. „Das Fernehalten bricht mir das Herz!“ rief er aus.„Es iſt grauſam, ungerecht gegen ſich ſelbſt und gegen ihren Sohn. Wenn ſie wüßte, wie ich ſchon in der Kinderzeit meine jungen Kameraden be⸗ neidete, denen mütterliche Liebe, mütterliche Pflege 129 zu Theil wurde— wie wehe es mir that, daß der Himmel mich derſelben beraubt habe und wie oft ich in meinem Bette Morgens und Nachts betete, ſie möchte mir wenigſtens von Oben ihren Segen zu Theil werden laſſen.“ Während Oliver dieſe leidenſchaftlichen Worte ſprach, ſank eine bleiche, abgehärmte, ſtatuengleiche Geſtalt, welche während der Unterredung hinter der Wand geſtanden, und mit gierigen Ohren jedes Wort, das er ſagte, erlauſcht hatte, auf ihre Kniee und er⸗ flehte der Mutter Segen auf ſein Haupt. „Ich werde Wort für Wort wiederholen,“ ſagte der Bankier in demſelben trockenen, geſchäftsmäßigen Tone, in welchem er bis jetzt geſprochen hatte,„alles was Sie geäußert haben; und ſollte meine verehrte Clientin ihren Entſchluß ändern—“ Er hielt inne, als wenn er erwartete, daß Jemand den Satz für ihn vollenden ſollte; aber Mrs. Brand⸗ reth war mit einem letzten Blick auf ihren Sohn aus dem Zimmer geſchlüpft, gleichſam, als wenn ſie ihrer ferneren Feſtigkeit nicht mehr recht getraut hätte. „So will ich Ihnen denſelben zu wiſſen thun,“ ſetzte der Geſchäftsmann hinzu, deſſen Geſichtsausdruck ſich weder veränderte, noch Erſtaunen oder getäuſchte Erwartung ausdrückte. Ueberzeugt, daß alle weitere Bitten vergeblich wären, verabſchiedete ſich Oliver und eilte heim, um dort die erſte Mittheilung, die er von ſeiner lange betrauerten Mutter erhalten, zu durchleſen. Smith, Milly Mohne. I. 9 5 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. In der Einſamkeit ſeines Zimmers, die Thüre egen jede Ueberraſchung verſchloſſen, erbrach Oliver randreth das Siegel des Pakets, welches ihm der Bankier übergeben hatte. Es war kein Wunder, daß ſeine Hand zitterte, denn es war die erſte Mitthei⸗ lung, die er von ſeiner Mutter erhalten, welche er ſeit ſo langer Zeit ſchon todt geglaubt hatte. Es war ihre Geſchichte, die er leſen ſollte und nach wel⸗ cher er zwiſchen ihr und ſeinem Vater zu richten be⸗ rufen war. Das Paket enthielt mehrere Umſchläge; in dem erſten befand ſich ein Blatt Papier mit folgenden Linien: „Es lag in meiner Abſicht, daß die beige⸗ ſchloſſene Dentſchrift nicht eher in Deine Hand kommen ſolle, bis der Tod meinem traurigen und verlaſſenen Daſein ein Ende gemacht habe. Der edle Entſchluß aber, den Du gefaßt haſt, die kinbliche Liebe, die Du dadurch an den Tag gelegt haſt, daß Du Dich der Aufgabe unter⸗ ziehen willſt, den Namen Deiner unglücklichen Mutter zu reinigen, hat mich beſtimmt, meinen Entſchluß zu ändern. Zum erſtenmale ſeit Jah⸗ ren fällt ein Strahl von Hoffnung in meine Seele. Große Handlungen entſtehen nie von ſelbſt im menſchlichen Geiſte, ſondern ſie werden von Gott, zur Ausführung ſeiner Plane, einge⸗ geben. Möge Er Pich bei Deinem Unterneh⸗ men beſchützen und leiten,— den Segen beſtä⸗ 131 tigen, der mit unausſprechlicher Zärtlichkeit aus dem Herzen Deiner Mutter ſtrömt, den Du aber nie aus ihrem Munde vernehmen wirſt, bis ſie Dir gegenübertreten kann, ohne daß eine Wolke des Zweifels den Sonnenſchein ihrer Freude ver⸗ dunkelt. Es würde mich tödten, Oliver, wenn ich Mißtrauen in den Augen meines Sohnes leſen oder bemerken müßte, daß er erröthete, wenn ſeiner Mutter Name genannt wird. Nie⸗ malsl niemals! ſoll dieß geſchehen. „Sollte das Glück, um das ich in langen Jahren der Pein geweint und gebetet habe, mir verſagt bleiben, und der Tod mich von meinen Leiden erlöſen, ehe Du Deine Aufgabe erfüllt haſt, ſo gib dieſe deßhalb doch nicht auf; die Wahrheit muß eines Tages an's Licht kommen und es wird für mich ſüß ſein, mit der Ueber⸗ zeugung zu ſterben, daß das Kind, das ich liebe, mein Sohn, meine einzige Hoffnung und Stütze, eines Tages mit Stolz auf ſeiner Mutter Grab blicken wird. „Ich ſage nichts von Deinem Vater. Wenn das entſetzliche Geheimniß aufgeklärt und meine Unſchuld anerkannt iſt, wird mein Andenken mich rächen.“ „Ich ſollte meine Abſicht aufgeben!“ rief unſer Held auf die Knie ſinkend.„So lange noch ein Le⸗ benspuls in mir iſt, oder ich im Beſitze meiner Ver⸗ nunft bin, weihe ich mich der Ausführung derſelben. Mag auch das Vergnügen mit ſeinem Lächeln mich verlocken, Schönheit mir auf meinem Lebenspfad be⸗ gegnen, Ehrgeiz mich in Verſuchung führen,— alles 132 dieß ſoll mich nicht von meinem Ziele abbringen. Die Verlockungen der Jugend, die Zauberkraft der Liebe, welche das Herz mit wonnigen Träumen er⸗ füllt,— nichts ſoll mich in meinem Entſchluſſe wan⸗ kend machen. Ich ſchwöre Dir dieß zu, Mutter, bei Deinen Thränen und Deinem Kummer; bei dem lau⸗ ten Schrei der Natur in meinem Herzen, deſſen ſtumme Beredtſamkeit mich von Deiner Unſchuld überzeugt.“ Oliver Brandreth erhob ſich langſam wieder von den Knieen; es verfloſſen aber mehrere Minuten, ehe ſeine Rührung ihm geſtattete, die Mittheilung zu leſen, welche der zweite Umſchlag enthielt. Es lag etwas Feierliches in dem Gedanken, daß die Ver⸗ faſſerin die Abſicht gehabt habe, die Schrift ihm nicht früher vor Augen zu bringen, als bis die Hand, welche ſie niedergeſchrieben, im Grabe ruhe. Die Aufſchrift lautete: „An meinen geliebten Sohn. An ihn zu übergeben nach meinem Tod.“ „Du wirſt erſtaunt ſein, ſo ſpät erſt zu er⸗ fahren, daß noch eines Deiner Aeltern lebte, welches Du längſt für todt hielteſt— Deine Mutter, deren Daſein vernichtet wurde auf eine ihr ſelbſt und Andern unerklärliche Weiſe, wenn maon nicht der abgeſchmackten Vorausſetzung Glau⸗ ben ſchenken will, daß ſie in überlegter Weiſe, ohne jeden vernünftigen Grund, ein Verbrechen begangen habe, um Glück und Ehre gegen den Namen einer Verhrecherin einzutauſchen. „In früher Jugend Waiſe geworden, unter die Obhut ihrer einzigen weiblichen Verwandtin, der verwittweten Lady Vavaſſour geſtellt, wurde 133 Deiner Mutter Reichthum ein Gegenſtand der Speculation ihrer ſtrengen Vormünderin, welche in der Vermählung ihres Sohnes, des Sir Cut⸗ hert, mit ihr, das Mittel erblickte, das Vermö⸗ gen ihrer Familie wieder herzuſtellen. „Sie ſollte ſich aber in dieſem Punkte ge⸗ täuſcht ſehen. Ihr Mündel fühlte keine Liebe zu ihrem Vetter, deſſen ſtolzer und leidenſchaft⸗ licher Geiſt ihr Angſt einflößte und die man⸗ cherlei Gründe hatte zu glauben, daß ſein Herz der Mademoiſelle Marelle, einer jungen Fran⸗ zöſin, angehöre, die lange ihre Geſellſchafterin geweſen war und deren Benehmen gegen ſie in allen Fällen, einen einzigen ausgenommen, auf⸗ richtig und liebevoll geweſen zu ſein ſchien. „Deine unſchuldige Mutter beabſichtigt nicht, ihren Lebenslauf zu ſchreiben,— ſie beſitzt dazu weder die Kraft, noch die Neigung— ſondern nur die Umſtände mitzutheilen, welche einen ſo ſchwarzen Flecken auf ihr Daſein warfen. Seit⸗ dem iſt dieſes werthlos für ſie geworden. „Ohne die Zuſtimmung ihrer Vormünderin ſich zu erbitten, welche ihr doch nicht ertheilt worden wäre, glaubte Deine Mutter, dem blin⸗ den Vertrauen ihres Mädchenherzens folgend, daß die Liebe, welche ſie für den Gatten ihrer Wahl fühlte, gegenſeitig ſei. Sie bildete ſich ein, einen Beſchutzer ſich gewonnen zu haben. Er zeigte ſich aber leider! als ein kalter, mit⸗ leidsloſer Richter. „Die Ehre war ſein Abgott, den er ſo phan⸗ taſtiſch, ſo blind verehrte, daß er dieſem falſchen 134 Götzen die Frau zum Opfer brachte, die zu be⸗ ſchützen er geſchworen hatte. „Während der Abweſenheit ihres Gatten wohnte die junge, unerfahrene Frau in Bath, wo Du geboren wurdeſt. Sie verweilt nicht bei dem Entzücken, mit welchem ſie dieſes glückliche Er⸗ eigniß begrüßte,— bei dem Stolz und der Freude, die ſie im Voraus fühlte, Dich Deinem Vater zu zeigen; die Vernunft würde unter dieſer Aufgabe ſie verlaſſen, und dieſer Proteſt gegen die Un⸗ gerechtigkeit der Welt dadurch unvollendet bleiben. „Deine Mutter hatte ihr Miniaturbild, mit Dir auf den Armen, zum Geſchenk für ihren Gat⸗ ten bei ſeiner Rückkehr malen laſſen und in Be⸗ gleitung der Mademviſelle Marelle in den La⸗ den von James Maſters, dem erſten Juwelier in Bath ſich begeben, um daſſelbe in ein Arm⸗ band faſſen zu laſſen. Der Mann legte eine Menge der koſtbarſten Waaren ihr vor, um ſie zu einem Kauf zu verlocken; die Beſucherin machte ſich aber wenig aus Juwelen; ſie beſaß der Diamanten ſo viele, daß man eine indiſche Braut damit hätte ſchmücken können, obgleich ſie die⸗ ſelben ſelten trug. Bei ihrer Rücktehr nach Hauſe ſiel ein Smaragdring aus ihrem Sacktuch. „Wie fatal,“ rief ihre Begleiterin. „Sagen Sie lieber, wie ſonderbar, daß dieſer Gegenſtand unbemerkt in mein Sacktuch kommen konnte,“ verſetzte Deine Mutter. „Der Wagen ſtand noch vor der Hausthüre, ſie fuhr deßhalb augenblicklich zurück und hän⸗ digte den Schmuckgegenſtand ſeinem Eigenthümer 135 wieder ein, welcher erklärte, daß er ihn noch gar nicht vermißt habe. Hätte er nur den min⸗ deſten Zweifel blicken laſſen, ſo würde Deine Mutter niemals wieder ſeinen Laden betreten haben. „Wenige Tage hernach traf die Nachricht ein, daß Kapitän Brandreth's Schiff in Portsmouth erwartet werde. „Seine Gattin in der Ungeduld ihres Her⸗ zens,— im Stolze ihrer mütterlichen Liebe, be⸗ ſchloß, ihm entgegen zu fahren und ihm dort ſei⸗ nen Erſtgeborenen zu zeigen. In höchſter Auf⸗ regung, halb wahnſinnig vor Freude, eilte ſie zu dem Juwelier, um dort ihr Miniaturbild zu verlangen. Ihr Benehmen mochte unruhig und verwirrt erſchienen ſein. Möglicher Weiſe war dieß der Fall,— wenigſtens beſchworen ſeine Zeu⸗ gen, daß dieß der Fall geweſen ſei, als ſie das Armband bezahlte und ſodann wieder in den Wagen ſtieg. „Unglücklicher Weiſe war ſie allein dahin ge⸗ gangen, was das Folgende noch merkwürdiger und unerklärlicher macht. „Abends, als ſie das Bildniß einigen Freun⸗ dinnen zeigte, die bei ihr in ihrem Hauſe zum Beſuch anweſend waren, wurden ihr Polizeibe⸗ amte gemeldet. Sie hatten eine Vollmacht zur Durchſuchung bei ſich, Maſters hatte beſchworen, beſtohlen worden zu ſein und eine Kette von bedeutendem Werth wurde in dem Schmuck⸗ käſtchen Deiner unglücklichen Mutter gefunden. 136 „Stelle Dir das Entſetzen dieſes Moments vor, Oliver. Vergebens betheuerte ſie ihre Un⸗ ſchuld. Ihre Worte wurden mit un läubigen Blicken aufgenommen. Immerhin blieb ihr aber noch ein Freund,— ihr Reichthum. Eine Kau⸗ tion zu hohem Betrag wurde angenommen. Sie bildete ſich auch ein, einen Beſchützer zu beſitzen, und zu dieſem floh ſie in Begleitung der Made⸗ moiſelle Marelle und ihres Kindes. Aber die giftige Zunge der Verläumdung hatte dort be⸗ reits ihr Werk gethan. Ihr Gatte weigerte ſich, ſie bei ſich aufzunehmen und trennte ſie von ihrem Kinde. „Deine Mutter verlor mehrere Monate lang die Vernunft.“ Unſer Held ließ das Papier fallen: ſeine Thränen hatten ihn völlig blind gemacht,— er vermochte nicht weiter zu leſen. „Gott!“ rief er aüs,„erſticke die bittern Gedan⸗ ken, die in meiner Bruſt aufkeimen, die Worte der Verachtung auf meinen Lippen, denn er iſt mein Va⸗ ter. Muth! Muth!“ fuhr er fort,„um dieſen Be⸗ richt des Elends bis zu Ende zu leſen.“ Er hob das Papier vom Boden auf und drückte es mit Ehrerbietung an ſeine Lippen, als ob es die der Leiden eines heiligen Märtyrers ent⸗ ielte. „Sobald die Vernunft Deiner Mutter wieder hergeſtellt war, eilte ſie nach Bath, um ihrem Ankläger gegenüber zu treten und eine gründliche Unterſuchung zu verlangen. Was nützte es ſie aber, daß die Beamten mit kalter Höflichkeit ihre Betheu⸗ 137 rungen voll Unwillen anhörten: ſie konnten— oder vielmehr wollten nichts thun. Kapitän Brandreth hatte die Anklage durch Vergleich niedergeſchlagen. „Ein einzigesmal, als ein Zweifel über ſeine Ungerechtigkeit in ihm aufſtieg, ſchrieb er an ſeine unglückliche Gattin und gab ſeine Bereitwillig⸗ keit zu erkennen, ihre Erläuterungen, die ſie etwa zu geben vermöchte, anhören zu wollen. „Sein Brief wurde aber an ihn zurückgeſchickt; der Pfeil hatte ihr Herz durchbohrt, und ſeine Hand war nicht im Stande, denſelben heraus⸗ zuziehen. „Seit dieſem Ereigniſſe wohnt das Opfer die⸗ ſes ſchwarzen Complotts— denn ein Complott mußte es geweſen ſein,— bei einem bejahrten Freunde, der verſprochen hat, dieß zu übergeben und Dir den letzten Segen einer tief gebeugten Mutter zu bringen, weiche in der ſeligen Hoff⸗ nung ſtirbt, daß ihr Sohn ihrem Angedenken gerechter ſein wird, als die Welt es gegen ihren Namen war.“ „Die Welt ſoll ihr ſchon jetzt gerecht werden,“ rief Oliver Brandreth in großer Aufregung:„ſie ſoll ihren Irrthum einſehen lernen und ſich über die Härte ihres Urtheils entſetzen. Man müßte am Himmel zweifeln,“ fuhr er fort,„wenn man nicht feſt über⸗ zeugt wäre, daß der Schleier der Sünde und des Geheimniſſes endlich zerriſſen wird. Meine Seele ſehnt ſich nach Thätigkeit; es drängt mich, das heilige Un⸗ ternehmen zu beginnen. Wehe, wehe über ihre An⸗ kkläger, wenn dieſe einſt entlarvt und überwieſen da⸗ ſtehen. Sie ſollen mich ebenſo mitleidslos finden, als ihr Verbrechen geweſen iſt; ebenſo hart wie ihre eigenen ſchlechten Herzen!“ Ehe unſer Held ſein Zimmer verließ, überlas er nochmals die einfache und doch ſo ergreifende Ge⸗ ſchichte; dann ſetzte er ſich an ſeinen Schreibtiſch und copirte ſie Wort für Wort, um ſie ſeinem Vater zu überſenden. Es ſollte dieß zur Rechtfertigung des Schrittes dienen, den er zu thun im Begrifſe ſtand. Nach ſei⸗ ner Ueberzeugung bedurfte es keiner weitern Ent⸗ ſchuldigung. 4 Mrs. Dalton war die einzige Perſon, der er das Original zeigte. Die gutmüthige Frau weinte, als ſie es las; jede Linie beſtärkte ſie in der Ueberzeu⸗ gung, die ſie ſtets von der Unſchuld ihrer unglück lichen Freundin gehegt hatte. Wie langſam ſchleppt ſich die Zeit hin, wenn Er⸗ wartung die Stunden zählt. Oliver Brandreth war⸗ tete Tag für Tag auf die Aufforderung von John Compton; zuweilen bildete er ſich ein, derſelbe habe ihn vergeſſen, dann aber klagte er ſich ſogleich wie⸗ der der Ungerechtigkeit an. Es verfloß eine ganze Woche, ehe endlich dieſe Aufforderung eintraf. Als er die Privatwohnung des würdigen Mäklers erreichte, wurde ihm die Thüre zu ſeinem großen Er⸗ ſtaunen von Peter Marl geöffnet. „Sie in London?“ rief er aus. „Das iſt nicht ſchön, Peter,“ ſagte Philipp, der ebenfalls erſchienen war, um ſeinen Freund zu be⸗ grüßen.„Sie ſind mir zuvorgekommen.“ 139 „Das bin ich allerdings, Mr. Blandford,“ ant⸗ wortete der Veteran;„aber ſeien Sie deßhalb nicht böſe auf mich. Kotswold iſt ſo langweilig geworden, ſeit Sie es verlaſſen haben und ich war ſo glücklich, Sie beide wieder zu ſehen.“ „Beide?“ wiederholte der Jüngling muthwillig. „Nun, ich denke, es wäre undankbar, nach einem ſol⸗ chen Compliment Streit mit Ihnen anzufangen.“ „Ich danke Ihnen, junger Herr.“ „Komm,“ fuhr Philipp fort, unſern Helden am Arm nehmend,„ich habe noch eine andere Ueberra⸗ ſchung für Dich.“ Während Oliver über den Vorplatz ging, erfreute er noch den alten Soldaten mit einem herzlichen Händedruck. Im Bibliothekzimmer fand er nicht nur den Mä⸗ kler, ſondern auch den Major Henderſon, die ihn hier erwarteten. Beide hießen ihn auf's liebevollſte will⸗ kommen. Der Herr des Hauſes ſah auf ſeine Uhr. „Nur noch eine halbe Stunde bis zum Mittag⸗ eſſen,“ ſprach er;„vielleicht iſt es das Beſte, alle Er⸗ klärungen zu verſchieben, bis wir geſpeist haben.“ Oliver blickte den Major bittend an. „Wenn Ihre Gaſtfreundſchaft allen Ihren Gäſten zu gut kommen ſoll, ſo glaube ich kaum, daß dieß das Beſte iſt,“ bemerkte der letztere.„Es iſt merk⸗ würdig, wie viele Fragen in dreißig Minuten geſtellt und beantwortet werden können.“ „Nun, ganz wie es Ihnen beliebt,“ erwiderte der Gaſtfreund.„Philipp und ich wollen indeſſen nach dem Weine ſehen.“ Damit verließ er das Zimmer. Er gehörte unter die Menſchen, die es nicht gerne mit anhören, wenn man von ihren guten Handlungen ſpricht; er gab lieber jederzeit insgeheim Hunderte zu einem milden Zweck, als daß er ſeinen Nam⸗ auf einer Sub⸗ ſcriptionsliſte mit fünf Pfund geſehen hätte. „Mr. Compton,“ ſagte der Major, ſobald ſie allein waren,„hat mir den männlichen und muthi⸗ gen Entſchluß mitgetheilt, den Sie gefaßt haben, um das Geheimniß aufzuklären, das den Namen Ihrer Mutter trübt. Grämen Sie ſich nicht darüber, lie⸗ ber Junge, daß ich darauf anſpiele; als alter Freund Ihres Vaters iſt mir längſt jede Einzelnheit aus der Geſchichte Ihrer Mutter bekannt, und mehr als ein⸗ mal lief ich Gefahr, ihn dadurch zu beleidigen, daß ich ſein Benehmen mißbilligte. Unſer Gaſtfreund hat verſprochen, Ihnen bei Ihrem Unternehmen hilfreiche Hand zu leiſten. Er hat dadurch eine große Ver⸗ antwortung auf ſich genommen und derſelben auf die edelſte Weiſe ſich entledigt. Hören Sie den Plan, den er vorſchlägt.“ „Theilen Sie mir ihn gefälligſt mit.“ „Sie und ſein Mündel ſollen nach Italien reiſen, nicht unter meiner Obhut, ſondern unter jener ſchützen⸗ den Sorgfalt, wie ſie Alter und Erfahrung, ein Va⸗ ter ſeinen Söhnen angedeihen laſſen kann. Ich habe bereits einen Stellvertreter für mich in Carwell Hall beſtellt,“ fügte er bei,„und in wenigen Tagen werden wir unſere Reiſe antreten, welche, wohl ver⸗ ſtanden, nur zu dem Zweck unternommen wird, um das große Unternehmen in Ausführung zu bringen, das Sie vorhaben. Sind Sie damit zufrieden?“ 141 „Zufrieden! ich bin im höchſten Grade dankbar.“ „Ich habe aber noch eine andere Anordnung ge⸗ troffen,“ fuhr der Major lächelnd fort,„gegen die Sie vielleicht Einſprache erheben.“ Sein ehemaliger Zögling ſah ihn mit Erſtau⸗ nen an. „Ich habe Peter halb und halb verſprochen, daß er uns begleiten dürfe. Er iſt ein alter Veteran und kann uns nützlich ſein.“ „Ich könnte mir gar nichts Angenehmeres wün⸗ ſchen,“ rief Oliver erfreut von der Ausſicht, den al⸗ ten Kriegsmann in ſeiner Nähe zu behalten.„Wie kann ich je ſolche Güte, ſolchen Edelmuth vergelten?“ „Dadurch, daß Sie wenigſt möglich Worte dar⸗ über machen,“ antwortete Major Henderſon,„denn Mr. Compton vhat einen entſchiedenen Widerwillen gegen alle Dankesbezeugungen. Soll ich Ihnen ſa⸗ gen, auf welche Weiſe Sie Ihren Gefühlen genügen und ihm zugleich gerecht werden können?“ „Es wird mich dieß Ihnen nur noch mehr ver⸗ binden, nachdem ich Ihnen ſchon ſo Vieles ſchulde.“ „Dadurch, daß Sie nichts thun, als ihm ſtill⸗ ſchweigend die Hand drücken.“ „Wird er mich dann nicht für kalt halten,“ rief der Jüngling—„für gefühllos gegen ſein edles Be⸗ nehmen, das er mir zu Theil werden läßt?“ „Verlaſſen Sie ſich darauf, lieber Junge,“ erwi⸗ derte der Major,„John Compton wird Sie verſte⸗ hen. Noch ein Wort der Erklärung und ich bin zu Ende. Weder ſein Mündel noch Peter Marl dürfen entfernt ahnen, daß unſerer Reiſe ein weiterer Zweck, als die Vollendung eurer Erziehung durch Reiſen im „ 142 Auslande zu Grunde liegt, obgleich ich jederzeit mein Leben zum Pfand einſetzen würde,“ ſetzte er hinzu, „daß ich mich auf die Verſchwiegenheit und Treue mei⸗ nes alten Kameraden verlaſſen kann.“ „Und ich auf Philipp's Hingebung für mich,“ ſagte unſer Held.„Seien Sie überzeugt, daß ich die Delicateſſe Ihres Verlangens vollkommen zu wür⸗ digen weiß.“ „Was die Umänderung eurer Namen betrifft, welche unſer Gaſtfreund und ich für räthlich halten, ſo ſind nach den verſchiedenen Verſuchen, welche auf die Freiheit, wenn nicht gar auf das Leben ſeines Mündels gemacht worden ſind, dafür mehr als ge⸗ nügende Gründe vorhanden.⸗ Beim Eintreten in das Speiſezimmer ſchritt Oli⸗ ver Brandreth ruhig auf den würdigen Mäkler zu und ſchüttelte ihm ſtillſchweigend die Hand. „So iſt's recht,“ flüſterte der alte Mann;„nur keine unnützen Worte; ich kann dieſe nicht leiden.“ „Wenn Sie nur wüßten— mein Herz fließt mir über, mein Herr.“ „Ich weiß es!“ unterbrach ihn ſein Wohlthäter in demſelben halblauten Tone⸗„und gerade aus die⸗ ſem Grunde wünſche ich nichts zu hören. Nehmen Sie Ihren Stuhl ein. Philipp, ſprich das Gebet.“ Pas Mittageſſen ging ziemlich unter Stillſchwei⸗ en vorüber. Philipp war der Einzige, der in guter 4 war, im Hinblick auf die bevorſtehende Reiſe und bei der Ausſicht, daß er ſeinen Freund Oliver begleiten dürfe. Er ahnte entfernt nicht, welche pein⸗ liche Gefühle, welche Hoffnungen und Zweiſel in dem Herzen ſeines ſonſt ſo muntern Schultameraden kämpi⸗ 143 ten, der mit melancholiſchem Lächeln zuhörte, wie er im Vorgenuſſe ſchwelgte und Pläne für das bevor⸗ ſtehende Vergnügen entwarf. Bei ſeiner Rückkehr nach Hauſe theilte unſer Held der Mrs. Dalton mit, was für Anordnungen zur Ausführung ſeiner abenteuerlichen Aufgabe getroffen worden ſeien, und nahm dafür die Glückwünſche ſei⸗ ner Verwandtin entgegen, die ſicher ſehr aufrichtig gemeint waren, da das Bedauern über die Ausſicht ſeines Weggehens ſich darein miſchte. „Du ſcheinſt aber deßhalb doch nicht zufrieden zu ſein,“ ſprach ſie, frappirt von dem nachdenklichen und beſorgten Ausdruck ſeines Geſichts. „Ich dachte an meinen Vater,“ verſetzte der Neffe. „Iſt es nicht auffallend, daß Jedermann mir Ver⸗ trauen ſchenkt und mein Benehmen billigt, mit Aus⸗ nahme des Urhebers meines Daſeins? Er iſt der einzige Menſch, der je an mir zweifelte.“ „Es liegt dieß in ſeiner Natur.“ „Ich wollte, daß bieſe vertrauensvoller wäre!“ rief Oliver Brandreth ſeufzend. „Das iſt Thorheit, lieber Junge.“ „Sie haben Recht,“ antwortete der Jüngling. „Bedauern iſt Thorheit, denn dieſes vermag die Ver⸗ gangenheit nicht ungeſchehen zu machen und ich will deßhalb wo möglich daſſelbe mir aus dem Sinne ſchlagen. Ich werde meine ganze Thatkraft und mei⸗ nen Muth zu dem Unternehmen nöthig haben, das ich auszuführen im Begriff ſtehe. Eine innere Stimme flüſtert mir zu, daß Sir Cuthbert Vavaſſour kein ge⸗ wöhnlicher Feind iſt, den ich zu bekämpfen habe. Sie. kennen ihn, Tonte; beſchreiben Sie mir ihn,— nicht 144 ſeine Geſichtszüge, das Porträt, das ich von ihm in Rockingham Hall ſah, hat mich dieſelben bereits ken⸗ nen gelehrt,— ſondern ſein Weſen, ſeinen Charakter, ſein Naturell.“ Mrs. Dalton ſchien durch dieſe Bitte in Verlegen⸗ heit geſetzt zu werden. „Sie ſind eine zu ſcharfe Beobachterin,“ fuhr er fort,„als daß Sie darüber nicht ſchon längſt mit ſich ins Reine gekommen ſein ſollten.“ „Wenn ich zögere,“ verſetzte die Dame,„ſo ge⸗ ſchieht es blos deßhalb, weil ich an der Richtigkeit meiner Jugendeindrücke zweifle. Vergiß nicht, daß ich den Baronet ſeit der Vermählung Deiner Mutter nicht mehr geſehen habe und in. dieſer langen Zeit mag er ſich wohl verändert haben.“ „Die Schlange ſtreift zwar ihre Haut ab, kann aber ihre Natur nicht verändern,“ rief der Neffe bitter. „Gleich den meiſten Menſchen war in Sir Cuth⸗ bert Vavaſſour eine merkwürdige Miſchung von Gu⸗ tem und Schlechtem,“ ſagte die Tante.„Seinen Stolz und wie ich fürchte, ſeine Rachſucht hat er von ſeiner Mutter geerbt. Zu dieſen traurigen Eigen⸗ ſchaften kam noch bei ihm eine feurige, leidenſchaft⸗ liche Natur, welche keinen Widerſtand zu ertragen ver⸗ mochte und, wie ich hörte, eine große Schlaffheit der Grundſätze, da wo das weibliche Geſchlecht in's Spiel kam. Daß der Verluſt des Vermögens ſeiner Baſe ihm ſehr nahe ging, glaube ich allerdings, aber ich glaube auch, daß der Verluſt ihrer Zuneigung ihn noch mehr ſchmerzte. Unmittelbar nachdem ihre Ver⸗ mählung nit meinem Bruder bekannt geworden, zog 145 er ſich auf den Kontinent zurück und hat ſeitdem Eng⸗ land nie wieder beſucht. „Damit habe ich die Schattenſeite des Porträts beſchrieben, nun höre auch die Lichtſeite. Er beſaß eine gewiſſe ſorgloſe Gutmüthigkeit; wenn ihn ſeine Leidenſchaftlichkeit zu irgend einem Fehler verleitete, ſo konnte man im nächſten Augenblicke ihn eifrig be⸗ müht finden, denſelben wieder gut zu machen, ob⸗ gleich er auch manchmal ganz unbeugſam ſich zeigte. Flugſand,“ fügte Mrs. Dalton bei,„konnte nicht leicht veränderlicher und wie ich fürchte gefährlicher ſein. Ich betrachtete ihn ſtets als einen Mann, der Mitleid verdiente, denn Gott hat ihm mehr als ge⸗ wöhnliche Talente verliehen; aber die unglückſelige, nachſichtige Schwäche Derer, welche ſeine Kindheit leiteten, brachte ihm keine Grundſätze bei, und ver⸗ ſäumte es, ihm Anleitung zur Selbſtbeherrſchung zu eben.“ „Das iſt ein trauriges Bild, welches Sie hier entworfen haben,“ bemerkte der Jüngling nachden⸗ kend,„ein verlorenes Leben,— das in dem Strom der Leidenſchaften unterging.“ „Es gibt Kämpfe der Seele, Oliver,“ ſagte Mrs. Dalton nachdrücklich.„Glücklich ſind diejenigen, welche unverletzt daraus hervorgehen.“ Wenige Tage genügten, um die Vorbereitungen der Reiſenden zu ihrem Ausfluge zu vollenden und unſer Held fand ſich nach einem liebevollen Abſchied von ſeiner Tante und von Iſabella— deren Schmerz und Zorn, daß ſie ihn nicht begleiten dürfe, ihrer Mutter ein Lächeln unter ihren Thränen entlockte— Smith, Milly Mohne. M. 10 wieder in der Wohnung des Mr. Compton ein, wo er ſeine letzte Nacht in England zubringen ſollte. Dem reichen Mäkler ging der Abſchied von ſeinem Mündel und deſſen jugendlichem Freunde näher, als er ſich merken ließ, denn die beiden jungen Leute hatten ſich in dem Herzen des alten Mannes ſo feſt⸗ geſetzt, daß ihm die Wahl ſchwer gefallen wäre, wel⸗ chem von beiden er den Vorzug einräumen ſollte. „Geld!“ murmelte er mehrmals vor ſich hin. „Pah, Unſinn, der größte Humbug auf der Welt!“ John Compton würde mehr darum gegeben ha⸗ ben, als er nur auszuſprechen wagte, wenn er Oliver oder Philipp mit dem Namen Sohn hätte bezeichnen dürfen. Er dachte an ſeine Jugend und ſein Man⸗ nesalter, das er unter dem Erwerb von Reichthum vergeudet hatte; Reue füllte ſein Herz,— doch war es eine Reue ohne Bitterkeit. Im Ganzen hatte er recht: die Jugend iſt ein zu herrliches Ding, als daß man ſie in voltreichen Städten und düſtern Comptoiren hinbringen ſollte. Das Buch der Natur iſt mehr werth, als alle Hand⸗ lungsbücher, deren Bilanz den Gewinn von vielem Geld nachweist. Dieſer Gewinn macht die Mühe nicht bezahlt, namentlich wenn man ſie nur für ſich ſelbſt aufgewendet hat. Ein häuslicher Herd, Gattin und Kinder verleihen ihr allein Segen und Heiligung. Jugend! welch einen Kontraſt bildet ſie zu dem runzeligen Alter! ein Seraph, der das eiſerne Geſicht der alten Zeit anlächelt,— eine offene Blume, benetzt von der uelle des Lebens, blühend in der Nähe eines leeren Grabes. Nachdem Peter Marl ſich genau überzeugt hatte, fehl nicht ganz klar iſt.“ 147 daß die Piſtolen— ſein Abſchiedsgeſchenk an Oliver Brandreth— in vollkommen gutem Zuſtande ſeien, und nachdem er nach dem Gepäck geſehen hatte, fand er ſich im Speiſezimmer ein, um hier die letzten Be⸗ fehle in Empfang zu nehmen. Der alte Militär kam ſteifen Schrittes herange⸗ ſchritten, und gab unwillkürlich einen militäriſchen Gruß ab, als Major Henderſon ein altes Befehlbuch aus der Täſche zog und die Verhaltungsmaßregeln vorlas, die er für die Reiſe niedergeſchrieben hatte. „Sergeant Marl hat bis Morgen früh um ſechs Uhr alles in Marſchbereitſchaft zu halten. „Sergeant Marl hat von nun an in der Anrede ſowohl als im Geſpräch Mr. Hliver Brandreth und Mr. Philipp Blandford,(die Zöglinge ſeines kom⸗ mandirenden Offiziers) Mr. Oliver und Mr. Philipp Trevor zu benennen. „Sergeant Marl hat zu vergeſſen, daß er je ge⸗ wußt, gehört, geglaubt oder ſich eingebildet hat, daß die ebengenannten jungen Herrn einſtmals einen an⸗ dern Namen geführt hätten. „Sie ſind entlaſſen!“ „Aber nicht ohne ein Glas Wein zuvor, mit Ihrer Erlaubniß, Herr Major!“ rief unſer Held, dem das erſtaunte Geſicht des alten Soldaten vielen Spaß machte. „Danke Ihnen, Mr. Trevor,“ ſagte der Veteran, das Glas zurückweiſend. „Sie ſind entlaſſen,“ verſetzte der Major. „Entſchuldigen Sie, Herr,“ verſetzte Peter Marl ſalutirend,„es iſt noch ein Punkt, der in dem Be⸗ „Und welcher iſt dieß?“— „Sind Mr. Philipp und Mr. Oliver Brüder oder Vetter?“ „Brüder!“ riefen die beiden jungen Leute zu glei⸗ cher Zeit. Der Veteran ſalutirte zum drittenmale und mar⸗ ſchirte, ohne eine Muskel zu verziehen aus dem Speiſe⸗ zimmer hinaus. „Sie haben dem treuen Menſchen eine ſchwere Aufgabe geſtelit,“ bemerkte der Mäkler. „Durchaus nicht,“ verſetzte Major Henderſon la⸗ chend;„Peter iſt zu gut geſchult. Sobald er die Generalordre geleſen hat, iſt die Veränderung für ihn nichts weiter als eine Gewohnheitsſache— ein Theil ſeiner militäriſchen Pflicht. Ich wollte meinen Halb⸗ ſold daran ſetzen,“ fuhr er fort,„daß der alte Sol⸗ ₰ dat meine Zöglinge nie anders als mit dem Namen Trevor anreden wird.“ Die Zukunft rechtfertigte dieſe Prophezeihung. Von dieſem Tage an ſchien der Veteran die Namen Blandford und Brandreth gänzlich vergeſſen zu haben. Als der Augenblick des Abſchiednehmens von ſei⸗ nen jungen Freunden kam, war John Compton tie⸗ fer ergriffen als er ſich gerne merken laſſen wollte. „Ich habe alles gethan, was menſchliche Ku heit einzugeben vermag,“ ſprach er, als er ihnen di Hände ſchüttelte,„um für eure Sicherheit zu ſorgen. Das Uebrige hängt von der Vorſehung ab. Gott geleite euch beide.“ Und ohne eine Antwort abzuwarten ging der derbe Citymann, dem man nur Intereſſe für Tara, Rabatt, Fracht, Disconto, Schiffsladungen und den Stand 149 des Geldmarktes zutraute, weg, um etwas zu ver⸗ bergen, das einer Thräne ähnlich ſah. Mehrere Tage lang widmete er ſich unermüdet den Geſchäften und man ſah ihn früh und ſpät in ſeinem Comptoir. Die Commis begriffen gar nicht, was dieß zu bedeuten habe. Vielleicht arbeitete er, um die Zeit zu tödten— vielleicht aber auch, um ſich ſelbſt zu vergeſſen. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Das Erſtaunen in den Modezirkeln war groß, als bekannt wurde, daß Sir Aubrey und Lady Fair⸗ clough im Begriff ſeien, ihre Wohnung zu verlaſſen und auf mehrere Jahre nach dem Kontinent ſich zu begeben. Das hundertzüngige Gerücht gab mancher⸗ lei Gründe dafür an, die alle mehr oder minder der Wahrheit ferne waren; dieſe wußten nur ſie allein. Einige behaupteten— und zwar, wie ſie verſicher⸗ ten, aus der beſten Quelle,— es geſchehe dieß in Folge der großen Entwerthung ihres weſtindiſchen Beſitzthums; Andere meinten, es handle ſich um Ge⸗ ſchäfte von zweifelhaftem Charakter, in welche der Baronet als Vormund der Wittwe und des Kindes ſeines verſtorbenen Bruders verwickelt ſei; während Manche geradezu behaupteten, daß er ſich durch Spie⸗ len zu Grund gerichtet habe und ſogar den Klubb nannten, in welchem er das Vermögen ſeiner Gemah⸗ lin daran geſetzt und verloren habe. — —— 150 Diejenigen, welche mit ihm auf dem vertrauteſten Fuße ſtanden, gingen noch weiter. Sie wußten ſo⸗ gar, wer die Gewinner waren. Samba's Schmerz und Unwille war groß, als ihr Lady Fairclough mittheilte, daß ſie mit einer klei⸗ nen Penſion in England zu bleiben habe, welche ihr Mr. Compton jeden Monat auszuzahlen angewieſen worden ſei. Die treue Negerin war ihrer launenhaften Herrin innig ergeben, die ſie von Kindheit an bedient hatte und es dauerte einige Zeit, bis ſie nur von einer Trennung etwas hören wollte, die ſie geradezu ver⸗ weigerte. „Nein, Miſſie Lady!“ rief ſie aus.„Sie ſehr thöricht,— Samba Ihnen ſchon oft geſagt. Aber Sie kein bös Herz haben; Sie laſſen ſie nicht allein ſterben. Mich kennen,— mich kennen! Maſſa macht Sie ſterben! Samba wird ihm eines Tags vergelten.“ „Vielleicht ziehſt Du vor, nach Trinidad zurückzu⸗ kehren,“ bemerkte die Lady, ohne die Anſpielung auf ihren Gemahl zu beachten. Die Negerin blickte ſie einige Secunden lang mit einem eigenthümlich ſchlauen Ausdruck in ihren halb geſchloſſenen Augen an. „Und Ihr Gemahl mich dann verkau⸗ fen, wenn ich dort bin?“ verſetzte ſie;„nein, Miſſie Lady, nein. England kaltes Land; aber Samba hier frei.“ „Kannſt Du mich einer ſolchen Handlung der Grauſamkeit für fähig halten?“ rief ihre Herrin höch⸗ lichſt erſtaunt. 151 „Sir Aubrey überredet Sie zu Allem,“ antwor⸗ tete das Weib.„Er überredete Sie zu vergeſſen Maſſa Philipp, warum nicht zu verkaufen arme Ne⸗ gerin?“ Es lag etwas ſehr Bitteres in dieſer Entgegnung, weil ſie viel Wahres enthielt, deßhalb fühlte ſie auch Lady Fairclough ſehr tief. Indeſſen brachte ſie keine Aenderung in ihrem Entſchluſſe hervr, von ihrer alten Dienerin ſich zu trennen. Dieſe Trennung war nothwendig, um ihren oder vielmehr des Baronets Plan in Ausführung bringen und unumgänglich nothwendig, um ihr Verſprechen erfüllen zu können. Obgleich ihr unwürdiger Gatte über den ſelbſt auferlegten Zwang ſich ärgerte, ſo entfernte er ſich doch nicht von Hauſe, ſondern machte ſich eifrig mit den Anſtalten zu der bevorſtehenden Abreiſe zu ſchaffen. Sein Opfer und deren Kind waren vernachläſſigt — nicht vergeſſen, denn die Werkzeuge des Betrügers waren thätig. Seine Abweſenheit war eine traurige Prüfung für Milly. Einſamkeit iſt doppelt peinlich, wenn das Herz wenig mehr zu hoffen wagt und von Gefühlen gequält wird, bei welchen verwundeter Stolz und alte Liebe ſich um die Herrſchaft ſtreiten. „Er liebte mich nie,“ rief ſie zu wiederholten Ma⸗ len aus.„Ich wurde gepflückt wie eine Blume in einem Augenblicke der Laune und bin dann gleich⸗ gültig weggeworfen worden. Warum habe ich aber auch die Zelte meines Stammes verlaſſen? Dort war ich glücklich. Werde ich je wieder das Glück kennen lernen?“. Das Lächeln ihres Kindes, das in der kleinen Wiege neben ihr lag, beantwortete ihr dieſe Frage. Sie nahm es in ihre Arme, bedeckte ſein unſchuldiges Geſichtchen mit leidenſchaftlichen Küſſen und gewann die Ueberzeugung, daß, ſo lange es lebe, ihr Daſein nicht ganz einſam bleibe. Mehrere Nächte hindurch hatte Milly trotz der Vorſtellungen ihrer Dienerin ſich geweigert, zur Ruhe ſich niederzulegen. Sir Aubrey konnte ja ankommen, und Herz und Kopf mußten dann wach ſein. „Sie werden ſich tödten,“ bemerkte das Frauen⸗ zimmer, eine ſehr vertraute Perſon, welche der Kammerdiener Hanway zu ihrem Dienſte gemie⸗ thet hatte. Sie war mit einem Wort ſeine Schweſter. Ihre Herrin lächelte betrübt. „Sie nehmen nichts zu ſich.“ „Speiſe ekelt mich an,“ verſetzte das betrogene und unglückliche Opfer ungeduldig. Nach langer Ueberredung gelang es endlich der Dienerin, ſie dahin zu bringen, ein Glas Wein zu trinken, das ſie in ihrer Gegenwart einſchenkte. „Das wird Ihnen Kraft geben,“ ſprach ſie in einem Tone, der freundlich klang.„Denken Sie an Ihr Kind; Sie werden bald außer Stande ſein, es zu ſtillen. Dieſer Grund machte Eindruck und die junge Mutter nahm mit einem Gefühl der Dankbarkeit das wohlwollend angebotene Getränk an. Die Natur gleicht einem ungeſtümen Gläubiger und iſt ebenſo dringend in ihrem Verlangen als ein ſolcher. Mag man auch die Bezahlung noch ſo ſehr ſtreitig machen, ſo kann man ſie doch nur eine Zeit⸗ 153 lang hinausſchieben; ſicher wird die Auslöſung der Schuld ſpäter dann nur um ſo dringender gefordert. Ob die Wirkung des Weines, oder die geiſtige und körperliche Ermüdung, welche Milly ſchon ſo lange ertragen hatte, Schuld daran war, iſt ſchwer zu entſcheiden, aber in weniger als einer halben Stunde fingen ihre Augen an ſchwer zu werden. Als ſie dieß verſpürte, legte ſie ſich zwar auf das Bett, in der feſten Abſicht jedoch, wach zu bleiben, wie ſie auch in der vorhergehenden Nacht die Rückkehr ihres Gatten wachend erwartet hatte. „Verſuchen Sie zu ſchlafen,“ ſagte die Dienerin. „Nein, nein,“ murmelte ihre Herrin matt. Die Frau nahm das Kind aus ſeiner Wiege und legte es ihr an den Buſen. Es war dieß entweder eine genaue Kenntniß mütterlicher Liebe oder teufliſche Schlauheit. Die junge Mutter widerſtand nicht lange dem Drange, der ſich ihrer bemeiſterte, ſondern über⸗ ließ ſich der Ruhe, welche die Natur ſo gebieteriſch von ihr verlangte. Die Dienerin verließ das Gemach und ging in ihr Schlafzimmer, das ſich zur ebenen Erde des Häus⸗ chens befand. Nach wenigen Minuten ſchliefen beide. Richmond iſt, wie unſere Leſer wiſſen, nicht allein wegen ſeiner wunderſchönen Lage berühmt. Dichter, Künſtler und andere Träumer mögen ſeinen lieblichen Fluß, deſſen reizende Ufer und maleriſche Krümmun⸗ gen mit Entzücken preiſen, die Citymänner, Diplo⸗ maten, öffentliche Geſellſchaften und der ganze Troß der materiellen Leute werden dagegen die Diners, die man daſelbſt findet, ebenſo enthuſiaſtiſch preiſen. 6 1 3 6. 6 154 In Richmond richten Schildkrötenſuppe und Wildpret gar viel Schlimmes an, wie viele Gichtbrüchige zu ihrem Schaden bezeugen können. Wenn ſich ein Junggeſelle im beſten Alter von ſeinen Geſchäften zur Ruhe ſetzt, ein Proceß gewon⸗ nen, ein Vergleich geſchloſſen worden iſt, ein Staats⸗ beamter zu einer höhern Stelle befördert wurde oder eine Verſöhnung zwiſchen lang getrennten Freunden ſtattgefunden hat, ſo muß das EFreigniß durch ein Diner gefeiert werden, und Richmond iſt der hiezu auserſehene Ort. Für Engländer(und auch für Deutſche) iſt ein Diner gewiſſermaßen das Siegel unter einen Wechſel, — ſie halten kein Ereigniß von Wichtigkeit für genü⸗ gend abgethan, wenn es nicht durch ein Eſſen ge⸗ feiert wird. Obgleich Lord Arthur Stanton gerade keine große Vorliebe für dieſe Gewohnheit hatte, ſo war er doch, nachdem er ſoeben vom beſoldeten Attaché in St. Petersburg zum Legetationsſecretär in Neapel beför⸗ dert worden war, genöthigt geweſen, ſich dieſer Sitte zu unterwerfen und deßhalb eine Geſellſchaft ſeiner Freunde in das Hotel zum„Stern und Band“ ein⸗ zuladen, wo die gewöhnliche(wir ſollten eigentlich mei⸗ nen ungewöhnliche) Quantität Wein conſumirt und nicht mehr als der gewöhnliche Betrag von Unſinn geſprochen worden war. Die Nacht oder vielmehr der Morgen war ſehr lieblich, weßhalb mehrere der jungen Gäſte und deren Gaſtgeber, anſtatt ſich zu Bett zu legen oder nach der Stadt zurückzukehren, eine Spazierfahrt auf der Themſe machten. Mehrere darunter waren in Eton erzogen wot⸗ 155 den, daher mit dem Fluß genau vertraut und ver⸗ ſtanden ſich vollkommen auf's Rudern. Während das Boot pfeilſchnell an dem Garten von Woodbine Cottage vorbeiſchoß, zog eine lichte Flamme, welche die Atmosphäre erhellte, ihre Auf⸗ merkſamkeit auf ſich. „Landet!“ rief der junge Lord, der kluger Weiſe den Steuermann ſpielte.„Beim Himmel, das iſt ein Brand!“. Seine Worte— wir wollen nicht ſagen ernüchter⸗ ten, weil dieß injuriös erſcheinen könnte,— kühlten augenblicklich die erhitzten Köpfe ab. Einige kräftige Stöße brachten ſie an's Ufer und mit lautem Ge⸗ ſchrei,— denn ſie bemerkten, daß die Bewohner des Hauſes kein Lebenszeichen von ſich gaben,— kiefen ſie über den freien Platz hin. In dieſem Augenblicke ſtand ſchon das ganze Haus in lichten Flammen. Dieſer Lärm wurde durch ein jammervolles Ge⸗ ſchrei aus dem untern Theil des Gebäudes beant⸗ wortet. Man drang mit Gewalt ein und die Die⸗ nerin dadurch vom Tode befreit, der Jeden, welcher mit der Lokalität nicht bekannt war, unvermeidlich hatte erſcheinen müſſen. Es war nämlich noch eine Thür vorhanden, die auf die Rückſeite des Gartens ging, aus welcher ſie ſelbſt noch im letzten Augenblicke hätte entkommen können,— ein Umſtand, welcher aber der Menſchlichkeit und dem Muthe ihrer Retter nicht den mindeſten Eintrag that. „Befanden Sie ſich allein im Hauſe?“ fragte Lord Arthur. 156 „Iſt die Familie entkommen?“ riefen ſeine Be⸗ gleiter. Auf ihre wiederholten Fragen erfolgte aber keine Antwort.. Das Frauenzimmer war ohnmächtig geworden. Trotz der Vorſtellungen ſeiner Freunde kehrte ihr edelſinniger Gaſtwirth noch einmal in das brennende Haus zurück und muthig mit den Flammen kämpfend, drang er in jedes Gemach zur ebenen Erde. Nach⸗ dem er ſich überzeugt hatte, daß Niemand ſich daſelbſt befinde, ſtieg er in das obere Stockwerk hinauf und erblickte zu ſeinem Erſtaunen ein reizendes junges Weib, das halb angekleidet in tiefem Schlafe auf dem Bette lag. Unter andern Umſtänden wäre ihm dieß auffal⸗ lend erſchienen, aber die Gefahr war zu dringend, als daß er hätte überlegen oder zögern können. Er nahm die bewußtloſe Geſtalt auf ſeine Arme, trug ſie die halbverbrannte, dem Einſtürzen nahe Treppe hinab und brachte ſie ſicher in's Freie. Ein Freudenſchrei von Seiten ſeiner Freunde be⸗ grüßte ſein Wiedererſcheinen. Unterdeſſen war die Dienerin wieder zu ſich ſelbſt gebracht worden und fing an mit der Wiederbelebung ihrer Herrin ſich zu beſchäftigen, welche, obgleich ohne durch die Flammen verletzt worden zu ſein, nur lang⸗ ſam zum Bewußtſein gelangte. Wie reizend! dachte ihr Erretter, während er ſie betrachtete. Ein lautes Krachen vom Dache des Häuschens wurde jetzt gehört. 157 „Das Kind!“ rief die Frau;„das Kind meiner Herrin!“ „Ich ſah kein Kind!“ rief der Lord;„wo war es?“ „Im Bett neben ihr.“ „Nein.“ „Alſo in der Wiege. Retten Sie es! Um's Him⸗ melswillen retten Sie es.“ Obgleich ohne Hoffnung auf Erfolg hätte der edelmüthige Mann zum drittenmal ſein Leben daran gewagt, um das Kind ſeiner Mutter wieder geben zu können. Vergebens machten ihm ſeine Freunde Vorſtellungen und hielten ihn zurück; aber eben als er ſich von ihnen losmachte, ſtürzte das Dach unter furchtbarem Krachen zuſammen. Es war zu ſpät. Milly war allein gerettet worden. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Lord Arthur Stanton gehörte unter die ſeltenen Menſchen, deren Seele die Natur den Adel in weit leſerlicherer Schrift aufgedrückt hat, als es die Feder des Wappenamts auf königlichen Befehl je auf Per⸗ gament oder eine lange Liſte von Namen zu thun vermochte, welche nur noch in der Erinnerung exiſtiren. Obgleich der Lord erſt achtzehn Jahre gezählt hatte, als er in die diplomatiſche Laufbahn eingetre⸗ ten war, ſo ſchrieb und ſprach er doch nicht allein ſeine Mutterſprache ganz correct, ſondern war auch in den Klaſſikern bewandert und mit verſchiedenen 15⁸ modernen Sprachen völlig vertraut; er hatte mehr als einen unbeſtimmten Begriff davon, daß Meſopo⸗ tamien ein Land ſei, das öſtlich von Temple Bar liege, und er würde nie Algeſiras— der moderne Name für dieſe Stadt— mit Algier in Afrita ver⸗ we hſelt haben, wie es ſchon von Candidaten zum Civildienſt geſchehen iſt. Man darf aber ja nicht glauben, daß ſeine Be⸗ fähigung für dieſe Laufbahn entfernt den Grund für Lord Arthur's Anſtellung darin abgegeben hätte. Dinge dieſer Art waren in damaliger Zeit ebenſo ſehr eine Sache von politiſchem oder Privatintereſſe, als heutzutage. Aber wir fragen, ob damals ein Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten zu finden geweſen ſei, der bornirt oder cyniſch genug geweſen wäre, den geſunden Menſchenverſtand der Nation da⸗ durch zu beleidigen, indem er erklärte, daß ſeiner Anſicht nach ein richtiges Sprechen und die Kenntniß der Geographie mehr überflüſſige als nothwendige Wiſſenſchaften ſeien. Manche darunter mögen vielleicht ſo gedacht ha⸗ ben, aber nur ein einziger hat die grenzenloſe Dumm⸗ heit begangen, es auszuſprechen, um damit Das der Welt zu beweiſen, was ein ſchwediſcher Premierm⸗ niſter ſeinem Sohne im Vertrauen mittheilte,— daß zum Regieren außerordentlich wenig Verſtand gehöre, Obgleich Lord Arthur der Erbe eines alten Titels und großer Güter war, ſo war er doch verhältniß⸗ mäßig arm, indem ſein Vater ſo tief in Schulden ſteckte, daß er ſeinem Sohne nur eine jährliche Rente ausſetzen konnte; ein Umſtand, der vielleicht die Ur⸗ ſache war, weßhalb dieſer ſich nicht vermählte. Un⸗ 159 ähnlich dem Sir Aubrey Fairclough, verſchmähte er es, ſeinen Namen und Rang auf Hymens Markt feil zu bieten.„Ich will warten,“ pflegte er zu ſagen, wenn ſeine Freunde ihn über dieſen Punkt verſpot⸗ teten,„bis ich reich genug bin, mir eine Gattin aus⸗ wählen zu können.“ In Folge dieſes Entſchluſſes war Lord Arthur im Alter von ſechsunddreißig Jahren noch immer ein Junggeſelle. „Wohin können wir Ihre Herrin bringen?“ fragte er, als Milly Zeichen des wiederkehrenden Lebens von ſich gab. „Das vermag ich Ihnen nicht zu ſagen, Mylord, verſetzte die Dienerin, welche ſeine Freunde ihn mit dieſem Titel hatte benennen hören. „Sind ihre Angehörigen in London?“ „Sie hat keine Angehörige, Mylord.“ Viele hätten geglaubt, völlig genug gethan zu haben, nachdem ſie ihr Leben daran geſetzt, das noch immer halb bewußtloſe Mädchen aus den Flammen zu retten, und würden ſich nicht weiter um ſie be⸗ kümmert haben, ſondern hätten das Uebrige dem Zu⸗ fall oder der kalten Barmherzigkeit der Welt über⸗ laſſen. Anders verhielt es ſich aber mit ihrem Er⸗ retter, deſſen Menſchlichkeit von beſſerem Gepräge war; er beſchloß ſogleich, dem hilfloſen Weſen, das der Zufall oder die Vorſehung unter ſeinen Schutz geſtellt hatte, auch noch ferneren Beiſtand zu leiſten. Es fiel ihm ein, daß ein achtungswürdiges Frauen⸗ zimmer Namens Page, die früher Haushälterin in Dalville Caſtle, ſeines Vaters Hauptwohnſitz geweſen war, in der Nähe von Richmond wohne, deßhalb be⸗ 160 ſchloß er, Milly dahin zu bringen und ſie vorerſt wenigſtens der Pflege derſelben zu übergeben. Er hätte ebenſo edelmüthig gehandelt, wenn ſie alt und runzelig anſtatt jung und ſchön geweſen wäre. Unterdeſſen hatte ſich der freie Platz mit müßigen Gaffern angefülit, welche das Feuer angelockt hatte. Da ſie zu ſpät gekommen waren, um deſſen Fort⸗ ſchritt zu hindern, denn das Haus war jetzt nicht weiter mehr als ein rauchender Trümmerhaufen, ſo blieben ſie aus Neugierde da. Vermittelſt einer Nach⸗ frage unter ihnen erlangte Lord Arthur endlich die Adreſſe der Mrs. Page, und nachdem ein Wagen zur Stelle geſchafft worden war, ſetzte er Milly und de⸗ ren Dienerin hinein, die jetzt wieder gänzlich Jum Bewußtſein gelangt zu ſein ſchien, und fuhr ſelbſt mit nach dem Häuschen der Haushälterin, das glücklicher Weiſe in einer der Vorſtädte von London ſich befand. Es dauerte geraume Zeit, bis er der alten Frau begreiflich machen konnte, wer er ſei und was für eine Urſache ihn zu ihr führe; ſobald ſie aber über den erſten Punkt im Reinen war, war alles Uebrige von untergeordneter Wichtigkeit. Die alte Frau fühlte ſich überglücklich, dem Sohn ihrer früheren Herrin einen Dienſt leiſten zu können. Sie ſah auch in der That Lord Arthur mehr als den Earl, ſeinen Vater, als den Veranlaſſer an, durch welchen ſie die kleine Penſion erhalten hatte, womit ſie ihr Leben friſtete. Mrs. Page überließ augenblicklich ihr eigenes Bett der Leidenden und gab dem Lord Anleitung, wo ärztlicher Beiſtand zu finden wäre. Der Zuſtand ſeiner Patientin ſetzte den Aesculap von Richmond einigermaßen in Verlegenheit. Die S V* — — g—————————— 161 Diagnoſe ihrer Krankheit— wenn es ſich überhaupt um eine Krankheit handelte— widerſprach allen ſei⸗ nen Erfahrungen; es waren keine fieberiſche Symp⸗ tome vorhanden— ihr Puls ſchlug ſo ruhig, wie der eines Kindes und doch grenzte ihre Schwäche beinahe an Unempfindlichkeit. Er war faſt geneigt zu glau⸗ ben, ſie habe Gift bekommen; Schrecken allein konnte ſie nicht in einen ſolchen Zuſtand verſetzt haben. Es war Leben ohne Bewußtſein,— ein Wachen ohne Er⸗ innerung. Glücklicher Weiſe war der Arzt ein ehrlicher Mann. Anſtatt gelehrten Unſinn über den Fall zu ſprechen, um dahinter ſeine Verlegenheit zu verbergen, geſtand er offen ſeine Zweifel ein, die Patientin richtig behan⸗ deln zu können und ſchlug vor, einen Herrn zum Bei⸗ ſtand herbeizurufen, der in der Nachbarſchaft wohne und eine weit größere Geſchicklichkeit und Erfahrung beſitze, als er ſich zutraue. „Jede Hilfe, lieber Herr, die Sie für nöthig er⸗ achten, iſt mir recht,“ rief der Lord aus, überraſcht von der Offenherzigkeit des Arztes.„Schicken Sie ſogleich nach Ihrem Freund.“ Der Doctor zögerte, wie wenn er wünſchte, zu⸗ vor noch eine weitere Erläuterung zu geben. „Es verſteht ſich, daß ich alle Koſten trage,“ ſagte Milly's Lebensretter. „Darum handelt es ſich nicht,“ verſetzte der Doe⸗ tor leicht erröthend,„aber Mr. Lacy iſt ſo viel ich weiß, kein Mitglied meines Standes, auch prakticirt er nicht im eigentlichen Sinn des Wortes. Er wid⸗ met ſeine Dienſte nur den Armen, die a Smith, Milly Moyne. II — — 162 haben, den Tag zu ſegnen, an welchem er ſeinen Wohnſitz unter uns aufgeſchlagen hat.“ „Sie ſagen aber, daß Sie von ſeiner Geſchicklich⸗ keit überzeugt ſeien.“ „Ich ſetze das unbegrenzteſte Vertrauen in die⸗ ſelbe und würde mein Leben lieber in ſeine Hand als in die Geſammtweisheit des halben Collegiums geben,“ antwortete der Doctor.„Dieſe Bemerkung,“ fuhr er lächelnd fort,„wünſchte ich aber nur unter uns gemacht zu haben.“ Da für jetzt kein dringender Grund vorhanden iſt, die Motive zu erklären, welche Herbert Lacy be⸗ ſtimmt hatten, Rockingham Hall zu verlaſſen und den Glauben zu verbreiten, als habe er ſich auf Reiſen in's Ausland begeben, ſo müſſen wir unſere Leſer bitten, ihre Neugierde zu zügeln, indem wir dieſen blos bemerken, daß er, anſtatt den Continent zu be⸗ ſuchen, ein großes, einſam gelegenes Haus in der Nähe von Richmond gemiethet hatte, in welches er ſich nur in Begleitung des Knaben, Jem Sparks und des Kindes, das ſo merkwürdiger Weiſe lebend aus dem Grabe errettet worden war, zurückgezogen hatte. Bei der Ankunft in ihrem neuen Wohnorte fanden ſie dort drei ältere, reſpektabel ausſehende Dienerin⸗ nen und eine Dame vor, die von nun an die Leitung des Hausweſens übernahm. Herbert Lacy nannte dieſe ſeine Schweſter und ſprach auch nie anders als in dieſer Bezeichnung von ihr. Es war dieß eine glückliche Veränderung für Jem, oder James, wie ſein Beſchützer ihn jetzt nannte und brachte einen heilſamen Eindruck auf deſſen Gemüth hervor. Er wurde dadurch außer alle Berührung 163 mit Denen gebracht, die ihn wegen ſeiner niedrigen Ab⸗ kunft verhöhnten, ihn einen Armenhausknaben nann⸗ ten und ſein von Natur ohnedieß ſchon ſehr reizbares Gefühl aufſtachelten. Zu ſeiner Genugthuung müſſen wir anführen, daß er die Sorgfalt verdiente, welche ſein Wohlthäter auf ſeine Erziehung verwandte. Es war ganz merkwürdig, wie gierig er darauf aus war, ſich Kenntniſſe zu erwerben; und zwar nicht allein um einen bloßen Wunſch, eine Vorliebe dafür, ſondern um einen brennenden Durſt zu befriedigen, der ihn ver⸗ zehrte. Vom Morgen an bis ſpät in die Nacht ſaß er geduldig hinter ſeinen Büchern oder war er in wiſſenſchaftlichen Forſchungen vertieft und häufig über⸗ raſchte er ſeinen Lehrer nicht nur durch die Kühnheit und Originalität ſeiner Anſichten, ſondern auch durch die Beweiſe, mit denen er ſie vertheidigte. Das einzige Weſen, mit Ausnahme des Doctor Lacy, welches ihn von ſeinen gelehrten Studien ab⸗ ziehen konnte, war die kleine Annie. Er zeigte nie die mindeſte Ungeduld, wenn ſie in ſein Arbeitszim⸗ mer hereingelaufen kam und darauf beſtehen blieb, daß er mit ihr im Garten ſpielen, eines ihrer Spiel⸗ zeuge ausbeſſern oder ihr in ihrem Unterricht nach⸗ helfen ſolle, ſondern willfahrte augenblicklich ihrer Laune. Es war klar, daß er das reizende Kind ver⸗ götterte, das eine ſolche Herrſchaft über ſein Herz gewonnen hatte, wahrſcheinlich wohl deßhalb, weil daſſelbe ihn zuerſt gelehrt hatte, daß es das eines Menſchen ſei. Annie's Liebe für ihren Rekter,— obgleich ſie nicht wußte, zu wie großem Dank ſie ihm 164 ſei— war ebenſo aufrichtig. Das kleine Geſchöpf ſchlich ſich zuweilen unbemerkt in ſein Studirzimmer, ſchlang die Arme um ſeinen Nacken und gab ihm einen Kuß, damit er ſeine Bücher bei Seite werfen möge. er Knabe war ſo ſehr ihr Sclave, daß er den Muth gefunden hätte, dieſelben zu verbrennen, wenn ſie es verlangt hätte. Miß Lacy ſah in der zwiſchen beiden beſtehenden innigen Anhänglechkeit nichts Gutes für die Zukunft voraus und prophezeihte öfters ihrem Bruder, daß dieß zum Unglück ſeines Schützlings ausfallen werde. „James iſt ja noch ein Knabe,“ verſetzte der Doctor darauf;„Du ängſtigſt Dich ganz unnöthiger Weiſe.“ Er überſah, daß ſein Zögling nahezu ſiebenzehn Jahre alt war und daß die Jugend der Frühling der Zukunft iſt. An einen Nachtheil für Annie da⸗ bei zu denken, wäre mehr als lächerlich geweſen, denn der Unterſchied ihres Alters betrug mehr als zehn Jahre. Es war für einen Mann von ſo wohlwollendem Charakter wie Herbert Lacy ihn beſaß, rein unmög⸗ lich, unthätig zu bleiben. In Richmond wie in Rocking⸗ ham Holl waren daher ſeine Dienſte den Armen ge⸗ widmet. Der glückliche Erfolg, mit welchem er ein paar Fälle behandelt, welche der Geſchicklichkeit des Doctor Burt, Milly's Arzt, geſpottet hatten, brachten dieſen zuerſt mit dieſem Herrn in Berührung und aus der oberflächlichen Bekanntſchaft entwickelte ſich nach und nach eine Art von Freundſchaftsverhältniß. Ohne das mindeſte Zögern willigte daher Doctor Lacy ein, die Patientin zu beſuchen. 165 Als er in das Zimmer trat, erkannte er augen⸗ blicklich Milly, und er fragte ſich im Stillen, was für ein Zufall die Zigeunerin von ihrem Stamm und ihren Angehörigen getrennt haben mochte. „Diejenigen, welche ihr Gift beigebracht haben,“ bemerkte er, nachdem er ſachte ihre halbgeſchloſſenen Augenlieder geöffnet und ihren Puls befühlt hatte, „waren ſehr geſchickt in Anwendung ihres ſchändlichen Mittels. Es iſt keine Gefahr für ihr Leben, wohl aber für ihre Erinnerungskraft vorhanden.“ „Sie glauben alſo, daß ſie vergiftet worden iſt?“ fragte der Arzt. Herbert Lacy nickte bejahend. „Ich war Anfangs auch dieſer Anſicht,“ fuhr Doctor Burt fort,„bis ich die Symptome ſo wider⸗ ſprechend fand. Der Puls iſt weder fieberhaft noch träge, ſondern regelmäßig wie bei einem Kinde.“ „Die Zigeuner ſind ein ſchlaues Geſchlecht,“ ver⸗ ſetzte ſein Freund. „Sie glauben alſo, daß dieſe es gethan haben?“ „Das Mittel mußte wenigſtens von denſelben her⸗ geſtellt worden ſein,“ antwortete Mr. Lacy,„denn die Zubereitung des Giftes iſt ein Geheimniß, das nur den Rumänen bekannt iſt, und zwar nicht einmal allen Mitgliedern des Stammes, ſondern nur ihren Häuptern, die es mit eiferfüchtiger Sorgfalt bewahren. Die Hond, welche es beigebracht hat,“ fügte er hin⸗ zu,„iſt wieder etwas Anderes.“ Milly's Dienerin, welche in der Nähe des Bettes ſaß, murmelte etwas gegen Mrs. Page von Zube⸗ reitung eines Getränks für ihre Herrin und verließ eilend das Zimmer. 166 Nachdem Herbert Lacy dem Doctor Burt die Behandlungsweiſe, die er für räthlich hielt, ausein⸗ andergeſetzt hatte, ging er mit ihm in das kleine Sprechzimmer hinunter, wo auch Arthur ungeduldig auf den ärztlichen Ausſpruch wartete, feſt entſchloſſen, im Fall dieſer ungünſtig lauten ſollte, augenblicklich nach London nach einem der ausgezeichnetſten Mit⸗ glieder der Fakultät zu ſchicken. „Es iſt dieß unnöthig, ganz unnöthig, Mylord,“ verſetzte der Arzt, dem er ſeine Abſicht zu erkennen gab.„Mein Freund hier verſteht den Fall vollkom⸗ men, der, obgleich ungewöhnlich, keineswegs gefähr⸗ lich iſt. Die Dame iſt vergiftet.“ „Beim Himmel, das vermuthete ich!“ rief der Lord von ſeinem Stuhle aufſpringend.„Ihre gänz⸗ liche Bewußtloſigkeit von allem dem, was um ſie her⸗ um geſprochen oder gethan wird, iſt dadurch erklärt. Was kann aber der Grund davon geweſen ſein? Ich fürchte, daß wir einem gräßlichen Verbrechen auf der Spur ſind.“ Die beiden Herrn wiederholten dieſes Wort. „Einem Mord,“ fuhr Milly's Retter fort,„einem dreifachen Mord, von welchem ich glücklicher Weiſe die Mutter und die Dienerin rettete, wobei das Kind umkam.“ Mit wenigen Worten erklärte er die Umſtände, unter welchen es ihm gelungen war, die Patientin und deren Dienerin den Flammen zu entreißen. „Die Dienerin konnte alſo unter dieſen Verhält⸗ niſſen wohl nicht das Wertzeug geweſen ſein?“ bemerkte Herbert Lacy nachdenklich. „Gewiß nicht,“ ſagte Lord Arthur.„Einige Mi⸗ 167 nuten ſpäter und ſie hätte mit ihrer Herrin zu Grund gehen müſſen.“ Unmittelbar nachdem die Frau, welche an der Zimmerthüre gelauſcht, dieſe Anſicht ausſprechen ge⸗ hört hatte, ſchlich ſie wieder vorſichtig in die Küche zurück. Es lag ein ſelbſtzufriedenes Lächeln auf ihrem Geſichte, als ſie ſich anſchickte den kühlenden Trank zu bereiten. Nach wenigen Stunden war, Dank dem von Her⸗ bert Lacy vorgeſchriebenen Mitteln, die Wirkung des Giftes beſeitigt, und Milly, obgleich noch ſchwach und hilflos, hatte wieder ihr vollkommenes Bewußt⸗ ſein erlangt. Ihr erſter Ruf galt ihrem Kinde. Miß Lacy, welche pflegend an ihrem Bette ſaß, antwortete ihr darauf nur mit Thränen. Der Arzt und ihr Bruder hielten es für das Beſte, daß die Patientin ſogleich ihr Unglück in ſeinem ganzen Um⸗ fange erfahren ſolle, und auf deren Verlangen über⸗ nahm die wohlmeinende Frau den peinlichen Auftrag. Vermöge ihres ſanften Weſens und ihrer Theil⸗ nahme an allen Leidenden hätte man nicht leicht Jemand Geeigneters finden können, eine Mittheilung über etwas zu machen, was ein Mutterherz durch⸗ bohren mußte. „Das iſt nicht meine Wohnung,“ ſagte die Kranke, wild im Zimmer um ſich blickend. „Nur für den Augenblick,“ antwortete Miß Lacy. „Ich bitte Sie, ruhig zu ſein!“ „Wo bin ich denn?“ „Bei Freunden— bei theilnehmenden Freunden, — die Ihren ganzen Schmerz mitfühlen.“ Milly blickte der Dame ins Geſicht und ſah, daß 168 Thränen über deren Wangen träufelten. Sie ſtreckte ihre Hand aus und berührte dieſelben ſanft, wie wenn ſie ſich hätte überzeugen wollen, daß ſie wirklich vor⸗ handen ſeien. „Jai ja!“ murmelte ſie;„ich befinde mich bei Freunden! Aber mein Kind? Sie ſehen wohlwollend und gut aus,— Sie find vielleicht Mutter und ver⸗ ſtehen daher die Angſt einer Mutter,— die Qual der Ungewißheit,— die Furcht des Zweifels, wie ſehr dieß alles foltert und die Kräfte verzehrt. Mein Kind! wo iſt mein Kind?“ „Bei Gott!“ rief Miß Lacy, indem ſie auf die Knie ſank und Milly's Hände in die ihrigen faßte. „Beten Sie, beten Sie, um ſprechen zu können: Sein Wille geſchehe!“ Welche Worte vermögen den durchdringenden Schrei des Schmerzes zu beſchreiben, der den Lippen der beraubten Mutter entfloh oder deren Seufzer und Thränen zu verdeutlichen? Der Erſtgeborene ihrer Liebe,— das unſchuldige Weſen, deſſen Lächeln ſie mit ihrem Daſein verſöhnt hatte,— ihr jetziger Troſt und ihre zukünftige Stütze,— war ihr entriſſen wor⸗ den; war das Opfer eines Schickſals geworden, das zu gräßlich war, als daß die Vernunft es faſſen konnte, ohne unerſchüttert dabei zu bleiben. Wir müſſen über den Schmerz dieſer traurigen Stunde ſtillſchweigend weggehen, denn wir vermöch⸗ ten doch nur theilweiſe deren Schleier zu lüften. Es dauerte lange— ſehr lange— ehe Milly dem an ihrer Seite knieenden Engel der Barmherzigkeit und des Troſtes die Worte nachzuſprechen vermochte: „Sein Wille geſchehe.“ 169 Drei Tage nach dem Brande fand ſich Hanway, der vertraute Kammerdiener Sir Aubrey's, bei Milly mit einem Briefe von ſeinem Herrn ein, in welchem der Baronet nach einigen kalten— weil er⸗ zwungenen— Ausdrücken des Bedauerns über den Tod ſeines Sohnes, ſein Opfer benachrichtigte, daß er auf dem Punkte ſtehe, England auf mehrere Jahre zu verlaſſen, um ſeine zerrütteten Vermögensumſtände wieder herzuſtellen. Eingeſchloſſen war eine Banknote von zweihundert Pfund mit der Notiz, daß ſie jedes Jahr bis zu ſeiner Rückkehr die gleiche Summe er⸗ halten werde. Miß Lacy, die anweſend war, als Milly dieſe herzloſe Mittheilung empfing, beobachtete dieſe ſcharf, während ſie das Schreiben durchlas. Sie errieth wahrſcheinlich, woher es kam. Ein verächtliches Lächeln ſpielte um die Lippen der noch immer ſchönen Zigeunerin, als ſie es ihrer Wohlthäterin darreichte. „Herzlos!“ rief die Dame, nachdem ſie es ge⸗ leſen hatte.„Sie werden wohl nicht darauf ant⸗ worten?“ „Doch.“ Auf Miß Lacy's Geſicht drückte ſich Enttäuſchung aus. „Brieflich?“ „Nein. Es fehlt mir an Kraft zum Schreiben,“ verſetzte Milly;„meine Worte würden das Papier beflecken. Durch ſeinen Boten— durch ſeinen Boten.“ Mit Beihilfe der Mrs. Page und der Dienerin wurde ſie aus dem Bett auf einen Armſtuhl in der Nähe des Fenſters gebracht. Eine tödtliche Bläſſe 170⁰ überflog ihr Geſicht, als ſie die Fußtritte Hanway's auf der Treppe hörte. Die Bewohnerin des Häus⸗ chens bemerkte dieſe Veränderung, füllte ein Glas mit Wein und hielt es an ihren Mund. „Nein,“ ſagte Milly ſchaudernd,—„nein, Ver⸗ achtung wird mir Kraft verleihen!“ Unmittelbar darauf trat der Kammerdiener in das Zimmer. Dieſer Menſch hatte den größern Theil ſeines Lebens in vornehmem Dienſte zugebracht und ohne Zweifel in dieſer langen Reihe von Jahren manchen ſchmerzlichen Auftritt mit angeſehen, dennoch entſetzte ſelbſt er ſich über die Verheerungen, welche der Schmerz im Aeußern der Patientin angerichtet hatte, deren ſchwarze, große Augen in unnatürlichem Glanze leuchteten, während ſie dieſelben auf ihn ge⸗ richtet hielt. Nicht ein Wort wurde geſprochen und Hanway fing an in Verlegenheit zu gerathen. Vorwürfe über die Rolle, die er und ſeine Frau übernommen hatten, wären für ihn eher eine Erleichterung geweſen, als dieß,— denn daran war er gewohnt:— aber dieſes Stillſchweigen, das beredter war als Worte oder eine Fluth von Jammer und Leidenſchaft, das war es was ihm ſeinen Gleichmuth raubte. Mit einer Kraft, welche wenige Minuten zuvor niemand Milly Moyne zugetraut hätte, erhob ſie ſich von ihrem Sitze, nahm eine der Banknoten nach der andern, zerriß ſie in Fetzen, und trat mit den Füßen darauf. Dieß war ihre Antwort an ihren Verderber. Nachdem die letzte Note vernichtet war, deutete ſie finſter nach der Thüre. Hanway's Geiſtesgegen⸗ 171 wart— ſelbſt ſeine Unverſchämtheit— verließ ihn vor dem königlichen Benehmen der armen Zigeunerin, welche ihr Muth aufrecht hielt, bis er aus dem Ge⸗ hörkreiſe entfernt war, und dann, gleich der zu ſtark geſpannten Saite einer zarten Laute, plötzlich zuſam⸗ menbrach. „Auf edle Weiſe geantwortet!“ ſagte Miß Lacy mit einer Wärme des Gefühls, die ihrem Herzen alle Ehre machte.„Verzeihen Sie mir, daß ich an Ihnen gezweifelt habe.“ Als dieſer ſoeben beſchriebene Auftritt Lord Ar⸗ thur Stanton, der noch immer täglich zum Beſuch kam, mitgetheilt wurde, machte dieß einen mächtigen Eindruck auf ihn. Er beſaß gerade das Herz und das Gemüth die Handlung in ihrem ganzen Umfange zu würdigen. „Armes Geſchöpf,“ murmelke er.„Warum be⸗ wachte Dein Schutzengel Dich nicht immer?“ Die Abreiſe des Sir Aubrey und der Lady Fair⸗ clough nach dem Kontinent erinnerte John Compton natürlicherweiſe an Milly, und in ſeiner wohlwollen⸗ den Denkweiſe beſchloß er ſogleich ſich zu überzeugen, was aus ihr geworden ſei. Von der Zerſtörung von Woodbine Cottage und dem Tod ihres Kindes hatte er nichts vernommen; es wäre auch merkwürdig ge⸗ weſen, wenn er davon gehört hätte, denn der wackere Mäkler las ſelten etwas Anderes als die City⸗ artikel in irgend einer der Zeitungen. Sein Er⸗ ſtaunen war daher ſehr groß, als er bei ſeiner Ankunft in Richmond erfuhr, was ſich zugetragen hatte; ſeine ganze Theilnahme ward dadurch erweckt 172 und er eilte nach dem beſcheidenen Häuschen der Mrs. Page, um daſelbſt ſeinen Beiſtand anzubieten. „Sie müſſen mit Denjenigen ſprechen, die ſich ihrer angenommen haben,“ ſagte die Frau in Erwi⸗ derung auf ſeine Nachfragen,„ehe ich Ihnen geſtat⸗ ten kann, meine Miethbewohnerin zu ſehen.“ Dieſe Vorſicht von Seiten der alten Haushälterin machte ihn mit Lord Arthur und dem Arzte bekannt. „Der herzloſe Schurke!“ rief er aus, als er von dem letztern die Art erfuhr, in welcher der Betrüger ſein Opfer verlaſſen hatte. „Herzlos!“ wiederholte der Lord bitter.„Sie werden Wenige finden, wie ich fürchte, welche Ihre Anſicht theilen. Die Welt— die freiſinnig denkende, nachſichtsvolle Welt wird glauben, der Gentleman habe höchſt freigebig gehandelt, indem er ſeiner ver⸗ ſei Geliebten zweihundert Pfund jährlich ange⸗ oten.“ „Milly war nicht ſeine Geliebte,“ bemerkte John Compton mit Wärme. „Was war ſie denn?“ „Das Opfer einer vorgeblichen Vermählung,“ antwortete der Mäkler.„Die Erfindung war höchſt plump, werden Sie ſagen,— ſo alt wie der Roman und greifbar wie die Schmeichelei; eine Intrigue, durch welche kein Mädchen von geſundem Verſtand ſich täuſchen läßt. Die Sache iſt deßhalb aber nichtsdeſto⸗ weniger wahr. Die arme Betrogene war nichts wei⸗ ter als ein Kind, ohne Erfahrung, die ſie hätte leiten können, und ohne den heiligen Einfluß einer Heimath und von Eltern, die ſie beſchützt hätten,— ein ſchlich⸗ tes, unſchuldiges Geſchöpf, das wild aufwuchs in 173 Wäldern und auf Triften, wo ihr Stamm ſeine Zelte aufſchlug, weßhalb ſie auch nicht mit dem Maßſtabe der übrigen Welt gemeſſen werden darf.“ „So iſt ſie alſo eine Zigeunerin,“ ſagte Doctor Burt.„Mein Freund Lacy ließ einen derartigen Wink fallen, ich wollte aber nicht recht daran glau⸗ ben.“ „Ich danke Ihnen, Herr!“ rief Lord Arthur, John Compton herzlich die Hand drückend. „Sie danken mir, für was?“ „Für den Muth, daß Sie eine Anſicht ausge⸗ ſprochen, über welche die Welt Sie verſpotten würde.“ „Die Welt!“ murmelte der Mäkler,„was hat die Welt mit dem ſchlichten Menſchenverſtand oder der ehrlichen Wahrheit zu ſchaffen?“ „Allerdings! Sie haben Recht!“ Was Anfangs blos eine Handlung des Wohl⸗ wollens von Seite der Miß Lacy war, wurde bald Gegenſtand ihrer Neigung; die Leiden der armen, verlaſſenen Zigeunerin erweckten ihre Theilnahme und ſobald Milly's Kräfte es geſtatteten, ließ ſie dieſelbe aus dem Häuschen der Mrs. Page nach ihrer eige⸗ nen Wohnung bringen, wo ſie ſie mit faſt mütter⸗ licher Sorgfalt pflegte. Es vergingen mehrere Wo⸗ chen, während welchen Lord Arthur und John Comp⸗ ton fortwährend zum Beſuch kamen. Einmal hatte ihr Lebensretter die intereſſante Kranke überredet, ſeinen Arm anzunehmen und mit ihm aus dem Beſuchszimmer einen Spaziergang in den Garten zu machen; es war das erſtemal, daß ſie ſich in die freie Luft wagte. „Der Lord iſt ſehr aufmerkſam,“ bemerkte der 174 würdige Kaufmann;„man ſollte faſt meinen, er ſei in ſie verliebt.“ „Wie ungereimt; entſchuldigen Sie dieſes Wort,“ ſagte Doctor Burt. „Ganz unwahrſcheinlich,“ rief Herbert Lacy aus. „Was war dann aber der Grund, weßhalb der Lord uns erſuchte, ſeinen Rang vor Milly geheim zu halten?“ fragte John Compton, der unter andern Eigenheiten auch die beſaß, ſehr hartnäckig auf ſeiner Meinung zu beharren. „Ich vermag Ihnen dieſe Frage nicht zu beant⸗ worten,“ verſetzte Herbert Lacy;„aber verlaſſen Sie ſich darauf, lieber Herr, daß ſeine Handlungsweiſe mit Liebe nichts gemein hat.“ Seine Schweſter machte keine Bemerkung, weil ſie entweder das Geſpräch nicht gehört, oder ihre Gründe hatte, ſtille zu ſchweigen. Dreißigſtes Kapitel. Wir bedauern den Menſchen, deſſen Herz nicht lebhafter ſchlägt, wenn er von dem Gipfel eines der. ſchneebedeckten Alpenpäſſe zum erſtenmal in die berr⸗ lichen Ebenen Italiens hinabblickt, in welcher die Lom⸗ bardei, theilweiſe von den rauhen Appeninnen durch⸗ ſchnitten und eingefaßt, gleich einem reichen Garten zu ſeinen Füßen liegt, beſäet mit Städten die ſo reich ſind an hiſtoriſchen Erinnerungen und ſo viele Denk⸗ mäler der Kunſt, Wiſſenſchaft und Civiliſation in ſich 175⁵ ſchließen, an welche ſich Florenz, Rom, Neapel und deren ältere Schweſtern anreihen, deren hetruskiſche Monumente ihre frühern Einwohner mit dem ver⸗ gleichsweiſe modernen Zeitalter in Zuſammenhang und Verbindung bringen. Italien iſt das Thema, bei welchem wir nicht zu verweilen wagen, weil wir ſonſt der Verſuchung nicht widerſtehen könnten, der Eindrücke unſerer Jugend, und Empfindungen uns zu erinnern, die wir hegten, als Herz und Geiſt noch friſch waren, die Welt ihre Maske vor uns noch nicht hatte fallen laſſen und ehe die rauhe Wirklichkeit uns in's Geſicht geſtarrt hatte. Wir waren ſeiner Zeit auch Träumer geweſen und geſtehen dieß; vielleicht haben wir dieſe Schwäche noch nicht ganz abgeſtreift, wollen aber deßhalb doch unſere Leſer nicht durch ſentimentale Phraſen lang⸗ weilen. Auf dem Gipfel des Splügen ſtand Major Hen⸗ derſon mit ſeinen beiden Zöglingen in Betrachtung der Scenerie vor ihnen verſunken. Keiner der bei⸗ den jungen Leute ſprach etwas, denn es gibt Ge⸗ müthsbewegungen, die für Worte oder Thränen zu tief ſind. „Iſt dieß das Land von Sclaven?“ murmelte Oliver, der zuerſt das Stillſchweigen brach. „Seine Schönheit hat ſeine Ketten geſchmiedet,“ rief der Major.„Dieſe hat ſchon in den älteſten Zeiten den Eroberer angezogen.“ „Armes Italien!“ ſeufzte unſer Held, deſſen Herz voll Bitterkeit über die Leiden, welche Alfred Bel⸗ gioſo— ein adeliger Jüngling aus Mailand, der aus ſeinem Vaterhauſe und Heimathlande entflohen war, 176 um dem ihm drohenden Gefängniß zu entgehen— während ſeiner kurzen Bekanntſchaft mit ihm in Zürich ſo beredt beſchrieben hatte.„Es muß eines Tages frei werden,“ fügte er hinzu.„Ich glaube nicht an das Ausarten einer Nation.“ „Ich auch nicht,“ ſagte Philipp, der ſeine Begei⸗ ſterung vollkommen theilte. Glücklicherweiſe war Peter Marl nicht anweſend; derſelbe war am Eingange in die Via Mala bei dem Wagen zurückgelaſſen worden, während der Major und die beiden jungen Leute den Weg über den Berg zu Fuß zurücklegten, ſonſt würde ſicher der alte Sol⸗ dat dieſen Gefühlen eine andere Richtung gegeben ha⸗ ben, indem er nicht unterlaſſen hätte, ſeine Anſichten über die„Musjös“ auszukramen, wie er alle Aus⸗ länder bezeichnete. Ihr Mentor lächelte; vielleicht tauchte die Erin⸗ nerung an ſeine eigene Jugendempfindungen in ihm auf. „Wartet erſt,“ ſprach er,„bis ihr die Bevölke⸗ rung kennen gelernt und ſtudirt habt. Der Fluch des vor uns liegenden Landes iſt deſſen Fruchtbarkeit.“ Seine Zuhörer blickten ihn mit einer Miene an, als wenn ſie die Richtigkeit ſeiner Anſicht bezweifelten. „Die Erfahrung beweist dieß,“ fuhr er fort,„und das Land, durch das wir ſoeben gekommen ſind, iſt ein Beleg dafür.“ Dem Volk, welches einen rauhen Boden bebaut, es ſelten an Muth und Kraft, ihn zu verthei⸗ igen. Unterdeſſen waren die Reiſenden von Peter Marl mit dem Wagen eingeholt worden. Der alte Soldat 177 ſtieg ab und ſchloß ſich ihnen an. Sie hatten faſt i eine Meile weit zu gehen bis an den öſtreichi⸗ ſchen Poſten, wo die Päſſe vorzuweiſen waren und das Gepäck unterſucht werden ſollte. Eine Wendung auf der ſich windenden Straße führte die Reiſenden auf den höchſten Punkt des Abhangs, von welchem aus man Chiavenna überblicken kann⸗ Wer den Paß des Splügen nicht kennt, iſt leicht ver⸗ ſucht zu glauben, man könne von hier aus einen Stein in die maleriſch gelegene kleine Stadt hinabwerfen, welche, in die umherliegenden Haine von Olivenbäu⸗ men und Weinbergen gebettet, gleichſam unter den Füßen zu liegen ſcheint und doch noch zwölf Meilen entfernt iſt. Laute Rufe um Beiſtand lenkten ihre Aufmerk⸗ ſamkeit von der vor ihnen liegenden Scenerie ab. Wenige Schritte von ihnen lag eine Berline, die gegen die Bergwand umgeſtürzt war; die erſchreckten Pferde ſchlugen aus und bäumten ſich, indem ihre Angſt noch durch das Geſchrei einer franzöſiſchen Kam⸗ merjungfer und die Flüche der Poſtillon vermehrt wurde, welche, wie es gewöhnlich der Fall iſt, alle Geiſtesgegenwart verloren zu haben ſchienen. Ohne einen Augenblick ſich zu beſinnen, eilten ſie zur Stelle. Peter Marl faßte das nächſte Pferd beim Kopfe und trotz des Widerſtrebens des wüthenden Thieres drückte er es rückwärts zu Boden. „Bravo!“ rief der Major, die Vorläufer bän⸗ digend.. Oliver und Philipp hatten die Thüre des beſchä⸗ digten Wagens aufgeriſſen und halfen den Darin⸗ Smith, Milly Mohne. I. 12 178 ſizenden ausſteigen. Die erſte Perſon die zum Vor⸗ ſchein kam, war eine noch immer ſchöne obgleich viel ältere Dame als ihr Begleiter— ein bleicher, intelli⸗ gent ausſehender Mann von etwa dreiundzwanzig Jahren. Vielleicht mochte er etwas mehr zählen— viel⸗ leicht auch etwas weniger— er ſah aus wie ein Menſch „Vom Denken müde, das Herz von Sorgen ſchwer.“ Die Aufregung des jungen Mannes ſchien ſehr groß zu ſein. Nichtsdeſtoweniger ſuchte er mit der zärtlichſten Sorgfalt die beängſtigte Dame zu beru⸗ higen, welche halb ohnmächtig in ſeinen Armen lag. „Ich bin unverletzt, Louis,“ murmelte ſie end⸗ lich,„vergib mir meine thörichte Schwäche,— ich bin ſelbſt ohne einen Riß oder eine Schramme davon gekommen.“ „Dem Himmel ſei Dank!“ „Nur für Dich zitterte ich.“ Ein eigenthümliches Lächeln flog einen Augenblick über das Geſicht des jungen Mannes, als er ſeine Hand erhob und nach dem Himmel deutete. Man hätte glauben ſollen, er bezwecke durch dieſe Action ihre Aufmerkſamkeit auf irgend einen einge⸗ bildeten Stern zu lenken. 5 Mit jener ausgeſuchten Anmuth, welche nur aus dem Herzen kommen kann, dankte die Dame ihren Rettern für den ſo ſehr zur rechten Zeit geleiſteten Beiſtand, der ihr und ihrem Sohne zu Theil gewor⸗ den war. Dieß erweckte dieſen aus ſeinem Zuſtande der Zerſtreuung, in welchen er plötzlich gefallen zu 8 S S* u 179 ſein ſchien, und er ſtellte ſeine Mutter als Frau von St. Leu vor.. „Wie Sie ſelbſt,“ fuhr er fort,„befinden wir uns auf dem Wege nach Italien. Aber dieſer unglück⸗ liche Vorfall—“ „Soll Ihre Reiſe nicht aufhalten,“ verſetzte der Major, der ſich dunkel erinnerte, dieſen Namen ſchon gehört zu haben;„mein Wagen iſt ganz nahe zur Hand und ſteht ganz zu Ihrer Verfügung.“ „ Mutter und Sohn wechſelten Blicke, als wenn ſie ſich gegenſeitig befragen wollten. „Der Herr bietet ihn ſo bereitwillig an,“ bemerkte die erſtere. „Sie ſind Engländer,“ ſagte ihr Begleiter etwas barſch. „Ja.“ „„Dann können wir—“ „Louis!“ unterbrach ihn die Dame im Tone des leichten Vorwurfes. „Ihr Anerbieten annehmen,“ fügte der Sohn bei, mit der Miene eines Mannes, der eine Gefälligkeit erwies und nicht eine annahm. Unterdeſſen hatte der Wagen des Major Hender⸗ . ſon den Schauplatz des Auftritts erreicht und die Bagage der Frau von St. Leu, ſowie deren Sohn, war von dem verunglückten Gefährt— das offenbar gemiethet war— herabgeſchafft worden, worauf die Reiſenden ihren Weg fortſetzten. Peter Marl war die einzige Perſon, der dieſe Vermehrung der Geſellſchaft nicht recht war. Er liebte weder das Geplauder der franzöſiſchen Kam⸗ merjungfer noch das Stillſchweigen Kammer⸗ 2 180 dieners, welche das zerbrochene Gefährt mit ihm theilten. „Daraus entſteht nichts Gutes,“ murmelte er in ſich hinein.„Es iſt aber auch von dieſen Musjös gar nichts Anderes zu erwarten. Da ich aber nicht Ober⸗ befehlshaber bin, ſo waſche ich meine Hände in Un⸗ ſchuld.“ An der Grenze wurden die Päſſe ſtreng geprüft und das Gepäck ſcharf durchſucht. Da Alles ſich in Ordnung fand, durften ſie paſ⸗ ſiren und ſo gelangten ſie in wenigen Stunden nach Chiavenna, wo der Major die Nacht zuzubringen be⸗ ſchloſſen hatte. Seinen neuen Bekannten ſchien aber ſo viel daran gelegen zu ſein, weiter zu kommen, daß er ſeinen Plan änderte, friſche Pferde beſtellte und die Reiſe nach Riva, ein maleriſch an den Ufern des See's vom Como gelegenes Städtchen, fortſetzte. Nach einem gemeinſchaftlich eingenommenen Mit⸗ tagsmahle zogen ſich Frau von St. Leu und deren Sohn zur Ruhe zurück. „Ich bin eine Bettlerin ſelbſt in meinen Dankes⸗ bezeugungen,“ rief die Dame in Anerkennung der Gefälligkeiten ihrer neuen Freunde.„Sie wiſſen gar nicht, was für einen wichtigen Dienſt Sie mir gelei⸗ ſtet haben.“ Ein Blick Louis' that ihr Einhalt. „Gute Nacht!“ fügte die Dame mit einem Seuf⸗ zer bei, als wenn ſie es fühlte, wie hart es ſei, ſich ſelbſt des Vergnügens ihren Dank ausſprechen zu dürfen, beraubt zu ſehen. Major Henderſon und deſſen junge Gefährten wa⸗ ren höchlich erſtaunt, als ihnen der Wirth am flo⸗ 181 genden Morgen mittheilte, daß ihre Reiſegeſellſchafter bereits ſein Haus verlaſſen hätten. Madame und ihr Sohn hatten, wie es ſchien, das raſcheſte Boot gemiethet und ſich vor Tagesanbruch über den See eingeſchifft. „Wie ſonderbar!“ rief Oliver.„Was hatten ſie wohl für einen Grund dafür?“ Keinen guten, dachte Peter Marl, gerade, wie ich es erwartete. „Haben ſie keinen Auftrag, keinen Brief zurück⸗ gelaſſen?“ fragte Philipp. „Keines von beiden,“ antwortete der Herr des Hotels. Dieß erwies ſich aber als ein Irrthum, denn bald hernach erſchien ein Kind im Zimmer, das dem ajor ein Billet überbrachte, der deſſen Siegel mit ganz ungewöhnlichem Gefühl der Neugierde erbrach. Es lautete folgendermaßen: „Klagen Sie weder meine Mutter noch mich wegen unſeres uncermoniöſen Abſchiednehmens der Undankbarkeit an. Unſere Gegenwart hätte Ihnen Verlegenheiten bereiten können. Einem Manne wie Sie, der ſo genau mit dem Zuſtand der politiſchen Zuſtände Italiens bekannt iſt, wie wir ſelbſt, wird es an einem Schlüſſel zu unſern Beweggründen nicht fehlen.“ Das Billet war unterzeichnet:„L. N.“ „Louis Napoleon!“ ſagte Major Henderſon.„Es ann Niemand anderes ſein. Wie konnte ich auch nur ſo ungeſchickt ſein, mich nicht zu erinnern, daß Ludwig der achtzehnte auf den Wunſch ſeines Alliir⸗ 182 ten, des Kaiſers Alexander, Hortenſa zur Herzogin von St. Leu ernannte. Jetzt begreife ich alles.“ Oliver und Philipp hörten mit Erſtaunen dieſe Auſtlärung an. Es war etwas für Jünglinge von ihrem Temperament und ihrer glühenden Einbildungs⸗ kraft, den Reffen des Kaiſers geſehen und geſprochen zu haben, und ſo folgten ihre Fragen raſch auf ein⸗ ander. Italien war damals in Gährung. Die Gemü⸗ ther der Menſchen waren gleich dem Boden des Lan⸗ des vulkaniſch und wie dieſer jeden Augenblick bereit in offenen Aufruhr auszubrechen. Den Bewohnern war zugeflüſtert worden, daß ſie eines Tages frei ge⸗ weſen ſeien. Alfieri hatte ſie mit ſeinen Dichtungen aufgeſtachelt, indem er der jetzigen Generation den Vorwurf machte, daß ſie, die Abkömmlinge der Her⸗ ren der Welt, jetzt freiwillige Sclaven ſeien. Oeſt⸗ reich war trotz ſeiner Wachſamkeit und Strenge für das Juwel ſeiner Krone beſorgt geworden. Die Krallen des doppelköpfigen Adlers hatten ſich nicht ſo feſt eingegraben, daß man ſie nicht hätte locker machen können. Kein Wunder, daß in einem ſolchen Augenblicke das Erſcheinen eines Mitglieds der Familie Bona⸗ parte mit eiferſüchtigen Augen betrachtet wurde. Noch niemals in der Weltgeſchichte iſt es erlebt worden, daß es einem Londe gleich beim erſten Ver⸗ ſuche gelang, ſich frei zu machen. Es war daher kein Wunder, daß die Carbonari mit ihren utopiſchen Planen, geheimnißvollen Eiden und Mordplanen nichts ausrichteten. Sie büßten ihre Vergehen in ſchweren Gefängniſſen, wurden aber dadurch auch zu 183 Märtyrern, während ſie eigentlich nichts weiter als politiſche Verbrecher waren. Daß Louis Napoleon im Begriffe war, ſein Glück und vielleicht ſein Leben in irgend einem verzweifel⸗ ten Unternehmen auf's Spiel zu ſetzen, ſchien nur zu wahrſcheinlich zu ſein. Dieß ſah wenigſtens ein Mitglied der Geſellſchaft vollkommen ein. Unſer Held, der während ſeines kur⸗ zen, vertrauten Umgangs mit Alfred in Zürich die leidenſchaftliche Beſchreibung des Verbann⸗ ten von den Drangſalen ſeines Landes gehört und lebhaft mit ſeinen Gefühlen ſympathiſirt hatte, war davon ſo ergriffen worden, daß er, ohne den Major um Rath zu fragen oder ſelbſt Philipp in ſein Ge⸗ heimniß einzuweihen, es übernommen hatte, einen Brief des Italieners an ſeine Mutter, die verwitt⸗ wete Gräfin zu beſorgen, welche in ihrem Familien⸗ palaſt in Mailand wohnte. Seit Jahren hatte ihr Sohn weder etwas von ihr gehört, noch hatte er ihr eine Mittheilung zukom⸗ men laſſen können, weil zu befürchten ſtand, daß die⸗ ſelbe gegenüber der öſtreichiſchen Regierung kompro⸗ mittirt werden könne. Aus dieſem Grunde hatte Oliver den Brief ſorg⸗ fältig in dem Futter ſeines Hutes verborgen. Er wußte wohl, daß wenn er auf irgend eine Weiſe Verdacht errege, nicht nur ſein Gepäck, ſondern auch das ſeiner Gefährten auf's ſchärfſte durchſucht wer⸗ den würde. Eben als die Reiſenden auf dem Punkte ſtanden, auf dem See ſich einzuſchiffen, kam ein öſtreichiſcher Gendarmerie Brigadier, gefolgt von zwei Gemeinen, 184 vor dem Hotel angaloppirt und fragte nach Frau von St. Leu und deren Sohn. Zu ſeinem Verdruß wurde ihm aber mitgetheilt, daß dieſe ſchon vor Ta⸗ gesanbruch abgereist ſeien. Damals gab es noch keinen electriſchen Telegraphen und ſo ließ der Bri⸗ gadier ſeine Wuth an dem unglücklichen Wirth aus. „Schöps“,„Dummkopf“ und„Tölpel“ waren die mildeſten Beiworte, mit denen er ihn überſchüttete. „Ich kann nichts dafür,“ antwortete der Mann demüthig.„Ich hatte weder die Gewalt noch das Recht, ſie aufzuhalten; ſie bezahlten ihre Rechnung und das war alles, was mich anging.“ „Und wo ſind denn die Engländer, die mit ihnen waren?“ polterte der Brigadier. Der Herr des Hotels deutete auf den Major und deſſen beide Zöglinge, die bei dem Boote ſtanden, auf dem Peter Marl und das Gepäck ſich bereits befanden. Der Brigadier ritt an ſie heran und fragte barſch nach den Päſſen. Major Henderſon händigte ihm denſelben gelaſſen ein. „Es iſt nur einer.“ „Wenn Sie ihn gefälligſt durchleſen wollen,“ ver⸗ ſetzte der Major,„ſo werden Sie meine beiden jun⸗ gen Freunde und den Diener darin verzeichnet finden.“ „Und wohin ſind denn Ihre Reiſegefährten ge⸗ flohen?“ „Von wem ſpricht er?“ fragte Oliver. „Von Herrn und Frau von St. Leu,“ verſetzte ſein Mentor. „Von Hortenſe und deren Sohn, der jungen 185 Schlangenbrut der Bonaparte's!“ rief der Brigadier, „welchem der Eintritt in Italien durch meinen er⸗ habenen Herrn, Franz den Erſten, Kaiſer und König von Italien verboten iſt.“ „Die Beamten Ihres erhabenen Herrn, Franz des Erſten und Königs von Italien, hätten ihre Pflicht beſſer erfüllen ſollen,“ bemerkte Major Hen⸗ derſon kalt. Der Brigadier gerieth ganz außer ſich und mur⸗ melte etwas dergleichen wie von Unverſchämtheit der Engländer vor ſich hin. „Ich werde mich über Ihre Unverſchämtheit bei dem Vicekönig, dem Erzherzog Rainer beklagen, ſo⸗ bald ich nach Mailand komme,“ bemerkte der Major, um dem Geſpräche ein Ende zu machen.„Wir werden dann ſehen, ob Seine kaiſerliche Hoheit ein ſolches Benehmen gegen einen britiſchen Officier billigt. Geben Sie mir meinen Paß zurück,“ fügte er bei. Der Mann fing an einzuſehen, daß er zu weit gegangen ſei, und man merkte ihm an, daß er ge⸗ neigt ſei, einzulenken. Der Major wiederholte ſein Verlangen in dem⸗ ſelben entſchloſſenen Tone, worauf der Brigadier zum großen Erſtaunen des Wirths, der jetzt ſich einbildete, er habe es mindeſtens mit einem incognito reiſenden Prinzen zu thun, das Papier zurückgab. „Ich bin natürlich ſehr ärgerlich,“ ſagte der Bri⸗ gadier in weit ruhigerem Tone,„über die Dummheit meiner Leute, daß ſie ſo gefährliche Perſonen unan⸗ gehalten durchpaſſiren laſſen.“ „Das begreift ſich,“ lautete die Antwort. „Sie werden doch meine Verlegenheit nicht durch 186 eine Klage bei dem Vicekönig über dieſe ärgerliche Geſchichte noch vermehren.“ „Ich werde dieß nicht thun, wenn Sie mir ein Wort der Entſchuldigung ſagen.“ Dem Brigadier ſiel es ſchwer, dieſes Wort, zu⸗ mal vor Zeugen auszuſprechen. Ein kurzes Ueber⸗ legen überzeugte ihn aber, daß ihm im Grunde nichts anderes übrig bleibe, und ſo ſprach er es endlich mit eben ſo großer Unterwürfigkeit gegen den Fremden als er zuvor Barſchheit an den Tag gelegt atte. „Sehen Sie zu, wie Sie ſich aus Ihrer Ver⸗ legenheit uber das was ſich zugetragen hat, heraus⸗ helfen können,“ ſagte Major Henderſon.„Glauben Sie mir, daß dieß die beſte Politik iſt. Diejenigen, welche feſtzunehmen Ihre Pflicht war, werden aller Wahrſcheinlichkeit nach die ſardiniſche Grenze erreicht haben, lange ehe eine Mittheilung nach Mailand die dortigen Behörden in den Stand ſetzt, ſie abzufangen⸗ Und für die Zukunft,“ fügte er bei,„vergeſſen Sie nicht, daß man bei Ausübung ſeiner Pflichten, wel⸗ cher Art dieſe auch immer ſein mögen, dennoch höf⸗ lich bleiben kann.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, begab er ſich jest in das Boot, gefolgt von ſeinen jungen Gefährten und die Ruderer ſtießen vom Ufer ab. In jener Nacht ſchliefen ſie in Como und am folgenden Tag erreichten ſie Mailand, deſſen pracht⸗ voller Dom mit ſeinen zierlichen Zinnen ſich ſchon mehrere Stunden lang ihren Blicken zeigte, ehe die Thore der Hauptſtadt der Lombardei ſie aufnahmen. Viele Reiſende halten ſich eine Zeitlang in Mai⸗ —— 187 land auf, um ſich zu akklimatiſiren, denn da dieſe Stadt beinahe im Mittelpunkte einer ungeheuren Ebene liegt, die von den Alpen und Appeninen ein⸗ gefaßt iſt, ſo iſt die Hitze daſelbſt, einige Sommer⸗ monate ausgenommen, ſelten ſehr drückend. Ueber⸗ dieß enthält die Stadt ſo Vieles, was den Kenner intereſſirt und den Geſchmack des Laien in der Kunſt zu bilden im Stande iſt.“ „Nun, meine Jungen,“ ſagte der Major am Mor⸗ gen nach ihrer Ankunſt,„verfügt über eure Zeit, wie es euch beliebt; meine Gegenwart ſoll euch kei⸗ nen Zwang auferlegen. Braucht ihr meinen Rath, ſo fragt mich darum; wollt ihr meine Geſellſchaft, ſo ſteht ſie euch ſtets zu Dienſten.“ Es war kein Wunder, daß nach einem ſo freiſin⸗ nigen Verzicht auf das Recht, das Treiben der jun⸗ gen Männer zu beaufſichtigen, der Major ſelten allein blieb. Sie beſuchten zuſammen die Paläſte und Kir⸗ chen, das alte Jeſuitenkollegium, das jetzt in ein Ly⸗ ceum verwandelt iſt, das Amphitheater und den gro⸗ ßen Spital, den der Schutzpatron der Stadt, der heilige Karl Borromeo erbaut hat und deſſen Leich⸗ nam in der Gruft von Cryſtall und Gold in der unterirdiſchen Kapelle begraben liegt, die ſeinen Na⸗ men führt und mit Ausnahme der von Loretto, das reichſte Monument dieſer Art in Italien iſt. Mehrere Tage hindurch meinte Oliver, daß ihre Wanderungen beobachtet würden, weßwegen er ſich der Vorſicht halber hütete, eine Nachfrage über die Gräfin Belgioſo anzuſtellen. Er ſprach nicht einmal den Wunſch aus, ihren Palaſt zu ſehen, obgleich er wußte, daß er viele Kunſtſchätze enthielt— unter an⸗ 188 Madonna von Foligno von Raphael. Sein Freund Philipp war es, der zuerſt davon ſprach und den Wunſch eines Beſuches daſelbſt zu erkennen gab. dern die Hriginalſtizze des großen Gemäldes der Ehe unſer Held beiſtimmte, trieb er die Klugheit ſo weit, den Cicerone zu fragen, ob etwas Intereſ⸗ ſantes dort zu ſehen ſei. Begreiflicher Weiſe erwiderte der Menſch, daß dieß der Fall ſei. Es iſt eine bekannte Sache, daß die Portiers der Paläſte und der Cicerone die bei ſolcher Veranlaſſung gegebenen Trinkgelder theilen. Zuweilen nimmt auch der adelige Beſitzer etwas davon für ſich in Anſpruch. Gleich den meiſten Paläſten in Italien enthielt das erſte Stockwerk von dieſem eine lange Flucht von Zimmern und Gallerien, die mit Gemälden, Familienbildern und Antiken angefüllt waren. Die Perle der Sammlung befand ſich in einem achteckigen Salon, der auf die Porta Hrientale die Ausſicht gewährte. kachdem die beiden Freunde Alles genügend be⸗ wundert hatten, waren ſie im Begriff, ſich zu ent⸗ fernen. Der Portier ſtand in gebückter Stellung un⸗ ter dem Portal in Erwartung des gewöhnlichen Trinkgeldes. „Der Palaſt ſcheint gänzlich verlaſſen zu ſein,“ bemerkte Philipp, dem die allgemein herrſchende Stille in den Appartements aufgefallen war. „Iſt er nicht bewohnt?“ „Doch, Signore.“ „Von wem?“ 1 —0 189 „Von der Conteſſa.“ „Das muß ja die Mutter unſeres Freundes in Zürich ſein,“ rief Philipp aus, der, ohne ſich träu⸗ men zu laſſen, daß ſein Kamerad irgend einen Grund zur Vorſicht habe, offen ſeine Freude über etwas ausſprach, was er für eine Entdeckung hielt. Der Portier und der Cicerone wechſelten Blicke mit einander. Oliver bemerkte dieß und war augen⸗ blicklich auf ſeiner Hut. „Kennt der Signore den Grafen?“ fragte der Diener reſpectvoll. „Wir wohnten zuſammen in demſelben Hotel in Zürich— weiter nicht,“ verſetzte unſer Held ohne Zögern, denn er war überzeugt, daß dieſer Umſtand der Polizei in Mailand bereits bekannt ſei. „Wünſcht der Signore die Gräfin zu ſprechen?“ „Durchaus nicht,“ ſagte Oliver,„ich habe keinen Grund— entfernt keine Entſchuldigung— für eine ſolche Zudringlichkeit. Sie wäre unverzeihlich.“ Damit legte er einen Scudo in die Hand des Mannes und verließ mit ſeinem Freunde den Palaſt. Während Beide gemächlich die Straße hinabwander⸗ ten, blickte ihnen der Portier argwöhniſch nach. Einunddreißigſtes Kapitel. Bis jetzt haben wir nur oberflächlich die politiſche Lage Raliens angedeutet, wie ſie zu der Zeit wär, ee 190 als unſer Held und ſeine Gefährten es beſuchten. Einige wenige Worte werden unſern Leſern zur Auf⸗ klärung genügen, und wir verſprechen keine weitere Abſchweifung zu machen, als unumgänglich nothwen⸗ dig für den Gang unſerer Geſchichte iſt.*) Seit dem Kriege von 1815, in welchem der ſchönſte Theil von Curopa unter den Scepter Oeſter⸗ reichs geſtellt worden war, herrſchte unter einem Theil der Bevölkerung der Lombardei und Venedigs, vor⸗ zugsweiſe aber unter dem müſſiggängeriſchen und verſchwenderiſchen Adel dieſes Landes eine große Un⸗ zufriedenheit, der übereingekommen war, dieſes Joch um ſo unerträglicher zu finden, als auch die Fürſten der kleineren Staaten in durchgängiger Abhängigkeit von Oeſterreich betrachtet wurden. *) Daß der Herr Verfaſſer in Auffaſſung der Zuſtände Italiens ſich auf den Standpunkt der jetzt gangbaren Strö⸗ mung der öffentlichen Meinung in England ſtellt, wird auf⸗ merkſamen Zeitungsleſern augenblicklich klar werden. Für ſolche Perſonen aber, die ſich weniger mit Politik beſchäftigen, dürfte der Wink wohl am Platze ſein, daß von engliſcher Seite ſo lange nicht von Unterdrückung und Sklaverei unterjochter Völ⸗ ker geſprochen werden ſollte, als von ſeiner Regierung nicht den Beſchwerden Irlands, der Joniſchen Inſeln, Kanada's, ſeiner Colonien und vor Allem Indiens abgeholfen iſt, die alle mehr oder minder unter jenem Sklavenjoch ſeufzen, für wel⸗ ches England in Italien ſo wohltönende Worte der Entrüſtung in Bereitſchaft hat. Das Prinzip der Befreiung der Italiener von ausländiſcher Herrſchaft iſt in dieſem Falle der krämer⸗ haften Politik Englands ebenſo angemeſſen, wie ſeiner Zeit die Unterſtützung des ſtarreſten Abſolutismus unter Dom Miguel in Portugal. Dieß Wenige zur richtigen Würdigung der vielleicht manchen Leſern anſtößigen Auslaſſungen des Verfaſſers über die in Italien geübte Tyrannei ſeiner rechtmäßigen Regenten., Der Bearbeiter⸗ . — — 191 Daß unter dieſen Umſtänden nichts verſäumt wurde, Unzufriedenheit unter dem Volke zu ſäen, iſt leicht begreiflich, ebenſo aber auch, daß dieſes zuletzt ſchwierig und unzufrieden wurde und ſeinen Zuſtand, den man ihm fortwährend als einen ſclaviſchen ſchil⸗ derte, endlich unerträglich zu finden anfing. Nach der Revolution in Frankreich von 1830 glaubte man in Italien, ermuthigt durch die franzö⸗ ſiſche Regierung, daß endlich der Tag der langer⸗ ſehnten Freiheit érſchienen ſei. Es brachen Revolu⸗ tionen in Bologna, Parma und Modena aus, und ſelbſt in Rom tobte der Aufruhr in demſelben Au⸗ genblick, in welchem das Conclave verſammelt war, um für Leo den Zwölften einen Nachfolger zu wäh⸗ len. Dieſer Umſtand trug nicht wenig dazu bei, ei⸗ nen endgültigen Beſchluß herbeizuführen, der bis da⸗ hin ſo unſicher geweſen war und Gregor der Sechs⸗ zehnte, ein entſchiedener Anhänger des öſterreichiſchen Einfluſſes in Italien, beſtieg den päpſtlichen Thron. Die lobenswerthe Sparſamkeit ſeines Vorfahren hatte Leo veranlaßt, die päpſtliche Armee auf die unum⸗ gänglich nothwendige Zahl der für die Vertheidigung der Feſtungen und der innern Sicherheit des Landes beſtimmten Truppen zu vermindern. Der neugewählte Papſt ſah ſich deßhalb ohne die unentbehrlichen Streit⸗ kräfte, um ſeine aufrühreriſchen Provinzen zum Ge⸗ horſam zurückzuführen. Eine Verſöhnung war un⸗ möglich geworden, und ſomit mußte Gregor der Sechs⸗ zehnte um auswärtige Hilfe ſich umſehen, da ſeine eigene Kräfte nicht zureichten. Die politiſche Stel⸗ lung Heſterreichs und früher eingegangene Verbind⸗ lichkeiten ließen dem heiligen Vater keine andere 192 Wahl. Er ſah ſich durch Verträge, ſelbſt wenn er es nicht verlangt hätte, gezwungen, die Einmiſchung der kaiſerlichen Truppen wenigſtens zu geſtatten. Die Oeſterreicher rückten in den Legationen ein; die In⸗ ſurgenten— unbewaffnet, ohne Artillerie und Dis⸗ ciplin— konnten nicht daran denken, ſich in einen Kampf einzulaſſen, und ſo wurde die Ordnung in den päpſtlichen Staaten wieder hergeſtellt. Die Theil⸗ nahme, welche die italieniſche Sache in Frankreich gefunden hatte, war zu groß, als daß die Regierung direct ihr hätte entgegentreten können. Louis Phi⸗ lipp hatte gleich einem jungen Reiter ſeine Kraft noch nicht kennen gelernt, weßhalb er beſchloß, eine doppelte Rolle zu ſpielen. Feſt entſchloſſen, um je⸗ den Preis einen Krieg zu vermeiden, welchen eine ernſtliche Aufforderung an Oeſterreich, ſeine Truppen zurückzuziehen, nothwendig zur Folge gehabt haben würde, und weil er zugleich fürchtete, gegen die Sym⸗ pathien der Franzoſen anzuſtoßen, ordnete der Bür⸗ gerkönig die Beſetzung von Ancona an. Nachdem die flüchtige Begeiſterung Frankreichs ſich gelegt und das Syſtem der von Louis Philipp eingeführten parlamentariſchen Korruption gehörig ge⸗ wirkt hatte, ließ man ſich die Beſetzung von Ferrara durch die Heſterreicher gefallen. Dieſer Art war der Zuſtand Italiens zu der Zeit, in welchem wir den Faden unſerer Erzählung wieder aufnehmen. Der Drang nach Freiheit, von der man ſich ſelbſt keine rechte Rechenſchaft zu geben vermochte, war allgemein; die Geiſter der Menſchen waren erhitz und eine Unzufriedenheit und Ungeduld machte ſich 193 in allen Claſſen bemerkbar. Man ſehnte ſich nach einem Wechſel, war zum Aufſtande bereit; die Car⸗ bonari waffneten im Stillen und warteten nur noch auf einen Führer. Unter dieſen Umſtänden war es kein Wunder, daß die Anweſenheit eines Mitglieds der Familie Bonaparte mit Argwohn betrachtet wurde und daß von öſterreichiſcher Seite die gemeſſenſten Befehle ertheilt worden waren, das Durchpaſſiren Louis Na⸗ poleons durch ſein Gebiet zu verhindern. s gab nur zwei Staaten in Italien, durch welche der verbannte Prinz mit Sicherheit reiſen konnte— Sardinien und der Kirchenſtaat, wo ſeine Großmut⸗ ter, Madame Lätitia und ſein Großonkel Kardinal Feſch wohnten. Sein Vater, der ſchwache Exkönig von Holland wurde ſchon längſt als gar nicht exi⸗ ſtirend betrachtet, und hatte, getrennt von ſeiner Ge⸗ mahlin, der reichbegabten Hortenſe, eine Zufluchts⸗ ſtätte in Florenz gefunden. Daß unter dieſen geſpannten Verhältniſſen ſelbſt Fremde zu leiden hatten, iſt leicht erklärlich, indem nicht nur deren Päſſe auf's Genaueſte viſitirt wur⸗ den, ſondern ſie ſelbſt auch einer ſcharfen Bewachung ihres Thun und Treibens ausgeſetzt waren. Major Henderſon und deſſen beide Zöglinge ent⸗ gingen ebenfalls dieſem Schickſal nicht, und mehr als einmal ſchlug der erſtere vor, nach Florenz weiter zu reiſen.. Zu ſeinem Erſtaunen aber wünſchten Oliver und deſſen Freund unter allen Umſtänden noch länger zu verweilen. Dem Erſteren war es noch nicht gelun⸗ Smith, Milly Moyne. II. 13 194 gen, das Alfred Belgioſo gegebene Verſprechen zu erfüllen, ſeinen Brief ſeiner Mutter zu übergeben, und der Letztere befand ſich in einem Zuſtande, von welchem Mercutio ſagt, indem er von dem liebes⸗ kranken Romeo ſpricht: „Durchbohrt von einer weißen Dirne ſchwarzem Auge; Durch's Ohr geſchoſſen mit einem Liebesliedchen, Seine Herzensſcheibe durch den Pfeil des kleinen Schützen Mitten entzwei geſpalten.“ Mit andern Worten, der arme Philipp, obgleich erſt ſechszehn Jahre alt, hatte ſich ſterblich in ein ſchönes Mädchen verliebt, die ihm häufig bei ſeinen Ausflügen begegnete, und welche er in der Loge der Herzogin von Litta im Scala⸗Theater ſah. Es war ſeine erſte Flamme und es gibt hoffent⸗ lich wenige unter unſern Leſern, die ſo alt ſind, daß ſie ſich nicht erinnern können, was dieß heißen will. Die weiſeſten und ernſteſten darunter haben doch, wenn wir uns nicht ſehr irren, in irgend einem gi. nen Winkel ihres Herzens das Idol aufbewahrt, we ches zuerſt ihr Herz in raſcheren Pulſen ſchlagen machte. Bei Wem dieß nicht der Fall war, den bedauern wir. Die Liebe beſitzt noch eine andere Sprache als Worte, namentlich in Italien, wo die Augen ſehr beredt ſprechen und Blicke ſchießen laſſen, die tief in die Seele dringen. Nach dem tiefen Erröthen der ſchönen Unbekann⸗ ten und ihrem verlegenen Weſen bei jeder zufälligen Begegnung zu ſchließen, wurde es bald klar, daß die Bewunderung des jungen Engländers nicht unbe⸗ ——— 195 achtet geblieben war. Die Herzogin mußte ſie eben⸗ falls bemerkt haben, denn ſie pflegte jedesmal ſchel⸗ miſch ihrer Begleiterin zuzulächeln oder etwas in de⸗ ren Ohr zu flüſtern, das ihr das reiche Blut auf die Wangen jagte. Pbilipp hätte Welten, wenn er ſie beſeſſen hätte, darum gegeben, ihr vorgeſtellt zu werden. Er hatte zwar ein paar Verſuche gemacht, ohne daß es ihm aber geglückt wäre. Man irrt ſich nemlich ſehr, wenn man glaubt, daß die italieniſche Geſellſchaft leicht zu⸗ gänglich wäre. In gewiſſen Kreiſen mag dieß der Fall ſein; aber die großen hiſtoriſchen Familien— die Glite des Adels— ſind womöglich noch excluſi⸗ ver als die in England. Er hatte bereits ſeine Wünſche in dieſer Hinſicht dem britiſchen General⸗Conſul, einem alten Freunde des Majors, zu erkennen gegeben. Der arme Menſch! Er hätte von dieſem eben ſo leicht erwarten können, daß er ihm den Cardinalshut verſchaffte, als eine Einführung in der Caſa Litta, deren Thore ſelbſt den höchſten Würdeträgern des viceköniglichen Hofes verſchloſſen waren. Die Freude Philipps war daher groß, weil ſie ganz unerwartet kam, als eines Tages Karten von dem Herzog und der Herzogin eintrafen, durch welche er und Oliver für den folgenden Tag zu einem gro⸗ ßen Feſte auf ihrer Villa in der Nähe von Monza eingeladen wurden. In ganz Mailand ſprach man von nichts, als von den Vorbereitungen, die daſelbſt in ſehr großartigem Moßſtabe getroffen wurden. Mehr als hundert Künſtler waren verwendet wor⸗ den, nur um die Gärten zu decoriren. 2 138 196 Unſer Held und deſſen Gefährte, unbekannt mit den Stunden der italieniſchen Geſellſchaft, trafen ſpät ein. In den Gärten drängten ſich die Gäſte, die vorzugsweiſe aus dem alten Adel der Lombardei beſtanden. Einige darunter unterhielten ſich auf dem See, auf welchem eine Anzahl bunt decorirter Bar⸗ ken zu ihrer Verfügung ſich befanden; andere tanz⸗ ten oder lauſchten den Tönen der Opernſänger, welche eine Cantate zu Ehren des Tages vortrugen; wäh⸗ rend viele andere in Gruppen ſich geſammelt hatten und von Poeſie, Muſik und Malerei ſprachen oder auf andere Weiſe ſich unterhielten. Es war eine prachtvolle Scenerie wie kein an⸗ deres Land in Europa ſie zu bieten vermag; denn wo anders findet ſich dieſer reine geiſtige Typus der Schönheit, welchen Raphael's und Correggio's Mei⸗ ſterwerke uns hinterlaſſen haben, als in Italien? Dieß iſt der große Reiz, den der Reiſende fühlt, — der Zauber der den Genius des Poeten und die Kunſt des Malers weckt. Er kann durch dieſes Land der Paläſte wandern, entzückt die Schätze der Bild⸗ hauerei betrachten und dabei noch immer deſſen aus⸗ gezeichnetſten Statuen in lebender Form vorfinden. Wir brauchen wohl kaum den Grund näher zu bezeichnen, welcher Philipp veranlaßte, von ſeinem Gefährten ſich zu trennen und allein die Irrgewinde des Gartens zu durchſtreifen in der Hoffnung, dort ein Weſen zu finden, das, wie es ſpäter ſich heraus⸗ ſtellte, von ſeiner Anweſenheit gar nichts wußte. Oliver verſtand ihn, wenn auch nicht aus Erfahrung, denn bis jetzt war ſein Herz noch unberührt. Die Liebe, welche dieſes ausfüllte, kannte keine Leidenſchaſt. 3 * 197 Es liegt etwas Troſtloſes— wir möchten hinzu⸗ ſetzen Peinliches— darin, ſich mitten unter einer glän⸗ zenden Menge zu beſinden und ſich allein darin zu fühlen. Unſer Held fing bald an dieß an ſich ſelbſt zu empfinden und ſo trat er, um den Schau⸗ platz zu ändern, in eine der künſtlichen mit Statuen geſchmückten kühlen Grotten, um welcher willen die Gärten der Villa Litta ſo berühmt ſind, und indem er ſich auf eine Raſenbank warf, fing er an darüber nachzudenken, was wohl das Ende der Vorliebe ſei⸗ nes Freundes für die ſchöne Italienerin ſein dürfte. Das Alter würde aller Wahrſcheinlichkeit nach die Stirne gerunzelt,— Erfahrung darüber gelacht und prophezeiht haben, daß dieß, wie in den meiſten Fällen die erſte Liebe, mit Enttäuſchung endigen werde. „Träume, Träume!“ murmelte er,„und doch wäre es grauſam, ihn daraus zu erwecken. Was würde John Compton zu ſeinem Mündel ſagen, wenn dieſer eine ausländiſche Braut mit nach Hauſe brächte, wie reich dieſe auch mit Glücksgütern und Schönheit ausgeſtattet ſein möchte. Wir müſſen Mailand ver⸗ laſſen— um Philipps willen verlaſſen, noch ehe ſein jetziges Gefühl zu große Herrſchaft über ihn erlangt.“ Während er hin und her überlegte, auf welche Weiſe dieſer kluge Entſchluß am beſten ausführbar ſei, hörte er einen ſchweren Seufzer ganz in ſeiner Nähe. Als er aufſprang, ſah er eine große hübſche Frau, mehr prunkvoll als mit Geſchmack gekleidet, in deren ſchwarzen italieniſchen Haaren, ſowie an ihren Armen und um den Nacken eine Menge Edelſteine und Bril⸗ lanten glänzten. 198 Sie mochte etwa vierzig, höchſtens fünfundvierzig Jahre zählen.. Hliver zog den Hut ab und wollte ſich entfernen. „Bleiben Sie!“ rief die Unbekannte, ihn auf fran⸗ zöſiſch anredend:„um aller Barmherzigkeit willen verlaſſen Sie mich nicht.“ „Fühlen Sie ſich unwohl?“ fragte der Jüngling achtungsvoll.. „Herzenskrank! Ich bin Mutter.“ Da Hliver nicht wußte, welcher Eindruck durch dieſe freiwillige Mittheilung auf ihn gemacht werden ſollte, gab er keine Antwort. Seine Lage war für ihn in Betracht ſeiner Jugend ziemlich peinlich, und er fragte ſich in Gedanken, ob die Dame mit ihren Diaman⸗ ten wohl bei Sinnen ſei oder nicht. „Eine unglückliche Mutter mit gebrochenem Her⸗ zen,“ fuhr ſie fort;„ſagt Ihnen Ihr Herz nicht, wer ich bin?“ Unglücklicher Weiſe blieb aber Oliver's Herz ſo ſtumm, wie er ſelbſt. Der Schluß, zu dem er ge⸗ langte, ging dahin, daß die Dame entweder verrückt ſei oder ſich auf ſeine Koſten luſtig machen wolle. „Ich bin die Gräfin Belgioſo,“ rief ſie mit me⸗ lodramatiſcher Miene.„Mein Sohn— mein edler Sohn! Sie waren ſein Freund in der Verbannung, theilten ſeine Gedanken— ſeine edeln Beſtrebungen; gewiß hat er mit Ihnen auch von ſeiner unglücklichen Mutter geſprochen?“ „Häufig,“ verſetzte unſer Held. „Ihnen ein Zeichen oder einen Brief für mich anvertraut?“ fuhr ſie fort, mit wohlgelungener Aengſt⸗ lichkeit um ſich blickend.„In der Hoffnung, etwas 199 dergleichen durch Sie zu erhalten, veranlaßte ich mei⸗ nen Vetter, den Herzog von Litta, Sie und Ihren Freund zu dieſem Feſte einzuladen.“ „Es war dieß ein trauriger Irrthum,“ antwor⸗ tete Hliver,„denn ich habe weder ein Zeichen noch einen Brief für Sie.“ Alfred Belgioſo hatte ihm nämlich öfters das Porträt der Gräſin gezeigt, und Oliver merkte ſogleich die Falle, die ihm hier gelegt worden war. „Sprach er nie von mir?“ fragte die Dame im Tone der Enttäuſchung, der dießmal ſicher nicht künſt⸗ lich war;„oder hat er mich vergeſſen?“ „Die Liebe für ſeine Mutter iſt ſich gleich ge⸗ blieben.“ „Und hegt er für unſer Vaterland— für das un⸗ terdrückte, duldende Italien— noch immer Hoffnung? Sind ſeine Freunde in Mailand der Sache noch eben ſo treu wie ehemals?“ „Wohl möglich; wir ſprachen aber nie über der⸗ gleichen Dinge. Alfred war viel zu vorſichtig— ich viel zu jung, als daß ich auf ſein Vertrauen hätte Anſpruch machen können.“ „Er hätte einem ſo verſtändigen und aufrichtigen WMenſchen wie Sie, wohl Vertrauen ſchenken können,“ rief die wohlgeſchulte Betrügerin. „Meiner Ehre allerdings,“ bemerkte Oliver, den die Schmeichelei der Dame amüſirte;„aber nicht mei⸗ ner Verſchwiegenheit. Ich bin zu unerfahren. Er⸗ lauben Sie mir,“ fügte er bei, bemüht der gutge⸗ ſpielten Scene ein Ende zu machen,„Ihnen meinen Arm anzubieten. Iſt es vielleicht von meiner Seite zu viel verlangt, wenn ich Sie um die Gewogenheit ———.— 200 bitte, mich Ihrem erhabenen Vetter und der liebens⸗ würdigen Herzogin vorzuſtellen, damit ich dieſen mei⸗ nen Dank für ihre Höflichkeit gegen einen unbekann⸗ ten Reiſenden abſtatten kann.“ Trotz der Frechheit der wohlgeſchulten Agentin der geheimen Polizei erröthete dieſe doch unter ihrer Schminke über dieſes Verlangen, welches Oliver nur, um ſie in Verlegenheit zu ſetzen, geſtellt hatte. „Wie unbeſonnen!“ rief die Dame aus;„man könnte uns beobachten. Unſere Tyrannen haben ſelbſt hier ihre Agenten.“ „Wohl möglich,“ ſagte Oliver trocken.„In Ih⸗ rem eigenen Palaſte werde ich alſo wohl die Ehre haben können, der Mutter meines verbannten Freun⸗ des meinen Reſpekt bezeugen zu können.“ „Ja, ganz gewiß, ja!“ murmelte die Betrügerin. „Ich will Ihnen mittheilen, wann ich Sie mit Sicher⸗ heit empfangen kann. Adieu!“ fügte ſie bei, ihre Hand ausſtreckend, welche Oliver mit ernſter Miene leicht mit den Lippen berührte. „Wahrhaftig!“ murmelte unſer Held, als die vor⸗ gebliche Gräfin aus der Grotte ſich entfernte,„ich habe den Major ſchon ſagen hören, daß die Roman⸗ tik des Lebens die Erfindung übertreffe; jetzt glaube ich ihm. Welch ein Abenteuer! Wie glücklich bin ich der Gefahr entgangen! Wenn ich freilich das Porträt nicht geſehen hätte, ſo wäre ich ohne Zweifel in die Falle gegangen. Woher konnte ſie aber nur wiſſen, daß der Herzog und die Herzogin uns eingeladen hatte?“ 5 Trotz all ſeinem Scharffinn hatte er doch nur 201 einen Theil des Räthſels errathen. Es dauerte aber nicht lange, ſo wurde ihm auch das Uebrige klar. Als Oliver ſeinen Spaziergang in dem Garten wieder fortſetzte, begegnete er einem hohen, ſtattlich ausſehenden Mann, der mehrere Decorationen trug, ihn mit mißtrauiſchen Blicken anſah und auf eine auffallende Weiſe begrüßte. Der Jüngling gab den Gruß zurück und ging ſeines Wegs weiter. An der nächſten Wendung begegnete er derſelben Perſon wie⸗ der, die ihn auf die nämliche Weiſe begrüßte. Wer kann dieß wohl ſein? dachte Oliver. Dieſelbe Frage ſtellte der Herzog von Litta hin⸗ ſichtlich des jungen Engländers an ſich. Da er dieſelbe nicht zu löſen im Stande war, ſo wandte er ſich an die Herzogin, die ebenſo erſtaunt wie er über die Anweſenheit eines Fremden war. „Dieſe Zudringlichkeit iſt unerträglich,“ rief ihr Gemahl,„und ich bin feſt entſchloſſen, derſelben ein Ende zu machen.“ „Mit wem habe ich die Ehre zu ſprechen?“ ſagte er, mit einer Miene vornehmer Höflichkeit auf un⸗ ſern Helden zutretend. Oliver, der keine Ahnung von der zweideutigen, wenn nicht gar lächerlichen Lage hatte, in der er ſich befand, überreichte ihm mit ernſter Miene ſeine Karte. „Trevor?“ wiederholte der Herzog ſie leſend,— „der Name iſt mir gänzlich unbekannt.“ „Ebenſo wie der Ihrige mir,“ verſetzte der Jüng⸗ ling gelaſſen. „Ich bin der Herzog von Litta,“ erwiderte der Edelmann in einem Tone, welcher deutlich bezeichnete, daß es ſich durchaus um keinen Scherz handle,„und 202 verlange eine Erklärung, wie Sie dazu kommen, ſich zu einem Feſte zu drängen, zu welchem nur intime Freunde eingeladen worden ſind.“ Oliver erröthete bis unter die Schläfe. Glück⸗ licherweiſe hatte er ſeine Einladungskarte mitgebracht. „Das iſt die einzige Erklärung, welche ich oder mein Freund, der ſich irgenwo im Garten befindet, zu geben vermag,“ ſprach er.„Es mag ein Irr⸗ thum im Spiele ſein, und doch kann ich kaum be⸗ greifen, wie dieß möglich iſt; jedenfalls aber bitte ich Sie Herr Herzog, an keine abſichtliche Zudring⸗ lichkeit von unſerer Seite zu glauben.“ Dieſe wenigen ſchlichten Worte, in höflichem aber feſtem Tone geſprochen, verfehlten nicht ihren Ein⸗ druck auf den Mann zu machen, der wegen ſeines feinen Benehmens und ritterlichen Charakters einſt gewählt worden war, an der Spitze der italieniſchen Adelsdeputation die eiſerne Krone der Lombardei dem erſten Napoleon anzubieten. „Dieſe Einladung,“ ſprach er,„kommt weder von der Herzogin, noch von mir,— vielleicht hat ſie uns aber ein unerwartetes Vergnügen verſchafft.“ „Geſtatten mir Euer Durchlaucht, mich ſogleich zu entfernen!“ rief unſer Held, der nun merkte, wie ſchändlich er getäuſcht worden war. „Nicht doch,“ ſagte der edle Feſtgeber, bei wel⸗ chem nach dieſer Aufklärung alle Empfindlichkeit ver⸗ ſchwunden war.„Doch ſagen Sie mir, ob ſie keine Ahnung davon haben, wer dieſe Miſtifikation began⸗ gen haben kann? In dieſem Falle bitte ich mir Auf⸗ klärung zu geben. Ich verſpreche Ihnen, daß die betreffenden Perſonen nicht unbeſtraft bleiben ſollen.“ 203 „Wahrſcheinlich kann die Gräfin Belgioſo Alles erklären,“ verſetzte unſer Held, ſeſt entſchloſſen, wenig⸗ ſtens einer der Perſonen, die ihm auf ſolche Weiſe mitgeſpielt hatten, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Der Herzog blickte ihn ernſt an. „Erſt vor wenigen Minuten noch,“ fuhr der Jüng⸗ ling fort,„verſicherte ſie mich, daß auf ihre Bitte Durchlaucht und die Herzogin mich eingeladen ätten.“ „Und theilte ſie Ihnen den Grund dieſer ganz außergewöhnlichen Zuvorkommenheit mit?“ fragte der Edelmann.„Doch dieß war wahrſcheinlich unnöthig.“ „Sie meinte, ich ſei der Ueberbringer eines Briefs von ihrem Sohne Alfred, deſſen Freundſchaft ich ſo glücklich war mir in Zürich zu erwerben.“ „Ums Himmels willen,“ rief der Herzog beſtürzt, indem er jetzt mit einemmale in der ganzen Sache klar ſah,—„Sie haben ihn doch nicht abgegeben?“ „Meine Antwort lautete, daß ich weder einen Brief noch ein Zeichen für ſie habe. Alfred hat mir das Portrait ſeiner Mutter gezeigt, und ich bemerkte daher ſogleich, daß die Dame, wel⸗ chen Anſpruch ſie auch ſonſt an den edlen Namen Belgioſo haben möge, doch nicht die Mutter meines Freundes Alfred ſein könne.“ In dieſem Augenblick erſchien der arme Philipp, der es ſatt bekommen hatte, allein durch den Garten zu wandern, und der in der Hoffnung ſich getäuſcht ſah, die ihn veranlaßt hatte, von ſeinem Freunde ſich zu trennen. Oliver ſtellte ihn ſogleich als das zweite Opfer der durch die geheime Polizei ausge⸗ führten Myſtification vor. . 204 Der Herzog von Litta nahm ihn ſehr höflich auf und erſuchte jetzt die beiden jungen Männer, ihm zu erlauben, ſie der Herzogin vorzuſtellen, welche mit ihrer jungen Verwandtin ganz in der Nähe den Aus⸗ gang dieſer Unterredung abwartete. „Die Herzogin; Fräulein Belgioſo; die Herren Travor.“ „Belgioſo!“ wiederholte Philipp,„doch nicht die Schweſter unſeres Freundes Alfred?“ „Mein Bruder,“ murmelte das ſchöne Mädchen tief bewegt. 3 „Geduld, Geduld,“ flüſterte Seine Duschlaucht. „Es iſt hier weder die Zeit noch der geeignete Ort zu einer Erklärung.“ An ſeine Gemahlin ſich wen⸗ dend fügte er bei:„die Gräfin iſt, Dank der Klug⸗ heit dieſes jungen Mannes, einer großen Gefahr ent⸗ gangen.“ Hliver fühlte die Nothwendigkeit, vorſichtig zu ſein, denn er zweifelte nicht daran, daß neugierige Augen ihn bewachten, deßhalb ergriff er den Arm ſeines Gefährten und entfernte ſich unter Verbeu⸗ gungen. „Das begreife ich nicht!“ rief Philipp auf dem Wege aus dem Garten.„Weßhalb beeilſt Du Dich denn ſo, fortzukommen?“ „Aus keinem andern Grunde, als weil wir nicht eingeladen waren,“ verſetzte unſer Held;„die Einla⸗ dung war nichts weiter als ein ſchändlicher Streich. Ich will Dir im Wagen Alles ſagen, aber nicht hier; wir ſind hier nicht ſicher.“ Während der Fahrt nach Hauſe erzählte er ſeine Unterredung mit der angeblichen Gräfin und die un⸗ 205 glücklichen Folgen, die dieſe hätte nach ſich ziehen können. Philipp wurde dadurch im höchſten Grade be⸗ troffen. Zum erſtenmale hörte er jetzt etwas von dem Brief des Verbannten an ſeine Mutter. Viel⸗ leicht that ihm auch der ſcheinbare Mangel an Ver— trauen von Seiten ſeines Freundes wehe, der augen⸗ blicklich ſeine Gedanken errieth. „Ich hatte kein Recht, Dich in irgend eine Ge⸗ fahr zu verwickeln,“ bemerkte er. „Du trauſt mir alſo nicht?“ „Es 6 dieß ſo wenig der Fall, als ich mir ſelbſt mißtraue,“ rief Oliver.„Ich verſtehe Deine Empfin⸗ dung, Philipp; ſie darf Dich aber nicht ungerecht machen. Sei guten Muths,“ fügte er bei;„unſer Abenteuer wird nicht ohne angenehme Folgen bleiben. Ich bin dieß feſt überzeugt. Das Eis iſt jetzt ge⸗ brochen. Die Italiener ſind ſcharfſinnige Leute und ich prophezeihe Dir, daß Du Deine ſchöne Herrin nicht zum letztenmale geſehen haſt.“ Dieſe Prophezeihung ging in Erfüllung, obgleich das Widerbegegnen nicht gerade in der Weiſe, zu der Zeit oder an dem Orte ſich ereignete, wie Oliver es erwartete. Die beiden Freunde hatten den unvergleichlichen Dom Mailands beſucht,— das Werk von Jahrhun⸗ derten, der Stolz der Lombardei. Sie kamen gerade aus der unterirdiſchen Kapelle herauf, wo der Leich⸗ nam des heiligen Borromeo, in ſeinem Sarg von Cryſtall und Gold, in einem ſilbernen Grabgewölbe, dem widrigen Anblick des Todes durch den Glanz der mit Juwelen beſäeten Biſchofsmütze auf ſeiner 206 bleichen Stirne und dem Purpurmantel um ſeine ver— trockneten Glieder, ſpottet. Gerade gegenüber ſtand die merkwürdige Statue des St. Bartholomäus, mit ſeiner Haut gleich einem Gewand des Todesſchmerzens über den Schultern, welche ihm ſo eben erſt von den Henkersknechten ab⸗ geriſſen worden zu ſein ſcheint. „Dieß iſt das größte Wunder des Doms,“ be⸗ merkte ihr Führer. „Mit Ausnahme eines andern,“ bemerkte ein alter im Kleide eines Chorherrn, der in der Nähe tand. „Ich habe noch nichts Merkwürdigeres geſehen,“ verſetzte unſer Held. „Das Wunder, von dem ich ſpreche, wird ſelten gezeigt,“ ſagte der Prieſter,„wenige Menſchen haben es überhaupt geſehen.“ Die Neugierde der jungen Männer wurde da⸗ durch rege gemacht. „Iſt es eine Reliquie?“ fragte Philipp. „Nein.“ „Alſo ein Werk der Kunſt?“ „Das Werk derſelben allmächtigen Hand, welche das Weltall erſchaffen hat,“ verſetzte der Prieſter feierlich.„Es iſt eine Kapelle ohne Fenſter oder Oeffnung irgend einer Art, durch welche das Tages⸗ licht eindringen könnte, und die durch einen einzigen Stein erhellt wird.“ Der Führer bekreuzigte ſich glaubig,— eine all⸗ gemeine Gewohnheit der Italiener, wenn ſie etwas Wunderbares und Unwahrſcheinliches hören. Es lag aber etwas ſo Eindringliches in dem 207 Tone und dem Weſen des Geiſtlichen, daß die beiden Jünglinge faſt überzeugt waren, er müſſe die Wahr⸗ heit ſprechen. „Haben Sie die Kapelle ſchon geſehen?“ fragten ſie haſtig,„oder kennen Sie ſie nur vom Hören⸗ ſagen?“ 3 „Ich habe ſie ſchon oft geſehen,“ lautete die Ant⸗ wort,„die Schlüſſel ſind in meiner Verwahrung.“ Wenn der Prieſter nicht von ſolchem Rang ge⸗ weſen wäre,— jöder Chorherr des Doms führt den Titel Graf, trägt den römiſchen Purpur und die Bi⸗ ſchofsmütze,— ſo würden ſeine Zuhörer geglaubt haben, ſeine Mittheilung bezwecke nichts weiter, als ihrer Neugierde eine Summe Geldes zu entlocken. „Haben Sie Luſt ſie zu beſichtigen?“ fuhr er fort, ſeine Stimme zu einem Flüſtern dämpfend, damit der Führet ihn nicht höre. Es bedarf wohl keiner Verſicherung, daß Oliver und Philipp den dringenden Wunſch zu erkennen ga⸗ ben, dieß thun zu dürfen. „Morgen habe ich die Frühmeſſe hier zu celebri⸗ ren,“ ſagte der Prieſter noch immer in demſelben halblauten Tone.„Kommen Sie um ſechs Uhr hie⸗ her, und wenn ich die Sakriſtei verlaſſe, ſo folgen Sie mir, ohne mich aber früher anzureden, bis wir in der Kapelle ſind.“ Die Freunde würden ihm gern für ſein Verſprechen ihren Dank ausgeſprochen haben, aber der alte Mann entfernte ſich augenblicklich. „Wenn dieß wahr iſt,“ bemerkte unſer Held beim Herausgehen aus der Kirche,„ſo iſt Aladdin's Wun⸗ 208 derlampe keine Fabel.— Eine Kapelle, die durch ei⸗ nen einzigen Stein erhellt wird.“ „Es muß dieß entweder ein Diamant oder ein Wunder ſein,“ bemerkte ſein Kamerad. „Zu was ſollte es dienen?“ rief Oliver;„ich ver⸗ mag den Nutzen davon nicht einzuſehen. Verlaß Dich übrigens darauf, wie merkwürdig auch die Sache ſein mag, ſo iſt dabei doch nichts Wunderbares im Spiele. Die Naturgeſetze weichen von ihrer Regel nie ab, es wäre denn, daß ein höherer, allweiſer Wille es ge⸗ bieten würde.“ Wahrſcheinlich werden unſere Leſer der Mehrzahl nach die Anſicht unſeres Helden theilen. Ein klein wenig Geduld wird dieſes Geheimniß aufklären. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Oliver und Philipp fanden ſich pünktlich an dem bezeichneten Orte ein. Es ſiel ihnen nicht ſchwer, den alten Prieſter aufzufinden,— denn abweichend von den meiſten katholiſchen Cathedralen enthält der Dom in Mailand nur einen Altar,— und an dieſem feierte er eben die Meſſe, als ſie in das heilige Ge⸗ bäude traten. Am Schluſſe des Amtes ſahen ſie ihn in die Sacriſtei gehen, warteten ab, bis er ſich umgekleidet hatte und folgten ihm dann auf der Wendeltreppe nach, die auf das Dach führt. 209 Der Dom von Mailand iſt ganz aus weißem Marmor erbaut und ſelbſt zu ſeinen Fundamenten wurde kein geringeres Material verwendet. Mauern, Pfeiler, Kuppeln und die herrlichen Zinnen, ge⸗ ſchmückt mit koloſſalen Statuen von Engeln oder Propheten, ja ſelbſt die Stufen, welche auf das Dach führen, ſind aus demſelben koſtbaren Material. Im Mondſchein geſehen kann man ſich kein präch⸗ tigeres Gebäude denken, von welchem jede Niſche ihren Heiligen birgt, gewiſſermaßen Geſchichte und Tradition in Sculptur verſinnlicht, ein Traum in Stein. Der Chorherr öffnete eine kleine Thüre in einer der Vertiefungen und trat in einen dunkeln engen Gang, der ſich unter dem Dache hinzog; dabei ſchritt er langſam vorwärts, um es den Freunden mög⸗ lich zu machen, tappend den Weg hinter ihm zu fin⸗ den. Nach einigen Secunden gelangte er an eine zweite Thüre, welche er öffnete und augenblicklich wieder ſchloß, ſobald ſie eingetreten waren. „Sehen Sie hier,“ rief er lächelnd aus, indem er zugleich zum erſtenmal das Stillſchweigen brach, „die Kapelle mit der wunderbaren Lampe?“ Die Wölbung der Vertiefung, denn eine andere Bezeichnung verdiente eigentlich der Ort, an dem ſie ſich befanden, nicht, war durch eine einzige Mar⸗ morplatte gebildet, welche durch eine eigenthümliche Laune der Ratur ſo durchſichtig war, daß die Strah⸗ len des Lichts durchzudringen vermochten. Die Sel⸗ tenheit des Blockes hat wahrſcheinlich dem Architek⸗ ten den Gedanken eingegeben, ihn auf dieſe Weiſe Smith, Milly Moyne⸗ 1I. 14 210 zu verwenden; Tradition und Aberglaube hatten ſo⸗ dann das Uebrige gethan. Die Beſucher Raliens werden bhne Zweifel noch manche andere Traditionen finden, die nicht beſſer gegründet ſind, als die Wunderlampe in Mailand. Die Aufmerkſamkeit Olivers und ſeines Freundes wurde von der Eigenthümlichkeit des Ortes durch die Anweſenheit zweier Damen abgelenkt, die augen⸗ ſcheinlich ihre Ankunft erwarteten. Es war die Gräfin Belgioſo und deren Tochter Bianca. Dieß⸗ mal konnte weder ein Irrthum noch ein Betrug im Spiele ſein, denn unſer Held erkannte auf den erſten Blick die Mutter ſeines verbannten Freundes an ihrer Aehnlichkeit mit dem Portrait. Ihr Führer war, wie ſich ſpäter herausſtellte, ein naher Verwondter der unglücklichen Dame, der ſich dazu hergegeben hatte, dieſes Zuſammentreffen zu vermitteln. „Mein Sohn!“ rief die Gräfin.„Sie haben ein Zeichen oder eine Botſchaft von meinem Sohne für mich?“ Olivers Antwort beſtand darin, daß er das Fut⸗ ter ſeines Hutes öffnete und den lang darunter verborgenen Brief hervorlangte, welchen die liebe⸗ volle Mutter entzückt an den Mund drückte und haſtig durchlas. Seit ſechs Jahren war es die erſte Zeile, welche ſie von dem armen Verbannten erhalten hatte. Es verfloß faſt eine Stunde in der Unter⸗ redung, denn jeden Augenblick hatte die mütterliche Liebe eine neue Frage zu ſtellen, irgend eine neue Befürchtung auszuſprechen. 211 Mehr als einmal fand ihr Verwandter es nöthig, 6 aufmerkſam zu machen, daß es Zeit zum Schei⸗ en ſei. „Gott ſegne Sie!“ rief die Gräfin;„Gott ſegne Sie für den erſten Strahl des Troſtes, der ſeit Jahren in mein betrübtes Herz fällt. Bianca, ſprich Du für mich! Finde Du die paſſenden Worte des Dankes gegen dieſe hochherzigen jungen Männer!“ Das ſchöne Mädchen, deren Augen Thränen füll⸗ ten, für welche Philipp Welten gegeben hätte, wenn er ſie hätte trocknen dürfen, ergriff die Hand unſeres Helden, und ehe er wußte, um was es ſich handle, drückte ſie dieſelbe an ihre Lippen. „Ich kann Ihnen gar nicht ſagen, welches Glück Sie bereitet haben,“ liſpelte ſie.„Halten Sie uns nicht für undankbar, weil es uns an Worten fehlt; die tiefſten Empfindungen ſind zuweilen am wenigſten beredt.“ Der junge Mann fühlte ſich zu ſehr verlegen, als daß er zu antworten vermocht hätte, aber er verſtand den bittenden Blick, welchen ſein Freund ihm zuwarf, und er verwickelte nochmals die Gräfin in eine Unterredung, um dieſem Gelegenheit zu geben, das lang gehegte Geheimniß ſeines Herzens flüſtern zu können. Noch nie war eine menſchliche Stimme ſo unhar⸗ moniſch in Philipps Ohr gefallen, als in dem Augen⸗ blick, in welchem der Prieſter zum letztenmal die Ge⸗ ſellſchaft aufmerkſam machte, daß es die höchſte Zeit ſei, ſich zu trennen. Das Lebewohl der Gräfin wurde durch ihre Thränen erſtickt, und doch fühlte ſie ſich ſo glücklich, ſo unendlich glücklich! 62 212 BViancas Abſchied von Oliver wurde anmuthig und ſchüchtern geſprochen; von ſeinem Gefüährten ſchied ſie ohne ein einziges Wort, aber unſer Held bemerkte, daß derſelbe eine Blume in den Händen hatte, welche das ſchöne erröthende Mädchen am Buſen getragen hatte, als ſie mit dieſem in die Ka⸗ pelle eintrat. „Sie haben ſo viele Klugheit gezeigt,“ bemerkte der Chorherr während des Hinabſteigens in die Kirche,„daß es ganz überflüſſig wäre, Sie zur Vor⸗ ſicht zu ermahnen. Nehmen Sie den Segen eines alten Mannes dafür.“ „Aber die Damen,“ bemerkte der beſorgte Lieb⸗ haber,„die—“ „Die ſind ganz ſicher, wo wir ſie verlaſſen haben,“ bemerkte deren Verwandter.„Sobald die Thüren des Domes geſchloſſen ſind, werde ich ſie durch den unterirdiſchen Gang in meine Wohnung führen, von wo aus ſie ohne allen Verdacht in die Caſa Bel⸗ gidſo gelangen können. Leben Sie wohl.“ Vielleicht iſt es nicht überflüſſig, unſere Leſer zu verſichern, daß ein ſolcher Gang wirklich exiſtirt; er verbindet die Cathedrale mit dem erzbiſchöflichen Palaſt und wird den Tag über mehrmals nicht nur von dem Erzbiſchof, ſondern auch von den Mitglie⸗ dern des Kapitels benutzt, welche es dadurch ver⸗ meiden können, über den Domplatz zu gehen. „Wenn ich an die Tyrannei Heſtreichs denke,“ bemerkte Philipp gegen ſeinen Freund, als ſie die Kirche verließen,„fühle ich mich ſtark verſucht, mich den Carbonari anzuſchließen. Iſt dieß nicht entſetz⸗ 213 lich,“ fügte er bei,—„eine Schande für Europa und die Civiliſation?“ „Das ſind ſonderbare Gedanken für einen Eng⸗ länder,“ bemerkte eine Stimme in ihrer Nähe;„und ſehr unklug, wenn er ſie auch in ſeiner Heimath⸗ ſprache ausdrückt.“ Die jungen Männer blickten erſtaunt auf und ſahen ſich vorſichtig um. Die Worte kamen aus einer der zahlreichen Gruppen von Bettlern, die ſich um die Stufen der Cathedrale drängten, von einem Manne, deſſen ſchwarzer Bart und geflochtene Haare theilweiſe ſein Geſicht bedeckten. „Sind Sie ein Landsmann von uns?“ fragte Oliver, indem er ihm ein Geldſtück in die Hand drückte. „Rom iſt die Mutter der Nationen,“ verſetzte der Bettler,„und Italien iſt meine Heimat.“ Die jungen Männer meinten, dieſe Antwort ſei ebenſo poetiſch als zweideutig. „War es Ihnen Ernſt mit Ihrem Unwillen gegen die Unterdrückung, welche dieſes unglückliche Land erduldet, oder waren die Worte, die ich zufällig hörte, nichts weiter als der Ausdruck einer vorüber⸗ gehenden Theilnahme, ohne weitern Zweck und ohne deßhalb einen Entſchluß zu faſſen?“ „Wenn Sie mich damit fragen wollen, ob ich mich den Carbonari anzuſchließen beabſichtige,“ rief Philipp lachend,„ſo ſage ich Ihnen offen, Nein; ich weiß gar nichts von dieſen.“ „Man kann ſiefinden, wenn man will.“ „Ich kenne ihre Grundſätze und ihre Zwecke nicht.“ „Die laſſen ſich erfahren, wenn die Freunde don 214 Alfred Belgioſo es wünſchen,“ bemerkte die geheim⸗ nißvolle Perſon mit Betonung.„Verlaſſen Sie mich,“ fügte er eilig bei,„der Spion, der ſeit Ihrer Ankunft in Mailand Ihre Schritte bewacht, iſt ſo eben auf dem Platze erſchienen, ſeine Augen ſind auf Sie gerichtet. Drücken Sie mir ein Geldſtück in die Hand, ehe Sie weggehen; das kleinſte ge⸗ nügt.“ Die Freunde willfahrten ſogleich ſeinem Wunſche. „Wir ſehen uns wieder,“ flüſterte der Bettler, während er das Almoſen empfing.„Grazie Signori,“ ſetzte er in lautem Tone hinzu, indem er zugleich eines der Kügelchen ſeines großen Roſenkranzes von Holz fallen ließ,„Grazie.“ Aufs höchſte überraſcht von ihrem letzten Aben⸗ teuer ſchlugen die beiden Freunde ihren Weg nach dem„Kreuz von Malta“ ein, wo der Major bereits mit dem Frühſtück auf ſie wartete Als ſie über den Platz gingen, bemerkten ſie, daß der Spion ihnen folgte. „Dieſe Zudringlichkeit wird unerträglich,“ be⸗ merkte Oliver, als er in das Hotel trat,„und ich bin feſt entſchloſſen, der Sache auf die eine oder andere Weiſe ein Ende zu machen. Es war eine Schwäche von uns, daß wir es ſo lange duldeten, unſere Bewegungen überwachen zu laſſen.“ „Da haben Sie ganz recht,“ ſagte Peter Marl, der in der Nähe ſtehend, die Bemerkung vernommen hatte.„So machen es aber die Musjös alle. Der Kerl hat auch mich anbohren wollen und hat alle mögliche Fragen über unſern Aufenthalt in der Schweiz an mich geſtellt.“ 215 „Und was für eine Antwort gaben Sie ihm hierauf?“ fragte Philipp. „Eine ausweichende,“ verſetzte der alte Soldat mit einem bedeutungsvollen Blick.„Er kriegte nicht viel aus mir heraus; ich ſchaffte mir den Kerl mit einem Fußtritt vom Hals.“ Die jungen Männer lachten herzlich, während ſie durch den Hof vom„Kreuz von Malta“ gingen, über Peters Vorſtellungsweiſe von einer ausweichen⸗ den Antwort. Man darf übrigens nicht glauben, daß Major Henderſon während des Aufenthalts in Mailand, der ſich jetzt bereits über zwei Monate hinaus erſtreckte, müſſig geblieben ſei. Ohne ſich den Anſchein einer Ueberwachung zu geben, waren ſeine Augen doch fortwährend auf das Treiben ſeiner Schützlinge ge⸗ richtet, und ſo war er auch jetzt völlig mit ſich dar⸗ über im Reinen, daß es hohe Zeit ſei, einen derſel⸗ ben wenigſtens von hier zu entfernen. Er gehörte nicht unter die ſuperklugen Leute, welche eine Jugend⸗ neigung beſpötteln. Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß bei vielen Naturen dieſelbe mit dem Alter zu⸗ gleich zunimmt, mit der Kraft ſich kräftigt und ſo feſt mit dem Leben verwächſt, daß nur der Tod derſelben ein Ende zu machen vermag. Die Jahreszeit war nahe, in welcher alle Welt nach Rom eilte, das zu jener Cpoche, in welcher un⸗ ſere Geſchichte ſpielt, der Mittelpunkt aller Umtriebe und Intriguen war, welche Italien in Aufregung hielten. Sorgfältige Nachfragen hatten ihn überzeugt, daß nur dort und nur dort allein, Oliver Aufſchluß 21¹6 über den Aufenthaltsort des Sir Cuthbert Vavaſſour erhalten könne. Zu HOlivers Verwunderung erhob Philipp gar keine Einwendungen dagegen, der ſogar nicht einmal darüber betrübt war, daß ihr Mentor eine augen⸗ blickliche Abreiſe von Mailand vorſchlug. Sein Freund vermochte dieß nicht zu begreifen, denn er kannte ihn zu gut, als daß er auch nur einen Augenblick an die Abkühlung ſeiner Leidenſchaft geglaubt hätte. Der Grund lag aber darin, daß der junge Mann für einen Neuling in der Kunſt der Liebe einen aus⸗ gezeichneten Gebrauch von der Gelegenheit gemacht, welche das Zuſammentreffen in der Kapelle mit der Wunderlampe ihm verſchafft hatte. Es war ihm nicht nur gelungen, von dem ſchönen Mädchen das Ge⸗ ſtändniß zu erlangen, daß ſie ſeine Neigung erwidere, ſondern er hatte auch eine ſehr wichtige Mittheilung von ihr erhalten. Ihrem Onkel, dem Kardinal Do⸗ ria, war nämlich auf wiederholte Bittgeſuche in Wien vom Kaiſer für ſeine Schweſter und Nichte die Er⸗ laubniß ertheilt worden, den kommenden Winter bei ihm in Rom zubringen zu dürfen. Es war dieß eine ganz außergewöhnliche Gunſt und es fehlte nicht an Leuten, welche den Kaiſer zu veranlaſſen fuchten, ſeine Genehmigung wieder zurück⸗ zuziehen. Da er aber einmal ſein Wort gegeben hatte, ſo wollte er auch, daß es dabei ſein Bewen⸗ den haben ſoll. Dieſer Umſtand trug nicht wenig dazu bei, daß die geheime Polizei ſich alle Mühe gab, Beweiſe über eine Correſpondenz zwiſchen Alfred Belgioſo und ſei⸗ ner Mutter beizubringen. Es würde dieß nicht nur 217 die Verhaftung der Gräfin, ſondern auch die Beſchlag⸗ nahme ihres Vermögens gerechtfertigt haben. Oliver wünſchte ſeinem Freunde von Herzen Glück, als mit Beſtimmtheit den Beſuch Bianca's in Rom erfuhr. Vor der Abreiſe von Mailand beſchloß Philipp, wo möglich ſich noch eine Unterredung mit Bianca zu verſchaffen. Im Palaſte ihrer Mutter war dieß, wie er wohl wußte, unmöglich, weil dieſer von Po⸗ lizeiſpionen umgeben war; ſeine einzige Hoffnung be⸗ ruhte daher auf der Herzogin. Er hatte gehört, daß dieſelbe jeden Donnerſtag Abends ihren Empfang habe und ſo ſchrieb er in Olivers und ſeinem Namen ein Billet an Ihre Durchlaucht mit der Anfrage, ob es ihnen geſtattet ſei, einen Abſchiedsbeſuch in der Caſa Litta zu machen. Die gutmüthige Italienerin lachte herzlich, als ſie das Billet las, das ſie ihrem Gemahl mit dem Aus⸗ ruf einhändigte: „Was für ſeltſame Leute doch die Engländer ſind.“ „Nächſtens werden ſie uns wohl darüber Vor⸗ würfe machen, daß wir ſie nicht zum Mittageſſen ein⸗ geladen haben,“ bemerkte der Herzog. „Originell ſind ſie wohl genug, um etwas der Art zu thun,“ verſetzte die Dame. Als ſie aber den betrübten Blick ihres jungen Lieblings Bianca bemerkte, fügte ſie bei: „Wir können übrigens wohl ein Einzigesmal eine Ausnahme von der Hegel machen, die wir aufzu⸗ ſtellen für nöthig erachtet haben. Dieſe junge Män⸗ ner ſind von guter Familie und haben ſich in der Briefgeſchichte ebenſo ehrenvoll als discret benommen.“ 218 „Allerdings, aber—“ „Ich wünſche es,“ unterbrach ihn die Dame, ehe der Herr und Gebieter des Hauſes der etwas gewag⸗ ten Bitte ein abſolutes Veto entgegenzuſetzen im Stande geweſen wäre. Ihr Gemahl legte daher die Hand auf's Herz und verbeugte ſich, ohne ſich einen weitern Einwurf zu erlauben. Es lag in der That etwas mehr als Anmuthiges in der Galanterie der alten Schule,— eine Nachgie⸗ bigkeit und Unterwürfigkeit gegen das ſchöne Ge⸗ ſchlecht, von welcher die jungen Männer der jetzigen Zeit keine Idee haben. Wir ſind keine Verehrer des Puders und des Zopfs, aber wir bedauern, daß die Sitten, welche damit verbunden waren, mit dieſen beiden Artikeln in Abgang gerathen ſind. Der Herzog verließ das Boudoir der Herzogin, um ſeinem Secretär den Befehl zu ertheilen, eine den Wünſchen der jungen Männer entſprechende Ant⸗ wort auf deren Billet zu ertheilen. Kaum hatte er das Zimmer verlaſſen, als Bianca von ihrem Stuhle ſich erhob und gleich einem Reh über den Marmorboden hüpfend, ihre Arme um den Nacken der Herzogin ſchlang. „Sie haben mich ſehr glücklich gemacht!“ flüſterte ſie ihr ins Ohr.„Ich ſehe mich dadurch in den Stand geſetzt, gegen die Freunde meines lieben Bru⸗ ders meinen Dank auszuſprechen.“ Ihre Verwandte lächelte. Obgleich Jahre ver⸗ floſſen waren, ſeit ſich bei ihr die erſten Gefühle der Leidenſchaft geregt hatten, ſo erinnerte ſie ſich der⸗ 219 ſelben doch noch,— bei welcher Frau iſt dieß nicht der Fall— und ließ ſich nicht täuſchen. „Welchem von beiden wünſcheſt Du denn vor⸗ zugsweiſe zu danken?“ fragte ſie mit feinem Lächeln. „Doch, ich brauche nicht zu fragen. Es iſt der hüb⸗ ſche, junge Mann, der ſo geſchickt den Brief zu ver⸗ bergen verſtand. „Ja,“ ſtammelte Bianca;„der iſt es, glaube ich.“ „Gut,“ ſagte die Dame neckend;„ich will den Brünetten in ein Geſpräch verwickeln, während Du Dein Herz von der Laſt der Dankbarkeit, welche es drückt, erleichterſt.“ Dieß war aber, wie unſere Leſer wohl errathen werden, nicht das, was Bianca wünſchte, weßhalb ſie auch ihre Tante mit bittendem Blicke anſah. „Vielleicht iſt es Dir aber lieber,“ fuhr die Her⸗ zogin fort,„wenn ich den Blonden in Beſchlag nehme?“ Mit einem Geſichte, das über und über roth ge⸗ worden war, murmelte Bianca„Ja.“ Ihre Verwandte blickte ſie ſcharf an. „Carina,“ ſprach ſie, das zitternde Mädchen in ihre Arme ziehend,„Du wirſt Dich doch nicht un⸗ ſeliger Weiſe in einen dieſer Fremden ernſtlich verliebt haben? Ein Wohlwollen, ein einfaches Vorziehen, eine Art von zartem Intereſſe kann ich begreifen,— das Herz verlangt dergleichen Dinge, namentlich in der Jugend; aber Liebe, förmliche, ernſte Liebe wäre ſehr fatal.“ „Das ſagte ich ihm auch,“ ſeufzte Bianca. „Was würde der Cardinal dazu ſagen? Es würde dieß Deiner Mutter ihre letzte Stütze rauben.“ Die Thränen des armen jungen Mädchens, das — 220 den Jahren nach eigentlich noch ein Kind war, floſſen unaufhaltſam. „Ueberdieß,“ fuhr die Herzogin fort, welche es für ihre Pflicht hielt, Bianca die Gründe auseinan⸗ derzuſetzen, welche gegen jedes ernſtliche Verhältniß dieſer Art ſprachen,„kann er arm ſein. Die Eng— länder, welche unſer ſchönes Italien beſuchen, ſind nicht alle Millionäre.“ „Iſt denn Reichthum zum Glück durchaus noth⸗ wendig?“ verſetzte Bianca. „Er fällt aber wenigſtens ſehr ſchwer in's Ge⸗ wicht,“ bemerkte die Herzogin von Litta philoſophiſch. „Haben Sie es ſo gefunden?“ Ein leichtes Nervenzucken um den Mund der noch immer ſchönen Frau war die einzige Antwort auf dieſe Frage. Bianca fühlte, daß ſie zu weit gegangen ſei, und weil ſie ſah, daß ſie unabſichtlich ihrer Tante wehe gethan habe, die ſo gut und ſo freundlich gegen ſie war, bedeckte ſie deren Wangen mit Küſſen und bat ſie inſtändig um Verzeihung. „Ich habe Dir nichts zu verzeihen,“ bemerkte ihre Verwandte, ſich zu einem Lächeln zwingend. „Wenn Du einmal eine Gattin biſt, wirſt Du keine ſolche Fragen mehr ſtellen. Armes Kind,“ fuhr ſie fort,„es war hart, den Sonnenſchein Deiner Träume durch die kalten Zweifel der Erfahrung zu trüben.“ „Sind Sie mir böſe?“ „Nein, Carina. Küſſe mich.“ Carina iſt eines der vielen Worte der Zärtlich⸗ keit, an welchen die italieniſche Sprache ſo reich iſt, und wird gewöhnlich von Aeltern, wenn ſie mit ihren 221 Kindern ſprechen, von Anbetern gegen ihre Geliebte, oder unter eng verbundenen Freunden gebraucht. Selbſt mit dem Beiſtande der Herzogin war es mit einiger Schwierigkeit verbunden, daß Philipp und Bianca einige wenige Minuten fanden, ſich allein in dem Garten der Caſa Litta zu ſprechen. So jung das Mädchen auch noch war, ſo hatten doch deren Namen und Rang ihr bereits zahlreiche Bewunderer unter den Söhnen der edelſten Familien der Lombardei ver⸗ ſchafft. Von dieſen waren viele bei dem Empfange anweſend und bemerkten mit nichts weniger als an⸗ genehmer Ueberraſchung die Anweſenheit der Eng⸗ länder. Bianca war entſchloſſen, ihrem Liebhaber zu er⸗ klären) daß ſie ſich vergeſſen müßten; daß es zu nichts dienen würde, an eine Zukunft zu denken, und ihn zu bitten, ihr das Wort zurückzugeben, das ſie ſo unbedachter Weiſe in der Kapelle verpfändet habe. Bei Philipps Anblick aber wurde ſie in ihrem Ent⸗ ſchluſſe wankend; die Warnungen ihrer Verwandtin waren vergeſſen und ſie gab ſich ganz dem Glück hin, ihn aufs Neue die Schwüre ſeiner Liebe wiederholen zu hören, dieſelben zu erwidern und von ihrem Wie⸗ dertreffen in Rom zu ſprechen. „Wir haben dort die Spione der hieſigen gehei⸗ men Polizei nicht zu fürchten,“ bemerkte der verliebte Jüngling.„Beſinden Sie und Ihre Mutter ſich ein⸗ mal in der ewigen Stadt, ſo ſind Sie frei, und eine Heimath in England, obgleich der Himmel dort nicht ſo wolkenlos und die Landſchaft nicht ſo ſchön wie hier ſind, dürfte doch die Gräfin für den Verluſt ihres goldenen Käfigs in Italien ſchadlos halten. Ueber⸗ —— 222 dieß,“ fügte er flüſternd hinzu,„würde Verbannung Sie wieder mit Ihrem Bruder vereinigen.“ Es war dieß einer jener Träume, welchen ſich unſchuldige junge Herzen gerne hingeben, die keine Ahnung von den Hinderniſſen haben, die ſich erheben, von den Schwierigkeiten, welche ſich der Ausführung ihrer Plane entgegenſetzen. „Sie ſollten doch Ihren Freund jetzt aufſuchen,“ flüſterte die Herzogin unſerem Helden zu, an deſſen Arm ſie die Tour durch das Zimmer gemacht hatte; „ſeine Abweſenheit wird bemerkt werden.“ Eine Frau von weniger Takt würde geſagt ha⸗ ben,„die Abweſenheit Biancas wird bemerkt werden;“ Oliver verſtand ſie aber dennoch. 5 Als er in den Garten hinab kam,— er errieth, wo er das Paar zu ſuchen habe,— fand er Philipp im Streit mit einem jungen Venetianer, dem Grafen Eimitelli begriffen, den die Eiferſucht veranlaßt hatte, den Liebenden nachzufolgen. Aus Angſt, mit Philipp aufgefunden zu werden, war das ſchöne Mädchen entflohen. „Was auch immer die Urſache Ihres Streites ſein mag,“ bemerkte unſer Held,„ſo darf der Name der Signora Belgioſo nicht compromittirt werden.“ „Darf nicht!“ wiederholte der Graf. „Ich ſetze voraus, daß ich es mit einem Manne von Ehre zu thun habe,“ ſagte Oliver trocken. Der Venetianer verbeugte ſich hochmüthig. „Es war bis jett davon gar nicht die Rede“ antwortete er,„bis Ihr Freund mich beſchuldigte, ge⸗ meiner Weiſe ſeine Unterredung belauſcht zu haben,“ 223 „Wie ein Spion!“ rief Philipp,—„wie ein er⸗ bärmlicher Spion!“ „Es iſt gut, mein Herr,“ murmelte der Graf, bleich vor Zorn.„Mein Freund, der Marcheſe Spinola wird ſich morgen bei Ihnen einfinden; es wird ſich dann zeigen, ob Sie eben ſo viel Muth beſitzen, wie Unverſchämtheit.“ Mit dieſen Worten drehte er ſich auf den Ab⸗ ſätzen um und verließ den Garten. „Ein Duell,“ ſagte Oliver beunruhigt. „Ich mache mir nichts daraus,“ antwortete ſein Freund, der in ſehr aufgeregter Stimmung war.„Im Salon, im Budoir der Herzogin bemerkte ich, daß die Augen dieſes Menſchen unaufhörlich Bianca und mich bewachten. Seine Anweſenheit im Garten war eine Beleidigung, kein Zufall.“ Vor dem Weggehen aus der Caſa Litta fand Hliver noch Gelegenheit, Bianca's Angſt zu beſchwich⸗ tigen, indem er ſie verſichert, die Sache ſei gänzlich geordnet. Auf welche Weiſe dieß geſchehen, theilte er ihr begreiflicher Weiſe nicht mit. Der Marcheſe Spinola fand ſich ſehr zeitig am andern Tage im„Kreuz von Malta“ ein. Die Freunde hatten ihn erwartet und ihre Anordnungen darnach getroffen. Streitigkeiten, wenn ſie nicht durch das Stilet geſchlichtet werden, werden in Italien auf die eine oder andere Weiſe raſch zu Ende gebracht. Ein Zuſammentreffen außerhalb der Porta vrientale wurde vorgeſchlagen und augenblicklich angenommen. „Degen?“ fragte der Marcheſe. 224 „Nein Piſtolen,“ ſagte Oliver;„uns ſteht die Wahl frei.“ Der Italiener verbeugte ſich, um dadurch ein be⸗ friedigtes Lächeln zu verbergen, das über ſein Ge⸗ ſicht glitt. Cimitelli ſtand im Rufe, der beſte Schütze in Mailand zu ſein. Als ſie den bezeichneten Ort erreichten, fanden ſie den Grafen mit ſeinem Secundanten bereits vor. Die beiden Duellanten begrüßten ſich. Es iſt ganz erſtaunlich, wie höflich die Menſchen ſind, wenn ſie auf dem Punkte ſtehen, einander das Leben zu nehmen. Es wurde beſchloſſen, daß beide zu gleicher Zeit feuern ſollten. Während der Marcheſe und Oliver die Diſtanz abmaßen, wurde ihr Vorhaben durch das Erſcheinen eines Bettlers geſtört,— deſſelben, der ſie beim Ein⸗ gang in den Dom angeredet hatte. „Dieß kann nicht geſtattet werden,“ rief er in gebieteriſchem Tone aus, der den beiden Engländern ein Lächeln entlockte, was bei den Italienern aber durchaus nicht der Fall war, denen ſeine Anweſen⸗ heit ſehr unangenehm zu ſein ſchien. „Gehen Sie bei Seite, guter Mann,“ ſagte Phi⸗ lipp.„Der Ueberlebende wird Ihnen ohne Zweifel aus Dankbarkeit für ſeine Erhaltung ein bedeutendes Almoſen ſpenden.“ „Theilen Sie mir den Grund des Streites mit,“ fuhr der Bettler fort, ohne dieſe Bemerkung zu be⸗ achten. „Dieſer Engländer klagt mich einer Einmiſchung in ſeine Privatangelegenheiten an, indem ich die Rolle eines Spions in der Caſa Litta geſpielt haben ſolle,“ verſetzte der Graf, den es offenbar aufs höchſte ver⸗ droß, auf ſolche Weiſe zur Rede geſtellt zu werden. „Nun, klagte er Sie denn nicht mit Recht dieſer Handlung an? Hörte ich nicht ſelbſt, daß Sie gegen den Marcheſe Spinola äußer⸗ ten, Sie wollten ihm nachfolgen?“ fragte die merk⸗ Perſon in gebieteriſchem Tone. „Nein.“ „Wagſt Du es mich anzulügen?“ fragte der Bettler mit Würde.„Carlo Cimitelli, ich hörte Deine Prah⸗ lerei. Geh' hin und bitte Dem ab, welchen Du be⸗ leidigt haſt. Geſtehe Deine Gemeinheit— die nie⸗ derträchtige Gemeinheit Deines Benehmens.“ Mit einem von Zorn und Beſchämung verzerrten Geſicht unterwarf ſich der ſtolze Venetianer, ohne einen Augenblick zu zögern, der harten Demüthigung, welche der Bettler ihm auferlegte. „Gehen Sie jetzt nach Hauſe meine jungen Herrn,“ ſagte dieſer.„Er hat ſich durch ſein Benehmen hin⸗ reichend erniedrigt; Sie können jetzt keine weitere Rache mehr ſuchen; er ſteht unter Ihrem Zorn. Fürchten Sie keinen Meuchelmord, weder vermittelſt des Meſſers noch des Bechers. Obgleich Carlo Ci⸗ mitelli längſt mit deren Gebrauch vertraut iſt, ſo ſtehe ich Ihnen beiden doch für ſeine Rache gut. „Sie ſind im Begriff nach Rom zu reiſen,“ fuhr er fort.„In der Weltſtadt treffen wir uns wieder.“ Da nach der Entſchuldigung des Beleidigers ein Zweikampf unnöthig war, ſo verließen Oliver und Philipp den Schauplatz und fuhren nach ihrem Hotel zurück. Es dauerte aber geraume Zeit, ehe einer Smith, Milly Mopne. II. 5 ——— 226 derſelben ein Wort ſprach, einen ſo tiefen Eindruck hatte der Ausgang des Abenteuers auf ſie gemacht. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Es wäre in der That auffallend geweſen, wenn die Reiſenden den Garten der Lombardei und das reizende Arnothal durchwandert hätten, ohne irgend ein Abenteuer zu einer Zeit beſtehen zu müſſen, in welcher tauſenderlei Gründe— Leidenſchaften, Ge⸗ fühle, Hoffnungen und Befürchtungen— vorhanden waren und im Stillen einen Kampf vorbereiteten, der, wenn er auch erfolglos bleiben ſollte, wenigſtens aufs Neue einen Proteſi gegen die Behandlungsweiſe bildete, unter welcher Ralien ſeufzte und abermals den Beweis führte, daß ſein langer Schlaf kein To⸗ desſchlaf, ſondern blos Betäubung, durch Unterjochung herbeigeführt, ſei. Politiſche Aerzte, Staatsmänner genannt, erklärten Italien für todt— für nichts weiter als einen geo⸗ graphiſchen Begriff— einen eingebildeten Punkt auf der Karte von Europa und behandelten die krampf⸗ haften Kämpfe der Nation als bloße Muscularer⸗ ſcheinungen,— für die Bewegungen eines galvani⸗ ſirten Leichnams. Die Wenigſten ſympathiſirten mit ſeinen Leiden oder glaubten an ſeine Lebensfähigkeit. Nur Diejenigen, welche Italien durchreist haben, — dieſes herrliche Land, ſo reich an Schönheiten und Andenken an ſeine vergangene Größe, mit ſeinen 227 beredten Trümmern— vermögen das Entzücken der jungen Männer zu begreifen, als Stadt um Stadt, eich an hiſtoriſchen Erinnerungen; Ruinen, die Hin⸗ terlaſſenſchaft der Herren der Welt; Schlachtfelder, welche über die Geſchicke der Nationen entſchieden, oder an wohlbekannte Orte, verehrt als die Geburts⸗ ſtätte des Genius ihren Blicken ſich aufſchloſſen und ihnen ein Intereſſe einflößten, das ganz verſchieden von dem Eindruck der Lieblichkeit der Natur war und ſowohl Belehrung als Gemälde in ſich vereinigte. Ihr Mentor theilte lächelnd ihre Begeiſterung. Er wußte, daß Gefühle dieſer Art nicht nur die rein⸗ ſten, ſondern auch die köſtlichſten im Jugendleben ſind,— daß ſie Schätze enthalten, welche das Ge⸗ dächtniß für das ganze Leben aufbewahrt, um Nutzen daraus zu ziehen,— weßhalb er auch ſo klug war, dieſem nthuſcerun? keinen Einhalt zu thun. Wie drückend auch die Hitze des Tages, oder wie entfernt der Gegenſtand ſein mochte, der die Auf⸗ merkſamkeit ſeiner Zöglinge auf ſich zog, ſo waren doch Major Henderſon und Peter Marl augenblick⸗ lich bereit, ſie zu begleiten, wenn ſie aus dem Wa⸗ gen ſprangen. Vier wohlbewaffnete Männer hatten von Räu⸗ bern nicht viel zu fürchten, und ſo belohnte mancher maleriſche Fleck, manche Ruine von hetruriſchen Städten und zerſtörten Tempeln, welche abſeits der breiten Heerſtraße lagen und in keinem Reiſehandbuch ver⸗ zeichnet ſtehen, ihre Nachforſchungen. Wie verführeriſch auch eine Abſchweifung ſein mag, ſo wollen wir, da wir keine Reiſebeſchreibung zu lie⸗ fern beabſichtigen, der Verſuchung doch widerſtehen — 228 und es unterlaſſen, unſern Reiſenden von Station zu Station auf ihrem Wege zu folgen. Parma, Bologna, Florenz und Sienna lagen hinter ihnen und ſie waren nur noch eine Tagreiſe von der ewigen Stadt ent⸗ fernt, als der geheime Wunſch der beiden Freunde, einen Sturm in den Bergen zu erleben, zum großen Verdruß der Poſtillone, unerwartet erfüllt wurde, die mehrfach aber vergebens Vorſtellungen gegen eine Verzögerung unterwegs erhoben hatten, die ſie für höchſt unnöthig anſahen. Kurz vor Sonnenuntergang ſtiegen ſchwere, ſchwarze Gewitterwolken drohend am Horizont auf und ein kalter Oſtwind— der gefürchtete Tramontano— ſtrich von den Appeninen herab, die ſie ſo eben ver⸗ laſſen hatten, wie wenn er ſie durchaus hätte ein⸗ holen wollen. Die ganze Natur verkündigte einen Aufruhr,— das heiſere Gekreiſche des Adlers, der mit ſchweren Schwingen ſein einſames Reſt auf⸗ ſuchte— die plötzliche Stille im Inſektenleben,— das phantaſtiſche Schwanken der Zweige der Fichten⸗ bäume, welche die Felſen einfaßten, deren granitene kahle Scheitel darüber ſichtbar waren, alles dieß zu⸗ ſammen waren untrügliche Anzeichen von dem be⸗ vorſtehenden Kampf der Elemente. Die Nacht hatte den Himmel in ein dichtes ſchwarzes und undurchdringliches Leichentuch gehüllt; kein Stern war ſichtbar, als das Gewitter in feiner ganzen Groß⸗ artigkeit und Erhabenheit ausbrach. Breite zackige Blitze, in raſcher Aufeinanderfolge von Donnerſchlä⸗ gen unterbrochen, welche in den Echos der Berge wiederhallten, machten zuweilen die Londſchaft ſicht⸗ bar, um aber hernach eine um ſo tiefere Finſterniß 229 zu hinterlaſſen, ſo daß die Poſtillone es für nöthig erachteten, abzuſteigen und ihre eingeſchüchterten Pferde zu führen. Zuweilen ſchien der Wagen förmlich in Schwefel⸗ flammen eingehüllt zu ſein, welche die darin Sitzen⸗ den die entſetzten Geſichter der Lenker der Thiere er⸗ kennen ließen. „Wie erhaben!“ murmelte Oliver. Philipp drückte ihm ſtillſchweigend die Hond. „Herrlich,“ bemerkte der Major,„wie überhaupt alle Naturerſcheinungen.“ Trotz des tiefen Reſpekts, welchen Peter Marl für die Anſichten ſeines Herrn und unſeres Helden hegte, konnte er doch nicht umhin, insgeheim zu wünſchen, das Gewitter möchte ſich legen, oder hätte wenigſtens mit ſeinem Ausbruch ſo lange gezögert, bis das Poſthaus glücklich erreicht geweſen wäre. Der Major und ſeine Zöglinge hätten ſeiner Anſicht nach die Sache ebenſo bequem untex dem Schutz eines behaglichen Daches und bei einem guten Abend⸗ eſſen auf dem Tiſche bewundern können. An ein Vorüberziehen war aber vorerſt noch gar nicht zu denken. Es folgte Schlag auf Schlag mit entſetzlicher Wuth und der Regen ſtrömte förmlich ſündfluthartig herab. Die Pferde wurden zuletzt ſo widerſpenſtig, daß die Reiſenden es für das ſicherſte hielten, trotz aller Näſſe und Dunkelheit den Wagen zu verlaſſen und wenigſtens vorübergehend eine Zuflucht unter den überhangenden Felſen zu ſuchen, welche eine Seite des Weges einfaßten. Auf der andern Seite gähnte ihnen ein Abgrund entgegen, der ſo tief war, daß z 5 230 ſelbſt die breitgezackten Blitze nur theilweiſe ſeine Schwindel erregende Tiefe erhellten. „Wie weit iſt es noch nach dem Poſthauſe?“ fragte der Major die Poſtillone. „Acht(italieniſche) Meilen,“ bemerkte der älteſte darunter in einem ſo kläglichen Tone, daß man leicht daraus erkennen konnke, wie gering ſeine Hoff⸗ nung ſei, daſſelbe zu erreichen. „Gibt es nicht in der Nähe ein Obdach?“ „Nein, Signore.“ „Doch, Paolo; doch!“ unterbrach ihn ſein Kame⸗ rad,„du vergißt die Caſa Ingleſe.“ Paolo bekreuzigte ſich gläubig und murmelte das Wort„Ketzer.“ Es iſt merkwürdig, wie gläubig die Italiener der untern Stände in ſchwierigen oder gefährlichen Momenten werden. Die Worte Caſa Ingleſe(zu deutſch engliſches Haus) erregte die Neugierde der jetzt völlig durch⸗ näßten Reiſenden und erweckte in ihnen den Gedan⸗ ken an behagliche Zimmer, ein heiteres Feuer und ein gutes Nachteſſen, welches die Bezeichnung„Ketzer“ des Poſtillons eher zu beſtätigen als zu widerlegen ſchien. Jedenfalls hatte daſſelbe nichts Abſchrecken⸗ des für ſie; und als ſie erfahren hatten, daß es nur eine Meile von hier entfernt ſei, beſchlo ſie ſo⸗ gleich, ſich dahin zu Fuß auf den Weg zu machen. Sie gelangten begreiflicher Weiſe, der Pferde wegen, die geführt werden mußten, nur langſam dahin. Unterwegs erfuhr Major Henderſon von den Poſtillonen folgende nähere Umſtände: Die„Caſa Ingleſe“ war, wie es ſchien, eine —————— — 231 jener befeſtigten Farmen, die man ſo häufig in der Campagna trifft und gehörte der Familie Spada. Seit zehn Jahren etwa war ſie von einem Englän⸗ der bewohnt— die Poſtillone kannten ihn unter keinem andern Namen,— der, wie es ſchien, die Bauern im höchſten Grade gegen ſich hatte, weil er ein neues Syſtem der Kultur unter ihnen eingeführt hatte. Da die Ländereien einen Theil eines Lehen bildeten, ſo war er berechtigt, gewiſſe Frohnarbeiten von ihnen zu vérlangen, die er auch mit unnachſicht⸗ licher Feſtigkeit ihnen nicht nachließ. Gleich den meiſten Neuerern war es ihm nicht möglich geweſen, ſeine Autorität ohne Gefahr geltend zu machen; ſein Wohnhaus war zweimal von Räubern überfallen und die Oekonomiegebäude, welche ſeine Wein⸗ und Oelpreſſen enthielten, in Brand geſteckt worden. Mehrere dieſer Räuber waren von dem hartnäckigen Ketzer erſchoſſen und der Brand wieder geiſcht wor⸗ den, ohne daß die Preſſen weſentliche Beſchädigun⸗ gen erlitten hätten, welche er durch die Bauern zwangsweiſe wieder herſtellen ließ. Als ſie endlich ſahen, daß ſie den hartnäckigen Engländer weder abzuzwingen noch einzuſchüchtern vermochten, nahm ihre Feindſeligkeit gegen ihn all⸗ mählig ab, und die Italiener bequemten ſich, wenn auch mit Murren, die Wohlthaten zu genießen, welche ſein Fleiß und ſeine Ausdauer allmählig über den ganzen Diſtrikt verbreiteten. In keiner der benach⸗ barten Gemeinden wurde der Pacht ſo regelmäßig bezahlt oder befanden ſich die Bewohner in ſo be⸗ haglichen Umſtänden. Man darf übrigens nicht glauben, daß ſolche 232 Reſultate nur durch die Energie des beiſtandloſen Mannes, der noch dazu ein Fremdling war, hätten zu Wege gebracht werden können. Der fürſtliche Eigenthümer des Lehens, der ſeinen Vortheil in dem verbeſſerten Zuſtande der Dinge fand, unterſtützte ihn mit dem vollen Gewicht ſeines Einfluſſes und Anſehens. Die Magiſtrate und die Polizei erhielten Befehle, ſeine Perſon und ſein Eigenthum zu ſchützen. Was die erſtere anbelangt, ſo verließ ſich der Ein⸗ dringling, wie es ſchien, nur auf ſich ſelbſt, indem er niemals das Haus anders verließ, als wohlbe⸗ waffnet und in Begleitung mehrerer grimmigen Hunde, der Schrecken der Landſtreicher und Spitz⸗ buben in der Nochbarſchaft. Wie unſere Leſer ſich wohl vorſtellen können, ſo waren die Reiſenden nach dieſen Mittheilungen ſehr geſpannt, die Bekanntſchaft ihres Landsmannes zu machen; ſie bewunderten die Energie, den unerſchüt⸗ terlichen Muth und das Selbſtvertrauen eines Man⸗ nes, der ſein Schickſal einem fremden Boden anver⸗ traut hatte, und trotz der Vorurtheile und der Oppo⸗ ſition ſeiner Umgebung ſeine Stellung zu behaup⸗ ten wußte. „Hat er denn keine Familie?“ fragte Oliver. „Einen Sohn, von Ihrem Alter ungefähr, der ſich gewöhnlich in Rom aufhält,— er ſoll, ſo viel ich höre, ein Maler werden,— und eine furchtbare Menge von Hunden,“ antwortete Paolo, der naiver Weiſe die Thiere mit zur Familie zählte.„Sie ſind nicht wie die Hunde hier zu Lande,“ fügte er bei, „ſondern häßliche wilde Beſtien mit großen flachen Köpfen, blutgierigen Augen und ſcharfen Zähnen! 233 Der heilige Antonius ſchütze uns vor ſolchen Zäh⸗ nen; ich habe es ſelbſt geſehen, daß einer davon einen Büffel zuſammengeriſſen hat!“ „Es ſind Bulldoggen!“ rief Philipp, dem dieſe Beſchreibung vielen Spaß machte. Der Weg, welcher zurückzulegen war, betrug nicht viel mehr als eine Meile(etwa 25 Minuten) und doch brauchten die Reiſenden wenigſtens eine Stunde, um das Thal zu erreichen, das eigentlich mehr pa⸗ rallel mit der Campagna lief, als einen Theil der⸗ ſelben bildete. Das Gewitter hatte noch nicht nach⸗ elaſſen und bei deſſen Blitzen erblickten ſie das Ge⸗ äude, das auf den erſten Anblick wie eine Veſte aus den Zeiten des Mittelalters ausſah. Eine hohe Mauer mit Schießſcharten für Musketen umgab das Hauptgebäude, zu welchem man nur durch einen mit Thürmchen verſehenen Thorweg gelangen konnte. „Poco la casa Inglese,“(Hier iſt das engliſche Haus!l) riefen beide Poſtillone in erfreutem Tone. Da ſie in Geſellſchaft von Engländern ſich befanden, ſo hatte ſich ihre Angſt bei dem Gedanken, eine Nacht hier zubringen zu müſſen, gelegt oder wenigſtens ſehr vermindert. Das Gebäude war ohne Zweifel in unruhigen Zeiten erbaut und von ſeinen frühern Beſitzern zu⸗ weilen als Jagdſitz bewohnt worden, indem die Nach⸗ barſchaft von Wild aller Art, worunter namentlich viele Eber, wimmelte. Obgleich das rothe, durch die ſtark vergitterten Fenſter ſcheinende Licht, andeutete, daß der Bewoh⸗ ner ſich noch nicht zu Bett gelegt habe, ſo verfloß doch einige Zeit, ehe die nächtlichen und jetzt ganz 234 durchnäßten Wanderer durch fortgeſetztes Pochen unb Rufen ſich hörbar machen konnten, ſo laut war das Rollen des Donners. Endlich erſchien ein Mann am Fenſter und fragte, wer da ſei. „Reiſende, welche das Gewitter überraſcht hat,“ antwortete Major Henderſon auf italieniſch,„und welche um ein Obdach bitten.“ „Engländer!“ riefen die Poſtillone. Das Geſicht verſchwand vom Fenſter. „Wenn ihr wirklich Engländer ſeid,“ rief eine jugendliche Stimme,„ſo ſprecht in eurer Landes⸗ ſprache.“ Begreiflicher Weiſe wurde dieſer Wunſch augen⸗ blicklich erfüllt, worauf das Hauptthor ſogleich geöff⸗ net und die Geſellſchaft in eine weite Halle einge⸗ laſſen wurde, welche mehr als die Hälfte des untern Theils des Gebäudes einnahm. Zu ihrer großen Freude brannte ein großer Stoß Reiſigbüſchel luſtig in dem coloſſalen Kamin, vor welchem ein Schäfer, mit einem rohen Ziegenfell über die Schultern, ſaß. „Ruhig, Haro! ruhig!“ rief ein ſchlanker, anſtän⸗ dig ausſehender Jüngling, einem prächtigen Exem⸗ plar von Bluthund zu, der beim Anblick von Frem⸗ den aufgeſprungen war und ein leiſes heiſeres Brum⸗ men hören ließ. Augenblicklich legte ſich das Thier wieder am Feuer nieder. „Halten Sie uns nicht für unfreundlich und un⸗ gaſtlich,“ ſagte der Jüngling, ſeinen unerwarteten Gäſten entgegentretend;„aber dieſes Land iſt nicht wie England, und in meines Vaters Abweſenheit kann ich nicht vorſichtig genug ſein. Ich vermag 235 Ihnen nicht viel anzubieten,“ fuhr er fort,—„ein Obdach, ländliche Koſt und Wein aus den Albaner Bergen.“ Die Reiſenden verſicherten ihn, daß ſie ſich glück⸗ lich ſchätzen, nur das erſtere zu finden. „Philippo,“ fuhr ihr Gaſtfreund fort, an den Mann im Ziegenfell ſich wendend,— wahrſcheinlich derſelbe, der zuerſt auf das Pochen der Reiſenden erſchienen war—„ſieh nach den Pferden und komm dann wieder, um mir bei der Zubereitung des Nacht⸗ eſſens für unſere Gäſte behülflich zu ſein.“ Dieſe Befehle wurden auf italieniſch ertheilt. Der Schäfer erhob ſich von ſeinem Sitze und pfiff dem Hunde, damit er ihm folge. „Sie hätten eben ſo gut engliſch ſprechen können, Herr,“ ſagte Peter Marl mit ſeiner gewohnten Derbheit. Der Major und deſſen Zöglinge ſahen den alten Soldaten erſtaunt an. „Kein Italiener kann ſo pfeifen,“ fuhr Peter fort. „Schweige, Peter!“ rief ſein Herr. Der alte ann langte auf militäriſche Weiſe an ſeine Mütze. „Er hat ganz recht,“ rief ihr Gaſtfreund mit nichts weniger als verlegener Miene;„Philipp iſt ein Engländer; ich bin aber gewöhnt, italieniſch mit ihm zu reden. Ich ſpreche überhaupt ſelten eine an⸗ dere Sprache.“ „Wahrſcheinlich, ſeitdem Sie England verlaſſen haben?“ bemerkte der Major. „Ich bin nie in England geweſen,“ verſetzte der Jüngling leicht erröthend. —————— 236 Mit Hilfe Peter Marls und des Mannes im Ziegenfelle wurde das Gepäck von den Poſtillonen in die Halle geſchafft, denen man zu wiſſen that, wo ſie Pferde und Wagen die Nacht über unterbringen könnten. Hierauf wurden die Thore der Caſa Ingleſe ge⸗ gen jeden Eindringling ſorgfältig verſchloſſen. Nachdem unſere Reiſenden ihre durchnäßten Klei⸗ der gewechſelt hatten, ſetzten ſie ſich um das Feuer, während das Nachteſſen bereitet wurde,— ein Ge⸗ ſchäft, bei welchem die Mithülfe Peter Marls von ganz unſchätzbarem Werthe war. Der alte Feldſoldat hatte die Kochkunſt nicht verlernt, welche er in der Noth während des Kriegs auf der Haolbinſel ſich an⸗ geeignet hatte, und welche ihn in die Lage verſette, ein ganz erträgliches Mahl mit ziemlich armſeligem Material zu bereiten. Glücklicherweiſe wurde aber dießmal ſeine Erfindungsgabe auf nicht allzuharte Probe geſtellt, denn es ſand ſich ein im Hauſe friſch geſchlachtetes Zicklein und eine große Menge Polenta vor,— eine Art von Kuchen, welcher aus indiani⸗ ſchem Korn gefertigt wird und das gewöhnliche Sur⸗ rogat für Brod bei den italieniſchen Bauern bildet. Es war nicht möglich auf natürlichere und un⸗ gezwungenere Weiſe die Honneurs zu machen, als es von Seite ihres jungen Gaſtfreundes geſchah, die allerdings mit ſeinem Wohnhauſe ſtark contraſtirte, indem man an dieſem Orte nicht ſo viele Erziehung und gute Lebensart finden zu dürfen hoffen konnte⸗ Von ſich ſelbſt ſprach er ganz offen,— von ſeinet Geſchmacksrichtung, ſeinen Studien, von ſeinem Leben in Rom; nur wenn auf ſeinen Vater die Rede kam, 237 deſſen Abweſenheit er bedauerte, zeigte er eine ge⸗ wiſſe Zurückhaltung. „Sie können ſich das glückliche Leben eines Kunſt⸗ ſchülers in Rom gar nicht vorſtellen; ſeine Bedürf⸗ niſſe ſind ſo gering und der Genüſſe gibt es ſo viele. Wie fadenſcheinig auch ſein Rock ſein mag, ſo ſtehen ihm doch die Gallerien ſelbſt von Fürſten offen; er kann ganze Tage darin zubringen, ſeine Studien machen, kopiren oder träumen, wie es ihm beliebt. Die Ateliers unſerer großen Maler und Bildhauer ſind für ihn ebenſo zugänglich; Thorwaldſen fühlt ſich nie glücklicher, als wenn er einem Nauling in der Kunſt mit Rath und That Beiſtand leiſten kann; auch unſer Landsmann, Gibſon, ſteht ihm an Frei⸗ gebigkeit nicht nach.“ „Ich ſehne mich darnach, die Schauplätze, von denen Sie ſprechen, aufzuſuchen und kennen zu ler⸗ nen,“ rief unſer Held, durch dieſe Begeiſterung er⸗ wärmt. „Sie?“ wiederholte der Jüngling lächelnd. „Warum nicht? Muß man denn gerade ſelbſt Künſtler ſein, um die Kunſt ſchätzen und würdigen zu können?“. „Gewiß nicht,“ verſetzte ſein Landsmann;„auch würde mich bei einem Deutſchen oder Franzoſen dieſer Wunſch gar nicht überraſcht haben; aber bei einem Engländer“— Er hielt inne; Offenheit und Wahrheitsliebe ſchie⸗ nen mit der Befürchtung zu kämpfen, daß er etwas ausſprechen möchte, was vielleicht verletzen könnte. „Nun,“ ſagte Hliver,„an einem Engländer?“ „Dieſe befreunden ſich in der Regel nicht mit ———* ———— uns,“ bemerkte der Jüngling;„ſie ſind zu reich und der Mehrzahl nach zu abgeſchloſſen; ihr Leben gleicht nicht dem unſrigen,— ihre Vergnügungen haben nichts gemein mit den unſrigen. Es hut mich ſchon oft tief betrübt und geſchmerzt,“ fuhr er fort,„wenn ich mein Entgegenkommen mit kalter Gleichgültigkeit aufgenommen ſah,— die ſich vielleicht bald in ein vornehmes Staunen verwandelt hätte, wenn ich ge⸗ ſagt hätte, daß ich ein Engländer ſei.“ „Werden Sie eine Berühmtheit,“ rief Mojor Henderſon,„und Sie werden ſich nicht mehr über deren Vornehmheit und Abgeſchloſſenheit zu beklagen haben, ſondern vielmehr ihre Herablaſſung noch viel drückender finden, als ihre Kälte. Die Engländer ſind leidenſchaftliche Bewunderer des Genius,“ fuhr er fort,„aber ſie ſtehen ihm nicht bei in den Kämpfen, die er anfangs zu beſtehen hat, auch ermuntern ſie ihn nicht durch ein Beifallslächeln, wahrſcheinlich aus Furcht, Tomback für Gold gehalten zu haben. So⸗ bald derſelbe aber den Stempel erhalten hat, der ihn gangbar macht, ſo fallen ſie anbetend vor ihm auf die Kniee nieder.“ „Herr Major, Herr Major!“ unterbrachen ihn ſeine jungen Gefährten,„ſo etwas von Ihnen?“ „Es iſt dieß eine traurige Wahrheit,“ erwi⸗ derte der Veteran.„Ich bin der Letzte, der ſich ab⸗ ſichtlich einer Ungerechtigkeit gegen ſeine Landsleute ſchuldig machen möchte; aber in England iſt der Kampf des Genius nichts weiter als ein fortgeſetztes Ringen mit Armuth und Vernachläßigung. Die Welt ſieht kalt zu und ruft væ victis— wehe dem Be⸗ ſiegten!“ * 239 Es war ſchon ſehr ſpät, als die Reiſenden ſich zur Ruhe zurückzogen. Die Friſche der Gefühle und Gedanken des ſeltſamen Jünglings hatte der Unter⸗ haltung einen großen Reiz verliehen. Oliver und Philipp fühlten beide deſſen Einfluß, dem ſelbſt ihr Mentor, bei all ſeiner Erfahrung von der Macht des erſten Eindrucks, nicht ganz entgehen konnte. „Es ſieht etwas armſelig bei uns aus,“ ſagte der Gaſtfreund, der die jungen Männer in ihr Zimmer führte,„aber Sie können mit voller Sicherheit hier ſchlafen, und das iſt mehr, als Ihnen in manchem wohl eingerichteten Gaſthaus gewährt werden könnte. Gute Nacht.“ „Gute Nacht,“ wiederholte unſer Held, ihm die Hand reichend.„Aber Sie haben uns noch nicht einmal geſagt, mit welchem Namen wir Sie anzu⸗ reden haben.“ „Ernſt,“ verſetzte der junge Mann,„Ernſt Auſtin. Weßhalb fragen Sie aber?“ „Wir wünſchen immer den Namen Derjenigen ken⸗ nen zu lernen, die uns werth ſind,“ bemerkte Oliver Brandreth lächelnd. Anſtatt das Zimmer zu verlaſſen, ſetzte ſich ſein neuer Bekannter— Freund iſt wohl nicht das rechte ort, um ihn damit jetzt ſchon zu bezeichnen— an das Fenſter und ſchien einige Minuten lang in tiefes achdenken verſunken. „An was denken Sie?“ fragte Oliver.„Es liegt doch gewiß nichts in der Bitte, das Sie hätte ver⸗ letzen können.“ „Im Gegentheil,“ ſagte Ernſt,„ſie hat mich hoch erfreut.“. — S 240 „Und doch ſinnen Sie nach!“ „Ich ſtellte die Frage an mich, ob Ihre Worte nichts weiter als eine Form der Höflichkeit,— Töne, die eben ſo raſch vergeſſen ſind, als ſie ausgeſprochen werden, eine Höflichkeitsbezeigung, welche in einer Nacht wie dieſe jeder Menſch ſelbſt gegen ſeinen ge⸗ ringſten Mitbruder ausſprechen würde, oder ob ſie der Ausdruck eines echten Gefühls waren. Es war von jeher der Wunſch meines Lebens,“ fügte er hinzu,„einen Engländer zum Freunde zu beſitzen.“ „Es ſtehen Ihnen zwei zu Dienſten, wenn Sie ſie annehmen wollen,“ rief Philipp.„Weßhalb ſollten Sie an uns zweifeln?“ „Ich bin arm,“ verſetzte Ernſt, ohne das mindeſte Zeichen, daß er ſich dieſes Geſtändniſſes ſchäme oder darüber in Verlegenheit gerathe,„und Armuth iſt ſehr empfindlich.“ „Und was hat denn Armuth mit Freundſchaft zu ſchaffen?“ fragte unſer Held.„Bald will es mir ſcheinen, als ob Stolz das rechte Wort wäre. Hätte ich einen Augenblick vermuthet, daß Sie reich oder von vornehmer Geburt wären, ſo würde ich das Aner⸗ bieten nicht gemacht haben. Ich verabſcheue Alle, die auf ſolche Dinge Jagd machen.“ „Freundſchaft verlangt Gleichheit,“ bemerkte der Jüngling, deſſen Anſichten für ſein Alter höchſt auf⸗ fallend waren,„und Sie ſind reich.“ „In einer Hinſicht haben Sie recht,“ ſprach Oli⸗ ver ernſt.„Allerdings verlangt Freundſchaft Gleich⸗ heit, was Ehrgefühl, Wahrheitsliebe, Muth und jene höheren Eigenſchaften anbelangt, die deren Reiz ausmachen. Aber Reichthum! Pah! der iſt nichts weiter als der Unrath des Lebens. Vielleicht ſagen Sie, ich ſpotte darüber, weil ich, wie Sie, mich eines ſolchen Beſitzes nicht rühmen kann.“ „Es freut mich dieß,“ antwortete, Ernſt herzlich ſeine Hand ſchüttelnd.„Ich kann Ihnen gar nicht ſagen, wie glücklich Ihr Geſtändniß mich macht. Und Ihr Freund?“ „Oh! der iſt reich,“ rief Oliver lachend.„Der Erbe ſeines Vormunds weiß allein, wie viele Tau⸗ ſende im Jahr,— Ländereien, Farmen, Pflanzungen, eine halbe Inſel er zu erwarten hat. Nicht wahr? Deßhalb müſſen Sie ihn gerade ſo behandeln wie ich, mit derſelben Unterwürfigkeit und dem tieſſten Reſpekt. „Philipp,“ fuhr er fort,„reiche mir meine Pan⸗ toffeln. Dank Dir, alter Junge.“ Dieſer kleine Zwiſchenfall trug mehr dazu bei, ihren neuen Bekannten von einem Gefühl zu heilen, das mit der Zeit krankhaft hätte werden können, als eine ſtundenlange Rede es vermocht hätte. „Ich danke Ihnen,“ ſprach Ernſt, nachdem er noch einmal eine gute Nacht gewünſcht hatte,„ich werde die Lektion nicht vergeſſen.“ „So iſts recht,“ verſetzte Oliver.„Sie werden uns alſo in Rom aufſuchen.“ „Philipp,“ fuhr er fort, ſobald ſie allein waren, „an was erinnert Dich dieſes Zimmer hier?“ Dieſes Zimmer ſah faſt noch trauriger aus, als jenes, in welchem die jungen Männer in Rockingham Hall die Nacht zugebracht hatten, auf welches er an⸗ ſpielte. Die Mauern waren von unbehauenem Stein⸗ Smith, Milly Mohne. II. 16 werk, das roh zuſammengefügt war, der Boden war mit Backſteinen belegt, wie in England etwa die Scheunen und Heconomiegebäude; ein einziges Fen⸗ ſter ohne Vorhang öffnete die Ausſicht in den Hof, und da das Gewitter jetzt vorüber war, ſo war es hell genug, daß man die maſſiven Sparren ſehen konnte, an welchen Welſchkornkolben, Schweinskeulen und getrocknete Früchte als Vorrath für den Winter aufgehangen waren. Die Betten beſtanden aus nichts weiter als aus Blätterhaufen von indianiſchem Korn, ein ſehr all⸗ gemeines Surrogat für Federn in Italien, das noch überdieß den Vortheil hat, daß es viel reinlicher iſt. Augenſcheinlich gaben ſich die Bewohner der Caſa Ingleſe gar keine Mühe, ihre Armuth zu verbergen. „Nun, es gefällt mir hier beſſer als in dem Ge⸗ mach, auf das Du anſpielſt. Jenes möchte ich um keinen Preis mehr beſuchen.“ „Auch ich nicht,“ ſagte Oliver ſchaudernd. „Es ſah aus wie eine Todtenkammer und ich bin überzeugt, daß es auch ebenſo dumpf wie eine ſolche iſt.— Doch ſprechen wir jetzt nicht mehr davon. Wir ſind einem Abenteuer, für die heutige Nacht wenig⸗ ſtens, entgangen und ich zweifle nicht, daß wir hier ebenſo feſt ſchlafen werden, als unter dem Dache des liebevollen alten John. Compton in London.“ Philipp irrte ſich aber. Der Schlaf ſtellt ſich nicht immer ein, wie wir es wünſchen. Der Körper kann ermüdet und erſchöpft ſein und das Gehirn den⸗ noch fortwährend mit den Eindrücken des Erlebten beſchäftigt bleiben. Mehr als eine Stunde lang fuh⸗ ren die jungen Männer fort, von dem, was ſie den Tag über erlebt hatten, zu ſprechen,— von dem Un⸗ gewitter in ſeiner ſchreckbaren Größe,— von der Caſa Ingleſe und den merkwürdigen Bewohnern darin. Eben, als ihre müden Augenlieder ſich zur Ruhe ſchließen wollten, ſchreckte ſie das laute Gebell von mindeſtens einem Dutzend Hunde in ihrem Bette auf und ſie liefen an das Fenſter, um die Urſache davon zu erfahren. Ein einzelver Reiter, auf einer großen ſchwarzen Stute ſitzend, verlangte Einlaß, indem er wiederholt die Namen„Ernſt“—„Philipp!“ rief. Ein unwillkürlicher Ausruf des Erſtaunens ent⸗ fuhr Oliver und Philipp, als ſie in dem Ankömm⸗ ling den geheimnißvollen Bettler von Mailand er⸗ kannten. Man konnte ſich in der gemeſſenen Stimme, dem ruhigen, befehlshaberiſchen Ton, in welchem er die Hunde ausſchalt, die plötzlich ihr wüthendes Ge⸗ kläffe in ein fortgeſetztes, freudiges Bellen verman⸗ delten, während ſie an ihm hinaufſprangen, nicht irren. „Kuſch' Dich, Haro; kuſch Dich, Rock!“ wieder⸗ holte er. Jetzt erſchien auch Ernſt und der Mann in dem Ziegenfelle. „Hieher, Vater,“ ſagte der erſtere, nachdem er den Bettler bewillkommt hatte.„Philipp wird Dir das Pferd abnehmen. Wir haben Gäſte im Hauſe.“ Die jungen Männer meinten, der Vater wieder⸗ hole das Wort„Gäſte“ in unzufriedenem Tone und zogen ſich vom Fenſter zurück. Ihre Neugierde hatte Anfangs faſt an Beſtürzung gegränzt. Ueberzeugt, daß keine Gefahr zu fürchten ſei, erlaubte ihnen das 16* 244 Gefühl, das ſie der empfangenen Gaſtfreundſchaft ſo⸗ wohl als ihrer Ehrenhaftigkeit ſchuldig zu ſein glaub⸗ ten, nicht, die Rolle von Lauſchern zu ſpielen. „Sein Vater,“ verſetzte unſer Held.„Um Ernſt's willen wünſche ich, daß hinter ſo vielem Geheimniß⸗ vollen nichts Schlimmes ſteckt.“ Die Sonne ſtrahlte herrlich in das Zimmer der beiden Freunde, als zu früher Morgenſtunde des fol⸗ genden Tages der Eigenthümer der Caſa Ingleſe in daſſelbe trat und dieſe ſanft aus dem Schlafe er⸗ weckte. Wir brauchen wohl kaum zu verſichern, daß die beiden jungen Männer ihn mit großem Intereſſe anblickten. Der zerriſſene Mantel nebſt Schlapphut waren bei Seite gelegt und er war jetzt in die Tracht eines Landmanns oder Pächters gekleidet. Er mochte etwa fünfzig Jahre zählen, vielleicht auch etwas weniger,. wenn man die tiefen Linien auf ſeiner Stirne mehr den Sorgen als der Zeit zuzuſchreiben geneigt war. Ein dichter Backen⸗ und Schnurrbart verbarg voll⸗ ſtändig den Ausdruck des untern Theils ſeines Geſichts. Es war eine Phyſiognomie, die man einmal ge⸗ ſehen, nie wieder vergaß; beſonders merkwürdig wa⸗ ren die großen, glänzenden, ſchwarzen Augen. „Wo habe ich denn dieſe Augen ſchon geſehen?“ fragte ſich Oliver in Gedanken.„In Mailand fielen ſie mir nicht auf.“ „Manche Leute würden dieſes Zuſammentreffen vermieden haben,“ ſprach ihr myſteriöſer Beſucher, „ich aber ſuchte es auf. Mein Sohn hat mir nicht nur die Umſtände, durch welche Sie meine Gäſte wur⸗ den, ſondern auch die Neigung mitgetheilt, die gegen⸗— ſeitig beſteht, dieſe Bekanntſchaft weiter fortzuſetzen. Freundſchaft, glaube ich, war das Wort,“ fügte er bei. „Es muß dieß geweſen ſein, wenn es unſere Ge⸗ fühle für ihn ausdrücken ſoll,“ bemerkte unſer Held. „Aber vielleicht glauben Sie an Dinge der Art, wie Freundſchaft, nicht?“ „Gerade weil ich daran glaube,“ verſetzte der Gaſtfreund ſtolz,„wünſche ich zu erfahren, wel⸗ chen Eindruck unſere Bekanntſchaft in Mailand— wenn ich mich ſo ausdrücken darf— auf Sie gemacht hat. Unſer letztes Zuſammentreffen muß Sie über⸗ zeugt haben, daß ich kein Bettler gewöhnlichen Schlags bin.“ „Soll ich es Ihnen ſagen?“ fragte Philipp, der vergebens den eigenthümlichen Eindruck, welcher auf dem Geſicht ſeines Freundes ſich kundgab, während er mit dem angeblichen Bettler ſprach, ſich klar zu machen ſuchte. „Anfangs hielten wir Sie für einen Spion; aber nach dem Rencontre mit Eimitelli gelangten wir zu dem Schluſſe, daß Sie einer der Leiter von Carbo⸗ nari oder irgend einer andern politiſchen Verbindung ſeien, wodurch Sie ſich zu dieſer Verkleidung veran⸗ laßt ſehen könnten.“ „Und Sie bildeten ſich alſo keine ungünſtige Mei⸗ nung von mir?“ „Nein,“ riefen die beiden jungen Männer. „Dann iſt es beſſer, wenn ich Ihnen das Ge⸗ heimniß nicht mittheile,“ bemerkte der Gentleman, denn ein ſolcher war er, ſeiner Sprache und ſeinem Benehmen nach zu urtheilen, wenigſtens in der ge⸗ wöhnlichen Bedeutung dieſes Wortes.„Die Kennt⸗ S* niß davon könnte Sie ſpäter in eine peinliche Lage verſetzen. Aus demſelben Grunde habe ich es auch meinem Sohne vorenthalten. Er hält ſeinen Vater für arm, aber er ſchämt ſich an deſſen Armuth nicht.“ „Schämen!“ wiederholte Oliver,„ich glaube eher, daß er ſich etwas darauf zu gut thut.“ Einige Sekunden lang trat eine Pauſe ein. Der Gaſtfreund machte eine Riene als wenn er nicht ge⸗ rade dieſe Antwort erwartet hätte. „Ich ſehe,“ fuhr Oliver fort,„Sie wünſchen, daß wir die Umſtände, unter welchen wir uns zweimal begegnet haben, Ernſt verſchweigen ſollen. Lieber Herr, warum ſagen Sie dieß nicht gerade heraus? Philipp und ich ſind die ungeſchickteſten Leute im Er⸗ rathen von Räthſeln.“ „Außer wenn dieſelben Sie intereſſiren,“ bemerkte Mr. Auſtin lächelnd. Philipp konnte nicht begreifen, wie dieſe unver⸗ fängliche Bemerkung das Geſicht ſeines Freundes rö⸗ then konnte; ebenſo ſchien auch Ernſt's Vater darüber erſtaunt. In demſelben Augenblicke aber, in welchem der letztere dieſe Worte ſprach, tauchte in Oliver die Erinnerung an ein gewiſſes Porträt in Rockingham Hall auf und er ſchauderte unwillkürlich. „Es kann nicht ſein,“ rief er in Gedanken aus, „ich täuſche mich— und doch ſind dieſe Augen ſo merkwürdig ähnlich.“ Ende des zweiten Bandes. — in ſſ ſſ 14 15 16 17 . 8 9 10 11 12 13 9 8 v ulul