bliovthe dentſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otimann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Vei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 5 für wöchentlich 2 Bücher:.— Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 3 N— f 1 Mr 50 Pf. 2 wet— Pf „„ 2*—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —————— Milly Moyne. Roman von Aus dem Engliſchen von Albert von Schraishuon. Dritter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung⸗ 1860. ——————— Druck der K. Hofbuchbruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart. Vierunddreißigſtes Kapitel. Von dem Tage an, ſeit Peter Marl den Fuß auf fremden Boden geſetzt hatte, ſtellten ſich ſeine Gewohnheiten als alter Feldſoldat gerade ebenſo wie⸗ der ein, als wenn er'nie den Dienſt verlaſſen und den Säbel mit dem Gartenmeſſer vertauſcht hätte. Seit er unter den Musjös ſich befand, kam ihm Jedermann verdächtig vor; und obgleich er ſich endlich überzeugte, daß die Bewohner der Caſa Ingleſe ächte Engländer ſeien, machte er doch kaum zu ihren Gunſten eine Ausnahme. Kein Menſch von geſundem Verſtand, argumen⸗ tirte er logiſcherweiſe, der ſein Geſicht in England zeigen darf und dort auf ehrliche Weiſe ſein Brod erwerben kann, könne je daran denken, dieſes Land zu verlaſſen; und deßhalb beſchloß er, nicht nur auf den Eigenthümer des Hauſes, ſondern auch auf den Mann in dem Ziegenfelle ein wachſames Auge zu haben. Der letztere namentlich kam ihm höchſt verdächtig vor. Zum großen Leidweſen des Major Henderſon war der alte Soldat nicht davon abzubringen geweſen, ſämmtliche Gepäckgegenſtände in das S oder — 4 beſſer geſagt Speicher, zu ſchaffen, in welchem er ſchlief, indem er bemerkte, er ſei für die Sicherheit deſſelben verantwortlich; auch hatte er während der Nacht mit den Koffern die Thüre verſtellt und die Piſtolen neben ſich gelegt, um ſie augenblicklich bei der Hand zu haben. Wahrſcheinlich war er höchſt überraſcht und er⸗ ſtaunt, am Morgen alles an ſeinem Platze zu finden. Es wäre ihm vielleicht ſogar lieb geweſes; wenn ir⸗ gend ein kleiner Verſuch gemacht worden wäre, weil er dann Veranlaſſung bekommen hätte, den Scharf⸗ ſinn ſeines Vorgeſetzten im Stillen zu belächeln;— Eigenſchaft, auf die er ſich ſehr viel zu gut that. Als er in die Halle hinabkam, fand er Philipp eifrig mit der Zubereitung des Frühſtücks beſchäftigt. Peter ſetzte ſich in die Nähe des Feuers, um ihn zu beobachten. „Eine rauhe Gegend hier?“ bemerkte er, um ein Geſpräch einzuleiten. „Sehr rauh.“ „Aber auch theilweiſe ſchön?“ „Sehr ſchön.“ „Der Wein, den wir geſtern Nacht tranken, war ausgezeichnet.“ „Ganz ausgezeichnet.“ „Hat ihn Euer Herr ſelbſt gezogen?“ „Der Herr zieht ihn ſelbſt.“ „Macht er viel davon?“ „Eine ganze Menge.“ Höflich, dachte Peter, aber nicht ſehr mittheilſam. Ich will es auf einem andern Fleck mit ihm verſuchen. —— — 5 „Seid Ihr ſchon lang in dieſer Gegend?“ fuhr er fort. „Sehr lang.“. „Habt wohl England faſt vergeſſen?“ „Beinahe.“ „Aus welcher Gegend ſeid Ihr?“ „Aus der, in welcher ich geboren und erzogen wurde.“ „Und Euer Herr?“ „Aus der Gegend, in der er geboren und erzo⸗ gen worden iſt.“ „Und welche iſt denn dieß?“ „Da müßt Ihr ihn ſelbſt fragen„ verſetzte der Mann im Ziegenfell mit einem grinſenden Schmun⸗ zeln auf ſeinem broncenen Geſicht;„ich liebe es nicht, müßige Fragen zu beantworten.“ „So ſcheint es,“ bemerkte der alte Soldat, ver⸗ drießlich über ſeinen mißglückten Verſuch.„Dank Euch. „Ihr ſeid mit jeder Mittheilung, wie man ſie Euch gibt, zufrieden,“ ſagte Philipp. Wenn Peter Marl irgend etwas ärgerte oder in Verlegenheit ſetzte, ſo griff er jedesmal nach ſeiner Pfeife, welche er jetzt ſtopfte und anrauchte. Als der Rauch des herrlich riechenden Virginiaknaſters in dün⸗ nen weißen Wölkchen ſich erhob, begannen die Augen des Mannes im Ziegenfelle zu funkeln, der mit inni⸗ gem Behagen den Duft des köſtlichen Krautes ein⸗ ſchlürfte. Der arme Menſch! Seit Jahren hatte er keinen ſolchen Genuß mehr gehabt, indem der Tabak in Ita⸗ lien, als Regierungsmonopol, ſehr ſchlecht iſt, wenn 6 man nicht die Mittel hat, einen hohen Preis zu be⸗ zahlen. „Das iſt ein herrlicher Tabak,“ rief er aus. „Er iſt ſehr gut,“ verſetzte Peter. „Habt Ihr ihn aus England mitgebracht?“ a.“ „Habt Ihr viel davon?“ „Sehr viel.“ Zugleich lachte der alte Soldat, daß ihm die Thränen von den Wangen liefen. Er hatte den Frager in ſeiner eigenen Weiſe beinahe mit denſelben Worten bezahlt. Peters Eigenliebe war befriedigt. „Koſtet ihn,“ ſprach er gutmüthig, ihm ſeinen Beutel einhändigend.„Ich will Euch damit nicht beſtechen,“ fügte er bei, als er bemerkte, daß der Mann im Ziegenfelle zögerte.„Wenn Ihr Verhal⸗ tungsbefehle bekommen habt, ſo thut Ihr ganz Recht daran, Euch ſtreng darnach zu richten.“ Philipp nickte bejahend, indem er zugleich ſeine Pfeife ſtopfte. „Ich will durchaus nichts aus Euch herauslocken,“ fuhr Peter fort.„Ich achte einen Mann, der weiß, was ſeine Pflicht erheiſcht, und auch darnach handelt; aber es wäre eigentlich doch hart, wenn zwei Eng⸗ länder in fremdem Lande ſich treffen, und nichts weiter als„Ja“ und„Nein“ zu einander ſagen ſollten.“ „Sehr hart.“ „Es iſt ein feiner junger Mann, der uns geſtern Nacht ſo gaſtfreundlich aufgenommen hat. In dem kann man ſich nicht irren. Meine jungen Herrn ſchie⸗ nen ſich mächtig zu ihm hingezogen zu fühlen.“ Wenn Peter Marl anfangs durch die Schweig⸗ „ ſamkeit ſeines Landsmanns ſich beleidigt gefühlt hatte, ſo war er jetzt ebenſo erſtaunt, über den Fluß der natürlichen Beredſamkeit, in welchem dieſer von Ernſt ſprach, den er als einen der edelſten Jünglinge auf der Welt ſchilderte. Endlich hatte der alte Soldat den rechten Schlüſſel erwiſcht. „Würdet Ihr es wohl glauben,“ ſprach Philipp, „daß er den ganzen Weg von Rom— und noch überdieß in der Jahreszeit der Malaria— zu Fuß zurückgelegt hat, weil er hörte, daß ich an dem Fie⸗ ber, welches dieſe ſchlechte Luft hervorbringt, erkrankt ſei; daß er Tag und Nacht nicht von meiner Seite wich, bis ich wieder hergeſtellt war und mich ſo pflegte, als wenn ich der Herr und er der Diener wäre? Den Bauern und benachbarten Pächtern, die ſeinen Vater haſſen, iſt er ſtets willkommen,— ſie behandeln ihn wie einen der Ihrigen,— und lieben ihn, als wenn er unter ihnen geboren wäre.“ „Er iſt alſo nicht hier geboren?“ „Nein.“ „Wieder auf der Hut,“ rief Peter lachend, indem er zugleich eine Bewegung mit der Hand machte, als wenn er einen Stoß dämit pariren wollte. Der Mann im Ziegenfelle lachte. „Ich kann nicht umhin, über einen Punkt noch eine Bemerkung zu machen,“ fuhr deſſen Landsmann fort;„ich will damit nicht beleidigen, aber es liegt mir einmal auf der Zunge und deßhalb muß es her⸗ aus;— mit einem Wort, es verdrießt mich— ver⸗ drießt mich in hohem Grade, einen Engländer in 8 einem ſolchen Aufzuge zu ſehen. So arm wahr⸗ ſcheinlich auch Euer Herr ſein mag, ſo konnte er Euch doch einen ordentlichen Rock von Trillich oder wenigſtens von Barchent anſchaffen, anſtatt Euch wie ein wildes Thier zu kleiden!“ „Ein ſolches Kleidungsſtück tragen aber alle Schäfer in der Campagna,“ verſetzte Philipp philo⸗ ſophiſch,„und ich bin daran gewöhnt.“ „Ich habe ſchon gehört, daß Gewohnheit zur zweiten Natur wird,“ verſetzte der alte Soldat.„Iht ſeid 3. ein Schäfer, nicht wahr?“ 7 a.“ „Und habt Schafe?“ „Eine ganze Menge.“ „So iſt alſo Euer Herr nicht ſo ganz arm?“ „Wer hat Euch denn geſagt, daß er arm ſei?“ fragte Philipp.„Ihr müßt nicht nach dem äußern Schein urtheilen,“ fügte er hinzu, als Antwort auf den bedeutungsvollen Blick, den Peter auf die kah⸗ len Wände warf. „Er iſt alſo wohl gar reich?“ ſprach dieſer. „Das habe ich nicht damit geſagt.“ „Spart für ſeinen Sohn?“ Der Mann im Ziegenfelle machte eine raſche Bewegung mit der Fauſt, wie wenn er einen Stoß zu pariren hätte. „Ihr habt gedient!“ rief Peter Marl, ſeine Hand ergreifend;„das Läugnen nützt Euch nichts, ſo etwas lernt man nicht durch Inſtinkt. Ich bin ein alter Soldat; mich könnt Ihr nicht täuſchen.“ Philipp gab endlich zu, daß er gedient habe; lehnte es aber entſchieden ab, anzugeben, unter wem 9 und in welchem Regiment, und ſchlug endlich vor, um die Unterhaltung kurz abzubrechen, in den Hof hinabzugehen und nach dem Wagen und den Poſtil⸗ lons zu ſehen. Die letzteren fanden ſie als freiwillige Gefangene auf dem Speicher— wo ſie die Nacht zugebracht hatten— weil ſie wegen einiger Bulldoggs herab⸗ zuſteigen ſich fürchteten. Die wachſamen Thiere hatten ihren Aufenthaltsort entdeckt und hielten vor demſelben förmlich Wache. Bei der mindeſten Be⸗ wegung der Männer ließen ſie ein leiſes grimmiges Knurren hören. Philipp rief ſie zu ſich heran. Beim Tone ſeiner Stimme liefen ſie auf ihn zu, ſchnupperten an Peter herum und geſtatteten dieſem endlich ſogar, ſie zu ſtreicheln. Von den Italienern nahmen ſie nicht weiter mehr Notiz. „Cospetto!“ rief Paolo,„da ſeh einmal einer dieſe wilden Beſtien. Mit ihrem Landsmann thun ſie ſo zahm, als wenn ſie Lämmer wären. Was das für Zähne ſind!“ Es unterlag wohl keinem Zweifel, daß der Be⸗ wohner der Caſa Ingleſe ſeine Sicherheit ebenſoſehr der Angſt, welche dieſe Thiere einflößten, als ſeinem perſönlichen Muthe verdankte. Es war ein förmli⸗ cher Glaubensartikel unter den Bauern, daß dieſe Bulldoggs vollkommen im Stande ſeien, einen Men⸗ ſchen mit einemmale aufzufreſſen. Unterdeſſen verzehrten Major Henderſon und ſeine Mündel das einfache aber ſchmackhafte Früh⸗ ſtück, welches der Mann im Ziegenfelle zubereitet hatte und bei welchem ihr Gaſtfreund und deſſen 10 Sohn mit ungezwungenem Anſtand die Honneurs machten. Es war auch nicht der leiſeſte Verſuch zu irgend einer Schauſtellung bemerkbar, oder, was noch viel abgeſchmackter geweſen wäre, daß einer von beiden ſich bemüht hätte, die Armuth des Haushal⸗ tes zu verſtecken. Schüſſeln, Teller, Meſſer und Gabeln,— kurz alles war vom gewöhnlichſten Stoff. Die Unterhaltung des ältern Auſtin intereſſirte den Major ſehr, der in hohem Grade von der Rich⸗ tigkeit und Entſchiedenheit ſeiner Anſichten hinſichtlich des gegenwärtigen Zuſtands Italiens ſowohl, als von der Freimüthigkeit, mit der er ſich darüber aus⸗ ſprach, überraſcht war. „Sie hätten ein Staatsmann und kein Pächter werden ſollen,“ bemerkte er. „Ich könnte Cincinnatus citiren zum Beweis, daß man beides zugleich ſein kann,“ verſetzte ſein Gaſtfreund lächelnd.„Wenn man durch unheilvolle Zuſtände ſelbſt betroffen wird, ſo fühlt man ſie nicht nur um ſo tiefer, ſondern forſcht auch nach, auf welche Weiſe ihnen abgeholfen werden könnte. Was gibt es zum Beiſpiel Ungerechteres als der Grund⸗ pacht hier zu Lande? Die Eigenthümer der großen Lehen theilen dieſelben in Farmen und erhalten dafür zwei Drittheile, ja in manchen Fällen ſogar drei Viertheile des Ertrags daraus. Das iſt aber noch nicht genug. Der unglückliche Pächter, der das Vieh, die Ausſaat anzuſchaffen und die Arbeit zu beſtreiten hat, iſt gezwungen, den ihm verbleibenden Theil ſeiner Ernte zu einem willkührlich von den 11 Rentmeiſtern ihrer Grundherrn beſtimmten Preiſe zu verkaufen.“ „Dieſe Gewohnheit herrſcht aber doch nicht in ganz Italien?“ ſagte unſer Held. „Hauptſächlich in den römiſchen Staaten,“ ver⸗ ſetzte der Gaſtfreund.„Im lombardiſch⸗venetianiſchen Königreich, wie die öſtreichiſchen Provinzen genannt werden, iſt das Geſetz etwas verſchieden.“ „Armes Venedig!“ ſeufzte Philipp,„wie ſehne ich mich darnach, es zu beſuchen.“ „Und was würden Sie dort ſehen?“ rief Mr. Auſtin.„Ruinen— traurige, nicht wieder herſtell⸗ bare Ruinen. Das einſt ſo reiche und mächtige Venedig beſitzt faſt kein Leben und keine Bewegung mehr. Bei meinen jahrelangen Wanderungen in vielen Ländern habe ich niemals einen traurigern und belehrendern Anblick als den, dieſer dem Unter⸗ gang verfallenen Stadt gehabt, welche, ſeitdem ſie von Fremden regiert wird, mehr als die Hälfte ihrer Bevölkerung verloren hat und trotz ihres mühſamen Strebens doch nur eine ärmliche, ungewiſſe Exiſtenz ſich zu verſchaffen im Stande iſt. Der Adel iſt ver⸗ armt, oder aus dem Lande verbannt, welchem er ſo viele Souveraine gegeben hat; ſeine Paläſte gerathen allmählig in Verfall, weil deren Eigenthümer die Mittel nicht mehr beſitzen, ſie repariren zu laſſen, wodurch ſie ſich genöthigt ſehen, dieſelben um ein Spottgeld, das oft kaum das Material bezahlt,an die Juden zu verkaufen; ſein Handel, einſt die Quelle ſeiner Blüthe und ſeines Reichthums, iſt in die Hände des begünſtigten Trieſts übergegangen. Man wagt aber nicht zu murren, denn die Polizei iſt all⸗ 12 mächtig und der geringſte Verdacht reicht hin, den unglücklichen Venetianer in ein unterirdiſches Ge⸗ fängniß zu bringen, wo er moraliſch und phyſiſch gequält wird. ²) „Was ſieht der Bürger dieſer einſt ſo ſtolzen Stadt,“ fuhr er fort,„wenn er ſpazieren geht? Ei⸗ nen nördlichen Satrapen, von deſſen Willen Leben und Tod abhängt, im Palaſt ſeiner hunderte von Dogen, ſcharf geladene Kanonen auf allen öffentlichen Plätzen,— welche nur zu klar die Art des Joches andeuten, das ihm der Souverain auferlegte, welchen der Congreß von Verona ihm gab. Zu einer ſol⸗ chen Demonſtration iſt aber auch nicht die entfern⸗ teſte Nothwendigkeit vorhanden.**) Die Venetianer ſind von Alters her durch ihre ariſtocratiſchen Gebie⸗ ter an Unterdrückung gewöhnt, und ihre neue Herrn wiederholen nur in einer andern Sprache das Wort, das ihnen zu hören längſt geläufig iſt— Gehorſam! Es macht für dieſelben nichts aus, in welcher Mund⸗ art die ewige Formel ihrer Sclaverei ausgeſprochen wird. Zur Zeit ſeines Falles hatten die Lenker und Bürger Venedigs den Inſtinkt einer edlern Denk⸗ *) Der engliſche Herr Autor ſcheint nicht zu wiſſen oder ignorirt er es, wie viel von Seite der öſtreichiſchen Regierung zur Hebung Venedig's geſchehen iſt, ohne daß es ihr möglich geworden wäre, vaſſelbe ſo wieder zu heben, wie ſie gewünſcht hatte. Sein Verfall iſt in ganz andern Gründen als in poli⸗ tiſchen Verhältniſſen zu ſuchen, welche überhaupt nur auf un⸗ ruhigen politiſchen Köpfen laſten und den ſeinen Geſchäften nachgehenden Bürger nicht drücken. D. B. ²) Auch ſeit 1819 nicht? Vor dieſem Jahre war von einer ſolchen Demonſtration in vielen Jahren nichts zu 3 weiſe und Sus Bewußtſein der moraliſchen Kraft, welche allein ein Land im Augenblicke der Gefahr retten kann, gänzlich verloren. „Das politiſche Verbrechen, welches Venedig aus der Liſte der Nationen ſtrich, war übrigens nur ein verſpätetes Gottesgericht.“ „Sie werden aber doch dieſe Beſtrafung nicht für ewig halten,“ bemerkte Oliver. „Nein,“ verſetzte der merkwürdige Mann, der ein ſo lebhaftes Bild von der Ausartung des Volkes entworfen hatte.„Nur die Gnade iſt ewig.“ „Und Rom?“ „Ueber Rom werden Sie ſelbſt urthei⸗ len,“ ſagte Mr. Auſtin. „Obgleich kein Unterthan dieſes Landes, lebe ich doch unter deſſen Geſetzen. Ich ſpreche lieber nicht von der ewigen Stadt.“ Unterdeſſen war das Frühſtück beendigt und der Wagen vorgefahren. Major Henderſon gab das Zeichen zur Abreiſe. Seine Zöglinge gehorchten ihm dießmal ungern, ſo ſehr hatte die Unterhaltung ihres Gaſtfreundes ſie intereſſirt. Oliver namentlich wünſchte ſehnlich, ihn noch genauer kennen zu lernen. epe Sie wohl,“ ſprach er, indem er die Hand ſeines neu erworbenen Freundes faßte;„hoffentlich ſehen wir Sie in Rom.“ Ernſt blickte ſeinen Vater an, als wenn die Ant⸗ wort von dieſem abhange. „In etwa zehn Tagen,“ verſetzte der Letztere. „Die Ernte iſt jetzt vorbei und ſomit gibt es vor dem Frühjahre wenig mehr zu thun. Wir können 14 die Farm wohl, ein paar Monate wenigſtens, Philipps Obhut anvertrauen.“ Dieß war der erſte Fingerzeig, den der Sohn vom Vater erhielt, daß dieſer ihn zu begleiten beab⸗ ſichtige. „Ich bitte Sie, ja die Freunde nicht zu vergeſſen, die Sie mit Sehnſucht erwarten,“ rief der Major, während er in den Wagen ſtieg.„Sie werden unſere Adreſſe bei Torlonia finden.“ Beim Wegfahren ließ er in die Hand des Mannes im Ziegonfelle ein Trinkgeld gleiten, das ſelbſt einen Italiener in Erſtaunen geſetzt hätte. Die Fahrt durch die Campagna bereitet doͥ Rei⸗ ſenden ganz vortrefflich auf ſeinen Eintritt in Rom vor. Die Gegend iſt flach, öde und unfruchtbar, ja die Vegetation iſt ſo gering, daß kaum die zahlreichen Heerden von Büffeln, die in halbwildem Zuſtande umherirren und erſt eingefangen werden müſſen, wenn ſr Eigenthümer ſie brauchen, genügende Nahrung nden. Zuweilen fällt der Blick auf Ueberbleibſel einer koloſſalen Waſſerleitung, eines verfallenen Tempels oder einer zerſtörten Veſte, auf welcher einſt einer der Feudaltyrannen Roms im Mittelalter gewohnt hatte, und veranlaßt den Ausdruck der Bewunderung; obgleich das vorherrſchende Gefühl das der Trauer iſt. Es war, als ob die Reiſenden ſich dem Grab⸗ male einer Nation näherten. Endlich hörte man die Poſtillone Eecco la Roma rufen, die, als ſie auf dem Ponte Mola anlangten, anhielten, um das jetzt ſichtbar gewordene Rom zu zeigen. Herrlich in dem goldenen Schein der untergehen⸗ den Sonne, die über der Scenerie verweilte, als wenn ſie ſie beſonders liebte, erhob ſich der unver⸗ gleichliche Dom von St. Peter— das Meiſterwerk des großen Genius Michael Angelo's und das ein⸗ zige ſeines Andenkens würdige Monument. Es wäre ſchwer, die Gefühle der jugendlichen Reiſenden bei ihrem erſten Anblick der ewigen Stadt zu beſchreiben; wir können ſie nur mit den Gefühlen vergleichen, die ſich bei Erfüllung eines feenhaften Traumes oder einer poetiſchen Viſion kund geben. Es war Rom, das ſie ſahen— die Erbin der Civiliſation des Oſtens,— Babylons, Egyptens, Griechenlands. Rom! In dieſem einen Worte iſt die Geſchichte der Welt enthalten. Nach einigem Aufenthalt innerhalb ſeiner Mauern legte ſich die Begeiſterung ſeiner Zöglinge, wie Major Henderſon vorausgeſehen hatte, und an ihre Stelle trat ein Gefühl von Sättigung und Niedergeſchla⸗. genheit. Sie fanden Bettler auf dem Forum und dem Kapitol, Bettler an den Thoren der Paläſte und Tempel. Rom iſt ſo zu ſagen die Hauptſtadt des Bettels; wenn auch ſeine Bürger jedes andere Pri⸗ vilegium verloren haben, ſo iſt ihnen wenigſtens das Recht geblieben, betteln zu dürfen! An den Ein⸗ gängen der Kirchen und Muſeen ſieht man kräftige Arme ausgeſtreckt und von allen Seiten hört man „Carita, carita!“ rufen. Peter Marl wurde ganz ärgerlich darüber und hätte gar zu gern dieſes Volk mit dem Stock von den Thoren des Hotels weggejagt. Wenn er auch 16 wenig von Poeſie in ſich verſpürte, ſo beſaß er dafür vielen geſunden Verſtand und Ehrbarkeitsgefühl; er hätte ſicher ſein Scherflein gerne dem Alter oder der hilfloſen Kindheit gegeben, aber dieſe ſchwarzbärtigen Burſche, in voller Winnekraſt, welche um eine Gabe baten, brachten ihm wo möglich eine noch ſchlimmere 3 von den„Musjös“ bei, als er zuvor gehegt atte. „Haben Sie Geduld mit ihm,“ rief Oliver;„ſie waren einſt die Herren der Welt.“ „Dann hätten ſie es auch bleiben ſollen,“ ſagte der alte Soldat trocken.„Aber wahrſcheinlich war damals England noch nicht geboren.“ „Das haben ſie erobert,“ ſetzte Philipp bei. „Dieſe da,“ wiederholte Peter mit verächtlicher Gebärde—„hol' ſie der Henker dafür; ich kann Vieles glauben, aber daß dieſe Kerle England ſollten krobert hoen das kann ich nicht hinunterbringen!“ „Das geſchah vor Jahrhunderten,“ bemerkte unſer Held lachend. „Ah! alſo vor ſo langer Zeit, daß es gar nicht hat ee können.“ rſt als ſein Herr ihn verſicherte, daß die Er⸗ oberung Englands durch die Römer eine hiſtoriſche Thatſache ſei, glaubte Peter, daß ſeine jungen Gentle⸗ men, wie er die beiden Freunde bezeichnete, ihn nicht zum beſten halten. Aber auch ſelbſt jetzt noch tröſtete er ſich mit dem Gedanken, daß es nur hiſtoriſch wahr ſei. Gleich Karl V. ſchenkte der alte Soldat der Geſchichte nicht viel Glauben. Wie unſere Leſer vorausſetzen werden, ſo gehörte 17 der Palaſt Doria— die Wohnung von Bianca's Onkel— unter die erſten Orte, welche Philipp und OHliver beſuchten. Gleich den meiſten Reſidenzen des römiſchen Adels ſtanden ſeine Gallerien und Staats⸗ gemächer dem Publikum offen und der vevliebte junge Mann fand ein trauriges Vergnügen daran, unter den Kunſtſchätzen, die hier aufgehäuft waren,— wor⸗ unter auch viele Familienportraits— umherzuwandeln. Mehr als einmal bildete er ſich ein, wenn er eine Leinwand betrachtete, auf welche der ruhmge⸗ krönte Pinſel Titians die Geſichtszüge einer Schön⸗ heit aus vergangenen Zeiten gezaubert hatte, es ſei darin eine Aehnlichkeit mit dem Bilde zu finden, das ſo tief in ſeinem Herzen ſaß. Namentlich war ein Bild darunter, das ganz be⸗ ſonders ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog,— und ſelbſt Oliver gab zu, daß es eine große Aehnlichkeit mit Bianca beſitze. „Wie gerne möchte ich eine Copie davon haben!“ rief Philipp;„aber dieß iſt wahrſcheinlich unmöglich?“ ſetzte er, nach dem Cuſtos ſich umwendend, hinzu. „Beinahe unmöglich,“ erwiderte der Monn. „Nur beinahe?“ „Es iſt ein Familienportrait,“ bemerkte der Auf⸗ ſeher,„und Seine Eminenz, der Kardinal würde wahrſcheinlich ſeine Erlaubniß verſagen; aber ich kann Ihnen die meinige ertheilen.“ Bianca's Verehrer erkärte ſich bereit, eine ſolche Gunſt um jeden Preis zu erkaufen. „Wenn es dem Signore Ingleſe wirklich mit ſeinem Anerbieten Ernſt iſt—“ Smith, Milly Mobne. III. 2 Philipp. „Und wenn er zwanzig Scudi für nicht zu viel erachtete?“ „Ich würde fünfzig geben.“ „Jür fünfzig würde allerdings die Copie noch viel ſchöner ausfallen,“ bemerkte der Cuſtos, dieſes Anerbieten augenblicklich ergreifend,„ich will einem Künſtler von meiner Bekanntſchaft den Auftrag er⸗ theilen, es anzufertigen.“ Der Handel wurde raſch abgeſchloſſen und als der ſchlaue Italiener eine nicht unbeträchtliche Ab⸗ ſchlagsſumme an den fünfzig Scudi erhielt, bedauerte er wahrſcheinlich im Stillen, daß er den jungen Eng⸗ länder ſo wohlfeil gehalten hatte. „Wann ungefähr kann ich es haben?“ fragte Philipp. „In zehn Tagen etwa.“ „Und der Künſtler?“ „Mit dieſem will ich die Sache ins Reine brin⸗ gen,“ verſetzte der Mann. Bianca's Liebhaber hatte keine Ahnung, welch einen elenden Preis der gewiſſenloſe Schelm dafür bezahlen würde. Beim Weggehen aus der Gallerie mußten die jungen Männer die große Haupttreppe des Polaſtes herabſteigen; als ſie dort anlangten, erſchienen meh⸗ rere Diener in reicher Livree, die einem kleinen, gicht⸗ brüchigen, alten Mann vorausgingen, deſſen Schar⸗ luchgewand ſeinen Rang als eines der Fürſten der Kirche andeutete. Es war der Cardinal Doria, Bianca's Onkel. „Mir iſt es völlig Ernſt damit,“ unterbrach ihn 19 Die beiden Engländer verbeugten ſich reſpectsvoll, als er an ihnen vorüberging. Plötzlich drückte Phi⸗ lipp den Arm ſeines Gefährten. Oliver blickte auf und erkannte in dem Herrn, auf deſſen Arm Seine Eminenz ſich ſtützend lehnte, den Grafen Cemitelli. Ein ſtolzes Lächeln ſpielte um die Lippen des venetianiſchen Edelmanns, als ſeine Augen denen ſei⸗ nes Nebenbuhlers begegneten; ſie ſchienen zu ſagen: „hier bin ich im Vortheil, bin früher hier wie Du, und nun ſteche mich aus, wenn Du kannſt.“ Der arme Philipp war in Verzweiflung. Er hielt die Vermählung ſeiner Geliebten mit dem Gra⸗ fen für eine zwiſchen deren Muftter und dem Cardi⸗ nal abgemachte Sache und ſah nun deren Ankunft in Rom mit eben ſo viel Angſt entgegen, als er zu⸗ vor ſich darauf gefreut hatte. „Wie doch die Phantaſie gleich mit Dir durch⸗ geht,“ rief Oliver, dem er ſeine Befürchtung mit⸗ theilte.„Dieſer Menſch wird nie der Gatte von Bianca Belgioſo werden; lieber würde ich vorher ſelbſt mit ihr durchgehen.“ „Mit ihr durchgehen?“ wiederholte der erſtaunte Liebhaber. „Und Du würdeſt mir dabei helfen,“ ſetzte ſein Freund mit fröhlichem Lachen hinzu;„Philipp, Phi⸗ lipp, wie ſchwerfällig Du biſt!“ 2* Fünfunddreißigſtes Kapitel. Die täglichen Beſuche Lord Arthurs in der Woh⸗ nung von Herbert Lacy waren ſchon ſeit mehreren Monaten fortgeſetzt worden; ſein wahrer Stand war aber vor Milly ſo ſorgfältig verborgen worden, daß ſie nicht den entfernteſten Argwohn hegteé daß er einen andern Rang habe als den, unter welchem er ſich ſelbſt vorgeſtellt hatte,— ein armer Gentleman, der eine Anſtellung bei der Regierung bekleide. Ihr Wohlthäter und deſſen Schweſter redeten denſelben immer als Mr. Stanton an; und da die Dienerſchaft nicht in das Geheimniß eingeweiht war, ſo konnte ſie es auch nicht verrathen. Es gab nichts zarteres und zugleich delicateres als die Aufmerkſamkeiten, die er der armen Zigeu⸗ nerin erwies. Wer es mit angeſehen hätte, würde ihn für einen ältern Bruder gehalten haben, der im⸗ mer mit den Leiden einer Schweſter ſympathiſirte. Es lag nichts darin, was auf Liebe deutete,— we⸗ nigſtens äußerlich nichts. Sein Gefühl, wenn er wirklich ein ſolches hegte, drückte ſich nicht in Worten aus,— Milly hatte den Werth von Geſtändniſſen ken⸗ nen gelernt und würde aller Wahrſcheinlichkeit nach ihr Herz dagegen geſtählt haben— ſondern gab ſich durch die Sanftmuth und Geduld kund, mit welcher er ihren Klagen lauſchte, durch die edle und offene Weiſe, in welcher er die Bitterkeit ihrer Selbſtan⸗ klagen bekämpfte und ſie mit ſich ſelbſt zu verſöhnen ſuch te. „Sie hielten ſich für vermählt, Milly,“ konnte er 21 ſagen;„Ihre Seele iſt deßhalb unbefleckt. Es war der Kampf zwiſchen der Schlange und der Taube, zwiſchen Schuld und Unſchuld, zwiſchen Liſt und Ein⸗ falt. Sie kennen die Welt und deren Schlingen ſo wenig, als die Vögel und die Blumen, unter welchen Sie aufgezogen wurden. Wenn der leiſeſte Funke von Männlichkeit in dem elenden Herzen Ihres Ver⸗ derbers vorhanden geweſen wäre, ſo würde er Ihre Hilfloſigkeit geachtet haben.“ Seine Beweisgründe beruhigten und erfreuten das Opfer von Sir Aubrey Faireclough's ſelbſtſüchti⸗ gen Leidenſchaften, aber ſie vermochten nicht, es zu überzeugen, weßhalb es auch ſelten anders als durch ſeine Thränen darauf antwortete. Einmal, aber auch nur dieß einemal, klagte der Lord, von plötzlicher Eiferſucht ergriffen, die Unglück⸗ liche an, daß ſie Harley noch immer liebe. Er kannte ihren Verführer unter keinem andern Namen. Auf dieſes hin nahm Milly's Geſicht einen Aus⸗ druck an, den er nie zuvor darin wahrgenommen hatte. Es war erhaben in ſeinem Zorn und in weiblicher Verachtung der Niederträchtigkeit des Betrügers. „Meine Zunge findet keine Worte, in denen ich meinen Widerwillen gegen dieſen Mann auszuſpre⸗ chen vermag,“ verſetzte ſie ſchaudernd,„er hat meine Eriſtenz getrübt, welche ohne ihn rein und ruhig hätte ſein können,— er hat meinen Lebensſtrom in ſeiner Quelle vergiftet. Ich haſſe ihn! „Es iſt mein Kind, um das ich traure,— um meinen lieblichen Erſtgeborenen,“ fuhr ſie fort, ihrem Thränenſtrom freien Lauf laſſend,„und nicht um deſſen unnatürlichen Vater.“ Von dieſer Stunde an vermied es ihr Erretter, auf den herzloſen Menſchen wieder anzuſpielen, der ſie ſo grauſam verlaſſen hatte.* Es ſcheint, daß ein gewiſſer Grad von Leicht⸗ gläubigkeit in unſerer Natur liegt. Diejenigen, welche am ſchwerſten zu täuſchen ſind, täuſchen ſehr leicht ſich ſelbſt;— die Urſache iſt zwar verſchieden, die Wir⸗ kung aber dieſelbe. Hätte einer ſeiner Freunde Lord Arthur geſagt, daß er ſterblich, blindlings in Milly verliebt ſei, ſo würde er darüber gelächelt und wahrſcheinlich über den Mangel an Scharfſinn gelächelt haben, welcher nicht Mitleid und eine zartere Leidenſchaft zu unter⸗ ſcheiden verſtehe. Liebe! er hätte eine ſolche Voraus⸗ ſetzung geradezu für albern, abgeſchmackt erklärt; und doch hatte er ſchon zweimal an das auswärtige Amt um Verlängerung des Urlaubs von ſeinem Poſten in Neapel geſchrieben. Weßhalb hatte er dieß gethan? Bei aller ſeiner Philoſophie und Welterfahrung konnte er,ſich nicht mit dem Gedanken befreunden, von Milly ſich zu trennen. Sie war zu ſeiner Exi⸗ ſtenz unumgänglich nothwendig geworden,— hatte ſich feſt in ſein Herz eingeniſtet— hatte dort Platz in deſſen geheimſten Falten genommen, ehe deſſen Eigenthümer nur gewahr geworden war, daß ſie da⸗ ſelbſt Eintritt erlangt hatte. Auf ein drittes Geſuch um längern Urlaub er⸗ hielt der edle Diplomat eine höfliche, abſchlägige Antwort:„Oeffentliche Geſchäfte— Nationalintereſſen — machen ſeine Anweſenheit nöthig u. ſ. w. u. ſ. w.“ Dieſelbe war nicht einmal von dem Miniſter der „ — 23 auswärtigen Angelegenheiten ſelbſt, ſondern nur von einem der Unterſecretäre geſchrieben. „Ich habe kindiſch gehandelt,“ rief der Lord, nachdem er dieſe Notification geleſen hatte;„habe mit meiner künſtigen Laufbahn geſpielt; und im Gan⸗ zen, was für einen Grund,— das heißt was für einen erheblichen Grund habe ich, daß ich wünſchen ſollte, in England bleiben zu dürfen? Keinen— durchaus keinen.“ Er ſeufzte, als ſich ſeine Gedanken der wohlbe⸗ kannten Wohnung des Sir Herbert Lach in Rich⸗ mond zuwendeten. „Ich muß hinüberreiten und mich verabſchieden,“ fuhr er fort.„Arme Milly! Sie wird mich ſehr vermiſſen; aber Mitleid darf ſich nicht in die ſtrengen Pflichten des Lebens miſchen.“ Gewiß nicht, Lord Arthur— es wäre abge⸗ ſchmackt, dieß zu erwarten. Das Verlieben gleicht nahezu dem Einſchlafen; wir wiſſen nie genau den Moment, in welchem der Wechſel eintritt. Wäre die verlaſſene Zigeunerin über die Natur ihrer Gefühle gegen ihren Erretter gefragt worden, ſo würde ſie offen und gewiſſermaßen wahr⸗ heitsgetreu geantwortet haben, ſie ſeien die einer Schweſter gegen einen aufmerkſamen und liebevollen Bruder. Abermals ein Beiſpiel, wie leicht wir uns ſelbſt täuſchen. Bei ſeiner Ankunft in Richmond ließ der Lord, wie gewöhnlich, ſein Pferd im Hotel ſtehen und be⸗ gab ſich zu Fuß in die Wohnung von Herbert Lacy. Unterwegs entwarf er in Gedanken hundert Pläne 24 für das künftige Wohl ſeines Schützlings; da ihm aber keiner derſelben befriedigend genug erſchien, ſo wurden ſie ebenſo raſch wieder verworfen als ſie ent⸗ ſtanden waren. Der Gedanke, ſie zu ſeiner Gattin zu machen, fiel ihm entfernt nicht ein. Er traf Milly in dem Garten; das Lächeln, das ihr bleiches Geſicht erhellte, verurſachte ihm ein Herz⸗ klopfen, das ihn erſchreckte, und zum erſtenmale fragte er ſich, ob denn eine Trennung unvermeidlich ſei. „Schlimme Neuigkeiten,“ ſprach er,—„wenig⸗ ſtens ſchlimm für mich. Ich bin im Dienſt einbe⸗ rufen und muß England in ſpäteſtens zehn Tagen verlaſſen.“ Das Lächeln verſchwand eben ſo raſch wieder, als es erſchienen war. „Ich habe Niemanden zu bedauern oder der mich bedauert,“ fügte er hinzu,„außer Ihnen, Milly, denn Sie werden, wie ich hoffe, an mich denken.“ „Täglich, ſtündlich!“ ſchluchzte die Arme bewegt, indem ſie ihren Thränen freien Lauf ließ.„Ich bin ſehr unglücklich; ein Traum dieſes Lebens nach dem ndern zerfließt. Das Glück iſt nur ein Schatten, der, wenn man ihn zu haſchen ſucht, uns entſchlüpft.“ „Nicht immer, Milly.“ „Ich fand es wenigſtens ſo. Warum verließ ich auch die Zelte meines Stammes und miſchte mich unter die Häuſerbewohner? Ich war glücklich in meiner Unwiſſenheit,— glücklich in der Geſellſchaft hatte nichts Liebes, keine Freundſchaft außer ihnen; der Vögel und wilden Geſchöpfen des Waldes. Ich ſie hintergingen und verließen mich nie. Kenntniſſe 25 ſind gut, wie man ſagt. Leider! habe ich den Er⸗ werb der meinigen theuer bezahlt.“ „Ich aber habe Sie nie hintergangen oder ver⸗ laſſen,“ bemerkte Lord Arthur. „Sie? ach nein! Sie waren voll Freundlichkeit und Edelmuth gegen mich,“ rief die Zigeunerin;„ſo zurt wie das Mitleid ſelbſt, ſo geduldig wie die Barmherzigkeit. Sie haben mich durch Ihre Kraft aufrecht erhalten und nahezu mich gelehrt, mich nicht zu verachten. Können Sie ſich deßhalb wundern, daß mir dieſe Trennung nahe geht? „Ich bin wie eine Pflanze,“ fuhr ſie fort,„die ſich ſtützend an einem Eichbaum hinaufſchlingt. Nimmt man ihr dieſe Stütze weg, ſo verwelkt ſie— ſtirbt ab.“ „Aber nicht wenn ſie verſetzt wird,“ entgegnete ihr Erretter im Tone leidenſchaftlicher Zärtlichkeit. „Weßhalb ſollten wir uns trennen, wenn wir nur unſere Herzen um Rath zu fragen haben? Ich liebe Sie, Milly! Seit Monaten ſchon habe ich eine Maske getragen, welche meine Gefühle verbarg; aber nur vor mir ſelbſt, denn Andere haben ſie durchſchaut. Endlich füllt ſie, ohne aber eine knabenhafte, verän⸗ derliche Leidenſchaft blos zu legen, ſondern vielmehr die ſtarke Liebe eines Mannes mit dem feſten Ent⸗ ſchluß, den Gegenſtand ſeiner Verehrung zu gewin⸗ nen. Wollen Sie die Meine werden? Antworten Sie mir jetzt nicht: vergeſſen Sie nicht, daß Glück oder Unglück von Ihrer Entſcheidung abhängt. Sie werden ein ſtarkes Herz finden, das Sie ſtützen und den Kampf des Lebens für Sie ausfechten, einen Freund, der Sie führen, einen Liebhaber, der Sie tröſten und einen Gatten, der Sie beſchützen wird.“ Eine marmorähnliche Bläſſe bedeckte Milly Moy⸗ ne's Geſicht bei dieſer unerwarteten Erklärung. Er⸗ ſtaunen und Schrecken malten ſich in jedem ihrer— Liniamente. Schrecken, daß der Mann, deſſen edler Charakter einen ſo tiefen Eindruck auf ihr Herz ge⸗ macht hatte, den Zauber durch einen Antrag, der ſei⸗ 1 ner unwürdig wäre, brechen könnte. Daß er ſie auf⸗ fordern könnte, ſeine Gattin zu werden, war ihr nie⸗ mals, auch entfernt nur, in den Sinn gekommen. Bei dem Worte„Gatte“ entſchlüpfte ein Schrei halb von Freude, halb von Beklemmung ausgepreßt, ihren Lippen. „Ich danke Ihnen, Arthur!“ rief ſie aus;„Gott ſegne Sie für dieſes Wort! Obgleich ich nicht ſo ſeibſtſüchtig, ſo gering bin, ein ſo edelmüthiges Opfer anzunehmen.— Niel nie! Arthur, Sie dürfen nie über die Frau erröthen, der Sie Ihren Namen ſchen⸗ ken; die Seele einer ſolchen muß rein, ihr Geiſt eben ſo unbefleckt ſein, wie der Ihrige. Es muß eine Frau ſein, welche die Achtung der Welt— das Ver⸗ trauen ihres Gatten unbedingt fordern kann. Ich kann dieß nicht—“ „In meinen Augen können Sie es,“ unterbrach ſie der Lord;„ich kenne die grauſamen Künſte, durch welche Sie überliſtet wurden,— kenne das Ihnen widerfahrene Unrecht, Ihre Unſchuld.“ ſagte Milly,„verſpotten Sie mich nicht.“ 6 „Ich könnte eben ſo leicht den Märtyrer auf ſei⸗ nem Scheiterhaufen verſpotten,“ verſetzte ihr Liebl⸗ haber.„Ich wiederhole deßhalb das Wort— Un⸗ ſchuld. Sie glaubten verheirathet zu ſein?“ P Heimweſ W „Ja.“ „Und in den Augen des Himmels waren Sie es auch.“ „Aber in denen der Welt?“ „Dieſer wollen wir entfliehen. Das Land, in welches mein Beruf mich führt, iſt weit entfernt von England,— reizend wie Ihre Schönheit— reich an Gaben der Natur,— ein Land voll von wohlduftenden Blumen und Gewächſen. Dort, in dem ruhigen ſen, in das ich Sie zu bringen beabſichtige, können Sie die Vergangenheit mit all' ihrem Kum⸗ mer vergeſſen.“ „Ein Traum, Arthur— ein Traum!—“ ver⸗ ſetzte ſeine Zuhörerin traurig,„und doch iſt der Ge⸗ danke ſo ſüß, daß Sie die Abſicht haben, mich daran Theil nehmen zu laſſen.“ „Sie ſollen daran Theil nehmen, Milly,“ ſagte ihr Liebhaber.„Bei dem Himmel, der Zeuge mei⸗ ner Aufrichtigkeit und eingedenk meines Gelübdes iſt, — bei der Stimme in Ihrem weichen Buſen, welche für mich ſpricht, beſchwöre ich Sie, nicht durch ein irrig verſtandenes Ehrgefühl mein Glück zu zerſtören. Mit Ihnen wird meine bis jetzt zielloſe Exiſtenz einen Zweck erhalten— einen Sporn zur Thätigkeit. Ich kann um meiner ſelbſt willen nicht allein leben; ohne Sie gibt es für mich nur eine elende Eriſtenz.“ Eine Sache, welche das Herz befürwortet, iſt halb gewonnen; und doch dauerte es lange und er⸗ forderte des Freiwerbers ganze Beredtſamkeit, um die Einwilligung der armen Zigeunerin zu erlangen, ſeinen Namen und Vermögen zu theilen. Seinen wahren Rang kannte ſie, wie unſere Leſer wiſſen, 28 nicht. Sie wußte nur, daß er ein Mann von guter Familie ſei. Doch hielt ſie ihn für arm. An ſeinem Arme, auf welchen die wankende Milly e aus dem Garten in das ſich ſtützte, führte er dieſ Empfangzimmer, wo Herbert Lacy und deſſen Schwe⸗ ſter ſaßen. Die letztere errieth aus den Thränen, welche noch immer in den Augen ihres Schützlings glänzten, und dem Ausdruck der Glückſeligkeit und männlichen Zärtlichkeit im Geſichte ihres Begleiters, was ſich zugetragen habe. „Wünſchen Sie mir Glück, meine lieben Freunde,“ rief er aus,„ich bin der ſeligſte Menſch auf der Welt; ich habe einen Schatz gefunden.“ „Wo?“ fragte der Herr des Hauſes, dem als altem Junggeſellen, und noch überdieß Philoſoph, zu verzeihen wär, daß er ihn nicht verſtand. „Wo Adam den ſeinigen fand,— im Garten,“ verſetzte der Liebhaber. 2 Miß Lach zog Milly an's Herz und küßte ſie. „Ich fürchte unrecht, ſelbſtſüchtig gehandelt zu haben,“ murmelte das junge Geſchöpf bewegt.„Darf ich denn ſein edelmüthiges Anerbieten annehmen?“ „Dieſe Frage muß Ihr Herz beantworten,“ ver⸗ ſetzte die Dame ernſt. „Es hat ſie bereits beantwortet,“ ſagte ihr Bru⸗ der, der endlich den Lord verſtanden hatte.„Stan⸗ ton, Sie haben edel gehandelt; genehmigen Sie meine beſten Wünſche für Ihr Glück.“ „Ich muß noch immer auf Ihren und Miß Lacy's Einfluß mich verlaſſen,“ ſagte der Liebhaber.„Ich habe den Befehl erhalten, innerhalb zehn Tagen mich auf meinen Poſten in Neapel zu begeben.“ „ 0 5——.——— ————— S,— — ch en 29 „Da iſt vollauf Zeit, um ſich bis dahin zu ver⸗ mählen, meine ich?“ bemerkte Herbert Lacy. Seine Schweſter führte Milly aus dem Zimmer. Nachdem einmal Milly den Bitten ihres Retters nachgegeben hatte, ſeine Gattin zu werden, ſo willigte ſie auch darein, ihm den Tag vor ſeiner Abreiſe aus England die Hand zu reichen. Unter andern und weniger dringenden Umſtänden hätte ſie wahrſchein⸗ lich Aufſchub verlangt. Nur ein Zeuge außer den Lacy's ſollte bei der Ceremonie gegenwärtig ſein, John Compton. Lord Arthur kehrte als ein viel glücklicherer Mann nach London zurück, als er es verlaſſen hatte und doch hatte er einen Schritt gethan, um deſſen willen ihn die Welt für wahnſinnig erklärt und ſich über ihn luſtig gemacht hätte, wenn er ihr geſagt haben würde, daß er nur daran denke. Er gehörte aber unter die Menſchen, die ſich um deren Anſichten nichts kümmerten. John Compton war eben nicht ſehr überraſcht, als man ihm das Reſultat der Beſuche des Lords in Richmond mittheilte: ſeine eigenen Wahrnehmun⸗ gen hatten ihn einigermaßen darauf vorbereitet und er freute ſich über dieſes Ereigniß um Milly's willen. „Gewiß,“ verſetzte er, in Erwiderung auf des Bräutigams Erſuchen, daß er als Zeuge bei der Verſchreibung figuriren möchte, die er ſeiner künf⸗ tigen Gattin zu machen gedachte.„Sie haben ſehr edel gehandelt und es iſt mein aufrichtigſter Wunſch, daß Ihre Verbindung recht glücklich ausfalle. Es war meine Abſicht, für Milly zu ſorgen,“ fügte er bei,„wenn etwa der Schurke—“ 30 „Sprechen Sie nicht von ihm,“ unterbrach ihn ſein Beſucher unter peinlichem Erröthen.„Gebe der Himmel, daß ich nie mit ihm zuſammentreffe.“ „Amen!“ rief der Mäckler;„denn er iſt ebenſo gewiſſen⸗ als herzlos. Nie ſollen Sie ſeinen Namen aus meinem Munde vernehmen.“ „Ich kenne ihn bereits,“ bemerkte der Lord— „Harley.“ John Compton wünſchte im Stillen, er möchte nie den wahren Namen erfahren. Milly vermochte es nicht über ſich, gewiſſe unbe⸗ ſtimmte Ahnungen wegen der Zukunft zu unterdrücken, als ſie ihre Hand dem edelmüthigen Manne reichte, der ſo viel gethan hatte, ihr ihre Selbſtachtung wie⸗ der zurückzugeben. „Sollte er vielleicht einmal das Opfer bereuen!“ murmelte ſie wiederholt vor ſich hin, und der Zweifel glitt wie ein dunkler Schatten zwiſchen ihr und ihrem jetzigen Glücke hindurch. Die Ceremonie hatte zu früher Stunde ſtattge⸗ funden und bis jetzt kannte die Braut noch nicht ihren Rang, indem ſie ihren Gatten noch immer für einen armen Gentleman hielt. Wäre er aber auch ein Fürſt geweſen, ſo hätte ihn dieß in ihren Augen nicht höher gehoben. Die Hochzeitsgeſellſchaft ſaß am Frühſtücktiſche, E als der Diener mit den Zeitungen eintrat. John pe Compton griff nach der Times. 6 Unwillkürlich entſchlüpfte ihm ein Ausruf des Er⸗ zie ſtaunens, indem er zugleich einen Blick auf den Bräu⸗ tigam warf. „Etwas Intereſſantes?“ fragte Herbert Lacy. mi hn der ſo en te e⸗ n, 31 „Sie kümmern ſich wenig um den Geldmarkt,“ antwortete der Mäkler ausweichend und der Vorfall ging unbeachtet vorüber. Jetzt entſchlüpfte ihm aber ein zweiter Austuf. „Offenbar kann nichts weniger als eine Panic an der Börſe ſich ereignet haben,“ rief Herbert Lacy lachend.„Glücklicherweiſe habe ich nichts mit derlei Geſchäften zu thun; ich könnte ſo plötzliche Aufregun⸗ gen nicht ertragen.“ „Sie ſind das, was für den Soldaten der Ruhm, die geſpannte Erwartung auf der Jagd für den Jä⸗ ger iſt,“ bemerkte John Compton. obald die Damen ſich wegbegeben hatten, hän⸗ digte er das Blatt Mr. Lach ein, der Folgendes las: „Plötzlicher Tod des Earl von Dal⸗ ville.— Seine Lordſchaft ſtarb geſtern Nacht an einem Schlagfluſſe in Dalville Caſtle, kurz nachdem er ſich zur Ruhe begeben hatte. Glück licherweiſe befindet ſich ſein älteſter Sohn, Lord Arthur— jetzt Earl Dalville— Secretär bei der Geſandtſchaft in Neapel, noch in England. „Durch den Tod des verſtorbenen Pairs wer⸗ den mehrere Aemter vacant. Er war eine feſte Stütze der jetzigen Regierung.“ Eine Mittheilung wie die von dem Tode des Earls von Dabville war im jetzigen Augenblicke dop⸗ pelt peinlich. Weder der Mäkler noch Herbert Lacy fühlten ſich geſtimmt, dieſer Aufgabe ſich zu unter⸗ ziehen, für welche Miß Lacy mit ächt weiblichem In⸗ ſtinkt ſogleich den rechten und in der That einzigen Weg herausfand, durch welchen der Schlag etwas ge⸗ mildert werden konnte. 32 „Seine Gattin muß es ihm mittheilen,“ rief ſie aus. „Seine Gattin!“ wiederholten die beiden Herren erſtaunt. On 0 „. „Aber ſie hat ja bis jetzt ſeinen Rang noch gar nicht erfahren,“ bemerkte ihr Bruder;„und ich zweifle im mindeſten nicht, daß der Lord gerade in dieſem Augenblick mit ſich zu Rath geht, auf welche Weiſe er ihr dieß mittheilen ſoll.“ „Das Erſtaunen darüber, daß ſie eine Gräfin iſt,“ fügte John Compton bei,„dürfte ſie für den Auftrag ungeeignet machen:“ „Oh! ihr Männer— ihr Männer,—“ rief Miß Lacy betrübt,„wie wenig kennt Ihr unſer Geſchlecht! Wir ſind am ſtärkſten wo Ihr am ſchwächſten ſeid,— in der Stunde der Prüfung und des Kummers. Wenn Milly findet, daß ſie berufen iſt, die Rolle des trö⸗ ſtenden Engels zu übernehmen, ſo wird ſie über die⸗ ſer Aufgabe das Weib vergeſſen.“ „Sagen Sie lieber, ſie wird nach den edelſten Inſtinkten ihres Geſchlechts handeln,“ ſagte der Mäk⸗ ler im Tone der Bewunderung.„Ueberlaſſen Sie alles Ihrer Schweſter und der jungen Frau,“ fuhr er gegen ſeinen Gaſtfreund gewendet, fort;„man kann es keinen beſſern Händen anvertrauen.“ Herbert Lacy war derſelben Anſicht. Miß Lacy ging eilends weg, um ihre Freundin aufzuſuchen, die ſie mit ihrem Gemahl im Garten ſpazierengehend traf, mit zitterndem Vertrauen ſeinen Worten lauſchend, mit denen er ſo beredt ein Bild ihres zukünftigen Lebens— deſſen Hoffnungen und Ausſichten entwarf. MN —— P n n S S 33 „Meine theure, liebevolle Wohlthäterin,“ rief Milly,„lehren Sie mich mein Glück ertragen. Ich bilde mir zuweilen ein, es ſei nur ein Traum— zu ſchön für die Wirklichkeit, zu groß, als daß er fort⸗ dauern könnte!“ „Fürchten Sie nicht, daß es nicht auch ſeine Schatten haben wird,“ verſetzte die Dame;„dieſe werden wie Sommerregen geſchickt, um das Herz zu erfriſchen, welches gerade wie die Erde bei zu vielem Sonnenſchein ausdorren würde.“ „Prophetin!“ rief der Lord halb vorwurfsvoll, „an einem Tag wie der heutige!“ „Ich ſtehe auf dem Punkte, vielleicht für immer von einem Weſen getrennt zu werden, für das ich faſt das Intereſſe und die Liebe einer Mutter fühle,“ ſagte Miß Lacy.„Sie werden mich gewiß nicht ſelbſtſüchtig ſchelten, wenn ich einige Minuten für mich in Anſpruch nehme, um Milly Lebewohl zu ſagen?“ Der Bräutigam drückte Milly's Hand an ſeine Lippen und verſchwand in einem der Nebenwege. „Erſchrecken Sie nicht,“ rief Miß Lacy, als ſie einen Ausdruck der Aengſtlichkeit, der faſt bis zum Entſetzen ſich ſteigerte, in dem Geſicht der Neuver⸗ mählten erblickte,„ich bin keine Unglücksbötin.“ „Sie bringen mir aber auch nichts Gutes,“ mur⸗ melte Milly,„ich leſe dieß in Ihren Augen; Sie können dieſelben nicht beherrſchen. Wir vermögen zwar unſere Worte zu bewachen, aber die Wahrheit blitzt trotz aller unſerer Vorſicht durch die Fenſter der Seele. Was werde ich erfahren?“ 3 Smith, Milly Moyne. III. 2 34 „Daß einer der Schatten, von denen ich ſprach, auf Ihren Pfad gefallen iſt,“ verſetzte Miß Lacy; „er iſt aber ſo unbedeutend, Milly, daß er ihn kaum zu verdunkeln vermag. Sie werden ihn nur an dem verminderten Glanz des Lächelns. Ihres Gatten be⸗ merken.“ „Arthur?“ „Bedarf des Troſtes. Sein Vater, der Earl von Dalville iſt geſtern Nacht plötzlich geſtorben und Sie müſſen ihm dieß beibringen. Der Schlag wird ihn von Ihren Lippen weniger hart treffen.“ Miß Lacy hatte das Herz der jungen Frau rich⸗ tig beurtheilt. Die Nachricht, daß der edelmüthige Mann, der ihr den ehrenvollen Namen ſeiner Gattin verliehen hatte, der Sohn eines engliſchen Edelmanns ſei, ging faſt ſpurlos an ihr vorüber. Arthur— ihr Gatte— war vom Kummer heimgeſucht worden und folglich war ihr Platz an ſeiner Seite, um ihn zu tröſten. „Ich muß ihn aufſuchen,“ rief ſie aus.„Bei Gott, Sie haben Recht. Ich danke Ihnen, daß Sie S Gelegenheit gegeben haben, eine Pflicht zu er⸗ füllen.“ Ungefähr zwei Stunden hernach kehrte das neu⸗ vermählte Paar in das Haus zurück, wo ihre Freunde geſpannt auf ſein Erſcheinen warteten. Spuren von Betrübniß zeigten ſich auf Beider Geſicht. „Meine liebe Miß Lacy,“ ſagte der Earl,„wir müſſen ſogleich abreiſen. Wie vermag ich Ihnen für Ihre viele Freundſchaft und Güte zu danken?“ „Ich fühle mich durch das Glück der Gräfin reich belohnt, Mylord,“ verſetzte die edeldenkende Frau. n ie n h⸗ ge in 18 hr id ei ie u⸗ de on ich 35 Es war das erſtemal, daß die junge Frau ſich bei ihrem Titel hatte nennen hören, und ſie erſchvack darüber; aus anderem Munde hätte ſie ihn vielleicht gleichgültig hingenommen. „Nennen Sie mich doch Milly,“ rief ſie aus, in die Arme ihrer Wohlthäterin ſich werfend.„Es käme mir vor, als wenn ich Ihre Liebe verloren hätte, wenn Sie mich bei einem andern Namen nennen.“ Miß Lacy küßte ſie und flüſterte ihr die vollkom⸗ mene Verſicherung ins Ohr, daß ſie fortwährend für ſie Milly bleiben ſolle. Es war ein trauriger Abſchied. Als der Wagen wegfuhr, kam es Herbert Lacy und deſſen Schweſter vor, als wenn ein Licht und eine Freude aus ihrer ſtillen Wohnung entfernt worden wäre. Der Schmerz der kleinen Annie war ganz unmäßig. Sie erklärte wiederholt, daß ſie es dem böſen Manne nie verzei⸗ hen werde, ihr ihre liebe, liebe Milly geraubt zu haben. Dadurch, daß Lord Arthur in den Beſitz des Ti⸗ tels und der Güter ſeines verſtorbenen Vaters ge⸗ langt, war er in eine ganz andere Lage gegenüber der Regierung gekommen. Der Miniſter ſchrieb ihm ſogleich ſelbſt, und verſicherte ihn, daß er durchaus nicht nothwendig habe, auf ſeinen Poſten in Neapel ſich zu beeilen. Dem neuen Pair ſtanden zwei Sitze im Unterhauſe zur Verfügung. Nationalintereſſen und öffentliche Geſchäfte konnten warten. Zum Erſtaunen ſeiner Freunde gab der Earl von Dalville ſeine Anſtellung nicht auf, ſondern ſprach vielmehr ſeine Abſicht aus, unmittelbar nachsder Be⸗ erdigung ſeines verſtorbenen Vaters nach Rulien zu⸗ 3 3 36 rückkehren zu wollen. Er fühlte, daß Milly dort glücklicher ſein werde. Am Abend vor ſeiner Abreiſe ſaß er mit der Gräfin im Empfangzimmer, wo er die Anlkunft der Freunde erwartete, denen er Lebewohl zu ſagen wünſchte— John Compton, Herbert Lach und deſſen Schweſter. Die Herren trafen endlich ein und brachten die kleine Annie mit. Die Gräfin empfing die Liebkoſungen des Kindes in gewohnter herzlicher Weiſe, blickte aber deßhalb doch fortwährend unruhig nach der Thüre, als wenn ſie noch Jemand erwartete. „Dieß,“ ſagte Herbert, indem er ihr einen Brief einhändigte,„wird die Abweſenheit der Miß Lacy erklären. Seit zwanzig Jahren hat ſie nie ihr Haus über Nacht verlaſſen, als ein einziges Mal, und dieß war, als ſie nach meiner Ueberſiedlung von Rocking⸗ ham Hall nach Richmond ihren Wohnſitz bei mir aufſchlug.“ Dieſer Name kam ihm ganz obſichtslos über die Lippen. John Compton und Milly wiederholten ihn beide, obgleich zu bemerken war, daß Herbert Lacy über ſich ſelbſt ärgerlich war, den erſtern Ort genannt zu haben. „Rockingham Hall!“ ſagte der Mäkler mit einem Blick auf Annie, die noch immer der Gräfin auf dem Schooſe ſaß, die Arme um deren Nacken geſchlungen. „Ei, dort hat man Sie jä ſchon ſeit zwei Jahren Sſiht A 7* „In den Zeitungen aufgefordert.“ en es lb in ef eß r ie n cy nt n. n 37 „Ich leſe niemals Annoncen,“ verſetzte Mr. Lacy. „Darf ich wohl um die Namen der Perſonen fragen,“ fuhr er fort,„die ſich ſo viele Mühe um meinet⸗ willen gegeben haben?“ 8 John Compton deutete auf das Kind. Mr. Lacy verſtund ihn und ſtellte keine weitere Frage mehr. Die Gräfin begab ſich in ihr Ankleidezimmer, um dort den Brief ihrer Wohlthäterin zu durchleſen. Er lautete folgendermaßen: „Theuerſte Milly, halten Sie mich nicht für lieblos und zweifeln Sie auch deßhalb nicht an meiner Liebe, weil ich ſchriftlich von Ihnen Ab⸗ ſchied nehme. Es würde mich Anſtrengung ko⸗ ſten, wozu es mir an Stärke gebricht, wenn ich den Ruheſitz verlaſſen ſollte, wo ich ſo viele glückliche Stunden verlebte. Es gibt eine Stelle in jedem Hauſe— eine Sorge in jedem Herzen. Ich bin dem allgemeinen menſchlichen Looſe nicht entgangen und wahrſcheinlich haben meine eige⸗ nen Leiden mich gelehrt, mit den Ihrigen zu ſympathiſiren. Mögen Sie ſo glücklich werden, als Sie es verdienen. Ich kann Ihnen kein beſſeres Schickſal wünſchen. Ihre treu ergebene Freundin Adelaide Lacy.“ „Ich dachte mir's doch,“ murmelte die junge Frau,„ich errieth es. An dem ſüßen Wohlgeruch merken wir, daß die Blume ausgepreßt worden iſt.“ Faſt eine Stunde lang ſaß ſie über den Brief nachſinnend, da. Seltſame Erinnerungen tauchten in ihr auf; ſie dachte an ihre Jugendjahre und an die entſetzliche Geſchichte, die ſie von der weißen 38 Frau und deren Schatten in Rockingham Hall ge⸗ hört hatte. Erſt als der Earl an der Thüre des Ankleide⸗ zimmers pochte, erinnerte ſich Milly wieder der Freunde, die ſie erwarteten, um ihr Lebewohl zu ſagen. Die Entdeckung, welche John Compton gemacht hatte, wurde vorſichtig der verwittweten Lady Fair⸗ clough beigebracht, welche nahezu die Hoffnung auf⸗ gegeben hatte, je wieder ihr verlorenes Kind zu ſe⸗ hen. In Begleitung ihres Verwandten, des Ober⸗ ſten Grey, eilte ſie ſogleich nach Richmond, um es zurückzufordern. Herbert Lacy erkannte ſie ſogleich. Wir müſſen die mütterliche Freude übergehen, da es uns rein unmöglich wäre, dieſelbe genügend zu beſchreiben. Annie ſchien Anfangs nur eine unbe⸗ timmte Erinnerung an ihre Mutter zu haben, blickte dieſelbe aufmerkſam an und wußte nicht, wie ſie de⸗ ren Thränen und Küſſe deuten ſolle. Lady Fair⸗ clough gab ſich unſägliche Mühe, ihrem Kinde ſich ins Gedächtniß zurückzurufen, ohne allen Erfolg jedoch. Endlich ſang ſie ihm den Vers eines alten Lie⸗ des, mit welchem ſie es in Schlaf zu lullen gewohnt geweſen war. „Mama! Mama!— meine liebe Mama!“ rief Annie, ſich in ihre Arme werfend, indem ſie krampf⸗ haft ſchluchzte,„Du wirſt mich doch nicht wieder⸗ver⸗ laſſen?“ Das Wiedererkennen war vollſtändig. Obgleich es ein harter Schlag für Herbert Lacy und deſſen Schweſter war, von dem intereſſanten, ge⸗ de⸗ er cht ir⸗ uf⸗ er⸗ es da zu be⸗ kte de⸗ ir⸗ 2 nS nt ief pf⸗ er⸗ cy en, 39 kleinen Geſchöpf ſich trennen zu müſſen, das auf ſo merkwürdige Weiſe unter ihren Schutz geſtellt wor⸗ den war, ſo war deren Schmerz doch ein wahres Kinderſpiel im Vergleich zu der Verzweiflung, welche James Sparks bei dieſer Trennung fühlte. Er habe ſie gerettet, ſagte er— aus dem Grabe hervorgeholt. Annie gehöre ihm— und ſelbſt eine Mutter habe kein Recht, ſie ihm zu nehmen. „Nun,“ ſagte der Mäkler, als er die Sache mit Herbert Lacy beſprach,„das Zuſammentreffen der Umſtände iſt höchſt merkwürdig.“ „Was für ein Zuſammentreffen?“ „Sie erinnern ſich doch noch, daß ich zweimal einen Ausruf des Erſtaunens hören ließ, als ich am Morgen von Milly's Vermählung die Times las?“ „Vollkommen.“ „Das erſtemal geſchah es wegen der Notiz über den Tod des Earl von Dalville.“ „Ich erinnere mich.“ „Das zweitemal,“ ſagte John Compton,„wegen dieſer Nachricht.“ Damit händigte er einen Auszug aus der Zei⸗ tung Mr. Lacy ein, der Folgendes läs: „Auf dem Schloſſe Guarkodi in Sicilien iſt Lady Fairclough von einem Sohn und Erben entbunden worden.“ „Von ſeines Vaters Titel,“ ſagte der Mäkler, „aber nicht von ſeiner Mutter Vermögen, das ge⸗ hört meinem Mündel Philipp Blandford. Aber iſt es nicht merkwürdig,“ fuhr er fort,„daß dieſe Nach⸗ richt gerade am Tage von Milly's Vermählung in England eintrgf?“ 40 „Sehr merkwürdig,“ wiederholte Herbert,„ſehr merkwürdig.“ Sechsunddreißigſtes Kapitel. Weder unſer Held noch Major Henderſon hatten die Veranlaſſung vergeſſen, die ſie nach Italien ge⸗ führt. Jeder von beiden ſtellte auf ſeine Weiſe vor⸗ ſichtig Nachfrage an, um den Aufenthaltsort des Sir Cuthbert Vavaſſour ausfindig zu machen; bis jetzt aber ohne allen Erfolg. Keiner ihrer Landsleute, die ſie befragten, vermochte ihnen darüber den min⸗ deſten Aufſchluß zu geben. Selbſt der Conſul Free⸗ born, den ſein langer Aufenthalt und ſeine amtliche Stellung im Lande beſonders hiezu befähigte, ver⸗ mochte bei allem guten Willen nicht, ihnen behilflich zu ſein. Viele, die weniger ausdauernd geweſen wären, würden ein ſo hoffnungsloſes Nachforſchen aufgegeben haben; aber Oliver und deſſen Mentor waren feſtern Sinnes. Schwierigkeiten vermehrten nur ihren Eifer. Umſtände überzeugken ſie, daß, wenn der Baronet auch gegenwärtig ſich nicht in Rom aufhalte, er doch daſelbſt gewohnt und folglich auch Spuren ſeines Verweilens daſelbſt zurückgelaſſen haben müſſe. Philipp und ſelbſt Peter Marl fühlten ſich zuwei⸗ len über die lange und geheimnißvolle Abweſen⸗ heit des Majors und unſeres Helden aus dem Hotel höchſt beunruhigt. Keiner von Beiden vermochte ſie ſich zurecht zu legen. 41 Es kann nichts Gefährliches ſein, dachte der alte Soldat; ſie würden ſicher ohne mich nicht in's Feld iehen. Mit dieſem Gedanken tröſtete er ſich. Major Henderſon hatte, wie die meiſten Beſucher der ewigen Stadt, die Gewohnheit, häufig einen Spa⸗ ziergang auf den Pinciohügel zu machen. Er enthält die einzige angenehme Erinnerung an die Oecupation der Soldaten Napoleons, welche hier Terraſſen, ge⸗ ſchmückt mit Fontainen und Statuen angelegt und den Ort dadurch zu einer der köſtlichſten Promena⸗ den Roms gemacht haben. Schon mehrmals hatte er hier einen Prieſter be⸗ merkt, deſſen Geſicht ihm bekannt vorkam, obgleich er ſich nicht entſinnen konnte, wo er daſſelbe ſchon ge⸗ ſehen habe. Es geſchah nicht abſichtslos, daß er zu wiederholten Malen an ihm vorüberging und ihm feſt ins Geſicht blickte; der Mönch in ſeinem dunkeln Gewande gab aber kein Zeichen des Wiedererkennens. Endlich entſchloß ſich der Major, ihn anzureden, und wählte hiezu einen Augenblick, in welchem keiner von deſſen Obern in der Nähe war. „Wir haben uns früher ſchon getroffen, Vater,“ ſprach er. „Allerdings, lieber Major, Sie haben ganz recht,“ verſetzte der Prieſter in ächt irländiſchem Accent.„In Portugal und Spanien.“ Es war der unverkennbare Accent des Studenten des irländiſchen Collegiums in Salamanca, der bei Wellingtons Armee, während des Kriegs auf der Halbinſel und ganz ſpeciell bei des Majors Brigade als Dolmetſcher angeſtellt geweſen war. 42 „OReilly!“ rief der Veteran, die Hand gus⸗ ſtreckend;„zum Henker auch, warum reden Sie mich denn nicht an?“ „Des Scheines wegen,“ verſetzte der Mann,„des Scheines wegen! Rom iſt ein Ort, wo man gar zu leicht Aergerniß nimmt, und Sie ſtehen nicht im beſten Rennomee.“ „Ich verſtehe,“ verſetzte ſein früherer Bekannter lachend;„Ketzer und Engländer ſind hier gleichbe⸗ deutend.“ „Hm, hm!“ unterbrach ihn der Prieſter,„darum handelt ſich's nicht.“ „Dann muß ich bekennen, daß ich Sie nicht ver⸗ ſtehe,“ antwortete Major Henderſon ernſt. „Als Liberaler,— als Carbonaro!— Wenn Sie auch dieß nicht ſind, ſo ſtehen Sie und die bei⸗ den jungen Männer, die in Ihrer Geſellſchaft ſich befinden, im Rufe, es zu ſein und das kommt am Ende auf eins heraus.“ „Ich ein Carbonaro?“ rief der Major,„wie lächerlich!“ „Nur nicht allzu ſchnell,“ ſagte Pater O Reilly; „ſind Sie nicht ein täglicher Beſucher der beiden Prinzen, wie man die jungen Nap's nennt? Man faßt es kaum,“ fügte er bei,„daß ſie einen Cardinal zum Onkel haben.“ „Nun und was wäre dieß?“ „Sind dieſelben nicht hier, um eine Revolution zu machen?“ „Wohl möglich.“ „Und doch behaupten Sie, mich nicht verſtehen zu können?“ 43 „Der Verdacht iſt ſo abgeſchmackt, daß ſelbſt die römiſche Polizei ihn hegen könnte,“ bemerkte der Major. „Bei der Fahrt über den Splügen hatte ich Ge⸗ legenheit, der Frau von St. Leu! und deren Sohn einen kleinen Dienſt zu erweiſen.“ „Welchem?“ fragte der Mönch haſtig. „Louis, dem jüngern von beiden,“ verſetzte Hen⸗ derſon;„der ältere Bruder war nicht dabei, ſondern befand ſich bei ſeinem Vater in Florenz.“ „Ach jal bei dem alten Louis. Der iſt un⸗ ſchädlich.“ „Was war natürlicher,“ fuhr der Major fort, ohne die Unterbrechung zu beobachten,„als daß der Prinz die Bekanntſchaft erneuerte und daß ich ſeine Höflichkeit annahm.“ „Das iſt aber noch nicht alles, was gegen Sie vorliegt,“ bemerkte ſein ehemaliger Freund. Major Henderſon zuckte die Achſeln. „Da war auch ein Brief nach Mailand.“ „Was für ein Brief?“ „Der von Belgioſo. Die Sache wurde ſehr ge⸗ ſchickt ausgeführt.“ „Ich verſtehe Sie nicht; ich weiß von keinem Briefe etwas, auch traf ich mit Ausnahme eines ein⸗ zigen Falles, nie ein Mitglied der edeln Familie, von der Sie ſprechen. Es war dieß ein junger Mann, Graf Alfred— in Zürich.“ „So war vielleicht einer der beiden jungen Leute im Spiele?“ „Vielleicht,“ wiederholte der Major kalt, der es überdrüſſig wurde, länger ſich ausfragen zu laſſen; 44 zwenn dieß aber je der Fall war, ſo geſchah es gänz⸗ lich ohne mein Vorwiſſen. Uebrigens hätte ich eine ſolche Handlungsweiſe durchaus nicht mißbilligt,“ fuhr er fort;„ich ſympathyſire ſtets mit den Verbannten, wie Sie ſich wohl noch erinnern ſollten, wenn mein Gedächtniß mich nicht trügt.“ „Allerdings iſt dieß der Fall, Herr Major,“ ſagte der Prieſter in freundlichem Tone.„Ich habe den armen irländiſchen Studenten nicht vergeſſen, dem Sie einen Paß gaben, um vermittelſt deſſelben ſei⸗ nen ſterbenden Bruder in Soult's Armee beſuchen zu können. Wie mir die alten Zeiten wieder in Er⸗ innerung kommen! Sie haben alſo wirklich nichts mit den Carbonari zu thun?“ „Durchaus nichts.“ „Oder mit den Planen des Prinzen Louis?“ „Ebenſowenig.“ „Das freut mich,“ bemerkte der Prieſter eifrig, „weil ich beauftragt war, dieß ausfindig zu machen, was mir, gerade herausgeſagt, ganz gegen den Sinn ging. Es führt Sie alſo nichts weiter als das Ver⸗ gnügen nach Rom?“ „Theilweiſe.“ „Nur theilweiſe?“ „Ja. Es liegt mir viel daran, den Aufenthalts⸗ ort eines Landsmannes ausfindig zu machen, der vor vielen Jahren England verlaſſen hat und vor ſeiner Familie ſich verborgen hält.“ „Wie heißt er?“ fragte der Prieſter. „Das iſt ein Geheimniß und zwar das einzige, das vor Ihnen verborgen zu halten ich einige Ur⸗ ſache habe,“ verſetzte der Major lachend. 4⁵ „Dann kann ich Ihnen auch nicht behilflich ſein.“ „Würden Sie dieß ſein, wenn Sie es könnten?“ „Allerdings,“ ſagte der Prieſter,„eingedenk Ih⸗ res frühern Wohlwollens. Uebrigens kann ich ſelbſt dabei wenig thun, und meine Oberen hätten kein Intereſſe, bei dieſer Nachforſchung ſich zu betheiligen. Ich habe es,“ fügte er bei,„ich kann Ihnen den Namen eines Mannes angeben, der Ihnen beſſere Dienſte zu leiſten im Stande wäre, als ſelbſt die Polizei. Sie müſſen ihm aber nicht ſagen, daß ich Sie ihm zuſchicke.“ „Soll ich mich ſeiner Dienſte bedienen, ſo ver⸗ ſpreche ich Ihnen alle Vorſicht.“ „Er heißt Antonio Luigi, war ehemals Advocat und wohnt in der Repetta. Es gibt keinen Facchino in der Stadt, der Ihnen ſein Haus nicht zeigen könnte; er kennt mehr Geheimniſſe, als die heilige Inquiſition ſelbſt. Verſuchen Sie es bei ihm und wenn der nichts weiß, ſo geben Sie das Nachforſchen als hoffnungslos auf.“ Major Henderſon ſchrieb den Namen und die Adreſſe in ſein Notizbuch. „Und nun, lieber Major,“ fuhr der Prieſter fort, in ſeinen ehemaligen vertraulichen Ton verfallend, „will ich den beſten Bericht, der mir mög⸗ lich iſt, über Sie abſtatten. Für alle Fälle iſt es aber gut, wenn Sie von unſerer Vergangen⸗ heit mit Niemand ein Wort ſprechen.“ „Weßhalb?“ „Es könnte mir hinderlich werden, Ih⸗ nen ferner zu dienen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, zog der Mönch 46 die Kaputze über die Ohren und ging raſch ſeines Wegs. „Armer OReilly!“ ſagte der Major,„Dein Herz und Gewand ſind in traurigem Widerſtreit.“ Wenige Menſchen kannten die Vortheile eines ra⸗ ſchen und entſchloſſenen Handels beſſer, als Hender⸗ ſon. Es war klar, daß ſein früherer Bekannter vor dem heutigen Zuſanimentreffen nicht die mindeſte Ah⸗ nung von den wahren Gründen ſeines Aufenthalts in Italien gehabt haben konnte, daher beſchloß er, die Adreſſe, die er ihm gegeben hatte, zu benützen, ehe er dem ehemaligen Advocaten Inſtructionen oder Mittheilungen zukommen laſſen könnte. Den Pinciohügel hinabſteigend, ging er über die Piazza del Popolo auf dem nächſten Wege nach der Rippetta, eines der eigenthümlichſten und von den Beſuchern der ewigen Stadt am ſeltenſten beſuchten Quartiere. Der erſte Facchino oder Laſtträger, an den er ſich wandte— es war eine große Anzahl davon mit Wegführen und Abladen von Holz beſchäftigt— un⸗ ternahm es bereitwillig, ihn nach dem Hauſe zu füh⸗ ren, das er am Ende einer engen Sackgaſſe ſand. „Es wird gut ſein, wenn Sie mich erwarten,“ ſagte der Major. Der Mann ſchüttelte den Kopf. „Warum nicht, ich will Sie dafür bezahlen.“ „Es iſt nicht das Geld, Signore,“ verſetzte der Laſtträger, deſſen Geſicht den Stempel der Ehrlich⸗ 3 keit trug;„aber ich würde um keinen Scudo die Schwelle dieſes Hauſes überſchreiten“. 47 „Es ſieht allerdings etwas düſter, aber ganz ehr⸗ ar aus.“ „Ehrbar!“ wiederholte der Führer.„Cospetto! Beim heiligen Paul, will ich ſagen,“ fuhr er, ſich bekreuzigend, fort.„Hoffentlich haben Sie doch ein Amulet bei ſich?“ „Gegen was?“ „Gegen das böſe Auge!“ Major Henderſon glaubte gleich den meiſten ſei⸗ ner Landsleute weit mehr an die Exiſtenz neugieri⸗ ger, lauernder und forſchender als ſogenannter böſer Augen; weßhalb er auch den Aberglauben des Man⸗ nes belächelte. „Vielleicht warten Sie aber auf der Straße auf mich?“ bemerkte er. „Ja, Signore.“ Ein junges, hübſches Mädchen, deſſen Geſicht von jener zarten Bläſſe war, die den römiſchen Frauen eigen iſt, erſchien auf das Klopfen des Beſuchers. „Signore Luigi ſei zu Hauſe und werde ohne Zweifel ihn annehmen.“ „Das Amulet,“ flüſterte der Facchino,„vergeſſen Sie das Amulet nicht!“ Vielleicht iſt es dienlich, unſern Leſern zu erklä⸗ ren, daß die untern Klaſſen Italiens kleine Schmuck⸗ gegenſtände von Korallen, Muſcheln oder Silber an ſich tragen, welche von dem Prieſter geweiht wurden, als Schutz gegen das böſe Auge. Des Majors Schutz waren ein paar Piſtolen, die er ſtets bei ſich trug, obgleich er in dieſem Falle entfernt nicht daran dachte, dieſelben benützen zu müſſen. Seiner Führerin durch einen langen Corridor folgend, der ſo vollgepropft mit Gemälden, Statuen und Kunſtgegenſtänden aller Art war, daß er mehr dem Laden eines Raritätenhändlers als zu einer Pri⸗ vatwohnung gehörig, glich, wurde er in ein kleines, aber behaglich meublirtes Gemach eingeführt. Ein kleiner, eingeſchrumpfter Mann ſtand bei ſeinem Ein⸗ tritt auf, erſchrack aber, als er bemertte, daß ſein Beſucher ein Fremder ſei. „Julietta, ſprach er,„das iſt nicht die Perſon, die ich erwartete.“ „Er ſagte, er ſei ein Engländer.“ „Hml nun, es hat vielleicht nicht viel zu ſagen,“ murmelte der Hausherr, den Major fixirend. „Wenn mein Beſuch ungelegen iſt,“ bemerkte Henderſon,„ſo kann ich ein andermal wieder kommen. Ich wünſche Sie um Rath zu fragen.“ „Ich habe die Praris aufgegeben,“ antwortete der Advocat trocken. „Mein Geſchäft hat mit der Geſetzpraris eigent⸗ lich nichts gemein.“ Der Rtaliener wartete, in der Hoffnung, daß er weiter ſprechen werde. Da er aber bemerkte, daß dieß nicht geſchah, ſo bedeutete er die Dienerin, das Zimmer zu verlaſſen. „Ich bin bereit, Sie anzuhören, ſprach er, ſo⸗ bald dieſe ſich entfernt hatte:„zuerſt erlauben Sie mir aber, da Sie in Rom fremd ſind, Sie zu fragen, auf welche Weiſe Sie meinen Namen und meine Adreſſe erfahren haben.“ „Durch einen Freund.“ „Führte dieſer Sie hieher?“ 49 „Nein; ſondern der erſte Laſtträger, den ich an⸗ redete, brachte mich hieher.“ „Ave!“ ſagte der Herr des Hauſes,„das iſt nicht unwahrſcheinlich— ich bin wohl bekannt. Aber was für ein Geſchäft, Signore— was für ein Ge⸗ ſchäft!“ „Ich wünſche Sie zu fragen, ob Sie einen Eng⸗ länder kennen, der ſeit etwa zwölf bis fünfzehn Juß⸗ ren in Italien ſich aufhält und dabei allen Umgang mit ſeinen Landsleuten meidet? Wahrſcheinlich iſt er nicht reich— gewiß aber nicht arm.“ Antonio Luigi lächelte. „Die Beſchreibung iſt wohl etwas unbeſtimmt,“ fuhr ſein Beſucher fort. „Darum handelt es ſich nicht,“ verſetzte der Ad⸗ vocat;„aber ein Zuſammentreffen iſt es, das mir dabei auffällt. Dieſelbe Frage wird ſeit vierund⸗ ſuan Stunden jetzt zum zweitenmal an mich ge⸗ telt. „Wahrhaftig. Von wem?“ „Ich verrathe das mir geſchenkte Vertrauen nie.“ Major Henderſon blickte ihn argwöhniſch an. „Sie zweifeln an mir,“ ſagte Signore Luigi. „Ich will Ihnen jede Probe von meiner Aufrichtig⸗ keit und meinem ehrlichen Verfahren geben. Das Individuum, nach dem Sie fragen, iſt von Adel.“ „Ein glücklicher Griff,“ murmelte ſein Beſucher. „Den Sie wahrſcheinlich für ein bloßes Errathen anſehen,“ ſetzte der alte Mann hinzu;„aber wenn es die rechte Perſon iſt, ſo ſage ich Ihnen, daß de⸗ ren Wappen ſchwarze Schrägbalken auf ſilbernem Schild enthält.“ Smith, Milly Mohne. II. 4 „Ganz recht,“ rief der Major erſtaunt. „Ich kann Ihnen über dieſen Herrn nichts ſa⸗ gen,“ ſagte der Advocat kalt. Durchſchaut, dachte der Veteran; Signore Luigi war ſchlauer als ich. Ich habe mein Spiel blos⸗ gelegt; er hat den Vortheil, das ſeinige zu verdecken. „Wollen Sie es auf ſich nehmen, denſelben für mich ausfindig zu machen,“ fuhr er laut fort. „Es iſt dieß ein koſtſpieliges Unternehmen,“ be⸗ merkte der Italiener. „Nennen Sie die Summe.“ „Allerwenigſtens tauſend Scudi.“ „Im Falle des Erfolgs?“ ſagte der Engländer. „Daran iſt nicht zu zweifeln,“ verſetzte der Ita⸗ liener gelaſſen,„wenn ich die Sache in die Hand nehme. Wie viel Zeit wollen Sie mir dazu ge⸗ währen?“ „Zwei Monate.“ „Dieſe genügen,“ bemerkte der Sonderling nach einem kurzen Ueberlegen; ja, ſie werden vollkommen genügen.“ Als der Major das Haus wieder verließ, fand er den Laſtträger wartend, wie er es ihn geheißen hatte. Der Mann ſchien erſtaunt, ihn wohlbehalten zurücktehren zu ſehen. „Die Amulette, von welchen der Signore geſpro⸗ chen hat, müſſen ſehr wirkſamer Art ſein,“ rief er aus. Major Henderſon ließ ſich durch den Facchino durch die Reppetta begleiten, deſſen Einwohner einen nichts weniger als beneidenswerthen Ruf genießen und entließ ihn ſodann. 51 In ſein Hotel zurückgekehrt, ſchloß er ſich in ſein Zimmer ein. Ein Umſtand bei ſeiner Unterredung mit dem Advocaten beſchäftigte ihn und je mehr er darüber nachdachte, um ſo größer wurde ſeine Ver⸗ wirrung. Wie war es Luigi möglich, das Wappen der Vavaſſour's zu beſchreiben. Er hatte, ſoweit er ſich entſinnen konnte, dieſen Namen ſeit ſeiner Ankunft in Italien nie genannt. Der Mann kannte alſo offen⸗ bar den Aufenthaltsort des Sir Cuthbert. Um ſich zu überzeugen, daß er ſich nicht irre, ſchlug der Mentor unſeres Helden im Adelsalma⸗ nach nach. „Ganz recht,“ murmelte er,—„ein ſchwarzer Schrägbalken auf einem Schild von Silber.“ Philipp war überglücklich, als ein Billet, aus dem Palaſt Doria datirt, an ſeinen Freund eintraf, in welchem dieſem mitgetheilt wurde, daß die Gräfin Belgioſo in Rom eingetroffen ſei und ſich freuen würde, ihn am folgenden Tage bei ſich zu ſehen. Nie waren die Stunden langſamer dahingeſchli⸗ chen oder hatte ſein Herz größere Ungeduld gefühlt. Es wurde ihm das Glück zu Theil, Bianca wie⸗ der zu ſehen und in ihren Augen zu leſen, daß ſie ihn nicht vergeſſen habe; aber ganz ungetrübt ſollte deßhalb doch dieſer erſte Beſuch nicht vorübergehen und der Liebhaber hatte nochmals eine ebenſo harte Prüfung zu beſtehen, als die langſam dahinſchleichende Zeit ihm verurſacht hatte. Die Gräfin empfing näm⸗ lich die jungen Männer in Gegenwart ihres Bru⸗ ders, welchen ſeine Gebrechen beinahe zum Gefange⸗ nen in ſeinem Palaſte Pachten. 4* Alle, welche Zutritt in die römiſche Geſellſchaft ge⸗ habt haben, müſſen die Liebenswürdigkeit und ge⸗ winnende Höflichkeit, ſowie den Ton vollkömmener Ungezwungenheit bemertt haben, welcher darin herrſcht. Der Kardinal Doria mußte in ſeinen jüngern Jahren eine der glänzendſten Zierden derſelben geweſen ſein. Es war nicht der Zauber ſeiner fürſtlichen Ge⸗ burt oder der römiſche Purpur, welcher ſeinen Freun⸗ den dieſe Ueberzeugung beibrachte, ſondern vielmehr die huldvolle Herablaſſung, mit welcher er dieſelben empfing. Nirgends war bei ihm ein Bemühen oder ein Verſuch, glänzen zu wollen, bemerkbar, ſondern es ſchien vielmehr ſeine Unterhaltung ganz natürlich und ungezwungen. Er dankte Oliver für das Wohlwollen, das er gegen ſeinen Reffen und ſeine Schweſter an den Tag gelegt habe. „Sie können ſich gar nicht vorſtellen, welchen Gefahren unſere Freunde ſich ausſetzten,“ rief Bianca, mit mädchenhaftem Takt ihren Liebhaber in das Lob einſchließend;„ihrem Edelmuth und ihrer Klugheit—“ „Ich habe alles vernommen,“ verſetzte Seine Eminenz,„und kann nicht hoch genug die Klugheit des Mr. Trevor rühmen. Es erforderte keine alltäg⸗ liche Gewandtheit, um die öſtreichiſche Polizei zu täu⸗ ſchen. Doch reden wir von etwas anderem; es iſt ſelbſt innerhalb dieſer Mauern nicht klug, davon zu ſprechen. Die Lehre iſt hoffentlich nicht verloren ge⸗ gangen und unſer junger Freund wird in Rom die Vorſicht nicht vergeſſen, die es ihm möglich gemacht hat, einer ſo großen Gefahr in Mailand zu ent⸗ gehen.“ Oliver fand, daß etwa Markirtes in dem Tone 53 und noch mehr in den Blicken lag, welche dieſelben begleiteten. Der Kardinal kam nun auf die Kunſt zu ſprechen, ohne aber deßhalb in die Technik ſich zu vertiefen und ſo führte die Unterhaltung auf ein Bild von Julio Romano. ⁵ „Ich will es Ihnen zeigen,“ ſprach er und trotz ſeiner Gebrechlichkeit ließ er es ſich nicht nehmen, ſelbſt die Honneurs ſeiner Sammlung zu machen. Die Geſellſchaft verließ den Sakon, um ſich in die Gallerie zu begeben, in welcher ſo viele koſtbare Nummern der italieniſchen Schule aufgehängt waren, welche mehr Claude Lorrain's zählt als irgend eine andere Sammlung, und die der erſte Napoleon ver⸗ gebens ſeinem Eigenthümer käuflich zu machen geſucht hat. Die Antwort ihres Beſitzers auf das verlockende Anerbieten des Eroberers,— der freigebig ſein konnte, ſobald ſeine Eitelkeit mit ins Spiel kam,— war ſei⸗ nes Namens würdig: „Sagen Sie dem Kaiſer, daß der Fürſt Doria kein Händler iſt.“ Der Beſuch fand zu einer Stunde Statt, in wel⸗ cher der Palaſt dem Publicum nicht offen ſteht und die einzige Perſon, welche man beim Eintritt in die Gallerie bemerkte, war ein junger Künſtler, der ein Portrait kopirte. Philipp befiel eine Angſt, Seine Eminenz möchte der Staffelei des Malers zu nahe kommen;— er errieth, was für ein Portrait derſelbe kopire. Während die Gräfin und Oliver der hiſtoriſchen Erzählung über den Julio Romano zuhörten, gelang, 54 es dem Liebhaber, ſich Bianca zu nähern und ihr den Namen„Cimitelli“ ins Ohr zu flüſtern. „Ich haſſe ihn,“ antwortete das ſchöne Mädchen. Es wäre ſchwer zu beſchreiben, welch ſchweren Stein dieſe drei Worte ihm vom Herzen nahmen. Die Geſellſchaft befand ſich ſchon geraume Zeit in der Gallerie, ein Gemälde nach dem andern be⸗ trachtend, als ein plötzlicher Ausruf des Erſtaunens den Lippen unſeres Helden entſchlüpfte. Er hatte nämlich in dem jungen Künſtler ſeinen Freund Ernſt erkannt, auf den er ſogleich zueilte, um ihm herzlich die Hand zu drücken. „Haben Sie uns denn nicht erkannt?“ fragte er. „Doch.“ „Und machten uns kein Zeichen,“ ſagte Oliver im Tone des Vorwurfs. Ernſt blickte auf ſeine beſcheidene Kleidung. „Sie ſind ungerecht gegen ſich und uns,“ be⸗ merkte Philipp.. Die jungen Männer kehrten an die Seite des Kardinals zurück. „Ein Bekannter?“ bemerkte Seine Eminenz. „Entſchuldigen Sie,“ verſetzte unſer Held,„ein Freund— ein Landsmann, dem wir beide von Her⸗ zen gut ſind. Zum erſtenmal in meinem Leben,“ ſetzte er hinzu,„bedaure ich, nicht das zu ſein, was man im Allgemeinen in der Geſellſchaft mit einer Perſon von Rang bezeichnet.“ „Weßhalb?“ „Weil ich dann berechtigt wäre, ihn Eurer Emi⸗ nenz vorzuſtellen.“ „Laſſen Sie ſich nicht durch eine irrige Anſicht ——— 55 von Etiquette abhalten,“ ſagte der Kirchenfürſt gut⸗ herzig.„Kunſt adelt ebenſo ſehr wie Geburt. Es ſoll mich freuen, die Bekanntſchaft Ihres Landsman⸗ nes zu machen.“ Der freundliche alte Mann lächelte, als er die Haſt bemerkte, mit welcher Oliver ſeinen Freund vorzuſtellen ſich beeilte. Beim Nennen des Namens Auſtin würde ein ſcharfer Beobachter bemerkt haben, daß ein leichter Schatten von Erſtaunen und Mißfallen einen Au⸗ genblick auf dem welken Geſichte des alten Mannes ſich bemerkbar machte; derſelbe verflog aber raſch wieder und er nahm Ernſt mit derſelben wohlwollen⸗ den Huld auf, die ſich auf Alle erſtreckte, die in ſeine Nähe kamen. Er ſprach einige Worte der Ermuthi⸗ gung, worauf Seine Eminenz nach einer höflichen Verbeugung gegen ihn und ſeine Beſucher ſich in ſeine zurückzog. Die Gräfin und Bianca begleiteten ihn. „Gott ſei Dank,“ rief Philipp,„daß er die Co⸗ pie nicht bemerkte, die Sie anfertigen.“ Der Maler blickte ihn erſtaunt an. „Bemerkten Sie nicht eine Aehnlichkeit?“ fragte Hliver. „Bei der jüngern der beiden Damen?“ fragte Ernſt.„Ja; ich geſtehe, daß ſie mir auffiel.“ „Sie ſind nicht der Einzige,“ ſagte unſer Held: „auch einem meiner Freunde ging es ſo, der dem ſchurkiſchen Cuſtos fünfzig Scudi verſprach, wenn er ihm eine Copie davon verſchaffe.“ Sein neuer Bekannter lächelte— er ſollté nur zehn für ſeine Arbeit erhalten. „Alſo für Sie kopire ich es?“ „St!“ unterbrach ihn Philipp, ängſtlich ſich um⸗ blickend„verrathen Sie mich nicht. Es iſt für mich. Ich erſchrack, als ich Sie an der Arbeit ſah aus Angſt, der Onkel möchte Nachfragen anſtellen: dieß hielt mich auch ab, mich Ihnen zu erkennen zu geben.“ „Ihr Onkel!“ wiederholte der Künſtler.„Das Hriginal muß ja aber mindeſtens ſeit anderthalb hundert Jahren todt ſein.“ „Sie vergeſſen die lebende Aehnlichkeit,“ bemerkte der Liebhaber. „Es ſoll dem lebenden Original und Ihrer wür⸗ dig werden,“ rief Ernſt begeiſtert.„Mein Vater und ich ſind ſchon ſeit einigen Wochen in Rom.“ „Und haben auch nicht ein einziges Mal bei Torlonia nach unſerer Adreſſe gefragt! Wiederum Stolz!“ ſagte Oliver vorwurfsvoll. „Es iſt das letztemal, daß Sie Urſache haben ſollen, mich deſſen anzuklagen,“ erwiderte der Maler. „Ich werde nie wieder zweifeln.“ Die drei Freunde verließen zuſammen den Palaſt Doria. Siebenunddreißigſtes Kapitel. „Und was ſagen Sie vom Künſtlerleben in Rom?“ fragte Ernſt, als ſie vom Palaſt Doria weg auf den Corſo gelangten. . 57 „Wir haben bis jetzt noch nichts davon geſehen,“ verſetzten ſeine Freunde. Der junge Maler blickte ſie einigermaßen vor⸗ wurfsvoll an. „Wir warteten auf unſern Führer,“ bemerkte Oli⸗ ver—„unſern Cicerone.“ „Und ich dachte, Sie würden ihn aufſuchen,“ ſagte der Jüngling.„Wir haben uns alle drei ge⸗ irrt. Ich hätte übrigens wiſſen ſollen, daß Sie mich nicht anders als durch irgend einen glücklichen Zu⸗ fall, wie der heute Morgen, auffinden würden.“ „Schon wieder,“ unterbrach ihn unſer Held. „Nein,“ antwortete Ernſt.„Ihr offenes und un⸗ bedenkliches Wiederkennen im Palaſte eines der er⸗ ſten Edelleute Roms hat mir jeden Gedanken dieſer Art benommen. Ich war zu empfindlich. Wo woh⸗ nen Sie?“ fügte er bei. „Im Hotel Innocenti auf der Piazza d'Ispa⸗ na.“ 4„Und ich wohne in der Via Condotti!“ rief der Maler aus,„da ſind wir ja ebenſo Nachbarn wie Freunde. Mein Vater hat die Caſa Ingleſe, wie unſer Pachthof genannt wird, verlaſſen und über den Winter ein Haus in Rom gemiethet. Ich habe ein Atelier— ein ganzes Atelier für mich allein. Phi⸗ lipp iſt bei mir! ich kann Ihnen gar nicht ſagen, wie glücklich mich dieß gemacht hat.“ „Und Haro?“ fragte Oliver. „Und Haro,“ wiederholte der Jüngling.„Es wäre grauſam geweſen, den edlen Hund zurückzu⸗ zulaſſen. Sie können ſich gar nicht vorſtellen, wie ſehr er bewundert wird. Als ich das erſtemal mit 58 ihm im Garten Borgheſe ſpazieren ging, blieb Je⸗ dermann ſtehen, um ihm nachzuſchauen. Fürſt Aldo⸗ brandini wollte ihn durchaus kaufen und bot eine hohe Summe dafür.“ „Welche Sie zurückwieſen?“ ſagte Philipp. „Wie könnte ich ihn verkaufen, da er ſo anhäng⸗ lich an mich iſt?“ verſetzte Ernſt.„Es wäre gerade eweſen, als wenn ich einen Freund weggegeben häne Vielleicht verdiene ich aber doch noch Geld durch ihn,“ ſetzte er lachend hinzu. „Vermittelſt der Leinwand?“ „Ganz richtig; ich habe ihn gemalt.“ Die beiden Freunde wünſchten ſehnlichſt das Bild zu ſehen und begaben ſich daher ſogleich nach der Wohnung des ältern Auſtin, welche ſich in einem großen alterthümlichen Hauſe befand, das ihnen ſchon mehrmals aufgefallen war, wenn ſie die Via Con⸗ dotti hinab nach dem Corſo gingen. Auf das Po⸗ chen ſeines jungen Herrn öffnete Philippo, jetzt nicht mehr in das Ziegenfell, ſondern in eine einfache Livree gekleidet, das Gitterthor. Der ehrliche Burſche lächelte, als er ſeine Lands⸗ leute erkannte. „Iſt mein Vater zu Hauſe?“ fragte Ernſt. „Im Salon,“ erwiderte der treue Diener in einem Ton, welcher ſo viel ausdrücken ſollte, als, wir ha⸗ ben auch einen Salon.„Soll ich die Signori an⸗ melden?“ „Wir können uns ſelbſt anmelden,“ ſagte Ernſt in munterem Tone. Das Lächeln freundlichen Wiedererkennens, wel⸗ ches die beiden Gefährten dem metamorphoſirten 2 59 Schäfer zukommen ließen, tröſtete dieſen kaum über ſeine fehlgeſchlagene Hoffnung. In ſeinem Stolz über den Wechſel hätte er denſelben gern praktiſch bewieſen, daß er nicht zum erſtenmal Livree trage und ſeinem Herrn Beſuche anzumelden habe. S Der junge Maler führte die Ankömmlinge durch einige hohe Gemächer von edlen Proportionen, aber ſelbſt für eine römiſche Wohnung armſelig meublirt, nach dem Gemache, welches der einzige Diener, mit einer poetiſchen Licenz, die ſeine Treue verzeihlich machte, mit dem Namen Salon bezeichnete. In einem engliſchen Hauſe hätte man es aller Wahrſcheinlichkeit nach das Gerümpelzimmer genannt, indem ſich alle mögliche Gegenſtände darin aufgehäuft fanden, und welches ein Engländer, der Frau und Kinder hat, zu⸗ weilen für ſich ſelbſt benützen darf; eine Art Heiligthum, in welchem er ungeſtört über den Neujahrsrechnungen und Familienzwiſtigkeiten brüten, vielleicht aber auch eine Pfeife zu ſeinem Troſte in Einſamkeit rauchen kann. Ein Ehemann, dem ein ſolches Schmollzimmer geſtattet iſt, ſollte ſich nie beklagen. Was braucht denn ein Mann mehr? Der ältere Auſtin empfing die jungen Männer mit jener ſchlichten, ruhigen Höflichkeit, welche ohne Zuſpruch oder Bemühen ſogleich den Beſucher hei⸗ miſch macht und ihm die Ueberzeugung gewährt, daß er willkommen iſt. Er machte keine Anſpielungen auf die Gründe, welche ihn veranlaßt hatten, die Caſa Ingleſe zu verlaſſen, und ſeinen Wohnſitz in der ewigen Stadt außzuſchlagen, ſondern ſtellte ſo⸗ gleich die Frage an ſie, welchen Eindruck Rom auf ſie gemacht habe. 60 „Es iſt unmöglich, denſelben zu beſchreiben,“ ant⸗ wortete unſer Held;„er iſt zu mannigfaltig, als daß er ſich analyſiren ließe. Es wäre dieß eine Aufgabe für's Leben: Größe und Aermlichkeit, Schönheit und Häßlichkeit finden ſich ſo merkwürdig hier gemiſcht. Häufig frage ich mich ſelbſt, ob dieß die Abkömm⸗ linge der Herren der Welt ſind? und zweifle, ob nicht die Thaten ihrer Vorältern bloße Fabeln ſind, bis ich wieder die unvergänglichen Monumente betrachte, die ſie als Zeugniſſe ihrer Macht der Nachwelt hin⸗ terlaſſen haben. „Ja,“ fügte er bei,„das Volk, welches das Co⸗ loſſeum, das Pantheon und die Waſſerleitung er⸗ baute, muß groß geweſen ſein.“ „Und frei,“ ſagte Ernſt's Vater mit Betonung. „Und frei,“ wiederholte Oliver, erſchreckt durch den Blit, der plötzlich aus dem ſchwarzen Auge Au⸗. ſtin's ſchoß. „Ich möchte ihn nur einmal ohne ſeinen Bart ſehen,“ ſprach er im Stillen zu ſich, indem ſeine Ge⸗ danken ſich dem Portrait in Rockingham Hall zu⸗ wendeten. Philipp ſprach nichts von ſeinen Eindrücken; der einzige, den er empfangen, hatte von ſeinem Kopfe in ſein Herz geſtrahlt und war dort haften geblieben. „Und was ſagen Sie zu der Geſellſchaft,“ fuhr Mr. Auſtin fort,„von dem darin herrſchenden Tone und deren Charakter?“ „Ich möchte faſt ſagen, daß die Geſellſchaft in Rom durch den Mangel an beiden ſich charakteriſirt,“ bemerkte unſer Held beſcheiden.„Ich habe in den Eirkeln, in welchen ich eingeführt wurde, nie irgend 61 einen Gegenſtand debattiren hören oder eine Bemer⸗ kung vernommen, welche der Erinnerung werth wäre. Aber was mir am meiſten auffällt, iſt, daß in der Heimath der Kunſt niemals von der Kunſt geſprochen wird!“ Mr. Auſtin lächelte. „Das kommt daher, weil Rom ihr Altar, ihr wahrer Tempel iſt; das fühlt man und deßhalb ſpricht man nicht von der Kunſt. „Vor den Meiſterwerken Griechenlands und Ita⸗ liens ſteht die Kritik verblüfft und die Bewunderung macht ſtumm. Der Spanier betrachtet ſie mit reli⸗ giöſer Scheu, die ſich faſt zur Anbetung ſteigert. Der Bewohner eines ſüdlichen Klimas raiſonirt ſel⸗ ten, indem er nur fühlt. Der blondhaarige Deut⸗ ſche denkt nach, verſucht zu analyſiren und kehrt in ſein Land der Träumerei mit Eindrücken einer Schön⸗ heit zurück, die er nicht zu realiſiren im Stande iſt. Selbſt der ſonſt ſo geſchwätzige und ſelbſtzufriedene Franzoſe wird ſchweigſam. Der Grund von allem dieſem iſt klar,“ ſetzte er hinzu;„Rieſen in ihrem eigenen Land fühlten ſie ſich ſelbſt nur Pygmäen hier.“ „Und der Engländer, Vater!“ rief Ernſt;„den haſt Du nicht genannt.“ „Der Engländer,“ erwiderte ſein Vater,„ver⸗ ſpeiſt im Allgemeinen ſeine Eindrücke und verdaut dieſelben mit Wein.“ Der junge Enthuſiaſt machte ein ſehr verdutztes Geſicht.„ „Iſt nicht die leidenſchaftliche Liebe dieſes jungen Menſchen für ein Land, das er nie geſehen hat, höchſt merkwürdig?“ fuhr Mr. Auſtin fort.„Ich 62 vermag dieß nur durch die Worte des Dichters zu erklären: das Unbekannte erſcheint immer prächtig.“ „Es iſt aber einmal ſein Vaterland,“ bemerkte Oliver. „Und Deines, Vater, Deines,“ ſetzte ſein Sohn hinzu. r. Auſtin lächelte trübſelig, und die Unterhal⸗ tung hatte ein Ende.„ Vor dem Weggehen führte der junge Maler ſeine Freunde in ſein Atelier, welches merkwürdigerweiſe das beſtmeublirte Zimmer im Hauſe war. Die ei⸗ enthümliche Geſchmacksrichtung ſeines Bewohners hatte offenbar bei der Ausſtattung deſſelben den Aus⸗ ſchlag gegeben. Engliſche Landſchaften— viele von den allge⸗ mein verbreiteten Kupferſtichen— waren an den Wänden angeklebt; da und dort ſah man unvollen⸗ dete Skizzen, Theile von antiken Statuen, Bruch⸗ ſtücke von zerbrochenen Kapitälen, darunter eine Sammlung von einer Menge Gegenſtände, welche nur in ihrer Geſammtheit einen Werth haben, und für einen Menſchen von Phantaſie und Genius un⸗ ſchätzbar ſind. Das Ganze harmonirte vollkommen mit dem alter⸗ thümlichen Geräthe, den Theilen von Waffenrüſtun⸗ gen und ſchweren Sammtvorhängen,— welche aller Wahrſcheinlichkeit nach in ihren Tagen des Glanzes dazu gedient hatten, das Portal einer der zahlloſen römiſchen Kirchen oder den Palaſt eines Fürſten oder Kardinals an einem feſtlichen Tage zu zieren. Was aber die Aufmerkſamkeit der Beſucher am meiſten anzog, war ein beinahe vollendetes Gemälde ————— 63 auf der Staffelei. Es ſtellte ihre Ankunft in der Caſa Ingleſe vor: jede Figur war Portrait, bewun⸗ derungswürdig gemalt und außerordentlich ähnlich, namentlich im Hinblick darauf, daß ſie nach dem Ge⸗ dächtniß ausgeführt worden waren. „Da iſt ja der gute alte Peter Marl,“ rief Philipp. „Und der Major,“ ſetzte ſein Freund hinzu, auf das Portrait ſeines Mentors deutend. „Es freut mich, wenn es Ihnen gefällt,“ ſagte Ernſt mit einer gewiſſen Befriedigung,„weil es für Sie beſtimmt iſt.“ „Für uns?“ „Ja. Es iſt dieß Sitte in Rom unter uns Schü⸗ lern: Jeder malt ſeinem Freund ein Bild; auf dieſe Weiſe gelangte ich in den Beſitz ſo vieler Skizzen. Die meiſten darunter ſind, wie Sie bemerken wer⸗ den, von verſchiedenen Händen. „Ich muß den Tribut, den ich erhalten habe, zu⸗ rückerſtatten,“ ſetzte er anmuthig hinzu. „Ich finde an Ihrem Bilde nur einen Fehler,“ bemerkte Oliver. Der Künſtler ſah ihn erſtaunt an. „Sie haben ſich ſelbſt kein Recht widerfahren laſſen,“ fuhr Oliver fort,„indem Sie die beſte Ge⸗ ſtalt auf der Leinwand in den Hintergrund geſtellt haben. Und iſt dieſe herrliche Skizze in der That für uns beſtimmt?“ „Wenn deren Pendant fertig iſt,“ verſetzte Ernſt— „für jeden von Ihnen ein Exemplar.“ Seine Freunde begnügten ſich mit einer einfachen Donkesbezeugung. Sie wußten wohl, daß wenn ſie ein Wort von Bezahlung hätten fallen laſſen, dieß 64 Ernſt's ſtolzes, empfindliches Gemüth perletzt haben würde; jeder von ihnen beſchloß aber im Stillen, auf irgend etwas zu ſinnen, wodurch er für ſeine Freigebigkeit Entſchädigung finden könne. Die Via Condotti hinaufgehend, warfen die Freunde einen Blick in das griechiſche Kaffeehaus, das Caravanſerei Roms. In ſeinen ſchmutzigen, rauchgeſchwärzten Mauern findet man Künſtler, Bild⸗ hauer und Schüler aller Nationen, von dem glatt⸗ raſirten Engländer an bis zum bärtigen Ruſſen. In frühern Zeiten konnte man oft Gibſon und Thorwaldſen in dem engen, dumpfigen hintern Zim⸗ mer finden. Das Etabliſſement, obgleich weder ein⸗ ladend noch in ſeiner äußern Erſcheinung bemerkens⸗ werth, und ohne irgend einen Vorzug vor den zahl⸗ veichen Kaffeehäuſern in der Nachbarſchaft zu ver⸗ dienen, indem es im Gegentheil im Vergleich mit dieſen verliert, hat durch die ausgezeichneten Künſtler, welche dahin kommen, eine beinahe hiſtoriſche Be⸗ rühmtheit erlangt. Hier konnte man Horace Vernet, während er Präſident der franzöſiſchen Academie war, jeden Abend, mit ſeinem Skizzenbuch beſchäftigt, tref⸗ fen. Gibſon findet ſich noch immer ein; und es gibt wenige Künſtler, welche Rom beſucht und nicht eine an⸗ genehme Rückerinnerung an die Stunden, die ſie hier zugebracht, ſich bewahrt haben. Sobald der Rauch ſich ſo weit verzogen hatte, daß die neuen Ankömmlinge im Stande waren, die Geſichter zu unterſcheiden, bemerkten ſie einen großen, oder beſſer geſagt, ſchön gewachſenen Italiener, von ihrem Alter ungefähr, deſſen Kleidung zwiſchen Ar⸗ muth und Stolz die Mitte hielt— wir meinen den 65⁵ achtbaren Stolz, der kühn ſeinen Kampf mit der Welt ausficht— welcher aus ſeiner Mappe Zeichnungen auf einem Tiſche auslegte, an welchem mehrere Fremde ſaßen. Ein paarmal flammte es in ſeinem Geſichte auf, als dieſe um den Preis markteten. Augenſcheinlich ſpeculirten dieſelben auf ſeine dürf⸗ tige Lage. Sobald der Handel geſchloſſen war, ſprach Ernſt den Namen Carlo aus und ſtreckte dieſem die Hand entgegen. Es lag etwas Bezauberndes in dem hellen, ſon⸗ nigen Lächeln, das über die e Züge des Künſtlers glitt, als er ſeinen Freund erkannte. Er raffte ſchnell ſeine Zeichnungen zuſammen, kam zu ihm herüber und ſetzte ſich den Tiſch. „Haben Sie ein Geſchäft gemacht?“ fragte ſein Kunſtkollege. „Es ſind Engländer!“ verſetzte der Jüngling mit einem vielſagenden Achſelzucken. Es iſt traurig, daß die Mehrzahl der Engländer die Kunſt erſt dann zu beſchützen anfängt, wenn ſie ihres Schutzes nicht mehr bedarf. Nur wenige ſuchen in einem armen unbekannten Menſchen den Genius; er muß zuvor erſt den Stempel der Mode erhal⸗ ten haben, ehe er Werth in ihren Augen erlangt, dann aber ſind ſie ebenſo verſchwenderiſch in der Be⸗ wunderung, als ſie zuvor kalt in ihrer Vernachläſſi⸗ gung waren. ie Perſönlichkeit Carlo's iſt kein Phantaſiege⸗ mälde und doch vermöchte alle Romantik nichts ſo Smith, Milly Mohne. II. 5 ——— —r 66 Merkwürdiges und Unwahrſcheinliches zu erfinden, als die wahre Geſchichte des armen Malers in ſich ſchließt, den wir einſt in Rom kannten. Wir ſahen ihn dort ſeine Bilder in den Koffeehäuſern verkau⸗ fen und fanden ihn ſpäter als einen ſeiner Fürſten. Wir wollen aber ſeinen Abenteuern nicht vor⸗ greifen und haben dieſe Bemerkung bloß deßhalb emacht, damit unſere Leſer den Maler mit dem hluſes Geſichte unter der Menge von Charakteren nicht vergeſſen, welche, gleich den Geſtalten in der Camera Obſcura, vor deren geiſtigen Geſicht vdrüber zu paſſiren beſtimmt ſind. Ernſt blickte ſeine Gefährten an. „Kümmern Sie ſich nicht um unſere Anweſen⸗ heit,“ bemerkte Oliver„auf italieniſch;„wir können die Wahrheit ertragen.“ „Der arme Carlo,“ ſagte ihr Freund,„iſt etwas ciniſch von Temperament, aber ſein Herz iſt groß und edel, wie ſein Genius; er iſt eine Waiſe, die alles ſich ſelbſt verdankt und ſich ſelbſt erhalten hat. Sie haben keine Idee davon,“ fuhr er fort,„was das letztere in Rom heißen will.“ Philipp drückte den Wunſch aus, ſeine Mappe be⸗ ſichtigen zu dürfen. Mit einigem Widerſtreben wurde ſie gezeigt, denn mit der natürlichen Delicateſſe eines empfindlichen Gemüthes wollte der arme Menſch ſeine Waare, wie er bitter ſeine Malereien bezeichnete, den Gefährten ſeines Freundes nicht aufdrängen. Sie beſtanden großentheils in Anſichten aus der Nachbarſchaft von Rom, Frascati, Tivoli und der Campagna, theilweiſe aber auch aus Skizzen von 67 Gruppen mit Geſtalten, die nach der Natur copirt waren,— Bauern aus Albano, Kapuziner und ſtäm⸗ mige Ziegenhirten aus den Bergen. Sie waren frei ausgeführt wie die Schöpfun⸗ gen eines Menſchen, der ſein Geſchäft mit Liebe be⸗ treibt und der koſtende Preis von jedem einzelnen Blatt ſtand deutlich verzeichnet auf deſſen Rückſeite. Eine Nummer nach der andern wurde von Oliver und Philipp ſorgfältig geprüft und bei Seite gelegt, bis die Summe etwa dreißig Scudi betrug, welche ſie dem Künſtler, ohne ein Wort darüber zu ſprechen, einhändigten. „Für mich?“ rief der erſtaunte Italiener, deſſen Augen vor Freude funkelten. Unſer Held, der jede einzelne Summe auf die Rückſeite eines Briefes notirt hatte, übergab ihm die Liſte zum Beweis, daß die Rechnung richtig ſei. Eine Thräne glänzte in Carlo's Auge— man kannte ihn zu jener Zeit unter keinem andern Na⸗ men— als er ſich dafür bedankte. „An mir iſt es im Gegentheil dankbar für die Gelegenheit zu ſein, die mir ein ſo herrliches Anden⸗ ken an meine Reiſe in Italien verſchaffte,“ bemerkte Oliver. „Und womit Sie zugleich eine edle Handlung be⸗ gingen,“ ſetzte Ernſt auf engliſch hinzu,„was, wie ich mir denke, für Sie noch eine größere Genugthu⸗ gemachten Einkäufe zuſammenpackend, ver⸗ n die drei Jünglinge das griechiſche Kaffeehaus. Liebe iſt die einzige Rivalin, hinter welche die Freundſchaft ohne Murren mit ihren Anſprüchen zu⸗ 5* 1 68 rückſteht oder welcher ſie ein Vorrecht einräumt. Phi⸗ lipp wurde von ſeiner Leidenſchaft für Bianca ſo völlig in Anſpruch genommen, daß, wenn unſer Held die Geſellſchaft ſeines neuen Freundes nicht gehabt hätte, er ſich einſam und verlaſſen gefühlt haben würde. Die natürliche Folge davon war, daß ſie dieſelben Kreiſe beſuchten: wo der Major und deſſen Zöglinge Beſuche machten, wurde der junge Maler ebenfalls eingeführt, wodurch deſſen Wunſch und Traum ſeiner Knabenjahre ſich verwirklichte. Er wurde unter Engländern als Engländer an⸗ erkannt. Seit mehreren Tagen ſchon hatte Philipp einen ganz ungewöhnlichen ſorgenvollen Ausdruck auf dem Geſicht des ſchönen Mädchens bemerkt, dem er ſein Herz geſchenkt hatte; er verdüſterte ihre Schönheit wie ein Schatten und ſchien zuweilen in die äußerſte Angſt überzugehen. So ſehr es ihn aber auch drängte, den Grund davon zu erfahren, ſo mußte er doch ſeine Ungeduld zügeln. Die Gelegenheiten, mit Bianca ungeſtört ſprechen zu können, waren ſo ſelten und in den dicht gefüllten Salons des römiſchen Adels waren die eifer⸗ füchtigen Augen Cimitell's beſtändig auf ſie gerich⸗ tet, jedes Wort und jede Bewegung belauſchend. Vergebens ſuchte der erzürnte Liebhaber Gelegen⸗ heit zu einem Streit mit ſeinem Nebenbuhler— denn als einen ſolchen erkannte er ihn. Aus Gründen, die der Venetianer am beſten wußte, vermied der⸗ ſelbe jede Veranlaſſung, ihn auf irgend eine Weiſe zu beleidigen, während dagegen ſein Benehmen Ze⸗ gen Bianca höchſt beleidigend war. So oft er auf . 69 dem Corſo, im Ballſaale an ihr vorüberging oder ihr in der Kirche begegnete(denn er war wie ein Schatten hinter ihren Schritten herh, verbeugte er ſich unter ironiſchem Lächeln gegen ſie. Philipp konnte dieß nicht begreifen. Er fühlte, daß er anfange ihn zu haſſen. Bei der erſten Bitte um eine Aufklärung fing das verfolgte Mädchen an zu weinen. „Mein Name,“ murmelte ſie,„der Name meines Vaters, bis jetzt fleckenlos, iſt in die Hände dieſes Menſchen gegeben.“ Ihr Liebhaber blickte ſie mit ſprachloſem Erſtau⸗ nen an. Bianca bemerkte dieß; Stolz blitzte durch ihre Thränen und trocknete dieſelben. „Zweifeln Sie an mir?“ fragte ſie kalt. „Nein,“ verſetzte der junge Mann.„Wie wäre es möglich, daß ich an der zweifelte, welcher ich mein Herz geſchenkt habe?“ „Dann habe ich einen Kummer weniger,“ be⸗ merkte ſie. „Mein Erſtaunen rührt daher, daß ich die Mög⸗ lichkeit gar nicht begreifen kann, wie ein Ruf, den ich für ſo rein wie die Tugend ſelbſt halte,— denn ein Zweifel daran hieße an Ihnen zweifeln— in Eimitelli's Hand gegeben ſein kann?“ „Sie vergeſſen, daß ich einen Bruder habe,“ ant⸗ wortete Bianca vorwurfsvoll. „Alfred!“ Er befindet ſich in Rom, in einem obſturen Verſteck, aus dem er nicht einmal im Palaſt ſeines Onkels ſich einzufinden wagt, aus Furcht, den guten * 7 3 70 alten Mann dadurch zu compromittiren. Vor drei Tagen wagte ich thörichterweiſe vielleicht, aber mein Herz drängte hnich dazu— ihn um. die Stunde des Angelus zu beſzchen. Ich hielt meine Verklei⸗ dung für undurchdringlich; aber mein Verfolger er⸗ kannte mich und ſchlich mir nach. Jetzt,“ fuhr ſie fort,„können Sie alles verſtehen.“ „Der niederträchtige Schurke!“ rief ihr Liebhaber. „Dieß iſt alſo die Erklärung des frechen Blickes, mit welchem er Sie anzuſehen wagt— ſeines ironiſchen Lächelns und Begrüßens. Dieß ſoll aufhören, Bi⸗ anca; ſeien Sie ruhig, dieß ſoll aufhören.“ „Fangen Sie doch ja um meinetwillen keinen Streit mit ihm an.“ „Sie haben mir Ihre Liebe geſchenkt,“ bemerkte der Jüngling im Tone männlicher Zärtlichkeit,„und dieß verleiht mir das Recht, mich einzumiſchen. Aber wo iſt denn Alfred? Ich muß ihn ſehen— ihm mein Glück mittheilen. Gewiß,“ fügte er bei,„iſt ſeines Bruders Wohnung ein paſſenderer Aufent⸗ halt für ihn als der obſcure Verſteck, von dem Sie ſprechen?“ Bei dem Worte„Bruder“ färbten ſich Bianca's Wangen hochroth. „Ich wußte wohl, daß Sie dieſes edelmüthige Anerbieten machen würden,“ erwiderte ſie;„aber die Annahme deſſelben würde zum ſichern Verderben füh⸗ ren. Sie kennen das Land nicht, in welchem wir vegetiren— denn nur in der Freiheit lebt man— oder die Schlauheit ſeiner Machthaber. „Es gibt kein Hotel in Rom, das frei von Po⸗ 71 „ lizeiſpionen iſt. Wenn Alfred wagte, Sie zu beſu⸗ chen, ſo würde er aufgeſpürt und denuncirt werden.“ „Aber ſeines Onkels Einfluß—“ „Der würde nichts nützen!“ unterbrach ihn die ſchöne Italienerin tief bewegt.„Die Regierung Roms müßte ihn auf Verlangen an Oeſtreich ausliefern: ſie iſt durch Vertrag dazu verpflichtet. Alles dieß wurde mir von Jemand erklärt, an deſſen aufrichtiger Theilnahme ich noch nie zweifelte. „Mein Bruder,“ ſetzte ſie flüſternd hinzu,„iſt in dem Hauſe eines der Carbonari verſteckt.“ „Dann iſt Cimitelli ein doppelter Schurke,“ rief Philipp voll Unwillen;„da er ſelbſt ein Mitglied des Ordens iſt und eben dadurch die Anweſenheit Ihres Bruders in Rom erfahren hat. Ich muß Al⸗ fred ſprechen.“ „Unmöglich.“ „Weßhalb?“ „Weil Sie nicht zu den Eingeweihten gehören,“ antwortete Bianca.„Selbſt ich,“ fügte ſie bei,„ſeine Schweſter, mußte dem Mönch, der mir die Nochricht von ſeiner Ankunft mittheilte, ſchwören, ſeine Zu⸗ fluchtsſtätte geheim zu halten.“ „Auch ich kann dieſen Eid leiſten,“ bemerkte ihr Liebhaber gedankenvoll;„ſchon längſt hat ſich meine Sympathie aufs innigſte dem Unglück Italiens zu⸗ gewenget. Warum ſollte mein Thatkraft paſſiv blei⸗ ben? Ich habe nie die Worte eines merkwürdigen Vettlers vergeſſen, den ich zweimal in Mailand ge⸗ troffen habe.“ „Wie lauteten ſie?“ „Rom iſt die Mutter der Nationen und Italien iſt mein Heimathland,“ antwortete Philipp, dieſelben wiederholend. In dieſem Augenblicke ging Louis Napoleon nebſt ſeinem Bruder, die auf dem Balle anweſend waren, an der Fenſtervertiefung vorüber, in welcher das junge Paar ſtand. Beide trugen außer dem ſilber⸗ nen Ordensſtern, dem Zeichen ihrer fürſtlichen Ge⸗ burt, ganz offen ein breites, mehrfarbiges Band über der Bruſt. Es war die Trikolore Italiens. „Sehen Sie ſich vor!“ flüſterte Louis, während er einen Blick freundſchaftlichen Wiedererkennens mit Philipp wechſelte. Dieſer ſah ſich im Saale um und gewahrte Ci⸗ mitelli, der bei einem Haufen Müßiger ſtand und offenbar ihn beobachtete. Er bot deßhalb Bianca den Arm und führte ſie nach dem Sopha, auf wel⸗ chem die Gräfin Belgioſo und die Fürſtin Barberini ſaßen; dort verbeugte er ſich tief und ließ ſie unter deren Schutze, ohne die flehenden Blicke zu beachten, welche ihn warnten, klug zu handeln. Als er an die eben verlaſſene Stelle wieder zu⸗ rückkam, befanden ſich die römiſchen Edelleute noch daſelbſt, der Venetianer dagegen war verſchwunden. Von Unwillen brennend, durchſuchte er die ganze Zim⸗ merreihe, ohne allen Erfolg jedoch. Sein Nebenbuhler hatte den Palaſt verlaſſen. Graf Cimitelli hatte genug geſehen, um die Ue⸗ berzeugung zu gewinnen, daß der Augenblick der Ent⸗ ſcheidung gekommen ſei, wenn er nicht wollte, daß der Preis, nach welchem er ſeufzte, ihm durch den jungen Engländer entriſſen werde. Ein Anhalten um Bianca 73 wäre, wie er wohl fühlte, vergebens geweſen; dage⸗ gen war er nicht ohne Ausſicht, deren Onkel zu jei⸗ nen Gunſten zu ſtimmen. Er war von vornehmer Geburt und reich,— Vortheile, welche beim Einge⸗ hen einer Verbindung in Italien von eben ſo gro⸗ ßem Gewicht ſind, als ſonſt irgendwo in der Welt. Dazu kam, daß ihm noch andere Mittel, auf den Kardinal einzuwirken, zu Gebot ſtanden, der ein an⸗ erkannter Anhänger Oeſtreichs war, aber, gleich vie⸗ len andern Männern, in den bewegten Zeiten, in welchen er lebte, ſeine Gefühle und Neigungen häufig in Oppoſition mit ſeiner politiſchen Ueberzeugung fand. „Ihr Anerbieten,“ ſagte Seine Eminenz, nachdem der Bewerber den Grund ſeines Beſuches auseinan⸗ dergeſetzt hatte,„iſt allerdings ſehr ehrenvoll für meine Nichte; aber warum machen Sie es durch mich? Ich bin nicht Bianca's Vormund.“ „Seit der Verbannung ihres Bruders ſind Sie deren nächſter männlicher Verwandter in Italien,“ bemerkte der Graf achtungsvoll. „Allerdings, aber Bianca hat eine Mutter.“ „Welche, wie ich fürchte, ein Vorurtheil gegen mich gefaßt hat,“ verſetzte der Venetianer.„Die Gräfin iſt ſtrenggläubig und Frauen beurtheilen die Erceſſe der Jugend zuweilen mit weniger Nachſicht, als deren Beichtväter. Mein Name und mein Ver⸗ mögen—“ „Sind der Art, daß nichts dagegen einzuwenden iſt. Zugeſtanden.“ „Sie ſind aber nicht die einzigen Vortheile, die ich anzubieten im Stande bin.“ Der Kirchenfürſt blickte ihn ernſt an. „Gegen Jemand, der in einer weniger erhabenen Stellung ſich befände,⸗ fuhr der Graf fort, ſeine Stimme faſt zum Flüſtern dämpfend,„oder deſſen Inſichten unbekannt wären, würde ich mich beſinnen, mit einer Offenheit mich auszuſprechen, welche keinen Hintergedanken mehr zuläßt.“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ ſagte der Kardinal. „Sie ſind ein Anhänger der Kirche?“ Der Kardinal deutete ſchweigend auf ſeine Robe⸗ „Und deren Regierung?“ „Beider.“ „Ich kann beiden dienen. Ich brauche wohl kaum einem Mitglied des heiligen Collegiums mitzutheilen, daß eine weitverzweigte Verſchwörung zum Umſturz der Regierung, nicht allein in den Legationen, ſondern auch in Rom ſelbſt beſteht. Deſperate Männer ha⸗ ben geſchworen, dieß zu vollbringen; ihre Plane ſind tief angelegt und klug geleitet, aber bis jetzt hat die Polizei den Faden noch nicht aufgefunden, der ſie bei ihren Nachforſchungen hätte leiten können.“ „Ganz richtig, Graf,“ ſagte ſein Zuhörer ruhig. „Ich kenne denſelben,“ fuhr der Bewerber um die Hand ſeiner Nichte fort;„ich vermag den päpſt⸗ lichen Behörden die Mittel anzugeben, durch welche ſie den Aufſtand in ſeinen Wurzeln faſſen kann,— durch Verhaftung von deren Lenkern.“ „Und für dieſen Sit erwarten Sie eine Be⸗ lohnung?“ ſagte Kardinäl Doria. 1 X a! „Die Hand meiner Richte?“ Jöl⸗ „Keine andere?“ 75 „Keine. „Geſtatten Sie mir auch, Eurer Eminenz bemerk⸗ lich zu machen, daß eine ſolche Vereinigung für Bian⸗ ca's Familie nicht ohne Vortheile wäre. Wenn auch die Undankbarkeit Oeſtreichs ſprichwörtlich geworden iſt, ſo kann man ihm dafür die Klugheit nicht ab⸗ ſprechen. Es ließe ſich ein Abkommen treffen, durch welches ihrem Bruder Verzeihung zugeſichert würde, welcher, wie ich zu glauben Grund habe, ſein Aſyl in der Schweiz verlaſſen hat, um ſich auf gut Glück den deſperaten Männern anzuſchließen.“ Im Geſichte des alten Fürſten zuckte keine Mus⸗ kel, als er die überraſchende Rachricht vernahm, wie tief ſie auch ſein Herz berührte, denn er liebte ſeinen edlen, verbannten Neffen. Die Gefahr, welche die⸗ ſem drohte, beſtimmte ihn, eine Rolle zu ſpielen, die unter andern Umſtänden zu übernehmen gezögert hätte. „Graf Cimitelli,“ ſprach er,„es iſt nicht anzu⸗ nehmen, daß ein Kardinal der heiligen römiſchen Kirche die Mittelsperſon ſein kann, durch welche Ihr Anerbieten an den heiligen Vater oder das heilige Collegium gelangen könnte. Es vertrüge ſich dieß nicht mit ſeiner Stellung.“ Dem Beſucher fing es an etwas unheimlich zu werden. „Aber ich kann Sie in Verbindung mit einem Manne bringen, der zu dieſem Geſchäfte vollkommen tauglich iſt. Eure Eminenz denſelben?“ . „Und deſſen Charakter?“ 76 „Vollkommen. So genau, als überhaupt ein Menſch für einen andern Bürgſchaft leiſten kann, vermag ich für den ſeinigen zu ſtehen.“ Ein ſcharfer Beobachter würde wahrſcheinlich eine leichte Ironie in den Worten des Kardinals bemerkt haben, als er dieſe letztere Verſicherung dem Grafen ertheilte. Dieſer aber, der im Augenblick an nichts weiter dachte, als ſeine Aufrichtigkeit zu betheuern, bemerkte dieß nicht. Leidenſchaft und Eiferſucht hat⸗ ten ihn blind gemacht. „Suchen Sie morgen den Pater Iſidor auf,“ fuhr der Kardinal fort.„Ich will ihn auf Ihren Beſuch vorbereiten. Theilen Sie dieſem Ihre Nach⸗ richt mit; aber ſo hoch Sie den Werth des Preiſes, nach dem Sie ſtreben, oder, was noch wichtiger iſt, Ihr Leben anſchlagen,— Niemand anderem.“ „Und meine Belohnung?“ „Hängt von Ihrem Erfolge ab,“ erwiderte der Prälat.„Sollten Sie im Stande ſein, alles das zu erfüllen, was Sie verſprochen haben, ſo ſoll die Hand von Bianca Belgioſo— ſoweit mein Einfluß hiebei reicht— Ihnen werden.“ Kardinal Doria war in Rom nicht nur als ein Mann von unbefleckter Ehre, ſondern auch in der Richtung bekannt, daß er mit religiöſer Gewiſſen⸗ haftigkeit ſein Wort zu halten gewohnt war. Eimi⸗ telli war folglich mit der Verſicherung, die er erhal⸗ ten hatte, vollkommen zufrieden. Auf dieſe ſich ver⸗ laſſend, war er bereit, ſeine Freunde und die Sache zu opfern, welcher er, mehr in einem Augenblicke des Aergers als der Ueberzeugung, zugeſchworen hatte, nöthigenfalls ſein Leben zum Opfer zu bringen. 77 Es iſt merkwürdig, auf welche eigenthümliche Art Menſchen zuweilen raſch eingegangene Verſprechungen halten und zwar auf eine Weiſe, wie ſie es wenigſten erwarteten. Dieſer Fall traf bei dem Venetianer ein. Der Blick, welchen der junge Engländer ihm zugeworfen, als er Bianca aus der Fenſtervertiefung weggeführt hatte und deſſen Nachforſchen, das offen⸗ bar ihm gegolten hatte, machte Cimitelli aufmertſam auf deſſen Abſicht, Streit mit ihm anzufangen und dadurch ein Duell herbeizuführen. Dieſem beſchloß er zuvorzukommen. Ein Mord iſt leichter als ein Kampf. Werkzeuge zü einem ſolchen Verbre⸗ chen finden ſich gar leicht in der Hauptſtadt der chriſtlichen Welt und die Treppen auf der Piazza dIspagna ſind der Ort, wo man dieſelben gewöhn⸗ lich trifft. Dem Anſcheine nach nähren ſie ſich vom Bettel. Der ſchändliche Handel war bald geſchloſſen und für hundert Scudi übernahmen es zwei der berüch⸗ tigtſten Banditen Roms, ihm ſeinen Nebenbuhler vom Halſe zu ſchaffen. Die Summe war ſehr mäßig. Aber Philipp war ja nur ein Engländer, und dieſe ſind, trotzdem, daß ſie freigebig ſind und viel Geld ausgeben, bei den untern Klaſſen der Ita⸗ liener nichts weniger als beliebt. Als der Graf die Treppe hinabſtieg, nachdem die flüſternd geführte Conferenz zu Ende war, ſtreckte ihm Beppo oder, wie er häufiger genannt wird, der Torſo, weil er beide Beine verkoren hatte, der wohl⸗ bekannte König der Bettler, die Hand entgegen. Sein adeliger Landsmann winkte zweimal mit —— 78 dem Zeigfinger. Es iſt dieß eine förmliche Weige⸗ rung, nach welcher die meiſten Bettler von ihrer Zudringlichkeit ablaſſen. „Cospetto,“ murmelte Seine zerlumpte Maje⸗ ſtät;„der Filz— der Knicker. Baptiſta,“ fuhr er fort, plötzlich innehaltend,„was wollte denn der Kerl von Dir?“ „Er hat nur das Leben eines Engländers an mich verhandelt.“ Achtunddreißigſtes Kapitel. Die meiſten Mitglieder der Familie Bonaparte waren ebenſo kluge als vorſichtige Leute. Während der Erhöhung des außerordentlichen Mannes, der nicht nur die herrlichſten Theile Europas beherrſchte, ſondern auch Kronen vergab, ſuchten ſeine Mutter, ſein Onkel, ſeine Brüder und Schweſtern ſich nicht nur die Mittel zur Exiſtenz, ſondern ſelbſt zum Glanze für die Tage des Unglücks zu ſichern, welche meh⸗ rere davon geahnt zu haben ſcheinen, namentlich Madame Lätitia, welche, wenn man ihr über ihre Sparſamkeit Vorwürfe machte, zu erwidern pflegte; „Wer weiß, wie bald ich alle dieſe Könige und Königinnen zu verhalten habe.“ In Italien war der Name Napoleon etwas mehr als eine bloße Tradition,— er war ein Princip, eine Macht, denn ſein Deſpotismus war ein aufge⸗ klärter geweſen, und dem Genius wird viel ver⸗ 79 ziehen. Menſchen, welche unter ſeinem Druck ſchwer zu leiden gehabt hatten, flüſterten ſich insgeheim zu, daß dieß das Zauberwort ſei, das eines Tags ihre Ketten brechen werde. Allerdings hatte der moderne Prometheus auf ſeinem Felſen ſein Leben ausge⸗ haucht, aber ſeine Neffen lebten, und auf dieſe rich⸗ teten ſich die Hoffnungen der liberalen Partei der Romagna. Es war daher kein Wunder, daß die Anweſen⸗ heit der Söhne Hortenſe's in Rom mit argwöhni⸗ ſchen und eiferſüchtigen Augen von der päpſtlichen Regierung angeſehen wurde. Als die Neffen eines Mitglieds des heiligen Col⸗ legiums konnte man ſie Anſtands halber aus Rom nicht ausweiſen; die Behörden hätten zuvor zu einem ſolchen Schritt hinreichenden Grund haben müſſen und bis jetzt war keine Handlung begangen worden, die hiezu berechtigt hätte. Rom läßt ſich ſo leicht nicht täuſchen, nament⸗ lich wenn es ſich darum handelt, hinter ein Ge⸗ heimniß zu kommen, und das fragliche bedrohte nahezu ſeine Sicherheit. Das Gebahren der Prinzen wurde ſorgfältig überwacht; in den Geſellſchaften wurde jedes Wort, das ſie ſprachen, notirt und hinterbracht; ja das Späherſyſtem, das ſie umgab, war ſo vollkommen eingerichtet, daß nur der Palaſt des Kardinals Feſch ihnen perſönlichen Schutz ge⸗ währte. Der ſchlaue Prälat wußte dieß wahrſchein⸗ lich, denn er compromittirte ſich niemals auch nur durch die leiſeſte Anſpielung auf ihre Pläne, ſondern ſtellte ſich, als ob er gar nichts davon wiſſe. Wie weit er die Neffen mit ſeiner Börſe unter⸗ ſtützte, wird nie bekannt werden; wahrſcheinlich that er aber in dieſem Punkte nicht zu viel, denn Seine Eminenz war wie ſeine Schweſter, Madame Lätitia, aufs Geld ſehr erpicht und trennte ſich nur ſehr un⸗ gern dauon. Die öfſentlichen Acten und Briefe der Familie Bonaparte um jene Zeit verdienen durchaus keinen Glauben. Um ihre wehien Abſichten zu verbergen, war es höchſt wahrſcheinlich verabredet, daß, wäh⸗ rend die jungen Männer den Aufſtand organiſirten und leiteten, die älteren und vorſichtigeren Ver⸗ wandten ſcheinbar ihre Handlungsweiſe verdammen oder ignoriren ſollten. Hätte ein Erfolg dieſelben gekrönt, ſo wäre es leicht geweſen, ihre ſcheinbare Fälte zu erklären; während im Falle des Mißlingens ihre Nichtbetheiligung die Stellung der Familie auf⸗ recht zu erhalten und deren Hilfsquellen für die Zu⸗ kunft zu bewahren im Stande war. Da wir nicht beabſichtigen, eine Geſchichte oder ſelbſt nur einen Abriß des unglücklichen Aufſtandes zu beſchreiben, der kurz darauf in der Romagna ausbrach und durch die meiſten Provinzen vom adria⸗ tiſchen bis an's tyrrheniſche Meer ſich verbreitete, ſo beſchränken wir uns auf die damit zuſammen⸗ hängenden Umſtände, welche zum Verſtändniß unſerer Leſer nothwendig ſind, um dem Faden unſerer Ge⸗ ſchichte folgen zu können. Ein Fremder, der um dieſe Zeit Rom beſuchte, würde die Regierung für vollkommen beruhigt und deren Unterthanen für die zufriedenſte Vevölkerung auf der Welt gehalten haben. Auf der Oberfläche der Geſellſchaft war ſelbſt nicht einmal ein Kräuſeln 81 bemerkbar. Sie war glatt wie Eis und ruhig wie der Verrath; aber in der Tiefe waren die Waſſer dunkel und in Bewegung. Oeſtreich— deſſen Augen gleich den Krallen ſeines doppelköpfigen Adlers auf jedem Theile Ita⸗ liens hafteten— war ſchon lange von dem beab⸗ ſichtigten Ausbruch unterrichtet und zögerte nur deß⸗ halb mit der Entwicklung ſeiner Streitkräfte, um den Streich deſto ſicherer ſühren zu können. Die Häupter der Carbonari waren unbekannt; es wur⸗ den zwar dieſe und jene Männer als ſolche bezeich⸗ net, aber es fehlte an geſetzlichen Beweiſen, auf welche hin man ſie hätte verurtheilen können. Wäre die Verſchwörung in ſeinen eigenen Pro⸗ vinzen angezettelt worden, ſo würde es aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach weniger Umſtände gemacht haben; aber im Kirchenſtaat mußte irgend ein Gewaltſtreich vorausgehen, ehe ein genügender Grund zum Ein⸗ ſchreiten vorhanden wat. Namentlich handelte es ſich um zwei Perſonen, die man gerne unſchädlich gemacht hätte. Es waren dieß die Prinzen aus dem Geſchlecht der Bonaparte's, welche vermöge ihrer Jugend und Thatkraft am meiſten geeignet ſchienen, die Verträge von 1815 zerreißen und deren Fetzen in alle Lüfte zerſtreuen zu wollen. Louis Philipp hätte dabei wohlgefällig zugeſehen und vielleicht, nachdem es aber zu ſpät geweſen wäre, dagegen proteſtirt. Der ſchlaue König hatte das merkwürdige Wort Louis Napoleon's nicht vergeſſen, als dieſer die Juli⸗Revolution erfuhr: „Die Krone Frankreichs lag in den Gaſſen von Paris, und ich war nicht dort, um ſie aufzuheben!“ Smith, Milly Moyne. II. 6 82 Wie er dazu kam, in der erſten Perſon zu ſpre⸗ chen, während ſein älterer Bruder noch lebte, wird wahrſcheinlich nie aufgeklärt werden. Vielleicht war es aber bloß ein grammatikaliſcher Sprachfehler, indem er ich ſtatt du ſagte. Es iſt nicht anzunehmen, daß ein Mann von Major Henderſon's Erfahrung blind für die geheime Bewegung war. Seine Unterredung mit ſeinem frühern Bekannten HReilly hatte ihm den erſten Aufſchluß gegeben, Beobachtung und Nachfragen thaten das Uebrige; und er fühlte ſich natürlicher⸗ weiſe ſeiner Zöglinge wegen ſehr beunruhigt. Er kannte die leicht entzündliche Natur unſeres Helden, deſſen Verachtung jedes Unrechts und Haſſes der Unterdrückung; ebenſo aber auch das leicht zugäng⸗ liche Weſen Philipps. Er beſchloß deßhalb, dieſel⸗ ben zu warnen. „Ich begreife eure Sympathie,“ ſprach er.„In eurem Alter würde ich gerade wie ihr empfunden haben,— ja ich will euch nicht verhehlen, daß meine Gefühle jetzt in traurigem Conflikte mit mei⸗ ner Klugheit ſtehen; aber jeder Verſuch, das Weſen der Regierung ohne den Beiſtand einer der Groß⸗ mächte Europas zu ändern, muß nothwendig miß⸗ lingen. Oeſtreich iſt, durch ſeine Verträge mit den kleinern Staaten Italiens, factiſch Herr des Landes, — hält deſſen Geſchicke in ſeiner Hand. Seine Fe⸗ ſtungen bedecken den Boden gleich einem Netz,— ſeine Militärkraft iſt ungeheuer. „Italien muß zuwarten!“ ſetzte er mit Betonung hinzu. Wie lange noch?“ fragte Philipp ungeduldig, in deſſen Ohren noch die beredten Worte Bianca's gleich der ſüßeſten Muſik nachtönten. „Die Stunde wird kommen,“ verſetzte ſein Men⸗ tor ernſt.„Sie ſchlägt jeder Nation.“ „Ein Aufſtand, den die Jugend und die Energie des Volkes unterſtützt, muß gelingen.“ „Für einen Augenblick,“ antwortete der Veteran traurig.„Ihr ſprecht von Energie,— wer ſteht euch dafür? Die Italiener ſind ein Volk von Träu⸗ mern, Viſionären, die an der Vergangenheit zehren. Laßt euch nochmals durch mich warnen,“ fuhr er fort,„vorſichtig zu ſein, um nicht durch eure Begei⸗ ſterung oder das Beiſpiel eurer Freunde die Reſul⸗ tate unſerer Reiſe in Frage zu ſtellen.“ „Reſultate,“ wiederholte Philipp.„Ich meinte, ſie ſei bloß des Vergnügens wegen unternommen worden.“ „Und einer Pflicht wegen,“ ſagte ſein Mentor ernſt, indem er unſerem Helden einen Blick zuwarf, der denſelben allein verſtand.„Iſt denn Erziehung nicht auch eine Pflicht? Das Reiſen muß den Geiſt bilden, den Geſchmack läutern, das Urtheil befeſti⸗ gen; wenn dieß nicht der Fall iſt, ſo iſt ſein Zweck verfehlt.“ „Zu ſpät!“ riefen die jungen Männer zu gleicher Zeit, als ſie wieder allein waren. Mehrere Minuten lang blickten ſie einander ſtill⸗ ſchweigend an. Es war dieß der erſte Wink, den ſie ſich gegenſeitig hinſichtlich des unüberlegten Schrit⸗ tes gaben, welchen jeder von ihnen zu thun im Be⸗ griffe ſtand. „Ich bin gebunden,“ flüſterte Oliver. 6* 84 „Auch ich,“ ſagte Philipp in demſelben halb⸗ lauten Tone.„Ich wünſchte, Du könnteſt Dich zurück⸗ ziehen,“ fügte er bei;„die Andeutungen des Majors beunruhigen mich,— nicht um meinetwillen, denn mein Geſchick iſt beſiegelt. Ich würde nicht zurück⸗ weichen, ſelbſt wenn es in meiner Gewalt ſtünde.“ „Ich ebenſowenig.“ „Du biſt aber nicht verliebt,“ ſprach ſein Freund. „Das der Freundſchaft gegebene Wort iſt eben ſo heilig,“ verſetzte unſer Held;„und überhaupt, was iſt das Leben werth, wenn jeder Schritt zuvor be⸗ rechnet werden muß,— nichts weiter als ein fort⸗ währendes Abwägen von Ehre, Eindrücken, Muth und Gefühlen auf der Waage der Klugheit? Ich habe mein Wort gegeben.“ „Den Prinzen?“ „Ja!“ rief Hliver,„die könnten lange warten, ehe ſie mich zu einer Handlung zu verleiten vermöch⸗ ten, die den Wünſchen unſeres väterlichen Freundes zuwiderlaufen. Der ältere beſitzt wenig oder keinen Charakter; der jüngere zu viel. Louis macht in ſei⸗ ner Unterhaltung und in feinem Weſen den Eindruck eines Menſchen auf mich, der die Tage ſeiner In⸗ gend vergeſſen hat. Es liegt wenig Sympathie für andere Menſchen in ihm.“ „Du vergißt ſeine Liebe für ſeinen Bruder.“ „Allerdings,“ ſagte unſer Held,„findet ſich in jeder Natur ein goldenes Band; wenige Herzen ſind ganz aus Ton gebildet.“ Oliver hatte Recht, obgleich vielleicht nicht ganz in dem Sinne, wie er es meinte. Es gibt auch Herzen von Eiſen. — 85 Dieſe Unterredung fand am Morgen deſſelben Tages ſtatt, an welchem Eimitelli die Unterredung mit Pater Iſidor bei den Kapuzinern haben ſollte, welche, wie wir kaum unſern Leſern in Erinnerung zu bringen nöthig haben werden, der ärmſte Orden der römiſchen Kirche ſind, indem ſie nur von Wohl⸗ thaten leben und eben deßhalb bei den meiſten Bett⸗ lern Roms in beſonderer Gunſt ſtehen. Ihre Heirathen und Taufen— denn ſie ſind in ihrer Art religiös— finden in den Kirchen der Kapuziner Statt. Der Reiſende mag dieſelben be⸗ treten, wann er will, ſo wird er immer eine ganze Wenge Bettler am Altare oder vor den Pforten finden. Als der Verräther in das heilige Gebäude ein⸗ trat, kam der Mönch, deſſen Perſon ihm wohl be⸗ kannt war— er war einer der berühmteſten Prediger Italiens— ihm entgegen. „Warten Sie auf mich?“ fragte der Graf. „Seine Eminenz, der Kardinal Doria, war ſo gnädig, mich zu benachrichtigen, daß ich die Ehre Ihres Beſuchs zu gewärtigen habe. „Theilte er Ihnen auch den Zweck deſſelben mit?“ Pater Iſidor verbeugte ſich ernſt. Der Venetianer ſah ſich vorſichtig um: es war niemand außer den armſeligſt ausſehenden Geſchöpfen Roms anweſend; nichts deſto weniger fühlte er ſich dadurch nicht beruhigt, ſondern deutete auf einen der Beichtſtühle. Der Kapuziner ſchüttelte den Kopf. „Weßhalb nicht?“ „Weil,“ antwortete der alte Mann,„Worte, die 86 dort geſprochen werden, heilig ſind und nie über die Lippen deſſen kommen dürfen, der ſie anhört, und dieß iſt, wenn ich Seine Eminenz, den Kardinal, recht verſtanden habe, weder Eurer Eccellenza Wunſch noch Abſicht.“ „So muß ich es alſo hier ſagen,“ bemerkte der Graf.„Sprechen Sie franzöſiſch?“ „Vollkommen.“ In dieſer Sprache nun enthüllte der Verräther, welchen Eiferſucht und der Wunſch, Bianca zu ge⸗ winnen, ſtachelten, nicht nur die Plane, ſondern auch die Namen der Häupter der Carbonari; dabei wurde auch der Name des Engländers Auſtin mehrmals genannt. Der fromme Mönch bekreuzigte ſich vor Entſetzen und beide waren von der Unterredung ſo ſehr in Anſpruch genommen, daß keiner von ihnen einen dreiſt ausſehenden Bettler bemerkte, der ſich an eine der maſſiven Säulen der Kirche geſchlichen hatte, in deren Nähe ſie ſtanden. Der Mann, welcher vielleicht nicht einmal die Sprache verſtand, in welcher ſie ſich beſprochen hat⸗ ten, oder genug an dem hatte, was er vernommen, zog ſich an einen der Altäre zurück und ſchien ins Gebet vertieft. „Das iſt ſehr wichtig, Signore,“ ſagte der Ka⸗ puziner,„und ohne Zweifel wird der heilige Vater wiſſen wollen, auf welche Weiſe er Sie belohnen kann. Aber da iſt noch ein Punkt, über welchen der Kardinal ſicherlich mich fragen wird.“ „Nennen Sie ihn.“ „Den Ort der Zuſammenkünfte der Häupter die⸗ , 87 ſer ſchändlichen Verſchwörung,— den Ort, wo der Sturz der Regierung verabredet wird.“ „Ich kenne ihn nicht.“ Der Mönch blickte ihn zweifelnd an. „Sie ſchenken mir keinen Glauben?“ „Dazu habe ich kein Recht,“ lautete des Mönchs Antwort. „Das iſt das einzige Geheimniß, welches die Ge⸗ ſellſchaft bewahrt,“ rief Graf Cimitelli in verdrießlichem Tone.„Ich war nie im Stande, dahinter zu kom⸗ men. Ueberhaupt glaube ich, daß es nur wenige Mitglieder kennen. „Eines darunter,“ fuhr er fort,„das ihn kennt, iſt ein Prieſter. Sie erſchrecken!“ „Vor Entſetzen!“ murmelte Pater Iſidor, ſich be⸗ kreuzend,—„vor Entſetzen, mein Sohn, daß ein Mann, der ſich dem Altar geweiht hat, ſo verdorben ſein kann.“ „Wann werden Sie den Kardinal ſprechen?“ „Heute Nacht.“ „Und auf welche Weiſe werde ich ſeine Inſtruc⸗ tionen und weitere Mittheilungen von Ihnen erhal⸗ ten?“ fragte ſein Beſucher.„Nachdem ich einmal den Sprung über den Graben gethan habe, fühle ich keine Ruhe mehr, bis alles vorüber iſt und die Feinde unſerer Kirche ſich ſicher in den Händen der Gerech⸗ tigkeit befinden.“ Der Kapuziner überlegte einige Augenblicke, ehe er eine Antwort hierauf ertheilte. „Nehmen Sie dieß, mein Sohn,“ verſetzte er, in⸗ dem er einen Schlüſſel unter ſeinem Gewande her⸗ 88 vorzog.„Sie kennen doch die Kloſtermauer, die pa⸗ rallel mit dem Palaſte Barbarini läuft?“ „Ganz genau.“ „Auf der Hälfte des Wegs werden Sie eine Thüre bemerken. Kommen Sie morgen Nacht zu mir. Vielleicht kann ich Sie dann Seiner Eminenz vorſtellen— oder habe ich irgend eine Mittheilung Ihnen zu machen.“ „Um welche Stunde?“ „Um Mitternacht.“ „Ich werde mich einfinden,“ verſetzte der Graf, indem er dem Mönch mehrere Goldſtücke anbot; ob⸗ gleich er dieß durchaus nicht für nothwendig hielt, um ſich dadurch ſeiner Treue zu verſichern, da ihm das Wort des Kardinal Doria eine genügende Bürg⸗ ſchaft hiefür zu gewähren ſchien. Zu ſeinem Erſtaunen lehnte aber der Mönch das Geſchenk mit der Bemerkung ab, daß dieſenigen, welchen er diene, ihn freigebig genug bezahlten. „Alſo für die Armen?“ meinte ſein Beſucher. Dießmal wurde das Geſchenk angenommen, das aber Pater Iſidor, während der Geber die Kirche verließ, ſogleich in die Armenbüchſe fallen ließ. „Sonderbare Welt,“ murmelte der alte Mann, „ſonderbare Welt! Wann wird mein Geſchäft zu Ende ſein?“ 89 Nennunddreißigſtes Kapitel. Es gibt keine Stadt in der Welt, welche den Geiſt ſo ſehr mit Viſionen und Erinnerungen an die Vergangenheit erfüllt, als Rom; es repräſentirt die Gegenwart, ſcheint unzertrennlich von der Zukunft und verleiht eben dadurch den Beſtrebungen und ſelbſt den Genüſſen des Reiſenden einen Reiz und ein Ge⸗ präge ganz eigenthümlicher Art. An dem zur Aufnahme des jungen Engländers in den Orden der Carbonari beſtimmten Abende wurde von den Zöglingen der franzöſiſchen Academie ein intereſſantes Feſt im Coloſſeum gefeiert. Sie hatten die Erlaubniß erhalten, das Angelus und den Abendgottesdienſt in ſeinen Mauern zu ſingen, welche durch das Blut von ſo vielen chriſtlichen Märtyrern geweiht waren. Faſt kein Beſucher der ewigen Stadt fehlte da⸗ bei, indem dieß eines der ſeltenen Freigniſſe war, welche auch im ſpätern Leben in der Erinnerung haften bleiben und an welche man ſelbſt im Alter noch mit Vergnügen zurückdenkt, wenn man die Erlebniſſe der Jugend rekapitulirt. Wieder war die ungeheure Arena mit der Elite Roms,— ihres ach! ſo kief ge⸗ ſunkenen Adels,— mit der Prieſterſchaft und den Tauſenden von Fremden angefüllt, welche herbeikom⸗ men, theils um an den Altären der Kunſt, theils in de Tempeln ihres Glaubens ihre Andacht zu ver⸗ richten. Es iſt eine Frage, ob der Hiſtoriker, der Dichter, der Pilger oder der Botaniker mehr Genuß durch den 90 Beſuche des Coloſſeums hat, deſſen Ruinen, ſelbſt noch im Verfalle großartig, mit hundertfarbigen Blu⸗ men bedeckt ſind, wovon viele, ſo viel ich glaube, nur hier getroffen werden. Es gibt wohl keine erhabenere Ausſicht auf Er⸗ den, als die, welche man von dem oberſten Theile des weit gedehnten Amphitheaters genießt, nament⸗ lich wenn man es beim Mondlicht ſieht und eine ſilberne Atmosphäre die Sabinerberge, die Wildniß der Campagna und die Tempel und Bogengänge des Forums beleuchtet. Der Kalvarienberg kann, ja muß ſogar viel feier⸗ licher ſein, wegen der damit verknüpften Erinnerun⸗ gen, aber ſicher iſt er nicht ſchöner. Auf einer der reſervirten Gallerien der erhabe⸗ nen Ruine, entfernt von der Menge, welche im Cen⸗ trum des Gebäudes auf und ab wogte, ſaßen vier Freunde, den Tönen der Muſik lauſchend, Oliver, Philipp, Ernſt und der junge Künſtler Carlo. Ein ſüßes aber melancholiſches Gefühl beſchlich ſie, als die letzten Worte der Hymne in ihre Ohren klangen. „Ich kann jetzt leicht begreifen, daß Milton dem Geſang des Angelus an dieſem Orte lauſchte und in den Tagen ſeiner Blindheit noch mit Entzücken ſich daran erinnerte,“ bemerkte unſer Held.„Er muß ſeine Inſpirationen aus einer ſolchen Scene geſchöpft haben.“ „Bei Raphael war dieß der Fall,“ erwiderte der Maler Carlo.„Ich kenne Milton nur dem Namen nach, aber man ſagte mir, er gleiche unſerem gött⸗ lichen Dante.“ . — 91 „In der Kraft,“ ſagte Ernſt,„ja; aber in der Zartheit und Schönheit übertrifft er ihn. Der blinde Barde hatte kein Vorbild; Dante dagegen hatte Lu⸗ canus.“*) „Sie denken an die Pharſalia,“ bemerkte ſein Freund;„ich getraue mir kein Urtheil darüber, aber auch mir iſt die Aehnlichkeit aufgefallen.“ „Stille!“ unterbrach ſie Oliver,„der Geſang fängt wieder an.“ Mit der geſchmackloſen Gleichgültigkeit, die den Franzoſen ſo eigenthümlich iſt, ſtimmten die Kunſt⸗ ſchüler das„Domine salvum fac regem Ludovicum Philippum“ an. Stelle dir vor, geneigter Leſer,„Gott ſegne Louis Philipp“ im Coloſſeum bei Mondlicht und nach Alle⸗ gri's göttlicher Muſik! Kein Wunder, daß jede poe⸗ tiſche Illuſion gänzlich dadurch verwiſcht werden mußte. „Laßt uns in die Arena hinabgehen,“ ſagte Oli⸗ ver;„wir verlieren nichts, wenn wir während dieſer Nummer ſpazieren gehen.“ Der Vorſchlag fand Beifall. Als ſie den langen, gewölbten Gang hinabgin⸗ gen, wo ſie geſeſſen hatten, ſchlichen ſich zwei Schat⸗ tengeſtalten ihnen nach. Im Centrum des Amphitheaters erblickte Philipp die Gräfin Belgioſo und Bianca in Begleitung des Kammerherrn des Kardinals und eilte auf ſie zu. Die ſchöne Italienerin ſah ihn mit Erſtaunen an; M. Annäus Lucanus, römiſcher Dichter, lebte 33— 65 n. Chriſtus; er iſt der Verfaſſer des hiſtoriſchen Gedichts: Pharſa⸗ lia, das die Geſchichte des Bürgerkriegs zwiſchen Cäſar und Pompejus beſchreibt. D. B 92 offenbar hatte ſie nicht erwartet, ihn im Coloſſeum zu treffen. „Erſt um Mitternacht,“ flüſterte ihr Liebhaber, indem er damit die Stunde ſeiner Aufnahme in die Geſellſchaft der Carbonari bezeichnete. Dieſe Worte beruhigten ſie darüber, daß er ſeine Abſicht nicht aufgegeben habe. Der Geiſtliche, welcher die Damen begleitete, ſchien nichts weniger als erbaut darüber, daß der junge Engländer ſich anſchloß und der Mutter einige Bemerkungen zuflüſterte. „Er iſt der Freund meines Sohnes,“ ſagte die Gräfin,„und Seiner Eminenz wohl bekannt.“ Zweimal während ihres Spazierganges begegne⸗ ten ſie dem Venetianer. Es lag etwas Finſteres in dem Blick, mit welchem er die Geſellſchaft beobach⸗ tete und Bianca fühlte ſich dadurch ſo beängſtigt, daß ſie den Wunſch ausſprach, augenblicklich in den Palaſt Doria zurückzukehren. Philipp begleitete ſie an den Wagen des Kardi⸗ nals, der wartete und ging dann, ſeine Freunde wie⸗ der aufzuſuchen. Während er durch die Menge ſich bewegte, hörte er wiederholt mit lauter Stimme den Ruf„Mörder“ erſchallen. Er kam aus einem der Gänge. Es eilten ſo viele Menſchen nach der Richtung, von welcher dieſer Ruf ertönte, daß er nur mit gro⸗ ßer Schwierigkeit dahin zu gelangen vermochte. Abermals hörte er den Juf„Mörder.“ „Gerechter Himmel!“ rief er aus,„das iſt Oli⸗ ver's Stimme.“ Ganz außer ſich vor Entſetzen brach ſich endlich Philipp Bahn durch das Gedränge. Das Licht der 93 Fackeln, welche man von dem ertemporiſirten Orcheſter weggenommen hatte, leitete ihn in den gewölbten Gang, den er vor Kurzem verlaſſen hatte und wo ein Anblick ſich ihm darbot, der ihm tief ins Herz ſchnitt, obgleich er zugleich erſah, daß ſein theuerſter Freund unverletzt ſei. Ernſt lag blutend, ſterbend in Hliver's und Car⸗ lo's Armen. Der erkaufte Mörder hatte den jungen Maler für Philipp gehalten und dieſen in der Dun⸗ kelheit niedergeſtochen. Seine Wunden waren leider! tödtlich. „Mein Vater,“ murmelte das Opfer,„mein ar⸗ mer Vater!“ „Ernſt, theurer Ernſt!“ ſchluchzte unſer Held. Weiter vermochte er nicht zu ſprechen, indem Thränen ſeine Stimme erſtickten. Carlo's Schmerz zu beſchreiben, wäre rein unmöglich. Er war von Kindheit auf mit Ernſt befreundet geweſen; ihre junge Herzen waren durch tauſend Sympathien und Erin⸗ nerungen, gegenſeitige Dienſtleiſtungen und Liebe verbunden. Der junge Maler hatte häufig ſeine ſpärlichen diu mit ſeinem weniger glücklichen Mitſchüler ge⸗ theilt. „Tragt mich aus dieſem düſtern Gange weg in die Arena,“ ſprach der ſterbende Jüngling,„wo mein ſterbender Blick von der Natur Abſchied neh⸗ men kann. Es liegt etwas Erhabenes darin,“ fuhr er mit einem matten Lächeln fort,„meinen letzten Seufzer unter dieſen glorreichen Ruinen, umgeben von denen, welche mich lieben, auszuhauchen.“ Mindeſtens ein Dutzend Arme waren bereit, ihn 94 zu tragen, aber diejenigen, welche das meiſte Recht zur Trauer hatten, wollten Niemand geſtatten, die traurige Pflicht mit ihnen zu theilen. Seine drei Freunde hoben ihn ſanft vom Boden auf und führten ihn an den Fuß des Kreuzes im Mittelpunkt des Amphitheaters, wo ſo viele Mär⸗ tyrer, ebenſo jung und wacker wie er, ihr Leben geendigt hatten. „Sie werden mich nicht vergeſſen?“ murmelte Ernſt, in das bleiche weinende Geſicht blickend, das ſich über ihn hinbeugte.„Aber weßhalb ſtellte ich dieſe Frage? Ich bin überzeugt, daß Sie es nicht thun werden— mein Name wird in Ihrer Erinne⸗ rung, aber nicht in der der Welt fortleben. Hätte ich das Leben behalten,“ ſetzte er mit einem ſchwa⸗ chen Anflug von Begeiſterung hinzu,„ſo wäre es nicht unbekannt geblieben.“ „Freundſchaft ſoll ihm ein heiliges Andenken be⸗ wahren,“ rief Oliver. „Und es rächen,“ ſetzte Carlo hinzu, dem Im⸗ puls ſeiner warmen, leidenſchaftlichen Natur nach⸗ gebend.„Ich verſpreche es— beſchwöre es bei Deiner Herzensgüte, Deiner Liebe, die Du min ſtets bewahrteſt, bei dem Herzen, das ſeine innerſten Ge⸗ danken mir mittheilte! Ernſt! Ernſt! ach, könnte ich ſterben, um Dich zu retten!“ „Armer Carlo!“ ſeufzte ſein Freund;„ja, es gibt Viele, welche mich vermiſſen und um mich trauern werden. Du weißt, wo der engliſche Dich⸗ ter begraben iſt,“ fuhr er fort;„derſelbe, welcher ſo jung geſtorben iſt,— am Fuß des Grabmals des Feſtus,— dort beſtatte mich: und wenn die 95 Blumen friſch auf meinem Grabe blühen, ſo be⸗ ſuche es! „Sage meinem Vater, es ſei dieß mein Wunſch, mein letzter Wunſch, mit Ausnahme eines einzigen geweſen,— ſeinen Segen zu empfangen, ehe ich ſterbe!“ Die härteſte Prüfung für das Herz iſt offenbar, das letzte Flackern der Lebenslampe beobachten, den Blick der Liebe, die über das Grab hinüberreicht, das allmählige Erlöſchen der Augen, die nie anders als liebevoll auf uns weilten, mit anzuſehen und ſodann, wenn alles vorbei iſt, dieſelben mit from⸗ mer Sorgfalt zudrücken zu müſſen; alles Andere iſt leicht im Vergleich damit, denn die Hoffnung hört nie auf, uns zu tröſten und aufrecht zu erhalten. Es war furchtbar, den unterdrückten Schmerz Carlo's mit anzuſehen; aber er hielt ihn gewaltſam zurück, bis der edle Jüngling, der begeiſterte An⸗ hänger ſeiner Kunſt, der Liebling Aller, die ihn kannten, ſeine reine Seele Dem zurückgegeben hatte, von dem er ſie erhalten; dann aber brach er auch in die wildeſte Verzweiflung aus. Er warf ſich wie wahnſinnig vor dem Leichnam auf die Kniee und rief fortwährend den Namen Ernſt. „Er hört mich nicht!“ rief er aus,„er will mir nicht antworten!“ „Er hört Sie im Himmel,“ ſagte Oliver, männ⸗ lich ſeinen Schmerz bekämpfend.„Vergeſſen Sie nicht, daß wir eines Tages unſere verlorenen Freunde wieder finden ſollen, wenn wir leben, wie ſie leb⸗ ten, und mit einem eben ſo reinen Herzen ſterben.“ „Sie können meinen Verluſt nicht begreifen,“ 96 murmelte der troſtloſe junge Mann;„Sie haben Eltern, Brüder, Verwandte, die Sie lieben,— ich hatte nur ihn. Er gab mir den erſten Unterricht, theilte ſeine Mittel mit mir und ſchämte ſich nie, mich in meiner Armuth anzuerkennen. Nur ſelten findet man im Leben ſolche Freunde.“ Unter den zahlreichen Menſchen, welche in jener Nacht im Coloſſeum verſammelt waren, befanden ſich viele Schüler der verſchiedenen Kunſtacademieen, welche den jungen Maler wohl gekannt und geliebt hatten und ſeinen frühzeitigen Tod tief betrauerten. Nachdem man ſich eine Todtenbahre aus der nächſten Kirche verſchafft hatte, wurde der Leichnam ehrerbietig darauf gelegt und nach der Wohnung ſeines Vaters in der Via Condotti getragen. Eine ganze Menge junger Männer ſchloßen ſich an. Als der Zug an dem Hotel auf dem Corſo vorüberkam, wo Graf Cimitelli abgeſtiegen war, rief dieſer den Zimmerkellner herbei und fragte ihn mit verſtellter Gleichgültigkeit, was es denn gege⸗ ben habe. „Einen Mord, Signore—“ verſetzte der Mann. „Wahrhaftig! an wem?“ „Nur an einem Engländer.“ Der Venetianer lächelte, verlangte ſeinen Mantel und ging hinab auf den Piazo d'Ispagna, um dort die Werkzeuge ſeines Verbrechens zu treffen und den⸗ ſelben den verſprochenen Lohn auszubezahlen. Er fand ſie an der Stelle wartend, die er ihnen bezeichnet hatte, an der Ecke des Hotels der Propa⸗ ganda, gegenüber dem Palaſte Gregorio. „Hoffentlich iſt der Signore mit uns zufrieden,“ 97 bemerkte Baptiſta, welcher, die Ehre eines Bei⸗ namens genießend— ein Vorzug, deſſen ſich ſein Kamerad nicht rühmen konnte—, den Sprecher machte. „Vollkommen. Ihr habt ihm alſo Eins verſetzt.“ „Ich fühlte, daß die Spitze meines Meſſers ſich an ſeinem Rückenwirbel ſtieß,“ verſetzte der zweite Bandit.„Eccellenza können ſehen, daß die Spitze deſſelben ſich umgebogen hat,“ fügte er bei, indem er die Waffe vorzeigte. „Das wird genügt haben,“ murmelte ihr Auf⸗ traggeber.„Ich glaube euch auf's Wort— und kann mich folglich darauf verlaſſen, daß er todt iſt?“ „So todt, wie der arme Kerl, den man ſo grau⸗ ſam war, in vergangener Woche hinzurichten. Jeder⸗ mann erwartete, Seine Heiligkeit werde ihn begna⸗ digen; er hatte nur drei Leben genommen, cospetto; aber dergleichen Dienſte fangen an gefährlich zu werden.“ Der Graf vertheilte an die Banditen die mit ihnen verabredete Summe, welche dieſe genau nach⸗ zählten. „Und das Trinkgeld, Signore?“ „Ich habe euch gut bezahlt.“ „Für unſere Dienſte.“ „Ja S 3 „Aber nicht für unſer Schweigen,“ ſetzte Gasparo hinzu,„das muß auch erkauft werden. Wir laſſen uns nicht auf venetianiſche Weiſe abſpeiſen.“ Eimitelli ſah, daß er erkannt ſei, und machte aus der Noth eine Tugend. Smith, Milly Moyne. II. 7 98 „Habt ihr jetzt genug?“ fragte er, nachdem er den Reſt ſeiner Börſe an die Banditen vertheilt hatte. „Ja, Signore. Für jetzt.“ Der Venetianer ging eiligſt weg, indem er ſich im Stillen Vorwürfe machte, keine größeren Vor⸗ ſichtsmaßregeln ergriffen zu haben, um den elenden Werkzeugen, die er gemiethet hatte, die Möglichkeit zu behne ihn zu erkennen. Er konnte aber nicht länger mit ihnen unterhandeln, denn in einer, läng⸗ ſtens zwei Stunden mußte er mit dem Mönch im Kapuzinerkloſter zuſammentreffen. Veim Eintritt auf den Corſo verließen unſer Held und Philipp die Trauerproceſſion, um vor der⸗ ſelben das Haus zu erreichen und Mr. Auſtin von ſeinem Verluſte zu unterrichten. Es dauerte geraume Zeit, bis der alte Diener Philipp auf ihr Pochen erſchien. Als er ſie ſah, prallte er zurück,— ihre bleichen Geſichter erſchreckten ihn. „Sind Sie verwundet, meine Herren?“ rief er aus. „Körperlich nicht,“ antwortete Oliver.„Wo iſt Ihr Herr?“ „In ſeinem Zimmer.“ „Ich muß ihn ſprechen.“ „Unmöglich,“ verſetzte der Mann,„wenigſtens für den Augenblick. Wenn Sie ſich aber in der Halle aufhalten wollen, ſo will ich ihn von Ihrem Beſuche unterrichten.“ „Es handelt ſich nicht um einen bloßen Höflich⸗ keits⸗ oder Ceremonie⸗Beſuch,— ein gräßliches Unglück hat ſich zugetragen.“ In dieſem Augenblicke ließ Haro, Ernſt's Lieb⸗ 99 lingshund, der Philippo unter die Hausthüre nach⸗ gefolgt war, ein furchtbares Geheul ertönen. „Mein Herr, mein lieber junger Herr!“ rief der Diener aus;„ſagen Sie, daß ihm kein Unglück zu⸗ geſtoßen iſt, und ich will Sie dafür ſegnen.“ Abermals ließ der Hund ſein Todtengeheul hören. „Hier bringen ſie ihn,“ ſagte Philipp, mit Mühe ſeine Feſtigkeit ſo weit behauptend, daß er eine Ant⸗ wort ertheilen konnte. „Man bringt ihn?“ wiederholte der Diener Philippo. „Seinen Leichnam,“ flüſterte Oliver. Der alte Mann rang verzweiflungsvoll die Hände. „Er iſt ermordet worden,“ fügte unſer Held bei, in demſelben halblauten Tone ſprechend,—„ein Bandit hat ihn im Coloſſeum erſtochen.“ „Dann muß ein Irrthum im Spiele geweſen ſein,“ ſeufzte der treue Menſch;„er hatte nie oder verdiente wenigſtens nie, einen Feind gehabt zu ha⸗ ben,— ſo jung, ſo gut und ſo wacker! mein armer, armer Herr! wer ſoll ihm dieß beibringen?“ WMr. Auſtin hatte das wiederholte Klopfen an ſeiner Hausthüre vernommen, und man hörte jetzt ſeine Stimme, nach Philippo rufend. „Sehen Sie zu, daß er nicht herunter kömmt,“ riefen die jungen Männer, denn die Fackeln der⸗ jenigen, die dem Zuge voranſchritten, waren jetzt ſichtbar,„der Anblick würde ihn tödten.“ Es war zu ſpät. Die Vorſicht, dem Vater den plötzlichen Schrecken, den Leichnam ſeines Sohnes ſehen zu müſſen, zu erſparen, war vergebens. Von dem Fenſter des obern Stockwerkes hatte er den 7 100 Fackelſchein bemerkt und den Tritt der Träger des Leichnams gehört. Er errieth ſeinen Verluſt. Es lag etwas Todtenähnliches und Entſetzliches in der Bläſſe ſeines Geſichts, als er, den Ankömm⸗ lingen entgegengehend, in die Halle herabkam. „Setzt ihn nieder,“ ſprach er. Die Träger ſetzten ihre Laſt in der Mitte des Gemachs nieder. Mit feſter Hand enthüllte der be⸗ raubte Vater langſam das Geſicht, beugte ſich darüber hin und küßte den Leichnam, worauf er auf die Kniee niederfiel und lange Zeit inbrünſtig betete. Keiner der Zuſchauer wagte ein Wort des Tro⸗ ſtes zu ſprechen oder das feierliche Stillſchweigen des Augenblicks zu brechen. Haro, der alte Hund, kroch endlich zu ihm hin und fing an jämmerlich zu winſeln. Mr. Auſtin ſtand von den Knieen auf. „Wer hat dieß gethan?“ fragte er. Alles ſchwieg ſtille. „Auf welche Weiſe fiel er? In einem Duell? Doch nein, das iſt unmöglich— er hatte nie einen Feind.“ „Das ſagte ich auch,“ murmelte der Diener,— „das ſagte ich auch.“. „Er wurde ermordet,“ verſetzte Oliver,— „ſchändlich ermordet, von irgend einem Schurken im Coloſſeum, wohin wir gingen, um dort das Ange⸗ lus von den Kunſtſchülern der Academie ſingen zu hören.“ „Wir werden ihn aber rächen,“ rief Carlo,— „wir werden ſeine Mörder durch die ganze Welt verfolgen.“ „Dieſe Aufgabe kommt mir zu,“ bemerkte der 101 beraubte Vater, indem er, wie ein Mann, den das Unglück wahnſinnig gemacht hat, mit der Hand quer über die Stirne fuhr.„Ich habe Vieles zu über⸗ denken— Vieles zu rächen. Ich kann euch, ihr Freunde, nicht ſo danken, wie es eure Theilnahme an meinem armen Sohne verdient; aber mein Herz dankt euch. „Laßt mich,“ fuhr er feierlich fort,„allein mit meinem Schmerz und dem Todten. Kein Wort, ich beſchwöre euch— kein einziges Wort!“ Ein Wunſch oder vielmehr eine Bitte, unter ſo ſchmerzlichen Umſtänden vorgebracht, wird zum Be⸗ fehl, und einer um den andern von Ernſt's Freun⸗ den entfernte ſich aus dem Hauſe, um den Vater mit dem Leichnam ſeines Sohnes allein zu laſſen. Nachdem auch der Letzte weg war, verriegelte auf ein Zeichen ſeines Herrn Philippo die Thüre. „Verlaß mich,“ ſagte Auſtin,„und nimm Haro mit Dir.“ Der Hund weigerte ſich aber, den Leichnam zu verlaſſen, indem er am Fuße der Tragbahre nieder⸗ kauerte und dort mit blitzenden Augen aufmerkſam Wache hielt. „Ich bin beſtraft,“ murmelte der unglückliche Mann,„da beſtraft, wo ich geſündigt habe. Er kennt jetzt den Flecken an ſeiner Geburt,— weiß jetzt, daß er kein geſetzliches Recht auf den ſtolzen Namen ſeiner Voreltern hatte. Ernſt, mein Sohn, mein Sohn, kannſt Du mir vergeben?“ Mehr als eine Stunde lang ſaß er da, in tiefes Nachdenken verſunken über den Verluſt, den er er⸗ litten hatte. Der Schlag war ſo unerwartet gekom⸗ 102 men, daß er, zu ſeinem Glücke, anfangs nicht ein⸗ mal deſſen ganze Gewalt fühlte, weil ſonſt ſeine Ver⸗ nunft darunter Noth gelitten hätte. Endlich wurde er aus ſeiner Träumerei durch zwei Geſtalten erweckt, die, in einen dunkeln Mantel gehüllt, leiſe an die Stelle herangeſchlichen kamen, auf der er ſich befand. Eine derſelben berührte ſanft ſeine Schulter. „Ja! ja!“ ſagte der unglückliche Mann, ſich auf⸗ raffend, wie Jemand, der plötzlich aus einem Traume erweckt wird,„ich entſinne mich.“ „Es iſt bald Mitternacht,“ bemerkte der Mann, der ihn berührt hatte. „Die Stunde des Gerichts,“ ſetzte ſein Begleiter inzu. „Det. Richter wird euch nicht warten laſſen,“ ſagte Mr. Auſtin, ſich erhebend.„Verzeiht mir, Freunde! aber ich habe einen Verluſt erlitten,— einen Verluſt, der das Vergeſſen eines ſo furchtbaren Amtes, wie das meinige, verzeihlich machen wird.“ „Wir kennen ihn und nehmen innigen Antheil daran,“ verſetzten ſeine Beſucher;„und wenn Sie wünſche ſollten, Ihre Macht in andere Hände zu legen“— 8„Nein,“ ſagte Mr. Auſtin ſtreng.„Ernſt würde der erſte geweſen ſein, der mich an meine Pflicht gemahnt hätte. Ich bin bereit.“ Beim erſten Rufe brachte Philippo ſeinem Herrn, der von deſſen beabſichtigter Abweſenheit vollkommen unterrichtet ſchien, einen Mantel von derſelben Form, wie die waren, welche die Fremden trugen, und half ihm denſelben umlegen. 103 „Laß Niemand herein bis zu meiner Rücktehr,“ ſagte der Eigenthümer des Hauſes. Der alte Diener nickte mit dem Kopfe zum Zeichen ſeines Gehorſams. „Und verlaß den Leichnam nicht.“ „Ich ſollte ihn verlaſſen?“ wiederholte der Mann, ſeine Thränen abwiſchend,„halten Sie mich für weniger treu, als ſein Hund es iſt?“ Zugleich deutete er auf den Hund, der noch im⸗ mer an der Tragbahre kauernd den Leichngm be⸗ wachte. „Vergib mir,“ rief der unglückliche Vater.„Es begegnet mir nicht oft, daß ich ungerecht bin.“ „Lieber Herr!“ „Kein Wort! Wir müſſen feſt ſein, Philippo— Nerven von Stahl und Herzen von Eiſen haben— ſonſt leidet die Sache, die er liebte, unter unſerer Schwäche. Wenn dieſe triumphirt hat, wollen wir zuſammen trauern.“ „Wann wird dieß der Fall ſein,“ wiederholte der Diener, als er die Hausthüre nach dem Weg⸗ gehen der drei Mitglieder der Carbonari wieder zu⸗ ſchkoß.„Wann wird dieß der Fall ſein? Träume, Träume! Wie viel wahres Glück hat er dieſen ſchon zum Opfer gebracht!“ Mit dieſen Worten kehrte er ſchweigend auf ſei⸗ nen Poſten zurück. 104 Vierzigſtes Kapitel. Ueberzeugt, daß ſein Nebenbuhler aus dem Wege geräumt ſei, machte ſich Graf Eimitelli auf zu dem Rendevous, zu welchem Pater Iſidor ihn in das Kapuzinerkloſter beſtellt hatte. Die Nacht war äußerſt lieblich. Kein Wölkchen trübte den Himmel, in deſſen weiten Räumen der Mond in ruhiger Schönheit hingleitete, das Licht der Sterne dämpfend und heiter auf die ſchlafende Stadt herablächelnd. als ob deren Straßen nie durch Blut⸗ und Ge⸗ waltsſcenen befleckt worden wären. Beim Eintritt auf die Piazza Barberini blieb er ſtehen, die Fontaine des Triton betrachtend. Das klare Waſſer, welches in das Baſſin von Granit aus der Muſchel des Flußgottes herabfiel, tönte wie eine ferne Muſik. Es lag etwas unausſprechlich Be⸗ ruhigendes in ſeinem Murmeln. Indem er ſich auf einen der ungeheuren Stein⸗ blöcke ſetzte— die einſt auch zum Coloſſeum gehört hatten und noch jetzt in zahllofer Menge als Trüm⸗ mer umherliegen—, fing der Mörder an, über das Schickſal ſeines Opfers nachzudenken. „Es war ja nur ein Leben,“ murmelte er;„und was iſt das Leben? Ein Ding, das ihm vielleicht der Zufall geraubt, die Hitze der Malaria vergiftet oder ein Sonnenſtrahl in einem Augenblicke vernichtet hätte; aber weder Zufall, noch Malaria, noch Sonnenſtrahl wären wegen eines Ereigniſſes getadelt worden, das nach feſtgeſtellten Geſetzen erfolgte. „Rache iſt mein feſtgeſtelltes Geſetz,“ fuhr er mit 105 finſterem Lächeln fort.„Ein Hinderniß kam mir in den Weg und ich beſeitigte es! Der Fall iſt ſo klar, wie Urſache und Wirkung.“ Dem Venetianer war es aber deßhalb doch nichts weniger als wohl um's Herz. Vielleicht fühlte er, daß dießmal ſeine Logik nicht ganz richtig ſei, oder daß die unverfängliche Handlung— wie er einen auf feige Weiſe ausgeführten Mord zu nennen beliebte— weitere Folgen nach ſich ziehen könnten. „Ich hätte beide wegräumen laſſen ſollen,“ fuhr er fort, auf Oliver anſpielend,—„beide hätten es ſein ſollen.“ Er hatte keine Ahnung davon, daß beide ent⸗ kommen waren. Die Uhr vom benachbarten Glockenthurm ſchlug die bezeichnete Stunde; einen Schlüſſel aus ſeiner Taſche ziehend; ging der Graf über den freien Platz und verfolgte raſch die niedere Kirchhofmauer der Kapuziner, ſo reich an Schlingpflanzen und Mooſen in den tauſend zarten Schattirungen, wie ſie nur die Natur hervorbringt, bis er an die ihm bezeich⸗ nete Thüre kam, durch welche er eintrat und ſomit in den Garten des Kloſters gelangte. Pater Iſidor lag am Fuße des Kreuzes auf den Knieen. „Verrichten Sie Ihre Andacht ſo ſpät?“ fragte der Beſucher. „Ich habe für die Todten gebetet,“ verſetzte der Mönch feierlich,„und für Einen, der auf dem Punkte ſteht, die Strafe für ſeine Verbrechen zu erleiden.“ „Wird denn ein Verbrecher hingerichtet?“ fragte der Graf, indem er ihm beim Aufſtehen behilflich war. 106 Der Venetianer forſchte nicht weiter nach. Die Bemerkung hatte ihn weder beunruhigt, noch über⸗ raſcht. Er wußte, daß es unter die Pflichten des Ordens des alten Mannes gehörte, den von der Gerechtigkeit Verurtheilten in ihrer letzten Stunde beizuſtehen. „Folgen Sie mir,“ ſagte der Kapuziner,„man erwartet uns.“ „Der Kardinal⸗Staatsſecretär?“ „Es iſt mir verboten, zu ſagen, wer,“ lautete die Antwort. Es muß Seine Eminenz ſein, dachte der Ver⸗ räther; keine geringere Perſon würde unſer Rende⸗ vous in ein ſolches Geheimniß hüllen. „Nicht dahin!“ rief er laut, indem er zugleich die Hand auf die Schulter ſeinés Führers legte, der den Eingang in ein niedriges Gewölbe unmittelbar unter der Kirche geöffnet hatte,„nicht dahin!“ Der Mönch blickte ihn erſtaunt an. „Ich habe ſchon von den eigenthümlichen Schreck⸗ niſſen des Kapuzinerkloſters gehört.“ „Das iſt kindiſch,“ bemerkte Pater Iſidor;„nur die Lebenden ſind zu fürchten, nicht die Todten.“ Noch immer zögerte der Venetianer. „Thun Sie, was Ihnen beliebt,“ fuhr der Mönch fort.„Es liegt weder in meiner Gewalt, Sie zu zwingen, noch in meinem Wunſche, Sie zu über⸗ reden. Diejenigen, welche Sie erwarten, mögen beides beſitzen.“ „Gehen Sie voran,“ murmelte der Graf zögernd, aber mehr als je überzeugt, daß er eine Unterredung mit dem Kardinal⸗Staatsſecretär haben werde. 107 Dieſes Zögern war übrigens nichts weniger als ganz unnatürlich. Die Räume unter der Kirche der Kapuziner beſtehen aus einer Menge von ineinander⸗ gehenden ungeheuern Gewölben, welche vor Jahr⸗ zu Begräbnißplätzen des Ordens gedient atten— „Ein Leichenhaus Gefüllt mit raſſelnden Gebeinen todter Menſchen Gebräunten Knochen und gelben hohlen Schädeln,— Mit Dingen, deren man mit Schaudern nur gedenkt.“ Seinem Führer über den unebenen Fußboden folgend, paſſirte der Graf mehrere niedrig gewölbte Gänge, auf deren Grund ein Grab an das andere ſich reihte, und deren Mauern entſetzlicher Weiſe mit menſchlichen Gebeinen, zu phantaſtiſchen Gebilden zu⸗ ſammengefügt, geſchmückt waren. Dieſe eigenthüm⸗ lichen Aufbewahrungsorte führten auf drei weit ge⸗ dehnte Hallen, deren rauhes Mauerwerk auf allen Seiten durch Arm⸗ und Beinknochen vollkommen verhüllt war, welche, wie Holz aufgeklaftert, in allen möglichen architektoniſchen Zeichnungen zu ſehen waren. Die Decke wetteiferte mit den Kuppeln mittelalterlicher Kirchen in ſinnreicher Mannigfaltig⸗ keit der Muſter; das gezackte sacrum und oscoccygis bildeten einen reichen Karnieß, während Rippen, Finger, Zehen und einzelne Wirbelbeine zu Trag⸗ ſteinen von eigenthümlich gearbeiteten Füllungen dien⸗ ten. Armleuchter von Knochen hingen vom Mittel⸗ punkte herab und Cherubim aus Todtenköpfen und mit Flügeln, die aus Schulterbeinen beſtanden, füll⸗ ten die Ecken aus. 108 Jedes Gewölbe oder jede Halle war von ver⸗ ſchiedenartiger Zeichnung— eine moraliſche oder religiöſe Allegorie vorſtellend— aus Beinen ge⸗ formt. Die Zeit mit ihrer Sichel und dem Stunden⸗ glas, die Gerechtigkeit mit dem Schwert und der Waage, und in der letzten Kammer ein gekröntes Skelett, das einen Monarchen darſtellte, der auf einem Throne von Schädeln ſaß. In dieſem gewahrte der Verräther eine Anzahl lebender Perſonen, eingehüllt in lange Mäntel mit Kapuzen, ſo wie ſie die Mitglieder der religiöſen Brüderſchaften in Rom tragen. „Wer ſind dieſe?“ fragte er mit einer vor Ent⸗ ſetzen faſt tonloſen Stimme. „Die Wache derer, welche auf Sie warten,“ verſetzte der Mönch in demſelben kalten, ruhigen Tone, in welchem er bisher geſprochen hatte. Vergebens verſuchte Cimitelli den Männern in's Geſicht zu blicken; die Kapuzen verhinderten aber, daß mehr wie deren Augen ſichtbar waren. Die Mauern der letzten Halle, in welche er ge⸗ führt wurde, waren in Niſchen eingetheilt, von denen jede den zur Mumie eingeſchrumpften Leichnam eines Mönchs, in ſein Ordensgewand gekleidet, enthielt; einige darunter ſtanden, andere knieten, wie in An⸗ dacht, alle hielten aber ein kleines Kreuz in ihren lnöchernen Fingern und trugen den Strick des hei⸗ ligen Franciscus als Gürtel um die Lenden. Das hier Mitgetheilte iſt kein eingebildetes Ge⸗ mälde, ſondern eine wahrheitsgetreue Beſchreibung der Gewölbe des großen Kapuzinerkloſters auf der Piazza Barberini in Rom. Man zeigt ſie zwar ge⸗ 109 wöhnlich den Fremden nicht; aber wenn man ſich an den Prior wendet, ein Empfehlungsſchreiben be⸗ ſitzt und in die Armenbüchſe ein Geſchenk gibt, ſo erlangt man leicht die Erlaubniß, ſie zu beſuchen.*) Am äußerſten Ende dieſer düſtern Kammer ſtan⸗ den drei Männer, die wie jene erſte Gruppe ver⸗ mummt wären. Als das Licht auf ihre ſchatten⸗ haften Geſtalten ſiel, entdeckte der Mörder den Saum einer Scharlach-Sutane, welche ein paar Zoll unter dem dunkeln Mantel hervorſah, der die ganze Ge⸗ ſtalt einhüllte. Er wußte, daß niemand, außer ein Mitglied des heiligen Collegiums, eine ſolche zu tragen berechtigt war. „Das iſt der Kardinal⸗Staatsſecretär,“ ſprach er zu ſich,—„meine Angſt war kindiſch.“ „Ihr Name?“ ſagte die Hauptperſon. „Aleſſandro Cimitelli, venetianiſcher Edelmann.“ „Und Mitglied der Carbonari?“ fügte der Fra⸗ gende bei. „Ich habe bereits den Irrthum bekannt, zu welchem Jugend, Unerfahrenheit und die Kunſtgriffe ſchlechter Menſchen mich verleitet haben, und komme jetzt, dieſelben Ihrer Gerechtigkeit zu denunciren.“ Es erfolgte eine Pauſe: keine der drei verhüll⸗ ten Geſtalten gab ihm Antwort. „Ich weiß,“ fuhr der Verräther fort,„daß ich auf die Gnade— ich darf wohl noch hinzuſetzen, die Dankbarkeit der Kirche für den Dienſt zählen darf, den ich zu leiſten im Begriff ſtehe. Es exiſtirt * An gewiſſen Tagen ſtehen ſie dem ganzen Publicum offen. D. B. 110 eine weitverzweigte Verſchwörung in den Legationen — die ſelbſt in Rom thätig iſt. Die Bonaparte's ſtehen an der Spitze derſelben.“ „Wie viele der Häupter der Verſchwörung be⸗ finden ſich in Rom?“ fragte dieſelbe ernſte ruhige Stimme. „Drei.“ „Nennen Sie ſie.“ „Der erſte iſt Auſtin, ein Engländer,“ verſetzte der Graf,„er muß der Polizei wohl bekannt ſein: er hat erſt kürzlich den Hof verlaſſen, den er von dem Fürſten Spada gepachtet und ſeine Wohnung in einem Hauſe in der Via Condotti genommen, wo Alfred Belgioſo— auf deſſen Kopf Heſtreich einen Preis geſetzt hat— ſich verborgen hält.“ „Der Zweite?“ „Marini, der Advocat der Rota.“ „Und der Dritte?“ „General Graf Armandi, der den neapolitaniſchen Dienſt verlaſſen hat, um die militäriſche Organiſa⸗ tion der Rebellen zu übernehmen; aber ſelbſt dieſer iſt weniger zu fürchten, als der Engländer Auſtin, der das Leben und die Seele der Verſchwörung iſt. Dürfte ich mir erlauben, einem Manne einen Rath zu ertheilen, der in ſo hohem Grade die Befähigung beſitzt, Andern zu rathen, ſo möchte ich ſagen, daß dem Verräther keine Gnade zu Theil werden ſollte.“ „Demſelben ſoll auch keine Gnade zu Theil wer⸗ den,“ rief der vermeintliche Kardinal, indem er die Kapuze zurückſchlug und das bleiche finſtere Geſicht Auſtin's zeigte. Seine Gefährten folgten ſeinem Beiſpiel und 111 zeigten dem entſetzten Venetianer die Geſichter Ma⸗ rini's und des Generals. „Gnade,“ rief der Elende,„Gnade, Gnade!“ „Gnade!“ wiederholte Auſtin;„ja Dir ſoll ſo viele Gnade zu Theil werden, als Du denjenigen hätteſt angedeihen laſſen, welche, getäuſcht durch Deine Falſchheit und Deinen ſcheinbaren Patriotismus, Dir glaubten und vertrauten, die Dich in die edle Brüderſchaft aufnahmen und mit Dir die glorreiche Aufgabe getheilt haben würden, ihr ſeit ſo langer Zeit ſchon duldendes Vaterland zu befreien, die Ketten abzuſtreifen, welche Europa ſeinen Söhnen auferlegt hat. „Haſt Du den Eid vergeſſen, der Dich mit den Eingeweihten verbunden hat?“ fragte er feierlich. Der Venetianer, im Bewußtſein, daß ſein Loos entſchieden ſei, beſchloß wenigſtens nicht ungerächt zu ſterben. Er kannte Rom zu genau, als daß er unbewaff⸗ net deſſen Straßen und Plätze bei Nacht durchwan⸗ dert hätte. Beide Hände in die Bruſttaſchen ſeines Rockes ſteckend, verſuchte er ein paar Piſtolen her⸗ auszuziehen. Dieſe Handlung war das Signal für diejenigen Mitglieder der Carbonari, die wie Schatten in die Halle geſchlichen waren und in einem Haufen hinter ihm ſtanden, um ſich ſeiner Perſon zu ver⸗ ſichern, was aber erſt nach einem verzweiflungsvollen Widerſtande gelang. Endlich ſtand er geknebelt und gebunden vor den Häuptern des Ordens. Es herrſchte eine athemloſe Stille: Alle warteten auf den Ausſpruch der Sentenz. „Aleſſandro Cimitelli, Sie ſind durch Ihr eige⸗ 112 nes Geſtändniß überwieſen. Falſch gegen Ihren Gott, Ihre Brüder und Ihr Vaterland, hören Sie Ihr Urtheil.“ Die Stille war ſo groß, daß kein Athemzug hör⸗ bar war, als die tiefe ſenore Stimme Auſtin's fort⸗ fuhr:* „Sie zählen zu den Todten! aus dieſem Orte kommen Sie nicht mehr fort. Doch wollen diejenigen, welche Sie dem Strick und dem Beil überantworten wollten, Ihnen ſo viele Gnade zeigen, daß ſie nicht die Seele mit dem Körper verderben. Dreimal wird der Diener der Religion Sie beſuchen; wenn er Sie das drittemal verlaſſen hat, wird die Thüre des Gewölbes ſich nicht eher öffnen, bis Sie vor dem Richterſtuhle Deſſen ſtehen, der in den Herzen aller Menſchen liest.“ Ein Seufzer der Todesangſt entſchlüpfte den Lippen des Verräthers; es war dieß die letzte Be⸗ rufung, die an ſeine Richter zu machen ihm geſtattet war, da dieſe den Knebel ihm noch feſter in den Mund preßten, während ſie ihn nach einer der leeren Vertiefungen ſchleppten, wo ihm eiſerne Bande um Nacken, Fuß und Leib gelegt wurden; ſodann wurde ihm ein Gewand, wie es todte Kapuziner tragen, angezogen und die Kapuze mit den Augenlöchern über das Geſicht gezogen. In dieſer Stellung ſtand er feſtgehalten wie eine Mumie in ihrer Niſche, unfähig einen Ton hervor⸗ bringen oder Hand und Fuß rühren zu können, während er doch Alles ſah, was vor ihm ſich ereig⸗ nete. Während dieſes gräßlichen Auftritts ſprach Poater Iſidor fortwährend Sterbegebete. 113 „Laßt den Gefangenen die Geſichter derer ſehen. die er an's Meſſer zu kiefern beabſichtigte,“ rief der General, der bis jetzt noch nichts geſprochen hatte. Auf dieſen Befehl demaskirten ſich alle Anweſende, und der Verräther ſah die Augen nicht nur der edel⸗ ſten Jünglinge Roms, ſondern auch ſeiner ausge⸗ zeichnetſten Bürger, Künſtler, Dichter und Maler mit Abſcheu und Verachtung auf ſich gerichtet, während er— der Meineidige, Entlarvte und Verurtheilte— gefeſſelt in ſeinem lebendigen Grabe ſtand, unfähig ein einziges Wort oder einen Schrei laut werden laſſen zu können,— der ſtumme Zeuge ihrer Ver⸗ achtung. Jetzt ließ ſich dentlich dreimaliges Klopfen an der Thüre vernehmen, welche mit der äußern Halle in Verbindung ſtand. Beim erſten Klopfen zog jeder der Eingeweihten wie auf ein gegebenes Zeichen die Kapuze ſeines Gewandes über das Geſicht. Beim zweiten bil⸗ deten ſie einen Halbkreis zur Deckung ihrer Führer, welche ihre Stellung im Mittelpunkt des Gewölbes beibehielten. Bei dem dritten brach Auſtin das Stillſchweigen, welches in dem Gewölbe hertſchte. „Ein Zeichen, daß Candidaten da ſind, welche in den Orden aufgenommen zu werden wünſchen,“ ſprach er.„Seid Ihr damit einverſtanden, doß ſie eingelaſſen werden?“ Rein Wort wurde geſprochen, indem ſich nur die Köpfe zum Zeichen der Zuſtimmung neigten. 8 Die Thüre wurde geöffnet und Oliver und deſſen Freunde kamen hereingeſchritten, bis ſie ſich wenige Schritte der vermummten Gruppe gegenüber befanden. Smith, Milly Moyne. IIl. 8 114 Beim Anblick Philipps, den er todt glaubte, ge⸗ wann die Qual der Eiferſucht und des Haſſes, welche an dem Herzen des Venetianers nagten, über ſein Entſetzen die Oberhand. Gleich den meiſten Sklaven ihrer Leidenſchaften, fand auch er, daß er nutzlos geſündigt habe. Es wäre für ihn eine wahre Erleichterung ge⸗ weſen, wenn er ihn hätte verfluchen können, aber ſelbſt dieſes armſelige Vorrecht war ihm verſagt. „Was ſucht ihr?“ fragte Ernſt's Vater. „Die Geheimniſſe der Carbonari,“ erwiderten die jungen Engländer zu gleicher Zeit. „Es iſt dieß ein edles Streben,“ verſetzte das Oberhaupt,„aber nicht ohne Gefahr. Die verſchwo⸗ renen Befreier Italiens beſtrafen diejenigen mit Tod, welche ihren Eid brechen oder zu brechen ſuchen.“ „Das ſchreckt uns nicht ab,“ bemerkten die Can⸗ didaten. „Keiner, namentlich kein Ausländer kann in unſern Orden aufgenommen werden, wenn nicht ein Eingeweihter für ihn Bürgſchaft leiſtet,“ fuhr der Vermummte fort.„Nennt uns Euere Bürgen.“ „Das kann ich nicht,“ ſagte Philipp,„aber ich will ihn auffordern, dieß zu thun.“ „Sind Sie mit ihm bekannt?“ „Ich glaube ſo.“ „Hat er verſprochen für Sie einzuſtehen?“ „Nein.“ „Was haben Sie dann für einen vernünftigen Grund, dieß von ihm zu erwarten?“ „Das Wort eines Mannes, der mich nicht täu⸗ ſchen wird,“ verſetzte Bianca's Liebhaber. 11⁵ Einer aus der Gruppe trat jetzt aus der Reihe ſeiner Gefährten heraus, ſchlug die Kapuze zurück und das Antlitz Alfred Belgioſo's wurde ſichtbar. „Ich ſtehe für ihn,“ rief der Verbannte. Auf dieſe Erklärung erfolgte der allgemeine Ausruf:„Das genügt.“ „Vermögen Sie dem Beiſpiele Ihres Freundes zu folgen,“ fragte das Oberhaupt der merkwürdigen Verſammlung an unſern Helden ſich wendend. „Nein.“ „Warum nicht?“ „Weil mein Freund ſchmählich ermordet worben iſt,“ rief Oliver im Tone tiefer Bewegung;„weil er von erkauften Mördern in der Fülle der Geſund⸗ heit niedergeſtochen worden iſt— er der Stolz des Genius und jeder männlichen Tugend. Ich kenne den Namen derer nicht, die mich here, weiß nicht wer ſie ſind, aber ſo viel kann ich ſagen: in dieſer Verſammlung ſchlägt kein reineres Herz als deſſen, der, wenn er am Leben geblieben wäre, für mich gut geſtanden hätte.“ „Wie heißt er?“ „Ernſt Auſtin.“ Es entſtand eine allgemeine Bewegung des Er⸗ ſtaunens unter den Carbonari, indem keiner derſelben mit Ausnahme des troſtloſen Vaters etwas von dem Tode des jungen Malers wußte. „Wer unter den Eingeweihten will die Stelle des Bürgen des Candidaten um Zulaſſung in den Hrden übernehmen, nachdem derſelbe den ſeinigen verloren hat?“ fragte das Oberhaupt. 116 „Alle, Alle!“ ertönte es einſtimmig aus dem Kreiſe umher. Auf dieſe Antwort— den Tribut des ehren⸗ vollen Andenkens an ſeinen Sohn— wurde das Herz des Vaters ſo weich, daß er den Kopf auf die Bruſt ſinken ließ und bittere Thränen vergoß. „Der Todte bürgt für Sie,“ murmelte er,„durch die Stimme der Lebenden. Das genügt.“ Pater Iſidor trat vor, um den Eid abzunehmen, welchen, obgleich der Orden der Carbonari jetzt unahezu oder ganz zu exiſtiren aufgehört hat, wir zu wiederholen uns nicht für berechtigt halten. „Noch etwas,“ rief unſer Held,„in meinem und meines Freundes Namen.“ „Sprechen Sie.“ „Haben wir irgend eine Verbindlichkeit einzu⸗ gehen, welche ſich mit unſerer Nationalität als Eng⸗ länder nicht verträgt?“ „Durchaus nichts,“ verſetzten die drei Anführer. „Wohlan, dann ſind wir bereit, den Eid zu leiſten.“ Sobald die Ceromonie zu Ende war, welche wir aus einleuchtenden Gründen nicht näher beſchreiben können, wurden die Geſichter ſämmtlicher Anweſenden enthüllt und die Neueingeweihten von den Mitglie⸗ dern beglückwünſcht. Alfred Belgioſe war der erſte, der ſeinen Freun⸗ den die Hände drückte. „Sie werden jetzt manches verſtehen,“ ſagte Mr. Auſtin,„was Ihnen in Mailand auffallend und unerklärlich erſchienen ſein mag; namentlich meine Einmiſchung in das beabſichtigte Duell— den Ein⸗ fluß, den ich auf Cimitelli ausübte.“ 6 „Ich wünſchte, Sie hätten der Sache ihren Lauf helnſſe⸗ bemerkte Philipp bitter,„denn ich vermuthe aß Er zögerte. Seine ehrenvolle Denkweiſe ge⸗ ſtattete ihm nicht, ſeinen Nebenbuhler in deſſen Ab⸗ weſenheit anzuklagen— gerade deßhalb weil er ſein Nebenbuhler war. „Was vermuthen Sie?“ fragte der beraubte Vater—„Ernſt, mein Sohn, doch nein— er kam nie in Berührung mit dem Schurken: ihre Pfade waren ſo verſchieden, wie die des Laſters und der Tugend.“ „Ich habe keinen Grund, die tiefe Ueberzeugung geheim zu halten, die mir nicht aus dem Sinn kommt,“ ſagte Oliver.„Der Stoß galt nicht Ernſt, ſondern meinem Freunde, der dem Grafen in einem Punkte in den Weg kam, wobei deſſen Intereſſe und Leidenſchaften im Spiele waren.“ Ein unerwartetes Licht ging dem unglücklichen Vater auf. Mit einem Schrei des Entſetzens deutete er auf die Niſche, in welcher der Venetianer ange⸗ kettet war. „Laßt ihn los!“ rief er mit heißerer Stimme,„laßt mich dem Mörder meines Sohnes in's Geſicht ſehen.“ General Armandi und die einflußreichſten Mit⸗ glieder des Ordens drängten ſich um ihn und ſtellten ihm vor, daß er die Beſtrafung eines bereits wegen Verraths am Orden zu ſchauderhaftem Tode Verur⸗ theilten nicht noch verſchärfen könne. „Es wäre dieß Hohn, nicht Gerechtigkeit,“ be⸗ merkten ſie. „Es iſt wahr,“ murmelte der Anführer,„ſehr 118 wahr. Es war dieß die Schwäche des Vaters, nicht des Menſchen. Verzeiht mir, Freunde, verzeiht mir.“ Alles was Oliver und Philipp von dem Vor⸗ gange begriffen, war, daß Eimitelli anweſend ſei. Das Entſetzen wurde ihnen erſpart, Zeuge ſeines Schickſals zu ſein, welches, wie ſchwer er es auch verdient hatte, doch ihre Begriffe von Menſchlichkeit empört hätte. „Kommt mit mir in mein Haus— mein jetzt verwaistes Haus,“ ſagte Mr. Auſtin, an die beiden Freunde ſich wendend;„der Familienſchmerz muß der Pflicht weichen. Ich will euch eure Inſtructionen mittheilen. Ihr ſeid in der Lage, der Sache der italieniſchen Freiheit durch Empfang und Beſorgung gewiſſer Correſpondenzen materiellen Beiſtand zu leiſten.“ Die jungen Männer verſicherten ihn, daß die Sache, der ſie ſich ſo eben geweiht, ganz über ihre Dienſte verfügen könne, ſo weit ſie mit der Ehre verträglich ſeien, vorausgeſetzt, daß ihnen dadurch nichts in den Weg gelegt werde, ihnen unmög⸗ lich mache, Ernſt's Mord zu rächen „So weit menſchliche Gerechtigkeit ein Verbrechen zu beſtrafen vermag,“ ſagte Mr. Auſtin feierlich, „iſt er bereits gerächt. Ihr werdet den Urheber des Lodes meines armen Sohnes nie mehr begegnen. Was die elenden Werkzeuge betrifft, die er hiezu verwen⸗ dete, ſo überlaßt dieſe mir— ſie ſtehen unter Eurer Rache, und ich habe ſichere Mittel an der Hand, ſie zu erreichen.“ In Gruppen von zwei und drei verließen die Mitglieder der Carbonari die Gewölbe des Kapu⸗ 119 zinerkloſters; einige darunter gingen in die Kirche, um der Frühmeſſe beizuwohnen, andere begaben ſich ſogleich nach Hauſe. Unter den letztern waren Mr. Auſtin und die neu aufgenommenen Mitglieder des Ordens. Sollte einer unſerer Leſer die merkwürdigen Gewölbe unter dem Kapuzinerkloſter auf der Piazza Barberini beſuchen, ſo wird er in der letzten Halle oder Kammer eine gewölbte Vertiefung entdecken, in welchem ſich ein Skelett, eingehüllt in ein Ge⸗ wand mit Kapuze befindet, das in ſeiner Form von denen der hier beerdigten oder vielmehr aufbe⸗ wahrten Mönche abweicht. Er kann nicht fehlen, dieſe ganz beſondere Ver⸗ tiefung, von der wir ſprechen, durch folgende In⸗ ſchrift zu erkennen: SENA NOME (Ohne Namen) Wenn er dieſe ſchwache Erinnerung an die Menſch⸗ heit betrachtet, ſo mag er des Schickſals Aleſſandro Cimitelli's gedenken. Obgleich der ältere Auſtin ſchon ſeit lange Gegen⸗ ſtund des Verdachts der römiſchen Regierung war, ſo war doch der Mord ſeines Sohnes ein Verbrechen, welches man aus Schicklichkeits⸗— und wir dürfen wohl hinzufügen Gerechtigkeitsgefühl nicht hingehen laſſen durfte, ohne wenigſtens einige Verſuche an⸗ zuſtellen, ſeine Mörder ausfindig zu machen. Es erging daher von dem Gouverneur von Rom an die Polizei der Befehl, auf die Thäter zu fahn⸗ den, um ſie beſtrafen zu könnén; da aber keine Be⸗ 120 lohnung dafür ausgeſetzt wurde, ſo blieb derſelbe ein todter Buchſtabe. Die ſchlecht bezahlten Sbirren der Gerechtigkeit zogen es vor, ſich lieber von den Schuldigen beſtechen zu laſſen, als ſich Mühe zu machen oder gar Gefahr zu laufen, wenn ſie dieſel⸗ ben verhafteten. Oliver und Philipp waren unermüdlich in ihren Nochforſchungen. Mehrmals glaubten ſie auf der Spur zu ſein; aber wenn ſie eben hofften, Hand an die Banditen legen zu können, fanden ſie ſich durch die ſtarke Sympathie gehemmt, welche Criminalver⸗ brecher jeden Standes bei den untern Claſſen in Rom finden. Leute, welche für die Bitten ehrbarer Armuth nur ein taubes Ohr hätten, halten es für eine Ehrenſache, einem Mörder Beiſtand zu leiſten. Major Henderſon, der den Unwillen und den Schmerz ſeiner Zöglinge theilte, fiel endlich der Advocat in der Ripetta ein, der ihm verſprochen hatte, den Aufenthaltsort des Sir Cuthbert Va⸗ vaſſour ausſindig zu machen. Sein Vertrauen in Signore Luigi, das aus den beſondern Umſtänden aus Veranlaſſung ſeiner Unterredung mit ihm und ſeiner merkwürdigen Kenntniß von des Baronets Wappen entſprang, war unerſchüttert und ſo gab er den jungen Männern deſſen Adreſſe. „Es wird gut ſein, wenn ihr Peter Marl mit⸗ nehmt,“ ſprach er,„denn die Nachbarſchaft iſt ge⸗ fährlich.“ Der Rath wurde befolgt und die jungen Männer machten ſich in Begleitung des alten Soldaten nach der Ripetta auf den Weg. Das Erſcheinen von drei wohlbewaffneten Män⸗ 121 nern machte den Advocaten etwas ſtutzig, der mit ihnen durch die Gitteröffnung der feſtverſchloſſenen Thüre unterhandelte und erſt, nachdem er ſich feſt überzeugt hatte, daß ſeine Beſucher Engländer ſeien, denſelben Eintritt geſtattete. Oliver gab den Grund ihres Beſuches an. „Sie erwecken ſich dadurch eine ganze Legion Feinde,“ bemerkte der alte Mann,„jeder Verwandte der Mörder würde, wenn es Ihnen gelingen ſollte, dieſelben der Gerechtigkeit zu überliefern, es für eine Ehrenſache anſehen, ſie zu rächen.“ „Wir ſind darauf gefaßt,“ lautete die Antwort, „und gerne zahlen wir eine ſchöne Summe für die Nachricht, die ſie uns mitzutheilen im Stande ſind.“ „Das kann ich wohl thun,“ antwortete der Ad⸗ vocat.„Aber abgeſehen von dem Widerwillen, die Leute zu verrathen— ſie waren einſt meine Clienten, — leitet mich die Furcht vor der Ihnen drohenden Gefahr. Es iſt beſſer, wenn Sie ſich durch Erfah⸗ rung rathen laſſen,“ fügte er bei. Die wohlgefüllte Börſe, welcher unſer Held her⸗ vorzog, beſchwichtigte ſogleich die Serupel und den Eigennutz des alten Mannes, dem die Sicherheit der jungen Engländer ſo ſehr am Herzen zu liegen ſchien. „Wohlan,“ ſprach er, ſein Honorar einſteckend, das ſehr ſchwer war,„die Mörder des Ernſt Auſtin ſind im Hoſpital von, San Spirito verborgen.“ Ein Ausruf der Ungläubigkeit entſchlüpfte den Lippen ſeiner beiden Beſucher. „Sie glauben es nicht. Nichts iſt aber wahrer: Fragen Sie diejenigen, welche Sie in meine Woh⸗ nung wieſen,— fragen Sie alle diejenigen, die mich . 122 in Rom kennen— jeder derſelben wird Ihnen ſagen, daß das Wort des Signore Luigi, das er bei einer Behauptung verpfändet, dieſelbe unbeſtreitbar macht.“ „Der Hoſpital gehört ja aber der Regierung.“ „Allerdings!“ „Und die Regierung hat Befehl ertheilt, die Mörder zu verhaften.“ „Allerdings!“ wiederholte der alte Mann. „Sehen Sie alſo nicht ein, wie unmöglich dieß iſt?“ „Ich halte mich nur an die Thatſache,“ unter⸗ brach ihn der Advocat,„und kümmere mich nicht um den ſcheinbaren Widerſpruch.“ So merkwürdig auch die Sache erſcheinen mag, ſo ſteht der Fall, daß ein Verbrecher im großen Hoſpital von Rom ſich verbirgt, nicht vereinzelt da. Im Johr 1836 fand Rocco, welcher ein Attentat auf das Leben der Lady Conventry gemacht hatte, mehrere Tage Schutz daſelbſt, und wurde erſt auf einen von Gregor XVI. unterzeichneten Befehl daraus entfernt. „Wir wollen ſogleich ihre Auslieferung verlan⸗ gen,“ riefen die jungen Männer. Signore Luigi lächelte. „Zu was würden Sie uns denn rathen?“ „Obgleich ich mich ſchon ſeit langer Zeit von der Ausübung meiner Praris zurückgezogen habe, ſo er⸗ theile ich dennoch keinen Rath,“ antwortete der Ad⸗ vocat. Die jungen Männer verſtanden den Wink und Hlivers Börſe wurde ganz ausgeleert. „Thun Sie nichts,“ ſagte der alte Mann;„ſtel⸗ len Sie alle weitern Nachfragen ein, die Banditen werden bald ihren Aufenthaltsort ſatt bekommen. 123 Sobald ſie denſelben verlaſſen, werde ich Ihnen Nachricht ertheilen; wenn Sie jetzt deren Verhaftung verlangen würden, ſo wären ſo viele Förmlichkeiten zuvor zu erfüllen, daß dieſelben hinlänglich Zeit fän⸗ den zu entwiſchen.“ „Signore Luigi hat Recht, vollkommen Recht,“ ſagte Mr. Auſtin, als die beiden Freunde ihm ihre Unterredung mit dem Advocaten mittheilten und deſſen Rath wiederholten.„Wir müſſen zuwarten.“ Etwa zehn Tage nachher drückte ein zerlumpter Knabe unſerem Helden ein Stück Papier in die Hand, auf welches folgende Worte mit verſtellter Schrift geſchrieben waren:„Gaſparo und Baptiſta Bene⸗ vento werden ſich nächſten Donnerſtag bei dem Feſte in ihrem Geburtsort Boletro einfinden.“ „Genug!“ rief der beraubte Vater,„wir werden dort ſein und ſie treffen.“ Noch nie hatte ſich eine größere Anzahl Künſtler und Kunſtjünger bei dem Feſt von Boletro— ein weitläufig gebauter Weiler am Fuße des Albaner⸗ gebirgs eingefunden, als an dem Tage, an welchem Hliver und Philipp, begleitet von Carlo und einer Menge Freunde des ermordeten Ernſt, zum eſuch dahin ſich auf den Weg machten. Wäre ihr Zweck weniger ernſthafter Natur geweſen, ſo wären die jungen Reiſenden von dem maleriſchen Koſtüm der Bauern und der Schönheit der Frauen von Ti⸗ voli, welche noch heut zu Tage die königliche Grazie beſitzen, welche Dichter geprieſen und Maler ver⸗ herrlicht haben, ganz entzückt geweſen. Alles ſchien voll Leben und Freude zu ſein. Greiſe, Männer, Jünglinge und Kinder erfreuten 124 und unterhielten ſich mit ländlichen Spielen, die nur hie und da durch das Erſcheinen eines einſam wan⸗ dernden Mönchs unterbrochen wurden, der, mit ſeiner Büchſe raſſelnd, um Almoſen für ſein Kloſter zu ſammeln, durch die Menge ſchlich. Trotz ſeiner Trauer fühlte der arme Carlo ſich mehrmals verſucht, ſeinen Bleiſtift hervorzuziehen und Skizzen zu zeichnen. Der größere Theil des Tages war verfloſſen, ohne daß die Mörder erſchienen wären, und die⸗ beiden Freunde fingen an, ungeduldig zu werden. „Signore Luigi hat uns getäuſcht,“ flüſterte Hliver. „Warten Sie,“ verſetzte Mr. Auſtin;„Sie ſehen, wie geduldig ich geworden bin.“ Es lag etwas Entſetzliches in dem ruhigen Tone, in welchem er dieß ſprach. Offenbar war ſein Ver⸗ trauen in die Nachricht, welche der alte Advocat hatte zukommen laſſen, unerſchüttert. Der Erfolg bewies, daß er Recht hatte. Gegen Abend bildete ſich vor dem Glockenthurm eine Gruppe Tänzer; allmählig ſammelte ſich ein Freis von Künſtlern und Zöglingen um dieſelben, der immer dichter wurde, ſo daß Weiber und Kin⸗ der ſich gänzlich ausgeſchloſſen ſahen, und blitzende Augen waren auf zwei Landleute gerichtet, welche buntfarbige Bänder auf ihren Hüten trugen. Es waren dieß Ernſt's Mörder. Endlich hörte die Muſik auf. „Platz gemacht, Signore!“ ſagte einer der Män⸗ ner, an Mr. Auſtin ſich wendend. Angenblicklich packte eine eiſerne Fauſt den Land⸗ ——— 125⁵ mann im Genick und ein langes Meſſer, das ihm aus dem buntfarbigen Gürtelbunde geriſſen wurde, ziſchte in der Luft; zu gleicher Zeit packten Carlo und Oliver ſeinen Kameraden. Es folgte jetzt ein anhaltendes Geſchrei von Sei⸗ ten der Weiber und ein lautes Rufen um Beiſtand. „Es iſt vergebens,“ rief der beraubte Vater mit ſo lauter Stimme, daß der ganze Haufen ihn hören konnte;„ſie ſind die Mörder meines Sohnes!“ Die Landleute, von denen die meiſten Nachbarn, Freunde oder Verwandte der Angeklagten waren, machten einen verzweiflungsvollen Verſuch, dieſelben zu befreien; zu ihrem Erſtaunen aber wurden wenig⸗ ſtens hunderte von Klingen von den Mitgliedern der Carbonari gegen ſie gezückt, welche Rom verlaſſen hatten, um den Tod des jungen Malers zu rächen. „Ihr habt kein Recht, ſie zu verhaften,“ ſagte der Podeſta(Schultheiß) des Dorfes.„Wenn ſie ein Verbrechen begangen haben, ſo bin ich die zu⸗ ſtändige Behörde. Uebergebt ſie meiner Obhut; ich will für dieſelben haften.“ „Ja, ja,“ riefen die Männer,„ſo gehört es ſich, übergebt ſie der Obhut des Podeſta!“ Auf's Neue ſuchten die Landleute die Mörder zu befreien, und einige Minuten lang waren Zög⸗ linge, Künſtler und Gefangene in buntem Gemenge unter einander. Der Auftritt dauerte aber nicht lange; ein gellender Schrei der Wuth und des Ent⸗ ſetzens ertönte aus dem Haufen, der eben ſo ſchnell zurückwich, als er vorgedrungen war. Gaſparo und ſein Kamerad lagen todt mitten unter ihnen; Gerechtigkeit war an ihnen geübt wor⸗ 126 den. Die Hände Auſtin's und Carlo's hatten Ernſt's Mörder niedergeſtreckt. „ Einundvierzigſtes Kapitel. Die römiſchen Frauen waren zu den Zeiten des Horaz ihrer Schönheit wegen berühmt, und wir können mit Zuverſicht behaupten, daß bis auf den heutigen Tag deren Abkömmlinge ihnen keine Schande machen. ögen auch Philofophen, Cyniker und, was noch ſchlimmer iſt als beide, alte Junggeſellen ſich anſtellen, als legten ſie keinen Werth darauf, ſo bleibt doch Schönheit immer ein herrliches Erbe — ein Werkzeug zum Guten und Böſen—, eine Maske oder ein Spiegel, je nachdem die Beſitzerin Gebrauch davon macht. Wir ſind im Begriff, unſere Leſer mit einer Perſon bekannt zu machen, welche zu der Zeit des Beſuchs unſeres Helden in Italien eine nicht benei⸗ denswerthe Berühmtheit erlangt hatte wegen der ver⸗ kehrten Anwendung, die ſie von den außerordentlichen Geſchenken machte, womit die Natur ſie begabt hatte, indem ſie ſie zu den ſchlechteſten Zwecken benützte, und welche als treuloſe Gattin vor die Rota— — dem höchſten Gerichtshof von Rom— zu ſtehen kam, um ſich wegen Verbergens der Geburt ihres Sohnes und Bemächtigens ſeiner Erbſchaft zu recht⸗ ie Fürſtin Cäſarini iſt kein Phantaſiegebilde —— 127 es ſind im Gegentheil erſt wenige Jahre verfloſſen, ſeitdem das Grab ſich über ihr geſchloſſen hat, und das Andenken an ihre Verbrechen lebt noch friſch in den Kreiſen des römiſchen Adels, der ihren Namen nur flüſternd nennt, wenn irgend ein neugieriger Reiſender nach der Urſache der tiefen Trauer fragt, welche auf dem Geſichte ihres Sohnes, des jetzigen Fürſten und Erb⸗Groß⸗Gonfaloniere von Rom, ein⸗ gegraben iſt. In einem gegen den Hof liegenden Zimmer die⸗ ſes düſtern, alten, von den kriegeriſchen Baronen des Mittelalters erbauten Palaſtes ſaß die Fürſtin. Obgleich ſie ſchon vierzig Jahre zurückgelegt hatte, ſo hatte doch die Zeit— als wenn ſie ſolche Voll⸗ kommenheit nicht zu berühren wagte— die Hand ſehr ſchonend an ſie gelegt. Sie war noch immer ſchön— außerordentlich ſchön; niemals wohl wurde Juno vom Maler oder durch den kühnen Meiſel des Bildhauers in ſtattlicherer Geſtalt dargeſtellt; die Büſte war tadellos und das Geſicht der Art, wie es die Phantaſie einer Cornelia oder Cato's Gattin verliehen haben würde— oval, zart geſchnitten und von jener durchſichtigen Bläſſe, welche der weiblichen römiſchen Ariſtocratie ſo eigenthümlich iſt. Sie trug ein loſe umgeworfenes, einfaches ſchwarzes Sammt⸗ kleid mit Seidebeſatz, ohne Geſchmeide oder irgend einen Schmuck, und ſchien gänzlich in den Inhalt eines Briefes vertieft zu ſein⸗ Bereits hatte ſie ihn zum drittenmal durchleſen. „Endlich, murmelte ſie mit einem Seußzer, „finde ich meinen Weg aus dem verwirrten Irrgange von Schwierigkeiten und Gefahr heraus. Die Furcht, 128 welche ſeit Jahren mich quälte, ſchrumpft zu einem Schatten zuſammen,— bald wird alles verſchwin⸗ den und nichts meine Träume mehr quälen. Seine Tollkühnheit hat ihn zu Grunde gerichtet. Aber ich muß iie handeln und zwar ſogleich. Juan! uan!“ Ein gräuköpfiger Diener erſchien auf dieſen Ruf im Vorzimmer. „Iſt nach Signore Luigi geſchickt worden 2. fragte ſie. „Der Bote der Fürſtin iſt noch nicht zurückge⸗ kehrt,“ ſagte der alte Mann reſpektsvoll. Pie Dame erwiderte dieſe Antwort nur mit einer leichten ungeduldigen Geberde. „Mariani aber wartet,“ fügte der alte Mann bei. „Laſſen Sie ihn ein.“ Juan verließ das Zimmer, zur Ausführung des erhaltenen Befehls, mit einer ſo augenſcheinlich zö⸗ gernden Miene, daß ſeine Herrin es bemerkte. Ma⸗ riani war der Chef der Polizei und nächſt dem Gou⸗ verneur der ewigen Stadt die gewaltigſte Perſon der Civilregierung. Nicht leicht war ein Beamter wegen ſeiner Grauſamkeit und gewiſſenloſen Käuf⸗ lichteit verhaßter als er. Es gab kaum irgend ein Verbrechen, welches unter ſeiner Verwaltung nicht durch Gold ſich Strafloſigkeit erkaufen konnte. Des Geiers Witterung des Aaſes war nicht ſchärfer als die ſeinige, wenn es ſich um Gold handelte, und ſo war er auch eiligſt nach dem Palaſte Cäſarini ge⸗ kommen, denn die Beſitzerin deſſelben war unermeß⸗ lich reich und bedurfte, wie er vermuthete, ſeiner Dienſte. 129 Es lag etwas Schleichendes und Katzenartiges ſowohl in dem Schritt, mit welchem er in das Ge⸗ mach trat, als ein Streben nach Demuth in ſeiner Verbeugung gegen deſſen Bewohnerin. „Der Podeſta von Boletro hat mir mitgetheilt, daß auf meinem Lehensgut bei Albano ein Doppel⸗ mord begangen worden iſt,“ ſagte die Fürſtin. „Haben Sie etwas von der Sache gehört?“ „Die Polizei hört alles, was in der Stadt und deren Nachbarſchaft vorgeht,“ erwiderte ihr Beſucher. „Die Männer waren die zwei Mörder, welche vor einigen Nächten den jungen Engländer im Coloſſeum niedergeſtochen haben. Sie hatten ſich auf das Feſt gewagt und von deſſen Freunden ihr Schickſal er⸗ litten. Die Behörden ſind dieſen dafür ſehr ver⸗ bunden,— ſie haben der Regierung eine Mühe er⸗ ſpart.“ „Und haben Sie die Abſicht, Notiz von den Thätern zu nehmen?“ „Durchaus nicht,“ verſetzte der Chef der Polizei. „Außer es wäre denn,“ ſetzte er mit eigenthüm⸗ licher Betonung hinzu,„daß Umſtände, welche ich für jetzt noch nicht vorherſehen kann, der Sache eine gewiſſe Wichtigkeit verleihen ſollten.“ „Für mich iſt ſie von Wichtigkeit,“ bemerkte die Dame ernſt. Ihr Beſucher verbeugte ſich. „Das Verbrechen iſt auf meinem Grund und Boden begangen worden,“ fuhr die ſchöne Dame fort;„die Bewohner deſſelben, die ſich dadurch auf's Tiefſte verletzt ſehen, erwarten natürlicher Weiſe durch mich Genugthuung.“ Smith, Miuy Moyne. 1. 9 130⁰ „Eure Durchlaucht beſitzen das Recht der hohen und niedern Juſtiz auf Ihrem Grundlehen,“ ant⸗ wortete ihr Beſucher,„und haben folglich nur Ihren Vogt zu benachrichtigen.“ „Sie ſpotten über mich,“ unterbrach ihn die Fürſtin haſtig:„das Recht— das feudale Recht— iſt allerdings verblieben, aber die Macht, es aus⸗ zuüben, iſt unterdrückt. Der verſtorbene Pontifer nahm den römiſchen Fürſten, wie Sie wohl wiſſen, den letzten Ueberreſt ihrer Autorität; was er ihnen ließ, iſt nichts weiter als ein Schatten. Caro Signore Mariani,“ ſetzte ſie mit herablaſſendem Lächeln hinzu, „Sie müſſen wahrhaftig dießmal die Juſtiz üben.“ Der Beamte vermochte kaum die Befriedigung zu unterdrücken, die er bei dem Ausdrucke„caro“ fühlte. Im Munde der Fürſtin, deren Stolz ſprich⸗ wörtlich war, ſchlug er es mindeſtens auf tauſend Scudi an. „Leider! Madame, ſind die Schuldigen Eng⸗ länder.“ „Nicht alle,“ ſagte Ihre Durchlaucht. „Allerdings, einer war ein Jüngling— bei den Schülern und Künſtlern unter dem Namen Carlo be⸗ kannt—, ein armer Teufel ohne Vermögen und Gönner. Es iſt ein wahres Wunder, wie er ſein Leben zu friſten im Stande iſt.“ „Verhaften Sie ihn, ſchleppen Sie ihn vor Ge⸗ richt, verbannen Sie ihn aus Rom und ich bin zu⸗ frieden geſtellt!“ rief die ſtolze Schöne. „Wenn er vor Gericht geſtellt und ſchuldig er⸗ funden werden ſollte, ſo wäre ſeine Beſtrafung der Tod,“ bemerkte der Chef der Polizei, ſie feſt irirend. 131 „Sei es darum,“ antwortete die Fürſtin Cäſarini nach einer Pauſe, während welcher ſie gegen eine mächtige innere Bewegung zu kämpfen ſchien;„Jeder muß ſeine Verbrechen verantworten.“ „Es würde mich nichts glücklicher machen, als Ihrer Durchlaucht dienen zu können,“ verſetzte ihr Beſucher,„aber die Regierung hat die Hände voll zu thun. Die Sache iſt unmöglich— oder faſt nahezu unmöglich.“ „Signore Märiani,“ ſprach die Dame aufſtehend, werſtändigen wir uns miteinander. Es gibt wenige Dinge, die in Rom denjenigen unmöglich ſind, welche Energie und die Mittel, dieſen zu Hilfe zu kommen, beſitzen. Es iſt eine Ehrenſache für mich, daß dieſe Gewaltthat, die auf dem Boden meines Lehens begangen worden iſt, nicht unbeſtraft bleibe. Wie hoch ſchätzen Sie den Preis für den. Dienſt, den ich verlange?“ Dem Beamten war dieſe Frage unangenehm. Er war gewohnt, beſtochen zu werden— es kam dieß ſogar täglich vor—, aber daß er ſelbſt einen Vorſchlag machen ſollte, das war ihm doch zu viel. In keiner Stadt der Welt wird der äußere Anſtand ſo ſtreng beobachtet als in Rom. „Ach, Madame!“ ſtöhnte er. „Kleiden Sie Ihre Meinung, in welche Form Sie wollen,“ fuhr die Fürſtin fort,„nur antworten Sie mir.“ „Es würde dieß großen Takt erfordern, indem mehrere Engländer, wie ich bereits bemerkte, in die Sache verwickelt ſind. Ueberdieß waren die Männer, welche erſchlagen wurden, Mörder, die ſich ihrer Verhaftung widerſetzten.“ „Wozu aber diejenigen, welche ſie tödteten, nicht berechtigt waren,“ unterbrach ihn die Fürſtin aber⸗ mals ungeduldig. „Allerdings— ich willige ein für tauſend Seudi, tt weil ich wünſche, Euer Durchlaucht gefällig zu ſein.“ „Zugeſtanden. Tauſend Scudi für den Dienſt, und weil Sie wünſchen, mir gefüllig zu ſein. Ich danke Ihnen,“ ſagte die ſchöne Circe farkaſtiſch.„Die Summe ſoll bezahlt werden, an dem Tage, an welchem Carlo— mit dieſem Namen bezeichneten Sie, glaube ich, den Thäter— verurtheilt wird.“ „Zum Tode?“ fragte der Chef der römiſchen Polizei. „Zum Tode oder zur Verbannung— gleichviel zu was.“ „Will die Fürſtin Cäſarini mir ein ſchriftliches Verſprechen über dieſen Punkt ausſtellen?“ fragte der Beamte. „Zweifeln Sie an meinem Wort?“ „Nein.“ „An meiner Zahlungsfähigkeit etwa?“ „Ebenſowenig, Madame,“ ſagte Mariani,„aber ſelbſt die Cäſarini ſind nicht unſterblich— ich muß eine Sicherheit haben.“ „Ich will Ihnen auf halbem Wege entgegen⸗ kommen,“ ſagte die Dame mit gezwungenem Lächeln; „fünfhundert zahlbar bei ſeiner und den Reſt der Summe nach dem Urtheilsſpruche.“ Dieſe Bedingungen wurden angenommen, der 133 Diener herbeigerufen und beauftragt, den Beſucher aus dem Palaſte zu geleiten. Nach einigen Minu⸗ ten kehrte dieſer wieder zurück und fand ſeine Herrin in der Mitte des Gemaches ſtehend, die Augen auf ein Portrait, das ſie ſelbſt darſtellte, gerichtet, das in der erſten Blüthe ihrer Jungfräulichkeit gemalt war, ehe Leidenſchaft ihr Herz durch ihre heiße Glut ausgetrocknet und weibliche Intereſſen die Reinheit ihrer Natur verdorben hatten. Sie war ſo vertieft in den Strom ihrer Ge⸗ danken, der ihr Gehirn überfluthete, daß ſie ſein Wiedererſcheinen im Salon gar nicht bemerkte. „Ach, Madame!“ ſeufzte der alte Mann;„Sie waren nicht weniger gut als ſchön zu der Zeit, als dieß gemalt wurde.“ Dieſe Worte riſſen die Fürſtin aus ihrer Zer⸗ ſtreuung, und ihre dunkeln Augen blitzten zornig auf den Zeugen ihrer vermeintlichen Schwäche. „Sie vergeſſen ſich auf ſehr auffallende Weiſe, Juan,“ bemerkte ſie. „Das Alter hat ebenſo wie hoher Rang ſeine Vorrechte!“ rief der Greis, auf ſeine Kniee ſinkend. „Gnädige Frau, ich habe Ihnen lange und treu n— habe Ihnen auf Gefahr meines Seelen⸗ eils gedient; haben Sie denn kein Herz? Iſt die Stimme der Natur ſtumm in Ihnen? Ueberlegen Sie, ehe Sie dieſe Schuld auf Ihre Seele wälzen. Iſt es denn nicht genug, den armen Jüngling ſei⸗ nes Geburtsrechtes beraubt,— ihn zu einer Armuth verurtheilt zu haben, die ſo groß iſt, daß ſelbſt Bettler ihn bemitleiden? Vermag denn nichts Ge⸗ — „Kein Wort, Fürſtin,— keine Sylbe!“— ſagte der Diener, die Portiere von Sammt bei Seite ſchiebend, in deren Mitte das Wappen der Cäſgrini eſtickt war, zum Beweis, daß er die Salonthüre halter ſich zugemacht habe. „Laſſen Sie ihn eintreten„ rief die Dame un⸗ geduldig. Der Advocat aus der Ripetta trat mit einer ganz andern Miene als der Chef der Polizei in das Gemach: es lag durchaus nichts Kriechendes oder Unterwürfiges in ſeiner Verbeugung; vielmehr ſprach und benahm er ſich wie Jemand, der mit Seines⸗ gleichen ſich unterhielt, ohne dabei aber die dem Geſchlecht ſeiner Clientin ſchuldige Achtung aus den Augen zu ſetzen. „Es iſt mir lieb, daß Sie gekommen ſind,“ ſagte die Fürſtin, nach einem Stuhle deutend,— eine Höflichkeit, welche ſie dem vorherigen Beſucher nicht angedeihen zu laſſen ſich veranlaßt geſehen hatte. „Meine wohlwollenden Abſichten für den jungen Maler Carlo laſſen ſich alſo, wie Sie mir ſagen, nicht ausführen, indem er ſich weigert, Rom zu verlaſſen.“ „Ganz entſchieden.“ „So kann ich mich ſeiner fernerhin nicht mehr annehmen,“ bemerkte ſie im Tone verſtellter Gleich⸗ gültigkeit.„Apropos, haben Sie den Aufenthalts⸗ ort der alten Frau, die ſeine Amme war, ausfindig gemacht?“ „Ich habe ihr Grab geſehen,“ erwiderte Sig⸗ nore Luigi. Ein befriedigtes Lächeln ſpielte um die Lippen ſeiner Zuhörerin. „Sie ſtarb in großer Armuth,“ fuhr er fort; „ihr Pflegeſohn mühte ſich ſchwer ab, ſie zu unter⸗ ſtützen, und die Folge davon war, daß beide zu⸗ ſammen beinahe Hunger ſtarben. Und doch hätte ſie leicht reich werden können,“ fügte er bei,„wenn ſie ſich dazu herbeigelaſſen hätte, das zu verrathen, was allein Aufſchluß über die Eltern Carlo's zu ge⸗ ben vermag.“ „Ich glaubte, er ſei eine Waiſe,“ bemerkte ſeine Zuhörerin kalt. „Er gilt dafür,“ verſetzte der Advocat,„er gilt dafür. Er wurde der alten Paulina von einer Frau, die ſich ſeine Mutter nannte, zur Erziehung übergeben. Viele Jahre hindurch pflegte dieſelbe das Kind in ziemlich langen Zwiſchenräumen zu beſuchen, wobei ſie jedesmal große Zärtlichkeit für daſſelbe an den Tag legte. Hie und da ſchrieb ſie auch an die Amme.“ „Die Thörin!“ ſprach die Dame in Gedanken. „Ihr Name war Maria Grazie,“ fuhr der Ad⸗ vocat gewiſſermaßen im Tone der Entſchuldigung fort, wie wenn er befürchtete, Ihre Durchlaucht durch Erzählung von Umſtänden zu ermüden, die ſie ganz und gar nicht intereſſirten.„Nach ihrem vor einigen Jahren erfolgten Tode bot ein Prieſter der armen Frau eine große Summe Geldes für die Briefe.“ Plötzlich ſchien die Fürſtin ſeiner Erzählung die größte Aufmerkſamkeit zuzuwenden. „Und ſie gab ſie heraus?“ „Nein; ſie behielt ſie bis zu ihrem Tode.“ ——— — 137 „Und wer hat dieſelben jetzt?“ „Ohne Zweifel irgend ein Freund oder Ver⸗ wandter,“ erwiderte der ſchlaue Advocat;„aber wenn Ihre Durchlaucht ſich einigermaßen dafür in⸗ tereſſirt—“ „Ich ſollte mich intereſſiren, Signore Luigi?“ „Oder neugierig wären—“ „Ich fühle weder Intereſſe noch Neugier,“ ſagte die ſtolze Frau.„Das Mitleid, das ich einſt für den jungen, geſchickten Künſtler fühlte, iſt durch ſein Verbrechen gänzlich erloſchen.“ Der Beſucher wiederholte langſam dieſes Wort. „Er gehörte mit zu der Bande von Verbrechern, welche die zwei Landleute bei dem Feſte von Boletro ermordeten.“ „Dieſe waren Meuchelmörder,“ bemerkte Luigi. „Eingeborene meines Lehens von Albano,“ er⸗ widerte die Fürſtin kalt,„und ich fühle mich ver⸗ pflichtet, ihn beſtraft zu ſehen. Was auch immer ihr Verbrechen geweſen ſein mochte, ſo war er nicht ihr Richter.“ Der alte Mann gab keine Antwort, und ſein Stillſchweigen ſchien der Dame höchſt unangenehm zu ſein, welche, nachdem ſie noch einmal ihren Ent⸗ ſchluß zu erkennen gegeben hatte, den unglücklichen Carlo vor Gericht ſtellen zu wollen, ihren Beſucher mit einem ſcharfen Verweis entließ, daß dieſer hatte vorausſetzen können, ſie habe das geringſte Intereſſe dabei, die Papiere zu erhalten, welche nach einer von ihm gegebenen Andeutung um eine bedeutende umme Geldes zu erlangen wären. „Sie glaubt mich ſchachmatt gemacht zu haben, 138 und ohne mich zurechtkommen zu können,“ ſprach er, während er die Marmortreppe im Polaſte Cäſarini hinabſtieg.„Pah! ſie kennt Luigi nicht! Wenn ich vorausſetzen dürfte, daß der junge Mann ſich dank⸗ bar zeigen würde; aber die Koſten— die Koſten! — Ha! ich wage dieſes Riſiko nicht!“ „Sie könnten ſich dadurch bezahlt machen,“ flü⸗ ſterte Juan, der ihn von ſeiner Herrin weg begleitet und die halbgemurmelte Bemerkung gehört hatte. Der Advocat erſchrack und ſah ſich vorſichtig um, um ſich zu verſichern, daß er nicht beobachtet werde. „Kam Ihnen dieß vom Herzen?“ fragte er in demſelben halblauten Tone. „Und aus der Seele,“ antwortete der Diener. „Dann kommen Sie zu mir in mein Haus in der Ripeita,“ ſagte der Advocat, und wir wollen unter uns überlegen, was zu thun iſti⸗ Die Aufforderung wurde ſogleich angenommen. „Hah!— hah!“ ſprach Signor Luigi zu ſich, als er auf die Straße hinaus gelangte,„ich bin noch nicht ſchachmatt gemacht.“ „Sie ſind zu alt für die Stadt, Juan,“ ſprach der betagte Diener, die Worte ſeiner Herrin für ſich wiederholend—„und ich muß Ihnen für einen Ruheſitz auf meiner Villa im Albanergebirg ſorgen. Zu alt! wir werden ſehen— wir werden ſehen!“ Dieſe Bemerkung machte er, während er die große Treppe im Polaſte Cäſarini hinaufſtieg. Der arme Künſtler Carlo ſchien die Freundſchaft geerbt zu haben, welche Oliver und Philipp für Ernſt gefühlt hatten. Der Tod des Letztern ver⸗ band die Herzen derſelben allmälig zur engſten 139 Freundſchaft, und häufig entſchlüpften die jungen Männer den gefüllten Ballſälen oder langweiligen Geſellſchaften, um einige Stunden mit ihrem Freunde im griechiſchen Kaffeehauſe zuzubringen, wo ſie zu⸗ weilen auch den ältern Auſtin trafen, welchen der Kummer über den Verluſt ſeines Sohnes ſo ſehr verändert hatte, daß es allen, die ihn kannten, klar wurde, das Licht— das ſtarke Reizmittel des Lebens— ſei in ihm erloſchen; und doch hatte er nichts von ſeiner Energie verloren. Dieſe hatte im Gegentheil ſich noch vermehrt und machte ſich durch jene nervöſe Unruhe bemerkbar, welche ſcharfblickende Augen die Wunde erkennen läßt, welche dadurch verborgen werden ſoll. In dem Kaffeehauſe wechſelten ſie ſelten ein Wort. Die Correſpondenz, zu deren Empfang und Ueber⸗ lieferung an die Carbonari ſie ſich verpflichtet hat⸗ ten, wurde bei ihren täglichen Beſuchen bei Alfred Belgioſo in Ordnung gebracht, der Philipp's Neigun für ſeine Schweſter nicht nur billigte, ſondern au mit allen ihm zu Gebot ſtehenden Mitteln zu unter⸗ ſtützen verſprochen hatte. „Laßt erſt einmal Italien frei ſein,“ rief der be⸗ geiſterte Verbannte,„dann lege ich deren Hand im Dom von Mailand in die Ihrige.“ Es war dieß ein ſchöner Traum, den aber der junge Mann nicht zu erleben beſtimmt war. Eines Abends, als die beiden jungen Engländer die Via Condotti in der Richtung nach dem Kaffee⸗ hauſe hinaufſchlenderten, drückte ein Knabe— faſt noch ein Kind— einen Brief in Oliver's Hand und lief ſogleich eiligſt wieder davon. „Eine Eroberung,“ rief ſein Gefährte. „Viel wahrſcheinlicher eine Bittſchrift,“ verſetzte ſein Freund,„die Bitte um ein Almoſen in Form eines Sonnets. Iſt es nicht merkwürdig, daß in der Stadt, in welcher Petrarca die Purpurrobe und die Lorbeerkrone trug, Dichter betteln gehen?“ Beſuche von Auszeichnung werden häufig bei ih⸗ rer Ankunft in Rom durch eine Abſchrift von Verſen beglückwünſcht,— ein indirecter Weg, um Almoſen zu bitten. Junge Reiſende fühlen ſich geſchmeichelt und werden dadurch gefangen; erfahrenere nehmen aber keine Notiz davon. Beim Eintritt in das griechiſche Kaffeehaus prüfte Oliver das Papier und fand, daß es nicht für ihn beſtimmt war, ſondern die Aufſchrift enthielt:— „Dem Künſtler Carlo zu übergeben.“ „Für Sie,“ ſprach er, indem er daſſelbe an ſeine Adreſſe ausfolgte. Sein Inhalt war folgender: „Sie werden heute Nacht wegen Ihres An⸗ theils an der Beſtrafung der Mörder Ernſt Au⸗ ſtins verhaftet werden. Leiſten Sie keinen Wi⸗ derſtand: ſollten Sie von Ihrer Hitze ſich hin⸗ reißen laſſen, ſo ſind Sie verloren. Ein Feind, der ſchon lange Sie verfolgt, hat die Polizei beſtochen, einzuſchreiten. Wenn der Chef der Polizei Sie verhört, ſo beſtehen Sie kühn auf Ihrem Recht, Juſtiz an den Mördern Ihres Freundes zu üben. „Folgen Sie dem Rathe eines Mannes, der ſeit Jahren über Ihnen gewacht hat, und in der 141 Stunde der Gefahr in Ihrer Nähe ſich befin⸗ den wird.“ „Das iſt ein armſeliger Scherz,“ bemerkte Carlo, das Billet laut leſend.„Ein Feind! als ob ich ſo wichtig wäre, einen Feind zu haben! Wenn ich dieß glauben könnte, ſo würde es mich faſt eitel machen. Ueberdieß,“ fügte er bei,„warum ſollte gerade ich in einem Fall ganz beſonders bezeichnet werden, bei welchem ſo Viele anweſend waren?“ „Und weßhalb ſollte ſich Jemand die Mühe neh⸗ men, Sie zu myſtificiren?“ fragte ein alter Mann, der in ſeiner Nähe unten am Tiſche ſaß.„Es iſt nicht mehr Carneval. Man kann viel gewinnen, wenn man der Vorſicht folgt, aber nichts, wenn man ſie vernachläſſigt.“ Mit dieſer Bemerkung verließ der Greis, der Niemand anders als Juan war, das Kaffeehaus, in⸗ dem er bei ſeinen Zuhörern den Eindruck hinterließ, daß er ſeinen Rath nicht ohne einen triftigeren Grund, als den einer anonymen Warnung, ertheilt habe. Oliver und Philipp waren derſelben Anſicht. Jeder Zweifel über die beabſichtigte Verhaftung wurde durch das Erſcheinen einer Abtheilung Ca⸗ rabiniers am Eingang in das griechiſche Kaffee⸗ haus beſeitigt. Der Offizier, der dieſelbe befehligte, und der Polizeicommiſſär waren die einzigen Perſo⸗ nen, welche in das Haus traten; ihre Escorte blieb, mit den Waffen in Bereitſchaft, um ſie jeden Augen⸗ blick gebrauchen zu können, vor der Thüre. Es entſtand ein allgemeines Stillſchweigen unter den Gäſten des Kaffeehauſes. „Carlo, gewöhnlich genannt Carlo der Maler,“ 142 ſagte der Polizeicommiſſär, ich verhafte Sie im Na⸗ men unſeres Souverains, Gregor des Sechszehnten, und des Geſetzes.“ „Auf welche Anklage hin?“ fragte unſer Held unwillig. „Wegen Mords, Signore.“ „Wie lächerlich,“ verſetzte der junge Engländer.. „Die Banditen, denen das Leben genommen wurde, waren notoriſche Meuchelmörder, deren Hände noch vom Blute ſeines theuerſten Freundes roth waren⸗ Warum wird Carlo allein bezeichnet? Hunderte wa⸗ ren anweſend und leiſteten Beiſtand.“ „Nennen Sie dieſelben,“ ſagte der Polizeibeamte. „Das kann ich nicht!“ rief Oliver;„ich bin kein Polizeiſpion, der ſeine Freunde denuncirt; aber mich ſelbſt will ich denunciren; ich war dabei.“ „Und ich,“ ſagte Philipp. Es entſtand ein allgemeines, wenn gleich halb unterdrücktes Murmeln des Beifalls und der Beamte rief ſeiner Escorte zu, die Waffen bereit zu halten. „Es bedarf wohl keiner Anwendung von Gewalt, Signore,“ bemerkte Luigi, aus dem innern Zimmer heraustretend.„Dieſe Herren ſind viel zu vernünf⸗ tig, als daß ſie nicht einſehen ſollten, daß Wider⸗ ſtand baarer Wahnſinn— eine ebenſo große Thor⸗ heit als ein Verbrechen wäre, indem ſie Ihnen da⸗ durch einen Entſchuldigungsgrund verleihen würden, auf die Beſucher des Faffeehauſes feuern zu dürfen. Sollte dieß aber deren Abſicht ſein,“ fuhr er fort, „ſo bitte ich Sie, damit noch ſo lange zu zögern bis ich auf der Straße draußen bin.“ Der Beamte erröthete. Der Polizeichef hatte ——— 143 nämlich in ſeinem Eifer, die tauſend Scudi zu ver⸗ dienen, ihm den Befehl ertheilt, ſeinen Gefangenen bei dem geringſten Zeichen von Widerſtand nieder⸗ ſchießen zu laſſen. „Ich ergebe mich ohne Weiteres!“ rief Carlo, „und gehorche dem Geſetz; keine Gewaltthat ſoll um meinetwillen verübt werden, oder Jemand aus dieſem Grund einer Gefahr ausgeſetzt werden.“ „Sie haben einen ſehr weiſen Entſchluß gefaßt, junger Mann,“ bemerkte der Advocat;„und obgleich ich ſeit lange ſchon meinen Beruf als Advocat nicht mehr ausübe, ſo will ich doch noch einmal vor den Gerichtsſchranken erſcheinen, um Sie zu vertheidigen. Herr Polizeicommiſſär,“ fuhr er fort,„ich bin Zeuge, daß die Verhaftung auf friedlichem Wege vor ſich ging. Ich betrachte Sie als haftbar für die Sicher⸗ heit meines Clienten.“ Nicht ohne einen heftigen Kampf zwiſchen Klug⸗ heit und Unwillen geſtatteten viele der jungen Ma⸗ ler und Bildhauer, die alle Carlo's Freunde waren, daß derſelbe ohne einen Verſuch, ihn zu befreien, abgeführt wurde; aber Luigi's Rath hatte Eingang gefunden. Nur die jungen Engländer beſtanden dar⸗ auf, den Gefangenen bis an den Eingang des Ge⸗ fängniſſes zu begleiten,— ein Entſchluß, zu welchem der Advocat durch Blick und Zeichen ſie aufmunterte. „Der Gedanke,“ ſagte Carlo, auf dem Wege über den Corſo,„daß ich für einen Polizeicommiſſär und eine Wache von Carabiniers wichtig genug bin, könnte mich faſt ſtolz machen!“ „Stillgeſchwiegen!“ rief der Offizier in barſchem ne 144 „Gehorchen Sie ihm; kein Wort weiter,“ flüſterte Signore Luigi ängſtlich⸗ „Ich werde doch noch reden dürfen.“ „Er wünſcht nur einen Entſchuldigungsgrund, um Sie morden zu können,“ fuhr der alte Mann in demſelben halblauten Tone fort;„geben Sie ihm hiezu keine Veranlaſſung. Sobald Sie ſich im Ge⸗ fängniß befinden, ſind Sie in Sicherheit.“ Der Polizeicommiſſär ſchien in nichts weniger als zufriedener Stimmung, als die Wache an den Thoren des Gefängniſſes ankam. Als Mitglied des römiſchen Advocatenſtandes hatte Signore Luigi das Recht, in das Gebäude mit einzutreten und ein ſchwerer Stein ſchien ihm vom Herzen genommen zu ſein, als er ſeinen Clienteg aus der Obhut des Polizeicom⸗ miſſärs in die des Gefangenwärters übergeben ſah. „Sagen Sie dem Signore Mariani von mir,“ ſprach er,„daß ich ihn perſönlich für verantwortlich anſehe, wenn mit meinem Clienten ein hinterliſtiges Spiel getrieben wird. Tauſend Scudi vermöchten ihn nicht für dieſes Riſiko zu entſchädigen. Alles was wir verlangen, iſt ehrliches und offenes Gerichts⸗ verfahren. Sie mögen auch noch hinzuſetzen, daß ich Schritte gethan habe, die mir nicht mißlingen wer⸗ den, die ganze Sache zur Kenntniß Seiner Leiligteit zu bringen.“ Der ganz beſondere Ruf, welchen der alte Ad⸗ vocat in Rom genoß, verlieh jedem Worte, das er ſprach, Gewicht und der Polizeicommiſſär berichtete auch getreulich alles ſeinem Vorgeſetzten, der ſchon einen Anlauf genommen hatte, ihn wegen Nichtaus⸗ führung ſeiner Befehle tüchtig auszuſchelten. 145⁵ Der Chef der Polizei fing an zu überlegen. Luigi war, wie er wohl wußte, kein Mann, der in den Tag hinein ſprach oder der überhaupt in die Angelegenheit eines armen Malers ſich gemiſcht ha⸗ ben würde, wenn nicht Geld dabei zu verdienen ge⸗ weſen wäre. Dazu kam noch, daß er die Summe — tauſend Scudi— genannt hatte. „Vielleicht iſt es am Beſten ſo,“ ſprach er.„Bis jett habe ich nichts weiter als meine Pflicht erfüllt und dafür kann man mir nichts anhaben.“ Mit dieſer Bemerkung entließ er ſeinen Unter⸗ gebenen. „Signore Luigi,“ ſagte Oliver, als er mit dieſem ſich auf dem Wege nach der Via Condotti befand, „Sie haben edel gehandelt.“ „Glauben Sie dieß?“ „Ganz gewiß.“ Der Advocat begnügte ſich mit einem trockenen Hüſteln. „Sie ſollen aber Ihres Wohlwollens wegen Ihr Honorar nicht verlieren: mein Freund und ich wer⸗ den die Koſten der Vertheidigung des armen Carlo auf uns nehmen.“ „Mit Freuden,“ ſagte Philipp—„ſollte es mich auch meinen letzten Scudo koſten.“ Der alte Mann ſah die beiden Freunde einen Augenblick mit einem traurigen Ausdruck auf ſeinem verwitterten Geſichte an. Vielleicht dachte er an die Zeit zurück, in welcher auch er ein Herz beſeſſen hatte, das eines edlen Impulſes und einer Aufopfe⸗ rung fähig war. Smith, Milly Moyne. II. 10 146 „Engländer,“ murmelte er.„Ja, ja; trotz eurem ercentriſchen Weſen, eurem Stolz und eurer Kälte, übertrefft ihr Halbbarbaren, die wir zu verachten uns den Anſchein geben, uns Römer in Allem, was wahr und edel iſt.— Es iſt traurig, daß es ſo iſt.“ „Das iſt nicht der Fall, wenn Sie die Geſchichte recht geleſen haben,“ bemerkte unſer Held.„Scla⸗ verei erniedrigt ein Volk viel raſcher, als Freiheit es zu erheben vermag.“ „St! Es iſt gefährlich, ſolche Gedanken zu äu⸗ ßern,“ rief der Advocat ängſtlich. „Gefährlich, in Rom von Freiheit zu ſprechen!“ ſagte Philipp in ſpöttiſchem Tone.„Und Sie wun⸗ dern ſich noch über die Entartung ſeiner Söhne? Warum nicht—?“ „Träume!“ unterbrach ihn der alte Mann, „Träume! Auch mich verfolgten dieſelben vor lan⸗ ger Zeit einmal, aber ich widerſtand deren Einfluß und gelangte ſo zu Reichthum und Anſehen. Ich hatte ſie beinahe vergeſſen,“ ſetzte er hinzu. „Und warum ſollten es Träume ſein?“ „Weil Europa keine Sympathie mit den Leiden Italiens hat. Es hat demſelben nicht verziehen, daß es einſt Herr der Welt war.“ „Was es wieder gerne werden möchte,“ verſetzte Hliver;„wenigſtens in geiſtiger Hinſicht.“ Signore Luigi lächelte betrübt. Er hatte der⸗ gleichen Worte ſchon früher vernommen und dicjeni⸗ gen, welche ſie ausgeſprochen, mit denſelben im Her⸗ zen und auf den Lippen ſterben ſehen. „Genug davon,“ murmelte er, unruhig ſich um⸗ ſehend.„Laſſen Sie uns von unſerem Freund Carlo ——— — ſprechen. Er wird morgen vor den Gouverneur ge⸗ ſtellt werden. Werden Sie anweſend ſein?“ „Wenn es möglich iſt.“ „Die Verhandlung iſt öffentlich: machen Sie ſeine Freunde, die bei dem Feſte anweſend waren, auf⸗ merkſam, ſich ebenfalls einzufinden. Ihre Anweſen⸗ heit kann nützlich werden.“ „Sie hoffen alſo auf ſeine Freiſprechung?“ „Vielleicht,“ ſagte der Advocat,„vielleicht. Jeden⸗ falls wird es einen Scandal abſetzen, der durch alle Schichten der Geſellſchaft in Rom vibriren wird, bis er endlich auch zu den Ohren des Pontifer ge⸗ langt. Es iſt ein großes Werk dabei zu vollführen, denn ich ſetze Vertrauen auf bie Gerechtigkeit Gre⸗ gor's XVI.“ 8 Bei dieſer Bemerkung ließen die jungen Eng⸗ länder einen Ausruf des Erſtaunens hören. „Sie kennen ihn nicht,“ fuhr der alte Mann fort, „er hat auf dem Throne die ſchlichten Tugenden des armen Cöleſtinermönchs beibehalten. Seine Fehler entſpringen aus ſeiner Stellung.“ Lhiünn worin beſteht denn der Scandal?“ fragte ilipp. „Die edelſten Namen werden dabei compromittirt werden,“ antwortete Luigi ausweichend. „Und Carlo?“ „Iſt das Opfer eines Verbrechens.“ Trotz ihrer Bitten und der Gewandtheit, mit welcher ſie ihre Fragen ſtellten, konnten di jungen Englän⸗ er nichts weiter aus dem Advocaten herausbringen, der in dem Rufe ſtand, den Schlüſſel zu mehr Ge⸗ heinmiſſen in Ron zu beſizen, als ſebſt die heiig⸗ 10 148 Inquiſition. Man flüſterte ſich zu, daß ſogar der Papſt in ſchwierigen Fällen zuweilen ſich herablaſſe, ihn zu Rath zu ziehen. Der alte Mann begleitete ſeine Gefährten bis zu ihrem Hotel, wo er ſich von ihnen verabſchiedete. Gerne hätten ſie ihn bis in ſeine Wohnung in der Ripetta Geſellſchaft geleiſtet. „Ich brauche keinen Schutz,“ bemerkte er;„nöthi⸗ genfalls könnte ich mir aber leicht einen ſolchen ver⸗ ſchaffen: es gibt keinen Facchino in Rom, der nicht mit Freuden die Gelegenheit ergreifen würde, ſein Leben daran zu ſetzen, mir zu dienen.“ „So ſind Sie alſo allgemein beliebt?“ fragte unſer Held erſtaunt. „Manfürchtet mich,“ antwortete der Advocat, „und Furcht iſt zuweilen mächtiger als das Scepter. Gute Nacht. Finden Sie ſich gewiß morgen Früh bei der Gerichtsſitzung des Gouverneurs ein.“ Unmittelbar nach ihrer Rückkehr in das Hotel theilten die beiden Freunde ihrem Mentor das Aben⸗ teuer der Nacht mit,— die Verhaftung des jungen Malers und die merkwürdige Rolle, welche Signore Luigi dabei geſpielt hatte. „Ich kann euch nicht darüber tadeln, daß Ihr euch aſgeboten habt, die Gefangenſchaft Eures Freundes zu theilen,“ ſagte Major Henderſon;„es war dieß eine Handlung der Jugend, wie ſie ihr durch erhabene Gedanken und einen edlen Impuls eingegeben werden. Es iſt aber die höchſte Zeit, daß wir Rom verlaſſen.“ Die jungen Männer blickten ſich verdutzt an. Sie waren beide verpflichtet, ſo lange in der ewigen 149 Stadt zu bleiben, als ihre Anweſenheit für die Plane der Carbonari nothwendig war. Zweiundvierzigſtes Kapitel. Als am folgenden Morgen der Delegat des Gouverneurs von Rom— denn dieſe erhabene Per⸗ ſon läßt ſich ſelten herbei, ſelbſt zu präſidiren— ſeinen Sitz am Gerichtshofe einnahm, war er nicht we⸗ nig erſtaunt, eine ſolche Menge Künſtler und Zöglinge anweſend zu finden. Er ſah ſich nach dem Chef der Polizei um, wie wenn er von dieſem eine Erklärung darüber gewünſcht hätte, aber das Geſicht des Sig⸗ nore Mariani zeigte ſeinen gewöhnlichen kalten und unbeweglichen Ausdruck. Die Warnung des Advokaten hatte dieſen in Unruhe verſetzt, weßhalb er beſchloſſen hatte, ſich ſtreng innerhalb der Grenzen ſeiner Pflicht zu halten. In dem Augenblicke, in welchem Carlo vorgeführt wurde, ſtreckten ſich ihm viele Hände entgegen, um die ſeinigen zu drücken; darunter waren auch die der beiden jungen Engländer. Was das Unbehagen des Richters noch ver⸗ mehrte, war der Eintritt Luigi's, gekleidet in die Tracht eines Mitglieds des römiſchen Advocaten⸗ ſtandes. Seit Jahren hatte er nicht mehr plaidirt, weßhalb alle Anweſenden überzeugt waren, daß kein Fall gewöhnlicher Art den alten Mann aus ſeiner Zurü en weggelockt habe. 150 Es entſtand ein dumpfes Gemurmel, welches das hohe Intereſſe und die Neugierde über ſein Erſchei⸗ nen ausdrückte, welches ſelbſt die Beamten theilten. „Weſſen iſt der Gefangene angeklagt?“ fragte der Richter. „Des Mords,“ verſetzte der Chef der Polizei mit deutlicher Stimme. Man verhörte nun die Zeugen. Der Podeſta und eine Anzahl Landleute— Verwandte und Freunde von Ernſts Mördern— beſchworen die Thatſache, daß der junge Maler bei dem Feſte in Geſellſchaft von einer Menge junger Männer aus Rom, dar⸗ unter mehrere Ausländer, anweſend geweſen ſei.“ „Wir waren alle anweſend,“ riefen wenigſtens ein Duzend Stimmen. „Stille!“ gebot der Richter, ärgerlich über ſo viele Kühnheit. Zu ſeinem Erſtaunen wurde aber die Erklärung noch ſtürmiſcher als zuvor wiederholt. „Haben Sie irgend eine Erklärung zu geben, Gefangener, in Betreff dieſer höchſt ſchweren An⸗ klage?“ fragte er. Carlo zögerte einen Augenblick. „Sprechen Sie!“ „Sie waren die Mörder meines Freundes,“ ver⸗ ſetzte dieſer endlich,—„des jungen Engländers, der vor einigen Wochen im Coloſſeum erſtochen worden iſt.“ „Und welche mit ſtillſchweigender Genehmigung der Polizei im Hoſpital von San Spiriro eine Frei⸗ ſtätte fanden,“ rief eine tiefe Stimme vom Eingan des Saales her,— welche Erwiderung der Richter aber zu überhören für paſſend fand. „Es war dieß ein Fall, der die Behörden ——— .— 151 keineswegs ein einzelnes Individuum anging,“ be⸗ merkte der Stellvertreter. „Ich war in meinem Recht,“ rief der Ge⸗ fangene, buchſtäblich den Rath befolgend, der ihm auf ſo geheimnißvolle Weiſe ertheilt worden war. „In Ihrem Recht?“ wiederholte der Beamte er⸗ ſtaunt. „Welches Ihnen zu erklären ich hiemit meinen Anwalt auffordere.“ „Sie treiben mit dem Gerichtshofe Ihren Scherz.“ „Entſchuldigen Sie,“ Monſignore,“ ſagte Luigi, vor das Tribunal tretend,„der Gerichtshof irrt ſich, indem er ſich anſchickt, über einen Fall abzu⸗ urtheilen, deſſen Entſcheidung über ſeine Competenz geht. Der Gefangene hat völlig wahr geſprochen. Fürſt Cäſarini war vollkommen in ſeinem Recht, indem er zwei Mörder auf dem Bo⸗ den ſeines Lehens von Albano verhaften ließ. Wenn ſie Widerſtand leiſteten und dabei er⸗ ſchlagen wurden, ſo war das Verbrechen auf ihrer, nicht auf ſeiner Seite. „Fürſt Cäſarini? Wen meinen Sie damit?“ „Den Gefangenen, Monſignore,“ verſetzte der Advocat in demſelben ruhigen Tone,„den ich für den Fürſten Cäſarini, Erb⸗Groß⸗Golfaloniere von Rom, für einen Reichsfürſten erkläre, und folglich wegen ſeiner Handlung vor kein anderes Tribunal als vor das der Rota geſtellt werden kann.“ Ein halblauter Schrei von den Lippen einer dicht verſchleierten Frau, welche der Procedur mit großer Aufmerkſamkeit folgte, ſiel in das Ohr des alten Mannes und veranlaßte ihn, ſich umzuſchauen. 152 „Verhaftet ſie,“ rief er aus. Unglücklicher Weiſe wurde der Befehl durch das laute Freudengeſchrei übertönt, das Carlo's Freunde erhoben, als ſie die Erklärung ſeiner vornehmen Geburt hörten, und ſo fand die Frau Zeit, zu ent⸗ wiſchen. Abermals befahl der Richter Stillſchweigen. „Wäre dieſe Erklärung von einem weniger acht⸗ baren und angeſehenen Bürger als Sie ſind, Sig⸗ nore Luigi, gemacht worden,“ bemerkte er,„ſo würde ich die Sache nicht beachtet, ſondern für die krank⸗ hafte Idee eines Wahnſinnigen gehalten haben. Von Ihnen ausgeſprochen,“ fuhr er fort,„muß ich aber Notiz davon nehmen.“ Der Advocat verbeugte ſich. „Auf welche Beweiſe ſtützen Sie Ihre Behaup⸗ tung?“ „Auf den Eid des Arztes, der bei ſeiner Geburt anweſend war und auf die Briefe der vertrauten Kammerfrau ſeiner Mutter an ſeine Amme Paulina.“ Signore Luigi übergab mehrere Briefe einem der Gerichtsdiener, der dieſelben dem Richter einhändigte. „Das ſind nur Copien,“ bemerkte der letztere, nachdem er ſie durchleſen hatte. „Ich gebe nie Originale aus der Hand,“ er⸗ widerte der Advocat trocken;„unglückliche Zufällig keiten ſind ſo häufig,— ſie können verloren gehen, verlegt oder vernichtet werden.“ „Zweifeln Sie an der Rechtlichkeit der Polizei?“ agte Signore Mariani in einer Aufwallung von Zorn, den er beſſer unterdrückt hätte. Vor einigen Jahren hegte ich über dieſen Punkt 153 allerlei Zweifel,“ lautetete die etwas zweideutige Antwort, welche die Zuhörer zu einem lauten Lachen veranlaßte; denn mit Ausnahme der wenigen Aus⸗ länder war kaum eine Perſon anweſend, welche nicht aus bitterer Erfahrung die Corruption und Käuflich⸗ keit der Verwaltung in allen Branchen kannte. „Die Behauptungen, die Sie gemacht haben, ſind ſo außerordentlich,“ ſagte der Richter,„daß ſich der Hof Zeit nehmen muß, ehe er einen Beſchluß faſſen kann. Einſtweilen muß der Gefangene in Haft bleiben.“ Auf dieſen Beſchluß entſtand ein lautes Murren der Unzufriedenheit. „Ich verlange ſeine Freilaſſung gegen Caution,“ rief Luigi. Vergebens berief ſich der Advocat auf das Ge⸗ ſetz, das offenbar zu ſeinen Gunſten ſprach: der Stellvertreter des Gouverneurs blieb unerſchütterlich. „Nehmen Sie keine Speiſe oder Trank zu ſich,“ flüſterte der erſtere ſeinem beſtürzten Clienten zu, als er ſich von ihm verabſchiedete,„bis Sie mich wieder ſehen. Ich bin noch nicht geſchlagen.“ „Meine Mutter,“ murmelte Carlo,—„erzählen Sie mir! Oh, erzählen Sie mir von ihr!“ „Es iſt eine traurige Geſchichte und ich kann jetzt keine Zeit damit verlieren,“ antwortete Luigi; vor Allem hüten Sie ſich vor dem Verkehre mit der Fürſtin Cäſarini,— ſie iſt Ihre größte Feindin.“ Der unglückliche junge Mann, deſſen augenblick⸗ liche Hoffnung, die in ſeinem Herzen aufgetaucht war, ſo ſchnell wieder verwiſcht wurde, nickte kummer⸗ voll mit dem Kopfe und ließ ſich von der Wache 154 wegführen, welche auf ein Zeichen des Vorſtandes der Polizei ſich eng um ihn herum geſchaart hatte. Der ſchlaue Advocat wußte, daß Signore Ma⸗ riani gewohnt war, alles was in Rom ſich zutrug, perſönlich Gregor XV zu rapportiren. Gewöhnlich fanden dieſe Unterredungen während des Abend⸗ ſpazierganges des Pontifer in die Gärten des Vati⸗ cans Statt, welche mit großer Liberalität auch dem Publikum offen ſtehen. Allen anſtändigen Leuten iſt der Eintritt geſtattet, während der Souverain ſich hier Bewegung macht, und Luigi beſchloß, ſich eben⸗ falls einzufinden. Da er dem Papſte perſönlich be⸗ kannt war, ſo hoffte er deſſen Aufmerkſamkeit auf ſich zu lenken. Die Abſicht gelang nach Wunſch und Carlo's Advocat war ſo glücklich, ſeine Sache Seiner Heilig⸗ keit perſönlich vortragen zu können, der aufmerkſam zuhörte, mehrere Fragen ſtellte und großen Antheil zu nehmen ſchien. „Und wo befindet ſich der junge Mann jetzt?“ forſchte er. „Noch im Gefängniſſe, Heiliger Vater, ich ich eine Caution für ſeine Freilaſſung geboten habe. Aber der Chef der Polizei iſt von ſeiner unnatür⸗ lichen Mutter beſtochen worden.“ „Iſt dieß wahr?“ fragte Gregor, an Mariani ſich wendend.„Ich ſehe, daß es ſo iſt,“ fuhr er ſtreng fort.„Es iſt gut, daß Sie Ihren Fehler nicht noch durch eine Lüge erſchwert haben, da ich eine Lüge nie verzeihe.“ Der verdutzte Beamte murmelte etwas dergleichen, — 155⁵ wie von einer Belohnung, welche die Fürſtin ihm angeboten habe. „Sie werden ſogleich den jungen Mann frei⸗ geben,“ ſchloß der Papſt,„ſobald ſein Advocat eine Caution von fünftauſend Kronen hinterlegt hat.— Ich will hiemit die Summe ſelbſt beſtimmt haben. Im Uebrigen geht die Sache über Ihre Befugniß; ich verweiſe ſie deßhalb an das höchſte Tribunal, die Rota.“ „In dieſem Falle, Heiliger Voter,“ bemerkte der Advocat,„verpfände ich meinen Ruf, daß ich beweiſen werde, Carlo— bis jetzt unter keinem andern Namen als dem 11 Pittore oder der Maler bekannt— ſei der wirkliche, ächte Sohn des ver⸗ ſtorbenen Fürſten Cäſarini.“ „Und ſeine Mutter?“ „Verheimlichte ſeine Geburt, um den Reichthum ihres Gemahls zu beerben, den ſie nur aus dieſem Grunde geheirathet hatte. Seit ſeinem Tode war ihr Leben ein fortgeſetztes Aergerniß.“ Gregor XVI kunzelte die Stirne. Er war ein Mann von ſtrenger, vorwurfsloſer Moral und ſehr geneigt, ſtreng gegen die Verletzer derſelben zu ver⸗ fahren. „Treten Sie näher, Mariani,“ ſprach er.„Ich mache Sie verantwortlich,— merken Sie wohl, per⸗ ſönlich verantwortlich,— für die Sicherheit des Prätendenten des Namens Cäſarini; ebenſo auch für die ſeines Advocaten.“ Signore Luigi bemühte ſich, ein Lächeln der Be⸗ friedigung zu verbergen das um ſeine ſchmalen Lippen ſpieite. Intereſſen Carlo's ergeben zu ſein erklärte, indem 156 „Wenn er ſeine Anſprüche beweiſen kann,“ fuhr der geiſtliche Souverain fort,„ſollen ſie anerkannt werden, wenn auch der ganze Adel Roms den offen⸗ kundigen Scandal zu unterdrücken ſich bemühen ſollte. It er aber ein Betrüger, ſo ſind die Galeeren ſein oos.“ Nach Ausſpruch dieſer Worte befahl der Vor⸗ gänger Pius' 1X auf St. Peters Stuhle dem Kapi⸗ tän der Schweizergarde, vor ihm herzugehen, und kehrte in den Palaſt zurück. Einige Minuten lang blickten ſich der Chef der Polizei und der Advocat ſtillſchweigend an. „Weßhalb ſollten wir Feinde ſein,“ bemerkte der Erſtere;„ich ſehe die Nothwendigkeit davon nicht ein.“ „Ich ebenſowenig,“ verſetzte Luigi;„namentlich ſeitdem der heilige Vater die Sache an die Rota verwieſen hat.“ „Die Fürſtin Cäſarini iſt eine höchſt abſcheuliche Perſon.“ 3 „Eine ganz nichtswürdige Perſon,“ ſagte der Advocat. „Und filzig.“ „Ihr Sohn dagegen iſt ſehr freigebiger Ratur und wird alle diejenigen reichlich belohnen, welche ihm behülflich ſind, ſeine Rechte geltend zu machen.“ „Iſt dieß Ihre aufrichtige Anſicht, Signore?“ „Ich habe fünftauſend Kronen dafür aufs Spiel geſetzt.“ Dieſe Antwort ſchien dem Chef der Polizei un⸗ widerleglich, der ſogleich mit Herz und Seele den — 157 er ihn auch augenblicklich aus ſeinem Gefängniſſe zu entlaſſen ſich anſchickte. Als Oliver und Philipp nach dem merkwürdigen Auftritt im Gerichtsſaale in ihr Hotel zurückkehrten, trafen ſie Peter Marl, der ihnen meldete, daß Phi⸗ lippo auf ſie warte, um ihnen einen Auftrag von Mr. Auſtin auszurichten. „Der arme Menſch hat ſich ſeit dem Verluſt ſei⸗ nes jungen Herrn auf eine traurige Weiſe verän⸗ dert,“ ſetzte der alte Soldat, ſeine Wahrnehmung auskramend, hinzu.„Ich habe ihm meinen ganzen Vorrath von Virginia⸗Kanaſter gegeben, in der Hoffnung, daß ihn dieß tröſten werde.“ Die Freunde lächelten über Peter's eigenthüm⸗ liche Art zu tröſten, und eilten, den Boten aufzu⸗ ſuchen, den ſie in einem Vorzimmer, die Augen ſeſt auf den Boden geheftet, ſitzend fanden. „Philippo!“ rief unſer Held, als er gewahrte, daß ihn derſelbe nicht bemerke. Der treue Diener erſchrack, als er ſeinen Namen nennen hörte. „Ich fürchte, Sie halten mich für unehrerbietig, meine Herren,“ bemerkte er ſeufzend,„aber es lag dieß nicht in meiner Abſicht.“ „Davon ſind wir überzeugt.“ „Mein Herr wünſcht Sie zu ſprechen.“ „Beide,“ wiederholte der Bote, indem er eines der Zeichen machte, durch welches die Mitglieder der Carbonari einander erkennen.„Sie müſſen aber ſo bald als möglich kommen. Ich fürchte, es ſind ſchlimme Nachrichten eingetroffen,“ fügte er bei, ſeine Stimme dämpfend;„doch was liegt jetzt daran!“ Die jungen Männer eilten augenblicklich in das 158 Haus in der Via Condotti, wo ſie Mr. Auſtin und die Häupter des Ordens fanden, die ungeduldig auf ihre Ankunft warteten. „Heſtreich und Frankreich gehen Hand in Hand,“ ſagte der Erſtere, ſobald die Thüre des Gemachs verſchloſſen war.„Louis Philipp fürchtet die Erfolge der Liberalen mehr als die Vergrößerung der Macht ſeines kaiſerlichen Nebenbuhlers, und will deſſen Ein⸗ miſchung in die Angelegenheiten Italiens nicht ver⸗ hindern. Der Orden verlangt einen doppelten Dienſt aus euern Händen, nach deſſen Ausführung er da⸗ rauf anträgt, euch eurer Verpflichtungen als Mit⸗ glieder zu entbinden.“ „Haben wir uns je gegen dieſelben verfehlt?“ fragte Oliver feſt. „Niemals,“ erwiderten die drei Anführer mit Einer Stimme. „Und doch müſſen ſie für euch läſtig ſein,“ ſagte Mr. Auſtin,„denn ſie binden eure Handlung und euren Willen. Wenn man euch auch eurer Ver⸗ pflichtung enthebt, ſo wird doch das Verhältniß zu uns nicht gelöst; es wird dadurch nur euer Eid des unbedingten Gehorſams aufgehoben.“ Die jungen Männer ſahen ein, daß ein ſolcher Act eine wahre Erleichterung für ſie wäre, und ver⸗ langten die Natur des Dienſtes zu erfahren, den man von ihnen erwarte. „Eine Reiſe nach Neapel und Peruſia.“ „Die wir zuſammen zu machen haben?“ „Nein; getrennt. Die Regierung iſt von dem beabſichtigten Aufſtand vollkommen unterrichtet, kein eingeborener Italiener kann einen Paß erhalten; bei als Engländer iſt der Fall ein anderer.“ „Wann müſſen wir uns auf den Weg machen?“ fragte Philipp. „Heute Nacht.“ „Und die Briefe werdet ihr jenſeits der Stadt⸗ mauern erhalten.“ Dieſe Vorſicht erwies ſich als höchſt nothwendig; denn gegen allen ſonſtigen Gebrauch wurden nicht nur die Mantelſäcke, ſondern auch die Perſonen der zwei Reiſenden auf's Strengſte unterſucht, als ſie unter die Thore der ewigen Stadt kamen. Etwa eine Meile davon trafen ſie Mr. Auſtin. „Ich würde dieſe etwas gefährliche Reiſe ſelbſt unternommen haben,“ bemerkte er,„aber gebiete⸗ riſche Umſtände halten mich in Rom zurück. Lebt wohl,“ fügte er bei, nachdem er Jedem die Briefe übergeben hatte, die er zu beſtellen hatte.„Wenn wir uns wieder treffen, ſo iſt Italien entweder frei, oder es hat abermals ein Traum ſein Ende gefunden.“ Der traurige Ton, in welchem er ſpräch, zeigte, daß es ihm gleichgültig ſei, wie bald dieß der Fall ſein würde. Etwa eine Stunde weit ritten die beiden Freunde in derſelben Richtung zuſammen, bis ſie an eine Straße kamen, wo ſie ſich durchaus trennen mußten. Philipp's Reiſe war die längſte; aber er hatte aus⸗ drücklich dieſe für ſich gewählt, in der Hoffnung, Bianca zu treffen, die mit ihrer Mutter und ihrem Onkel Rom verlaſſen und nach Neapel ſich bege⸗ ben hatte. Es war das erſtemal ſeit Jahren, daß die jungen 160 Pin ſich trennten, und Beiden ahnte dabei nichts utes. „Ich wollte, wir hätten dieſe Reiſe nicht unter⸗ nommen,“ ſagte unſer Held, als er ſeinem Kame⸗ raden die Hand drückte,„oder wir könnten ſie zu⸗ ſammen machen. Adieu! Möge die Vorſehung über Dir wachen!“ „Und über Dir!“ wiederholte Philipp. Wir müſſen es dem Letztern überlaſſen, allein ſeine Richtung zu verfolgen, um ſeinen Freund auf ſeinem Wege nach dem Lager der Inſurgenten zu begleiten. Gegen Tagesanbruch, etwa einige Meilen von Perugia, bekam Oliver die Armee der Inſurgenten zu Geſicht. Nie hatte ſich ein maleriſcherer Anblick dem Dichter oder Maler dargeboten, als dieſes buntgewürfelte Lager, das unordentlich auf dem durchſchnittenen, wellenförmigen Grund aufgeſchla⸗ gen war. Gruppen von Künſtlern und Zöglingen, unregel⸗ mäßig bewaffnet, Bauern ohne andere Wehre als ihre Sicheln und Heugabeln, darunter einige mili⸗ täriſch ausſehende Männer hörten auf eine leiden⸗ ſchaftliche Anrede des Kapuzinermönchs, Pater Iſi⸗ dor, der ſein Kloſter verlaſſen hatte, um die Carbo⸗ nari zu begleiten. In der Nähe des Redners befanden ſich Louis Napoleon und ſein älterer Bruder, ſowie Graf Pe⸗ poli und Alfred Belgioſo. Der Letztere kam augenblicklich herbeigelaufen, als er unſern Helden erkannte und hieß ihn herzlich bei der Armee der Befreier willkommen. — N 161 Stillſchweigend ſeine Hand prückend eilte der Bote vorwärts und übergab ſeine Briefe den Prinzen. Der erſte war von der Königin Hortenſe, ihrer Mutter, in welchem ſie denſelben dringend erſuchte, unter keiner Bedingung auf die Rathſchläge Derjeni⸗ gen zu hören, welche verlangten, daß ſie ihr Com⸗ mando über ihre kleine Armee abgeben ſollten. „Eure Sicherheit,“ fuhr die Verfaſſerin deſſelben fort,„hängt von eurer Befolgung meines Rathes ab. Ich habe einen Brief des öſtreichiſchen Geſand⸗ ten geſehen, in welchem folgende Stelle ſich findet: „Wenn dieſe jungen Männer, die ſich noch immer für kaiſerliche Prinzen anſehen, zu Ge⸗ fangenen gemacht werden, ſo werden ſie durch die Art, wie man ſie behandelt, bald erfahren, was ſie eigentlich ſind.““ Dieſe Stelle iſt hiſtoriſch, und ſie dürfte wohl einen Stachel in Louis Napoleon gegen Heſtreich zurückgelaſſen haben, deſſen Generale wenig Um⸗ ſtände mit ihm nht haben würden, wenn er in ihre Hände gefallen wäre. Hortenſe's Warnung kam zu ſpät,— ihre Söhne hatten bereits das Commando über die Inſurgenten abgetreten. Der zweite Brief war wo möglich noch wichtiger. Er enthielt aus ſicherer Quelle die Nachricht, e Oeſtreich auf dem Punkte ſtehe, in bie päpſtlichen Staaten einzurücken, um daſelbſt die Ordnung wie⸗ der herzuſtellen. „Dann iſt die Sache verloren,“ bemerkte der ältere Napolebn. Smith, Milly Mohne. 1II. 11 162 „Noch nicht,“ verſetzte der hoffnungsreichere Louis. „Wären wir nur erſt Herren von Rom und der Per⸗ ſon des Papſtes, ſo wollten wir ſchon mit den Heſt⸗ reichern fertig werden. Halt!“ fügte er bei, das Papier ſchärfer beſichtigend,„hier iſt noch etwas, was mir entgangen iſt.“ Unten am Briefe ſtanden leicht mit Bleiſtift ge⸗ ſchrieben folgende Worte: „Louis Philipp billigt heimlich die Ein⸗ miſchung Oeſtreichs und will nicht eher etwas thun, als bis es zu ſpät iſt, ſo daß dadurch den Inſurgenten kein Dienſt mehr geleiſtet wird.“ „So,“ rief der jüngere Bruder,„der Bürger⸗ könig und das Cabinet von Wien haben ſich ver⸗ ſtändigt. Wenn wir auch die Sache nicht durchzu⸗ führen im Stande ſind, ſo können wir ſie doch we⸗ nigſtens dadurch vor Verachtung retten, indem wir wie tapfere Männer dafür ſterben.“ Damals konnte er freilich noch nicht ahnen, welche Zukunft ihm aufbewahrt ſei. Dreiundvierzigſtes Kapitel. Der Freiheitskrieg— für welchen der jetzige Lenker der Franzoſen zuerſt ſein jungfräuliches Schwert zog— kann, wie wir glauben ſollten, für unſere Leſer nicht ohne Intereſſe ſein. Er bildet eine Epi⸗ ſode in der Laufbahn dieſes merkwürdigen Mannes, noch Riemand völlig ergründet hat. Bei den 163 Einzelnheiten dieſer Cpiſode werden wir— wie wir es auch bis jetzt gethan haben— der hiſtoriſcl en Wahrheit folgen, ſo weit wenigſtens, als es ſich um das Schickſal Louis Napoleon's und deſſen zärt⸗ licher Mutter handelt. Ohne die Billigung, ja ſogar ohne Vorwiſſen Hortenſe's hatten ihre Söhne Florenz verlaſſen, um ſich an die Spitze der Bewegung zu ſtellen, welche dahin ſtrebte, Italien frei zu machen. Keiner der beiden Brüder träumte damals von einem Kaiſer⸗ thum, denn Napoleon's Erbe lebte noch bei ſeinem Großvater in Wien. Die Abſicht des Aufſtandes zielte allem Anſcheine nach auf eine Republik.) Es iſt merkwürdig, daß der Held der Carbonari in ſei⸗ nem ſpätern Leben die Republik ſowohl in Frank⸗ reich als in Rom vernichtete. Eine Krone hat ſeinen Abfall von den Grund⸗ ſätzen ſeiner Jugend belohnt. Ob er dadurch glück⸗ licher oder wahrhaft größer geworden iſt, wollen wir dahin geſtellt ſein laſſen. Wir zweifeln daran. Es läßt ſich nicht annehmen, daß eine ſo ſcharf— ſichtige Regierung wie die Rom's, der ſo viele Hilfs⸗ mittel zu Gebot ſtanden, lange in Unwiſſenheit über die beabſichtigte Bewegung geblieben ſein ſollte oder an Vorſichtsmaßregeln zu ihrer Unterdrückung es hätte fehlen laſſen. Cimitelli war nicht der einzige Ver⸗ räther unter den Carbonari. Nachrichten von dem Treiben dieſer geheimnißvollen Geſellſchaft wurden Welche aber die napoleoniſchen Prinzen wehrſcheinlich ſpäter für ſich auszubeuten hofften. 11 3 164 täglich dem päpſtlichen Miniſter überbracht und von dieſem erlauchten und ehrwürdigen Staatsdiener dem Cabinet von Wien mitgetheilt. Die Antwort Oeſtreichs lautete ſeiner ganzen Politik und ſeinen Grundſätzen gemäß: zuwarten. Unterdeſſen verſtärkte es aber ſeine Armee, befahl ſeinen Kreuzern an die verſchiedenen Häfen des adriatiſchen Meeres ſich zu verfügen, um daſelbſt das Entkommen der Inſurgenten zu verhindern und ertheilte zugleich geheime Befehle an ſeine Generale, die Neffen ſeines lange gefürchteten Feindes ohne Weiteres niederſchießen zu laſſen, wenn dieſelben in ihre Hände fallen ſollten.*) War es wohl möglich, daß Fürſt Metternich die ſpätere Gefahr für das Reich, das er ſo lange ver⸗ waltet hatte, ahnte? Obgleich die beiden Brüder den Oberbefehl über ihre kleine Armee an den General Sercognani und Armandi abgetreten hatten, ſo übten ſie doch noch fortwährend eine große Autorität aus. Die begei⸗ ſterte Jugend Italiens gehorchte ihnen,— der Name Napoleon übte noch immer einen Zauber auf ihre glühende Phantaſie; und wären Louis Rathſchläge an die provoſoriſche Regierung von Bologna befolgt worden, augenblicklich auf Rom loszumarſchiren, ſo ſtände jetzt wohl ein anderes Blatt in den Annalen Italiens geſchrieben. 5 Die Bologneſen zögerten und der günſtige Augen⸗ blick ging verloren. Beim erſten Donner der öſtreichiſchen Artillerie *) Wozu es vollkommen berechtigt war. D. B. 165 in der Ramagna merkte Jedermann, daß die Sache der Inſurgenten hoffnungslos verloren ſei; unexer⸗ cirt und ſchlecht bewaffnet konnten ſie nicht hoffen, der wohldisciplinirten Armee ihnen gegenüber Wider⸗ ſtand leiſten zu können. Nichtsdeſtoweniger fochten ſie verzweiflungsvoll und die unglücklichen Prinzen gaben Beweiſe von Muth und Geſchicklichkeit, die ein beſſeres Schickſal verdient hätten. Der ältere darunter ſchlug an der Spitze von nur zweihundert Mann eine große Abtheilung päpſtlicher Truppen und machte dabei viele Gefangene, die er unter Zurufen der Bewohner nach Terni brachte. Der Jüngere zeichnete ſich ebenfalls durch ſeine geſchickten Anſtalten zur Belagerung von Civita Ca⸗ ſtellana aus, welche ihm ſelbſt die Lobſprüche von Seiten des Commandanten der Garniſon eintrug. Obgleich Schritt für Schritt Widerſtand geleiſtet wurde, drangen doch die kaiſerlichen Truppen gleich einem compacten Keil in das Herz des Landes ein, bis in Folge der Niederlagen Verwirrung und end⸗ lich aus der Verwirrung allgemeine Flucht entſtand. Die Inſurgenten, in kleine Haufen aufgelöst, flohen, um ihr Leben zu retten. Tauſende ſtarben für die Sache, der ſie ſich ſo begeiſtert geweiht hatten, andere blieben am Leben, um ſie zu rächen. Es war ein Tag des Triumphs für Oeſtereich und ſein Adler breitete ſtolz ſeine Schwingen über Italien aus. In einer abgelegenen Bergſchlucht, etwa zehn Meilen von Foligno, hatte eine Abtheilung Flücht⸗ linge ihren Bivouak aufgeſchlagen. Man hätte kaum einen beſſern Verſtecplatz auffinden können; es führte 166 nur ein Saumweg dahin, den außer den Schleich⸗ händlern und den benachbarten Ziegenhirten Niemand kannte. Artillerie vermochte denſelben nicht zu paſ⸗ ſiren und ein Dutzend entſchloſſener Männer hätten den geſchlängelten Pfad gegen Hunderte vertheidigen können. Mehrere unter den Patrioten waren ſchwer ver⸗ wundet; unter Andern auch der ältere Auſtin, der Rom verlaſſen hatte, um den Zuſammenſturz ſeiner lang gehegten Plane und die Niederlage ſeiner Freunde nicht mit anſehen zu müſſen. Offenbar ſchien ihm der Erfolg nur wenig zu Herzen zu gehen. Seit dem Tode ſeines Sohnes hatte er die Liebe zum Leben verloren. Augenſcheinlich war es ihm nie um ſeiner ſelbſt, ſondern nur um Ernſt's willen theuer geweſen. Die älteren Mitglieder der geſchlagenen Truppe hielten einen Kriegsrath, während die jüngeren, von denen viele faſt noch den Knabenjahren angehörten, auf den verſchiedenen Bergſpitzen aufgeſtellt waren, um die Annäherung des Feindes zu ſignaliſiren. Während über die verſchiedenen Vorſchläge des Entkommens debattirt wurde, von denen die meiſten als gänzlich unausführbar verworfen wurden, ſah man eine einzelne Geſtalt auf dem engen Pfade näher kommen. Louis Napoleon war der erſte, der ſie gewahrte und dem Engländer bemerkbar machte. Ein befriedigtes Lächeln ſchlich ſich über Auſtin's düſteres Geſicht, als er in dem Nachzügler den Freund ſeines ermordeten Sohnes erkannte. „Dem Himmel ſei Dank!“ rief er aus,„er iſt dem Blutbade entkommen!“ 167 Das Erſcheinen von Oliver erleichterte offenbar ſein Gemüth von einem Selbſtvorwurfe. Er hatte die Freundſchaft unſeres Helden für ſeinen Sohn als Mittel benützt, um ihn zu einer Sache herüberzu⸗ ziehen, die jetzt hoffnungslos ſchien. Ein klarerer Kopf hätte merken müſſen, daß ſie von Anfang an hoffnungslos war. Italien war nicht in der Lage, ſich ſelbſt frei zu machen. Seine Zuckungen waren die eines gefeſſelten Gefangenen, der das Gewicht ſeiner Ketten fühlt, nicht aber die heftigen Wehen eines Rieſen, der bereit iſt, dieſelben abzuſtreifen. Die neueſten Ereigniſſe haben bewieſen, daß es ohne fremden Beiſtand nicht damit zurecht gekommen wäre. „Er iſt glücklich durchgekommen,“ bemerkte der rinz. Als unſer Held die kleine freie Stelle erreichte, auf welcher die Flüchtlinge kampirten, wurde er herz⸗ lich willkommen geheißen, namentlich von Auſtin, der das Schlimmſte befürchtet hatte. „Woher kommen Sie?“ fragte er.—„Von dem verhängnißvollen Felde, wo—“ „Nein,“ unterbrach ihn Hliver;—„ich verließ Foligno geſtern Nacht.“ „Foligno?“ wiederholte der Prinz erſtaunt. „Ja. Einer der Gefangenen, welcher unmittel⸗ bar darauf von den HOeſtreichern erſchoſſen wurde, theilte mir mit, daß Sie ſich in dieß Gebirge geflüchtet hätten, und ſo kam ich hieher, Sie aufzuſuchen.“ „Und wie kam es denn, daß Sie einem ähnlichen Schickſal entgingen?“ fragte Louis, ihn ſcharf firi⸗ 168 rend, als wenn im Augenblick ein ſtarker Zweifel in ſeine Treue in ihm aufgeſtiegen wäre. „Sie vergeſſen, daß ich ein Engländer bin,“ verſetzte der Ankömmling ſtolz, denn er errieth den unedlen Verdacht.„Mein Paß ſchützte mich. Ich wurde nicht einmal gefragt,“ fuhr er gegen Mr. Auſtin gewendet fort,„ſondern wurde für einen Reiſenden gehalten, der von Marodeurs angehalten und geplündert worden war.“ „Und Sie kommen wirklich von Foligno?“ ſagte der Prinz. Dießmal war der Zweifel zu deutlich ausgedrückt, als daß er unbeachtet hätte bleiben dürfen. „Eine thörichte Handlung allerdings,“ rief unſer Held bitter;„namentlich weil ſie aus dem Wunſche entſprang, einen Mann zu retten, der zwar einen hiſtoriſchen Namen, aber nicht das Herz Desjenigen geerbt hat, deſſen Worte ganz Europa zu ſeinem Schlachtfelde machten. „Es gab einſt einen Napoleon,“ fügte er bei, indem er ein gedrucktes Papier aus der Bruſttaſche zog und ſeinem Landsmann übergab,„der mich ver⸗ ſtanden hätte.“ Mr. Auſtin überlas bedächtlich das ihm einge⸗ händigte Document. Es enthielt die Proclamation des öſtreichiſchen Generals, in welcher jedem Inſur⸗ genten Amneſtie zugeſichert wurde, der innerhalb einer gewiſſen Zeit ſeine Waffen niederlegte. Einige ihrer Führer aber waren namentlich davon ausge⸗ ſchloſſen,— unter anderem die Söhne Hortenſes.“*) *) Mit allem Recht, denn dieſe ging Italien offenbar nichts an, ** 169 Das Geſicht des künftigen Kaiſers der Franzoſen röthete ſich tief, als er den Beweis dieſer höchſt edelmüthigen Ergebenheit las. Damals konnte er noch roth werden. Der Beſitz eines Kaiſerreichs hat ſein Geſicht ſeitdem etwas verhärtet. „Verzeihen Sie mir,“ ſprach er, die Hand unſe⸗ rem Helden entgegenſtreckend;„das Unglück hat mich ungerecht gemacht.“ Oliver fühlte ſeine Ehre zu tief gekränkt, als daß er das Freundſchaftsanerbieten angenommen hätte. „Haben Sie je einen Freund beſeſſen?“ fuhr Louis fort. „Viele!“ „Und liebten Sie und vertrauten Sie denſelben?“ „Unbedingt.“ „Verriethen dieſelben Sie?“ „Niemals,“ verſetzte unſer Held, der nicht wußte, wohin dieſe Fragen führen ſollten. „Wenn dieſelben Sie zuvor verrathen haben,“ ſagte Louis Napoleon mit ſtarker Betonung,„dann urtheilen Sie über mich. Früher ſind Sie es nicht im Stande.“ Es lag eine Trauer im Tone dieſer Worte, die dem jungen Mann zu Herzen ging. Er dachte an die glänzenden Ausſichten des Prinzen bei ſeiner Geburt, an den Sturz von deſſen Familie und ſein Stolz wich. „Prinz,“ ſprach er, die noch immer ausgeſtreckte Hand ergreifend,„die Genugthuung macht das Un⸗ recht gut. Nachdem der Grund, der mich hieher geführt hat, jetzt völlig verſtanden iſt, habe ich noch 170 weitere Nachrichten mitzutheilen. Der Feind hat Foligno verlaſſen.“ Ein Ausruf des Erſtaunens entſchlüpfte ſeinen beiden Zuhörern. „Ich ſah ſeine Bataillone geſtern Nacht aus den Thoren marſchiren, ſie ſchlugen den Weg nach Peru⸗ ia ein.“ 8„Wir haben Freunde, treue Freunde in Foligno,“ rief Louis.„Die Straße iſt jetzt frei. Könnten wir nur—“ „Ich will zuerſt recognoſciren,“ unterbrach ihn Mr. Auſtin ernſt.„Es kann dieß zwar Einem oder Zweien, aber nicht unſerer ganzen Abtheilung gelingen. „In dieſem Falle iſt es vergeblich,“ bemerkte Louis Napoleon kalt. „Durchaus nicht,“ verſetzte der Engländer.„Sie und Ihr Bruder können—“ „Niemals!“ unterbrach ihn der Prinz heftig, „niemals!“ „Hören Sie mich,“ fuhr der Rathgeber fort, „Wäre Ihr beiderſeitiges Leben nicht wichtiger für die Sache der italieniſchen Freiheit, als das Ihrer Gefährten und mein eigenes, ſo würde ich den Rath, welchen ich zu ertheilen im Begriffe ſtehe, für gemein und verächtlich erlären, der nicht verdiente, angehört und noch viel weniger befolgt zu werden. Weßhalb hat Heſtreich Sie namentlich von der Amneſtie aus⸗ geſchloſſen? Weil es den Zauber Ihres Namehs fürchtet. Warum hat Louis Philipp eine Interven⸗ tion geſtattet, welche im Widerſpruch mit der Politik und den Traditionen Frankreichs ſteht? Blos deßhalb, 171 weil er wünſcht, Diejenigen los zu werden, welche eines Tages ſeiner Dynaſtie gefährlich werden könnten. „Sie müſſen zu entkommen ſuchen,“ ſetzte er ent⸗ ſchieden hinzu.„Es iſt dieß Ihre Pflicht. Nur Thoren ſterben, weil ſie ihre Hoffnung vereitelt ſehen. Aechte Männer bleiben am Leben, um aus ihrer Niederlage Nutzen zu ziehen.“ Schließlich wurde feſtgeſetzt, daß Mr. Auſtin und unſer Held aus dem Gebirge hinabſteigen ſollten, um ſich zu überzeugen, ob die Straße nach Foligno mit einer kleinen Abtheilung in ſicherer Weiſe oder nicht zu paſſiren ſei; worauf Mr. Auſtin ſich ent⸗ fernte, um ſich zu dieſem Verſuche zu verkleiden. Er war dem Feinde von Perſon wohl bekannt, da er demſelben durch Spione genau beſchrieben worden war. Vor Allem raſirte er den Bart vollkommen ab und vertauſchte dann ſein kriegeriſches Gewand gegen eines von friedlicherem Ausſehen. Als er ſeinen jungen Gefährten wieder einholte, der einſtweilen vorausgegangen war, erſchrack der⸗ ſelbe, indem er den lang gehegten Verdacht beſtätigt fand. Das Original des Portraits ſtand vor ihm. „Sir Cuthbert Vavaſſour!“ rief er aus. Ein bedeutungsvolles Runzeln verdunkelte die Stirne des Engländers. „Kennen Sie mich?“ murmelte er. „Ja.“ „Dann hat Ernſt—“ „Thun Sie Ihrem Sohn oder meiner Freundſchaft für denſelben kein Unrecht durch einen Zweifel,“ fiel ihm unſer Held ins Wort.„Ich fragte ihn nie über 172. ſeinen Vater aus, obgleich ich denſelben ſo ſehnlichſt aufzufinden wünſchte.“ „Das iſt ganz unerklärlich,“ murmelte der Ba⸗ ronet.„Trevor! dieſer Name iſt mir ganz unbe⸗ kannt. Sie müſſen ein Kind geweſen ſein zu der Zeit, als ich England verließ, und doch wünſchten Sie ſehnlich mich aufzufinden!“ „Ich beſuchte Italien aus keinem andern Grunde.“ „Da muß alſo ein ſehr dringendes Motiv vor⸗ liegen,“ bemerkte ſein Zuhörer mit zunehmendem Er⸗ ſtaunen. „Sie mögen ſelbſt urtheilen. Gleich Ihnen habe auch ich meinen wahren Namen verborgen.“ „Und der iſt—?“ „Brandreth,“ verſetzte der junge Mann, ihn feſt mit den Augen fixirend. Eine Todtenbläſſe überdeckte das Geſicht des Sir Cuthbert; doch wich er dem auf ihn gerichteten Blicke nicht aus, der gewiſſermaßen eine Art von Zauber auf ihn auszuüben ſchien. „Können Sie jetzt meinen Grund verſtehen?“ fuhr Oliver fort.„Ich ſuchte Sie auf in der Hoff⸗ nung, von Ihnen die Beweiſe der Unſchuld meiner Mutter einer ſchändlichen Anklage gegenüber heraus⸗ zupreſſen, welche den Frieden ihres Gemüths vernich⸗ tete— ſie von ihrem Gatten trennte,— mir ſeit Jah⸗ ren ihr Lächeln, und— nein, mir nicht zugleich auch ihre Liebe raubte; dieſe vermochte die Schlechtigkeit ihrer Feinde nicht zu vernichten.“ „Ich habe von der Anklage gehört, welche der Ju⸗ welier gegen meine Couſine erhoben hat,“ verſetzte der Baronet,„aber ich glaubte, dieß ſei längſt vergeſſen.“ 173 „Sie hörten davon!“ wiederholte der Sohn. „Ja, ich verließ England unmittelbar nach ihrer Vermählung.“ „Und kehrten nie dahin zurück?“ „Niemals. So wahr Gott lebt!“ Die Hoffnung, welche durch die Entdeckung in Oliver's Herzen aufgetaucht war, verſchwand bei die⸗ ſer Betheuerung wieder, die in ſo feierlichen Aus⸗ drücken gemacht war, daß nicht daran gezweifelt werden konnte, und doch war er froh, daß der Vater des Freundes, den er verloren, nicht der Zerſtörer des häuslichen Glückes ſeiner Eitern war. „Wenn Sie mich kennen,“ fuhr der Baronet traurig fort,„ſo kann Ihnen meine Geſchichte nicht unbekannt ſein. Ich liebte Ihre Mutter mit der ganzen Gluth einer wilden, ungeſtümen, aber nicht unwürdigen Natur. Sie war ein ſchönes, ſanftes Geſchöpf— lieblich wie der erſte Jugendtraum. Viel⸗ leicht erſchreckte ſie die Heftigkeit meiner Leidenſchaft; jedenfalls fand ich keine Gegenliebe. Die Verfolgung einer Perſon— deren Irrthümer ſelbſt ich zu achten vetpflichtet bin,— ſtimmten wahrſcheinlich ihr Herz gegen mich—“ Er hielt inne: ſein Zuhörer wußte, daß er dabei auf Lady Vavaſſour anſpielte. „Da Sie meine Mutter kannten, ſo konnten Sie unmöglich an das ſchmähliche Gerücht von ihrer Schuld glauben?“ „Ich hätte eben ſo leicht an der Reinheit eines Engels zweifeln können,“ rief Sir Cuthbert heftig; viht edles Herz und Gemüth konnte ſelbſt der Ge⸗ danke an ein Verbrechen nicht beflecken. Alle die 174 ſie kannten, würden ihre Seele für ihre Schuldloſig⸗ keit verpfändet haben.“ „Nicht alle,“ antwortete der Sohn traurig. „Iſt es möglich,“ ſagte der Baronet langſam, „daß der, welcher ihr Herz gewonnen hat, je daran zweifeln konnte?“ „Sie wurden dadurch getrennt.“ Ein faſt wohlgefälliges Lächeln ſpielte einen Au⸗ i um den ſtolzen Mund des Baronets, das je⸗ och raſch wieder einem edleren Gefühle wich. „Arme Adelaide,“ murmelte er—„arme Adel⸗ aide! Wundern Sie ſich nicht über den augenblick⸗ lichen Triumph, den ich feierte,“ fügte er bei.„Ich liebte ſie, wie ſelten ein Mann liebte; von Kindes⸗ Sbeinen an war meine Natur wild und leidenſchaftlich, aber frei von Schuld. Ich war zu ſtolz dazu, und doch wenn ich durch eine Schuld ſie hätte gewinnen können, ſo wären Vernunft, Grundſätze und alles in den Hintergrund getreten. Nachdem ich ſie aber ver⸗ loren hatte, bemühte ich mich ſie zu vergeſſen. Ver⸗ geblicher Kampf! Ich verſuchte ihn zwar, aber um⸗ nſt⸗ Wenn ein Strohhalm ihr Glück hätte zerſtören können, ſo würde ich ihn nicht auf ihren Pfad ge⸗ worfen haben.“ „Ich glaube Ihnen,“ rief der Sohn.„Ernſt's Vater kann mich nicht belügen. Wollen Sie mir Beiſtand leiſten, dieſes fürchterliche Geheimniß zu ent⸗ hüllen?“ „Vielleicht— vielleicht!—“ Abermals zeigte ſich der Ausdruck, den Oliver zuvor ſchon bemerkt hatte, auf dem Geſicht des Ba⸗ ronets. 175 „Jetzt müſſen Sie aber nicht weiter mit mir über dieſen Gegenſtand ſprechen. Dieſe Entdeckung hat mich erſchüttert, indem ſie Erinnerungen in mir er⸗ weckte, die ich irrigerweiſe im Grabe verlorenen Hof⸗ fens und Glücks verſenkt glaubte. Wir ſind von Gefahren umgeben,— dieſe müſſen überwunden wer⸗ den. Es kann eine Zeit kommen, in der wir wieder davon reden können. „Meine erſte Pflicht,“ murmelte er vor ſich hin, „iſt ihren Sohn zu beſchützen.“ Es war beinahe Nacht geworden, als die Reiſen⸗ den Foligno erreichten, das ſie von den Oeſtreichern gänzlich verlaſſen fanden. Der Podeſta, ein eifriger Republikaner, dem ſie ſich zu erkennen gaben, theilte ihnen mit, daß die Mauern der Stadt dicht mit Placaten von der Proclamation bedeckt ſeien, in wel⸗ cher denjenigen Inſurgenten Amneſtie angeboten wurde, welche ſich ergeben würden, und in der zugleich eine Belohnung auf die Habhaftwerdung der Prinzen, le⸗ bendig oder todt, ausgeſetzt war. „Es befinden ſich Viele in der Stadt, die dieſe verrathen würden,“ bemerkte der Gemeindebeamte, „um ſich dadurch wohl daran zu machen. Die Prin⸗ zen wären alſo in unſern Mauern nicht ſicher.“ Die beiden Engländer blickten einander traurig an. „Es gibt nur einen Ausweg,“ fuhr der Italiener fort;„ich beſitze ein Landgütchen einige Meilen von hier. Einer von Ihnen muß die Reffen des Kaiſers dahin führen, während der andere ſich nach Florenz begibt, und Ihre Majeſtät dort aufſucht.“ Von den Anhängern der Napoleonſchen Familie 176 wurde Hortenſe ſtets mit dieſem Titel bezeichnet und auch auf dieſe Weiſe angeredet. „Was dann?“ fragte unſer Held. „Ein Mutterherz wird dann ſchon wiſſen, was zu thun iſt,“ verſetzte der alte Mann. Der Plan— der überhaupt allein nur Ausſicht auf Erfolg darbot,— wurde ſogleich angenommen. Nun entſpann ſich aber ein freundſchaftlicher Streit zwiſchen dem Baronet und Oliver darüber, wer von ihnen beiden die gefahrvollere Aufgabe übernehmen und die Flüchtlinge an den Ort ihres Verſtecks füh⸗ ren ſolle. Sir Cuthbert trug endlich den Sieg da⸗ von. „Wir ſehen uns vielleicht nie wieder,“ bemerkte der letztere, als ſie ſich unter dem Thore der Stadt trennten.„Aller Wahrſcheinlichkeit nach wird Ihr Mentor Sie in Florenz zurückhalten. Ich kann mich doch auf Ihre Ehre verlaſſen?“ „Unbedingt.“ „Ich bin es überzeugt. Geben Sie mir Ihr Wort, das Pfand, das ich Ihnen anvertrauen will, nicht eher zu benützen, als bis Sie ſichere Kunde von meinem Tod erhalten haben.“ „Ich verſpreche es auf Ehre,“ verſetzte unſer Held. „Und es zurückzugeben, wenn wir uns wieder treffen ſollten?“ „Auch dazu verpflichte ich mich.“ Sir Cuthbert zog einen Ring mit einer merkwür⸗ digen antiken Gemme vom Finger, höchſt wahrſchein⸗ ich von Pompeji, und übergab ihn den Händen ſei⸗ nes jungen Landsmannes. „Sobald Sie ſichere Nachricht von meinem Tode 177 haben, ſuchen Sie meinen treuen Diener Philippo auf und übergeben Sie ihm dieß; er wird meine Wün⸗ ſche verſtehen und denſelben nachkommen.“ „Aber erklären Sie mir—“ „Ich kann jetzt nichts erklären,“ unterbrach ihn der Baronet tief ergriffen.„Junger Mann, Sie be⸗ greifen das Opfer nicht, das ich bereits gebracht habe; haben keine Ahnung von dem Schmerz, den es mir verurſacht. Leben Sie wohl, und wenn das Geheimniß einſt aufgeklärt iſt, ſo vergeſſen Sie nicht, daß der Name— der einſt ſo ſtolze Name Vavaſſour — auch der der Mutter war, die Sie ſo ſehr lieben und verehren. Schonen Sie ihn, wo möglich, um ihretwillen.“ Mit dieſer auffallenden Mittheilung einer Abſicht, welche übrigens nur angedeutet war, eilte er haſtig weg, indem er unſern Helden in einem Meer von Zweifeln und Vermuthungen zurückließ. War es möglich, fragte er ſich ſelbſt, daß er durch eine er⸗ heuchelte Leidenſchaft getäuſcht worden ſei,— daß das unwillige Läugnen durch falſche Schaam veranlaßt worden— daß der Baronet doch der Zerſtörer des Glückes ſeiner Mutter war? Je mehr er darüber nachdachte, um ſo größere Zweifel ſtiegen in ihm auf. „Nein!“ rief er endlich aus;„ſeine Empfindung war natürlich. Was auch Sir Cuthbert immer ge⸗ weſen ſein mag, ein Comödiant iſt er nicht,“ und damit machte er ſich auf den Weg nach dem nächſten Poſthauſe, in der Hoffnung, dort ein Pferd zu ſeiner Reiſe nach Florenz zu erhalten. Smith, Milly Mohng. Ir. 12 178 Am zweiten Tag, ſo groß waren die Schwierig⸗ keiten und Verzögerungen unterwegs geweſen, ritt der einſame Flüchtling ermüdet und mit Staub und Straßenkoth bedeckt in der Stadt der Lilie ein. Florenz bedeutet auf italieniſch eine rothe Lilie. Ver⸗ möge ſeines Paſſes durfte er ungefragt paſſiren und er verfügte ſich ſogleich in das Hotel, in welchem, wie er wußte, Major Henderſon abgeſtiegen war. Zu ſeinem Erſtaunen waren die erſten Perſonen, die er traf, Peter Marl und Philippo. Der Letztere hatte ſich, von Ernſt's Hund begleitet, von Rom, unmittelbar nach der Abreiſe ſeines Herrn, um zu den Inſurgenten zu ſtoßen, in der Hoffnung hieher auf den Weg gemacht, ihn aufzufinden. Die Freude des alten Soldaten war groß, als er ſeinen jungen Liebling erkannte. „Oh! Mr. Hliver!“ rief er aus;„der Major iſt über Ihre Abweſenheit faſt verrückt geworden! Wo iſt Philipp?“ „Iſt er nicht zurückgekehrt?“ „Niemand iſt bis jetzt zurückgekehrt. Wenn ich daran denke, ohne mich in eine Campagne zu gehen! Dem Himmel ſei Dank, daß Sie mit heiler Haut zurückkommen.“ „Mein liebevoller Mentor hat doch unſere Briefe erhalten?“ „Wir wiſſen von nichts,“ antwortete Peter,„als daß wir vergebens gewartet haben. Sie haben alſo Pulver gerochen?“ Ja— ja!“ antwortete Oliver zerſtreut. Und wie hielten ſich denn die Piſtole?“ „Ausgezeichnet.“ / 57 179 „Das wußte ich wohl,“ murmelte Peter wohl⸗ gefällig,—„das wußte ich zum Voraus.“ Der Anblick Philippo's war für Oliver eine ſtarke Verſuchung. Das Zeichen ſtack an ſeinem Finger, die Enthüllung des Geheimniſſes lag ſo nahe, und doch widerſtand er,— er hatte ſein Wort verpfändet. Dem alten Manne freundlich zuwinkend, folgte er ſeinem Führer in das Hotel und bald befand er ſich ſeinem Mentor gegenüber. „Ich werde Ihnen keine Vorwürfe machen,“ ſagte der Major, ihm herzlich die Hand ſchüttelnd,„meine Freude, Sie wieder zu ſehen, iſt zu groß, als daß ich Ihnen jetzt böſe ſein könnte. Aber Ihre Abwe⸗ ſenheit hat mir vielen Kummer gemacht. Wo iſt Phil?“ „In Neapel glaube ich.“ „In Neapel?“ wiederholte der Major;„ich glaubte, ihr hättet beide auf der Seite der republi⸗ kaniſchen Partei gefochten?“ Oliver theilte dem Major ſeine und ſeines Freun⸗ des Abenteuer und die Gründe, welche dabei maß⸗ gebend geweſen waren, ſo weit mit, daß dieſem da⸗ durch das, was ihm bis dahin im Benehmen der jungen Männer dunkel geblieben, klar wurde. „Junge, enthuſiaſtiſche Naturen,“ murmelte der Veteran.„Liebe und Freundſchaft— ich hätte deren Einfluß vorausſehen ſollen. Sie haben den Grund nicht vergeſſen,“ fuhr er laut ſprechend fort,„der Sie von England hieher geführt hat? Eine ſolche Vorausſetzung hieße Ihr Herz beleidigen. Das Glück war meinen Bemühungen günſtiger.“ „Verehrter Herr,“ unterbrach ihn Oliver,„erft 12* 180 geſtern habe ich mich von Sir Cuthbert Vavaſſour getrennt.“ „Auf freundſchaftliche Weiſe?“ fragte der Major höchlich erſtaunt. „Sicher nicht auf feindliche Weiſe. Wir kennen beide ihn ſchon ſeit Monaten.“ „Mr. Auſtin?“ ſagte der Major. Das Verwundern war nun auf Seite unſeres Helden, da ſein Mentor ihm nie ein Wort von ſei⸗ ner Unterredung mit Signore Luigi mitgetheilt hatte. Der Advocat der Ripetta hatte ihm kürzlich geſchrie ben, das Geheimniß ihm enthüllt und zugleich die verſprochene Belohnung reclamirt. „Haben Sie Philippo geſehen?“ fragte er, nach⸗ dem ſein Zögling ihm ſeine Unterredung mitgetheilt hatte, die er mit dem Baronet gehabt. Ja.“ „ „Und haben Sie mit ihm geſprochen?“ „Ich unterließ dieß, damit ich nicht, durch mein Gefühl hingeriſſen, das ſeinem Herrn gegebene Ver⸗ ſprechen breche,“ verſetzte der junge Mann; jetzt bin ich aber ruhiger und kann mich auf mich ſelbſt verlaſſen.“ Ein billigendes Lächeln erhellte das Geſicht des Major Henderſon, der auf ſeinen Zögling, deſſen Muth und ſtrenges Ehrgefühl ſtolz war. „Wenn nur Phil hier wäre,“ bemerkte er,„ſo würde ich nichts vermiſſen. Seine Reiſe nach Neapel hat aber wenigſtens ein gutes Reſultat, indem es ihn von der Gefahr ferne hielt, die Sie beſtanden haben. Wir müſſen ihn aufſuchen.“ „Das iſt auch meine Abſicht,“ verſetzte Oliver; — 181 zaber ich habe noch eine Freundespflicht zu erfüllen. Ich muß zuerſt Frau von St. Leu aufſuchen, ſie von der Gefahr ihrer Söhne unterrichten und die⸗ ſelbe, wenn ſie es wünſcht, nach Foligno begleiten.“ „Tollkühnheit!“ rief der Mentor aus. „Pflicht!“ ſagte unſer Held ernſt,—„Pflicht! Sie vergeſſen, daß mir ſonſt keine andere Ausſicht bleibt, den Mann wieder zu treffen, der offenbar den Schlüſſel zu dem ſchändlichen Complot beſitzt, das meiner Mutter Glück und Ehre raubte.“ „Recht, junger Mann, recht!“ rief der Veteran. „Die Regung des Gemüths iſt im Ganzen kein ſo völlig unſicherer Führer. Wenn er ein Herz beſitzt, ſo muß Ihr ehrenvolles Benehmen ihn rühren. Jedenfalls wollen wir ihn nicht aus dem Geſicht verlieren. Aber Sie müſſen die Sache nicht allein unternehmen; ich und Peter werden Sie begleiten. Kein Wort weiter über dieſen Punkt,“ fügte er bei. „Sie ſprachen ſoeben von Pflicht— ich kenne die meinige, und die ſchreibt mir vor, mich nicht mehr von Ihnen zu trennen.“ „Aber die Beſchwerden, die Gefahr—“ „Ich ſehe, Sie wollen mich in meinem Beſchluß beſtärken,“ ſagte Major Henderſon lächelnd.„Suchen Sie die Dame auf; ich und Peter werden einſt⸗ weilen die nothwendigen Vorbereitungen zu unſerer Reiſe treffen.“ Da gegen einen ſo feſt gefaßten Entſchluß keine Vorſtellungen möglich waren, ſo verabſchiedete ſich für jetzt unſer Held von ſeinem Mentor und begab ſich zu Fuß in den Palaſt an den Ufern des gol⸗ denen Arno, welchen die Exkönigin bewohnte, die 182 in Folge der Ungewißheit über das Schickſal ihrer Söhne unſäglich litt. Nur ein Mutterherz vermag dieſen Zuſtand zu begreifen. Als Oliver auf die Straße hinabging, theilte er dem alten Soldaten mit, daß ſein Herr ſeine Gegenwart wünſche. „Und meine?“ ſagte Philippo mit kummervollem Blick,„meine? Haben Sie etwas von meinem ar⸗ men Herrn gehört?“ „Ich verließ ihn erſt vor zwei Tagen ganz wohl auf.“ Ein ſchweres Gewicht ſchien durch dieſe Worte von dem Herzen des treuen Burſchen genommen zu werden. „Wir ſind im Begriff, uns wieder zu ihm zu begeben,“ ſetzte Oliver mit gedämpfter Stimme hinzu. „Was!“ rief der alte Soldat, der dieſe Worte hörte,„ziehen wir endlich in's Feld? Dachte ich's doch. Ich wußte wohl, daß, wenn der Major ein⸗ mal Pulver rieche, er nicht lange unthätig bleiben könne. Wann marſchiren wir aus?“ „Mein Mentor wird es Ihnen mittheilen,“ ant⸗ wortete Oliver,„Sie vergeſſen, daß er Sie er⸗ wartet.“ Peter eilte, gefolgt von Philippo, in's Hotel, und unſer Held ſetzte ſeinen Weg fort. 183 Vierundvierzigſtes Kapitel. Hortenſe Fanny Beauharnais, die Gemahlin Louis', des Erkönigs von Holland, hatte ſeit vielen Jahren von ihrem ſchwachen und ihrer unebenbürtigen Gemahl gelebt. In der Geſchichte königlicher und kaiſerlicher Heirathen findet ſich kaum eine zweite ſo wenig zuſammenpaſſende Verbindung. Joſephine's Tochter hatte die liebevolle Natur, die raſche Em⸗ pfänglichkeit, Schönheit und Anmuth ihrer Mutter geerbt. Der Bruder des Kaiſers hatte mit dieſem nichts gemein als gleiche Abſtammung und gleichen Namen; von deſſen Genius oder Feſtigkeit war in dem Charakter Louis' auch nicht ein Funke zu finden. Nicht einmal in ſeinen Laſtern glich er ihm, indem er auch hierin von ihm eben ſo weit entfernt war, als von ſeiner Intelligenz. Nur ein Act von Würde und Selbſtachtung machte ſich in ſeiner Laufbahn bemerklich, indem er dem Thron von Holland ent⸗ ſagte, als er fand, daß ſeine Pflichten als König mit dem ſelaviſchen Gehorſam gegen die Anſichten, welche der Kaiſer von ihm verlangte, unverträg⸗ lich ſeien. Die Bewunderung, wir möchten wohl hinzufügen die Liebe Hortenſe's zu Napoleon war unbegrenzt. Als ſeine Familie, ſelbſt ſeine Gemahlin und Mutter, ihn verließen, hielt ſie feſt zu ihm. Ihre letzte Handlung der Ergebenheit nach der Niederlage bei Waterloo beſtand darin, daß ſie ihm ihre Diaman⸗ ten aufnöthigte, welche ſie mit eigener Hand in dem Kragen ihres Reitrockes verborgen hatte. 184 Jung, reizend, ſtolz und begabt, darf man ſich über die Geringſchätzung nicht wundern, welche dieſe merkwürdige Frau gegen den Mann an den Tag legte, mit welchem Politik, nicht eigene Wahl ſie verbunden hatte. Beim Zuſammenſturz des Kaiſer⸗ reichs entfloh er aus Paris, indem er es ihr über⸗ ließ, für ihre und ihrer Söhne Sicherheit zu ſorgen, ſo gut es ging, und er machte ſeine väterliche Auto⸗ rität nur in ſo weit geltend, um ſie von ihrem äl⸗ tern Sohne zu trennen, den ſie ihm nach Italien ſchicken mußte, wogegen er den jüngern, Louis, bei ihr in der Schweiz ließ. Seit Hortenſe in Florenz ſich befand, hatte Louis nichts gethan, als ſie fortwährend gequält und ihr unaufhörlich widerſprochen. Anfangs hatte er das Unternehmen der jungen Prinzen ermuthigt, dann war er plötzlich andern Sinnes geworden, hatte ihnen jede Geldunterſtützung entzogen und ſelbſt ihre Pferde mit Beſchlag belegt. Seine Gemahlin ſorgte für beides, und fügte ein Schreiben bei, aus welchem wir folgende merk⸗ würdige Stelle anführen: „Wehe denen,“ ſagt ſie darin,„welche eine Revolution anfangen, ohne die Mittel zu be⸗ ſitzen, deren Erfolg zu ſichern oder wenigſtens wahrſcheinlich zu machen.“ Zur Zeit des Staatsſtreichs vergaß Louis Na⸗ poleon dieſen Rath ſeiner Mutter nicht. Er lief ſicher nicht Gefahr, daß ihm derſelbe aus allzugroßer Mäßigung mißlinge. Gerüchte von dem totalen Mißlingen des Auf⸗ 185 ſtandes gelangten lange vorher nach Florenz, ehe authentiſche Details von der Schlacht einliefen. Louis war einer der erſten, der ſie vernahm, und er wußte nichts Beſſeres zu thun, als augen⸗ blicklich damit nach Hortenſe's Wohnung zu eilen. „Da haben wir's!“ rief er beim Eintreten in das Boudoir;„ich hatte es vorausgeſehen; aber niemand beachtet meine Prophezeihungen oder nimmt meinen Rath an. Sie haben durch ihre Schwäche und Nachſicht, welche Sie bei der Erziehung Ihrer Kinder an den Tag gelegt haben, dieſelben zu Grund gerichtet.“ Zur Hälfte war die Anklage offenbar ungerecht, indem der ältere Prinz zu frühzeitig der Obhut ſei⸗ ner Mutter entriſſen worden war, als daß ihre Lei⸗ tung einen dauernden Eindruck auf ſeinen Charakter hätte machen können. Die Exkönigin von Holland wurde leichenblaß. „Sie ſind geſchlagen worden,“ fuhr er fort,— „ich ſagte es ja vorher. Oeſtreich iſt unverſöhnlich, wie es überhaupt gegen unſere Familie immer un⸗ verſöhnlich war;— mein Bruder war ein Thor, daß er ihm je Vertrauen geſchenkt hat. Ich ſagte ihm dieß ſogleich, als er zum erſtenmal den Gedanken an eine Verbindung mit der Erzherzogin äußerte; aber gleich den meiſten Menſchen bildete auch er ſich ein, klüger zu ſein, als diejenigen, welche ihn hätten leiten können.“ Der Gedanke Louis', dem Kaiſer Rathſchläge zu ertheilen, war ſo köſtlich abgeſchmackt, daß, wenn ihre Kinder nicht in Gefahr geſchwebt hätten, die Mutter laut hätte auflachen müſſen. 186 „Was hat ſich denn ereignet?“ ſtammelte ſie; „ſagen Sie mir alles,— Ungewißheit würde mich tödten!“ „Unſinn!“ ſagte ihr Gemahl;„Ungewißheit tödtet Niemand, ſonſt würde ſie mir ſeit lange ſchon das Leben gekoſtet haben. Mein ganzes Leben war nichts als eine fortgeſetzte Ungewißheit.“ Hortenſe war viel zu ſehr bewegt, als daß ſie zu ſprechen vermocht hätte; ſie konnte nur bittend ihre Augen auf ihn richten. Der ſchwachherzige Egoiſt beachtete ihren ſtummen Schmerz nicht. „Ich fühlte mich ſo behaglich in Florenz,“ mur⸗ melte er vor ſich hin;„eine Loge in der Pergola und eine ſo prachtvolle Jagd in den Bergen; nichts macht mir Verdruß oder ſtörte mich, bis Sie und der tollköpfige Louis hieher kamen, meinen Frieden trübten und jetzt—“ Mademoiſelle Cochelet, die treue Begleiterin der Erkönigin auf allen ihren Reiſen, erſchien mit einem Briefe in der Hand in dem Boudoir. Louis richtete ſich ſtolz auf, indem es ihn verdroß, im Fluſſe ſeiner Beredtſamkeit geſtört zu werden; er fühlte ſich durch ihr unangemeldetes Erſcheinen in ſeiner Würde verletzt. „Sie vergeſſen ſich, Mademoiſelle!“ rief er im Tone des Verweiſes aus. Das Frauenzimmer machte eine ſtumme Verbeu⸗ gung und übergab den Brief den Händen ihrer Herrin, welche haſtig das Siegel aufbrach. Er war von Jerome, der ihr das Mißlingen des Planes meldete, bei welchem ſeine Neffen Na⸗ men und Leben auf's Spiel geſetzt hatten. „Ihre Sicherheit,“ ſchrieb der Prinz,„hängt ———, 187 von Ihnen ab. Ich hatte eine Unterredung mit dem Papſt. Er iſt im höchſten Grade aufgebracht. Wenn Sie in die Hände der Heſtreicher fallen, ſo iſt ihr Tod ſicher. Es ſind in dieſem Punkte ge⸗ heime Inſtructionen aus Wien abgegangen.“ Dies iſt hiſtoriſch treu und der jetzige Regent Frankreichs hat ſich derſelben auf's bitterſte erinnert. Todtenblaß legte Hortenſe den Brief wieder zuſammen und ſteckte ihn in den Buſen. „Geheimniſſe— abermals Geheimniſſe—“ mur⸗ melte ihr Gemahl;„mich fragt man nicht um Rath; meine Wünſche werden nicht berückſichtigt! Ich ſehe aber voraus, wie es kommen wird. Das nächſte Schreiben wird die Nachricht enthalten, daß ich meine beiden Söhne verloren habe.“ „Entfernen Sie ſich Sire,“ rief Mademoiſelle Cochelet,„um aller Barmherzigkeit willen! Meine unglückliche Herrin iſt der Ohnmacht nahe.— Sie tödten ſie durch dieſe Vorwürfe!“ Louis, dem jede Scene zuwider war, verließ eiligſt das Zimmer, mit der Bemerkung, daß er ſeinen Secretär mit Inſtructionen ſchicken werde. So bald er weg war, verſchloß die junge Fran⸗ zöſin die Thüre des Gemachs und ſchob den Riegel vor, um ihm die Möglichkeit der Rückkehr abzuſchnei⸗ den, worauf ſie zum Beiſtand ihrer Herrin herbeieilte. „Verloren!“ murmelte Hortenſe.„Meine Söhne — meine letzte Hoffnung! Das Leben iſt von jetzt an für mich werthlos!“ „Nein, nein,“ ſiüſterte die treue Dienerin eifrig; „der Stern ihres Schickſals, obgleich verfinſtert, iſt noch nicht untergegangen. Ein junger Engländer iſt 188 im Palaſte eingetroffen und verlangt Sie zu ſprechen. Gr bringt Ihnen Nochrichten, aber er wagt nicht, hnen mitzutheilen, ehe ſie allein wären.“ Dieſe Vorſicht war nichts weniger als unnöthig; bei jedem Schritt, den ſpäter die beſorgte zur Erhaltung ihrer Söhne that, fand ſie ſich veranlaßt, ihre Abſichten vor Louis zu verbergen; ja, nicht allein ſie vor ihm zu verbergen, ſondern ihn geradezu auf eine falſche Fährte zu führen. Er würde ſie aus reiner Schwäche verrathen haben. Die Worte der Mamſell Cochelet ſchienen Hortenſe mit neuer Hoffnung und Thatkraft zu beleben. Ob⸗ gleich von Geburt von zarter Conſtitution hatte Joſephines Tochter vieles Ungemach bei ihren herviſchen Beſtrebungen, das Leben des jetzigen Kai⸗ ſers der Franzoſen zu retten, erduldet, vor welchen ſelbſt Männer zurückgebebt wären. Es war daher kein Wunder, daß dieſer ſeine Mutter innig und treuergeben liebte und ſpäter ſelbſt das Leben daran wagte, ihr den Schmerz auf dem Todtenbette erträg⸗ licher zu machen und ihren letzten Segen zu empfangen. „Ein Engländer?“ wiederholte die Mutter Louis Napoleon's.„Laſſen Sie ihn ein und führen Sie“ ihn zu mir; er wird mich nicht hintergehen. Ich kann dem Wort eines edlen Freundes vertrauen.“ Die Gefährtin ihrer Verbannung und ihres Miß⸗ geſchicks verließ das Boudoir, kehrte aber augenblick⸗ lich in Begleitung unſeres Helden wieder zurück, deſſen ermüdetes und von der Reiſe hart mitgenom⸗ menes Ausſehen deutlicher als Worte did Gefahren andeuteten, die er zu beſtehen gehabt hatte. „Sie waren beim Gefecht?“ rief Hortenſe, ſeine 189 Hand ergreifend, als wenn ſie in ſeinem Geſichte die Nachricht hätte leſen wollen, über welche ſie ſich fürchtete eine Nachfrage auzuſtellen. „Von Anfang bis zu Ende, Madame,“ erwiberte unſer Held.„Ihre Söhne bewieſen ſich ihre 8 mens würdig,— ſie thaten alles, was Muth⸗ eine überwältigende Anzahl zu thun vermag. Aber die feigen Bologneſen verließen uns und die öſtreichi⸗ ſchen Soldaten triumphirten.“ „Sprechen Sie nicht von dieſen,“ unterbrach ihn ſeine Zuhörerin,„ſondern von— von—“ Sie vermochte nicht die Namen ihrer Kinder zu nennen. „Bin ich noch Mutter,“ fügte ſie mit verzweif⸗ lungsvoller Anſtrengung hinzu. „Dem Himmel ſei Dank, Sie ſind es noch, Madame,“ antwortete Oliver raſch.„Sie ſind ver⸗ borgen in der Nähe—“ Plötzlich hielt er mit einem fragenden Blick gegen Mademoiſelle Cochelet inne. „Reden Sie nur! Ich habe kein Geheimniß vor ihr.“ „In der Nähe von Foligno,“ ſetzte er, ſeine Stimme dämpfend, hinzu, denn er wußte, wie wich⸗ tig es ſei, daß der Ort ihres Verſtecks geheim bleibe. „Aber die öſtreichiſchen Truppen ſind ihnen auf der Spur. Die Befehle des Generals, welche ſie kom⸗ mandirt, lauten unnachſichtlich.“ Ich weiß es! ich weiß es!“ murmelte Hortenſe, die Hand auf den Brief von Jerome drückend, den ſie im Buſen verborgen hatte. „Raſchheit und Entſchloſſenheit—“ 190 „Daran ſoll es nicht fehlen,“ ſagte die tiefbe⸗ kümmerte Frau mit plötzlicher Energie.„Ich bin Mutter und in dieſem Wort findet ſich beides. Hätte ich nur einen Paß— einen engliſchen Paß!“ „Nichts leichter als dieß,“ bemerkte unſer Held. Die troſtloſe Frau blickte ihn erſtaunt an. „Mein Mentor, Major Henderſon, ſteht auf ver⸗ trautem Fuße mit dem Geſandtſchaftsſecretär und wird gewiß feinen ganzen Einfluß aufbieten, einen zu erlangen.“ „Ih habe dieſen Namen ſchon nennen hören.“ Der junge Engländer erinnerte Hortenſe an die Begegnung auf dem Spliegen auf ihrer Reiſe aus der Schweiz. „Jetzt entſinne ich mich wieder. Ja, ja! Ich bin überzeugt, daß ich Ihnen Vertrauen ſchenken darf,“ rief Hortenſe aus.„Ich bitte, halten Sie mich doch nicht für undankbar! Der Kummer iſt ſelbſtfüchtig, ſonſt hätte ich mich ſogleich Ihrer wie⸗ der erinnert. Schweiz,“ wiederholte ſie,„theures glückliches Land! Warum gab ich ſeinen Bitten nach und verließ unſern ſichern Aufenthaltsort?“ Oliver's Verſicherungen von ſeines Mentors Bereitwilligkeit, ihr behilflich zu ſein, ging durch den Erfolg vollkommen in Erfüllung. Kaum war Major Henderſon von der gefährlichen Lage des Neſſen des großen Feldherrn unterrichtet, gegen welchen er ſo oft gefochten hatte, ſo begab er ſich ſogleich nach der Geſandtſchaft und nach einem hitzi⸗ gen Wortſtreite mit ſeinem Freunde, dem Secretär, erhielt er das wichtige Document, das er ſeinem Zöglinge übergab. 191 Madame St. Leu, unter welchem Namen Hor⸗ tenſe beſtändig reiste, verließ noch im Laufe des Nachmittages Florenz, nur von ihrer vertrauten Ge⸗ ſellſchafterin begleitet. Auf dem Wagen war kein Gepäck, dem Anſchein nach ſchien ſie nur eine Spa⸗ zierfahrt zu machen. Etwa zehn Meilen von Foligno befahl ſie den Poſtillonen Halt zu machen. Sie hatte den Paß noch nicht erhalten und ohne denſelben wagte ſie es nicht, die Stadt zu betreten. Mehrere Stunden lang ſaß ſie regungslos in ihrem Wagen mit klopfendem Herzen das Eintreffen unſeres Helden erwartend. „Sollte es ihm mißlungen ſein?“ fragte ſie ſich wiederholt—„ſollte er in der Begeiſterung einer jungen und edelmüthigen Natur mehr verſprochen haben, als er zu leiſten im Stande iſt? Und war nicht zu befürchten, daß ſie am Ende zu ſpät ein⸗ treffe?“ Ihre Begleiterin, welche, ſie aufmerkſam betrach⸗ tend, ihr gegenüberſaß, verſuchte ein paarmal ſie zu tröſten, aber die entſchloſſene Frau gab ihr durch ein Zeichen zu verſtehen, zu ſchweigen. „Kein Wort, Cochelet, kein Wort,“ murmelte ſie; „ich kann jetzt keine Freundlichkeit ertragen. Ich muß von Eiſen ſein,— von Eiſen!“ Und abermals ſaß ſie eine Stunde lang in Er⸗ wartung da, mit der Geduld einer Märtyrin unter ihren Todesqualen, kalt wie die Entſchloſſenheit und ſchweigſam wie die Verzweiflung. Plötzlich fuhr ſie mit der Hand nach der Seite, wie Jemand, der von S Krampfe befallen wird. „Horch!“ 192 Es vergingen mehrere Secunden, ehe die Kam⸗ merfrau von Ferrne den Fußtritt von Pferden hörte⸗ Das Mutterohr hatte ihn zuerſt vernommen, Als Oliver herangeritten kam und in ihre Hände den Paß legte, welcher Madame D—, eine eng⸗ liſche Dame und deren beide Söhne ermächtigte, nach London die Reiſe fortzuſetzen, umarmte ihn Hortenſe voll Dankbarkeit. In ihrer Aufregung er⸗ griff ſie ſeine Hand und bedeckte ſie mit Küſſen, in⸗ dem ſie die Worte„Wohlthäter“ und„Erretter“ murmelte. Das Geräuſch näher kommender Reiter unterbrach ihren warmen Dankesausdruck. 6 „Sie werden verfolgt,“ rief ſie aus. „Nur von Freunden, Madame,“ verſetzte unſer Held.„Aengſtigen Sie ſich nicht: einer davon iſt mein Mentor,— derſelbe Gentleman, der Ihnen einen kleinen Dienſt auf dem Splügen leiſtete. Die jenigen, welche ihn begleiten, ſind ſeine Diener.“ „Und treu?“ „Ich ſtehe mit meinem Leben für beide.“ Durch das Eintreffen des Majors Henderſon und deſſen Begleiter wurde die Escorte der unglück⸗ lichen Hortenſe auf eine werthvolle Weiſe vermehrt, da dieſelbe bis jetzt nur von einem einzigen Be⸗ dienten begleitet geweſen war. Mademoiſelle Cochelet ſaß bei ihr im Wagen. Die Poſtillone fingen an ungeduldig zu werden und es wurde Rath gepflogen, ob man ſich in die Stadt wagen ſolle oder nicht. Dieſer Ungewißheit wurde durch das Erſcheinen des Podeſta von Foligno und des General Pepolo ein Ende gemacht. Da 193 der letztere der Erkönigin ſehr genau bekannt war, ſo wurde ihr Vertrauen dadurch ſehr vermehrt.“ „Wir müſſen uns allein nach dem Landgütchen begeben,“ ſagte der Podeſta.„Eine Abtheilung Kroaten kam geſtern Nacht in unſern Mauern an und die Bürger ſind durch ihre Anweſenheit einge⸗ ſchüchtert. Ihre Herzen wären zwar im Falle eines Kampfes für uns, aber nicht ihre Arme. Die Furcht hat ſie ihnen gelähmt.“ Ein ſchwacher Seufzer entſchlüpfte Hortenſe's Sbhe und ſie ſank halb ohnmächtig in den Wagen zurück. „Es iſt unmöglich, weiter zu fahren,“ bemerkte Oliver tief bewegt. „Fort, fort!“ murmelte die troſtloſe Mutter; „bringt mich lebend oder todt zu meinen Söhnen! Achtet nicht auf meine weibliche Schwäche!— denkt nur an ſie!“ Die Poſtillone erwiderten auf den Befehl, noch acht Meilen weiter zu fahren, ihre Pferde ſeien er⸗ ſchöpft. „Geben Sie den Leuten Gold,“ rief Mademoiſelle Cochelet auf franzöſiſch, indem ſie zugleich eine Rolle durch das Fenſter bot.„Verſprechen Sie ihnen alles.“ Die Burſche murmelten zwiſchen den Zähnen, daß es ihnen nicht um Geld zu thun ſei. Sie ſchie⸗ nen offenbar zu merken, daß noch mehr zu verdienen ſei, wenn ſie die Reiſenden verrathen würden. Unterdeſſen hatte Major Henderſon die Pferde ſorgfältig unterſucht. „Sie können noch weiter laufen,“ bemerkte er Smith, Milly Moyne. II. 13 194 in ſeiner gewohnten ruhigen Weiſe,„und ſie müſſen es auch.“ Die Poſtillone wiederholten dieſes Wort in ſpöt⸗ tiſchem Tone. „Ihr habt die Wahl,“ fuhr er fort,„hundert Lire jedem, ſobald wir das Londgütchen erreichen.“ „Unmöglich, Signore!“ „Oder eine Kugel durch's Gehirn auf der Stelle!“ Als Peter Marl ſah, daß ſein Herr ein Piſtol hervorzog und daſſelbe dem Mann, der auf einem der Vorläufer ritt, an den Kopf hielt, folgte er ſeinem Beiſpiel und packte deſſen Kameraden am Kragen. Dieſe Argumente waren unwiderſtehlich, und der Wagen ſetzte ſeinen Weg weiter fort. Da man einen bedeutenden Umweg nach dem Landgute zu machen hatte, ſo wurde es beinahe Mitternacht, bis man dort eintraf. Louis Napoleon, der offenbar entſchloſſen war, ſein Leben theuer zu verkaufen, denn er war bis an die Zähne bewaffnet, erſchien an einem der Fenſter des Hauſes. Auſtin — oder vielmehr Sir Cuthbert Vavaſſour— befand ſich an ſeiner Seite. Als die Stimme unſeres Helden erkannt wurde, kamen beide herab, und die heroiſche Frau wurde auf den Armen ihres Sohnes in das Haus getragen. Sie kam wieder zu ſich, aber nur um zu neuem Jammer zu erwachen. Ihr älteſter Sohn war an den Wunden geſtor⸗ ben, welche er in dem Gefecht mit dem Feinde er⸗ halten hatte. Louis Blanc, indem er den Tod des ältern Prinzen berührt, nennt denſelben myſterieus. Dieß 195 iſt, gelind ausgedrückt, unedel. Nie hingen Brüder inniger aneinander; und der Herzog von Reichſtadt, Napoleon's Erbe, war noch am Leben. Wenn dieſer ausgezeichnete Schriftſteller durch das Wort„myſterieus“ die Andeutung geben will, daß Hinterliſt im Spiele war, ſo hätte er Thatſachen anführen oder wenigſtens ein Motiv bezeichnen müſſen. Sir Cuthbert erſchrack als er Philippo ſah, und blickte Oliver finſter an. Der Letztere zog ſtillſchwei⸗ gend den Ring von ſeinem Finger und gab ihm denſelben zurück. „Noch Niemand hat es bereut, die Vorſchriften der Ehre befolgt zu haben,“ bemerkte der Baronet mit Betonung.. Die Abenteuer dieſer furchtbaren Nacht waren aber noch nicht zu Ende. Mutter und Sohn waren kaum etwas über eine Stunde in geheimer Bera⸗ thung bei einander, als die Nachricht eintraf, daß die Heſtreicher ſich ihrem Verſteckplatze näherten. Es wurden friſche Pferde vor den Wagen geſpannt und mehr todt als lebendig in denſelben ge⸗ bracht. „Ich habe einen Sohn verloren,“ flüſterte ſie dem General Pepolo zu,„und wage nicht einmal, für ihn zu weinen.“ Indeſſen war noch Hoffnung vorhanden, den überlebenden zu retten,— Ancona zu erreichen, ehe die Feinde dort eintreffen konnten, und den Prinzen daſelbſt nach Corfu einzuſchiffen. Nie werden diejenigen, welche ſie auf dieſer er⸗ eignißreichen Reiſe begieiteten, den Jammer dieſer herviſchen Mutter vergeſſen. 196 Das große Geheimniß des mütterlichen Herzens beſteht in Zärtlichkeit und Standhaftigkeit. Gott allein kann beide in die Bruſt des Weibes gepflanzt haben, als Siegel ihrer Ueberlegenheit über die Selbſtſucht des Mannes, als Beweis der Göttlich⸗ keit ihrer Natur. Beim Eintreffen in Ancona, wo einer ihrer Neffen einen Palaſt mit der Ausſicht auf das Meer beſaß, fanden die Flüchtlinge ein Schiff im Hafen, das nach Corfu unter Segel zu gehen auf dem Punkte ſtand. „Hinweg von hier!“ rief Hortenſe, ihren Sohn umarmend;„nach einem Marſch von drei Stunden treffen die Heſtreicher hier ein. Ich werde ſicher ſein,“ fügte ſie bei,„ganz ſicher. Man wird nicht nutzlos das Blut einer Frau vergießen.“ Eine Einſchiffung würde aber den Tod zur Folge gehabt haben; und ohne den übermenſchlichen Muth ſeiner Mutter würde ein Verbleiben dieſelben ver⸗ hängnißvollen Folgen nach ſich gezogen haben. Zu ihrem Erſtaunen gab Louis keine Antwort. Während der Reiſe hatte ſich eine Entzündung ein⸗ geſtellt, welche ſein Geſicht mit flammender Röthe bedeckte. Der künftige Kaiſer der Franzoſen war von den Maſern befallen worden. Hortenſe hatte ihn in den Palaſt geführt und in einem dunkeln Alkoven verſteckt, wo er kaum Athem holen konnte; derſelbe befand ſich im Zimmer ihrer treuen Kammerfrau, der Mademoiſelle Cochelet, die unter dem Vorgeben von Unpäßlichkeit ſich zu Bett legte. Die Freunde, die ſich genöthigt ſahen, Hortenſe 197 zu verlaſſen, um für ihre eigene Sicherheit zu ſor⸗ gen, vergoßen Thränen,— welche ihrer Männlich⸗ keit mehr Ehre als Schande machten— als ſie Zeuge ihrer Aufopferung wurden. „Macht mir das Herz nicht ſchwer,“ rief ſie aus, „kein Wort von Theilnahme! ich kann alles, nur kein Mitleid ertragen. Lebt wohl!“ Alle dieſe Freunde ſchifften ſich an Bord des Fahrzeuges ein, welches in dem Augenblicke den Hafen verließ, als die Oeſtreicher in die Stadt ein⸗ rückten. Major Henderſon aber und deſſen Zögling mietheten ſich nebſt Peter Marl in einem Hotel ganz nahe beim Palaſte ein, zur großen Beruhigung des Eigenthümers deſſelben, welcher die Anweſenheit dreier Engländer für eine Art von Schutz anſah. Zu Hortenſe's Entſetzen nahm der öſtreichiſche General und ſein Stab ihre Quartiere in dem Pa⸗ laſt, und der Mann, welcher den Auftrag hatte, ihren Sohn feſtzunehmen, machte ihr ſeine Auf⸗ wartung. Es war ihm gemeldet worden, daß Louis und ſein Bruder mit den Flüchtlingen ſammt den Mit⸗ gliedern der proviſoriſchen Regierung von Bologna in dem Fahrzeuge nach Corfu ſich eingeſchifft hätten, und dieſe Nachricht von dem Entkommen der revo⸗ lutionären Häupter war ihm höchſt unangenehm. Bei ſeinem Eintritt in den Salon, von welchem aus man die Ausſicht auf den Hafen hatte, hörte er die Erkönigin einen Vers ihres Lieblingsliedes, das jetzt ſo populär geworden iſt,„Partant pour la Syrie“, ſingen. „Schachmatt, General!“ rief ſie mit heiterem 198 Lachen aus, indem ſie zugleich auf das ferne Segel deutete. Der Militär war verſucht, eine barſche Antwort zu geben, aber ihr Lächeln entwaffnete ihn. „Sie können eine Mutter nicht tadeln, wenn ſie ſ Söhne in Sicherheit zu bringen ſucht,“ fuhr ſie fort. Der Beſucher machte ihr bemerklich, daß er eine ihm auferlegte Pflicht zu erfüllen habe. „Wir haben ſie beide erfüllt,“ erwiderte Hor⸗ tenſe;„es wäre denn, daß Sie es auch für nöthig erachteten, eine Frau verhaften zu laſſen,— eine Frau, die einſt eine Krone trug und mit Ihrem Souverain verwandt iſt,— oder gar dieſelbe er⸗ ſchießen zu laſſen.“ „Was denken Sie, Madame!“ „So ſtreng auch Ihr Herrſcher mich und die Meinigen behandelt hat,“ fuhr die heroiſche Mutter fort,„ſo würde er Ihnen doch ſchwerlich einen folchen Dienſt danken; deßhalb, mein lieber General, können Sie kecklich Ihre Stirne entrunzeln und mir ver⸗ ſprechen, zum Nachteſſen wieder zu mir zu kommen.“ Daß dieſe Einladung von dem öſtreichiſchen Ge⸗ nerale nicht angenommen werden würde, wußte ſie zum voraus. „Es würde mich freuen, Ihnen Gaſtfreundſchaft im Palaſte meines Neffen anzubieten,“ fuhr ſie im Tone leichter Jronie fort, welche der General ent⸗ weder nicht bemerkte oder nicht bemerken wollte, ob⸗ gleich ſein ſcharfes Ohr ein unterdrücktes Stöhnen aus dem anſtoßenden Zimmer vernahm. Hortenſe wurde todtenblaß; es war einer jener 199 Augenblicke des Entſetzens, die ſich für diejenigen, welche ſie erleben, zu einem Jahrhundert auszu⸗ dehnen ſcheinen. „Es befindet ſich jemand in dem anſtoßenden Gemach, Madame,“ bemerkte der General. „Arme Cochelet!“ verſetzte die Exkönigin im Tone wohlgelungener Gleichgültigkeit, welche ihr klopfendes Herz Lügen ſtrafte,„bald hätte ich ſie vergeſſen. Ihr Kommen hat meine Ehrendame mit der unver⸗ nünftigſten Furcht erfüllt. Entſchuldigen Sie mich für einen Augenblick. Ich habe nur wenige Diener⸗ ſchaft und muß deßhalb ſelbſt nach ihr ſehen.“ Mit großer Entſchloſſenheit, wozu ihr Verzweif⸗ lung Kraft verlieh, trat ſie in das Zimmer, von welchem ſie die Thüre offen ließ. „Wie geht es Ihnen, Mademoiſelle?“ fragte ſie. „Schlecht, Eure Majeſtät, ſehr ſchlecht!“ verſetzte die treue Gefährtin ihres Unglücks, indem ſie zu⸗ gleich das Stöhnen nachahmte, das in Wirklichkeit aus dem Alkoven gekommen war, in welchem Louis verborgen lag. „Iſt der Feind fort?“ fügte ſie bei. „Feind?“ wiederholte ihre Herrin;„die Oeſtreicher ſind unſere Freunde. Sie raſen, Cochelet; faſſen Sie ſich, und verſuchen Sie zu ſchlafen.“ Während dieſer Unterredung war der General bis unter die offene Thüre gekommen, um ſich zu überzeugen, ob das Kranke wirklich ein Frauenzimmer ſei. Nachdem er bemerkt hatte, daß dieß wirklich der Fall ſei, zog er ſich an das Fenſter zurück, wo er den immer mehr ſich entfernenden Segeln nach⸗ blickte, bis Hortenſe wieder zu ihm trat. 200 „Sie ſind glücklich, Madame,“ bemerkte er. „Sehr glücklich,“ wiederholte die Dame,„und doch fühle ich mich ſehr elend. Meine Aufregung während der letzten Tage—“ „Erfordert Ruhe,“ verſetzte der Offizier voll Theilnahme über ihr leidendes Ausſehen.„Ich will Ihnen daher nicht länger zur Laſt fallen. Wenn irgend etwas, was ſich mit meiner Pflicht verträgt—“ „Ich brauche nichts, General, durchaus nichts,“ verſetzte die Erkönigin huldvoll.„Seitdem ich weiß, daß meine beiden Söhne in Sicher⸗ heit ſich befinden, iſt mein Gemüth völlig beruhigt.“ Wahrſcheinlich werden unſere Leſer darüber er⸗ ſtaunen, daß ſie von ihren beiden Söhnen ſprach; aber es war von höchſter Wichtigkeit, den Tod des ältern geheim zu halten, indem der Paß, den ſie erlangt hatte, auf zwei lautete. Hortenſe erwiderte die Abſchiedsverbeugung ihres Beſuchers mit einer wahrhaft bewunderungswürdigen Selbſtbeherrſchung; aber kaum war derſelbe aus dem Zimmer weg, als die Kraft, welche ſie bis jetzt auf⸗ recht erhalten hatte, ſie verließ, indem ſie zu Boden ſinkend anhaltend und bitterlich zu weinen anfing. Und bitter hat der Sohn, für den ſie ſo viel erduldete, ſeitdem dieſe Thränen gerächt. „ 201 Fünfundvierzigſtes Kapitel. Die wenigſten Perſonen in Ancona zweifelten an der Abreiſe Louis Napoleons nach Corfu. Der öſt⸗ reichiſche General war von ſeinem Entkommen ſo feſt überzeugt, daß er kaum ſeinen Unmuth darüber vor Hortenſe zu verbergen vermochte, welche er durch häufige Beſuche in Verlegenheit ſetzte, indem er ſie dadurch abhielt, den Flüchtling zu pflegen und deſ⸗ ſen Schmerzen zu lindern. Schon oft haben wir Leute von großer Einſicht gegen die Erfindungen von Romanſchreibern decla⸗ miren hören, deren ausſchweifende Phantaſie ſie ſo weit von der Wirklichkeit wegführe. Kann aber die Phantaſie eine kritiſchere Lage erſinnen, als diejenige, in welcher dieſe heroviſche Frau ſich befand? Ihr Herz war durch den Verluſt ihres älteſten Sohnes zerriſſen, deſſen Tod ſie kaum anders als in der tiefſten Ein⸗ ſamkeit zu beweinen wagte; ihr Gemüth litt furcht⸗ bar unter der mütterlichen Angſt für die Sicherheit des jüngern, welchen die geringſte Unvorſichtigkeit oder ein Verrath von Seiten ihrer Dienerſchaft ins Verderben ſtürzen konnte;— an Körper und Geiſt gebrochen mußte ſie eine heitere Miene annehmen, — ihre Angſt unter Lächeln verbergen,— ihren innern Qualen den äußern Anſtrich von Triumph über ſeine vermeintliche Befreiung in Gegenwart Derer geben, welche ihn in ihre Gewalt zu bekommen ſtrebten. Es war entſetzlich: nur ein Mutterherz vermochte dieß zu überſtehen. 202 Während dieſer Zeit der Prüfung und des Dul⸗ dens verließ Hortenſe ihre Standhaftigkeit keinen Augenblick. Wenn Louis huſtete, legte ſie entweder ihre Hand auf ſeinen Mund, um das dadurch ent⸗ ſtehende Geräuſch zu erſticken, oder ſang ſie eine jener reizenden franzöſiſchen Arien, welche ſie an glücklichere Tage erinnerte. Zur Vermehrung ihrer Verlegenheit quälte ſie auch ihr Gemahl mit ſeinen unzeitigen Briefen, in deren einem er ſie beſchwor, den einzi⸗ gen noch überlebenden Sohn zu retten; in einem andern machte er ihr über ihr wahnſinniges Begin⸗ nen, wie er ſich ausdrückte, Vorwürfe und verlangte von ihr Auskunft über das, was ſie zu thun vor⸗ be. Da Madame St. Leu wußte, daß der Courier angehalten und ihre Briefe geleſen würden, ſo zeigte ſie auch bei dieſer Veranlaſſung eine Geiſtesgegen⸗ wart, wie ſie nur die innigſte Mutterliebe zu ver⸗ leihen im Stande iſt. „Unſer Sohn iſt nach Corfu mit einem unter einem andern Namen ausgeſtellten Paſſe unter Se⸗ gel gegangen,“ ſchrieb ſie zurück.„Er verließ mich wohl und geſund. Seien ſie ſeinetwegen unbeſorgt, er befindet ſich außerhalb des Vereichs ſeiner Feinde.“ Während ſie dieſe Zeilen ſchrieb, lag Lonis Na⸗ poleon in dem finſtern Alkoven,— durfte kein Wort ſprechen,— war ein Preis auf ſeinen Kopf geſetzt, — raſte das Fieber in ſeinen Adern; ſeine einzige Ausſicht auf Rettung beruhte auf der Energie einer⸗ Frau, deren Geſundheit noch mehr wie die ſeinige erſchüttert war.. Dieſe Frau aber war ſeine Mutter! 203 Uuterdeſſen blieben Oliver und ſein Mentor un⸗ behelligt in dem Hotel. Der öſtreichiſche Befehlshaber ſchickte nach ihren Päſſen, die er aber ſo vollkommen in Ordnung fand, daß er keine Einwendung dagegen erheben konnte. Der militäriſche Rang des Majors ſetzte ihn in Verlegenheit. Die Reiſenden waren Engländer; und England hatte Heſtreichs Recht in den päbſtlichen Staaten zu interveniren nicht anerkannt. 6 Da er es der Klugheit nicht für angemeſſen hielt, ſie zu verhaften, ſo ließ er das Hotel mit Spionen umgeben, welche den Befehl hatten, genau zu über⸗ wachen, ob irgend eine Communication zwiſchen den zwei Engländern und den Bewohnern des Palaſtes Statt finde. Dieſe kannten dieſe beläſtigende Ueberwachung, wußten aber kein Mittel, ſich derſelben zu entziehen. Sie waren nicht die einzigen Gäſte in dem Hotel; es waren auch zwei franzöſiſche Offiziere unter dem Vorwande einer Vergnügensreiſe eingetroffen, in Wahrheit aber hatte ſie Louis Philipp abgeſchickt mit dem Auftrag, die Fortſchritte der öſtreichiſchen Occupationsarmee zu beobachten.**) Die Maßregeln des Befehlshabers konnten daher eben ſo wohl ſie ſelbſt als die Franzoſen angehen. In der dritten Nacht ihres Aufenthalts wurden alle Zweifel über dieſen Punkt durch Peter Marl ge⸗ 0 Deßhalb durfte jeder in Italien reiſende Engländer auf eigene Fauſt Politik treiben!2 Da ſie nicht in offizieller Weiſe anweſend waren, ſo konnten ſie leicht den Verdacht auf ſich ziehen als ſeien ſie Spione. D. B. 7 204 löſt. Der alte Soldat rühmte ſich, daß er ſtets mit einem Auge offen und einem Ohre wachend ſchlafe. Sein Widerwille gegen Ausländer— gleichviel wel⸗ chem Lande oder Stände ſie angehörten, hielt ihn fort⸗ während auf dem qui vive. Er traute keinem Men⸗ ſchen, der nicht engliſch ſprach, und ſich ihm nicht durch ein engliſches Geſicht empfahl; und ſelbſt dann war er mit ſeinem Vertrauen höchſt vorſichtig. Peter hatte nie recht begreifen können, was ſei⸗ nen Herrn veranlaßt haben mochte, England zu ver⸗ laſſen. Vergebens hatte er ſich den Kopf darüber zerbrochen. Vermögensverhältniſſe konnten dabei nicht im Spiele ſein, in ſofern das Reiſen immer noch theurer war, als das Leben zu Hauſe. Der Ge⸗ danke, daß er etwa gar fremde Dienſte ſuche, lag ſo ferne, daß der treue Menſch Jeden geradezu der Lüge vezüchtigt haben würde, der etwas der Art be⸗ hauptet hätte; und doch konnte es ſich nicht blos darum handeln, die Welt zu ſehen, indem der Ma⸗ jor ſicher genug davon ſchon in Augenſchein genom⸗ men hatte. Und wenn dieß nicht der Fall war, ſo hatte der alte Soldat genug davon zu ſehen bekom⸗ men, ohne daß ihm aber dadurch eine hohe Mei⸗ nung von derſelben eingeflößt worden wäre. Dieſen und ähnlichen Gedanken nachhängend, lag Peter in halb ſchlummerndem Zuſtande in ſeinem Bett, als ein leicht klirrender Ton im anſtoßenden Zimmer ſeine Aufmerkſamkeit erregte. In einem Augenblicke war er völlig wach und horchte ſcharf. Das Geräuſch wiederholte ſich, und es war als wenn Jemand vorſichtig den Hahn eines 205 Piſtols unterſuchte, um ſich zu überzeugen, ob es gehörig im Stande ſei oder nicht. „Die meinigen brauchen nicht unterſucht zu wer⸗ den“, murmelte der Veteran, indem er ein paar Piſtole unter ſeinem Kopfkiſſen hervorzog,— ſeitdem er England verlaſſen, hatte er nie ohne dieſelben geſchlafen,— und in aller Stille über ſein Bett her⸗ abgleitete. Hätte Major Henderſon oder Hliver in dem Zim⸗ mer geſchlafen, ſo fragte es ſich, ob der treue Diener ſo kalt und beſonnen geblieben wäre. Keine ſeiner Muskeln zitterte, es wäre denn aus Ungeduld ge⸗ weſen, denn er wußte, daß nur das Gepäck ſich darin befand; und obgleich er eben ſo bereit war, deren Eigenthum wie deren Leben zu vertheidigen, ſo machte ihm doch der Gedanke, daß es ſich blos um Beraubung des erſtern handle, verhältnißmäßig we⸗ nig Sorge. Nachdem Peter verſtohlen wie eine Katze den Gang hinabgeſchlichen war, bis er an die halbge⸗ öffnete Thüre des Gemachs gelangte, blickte er vor⸗ ſichtig hinein und ſah darin einen Mann, den er in den letzten zwei Tagen fortwährend vor dem Hotel hatte herumlungern ſehen, im Begriff, das Schloß des Schreibtiſches unſeres Helden aufzubre⸗ chen. Der Kerl war offenbar kein Neuling in ſeinem Geſchäft, denn er wendete keine Gewalt an, ſondern ging ganz wiſſenſchaftlich dabei zu Werk. Der klingende Ton, welchen Peter für das Knar⸗ ren eines Hahns gehalten hatte, rührte von einem zweckmäßig conſtruirten Werkzeuge her, welches der 206 Dieb anwandte, um das Schloß damit aufzubrechen, das endlich nachgab. Ein befriedigtes Grinſen verzerrte ſein Geſicht, als der Deckel über den Schubfächern wich, worauf er den Inhalt derſelben einer ſorgfältigen Prüfung zu unterwerfen anfieng. Der erſte und zugleich letzte Artikel, deſſen er ſich bemeiſterte, war ein Paket Briefe, das er in ſeine Taſche ſchob. Im nächſten Augenblicke traf ihn eine Kugel aus dem Piſtol des alten Soldaten in die Seite und er fiel mit lauten Rufen um Gnade zu Boden. Der Knall der Feuerwaffe und das Geſchrei des Verwundeten allarmirten augenblicklich die Bewohner des Hotels. Wirth, Kellner, Gäſte kamen in das Zimmer geſtürzt, die meiſten darunter nur halb an⸗ gekleidet. Oliver und ſein Mentor waren die erſten, welche erſchienen. Sobald der Eigenthümer des Hotels das Geſicht des vermeintlichen Räubers erblickte, rang er ver⸗ zweiflungsvoll die Hände und erklärte ſich für einen zu Grunde gerichteten Mann. „Was jagt denn dem ausländiſchen Spitzbuben ſolche Furcht ein? fragte Peter Marl, der zwar die Gebärden, aber nicht den Ausruf verſtand. Einige Worte erklärten die Urſache des Allarms, welcher der offene Pult als ſchweigender Zeuge diente. „Hier muß ein Irrthum im Spiele ſein,“ rief der Wirth;„Signore Pietro iſt ein ſehr achtungs⸗ werther Mann und kein Räuber.“ „Sagen ſie mir aber dann doch gefälligſt, mein Herr,“ unterbrach ihn unſer Held,„wie kommt dann 207 ein reſpektabler Mann dazu, meinen Pult aufzu⸗ brechen.“ Die franzöſiſchen Offiziere ſtellten die gleiche Frage. „Er hat aber ja nichts entwendet,“ bemerkte der Oberkellner. „Er hat nichts entwendet?“ ſagte der alte Sol⸗ dat, indem er den Verwundeten, der auf das Ge⸗ ſicht gefallen war, umwendete, ſo daß er auf den Rücken zu liegen kam.„Ich wartete, bis er das Verbrechen ausgeführt hatte.“ Mit dieſen Worten zog er das Paket Briefe aus deſſen Taſche und händigte es Oliver ein. „Papiere!“ rief Kapitän Domesnil, der ältere der beiden franzöſiſchen Offiziere, achſelzuckend.„Der Wirth kann wohl Recht haben. Zehen gegen eins, wenn der Kerl ein Räuber iſt.“ „Was iſt er aber dann?“ fragte der Major. „Nichts weiter als ein Spion,“ verſetzte der Ka⸗ pitän„Auch wir ſind ſeit unſerer Ankunft hier durch die Aufmerkſamkeit der Polizei behelligt worden.“ Kaum hörten die Gäſte, welche Italiener waren, die Worte„Polizei“ und„Spion,“ ſo verließen ſie eiligſt das Gemach. Es wäre für ſie gefährlich ge⸗ ge ſelbſt nur Zeugen eines ſolchen Auftritts zu ein. Major Henderſon und die Offiziere, welche wäh⸗ rend der letzten zwei Tage an der Table dHote ober⸗ flächlich ſich kennen gelernt hatten, hielten eine kurze Berathung über die nöthigen Schritte, um der be⸗ läſtigenden Ueberwachung ein Ende zu machen, deren Gegenſtand ſie waren. Es ſchien dafür nur ein Aus⸗ 208 kunftsmittel zu geben und zwar, wenn es gelingen ſollte, ein Beweismittel zu erlangen, daß der öſt⸗ reichiſche General Kenntniß von dem Unterfangen ſeines Agenten habe. Unterdeſſen fuhr der unglückliche Spion, deſſen Wunde heftig blutete, fort, zu bitten, daß man doch nach einem Wundarzt ſchicken möchte. „Davon kann nicht die Rede ſein,“ ſagte Kapitän Dumesnil;„das werden die Behörden morgen be⸗ ſorgen.“ „Bis dahin verblute ich mich aber!“ ſtöhnte der Wicht jämmerlich. „Wohl möglich,“ bemerkte der Franzoſe philoſo⸗ phiſch,„die Geſellſchaft wird aber dabei nichts ver⸗ lieren; ſie bringen nur den Henker um ſeine Beute. Was ſagen Sie dazu, Doctor?“ Dieſe Worte waren an ſeinen Gefährten gerich⸗ der ſogleich die Rolle verſtand, die er zu ſpielen atte. „Die Furcht dieſes Menſchen iſt wohl begrün⸗ det,“ verſetzte ſein Landsmann auf franzöſiſch;„wenn der Blutablauf nicht geſtillt wird, ſo iſt er in weni⸗ ger als einer Stunde todt. Doch das geht uns nichts an.“ „Sicher nicht.“ Der Mann, welcher alles verſtand, und feſt über⸗ zeugt war, daß der jüngere Offizier ein Militärarzt ſei, bat flehentlich um ſeinen Beiſtand. „Beiſtand!“ wiederholte der Offizier,—„einem Räuber— einem mitternächtigen Dieb? Pah!“ „Ich bin kein Räuber.“ „Was ſind Sie dann?“ 209 Der Mann gab keine Antwort. „Ich bin ein Mitglied der geheimen Polizei,“ ſtöhnte er, als er ſah, daß der Angeredete ſich um⸗ wandte, um wegzugehen. handelten Sie alſo auf höhern Befehl?“ „Auf weſſen?“ Signore Pietro zögerte. In jedem andern Au⸗ genblicke hätte er höchſt wahrſcheinlich ſchnell eine Lüge in Bereitſchaft gehabt; aber der Schmerz ſei⸗ ner Wunde und die ausgeſtandene Angſt brachten ihn in Verwirrung. k „Gehen Sie in mein Zimmer, Herr Wirih,“ ſagte Major Henderſon,„und bringen Sie mir das kleine, längliche Käſtchen, das Sie auf dem Tiſche finden werden.“ Der Herr des Hotels entfernte ſich und kehrte augenblicklich mit ſeines Gaſtes Reiſeapotheke zurück, welche der Major, der ſich in der That ein wenig auf Wundarzneikunde verſtand, öffnete und eine Flaſche mit blutſtillendem Balſam und etwas Charpie dar⸗ aus hervorlangte. „Retten Sie mich!“ ſtöhnte der Italiener matt; denn der Verluſt von Blut und die Angſt hatten ihn ziemlich ſchwach gemacht, obgleich ſeine Wunde nichts weniger als gefährlich war,„retten Sie mich!“ „Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet,“ ſagte der Offizier, auf ſeine Uhr blickend,„noch eine Viertelſtunde und es iſt zu ſpät.“ „Auf des Generals Befehl!“ rief der Verwundete. „Des öſtreichiſchen Generals?“ Smith, Millo Mohne. III. 14 210 „Was für Inſtructionen ertheilte er Ihnen?“ fragte Oliver, der Feder und Papier zur Hand ge⸗ nommen hatte, um die Antworten niederzuſchreiben. „Sie und Ihre Gefährten überall zu überwachen, wohin Sie gehen; die Namen Ihrer Beſucher, Ihre Geſpräche, Bemerkungen zu rapportiren, vor Allem aber mich in Beſitz Ihrer Papiere zu ſetzen.“ „Sie wollten mir alſo kein Geld ſtehlen?“ „Signore Ingleſe,“ verſetzte der Spion mit poſ⸗ ſirlicher Würde,„ich bin ein Mann von Ehre.“ „Ohne Zweifel,“ ſagte Kapitän Dumesnil,„und nun, mein Herr, ſagen Sie mir bei Ihrer Ehre— ich glaube das war das Wort— erſtreckten ſich Ihre Inſtructionen auch auf uns?“ „Ebenfalls!“ ſtöhnte der Italiener.„Haben Sie denn keine Varmherzigkeit? Wenn ich ſterbe, ſo laſtet mein Blut auf Ihrem Gewiſſen.“ Der Franzoſe lachte herzlich. „Das Gewicht wird uns nicht ſehr drücken,“ be⸗ merkte der jüngere Offizier,„wenn wir nach der Quantität urtheilen wollen, das bereits auf Ihrem Gewiſſen laſten muß und der Leichtigkeit, mit der Sie dieſe Laſt tragen.“ Dieſe Worte brachten für einen Augenblick die Bitten des verwundeten Elenden zum Schweigen. Wahrſcheinlich wiederholte ſein Gewiſſen dieſelben. Der Major hatte jetzt etwas Charpie mit dem blutſtillenden Balſam angefeuchtet und einen Verband für die Wunde hergerichtet. „Noch nicht, lieber Herr,“ ſagte der Kapitän;„er muß zuvor noch eine Frage beantworten und ein —— Geſtändniß ſeiner Schurkerei unterzeichnen, ehe ich geſtatte, daß ihm Ausſicht eröffnet wird, am Leben bleiben zu dürfen.“ Signore Pietro erklärte ſich bereit, alles zu be⸗ antworten und zu unterzeichnen. „Iſt der Wirth Ihr Mitſchuldiger?“ „I. Der Eigenthümer des Hotels behauptete voll Un⸗ willen, durchaus keinen Antheil an dem Verſuche des Diebſtahls der Papiere ſeiner Gäſte zu haben oder den Spion ihres Treibens zu machen. „Was ſagen Sie zu dieſem Dementi?“ fragte un⸗ ſer Held. „Daß er in ſeiner Taſche den ſchriftlichen Befehl des öſtreichiſchen Generals hat, mich mit allen ihm zu Gebot ſtehenden Mitteln in meinem Unternehmen zu unterſtützen. Er kann dieß nicht läugnen.“ Auf dieſe entſchiedene Erklärung hin lief Oliver auf den Wirth zu und brachte mit Hülfe des jüngern Franzoſen raſch den Inhalt aus ſeiner Taſche heraus, der ſehr mannigfaltiger Art war. Unter andern Dingen entdeckten ſie das Einver⸗ ſtändniß des Commandanten mit der Polizei. Mehr brauchten ſie nicht. Der Verwundete un⸗ terzeichnete das Geſtändniß, das alle Anweſenden mit Ausnahme des Wirths als Zeugen unterſchrieben, wozu er ſich durchaus nicht verſtehen wollte. Kaum war der verwundete Signore Pietro ver⸗ bunden, als einer der Kellner, der von ſeinem Herrn weggeſchickt worden war, mit einer Abtheilung Poli⸗ zeimannſchaft zurückkehrte. Dieſe übernahm den Ver⸗ wundeten und machte Anſtalt, auch Peter die⸗ 212 ſelbe Aufmerkſamkeit angedeihen zu laſſen, wogegen dieſer aber heftige Einſprache erhob. „Er hat nur ſeine Pflicht erfüllt,“ ſagte Major Henderſon,„und ich leiſte Bürgſchaft für ſein Er⸗ ſcheinen. Er iſt engliſcher Unterthan. Beſinnt euch, ehe ihr noch eine weitere Gewaltthat als die begeht, für welche ihr bereits verantwortlich ſeid. Keinen Widerſtand,“ fügte er gegen ſeinen alten Waffenge⸗ fährten auf engliſch hinzu.„Bis jetzt ſind wir beide im Recht und haben die Gerechtigkeit auf unſerer Seite; wir wollen ihnen nicht den leiſeſten Vorwand zu einer Gewaltthat geben. Händigen Sie mir Ihre Waffen ein.“ Es lag etwas Rührendes in dem faſt kindlichen Gehorſam, mit welchem der alte Soldat ſeine Waffen dem Major übergab und zugleich ſich bereit erklärte, ins Gefängniß gehen zu wollen, wenn er es wünſche⸗ Die Worte des Majors, der feſte Ton, in wel⸗ chem ſie geſprochen wurden, geſtützt auf die energiſchen und unwilligen Vorſtellungen der franzöſiſchen Offi⸗ ziere, veranlaßten den Poltzeicommiſſär inne zu hal⸗ ten. In ſeiner Verlegenheit mochte dieſem wohl der Gedanke an das Erſcheinen eines engliſchen Kriegs⸗ ſchiffs im Hafen, das Genugthuung fordere, dunkel als Geſpenſt aufſteigen.*) Jedenfalls wußte er, daß unter dieſen Umſtänden die öſtreichiſche, wie die päpſtliche Regierung ſein Verfahren desavouiren würden, namentlich wenn er es bis zur Gewalt kom⸗ men laſſe. * Bei der damals ſo oft ſich geltend machenden Gewalt⸗ der enliſchen Regierung lag dieſer Gedanke nicht ſo erne. 213 „Wenn aber Signore Pietro ſterben ſollte?“ fragte er. „Pah!“ ſagte Kapitän Dumesnil,„die ganze Folge wird eine Schramme ſein; die Kugel iſt nicht weiter als bis in's Fleiſch gedrungen; der Kerl iſt 3 Hund, der mehr erſchreckt als ernſtlich verwun⸗ iſt Als der überliſtete Spion auf ſo verächtliche Weiſe von ſich ſprechen hörte, rief er ganz wüthend, die Erklärung ſei ihm durch Gewalt abgenöthigt worden,— ſie ſei ungültig,— der ſchriftliche Befehl des Generals ſei gefälſcht, dieſer wiſſe gar nichts von dem Handel,— und bat ſchließlich den Major, ihm das Papier zurückzugeben. „Ich bin zu Grund gerichtet,“ fügte er bei,„völlig zu Grund gerichtet.“ „Daran hätten Sie denken ſollen,“ verſetzte Hen⸗ derſon kalt,„ehe Sie ſich zu einem ſo ſchändlichen Attentat hergaben.“ Die feſte Haltung des Majors, ſowie die der franzöſiſchen Offiziere erſparte Peter Marl das Ge⸗ fängniß. Uebrigens war die Nachgiebigkeit der Poli⸗ zei, indem ſie dieſem geſtattete, im Hotel zu bleiben, nicht einmal ſehr groß, indem er dort eben ſo ſehr in ihrem Bereich blieb, als wenn ſie ihn in irgend eine ihrer Zelle eingeſperrt hätte. Der Zorn des öſtreichiſchen Kommandanten war groß⸗ als ihm der Vorfall, ſowie der unglückliche Ausgang deſſelben gemeldet wurde. Das Schickſal des ſubalternen Agenten kümmerte ihn wenig. Wäre das Unternehmen gelungen, ſo hätte er ihn mit ſei⸗ 214 nem ganzen Anſehen unterſtützen können;*) nachdem es mißlungen und noch überdieß ſein Name dabei worden war, überließ er ihn ſeinem Schick⸗ ſale. „Thor! Einfaltspinſel!“ rief er aus, als Signore Pietro zitternd vor ihm ſtand,„iſt dieß Ihre ge⸗ rühmte Gewandtheit? Es geſchieht mir aber recht. Ich hätte nie einem Italiener einen ſo delikaten Auf⸗ trag, wie die Ueberwachung verdächtiger Fremden anvertrauen ſollen, da ich wiſſen konnte, wie weit ein ſolcher zu gehen wagt.“ „Ich ſetzte mein Leben daran,“ antwortete der Spion ſchüchtern. „Ihr Leben!“ wiederholte der General mit ge⸗ ringſchätzendem Lachen;„und was iſt denn Ihr Le⸗ ben werth im Vergleich zu der Verlegenheit, die Sie mir bereitet haben? Ein Dutzend Leben, wie das Ihrige, wägen dieſe nicht auf.“ Damit rief er eine Ordonnanz herbei und befahl dieſer, den unglücklichen Agenten ins Gefängniß ab⸗ zuführen, wo er im ſtrengſten Gewahrſam gehalten werden ſolle. Signore Pietro hörte mit Entſetzen dieſen Be⸗ fehl. Er ſelbſt hatte ſchon öfter einen ähnlichen er⸗ theilt und er ahnte wohl, welches weitere Schickſal ihm bevorſtehen möchte. Vorſtellungen wagte er keine zu machen, indem dieſe höchſt wahrſcheinlich ſein Schickſal noch ver⸗ *) Weil dadurch der Beweis der Einmiſchung des jungen Engländers in eine Verſchwörung, die ihn nichts anging, her⸗ geſtellt geweſen wäre. D. B. „ —— ſchlimmert haben würden. Bitten nützten ihn nichts, wie er wohl wußte, daher ergab er ſich in ſein Schickſal und ließ ſich ohne Einwurf und Klage ins Gefängniß abführen. Das finſtere Geſicht des Generals nahm noch eine tiefere Färbung an, als der Mentor unſeres Helden in der Uniform eines Majors der britiſchen Armee, in Begleitung des Kapitän Dumesnil und deſſen Gefährten unangemeldet ins Zimmer traten. Die Begrüßung war von beiden Seiten ſehr ſteif. Der General, als gewandter Mann, gab ſich den Anſchein, als wenn er den Beſuch gewiſſermaßen für dienſtlich anſehe, der ihm als Kommandanten des Platzes abgeſtattet werde. „Es würde mir ohne Zweifel ein großes Ver⸗ gnügen gemacht haben,“ ſagte der Major,„Ihre Bekanntſchaft zu machen, wenn Sie in einer andern Eigenſchaft in Ancona ſich befänden.“ „Daſſelbe iſt bei mir der Fall,“ bemerkte Du⸗ mesnil. „Unſere Anweſenheit,“ fuhr Henderſon fort,„iſt durch ein ernſteres Motiv als bloße Höflichkeit ver⸗ anlaßt,— es handelt ſich um keinen ceremoniellen Beſuch. Es iſt ein Verſuch gemacht worden, ſich in den Beſitz unſerer Papiere zu ſetzen; es ſind Spionen beſtellt worden, welche uns bewachen ſollten; ein Menſch iſt in dem Augenblicke attrapirt worden, in welchem er den Pult meines Zöglings aufgebrochen hat, und es behauptet derſelbe, von Ihnen hiezu inſtruirt und aufgefordert worden zu ſein.“ „Der ſchamloſe Wicht!“ rief der General voll Unwillen.„Die Sache ſoll unterſucht werden und—“ —— 216 „Sie iſt bereits unterſucht,“ verſetzte der Kapi⸗ tän.„Der Menſch hat alles eingeſtanden, und ich bedaure, eine Abſchrift ſeines Geſtändniſſes nach Paris ſchicken zu müſſen, da ich und mein Herr Ka⸗ merad ebenfalls unter eine geheime Bewachung ge⸗ ſtellt waren.“ Der General war außer ſich über die Keckheit eines Agenten, der durch offenbar gefälſchte Papiere auf dieſe Weiſe ſeinen Namen mißbraucht hatte. „Ich brauche wohl kaum zu erklären, daß alles, was Signore Pietro zu ſeiner Rechtfertigung vorge⸗ bracht hat, von Anfang bis zu Ende ein Gewebe von Lügen iſt,“ bemerkte er. „Erlauben Sie mir zu bemerken,“ rief der Major, „daß Sie, Herr General, ſeinen Namen genau kennen.“ „Allerdings; aus dem Bericht, der mir erſtattet worden iſt.“ „Sie deſavouiren alſo ſein Verfahren?“ „Vollkommen.“ „Dann iſt die Sache zu Ende, ſo weit ſie Ihre Perſon betrifft, Herr General,“ bemerkte Kapitän Dumesnil.„Es freut mich, daß ein ſo ausgezeich⸗ neter Krieger wie Sie an einer ſo ſchmählichen Handlung keinen Antheil hat.“ Der General verbeugte ſich ſtolz. Er war ein zu wackerer Mann, als daß er nicht tief gefühlt hätte, wie ſtark er durch den übertriebenen Dienſt⸗ eifer eines ſubalternen Werkzeugs der Polizei com⸗ promittirt worden war; auch ſah er wohl ein, daß es ihm im Augenblick unmöglich ſein würde, die 217 Sache ſo weit aufzuhellen, daß ſelbſt nicht einmal ein Schein des Zweifels zurückbleiben könne. „Was den Signore Pietro betrifft,“ fuhr der Kapitän fort,„ſo wird der franzöſiſche Geſandte in Rom wiſſen, welche Maßregeln er zu ergreifen hat. Iſt es nicht ſchändlich, daß franzöſiſche Offiziere,— von denen einer Adjutant Seiner Königlichen Hoheit, des Herzogs von Orleans, iſt— einer ſolchen Schmach von Seiten der Polizei ausgeſetzt ſind, ohne Jemand finden zu können, der ihnen Genug⸗ thuung zu leiſten vermag?“ Da der Erbe des Julithrons bekanntermaßen nicht gut zu der öſtreichiſchen Oecupation Italiens ſah, ſo waren dieſe Worte von ganz beſonderem Gewicht. „Der Spion, der Ihren Namen und Rang da⸗ durch zu beflecken geſucht hat, daß er Sie als den Urheber ſeines Attentats bezeichnete,“ fuhr der Ka⸗ pitän fort,„iſt in ſeiner Keckheit ſo weit gegangen, daß er ſogar die Handſchrift Eurer Ercellenz nach⸗ geahmt hat, und zwar mit einer ſolchen Geſchicklich⸗ keit, daß ſelbſt der Wirth des Hotels ſie für ächt gehalten hat.“ „Kann ich wohl dieſen vorgeblichen Befehl ſehen?“ fragte der General. „Unmöglich, Eure Ercellenz,“ antwortete ſein Beſucher.„Ich habe ihn bereits durch ſichere Hand nach Paris geſchickt; die Copie ſteht Ihnen aber zu Dienſt. Damit übergab er das Papier den Händen des Generals, der es ſorgfältig durchlas und hierauf wieder zurückſtellte. 218 Sodann ſetzte er ſich an den Tiſch, ſchrieb einige Linien und übergab dieſe ſeiner Ordonnanz. Sie waren an den Inſpector des Gefängniſſes gerichtet und mit„geheim“ bezeichnet. Armer Signore Pietro, dachte der Major, ſie brachten Dir nichts Gutes. Seine Vorausſetzung täuſchte ihn nicht. Eine Stunde ſpäter war das jämmerliche Wertzeng der geheimen Polizei in der Zelle, in welche er gebracht worden, ſtrangulirt. Von der Wohnung des Generals begaben ſich die Beſucher deſſelben in den Palaſt der Herzogin von St. Leu. Hortenſe empfing Major Henderſon und die franzöſiſchen Offiziere mit der eigenthümlichen An⸗ muth, welche ſie von ihrer Mutter, der Kaiſerin Joſephine, geerbt hatte. Mit wohlgelungener Na⸗ türlichkeit drückte ſie die Freude aus, daß ihre Söhne glücklich entkommen ſeien, und es ſchnitt Henderſon tief in's Herz, als ſie ihre Landsleute aufforderte, ihr dazu Glück zu wünſchen, denn er wußte, daß einer davon bereits im Grabe ruhe und der andere vielleicht ſterbend, und zwar in ſolcher Nähe, auf ſeinem Schmerzenslager liege, daß er faſt den Ton der Stimme ſeiner Mutter hören mußte. Spartaniſcher Heldenmuth ſinkt völlig zur Unbe⸗ deutendheit herab im Vergleich mit der Standhaftig⸗ keit Hortenſes. Kapitän Dumesnil drückte ihr ſeine aufrichtige Theilnahme darüber aus, da er genau wußte, wel⸗ ches Loos denſelben beſchieden worden wäre, wenn ſie den Heſtreichern in die Hände gefallen wären. 219 „Der General wird ſich ſehr darüber ärgern!“ fügte er bei.„Wer weiß, was für eine große Be⸗ lohnung ihm dadurch entgangen iſt.“ „Es iſt allerdings ſehr verdrießlich!“ rief die gequälte Mutter mit gezwungenem Lachen,„es gibt aber auch Leute in Paris,“ fuhr ſie fort,„die ihre Gefangennahme mit Vergnügen vernommen hätten.“ Damit war eine zarte Saite berührt worden; obgleich dieß nicht unabſichtlich geſchehen war. Die franzöſiſchen Offiziere machten eine ſehr ernſte Miene. „Es gibt wohl kein Herz in Frankreich,“ bemerkte der jüngere derſelben,„das nicht den Tod des Neffen eines Mannes bedauert haben würde, deſſen Name von Frankreichs Ruhm unzertrennlich iſt.“ „Und doch ſind wir verbannt,“ feufzte die Ex⸗ königin,„und iſt es uns verboten, den Fuß in unſer Heimathland zu ſetzen. Die Julirevolution hat mich ſehr getäuſcht.“ Die Franzoſen waren zu klug, um die Unter⸗ redung weiter fortzuſetzen, weßhalb ſie aufſtanden und ſich verabſchiedeten. Major Henderſon blieb noch. „Wie geht es dem Prinzen?“ flüſterte er, ſobald ſie allein waren. „Er iſt noch immer leidend,“ verſetzte Hortenſe. „Es wird noch wenigſtens fünf Tage anſtehen, bis er reiſen kann.“—„Fünf Tage,“ wiederholte ſie, „der Angſt und der Qual. Kein Wort,“ fuhr ſie fort, als ſie bemerkte, daß ihr Beſucher etwas darauf erwidern wollte.„In Gegenwart meiner Feinde kann ich feſt ſein, aber nicht wenn man mir Theil⸗ nahme zeigt.“ 220 „Sie können aber doch an dem innigen Antheil, den ich an Ihrem Kummer nehme, nicht zweifeln?“ ſagte der Major. „Sie haben es bewieſen.“ „Er hat ſich noch geſteigert, Madame, durch den unvergleichlichen Heldenmuth, den Sie an den Tag legen. Befehlen Sie über meine Dienſte, wie Sie es für gut finden.“ Horkenſe überlegte einen Augenblick, dann ſtreckte ſie dem Major herzlich die Hand entgegen, der die⸗ ſelbe achtungsvoll an ſeine Lippen drückte. „Verſchaffen Sie mir eine vollſtändige Livree,“ flüſterte ſie,„ſie wird ihm dienlich ſein— eine Livree ganz vollkommen wie die iſt, welche meine Leute tragen.“ „Wenn ſie um's Geld zu haben iſt,“ ſagte Major Henderſon,„ſo ſoll es daran nicht fehlen.“ „In vier Tagen?“ „In weniger.“ „Nein, nein,“ rief Hortenſe haſtig;„nicht eher als in vier Tagen. Wäre dieſelbe früher in meinem Beſitz, ſo könnte dadurch Verdacht erweckt werden. Mein eigenes Zimmer,“ fuhr ſie fort,„iſt in meiner Abweſenheit kein ſicherer Aufbewahrungsort.“ Der Major verabſchiedete ſich von dieſer merk⸗ würdigen Frau und kehrte in das Hotel zurück, wo er Oliver ſehnſüchtig ihn erwartend fand. „Was hat es denn gegeben?“ fragte ſein Vor⸗ mund, dem das auffallende Benehmen ſeines Zög⸗ lings nicht entging. Statt einer Antwort führte ihn Oliver nach dem Zimmer, das Peter Marl bewohnte und unter dem ——————————————— 221 Vorwand der Selbſtvertheidigung für den Fall, daß man ihn wegen der Geſchichte mit demi Spion ver⸗ haften wolle, die Thüre feſt abgeſchloſſen hatte, die er auch nicht früher öffnete, als bis er die Stimme ſeines Herrn erkannte. Zu des Majors Erſtaunen drehte der treue Menſch den Schlüſſel ſogleich wieder um, ſobald er und OHliver eingetreten waren. „Was ſoll dieſe Vorſicht bedeuten, Peter?“ fragte er. Der alte Soldat ſchüttelte den Kopf, zum Zeichen, daß er es eben ſo wenig wiſſe, wie ſein Herr und deutete auf Oliver, der an der Thüre eines dunkeln Alkoven klopfte, aus welchem Alfred Belgioſo, als Kapuzinermönch verkleidet ins Zimmer hereinge⸗ ſchritten kam. Er hatte ſeinen Freund am Fenſter des Hotels erkannt und unter dem Vorwande des Einſammelns von Almoſen für ſein Kloſter Zutritt zu ihm verlangt. Es ſtand ein Preis auf ſeinem Kopfe, und ſeine einzige Hoffnung entkommen zu können, beruhte auf dem Beiſtand des jungen Eng⸗ länders. „Ich fürchte, Sie werden mich für ſehr ſelbſt⸗ ſüchtig halten,“ bemerkte er,„indem ich Ihren Zögling compromittire. An Philipp habe ich vielleicht eini⸗ gen Anſpruch, aber—“ „Sie haben den Anſpruch, den jeder Unglückliche zu machen hat,“ fiel ihm der Major in's Wort, zund das iſt genug. Sie haben die Rechte der Freundſchaft und dieſe ſind heilig. Ihre Anweſen⸗ heit ſetzt mich ſo wenig in Verlegenheit, daß Sie mich im Gegentheil aus einer ſolchen reißen.“ 222 Die jungen Männer ſahen ſich erſtaunt an. „Unſere Schwierigkeit beſtand darin, Jemand zu finden, dem man die Rolle übertragen kann, die Perſon des ältern Sohnes Hortenſe's vorzuſtellen, deren engliſcher Paß auf Madame D. und deren zwei Söhne lautet.“, „Unmöglich kann ſie mit dieſem Ancona ver⸗ laſſen!“ rief Oliver. „Mit keinem andern,“ ſagte ſein Mentor;„ein⸗ mal über der Grenze—“ „Ich verſtehe,“ verſetzte ſetn Zögling,„Alfred, wir treffen uns in England wieder.“ „Begeben Sie ſich direct dahin?“ fragte der Flüchtling. „Nein, wir müſſen zuvor Neapel beſuchen und erfahren, was aus Philipp geworden iſt; er ſchreibt nicht oder gehen ſeine Briefe verloren.“ Auf dieſe Weiſe legten der Major und ſein Zög⸗ † ling das Stillſchweigen ihres Mitreiſenden aus. Anſtatt eines Livree⸗Anzugs, wie Hortenſe es gewünſcht hatte, beſtellte ihr Helfer in der Noth deren zwei. Am vierten Tage wurden ſie ihm über⸗ bracht. „Ziehen Sie einen davon an,“ ſprach er zu Al⸗ fred Belgioſo, und verabſchieden Sie ſich von Ihrem Freunde; aber ſo kurz als möglich.“ Der Wechſel war raſch vollzogen und das Lebe⸗ wohl ebenſo ſchnell geſprochen. „Folgen Sie mir,“ fuhr Major Henderſon fort. „Wohin?“ „In Hortenſe's Palaſt.“ 223 Sechsundvierzigſtes Kapitel. Nach acht Tagen der Ungewißheit und Angſt, wie ſie vielleicht nur wenige Menſchen erduldet haben, wichen endlich die Maſern— eine faſt lächer⸗ liche Krankheit für einen Helden, durch ſie auf's Krankenlager geworfen zu werden— den Arznei⸗ mitteln, welche ſeiner Mutter Hausapotheke lieferte, und Louis Napoleon hielt ſich für hinreichend ge⸗ kräftigt, um ſeine Flucht aus Ancona bewerkſtelligen zu können. Wir wiſſen zwar nicht, ob in jener Periode ſei⸗ nes Lebens wirklich ſchon viel von einem Helden in ihm ſteckte; wenn dieß aber der Fall war, ſo mußte ihm ſeine Gefangenſchaft in einem dunkeln Alkoven, welche mindeſtens zehn Tage dauerte, höchſt lang⸗ weilig vorgekommen ſein, ganz abgeſehen von der peinlichen Lage, in der er ſich befand, da er keinen Augenblick ſicher war, verrathen und entdeckt zu werden. Das Geſicht des Patienten trug noch die Spuren der Krankheit, von der er heimgeſucht worden war, indem ſein Geſicht noch immer. ſtark geröthet und geſchwollen war. Es war dieß übrigens ein Vor⸗ theil für ihn, indem er dadurch weniger kenntlich war. Um ſein Ausſehen noch mehr zu entſtellen, bemalten ſeine Mutter und Mademoiſelle Cochelet ſein Geſicht und bepuderten zu weiterer Vorſicht auch ſein Haar. So weit waren die Vorbereitungen zur Flucht gediehen, als einer der alten Domeſtiken— ein Mann 224 auf den die Erkönigin ſich verlaſſen konnte— Major Henderſon und Alfred in den Palaſt einführte. Hor⸗ tenſe war nicht vorbereitet, den Engländer in Be⸗ gleitung von irgend Jemand bei ſich zu ſehen und ein entſetzlicher Verdacht ſtieg in ihr auf. Sollte er ſie verrathen haben? „Ziehen Sie Ihr Gewand aus,“ flüſterte der Major. Der junge Italiener gehorchte und erſchien in der Livree der Herzogin. Louis erkannte ihn trotz ſeiner Verkleidung und ſtreckte ihm die Hand ent⸗ gegen,— ein Umſtand, der ſeine Mutter einiger⸗ maßen beruhigte. „Ich fand keine Gelegenheit, Sie von meiner Ab⸗ ſicht zu unterrichten,“ fügte ihr Retter in der Noth bei, nachdem er ſeinen Plan entwickelt hatte;„auch haben Sie jetzt keine Zeit, Ihre Dankbarkeit für mich aus⸗ zuſprechen. Ich bin davon überzeugt und weiß alles, was Sie mir ſagen können. Prinz,“ fuhr er fort, indem er eine ähnliche Livree unter ſeinem Mantel hervorzog,„kleiden Sie ſich eiligſt darein.“ Mit Beihilfe des Freundes, der der Gefährte ſeiner gefährlichen Flucht ſein ſollte, war der Wechſel bald vollzogen und die Flüchtlinge kehrten in den Salon, allem Anſchein nach als zwei wohlbepuderte Livreebedienten zurück. Unter beiden glich Louis Napoleon am meiſten einem Lakaien. „Um welche Stunde gedenken Sie abzureiſen?“ fragte der Major. „Um vier Uhr,“ flüſterte die Herzogin, die bereits ihr Reiſekleid trug. Mademoiſelle Cochelet ſah auf ihre Uhr. Es war ſchon drei Uhr vorüber. Der Wagen, welcher um dieſe frühe Stunde be⸗ ſtellt worden war, fuhr in dieſem Augenblicke in den Hof des Palaſtes. „Leben Sie wohl, Madame,“ ſagte ihr Beſucher; „meine weitere Anweſenheit wäre nutzlos— am Ende gar eine Verlegenheit für Sie. Ich werde mich auf der Straße aufhalten, um zu ſehen, wie die Sache abläuft. Ich brauche nicht Ruhe und Selbſtbeherrſchung anzuempfehlen,“ fügte er hinzu, „von beiden haben Sie ſchon außerordentliche Proben abgelegt.“ Hortenſe, welche ihrer Stimme nicht zu trauen wagte, ergriff die Hand des Majors und ehe der⸗ ſelbe ihre Abſicht errathen konnte, bedeckte ſie ſie mit Küſſen. „Ich bitte! ich bitte!“ murmelte er, von dem ſtummen Ausdruck ihrer Dankbarkeit tief ergriffen. „Ich habe nur meine Pflicht als Krieger und Mann von Gefühl erfüllt.“ „Möchte mein Sohn eines Tages im Stande ſein, Ihnen vergelten zu können, was Sie an uns gethan haben!“ murmelte Hortenſe. Dieß war der einzige Wunſch, welchen der Eng⸗ länder nicht von Herzen theilen konnte, inſofern in dieſem Falle Erfolge vorausgehen mußten, die ſeinem Vaterlande gefährlich werden konnten. In Augenblicken der Gefahr ſcheint Louis Na⸗ poleon ſchon von Kindheit an mit großer Selbſtbe⸗ herrſchung ausgeſtattet geweſen zu ſein. Während Smith Milly Mohne. 1I. 15 226 der Oecupation von Paris durch die Alliirten blieb er mehrere Tage hindurch im Hauſe ſeiner Amme verborgen, ohne auch nur ein einzigesmal ſeinen Namen und Rang zu verrathen, indem er für den Sohn eines Nachbarn galt. Dieſe Eigenſchaft zeigte er auch bei der jetzigen Veranlaſſung; anſtatt bis zum letzten Augenblicke zu warten, half er das Ge⸗ päck in den Wagen hinabtragen, zeigte viele Ge⸗ wandtheit im Auſpacken, ſah nach den Pferden und ſchmierte die Wagenräder tüchtig ein. Dieſe letztere Befchäftignng geſchah mit ſchlauer Berechnung, indem er dadurch in den Stand geſetzt wurde, ſein Geſicht durch die gebückte Stellung, in welcher er ſich hielt, zu verbergen. Die Erkönigin ſtieg zuletzt hinab,— mit welchen Gefühlen, können ſich unſere Leſer leicht vorſtellen. Ihr Sohn konnte erkannt oder die Reiſe durch irgend ein plötzliches Ereigniß aufgehalten werden. Glücklicherweiſe dachte niemand daran, der hilf⸗ loſen Frau irgend etwas in den Weg zu legen, welche trotz ihres großen Verſtandes ſchon lange aufgehört hatte, eine politiſche Perſon zu ſein. Die Soldaten, welche haufenweiſe im Hofe ſtanden, ſahen theilnahmslos zu und der Wagen paſſirte durch die Thore mit dem jetzigen Kaiſer der Franzoſen als Bedienter gekleidet auf dem Sitze hinten! Alfred Belgioſo nahm den nämlichen Sitz auf dem Wagen ein, in welchem die Dienerſchaft Hor⸗ tenſe's ſich befand, deren Freude in einem Thränen⸗ ſtrom ſich Luft machte, als ſie über die Zugbrücke von Ancona fuhr. Obgleich wir durchaus nicht die Abſicht haben, 227 in die Details dieſer merkwürdigen Flucht des jetzi⸗ gen Lenkers Frankreichs uns einzulaſſen, ſo fühlen wir uns doch veranlaßt, ein paar Zwiſchenfälle, die ſich dabei ereigneten, zu berichten. In Mocerata wurde er durch einen italieniſchen Gefangenen erkannt, der wahrſcheinlich ſeine eigene Freiheit ſich hätte erkaufen können, wenn er ihn den Oeſtreichern verrathen hätte; derſelbe zog aber edler Weiſe Gefangenſchaft einer ſo niedrigen Handlung vor. In Tolentino wurde er ebenfalls erkannt und entkam nur durch das Mitleid des kommandi⸗ renden Offiziers, eines Florentiners, der dem Angeber erwiderte, die Päſſe der Herzogin von St. Leu ſeien vollkommen in Ordnung und ihre Dienerſchaft gehe ihn durchaus nichts an. Die größte Prüfung erwartete aber die Flücht⸗ linge in Camoscia, wo Hortenſe mitten in der Nacht mehrere Stunden auf friſche Pferde wartete und ſich endlich genöthigt ſah, mit denen weiter zu reiſen, die ſie hieher gebracht hatten. Damals war es, daß ihr Sohn, geſchwächt durch ſeine Krankheit, von Ermüdung erſchöpft, ſich auf einen nahe liegen⸗ den Steinhaufen legte und feſt einſchlief. Die Mutter, die während dieſer Zeit an ſei⸗ ner Seite wachte, wagte nicht einmal mit ihm zu reden. So viele Aufopferung fand endlich ihren Lohn. Die Flüchtlinge erreichten, nachdem ſie zuvor noch eine Menge Gefahren und Abenteuer beſtanden hatten, Cannes in Frankreich, denſelben Hafen, in welchem der erſte Napoleon nach ſeiner Rückkehr von Elba gelandet hatte. 15* 228 Dieſes Zuſammentreffen war gewiß merkwürdig. Louis Philipp, der es nicht wagte, der öffent⸗ lichen Meinung durch Verhaftung des Neffen des Kaiſers entgegenzutreten, geſtattete den vorüber⸗ gehenden Aufenthalt der Reiſenden in ſeinem Lande, durch welches ſie nach gehöriger Ruhe und Erho⸗ lung ihren Weg nach England fortſetzten, von wo ſie ſich jedoch wieder nach der Schweiz begaben. Von den weitern Abenteuern des jetzigen Sou⸗ verains von Frankreich haben wir nichts zu berichten. Die Cpiſode, die wir beſchrieben, hing mit der Ge⸗ ſchichte unſeres Helden zuſammen; und da ſie nur denen bekannt iſt, welche die Zeitgeſchichte kennen, ſo haben wir ſie unſern Leſern mitgetheilt. Den Tag nach der Abreiſe der Flüchtigen ver⸗ abſchiedeten ſich Major Henderſon nebſt ſeinem Zög⸗ ling von Kapitän Dumesnil und deſſen Gefährten, um Philipp aufzuſuchen, deſſen Stillſchweigen ihnen nachgerade Beſorgniſſe einzuflößen anfing. Nie war Neapel, dieſe Stadt der Müſſiggänger und Kranken, mit ſo vielen Beſuchern angefüllt geweſen. Die Unruhen in den Legationen, die Auf⸗ regung, welche einmal Rom ſogar ſelbſt bedrohte, hatten dieſelben maſſenweiſe in die Hauptſtadt des Königreichs beider Sicilien gezogen. Es war eine völlige Ueberſchwemmung, von welcher namentlich die Hotelinhaber ihren Nutzen zu ziehen nicht ver⸗ ſäumten. Unter anderen Perſonen, die mit unſerer Ge⸗ ſchichte zuſammenhängen, welche kürzlich eingetroffen waren, befanden ſich der engliſche Geſandte und ſeine Gemahlin, der Graf und die Gräfin Dalville; Sir 229 Aubrey und Lady Fairclough mit ihrem Kind und Erben,— welchen merkwürdigerweiſe der Vater zu verhätſcheln ſchien, während die Mutter dagegen ihn mit Gleichzültigkeit, wenn nicht gar mit entſchiedenem Widerwillen betrachtete. Alle, welche den Knaben kannten, erklärten ihn für das reizendſte Kind, das ſie je geſehen hätten. Obgleich er noch ſehr jung war, ſo merkte man doch, daß er bald im Stande ſein werde, ganz allein zu gehen. Was ſeine Amme betraf,— eine Bäuerin aus Calabrien— ſo ſchien dieſe förmlich in ihr Pflegekind vernarrt zu ſein. Hätte es ihr eigen gehört, ſo hätte ſie es nicht zärtlicher lieben können. Es gewährte ihr die größte Freude, den Knaben, in Begleitung des zum Schutze beigegebenen Dieners, an den Meeresſtrand zu bringen, wo ſie ſtundenlange ſitzen konnte, geduldig ſeine Verſuche, zu gehen, er⸗ muthigend, indem ſie ihm ihre Arme als Stütze lieh, und ihn bei den ſüßeſten Namen nannte. Der Ort, den ſie ſich hiezu ausgewählt, war der Lieblingsfahrweg von Milly und deren Gatten, die ſelten Gefellſchaften beſuchten, außer wenn es ihre Stellung durchaus erheiſchte. Viele Engländer be⸗ klagten ſich deßhalb über Mangel an Gaſtfreundſchaft und Aufmerkſamkeit von Seiten ihres Repräſentanten. Milly und ſeine Lordſchaft kümmerten ſich wenig arum. Sie lebten nur für ſich— nicht für die Welt. Ob⸗ gleich ihre Vermählung zu keinem unangenehmen Kom⸗ mentare Veranlaſſung gegeben hatte und der neue Ge⸗ ſandte am Hofe von Neapel auf die ſchmeichelhafteſte 230 Weiſe aufgenommen worden war, fühlte ſich Milly doch nicht behaglich in Geſellſchaft. Es war ihr zu Muthe, wie Jemandem, der einen verbotenen ge⸗ ſchloſſenen Raum unter einer Maske betritt, welche durch Zufall herabfallen oder durch Bosheit herab⸗ geriſſen werden konnte. Hätte ſie nur ihrer eigenen Geſchmacksrichtung folgen dürfen, ſo würde ſie einer beſcheideneren Sphäre den Vorzug gegegeben haben. Zuweilen wurde ihr Rang ihr förmlich zur Laſt. Der Grund dafür lag in der Vergangenheit, in jener unerbittlichen Ver⸗ gangenheit, welche ihre geheimen Wunden in mancher Bruſt zurückläßt,— wofür Viele Welten geben würden, wen ſie ſie dadurch völlig heilen könnten,— welche uns wie unſer eigener Schatten nachfolgt. Der Earl bemerkte dieſe Stimmung und bemühte ſich durch die zarteſten Aufmerkſamkeiten dieſelbe zu verwiſchen,— aus der Erinnerung ſeiner jungen Frau das einzige Blatt zu reißen, welches ihr Da⸗ ſein trübte. Seine Bemühungen blieben aber ohne dauernden Erfolg. Sie konnte wohl einen Augen⸗ blick lächeln, wenn ſie ſeinen Worten lauſchte, aber unmittelbar darauf trübten immer wieder Wolken ihre Stirne. „Du haſt Unrecht, Milly,“ rief er aus.„Dieſe Empfindlichkeit iſt ein Vorwurf gegen Dein beſſeres Wiſſen. Der ſtrengſte Moraliſt kann das Hpfer des Verbrechens eines Andern nicht tadeln. Ich habe gehofft, daß der Wechſel des Schauplatzes dieſe pein⸗ lichen Eindrücke bei Dir verwiſchen würde.“ „Sie fließen aus der Vergangenheit,“ verſetzte unſere Heldin ſeufzend,„und ſind wie die Vergan⸗ 231 genheit unauslöſchlich; und doch fühle ich mich nicht immer unglücklich. Nur zuweilen, wenn ich allein und der Stütze Deiner theuren Gegenwart beraubt bin, überkommt mich dieſes unbeſtimmte Gefühl des Entſetzens und der Muthloſigkeit. Dann frage ich mich felbſt, ob das Glück nicht ein Traum iſt und zweifle, ob es dauernd ſein kann.“ „Das Glück ſollte ein Traum ſein!“ wiederholte ihr Gemahl.„Blick in die Natur. Drücken nicht alle Dinge, die auf Erden und in der Luft ſich be⸗ finden— ſelbſt die Blumen— Freude aus? Selbſt die Elemente athmen eine Stimme, aus welcher reiche Muſik ſich ergießt,— als Lobgeſang auf den Vater der Güte! Kannſt Du denn glauben, daß das in der Schöpfung am höchſten ſtehende Geſchöpf zum Kum⸗ mer und nur zum Kummer geſchaffen worden ſei?“ Dieſe Unterhaltung fand an einem lieblichen Abend Statt, als das Ehepaar entlang dem Golf von Neapel ſpazieren fuhr, deſſen Waſſer, beleuchtet von den Strahlen der untergehenden Sonne, gleich einer Fläche von geſchmolzenem Gold ausgebreitet dalag. Die Diener waren Italiener; denn ſeine Lord⸗ ſchaft hatte aus Rückſicht für ſeine junge Gemahlin keine engliſche Domeſtiken mitgebracht, ein Umſtand, der das Ehepaar in die Lage ſetzte, ohne Rückhalt in deren Gegenwart ſprechen zu können. „Was fuͤr ein reizendes Kind!“ rief Milly, deren Aufmerkſamkeit das Kind Sir Aubrey's auf ſich ge⸗ zogen hatte, das unter der Aufſicht ſeiner Amme im Sand ſpielte. Thränen füllten ihre Augen, als ſie dieß ſagte, denn das Mutterherz gedachte ſchmerzvoll des Erſt⸗ 232 gebornen, der in den Flammen umgekommen und deſſen Aſche von den Winden zerſtreut worden war. „Zürne meiner Schwäche nicht, Arthur,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich aus dem Wagen lehnte, um das Kind genau ſehen zu können;„aber unwill⸗ kürlich denke ich daran, daß mein Knabe ebenſo hübſch wäre, wenn er am Leben geblieben wäre. Aber er kam um,— kam auf eine jammervolle Weiſe um. Mir blieb nicht einmal die Beruhigung, über ſeinem Grabe weinen zu können.“ Ihre Gemüthsbewegung, während ſie unaufhör⸗ lich das Kind betrachtete, wurde ſo heftig, daß der Earl dadurch beunruhigt wurde und ſie liebevoll tadelnd zurück auf ihren Sitz zog. Der übrige Theil der Spazierfahrt gieng unter Stillſchweigen vorüber, obgleich ihr Gemahl durch⸗ aus nicht ärgerlich über Milly's Schwäche war, denn dazu liebte er ſie zu ſehr. Der Diener, welcher die Amme begleitete, war kein Anderer als der ſchändliche Hanway, der ver⸗ traute Kammerdiener Sir Aubrey's, das Werkzeug ſeiner Verbrechen. Das Erſtaunen dieſes Menſchen war, wie unſere Leſer ſich leicht vorſtellen werden, groß, als er Milly erkannte, welche glücklicherweiſe von ihren Gefühlen zu ſehr in Anſpruch genommen war, als daß ſie ihn bemerkt hätte. Sie hatte nur Augen für das Kind. So bald er nach Hauſe kam, wußte er nichts Ei⸗ ligeres zu thun, als ſeinem nichtswürdigen Herrn die Entdeckung mitzutheilen, die er gemacht hatte. Sir Aubrey hörte ihn ungläubig an. „Pah!“ ſprach er,„irgend eine eingebildete 233 Aehnlichkeit hat Sie getäuſcht. Dalville hat ſich kürz⸗ lich vermählt und zwar allen Verſicherungen nach mit einer außerordentlich ſchönen Frau; es iſt daher nicht daran zu denken, daß er jetzt ſchon den Luxus ſo weit treiben würde, ſich eine Geliebte zu halten. Uebrigens iſt er, wie die Welt ſich ausdrückt,„mo⸗ raliſch“— wenn ſich Ihre Phantaſie ſo weit ver⸗ ſteigen kann, um zu begreifen, was dieſes Wort zu bedeuten hat.“ „Haben Sie die Gräfin geſehen?“ fragte der ge⸗ ſchmeidige Diener, der zwar ſeinem Herrn nicht direct widerſprechen wollte, aber deßhalb doch auf ſeinem Glauben beharren blieb. „Sie wiſſen, daß wir erſt vor kurzem nach Nea⸗ pel gekommen ſind, und der Geſandte nur wenige Beſuche empfängt.“ „Iſt dieß nicht auffallend, Sir Aubrey?“ fragte Hanway. „Allerdings iſt es ſo.“ „Vielleicht erklärt ſich dieß aus ſeiner Vermäh⸗ lung mit Milly.“ Der Wüſtling ſtutzte. So abenteuerlich und un⸗ glaublich die Vermuthung auch klingen mochte, ſo ergriff ihn doch ſchon bei dem bloſen Gedanken an eine ſolche Möglichkeit die wüthendſte Eiferſucht. Er machte ſich nichts aus dem Gedanken, daß Milly todt— in die Dunkelheit zurück verſetzt worden ſei, aus welcher er ſie gezogen hatte, aber das vermochte er nicht zu ertragen, ſie in den Armen eines Andern und zwar als deren Gemahl zu wiſſen, der in Rang und Reichthun eben ſo hoch über ihm ſtand, als in Adel des Herzens und Charakters. 234 „Ich muß ſie ſehen!“ rief er plötzlich aus. Dann, wie wenn er ſich ſeines Ungeſtüms und ſeiner Leicht⸗ gläubigkeit ſchämte, fügte er hinzu,„wenn es auch nur aus dem Grunde wäre, um Sie von der Abge⸗ ſchmacktheit Ihrer Vermuthung zu überzeugen.“ „Nichts iſt leichter,“ verſetzte Hanway.„Heute Abend iſt großer Empfang bei Hof.“ „Was hat dieſer damit zu ſchaffen?“ „Der Geſandte und ſeine Gemahlin müſſen da⸗ bei erſcheinen: es iſt dieß eine jener Veranlaſſungen, bei welchen ſie anweſend ſein müſſen. Sie können ſich ſo verkeiden, daß Niemand Sie bemerkt und ſich unter den Haufen miſchen, der die Geſellſchaft aus⸗ ſteigen ſieht.“ Der Baronet, der während dieſes Zwiegeſprächs ſich zum Mittageſſen umgekleidet hatte, nickte bejahend. „Irrte ich mich,“ fügte der Kammerdiener bei, „ſo iſt das Opfer nicht groß. Es gibt gar manche ſchöne Geſichter unter den neapolitaniſchen Frauen.“ „Sie haben ſchon ſo viele aufgefunden, Hanway,“ bemerkte ſein Herr,„wahrhaftig der Gedanke iſt nicht ſchlecht. Ich denke, ich will ihn befolgen.“ „Sie werden es nicht bereuen, Sir Aubrey.“ „Ich bereue nie etwas,“ verſetzte der Wüſtling, „nicht einmal die Vergangenheit.“ Bei dieſer Bemerkung war das Umkleiden be⸗ endigt. 235 Siebenundvierzigſtes Kapitel. Der neapolitaniſche Pöbel beſitzt eine gewiſſe Eigenthümlichkeit,— er iſt leicht erregbar, aber eben ſo leicht auch wieder beruhigt; eine Kleinigkeit treibt ihn zu Gewaltthaten und Verbrechen, eine Kleinig⸗ keit beruhigt ihn aber auch wieder. In der That, die ganze Eriſtenz der untern Klaſſen beruht ſo zu ſagen auf Kleinigkeiten. Wenn man ſie mit Schau⸗ ſpielen unterhält,— ſie lachen macht— ihnen ir⸗ gend einen Gegenſtand gibt, an welchem ſie ihren Spott üben können— gleich den Irländern ſind ſie von Natur aus witzig— ſo kann die Regie⸗ rung, ſo weit es ſich um das Volk handelt, die Augen ſchließen und in Sicherheit ſchlafen. Was die Ernährung derſelben betrifft, ſo iſt dieſe in einem Lande, wo der Arme zwei Dritttheile des Jahres hindurch in freier Luft ſchläft, nur von un⸗ tergeordneter Wichtigkeit. Das Klima iſt ſo mild, der phyſiſche Menſch braucht ſo wenig,— ein Stück Melone und etwas Brod im Sommer, für den Werth eines Pfennings Maccaroni und wenn es hoch kommt, etwas geſchmorten Fiſch im Winter, das genügt voll⸗ kommen. Geiſtige Bedürfniſſe ſind nicht vorhanden. Die Neapolitaner ſind oder waren vielmehr das loyalſte Volk auf dem ganzen Erdball. Nach dem heiligen Januarius war der König der höchſte Ge⸗ genſtand ihrer Verehrung. Alles, was nur entfernt den Hof anging, intereſſirte ſie, Geburtstäge, Revüen, Levse's, waren Unterhaltungen, an welchen ſie den 236 eifrigſten Antheil nahmen, ja oft noch mehr als diejenigen, welche in den Palaſt Zutritt hatten. Bei ſolchen Veranlaſſungen hatte die königliche Garde den ſtrengſten Befehl, die Menge ganz unbe⸗ helligt zu laſſen und nur den Weg ſo weit frei zu erhalten, daß die Wägen der Geſandten und des Adels ungehindert paſſiren konnten. In der Nacht des Empfangs, bei welchem, wie Hanway ſeinem Herrn berichtet hatte, der Earl und die Gräfin von Dalville vermöge ihrer Stellung an⸗ weſend ſein mußten, verließ Sir Aubry Fairelough, nachdem er ſich ſorgfälltig verkleidet hatte, ſein Hotel und miſchte ſich unter den Haufen Lazzaroni, Fac⸗ chini, Männer, Weiber, Kinder und Ordensbrüder, welche dem Schloſſe zuwanderten. Einige darunter geſtikulirten heftig.— Die neapolitaniſche Beredtſamkeit drückt ſich in neun Fällen unter zehn durch Gebärden aus. Män⸗ ner machen den Hof, ſtreiten, kaufen und verkaufen — kurz ſie thun alles, ſelbſt arbeiten— vermittelſt ſtummer Gebärden. Wenn der Hunger ſie zur Ar⸗ beit zwingt, ſo ſind ihre Stimmen, indem ſie ihr hartes Schickſal beklagen, laut genug. Ein„heiliger Januarius, was für eine Laſt!“— ein engliſcher Laſtträger würde fünfmal ſo ſchwer tragen— oder ein„heilige Madonna, wird es denn nimmer aufhören?“ und ähnliche Ausrufungen verra⸗ then ſogleich ihre Trägheit und Ungeduld. Unter allen Umſtänden zieht ein ächter Lazzarone das Betteln und Stehlen dem Arbeiten vor; und, um ihm nicht unrecht zu thun, muß man hinzufügen, daß er, wenn ihn nicht Mangel drückt, lieber müſſig, 237 in der Sonne ſich wärmend, liegt, als des einen oder des andern wegen ſich Mühe zu machen. Armes Italien! Klima und Sprache verſchwören ſich gleich ſehr gegen Dich. Das dolce far niente hat Dich als Nation entnervt. Das Gift der Träg⸗ heit hat Deine innerſte Seele zerfreſſen. Peter Marl hatte wohl recht, von Humbug zu ſprechen, wenn man ihm ſagte, daß die Italiener einſt Herren der Welt geweſen ſeien. Hätten wir die Geſchichte nicht in einem andern Lichte geleſen, ſo würden wir uns im höchſten Grade geneigt finden, dieſes Wort zu wiederholen. Nachts fangen die Bewohner dieſer vergnügungs⸗ ſüchtigen Stadt an lebendig zu werden. Die Nacht iſt die Zeit für Liebensabenteuer und Serenaden,— obgleich Serenaden nicht immer ein Beweis zarter Leidenſchaft oder ſelbſt nur ſchmeichelhaft ſind— zuweilen ſind ſie ſogar beleidigend. Die Serenate di Gelosia(Eiferſuchtsſerenaden) ſind ein bittere Satyre. Nächſt dem heiligen Januarius, der Madonna und dem Könige ſind die Geſchichten-Erzähler die volks⸗ thümlichſten Perſonen in Neapel. Die untern Klaſſen können ganze Stunden lange daſitzen und zuhören, wie dieſelben Geſchichten recitiren oder vielmehr in ihrem eigenthümlichen Dialect mit Begleitung der Guitarre ſingen, indem ſie jede intereſſante Pointe auffaſſen und mit ſchallendem Gelächter jeden beißen⸗ den Witz begrüßen. Die Menge war ſo groß, daß es Sir Aubry Fairclough und Hanway nur mit Mühe gelang, ſich einen guten Platz in der Nähe des Palaſtes zu ver⸗ 238 ſchaffen. Es war der Haupteingang, der für die Mitglieder der königlichen Familie, die Geſandten, Miniſter und hohen Staatsbeamten reſervirt war. Wäre der Baronet weniger verpicht und aufgeregt eweſen, ſo würden ihn die Späſſe der in ſeiner tähe befindlichen Perſonen, ſowie deren Bemerkun⸗ gen über die verſchiedenen Beſucher und Beamten unterhalten haben, die gemacht wurden, während die⸗ ſelben aus ihren mit Wappen geſchmückten Wägen ſtiegen. Einige darunter wurden mit Schmeichelreden empfangen, andere dagegen mit einem Hagel von Worten überſchüttet, die ſich gar nicht überſetzen laſſen, indem ſie gänzlich ihren Sinn, wenn auch leider nicht ihre Derbheit verlieren würden. Endlich fuhr ein Wagen vor, der ſowohl ſeiner Bauart, als ſeiner Einrichtung nach unverkennbar engliſchen Urſprungs war, aus welchem der Earl von Dalville ausſtieg. „Allein; verwünſcht!“ murmelte Sir Aubry zwi⸗ ſchen den Zähnen. „Geduld,“ ſagte der Kamerdiener, indem er auf die Wagenfenſter deutete, die geſchloſſen waren; „ſie befindet ſich bei ihm.“ Die Vermuthung erwies ſich als gegründet; denn im nächſten Augenblicke ſtieg Milly aus, die reizender als je war und in deren dunkeln Haaren Diamanten funkelten, welche denſelben aber durch den Kontraſt eher Reize verliehen, als von ihnen empfingen, und trat am Arm ihres Gemahls unter der offen ausgeſprochenen Bewunderung der Zuſchauer in das Schloß. „Bella, bella!“ riefen die Männer. 239 Selbſt die Frauen gaben zu, daß ſie außeror⸗ dentlich ſchön ſei. Die Qual, welche das Herz ihres Verführers fühlte, entſprang nicht aus Gewiſſensbiſſen, ſondern aus Eiferſucht. Hätte ſein Opfer eine ganz ausge⸗ ſuchte Beſtrafung für ihn erſonnen, ſo hätte es keine wirkſamere auffinden können, als ſeine Vermählung mit einem Andern. Gleich den meiſten ſelbſtfüchtigen Naturen(und der Baronet war im höchſten Grade ſelbſtſüchtig) war ihm der Gedanke eben nicht unan⸗ genehm, Milly in Mangel und Dunkelheit ſich ab⸗ härmend oder über ſeine Abweſenheit weinend, und um die Vergangenheit jammernd, zu wiſſen. So ſollte es ſein. Aber Milly glücklich, ſtrahlend von Schönheit, ebenſo hoch an Rang jetzt über ihm, als früher an Gemüth, das quälte ihn. Es kam ihm vor, als wenn ihm auf eine herzloſe, grauſame Weiſe mitgeſpielt worden wäre. Welches Recht hatte ſie, glücklich zu ſein, während er ſich elend fühlte? Wie viele Wüſtlinge haben unter ähnlichen Um⸗ ſtänden die gleiche Frage an ſich geſtellt? Indolente Naturen erkennen meiſtens erſt dann den Werth eines Juwels, nachdem ſie es weggeſchleudert haben, ſowie auch rohe Naturen den herrlichen Wohlgeruch einer Blume nicht eher ſchmeckeu, bis ſie ſie zerdrückt haben. „Sind Sie überzeugt? fragte Hanway. Es lag etwas Teufliſches in dem Blicke, mit wel⸗ chem ſein Herr ihm antwortete. „Ich bin überzeugt,“ ſprach er.„Entfernen wir uns von dieſem nach Knoblauch riechenden Geſindel. Ich habe genug geſehen.“ 240 Man ſagt, das Auge des Haſſes ſei eben ſo ſcharf, als das der Liebe, ſein Gedächtniß ebenſo zähe,— bei dem Baronet wenigſtens war dieß der Fall, der, während er ſich durch die Menge durcharbeitete, an ſeinen Stiefſohn Philipp anrannte, welchen Neugierde ebenfalls hieher gelockt hatte. Obgleich mehrere Jahre verfloſſen waren, ſeitdem er dieſen Stiefſohn zum letztenmale geſehen hatte, erkannte er ihn doch ſogleich. Unglücklicherweiſe er⸗ kannte aber ſein Stiefſohn ihn nicht, indem ſeine Verkleidung ihn zu ſehr entſtellte. Das Gefühl der Eiferſucht machte Sir Aubry nicht blind gegen das des Intereſſes,— er blieb ſtehen, trat einen Schritt zurück und machte ſeinem Begleiter ein Zeichen, keinen Laut von ſich zu geben. „Bemerken Sie dieſen jungen Mann?“ flüſterte er auf Philipp deutend, der ohne Ahnung der Ge⸗ fahr ruhig daſtand und auf die Spott⸗ und Wit⸗ reden um ihn her hörte. Hanway nickte bejahend. „Erkennen Sie ihn?“ „Nein.“ „Er iſt der Sohn meiner Frau, Philipp Bland⸗ fort,“ fuhr ſein Herr in dem gleichen halblauten Tone fort.„Verlieren Sie ihn nicht aus dem Geſicht, folgen Sie ihm, wohin er geht, ſpüren ſie ſein Hotel auf und erfahren Sie mir womöglich, ob er allein in Neapel ſich aufhält.“ „Ich verſtehe,“ murmelte das willige Werkzeug. „Seien Sie behutſam,“ fuhr Sir Aubrey fort, „Vergeſſen Sie nicht, daß wenn auch er ſich verän⸗ 6 dert hat, dieß bei Ihnen nicht der Fall iſt. Er würde augenblicklich ſich Ihrer erinnern.“ Nach Ertheilung ſeiner Inſtructionen ſchlich Sir Aubrey weg. Das Gefühl der Neugierde, das ihn hieher geführt, hatte ſich in brennende Eiferſucht ver⸗ wandelt, die einer Schlange gleich unaufhörlich an ſeinem Innern nagte. Milly, die Gattin eines Andern! Glücklich ohne ihn!— das war der Stachel. Das Intereſſe— die ungeheure Selbſtſucht, die Quelle aller ſeiner Verbrechen,— geſtatteten aber nicht, daß die Erinnerung an ſein Opfer ſeine Gedanken ausſchließlich beſchäftigte. Philipp,— die Schranke zwiſchen ihm und ſeiner Gattin Vermögen— war in Neapel und wahrſcheinlich allein. Eine ſolche Gelegenheit, die Plane in Ausführung zu bringen, welche Oliver's Freundſchaft und die Entſchloſſenheit ſeines Vormundes vereitelt hatten, durfte ſich nicht leicht wieder finden und bis dieſe ausgeführt wären, beſchloß er ſelbſt Milly zu vergeſſen. Dieſer Entſchluß— gleich denen der meiſten lei⸗ denſchaftlichen Menſchen— erwies ſich als vergeb⸗ lich. Mehrmals während er über dem Verderben ſeines Stiefſohns brütete, machte ſich ſeine Wuth durch heftige Ausrufungen Luft. „Ich will ſie ſchamroth machen!“ murmelte er,— „ſie und den Lord, ihren Gemahl. Wie wird die Welt hohnlächeln, wenn ſie erfährt, daß die Gräfin von Dalville— die Gemahlin des ſtolzeſten Man⸗ nes in Europa— nichts weiter als eine arme Zi⸗ eunerin, die verlaſſene Geliebte des Sir Aubrey Fairclough iſt.“ Smith, Milly Mohne. IIH. 16 242 Der Gedanke, daß der Earl nicht nur einer der ſtolzeſten, ſondern auch einer der entſchloſſenſten Männer Europa's ſei, dämpfte, wie das Fröſteln beim Wechſelfieber, die Aufwallung ſeines Zorns und die Klugheit flüſterte ihm zu, ob es nicht gerathener ſei, ſeine Rache auf andere Weiſe zu befriedigen? Grauſame Menſchen ſind immer feig. In dieſem Seelenzuſtande, zwiſchen Haß und Furcht ſchwankend, befand er ſich, als ſein Diener in das Hotel zurückkam. „Haben Sie ſeine Wohnung entdeckt?“ fragte er haſtig, indem er für den Augenblick alles Andere vergaß. „In der Corona.“ „Allein?“ „Allein,“ wiederholte Hanway,„und was noch auffallender iſt, unter dem angenommenen Namen Trevor.“. Die Augen ſeines Herrn funkelten vor Befriedi⸗ ung über dieſe Nachricht. Das Opſfer hatte ſich ſbt in ſeine Gewalt, oder vielmehr in die der Po⸗ lizei gegeben, eines wo möglich noch rachſüchtigeren Feindes. Nach den Geſetzen Neapels iſt jeder, der unter falſchem Namen reist, der Gefangenſchaft ausgeſetzt; Philipp's Verfolger brauchte ihn alſo blos anzugeben, die Behörden beſorgten dann das Uebrige. „Endlich habe ich den Vogel am Leim!“ mur⸗ melte er in triumphirendem Tone,„einmal iſt er mir entſchlüpft; aber das zweitemal— Wenige entſchlü⸗ pfen ein Zweitesmal! Sind Sie gewiß, ganz gewiß,“ ———,— 243 fügte er plötzlich nach dem Diener ſich umwendend hinzu,„daß Sie ſich nicht irreleiten ließen? Der Menſch lächelte gewiſſermaßen verächtlich über eine für ſeine Intelligenz und ſeinen Takt ſo beleidigende Vorausſetzung. „Ueberzeugen Sie ſich ſelbſt, Sir Aubrey,“ er⸗ widerte er.„Ich folgte dem jungen Herrn nach, bis ich ihn in die Corona eintreten ſah. Ich ging ebenfalls hinein und befragte den Oberkeliner. Einige Carlini*) machten den Kerl geſprächig; er theilte mir mit, daß Ihr Stiefſohn ſchon ſeit fünf Tagen in Neapel ſich befinde, daß er faſt ohne Gepäck aber wohl mit Geld verſehen angekommen ſei, das er freigebig ſpende; auch fügte er bei, daß die Polizei zweimal erſchienen ſei, und nach ihm gefragt abe.“ „Gut, gut!“ „Daß ſein Paß ſcharf unterſucht aber ganz in Ordnung gefunden worden ſei.“ „Iſt es ein Conſularpaß?“ „Nein, einer vom Staatsſecretariat.“ Sir Aubrey gefiel dieſe Antwort nicht; er wußte, daß die neapolitaniſche Regierung gleich den meiſten übrigen Continentalregierungen große Rückſichten gegen Diejenigen nehme, welche Päſſe vom aus⸗ wärtigen Amt beſitzen. Zugleich erinnerte er ſich aber auch, daß Signore Falkonet, der Polizeiminiſter,— ein intriguanter, ehr⸗ geiziger, beſtechlicher Mann, ſich alle Mühe gebe, ſich Ein Carlini entſpricht 3 ½ Groſchen oder 12 Kreuzern rheiniſch. D. 16* 244 bei Hofe durch übereifrige Erfüllung ſeiner Pflichten beliebt zu machen. Dieſer Umſtand beruhigte ihn wieder einigermaßen. Der Leim wird hoffentlich ſtark genug ſein, dachte er. „Kein Wort!— keinen Wink gegen meine Frau,“ ſetzte er hinzu. „Milady iſt nicht ſehr freigebig,“ bemerkte der Diener mit eigenthümlichem Lächeln. Sein Herr merkte ſich den Wink und deutete auf ſeine Börſe, die auf dem Tiſche lag. „Zählen Sie deren Inhalt,“ ſprach er. „Neunzehn Ducaten, Sir Aubrey.“ „Dann ſchulde ich Ihnen noch ſechs. Sind Sie zufrieden?“ Sein Werkzeug verbeugte ſich tief. Es war dieß ein ſchöner Taglohn. „Wenn Ihre Herrin nach mir fragen ſollte,“ fuhr der Gentleman in ſorgloſem Tone fort,„ſo ſagen Sie ihr, daß ich in den Klubb gegangen ſei.“ „Sehr wohl, Sir Aubrey.“ „Und daß ich um Mitternacht wieder nach Hauſe kommen werde,“ fuhr der Baronet fort, der während des Schluſſes der Unterredung ſich in eine weite Cappa, oder Kaputzmantel gehüllt hatte, den er auf neapolitaniſche Weiſe über ſeine linke Schulter zog, um dadurch den untern Theil ſeines Geſichts zu ver⸗ decken. Ueberzeugt, daß keiner ſeiner Bekannten ihn erkennen würde, wenn er einen begegnen ſollte, ver⸗ ließ er das Hotel und machte ſich nach der wohlbe⸗ kannten Wohnung des Polizeiminiſters auf den Weg. Einem weniger entſchloſſenen Manne wäre wohl der Verſuch, Zutritt zu dem vielgefürchteten Beamten 245 zu erlangen, nicht gelungen. Sir Aubrey kannte aber nicht allein den Charakter deſſen, mit dem er zu thun hatte, ſondern auch den der Untergebenen deſſelben. Darnach handelte er. „Basta, basta!“(Genug) rief er, einen der Un⸗ terbeamten im Strom der Fragen unterbrechend, die dieſer an ihn ſtellte;„ſagen Sie ihm, daß ein eng⸗ liſcher Gentleman ihn zu ſprechen wünſcht.“ „Aber der Name, der—“ „Ein engliſcher Gentleman,“ wiederholte der Be⸗ ſucher, ihn auf dieſelbe unceremoniöſe Weiſe unter⸗ brechend.„Ich gebe Ihnen fünf Minuten Zeit,“ fügte er bei, indem er zugleich eine prächtige gol— dene Repetiruhr aus der Taſche zog und den Zeiger betrachtete,„mir ſeine Antwort zu bringen.“ Die meiſten Perſonen, welche um eine Audienz bei dem Miniſter nachſuchten, mußten ſich den Weg dahin durch Beſtechung erkaufen. Sir Aubrey Fair⸗ clough ertrotzte ſie. Ehe fünf Minuten um waren, wurde er in das Kabinet des großen Mannes ein⸗ geführt, den er in voller Uniform fand. Nichts deſto weniger kam er ihm aber dennoch, trotz ſeines gro⸗ ßen Bandes und eines halben Dutzend Orden wie ein Schneider vor. Seine Excellenz war in nichts weniger als ſehr liebenswürdiger Stimmung; er war ſoeben von dem Empfang im Palaſt wieder nach Hauſe gekommen, wo der König ihn ſpöttiſch gefragt hatte, wie viele Agenten der Carbonari und Flücht⸗ aus den Legationen die Polizei ſchon verhaftet habe. Falconet hatte nicht einen einzigen ent⸗ eckt. 246 Obgleich der Chef der Polizei den Namen ſeines Beſuchers nicht wußte, erkannte er doch in ihm einen Engländer von Rang und Vermögen, den er ſchon in den beſten Geſellſchaften Neapels getroffen hatte. Ueberzeugt, daß denſelben keine ganz gewöhnliche Veranlaſſung zu ſo ſpäter Stunde in ſeine Amts⸗ wohnung geführt habe, empfing er ihn ſehr artig und ſchickte ſogleich den Secretär weg, der in der Er⸗ wartung, etwas erlauſchen zu können, das auch ihm etwas eintragen würde, noch im Zimmer ſich zu ſchaffen machte. Mit ganz außergewöhnlichen Befugniſſen ausge⸗ rüſtet, aber ſehr ſchlecht bezahlt, ſind die meiſten Po⸗ lizeibeamten, vom höchſten bis zum niederſten in ganz Italien ſo verdorbene Subjecte, als irgend welche die Beſtechung annahmen oder das Volk ausſaugten. Ihre Accidenzien werden für einen Theil ihres Ge⸗ halts angeſehen und damit iſt dieſes Syſtem ge⸗ wiſſermaßen officiell anerkannt. „Welchem glücklichen Zufall verdanke ich die Ehre dieſes Beſuchs?“ fragte Seine Excellenz im wohl⸗ wollendſten Tone, nachdem er den Baronet eingela⸗ den hatte, ſich zu ſetzen. „Dem Wunſche, Ihnen zu dienen.“ Der Miniſter lächelte. „Und mir ſelbſt!“ ſetzte Sir Aubrey hinzu, der augenblicklich merkte, daß Uneigennützigkeit der we⸗ nigſt geeignete Weg ſei, ſich bei Signore Falconet Glauben zu verſchaffen. Das Lächeln verſchwand,— der Miniſter konnte ihn jetzt begreifen. „Ich komme, um einen jungen Engländer zu de⸗ 247 nunciiren, der, ſeinen Antecedenzien nach zu urtheilen, wohl ein Verbündeter der geſetzloſen Partei ſein kann, deren jüngſtes Auftreten mit Recht alle treue der Regierung in Angſt und Unruhe ver⸗ etzt hat.“ „Haben Sie Beweiſe bafür?“ fragte der Italie⸗ ner haſtig. „Muthmaßliche allerdings.“ „Nennen Sie ihn und— Sie dieſelben vor.“ „Gemach, gemach, Herr Miniſter,“ verſetzte Sir Aubrey.„Männer von meinem Rang und Vermö⸗ gen“— er legte eine ſcharfe Betonung auf das letz⸗ tere Wort—„ſpielen nicht den Angeber. Es herrſcht ein Vorurtheil— ein einfältiges, wenn Sie wollen — unter den Engländern, das eine ſolche Handlung verdammt.“ „Iſt es möglich?“ murmelte der Miniſter in einem Tone, der im Verein mit dem Zucken ſeiner Achſeln ſein Erſtaunen ausdrückte. Er konnte dieß nicht be⸗ greifen. „Sie müſſen mir eine Bürgſchaft dafür geben, daß mein Rame bei dem Handel nicht genannt wird.“ „Mein Ehrenwort?“ „Das würde allerdings in gewöhnlichen Fällen genügen,“ antwortete der Baronet;„aber nicht in dieſem, der ganz eigenthümlicher Art iſt.“ „Will der Signore Ingleſe mir die Bürgſchaft nennen?“ „Eure Excellenz müſſen dieß thun.“ Bei all ſeinem Scharfſinn wußte der Chef der neapolitaniſchen Polizei nicht, was er von der Sache denken ſollte. Bis jetzt hatte er ſich noch nicht klar 248 machen können, was für ein Motiv ſeinen Beſucher leite; ſobald er dieſes kannte, ſo war das übrige aller Wahrſcheinlichkeit nach ein bloſes Kinderſpiel. „Ich vermöchte die Art der Bürgſchaft, die Sie verlangen, beſſer zu beurtheilen, wenn ich vollſtändig unterrichtet wäre—“ „Ganz recht,“ unterbrach ihn Philipp's Verfolger. „Die Bemerkung iſt ganz richtig. Sie haben eine ſo raſche Auffaſſungsgabe bewieſen, daß ich daran erkenne, daß wir uns gegenſeitig verſtehen werden. Der fragliche Gentleman iſt mein perſönlicher Feind. Ich haſſe ihn; aber aus Gründen, die nicht erörtert zu werden brauchen, kann ich durchaus nicht offen Partei gegen ihn ergreifen.“ „Ich glaube, ich fange an, Sie zu verſtehen,“ ſagte der Staatsbeamte. „Ich war überzeugt, daß dieß der Fall ſein werde,“ bemerkte ſein Beſucher;„bei einem Manne von dem Scharfſinn und der Welterfahrung Eurer Excellenz kann es gar nicht anders ſein.“ „Sie wünſchen alſo Ihrem Landsmann eine Lec⸗ tion zu geben?“ „Eine eindringliche!“ „Vielleicht, ohne den Gentleman zu nennen, der Ihr Mißfallen auf ſich gezogen hat, hegen Sie kein Bedenken, mir die Art von Beweiſen gegen ihn zu bezeichnen. Ihr Geſandter, Lord Dalville, iſt ein ſehr unlenkſamer Mann, der ſich in alles miſcht, wo Engländer im Spiele ſind.“ „Nichts iſt leichter,“ verſetzte Sir Aubrey Fair⸗ clough;„die fragliche Perſon hält ſich ſchon ſeit eini⸗ ger Zeit unter angenommenem Namen in Neapel auf.“ 249 „Und mit falſchem Paſſe?“ fragte Signore Fal⸗ conet haſtig. „Und mit falſchem Paſſe,“ wiederholte ſein Be⸗ ſucher. „Cospetto!“ rief der Miniſter,„die Geſchichte verlangt keine große Feinheit: es iſt dieß eine Ver⸗ letzung der Landesgeſetze.“ „Die ſtrafbar iſt?“ „Gewiß.“ „Ohne Zweifel handelt es ſich dabei um eine Geldbuße,“ ſagte der Baronet in gleichgültigem Tone; „das würde aber meinem Zweck nicht entſprechen: er hat Freunde, die ſie ohne Zweifel für ihn bezahlen würden.“ „Es ſteht Geldbuße und Gefängniß darauf,“ ſetzte der Italiener emphatiſch hinzu. „In Bel Respiro?“ Bel Reſpiro war der Name, den man ſpottweiſe dem ſchrecklichſten Gefängniſſe in Neapel beilegte,— einem niedern, feuchten Gebäude, hart am Waſſer, angefüllt mit der ungeſundeſten Luft, welche die hef⸗ tigſten Fieberkrankheiten erzeugte. Nur die gemein⸗ ſten Verbrecher oder politiſche Gefangene wurden dahin gebracht. Selbſt der Miniſter, obgleich dieſen Gewiſſensſcrupel,— wie überhaupt Serupel irgend einer Art— ſelten plagten, erſchrack über den indi⸗ recten Vorſchlag, einen Engländer an einen ſolchen Ort zu bringen. „Dieſe Lection würde aller Wahrſcheinlichkeit nach allerdings eine eindringliche werden,“ bemerkte er. Sir Aubrey ſchwieg ſtille. 25⁵0 „Der Geſandte könnte Einwendungen dagegen erheben,“ fügte der Miniſter bei. „Wenn er die Sache erfährt,“ verſetzte ſein Beſucher. „Wenn übrigens das Vergehen genugſam erwie⸗ ſen würde, und ich klar in der Sache ſehen könnte—“ „Der Beweis des Vergehens ſoll vollſtändig ge⸗ liefert werden,“ ſagte der Baronet, der das Zögern Seiner Excellenz vollkommen verſtand,„ich kann fünfhundert Beweiſe vorbringen, von denen jeder einen Ducaten werth iſt.“ In Neapel konnte man damit alles beweiſen. Der Miniſter gelangte ſchließlich zu derſelben Anſicht: die Beſtechungsſumme war ſehr glänzend; zugleich war ſie auf eine ſo zarte Weiſe angeboten, daß es von ſeiner Seite eine Handlung der Undank⸗ barkeit geweſen wäre, wenn er ſie nicht angenommen hätte. Das Reſultat wird unſere Leſer begreiflicherweiſe nicht überraſchen: der arme Philipp wurde von ſei⸗ nem Verfolger denunciirt und ſogleich Befehl zu ſei⸗ ner Verhaftung ertheilt. „Sie werden Ihren Gefangenen in der Woh⸗ nung des Kardinal Doria finden, die er jeden Abend beſucht,“ ſagte Signore Falconet, nachdem er ſeinem Untergebenen die nothwendigen Juſtructionen ertheilt hatte.„Paſſen Sie ihm auf, wenn er weggeht und treffen Sie Maßregeln, daß er ohne Aufſehen— in möglichſter Stille arretirt wird.“ „Sie ſcheinen ſeine Gewohnheiten ſehr genau zu kennen,“ bemerkte Sir Aubrey, ſobald die Offician⸗ ten ſich entfernt hatten. 251 „Ich habe den jungen Mann ſchon ſeit einiger Zeit in's Auge gefaßi,“ verſetzte der Italiener;„ſeine mit der Schweſter und Nichte des Kardi⸗ nals—“ „Wie heißen dieſelben?“ „Es iſt die Gräfin Belgioſo und deren Tochter.“ „Die Dame, deren Sohn ebenſo wie die jungen Bonaparte's namentlich von der Amneſtie ausge⸗ ſchloſſen wurde?“ fragte der Baronet haſtig. „Dieſelbe.“ „Was kann klarer ſein? Auch er iſt ein Agent der Carbonari,“ rief ſein Beſucher.„Herr Miniſter, ſelbſt ein ſchlichter Engländer, wie ich, läßt ſich durch ſo viele Schlauheit nicht täuſchen. Unſere Lage hat ſich jetzt umgekehrt: anſtatt daß Sie mir die⸗ nen, bin ich es, der Ihnen dient.“ „Sind Sie je im Hrient geweſen?“ fragte ſeine Ercellenz mit leichtem Lächeln. „Niemals.“ „Aber ich. Die Orientalen haben ein Sprich⸗ wort, das mir ſehr gefällt:— „„Es iſt Thorheit, Hufeiſen für ein todtes Pferd zu kaufen.““ „Und die Nutzanwendung davon?“ „Unſer Pact iſt ein todtes Pferd,“ be⸗ merkte der Miniſter trocken,„und der Verſuch, die Bedingungen deſſelben zu ändern, hieße ſo viel, als Hufeiſen für daſſelbe kaufen. Sonderbar, dachte ſein Beſucher; daſſelbe Sprich⸗ wort habe ich in den Zelten der Rumänen gehört. „Noch ein Wort, ehe Sie weggehen,“ ſetzte der Miniſter hinzu.„Wenn Mr. Trevor läugnen ſollte, 252 daß er unter einem angenommenen Namen und mit falſchem Paſſe in Neapel ſich befinde, wie kann ich es ihm beweiſen?“ „Schicken Sie nach einem Engländer, Namens Hanway, unter dieſer Adreſſe,“ verſetzte Sir Aubrey Fairelough, indem er dem Miniſter die Karte ſeines Hotels einhändigte.„Dieſer kennt ihn von Kind⸗ heit an.“ „Das genügt, genügt vollkommen,“ ſagte der Italiener,„ehe der Morgen anbricht, wird der junge Mann ſich ſicher im Bel Reſpiro befinden. Addio!“ Sich wieder tief in ſeinen Mantel hüllend, ver⸗ ließ der Verfolger des armen Philiprp— der ent⸗ fernt keine Ahnung von der ihm drohenden Gefahr hatte— das Cabinet des Chefs der Polizei. Als er durch das äußere Dienſtzimmer ging, verbeugten ſich die Officianten reſpectsvoll— ihre Inſolenz hatte ſich in die äußerſte Unterwürfigkeit verwandelt. Er hatte eine Stunde lang Audienz gehabt und mußte alſo entweder ein ſehr großer Verbrecher oder eine ſehr hochgeſtellte Perſon ſein. Der Secretär, an den er ſich zuerſt gewendet gehabt hatte, wußte nicht, für was von beiden er ihn halten ſollte, und beſchloß deßhalb, darüber ſich Gewißheit zu verſchaffen. Es iſt merkwürdig, wie oft ein ſchlauer Intri⸗ guant, ohne es zu merken, mit gleicher Münze be⸗ zahlt wird. So geſchah es in dieſem Falle. Die Wege des Baronels wurden ebenfalls ausgekund⸗ ſchaftet und lange, ehe der Gefangene eintraf, kannte der Subalternbeamte deſſen Namen und Wohnung. —— A A A S S — In unſerem Verlage ſind erſchienen: Vas belletriſtiſche Ausland. Kabinetsbibliothek claſſiſcher Romane aller Nationen. Preis eines Bändchens 2 Sgr. oder 6 kr. Bändchen About, E., Germaine Zunsworth, Rookwood, oder der Vandit der Sſtßt Almguiſt, Drei Frauen in Smaland. — Es geht an. Ein Gemälde aus dem Leben ½ — Amalie Hillner — Der Königin Juwelenſchmuck Anderſen, Nur ein Geiger — Der Improviſator. Sveltern, Der Schutzgeiſt. Veglio, Niccolo de' Lapi. Balzur, Modeſte Mignon, und: die tieinen Snſuße einer tugendhaften Frau... Belcher, Edward, Horatio Howard Vrenton 115 Pell, Currer, Shirley. Roman — S c S S Sc e— c S Pilette... ⸗ ⸗. 14 Bernard, Ch., Erzählungen Pernharbt, Kinder der Zeit. 8 Boz, Ein Weihnachtsjubelgeſang i in Proſa, und: Ltben und Abenteuer des Herrn Martin Chuzzlewit ꝛc. 18 — Das Grillchen auf dem Herde 2 Banddu Cruſenſtolpe, Carl Johann und die Schweden„1 8o Yarlem, Eliſabeth v. Oeſterreich, 174 v. Suuii— Vash, Die blutige Marquiſe.. 1Fr Dumas, Aler., Iſaak Laquedem — Die beiden Dianen„„ 1— Wa Pie Fünſie Hlhmpia von Choves — Eine Tochter des n nne Ange Pitou.. o Die Gräfin Charny... Der Chevalier von Wipn Rouge — Das Brautkleid. — Eine corſ. Familie, Geſch. e. Todien, Gabriel Lambert — Der Baſtard von Mauleon 1— — Tauſend und Ein Geſpenſt 41 Li „ Die ſchwarze Tulpe 1 S Die Taube 5 Co — St n 4 5 — Gott und Teufel.. — Der Pfarrer von Aſhurn Fl Saltegdor„ — Catherine Blum.. — Abenteuer eines Schauſpielers S — Die Mohikaner von Paris. I. Abcheilung 6 —— lIl. Abth. unter dem Titel: Salvator — Ingenue. — Der Page des Herzogs von Savoyen—— d6e Bänbchen 2 Boz, Dombey und Sohn% 5 — Blak Houſe 23 Bremer, Die Töchter des rwrn Rina 5 1— Die Nachbarn ² 5 1— Streit und Friede, oder Stenen aus Norwegen 2 1— Das Haus, oder Le 5 Die Famitie H. Ein Tägebuch 4 12— In Dalekarlien 4 32— Die Johannisreiſe 3 8— Geſchwiſterleben. 8 3— Die Heimath in der neuen Welt 24 t 4— Hertha. Geſchichte einer Seele 10 11— Vater und Tochter. 8 13 Cüſar Porgia, Roman v. Verfaſſ. d.„Whitefriars“ 14 4 Leril, oder die Abenteuer eines Stutzers... 7 Conſtienee, H., Das Wunderjahr 1566„.. 2 1— Geſchichte des Grafen Hugo von Craenhove und ſeines Freundes Abulfaragus.. 2 1— Der Rekrut. Eine Dorfgeſchichte. 2 ei 2 Bauernkr 1— Der Beſeufel Vati — Das Leid der Zeiten 6 9 4 Cooper, Das Markus⸗Riff oder der Krater 1.— Edward Myers, od. Eringen. a. d. Leben e. Seemanns 3 Bändchen Dumas, Aler., Der Haſe meines— 3 — Der Wolfsführer 5 — Die Gräfin von Perrne. 3„4„ — Die Genoſſen Phus„ — Karl der Kühne — Meiſter Adam der Calabreſe n zf — Heinpich IW — Die Wölfinnen von wctu 3. Das Horoschp n — Black. 12 — Memoiren des Dichters Horaz Pumus, SAler., der S. Diana von 8ys Ein Frauenleben n — Drei ſtarke Männer.. 1 — Sophie Printems — Duoͤctor Servans — Kleine Novellen. — Triſtan der Rothe — Offland und Antonine.. bi Eikenhorſt, Van, Amſterdams Geheimniſſe Ferry, Gabr., Der Waldläufer.. — Die Koſakenjagd Feval, Pariſer Liebſchaften St. — Der Bucklige Fullerton, Schloß Grantley Lady Bird—*.. S Der leichte vun ſſſſſſſſſſſſſſſtſſ 8 9 10 11 2 13 14 15 16 9 p