———— Leih deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 8 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Cuution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6Bücher: auf 1 Monat: 1 Vr.— V 1W d 2 N Pf 4 — 1 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendäng der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. SSchudenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene verlörene unr defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ansleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —————— Willn Moyne. S ℳ, Roman 5 von J. F. Smith. 3 Aus dem Engliſchen 1 von Albert von Schraishuon. Erſter Band. „ Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. Erſtes Kapitel. Vor etwa dreißig Jahren ſtand halbwegs zwiſchen Lincoln und Sleaford ein altes Herrenhaus, Rocking⸗ ham Hall genannt, ein quadratförmiges, ſchwerfälli⸗ ges Gebäude von Backſteinen, das ſelbſt in ſeinen jün⸗ gern Tagen auf nichts weniger als architektoniſche Schönheit Anſpruch zu machen hatte. Ja, es war nicht einmal maleriſch, und das einzige Bemerkens⸗ werthe daran war ſein Umfang, der von einiger Ent⸗ fernung aus betrachtet häufig den Irrthum veran⸗ laßte, daß man es für ein Fabrikgebäude oder ein Armenhaus hielt. Es war, mit Einem Wort, eines jener unglücklichen Gebäude, in welchem der Geiſt der Einſamkeit ſich niedergelaſſen, ſeine fledermausartigen Schwingen aus⸗ gebreitet und ſein Brutneſt aufgeſchlagen zu haben ſchien. Beinahe ſämmtliche Fenſter des untern Stock⸗ werks waren mit Diehlen überkleidet, und die in den obern Stockwerken ſahen ſchwarz und ſchmutzig aus. Die Scheiben waren mit Staub und Spinngeweben überzogen und die Rahmen verfault, weil man ver⸗ ſäumt hatte, ſie mit Oelfarbe wieder neu anzuſtreichen. Jahre mußten darüber hingegangen ſein, ſeit die letzten Reparaturen an dieſem Hauſe vorgenommen 8 1* * worden waren; Moder hatte ſich überall angeſetzt und, weil deſſen zerſtörendem Umſichfreſſen nicht Ein⸗ halt gethan worden war, langſam ſeinen Weg von den Grundmauern bis zum Gebälke des Daches fort⸗ geſetzt, in welchem ſehr merkliche Senkungen durch die darin befindliche Riſſe bemerkbar waren, die faſt Blut⸗ ſtreifen glichen, namentlich an den Stellen, wo die aus einander fallenden Ziegel an ihren Ecken die ur⸗ sice hellrothe Farbe zum Vorſchein kommen ießen. Die Thüren des Haupteinganges ſahen aus, als wenn ſie niemals anders geöffnet worden wären, als etwa zu dem Zwecke, einen Leichenzug durchzulaſſen. Wenn ein Neugieriger ſein Ohr an dieſelben gelegt hätte, um zu lauſchen, ſo hätte er wahrſcheinlich nichts Anderes zu vernehmen erwartet, als das Geheul einer Meute Wölfe und er wäre ſogar überraſcht geweſen, wenn er den Ton einer heitern Stimme oder das Geräuſch von lebhaften Schritten in der Halle oben vernommen hätte. Und dennoch war das Haus bewohnt; auch wer⸗ den wir alſo gleich auf deſſen Inſaſſen zu ſprechen kommen. Das Gebäude war einſt von einem ausgedehn⸗ ten Park umgeben geweſen, aber deſſen Bäume und Anpflanzungen waren längſt verſchwunden noch ehe er unter den Hammer des Verſteigerers gekommen war; und das Grundeigenthum wat Stück für Stück an die benachbarten Pachtgüter gefallen, mit Aus⸗ nahme eines kleinen Wieſenplatzes und eines Stück Landes, halb Gemüſe⸗, halb Luxusgärten, auf der Rückſeite, welche beide zuſammen die einzigen Ueber⸗ — n 5 bleibſel der zu dem Herrenhauſe gehörigen Grund⸗ ſtücke bildeten. Schon ſeit lange ging die unter der ländlichen Bevölkerung allgemein geglaubte Sage, daß es in Rockingham Hall nicht geheuer ſei. Mehr als ein Pächter hatte die Vorwürfe ſeiner Hausfrau über den Zuſtand, in welchem er nach Hauſe kam, mit der Ver⸗ ſicherung zum Schweigen gebracht, daß er die weiße Frau und deren Schatten geſehen habe. Jq Einige gingen ſogar ſo weit, daß ſie erklärten, ſie hätten zwei weiße Frauen geſehen— eine Abweichung von der Sage, die blos deßhalb erzählt wurde, um eine deſto triftigere Entſchuldigung für ein allzu lan⸗ ges Ausbleiben auf dem Wochenmarkte vorzubringen. Etwas Eigenthümliches hatte dieſe Erſcheinung— alle, welche ſie geſehen hatten oder wenigſtens ſich einbildeten, ſie geſehen zu haben, beſchrieben ſie als eine Geſtalt in weißem Kleide, dicht verſchleiert und begleitet von einer dunkeln Geſtalt, wahrſcheinlich einem dienenden Geiſt— nämlich die weiße Frau und deren Schatten. Das Land rund um die Halle ſchien eben ſo ver⸗ ödet als der Wieſenplatz. Hier hie und dort unterbrach auf ungleiche Entfernungen ein verkrüppelter Baum die Einförmigkeit der niedern, ärmlichen Hecke, welche die Chauſſee von dem Wieſengrunde und der Markung von Lincoln trennte, auf der ſich hier eine weitge⸗ ſtreckte Haide ausdehnte, auf welcher nichts als Stech⸗ ginſter und etwas karges Futter für einige Schafe im Sommer zu finden war. Zuweilen campirten hier einzelne Zigeunerhorden in aller Bequemlichkeit, denn der Eigenthümer des Herrenhauſes war ſeit langer Zeit „——————— in fremdem Lande abweſend und ſein Haus der Auf⸗ enthaltsort von Jemand geworden, der weder Zeit noch Muße gefunden hatte, mit dieſen romantiſchen, aber geſetzloſen Anſiedlern ſich einzulaſſen. Auf der entgegengeſetzten Seite der Straße, etwa hundert Schritte von der Hecke entfernt, hart an der Grenze der Markung, ſtand eine einſame Scheune, faſt ganz mit Epheu und einer dichten Maſſe von Schmarotzerpflanzen überzogen, welche die halbverfaul⸗ ten Dielen zuſammenhielten. Weßhalb eine Scheune an einen ſo entlegenen Ort hatte geſetzt werden mö⸗ gen, vermochte Niemand zu errathen; dieſelbe wurde augenſcheinlich ſelten benützt, denn die eine Hälfte der Thüre war aus ihren roſtigen Angeln gefallen, und die andere Hälfte krachte traurig, wenn der Wind ſie hin und her bewegte, der heulend und pfeifend den Staub in Wolken um die Ecken und über das Dach des alten Gebäudes in jener Nacht jagte, in welcher zwei junge Reiſende, mit welchen wir unſere Leſer bekannt zu machen im Begriffe ſind, ſich mühe⸗ ſam durch den unbarmherzigen Schauer von Regen und Graupeln auf der kothigen, verlaſſenen Straße dutcharbeiteten. Oliver Brandreth, der älteſte darunter, war ein hübſcher, männlich ausſehender Jüngling von vierzehn Jahren, deſſen lichtes Lockenhaar, blaue Augen und unverkennbgre ſächſiſche Geſichtszüge ein treues Sie⸗ gelbild ſeines Charakters bildeten, der wahrhaft, liebe⸗ voll und muthig war. Er ſah aus wie ein Menſch, der nie aus Furcht zu einer Lüge ſich erniedrigt hätte — an deſſen Herz Freundſchaft oder Unglück nie ver⸗ gebens um Theilnahme ſich wandte— deſſen Lippen —— 7 durchaus keine vorſichtigen Wächter ſeiner Gedanken waren. Was er fühlte, ſprach er auch aus, und Nie⸗ mand, der ihn kannte, zweifelte je an ſeiner Aufrich⸗ tigkeit. 4 Zu dieſem Porträt bildete ſein Begleiter, der nicht mehr als zwölf Lebensjahre zählen konnte, in phyſiſcher Beziehung wenigſtens, den vollſtändigſten Contraſt. Philipp Blandford hatte dunkles Haar und Auge, wie man es meiſtens nur bei Bewohnern des ſonni⸗ gen Südens findet. Es kog eine Welt von Gefüh⸗ len und ſchlummernden Leidenſchaften darin, nament⸗ lich wenn man ſeine Jugend in Betracht zog; auch Intelligenz blitzte zuweilen hell darin auf, verſchwand aber immer ſogleich wieder, als wenn lange Gewohn⸗ heit oder der noch ſtärkere Einfluß von Furcht den jungen Menſchen gelehrt hätten den Ausdruck dieſes Auges zu bewachen oder ſich gehorſam zu machen. Eine alizu frühzeitige, aber eben darum unnatürliche Schwermuth ſchien auf jedem Lineament ſeines ſchö⸗ nen Geſichts eingegraben zu ſein und zwar ſo tief, wie ſie nimmer bloß augenblicklicher Kummer oder vorüber⸗ gehendes Unwohlſein zurücklaſſen, ſondern ſo, wie ge⸗ wöhnlich anhaltendes Leiden ſein Siegel aufzudrücken pflegt. Er lächelte ſelten, außer wenn ſein Kamerad, an deſſen Arm er mit hoffnungsvollem, rührendem Vertrauen hing, ihm in kiebreichem Tone zuſprach; dann veränderte ſich wohl auf einen Augenblick ſein Geſichtsausdruck, deſſen Trauer ebenſo verſchwand, wie der Schatten einer über einer Landſchaft hängen⸗ den Wolke einem plötzlich hervorbrechenden Sonnen⸗ ſtrahle weicht. Obgleich die Kleider der beiden jutlgen Leute die Spuren der Reiſe trugen und vom Regen ſtark durch⸗ näßt waren, ſo hätte man ſie doch nicht leicht für etwas Anderes gehalten, als was ſie waren— für Söhne aus guten Häuſern. „Schreite nur immer zu, Philipp,“ rief der ältere; „es hat jetzt keine Gefahr mehr damit, daß man uns einholt, und bald müſſen wir ein Dorf erreichen.“ „Mir ſinkt der Muth,“ verſetzte der ermüdete Jüngling.„Es iſt mir, als wenn ich mich am Chauſſee⸗ graben niederlegen und dort ſterben möchte.“ „Sterben!“ wiederholte ſein Gefährte;„was denkſt Du. Nimm Deinen Muth zuſammen; wir ſind ja noch nicht weiter als dreißig Meilen marſchirt; der Regen will gar nichts heißen. Stelle Dir vor, der Schauer hätte uns auf dem Spielplatze überraſcht, uns tüchtig durchnäßt und lache darüber, wie ich es thue. Wir müſſen vorwärts,“ ſetzte er entſchloſſen hinzu,„ſonſt kommen wir nicht zu rechter Zeit auf die nach London fahrende Poſtkutſche.“ „Nur einen Augenblick, Oliver, lieber Oliver, um Athem zu ſchöpfen,“ murmelte der jüngere Reiſende in ſchwächerem Tone,„dann will ich verſuchen mich weiter zu ſchleppen.“ Bei dieſen Worten ſank der Kopf des armen er⸗ ſchöpften Knaben auf ſeine Bruſt, und er wäre un⸗ fehlbar gefallen, wenn nicht der ſtarke Arm, an wel⸗ chem er hing, ihn aufgehalten hätte. Zum erſten Mal ſeit ihrem Entweichen aus der Schule— die Gründe, weßhalb ſie davonliefen, be⸗ halten wir uns vor bei einer andern Gelegenheit an⸗ zugeben— war Oliver wirklich beſorgt, doch verließ ihn auch jetzt ſeine Geiſtesgegenwart nicht; er ſah ſich —— —— — 9 kaltblütig um, und als er unfern die alte Scheune er⸗ blickte, führte er ſeinen jetzt völlig beſinnungslos gewor⸗ denen Kameraden dahin, um Schutz darin zu ſuchen. Glücklicher Weiſe entdeckte er in einer der Ecken etwas Stroh, auf welches er ſeine Laſt legte, und daneben niederknieend fing er an Geſicht und Hände ſeines Kameraden zu reiben. „Philipp! Lieber Philipp!“ rief er aus, als er gewahrte, daß ſeine Bemühungen, ihn zu ſich zu brin⸗ 3 gen, endlich von Erfolg begleitet waren.„Verzeihe mir; es war thöricht von mir Dich über Kräfte an⸗ zutreiben; aber es lag mir ſo viel daran vorwärts zu tommen.“ „Ich will es verſuchen,“ wiederholte der arme Menſch,„ich will es verſuchen, wenn Du nur—“ „Das ſollſt Du durchaus nicht,“ unterbrach ihn der weichherzige Jüngling;„wir wollen bis zum Mor⸗ gen hier bleiben; unterdeſſen wird dann Deine Jacke trocken; wir haben a Zwiebak genug, ſo daß wir keinen Hunger werden.“ „Hier ſollen wir bleiben,“ wiederholte ſein Ge⸗ fährte ſchaudernd um ſich blickend. .„Iſt dieß nicht ein ganz hübſcher Ort?“ verſetzte ſein muthigerer Gefährte.„Weßhalh fürchteſt Du Dich? Ich bin ja an Deiner Seite. Ich habe das Piſtol bä mir, das wir gekauft haben, um des alten Danby's Sperlinge damit zu ſchießen,“ ſetzte er flü⸗ ſternd hinzu. „Du wirſt aber doch auf keinen Menſchen damit ſchießen, Oliver?“ fragte Philipp, der ſich etwas be⸗ ruhigter zu fühlen anſing. 1„Ob ich will? Gewiß nicht,“ antwortete ſein 10 reifen wollte. Es wäre thöricht zu prahlen, wenn weit und breit keine Freund,„außer wenn man uns ang Gefahr iſt. Räuber fommen nicht an einen Ort, wie dieſer iſt, außer ſie ſuchten, wie wir, ein Obdach. Wir ſind nun einmal hier und ſo wollen wir es uns ſo bequem als möglich machen. Wie geht es Dir denn jetzt?“ „Beſſer, viel beſſer.“ Es gibt junge Leute, welche nicht nur ein außer⸗ ordentliches Selbſtvertrauen, ſondern auch die Eigen⸗ ſchaft beſitzen, ſich in allen Lagen, in welche ſie ver⸗ ſetzt werden, zurecht zu finden. Oliver Brandreth*. gehörte unter dieſe, und nachdem er einmal mit ſich 5 darüber im Reinen war, doß er nichts Klügeres thun könne, als mit ſeinem erſchöpften Kameraden in der ſo war ſein Augenmerk ausſchließ⸗ Scheune zu bleiben, lich darauf gerichtet, ſich ſo behaglich als möglich darin einzurichten. 8 „Verlaß mich nicht,“ ſagte Blandford ſich an ihn hängend,„ich bitte Dich, verlaß mich nicht!“ „Ich will die Scheune nicht verlaſſen,“ verſetzte ſein Freund,„das verſpreche ich Dir; aber ich muß 3 mich nach noch mehr Stroh umſehen, ſonſt gehen wir zu Grund, ehe der Tag onbricht.“ 3 Da er ſich kein Licht zu verſchaffen vermochte, ſo blieb ihm nichts übrig bei ſeinem Nachforſchen, als ſeine Hände zu Hülfe zu nehmen. Nachdem er einige Zeit an den Mauern und in den Ecken umhergetaſtet, ℳ ſtieß er mit dem Kopf an eine Hängeleiter, an we cher er augenblicklich hinaufſtieg und ſo auf einen kleinen Speicher gelangte, der ganz mit Heu ange⸗ füllt war. 3 ₰ 11 „Da findet ſich ja das, was wir brauchen,“ rief er freudig aus. „Wo biſt Du?“ ſtöhnte ſein Gefährte mit angſt⸗ erfüllter Stimme. „Ganz in Deiner Nähe, Philipp,“ antwortete Oli⸗ ver an der Leiter herabgleitend. Mit wenigen Worten theilte er die gemachte Ent⸗ deckung mit und bewog den ermüdeten Jüngling mit ihm hinaufzuſteigen. „Gerade das, was wir brauchen!— Nicht wahr?“ ſprach er, das Heu ſo zurechtrichtend, daß er dadurch ein Lager zu Stande brachte, in welches ſein ermü⸗ deter Kamerad ſich legen konnte.„Du wirſt es hier wärmer finden, mit mir an Deiner Seite, als allein in des alten Danby feuchtem Keller, obgleich er Dir ein Kiſſen und eine Decke geſtattete. Wir wollen aber davon nicht ſprechen,“ fuhr er fort, als er den halbunterdrückten Seufzer vernahm, der den Lippen des armen Knaben entſchlüpfte.„Es war thöricht von mir Dich daran zu erinnern. Gib mir Deine naſſe Jacke.“ Philipp zog ſie bereitwillig aus und reichte ſie ſeinem Gefährten, der ſie zum Trocknen an einem der Querbalken aufhing. Dann zog er auch die ſeinige aus, nachdem er vorher das Piſtol, von dem er ge⸗ ſprochen, aus der Taſche genommen hatte. „Iſt es geladen?“ fragte ſein Freund. „Ganz gewiß iſt es geladen,“ antwortete Oliver, „mit zwei Marmorſchuſſern und einem meſ⸗ ſingnen Nagelkopf, den ich aus dem Beſchläg der Kellerthüre herausgeriſſen habe. Ich habe ſchon einen Platz dafür gefunden, ſo daß ich es ſogleich zur Hand habe.“ Ehe die beiden jungen Leute ſich zur Ruhe nie⸗ derlegten, bemühten ſie ſich noch mit vereinter Kraft die Leiter heraufßzuziehen, um dadurch jeden Angriff — außer von den Ratten oder einem Paar Eulen, welche ſich in einem abgelegenen Winkel der Scheune niedergelaſſen— unmöglich zu machen. Sobald dieß geſchehen war, begruben ſie ſich in dem Heu und ver⸗ ſuchten, gegenſeitig die Arme um den Racken geſchlun⸗ gen, einzuſchlafen, was ihnen aber nicht gelang, denn der Wind hörte nicht auf in wehklagenden Tönen über ihnen wegzuheulen. Es war übrigens ein Glück, daß ſie nicht ein⸗ ſchliefen, denn eben als die ermüdeten jungen Men⸗ ſchen anfingen ſich warm und behaglich zu fühlen, traten zwei Männer in die Scheune und fingen an umherzutappen, um ſich eine Stelle auszuſuchen, auf der ſie ruhen könnten. „Fürchte Dich nicht,“ flüſterte Oliver Brandreth ſeinem erſchrockenen Kameraden in's Ohr;„denke daran, daß wir die Leiter heraufgezogen und ich mein Piſthl habe. Still! Still!“ fuhr er fort ihn feſter in ſeine Arme ſchließend;„was Du auch hören magſt, kein Wort!“ „Das iſt ein köſtlicher Ort,“ murmelte der Erſte von den Eindringlingen, den ſein Gefährte ſpäter mit dem wohlklingenden Namen„Squills“ anredete;„nicht einmal ein Bund Stroh, um ſeinen Kopf darauf zu legen. Ich wollte, wir wären wieder ſicher unter den Zelten!“ „Ich nicht,“ verſetzte der Andere. —— — 13 „Und warum nicht?“ „Weil man uns zuverläſſig dort nachſpüren wird und weil ich nicht zu Hauſe ſein möchte, wenn die Conſtabels einſprechen; man kriegt ſie nicht mehr vom Hals,“ fuhr er fort,„und ſie ſind ſo verdammt neu⸗ gierig.“ Der Erſtere fuhr aber deßhalb immer noch fort über Mangel an Behaglichkeit zu klagen, obgleich er nicht allzu wähleriſch ſein konnte, da er und ſein Ka⸗ merad zu einer Horde Zigeuner gehörten, die nur we⸗ nige Meilen von hier auf der Gemeindemarkung cam⸗ pirte. Sein Gefährte aber, der offenbar mehr Hang zur Philoſophie beſaß, wie er, ſchlug, ohne ſich auf eine Antwort einzulaſſen, Feuer und fing an zu rauchen. „Hier iſt ja Stroh,“ rief Squills auf die Ecke deutend, in welcher Philipp Blandford, der mit ſtillem Entſetzen zuhörte, vor Kurzem noch gelegen hatte; „das wollen wir uns herrichten!“ „Willſt Du nicht auch zuvor eins ſchmauchen?“ fragte Jinks;„das wird Dir die Glieder erwärmen.“ „Ich wollte, ich hätte etwas für meinen knurren⸗ den Magen,“ antwortete ſein Kamerad mürriſch „Dir iſt doch nichts recht,“ ſagte Squills;„Du mußt immer etwas zu brummen haben,“ bemerkte der Erſtere. „Das iſt alles ganz recht,“ ſagte Jinks;„aber wenn Du von dieſem Orte ſo viel wüßteſt, wie ich, ſo würdeſt Du Dich nicht ſo zufrieden und behaglich hier fühlen.“ „Warum gingſt Du nicht mit mir bis nach der Halle?“ fragte Jinks,„wie ich es haben wollte? Der alte Dok⸗ tor ſchlägt nie einem armen Wanderer ein Obdach ab.“ „Lieber will ich die Nacht in einem Chauſſeegra⸗ ben und Wind und Wetter ausgeſetzt zubringen,“ rief ſein Kamerad ſchaudernd,„als eine Nacht unter Einem Dache mit ihm! Ich bin feſt überzeugt, daß er kein Menſch iſt, wie wir. Schon oft habe ich dem Tod⸗ tengräber Caſter geholfen, kaum beerdigte Leichen für ihn auszugraben. Was konnte er wohl mit dieſen anfangen?“ „Das mag der Teufel wiſſen, ich weiß es nicht.“ „Still! Renne dieſen Namen hier nicht.“ In dieſem Augenblicke blies ein heftiger Wind⸗ ſtoß über das Dach und durch das Sparrwerk der Scheune, was die Eulen, erſchreckt durch das Geräuſch oder wahrſcheinlicher durch die Tabakswolken, veran⸗ laßte mit lautem Gekreiſch von ihren Ruheplätzen außzufliegen. abergläubiſche Landſtreicher ließ ſeine Pfeife fallen. „Was iſt dieß?“ ſtammelte er. „Hu!— Hu!— Hu!“ ſagte ſein Gefährte die Vö⸗ gel nachahmend.„Du ein geborner Rumäne,“ ſetzte er in verächtlichem Tone hinzu,„kennſt nicht einmal das Geſchrei einer Eule.“ „War's denn ſonſt weiter nichts?“ „Was meinſt Du denn, daß es geweſen ſein ſollte?“ „Frag' mich nicht,“ unterbrach ihn Sguills,„frag mich nicht; ich möchte es Dir hier nicht erzählen; dieß iſt der Ort, wo Simon Lee, der ſein Brod als Viehtreiber aus dem Norden verdiente, mit des Päch⸗ ters Enkeltochter zuſammenkam.“ „Und die er hier ließ,“ bemerkte der philo⸗ ſophiſche Meiſter Jinks,„nachdem er ihr zuvor den 15 Plunder abgenommen, den ſie dem alten Manne geſtoh⸗ len hatte. Ich kenne die ganze Geſchichte; ich hörte ſie im Lager erzählen, als ich noch ein Knabe war.“ „Aber Dü haſt ſie nicht mit angeſehen?“ „Nein.“ „Aber ich.“ Nachdem die Pfeifen ausgeraucht waren, verkro⸗ chen ſich die zwei Geſellen unter das Stroh in der Ecke; und die beiden jungen Leute, welche entſetzt ihrer Unterhaltung zugehört hatten, fingen ſchon an ſich Glück zu wünſchen, als eine dritte Perſon, von dem an Heftigkeit immer mehr zunehmenden Sturm getrie⸗ ben, in die Scheune gewankt kam. Es war eine Frau mit einem Kinde von etwa zwei Jahren auf den Armen. Mit dem Inſtinkte mütterlicher Liebe hatte das verlaſſene Geſchöpf ihre Laſt in einen weiten, recht hübſchen Shawl gehüllt, indem ſie Hals und Schultern dem unbarmherzigen Regen⸗ und Schneegeſtöber preisgab, das ſie bis auf die Haut durchnäßt hatte. Mit den liebreichſten Worten fing ſie an das Ge⸗ ſchrei des Kindes zu beſchwichtigen, das ſie ihre ge⸗ liebte Annie hieß. „Ruhig! Ruhig!“ murmelte ſie;„näher, näher an mein Herz; hier ſind wir ſicher, ganz ſicher, und unter Dach!“ Oliver ſchauderte bei dem Ton dieſer Stimme; er dachte an die beiden Zigeuner. In Momenten der Aufregung oder Gefahr iſt es merkwürdig, wie ſcharf plötzlich der Gehörſinn wird und wie ſehr er im Stande iſt, den Schall eines Tones von dem andern zu unterſcheiden. Durch das Geheul des Windes, der fortwährend mit der gleichen Wuth vaste, durch das Plätſchern des Regens hindurch, der in ſchweren Tropfen gegen die hölzernen Diehlen der Scheune ſchlug, vernahm der Jüngling deutlich ein Raſcheln im Stroh. Sein Gefährte mußte es ebenfalls bemerkt ha⸗ ben, benn er umſchlang ihn in krampfhafter Angſt. Nach wenigen Secunden hörte dieß auf; dann ließ es ſich wieder vernehmen, und beide wußten ſo genau, als wenn ſie es geſehen hätten, daß die Män⸗ ner von ihrem Verſteck weggekrochen waren und ver⸗ ſtohlen ſich der Stelle näherten, wo die Frau mit ihrem Kinde ſich befand. Olivers Herz ſchlug wild. Es war für einen Jüngling furchtbar, in einer ſolchen Lage ſich zu be⸗ finden, der Zeuge eines Mordes oder vielleicht eines andern gräßlichen Verbrechens ſein zu müſſen. Die lange Ungewißheit über das, was etwa kommen könnte, lähmte förmlich ſeine Thatkraft, und er fühlte ſich völlig ſtarr, wie vom Zauber feſtgebannt. Ein durchdringender Schrei machte aber ſeinem Entſetzen ein Ende und verlieh dem kühnen Jüngling ſeinen Muth und ſeine Faſſung wieder. Seine Hand ausſtreckend ergriff er ſein Piſtol. „Was wollt ihr von mir?“ rief die Frau;„ich bin arm, ſo elend, wie ihr ſelbſt. Thut mir nichts zu Leid! Barmherzigkeit! Barmherzigkeit!“ Ein ſchallendes Gelächter von Seite der Zigeu⸗ ner, die ſie gepackt hatten, war die einzige Antwort auf ihre flehendliche Bitte. Die Ausrufungen er⸗ neuerten ſich in immer ängſtlicherem Tone. Oliver Brandreth vermochte es nicht länger mehr dieß an⸗ 17 zuhören. Er ſprang von dem Speicher herab und lief auf die Stelle zu, an welcher die Frau in ver⸗ zweiflungsvollem Kampfe ſich aus den Armen ihrer rohen Angreifer loszumachen ſuchte. Ohne einen Augenblick ſich zu beſinnen richtete er ſeine Waffe gegen den Kopf des ſich ihm zunächſt befindlichen Räubers und drückte los. Ein durchdringender Seufzer folgte auf den Schuß; einer der Elenden war gefallen. Es war der philo⸗ ſophiſche Meiſter Jinks. Als Philipp Blandford den Piſtolenſchuß hörte, brach ex in ein anhaltendes Geſchrei aus, indem er unaufhörlich„Mörder!“ rief. „Aengſtige Dich nicht, Philipp,“ rief der muthige Jüngling;„ich bin nicht verletzt und habe nur einem dieſer Schufte eins verſetzt.“ Squills wartete nicht ab noch Mehreres zu hö⸗ ren; da er nicht wußte, wie viele Perſonen in der Scheune ſeien, ſprang er der Thüre zu und lief quer⸗ feld ein. „Sprechen Sie,“ ſagte Oliver, indem er es ver⸗ ſuchte, die Frau vom Boden aufzurichten;„um's Him⸗ mels willen ſprechen Sie mit mir.“ Seine Worte blieben unbeantwortet; die arme Reiſende war ohnmächtig geworden. Es wäre ſchwer zu ſagen, wie lange noch die Kaltblütigkeit und Selbſtbeherrſchung ihres Beſchützers ausgedauert hätten, wenn nicht glücklicher Weiſe dieſe Probe ihm erſpart worden wäre, da Beiſtand nahe war. Ein wohlgewachſener, ſchlanker, älterer Mann in einem bis an das Kinn zugeknüpften Ueberzieh⸗ 2 Smith. Milly Moyne. 1. 2 rock trat in die Scheune und beleuchtete darin mit einem Lichte, das ſich in ſeiner Gig⸗Laterne befand und welche er in der Hand hielt, die Gruppe. Es lag etwas eigenthümlich Kaltes und Leidenſchaftsloſes in dem Ausdrucke ſeines Geſichtes, der aber keines⸗ wegs böſe war. „Was iſt hier vorgefallen?“ fragte er.„Ein Mord?“ Der arme Philipp wiederholte von ſeinem Ver⸗ ſteck auf dem Speicher dieſes Wort. „Komm herab,“ rief ihm Hliver zu,„es iſt jetzt teine Gefahr mehr zu fürchten, auch haben wir Bei⸗ ſtand gefunden.“ „Da muß ich zuvor erſt wiſſen, ob Sie ihn auch verdienen,“ bemerkte der Fremde ihn ſcharf firirend. „Was Sie auch von mir halten mögen,“ be⸗ merkte der junge Menſch,„ſo können Sie ihn doch einer Frau und einem Kind nicht verſagen. Ich kann mir auch ohne Ihren Beiſtand helfen,“ fuhr er im Tone des Selbſtvertrauens fort, das dem Unbe⸗ kannten ein Lächeln abnöthigte. „Halten Sie mir die Lampe,“ ſprach dieſer ihm das Geräthe einhändigend,„während ich Ihrer Freun⸗ din Beiſtand leiſte.“ Damit zog er ein kleines Futteral aus der Taſche, wie es in det Regel Aerzte, die auf dem Lande prar⸗ ticiren, bei ſich zu führen pflegen, langte daraus ein mit einem Stöpſel verſehenes Fläſchchen hervor und beſprengte mit einem Theile ſeines Inhalts die Stirne der Frau, die allmählig wieder zu ſich kam. So jung deren Beſchützer auch war, ſo frappirte ihn doch die auffallende Schönheit ihres Geſichts. 19 Die erſten Worte, die ſie ſprach, waren:„Annie! Annie!“ Ein augenblickliches Lächeln ſpielte um ihre farb⸗ loſen Lippen, als Oliver das Kind in ihre Arme legte. „Gott ſegne Sie dafür!“ murmelte ſie;„Gott ſegne ſie dafür.“ „Iſt ſie Ihre Mutter?“ fragte der Fremde. „Nein! Ich ſehe ſie heute Nacht zum erſten Mal. Wir waren die Erſten,“ fuhr er fort auf Philipp deutend, der indeſſen von dem Speicher herunter⸗ geſtiegen war,„die in der Scheune ein Obdach ſuch⸗ ten; dann kamen die beiden Zigeuner und zuletzt dieſe arme Frau und ihr Kind.“ „So ſind Sie alſo mein Retter?“ rief die Frau. „Ich that mein Möglichſtes,“ verſetzte Oliver be⸗ ſcheiden.„Uebrigens hoffe ich dem Burſchen nicht völlig den Garaus gemacht zu haben,“ fügte er bei. Ein Seufzer von dem auf den Boden hingeſtreck⸗ ten Meiſter Jinks überzeugte ihn, daß, wie verzweif⸗ lungsvoll auch die Lage dieſer reſpektablen Perſon war, deren Lebensathem noch nicht entwichen ſei. Der Fremde näherte ſich der Stelle, wo der Landſtreicher lag und wandte ihn mit dem Fuße um. Die Kugel— oder vielmehr der Marmorſchuſſer und der Nagel mit meſſingenem Kopf; denn unſere Leſer haben gewiß nicht vergeſſen, auf welch eigen⸗ thümliche Weiſe das Piſtol geladen war— waren ihm durch die Wange gedrungen und hatten einige ſeiner Zähne zerſchmettert, ohne jedoch ihn geradezu ſchwer zu verletzen. Ein Schauer durchrieſelte ſeinen 2 Körper, als ſein Blick den feſt auf ihn gerichteten Augen begegnete. „Es iſt um mich geſchehen,“ murmelte er! „Nur ein Denkzettel,“ ſagte der Fremde.„Ich habe Euch ſchon oft geſagt, daß Ihr noch am Gal⸗ gen enden werdet und meine Prophezeihungen gehen in der Regel in Erfüllung. Pakt Euch,“ fuhr er auf die Thüre deutend fort,„und dankt dem Glück für Eure Rettung!“ Der Landſtreicher erhob ſich mit einiger Schwie⸗ rigkeit auf die Beine und wankte zur Scheune hin⸗ aus. „Du fürchteſt Dich doch nicht mehr, Philipp?“ fragte ſein Freund theilnehmend. „Ach nein— ich glaube nicht,“ antwortete der Knabe,„ſeitdem ich ſehe, daß Du unverletzt biſt; aber wenn ich daran denke, daß Du beinahe einen Menſchen erſchoſſen hätteſt, was würden Clives, Vor⸗ les und der alte Danby ſagen, wenn ſie dieß wüßten.“ „Still,“ unterbrach ihn Hliver flüſternd;„keine Namen! Vergiß nicht, daß wir erſt dreißig Meilen auf unſerem Wege nach London zurückgelegt haben, und was wären die Folgen, wenn wir jetzt eingefangen und zurückgebracht würden!“ Philipp Blandford erblaßte bei dem bloßen Ge⸗ danken an dieſe Möglichkeit. „Kommt mit mir,“ ſprach der alte Herr an die Gruppe ſich wendend,„es iſt ein wahres Glück, daß ich gerade in dem Augenblick in meinem Gig vor⸗ überfuhr, als der Schuß abgefeuert wurde. Ich will euch einen paſſenderen Platz zum Uebernachten anwei⸗ ſen, als dieſen hier.“ 21 Ohne eine Antwort abzuwarten, ſchritt er voran. Die Frau mit ihrem Kinde und die beiden Freunde folgten ihm ohne Zögern, denn es lag in ſeinem We⸗ ſen noch mehr als in ſeinen Worten, etwas, das ihnen Vertrauen einflößte. Als ſie die Chauſſee erreichten, erblickten ſie das Pferd und das Gig. „Das kann uns nicht alle aufnehmen,“ bemerkte Oliver Brandreth. „Das iſt auch nicht nöthig,“ verſetzte der Eigen⸗ thümer des Fuhrwerks;„dort drüben liegt mein Haus.“ Zugleich deutete er nach Rockingham Hall, das nur wenige Schritte entfernt war. Zweites Kapitel. Es iſt an der Zeit, daß wir unſere Leſer etwas näher mit dem Herrn bekannt machen, deſſen zu ſehr gelegener Zeit erfolgte Ankunft in der Scheune deren erſchreckten Bewohnern ſo gute Dienſte geleiſtet hatte. Herbert Lach oder, wie man ihn gewöhnlich nannte, der Doktor hatte ſich ſeit den letzten zehn Jahren in Rockingham Hall eingemiethet. Armuth konnte nicht die Urſache ſein, die ihn veranlaßt hätte in dieſem einſamen Hauſe ſeine Wohnung aufzuſchlagen. Eben ſo wenig konnte dieſe ihn gezwungen haben, dort zu verweilen mit keiner andern Dienerſchaft als einer alten Haushälterin und einem Knaben Namens Spar⸗ kes, den er aus dem Armenhauſe zu ſich genommen hatte. Niemand wußte, aus welcher Gegend Mr. Lacy ſtammte oder welcher Familie er angehörte. Er be⸗ ſaß weder Freunde noch Bekannte; und obgleich man vorausſetzte, daß er dem ärztlichen Stande angehöre, ſo lehnte er doch jede Praris ab, außer in ſolchen Fällen, welche die Aerzte in der Umgegend für hoff⸗ nungslos erklärten. Dieſe behandelte er häufig mit außerordentlichem Erfolge, ſchlug aber jede Belohnung dafür entſchieden aus. In der Umgegend waren ganz eigenthümliche Ge⸗ rüchte hinſichtlich ſeines Verkehrs mit dem Todten⸗ gräber der Gemeinde im Schwunge, indem dieſer, wie man ſagte, ihm Leichname zum Seziren und zu wiſſenſchaftlichen Experimenten liefern ſollte. Begreif⸗ licher Weiſe verloren dieſe Gerüchte nichts beim Wei⸗ tererzählen und die abergläubiſchen Bauern, obgleich ſie aus ſeiner bereitwilligen Hülfeleiſtung und wiſſen⸗ ſchaftlichen Kunſt Nutzen zogen, ſahen ihn doch mit einer gewiſſen Scheu, wenn nicht gar mit Widerwil⸗ len an. Die erſtere Empfindung erſtreckte ſich ſogar auf die beiden Perſonen, welche zu ſeinem einſamen Haus⸗ halt gehörten. 6 Dieß war, ſo weit es die Haushälterin Mary Daws betraf, gerade nicht beſonders auffallend, dern dieſe hatte eine böſe Zunge und dabei ein Tempera⸗ ment, das Jedermann, mit Ausnahme ihres Herrn, für unbezähmbar hielt. Gegen dieſen war ſie gewöhn⸗ lich ſanft und unterwürfig und, was ihm wahrſchein⸗ lich am liebſten war, ſie beläſtigte ihn nicht mit ihrer Unterhaltung. Mit andern Worten; ſie bediente ihn und ver⸗ —, 23 richtete ihre häuslichen Geſchäfte, während er in der Nähe war, unter Stillſchweigen. James Sparkes— oder Jem, wie man ihn ge⸗ wöhnlich nannte, war als ein mißgeſtalteter, kränklich ausſehender Knabe, der im Wachsthum zurückgeblieben war und an einem geſchwundenen Beine litt, das der Gemeindearzt für unheilbar erklärt hatte, zu dem Doktor gekommen. Der Vorſteher des Armenhauſes, der Schulmeiſter und die Aufſeher machten alle ihre Rand⸗ gloſſen über die Gründe, welche, Herbert Lacy bei ſeiner Wahl geleitet haben müßtén, da doch wenig⸗ ſtens ein Dutzend wohlgewachſene und kräftige Kna⸗ ben da waren, von welchen er einen zu ſeinem Die⸗ ner hätte auswählen können. Einige ſchrieben es ſeinem Hang zum Sonderbaren zu, Andere machten eine pfiffige Miene und meinten, der Grund liege in ſeinem Wunſche, eine lebende Species von einer merk⸗ würdig geformten Geſtalt neben der Sammlung, die er ſich anlegte, zu beſitzen; Niemand dachte aber an das wahre Motiv, das ihn geleitet haben könnte— an die Menſchlichkeit. Jem war kaum etwas über ein Jahr an ſeinem neuen Zufluchtsorte, als man gewahr wurde, daß er mit weit weniger Schwierigkeit zu gehen anfange, als früher. Es wurden deßhalb vielfach Fragen an ihn geſtellt, deren Beantwortung er aber entſchieden ver⸗ weigerte. Wie alle Menſchen, welche, ohng Theil⸗ nahme zu finden, leiden, beſaß er eine gewiſſe Nei⸗ gung zur Bosheit oder wenigſtens die Anlage dazu, welche Umſtände ausrotten oder befeſtigen können. Gleich der alten Haushälterin war auch er ſchweig⸗ ſam und gegen ſeinen Herrn unterwürfig, vor dem er, wegen ſeiner wunderbaren Kenntniſſe eine gewiſſe Scheu hegte. Er konnte ſtundenlang neben ihm ſte⸗ hen, während er ſezirte, indem er jede Bewegung ſeiner kühnen Hand beobachtete, deren geſchickte Ma⸗ nipulationen ihn dergeſtalt in Erſtaunen ſetzten, daß er ſeine ganze Geiſteskraft anſtrengte, um ſich die Zwecke davon klar zu machen. Einmal, aber auch nur dieß eine Mal, bat er den Doktor ihn in dieſer Kunſt zu unterrichten. Herbert Lacy blickte auf und betrachtete ihn auf⸗ merkſam, ehe er ihm eine Antwort gab, die aber ſchließlich kalt verweigernd ausfiel. Der Knabe brach in Thränen aus, nicht aus Wehmuth, ſondern aus Leidenſchaft, und ſeine tiefliegenden Augen flammten rachſüchtig auf. „Die Kunſt, welche Du erwerben möchteſt,“ be⸗ merkte ſein Herr,„würde weder Dir, noch den Men⸗ ſchen nützen, ſondern nur Dich um ſo gefährlicher machen; denn es iſt wenig— ſehr wenig wirklich Gutes in Dir und ich frage mich öfters, ob ich ver⸗ nünftig handle, indem ich Dir die Kraft verſchaffe, welche die Vorſehung Dir zu entziehen für nothwen⸗ dig erachtete. Dein Herz iſt mit Haß gegen Deine Mitgeſchöpfe erfüllt,“ ſetzte er hinzu. „Wen hatte ich denn, den ich hätte lie⸗ ben können?“ fragte der Knabe bitter.„Die Wär⸗ ter in dem Armenhauſe haßten mich alle, und die Kinder wollten nicht mit mir ſpielen. Ich bekam nie ein freundliches Wort zu hören, eh' ich hieher kam. Sie ſind gut,“ fügte er bei,„aber jene ſind kalt.“ „Schon gut,“ ſagte ſein Herr, der in dieſem Au⸗ genblicke für den unglücklichen Jungen ſich zu intereſ⸗ ſiren anfing;„ich werde mir die Sache überlegen.“ Wohl möglich, daß dieſe Unterredung ihm aus dem Gedächtniſſe kam oder daß er keinen Grund fand die Anſicht, die er ſich gebildet, zu ändern, denn er ſpielte nie mehr auf den Gegenſtand an, und Jem, der bei ſeinem erſten Verſuche, ſich Kenntniſſe zu er⸗ werben, ſich zurückgewieſen ſah, wiederholte ſeine Bitte nicht wieder. Weder die Haushälterin noch der Knabe erlaub— ten ſich ein Erſtaunen darüber auszudrücken, als ihr Herr ſeine Gäſte in das ſparſam möblirte Speiſezim⸗ mer einführte, in welchem übrigens ein gutes Feuer luſtig brannte, ſondern nahmen ſeinen Befehl, Betten herzurichten, ſtillſchweigend hin. „Ich bin nicht gewöhnt Beſuche bei mir aufzu⸗ nehmen,“ ſetzte er zu ſeinen Gäſten gewendet hinzu, zund fürchte, Sie werden es nicht allzu bequem hier finden.“ „Ein Obdach iſt alles, was ich wünſche,“ ver⸗ ſetzte die Frau. „Jedenfalls ſind wir hier beſſer aufgehoben, als in der Scheune,“ ſagte Oliver Brandreth, der ſich mehr um ſeines Begleiters als um ſeinetwillen über dieſen Wechſel freute. Man ſtellte den jungen Leuten zu eſſen vor, das ſie ſich, trotz des gerühmten Vorraths von Zwieback, trefflich ſchmecken ließen. Unterdeſſen blieb die Frau, welche es abgelehnt hatte an dem Mahle ſich zu betheiligen, mit ihrem Kinde in der Nähe des Feuers ſitzen, welches wieder rothe Farbe auf ihre bleichen Wangen brachte. Der 26 dadurch verurſachte Wechſel war ſo groß, daß ihr junger Vertheidiger nicht umhin konnte, von Zeit zu Zeit einen Blick auf dieſe auffallende Schönheit zu werfen. Sie beſaß einen jener Köpfe, deren Typus ſelten gefunden wird, außer in der griechiſchen Bildhauerei aus der Zeit ihrer höchſten Vollendung; mandelför⸗ mig geſchnittene Augen, welche in einem Augenblicke voll tiefen Gefühls ſanft und zärtlich aufblitzten, im nächſten aber den Ausdruck eines Mädchentraums an⸗ nahmen, die Naſenlöcher zart geformt und die Lippen halb offen, ſchön gebildet, voll Leidenſchaft und Ent⸗ ſchloſſenheit. Auch die Büſte, deren Umriſſe die naſſe, feſtanſchließende Kleidung ganz vortheilhaft her⸗ vorhob, ſchien vollkommen. Offenbar hatten Umſtände von nicht gewöhnlicher Art ein ſo vollendetes Geſchöpf gezwungen, in einer ſolchen Nacht allein und unbeſchützt über die Haide von Lincoln zu wandern. Als die Haushälterin zurückkehrte und ihr mel⸗ dete, daß das Zimmer bereit ſei, ſtand ſie von ihrem Stuhle auf und, nachdem ſie ihrem Gaſtwirth für ſein Wohlwollen gedankt, näherte ſie ſich der Stelle, auf welcher Oliver ſaß. „Gott ſegne Sie!“ rief ſie aus—„edler, helden⸗ müthiger Jüngling; ich vermag Ihnen blos Dank anzubieten— den Dank,“ fügte ſie bei,„der Ver⸗ waiſten und Unglücklichen!“ Zugleich beugte ſie den Kopf vor und berührte ſanft mit ihren Lippen die Stirne des erröthenden Knaben. Che dieſer aber von ſeinem Erſtaunen ſich zu erholen oder ein Wort der Erwiderung finden konnte, folgte ſie⸗Mary Daws aus dem Zimmer. Für was für einen Dummkopf muß ſie mich hal⸗ ten, dachte Oliver. Sie wird doch gar am Ende nicht glauben, ich hätte auf eine Belohnung gerech⸗ net. Ich will lieber ſehen, ob ich ihr nicht helfen kann. Zugleich fing er an in Gedanken zu berechnen, wie viel Geld er und Philipp Blandford zuſammen mit ſich führten. „Kaum genug für uns beide, um London zu er⸗ reichen,“ murmelke er mit einem Seufzer vor ſich hin. „Ich will dafür ſorgen, daß ihrer augenblicklichen Noth abgeholfen wird,“ bemerkte ſein Gaſtwirth, wie wenn er ſeinen Wunſch errathen hätte.„Ich will euch heute Nacht oder vielmehr dieſen Morgen nicht weiter ausfragen,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„denn jetzt wird euer Bett ohne Zweifel bereitet ſein. Jem wird euch dahin führen.“ Damit ſchüttelte er ſeinen beiden jungen Gäſten herzlich die Hand, welche ihrem Führer in das eilig zu ihrem Empfange hergerichtete Zimmer folgten. Der Knabe ging in einem Schritte vor ihnen her, welcher ſeine Lahmheit noch augenfälliger machte. Es war eine gewiſſe Bitterkeit in ſeinem Herzen. Ihm hatte ſein Herr nie die Hand gedrückt. „Eilt nicht ſo ſehr,“ ſagte Oliver,„wir haben Zeit.“ Jem wandte ſich raſch um. Der freundliche Ton, in welchem dieſe Worte geſprochen wurden, erregte ſeine Aufmerkſamkeit und er würde etwas darauf er⸗ widert haben, wenn nicht das Entſetzen, das er auf dem Geſicht des armen Philipp las— ein Entſetzen, welches er dem Anblicke ſeiner ungeſchlachten Geſtalt zuſchrieb, ihn auf andere Gedanken gebracht hätte, ſo daß er mit finſter gerunzelten Augenbrauen die Treppe hinauf und den Corridor hinab noch raſcher als zu⸗ vor eilte. as Zimmer, in welches er die fremden Gäſte führke, wurde ſelten oder nie benützt; Jahre waren wahrſcheinlich darüber hingegangen ſeit es den letzten Bewohner aufgenommen hatte, denn die Tapeten wa⸗ ren vom Alter und Feuchtigkeit ganz vermodert und hingen in Fetzen von den Wänden herab. Vielleicht wären ſie ganz herabgefallen, wenn nicht ein halbes Dutzend Portraits in maſſiven Rahmen einen Theil davon feſtgehalten hätte. Das Bett ſtand in einer Vertiefung; die Decke, das Couvert und der grobe, in Eile darüber geworfene Linnenüberzug ſtachen ſon⸗ derbar gegen die abgebleichten Vorhänge ab, die von Sammt waren, über denen ein ſchwerfälliger Betthimmel ſich befand mit einem Ausputz, der ehe⸗ mals aus Federn beſtanden haben mochte. „Das ſieht ja aus wie ein Leichenwagen,“ flü⸗ ſterte Philipp Blandford.„Ich wünſchte, wir wären in der Scheune geblieben.“ „Ich nicht,“ verſetzte Oliver munter;„ganz ab⸗ geſehen von dem Nachteſſen und einem Dach über unſern Köpfen haben wir hier ein Feuer,“ fügte er bei auf ein Paar derbe Holzklötze deutend, die luſtig im Kamin brannten. Jem blieb unter der Zimmerthüre ſtehen und weil Hliver glaubte, es geſchehe dieß in Erwartung einer Belohnung für ſeine Mühe durch ein Geldſtück, ſtreckte er die Hand aus mit einet halben Krone darin. 29 Auch der Burſche ſtreckte ihm mit einem plötzlichen Ausdruck der Freude auf ſeinem von Natur ſo häß⸗ lichen Geſicht ſeine Hand entgegen; er hatte das Geld⸗ ſtück nicht bemerkt. Es war bemitleidenswerth den Wechſel zu beob⸗ achten, als er, ſtatt des erwarteten Drucks, eine halbe Krone in dieſelbe gleiten fühlte. 8 Mit einem Wort, das wie ein Fluch klang, warf er das Geld auf den Boden und verſchwand. „Verrückt,“ murmelte Philipp,„er muß verrückt ſein.“ „Nichts weiter als verletzter Hochmuth,“ ſagte ſein Freund.„Er bildete ſich ein, ich wolle ihm die Hand ſchütteln.“ „Und warum thatſt Du dieß nicht?“ „Weil ich ſeine Abſicht nicht errieth und glaubte, er erwarte Geld,“ verſetzte Oliver.„Ich verſtehe dieſen Menſchen überhaupt nicht; doch glaube ich, daß ſein Herr ihn ganz vollkommen verſteht. Es wäre mir aber lieb, wenn er das Licht nicht mit ſich genommen hätte.“ „Fürchteſt Du Dich denn jetzt?“ bemerkte ſein Gefährte. „Pah!“ rief der entſchloſſene Jüngling,„wofür ſollte ich mich fürchten? Ich wünſchte nur deßhalb ein Licht zu haben, weil mich die Neugierde quält dieſe alten Bilder zu beſchauen. Ich weiß mir aber ſchon auf eine andere Art zu helfen,“ fuhr er fort, „denn ich laſſe mich nicht ſo leicht von einem Vor⸗ haben abbringen; ich kann das nicht ertragen.“ Zugleich nahm er einen Feuerbrand aus dem Ka⸗ min und hielt dieſen unter das nächſte Gemälde. Es entfuhr ihm ein Schrei des Erſtaunens. „Sieh nur her, Philipp,— das iſt ja die Frau.“ „Welche Frau?“ Dieſelbe, welche wir aus den Händen der Zi⸗ geuner in der Scheune retteten. Es iſt gar kein Irrhm möglich— die Augen, die Geſichtszüge ſind ent „Es iſt wahr, es gleicht ihr,“ murmelte der ſchlaf⸗ trunkene Knabe,„aber was geht ſie uns an?(Sie hatte ihre Lippen nicht auf ſeine Stirne gedrückt). Uebrigens kann die Aehnlichkeit rein zufällig ſein.“ „Sieh nur das Datum.“ Oliver hielt das Licht noch näher und ſah deut⸗ lich auf der Leinwand die Jahreszahl 1783 gemalt. Auch die Kleidung der Perſon, welche das Bild vor⸗ ſtellte, war aus derſelben Periode. Keiner der beiden jungen Leute kynnte ſich ent⸗ ſchließen in dem leichenwagenartig ausſehenden Bette zu ſchlafen, ſondern ſie zogen es vor deſſen Inhalt auf dem Boden auszubreiten, um ſich daſelbſt wie der ältere derſelben ſich ausdrückte, ein behagliches Lager für die Nacht herzurichten, und zwar ſo nahe als möglich beim Feuer, warm und gemüthlich. Schul⸗ knaben beſitzen hiefür ein ganz beſonderes Geſchick. Schon nach wenigen Minuten verfiel der Jüngere in einen tiefen Schlaf, während der Aeltere die Au⸗ gen ſtarr auf das Bildniß gerichtet wach blieb. 31 Drittes Kapitel. Indem wir die Bewohner von Rockingham Hall einem Schlafe überlaſſen, welcher ſo tief war, Haß ſie weder Träume, noch der raſende Sturm, welcher um das alte Gebäude, gleich einem um Eingan fle⸗ henden lebenden Weſen, zu heulen fortfuhr, zu flren vermochte, müſſen wir unſere Leſer bitten uns nach dem Lager des Stammes zu folgen, nach welchem Squills und ſein verwundeter Kamerad eiligſt ſich begeben hatten. Dieſes Lager befand ſich an einer Stelle, welche man Henkersplatz hieß, etwa fünf Mei⸗ len von der Scheune entfernt, dem Schauplatze, an welchem der philoſophiſche Meiſter Iinks ſein nichts weniger als angenehmes Abenteuer beſtanden hatte. Faſt ſchämen wir uns einzugeſtehen, daß wir nicht umhin können, die ſo ſchnell erfolgte Vertilgung der Zigeuner in England zu beklagen. Ihr Fehlen hat eine Leere in der engliſchen Scenerie hervorgebracht, welche Dichter und Maler gleich ſehr bedauern. Aus rothen Backſteinen gebaute Landhäuſer, wie behaglich und niedlich ſie auch ſein mögen, ſind außerordentlich proſaiſche und unintereſſante Gegenſtände im Vergleich mit den niedrigen, zerlumpten Zelten der ſchwarzäugi⸗ gen Race; eingezäunte Felder ſind nicht halb ſo ma⸗ leriſch, als die wilde, von dem üppigen gelben Stech⸗ ginſter bemachſene Haide mit da und dort vereinzelt ſtehenden Bäumen, welche an das Ufer eines Teichs oder an eine ſchon ſeit lange verlaſſene Sandgrube gepflanzt wurden. Gewöhnlich wurden an einem ſolchen Orte oder —,—————— — — an einem andern ſchattigen Platze, der ſich möglichſt entfernt von dem Geſumme der Städte, der Civili⸗ ſation, der Geſetze und des Zwanges befindet, die zerſtreuten Ueberbleibſel der Zigeunerſtämme gefunden. Fioch als Schulknaben brachten wir häuſig unſere Vacanztage auf der Monkshold Haide zu, um dort ihr Gger in Augenſchein zu nehmen. Wie erſtaunt waren wir, als wir hinkamen und in reſpektsvoller Entfernung die halbnackten ſonneverbrannten Kinder gewahrten, die ſich munter auf dem grünen Waſen herumtummelten oder mit den wilden, hungrig aus⸗ ſehenden Hunden, einer Abart von Bullenbeißer, ſpielten, deren wüthendes Bellen und verzweiflungs⸗ volles Bemühen ſich loszureißen unſer Kommen ver⸗ kündete. Wie dankbar waren wir dem alten Weib in beſchmutztem Unterrocke, die mit einem rohen Rührlöffel bewaffnet ihr Küchengeſchäft verließ und durch einige derbe, unter die Beſtien ausgetheilte Hiebe das laute Gebell zu leiſem Winſeln herab⸗ ſtimmte und durch einige wohlangebrachte Schmei⸗ chelworte uns veranlaßte von ihr uns wahrſagen zu laſſen! Eben ſo wenig haben wir die bewunderungswür⸗ dige Geſchicklichkeit vergeſſen, mit welcher eine ſolche ſchwarzgelbe Sibille dann das Sechspfennigſtück, wel⸗ ches wir ihr in gimpelhafter Einfalt anvertrauten, um damit ein Kreuz in unſere Hand zu zeichnen, vor unſern ſtaunenden Blicken durch eine leichte Bewegung mit dem Daumen und einem Hokus pokus verſchwin⸗ den ließ. Die Wahrheitsliebe verlangt aber, daß wir hin⸗ zufügen, daß Ruhm, Reichthum und Liebesglück uns 33 reichlich dafür prophezeit wurde: der dafür bezahlte Preis war wohlfeil genug und es wäre undankbar, wenn nicht gar unpolitiſch, wenn wir nach all Die⸗ ſem noch an die Hunde, den Rührlöffel und derglei⸗ chen Dinge mehr gedacht hätten. Für unſere erhitte Phantaſie lag ſogar etwas Geheimnißvolles in der dünnen Rauchwolke, die ſich aus dem Feuer der Zigeunerin erhob. Sie ringelte ſich nicht wie gewöhnlicher Rauch, ſondern ſtieg mit concentrirter Kraft empor, welche ſie in der Geſtalt einer Säule zuſammenhielt, deren Gipfel eine blaue nebelhafte Wolke bildete, welche allmählig, wie Weih⸗ rauch, in der Luft ſich auflöste. Man könnte einen dicken Band mit der Beſchrei⸗ bung des verſchiedenartigen, von einer Menge Schrift⸗ ſteller, dem Zigeunerſtamme beigelegten Urſprunges füllen. Sir Thomas Browne, der Verfaſſer von „Allgemein verbreitete Irrthümer,“ hat dieſem Ge⸗ genſtand viele Zeit und Mühe gewidmet und auf eine glaubwürdige Weiſe bewieſen, wie irrig die all⸗ gemein geglaubte Anſicht ſei, daß dieſelben aus Un⸗ teregypten ausgewandert ſeien, welches Land ſie nach Aventinus in Folge eines Richterſpruchs Gottes ha⸗ ben verlaſſen müſſen, der über ihre Vorväter ver⸗ hängt worden ſei, weil ſie ſich geweigert hätten die heilige Familie, auf ihrer Flucht vor dem Mord der unſchuldigen Kinder, bei ſich aufzunehmen. Polydor Virgil ſchreibt, die Zigeuner ſeien ur⸗ ſprünglich Syrier geweſen.“ Philippus Bergomas glaubt, daß ſie aus Chal⸗ däa ſtammen. Smith, Milly Mohne. I. 3 Aeneas Sylvius weist ihnen denſelben Theil der Türkei an. Daß ſie aber keine Egypter ſind, beweist Bello⸗ nius zur Genüge. Er traf einzelne Horden derſel⸗ ben in der Nähe von Groß⸗Cairo, Matärea und an den Ufern des Nils, wo man ſie, ſeiner Erzählung nach, Fremdlinge nannte. Die Franzoſen nennen ſie Böhmen(Bohemiens), indem ſie ſich dabei auf Autoritäten ſtützen, welche behaupten, dieſelben ſeien aus Böhmen nach Frank⸗ reich gekommen. Andere leiten die Bezeichnung von dem alt-franzöſiſchen Worte Boem her, das ſoviel, als einen Zauberer, bedéutete. Die Engländer nennen ſie Gipſy. Die Deutſchen bezeichnen ſie mit Zigeuner oder Wanderer. Die Holländer nennen ſie Heiden. Die Dänen und Schweden Tataren. Die Italiener Zingari. Die Spanier Gitanos. In Ungarn und Siebenbirgen, wo ſie ſich ſehr zahlreich vorfinden, nennt man ſie Pharao⸗Nepek oder Pharaos Volk. Jetzt iſt faſt allgemein anerkannt, daß die Zigeu⸗ ner aus Indien ſtammen, aus welchem Lande ſie zur Zeit des großen mohamedaniſchen Einfalls unter Timur Chan auswanderten und wo ſie zur unterſten Kaſte gehört hatten. In ihrer eigenen Sprache nennen die Zigeuner ſich Sind, und Philologen haben aus ihrer Sprache bewieſen, daß dieſelbe einige Aehnlichkeit mit indi⸗ ſchen Dialekten hat. 35 Mögen ſie aber ſtammen, woher ſie wollen, ſo bleiben ſie eine merkwürdige Race, an welche ſich gar manche ſchöne Tradition knüpft. Die Horde, zu welcher Squills und ſein Kamerad gehörten, hatte ſich nicht auf der Haide, ſondern in einem jener tiefliegenden ſchattigen Winkel niederge⸗ laſſen, welche Gainsborough ſo gern malte. Das Lager beſtand aus mehreren Zelten, von welchen das größte in einiger Entfernung von den übrigen ſtand, und weit impoſanter, als dieſe, ausſah; denn die daſſelbe bildende Leinwand war dadurch gegen das Eindringen von Regen geſchützt, daß ein mit Hel und Theer beſchmierter Mantel dieſelbe bedeckte; auch be⸗ fand ſich rund um daſſelbe ein tiefer Graben zur Aufnahme des ablaufenden Regenwaſſers. Die auffallendſte Eigenthümlichkeit war aber deſ⸗ ſen Höhe, welche der Art war, daß ein Menſch auf⸗ recht darin ſtehen konnte. Eine innerhalb angebrachte Ausfütterung, beſtehend aus einer wollenen Decke und farbigem Fries, verlieh dem Zelte einen gewiſ⸗ ſen Anſtrich von Behaglichkeit, wenn nicht gar Zier⸗ lichkeit, welche an den übrigen Wohnungen des wan⸗ dernden Stammes nichts weniger als gewöhnlich war. Es war dieß die Wohnſtätte eines alten Zigeu⸗ ners, Namens Keelan, der lange Zeit in der Gegend wegen ſeiner Geſchicklichkeit in Behandlung von Vieh⸗ krankheiten berühmt war. Die Pächter hatten großen Glauben an ihn und die Frauen derſelben conſultirten ihn häufig in Krank⸗ heitsfällen, die ſie und ihre Kinder heimſuchten. Eine Art von Kuchen, aus Kräutern bereitet, S er ſelbſt geſammelt, war lange Zeit für ein Specificum gegen das Wechſelfieber, ein ſehr allgemein verbreitetes Leiden in den tiefgelegenen ſumpfigen Gegenden von Lincolnſhire, gehalten worden. Keelan ſelbſt war eine merkwürdig ausſehende Perſönlichkeit. Seine ſchmalen, ſcharfen Geſichtszüge beſaßen nichts von der Eigenthümlichkeit der Zigen⸗ nerrace, mit Ausnahme der Augen, welche groß, ſchwarz und glänzend waren, mit einem eigenthüm⸗ lichen Ausdruck von Schlauheit darin, welche durch die Gewohnheit, welche er angenommen, noch ver⸗ mehrt wurde, dieſelben halb zu ſchließen, wenn er mit Jemand ſprach. Weil er das Lager ſelten verließ, ſo mußten die⸗ jenigen, welche ſeiner Dienſte bedurften, ihn aufſu⸗ chen. Viele Leute hielten ihn für reich— eine An⸗ ſicht, welche durch die Achtung, in welcher er allge⸗ mein bei der Bande ſtand, Beſtätigung zu erhalten ſchien— und ſelbſt die wildeſten Mitglieder wagten nur ſelten ſeinen Befehlen Trotz zu bieten. Im Innern ſeines Zeltes befanden ſich ein trag⸗ barer Ofen, ein alter Deſtillirapparat, die nothwen⸗ digen Küchengeräthſchaften und eine beträchtliche Sammlung getrockneter Kräuter und Schwämme. Letztere bildeten den Vorrath der Handelsartikel des alten Mannes. Sein Haupthausgeräthe beſtand äber in einer großen Kiſte oder Koffer, der mit eiſernen Bändern beſchlagen war, und dem Werkzeugkaſten eines Zim⸗ mermanns nicht unähnlich ſah. Auf dieſem ſchlief er beſtändig. Den Tag über erhielt das Licht an dieſem merk⸗ — 37 würdigen Aufenthaltsort durch das Wegziehen eines ſchweren Stücks Theertuch Zutritt, welches, wenn es wieder an ſeinen Platz geſchoben und mit einem ei⸗ ſernen Nagel am Boden befeſtigt war, zugleich als Thüre diente, um jeden Eindringling abzuhalten. Nachts verbreitete eine eiſerne Lampe, welche von den Kreuzſtangen des Zeltes herabhing, ihr rothes Licht und verdarb durch den Geruch ihres Inhalts die Atmoſphäre. Ob die Gewohnheit des Wachens oder das Plät⸗ ſchern des auf das Dach herabſtürzenden Regens auf das Dach des Zeltes die Urſache war, daß der Be⸗ wohner deſſelben nicht ſchlief, können wir nicht mit Sicherheit angeben; aber obgleich der Morgen bald zu grauen anfing, ſaß er doch, gehüllt in einen ab⸗ getragenen Schlafrock, wahrſcheinlich ein weggewor⸗ fenes Kleidungsſtück, das einem benachbarten Edel⸗ manne gehört hatte, gleich einem rothen Indianer in ſeinem Wigwam, kauernd, unbeweglich und ſchweig⸗ ſam, die Ellbogen auf die Kniee geſtützt und ſeine inochigen Finger eine widerſpenſtige Locke ſeines lan⸗ gen, dünnen weißen Haares feſthaltend, da. Seine Träumereien— denn offenbar waren ſeine Gedanken ſehr angeſtrengt beſchäftigt— wurden durch ein lautes Bellen der an den Zelten angeketteten Hunde unterbrochen. Er wußte, daß Niemand aus dem Stamme bei ihm zu ſolcher Stunde ſich einzufinden wagte, wenn nicht irgend etwas Außerordentliches ſich ereignet hatte, auch daß die Hunde bei der An⸗ näherung vor Niemand, den ſie kannten, anzuſchla⸗ gen gewohnt ſeien. Keine Muskel in des alten Man⸗ nes Geſicht zuckte. Die einzige Notiz, die er von dem Lärmen nahm, beſtand darin, daß er mechaniſch den Arm ausſtreckte und ein ganz in ſeiner Nähe be⸗ findliches Reiterpiſtol mit langem Rohr erfaßte. Nachdem er es unterſucht hatte, erwartete er, die Augen feſt auf den Eingang des Zeltes gerichtet, was etwa kommen würde. Unterdeſſen hatte das laute Bellen der Hunde die ganze Horde aufgeweckt, von welcher mehrere, halb gekleidet und mit Knitteln bewaffnet, aus ihren kraalenähnlichen Wohnungen herausgekrochen kamen, während einer der Knaben— ein zerlumpter, hoch⸗ aufgeſchoſſener Bengel von ſechszehn Jahren— mit einer Laterne erſchien. Mehrere weibliche Köpfe— alte und junge— verwitterte und ſchöne— aber alle ſtark markirt durch den halbwilden Ausdruck, der dem Zigeunerſtamme eigen iſt, ließen ſich halbver⸗ ſtohlen unter dem Eingang ihrer Zelte erblicken. Das Licht erlaubte nicht nur die Urſache des Lärmens zu erkennen, ſondern fiel auch auf eine Scene, welche Salvator Roſa, den erſten Meiſter in Darſtellung des Wilden und Phantaſtiſchen, höchlichſt intereſſirt haben würde. Ein Reiſender auf einem kräftigen Grauſchimmel war in das Lager hereingeritten gekommen. Er war von ſchlanker und keineswegs unzierlicher Geſtalt, eng eingehüllt in einen dunklen Ueberzieherrock, mit ho⸗ hen, ſchwarzen Stiefeln, welche die Beine bis an das Knie bedeckten, und mit einem breitrandigen Hute, wie man ihn während der Regierung Georgs 1V. trug. gin dicker Shawl verbarg den untern Theil ſei⸗ nes Geſichts. 39 Das laute Gebell der Hunde, welche die wahn⸗ ſinnigſten Anſtrengungen machten, von ihren Ketten loszureißen, vereint mit dem Geſchrei eines rauhhaa⸗ rigen Eſels, der an einem Zeltpfahl angebunden war, machte es eine Zeitlang völlig unmöglich, irgend ein Wort von beiden Seiten zu verſtehen. Im erſten Augenblicke glaubten die Zigeuner, der fremde Herr habe den Weg verloren. Da er wohl beritten und gut gekleidet war, ſo lag die Wahr⸗ ſcheinlichkeit nahe, daß er reich ſei und ſchon fingen ſie an drohend um ihn ſich zu ſammeln, als ein ein⸗ ziges in ihrer Sprache geſprochenes Wort ſie von der Ausführung ihrer Abſichten zurückbrachte und ſie veranlaßte erſtaunt zurückzuweichen. Wer konnte wohl der gut gekleidete Fremde ſein, der ſie in rumäniſcher Sprache anredete? „Was ſteht ihr da und gafft mich an?“ rief er mit gebieteriſcher Stimme.„Nehmt mir lieber mein Pferd ab und gebt wohl darauf Acht.“ „Will denn der Herr zu Fuß weiter gehen?“ ſragte einer der Aelteſten aus dem Stamme. „Zu Fuß? Nein,“ verſetzte der Reiſende in ſpöt⸗ tiſchem Tone.„Ich will die Nacht oder, beſſer ge⸗ ſagt, den Morgen hier zubringen.“ „In dieſem Regen?“ „Ich hoffe nicht.“ „Wo denn?“ „Dort.“ Zugleich deutete er mit ſeiner Reitpeitſche nach dem Zelte Keelan's. „Seid ruhig, Leute,“ ſetzte er hinzu,„und gehe ———— 40 Einer von euch den alten Mann zu benachrichtigen, daß ich hier bin.“ „Erwartet er Sie?“ fragte der Mann, der bis jetzt das Wort geführt hatte. „Nein, das iſt aber kein Grund, daß er nicht dennoch froh iſt, mich zu ſehen. Ah, ich erinnere mich,“ fügte er bei:„Milly iſt die einzige Perſon im Stamme, welche nach Einbruch der Nacht ſich ihm zu nähern wagt.“ Als man bemerkte, daß der Fremde ſo genau mit den Gewohnheiten des Hauptes der Horde be⸗ kannt war, verſchwand jeder Gedanke an Gewaltthä⸗ tigkeit— wenn überhaupt ein ſolcher bei der halb⸗ wilden Gruppe, die ihn umſtand, vorhanden gewe⸗ ſen war— und ein Dutzend Stimmen wiederholten den Namen Milly. Auf dieſes hin erſchien ein Mädchen von ſechs⸗ zehn Jahren aus einem der Zelte. Es war die En⸗ keltochter Keelan's, das einzige Geſchöpf auf der Welt, von welchem man annahm, daß er es liebe oder ihm vertraue, und dennoch wohnte ſie abgeſondert von ihm in Geſellſchaft ihrer Mume, einer hagern, hexenartig ausſehenden Frau, Namens Martha, welche ſie ſeit ihrer Kindheit gehegt und gepflegt hatte. Kein männliches Mitglied der geſetzloſen Horde nahm ſich je heraus in ihre Wohnſtätte einzudringen. Beide hielten ſich fern von den gemeinen Ausſchweifungen und Exceſſen ihres Stammes, und wenn auch der Geiſt des Zigeunermädchens ſo unkultivirt war als die wilden Blumen, die am Wege oder im Thal⸗ grunde wuchſen und welche ſie gern ſammelte, um damit die üppigen Locken ihres gagatſchwarzen Haa⸗ 41 res zu durchflechten, ſo war er doch rein wie deren Geruch und einfach, wie deren Schönheit. Der Fremde gewann die Ueberzeugung, als er ſie ſo anblickte, daß nie eine tadelloſere Geſtalt als Mo⸗ dell einem Bildhauer gedient habe, ſo ſchön gerundet erſchienen ihre Glieder, ſo anmuthig waren ihre Be⸗ wegungen und die Wölbung ihres Nackens. Ihre Geſichtszüge erinnerten ihn auf das Lebhafteſte an Raphaels wundervolles Portrait ſeiner Geliebten, der Fornarina in der Laggia in Florenz; dieſelben kno⸗ ſpenden Lippen, noch unberührt von der Sonne der Liebe und Leidenſchaft, derſelbe Ausdruck des Auges, das zuweilen aufblitzte wie das einer erſchreckten Anti⸗ lope, als ſie den kühnen auf ſie geworfenen Blick der Bewunderung gewahrte und in Folge davon die Au⸗ gen ſittſam zu Boden ſchlug. „Warum ruft man mich?“ fragte ſie an die Zi⸗ geuner ſich wendend. Die Männer theilten ihr ſo kurz als möglich die Ankunft eines Häuſerbewohners, ſeine Bekanntſchaft mit ihrer Sprache und den auffallenden Gebrauch, den er von ihrem Namen gemacht, mit. Milly erhob ihre Augen wieder und betrachtete den Unbekannten mit Erſtaunen. „Erwartet Sie mein Großvater?“ fragte ſie. „Er erwartet mich ſeit Jahren ſchon,“ lautete die Antwort. „Dann ſind Sie alſo einer unſeres Stammes.“ Eine tiefe Röthe überflog das Geſicht des Mäd⸗ chens, als ſie das beleidigende Lachen vernahm, wo⸗ mit ihre Frage beantwortet wurde. „Es freut mich, daß Sie es nicht ſind,“ ſprach ſie.„Es befindet ſich Unkraut genug ſchon im Lager.“ „Hm! Nicht ohne Witz“ murmelte der Fremde vor ſich hin, worauf er laut ſprechend hinzufügte: „Vollziehen Sie meinen Auftrag und hier iſt etwas, um ein Band dafür zu kaufen.“ Zugleich warf er ihr ein Silberſtück mit der Miene eines Menſchen hin, der erwartet ſeine Freigebigkeit mit Entzücken aufgenommen zu ſehen. Zu ſeinem Erſtaunen ließ ſich aber die Zigeunerin nicht herbei es zu bemerken, und doch hatte ſie ſchon oft Geld angenommen, das ihr gleichgültig von Leuten hinge⸗ worfen worden war, welche ihrer Wahrſagekunſt ge⸗ lauſcht oder ihre außerordentliche Schönheit bewun⸗ dert hatten; aber in dieſem Augenblicke war es ihr zu Muth, als wenn ſie lieber jede Erniedrigung er⸗ tragen, als das ſo verächtlich hingeſchleuderte Geld⸗ ſtück aufheben möchte. Eine neue, ganz eigenthüm⸗ liche Empfindung hatte ſich ihrer bemächtigt. „Ich will das, was Sie wünſchen, ohne Beloh⸗ nung thun,“ ſprach ſie.„Freundliche Worte ſind beſſer, als verächtliche Geſchenke.“ Ein cyniſches Lächeln ſpielte um die Lippen des Fremden, der ihr nachblickte, bis ſie in der Richtung von Keelans Zelt verſchwand. Die Hand des alten Zigeuners ließ langſam den Griff des Piſtols los, als er die Stimme ſeiner En⸗ keltochter die Melodie eines kunſtloſen einfachen Lie⸗ des ſingen hörte, das als Zeichen dienen ſollte ihm ihren Beſuch zu verkündigen. „Was iſt vorgefallen?“ fragte er ungeduldig, als 43 ſie den Vorhang des Zeltes, der den Eingang be⸗ deckte, bei Seite ſchob. „Einer von den Häuſerbewohnern, der die rumä⸗ niſche Sprache redet, verlangt Dich zu ſprechen.“ Ein leiſer kichernder Ton war allein die Antwort die er auf dieſe Mittheilung gab. „Willſt Du ihn ſprechen?“ ſetzte ſie hinzu. „Ihn ſprechen?— Ja, gewiß will ich ihn ſpre⸗ chen. Diejenigen, welche mit Gold in der Taſche und mit böſen Leidenſchaften im Herzen ſich einfinden, ſind Keelan ſtets willkommen. Führe ihn hieher und ſage unſern Leuten, daß ſie ihm nichts zu Leid thun noch ihn beſchimpfen ſollen.“ Das Mädchen verließ mit zögerndem Schritte das Zelt. Wahrſcheinlich war ihre Neugierde rege ge⸗ macht worden und ſie hätte gerne noch mehr gehört. Als Milly nach der Stelle zurücktam, wo ſie den Fremden verlaſſen hatte, fand ſie, daß derſelbe be⸗ reits von ſeinem Pferde abgeſtiegen war und daſſelbe der Obhut eines der Männer übergeben hatte. „Nun meine ſchwarzäugige Hebe,“ rief er,„was ſagt der alte Sünder?“ „Der Großvater will Sie ſprechen,“ antwortete das Zigeunermädchen. „Das glaube ich wohl— er riecht das Gold, wie der Geier das Aas, ſchon von ferne— und Du ſollſt meine Führerin ſein.“ Mit dieſen Worten ſtreckte der Fremde ſeine Hand vertraulich aus in der Abſicht ſie unter dem Kinn zu faſſen; aber der Burſche, der die Laterne hielt und ihn ganz in der Nähe beobachtete, ſprang dazwiſchen. Mit einem Blick verächtlichen Zornes und Erſtau⸗ „ nens über dieſe Anmaßung erhob der Fremde ſeine ſchwere Reitpeitſche und hätte ihm damit einen Hieb verſetzt, wenn die Gefährten des Burſchen ſich nicht ihe und mit lauten Flüchen und drohenden Geberden ſich dazwiſchen geworfen hätten. „Thut ihm nichts zu Leid!“ rief das Zigeuner⸗ mädchen.„Thut ihm nichts zu Leid!“ „Sind wir etwa Hunde?“ murmelten ſie,„daß ſo ein Häuſerbewohner nur nach Laune uns Schläge verſetzen darf?“ „Wenn er mir eins verſetzt hätte,“ ſagte der junge Menſch mit rachſüchtigem Blicke,„ſo hätte er mein Meſſer zu fühlen bekommen.“ „Pah!“ rief der Fremde in verächtlichem Tone, indem er zugleich eine Hand voll Silber unter den Haufen warf,„damit kann man einen ſchlimmern Streit, als den unſrigen, friedlich beilegen. Aengſti⸗ gen Sie ſich nicht für Ihren Schatz, ſchönes Mäd⸗ chen, denn ich ſetze voraus, daß Sie ihn lieben,“ fügte er bei, indem er ſeine Augen mit einem eigenthüm⸗ lichen Ausdruck auf ſie richtete. „Allerdings thue ich das,“ antwortete das Mäd⸗ hen.. Das Geſicht des jungen Menſchen ſtrahlte bei dieſem Geſtändniß vor Freude. „Er iſt ja mein Vetter. Ich muß ihn alſo wohl lieben.“ Das Geſicht des Zigeunerjungen nahm wieder ſei⸗ nen frühern eiferſüchtigen und zornigen Ausdruck an, welchen das leiſe und höhniſche Lachen des Häuſer⸗ bewohners, der den Wechſel bemerkt hatte, noch ver⸗ mehrte, bis es zuletzt den entſchiedenſten Haß ausdrückte. 45⁵ „Du mußt uns mit Deiner Laterne zu meinem Groß⸗ vater leuchten,“ ſagte Milly.„Er wird über unſer Zögern erzürnt ſein.“ Der Fremde begriff vollkommen den Grund die⸗ ſes Verlangens; ſie wollte nicht allein mit ihm ſein. Viertes Kapitel. Unmittelbar nach ſeinem Eintritt in das Zelt, nachdem der Fremde nachläſſig Keelan zugenickt hatte, legte er ſeinen Hut und Oberrock ab und entſernte den Shawl, welcher bisher den untern Theil ſeines Geſichtes bedeckt hatte; er erſchien jetzt jung und hübſch und ſeine Geſichtszüge, offenbar der Zigeuner⸗ race angehörig, waren eben ſo ſtark markirt, als die ſeiner Führerin. Er muß aus unſerem Stamme ſein, dachte Milly, indem ſie ihn mit einer Empfindung betrachtete, welche eben ſo ſehr aus Intereſſe als Neugierde entſprang; aber ach, wie verſchieden iſt er von den Männern in unſerem Lager! Was mag er wohl bei meinem Groß⸗ vater zu ſchaffen haben? Sie ſah an dem Zucken der Wimpern der halb⸗ geſchloſſenen Augen ihres Blutsverwandten, daß ihm der Beſuch des Fremden erwünſcht komme; nicht aus Freundſchaft oder Zuneigung, die er etwa für ihn hegte— eine ſolche Beziehung war, wie ſie wußte, zwiſchen dem einſam ſtehenden Auswürfling der Ge⸗ —— 46 ſellſchaft und dem ſtolzen, frei redenden Häuſerbe⸗ wohner unmöglich,— weßhalb ſie den Grund der richtigen Urſache der Habſucht, alſo der mächtigſten Leidenſchaft in des alten Mannes Natur zuſchrieb. „Warum zauderſt Du denn noch?“ fragte er ſcharf.„Schließ den Vorhang hinter Dir wieder zu und gib Acht, daß keine Neugierigen ſich heranſchlei⸗ chen, um etwas zu erlauſchen.⸗ „Das iſt unnöthig,“ bemerkte ſein Beſucher;„Ihr vergeßt, daß es heſtig regnet, und es wäre grauſam, ſie noch länger Wind und Wetter auszuſetzen.“ Die Augen des unerfahrenen Zigeunermädchens füllten ſich mit Thränenz es lag etwas Freundliches in den Worten und eine Weichheit in dem Tone, in welchem ſie geſprochen wurden, welche ſie rührten, und ſie fing an zu befürchten, daß ſie den Fremden zu hart beurtheilt habe. „So geh alſo,“ ſagte ihr Großvater;„aber ſieh zu, daß wir nicht geſtört werden.“ Milly entfernte ſich, indem ſie, wie ihr geheißen worden war, den Eingang in das Zelt ſorgfältig hinter ſich zudeckte.„ „Dieſes Mädchen ſ die Perle Eures Stammes,“ rief der Fremde aus, obald ſie allein waren. Keelan ſah ihn argwöhniſch an. „Ich hatte keine Ahnung davon, daß Euer rau⸗ hes Lager einen ſolchen Schatz verberge.“ „Ein Schatz, den ich aber auf keinen Fall irgendwie in den Handel gebracht ſehen möchte,“ bemerkte der alte Mann bedeutungsvoll. „Iſt ſie in der That Euer Enkelkind?“ 3 „Ganz ſicher,“ wiederholte der Eigenthümer des * 8 47 Zelts mit Betonung.„Iſt es nicht merkwürdig, daß eine Blume ſolcher Art einem ſolchen Stamm ent⸗ ſproſſen iſt? Doch genug von ihr,“ fügte er bei. „Aubrey Fairelough ſuchte mich in einer Nacht, wie die heutige, nicht blos deßhalb auf, um mir ſeine Bewunderung für Milly Moyne auszudrücken.“ „Sir Aubrey, wenn ich bitten darf,“ ſagte der Fremde;„mein Bruder iſt wor ſechs Monaten ge⸗ ſtorben.“ „So ſind Sie alſo jetzt reich.“ „Ein leerer Titel,“ antwortete der Bgronet, denn dieß war der Rang des Fremden.„Dawwell iſt alles, was er mir hinterließ.“ „Starb er nicht kinderlos2“ fragte der Zigeun „Nein, er hinterließ eine Tochter,“ verſeße Beſucher finſter,„unter meiner Vormundſchiſ 6 waren Gründe— Familienrückſichten— die ich nicht näher auseinanderſetzen kann, für dieſe Anvordnung vorhanden. Ihre Mutter,“ fuhr er fort,„entfloh einem Anfall von Wahnſinn oder Bosheit vor drei Tagen mit ihr aus dem Hauſe der Leute, bei denen ich ſie untergebracht hatte. Ich habe ihre Spur bis dieſe Gegend verfolgt; ſie iſt ohne Geld. Es iegt mir ſehr viel daran ſie abzuhalten, daß ſie nach Wondon gelange. Ihr müßt mir Beiſtand leiſten.“ „Ein zweites Verbrechen!“ murmelte Keelan.„Ein weites Verbrechen!“ „Wäre es das Hundertſte,“ bemerkte der Baro⸗ let ſarkaſtiſch,„ſo wäre es nicht weiter, als ein ein⸗ iges Sandkorn mehr zu dem Berg von Sünden, den . hr ſchon aufgehäuft habt. Wir ſind alte Bekannte,“ chr er fort.„Es wäre unnütz vom Gewiſſen zu ſprechen, worüber wir beide lachen, als Entſchuldi⸗ gung für Begehung einer Gewaltthat. Ich kenne den Preis für Eure Dienſte und bin bereit ihn zu bezahlen.“ „Gold,“ verſetzte der alte Mann,„obgleich ich den Klang dieſes glänzenden und herrlichen Metalls liebe, war nicht der einzige Grund meiner Ihnen ge⸗ leiſteten Dienſte.“ „Es iſt wahr,“ verſetzte Aubrey gähnend.„Euer Weib war meine Amme, und ich habe gehört, es liege darin für Euch ein Band wilder Treue. Von ihr lernte ich das rumäniſche Rothwelſch. Meine Frau Mutter nahm das höchſte Aergerniß daran, als ſie die Fortſchritte entdeckte, welche ich in Eurer unge⸗ ſchlachten Sprache auf Koſten des Engliſchen gemacht hatte, und entließ ſie. Merkwürdiger Weiſe habe ich aber das Gelernte nie vergeſſen,“ ſetzte er hinzu. Ein leiſes heißeres Lachen entſchlüpfte den welken Lippen ſeines Zuhörers. „Es wäre noch auffallender geweſen, wenn Sie es vergeſſen hätten,“ verſetzte er. Ehe der Baronet eine Erklärung ſeiner Worte, die ihm wie ein Räthſel klangen, erfragen konm⸗ wurde Milly's Stimme außerhalb gehört, welche wa derum das einfache Zigeunerlied ſang, welche als Zei chen ihrer Nähe gedient hatte. „Was gibt es?“ fragte ihr Großvater ungedul dig, als ſie erſchien. „Zwei der Männer, Squills und JIinks ſind zu rückgekommen,“ antwortete das Mädchen.„Der Letz tere iſt gefährlich verwundet; es droht uns Gefahr— ſie wollen Dich ſprechen.“ 5½ ——— — 49 Keelan blickte ſich um, um ſich zu überzeugen, ob nichts umherliege, was vor den Späheraugen ſeines Beſuchers zu verbergen ſei, und was dieſer gern unter⸗ ſuchen möchte; zugleich überzeugte er ſich, ob die Schlüſ⸗ ſel zu den Kiſten ſicher in ſeiner Taſche ſich befänden, worauf er das Zelt mit der Bemerkung verließ, daß ſeine Abweſenheit höchſtens einige Minuten dauern würde. Milly zögerte, wie wenn ſie die Abſicht hätte, während ſeiner Abweſenheit da zu bleiben, worauf ihr aber der alte Mann ſtreng befahl ihn zu begleiten. „Ich muß lernen meine Augen ebenſo in meine Gewalt zu bekommen, wie meine Zunge,“ murmelte Sir Aubrey vor ſich hin.„Der Großvater fängt an mir zu mißtrauen. Man ſieht, daß auch die beſten Handlungen falſch beurtheilt werden können. Beim Himmel! Es wäre eine Tugend dieſe wilde Blume aus ihrer Dunkelheit herauszureißen und ſie in einen paſſenderen Boden zu verpflanzen. Welche Schön⸗ heit! Welche Anmuth! Es liegt etwas Pikantes ſelbſt in ihrer Unwiſſenheit und dem Stolz ihrer blitzenden Augen. Ich möchte ihn gerne zähmen,“ fügte er ſpöttiſch hinzu.„Nun, wohlan! ich kann mich von jetzt an mit ihr beſchäftigen.“ Der Gedanke, welcher in ganz unbeſtimmter Form in ſeinem Geiſte aufgetaucht hatte, nahm die Gedan⸗ ken des Wüſtlings dergeſtalt in Anſpruch, daß er gar nicht bemerkte, wie viele Zeit darüber hingegangen war, bis Keelan wieder erſchien. „Ich habe erfahren, was Sie zu wiſſen wün⸗ ſchen,“ ſagte der Zigeuner. Smith, Milly Mohne. J. 4 50 „In Betreff der Lady Fairclough?“ „Ja.“ „Wo iſt ſie?“ „Wo iſt ſie?“ wiederholte der Eigenthümer des Zeltes mit dem an ihm gewohnten Kichern.„Für was für einen Dummkopf hält mich der Häuſerbe⸗ wohner! Wo ſie iſt?“ wiederholte er.„Hal Ha! Che dieſe Frage beantwortet werden kann, müſſen noch einige Präliminarien geordnet werden. Wo ſie iſt?“ „Verlangt Euren Preis dafür!“ rief der Baronet. ungeduldig. „Fünfzig Pfund. Ein Mann aus dem Stamme iſt verwundet worden in einer Geſchichte, bei der ſie im Spiele iſt. Nicht einen Pfennig weniger, nicht einen Pfennig!“ „Die ſollt Ihr haben,“ verſetzte ſein Beſucher. Der alte Mann ſtreckte ſeine Hand aus, wie wenn er erwartete, die Summe hineingelegt zu ſehen. „Glaubt Ihr etwa, ich reiſe die Taſchen voll ge⸗ pfropft mit Gold?“ fuhr der Fremde fort.„Ihr habt mein Wort ſchon für eine größere Summe hingenom⸗ men als ich noch arm war.“ „Allerdings; ich hatte aber damals ein Pfand.“ Sir Aubrey erhob ſeine rechte Hand, den Dau⸗ men feſt gegen die Handfläche gedrückt— die feier⸗ lichſte Eidesform bei den Zigeunern und vielleicht auch die einzige, welche ſie, ſo viel man weiß, nie brechen. Keelan fühlte ſich befriedigt, und ohne weiteres Zögern oder Anhängen einer Bedingung erzählte er das Abenteuer von Squills und Jinks in der Scheune und ſchloß mit der Nachricht, daß der Verwundete ie⸗ Flüchtige bis nach Rockingham Hall beobachtet habe. „Rockingham Hall,“ wiederholte der Baronet mit unverholenem Erſtaunen,„dieß gehört ja einem Mit⸗ glied der Familie der Lady Fairclough. Ich glaubte der Ort ſei längſt gänzlich verlaſſen worden.“ „Von ſeinem Eigenthümer allerdings,“ verſetzte der alte Mann,„aber ein Fremder hat ſich dort ein⸗ gemiethet.“ „Was iſt das für ein Menſch?“ „Ein gefährlicher Mann. Die ganze Umgegend fürchtet ihn, hat aber doch Reſpekt vor ihm. Er nennt ſich Doktor Lacy; die Leute ſagen von ihm, er ſtehe in Verbindung mit Verſtorbenen; ſo viel iſt gewiß, daß er ganz merkwürdige Kuren unternimmt und glückliche Kuren da ausführte, wo Andere nichts ausrichteten. Mir iſt er ſchon mehr als einmal in die Quere gekommen.“ „Ich glaubte bis jetzt, daß dieß gefährlich ſei,“ bemerkte ſein Zuhörer. „Bei jedem Andern wäre dieß auch der Fall ge⸗ weſen,“ verſetzte der Zigeuner verdrießlich;„aber ich mag ihm nicht den Weg durchkreuzen. Er muß ein muthiger Mann ſein, daß er dort wohnen mag— man ſagt, es ſpucke in dieſem Hauſe.“ „Pah!“ ſagte ſein Beſucher.„Glaubt Ihr denn auch an dergleichen dummes Zeug? Die einzigen Geſpenſter, die es gibt, beſtehen in der Erinnerung an die Vergangenheit.“ „Was man ſieht, glaubt man,“ murmelte Keelan kopfſchüttelnd.„Ich war ebenſo ungläubig, wie Sie, 4* bis ich die weiße Frau und deren Schatten geſehen habe.“ „Was habt Ihr geſehen?“ „Die weiße Frau und deren Schatten,“ wieder⸗ holte der alte Mann. „Ein Mährchen,“ rief Sir Aubrey,„um die Nach⸗ barn abzuhalten allzu neugierige Blicke auf ſein Trei⸗ ben zu werfen. Was für eine Art von Aufenthalts⸗ ort iſt denn die Halle?“ „Ein ſeltſames Gebäude— voll von maulwurf⸗ artigen Gängen— voll geheimer Eingänge und Zim⸗ mer, wie man ſie in unruhigen Zeiten erſonnen hat. Ich kenne Alles genau und—“ „Ihr könntet zu jeder Zeit hineingelangen?“ fragte ſein Zuhörer haſtig. „Ja.“ „Ein kühner Handſtreich und ich machte aus den fünfzig Pfunden deren hundert,“ rief der Baronet von einem plößzlichen Gedanken ergriffen.„Hört mei⸗ nen Plan.“. Keelan ſetzte ſich auf die Kiſte und hörte Anfangs mit dem Ausdrucke ſorgloſer Gleichgüktigkeit zu; nach und nach erwachte aber ſein Intereſſe; zuletzt ver⸗ ſchwanden ſeine Bedenken— der Plan ſchien ihm ausführbar. „Wir können es ja verſuchen,“ ſprach er;„wir können es verſuchen.“ „Dann muß es aber ſogleich geſchehen,“ bemerkte der Verſucher dringend, indem er zugleich auf die Uhr blickte.„Es iſt ſchon zwei Uhr nach Mitternacht.“ Der Zigeuner nickte bejahend, und beide verließen mit einander das Zelt. * 53 Wir müſſen nun zu den beiden jungen Ausreißern zurückkehren, welche wir in dem ſchon lange nicht mehr gebrauchten Zimmer von Rockingham Hall zurück⸗ ließen. Ermüdet von dem langen Anſtarren des Portraits war Oliver Brandreth in einen fieberiſchen Schlaf verfallen, der von fürchterlichen Träumen unterbro⸗ chen wurde, aus welchen er mehrmals mit einem Angſtſchrei auffuhr. Einmal meinte er ſich im Kam⸗ pfe mit den Räubern in der Scheune zu befinden und das Angſtgeſchrei der Frau tönte in ſeinen Oh⸗ ren; ein anderes Mal erſchien der Mann, den er verwundet hatte, an ſeiner Seite und drohte ihm mit dem Meſſer. Es war daher kein Wunder, daß der aufgeregte Knabe, als er erwachte, ſeinen Kameraden beneidete, der ruhig an ſeiner Seite ſchlief, und daß er ſehn⸗ lichſt den Morgen herbeiwünſchte. „Dem Himmel ſei Dank!“ murmelte er, als er zum dritten und vierten Mal aus ſeinem unruhigen Schlummer erwachte und gewahrte, daß der Tag end⸗ lich zu grauen anfange und der erſte bleiche Streifen des wiederaufſteigenden Lichtes durch die trüben Fen⸗ ſterſcheiben dringe.„Bald wird es hell werden. Ich will nicht verſuchen noch einmal einzuſchlafen. Was für eine Nacht!“ fügte er bei;„was für ein Aben⸗ teuer!“ Seine Gedanken wandten ſich wieder dem Por⸗ trait zu und er richtete ſeine Augen nach der Gegend, wo daſſelbe hing, aber das Feuer war längſt zu Koh⸗ len abgebrannt und er vermochte kaum die Umriſſe des Rahmens zu unterſcheiden. 54 Bald wird es Tag werden, dachte er, und dann werde ich im Stande ſein es zu ſehen. Dann kam ihm das eigenthümliche Benehmen des Burſchen in Erinnerung, der ihn in das Zimmer ge⸗ führt hatte, das freundliche Benehmen ſeines Wirthes, die Frau und deren Kind, worauf eine Erinnerung die andere verdrängte, bis ſein Gehirn von der Man⸗⸗ nigfaltigkeit der Eindrücke, die er heraufbeſchworen, ganz wirre wurde. Während er ſo ſinnend da lag, zog ein knarren⸗ der Ton, wie vom Zumachen einer Thüre herrührend, ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich; er wandte den Kopf um und es bot ſich ihm ein Anblick dar, der ſein junges Herz mit Entſetzen erfüllte. Anfangs glaubte er, er müſſe noch ſchlafen. Er hätte eine Welt dar⸗ um gegeben, wenn es ihm möglich geweſen wäre, auch nur einen einzigen Ton laut werden zu laſſen; aber ſeine Lippen waren wie durch einen Zauber ge⸗ bannt, ſo daß er kein Wort hervorzubringen, ſich nicht zu rühren, ja kaum zu athmen im Stande war. Eine Frau in weißem Kleide, groß, und verſchleiert, glitt langſam durch das Zimmer, gefolgt von einer Geſtalt, eingehüllt in einen ſchwarzen Mantel oder Oberrock, und verſchwand in der Vertiefung, in wel⸗ cher das Bett ſtand. Hliver war überzeugt, daß dieß keine Täuſchung — kein Spiel der Phantaſie, ſondern gräßliche Wirt⸗ lichkeit ſei. Kaum war aber die Erſcheinung ſeinem Geſichtskreiſe entſchwunden, als er beſinnungslos auf das Kiſſen zurückſank. Als er wieder zu ſich kam, erhellten die Strahlen 55 der Morgenſonne das Gemach. Im erſten Augen⸗ blick bildete er ſich ein, er müſſe geträumk haben. „Es war Wirklichkeit,“ murmelte er, als er ſich aller Umſtände wieder entſann.„Nie werde ich es vergeſſen, und wenn ich hundert Jahre alt werden ſollte! Wir müſſen dieſen geſpenſtigen Aufenthaltsort verlaſſen! Ich würde wahnſinnig werden, wenn ich hier bliebe. Ich kann hier nicht känger athmen, noch meine Gedanken ſammeln. Philipp, Philipp, es iſt Zeit zum Aufſtehen!“ „Wie bleich Du ausſiehſt, Oliver!“ rief ſein Ka⸗ merad, der die ganze Zeit über feſt geſchlafen hatte. „Fühlſt Du Dich unwohl?“ „Ja— nein; das heißt: ich fühle mich nicht ge⸗ rade unwohl,“ verſetzte der aufgeregte junge Menſch mit dem heroiſchen Entſchluſſe, um keinen Preis die Urſache ſeines Entſetzens ſeinem Freunde zu ver⸗ rathen.„Kleide Dich raſch an, wir müſſen machen, daß wir fortkommen.“ „Ohne uns zu verabſchieden?“ „Wird dieß aber nicht undankbar erſcheinen?“ „Dieß macht nichts— es iſt immer noch beſſer, 0 8— „Als was?“ fragte Philipp Blandford, als er bemerkte, daß ſein Freund zögerte. „Als von Danby oder von einem der Aufwärter überraſcht zu werden,“ verſetzte Oliver Brandreth, überzeugt, daß dieſe Erklärung ſeinem Kameraden ge⸗ nügen werde.„Ueberdieß,“ fuhr er fort,„können wir, ſobald wir zu Hauſe ſind, ſchreiben und für das gewährte Obdach danken.“ Sobald die beiden jungen Leute angekleidet wa⸗ ren, ſchlichen ſie die Treppe hinab und gelangten auf dieſem Wege in die große Vorhalle. Die Thüre war aber verſchloſſen und der Schlüſſel abgezogen. „Gefangen!“ rief Philipp verzagend. „Wenn es ſich um nichts Weiteres als um eine verſchloſſene Thüre handelt, ſo wird dieſe mich hier gegen meinen Willen nicht zurückhalten,“ ſagte ſein Kamerad, deſſen Muth ſich neu zu beleben anfing. „Was können wir aber anfangen?“ „Wir müſſen uns ſelbſt helfen,“ verſetzte Oliver entſchloſſen.„Du weißt ja wie es in der Fabel heißt.“ In das Zimmer zurückgekehrt, fing er an, das was er damit hatte ſagen wollen, dadurch praktiſch zu de⸗ monſtriren, daß er die Bettſchnüre entzweiſchnitt und dieſelben zuſammenknüpfte bis ſie lang genug waren um vom Fenſter aus auf den Boden hinabzureichen. Um ihre Stärke zu erproben ließ er ſich zuerſt hinab und bald erblickte er zu ſeiner Befriedigung ſeinen Schul⸗ kameraden und Freund an ſeiner Seite. „Dem Himmel ſei Dank, wir haben die Höhle des Schreckens hinter uns.“ Ich meine es war doch beſſer hier als wenn wir die Nacht in der Scheune hätten zubringen müſſen,“ bemerkte Philipp Blandford.„Biſt Du nicht auch dieſer Anſicht?“ „Nein! ja— das heißt ich weiß ſelbſt nicht recht was ich ſagen ſoll. Wir wollen aber machen, daß wir fortkommen.“ „Welchen Weg ſchlagen wir ein?“ 57 „Jeden Weg, der uns von Rockingham Hall weg⸗ führt,“ antwortete Oliver Brandreth ſchaudernd. Es waren etwa zwei Stunden ſeit dem Entkom⸗ men der Flüchtlinge verfloſſen, als die übrigen Bewohner der Halle durch ein fortdauerndes durch⸗ dringendes Geſchrei, welches aus dem Zimmer kam, in welchem die Frau und ihr Kind die Nacht zuge⸗ bracht hatte, aus dem Schlafe erweckt wurden. Die alte Haushälterin und deren Herr waren die Erſten, welche in das Zimmer traten, um nach der Urſache zu fragen. „Mein Kind!“ rief die Frau ganz außer ſich, als ſie ſie erblickte—„gebt mir mein Kind zurück— Meine geliebte Annie!“ „Ihr Kind?“ wiederholte ihr Gaſtwirth mit un⸗ verſtelltem Erſtaunen. „Sie iſt verrückt,“ bemerkte Mary Daws, deren angeborne zänkiſche Natur durch die frühzeitige Stö⸗ rung im Schlafe nichts weniger als milder geſtimmt war.„Dieß iſt die Folge, wenn man ſolchen Land⸗ läufern Obdach gibt. Ich war gleich der Anſicht, daß nichts Gutes—“ ſ„Schweigen Sie!“ unterbrach ſie Herbert Lacy treng. „Gebt mir meine Annie zurück!“ rief die Fremde, den Arzt gm Arme faſſend, indem ſie ihm zugleich flehentlich in's Geſicht blickte;„ſie iſt das einzige le⸗ bende Geſchöpf auf der Welt, das mich liebt— das Licht, die Quelle, die Freude meines Daſeins,— das Band welches meinem Herzen ſagt, daß es noch menſchlich fühlt. Haben Sie Mitleid mit der To⸗ desangſt einer Mutter, ich kann nicht leben ohne ſie. ——— 58 Wir haben Ihnen nie etwas zu leid gethan, Sie können nicht ſo grauſam ſeyn uns zu trennen! Ich vermag Ihnen nichts als Thränen zu bieten— Thränen ſind meine Gebete. Wäre ſie nun hier um für mich zu bitten, ihr unſchuldiges Lächeln würde die Bosheit eines Teufels entwaffnen!“ ſetzte ſie hinzu.„Annie, mein Kind!“ Seufzer erſtickten ihre Stimme und ſie fing an bitterlich zu weinen. Ihre Worte waren ſo unzuſammenhängend, daß einige Zeit verſtrich ehe der Doktor den Grund ihres wahnſinnigen Schmerzes völlig begriff. Die unglückliche Mutter hatte, wie es ſchien, im vollen Vertrauen auf den Schutz unter ſeinem Dach, ohne jeden Verdacht oder Befürchtung die Thüre des Zimmers nicht verſchloſſen als ſie ſich zur Ruhe nie⸗ derlegte, war von Ermüdung und Aufregung er⸗ ſchöpft feſt eingeſchlafen und erſt Morgens wieder erwacht. In dieſem Augenblicke entdeckte ſie, daß ihr Kind nicht mehr an ihrer Seite ſei. 3 „Sie ängſtigen ſich unnöthiger Weiſe,“ bemerkte ihr Gaſtwirth in beſänftigendem Tone.„In meinem Hauſe kann keine Gewaltthat verübt worden ſein. Ohne Zweifel iſt das Kind aus dem Zimmer ge⸗ ſchlichen, während Sie ſchliefen und hat ſich in den wirr in einander laufenden Gängen des alten Ge⸗ bäudes verirrt.“ „Nein! Nein!“ rief die Frau verzweiflungsvoll. „Mein Feind hat uns ausfindig gemacht!“ „Was für ein Feind?“ fragte Herbel Lacy. — 5—* — 59 „Wahrſcheinlich der Büttel oder der Conſtabel,“ murmelte die Haushälterin kopſſchüttelnd. Ohne Zweifel hätte ſie noch andere Bemerkungen dieſer Art laut werden laſſen, wenn nicht ein Blick ihres Herrn ihr Einhalt gethan hätte. Der Knabe Sparkes wurde herbeigerufen und es wurde eine allgemeine Unterſuchung angeſtellt. Alle nach Außen führenden Thüren fanden ſich feſt verſchloſſen. Sämmtliche Gemächer, ſelbſt ſolche, welche ſeit langer Zeit nicht mehr benützt worden waren, wurden durchſucht; aber nirgends fand ſich auch nur die leiſeſte Spur von dem Kinde. „Das iſt höchſt merkwürdig!“ rief der Doktor; „ich begreife weder das Verbrechen noch deſſen Grund. Sämmtliche Zimmer ſind jetzt durchſucht worden.“ „Mit Ausnahme des Einen auf der Galerie, in welchem die beiden jungen Herrn ſchlafen,“ bemerkte em. In der Verwirrung und Aufregung, welche die Angſtrufe verurſacht, hatte der Doktor Oliver und deſſen Gefährten ganz vergeſſen. „Die undankbaren jungen Burſche!“ ſprach er eim Eintritt in das Zimmer, deſſen offenes Fenſter und daran hängender Strick deutlich genug die Art ihrer Flucht kund gaben. „Spanne ſogleich mein Pferd an,“ fuhr er haſtig fort;„ich muß ihnen nach.“ Jem entfernte ſich eilig zur Ausführung des er⸗ haltenen Befehls. Es lag der Ausdruck eines be⸗ friedigenden Lächelns auf ſeinem kränklichen Geſicht, während er die Haupttreppe hinabhinkte, weil er wahrſcheinlich überzeugt war, daß ſein Herr von den 60 jungen Leuten, die er ſo freundlich aufgenommen, hintergangen worden ſei. „Ich hätte ihm keinen ſolchen Streich geſpielt,“ murmelte er vor ſich hin;„lieber wäre ich geſtorben und doch hat er mir noch nie die Hand gedrückt. Aber dafür bin ich auch ein Krüppel und kam aus dem Armenhauſe,“ ſetzte er bitter hinzu,„und ſie ſind Söhne vornehmer Eltern.“ Es war jammerſchade, daß das Herz des Knaben aus Mongel an Theilnahme oder, weil er nicht ver⸗ ſtanden wurde, ſich verhärtete. Herbert Lacy ſchien mehrere Minuten lang in tiefe Gedanken verſunken zu ſein.„Unmöglich, un⸗ möglich!“ rief er plötzlich aus. Dann, wie wenn er von dem Schluſſe, zu dem er gelangt war, gänzlich befriedigt wäre, fing er wieder an nachzuſinnen. Ruhigen Schrities verließ er das Zimmer, und die Galerie hinabſchreitend, trat er in ein kleines Kabinet, das auf einem der Flügel des Hauſes lag wo er die Thüre hinter ſich ſorgfältig zumachte. Es verfloß nahezu eine Stunde, ehe er wieder auf dem freien Platze erſchien, wo das Pferd und das Gig ſeiner warteten. „Sage Daws, ſie ſolle die Frau benachrichtigen daß ich bald wieder mit Nachrichten von ihrem Kind⸗ zurück ſein werde,“ ſprach er, während er in raſchen Trab davonfuhr. Jem Sparkes blickte ihm gedankenvoll nach. „An Jedermann denkt er freundlich, außer c mich,“ murmelte er.„Ich möchte wohl wiſſen, wi es Knaben zu Muth iſt, die Eltern haben, welch für ſie ſorgen und Geſchwiſter, welche ſie lieben us en 61 Jedenfalls iſt ihnen wohler als mir,“ fuhr er mit einem Seufzer fort,—„wohler als mir. Der Herr ſagte die Wahrheit, als er behauptete, mein Charak⸗ ter ſei ſchlecht. Ich bin neidiſch, mißvergnügt, ob⸗ gleich er mich aus dem Armenhauſe weggenommen hat, wo man mich ſchlecht behandelte. Ich will aller⸗ dings nicht böſe ſein; aber ich kann nicht anders. Wahrſcheinlich ſchuf mich Gott ſo.“ Dieſe letztere Vorausſetzung war ein Irrthum, in welchen ſchon Hunderte verfallen ſind. Die Meiſten von uns ſind, was Erziehung und Umſtände, und vor allem häusliche Einflüſſe aus uns gemacht haben. Obgleich Herbert Lacy alle Vorübergehenden an⸗ redete und ſie ausfragte, ob ſie nicht zwei jungen Leuten begegnet ſeien, deren Aeußeres er beſchrieb, ſo erreichte er doch beinahe Lincoln, ehe er eine be⸗ friedigende Auskunft erhielt. „War nicht der eine ſchwarz⸗ und der andere blondhaarig?“ fragte der Wirth einer an der Straße gelegenen Schenke, an welchen er die Frage ſtellte. „Und gut gekleidet?“ „Es ſind länger als zwei Stunden her, ſeit dieſe vorübergekommen ſind,“ ſagte der Mann.„Ich hatte eben erſt die Läden geöffnet. Der Größere begehrte von meiner Frau für ſeinen Kameraden etwas Milch. Wir brauchen aber alle, die wir erübrigen können, für die Schweine. Der Schwarzhaarige ſah, wie ich bemerken konnte, ſehr leidend aus. Er konnte kein Bier trinken.“ 6 „Waren ſie allein?“ fragte der Doktor eifrig. „Nein; ſie waren zu zwei.“ „Ich meine, ob ſie noch Jemand bei ſich gehabt haben— ein Kind?— ein kleines Mädchen?— von etwa zwei oder drei Jahren?“ Der Wirth ſchüttelte verneinend den Kopf. „Sind Sie ihrer Sache gewiß?“ „Ganz gewiß,“ ſagte der Wirth,„denn ich be⸗ obachtete ſie genau, während ich daſtund und meine Pfeife rauchte und meine Frau im Schenkzimmer Feuer anmachte. Sie hatten nicht einmal ein Bün⸗ del bei ſich. Als ich ihnen ſagte, daß die Poſtkut⸗ ſche nach London um 6 Uhr abgehe, machten ſie ſich eiligſt wieder auf den Weg,“ fügte er bei. Herbert Lacy ſah auf ſeine Uhr. Es war be⸗ reits 8 Uhr. Nach der Mittheilung des Wirths waren alſo mehr als zwei Stunden verfloſſen, ſeit Oliver und ſein Kamerad vorübergekommen waren. Es war deßhalb leicht möglich, daß ſie die Kutſche verfehlt hatten und ſolgho noch eingeholt werden konnten. In dieſer Hoffnung fuhr er raſch durch Lincoln, bis er die Londoner Straße erreichte, wo er auf's Neue ſeine Nachfragen anſtellte. Dießmal erhielt er von einem Pächter, einem reſpektabeln Manne, der in ſeiner Nachbarſchaft wohnte, Auskunft. Er ſei, wie er ſagte, an der Poſtkutſche vorüber⸗ gekommen, und habe zwei junge Leute, gerade ſo gekleidet, wie der Dottor ſie beſchrieb, unter den außerhalb ſitzenden Paſſagieren bemerkt. 63 „Hatten ſie ein Kind, ein Mädchen von etwa zwei bis drei Jahren bei ſich?“ fragte er haſtig. Der Pächter hatte kein Kind geſehen. Ueberzeugt, daß fernere Nachforſchungen erfolglos wären, wandte Herbert Lacy ſein Pferd um und fuhr nach Rockingham Hall zurück. ——— Fünftes Kapitel. Obgleich Herbert Lacy in raſchem Trabe nach Haus zurückfuhr, traf er doch erſt gegen Mittag dort ein. Die alte Haushälterin und Jem kamen ihm unter der Thüre entgegen und er las auf deren Ge⸗ ſichter, daß während ſeiner Abweſenheit etwas Auſ⸗ ſergewöhnliches ſich ereignet habe. „O Herr!“ rief die erſtere aus;„ich dachte wohl wie es kommen würde! Ich wußte, daß die Frau nichts beſſeres ſei, als ſie ſchien.“ „Das iſt bei den wenigſten Menſchen der Fall,“ bemerkte der Doktor trocken. „Das Arbeitshaus wäre für eine Perſon dieſes Gelichters gut genug,“ fuhr die geſchwätzige Alte, ohne die Zurechtweiſung zu beachten fort;„Sie aber brachten ſie in die Halle.“ „Was iſt denn vorgefallen?“ „Die Conſtabler haben ſie mit forgenommen,“ die Haushälterin mit einem ſelbſtbewußten opfnicken, das ihre innere Befriedigung über ihren Scharfſinn ausdrückte.—„Alles Wehren und Schreien half der unverſchämten Kreatur nichts.“ „Ich glaube nicht, daß es Conſtabler waren,“ ſagte der Knabe. „Keine Conſtabler! Gott ſteh mir bei! Was denn ſonſt? Keine Conſtabler!“ „Stille!“ unterbrach ſie Herbert Lacy ſtreng, „kein Wort weiter, wenn Sie in meinem Dienſte blei⸗ ben wollen. Ich muß das, was ſich zugetragen hat, von einem vernünftigeren und weniger vorur⸗ theilsvollen Zeugen, als Sie ſind, erfahren.“ Das war hart— ſehr hart, in Betracht der ſeltenen Gelegenheit, die ihr gegeben war, ihre Mei⸗ nung auszuſprechen oder über irgend etwas mit ihrem Herrn reden zu dürfen. Die Haushälterin fühlte dieß tief, aber weil ſie viel auf ihren Platz hielt, der ſehr ut war, ſo bemeiſterte ſie mit übermenſchlicher An⸗ ſtrengung ihre Zunge und ſchwieg klugerweiſe ſtille. „Fahre fort,“ ſagte der Doktor mit einem Win gegen Jem.. „Etwa eine Stunde nachdem Sie, Herr, das aus verlaſſen hatten, kam eine mit zwei Pferden beſpannte Chaiſe angefahren, zwei Männer ſtiegen aus und verlangten die Frau und das Kind zu ſpre⸗ chen, welche die Nocht hier zugebracht hatten.“ „Und Du ließeſt ſie zu ihr!“ rief der Doktor heftig;„obgleich ich den gemeſſenſten Befehl hinter⸗ laſſen habe, daß Niemand in meiner Abweſenheit die Schwelle überſchreiten ſoll.“ „Mrs. Daws ließ ſie ein, Herr.“ „Allerdings that ich dieß! Es waren Conſtab⸗ ler! Das iſt doch etwas ganz anderes als Leute, 65 welche kommen, um auszuſpioniren und zu verlan⸗ gen—“. „Stillgeſchwiegen!“ wiederholte ihr Brodherr. Die Haushälterin biß ſich verdrießlich auf die Lippen und warf Jem einen nichts weniger als freundlichen Blick zu. „Was geſchah dann?“ „Ich ſah nichts weiteres mehr, bis ſie die Frau die große Treppe herabzerrten und in den Wa⸗ gen nöthigten,“ fuhr der Knabe fort.„Nie werde ich ihr Jammergeſchrei vergeſſen, es tönt mir noch in den Ohren; und wie ſie die Männer bat, ihr zu ſagen, wohin ſie ihr Kind gebracht hätten. Das arme Geſchöpf meinte ſie hätten es ihr geſtohlen.“ „Und ich war von Hauſe abweſend!“ murmelte Herbert Lach vor ſich hin. „Sie verlangte, man ſolle nach Ihnen ſchicken, Herr, aber ſie ſteckten ihr ein Tuch in den Mund, um ſie am Sprechen zu verhindern.“ „Und Ihr ließet dieſe brutale Gewaltthat ge⸗ ſchehen.“ Dieſe Frage war mehr an die Haushälterin, als an den Knaben gerichtet, obgleich der letztere ſie beantwortete. „Ich that mein Möglichſtes, ſie zu verhindern,“ verſetzte der Junge, indem er zugleich ſeine Mütze abzog und eine breite Strieme über ſeiner linken Schläfe zeigte. Aber der Mann, welcher behauptete, die Frau ſei wahnſinnig, ſchlug mich zu Boden und als ich wieder zu mir kam, waren ſie fort.“ Mrs. Daws machte ein Geſicht, als wenn ſie bei ſich dächte, der Mann habe ihm ſein Recht an⸗ Smith, Milly Moyne. 1. 5 66 gedeihen laſſen: dieſer Meinung war aber ihr Brod⸗ nicht, in welchem zum erſtenmal der Gedanke aufſtieg, daß er am Ende Jem's Charakter doch nicht ganz richtig beurtheilt habe. „Ich würde Sie Angeſichts Dieſes aus meinem Dienſte jagen,“ rief er an die Haushälterin ſich wen⸗ dend aus,„wenn Ihnen ein anderer Zufluchtsort übrig bliebe als das Armenhaus. Sie wiſſen nicht, welchem Verbrechen Sie vielleicht Vorſchub geleiſtet, wie vielen Jammer Sie verurſacht haben.“ Die alte Frau wußte, daß der Doktor noch ei⸗ nen andern Grund habe, warum er ſie nicht ent⸗ laſſe, aber in ihrer Zertnirſchung, und etwas be⸗ ſchämt über ihr Benehmen, hielt ſie weislich an ſich und begab ſich in die Küche, wo ſie ohne darüber getadelt zu werden und eine Störung befürchten zu müſſen, ſich ganz ihrer üblen Laune überlaſſen konnte. Herbert Lacy unterſuchte ſorgfältig die Schmarre auf Jem's Schläfe. Der Schlag mußte nach dem bedeutenden Austreten von Blut und der großen Anſchwellung der Stirne zu urtheilen, ſehr ſchwer geweſen ſein. „Thue ich Dir wehe?“ fragte er, als er ge⸗ wahrte, daß die Augen des Knaben ſich mit Thrä⸗ nen füllten. „Nicht ſehr, Herr; und wenn Sie mir zehnmal weher thäten, ſo würde ich den Schmerz gerne er⸗ tragen, da Sie ſo liebreich mit mir ſprechen.“ „Ich bin zufrieden mit Deinem Benehmen in dieſer Geſchichte,“ bemerkte ſein Herr,„und will wir die Bitte, welche Du kürzlich an mich geſtellſt hoſt, überlegen.“ 67 Dieß hieß von Seiten des Arztes ſo viel als ein Verſprechen und es war klar, daß der arme ver⸗ krüppelte Junge in ſeiner Gunſt Fortſchritte gemacht hatte. Für den Augenblick dachte er freilich nicht weiter über die Sache nach, indem ſein Geiſt ganz ausſchließlich mit dem eigenthümlichen Abenteuer der letztverfloſſenen Stunden beſchäftigt war. Je mehr er aber über den Vorfall nachdachte, um ſo mehr wurde er wirre. Die Frau— deren Kind— beiden Jünglinge— alle waren fort, und nirgends zeigte ſich eine Andeutung, auf welche Weiſe deren Spur zu erforſchen ſei. In der Ueberzeugung, daß er eines Tages den Schlüſſel zu dem Geheimniſſe ausfindig machen werde, zog er ſich in ſein Arbeitszimmer zurück, um das Datum und die Details von dem, was ſich ereignet hatte, aufzunotiren ſo lange ihm Alles noch friſch im Gedächtniß war. Nachdem dieß geſchehen, ver⸗ ließ er in nachdenklicher Stimmung die Halle und richtete ſeine Schritte nach dem Zigeunerlager. Der Nachmittag war, wie es haufig nach hefti⸗ gem Regen ſich trifft, ſehr ſchön. Der herrlichſte Sonnenſchein breitete ſich über dem Erdboden aus, der durch tauſend Blumen duftete und durch die halb⸗ Thränen lächelte, gleich einer jungen raut am Hochzeitmorgen. Herbert Lach war aber nicht die einzige Perſon, die über die grünen Triften wanderte, welche die Gemeindemarkung bildeten. Milly haite das La⸗ ger ihres Stammes zu noch früherer Stunde ver⸗ aſſen, um die Pflanzen und Heilkräuter zu ſammeln, welche ihr Großvater ſie kennen gelehrt Der alte Mann hatte ſie abſichtlich zu dieſem Geſchäft ausgeſchickt, um allein mit ſeinem Gaſte bleiben zu können; auch mochte ihn vielleicht auch noch ein beſſerer Grund geleitet haben. Er hatte nämlich die brennenden Blicke der Bewunderung be⸗ merkt, mit welchen Sir Aubrey das unſchuldige Mäd⸗ chen betrachtete und wollte es verhindern, daß er ſie noch einmal zu Geſicht bekomme. Wenn dieß der Fall war, ſo ſchlug ſeine Liſt gänzlich fehl. Milly hatte den Auftrag, ihren Korb mit Kräu⸗ tern zu füllen, vernachläſſigt, ſie hatte allerlei Feld⸗ blumen geſammelt, von denen ſie die ſchönſten und lieblichſten auswählte, um ihr reiches Haar damit zu ſchmücken; mit den übrigen fing ſie an eine Art von Halsband zu flechten, das ſie, als es fertig war, ihrem Hund— einem mächtigen Bullenbeißer— um den Hals hängte, der ſie gewöhnlich auf ihren Streifereien begleitete; nicht zu ihrem Schutze— denn der Gedanke, daß Jemand ihr etwas zu leid thun könne, kam dem Zigeunermädchen nie in den Sinn— ſondern blos um Geſellſchaft zu haben. Die ſpielenden Anſtrengungen des Thieres, den ungewohnten Schmuck abzuſtreifen, erregten ihre Hei⸗ terkeit, ſie lachte und klatſchte in die Hände, als der ſchwere Fußtritt eines Pferdes auf dem feuchten Bo⸗ den an ihr Ohr ſchlug. Der Hund ließ ein leiſes Knurren hören. Snap!“ rief ſie den Finger erhebend aus, „ruhig!“ Jn nächſten Augenblick kam ihres Großvaters Beſucher herangeritten und zog neben ihr die Zügel 69 an. Einige Sekunden lang verblieb er in ſtill⸗ ſchweigender Betrachtung. Kleopatra in ihrer erſten jungfräulichen Blüthe konnte nicht ſchöner geweſen ſein. Dießmal war der gewandte Wüſtling zu vor⸗ ſichtig, als daß er durch kecke Blicke oder unpaſſende Reden ſie eingeſchüchtert hätte. So kurz auch ſeine Bekanntſchaft mit ihr war, ſo hatte er doch genug bemerkt, um wiſſen zu können, daß dieß nicht der Weg ſei, Milly Moyne für ſich zu gewinnen. „Ich wünſche Ihnen für die Mühe zu danken, die ich Ihnen verurſachte,“ ſprach er,„und möchte gerne ein Geſchenk hinzufügen, wenn ich nicht fütch⸗ tete, daß Sie es zurückweiſen würden.“ „Ich brauche kein Geſchenk,“ verſetzte das Mäd⸗ chen, die Augen zu Boden ſchlagend,„Sie gaben mir ſchon eines geſtern Nacht.“ „Das Sie aber zurückgewieſen haben.“ „Ich meine die freundlichen Worte, die Sie im Zelt an mich richteten,“ bemerkte Milly mit leichtem Lächeln;„die waren mehr werth als Geld. Weder der Großvater noch Martha,“ ſetzte ſie hinzu,„kön⸗ nen mir dieſe nehmen.“ „Sind Sie ſchon lange unter dieſem Volke?“ fragte Sir Aubrey. Das Zigeunermädchen blickte ihn mit einer Miene an, als ob ſie ihn nicht verſtünde. „Nun, ich ſehe, Sie machen ſich über mich luſtig,“ antwortete ſie, nachdem er ihr ſeine Zweifel erklärt hatte, daß er ſie für die Enkeltochter des alten Kee⸗ lan's halte.„Beſitze ich nicht die braune Haut, das ſchwarze Haar und die Augen meines Stammes? Ich bin eine ächte Rumänin,“ fügte ſie bei;„ein 70 Kind der freien Natur, bin unter einem Zelte ge⸗ voren und werde auch unter einem ſolchen ſterben.“ „Das wäre Jammerſchade!“ rief der Baronet aus.„Haben Sie denn gar keine Ahnung davon, daß man viel glücklicher unter den Häuſerbewohnern leben kann— in ſeidene Gewänder gekleidet, unter goldenen Geräthen, unter Lurus und Genüſſen, auf die der Zigeuner ſich niemals Hoffnung machen kann— und vor allem bei Liebe?“ ſetzte er in ei⸗ nem ſo leiſen und flötenden Tone hinzu, daß Milly's Herz davon ergriffen wurde und erzitterte. „Es wäre eine Thorheit für unſer Eines, von Dingen dieſer Art auch nur zu träumen,“ ſagte Milly.„Die Häuſerbewohner ſind mir übrigens nicht ſo fremd, als Sie ſich einbilden; ich habe viele da⸗ von bei Wettrennen und unter unſern Zelten geſe⸗ hen, wohin ſie kommen, um ſich von Martha wahr⸗ ſagen zu laſſen oder um Kräuterkuchen von meinem Großvater zu kaufen. Feine Damen und Herrn,“ fuhr ſie fort,„die mich anſtarrten, als wenn ich ein wildes Thier, anſtatt von Fleiſch und ein Geſchöpf wie ſie ſelbſt wäre.“ „Ich gehöre nicht unter Die, welche ſo denken.“ „Nein, Sie ſprachen liebreich mit mir.“ „Und fühlte noch mehr, als ich ausſprach,“ ſagte der Heuchler.„Ich habe eine Schweſter, Milly, älter als Du; dieſer würde es große Freude machen, Dich zur Geſellſchafterin— zur Freundin zu haben — mit Dir ihr Haus zu theilen.“ „Mit mir! was, ich ſollte die Zelte verlaſſen, bei einem Häuſerbewohner meinen Aufenthalt neh⸗ men?“ 71 „Warum nicht?“ verſetzte Sir Aubrey Fair⸗ clough.„Du würdeſt einem Palaſt zur Zierde ge⸗ reichen. Ich bin überzeugt, daß Du meine Schwe⸗ ſter lieben würdeſt, denn ſie iſt ſo gut und ſo ein⸗ fach. Vielleicht wirſt Du ſie bald zu ſehen bekom⸗ men, denn ſie beabſichtigt die hieſige Gegend zu be⸗ ſuchen. „Nun lebe wohl, ich will Dir nicht abermals ein S anbieten, aber dafür eines von Dir mir erbitten.“ Milly trat aus angeborner Schüchternheit einen Schritt zurück. „Nur die wilde Roſe in Deinem Haar,“ ſetzte er, die Augen feſt auf ſie gerichtet, hinzu. Das Zigeunermädchen nahm, gleich einem armen Vogel, der durch eine Klapperſchlange verwirrt und feſtgebannt worden iſt, gewiſſermaßen ohne zu wiſ⸗ ſen was es that, die Blume langſam herab und gab ſie ihm. Der herzloſe Wüſtling drückte ſie an ſeins Lippen und ritt davon. Ich habe die Saat ausgeworfen, dachte er; die Ernte wird nicht ausbleiben. Als der Baronet aus dem Thalgrunde heraus⸗ ritt, begegnete er Herbert Lacy, der ihn aufmerkſam betrachtete, und unwillkürlich ſtieg in dieſem der Ge⸗ danke auf, daß der wohlberittene Reiter mit den Aben⸗ teuern der vergangenen Nacht in irgend einem Zu⸗ ſammenhange ſtehen könnte. 8 „Wo ich dieſen Mann auch wieder treffen mag, ſo werde ich ihn doch augenblicklich wieder erkennen,“ murmelte der Doktor vor ſich hin;„er hat zwar das Ausſehen und das Benehmen eines Gentleman, aber ſein Geſichtsausdruck gefällt mir nicht und noch weniger tönnte ich mich veranlaßt finden, ihm zu trauen“. Mit dieſer Bemerkung ſetzte er ſeinen Weg wei⸗ ter fort. Es iſt nun Zeit, zu unſern beiden Ausreißern zu⸗ rückzukehren und ihnen auf ihrer Flucht von Rocking⸗ ham Hall zu folgen. Um nicht durch die Stadt paſſiren zu müſſen, was vielleicht gefährlich geweſen wäre, weil ohne Zweifel Nachfragen angeſtellt worden waren und der Vor⸗ ſtand der Schule eine Belohnung ausgeſchrieben hatte, weil er genügende Gründe hatte, die möglichſte An⸗ ſtrengung zu machen, daß ſie nicht nach London ge⸗ langten, machten ſie einen beträchtlichen Umweg und erreichten von der entgegengeſetzten Seite die Haupt⸗ ſtraße, auf welcher ſie raſch weiter ſchritten, bis ſie den erſten Schlagbaum trafen. „Iſt die Poſtkutſche ſchon vorübergekommen?“ rief Oliver dem Wächter zu. „Trifft in zehn Minuten ein,“ verſetzte dieſer. „Haſt Du es gehört, Philipp?“ rief der muthige Jüngling in fröhlichem Tone.„Nur noch zehn Mi⸗ nuten! Nimm Dich zuſammeni Laß den Muth nicht ſinken!“ „Ohne Dich wäre ich zu Grund gegangen,“ ant⸗ wortete ſein Freund. „Zu Grund gegangen! Ha! es lebe der Muth!“ Auf dem Kamm einer ſanft anſteigenden Anhöhe blieben die beiden jungen Leute ſtehen, um hier die Ankunft des Wagens zu erwarten, der bald erſchien; ſein Geſpann lenkte ein derber, feiſter Kutſcher, der, als er die Stelle erreichte, die Pferde parirte, als wenn er weitere Paſſagiere erwartete. „Gibt es Platz für uns?“ fragte Oliver. „Nur herauf!“ Philipp ſtieg zuerſt hinauf und als er ſich oben befand, blickte er ängſtlich der Straße entlang, um ſich zu überzeugen, ob von nirgends her Verfolgung drohe. Außer ihm ſelbſt und dem Conducteur befan⸗ den ſich drei Reiſende auf dem Deck— zwei Matro⸗ ſen, die hinten ſaßen, wovon einer einen Affen bei ſich hatte, der ihn ohne Zweifel nach ſeinem Hei⸗ mathorte begleiten ſollte. Den Bock nahm ein hage⸗ res Frauenzimmer von geziertem Weſen und hoch⸗ rothem Geſichte ein. Als ſein Kamerad ihm nach⸗ folgte, beobachtete ihn der einzige im Innern des Wagens ſitzende Paſſagier, ein bleicher, gallicht aus⸗ ſehender junger Mann mit weißer Halsbinde und in Schwarz gekleidet, verſtohlen durch das Fenſter, in⸗ dem er aber ſorgfältig bemüht war, mit der Hand den untern Theil ſeines Geſichts zu verdecken, wie wenn er gewünſcht hätte, nicht erkannt zu werden. „Wir ſind untergebracht!“ ſagte der Jüngling, ſeinen Sitz einnehmend. Der Kutſcher ſchwang die Peitſche und die Poſt⸗ kutſche rollte ſchwerfällig auf der Straße weiter. „Wohin geht die Reiſe?“ fragte der Kutſcher. „Nach London,“ verſetzten die beiden Knaben. Der Mann verzog beide Mundwinkel und warf dem Frauenzimmer neben ſich auf dem Bock einen eigenthümlichen Blick zu, welche zu kichern anfing. „Nach London iſt es ein weiter Weg,“ bemerkte der Kutſcher. 74 „Und zwiſchen Becher und Lippe gibt es manches Hinderniß,“ ſetzte das Frauenzimmer hinzu. Bei dieſen Worten wechſelten die beiden Flücht⸗ linge ängſtliche Blicke mit einander. Philipp glaubte, es ſei jetzt alles aus mit ihnen, man habe ſie auf⸗ geſpürt und werde ſie mit Gewalt in die Schule zu⸗ rückbringen. Sein Kamerad, obgleich auch deſſen Verdacht rege geworden war, ſchien aber deßhalb doch nicht ſo gänzlich entmuthigt. So jung er war, ſo war er doch feſt entſchloſſen, einige Worte zu ſprechen, ehe er ſich nur ſo ohne Weiteres wieder in die Schule zurückbringen laſſe. „Mir ſcheint es, als wenn es zwiſchen dem Becher und Ihren Lippen nicht gar viele Hinderniſſe gäbe, gute Frau,“ bemerkte er, nicht ſowohl in der Abſicht das Frauenzimmer zu beleidigen, als vielmehr in der Hoffnung, noch mehr aus ihr herauszulocken. Ein halbunterdrücktes kollerndes Lachen des fei⸗ ſten Kutſchers über dieſe anzügliche Rede verdun⸗ kelte die rubinrothe Farbe auf dem Geſicht der Mit⸗ paſſagierin noch mehr, welche jetzt auf ſehr energiſche Weiſe den Griff ihres Schirms— eines großen Exem⸗ plars von Wachstaffet— anfaßte, und dabei eine Miene machte, als wenn ſie feſt entſchloſſen wäre, Oliver Brandreth deſſen ganze Schwere koſten zu laſſen. „Sitzt niemand im Innern,“ fuhr der Jüngling ſcheinbar im Tone des Gleichmuths, den er weit ent⸗ fernt nicht ſich bewahrt hatte, gegen den Kutſcher ge⸗ wendet fort. „Allerdings ſitzt jemand innen,“ rief das Frauenzimmer triumphirend.„Jemand, der Sie und Ihren entlaufenen Kämeraden wieder in die Schule 75 zurückbringen wird, wo, wie ich hoffe, der Vorſteher euch unverſchämte, ſchlecht gezogene Burſche tüchtig die Ruthe zu koſten geben wird, dafür, daß ihr euch herausnehmt, über das Ausſehen einer Dame euch luſtig machen zu wollen. Ich möchte wohl das Ge⸗ ſicht ſehen, mit Ausnahme eines ſo unverſchämten, wie Sie eines haben, das, an einem Morgen wie der heutige, der Luft ausgeſetzt, nicht etwas geröthet würde.“ Vergebens gab ihr der Kutſcher durch Zeichen zu verſtehen, ſtillezuſchweigen; er hätte aber leichter ſeine Pferde im raſchen Laufe damit aufhalten können, denn das Frauenzimmer gehörte offenbar unter die zungenfertigſten ihres Geſchlechts, deren Beredtſamkeit nicht eher ein Ende findet, als bis alles, was ſie auf dem Herzen haben, heraus iſt. Oliver machte keinen Verſuch ſie zu unterbrechen. Er hatte erfahren, was er zu wiſſen wünſchte. J mand aus der Schule ſaß im Innern des Wagens. Es fragte ſich nur, ob es der alte Danby oder ein anderer von den Lehrern war. Um ſich davon zu überzeugen, neigte er ſich plöt⸗ lich über die Seitenlehne des Sitzes hinaus; ein Kopf wurde raſch vom Fenſter zurückgezogen, aber doch nicht eher, als nachdem er ein paar graue, ſtiere Augen erblickt hatte, die ihn ſcharf beobachtet hatten. „Pah!“ rief er in munterem Tone ſeinem Freunde Philipp zu, der gänzlich entmuthigt ſchien;„es iſt nur Tremblet. Ich würde mit zweien wie dieſer iſt, fertig werden.“ Wahrſcheinlich war Mr. Tremblet derſelben An⸗ ſicht, denn er beſchloß, ſich'ganz ruhig zu verhalten, bis die Poſtkutſche die nächte Stadt erreiche, wo er ſich Beiſtand verſchaffen könnte. 1 Sechstes Kapitel. Oliver Brandreth gehörte unter die Knaben, welche ſchon in früher Jugend ſich angewöhnen, jeder Sache ihre praktiſche Seite abzugewinnen; es iſt dieß kein übler Grundfatz, um damit das Leben zu be⸗ ginnen und dem Ende deſſelben zuzuſteuern. Er ſah ein, daß weder der Kutſcher noch die auf dem Bock ſitzende Reiſende, welche er ſchwer beleidigt hatte, ſich als ſeine Freunde bewähren würden und deßhalb be⸗ ſchloß er, nur auf ſich ſelbſt ſich zu verlaſſen. „Philipp,“ flüſterte er,„wir müſſen die Poſtkutſche verlaſſen; es hilft alles nichts. In der nächſten Stadt iſt ſonſt alles aus mit uns. Tremblet allein würde ich nicht fürchten. Sieh' nicht ſo dämiſch drein,“ ſetzte er ungeduldig hinzu;„an was denkſt Du?“ „An Dich,“ verſetzte der junge Menſch mit Thrä⸗ nen in den Augen,„an die Mühe, die ich Dir ver⸗ urſachte, an die Gefahren, denen Du Dich um mei⸗ netwillen ausgeſetzt haſt.“ „Schlag Dir dieß aus dem Sinn,“ verſetzte ſein Freund in ſanfterem Tone.„Dieß macht uns beide nur weichherzig und ich ſage Dir, daß wir unſern gan⸗ zen Muth nöthig haben. Es wäre gar zu ſchlimm, wenn man uns zurücktranßportirte; was würden Vou⸗ les, Clive und die andern Knaben dazu ſagen?“ 77 „Was können wir aber thun?“ fragte ſein Ka⸗ merad in hoffnungsloſem Tone. „Klettere über das Wagendeck,“ antwortete Oli⸗ ver feſt,„und laß Dich hinten hinab.“ „Du denkſt nicht an die Matroſen— an den Conducteur.“ „Ich glaube nicht, daß die Matroſen uns hin⸗ derlich ſein werden,“ ſagte der muthige Jüngling. „Was den Conducteur anbelangt, ſo wollen wir ſehen, was bei ihm mit einem Trinkgeld auszurich⸗ ten iſt; habe keine Angſt und halte Dich feſt an der Rücklehne des Geländers.“ Das etwas gefährliche Unternehmen wurde ohne Unfall ausgeführt. Als die beiden Seeleute bemerk⸗ ten, um was es ſich handle, leiſteten ſie gutmüthig Beiſtand. „Halloh!“ rief der ältere darunter, ein derb aus⸗ ſehender Burſche mit wettergebräuntem Geſichte. „Haben es ſatt, da vorne zu ſitzen?“ Oliver lächelte und, nachdem er wieder zu Athem gekommen, war er eben im Begriff, zuerſt hinabzu⸗ ſteigen, um ſeinem Kameraden Beiſtand zu leiſten, oder wenn er fallen ſollte, ihn aufzufangen, als der Conducteur mit der Erklärung ſich einmiſchte, daß er das Verlaſſen der Kutſche nicht dulden werde. „Was haben Sie für ein Recht mich aufzu⸗ halten?“ fragte der kühne Jüngling mit heraus⸗ forderndem Blicke. „Sie haben Ihr Fahrgeld noch nicht bezahlt.“ Wir ſind bereit, dieſer Pflicht nachzukommen,“ Jüngling nach ſeinem Geld langend. handelt es ſich aber nicht allein,“ ſagte ————— der Mann;„im Innern des Wagens ſitzt ein Herr, deſſen Erlaubniß Sie einholen müſſen. Dieſe Beide ſind aus der Schule weggelaufen,“ ſetzte er gegen die Mitreiſenden gewendet hinzu. „Au!“ rief einer der Matroſen halblaut,„Tau ſchießen laſſen und gekappt, ehe der Anker gelichtet war; Siſt mir nur lieb, daß es ſich um nichts ſchlim⸗ meres handelt. Hol mich der Henker, ich konnte es nie in der Schule aushalten, als ich noch ſo ein kleiner Kerl war! Du gewiß auch nicht, Tom?“ Dieß ſprach er zu ſeinem Freund mit dem Affen. „Lieber hätte ich auf einem Kohlenſchiff gedient,“ antwortete ſein Kamerad, der, offenbar wie er ſelbſt, Matroſe auf einem Kriegsſchiffe war.„Uebrigens muß es auch ſolche Orte geben, denn wo ſollten denn ſonſt unſere Vorgeſetten ihre Gelehrſamkeit herkriegen.“ „Und warum iſt denn das Tau gekappt worden?“ „Weil mein Freund hier von dem Vorſtand der Schule mißhandelt wurde, der ihn, mochte er gefehlt haben oder nicht, in einen kalten feuchten Keller ſperrte, bis alle Knaben in der Schule Schande über ihn riefen. Nach meiner Anſicht hatte er die Abſicht ihn zu tödten.“ „Der ſchurkiſche Landpirat!“ rief die ältere Theer⸗ jacke unwillig.„Iſt es etwa der Kerl, der ſich da unten im Innern des Wagens verkriecht? Der ſoll ſich nur unterſtehen, und ſeinen Schädel auf dem Verdeck ſehen laſſen, dann wollen wir ihm ſchon zei⸗ gen, woher er iſt!“ „Der Herr im Innern des Wagens iſt einer der Vorgeſetzten,“ bemerkte der Conducteur. 79 „Was für ein Vorgeſetzter?“ „Eine Art von Lieutenant, Jack,“ ſagte ſein Ka⸗ merad,„ich wollte nur, wir hätten ihn an Bord des Agamemnon.“ Olivers Geſicht leuchtete vor Freude auf. Es war dieß der Name des Schiffs, das ſein Vater, der Kapitän in der Marine war, kommandirte. „Gehören Sie auf den Agamemnon?“ fragte er haſtig. „Haſt Du es gehört, Tom?“ ſprach der Ma⸗ troſe;„dieſe kleine Porte da will wiſſen, ob ich auf en Agamemnon gehöre! Es fehlt nur noch, daß ich darauf worden wäre, ſonſt brachte ich mein eben darauf zu und hoffe auch darauf zu ſterben.“ „So kennen Sie alſo auch meinen Vater?“ 3 „Kann dieß nicht ſagen.“£ „Kapitän Brandreth,“ ſetzte der Jüngling raſch inzu,„den müſſen Sie kennen, wenn Sie auf den gamemnon gehören.“ „Sind Sie ſein Sohn?“ rief der Matroſe.„Hof⸗ fentlich wollen Sie mir nicht bloß etwas weiß ma⸗ chen, junger Herr? Laſſen Sie ſich einmal genauer beſichtigen. Sie haben ganz den Kopf des Käpitäns, wahrhaftig, ſeine ganze Geſtalt, nur etwas ſchmäch⸗ tiger. Ich bin überzeugt! Der Seelenfänger da un⸗ ten will alſo Sie wieder in die Schule zurückbrin⸗ gen? Er ſoll es nur probiren. Ich hoffe, daß er 63 es probiren wird, dann wollen wir ſchon ſehen, wie es geht, nicht wahr, Tom?“ „Ja wohl,“ ſagte der Mann mit dem Affen. 3 „Wir leiden es nicht, daß dieſer hinter dem Riff 3 lauernde Pirat unter unſern Kanonen dieſe kleine Barke ohne weiteres uns entführt, iſts nicht ſo?“ „Ich möchte es ihm nicht rathen,“ lautete die Antwort. „Haben Sie nie den Kapitän von mir ſprechen hören?“ fragte der ältere Matroſe. Hliver dachte einen Augenblick lang nach und brach dann in ein herzliches Lachen aus. „Sind Sie nicht Jack Spears, der den kleinen Commandanten in einen Brodſack band und dann auf und davon mit ihm nach dem Admiralſchiffe ſchwamm?“ fragte er. „Ganz richtig.“ „Dann hörte ich auch meinen Vater von Ihnen ſprechen,“ verſetzte der Jüngling;„er erzählte die Geſchichte einmal bei einem Rittageſſen, als ich wäh⸗ rend der Vacanz zu Hauſe war.“ „That er dieß?“ ſagte der Matroſe höchlichſt ge⸗ ſchmeichelt.„Es war während des letzten Kriegs. Es ging damals flott her— Grog, ſo viel man nur wollte und Priſengelder genug. Der Herr war damals noch Midſhipman und jetzt iſt er Kapitän; er verdient Admiral zu ſein— er möge lang leben! Wir waren in Weſtindien— verdammt heißes Wet⸗ ter und es gab viel zu thun; wir machten uns aber nichts daraus; der erſte Lieutenant ſagte zu mir, Jack, ſagte er, bring den Franzoſen an Bord des Flaggenſchiffs. Sehr wohl, Euer Ehren, ſagte ich; und h brachte ich ihn hinunter an das Ufer, die Boote waren fort und der Franzmann wole nicht ins Waſſer— wahrſcheinlich war er damit nicht ſo 81 vertraut, wie wir— und ſo ſteckte ich ihn in einen Brodſack und ſchwamm mit ihm hinüber. „Sie hätten das Puſteln und Nießen hören ſol⸗ len, als ich ihn auf das Quarterdeck hinaufſchmiß.“ Eben, als der Matroſe mit ſeiner nichts weniger als ſehr verſtändlichen Erzählung zu Ende war, fuhr die Poſtkutſche vor einem an der Straße gele⸗ genen Wirthshauſe vor, wo die Paſſagiere frühſtücken und die Pferde gewechſelt werden ſollten. „Wollen Euer Ehren auch etwas zu ſich neh⸗ men?“ fragte Jack Spears reſpektvoll an den Hut langend. Oliver zögerte; wahrſcheinlich hielt er es nicht für klug, herabzuſteigen. Der ehrliche Burſche, wahr⸗ ſcheinlich im Glauben, es fehle dem Jüngling an Geld, zog eine Handvoll Silber, darunter aber auch ein paar Souverains heraus und ſteckte das Geld ihm, ohne es zu zählen, in die Taſche. „Darum handelt es ſich nicht, Jack,“ ſagte der Knabe dankerfüllt;„meine Börſe iſt nicht ganz leer. Ich dachte nur— „An den Kerl im Innern; Sie ſind aber unter Bedeckung ganz ſicher.“ Dieß ſprechend ſtieg der Matroſe mit der katzen⸗ artigen Behendigkeit ſeines Gewerbes herab und die beiden Jünglinge folgten ihm ohne Zögern. Nie⸗ mand von den übrigen Mitreiſenden folgte ihnen zum Frühſtück; der arme Philipp, der von Zeit zu Zeit ängſtliche Blicke nach dem Fenſter warf, be⸗ merkte Rr Tremblet in eifriger Unterredung mit dem Wirth und dem Hausknechte. Smith, Milly Mohne. J. 6 Als die beiden jungen Leute nebſt den ihnen auf dem Fuße folgenden Matroſen, das Wirthshaus wie⸗ der verließen, ſtellten ſich ihnen der Schulaufſeher und deſſen Verbündete in den Weg. Er war einer jener äußerſt klugen Männer, die nur gegenüber von dem Schwächern den Muthvollen ſpielen und hatte mit dem Gaſtwirth und dem Hausknechte, welch' letzteren er durch ein Trinkgeld für ſich gewonnen hatte, verabredet, ſie ſollten ſich über Oliver Brand⸗ reth hermachen, während er es mit deſſen Kamera⸗ den aufnehmen wolle. „Habe ich euch gefangen, ihr jungen Herrn, nicht wahr?“ rief er aus, den armen Philipp, der wie ein eingeſchüchterter Vogel in den Klauen eines Geiers zitterte, am Rockkragen faſſend.„Bemächtigt euch des Andern.“ Der Andere legte aber einen ſo großen Wider⸗ willen gegen dieſes Bemächtigen an den Tag, in⸗ dem er dem Gaſtwirth ein paar Fauſtſchläge in ſo raſcher Aufeinanderfolge auf die Geſichtsorgane ver⸗ ſetzte, daß dieſem ſämmtliche Gegenſtände um ihn her vor den Augen zu tanzen anfingen und es ihm vorkam, als wenn zweimal der Blitz bei ihm einge⸗ ſchlagen hätte. „Der junge Bengel,“ murmelte er. Dieſe Bemerkung war zwar nichts weniger als ſehr zarter Art, aber ſie drückte wenigſtens den Re⸗ ſpekt des Gaſtwirths vor Oliver's Mannhaftigkeit aus, eine Anſicht, welche der Hausknecht offenbar ebenfalls theilte, indem er zögerte, zum Angriff zu ſchreiten. „Haſt Du es mit angeſehen Tom?“ rief Spears; 83 „gerade mitten in das Maulſchellengeſicht! Hol mich der Henker, wenn der Kapitän dieß geſehen hätte, ſo wäre er gewiß ſo ſtolz darauf, wie ein neuge⸗ backener Lieutenant, der zum erſtenmal die ſilbernen Treſſen trägt. Warum wollen Sie dieſe Barke über⸗ holen?“ fügte er bei, ſich herausfordernd an Mr. Tremblet wendend. „Mein guter Mann,“ verſetzte der Aufſeher im mildeſten Tone,„dieſe Jünglinge ſind aus Mr. Danby's Lehranſtalt weggelaufen, wo junge Gentle⸗ man im Ueberfluß genährt und mit Sorgfalt zum Lernen angehalten werden.“ „Angehalten,“ unterbrach ihn der Matroſe, das Wort auffaſſend, wie er es verſtand,„ich weiß, daß Sie ihn angehalten haben. Wo haben Sie hiezu Ihren Ausweis?“ „Was meinen Sie damit?“ „Ihre Papiere. So verlangen es die Kriegs⸗ geſetze, wenn man Jemand anhalten will. Nicht wahr, Tom?“ Sein Kamerad nickte bejahend zu. „Papiere,“ wiederholte der verblüffte Schulmann. „Ich beſitze keine Papiere.“ „Ich dachte mir dieß gleich,“ erwiderte der Ma⸗ troſe in verächtlichem Tone.„So ſind Sie nicht ein⸗ mal ein Kaper, ſondern ein gemeiner Seeräuber! Sie Ihren Enterhacken los und packen Sie i „Ich muß Beide mit mir in die Schule zurück⸗ bringen.“ „Zuvor aber noch ein paar Worte,“ ſagte Jack, mit einem eiſernen Griff in Mr. Tremblets Racken, 6 ——— 84 der deſſen ſorgfältig geſtärkte Kravatte in große Un⸗ ordnung brachte.„Das werden Sie bleiben laſſen, das werden Sie bleiben laſſen.“ Der ſchmächtige Schulmann ſchüttelte ſich und nach Luft ſchnappend rief er die Worte:„Konſtabel! zu Hülfe.“ „Kommt herauf auf den Wagen,“ rief der Mann mit dem Affen.„Muth gefaßt, junger Herr; wir wollen das Verdeck rein halten.“ Weder der Kutſcher noch der Conducteur achteten es der Klugheit angemeſſen ſich einzumiſchen; dafür fand aber der unglückliche Schulaufſeher von einer Seite her Unterſtützung, wo er es am wenigſten er⸗ wartet hätte; von der Reiſenden auf dem Bocke nämlich, welche, nachdem ſie zuerſt„Mörder“ geru⸗ fen hatte, aus Leibeskräften mit ihrem Schirm um ſich zu ſchlagen anfing. Dieſe unerwartete Diverſion brachte die Matro⸗ ſen in größere Verlegenheit, als die vereinte Streit⸗ kraft von Tremblet, Gaſtwirth und Hausknecht ſie ihnen verurſacht hatte. Die Galanterie geſtattete ihnen nicht, Hand an ein Frauenzimmer zu legen. Dieſes hatte aber bereits Philipp mit einem amazo⸗ nenartigen Griff gepackt, als Tom zu rechter Zeit ſein Affe einfiel. Er ließ die Leine, an welchem das Thier angebunden war, los, wodurch er dieſem ge⸗ ſtattete, auf die Schulter der alten Jungfer zu ſprin⸗ gen, wo es ſich kreiſchend und zähnefletſchend mit einer wahren Wonne feſtſetzte, als wenn es ihre Angſt verſtände und eine boshafte Freude darüber empfände. 85 „Nehmen Sie ihn weg,— nehmen Sie ihn weg! wie kann es das unflätige Thier wagen? Und ich habe meinen beſten Hut auf!“ „Laſſen Sie zuerſt den jungen Herrn los, Ma⸗ dame,“ verſetzte der Matroſe kältblütig. Die Furcht gewann die Oberhand über ihren Zorn und das heißblütige Frauenzimmer zog ihre Hand von Philipp zurück, der, von Hliver gedrängt, unter deſſen Beiſtand wieder auf ſeinen alten Platz hinten auf den Wagen ſtieg. Sein Freund folgte ihm raſch. Ein letzter verzweiflungsvoller Verſuch, welcher, wie die meiſten verzweiflungsvollen Verſuche, näm⸗ lich mit einer Niederlage endigte, wurde von Mr. Tremblet und deſſen Verbündeten gemacht, um das Entkommen der jungen Leute zu verhindern. Ein Schlag aber, den Jack Spears mit ſeiner rechten Fauſt dem Schulmann verſetzte, warf dieſen rücklings in die Pferdeſchwemme, wo dieſer ganz wahnſinnig fortfuhr um Hülfe zu rufen, bis das ſchmutzige Schlammwaſſer ihn bald zu erſticken drohte. „Die Zeit iſt um!“ rief der Kutſcher, der nebſt dem Conducteur ſich klugerweiſe neutral verhalten hatte.„Kann nicht länger warten.“ „Zugefahren!“ ſagte der Conducteur. Mr. Tremblet, den der Gaſtwirth und der ſchmunzelnde Hausknecht menſchenfreundlich aus der Pferdeſchwemme herausgezogen hatten, machte ein Geſicht, als wenn er keine Luſt hätte, nochmals ein⸗ zuſteigen. Sein Antlitz war weißer als ſeine Cra⸗ vatte in ihrem jetzigen Zuſtand, was ſicher nicht zu verwundern war und er machte ein Geſicht, das wohl kaum weniger Entſetzen ausdrückte, wie das Macbeths, als die Schickſalsſchweſtern auf der Haide plötzlich vor ihm auftauchten. „Ich werde euch gerichtlich belangen,“ brachte er endlich mühſam hervor.„Puh! Ihr habt mir meine Kleider beſchmutzt und—“ „Belangen,“ wiederholte Jack, der das Wort in ſeinem Sinne verſtand;„wenn Sie noch nicht genug haben, ſo können wir ja das Gefecht noch einmal beginnen. Nicht wahr, Tom?“ „Wir ſind gleich bei der Hand,“ verſetzte ſein Kamerad;„und wenn das Frauenzimmer da vornen ſo gut ſein will, meinen Jocko zu halten—“ Die heißblüthige alte Jungfer hatte aber keine Luſt, eine nochmalige Bekanntſchaft mit Jocko zu machen, und drückte ihren Widerwillen gegen dieſe Aufforderung dadurch aus, daß ſie ihren Wachstaffet⸗ ſchirm öffnete und mit ihm, gleich einem Schilde, ihren Rücken deckte. „Führen Sie mich in das Haus,“ ſagte der um ſeine Hoffnungen betrogene Schulaufſeher betrübt. „Ich fühle mich zu unwohl, um weiter fahren zu können.“ „Schon zehn Minuten über die vorgeſchriebene Zeit,“ rief der Conducteur. „Schon recht,“ antwortete der Kutſcher, die Peit⸗ ſche ſchwingend.„Holla— hoh— vorwärts, vor⸗ wärts!“ Als die Poſtkutſche davonfuhr, erhoben die bei⸗ den Matroſen ein herzliches Freudengeſchrei, in wel⸗ ches Oliver Brandreth einſtimmte. Sein Schulka⸗ merad aber war noch zu ſehr beſtürzt und unter 87 dem Einfluß ſeiner Angſt, als daß er ſeine Befrie⸗ digung über das glückliche Entkommen auszudrücken im Stande geweſen wäre. „Dieſer Landpirat,“ rief der ältere Matroſe aus, „wird euch jetzt nicht weiter mehr in eurem Laufe verfolgen. Ich glaube gar, er wollte noch einmal mit mir anbinden. Gott weiß es, Euer kleinen Ehren,“ ſetzte er, an den Sohn ſeines Befehlshabers gewen⸗ det hinzu,„was für eine Freude der Kapitän ge⸗ habt hätte, wenn er geſehen hätte, wie prächtig Sie dem Lümmel mit ihren zehn Fingern in das Geſicht langten.“ „Vielleicht auch nicht,“ ſagte der Conducteur. „Woher wiſſen Sie dieß? Sagen Sie mir Ihre Gründe.“ „Wenige Gentlemen billigen es, wenn ihre Söhne aus der Schule weglaufen,“ bemerkte der Mann trocken. Der joviale Matroſe blickte Oliver an, als ob er von ihm erwartete, daß er auf eine Bemerkung antworten ſollte, die über ſeinen Horizont hinaus⸗ ging. „Achten Sie nicht auf ihn,“ ſagte der Jüngling; „er gehört zu einer Kutſche und nicht zu einem Schiff — kann keine Schaluppe von einer Fregatte, keinen Schlagbaum von einem Maſtbaum unterſcheiden. Was weiß er, was jemand, der mit Leib und Seele Seemann iſt, wie mein Vater, ſagen wird?“ Jack Spears blickte den Conducteur mit einem mitleidsvollen Ausdrucke an, wie wenn es ihm im Grund ſeiner Seele leid thäte, daß es in einem chriſtlichen Land eine ſo graſſe Unwiſſenheit geben tönne. „Iſt es möglich?“ fragte der Mann mit dem Affen, welchem Oliver's Schlußfolgerung ebenſo un⸗ begreiflich vorkam.„Dieſe Leute auf dem feſten Land ſehen auch alles verkehrt an. Sie ſteuern vom Bug des Schiffes,“ fuhr er fort, auf den Kutſcher deutend,„anſtatt vom Stern, und ſtellen gar keine Beobachtung während ihrer Fahrt an. Ich habe ſchon oft gedacht, wie es möglich iſt, daß ſie den Hafen nicht verfehlen.“ „Zufall, Tom,“ bemerkte ſein Kamerad,„der Zufall nimmt ſich ihrer an— er iſt der Steuer⸗ mann der Leute auf dem Lande und unter dieſem Winde fahren ſie. „Wann habt ihr denn das Tau ſchießen laſſen und den Anker gekappt?“ fuhr er gegen die jungen Leute gewendet fort. „Vor zwei Tagen,“ verſetzte Oliver, der ge⸗ wöhnlich für ſich und ſeinen Gefährten Rede und Antwort zu geben gewohnt war. „Und wo habt ihr denn vergangene Nacht eure Hängematte aufgehängt?“ „Zuerſt in einer Scheune.“ „Iſts möglich! Des Kapitäns Sohn in einer Scheune!“ „Wir wurden aber dort geſtört,“ fuhr der Jüng⸗ ling ſchaudernd fort,„und brachten den Reſt der Nacht in Rockingham Hall zu.“ „Wo?“ rief der Conducteur in erſtauntem Tone. Hliver Brandreth wiederholte den Namen des Hauſes noch einmal. 89 „Hoffentlich habt ihr feſt geſchlafen?“ „Sehr feſt,“ verſetzte Philipp Blandfort, erſtaunt über das Schweigen ſeines Freundes;„wenn ich einmal ſchlafe, ſo öffne ich meine Augen nicht mehr bis zum andern Morgen.“ „Dann waret ihr ſehr glücklich,“ verſetzte der Conducteur trocken. Obgleich Oliver Brandreth den Conducteur mit einem für ſeine Jahre ungewöhnlichen Takt ausfragte, ſo konnte er doch hinſichtlich der Halle und deren Be⸗ wohner nichts weiter aus ihm herausbringen. Von den gegenwärtig dort befindlichen Perſonen behauptete er wenig oder gar nichts zu wiſſen. Von ſich ſelbſt ſprach er aber ſehr viel. Er hatte, wie es ſchien, als Waldhüter bei dem Eigenthümer des Herren⸗ hauſes gedient, ehe der Park zu dem Pachtlande ge⸗ ſchlagen und die Wälder und Grundſtücke veräußert worden waren, um den ungeheuern Aufwand beſtrei⸗ ten zu können, den deren Eigenthümer im Auslande machte. „Sie haben ganz Recht, Robert,“ ſagte das Frauenzimmer auf dem Bock, welche der Unterredung zugehört hatte.„Sie müſſen ſeine Neugierde nicht befriedigen. Was braucht ein Junge wie dieſer, von der alten Familie der Vavaſour's etwas zu erfahren. Man muß denen, deren Brod man gegeſſen hat, nie etwas Böſes nachſagen,“ fügte ſie bei. „Wie, Bridget Sharples!“ rief der Conducteur mit einem Blicke des Erſtaunens,„ſind Sie es? Ich glaubte doch Ihr Geſicht zu erkennen, obgleich Sie etwas gealtert haben, ſeit wir vor etwa drei⸗ zehn oder noch mehr Jahren zuſammen gedient ha⸗ Wahrſcheinlich ſind Sie verheirathet,“ ſetzte er inzu. Wridget erklärte glücklicherweiſe ihn verſichern zu können, daß ſie eine ſolche Schwäche und Abgeſchmackt⸗ heit ſich nicht habe zu Schulden kommen laſſen. Sie traue den Männern durchaus nicht und habe nie be⸗ abſichtigt, ihre Unabhängigkeit einem ſo trügeriſchen, hinterliſtigen Geſchlechte zum Opfer zu bringen, das ſie, wie ſie pathetiſch hinzufügte, für nichts anderes, als für ein Geſchlecht von Ungeheuern anſehe. „Sie beabſichtigen doch nicht Ihre Reiſe durchs Leben ganz ohne jedes Geleitſchiff zu machen?“ fragte Jack Spears. „Allerdings beabſichtige ich dieß.“ „Bei meinen Augen, es wäre Jammerſchade—“ „Ich will nun aber einmal nicht,“ unterbrach ihn die gereizte alte Jungfer heftig.„Wie können Sie mich überhaupt nur ſo etwas fragen? Was wollen Sie denn mit Ihren Augen! Was ſollte ich in die⸗ ſen erblicken? Kutſcher, ich ſtelle mich unter Ihren Schutz.“ Der Kutſcher gab ihr durch ein beifälliges Nicken zu verſtehen, daß ſie ſich ganz auf ihn verlaſſen könne. Alle, welche die alte Jungfer gehört hatten, mit Ausnahme von Oliver Brandreth, lachten über ihre buchſtäbliche Auslegung von Jacks Worten, welche, wie wir kaum unſere Leſer zu benachrichtigen nöthig haben, nichts weiter als ein Ausruf waren. Der Jüngling ſchien plötzlich in eine tiefe Träu⸗ merei verfallen zu ſein. Vavaſour war nämlich, wie er wohl wußte, der Familienname ſeiner Mutter, welche unmittelbar nach ſeiner Geburt geſtorben war. 91 Es war ihm ſchon oft befremdend aufgefallen, daß er nie von den Mitgliedern ihrer Familie etwas ge⸗ hört hatte, oder bei denſelben eingeführt worden war; daß weder ſein Vater noch ſeine Tante Mrs. Dalton, eine verwittwete Dame, die ihres Bruders Haushaltung führte, je dieſelben beſuchte. Er ver⸗ muthete, daß irgend ein Geheimniß dahinterſtecke, deſſen Grund zu entdecken er ſehnlichſt wünſchte. Die beiden Ausreißer erreichten London ohne wei⸗ tere Abenteuer und machten ſich, begleitet von den Matroſen, welche darauf beſtanden,„ſie in den Hafen zu geleiten und ſicher vor Anker gehen zu ſehen“ ſo⸗ gleich nach der Wohnung des Kapitän Brandreth in Regents Park auf den Weg. „Ueber was ſinnſt Du denn nach?“ fragte Phi⸗ lipp, der mit Unbehagen den düſtern Ausdruck be⸗ merkte, der ſich auf dem Geſichte ſeines Schulkame⸗ raden kundgab. „Ich dachte an meinen Vater,“ verſetzte Oliver. „Du haſt doch keine Angſt vor ihm?“ „Nein. Dazu liebe ich ihn zu ſehr,“ antwortete der verſtändige Knabe.„Zuweilen iſt er zwar heftig und aufbrauſend, aber niemals ungerecht. Es wäre mir lieb, wenn ich ihn zuerſt allein ſprechen könnte; oder es wäre vielleicht das Beſte,“ fuhr er fort,„wenn ich Jack Spears abſchickte, um durch ihn unſer Kom⸗ men ihm verkündigen zu laſſen.“ Bei dieſem Vorſchlage kratzte ſich der Matroſe am ſo und ſah einen Augenblick lang etwas zweifel⸗ haft aus. „Ich wili gehen,“ rief er aber endlich.„Es iſt nur ein Windchen— vielleicht aber ein ſehr heftiges, aber, hol mich der Henker, für den Sohn eines alten Vorgeſetzten würde ich auch einen Sturm nicht fürchten.“ Siebentes Kapitel. Kapitän Brandreth ſaß in einem Zimmer, das den ganzen Raum eines halbrunden Pavillons ein⸗ nahm, der durch ein Gewächshaus mit ſeiner Villa in Regents Park verbunden war. Derſelbe war offen⸗ bar erſt ſpäter von dem Architekten angefügt worden und zwar mehr der Bequemlichkeit halber, als im Hinblick auf die Symetrie des Gebäudes. Jeder⸗ mann, wer das Gemach betrat, mußte auf den erſten Blick bemerken, daß ſein Bewohner ein Seemann war. An den Wänden hingen Seekarten, Landkar⸗ ten und Pläne, auf welchen ſich die verſchiedenen Syſteme der Schiffsgeſchütze gezeichnet vorfanden, ein Gegenſtand, welcher zu jener Zeit noch ganz unvoll⸗ kommen verſtanden wurde, im Vergleich mit der Voll⸗ endung, zu welcher man es heutzutage gebracht hat. Ueber dem Kamin hing ein altes Bild des Aga⸗ memnon, welches die Bewunderung der Schüler der Vor⸗Raphaelſchen Schule erweckt hätte. Nie hatte wohl ein Künſtler gewiſſenhafter gearbeitet; jedes Tau und jede Sparre war ängſtlich genau dargeſtellt— nicht die geringſte Verzierung fehlte daran, oder be⸗ fand ſich an unrechter Stelle, und ſelbſt der flockigte Schaum der zarten kleinen Wellen, wovon jede ge⸗ nau einen Achtelszoll breit war, in Halbkreiſen um 93 den Bug des Schiffes tanzend, glichen einer wohl⸗ dreſſirten Schafheerde auf einer grünen Wieſe. Die zwei oder drei Wolken, welche gleichſam an dem tief blauen Himmel hinſegelten, ſchienen ebenſo wohlbehäbig. Es war durchaus nichts unſtätes oder flüchtiges an ihnen, ſondern ſie hielten ſich im Ge⸗ gentheil auf die lobenswertheſte Art zuſammen; da war durchaus kein willkürlicher Riß in der Maſſe oder ein Auflöſen in Dunſt bemerkbar, ſondern die Umriſſe waren ſcharf und feſt abgeſondert, ſo daß der Phantaſie auch nicht der mindeſte willkürliche Spielraum blieb. Wo ſie anfingen, fingen ſie eben an, und wo ſie aufhörten, hörten ſie auf. Die Tiſche des Gemachs waren wie die Wände mit Karten und Plänen, dazwiſchen mit Büchern be⸗ deckt— meiſtens Abhandlungen über die Schifffahrt — ferner mit mathematiſchen Inſtrumenten, einem Teleskop und einem Schiffscompaß. Nachdem wir die Kajüte, wie Mrs. Dalton ſchon lange das Eigenthum ihres Bruders getauft hatte, beſchrieben haben, wollen wir auch deſſen Bewohner unſern Leſern vorſtellen. Kapitän Brandreth, obgleich nicht gänzlich frei von dem ſeinem Stande eigenthümlichen Ausſehen, trug aber deßhalb nichtsdeſtoweniger den unverkenn⸗ baren Stempel eines Gentleman an ſich. Die lange Gewohnheit des Befehlens hatte ſeinem Weſen eine gewiſſe Strenge verliehen, und bei einer oberfläch⸗ lichen Bekanntſchaft hielten ihn ſeine Standgenoſſen im Allgemeinen für kalt und abgemeſſen— ein Eindruck, der aber bald verſchwand, indem es in der That wenige Menſchen gab, die gemüthlicherer Natur wie 94 er waren; man mußte nur bei ihm, wie bei den mei⸗ ſten Engländern, zuvor die Schale der Zurückhaltung zerbrochen haben, um dieß gewahr zu werden. Seine Mannſchaft, ſowie ſeine untergebenen Offi⸗ ciere beteten ihren Kapitän völlig an. Gegen die erſtern war er unabänderlich gerecht, er beſtrafte ſie niemals ohne Ueberlegung und ſelbſt auch dann nur mit Bedauern. Gegen die letztern zeigte er ſich freundlich und rückſichtsvoll; nachſichtig gegen ihre Jugendthorheiten, aber ſtreng und mitleidslos, wenn die Ehre bei irgend einem Vergehen auch nur im mindeſten befleckt worden war. In einem ſolchen Fall gab es keine andere Alter⸗ native, als den Agamemnon zu verlaſſen oder ſich dem Ausſpruche eines Kriegsgerichts zu unterwerfen. Der Kapitän war ſeit etwa vier Monaten nach einem zweijährigen Kreuzen in den öſtlichen Gewäſſern nach England zurückgekehrt. Sein Schiff war abge⸗ lohnt worden, um einer gänzlichen Ausbeſſerung un⸗ terworfen zu werden, ehe es ſich der Mittelmeerflotte anſchließen ſollte. Ein Theil der Mannſchaft war aber lieber müßig am Lande zurückgeblieben, als daß ſie ſich unter einen andern Befehlshaber geſtellt hätte. Unter dieſer Zahl befand ſich Spears und Tom, die ſich noch eher bei der Handelsmarine hätten an⸗ werben laſſen,— ein Dienſt, welchen ſie, gleich den meiſten Matroſen, auf's Tiefſte verachteten, als daß ſie ſich an Bord eines andern Schiffes als des Aga⸗ memnon in ihrer Hängematte geſchaukelt hätten.“ „Nun, Jack,“ ſagte der Kapitän, als der Diener den Matroſen in das Zimmer einführte,„ſeid Ihr des Landaufenthalts müde?“ 95 „Sehr müde, Euer Ehren. Ich habe ihn herzlich ſatt. Ich kann Euer Ehren gar nicht ſagen, wie ſehr ich mich danach ſehne, wieder Seewaſſer zu riechen.“ „In einem Monat, Jack,“ bemerkte der Officier, „wird Euer Wunſch in Erfüllung gehen.“ „In einem Monat,“ erwiderte der Mann in ver⸗ drießlichem Tone,„das iſt eine verdammt lange Zeit.“ „Geht es Euch vielleicht hart?“ fragte der Offi⸗ cier lächelnd. Das ſonnenverbrannte Geſicht Jack Spears' flammte vor Röthe bei dieſer Frage. „Ob es mir hart geht!“ wiederholte er.„Ich hoffe Euer Ehren hält mich nicht für einen ſolchen jäm⸗ merlichen Schlucker, daß Sie meinen, ich würde kom⸗ men und meinem Commandanten vorklagen, daß es mir hart gehe. Nein, das iſt gar nicht der Fall— Munition genug in der Taſche.“ Zum Beweis ſeiner Behauptung ſteckte die ehr⸗ liche Theerjacke die Hand in die Taſche und zog dar⸗ aus eine anſehnliche Summe in Souverains und Silber hervor. „Es freut mich zu ſehen, daß ihr vernünftig ge⸗ weſen ſeid.“ „Das iſt noch nicht alles,“ verſetzte ſein Beſucher, indem er ſein ſchwarzſeidenes Halstuch von ſeinem gebräunten Nacken losmachte und auf dem Tiſche ausbreitete.„Sehen Sie hieher, Euer Ehren, zwei fünf⸗ und eine Zehnpfundnote. Außerdem habe ich meine alte Mutter für ſechs Monate mit dem Noth⸗ wendigen verſehen und die Miethe ganz bezahlt. Ich habe ſie in unſerem Dorfe in Yorkſhire beſucht. Hol' mich der Henker, Herr Kapitän, wenn ſie nicht faſt eben ſo gut ausſieht als der ſtattliche Kopf am Aga⸗ memnon. Dem Himmel ſei Dank dafür.“ „Es freut mich dieß zu hören,“ ſagte der Offi⸗ cier, bei welchem Jack ein gewiſſes Vorrecht genoß und zwar nicht allein, weil ſie ſchon ſo viele Jahre zuſammen geſegelt waren, ſondern hauptſ ächlich wegen ſeiner ſeemänniſchen Eigenſchaften, ſeines kaltblütigen Muths und ſeines trockenen Humors. „Danke Ihnen dafür, Euer Ehren,“ verſetzte der Mann;„Sie erſehen alſo daraus, daß ich nicht ſchleichend in irgend einer geheimen Abſicht in die⸗ ſem Breitegrad herumkreuze, ſondern daß ich mit einem Worte im Dienſte bin.“ Kapitän Brandreth ſchloß aus dem Zögern des Mannes, daß irgend etwas Außerordentliches ſich zugetragen haben müſſe. „Heraus damit, Jack!“ rief er aus;„man muß nie laviren, wenn man bequem unter Wind ſegeln kann; das iſt keine ächte Seemanns⸗Art.“ „Siſt auch die meinige nicht, Euer Ehren,“ ver⸗ ſetzte der Matroſe, der ſeiner Rede eine ſeiner un⸗ tergeordneten Sphäre entſprechende Standesfärbung zu geben ſich bemühte.„Wohlan denn, ich und Tom— Euer Ehren erinnern ſich doch noch Tom's— ſchifften uns an Bord einer jener Landbarken ein, die man Kutſche nennt, welche uns nach London bringen ſollte. Tom hatte ſich mir angeſchloſſen, um ſeinen Schatz zu befuchen, der in derſelben Gegend wie meine alte Mutter wohnt. Die Reiſe war bereits faſt zur Hälfte zurückgelegt, als zwei weitere Paſſa⸗ giere an Bord ſich einfanden. Einer darunter war der Sohn von Euer Ehren.“ 97 „Mein Sohn? Unmöglich!“ rief Oliver's Vater. „Ich kann darauf ſchwören,“ ſagte Jack,„es iſt gar kein Irrthum möglich. Ich ſage Euer Ehren, da war ſo eine Art von Landpirate im Innern der Kutſche, den man Schulaufſeher nannte, und welcher die Abſicht hatte, ihn zu überſegeln und wieder in die Schule zurückzubringen. Hol mich der Henker, wenn Sie geſehen hätten, wie Ihr Sprößling die⸗ ſem auswiſchte, es würde Ihnen im innerſten Her⸗ zen wohlgethan haben; dann hätten ſie auch gewiß nicht daran gezweifelt, daß er Ihr Sohn ſei. Wahr⸗ haftig,“ fuhr er fort,„Tom und ich ſind nicht die Leute, welche den Sohn unſeres Kommandanten unter unſern Kanonen wegkapern kaſſen, und ſo ga⸗ ben wir dem Feinde eine Breitſeite, machten ihn kampfunfähig und brachten den jungen Herrn nach London.“ Während dieſer Erzählung färbte ſich das Geſicht des Kapitäns Brandreth bald hochroth, bald wurde es kreideweis. „Wo iſt er?“ fragte er ſtreng. „In offener See, Euer Ehren,“ verſetzte der Matroſe, der bemerkte, daß etwas nicht ganz in der Ordnung ſei,„hol mich der Henker, wenn er nicht—“ „Schickt ihn mir her,“ unterbrach ihn ſein Be⸗ fehlshaber in demſelben ſtrengen Tone. Jack ſchüttelte die gräuliche Locke, welche ihm über die Stirne hing unter dem Kratzfuß, den er machte, ſeitwärts, und machte ſich eilig aus dem Zimmer, um die jungen Leute und ſeinen Kamera⸗ den Tom im Garten aufzuſuchen. Smith, Millo Moyne. I. 7 98 „Wie ſteht es,“ fragte Oliver, der mit Unge⸗ duld ſeine Rückkunft erwartet hatte,„haben Sie meinen Vater geſprochen?“ „Seiner Ehren iſt in ſeiner Kajüte,“ antwortete der Matroſe,„machen Sie ſich auf Windſtöße ge⸗ — es iſt ein Unwetter im Anzuge,“ fügte er ei. Der Knabe ſeufzte und eilte in das Haus. „Nur gemach!“ rief Kapitän Brandreth, als der Jüngling in das Zimmer trat.„Ehe ich Deine Hand faſſe, muß ich erſt überzeugt ſein, daß dieſelbe nicht entehrt iſt— daß kein gemeiner, niedriger, unwür⸗ diger Grund Dich zu dem außerordentlichen Schritt veranlaßt hat, die Schule ohne meine ausdrückliche Erlaubniß zu verlaſſen.“ Thränen verwundeten Stolzes und gekränkter Liebe traten in Oliver's Augen; doch gelang es ihm durch einen energiſchen Willen, dieſelben zu unter⸗ drücken. Er wußte, daß ſein Vater ihn auf's zärt⸗ lichſte und innigſte liebte; der aber aus irgend ei⸗ nem Grunde, aus Argwohn oder in Folge einer firen Idee, die er ſelbſt nie hatte ergründen können, den Gedanken nicht von ſich ferne zu halten ver⸗ mochte, daß ſein Sohn eines Tages ihm Unehre machen werde. „Du ſchweigſt ſtille,“ fuhr ſein Vater bitter fort. „Bin ich keiner Antwort werth?“ „Meine Anweſenheit iſt meine Antwort,“ ver⸗ ſetzte der Knabe achtungsvoll aber betrübt.„Glau⸗ ben Sie, ich würde Muth genug beſeſſen haben, mich Ihnen gegenüber zu ſtellen und Ihnen meine Hand entgegenzuſtrecken, wenn ich durch Wort oder 99 That— geſchweige gar durch eine Handlung— Ihren Argwohn verdient hätte? Ich verließ die Schule, nicht wegen meiner, denn ich hatte mich über nichts zu beklagen, ſondern um des armen Philipp Blandford willen, des Sohnes Ihres alten Freundes und Schiffskameraden, der vor zehn Jah⸗ ren in Indien geſtorben iſt, weil dieſer von dem Vorſteher ſchlecht und grauſam behandelt wurde. Sie hielten ihn in einem kalten feuchten Keller ein⸗ geſperrt, bis zuletzt der Unwille der ganzen Schule darüber rege geworden war! Es beſtand eine Ver⸗ abredung zwiſchen ſeinem Stiefvater, Sir Aubrey Fairclough und Mr. Danby, ihn zu ermorden— wahrſcheinlich um ſeines Vermögens willen. In dem Briefe ſteht wenigſtens etwas von Geld.“ „In was für einem Briefe?“ fragte ſein Vater mild, dem ſein Herz bereits Vorwürfe über ſeine grundloſen Zweifel machte. „Einen, den Sir Aubrey durch ein Mißverſtänd⸗ uiß an Philipp ſtatt an den Schulvorſtand abſchickte. Hier iſt er. Leſen Sie ihn und urtheilen Sie ſelbſt, ob ich unwürdig gehandelt habe. Sie ſchrieben mir einſt,“ fuhr der Jüngling fort,„freundlich gegen den armen Philipp zu ſein— ihn wie einen Bruder zu lieben; und ſo— befreite— ich— ihn aus dem Keller, lief mit ihm davon und brachte ihn mit mir nach Hauſe in der Vorausſetzung, daß Sie daſſelbe für ſeinen Vater gethan haben würden, als Sie noch mit ihm in die Schule gingen.“ „Mein Sohn! mein edelherziger Sohn!“ rief Kapitän Brandreth, Oliver an ſein Herz drückend, wergib mir den Schmerz, den ich Dir verurſacht 7 3 100 habe. Ich war nicht immer ein ſo argwöhniſcher, von Befürchtungen geplagter Menſch, als welchen Du mich jetzt kennſt. Ich will aber dieſe Untugend aus meinem Herzen ausrotten, die unſeligen Zwei⸗ fel aus meinem Gemüth verbannen. Von dieſer Stunde an ſoll Vertrauen— vollkommenes Ver⸗ trauen zwiſchen uns herrſchen.“ Sein Sohn verſuchte unter ſeinen Thränen zu lächeln, welche zuletzt zu träufeln angefangen hatten; aber ſein Beſtreben wollte ihm nicht gelingen. Es war nicht das erſtemal, daß er ein Verſprechen die⸗ ſer Art vernommen hatte. „Und wo iſt denn Dein Gefährte?“ fragte ſein Vater. „Im Garten bei den beiden Matroſen. Ich hielt es für das Beſte, Sie zuerſt allein zu ſprechen.“ Dieſe Worte ſollten keine Anſpielung auf den ungerechten Verdacht ſein, aber ſie trafen den Ka⸗ pitän nichts deſto weniger als eine ſolche und tru⸗ gen dazu bei, die Bitterkeit ſeiner Selbſtvorwürfe zu vermehren. „Wir wollen ihn aufſuchen,“ verſetzte er die Hand liebevoll auf ſeines Sohnes Schultern legend,„wir wollen ihn aufſuchen.“ „Alles in Ordnung und günſtiger Wind im An⸗ zuge,“ rief Jack Spears, als er die veränderten Ge⸗ ſichtszüge ſeines Kommandanten gewahrte.„Der Sturm iſt gänzlich vorüber. Ich ſage Dir, Tom, er war nicht unbedeutend und man durfte ſich wohl vorſehen, aber das kleine ſchmucke Boot hat ſich glücklich durchgearbeitet.“ * 101 Es war nicht möglich Jemand mit freundlicheren und ſanfteren Worten zu begrüßen, als der Kapitän den Sohn ſeines alten Freundes willkommen hieß, der die ganze Zeit über unter Zweifeln und Zittern die Rückkehr ſeines Schulkameraden abgewartet hatte. Er war von Natur aus ſchüchtern und in ſich zu⸗ rückgezogen. Die Behandlung, welche ihm zu Theil geworden war, hatte das wenige Selbſtvertrauen, das er einſt beſeſſen, gänzlich niedergedrückt. „Hliver hat mir alles mitgetheilt,“ ſagte der Ka⸗ pitän.„Sie hatten ganz recht, dieſer grauſamen Behandlung zu entfliehen. Ich billige das Beneh⸗ men meines Sohnes in jeder Hinſicht.“ Ich möchte wohl wiſſen, ob er auch etwas von dem Niederſchießen des Zigeuners weiß, dachte Philipp. „Kommen Sie mit mir in das Haus,“ fuhr der Kapitän fort,„es ſoll Ihre Heimath ſein, bis ich mit Ihrem Vormund mich in's Vernehmen geſetzt habe und die Sache gehörig geordnet iſt.“ „Sie haben noch nichts von unſern Abenteuern gehört, die wir nach unſerem Weglaufen zu beſtehen hatten,“ bemerkte Hliver. Sein Vater lächelte, im Glauben er ſpiele auf den Auftritt mit dem Schulaufſeher an, dem er durchaus keine ernſtliche Bedeutung beizulegen ver⸗ mochte. „Euer Ehren ſind alſo wirklich auf die jungen Herrn nicht böſe,“ rief der ältere Matroſe, dem es dabei ganz wohl um's Herz zu werden ſchien. „Nicht im Mindeſten, Jack.“ „Hurrah! Und noch einmal Hurrah! Wenn Euer Ehren ihn nur geſehen hätten, es wäre Ihnen das Herz gerade ſo aufgegangen wie mir. Eins— Zwei — gerade wie eine Kugel aus dem Rohr einer der Kanonen des Agamemnon, mitten in das Geſicht des heilloſen Lümmels— Piff! Paff!“ Zur Verſinnlichung ſeiner Beſchreibung ſchlug der Matroſe ſeine geballte Fauſt, womit er einen Ochſen hätte fällen können, in die Fläche ſeiner linken Hand, die er wie einen Schild ausſtreckte, um damit den Schlag aufzufangen. Der Kapitän begab ſich mit den beiden jungen Leuten in das Haus, die zwei Matroſen in die Küche, wohin ihr Kommandant den Befehl ergehen ließ, daß man ſie über Nacht mit allem auf's Reichlichſte ver⸗ ſehen ſolle. Beim Eintreten in das Beſuchzimmer konnte Philipp Blandford nicht umhin die liebevolle Weiſe, mit der Mrs. Dalton ſeinen Kameraden aufnahm, mit der Kälte, wenn nicht gar Gleichgültigkeit, zu vergleichen, mit welcher Lady Fairclough ihn ſeit ihrer Vermählung mit Sir Aubrey behandelte; und doch war Mrs. Dalton nur Oliver's Tante, wäh⸗ rend Lady Fairclough ſeine leibliche Mutter war. „Warum haſt Du mir denn gar nicht geſchrie⸗ ben, lieber Junge?“ fragte dieſe Dame ihren Nef⸗ fen küſſend,„wie ſchmerzlich iſt mir der bloſe Ge⸗ danke an das, was Du durchgemacht haben mußt.“ Che der junge Mann zu antworten vermochte, kam ein reizendes Mädchen von etwa fünf Jahren, der Mrs. Dalton einziges Kind, in's Zimmer ge⸗ hüpft. Sie hatte ihres Vetters Rückkunft erfahren und war ihrer Gouvernante davon gelaufen, um ihn zu ſehen. „Hliver! lieber Oliver!“ rief das kleine zaube⸗ riſche Weſen, indem es in ſeine Arme ſprang und ihren Kopf an ſeine Schultern legte.„Ich bin ſo froh, daß Du wieder zu Hauſe biſt. Mademdiſelle wollte durchaus, ich ſolle zu Bette gehen, ohne Dich zu ſehen, aber dann hätte ich gar nicht ſchlafen kön⸗ nen. Wenn ich daran denke, fuhr es in die Hände klatſchend und lachend fort,„daß die Vacanz kommt. Ich bin ſo glücklich. Der Hniel hat mir ein paar prächtige Tauben geſchenkt, Du ſollſt eine davon haben. Und meine Puppe iſt ſo hübſch geworden, daß Du ſie gar nicht wieder erkennen würdeſt; nicht wahr, Mama?“ „Schwerlich,“ verſetzte ihre Mutter lächelnd. „Wer iſt dieß?“ fragte das Kind, auf Philipp deutend. „Dieſer junge Herr iſt Deines Vetters Freund und Schulkamerad, Iſabella,“ antwortete ihr Onkel; „aber Du mußt jetzt nicht weiter mehr fragen. Sie ſind weit gereist, ſind ermüdet, und wahrſcheinlich auch ſehr hungrig.“ „Hungrig!“ wiederholte das kleine Geſchöpf,„und ich habe all' meinen Kuchen gegeſſen, das thut mir ſehr leid.“ „Sie müſſen etwas Kräftigeres als Kuchen ha⸗ ben,“ bemerkte Mrs. Dalton,„und hier bringt man es ſchon.“ Die beiden Ausreißer thaten dem Mahle, das der Diener ihnen vorſetzte, alle Ehre an. Sobald ſie damit zu Ende waren, drang die wohlmeinende Frau in ſie, ſich zur Ruhe zu begeben. „Aber Sie haben ja noch gar nicht vernommen, Tante, weßhalb wir aus der Schule weggelaufen ſind,“ ſagte Oliver,„und ich möchte um keinen Preis der Welt, daß Sie mich falſch beurtheilen.“ „Dein Vater wird es mir mittheilen,“ verſetzte die Dame.„Ich bin feſt überzeugt, daß Du ohne ernſthaften Grund einen ſolchen Schritt nicht gethan haſt; ich bin deßhalb über dieſen Punkt gänzlich be⸗ ruhigt.“ Der Jüngling betrachtete ſie mit liebevoller Dank⸗ barkeit und wünſchte im Stillen, daß ſein Vater ihm eben ſo viel Vertrauen gezeigt haben möchte. „Wie gerne möchte ich auch der Mademoiſelle da⸗ von laufen,“ rief Iſabella aus. „Und mich verlaſſen?“ ſagte ihre Mutter ver⸗ weiſend. Das Kind lief auf ſie zu, ſchlang ſeinen Arm um ihren Nacken und küßte ſie. „Ich wollte, wir könnten alle von ihr davon lau⸗ fen, Mama. Sie, der Onkel, Oliver.“ Offenbar war die franzöſiſche Gouvernante bei ihrem Zöglinge nicht beliebt, der endlich einwilligte, wieder zurückzukehren, nachdem man ihm verſprochen, mit der Familie anſtatt im Kinderzimmer am folgen⸗ den Morgen frühſtücken zu dürfen. Obgleich Kapitän Brandreth begreiflicher Weiſe gerne noch Weiteres von den Abenteuern ſeines Soh⸗ nes vernommen hätte, ſo unterdrückte er doch auf's Entſchiedenſte dieſen Wunſch und ſagte ihm, er ſolle ſich zur Ruhe niederlegen. 105 „Dein Vertrauen in den Knaben iſt ganz merk⸗ würdig,“ bemerkte er gegen ſeine Schweſter, als er mit ihr allein war.„Du haſt auch nicht den gering⸗ ſten Zweifel, fühlſt keine Unruhe.“ „Nicht im mindeſten,“ antwortete Mrs. Dalton, welche die ſixe Idee, die ihres Bruders Geiſt quälte, vollkommen kennend, ſtets in einer Weiſe ſich aus⸗ ſprach, um ihn davon zurückzubringen;„mein Reffe wird dem Namen, den er trägt, nie Schande machen. Iſt er nicht die Wahrheitsliebe ſelbſt?“ fügte ſie bei. „Iſt er nicht die Ehre ſelbſt?“ „Für jetzt glaube ich— hoffe ich dieß.“ „Georg, Du biſt ungerecht,“ rief ſeine Schweſter warm.„Ein ſolcher Verdacht ſteht dem Wahnſinn näher als der Vernunft. Ich habe Oliver ſeit ſeiner früheſten Jugend mit weiblichem Takt, ja mit faſt mütterlicher Zärtlichkeit überwacht, und habe nie einen Gedanken oder ein Gefühl an ihm entdeckt, wodurch er ſich erniedrigt hätte. Durch das Spielen mit der Liebe Deines Sohnes ſpielſt Du mit Deinem eige⸗ nen Glück.“ „Die ſchlimme Saat der Unehre ſteckt in ſeiner Katur,“ murmelte Kapitän Brandreth;„es bedarf für ſie nur des Aufgehens der heißen Sonne des Mannesalters und der Leidenſchaft, um ſie zur Blüthe und zum Hervorbringen ihrer bittern Frucht zu trei⸗ ben. Haſt Du vergeſſen, was ſeine Mutter war?“ ſetzte er düſter hinzu. „Arme Adelaide,“ ſeufzte Mrs. Dalton;„ich wünſchte, ich wäre in England geweſen, als—“ „Ich glaube gar,“ unterbrach ſie ihr Bruder lei⸗ denſchaftlich,„Du willſt ſie rechtfertigen.“ „Ich meinte, wir ſeien übereingekommen, nicht mehr über dieſen Gegenſtand zu ſprechen,“ bemerkte ſeine Schweſter mild.„Georg, ich kann nicht gegen meiné Ueberzeugung ſprechen. Du haſt unrecht, ſehr unrecht gegen Deine unglückliche Gattin gehandelt. Anſtatt ſie mit Vorwürfen zu überhäufen, ſie aus Deiner Nähe zu verweiſen und von ihrem Kinde zu trennen, wäre es Deine Pflicht geweſen, ihr Schutz zu gewähren und ſie zu vertheidigen.“ „Sie entfloh,“ ſtöhnte der Kapitän,„aus dem Hauſe, das ſie entehrt hatte. Welche weitere Beweiſe für ihre Schuld verlangſt Du? Wurden nicht die elenden Schmuckgegenſtände in ihrem Kleiderſchrank gefunden?“ „So hörte ich.“ „Und weigerte ſich nicht der Juwelier Hawes aus Achtung vor meinem Namen und meiner Fami⸗ lie ſo gerichtlich zu verfolgen?“ „Er machte die Anklage offenkundig ge⸗ nug,“ bemerkte Mrs. Dalton mit Betonung.„Wäre ich ihr Gatte, ſo hätte ich die Sache gerichtlich an⸗ hängig gemacht.“ „Und dadurch ein nicht zu verwiſchendes Brand⸗ mal auf die Ehre und den Namen Brandreth ge⸗ drückt,“ rief ihr Bruder aus.„Ich kann Deine Gleichgültigkeit über dieſen Vorfall begreifen,“ ſetzte er hinzu,„Du führſt ja dieſen Namen nicht mehr.“ „Aber ich bin eben ſo ſtolz darauf, wie Du auch,“ verſetzte die warm fühlende Frau.„Beurtheile mich 107 nicht falſch. Ich wollte Balſam auf Deine Wunden gießen, nicht dieſelben ſchmerzhaft berühren. Laſſe mich nicht einen Bruder verlieren, indem ich deſſen Sohn gegen einen ungerechten Verdacht vertheidige. Oliver wenigſtens hat dem Namen, den er trägt, keine Unehre gemacht.“ 3 „Vergib mir,“ rief der unglückliche Mann.„Wenn Du wüßteſt, wie hart es iſt, die Laſt unverdienter Schmach zu tragen oder den Finger der Gering⸗ ſchätzung auf ſich gerichtet zu ſehen; die Ueberzeugung in ſich zu haben, daß ſelbſt der geringſte Diener, der hinter unſerem Stuhle ſteht, mit ſeinem Kameraden über unſere Schande ſich beſpricht, den Blick von Auge zu Auge gewahren zu müſſen, wenn unſer Name in Gegenwart von Leuten unſeres Standes genannt wird, ſo würdeſt Du eher Mitleid mit mir fühlen, als mich tadeln.“ „Das iſt kein geſundes, ſondern ein krankhaftes Ehrgefühl, Georg,“ bemerkte ſeine Schweſter.„Ich bemitleide Dich nur um ſo mehr, daß Dir der Glaube an Dein eigenes Kind fehlt; an das Weſen, das ſo ganz Dein Ebenbild iſt; denn man wird ſelten einen Sohn finden, welcher mehr ſeinem Vater gleicht, als Oliver Dir.“ „In Zukunft wird es vielleicht der Fall ſein.“ „Was Herz und Geiſt und Liebe zur Wahrheit betrifft,“ ſetzte die Tante hinzu.„Wie edel hat er gegen ſeinen jungen Schulkameraden gehandelt?“ „Ja; in dieſem ſpeciellen Fall allerdings.“ „Schon wieder!“ rief Mrs. Dalton.„Georg, Du biſt unverbeſſerlich.“ „Gute Nacht!“ ſagte ihr Bruder.„Du biſt ein 108 geſchickter Advocat und haſt mich beinahe überzeugt, daß meine Furcht nur eingebildet iſt.“ „Ich wollte, ich könnte Dich völlig überzeugen,“ verſetzte ſeine Schweſter.„Gute Nacht!“ Achtes Kapitel. Kapitän Brandreth fand ſich am folgenden Mor⸗ gen mit ruhiger, wolkenloſer Stirne beim Frühſtück ein; alle Spuren der Aufregung vom vorhergehen⸗ den Abend waren verſchwunden. In dem Tone, in welchem er ſeinen Sohn anredete, zeigte ſich ein Ge⸗ fühl, das man faſt weibliche Zärtlichkeit hätte nennen können, was bewies, daß ſein Geiſt wieder in einem geſunden Zuſtande ſich befand, und Oliver fing an ſich der Hoffnung hinzugeben, daß ſein Herz niemals wieder durch ungerechten Verdacht ſeines Vaters ver⸗ letzt werden würde. „Spute Dich!“ rief Iſabella ungeduldig.„Ich möchte Dir gerne meine Tauben zeigen. Du ſollſt ſie auch zu ſehen bekommen!“ ſetzte ſie gegen Philipp Blandford gewendet hinzu.„Ich werde Dich gewiß auch noch lieb gewinnen. Ich mag jeden, der Oli⸗ ver gern hat. Nicht wahr, Mama?“ „Gedulde Dich!“ ſagte Mrs. Dalton;„Du ver⸗ gißt ganz, daß Dein Vetter ſeinen Papa ſeit Mo⸗ naten nicht geſehen hat— Du mußt nicht ſo ſelbſt⸗ ſüchtig ſein.“ 109 „Was iſt ſelbſtſüchtig?“ „Wenn wir nur unſer eigenes Vergnügen und was uns angenehm iſt, im Auge haben, ohne dabei an die Wünſche Anderer zu denken. Das iſt eine Form der Selbſtſucht.“ „Ich verſtehe!“ rief das Kind raſch.„Gerade wie Mademoiſelle.“ „Pfui, Iſabella! Du mußt nicht auf eine ſolche Weiſe von Deiner Gouvernante ſprechen.“ „Auch wenn es wahr iſt, Mama?“ Selbſt die Unſchuld der Kinder ſetzt häufig in Verlegenheit. Weder Kapitän Brandreth noch deſſen Schweſter wußten, was ſie darauf antworten ſollten. Beiden war es ſchon zu wiederholten Malen höchlichſt aufgefallen, daß Iſabella die Franzöſin durchaus nicht leiden mochte, die ſchon ſeit ſo vielen Jahren in der Familie lebte und deren Vertrauen beſaß. Ob ſie es verdiente oder nicht, vermag allein die Zeit zu entſcheiden. Eines war aber wenigſtens gewiß, näm⸗ lich, daß Mademoiſelle Marelle großen Takt und Verſtand beſaß. Wir unſers Theils geſtehen, ein großes Vorur⸗ theil gegen diejenigen Perſonen zu hegen, die nur Verſtand beſitzen. Es gibt nach unſerer Anſicht nichts Aermlicheres als Verſtand ohne Herz. Es gleicht dieß der Frucht, welche am Ufer des todten Meeres wächſt— ſie iſt verlockend für das Auge und ſchmeckt nach Aſche. Oliver's Vater vernahm nicht ohne einen gewiſſen Stolz den Bericht ſeines Sohnes von deſſen Aben⸗ teuer in der Scheune— wie er nach dem Zigeuner 110 geſchoſſen, um die umherirrende Mutter und deren Kind vor roher Gewaltthat zu ſchützen.“ „Die Sache muß unterſucht werden,“ ſprach er; „Du haſt aber nichts zu befürchten, ſelbſt wenn Du ihn getödtet hätteſt.“ „Ich werde nie die Folgen von irgend einer mei⸗ ner Handlungen fürchten,“ verſetzte der muthige Jüng⸗ ling,„ſo lange mir mein Herz ſagt, daß ich recht daran gethan habe. Der Burſche wurde aber nur an der Wange verwundet, ſo ſagte mir wenigſtens der Herr.“ „Was für ein Herr?“ „Derſelbe, in deſſen Hauſe wir die Nacht zu⸗ brachten.“ Einen Umſtand hätte aber unſer Held doch gern in ſeiner Erzählung verſchwiegen— die geheimniß⸗ volle Erſcheinung, welche ihn in dem einſamen Zim⸗ mer in Rockingham Hall ſo erſchreckt hatte— er wi⸗ derſtand aber der Verſuchung, obgleich er wohl wußte, daß weder ſein Vater noch ſeine Tante der überna⸗ türlichen Erſcheinung den mindeſten Glauben beimeſſen würden. „Ein Traum, mein lieber Junge,“ ſagte der Ka⸗ pitän;„oder die Folge einer überreizten Einbildungs⸗ kraft. Täuſchungen dieſer Art ſind keineswegs un⸗ gewöhnlich, begnüge Dich mit meiner Erklärung die⸗ ſes Umſtandes und ſchlage Dir die Sache aus dem Sinn.“ Oliver ſchwieg zwar ſtille, ohne aber deßhalb überzeugt worden zu ſein. Obgleich er in einem behaglichen Zimmer ſaß, umgeben von denen, welche ihm auf Erden am Theuerſten waren, konnte er doch 111 die Ueberzeugung nicht los werden, daß er die Er⸗ ſcheinung in Wirklichkeit geſehen habe. „Ich begreife übrigens Deine Flucht aus dem Hauſe unter dieſen Eindrücken,“ fuhr ſein Vater fort, „und ich werde an den Herrn, der euch ſo freund⸗ liches Obdach gewährte, ſchreiben und ihn zugleich um Entſchuldigung bitten. Wie heißt er denn?“ „Ich weiß es nicht.“ „Kennſt Du auch ſeine Adreſſe nicht?“ „O ja,— er wohnt in Rockingham Hall.“ Bruder und Schweſter wechſelten einen Blick der Ueberraſchung. „Es gehörte einſt den Vavaſſour's, glaube ich,“ bemerkte Oliver. „Ja „Und der Name meiner Mutter war Vavaſſour.“ Kapitän Brandreth ſtand von ſeinem Stuhle auf und verließ das Zimmer. „Iſt Dein Vater erzürnt?“ flüſterte Philipp. „Ich hoffe nicht,“ antwortete ſein Schulkamerad; „ich bin übrigens nicht ganz ſicher, ob ich ihn recht verſtanden habe.“ „Dein Vater iſt nicht erzürnt,“ ſagte Mrs. Dal⸗ ton, ihren Neffen bei Seite nehmend;„im Gegen⸗ theil, ich bin überzeugt, daß er mit Deinem Beneh⸗ men zufrieden und ſtolz darauf iſt. Aber Du thateſt ihm dadurch wehe, daß Du von Deiner armen Mutter geſprochen haſt. Er hat ſich von dem Schlag ihres Verluſtes noch nicht erholt.“ „Liebte er ſie denn?“ fragte Oliver. „Leidenſchaftlich, auf's innigſte,“ verſetzte die Tante, bemüht dem Geſpräch eine andere Wendung 112 zu geben,„ſelbſt ich wage es kaum, in ſeiner Ge⸗ genwart auf ſie anzuſpielen. Wie Du ſiehſt, ſo greift ihn der Gegenſtand ganz außerordentlich an.“ „Aber mit Ihnen darf ich doch von ihr ſprechen!“ rief der junge Menſch bewegt.„Ich kann Ihnen gar nicht ſagen, wie tief mich das Stillſchweigen ſchmerzt, das ſeit meiner Kindheit hinſichtlich meiner Mutter gegen mich beobachtet worden iſt. Sie kön⸗ nen ſie mir beſchreiben— ihr Ausſehen— ihre Stimme. Ich bin überzeugt, daß ſie gut und ſehr ſchön geweſen iſt. Wie ſehr würde ich ſie lieben, wenn ſie noch am Leben wäre!“ „Wir wollen von ihr ſprechen,“ bemerkte die wohlmeinende Frau ihn küſſend,„ein andermal; und wenn Du verſprichſt recht brav zu ſein, ſo zeige ich Dir vielleicht einmal ihr Miniaturbild. Geh' nun mit Iſabella,“ fügte ſie bei,„ihre Lieblinge zu be⸗ ſuchen; der Wagen wird bald vorfahren und ich habe mich anzukleiden, um der Lady Fairelough ei⸗ nen Beſuch zu machen, welche ohne Zweifel um ih⸗ ren Sohn in großer Angſt und Betrübniß ſich be⸗ finden wird.“ „Das fürchte ich nicht,“ bemerkte ihr Neffe. Können Sie es glauben? Sie gab nie eine Ant⸗ wort auf die Briefe, die Philipp ihr ſchrieb, und in welchen er ſich über die Behandlungsweiſe des alten Danby beklagte; es that ihm dieß weher, als alle die Mißhandlungen, welche der arme Junge zu er⸗ dulden hatte.“ Während Mrs. Dalton bei ihrer Toilette be⸗ ſchäftigt iſt, und die beiden Ausreißer mit Iſabella deren Tauben beſuchen, wollen wir unſere Leſer mit 113 der Mutter Philipp Blandford's bekannt machen. Seinen Stiefvater Sir Aubrey kennen dieſelben bereits. Lady Fairclough war die einzige Tochter eines weſtindiſchen Pflanzers, Namens Compton, aus der Ehe mit einer ſpaniſchen Dame, die, oder vielmehr deren große Ländereien auf der Inſel Trinidad der kluge Mann geheirathet hatte. Gleich den meiſten Creolinnen beſaß die junge Erbin ein ſehr feuriges, reizbares Temperament, eine Miſchung von dem träumeriſchen Weſen des ſonni⸗ gen Südens und der Energie der ſächſiſchen Abſtam⸗ mung ihres Vaters. Sie war ganz dazu geſchaffen, ſich ein Ideal nach der Phantaſie ihres Herzens zu ſchaffen und daſſelbe mit ihrer ganzen leidenſchaftli⸗ chen Devotion zu verehren. Daſſelbe Jahr, in welchem die ſchöne Miſtreß Blandford Braut geworden war, war ſie auch Wittwe und Mutter geworden. Eine Zeitlang gab ſie ſich ganz ihrer Verzweiflung hin, ſo heftig war ihr Schmerz. Sie zog ſich von der Welt gänzlich zu⸗ rück und erklärte entſchieden, daß ſie ſich nie wieder vermählen werde. Die Geſchichte der Wittwe von Epheſus iſt ſehr alt; aber ſeit dieſer Zeit ſind täglich derartige Ge⸗ lübde ausgeſprochen und gebrochen worden. Doch wir eilen den Ereigniſſen in unſerer Er⸗ zählung voraus. Zur Ehre der Dame müſſen wir ſagen, daß Jahre über ihren Verluſt hingingen, ehe ſie wieder Gattin wurde. Der kleine Philipp wurde der Liebling ſeines Smith, Milly Mohne. 1. 8 114 Großvaters. Der Knabe war nach ihm genannt worden, und als der alte Mann ſtarb, ſetzte er ihn zum Univerſalerben ſeines ganzen Vermögens ein, indem er ſeiner Tochter nur eine Leibrente daraus zuſicherte. Dieß war nicht viel, in Betracht der Ju⸗ gend der Wittwe und der Wahrſcheinlichkeit, daß ſie ſich wieder vermählen würde. Die Vormundſchaft über dieſes ungeheure Ver⸗ mögen wurde von dem Pflanzer ſeinem Vetter, einem Cokonialwaarenhändler in Mincing⸗lane übertragen. John Compton war nicht wie ſein glücklicher Verwandter plötzlich zu Reichthum gelangt, ſondern hatte ſich ſein Vermögen durch lang anhaltende Ar⸗ beitſamkeit und Fleiß— durch ſorgfältige Benützung der Conjuncturen, glücklich Speculationen und ſtrenge Sparſamkeit erworben. Wie viele Menſchen in ſei⸗ ner Lage ſo hatte auch er ſeine Laufbahn mit der Hoffnung begonnen, ſpäter eine Familie gründen zu können; aber es war ihm wie ſo vielen Andern er⸗ gangen, die wie er niemals Zeit fanden, irgendwo den Hof zu machen, geſchweige denn als Freiwerber aufzutreten. Endlich, als er dieſen Punkt ernſtlicher in's Ge⸗ ſicht zu faſſen anfing, fand er, daß er zu alt ſei in eine neue Speculation dieſer Art ſich einzulaſſen. Seine Geſchmacksrichtung und ſeine Gewohnheiten waren bei ihm bereits zu feſt eingewurzelt, als daß ſie ihn nicht zu einer einſamen alten Junggeſellen⸗ ſchaft verurtheilt hätten. Obgleich von etwas excentriſchem Weſen, ſo wol⸗ len wir uns doch nicht bei dieſer Eigenſchaft von ihm aufhalten. Es genügt zu wiſſen, daß der reiche Makler ein wohlwollender und ehrenwerther Mann war. Die ihm übertragene Vormundſchaft nahm er zwar nicht ohne Bedenken an, ſtand ihr aber ge⸗ wiſſenhaft vor, und fing bald an für die ſchöne Wittwe und deren Sohn ein lebhaftes Intereſſe zu fühlen. Mehr als einmal drängte ſich ihm unwillkürlich das Bedauern auf, daß der letztere nicht den Na⸗ John anſtatt Philipp in der Taufe erhalten habe. Die Sache nahm indeſſen ihren ruhigen Verlauf, bis Mrs. Blandford ihre Hand dem Sir Aubrey Fairclough reichte. Ihr Vormund konnte ſich aber nie mit dieſer Heirath befreunden. Anfangs gab ſich der Baronet alle erdenkliche Mühe, ſich bei dem Verwalter des Vermögens ſeiner Frau einzuſchmei⸗ cheln; er lud denſelben zu Tiſch, that dergleichen als ob er ſich nach ſeinem Geſchmacke und nach ſeiner Anſicht zu richten geſonnen ſei; da er aber den al⸗ ten, ſchlauen Citybewohner in vielen Dingen un⸗ zugänglich fand, gab er plötzlich den Umgang mit ihm auf und erklärte John Compton für einen gemeinen Krämer. Es iſt nicht anzunehmen, daß Sir Aubrey aus Liebe heirathete; denn er war wohl ſo ziemlich der letzte Menſch auf der Welt, der eine ſolche Abge⸗ ſchmacktheit ſich hätte zu Schulden kommen laſſen. Obgleich von Adel und von alter Familie abſtam⸗ mend, war er doch arm. Er hatte nur der Dame Vermögen, Hoffnungen und was ſonſt damit zuſam⸗ menhing erheirathet. Unter den letztern ſtand vor Allem die Möglichkeit voran, daß ſeine Gemahlin 8* 116 im Fall des Todes ihres Sohnes unumſchränkte Herrin des Vermögens ihres Vaters werden könnte. Unſere Leſer werden nun verſtehen, weßhalb Mr. Danby den armen Philipp ſo ganz anders als ſeine übrigen Zöglinge behandelte und von wem er zu dieſen Mißhandlungen beſtochen worden war. Lady Fairclough hatte den ganzen Morgen auf ihre ausgewählte Toilette verwendet. Sie erwartete ſtündlich die Rückkehr ihres Gemahls, der ſeit mehr als einer Woche in ſehr wichtigen Familienangele⸗ genheiten von Hauſe abweſend war. Die Negerin Samba, die von Kindheit auf in ihren Dienſten ge⸗ weſen war, ſtand hinter ihrem Stuhl. Das treue Geſchöpf hatte eben ihr Lockenhaar geordnet, als Miſtreß Dalton gemeldet wurde. „Zu Hauſe; ja. Alles iſt mir recht,“ rief die Schöne,„was mir die Zeit vertreiben kann, bis er nach Hauſe kommt.“ „Ach! Miſſie, Miſſie,“ ſagte die Negerin mit ei⸗ nem Seufzer,„Sie lieben Herrizu ſehr; Sie laſſen ihn ſehen, daß Sie lieben ihn. Dos nicht weiſe iſt. Wir fürchten, daß in dieſer Bemerkung eine tiefe Wahrheit liegt. Das beſcheidene Veilchen wird hö⸗ her geſchätzt als die Roſe, und die Frau, welche ſich herabläßt, um Liebe zu buhlen, na⸗ äuch noch ſo ſchön und begabt ſein, darf ſicher därauf rechnen, das Herz zu verlieren, das ſie zu gewinnen ſtrebt „Du biſt eine einfältige Thörin, Sambo,“ ver⸗ ſetzte ihre Herrin erzürnt,„wie kann ich den zu zärt⸗ lich lieben, deſſen ganzes Leben meinem Glücke ge⸗ widmet iſt?“ 8 „Meine liebe Lady Fairclough,“ ſagte Miſtreß 2 die Abſicht, den Sohn ſeines alten Freundes wegzu⸗ 117 Dalton bei ihrem Eintritt in das reich meublit Bondoir,„ich weiß nicht, womit ich meinen frühzei tigen Beſuch entſchuldigen ſoll.“ „Es iſt noch frühe,“ bemerkte die Lady, auf die Standuhr auf dem neben ihr ſtehenden Conſoletiſch blickend. Sie dachte dabei an ihren Gemahl und nicht an ihre Beſucherin. „Aber es lag mir ſo außerordentlich viel daran, Ihnen möglichſt Unruhe zu erſparen. Ihr Sohn iſt ganz wohl.“ Beim Nennen des Namens ihres Pflegekindes funkelten die Augen der Negerin vor Liebe. „Wohl!“ wiederholte deren Herrin;„ollerdings. Er befindet ſich in einer Schule auf dem Lande. Irgendwo in Lincolnſhire, nicht wahr, Samba?“ „Ja, Miſſie, das iſt der Ort.“ „Ich ſehe, daß Sie von dem, was ſich zugetra⸗ gen hat, nichts wiſſen,“ ſagte Mrs. Dalton,„und bin daher ſo glücklich, zu gleicher Zeit Sie darüber beruhigen zu können. Er wurde von dem Vorſteher der Schule nicht gut behandelt und lief deßhalb davon; jetzt be⸗ findet er ſich aber im Hauſe meines Bruders.“ „Wie ärgerlich,“ rief Lady Fairelough,„was wird Aubrey dazu ſagen?“ ſe Ihre Beſucherin ſchien ſchmerzlich überraſcht zu ein. „Ich erwarte ihn jede Minute,“ fuhr die Lady ſort.„Vielleicht haben Sie die Güte, meine liebe Mrs. Dalton, den Jungen zu behalten, bis ich die Sache meinem Gemahl beigebracht habe.“ „Kapitän Brandreth hat vorerſt nicht entfernt 118 ſchicken,“ bemerkte die warm fühlende Frau trocken. „Er hat bereits an ſeinen Vormund, Mr. John Comp⸗ ton geſchrieben, um dieſen von ſeinem Entſchluß in Kenntniß zu ſetzen. Als Mutter weiß ich, welche Gefühle eine Mutter haben ſoll, und hatte gewünſcht, Ihnen unnöthige Beſorgniß zu erſparen.“ „Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen,“ ſagte die Dame tief erröthend, weil ſie den Vorwurf fühlte. „Keine Mutter kann ihren Sohn zärtlicher lieben; aber er iſt ein eigenſinniger, hartnäckiger, ungehor⸗ ſamer Knabe. Sir Aubrey wird ſehr aufgebracht ſein.“ Dieſe Worte waren kaum geſprochen, als Sir Aubrey erſchien. Er war eben von ſeiner Expedition nach Lincolnſhire zurückgekehrt und hatte noch keine Zeit gefunden, ſeine Kleider zu wechſeln, oder die an ihn eingelaufenen Briefe zu leſen. Lady Fairclough ſchlang ihren Arm um ſeinen Nacken und bewillkommte ihn mit ſo kindiſcher Zärt⸗ lichkeit, daß Mrs. Dalton ein Lächeln nicht zu un⸗ terdrücken vermochte. Der Baronet nahm ihre Liebkoſung mit jener durch feine Erziehung angelernten Ruhe auf, hinter welche im Modeleben häufig Gleichgültigkeit ſich ver⸗ ſteckt. Wie war es für ihn möglich, eine Frau zu i welche alle Liebe für ihr eigenes Kind verloren hatte. „Werde nicht böſe, das heißt ſehr böſe,“ ſagte ſeine Gemahlin;„Philipp iſt aus der Schule weg⸗ gelaufen, in welche Du ihn geſchickt haſt.“ „Iſt es möglich!“ 119 „Und befindet ſich in Kapitän Brandreths Hauſe,“ fügte ſie bei. „Ich bin dem Kapitän dafür äußerſt verbunden,“ lautete die gelaſſene Antwort, indem kein Blick oder Ton die Gefühle der Wuth und des Verdruſſes, welche das Herz des Baronets zerfraßen, verriethen. Erſt nachdem Mrs. Dalton weggegangen war, ließ er ſeiner Leidenſchaft den Zügel ſchießen. „Der Knabe iſt mir zum Fluche geboren worden,“ rief er zornig aus.„Ein eigenſinniger, hartnäckiger, unbezähmbarer Tölpel. Ich will aber ſeinen Geiſt ſchon zähmen oder brechen.“ „Er iſt bereits gebrochen worden,“ verſetzte Lady Fairclough im Tone des Selbſtvorwurfs. Wenn der Baronet den grimmigen, rachſüchtigen Blick bemerkt hätte, welchen die Negerin auf ihn warf, als ſie von dem armen Philipp auf dieſe Weiſe ſprechen hörte, ſo hätte er dadurch Stoff zum Nach⸗ denken bekommen. „Es darf hier keine unwürdige oder ſentimentale Schwäche vorwalten,“ fuhr er fort,„zu lange ſchon habe ich Dir geſtattet, einer ſolchen Thorheit nachzu⸗ hängen. Als ich ihn Danby's Fürſorge übergab, ſchenkte ich Deinen albernen Bitten Gehör und ſetzte feſt, daß Philipp nicht mit dem Stock gezüchtigt wer⸗ den dürfe; der würdige Mann ſah ſich aber ohne Zweifel gezwungen, zu einem andern Strafmittel zu greifen, denn er gehört unter die Menſchen, welche gewiſſenhaft ihr Wort halten. Ich muß Kapitän Brandreth ſprechen,“ ſetzte er nach einer Pauſe hin⸗ zu,„ſobald ich meinen von der Reiſe beſchmutzten An⸗ zug gewechſelt habe.“ 120 „Das iſt gewiß das Beſte,“ bemerkte ſeine Ge⸗ mahlin unterwürfig. „Willſt Du mich begleiten?“ „Gewiß.“ „Und Deine Autorität geltend machen,“ ſagte ihr Gemahl mit Betonung.„Du biſt die Mutter des Knaben;— Dir wird man ihn nicht gegen unſern Wil⸗ len vorzuenthalten wagen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ Sir Au⸗ brey das Zimmer. Seine Ungeduld, den Ausreißer möglichſt bald wieder in ſeine Gewalt zu bekommen, war ſo groß, daß er ſich nicht einmal Zeit nahm, die Briefe zu leſen, die während ſeiner Abweſenheit in großer Anzahl auf ſeinem Arbeitstiſche ſich aufge⸗ häuft hatten. Kapitän Brandreth ſaß mit ſeiner Schweſter und den beiden jungen Leuten in ſeinem Empfangzimmer, als der Baronet und deſſen Gemahlin gemeldet wur⸗ den. Beim Anblick ſeiner Mutter brach der arme Philipp in Thränen aus, lief auf ſie zu und machte Miene ſie zu küſſen; aber dieſes Mutterherz war ſo⸗ wohl vom Gemahl als durch ſeine eigene Schwäche geſchult worden. „Ich werde Dich küſſen, Philipp, ſobald ich bemerke, daß Du meine Liebe verdienſt. Wie konnteſt Du nur Deinen liebevollen Vater ſo kränken, wie Du es gethan haſt?“ „Verzeihe mir!“ ſchluchzte der Knabe;„ich will wieder in die Schule zurückkehren. Mag man mich auch dort wieder in den kalten, feuchten Keller ein⸗ ſperren— mich aushungern— mich tödten— nur küſſe mich, Mutter!“ 121 hung erlangt haſt,“ verſetzte Lady Fairclough,„dann ſollſt Du auch die meinige haben.“ Der Knabe blickte ſeinen Verfolger an und wandte ſich dann hoffnungslos ab. „Komm zu mir,“ flüſterte Oliver;„Deine Mutter weiß noch nicht, wie man Dich behandelt hat. Ge⸗ duld, Philipp! Du weißt ja, daß ich Dich liebe.“ Er ſchlang den Arm um die Schulter ſeines Schul⸗ kameraden und zog ihn auf den Stuhl neben ſich. Iſabella ſetzte ſich auf eine Ottomane zu den Füßen der Knaben, indem ſie von Zeit zu Zeit vorwurfs⸗ volle— wenn nicht gar zornige— Blicke auf die Lady warf. „Kapitän Brandreth,“ ſagte Sir Aubrey,„Lady Fairclough und ich ſind Ihnen für die Sorgfalt, welche Sie meinem Sohne haben angedeihen laſſen, ſehr verbunden, doch können wir nicht zugeben, daß er noch länger Ihrer Gaſtfreundſchaft zur Laſt fällt; er muß mit uns zurückkehren.“ OHliver blickte ſeinen Vater bittend an. „Ich würde mich ſehr glücklich fühlen,“ verſetzte letterer,„ihn wieder Ihrer Fürſorge zu übergeben—“ Der Baronet verbeugte ſich, um ein triumphiren⸗ des Lächeln damit zu verbergen. „Wenn ich überzeugt ſein könnte,“ fuhr der Ka⸗ pitän fort,„daß Sie der geeignete Mann wären, dieſe Vormundſchaft auszuüben. Umſtände, über welche ich meine Anſicht auszuſprechen nicht für ge⸗ eignet finde, veranlaßten den Sohn meines verſtor⸗ ſtorbenen Freundes aus dem Hauſe des Mannes zu tfliehen, unter deſſen Aufſicht Sie ihn geſtellt ha⸗ „Nicht eher als bis Du Deines Vaters Verzei⸗ 8 ben. Dieſe Umſtände müſſen zuvor erſt genau un⸗ terſucht werden.“ „Unmöglich! durch wen, und vor wem?“ „Durch den von ſeinem mütterlichen Großvater beſtellten Vormund und vor dem Kanzler,“ bemerkte der Kapitän gelaſſen;„dieß iſt, ſo viel ich weiß, der vorgeſchriebene Weg.“ Sir Aubrey biß ſich auf die Lippen. Der Ton und das Weſen des Kapitäns waren eben ſo kalt, ge⸗ ringſchätzend und höflich als wie ſein eigenes Be⸗ nehmen. „Das iſt eine ganz unerhörte Einmiſchung,“ rief die Lady aufgebracht.„Mit welchem Rechte, mein Herr, miſchen Sie ſich in die Angelegenheiten meiner Familie?“ „Als die Mutter meines jungen Freundes hier,“ ſagte der Kapitän,„haben Sie ein Recht auf eine eingehendere Erklärung meiner Gründe; Sie werden dieſelben in dem Briefe hier finden, welchen Ihr Ge⸗ mahl irrigerweiſe Ihrem Sohne ſchickte, während der an ihn gerichtete durch Verwechslung an den Schul⸗ vorſtand gelangte. Mr. Compton, des Knabens Vor⸗ mund kann jeden Augenblick hier ſein. In ſeiner Gegenwart will ich ihn Ihnen vorleſen.“ Der Baronet ſah ein, daß dießmal ſein Plan vereitelt worden ſei; dennoch zeigte er weder Aerger noch Verwirrung. Er gehörte unter die Menſchen, welche den rechten Zeitpunkt abzupaſſen wiſſen, und dieſen auch mit der ausdauerndſten Geduld, wie ein auf ſeine Beute lauernder Tiger abwarten. Die hierauf eingetretene Stille fing an drückend zu werden, als Mr. Compton erſchien. Er war ein 123 ſchmächtiger, lebhafter Mann, von großer Geſchäfts⸗ gewandtheit und Entſchloſſenheit, der raſch die wah⸗ ren Gründe einer Handlungsweiſe zu durchſchauen vermochte, dabei aber ehrlich und unabhängig genug war, laut ſeine Anſicht darüber auszuſprechen. Eine kurze Auseinanderſetzung machte ihm augen⸗ blicklich den Stand der Dinge klar. „Ehe ich mich darüber ausſpreche, was ich von dieſer heilloſen, ſchurkiſchen Geſchichte denke, Herr Ka⸗ pitän, bitte ich, daß Sie den Brief, von dem Sie ſprechen, zuvor vorleſen.“ Sein Inhalt lautete folgendermaßen. „Ich habe meinem Banquier den Auftrag er⸗ theilt, Ihnen die Summe auszuzahlen, die Sie verlangten.“ „Alſo Geld hat er erhalten,“ bemerkte der Kauf⸗ mann;„eine häßliche Geſchichte.“ „Sie ſagen, der Huſten des Burſchen nehme zu, und Sie wagten nicht, ihn ſo häufig in den Keller zu ſperren, weil Ihre übrigen Zöglinge zu murren anfangen. Kümmern Sie ſich nicht darum und laſſen Sie alle Furcht bei Seite. Alle Kinder ſind ſelbſtſüchtig— namentlich die Knaben.“ „Er ſchreibt aus Erfahrung.“ „Sollte er gefährlich erkranken, ſo ſchicken Sie nach ärztlicher Hülfe. Es iſt aber nicht nöthig, daß der herbeigerufene Arzt beſonders geſchickt iſt.“ „Der Schurke!“ „Was ſeinen Vormund anbelangt, ſo iſt die⸗ ſer die letzte Perſon, die ſich in die Sache ein⸗ mtſchen wird. In der City geboren, hat er für 124 nichts Sinn und Gedanken, als für Geldange⸗ legenheiten.“ „Habe ich dieß wirklich nicht!“ rief John Comp⸗ ton, indem er aufſtand und ſich ſpöttiſch gegen den Baronet verneigte.„Kapitän Brandreth, Sie ha⸗ ben als ein Chriſt und Ehrenmann gehandelt, indem Sie dieſen armen Knaben in Schutz nahmen; dieß iſt aber von jetzt an meine Pflicht. Als ſein geſetz⸗ licher Vormund reclamire ich ihn; und wenn Sir Aubrey Fairclough oder deſſen Gemahlin es für ge⸗ eignet halten, mein Recht mir ſtreitig zn machen, ſo mögen ſie ſich an den Kanzleigerichtshof wenden. Sir Aubrey ſtand auf, verbeugte ſich mit der vollendetſten Welterziehung und, indem er den Arm ſeiner Gemahlin anbot, verließ er das Zimmer. Neuntes Kapitel. Sir Aubrey Fairclough war in dem engen und ſelbſtſüchtigen Sinn des Wortes ohne allen Wider⸗ ſtreit ein Mann von Welt. Er hatte etwas Schwie⸗ riges zu unternehmen verſucht und es war ihm dieß mißglückt. Ohne allen Zweifel war er über das Reſultat ſeines gottloſen Planes im höchſten Grade erzürnt; aber eine Blosſtellung war etwas, was um jeden Preis vermieden werden mußte und ſo war er augenblicklich mit ſich darüber im Reinen, auf jedes Recht der Einmiſchung in die Anordnungen zu ver⸗ 1 125 zichten, welche John Compton hinſichtlich der Zukunft ſeines Mündels treffen zu wollen beabſichtigte. In ſeinem Briefe, den er an den reichen City⸗ bewohner ſchrieb, behauptete er, daß ſeine Inſtruc⸗ tionen an den Schulvorſtand und die Gründe, weß⸗ halb er dieſelbe ertheilt habe, auf die bedaurungs⸗ würdigſte Weiſe mißverſtanden worden ſeien; daß er ſich nur zu glücklich fühle, der Sorge um einen ei⸗ genſinnigen, widerſpenſtigen Knaben enthoben zu ſein, der ſeine und der Lady Fairclough liebevolle Für⸗ ſorge durch das unehrerbietigſte und beleidigendſte Benehmen vergolten habe. Der arme Philipp weinte bitterlich, als er den Brief vorleſen hörte; denn wenn ein Knabenherz ſich nach Mutterliebe ſehnte, ſo war es das ſeinige. „Pah! Unſinn!“ ſagte ſein Vormund,„glaube nicht ein Wort davon; Deine Mutter iſt des Be⸗ dauers nicht werth, ſonſt hätte ſie ſich nicht an ei⸗ nen engherzigen, ſpekulativen Schurken wegwerfen können, der ſie nur um ihres Geldes willen freite.“ „Sie iſt aber meine Mutter,“ rief der Jüngling mit vor Zorn flammendem Geſicht,„meine liebe gute Mutter, und Sie haben kein Recht, ſchlimm von ihr zu ſprechen, mein Herr. Ich werde mich nicht eher wieder glücklich fühlen, bis ſie mir ver⸗ ziehen hat,“ fuhr er fort,„und es thut mir ſehr leid, daß ich aus der Schule weglief, obgleich der Vorſtand mich in einem kalten feuchten Keller gefan⸗ gen hielt.“ „Sie haben ganz recht daran gethan, Philipp,“ ſagte Kapitän Brandreth, ihn bei der Hand faſſend, „ganz recht, und Sie haben nichts zu bereuen. Ich 126 verſtehe Ihre Gefühle— ſie ſind ganz natürlich, und ich laſſe ihnen ihr Recht widerfahren; aber Sie müſſen denſelben nicht geſtatten, Ihr Glück zu zer⸗ ſtören. Lady Fairclough iſt in Betreff Ihrer ge⸗ täuſcht worden. Die Zeit wird kommen, wann ſie ihre Liebloſigkeit bereuen und Ihrer Hingebung Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen wird.“ Der Jüngling blickte ihm in's Geſicht und lächelte betrübt. Weit entfernt von der Lebhaftigkeit ſich beleidigt zu fühlen, mit welcher ſein Mündel ihm geantwortet hatte, fühlte John Compton im Gegentheil ein in⸗ neres Wohlgefallen. Zum erſtenmal in ſeinem Le⸗ ben dachte der Mann des Abzugs und Rabatts, der Fracht und des Disconto's, wie ſchön es wäre, wenn er in ſeinem verlaſſenen Alter einen Sohn wie Phi⸗ lipp hätte, der ihn liebte und ehrte. Vielleicht ſtellte er auch die Frage an ſich, ob er vernünftig gehandelt habe, Reichthum zum einzigen Zweck ſeines Lebens zu machen, dabei alle jene theureren Bande von ſich fern zu halten, welche ſo unmerklich und zart das Herz umſchlingen, daß wir deren Stärte erſt dann erkennen lernen, wenn wir dieſelben unkluger Weiſe ausrotten wollen. „Ich würde ihn am liebſten mit mir nach Hauſe nehmen,“ ſprach er,„und einen Hofmeiſter für ihn halten, aber er würde ſich an einem ſo langweiligen Orte, ohne jeden Kameraden ſeines Alters, gleich einem Vogel in ſeinem Käfig abhärmen. Wenn ich nur etwas Beſſeres für ihn wüßte?“ Letztere Worte waren an Kapitän Brandreth ge⸗ richtet, welcher, ehe er darauf Antwort gab, Oliver 5 anwies, zu ſeiner Schweſter in den Garten zu gehen und ſeinen Schulgefährten mit ſich zu nehmen. „Ich habe ſchon an dieſen Punkt gedacht,“ be⸗ merkte er, als ſie allein waren,„und da Sie mich um Rath fragen, ſo will ich Ihnen aufrichtig meine Anſicht mittheilen.“ „Ich kenne Sir Aubrey Fairelough einigermaßen. Er gehört unter die Menſchen, die am gefährlichſten ſind, wenn ſie eine Niederlage erlitten haben. Ihr Mündel iſt dießmal ſeinen Anſchlägen entronnen, aber er mag ſich vorſehen, daß er ihm nicht ein zweitesmal in die Hand fällt.“ „Sie vergeſſen, daß Sir Aubrey ſeine Anſprüche auf Vormundſchaft gänzlich aufgegeben hat,“ bemerkte ſein Beſucher. „Ich fürchte im mindeſten nicht, daß er auf ge⸗ ſetzlichem Wege ſeine etwaigen Anſprüche geltend machen wird,“ verſetzte der biedere Seemann.„Das Produziren des ſchändlichen Briefs, den er an den Schulvorſtand geſchrieben hat, würde nicht nur die⸗ ſen Verſuch zu nichte machen, ſondern auch Schande und Verachtung über ihn bringen. Ueberdieß,“ fügte er bei,„iſt dieß nicht der Weg, auf welchem er ſeine Abſichten durchzuſetzen ſucht. Die Gefahr, gegen die Sie ſich vorſehen müſſen, beſteht in heimlicher Ge⸗ waltthat.“ „Er wird nie die Kühnheit haben,“ rief der Kaufmann voll Unwillen,„einen Anſchlag dieſer Art gegen einen Mündel von Compton und Comp. aus⸗ zuführen.“ Kapitän Brandreth lächelte. Er begriff vollkom⸗ 128 men das Erſtaunen des ehrbaren offen handelnden Geſchäftsmannes. WWiſſen Sie mir etwas vorzuſchlagen?“ fragte dieſer.„Die Koſten ſollen dabei nicht in Anſchlag kommen; Philipp iſt reich genug und ſelbſt wenn dieß nicht der Fall wäre, ſo bin ich es. Ich habe einmal den Knaben liebgewonnen, und wenn ſein Name nur John wäre— doch gleichviel, da dieß nun einmal nicht ſo iſt.“ „Es fragt ſich nur, was wir mit ihm anfangen ſollen?“ „Ich habe einen Freund— einen Offizier, der ſich vom Dienſte zurückgezogen hat und welcher ſeine Muſe dazu benützt, Zöglinge für die Armee heran⸗ zubilden,“ antwortete Hlivers Vater.„Major Hen⸗ derſon iſt nicht nur ein Mann von unbefleckter Ehre und unzweifelhaftem Muth, ſondern auch vorſichtig und welterfahren. Sir Aubrey würde es wohl ſchwerlich gelingen, ſeine Wachſamkeit zu täuſchen. Ich bin bereits entſchloſſen, meinen Sohn ſeiner Obhut anzuvertrauen,“ fuhr er fort,„und rathe Ihnen, daſſelbe mit Ihrem Mündel zu thun.“ „Da haben wir ja ſchon, was wir brauchen,“ rief John Compton mit einem Seufzer, der deutlich zeigte, welchen Stein dieſer Vorſchlag ihm vom Her⸗ zen nahm.„Wo lebt der Major?“ „Er wohnt in einem Dorfe in Norfolk,“ bemerkte Kapitän Brandreth. 4 „Wir wollen die Knaben ſelbſt dahin bringen, ſagte ſein Beſucher;„es wird mir zur Beruhigung dienen, wenn ich Ihren Freund ſelbſt ſprechen kann.“ 129 „Ich werde ihm ſchreiben und ihn auf unſere Ankunft vorbereiten.“ John Compton dankte dem Kapitän herzlich und machte ſich ſodann nach der City auf den Weg. „Gott ſteh mir bei!“ murmelte er, als er auf ſeine Uhr ſah,— ſchon Ein Uhr! was werden meine Commis denken?“ In dreißig Jahren war es nicht vorgekommen, daß der pünktliche Geſchäftsmann ſo ſpät auf ſeinem Comptoir erſchienen war. Es war dieß kein gerin⸗ ger Beweis, welch' großen Antheil er an dem Wohle des verlaſſenen Knaben nahm, der ſeinem Schutze anvertraut war. Noch an demſelben Tage wurden die beiden Aus⸗ reißer von der hinſichtlich ihrer getroffenen Anord⸗ nung in Kenntniß geſetzt; aber ihr Beſtimmungsort ſowie der Name des Mannes, bei welchem ſie untergebracht werden ſollten, wurde ihnen abſichtlich verſchwiegen. Als Iſabella die bevorſtehende Abreiſe ihres Bruders und deſſen Gefährten vernahm, bat ſie in⸗ ſtändig ihre Mutter, ihr zu erlauben, dieſelben be⸗ gleiten zu dürfen. „Du vergißt, daß ſie in eine Schule für Knaben gebracht werden,“ ſagte Mrs. Dalton, beluſtigt über die Einfalt dieſer Bitte. „Schule iſt Schule,“ meinte das Kind. „Aber Mädchen lernen doch gewöhnlich nicht Griechiſch und Lateiniſch.“ „Ich möchte es aber gerne lernen, Mama,“ ver⸗ ſetzte die kleine Bittende. Smith, Milly Mohne. L. 9 130 „Es wäre nicht paſſend, mon enfant.“ bemerkte Mademviſelle Marelle, in dem ſanſten flötenden Tone, deſſen ſie ſich gewöhnlich bediente, wenn ſie mit ihrem Zögling in Gegenwart der Mrs. Dalton und des Kapikäns ſprach. „Ich bin nicht Ihr Kind,“ rief Iſabella ſtöriſch; „und ich will mit Oliver und Philipp in die Schule gehen. Wo iſt ſie denn?“ „Weit, ſehr weit weg von London,“ ſprach ihr Onkel. „Aber wo denn?“ „Das mußt Du nicht fragen,“ verſetzte ihre Mut⸗ ter.„Es iſt nothwendig, aus Gründen, die Du nicht verſtehſt, daß der Ort ein Geheimniß bleibt.“ Als die Franzöſin die Frage ſtellen hörte, er⸗ hob ſie ihre Augen ein wenig von dem Battiſtſack⸗ tuche, mit deſſen Stickerei ſie beſchäftigt war. Einen Augenblick lang blieb ihre Nadel regungslos und ein Ausdruck der Enttäuſchung machte ſich bei Mrs. Dalton's Antwort auf ihrem Geſichte bemerkbar. Noch denſelben Abend fand ſich Lady Fairclough zum Beſuche ihres Sohnes wieder ein. Gleich den meiſten ſchwachen Perſonen war ſie nicht von Natur aus lieblos. Philipp's Schmerz bei ihrem Zuſam⸗ mentreffen mit ihm hatte ſie ergriffen. Vielleicht machte ihr auch das Gewiſſen Vorwürfe, daß ſie ihre mütterlichen Pflichten gegen ihn vernachläſſigt habe. In Abweſenheit ihres Gemahls entſchlüpfte auch kein Wort des Vorwurfes ihren Lippen; im Gegentheil ihre Thränen floſſen reichlich, als Philipp ihr die Mißhandlungen erzählte, welche ihm von Mr. Dan⸗ by's Seite zu Theil geworden waren. 132 Sie hatte Sir Aubrey verſprochen, wo möglich die Abſichten des Vormunds hinſichtlich der Zukunft ſeines Mündels zu erfahren. Es gereichte ihr faſt zum Troſte, als ſie durch den Knaben erfuhr, daß er weder den Namen noch den Wohnort des Herrn wiſſe, wo Mr. Compton ihn unterzubringen beabſichtige. „Das ganz recht iſt, Maſſa, Philipp,“ rief die Ne⸗ gerin, welche in Begleitung ihrer Herrin gekommen war,„müſſen es Miſſie nicht ſagen; hat einen bö⸗ ſen Mann zum Gemahl— bös— ſehr bös.“ Kapitän Brandreth und Mrs. Dalton, welche bei der Unterredung zugegen waren, wechſelten bei dieſen Worten einen Blick des Einverſtändniſſes. „Schweig ſtille, Samba!“ rief die Lady erzürnt. „Wie kannſt Du wagen, ſo von Deinem Herrn zu ſprechen?“ „Er Ihr Gemahl, Miſſie, nicht mein Maſſa,“ murmelte die Amme.„Ich jetzt freie Frau bin!“ „Ich fürchte,“ fuhr Lady Fairclough bitter fort, „es wird eben ſo vergeblich ſein, wenn ich mich um nähern Aufſchluß an Mr. Compton als an Sie wende?“ „Ich glaube leider, daß es ſo ſein wird,“ ant⸗ wortete der Kapitän in höflichſtem Tone. „Und doch bin ich ſeine Mutter, mein Herr, und habe Anſprüche auf deſſen Liebe und Gehorſam.“ „Sein Vormund denkt auch nicht daran, Ihren Anſprüchen, die ihm vollkommen bekannt ſind, Ein⸗ trag zu thun,“ bemerkte der Kapitän.„Jeder Brief, den Sie ſchreiben werden, ſoll richtig in die Hände Ihres Sohnes und ebenſo die ſeinen in die Ihrigen kommen. Der Entſchluß Ihres Verwandten in die⸗ 9. 132 ſem Punkte ſteht unwiderruflich feſt. Ich bedaure, daß Ihnen die Sache, peinlich iſt, aber unter den vorliegenden Umſtänden kann ich ſein Verfahren nicht mißbilligen.“ „Ich werde Dir ſchreiben, liebe gute Mutter,“ vief Philipp,„ſobald ich an Ort und Stelle bin, und Dir alles mittheilen. Dießmal wirſt Du aber auch auf meine Briefe antworten, nicht wahr?“ Die Dame erröthete; denn es fiel ihr ein, wie grauſam ſie die Pflichten in dieſem Punkte gegen ihn bis jetzt vernachläſſigt hatte. „Wenn Sir Aubrey ſagt, ſchreibe, ſo ſchreibt Miſſie, wenn er aber ſagt, ſchreibe nicht, ſo ſchreibt auch Miſſie nicht,“ ſagte die Negerin,„vorher hat er ihr nicht geſagt, ſie ſoll ſchreiben.“ Die Unterredung nahm nicht nur eine peinliche, ſondern ſelbſt demüthigende Wendung für Lady Fair⸗ elough, welche, nachdem ſie ihren Sohn noch einmal umarmt hatte, aufſtand, um ſich zu entfernen. Die Regerin blieb noch einen Augenblick im Be⸗ ſuchzimmer zurück unter dem Vorwand, ebenfalls von ihrem jungen Herrn Abſchied zu nehmen. „Samba liebt Sie, Maſſa Philipp,“ ſchluchzte ſie.„Samba liebt Sie ſehr, und ſo denken Sie an das, was Samba Ihnen ſagt— Sie nicht ſchrei⸗ ben müſſen.“. „Wie, ich ſoll an meine Mutter nicht ſchreiben,“ wiederholte der Knabe. „Nein, Maſſa Philipp. Sir Aubrey wünſcht Sie todt, er dann alles Ihr Geld bekommt. Böſer Mann — ſehr böſer Mann— heirathete für Geld, nicht für Liebe. Aber wenn er Ihnen etwas anthut, oder 133 Miſſie,“ ſetzte ſie grimmig hinzu,„dann Samba ihn umbringen, ihn umbringen!“ Es lag etwas ſo Entſchloſſenes und Wildes in dem Geſichtsausdrucke der Negerin, als ſie die letz⸗ tern Worte ſprach, daß Mrs. Dalton ſchauderte. „Küſſen Sie alte Amme, Maſſa Philipp,“ fuhr ſie in ſanfterem Tone fort.„Gott behüte Sie. Samba wachen für Sie.“ Das treue Geſchöpf drückte den Jüngling mit Zärtlichkeit an die Bruſt, die ihn genährt hatte und eilte dann ihrer Herrin nach, die unterdeſſen ihren Wagen erreicht hatte. „Was für ein merkwürdiges Weib,“ bemerkte Hliver.„Glaubſt Du, ſie würde Sir Aubrey um⸗ bringen, wenn er Dir etwas zu Leid thäte?“ Sein Schulkamerad nickte bejahend. „Ich möchte wohl wiſſen, ob Deine Mutter keine Angſt vor ihr hat.“ „Sie würde lieber ſterben, als eines von uns be⸗ ſchädigen,“ verſetzte Philipp.„Sie iſt eine Obea.“ „Obea!“ wiederholte unſer Held.„Was iſt denn dieß?“ Sein Freund ſchien um eine Erklärung verlegen und blickte Kapitän Brandreth mit einer Miene an, als wenn er wünſchte, daß dieſer darüber Auskunft geben möchte. „Obea oder Obeah, denn das Wort wird auf beiderlei Arten geſchrieben, bedeutet ſo viel als eine eigenthümliche Gewalt— eine Art von natürlichem Zauber— welchen, wie man glaubt, die Negerrace auszuüben wiſſe,“ verſetzte der Kapitän.„Der Glaube 134 daran iſt in Weſtindien, wo Philipp geboren iſt, ſehr allgemein verbreitet.“ „Und glauben auch Sie daran?“ fragte ſein Sohn, der ſeit jener Nacht, die er in Rockingham Hall zugebracht, ein großes Intereſſe für alles fühlte, was mit dem Geheimnißvollen und Uebernatürlichen in Verbindung ſtand. „Ich glaube,“ antwortete der Kapitän,„daß ſie eine ganz beſondere Kenntniß von den Eigenſchaften der Pflanzen und Arzneimittel gegen gewiſſe Gifte kennen, von denen die europäiſche Wiſſenſchaft nichts weiß. Ebenſo ſind ſie in der Anwendung derſelben erfahren. Was ihre Zauberſprüche, Tränke und Pro⸗ phetengabe betrifft,“ fügte er bei,„ſo iſt dieß, wie alle derartigen Behauptungen, abgeſ chmackt und lächerlich.“ Der junge Creole ſchüttelte ungläubig den Kopf. „Sie haben Philipp nicht überzeugt,“ bemerkte Oliver. „Eindrücke aus der Kinderzeit,“ ſagte Mrs. Dal⸗ ton lächelnd;„Eindrücke aus der Kinderzeit!“ Ihr Neffe dachte an die ſchattenhafte Beſucherin, die er geſehen hatte, und war in ſeinem Innern feſt überzeugt, daß ſo etwas allerdings unvergeßlich bleibe. Am folgenden Tage machten ſich die beiden jun⸗ gen Leute in Begleitung des Kapitän Brandreth und John Compton's auf den Weg nach dem Aufentsalts⸗ orte des Major Henderſon. Das Dorf Kotswold an der Küſte von Norfolk, bot den Anblick einer jener ſtillen Landſchaften dar, welcher der Pinſel des ältern Crome Gerechtigkeit hätte widerfahren laſſen, wenn er deren Schönheiten und Eigenthümlichkeiten auf die Leinwand gebracht hätte 135 Reiſende, welche nicht genan deſſen Localität kannten, konnten auf die Nähe eines Büchſenſchuſſes daran vorüberkommen, ohne von der Exiſtenz eines ſolchen Ortes auch nur entfernt etwas zu ahnen, ſo gänzlich war er in der Schlucht von zwei einander gegenüber⸗ liegenden Hügeln begraben, deren Flächen und Gipfel mit Bäumen bekleidet waren, welche früher einen Theil des Königlichen Jagdreviers von Riſing⸗Caſtle bildeten, wo die ſchuldbefleckte Iſabella nach dem Fall ihres Buhlen Mortimer, von ihrem Sohn, dem ta⸗ pfern Eduard, eingekerkert wurde. Das Dorf verdankte wahrſcheinlich ſein Daſein einer Abtei, welche jetzt in die Gemeindekirche umge⸗ wandelt iſt und welche der Sage nach von Egbert dem Könige der öſtlichen Angelſachſen gegründet wor⸗ den ſein ſoll. Wenn dieß der Fall iſt, ſo erklärt ſich die abgelegene Lage vollkommen. Die Mönche mußten begreiflicherweiſe die einſamſten Orte aufſu⸗ chen, um den Verheerungen der Dänen zu entgehen, welche häufig an der Küſte landeten und auf Mei⸗ lenweit umher alles mit Feuer und Schwert verheerten. Carwell Hall, die Wohnung des Majors, hatte früher zur Abtei gehört, und war wahrſcheinlich die Wohnung des Abts geweſen, denn obgleich das Ge⸗ bäude durch ſeine ſpäteren Beſitzer moderniſirt wor⸗ den war, ſo hatte es ſich doch die Spuren der kirchlichen Architectur bewahrt, und ſtand auf einem anſtoßenden Grundſtück, von dem Kirchhofe nur durch die Straße getrennt, welche durch das Dorf Riſing⸗ Caſtle lief. Als die Chaiſe durch die Allee von dicht belaubten Buchen fuhr, ließen ſich mehrere jugendliche Geſichter unter den Fenſtern des rechten Flügels blicken, 136 der eine Anzahl Studirzimmer für die Zöglinge ent⸗ hielt, und welche alle höchſt neugierig waren, die neuen Ankömmlinge zu ſehen. Peter Marl, ein alter Soldat, der in der Anſtalt die Stelle eines Hausmeiſters, Dieners und Trillmei⸗ ſters verſah, führte die neuen Ankömmlinge in das Bibliothekzimmer, und kehrte dann zu dem Poſtillon zurück, um dieſem beim Abnehmen des Gepäcks be⸗ hilflich zu ſein. Peter war in ſeiner Art ein Charakter; er hatte während des Kriegs auf der Halbinſel unter Welling⸗ ton gedient und den entſcheidenden Sieg bei Water⸗ loo mit erringen helfen. Eine nähere Beſchreibung des alten Mannes müſ⸗ ſen wir aber für einen günſtigeren Moment aufſpa⸗ ren und für jetzt dem Kapitän Brandreth und deſſen Begleiter in das Bibliothekzimmer folgen, wo Major Henderſon ihrer Ankunft harrte.. Das ungeübteſte Auge hätte auf den erſten Blick entdecken müſſen, daß der hochgewachſene, vornehm ausſehende Mann, der zu ihrem Empfange aufſtand, in der Armee gedient habe. Es lag eine gewiſſe Entſchloſſenheit nicht nur in dem Auge, ſondern in jeder Bewegung der wohlgeformten Geſtalt, die noch ebenſo aufrecht wie in ihren jugendlichen Tagen war, obgleich die Bürde von mindeſtens ſechzig Wintern auf ihr laſtete. Sein Haupt⸗ wie Barthaar war vollkommen weiß und verlieh dem tief gebräunten Geſicht des ehema⸗ ligen Cavallerie⸗Officiers einen gemilderten Ausdruck. „Nur unter einer einzigen Bedingung,“ ſprach er, nachdem er des Kapitäns Bericht von Sir Aubrey's 137 gewiſſenloſem Verſuch, ſich ſeines Stiefſohns zu ent⸗ ledigen, vernommen hatte,„kann ich mich dazu ver⸗ ſtehen, die Pflicht zu übernehmen, die Sie mir zu übertragen wünſchen.“ „Die Koſten ſollen dabei nicht in Anſchlag kom⸗ men,“ ſagte John Compton haſtig. „Das iſt ein etwas raſches Wort,“ verſetzte der Major,„für einen Mann, der ohne allen Zweifel den Werth des Geldes genau kennt; obgleich es in zweiter Linie wohl in Betracht kommt. Die Bedingung, die ich zu machen beabſichtige, beſteht darin, mir volle und unbeſchränkte Vollmacht einzuräumen, alle Mittel an⸗ zuwenden, die ich für nöthig erachte, den Knaben ab⸗ zuhalten, mit irgend Jemand zu correſpondiren— daß es ihm nicht geſtattet iſt, anders als durch mich Briefe abzuſchicken und zu empfangen.“ „Dieß iſt ja ganz das, was ich ſelbſt wollte,“ rief der Mäkler aus.„Der Knabe iſt von Natur aus ſeiner Mutter ſehr zugethan, und wenn man ihn nicht ſtreng überwacht, ſo iſt zu befürchten, daß er ihr heim⸗ lich ſchreibt.“ „Wenn er aber ſein Wort verpfändet, ſo thut er dieß nicht,“ warf Oliver keck ein.„Philipps Herz iſt zwar leicht empfänglich und weich, aber er verſchmäht jede Lüge.“ „Es freut mich dieß zu hören,“ ſagte ſein künf⸗ tiger Pflegevater.„Mit Wahrheit und Ehrliebe als Grundlage kann man hoffen in einem jugendlichen Gemüth alles zu Wege zu bringen. Treten Sie nä⸗ her,“ ſetzte er freundlich hinzu,„und laſſen Sie mich Sie genauer betrachten.“ Sein neuer Zögling ſchritt ſchüchtern bis in die 138 Nähe des Majors vor, der ſanft die dunklen Locken zurückſtrich, welche zum Theil ſeine Stirne bedeckten und ihm ernſt in's Geſicht blickte. „Eine ſanfte Natur,“ bemerkte er gegen Kapitän Brandreth gewendet,„tiefes Gefühl und leicht für äußere Eindrücke empfänglich. Das Herz dieſes Kna⸗ ben wird eine ſorgfältigere⸗Erziehung als ſein Kopf erfordern.“ „Er darf ſich glücklich ſchätzen,“ verſetzte ſein Freund, der die höchſte Meinung von der Fähigkeit des Majors beſaß, Charaktere zu beurtheilen,„daß er in ſolche Hände gefallen iſt.“ „Ich brauche Sie nicht zu fragen, Brandreth,“ fuhr der Major fort,„ob dieſer hochaufgeſchoſſene Burſche Ihr Sohn iſt? Er gleicht ſeinem Vater aufs Haar; er hat Ihr Geſicht, wie Sie in meiner Erin⸗ nerung leben, als wir uns zuerſt in Malta ſahen. Damals waren Sie ein muthwilliger Schiffskadet und ich war Lieutenant bei den Dragonern. Reichen Sie mir Ihre Hand, Oliver, der Junge wird doch nach Ihnen genannt.“ Der Kapitän nickte bejahend. „Ich denke, Ihr Vater iſt ſtolz auf Sie und ver⸗ hätſchelt Sie?“ bemerkte Major Henderſon gut⸗ müthig. „Er iſt ſehr gut gegen mich,“ verſetzte der Jüng⸗ i„aber ich glaube kaum, daß er ſtolz auf mich iſi „Nun, warum nicht?“ „Mein Vater wird es Ihnen vielleicht ſagen,“ verſetzte Oliver ſeufzend. Der alte Militär bemerkte, daß er eine ſchmerz⸗ 139 liche Saite berührt hatte und hütete ſich weislich, für den Augenblick eine weitere Frage zu ſtellen. Doch ergriff er eine ſich darbietende Gelegenheit, eine Erklärung von ſeinem Freunde ſich zu erbitten, als er ſich mit ihm allein befand. „Gemach, Brandreth! Gemach!“ rief er aus, als dieſer ihm die fürchterliche Ahnung eingeſtand, welche ihn quälte,„eine ſolche Schwäche iſt Ihrer unwürdig. Wie! Sie wollen die Liebe Ihres Soh⸗ nes und zwar eines ſolchen Sohnes einer krankhaf⸗ ten Vefürchtung zum Opfer bringen, zu welcher, wie Sie ſelbſt geſtehen, ſein bisheriges Benehmen auch nicht die entfernteſte Veranlaſſung gegeben hat. Ich wollte mein Leben zum Pfand ſetzen, daß der Knabe voll Ehrgefühl iſt. Er fühlt die Wunde, welche Ihr Verdacht ihm verurſacht hat, zu tief, als daß er je ſo weit ſich vergeſſen könnte, denſelben zu ver⸗ dienen.“ „Ich ſollte faſt daſſelbe glauben,“ murmelte der unglückliche Vater,„auch meine Schweſter iſt dieſer Anſicht.“ „Ihre Schweſter iſt eine ſehr verſtändige Frau,“ bemerkte der Major trocken. „Wenn Sie in mein Herz blicken könnten, ſo würden Sie ſehen, wie ſehr es dabei blutet.“ „Nach meiner Anſicht ſteckt der Fehler in Ihrem Kopfe, nicht in Ihrem Herzen,“ bemerkte ſein alter Freund trocken;„dieſes ſitzt, wie ich wohl weiß, auf dem rechten Flecke. Im Namen des geſunden Men⸗ ſchenverſtandes,“ fuhr er fort,„beſchwöre ich Sie, dieſen Eindruck in Ihrem Geiſte zu verwiſchen; er iſt Ihrer nicht würdig.“ 140 Der Kapitän verſicherte ihn, daß er dieß thun wolle; auch hielt er eine Zeitlang dieſes Verſprechen. Vor ſeiner Abreiſe nach London am folgenden Morgen ſchenkte John Compton ſeinem Mündel eine ſchöne goldene Uhr und bot ein gleiches Exemplar Oliver an. Zu ſeinem Erſtaunen weigerte ſich aber der Knabe entſchieden, dieſelbe anzunehmen. „Ich kaufte ſie aber für Sie!“ rief der Mäkler im Tone des Erſtaunens,„als Beweis meiner Dank⸗ barkeit für Ihr Wohlwollen für Philipp!“ „Wahrſcheinlich um mich zu bezahlen!“ verſetzte der junge Menſch,„Wohlwollen läßt ſich aber nicht bezahlen.“ „Nicht um Sie zu bezahlen,“ ſagte der City⸗ mann,„ſondern als ein Beweis meiner Achtung.“ „Ich danke Ihnen,“ antwortete Oliver;„aber vor Allem muß ich Ihnen bemerken, daß ich keine Uhr brauche, ich beſitze bereits eine.“ „Die Ihrige iſt aber nur von Silber.“ „Allerdings, aber mein Vater gab ſie mir,“ ver⸗ ſetzte der Jüngling,„und ich würde ſie nicht für ein Dutzend goldene vertauſchen. Ich ſage nie Nein, wenn ich etwas verneinen will, und niemals Ja, wenn ich etwas bejahen will— das iſt ſo meine Art.“ John Compton dachte, ſeine Art ſei nicht nur eine ganz außergewöhnliche Art, ſondern der Knabe ſei auch ein ganz außergewöhnlicher Menſch, in wel⸗ chem Sinne er ſich auch gegen deſſen Vater aus⸗ dem er den Vorfall auf der Heimreiſe er⸗ zählte. 141 Dem Kapitän Brandreth gefiel die Uneigennützig⸗ keit ſeines Sohnes ſo wohl, daß er ihm nicht nur eine ſehr hübſche goldene Uhr, ſondern auch ein ſehr liebevolles Schreiben dazu ſchickte, in welchem er ihn wegen der Zurückweiſung eines Geſchenkes, wel⸗ ches die meiſten Knaben ſeines Alters mit Begierde angenommen hätten, aufs höchſte lobte. Oliver legte einen weit höheren Werth auf den Brief als auf das Geſchenk. Von den Zöglingen des Major Henderſon wur⸗ den die neuen Ankömmlinge mit einem—„Aufge⸗ paßt, bis wir wiſſen, was an ihnen iſt,“ aufgenom⸗ men, alſo in der Art und Weiſe, wie ſie namentlich engliſchen jungen Leuten aus guten Familien eigen iſt. Ihre Zurückhaltung dauerte übrigens, wenig⸗ ſtens ſo weit ſie Oliver betraf, nicht lange; ſchon den zweiten Tag bewies dieſer ſeine Anſprüche, die er auf Hochachtung zu machen hatte, dadurch, daß er zwei von ihnen tüchtig abprügelte; im Ganzen waren es nur ihrer ſieben. Es iſt merkwürdig, welchen Reſpekt Knaben vor einander bekommen, wenn ſie einmal gegenſeitig ihre Kräfte gemeſſen haben. Bei ſeinem Kameraden dauerte es ſchon einige Zeit, ehe er populär wurde. Er hatte ſich geweigert ſowohl mit Fred Ranger als mit Paul Jodrel ſich herumzupauken, zwei Knaben ungefähr von ſeinem Alter, und ſo fingen die übri⸗ gen Zöglings 9, ihn zu verhöhnen. „So geht es nicht, Philipp,“ bemerkte Oliver;„ich kann und will es nicht ertragen, daß man meinen Freund für einen Feigling hält. Sobald Ranger oder Jodrel Dich wieder reizen, mußt Du Dich mit ihnen meſſen.“ 142 „Ich will mich aber nicht herumpauken; ſie ha⸗ ben mir ja nichts zu Leid gethan.“ „Ich wollte mich ebenſowenig mit Howard oder Harley balgen, aber ich maß mich doch mit ihnen; es iſt dieß ganz in der Ordnung. Wenn Du Dich noch einmal feig finden läßt, ſo bläue ich Dich ſelbſt durch.“ „Ach, Oliver! Oliver!“ „Sieh nur zu, ob ich dieß nicht thue,“ fuhr ſein Freund in einem Tone fort, der ihm die unange⸗ nehme Ueberzeugung verſchaffte, daß es dieſem voll⸗ kommen Ernſt ſei. Die Folge zeigte, daß es ſo war, denn als am nächſten Morgen Philipp ſich weigerte, ſeine Kraft mit einem der neuen Schulkameraden zu meſſen, rief ihn Oliver in das Studirzimmer und bläute ihn dort tüchtig durch. „Jetzt weißt Du, was Du zu erwarten haſt,“ ſprach er,„wenn Du fortfährſt mir als Feigling Schande zu machen.“ „Ich mache mir nichts aus den Schmerzen,“ rief der liebevolle junge Menſch, den Arm um ſeinen ſchlingend,„wenn Du mir nur verzeihen willſt.“ Hliver Brandreth machte ſich etwas barſch aus ſeiner Umarmung los. Er fühlte, daß es nicht gut wäre, wenn er in einem ſolchen Augenblicke Schwäche zeige, weil ſonſt die Lection umſonſt geweſen wäre; und als der arme Philipp ſchluchzend auf einen Stuhl ſank, wandte ſich der edelherzige Knabe ab⸗ ſeits, um die Thränen zu verbergen, die ihm in die Augen traten. 143 Nichts deſto weniger hielt er entſchieden an ſei⸗ nem Syſtem feſt, und am folgenden Tage wurde die Lection mit verdoppelter Strenge wiederholt. Philipp nahm ſich feſt vor, dieß nicht noch ein⸗ mal über ſich ergehen zu laſſen und ſchon am drit⸗ ten Morgen kam er in das Lernzimmer gelaufen, ſein hübſches Geſicht ganz mit Blut befleckt, und ein Auge mit einer ſehr verdächtigen Röthe umgeben, welche in eine weit dunklere Farbe auszuarten ver⸗ ſprach. „Ich habe ſie geſchlagen,“ rief er freudenvoll, „ich habe ſie geſchlagen!“ „Wen,— Jodrel oder Ranger?“ „Beide,“ verſetzte der Sieger.„Ich hielt es für das Beſte, die Sache mit einemmal abzumachen. Ich hätte nicht noch einmal eine Lection von Dir erhalten mögen.“ „Du ſollſt auch keine mehr bekommen,“ verſetzte Oliver.„Ach, Philipp! ich kann Dir gar nicht ſa⸗ gen, wie ſtolz ich auf Dich bin.“ „Biſt Du das?“ ſprach der Knabe ihm in's Ge⸗ ſicht blickend. Sein Freund, der ſich auf ſeine Geſchicklichkeit und Erfahrung in ſolchen Dingen viel zu gut that, wuſch ihm ſein geſchwollenes Geſicht ſorgfältig ab, und legte ein Stück rohes Ochſenfleiſch, welches Pe⸗ ter Marl aus der Küche herbeigeſchafft hätte, auf das vielfarbige Auge. Ich fürchte es wird ganz ſchwarz werden,“ be⸗ merkte er. 144 „Was wird der Major von mir denken?“ ſagte Philipp. „Der Major weiß alles, meine jungen Herrn,“ verſetzte der alte Soldat;„auch wie liebevoll Mr. Brandreth“— die ältern Knaben nannte er immer Miſter—„Sie jeden Morgen abbläute, um Ihnen etwas mehr Muth einzuflößen. Es fehlt Ihnen zwar nicht daran,“ ſetzte er hinzu,„Sie verſtanden es nur nicht recht, ihn zu zeigen!“ Dieſe Bemerkung war vollkommen richtig, denn Philipp Blandfort war nichts weniger als feig. Seine angeborene Weichheit und Schüchternheit hiel⸗ ten ihn weit mehr ab, ſich zu balgen, als die Furcht. Ehe ein paar Wochen um waren, hatte er mehrere dergleichen Sträuße beſtanden, wovon jeder mora⸗ liſch wie phyſiſch von wohlthätiger Wirkung war. Er gewann dadurch an Selbſtvertrauen. Deß⸗ halb vergaß er aber doch die Lectionen nie, die ihm Oliver gegeben hatte. Zehntes Kapitel. Sir Aubrey Fairclough war einer jener Men⸗ ſchen, welche ihre Thätigkeit nie ruhen laſſen, wenn ihre Leidenſchaften oder Intereſſen in's Spiel kom⸗ men. Nachdem, für den Augenblick wenigſtens, ſeine Plane gegen ſeinen Stieſſohn geſcheitert waren, wandten ſich ſeine Blicke wieder S dem jungen und 145 argloſen Zigeunermädchen, deſſen ſeltene Schönheit ſeine wüſte Phantaſie erregt hatte, und er beſchloß den Plan auszuführen, den er wahrſcheinlich bei ſei⸗ ner letzten Unterredung mit ihr in allgemeinen Um⸗ riſſen entworfen hatte. In dieſer Abſicht wurde eine Helfershelferin in der Perſon der Frau ſeines vertrauten Kammerdie⸗ ners nach Lincolnſhire, mit dem Auftrag, ſich dort für die Schweſter ihres gewiſſenloſen Brodherrn aus⸗ zugeben, geſchickt. Der Zweck ihrer Reiſe war, wie unſere Leſer ſich leicht vorſtellen können, gegen die Unſchuld und das Glück von Milly Moyne gerich⸗ tet, in ſofern dieſe dem Schutze ihres Großvaters entzogen und nach London gelockt werden ſollte. War ſie einmal von ihrem Stamme entfernt, ſo bildete ſich der herzloſe Wüſtling ein, ſie ganz in ſeiner Gewalt zu haben. Von ſeiner Bekanntſchaft mit Keelan ſagte der Baronet nichts, da es nicht zu ſeinem Syſtem ge⸗ hörte, Jemand unnöthiger Weiſe ſein Vertrauen zu ſchenken; überdieß ſtanden ihm andere Mittel zu Gebot, mit dem Manne ſich in Verbindung zu ſetzen, der ſeinen Plan, ſeine Nichte ihrer Mutter, der ver⸗ wittweten Lady Fairclough zu entreißen, ſo erfolg⸗ reich ausgeführt hatte. Schlechtigkeit hätte kaum eine paſſendere Agentin zu dieſem Zwecke ausfindig machen können, als Mrs. Hanway war. Sie war eines jener Geſchöpfe, welchen die Geſchicklichkeit zur Intrigue angeboren iſt. Wo Geld zu gewinnen war, kannte ſie weder Mitleid noch Gewiſſensſcrupel. Das Gold deckte gleich dem Glauben in Ihren Augen 10 Smith, Milly Moyne. I. 146 eine Menge Sünden zu und ſie verehrte dieſes glän⸗ zende Götzenbild mit der ganzen demüthigen Unter⸗ würfigkeit einer niedrigen und ſchmutzigen Natur. Das Herz der armen Milly ſchlug mächtig, als die vorgebliche Schweſter des Sir Aubrey Bekannt⸗ ſchaft mit ihr anknüpfte. Sie glaubte unbedingt was dieſe ihr ſagte. Wie wäre es auch für ein arg⸗ loſes, unwiſſendes Kind der Natur möglich geweſen, in der angenommenen Miene den nichtigen Schleier des Scheins zu erkennen. Sie wußte, daß die Sprache und Manieren der Häuſerbewohner von denen ihrer eigenen Leute gänzlich verſchieden wa⸗ ren, und ſo ging ſie in die Falle. Milly war nicht die erſte Perſon, welche Tom⸗ back für lauteres Gold gehalten. Es wäre wohl zu bezweifeln, ob es der Frau bei all ihrer Gewandtheit gelungen wäre, die En⸗ keltochter Keelan's zu überreden, das Lager ihres Stammes zu verlaſſen, und ihrem Schutze ſich an⸗ zuvertrauen, wenn ihr nicht ein Umſtand zu Hülfe gekommen wäre, der ihr mächtigen Beiſtand leiſtete. Schon längſt wurde es als eine ausgemachte Sache von Keelan und ihrer Muhme Martha, unter deren Obhut ſie ſtand, betrachtet, daß Milly den Kaled, den Sohn der letztern heirathen ſolle, ſobald ſie das ſiebenzehnte Lebensjahr erreicht habe. In Folge dieſes Uebereinkommens hüteten ſie die alte Frau und der junge Burſche mit eiferſüchtigem Auge. Die erſtere hatte ihr Benehmen, das ſeit der Am weſenheit des Baronets, deſſen Rang und Namen ſie aber nicht kannte, bald träumeriſch, bald un geweſen wgr, mit eiferſüͤchtigem Auge bewacht, und 147 namentlich der letztere war bei allen ihren Wande⸗ rungen fortwährend heimlich hinter ihr her. Als Kaled das erſtemal ihre Unterredung mit der feinen Londoner Dame belauſchte, dachte er an nichts weiteres als an ein zufälliges Zuſammentref⸗ fen und pries ſeine Baſe glücklich, ſich einer Leicht⸗ gläubigen bemeiſtert zu haben, die dem äußern An⸗ ſcheine nach ihre Wahrſagekunſt reichlich bezahlen würde; eine zweite Unterredung mit derſelben er⸗ aber ſeinen Verdacht und die dritte beſtätigte ihn. Er ſah, daß etwas nicht in der Ordnung war und beeilte ſich, ſeine Befürchtungen und Zweifel ſeiner Mutter mitzutheilen. „Es iſt Zeit, dieſer Dummheit ein Ende zu machen,“ ſagte die alte Frau aufgebracht.„Die Hearn's ſind ſo gut wie die Keelan's, und das ächte rumaniſche Blut fließt in ihren Adern. Ich werde es nicht dulden, daß mein Sohn durch einen Häu⸗ ſerbewohner um ſeine Frau gebracht wird.“ „Du hältſt ſie alſo für eine Kuplerin?“ bemerkte der junge Mann mit einem vor Wuth dunkelrothen Geſichte. „Ja, ja, mein Junge. Martha durchſchaut ihre Plane; mit all' ihrer Schlauheit können ſie ſie nicht hinter's Licht führen— ſie hat zu viele von ihren Kniffen kennen gelernt. Verfolge ſie nur immer wie ein Spürhund,“ fuhr ſie fort,„laſſe ſie keinen Augen⸗ blick aus dem Geſicht. Ich will den alten Mann aufſuchen und mit ihm wegen Deiner Heirath reden.“ Kaled's Augen funkelten vor Leftiehnt 148 „Glaubſt Du, daß ſie zuſtimmen wird, Mutter?“ rief er aus. „Du biſt ebenſo thöricht wie Milly,“ antwortete Martha ſcharf;„wer hat je gehört, daß ein Zigeu⸗ nermädchen dem Willen ihres Stammes ſich wider⸗ ſetzt hätte. Geh,“ fügte ſie bei,„und betrachte die Sache als abgemacht.“ Indem ſie ihrem Sohne es überließ, ſeine zu⸗ künftige Frau zu überwachen, ſuchte ſie Keelan's Zelt auf, um ihr Herz gegen ihn auszuſchütten. Obgleich Martha ſeine leibliche Schweſter war, theilte ſie doch den Reſpekt, welche ihr Verwandter der ganzen Horde einflößte, und wagte nur ſelten ſeine Einſamkeit zu ſtören. Sie wußte, daß Beſu⸗ cher ihm unangenehm ſeien, wenn ſie nicht kamen, um ſeine Dienſte in Anſpruch zu nehmen und dieſel⸗ ben zu bezahlen geneigt waren. In dieſem Falle waren ſie ſtets willkommen. Sie fand den alten Mann wie gewöhnlich neben ſeiner eiſenbeſchlagenen Kiſte ſitzend, eifrig beſchäftigt einen Trank aus Kräutern zu brauen, welche Milly nach ſeiner Anleitung am Morgen friſch geſammelt hatte. In der gegenüber befindlichen Ecke des Zel⸗ tes ſpielte ein Kind von etwa zwei bis drei Jahren eifrig mit einigen wilden Blumen. Das kleine un⸗ ſchuldige Geſchöpf ſah bleich undeunglücklich aus. „Iſt dieß der Balg?“ fragte die Frau. Ihr Bruder begnügte ſich mit einem bejahenden Nicken, da er zu eifrig beſchäftigt war, als daß er ihr hätte antworten können. Martha ließ ſich gleich einer Indianerin auf ihre Ferſe kauernd neben ihm nieder und zündete ihre 149 Pfeife an, welche ſie zu ſchmauchen fortfuhr, bis Kee⸗ lan Zeit fand, ihr Gehör zu ſchenken. „Was gibt es?“ fragte er in ſeinem gewohnten ruhigen Tone. „Im Lager iſt etwas nicht in der Ordnung,“ ſagte ſeine Schweſter. „So. „Der Fremdling hat ſeine Augen auf Milly ge⸗ worfen und huldigt dem Zauber unſeres Stammes.“ „Wohl möglich,“ murmelte der Zigeuner. „Das Mädchen iſt voll Hirngeſpinſten und Träu⸗ men,“ fuhr deren Tante fort,„die an ihrem Herzen zehren. Sie ſehnt ſich nach der Heimath des Häu⸗ ſerbewohners, der Eine der Seinigen abgeſchickt hat, um ſie zu überreden, ihren Stamm zu ver⸗ laſſen.“ „Gut, gut.“ „Es iſt nicht gut,“ unterbrach ihn Martha lei⸗ denſchaftlich.„Milly gehört meinem Sohn Kaled; ſeit ihrer Geburt iſt ſie mit ihm verlobt; und ich will ihn nicht durch eines jener kränklich ausſehen⸗ den Bleichgeſichter beraubt ſehen. Hätte ich nur etwas davon geahnt,“ fuhr ſie fort,„in jener Racht, in welcher er im Lager ſchlief.“ „Und was hätteſt Du denn gethan?“ „Ich hätte etwas in den Trunk gemiſcht,“ ant⸗ wortete ſeine Schweſter bedeutungsvoll;„und dieß will ich noch thun.“ Es kam ſelten— ſehr ſelten— vor, daß Kee⸗ lan ſeiner Leidenſchaft die Oberhand geſtattete; als er aber dieſe Drohung vernahm, deren Ausführung 150 Martha vollkommen fähig war, überhäufte er ſie mit den bitterſten Schmähungen.. Verſuch es uur, ihm ein Haar zu krümmen,“ rief er aus,„und ich hetze Dich und Deinen unge⸗ ſchlachten Jungen durch die ganze Welt. Des Fremd⸗ lings Leben iſt mehr werth, als das Leben meines ganzen Stammes.“. „Ich weiß, daß Dein Weib ſeine Amme war,“ ſagte die Frau,„und ihn mehr liebte, als ihr eige⸗ nes Kind— Milly's Mutter— aber ich glaubte nicht, daß auch Du ihre Schwäche theileſt. Ich laſſe mich durch harte Worte nicht einſchüchtern,“ ſetzte ſie hinzu. „Laß uns friedlich mit einander vertragen,“ ver⸗ ſetzte ihr Bruder;„was iſt Dein Verlangen?“ „Daß Du ſogleich Dein Verſprechen erfüllſt und Milly meinem Kaled zum Weibe gibſt.“ „Es ſei ſo,“ ſagte der alte Mann nach einer Pauſe Ja 6 vielleicht iſt dieß das Beſte. Aber merk Dir wohl, keine Gewaltthätigkeit gegen den Häuſerbewohner.“ „Mag er wie ein Hund krepiren, oder in hohem Alter ſterben, das gilt mir gleich,“ murmelte die dumpf,„wenn er nur Milly in Ruhe äßt.“ „In drei Tagen haben wir Vollmond,“ bemerkte Keelan.„Du kennſt die Gebräuche unſeres Stam⸗ mes?“ „Weßhalb die Sache drei Tage lang aufſchieben? Doch dieß hängt von Dir ab,“ ſagte ſeine Schwe⸗ ſter.„Wann willſt Du den Balg da bei Seite ſchaffen?“ ſetzte ſie ihre Stimme dämpfend hinzu. 151 „Heute Nacht.“ „Durch Gift?“ „Ich habe einen beſſern Plan erſonnen,“ ant⸗ wortete der alte Mann;„wenn der Leichnam gefun⸗ den würde, ſo könnten die Aerzte der Sache auf die Spur kommen. Ich will etwas einſchläferndes unter die Milch für das Kind miſchen, und wenn es dann ſchlummert, ſo kannſtPu es beerdigen.“ Die Zigeunerin billigte dieſen barbariſchen Vor⸗ ſchlag ohne den mindeſten Widerwillen. Ihre Ver⸗ trautheit mit dem Verbrechen hatte ihre Natur ver⸗ härtet, und jedes Gefühl der Menſchlichkeit, das ſie einſt beſeſſen, zerſtört. „Ich komme wieder, ſo bald es im Lager ruhig wird,“ flüſterte ſie,„denn es wäre nicht gut, wenn man mich ſähe. Sowohl Squills als Jinks iſt durchaus nicht zu trauen.“ „Wenn ich glauben müßte—“ „Pah! überlaß das mir,“ unterbrach ihn Mar⸗ tha.—„Ich habe ein wachſames Auge auf ſie.“ Unſere Leſer haben wohl nicht vergeſſen, daß Herbert Lach dem Jem Sparkes verſprochen hatte, ihn in dem ſpeciellen Zweig der Wiſſenſchaft zu un⸗ terrichten, welchem er ſein ganzes Leben widmete. Nicht leicht fand ein Lehrer einen verſtändigeren und gelehrigeren Zögling als ihn. Der Knabe warf ſich mit einem ſolchen Eifer auf ſeine Studien, daß an⸗ fangs faſt deßhalb für ſeine Geſundeit zu fürchten war;— ein neues Leben ſchien in ihm erweckt wor⸗ den zu ſein. Früh und ſpät jagte er in den be⸗ nachbarten Wäldern nach Vögeln oder dergleichen Thiere, um an dieſen ſeine Sezirkunſt zu üben. 152 Vielleicht lag dieſem übermächtigen Eifer ebenſo wohl Stolz als natürliche Liebe zur Wiſſenſchaſt zu Grund. Er war von niedriger Abkunft, ein Kind der Mildthätigkeit, ein Auswürfling des Armenhau⸗ ſes und doch fand ſich etwas Eigenthümliches in ſei⸗ nem Temperament, das ihn anſpornte, nach Ruhm. und Sieg zu ſtreben und was den Gedanken in ihm erweckte, durch Kenntniſſe ſich weit über diejenigen zu erheben, die in ſeinem verlaſſenen Zuſtande, in welchen das Glück in ſeiner Launenhaftigkeit ihn tief unter ſie geſtellt, ihn verachtet und verhöhnt hatten. An demſelben Tage, an welchem die Hochzeit zwiſchen Milly Moyne und ihrem Vetter Kaled feſt⸗ geſetzt worden war, hatte Jem auf einer ſeiner Strei⸗ fereien das Neſt eines Neuntödters entdeckt. Weil er ſchon oft ſeinen Herrn den Wunſch hatte aus⸗ ſprechen hören, ein derartiges Exemplar zu beſitzen, beſchloß er, Nachts an die Stelle zurückzukehren, weil er dann hoffen durfte, einen oder gar beide Vögel in ſeine Gewalt zu bekommen. Da er nicht unter die Menſchen gehörte, welche einen einmal gefaßten Entſchluß wieder aufgeben, ſo verließ er die Halle auf eine Weiſe, die er ſchon längſt ausfindig gemacht hatte, ſchlug den Weg über die Haide nach dem Walde ein, bis er an den Baum gelangte, den er nicht ohne große Schwierig⸗ keit beſtieg. Nachdem Jem ſich in den Beſitz ſeiner Beute geſetzt hatte, wollte er eben wieder herabſtei⸗ gen, als ein Raſcheln im Unterholze ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich zog. Als er vorſichtig die Zweige bei Seite ſchob, gewahrte er eine große, hagere, herenartig ausſehende Frau, deren geſpenſtiſche Ge⸗ 153 ſichtszüge furchtbar deutlich im Mondlicht ſichtbar wurden, welche auf die Kniee ſich niedergelaſſen hatte, und ſo eben im Begriff war, etwas in ein Loch nie⸗ derzulegen, das ſie in die Erde gegraben hatte. Obgleich dadurch nicht erſchreckt, wagte er doch kaum Athem zu holen. „Was kann ſie wohl hier machen?“ fragte er ſich verwundert. „Hier!“ murmelte das Weib.„Sie müſſen ſcharfe Augen haben, wenn ſie das Kind des Häuſerbe⸗ wohners da, wo ich es niedergelegt habe, finden wollen.“ Bei dem Worte„Kind“ vermochte der Knabe einen halblauten Schrei nicht zu unterdrücken. Mar⸗ tha, denn die geheimnißvolle Perſon war niemand anders als die Zigeunerin, ſprang auf die Füße und blickte ängſtlich um ſich. Glücklicherweiſe wehte der Wind heftig und verurſachte ein lautes und heftiges Krachen der Aeſte. „Nächſtens fürchte ich mich vor meinem eigenen Schatten,“ ſprach ſie,„man ſollte meinen, ich hätte niemals zuvor die Stimmen des Waldes ge⸗ hört.“ Einige Minuten hernach hatte ſie ihr Werk vol⸗ lendet, worauf ſie ſich gleich einem unheilbringenden Schatten über die Haide ſchleichend entfernte. „Kind des Häuſerbewohners,“ wiederholte Jem; „es muß das Kind der armen Reiſenden ſein, die in der Halle übernachtete, von dem ſie ſprach.“ Eiligſt von ſeinem Verſtech herunterſteigend, zog der Knabe das niedrige Gehölz auseinander und fand, wie er erwartet hatte, die Erde friſch aufge⸗ 154 wühlt. Obgleich er keine andere Hülfsmittel als ſeine Hände hatte, dieſelbe zu entfernen, ſchaffte er ſie doch eiligſt bei Seite und entdeckte, wie er ver⸗ muthet hatte, den Körper der kleinen Annie in ein grobes Leinwandtuch gehüllt, welches wahrſcheinlich früher zur Bedeckung eines der Zigeunerzelte gedient hatte. „Armes Geſchöpf! Armes Geſchöpf,“ murmelte er, während er in das vom Mondſchein beleuchtete Geſicht des Kindes blickte,„wie hübſch es iſt. Es kann noch nicht lange todt ſein,“ fuhr er fort,„denn ſeine Glieder ſind noch warm und geſchmeidig.“ Ein Schrei des Entſetzens entfuhr ihm— denn der vermeintliche Leichnam ließ einen tiefen Seuf⸗ zer hören. „Da bin ich ja Zeuge eines Mords geweſen,“ rief er aus,„oder wenigſtens eines Mordverſuchs. Wer weiß, ob die Frau nicht wieder zurückkehrt.“ Dieſer Gedanke veranlaßté den armen lahmen Knaben ſich zu beeilen, der das immer noch bewußt⸗ loſe Kind an ſein Herz drückend mit einer Haſt den Weg nach der Halle verfolgte, deren ihn wenige Perſonen für fähig gehalten hätten, indem er wäh⸗ rend ſeiner Flucht hie und da ſeine Blicke rückwärts laufen ließ, um ſich zu überzeugen, ob er verfolgt werde oder nicht. Herbert Lacy war gewohnt, jeden Abend ſich in die auf dem nördlichen Flügel gelegenen Zimmer der Halle zurückzuziehen, zu welchem er allein den Schlüſſel beſaß. Sein Erſtaunen war daher groß, als er Jem's Stimme vernahm, der vor der zu ihm 15⁵ führenden Thüre Einlaß begehrte. Es dauerte einige Zeit, ehe er ihn einer Antwort würdigte. „Ich komme zu Dir in das Bibliothekzimmer,“ erwiderte er endlich, von ſeiner Zudringlichkeit er⸗ müdet. Aber erſt als er die Fußtritte des Knaben am andern Ende des Korridors hörte, verließ er die Gemächer. „Nun, was gibt es denn?“ fragte er vẽrdrieß⸗ lich bei ſeinem Eintreten in das Bibliothekzimmer. Jem deutete auf das Kind, das er auf den Tiſch gelegt hatte. „Ein Körper?“ „Ja, aber ein lebender,“ rief der junge Menſch in großer Aufregung.„Glauben Sie mir, ich habe nichts Unrechtes gethan. Ich zog das Mädchen aus dem Grabe; man hatte es lebendig begraben.— Stellen Sie ſich nur vor, Herr, lebendig!“ Herbert Lach ſah ein, daß es jetzt nicht an der Zeit wäre, mit Fragen in Jem zu dringen, ſondern beſchäftigte ſich ſogleich mit der kleinen Patientin. Indem er ihr mit Gewalt die Augendeckel öffnete, vermuthete er ſogleich, nach dem eigenthümlichen Ausſehen der Pupillen zu ſchließen, daß ein mächtig wirkender Schlaftrunk beigebracht worden ſei, und ſomit beeilte er ſich ein geeignetes Gegenmittel ein⸗ zugeben. „Glauben Sie, daß das Kind wieder aufleben wird,“ rief Jem aus:„oder hat man es wirklich gemordet?“ „In wenigen Minuten wird ſich dieß entſchei⸗ den,“ antwortete ſein Herr. 156 „Nahezu eine Stunde lang beobachteten beide ängſtlich den Kampf zwiſchen Leben und Tod. End⸗ lich ſiegte die Natur über den ſchädlichen Trank, welchen Keelan ſeinem Opfer beigebracht hatte und der Doktor erklärte es für gerettet. Obgleich der Bewohner von Rockingham Hall jetzt wie ein Einſiedler lebte, hatte er doch ſeiner Zeit viel Merkwürdiges und Gräßliches geſehen und gehört, aber nie hatte er eine Geſchichte vernommen, welche ihn mit größerem Entſetzen erfüllte, als die, welche Jem ihm mittheilte. Eine geraume Zeit, nachdem der Knabe damit zu Ende war, blieb er noch immer in Nachdenken verſunken. „Haſt Du die Sache ſonſt noch Jemand mitge⸗ theilt?“ fragte er endlich. „Niemand außer Ihnen, Herr.“ „Das iſt ein Glück,“ ſagte ſein Herr.„Offen⸗ bar wird das Leben dieſes lieblichen unſchuldigen Geſchöpfes von demjenigen zu vernichten geſucht, für welchen ſein Tod von Intereſſe iſt. Für den Augen⸗ blick kenne ich weder ſeinen Namen noch ſeine Fa⸗ milie; jedenfalls erfordert es aber die Klugheit, daß der Vorfall ein Geheimniß unter uns beiden bleibt. Was die Werktzeuge anbelangt, die bei dieſem gräß⸗ lichen Attentat thätig waren, ſo zweifle ich keinen Augenblick, daß ich die rechten Leute im Verdacht habe, und ich werde deßhald die nöthigen Schritte thun, dieſelben aus der Nachbarſchaft zu vertreiben. 157 Elftes Kapitel. Die Mittheilung, daß ſie in drei Tagen die Frau ihres Vetters Kaled werden ſolle, weckte die ganze ſchlafende Thatkraft in Milly's Natur, riß ſie aus dem Zuſtande der träumeriſchen Unentſchloſſenheit, in welcher das argliſtiſche Benehmen Sir Aubrey's und die einſchmeichelnde Freundlichkeit von deſſen vorgeblicher Schweſter ſie verſetzt hatte. So kurz auch ihre Bekanntſchaft mit dem Häuſerbewohner war, ſo war dadurch doch in ihrem jungen Herzen ein Widerwillen gegen das halbwilde Leben, das ſie bis dahin geführt hatte, und ein geheimnißvolles Sehnen nach dem Unbekannten, dem Geiſtigen und Schönen erweckt worden. Der Geiſt des einfachen Zigeunermädchens wandte ſich all dieſem gerade ebenſo zu, wie die kränkeln⸗ den Blätter einer Pflanze, die zufällig in einem dun⸗ keln Gewölbe oder Keller dahinwelkend ſich unwill⸗ kührlich einem Lichtſtrahle, der in dieſe Finſterniß fällt, zuwenden. „Ich kann nie Kaled's Frau werden,“ antwor⸗ tete ſie in einem ſo ruhigen, aber zugleich ſo ent⸗ ſchloſſenen Tone, daß ihr Großvater vor Erſtaunen auffuhr und ſie aufmerkſam fixirte, denn es war das erſtemal, daß ſie es wagte, gegen ſeine Autorität ſich aufzulehnen. Martha, die ſich ebenfalls im Zelte befand, warf ihrer Nichte einen boshaften Blick zu und hätte ſich wahrſcheinlich in einen Strom von Schimpfworten 158 ergoſſen, wenn nicht ein Blick ihres Bruders ihr Einhalt gethan hätte. „Warum nicht?“ fragte er gelaſſen. „Weil ich ihn nicht liebe.“ „Liebſt Du denn vielleicht einen andern?“ Milly ſchwieg ſtille. „Sprich frei heraus,“ ſagte Keelan;„iſt es Squills, Jinks, Lee oder ein anderer junger Burſche unſeres Stammes?“ Der Schauder des Abſcheus und des Elels, welcher des armen Mädchens Körper durchzuckte, drückte ihren Widerwillen weit deutlicher aus, als die beredteſte Verneinung es vermocht hätte. „Ich will Dir ſagen, wer es iſt,“ rief die Zi⸗ geunerin, außer Stande, ihren Zorn länger zu be⸗ meiſtern:„es iſt niemand anders als jener feine vornehme Herr, der kürzlich Nachts ſchmeichelhafte Worte zu ihr geſprochen und dem einfältigen Ge⸗ ſchöpf geſagt hat, daß es hübſch ſei. Milly hat den Lügen des Häuſerbewohners ein bereitwilliges Ohr geſchenkt, und daher kommt es, daß ihr Herz alberner Träume voll iſt. Sie möchte gern eine feine Madame werden,— ſeidene Kleider tragen und Gebete ſprechen, wie die Häuſerbewohner, als wenn dieſe ihr etwas nützen könnten. Ich habe nie eines gelernt. Ein rumäniſcher Gatte und eine Hei⸗ math im Lager iſt nicht gut genug für ſie, ſie ver⸗ achtet unſer Volk und—“ „Ruhe!“ unterbrach ſie der alte Mann,„Ruhe!“ „Wenn Kaled nicht auf ſie verſeſſen wäre,“ murmelte ſeine Schweſter,„ſo läge mir nichts dar⸗ an, was aus ihr würde, denn es ſtecken ihr immer 159 allerhand ſonderbare Dinge im Kopfe und nie hat ſie ſich recht dem Geſchäft zugewendet, das ihr als ächter Rumänin zukommt.“ „Verlaß uns,“ ſagte Keelan nachdenklich. Martha verließ das Zelt mit einem drohenden Blick auf ihre Nichte. Der Stolz der Zigeunerin war verletzt. Es gehörte unter ihre Schwachheiten — deren ſie übrigens nicht viele beſaß,— die Hearn's den Keelans für vollkommen ebenbürtig zu halten. Höchſt wahrſcheinlich waren ſie es auch, denn der Henker ſelbſt wäre in Verlegenheit gera⸗ then, wenn er hätte entſcheiden ſollen, welcher Theil, was Verbrechen anbelangte, dem ondern den Vor⸗ rang ſtreitig machen könnte. Ein paar gekreuzte Stricke auf dem Schilde mit Handſchellen daran, wären für beide Famlilien ein völlig paſſendes Wap⸗ pen geweſen. „Du haſt Dich alſo in den Häuſerbewohner ver⸗ liebt, Milly,“ bemerkte ihr Großvater unter ſeinen buſchigen Augbraunen hervor ſie ſixirend.„Hm! Du biſt nicht das erſte thörichte Mädchen, welches mit einer Natter ſpielte und dieſelbe ſo lange für unſchädlich hielt, bis es deren vergifteten Biß fühlte.“ „Ich habe mich in Niemand verliebt,“ antwor⸗ tete das Zigeunermädchen,„und kann die Natter wohl von einer unſchädlichen Otter unterſcheiden. „Wenn Du eine an einer Hecke, in freiem Felde oder im Walde findeſt, wo ſie ihre natürliche Haut hat, glaube ich es wohl,“ ſagte der alte Mann; „aber nicht in Städten und Dörfern, wo beide ſich gleich ſehen, und wo man ſie weder an ihren Far⸗ en noch an ihren Flecken erkennen kann— wo 160 ſelbſt ich mit all' meiner Erfahrung getäuſcht werden bönnte. Was ſagte Dir denn der Menſch mit der glatten Zunge und dem einſchmeichelnden Auge?“ fügte er plötzlich bei. „Im Lager, Großvater?“ „Nein; im Wald, an jenem Morgen, an welchem er von uns wegging. „Er ſagte mir, was Hunderte vor ihm ſchon ge⸗ than haben, daß ich ſehr ſchön ſei,“ antwortete Milly,„fragte mich, wie lange ich ſchon bei der Horde mich befinde— wollte es nicht glauben, daß ich eine ächte Rumänin ſei und bat mich um die wilde Roſe, die ich in mein Haar geflochten hatte.“ „Er wollte es nicht glauben, daß Du eine ächte Rumänin ſeieſt,“ wiederholte Keelan höhniſch;„und Du glaubteſt ihm?“ „Kein Wort!“ rief Milly lachend.„Daſſelbe hat man mich ſchon öfters bei den Wettrennen und auf Märkten gefragt.“ „Damals alſo ſprach er mit Dir von Liebe?“ „Von Liebe!“ wiederholte das Mädchen ſeufzend —„von Liebe zu der Ausgeſtoßenen, Verworfenen und unſtät umher Irrenden, welcher die Kinder nach⸗ ſchreien und die der Konſtabel überwacht, ſo bald ſie nur die Ortsmarkung überſchreitet. Hältſt Du mich denn für ein Kind? Wenn er mich mit einer ſolchen Lüge zu hintergehen verſucht hätte, ſo würde ich ihn gehaßt haben.“ „Und jetzt?“ „Fürchte ich ihn,“ verſetzte ſeine Enkeltochter. „Er trägt das Zeichen eines böſen Geſchicks an ſich — ich leſe dieß in den Linien ſeines Geſichts. 161 Martha ſagt, daß er beſtimmt ſei, eines gewaltſa⸗ men Todes zu ſterben.“ „Martha iſt eine Närrin,“ verſetzte der alte Mann heftig.„Sein Stern iſt ſehr glänzend. Ich entdeckte dieß ſogleich bei ſeiner Geburt; Du haſt aber Recht— ſehr Recht— ihn zu fürchten. Er hat Deinen Lebensweg einmal durchkreuzt; ſollteſt u ihm ein zweitesmal begegnen, ſo hüte Dich vor ihm. Zwiſchen Dir und ihm liegt der rothe Stein und der Tod.“ Milly ſchauderte bei dieſer Prophezeihung. „Ich bin nur froh,“ fuhr Keelan fort,— der merkwürdiger Weiſe jedes Wort glaubte, welches Milly ſprach—„daß der Häuſerbewohner Dein Herz nicht mit eitlen Träumereien angefüllt hat. Wenn u einmal verheirathet biſt, ſo wirſt Du Deinen Vetter Kaled bald lieben.“ „Niemals, Großvater,“ antwortete das Mäd⸗ chen;„er behandelt mich gerade wie ein Ding, das ihm von Rechtswegen gehört; iſt eiferfüchtig und arg⸗ wöhniſch und belauert jeden meiner Gänge auf das grüne Feld und in die Wälder. Ich fange an ihn zu haſſen.“ „Liebe oder haſſe ihn, ganz nach Deinem Belie⸗ en,“ ſagte Keelan in tiefem leiſem Tone,„Du mußt doch ſein Weib werden— mein Wort iſt ver⸗ pfändet— der Stamm erwartet es. Ich kann wegen Deiner Narrheit keinen Streit mit meiner chweſter und den Hearn's anfangen.“ „Lieber nehme ich Gift!“ rief das Mädchen lei⸗ denſchaftlich,„und Martha kann mich dann ebenſo, Smith, Milly Moyne. I. 11 162 wie das Kind des Häuſerbewohners geſtern Nacht, in der Thalſchlucht begraben.“ Das Geſicht des alten Zigenners verfinſterte ſich und nahm über dieſe unbeſonnene Rede einen völlig drohenden Ausdruck an, zugleich erhob er die Hand, um Milly zu ſchlagen, als der Vorhang des Zeltes bei Seite geſchoben wurde und Herbert Lacy herein⸗ geſchritten kam. Sobald Keelan den Eindringling erkannte, ver⸗ gaß er ſowohl ſeine Enkeltochter, als die Urſache ſei⸗ nes Zorns; ſeine gewohnte Schlauheit und Geiſtes⸗ gegenwart ſchienen ihn zu verlaſſen, denn er ſank zuſammenbrechend auf ſeine Kiſte, gleich einem Men⸗ ſchen, der einen plötzlichen Schlag erhalten hat. Seine Aufregung war ſo groß, daß er nicht ein⸗ mal das Weggehen Milly's gewahrte, welche gleich einem Schatten durch die Heffnung ſchlüpfte und entfloh. „Was für ein böſer Stern führt Sie in das Zi⸗ geunerlager?“ fragte er, vergeblich bemüht, gefaßt zu ſcheinen. „Ich komme, um Euch mitzutheilen,“ verſetzte ſein Beſucher,„daß Ihr dieſe Gegend verlaſſen müßt.“ „Iſt Richard Vavaſſour geſtorben?“ „Nein.“ „Er iſt nicht todt. Dann gehe ich auch nicht,“ rief der alte Mann mit wiedergewonnenem Selbſt⸗ vertrauen.„Ich glaubte, Sie kämen mir zu ſagen, daß Sie jetzt der Herr wären. Ich ſollte dieſe Ge⸗ gend verlaſſen!“ wiederholte er in ſpöttiſchem Tone. „Das käme mir gerade recht, nach ſo vielen Jahren! 5 163 Weßhalb ſoll ich die Gegend verlaſſen? Wer wagt es, mich zu vertreiben?“ „Eine Hand, die ſtärker iſt, als die meinige,“ ſagte Herbert Lacy,„die ſchon ſeit lange über Euch ausgebreitet iſt und die ohne Zweifel Euch endlich faſſen wird— die eiſerne Hand der Gerechtigkeit!“ „Ich habe nichts gethan— wenigſtens neuer⸗ dings nichts,“ bemerkte der Zigeuner,„weßhalb ich mich zu fürchten hätte.“ „Nennt Ihr etwa Mord nichts?“ fragte der Dok⸗ tor gelaſſen. Keelan erſchrack und wiederholte langſam das ort. „Der Körper des Kindes, welches man von dem böſen Weibe geſtern Nacht in der Thalſchlucht hat begraben ſehen, iſt aufgefunden worden,“ fuhr ſein Beſucher fort. „Haben Sie es geſehen?“ „Nein.“ „Aber ausgegraben?“ „Ich habe weder etwas geſehen noch ausgegraben,“ verſetzte Herbert Lacy mit Betonung;„ſondern Je⸗ mand, dem ich kein Stillſchweigen auferlegen kann. Die gerichtliche Unterſuchung iſt bereits im Gang. orgen wird das Reſultat bekannt und das Ge⸗ füngniß, das Euch aufnehmen ſoll, bereit ſein, wenn nicht der Volksunwille dem Ausſpruch der Gerechtig⸗ keit vorgreift und die Beſtrafung Eurer Verbrechen ſelbſt übernimmt. Ich habe den mir zukommenden Antheil unſeres Vertrags erfüllt. Ihr ſeid vor der efahr gewarnt. Lebt wohl.“ Ohne eine Antwort abzuwarten oder w. ſchuld⸗ 164 befleckten Elenden noch eines Blickes zu würdigen, verließ der Doktor das Zelt. Als er durch das Lager ging, begegnete er dem jungen Kaled, der mit zerriſſenen Kleidern und mit übel zugerichteten Händen, wie von Biſſen eines wilden Thieres herrührend, gegen die Zelte laufend ihm entgegen kam. „Noch ein Verbrechen!“ murmelte Herbert vor ſich hin.„Wann werden endlich die Thaten dieſer verwünſchten Rotte ein Ende finden.“ Ohne aber die Urſache von dem unordentlichen Zuſtand des Zigeuners in Erfahrung bringen zu wollen, eilte er der Halle zu. Es gibt nur wenige Naturen, wie leidenſchaftlich oder roh ſie auch ſein mögen, welche nicht durch ein, wenn auch ſchwaches Band zarteren menſchlichen Empfindungen zugänglich ſind. Bei Martha bildete die Liebe zu ihrem Sohne dieſes Band; ſie liebte ihn wie die Wölfin ihr Junges und würde ihn im Augenblicke der Gefahr auch eben ſo grimmig ner⸗ theidigt haben. „Was iſt vorgefallen?“ fragte ſie, als ſie ihn er⸗ blickte. „Milly iſt mit dem Häuſerbewohner entflohen,“ ſtöhnte er—„dem Lager und ihrem Stamm ent— flohen; ſie iſt für mich verloren, Mutter— für im⸗ mer verloren!“ Das braune Geſicht der Zigeunerin wurde lei⸗ chenblaß. „Mit ihm iſt ſie entflohen?“ murmelte ſie. „Nein, mit der feinen Dame, welche in den letz⸗ 5—— — 165 ten zehn Tagen fortwährend um das Lager herum⸗ geſchlichen iſt.“ „Mit einem Weib!“ rief Martha, in ein verächt⸗ liches Lachen ausbrechend;„Du ſahſt ihre Flucht mit an und kommſt wie ein geſchlagener Hund weinend und winſelnd zu Deiner alten Mutter, ſtatt daß Du es verhindert hätteſt. Da muß das ſchlechte Blut Deines Vaters in Dir ſtecken,“ fuhr ſie fort;„auf meiner Seite gab es keine feige Tröpfe.“ „Ich bin nicht feig!“ murmelte Kaled finſter. „Wie kommt es aber, daß Du Milly dann nicht an ihren Haaren in das Lager zurückgeſchleift haſt?“ verſetzte das Mannweib aufgebracht. „Ich verſuchte dieß,“ antwortete ihr Sohn,„und hätte auch ihre Flucht verhindert, wenn der Höllen⸗ hund nicht geweſen wäre. Ich hatte aber genug zu thun, mir ſeine Klauen vom Hals zu halten.— Da ſiehſt Du, wie er mir die Hände zerriſſen hat. Wäh⸗ rend ich mich mit Snap herumbalgte, entwiſchte Milly und der weibliche Teufel, der ſie verführt hatte. Ich will ſie aber verfolgen,“ fügte er bei, „und wenn ich das Land von einem Ende zum an⸗ dern durchſtreifen müßte.“ „Das iſt ganz recht,“ ſagte Martha beiſtimmend. „Sie haben den Weg nach Lincoln eingeſchla⸗ . fuhr Kaled fort.„Ich beobachtete die Chaiſe, is ſie nicht mehr ſichtbar war.“ Der Mutter nächſte Sorge ging dahin, Kaled's Hände mit einem Balſam zu waſchen, der ſeinen Wohlgeruch weit durch die Luft verbreitete. Nach⸗ dem dieß geſchehen war, forderte ſie ihn auf, in ſein 166 Zelt ſich zu begeben, dort ſein beſtes Kleid unzuzie⸗ hen und dann wieder zu ihr zurückzukommen. „Wenn Du mir helfen willſt,“ ſagte der durch⸗ gefallene Liebhaber,„ſo würde ich—“ „Sei ganz ruhig, mein Junge,“ unterbrach ihn Martha;„ich bin eine ächte rumäniſche Mutter, und! werde Dir Beiſtand leiſten. Blut iſt dichter als Waſſer, die Hearn's ſind allezeit eben ſo gut wie die Keelan's. Wir wollen ſehen— wir wollen ſehen.“ Kaled, der ſeiner Mutter eigenthümliche Weiſe kannte, betrachtete dieß als ein Verſprechen und be⸗ eilte ſich ihrem Verlangen nachzukommen. Die Zigennerin zündete ihre Pfeife an, und in⸗ dem ſie ſich, wie eine rothe Indianerin an ihrem Wachfeuer, auf ihren Ferſen kauernd niederließ, fing ſie an den Dunſt des Krautes einzuſchlürfen, deſſen beruhigender Einfluß auf ihre Nerven bald ſich be⸗ merkbar machte. Anfangs ſtieg der Rauch in kurzen unregelmäßigen Wolken aus dem geſchwärzten Rohre auf; nach und nach wurden dieſe aber immer regel⸗ mäßiger, bis ſie zuletzt ſo gleichförmig wurden, daß nicht einmal die Abweichung einer zwanzigſtels Se⸗ cunde zwiſchen jedem der einzelnen Züge hätte be⸗ merkt werden können.. Sie war eben im Begriff zum zweitenmal die Aſche aus dem Kopfe auszuklopfen, als ihr Sohn wieder erſchien. Es war merkwürdig anzuſehen, wie die zorner⸗ füllten blutig angelaufenen Augen der Mutter einen ſanftern Ausdruck annahmen, als ſie auf den wohl⸗ geformten Gliedern des jungen Halbwilden ruhten, deſſen bis an die Knöchel reichenden Strümpfe, ſo 68 167 wie ſeine kurzen Beinkleider, die nur loſe um die Kniee zugeknöpft waren, vortheilhaft ein ſchön ge⸗ formtes Bein zeigten, während das grobe hänfene Hemd mit weit zurückgeſchlagenem Kragen einen kräftigen Nacken erblicken ließ, der als Modell für einen ländlichen Herkules hätte dienen können. Milly muß verrückt ſein, dachte Martha, wäh⸗ rend ſie ihn wohlgefällig betrachtete, daß ſie einen ſo kränklich und bleichſüchtig ausſehenden Häuſerbe⸗ wohner ſolch einem ächten rumäniſchen Burſchen wie Kaled vorzieht, der überdieß nach ihrer Anſicht ſo klug und ſchlau wie eine Schlange war— eine bienſchaſt die in ihren Augen den höchſten Werth eſaß. „Gut, mein Junge,“ ſprach ſie,„ich werde es nie dulden, daß man Dir das Mädchen vor der Naſe wegſchnappt, auf das Du Dein Auge gewor⸗ fen haſt. Ich begreife zwar nicht, was Du an ihr findeſt; aber Geſchmack iſt Geſchmack. Dein Vater war auch ganz wahnſinnig auf mich verſeſſen. Er mußte aber zuerſt den Tom Lee dreimal durchprü⸗ geln und Deinem Oheim Jack ein paar Rippen ein⸗ ſchlagen, ehe ich mich entſchließen konnte, ihn zu nehmen. Aber damals gab es noch Männer,“ ſetzte ſie hinzu. „Die Schuld lag nicht an mir. Der verdammte Hund—“ „Ich weiß alles,“ unterbrach ihn ſeine Mutter, „Du biſt alſo feſt entſchloſſen, die Milly zu ver⸗ folgen?“ „Wenn ich ihr barfuß nachlaufen und mein Brod unterwegs erbetteln müßte.“ 168 „Das iſt gar nicht nöthig,“ bemerkte ſeine Mut⸗ ter, ihre Hand in eine weite Taſche ſteckend, welche wachend und ſchlafend nie von ihrer Seite kam und aus der ſie einen ledernen Beutel gefüllt mit Geld hervorzog.„Nicht als ob Almoſen fordern oder Stehlen eine Schande wäre,“ fuhr ſie philoſophiſch fort,„vorausgeſetzt wenn es mit Sicherheit geſche⸗ hen kann; aber es ſchickt ſich nicht, Gefängniß und Halseiſen zu riskiren, wenn es ſich um den Kredit der Familie handelt.“ „Ich bin kein ſolcher Narr, der ſo etwas riskirt,“ antwortete ihr Sohn. „Du brauchſt nicht etwas Apartes ſein zu wol⸗ len,“ ſagte Martha,„denn mir gefällt ein kühnes Wagen; es gehört Muth dazu und daran fehlte es mir nie. Hier ſind aber,“ fuhr ſie fort, Geldſtücke in ſeine Hand legend,„vier Harte, drei Halbe, fünf Kleine und ein Goldsvogel. Mit dem letzten mußt Du Dein Glück verſuchen. Etwas Mutterwitz und eine glatte Zunge kann Dir dazu verhelfen.“ „Ich bin zufrieden, wenn ich ein Weib damit gewinne,“ rief Kaled eifrig. Ganz wie ſein Vater, dachte die Zigeunerin, ganz wie ſein Vater. „Es iſt aber noch nicht genug,“ fügte ſie laut ſprechend hinzu,„hier iſt auch etwas Gift. Du kannſt es vielleicht brauchen und weißt ja, wie man es anwendet.“ Der junge Mann nickte bejahend. „Haſt Du auch Dein Meſſer bei Dir?“ Er deutete auf ſeine Seitentaſche. „Laß es mich ſehen.“ 169 „Keine ſchlechte Klinge,“ ſprach ſie, nachdem ſie es mit Kennermiene geprüft hatte;„obgleich es nicht in Sheffield geſchliffen worden iſt. Nimm das meinige!“ Mutter und Sohn vertauſchten die Waffen und trennten ſich ſodann nach noch manchen andern gu⸗ ten Rathſchlägen, inſofern man nämlich eine Anſei⸗ tung zu betrügeriſcher Schlauheit und Kühnheit, in welcher die alte Frau große Erfahrung zeigte, ſo bezeichnen kann. „Trachte darnach, daß der Häuſerbewohner nicht über den Rumänen den Sieg davon trägt,“ rief ſie aus, als ſie das Ende des Lagers erreichten.„Sei ausdauernd wie ein Spürhund, geduldig wie die Ameiſe und liſtig wie die Schlange! Wenn Du Milly triffſt,“ ſetzte ſie flüſternd hinzu,„eine raſche Vermählung und eine glückliche Rückkehr unter die Zelte Deines Stammes.“ Kaled's Augen blitzten helle auf bei dieſen Wor⸗ ten; er hatte den Rath vollkommen verſtanden. Martha's Verabſchiedung ſchloß mit Ausübung einer alten Ceremonie, die einſt allgemein, und wie wir glauben auch jetzt noch bei dieſem Volke ge⸗ bräuchlich iſt. Von Oſten beginnend, ging ſie drei⸗ mal um ihren Sohn herum, indem ſie dabei leiſe ein monotones Lied ſang. Nachdem dieß beendigt war, machte ſich der abgewieſene Liebhaber unſerer in ohne ein weiteres Wort zu ſprechen auf den eg. „Das Glück des rumäniſchen Stammes ſei mit ihm,“ murmelte ſeine Mutter,„und der Fluch unſeres Stammes treffe alle, die ſeinen Weg durchkreuzen: 170⁰ „Mögen ſie in Jammer vergehen, Niemals wieder einen Morgen ſehen; Treffe der Tod mit allem Grauſ' Sie nebſt ihrem ganzen Haus. Ihre Luſt und ihre Freud' Wandle ſich in Kreuz und Leid; Verflucht und troſtlos ſoll Jeder ſterben Der einen Rumänen will verderben!“ Nachdem ſie ihrem mütterlichen Gefühl durch Ausſprechen dieſer Verwünſchung über die wirklichen oder vermeintlichen Feinde ihres Sohnes Luft ge⸗ macht, lenkte die Zigeunerin ihre Schritte nach Kee⸗ lan's Zelt, den ſie zur Abreiſe gerüſtet fand. „Ich ſah voraus, was kommen würde,“ hub ſie in dem eigenthümlichen Tone an, welchen man ge⸗ wöhnlich anzuſchlagen pflegt, wenn man ſeine eigene geiſtige Ueberlegenheit kund geben will.„Ich ſagte Dir von jeher, Du ſeieſt zu nachſichtig gegen Dein Enkelkind und mein Wort hat ſich nur zu treu be⸗ währt. Milly iſt mit der feinen Häuſerbewohnerin ihrem Stamm entflohen.“ „Es iſt ſchlimm,“ ſagte der alte Mann kopfſchüt⸗ telnd;„ſehr ſchlimm, wenn die Tochter des Rumä⸗ nen die Wege ihrer Vorväter verläßt. Ich habe noch nie geſehen, daß etwas Gutes dabei heraus⸗ gekommen wäre. Es droht Gefahr.“ „Pah!“ verſetzte ſeine Schweſter.„Kaled wird bald wieder mit ihr zurückkehren.“ „Und wird dann unſer Lager abgebrochen und den Ort, wo unſere Feuer ſo viele Jahre hindurch . gebrannt haben, verlaſſen finden,“ bemerkte eelan. 68 15 „Was meinſt Du damit?“ „Daß Dich Deine gewohnte Schlauheit verlaſſen hat,“ verſetzte ihr Bruder;„die Augen des Häuſer⸗ bewohners ſahen Dich das Grab des kleinen Balgs machen. Der Körper iſt herausgenommen worden und die Juſtiz wird uns bald auf den Ferſen ſein.“ Dieſe erſchütternde Nachricht beantwortete Mar⸗ tha mit einem Fluch, mit deſſen Wiederholung wir unſere Blätter nicht beſudeln wollen, indem ſie zu⸗ gleich meinte, daß es allerdings Zeit ſei, ſich aus dem Staube zu machen. „Meine Vorbereitungen ſind bald beendigt,“ ſetzte ſie hinzu.„Der Stamm ſoll für mein Zelt und meine Habſeligkeiten ſorgen, während ich ſogleich den Weg antreten will. Wo meinſt Du denn aber, daß wir uns niederlaſſen ſollen?“ „An unſerem alten Verſteck in der Nähe von Kotswold,“ antwortete der Zigeuner.„Du erinnerſt Dich doch noch? Er befindet ſich hart an der Küſte. Sollte man uns gar zu eifrig nachſpüren, ſo können wir leicht Mittel ſinden, um von da in einer Fiſcher⸗ barke oder einem Schleichhändlerboote nach Holland überzuſchiffen.“ „Gut,“ ſagte Martha, die in Augenblicken der Gefahr karg an Worten aber dafür um ſo raſcher in der That war.„Ich kenne den Ort. In acht Tagen wirſt Du mich dort finden, wenn nicht die ſeng mich am Kragen faſſen und in's Loch tecken.“ Mit dieſen Worten verließ ſie das Zelt. Am folgenden Morgen war das ganze Lager verſchwunden und auch nicht eine Spur war zuruck⸗ 172 geblieben, welche den Weg angedeutet hätte, den die Zigeuner eingeſchlagen hatten. Sobald die angebliche Schweſter Sir Aubrey's ihrer Beute ſich verſichert hatte, verlor ſie auch nicht einen Augenblick, dieſelbe an den geheimen Ort zu bringen, welchen ihr Patron für deren Aufnahme in Richmond gemiethet hatte, ein einfaches Landhaus an den Ufern der Themſe mit einem Garten daran, der bis an den Fluß reichte. Sie verweilte mit ihr nur ſo lange in London, als unumgänglich noth⸗ wendig war, ihr ſolche Kleidungsſtücke anzuſchaffen, aus welchen nicht auf Milly's frühern Stand ge⸗ ſchloſſen werden konnte. WMehrere Tage lang zeigte ſich das arme Mäd⸗ chen beunruhigt und in Sorgen über den Schritt, den ſie gethan hatte. Der vertrautere Umgang mit Mrs. Hanway hatte die übergünſtige Meinung et⸗ was gemäßigt, die ſie von deren Moralität und Güte gefaßt hatte. Die Natur hatte das Zigeuner⸗ mädchen, ebenſo wie die Vögel, mit jenem Inſtinkt ausgerüſtet, ihre Feinde zu erkennen und ſie fing an vor den hinterliſtigen Liebkoſungen, glatten Worten und ſchönen Verſprechungen zu erſchrecken. Am Ende der Woche erſchien der Baronet. Milly, welche wie alle ihres Stammes abergläubiſch war, betrachtete es als eine vortreffliche Vorbedeutung, daß der alte Hund, der ſie auch hieher begleitet hatte, ihn nicht anknurrte. Sie hatte einen kindlichen Glauben an Snap's Scharfſinn. Sir Aubrey Fairclough gehörte nicht unter die alltäglichen Wüſtlinge, denen es gleichgültig iſt, auf 173 welche Weiſe ſie den Becher der Luſt leeren, der ihren Lippen geboten wird, indem er im Gegentheil eine Art von Raffinement bei ſeinen Laſtern in An⸗ wendung brachte. Milly's Schönheit hatte ihn be⸗ zaubert— es war aber nicht Schönheit allein, die ihm gefiel, ſondern der Geiſt übte auf ihn eine faſt gleiche Anziehungskraft. Er hatte die Keime eines nicht alltäglichen Verſtandes— die Neigung zu Lei⸗ denſchaft und Geſühl, in dem ſchlichten Zigeuner⸗ mädchen entdeckt; deßhalb beſchloß er auch, die Blume zuerſt zu cultiviren, ehe er ſie pflückte. Sie ganz wahnſinnig, gänzlich willenlos in ſich verliebt zu machen, war der Triumph, den er zu er⸗ langen ſuchte und er gab ſich alle Mühe, das Ziel, das er ſich vorgeſteckt hatte, zu erreichen. Tag um Tag wiederholte er ſeine Beſuche und widmete ganze Stunden der Entwicklung der Intel⸗ ligenz ſeines Opfers. Trotz ſeiner Erfahrung über⸗ raſchte ihn doch die Schnelligkeit, mit welchem ſie den Unterricht faßte, den er ihr beizubringen ſuchte. Sie ſchien ſeine Lectionen gewiſſermaßen im Voraus zu errathen. War der Lehrer beredt, ſo war dafür der Zögling äußerſt empfänglich. Bis jetzt hatte der Baronet ſo ſorgfältig ſeine Gefühle bewacht, daß er noch niemals ein Wort, das ſeine unedle Leidenſchaft verrathen könnte, hatte laut werden laſſen. Das feine Gift wurde Milly in der Form von Poeſie und Muſik beigebracht. Sir Aubrey war ein Meiſter in Geſang und Decla⸗ mirkunſt und ſein Opfer konnte ſtundenlang zu ſei⸗ nen Füßen ſitzen, um den Worten zu lauſchen, die das junge Herz ſchlagen machten, den blitzenden 174 Augen ihren Glanz raubten und ihnen einen ſanften, träumeriſchen Ausdruck verliehen. „Machen Sie mich zu ihrer Gattin,“ ſprach ſie, „heirathen Sie mich auf die Weiſe, wie Häuſerbe⸗ wohner zu heirathen pflegen und ich bin die Ihrige. Ich brauche meine Leidenſchaft nicht zu bekennen; Sie kennen deren Tiefe, Stärke und Zartheit beſſer, als meine unwiſſenden Worte ſie auszudrücken ver⸗ mögen. Aber heirathen müſſen Sie mich,“ fügte ſie bei;„es iſt dieß um Ihrer eigenen Sicherheit willen nothwendig.“ „Und weßhalb?“ fragte Sir Aubrey lächelnd. „Weil ich Sie umbringen würde,“ ant⸗ wortete Milly gelaſſen,„wenn Sie mich um ei⸗ ner Andern willen verlaſſen würden.“ Es dauerte lange, ehe es dem herzloſen Wüſt⸗ ling gelang, das natürlich klare Urtheil ſeines Opfers dadurch zu blenden, daß er es überredete, die frag⸗ liche Ceremonie ſei nichts weiter als eine bloſe Form; und als es ihm endlich gelang, ſo war es die Liebe zu ihm, aber nicht die Vernunft, welche er überzeugte. ven mochten über Milly Moyne's Fall geweint haben. Zwölftes Kapitel. Das von Major Henderſon eingehaltene Syſtem erſtreckte ſich nicht bloß auf die geiſtige, ſondern auch 175⁵ auf die phyſiſche Ausbildung ſeiner Zöglinge. Nach ſeiner Anſicht waren nicht nur Spiele außer dem Hauſe und allerlei Uebungen ebenſo weſentliche Zweige der Erziehung, als Kenntniß der Geſchichte, der Klaſſiker und Mathematik. Es war daher kein Wunder, daß die Knaben ihn wie einen Vater ver⸗ ehrten, denn der alte Militär theilte nicht nur ihre Spiele, ſondern gab dieſelben auch an; und wenn er abweſend war, ſo erſetzte ihn ſein Factotum und vertrauter Diener Peter Marl. Peter war, wie wir bereits in einem der frühern Kapitel erwähnt haben, in ſeiner Art ein Charakter; auch verſprachen wir ihn unſern Leſern etwas ge⸗ nauer zu beſchreiben. Gleich den meiſten Menſchen, welche eine längere Zeit hindurch gedient haben, hegte der Exkorporal einen großen Reſpect vor der Armee; eigentlich be⸗ trachtete er den Kriegerſtand als die einzige Pro⸗ feſſion, die ſich für einen Gentleman ſchicke. „Pfarrer und Doktoren“ pflegte er zu ſagen, zſind in ihrer Art ſchon recht; ſie ſorgen für die Bedürfniſſe eines Landes, aber Soldaten ſind die erkzeuge ſeines Ruhms.“ Niemals hörte er den ruhmreichen Befehlshaber, unter dem er gedient hatte, nennen, ohne daß er ſeine Hand an ſeinen kahlen Vorderkopf gelegt hätte, gerade wie er ihn in Portingal und Spanien ſalutirt hatte. Vergebens war das Bemühen der ältern Kna⸗ ben, denen des alten Mannes Eigenthümlichkeiten Spaß machten, ihn beim Ausſprechen des Namens des erſtern Landes zu corrigiren. Er verſicherte aber ſtets auf die ernſteſte Weiſe, man habe es zu ſeiner 176 Zeit immer Portingal genannt und Männer, welche daſelbſt für die Ehre Englands gefochten hätten, müßten dieß am beſten wiſſen, oder wenn dieß nicht der Fall ſei, ſo ſollten ſie es doch wenigſtens wiſſen. Er war ein großer, hagerer, ſteifer Mann von ſtrammer Haltung; dabei war er aber doch merk⸗ würdig rührig, namentlich im Hinblick auf ſeine Jahre und Wunden, die er bei Waterloo erhalten hatte, welche auch bei herannahendem Regen oder bei plötz⸗ licher Witterungsveränderung ihm ein leichtes Hin⸗ ken verurſachten. Dabei hatte aber Peter eine Schwachheit— einen eingefleiſchten Haß gegen die Franzoſen, der ſo weit ging, daß an dem Tage, an welchem Monſieur Detonwille in die Halle kam, um daſelbſt Unterricht zu ertheilen, er ſich gleichſam auf den Wachpoſten ſtellte und ihn vom Augenblicke ſei⸗ ner Ankunft an bis er ihn wieder ſicher aus dem Hauſe wußte, ſcharf beobachtete. Anfangs konnte der kleine Franzoſe die faſt be⸗ leidigende Aufmerkſamkeit, deren Gegenſtand er war, durchaus nicht begreifen. Als er aber die Urſache erfuhr, hüllte er ſich in ſeinen Nationalſtolz und ſeine Standeswürde, und von nun an ſagte er nicht mehr „mon brave, mon vieux, ſondern ſchlechtweg Mon- sieur Pierre. Für Peter, der dieß als eine Beleidigung anſah, wurde dieß zu einer unüberſteiglichen Schranke, das unwernünftige Vorurtheil, von dem er gegen ihn be⸗ fangen war, zu beſeitigen, ja es bedurfte der gan⸗ zen Autorität des Majors, ſeinen Unwillen in den geſetzlichen Grenzen zu halten. „Monsieur,“ zu einem Korporal vom Zweiund⸗ vierzigſten! jetzt glaube er von einem Franzoſen alles, pflegte er nunmehr zu ſagen. S Obgleich Peter beſtändig um die Zöglinge war, ſo ſahen ſie in ihm doch mehr einen Verbündeten als einen Aufſeher, der ihr Treiben zu beobachten habe. In allen ſchwierigen Fällen zogen ſie ihn zu Rathe und oft und viel war der alte Burſche dabei, wenn es ſich darum handelte, einen Anſchlag aus⸗ zuführen. Oliver Brandreth und Philipp waren jetzt ſchon ſeit mehreren Monaten Bewohner von Catwell Hall und beiden war die Zeit auf die angenehmſte Weiſe verfloſſen. Sie waren mit ihren Mitſchülern auf's innigſte befreundet und ſehr gut bei dem Major an⸗ geſchrieben, deſſen Wachſamkeit für die Sicherheit des jungen Creolen auch nicht einen Augenblick nach⸗ ließ. Der kleinſte auf ihn Bezug habende Umſtand wurde ihm gemeldet. 8 „Weßhalb lachten denn die Knaben heute mor⸗ gen ſo herzlich, Peter?“ fragte Major Henderſon, als der Korporal in das Bibliothekzimmer trat, um ſeinen gewohnten Bericht abzuſtatten. „Nur wegen eines Traums, den Maſter Bland⸗ ford hatte, Euer Ehren.“ „Wegen eines Traums?“ „Ja, die Sache ſteht im Rapport.“ „Leſen Sie ihn.“ „Die jungen Herrn wurden geſtern Nacht da⸗ durch aufgeweckt, daß Maſter Blandford in ſeinem Bett auffuhr und um Beiſtand ſchrie. Er ſagte, er habe das Geſicht eines Mannes geſehen, das durch das Feuſter ſeines Zimmers geblickt habe.“ Smith, Milly Mohne. 1. 12 — 178 „Und Sie halten dieß für einen Traum?“ be⸗ merkte ſein Herr. „Ich weiß nicht, was ich davon denken ſoll,“ ver⸗ ſetzte der alte Sodat.„Der Knabe war ſehr furcht⸗ ſam, als er hieher kam, bis ihm Mr. Brandreth ein wenig Muth einbläute. Nun ſagt Mr. Brand⸗ reth, es müſſe ein Traum geweſen ſein und der iſt kein Dummkopf. Ueberdieß, Euer Ehren, iſt das Fenſter dreißig Fuß vom Boden entfernt.“ „Schien der Mond geſtern Nacht?“ fragte der Major nachdenklich. „So hell wie damals als—“ „Schon gut, ich erinnere mich vollkommen,“ un⸗ terbrach ihn der Major, welchem vor einer der end⸗ loſen Geſchichten Peters bange war.„Es iſt mir lieb, daß Sie mir die Sache mitgetheilt haben. Wo Philipp Blandford im Spiele iſt, werden ſelbſt un⸗ bedeutende Dinge wichtig. So bald die jungen Leute wieder beim Lernen ſitzen, finden Sie ſich wieder bei mir ein. Sie müſſen mich außerhalb des Hauſes begleiten.“ Der Korporal ſalutirte und marſchirte aus der Bibliothek hinaus. Zur feſtgeſetzten Stunde erſchien er wieder und beide verließen zuſammen das Haus. Einige Mi⸗ nuten lang ſtanden ſie auf dem Sandwege gerade gegenüber von Philipp's Schlafzimmer, deſſen Höhe der Major in Gedanken berechnete. Es lag mindeſtens dreißig Fuß über dem Boden. „Kein feindlicher Spion hit da hinauf gelan⸗ gen können,“ ſagte der alte Soldat. „Außer vermittelſt einer Leiter,“ be⸗ 179 merkte ſein Herr trocken.„Folgen Sie mir jetzt in das Geräthehaus.“ Das ſo bezeichnete Gebäude war ein Thurm, der früher einen Theil der Abteiwohnung ausgemacht hatte. Rechen, Spaten, Stangen zu gymnaſtiſchen Uebungen, ſowie die verſchiedenartigen zur Land⸗ wirthſchaft nothwendigen Geräthe waren daſelbſt auf⸗ gehäuft und darunter befanden ſich auch einige Leitern. Der Major beſichtigte die längſte darunter auf⸗ merkſam, an den Fußenden derſelben fanden ſich Spuren von friſcher Erde. „Gerade dieſelbe Erde,“ bemerkte er, wie ſie ſich in dem Beet unter Philipp Blandford's Fenſter vor findet.“ Peter beſchloß im Stillen ſeine Muskete in Be⸗ reitſchaft zu ſetzen. Vom Geräthehaus begaben ſie ſich wieder in den Garten; das Blumenbeet ſchien ganz friſch gerecht worden zu ſein. Es waren dieß verdächtige Um⸗ ſtände und doch ſchien es ihrer Anſicht nach höchſt unwahrſcheinlich, daß Jemand, der ſich der Leiter zu einem ſolchen Zwecke bedient hatte, ſich noch Zeit zum rechen genommen haben ſollte, nachdem Lärm gemacht worden war.. Dieſe Vermuthung erwies ſich als gegründet. Oliver Brandreth hatte dieß gethan, um Philipp's Angſt dadurch zu beſchwichtigen; dabei beabſichtigte er aber durchaus nicht, ſich einer falſchen Sicherheit hinzugeben, ſondern er hatte im Gegentheil einen lan entworfen, den er mit Hilfe ſeiner jungen Ka⸗ meraden ausführen zu können hoffte von wel⸗ 2* 180 chem er erſt, nachdem er ihm gelungen wäre, den Major in Kenntniß ſetzen wollte. Er war nicht der erſte, der zu ſcheren ausgezo⸗ gen war und ſelbſt geſchoren nach Hauſe kam. Sobald die Knaben die Behandlung erfahren hatten, welche Philipp Blandford von Seiten Mr. Danby' zu Theil geworden war, gab ſich von ihrer Seite eine herzliche Theilnahme für ihn kund. Die Folge davon war, daß, obgleich ſie übereingekommen waren, ſeine Beängſtigung für die Folge eines Traums zu erklären, einer wie der andere ſeinen Scharfſinn anſtrengke, um die Mittel und Wege zu entdecken, durch welche der Eindringling ſich Zugang in den Garten verſchafft hatte,— was keineswegs eine leichte Sache war, da denſelben eine hohe Mauer umgab und die eiſernen Thore jede Nacht ſorgfältig geſchloſſen wurden. Jodrel war der erſte, der bemerkte, daß einer der Schlußſteine an dem Theil der Mauer, welche den Wiesgrund umgab, herabgefallen ſei und der ſeine übrigen Kameraden darauf aufmerkſam machte. Jetzt rückte auch Oliver mit ſeinem Plane heraus, durch den er den Eindringling zu fangen hoffte. Das Mittel war höchſt einfach und der Art, wie es Schulknaben nahe liegt, denen es nur um einen Spaß zu thun iſt, ohne dabei an das Begehen ei⸗ ner unerlaubten Handlung zu denken. Er hatte in dem Geräthehaus ein Werktzeug ent⸗ deckt, das man in früheren Zeiten eine Menſchenfalle hieß; daſſelbe unterſchied ſich aber von dieſem In⸗ ſtrument in ſo fern, als es nicht die furchtbaren Zähne hatte, welche an den ſonſt üblichen angebracht * 181 waren und die das Bein des Opfers auf die furcht⸗ barſte Weiſe zerfleiſchten. Für ihre jügendliche Einbildungskraft lag et⸗ was Köſtliches in der Heimlichkeit, mit der ſie ſich kurz nach Mitternacht aus dem Hauſe ſtahlen, um ſich an die Stelle der Mauer zu begeben, wo der Eindringling herabgeſtiegen ſein mußte. Ebenſo leiſe wie ſie gekommen waren, ſchlichen ſie ſich wieder zu⸗ rück in ihre Betten; aber nicht um zu ſchlafen,— denn dazu war die Aufregung zu groß. Noch nie waren ihnen die Stunden ſo lang⸗ ſam verſtrichen. Die jungen Verſchwörer meinten die Nacht ſeie in Folge einer unerklärlichen Laune der Natur ungewöhnlich lang geworden und der Morgen erſcheine ſpäter wie gewöhnlich. Endlich fing es an zu tagen und unſer Held begab ſich eilig, begleitet von Howard und Vorles, hinab in den arten. 5 Es gibt wohl Wenige unter uns— die meiſten Knaben ſind wohl ihrer Zeit Wilderer geweſen— die ſich nicht der Befriedigung erinnern, mit welcher ſie den erſten Haſen oder ein Kaninchen in der Falle erblickten; aber dieſes Gefühl muß armſelig und jämmerlich im Vergleich zu der wahnſinnigen Freude der drei Knaben geweſen ſein, als ſie entdeckten, daß ſie einen Mann gefangen hatten— einen wirklichen Mann von Fleiſch und Blut— einen kräftig aus⸗ ſehenden Burſchen, anſtändig gekleidet in einen Jagd⸗ anzug, mit Kamaſchen und Pelzkappe. Es lag etwas außerordentlich Finſteres in ſeinem ſeeſchtsde als er die Knaben näher kommen ſah. 182 Ihren faſt gleichzeitig geſtellten Fragen, was ihn hieher geführt habe, wie er heiße, und was für ei⸗ nen Grund er hiezu habe, ſetzte der Menſch ein fin⸗ ſteres Stillſchweigen entgegen. „Führen wir ihn zu dem Major,“ ſagte Oliver; „der wird ihn ſchon zum Sprechen bringen.“ Der Vorſchlag wurde mit Beifallruf aufgenommen. „Nicht zu dem Major, meine lieben freundlichen jungen Herrn,“ rief der Mann in ſehr demüthigem Tone, der die Knaben in ihrem Selbſtvertrauen be⸗ ſtärkte;„laſfen Sie mich gehen. Ich habe eine Frau und Kinder.“ „Mangel kann Sie nicht zum Diebe gemacht ha⸗ ben,“ bemerkte Jodrel;„dazu ſind Sie zu gut ge⸗ kleidet.“ „Ich bin auch kein Dieb,“ verſetzte der Gefan⸗ gene unterwürfig. „Was führte Sie aber dann hieher?“ fragte Oliver Brandreth, indem er hart um ihn herum⸗ ging.„Aber ich brauche Sie nicht zu fragen; ich weiß, wer Sie geſchickt hat, und kenne den Grund Ihres Beſuchs. Haltet ihn feſt,“ fügte er bei. Howard und Vorles packten den Gefangenen am Kragen ſeiner Jacke, während Oliver ſich nieder⸗ beugte, um das Schloß der Falle zu öffnen. In dem Augenblick aber, in welchem die Zangen ſich öffneten, welche ſeine Beine umſchloſſen, ſchüt⸗ telte der Mann ſeine beiden Wächter mit einer ſol⸗ chen Gewalt von ſich, daß ſie taumelnd auf das Gras niederſtürzten und verſetzte Oliver zugleich ei⸗ nen Tritt, der ihm Thränen in die Augen lockte und zwar auf eine Stelle, von der man annimmt, daß 183 dort die Ehre wie das Gefühl gleich ſchmerzlich berührt werden, ſetzte ſodann über die Mauer und ent⸗ ſchwand den Augen der Knaben. Einige Minuten lang ſaßen dieſe da, indem ſie zuerſt die leere Falle und dann gegenſeitig ſich an⸗ blickten. Oliver, welcher fühlte, daß er die Sache nicht mit ſeiner gewohnten Geſchicklichkeit ausgeführt hatte, fand zuerſt die Sprache wieder. „Wird mich der Major nicht auslachen?“ rief er aus. „Was wird Peter dazu ſagen?“ bemerkten ſeine Kameraden. Obgleich alle Drei die Lächerlichkeit, die ihnen drohte, fürchteten, ſo dachte doch keiner von allen dar⸗ an, oder wünſchte es, die Wahrheit zu verſchweigen, ſondern ſie eilten im Gegentheil in das Haus zurück, um ſogleich Alles ihrem Pflegevater mitzutheilen. Der arme Oliver ging, wie man bemerken konnte, etwas mühſam. „Es iſt mir lieb, daß ihr es mir eingeſtanden habt,“ ſagte Major Henderſon, der nur mit Mühe beim Anblick dieſer jämmerlichen Geſichter ein Lächeln unterdrücken konnte.„Ich kenne jetzt die Gefahr und werde danach meine Maßregeln ergreifen. Wenn ich nur das Geſicht des Menſchen hätte ſehen können,“ ſetzte er hinzu. „Ich habe es geſehen,“ ſagte unſer Held,„und werde es nicht ſo leicht vergeſſen. Wenn ich es auch in Jahren nicht wieder erblicken ſollte, ſo werde ich doch ſelbſt dann noch im Stande ſein, darauf zu ſchwören.“ 184 Dreizehntes Kapitel. Oliver Brandreth konnte es, wie die meiſten küh⸗ nen Knaben, durchaus nicht verſchmerzen, wenn ihm ein Plan mißlang, den er ſich einmal in den Kopf geſetzt hatte. Das Entkommen des Menſchen, den er ſo ſchlau gefangen hatte, ärgerte ihn in hohem Grade und er meinte, ſein Ruhm ſei ſo lange kom⸗ promittirt, bis er ihn entdecke oder wenigſtens auf die Spur des Grundes komme, der ihn nach Carwell Hall geführt habe. Oliver beſaß in Peter Marl einen ſtandhaften Verbündeten. Der alte Soldat ſchätzte in hohem Grade das oſfene männliche Weſen des Jünglings, der noch überdieß ſein Herz dadurch gewonnen hatte, daß er ſeinen Erzählungen von ſeinen Kreuz⸗ und Querzügen und ſeinen nicht immer allzu verſtändlichen Geſchichten aus ſeinen Feldzügen ein aufmerkſames Ohr ſchenkte. Alle ſeine Vacanztage, ja ſelbſt jede der Erholung gewidmete Stunde benützte unſer Held zu Nachfor⸗ ſchungen. Die Dorfwieſe, auf der die Bauern ſich Abends zu ihren Unterhaltungen verſammelten; die vereinzelt liegenden Pachthöfe, die Schauplätze ihrer Thätigkeit; ja ſelbſt das Bierhaus— das einzige, das ſich in dem Orte befand,— wurden, jedoch i Er⸗ folg beſucht. Er vermochte weder den handfeſten Men⸗ ſchen entdecken, deſſen kurze Bekanntſchaft eine ſo un⸗ angenehme Erinnerung in ſeinem Gedächtniſſe zurück⸗ gelaſſen hatte, noch von irgend Jemand hören, der ihm gliche. 185 Die Nachforſchungen des Major Henderſon wa⸗ ren ebenſo erfolglos. Weder der Barbier noch der Schneider, ſprichwörtlich die zwei größten Neuigkeits⸗ krämer im Orte, vermochten ihm den geringſten Auf⸗ ſchluß zu geben. Mentor und Zöglinge hatten die Spur verloren; beide waren aber dennoch feſt ent⸗ ſchloſſen, die Sache nicht ruhen zu laſſen, bis ſie hin⸗ ter das Geheimniß gekommen wären. Unterdeſſen hatte aber der arme Philipp, der ahnungsloſe Gegenſtand ihrer Sorge, beinahe den Vorfall vergeſſen. „Ich begreife es nicht,“ ſagte Peter in einer ver⸗ trauten Unterredung, welche er mit ſeinem jungen Lieblinge in dem Geräthehauſe hielt;„der Kert kann nicht aus dieſer Gegend ſein.“ Oliver ſprach dieſelbe Anſicht aus. „Er muß folglich ein Fremder ſein,“ ſetzte der alte Mann hinzu. „„Dieſe Vorausſetzung hatte zu viele Wahrſchein⸗ lichkeit, als daß ſie zu beſtreiten geweſen wäre. „Und da der Weg nach Kotswold nirgends hin⸗ führt, ſo muß er in irgend einer Abſicht hieher ge⸗ kommen ſein.“ „Ganz logiſch richtig,“ bemerkte ſein Zuhörer. „Aber was für einen Schluß ziehen Sie daraus?“ „Daß der Feind den Kerl als Spion geſchickt hat, um die Stärke unſerer Poſition auszukundſchaf⸗ ten. Wahrſcheinlich glaubte man uns überraſchen zu können; aber nachdem man aus ſeinem Bericht erfah⸗ ren hat, daß wir auf der Hut ſind, ſo wurde zum Rückzug geblaſen, um Verabredungen zu einem neuen Angriff zu treffen.“ 186 „Es thut mir leid, daß ich mein Piſtol nicht mit hieher gebracht habe,“ murmelte Oliver. „Würden Sie ſich denn deſſelben bedient haben?“ ſagte der alte Soldat mit ruhigem Lächeln. „Es wäre dieß nicht das erſtemal geweſen,“ ver⸗ ſetzte der muthige Knabe, der ſeine Behauptung durch die Erzählung ſeines Abenteuers mit dem Zigeuner in der Scheune bekräftigte. Peter Marl hörte die Geſchichte mit ſtiller Be⸗ wunderung an, indem er von Zeit zu Zeit ein wohl⸗ gefälliges Kichern hören ließ— eine Gewohnheit, die er an ſich hatte, wenn ihm etwas behagte. „Ich beſitze ein paar Piſtolen,“ flüſterte er,—„habe ſie einem franzöſiſchen Mouſſier bei Wa⸗ terloo abgenommen, der den Major erſchießen wollte, nachdem dieſer ſeinen Leuten befohlen hatte, ihn zu ſchonen.“ „Und verſchonten ſie ihn?“ fragte Oliver. „Er fand einen ehrenvolleren Tod, als er ver⸗ dient hatte,“ bemerkte der alte Mann ernſt;„ein Soldat ſtreckte ihn nach einem Kampf, Mann gegen der aber wenigſtens achtzehn Minuten währte, nieder.“ „Dieſer Soldat waren Sie wohl ſelbſt,“ bemerkte ſein Zuhörer. Peter gab keine Antwort— er war kein Freund der Ruhmredigkeit. „Aber die Piſtolen,“ fuhr der Jüngling fort; „wenn Sie mir nur wenigſtens eines davon anver— trauen wollten!“ Der Veteran ſchüttelte den Kopf, jedoch nicht auf gänzlich ablehnende Weiſe, denn es lag etwas in ſei⸗ 187 nem Weſen, was den Jüngling ermuthigte, noch wei⸗ ter in ihn zu dringen. „Wenn Sie nur wüßten, wie beſonnen ich bin!“ fuhr Oliver fort.„Bei dem Vorfall, den ich Ihnen erzählte, gab ich nicht eher Feuer, als im letzten Au⸗ genblick.“ „Wenn ich hoffen dürfte, daß der Major nichts dagegen hätte.“ Nach vielen Bitten endlich ließ ſich Peter Marl überreden; doch waren es weder die Beweisgründe noch die Wünſche des Jünglings, welche ihn beſtimm⸗ ten. Er fühlte, daß er alt werde, und ſchon zweimal hatte er ſich darüber ertappt, daß er, als er auf Wache in dem Zimmer neben Philipp geweſen, eingenickt war. Er meinte deßhalb jüngere Augen würden wachſamer ſein. Deſſen ungeachtet übergab er doch erſt nach wie⸗ derholter Einſchärfung von Vorſichtsmaßregeln und nachdem er ſich völlig überzeugt hatte, daß der junge Gentleman mit Feuergewehren umzugehen wiſſe, die Waffe ſeinen Händen. In dieſer Nacht ſchlief Oliver mit dem Piſtol unter ſeinem Kiſſen. Morgens verſchloß er es ſorg⸗ fältig in ſeinen Schrank und fühlte ſich ſtolz und glücklich, wie es bei Knaben gewöhnlich der Fall iſt, wenn man ihrer Ehre und ihrem Muth unbedingtes Vertrauen ſchenkt. Es verfloß abermals eine Woche, ohne daß man etwas über die Gründe, welche den Eindringling hie⸗ ber geführt, etwas erfahren hätte; und ſelbſt der Major fing an zu glauben, daß ſeine Unruhe hin⸗ 6 ſichtlich der Sicherheit ſeines Zöglings grundlos ge⸗ 188 weſen ſei. Bei unſerem Helden war dieß aber kei⸗ neswegs der Fall, der feſt bei ſeiner erſten Anſicht blieb; er war Zeuge der Behandlung geweſen, welche Philipp von Seite des Mr. Danby zu erfahren hatte, auch hatte er den böſen Blick bemerkt, den Sir Au⸗ brey auf ihn geworfen hatte, als er ihn im Hauſe des Kapitän Brandreth getroffen hatte. Auch die Worte der Negerin hatten einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. „Würden Sie mir wohl die Erlaubniß zu einer Excurſion ertheilen,“ ſtagte er ſeinen Pflegevater in einer frühen Stunde am Mittwoch, der ſtets ein hal⸗ ber Vacanztag in Carwell Hall war. Major Henderſon ſah Oliver aufmerkſam an. Trotz der Geſchichte mit der Menſchenfalle hatte er eine hohe Meinung von ſeiner Klugheit ſowohl als von ſeinem Muth, und meinte jetzt, er müſſe dem Abenteuer auf diés Spur gekommen ſein, wozu er bis jetzt den Schlüſſel noch nicht hatte finden können. „Ich muß erſt den Grund Ihrer Bitte wiſſen,“ verſetzte er,„ehe ich ſie gewähren kann.“ „Ich wünſche mich in der Gegend umzuſehen.“ „Iſt dieß Ihr einziger Grund?“ „Nein,“ antwortete Oliver offen;„ich bin nicht überzeugt, daß die Nachforſchungen nach dem Men⸗ ſchen— Sie wiſſen ſchon, wen ich damit meine— weit genug getrieben worden ſind. Die Thatſache, daß wir jede Spur von ihm verloren haben, beweist, daß er um einer beſondern Abſicht willen nach Kotswold kam; was für einen andern Grund konnte er aber gehabt haben, als zu erfahren, ob Philipp in der Halle ſich befinde oder nicht? Es wurde nichts ge⸗ 189 raubt, ja nicht einmal ein derartiger Verſuch gemacht. Ueberdieß ſah der Mann nicht wie ein Dieb aus.“ „Welche gegründete Hoffnung haben Sie aber, ihn ausfindig zu machen?“ fragte der Major.„Ohne Zweifel iſt er jetzt ſchon weit von hier.“ „Es lohnt ſich ſchon, nur das Neſt zu finden, ſelbſt wenn der Vogel ausgeflogen iſt,“ bemerkte un⸗ ſer Held,„und er muß doch die Zeit zwiſchen ſeinem erſten und zweiten Beſuch im Garten irgendwo in der Nachbarſchaft zugebracht haben.“ „Ganz richtig,“ ſagte der Major.„Das ſiel mir nie ein; Ihr jugendlicher Verſtand iſt zu einem Schluſſe gelangt, an den ich ſekbſt nicht dachte.“ „Dieſer Schluß gehört übrigens nicht ganz mir.“ „Wem denn?“ „Peter und ich haben uns ſchon öfters darüber beſprochen, ob der Burſche in der Abſicht gekommen ſein könne, im Hauſe zu ſtehlen oder als Sir Aubrey Fairelough's Spion. Wie Sie ſo eben bemerkten, ſo glaube ich ſelbſt, daß er jetzt fern von hier iſt— ſowohl zunächſt um ſeiner Sicherheit willen, als auch hum ſeinem Patron Bericht zu erſtatten. Ich bin jetzt ſchon nahezu ein Jahr in Kotswold und kenne die mgegend genau; es iſt daher für mich keine Gefahr zu befürchten.“ Dieſer letztere Grund gab den Ausſchlag und der Major ertheilte, wiewohl etwas zögernd, ſeine Ein⸗ willigung zu der Expedition. Wenn Oliver je ſtolz ſich zeigte, ſo war es in em Augenblick, in welchem er ſeinem Freund und 3 Vertrauten Peter Marl die wichtige Nachricht mit⸗ 190 theilte, deſſen frühere Luſt nach Abenteuern wieder auflebte und der gar zu gerne ihn begleitet hätte. Unglücklicher Weiſe war aber der alte Soldat durchaus nicht zu entbehren. Der Major konnte ihn nicht miſſen. Der ganze häusliche Dienſt in Carwell Hall war ſo gänzlich ſeiner Fürſorge anvertraut, daß er ſelten ſich weiter als in die Kirche oder in die Dorſ⸗ ſchenke wagte, wo er ſich gelegentlich in politiſche Ge⸗ ſpräche mit dem Wirth und in landwirthſchaftliche Abhandlungen mit den benachbarten Pächtern einließ, die ihn für ein Hrakel anſahen, nicht allein ſoweit es ſich um die Ausſichten der Nation handelte, ſon⸗ dern auch— was ſie weit mehr intereſſirte— hinſicht⸗ lich der Ausſichten auf ihre Ernte, und die ihm da⸗ her mit großer Ehrerbietung begegneten. „Es wäre ſehr angenehm geweſen,“ ſprach er, „wenn man mich hätte entbehren können; aber zu⸗ erſt die Pflicht und dann erſt das Vergnügen. Sie müſſen mir nach Ihrer Rückkehr alles erzählen, da⸗ bei bleibt es. Auf welche Weiſe beabſichtigen Sie Ihre Operationen zu beginnen?“ ſetzte er hinzu. „Ich ſchlage zuerſt die Straße nach Caſtle Riſing ein und dann—“ „Halt!“ unterbrach ihn Peter;„das meine ich nicht. Es handelt ſich um einen Guerrillakrieg, nicht um einen regelmäßigen Feldzug. Sie müſſen die leider mit Giles vertauſchen, er iſt ungefähr von Ihrer Größe und ſein Sonntagsſtaat wird Ihnen gerade paſſen.“ Giles war der Name des Burſchen, der Peter bei den Feldgeſchäften an die Hand zu gehen hatte. Der Vorſchlag ſchien zu nützlich, als daß er zu 19 verwerfen geweſen wäre, und ſo wurde verabredet, daß Oliver aus dem Hauſe ſich entfernen ſoll, wäh⸗ rend die übrigen Zöglinge mit Studiren beſchäftigt ſeien, um ſeine Kleider in dem Geräthehauſe zu wechſeln. Es bedarf wohl kaum der Verſicherung, daß Oli⸗ ver das Piſtol mitbrachte, welches der alte Soldat ſorgfältig mit ein paar Kugeln lud. Unſer Held lächelte, während er ihm zuſah; wahrſcheinlich dachte er an die zwei Marmorſchuſſer und den meſſingenen Nadelkopf, welche in der Scheune ſo gute Dienſte geleiſtet hatten. Der Jüngling verabſchiedete ſich voll Hoffnung und fröhlichen Muths von Peter. Es war etwas, in ſeinem Alter mit einem ſelbſtſtändigen Auftrag dieſer Art ſich betraut zu ſehen— ſein Handeln dem eigenen Ermeſſen anheim gegeben zu wiſſen urch einen Mann, der die Welt ſo genau kannte, wie Major Henderſon. Es ſchmeichelte dieß ſeinem tolz— Eitelkeit lag ihm ferne,— wie wir glück⸗ licher Weiſe verſichern können— und er beſchloß ſo außergewöhnliches Vertrauen dadurch zu verdienen, aß er ebenſo klug als muthig zu handeln ſich vor⸗ nahm. Schon war er im raſchen Schritte beinahe fünf Meilen auf der Straße nach Caſtle Riſin gewan⸗ ert, als er einen jungen Menſchen, ngſehe von ſeinem Alter, einholte, deſſen Anzug auf große Dürf⸗ tigkeit ſchließen ließ. Das ſchmale Florband um ſei⸗ nen Hut zeigte an, daß der Tod eines jener Bande zerriſſen hatte, welches die Erinnerung mit dem rabe verbindet. Es lag ein ebenſo angenehmer 4222 als trauriger Ausdruck in deſſen gebräuntem Ge⸗ ſichte, welches ſogleich die Theilnahme unſeres Hel⸗ den erweckte. Sie blickten ſich zuerſt gegenſeitig an, worauf ſie mit einander ſprachen. „Haben Sie weit zu gehen?“ fragte Oliver mit einem Blick auf das Bündel, das der junge Reiſende trug. „Nur nach Melina Houſe,“ lautete die Antwort. „Und wo liegt dieß.“ „Ungefähr noch fünf Meilen von hier.“ „Wohin wollen Sie gehen?“ „Nach Caſtle Riſing.“ Nach einer kurzen Unterhaltung entbdeckten ſie, daß ſie mehrere Meilen weit auf derſelben Straße zu wandern hätten. Randal Rand, ſo hieß der neue Bekannte, theilte unſerem Helden mit, daß er den ganzen Weg von London her zu Fuß zurückgelegt habe, um ſeinen Onkel, den Doktor Sellen, Eigenthümer eines Pri⸗ vatirrenhauſes zu beſuchen und dieſen um eine Bei⸗ ſteuer zu bitten, daß er über See gehen könne. „Weßhalb ſchrieben Sie ihm nicht?“ rief Oliver. „Es hätte Ihnen dieß eine weite und ermüdende Reiſe erſpart.“ „Meine arme Mutter ſchrieb ihm zu wiederhol⸗ ten Malen,“ antwortete der Knabe, deſſen Augen plötzlich Thränen füllten;„er nahm aber keine Notiz von ihren Briefen.“ „Und jetzt wollen Sie ſich um Beiſtand an ihn wenden?“ fragte Oliver in einem Tone, der das Blut auf die Wangen ſeines Mitreiſenden jagte⸗ „Icherſprach es ihr, verſetzte dieſer,„und bas einem Sterbenden geleiſtete Verſprechen muß heilig gehalten werden.“ „Ebenſo wie das einem Lebenden geleiſtete,“ er⸗ gänzte unſer Held in ſeiner gewohnken offenen Weiſe. „Wer ſind Sie?“ fragte Randal nach einer auf⸗ merkſamen Prüfung der Kleidung ſeines Gefährten, welche die eines Landburſchen aus der ackerbauen⸗ den Klaſſe war. „Ich ſtehe im Geſchäft bei einem benachbarten Landedelmann,“ antwortete Oliver ausweichend. „Auf den Feldern?“ „Nein; vorzugsweiſe im Garten.“ Der Jüngling blickte auf Oliver's Hände und lächelte. „Wenn Ihre Kleidung nicht wäre,“ bemerkte er, „ſo ſagte ich, Sie ſeien vertrauter mit Büchern als mit Spaten und Schaufel.“ Jetzt war die Reihe beſchämt zu werden an ſei⸗ nem Gefährten, der ſich jedoch raſch wieder ſammelte und ihm glücklichen Erfolg bei ſeinem reichen Ver⸗ wandten wünſchte. „Ich danke Ihnen,“ ſagte Randal,„weil Sie es gut meinen; aber nichts würde mich mehr verdrießen und meinen Wünſchen zuwiderlaufen.“ „Wenn Sie Erfolg hätten?“ rief Hliver erſtaunt. „Wenn ich Erfolg hätte,“ wiederholte der Jüng⸗ ling.„Mein Onkel hatte keine Ohren für meiner theuern Mutter Bitten. Hätte er die Hand aufge⸗ than, um ihr zu belfen, ſo hätte ich ihn verehrt— hätte für ihn das Leben gelaſſen. Für mich re ſeine 3 Smith, Milly Moyne. 1. 194 Güte nichts weiter als eine tiefe Demüthigung— ein Vorwurf— eine Schande. Ich haſſe, verachte ihn! „Ich fürchte übrigens nicht allzuſehr,“ ſetzte er bitter hinzu,„Hurch ſeine Mildthätigkeit gedemüthigt zu werden; er iſt zu engherzig— zu hart— als daß ein edleres Gefühl oder Theilnahme Eingang bei ihm finden könnte. Der einzige Schlüſſel, wel⸗ cher bei ihm aufſchließt, iſt der goldene.“ „So iſt er alſo ein Geizhals?“ „So weit es ſeine geſellſchaftliche Stellung er⸗ laubt iſt er dieß. Mein Vater, der ſein Theilhaber war, ſagte ſich wegen ſeiner harten und knauſerigen Behandlung ſeiner Patienten von ihm los. Für Geld iſt er alles zu thun im Stande. „Hiemit habe ich Ihnen meine Geſchichte er⸗ zählt, ſagte Randal Rand.„Ich will nun ſehen, ob Sie mir die Ihrige ebenſo offen mittheilen.“ „Ich kann etwas beſſeres thun,“ antwortete Oli⸗ ver:„ich will Ihnen beiſtehen. Eine Geſchichte habe ich Ihnen nicht zu erzählen, oder wenigſtens keine ſolche, die des Anhörens werth iſt.“ „Ich habe Geld genug, um meine Koſten zurück nach London, wenn ich ſparſam lebe, beſtreiten zu können,“ verſetzte ſein neuer Bekannter im Tone der Enttäuſchung. Einige ſnuen lang ſchritten beide ſtillſchwei⸗ gend neben einander her. Unſer Held ergriff zuerſt wieder das Wort. Geheimnißthuerei in irgend einer Weiſe lag ſeiner Natur ſo fern, daß es ihn anwi⸗ derte, Vertrauen nicht wieder mit Vertrauen zu ver⸗ gelten, namentlich gegen Jemand, zu dem er ſich hin⸗ gezogen fühlte. 195 „Sie nennen ſich alſo Randal?“ bemerkte er. Sein Gefährte begnügte ſich mit einer trockenen Beſtätigung. „Wohlan denn,“ ſuhr er fort,„ich bin im Be⸗ griff einen Gewiſſensfall Ihnen vorzulegen, weil ich glaube, daß Sie ihn verſtehen werden. Ich verließ vor einigen Stunden meinen Aufenthaltsort mit der Erlaubniß und Billigung der einzigen Perſon, die hier herum das Recht oder die Gewalt beſitzt, über mein Thun zu verfügen. Ich brauche wohl kaum hinzuzuſetzen, daß dieß aus einer ganz beſondern Urſache geſchah. Ich gab kein direktes Verſprechen — denn hätte ich dieß gethan, ſo würde dieß allein ſchon meine Verſchwiegenheit entſchuldigen— aber indirekt habe ich gewiſſermaßen ein Verſprechen ge⸗ geben. Darf ich unter dieſen Umſtänden daſſelbe brechen, indem ich Einzelnheiten Preis gebe, welche überdieß mich ſelbſt nur in zweiter Linie berühren?“ „Das Vertrauen wurde keinem Unwürdigen ge⸗ ſchenkt,“ ſagte der Jüngling lächelnd. „Und was meinen Sie, daß ich thun ſoll?“. „Sie ſollen Ihr Geheimniß bewahren.“ „Das nenne ich ebenſo offen antworten,“ rief unſer Held.„Ich denke, wir haben einander ver⸗ ſtanden. Ich habe noch nie etwas von Melina Houſe gehört; aber nach der Beſchreibung, die Sie mir von ſeinem Eigenthümer gemacht haben, wäre ich wohl neugierig, denſelben kennen zu lernen. Kön⸗ nen Sie mir nicht als Ihr Wegweiſer Einlaß, wenig⸗ ſtens in Hof und Garten dieſes Anweſens, verſchaf⸗ fen? Es kann dieß nicht auffallen,“ fügte er bei, „da Sie in der Gegend fremd ſind.“ 13* 196 Sein Gefährte ging bereitwilligſt auf den Vor⸗ ſchlag ein und ſo marſchirten ſie raſchen Schrittes etwa drei Meilen weiter, bis ſie an eine Kreuzſtraße gelangten, an welcher ein Wirthshaus ſich befand. „Da ſie nicht genau wußten, welchen Weg ſie einzu⸗ ſchlagen hatten, beſchloſſen ſie um ſo mehr einen kurzen Halt hier zu machen, als ſie das Bedürfniß fühlten, etwas zur Stärkung zu ſich zu nehmen. Nachdem die beiden jugendlichen Reiſenden zwei Gläſer Bier, Brod und Käſe verlangt hatten, ließen ſie ſich an einem Tiſche nieder, der die ganze Länge der ſorgfältig mit Sand beſtreuten Küche einnahm. Sie waren übrigens nicht die einzigen Gäſte. Einige Taglöhner und ein ehrwürdig ausſehender Mann, den man Pächter Beacon nannte, waren damit be⸗ ſchäftigt, etwas Subſtanzielleres zu genießen. Der alte Mann blickte freundlich nach den bei⸗ den Reiſenden hin, deren Ausſehen ihm auffiel, da es ſo gänzlich von dem gewöhnlicher Fußreiſender ab⸗ ſtach und forderte ſie deßhalb auf, mit ihm und ſei⸗ nen Leuten das Mahl zu theilen. Oliver nahm die Einladung ſogleich an, während Randal zögerte; und doch hatte der erſtere Geld genug in der Taſche, während der letztere nur ſparſam damit verſehen ſein konnte— im Hinblick der Ausſicht, den Weg nach London zurück zu Fuß machen zu müſſen. „Machen Sie keine Umſtände,“ ſagte der Päch⸗ ter;„es ſoll mich herzlich freuen, wenn es Ihnen ſchmeckt.“ „Ausgezeichneter Speck!“ bemerkte unſer Held. Als der hungrige Knabe ſah, daß das Anerbie⸗ 197 ten ernſtlich gemeint ſei, zögerte er nicht länger, ſon⸗ dern folgte dem Beiſpiel ſeines Gefährten. „Seht Euch wohl nach Arbeit um?“ fragte der alte Mann. „Wir gehen nach Melina Houſe,“ verſetzte Oli⸗ ver Brandreth.„Mein Freund,“ indem er auf ſei⸗ nen neuen Bekannten deutete,„hat einen Verwand⸗ ten, der dort wohnt.“ „Gott erbarme ſich des armen Teufels, wer er auch ſein mag!“ rief Pächter Beacon aus;„es iſt jedenfalls ein ſehr trauriger Aufenthaltsort.“ „Wahrſcheinlich iſt es einer der Wärter,“ warf der Gaſtwirth ein;„es gibt eine große Menge da⸗ von dort. Der Doktor läßt ſie nicht Hunger ſter⸗ ben: ſie wiſſen zu viel um ſeine Geheimniſſe.“ „Nun,“ ſagte der alte Mann;„ſagen Sie nichts weiter mehr über ihn, ſonſt werden die armen Bur⸗ ſche hier gar zu ſehr eingeſchüchtert. Kommt Ihr von weit her?“ „Von London,“ antwortkte Randal. „Zu Fuß?“ „Keinen Schritt anders.“ „Dann müßt Ihr jämmerlich müde ſein,“ be⸗ merkte der Pächter gutmüthig,„und ich will euch daher in meinem Fuhrwerk mitnehmen.“ Die Knaben erklärten, daß ſie durchaus nicht müde ſeien, und wollten eben das Anerbieten ableh⸗ len, als zwei verdächtig ausſehende Individuen in die Küche traten und eine Maß Bier und Brod ver⸗ langten. Auf ſämmtliche Anweſende machten ſie einen nichts weniger als günſtigen Eindruck. Einer dar⸗ 198 unter war ein ſtämmiger, aufgedunſen ausſehender Burſche mit buſchigen Brauen und ſpitzbübiſchem Ausdrucke der Augen. Sein Kamerad hatte ein etwas weniger verdächtiges Ausſehen, doch war bei beiden ihre Abſtammung von Zigeunern nicht zu verkennen. Oliver bemerkte zu ſeinem Erſtaunen, daß der letztere zwei Schmarren auf jeder Wange hatte. Un⸗ willkührlich fiel ihm dabei die Scheune ein. Nachdem der Wirth das Verlangte gebracht hatte, ſtreckte er die Hand zur Bezahlung aus, ehe er Bier und Brod abgab. „Ihr habt große Eile,“ bemerkte der keckſte unter den Beiden. „Ich halte es ſtets bei meinen Kunden ſo,“ lau⸗ tete die nichts weniger als ſchmeichelhafte Antwort. „Ah! wahrſcheinlich wenn Sie ſie nicht kennen.“ „Juſt, wenn ich ſie kenne, wollen Sie ſagen,“ verſetzte der Wirth bedeutungsvoll;„es iſt zwar lange her, ſeit Eure Bande dieſe Gegend unſicher machte; aber ich habe Euch nicht vergeſſen.“ „Zahl aus, Iinks,“ ſagte der Zigeuner in brum⸗ mendem Tone:„ich habe das letztemal die Zeche berichtigt.“ Der Name beſtätigte, was zu Anfang blos ein unbeſtimmter Verdacht geweſen war; unſer Held konnte keinen Augenblick mehr zweifeln, daß dieß die⸗ ſelben Männer ſeien, deren Unterredung er vor ei⸗ nem Jahre in der Scheune mit angehört hatte, und dieß beſtimmte ihn, augenblicklich den Platz in des Pächters Fuhrwerk anzunehmen. „Es freut mich,“ ſagte der alte Mann;„denn 199 es reist ſich nicht gut auf einer Straße, welche Zi⸗ geuner einſchlagen. Ich für meinen Theil habe nichts von ihnen zu befürchten, denn ſie würden ſich wohl hüten, mir etwas zu leid zu thun: ich bin zu allgemein in der Gegend bekannt und würde ſogleich vermißt werden. Um ſo kecker ſind ſie aber gegen Fremde auf dem Wege,“ fügte er bei,„und man hört nicht, daß die Rumänen je gegen dieſe ſich freundlich geſinnt gezeigt hätten.“ Vierzehntes Kapitel. Auf der Fahrt nach dem Hauſe des Doktors Sellen machte der Pächter Beacon ſeine neue Be⸗ kannte auf das Lager des Zigeunerſtammes aufmerk⸗ ſam, das ſich in einer grünen ſchattigen Thalſchlucht befand, einem Orte, welchen Oberon und deſſen Feenhof nicht günſtiger für ihre Mondſcheinbeluſti⸗ gungen hätte auswählen können. „An der alten Stelle,“ murmelte er,„an der alten Stelle.“ „Iſt es ſchon lange her, daß die Horde dieſe Gegend heimgeſucht hat?“ fragte Oliver. „Seit etwa zwölf Monaten, ſo viel ich mich er⸗ innere,“ antwortete der alte Mann;„vor vielen Jahren war ſie ſchon einmal hier, und ich hatte ge⸗ hofft, wir ſeien ſie für immer los geworden.“ „Die Leute ſind Ihnen alſo bekannt?“ bemerkte Randal. 200 „Ich weiß nichts gutes von ihnen,“ rief der Pächter aus.„Keelan, das Haupt der Bande ſoll, wie man ſagt, ſehr erfahren in Viehkrankheiten ſein; ich hatte aber nie mit ihm zu thun— und die, welche mit ihm zu thun hatten, haben es meiſtens bereut. Manches arme Mädchen und mancher ein⸗ fältige Burſche hat die Stunde verflucht, in welcher ſie ſeine Hülfe in Liebesnöthen/ in Anſpruch genom⸗ men haben. Doch ich will nichts weiter darüber ſagen,“ fügte er bei, indem er zugleich ſein Pferd mit der Peitſche zum Weitergehen antrieb. Je mehr man ſich Melina Houſe näherte, um ſo waldiger wurde die Gegend, ſo daß nur die zier⸗ lichen alten Giebel des Hauſes ſichtbar waren, als das Fuhrwerk wenige Schritte von dem Portierhäus⸗ chen entfernt anhielt. „Wir ſind zur Stelle,“ ſagte Pächter Beacon. Die Knaben dankten ihm für ſeine Güte und ſprangen herab. „Das Haus ſteht nicht im beſten Ruf,“ fuhr der alte Mann fort, der ſeither vergebens nachgeſonnen hatte, welcher Grund wohl die beiden Knaben dahin führen könne. „Sein Ausſehen iſt allerdings nichts weniger als einladend,“ bemerkte Oliver, der die mit ſtarkem Eiſen beſchlagene und auf der innern Seite mit feſten Dielen verſehene Thüre betrachtete, wie wenn man jedem neugierigen Auge den Blick in das In⸗ nere dadurch hätte unmöglich machen wollen. Er zog an der Glocke. Auf dieſes erſchien ein Mädchen von etwa acht⸗ zehn Jahren, die Tochter des Portier. 201 „Iſt Doktor Sellen zu Hauſe?“ fragte Randal. „Ja,“ antwortete das Mädchen zögernd. „Melden Sie ihm, ſein Neffe ſei hier und wün⸗ ſche ihn zu ſprechen,“ rief unſer Held, indem er zu⸗ gleich ohne Umſtände durch das Thor ging. Sein Gefährte folgte ſeinem Beiſpiel und das Mädchen, die eine Miene machte, als wenn ſie nicht recht wüßte, was ſie thun ſolle, ſchloß die Thüre hin⸗ ter ihnen zu und riegelte ſie ſorgfältig wieder ab. „Ich hoffe, daß alles in Ordnung iſt,“ murmelte der Pächter, indem er weiter fuhr;„es ſind artige und wie ich glaube auch gute Jungen, aber der Art, wohin ſie gehen, will mir nicht gefallen.“ „Ich will in das Haus hinaufgehen,“ ſagte das ädchen,„und dem Herrn melden, daß Sie hier ſind. Gehen Sie aber ja nicht nach irgend einer Seite hin abwärts vom Weg.“ Randal kümmierte ſich aber nichts um ihren Vor⸗ ſchlag, ſondern folgte ihr auf dem Fuße und ſo blieb unſer Held allein. Dliver wollte nicht vergebens Zeit und Mühe zu einem Beſuch der Umgebung von Melina Houſe aufgewendet haben, und die dargebotene Gelegen⸗ heit unbenützt vorüber gehen laſſen. Sobald daher des Doktors Neffe und das Mädchen ſeinem Ge⸗ ſichtskreiſe entſchwunden waren, ſchlug er einen der Seitenwege ein, und ſchritt raſch aber vorſichtig ſo vor, bis er die Fronte des Hauſes zu Geſicht ekam. Eine Anzahl Patienten, die offenbar der höheren Klaſſe der Geſellſchaft angehörten, gingen auf dem grünen Raſen unter Oberaufſicht mehrerer männlicher 202 und weiblicher Wärter ſpazieren. Einige darunter geſtikulirten wild, hielten Unterredungen mit Perſo⸗ nen, die ſie anweſend wähnten; andere dagegen ſchie⸗ nen in die tiefſte Melancholie verſunken und nahmen keine Notiz von dem, was um ſie herum vorging. Durch das dichte Gebüſch gänzlich verborgen be⸗ obachtete Oliver die Scene mit Muße, als plötzlich ein mehrfach auf einander folgendes durchdringendes Geſchrei ihn erſchreckte. Unwillkührlich griff er nach ſeinem Piſtol. Im nächſten Augenblicke kam eine Frau den Weg herabgelaufen. Sie blickte wild um ſich und wayrf einen Brief, der durch eine lange Haarlocke, die wahrſcheinlich ihr ſelbſt gehört hatte, um einen Stein gebunden war, in das Gebüſch, in welchem unſer Held ſich verborgen hatte. Er fiel unmittelbar zu ſeinen Füßen nieder. Ihn aufheben und in ſeine Taſch ſtecken war das Werk eines Augenblicks. „Es nützt Sie nichts, Milady,“ ſagte einer der Wärter, der ſie eingeholt hatte;„ich weiß, daß Sie einen Brief geſchrieben haben, geben Sie mir ihn, ſom Sie nicht wollen, daß ich Sie durchſuchen 0 172 „Elender!“ rief die Dame, ſich mit Würde auf⸗ richtend,„wollen Sie etwa gar Hand an mich legen?“ „So folgen Sie mir nach dem Hauſe,“ verſetzte der Menſch, durch ihr Benehmen etwas eingeſchüch⸗ tert;„wir werden dann hören, was der Doktor ſagt.“ „Gott ſteh mir bei!“ ſtöhnte das unglückliche 203 Geſchöpf;„ich befinde mich in mitleidsloſen Hän⸗ den! Keinen Freund— keine Hoffnung, keinen Beſchützer!“ Der Mann brach in ein rohes Lachen aus, und ſie am Arme ergreifend, führte er ſie, ohne daß ſie Widerſtand zu leiſten verſucht hätte, nach dem Hauſe. Keine dieſer beiden Perſonen hatte die Anweſen⸗ heit Oliver Brandreth's entdeckt, welcher während dieſer kurzen aber ganz außergewöhnlichen Scene kaum zu athmen gewagt hatte. In der Frau er⸗ kannte er die unglückliche Reiſende, die er früher aus den Händen der Zigeuner in der Scheune be⸗ freit; in dem rohen Wärter den Menſchen, den er unvorſichtiger Weiſe aus der Falle losgelaſſen hatte. Er ſchlug eiligſt wieder den Rückweg ein, ge⸗ langte bald wieder an das Wächterhäuschen, in deſ⸗ ſen Nähe er ſich auf eine Bank ſetzte, wo er mit pochendem Herzen die Rückkehr ſeines Gefährten ab⸗ wartete. Er war noch nicht lange da, als er Randal und das Mädchen zurückkommen ſah. In ihrer Geſell— ſchaft befand ſich eine dritte Perſon— ein ſchmäch⸗ tiger finſter ausſehender Mann in ſchwarzer Klei⸗ dung, der, wie er richtig vermuthete, der Doktor war. Wer iſt dieſer Knabe?“ fragte der Eigenthümer von Melina Houſe, ſobald er unſern Helden erblickte, indem er zugleich dem Mädchen einen zornigen Blick zuwarf, welche zu geängſtigt ſchien, um ihm antwor⸗ ten zu können. „Er kam mit mir hieher,“ verſetzte Randal zuver⸗ 204 ſichtlich.„Ich hätte allein nie den Weg hieher ge⸗ funden.“ „Du hätteſt den Weg nicht hieher gefunden,“ ſagte ſein Verwandter höhniſch;„das beſte was Du thun kannſt, iſt, ihn wieder zu vergeſſen. Oeffne das Thor.“ „Ich danke Ihnen.“ „Hm! Dir ſcheint alles recht zu ſein, was Du durch Deinen Beſuch hier erreicht haſt,“ bemerkte der Doktor ſarkaſtiſch. „Sie wiſſen nicht, zu wie großem Dank Sie mich verpflichten,“ rief ſein Neffe.„Ich verſprach meiner theuren Mutter auf ihrem Todtenbette, Sie aufzu⸗ ſuchen, Ihren Beiſtand zu erbitten und Ihnen zu verzeihen, wenn ich die geringſte Reue über Ihre frühere Härte bei Ihnen fände. Ihr Benehmen ent⸗ bindet mich aber meines Verſprechens, gibt mir meine Unabhängigkeit wieder und erſpart mir die bittere Demüthigung, Ihnen für Ihre Freundlichkeit danken 6 zu müſſen. Ich kann Sie jetzt haſſen— ehrlich und offen Sie verachten— und Sie beobachten, denn ich bin durchaus nicht überzeugt, daß Sie Ihre verwittwete Schweſter redlich behandelt haben. Sollte es mir gelingen, Beweiſe Ihrer Unehrlichkeit aufzu⸗ finden, ſo mögen Sie ſich vorſehen. Sie werden mich dann als ebenſo taub und mitleidslos wie Sie ſind, kennen lernen.“ Das Geſicht des Doctors Sellen färbte ſich weiß vor Wuth;— vielleicht miſchte ſich auch etwas Furcht darein, denn ſein Gewiſſen flüſterte ihm zu, daß der Verdacht des jungen Menſchen nicht ganz ungegrün⸗ det ſei. 205 Die beiden Jünglinge gingen durch das Thor, welches die Tochter des Portiers ſorgfältig wieder hinter ihnen abſchloß. Das arme Mädchen erwar⸗ tete, daß jetzt der Unwille ihres Herrn mit Macht über ſie losbrechen werde. Zu ihrem Erſtaunen ging aber derſelbe nachdenklich dem Hauſe zu. Auf ſeinem Wege begegnete er Howlet, dem Ober— wärter. Dieſer meldete ihm die Entdeckung, daß die weibliche Kranke, in der Anſtalt unter der Bezeich⸗ nung„Milady“ bekannt, einen Brief geſchrieben habe. „Wo iſt er?“ fragte ſein Patron eifrig. „Ich kann ihn nicht finden. Ich und meine Ge⸗ hülfen haben alle Wege und Gebüſche vergeblich dar⸗ nach durchſucht.“ „Nichts als Unannehmlichkeiten,“ murmelte der Doctor.„Zuerſt mein Neffe, dann ein Brief, der, wenn er an ſeinen Beſtimmungsort gelangen ſollte, nir eine Patientin rauben würde, die wenigſtens ihte fünfhundert Pfund im Jahre werth iſt. Ich muß auf meiner Hut ſein. Vorſicht iſt die Mutter der Sicherheit.“ Am folgenden Tag gab er einen Brief auf die Poſt mit der Bemerkung:„zu eigenen Händen, an Hardy Harley Esg., Woodbine Cottage, Richmond.“ Dieß war der Name, unter welchem Milly's Ver⸗ führer von ſeinem Opfer gekannt war. Der Abend war ſchon angebrochen, als Oliver und ſein neuer Bekannter in Kotswold eintrafen. Sie hatten einen beträchtlichen Umweg gemacht, um as Zigeunerlager zu vermeiden und, was der erſtere noch mehr fürchtete, um nicht von einem der Wärter in Melina Houſe eingeholt zu werden. 206 „Erwarten Sie mich hier, Randal,“ ſagte unſer Held, auf das kleine Wirthshaus am Eingange des Dorfes deutend;„ich komme entweder ſelbſt wieder oder ſchicke ich Jemand innerhalb einer Stunde hie⸗ her. Ich denke, Sie trauen meinem Verſprechen.“ „Ich traute Ihnen auch ohne Verſprechen,“ ant⸗ wortete ſein Gefährte.„Sie glauben gar nicht, wie bald Kinder der Armuth einen Charakter zu be⸗ urtheilen lernen,“ ſetzte er mit betrübten Lächeln hinzu. Major Henderſon war ſehr froh, als er ſeinen Zögling wieder in das Bibliothekzimmer eintreten ſah; er drückte ihm herzlich die Hand und hörte mit athemloſem Intereſſe den Bericht ſeiner Abenteuer an. „Ich habe ſchon oft von dieſem Doctor Sellen gehört,“ bemerkte er;„und Ihre Beſchreibung beſtä⸗ tigt die ungünſtige Meinung, die ich mir von ihm gebildet habe. Das Geheimniß, das uns ſo lange ſchon zu ſchaffen machte, iſt durch Ihre Entdeckung halb enthüllt, daß dieſer Wärter der mitternächtige Eindringling war. Wo iſt aber der Brief, von dem Sie ſprachen?“ Hliver zog ihn aus der Taſche. Er war noch immer mit der langen dunkeln Haarlocke an dem Stein befeſtigt, gerade ſo wie er gefunden worden war. Der Major entfaltete das zerknitterte Papier und las folgende Worte:— „Lady Fairclough wird widerrechtlich als Ge⸗ fangene in der Privatirrenanſtalt des Doctors Sellen gefangen gehalten. Der Finder dieſes wird gebeten, das Papier dem Oberſt Grey, St. Jamesſtreet in London zu übergeben.“ 207 „Lady Fairclough!“ wiederholte Oliver erſtaunt. „Es gibt zwei, die dieſen Titel führen,“ be⸗ merkte ſein Pflegevater,—„die verwittwete und Philipp's Mutter.„Ich will dafür ſorgen, daß der Brief an ſeine Adreſſe gelangt.“ „Es wurde nach dem armen Randal geſchickt mit der Aufforderung nach der Halle zu kommen, wo Major Henderſon, der für ſeine Geſchichte ſich in⸗ tereſſirte, ihn einlud, die Nacht zuzubringen. Dieß war übrigens nicht der einzige Vortheil, den dieſer der Güte ſeines neuen Bekännten verdankte, indem ihm derſelbe, ehe er ſeine Reiſe weiter fortſetzte, einen Brief an Philipp's Vormund einhändigte. „Er wird Ihnen zu Ihrer Einſchiffung behilflich ſein,“ ſagte Oliver, als er Randal unter einem Hände⸗ druck glückliche Reiſe wünſchte.„Vielleicht treffen wir uns eines Tags wieder.“ „Wünſchen Sie dieß wirklich?“ fragte der dank⸗ are Jüngling. „Ich ſage nichts, was mir nicht ernſt iſt.“ „Dann werden wir uns auch gewiß wieder tref⸗ fen!“ rief Randal herzlich;„und wenn das Glück mei⸗ nem feſten Entſchluß und meinem ehrlichen Streben nach Thätigkeit gunſtig iſt, hoffentlich unter beſſeren Umſtänden.“ Es lag etwas faſt Prophetiſches in dieſen Worten: denn auf den reichen Makler machte Oliver's Brief einen ſolchen Eindruck, daß er nach eingeholter weiterer Erkundigung ſeinem Schutzbefohlenen, anſtatt ihn zur See zu ſchicken, eine Anſtellung als Commis auf ſei⸗ nem Bureau gab. Es war nicht gering anzuſchlagen, feſten Fuß im Hauſe von Compton und Comp. zu erlangen. Der Brief, welcher ihm dieſen Vortheil verſchaffte, lautete folgendermaßen: „Mein Herr,— Sie boten mir einſt eine goldene Uhr für eine Handlung der Theilnahme an einem Freunde an. Ich ſchlug dieſelbe aus— nicht aus Stolz, ſondern aus Ueberzeugung, daß Theilnahme ſich nicht bezahlen laſſe. Jetzt erſuche ich Sie dem Ueberbringer dieſes Briefs an die Hand zu gehen — er wünſcht ſich einzuſchiffen. Helfen Sie ihm. Ihr gehorſamer Diener, „Oliver Brandreth.“ „Ein klarer Kopf in Geſchäften,“ ſagte John Comp⸗ ton, nachdem er dieſe Zeilen geleſen;„auch nicht ein Wort zu viel. Ich will ihm behülflich ſein— vorausgeſetzt, daß er es verdient.“ Der Mann der Zahlen hielt Wort. An demſelben Tage traf der Brief des Doctors Sellen in Woodbine ein, wo Sir Aubrey Fairclough ſeine meiſte Zeit unter dem angenommenen Namen Harley zubrachte. Milly war erſt kürzlich Mutter geworden und ſelbſt ihr herzloſer Verführer fühlte einigermaßen Gewiſſensbiſſe, wenn er Zeuge von der Freude war, mit welcher das arme Zigeunermädchen ſich über das hilfloſe unſchuldige Weſen hinbeugte, deſſen Geburt ebenſo ſehr zu ihrem Glück diente, als ſie ſich derſelben ſchämte. Da der Baronet gefunden hatte, daß ſein Opfer mit mehr als gewöhnlichen geiſtigen Fähigkeiten aus⸗ geſtattet ſei, ſo hatte er zu ſeinem eigenen großen Vergnügen ſich ihres Unterrichts unterzogen und ihr — 209 Muſik, Malkunſt, Poeſie, ſowie alles was den Ge⸗ ſchmack verfeinern und zu bilden vermochte, beige⸗ bracht. Der Unterricht iſt doppelt ſüß, wenn die⸗ jenigen, welche wir lieben, unſere Lehrer ſind. Es war daher kein Wunder, daß Milly ſo raſche Fortſchritte machte, als Sir Aubrey es nur wünſchen konnte.. Ueber einen Gegenſtand jedoch hatte er nie mit ihr geſprochen,— über Religion. Zum erſtenmale in ſeinem Leben fürchtete Sir Aubrey, ſein Opfer möchte den Abgrund der Erniedrigung erkennen, in wel⸗ chen er es geſtürzt hatte, und Milly war mit jenen ſoben chriſtlichen Wahrheiten, ohne welche die Civi⸗ iſation nichts weiter als eine Maske iſt, noch immer ebenſo unbekannt, wie damals, als ſie noch mit ihren Stammesgenoſſen unter den Zelten wohnte. „Ich muß Dich wichtiger Geſchäfte halber auf einige Tage verlaſſen,“ ſagte der Verführer, nachdem er des Doctors Brief durchleſen hatte. „Kann ich nicht mit Dir gehen?“ fragte Milly bittend. „Unmöglich. Du denkſt nicht an Deinen Knaben.“ Die junge Mutter blickte nach der Hängematte, in welcher ihr Kind lag, welche an dem Aſt eines Baumes im Garten beſeſtigt war und drang nicht mehr mit weiteren Bitten in ihn. „Das iſt mein Glück“ murmelte ſie, nachdem ihr Verderber ſie verlaſſen hatte;„und doch bin ich nicht glücklich. Oft frage ich mich ſelbſt, ob dieß ſo fort⸗ dauern könne? Ob Harley ſtets mich lieben wird? oder ob ſeine Zuneigung verwelken wird gleich der 14 Smith, Milly Moyne. J. 210 erſten Blume des Frühlings? Zuweilen drückt mich ein furchtbarer Zweifel, eine namenloſe Angſt— eine Ahnung von drohendem Unheil. Ich muß dieſe Thor⸗ heit vergeſſen,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu,„ich bin Mutter und ein Mutterherz muß ſtark ſein. Was für eine Gefahr kann mich in dem Hauſe treffen, das von Liebe bewacht iſt?“. Gleichſam als Beantwortung dieſer Frage erſchien der Kopf Kaled's, ihres Zigeuner⸗Liebhabers, vorſich⸗ tig ſpähend über der Gartenmauer. Sein dunkles Auge blitzte rachſüchtig auf, als es auf der Hänge⸗ matte und dem Kind haften blieb. Snap, der auf dem Grasboden ausgeſtreckt lag, ließ ein leiſes Knurren hören. Aber noch ehe ſeine Herrin ſich umwenden konnte, um nach deſſen Urſache zu ſehen, war der Eindringling verſchwunden. Fünfzehntes Kapitel. Höflichkeit iſt nichts weiter als eine durchſichtige Maske der Gleichgültigkeit. Das Herz läßt ſich leicht unter derſelben erkennen. Verfeinerung bringt den Kern an's Tageslicht. 8 Wäre Lady Fairclough nicht durch ihre gedanken⸗ loſe Liebe zu ihrem unwürdigen Gatten ganz geblen⸗ det geweſen, ſo hätte ſie ſchon lange vor ſeinen ſo oft ſich wiederholenden und lange anhaltenden Ab⸗ weſenheiten von Hauſe die demüthigende Thatſache 211 entdecken müſſen, daß der Grad ſeiner Zuneigung zu ihr ſehr klein ſei. Bei Sir Aubrey war das Eheband in buchſtäb⸗ lichem Sinne ein goldenes. Im Anfange verſuchte ſie es mit Vorwürfen. In Ermanglung von Beweiſen ſeiner Untreue ſuchte der herzloſe Wüſtling dieſelben für kindiſch und unver⸗ nünftig zu erklären; zugleich behauptete er, daß Fa⸗ milienangelegenheiten der Grund ſeiner zahleichen Reiſen auf's Land ſei und verſicherte, daß ſeine Ge⸗ fühle für ſie in keiner Hinſicht ſich geändert hätten. Was die letztere Behauptung anbelangte, ſo lag darin eben ſo viel Ironie als Wahrheit. Vergebens bat ſie um die Erlaubniß, ihn be⸗ gleiten zu dürfen. Zärtliche Sorgfalt für ihre Ge⸗ ſundheit wurde als Grund der Weigerung vorge⸗ ſchützt, und als die unglückliche Gattin erklärte, ſie ſeie gänzlich zufrieden, wenn er ihr nur den Namen des Ortes nenne, den er ſo häufig beſuche, ſtellte ſich der Heuchler über ihren Mangel an Vertrauen in ſeine Ehre beleidigt. Biſt Du nicht die Schönheit ſelbſt,“ ſprach er in Erwiderung auf ihre dringenden Bitten,„und beweist nicht mein Benehmen, wie innig ich Dich liebe? Wie kannſt Du auch nur an Deiner Gewalt mich zweifeln, es iſt dieß ein Verrath an Dir elbſt.“ Lady Fairelough wußte, daß ſie ſehr ſchön war — ihr Spiegel beſtätigte ihr täglich dieſen Umſtand; aber weder ihr Spiegel, noch ihre Eitelkeit, noch, as noch weniger verfangen wollte, die höflichen aber kalten Schmeicheleien des Mannes, dem ſie ihr 212 ganzes Herz geſchenkt hatte, vermochten ſie zu über⸗ zeugen, daß ſie geliebt ſei. Wie durch Hel, das in die aufgeregten Waſſer der Tiefe geſchüttet wird, wurden die Wogen der Leidenſchaft eine Zeitlang zwar dadurch beruhigt, um aber gleich dieſem in den trüben Stunden der Einſamkeit und des Nach⸗ denkens mit verdoppelter Heftigkeit zurückzukehren. Gleich vielen Frauen in ähnlicher Lage bildete ſich die eiferſüchtige Gattin einfältigerweiſe ein, es ſei der Zweifel an ihres Gemahls Treue, der ſie quäle und daß, wenn ſie einmal von ſeinem Betrug überzeugt wäre, ſie ihr Herz von ihm abwenden, ſich von ihm trennen und ihn vergeſſen würde. Sie hätte ebenſo leicht beſchließen können, ſich von ſich ſelbſt zu trennen. Für eine Bekehrung wie die ihrige, gab es nur Eine Kur— die Verachtung; aber ſie kannte die unergründliche Erbärmlichkeit von Sir Aubrey's Charakter noch nicht. Bei den meiſten Prüfungen in unſerem Leben findet man ebenſo viel Poeſie, als Gerechtigkeit. Lady Fairclough wurde da beſtraft, wo ſie in ihren Neigungen ſich verfehlt hatte. Sie hatte die reine und heilige Liebe ihres Sohnes von ſich geſtoßen, dieſelbe in dem Wirbelwind einer alles verſchlingen⸗ den Leidenſchaft gänzlich überſehen. Obgleich ein Jahr darüber verfloſſen war, ſeit ſie verſprochen hatte, dem armen Philipp zu ſchrei⸗ ben, ſo hatte dieſer doch noch immer vergebens auf einen Brief von ſeiner Mutter zu hoffen. Die gequälte eiferſüchtige Gattin hatte ſchon mehrmals, während ſie in ihren Wagen zu ſrigen im Begriff ſtand, eine alte Zigeunerin bemerkt, weiche „ 2¹13 entweder gerade dem Hauſe gegenüber oder am Ge⸗ länder des Square's müſſig herumlungerte. Es lag etwas höchſt Abſtoßendes in dem Ausdruck ihres Geſichts,— ihre Augen glänzten wie die einer Klapperſchlange und hatten einen wilden und ſchlauen Ausdruck, gleich dem eines hungernden Luchſes, wenn er, im dichten Gebüſch kauernd, die Annähe⸗ rung ſeiner ahnungsloſen Beute erſpäht. Gleich den meiſten Creolinnen war die Lady von nervöſem reizbarem Temperament, jedem Eindruck leicht zugänglich und geneigt ohne Ueberlegung da⸗ nach zu handeln; daher war es nicht zu verwundern, daß die Erſcheinung des alten Weibes ihre Einbil⸗ dungskraft beſchäftigte. „Was will denn das gräßliche Geſchöpf!“ rief ſie aus, als Kaled's Mutter den Lakaien bei Seite ſchob, offenbar in der Abſicht ſie anzureden.„Geben Sie ihr etwas und machen Sie, daß ſie fortkommt.“ Der Diener wollte ihr einen Schilling reichen. Die alte Zigeunerin blickte aber das Goldſtück verächtlich an und brach in ein höhniſches Lachen aus. „Gräßliches Geſchöpf!“ wiederholte ſie.„Schöne Bezeichnung für daſſelbe Fleiſch und Blut wie Sie; ſo machen es aber die Häuſerbewohner. Der Geld⸗ ſtolz liegt in euren Worten; aber ich beneide euch nicht um eure ſeidenen und ſammtnen Gewänder, ſo wenig als um das Weh darunter. Vielleicht ſchlägt ein zufriedeneres Herz unter meinen Lumpen. Als ich noch jung war, hätte ich nicht mit Ihnen getauſcht, ich war glücklich unter meinem Zelt auf der Haide oder an der Landſtraße, denn mein Gatte war mir treu.“ ℳ% FM ſ 21¹4 Lady Fairclough hatte bereits den Fuß auf den Wagentritt geſetzt, als dieſe Bemerkung der Frau und der Blick, welcher dieſelbe begleitete, ihre Auf⸗ merkſamkeit auf ſich zog; ſie paßten zu den brennen⸗ den Gedanken, welche ihr Gehirn und Herz ver⸗ zehrten. Der wohlgepuderte und in reicher Livree ſteckende Lakai machte eine ganz entſetzte Miene. Die Achſel⸗ ſchnüre tragende Zunft iſt gewöhnlich in ihrer Art ſehr ariſtokratiſch geſinnt. „Soll ich die Polizei rufen? Milady?“ fragte er an den Hut langend. „Nein,“ antwortete ſeine Herrin ungeduldig.„Ich habe mich anders beſonnen und will dieſen Morgen nicht ausfahren. Ich will zu Fuß gehen. Haben Sie den Schlüſſel zu dem Square?“ „Ja Milady.“ „Folgt mir,“ ſagte die Lady, nach der Zigeu⸗ nerin ſich umwendend, welche mit der Schlauheit, die ihrem Stamme eigen iſt, den Eindruck beobach⸗ tet hatte, den ihre Worte hervorgebracht und jetzt ſchon im Stillen berechnete, welchen Nutzen ſie aus der Leichtgläubigkeit der Dame ziehen könne. Der Lakai ſchloß die Thüre auf, im Stillen ſich wundernd, was für eine Thorheit oder Caprice ſeine Herrin mit einemmale befallen habe. Die braune Sibille warf ihm einen boshaften Blick zu, als ſie in das ariſtokratiſche Heiligthum eintrat. Sie hatte ſeine Anfrage nicht vergeſſen, ob er ſich nach Polizei umſehen ſolle. Dießmal ſchien aber ihr Blick ſeine gewohnte Kraft verloren zu ha⸗ ben, denn Jeames nahm ihn mit dumnſtolzer Gleich⸗ 215 gültigkeit auf, da er weder nervös, noch reizbar, noch phantaſiereich war. „Hier! das genügt! Nicht näher!“ rief Lady Fairclough auf einen der hier befindlichen Bänke ſich niederlaſſend. Martha beabſichtigte nicht, ſie zu erſchrecken, und die Gelegenheit ſie ihrer mit Brillanten beſetzten Bracelets und blinkenden Kette zu berauben, welche ihre gierigen Augen auf ſich zogen, war, wenn auch höchſt verführeriſch, doch zu gefährlich, um ausführ⸗ bar zu ſein, denn der Lakai war noch immer in der Nähe. Sie ſetzte ſich deßhalb wenige Schritte von der Dame auf den Grasboden. „Was veranlaßte Sie, ſich der Treue Ihres Gatten zu rühmen,“ fragte die Dame,„und gerade eben jetzt?“ „Sie beleidigten mich,“ verſetzte das Weib.„Zer⸗ quetſchen Sie eine Blume und Sie erhalten den ſüßen Wohlgeruch aus ihren Blättern; wenn Sie aber den Abſatz auf den Kopf einer Schlange ſetzen, ſo können Sie nichts als Gift aus dieſer heraus⸗ preſſen.“ „So war es alſo eine Lüge, nichts weiter als eine ſchamloſe Lüge, um mich für einen unbedachten Ausdruck zu ſtrafen.“ „Martha lügt nie. Ihr Gatte war ihr ſtets treu!“ „Und meiner?“ Ein eigenthümliches Lächeln flog über das ge⸗ bräunte Geſicht der Rumänin, welches das Herz der Dame ſchwerer verletzte, als die poſitivſte Behaup⸗ tung von Sir Aubrey's Untreue es vermocht hätte. 21¹6 Sie hätte dann noch zweifeln, Beweiſe verlangen können; aber dieſes Lächeln im Vollbewußtſein der Ueberzeugung und dabei ſo voll Hohn ließ durchaus keine Ungewißheit zu. „Sagen Sie mir alles!“ rief Lady Fairclough, eine wohlgefüllte Börſe der alten Here in den Schoos werfend, die ſich im Stillen über ihren Jammer freute;„ſagen Sie mir alles!“ Martha zählte genau den Betrag des Geſchen⸗ kes nach, das ſie, zufrieden geſtellt, ſodann in ihre weite Taſche ſchob. „Ihr Gemahl hat Sie betrogen,“ erwiderte ſie; „ſo machen es aber beinahe alle Häuſerbewohner. Er liebt eine Andere, ein Mädchen Namens Milly Moyne, die er vor mehr als einem Jahr beſchwazte, ihren Stamm und ihre Verwandten zu verlaſſen. Er bewacht ſie wie eine Blume, deren Wurzel in ſeinem Herzen ſitzt und durch ſein Lebensblut ge⸗ nährt wird,“ ſetzte ſie langſam hinzu.„Sie wird in dem unterrichtet, was die Häuſerbewohner lernen und kleidet ſich wie eine Königin, denn nichts iſt für die Mutter ſeines Kindes zu gut.“ „Seines Kindes!“ rief die Dame von ihrem Sitze auffahrend und die Hände in eiferſüchtiger Verzweiflung ringend;„ſagten Sie wirklich, ſeines Kindes?“ „Ein Knabe iſt es,“ bemerkte Martha gelaſſen; „und dieß iſt der Grund, weßhalb er ihrer noch nicht überdrüſſig iſt. Die Männer ſind ſelten einer Frau treu, wenn ſie ſie nicht zum Vater macht.“ „Wo iſt die Buhlerin?“ fragte die hintergangene Gattin,„ich will ſie aufſuchen und vernichten.“ 217 „Wir ſind noch nicht ſo weit hondelseinig ge⸗ worden, daß ich Ihnen auch dieß ſagte“ antwortete die Zigeunerin ſchlau. „Ich will Sie reich belohnen,“ rief Lady Fair⸗ clough mit ſteigender Heftigkeit—„Ihre Habſucht aufs äußerſte beigen Ich will eine Rache neh⸗ men, die ſein Herz ebenſo tief treffen ſoll, wie er das meinige zerriſſen hat. Kalter„ herzloſer, ächtlicher Heuchleri“ Das Weib hörte ihrem Raſen zu und beobach⸗ tete ihr Bemehmen eine Zeitlang ohne ein Wort zu ſprechen. „Iſt dieß Ihp— Ernſt?“ fragte ſie;„iſt dieß Ihr wirklicher feſter Entſchluß, bei dem Sie behar⸗ ren bleiben, oder blos der Ausbruch der Leiden⸗ ſchaft? Die Häuſerbewohner gehen, wie ich gehört habe, leicht über derlei Dinge weg; der rumäniſche Abkömmling aber hält an einem einmal gefaßten Vorſatze feſt, bis er ausgeführt iſt.“ „Ich ſtamme aus einem Lande, wo das Gefühl eines erlittenen Unrechts ſehr tief iſt,“ verſetzte die eiferſüchtige Frau,„und wo der Durſt nach Rache anhält.“ „So ſind Sie alſo nicht aus dieſer Gegend,“ ſagte Martha. „Nein.“ 5 „Das erklärt die Sache,“ bemerkte die Zigeune⸗ rin;„ich meinte doch gleich eine Kreuzung des Blu⸗ tes in Ihnen zu finden, die ich nicht recht verſtand. Wenn Sie wirklich ſtundhaft ſind,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie vorſichtig umherblickte, um ſich zu über⸗ — ——— —— ———— — zeugen, daß niemand ſie hören könne,„ſo läßt ſich die Sache leicht ausführen.“ „Meinen Sie damit etwa den Tod des Mäd⸗ chens?“ flüſterte Lady Fairclough. „Nein,“ verſetzte Martha barſch; zeine Tren⸗ nung. Das Mädchen iſt meines Bruders Enkeltochter; und obgleich die Hearns eben ſo gut als die Kee⸗ lans ſind, ſo iſt Blut doch dichter als Waſſer. Ihr Häuſerbewohner haltet nicht viel auf die Rumänen; aber auch wir haben unſere Geſetze und unſere Re⸗ ligivn— es iſt nicht unſere Schuld, daß beide von euern Gebräuchen abweichen. Es gibt nur zwei Fälle, in welchen bei uns das Leben genommen werden darf— entweder wenn ein ächter Pharao's Sohn on ſeine Feinde verkauft wird, oder wenn ein Weib ihrem Gatten die Treue bricht.“ „Trennung?“ wiederholte die Dame—„ja, das könnte genügen.“ „Es muß genügen, wenn ich dabei im Spiele bleiben ſoll. Milly war beſtimmt meinen Sohn zu heirathen, einen jungen Burſchen, der im Spiel mit dem Meſſer und im Tambourinſchlagen keinem an⸗ dern nachſteht. Obgleich die ſchönſten Augen im Lager über ſeine Abweſenheit ſich roth färben, ſo kann der alberne Tropf doch an keine Andere als an Milly denken. Er hat ſeit Monaten ihre Spur verfolgt,— mit der Beſtändigkeit eines ſterblich Ver⸗ liebten, mit der Geduld des Haſſes. Kaled und nicht ich, ſeine alte Mutter, hat entdeckt, wo der ver⸗ lorene Vogel ſein Reſt aufgebaut hat.“ Obgleich vieles, was das Weib vorgebracht hatte, für Sir Aubrey's Gemahlin unverſtändlich war, ſo 21¹9 begriff dieſe doch ſo viel, daß die Zigeunerin nichts zu bewegen vermöchte, ihrer ebendih ben zu gehen, während dieſelbe gegen eine Entfüh⸗ rung nichts einzuwenden habe. „Laſſen Sie Ihren Sohn ſie heirathen,“ ſprach ſie.„Ich will der Dirne eine reiche Ausſtattung ge⸗ ben, wenn ich ſie mir dadurch aus dem Wege räu⸗ men kann.“ „Sie muß ſich nach dem Geſetz im Lager rich⸗ ten,“ bemerkte Martha;„es kann dieß folglich erſt in dreißig Tagen geſchehen.“ „Und dann?“ „Das übrige iſt eine Kleinigkeit, vorausgeſetzt, daß der Stamm damit einverſtanden iſt; mag ſie dann einwilligen oder nicht,“ murmelte die alte Hexe. Gleich den meiſten eiferſüchtigen Frauen fühlte Lady Fairclough einen krankhaften Wunſch, von ihrem Kummer ſich befreit zu ſehen; und nachdem ſie ver⸗ mittelſt einer zweiten Beſtechung das Geheimniß von Milly's Verſteck erfahren hatte, machte ſie ſich ſogleich in Begleitung ihrer treuen Samba nach Richmond auf den Weg. In dem ländlichen Wirthshauſe ge⸗ rade gegenüber der Allee, welche nach Woodbine Cottage führte, wartete ſie mehrere Stunden lang auf das Erſcheinen ihres falſchen Gemahls. Endlich trat er aus der Hausthüre mit einem reizenden jun⸗ gen Mädchen am Arme. Trotz ihres Entſchluſſes, ihre Gefühle zu bemeiſtern, überwältigte ſie doch die Leidenſchaft. Sie wäre herausgeſtürzt und hätte ihn mit Vorwürfen überſchüttet, wenn die Negerin ſie nicht zurückgehalten hätte. „Nicht doch, Miſſie, Milady,“ ſprach ſie,„müſſen lerin an's Le⸗ —— 220 das ſchamloſe Ding Ihren Schmerz nicht ſehen laſſen. Wenn Maſſa ſieht, daß Sie hinter ſeine Schliche ge⸗ kommen, iſt es nicht gut; er ſchlauer iſt, als Sie.“ „Mein Herz iſt gebrochen, Samba!“ ſtöhnte die unglückliche Gebieterin. „Ja, Miſſie, Milady.“ „Ich habe jetzt Niemand mehr, der mich liebt.“ „Wann haben Sie zuletzt von Maſſa Philipp ge⸗ hört?“ fragte die Negerin. „Ich bin gerecht beſtraft,“ murmelte die unglück⸗ liche Frau,„in meiner Hingebung für dieſen Rann habe ich ſelbſt mein eigenes Kind vergeſſen.“ „Das iſt wahr, vielleicht er aber Sie nicht ver⸗ geſſen hat,“ bemerkte das ſchwarze Weib.„Er meint, Sie kein Herz haben.“ „Schweige, Samba!“ rief ihre Herrin ungeduldig. „Ja, Miſſie, Milady.“ „Nun,“ ſagte Martha, in das Zimmer tretend, wo die Dame und ihre Begleiterin ſo lange in Er⸗ wartung geſeſſen hatten,„hat die Rumänin wahr ge⸗ ſprochen oder nicht?“ „Leider verhält es ſich ſo.“ „Mein Sohn iſt außen, wollen Sie ihn ſprechen?“ Auf ein Zeichen ſeiner Mutter erſchien Kaled im Zimmer. Er war jetzt nicht mehr der ſchmächtige Aufſchößling, der, aus Furcht, Milly zu beleidigen, mit ſchüchternen Blicken auf ihre Worte und ihr Lächeln lauſchte, ſondern er war jetzt ein unerſchrockener, kräf⸗ tiger Mann geworden; ein Jahr hatte das ſpielende Weſen der jungen Beſtie in die Wildheit eines aus⸗ gewachſenen Tigers verwandelt. Es lag etwas peinlich Beleidigendes in dem fre⸗ chen Blicke der Bewunderung, mit welchem er Lady Fairclough betrachtete, welche ihn unter allen andern Umſtänden mit Verachtung und Unwillen aus ihrer Nähe weggewieſen hätte. „Iſt dieß die Häuſerbewohnerin?“ fragte er. Martha antwortete bejahend durch ein ſcheußliches Grinſen. 4 „Wir ſind beide verletzt worden,“ ſagte die Dame, „und zwar in dem zarteſten Punkt und durch den⸗ Verbrecher; ich muß und will Gerechtigkeit aben.“ „Nichts leichter als dieß,“ verſetzte der Landſtrei⸗ cher,„vorausgeſetzt, daß Sie Willens ſind etwas da⸗ für zu zahlen; denn Gerechtigkeit erlangt man nicht umſonſt. Ich habe darin viel gelernt, ſeitdem ich die Zelte verlaſſen habe.“ „Recht mein Junge— ganz recht,“ bemerkte das alte Weib beiſtimmend. „Er geht oft mit ihr Nachts an dem Flußufer ſpazieren. Ich bin ſchon oft nahe genug geweſen, um ihre Stimmen hören zu können. Die Mutter könnte ſich Milly's bemeiſtern, während ich—“ „Elender,“ rief die ſchwache und noch immer ver⸗ blendete Gattin;„wollt Ihr ihm etwas zu Leide thun?“ „Ich meinte doch, Sie hätten geſagt, es ſei uns beiden von derſelben Perſon Unrecht zugefügt worden?“ „Durch das Mädchen— die verworfene Buhlerin, die ihn in ihr Liebesnetz gelockt— ſein Herz durch ihre argen Künſte von mir abwendig gemacht hat. enn Ihr nur ein Haar auf ſeinem Haupte berüh⸗ ret, ſo würde ich Euch durch das ganze Königreich 222 verfolgen— die Bluthunde des Geſetzes auf Eure Fährte hetzen. Das Mädchen iſt es,“ wiederholte ſie heftig,„welche meine Rache treffen muß und nicht meinen Gemahl.“ „Hoho!“ rief der Zigeuner,„ich ſehe nicht ein, auf welche Weiſe Milly gegen Sie ſich verfehlt hätte. Sie werden ſich doch nicht einbilden, er habe ihre Liebe dadurch gewonnen, daß er ihr ſagte, er habe ein Weib? Ich bin feſt überzeugt, daß er von dieſer nie in ihrer Gegenwart geſprochen hat. Ich würde es wenigſtens nicht thun,“ ſetzte er mit plumpen La⸗ chen hinzu;„ſelbſt wenn Milly nur halb ſo ſchön wäre, wie Sie.“ Dieſe unverſchämte Rede eines Geſchöpfs, das ſie ſo tief unter ſich hielt, daß ſie es kaum auf die⸗ ſelbe Stufe der Menſchheit mit ihr ſelbſt ſetzte, be⸗ antwortete Lady Fairclough nur durch einen Blick des Abſcheues und der Verachtung. „Böſer Mann, Miſſie, Milady,“ ſagte Samba; „böſer Mann, warum thun Sie mit ihm ſprechen?“ „Was ſagt der ſchwarze Teufel da?“ rief Kaled, drohend auf die Negerin zuſchreitend. In einem Augenblicke änderte ſich der ganze Ge⸗ ſichtsausdruck derſelben; es lag etwas Wildes und Fürchterliches in dem Ausdruck ihrer Augen, als ſie ein Meſſer vom Tiſche wegnahm und ſich nahezu bis auf den Boden niederließ, gleich einer Pantherin, die ſich zum Sprunge bereit macht. „Weißer Teufel ſchlimmer iſt als ſchwarzer,“ ziſchte ſie durch ihre zuſammengepreßten Zähne.„Du glau⸗ ben, Obeafrau ſich fürchten; Narr, ich Dich todt⸗ ſtechen.“ 223 „Gib Ruhe,“ ſagte Martha zu ihrem Sohne in rumäniſcher Sprache;„willſt Du denn das rothe Gold der Häuſerbewohnerin um eines eitlen Wortſtreits willen verlieren?“ „Ich wollte die Lady nicht beleidigen,“ murmelte der Sohn,„ich bin nur ein armer unwiſſender Zi⸗ geuner; mein Bellen iſt ſchlimmer als mein Biß.“ „Wenn Du beißen in der Dunkelheit,“ bemerkte Samba,„dann Du nicht zuvor bellen.“ „Genug davon,“ ſagte ihre Gebieterin;„es iſt unmöglich, völlig unmöglich, daß ein Geſchöpf dieſer Art die Abſicht gehabt haben konnte, mich zu belei⸗ digen. Seid Ihr Willens das elende Mädchen und ihr Kind zu ihrem Stamm zurückzubringen, und ſie zu heirathen?“ „Ich bin ganz dazu bereit,“ antwortete Kaled, „ſobald man mich dafür bezahlt.“ „Sprecht, wie viel ihr für Eure Willfährigkeit ver⸗ angt.“ Martha und ihr Sohn flüſterten einige Secunden lang mit einander. „Hundert Schwere— Pfund, wollte ich ſagen,“ werſetzte der erſtere;„es iſt wenig genug, wenn Sie an die Schande denken, die auf Milly haftet, und an ihren Balg.“ „Hier iſt eine Abſchlagsſumme,“ rief die Dame, eine Anzahl Souverains auf den Tiſch legend.„So⸗ bald ſie Eure Frau iſt, ſollt ihr den Reſt haben. Ihr müßt ſie aber geſetzlich heirathen— in der Kirche,“ fuhr ſie fort,„und zwar in Gegenwart von Zeugen, die ich ſtellen werde.“ „Und was gibt mir Sicherheit, daß Sie Ihr Wort 224 mir halten werden, wenn einmal das Band geknüpft iſt?“ fragte der Burſche. „Eure Mutter wird gut für mich ſtehen,“ verſetzte Lady Fairclough; ſie weiß, wo ſie mich finden kann. Jene beide müſſen aber ſogleich getrennt werden— noch dieſe Nacht. Ich muß wiſſen, daß dieß geſche⸗ hen iſt, ſonſt tödtet mich die Ungewißheit.“ „Du kannſt ihr trauen,“ ſagte Martha, auf roth⸗ welſch ſprechend.„Wenn das Herz von Eiferſucht voll iſt, iſt die Hand ſtets offen.“ Es iſt dieß ein wohlbekanntes ſpaniſches Sprich⸗ wort; und wir wurden ſehr häufig überraſcht, nicht nur ſpaniſche, ſondern auch arabiſche und perſiſche Sprichwörter bei den Zigeunern zu finden. Wo ſie dieſelben aufgerafft haben, mögen Philologen ent⸗ ſcheiden. Der Garten von Woodbine Cottage erſtreckte ſich bis an die Themſe und war der beobachtenden Neu⸗ gier ſo ſehr entzogen, daß man nur vom Fluſſe aus oder wenn man die ihn umgebenden Mauern erſtieg, einen Blick hineinwerfen konnte;— Umſtände, welche für die Abſichten Kaled's und ſeiner Mutter äußerſt günſtig waren, welche, nachdem ſie ſich ein Boot ver⸗ ſchafft hatten, an einer von Gebüſch eingefaßten Stelle landeten und dort verſteckt geduldig die Gelegen⸗ heit abpaßten, bis ſie ſich Milly's Kind bemeiſtern könnten. Sie brauchten nicht lange zu warten. Im Hauſe befanden ſich nur zwei Donmeſtiken, denn Sir Aubrey ſowie deſſen Opfer wünſchten Ein⸗ ſamkeit;— der erſtere um der Entdeckung ſeines wah— ren Namens und Standes, die er ſelbſt vor Millh 225 geheim gehalten hatte, vorzubeugen, die letztere aus dem inſtinktartigen Zartſinn, der ſie lehrte, ihr Glück und ihre Schande vor den Augen der Welt verbor⸗ gen zu halten, die ſtets geneigter iſt den Fehler, als die Verſuchung hiezu, zu beurtheilen. Die ältere der beiden Dienſtboten hatte ſich die Abweſenheit ihrer Herrin zu Nutze gemacht, um ihre Bekannten in Richmond zu beſuchen, indem ſie es dem andern Dienſtmädchen überließ, das Kind zu hüten, das in der Hängematte unter dem Baume ſchlief. Es wurde geſchellt: ihre Herrin war pon dem Spaziergange bis an den Eingang der Stadt zurück⸗ gekehrt, wo dieſe Abſchied von ihrem Verführer ge⸗ nommen hatte, der plötzlich nach London abgerufen worden war. „Paß auf, Snap!“ ſagte das Mädchen, auf das Kind deutend. Der alte Hund beantwortete dieſe Aufforderung mit einem Blicke von faſt menſchlicher Intelligenz und das Mädchen eilte dem Hauſe zu. Sobald ſie verſchwunden war krochen Martha und Kaled aus ibrem Verſteck hervor. Der Hund ließ ein drohendes Knurren hören. „Ruhig, Beſtie,“ ſagte der Landſtreicher. Seine Mutter warf dem Thiere einige Kügelchen, aus Fleiſch und andern Ingredienzien beſtehend, vor, welches durch einen ganz eigenthümlichen Wohlgeruch, das dieſes Gemengſel verbreitete, angelockt, daſſelbe gierig verſchlang. Sobald dieß geſchehen, war nichts mehr zu fürch⸗ ten, denn wenige Secunden hernach lag der Hund ſtöhnend und ſterbend am Fuße des Baumes. Smith, Milly Moyhne. I. 15 ſchnitt, konnte er der Verſuchung nicht widerſtehen, dem edlen Thiere, das früher Milly gegen ſeine Ge⸗ waltthätigkeit vertheidigt hatte, Schmerzen zu machen, indem er die ſchweren Abſätze ſeiner Stiefel auf deſſen Hals ſetzte, und mit höhniſchem Grinſen ſeinen krampfhaften Todeskampf beobachtete. „Mach daß Du fortkommſt,“ ſagte Martha; „hinunter in das Boot.“ Das Kind in die Hängematte einwickelnd bega⸗ ben ſie ſich an das Flußufer und ruderten raſch davon. Nur diejenigen, welche die Zärtlichkeit mütterli⸗ cher Liebe kennen, vermögen den Schmerz Milly's bei dem Verluſt ihres Kindes zu verſtehen. Jung, ohne Freunde und unbekannt mit der Welt, durch⸗ ſtreifte ſie, anſtatt an die Behörden ſich zu wenden, die ganze Nachbarſchaft, indem ſie unaufhörlich das Kind bei Namen rief und Jeden, den ſie begegnete, fragte, ob er es nicht geſehen habe. Einige bemit⸗ leideten ſie, Andere hielten ſie für wahnſinnig. In ihrer Verzweiflung gab ſie gar nicht Acht, wohin ſie ihre Schritte lenkte. Mit Einbruch der Nacht be⸗ fand ſie ſich am Ufer des Fluſſes beinahe acht Mei⸗ len oberhalb der Brücke. Es war ein abgelegener Ort und die troſtloſe, verzweifelnde Mutter warf ſich von Ermüdung und Aufregung erſchöpft, auf den Boden und weinte bitterlich. „Gott der Häuſerbewohner!“ rief ſie aus,„was habe ich denn gethan, womit ich Dich beleidigte Wenn ich gegen die Geſetze gehandelt habe, ſo ge Während Kaled die Stricke der Hängematte ab⸗ 227 ſchah es aus Unwiſſenheit und gewiß nicht abſicht⸗ lich. Habe Mitleid mit mir und gib mir meinen Erſtgeborenen zurück!“ Ein leiſes heißeres Lachen ließ ſich aus dem nahen Gebüſch vernehmen, und Martha und Kaled traten aus demſelben hervor. Als Milly ſie erblickte, wurde ſie todtenblaß; ſie kannte die mitleidsloſen Hände, in die ſie gefallen war. „Du haſt viel Gutes unter den Häuſerbewoh⸗ nern gelernt!“ ſagte das alte Weib in höhniſchem Tone,„wenn ſie Dich auch nicht weiter als beten gelehrt haben.“ Ach! ſie hatten nicht einmal dieß ſie gelehrt. „Mein Kind,“ murmelte Milly händeringend, „mein Kind!“ „Komm mit uns und Du ſollſt es wieder ha⸗ ben,“ antwortete Kaled. Das unglückliche Geſchöpf zögerte. „Wenn Du Dich weigerſt,“ bemerkte Martha, „ſo muß es bald ſterben. Bereits weint es um die Mutterbruſt.“ Mütterliche Liebe beſiegte ihre Furcht vor einer Gewaltthat, ſowie den Schmerz, von dem Manne getrennt zu werden, den ſie liebte, und ſo folgte Milly willfährig, bis ſie einen jener Karren erreich⸗ ten, in welchen die wandernden Auswürflinge der Geſellſchaft reiſen und wohnen. „Setz Dich hinein,“ ſagte die alte Zigeunerin. finſter;„drinnen wirſt Du den Balg finden.“ Milly ſprang in den Karren. Einen Augenblick hernach lag das Kind wieder an ihrem Srrzen 228 Martha folgte ihr, nachdem ſie zuvor ihrem Sohn, der ſich vorne auf das Fuhrwerk geſetzt hatte, zuge⸗ rufen hatte, er ſolle fortfahren. Sechzehntes Kapitel. Bei einer gelegentlichen Durchſicht der Armee⸗ liſte fand Major Henderſon, daß Oberſt Grey, wel⸗ chen Lady Fairclough in ihrem Briefe erwähnte, ſo⸗ wohl auf der Halbinſel als in Indien mit ihm ge⸗ dient hatte. Er kannte ihn als einen indolenten gutmüthigen Mann, der zwar ſtrenge auf Ehre hielt, aber allzu ſehr den Genüſſen des Lebens fröhnte. Wenn alſo nicht Jemand ihn zur Thätigkeit an⸗ ſpornte, ſo war nur wenig Hoffnung vorhanden, daß ein ſolcher Charakter ſich der angeblichen Wahnſin⸗ nigen lebhaft annehmen würde, da ein Mann dieſer Art ſelbſt bei den beſten Abſichten von der Welt be⸗ trogen und hilflos wie ein Kind gegenüber einer ſo gewiſſenloſen Perſönlichkeit, wie Sir Aubrey Fair⸗ clough, war, welchen ſeine außerordentliche Beredt⸗ ſamkeit noch ganz beſonders gefährlich machte. Nach reifer Ueberlegung beſchloß deßhalb der Major ſelbſt nach London zu reiſen und mit ſeinem alten Kameraden Rückſprache zu nehmen. Ehe er jedoch die Halle verließ, hatte er eine lange Conferenz mit Peter Marl, dem er ausdrück⸗ lich anempfahl, die jungen Herrn auf jeder Ex⸗ 229 curſion zu begleiten, die ſie etwa in die Umgegend machen würden. „Sie können hingehen, wohin ſie wollen,“ ſetzte er hinzu,„wenn Sie mit dabei ſind.“ Der alte Soldat erhob ſtolz den Kopf; wahr⸗ ſcheinlich hatte er ſich noch nie wieder ſo befriedigt gefühlt, wie ſeit damals, als ihm die Waterloo⸗Me⸗ daille verliehen worden war. Oliver Brandreth war, wie man ganz natürlich finden wird, der erſte, dem Peter den Inhalt der erhaltenen Inſtruktion mittheilte. „Köſtlich,“ ſagte unſer Held;„ſo werden wir alſo eine Kampagne auf eigene Rechnung haben.“ Der Veteran machte eine ſehr ernſte Miene. „Nicht weiter als nach dem Zigeunerlager,“ fügte der Jüngling bei,„oder nach Melina Houſe. Ich möchte dieſen Ort wohl noch einmal ſehen.“ Peter meinte, daß auch ihn eine gewiſſe Neu⸗ gierde nach der Anſtalt und deren Bewohner plage, die er gerne befriedigen möchte, und verſprach, wenn die Knaben eine Excurſion in dieſer Richtung am nächſten Mittwoch vorſchlagen würden, ſich derſelben nicht widerſetzen zu wollen. Oliver brauchte blos zu äußern, daß er gehört habe, es befinde ſich eine Zigeunerhorde in der Nach⸗ barſchaft, als augenblicklich ſeine Mitzöglinge ein⸗ ſtimmig verlangten, dieſelbe beſichtigen zu dürfen. Es war ganz merkwürdig, welchen wohlthätigen Einfluß der Aufenthalt von einem Jahre in Kots⸗ wold auf Philipp phyſiſch und moraliſch ausgeübt hatte. Er war nicht mehr der zarte Junge, der ſich ſchüchtern wie ein Mädchen vor Gefahr fürchtete, 230 ſondern er war jetzt kräftig an Körper und Geiſt geworden. Oliver's Lehren, ſowie der Umgang mit ſeinen Kameraden und deren kräftigende Spiele hat⸗ ten ihren nutzbringenden Einfluß nicht verfehlt. Ehe der bezeichnete Tag erſchien, theilte ihm ſein Freund ſein Zuſammentreffen mit Jinks mit, um ihn gehörig vorſichtig zu machen; es wäre nicht gut geweſen, dem Landſtreicher Gelegenheit zu geben, ſie an einem unbedacht geäußerten Wort wieder zu erkennen. „Ich habe dieſe merkwürdige Nacht nicht ver⸗ geſſen,“ bemerkte Philipp Blandford;„ſie verfolgt mich ſogar noch zuweilen in meinen Träumen.“ „Auch mir geht es ſo,“ ſetzte Oliver ernſt hinzu. „Du meinſt wohl die Erſcheinung in dem Zim⸗ mer, in welchem wir ſchliefen? Dem Himmel ſei Dank, daß ich ſie nicht ſah. War es aber vielleicht nicht doch nur ein Traum?— Dein Vater hält es dafür.“ „Nein,“ verſetzte der Jüngling nach kurzem Ueber⸗ legen.„Ich habe oft geſucht, mich zu überreden, daß es ein ſolcher geweſen ſei, indem ich jeden Um⸗ ſtand dabei mir in's Gedächtniß zurückrief. Aber jedesmal gelangte ich zu dem Schluß, daß mein er⸗ ſter Eindruck der richtige war. Schon längſt habe ich bei mir beſchloſſen,“ fuhr er fort,„Rockingham Hall und deſſen Bewohner bei der erſten ſich dar⸗ bietenden Gelegenheit wieder zu beſuchen.“ „Darüber können aber Jahre hingehen,“ be⸗ merkte Philipp.„In ſechs Monaten begibſt Du Dich ja auf das Schiff Deines Vaters im Mittel⸗ meere.“ „Mein Entſchluß hält auch bis nach meiner Rück⸗ 231 kehr feſt, ſelbſt wenn meine Abweſenheit Jahre lang dauern ſollte,“ lautete die Antwort. Major Henderſon's erſter Beſuch nach ſeiner An⸗ kunft in London galt dem Vormund ſeines Zög⸗ lings, den er wie immer auf ſeinem Comptoir in Mincing Lane fand. Da der wackere Makler erſt kürzlich Nachrichten von Kotswold erhalten hatte, verurſachte ihm der Anblick des Mentors ſeines Mündels einige Unruhe. „Sie bringen mir doch keine ſchlimme Nachrich⸗ ten!“ rief er aus. „Durchaus nicht,“ verſetzte ſein Beſucher.„Ich verließ Ihren jungen Verwandten geſtern Morgen wohl und geſund.“ Dieſe Verſicherung ſchien John Compton eine große Beruhigung zu gewähren, der, über den Punkt beruhigt, der ihn am meiſten intersſſirte, geduldig, wenn nicht gar mit Antheil die Umſtände vernahm, welche ſeinen Beſucher von ſeinem ländlichen Aufent⸗ haltsorte in Carwell Hall hieher geführt hatten. „Obgleich ich alles von dem herzloſen Böſewicht glauben kann,“ rief er mit Anſpielung auf Sir Au⸗ brey aus,„ſo meine ich doch, daß Sie in dieſem ſpeciellen Fall ſich täuſchen. Die verwittwete Lady Fairclough iſt ganz ſicher wahnſinnig.“ Der Major las den Brief der angeblichen Gei⸗ ſteskranken vor. „Das klingt freilich nicht wie Narrheit,“ ſagte der Makler nachdenklich.„Mein Gott!“ fügte er auf ſeine Uhr blickend bei;„ſchon hat die Börſen⸗ ſtunde geſchlagen! Nun, eine einmalige Verſäumniß wird auch nicht viel auf ſich haben.“ 232 „Ich fürchte, daß mein Beſuch Ihnen ungelegen kam.“ „Durchaus nicht,“ verſetzte John Compton,„und wenn Sie es erlauben, ſo will ich Sie zu Oberſt Grey begleiten. Wiſſen Sie, in welchem Verwandt⸗ ſchaftsgrade er zu der Lady ſteht?“ „Er iſt ihr Onkel, ſo viel ich weiß.“ „Hat er irgendwie Anſprüche auf ihr Vermögen?“ „Nicht die geringſten,“ verſetzte der Major.„Lady Fairclough beſitzt übrigens gar nichts außer ihrer Schönheit;— es war durchaus nur eine Nei ungs⸗ heirath, welche der verſtorbene Baronet mit iht ein⸗ gegangen hatte.“ „Ich wünſchte, meine thörichte Verwandte beſäße auch nichts außer ihrer Schönheit,“ bemerkte der Citymann trocken;„dann hätte der arme Philipp den Sir Aubrey niemals zum Stiefvater bekommen.“ Der Major und der Makler fuhren von Mincing Lane nach St. James's Street, wo ſie glücklicher Weiſe den Oberſten zu Hauſe trafen. Es bedurfte übrigens einer geraumen Zeit, bis es dem Major Henderſon glückte, ſeinen ehemaligen Kameraden von der Nothwendigkeit einer Nachforſchung zu überzeu⸗ gen, ſo vollſtändig war es dem Baronet gelungen, ſein Urtheil durch den Schein von Uneigennützigkeit und Theilnahme zu blenden. Regelmäßig jeden Monat theilte Sir Aubrey ihm, als dem nächſten Verwandten der Dame, den Bericht des Doktors Sellen mit, welchen Oberſt Grey mit gehöriger Aufmerkſamkeit durchlas, das Schickſal ſeiner Nichte beſeufzte und ſodann die ganze Sache bis zum Eintreffen eines neuen Berichts ver⸗ gaß. Zu ſeiner Rechtfertigung müſſen wir aber an⸗ führen, daß, ſobald er von der Nothwendigkeit einer Nachforſchung überzeugt worden war, er weder Gleich⸗ gültigkeit noch Mangel an Energie zeigte, ſondern ſogleich Anſtalten traf, ſich in Begleitung ſeines Ad⸗ vokaten nach Melina Houſe zu begeben. Der letztere, ein ſehr gewandter und intelligenter Mann, erhielt auf ein eidliches Zeugniß des Ma⸗ jors hin von dem Kanzler die Vollmacht, mit der angeblichen Wahnſinnigen ſich beſprechen zu dürfen. „Wann wollen Sie ſich auf den Weg machen?“ fragte John Compton, nachdem die Sache geordnet war. Der Oberſt verſicherte ihn, daß er am folgenden Morgen die Stadt zu verlaſſen beabſichtige. Der Makler ging einen Augenblick mit ſich zu Rathe. Er war die zwei vorhergehenden Tage von der Börſe weggeblieben, ohne daß die Firma dar⸗ unter Noth gelitten hätte,— wie ſollte er es daher nicht wagen, noch einen dritten, vierten oder ſelbſt fünften Vacanztag zu machen? Baines, der Buch⸗ halter war ſehr zuverläſſig, wie er meinte. „Ich will Sie begleiten,“ rief er aus.„Es iſt länger als ein Jahr her, ſeit ich meinen Mündel nicht ſah, und glaube, daß der Anblick Philipp's und ſeines jungen Freundes Oliver wohlthuend auf mich wirken wird.“ Mr. Baines nahm die Nachricht von der beab⸗ ſichtigten Abweſenheit ſeines Principals ohne den mindeſten Ausdruck von Erſtaunen oder Befriedi⸗ gung auf; und doch hatte er ſchon ſeit ſechs Mona⸗ 234 ten vergebens auf die Gelegenheit gelauert, ihn ein⸗ ſi drei Trage lang vom Geſchäft entfernt zu ehen. Der Zufall begünſtigt oft ſelbſt die Ausführung unſerer Abſichten in einem Augenblicke, in welchem wir es am wenigſten erwarten. An demſelben Morgen, an welchem John⸗Comp⸗ ton nach Kotswold verreiste, richtete ſich der lang erprobte Buchhalter in dem Privatbureau ſeines Prinzipals ein und befahl Randal Rand ihm beim Heffnen und Copiren der Briefe behülflich zu ſein. Die vermeintliche Geſchäftsunkenntniß des jun⸗ gen Menſchen hatte Baines bei dieſer Wahl gelei⸗ tet; aber der neue Commis war durchaus nicht ſo unwiſſend, wie er ſich einbildete. Noch nie hatten die Zöglinge von Carwell Hall mit ihrem Mittageſſen ſich ſo ſehr beeilt, als an dem wichtigen Mittwoch, an welchem ſie den Aus⸗ flug nach dem Zigeunerlager machen durften. Oliver wurde förmlich mit Fragen beſtürmt. Ob er ſelbſt die Zigeuner geſehen habe? Woher er etwas von ihrer Anweſenheit in der Nachbarſchaft erfahren habe? „Das iſt mein Geheimniß,“ verſetzte unſer Held mit ſchelmiſchem Lachen. „Ein Geheimniß!“ riefen die Knaben;„das iſt nicht ſchön.“ Vergebens ſuchten ſie es aus ihm herauszulocken, da ſie bemerkten, daß er es vor allen außer vor Philipp zu bewahren geſonnen ſei. „Kommt, ihr jungen Herrn,“ ſagte Peter Marl, „ſeid ihr gerüſtet?“ 235 „Was haben Sie denn da drinnen?“ fragte Jod⸗ rel, auf einen feſt zugemachten Korb deutend, deſſen Inhalt friſche Blätter bedeckten und welchen der alte Soldat an einen Spaten gehängt auf der Schul⸗ ter trug. „Verproviantirungs„Departement,“ lautete die Antwort;„Brod, Obst und einen Krug mit Johan⸗ nisbeerwein.“ Es war kein Wunder, daß auf dieſe Mittheilung hin ein allgemeines Hurrah auf Peter Marl ausge⸗ bracht wurde. „Es wäre gut, wenn Ihr eure Pritſchen mit⸗ nähmet, meine jungen Herrn,“ ſprach er,„während ich euer Abendbrod herrichte, könnt ihr euch dann beim Kolbenſpiel beluſtigen.“ Der Vorſchlag wurde begreiflicher Weiſe mit tauſend Freuden aufgenommen. Es erforderte mehr als gewöhnliche Taktik von Seiten Peters, die fröhliche Bande, namentlich den jüngern Theil derſelben, beiſammen zu halten, be⸗ ſonders nachdem der Feldweg erreicht war, der nach dem Zigeunerlager führte; die meiſten darunter brannten vor Ungeduld, ſich wahrſagen zu laſſen, ſowie überhaupt das Neue und Abenteuerliche an der Sache ihre Phantaſie in eine ganz außergewöhn⸗ liche Spannung verſetzte. „Ich will euch ſagen, was wir thun wollen, meine jungen Herren,“ ſagte der alte Mann.„Ich habe keine Luſt, den ſchweren Korb noch länger zu tragen und einen beſſern Platz wie dieſen können wir nicht finden. Darum wollen wir hier Halt machen.“ 236 „Was iſt denn dieß für ein Haus?“ fragte einer der Knaben. „Das iſt,“ ſagte Peter, auf das alte Gibeldach deutend, das hinter den Bäumen hervorragte,„Me⸗ lina Houſe.“ „Können wir es beſichtigen?“ „Ich glaube nicht, denn es iſt ein Aufenthalts⸗ ort für Narren. Man erzählt ſich ſonderbare Dinge davon in Kotswold.“ „Erzählen Sie uns auch etwas davon!“ riefen ſeine Zuhörer. „Setzt euch nieder und helft mir den Korb aus⸗ packen, dann will ich es thun.“ Durch dieſe Liſt gelang es Peter, die Knaben ab⸗ zuhalten, daß ſie ſich zerſtreuten, denn er erkannte die Verantwortlichkeit, die er auf ſich laden würde, wenn er ihnen geſtattete, einzeln das Zigeunerlager zu be⸗ ſuchen; ſobald es in Gemeinſchaft geſchah, wußte er wohl, daß keine Gefahr dabei zu befürchten ſei. „Wo iſt denn Mr. Brandreth?“ fragte er. Die Knaben ſahen ſich um. Oliver war ver⸗ ſchwunden. In Begleitung ſeines Freundes Philipp hatte er ſich weggeſchlichen, mit dem feſten Entſchluſſe, noch einmal in das eiferſüchtig bewachte Territorium der Anſtalt des Doctors Sellen einzudringen. „Der hat ſich weggeſtohlen!“ riefen die Knaben. „Thut nichts,“ bemerkte der alte Mann philoſo⸗ phiſch,„Mr. Brandreth und Mr. Blandford ſind alt genug, um auf ſich ſelbſt Acht geben zu können; ich muß aber die jüngern hüten.“ Mit dieſen Worten ſetzte er den Korb mit Mund⸗ 237 vorrath auf den Boden und fing an, das Abendbrod zu bereiten. Siebenzehntes Kapitel. Es iſt ganz merkwürdig, mit welchem Eifer die Jugend ihren erſten Kampf mit der Welt ausſicht. Die Vorliebe für Abenteuer entwickelt ſich von ſelbſt gleich einem Inſtinkt; es liegt ein Zauber in ihren Gefahren, ein Genuß in ihren Myſterien, die noch größer ſind, als ſelbſt der Triumph des Erfolgs; denn mit dem Erfolge läßt die Aufregung nach und es folgt Ruhe, der Schatten jener Abſpannung, welche früher oder ſpäter die Oberherrſchaft gewinnt. Man ſpricht zwar oft von der Weisheit des Al⸗ ters, aber ſelten von deſſen Energie. Oliver Brandreth hatte ſich feſt vorgenommen, in die eiferſüchtig bewachten Umſchließungsmauern von Melina Houſe einzudringen; an die Gefahr, die ihm dabei drohen könnte, dachte er auch nicht einen Au⸗ genblick. In ſeinen Gedanken beſchäftigte er ſich nur mit der armen Gefangenen, mit welcher der Zufall ihn zweimal in ſo eigenthümliche Berührung gebracht hatte. Er war überzeugt, das ſie unterdrückt ſei und ſo hörte er gleich den meiſten edelmüthigen und em⸗ pfänglichen Naturen mehr auf die Eingebungen ſei⸗ nes Herzens als auf die Warnung der Stimme der Klugheit. Letztere muß wohl eine Tugend ſein, da die ganze Welt übereingekommen iſt, ſie ſo zu bezeich⸗ 238 nen; ſie iſt aber jedenfalls die kälteſte und in vielen Fäl⸗ len die wenigſt liebenswürdigſte Eigenſchaft dieſer Art. An drei verſchiedenen Stellen erkletterte unſer Held die Mauer, um einen Einblick in den Garten zu erhalten und wo möglich zu einer Unterredung mit der unglücklichen Lady Fairclough zu gelangen. Beim letzten Verſuch glückte es ihm endlich. Das Opfer der Grauſamkeit Sir Aubrey's ſaß unter einem Baum mit dem Ausdrucke der tiefſten Melancholie. Jammer— hoffnungsloſer Jammer, welcher das Blut gleich dem Fieber verzehrt— ſtand auf jedem Linea⸗ ment ihres bleichen, aber noch immer ſehr ſchönen Geſichts geſchrieben. Glücklicherweiſe war ſie allein ⸗ — ihre Unglücksgefährten waren zu entfernt, um etwas hören zu können, und keiner der rohen Wärter in der Nähe. Oliver wagte es ſie beim Namen zu rufen; aber entweder war die Entfernung zu groß, oder war ſie zu ſehr in ſich ſelbſt verſunken, als daß ſie den Schall ſeiner Stimme hätte vernehmen können. Er machte deßhalb einen kleinen Stein aus der Mauer los und warf denſelben zu ihren Füßen nie⸗ der. Sie erſchrack und ſchaute ſich ugſchü um. „Hier, Lady,“ ſagte der Jüngling.„Auf der auer— auf der Mauer!“ Mit einem Freudenſchrei eilte die Gefangene auf ihn zu. „Haben Sie mich vergeſſen?“ fuhr er fort. Erſtaunen raubte ihr einen Augenblick lang die Fähigkeit zu ſprechen, denn obgleich ein Jahr ſeit jener Begegnung in ber Scheune hingegangen war, erkannte ſie ihn doch augenblickich. 239 „Iſt es ein Traum?“ rief ſie aus,„hat die Vor⸗ ſehung mir denſelben Schutzengel wieder zu meiner Rettung geſandt?“ „Wenn ich ein Engel wäre,“ verſetzte der Knabe lächelnd,„ſo würde ich zu Ihnen hinfliegen und Sie aus dieſem unglückſeligen Orte mit mir fortnehmen. Da ich aber nur ein Sterblicher bin, ſo vermochte ich nichts als den Brief, den Sie vor einigen Tagen in's Gebüſch geworfen haben, an Ihren Onkel, den Oberſten Grey, zu beſtellen. Ein ſicherer Freund über⸗ brachte ihm denſelben, er wird daher bald hier ſein.“ „Barmherzige Vorſehung,“ rief die Lady,„waren Sie hier in der Nähe?“ „Nur wenige Schritte von Ihnen, als der Wär⸗ ter herbeikam und Sie in das Haus führte. Wie heißt denn der Menſch?“ „John Howlet.“ Oliver wiederholte den Namen des Burſchen mehr⸗ mals in Gedanken, um denſelben feſt in's Gedächtniß ſich einzuprägen. „Mein Kind!“ ſagte Lady Fairclough, die Hände flehentlich ringend,„wo iſt es? Haben Sie Mitleid mit der Qual und der Verzweiflung einer Mutter. Nur Teufel konnten mir daſſelbe rauben.“ Der Jüngling blickte ſie mit Erſtaunen und zwei⸗ felnd an. Da er Rockingham Hall vor der Ent⸗ deckung des Verluſtes der kleinen Annie verlaſſen hatte, ſo hatte er keine Ahnung von dem Vorgange, auf den ſie anſpielte. Am Ende iſt ſie doch wahnſinnig, dachte er. „Wollen Sie mir darauf keine Antwort geben?“ 24⁰ „Iſt denn Annie nicht bei Ihnen?“ fragte unſer Held in ſanftem Tone. So kurz als ihre Thränen und ihr Schluchzen es ihr erlaubten, theilte ihm die beraubte Mutter das geheimnißvolle Verſchwinden ihres Kindes mit, das Hliver im Stillen augenblicklich mit dem merkwürdi⸗ gen Phantom oder der Erſcheinung in dem abgele⸗ genen Zimmer, in welchem er geſchlafen hatte, in Zuſammenhang brachte. „Ich muß die Halle wieder beſuchen,“ murmelte er vor ſich hin. „Es iſt unmöglich,“ rief Oliver Brandreth in edlem Unwillen,„daß ein Geſchöpf in menſchlicher Geſtalt ſo ſchlecht ſein kann, dem Kinde etwas zu Leid zu thun. Ihre Gefangenſchaft hier kann nicht lange mehr dauern. In einem oder in zwei Tagen, viel⸗ leicht aber ſchon in wenigen Stunden muß Ihr Ver⸗ wandter hier eintreffen. Ich beſchwöre Sie ruhig und geſammelt zu bleiben, wenn Sie ihn ſprechen,“ „Fürchten Sie nichts,“ verſetzte die Dame mit melancholiſchem Lächeln.„Ich bin nicht wahnſinnig; weder mein Schmerz noch die unwürdige Behand⸗ lung, die ich zu erdulden hatte, haben mich bis jetzt der Vernunft beraubt. Mein Feind,“ fügte ſie bei, „hat ſich dieſes Triumphs über mich nicht zu erfreuen.“ „So haben Sie alſo einen Feind? Ich dachte es doch.“ „Einen bittern und unverſöhnlichen Feind,“ ſagte die Dame,—„Sir Aubrey Fairelough.“ „So täuſchte ich mich doch nicht,“ bemerkte der Jüngling. „Sein Bruder, der verſtorbene Sir Wilfred er⸗ 4 241 nannte ihn zum Vormund unſeres einzigen Kindes und dieſes Vertrauen hat er auf eine ſchändliche Weiſe vergolten. Annie iſt das einzige Hinderniß zwiſchen ihrem Onkel und den Familiengütern, deren Titel er bereits beſitzt. Ich war kaum Wittwe ge⸗ worden, als ſämmtliche alte Diener entlaſſen und fremde an deren Stelle geſetzt wurden. Der Kummer hatte mich niedergebeugt und ich beſaß nicht die Kraft Widerſtand zu leiſten. Als aber mein Widerſacher mich von meiner theuren Annie trennen wollte, er⸗ rieth der mütterliche Inſtinkt ſeine Abſichten dabei und voll Unwillen verlangte ich von ihm zu wiſſen, was ihn zu einem ſolchen Schritte berechtige.“ „Was vermochte er darauf zu antworten?“ „Daß ich geiſteskrank ſei,“ antwortete die Lady. „und deßhalb ihre Erziehung nicht leiten könne. Ein fremder Arzt wurde zu Rath gezogen. Von meinem Verfolger beſtochen ſtellte dieſer ein Certificat über meine Geiſtesverwirrung aus und Wärter aus dieſem Hauſe des Verbrechens und des Elends wurden ge⸗ ſchickt, um mich mit ſich zu nehmen.“ „Entſetzlich!“ rief Hliver Brandreth. „Mitten in der Nacht floh ich aus meinem Hauſe,“ fuhr die vorgebliche Wahnſinnige fort,„mit meinem Kinde auf dem Arme. Meine Abſicht ging dahin, London zu erreichen und den einzigen Verwandten, welchen die Vorſehung mir gelaſſen hat, um ſeinen Schutz anzugehen. Von dem Unwetter überraſcht ſuchte ich Schutz in der Scheune, wo Sie auf ſo edle Weiſe mich beſchützten. Was darauf folgte, wiſſen Sie; der Unzug in die Halle— das Ver⸗ ſchwinden meines Kindes. Der Herr, welcher uns Smith, Milly Mohne. I. 16 242 Obdach gab, meinte, Ihr Weggehen ſtehe im Zu⸗ ſammenhang mit Annie's Verſchwinden und er ſetzte Ihnen deßhalb nach. Ehe er aber wieder zurück⸗ kam, waren die Wärter, welche meine Spur ausfin⸗ dig gemacht, eingedrungen— hatten mich aus dem Hauſe weggeſchleppt und als Gefangene hieher ge⸗ bracht, wo ich jetzt ſchon ein Jahr unter Schmerz und Pein und vergeblichen Thränen ſchmachte.“ „Die bald zu fließen aufhören ſollen,“ bemerkte unſer Held mit innigſter Theilnahme.„Major Hen⸗ derſon, der Pflegevater, bei welchem ich in der Koſt bin, hatte kaum Ihren Brief geleſen und meine Ge⸗ ſchichte vernommen, als er augenblicklich beſchloß nach London ſich zu begeben, um dort den Oberſten Grey außzuſuchen, der, wie es ſich herausſtellte, ein alter Kriegsgefährte von ihm iſt. Nochmals bitte ich Sie ruhig zu bleiben, um Ihrem Verfolger keine Entſchuldigung für ſeine ſchändliche Grauſamkeit an die Hand zu geben, ſondern ihn zu beſchämen, wenn Sie ihm gegenüberſtehen. Es mag dieß vielleicht eine unnöthige Vorſicht ſein, aber Doktor Sellens Name iſt verrufen und ich weiß, daß er ein Mann von ſchlechtem Herzen iſt.“ Der Klang der Mittagsglocke von Melina Houſe machte die beiden Sprechenden aufmerkſam ſich zu krennen, Hliver Brandreth ließ ſich ſachte auf den Weg hinab, der parallel mit der Parkmauer lief, während Lady Fairelough langſam nach dem Hauſe ſich zurückbewegte, bemüht die Ungeduld ihres Her⸗ zens zu meiſtern und den freudigen Ausdruck ihrer Augen zu verbergen, welchen die Ausſicht auf Be⸗ freiung ihnen verliehen hatte. + — — 243 Peter Marl und die Knaben, welche bei ihm ge⸗ blieben waren, blickten ſchon lange mit gierigen Augen nach dem Veſperbrode, welches einladend unter dem Schatten einer prachtvollen Ulme ausgebreitet ſtand. Nach ihrem Appetit zu ſchließen, meinten ſie, es ſei Zeit, daß Oliver Brandreth zurücktehren ſolle. Der alte Soldat hatte ſeine Pfeife bereits zum drittenmale geſtopft— ein ſicherer Beweis, daß er entweder ſehr hungrig oder höchſt ungeduldig gewor⸗ den war. Einige der jüngeren Knaben erboten ſich, nach unſerem Helden zu ſehen. Peter erklärte aber, ſelbſt gehen zu wollen und empfahl den Zurückbleibenden den Mundvorrath ſorg⸗ fältig zu bewachen. „Man muß immer ein ſcharfes Auge auf das Fourageweſen haben, meine jungen Herrn; es war ein Hauptgrundſatz des Herzogs*). Vielleicht geht Mr. Blandford mit mir,“ fügte er bei. Philipp ſchulterte ſeine Pritſche und erklärte, daß er ihm bereitwillig folgen werde. Beide waren noch nicht weiter als eine Meile die ſchmale mit Hecken eingefaßte Straße hinabge⸗ kommen, welche die Mauer von Melina Houſe ein⸗ faßte, als ſie die Angſtrufe einer Frau und die Stimme unſeres Helden vernahmen, der in einen heftigen Streit verwickelt war⸗ „Das iſt Oliver,“ rief ſein Freund in hohem Grade beſorgt. Zugleich ſprang er, gefolgt von ſeinem Gefährten, „ *) Wellingtyn. 1 16* 244 vorwärts, der ſeine Haue wie eine Muskete auf der Schulter trug. Als ſie bei einer Wendung der Straße eine Vertiefung erreichten, erblickten ſie eine jener Karavanen, in welcher Bänkelſänger, Zigeuner und alle die vagabundirenden Leute, die von allem an⸗ dern, nur nicht von Arbeit leben, zu reiſen pflegen. Martha war eben im Begriff Milly, die während Kaled's Abweſenheit aus dem Karren entſprungen war, wieder in ihr Gefängniß zurückzuſchleppen, trotz der Anſtrengung, welche Hliver machte, ſie daran zu hindern. Die alte Zigeunerin hatte ihr Meſſer ge⸗ zogen und hielt mit ihren Drohungen und Flüchen den muthigen Jüngling im Schach. Die Ankunft des alten Soldaten und deſſen Ge⸗ fährten änderte mit einemmale den Stand der Dinge gänzlich. Ohne einen Augenblick ſich zu beſinnen eilten ſie zum Beiſtand herbei. „Weg mit dem Meſſer!“ rief Peter ſeine Haue ſchwingend,„oder ich verſetze Euch eins.“ Die alte Hexe ſtierte ihn wie eine verſcheuchte Tigerin an. Schäumend vor Wuth hätte ſie die Waffe Milly in's Herz geſtoßen, wenn nicht ein Schlag von Philipp's Pritſche ihren Arm gelähmt hätte; worauf es erſt unſerem Helden, der raſch ſeine ganze Kraft zuſammennahm, gelang, die Gefangene aus ihren Griffen zu befreien. „Gib auf ſie Acht, Philipp,“ rief er aus.„Peter und ich wollen das Uebrige ſchon in Ordnung bringen.“ „Mein Kind!“ rief die jugendliche Mutter.„Die Teufelin wird es ermorden, mein Kind!“ „Wo iſt es?“ fragte der Jüngling, deſſen Schutz ſie anvertraut worden war. — 24⁵5 Milly deutete nach dem Karren. Schnell wie der Blitz ſprang der Jüngling auf dieſen zu und kehrte mit dem Kind in ſeinen Armen zurück. Noch nie in ſeinem Leben hatte er eine ſo große innere Befriedigung gefunden, als er es in die Arme ſeiner Mutter legte, die ſeine Hand mit leiden⸗ ſchaftlicher Dankbarkeit küßte, bald lachte, bald weinte und ihm des Himmels Segen wünſchte. „Fluch über ihn!“ ſchrie Martha,„der Fluch der Rumänen über euch alle!“ „Ihr mögt fluchen ſo viel ihr wollt, meine gute Frau,“ bemerkte Peter Marl trocken,„namentlich wenn S euch Erleichterung gewährt.“ „Möge euch Blindheit treffen,— Armuth euch heimſuchen— und Fieber das Mark eurer Glieder ſchütteln! Mein Sohn wird bald hier ſein. Paßt nur aufl paßt nur auf!“ „Eine ſehr angenehme Bekanntſchaft,“ ſagte Oli⸗ ver,„wenn er ſeiner Mutter gleicht.“ „Sie iſt meine Nichte,“ fuhr die Zigeunerin fort, „ich habe Mutterſtelle an ihr vertreten. Sie iſt ent⸗ flohen und hat ſich ſchmählich mit einem Häuſerbe⸗ wohner vergangen. Ihr habt kein Recht, ſie mir zu entreißen. Gebt ſie mir zurück! Gebt ſie mir zurück!“ „Hören Sie ſie nicht an!“ rief Milly;„um's Himmelswillen, hören Sie ſie nicht an, ſie hat mich aus meinem Hauſe— meinem Gatten mich gewaltſam entführt.“ Bei dem Worte„Gatte“ ſtieß Martha ein belei⸗ digendes Gelächter aus, das eine tiefe Röthe auf die Wangen des hintergangenen aber noch immer ver⸗ trauenden Mädchens jagte. 246 fort,„ſo werde ich euch folgen.“ „Mir ſchon recht,“ bemerkte der alte Soldaß „In Kotswold gibt es einen Konſtabler, ausgezeich⸗ nete Handſchellen und auch einen Friedensrichter. Vielleicht habt ihr mit allen drei ſchon Bet gemacht.“ „Führen Sie mich nur in's nächſte Dorf,“ ſagte unſere Heldin.„Bin ich einmal in der Nähe der Juſtiz, ſo kann ich mich ſelbſt vertheidigen. Es klebt Blut an ihren Händen; ſie iſt—“ „Denk' an die Geſetze des Stammes!“ rief die in ihren Hoffnungen getäuſchte Frau in der unter ihrem Stamme üblichen Sprache.„Tod Demjenigen, der den Rumänen den Geſetzen der Häuſerbewohner über⸗ antwortet.“ Milly Moyne erblaßte bei dieſer Rede und das halb ausgeſprochene Wort erſtarb auf ihren Lippen. „Was liegt daran, was ſie iſt,“ verſetzte unſer Held;„Sie ſind in uns. Wagt ſie es uns nachzugehen, ſo mag ſe auch die Folgen da⸗ von tragen. Der Major wird ſchon wiſſen, was er mit ihr anzufangen hat, nachdem ſie das Meſſer auf mich gezückt hat.“ „Wehe! wehe!“ murmelte Martha.„Ich kenne die Juſtiz der Häuſerbewohner; das kleinſte Wort von dieſen gilt mehr als ein Eid der Zigeuner.“ Damit ſetzte ſie ſich trotzig dem Karren gegen⸗ über, zündete ihre Pfeife an und beobachtete mit ihren blutunterlaufenen Augen den Weggang der Nichte mit ihren Beſchützern. Nie in ihrem Leben war es ihr ſo hinderlich gegangen, und das elende Geſchöpf „Wohin ihr auch gehen werdet,“ fuhr die Furie begann bitterlich zu bereuen, dem Drängen Kaled's 247 nicht nachgegeben, ſondern hartnäckig darauf beſtan⸗ den zu haben, daß auf Milly das Geſetz des Stam⸗ mes— dreißig Tage Friſt vor Vollziehung der Hei⸗ rath— angewendet werden ſolle, welcher Aufſchub allein ſie vor ſeiner rohen Gewalt bewahrt hatte. Als Peter Marl und ſeine Begleiter an dem Por⸗ tierhäuschen von Melina Houſe vorüberkamen, ge⸗ wahrten ſie eine Chaiſe mit vier Pferden beſpannt, welche dort vorgefahren war. Abermals ein Opfer, dachte Oliver. Dießmal irrte er ſich. Wäre er einige Minuten früher gekommen, ſo hätte er ſeinen Pflegevater, den Oberſten Grey, John Compton und den Advocaten gefunden, die kaum wenige Minuten zuvor ausgeſtie⸗ gen waren. Wir wollen Milly Moyne und ihre Vertheidiger ihren Weg fortſetzen laſſen und dem Major und ſei⸗ nen Freunden in das Irrenhaus folgen. Man kann ſich keine ſanftere und ruhigere Miene denken, als die, mit der Doctor Sellen ſeine Beſucher empfing, ſelbſt nachdem ſie ihm den Grund ihrer Anweſenheit mitgetheilt hatten, obgleich das einge⸗ ſchrumpfte, verdorrte Ding, das Anatomen ſein Herz genannt haben würden, ſich krampfhaft bei dem Ge⸗ danken an die Möglichkeit zuſammengezogen hatte, eine Patientin zu verlieren, die ſo freigebig bezahlte, als Lady Fairclough— oder als vielmehr Sir Aubrey Fairclough für ſie bezahlte. „Unſere Vollmacht, meine Clientin zu ſehen,“ ſagte der Advocat Mr. Marling, indem er zugleich den Befehl des Kanzlers vorzeigte,„iſt unbeſtreitbar.“ „Die nahe Verwandtſchaft des Oberſten Grey,“ verſetzte der Heuchler in mildeſtem Tone,„würde un⸗ ter allen Umſtänden genügen.“ Viel zu geſchmeidig als daß es ihm ernſt ſein könnte, dachte John Compton. Major Henderſon war derſelben Anſicht. Der Eigenthümer von Melina Houſe ſchellte zwei⸗ mal. Auf dieſes erſchien Howlet. „Sagen Sie der Mrs. Hewſon,“ ſprach ſein Prin⸗ cipal,„ſie ſolle Lady Fairclough in das Vliothet zimmer. „Mrs. Hewſon!“ wiederholte der Wärter mit ei⸗ genthümlicher Betonung. „Ja, die Lady iſt ihrer beſondern Obhut anver⸗ traut.“ „Allerdings, Herr.“ Damit verließ Howlet das „Ich fürchte, die Unterredung wird etwas pein⸗ lich werden,“ bemerkte Doctor Sellen.„Lady Foir⸗ elough's Full gehört unter die intereſſanteſten, die ich je vehandelt habe. Bisweilen iſt ihr Geiſt ſo gänz⸗ lich getrübt, daß man keine Antwort auf irgend eine Frage, die man an ſie ſtellt, von ihr er⸗ langen kann. Zu andern Zeiten wieder ſpricht ſie ganz vernünftig, ſo vernünftig, daß Diejenigen, welche den eigenthümlichen Verlauf ihres Leidens nicht ken⸗ nen, ſie für völlig zurechnungsfähig halten.“ „Haben Sie Ihre Patientin heute ſchon geſehen?“ fragte Oberſt Grey. „Ich beſuche meine Patienten täglich,“ verſetzte der Eigenthümer von Melina Houſe.„Ich bilde mir 710 ein, keiner von Jenen zu ſein, welche ihren Stand 4 als Arzt blos als Mittel betrachten, Geld zu verdie⸗ nen; in meinen Augen iſt es ein Amt.“ Der Menſch macht zu viele Worte, dachte Major Henderſon, als er dieſe Lobrede des Doctors auf ſich ſelbſt hörte. wußte, welchen Dienſt ſein Principal von ihm er⸗ warte, die Mrs. Hewſon weggeſchickt, um die Lady Fairclough zu holen. Während der Abweſenheit die⸗ ſer Frau ſtülpte er bedächtig Rock⸗ und Hemdärmel auf, um ſeine Hand völlig frei zu bekommen, wor⸗ auf er ſich in das Durchgangszimmer begab, welches ſie auf dem Wege nach der Bibliothek nothwendig paſſiren mußte. Er brauchte nicht lange zu warten; ſchon wenige Minuten hernach erſchien Mrs. Hewſon in Begleitung der Lady. Kaum war letztere in das Zimmer eingetreten, als der rohe Menſch ihr raſch zwei hinter einander folgende Schläge mit der geballten Fauſt in den Nacken verſetzte. Ein ſchwacher Schrei entſchlüpfte ihr. „Das genügt,“ flüſterte die Frau. Howlet wandte ſich um und blickte ſeinem Opfer in's Geſicht; die Pupillen des Auges deſſelben hat⸗ ten ſich erweitert, indem das Blut gegen das Gehirn ſich drängte— Gedächtniß und Bewußtſein waren verſchwunden. In der Kunſtſprache des Irrenhauſes nannte man dieß den Patienten den Genickfang geben— von der Art, mit welcher manche kleine Thiere abgethan wer⸗ den. Die Manipulation erfordert eine gewiſſe Ge⸗ Unterdeſſen hatte der Wärter Howlet, der genau „ 250 ſchicklichteit, denn der Schlag muß genau berechnet werden, da die Anwendung von etwas zu viel Kraft den Tod herbeiführen kann, während zu wenig dem Zwecke nicht entſprechen würde. Als das Opfer dieſer Gewaltthat mehr taumelnd als einherſchreitend im Bibliothekzimmer erſchien, er⸗ griff der Eigenthümer von Melina Houſe die Hand deſſelben mit der innigſten Theilnahme und führte es nach einem Sitze. „Es wäre beſſer geweſen, wenn Sie etwas ge⸗ Sier hätten,“ bemerkte er gegen die Wärterin, welche folgte. Zum großen Bedauern des Oberſten Grey er⸗ kannte ihn ſeine Nichte nicht, ſondern blickte wirre im Zimmer umher. „Annie!“ ſprach ihr Onkel;„liebe Annie! kennſt Du mich nicht?“ Es entſtand eine Pauſe. Beſorgniſſe malten ſich auf jedem Geſicht. Ein tiefer Seufzer war die ein⸗ zige Antwort auf dieſe Frage. „Ihr Verwandter und deſſen Freunde,“ bemerkte der Advocat in ſanftem Tone,„ſind hier mit Erlaub⸗ niß des Kanzlers, Sie zu beſuchen, um ſich von dem Zuſtande Ihres Geiſtes zu unterrichten— Sie anzu⸗ hören und jede Klage, die Sie vorbringen können, zu heben.“ „Um's Himmelswillen ſprechen Sie doch, Lady Fairclough!“ rief John Compton,„damit wir uns für berechtigt halten dürfen, Sie von dieſem trüb⸗ ſeligen Orte wegzunehmen.“ Major Henderſon zog den Brief mit ihrem Locken⸗ — — 251 haar, mit welchem er zugebunden geweſen, aus der Taſche, und hielt ihr denſelben vor. „Erkennen Sie dieß?“ ſprach er. Doctor Sellen lächelte in Gedanken über ſeine Liſt und die Geſchicklichkeit ſeines gewiſſenloſen Wärters. „Sie ſehen ſelbſt, in welchem Zuſtande ſie ſich befindet,“ bemerkte er.„Ihr Geiſt iſt für den Au⸗ genblick ganz umnachtet. In wenigen Tagen viel⸗ leicht wird ihr Zuſtand ſich ſo weit beſſern, daß ſie wieder ſo viel Erinnerung und Kraft erlangt, um gehen, leſen und ſelbſt mit ſcheinbarem Zuſam⸗ menhang ſchreiben zu können. Ich bedaure nur, daß Sie nicht ein Mitglied des ärztlichen Stan⸗ des mitgebracht haben, indem der Fall ganz eigen⸗ thümliche und intereſſante Symptome mit ſich führt. Vielleicht irre ich mich aber,“ fuhr der Heuchler fort, „und dieſer Herr hier(gegen John Compton ſich verbeugend) iſt ein Arzt.“ „Der Himmel bewahre mich!“ rief der Mäkler haſtig. Hier erhob die Patientin ihre Hand gegen ihren Nacken und ließ ein anhaltendes halb unterdrücktes Wimmern hören. Der Doctor bekam Angſt, weil dieß ein Zeichen war, daß die Erinnerung zurückzu⸗ kehren drohe. „Ich fürchte, die Lady bekommt einen Anfall,“ bemerkte Mrs. Hewſon.„So, ſo, armes Geſchöpf,“ fuhr ſie in beſänftigendem Tone fort, indem ſie zu⸗ gleich die Hände des Opfers niederhielt, um demſel⸗ ben die Möglichkeit zu benehmen, das Augenmerk auf ſeinen Nacken zu lenken. Der Doctor fühlte ſeiner Patientin den Puls. 252 „Sie haben Recht, Mrs. Hewſon,“ verſetzte er, „es iſt das Beſte, wenn Sie die Lady in ihr Zim⸗ mer führen, und dort bei ihr bleiben. Vielleicht ſind aber dieſe Herrn noch nicht völlig überzeugt, und wünſchen Zeugen von dem Paroxismus zu ſein.“ Dieſes argliſtige Anerbieten wurde begreiflicher Weiſe von ſeinen Beſuchern abgelehnt, welche unmit⸗ telbar darauf ſich verabſchiedeten, von der traurigen Ueberzeugung durchdrungen, daß Lady Fairclough von unheilbarem Wahnſinn heimgeſucht ſei. „Arme Annie!“ ſeufzte Oberſt Grey auf dem Wege nach dem Portierhauſe, ielleicht iſt der Zu⸗ ſtand ihres völligen Unbewußtſeins von all dem, was um ſie her vorgeht, kaum zu bedauern. Sie leidet dadurch weniger. Iſt ſie ſchon lange in dieſem Zu⸗ ſtande?“ „Seit geſtern Morgen,“ verſetzte Doctor Sellen, der die Herren nach ihrem Wagen begleitete. „Ohne daß Vernunft zurückgekehrt wäre?“ fragte der Oberſt. „Keine Spur davon. Der Anfall dauert gewöhn⸗ lich drei bis fünf Tage und dazwiſchen ſtellt ſich Ra⸗ ſerei ein.“ „Gott ſei Dank, daß wir aus dieſer Höhle her⸗ aus ſind,“ rief John Compton, als der Wagen weg⸗ fuhr.„Noch nie in meinem Leben fühlte ich mich ſo unbehaglich. „Ich kann mir nicht denken, daß irgend eine Täu⸗ ſchung vorgefallen iſt,“ bemerkte Mojor Henderſon; „unſere Ankunft erfolgte ganz unerwartet.“ Alle, mit Ausnahme des Mäklers, theilten ſeine Anſicht. „Nun, wie machte ich meine Sache, Herr?“ fragte Howlet, als ſein Principal mit befriedigter Miene in das Haus zurückkam. „Ganz paſſabel, John,“ verſetzte der Doctor. „Etwas mehr Kraft hätte nichts ſchaden können; der Effekt fing an zu früh nachzulaſſen; vergeſſen Sie dieß nicht bei nächſter Gelegenheit und kommen Sie mir aber ja nicht dem kleinen Gehirn zu nah,“ ſetzte er hinzu.„Ein Zoll höher könnte verhängnißvoll werden.“ Der Wärter ſtreckte ſeine Hand aus. „Was wollen Sie damit?“ „Meine Belohnung.“ Der Eigenthümer von Melina Houſe zog zögernd einen Souverain heraus. „Hier iſt ſie,“ ſprach er, indem er das Goldſtück in die ausgeſtreckte Handfläche gleiten ließ.„Sie ſind gar zu anſpruchsvoll, John. Man kann jetzt nicht mehr ſo gut bezahlen, wie ehedem.“ Howlet blickte ihm unzufrieden nach und mur⸗ melte das Wort Lügenmaul, welches, wenn es auch gerade keinen Anſpruch auf Eleganz zu machen hatte, doch wenigſtens die richtige Bezeichnung für dieſe Behauptung war. Ende des erſten Bands. — In unſerem Verlage ſind erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Fämmtliche Romane von Alexander Dumas. In ſorgfültiger Uebertragung aus dem Franzöſiſchen. Erſte Abtheilung: Hiſtoriſche Romane. Claſſiker⸗Format. In Lieferungen von 5 Bogen à 4 Ngr. oder 12 kr. Dieſe neue Auflage der Romane des unſtreitig jetzt in Deutſchland beliebteſten franzöſiſchen Schriftſtellers wird ſich in Betreff der Ausſtattung ganz an unſere Claſſiker⸗ Ausgabe von Flygare⸗Carken's Romanen anſchließen und ſomit die ſchönſte und zugleich billigſte aller bis jetzt erſchienenen Ausgaben werden. Die Sammlung hat begonnen mit dem unübertroffe⸗ nen Romane: Die drei Musketiere, und den dazu gehörigen zwei Fortſetzungen: Zwanzig Jahre nachher, und Der Graf von Bragelonne. Jeden Monat erſcheinen 3 bis 4 Lieferungen, und geben wir jede Lieferung einzeln ab; jedoch erhalten diejenigen Abnehmer, welche ſich zur Abnahme der im Laufe dieſes Jahres erſcheinenden Lieferungen verpflichten, zu Ende dieſes Jahres das nach einer Photographie treff⸗ lich ausgeführte Porträt des Verfaſſers gratis. Biographien berühmter Erfinder und Entdecker der Neuzeit. Erſter Band. Georg Stephenſon, geſchildert in ſeinem Leben und Wirken als Menſch und Erfinder. Nebſt einer Geſchichte der Eiſenbahnen, der Loko⸗ motive und der Sicherheitslampe. Frei bearbeitet nach der fünften Auflage des engliſchen Originals. 32 Bogen 8. eleg. broch. Rthlr. 1. 18 Sgr.— fl. 2. 42 kr. Unſere Sammlung von„Biographien“ hat ſich zur Auf⸗ gabe gemacht, dem Vorwärksſtreben auf der Bahn praktiſcher Erfinbungen und Entbeckungen einen träftigen Anſtoß zu geben, ſie iſt darauf berechnet, den Nacheifer zu ſpornen, die vorhande⸗ nen Kräfte zu ſpannen verborgene zu wecken. Dazu kann wohl nichts geeigneter ſein, als das Beiſpiel von Männern, die, meiſt den niedrigſten Stänben entſproſſen, durch Nachbenken, Sparſam⸗ keit, Fleiß und Ausdauer auf eine Stufe mit den merkwürdig⸗ ſten Männern der Weltgeſchichte ſich erhoben haben. Und wie hätten wir ünſere Sammlung beſſer eröffnen können⸗ als mit dem berühmten Stephenſon, veſſen anziehende Lebens⸗ geſchichte mit der Erfindung und Geſchichte der Eiſenbahnen und der wichtigſten ortsverändernden Maſchinen auf's Inniaſte ver⸗ woben iſt? Jedermann wird darin Belehrung und Unterhaltung in vollem Maaße finden. Der zweite Band wird die Biographie von James Watt enthalten. 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